Decision ID: 2ad0a329-1799-4b95-9caf-005e026f4c1b
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1959,
war
gemäss Einsatzverträgen vom 25. April 2016,
24. Februar 2017 und
7.
Februar 2018 mit drei verschiedenen Personalverleihern
jeweils für die Dauer von maximal drei Monaten
als Bau-Facharbeiter
A bei der
A._
AG
tätig (Urk. 2/1, 2/3, 2/4).
Nachdem der Ver
sicherte bei der Stiftung für den flexiblen Altersrücktritt im Bauhauptgewerbe (FAR) um Leistungen ersucht
hatte, wies die Stiftung FAR
dieses
Gesuch
mit Schreiben vom 18. Dezember 2018 unter dem Hinweis
auf eine
fehlende Leis
tungsberechtigung ab (Urk. 2/5).
An diesem Entscheid hielt die Stiftung FAR, gestützt auf Entscheide des Ausschusses Rekurse des Stiftungsrates FAR, mit Schreiben vom 28. März 2019 (Urk. 2/6) und 11. September 2019 (Urk. 2/7) fest, wobei sie im letztgenannten Schreiben auch
die Ausrichtung
eine
r
gekürzte
n
Überbrückungsrente
ablehnte.
2.
Am 28. Dezember 2020 erhob der V
ersicherte mit folgende
m
Rechtsbegehren Klage gegen die Stiftung FAR (Urk. 1 S. 2):
«i.
Es sei der angefochtene Entscheid des Ausschusses Rekurse des Stiftungs
rates FAR vom 11. September 2019 aufzuheben und dem Kläger eine ordentliche Überbrückungsrente ab dem 1. M
ärz 2019 zuzusprechen;
ii.
Eventualiter sei der angefochtene Entscheid des Ausschuss
es
Rekurse des Stiftungsrates FAR vom 11. September 2019 aufzuheben und dem Kläger eine Überbrückungsrente
unter dem Aspekt der unbilligen Härte ab dem 1. März 2019 zuzusprechen;
iii.
Dem Kläger sei eine Parteientschädigung von CHF 3'528.20 zuzusprechen, alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der
Beklagten.»
Die Beklagte schloss mit Klageantwort vom 9. April 2021 auf Abweisung der Klage (Urk. 8)
. Mit Replik vom 23. August 2021 (Urk. 14) und Duplik vom 29. November 2021 (Urk. 19) hielten die Parteien an ihren
Anträgen
fest, was dem Kläger mit Verfügung vom 18. Februar 2022 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 20).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Der Kläger macht geltend, seine Tätigkeiten bei der
A._
AG, insbesondere jene im Rahmen des «Projektgeschäfts
B._
», sei vom betrieblichen Geltungs
bereich gemäss Art. 2 Abs. 1 lit. b GAV FAR
erfasst
. Da er somit vom 1. März 2012 bis
28. Februar 2019 ununterbrochen in einem dem GAV FAR unterstellten Betrieb tätig gewesen sei, habe er Anspruch auf eine Überbrü
ckungsrente (Urk. 1 S. 6 ff. Ziff. 12 ff.).
1.2
Die Beklagte stellt sich auf den Standpunkt, die vom Kläger im Rahmen seiner Beschäftigung bei der
A._
AG hauptsächlich ausgeführten Tätigkeiten, nämlich die Herstellung von Betonelementen, würden nicht unter den betrieb
lichen Geltungsbereich des GAV FAR fallen (Urk. 8 S. 4 Ziff. 10).
In der Zeit von Januar 2016 bis Februar 2019 habe der Kläger nicht in einem Betrieb gemäss Geltungsbereich GAV FAR eine beitragspflichtige Beschäftigung ausgeübt. Er weise damit eine Beschäftigungslücke von drei Jahren und zwei Monaten auf und die letzten sieben Jahre
habe er nicht ununterbrochen in einem Betrieb gemäss Geltungsbereich GAV FAR gearbeitet (S. 6
Ziff.
12).
1.3
Streitig und zu prüfen ist, ob dem Kläger gegenüber der Beklagten Lei
stungs
ansprüche
, namentlich
ab 1. März 2019
eine ordentliche Überbrückungsrente oder eventuell eine Überbrückungsrente unter dem Aspekt der unbilligen Härte
,
zustehen.
Unter anderem Voraussetzung dafür wäre, dass die
A._
AG unter den betrieblichen Geltungsbereich des GAV FAR fällt.
2.
2.1
Der Schweizerische Baumeisterverband (SBV), die GBI Gewerkschaft Bau & Industrie (heute:
Unia
) sowie die Gewerkschaft SYNA schlossen am 12. Novem
ber 2002 einen Gesamtarbeitsvertrag für den flexiblen Altersrücktritt im Bauhaupt
gewerbe (GAV FAR). Der GAV FAR bezweckt, einen flexiblen Altersrücktritt zu ermöglichen. Zu dessen Durchführung grün
deten die Vertragsparteien die «
Stif
tung für den flexiblen Altersrücktritt im
Bauhauptgewerbe (Stiftung
FAR)»
, eine nicht registrierte Personalfürsorgeeinrichtung gemäss Art. 89
bis
des Schweiz
e
rischen Zivilgesetzbuchs (ZGB)
. Der GAV FAR trat am 1. Juli 2003 in Kraft. Durch Beschluss des Bundesrates vom 5. Juni 2003 wurde der GAV FAR teilweise allge
meinverbindlich erklärt. Dieser Be
schluss wurde durch Beschlüsse vom 8. August und 26. Oktober 2006, 1. Novem
ber
2007, 6. Dezember 2012, 10. November 2015 und 14. Juni 2016 verlängert respektive angepasst.
2.2
Zum betrieblichen Geltungsbereich bestimmt
Art.
2
Abs.
1 GAV FAR Folgendes:
Der GAV FAR gilt für alle inländischen und ausländischen in der Schweiz tätigen Betriebe beziehungsweise für deren Betriebsteile sowie für Subunternehmer und selbständige Akkordanten, die Arbeitnehmer beschäftigen, welche gewerblich tätig sind, insbesondere in folgenden Bereichen:
a)
Hoch-, Tief-, Untertag- und Strassenbau (einschliesslich Belagseinbau)
b)
Aushub, Abbruch, Lagerung und Recycling von Aushub-, Abbruch- und anderen nicht industriell hergestellten Baumaterialien; ausgenommen sind stationäre Recyclinganlagen ausserhalb der Baustelle und bewilligte Deponien gemäss Art. 35 Abfallverordnung (VVEA) sowie das in ihnen beschäftigte Personal
c)
[
aufgeh
ob
en]
d)
Steinhauer- und Steinbruchgewerbe sowie
Pflästereibetriebe
e)
Fassadenbau- und Fassadenisolationsbetriebe, ausgenommen Betriebe, die in der Gebäudehülle tätig sind. Der Begriff «Gebäudehülle» schliesst ein: geneigte Dächer, Unterdächer, Flachdächer und Fassadenbekleidungen (mit dazuge
hörendem Unterbau und Wärmedämmung)
f)
Abdichtungs-
und Isolationsbetriebe
für Arbeiten an der Gebäude
hülle im weiteren Sinn und anal
oge Arbeiten im Tief- und Unter
tagbereich
g)
Betoninjektions- und Betonsanierungsbetriebe, Betonbohr- und Betonschnei
de
unternehmen
h)
Betriebe, die Asphaltierungen ausführen und
Unterlagsböden
erstellen
i)
Betriebe, die Gleisbauarbeiten ausführen.
[...]
2.3
Nach
Art.
14
Abs.
1
GAV FAR (
Urk.
9/1) kann der
Arbeitnehmende
eine Über
brückungsrente beanspruchen, wenn er kumulativ das 6
0.
Altersjahr vollendet hat (lit. a), das ordentliche AHV-Alter noch nicht erreicht hat (lit. b), während mindestens 15 Jahren innerhalb der letzten 20 Jahre und davon die letzten sieben Jahre vor dem Leistungsbezug ununterbrochen in einem Betrieb gemäss Gel
tun
g
s
bereich GAV FAR eine beitragspflichtige Beschäftigung ausgeübt hat (lit. c) und die Erwerbstätigkeit unter Vorbehalt von
Art.
15 definitiv aufgibt (lit. d).
3.
3.1
Im Schreiben vom 14. November 2018 bestätigte die
A._
AG, dass der Kläger über mehrere Personalverleih-Büros bei ihr im Einsatz war (Urk. 2/9).
Gemäss Handelsregister bezweckt die
A._
AG
seit 23. Juli 2010 – und damit im gesamten vorliegend massgebenden Zeitra
um – den Betrieb einer Unterneh
mung von Transporten, die Verwertung un
d Entsorgung von Baustof
fen, Ab
fällen und Altstoffen aller Art, den Vertrieb von Beton-Baustoffen und den Handel mit Kiesmaterial sowie das Bauen und Betreiben von Verwertungs- und Entsorgungsanlagen für verschmutztes Aushub
material für Bauabfälle und Altstoffe aller Art (Urk. 9/5
).
3.2
3.2
.1
Im Urteil des hiesigen Gerichts vom 28. November 2016
in Sachen Stiftung FAR gegen
A._
AG betreffend Unterstellung unter den GAV FAR
wurde festge
halten, dass
die Tätigkeit der
A._
AG folgende Bereiche umfass
t
(Prozess BV.2014.00052 E. 4.2.2)
:
-
Recycling Bauabfälle (Brechen und Sieben von mineralischem Bau
schutt) und belasteter Aushub im Recyclingwerk in
C._
-
Kies- und Betonwerk in
C._
-
Sammelstelle in Bassersdorf für nicht mineralische Stoffe wie Glas, Pa
pier, Karton, Elektroschrott etc.
-
Projektierungs- und Laboraufgaben
Das Gericht führte aus, e
s stehe
fest, dass die
A._
AG bei Gesamtbetrach
tung des Unternehmens nicht hauptsächlich in
der Recycling-Branche tätig sei. Unbestritten
–
im genannten Prozess
–
sei
sodann, dass ihre weiteren Tätigkeits
felder nicht unter den betrieblichen Ge
ltungsbereich des AVE GAV FAR fie
len.
3.2
.2
Das besagte Urteil des hiesigen Gerichts wurde
von beiden beteiligten Parteien
an
da
s Bundesgericht weitergezogen, w
elches
die Beschwerden mit Urteil vom
12. April 2018
abwies.
Das Bundesgericht erwog insbesondere, dass die
A._
AG ab dem 1. Januar 2013 nicht mehr dem GAV FAR unterstellt ist. Es führte sodann aus
, die Bestimmungen des GAV FAR begründe
te
n das Anschlussverhält
nis zwischen Arbeitgeber und der Stiftung.
Der Gesamtarbeitsvertrag
k
ö
nn
e
jedoch nicht als arbeitsrechtliche Grundlage vom Arbeitnehmer herangezogen werden
(Urteil
9C_67/2017
vom 12. April 2018 insbesondere E. 7.1 ff.
).
4.
4.1
4.1.1
Die
A._
AG ist
–
was vom Bundesgericht
verbindlich
festgehalten wurde
–
seit dem 1. Januar 2013 nicht mehr
dem GAV FAR unterstellt. Es besteht kein Anschlussverhältnis zwischen der
A._
AG und der Beklagten. Dementspre
chend
zählen die Zeiten der Anstellung auch nicht als solche bei einem Betrieb gemäss Geltungsbereich GAV FAR.
Der Kläger
war im Rahmen dieser Arbeitsver
hältnisse nicht bei der Beklagten versichert.
Selbst wenn der Kläger vor seinen Einsätzen bei der
A._
AG bei einem dem GAV FAR unterstellten Betrieb tätig gewesen ist, fehlt es an der Voraussetzung
gemäss
Art. 14 Abs. 1 lit. c GAV FAR
(
Urk. 9/1)
,
hat doch
der Kläger in den sieben Jahren vor dem Leistungsbezug nicht ununterbrochen in einem Betrieb gemäss Geltungsbereich GAV FAR eine beitragspflichtige Beschäftigung ausgeübt
.
Zudem
zeigt ein Blick in den Auszug aus dem individuellen Konto
(
Urk.
2/10)
, dass der Kläger auch vor den nun strittigen Anstellungen keineswegs ununter
brochen in einschlägigen Betrieben tätig war.
4.1.2
Dass die Arbeitsvermittlungs-Betriebe Lohnabzüge unter dem Titel «Flexibler Altersrücktritt», «FAR Bauhauptgewerbe» respektive «FAR» (
Urk.
2/1-4) vorge
nommen haben, ist für den Kläger sicher unglücklich. Dass er sich damit als ver
sichert wähnte, wird ind
es dadurch relativiert, als sich die Anstellungen über gut zwei Jahre erstreckten und eine Einsicht in die Unterlagen bei der Beklagten für Klärung gesorgt hätte. Aus dem offensichtlichen Fehler der Arbeitsvermittlungs-Betriebe lässt sich jedenfalls keine Leistungspflicht der Beklagten ableiten.
Auch soweit die Beklagte die Beiträge entgegengenommen hat, kann hieraus keine Leistungspflicht resultieren. Ein Kontrollmechanismus ist bei der Beklagten offensichtlich nur mit zeitlicher Verzögerung vorhanden und werden bei Perso
nalverleihern mit tausenden Einsätzen pro Jahr nicht sämtliche Einsätze auf die korrekte Abrechnung hin überprüft respektive erfolgen Kontrollen im Turnus von vier Jahren (
Urk.
8 S. 17). Hieraus auf eine Unterstellung zu schliessen trotz rechtskräftig verneinter Unterstellung, geht nicht an.
4.2
Bei identischen Voraussetzungen in Bezug auf die ununterbrochene Ausübung einer beitragspflichtigen Beschäftigung in einem Betrieb gemäss Geltungsbereich GAV FAR sieben Jahre vor dem Leistungsbezug
(
respektive Zulässigkeit einer Arbeitslosigkeit in dieser Zeit während höchstens zwei Jahren
) besteht auch für die
Gewährung
einer gekürzten Überbrückungsrente nach
Art.
14
Abs.
2 GAV FAR kein Raum.
4.
3
Vor diesem Hintergrund verfangen auch die Ausführungen zum Eventualantrag des Klägers nicht. Voraussetzung für die Gewährung eine
r
Überbrückungsrente unter dem Aspekt der unbilligen Härte ist gemäss
Art. 1
4
Abs.
3 GAV FAR
, dass
–
nebst einer Tätigkeit im Bauhauptgewerbe
–
der Antragsteller die Voraussetzun
gen gemäss GAV
und Reglement FAR
nur geringfügig nicht erfüllt. Da der Kläger jedoch in einem Betrieb tätig war, der nicht dem GAV FAR untersteht
und daher in den letzten sieben Jahren
(März 2012 bis Februar 2019 bei Leistungsbegehren per
1.
März 2019,
Urk.
1 S. 3)
von einer Unterbrechung von über
drei
Jahren auszugehen ist
(vgl. auch Auszug aus dem individuellen Konto,
Urk.
2/10)
,
ist
mit der Beklagten (vgl. Urk. 8 S. 7)
nicht von einer «geringfügigen» Nichterfüllung der Voraussetzung auszugehen.
4.
4
Zusammengefasst ist ein Anspruch des Klägers auf Leistungen der Beklagten zu verneinen, was zur Abweisung der Klage führt.
5.
Der Beklagten steht in ihrer Funktion als Trägerin der beruflichen Vorsorge trotz ihres Obsiegens keine Prozessentschädigung zu (BGE 128 V 124 E. 5b).