Decision ID: 06bcb320-1831-421a-9812-682b8bbebe14
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) erlitt am 13. Februar 2014 eine akute
Armischämie links (Berichte Klinik für Angiologie des Kantonsspitals St. Gallen [KSSG]
vom 23. Juli 2014, IV-act. 14-5 ff., vom 10. März 2014, IV-act. 14-9 ff., vom 13. Februar
2014, IV-act. 14-48 f., und vom 24. Juni 2014, IV-act. 14-52 ff.). Am 19. August 2014
(Posteingang) meldete sie sich bei der Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug
an (IV-act. 1). In der Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates des KSSG wurde der Versicherten am 15. April 2015 eine
symptomatische Valgusgonarthrose Knie links mit/bei: femoropatellärer Chondropathie
Grad III und degenerativer lateraler Meniskusvorderhornläsion diagnostiziert (Berichte
vom 16. April 2015, IV-act. 80, und vom 19. Mai 2015, IV-act. 28-11 f.). Im Verlauf
konnte die Versicherte ihre bisherige Tätigkeit bei der B._ AG, einer Institution auf
dem zweiten Arbeitsmarkt, wieder im vorherigen Pensum von 80 % / 100 % mit
Unterstützung bei der Handhabung schwerer Lasten aufnehmen (Verlaufsprotokoll
Eingliederung vom 20. Januar 2016, IV-act. 38). Die IV-Stelle wies das
Leistungsbegehren um berufliche Massnahmen mit Mitteilung vom 29. Januar 2016 (IV-
act. 40) und dasjenige um Rente nach Vorbescheid vom 8. Februar 2016 (IV-act. 42)
mit Verfügung vom 24. März 2016 ab, da beim Ablauf der gesetzlichen Wartefrist keine
IV-relevanten Einschränkungen mehr bestanden hätten (IV-act. 43).
A.a.
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Am 10. Dezember 2018 meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf
Rückenschmerzen (Facettengelenksarthrosen) und massive Kniebeschwerden erneut
zum Leistungsbezug an (IV-act. 44). Dr. C._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie
und Traumatologie, hielt im Bericht vom 7. September 2018 zunächst fest, durch die
Infiltrationen des Kniegelenks und der Facettengelenke L2/3 hätten sich die
Beschwerden nicht durchschlagend verbessert (IV-act. 82). Am 21. Dezember 2018
berichtete er über deutliche Besserungen durch (weitere) Infiltrationen in den lumbalen
Rücken und ins Kniegelenk (IV-act. 77). Im Arztbericht vom 21. Februar 2019 führte er
aus, es sei eine Viscosupplementation am Kniegelenk initiiert worden, um operative
Interventionen hinauszuschieben. Bezüglich des Kniegelenks sei keine volle
Belastbarkeit gegeben. Eine Integration könne lediglich unter Beachtung der
Knieproblematik in einer wechselbelastenden Tätigkeit mit Möglichkeit zum Sitzen,
kurzzeitigem Stehen und Gehen, ohne gehäuftes Leitern-/Treppensteigen erfolgen (IV-
act. 65-2 f.).
A.b.
Nachdem die Versicherte im Assessmentgespräch vom 5. März 2019 ausführte,
sie sei aufgrund starker Schmerzen in der Fortbewegung (mit Gehstock) und in der
Sitzdauer stark eingeschränkt (Assessment- und Verlaufsprotokoll, IV-act. 61), wies die
IV-Stelle das Gesuch um berufliche Massnahmen mit Mitteilung vom 7. März 2019 ab
(IV-act. 64). Nach Durchsicht der eingegangenen Arztberichte der Behandler hielt der
RAD-Arzt Dr. med. D._, Facharzt für Prävention und Gesundheitswesen, eine
polydisziplinäre Begutachtung für angezeigt (Stellungnahme vom 17. Juli 2019, IV-
act. 86).
A.c.
Die Begutachtung erfolgte durch die medexperts AG (Gutachten vom
22. November 2019; Dr. med. E._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin; Dr. med.
F._, Facharzt für Neurologie; Dr. med. G._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie
und Traumatologie; Dr. med. H._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie;
Untersuchungen vom 8. und 17. Oktober 2019; IV-act. 94). Die Gutachter erhoben als
die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigend eine chronische Schmerzstörung mit somatischen
und psychischen Faktoren (ICD-10 F 45.41), eine Lumbalgie bei linkskonvexer Skoliose
(Scheitelpunkt LWK 3) mit deutlichem Wirbeldrehgleiten, deutlicher Osteochondrose
LWK 1-4; moderater Osteochondrose LWK 4/5 und LWK 5/SWK 1, deutlicher
Spondylose BWK 12/LWK 1/2 und moderater mehrsegmentaler Spondylarthrose,
A.d.
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betont jeweils konkavseits, sowie eine moderate Gonarthrose links, vor allem
femorotibial lateral und femoropatellär, bei moderater Valgus-Achse. Ohne Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit bestünden unter anderem der Verdacht auf ein
Karpaltunnelsyndrom links, eine Insomnie ohne Hinweise für eine neurologische
Ursache, eine LWS-Degeneration ohne lumboradikuläre Beteiligung sowie ein Status
nach arterieller Embolie in die A. ulnaris und A. radialis links bei A. subclavia
Thrombose und offenem Foramen ovale im Februar 2014, mit erfolgreicher
Rekanalisation und oraler Dauerantikoagulation (IV-act. 94-8). Die Gutachter führten
aus, die von der Versicherten vorgebrachten Beschwerden seien grundsätzlich durch
die radiologisch nachgewiesenen degenerativen Veränderungen an der LWS und am
Knie links erklärbar, führten aber zu deutlicheren psychischen Auswirkungen als zu
erwarten bedingt durch die chronische Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren (IV-act. 94-8). Aufgrund der ausgeprägten degenerativen
Veränderungen an der skoliotischen LWS sei die Versicherte in Bezug auf die zuletzt
ausgeübten Tätigkeit, das heisse die 80%-ige Anstellung in der Sozialfirma B._ AG,
nicht mehr arbeitsfähig (IV-act. 94-10). Zeitlich sei sie auch in einer ideal angepassten
Tätigkeit um 25 % eingeschränkt. Zusätzlich bestünden leistungsmässig folgende
Einschränkungen: die Tätigkeit müsse wechselbelastend sein, wobei die Versicherte
den Wechsel der Stellungen (Sitzen, Stehen, Gehen) selbst wählen solle, keine
Tätigkeiten in gebückter Stellung, keine Arbeiten kniend, Heben von Boden auf
Tischhöhe beidhändig maximal 8 kg, nicht repetitiv, einhändig maximal 5 kg und
Tragen von Lasten einhändig über kurze Strecken maximal 5 kg. Auch Tätigkeiten mit
engem Zeitlimit und erhöhter psychischer Stressbelastung sollten nicht abverlangt
werden. Somit bestehe auch in einer ideal angepassten Tätigkeit leistungsmässig aus
polydisziplinärer Sicht eine Einschränkung von 50 %. Daraus resultiere gesamthaft eine
Arbeitsfähigkeit von 40%. Diese gelte für den jetzigen Zustand. Mit einer
Verschlechterung sei notgedrungen sowohl bezüglich des Knies links wie auch
bezüglich der LWS zu rechnen (IV-act. 94-10, 48).
Der RAD-Arzt Dr. D._ nahm am 26. November 2019 Stellung,
versicherungsmedizinisch sei nicht ohne weiteres nachvollziehbar, wieso die
Versicherte auch in einer adaptierten Tätigkeit in einem so hohen Ausmass
eingeschränkt sei (60 % Arbeitsunfähigkeit). Zum einen könne der zweifellos
A.e.
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vorhandenen Minderbelastbarkeit der LWS und des linken Kniegelenks durch die
Einhaltung der genannten Adaptionskriterien Rechnung getragen werden. Zum anderen
liessen die erhobenen Medikamentenspiegel (lediglich Targin [Naloxon und Oxycodon]
im niedrigen therapeutischen Bereich, Lodine, Novalgin und Dafalgan nicht messbar)
Zweifel am Leidensdruck der Versicherten und der Ausschöpfung der
Behandlungsmöglichkeiten aufkommen (IV-act. 96). Auf Rückfrage der IV-Stelle (IV-
act. 98) nahmen der orthopädische und psychiatrische Gutachter am 12. Februar 2020
Stellung. Ersterer führte aus, durch eine Unaufmerksamkeit habe er nicht
wahrgenommen, dass es hier um die Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit gehe.
Die korrekte Antwort laute also folgendermassen: In angestammter Tätigkeit bestehe
seit anfangs 2018 eine volle Arbeitsunfähigkeit. In angepasster Tätigkeit (bestehe) seit
anfangs 2018 eine 70%ige Arbeitsfähigkeit (MRI LWS vom 26. Januar 2018), seit
Oktober 2019 (jetzige gutachterliche Untersuchung) eine Arbeitsfähigkeit von 60%. Der
Abschnitt 8.2 sei demzufolge folgendermassen richtig abgefasst: In angepasster
Tätigkeit bestünden bei der Versicherten zeitlich und leistungsmässig wesentliche
Einschränkungen. In einer ideal angepassten Tätigkeit sei die Versicherte zeitlich um
einen Viertel eingeschränkt, zusätzlich bestünden leistungsmässig folgende
Einschränkungen: (...). Somit bestehe in einer ideal angepassten Tätigkeit aus
orthopädischer Sicht gesamthaft eine Arbeitsfähigkeit von 60%. Der psychiatrische
Gutachter liess sich dahin gehend vernehmen, aufgrund der freien Zeiteinteilung (die
Versicherte berichte von bis zu viermal länger als früher) könne die Versicherte die
Arbeiten über den ganzen Tag verteilen. Wegen der geringen Auswirkung auf die
Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht komme es nicht zu einer
fächerübergreifenden Addition der Arbeitsunfähigkeiten. Es sei anzunehmen, dass die
Medikamente Dafalgan, Lodine und Novalgin als Bedarfsmedikation eingenommen
würden und daher nicht mehr nachweisbar gewesen seien. Dass Schmerzen
vorhanden seien, zeige sich durch die Einnahme des deutlich stärkeren Schmerzmittels
Targin (IV-act. 100).
Der RAD-Arzt Dr. D._ befand laut Stellungnahme vom 18. Februar 2020, nach
der Klarstellung der medexperts AG könne nun aus versicherungsmedizinischer Sicht
auf das Gutachten abgestellt werden. Demnach sei die Versicherte gesamthaft 60%
adaptiert arbeitsfähig (IV-act. 101). Die IV-Stelle gewichtete den Erwerb mit 80 % und
A.f.
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B.
ermittelte so eine Einschränkung von 32 %. Im Haushalt ging sie unter Anrechnung der
Schadenminderungspflicht der Söhne der Versicherten vom Fehlen einer
Einschränkung aus. Aufgrund dieses Sachverhalts gewährte sie der Versicherten mit
Vorbescheid vom 19. Februar 2020 das rechtliche Gehör zu einer Abweisung des
Rentenanspruchs (IV-act. 104).
Die Versicherte machte mit Einwand vom 1. März 2020 geltend, sie sei aufgrund
der immensen Schmerzen nicht fähig, ohne Gehhilfe zu gehen oder zu stehen und
daher nicht arbeitsfähig. Ihre Söhne könnten sie im Haushalt nicht unterstützen (IV-
act. 108). Am 27. April 2020 liess sie durch die procap ergänzend vorbringen, die
behauptete Verwechslung im die Arbeitsfähigkeit betreffenden Teil und im Kontext
präziser Angaben und Beschreibungen sei mehr als fraglich. Dass ihr nicht einmal eine
Viertelsrente zugesprochen werde, sei mehr als stossend. Sie habe nach jahrelangem
Suchen einer Arbeitsstelle im ersten Arbeitsmarkt eine 80 % -Stelle im zweiten
Arbeitsmarkt angenommen, ein 100 %-Pensum bei der B._ AG sei gar nicht möglich
gewesen (IV-act. 114). Der RAD-Arzt Dr. D._ nahm am 7. Mai 2020 Stellung,
versicherungsmedizinisch ergebe sich aus diesen Angaben nichts Neues (IV-act. 116).
A.g.
Mit Verfügung vom 8. Mai 2020 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab. Zur
Begründung hielt sie fest, versicherungsmedizinisch ergäben sich aus dem Einwand
keine neuen Gesichtspunkte. Der Verdacht der Versicherten einer gefälligkeitsweisen
Korrektur der Arbeitsfähigkeitsschätzung sei rein spekulativ. Die Qualifikation als zu
80 % Erwerbstätige sei weiterhin nachvollziehbar, nachdem sie gegenüber dem
Eingliederungsberater ein Wunschpensum von 80 % angegeben habe und ihre zwei
Söhne mit grossem Betreuungsaufwand noch zu Hause wohnten (IV-act. 117).
A.h.
Mit Beschwerde vom 12. Juni 2020 lässt die Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführerin), vertreten durch Advokat lic. iur. M. Boltshauser, beantragen, die
angefochtene Verfügung vom 8. Mai 2020 sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen
aufzuheben. Es sei ihr eine Dreiviertelsrente, mindestens aber eine Viertelsrente
zuzusprechen. Eventualiter sei die Angelegenheit zu weiteren Abklärungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Weiter sei ihr die unentgeltliche Prozessführung
zu gewähren. Zur Begründung lässt sie vorbringen, ihre Invalidität sei anhand des
B.a.
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Einkommensvergleich zu ermitteln und betrage 60 %, mindestens aber 40 %. Es sei
auf ihre "Aussage der ersten Stunde" vom 19. Mai 2019 abzustellen, wonach sie ohne
gesundheitliche Beeinträchtigung zu 90 % bis 100 % erwerbstätig wäre. Mit Blick auf
ihre finanzielle Situation (Schulden, Sozialhilfeabhängigkeit) sei es völlig offensichtlich,
dass sie als gesunde Person 100 % arbeiten würde. Es gebe keinen nachvollziehbaren
Grund, weshalb sie bloss teilzeitlich erwerbstätig sein solle. Ihre Kinder seien
erwachsen und den ganzen Tag ausser Haus. Zudem seien sämtliche Tätigkeiten, die
sie als Gesunde ausüben könne, im Niedriglohnbereich anzusiedeln. Dass sie bei der
B._ AG bisher nur zu 80 % gearbeitet habe, sei der wirtschaftlichen Situation der
Arbeitgeberin geschuldet. Ausserdem handle es sich um eine Sozialfirma. Dass es
anlässlich der Gutachtenserstellung zu einer Verwechslung gekommen sei, die weder
angesichts der interdisziplinären Besprechung und Festlegung der Arbeitsfähigkeit in
angepasster Tätigkeit, noch später anlässlich der Durchsicht des schriftlich
abgefassten Gutachtens keinem der Ärzte aufgefallen sein solle, sei nicht
nachvollziehbar und in keiner Weise glaubwürdig. Auf die Rückfrage der IV-Stelle
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) hätten ausserdem nur zwei der ursprünglich vier
beteiligten Ärzte Stellung genommen, und nur der orthopädische Gutachter habe
Ausführungen zur Verwechslung gemacht. Hinzu komme, dass die Ausführungen im
interdisziplinären Teil des Gutachtens zur Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit in
sich nachvollziehbar seien und keinen Anlass dazu gäben, vom Vorliegen einer
Verwechslung auszugehen. Hinsichtlich der Mithilfe ihrer Söhne im Haushalt könne
nicht einfach pauschal auf die Schadenminderungspflicht hingewiesen werden. Auch
müsse dem Umstand Rechnung getragen werden, dass die Söhne selbst den ganzen
Tag ausser Haus tätig seien und mindestens der ältere der beiden aktenkundig selbst
beeinträchtigt sei. Der jüngere Sohn sei ebenfalls bei der IV angemeldet und absolviere
eine durch diese unterstützte Ausbildung. Zudem dürfe auf eine Haushaltsabklärung
auch in antizipierter Beweiswürdigung nur in Ausnahmefällen verzichtet werden (act.
G 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 27. August 2020 beantragt die Beschwerdegegnerin,
die Beschwerde sei abzuweisen. Zur Begründung führt sie aus, die Beschwerdeführerin
habe während des IV-Verfahrens verschiedene Aussagen zur Qualifikation gemacht. Im
März 2019 habe sie, erstmals zu ihrem gewünschten Pensum befragt, angegeben, sie
B.b.
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Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge sowie die
Akten wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachstehenden Erwägungen
eingegangen.
würde gerne 80 % arbeiten. Diese Aussage zusammen mit dem Umstand, dass sie
neun Jahre lang tatsächlich zu 80 % gearbeitet habe, führe zur Qualifikation der
Beschwerdeführerin als Erwerbstätige mit einem Pensum zu 80 %. Sodann habe die
Beschwerdeführerin einerseits vorgebracht, ihre Söhne benötigten einen grossen
Betreuungsaufwand, andererseits habe sie ausgeführt, sie würde ohne gesundheitliche
Einschränkung 100 % arbeiten. Dies sei nicht nachvollziehbar. Der wirtschaftlichen
Notwendigkeit einer Erwerbstätigkeit allein komme keine entscheidende Bedeutung zu.
Nach eigenen Angaben sei es ihr möglich, den Dreipersonenhaushalt in der 4.5-Zimmer
Wohnung allein zu besorgen. Im Gutachten werde hingegen an mehreren Stellen
ausgeführt, sie werde durch den jüngeren Sohn unterstützt. Damit vorliegend eine
rentenbegründende Gesamtinvalidität angenommen werden könne, müsse die
Einschränkung im Haushalt mindestens 40 % betragen, was selbst dann nicht der Fall
wäre, wenn die Schadenminderungspflicht nicht berücksichtigt würde. Deshalb habe
auf eine Haushaltabklärung im Rahmen der antizipierten Beweiswürdigung verzichtet
werden können. Zum Konsens betreffend die 60%ige Arbeitsfähigkeit sei festzuhalten,
dass aus internistischer und neurologischer Sicht keine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit festgestellt worden sei. Der psychiatrische Gutachter habe eine 90%-
ige Arbeitsfähigkeit in angestammter und adaptierter Tätigkeit attestiert und explizit
erklärt, es komme nicht zu einer fächerübergreifenden Addition der
Arbeitsunfähigkeiten. Unter diesen Umständen dürfe ohne weiteres davon
ausgegangen werden, dass interdisziplinär eine Arbeitsfähigkeit von 60 % in
adaptierten Tätigkeiten attestiert worden sei (act. G 4).
Die Präsidentin bewilligt der Beschwerdeführerin am 31. August 2020 die
unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und unentgeltliche
Rechtsverbeiständung; act. G 5).
B.c.
Die Beschwerdeführerin verzichtet stillschweigend auf eine Replik (act. G 7).B.d.
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Erwägungen
1.
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.1.
Für somatisch unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und
gleichgestellte Diagnosen), psychische Erkrankungen wie namentlich Depressionen
und Abhängigkeitserkrankungen ist der Beweis einer lang andauernden und
erheblichen gesundheitsbedingten Arbeitsunfähigkeit nach dem strukturierten
Verfahren mittels Indikatoren zu führen (vgl. dazu BGE 145 V 226 E. 6; BGE 143 V 429
E. 7.2; BGE 141 V 294 f., E. 3.5 f. und S. 298, E. 4.2). Er kann nur dann als geleistet
betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen
einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen
Lebensbereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143
V 427, E. 6 a. E.).
1.2.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 %, auf eine
halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 %, und auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40 % invalid ist. Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen, Art. 16 ATSG). Für teilerwerbstätige Versicherte richtet sich die
Berechnung des Invaliditätsgrades nach der so genannten gemischten Methode
1.3.
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(Art. 28a Abs. 3 IVG und Art. 27 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV;
SR 831.201]).
bis
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 132 V 93 E. 4 mit Hinweisen). Die urteilenden Instanzen
haben die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie
umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines
Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob
die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit
Hinweisen). Rechtsprechungsgemäss ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund
eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten
Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen
gelangen, volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; Urteil des
Bundesgerichts vom 13. Februar 2019, 8C_801/2018, E. 4.3).
1.4.
Im Sozialversicherungsrecht gelten der Untersuchungsgrundsatz und der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Rechtserheblich sind alle
Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den streitigen Anspruch so oder
anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben Verwaltungsbehörden und das
Versicherungsgericht zusätzliche Abklärungen stets dann vorzunehmen oder zu
veranlassen, wenn hierzu aufgrund der Parteivorbringen oder anderer sich aus den
Akten ergebenden Anhaltspunkte hinreichender Anlass besteht (Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 4. Aufl., 2020, N 107 zu Art. 61).
1.5.
Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz
nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 353 E. 5b; BGE 125 V 193 E. 2, je mit
Hinweisen).
1.6.
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2.
3.
Umstritten ist zunächst, ob die Beschwerdeführerin als Vollerwerbstätige oder als
teilweise im Aufgabenbereich Haushalt tätig zu qualifizieren ist.
Vorliegend hat die Beschwerdegegnerin ein erstes Gesuch der
Beschwerdeführerin vom 19. August 2014 (IV-act. 1) mit Verfügung vom 24. März 2016
(IV-act. 43) abgewiesen.
2.1.
Die Beschwerdegegnerin hat eine erhebliche Änderung des Invaliditätsgrads
gemäss Art. 87 Abs. 2 und 3 IVV als glaubhaft gemacht erachtet, indem sie auf die
Wiederanmeldung vom 10. Dezember 2018 (IV-act. 44) eingetreten ist und schliesslich
eine Begutachtung angeordnet hat. Auf die Voraussetzungen der Wiederanmeldung
(vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 3. September 2019, 8C_467/2019, E. 3.2) ist daher
nicht näher einzugehen.
2.2.
Die Beschwerdegegnerin hält fest, die Beschwerdeführerin habe im März 2019,
erstmals danach befragt, ein Wunschpensum von 80 % angegeben und während neun
Jahren tatsächlich in diesem Umfang gearbeitet. Zudem sei nicht nachvollziehbar, dass
sie einerseits ausgeführt habe, die Söhne benötigten einen grossen
Betreuungsaufwand, andererseits aber ein hypothetisches Arbeitspensum von 100 %
genannt habe (act. G 4). Dem hält die Beschwerdeführerin entgegen, sie sei
alleinstehend und die Söhne seien bereits erwachsen. Sie habe im ersten Arbeitsmarkt
keine andere Stelle gefunden und bei der ehemaligen Arbeitgeberin sei ein 100%iges
Pensum gar nicht möglich gewesen. Um im Niedriglohnbereich ein einigermassen
angemessenes Einkommen zu erreichen, müsste sie vollzeitlich erwerbstätig sein. Es
sei auf ihre Aussage der ersten Stunde vom 19. Mai 2019 abzustellen, wonach sie zu
90 % bis 100 % erwerbstätig wäre (IV-act. 114; act. G 1).
3.1.
Die für die Methodenwahl (Einkommensvergleich, gemischte Methode,
Betätigungsvergleich) entscheidende Statusfrage, nämlich ob eine versicherte Person
als ganztägig oder zeitweilig erwerbstätig oder als nicht erwerbstätig einzustufen ist,
beurteilt sich danach, was diese bei im Übrigen unveränderten Umständen täte, wenn
keine gesundheitliche Beeinträchtigung bestünde. Entscheidend ist somit nicht,
welches Ausmass der Erwerbstätigkeit der versicherten Person im Gesundheitsfall
zugemutet werden könnte, sondern in welchem Pensum sie hypothetisch erwerbstätig
wäre. Bei im Haushalt tätigen Versicherten im Besonderen (vgl. Art. 27 IVV) sind die
persönlichen, familiären, sozialen und erwerblichen Verhältnisse ebenso wie allfällige
3.2.
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Erziehungs- und Betreuungsaufgaben gegenüber Kindern, das Alter, die beruflichen
Fähigkeiten und die Ausbildung sowie die persönlichen Neigungen und Begabungen zu
berücksichtigen. Massgebend sind die Verhältnisse, wie sie sich bis zum Erlass der
Verwaltungsverfügung entwickelt haben, wobei für die hypothetische Annahme einer
im Gesundheitsfall ausgeübten (Teil-) Erwerbstätigkeit der im Sozialversicherungsrecht
übliche Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erforderlich ist. Dies
erfordert zwangsläufig eine hypothetische Beurteilung, die auch hypothetische
Willensentscheidungen der versicherten Person zu berücksichtigen hat. Derlei ist einer
direkten Beweisführung wesensgemäss nicht zugänglich und muss in aller Regel aus
äusseren Indizien erschlossen werden. Massgebend ist dabei unter anderem die so
genannte "Aussage der ersten Stunde" (Urteil des Bundesgerichts vom 28. Juni 2019,
9C_161/2019, E. 5.2 und 5.4.3).
Die Beschwerdeführerin gab im Assessmentgespräch vom 5. März 2019 an, ihr
"Wunschpensum" betrage 80 %. Sie lebe mit ihren beiden Söhnen zusammen. Der
ältere Sohn leide an Epilepsie und der jüngere Sohn absolviere eine Ausbildung im
zweiten Arbeitsmarkt. Die Söhne benötigten einen grossen Betreuungsaufwand. Sie
habe Schulden und werde vom Sozialamt unterstützt (IV-act. 61-2). Am 19. Mai 2019
erklärte sie im Fragebogen zur Rentenabklärung betreffend Erwerbsfähigkeit/Haushalt,
ohne gesundheitliche Einschränkung würde sie "nach bisheriger Tätigkeit" zu 90 % bis
100 % als Lageristin oder im Verkauf arbeiten. Sie gab einen Zeitaufwand für die
Betreuung Angehöriger von 60 Minuten täglich an (IV-act. 68-1 ff.). Anlässlich der
Begutachtung sagte die Beschwerdeführerin aus, sie lebe nach wie vor mit ihren zwei
Söhnen zusammen. Der jüngere habe seine ursprüngliche Ausbildung abgebrochen
und eine neue begonnen. Er helfe ihr durchaus, sei aber tagsüber bei der Arbeit (IV-
act. 94-16, 27). Der ältere Sohn sei geistig mittelschwer eingeschränkt und arbeite bei
I._. Er sei noch bei ihr wohnhaft, da er Schwierigkeiten habe, alleine zu leben (IV-
act. 94-27, 33 f.).
3.3.
Zwar stellt die von der Beschwerdegegnerin angeführte Tatsache, dass die
Beschwerdeführerin bis zum Eintritt ihrer Arbeitsunfähigkeit in einem 80 %-Pensum
arbeitete, ein gewichtiges Indiz dafür dar, dass sie dieses nicht weiter gesteigert hätte,
wäre sie gesund geblieben. Denn bei der Bestimmung der Qualifikation sind nicht nur
die Aussagen der versicherten Person zu berücksichtigen, sondern auch die konkreten
Lebensumstände während der letzten Jahre (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom
16. Dezember 2019, 8C_571/2019, E. 4.1.2). Ob die Beschwerdeführerin auch im
Gesundheitsfall Schulden gehabt hätte, die sie zur Aufstockung des Pensums auf
100 % gezwungen hätten, geht aus den Akten nicht hervor. Diesen ist lediglich zu
3.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/18
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4.
Die Beschwerdegegnerin geht davon aus, dass im Haushalt unter Berücksichtigung der
Schadenminderungspflicht der Söhne keine Einschränkung besteht. Sie hat keine
Haushaltabklärung durchgeführt, und auch die Gutachter äussern sich nicht zur
Einschränkung im Haushaltsbereich.
entnehmen, dass die Mietkosten mit der Rente des älteren Sohnes bestritten würden
(IV-act. 25-3). Andererseits war der jüngere Sohn erst 14 Jahre alt, als die
Beschwerdeführerin 2014 ihre Erwerbstätigkeit gesundheitsbedingt aufgab. Sein
Unterstützungsbedarf dürfte 2019 nicht mehr so gross gewesen sein wie fünf Jahre
davor, was eine Pensumserhöhung wiederum plausibel erscheinen lässt. Mangels
Durchführung einer Haushaltsabklärung (vgl. dazu die nachstehende Erwägung) wurde
die Beschwerdeführerin dazu früher auch nie konkret unter Erläuterung der Tragweite
der entsprechenden Angaben befragt. Aufgrund der vorliegenden Akten lässt sich die
Qualifikation der Beschwerdeführerin somit nicht mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit festlegen und die Angelegenheit ist allein schon
deshalb zur weiteren Abklärung zurückzuweisen.
Ist die gemischte Methode anwendbar, darf auf eine Haushaltabklärung nur
verzichtet werden, wenn der zur Erreichung einer rentenbegründenden
Gesamtinvalidität erforderliche Invaliditätsgrad im Haushalt derart hoch ausfallen
müsste, dass eine entsprechende Einschränkung nach den Grundsätzen über die
antizipierte Beweiswürdigung ausgeschlossen werden kann (Urteil des Bundesgerichts
vom 19. Mai 2008, 9C_596/2007, E. 4.3). Kann die versicherte Person wegen ihrer
Behinderung gewisse Haushaltarbeiten nur noch mühsam und mit viel höherem
Zeitaufwand erledigen, so muss sie in erster Linie ihre Arbeit einteilen und in üblichem
Umfang die Mithilfe von Familienangehörigen in Anspruch nehmen. Ein
invaliditätsbedingter Ausfall darf bei im Haushalt tätigen Personen nur insoweit
angenommen werden, als die Aufgaben, welche nicht mehr erfüllt werden können,
durch Drittpersonen gegen Entlöhnung oder durch Angehörige verrichtet werden,
denen dadurch nachgewiesenermassen eine Erwerbseinbusse oder doch eine
unverhältnismässige Belastung entsteht. Die im Rahmen der Invaliditätsbemessung bei
einer im Haushalt tätigen versicherten Person zu berücksichtigende Mithilfe von
Familienangehörigen geht daher weiter als die ohne Gesundheitsschädigung
üblicherweise zu erwartende Unterstützung. Geht es um die Mitarbeit von
Familienangehörigen, ist danach zu fragen, wie sich eine vernünftige
Familiengemeinschaft einrichten würde, wenn keine Versicherungsleistungen zu
4.1.
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erwarten wären. Dabei darf nach der Rechtsprechung unter dem Titel der
Schadenminderungspflicht nicht etwa die Bewältigung der Haushalttätigkeit in
einzelnen Funktionen oder insgesamt auf die übrigen Familienmitglieder überwälzt
werden mit der Folge, dass gleichsam bei jeder festgestellten Einschränkung danach
gefragt werden müsste, ob sich ein Familienmitglied finden lässt, das allenfalls für eine
ersatzweise Ausführung der entsprechenden Teilfunktion in Frage kommt (BGE 133 V
309 f., E. 4.2).
Die Beschwerdeführerin gab im Fragebogen zur Abklärung betreffend
Erwerbstätigkeit/Haushalt am 19. Mai 2019 an, sie verrichte sämtliche Hausarbeiten mit
Mühe und langsam (IV-act. 68). Gegenüber dem psychiatrischen Gutachter äusserte
sie, sie benötige für die Hausarbeit bis zu viermal länger als zuvor (IV-act. 100). Die
Beschwerdegegnerin weist einerseits auf den Betreuungsaufwand der Söhne hin, um
eine 20%ige Tätigkeit im Aufgabenbereich zu begründen, und verneint andererseits
eine relevante Einschränkung im Haushalt unter anderem damit, dass sich die
Beschwerdeführerin die Mithilfe ihrer Söhne anrechnen lassen müsse, was
widersprüchlich ist. Weiter kann vom gänzlichen Fehlen einer medizinisch
begründbaren Beeinträchtigung bei der Haushaltsführung aufgrund der orthopädisch-
gutachterlichen Arbeitsfähigkeitsschätzung von 40 % bzw. 60 % (vgl. dazu
nachfolgende E. 5.2) und der Angaben der Beschwerdeführerin jedenfalls nicht
ausgegangen werden, zumal der orthopädische Gutachter ein sehr eingeschränktes
Tätigkeitsprofil (u.a. Gewichtslimite 5 kg) annimmt. Im Übrigen erweist sich der
Fragebogen zur Abklärung betreffend Erwerbstätigkeit/Haushalt vom 19. Mai 2019 als
nicht mehr aktuell, gehen doch die Gutachter davon aus, dass sich der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin seit Oktober 2019 verschlechtert hat.
Lässt sich die Beschwerdeführerin nicht als zu 100 % erwerbstätig qualifizieren, ist
daher die Einschränkung im Haushalt zu ermitteln. Entgegen der Ansicht der
Beschwerdegegnerin kann nicht in antizipierter Beweiswürdigung davon abgesehen
werden, da die Einschränkung im Haushalt je nach Höhe der ermittelten Einschränkung
im Erwerb relevant für die Ermittlung des Invaliditätsgrades sein kann (vgl. auch E. 6.2).
Auch diesbezüglich hat die Beschwerdegegnerin den Sachverhalt zu ergänzen.
4.2.
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5.
Sodann ist die Beweistauglichkeit des Gutachtens der medexperts vom 22. November
2019 (IV-act. 94) samt Stellungnahme der Gutachter vom 12. Februar 2020 (IV-act. 100)
als medizinische Grundlage der angefochtenen Verfügung zu prüfen.
Das Gutachten berücksichtigt die geklagten Beschwerden, Ressourcen und
Einschränkungen sowie die medizinischen Akten. Anamnese, Befunde und Diagnosen
sind vollständig und nachvollziehbar. Es werden keine objektiven Gesichtspunkte
geltend gemacht oder sind ersichtlich, die von den Gutachtern nicht berücksichtigt
worden wären. Dies wird im Übrigen von der Beschwerdeführerin auch nicht bestritten.
Nicht beweistauglich ist das Gutachten hingegen bezüglich der
Arbeitsfähigkeitsschätzung, wie nachfolgend aufzuzeigen ist:
5.1.
Interdisziplinär führend kam der orthopädische Gutachter zu folgendem Schluss:
Aufgrund der ausgeprägten degenerativen Veränderungen an der skoliotischen LWS
sei die Beschwerdeführerin in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit, das heisse die 80%ige
Anstellung in der Sozialfirma B._ AG, nicht mehr arbeitsfähig. In angepasster
Tätigkeit bestünden zeitlich und leistungsmässig wesentliche Einschränkungen. Zeitlich
sei sie auch in einer ideal angepassten Tätigkeit um 25 % eingeschränkt. Zusätzlich
bestünden leistungsmässig folgende Einschränkungen: die Tätigkeit müsse
wechselbelastend sein, wobei sie den Wechsel der Stellungen (Sitzen, Stehen, Gehen)
selbst wählen können sollte. Die Beschwerdeführerin sollte keine Tätigkeiten in
gebückter Stellung oder kniend verrichten. Das Heben von Gegenständen vom Boden
auf Tischhöhe sei beidhändig auf maximal 8 kg, nicht repetitiv, einhändig maximal auf
5 kg und das Tragen von Lasten einhändig über kurze Strecken auf maximal 5 kg
beschränkt. Auch Tätigkeiten mit engem Zeitlimit und erhöhter psychischer
Stressbelastung sollten nicht abverlangt werden. Somit bestehe auch in einer ideal
angepassten Tätigkeit leistungsmässig aus polydisziplinärer Sicht eine Einschränkung
von 50 %. Daraus resultiere gesamthaft eine Arbeitsfähigkeit von 40 %. Dies gelte für
den jetzigen Zustand. Mit einer Verschlechterung sei notgedrungen sowohl bezüglich
des Knies links wie auch bezüglich der LWS zu rechnen (IV-act. 94-10, 48). Nachdem
der RAD die hohe Einschränkung von 60 % aus versicherungsmedizinischer Sicht nicht
nachvollziehen konnte (Stellungnahme vom 26. November 2019, IV-act. 96) und daher
eine Rückfrage an die Gutachter gestellt wurde (Schreiben vom 9. Dezember 2019, IV-
act. 95), nahm der orthopädische Gutachter wie folgt Stellung: "Durch eine
Unaufmerksamkeit habe ich nicht wahrgenommen, dass es hier um die Arbeitsfähigkeit
in angepasster Tätigkeit geht. Die korrekte Antwort lautet also folgendermassen: In
5.2.
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angestammter Tätigkeit besteht seit anfangs 2018 eine volle Arbeitsunfähigkeit. In
angepasster Tätigkeit seit anfangs 2018 eine 70%ige Arbeitsfähigkeit (MRI LWS vom
26. Januar 2018), seit Oktober 2019 (jetzige gutachterliche Untersuchung) eine
Arbeitsfähigkeit von 60%. Der Abschnitt 8.2 ist demzufolge folgendermassen richtig
abgefasst: In angepasster Tätigkeit bestehen bei der Versicherten zeitlich und
leistungsmässig wesentliche Einschränkungen. In einer ideal angepassten Tätigkeit ist
die Versicherte zeitlich um einen Viertel eingeschränkt, zusätzlich bestehen
leistungsmässig folgende Einschränkungen: Tätigkeit muss wechselbelastend sein,
wobei die Versicherte den Wechsel der Stellung (Sitzen, Stehend, Gehend) selbst
wählen sollte. Keine Tätigkeit in gebückter Stellung, keine knienden Arbeiten. Heben
vom Boden auf Tischhöhe beidhändig maximal 8 kg, nicht repetitiv, einhändig max.
5 kg, Tragen von Lasten einhändig über kurze Strecken maximal 5 kg. Somit besteht in
einer ideal angepassten Tätigkeit aus orthopädischer Sicht gesamthaft eine
Arbeitsfähigkeit von 60 %" (IV-act. 100). Der RAD hielt diese Beurteilung für aus
versicherungsmedizinischer Sicht beweistauglich (vgl. Stellungnahme vom 18. Februar
2020, IV-act. 101).
Beide gutachterlichen Einschätzungen der Arbeitsfähigkeit sind insoweit nicht
nachvollziehbar, als die leistungsmässige (in Abgrenzung zur zeitlichen) Einschränkung
offensichtlich mit dem Adaptationsprofil begründet wird. Der Gutachter umschreibt,
welche Tätigkeiten der Beschwerdeführerin noch zumutbar sind, fährt dann aber damit
fort, dass "somit" auch in einer ideal angepassten Tätigkeit eine Einschränkung der
Leistungsfähigkeit bzw. Arbeitsfähigkeit von 50 % bestehe. Sodann erscheint die
Begründung des Gutachters in der Stellungnahme vom 12. Februar 2020, es sei ihm
entgangen, dass es um die Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit gegangen sei,
nicht plausibel. Dies ergibt sich zum einen aufgrund des Kontexts, in dem ausdrücklich
zwischen bisheriger und adaptierter Tätigkeit unterschieden wird. Zum anderen würde
die Korrektur der vom Gutachter vorgebrachten Verwechslung von angestammter und
adaptierter Tätigkeit dazu führen, dass für die angestammte Tätigkeit sich
widersprechende Einschätzungen vorliegen würden (einerseits 100%ige
Arbeitsunfähigkeit, andererseits 40%ige Arbeitsfähigkeit). Die fehlende Unterscheidung
von Leistungsprofil und Leistungsquantität einerseits und die resultierende
widersprüchliche Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit andererseits
schliessen insbesondere die Annahme aus, der Gutachter gehe in der angestammten
Tätigkeit von einer Arbeitsfähigkeit von 40 % und in angepassten Tätigkeiten von 60 %
aus. Ebenso wenig lassen sich Gutachten und Stellungnahme der Gutachter etwa
dahingehend interpretieren, dass sich die 40%ige Arbeitsfähigkeit auf das bisherige
Arbeitspensum von 80 % beziehe. Der RAD-Arzt Dr. D._ führte in seiner
5.3.
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6.
Zusammenfassend hat die Beschwerdegegnerin die Beschwerdeführerin als
Teilerwerbstätige qualifiziert, nicht aber das Ausmass der Einschränkung im
Haushaltsbereich abgeklärt. Aufgrund der von der Beschwerdegegnerin
angenommenen 40%igen Einschränkung im 80%igen Erwerb würde jedoch bereits ein
rentenbegründender Gesamtinvaliditätsgrad resultieren, wenn im Haushalt ebenfalls
eine 40%ige Einschränkung bestehen würde, was in Anbetracht des niedrigen
Zumutbarkeitsprofils (Gewichtslimite 5 kg etc., vgl. E. 5.2) nicht von Vornherein
auszuschliessen ist. Da wesentliche für das Rentengesuch relevante Gesichtspunkte
(Qualifikation, Haushaltsabklärung) bislang vollständig ungeklärt geblieben sind, steht
auch einer ausnahmsweisen Rückweisung der Sache an die Beschwerdegegnerin zur
Vornahme eines weiteren Gutachtens die bundesgerichtliche Rechtsprechung nicht
entgegen (vgl. BGE 137 V 264 f. E. 4.4.1.4). Die Sache ist deshalb – wie eventualiter
beantragt – zur Ergänzung des Sachverhalts im Sinn der vorstehenden Erwägungen
zurückzuweisen.
Stellungnahme vom 26. November 2019 zur Einschätzung im Gutachten aus, es sei
nicht ohne Weiteres nachvollziehbar, weshalb der Beschwerdeführer auch in einer
adaptierten Tätigkeit in einem so hohen Ausmass (60 % Arbeitsunfähigkeit)
eingeschränkt sei (IV-act. 96). Am 18. Februar 2020 liess er sich dahingehend
vernehmen, nach der Klarstellung der Gutachter könne nun aus
versicherungsmedizinischer Sicht auf das Gutachten abgestellt werden. Demnach sei
der Beschwerdeführer gesamthaft "60 % adaptiert" arbeitsfähig (IV-act. 101). Zwar
kann dem RAD insoweit zugestimmt werden, dass die im Gutachten dargelegten
Befunde und Einschränkungen eher eine 60%ige als lediglich eine 40%ige
Arbeitsfähigkeit erwarten lassen. Eine nachvollziehbare Begründung wird jedoch hierfür
nicht angegeben. Die vom RAD am 26. November 2019 aufgezeigten fraglichen Punkte
des Gutachtens – Berücksichtigung der orthopädischen Beschwerden im Rahmen der
Adaptionskriterien, Medikamenteneinnahme (vgl. IV-act. 96-2) – wurden mit der
Stellungnahme der Gutachter vom 12. Februar 2020 (IV-act. 100) nicht geklärt, so dass
nicht einleuchtend begründet wird, weshalb der RAD gemäss abschliessender
Stellungnahme auf die revidierte gutachterliche Arbeitsfähigkeitsschätzung abstellen
wollte. Es fehlt damit an einer beweiskräftigen medizinischen
Arbeitsfähigkeitsschätzung und der Sachverhalt erweist sich folglich als nicht
spruchreif.
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7.