Decision ID: d9623304-faed-455e-af1c-d248f7e33ea1
Year: 2022
Language: de
Court: AR_KG
Chamber: AR_KG_999
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Übersicht
a) E. (geb. XX.XX.1998) leidet seit Jahren an erheblichen gesundheitlichen Problemen.
Vom 28. Februar 2018 bis 27. August 2018 lebte sie im Wohnheim G. in H. (ZH). Dem
Austrittsbericht des Wohnheims G. zufolge (act. 8/96) hatte E. Phasen, während derer
sie ihre Impulse nicht kontrollieren konnte. Es sei zu Strangulationen, Schlucken von
Gegenständen, bei Spaziergängen auf die Strasse rennen sowie fremdaggressivem
Verhalten gekommen.
b) In der Folge wurde E. im I. fürsorgerisch untergebracht. Nach einer Anhörung durch
die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Appenzell Ausserrhoden (KESB) kehrte
sie nicht wie abgemacht in ihr Zimmer im I. zurück, sondern begab sich zum Bahnhof,
wo sie sich auf die Gleise setzte und schliesslich unter Polizeieinsatz in die Klinik
zurückgebracht werden konnte, nachdem es zu Aggressionen gegen Personen und
Sachen sowie zu weiteren suizidalen Handlungen gekommen war (act. 8/180, S. 5).
c) Die fürsorgerische Unterbringung nach dem Konzept "J." unter der Verantwortung
des Vereins F., welche die KESB am 16. November 2018 angeordnet hatte, musste
am 21. November 2018 abgebrochen werden. Nachdem sie wiederholt ausrückte, um
E. vor Suizidversuchen zu retten, verbrachte die Polizei die Patientin ins I. zurück (act.
8/205). Die dortige ärztliche Leitung verfügte die Zurückbehaltung; am 22. November
2018 sprach der Psychiater Dr. K. eine fürsorgerische Unterbringung aus (act. 8/214).
Eine dagegen erhobene Beschwerde der Eltern von E. wies das Obergericht des
Kantons Appenzell Ausserrhoden am 5. Dezember 2018 ab (act. 8/242).
d) Am 27. Dezember 2018 bezeichnete E. A. als Vertrauensperson im Sinne von Art.
432 ZGB (act. 8/309).
e) Zwischen Dezember 2018 und April 2019 wurde E. - teils mit ärztlicher Verfügung,
teils mit Entscheid der KESB - zur fürsorgerischen Unterbringung in die Klinik L. (SG),
in die Klinik M. (AG), in die Klinik N., in die Klinik O. (AG) und in die Klinik P. (GR)
eingewiesen. In diesen Institutionen verblieb E. jeweils nur für kurze Zeit (einige Tage
bis wenige Wochen), bis sie - infolge von Strangulationsversuchen, Verschlucken
gefährlicher Gegenstände und anderen selbst- und fremdgefährdenden Verhaltens-
weisen - wieder zurück in die Akutabteilung des I. verlegt wurde (Verfahren
Seite 4
ERV 19 33, Entscheid vom 21. Mai 2019, act. 8/876, S. 2 ff.; Urteil des Bundesgerichts
5A_542/2019 vom 30. Juli 2019 Sachverhalt A.).
f) Mit superprovisorischer Verfügung vom 19. Februar 2019 (act. 8/590). resp. mit
Entscheid vom 21. März 2019 (act. 2.1) wurde A. als Vertrauensperson durch die
KESB abgesetzt. Zwischen diesen beiden Massnahmen bezeichnete E. am
21. Februar 2019 Q. (act. 8/626) und am 8. März 2019 ihren Vater B. (act. 8/659) als
Vertrauensperson. Die Ernennung von Q. wurde am 5. März 2019 superprovisorisch
(act. 8/645) und am 21. März 2019 definitiv widerrufen (act. 2.1).
g) Seit dem 2. Oktober 2019 lebt E. unter der Verantwortung des Vereins F. in R. SG
(act. 20 und 21).
B. Prozessgeschichte
a) Gegen den Kollegialentscheid der KESB vom 21. März 2019, ebenso wie gegen die
superprovisorische Verfügung vom 19. Februar 2019 erhob A. durch seinen
Rechtsvertreter am 1. April 2019 Beschwerde (act. 1).
b) Mit Verfügung vom 5. April 2019 wurde der Beschwerdeführer verpflichtet, innert Frist
von 10 Tagen einen Kostenvorschuss von CHF 1'000.00 zu bezahlen (act. 3). Dem
kam der Beschwerdeführer am 16. April 2019 nach (act. 4).
c) Die Beschwerdeantwort der Vorinstanz ging am 26. Juni 2019 ein (act. 7); die
Beigeladenen verzichteten auf eine Stellungnahme (act. 9).
d) Mit Eingabe vom 15. August 2019 verlangte der Beschwerdeführer die Durchführung
einer mündlichen und öffentlichen Verhandlung (act. 12).
e) Die Vorinstanz beantragte, die Verhandlung sei unter Ausschluss der Öffentlichkeit
durchzuführen und es sei stattdessen ein zweiter Schriftenwechsel anzuordnen
(act. 23). Die Beigeladene 4 schloss sich diesem Antrag an (act. 27 und 46). Die
Beigeladenen 1 und 2 begehrten ebenfalls eine öffentliche Verhandlung (act. 49 und
50).
f) Mit Zwischenentscheid vom 15. Juli 2020 wies Obergerichtspräsident lic. iur. Ernst
Zingg den Antrag auf Durchführung einer öffentlichen Verhandlung ab und ordnete
dafür einen zweiten Schriftenwechsel an (act. 61).
Seite 5
g) Im Rahmen der Replik verlangte der Beschwerdeführer den Ausstand des
Vorsitzenden (act. 68). In der Folge wurde das Verfahren bis zum rechtskräftigen
Entscheid über das Ausstandsbegehren ausgesetzt (act. 71).
h) Mit Zirkular-Beschluss vom 17. März 2021 wies die 2. Abteilung des Obergerichts das
Ausstandsbegehren gegen Obergerichtspräsident lic. iur. Ernst Zingg im Verfahren
O2K 19 3 ab (act. 74).
i) Die Duplik der Beigeladenen 4 datiert vom 31. Mai 2021 (act. 77), diejenige der
Vorinstanz vom 1. Juni 2021 (act. 78).
j) Mit Verfügung vom 16. Juni 2021 wurden die Parteien nach dem Rücktritt von
Obergerichtspräsident Ernst Zingg auf die neue Besetzung des Gerichts hingewiesen
(act. 79).
k) Am 3. September 2021 äusserte der Beschwerdeführer sich ein weiteres Mal im
Rahmen des Replikrechts (act. 86).

Erwägungen
1. Formelles
1.1
Gegen Entscheide der Erwachsenenschutzbehörde kann Beschwerde geführt werden (Art.
450 Abs. 1 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches vom 10. Dezember 1907 [ZGB, SR
210]). Nach Art. 66 Abs. 1 des kantonalen Gesetzes über die Einführung des
Schweizerischen Zivilgesetzbuches (EG zum ZGB, bGS 211.1) ist das Obergericht
zuständig für die Behandlung solcher Beschwerden. Die örtliche Zuständigkeit ist nach Art.
442 ZGB gegeben.
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Form- als auch der Fristerfordernisse erfüllt sind
(Art. 450 Abs. 3 ZGB und Art. 450b Abs. 1 ZGB).
1.2
Im Beschwerdeverfahren kommen neben den Bestimmungen des Zivilgesetzbuches die
kantonalrechtlichen Verfahrensregeln des EG zum ZGB zur Anwendung. Unter Vorbehalt
Seite 6
abweichender Regelungen in den vorgenannten Erlassen richtet sich das Verfahren im
Übrigen gemäss Art. 64 Abs. 1 EG zum ZGB nach dem Gesetz über die
Verwaltungsrechtspflege (VRPG, bGS 143.1). Subsidiär gilt nach Art. 450f ZGB die
Zivilprozessordnung (ZPO, SR 272).
1.3
Zur Beschwerde befugt sind die am Verfahren beteiligten Personen (Art. 450 Abs. 2 Ziffer
1 ZGB), was auf den Beschwerdeführer zutrifft (act. 2.1). Vorausgesetzt ist, dass im
Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung ein eigenes aktuelles Rechtsschutzinteresse besteht
(Urteil des Bundesgerichts 5A_689/2015 vom 1. Februar 2016 E. 5.4; DANIEL STECK, in:
Büchler/Häfeli/Leuba/Stettler [Hrsg.], Erwachsenenschutz, 2013, N. 5 zu Art. 450a ZBG;
MURPHY/STECK, in: Fountoulakis/Affolter-Fringeli/Biderbost/Steck [Hrsg.], Fachhandbuch
Kindes- und Erwachsenenschutzrecht, 2016, Rz. 19.52 und 19.54). Ausnahmsweise
verzichtet das Bundesgericht auf das Erfordernis des aktuellen praktischen Interesses,
wenn die gerügte Rechtsverletzung sich jederzeit wiederholen könnte und eine rechtzeitige
gerichtliche Überprüfung im Einzelfall kaum je möglich wäre (sog. virtuelles Interesse; BGE
140 III 92 E. 1.1; 136 III 497 E. 1.1 mit Hinweisen; dieselben, a.a.O., Rz. 19.54).
Vorliegend stellt sich die Frage, ob ein aktuelles praktisches Interesse des
Beschwerdeführers bei der Beschwerdeerhebung gegeben war resp. im Zeitpunkt der
Urteilsfällung noch vorliegt (BGE 140 III 92 E. 1.1; Urteil des Bundesgerichts 2C_470/2021
vom 22. November 2021 E. 3.3). Die Verfahrensleitung hat dem Beschwerdeführer separat
zu dieser Thematik die Möglichkeit zur Stellungnahme gegeben (act. 15).
1.3.1
In seiner Stellungnahme vom 21. Oktober 2019 macht der Beschwerdeführer ein eigenes
aktuelles Rechtsschutzinteresse geltend (act. 20). Er werde im angefochtenen Entscheid
direkt und unmittelbar in seiner Persönlichkeit beeinträchtigt. Im Übrigen sei das Konzept
"J." lediglich eine Betreuungsform für E., welche nur für einige Tage aktiv gewesen sei.
Zwischen seiner Stellung als Vertrauensperson von E. und dem Konzept "J." bestünden
keinerlei Zusammenhänge. Der Auftrag als Vertrauensperson impliziere keine Rückkehr
von E. in das Konzept "J." und er verstehe seinen Auftrag auch nicht in diesem Sinne. Seit
dem 2. Oktober 2019 befinde E. sich in R. in einem Sondersetting, umgesetzt durch den
Verein F. Bis jetzt habe man das geeignete Betreuungskonzept für E. nicht gefunden und
die zahlreichen Klinikaufenthalte seien erfolglos geblieben. Wenn sich vor diesem
Hintergrund eine Vertrauensperson kritisch zu Behandlungsformen der von ihr betreuten
Person äussere, sei dies nicht nur nachvollziehbar, sondern geradezu geboten. E. habe nie
den Wunsch nach einem Kontaktabbruch zu ihm geäussert; im Gegenteil habe sie bei der
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Seite 7
Anhörung zur aktuellen Unterbringung in R. den Wunsch ausgesprochen, mit ihm in Kontakt
zu treten. Schliesslich ermögliche das Institut der Vertrauensperson nicht nur die
Einsetzung einer einzigen Person, vielmehr könnten dies auch mehrere Personen sein.
1.3.2
Die KESB hat sich in der Eingabe vom 1. Juni 2021 zur Frage der Beschwer geäussert (act.
78); die anderen Verfahrensbeteiligten haben dazu keine Stellung genommen.
1.3.3
E. hat anlässlich der Anhörung vom 7. März 2019 zur Verlegung von der Klinik O. ins I.
(8/647) sowie ebenfalls im August 2019 anlässlich der Anhörung im Verfahren ERS 19 41
betreffend Entlassungsgesuch erklärt, dass sie "nicht mehr ins J. mit Herr A. möchte" resp.
"auch ins J., aber ohne Herr A." (act. 15 und Verfahren Nr. ERS 19 41, act. 25/13, S. 5). In
einem Entscheid der KESB vom 26. September 2019 wird sie demgegenüber dahingehend
zitiert, dass sie mit A. wieder Kontakt aufnehmen möchte (act. 21, S. 5). Dazu ist es später
auch wieder gekommen (act. 69). Am 8. März 2019 hat E. ihren Vater, B., als
Vertrauensperson bezeichnet (act. 8/659), welcher diese Funktion seither wahrnimmt und
sie in den diversen Verfahren unterstützt (zum Beispiel act. 49 sowie in den Verfahren ERS
19 41, act. 25/13, S. 5, und ERV 19 33, act. 15, S. 4). Seit dem 2. Oktober 2019 lebt E.
unter der Verantwortung des Vereins F. in R. SG (act. 20 und 21).
1.3.4
Gegenstand der Beschwerde ist die Absetzung des Beschwerdeführers als
Vertrauensperson von E. im Februar 2019 resp. März 2019 durch die KESB.
Zutreffend ist zunächst, dass jemand mehrere Vertrauenspersonen gleichzeitig benennen
kann (GEISER/ETZENSBERGER, a.a.O., N. 7 zu Art. 432 ZGB; RB OG 2014 Nr. 5, S. 151).
Allein deshalb, weil der Vater von E. zurzeit ihre Vertrauensperson ist, kann das
Rechtsschutzinteresse des Beschwerdeführers also nicht verneint werden. Den oben
erwähnten Aussagen von E., in denen sie sich gegenüber dem Beschwerdeführer einmal
eher ablehnend äussert und ein anderes Mal sagt, sie würde sich freuen, diesen wieder zu
sehen, kann nach Auffassung des Obergerichts angesichts ihrer bekannten
Beeinflussbarkeit (vgl. Gutachten von Dr. S. vom 26. März 2019, act. 8/704, S. 4, sowie
Stellungnahme der Verfahrensbeiständin RA EE. vom 24. Februar 2020, act. 46) kein allzu
grosses Gewicht beigemessen werden, umso mehr als sie nie direkt zur Funktion des
Beschwerdeführers als Vertrauensperson Stellung genommen hat (die Verfahrens-
beiständin teilte dem Gericht lediglich mit, E. sei mit der Entlassung einverstanden, act. 77).
Ferner stellt sich diesbezüglich auch die Frage, ob E. bewusst ist, was eine
Seite 8
Vertrauensperson ist. Tatsache ist hingegen, dass diese immer noch in einer Einrichtung,
konkret einem Sondersetting des Vereins F., untergebracht ist und dies mit grösster
Wahrscheinlichkeit auch bleibt. Das wiederum bedeutet, dass bei ihr grundsätzlich nach
wie vor Bedarf bezüglich der Wahrnehmung der Aufgaben einer Vertrauensperson besteht
und der Beschwerdeführer diese Funktion unter anderem deshalb wahrnehmen möchte,
weil er dem Vorgehen der KESB und der involvierten Fachpersonen sowie dem
Behandlungskonzept (mehrheitlich) kritisch gegenübersteht. Kommt hinzu, dass die KESB
und das I. gegenüber dem Beschwerdeführer gravierende Vorwürfe erheben, welche dieser
als haltlos erachtet und die es vorliegend zu prüfen gilt. Es ist also nicht zu übersehen, dass
der Beschwerdeführer aus dem beantragten Verfahrensausgang einen praktischen Nutzen
ziehen würde (Urteil des Bundesgerichts 2C_470/2021 vom 22. November 2021 E. 3.4 und
4.1).
In Würdigung all dieser Umstände kann das Rechtsschutzinteresse des Beschwerdeführers
an der Klärung der Umstände seiner Abberufung als Vertrauensperson nicht verneint
werden und auf die Beschwerde ist deshalb einzutreten.
1.4
Der Beschwerde wurde die aufschiebende Wirkung entzogen (act. 2.1, Dispositiv Ziffer 2).
Der Entscheid vom 21. März 2019 war somit sofort vollstreckbar.
1.5
Mit der Beschwerde können Rechtsverletzungen, die unrichtige oder unvollständige
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 450a Abs. 1 ZGB).
1.5.1
Bei der Rüge der unrichtigen oder unvollständigen Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts (Art. 450a Abs. 1 Ziff. 2 ZGB) geht es vor allem um aktenwidrige
Feststellungen. Wenn hingegen eine tatsächliche Feststellung auf falscher
Rechtsanwendung beruht (z.B. Verletzung von Beweisregeln, Verletzung des rechtlichen
Gehörs, Verletzung des Untersuchungs- oder Offizialgrundsatzes) kommt in erster Linie der
umfassende Beschwerdegrund der Rechtsverletzung zur Anwendung. Die Rüge der
unrichtigen Feststellung des Sachverhalts nach Ziffer 2 erlaubt deshalb eine umfassende
Kontrolle des Sachverhalts und ist nicht auf die Rüge der Willkür beschränkt (STECK, a.a.O.,
N. 9 zu Art. 450a ZGB).
Seite 9
1.5.2
Vorliegend macht der Beschwerdeführer diverse Verfahrensfehler geltend.
1.5.2.1
Zunächst wird gerügt, dass der Entscheid der KESB nicht per Einschreiben zugestellt
worden ist (act. 1, S. 2).
Die KESB hat sich zu diesem Vorwurf nicht geäussert.
Der angefochtene Entscheid wurde mit A-Post+ versandt (act. 2/1, S. 8).
Im Kanton Appenzell Ausserrhoden gelangt für Erwachsenenschutzverfahren das VRPG
zur Anwendung (E. 1.2). Dieses spricht in Art. 16 Abs. 1 VRPG lediglich von schriftlicher
Zustellung. Das bedeutet, dass die Vorinstanz korrekt vorgegangen ist. Weil die Behörde
die Zustellung sowie deren Zeitpunkt nachzuweisen hat (FEDI/MEYER/MÜLLER, Kommentar
zum Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege des Kantons Thurgau, 2014, N. 1 zu § 20
VRG; BGE 124 V 400 E. 2b), kann eine Zustellung per Einschreiben oder gegen
Empfangsschein sinnvoll sein. Vorliegend hat der Beschwerdeführer vom Entscheid
allerdings Kenntnis erhalten, weshalb die Form der Zustellung keine Rolle spielt, weil die
Berufung auf Rechtsunwirksamkeit Treu und Glauben widersprechen würde (RUTH
REUSSER, in: Basler Kommentar, Erwachsenenschutz, 2012, N. 17 zu Art. 450b ZGB; Urteil
des Bundesgerichts 5A_693/2009 vom 1. Dezember 2009 E. 2).
1.5.2.2
Weiter wird vorgebracht, dass die Rechtsmittelfrist 30 und nicht 10 Tage beträgt (act. 1,
S. 2).
Auch auf diese Rüge ist die KESB nicht eingegangen.
Im angefochtenen Entscheid wird unter Hinweis auf die Artikel 66 EG zum ZGB und Art.
450b Abs. 2 ZGB eine Rechtsmittelfrist von 10 Tagen genannt (act. 2/1, S. 8).
Die Beschwerdefrist beträgt dreissig Tage seit Mitteilung des Entscheids (Art. 450b Abs. 1
ZGB). Bei einem Entscheid auf dem Gebiet der fürsorgerischen Unterbringung beträgt die
Beschwerdefrist lediglich zehn Tage (Art. 450b Abs. 2 ZGB). Wegen Rechtsverweigerung
und Rechtsverzögerung kann jederzeit Beschwerde geführt werden (Art. 450b Abs. 3 ZGB).
Seite 10
Art. 450b Abs. 2 ZGB, der die Rechtsmittelfrist auf 10 Tage beschränkt, gilt für Beschwerden
gegen Entscheide der KESB auf dem Gebiet der Fürsorgerischen Unterbringung
(Anordnung der Unterbringung, Entlassung sowie periodische Überprüfung und umfasst
auch den Entscheid, eine Person zur Begutachtung in eine Einrichtung einzuweisen (Art.
449 Abs. 2 ZGB; dieselbe, a.a.O., N. 24 zu Art. 450b ZGB). Hier geht es indessen um den
Entzug der Rechte einer Vertrauensperson nach Art. 432 ZGB, weshalb die ordentliche,
30-tägige Rechtsmittelfrist zur Anwendung gelangt.
Der Beschwerdeführer hat den Entscheid der KESB fristgerecht angefochten (E. 1.1). Aus
dem Umstand, dass die KESB im Entscheid vom 21. März 2019 eine zu kurze
Rechtsmittelfrist aufgeführt hat, ist ihm somit kein Nachteil erwachsen.
1.5.2.3
Beanstandet wird sodann, dass die beiden KESB-Entscheide keinen konkreten Adressaten
nennen würden und der Entscheid der KESB vom 21. März 2019 gleichzeitig an Q. gehe;
dadurch werde das Amtsgeheimnis verletzt (act. 1, S. 2 und 4).
Die KESB sowie die Beigeladenen haben sich zu diesem Vorwurf nicht geäussert.
Im Dispositiv des Entscheids vom 21. März 2019 wird neben A. auch Q. erwähnt; hingegen
wird die Letztere im Verteiler nicht aufgeführt (act. 2.1, S. 8). Im Rubrum deutet nichts auf
A. und/oder Q. hin (act. 2.1, S. 1). Der verfahrensleitende Präsidialentscheid vom
19. Februar 2019 enthält überhaupt kein Rubrum (act. 8/590).
Der Inhalt einer Verfügung wird in Art. 18 VRPG geregelt. Im Gegensatz zu Art. 81 Abs. 2
lit. c StPO und Art. 238 lit. c ZPO setzt das VRPG die Bezeichnung der Parteien nicht
voraus. Art. 38 des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021)
bestimmt, dass den Parteien aus mangelhafter Eröffnung kein Nachteil erwachsen darf.
Die Fehlerhaftigkeit einer Verfügung verändert deren Rechtsnatur nicht. Dies gilt aber nicht
unbegrenzt: Überschreitet die Fehlerhaftigkeit ein bestimmtes Mass, verliert der Akt seine
Rechtswirksamkeit, seine Rechtsverbindlichkeit und folglich auch seinen Rechtscharakter.
Eine solche Verfügung gilt als nichtig. Nichtigkeit wird gemäss der sogenannten
Evidenztheorie nur sehr zurückhaltend angenommen. Verlangt wird, dass der Mangel, der
einem behördlichen Handeln anhaftet, „besonders schwer und offensichtlich oder
zumindest leicht erkennbar ist und die Rechtssicherheit durch die Annahme der Nichtigkeit
nicht ernsthaft gefährdet wird“. Die Praxis bejaht das kumulative Vorliegen dieser drei
Voraussetzungen etwa bei offensichtlich fehlender Zuständigkeit der Behörde, bei
Seite 11
schweren Verfahrensfehlern oder schweren Form- bzw. Eröffnungsfehlern sowie
ausnahmsweise bei schwerwiegender materiell-rechtlicher Fehlerhaftigkeit (MARKUS
MÜLLER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar VwVG, 2. Aufl. 2019, N. 26 zu Art. 5
VwVG). Nichtigkeit wird verneint, wo in einer Einzelverfügung die materiellen Adressaten
falsch oder nicht vollständig bezeichnet wurden, sich jedoch aus den Sachumständen ohne
weiteres ergab, wer gemeint war (derselbe, a.a.O., Fn. 91). Ähnlich äussern sich
UHLMANN/SCHILLING-SCHWANK (in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar
Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, N. 1 ff. zu Art. 38 VwVG). Namentlich liegt kein
schwerwiegender Mangel vor, wenn sich der ins Recht gefasste Adressat aus dem
Sachzusammenhang eindeutig ergibt. Die fehlerhafte, unrichtige oder unvollständige
Parteibezeichnung kann daher im Rahmen des Beschwerdeverfahrens - im Sinne einer
Präzisierung - korrigiert werden (dieselben, a.a.O., N. 13 mit weiteren Hinweisen).
Vorliegend geht sowohl aus den angefochtenen Entscheiden, ebenso wie aus den
dazugehörigen Dispositiven, klar hervor, wer gemeint ist. Darüber konnte der
Beschwerdeführer nicht irren. Es liegt also kein schwerwiegender Mangel vor, der die
Nichtigkeit des Entscheids zur Folge hätte.
Aus dem Schreiben vom 22. März 2019 (act. 8/694) ergibt sich sodann, dass die KESB
übersehen hat, dass RA AA. nur den Beschwerdeführer und nicht auch dessen Ehefrau
vertritt. Deshalb hat sie Q. den Entscheid vom 21. März 2019 nachträglich ebenfalls
zugestellt. Weil der Entscheid beide Ehegatten betraf (Q. wird neben A. ebenfalls mehrfach
erwähnt), wurde Q. zu Recht im Dispositiv aufgeführt. Dass das Ehepaar A. gegenseitig
nicht von der Stellung als Vertrauensperson wusste und deshalb das Amtsgeheimnis
verletzt sein soll, wird nicht geltend gemacht und erscheint aufgrund der Akten (act. 8/626
und 8/645) auch nicht als wahrscheinlich.
1.5.2.4
Der Beschwerdeführer erblickt im Umstand, dass die KESB den formellen Einwand, die
Ernennung als Vertrauensperson könne nicht widerrufen werden, nicht geprüft hat, eine
Verletzung des rechtlichen Gehörs (act. 1, S. 5).
Gemäss der Vorinstanz resultiert die Gewährung des rechtlichen Gehörs aus der Tatsache,
dass die Stellungnahme des Rechtsvertreters in den angefochtenen Entscheid
eingeflossen ist (act. 7, S. 2).
Seite 12
Im angefochtenen Entscheid wird sowohl auf die Stellungnahme von RA AA. als auch
diejenige des Beschwerdeführers Bezug genommen (act. 2.1, S. 5, 3. und
4. Absatz).
Das Obergericht Thurgau hat unmissverständlich darauf hingewiesen, dass dem
Betroffenen vor einer Aberkennung der Rechte als Vertrauensperson das rechtliche Gehör
zu gewähren ist (RB OG 2014 Nr. 5, S. 148). Diesem Erfordernis wurde vorliegend ohne
Zweifel entsprochen (act. 8/486 und 8/584). Eine andere Frage ist, ob die KESB sich zu
Unrecht nicht mit dem Argument, die Ernennung einer Vertrauensperson könne nicht
widerrufen werden, auseinandergesetzt hat.
Das in Art. 29 Abs. 2 Bundesverfassung (BV, SR 101) garantierte rechtliche Gehör verlangt,
dass die Behörde die Vorbringen der vom Entscheid in ihrer Rechtsstellung betroffenen
Person zur Kenntnis nimmt, prüft und bei der Entscheidfindung berücksichtigt. Daraus folgt
die Verpflichtung der Behörde, ihren Entscheid zu begründen. Dabei ist es nicht
erforderlich, dass sich die urteilende Behörde mit allen Parteistandpunkten einlässlich
auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich und ausführlich widerlegt.
Vielmehr kann sie sich auf die für den Entscheid wesentlichen Punkte beschränken. Die
Begründung muss so abgefasst sein, dass sich die betroffene Person über die Tragweite
des Entscheides Rechenschaft geben und ihn en conaissance de cause an die höhere
Instanz weiterziehen kann. Es müssen daher wenigstens kurz die Überlegungen genannt
werden, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt
(BGE 134 I 83 E. 4.1; 133 III 439 E. 3.3; 130 II 530 E. 4.3; 129 I 232 E. 3.2; 126 I 97 E. 2b,
je mit weiteren Hinweisen). Je grösser der Ermessens- und Beurteilungsspielraum der
urteilenden Behörde, je stärker der Eingriff in individuelle Rechte und je weiter die
Abweichung von einer gefestigten Rechtsprechung sind, desto höher sind die
Anforderungen an die Begründungspflicht (BGE 129 I 232 E. 3.3).
Wie die KESB zu Recht vorbringt (act. 7, S. 2), muss sie nicht zu jedem (formellen) Einwand
des Beschwerdeführers Stellung nehmen. Mit dem Verweis auf den Basler Kommentar in
der superprovisorischen Verfügung vom 19. Februar 2019 (act. 8/590, S. 2) hat sie zudem
- zumindest implizit - zum Ausdruck gebracht, dass sie eine Suspendierung oder ein
Aberkennen der Rechte der Vertrauensperson grundsätzlich für zulässig hält.
Eine nicht besonders schwerwiegende Verletzung des rechtlichen Gehörs kann aus-
nahmsweise als geheilt gelten, wenn die betroffene Person die Möglichkeit erhält, sich vor
einer Rechtsmittelinstanz zu äussern, die sowohl den Sachverhalt wie auch die Rechtslage
frei überprüfen kann. Unter dieser Voraussetzung ist darüber hinaus - im Sinne einer
Seite 13
Heilung des Mangels - selbst bei einer schwerwiegenden Verletzung des Anspruchs auf
rechtliches Gehör von einer Rückweisung der Sache an die Vorinstanz abzusehen, wenn
und soweit die Rückweisung zu einem formalistischen Leerlauf und damit zu unnötigen
Verzögerungen führen würde, die mit dem (der Anhörung gleichgestellten) Interesse der
betroffenen Partei an einer beförderlichen Beurteilung der Sache nicht zu vereinbaren
wären (BGE 137 I 195 E. 2.3 mit Hinweisen; 136 V 117 E. 4.2.2.2; Urteil des Bundesgerichts
6B_487/2015 vom 1. Dezember 2015 E. 1.3.1; ZIBUNG/HOFSTETTER, in: Waldmann/ Weis-
senberger [Hrsg.], Praxiskommentar Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, N. 19 zu
Art. 49 VwVG).
Vorliegend hat die KESB - wie gesagt - unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass
sie eine Suspendierung oder ein Aberkennen der Rechte der Vertrauensperson
grundsätzlich für zulässig hält. Dass sie sich nicht explizit mit der Kritik des
Beschwerdeführers bezüglich des Widerrufs auseinandergesetzt hat, stellt - wenn
überhaupt - lediglich einen marginalen Fehler dar, welcher spätestens im
Beschwerdeverfahren als geheilt zu betrachten ist. Eine Rückweisung des Verfahrens an
die Vorinstanz würde hier zu einem formalistischen Leerlauf führen, weil das Obergericht
über volle Kognition verfügt (MURPHY/STECK, a.a.O., Rz. 19.4; STECK, a.a.O., N. 7 zu Art.
450 ZGB) und der Beschwerdeführer im Beschwerdeverfahren ausführlich Stellung
nehmen konnte.
1.5.2.5
Der Beschwerdeführer beanstandet mit Bezug auf verschiedene Ausführungen der KESB
die unrichtige und unvollständige Feststellung des Sachverhaltes und verlangt in diesem
Zusammenhang unter anderem die Befragung von E. sowie von Dr. S. (act. 1, S. 5 f.; zu
den Beweisanträgen wird in E. 1.6 Stellung genommen). Namentlich würden die "vier
Ebenen", mit welchen die KESB die Absetzung des Beschwerdeführers als
Vertrauensperson von E. rechtfertige, massive, teilweise persönlichkeitsverletzende
Unterstellungen diesem gegenüber beinhalten. Tatsache sei vielmehr, dass die Behörden
und Kliniken mit der Betreuung von E. völlig überfordert seien. Daraus dem
Beschwerdeführer eine Verantwortung anzulasten, sei anmassend. Geradezu befremdlich
sei es, wenn die KESB dem Beschwerdeführer vorhalte, er äussere sich nicht zu
beabsichtigten Entscheiden, sondern versuche einzig, "seine Therapie" durchzusetzen.
Abgesehen davon, dass der Beschwerdeführer mit diesem Vorgehen wenigstens implizit
Stellung zu beabsichtigten Entscheiden nehmen würde, habe er sich dazu jeweils erklärt.
Die KESB sei daran erinnert, dass eine fehlende Akzeptanz von Massnahmen, die
bekanntlich bisher überhaupt nichts gebracht hätten, nicht mit einer fehlenden
Stellungnahme gleichzusetzen sei.
Seite 14
Die Vorinstanz bringt vor (act. 7, S. 2), dass die Ausführungen im Zusammenhang mit den
vier Ebenen erkennbar die Stellungnahme von Dr. T. vom 8. Januar 2019 wiedergeben
würden, welche sich die KESB nicht einfach so zu eigen gemacht habe. Die Begründung
der KESB beginne erst im letzten Absatz von Seite 5. Die vom Beschwerdeführer geltend
gemachte Kritik könne sich somit nicht gegen die KESB, sondern allenfalls gegen den
Verfasser von act. 432 richten. Den Akten sei nirgends zu entnehmen, dass A., wenn er als
Vertrauensperson bei Anhörungen anwesend gewesen sei, je zu einem konkreten, in
Aussicht genommenen Entscheid Stellung genommen hätte. Im Gegenteil habe er die
Anhörungen mehrfach gestört, indem er immer wieder seine Themen (Rückkehr in die
Wohnung, Projekt "J.") habe in die Diskussion einbringen wollen. Von einer
Vertrauensperson mit fachlichem Hintergrund dürfe erwartet werden, dass sie sich trotz
grundsätzlich kritischer Haltung auf den in Erwägung gezogenen Gegenstand einlasse und
welche Meinung sich die betroffene Person dazu bilde. Das sei mehrfach nicht der Fall
gewesen. Der Beschwerdeführer stütze sich konsequent auf die für seine Position
passenden Willensäusserungen von E. (act. 7, S. 3). Diese seien aber keineswegs konstant
und frei von Widersprüchen.
Mit Bezug auf die oben durch den Beschwerdeführer geäusserte Kritik erachtet das
Obergericht insbesondere die nachstehenden Vorkommnisse und Akten als relevant:
- Anlässlich eines Telefongesprächs am 31. Dezember 2018 resp. mit E-Mail vom
1. Januar 2019 informierte der Leiter der KESB den Beschwerdeführer über die
Perspektive-Besprechung für E. vom 3. Januar 2019 (act. 8/340, S. 2 und 8/341). Der
Beschwerdeführer erklärte, dass er gerne teilnehme, wenn E. auch dabei sei. Dies
wurde vom Leiter der KESB verneint (act. 8/341). In der Folge nahmen der
Beschwerdeführer - wie auch die Eltern - an der Besprechung nicht teil (act. 8/344 und
8/351).
- In der Aktennotiz der KESB vom 4. Januar 2019 wird festgehalten, dass med. pract. U.
vom I. berichtet habe, dass das I. Besuche des Beschwerdeführers bei E. unterbinden
möchte, da sie bei der Patientin immer eine grosse Unruhe auslösen würden (act.
8/369);
- Bei der persönlichen Besprechung der KESB mit E. vom 4. Januar 2019 vor der
Verlegung nach M. widersetzte der Beschwerdeführer sich den Anordnungen der
Stationsleitung, das Isolationszimmer zu verlassen und machte trotz der gegenteiligen
Aufforderung des Pflegepersonals und von E. Fotos. Zur Verlegung nach M. äusserte
der Beschwerdeführer sich nicht (act. 8/368).
- Am Abend des 4. Januar 2019 informierte med. pract. U., dass der Transport von E.
nach M. einen guten gewaltfreien Anfang genommen habe. Problematisch sei einzig
Seite 15
gewesen, dass der Beschwerdeführer wieder im Isobereich gefilmt und sich
anschliessend geweigert habe, das Isozimmer zu verlassen (act. 8/373).
- Am 7. Januar 2019 schilderte der Leiter der KESB diverse Vorkommnisse der letzten
Tage und forderte den Beschwerdeführer auf, seine Rollenauffassung als
Vertrauensperson zu überdenken (act. 8/381).
- Ebenfalls am 7. Januar 2019 benannte V. die problematischen Aktionen des
Beschwerdeführers in einem Schreiben an den Chefarzt der W. (act. 8/384).
- Die Sicht der begleitenden Polizeibeamtin ergibt sich aus der Aktennotiz vom 7. Januar
2019 (act. 8/388). Dort wird erwähnt, dass der Beschwerdeführer trotz Verbot auf der
Station gefilmt hat, in einen Sitzstreik getreten ist und von zwei Polizeibeamten aus
dem Zimmer getragen werden musste. Offenbar hat er um 02.00 Uhr vor dem Zimmer
von E. gefilmt.
- Mit Schreiben vom 8. Januar 2019 ersuchte das I. die KESB um Absetzung von A. als
Vertrauensperson von E. und begründete das mit "vier Ebenen", die gegen die Eignung
des Beschwerdeführers als Vertrauensperson sprechen (act. 8/427).
Mit Bezug auf den Vorwurf der unrichtigen und unvollständigen Feststellung des
Sachverhaltes ist festzuhalten, dass
- die "vier Ebenen", mit denen die KESB die Absetzung des Beschwerdeführers als
Vertrauensperson angeblich begründet hat, im angefochtenen Entscheid gut
erkennbar die Stellungnahme von Dr. T. vom 8. Januar 2019 und nicht die
Einschätzung durch die KESB wiedergeben (act. 2.1, S. 3 f.). Die Würdigung durch die
Vorinstanz beginnt - nach der Darlegung der relevanten Sachverhalte - klar erkennbar
erst auf S. 5 des angefochtenen Entscheids. Die im Zusammenhang mit den "vier
Ebenen" gerügten, massiven und teilweise persönlichkeitsverletzenden Unter-
stellungen inklusive der Feststellung "dass Herr A. Frau E. und letztlich auch ihre Eltern
für einen Feldzug gegen die Klinik und die KESB missbraucht", können also nicht der
KESB zugeordnet werden.
- die Bezeichnung des Verhaltens des Beschwerdeführers mit "Fundamentalopposition"
(act. 2.1, S. 6 unten) sicher scharf formuliert ist, vor dem Hintergrund, dass der
Beschwerdeführer die KESB und das I. in der äusserst schwierigen Situation, über den
Jahreswechsel unter Zeitdruck ein geeignetes Behandlungssetting für E. finden zu
müssen, mehrfach massiv kritisierte und ihnen Unfähigkeit sowie das unrechtmässige
Festhalten von E. unterstellte (vgl. act. 8/330, 8/337, 8/338, 8/340 und 8/344), jedoch
verständlich erscheint. Entscheidend ist jedoch, dass es sich bei der Bezeichnung
"Fundamentalopposition" nicht um eine Sachverhaltsfeststellung, sondern um eine
Wertung handelt.
Seite 16
- die Äusserung der Vorinstanz, der Beschwerdeführer habe sowohl am 4. Januar 2019
als auch am 6. Februar 2019 zu den beabsichtigten Entscheiden nicht explizit Stellung
genommen (act. 2.1, S. 6 unten), sich mit den Akten deckt (act. 8/356, S. 4, 8/368,
8/553 und 8/554). Dabei ist dem Beschwerdeführer immerhin soweit zuzustimmen, als
er mit seinem Gebaren seine Haltung der Vorgehensweise der KESB gegenüber
zumindest implizit zum Ausdruck gebracht hat. Auch im E-Mail-Verkehr hielt er mit
seiner Auffassung nicht zurück (act. 8/393 und 8/400).
- die Feststellungen der Vorinstanz, E. habe geäussert, "das I. wolle sie wegen der
Sache mit A. nicht mehr aufnehmen " bzw. sie die "Anhörung in Anwesenheit von A.
als schwierig bezeichnet habe", sich aus der Aktennotiz der persönlichen Besprechung
vom 7. März 2019 ergeben (act. 8/647). Zudem hat E. die Äusserungen anlässlich der
Anhörung vom 9. August 2019 im Verfahren ERV 19 41 wiederholt (act. 25/13, S. 5).
- Dr. S. einen agogischen Behandlungsansatz in der Tat nicht ausschliesst (act. 8/704,
S. 8). Aufgrund der Erfahrungen der letzten Monate erachtet Dr. S. eine Unterbringung
in einem offenen Setting jedoch als klare Überforderung (act. 8/704, S. 9). Eine solche
beinhalte die Gefahr einer versehentlichen Selbsttötung, welche nicht in Kauf
genommen werden könne, weil es eben nicht im anzunehmenden Sinne der von allen
Beteiligten als lebensbejahend beschriebenen Patientin sei (act. 8/704, S. 9 f. oben).
Aktuell benötige E. eine professionelle fachliche Betreuung und Begleitung durch
speziell ausgebildete Betreuungspersonen mit einem ausreichenden Personal-
schlüssel, wie dies nur in einer psychiatrischen, idealerweise auf die Betreuung von
Menschen mit hirnorganischen Beeinträchtigungen spezialisierten Einrichtung
vorhanden sei. Ein rein agogisches Vorgehen ohne Vorhaltung ausreichender
Sicherungsmassnahmen erscheine unzureichend und mit einer unmittelbaren
Gefährdung für die Patientin sowie auch für Dritte verbunden (act. 8/704, S. 10 f.).
Zusammenfassend liegen nach Ansicht des Obergerichts keine unrichtigen oder
unvollständigen Sachverhaltsfeststellungen vor.
1.6
Der Beschwerdeführer verlangt verschiedene Beweismassnahmen: Namentlich soll E. zu
zwei Äusserungen als Zeugin und Dr. S. zu allfälligen schädlichen Handlungen und
Interventionen des Beschwerdeführers als Vertrauensperson von E. als Zeuge befragt
werden (act. 1, S. 6). Konkret geht es um die Darstellung in der angefochtenen Verfügung,
wonach E. "Angst geäussert habe, dass das I. sie wegen der Sache mit A. nicht mehr
aufnehme" bzw. sie habe die "Anhörung in Anwesenheit von A. als für sich schwierig"
bezeichnet (act. 1, S. 5). Diese aus dem Zusammenhang wiedergegebene massive
Unterstellung gegenüber der Person des Beschwerdeführers decke sich in keiner Weise
Seite 17
mit dessen Erkenntnissen und werde bestritten (act. 1, S. 5 f.). Es werde beantragt, E. zu
diesem Sachverhalt zu befragen (act. 1, S. 6). Die Stellung des Beschwerdeführers sei vom
Gutachter Dr. S. bisher richtigerweise nie in Frage gestellt worden. Dieser kenne E. und
könne ihre Situation wohl am zuverlässigsten beurteilen. Dabei habe er nie Kritik an der
Stellung des Beschwerdeführers als Vertrauensperson von E. geübt. Dr. S. sei deshalb als
sachverständiger Zeuge zu allfälligen schädlichen Handlungen und Interventionen des
Beschwerdeführers als Vertrauensperson von E. und zu deren Auswirkungen zu befragen.
Gemäss der Vorinstanz ist von einer Befragung von E. abzusehen, um sie nicht erneut
damit zu belasten (act. 7, S. 3). Auch Dr. S. sei nicht zu befragen, da die Stellung und das
Verhalten des Beschwerdeführers nicht Gegenstand des Gutachtens gewesen seien.
Dieser interpretiere das Gutachten im Übrigen nicht richtig bzw. zu seinen Gunsten.
Gemäss Art. 29 Abs. 2 BV haben alle Personen, die an einem Verfahren beteiligt sind,
Anspruch auf rechtliches Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits als Mittel der
Sachaufklärung und stellt andererseits ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht der
Parteien dar. Die Parteien haben das Recht, mit ihren Begehren angehört zu werden,
Akteneinsicht zu erhalten und zu den für die Entscheidung wesentlichen Punkten Stellung
nehmen zu können (GÄCHTER/KAUFMANN, in: Büchler/Häfeli/Leuba/Stettler [Hrsg.],
Erwachsenenschutz, 2013, Verfassungs- und völkerrechtliche Aspekte, N. 33). Sie können
sodann Beweise beibringen bzw. an der Erhebung der Beweise mitwirken und zum
Beweisergebnis Stellung nehmen. Rechtzeitig und formrichtig angebotene Beweise
müssen, sofern sie entscheidrelevante Tatsachen betreffen, die beweismässig noch nicht
erstellt sind, abgenommen werden (BENJAMIN MÄRKLI, in: Rizvi/Schindler/Cavelti [Hrsg.],
Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege (VRP), Praxiskommentar, 2020, N. 22 zu Art. 12-
13 VRP; FEDI/MEYER//MÜLLER, Kommentar zum Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege
des Kantons Thurgau, 2014, N. 4 zu § 12 VRG). Indessen gilt der formale Anspruch auf
Abnahme und Würdigung der angebotenen Beweise nicht unbeschränkt. Nach der
Rechtsprechung darf vielmehr das Beweisverfahren geschlossen werden, wenn die noch
offenen Beweisanträge offensichtlich untauglich sind oder eine rechtsunerhebliche
Tatsache betreffen, oder wenn das Gericht aufgrund der bereits abgenommenen Beweise
seine Überzeugung gebildet hat und willkürfrei davon ausgehen darf, diese würde durch
weitere Beweiserhebungen nicht erschüttert (antizipierte Beweiswürdigung; dieselben, N.
4 zu § 12 VRG; BGE 136 I 229 E. 5.3; 134 I 140 E. 5.3, je mit Hinweisen).
Die erwähnten Aussagen von E. fielen anlässlich der Anhörung vom 7. März 2019 in der O.
zur Verlegung ins I. (act. 8/647) und wurden anlässlich der Anhörung vom 9. August 2019
wiederholt (im Verfahren ERV 19 41, act. 25/13, S. 5). In einem Entscheid der KESB vom
Seite 18
26. September 2019 wird diese demgegenüber dahingehend zitiert, dass sie mit A. wieder
Kontakt aufnehmen möchte (act. 21, S. 5), was sie später offenbar auch getan hat (act. 69).
Das Obergericht erachtet eine Befragung von E. zum einen wegen ihrer aktenkundigen
Beeinflussbarkeit nicht als zielführend (act. 8/704, S. 4 und 46). Zum andern würde eine
Befragung sie unnötig belasten. Unnötig deshalb, weil die fraglichen Bemerkungen - wie
noch darzulegen ist (E. 2.2.3 und 2.2.5) - für den Entscheid, den Beschwerdeführer aus
seiner Funktion als Vertrauensperson zu entlassen, offenbar keine Rolle gespielt haben.
Dr. S. hatte offenbar nie direkt mit dem Beschwerdeführer zu tun, da sein Gutachten auf
Untersuchungen von E. in Zürich und diversen Berichten der Institutionen, die sich mit E.
befasst haben, basiert (act. 8/704, S. 2 ff.). Ihm lag einzig die Stellungnahme des
Beschwerdeführers zum Projektbericht "J." vom 23. Januar 2019 (act. 8/514 und 8/515) vor
(act. 8/704, S. 9 unten). Das bedeutet, dass er zu den Vorwürfen, die zur Abberufung des
Beschwerdeführers in seiner Funktion als Vertrauensperson geführt haben, aus eigener
Wahrnehmung nichts beitragen kann. Um eine Beurteilung des Projekts "J." geht es hier
nicht.
Aus den angeführten Gründen verspricht das Obergericht sich von der Abnahme der
beantragten Beweise keine relevanten Erkenntnisgewinne und sieht deshalb davon ab.
1.7
Entscheide, die der Beschwerde an das Bundesgericht unterliegen, sind den Parteien
schriftlich zu eröffnen. Sie müssen unter anderem eine Rechtsmittelbelehrung
einschliesslich Angabe des Streitwerts enthalten, soweit dieses Gesetz eine
Streitwertgrenze vorsieht (Art. 112 Abs. 1 lit. d Bundesgerichtsgesetz, BGG, SR 173.110).
Da es sich bei der vorliegenden Beschwerde um eine nicht vermögensrechtliche
Angelegenheit handelt (HÄNNI/MEYER, Basler Kommentar, Bundesgerichtsgesetz, 3. Aufl.
2018, N. 4 zu Art. 74 BGG), entfällt die Pflicht zur Angabe eines Streitwerts.
2. Materielles
2.1 Widerruf Ernennung Vertrauensperson
2.1.1
In der superprovisorischen Verfügung vom 19. Februar 2019 führt der Präsident der KESB
aus, die Einrichtung könne die Vertrauensperson nicht ablehnen. Erweise sich die
Seite 19
bezeichnete Person als für die Interessen der Betroffenen als schädlich, sei nur ein
Einschreiten der KESB möglich. Diese könne nötigenfalls die Ernennung widerrufen (act.
8/590, S. 2).
2.1.2
Der Beschwerdeführer macht geltend (act. 1, S. 4 f., act. 68, S. 3 und act. 86, S. 2), der
Widerruf der Ernennung der Vertrauensperson durch die KESB sei von vornherein
ausgeschlossen, da die Vertrauensperson von E. und nicht der KESB ernannt worden sei.
Der KESB stünde einzig die Möglichkeit offen, die Rechte als Vertrauensperson zu
entziehen.
2.1.3
In ihrer Vernehmlassung vom 24. Juni 2019 bekräftigt die KESB ihren Standpunkt, dass die
KESB die Ernennung einer Vertrauensperson nötigenfalls widerrufen könne (act. 7, S. 2).
2.1.4
Die Einrichtung kann die Vertrauensperson nicht ablehnen. Erweist sich die bezeichnete
Person als für die Interessen der Betroffenen schädlich, ist nur ein Einschreiten der KESB
möglich. Diese kann nötigenfalls die Ernennung widerrufen. Sie kann aber auch die
Vertrauensperson ausschliesslich in ihren Funktionen beschränken, wenn dies der
schwächere Eingriff ist. In jedem Fall ist mit solchen Eingriffen äusserste Zurückhaltung zu
üben (GEISER/ETZENSBERGER, in: Basler Kommentar, Erwachsenenschutz, 2012, N. 10 zu
Art. 432 ZGB). Dieser Auffassung haben sich verschiedene Lehrmeinungen
angeschlossen, wobei CHRISTOPH HÄFELI und GASSMANN/BRIDLER nicht den Begriff
"Widerruf" verwenden, sondern von Suspension (CHRISTOPH HÄFELI, Grundriss zum
Kindes- und Erwachsenenschutz, 2. Aufl. 2016, Rz. 27.17) resp. von Mandat entziehen
(GASSMANN/BRIDLER, in: Fountoulakis/Affolter-Fringeli/Biderbost/Steck [Hrsg.], Fach-
handbuch Kindes- und Erwachsenenschutzrecht, 2016, Rz. 9.141) sprechen. Die Botschaft
zur Änderung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (Erwachsenenschutz,
Personenrecht und Kindesschutz; BBL 2006 7067 f.) äussert sich zu dieser Thematik nicht.
Gemäss Entscheid des Obergerichts Thurgau vom 10. November 2014 (RB OG 2014
Nr. 5, S. 149) stellt sich in materieller Hinsicht die Frage, ob die Kindes- und
Erwachsenenschutzbehörde überhaupt berechtigt ist, einer Vertrauensperson die dieser
zustehenden Rechte zu entziehen und sie als Vertrauensperson faktisch abzusetzen. Ein
Widerruf der Ernennung durch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde hält es von
vornherein ausgeschlossen, da die Vertrauensperson vom Beschwerdeführer ernannt
wurde und nicht von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde. Unter bestimmten
Seite 20
Voraussetzungen und im Sinne einer ultima ratio können einer Vertrauensperson nach
Auffassung des Obergerichts Thurgau jedoch ihre Rechte gegen den Willen des Patienten
aberkannt beziehungsweise der Patient aufgefordert werden, eine neue Vertrauensperson
zu ernennen (RB OG 2014 Nr. 5, S. 158).
2.1.5
Weil die Vertrauensperson durch die von der Massnahme betroffene Person und nicht
durch die KESB ernannt wurde, ist das Obergericht Thurgau zu Recht zum Schluss
gekommen, dass ein Widerruf der Ernennung durch die KESB nicht angängig ist. Indessen
hat das Gericht aber ebenso klar die Möglichkeit, unter bestimmten Voraussetzungen
gegenüber der Vertrauensperson einzuschreiten, bejaht. Ob deren Ernennung widerrufen
oder diese abgesetzt bzw. suspendiert wird, sind letztlich aber sprachliche
Differenzierungen, d.h. "Wortspielereien", auf die es inhaltlich und von der Wirkung her nicht
ankommt.
2.2 Beurteilung der Absetzung des Beschwerdeführers als Vertrauensperson
2.2.1
Nach Ansicht des Beschwerdeführers verkennt die KESB, dass es nicht Aufgabe einer
Vertrauensperson ist, für die Behörden angepasst und bequem zu arbeiten, d.h. sämtliche
Zwangsmasssnahmen etc. gegenüber der untergebrachten Person ohne weiteres
gutzuheissen (act. 1, S. 6). Im Gegenteil liege es (auch) in der Zuständigkeit der
Vertrauensperson, die Handlungen von Kliniken und Behörden gegenüber der
untergebrachten Person kritisch zu hinterfragen. Darin unterscheide sich die
Vertrauensperson von einem Verfahrensbeistand, welcher übrigens gerade in der Sache
von E. sämtliche Handlungen der Behörden ohne weiteres und wiederholt fragwürdig und
in Verkennung seiner Funktion abgenickt bzw. hingenommen habe. Der Beschwerdeführer
habe in seiner Funktion als Vertrauensperson von E. nicht mehr und nicht weniger erledigt,
was zu deren Interessenwahrung nötig bzw. geboten gewesen sei. Dass ein ausgeprägter
Handlungsbedarf gegenüber Behörden und Kliniken existiert habe, hätten diese mit ihren
wiederholt kurzfristigen und offensichtlich orientierungslosen Unterbringungsent-
scheidungen zu E. zu verantworten. Die KESB schütze exakt dieses undefinierte Vorgehen
der Kliniken im Entscheid S. 7 unten. Sie stelle fest, „die Einschätzung der behandelnden
Ärzte und weiteren Fachpersonen zielten alle in die Richtung, dass E. vor Ausseneinflüssen
geschützt werden müsse, um zur Ruhe zu kommen und sich auf die Behandlung und
Betreuung einlassen zu können“. Mit diesem völlig einseitigen Verständnis, das sich bei Dr.
S. nirgends finde, habe die KESB E. vollständig isoliert. Die KESB verunmögliche mit
Seite 21
diesem Vorgehen, dass die Behandlungsmassnahmen gegenüber E. von
Aussenstehenden kritisch hinterfragt werden könnten. Mit diesem Verständnis der KESB
erübrige sich die Funktion einer Vertrauensperson nach Art. 432 ZGB, womit der
untergebrachten Person gleichermassen ein höchstpersönliches Recht entzogen werde.
Dieses Vorgehen widerspreche dem Institut der Vertrauensperson in krasser Weise.
Die Betreuungssituation von E. sei nach wie vor desaströs und die zuständigen Instanzen,
d.h. sowohl die KESB als auch die jeweiligen Institutionen, seien mit dem Fall E. weiterhin
völlig überfordert (act. 68, S. 2). Dieses Resultat bestätige indessen, dass entgegen der
KESB nicht der Beschwerdeführer in seiner Tätigkeit als Vertrauensperson für die angeblich
schwierige Situation von E. verantwortlich sei. Vielmehr seien die Umstände einzig und
alleine Ausfluss des Unvermögens der Behörden und der zuständigen Institutionen.
Bezüglich der konzeptionellen Betreuung von E. hätten die Vorinstanz und der
Beschwerdeführer seit jeher unterschiedliche Auffassungen vertreten (act. 86, S. 3). Die
Vorinstanz habe das vom Beschwerdeführer eingebrachte agogische Konzept ohne
Begründung abgelehnt, obwohl der beigezogene Gutachter gegen die Betreuung von E.
durch den Beschwerdeführer nicht opponiert habe. Er habe einzig ein "rein agogisches
Konzept" als nicht zureichend erachtet. Es treffe zu, dass die Entwicklung von E. nach der
Abberufung des Beschwerdeführers für das vorliegende Verfahren grundsätzlich nicht
erheblich sei (act. 86, S. 4). Der Umstand, dass E. im Verein F. heute exakt nach
agogischen Grundsätzen betreut werde, sei hingegen eine wesentliche Erkenntnis.
2.2.2
Die KESB hält dem entgegen (act. 7, S. 3 f.), aus der angefochtenen Verfügung ergebe
sich klar, dass der Widerruf der Ernennung des Beschwerdeführers als Vertrauensperson
nicht wegen seines psychiatriekritischen Ansatzes, sondern wegen seines
grenzüberschreitenden Verhaltens gegenüber E. und der Wirkung seines Verhaltens und
seiner Erwartungshaltung ihr gegenüber erfolgte sei (so sei es bei ihr nach Besuchen des
Beschwerdeführers in den Kliniken mehrfach zu Impulsdurchbrüchen gekommen). Es sei
augenscheinlich, dass der Beschwerdeführer seinen Kampf für das von ihm als Projektleiter
hauptsächlich verantwortete Projekt „J.“ intensiviert weiterführe und die subjektiv leidenden
Eltern dafür einzunehmen verstehe (act. 7, S. 4). Dabei verfolge er einen bereits im
November 2018 gefassten Plan. Mittlerweile verfolge der Beschwerdeführer mit seinem
Kampf für das Projekt "J." auch eigennützige Positionen. Namentlich habe er die vom
Verein F. angemietete Wohnung als Nachmieter übernommen. Weiter sehe er das
Scheitern des Projekts "J." vollumfänglich bei verschiedenen Akteuren, aber nicht
ansatzweise bei sich selbst. Er fühle sich in seiner persönlichen und beruflichen Ehre
Seite 22
angegriffen und führe seither verschiedene Verfahren selbst oder instrumentalisiere die
Eltern für seine Rehabilitation, indem er diese tatkräftig unterstütze, dass sie sich weiterhin
dafür einsetzten, dass das mehrfach als nicht umsetzbar beurteilte Projekt „J.“
wiederaufgenommen werde. Aktuell versuche er aus Polizeiprotokollen den „Beweis“ für
seine richtige und fachliche Handlungsweise herzuleiten.
Gegenstand des angefochtenen Entscheids sei der Widerruf der Bezeichnung des
Beschwerdeführers als Vertrauensperson durch E. vom 21. März 2019 (act. 78, S. 1). Wie
sich die Betreuungssituation von E. im Nachgang dazu entwickelt habe, sei unerheblich
und daraus lasse sich weder zugunsten noch zuungunsten des Beschwerdeführers etwas
ableiten. Im Übrigen habe die KESB den Beschwerdeführer weder alleine noch kausal für
den damals schwierigen Verlauf der Betreuung und Behandlung von E. verantwortlich
gemacht (act. 78, S. 2).
2.2.3
Aus den Akten ergibt sich, was folgt:
- Am 16. November 2018 entscheidet die KESB, E. zur Betreuung unter der
Verantwortung des Vereins F. nach dem Konzept "J." in der Wohnung, fürsorgerisch
unterzubringen (act. 8/180). Federführend für das Konzept "J." ist der
Beschwerdeführer (act. 8/99, 8/130 und 8/163).
- Nach der Anhörung am 14. November 2018 zum Übertritt in die Wohnung entfernt E.
sich eigenmächtig aus dem I. und geht zum Bahnhof, wo sie sich auf die Geleise setzt.
Im Wartesaal behändigt sie einen Aschenbecher aus Glas, zerschlägt diesen und
behält eine Glasscherbe in der Hand, die ihr erst später abgenommen werden kann.
Während dieses Vorfalls ist der Beschwerdeführer anwesend. Mit Hilfe der (von Dritten)
avisierten Polizeibeamten wird E. anschliessend wieder ins I. gebracht (act. 8/161,
8/162 und 8/168).
- Nach dem Bezug der Wohnung begibt E. sich wiederholt in gefährliche Situationen,
indem sie sich nachts bei Nebel auf die Strasse oder beim Bahnhof auf die Geleise
setzt, was jeweils Polizeieinsätze auslöst (act. 8/183, S. 2, 8/199, 8/205 und 8/208).
Nachdem die Kantonspolizei E. am 21. November 2018 ins I. zurückbringt (act. 8/205),
verfügt die ärztliche Leitung des I. am gleichen Tag die Zurückbehaltung von E. (act.
8/196). Diese Massnahme wird am 22. November 2018 durch Dr. K. bestätigt und
verlängert (act. 8/214).
- Aus dem Pflegebericht des I. vom 27. November 2018 geht hervor, dass der
Beschwerdeführer E. gegen 02.00 Uhr von draussen im Isolierzimmer des I. gefilmt hat
(act. 8/399);
Seite 23
- Gemäss Pflegebericht berichtet E. am 3. Januar 2019, dass der Beschwerdeführer ihr
anlässlich seines Besuches Fotos der Wohnung gezeigt habe und sie jetzt wieder
massiv unter Heimweh leide (act. 8/399);
- Gemäss Aktennotiz der KESB vom 4. Januar 2019 möchte das I. Besuche des
Beschwerdeführers bei E. unterbinden, weil diese bei der Patientin immer eine grosse
Unruhe auslösen würden (act. 8/369).
- Med. pract. U. informiert die KESB am Abend des 4. Januar 2019, dass der Transport
von E. nach M. einen guten, gewaltfreien Anfang genommen habe (act. 8/373).
Problematisch sei einzig das Verhalten des Beschwerdeführers gewesen, der mit der
Verlegung nach M. nicht einverstanden gewesen sei, wieder im Isobereich gefilmt und
sich anschliessend geweigert habe, diesen zu verlassen. Schliesslich habe die Polizei
ihn aus dem Zimmer vor die Klinik tragen müssen (vgl. dazu auch die Schilderungen
der den Transport begleitenden Polizeibeamtin, act. 8/388).
- Anlässlich der Anhörung vom 4. Januar 2019 stellt V. von der KESB bei E. einen
zunehmend gestressten Gesichtsausdruck fest, als der Beschwerdeführer sich
entgegen der Anweisungen des Klinikpersonals neben die Patientin auf die Matratze
setzt. Diese äussert den Wunsch, dass keine Fotos gemacht werden und drückt sich
vom Beschwerdeführer weg in die Ecke. Als alle Personen mit Ausnahme von A. den
Raum verlassen, ist E. sehr unruhig und man hört sie von draussen laut sprechen (act.
8/368).
- Am 7. Januar 2019 ersucht der Leiter der KESB den Beschwerdeführer, seine
Rollenauffassung als Vertrauensperson zu überdenken (act. 8/381).
- Mit Brief vom 8. Januar 2019 schildert die ärztliche Leitung des I. die Probleme der
Klinik mit dem Beschwerdeführer und regt an, eine andere Vertrauensperson für E. zu
benennen (act. 8/427).
- Aus der Aktennotiz der Anhörung von E. in der Klinik N. am 6. März 2019 ergibt sich,
dass A. im Beisein von E. die Rückkehr in die Wohnung zur Diskussion stellt, obwohl
die Verfahrensbeiständin X. klar erklärt hatte, dass die Zusammenarbeit mit dem
Verein F. beendet und die Wohnung aufgelöst worden sei. E. ist dadurch total
überfordert und das Gespräch muss abgebrochen werden. Der Beschwerdeführer will
auch mit dem zuständigen Arzt wieder über das abgebrochene Projekt "J." diskutieren,
was dieser ablehnt (act. 8/553 und 8/554).
- Am 8. Februar 2019 nimmt die (frühere) Verfahrensbeiständin von E. Stellung zur
möglichen Absetzung des Beschwerdeführers als Vertrauensperson und bestätigt die
Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit diesem (act. 8/572). Dabei hält sie fest,
dass A. nicht bereit sei, klar kommunizierte Fakten zu akzeptieren (Abbruch Projekt
"J."). Vielmehr kolportiere er gegenüber E. und deren Eltern, dass die Wohnung
(ehemals Projekt "J.") wieder bezogen werden könne. Zudem mache er regelmässig
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Kampfansagen gegenüber der Klinik und der KESB, die für E. wenig hilfreich seien. Er
könne oder wolle nicht abschätzen, was seine Interventionen im Beisein von E.
auslösen könnten und er sie durch solche Vorfälle in einen Loyalitätskonflikt resp. in
Not bringe.
- Im Rahmen der Anhörung zur Verlegung von der O. ins I. vom 7. März 2019 äussert
E., dass "das I. sie wegen der Sache mit A. nicht mehr aufnehmen wolle" und die
"Anhörungen in Anwesenheit von A. für sie schwierig gewesen seien" (act. 8/647).
Diese Darstellung wiederholt sie anlässlich der Anhörung vom 9. August 2019 im
Verfahren ERV 19 44 (act. 25/13, S. 5).
- E. spricht nicht nur positiv von der Zeit in der Wohnung (Konzept "J."), sondern erwähnt
auch ihre Angst, die an sie gestellten Erwartungen in einem offenen Setting nicht zu
erfüllen (act. 8/704, S. 3, 8/892). In seinem Gutachten hebt Dr. S. hervor, dass ein
adäquates Reizmanagement essentiell ist (act. 8/704, S. 8) und dass E. durch zu viel
Handlungsfreiheit überfordert ist (act. 8/704, S. 11).
2.2.4
Der Vertrauensperson obliegt es, die betroffene Person über ihre Rechte aufzuklären und
ihr bei deren Wahrnehmung zu helfen. Sie hat gegebenenfalls bei der Formulierung von
Anliegen und bei deren Weiterleitung an die zuständigen Stellen und Behörden behilflich
zu sein. Sie sollte bei Konflikten vermitteln und der betroffenen Person helfen, die Kontakte
mit der Aussenwelt aufrechtzuerhalten (GEISER/ETZENSBERGER, a.a.O., N. 11 zu Art. 432
ZGB; GASSMANN/BRIDLER, a.a.O., Rz. 9.142; CHRISTOPH HÄFELI, a.a.O., Rz. 27.18). Mit
einer entsprechenden Vollmacht der betroffenen Person erhält sie auch Akteneinsicht und
ist in die Behandlung des Betroffenen miteinzubeziehen (RB OG 2014 Nr. 5, S. 154;
derselbe, a.a.O., Rz. 27.18; GASSMANN/BRIDLER, a.a.O., Rz. 9.145).
Einer Vertrauensperson gegen den Willen des Patienten ihre Rechte abzuerkennen bzw.
den Patienten aufzufordern, eine neue Vertrauensperson zu ernennen, kommt für die KESB
lediglich als „ultima ratio“ in Betracht. Das kann regelmässig nur der Fall sein, wenn die
Vertrauensperson ihren Aufgaben nachhaltig und so schwerwiegend nicht gerecht
geworden ist, dass eine ordnungsgemässe Tätigkeit ihrerseits nicht mehr erwartet werden
kann, und zwar unabhängig davon, ob seitens der Vertrauensperson ein schuldhaftes
Verhalten gegeben ist. In Betracht kommen insbesondere Fälle, in welchen die
Vertrauensperson in offensichtlicher Weise gegen die Interessen der von ihr betreuten
Person verstösst, oder wenn sich die Vertrauensperson nicht an allfällige Einschränkungen
seitens der Klinik oder der KESB hält oder sich trotz entsprechender Abmahnungen
wiederholt fehlverhält (RB OG 2014 Nr. 5, S. 158).
Seite 25
2.2.5
Aufgrund der oben dargelegten Vorfälle hält das Obergericht es für erstellt, dass der
Beschwerdeführer als Vertrauensperson zum Schaden von E. agiert hat, indem er unbeirrt
am Projekt "J." festgehalten hat und nicht zur Kenntnis nehmen wollte, dass dieses für die
KESB nicht mehr zur Diskussion stand (act. 8/312, 8/332, 8/333, 8/399 Pflegebericht vom
23. Dezember 2018, 8/456, 8/553, 8/554 und 8/557). Mit seinem Gedankengut und seiner
Haltung hat er offensichtlich auch die Eltern beeinflusst, die in ihm die "Fachperson" sehen,
die ihrer leidenden Tochter im Kampf gegen die "böse" KESB beisteht (act. 8/343, 8/345,
8/393, 8/418, 8/881 und 8/884). Dass sich die Eltern in ihrer Not und Verzweiflung eine
menschlichere Unterbringung für ihre Tochter wünschten und wünschen, ist verständlich.
Vom Beschwerdeführer mit seinem fachlichen Hintergrund kann hingegen ein
differenzierteres Denken erwartet werden. Konkret, dass er nachvollziehen kann, dass es
E. letztlich schadet, wenn sie spürt, dass ihre Eltern als engste, wichtigste und praktisch
einzige Menschen, zu denen sie in ihrer Situation Kontakt pflegen kann, nicht hinter dem
von der KESB in Absprache mit der involvierten Klinik verfügten Behandlungs- und
Betreuungskonzept stehen.
Beizupflichten ist dem Beschwerdeführer, dass eine grundsätzlich kritische Haltung der
Psychiatrie gegenüber nicht genügt, um eine Vertrauensperson abzuberufen (RB OG 2014
Nr. 5, S. 153 f.). Aus dem angefochtenen Entscheid und den Akten ergibt sich indessen,
dass die KESB den Beschwerdeführer nicht wegen seiner psychiatriekritischen Einstellung,
sondern wegen folgender Umstände von seiner Funktion suspendiert hat:
- Dieser hat beharrlich am Projekt "J." festgehalten, obwohl die KESB sich davon - in
Rücksprache mit den involvierten Fachpersonen - aufgrund der Erfahrungen Mitte
November 2018, als E. sich im Rahmen dieses Konzepts mehrfach in (lebens-)
gefährliche Situationen begab und zahlreiche Polizeieinsätze provozierte (act. 8/183,
8/199, und 8/205), klar distanzierte (act. 2.1, S. 6, 8/312, 8/332, 8/333, 8/456, 8/553
und 8/554).
- Die Hartnäckigkeit, mit der der Beschwerdeführer am Konzept "J." festhielt,
verunmöglichte es den Eltern und E. sich von der Perspektive einer Rückkehr in die
Wohnung zu verabschieden (act. 2.1, S. 6, 8/399 Pflegebericht vom 23. Dezember
2018).
- Zumindest in zwei Fällen hat der Beschwerdeführer Anhörungen durch die KESB
gestört, sich den Anweisungen des Klinikpersonals widersetzt und damit E.
offensichtlich in einen Loyalitätskonflikt resp. in eine emotionale Notsituation gebracht
(act. 8/368, 8/373, 8/553, 8/554 und 8/572). Zudem wurden nach Besuchen durch die
Mutter und den Beschwerdeführer regelmässig Impulsdurchbrüche beobachtet, was
anschliessend an die Besuche bewegungseinschränkende Massnahmen und/oder
Seite 26
eine Erhöhung der medikamentösen Sedierung nötig machte (2.1, S. 6 f.; 8/312; 8/399
Pflegeinformation Liste vom 24. Dezember 2018, 8/616, 8/633 und 8/650). Dass dies
vor der Empfehlung, wonach E. auf eine möglichst reizarme Umgebung angewiesen
ist (act. 8/704, S. 8), dem Wohl der Patientin entgegenläuft, versteht sich von selbst
(act. 2.1, S. 7).
Das Obergericht verkennt nicht, dass E. nach dem Austritt aus dem Wohnheim G. Ende
August 2018 bis zum Start des Konzeptes "Y." Anfang Oktober 2019 eine wahre (Klinik-)
Odyssee hinter sich hatte, zu ihrem Schutz bzw. demjenigen Dritter teilweise massive
Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit hinnehmen musste und nicht immer alles
optimal abgelaufen ist (an dieser Stelle ist zum Beispiel die Verlegung nach M. zu nennen,
die auf einem Missverständnis beruhte; vgl. act. 8/387, 8/390, 8/406, 8/408, 8/415 und
8/432). Tatsache ist aber auch, dass die KESB über den Jahreswechsel 2018/2019 unter
Zeitdruck mit grossem Engagement und einer hohen Präsenz einen enormen Einsatz
leistete, um andere Unterbringungsmöglichkeiten zu finden (act. 8/343, 8/344, 8/346, 8/351,
8/370, 8/410, 8/416, 8/419, 8/421, 8/422, 8/428, 8/435, 8/443, 8/470, 8/472, 8/473, 8/477,
8/481, 8/487, 8/520, 8/541, 8/548, 8/549, 8/606, 8/634, 8/649, 8/666, 8/706 und 8/728).
Dieses Unterfangen war (auch) deshalb so schwierig, weil E. einer derart intensiven
Betreuung und Behandlung bedurfte und bedarf, dass keine Institution bereit war, die
Patientin überhaupt oder länger als ein paar Tage aufzunehmen (act. 8/460, 8/658, 8/726
und 8/728) und das Team des I. einer enormen Belastung ausgesetzt war (act. 8/351,
8/454, 8/455, 8/477 und 8/658,), die nur durch den Einsatz von (zusätzlichem) Security-
Personal einigermassen aufgefangen werden konnte (8/729). Dass die KESB resp. die
Klinik nicht bereit war, E. in die Obhut ihres Vaters oder zurück ins Konzept "J." zu entlassen
(act. 8/343), ist aufgrund der Erfahrungen im November 2018, als E. sich in der Nacht bei
Nebel auf eine Strasse setzte oder sich auf die Bahngeleise begab, nachvollziehbar (vgl.
Entscheid des Einzelrichters des Obergerichts vom 5. Dezember 2018, ERV 18 78, act.
8/349, S. 7, 8/460 und8/726), umso mehr als der Gutachter Dr. S. festhielt, dass ein Suizid
nicht im Sinne der als lebensbejahend beschriebenen Patientin liege (act. 8/704, S. 9 f.).
Zusammenfassend ergibt sich aus den Akten, dass die "Fronten" zwischen der Klinik, der
KESB und der Vertrauensperson sich zunehmend verhärteten (act. 8/340, 8/343, 8/344,
8/369, 8/373, 8/381 und 8/427) und eine sinnvolle und konstruktive Zusammenarbeit mit
dem Beschwerdeführer deshalb nicht (mehr) möglich war (RBOG 2014 Nr. 5 S. 154). Es
bleibt anzufügen, dass E. seit dem 8. März 2019 (act. 8/659) in ihrem Vater eine neue
Vertrauensperson an ihrer Seite hat, welche diese Aufgabe offenbar zur Zufriedenheit aller
Beteiligten wahrnimmt (act. 2.1, S. 6, 8/633 und 8/704, S. 9,). Schliesslich hat sie der
Entlassung des Beschwerdeführers als Vertrauensperson zugestimmt (act. 77 und 8/608).
Seite 27
2.3 Mildere Massnahmen
2.3.1
Soweit dem Beschwerdeführer schädigende Handlungen zum Nachteil von E.
nachgewiesen werden könnten, wären gemäss RA AA. entgegen einem vollständigen
Entzug der Rechte als Vertrauensperson mögliche Einschränkungen zu prüfen gewesen
(act. 1, S. 7, act. 68, S. 3 und act. 86, S. 2). Der vollständige Entzug der Rechte als
Vertrauensperson stelle die ultima ratio dar. Die KESB habe trotz der Einwendungen des
Beschwerdeführers keine weniger weitgehenden Massnahmen geprüft, weshalb das
rechtliche Gehör verletzt werde (act. 1, S. 8).
2.3.2
Die KESB hält vor dem geschilderten Hintergrund Verhältnismässigkeitsüberlegungen, wie
sie im vom Beschwerdeführer mehrfach zitierten Entscheid des Obergerichts Thurgau
angemahnt worden seien, nicht für notwendig (act. 7, S. 4) resp. fragt sich, welche mildere
und zugleich geeignete Massnahmen zur Verfügung gestanden hätten (act. 78, S. 2).
2.3.3
Am 7. Januar 2019 ersuchte der Leiter der KESB den Beschwerdeführer aufgrund diverser
Vorkommnisse, seine Rolle als Vertrauensperson zu überdenken (act. 8/381). Am
18. Januar 2019 erhielt der Beschwerdeführer Gelegenheit, sich zu einer möglichen
Absetzung zu äussern (act. 8/486).
2.3.4
Erweist sich die bezeichnete Person als für die Interessen der betroffenen Person
schädlich, so ist gemäss der Auffassung von GEISER/ETZENSBERGER (a.a.O., N. 10 zu Art.
432 ZGB) ein Einschreiten der KESB möglich. Diese kann nötigenfalls die Ernennung der
Vertrauensperson aberkennen. Sie kann aber auch die Vertrauensperson in ihren
Funktionen beschränken, wenn dies der schwächere Eingriff ist. In jedem Fall ist bei
solchen Eingriffen äusserste Zurückhaltung zu üben (so auch GASSMANN/BRIDLER, a.a.O.,
Rz. 9.141 und RB OG 2014 Nr. 5, S. 152 f.). Um den Grundsatz der Verhältnismässigkeit
zu wahren, sind vor der "Abberufung" in der Regel weniger einschneidende Massnahmen
zu prüfen, welche die Rechte der Vertrauensperson beschränken (RB OG 2014 Nr. 5,
S. 154).
2.3.5
Oben (E. 2.2.3) wurde dargelegt, dass der Beschwerdeführer mehrfach Situationen
provoziert hat, in denen E. erkennbar in einen Loyalitätskonflikt und emotionale Not geriet.
Seite 28
Damit hat er klar gegen die Interessen, der von ihm betreuten Person verstossen (RB OG
TG 2014 Nr. 5, S. 158; GEISER/ETZENSBERGER, a.a.O., N. 10 zu Art. 432 ZGB; HÄFELI,
a.a.O., Rz. 27.17). Weil er nicht akzeptieren konnte, dass die KESB das Projekt "J." als
gescheitert betrachtete und nicht mehr weiterführen wollte, hat er zudem mit der
verantwortlichen Fachbehörde und den behandelnden Kliniken über längere Zeit einen
unfruchtbaren Diskurs geführt, der für alle Beteiligten aufwändig, unnötig und belastend
war. Schliesslich hat er mehrmals Anweisungen seitens der Klinikleitung und/oder des
Pflegepersonals ignoriert, sodass einmal sogar die Polizei eingreifen musste.
Die KESB hat dem Beschwerdeführer im Vorfeld der Abberufung als Vertrauensperson
zwar nicht offiziell die Einschränkung seiner Rechte angedroht. Der Leiter der KESB hat
diesem mit Brief vom 7. Januar 2019 aber zumindest eine klare Warnung zukommen
lassen, indem er ihm empfohlen hat, seine Rollenauffassung als Vertrauensperson zu
überdenken (act. 8/381). Wie die Darstellung der diversen Ereignisse zeigt (oben 2.2.3),
hat dieser "Wink mit dem Zaunpfahl" den Beschwerdeführer jedoch nicht dazu gebracht,
sein Tun selbstkritisch zu hinterfragen oder sich gegenüber der KESB und den
Mitarbeitenden des I. anders zu verhalten. Gerade weil der Beschwerdeführer so hartnäckig
an seinen Ideen festhielt und Hinweise sowie Aufforderungen der KESB, der
Verfahrensbeiständin von E. oder der Mitarbeitenden der involvierten Kliniken mehrfach
missachtete, ist davon auszugehen, dass er sich an Anordnungen oder Einschränkungen
von vornherein nicht gehalten hätte. Unter diesen Umständen durfte die KESB umgehend
zur "ultima ratio", d.h. der Absetzung des Beschwerdeführers schreiten, ohne diesen
vorgängig in seiner Funktion als Vertrauensperson einzuschränken resp. offiziell
abzumahnen. Nachdem die Verantwortlichen den Beschwerdeführer mehrfach erfolglos
darauf hingewiesen haben, dass das Konzept "J." nicht weiterverfolgt werde, ist die Frage,
welche Einschränkung denn erfolgversprechend gewesen wäre (vgl. die Stellungnahme der
KESB vom 1. Juni 2021, act. 78) zudem berechtigt.
Auch wenn dem Beschwerdeführer zugute zu halten ist, dass er sich mit grossem
Engagement und grundsätzlich gutem Willen für E. eingesetzt hat - was im Übrigen auch
die KESB nicht in Abrede stellt (act. 2.1, S. 7), erscheint seine Abberufung oder
Suspendierung als Vertrauensperson von E. in Würdigung aller Umstände als gerechtfertigt
und es mussten deshalb vorgängig keine milderen Massnahmen geprüft und
ausgesprochen werden.
2.4 Fazit
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen.
Seite 29
3. Kosten und Entschädigungen
3.1
Weder das ZGB noch das EG zum ZGB enthalten Bestimmungen zur Verlegung der Kos-
ten. Massgebend sind demnach nach Art. 64 EG zum ZGB die Grundsätze im VRPG.
Nach Art. 19 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 53 Abs. 1 VRPG hat eine Gerichtsgebühr zu
entrichten, wer im Beschwerdeverfahren unterliegt.
Hier erscheint eine Gerichtsgebühr von CHF 2'500.00 angemessen, da zahlreiche
Einwände zu prüfen waren, die Vorakten überdurchschnittlich umfangreich sind und zudem
ein grösserer Zwischenentscheid zu fällen war (act. 61; Art. 4a Abs. 1 des Gesetzes über
die Gebühren in Verwaltungssachen, bGS 233.2). Diese ist dem unterliegenden
Beschwerdeführer aufzuerlegen.
3.2
Die obsiegende Partei hat in der Regel Anspruch auf eine Entschädigung für ihre notwen-
digen Kosten und Auslagen (Art. 53 Abs. 3 VRPG), ausser es handelt sich um eine Behörde
(Art. 24 Abs. 3 lit. a in Verbindung mit Art. 59 VRPG). Eine Entschädigung wird nur auf
Antrag hin zugesprochen (Art. 24 Abs. 1 VRPG).
Der Beschwerdeführer hat ausgangsgemäss keine Entschädigung zugute. Die
Beigeladenen haben keine Entschädigung geltend gemacht; diesbezüglich ist von einem
Verzicht auszugehen (Art. 24 Abs. 1 VRPG e contrario). Der Vorinstanz ist gestützt auf die
oben erwähnte Ausnahmebestimmung ebenfalls keine Entschädigung zuzusprechen.
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