Decision ID: 205b67e3-86aa-58cb-91f8-433a168e9239
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der aus dem Iran stammende Ehemann der Beschwerdeführerin,
D._, wurde mit Verfügung des SEM vom 14. Juli 2017 als Flüchtling
gemäss Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG (SR 142.31) anerkannt und ihm wurde
in der Schweiz Asyl gewährt. Am 10. August 2017 ersuchte er um eine Ein-
reisebewilligung zwecks Familienvereinigung für die sich im Irak aufhal-
tende Beschwerdeführerin und den gemeinsamen Sohn B._. Mit
Verfügung vom 27. September 2017 bewilligte das SEM die Einreise nicht
und lehnte das Gesuch um Familiennachzug ab. Die dagegen erhobene
Beschwerde wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-6113/2017
vom 6. Dezember 2017 ab.
B.
Die Beschwerdeführerin und ihr Sohn B._ verliessen am 2. Juli
2018 den Nordirak und flogen von E._ in die Türkei. Anschliessend
gelangten sie via Griechenland nach Frankreich und schliesslich am
20. August 2018 in die Schweiz, wo sie am gleichen Tag um Asyl nach-
suchten. Am 24. August 2018 wurde die Beschwerdeführerin zu ihrer Per-
son, zum Reiseweg und summarisch zu den Gesuchsgründen befragt (Be-
fragung zur Person [BzP]). Am 21. Januar 2019 wurde sie eingehend zu
den Asylgründen angehört.
Zur Begründung ihres Asylgesuches machte die Beschwerdeführerin im
Wesentlichen geltend, sie und ihr Sohn seien irakische Staatsangehörige
kurdischer Ethnie mit letztem offiziellem Wohnsitz in F._ in der Pro-
vinz Suleimaniya, wo sie seit ihrer Heirat im Jahr 2010 mit ihrem Ehemann,
D._ gelebt habe. Im Jahr (...) sei ihr gemeinsamer Sohn geboren.
Von Februar 2013 bis Oktober 2016 habe sie sich zu Studienzwecken in
Frankreich aufgehalten. In den Semesterferien habe sie jeweils ihre Fami-
lie im Irak besucht. Ihr Ehemann sei im Iran politisch aktiv gewesen und
habe wegen drohender Verfolgung im Jahr 2001 seinen Heimatstaat ver-
lassen. Seither habe er im Irak gelebt und sich auch dort politisch enga-
giert. Als er Anfang 2016 erfahren habe, dass sein Bruder im Iran vom Si-
cherheitsdienst verhaftet worden sei, habe er befürchtet, der iranische Ge-
heimdienst könne sich seiner auch im Irak habhaft werden und habe daher
den Irak im März 2016 verlassen und im Mai 2017 in der Schweiz um Asyl
ersucht. Sie habe seit der Ausreise ihres Ehemannes bei ihren Eltern ge-
lebt, da es nicht sicher gewesen sei als allein lebende, verheiratete Frau.
Im Sommer 2017 sei sie auf dem Bazar von einem Unbekannten gefragt
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worden, ob sie die Ehefrau des Iraners sei. Er habe sich als Freund ihres
Ehemannes ausgegeben und ausgeführt, dass er auf der Suche nach ihm
sei. Da sie alle Freunde ihres Ehemannes gekannt habe, sei sie skeptisch
geworden und habe dem unbekannten Mann nichts über den Aufenthalts-
ort ihres Mannes erzählt. Später habe sie ihren Mann gefragt, ob er diese
Person, welche sich als G._ vorgestellt habe, kenne, was er ver-
neint habe. Ihr Ehemann habe sie gebeten, vorsichtig zu sein, da es ein
Mitarbeiter des Geheimdienstes sein könne. Ab diesem Moment habe sie
Angst gehabt und sich nicht mehr getraut, ihren Sohn in die Schule zu schi-
cken. Ihr Mann habe daher versucht, sie und den Sohn legal in die Schweiz
zu holen, was nicht geklappt habe. Im Frühling und im Sommer 2018 sei
sie zudem zweimal von Unbekannten telefonisch kontaktiert und ebenfalls
zum Aufenthaltsort ihres Mannes befragt worden. Sie habe auch diesen
Personen keine Auskunft erteilt. Da der Anrufer ihr beim zweiten Mal ge-
droht und gesagt habe, dass er wisse, wo sie wohne, habe sie noch mehr
Angst bekommen und sich deshalb zur Ausreise entschlossen.
Die Beschwerdeführerin reichte anlässlich der Anhörung ihre Identitäts-
karte und die ihres Sohnes B._, einen Ehevertrag, einen Zivilregis-
terauszug, ein Arztzeugnis, ein Masterdiplom der Universität (...) und einen
Auszug des Art. 6 des irakischen Staatsbürgerschaftsgesetzes mit Über-
setzung ein.
C.
Am 11. Februar 2019 reichte die Beschwerdeführerin einen Arztbericht des
Spitals (...) zu ihrer Diabeteserkrankung ein.
D.
Am (..) gebar die Beschwerdeführerin ihr zweites Kind C._.
E.
Mit Schreiben vom 4. Dezember 2019 teilte das SEM der Beschwerdefüh-
rerin mit, dass mit Blick auf die mögliche Zuständigkeit der kantonalen Mig-
rationsbehörde vorfrageweise zu prüfen sei, ob sich die asylsuchende Per-
son im Sinne von Art. 14 Abs. 1 AsylG auf einen potenziellen Anspruch auf
Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung berufen könne. Es komme im Rah-
men der vorfrageweisen Prüfung zum Schluss, dass die Beschwerdefüh-
rerin als Ehefrau einer Person mit Aufenthaltsbewilligung gemäss Art. 8
EMRK einen offensichtlichen Anspruch auf Erteilung im Sinne der einschlä-
gigen bundesgerichtlichen Rechtsprechung habe (vgl. Urteil des BGer
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2C_947/2016 vom 17. März 2017 E. 3.3 m.w.H.). Das SEM gab der Be-
schwerdeführerin daher Gelegenheit, ihren obgenannten Anspruch auf
eine Aufenthaltsbewilligung bei der zuständigen kantonalen Migrationsbe-
hörde geltend zu machen und bis zum 27. Dezember 2019 ein entspre-
chendes Bewilligungsverfahren einzuleiten.
F.
Mit Verfügung vom 11. März 2020 trat das Migrationsamt (...) auf die Ge-
suche um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung vom 11. Dezember 2019
nicht ein. Eventualiter wies es die Gesuche vom 11. Dezember 2019 ab.
Es stellte fest, dass das SEM die damalige Ablehnung des Gesuchs um
Familiennachzug damit begründet habe, dass es dem Ehemann möglich
sei, das erwünschte Familienleben in einem Drittstaat – namentlich dem
Irak – zu führen. Er sei folglich für die Zusammenführung mit seiner Ehe-
frau und seinem Sohn nicht auf den Nachzug in die Schweiz angewiesen,
sondern könne die Familiengemeinschaft im Heimatstaat der Ehegattin
und Kindsmutter führen. Die rechtlichen Ansprüche aus Art. 8 EMRK auf
Achtung des Privat- und Familienlebens seien folglich auch dann gewahrt,
wenn die Einreise in die Schweiz verweigert werde. Inwiefern es der Fami-
lie nunmehr nicht mehr zuzumuten wäre, gemeinsam im Irak Wohnsitz zu
nehmen, könne nicht erkannt und auch dem Schreiben des SEM vom
4. Dezember 2019 nicht entnommen werden. Von einem offensichtlichen
Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung könne unter diesen
Umständen keine Rede sein. Selbst wenn vorliegend davon auszugehen
wäre, dass die Beschwerdeführenden aus Art. 8 Ziff. 1 EMRK einen Anwe-
senheitsanspruch geltend machen könnten, wären die Gesuche um Ertei-
lung einer Aufenthaltsbewilligung abzuweisen, zumal die Voraussetzungen
für die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung auf Grundlage von Art. 44
Abs. 1 Bst. c AIG (SR 142.20) nicht erfüllt seien, weil der Ehemann der Be-
schwerdeführenden von der Sozialhilfe abhängig sei. Zudem liege auch
kein schwerwiegender Härtefall nach Art. 30 Abs. 1 Bst. b AIG vor.
G.
Mit Schreiben vom 29. April 2020 ersuchte die Beschwerdeführerin um Ein-
bezug ihres Kindes C._ in die Flüchtlingseigenschaft und das Asyl
dessen Vaters, D._ gestützt auf Art. 51 Abs. 3 AsylG.
H.
Mit tags darauf eröffneter Verfügung vom 5. Mai 2020 stellte das SEM fest,
die Beschwerdeführenden würden die Flüchtlingseigenschaft gemäss
Art. 3 AsylG nicht erfüllen, die Beschwerdeführerin und ihr Sohn
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B._ würden (auch) die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 51
Abs. 1 AsylG und ihr Sohn C._ gemäss Art. 51 Abs. 3 nicht erfüllen.
Die Asylgesuche vom 21. Januar 2019 lehnte es ab und verfügte die Weg-
weisung der Beschwerdeführenden aus der Schweiz, schob den Vollzug
der Wegweisung jedoch wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufi-
gen Aufnahme auf.
I.
Mit Eingabe vom 4. Juni 2020 liessen die Beschwerdeführerin und ihre
Söhne – handelnd durch ihre Rechtsvertreterin – gegen diese Verfügung
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, die
angefochtene Verfügung sei in den Dispositivziffern 2-8 aufzuheben, sie
seien als Flüchtlinge in die Flüchtlingseigenschaft ihres Ehemannes bezie-
hungsweise Vaters einzubeziehen und ihre Asylgesuche seien im Sinne
von Art. 51 AsylG gutzuheissen. Eventualiter sei die Sache zur weiteren
Abklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht lies-
sen sie zudem beantragen, es sei ihnen die unentgeltliche Prozessführung
zu gewähren, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten
und ihnen die unterzeichnende Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbei-
ständin beizuordnen.
Mit der Beschwerde reichten sie das Auszahlungsbudget der Monate Mai
und Juni 2020 der Sozialberatung vom 27. Mai 2020 und eine Honorarnote
ein.
J.
Mit Verfügung vom 25. Juni 2020 hiess der zuständige Instruktionsrichter
des Bundesverwaltungsgerichts die Gesuche um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung unter dem Vorbehalt
einer nachträglichen Veränderung der finanziellen Verhältnisse der Be-
schwerdeführenden gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und ordnete den Beschwerdeführenden die Rechtsvertreterin als
amtliche Rechtsbeiständin bei. Gleichzeitig gab er dem SEM Gelegenheit,
zur Beschwerde Stellung zu nehmen.
K.
In seiner Vernehmlassung vom 7. Juli 2020 nahm das SEM zur Be-
schwerde Stellung.
L.
Am 5. August 2020 reichten die Beschwerdeführenden eine Replik ein. Mit
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der Replik wurde ein Schreiben der Klassenlehrerin von B._, eine
Gefährdungsmeldung bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde
(KESB) (...) durch die Kinderärztin vom 23. Juli 2020 betreffend B._
und eine Mail der Rechtsvertreterin an die irakische Botschaft vom 17. Juli
2020 eingereicht.
M.
Mit Schreiben vom 24. September 2020 informierten die Beschwerdefüh-
renden über die aktuellen Entwicklungen und reichten ein Schreiben der
KESB (...) und eine Honorarnote ein.
N.
Mit Eingabe vom 10. November 2020 wurde ein Bericht der Psychologin
der Beschwerdeführerin eingereicht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teil-
genommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs-
weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legiti-
miert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Im vorliegenden Fall ist festzustellen, dass in der angefochtenen Verfügung
die originäre Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden abgelehnt
worden ist (Dispositivziffer 1). Dieser Punkt wird in der Beschwerde nicht
beanstandet. Streitgegenstand bildet demnach einzig die geltend ge-
machte derivative Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden und
ein daraus abgeleitetes Familienasyl.
4.
4.1 Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden Ehegatten, eingetragene Partne-
rinnen oder Partner von Flüchtlingen und ihre minderjährigen Kinder als
Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl, wenn keine besonderen Um-
stände dagegen sprechen.
4.2 Auch in der Schweiz geborene Kinder von Flüchtlingen werden als
Flüchtlinge anerkannt, sofern keine besonderen Umstände dagegen spre-
chen (Art. 51 Abs. 3 AsylG).
4.3 Dem Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft und der Asylgewährung
entgegenstehende besondere Umstände sind gemäss der Rechtspre-
chung beispielsweise anzunehmen, wenn das Familienmitglied Bürger ei-
nes anderen Staates als der Flüchtling ist und die Familie in diesem Staat
nicht gefährdet ist (vgl. BVGE 2019 VI/8 E. 4.1; 2012/32 E. 5.1; Entschei-
dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [E-
MARK] 1996 Nr. 14), wenn der Flüchtling seinen Status derivativ erworben
hat (BVGE 2013/21 E. 3.3) oder wenn das Familienleben während einer
längeren Zeit nicht gelebt wurde und erkennbar ist, dass die Familienmit-
glieder nicht den Willen haben, als Familie zusammenzuleben (vgl. BVGE
2012/32 E. 5.4.2). Weiter wurden beispielsweise besondere Umstände, die
gegen einen Einbezug der Kinder in die Flüchtlingseigenschaft des Vaters
sprechen, darin erkannt, dass die Eltern der Kinder eine polygame Ehe
führten, die aufgrund des Vorbehalts des schweizerischen Ordre public im
Rahmen des Familienasyls nicht anerkannt werden konnte (vgl. BVGE
2012/5 E. 5).
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4.4 Bei gemischtnationalen Familien, wo der Einbezug eines Kindes res-
pektive Ehepartners in die Flüchtlingseigenschaft des Elternteils respektive
Ehegatten in Frage steht, der Bürger eines anderen Drittstaates ist, in dem
ihm keine Verfolgung droht, ist in hypothetischer Weise zu prüfen, ob die
ganze Familie sich gegebenenfalls im Heimatland des dort nicht verfolgten
Elternteils beziehungsweise Ehegatten niederlassen könnte. Dies ist auf
der Grundlage der Kriterien zu prüfen, die gemäss Art. 83 AIG in Bezug auf
die Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit eines Vollzugs der Wegwei-
sung gelten. Ist hingegen ein gemeinsames Leben im Land des nichtge-
fährdeten Familienmitgliedes nicht realisierbar oder nicht zumutbar, bietet
sich mit anderen Worten keine Alternative zur Schweiz, besteht umgekehrt
auch kein Anlass, die andere Staatsangehörigkeit als besonderen Um-
stand zu betrachten. Vielmehr wäre es in diesem Fall angemessen, der
Sicherstellung eines einheitlichen Rechtsstatus für die ganze Familie in der
Form des Asyls Vorrang einzuräumen (vgl. BVGE 2020 VI/6 E. 5 m.w.H.).
5.
5.1 Das SEM stellte in der angefochtenen Verfügung fest, dass der Ehe-
mann beziehungsweise Vater der Beschwerdeführenden iranischer Staats-
angehöriger und deshalb anderer Nationalität sei als die Beschwerdefüh-
renden. Es komme daher zum Schluss, dass es den Beschwerdeführen-
den in hypothetischer Weise zulässig, zumutbar und möglich sei, dass sie
ihr Familienleben in ihrem Heimatstaat Irak fortführen könnten. In Bezug
auf die Zulässigkeit und Möglichkeit sei darauf hinzuweisen, dass die Be-
schwerdeführerin und ihr Ehemann bereits von 2010 bis zu seiner Abreise
2016 in F._ zusammengelebt und ihre Ehe dort hätten registrieren
lassen können. Wie bereits das Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil
D-6113/2017 vom 6. Dezember 2017 zur verweigerten Einreisebewilligung
festgehalten habe, sei davon auszugehen, dass sie im Irak das Familien-
leben fortführen und sich ihr Ehemann nach einigen Jahren werde einbür-
gern lassen können (vgl. www.refworld.org/docid/4b1e364c2.html). In Be-
zug auf eine allfällig geltend gemachte Gefährdung des Ehemannes im Irak
sei erneut festzuhalten, dass ihm wegen einer drohenden asylrelevanten
Verfolgung in seinem Heimatstaat – dem Iran – in der Schweiz Asyl ge-
währt worden sei. Das abreiseauslösende Ereignis, namentlich die Verhaf-
tung seines Bruders durch die iranischen Sicherheitskräfte, habe denn be-
zeichnenderweise auch in seinem Heimatstaat stattgefunden. Zwar hätten
sowohl die Beschwerdeführerin als auch ihr Ehemann zu Protokoll gege-
ben, dass die iranischen Geheimdienste auch im Irak operativ seien. Dies
habe sich an den Kontaktaufnahmen durch Unbekannte auf dem Bazar
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beziehungsweise per Telefon gezeigt. Daraus könne jedoch nicht ge-
schlossen werden, dass ihr Ehemann auch im Irak, wo er notabene fünf-
zehn Jahre unbehelligt habe leben, arbeiten und eine Familie gründen kön-
nen, an Leib und Leben gefährdet gewesen sei. Hinweise für eine im Irak
stattfindende Verfolgung lägen demnach keine vor. Die Kriterien der Zuläs-
sigkeit und Möglichkeit seien demnach erfüllt. Zudem sei auch die Zumut-
barkeit zu bejahen. Sie würden in ihrem Heimatstaat über ein breites fami-
liäres Beziehungsnetz und ihr Mann über ein soziales Beziehungsnetz ver-
fügen. Die Beschwerdeführerin könne einen universitären Abschluss einer
europäischen Universität und ihr Mann mehrere Jahre Arbeitserfahrung
vorweisen. Bis auf ihre Diabetes-Erkrankung, die sie jedoch bereits ab
2010 im Irak habe behandeln lassen, seien sie und ihr Ehemann gemäss
Akten bei guter Gesundheit. Somit sei festzustellen, dass es hypothetisch
zulässig, zumutbar und möglich sei, dass sie ihr Familienleben statt in der
Schweiz in ihrem Heimatland leben könnten, so wie sie dies bereits von
2010 bis 2016 getan hätten. Demnach sei in ihrem Fall das Vorliegen «be-
sonderer Umstände» zu bejahen, so dass Art. 51 Abs. 1 AsylG nicht zur
Anwendung komme. Diese Beurteilung treffe auch auf den in der Schweiz
geborenen Sohn zu. Gemäss Praxis würden bei dieser Sachlage die Best-
immungen von Art. 8 EMRK keine ergänzende Anwendung finden (vgl.
EMARK 2002 Nr. 6 E. 5 f.).
5.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, es sei unbestritten, dass der
Ehemann beziehungsweise Vater der Beschwerdeführenden, D._,
die Flüchtlingseigenschaft erfülle und ihm in der Schweiz Asyl gewährt wor-
den sei. Ebenso unbestritten sei die Tatsache, dass die Beschwerdefüh-
renden als Ehefrau beziehungsweise minderjährige Kinder von D._
grundsätzlich anspruchsberechtigt seien, in seine Flüchtlingseigenschaft
einbezogen zu werden und Familienasyl zu erhalten. Es stelle sich deshalb
nur die Frage, ob die andere Nationalität der Beschwerdeführenden einen
besonderen Umstand darstelle, welche den Nichteinbezug zu rechtfertigen
vermöge. Die Vorinstanz bestreite nicht, dass D._ früher illegal im
Irak gelebt und nie über eine Aufenthaltsbewilligung beziehungsweise ei-
nen gesicherten Aufenthaltsstatus verfügt habe. In Bezug auf das Urteil
des Bundesverwaltungsgerichts D-6113/2017 vom 6. Dezember 2017 sei
darauf hinzuweisen, dass die Voraussetzungen für eine Einreisebewilli-
gung nach Art. 51 Abs. 4 AsylG strenger seien als die Voraussetzungen für
Familienasyl nach Art. 51 Abs. 1 beziehungsweise Abs. 3 AsylG. Eine Ein-
reisebewilligung werde nur dann erteilt, wenn die anspruchsberechtigten
Personen durch die Flucht getrennt worden seien. Das Bundesverwal-
tungsgericht habe die Einreise der Beschwerdeführenden damals denn
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auch gerade deshalb verweigert, weil die Heirat beziehungsweise Geburt
erst nach der Flucht von D._ aus seinem Heimatland Iran erfolgt
seien. Da diese Voraussetzung vorliegend jedoch nicht zur Anwendung
komme, müsse über das vorliegende Gesuch um Einbezug in die Flücht-
lingseigenschaft beziehungsweise Familienasyl neu entschieden werden.
Es sei jedoch richtig, dass sich das Bundesverwaltungsgericht schon da-
mals kurz zur Frage geäussert habe. Diese Ausführungen seien jedoch
nicht abschliessend und müssten als obiter dictum qualifiziert werden, da
sie für das damalige Urteil nicht entscheidrelevant gewesen seien, weshalb
sie für den aktuellen Entscheid auch nicht verbindlich seien. Das Bundes-
verwaltungsgericht habe sich im Rahmen des fraglichen obiter dictums da-
hingehend geäussert, dass aus der Tatsache, dass das SEM die Wegwei-
sung in den früheren Aufenthaltsstaat Irak nicht geprüft habe (Art. 31a
Abs. 1 Bst. c AsylG) und auf das Asylgesuch eingetreten sei, nicht darauf
geschlossen werden könne, dass D._ im Irak asylrelevanter Verfol-
gung ausgesetzt wäre. Ob eine Rückkehr von D._ in den Irak dar-
über hinaus zulässig, möglich und zumutbar sei, habe das Bundesverwal-
tungsgericht nicht thematisiert. Ausserdem habe sich das Bundesverwal-
tungsgericht ohne Begründung der Meinung der Vorinstanz angeschlos-
sen, dass eine Einbürgerung von D._ im Irak nach einem fünfjähri-
gen Aufenthalt möglich sei. Die Vorinstanz begnüge sich vorliegend damit,
eine asylrelevante Verfolgung von D._ im Irak zu verneinen. Ob
seine Rückkehr dorthin darüber hinaus überhaupt möglich oder zulässig
wäre, werde nicht geprüft. D._ habe trotz wiederholter Bemühun-
gen nie über einen legalen Aufenthaltstitel im Irak verfügt. Er habe dort il-
legal gelebt, sei nie als Flüchtling anerkannt worden und habe keine Si-
cherheit vor einer allfälligen Rückschiebung in seinen Heimatstaat Iran ge-
habt. Er habe mit unsicheren Perspektiven und unter schwierigen Lebens-
bedingungen gelebt. Es seien keine Hinweise ersichtlich, die darauf
schliessen liessen, dass D._ in Zukunft über einen legalen und si-
cheren Status im Irak verfüge. Eine Rückkehr ohne gültigen Aufenthaltstitel
oder Rückübernahmezusicherung der irakischen Behörden wäre damit un-
möglich. Zudem wäre die Wegweisung in den Irak auch unzulässig, so-
lange D._ nicht über einen gesicherten Aufenthaltstitel verfüge, da
ansonsten die Rückschiebung in den Verfolgerstaat Iran nicht ausge-
schlossen werden könne. Schliesslich sei das Leben in der Illegalität auch
keine zumutbare Zukunftsaussicht. Es sei unklar, worauf sich die Vo-
rinstanz und das Bundesverwaltungsgericht stützten, wenn sie behaupten
würden, D._ könne die irakische Staatsbürgerschaft beantragen.
Nur weil eine Person sich lange in einem Land aufgehalten habe und ihre
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Ehe sowie die Geburt ihres Kindes habe registrieren lassen können, be-
deute dies nichts im Hinblick auf das Einbürgerungsverfahren. Gemäss
Art. 6 sowie Art. 7 des irakischen Staatsbürgerschaftsgesetzes werden
Einbürgerungsgesuche nur dann gutgeheissen, wenn der Gesuchsteller le-
gal eingereist sei (Art. 6 Ziff. I Bst. b), im Zeitpunkt der Gesuchstellung im
Irak wohnhaft sei (Art. 6 Ziff. I Bst. b) sowie sich seit fünf Jahren legal im
Land aufhalte (Art. 6 Ziff. 1 Bst. c i.V.m. Art. 7). D._ sei weder legal
eingereist noch habe er sich legal im Land aufgehalten und er habe über-
dies aktuell keinen Wohnsitz im Irak. Da er nach wie vor über keine Aufent-
haltsbewilligung verfüge, sei nicht ersichtlich, inwiefern ihm die Einbürge-
rung im Irak nun offenstehen solle. Die Vorinstanz verweise als Quelle für
ihre Annahme bloss allgemein auf das irakische Staatsbürgerschaftsge-
setz. Gestützt auf welche Bestimmung D._ eingebürgert werden
solle, bleibe unklar. Sowieso stehe fest, dass ein Einbürgerungsgesuch
erst nach einem fünfjährigen Aufenthalt gestellt werden könne. Mit welcher
Aufenthaltsbewilligung D._ sich bis dahin im Irak aufhalten solle,
lasse die Vorinstanz offen. Sie bestreite aber nicht, dass D._ nie
über einen legalen Aufenthaltsstatus im Irak verfügt habe. Sollte das Bun-
desverwaltungsgericht zum Schluss kommen, der Sachverhalt sei in dieser
Hinsicht unvollständig erhoben, wäre die Sache eventualiter an die Vor-
instanz zurückzuweisen, um offenzulegen, wie sie zur fraglichen Annahme
komme, D._ könne aktuell in den Irak zurückkehren, und um zu er-
klären, wie sie zur Annahme komme, D._ könne sich nach fünf Jah-
ren Aufenthalt einbürgern lassen, wenn das zitierte Gesetz offensichtlich
anders laute. Im Hinblick auf den Anspruch auf das rechtliche Gehör müss-
ten die Quellen offengelegt werden, damit die Beschwerdeführenden sich
dazu äussern und sich wirksam dagegen wehren könnten. Zudem müsse
die Vorinstanz eine Rückübernahmezusicherung vorlegen, da es faktisch
um eine Wegweisung in einen Drittstaat ginge. Der jüngste Beschwerde-
führer verfüge aktuell noch über keinerlei Ausweispapiere – weder schwei-
zerische noch irakische. Das Verfahren für die Eintragung der Geburt sei
beim Zivilstandsamt hängig. Auch seine Rückkehr in den Irak erscheine
mangels gültiger Ausweispapiere zum aktuellen Zeitpunkt unmöglich. Ob-
wohl für alle Familienmitglieder eine Rückkehr in den Irak als unzumutbar
bezeichnet werde, komme die Vorinstanz im Rahmen der hypothetischen
Prüfung gemäss Art. 51 AsylG dennoch zum Schluss, es sei zumutbar, das
Familienleben im Irak fortzuführen. Dieses Ergebnis mute seltsam an. Wie
könne es sein, dass die Rückkehr in den Irak für alle Familienmitglieder
einzeln faktisch als unzumutbar eingeschätzt werde, aber im Rahmen der
hypothetischen Prüfung gleichzeitig zum Schluss gekommen werde, es sei
für die Familie zumutbar, ihr Familienleben im Irak fortzuführen? Es sei
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nicht nachvollziehbar, wie die gleiche Prüfung unterschiedlich ausfallen
könne, je nachdem ob es sich um eine hypothetische oder die eigentliche
Prüfung handle. Es sei für die Familie tatsächlich sowie hypothetisch nicht
zumutbar, ihr Familienleben im Irak fortzuführen. Ob D._ darüber
hinaus im Irak asylrelevant verfolgt werde, spiele bei dieser Prüfung wie
gesagt keine Rolle. Das Familienleben und die Familieneinheit können nur
in der Schweiz effektiv und sicher gewährleistet werden. Mit anderen Wor-
ten gebe es neben der Schweiz keine Alternative für die Familie, um ihr
Familienleben zusammen und sicher fortführen zu können. Deshalb er-
scheine es in diesem Fall angemessen, von der fraglichen Ausnahmeklau-
sel keinen Gebrauch zu machen und der Familie einen einheitlichen
Rechtsstatus in der Form des Asyls einzuräumen. Die Beschwerdeführen-
den seien folglich in die Flüchtlingseigenschaft von D._ aufzuneh-
men und es sei ihnen Familienasyl zu gewähren. Abschliessend sei darauf
hinzuweisen, dass es vorliegend um ein Verfahren gehe, bei dem Kinder
betroffen seien. Gemäss Art. 3 Abs. 1 des Übereinkommens vom 20. No-
vember 1989 über die Rechte des Kindes (nachfolgend: KRK, SR 0.107)
sei bei allen Massnahmen, die Kinder beträfen, das Wohl des Kindes ein
Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen sei. Die Konsequenzen,
die der Nichteinbezug in die Flüchtlingseigenschaft für die Familie und die
Kinder in der Schweiz mit sich gebracht und welche die Familie schon in-
nert kurzer Zeit zu spüren bekommen habe, zeige auf, was nun auf die
Familie zukommen werde. Obwohl der Ehemann beziehungsweise Vater
anerkannter Flüchtling sei und Asyl erhalten habe, werde er zur Wahrung
der Familieneinheit in eine Unterkunft verlegt, welche für Personen mit F-
Bewilligung gedacht sei. Die Lebensumstände und Rechtstellung der Fa-
milie verschlechtere sich durch diesen Entscheid merklich. Die Beschwer-
deführenden hätten dadurch zum Beispiel schlechteren Zugang zu Mass-
nahmen für die berufliche Integration, würden weniger finanzielle Unter-
stützung erhalten, hätten einen schwierigeren Stand auf dem Arbeits- und
Wohnungsmarkt und seien in ihrer Mobilität eingeschränkt. Gerade im Hin-
blick auf die Integration und Perspektiven der minderjährigen Beschwerde-
führenden würden diese Veränderungen eine massive Verschlechterung
darstellen. Auch im Hinblick auf das Kindeswohl erscheine der Einbezug in
die Flüchtlingseigenschaft folglich klar angezeigt. Das Anwenden der Aus-
nahmeklausel erscheine unverhältnismässig.
5.3 In der Vernehmlassung führte das SEM aus, die Prüfung der Zulässig-
keit, Zumutbarkeit und Möglichkeit einer Wohnsitznahme im Heimatstaat
des nichtverfolgten Familienangehörigen sei eine hypothetische Prüfung.
Die in der Beschwerde zitierte gesetzliche Grundlage, Art. 7 des irakischen
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Staatsbürgerschaftsgesetzes, sehe vor, dass ein Ehepartner eines iraki-
schen Staatsangehörigen ein Einbürgerungsgesuch stellen könne. Somit
sei die hypothetische Möglichkeit gegeben. Die Argumente, wonach der
Ehemann der Beschwerdeführerin die weiteren Bestimmungen nicht er-
fülle, seien somit hinfällig. Die Beschwerdeführenden seien auch jegliche
Beweise für die Argumentation schuldig geblieben, D._ drohe im
Irak eine Rückführung in seinen Heimatstaat Iran beziehungsweise, dass
die irakischen Behörden ihm den Schutz verweigern würden. Weder habe
er entsprechende erfolglose Versuche dargelegt, noch andere Beweismit-
tel eingereicht, welche diese vagen Ausführungen belegen würden. Ange-
sichts dessen, dass D._ vor seiner Reise in die Schweiz offenbar
rund fünfzehn Jahre unbehelligt im Nordirak habe leben können, seien ge-
genüber dieser Darstellung denn auch erhebliche Zweifel anzubringen.
Auch die Ausführungen in Bezug auf das in der Schweiz geborene Kind
würden nicht überzeugen, zumal es gemäss Art. 3 des irakischen Staats-
bürgerschaftsgesetzes Anrecht auf die irakische Staatsangehörigkeit
habe. Weiter werde in der Beschwerde beanstandet, dass das SEM einer-
seits die Rückkehr in den Irak als unzumutbar einstufe, andererseits zum
Schluss komme, dass das Familienleben im Irak fortgeführt werden könne.
Diesbezüglich verweise es erneut auf die rein hypothetische Prüfung, die
ausschlaggebend sei für die Beurteilung des Vorliegens besonderer Um-
stände. Zudem erfolge letzten Endes die Gewährung der vorläufigen Auf-
nahme in Anwendung von Art. 44 AsylG. Abschliessend sei Folgendes an-
zumerken: Mit Verfügung vom 27. September 2017 habe das SEM das
Einreisegesuch der Beschwerdeführenden abgelehnt. Diesen Entscheid
habe das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil vom 6. Dezember 2017 ge-
stützt. Folglich müsse den Beschwerdeführenden bereits seit geraumer
Zeit bewusst sein, dass sie aus Art. 51 Abs. 1 beziehungsweise 3 AsylG
keine Ansprüche für sich ableiten könnten. Vor diesem Hintergrund er-
scheine es nun überaus stossend, wenn sie nun – notabene nach Miss-
achtung der verweigerten Einreisebewilligung und der selbständigen ille-
galen Einreise in die Schweiz – durch eigenes Zutun die früheren Ent-
scheide der Schweizer Behörden hinfällig werden lassen könnten.
5.4 In der Replik wird geltend gemacht, die ständigen Transfers von einer
Unterkunft in die nächste und die damit verbundenen Schulwechsel seien
für B._ gemäss der Kinderärztin und der Klassenlehrerin ungünstig
und für das Kindeswohl schädlich. Die Kinderärztin von B._ emp-
fehle eine Spieltherapie, um ihn in seiner Entwicklung zu unterstützen. Auf-
grund der ständigen Umzüge habe die Kinderärztin eine Gefährdungsmel-
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dung bei der KESB eingereicht. C._ verfüge immer noch über kei-
nerlei Ausweispapiere. Die schweizerischen Behörden hätten noch keine
Geburtsurkunde ausgestellt und die irakischen Behörden würden die Aus-
stellung von Identitätspapieren verweigern. Eine befreundete Übersetzerin
habe telefonisch angefragt und eine negative Antwort erhalten. Im Rahmen
des vorliegenden Beschwerdeverfahrens habe die unterzeichnende
Rechtsvertreterin mit E-Mails vom 17. sowie 24. Juli 2020 eine schriftliche
Anfrage an die irakische Regierung gerichtet und um Ausstellung von Aus-
weispapieren für C._ gebeten. Am 28. Juli 2020 habe schliesslich
ein Telefongespräch zwischen der Rechtsvertreterin und einem Mitarbeiter
der irakischen Vertretung stattgefunden. Die unterzeichnende Rechtsver-
treterin habe erklärt, dass sie eine irakische Staatsbürgerin vertrete, die
Ausweispapiere für ihr in der Schweiz geborenes Kind beantragen wolle.
Der Vertreter habe erläutert, dass Ausweispapiere nur im Irak selber aus-
gestellt würden. Die Mutter und das Kind müssten in den Irak reisen, damit
dort die notwendigen Informationen erhoben werden könnten, um die Pa-
piere auszustellen. Als die Rechtsvertreterin daraufhin erwähnt habe, dass
der Vater des Kindes Iraner sei, erklärte der Vertreter, Ausweispapiere wür-
den in solchen Fällen keine ausgestellt, und habe das Gespräch beendet.
C._ sei folglich nach wie vor nicht im Besitz von irakischen Aus-
weispapieren und sei von den irakischen Behörden auch nicht als Staats-
bürger anerkannt worden. Die Beschwerdeführerin sei neu bei Frau
J._ in psychologischer Behandlung. Eine Bestätigung werde nach-
gereicht. Es sei vorliegend unbestritten, dass die Voraussetzungen für die
Einreise damals nicht erfüllt gewesen seien. Die Frage des Einbezugs in
die Flüchtlingseigenschaft sei damals jedoch noch nicht entschieden wor-
den. Der Auffassung des SEM, ein Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft
wäre vor dem Hintergrund der bisherigen Prozessgeschichte „stossend",
könne deshalb nicht gefolgt werden. Es gehe hier um zwei verschiedene
Anspruchsgrundlagen, die andere Voraussetzungen enthalten und damit
nicht zu einem widersprüchlichen Ergebnis führen würden. Im Hinblick auf
den Anspruch auf rechtliches Gehör beziehungsweise die Begründungs-
pflicht scheine es in formeller Hinsicht problematisch, dass das SEM nicht
offenlege, gestützt auf welche konkreten Überlegungen eine Wegweisung
in den Irak im vorliegenden Fall faktisch als unzumutbar qualifiziert und
warum die vorläufige Aufnahme angeordnet worden sei. Die Rechtsvertre-
terin verstehe die langjährige Rechtsprechung der Asylrekurskommission
und des Bundesverwaltungsgerichts dahingehend, dass jeweils zu prüfen
sei, ob die ganze Familie sich gegebenenfalls im Heimatland des nicht ver-
folgten Ehepartners niederlassen könne, wenn sie dies denn wolle. Die Be-
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hörden müssten laut Praxis der Asylrekurskommission im Rahmen der hy-
pothetischen Wegweisungsprüfung prüfen, ob der Familie sowohl faktisch
wie auch rechtlich die Möglichkeit offenstehe, sich im Heimatland des nicht-
verfolgten Ehepartners legal niederzulassen, wobei überdies selbstver-
ständlich vorausgesetzt werde, dass der Flüchtling im Heimatland seines
Ehepartners vor Verfolgung, menschenrechtswidriger Behandlung und
Rückschiebung in den Verfolgerstaat geschützt sei (vgl. EMARK 1997
Nr. 22 S. 180). Fakt sei jedoch, dass D._ von den dortigen Behör-
den nie irgendeinen Aufenthaltsstatus erhalten habe oder als Flüchtling an-
erkannt worden sei. Auch wenn er damals nicht in den Iran abgeschoben
worden sei, sei eine künftige Abschiebung angesichts seines unsicheren
Status nicht auszuschliessen. Es sei aus Sicht der Rechtsvertretung nicht
ersichtlich, warum vorliegend auf eine Rückübernahmegarantie durch die
irakischen Behörden verzichtet werden könne. D._ habe im Rah-
men seines Asylverfahrens zu seiner Papierlosigkeit im Irak Angaben ge-
macht. Zum damaligen Zeitpunkt sei das SEM offenkundig zum Ergebnis
gekommen, dass seine diesbezüglichen Aussagen glaubhaft seien. An-
sonsten hätte es gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG gar nicht auf sein
Asylgesuch eintreten dürfen und ihn in den Irak wegweisen müssen. Die
Aufforderung des SEM, D._ müsse diesbezüglich heute weitere Be-
weismittel einreichen, gehe daher fehl. In diesem Zusammenhang sei auf
das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1683/2013 vom 21. April
2015 hinzuweisen. Das Gericht habe es in diesem Fall abgelehnt, die bloss
hypothetische Möglichkeit, eine andere ausländische Staatsbürgerschaft
zu erwerben, als „besonderen Umstand" zu werten (vgl. hierzu E. 7.3.3).
Aufgrund der aktuellen Aktenlage könne nicht davon ausgegangen wer-
den, dass C._ überhaupt irakischer Staatsbürger sei. Mit Blick auf
die Rechtsprechung sei er deshalb in die Flüchtlingseigenschaft seines Va-
ters einzubeziehen. Darüber hinaus zeige das aktuelle Verhalten der iraki-
schen Vertretung in der Schweiz auch auf, welchen Umgang die irakischen
Behörden mit Iranern beziehungsweise deren Kindern im Irak pflegen wür-
den. Als Kinder eines iranischen Flüchtlings seien sie mit Diskriminierun-
gen konfrontiert und in ihrem Fortkommen behindert. Eine Rückkehr in den
Irak erscheine aus gesundheitlicher und entwicklungspsychologischer
Sicht unzumutbar. Das Bundesverwaltungsgericht habe im Urteil
D-7013/2006 vom 2. Oktober 2007 festgehalten, dass dem Kindeswohl im
Rahmen der hypothetischen Zumutbarkeitsprüfung eine vorrangige Be-
deutung zukomme. Der Persönlichkeit des Kindes und seinen Lebensum-
ständen sei umfassend Rechnung zu tragen. Eine Rückkehr in den Irak
müsse auch deshalb als unzumutbar eingeschätzt werden.
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6.
6.1 Der Ehemann beziehungsweise Vater der Beschwerdeführenden
wurde in der Schweiz als Flüchtling im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG aner-
kannt (vgl. Bst. A). Da die Beschwerdeführenden irakische Staatsangehö-
rige sind, der Ehemann beziehungsweise Vater iranischer Staatsangehöri-
ger ist, stellt sich die Frage, ob sich das gemischtnationale Ehepaar mit
ihren Kindern im Nordirak niederlassen könnte (vgl. E. 4.4). Damit läge ein
«besonderer Umstand» im Sinne von Art. 51 Abs. 1 und 3 AsylG vor, der
dem Einbezug der Beschwerdeführenden in die Flüchtlingseigenschaft
entgegenstehen würde.
6.2 Im publizierten Urteil BVGE 2008/5 – in dem eine einlässliche Ausei-
nandersetzung mit der Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
in die drei damaligen kurdischen Provinzen des Nordiraks (Dohuk, Erbil,
Suleimaniya) stattfand – hielt das Gericht fest, dass sich sowohl die Sicher-
heits- als auch die Menschenrechtslage in dieser Region im Verhältnis zum
restlichen Irak relativ gut darstelle. Gestützt darauf kam es zum Schluss,
dass ein Wegweisungsvollzug in die Provinzen Dohuk, Erbil und Suleima-
niya unter der Voraussetzung zumutbar sei, dass die betreffende Person
ursprünglich aus der Region stammt oder eine längere Zeit dort gelebt hat
und über ein soziales Netz (Familie, Verwandtschaft oder Bekanntenkreis)
oder über Beziehungen zu den herrschenden Parteien verfügt. Für allein-
stehende Frauen und Familien mit Kindern sowie für Kranke und Betagte
sei die Zumutbarkeit nur mit grosser Zurückhaltung zu bejahen (vgl. BVGE
2008/5 E. 7.5, insbesondere E. 7.5.1 und 7.5.8). Diese Praxis wurde in den
folgenden Jahren in zahllosen Urteilen des Bundesverwaltungsgerichts
umgesetzt und bekräftigt. Im Zusammenhang mit dem Krieg in Syrien und
der damit ausgelösten Flüchtlingswelle in die kurdischen Provinzen Nord-
iraks stellte das Bundesverwaltungsgericht im Referenzurteil E-3737/2015
vom 14. Dezember 2015 fest, dass die Sicherheitslage in den vier Provin-
zen der Autonomen Kurdischen Region (das KRG-Gebiet wird seit Anfang
2015 durch die Provinzen Dohuk, Erbil, Suleimaniya sowie der von Letzte-
rer abgespalteten Provinz Halabja gebildet) zwar aufgrund dieser Um-
stände angespannt, aber grundsätzlich weiterhin stabil sei. Die Feststel-
lung einer stabilen Sicherheitslage gelte auch für die Provinz Suleimaniya,
was dort zu einem grossen Zustrom an intern vertriebenen Personen (In-
ternally Displaced Persons, IDP) geführt habe. Die wachsende Bevölke-
rungszahl stelle eine Belastung der lokalen Wirtschaft und Infrastruktur dar
und erschwere die Grundversorgung (vgl. Referenzurteil D-3737/2015
E. 7.4.3). Zum Schutz vor Infiltranten oder Sympathisanten des "Islami-
schen Staates" (auch Islamischer Staat im Irak und in der Levante [ISIL]
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oder Islamischer Staat im Irak und in Syrien [ISIS]; nachfolgend IS) hat das
KRG die Einreisebedingungen und die Sicherheitsvorkehrungen ver-
schärft. Die lokale Bevölkerung soll Vertriebenen und Rückkehrern mit
Misstrauen und Argwohn begegnen. Bei dieser Sachlage stellte das Ge-
richt auch unter Berücksichtigung der mit der Beschwerde eingereichten
Lageberichte fest, dass in den vier Provinzen der Autonomen Kurdischen
Region nach wie vor nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt im Sinn
von Art. 83 Abs. 4 AuG auszugehen sei und keine konkreten Anhaltspunkte
für die Annahme vorlägen, dies werde sich in absehbarer Zeit massgeblich
verändern. Die langjährige Praxis gemäss BVGE 2008/5 für aus dieser Re-
gion stammende Kurden bleibe somit grundsätzlich weiterhin anwendbar.
Angesichts der Belastung der behördlichen Infrastrukturen durch IDP sei
allerdings jeweils der Prüfung des Vorliegens begünstigender individueller
Faktoren – insbesondere denjenigen eines tragfähigen familiären Bezie-
hungsnetzes (vgl. auch BVGE 2008/5 E. 7.5) – besonderes Gewicht bei-
zumessen.
6.3 Bei den Beschwerdeführenden und D._ handelt es sich um eine
Familie mit minderjährigen Kindern, welche vor der Ausreise in der Provinz
Suleimaniya gelebt hat. Die Beschwerdeführerin verfügt dort zwar mit ihren
Eltern und Geschwistern über ein Beziehungsnetz und ist mit einem abge-
schlossenen (...)-studium gut ausgebildet. Dennoch war sie im Irak nie im
Arbeitsmarkt integriert und kümmerte sich um ihr Kind und den Haushalt.
D._s Arbeitserfahrung beschränkt sich auf Arbeiten als Tagelöhner.
Es ist vor diesem Hintergrund nicht davon auszugehen, dass er in der Lage
wäre, eine Existenzgrundlage für seine inzwischen vierköpfige Familie zu
erarbeiten. Zudem werden sie als Rückkehrer beziehungsweise
D._ als Ausländer im Nordirak auf Misstrauen der Bevölkerung und
eine überlastete Infrastruktur stossen. Nebst diesen erschwerenden Um-
ständen fällt ins Gewicht, dass die Beschwerdeführerin an einer Diabetes-
Erkrankung und einer mittelgradig depressiven Episode leidet. Der Sohn
B._ ist gemäss seiner Kinderärztin aufgrund der zurückliegenden
Trennung von seinem Vater und der ständigen Umzüge in der Schweiz in
seiner emotionalen Entwicklung gefährdet und benötigt eine Psychothera-
pie. Ein erneuter allfälliger Wohnortswechsel aus der Schweiz in den Irak
und damit eine erneute Instabilität in seinem Alltagssystem würde dem Kin-
deswohl entgegenstehen. Die medizinische Versorgung im Nordirak ist ins-
gesamt als mangelhaft zu bezeichnen. Geringfügige gesundheitliche Be-
schwerden können zwar in der Regel in den Städten behandelt werden,
aber auch dort besteht ein Mangel an adäquater Infrastruktur, qualifizier-
tem Personal und Medikamenten (vgl. BVGE 2008/5 E. 7.5.6). Angesichts
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der rudimentären und teilweise mangelhaften medizinischen Versorgungs-
lage im Nordirak ist zu erwarten, dass bei einer allfälligen Rückkehr nach
Suleimaniya die emotionale Entwicklung von B._ gefährdet und die
nötige Behandlung hierfür nicht vorhanden wäre. Unter Berücksichtigung
der Rechtsprechung, wonach die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
bei Familien mit minderjährigen Kindern nur mit grosser Zurückhaltung an-
zunehmen ist, und in Anbetracht dessen, dass es dem Vater, als Ausländer
im Nordirak, kaum möglich sein würde, für seine vierköpfige Familie eine
Existenzgrundlage zu schaffen sowie unter Berücksichtigung der gesund-
heitlichen Probleme der Beschwerdeführerin und von B._ ist der
Vollzug der Wegweisung in den Nordirak als hypothetisch nicht zumutbar
zu beurteilen. Die Tatsache der unterschiedlichen Staatsangehörigkeit der
beiden Ehegatten erweist sich demnach nicht als "besonderer Umstand"
im Sinne des Art. 51 Abs. 1 und 3 AsylG. Dem Einbezug der Ehefrau und
der beiden Söhne in die Flüchtlingseigenschaft des Ehemannes steht so-
mit nichts entgegen.
7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen und die Dispositiv-
ziffern 2-8 der angefochtenen Verfügung des SEM vom 5. Mai 2020 sind
aufzuheben. Das SEM ist anzuweisen, die Beschwerdeführerin und
B._ gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG und C._ gestützt auf
Art. 51 Abs. 3 AsylG derivativ als Flüchtlinge anzuerkennen und ihnen in
der Schweiz Asyl zu gewähren. Angesichts des Ausgangs des Verfahrens
erübrigt es sich, auf die weiteren Anträge einzugehen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (vgl.
Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
9.
Sodann ist den vertretenen Beschwerdeführenden angesichts ihres Obsie-
gens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. In der
Kostennote vom 24. September 2020 weist die Rechtsvertreterin einen
zeitlichen Aufwand von 20,35 Stunden zu einem Stundenansatz von
Fr. 220.- sowie Spesen von Fr. 161.90 aus. Der zeitliche Aufwand hinsicht-
lich der Verfassung der Beschwerde und der Replik sowie auch mehrerer
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Telefonate und Schreiben zum Verfahrensstand erscheint nicht vollum-
fänglich angemessen beziehungsweise notwendig und ist deshalb auf
17 Stunden zu kürzen. Ausgehend von der Kostennote und gestützt auf die
in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist den
Beschwerdeführenden zulasten des SEM eine Parteientschädigung von
Fr. 4203.– (inklusive Spesen und Mehrwertsteuerzuschlag i.S.v. Art. 9
Abs. 1 Bst. c VGKE) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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