Decision ID: 973c856b-3e2d-4fd8-843a-21ec3f4e860f
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Y._
meldete am 1
4.
Juli 2020 (Eingangsdatum) seine Ehefrau
X._
, geboren 1941, unter Hinweis auf deren neurodegenerative Erkrankung bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zug zum Bezug einer
Hilf
losenentschädigung
der Eidgenössischen Alters- und
Hinterlassenenversicherung
(AHV) an (
Urk.
7/AK/1). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zug über
wies die Sache zuständigkeitshalber an die (bereits für die Auszahlung der Altersrente von
X._
zuständige) Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich. Mit Verfügung vom 1
6.
März 2021 sprach sie
X._
eine
Hilflosenentschädigung
mittleren Grades (in der Höhe von
Fr.
593.-- pro Monat) vom
1.
Juli
bis 3
0.
November 2019 und eine
Hilflosenentschädigung
schweren Grades (in der Höhe von
Fr.
948.-- resp.
Fr.
956.-- pro Monat)
ab
1.
Dezember 2019
zu. Gleichzeitig verneinte sie einen Anspruch von
X._
auf
eine
Hilflosenentschädigung
für die Zeit vom
1.
Februar 2019 bis 3
0.
Juni 2019 infolge verspäteter Anmeldung (
Urk.
7/AK/3+6=
Urk.
7/IV/11+16). Die gegen diese Verfügung erhobene Einsprache (
Urk.
7/AK/8) wies sie mit Ent
scheid vom 2
5.
August 2021 ab (
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob
X._
, vertreten durch ihren Ehemann
Y._
, mit Eingabe vom 2
1.
September 2021 Beschwerde mit diversen Anträgen. Im Wesentlichen beantragte sie die Zusprechung einer
Hilflosenentschädigung
leichten Grades ab
1.
Juli 2017, einer
Hilflosenentschädigung
mittleren Grades ab
1.
Februar 2018 und einer
Hilflosenentschädigung
schweren Grades ab 1
3.
September 2019 (
Urk.
1 S. 1 ff.,
insbs
. S. 7). Die Beschwerdegegnerin schloss in der Beschwerdeantwort vom
1.
November 2021 auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6), was der Beschwerdeführerin zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
8).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung
nach Art. 43
bis
des Bundesgesetzes über die Alters-und
Hinterlassenenversicherung
(AHVG)
haben Bezüger von Altersrenten oder Ergänzungsleistungen mit Wohnsitz und gewöhnlichem Auf
enthalt (Art. 13 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozial
versicherungsrechts, ATSG) in der Schweiz, die in schwerem, mittlerem oder leichtem G
rad hilflos (Art. 9 ATSG) sind.
Für die Bemessung der Hilflosigkeit sind die Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sinngemäss anwendbar (Art. 43
bis
Abs. 5 Satz 1 AHVG). Gestützt auf die ihm in Art. 43
bis
Abs. 5 Satz 3 AHVG eingeräumte Befugnis zum Erlass ergänzender Vorschriften erklärte der Bundesrat in Art. 66
bis
Abs. 1 der Verordnung über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung
(AHVV) für die Bemessung der Hilflosigkeit Art. 37 Abs. 1 und Abs. 2
lit
. a und b sowie Abs. 3
lit
. a–d der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) für sinn
gemäss anwendbar.
1.2
Als hilflos gilt eine Person, die wegen einer Beeinträchtigung der Gesundheit für alltägliche Lebensverrichtungen dauernd der Hilfe Dritter oder der persönlichen Überwachung bedarf (Art. 9 ATSG). Praxisgemäss (BGE 121 V 88 E. 3a mit Hin
weisen) sind die folgenden sechs alltäglichen Lebensverrichtungen massge
bend (BGE 127 V 94 E. 3c, 125 V 297 E. 4a):
-
Ankleiden, Auskleiden;
-
Aufstehen, Absitzen, Abliegen;
-
Essen;
-
Körperpflege;
-
Verrichtung der Notdurft;
-
Fortbewegung (im oder ausser Haus), Kontaktaufnahme.
1.3
Die Hilflosigkeit gilt als schwer, wenn die versicherte Person vollständig hilflos ist. Dies ist der Fall, wenn sie in allen alltäglichen Lebensverrichtungen regelmäs
sig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies der dau
ernden Pflege oder der persönlichen Überwachung bedarf (Art. 37 Abs. 1 IVV). Im Bereich der AHV gilt die Hilflosigkeit alsdann als mittelschwer, wenn die ver
sicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln in den meisten alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter ange
wiesen ist (
lit
. a) oder in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen re
gelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies einer dauernden persönlichen Überwachung bedarf (
lit
. b; Art. 37 Abs. 2 IVV). Als leicht wird die Hilflosigkeit eingestuft, wenn die versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist (Art. 37 Abs. 3
lit
. a IVV), einer dauernden persönlichen Überwachung bedarf (
lit
. b), einer durch das Gebrechen bedingten ständigen und besonders auf
wendigen Pflege bedarf (
lit
. c) oder wegen einer schweren Sinnesschädigung oder eines schweren körperlichen Gebrechens nur dank regelmässiger und erheblicher Dienstleistungen Dritter gesellschaftliche Kontakte pflegen kann (Art. 37 Abs. 3
lit
. d IVV). Die lebenspraktische Begleitung (vgl. Art 37 Abs. 2
lit
. c und Abs. 3
lit
. e IVV, Art. 38 IVV) findet in der AHV keine Berücksichtigung (vgl. Art. 66
bis
Abs. 1 AHVV; BGE 133 V 569).
1.4
Der Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung
entsteht am ersten Tag des Monats, in dem sämtliche Voraussetzungen erfüllt sind und die Hilflosigkeit schweren, mittleren oder leichten Grades ununterbrochen während mindestens eines Jahres bestanden hat. Er erlischt am Ende des Monats, in dem die Voraus
setzungen nach
Art.
43
bis
Abs.
1 AHVG nicht mehr gegeben sind (
Art.
43
bis
Abs.
2 AHVG).
Für die Revision der
Hilflosenentschädigung
sind gemäss
Art.
43
bis
Abs.
5 Satz 3 AHVG in Verbindung mit
Art.
66
bis
Abs.
2 AHVV die
Art.
87-88
bis
IVV sinn
gemäss anwendbar.
E
ine Zunahme der Hilflosigkeit oder Erhöhung des invaliditätsbedingten Betreuungsaufwandes oder Hilfebedarfs ist zu berück
sichtigen, sobald sie ohne wesentliche Unterbrechung drei Monate gedauert hat
(
Art.
88a
Abs.
1
Satz 1 IVV).
1.5
Nach Art. 46 AHVG richtet sich der Anspruch auf Nachzahlung nicht bezogener Renten und
Hilflosenentschädigungen
nach Art. 24 Abs. 1 ATSG (Abs. 1). Macht ein Versicherter den Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung
mehr als zwölf Monate nach dessen Entstehung geltend, so wird die Entschädigung in Abwei
chung von Artikel 24 Abs. 1 ATSG lediglich für die zwölf Monate ausge
richtet, die der Geltendmachung vorangehen. Weitergehende Nachzahlungen werden er
bracht, wenn der Versicherte den anspruchsbegründenden Sachverhalt nicht kennen konnte und die Anmeldung innert zwölf Monaten nach Kenntnisnahme vornimmt (Abs. 2).
1.6
Gemäss Art. 69 Abs. 2 IVV kann die IV-Stelle zur Prüfung eines Leistungsan
spruchs unter anderem Abklärungen an Ort und Stelle vornehmen (vgl. auch
Rz
8131 ff. KSIH). Nach der Rechtsprechung hat ein Abklärungsbericht unter dem Aspekt der Hilflosigkeit (Art. 9 ATSG) oder des Pflegebedarfs folgenden Anforde
rungen zu genügen: Als Berichterstatterin oder Berichterstatter wirkt eine quali
fizierte Person, welche Kenntnis der örtlichen und räumlichen Verhältnisse sowie der aus den seitens der Mediziner gestellten Diagnosen sich ergebenden Beein
trächtigungen und
Hilfsbedürftigkeiten
hat. Bei Unklarheiten über physische oder psychische Störungen und/oder deren Auswirkungen auf alltägliche Lebensver
richtungen sind Rückfragen an die medizinischen Fachpersonen nicht nur zuläs
sig, sondern notwendig. Weiter sind die Angaben der Hilfe leistenden Personen zu berücksichtigen, wobei divergierende Meinungen der Beteiligten im Bericht aufzuzeigen sind. Der Berichtstext schliesslich muss plausibel, begründet und detailliert bezüglich der einzelnen alltäglichen Lebensverrichtungen sowie der tat
bestandsmässigen Erfordernisse der dauernden Pflege und der persönlichen Über
wachung und der lebenspraktischen Begleitung sein. Schliesslich hat er in Über
einstimmung mit den an Ort und Stelle erhobenen Angaben zu stehen. Das Ge
richt greift, sofern der Bericht eine zuverlässige Entscheidungsgrundlage im eben umschriebenen Sinne darstellt, in das Ermessen der die Abklärung täti
genden Person nur ein, wenn klar feststellbare Fehleinschätzungen vorliegen. Das gebie
tet insbesondere der Umstand, dass die fachlich kompetente Abklärungs
person näher am konkreten Sachverhalt ist als das im Beschwerdefall zuständige Gericht (
BGE 133 V 450 E. 11.1.1, 130 V 61 E. 6.1 f.
). Diese Grundsätze gelten entspre
chend auch für die Abklärung der Hilflosigkeit unter dem Gesichtspunkt der le
benspraktischen Begleitung (BGE 133 V 450 E. 11.1.1; vgl. Urteil des Bundesge
richts 8C_464/2015 vom 14. September 2015 E. 4) sowie unter dem Aspekt des Intensivpflegezuschlags (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_573/2018 vom 8. Januar 2019 E. 3.2).
2.
2.1
Im angefochtenen Entscheid vom 2
5.
August 2021 (
Urk.
2) hielt die Beschwerde
gegnerin fest, am 2
4.
Februar 2021 habe eine Abklärung vor Ort stattgefunden. Dabei habe sich ergeben, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwerde
führerin seit Oktober 2016 verschlechtert habe. Ab Februar 2018 habe sie dann regelmässige Dritthilfe bei der Fortbewegung sowie bei der Pflege und einer dauernden persönlichen Überwachung benötigt. Ab September 2018 sei eine Hilfsbedürftigkeit in der Lebensverrichtung An- und Auskleiden dazugekommen. Seit September 2019 sei die Beschwerdeführerin auch in den Bereichen Auf
stehen/Absitzen/Abliegen, Essen, Körperpflege und Verrichtung der Notdurft hilfsbedürftig (S. 4).
Hilflosenentschädigungen
könnten gemäss
Art.
46
Abs.
2
AHVG lediglich für die der Anmeldung vorangehenden zwölf Monate gewährt werden. Da die Anmeldung zum Bezug von
Hilflosenentschädigung
am 1
3.
Juli 2020 und damit verspätet erfolgt sei, bestehe der Anspruch auf
Hilflosen
entschädigung
erst ab
1.
Juli 201
9.
Ab diesem Datum sei eine
Hilflosen
entschädigung
mittleren Grades ausgewiesen. Der Anspruch auf
Hilflosenent
schädigung
schweren Grades bestehe unter Berücksichtigung der Karenzfrist von drei Monaten gemäss
Art.
66
bis
Abs.
2 AHVG
i.V.m
.
Art.
88a IVV ab
1.
Dezember 2020 (S. 6 ff.).
2.2
Die Beschwerdeführerin bringt in der Beschwerde (
Urk.
1) im Wesentlichen vor,
Art.
46 AHVG und
Art.
88a IVV seien vom Gericht als kraftlos zu erklären. Zudem sei die gesetzliche Definition der Hilflosigkeit, wie sie in
Art.
9 ATSG umschrieben werde, umzuformulieren (S. 3, S. 9 u. S. 19). Ab
1.
Juli 2017 habe bei ihr eine leichte, ab
1.
Dezember 2018 eine mittlere und ab 1
3.
September 2019 eine schwere Hilflos
igkeit vorgelegen. Das Gesetz s
ehe eine Karenzfrist von einem Jahr vor. Allerdings sei sie am
1.
Juli 2018 demenzbedingt gar nicht mehr fähig gewesen, eine (rechtzeitige) Anmeldung vorzunehmen. Aus diesem Grund liege ein Ausnahmetatbestand im Sinne von
Art.
46
Abs.
2 AHVG vor, der die Nach
zahlung der
Hilflosenentschädigung
über die zwölf Monate hinaus seit Geltend
machung des Anspruchs vorsehe (S.
4.
u. S. 7). Insbesondere betonte die Beschwerdeführerin in der Beschwerde, dass die Ärzte sie nie über die Möglichkeit der Geltendmachung eines Anspruchs auf
Hilflosenentschädigung
aufgeklärt hätten, obschon sie
dazu verpflichtet seien (S. 11 ff.).
3.
3.1
Zunächst ist auf die Einwände hinsichtlich der anzuwenden Normen einzugehen (E. 3.2). Danach ist der Beginn sowie der Schweregrad der Hilflosigkeit (E. 4) und schliesslich der Nachzahlungsanspruch zu prüfen (E. 5).
3.
2
Gemäss
Art.
190 der Bundesverfassung sind die Bundesgesetze für das Bundes
gericht und die anderen rechtsanwendenden Behörden massgebend. Da die Gerichte - als Ausfluss der Gewaltenteilung - an die Bundesgesetze gebunden sind, steht eine Kraftloserklärung von
Art.
46 AHVG oder eine Umformulierung von
Art.
9 ATSG durch das Sozialversicherungsgericht ausser Frage. Anders als Bundesgesetze können Verordnungen grundsätzlich daraufhin überprüft werden, ob sie gesetzes- oder verfassungskonform sind.
In
Art.
43
bis
Abs.
5 AHVG wird der Bundesrat ermächtigt, ergänzende Vorschriften zu erlassen. Dieser weit gefassten Kompetenz kam er unter anderem in
Art.
66
bis
AHVV nach, wobei
Abs.
2 dieser Bestimmung für die Revision der
Hilflosenentschädigung
die
Art.
87
bis 88
bis
IVV für sinngemäss anwendbar erklärt. Dieser Verweis ist durch die Delegationsnorm gedeckt und erweist sich als sinn- und zweckmässig, weil auch der Gesetzgeber in
Art.
43
bis
Abs.
2 hinsichtlich Entstehung des Anspruches die invalidenversicherungsrechtlich anwendbare Wartezeit übernimmt. Die bundes
rechtliche Verordnungsbestimmung erweist sich damit als verfassungskonform. Ausserdem hat das Bundesgericht in
BGE 105 V 262 sowie BGE 104 V 146 erkannt, dass
Art.
88a IVV sich im Rahmen der gesetzlichen Ordnung hält und geeignet ist, eine rechtsgleiche und den jeweiligen tatsächlichen Verhältnissen entsprechende Festsetzung der Renten zu gewährleisten.
Letzteres hat auch in Bezug auf die Festsetzung von
Hilflosenentschädigungen
Gültigkeit.
Damit ist
Art.
88a IVV
sinngemäss
anzuwenden.
4
4.1
Basis für die Zusprechung der
Hilflosenentschädigung
bildet der Abklärungs
bericht vom 2
4.
Februar 202
1.
Darin wird ausgeführt, dass sich der Gesundheits
zustand der Beschwerdeführer
in
ab Oktober 2016 verschlechtert habe. Ab Februar 2018 habe sie regelmässiger Dritthilfe bei der Fortbewegung im Freien, bei der Körperpflege sowie einer dauernden persönlichen Überwachung benötigt. Ab September 2018 sei eine Hilfsbedürftigkeit in der Lebensverrichtung An- und Auskleiden dazugekommen. Seit September 2019 sei die Beschwerdeführerin auch in den Bereichen Aufs
tehen/Absitzen/Abliegen, Essen
und Verrichtung der Notdurft hilfsbedürftig. Verfasst wurde der Bericht von der Abklärungsperson gestützt auf ihre eigenen Beobachtungen sowie den Angaben des die Beschwerdeführerin betreuenden Ehemannes
Y._
. Insbesondere bei der Schilderung des Krankheitsverlaufs wurde auf seine Angaben abgestellt (
Urk.
7/IV/10).
4.2
Der Abklärungsbericht vom 2
4.
Februar 2021 genügt den rechtsprechungs
gemässen Beweisanforderungen (vgl. dazu E. 1.6 hiervor). Darauf kann abgestellt werden. Die Beschwerdeführerin moniert den Abklärungsbericht denn auch nicht konkret, sondern kommt gestützt auf eine eigene Beurteilung zum Schluss, dass
ab
1.
Juli 2017 eine leichte, ab
1.
Februar 2018 eine mittlere und ab 1
3.
September 2019 eine schwere Hilflosigkeit best
anden habe
(
Urk.
1 S. 7 f.). Bei ihrer Beurteilung nimmt sie indessen nicht auf die einschlägigen Kriterien, also auf die sechs alltäglichen Lebensvorrichten Ankleiden/Auskleiden, Auf
stehen/Absitzen/Abliegen, Essen, Körperpflege, Verrichtung der Notdurft, Fort
bewegung
Bezug
(vgl. E. 1.2 hiervor)
. Der
im
Schreiben von
Y._
vom
2.
Juli 2020 (
Urk.
1 S. 7,
Urk.
3/33=
Urk.
7/IV/3)
dargelegte Krankheitsverlauf steht
jedoch nicht in Widerspruch zum Abklärungsbericht. So vermag etwa der Umstand, dass die Beschwerdeführerin ab Oktober 2016 nicht mehr fähig war, ihr Elektrovelo zu benutzen, Auto zu fahren und selbständig grössere Einkaufslisten zu erstellen (wobei zum damaligen Zeitpunkt kleinere Einkäufe noch eigenständig möglich waren), kein Anspruch auf
Hilflosentschädigung
zu begründen.
4.3
Es ist somit festzuhalten, dass gestützt auf den Abklärungsbericht ab Februar 2018 von einer mittleren und ab September 2019 von einer schweren Hilflosigkeit auszugehen ist. Damit bestünde grundsätzlich per
1.
Februar 2019 (also nach Ab
lauf des Wartejahres) ein Anspruch auf
Hilflosenentschädigung
mittleren
Grades und ab
1.
Dezember 2019 (in Anwendung von
Art.
66
bis
Abs.
2 AHVV
i.V.m
.
Art.
88a
Abs.
2 IVV) Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung
schweren Grades.
5.
5.1
Di
e Anmeldung zum Bezug einer
Hilf
l
osenentschädigung
erfolgte am 1
4.
Juli 2020 (Eingangsdatum;
Urk.
7/AK/1). Gestützt auf
Art.
46
Abs.
1 AHVG richtete die Beschwerdegegnerin die
Hilflosentschädigung
für die der Geltendmachung des Anspruchs vorangehenden zwölf Monate, also ab
1.
Juli 2019, aus (
Urk.
7/AK/3+6=
Urk.
7/IV/11+16,
Urk.
2). Die Voraussetzungen für die An
wendung von
Art.
46
Abs.
2 AHVG, wonach weitergehende Nachzahlungen er
bracht werden, wenn die versicherte Person den anspruchsbegründenden Sach
verhalt nicht kennen konnte und die Anmeldung innert zwölf Monaten nach Kenntnisnahme vornimmt (vgl. E. 1.5), verneinte sie. Dieser Auffassung kann, wie sich aus den nachfolgenden Erwägungen ergibt, nicht gefolgt werden.
5.2
Nach der Rechtsprechung ist unter dem anspruchsbegründenden Sachverhalt der körperliche, geistige oder psychische Gesundheitsschaden zu verstehen, der eine voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde Hilfs- oder Überwachungs
bedürftigkeit bei alltäglichen Lebensverrichtungen zur Folge hat. Mit der Kennt
nis des anspruchsbegründenden Sachverhalts ist nicht das subjektive Einsichts
vermögen der versicherten Person gemeint, sondern es geht nach dem Wortlaut von
Art.
46
Abs.
2 zweiter Satz AHVG vielmehr darum, ob der anspruchs
begründende Sachverhalt objektiv feststellbar ist oder nicht (vgl. BGE 114 V 134). Dass ein objektiv gegebener anspruchsbegründender Sachverhalt nicht erkennbar gewesen ist oder dass die versicherte Person trotz entsprechender Kenntnis krank
heitsbedingt daran gehindert wurde, sich anzumelden oder jemanden mit der An
meldung zu betrauen, wird von der Rechtsprechung nur sehr zurückhaltend an
genommen, namentlich bei Schizophrenie, bei einer schweren narzisstischen, depressiven Persönlichkeitsstörung im Sinne eines
Borderlinezustandes
an der
Grenze zur schizophrenen Psychose, bei einer schweren Persönlichkeitsstörung, bei Urteilsunfähigkeit zufolge einer (nicht näher bezeichneten) schweren psychischen Erkrankung; allenfalls auch in Fällen von schwerer Depression oder Persönlichkeitsstörungen mit sekundärem chronischem Alkoholismus (BGE 139 V 289 E. 4.2 mit Hinweisen).
Für die Nachzahlung hinsichtlich eines Zeitraumes, welcher über die der An
meldung vorangehenden zwölf Monate zurückreicht, ist die Kenntnis des anspruchsbegründenden Sachverhalts von Seiten der versicherten Person oder ihres gesetzlichen Vertreters massgebend. Einem Nachzahlungsanspruch für mehr als zwölf Monate vor der Anmeldung steht der Umstand nicht entgegen, dass die in
Art.
66 IVV und 67 AHVV genannten, zur Geltendmachung des Anspruchs befugten Drittpersonen den leistungsbegründenden Sachverhalt allenfalls bereits in einem früheren Zeitpunkt gekannt haben (BGE 139 V 289 E. 6.1).
5.3
Im September 2016, als sie noch urteilsfähig war (vgl.
Urk.
3/3=
Urk.
7/AK/11), stellte die Beschwerdeführerin in Anbetracht der diagnostizierten neuro
degenerativen Erkrankung ihrem Ehemann
Y._
eine General
vollmacht aus (
Urk.
7/AK/2). Ein Beistand wurde ihr nicht bestellt, insbesondere nicht in der Person ihres Ehemannes (vgl. auch
Urk.
7/AK/1). Es spielt daher für den geltend gemachten Nachzahlungsanspruch keine Rolle, dass
Y._
den Gesundheitszustand, welcher schliesslich zur schweren Hi
lflosigkeit geführt hat
, zweifellos kannte und seine Ehefrau bereits früher hätte anmelden können, dies jedoch aus Rechtsunkenntnis unterliess.
5.4
Damit die Anmeldung zum Bezug der Hilflosigkeit rechtzeitig erfolgt wäre, hätte sie spätestens im Februar 2019 (also bei Ablauf des Wartejahres) erfol
gen müssen. Massgebend ist
, wie lange die Beschwerdeführerin selber den anspruchs
begründenden Sachverhalt trotz ihrer kognitiven Defizite (noch) erkennen konnte. Gestützt auf die Akten ist davon auszugehen, dass spätestens ab Mai 2018 und somit auch im Februar 2019 die notwendige Urteilsfähigkeit nicht mehr vorlag. Die Beschwerdeführerin beabsichtigte im Mai 2018 an einer klinischen Studie zu einer Demenztherapie teilzunehmen. Gemäss
Art.
7 und 16 des Human
forschungsgesetzes (HFG) darf eine Forschung am Menschen nur durchgeführt werden, wenn die betroffene Person nach hinreichender Aufklärung eingewilligt hat. Ein sog. «
informed
consent
» und damit das Recht der Patientin und des Patienten auf Selbstbestimmung setzt voraus, dass die betroffene Person ein
willigungsfähig ist. Dabei werden folgende Kriterien aufgelistet: a) die Fähigkeit, Information in Bezug auf die zu fällende Entscheidung zu verstehen, b) die Fähigkeit, die Situation und die Konsequenzen, die sich aus alternativen Möglichkeiten ergeben, richtig abzuwägen, c) die Fähigkeit, die erhaltene
Information im Kontext eines kohärenten Wertesystems rational zu gewichten und d) die Fähigkeit, die eigene Wahl zu äussern. Im Falle der Beschwerdeführerin ergaben die Abklärungen, dass die Demenz schon so weit fortgeschritten war, dass die Einwilligun
gsfähigkeit als nicht gegeben erachtet werden musste
(
Urk.
3/9=
Urk.
7/AK/17).
5.5
Aus der fehlenden
Einwilligungsfähigkeit für die Teilnahme an der klinischen Studie im
Mai 2018 ist zu schliessen
, dass die Beschwerdeführerin krankhe
its
bedingt daran gehindert war
, sich rechtzeitig für eine
Hilflosenentschädigung
an
zumelden oder jemanden mit der Anmeldung zu betreuen. Der Tatbestand von
Art.
46
Abs.
2 AHVG ist somit gegeben. Die Beschwerdeführer
in
hat damit ab
1.
Februar 2019 Anspruch auf
Hilflosenentschädigung
mittleren
Grades und ab
1.
Dezember 2019 Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung
schweren Grades. Bei diesem Ausgang ist das von der Beschwerdeführerin behauptete Fehlverhalten der Ärzte nicht von Belang. Ob eine relevante Verletzung der Aufklärungspflicht von Seiten der
Medizinalpersonen
im Falle der Beschwerdeführerin vorliegt (vgl. auch
Art.
40 des Bundesgesetzes über die universitären
Medizinalberufe
,
MedBG
), wäre indes nicht im vorliegenden Prozess zu prüfen, da ein allfälliges ärztliches Fehlverhalten nicht der Beschwerdegegnerin anzulasten wäre.
Das Gericht
erkennt
:
1.
In teilweiser Gutheissung der Beschwerde wird der angefochtene
Einspracheentscheid
der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse, vom 2
5.
August 2021 insofern abgeändert, als festgestellt wird, dass die Beschwerdeführerin ab
1.
Februar 2019 Anspruch auf
Hilflosenentschädigung
mittleren
Grades und ab
1.
Dezember 2019 Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung
schweren Grades hat. Im Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen.
2.
Das Verfahren ist kostenlos.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Y._
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
4.