Decision ID: 6b892ba0-221c-40e6-949a-18acdf394558
Year: 2012
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_001
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

einer Verwaltungsbehörde in Frage stehe, habe diese den Sachverhalt
üblicherweise von Amtes wegen festzustellen. Die Gemeinde habe diese
Abklärung vorgenommen und festgestellt, dass der Beschwerdeführer über
keine Wohnadresse und keinen Telefonanschluss verfüge. Sie habe von ihm
einen Mietvertrag verlangt. Der Beschwerdeführer sei aber seinen
Mitwirkungspflichten nicht nachgekommen. Es sei deshalb erwiesen, dass der
Beschwerdeführer seit längerem seinen Lebensmittelpunkt nicht mehr in ...
habe. Er habe somit nicht nur seine Mitwirkungspflicht, sondern auch seine
Abmeldepflicht verletzt. Die Löschung im Register sei daher gesetzeskonform
erfolgt.
4. In der Replik wurde noch vorgebracht, das Krankheitsbild des
Beschwerdeführers in seiner sehr phasenweisen und unregelmässigen
Ausprägung führe dazu, dass das Leben des Beschwerdeführers nicht mehr
planbar sei und dieser nicht mehr in der Lage sei, wesentliche eigene
Aktivitäten zu entwickeln und insbesondere auch soziale Kontakte zu pflegen.
Der Psychiater Dr. ... empfehle daher, dass der Beschwerdeführer täglich ca. 2
Stunden betreut werde, nicht zuletzt um der sozialen Verarmung entgegen zu
wirken. Im Gutachten werde empfohlen, dass sich der Beschwerdeführer bis
zur definitiven Regelung seiner langfristigen Betreuung z.B. in einem
Pflegeheim, alternierend bei unterschiedlichen Personen aufhalte, was den
sozialen Austausch gegenüber einer fixen privaten Wohnsituation zwangsläufig
erhöhe und zugleich die einzelnen Betreuungspersonen entlaste.
Die Gemeinde trenne den Begriff der Niederlassung von jenem des
Wohnsitzes. Sowohl Art. 3 lit. b RHG wie auch Art. 3 lit. a ERG definierten die
Niederlassung aber mittels der Kriterien der Absicht des dauernden Verbleibens
und des Lebensmittelpunktes, mithin also gleich wie den Wohnsitzbegriff nach
Art. 23 ZGB. Die Gemeinde bestreite auch nicht die Anwendbarkeit von Art. 23
ZGB.
Art. 12 ERG halte fest, dass sich der Wohnsitz in der Niederlassungsgemeinde
befinde. Es sei folglich unzutreffend, wenn behauptet werde, die Niederlassung
habe in Abgrenzung zum Wohnsitzbegriff lediglich polizeilichen Charakter.
Art. 13 Abs. 5 ERG sei hier, entgegen der Ansicht der Gemeinde, nicht erfüllt;
denn der Beschwerdeführer habe keinen neuen Wohnsitz begründet und
seinen bisherigen auch nicht aufgegeben.
Gemäss aktueller bundesgerichtlicher Rechtsprechung zum steuerrechtlichen
Wohnsitz – der sich am zivilrechtlichen Wohnsitz orientiere – bestehe der
einmal begründete und zwischenzeitlich fiktive Wohnsitz so lange weiter, bis ein
neuer begründet worden sei (BGer 2C_614/2011 vom 4. Mai 2012).
5. In der Duplik bestritt die Gemeinde, dass der Beschwerdeführer aus
gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage sei, neue soziale Kontakte zu
knüpfen und deswegen keinen neuen Wohnsitz begründen könne.
Auch wenn es zutreffen sollte, dass sich der Beschwerdeführer jeweils während
einer gewissen Zeit bei drei/vier betreuenden Personen aufhalte, so dürfte er
sich über die Dauer eines Jahres betrachtet während dreier Monate an einem
oder mehreren Orten aufgehalten haben, womit er dort meldepflichtig sei.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Anfechtungsobjekt ist der Entscheid vom 6. Februar 2012, worin die Gemeinde
an ihrem früheren Beschluss vom 21. November 2011 festhielt, der
Beschwerdeführer habe sich mit sofortiger Wirkung (spätestens bis 12.
Dezember 2011) bei der Einwohnerkontrolle abzumelden, andernfalls er von
Amtes wegen im Einwohnerregister gestrichen würde. Beschwerdegegenstand
ist somit die Frage, ob die Aufforderung zur Selbstabmeldung bzw. die
Androhung der behördlichen Registerstreichung rechtens und verhältnismässig
war.
2. a) Ausgangspunkt für die Streitentscheidung sind folgende Verfassungs- und
Gesetzesgrundlagen auf Bundes- sowie Kantonsebene:
Nach Art. 24 Abs. 1 der Bundesverfassung (BV) haben Schweizerinnen und
Schweizer das Recht, sich an jedem Ort des Landes niederzulassen. Gemäss
Art. 3 des Eidgenössischen Registerharmonisierungsgesetzes (RHG) wird
zwischen folgenden Begriffen unterschieden:
lit. a) Einwohnerregister: manuell oder elektronisch durch den Kanton oder die
Gemeinde geführtes Register, in dem alle Personen erfasst sind, die sich im
Kanton oder in der Gemeinde niedergelassen haben oder aufhalten.
lit. b) Niederlassungsgemeinde: Gemeinde, in der sich eine Person in der
Absicht dauernden Verbleibens aufhält, um dort den Mittelpunkt ihres Lebens
zu begründen, welcher für Dritte erkennbar sein muss, eine Person wird in
derjenigen Gemeinde als niedergelassen betrachtet, in der sie das erforderliche
Dokument hinterlegt hat, und kann nur eine Niederlassungsgemeinde haben;
lit. c) Aufenthaltsgemeinde: Gemeinde, in der sich eine Person zu einem
bestimmten Zweck ohne Absicht dauernden Verbleibens mindestens während
dreier aufeinander folgender Monate oder dreier Monate innerhalb eines Jahres
aufhält; der Aufenthalt zum Zweck des Besuchs einer Lehranstalt oder Schule
und die Unterbringung einer Person in einer Erziehungs-, Versorgungs-, Heil-
oder Strafanstalt begründen eine Aufenthaltsgemeinde.
Nach Art. 3 Abs. 1 des kantonalen Gesetzes über die Einwohnerregister (ERG)
richten sich die Begriffe in diesem Gesetz nach dem RHG. Laut Art. 12 Abs. 1
ERG befindet sich der Wohnsitz in der Niederlassungsgemeinde
(Hauptwohnsitz, Niederlassung). Eine Person kann neben der
Niederlassungsgemeinde eine oder mehrere Aufenthaltsgemeinden haben
(Nebenwohnsitz, Aufenthalte; Abs. 2). Art. 13 ERG hält sodann zu den
Meldepflichten fest: Wer in eine Gemeinde zwecks Niederlassung oder
Aufenthalt zuzieht, hat sich innert 14 Tagen bei der Gemeinde anzumelden
(Abs. 1). Wer die Niederlassung oder den Aufenthalt aufgibt, hat sich bei der
betreffenden Gemeinde im Voraus abzumelden (Abs. 3). Wer die
Niederlassung verlegt oder aufgibt, hat dies innert 14 Tagen allen
Aufenthaltsgemeinden zu melden (Abs. 4).
In Art. 23 des Eidgenössischen Zivilgesetzesbuches (ZGB) wird bestimmt: Der
Wohnsitz einer Person befindet sich an dem Orte, wo sie sich mit der Absicht
dauernden Verbleibens aufhält (Abs. 1). Niemand kann an mehreren Orten
zugleich seinen Wohnsitz haben (Abs. 2). Weiter wird in Art. 24 ZGB
ausdrücklich vorgeschrieben: Der einmal begründete Wohnsitz einer Person
bleibt bestehen bis zum Erwerbe eines neuen Wohnsitzes (Abs. 1). Ist ein
früher begründeter Wohnsitz nicht nachweisbar oder ist ein im Ausland
begründeter Wohnsitz aufgegeben und in der Schweiz kein neuer begründet
worden, so gilt der Aufenthalt als Wohnsitz (Abs. 2).
b) In der aktuellen Rechtsprechung und Literatur wird zum „Wohnsitzbegriff“
ausgeführt: „Das Bundesgericht hat bereits verschiedentlich festgehalten, dass
als Wohnsitz einer Person der Ort gilt, an dem sich faktisch der Mittelpunkt ihrer
Lebensinteressen befindet. Dieser bestimmt sich nach der Gesamtheit der
objektiven, äusseren Umstände, aus denen sich diese Interessen erkennen
lassen, nicht nach den bloss erklärten Wünschen der steuerpflichtigen Person.
Der steuerrechtliche Wohnsitz ist insofern nicht frei wählbar; eine bloss affektive
Bevorzugung des einen oder anderen Ortes fällt nicht ins Gewicht (BGE 132 I
29 E. 4 S. 35 ff.; 125 I 54 E. 2 S. 56; 123 I 289 E. 2a und b S. 293 f.). Sodann
hat das Bundesgericht ausgeführt, dass für eine Wohnsitzverlegung nicht
genügt, die Verbindungen zum bisherigen Wohnsitz zu lösen; entscheidend ist
vielmehr, dass nach den gesamten Umständen ein neuer Wohnsitz begründet
worden ist [...]. Nach wie vor gilt, dass niemand an mehreren Orten zugleich
Wohnsitz haben kann. Gleichermassen bleibt [...] der einmal begründete
Wohnsitz grundsätzlich bis zum Erwerb eines neuen bestehen“ (Urteil BGer
2C_355/2010 vom 7. Dezember 2010 E. 4.1; ferner PVG 1997 Nr. 30 E. 2b,
2006 Nr. 13 E. 1a in fine; VGU 01 54 E. 1, 06 18 E. 2, 07 69 E. 2b, 10 47 E. 2a).
Zu Art. 24 ZGB wurde im Besondern noch festgehalten, dass es für dessen
Anwendung nicht erforderlich sei, dass die betroffene Person die Absicht habe,
einen neuen Wohnsitz zu begründen. Vielmehr sei Art. 24 ZGB die
positivrechtliche Verankerung des Grundsatzes der Notwendigkeit eines
Wohnsitzes einer natürlichen Person. Jede Person soll prinzipiell einem
Wohnsitz zugeordnet werden. Niemand soll sich einer Rechtswirkung durch die
Einrede entziehen, er habe nirgends Wohnsitz (BGer 2C_614/2011 vom 4. Mai
2012 E. 3.6.1). Das ZGB hält zunächst die zwei Grundsätze der
Ausschliesslichkeit (Einheitlichkeit) und der Notwendigkeit des Wohnsitzes fest.
Dem Gericht fällt dabei die oft schwierige Aufgabe zu, unter den Beziehungen
zu mehreren Orten die stärkere, engere, überwiegende Beziehung zu finden.
Das Prinzip der Notwendigkeit besagt, dass jede Person einen Wohnsitz haben
muss. Ist kein wirklicher Wohnsitz gegeben, legt das Gesetz ihn fest (sog.
fiktiver Wohnsitz gemäss Art. 24 Abs. 1 ZGB). So gilt bei Aufgabe des früheren
Wohnsitzes ohne Begründung eines neuen weiterhin der bisherige Wohnsitz.
Ferner gilt dann der blosse Aufenthalt als Wohnsitz, wenn eine
Wohnsitzbegründung überhaupt nicht nachweisbar ist (wie etwa bei
umherziehenden Personen [Weltenbummlern]) sowie bei Aufgabe des
ausländischen Wohnsitzes ohne Begründung eines schweizerischen (vgl.
Tuor/Schnyder/ Schmid/Rumo-Jungo, Das Schweizerische Zivilgesetzbuch,
Zürich 2009, 13. Auflage, § 10 III. Wohnsitz Rz 15-17, S. 97f.). Im Lichte dieser
Vorgaben (Verfassung/Gesetze/Gerichtspraxis/Lehre) gilt es im konkreten Fall
zu entscheiden, ob die Vorinstanz korrekt handelte.
c) Die Gemeinde versucht, die Niederlassung des Beschwerdeführers im August
2005 als rein polizeilichen Meldevorgang (RHG; ERG) zu erklären und damit
von der Frage des zivilrechtlichen Wohnsitzes (BV; ZGB) zu trennen. Diesen
Überlegungen kann sich das Gericht nicht anschliessen. Tatsache ist vielmehr,
dass sich die Niederlassung nach den gleichen sachlichen Kriterien beurteilt
wie der zivilrechtliche Wohnsitz, nämlich nach der Absicht des dauernden
Verbleibens und des Lebensmittelpunkts (so auch Art. 3 lit. b RHG und Art. 3 lit.
a ERG). Art. 12 ERG besagt denn auch klipp und klar, dass sich der Wohnsitz
in der Niederlassungsgemeinde befinde.
Weiter argumentiert die Gemeinde, dass der Beschwerdeführer bereits im
Jahre 2005 zwar bei ihr einen Wohnsitz begründet habe, dass er sich danach
aber seit 2008 nicht mehr in der Gemeinde aufhalte und dort auch nicht mehr
über eine Wohnmöglichkeit verfüge. Dass der Beschwerdeführer heute nicht
mehr die Voraussetzungen für eine Wohnsitzbegründung in der fraglichen
Gemeinde erfüllt, trifft zweifellos zu und wird vom Beschwerdeführer auch nicht
bestritten. Das ist im konkreten Fall jedoch gar nicht der Streitpunkt. Der
Beschwerdeführer beruft sich vielmehr explizit auf Art. 24 Abs. 1 ZGB, wonach
der einmal begründete Wohnsitz bestehen bleibt bis zur Begründung eines
neuen Wohnsitzes. Und der Beschwerdeführer macht geltend, dass er in der
Zwischenzeit keinen neuen Wohnsitz begründet habe, da er seit 2008 seinen
Aufenthalt dauernd und in sehr kurzen Intervallen wechsle, so dass er nirgends
die Voraussetzungen für die Begründung eines neuen Wohnsitzes erfülle. Der
Beschwerdeführer begründet seinen dauernden Wechsel seines Aufenthaltes
mit seiner Krankheit (Chronisches Müdigkeitssyndrom; CFS). Ob dies der
alleinige Grund ist, kann hier offen bleiben. Auf Grund der Akten ist auf jeden
Fall erstellt, dass der Beschwerdeführer offensichtlich laufend und in kurzen
Intervallen seinen Aufenthaltsort wechselt, so dass nicht angenommen werden
kann, dass er seit dem Wegzug aus der fraglichen Gemeinde einen neuen
Wohnsitz begründet hat. In einem solchen Falle bleibt aber die gesetzliche
Wohnsitzfiktion laut Art. 24 Abs. 1 ZGB bestehen, wonach der
Beschwerdeführer weiterhin seinen Wohnsitz dort hat, wo er ihn unbestritten
schon im August 2005 korrekt begründet hatte. Der Beschwerdeführer hatte
somit keinen Anlass, sich aus der fraglichen Gemeinde offiziell abzumelden
(Art. 13 ERG) und die Vorinstanz war demnach zum vornherein nicht befugt,
ihm anzudrohen, ihn im Unterlassungsfalle (sofern keine Selbstabmeldung
erfolge) einfach aus dem Einwohnerregister zu streichen und ihn so
zwangsweise aller Rechte zu berauben.
3. a) Der angefochtene Entscheid vom 6. Februar 2012 erweist sich damit nicht als
rechtmässig, was im Ergebnis zu dessen Aufhebung und folgerichtig zur
Gutheissung der Beschwerde vom 21. März 2012 führt.
b) Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Gerichtskosten gestützt auf Art.
73 Abs. 1 des kantonalen Verwaltungsrechtspflegesetzes (VRG) vollumfänglich
der Gemeinde (Vorinstanz/Beschwerdegegnerin) aufzuerlegen. Sie hat den
anwaltlich vertretenen und obsiegenden Beschwerdeführer nach Art. 78 Abs. 1
VRG zudem aussergerichtlich noch angemessen zu entschädigen, wobei die
dazu eingereichte Honorarnote des Rechtsvertreters vom 25. Juni 2012 in der
Höhe von Fr. 3‘084.50 (zusammengesetzt aus: 11.2 Aufwandstunden à Fr.
250.--/Std. [Fr. 2‘800.--] plus Auslagenersatz [Pauschale 2%; Fr. 56.--] plus 8%
Mehrwertsteuer [Fr. 228.50]) unverändert übernommen werden kann.