Decision ID: 7f1bdf16-f237-5dc6-a872-389345c507f2
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am 8. Juni 2001 in die Schweiz ein und stellte
gleichentags ein Asylgesuch.
B.
Mit Verfügung vom 18. Dezember 2002 verneinte das Bundesamt für
Flüchtlinge (BFF; heute Staatssekretariat für Migration: SEM) die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte dessen Asylgesuch
ab und ordnete seine Wegweisung aus der Schweiz an, wobei der
Wegweisungsvollzug zugunsten einer vorläufigen Aufnahme
aufgeschoben wurde.
C.
Das (...)gericht B._ verurteilte den Beschwerdeführer mit Urteil (...)
vom 1. Februar 2018 unter anderem zu einer Landesverweisung von fünf
Jahren gestützt auf Art. 66a Abs. 1 Bst. c StGB und ordnete die
Ausschreibung der Landesverweisung (Einreise- und Aufenthalts-
verweigerung) im Schengener Informationssystem an.
D.
Gegen diesen Entscheid legte der Beschwerdeführer beim (...)gericht des
Kantons C._ Berufung ein.
E.
Mit Urteil (...) vom 19. Februar 2019 bestätigte die (...) des (...)gerichts
des Kantons C._ den erstinstanzlichen Entscheid im Punkt der
Landesverweisung.
F.
Der Beschwerdeführer gelangte mit einer Laienbeschwerde an die
strafrechtliche Abteilung des Bundesgerichts. Mit Urteil (...) vom
25. November 2019 stellte dieses fest, dass die Beschwerde auch
eingedenk einer bei Laienbeschwerden üblichen wohlwollenden
Betrachtungsweise den bundesrechtlichen Begründungsanforderungen
nicht entspreche. Angesichts der angeordneten Landesverweisung lasse
es sich allerdings rechtfertigen, auf die Vorbringen einzugehen und die
Sache nicht formell mangels Erfüllens der Anforderungen mit Nichtein-
treten von der Hand zu weisen (a.a.O. E. 2). Soweit das Bundesgericht auf
die Beschwerde eintrat, wies es diese ab.
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G.
Das SEM richtete sich mit Schreiben vom 31. Januar 2020 an den
Beschwerdeführer. In diesem als "Mitteilung" bezeichneten Schreiben
informierte das Staatssekretariat den Beschwerdeführer über das
Erlöschen seiner vorläufigen Aufnahme. Die mit Urteil vom 19. Februar
2019 des (...)gerichts des Kantons C._, (...), gegen ihn
ausgesprochene Landesverweisung sei in Rechtskraft erwachsen. Nach
Art. 83 Abs. 9 AIG (SR 142.20) erlösche demnach seine vorläufige
Aufnahme infolge der rechtskräftig gewordenen Landesverweisung von
Gesetzes wegen.
H.
Der Beschwerdeführer gelangte mit Eingabe vom 3. Februar 2020 –
eingegangen am 6. Februar 2020 – ans Bundesverwaltungsgericht. Die
Eingabe trägt die Überschrift "Beschwerde gegen Entscheid SEM" und
richtet sich gegen vorerwähntes Schreiben vom 31. Januar 2020. Darin
bringt der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, er gehöre nicht länger
dem Islam an, weshalb ihm in seinem Heimatstaat Somalia bei einer
allfälligen Rückkehr die Todesstrafe drohe. Zudem verweist er auf die
prekäre Sicherheitslage in Somalia und führt seine Integrationsbemühung
namentlich in Form von gesammelter Arbeitserfahrung in der Schweiz an.
Eine weitere Eingabe folgte am 13. März 2020.
I.
Am 19. März 2020 wurde der Eingang der Beschwerde bestätigt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht
Beschwerden gegen – wie vorliegend – Verfügungen nach Art. 5 VwVG.
Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine
Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet
betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das
Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der
vorliegenden Beschwerde und entscheidet im Bereich des Ausländerrechts
betreffend Erlöschen der vorläufigen Aufnahme endgültig (Art. 83 Bst. c
Ziff. 3 BGG).
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Das Schreiben des SEM vom 31. Januar 2020 ist als "Mitteilung"
bezeichnet und stellt – ohne eine spezifische Rechtsmittelbelehrung – fest,
dass die am 18. Dezember 2002 angeordnete vorläufige Aufnahme des
Beschwerdeführers erloschen sei, da die im Gesetz unter Art. 83 Abs. 9
AIG genannten Bedingungen für ein solches Erlöschen erfüllt seien.
Festgehalten wird sodann, dass die vorliegende "Verfügung" den
Beschwerdeführer betreffe (vgl. S. 2).
1.2 Im Vordergrund steht die Frage, ob die hier angefochtene "Mitteilung“
eine Verfügung im Sinne von Art. 5 VwVG darstellt. Andernfalls fehlt es an
einem Anfechtungsgegenstand und somit an einer Sachurteils-
voraussetzung.
1.2.1 Für die Qualifikation als Verfügung im Sinne von Art. 5 VwVG ist nicht
massgebend, ob sie als solche gekennzeichnet ist oder den gesetzlichen
Formvorschriften für eine Verfügung (vgl. Art. 34 und 35 VwVG) entspricht.
Massgebend ist vielmehr, ob die Strukturmerkmale einer Verfügung
vorhanden sind. Denn auch eine mit Formmängeln behaftete Verfügung
bleibt – abgesehen vom seltenen Fall der Nichtigkeit – eine Verfügung,
sofern die in Art. 5 VwVG umschriebenen Merkmale gegeben sind. Eine
Verfügung liegt vor, wenn es sich bei einer Verwaltungshandlung um eine
hoheitliche, individuell-konkrete, auf Rechtswirkungen ausgerichtete und
verbindliche Anordnung einer Behörde handelt, welche sich auf
öffentliches Recht des Bundes stützt, oder um eine autoritative und
individuell-konkrete Feststellung bestehender Rechte oder Pflichten (vgl.
BVGE 2009/43 E. 1.1.4 und E. 1.1.7, BVGE 2008/17 E. 1.4, BVGE
2008/15 E. 2).
1.2.2 Zunächst ist festzustellen, dass die Anordnung der Landesver-
weisung nach Art. 66a StGB in die Kompetenz der Strafgerichte fällt. Dabei
obliegt es den Strafgerichten, die Gründe aus Art. 66a Abs. 2 StGB, die der
Anordnung einer obligatorischen Landesverweisung ausnahmsweise ent-
gegenstehen können, zu beachten (Botschaft zur Änderung des Straf-
gesetzbuchs und des Militärstrafgesetzes [Umsetzung von Art. 121 Abs. 3-
6 BV über die Ausschaffung krimineller Ausländerinnen und Ausländer]
vom 26. Juni 2013, BBl 2013 5975, 6006). Die ausgesprochene Landes-
verweisung ist als Sachverfügung zu qualifizieren.
1.2.3 Der Verwaltungsakt, mit welchem die kantonale Vollzugsbehörde
diese Anordnung später vollzieht, regelt die Vollzugsmodalitäten und weist
die Merkmale einer anfechtbaren Vollstreckungsverfügung auf (BBl 2013
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5975, 6010). Der Vollzugsbehörde obliegt bei der Prüfung des Vorliegens
von Vollzugshindernissen insbesondere die Beachtung des Non-
Refoulement-Gebots (Art. 66d Abs. 1 StGB). Dieses Vorgehen soll
vermeiden, dass von den Strafgerichten Landesverweisungen verhängt
werden, die anschliessend nicht vollzogen werden können, weil sie
gestützt auf Menschenrechtsgarantien unzumutbar sind (BBl 2013 5975,
6006).
1.2.4 Es liegen mithin mehrere rechtsgestaltende Akte vor: das jeweilige
Strafurteil, in welchem die Anordnung der Landesverweisung verfügt wird,
und der nachfolgende Verwaltungsakt zum Vollzug der Landesverweisung.
1.2.5 Weder die Strafgerichte noch die kantonalen Vollzugsbehörden
stellen indes das Erlöschen einer vormals in Asylsachen angeordneten
vorläufigen Aufnahme im Sinne von Art. 83 Abs. 9 AIG fest. Vielmehr
verbleibt dem SEM als ursprünglich anordnender Behörde der vorläufigen
Aufnahme in Asylsachen die Feststellung des Erlöschens derselben nach
Art. 83 Abs. 9 AIG. Dazu ist festzuhalten, dass das Erlöschen der
vorläufigen Aufnahme als automatische Rechtsfolge einer rechtskräftigen
Landesverweisung eintritt (vgl. PETER BOLZLI, in: Spescha et al. [Hrsg.],
Migrationsrecht Kommentar, 5. Aufl. 2019, 11. Kapitel, Nr. 1 AIG Art. 83 N
44 S. 444). Ergeht – wie vorliegend – eine Feststellung durch das SEM,
wird diese regelmässig einzig die Prüfung der Rechtskraft der
zugrundeliegenden Landesverweisung zum Gegenstand haben.
Im Beschwerdeverfahren kann demnach einzig gerügt werden, dass das
SEM fälschlicherweise vom Vorliegen einer rechtskräftigen
Landesverweisung ausgegangen ist und daher den Erlöschenstatbestand
zu Unrecht angenommen hat. Einer entsprechenden Feststellung des SEM
kann somit rechtsgestaltende Funktion zukommen (vgl. dazu
HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016,
Rz. 889).
1.3 Der Feststellung des SEM vom 31. Januar 2020 betreffend das
Erlöschen der vorläufigen Aufnahme des Beschwerdeführers kommt
demnach Verfügungscharakter zu.
1.4 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur
Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die – trotz fehlender
Rechtsmittelbelehrung – frist- und im Übrigen formgerecht eingereichte
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Beschwerde (Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m. Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1
VwVG) ist – unter nachfolgender Einschränkung (vgl. E. 2.3) – einzutreten.
1.5 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49 VwVG).
2.
2.1 Gemäss Art. 83 Abs. 9 AIG wird die vorläufige Aufnahme nicht verfügt
oder sie erlischt, wenn eine Landesverweisung nach Art. 66a oder 66abis
StGB oder Art. 49a oder 49abis MStG rechtskräftig geworden ist.
2.2 Das (...)gericht B._ hat mit Urteil (...) vom 1. Februar 2018
unter anderem eine Landesverweisung von fünf Jahren gestützt auf
Art. 66a Abs. 1 Bst. c StGB ausgesprochen. Mit Urteil (...) vom 19. Februar
2019 schützte die (...) des (...)gerichts des Kantons C._ den
erstinstanzlichen Entscheid im Punkt der Landesverweisung. Eine gegen
die Landesverweisung eingereichte Beschwerde wurde mit
bundesgerichtlichem Urteil (...) vom 25. November 2019 abgewiesen. Die
Landesverweisung ist damit in Rechtskraft erwachsen. Das SEM hat daher
zutreffend das Erlöschen der vormals angeordneten vorläufigen Aufnahme
nach Art. 83 Abs. 9 AIG festgestellt. Die Beschwerde ist in diesem Punkt
abzuweisen.
2.3 Das (...)gericht des Kantons C._, (...), bemerkte in seinem
Urteil vom 19. Februar 2019 zur Problematik der Vollstreckbarkeit der
Landesverweisung, dass sich die Verhältnisse des Vollzugs der
Landesverweisung aufgrund der mitunter langen Zeitspanne zwischen
rechtskräftigem Urteil und Vollzug der Freiheitsstrafe entscheidend ändern
können, weshalb sich im Kanton C._ die Praxis abzeichne, nicht
schon im materiellen Urteil über diese Frage zu entscheiden (a.a.O.
E. 10.1.5). Dazu räumt auch das Bundesgericht in seinem Urteil ein, dass
der Vollzug der Landesverweisung unter den vorinstanzlich festgestellten
Umständen gegebenenfalls noch zu prüfen sein werde (a.a.O. E. 4.4). Mit
der entsprechenden Prüfung der Vollstreckbarkeit der rechtskräftig
angeordneten Landesverweisung werden demzufolge zu gegebener Zeit
die zuständigen kantonalen Behörden betraut sein. Diese werden dabei
durch das SEM unterstützt, indem das Staatssekretariat nebst dem Führen
von Ausreisegesprächen, Hilfe bei der Papierbeschaffung insbesondere
auch einen permanenten Informationsaustausch über Fragen des Vollzugs
pflegt (vgl. Art. 71 AIG i.V.m. Art. 1 und 7 Abs. 2 der Verordnung über den
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Vollzug der Weg- und Ausweisung sowie der Landesverweisung von
ausländischen Personen [VVWAL; SR 142.281]).
Soweit der Beschwerdeführer gegenüber dem Bundesverwaltungsgericht
mithin geltend macht, seine Abwendung vom Islam habe in seinem
Heimatstaat die Todesstrafe zur Folge, was zu berücksichtigen sei, obliegt
es demzufolge nicht dem SEM, sondern der kantonalen Vollzugsbehörde,
derartige Vorbringen zum gegebenen Zeitpunkt bei der Vollstreckung der
Landesverweisung zu würdigen. Eine derartige allfällige Vollstreckungs-
verfügung wäre – nach Ausschöpfung des kantonalen Instanzenzugs –
beim Bundesgericht und nicht etwa beim Bundesverwaltungsgericht
anzufechten. Auf die Beschwerde ist daher mit Bezug auf die vom
Beschwerdeführer erwähnten Vollzugshindernisse nicht einzutreten.
2.4 Hinsichtlich der Ausgestaltung der vorinstanzlichen Verfügung ist – wie
schon unter E. 1.2 angedeutet – anzumerken, dass diese einen
Eröffnungsmangel aufweist, da die Rechtsmittelbelehrung fehlt. Zudem ist
die Verfügung auch nicht als solche gekennzeichnet. Dem Beschwerde-
führer war es aber dennoch möglich, innert Frist und formgerecht dagegen
Beschwerde zu erheben, diese hinreichend zu begründen und damit in der
Sache anzufechten. Ihm ist mithin durch die mangelhafte Eröffnung kein
schwerwiegender Nachteil entstanden, weshalb sich eine Aufhebung der
Verfügung von Vornherein nicht rechtfertigt.
Das SEM sei aber darauf hingewiesen, dass derartige Feststellungs-
verfügungen als solche zu kennzeichnen und mit einer Rechtsmittel-
belehrung zu versehen sind. Auch sei auf den Umstand hingewiesen, dass
sich Personen, die vom Erlöschen ihrer vorläufigen Aufnahme infolge
rechtskräftiger Landesverweisung betroffen sind, wohl regelmässig in Haft
befinden und erschwerend hinzukommen dürfte, dass ihnen angesichts
des juristischen Inhalts wohl auch entsprechende Sprach- oder gar
Fachkenntnisse fehlen dürften. Es wäre daher begrüssenswert, wenn das
SEM in solchen Feststellungsverfügungen auch auf die die Rechtskraft
bewirkenden strafrechtlichen Urteile verweisen würde, zumal sich der
Anfechtungscharakter der Verfügung des SEM klar auf die Feststellung der
Rechtskraft der zugrundeliegenden Landesverweisung beschränkt.
2.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass das SEM mit Verfügung vom
31. Januar 2020 zutreffend das Erlöschen der am 18. Dezember 2002
angeordneten vorläufigen Aufnahme festgestellt hat.
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3.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die vorliegende Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und die Beschwerde daher abzuweisen ist,
soweit auf diese einzutreten ist.
4.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). In Anwendung von Art. 63
Abs. 1 in fine VwVG i.V.m. Art. 6 Bst. b des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht (VGKE, SR 173.320.2) ist indessen vorliegend auf deren Erhebung
zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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