Decision ID: d9c1be5a-20fa-48a8-bf22-122c22ade77a
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend mehrfache Vergewaltigung etc.
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Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur vom 2. Juni 2017 (DG170034)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur / Unterland vom 24. April
2017 (Urk. 22) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
− der mehrfachen Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB;
− der versuchten sexuellen Nötigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB
in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB sowie
− der mehrfachen sexuellen Belästigung im Sinne von Art. 198 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer unbedingten Freiheitsstrafe von
4 Jahren, wovon 128 Tage durch Untersuchungs- und Sicherheitshaft er-
standen sind (gerechnet bis und mit 2. Juni 2017) und mit einer Busse von
Fr. 500.–.
3. Die Busse ist zu bezahlen. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft
nicht, so tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 5 Tagen.
4. Der Beschuldigte wird im Sinne von Art. 66a Abs. 1 lit. o StGB für 8 Jahre
des Landes (Hoheitsgebiet der Schweiz) verwiesen.
5. a) Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin B._
Schadenersatz in der Höhe von Fr. 2’800.– zuzüglich 5 % Zins ab
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1. Juni 2017 zu bezahlen (Ersatz des Erwerbsschadens vom 1. Januar
2017 bis Ende April 2017).
b) Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatkläge-
rin B._ für deliktskausale Kosten aus Therapien und ärztlichen
Behandlungen dem Grundsatz nach schadenersatzpflichtig ist. Zur ge-
nauen Feststellung des Umfanges des Schadenersatzanspruches wird
die Privatklägerin B._ auf den Zivilweg verwiesen.
c) Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin B._ eine
Entschädigung gestützt auf Art. 5 Abs. 3 und 4 Gleichstellungsgesetz
(GlG) in der Höhe von Fr. 30'300.– zuzüglich 5 % Zins ab 1. Juni 2017
zu bezahlen.
d) Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin B._ eine Ge-
nugtuung in der Höhe von Fr. 15’000.– zuzüglich 5 % Zins ab
28. Oktober 2016 zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das Genugtuungs-
begehren der Privatklägerin abgewiesen.
6. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 7'200.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 4'000.00 Gebühr Vorverfahren
Fr. 25'908.45 Kosten amtliche Verteidigung (inkl. Barauslagen und MWSt.) Fr. 7'734.20 Kosten unentgeltliche Vertretung Privatklägerin
Fr. 44'842.65 Total
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
7. Die Kosten des Vorverfahrens und des gerichtlichen Verfahrens, ein-
schliesslich derjenigen der amtlichen Verteidigung durch Rechtsanwalt
lic. iur. X1._ sowie derjenigen der unentgeltlichen Vertretung der Privat-
klägerin, werden dem Beschuldigten auferlegt. Die Kosten der amtlichen
Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft wer-
den indessen einstweilen auf die Gerichtskasse genommen. Art. 135 Abs. 4
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StPO und Art. 138 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 426 Abs. 4 StPO bleiben
vorbehalten.
Berufungsanträge:
a) Der amtlichen Verteidigung:
(Urk. 91 S. 1)
1. Vollständiger Freispruch von sämtlichen Vorwürfen;
2. Absehen von einem Landesverweis;
3. Zusprechen einer Genugtuung von mindestens CHF 35'200.00;
4. Nichteintreten auf die Zivilforderungen der Geschädigten;
5. Kostenfolge zu Lasten der Staatskasse.
Eventualiter:
1. Schuldspruch wegen eventualvorsätzlicher mehrfacher Vergewaltigung
im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB sowie der versuchten sexuellen Nö-
tigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB i.V. mit Art. 22 Abs. 1 StGB;
2. Belegen mit einer bedingten Freiheitsstrafe von höchstens 24 Monaten
resp. einer teilbedingten Freiheitsstrafe von höchstens 36 Monaten,
wovon maximal 12 Monate vollziehbar sind;
3. Absehen von einem Landesverweis;
4. Zusprechen von Schadenersatz und einer angemessenen Genugtuung
an die Privatklägerin.
b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland:
(Urk. 79, schriftlich)
1. Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
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2. Verzicht auf Beweisanträge
3. Gesuch um Dispensation von der Teilnahme an der Berufungsverhand-
lung
c) Der unentgeltlichen Rechtsvertretung der Privatklägerin:
(Urk. 92 S. 1)
1. Die Berufung sei abzuweisen und das Urteil der Vorinstanz sei vollum-
fänglich zu bestätigen.
2. Die Kosten des Berufungsverfahrens, inklusive diejenigen der unent-
geltlichen Geschädigtenvertreterin seien dem Beschuldigten aufzuerle-
gen, wobei die Kosten der Geschädigtenvertreterin vorab aus der Ge-
richtskasse zu erstatten seien.
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Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Gegen das eingangs im Dispositiv wiedergegebene, mündlich eröffnete
Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur vom 2. Juni 2017 liess der Beschuldigte mit
Eingabe der amtlichen Verteidigung vom 23. Juli 2017 rechtzeitig Berufung an-
melden (Urk. 66; Prot. I S. 92 ff.; Urk. 93/2; Art. 399 Abs. 1 StPO). Nach Erhalt
des begründeten Urteils am 12. September 2017 reichte die amtliche Verteidi-
gung am 26. September 2017 (Datum des Poststempels) fristgerecht die Beru-
fungserklärung im Sinne von Art. 399 Abs. 3 StPO ein und beantragte einen voll-
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umfänglichen Freispruch (Urk. 75; Urk. 71/2). Mit Präsidialverfügung vom 24. Ok-
tober 2017 wurde die Berufungserklärung des Beschuldigten der Privatklägerin
und der Staatsanwaltschaft zugestellt und Frist für Anschlussberufung oder einen
Nichteintretensantrag angesetzt. Der Privatklägerin wurde zudem Frist angesetzt,
um zu erklären, ob sie beantrage, dass dem urteilenden Gericht eine Person glei-
chen Geschlechts angehöre und sie gegebenenfalls durch diese einvernommen
werden wolle, wobei bei Stillschweigen die Auswahl der Mitglieder des Gerichtes
ins Ermessen der Verfahrensleitung gestellt würde (Urk. 77). Mit Eingabe vom
1. November 2017 (Datum des Poststempels) beantragte die Staatsanwaltschaft
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils, erklärte ihren Verzicht auf Beweisanträ-
ge und stellte ein Gesuch um Dispensation von der Teilnahme an der Berufungs-
verhandlung, welches am 26. April 2018 im Einverständnis der Parteien bewilligt
wurde (Urk. 79; Urk. 83). Die Privatklägerin liess sich nicht vernehmen. Beweisan-
träge wurden von keiner Partei gestellt.
2. Mit Eingabe vom 15. Februar 2018 bat die amtliche Verteidigung darum,
mit der Detailvorbereitung des Falles noch zuzuwarten, da der Beschuldigte seine
Aussagen revidieren wolle. Offenbar sei "eine Anerkennung eines wesentlichen
Teils der Aussagen der Privatklägerin zu erwarten" (Urk. 82). Am 2. Mai 2018
wurden die Parteien zur Berufungsverhandlung auf den 16. Oktober 2018 vorge-
laden (Urk. 84). Mit Eingabe vom 13. Juni 2018 reichte die amtliche Verteidigung
ein übersetztes Schreiben des Beschuldigten ein, in welchem dieser im Wesentli-
chen inhaltlich eingestehe, dass die Privatklägerin die sexuellen Handlungen nicht
gewollt habe. Er sei damals aber zu sehr von sich und seiner Verführungskunst
überzeugt gewesen, um die Situation richtig einschätzen zu können. Für die Beru-
fungsverhandlung wünsche er einen Kurdisch- anstelle eines Arabisch-Überset-
zers, da erstere seine Muttersprache sei (Urk. 85/1+2). Mit Eingabe vom 21. Sep-
tember 2018 liess er ein Verschiebungsgesuch stellen, da er in der betreffenden
Herbstferienwoche mit seinen Kindern einige Tage verreisen wolle. Das Gesuch
wurde abgelehnt. Ausserdem liess der Beschuldigte mitteilen, dass die erbetene
Verteidigung nicht an der Berufungsverhandlung teilnehmen werde (Urk. 86).
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Anlässlich der Berufungsverhandlung liess er die eingangs aufgeführten An-
träge stellen (Prot. II S. 4 f.; Urk. 91 S. 1).
II. Prozessuales
1. Gemäss Art. 402 StPO in Verbindung mit Art. 437 StPO wird die Rechts-
kraft des angefochtenen Urteils im Umfang der Anfechtung gehemmt. Nachdem
der Beschuldigte mit seiner Berufungserklärung das gesamte Urteil anfechten
liess (Urk. 75), ist keine der vorinstanzlichen Anordnungen in Rechtskraft erwach-
sen.
2. Beim Tatbestand der sexuellen Belästigungen im Sinne von Art. 198
StGB liegt ein formgültiger und fristgerechter Strafantrag der Privatklägerin vom
20. Dezember 2016 vor (Art. 30 f. StGB; Urk. 5).
III. Sachverhalt
1. Dem Beschuldigten wird zusammengefasst vorgeworfen (Urk. 22 S. 2 ff.),
er habe in seinem Coiffeursalon C._ an der D._-Strasse ... in E._
die damals gut 20-jährige Privatklägerin, seine damalige Lehrtochter, gegen deren
ihm gegenüber geäusserten Willen ab September 2016 täglich mehrfach während
der Arbeitszeit mit der Hand am Po gestreichelt, ihr Klapse auf den Po gegeben
oder ihr mit der Hand zwischen die Beine gegriffen und ihren Intimbereich berührt.
Im Oktober 2016 habe er sie an drei Donnerstagen, jeweils während der Arbeits-
zeit, im Keller des Coiffeursalons unter schamloser Ausnützung ihrer jungen unsi-
cheren Persönlichkeit und ihrer Stellung als Lernende und obwohl sie jeweils
mehrfach unzweideutig "Nein" gesagt habe, dass sie dies nicht wolle, sowie trotz
ihres vergeblich versuchten körperlichen Widerstandes unter Ausnützung seiner
körperlichen Überlegenheit vergewaltigt, indem er ihr die Hose heruntergezogen
und sich jeweils auf sie gelegt habe und ungeschützt von hinten vaginal in sie
eingedrungen sei, wobei er nach einigen Minuten jeweils auf ihren Po bzw. Rü-
cken ejakuliert habe. Anlässlich der ersten Tat habe er auch ein Mal versucht,
anal in sie einzudringen. Dabei habe er jeweils gewusst und zumindest in Kauf
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genommen, dass sie keine dieser sexuellen Handlungen gewollt habe. Ebenso
habe er gewusst und schamlos ausgenutzt, dass er als ihr Chef ihren Widerstand
leichter überwinden könne.
2. Der Beschuldigte hat die ihm vorgeworfenen Tathandlungen gegen den
Willen der Privatklägerin im Vorverfahren und vor Vorinstanz stets bestritten und
im Wesentlichen geltend gemacht, es sei gar nicht möglich gewesen, die Privat-
klägerin vor den Kunden und anderen Mitarbeitern mehrfach sexuell zu belästi-
gen. Er anerkannte dagegen, im Keller seines Coiffeursalons drei Mal Ge-
schlechtsverkehr mit der Privatklägerin gehabt zu haben, machte aber geltend,
dieser sei stets einvernehmlich gewesen. Auch der versuchte Analverkehr sei
einvernehmlich gewesen. Sie hätten sich jeweils auch gegenseitig oral befriedigt.
Die Privatklägerin lüge. Sie habe es genossen und Freude gezeigt (Urk. 7/1 S. 2,
S. 9 ff., S. 18, S. 23 ff.; Urk. 7/2 S. 2 ff.; Urk. 7/5 S. 2 ff., insbes. S. 5 ff. und
S. 13 ff.; Prot. I S. 49 ff., insbes. S. 55 ff.). Diese Ausführungen wurden allerdings
durch die eigenen Aussagen des Beschuldigten anlässlich der Berufungsverhand-
lung widerlegt (vgl. nachfolgend, Erw. III.2.2.).
2.1. Nach dem Erheben der Berufung gegen die vollumfängliche vorinstanz-
liche Verurteilung liess der Beschuldigte mit Schreiben der amtlichen Verteidigung
vom 15. Februar 2018 mitteilen, dass er seine Aussagen revidieren wolle. Es sei
eine Anerkennung eines wesentlichen Teils der Aussagen der Privatklägerin zu
erwarten (Urk. 82). Mit Eingabe vom 13. Juni 2018 reichte die amtliche Verteidi-
gung einen an das Obergericht gerichteten übersetzten Brief des Beschuldigten
vom 6. Juni 2018 ein (Urk. 85/1 S. 1; Urk. 85/2), in welchem dieser im Wesentli-
chen inhaltlich eingestehe, dass er "bei den Vorfällen vom Oktober 2016" hätte
merken müssen, dass die Privatklägerin die sexuellen Handlungen nicht gewollt
habe. Er sei damals aber zu sehr von sich und seiner Verführungskunst über-
zeugt gewesen, um die effektive Situation richtig einschätzen zu können. Er sei
davon ausgegangen, dass die Privatklägerin die sexuellen Handlungen ebenfalls
gewollt habe, ohne ihr effektives Befinden richtig zu interpretieren. Nach wie vor
bestreite der Beschuldigte aber, die Privatklägerin vorsätzlich vergewaltigt zu ha-
ben (Urk. 85/1 S. 1).
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2.2. Anlässlich der Berufungsverhandlung führte der Beschuldigte im We-
sentlichen aus, dass er eine falsche Wahrnehmung gehabt habe. Er habe ge-
dacht, dass er die Privatklägerin als Mann überreden und erobern könne und sie
gemeinsam eine schöne Zeit verbringen könnten. Er sei wirklich verliebt gewesen
und habe starke Gefühle für sie gehabt. Er sei der Überzeugung gewesen, dass
sie alles freiwillig mache. Er habe ihre Reaktion nicht als Abwehr erkannt. Er
komme aus einer anderen Kultur und habe gedacht, ihre Reaktion sei ein Zeichen
von Schüchternheit und Hemmungen. Er habe aber keine Gewalt angewendet
und sie habe sich auch nicht gross gewehrt. Er habe ihre Abwehr falsch interpre-
tiert. Heute sehe er aber ein, dass er es hätte merken müssen. Sie habe aber
nicht gesagt, dass sie nicht wolle. Sie habe nicht geweint, und sie habe auch nicht
gesagt, dass sie einen Freund habe. Das gegenseitige Berühren habe es schon
gegeben. Er habe zu keinem Zeitpunkt gemerkt, dass sie nicht wolle (Prot. II
S. 14 ff.).
2.3. Die Verteidigung machte zudem geltend, die Vorinstanz habe es sich,
was die angeblich mehrfachen sexuellen Belästigungen anbelange, welche vom
Beschuldigten auch heute bestritten worden seien, äusserst einfach gemacht. Sie
habe den Beschuldigten einfach schuldig gesprochen, ohne den bestrittenen
Sachverhalt auch nur mit einem Wort erstellt zu haben. Er habe bereits in seinem
Plädoyer vor Vorinstanz aufgezeigt, was es mit den angeblichen Klapsen auf den
Po und den unsittlichen Berührungen auf sich habe und wieso dies nicht stimmen
könne. Wenn dem Beschuldigten ein Sachverhalt nicht rechtsgenügend nachge-
wiesen werden könne, müsse es diesbezüglich zwingend zu einem Freispruch
kommen (Urk. 91 S. 5 f.).
2.4. Der bestritten gebliebene Teil des Anklagesachverhaltes, insbesondere
dass es mehrfach zu sexuellen Belästigungen gekommen ist, und die anklagege-
genständlichen sexuellen Handlungen jeweils gegen den Willen der Privatklägerin
und unter Ausnützung seiner körperlichen Überlegenheit und des ihr gegenüber
bestehenden arbeitsrechtlichen Subordinationsverhältnisses erfolgt sind, ist daher
aufgrund der Untersuchungsakten und der vor Gericht vorgebrachten Argumente
nach den allgemeingültigen Beweisregeln zu prüfen.
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3. Die Grundsätze der richterlichen Beweis- und Aussagenwürdigung wur-
den im angefochtenen Urteil zutreffend wiedergegeben. Es kann darauf verwie-
sen werden (Urk. 74 S. 8 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
3.1. Als Personalbeweismittel liegen die Aussagen
- des Beschuldigten (Urk. 7/1; Urk. 7/2; Urk. 7/5; Prot. I S. 49 ff.; Prot. II S. 14 ff.),
- der Privatklägerin (Urk. 8/1; Urk. 8/2, inkl. Videoaufzeichnung; Prot. I S. 15 ff.) und
- der Zeuginnen F._, G._, und H._ (Urk. 9/1; Urk. 9/2; Urk. 9/4),
und als Sachbeweismittel, resp. Indizien
- eine Fotodokumentation der Kantonspolizei Zürich vom 27. Februar 2017 über den Tatort (Urk. 4/1), Fotos der Privatklägerin vom 28. Januar 2017 (Urk. 4/2) und von der Kantonspolizei Zürich hergestellte Ausdrucke des am 20. Oktober 2016 veröffentlichten Youtube-Videoclips des Beschuldigten mit der Privatklägerin (Urk. 4/3)
- ein Auszug aus der WhatsApp-Kommunikation inkl. Fotos zwischen der  und der Zeugin F._ im Zeitraum 9. September 2016 bis 11. Januar 2017 (Urk. 10) sowie
- der Lehrvertrag der Privatklägerin vom 14. September 2016 und das  mit Datum 15. November 2016 (Urk. 11 = Urk. 56/3; Urk. 56/1),
vor. Da die Privatklägerin die Strafanzeige vom 19. Dezember 2016 erst gegen
zwei Monate nach den anklagegegenständlichen Vergewaltigungen erstattete
(Urk. 1 S. 2), sind keine ärztlichen Untersuchungen und Befunde über ihren kör-
perlichen Zustand oder jenen des Beschuldigten unmittelbar nach den sexuellen
Handlungen vorhanden.
3.2. Die generelle Glaubwürdigkeit des Beschuldigten (Urk. 74 S. 11,
Ziff. 6.1.1. f.) und der Privatklägerin (Urk. 74 S. 19, Ziff. 6.2.1. f.) wurde durch die
Vorderrichter zutreffend gewürdigt; es kann vollumfänglich darauf verwiesen wer-
den (Art. 82 Abs. 4 StPO).
3.2.1. So wurde im vorinstanzlichen Urteil im Zusammenhang mit der einge-
schränkten Glaubwürdigkeit des Beschuldigten das Augenmerk zurecht auf die
besondere Auffälligkeit in seinen Aussagen gelegt, wonach er von Anfang an
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sichtlich bemüht war, die Privatklägerin grundlegend schlechtzumachen (Urk. 74
S. 12 f.). Ohne die Vorwürfe im Einzelnen zu kennen, beschrieb er die Privatklä-
gerin in seiner ersten Befragung als böse. Sie habe wenig gelacht, sei kein fröhli-
cher und sozialer Mensch, sondern asozial und bösartig, wütend, total verschlos-
sen und unhöflich. Sie hasse die Menschheit. Sie habe sich nicht an Termine ge-
halten und sei inkompetent gewesen. Es vermag daher in keiner Weise einzu-
leuchten, weshalb der Beschuldigte ausgerechnet eine angeblich so schlechte
Person als Protagonistin eines Musikvideo-clips auswählte, welches er anschlies-
send als YouTube-Video öffentlich zugänglich machte und ausgerechnet mit einer
solchen Person dreimal einvernehmlichen Geschlechtsverkehr respektive sich,
wie von ihm anlässlich der Berufungsverhandlung im Widerspruch zu seinen
früheren Aussagen (Urk. 7/2 S. 3 Frage 12) geltend gemacht, in eine solche Per-
son verliebt und starke Gefühle für sie gehabt haben will. Sein offenkundiges Be-
streben, die Privatklägerin zu diskreditieren, gipfelte vor Vorinstanz in seiner
durch keinerlei Anhaltspunkte objektivierbaren Behauptung, sie konsumiere
übermässig viel Alkohol. Diese Beschreibungen durch den Beschuldigten wurden
durch die Vorderrichter somit völlig zutreffend als klares Lügensignal und als Ag-
gravationstendenzen gewürdigt. Hinzukommt, dass auch seine Beschreibungen
des persönlichen Kennenlernens und der angeblichen gegenseitigen Annäherung
mit Hände streicheln und aufeinanderlegen anlässlich von Barbesuchen, etc.,
wiederum diametral der angeblich düsteren Persönlichkeit der Privatklägerin wi-
dersprechen.
3.2.2. Ebenfalls zutreffend haben die Vorderrichter Rache als mögliches Mo-
tiv für die Strafanzeige der Privatklägerin ausgeschlossen (Urk. 74 S. 20 f.), da die
Privatklägerin stets und in Übereinstimmung mit der Zeugin F._, ihrer Lehr-
lingsbetreuerin (Urk. 9/1 S. 7), angegeben hatte, ihr letzter Arbeitstag sei am
10. Dezember 2016, einem Samstag, gewesen, resp. eine Woche, bevor sie zur
Polizei gegangen sei. Nach diesem Samstag habe sie sich eine Woche krankge-
meldet und danach Strafanzeige erstattet (Urk. 8/1 S. 3; Urk. 8/2 S. 6; Prot. I
S. 25). Dass sie die Kündigung im Dezember 2016 erst nach der erfolgten Straf-
anzeige erhielt, steht darüber hinaus auch aufgrund der WhatsApp-Nachrichten
zwischen ihr und F._ (Urk. 10) und deren Zeugenaussage fest. Die Privat-
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klägerin hatte der Zeugin gegenüber zu einem Zeitpunkt vom sexuellen Miss-
brauch berichtet, als sie zwar bereits seit einigen Tagen der Arbeit ferngeblieben,
das Lehrverhältnis aber noch nicht aufgelöst war. Ein möglicher Racheakt als
Grund für eine beeinträchtigte Glaubwürdigkeit der Privatklägerin fällt daher aus-
ser Betracht.
3.3. Hinsichtlich der Gründe, der Anbahnung und des Zustandekommens
der Anstellung der Privatklägerin als Lehrling im Coiffeursalon des Beschuldigten
sowie der äusseren, nicht anklagegegenständlichen Geschehnisse im Rahmen
dieser Anstellung kann wiederum vollumfänglich auf die korrekten Vorbemerkun-
gen im angefochtenen Urteil verwiesen werden (Urk. 74 S. 9, Ziff. 5).
3.4. Die Vorderrichter haben die Aussagen der beteiligten Parteien und Zeu-
gen und die weiteren Beweismittel und Indizien zutreffend, umfassend und über-
zeugend gewürdigt; darauf kann vorab integral verwiesen werden (Urk. 74
S. 13–19 und S. 21–26; Art. 82 Abs. 4 StPO). Es verbleibt daher nachfolgend
bloss, die wichtigsten Argumente nochmals hervorzuheben und die vorinstanzli-
che Beweiswürdigung mit der Würdigung der vom Beschuldigten im Berufungs-
verfahren teilweise revidierten Aussagen (Urk. 85/2; Prot. II S. 14 ff.) zu ergänzen.
3.4.1. Es fällt besonders auf, wie unklare und widersprüchliche Angaben der
Beschuldigte zum angeblichen Zeitpunkt der Kündigung des Lehrverhältnisses
der Privatklägerin machte. Anlässlich der ersten (delegierten) polizeilichen Befra-
gung vom 26. Januar 2017 gab er an, diese gegen Ende Dezember 2016 entlas-
sen zu haben (Urk. 7/1 S. 6). Während er anlässlich der staatsanwaltschaftlichen
Hafteinvernahme vom 27. Januar 2017 erklärte, ihr ungefähr am 18. Dezember
2016 gekündigt zu haben (Urk. 7/2 S. 4 f.), mithin zu einem Zeitpunkt, bevor er
von den ihm gegenüber erhobenen Anschuldigungen erfahren habe, was er auch
anlässlich der gleichentags durchgeführten Haftprüfungsverhandlung bestätigte
(Urk. 7/3 S. 4). Vor Vorinstanz machte er zunächst geltend, nicht genau zu wis-
sen, wann er ihr gekündigt habe. In der Folge wollte er sich dann aber doch daran
erinnern, dass es im November 2016 gewesen sei, da das Kündigungsschreiben
vom 15. November 2016 datiere (Prot. I S. 56 ff.; Urk. 56/1). Auf Vorhalt dessel-
ben erklärte er alsdann, da das Dokument vom 15. November 2016 datiere, sei es
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am 11. oder 12. November 2016 in Absprache mit der Lehrlingsbetreuerin
F._ verfasst worden. Die Frage, ob die Privatklägerin nach dem 15. Novem-
ber 2016 noch im Coiffeursalon gearbeitet habe, verneinte er.
3.4.1.1. Diese Angaben des Beschuldigten lassen sich indes nicht mit den
von der Privatklägerin am 30. November 2016 an ihre Lehrlingsbetreuerin ge-
sandten Nachrichten in Einklang bringen (vgl. Urk. 10). Damals schrieb die Privat-
klägerin, dass sie nicht zur Arbeit komme, da sie verschlafen habe: "F._ ich
hab verschlafen tut mir leid. Bin erst um halb 11 im geschäft", "F._, wir hatten
einen Autounfall, ist nicht viel passiert. Aber wir müssen wegen dem Auto blei-
ben.. ich weiss nicht um welche Zeit ich es schaffe zu kommen.. ich schreib dir
nochmal" und "Darf ich sonst den Rest des Tages frei nehmen? Mein Freund ist
noch in Untersuchung im Spital..". Daraufhin antwortete F._ der Privatkläge-
rin: "Ooo jeee total schaden. Hast du A._ bescheid gesagt". Zwei Wochen
später, am 14. Dezember 2016, schrieb F._ der Privatklägerin: "Wo bist du",
"Du weist das du model hast", "Ich find es sehr sehr schade das du nicht durch
ziehst dein ausbildung." Aus diesen Nachrichten ergibt sich eindeutig, dass am
30. November 2016 weder die Privatklägerin noch F._ als Lehrlingsbetreue-
rin bereits etwas von einer Kündigung gewusst hatten, und dass in jenem Zeit-
punkt von der Privatklägerin immer noch erwartet wurde, dass sie zur Arbeit er-
scheine. Überdies bestätigte auch F._ anlässlich ihrer delegierten polizeili-
chen Befragung vom 14. Februar 2017 in Anwesenheit des Beschuldigten als
Zeugin, dass die Privatklägerin anfangs/Mitte Dezember 2016 immer noch ange-
stellt war und mutmasslich am 10. Dezember 2016 ihren letzten tatsächlichen Ar-
beitstag gehabt habe (Urk. 9/1 S. 7).
3.4.1.2. Die Angaben des Beschuldigten, wonach der Privatklägerin am
15. November 2016 bereits gekündigt wurde und dies mit F._ abgesprochen
gewesen sei, sind damit widerlegt, und das Kündigungsschreiben, welches am
3. Januar 2017 dem zuständigen Amt zugestellt wurde, erweist sich als offensicht-
lich rückdatiert. Aus dem Text der Kündigung geht überdies ein weiterer Versuch
des Beschuldigten hervor, die Privatklägerin auch beim Mittelschul- und Berufs-
bildungsamt zu diskreditieren. Darin wurde als einer der Kündigungsgründe an-
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gegeben, diese sei vom 9. September 2016 bis 14. September 2016 unentschul-
digt nicht zur Arbeit erschienen (Urk. 56/1). Dem Lehrvertrag der Privatklägerin
vom 14. September 2016 ist zu entnehmen, dass sie in jenem Zeitpunkt noch gar
nicht als Lernende angestellt war. Dieser wurde offensichtlich erst am 14. Sep-
tember 2016 unterzeichnet, und die offizielle Lehrzeit begann am 1. Oktober 2016
(Urk. 11 = Urk. 56/3). Es wäre absolut nicht einzusehen und ausgesprochen unlo-
gisch, weshalb am 14. September 2016 ein Lehrvertrag mit der Privatklägerin ab-
geschlossen worden wäre, wenn angebliche Abwesenheiten beim Probearbeiten
ein Grund für die nachmalige (fristlose) Kündigung des Lehrverhältnisses gewe-
sen sein sollen. Ausserdem wurden Abwesenheiten vom 9. bis am 14. November
2016 und am 10. Oktober 2016 sowie eine schriftliche Abmahnung vom 28. Okto-
ber 2016 aufgeführt. Dies lässt einzig den Schluss zu, dass das Kündigungs-
schreiben nicht nur auf den 15. November 2016 rückdatiert wurde, sondern darin
auch Gründe vorgeschoben wurden, um die Auflösung des Lehrverhältnisses
auch gegenüber den Behörden irgendwie erklärbar zu machen.
3.4.1.3. Das rückdatierte Kündigungsschreiben erweist sich somit als ein
weiterer Versuch des Beschuldigten, die Privatklägerin in ein schlechtes Licht zu
rücken und gleichzeitig die zeitlichen Abläufe zu seinen Gunsten zu verschleiern.
Darin zeigt sich sein Bestreben, die zeitlichen Abläufe so darzustellen, dass die
Privatklägerin zuerst die Kündigung von ihm erhalten und als Reaktion darauf aus
Rache die Anschuldigungen gegen ihn erhoben habe. Dass die zeitliche Abfolge
umgekehrt war, geht aus ihren bereits erwähnten WhatsApp-Mitteilungen an die
Zeugin und Lehrlingsbetreuerin (Erw. III.3.4.1.1.; Urk. 10 S. 2) und dem Umstand
hervor, dass sie (erst) am 19. Dezember 2016 Strafanzeige bei der Polizei gegen
den Beschuldigten erstattete (Urk. 1 S. 2).
3.4.2. Auch die Erklärungen des Beschuldigten, weshalb die angebliche se-
xuelle Beziehung zur Privatklägerin aufhörte, erweisen sich als wenig überzeu-
gend. Wie bereits erwogen, soll die Privatklägerin laut Kündigungsschreiben an-
geblich bereits vom 9. September 2016 bis 14. September 2016 unentschuldigt
nicht zur Arbeit erschienen sein (Erw. III.3.4.1.2.; Urk. 56/1). Vor Vorinstanz
machte er geltend, keinen Geschlechtsverkehr mehr mit ihr gehabt zu haben, weil
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sie oftmals nicht mehr oder zu spät zur Arbeit erschienen sei. Ausserdem sei sie
inkompetent gewesen, habe sich nicht an Termine gehalten und viel Alkohol ge-
trunken (Prot. I S. 72 f.). Laut Kündigungsschreiben fehlte die Privatklägerin in-
dessen angeblich bereits vor Beginn des Lehrvertrages, weshalb sich allfällige
Abwesenheiten als möglicher Grund für das Ende der sexuellen Kontakte als we-
nig plausibel und damit als unglaubhaft erweisen. Der von den Vorderrichtern ins
Feld geführte Grund (Urk. 74 S. 18, 2. Absatz), wonach die Ursache für das Ende
der sexuellen Kontakte darin liegen könnte, dass die Schwester der Privatklägerin
ab November 2016 ebenfalls (für kurze Zeit wieder) beim Beschuldigten gearbei-
tet hatte und somit im Salon anwesend war, ist dagegen weit wahrscheinlicher.
Die Erklärungsversuche des Beschuldigten, weshalb die angeblich einvernehmli-
che sexuelle Beziehung zu Ende war, verfangen daher nicht.
3.4.3. Somit ist der Beschuldigte überführt, in seinen Einvernahmen diverse
tatsachenwidrige Angaben gemacht und Unterlagen fingiert zu haben, um diese
zugunsten seiner Version und gegen die Privatklägerin zu verwenden. Seine Be-
streitungen und die Behauptung, die sexuellen Handlungen seien im Einverständ-
nis der Privatklägerin erfolgt, erweisen sich daher bereits gestützt darauf als un-
glaubhaft, weshalb in Übereinstimmung mit der Vorinstanz (Urk. 74 S. 19,
Ziff. 6.1.10.) nicht auf diese abgestellt werden kann.
3.4.4. Den Vorderrichtern ist auch darin zuzustimmen (Urk. 74 S. 21), dass
die Privatklägerin, hätte sie die dem Beschuldigten vorgeworfenen sexuellen
Handlungen erfinden wollen, sich wohl kaum für eine Version entschieden hätte,
welche sie selbst kaum nachzuvollziehen vermag, welche gleich drei gleichgela-
gerte Vorfälle im Abstand von jeweils einer Woche beinhaltet und in welcher ihr
das eigene Verhalten unklar und peinlich ist. Offenkundig ist auch, dass die Pri-
vatklägerin trotz ihrer Fassungslosigkeit über das Geschehene nicht versucht,
sich selber in ein für sie positiveres Licht zu rücken. Ihre Aussagen sprechen für
tatsächlich Erlebtes. Sie schildert die Vorkommnisse in nachvollziehbarer Weise,
ohne dass stereotype Schilderungen der Handlungen erkennbar wären und ins-
besondere, ohne dass sie zu mutmasslich übermässigen und übertriebenen Be-
lastungen des Beschuldigten neigt.
- 16 -
3.4.4.1. Es wäre für sie zum Beispiel ein Leichtes gewesen, die Gelegenheit
zu ergreifen und die Frage, ob sie vom Beschuldigten auch zu Oralsex gezwun-
gen worden sei, wahrheitswidrig zu bestätigen. Dies tat sie indessen gerade nicht
und verneinte dies konstant in allen drei Befragungen übereinstimmend (Urk. 8/1
S. 14; Urk. 8/2 S. 10 und S. 15; Prot. I S. 41), obwohl der Beschuldigte geltend
machte, sie hätten sich auch einvernehmlich gegenseitig oral befriedigt. Auch
beim Vorwurf des versuchten Analverkehrs anlässlich des ersten Vorfalles be-
schrieb sie einen einzelnen Versuch, obwohl es für sie ein Leichtes gewesen wä-
re, zu behaupten, es sei vollendeter Analverkehr gewesen, und es sei mehrmals
dazu gekommen. Ebenso wenig machte sie geltend, der Beschuldigte hätte sie in
irgend einer Weise bedroht.
3.4.4.2. Hinzukommt nun, dass die Darstellung der Privatklägerin auch mit
äusseren Begebenheiten im Einklang steht. Ihre zeitliche Angabe, wonach die
Vorkommnisse im Keller im Oktober stets an einem Donnerstag stattgefunden
hätten, wird durch das Indiz untermauert, dass ihre Lehrlingsbetreuerin, die Zeu-
gin F._, donnerstags jeweils arbeitsfrei hatte, und die Privatklägerin im Monat
Oktober dann jeweils die einzige weibliche Angestellte im Salon war. Die Lehr-
lingsbetreuerin konnte an ihren Abwesenheiten somit auch nicht bemerken, dass
die Privatklägerin längere Zeit im Keller war. Ab November 2016 arbeitete über-
dies auch ihre Schwester wieder im Salon, weshalb es erklärbar und plausibel ist,
dass es dannzumal zu keinen weiteren sexuellen Übergriffen im Keller mehr kam.
3.4.4.3. Im Übrigen gab die Schwester der Privatklägerin, H._, anläss-
lich ihrer delegierten polizeilichen Befragung vom 16. Februar 2017 in Anwesen-
heit des Beschuldigten glaubhaft und unwiderlegbar zu Protokoll (Urk. 9/4 S. 4,
auf Frage 23), diese habe ihr im September oder Oktober einmal ganz verzweifelt
angerufen und erklärt, sie wolle nicht mehr beim Beschuldigten arbeiten. Sie habe
der Privatklägerin gesagt, ebenfalls beim Beschuldigten zu arbeiten, um ihr dort
zu helfen. Der verzweifelte Anruf zeigt, dass die Privatklägerin schon zuvor ver-
sucht hatte, ihre Lehrstelle im Geschäft des Beschuldigten aufzugeben, anschei-
nend jedoch nicht dazu bereit war, ihrer Schwester die wahren Gründe dafür zu
nennen. Ausserdem bestätigte H._ als Zeugin, dass auch sie vom Beschul-
- 17 -
digten angemacht worden sei und aus diesem Grunde bei ihm gekündigt hatte
(ebenda, auf Frage 28). Eine weitere frühere Angestellte des Beschuldigten,
G._, hatte anlässlich ihrer delegierten polizeilichen Befragung vom 16. Feb-
ruar 2017 in Anwesenheit des Beschuldigten als Zeugin glaubhaft und unwider-
legbar zu Protokoll gegeben (Urk. 9/2 S. 3 ff.), dass der Beschuldigte auch sie
angemacht und ihr gegenüber im Keller des Coiffeursalons einmal vergeblich
Avancen gemacht habe, weshalb sie die Privatklägerin vor ihm gewarnt habe
(ebenda, S. 7 f.). Diese Aussagen der beiden Zeuginnen sind zwar für sich alleine
nicht beweisbildend für die dem Beschuldigten vorgeworfenen Tathandlungen,
stellen aber immerhin starke Hinweise im Sinne von Indizien dafür dar, dass die
dem Beschuldigten vorgeworfenen Belästigungen und sexuellen Übergriffe ge-
genüber der Privatklägerin bei ihm keineswegs persönlichkeitsfremd zu sein
scheinen, was ein weiterer Hinweis auf den Wahrheitsgehalt der Darstellung der
Privatklägerin darstellt.
3.4.5. Zusammenfassend ist die Darstellung der Privatklägerin als wider-
spruchsfrei, konstant und nachvollziehbar zu bezeichnen. Ihre Schilderungen wir-
ken plausibel und glaubhaft und lassen sich überdies mit äusseren Begebenhei-
ten in Einklang bringen. Bereits die Vorderrichter haben zutreffend erwogen
(Urk. 74 S. 25), dass die WhatsApp-Nachrichten zwischen der Zeugin F._
und der Privatklägerin und die Angaben der Zeuginnen H._ und G._
gemeinsam mit den konstanten Aussagen der Privatklägerin ein stimmiges Gan-
zes ergeben. Durch das Untersuchungsergebnis ist auch erstellt, dass die Privat-
klägerin, welcher die Absolvierung des 3. Lehrjahres wichtig war, schon kurz nach
Beginn des Lehrverhältnisses im Salon C._ das Arbeitsverhältnis wieder auf-
lösen wollte und bereits vor dem 14. Dezember 2016 mehrfach versuchte, ihrer
Lehrlingsbetreuerin von den sexuellen Übergriffen des Beschuldigten zu erzählen
(Urk. 9/1 S. 8, S. 11). Die Privatklägerin suchte somit bereits einige Zeit vor ihrer
Anzeige bei der Polizei erfolglos Hilfe bei Aussenstehenden. Anhaltspunkte dafür,
dass sie die gegen den Beschuldigten erhobenen Vorwürfe (z.B. aus Rache) er-
funden haben könnte, finden sich nicht. Der Anklagesachverhalt ist daher bereits
aufgrund der glaubhaften Aussagen der Privatklägerin und der weiteren Beweise
und Indizien, welche ihre Darstellung untermauern, erstellt. Dies gilt insbesondere
- 18 -
auch für die sexuellen Belästigungen, bei welchen der Beschuldigte die Privatklä-
gerin während der Arbeit im Coiffeursalon gemäss Anklage mehrfach über den
Kleidern am Po und im Intimbereich berührte, sie mit der Hand am Po streichelte,
in den Po kniff, ihr Klapse auf den Po gab, ihr mit der Hand von hinten zwischen
ihre Beine griff und ihren Intimbereich berührte. Entgegen der Auffassung der Ver-
teidigung (Urk. 58 S. 14 ff.; Urk. 91 S. 5 f.) lässt sich auch dieser Sachverhaltsteil
gestützt auf die glaubhaften Aussagen der Privatklägerin erstellen, welche zudem
durch die Aussagen der Zeuginnen H._, G._ und F._ untermauert
werden. Es gibt keinen Grund, einzig in Bezug auf die sexuellen Belästigungen an
den insgesamt glaubhaften Aussagen der Privatklägerin zu zweifeln. Daran ver-
mögen auch die Ausführungen des Beschuldigten, wonach er die Privatklägerin
sicher nicht vor anderen Leuten im Coiffeursalon sexuell belästigt und berührt ha-
ben will und dass er sich an keine Situation erinnern könne, in welcher sie nur zu
zweit im Salon gewesen wären (Prot. II S. 14 f.), nichts zu ändern. Es ist schlicht
unglaubhaft, dass sich der Beschuldigte und die Privatklägerin nie alleine im Sa-
lon aufgehalten haben sollen. Dem Beschuldigten boten sich durchaus Gelegen-
heiten, die Privatklägerin in Abwesenheit anderer Personen am Po und im Intim-
bereich zu berühren oder zumindest so zu berühren, dass es Kunden nicht aufge-
fallen wäre. Unter den gegebenen Umständen erübrigt sich eine Anhörung der
Privatklägerin im Berufungsverfahren, auch wenn es sich bei den Tatvorwürfen an
sich um Vier-Augen-Delikte handelt.
3.4.6. Eine Anerkennung eines wesentlichen Teils der Aussagen der Privat-
klägerin lässt sich in den im Berufungsverfahren teilweise revidierten Aussagen
des Beschuldigten (Urk. 85/2; Prot. II S. 14 ff.) entgegen der Vorankündigung vom
15. Februar 2018 (Urk. 82) nicht erblicken. Aus den halbherzigen Teilanerken-
nungen des Beschuldigten, wonach er einsehe, dass er hätte merken müssen,
dass die Privatklägerin eigentlich nicht mit ihm habe schlafen wollen, dies aber
nicht geschehen sei, da er wirklich verliebt in sie gewesen sei, so starke Gefühle
für sie gehabt habe und so von seinem Ego überzeugt gewesen sei, dass er ihre
Reaktionen völlig falsch interpretiert habe und nicht in der Lage gewesen sei, ihre
Reaktionen als Abwehr zu erkennen, sondern davon ausgegangen sei, dass dies
Teil ihres Spiels resp. Ausdruck von Schüchternheit und Hemmungen gewesen
- 19 -
sei (Urk. 85/2; Prot. II S. 14 ff.), ergibt sich aber immerhin, dass er zu erkennen
gibt resp. zumindest konkludent anerkennt, dass auch er Ablehnung im Verhalten
der Privatklägerin erkannt haben musste, andernfalls ergäbe seine revidierte Dar-
stellung, wonach er hätte merken müssen, dass sie eigentlich nicht mit ihm habe
schlafen wollen, keinen Sinn. Damit bestätigt der Beschuldigte ansatzweise aber
auch den Wahrheitsgehalt der entsprechenden Aussagen der Privatklägerin, so-
dass die Glaubhaftigkeit ihrer Darstellung noch zusätzlich zur bereits durch die
Vorinstanz vorgenommenen überzeugenden Beweiswürdigung untermauert wird
und keinerlei Restzweifel mehr verbleiben, weshalb uneingeschränkt auf ihre Dar-
stellung abzustellen ist.
3.4.6.1. Insofern erweisen sich gleichzeitig aber auch die weiteren Äusse-
rungen des Beschuldigten in seinem Brief vom 6. Juni 2018 und anlässlich der
Berufungsverhandlung als widersprüchlich, wonach er damals gemeint habe, sei-
ne männliche Überzeugungskraft sei so gross gewesen, dass die Privatklägerin
mit Freuden zugestimmt und den Sex mit ihm habe geniessen können, zumal er
nun entgegen seiner früheren – mithin tatsachenwidrigen – Darstellung (vgl. vor-
stehend, Erw. III.2. a.E.) eben doch gemerkt habe, dass sie nicht so richtig Freu-
de daran gehabt habe (Urk. 85/2 3. und 4. Satz; Prot. II S. 14 ff.). Freudige Zu-
stimmung und Genuss liess die Privatklägerin damals offenkundig eben gerade
nicht erkennen.
3.4.6.2. Als Erklärung dafür, aus welchen Gründen er so von seinem Ego
überzeugt gewesen sei und sich angeblich für so unwiderstehlich gehalten haben
will, dass er die unzweideutige Ablehnung der Privatklägerin nicht bloss bei ei-
nem, sondern bei allen drei Vergewaltigungsvorwürfen im Oktober 2016 und dem
Vorwurf der sexuellen Belästigungen im September 2016, angeblich völlig falsch
interpretierte, brachte die Verteidigung vor, der Beschuldigte fühle sich als Araber
als ganz grosser Chef und Verführer dieser Welt, wobei Frauen für ihn aufgrund
seines kulturellen Hintergrundes vor allem als Schmuck und Zeitvertreib gelten
würden. Zudem habe sein beruflicher Erfolg als Ausländer, führe er unterdessen
doch drei Coiffeursalons, sicherlich auch zum Ego und seiner Selbstüberschät-
zung beigetragen (Urk. 91 S. 2 f.). Diese Erklärung vermag allerdings die Hand-
- 20 -
lungen des Beschuldigten nicht zu relativieren. Daraus ergibt sich, dass diese Re-
lativierungen und weiteren Erklärungsversuche des Beschuldigten, z.B. dass er
auch nicht erkannt habe, dass er der Chef der Privatklägerin gewesen sei und
dies in seiner Position nicht hätte tun können (Urk. 85/2, 14. Satz; vor Vorinstanz
hatte er dagegen noch erklärt, sich seiner Position bewusst gewesen zu sein,
Prot. I S. 72) oder dass er sich wirklich in die Privatklägerin verliebt und starke
Gefühle für sie gehabt habe (Prot. II S. 18; in der Hafteinvernahme vom
27. Januar 2017 bei der Staatsanwaltschaft hatte er allerdings ausgeführt, nicht in
sie verliebt gewesen zu sein, Urk. 7/2 S. 3, Antw. auf Frage 12), als unglaubhafte
Beteuerungen daherkommen und damit unbehelfliche Schutzbehauptungen dar-
stellen, auf welche nicht abgestellt werden kann.
3.4.7. Die (verbleibenden) Bestreitungen des Beschuldigten erweisen sich
somit (nach wie vor) als unglaubhaft, während die Glaubhaftigkeit der Darstellung
der Privatklägerin durch seine teilweise revidierten Aussagen noch untermauert
wurde und sich der Anklagesachverhalt demzufolge als vollumfänglich erstellt er-
weist.
IV. Rechtliche Würdigung
1. Im angefochtenen Urteil wurden die Tathandlungen des Beschuldigten
zum Nachteil der Privatklägerin mit zutreffender Begründung als mehrfache Ver-
gewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB, versuchte sexuelle Nötigung im
Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB sowie als
mehrfache sexuelle Belästigungen im Sinne von Art. 198 StGB gewürdigt (Urk. 74
S. 26 ff.). Es kann vollumfänglich darauf verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO).
2. Der sexuellen Nötigung und Vergewaltigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1
und Art. 190 Abs. 1 StGB macht sich strafbar, wer eine andere Person bzw. eine
Person weiblichen Geschlechts, zu einer sexuellen Handlung zwingt bzw. zur
Duldung des Beischlafs nötigt, namentlich indem er sie bedroht, Gewalt anwen-
det, sie unter psychischen Druck setzt oder zum Widerstand unfähig macht. Eine
vollständige Widerstandsunfähigkeit des Opfers wird nicht verlangt. Stets ist je-
- 21 -
doch eine erhebliche Einwirkung des Täters erforderlich, wobei minderjährigen
Opfern in der Regel eine geringere Gegenwehr zuzumuten ist als Erwachsenen.
Es genügt der ausdrückliche Wille, den Geschlechtsverkehr bzw. die sexuellen
Handlungen nicht zu wollen (vgl. BGE 122 IV 97 E. 2b; 119 IV 309 E. 7b).
2.1. Bei den Taten zum Nachteil der Privatklägerin liegt die Tatbestandsvari-
ante des Unter-psychischen-Druck-Setzens vor. Diese stellt klar, dass sich die
Ausweglosigkeit der Situation auch ergeben kann, ohne dass der Täter eigentli-
che Gewalt anwendet oder droht, dass dem Opfer vielmehr eine Gegenwehr unter
solchen Umständen nicht zuzumuten ist. Auch eine kognitive Unterlegenheit oder
eine emotionale wie soziale Abhängigkeit können einen ausserordentlichen psy-
chischen Druck erzeugen (Urteil des Bundesgerichtes 6B_718/2013 vom 27. Feb-
ruar 2014 E. 2.3.2).
2.2. Dem Beschuldigten gelang es, den Willen der Privatklägerin zu brechen
unter Ausnützung des Umstandes, dass sie ihr drittes und damit letztes Lehrjahr
bei ihm abschliessen wollte, sodass sie ihm gegenüber in einem speziellen Sub-
ordinationsverhältnis stand. Der Lehrabschluss war ihr wichtig. Zudem wusste sie
in ihrer Situation nicht recht, wie sie sich über ihre tatsächlichen verbalen und
körperlichen Abwehrmassnahmen hinaus gegen seine sexuellen Übergriffe hätte
zur Wehr setzen können, ohne ihre neue Lehrstelle beim Beschuldigten zu ge-
fährden. Der Beschuldigte nutzte indessen nicht nur das bestehende Subordinati-
onsverhältnis aus, sondern auch den Überraschungseffekt und eine gewisse Nai-
vität der Privatklägerin. Sie hatte zunächst nicht mit den sexuellen Handlungen
gerechnet, als sie sich für eine Massage aufs Bett gelegt hatte. Sie fühlte sich
alsdann wie in einem Schockzustand erstarrt. Sie versuchte zwar noch, ihre Beine
zusammenzupressen. Wegen ihrer körperlichen Unterlegenheit und ihrer Uner-
fahrenheit gelang es ihr jedoch nicht, ihn dadurch aufzuhalten und sich so erfolg-
reich zur Wehr zu setzen. Bei den weiteren Übergriffen nutzte der Beschuldigte
zudem den Umstand aus, dass die Privatklägerin darauf vertraute und hoffte, er
würde diese Tathandlung gegen ihren Willen nicht noch einmal wiederholen. In-
dem er sich zudem auf sie legte und sie mit seinem Gewicht aufs Bett drückte, er-
füllte er auch das Nötigungsmittel der Gewalt. Dabei nutzte er jeweils seine Stel-
- 22 -
lung als Chef der Privatklägerin und die damit einhergehende Abhängigkeit, seine
körperliche Überlegenheit sowie ihre Unerfahrenheit mit entsprechenden Situatio-
nen gezielt aus, um ihren Willen zu brechen und sie zum Geschlechtsverkehr
bzw. zum versuchten Analverkehr zu nötigen, resp. ihr keine weitere Möglichkeit
zum Widerstand zu lassen. Die Kausalität zwischen der Nötigungshandlung und
der Vergewaltigung sowie der versuchten sexuellen Nötigung ist somit gegeben
und der objektive Tatbestand der Vergewaltigung jeweils erfüllt.
2.3. Beim subjektiven Tatbestand wird Vorsatz verlangt. Der Täter muss um
die Bedeutung des auf- bzw. abgenötigten Verhaltens wissen und dies wollen.
Dazu gehört auch, dass er zumindest in Kauf genommen hat, sich über den ent-
gegenstehenden Willen des Opfers hinwegzusetzen. Wer es ernstlich für möglich
hält, das Opfer könnte mit der sexuellen Handlung nicht einverstanden sein, und
nach dem Einsatz eines Nötigungsmittels dennoch die sexuelle Handlung vor-
nimmt oder das Opfer zu einer solchen veranlasst, handelt tatbestandsmässig
(MEIER, in: Basler Kommentar Strafrecht II, 3. Auflage 2013, N 54 zu Art. 189
StGB und N 17 zu Art. 190 StGB).
2.3.1. Die Verteidigung brachte vor, der Beschuldigte habe genügend Zeit
gehabt, sein Verhalten zu reflektieren und sei dabei zum Schluss gekommen,
dass er zum Zeitpunkt der Vorfälle so von seinem eigenen Riesenego geblendet
und von sich selber überzeugt gewesen sei, dass er die Abwehrsignale der Pri-
vatklägerin gar nicht wahrgenommen habe. In seiner Welt von traditioneller kultu-
reller Herkunft, beruflichem Erfolg, Streben nach Anerkennung und seinem fal-
schen Ich-Verständnis habe er die Fakten völlig ausgeblendet und sei davon aus-
gegangen, dass die Privatklägerin ebenfalls gewollt habe, was da im Keller des
Coiffeursalons passiert sei. Er habe zwar schon gemerkt, dass die Privatklägerin
beim Sex nicht wirklich mit Freuden dabei gewesen sei. Trotzdem sei er in seiner
Überzeugung der Meinung gewesen, dass sie es freiwillig mache. Er sei so von
seinem Ego überzeugt gewesen, dass er die Reaktionen der Privatklägerin völlig
falsch interpretiert und ihre Abwehrhandlungen als Teil ihres Spiels respektive
seiner Eroberung gesehen habe. Dass sich die Privatklägerin nicht mit Händen
und Füssen gewehrt, geschrien und umsichgeschlagen habe, sondern sich passiv
- 23 -
der Sache hingegeben habe, habe er fälschlicherweise als Einverständnis inter-
pretiert. In seiner Vorstellung habe zwischen ihm und der Privatklägerin eine ge-
genseitige sexuelle Anziehungskraft bestanden, welche sich drei Mal im Keller
des Coiffeursalons entladen habe und mit welcher beide einverstanden gewesen
seien. Der Beschuldigte habe wohl tatsächlich nicht gewusst, dass die Privatklä-
gerin den Sex nicht gewollt habe. Vor diesem Hintergrund sei also klar, dass es
zu keiner Verurteilung wegen Vergewaltigung und/oder versuchter sexueller Nöti-
gung kommen könne, weil ein Sachverhaltsirrtum gemäss Art. 13 Abs. 1 StGB
vorliege. Weil Vergewaltigung und/oder sexuelle Nötigung auch nicht fahrlässig
begangen werden könne, scheide auch eine Bestrafung aufgrund von Art. 13
Abs. 2 StGB aus (Urk. 91 S. 2 ff.).
2.3.2. Die Privatklägerin äusserte gemäss erstelltem Sachverhalt bei jedem
der eingeklagten Vorfälle mehrfach und deutlich ihren entgegenstehenden Willen.
Zudem versuchte sie, ihre Hose festzuhalten und die Beine zusammenzupressen.
Überdies weinte sie und sagte dem Beschuldigten, dass sie dies nicht wolle und
einen Freund habe. Sie sagte ihm somit deutlich, dass sie seine Handlungen nicht
wolle und ihre Abwehrhandlungen waren klare Zeichen, die keinen Raum für Irr-
tümer respektive Fehlinterpretationen liessen, auch wenn der Beschuldigte über-
mässig von sich selbst überzeugt war. Ihre Abwehrhandlungen können ganz klar
nicht mehr als Teil des Liebesspiels respektive als Zeichen von Schüchternheit
oder Hemmungen verstanden werden. Für einen Sachverhaltsirrtum bleibt damit
kein Raum. Der Beschuldigte setzte sich folglich bewusst über ihren mehrfach er-
klärten Willen hinweg und handelte entsprechend mit direktem Vorsatz. Der sub-
jektive Tatbestand ist damit jeweils erfüllt.
2.4. Somit ist der Beschuldigte der mehrfachen Vergewaltigung im Sinne
von Art. 190 Abs. 1 StGB und der versuchten sexuellen Nötigung im Sinne von
Art. 189 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
Indem der Beschuldigte nicht nur das bestehende Abhängigkeitsverhältnis aus-
nützte, sondern auch gegen den klar geäusserten Willen der Privatklägerin han-
delte, ist er nicht der Ausnützung der Notlage nach Art. 193 StGB schuldig zu
sprechen, denn die Erfüllung dieses Tatbestandes setzt neben dem Ausnützen
- 24 -
eines Abhängigkeitsverhältnisses gerade nicht voraus, dass zusätzlich der Wille
der Privatklägerin gebrochen wird. Zudem ist Art. 193 StGB subsidiär zu Art. 190
StGB.
3. Der sexuellen Belästigung im Sinne von Art. 198 StGB macht sich straf-
bar, wer jemanden tätlich oder in grober Weise durch Worte sexuell belästigt. In-
dem der Beschuldigte die Privatklägerin während der Arbeit mehrfach über den
Kleidern am Po und im Intimbereich berührte, sie am Po streichelte und ihr Klapse
gab oder mit der Hand von hinten zwischen ihre Beine griff, hat er den objektiven
Tatbestand von Art. 198 StGB mehrfach erfüllt. Da die Privatklägerin von ihm ver-
langte, damit aufzuhören und seine Hand von sich wegnahm, wusste der Be-
schuldigte, dass sie seine sexuell motivierten Annäherungen nicht wollte. Den-
noch fuhr er mit diesen fort. Damit ist auch der subjektive Tatbestand von Art. 198
StGB mehrfach erfüllt und der Beschuldigte entsprechend schuldig zu sprechen.
V. Strafzumessung
1. Am 1. Januar 2018 sind die neuen Bestimmungen des Allgemeinen Teils
des Strafgesetzbuches (Sanktionenrechts) gemäss der Änderung vom 19. Juni
2015 in Kraft getreten (AS 2016 1249). Der Beschuldigte hat die zu beurteilenden
Tathandlungen vor Inkrafttreten des neuen Rechts begangen. Nach Art. 2 Abs. 1
StGB wird nach neuem Recht nur beurteilt, wer nach dessen Inkrafttreten ein
Verbrechen oder Vergehen begangen hat. Hat der Täter ein Verbrechen oder
Vergehen vor Inkrafttreten des neuen Rechts begangen, erfolgt die Beurteilung
aber erst nachher, ist das neue Recht anzuwenden, wenn es für den Täter milder
ist (Art. 2 Abs. 2 StGB). Ob das neue Recht das mildere ist, hat das Gericht nach
der konkreten Methode zu ermitteln (DONATSCH, in: DONATSCH/HEIMGARTNER/ISEN-
RING/WEDER, Kommentar Schweizerisches Strafgesetzbuch, 20. Auflage, Zürich
2018, N 10 zu Art. 2 StGB).
Wie zu zeigen sein wird, ist der Beschuldigte mit einer längeren Freiheits-
strafe und mit einer Busse zu bestrafen. Da eine Bestrafung des Beschuldigten
nach neuem Recht zur Ausfällung derselben Strafe und mithin nicht zu einer mil-
- 25 -
deren Bestrafung führen würde, gelangt das alte Sanktionenrecht zur Anwen-
dung.
2. Die Vorinstanz bestrafte den Beschuldigten mit 4 Jahren Freiheitsstrafe
und Fr. 500.– Busse (Urk. 74 S. 36, 52). Die Anklagebehörde hat die Bestätigung
des vorinstanzlichen Urteils beantragt (Urk. 79). Der Beschuldigte lässt mit seiner
Berufung einen vollumfänglichen Freispruch beantragen, eventualiter eine beding-
te Freiheitsstrafe von höchstens 24 Monaten resp. eine teilbedingte Freiheitsstra-
fe von höchstens 36 Monaten, wovon maximal 12 Monate zu vollziehen seien
(Urk. 75; Urk. 91). Bei dieser Konstellation kann die Berufungsinstanz von vornhe-
rein nicht über das Strafmass der Vorinstanz hinausgehen. Das Verbot der refor-
matio in peius ist zu beachten (Art. 391 Abs. 2 StPO).
3. Die allgemeinen Regeln und Kriterien der Strafzumessung wurden im vor-
instanzlichen Urteil unter Hinweis auf Rechtsprechung und Lehre im Wesentlichen
korrekt wiedergegeben (Urk. 74 S. 30 ff.). Dies braucht nicht wiederholt zu wer-
den.
3.1. Zu korrigieren ist, dass sich der abstrakte Strafrahmen beim Vorliegen
von Strafschärfungsgründen "theoretisch um die Hälfte des ordentlichen Straf-
rahmens auf bis zu 15 Jahre Freiheitsstrafe erhöht" (Urk. 74 S. 30). In der Regel
findet keine Erweiterung und kein Verlassen des ordentlichen Strafrahmens statt
(Urteile des Bundesgerichtes 6B_857/2015 vom 21. März 2016 E. 2.3.3,
6B_853/2014 vom 9. Februar 2015 E. 4.2 und 6B_31/2011 vom 27. April 2011
E. 3.4.1; BGE 136 IV 55 E. 5.8 S. 63 mit Hinweisen). Der massgebliche Strafrah-
men für das schwerste Delikt, die Vergewaltigung, umfasst somit Freiheitsstrafe
von einem bis zu zehn Jahren (Art. 190 Abs. 1 StGB i.V.m. aArt. 40 StGB).
3.2. Zu ergänzen ist zudem, dass das Gericht bei der Bildung der Gesamt-
strafe nach Art. 49 Abs. 1 StGB in einem ersten Schritt den Strafrahmen für die
schwerste Straftat zu bestimmen und alsdann die Einsatzstrafe für diese Tat unter
Einbezug aller straferhöhenden und strafmindernden Umstände innerhalb dieses
Strafrahmens festzusetzen hat. Als schwerste Tat gilt jene, die gemäss abstrakter
Strafandrohung des Gesetzes mit der höchsten Strafe bedroht ist. Dabei ist zu
- 26 -
beachten, dass die Bildung einer Gesamtstrafe im Sinne von Art. 49 Abs. 1 StGB
nur bei gleichartigen Strafen möglich ist. Ungleichartige Strafen sind kumulativ zu
verhängen, da das Asperationsprinzip nur greift, wenn mehrere gleichartige Stra-
fen ausgesprochen werden (BGE 137 IV 57 E. 4.3.1). Demgemäss sind im Sinne
von Art. 49 Abs. 1 StGB "die Voraussetzungen für mehrere gleichartige Strafen
erfüllt", wenn das Gericht im konkreten Fall für jeden einzelnen Normverstoss
gleichartige Strafen ausfällen würde. Dass die anzuwendenden Strafbestimmun-
gen abstrakt gleichartige Strafen androhen, genügt nicht (BGE 138 IV 120 E. 5.2;
BGE 137 IV 249 E. 3.4.2). Ausnahmen hat die bundesgerichtliche Rechtspre-
chung zugelassen, wenn entweder zahlreiche gleichartige Delikte vorliegen, so-
dass es sich nicht mehr rechtfertigt, für jeden Normverstoss einzeln eine hypothe-
tische Strafe zu ermitteln (Urteil des Bundesgerichtes 6B_499/2013 vom 22. Ok-
tober 2013 E. 1.8), oder wenn die einzelnen Straftaten zeitlich und sachlich derart
eng miteinander verknüpft waren, dass sich diese nicht sinnvoll auftrennen und
beurteilen liessen (Urteil des Bundesgerichtes 6B_1011/2014 vom 16. März 2015
E. 4.4).
3.3. Als Strafschärfungsgründe liegen die innerhalb des Strafrahmens zu be-
rücksichtigende Deliktsmehrheit und die mehrfache Tatbegehung vor (Art. 49
Abs. 1 StGB). Bei der sexuellen Nötigung ist zudem der Strafmilderungsgrund des
Versuchs im Sinne von Art. 22 Abs. 1 StGB gegeben. Für die mehrfache sexuelle
Nötigung ist eine Busse auszufällen. Deren möglicher Höchstbetrag liegt bei
Fr. 10'000.– (Art. 198 StGB; Art. 106 Abs. 1 StGB).
4. Da es sich bei den drei Vergewaltigungen um gleiche Delikte handelt, de-
ren Tatvorgehen nahezu identisch war und sie in einem engen sachlichen und
zeitlichen Zusammenhang stehen, sind sie gemeinsam zu behandeln, wie dies
bereits die Vorinstanz ohne nähere Begründung gehandhabt hat (Urk. 74 S. 32 f.).
Nachdem die versuchte sexuelle Nötigung das dann aufgegebene Vorhaben des
Beschuldigten betrifft, anlässlich der ersten Vergewaltigung auch anal in die Pri-
vatklägerin einzudringen und für die Begleitumstände dieser Tat das gezielte
Ausnützen derselben das Selbe gilt wie bei der Vergewaltigung, dem entspre-
chende Unrechtsgehalt somit bereits bei der (ersten) Vergewaltigung Rechnung
- 27 -
zu tragen ist, wäre es wenig sinnvoll und nicht praktikabel dafür eine separate hy-
pothetische Einsatzstrafe festzulegen, weshalb auch diese Tat gemeinsam mit
den drei Vergewaltigungen zu behandeln ist.
4.1. Bei der objektiven Tatschwere dieser Taten fällt vor allem ins Gewicht,
dass der Beschuldigte den Geschlechtsverkehr innerhalb eines Monats praktisch
im Wochentakt insgesamt drei Mal von seiner Lernenden und damit zu ihm in ei-
nem Subordinationsverhältnis stehenden Privatklägerin gegen deren für ihn er-
kennbaren Willen erzwang. Sein Vorgehen war nicht von körperlicher Brutalität
geprägt. Er nützte vielmehr gezielt scham- und skrupellos seine Machtposition, ih-
re Hilflosigkeit und Abhängigkeit aus. Dass er dies jeweils an einem Donnerstag
tat, wenn die Lehrlingsbetreuerin F._ abwesend war und zudem noch im Kel-
ler, zeigt sein durchaus berechnendes Vorgehen und verstärkte das Gefühl der
Privatklägerin, ihm dort völlig hilflos ausgeliefert zu sein. Verschuldenserschwe-
rend kommt hinzu, dass er den Geschlechtsverkehr jeweils ungeschützt vollzog
und die Privatklägerin dadurch der Gefahr einer Ansteckung mit einer Ge-
schlechtskrankheit oder einer Schwangerschaft aussetzte und dabei zusätzlich
auch noch anal in die Privatklägerin eindringen wollte. Die Interessen der Privat-
klägerin als Frau und dass sie ihre Lehrzeit ungestört absolvieren wollte, waren
dem Beschuldigten offensichtlich völlig gleichgültig. Dass er die Tat zweimal wie-
derholte, zeugt von erheblicher krimineller Energie. Die objektive Schwere der Tat
ist insgesamt im mittleren Bereich anzusiedeln.
4.2. Was die subjektive Tatschwere anbelangt, ist zu gewichten, dass der
Beschuldigte mit direktem Vorsatz handelte. Seine Beweggründe waren krass
egoistisch, da es ihm einzig um die Befriedigung der eigenen sexuellen Bedürf-
nisse ging. Dem Umstand, dass er dabei im Wissen handelte, dass es sich beim
Opfer um seine auszubildende Mitarbeiterin handelte, ist verschuldenserhöhend
Rechnung zu tragen. Seine Entscheidungsfreiheit war nicht eingeschränkt. Er hät-
te die Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse ohne weiteres bei Frauen in sei-
nem Alter und ausserhalb seines beruflichen Umfeldes suchen können. Hinzu-
kommt, dass er die Verfügbarkeit der Privatklägerin als seine Lehrtochter gezielt
ausnutzte und ihr Vertrauen mehrfach in krasser Weise missbrauchte. Die objek-
- 28 -
tive Tatschwere erfährt durch die subjektive Schwere seiner Tat daher eher noch
eine leichte Erhöhung.
4.3. Insgesamt ist das Verschulden in Bezug auf die mehrfache Vergewalti-
gung und versuchte sexuelle Nötigung als im mittleren Bereich liegend einzustu-
fen. Eine hypothetische Einsatzstrafe im Bereich von 50 Monaten Freiheitsstrafe
erweist sich als angemessen.
5. Zwar liegt aufgrund des Umstandes, dass der Beschuldigte vom Vorha-
ben des Analverkehrs absah, nachdem dies aufgrund der körperlichen Gegeben-
heiten bei der Privatklägerin nicht möglich war, eine versuchte Tat vor, welche ei-
ne Strafmilderung vorsieht (Art. 22 Abs. 1 StGB). Da dieser Versuch aber im Zu-
sammenhang mit vollendeten, viel schwereren Taten erfolgte, wirkt er sich bloss
marginal strafreduzierend aus. Insgesamt resultiert daher eine hypothetische Ein-
satzstrafe von 4 Jahren Freiheitsstrafe.
6. Bei der Würdigung der Täterkomponente kann die verschuldensange-
messene Strafe aufgrund von Umständen, die mit der Tat grundsätzlich nichts zu
tun haben, erhöht oder herabgesetzt werden. Massgebend hierfür sind im We-
sentlichen täterbezogene Komponenten, wie die persönlichen Verhältnisse, Vor-
strafen, Leumund, Strafempfindlichkeit und Nachtatverhalten, wie Geständnis,
Einsicht, Reue etc. (HEIMGARTNER, in: DONATSCH/HEIMGARTNER/ISENRING/WEDER,
StGB Kommentar, 20. Auflage, Zürich 2018, N 14 ff. zu Art. 47 StGB).
6.1. Der Beschuldigte wurde am tt. August 1987 in Syrien geboren und lebte
dort bis zu seiner Einreise in die Schweiz im Mai 2010. Seit gut acht Jahren lebt
er in der Schweiz und verfügt über die Aufenthaltsbewilligung B. Nach früherer
Sozialhilfeabhängigkeit eröffnete er Ende 2015/Anfang 2016 ein Coiffeurgeschäft
und ging bis zu seiner Festnahme am 26. Januar 2017 während gut eines Jahres
einer regelmässigen Arbeitstätigkeit nach, wobei er Fr. 4'000.– netto pro Monat
verdient habe. Sein Coiffeursalon sei vor seiner Verhaftung gut gelaufen, und er
habe mehrere Angestellte gehabt. In Syrien habe er sieben Jahre die Schule be-
sucht und anschliessend seine Ausbildung als Coiffeur absolviert. Er habe ein sy-
risches Diplom als Coiffeur. Nebenbei ist er als Sänger tätig und produziert zu
- 29 -
diesem Zweck Musikvideos, welche er auf YouTube stellt. Seine beiden Söhne
I._ und J._, geboren tt.mm.2010 und tt.mm.2011, sowie seine Ex-
Ehefrau, welche 2010 mit ihm zusammen in die Schweiz gereist sei, leben eben-
falls in der Schweiz. Sie sind syrische Staatsangehörige; seine Ex-Ehefrau habe
aber auch eine schweizerische Aufenthaltsbewilligung. Seit ungefähr zwei Jahren
ist der Beschuldigte geschieden und lebt von seiner Familie getrennt. Seither be-
treut er seine Söhne an den Wochenenden, von Samstag bis Sonntagabend. Er
habe zudem zehn Geschwister. Vier Schwestern und ein Bruder würden nach wie
vor in Syrien leben, ein Bruder sei in Russland, einer sei verstorben und drei sei-
en in Deutschland. Zu seinen Geschwistern in Syrien und Europa habe er aber
nur wenig Kontakt. Früher habe er Filme über die Schweiz gesehen und genau
deshalb habe er in der Schweiz wohnen wollen. In Syrien sei er aufgrund politisch
kritischer Lieder von der Regierung unterdrückt worden. Der Beschuldigte leidet
seit 2015 an Depressionen und ist laut eigenen Angaben auf die Einnahme diver-
ser Medikamente angewiesen. Im Übrigen sind bei ihm aber zur Zeit keine Er-
krankungen bekannt. Im Zeitpunkt der vorinstanzlichen Hauptverhandlung verfüg-
te er über die Aufenthaltsbewilligung "B" und wohnte zusammen mit seinem Kol-
legen und Angestellten K._ in einer 3.5-Zimmerwohnung für Fr. 850.– Miete
pro Monat. Über nennenswertes Vermögen verfüge er nicht. Dagegen habe er
Schulden in der Höhe von Fr. 20'000.– bei L._ und Fr. 10'000.– bei einem
Kollegen. Der Beschuldigte ist unterhaltspflichtig gegenüber seinen Kindern (Bei-
zugsakten Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland, Geschäfts-Nr.
B-5/2014/10009323, Urk. 17; Urk. 7/1 S. 3 ff., Prot. I S. 44 ff.).
6.2. Anlässlich der Berufungsverhandlung ergänzte der Beschuldigte (Prot. II
S. 7 ff.), dass er seit Januar 2018 zwei weitere Coiffeursalons besitze, je einen in
E._ und in M._. Unterdessen habe er insgesamt zehn Angestellte, und
er verdiene monatlich zwischen Fr. 7'000.– und Fr. 8'000.–. Seine beiden Söhne
würden alle zwei Wochen zu ihm kommen, und die Ferien würde er sich hälftig
mit seiner Ex-Ehefrau teilen, was gerichtlich so festgelegt worden sei. Er sei zu-
dem verpflichtet worden, für seine Söhne monatliche Unterhaltsbeiträge in der
Höhe von Fr. 501.50 je Kind zu bezahlen. Er habe keine Schulden und keine Er-
sparnisse. Das Vermögen in Syrien würde alles der Familie respektive seinem
- 30 -
Vater gehören. Er sei zudem nach wie vor in ärztlicher Behandlung und gehe zu
einem Psychiater.
Aus seinem Werdegang und seinen persönlichen Verhältnissen gehen keine
Umstände hervor, aus denen sich zusätzliche, strafmassrelevante Faktoren für
die zu beurteilenden Taten ableiten lassen. Im Übrigen liegt, entgegen den Erwä-
gungen der Vorinstanz (Urk. 74 S. 35), auch keine Konstellation mit ausserge-
wöhnlichen Umständen vor, welche irgendeine besondere Strafempfindlichkeit –
aus persönlichen/familiären oder beruflichen Gründen – erkennen liesse. Wie das
Bundesgericht festhielt, stellt selbst die Verbüssung einer langjährigen Freiheits-
strafe für jeden sogar in ein familiäres oder soziales Umfeld eingebetteten Be-
schuldigten eine gewisse Härte dar; trotzdem darf sie nur zurückhaltend und nur
bei aussergewöhnlichen Umständen berücksichtigt werden (WIPRÄCHTI-
GER/KELLER, in: Basler Kommentar Strafrecht I, 3. Auflage, Basel 2013, N 150 ff.
zu Art. 47 StGB).
6.3. Gemäss Auszug aus dem Schweizerischen Strafregister vom 5. Okto-
ber 2018 weist der Beschuldigte 4 Vorstrafen auf. Mit Strafbefehl der Staatsan-
waltschaft Winterthur/Unterland vom 29. August 2013 wurde er wegen grober
Verletzung der Verkehrsregeln mit einer bedingten Geldstrafe von 10 Tagessät-
zen zu Fr. 30.–, bei einer leicht erhöhten Probezeit von 3 Jahren, und mit
Fr. 300.– Busse, bestraft. Mit Strafbefehl der selben Amtsstelle vom 3. September
2014 wurde er wegen mehrfachen Führens eines Motorfahrzeuges trotz Verwei-
gerung, Entzug oder Aberkennung des Ausweises und Verletzung der Verkehrs-
regeln im Sinne von Art. 90 Abs. 1 SVG mit einer unbedingten Geldstrafe von
30 Tagessätzen zu Fr. 30.– und mit Fr. 300.– Busse bestraft, wobei der bedingte
Aufschub der Geldstrafe vom 29. August 2013 widerrufen wurde. Mit Strafbefehl
der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 17. Oktober 2014 wurde er erneut we-
gen Führens eines Motorfahrzeuges trotz Verweigerung, Entzug oder Aberken-
nung des Ausweises mit einer unbedingten Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu
Fr. 30.– bestraft. Schliesslich wurde er mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft
Winterthur/Unterland vom 22. September 2015 wegen Betruges und Urkundenfäl-
schung sowie abermals wegen mehrfachen Führens eines Motorfahrzeuges trotz
- 31 -
Verweigerung, Entzug oder Aberkennung des Ausweises mit einer unbedingten
Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu Fr. 30.– bestraft (Urk. 87). Diese Vorstrafen
sind zwar nicht einschlägig, deren Art und Anzahl zeigt indessen eine beträchtli-
che Gleichgültigkeit gegenüber den hiesigen Gesetzen, und es gelang ihm nicht,
sich während der Probezeit zu bewähren. Bei seinen Widerhandlungen gegen
das SVG handelte es sich jeweils um die gleiche Deliktsart, was verdeutlicht, dass
er aus seinen Verurteilungen keine Lehre gezogen hat. Stattdessen beging er in
der Folge auch ein Vermögens- und Urkundendelikt. All dies ist merklich strafer-
höhend zu berücksichtigen.
6.4. Beim Nachtatverhalten ist dem Verhalten des Täters nach der Tat und
im Strafverfahren Rechnung zu tragen. Ein Geständnis, das kooperative Verhal-
ten eines Täters bei der Aufklärung von Straftaten sowie die Einsicht und Reue
wirken strafmindernd. Umfangreiche und prozessentscheidende Geständnisse
können eine Strafreduktion von bis zu einem Drittel bewirken (BGE 121 IV 202
E. 2d/cc). Der Grad der Strafminderung hängt aber insbesondere davon ab, in
welchem Stadium des Verfahrens das Geständnis erfolgte. Ein Geständnis kann
bei der Analyse des Nachtatverhaltens im Rahmen der Strafzumessung somit zu-
gunsten des Täters berücksichtigt werden, wenn es Ausdruck von Einsicht und
Reue ist.
6.4.1. Ein Verzicht auf Strafminderung kann sich aufdrängen, wenn das Ge-
ständnis die Strafverfolgung nicht erleichtert hat, namentlich weil der Täter nur
aufgrund einer erdrückenden Beweislage oder erst nach Ausfällung des erstin-
stanzlichen Urteils gestand (Urteil des Bundesgerichtes 6B_426/2010 vom 22. Juli
2010 E. 1.5 mit Hinweisen). In der Nichtanfechtung von Schuldsprüchen kann
gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung kein Geständnis erblickt werden,
welches eine Strafreduktion rechtfertigen würde (Urteil des Bundesgerichtes
6B_24/2012 vom 19. April 2012 E. 2.4.4 mit Hinweisen). Entsprechendes gilt,
wenn Nebenpunkte, wie die Verpflichtung zu Schadenersatzzahlungen, im Beru-
fungsverfahren anerkannt werden. Zudem hat der Täter mit der blossen Anerken-
nung des Schadens noch keine besonderen Einschränkungen aufsichgenommen
und keinen greifbaren Beweis seiner Reue erbracht (vgl. Art. 48 lit. d StGB; Urtei-
- 32 -
le des Bundesgerichtes 6B_853/2013 vom 20. November 2014 E. 2.4.7 und
6B_680/2012 vom 11. Januar 2013 E. 2.1).
6.4.2. Die bundesgerichtliche Praxis zeigt, dass nur ein ausgesprochen posi-
tives Nachtatverhalten zu einer maximalen Strafreduktion von einem Drittel führen
kann. Zu einem solchen gehört ein umfassendes Geständnis von allem Anfang an
und aus eigenem Antrieb, also nicht erst auf konkrete Vorwürfe hin oder nach
Vorlage entsprechender Beweise oder gar erst nach Ergehen eines erstinstanzli-
chen Schuldspruches. Ferner gehört kooperatives Verhalten in der Untersuchung
dazu, wenn beispielsweise aufgrund des Verhaltens eines Beschuldigten weitere
Delikte aufgeklärt oder Mittäter zur Rechenschaft gezogen werden können, was
ohne sein kooperatives Mitwirken nicht möglich gewesen wäre. Schliesslich ge-
hört Einsicht ins Unrecht der Tat und Reue dazu. Nur wenn all diese Faktoren er-
füllt sind, kann eine Strafreduktion von einem Drittel erfolgen. Fehlen einzelne
Elemente, ist die Strafe entsprechend weniger stark zu mindern (WIPRÄCHTIGER/
KELLER, in: Basler Kommentar Strafrecht I, a.a.O., N 169 ff. zu Art. 47 StGB;
TRECHSEL/THOMMEN, in: TRECHSEL/PIETH, Schweizerisches Strafgesetzbuch, Pra-
xiskommentar, 3. Auflage, Zürich/St. Gallen 2018, N 22 und N 24 zu Art. 47
StGB).
6.4.3. Der Beschuldigte hat die Vergewaltigungsvorwürfe stets bestritten und
macht im Wesentlichen geltend, die sexuellen Handlungen seien im Einverständ-
nis der Privatklägerin erfolgt (vgl. vorstehend, Erw. III.2. ff.). Dies stellt eine voll-
umfängliche Bestreitung der eigentlichen Tatvorwürfe dar. Erst im Berufungsver-
fahren und damit nach Erlass des vorinstanzlichen Urteils hat der Beschuldigte
seine bisherigen Aussagen teilweise leicht revidiert (Urk. 85/2; Prot. II S. 14 ff.).
Eine Anerkennung eines wesentlichen Teils der Aussagen der Privatklägerin oder
von Anklagevorwürfen lässt sich darin aber nicht erblicken. Aus der halbherzigen
Teilanerkennung, wonach er einsehe, dass er hätte merken müssen, dass die
Privatklägerin eigentlich nicht mit ihm habe schlafen wollen, dies aber nicht ge-
schehen sei, da er so von seinem Ego überzeugt und in sie verliebt gewesen sei,
dass er ihre Reaktionen völlig falsch interpretiert habe und nicht in der Lage ge-
wesen sei, ihre Reaktionen als Abwehr zu erkennen, sondern davon ausgegan-
- 33 -
gen sei, dass dies Teil ihres Spiels respektive Ausdruck von Schüchternheit und
Hemmungen gewesen sei (Urk. 85/2; Prot. II S. 14 ff.), zeugt auch nicht von Ein-
sicht oder Reue. Zwar führte der Beschuldigte anlässlich der Berufungsverhand-
lung mehrmals aus, er habe eine falsche Wahrnehmung gehabt und deshalb ihre
Reaktionen nicht als Abwehr erkannt (als Beispiel brachte er vor, sie habe nicht
so richtig Freude daran gehabt, die Hose herunterzulassen oder sich auszuzie-
hen, Prot. II S. 16); auf die einzelnen Abwehrhandlungen konkret angesprochen,
bestritt er allerdings weiterhin, dass sie ihm körperlich Widerstand geleistet habe.
Sie habe weder versucht, die Beine zusammenzupressen, noch habe sie geweint.
Auch habe sie ihm nicht konkret gesagt, dass sie seine Handlungen nicht wolle
und dass sie einen Freund habe, habe sie auch nicht erwähnt. Im Gegenteil, sie
habe ihn angemacht und durch aktives Tun erregt. Das gegenseitige Berühren
habe es schon gegeben (Prot. II S. 16 f.). Von einem umfassenden Geständnis
oder aufrichtiger Einsicht und Reue kann damit keine Rede sein. Unter dem Titel
Nachtatverhalten kann dem Beschuldigten daher in Übereinstimmung mit der
Vorinstanz (Urk. 74 S. 36, Ziff. 4.4.) keine Strafminderung gewährt werden.
6.5. Insgesamt überwiegen die straferhöhenden Faktoren (vorstehend,
Erw. V.6.3.). Da allerdings das Verschlechterungsverbot zu beachten ist (vorste-
hend, Erw. V.2.), bleibt es bei der vorinstanzlich festgesetzten Freiheitsstrafe von
4 Jahren.
7. Der Anrechnung der vom Beschuldigten erstandenen Untersuchungs- und
Sicherheitshaft von 128 Tagen steht nichts entgegen (Art. 51 StGB).
8. Angesichts der Dauer der Freiheitsstrafe entfällt die Möglichkeit eines be-
dingten oder teilbedingten Vollzuges derselben (Art. 42 f. StGB).
9. Die von der Vorinstanz für die mehrfachen sexuellen Belästigungen im
Sinne von Art. 198 StGB ausgefällte Busse in der Höhe von Fr. 500.– erweist sich
als dem Tatverschulden und den wirtschaftlichen Verhältnissen des Beschuldig-
ten angemessen. Einer höheren Busse stünde ohnehin wiederum das Ver-
schlechterungsverbot entgegen. Die Busse ist zu bezahlen (Art. 105 Abs. 1
StGB). Für den Fall schuldhafter Nichtbezahlung derselben, ist eine Ersatzfrei-
- 34 -
heitsstrafe von mindestens einem Tag und höchstens drei Monaten auszuspre-
chen (Art. 106 Abs. 2 StGB). In ständiger Praxis erscheint ein Umwandlungssatz
von einem Tag Ersatzfreiheitsstrafe pro Fr. 100.– Busse als angemessen, wes-
halb eine Ersatzfreiheitsstrafe von 5 Tagen Freiheitsstrafe auszufällen ist.
VI. Landesverweisung
1. Wird ein Ausländer der sexuellen Nötigung (Art. 189 StGB) und Vergewal-
tigung (Art. 190 StGB) schuldig gesprochen, so verweist ihn das urteilende Ge-
richt gemäss Art. 66a Abs. 1 lit. h StGB unabhängig von der Höhe der Strafe für
5 bis 15 Jahre aus der Schweiz. Das Gericht kann ausnahmsweise von einer
Landesverweisung absehen, wenn diese für den Ausländer einen schweren per-
sönlichen Härtefall bewirken würde und die öffentlichen Interessen an der Lan-
desverweisung gegenüber den privaten Interessen des Ausländers am Verbleib in
der Schweiz nicht überwiegen. Dabei ist der besonderen Situation von Auslän-
dern Rechnung zu tragen, die in der Schweiz geboren oder aufgewachsen sind
(Art. 66a Abs. 2 StGB). Im Bereich der obligatorischen Landesverweisung
(Art. 66a StGB) steht dem Richter somit nur ein sehr beschränkter Ermessens-
spielraum offen. Die Anwendung der Härtefallklausel soll nach dem ausdrückli-
chen Willen des Gesetzgebers auf Ausnahmefälle beschränkt bleiben, in denen
die Landesverweisung in krasser Weise unverhältnismässig wäre. Zu denken ist
etwa an Ausländer, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind oder sich
seit Jahrzehnten im Lande aufhalten, kaum noch Beziehungen zu ihrer Heimat
haben und sich dort nicht mehr zurechtfinden würden. Erst wenn feststeht, dass
die Landesverweisung einen schweren persönlichen Härtefall bewirken würde, ist
in einem zweiten Schritt das private Interesse an einem Verbleib in der Schweiz
dem öffentlichen Interesse an einem Verlassen der Schweiz gegenüberzustellen.
Resultiert daraus ein überwiegendes öffentliches Interesse, muss die Landesver-
weisung verhängt werden (BUSSLINGER/UEBERSAX, Härtefallklausel und migrati-
onsrechtliche Auswirkungen der Landesverweisung, plädoyer 5/16, S. 102).
2. Aus den Akten und den Befragungen des Beschuldigten ergibt sich zu-
sammengefasst Folgendes zu seinen persönlichen Verhältnissen (Urk. 7/1 S. 3
- 35 -
ff., Prot. I S. 44 ff., Prot. II S. 7 ff.): Der Beschuldigte wurde am tt. August 1987 in
Syrien geboren und lebte dort bis zu seiner Einreise in die Schweiz im Mai 2010.
Seit gut acht Jahren lebt er nun in der Schweiz und verfügt über die Aufenthalts-
bewilligung B. Nach früherer Sozialhilfeabhängigkeit eröffnete er Ende 2015/
Anfang 2016 ein Coiffeurgeschäft und ging einer regelmässigen Arbeitstätigkeit
nach. Sein Coiffeursalon sei vor seiner Verhaftung gut gelaufen, und er habe
auch mehrere Angestellte gehabt. Seit Januar 2018 besitze er zwei weitere Coif-
feursalons, je einen in E._ und in M._. Insgesamt habe er nun zehn An-
gestellte, und er verdiene monatlich zwischen Fr. 7'000.– und Fr. 8'000.–. In Syri-
en habe er sieben Jahre die Schule besucht und anschliessend seine Ausbildung
als Coiffeur absolviert. Er habe auch ein syrisches Diplom als Coiffeur. Er habe
ca. drei Jahre in Syrien als Coiffeur gearbeitet, und auch in Damaskus sei er eine
Weile tätig gewesen. Seine beiden Söhne I._ und J._, geboren
tt.mm.2010 und tt.mm.2011, sowie seine Ex-Ehefrau, welche 2010 mit ihm zu-
sammen in die Schweiz gereist sei, leben ebenfalls in der Schweiz. Sie sind syri-
sche Staatsangehörige; seine Ex-Ehefrau habe aber auch eine schweizerische
Aufenthaltsbewilligung. Seit ungefähr zwei Jahren ist der Beschuldigte geschie-
den und lebt von seiner Familie getrennt. Gerichtlich sei geregelt worden, dass
seine beiden Söhne alle zwei Wochen zu ihm kommen würden, und die Ferien
seien hälftig zwischen ihm und seiner Ex-Ehefrau aufgeteilt worden. Er sei zudem
verpflichtet worden, für seine beiden Söhne monatliche Unterhaltsbeiträge in der
Höhe von je Fr. 501.50 zu bezahlen. Er habe zudem zehn Geschwister. Vier
Schwestern und ein Bruder würden nach wie vor in Syrien leben, ein Bruder sei in
Russland, einer sei verstorben und drei seien in Deutschland. Zu seinen Ge-
schwistern in Syrien und Europa habe er aber nur wenig Kontakt. Seinen Vater
und dessen neue Ehefrau habe er zwei oder drei Mal im irakischen Kurdistan ge-
sehen, das letzte Mal im Oktober 2018. Früher habe er Filme über die Schweiz
gesehen, und genau deshalb habe er in der Schweiz wohnen wollen. In Syrien sei
er aufgrund politisch kritischer Lieder von der Regierung unterdrückt worden.
3. Bei der Prüfung, ob im konkreten Einzelfall ein schwerer persönlicher Här-
tefall im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB vorliegt, sind insbesondere die folgenden
Aspekte zu berücksichtigen: Die Anwesenheitsdauer, die familiären Verhältnisse,
- 36 -
die Arbeits- und Ausbildungssituation, die Persönlichkeitsentwicklung, der Grad
der Integration und die Resozialisierungschancen. Bei sämtlichen Aspekten ist
der Fokus einerseits auf die Situation in der Schweiz und andererseits auf die Si-
tuation im Heimatland zu legen. Härtefallbegründende Aspekte müssen grund-
sätzlich den Betroffenen selbst treffen. Treten sie bei Dritten auf, sind sie nur
dann zu berücksichtigen, wenn sie sich zumindest indirekt auch auf den Betroffe-
nen auswirken. Ein schwerer persönlicher Härtefall ist dann anzunehmen, wenn
die Summe aller Schwierigkeiten den Betroffenen derart hart trifft, dass ein Ver-
lassen der Schweiz bei objektiver Betrachtung zu einem nicht hinnehmbaren Ein-
griff in seine Daseinsbedingungen führt. Ob ein schwerer persönlicher Härtefall
vorliegt, ist im Rahmen einer Gesamtbetrachtung zu eruieren (BUSSLINGER/
UEBERSAX, a.a.O., S. 101 f.). Alle gegen den Vollzug der Landesverweisung spre-
chenden Umstände (vgl. Art. 66d StGB) sind bereits im Rahmen der Härtefallprü-
fung zu beachten. Zudem sind die verfassungsrechtlichen und völkerrechtlichen
Bestimmungen einzuhalten (BUSSLINGER/UEBERSAX, a.a.O., S. 99).
3.1. Die Staatsanwaltschaft beantragte, der Beschuldigte sei für 10 Jahre
des Landes zu verweisen (Urk. 54 S. 2). Zusammengefasst führte sie aus, dass
ein Härtefall klarerweise nicht vorliege. Das öffentliche Interesse, dass ein mehr-
fach vorbestrafter Beschuldigter, welcher als Chef seine Lernende mehrfach ver-
gewaltigt habe, des Landes verwiesen werde, überwiege das private Interesse
des Beschuldigten am Verbleib in der Schweiz deutlich (Urk. 54 S. 18 f.).
3.2. Die Verteidigung bringt vor, dass es sich beim Beschuldigten nicht um
einen kriminellen Kurzaufenthalter in der Schweiz handle, sondern um einen be-
stens integrierten Ausländer, der hier Familie und mehrere Geschäfte habe. Er
habe in der Schweiz seinen Lebensmittelpunkt und es hier zu weit mehr gebracht
als viele seiner Landsleute. Er verdiene sein eigenes Geld und zahle Steuern.
Ausserdem sei nicht auszuschliessen, dass er in Zukunft wieder mit seiner Ex-
Frau zusammenkommen werde und ein geregeltes Familienleben führen könne.
Zu seinem Heimatland habe er ein sehr gespaltenes Verhältnis, welches er in
seinen Liedtexten und Videos verarbeite. Eine Rückkehr nach Syrien sei für ihn
keine realistische Option, auch wenn ein Teil seiner Familie noch dort wohne.
- 37 -
Ausserdem sei nicht auszuschliessen, dass er aufgrund seiner kritischen Ansich-
ten, die er auch öffentlich teile, bei einer allfälligen Rückkehr nach Syrien politisch
verfolgt werden könnte. Angesichts dieser Gründe sei offensichtlich, dass er ein
immenses Interesse am Verbleib in der Schweiz habe und es sich weder rechtfer-
tige noch verhältnismässig sei, ihn für eine längere Zeit des Landes zu verweisen.
Ein mehrjähriger Landesverweis würde die Aussicht auf ein Familienleben und die
weitere selbständige Erwerbstätigkeit zunichtemachen, was weder notwendig
noch zumutbar sei (Urk. 58 S. 17 f.; Urk. 91 S. 8 ff.).
3.3. Der Beschuldigte lebt seit gut acht Jahren in der Schweiz. Nach einigen
Startschwierigkeiten ist es ihm vor zwei Jahren gelungen, seine Selbständigkeit
durch ein eigenes Coiffeurgeschäft aufzubauen, welche er seit Januar 2018 auf
zwei weitere Coiffeursalons ausbauen konnte. Eine Landesverweisung wäre für
ihn deshalb aus beruflicher Sicht mit Unannehmlichkeiten verbunden, namentlich
weil er seine drei Geschäfte hier nicht mehr weiterführen könnte. Da er aber in
Syrien seine Ausbildung als Coiffeur absolvierte und dort bereits drei Jahre als
solcher gearbeitet hat, dürfte es ihm grundsätzlich möglich sein, in Syrien wieder
eine Existenz aufzubauen, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können.
3.3.1. Der Beschuldigte führte aus, dass er keine näheren Beziehungen
mehr zu Syrien habe und auch mit seinen dort wohnhaften Geschwistern nur we-
nig Kontakt pflege (Prot. I S. 44 f.). Mit seinem Vater habe er ein normales Vater-
Sohn-Verhältnis. Er habe ihn und dessen Ehefrau zwei bis drei Mal im irakischen
Kurdistan gesehen. Das letzte Mal sei er im Oktober dort gewesen; am 8. Oktober
2018 sei er zurückgekommen (Prot. II S. 11). Voraussetzung für die erfolgreiche
Wiedereingliederung ist nicht, dass er über ein dichtes Beziehungsnetz verfügt.
Gemäss seinen eigenen Ausführungen besteht ein Kontakt zu seinen Geschwis-
tern und seinem Vater aber allemal (Prot. II S. 11). Zudem pflegt er auch mit sei-
nen in Europa lebenden Brüdern nur wenig Kontakt (Prot. I S. 45).
3.3.2. Der Beschuldigte ist kein politischer Flüchtling, sondern hat in der
Schweiz Aufenthaltsstatus B. Die von ihm behauptete angeblich drohende politi-
sche Verfolgung in Syrien ist in keiner Weise belegt und beruht lediglich auf sei-
nen Aussagen (Urk. 7/1 S. 4; Prot. I S. 44; Urk. 58 S. 18; Urk. 91 S. 9). Er führte
- 38 -
zwar aus, er sei politisch aktiv gewesen, und dies habe der Regierung nicht ge-
passt (Urk. 7/1 S. 4; Prot. I S. 44 f.). Zudem drohe ihm eine lange Gefängnisstrafe
mit Folter (Prot. II S. 21). Da einige seiner Geschwister weiterhin in Syrien leben,
verfügt er über genügend soziale Kontakte, und dieser Umstand zeigt, dass seine
Familie in Syrien nicht per se verfolgt wird. Auch liegen keine substantiierten Hin-
weise vor, dass ihm in Syrien tatsächlich eine (lange) Gefängnisstrafe bevorste-
hen würde, und er führte nicht weiter aus, weshalb ihm dabei Folter drohen sollte.
Es wird dem Beschuldigten somit kaum Schwierigkeiten bereiten, sich wie-
der in die dortige Gesellschaft einzugliedern. Die Vorinstanz hat zudem, entgegen
der Auffassung der Verteidigung (Urk. 91 S. 9), zutreffend erwogen (Urk. 74
S. 39), dass für eine allfällige Landesverweisung die Frage, ob eine Rückführung
nach Syrien nach Verbüssung der Freiheitsstrafe aufgrund der dortigen politi-
schen Situation möglich und zumutbar sei, nicht von Bedeutung sein könne. Es
wird Sache der vollziehenden Behörde sein, dies im Zeitpunkt des Vollzuges ab-
zuklären. Folglich ist für den Beschuldigten das Leben in Syrien nicht mit einer
unverhältnismässigen Härte verbunden.
3.3.3. Der Beschuldigte ist familiär in der Schweiz verwurzelt, lebt aber seit
rund zwei Jahren von seiner Familie getrennt. Er betreut seine beiden 7- und
8-jährigen Söhne regelmässig am Wochenende von Samstag bis Sonntagabend.
Seit Januar 2017 müsste er für seine Ex-Ehefrau sowie die beiden Söhne Unter-
haltsbeiträge bezahlen, was aufgrund seiner Inhaftierung allerdings nicht möglich
gewesen sei (Prot. I S. 47). Anlässlich der Berufungsverhandlung führte der Be-
schuldigte diesbezüglich aus, gerichtlich sei geregelt worden, dass seine Söhne
alle zwei Wochen zu ihm kommen und die Ferien zwischen ihm und seiner Ex-
Ehefrau aufgeteilt würden. Für seine beiden Söhne bezahle er monatliche Unter-
haltsbeiträge in der Höhe von je Fr. 501.50 (Prot. II S. 10 f. und S. 13). Von der
Verteidigung wurde zwar geltend gemacht, dass der Beschuldigte in Zukunft wie-
der mit seiner Ex-Frau zusammenkommen werde und ein geregeltes Familienle-
ben führen könne, substantiiertere Ausführungen dazu folgten allerdings nicht.
Dass dem Beschuldigten die Weiterführung seiner Vaterrolle ein grosses Anliegen
ist, ist nachvollziehbar. Bei einer Landesverweisung könnte er insbesondere den
- 39 -
Kontakt zu seinen beiden Söhnen nicht mehr in gewohnter Form pflegen. Gerade
in diesem jungen Alter der Kinder ist die Eltern-Kind-Beziehung für beide Seiten
von grosser Bedeutung. Es ist aber festzuhalten, dass der Härtefall nicht bei einer
Drittperson begründet werden kann, sondern dass sich dieser bei der betroffenen
Person persönlich auszuwirken hat. Bei einer Landesverweisung würde der per-
sönliche Kontakt zwischen dem Beschuldigten und seinen Kindern wohl deutlich
eingeschränkt. Faktisch würde demnach die Vater-Kind-Beziehung auf einer tele-
fonischen bzw. videoübertragenen Basis weiterexistieren. Selbst wenn er die Kin-
der ferienhalber sehen würde, wäre dies kein Vergleich zum jetzigen persönlichen
Kontakt, den er pflegt. Aufgrund der bestehenden Bindung zu den Kindern ist eine
Härte für den Beschuldigten sicherlich zu bejahen. Insgesamt bewirken die per-
sönlichen Umstände des Beschuldigten, namentlich dass er bei einer Landesver-
weisung sein Coiffeurgeschäft nicht mehr weiterführen könnte und der Kontakt zu
seinen Kindern erschwert würde, zweifellos eine gewisse Härte. Ein schwerer
persönlicher Härtefall im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB liegt indes nicht vor. Ei-
ne Verweisung des Beschuldigten des Landes würde zudem den Schutzbereich
von Art. 8 EMRK tangieren, da die Ausweisung einer Person aus einem Land, in
welchem seine nahen Verwandten wohnen, einen entsprechenden Eingriff in das
durch Art. 8 EMRK gewährte Recht auf Achtung des Familienlebens darstellen
kann (Urteil des Bundesgerichtes 6B_506/2017 vom 14. Februar 2018 E. 2.2; Ur-
teil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte Hasanbasic gegen die
Schweiz vom 11. Juni 2013 [requête no 52166/09] § 46). Der Anspruch (auf Auf-
enthalt) gilt aber nicht absolut: Liegt eine aufenthaltsbeendende Massnahme im
Schutz- und Anwendungsbereich von Art. 8 EMRK, erweist sich diese als zuläs-
sig, falls sie gesetzlich vorgesehen ist, einem legitimen Zweck im Sinne von Art. 8
Ziff. 2 EMRK entspricht und zu dessen Realisierung in einer demokratischen Ge-
sellschaft "notwendig" erscheint (Urteil des Bundesgerichtes 6B_659/2018 vom
20. September 2018 E. 3.4). Die Landesverweisung erweist sich auch unter die-
sem Aspekt als zulässig.
4. Das Ziel der Landesverweisung ist die Verhinderung weiterer Straftaten in
der Schweiz. Bei der Bestimmung des öffentlichen Interesses spielen daher die
folgenden Aspekte eine Rolle: Die ausgefällte Strafe, die Art der begangenen De-
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likte, eine grosse Rückfallgefahr, eine wiederholte Straffälligkeit, eine erneute
Straffälligkeit nach einer verbüssten Freiheitsstrafe, eine Straffälligkeit nach einer
migrationsrechtlichen Verwarnung. Das gesamte öffentliche Interesse ist dem ge-
samten privaten Interesse gegenüberzustellen. Resultiert dabei ein überwiegen-
des öffentliches Interesse, ist die Landesverweisung auszusprechen (BUSSLIN-
GER/UEBERSAX, a.a.O., S. 103).
4.1. Bei der Bewertung des öffentlichen Interesses fällt ins Gewicht, dass
der Beschuldigte wegen der Begehung mehrerer Verbrechen (mehrfache Verge-
waltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB und versuchter sexueller Nötigung
im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB) zu ei-
ner unbedingten Freiheitsstrafe von 4 Jahren zu verurteilen ist. Aus der auszufäl-
lenden Sanktionshöhe geht hervor, dass ein schweres Delikt im Rahmen der Ka-
talogtat vorliegt.
4.2. Auch ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte in der Schweiz
schon mehrfach vorbestraft ist (vgl. vorstehend, Erw. V.6.3.; Urk. 87). Die Art der
von ihm in der Vergangenheit verübten Delikte zeigt eine beträchtliche Gleichgül-
tigkeit gegenüber den hiesigen Gesetzen. Ihm gelang es auch nicht, sich während
der Probezeit zu bewähren. Bei seinen Widerhandlungen gegen das SVG handel-
te es sich jeweils um die gleiche Deliktsart, was verdeutlicht, dass er aus seinen
Verurteilungen keine Lehre gezogen hat. Stattdessen war er bereit, wieder neue
Delikte zu begehen und seine kriminelle Energie zu steigern. Die bisher ausge-
sprochenen Strafen (mehrere Geldstrafen und Bussen) konnten bei ihm offenbar
keine nachhaltige Wirkung entfalten. Die mehrfache Vergewaltigung seiner Lehr-
tochter mit versuchter sexueller Nötigung und mehrfachen sexuellen Belästigun-
gen stellen grobe Steigerungen seines bisherigen delinquenten Verhaltens dar
und zeigen, dass es ihm am nötigen Respekt vor der körperlichen und sexuellen
Integrität anderer Personen fehlt. Unter diesen Umständen besteht ein grosses öf-
fentliches Interesse an der Landesverweisung.
5. Bei einer Gesamtwürdigung aller Umstände überwiegt das private Inte-
resse des Beschuldigten, insbesondere an der Aufrechterhaltung seiner familiären
Bindungen in der Schweiz, die öffentlichen Interessen nicht. Es liegt kein schwe-
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rer persönlicher Härtefall im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB vor, welcher es als
gerechtfertigt erscheinen liesse, ausnahmsweise von einer Landesverweisung
abzusehen. Der Beschuldigte ist daher des Landes zu verweisen. Unter Berück-
sichtigung aller Umstände, insbesondere dass mehrere Verbrechen begangen
worden sind, ist die Landesverweisung für eine Dauer von 8 Jahren auszuspre-
chen.
6. Landesverweisungen gegenüber Ausländern aus Staaten, die nicht zum
Schengen-Raum gehören, werden im Schengen-Informationssystem ausge-
schrieben, wenn davon auszugehen ist, dass die Anwesenheit der betreffenden
Person im Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaates die öffentliche Sicherheit und Ord-
nung gefährdet. Dies ist insbesondere der Fall, wenn der Drittstaatsangehörige
wegen einer Straftat verurteilt worden ist, die mit mindestens einem Jahr Frei-
heitsstrafe bedroht ist (Art. 24 Abs. 2 SIS-II-VO, vgl. Art. 96 Abs. 2 lit. a SDÜ), es
sei denn, ein anderer Schengen-Vertragsstaat hätte dieser Person aus humanitä-
ren oder anderen gewichtigen Gründen eine Aufenthaltsbewilligung erteilt oder
zugesichert (Art. 25 SDÜ; vgl. zum Ganzen BVGer. C-4656/2012, Erw. 5).
6.1. Das Schengener Durchführungsabkommen ist in diesem Punkt unklar
formuliert. Auch ein Blick auf den englischen, französischen oder italienischen
Text des Abkommens [im Internet abrufbar unter http://eur-lex.europa.eu/legal-
content/EN/ALL/?uri=celex:42000A0922(02)] verschafft keine Klarheit, ob eine
Höchststrafe von mindestens einem Jahr oder eine Mindeststrafe von einem Jahr
gemeint ist. Ersteres kann indessen nicht die richtige Auslegung des Abkommens
sein, denn so würden von der Ausschreibung im Schengen-Informationssystem
nicht nur schwere Straftaten erfasst, sondern auch eine Vielzahl eher geringfügi-
ger Delikte. Mit der Ausweitung einer ausländerrechtlichen Fernhaltemassnahme
auf den gesamten Schengenraum wird deren Sanktionswirkung sehr stark erhöht.
Dies rechtfertigt sich nur bei gravierenden Taten, die – soweit nicht Strafmilde-
rungsgründe gegeben sind – mit mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe geahndet
werden müssen.
6.2. Der Beschuldigte wird wegen mehrfacher Vergewaltigung (Art. 190
Abs. 1 StGB), bei welcher die Mindeststrafe ein Jahr beträgt, versuchter sexueller
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Nötigung (Art. 189 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB) sowie
mehrfachen sexuellen Belästigungen (Art. 198 StGB) zu 4 Jahren Freiheitsstrafe
verurteilt. Die Landesverweisung gegen den Beschuldigten ist folglich im Schen-
gen-Informationssystem auszuschreiben.
VII. Zivilansprüche
1. Hinsichtlich der rechtstheoretischen Voraussetzungen für die Geltendma-
chung von Schadenersatz- und Genugtuungsansprüchen kann vollumfänglich auf
die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 50 S. 42 ff.;
Art. 82 Abs. 4 StPO).
2. Der Beschuldigte machte geltend, es gebe keinen Grund für die Ausrich-
tung von Schadenersatz oder einer Genugtuung an die Privatklägerin und bean-
tragte, auf die geltend gemachten Zivilansprüche sei nicht einzutreten (Urk. 58
S. 19; Urk. 91 S. 1 und S. 6).
3. Die Privatklägerin beantragte, es sei festzustellen, dass der Beschuldigte
ihr gegenüber aus den eingeklagten Ereignissen für den zukünftigen Schaden aus
Arzt- und Therapiekosten ersatzpflichtig sei, soweit dieser kausal zu den vorlie-
genden Straftaten stehe und nicht von Dritten übernommen werde (Urk. 55 S. 2
f.).
3.1. Der Beschuldigte ist diverser Delikte zum Nachteil der Privatklägerin
schuldig zu sprechen. Aufgrund des Schuldspruches haftet er grundsätzlich ge-
genüber der Privatklägerin aus den beurteilten Ereignissen. Ein damit zusam-
menhängender Schaden aus Arzt- und Therapiekosten wurde aber nicht substan-
tiiert behauptet und belegt.
3.2. Da die Voraussetzungen der Schadenersatzpflicht erfüllt sind (Art. 41
Abs. 1 OR), ist festzustellen, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin
aus den eingeklagten Ereignissen dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig
ist. Zur genauen Festlegung des Umfanges ist die Privatklägerin allerdings auf
den Zivilweg zu verweisen.
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4. Die Privatklägerin beantragte zudem den Ersatz des durch die erlittenen
Straftaten verursachten Erwerbsausfalles. Ihre Rechtsvertretung führte dazu aus,
es sei unmittelbar nachdem sie der Lehrlingsverantwortlichen vom erlittenen
Missbrauch erzählt habe, zur fristlosen Kündigung des Lehrvertrages gekommen,
was zeige, dass diese in einem Konnex zu den Straftaten stehe. Auch der Be-
schuldigte habe bestätigt, dass die Auflösung des Lehrvertrages erst erfolgt sei,
nachdem sie sich der Lehrlingsverantwortlichen auf WhatsApp anvertraut habe.
Die Privatklägerin habe sich bei der Arbeit angewidert und beschämt gefühlt. Es
sei für sie einfach nur erniedrigend gewesen. Sie sei nicht mehr zur Arbeit gegan-
gen, da sie es psychisch nicht mehr habe verkraften können. Dass die Privatklä-
gerin oft am Arbeitsplatz gefehlt habe, stehe somit in einem kausalen Zusam-
menhang mit dem erlittenen sexuellen Missbrauch. Die Fortsetzung des Lehrver-
hältnisses sei für sie absolut nicht mehr zumutbar gewesen. Durch den Wegfall
des Lehrlingslohnes und den erschwerten sowie verzögerten beruflichen Werde-
gang sei ein Schaden entstanden. Der Lehrlingslohn von monatlich brutto
Fr. 700.– sei der Privatklägerin in der Zeit von Januar bis Ende April 2017 nicht
mehr bezahlt worden. Ab Mai 2017 habe sie eine neue Lehrstelle gefunden. So-
mit sei ihr ein Erwerbsschaden von Fr. 2'800.– (4x Fr. 700.–) entstanden, zuzüg-
lich 5% Zins ab 1. Juni 2017 (Urk. 55 S. 3 ff.; Prot. I S. 80).
4.1. Da die Privatklägerin ohne die an ihr verübten Delikte voraussichtlich bis
zum Abschluss ihrer Lehre beim Beschuldigten angestellt gewesen wäre und ih-
ren Lehrlingslohn erhalten hätte, besteht der Schaden in einem entgangenen Ge-
winn. Der Lehrlingslohn betrug monatlich Fr. 700.– (Urk. 56/3) und wurde ihr ab
Januar 2017 nicht mehr bezahlt. Da sie ab Mai 2017 eine neue Lehrstelle gefun-
den hat, ist ihr ein Erwerbsschaden für die Zeit von Januar bis April 2017 in der
Höhe von Fr. 2'800.– entstanden. Die Widerrechtlichkeit ist in Übereinstimmung
mit der Vorinstanz zutreffend zu bejahen (Urk. 74 S. 44), da die Privatklägerin Op-
fer der vom Beschuldigten begangenen Delikte ist und ihre psychische und physi-
sche respektive sexuelle Integrität ein absolut geschütztes Rechtsgut darstellt.
Die Vorinstanz hat die theoretischen Voraussetzungen des natürlichen Kausalzu-
sammenhangs korrekt aufgeführt, weshalb darauf verwiesen werden kann
(Urk. 74 S. 44; Art. 82 Abs. 4 StPO). Das Verhalten des Beschuldigten hatte die
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Auflösung des Lehrverhältnisses zur Folge, und zwar unabhängig davon, ob er ihr
im Wissen um die gegen ihn zu recht erhobenen Anschuldigungen oder aufgrund
ihres Fernbleibens von der Arbeit, verursacht durch die von ihm verübten Taten,
kündigte. Aufgrund der Auflösung des Arbeitsverhältnisses verlor die Privatkläge-
rin ihr Einkommen, womit der natürliche und adäquate Kausalzusammenhang ge-
geben ist. Der Beschuldigte handelte bewusst und nahm den Schaden zumindest
in Kauf; ein Verschulden liegt somit vor.
4.2. Die Voraussetzungen der Schadenersatzpflicht sind erfüllt, weshalb der
Beschuldigte zu verpflichten ist, der Privatklägerin Schadenersatz für den erlitte-
nen Erwerbsausfall in der Höhe von Fr. 2'800.– nebst Zins zu 5% seit 1. Juni
2017 zu bezahlen.
5. Die Privatklägerin beantragte eine Genugtuung in der Höhe von
Fr. 20'000.– zuzüglich 5% Zins seit dem 28. Oktober 2016 (Urk. 55 S. 1). Zur Be-
gründung liess sie ausführen, dass die mehrfache Vergewaltigung, die versuchte
sexuelle Nötigung und die mehrfachen sexuellen Belästigungen eine Verletzung
ihrer Persönlichkeit im Sinne von Art. 49 Abs. 1 OR darstellen würden. Der Be-
schuldigte habe seine Autoritätsstellung als Lehrmeister und Chef gegenüber ihr
als seiner ihm anvertrauten Lehrtochter krass missbraucht. Er habe nicht nur sei-
ne Stellung, sondern auch das Vertrauen, welches sie in ihn gesetzt habe, miss-
braucht. Er habe sie psychisch massiv unter Druck gesetzt, da er gewusst habe,
wie wichtig es ihr gewesen sei, die Lehre abschliessen zu können. Im Wissen um
seine Machtstellung sei bei ihr ein Gefühl der Abhängigkeit entstanden. Dieses
Gefühl habe er genutzt, um ihre Gegenwehr zu brechen und den Geschlechtsver-
kehr mit ihr zu erzwingen. Damit habe er bei ihr ein Gefühl enormer Ohnmacht er-
zeugt. Durch die vorgefallenen sexuellen Übergriffe sei ihr Eintritt ins Berufsleben
zusätzlich erschwert worden, was sich auf ihr Selbstwertgefühl auswirke. Sie
komme mit dem Erlebten bis heute überhaupt nicht klar. Durch den erlittenen
Missbrauch sei ein Leid entstanden und ihr Leben stark beeinträchtigt worden
(Urk. 55 S. 5 ff.).
5.1. Der Beschuldigte missbrauchte die Privatklägerin in einem relativ engen
Zeitraum mehrfach auf die gleiche Art und Weise. Er vergewaltigte die Privatklä-
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gerin mehrfach im Keller seines Coiffeursalons und benutzte dabei das schon er-
folgreich erprobte Muster. Bei den sexuellen Übergriffen war der Beschuldigte die
aktive Person, welcher die Privatklägerin zur Duldung seiner Handlungen zwang.
Neben den mehrfachen Vergewaltigungen und der versuchten sexuellen Nötigung
war die Privatklägerin während der ganzen Dauer ihrer Anstellung den sexuellen
Belästigungen des Beschuldigten ausgesetzt. Sie war zum Zeitpunkt der Übergrif-
fe in ihrem letzten Lehrjahr und wollte dieses erfolgreich abschliessen. Aufgrund
ihrer körperlichen Unterlegenheit und dem Subordinationsverhältnis zwischen ihr
und dem Beschuldigten war es ihr nicht möglich, sich ernsthaft gegen ihn zur
Wehr zu setzen. Mit seinen Handlungen hat der Beschuldigte nicht nur ihre kör-
perliche und sexuelle Integrität massiv verletzt, sondern auch ihre freie Willensbil-
dung missachtet. Das Tatverschulden hinsichtlich der zum Nachteil der Privatklä-
gerin verübten Delikte wiegt keineswegs mehr leicht. Zudem sind die Beeinträch-
tigungen, welche sie angesichts der Übergriffe erlitten hat, auch nach den Taten
noch belastend und führen zu einer wesentlichen Beeinträchtigung ihrer Lebens-
qualität, wobei sich allfällige dauerhafte Schäden noch nicht näher beurteilen las-
sen. Der Beschuldigte griff durch die von ihm verübten Taten widerrechtlich und
schuldhaft in die psychische und physische respektive sexuelle Integrität der Pri-
vatklägerin ein, wodurch sie erheblich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt
wurde.
5.2. Im angefochtenen Urteil wurde der Genugtuungsanspruch angesichts
der Art und Schwere der Übergriffe, der Intensität und der Dauer der Auswirkun-
gen auf die Persönlichkeit der Privatklägerin zurecht bejaht und auf Fr. 15'000.–
festgesetzt (Urk. 74 S. 48 f.). Die Höhe der zugesprochenen Genugtuung erweist
sich auch unter Berücksichtigung der Rechtsprechung sowie des Umstandes,
dass die Privatklägerin im Zeitpunkt der Übergriffe aufgrund des Arbeitsverhält-
nisses vom Beschuldigten abhängig war und er das damit einhergehende Ver-
trauensverhältnis ausgenutzt hat sowie angesichts der Intensität der erlittenen
Unbill und dem Verschulden des Beschuldigten, als angemessen. Im Mehrbetrag
ist das Genugtuungsbegehren abzuweisen. In Übereinstimmung mit den zutref-
fenden Erwägungen der Vorinstanz (Urk. 74 S. 49) ist auf die Genugtuungssum-
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me der gesetzliche Zins von 5% ab dem 28. Oktober 2016, mithin einem Datum
nach dem letzten Übergriff, zuzusprechen.
6. Die Privatklägerin machte eine Entschädigung wegen erlittener Diskrimi-
nierung während der Lehre gestützt auf das Gleichstellungsgesetz (Art. 5 Abs. 3
und 4 GIG) geltend. Zur Begründung liess sie ausführen, dass der Beschuldigte
als Arbeitgeber sie als Lehrtochter belästigt respektive vergewaltigt habe, weshalb
die Voraussetzungen für die Zusprechung einer Entschädigung nach Gleichstel-
lungsgesetz gegeben seien. Da die Diskriminierung durch den Arbeitgeber und
Lehrmeister selbst in der schwersten denkbaren Form einer sexuellen Belästi-
gung, nämlich in Form von Vergewaltigungen, erfolgt sei, sei sie besonders de-
mütigend. Ihr sei es dadurch verunmöglicht worden, weiterhin bei dieser Lehrstel-
le zu verbleiben und sie leide nach wie vor an den daraus resultierenden psychi-
schen und wirtschaftlichen Folgen. Die Entschädigung sei daher im obersten Be-
reich anzusetzen. Massgebend für die Bemessung der Entschädigung sei nach
Gleichstellungsgesetz der schweizerische Durchschnittslohn, wobei sich für das
Jahr 2016 ein Durchschnittslohn von monatlich Fr. 6'195.– ergebe. Entsprechend
werde eine Entschädigung von insgesamt Fr. 37'170.– zuzüglich 5% Zins ab
1. Juni 2017 gefordert (Urk. 55 S. 7 ff.).
6.1. Hinsichtlich der rechtstheoretischen Voraussetzungen für die Geltend-
machung einer Entschädigung wegen erlittener Diskriminierung während des
Lehrverhältnisses gestützt auf das Gleichstellungsgesetz (Art. 4 und 5 GIG), kann
auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 74
S. 49; Art. 82 Abs. 4 StPO). Der Beschuldigte ist als Arbeitgeber selbst Belästiger,
welcher die Lehrtochter mehrfach vergewaltigt hat. In Übereinstimmung mit der
Vorinstanz (Urk. 74 S. 50) erübrigt sich damit für den Beschuldigten der Nach-
weis, dass er alle notwendigen, angemessenen und zumutbaren Massnahmen
zur Verhinderung sexueller Belästigung seitens seiner Arbeitnehmer getroffen hat
(Urteil des Bundesgerichtes 4A_330/2007 vom 17. Januar 2008 E. 4.3). Die Vo-
raussetzungen für die Zusprechung einer Entschädigung nach Gleichstellungsge-
setz sind damit gegeben. Die Entschädigung ist im oberen Bereich anzusetzen,
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da die Diskriminierung besonders demütigend und durch den Lehrmeister selbst
in der schwersten denkbaren Form einer sexuellen Belästigung erfolgt ist.
6.2. Insgesamt rechtfertigt sich als Entschädigung die Festsetzung eines Be-
trages in der Höhe von fünf Monatslöhnen, wobei in Übereinstimmung mit der
Vorinstanz (Urk. 74 S. 50) gestützt auf einen Durchschnittslohn für das Jahr 2015
von monatlich Fr. 6'058.– sowie unter Berücksichtigung der Teuerung eine Ent-
schädigung von Fr. 30'300.– zuzüglich Zins ab 1. Juni 2017 festzulegen ist.
VIII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Fällt die Rechtsmittelinstanz selber einen neuen Entscheid, so befindet
sie darin auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428
Abs. 3 StPO). Da es auch im Berufungsverfahren bei einem vollumfänglichen
Schuldspruch bleibt, ist das vorinstanzliche Kosten- und Entschädigungsdispositiv
(Dispositivziffern 6 und 7) zu bestätigen.
2. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massga-
be ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Der Beschuldigte
unterliegt mit seinem Antrag auf Freispruch vollumfänglich, und die von der Vorin-
stanz festgesetzte Strafe wird ebenfalls vollumfänglich bestätigt. Bei diesem Aus-
gang des Berufungsverfahrens wird der Beschuldigte vollumfänglich kosten- und
entschädigungspflichtig.
3. Die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Rechtsver-
tretung der Privatklägerin sind unter Vorbehalt des Rückforderungsrechts des
Staates auf die Gerichtskasse zu nehmen (Art. 135 Abs. 4 StPO; Art. 138 Abs. 1
StPO).