Decision ID: 59180049-9be0-4542-a375-04b441b96974
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 19.06.2017 Art. 12 IVG. Art. 13 IVG. Psychotherapie. Geburtsgebrechen. Medizinische Eingliederung. Prognose bezüglich des (späteren) Eingliederungserfolges (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 19. Juni 2017, IV 2014/404). Entscheid vom 19. Juni 2017 Besetzung Präsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und Karin ; Gerichtsschreiber Tobias Bolt Geschäftsnr. IV 2014/404 Parteien A._, Beschwerdeführer, vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Irja Zuber, c/o Procap Schweiz, Frohburgstrasse 4, Postfach, 4601 Olten, gegen  des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen, Beschwerdegegnerin, Gegenstand medizinische Massnahmen (Psychotherapie) Sachverhalt
Entscheid Versicherungsgericht, 19.06.2017
A.
A.a A._ wurde im Juli 2004 unter Hinweis auf ein Geburtsgebrechen zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung angemeldet (IV-act. 1). Die Kinderklinik des
Kantonsspitals Chur berichtete im November 2004 (IV-act. 10), der Versicherte leide an
einer Myotonia Curshmann-Steinert, an einer Leistenhernie rechts, an einer neonatalen
Anämie sowie an einer zentralen Hypoventilationsstörung. Er sei als Frühgeburt in der
34. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen und habe zwei neonatale Infekte
erlitten. Mit einer Verfügung vom 13. Januar 2005 sicherte die IV-Stelle dem
Versicherten die Vergütung der im Zeitraum von der Geburt bis zum 30. Juni 2009
anfallenden Kosten für die zur Behandlung des Geburtsgebrechens Ziff. 184 Anh. GgV
notwendigen medizinischen Massnahmen zu (IV-act. 18).
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A.b Am 12. Januar 2006 berichtete der B._ (IV-act. 48), der 18 Monate alte
Versicherte leide an einem allgemeinen Entwicklungsrückstand von acht bis elf
Monaten. Aktuell betrage der EQ 46. Am 3. September 2009 teilte die IV-Stelle dem
Versicherten mit, dass sie ihre Kostengutsprache bezüglich des Geburtsgebrechens
Ziff. 184 Anh. GgV bis zum 30. Juni 2014 verlängere (IV-act. 163).
A.c Am 28. Januar 2014 beantragte Dr. med. C._ eine Kostenvergütung für eine
psychotherapeutische Unterstützung des Versicherten (IV-act. 319). Zur Begründung
führte er an, die heilpädagogische Schule, die der Versicherte besuche, habe aufgrund
von zunehmenden Störungen im emotionalen und im psychosozialen Bereich sowie
bezüglich der „Steuerung“ des Versicherten (Wutausbrüche, Widersetzungen,
Rückzugsverhalten, Angstzustände) eine Psychotherapie empfohlen. Diese
Schwierigkeiten seien aus ärztlicher Sicht eindeutig auf eine psychointellektuelle
Retardierung im Rahmen des Geburtsgebrechens „G71.1“ zurückzuführen. Bereits am
23. Januar 2014 hatte die Psychotherapeutin D._ berichtet (IV-act. 321–5 f.), das
Erstgespräch mit dem Versicherten habe im Juni 2013 stattgefunden. Dieser benötige
eine Unterstützung in der Selbststeuerung, und zwar sowohl auf der körperlichen als
auch auf der psychischen Ebene. Der Vater übernehme keinerlei
Erziehungsverantwortung und die Mutter habe selbst mit gesundheitlichen Problemen
zu kämpfen. Der therapeutische Prozess vollziehe sich nur langsam, weshalb mit einer
längeren psychotherapeutischen Behandlung gerechnet werden müsse. Trotzdem
seien bereits Fortschritte erzielt worden. Bezüglich ihrer Befähigung zur Durchführung
einer Psychotherapie hatte die Therapeutin D._ ausgeführt, sie habe ein
Psychologiestudium absolviert und sich zur Fachpsychologin SBAP in Kinder- und
Jugendpsychologie sowie zur Psychotherapeutin SBAP weitergebildet. Zudem habe
sie die Praxisbewilligung in den Kantonen St. Gallen und Graubünden erworben. Am
11. April 2014 notierte Dr. med. E._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst
(RAD; IV-act. 328), die aktuellen Verhaltensauffälligkeiten des Versicherten und die von
der Schule veranlasste Psychotherapie stünden in einem Zusammenhang mit dem
Geburtsgebrechen Ziff. 184 Anh. GgV. Die Psychotherapie könne aber nicht als einfach
und zweckmässig qualifiziert werden. Dem Versicherten fehlten die notwendigen
Ressourcen zur hinreichenden Mitwirkung bei der Psychotherapie. Zudem sei die
Therapie auf unbestimmte Zeit angelegt; sie werde voraussichtlich lange dauern. Eine
dauerhafte und relevante Verbesserung der späteren Eingliederungsmöglichkeiten sei
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nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Schliesslich fehle eine
fachärztliche Verordnung für eine Psychotherapie. Das Gesuch um die Vergütung der
Kosten der Psychotherapie sei deshalb abzuweisen. Mit einem Vorbescheid vom 3.
Juni 2014 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit (IV-act. 337), dass sie die Abweisung
seines Leistungsbegehrens vorsehe. Zur Begründung führte sie aus, aufgrund der
ausgeprägten psychischen und psychointellektuellen Retardierung („EQ 46“) fehlten
dem Versicherten die notwendigen Ressourcen zur hinreichenden Mitwirkung bei der
Psychotherapie. Die Angabe zum „EQ“ bezog sich auf den Bericht des B._ vom 12.
Januar 2006 (IV-act. 144). In ihrem Vorbescheid nahm die IV-Stelle sowohl auf den Art.
13 IVG als auch auf den Art. 12 IVG Bezug.
A.d Am 3. Juli 2014 liess der Versicherte einwenden (IV-act. 347–1 f.), in der
Psychotherapie hätten bereits erste Fortschritte erzielt werden können. Die
Psychotherapeutin hatte in einer Stellungnahme vom 30. Juni 2014 darauf hingewiesen
(IV-act. 347–3 ff.), dass sie zwar keine klassische Gesprächstherapie durchführen
könne, dass aber auch bei nicht behinderten Kindern vielfältige psychotherapeutische
Methoden angewandt werden müssten. Sie habe mit verschiedenen Mitteln aus der
Verhaltenstherapie und mit kreativen Methoden aus der Kinderpsychotherapie
gearbeitet. Der Versicherte habe beispielsweise auf das therapeutische Spiel mit
unterschiedlichen Figuren besonders gut angesprochen. Auch auf Rollenspiele habe er
sich erstaunlich gut eingelassen. Die RAD-Ärztin Dr. E._ notierte am 25. Juli 2014 (IV-
act. 350), die behandelnde Psychotherapeutin habe keine neuen medizinischen
Informationen vermittelt. Mit einer Verfügung vom 4. August 2014 wies die IV-Stelle das
Leistungsbegehren ab (IV-act. 351).
B.
B.a Am 11. September 2014 liess der Versicherte (nachfolgend: der
Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 4. August 2014
erheben (act. G 1). Seine Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung, die Vergütung der Kosten der Psychotherapie sowie
eventualiter die Rückweisung der Sache zur weiteren Abklärung an die IV-Stelle
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin). Zur Begründung führte sie aus, die
Beschwerdegegnerin habe ihre Begründungspflicht verletzt, denn sie sei nicht auf die
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Argumente der behandelnden Psychotherapeutin eingegangen. Bereits aus diesem
Grund müsse die angefochtene Verfügung aufgehoben werden. Die Psychotherapeutin
habe darauf hingewiesen, dass der Beschwerdeführer bei der Therapie mitgearbeitet
habe. Damit sei der Hinweis auf die fehlenden Ressourcen des Beschwerdeführers zur
Mitarbeit bei der Psychotherapie widerlegt. Die Therapie wirke sich positiv auf die
Fähigkeit des Beschwerdeführers aus, am Schulunterricht teilzunehmen. Sie sei also
auch eingliederungswirksam.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 24. November 2014 unter Hinweis auf die
Stellungnahme der RAD-Ärztin Dr. E._ vom 11. April 2014 sowie auf eine
Stellungnahme der RAD-Ärztin Dr. F._ vom 11. November 2014 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 8). Dr. F._ hatte ausgeführt (IV-act. 361), an der fehlenden
Eingliederungswirksamkeit der Psychotherapie könne kein Zweifel bestehen. Die
Erfolge der Therapie seien „doch sehr bescheiden“. Die Psychotherapie bezwecke
offenbar primär die Entlastung und Beratung des Umfeldes. Bei einem „IQ unter 50“ sei
davon auszugehen, dass es an Abstraktionsfähigkeit und Introspektion mangle,
weshalb es unwahrscheinlich sei, dass das Selbstwertgefühl des Beschwerdeführers
mit der Psychotherapie nachhaltig gesteigert werden könne.
B.c Der Beschwerdeführer liess am 16. Dezember 2014 an seinen Anträgen festhalten
(act. G 11). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 14).

Erwägungen
1.
Der Beschwerdeführer hat eine Verletzung der Begründungspflicht (Art. 49 Abs. 3
ATSG) gerügt beziehungsweise geltend gemacht, die Beschwerdegegnerin hätte in
ihrer Verfügungsbegründung Bezug auf die Ausführungen der Psychotherapeutin D._
nehmen müssen. Die Begründungspflicht verfolgt allerdings keinen Selbstzweck. Sie
soll vielmehr den Verfügungsadressaten in die Lage versetzen, sich in Kenntnis der
relevanten sachlichen Erwägungen für oder gegen eine Anfechtung der Verfügung zu
entscheiden. Für den Fall einer Anfechtung soll es die Verfügung dem
Verfügungsadressaten erlauben, seine Beschwerde substantiiert zu begründen. Die
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angefochtene Verfügung enthält eine in diesem Sinne vollständige Begründung. Die
Beschwerdegegnerin ist nicht verpflichtet gewesen, sich zu jedem einzelnen Punkt in
der Stellungnahme der Psychotherapeutin zu äussern. Den Akten lässt sich
entnehmen, dass sich die RAD-Ärztin Dr. E._ mit der Stellungnahme
auseinandergesetzt hat und dass sie zum Schluss gelangt ist, diese ändere in
medizinischer Hinsicht nichts an der bisherigen Sachverhaltswürdigung. Das hat es
dem Beschwerdeführer erlaubt, sich für oder gegen eine Anfechtung der Verfügung zu
entscheiden und seine Beschwerde hinreichend zu begründen. Entgegen der Ansicht
des Beschwerdeführers liegt folglich keine Verletzung der Begründungspflicht vor.
2.
Laut dem Art 13 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person bis zum vollendeten 20.
Altersjahr einen Anspruch auf die zur Behandlung eines Geburtsgebrechens
notwendigen medizinischen Massnahmen. Gemäss dem Art. 12 Abs. 1 IVG hat eine
versicherte Person zudem bis zum vollendeten 20. Altersjahr einen Anspruch auf
medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, sondern
unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben gerichtet und geeignet sind, die
Erwerbsfähigkeit dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor einer wesentlichen
Beeinträchtigung zu bewahren. Die Art. 12 und 13 IVG stimmen bezüglich der
Anspruchsvoraussetzungen weitgehend überein und sehen dieselbe
Rechtsfolgeanordnung vor, nämlich die Vergütung der Kosten von medizinischen
Massnahmen durch die Invalidenversicherung. Der Unterschied zwischen den beiden
Normen besteht darin, dass ein Leistungsanspruch gestützt auf den Art. 13 IVG auf
jene Geburtsgebrechen beschränkt ist, die eine Leistungspflicht der
Invalidenversicherung begründen können (Art. 13 Abs. 2 IVG und GgV), während der
Leistungsanspruch gestützt auf den Art. 12 IVG auf eingliederungswirksame
Behandlungen beschränkt ist. Im Anwendungsbereich des Art. 13 IVG spielt die
Eingliederungswirksamkeit keine Rolle. Im Anwendungsbereich des Art. 12 IVG ist es
dagegen unerheblich, ob es sich bei der Gesundheitsbeeinträchtigung um ein Geburts-
oder um ein erworbenes Gebrechen handelt. Für die Prüfung eines
Leistungsbegehrens, das auf eine medizinische Massnahme abzielt, muss in aller Regel
geprüft werden, ob ein Anspruch gestützt auf den Art. 13 IVG oder gestützt auf den Art.
12 IVG besteht. Die Beschwerdegegnerin hat vorliegend bei der Würdigung des
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Sachverhaltes zu Recht beide Normen berücksichtigt. Den Gegenstand dieses
Beschwerdeverfahrens bildet folglich die Frage, ob der Beschwerdeführer gestützt auf
den Art. 13 IVG oder gestützt auf den Art. 12 IVG einen Anspruch auf eine Vergütung
der Kosten einer Psychotherapie hat.
3.
3.1 Bei der Prüfung des Leistungsanspruchs gestützt auf den Art. 13 IVG ist zu
berücksichtigen, dass die Beschwerdegegnerin das Vorliegen eines
Geburtsgebrechens, das eine Leistungspflicht der Invalidenversicherung auslöst (Ziff.
184 Anh. GgV), bereits verbindlich festgestellt hat. Die Frage nach dem Vorliegen eines
anerkannten Geburtsgebrechens ist also (gemäss den vorliegenden Akten allerdings
nur für die Zeit bis zum 30. Juni 2014) bereits bejaht und gehört folglich nicht zum
Gegenstand dieses Verfahrens. Hier geht es vielmehr um die Frage, ob eine
Psychotherapie eine zur Behandlung dieses Geburtsgebrechens notwendige
medizinische Massnahme ist.
3.2 Gestützt auf die überzeugend begründeten Ausführungen der behandelnden und
der RAD-Ärzte steht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass die emotionalen und die psychosozialen Störungen, an
denen der Beschwerdeführer leidet, in einem engen sachlichen Zusammenhang mit
dem anerkannten Geburtsgebrechen Ziff. 184 Anh. GgV stehen, dass es sich dabei
also um Folgen dieses Geburtsgebrechens handelt, für die die Invalidenversicherung
gestützt auf den Art. 13 IVG grundsätzlich leistungspflichtig ist (vgl. Rz. 11 des
Kreisschreibens über die medizinischen Eingliederungsmassnahmen der
Invalidenversicherung [KSME], mit Hinweisen). In den meisten Fällen wird eine
Psychotherapie wohl eine einfache und zweckmässige medizinische Massnahme zur
Behandlung von emotionalen und psychosozialen Störungen sein und damit die
Voraussetzungen des Art. 2 Abs. 3 GgV erfüllen. Die RAD-Ärzte haben allerdings zu
Recht darauf hingewiesen, dass diese allgemeine Erfahrung für den konkreten Einzelfall
nicht massgebend sein kann, sondern dass vielmehr anhand der gesamten Umstände
des Einzelfalls zu prüfen ist, ob es sich bei der Psychotherapie konkret um eine
geeignete medizinische Massnahme im Sinne des Art. 2 Abs. 3 GgV handelt. Die RAD-
Ärzte haben im vorliegenden Fall die Auffassung vertreten, hier liege eine Ausnahme
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von der allgemeinen Regel vor, weil der Beschwerdeführer aufgrund seines
Entwicklungsrückstandes und mangels ausreichender intellektueller Fähigkeiten nicht
in der Lage sei, so bei einer Psychotherapie mitzuwirken, dass diese einen Erfolg
zeitigen könnte. Die für diese Auffassung angeführte Begründung hält allerdings einer
kritischen Würdigung nicht stand. Die RAD-Ärztin Dr. E._ hat massgeblich auf einen
Bericht des B._ abgestellt, der im Januar 2006 nach einer Untersuchung des damals
erst 18 Monate alten Beschwerdeführers angefertigt worden war. Im Zeitpunkt des
Erlasses der angefochtenen Verfügung ist der Beschwerdeführer aber bereits zehn
Jahre alt gewesen. Der Bericht des heilpädagogischen Dienstes ist also veraltet und
deshalb nicht geeignet gewesen, den massgebenden Sachverhalt im
Verfügungszeitpunkt mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu belegen. Zudem widerlegen die Akten die Annahme der RAD-
Ärzte, der Beschwerdeführer sei nicht in der Lage gewesen, an einer Therapie
mitzuwirken. Der Beschwerdeführer hat nämlich im Verfügungszeitpunkt den Unterricht
in der heilpädagogischen Schule besucht. Schon aufgrund dieser Tatsache ist damit zu
rechnen gewesen, dass er in einem gewissen Ausmass in der Lage sei, an einer
Therapie mitzuwirken. Die behandelnde Psychotherapeutin hat berichtet, die
Reaktionen des Beschwerdeführers auf Rollenspiele seien „erstaunlich gut“ gewesen,
was zum Ausdruck bringt, dass der Beschwerdeführer noch besser von der Therapie
zu profitieren vermag, als ohnehin schon zu erwarten gewesen wäre. Die RAD-Ärztin
Dr. F._ hat in ihrer Stellungnahme offenbar den EQ-Wert gemäss dem veralteten
Bericht des B._ mit dem IQ verwechselt, denn sie hat behauptet, der IQ des
Beschwerdeführers liege bei weniger als 50, ohne dass sich in den Akten eine Angabe
finden würde, die diese Behauptung stützen könnte. Die Schlussfolgerung, die Dr.
F._ daraus gezogen hat, erweist sich ebenfalls als aktenwidrig, denn die Berichte der
behandelnden Psychotherapeutin belegen, dass der Beschwerdeführer durchaus
introspektions- und abstraktionsfähig ist. Der Psychotherapie kann folglich nicht zum
Vorneherein jede Wirksamkeit in Bezug auf die Verbesserung des Selbstwertgefühls
des Beschwerdeführers abgesprochen werden, wie dies Dr. F._ angegeben hat.
Schliesslich hat entgegen der anderslautenden Angabe der RAD-Ärztin Dr. E._ auch
eine ärztliche Verordnung für die Psychotherapie vorgelegen, denn Dr. C._ hatte am
28. Januar 2014 eine Psychotherapie als notwendig bezeichnet und die
Beschwerdegegnerin um eine Vergütung der Kosten ersucht. Als Diagnose hatte er
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eine psychointellektuelle Retardierung respektive einen Entwicklungsrückstand
angeführt. Zusammenfassend enthalten die Akten also keinen überzeugenden Hinweis
darauf, dass in Bezug auf den Beschwerdeführer einer Psychotherapie zum
Vorneherein jeglicher Behandlungserfolg abgesprochen werden müsste. Im Gegenteil
belegen die Berichte der behandelnden Psychotherapeutin, dass schon nach einer
relativ kurzen Behandlungsphase erste Fortschritte haben erzielt werden können.
Namentlich haben das Einschlafverhalten des Beschwerdeführers stark verbessert und
die negativen Vorkommnisse im Schulbus reduziert werden können. Nach dem Beginn
der Behandlung und der Erzielung der ersten Erfolge hat mit einem weiteren
Behandlungserfolg gerechnet werden können. Der Umstand, dass auch das
persönliche Umfeld des Beschwerdeführers (das einen relevanten Einfluss auf seine
psychische Entwicklung hat) teilweise in die systemisch angelegte Behandlung
miteinbezogen worden ist, ändert nichts daran, dass es sich bei der Psychotherapie in
erster Linie um eine – einen gewissen Erfolg versprechende – medizinische
Massnahme gehandelt hat, die als wirksam, einfach und zweckmässig zu qualifizieren
ist. Folglich hat der Beschwerdeführer gestützt auf den Art. 13 IVG einen Anspruch auf
die zur Behandlung seines Geburtsgebrechens notwendige Psychotherapie. Die
angefochtene Verfügung erweist sich damit als rechtswidrig.
4.
4.1 Selbst wenn der Beschwerdeführer gestützt auf den Art. 13 IVG keinen Anspruch
auf eine Psychotherapie hätte, müsste die Beschwerdegegnerin – gestützt auf den Art.
12 IVG – die Kosten einer solchen Therapie vergüten. Der Anspruch auf medizinische
Massnahmen gemäss dem Art. 12 IVG setzt nämlich nur voraus, dass eine konkrete
Massnahme nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, sondern unmittelbar auf die
berufliche Eingliederung gerichtet und geeignet ist, die Erwerbsfähigkeit dauernd und
wesentlich zu verbessern oder vor einer wesentlichen Beeinträchtigung zu bewahren.
Die in der Praxis teilweise vertretene Auffassung, es müsse zwischen der Behandlung
stabiler Defektszustände und der Dauerbehandlung „nur“ stationärer Zustände zur
Verhinderung einer Verschlimmerung unterschieden werden, ist sinnlos und
gesetzwidrig, denn es ist nicht einzusehen, weshalb die Behandlung eines stationären
Zustandes zum vorneherein nicht überwiegend der beruflichen Eingliederung eines
Jugendlichen sollte dienen können, wenn diese ohne eine Dauerbehandlung
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ausgeschlossen wäre. Es gibt offensichtlich keinen Zusammenhang zwischen der Art
des Leidens (heilbar oder nur stationär zu halten) und der Notwendigkeit der
Behandlung dieses Leidens als Voraussetzung einer beruflichen Eingliederung.
4.2 Die Psychotherapie ist vorliegend auf eine ausdrückliche Empfehlung der
heilpädagogischen Schule hin begonnen worden. Sie hat also der Verbesserung der
Fähigkeit des Beschwerdeführers gedient, am Schulunterricht teilzunehmen. Im
weiteren Sinn hat sie also der Eingliederung gedient. Den Berichten der behandelnden
Psychotherapeutin lässt sich zudem entnehmen, dass die Psychotherapie bereits nach
der kurzen Dauer, während der sie durchgeführt worden war, einen positiven Effekt auf
das Einschlafverhalten und auf das Verhalten des Beschwerdeführers im Schulbus
gehabt hat. Das deutet darauf hin, dass die Psychotherapie die Fähigkeit des
Beschwerdeführers, vom Schulunterricht zu profitieren, positiv beeinflussen dürfte.
Damit ist allerdings noch nicht belegt, dass die Psychotherapie vorwiegend der
(späteren) Eingliederung ins Erwerbsleben gedient hat. Gemäss der
bundesgerichtlichen Praxis ist nämlich massgebend, ob die versicherte Person später
als Arbeitskraft einen ökonomisch relevanten Mehrwert werde generieren können. Mit
anderen Worten verlangt das Bundesgericht als zusätzliche Voraussetzung, dass die
versicherte Person später in den ersten Arbeitsmarkt eingegliedert werden kann oder
dass sie in einer geschützten Werkstätte einen Mehrwert generiert, der als ökonomisch
relevant qualifiziert werden kann, was ab einem Stundenlohn von 2.55 Franken der Fall
sein soll (vgl. Rz. 3010 des Kreisschreibens über die Eingliederungsmassnahmen
beruflicher Art [KSBE]). Nach der Terminologie des Bundesgerichtes, die auch in der
Stellungnahme der RAD-Ärztin Dr. E._ vom 11. April 2014 verwendet worden ist,
muss die spätere ökonomisch relevante Erwerbsfähigkeit „mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit“ feststehen. Ein solcher Nachweis kann aber nie geführt werden,
denn es geht dabei nicht um ein Sachverhaltselement, das sich mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit ermitteln lässt, sondern um eine
Prognose für die Zukunft, die naturgemäss nicht beweisbar ist. Folglich kann in Bezug
auf die spätere Erwerbsfähigkeit nur mit Plausibilitäten operiert werden. Angesichts des
Sinn und Zwecks der medizinischen und beruflichen Eingliederung – die Optimierung
der Erwerbsfähigkeit – drängt es sich auf, in der Regel eher von einer späteren
ökonomisch relevanten Erwerbsfähigkeit auszugehen, denn mit jeder verweigerten
Eingliederungsmassnahme nimmt das Risiko zu, dass die versicherte Person später
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tatsächlich keine ökonomisch relevante Erwerbsfähigkeit erreichen wird. Im konkreten
Einzelfall kann daher eine Eingliederungsmassnahme nur dann mit der Begründung
verweigert werden, die versicherte Person werde später nicht in einem ökonomisch
relevanten Ausmass erwerbsfähig sein, wenn mit einer hohen Plausibilität davon
ausgegangen werden muss, dass die versicherte Person nicht einmal in einer
geschützten Werkstätte einen minimalen Leistungslohn werde erzielen können. In allen
anderen Fällen darf eine Gefährdung einer späteren Erwerbsfähigkeit nicht mit einer
Verweigerung von Eingliederungsmassnahmen in Kauf genommen werden. Je jünger
die versicherte Person ist, umso weiter ist der Zeitpunkt entfernt, auf den hin die
Eingliederungsfähigkeit prognostiziert werden muss, und umso ungewisser muss
folglich eine entsprechende Prognose sein. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die
ersten Lebensjahre eines Menschen in aller Regel von einer stetigen Entwicklung
geprägt sind, was Prognosen über einen Zeitraum von vielen Jahren regelmässig
verunmöglicht. In Bezug auf Kinder wird es daher nur in wenigen Ausnahmefällen
möglich sein, eine spätere Eingliederungsunfähigkeit mit der notwendigen Plausibilität
zu prognostizieren. In aller Regel wird keine zuverlässige Prognose abgegeben werden
können. Das bedeutet, dass die Invalidenversicherung in der weit überwiegenden
Mehrheit der Fälle die Kosten von medizinischen Eingliederungsmassnahmen vergüten
muss. Eine blosse Entwicklungsverzögerung kann es beispielsweise bei einem
zehnjährigen Knaben nicht rechtfertigen, eine medizinische Massnahme mit der
Begründung zu verweigern, dieser werde später wohl kaum einen ökonomisch
relevanten Mehrwert als Arbeitskraft generieren (anderer Meinung mit vor diesem
Hintergrund unzutreffender Begründung: Urteil des Bundes¬gerichtes 9C_842/2016
vom 27. April 2017, E. 5). Da der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der angefochtenen
Verfügung erst zehn Jahre alt gewesen ist und da sich seine intellektuellen Fähigkeiten
in den Jahren vor dem Erlass der angefochtenen Verfügung weiter entwickelt hatten,
hat keine ausreichend plausible Prognose bezüglich einer späteren
Eingliederungsfähigkeit abgegeben werden können. Folglich rechtfertigt es sich nicht,
ihm die Vergütung der – im Verhältnis zu allfälligen späteren Rentenleistungen
geringfügigen – Kosten der Psychotherapie vorzuenthalten und damit eine
Begünstigung einer möglichen Invalidität zu riskieren. Auch gestützt auf den Art. 12 IVG
bestünde folglich ein Anspruch auf eine Vergütung der Kosten der Psychotherapie.
5.
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Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung ist
aufzuheben und die die Beschwerdegegnerin ist zu verpflichten, die Kosten für einer
Psychotherapie zu vergüten. Dazu ist die Sache an sie zurückzuweisen. Die
Gerichtskosten von 600 Franken sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Dem Beschwerdeführer wird der von ihm geleistete Kostenvorschuss von
600 Franken selbstverständlich zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat dem
Beschwerdeführer eine Parteientschädigung auszurichten. Da für die Vertretung im
vorliegenden Verfahren nur wenige Akten haben studiert werden müssen und da sich
die Vertretung auf eine Würdigung dieser wenigen Akten hat beschränken können, ist
im Beschwerdeverfahren nur ein deutlich unterdurchschnittlicher Vertretungsaufwand
angefallen. Die Parteientschädigung wird deshalb auf 2'500 Franken (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt.