Decision ID: 824e9d33-e071-4755-a32d-b6622b8e55ae
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 30.03.2017 Art. 21 Abs. 5 ATSG. Zeitpunkt der Aufhebung einer Rentensistierung (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 30. März 2017, IV 2014/308). Entscheid vom 30. März 2017 Besetzung Präsidentin Karin Huber-Studerus, Versicherungsrichterin Monika Gehrer-Hug, Versicherungsrichter Ralph Jöhl; Gerichtsschreiber Tobias Bolt Geschäftsnr. IV 2014/308 Parteien A._, Beschwerdeführer, gegen IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen, Beschwerdegegnerin, Gegenstand Rente (Aufhebung Sistierung) Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im Januar 1991 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sein Hausarzt und ein Wirbelsäulenchirurg
berichteten, dem Versicherten sei seine Tätigkeit als Maurer aufgrund von
Rückenbeschwerden nicht mehr zumutbar (IV-act. 10 und 17). Im Februar/März 1992
fand eine vierwöchige berufliche Abklärung statt. Die Abklärungsstelle empfahl in ihrem
Abschlussbericht eine Umschulung in eine rückenschonende Tätigkeit, wobei sie die
Arbeitsfähigkeit für eine solche Tätigkeit auf 70–100 Prozent schätzte (IV-act. 29). Der
Berufsberater der IV-Regionalstelle empfahl eine Umschulung in eine Verkaufstätigkeit
und die Ausrichtung eines Wartezeittaggeldes für die Zeit bis zum Beginn der
Umschulung (IV-act. 31). Die IV-Kommission beschloss in der Folge allerdings, anstelle
eines Wartezeittaggeldes eine Rente auszurichten (IV-act. 33). Mit einer Verfügung vom
30. September 1992 sprach die Ausgleichskasse dem Versicherten eine ganze Rente
mit Wirkung ab dem 1. Februar 1991 zu (IV-act. 39).
A.b Im Juni 1994 wurde der Versicherte im Auftrag der IV-Kommission durch die
medizinische Abklärungsstelle (MEDAS) Ostschweiz begutachtet. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverständigen führten in ihrem Gutachten vom 13. Oktober 1994 aus (IV-act. 52),
der Versicherte leide an einer chronischen Lumboischialgie und an einer psychogenen
Überlagerung der somatischen Beschwerden. Leidensadaptierte Tätigkeiten seien ihm
in einem Pensum von 60 Prozent zumutbar. Die Ausgleichskasse forderte den
Berufsberater der IV-Regionalstelle in der Folge auf, die ursprünglich vorgesehene
Umschulung so rasch als möglich in die Wege zu leiten (IV-act. 53). Im Januar 1997
begann der Versicherte einen dreimonatigen Arbeitsversuch (IV-act. 60). Dieser
scheiterte aber bereits nach einer Woche (IV-act. 65). Gestützt auf einen
Einkommensvergleich des Berufsberaters (IV-act. 69) errechnete die IV-Kommission
einen Invaliditätsgrad von 58 Prozent, weshalb die Ausgleichskasse die bisherige
ganze Rente mit einer Verfügung vom 11. Dezember 1997 per 1. Dezember 1997 auf
eine halbe Rente herabsetzte (IV-act. 82). Mit einem Entscheid vom 19. April 2000 wies
das Versicherungsgericht einen dagegen erhobenen Rekurs ab (IV 1998/2; vgl. IV-act.
102).
A.c Im Januar 2002 wurde der Versicherte erneut im Auftrag der IV-Stelle durch die
MEDAS Ostschweiz begutachtet. Deren Sachverständige hielten in ihrem Gutachten
vom 27. Februar 2002 fest (IV-act. 125), aus orthopädischer Sicht sei es seit der letzten
Begutachtung zu einer diskreteren Verschlechterung gekommen, weshalb sich die
Arbeitsunfähigkeit nun nicht mehr auf 40 Prozent, sondern neu auf 50 Prozent belaufe.
Aus psychiatrischer Sicht habe sich der Gesundheitszustand des Versicherten seit der
letzten Begutachtung verbessert. Da der Einkommensvergleich gestützt auf diese
Angaben nun einen Invaliditätsgrad von 69 Prozent ergab (vgl. IV-act. 130), wurde die
Rente mit einer Verfügung vom 19. August 1992 per 1. Juni 2001 wiederum auf eine
ganze Rente erhöht (IV-act. 134). Im Januar 2005 und im März 2010 wurde dem
Versicherten mitgeteilt, dass er bei einem Invaliditätsgrad von nun 71 Prozent weiterhin
einen Anspruch auf eine ganze Rente habe (IV-act. 152 und 160).
A.d Einem Medienbericht aus B._ vom 31. Mai 2011 zufolge war der Versicherte am
27. Mai 2011 wegen des Verdachtes, ein Mitglied der C._ zu sein, im Rahmen der
Operation D._ in E._ verhaftet worden (IV-act. 163). Mit einer Verfügung vom 7.
Juni 2011 sistierte die IV-Stelle die Rente per sofort (IV-act. 165). Am 1. Dezember
2011 wies das Versicherungsgericht eine dagegen erhobene Beschwerde ab (IV
2011/206; vgl. IV-act. 179). Zur Begründung führte es aus, dass die Rentensistierung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung auch während der
Untersuchungshaft zulässig sei, sofern diese von einer „gewissen Dauer“ sei. Aus dem
Erfordernis einer längerdauernden Untersuchungshaft könne aber nicht abgeleitet
werden, dass eine Rentensistierung erst einige Monate nach dem Beginn der
Untersuchungshaft zulässig sei. Die Rente könne ab dem ersten Tag sistiert werden.
Auch der Hinweis der IV-Stelle in der angefochtenen Verfügung, sie werde die Rente
(erst) ab dem Datum der Entlassung wieder ausrichten, sei korrekt, denn eine
rückwirkende Ausrichtung beziehungsweise Nachzahlung der Rente bleibe selbst bei
einer allfälligen ungerechtfertigten Untersuchungshaft ausgeschlossen. Sollte sich die
Inhaftierung im Nachhinein als zu Unrecht angeordnet erweisen, bilde der
Rentenverlust gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung nämlich einen Teil des
Schadens, den der Versicherte bei jener Behörde geltend machen könne, die ihn
ungerechtfertigterweise inhaftiert habe.
A.e Am 12. März 2014 liess der Versicherte bei der IV-Stelle die Aufhebung der
Rentensistierung per 1. Februar 2014 und die Nachzahlung der Rente rückwirkend ab
dem 1. Juni 2011 beantragen (IV-act. 227). Sein Rechtsvertreter führte zur Begründung
aus, der Versicherte sei am 27. Februar 2014 zweitinstanzlich freigesprochen worden,
weshalb die Rente per 1. Februar 2014 wieder ausgerichtet werden müsse. Da er die
„Rentenverhinderung“ nicht selbst verschuldet habe, müssten ihm die ab dem 1. Juni
2011 sistierten Rentenleistungen nachträglich ausgerichtet werden. Gemäss einer
Bestätigung der zuständigen Behörde war der Versicherte am 27. Februar 2014 um
20.00 Uhr aus der Haftanstalt in E._ entlassen worden (IV-act. 230–31). Am 21. März
2014 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit (IV-act. 231), seine Anträge seien
widersprüchlich. Trotz des Freispruchs komme eine Nachzahlung der sistierten
Rentenleistungen nicht in Frage. Den entsprechenden Schaden müsse der Versicherte
bei den zuständigen Behörden in B._ geltend machen. Da die Entlassung aus der
Haft Ende Februar 2014 erfolgt sei, werde die Rente ab dem 1. März 2014 wieder
ausgerichtet. Am 27. März 2014 liess der Versicherte an seinen Anträgen vom 12. März
2014 festhalten und den Erlass einer beschwerdefähigen Verfügung verlangen (IV-act.
235). Am 8. Mai 2014 erliess die IV-Stelle eine entsprechende Verfügung, mit der sie
die Rentensistierung per 1. März 2014 aufhob (IV-act. 237).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Am 10. Juni 2014 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 8. Mai 2014 erheben (act. G 1). Sein
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der Verfügung und die Auszahlung der
Rente per 1. Juni 2011. Zur Begründung führte er aus, die von Art. 21 Abs. 5 ATSG
verfolgte Gleichstellung von validen und invaliden Inhaftierten verlange eine
Nachzahlung der sistierten Rentenleistungen, denn gemäss Art. 324a OR betreffend
die Lohnfortzahlungspflicht eines Arbeitgebers müsse zwischen einer gerechtfertigten
und einer ungerechtfertigten Inhaftierung unterschieden werden: Bei einer
gerechtfertigten Inhaftierung liege eine selbstverschuldete Arbeitsverhinderung vor, für
die keine Lohnfortzahlungspflicht bestehe; bei einer ungerechtfertigten Inhaftierung
handle es sich dagegen um eine nicht selbstverschuldete Arbeitsverhinderung, für die
der Arbeitgeber eine Lohnfortzahlungspflicht treffe.
B.b Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 3. Oktober
2014 die Abweisung der Beschwerde, soweit überhaupt auf diese eingetreten werden
könne (act. G 6). Zur Begründung führte sie aus, der Antrag um eine Nachzahlung der
sistierten Rentenleistungen verlange nach einer Aufhebung des rechtskräftigen
Entscheides des Versicherungsgerichtes vom 1. Dezember 2011, was nur im Rahmen
einer prozessualen Revision möglich sei. Auf diesen Antrag könne folglich nicht
eingetreten werden. Es stelle sich die Frage, ob die Beschwerde überhaupt zulässig
sei. Für den Februar 2014 bestehe ebenfalls kein Anspruch auf eine
Rentennachzahlung. Der Beschwerdeführer sei erst am Abend des 27. Februar 2014
aus der Haft entlassen worden. Nur mit einem privaten Verkehrsmittel hätte er sein
Zuhause noch in den Morgenstunden des 28. Februar 2014 erreichen können. Die
Annahme, er hätte nach einer knapp dreijährigen Haft noch am selben Tag eine
Arbeitsstelle gefunden und antreten können, sei unrealistisch. Als Gesunder hätte er im
Februar 2014 keinen Lohn mehr erzielen können, weshalb die Aufhebung der
Rentensistierung erst per 1. März 2014 zulässig sei.
B.c Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Replik (vgl. act. G 13).

Erwägungen
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.1 Der Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens wird durch den Gegenstand der
angefochtenen Verfügung vom 8. Mai 2014 definiert. Er besteht folglich in der
Aufhebung der im Jahr 2011 angeordneten Rentensistierung. Die Überprüfung der
Rechtmässigkeit dieser Aufhebung beinhaltet zwar notwendigerweise auch eine
Überprüfung der Rechtmässigkeit des Zeitpunktes der Aufhebung der
Rentensistierung. Die vom Beschwerdeführer beantragte Aufhebung auf den Zeitpunkt
des Beginns der Rentensistierung (1. Juni 2011) gehört aber nicht zum Gegenstand
dieses Beschwerdeverfahrens, denn dies liefe auf eine vollständige Beseitigung der
Rentensistierung hinaus, das heisst auf eine Korrektur des unangefochten in formelle
Rechtskraft erwachsenen Entscheides des Versicherungsgerichtes vom 1. Dezember
2011. Eine solche Korrektur ist aber gemäss Art. 61 lit. i ATSG i.V.m. Art. 81 ff. VRP nur
im Rahmen einer Wiederaufnahme des Verfahrens (resp. sog. prozessuale Revision)
zulässig, um die direkt beim Versicherungsgericht hätte ersucht werden müssen (Art.
82 Abs. 1 VRP). Würde das Versicherungsgericht vorliegend die prozessuale Revision
seines Entscheides vom 1. Dezember 2011 prüfen, würde es den Gegenstand des
Beschwerdeverfahrens in unzulässiger Weise ausdehnen. Auf das Begehren des
Beschwerdeführers kann folglich nicht eingetreten werden.
1.2 Das bedeutet aber nicht, dass das Beschwerdeverfahren ohne Weiteres mit einem
Nichteintretensentscheid zu beendigen wäre. Die Beschwerdeanträge sind nämlich
naturgemäss interpretationsbedürftig, wobei sich eine sorgfältige Interpretation nicht
nur auf den Wortlaut der Anträge beschränken darf. Auch wenn der Wortlaut des
Beschwerdeantrages vorliegend vermeintlich klar ist, lässt sich mittels einer über die
rein grammatikalische Interpretation hinausgehenden Auslegung problemlos
feststellen, dass er den wirklichen Beschwerdeantrag nur ungenügend zum Ausdruck
bringt und folglich lückenhaft ist. Der Beschwerdeführer hat sich nämlich nicht nur
gegen die Rentensistierung an sich gewendet, sondern zusätzlich auch die Aufhebung
der (seines Erachtens zwar rechtswidrigen) Rentensistierung per 1. März 2014 statt per
1. Februar 2014 beanstandet. Sein Beschwerdebegehren muss folglich einen
Eventualantrag für den Fall beinhaltet haben, dass seinem Hauptantrag nicht gefolgt
würde. Dieser – lückenfüllend zu ergänzende – Even¬tualantrag lautet auf die
Aufhebung der Rentensistierung per 1. Februar 2014. Auf diesen Eventualantrag kann
eingetreten werden, weil er den Gegenstand des Beschwerdeverfahrens betrifft.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Die Frage nach dem Zeitpunkt, auf den hin die Rentensistierung aufzuheben ist,
muss auf dem Wege der Auslegung beantwortet werden. Aus dem Wortlaut des Art. 21
Abs. 5 ATSG ergibt sich zwar, dass die Geldleistungen mit Erwerbsersatzcharakter,
worunter nicht nur Renten-, sondern auch Taggeldleistungen zu subsumieren sind,
während der Dauer des Straf- oder Massnahmenvollzuges zu sistieren seien. Damit
kann aber nicht einmal die Frage nach dem Zeitpunkt der Aufhebung einer Sistierung
von Taggeldleistungen beantwortet werden, denn aus dem Wortlaut des Art. 21 Abs. 5
ATSG ergibt sich nicht, ob das Taggeld schon für den Entlassungstag oder erst wieder
ab dem Folgetag auszurichten sei. Ebenso wenig ist es nur gestützt auf den Wortlaut
des Art. 21 Abs. 5 ATSG möglich, die Frage zu beantworten, ob die Rente bereits für
den Monat, in dem der Massnahmenvollzug endet, oder erst wieder ab dem
Folgemonat auszurichten sei. Der Wortlaut erlaubt die Beantwortung der hier
interessierenden Frage also nicht.
2.2 Die Idee einer Rentensistierung während eines Strafvollzuges ist erstmals bei der
Schaffung des ersten Bundesgesetzes über die Militärversicherung (MVG) diskutiert,
aber letztlich verworfen worden. Erst im Rahmen der ersten Totalrevision des MVG hat
die Kommission des Ständerates diese Idee wieder aufgegriffen und vorgeschlagen,
eine Rentensistierung während eines Strafvollzuges im Gesetz vorzusehen (Amtl. Bull.
SR 1949 237 f.). Eine Kommissionsminderheit (ein Mitglied der Kommission) hat die
Auffassung vertreten, es sei „nicht gerade sympathisch, wenn die Pension degradiert
wird zu einem Disziplinarmittel, denn die Pension ist nicht ein Geschenk, das man auf
Wohlverhalten hin ausrichtet, und das die Militärversicherung zurückziehen oder
annullieren kann, wenn ihr der Mann nicht mehr würdig erscheint, sondern sie ist ein
Ersatz von Schaden“ (Amtl. Bull. SR 1949 238). Unter den übrigen
Kommissionsmitgliedern ist man sich über die Notwendigkeit einer Rentensistierung
einig gewesen, ohne dass hierfür Gründe angeführt worden sind (Amtl. Bull. SR 1949
238). Der Stände- und in der Folge auch der Nationalrat haben den Vorschlag der
Kommissionsmehrheit übernommen (Amtl. Bull. SR 1949 239 und Amtl. Bull. NR 1949
534 f.). Bei der zweiten Totalrevision des MVG ist die Bestimmung praktisch
unverändert beibehalten worden (vgl. BBl 1990 III 229). Das Bundesgericht hatte schon
vor der zweiten Totalrevision des MVG per 1. Januar 1992 die Auffassung vertreten,
auch im Bereich der Invalidenversicherung müsse eine Rente während eines
Strafvollzugs sistiert werden. Zunächst hatte es eine solche Rentensistierung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
revisionsrechtlich zu begründen versucht. In einem Entscheid aus dem Jahr 1987 (BGE
113 V 273) hatte es diese Auffassung verworfen und die Sistierung als ein
eigenständiges Instrument qualifiziert. Bereits in jenem Entscheid hatte es hinsichtlich
der Dauer der Rentensistierung ausgeführt: „Dès lors, pour fixer le point de départ et la
fin de la mesure de suspension, et en l’absence d’autres dispositions, il s’impose
d’appliquer par analogie la réglementation des art. 29 al. 1, dernière phrase (29 al. 2
première phrase dès le 1er janvier 1988), et 30 al. 2 LAI: la rente sera encore versée
durant le mois au cours duquel l’assuré est entré en détention; une fois la peine (ou la
mesure) exécutée, elle sera accordée pour tout le mois au cours duquel la détention a
pris fin“ (BGE 113 V 273 E. 2d S. 279). An dieser Auffassung hatte es in einem
Entscheid aus dem Folgejahr festgehalten (BGE 114 V 143 E. 3 S. 145). Mit dem Art. 21
Abs. 5 ATSG hat der Gesetzgeber den (damals aktuellen) Art. 13 MVG und die
bundesgerichtliche Rechtsprechung seit dem BGE 113 V 273 unverändert fortführen
und auf die übrigen Sozialversicherungszweige ausdehnen wollen (Bericht der
Kommission des Nationalrates für soziale Sicherheit vom 26. März 1999 zur
Parlamentarischen Initiative Sozialversicherungsrecht, Sonderdruck, S. 45). Nach dem
Willen des historischen Gesetzgebers beginnt eine Rentensistierung folglich ab dem
ersten Tag des Monats, der auf den Antritt der Freiheitsstrafe folgt, und sie endet – in
jedem Fall – am Ende des Monats vor dem Monat, in dem die Freiheitsstrafe endet.
2.3 Die Beschwerdegegnerin vertritt die Auffassung, die teleologische Interpretation
müsse zu einem anderen Ergebnis führen, denn massgebend müsse sein, ob die
versicherte Person im Monat, in dem sie aus der Haft entlassen wird, (fiktiv) noch einer
Erwerbstätigkeit hätte nachgehen können, wenn sie gesund gewesen wäre, weil die
Rentensistierung ja die Gleichstellung von validen und invaliden Inhaftierten bezwecke.
Weil die Beschwerdegegnerin ihre Rentenleistungen erfahrungsgemäss nie
anteilsmässig erbringt, sondern jeweils auch für einen „angebrochenen“ Monat noch
die ganze Rente auszahlt, müssen ihre Ausführungen in der Beschwerdeantwort so
verstanden werden, dass ihres Erachtens massgebend sein soll, ob die versicherte
Person im Monat der Entlassung aus der Haft (fiktiv) wenigstens noch einen Arbeitstag
lang erwerbstätig sein könnte, wenn sie gesund wäre. Ist dies der Fall, soll sie die
ganze Monatsrente erhalten; andernfalls soll ihr keine Rente für den Monat der
Entlassung aus der Haft ausgerichtet werden. Nun ist der Beschwerdeführer am _.
Februar 20_ um 20.00 Uhr aus der Haftanstalt in E._ entlassen worden. Wie die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin überzeugend aufgezeigt hat, wäre es dem Beschwerdeführer
(fiktiv) nicht möglich gewesen, am 28. Februar 2014 zu arbeiten, wenn er gesund
gewesen wäre. Wäre er aber schon am Morgen des 27. Februar 2014 aus der Haft
entlassen worden, hätte er (fiktiv) am 28. Februar 2014 arbeiten können. Der
Argumentation der Beschwerdegegnerin zufolge hätte er in diesem Fall also einen
Anspruch auf die (ganze) Monatsrente für den Februar 2014 gehabt. Dass in einem
Extremfall wie dem vorliegenden nur wenige Stunden darüber entscheiden sollen, ob
ein Anspruch auf die (ganze) Monatsrente besteht, ist jedoch abwegig, weil nicht
gestützt auf eine Zufälligkeit im Tagesverlauf abgestellt werden darf.
2.4 Die Argumentation der Beschwerdegegnerin lässt sich denn auch nicht mit dem
Umstand vereinbaren, dass der Gesetzgeber sowohl für den Monat des Haftantrittes
als auch für den Monat des Haftaustrittes jeweils die Auszahlung der ganzen
Monatsrente vorgesehen hat. Hätte der Gesetzgeber die fiktive Erwerbsfähigkeit als
massgebend erachtet, hätte er die Rentensistierung auch entweder für den Eintritts-
oder für den Austrittsmonat vorgesehen. Das hat er aber bewusst nicht getan. Die
Erklärung dafür kann nur sein, dass der Gesetzgeber die Versicherten hat möglichst
schonen wollen, indem er die Dauer der Rentensistierung auf den kürzest denkbaren
Zeitraum – nämlich ohne Eintritts- und ohne Austrittsmonat – begrenzt hat. Das
Ergebnis der teleologischen Interpretation entspricht somit dem Ergebnis der
historischen Interpretation. Das hat im Übrigen auch die Aufsichtsbehörde der
Beschwerdegegnerin erkannt, denn sie hat in einer für die Beschwerdegegnerin
verbindlichen Verwaltungsweisung dieses Ergebnis der Interpretation als massgebend
vorgeschrieben (Rz. 6008 des Kreisschreibens über Invalidität und Hilflosigkeit in der
Invalidenversicherung).
2.5 Bei der Anwendung des Art. 21 Abs. 5 ATSG kann es also keine Rolle spielen,
wann genau der Haftantritt und der Haftaustritt erfolgen, denn die Rente ist auf jeden
Fall auch für den Monat des Haftantrittes und für den Monat des Haftaustrittes
geschuldet. Die angefochtene Verfügung erweist sich somit als rechtswidrig, weil der
Haftaustritt noch im Februar 2014 erfolgt ist und der Beschwerdeführer folglich einen
Anspruch auf die Aufhebung der Rentensistierung per 1. Februar 2014 gehabt hat.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bezüglich des (lückenfüllend ergänzten) Eventualantrages ist die Beschwerde folglich
gutzuheissen. Die unterliegende Beschwerdegegnerin hat die Gerichtskosten von 600
Franken zu bezahlen. Dem Beschwerdeführer wird der von ihm geleistete
Kostenvorschuss von 600 Franken zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat dem
Beschwerdeführer eine Parteientschädigung auszurichten. Da sich der Rechtsstreit auf
eine isolierte Rechtsfrage beschränkt hat, da dafür nur sehr wenige Akten zu studieren
gewesen sind und da der ehemalige Rechtsvertreter des Beschwerdeführers nur eine
Eingabe verfasst hat, ist von einem deutlich unterdurchschnittlichen
Vertretungsaufwand auszugehen. Die Parteientschädigung ist deshalb auf 1'000
Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.