Decision ID: 83f26a76-e2ef-5164-98d6-b583e1dee161
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Die 1972 geborene
X._
bezieht seit 1999 eine Rente der Invalidenversicherung (Urk. 5/81). Nachdem im Rahmen von zwei 2005 und 2009 eingeleiteten Rentenrevisionen der Anspruch auf eine halbe Rente bestä
tigt wor
den war (Urk. 5/112, Urk. 5/132), wurde diese mit Wirkung ab 1. Juni 2013 in
folge Aufnahme einer Erwerbstätigkeit im Schmuckatelier der Mutter auf eine Viertelsrente herabgesetzt (Urk. 5/158, Urk. 5/160).
2014 leitete die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, eine erneute Rentenrevision ein (Urk. 5/164). Nach dem Verlust der Anstellung im
Atelier der Mutter per 1. Juni 2014 begann die Versicherte ein eigenes Schmuck
geschäft aufzubauen. Der daraus folgende Einkommensverlust führte ab 1. Sep
tem
ber 2014 wiederum zu einem Anspruch auf eine halbe Rente (Ver
fügung vom 8. Juni 2015, Urk. 1/183; vgl. auch Urk. 5/180).
1.2
Am 2. Mai 2015 erlitt
X._
einen Auffahrunfall und wurde anschliessend zu 100 % arbeitsunfähig geschrieben (Urk. 5/181, Urk. 5/188/8-13). Auf Aufforderung des Krankentaggeldversicherers stellte die Versicherte am 1. November
2015 einen
erneuten Antrag auf Leistungen der Invalidenversi
cherung
(Urk.
5/190-191). Am 1. Dezember 2015 fand ein Standortgespräch bei
der IV-Stelle statt (Urk. 5/193-194). Weiter holte die IV-Stelle aktuelle Aus
künfte der behandelnden Ärzte ein und zog die Akten des Krankentaggeldversi
cherers (Urk. 5/204) bei. Mit Verfügung vom 8. August
2016 teilte sie der Versi
cherten mit, eine polydisziplinäre Untersuchung in Auftrag zu geben (Urk. 5/214). Nachdem sich die Versicherte am 17. August
2016 dagegen ge
wehrt hatte (Urk. 5/215), stornierte
die IV-Stelle am 14. September
2016 die be
absichtigte Begutachtung (Urk. 5/217), leitete sie jedoch am 23. Dezember
2016
mit
ver
änderter Fragestellung wieder ein (Urk. 5/220-221). Mit Schreiben vom 6. Janu
ar
2017 wandte sich die Versicherte erneut gegen die Begutachtung (Urk. 5/222). Am 7. Februar
2017 beauftragte die IV-Stelle die über Suisse
MED@P zugeteilte MEDAS
Y._
mit der Begutachtung (Urk. 5/225-226). Zwei Tage später bestätigte diese den Auftrag und gab die teilnehmenden Gutachter bekannt
(Urk. 5/228),
worüber die Versicherte glei
chentags von der IV-Stelle orientiert wurde (Urk. 5/229). Am 22. Februar 2017 erhob jene Einwendungen (Urk. 5/230). Mit Verfügung vom 20. April 2017 hielt die Verwaltung an der Abklärung durch die MEDAS
Y._
fest (Urk. 2).
2.
Dagegen erhob
X._
am 20. Mai 2017 Beschwerde mit dem Rechtsbegehren
,
von einer medizinischen Begutachtung
abzusehen
(Urk. 1). Mit Beschwerdeantwort vom 29. Juni
2017 schloss die Verwaltung auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 4), was der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 10. Juli 2017 mitgeteilt wurde (Urk. 6).
Auf ihr Ersuchen hin (Urk. 7) wurde ihr Akteneinsicht gewährt (Urk. 8-9), ohne dass sich die Beschwerdeführerin in der Folge hätte vernehmen lassen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Mit der Zwischenverfügung vom 20. April
2017
(Urk. 2)
verfügte die Beschwer
de
gegnerin die Durchführung der
poliydisziplinären
Begutachtung in der MEDAS
Y._
unter Nennung der angegebenen Fachdiszipli
nen und Gutachterpersonen. Hierbei handelt es sich um eine Zwischenverfü
gung im Sinne von Art. 55 Abs. 1 des Bundesgeset
zes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) in Verbindung mit Art. 5 Abs. 2 und Art. 46 des Bundesgesetzes über das Verwaltungsver
fahren (VwVG), welche bei Beja
hung des nicht wieder gutzumachenden Nach
teils (Art. 46 Abs. 1 lit. a VwVG; BGE 132 V 93 E. 6.1) grundsätzlich selbständig mit Beschwerde ange
fochten werden kann.
1.2
Im Kontext der Gutachtenanordnung ist gemäss der Rechtsprechung (BGE 137 V 210 E. 3.4.2.7) die Eintretensvoraussetzung des nicht wieder gutzumachenden Nachteils für das erstinstanzliche Beschwerdeverfahren zu bejahen, zumal die nicht sachgerechte Begutachtung in der Regel einen rechtlichen und nicht nur einen tatsächlichen Nachteil bewirken wird.
1.
3
Beschwerdeweise geltend gemacht werden können
unter anderem
materielle Einwendungen beispielsweise des Inhalts, die in Aussicht genommene Begut
achtung sei nicht notwendig, weil sie
mit Blick auf einen bereits umfassend abgeklärten Sach
verhalt
bloss einer Zweitmeinung entspreche (BGE 137 V 210 E. 3.4.2.7). So
dann können personenbezogene Ausstandsgründe gerügt werden. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts gelten für medizinische Sachver
ständige grundsätzlich die gleichen Ausstands- und Ablehnungsgründe, wie sie für Richter vorgesehen sind. Danach ist Befangenheit anzunehmen, wenn Um
stände vorliegen, die geeignet sind, Misstrauen in die Unparteilichkeit zu erwe
cken (Urteil des Bundesgerichts 8C_665/2015 vom 21. Januar 2016 E. 4.1 mit Hin
weis auf BGE 132 V 93 E. 7.1, SVR 2013 IV Nr. 35 S. 105 E. 2.2 und BGE 137 V 210 E. 2.1.3). Zudem zählen dazu auch weitere Aspekte wie etwa die fehlende Sachkenntnis (vgl. Kieser, ATSG-Kommentar, 3. Auflage, Zürich 2015, N 38 zu Art. 44 ATSG; vgl. auch BGE 132 V 93 E. 6.4-5).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die Notwendigkeit der in Auftrag gegebe
nen Begutachtung damit, dass eine nachvollziehbare Beurteilung des Gesund
heitszustandes und der Arbeitsfähigkeit in bisheriger sowie angepasster Tätig
keit fehle. Weiter
verneinte sie das Vorliegen von medizinischen Gründen
,
die
gegen die Zumutbarkeit einer polydisziplinären Abklärung
sprächen
(Urk. 2 S. 2).
In der Vernehmlassung (Urk. 4) führte sie ergänzend aus, im Rahmen der letzten Rentenrevision sei im Feststellungsblatt vom 20. Mai 2015 (Urk. 5/178) festge
halten worden, dass sich eine baldige Überprüfung des Gesundheitszustandes aufdränge. Auf das Zusatzgesuch der Beschwerdeführerin hin seien Berichte ein
geholt worden, die nicht genügend Aufschluss über die Veränderung des Gesundheitszustandes gegeben hätten. Die polydisziplinäre Begutachtung sei in Übereinstimmung mit den Vorgaben vergeben worden.
2.2
Die Beschwerdeführerin
machte
gegen die Begut
achtung
im Wesentlichen gel
tend, keine weitergehenden Leistungen der Invalidenversicherung anzustreben. Sie bemühe sich ausserordentlich stark um ihre Eingliederung in den Arbeits
markt und erhoffe sich, mit ihrer sich noch im Aufbau befindenden selbständi
gen Erwerbstätigkeit bald einen existenzsichernden Gewinn erzielen zu können. Sie habe die letzte Begutachtung als sehr belastend empfunden. Zudem würden die Ärzte bei den Untersuchungen sehr grob an der Halswirbelsäule manipulie
ren, was bei ihr sofort zu starken und sehr lange andauernden Schmerzen führe. Eine erneute Begutachtung gefährde ihre Gesundheit und ihre berufliche Ein
gliederung. Seit der letzten, zwei Jahre zurückliegenden Rentenrevision hätten sich die gesundheitlichen Verhältnisse nicht verändert
(Urk. 1 S. 1 f.)
.
Darüber hinaus
rügte sie
die rechtsgenügli
che Auswahl der Gutachterstelle und die Vertrautheit der vornehmlich in Deutschland tätigen
Gutachter
mit dem schweizerischen
Recht (Urk.
1
S. 2).
3.
3.1
Vorwegzuschicken ist, dass
die beigezogenen
Gutachter
(Urk. 5/229)
gemäss Medizinalberuferegister
des Bundesamtes für Gesundheit
entweder ihre Ausbil
dung in der Schweiz absolviert haben und hierzulande tätig sind (so Dr. med.
Z._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, und Dr. med.
A._
, Fachärz
tin für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates) oder ihre in Deutschland erworbene Facharztausbildung
in der Schweiz aner
kennen
liessen
und zudem eine Weiterbildung als Vertrauensarzt aufweisen (so
der über eine
Praxisadresse in der Schweiz verfügende Dr. med.
B._
, Facharzt für Neurologie, sowie med. pract.
C._
, Facharzt für Psychiatrie). Rechtsprechungsgemäss wird nicht verlangt, dass der medizinische Gutachter eine FMH-Ausbildung nachweist; eine im Ausland er
worbene Fachausbildung genügt (BGE 137 V 210 E. 3.3.2; Urteil des Bundesge
richts 8C_997/2010 vom 10. August 2011 E. 2.4 mit Hinweisen). Schliesslich liess sich die Neuropsycho
login lic. phil.
D._
in der Schweiz ausbilden und praktiziert auch hierzu
lande.
Es ist somit weder an der Sachkenntnis noch an der (einschlägigen) Rechts
kennt
nis
der Gutachter zu zweifeln. Konkrete, spezifisch ihren Fall be
treffende beziehungsweise personenbezogene Ablehnungsgründe nannte die Beschwerde
führerin keine.
3.2
Polydisziplinäre
Gutachten
, das heisst solche, an denen drei oder mehr Fach
dis
zip
linen beteiligt sind, haben bei einer Gutachterstelle zu erfolgen, mit welcher das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) eine Vereinbarung ge
troffen hat. Gemeint sind die medizinischen Abklärungsstellen (
MEDAS
) im Sinne von Art. 59 Abs. 3 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG). Die Vergabe der Aufträge erfolgt gemäss Art. 72
bis
Abs. 2 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) nach dem Zufallsprinzip (vgl. BGE 139 V 349 E. 2.2). Das Verfahren für die Auftragsvergabe von polydisziplinären
Gut
achten
durch die IV-Stellen ist im Kreisschreiben über das Verfahren in der In
validen
versicherung (KSVI; Stand 1. Januar 201
7
) detailliert geregelt (Rz 2075-2082).
Der Auftrag wird bei Suisse-MED@P deponiert
.
Das Verfahren der Auf
tragsvergabe via SuisseMED@P richtet sich nach dem Handbuch in Anhang V zum KSVI, wobei das Bestätigungsmail der Plattform SwissMED@P über die erfolgreiche Vergabe des
Gutachten
sauftrags im Versi
chertendossier zu erfassen ist (Rz 2077 KSVI).
Vorliegend wurde
die
Beschwerdeführer
in
am
23. Dezember 2016
, wie in Rz 2076 KSVI vorgesehen, über die vorgesehene Begutachtung, die Fachrich
tungen, den Fragenkatalog sowie über die Wahl der Gutachterstelle nach dem Zufallsprinzip informiert, und es wurde
ihr
Gelegenheit gegeben, Zusatzfragen zu stellen (Urk.
5/220-221
).
In ihrer Eingabe vom 6. Januar 2017 wehrte sich die Beschwerdeführerin gegen die Begutachtung, unterliess es aber Zusatzfragen zu stellen (Urk. 5/222).
Entsprechend dem Handbuch für Gutachter- und IV-Stellen in Anhang V zum KSVI erfasste die Beschwerdegegnerin
nach Lage der Akten
den Auftrag auf der Plattform SuisseMED@P mit den notwendigen Angaben, worauf SuisseMED@P am
5. Februar 2017
über die Auftragsvergabe an die MEDAS
Y._
per E-Mail informierte (Urk.
5/226
). Daraufhin überliess die Beschwerdegegnerin der MEDAS ihre Akten (Urk.
5/225
). Mit E-Mail vom
9. Februar 2017
teilte die SuisseMED@P der Beschwerdegegnerin auch die beteiligten Gutachter mit (Urk.
5/228
), worauf die Beschwerdegegnerin
die Beschwerdeführerin
noch glei
chentags
entsprechend orientierte und Frist für Einwendungen gegen die Gut
achter ansetzte (Urk. 5/229). In ihrer Stellungnahme vom 22. Februar 2017 wehrte sich die Beschwerdeführerin erneut gegen die Begutachtung (Urk. 5/230), worauf die Verwaltung am 20. April 2017 die angefochtene Verfü
gung erliess (Urk. 2).
Vorgehen und Dokumentation der Vergabe des
Gutachten
sauftrages über Suisse
MED@P entsprechen den vorerwähnten Weisungen des BSV. Eine weiter
gehende (physische) Dokumentation über die ausschliesslich elektronisch abge
wickelte Auftragsvergabe ist nicht vorgesehen. Es bestehen somit keine
rlei
An
haltspunkte
dafür,
dass die Auftragsvergabe über SuisseMED@P nicht
korrekt
erfolgt wäre.
4.
4.1
Der Rentenzusprechung durch die damals zuständig gewesene IV-Stelle Bern lag die im Gutachten der MEDAS E._ vom 2. April 2002 gestellte Diagnose einer histrionischen Persönlichkeitsstruktur mit vegetativer Dystonie mit kalten Akren zugrunde. Daneben bestand ein
sich auf die Arbeitsfähigkeit nicht auswirkendes
chronisches, therapierefraktäres zerviko-zephales, zerviko-brachiales und zerviko-thorakales Schmerzsyndrom linksbetont bei Status nach Kopfkontusion im Jahr 1996 und Status nach Abbremsmanöver als Buspassa
gierin im Jahr 1998. Mit Bezug auf die damals auf 50 % geschätzte Arbeitsfä
higkeit gingen die Gutachter von einer Steigerung auf 80 % im Verlauf von etwa einem bis zwei Jahren aus (Urk. 5/45 S. 19 f., Urk. 5/81/7-8).
4.2
Im Rahmen der ersten Rentenrevision berichtete der behandelnde Dr. med. F._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, am 19. September 2005 (Urk. 5/111) von einem mit Bezug auf Diagnose, Arbeitsfähigkeit, Befunde und Prognose unveränderten Zustand. Zur Behandlung führte der Psychiater aus, von der Versicherten sei im Anschluss an die für sie belastend erlebten Untersu
chungen eine Intensivierung der fachärztlichen Behandlung gewünscht worden. Insbesondere sei es ihr wichtig gewesen, dass sie sich bei Bedarf habe melden können, um vorwiegend aktuelle Belastungen, die aus ihrer persönlichen Situa
tion erwachsen seien, anzugehen. Rückblickend hätten sich die Konsultationen aber in den Jahren 2004 und 2005 nur punktuell erwiesen, da vor allem immer wieder auftretende Schmerzepisoden der Versicherten verunmöglicht hätten, die vereinbarten Termine wahrzunehmen (S. 2 f.).
4.3
Im Fragebogen zur zweiten Rentenrevision gab die Beschwerdeführerin am 20. November
2009 an, bei Dr. med.
G._
, Facharzt für Allgemeine Innere Me
dizin, und Dr. med.
H._
, Facharzt für Rheumatologie und Innere Medizin, in Behandlung zu sein (Urk. 5/114). Letzterer beurteilte den Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin im Bericht vom 1. November 2010 als stationär (Urk. 5/131).
4.4
4.4.1
Die dritte Rentenrevision wurde von der Beschwerdegegnerin nach Wohnsitz
nahme der Beschwerdeführerin im Kanton Zürich im Jahr 2011 eingeleitet (Urk. 5/135). Die Herabsetzung der früheren halben Rente auf eine Viertelsrente beruhte auf der Erwerbsaufnahme der Beschwerdeführerin (Urk. 5/158).
4.4.2
Hinsichtlich der medizinischen Situation verneinte PD Dr. med. univ. I._, Fach
arzt für Neurologie, Zertifizierter Medizinischer Gutachter SIM und Ver
trauensarzt SGV, in seiner namens des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) erstatteten Stellungnahme vom 28. September 2012 (Urk. 5/155 S. 3) i
n Zu
sammenfassung der vorliegenden Befunde bei primär psychischer Symptomatik eine namhafte Besserung des
Gesundheitszustandes, weswegen er weiterhin von einer
50
%
igen
Arbeitsunfähigkeit
in den bisherigen sowie anders angepassten Tätigkeiten
ausging.
4.5
4.5.1
Dr. G._ wiederholte in den
im Rahmen der vierten Rentenrevision eingehol
ten
Berichten vom 22. Juni (Urk. 5/167) und 6. Dezember 2014 (Urk. 5/174) im Wesentlichen die zwei Jahre zuvor gestellten Diagnosen (Urk. 5/140/1-5; Status nach Schleudertrauma, rezidivierende depressive Episoden). Infolge einer Reaktivierung der alten Schleudertraumabeschwerden nach Kopfanschlagen am 2. Januar 2014 attestierte der Hausarzt eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % vom 9. Januar bis 7. April 2014. Zum weiteren Verlauf der Arbeitsfähigkeit äusserte er sich nicht.
4.5.2
Mit Bezug auf ihre psychischen Beschwerden steht die Beschwerdeführerin seit 25. Februar 2014 bei Dr. med. J._, Facharzt für Psychiatrie und Psychothera
pie, in Behandlung. Laut dessen Bericht vom 22. Dezember 2014 (Urk. 5/175) ist es im Laufe des langen Konfliktes mit der Mutter zu einer Verschlechterung der bereits vorbestehenden Dysthymia und des chronifizierten Schmerzsyndroms im Sinne einer Doppeldepression gekommen. Durch die Behandlung und die lang
same Neuorientierung in beruflicher Hinsicht sei es zuletzt zu einer gewissen Besserung gekommen. Die Beschwerdeführerin sei aktuell mit dem Aufbau einer eigenen Selbständigkeit im Bereich ihrer letzten Tätigkeit beschäftigt, was zu einer weiteren Besserung und Stabilisierung beitragen könnte. Dr. J._
attes
tierte eine seit Februar 2014 bestehende Arbeitsfähigkeit von 50 % für die als optimal angepasst erachtete Tätigkeit als selbständige Schmuckdesigne
rin/
ver
käuferin und stellte folgenden Diagnosen:
-
Mittelgradige depressive Störung (ICD-10 F33.1) bei Dysthymia (ICD-10 F34.1), be
stehend seit mindestens Februar 2014
-
Chronifiziertes zervikozephales und zervikobrachiales Schmerzsyndrom
4.6
4.6.1
Infolge des am 2. Mai 2015 erlittenen Auffahrunfalls wurde die Beschwerde
führe
rin von Dr. med. K._, Fachärztin für Neurologie, Psychiat
rie und Psycho
therapie, neurologisch untersucht. Im Bericht vom 29. Juni 2015 (Urk. 5/200/14-16) stellte die Neurologin folgende Diagnosen:
-
Status nach Auffahrunfall mit HWS-Distorsion am 2.5.2015
-
Anhaltende Zervikocephalgie mit Schwindelsymptomatik, Kopfschmerzen, zeit
weise Übelkeit
-
Parästhesien linkes Bein, darüber hinaus klinisch-neurologisch unauffälliger Be
fund, sensibel evozierte Potentiale mit Normalwerten
Weiter gab sie an, in der durchgeführten magnetresonanztomographischen Unter
suchung der Brustwirbelsäule habe sich auf Höhe Th4/5 eine kurzstreckige anteriore Verlagerung der Medullas spinalis ohne Myelopathie gezeigt. Es be
stehe keine Operationsindikation. Insgesamt sei die Prognose gut. Die Be
schwer
den sollten sich wieder zurückbilden.
4.6.2
Im Bericht vom 5. Februar 2016 (Urk. 5/200/1-6) diagnostizierte der Hausarzt Dr. G._ rezidivierende Distorsionen der Halswirbelsäule und attestierte der Beschwerdeführerin eine 100 %ige Arbeitsunfähigkeit bis 10. Dezember 2015 und anschliessend eine solche von 90 % bis auf weiteres. Dazu führte er aus, die Patientin zeige nach wie vor das Bild eines Distorsionstraumas der Halswirbel
säule mit anhaltenden Nackenbeschwerden und muskuloskelettalen Befunden, wie verminderte Beweglichkeit der Halswirbelsäule und Druckschmerzhaftigkeit der Muskulatur. Eine Besserungstendenz sei bis jetzt sehr zögerlich.
4.6.3
Der Rheumatologe Dr. H._ gab im Bericht vom 23. Mai 2016 (Urk. 5/206) an, die Beschwerdeführerin nach einer letzten Kontrolle am 29. Dezember 2012 erstmals wieder am 1. Dezember 2015 wegen ihres neuen Umfalls gesehen zu haben. Er stellte folgende Diagnosen, denen er
Auswirkung auf die Arbe
i
tsfä
higkeit
beimass
:
-
Anhaltendes bis chronifiziertes cerviko-thorakales bis cerviko-cephales Schmerzsyndrom mit zeitweilig Ganzkörper-Ausdehnung/Ausstrahlungen
-
St.n. Retraumatisierung der HWS bei Auffahrunfall vom 02.05.2015
-
MRI-HWS und MRI-BWS vom 14.12.2015: mit Konturverdickung, DD: begin
nende transdurale Herniation auf Höhe thorakal 4/5, ohne Zeichen für Myelopathie
-
Vermehrte Unsicherheit/Schwindel, diffuse Parästhesien Arme und Beine links
betont, ohne reproduzierbare neurologische Ausfälle
-
St.n. Kopf-/HWS-Trauma 12.05.1996 mit persistierender Schmerzsymptoma
tik, cervikal betont (Trauma gegen Schranktüre beim Aufrichten)
-
St.n. Retraumatisierung 1998 nach Busbremsmanöver
-
Erhebliche generalisierte myofasziale Schmerzkomponente
-
Vd.a. erschwerte Schmerzverarbeitung
-
Skoliose der WS
-
St.n. gynäkologischer Operation bei CIN, Grad 3, 2011
Zur Arbeitsfähigkeit gab Dr. H._ an, bei selbst eingeteilter Arbeitstätigkeit mit der Möglichkeit, selber Pausen einzuschalten und sich allenfalls auch kurz hinzulegen, sollte die stundenweise Wiederaufnahme der Arbeit mit Schmuck
anfertigung und Verkauf möglich werden. Die Mitbeurteilung in der neuro
logischen Abteilung der L._ zeige wahrscheinlich keine Re
levanz
der MRI-Veränderung auf Höhe thorakal 4/5. Die Prognose bezüglich neuro
lo
gi
scher Beeinträchtigungen sollte deshalb günstig sein. Aufgrund der resi
du
ellen früheren Beeinträchtigungen und des bekannten, jeweils erschwerten The
ra
pie
erfolges sei mit einer verzögerten Rehabilitation zu rechnen.
4.6.4
Im Verlaufsbericht vom 2. Dezember 2016 (Urk. 5/219) beurteilte Dr. H._ den Zustand als wechselnd stationär. Mit Bezug auf die Arbeitsfähigkeit verwies er auf seinen früheren Bericht (E. 4.6.3) und gab an, die Tätigkeit im Schmuckate
lier könnte im Verlauf zu 40-50 % wieder aufgenommen werden. Es sei mit Unter
brüchen und verminderter Leistung zu rechnen.
4.7
4.7.1
Aus den wiedergegebenen Akten ergibt sich, dass die Rentenzusprechung im Jahr
2003 aufgrund eines psychischen Leiden
s
erfolgte (histrionische Persön
lich
keitsstruktur mit vegetativer Dyst
onie mit kalten Akren), denn dem
Halswir
bel
säulenleiden wurde kein Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit beigemessen (E. 4.1). Bereits im darauffolgenden Jahr bestand die Behandlung auf Wunsch der Beschwerdeführerin jedoch nur noch aus punktuellen Konsultationen bei Dr.
F._
(E. 4.2). Eine regelmässige fachpsychiatrische Behandlung wurde von der Beschwerdeführerin offenba
r erst wieder im Februar 2014 im
Zusammen
hang mit den Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter und damaliger Arbeitge
berin aufgenommen (E. 4.5.2).
Auf dem am 1. November 2015 eingereichten Anmeldungsformular vermerkte die Beschwerdeführerin indessen lediglich Dr.
G._
als behandelnden Arzt (Urk. 5/191). Auch anlässlich des Standortgesprächs vom 1. Dezember 2015 gab sie gemäss Gesprächsleitfaden
vom 3. September 2015 an, nicht in psychiatri
scher Behandlung zu sein (Urk. 5/194 S. 2). Erfolgt nun aktuell keine (regel
mässige) fachpsychiatrische Behandlung mehr, stellt sich die Frage, wie sich das psychische Leiden nunmehr auf die Arbeitsfähigkeit auswirkt.
4.7.2
Mit Bezug auf die somatische Seite war nach dem 7. April 2014 keine Arbeits
un
fähigkeit mehr dokumentiert (E. 4.5.1).
Seit
dem Unfall vom 2. Mai 2015 wird die Beschwerdeführerin vom Hausarzt Dr.
G._
wieder zu 100 % und ab 11. Dezember 2015 zu 90 % arbeitsunfähig geschrieben (E. 4.6.2). Dies steht einerseits im Widerspruch
zum
laut der
Beschwerde
unveränderten Ge
sund
heits
zustand (Urk. 1 S. 2). Andererseits besteht ein Widerspruch zu der von der Neurologin Dr.
K._
erwarteten Besserung (E. 4.6.1). Diesbezüglich ist Dr.
H._
, der die Beschwerdeführerin seit mehreren Jahren kennt und früher regelmässig behandelt hatte,
zurückhaltender
und geht von einer verzögerten Rehabilitation aus (E. 4.6.3-4).
Eine abschliessende Stellungnahme darüber, ob der erneute Unfall vom 2. Mai 2015 zu einer dauerhaften Verschlimmerung des Gesundheitszustandes mit da
rauffolgender (
weitergehender) Einschränkung der Arbeitsfähigkeit geführt hat, fehlt nach wie vor, weshalb auch hier weitere Abklärungen notwendig sind.
4.7.3
Bei dieser Aktenlage ist ein abschliessender Entscheid über den gesundheitli
chen Verlauf und allfällige Revisionsgründe wie auch über die aktuellen Aus
wirkungen des Gesundheitszustandes auf die Arbeitsfähigkeit ohne weitere me
dizinische Abklärung nicht möglich. Eine erneute Begutachtung ist einer versi
cherten Person in einem
solchen Fall
zumutbar, selbst wenn diese Abklärung eine Belas
tung für die Beschwerdeführerin bedeutet. Dabei liegt es
in der Ver
antwortung der untersuchenden Ärzte, der spezifischen gesundheitlichen Situa
tion und den Lebensumständen der Beschwerdeführerin Rechnung zu tragen
. Die medi
zi
ni
sche Frage, o
b eine gutachtliche Abklärung verantwortbar ist
, muss l
etztlich der ärztliche Sachverständige
beantworten (Urteil des Bundesgerichts 9C_474/2014 vom 14. Juli 2014 E. 2.2 mit Hinweisen).
Darüber hinaus kommt der Verwaltung beim Entscheid über die Notwendigkeit weiterer Abklärungsmassnahmen ein Ermessenspielraum zu, in welchen die Ge
richte ohne triftigen Grund nicht eingreifen (Urteil des Bundesgerichts 9C_215/2011 E. 3 mit Hinweisen). Inwiefern
der Beschwerdeführerin die Begut
achtung wegen der Reise nach Bern unzumutbar sein sollte, ist nicht ersichtlich, vermochte sie doch nach dem Unfall vom 1. Dezember 2015 aus eigenem An
trieb wiederholt ihren früheren Hausarzt Dr. H._ in Bern aufzusuchen (E. 4.6.3 hievor; Urk. 5/219/4).
Angesichts der Tatsache, dass die letzte umfassende Abklärung im Jahr 2002 (E. 4.1) erfolgte, ist die Anordnung einer erneuten po
ly
diziplinären Begutachtung nicht zu beanstanden.
5.
5.1
Schliesslich rügt
e
die Beschwerdeführerin eine Verletzung des Vertrauensschut
zes, da die Beschwerdegegnerin einen ersten Begutachtungsauftrag im Septem
ber 2016
(vgl. Urk. 5/217)
storniert hatte (Urk. 1 S. 2).
5.2
Abgeleitet aus dem Grundsatz von Treu und Glauben (
Art.
9 der Bundesverfas
sung, BV), welcher den Bürger in seinem berechtigten Vertrauen auf behördli
ches Verhalten schützt, können falsche Auskünfte von Verwaltungs
be
hörden unter bestimmten Voraussetzungen eine vom mate
riel
len Recht abweichende Behandlung der Rechtsuchenden gebieten. Gemäss Rechtsprechung und Doktrin ist dies der Fall, wenn die Behörde in einer konkreten Situation mit Bezug auf bestimmte Personen gehandelt hat (1.), wenn sie für die Erteilung der betreffen
den Auskunft zuständig war oder wenn die rechtsuchende Person die Behörde aus zurei
chenden Gründen als zuständig betrachten durfte (2.), wenn die Person die Unrichtigkeit der Auskunft nicht ohne weiteres erkennen konnte (3.), wenn sie im Vertrauen auf die Richtigkeit der Auskunft Dispositionen getroffen hat, die nicht ohne Nachteil rückgän
gig gemacht werden können (4.), und wenn die gesetzliche Ordnung seit der Auskunfterteilung keine Änderung erfahren hat (5.; BGE 131 II 627 E. 6.1, 129 I 161 E. 4.1, 126 II 377 E. 3a, 122 II 113 E. 3b/cc, 121 V 65 E. 2a; RKUV 2000 Nr. KV 126 S. 223).
5.3
Vorliegend stellt das Schreiben der Beschwerdegegnerin vom 14. September 2016, womit sie der Beschwerdeführerin mitteilte, das der Gutachtensauftrag storniert worden
sei (Urk. 5/217)
,
keine genügende Grundlage für ein berech
tigtes Vertrauen mit Bezug auf einen gänzlichen Verzicht auf eine Begutach
tung
dar
. Aufgrund der im Schreiben enthaltenen Bemerkung, wonach sie von der zuständigen Kundenberaterin über den weiteren Verlauf informiert werde, durfte die Beschwerdeführerin nicht davon ausgehen, dass das nach Eingang
ihres Revisionsgesuchs eingeleitete
Abklärungsverfahren abgeschlossen sei.
Darüber hinaus ist nicht ersichtlich, welche nicht ohne Nachteil rückgängig zu machenden Dispositionen die Beschwerdeführerin im Vertrauen auf ein Abse
hen von einer Begutachtung getroffen haben soll.
Ein berechtigtes Vertrauen mit Bezug auf die Mitteilung vom 14. September 2016 ist somit zu verneinen, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.
6.
Da es vorliegend nicht um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV
Leistungen geht, ist das Beschwerdeverfahren
in Abweichung von Art. 69 Abs. 1
bis
IVG
gemäss Art. 61 lit. a ATSG kostenlos.