Decision ID: bac3ea5f-3274-4596-b22a-09704e0c954f
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. Im Zusammenhang mit dem Teilstrassenplan B._-Strasse, A._, wurde
behördlicherseits festgestellt, dass die Liegenschaften im Bereich C._ sehr nahe an
der Fahrbahn liegen. In der Folge verfügte die Kantonspolizei St. Gallen am 28. Mai
2018 als Verkehrsanordnung unter anderem die Herabsetzung der
Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h auf 60 km/h (Signal Nr. 2.30) auf der C._-Strasse
in A._ auf Höhe C._, um in diesem Bereich die Verkehrssicherheit zu erhöhen
(act. 7/18/1). Die Verkehrsanordnung wurde am 8. Juni 2018 im amtlichen
Publikationsorgan der Politischen Gemeinde A._ und am 11. Juni 2018 im Amtsblatt
veröffentlicht (act. 7/3 und 4). Dagegen erhob X._ Rekurs beim Sicherheits- und
Justizdepartement, welches mit Entscheid vom 2. April 2018 auf das Rechtsmittel nicht
eintrat (act. 2/1).
B. Gegen diesen Entscheid erhob X._ (Beschwerdeführer) mit Eingabe vom 12. April
2019 (Datum der Postaufgabe) Beschwerde beim Verwaltungsgericht und beantragte,
dass "bei der bfu [Beratungsstelle für Unfallverhütung] ein Verkehrsgutachten
eingeholt" werde. Zur Begründung führte er aus, er sei zwar vermutlich nicht
beschwerdelegitimiert, das ganze Bewilligungsverfahren sei jedoch nicht nach den
vorgeschriebenen gesetzlichen Bestimmungen durchgeführt worden (act. 1). Das
Sicherheits- und Justizdepartement (Vorinstanz) beantragte mit Vernehmlassung vom
13. Mai 2019 die Abweisung der Beschwerde und verwies zur Begründung auf die

Erwägungen im angefochtenen Entscheid (act. 6). Dazu nahm der Beschwerdeführer
mit Eingabe vom 24. Mai 2019 Stellung (act. 9). Die Vorinstanz hielt am 3. Juni 2019 an
ihrem Antrag fest und verzichtete auf eine weitere Stellungnahme (act. 12).
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Mit Eingabe vom 4. Juni 2019 teilte der Beschwerdeführer mit, dass die
entsprechenden Signalisationstafeln bereits aufgestellt worden seien, obwohl er gegen
die Geschwindigkeitsbeschränkung Beschwerde erhoben habe (act. 14). Nachdem die
Politische Gemeinde A._ auf das hängige Beschwerdeverfahren hingewiesen worden
war, wurden die Signale umgehend demontiert (act. 18).
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten und die Akten wird, soweit wesentlich,
in den Erwägungen eingegangen
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59 Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Der
Beschwerdeführer ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Vorinstanz trat im angefochtenen Entscheid
auf den Rekurs des Beschwerdeführers nicht ein. Anfechtungsobjekt bildet somit ein
Prozessentscheid. Zu prüfen ist demnach einzig, ob die Vorinstanz zu Recht auf den
Rekurs nicht eingetreten ist. Würde die Beschwerde gutgeheissen, wäre die
Streitsache zur Behandlung in der Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen (vgl. Art. 64
in Verbindung mit Art. 56 Abs. 2 VRP; Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im
Kanton St. Gallen – dargestellt an den Verfahren vor dem Verwaltungsgericht, 2. Aufl.
2003, Rz. 1032). Soweit der nicht anwaltlich vertretene Beschwerdeführer in formeller
Hinsicht ausführt, ihm werde "vermutlich keine Einspruch-Legitimation zugestanden",
beantragt er sinngemäss eine Überprüfung seiner Rekursberechtigung. Insofern ist auf
die Beschwerde einzutreten. Nicht einzutreten ist dagegen auf den Antrag, es sei bei
der bfu ein Verkehrsgutachten einzuholen. Im Übrigen wurde die Eingabe vom 12. April
2019 (Datum der Postaufgabe) rechtzeitig eingereicht und erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47
Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP) an eine Laienbeschwerde.
2.
bis
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2.1. Ausgangspunkt der Betrachtung ist die von der Vorinstanz verneinte
Rekurslegitimation des Beschwerdeführers. Gemäss Art. 45 Abs. 1 VRP ist zur
Erhebung eines Rekurses im vorinstanzlichen Verfahren berechtigt, wer an der
Änderung oder Aufhebung der Verfügung oder des Entscheids ein eigenes
schutzwürdiges Interesse dartut. Die rechtlichen Ausführungen der Vorinstanz zur
Legitimation im Rekursverfahren (Rekursberechtigung) sind korrekt, weshalb – anstelle
von Wiederholungen – darauf verwiesen werden kann (vgl. E. 2 des angefochtenen
Entscheids). Verlangt wird, dass ein Betroffener nebst der spezifischen
Beziehungsnähe zur Streitsache einen praktischen Nutzen aus einer allfälligen
Aufhebung oder Änderung des angefochtenen Entscheids ziehen kann. Seine Situation
muss durch den Ausgang des Verfahrens in relevanter Weise beeinflusst werden
können, wenn er mit seinem Anliegen obsiegt und dadurch seine tatsächliche oder
rechtliche Situation unmittelbar beeinflusst werden kann. Das schutzwürdige Interesse
besteht im Umstand, einen materiellen oder ideellen Nachteil zu vermeiden, den der
angefochtene Entscheid mit sich bringen würde. Ein bloss mittelbares oder
ausschliesslich allgemeines öffentliches Interesse begründet – ohne die erforderliche
Beziehungsnähe zur Streitsache selber – keine Rechtsmittelbefugnis oder
Parteistellung. Der Rekurs dient nicht dazu, abstrakt die objektive Rechtmässigkeit des
staatlichen Handelns zu überprüfen, sondern dem Rechtssuchenden einen praktischen
Vorteil zu verschaffen (BGE 141 II 14 E. 4.4; BGer 2C_1156/2016 vom 29. Juni 2018
E. 2.2.2; 2C_1087/2017 vom 3. Januar 2018 E. 2.3.3; Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz. 387 f.;
vgl. zum Ganzen auch R. Schaffhauser, Instanzenzug und Beschwerdelegitimation bei
Verkehrsanordnungen nach Art. 3 SVG, in: R. Schaffhauser [Hrsg.], Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2009, St. Gallen 2009, Rz. 22 ff.). Diese für das
Beschwerdeverfahren entwickelten Grundsätze gelten – wie die Vorinstanz bereits
aufgezeigt hat – ohne Weiteres auch für das Rekursverfahren (vgl. Schaffhauser, a.a.O.,
Rz. 16).
Bei Allgemeinverfügungen, wie sie Verkehrsanordnungen darstellen, richtet sich die
Legitimation nach analogen Kriterien wie bei der Drittbeschwerde. Damit soll es von
einer Allgemeinverfügung besonders betroffenen Adressaten ermöglicht werden, sich
gegen allfällig rechtswidrige oder unverhältnismässige Verkehrsanordnungen zur Wehr
zu setzen, ohne die Beschwerdebefugnis im Sinn einer sog. Popularbeschwerde
jedermann unabhängig des Bestehens einer besonders nachteiligen Betroffenheit bzw.
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eines schutzwürdigen Interesses einzuräumen. Voraussetzung für die Legitimation als
Strassenbenützer ist zunächst, dass er die mit einer Verkehrsanordnung belegte oder
eine von einer solchen durch Ausweich- oder Verlagerungsverkehr betroffene Strasse
mehr oder weniger regelmässig benützt. Es obliegt dabei dem Beschwerdeführer zu
belegen, dass er die Strasse auch tatsächlich im geforderten Umfang (mit einer
gewissen Regelmässigkeit) benützt, doch dürfen an diesen Nachweis keine allzu hohen
Anforderungen gestellt werden. Immerhin muss ein Beschwerdeführer seine
Betroffenheit glaubhaft machen, beispielsweise aufgrund des Zwecks der Fahrten oder
der Art der angefochtenen Verkehrsbeschränkung. Aus der regelmässigen Benützung
einer Strasse allein kann jedoch noch keine Legitimation zur Anfechtung einer
Verkehrsanordnung abgeleitet werden. Vielmehr muss der Anfechtende darüber hinaus
auch hier in speziell fassbaren Interessen deutlich wahrnehmbar beeinträchtigt sein.
Die Herabsetzung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit auf einer kürzeren Strecke
vermag jedenfalls noch kein legitimationsbegründendes schutzwürdiges Interesse zu
begründen (Schaffhauser, a.a.O., Rzn. 29 ff., mit weiteren Hinweisen auf
Rechtsprechung und Literatur).
2.2. Die Vorinstanz begründete ihren Nichteintretensentscheid vom 2. April 2019 im
Wesentlichen damit, der Beschwerdeführer wohne weder in der Politischen Gemeinde
A._ noch an der von der Verkehrsanordnung tangierten Strasse. Auch die Eigenschaft
als ehemaliger Angestellter der Polizei, Bürger und Steuerzahler verschaffe ihm nicht
die für die Rekursberechtigung erforderliche spezifische Beziehungsnähe. Bei den von
ihm geltend gemachten Interessen (unverhältnismässige Bussen, Nichteinholen eines
Verkehrsgutachtens bei der bfu) handle es sich um öffentliche bzw. Drittinteressen,
welche jedoch nicht mit Rekurs geltend gemacht werden könnten. Insbesondere rein
theoretische Interessen an der Entscheidung über eine Rechtsfrage oder das bloss
allgemeine Interesse an der richtigen Anwendung des objektiven Rechts stellten kein
schutzwürdiges Interesse dar.
2.3. Der Beschwerdeführer wohnt in E._. Er legt selbst im vorliegenden
Beschwerdeverfahren nach wie vor nicht dar, inwiefern er durch die streitige
Geschwindigkeitsreduktion in A._ stärker als jedermann betroffen sein und in einer
besonderen, beachtenswerten, nahen Beziehung zur Streitsache stehen sollte. Ein
persönliches Interesse, das sich vom allgemeinen Interesse der übrigen Bürgerinnen
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und Bürger klar abhebt, ist aufgrund seiner Vorbringen nicht ersichtlich. Insbesondere
belegte er nicht einmal ansatzweise, dass und/oder wie er die von der
Verkehrsanordnung belegte Strasse oder eine von einer solchen durch Ausweich- oder
Verlagerungsverkehr betroffenen Strasse mehr oder weniger regelmässig benützt. Der
blosse staatsbürgerliche Antrieb, einen allfälligen staatlichen Fehlentscheid zu
korrigieren, verschafft rechtsprechungsgemäss noch keine Rekurs- oder
Beschwerdebefugnis. Folge davon ist, dass auf derartige Rechtsmittel, die wie
vorliegend im Interesse der Allgemeinheit oder der Gesetzesanwendung geführt
werden, nicht einzutreten ist. Der den vorinstanzlichen Entscheid zugrundeliegende
Schluss, wonach auf den Rekurs nicht einzutreten sei, lässt sich daher nicht
beanstanden.
3. Zusammenfassend ergibt sich, dass der vorinstanzliche Nichteintretensentscheid zu
bestätigen und die Beschwerde abzuweisen ist, soweit darauf einzutreten ist.
(...)