Decision ID: 563f8f9e-8bbd-4e14-8f7c-931a309323e5
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 2. Abteilung, vom 10. Juli 2013 (DG130073)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 13. März
2013 (Urk. 28) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122
Abs. 1 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB,
− der mehrfachen Widerhandlung gegen das Waffengesetz im Sinne von
Art. 33 Abs. 1 lit. a i.V.m. Art. 4 Abs. 1 lit. a, Art. 8 Abs. 1, Art. 15 Abs. 1
und Art. 27 Abs. 1 und Art. 34 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 5 Abs. 3 lit. c WG,
− der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 StGB,
− der Drohung im Sinne von Art. 180 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 6 1⁄3 Jahren Freiheitsstrafe, wovon bis und
mit heute 638 Tage durch Haft sowie durch vorzeitigen Strafantritt erstanden
sind, sowie mit einer Busse von Fr. 500.–.
3. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 5 Tagen.
4. Der bedingte Vollzug der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl
vom 26. Juli 2011 ausgefällten Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu Fr. 40.–
wird widerrufen. Die Geldstrafe ist zu bezahlen.
5. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ Schadenersatz
von Fr. 450.– zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das Schadenersatzbegehren
auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
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6. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ Fr. 4'000.– zu-
züglich 5 % Zins ab 10. Oktober 2011 als Genugtuung zu bezahlen. Im
Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
Es wird davon Vormerk genommen, dass der Beschuldigte das Genugtu-
ungsbegehren im Betrag von Fr. 1'000.– anerkannt hat.
7. Der Antrag des Privatklägers B._ auf Verwendung der vom
Beschuldigten zu bezahlenden Busse bzw. Geldstrafe zu seinen Gunsten
wird abgewiesen.
8. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
15. Februar 2013 beschlagnahmte Mobiltelefon Sony Ericsson, IMEI ... inkl.
SIM-Karte, lagernd bei der Kasse der Staatsanwaltschaften I-IV unter Sach-
kaution Nr. ... wird eingezogen und durch die Kasse des Bezirksgerichts Zü-
rich verwertet. Der Verwertungserlös wird zur Verfahrenskostendeckung
verwendet.
9. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 7'200.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 3'000.– Gebühr Anklagebehörde
Fr. 900.– Kosten der Kantonspolizei
Fr. Kanzleikosten Untersuchung
Fr. 22'620.60 Auslagen Untersuchung
Fr. 44'408.85 amtliche Verteidigung
Fr. 9'828.85 Vertretung der Privatklägerschaft
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
10. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, einschliess-
lich derjenigen der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertre-
tung der Privatklägerschaft, werden dem Beschuldigten auferlegt. Die Kos-
ten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung der Pri-
vatklägerschaft werden einstweilen auf die Gerichtskasse genommen; vor-
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behalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 und Art. 426
Abs. 4 StPO.
Die Höhe der Entschädigung für die amtliche Verteidigung und die unent-
geltliche Vertretung der Privatklägerschaft wird mit nachträglichem Ent-
scheid festgesetzt.
Berufungsanträge:
a) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 84 S. 2)
1. Das Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 2. Abteilung, vom 10. Juli 2013
sei grundsätzlich zu bestätigen, mit folgenden wesentlichen Ausnah-
men:
2. Der Beschuldigte sei im Anklagepunkt 1 der versuchten vorsätzlichen
Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB schuldig zu sprechen;
3. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 10 Jahren und einer
Busse von Fr. 500.– zu bestrafen, unter Anrechnung der erstandenen
Untersuchungs-, Sicherheitshaft und des vorzeitigen Strafvollzugs von
insgesamt 882 Tagen (11.10.2011 - 11. März 2014);
4. Im Übrigen sei das angefochtene Urteil zu bestätigen, namentlich auch
im Schuldpunkt hinsichtlich der übrigen Straftatbestände und hinsicht-
lich des Widerrufs des bedingten Vollzugs der am 26. Juli 2011 ausge-
fällten Geldstrafe.
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b) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 85 S. 1 f.)
1. Der Beschuldigte sei wegen mehrfacher vorsätzlicher einfacher Kör-
perverletzung schuldig zu sprechen.
2. Der Beschuldigte sei vom Vorwurf der versuchten schweren Körperver-
letzung und der Drohung freizusprechen.
3. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren unter An-
rechnung der bereits erstandenen Haft zu bestrafen.
4. Die Schadenersatzforderungen des Geschädigten seien auf den Zivil-
weg zu verweisen.
5. Die Genugtuungsforderung des Geschädigten sei von CHF 4'000.00
auf CHF 1'000.00 zu reduzieren.
6. Die Kostenfolgen seien ausgangsgemäss zu regeln.
Die Kosten der amtlichen Verteidigung seien auf die Staatskasse zu
nehmen.
_

Erwägungen:
I. Anklage und Prozessgeschichte
1. a) Gemäss Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zü-
rich vom 13. März 2013 werden dem Beschuldigten A._ gemäss Anklagezif-
fern 1 und 2 versuchte Tötung im Sinne von Art. 111 i.V.m. Art. 22 StGB, mehrfa-
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che Widerhandlung gegen Art. 33 Abs. 1 lit. a i.V.m. Art. 4 Abs. 1 lit. a, Art. 8
Abs. 1, Art. 15 Abs. 1 und Art. 27 Abs. 1 und Art. 34 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 5
Abs. 3 lit. c des Waffengesetzes (WG) vorgeworfen. Unter Anklageziffer 3 a und b
werden ihm Körperverletzung im Sinne von Art. 123 StGB, Tätlichkeiten im Sinne
von Art. 126 StGB sowie Drohung im Sinne von Art. 180 StGB vorgeworfen
(Urk. 28).
b) Das Bezirksgericht Zürich, 2. Abteilung, sprach den Beschuldigten mit Ur-
teil vom 10. Juli 2013 schuldig der versuchten schweren Körperverletzung im Sin-
ne von Art. 122 Abs. 1 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, der mehrfachen Widerhandlung
gegen das Waffengesetz im Sinne von Art. 33 Abs. 1 lit. a i.V.m. Art. 4 Abs. 1
lit. a, Art. 8 Abs. 1, Art. 15 Abs. 1 und Art. 27 Abs. 1 und Art. 34 Abs. 1 lit. b i.V.m.
Art. 5 Abs. 3 lit. c WG, der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123
StGB sowie der Drohung im Sinne von Art. 180 StGB. Das Gericht bestrafte den
Beschuldigten mit 6 1⁄3 Jahren Freiheitsstrafe, unter Anrechnung von 638 Tagen
Haft und vorzeitigen Strafvollzug, sowie mit einer Busse von Fr. 500.–. Ausser-
dem widerrief die Vorinstanz den bedingten Vollzug der mit Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 26. Juli 2011 ausgefällten Geldstrafe von 30
Tagessätzen zu Fr. 40.–. Im Weiteren entschied die Vorinstanz über die geltend
gemachten Zivilforderungen des Privatklägers B._ und beschloss die Ein-
ziehung und Verwertung eines beschlagnahmten Mobiltelefones Sony Ericsson
(Urk. 73 S. 117 f.).
2. Mit Eingabe vom 11. Juli 2013 meldete die Staatsanwaltschaft IV des
Kantons Zürich die Berufung an (Urk. 61). Der Beschuldigte liess mit Eingabe
vom 15. Juli 2013 seinerseits die Berufung anmelden (Urk. 63). Das vollständig
begründete Urteil wurde der Staatsanwaltschaft am 11. September 2013 zuge-
stellt (Urk. 70/1), dem amtlichen Verteidiger des Beschuldigten am 12. September
2014 (Urk. 70/2). Mit Eingabe vom 24. September 2013 ging innert Frist die Beru-
fungserklärung der Staatsanwaltschaft ein. Diese beantragt, der Beschuldigte sei
statt wegen versuchter schwerer Körperverletzung wegen versuchter Tötung
schuldig zu sprechen und das Strafmass sei auf 10 Jahre Freiheitsstrafe zu erhö-
hen (Urk. 74). Mit innert Frist abgegebener Berufungserklärung vom 30. Septem-
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ber 2013 liess der Beschuldigte beantragen, er sei wegen mehrfacher einfacher
Körperverletzung schuldig zu sprechen. Er sei hingegen vom Vorwurf der ver-
suchten schweren Körperverletzung und der Drohung freizusprechen. Dement-
sprechend sei das Strafmass auf zwei Jahre Freiheitsstrafe zu reduzieren, unter
Gewährung des bedingten Strafvollzugs. Ausserdem liess der Beschuldigte bean-
tragen, es sei die Schadenersatzforderung des Beschuldigten (recte: des Privat-
klägers B._) auf den Zivilweg zu verweisen und die Genugtuungszahlung sei
von Fr. 4'000.– auf Fr. 1'000.– zu reduzieren (Urk. 75). Mit Eingabe vom 18. No-
vember 2013 liess der Beschuldigte ausserdem Anschlussberufung erheben, oh-
ne jedoch Anträge zu stellen (Urk. 79). Da er ohnehin Berufung erhoben hat, ist
nicht weiter darauf einzugehen. Vom Privatkläger B._ und vom Geschädig-
ten C._ wurde kein Rechtsmittel ergriffen.
3. Die Berufung hat im Umfang der Anfechtung aufschiebende Wirkung
(Art. 402 StPO). E contrario erwachsen die nicht von der Berufung erfassten
Punkte in Rechtskraft (SCHMID, StPO-Praxiskommentar, Zürich/St. Gallen 2009,
Art. 402 N 1; vgl. auch Art. 437 StPO). Nicht angefochten wurde der Schuldspruch
hinsichtlich der mehrfachen Widerhandlung gegen das Waffengesetz (Anklagezif-
fer 2 bzw. Dispositivziffer 1 Abs. 2) sowie der einfachen Körperverletzung (Ankla-
geziffer 3a bzw. Dispositivziffer 1 Abs. 3). Ebenso unangefochten blieben der Wi-
derruf des bedingten Vollzuges der Vorstrafe vom 26. Juli 2011 (Dispositivziffer
4), die Abweisung des Antrages des Privatklägers B._ auf Verwendung der
vom Beschuldigten zu bezahlenden Busse (Dispositivziffer 7), die Anordnung der
Einziehung und Verwertung des beschlagnahmten Mobiltelefones (Dispositivziffer
8) sowie die vorinstanzliche Kostenaufstellung (Dispositivziffer 9; vgl. Urk. 73
S. 119). Diese Elemente des vorinstanzlichen Urteils sind somit in Rechtskraft er-
wachsen, was vorab mit Beschluss festzuhalten ist.
4. Es wurden keine Beweisanträge gestellt.
5. Der Beschuldigte wurde am 11. Oktober 2011, 16.45 Uhr, in Haft ge-
nommen, mit Verfügung vom 13. Oktober 2011 wurde er in Untersuchungshaft
versetzt (Urk. HD 2/2 und HD 22/7). Mit Präsidialverfügung vom 7. Juni 2013 wur-
de dem Beschuldigten der vorzeitige Strafantritt bewilligt (Urk. 43).
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II. Schuldpunkt
Anklageziffer 1
A. Sachverhalt
1. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten zusammengefasst vor,
er habe anlässlich einer Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen aus einer
Distanz von ca. 3 bis 15 Metern bewusst und gewollt mindestens zwei, eventuell
drei Schüsse auf den Privatkläger B._ abgegeben. Er habe ihn ein Mal am
Unterschenkel sowie ein zweites Mal unter dem Knie getroffen. Die vom Privat-
kläger B._ erlittenen Verletzungen seien nicht lebensgefährlich gewesen. Bei
den Schussabgaben habe der Beschuldigte den Tod des Privatklägers B._
gewollt bzw. in Kauf genommen.
Der Beschuldigte anerkannte in der Voruntersuchung und anlässlich der
Hauptverhandlung, geschossen zu haben. Er machte im Wesentlichen geltend, er
habe sich in einer Notwehrsituation befunden und nicht gezielt auf eine Person
geschossen (Urk. 8/1, Urk. 55).
2. a) Die Vorinstanz hat ausführliche und zutreffende Ausführungen zu
den Grundsätzen und Regeln der Beweiswürdigung gemacht, worauf vollumfäng-
lich verwiesen werden kann (Urk. 73 S. 8-11; Art. 82 Abs. 4 StPO).
b) Auch zur Glaubwürdigkeit des Beschuldigten und des Privatklägers
B._ sowie der übrigen Aussagepersonen hat die Vorinstanz umfassende und
zutreffende Ausführungen gemacht, auf welche vollumfänglich verwiesen werden
kann (Urk. 73 S. 12-15). Hervorzuheben ist, dass sich vorliegend in erster Linie
die widersprüchlichen Aussagen des Beschuldigten einerseits und die teilweise
nicht weniger widersprüchlichen Aussagen des Privatklägers B._ anderer-
seits gegenüberstehen. Beide Versionen werden teilweise durch die Mitglieder
der eigenen Gruppe gestützt. Zwar wurden auch unbeteiligte Tatzeugen befragt,
diese haben jedoch nur Teile des Tatgeschehens und dies meist erst nach der
Schussabgabe beobachtet. Für den gesamten Ablauf und insbesondere die Fra-
ge, ob der Beschuldigte im Moment der Schussabgabe von einem Angriff auf ihn
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ausgehen musste, gibt es keine unbeteiligten Zeugen. Folgerichtig basiert die An-
klage beinahe ausschliesslich auf den Angaben des Privatklägers B._ zum
Tatablauf. Die Verteidigung hingegen rückt die Zweifel an den widersprüchlichen
Aussagen des Privatklägers B._ und an den belastenden Aussagen weiterer
Personen ins Zentrum der Betrachtung. Sie untermauert den vom Beschuldigten
beschriebenen Tathergang durch die teilweise bestätigenden Aussagen anderer
Gruppenmitglieder.
c) Im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen muss daher eine eingehende
Auseinandersetzung mit Aussagen des Beschuldigten und des Privatklägers
B._ stehen. Hinsichtlich der weiteren Beweismittel - der Aussagen der Zeu-
gen, Arztberichte etc. - steht die Frage im Vordergrund, inwiefern auf ihrer Grund-
lage die Aussagen des Beschuldigten und des Privatklägers B._ zum Tatab-
lauf untermauert oder widerlegt werden können. Bereits an dieser Stelle ist jedoch
darauf hinzuweisen, dass Schussabgaben in die Richtung des Privatklägers
B._ vom Beschuldigten nicht in Abrede gestellt werden. Er macht indes im
weitesten Sinne eine Notwehrsituation geltend. Auf die Frage, ob eine solche ge-
geben war, ist bei den nachfolgenden Ausführungen besonders einzugehen.
3. a) Der Beschuldigte wurde zwei Tage nach der Tat verhaftet und erst-
mals durch die Staatsanwaltschaft zur Sache befragt (Urk. 8/1). Am 27. Februar
2013 fand die Schlusseinvernahme statt (Urk. 8/13). Die Vorinstanz hat die Aus-
sagen des Beschuldigten umfassend und zutreffen wiedergegeben. Auf die ent-
sprechenden Ausführungen in den vorinstanzlichen Erwägungen kann verwiesen
werden (Urk. 73, S. 15 -22; Art. 82 Abs. 4 StPO).
b) Die Vorinstanz nahm eine umfassende und sorgfältige Würdigung der
Aussagen des Beschuldigten vor, auf welche vorab verwiesen werden kann
(Urk. 73 S. 23-26). Die nachfolgenden Erwägungen sind in erster Linie Hervorhe-
bungen bzw. Ergänzungen zur vorinstanzlichen Würdigung.
4. a) Zu Beginn der Voruntersuchung, konkret in der Hafteinvernahme
vom 12. Oktober 2011, machte der Beschuldigte geltend, er habe beim Verlassen
des späteren Tatorts auf seinem Weg zu den Geleisen im Bahnhof D._ in der
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Unterführung einen gewissen E1._ getroffen, den er flüchtig gekannt habe.
E1._ habe ihn gefragt, wohin er gehe. Der Beschuldigte habe geantwortet, er
würde weggehen, da er Probleme habe. E1._ habe ihm dann eine Pistole
gezeigt und ihn gefragt, ob er damit den anderen Angst machen wolle. Der Be-
schuldigte habe die Waffe dann einfach vorne in seinen Hosenbund gesteckt und
den Pullover darüber gezogen. Er (der Beschuldigte) habe nicht gewusst, ob sie
geladen sei. Er habe sich gedacht, dass es sich um eine Gaspistole handle. Er sei
dann wieder die Treppe hinauf in Richtung ...-Platz gelaufen. F._ [Nachna-
me] und der Bruder des Beschuldigten seien auch mitgekommen. Er (der Be-
schuldigte) sei dann auf die andere Gruppe zugegangen und habe den Bosnier
gebeten, er solle zu ihm kommen. Der Beschuldigte habe ihm gesagt, sie sollten
ihn in Ruhe lassen. Der Bosnier habe ihm gesagt, "mach gegen ihn (gemeint, den
Privatkläger B._ als weitere Person) eins gegen eins", also "schlegle"
(Urk. 8/1 S. 3). Er (der Beschuldigte) habe dann zum Bosnier gesagt, er habe da-
zu keine Zeit und keine Lust. Der Privatkläger B._ habe dann ein Telefon
herausgenommen und jemanden angerufen. Der Beschuldigte habe gehört, wie
er am Telefon einen Namen gesagt habe: "G._". Der Beschuldigte habe
dann auch sein Telefon hervorgenommen und habe seinen Onkel angerufen, da
sein Onkel diesen G._ kenne. Er habe seinem Onkel gesagt, er solle
G._ sagen, die andere Gruppe solle ihn in Ruhe lassen. Aber er denke, dass
es zu spät gewesen sei. Der Beschuldigte, sein Bruder und F._ seien wieder
in Richtung Bahnhof gelaufen. Sie hätten sich auf dem ...-Platz befunden, als der
Beschuldigte gesehen habe, dass die andere Gruppe ihnen gefolgt sei. Er habe
sich umgedreht, da habe sich der Privatkläger B._ hinter ihm befunden und
mit beiden Händen seine Handgelenke (jene des Beschuldigten) gepackt. Der
Privatkläger B._ habe ihn "irgendwie beschimpft", aber der Beschuldigte ha-
be sich nicht auf die Worte konzentriert, denn er habe gesehen, wie eine andere
Person ein Messer hervorgenommen habe. Es habe sich um ein Springmesser
gehandelt. Er habe dann gemerkt, dass er einen Schlag auf sein linkes Auge er-
halten habe. Er sei festgehalten und beschimpft worden und habe den Schlag er-
halten. Nach dem Schlag sei er zu Boden gefallen und habe seine Waffe gezo-
gen. Durch den Faustschlag seien ihm zwei Stockzähne am linken Oberkiefer
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teilweise abgeschlagen worden. Er sei dabei nach hinten auf den Boden gestürzt.
Er habe sich mit dem rechten Arm seitlich abgestützt. Es sei ihm schwarz vor den
Augen geworden. Als er wieder zu sich gekommen sei, seien diese fünf Personen
auf ihn zugekommen. Er habe dann die Waffe aus dem Hosenbund genommen
und "einfach geschossen". Er habe sich seitlich am Boden abgestützt, die Waffe
mit der rechten Hand aus dem Hosenbund genommen und "einfach geschossen".
Er habe "umenandgschosse" (Urk 8/1 S. 4).
b) Die ursprüngliche Darstellung des Beschuldigten in der Hafteinvernahme
vom 12. Oktober 2011, wonach ihm ein flüchtiger Bekannter namens E1._,
den er zufällig in der Bahnhofsunterführung getroffen haben will, einfach so eine
geladene Schusswaffe überlassen habe, erscheint an sich schon sehr lebens-
fremd und unglaubhaft. Jedoch erst nach Kenntnisnahme der Aussagen des Zeu-
gen E2._ vom 24. Mai 2012 gab der Beschuldigte zu, dass ihm die Waffe
von E2._ gebracht worden sei. E1._ und E2._ seien eigentlich die
gleiche Person (Urk. 8/12 S. 2). Der Beschuldigte wohnte im Tatzeitpunkt schon
seit mehreren Tagen bei E2._, wobei sich die beiden erst einige Wochen zu-
vor kennen gelernt hatten. Auf die Aussagen von E2._ ist später näher ein-
zugehen. Für den vorliegenden Zusammenhang ist relevant, dass der Beschuldig-
te zu Beginn der Voruntersuchung eine offensichtlich falsche Sachdarstellung
hinsichtlich der Umstände, wie er an jenem Abend in den Besitz der Waffe ge-
langte, lieferte. Der Beschuldigte machte geltend, dass er dies getan habe, um
E2._ nicht zu belasten (Urk. 8/12 S. 2). Selbst wann man diesen Beweg-
grund als zutreffend erachtet, so ermöglichte dieses Aussageverhalten dem Be-
schuldigten, einige Behauptungen in der Voruntersuchung zu machen, die sich
später aufgrund der Aussagen von E2._ als Schutzbehauptungen entpupp-
ten. So konnte - wie nachfolgend aufzuzeigen ist - aufgrund der Beweislage seine
Behauptung widerlegt werden, wonach er nicht gewusst haben will, dass es sich
um eine echte und geladene Schusswaffe handelte. Ausserdem liess sich erstel-
len, dass der Beschuldigte die Waffe bei E2._ telefonisch bestellte, um sie
am Tatort zu verwenden, nachdem sich der Konflikt mit der Gruppe des Privatklä-
gers angebahnt hatte. Die nachweislich falsche Aussage hinsichtlich der Herkunft
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und der Übergabe der Waffe kurz vor der Tat lassen die Glaubhaftigkeit der
Sachdarstellung des Beschuldigten in einem fraglichen Licht erscheinen.
c) Der Beschuldigte gab an, die Waffe an sich genommen zu haben, um die
andere Gruppe einzuschüchtern und dann in Ruhe gelassen zu werden. Er habe
gedacht, dass die anderen dann von ihm weggehen würden (Urk. 8/1 S. 7,
Urk. 55 S. 6). Dies ergibt keinen Sinn, war er doch in jenem Moment am Bahnhof
D._ nicht mehr in Bedrängnis und hätte einem weiteren Konflikt problemlos
aus dem Weg gehen können. Er bewegte sich ja bereits weg von der anderen
Gruppe und befand sich in der Bahnhofsunterführung. Die andere Gruppe verfolg-
te ihn offensichtlich nicht. Der Beschuldigte kehrte jedoch ohne zwingenden
Grund und ohne Bedrängnis auf das ...-Areal zurück. Es ergibt sich somit, dass er
- nun bewaffnet - seinerseits den Kontakt mit der anderen Gruppe suchte. Er führ-
te in der Hafteinvernahme aus, dass er nach Übernahme der Pistole in der Bahn-
hofsunterführung wieder die Treppe hinauf in Richtung ...-Platz gegangen sei. Er
sei dann auf die andere Gruppe zugegangen und habe "den Bosnier" gebeten, zu
ihm zu kommen. Er habe dann gesagt, die anderen sollten ihn in Ruhe lassen.
Darauf habe "der Bosnier" gesagt: "Mach gegen ihn eins gegen eins, also schläg-
le." Gemäss Darstellung des Beschuldigten habe der andere ihn damit zum Zwei-
kampf mit dem Privatkläger B._ auffordern wollen (Urk. 8/1 S. 3 f.), was der
Beschuldigte jedoch abgelehnt habe. Daraufhin habe der Privatkläger ein Telefon
herausgenommen und den bereits genannten "G._" angerufen. Der Be-
schuldigte habe dann seinerseits seinem Onkel angerufen, da dieser den
"G._" kenne. Er habe den Onkel aufgefordert, er solle "G._" sagen, die
andere Gruppe solle ihn in Ruhe lassen. Aber er denke, dass es zu spät gewesen
sei (Urk. 8/1 S. 4). In Bezug auf dieses Telefonat erscheint es merkwürdig, dass
der Beschuldigte genau gewusst haben will, wen der Privatkläger B._ anrief.
Auch dass dem Beschuldigten dieser Umstand Angst gemacht haben soll, er-
scheint unrealistisch. So war der angerufene "G._" in jenem Moment nicht
vor Ort und der Beschuldigte demgegenüber mit einer Schusswaffe bewaffnet.
Die vom Beschuldigten geschilderte, bedrohliche Situation leuchtet nicht ein und
wirkt konstruiert, konnte ihm doch "G._" am Telefon nichts anhaben. Ande-
rerseits bedeutete der telefonierende Privatkläger B._ bestimmt keine rele-
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vante Gefahr für den Beschuldigten. Ferner erscheint es absurd, dass er als Re-
aktion seinen Onkel angerufen haben will, hätte dieser ihm in jener Situation so
kurzfristig ohnehin so wenig helfen können, wie der nicht anwesende "G._"
eine Gefahr darstellte.
d) Die Situation bis zur Schussabgabe wurde vom Beschuldigten in der
Hafteinvernahme vom 12. Oktober 2011 wie folgt beschrieben: Der Beschuldigte,
sein Bruder und F._ seien nach dem Gespräch mit "dem Bosnier" und dem
erwähnten Telefonat durch den Privatkläger wieder in Richtung Bahnhof gelaufen.
Sie hätten sich auf dem ...-Platz befunden, als der Beschuldigte gesehen habe,
dass die andere Gruppe ihnen gefolgt sei. Er habe sich umgedreht, da habe sich
der Privatkläger B._ hinter ihm befunden und mit beiden Händen seine
Handgelenke (jene des Beschuldigten) gepackt. Der Privatkläger B._ habe
ihn "irgendwie beschimpft", aber der Beschuldigte habe sich nicht auf die Worte
konzentriert, denn er habe gesehen, wie eine andere Person ein Messer hervor-
genommen habe. Es habe sich um ein Springmesser gehandelt. Er habe dann
gemerkt, dass er einen Schlag auf sein linkes Auge erhalten habe. Er sei festge-
halten und beschimpft worden und habe den Schlag erhalten. Nach dem Schlag
sei er zu Boden gefallen und habe seine Waffe gezogen. Durch den Faustschlag
seien ihm zwei Stockzähne am linken Oberkiefer teilweise abgeschlagen worden.
Er sei dabei nach hinten auf den Boden gestürzt. Er habe sich mit dem rechten
Arm seitlich abgestützt. Es sei ihm schwarz vor Augen geworden. Als er wieder zu
sich gekommen sei, seien diese fünf Personen auf ihn zugekommen. Er habe
dann die Waffe aus dem Hosenbund genommen und "einfach geschossen". Er
habe sich seitlich am Boden abgestützt, die Waffe mit der rechten Hand aus dem
Hosenbund genommen und "einfach geschossen." Er habe "umenandgschosse".
Auf die Frage, ob er in Richtung der fünf Personen geschossen habe, antwortete
der Beschuldigte, er habe "einfach umenandgschosse." Es sei ihm schwarz vor
den Augen gewesen und er hätte auch jemanden mit den Schüssen am Kopf tref-
fen können. Er habe nicht geschaut, ob er jemanden treffe. Er habe in diesem Zu-
stand einfach geschossen, weil er nicht gewollt habe, dass sie ihn schlagen oder
abstechen würden. Die anderen Personen hätten einen Abstand von ca. zweiein-
halb Metern zu ihm gehabt. Wenn er mit Absicht auf diese Personen geschossen
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hätte, dann hätte er diese sicher verletzt. Er glaube, er habe zwei-, dreimal ge-
schossen und er hätte sicher getroffen, wenn er das gewollt hätte. Diese seien
nicht 15 Meter entfernt gestanden. Er habe ja nur etwa zwei bis drei Meter Entfer-
nung zu diesen Personen gehabt. "Aus dieser Distanz trifft man." Er habe nie-
manden umbringen wollen. "Ich habe nicht geschossen, damit ich jemanden um-
bringe, sondern damit mich diese nicht verletzen." Er habe einen wuchtigen
Schlag ins Gesicht erhalten. Er habe aus Angst geschossen.
In der vorinstanzlichen Hauptverhandlung vom 10. Juli 2013 schilderte er die
Situation bis zur Schussabgabe wie folgt: Als er mit dem Kollegen des Privatklä-
gers B._ geredet habe, habe er (der Beschuldigte) weitergehen wollen. Der
Privatkläger B._ sei nachgekommen und habe geschrien und geflucht. Die-
ser sei kurz hinter ihm gewesen, er (der Beschuldigte) habe sich umgedreht und
der Privatkläger B._ habe ihn gepackt. Dann seien dessen Kollegen auch
dazugekommen und hätten einen Halbkreis gebildet. Der Privatkläger B._
habe ihn an den Händen gepackt. Der Beschuldigte habe hinuntergeschaut, um
zu sehen was der Privatkläger B._ mache. Er habe gesehen, dass dessen
Kollegen Messer hervorgenommen hätten. Auf entsprechende Nachfrage bestä-
tigte der Beschuldigte, er habe mehrere Messer gesehen (Urk. 55 S. 10). Der Pri-
vatkläger B._ habe ihn "mega fest" an den Händen gepackt und ihm einen
Schlag aufs linke Auge gegeben. Wieso ihn der Privatkläger B._ an den
Handgelenken gepackt habe, wisse er nicht. Vielleicht weil er (der Beschuldigte)
am Anfang seine Pistole gezeigt gehabt habe. Das sei seine Vermutung (Urk. 55
S. 11). Er (der Beschuldigte) sei zu Boden gefallen. In diesem Moment - es sei
schnell gegangen - habe er geschossen. Weil die Schüsse so laut gewesen sei-
en, habe er nach zwei Schüsse realisiert, dass die Waffe echt sei und habe des-
halb aufgehört. Er sei schockiert gewesen, was passiert sei. Er habe gedacht, es
sei eine Gaspistole, weil sie sehr klein gewesen sei. Es sei aber kein Wider-
spruch, die anderen mit einer Pistole abschrecken zu wollen, die man selber nicht
für echt halte, da eine Gaspistole auch leicht verletzen könne. Nicht jeder Mensch
habe die gleichen Gedanken gehabt wie er (Urk. 55 S. 11). Als er die Schüsse
abgegeben habe, habe er sich am Boden mit der linken Hand abgestützt gehabt.
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Die Waffe habe er bei der Schussabgabe in Richtung des Privatklägers B._
gehalten (Urk. 55 S. 9).
e) Es fällt auf, dass der Beschuldigte in der ersten Einvernahme geltend
machte, er habe bei einer Person der anderen Gruppe ein Messer gesehen, wäh-
rend er in der Befragung vor Vorinstanz mehrere Messer wahrgenommen haben
will. Diese Übertreibung erscheint als Versuch des Beschuldigten, die Situation so
darzustellen, als hätte die Gruppe des Privatklägers B._ Waffen mitgebracht,
sodass er sich auf eine Notwehrsituation berufen konnte. Unklar bleibt, wo der
oder die Träger des Messers stand/standen bzw. mit welchen Worten er be-
schimpft wurde. Der Beschuldigte vermag auch nicht plausibel zu erklären, wes-
halb ihn der Privatkläger B._ zunächst an den Handgelenken festgehalten
haben soll, wenn dieser ihn doch angeblich angreifen wollte. Als mögliche Erklä-
rung dafür brachte er jedoch vor, dass dies vielleicht gewesen sei, weil er (der
Beschuldigte) am Anfang seine Pistole gezeigt habe. Es erscheint plausibel, dass
der Privatkläger B._ den Beschuldigten an den Handgelenken festhielt, weil
er die Pistole des Beschuldigten gesehen hatte und diesen am Einsatz der Waffe
hindern wollte.
Während der Beschuldigte im Vorverfahren den von mehreren Zeugen er-
wähnten ersten, einzelnen Schuss in die Luft in seinen Schilderungen ausblende-
te, bestritt er einen solchen anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung
nicht kategorisch, sondern räumte eine, dass es möglich sei, dass er einen
Schuss in die Luft abgegeben habe, als er umgefallen sei. Diese Möglichkeit
räumte er auch anlässlich der Berufungsverhandlung ein (Prot. II S. 14). Die Mög-
lichkeit, dass er bereits vor der Auseinandersetzung mit dem Privatkläger B._
bewusst in die Luft geschossen habe, um sich Respekt zu verschaffen, bestritt
der Beschuldigte indes weiterhin (Urk. 55 S. 7 f.).
f) Den Moment des Sturzes beschrieb der Beschuldigte in der Voruntersu-
chung detailliert und führte aus, wie er sich mit dem rechten Arm seitlich abge-
stützt habe. Er habe dann die Waffe mit der rechten Hand aus dem Hosenbund
genommen und geschossen. Anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung
änderte der Beschuldigte seine Darstellung der Schussabgabe und gab zu Proto-
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koll, er habe sich am Boden mit der linken Hand abgestützt gehabt, als er ge-
schossen habe. Der Beschuldigte machte geltend, er habe nicht auf die Beine des
Privatklägers B._ gezielt, sondern es sei Zufall gewesen, dass die beiden
Schüsse den Privatkläger B._ nahe beieinander getroffen hätten. In der Vor-
untersuchung sagte er diesbezüglich sogar aus, dass er auch jemanden am Kopf
hätte treffen können. Weiter seien die Schüsse auf Beinhöhe gewesen, da er sel-
ber sich in dieser tiefen Position befunden habe. Die Aussage des Beschuldigten,
der Privatkläger B._ sei frontal vor ihm gestanden, steht im Widerspruch mit
der Schusswunde hinten in der Kniekehle des Privatklägers B._.
g) Die Vorinstanz hielt zusammenfassend fest, dass sich aus der Schilde-
rung des Beschuldigten der wahre Grund für die Auseinandersetzung und für die
Schussabgabe nicht erkennen lasse (Urk. 73 S. 26). Hierzu ist zu sagen, dass
auch aus den Aussagen der übrigen befragten Personen kein nachvollziehbarer
Grund für die Auseinandersetzung ersichtlich wird, was für solche und ähnliche
Auseinandersetzungen zwischen Gruppen von Jugendlichen bzw. jungen Er-
wachsenen im "Ausgang" durchaus nicht untypisch ist, wird doch häufig aufgrund
einer vorbestehenden Aggressions- und Gewaltbereitschaft geradezu nach einem
noch so nichtigen Grund für eine verbale und dann auch tätliche Auseinanderset-
zung gesucht, was auch im vorliegenden Fall so gewesen sein dürfte. Aufgrund
der bisherigen Erkenntnisse, d.h. bereits aus den eigenen Aussagen des Be-
schuldigten erfolgte durch den Einbezug der Schusswaffe durch den Beschuldig-
ten eine Eskalation der bereits vorbestehenden Konfliktsituation zwischen dem
Beschuldigten und seinen Begleitern einerseits und dem Privatkläger und dessen
Gruppe andererseits. Den Angriff auf ihn durch den Privatkläger B._ und wei-
terer Personen beschreibt der Beschuldigte eher pauschal und seine Schilderung
weist Diskrepanzen hinsichtlich der Frage der angeblich von der anderen Gruppe
verwendeten Messer auf. Ausserdem enthält seine Sachdarstellung Elemente, die
jeglicher Lebenserfahrung und Plausibilität widersprechen. So etwa seine anfäng-
liche Schilderung, wie er in den Besitz der Pistole gelangte und im Zusammen-
hang mit dem erwähnten Telefonat durch den Privatkläger.
- 17 -
h) Es ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte die Konfrontation suchte
bzw. eine solche zumindest in Kauf nahm, da es ohne seine Rückkehr zum ...-
Areal mit grosser Wahrscheinlichkeit zu keinem weiteren Zusammentreffen mit
der anderen Gruppe gekommen wäre. Zu berücksichtigen ist zudem, dass der
Beschuldigte keine plausible Erklärung dafür hatte, wieso ihn E2._ im Zu-
sammenhang mit der Beschaffung der Pistole zu Unrecht belasten sollte.
Schliesslich bestreitet der Beschuldige die Aussagen von E2._, wonach der
Beschuldigte die Pistole zu einem früheren Zeitpunkt für Fr. 900.– gekauft habe
und E2._ vor der Tat beauftragt habe, ihm die Pistole nach D._ zu brin-
gen, nach wie vor (vgl. Urk. 8/3 S. 2 f.; Prot. II S. 13 und S. 16). Die diesbezügli-
chen Aussagen des Beschuldigten, E2._ habe möglicherweise Angst vor ei-
ner Strafverfolgung gehabt bzw. gedacht, dass er (der Beschuldigte) die ganze
Schuld auf sich nehme als er sich gestellt habe, vermögen nicht zu überzeugen,
da sich E2._ durch seine Aussagen selbst deutlich stärker belastete, als
wenn er die Darstellung des Beschuldigten bestätigt hätte.
i) Hinsichtlich des Verhaltens des Beschuldigten nach der Tat ist festzuhal-
ten, dass er durch sein Verhalten klare Hinweise für ein Unrechtsbewusstsein lie-
ferte. Nach der Flucht besorgte er sich laut eigener Darstellung neue Kleider. Die
alten Kleider entsorgte er bei einer ESSO-Tankstelle in ..., "weil ich mich unwohl
in den Kleidern fühlte, weil ich wusste, dass etwas passiert war. Ich wollte diese
nicht mehr." Anlässlich der Hauptverhandlung bestätigte der Beschuldigte, dass
er die Kleider weggeworfen habe, da er sich in diesem Zustand nicht wohl gefühlt
habe. Die Kleider seien zudem aufgrund des Hinfallens schmutzig gewesen. Die-
se Begründung für die Entsorgung der getragenen und schmutzigen Kleider ist
unglaubhaft. Zudem befand sich der Beschuldigte auch nicht in der finanziellen
Lage, um schmutzige Kleider einfach wegzuwerfen, statt zu waschen. Ein solches
Nachtatverhalten zielte offenkundig darauf ab, Spuren zu verwischen. Im Falle ei-
ner selber als berechtigt erachteten Notwehrhandlung wäre solches nicht nötig
gewesen. Offensichtlich war er sich seines krassen Fehlverhaltens bewusst und
tauchte deshalb unter. Die Mitteilung durch sein "Umfeld" via seinen Rechtsbei-
stand am nächsten Tag, wonach der Beschuldigte bereit sei, sich zu stellen, war
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wohl durch die naheliegende Einsicht motiviert, dass zu viele Leute gesehen hat-
ten, dass er geschossen hatte.
j) Als Fazit der Würdigung der Aussagen des Beschuldigten ist festzuhalten,
dass die Glaubhaftigkeit seiner gesamten Sachdarstellung stark eingeschränkt ist.
Auf seine Darstellung bzw. Bestreitungen und Entlastungsbehauptungen kann
deshalb grundsätzlich nicht abgestellt werden.
5. Nachfolgend sind zunächst die Aussagen des Privatklägers B._
und die objektiven Beweismittel einer Würdigung zu unterziehen. Danach sind die
Aussagen derjenigen Personen zu würdigen, die den jeweiligen Gruppen um den
Beschuldigten bzw. um den Privatkläger angehörten. Schliesslich sind die Aussa-
gen der übrigen einvernommen Personen zu berücksichtigen, soweit diese über-
haupt sachdienlich sind.
6. a) Der Privatkläger B._ wurde durch die Polizei am 17. Oktober
2011 (Urk. 9/2) und durch die Staatsanwaltschaft am 14. Dezember 2011 (Urk.
9/3) befragt. Die Vorinstanz hat die Aussagen des Privatklägers in diesen Einver-
nahmen zutreffend wiedergegeben. Auf die entsprechenden Ausführungen in den
vorinstanzlichen Erwägungen kann verwiesen werden (Urk. 73, S. 28-31).
b) Die Vorinstanz nahm eine umfassende und sorgfältige Würdigung der
Aussagen des Privatklägers vor, auf welche vorab verwiesen werden kann (Urk.
73 S. 32 f.). Die nachfolgenden Erwägungen sind in erster Linie Hervorhebungen
bzw. Ergänzungen zur vorinstanzlichen Würdigung.
7. a) Der Privatkläger sei an jenem Abend mit H._ nach D._ ge-
fahren und habe dort I._ [Nachname] und J._ [Nachname] getroffen. Sie
hätten eine Runde beim "Grüscht" gemacht. Dort seien ein paar Leute gewesen.
Man habe sich gegrüsst und sei weiter gegangen. Eigentlich hätten I._ und
J._ ins Training gewollt. Dann hätten sie K._ [Nachname] getroffen.
K._ sei zur anderen Gruppe gegangen. Die Gruppe des Privatklägers habe
sich ca. 20 Minuten beim Bahnhof D._ aufgehalten. Es sei ihnen langweilig
geworden und sie hätten beim "Grüscht" vorbeigehen wollen, um zu schauen,
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was laufe. Sie seien zu viert gewesen, K._ sei weiter hinten gewesen. Sie
seien in Richtung "Grüscht" gelaufen, als sie drei Personen begegnet seien. Sie
hätten Blicke ausgetauscht. Er (der Privatkläger B._) habe gesagt: "Was seid
Ihr für Spastis?" Der eine habe ihm gesagt: "Ich zeige Dir, wer ein Spasti ist." Er
glaube, dies habe der Beschuldigte gesagt. Auf jeden Fall habe der Beschuldigte
gesagt, sie sollten warten. Seine Gruppe habe ihn nicht ernst genommen. Sie
seien zum "Grüscht" und hätten dort "gehängt." Sie seien nicht bewaffnet gewe-
sen. Keiner habe ein Messer auf sich getragen. Seine Gruppe habe den Beschul-
digten nicht bespuckt. J._ habe aber einen Deospray dabei gehabt. Sie hät-
ten sich damit besprüht, als sie zuoberst gewesen seien. Er (der Privatkläger
B._) habe zuerst mit dem Feuerzeug und dem Deo gespielt, indem er das
Besprühte angezündet habe. Dann habe er ein wenig in die Luft gesprayt, aber
der Wind habe das Gesprayte verweht. Sie hätten sich dann gegenseitig be-
sprüht, also jeder sich selber. Nach ca. zehn Minuten Warten seien ca. sieben,
acht oder zehn Personen gekommen. Sie hätten nicht gedacht, dass sie zurück-
kommen würden, aber dass es eine Prügelei geben würde, wenn sie zurückkä-
men. Derjenige, mit welchem er Blickkontakt gehabt habe, sei ca. zehn oder
zwanzig Meter von ihm entfernt gewesen, als er auch schon in die Luft geschos-
sen habe. Es sei ein Schock für ihn (den Privatkläger B._) gewesen. Er habe
nicht realisiert, was geschehen sei und sei stehen geblieben. Er habe nur noch
auf den, der eine Waffe gehabt habe, geschaut (Urk. 9/2 S. 7 f.).
b) Der mit der Waffe habe sich genähert und gefragt, was jetzt sei, "wegen
Spasti und so, wer jetzt der Spasti sei." Er habe die Waffe immer noch in der
Hand gehabt. Er sei zu J._ gegangen und habe ihn gefragt, ob er ein Albaner
oder Moslem sei. J._ und der Beschuldigte hätten sich ein wenig von der
Gruppe entfernt und miteinander geflüstert. Warum der Beschuldigte mit J._
gesprochen habe und nicht mit ihm (dem Privatkläger B._), verstehe er nicht.
Irgendwie habe man sich entspannt, der Schock sei nicht mehr so gross gewe-
sen. J._ sei zurückgekommen. Der Privatkläger B._ habe den Beschul-
digten gefragt, was sein Problem sei. Sie seien immer noch zu viert gewesen.
K._ und ihre Kollegen seien eher hinten gewesen. Der Beschuldigte und sei-
ne Gruppe seien in Richtung Bahnhof D._ am Weglaufen gewesen. Seine
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(des Privatklägers B._) Gruppe habe noch ein paar Minuten "gehängt" und
dann habe er zu seinen Kollegen gesagt: "Jungs, begleitet mich bis zum Bahnhof.
Nicht, dass die anderen plötzlich jetzt noch was machen." Sie seien auch in Rich-
tung Bahnhof D._ gegangen, die anderen seien ebenfalls in diese Richtung
unterwegs gewesen und hätten beim ...-Areal gewartet. Der Privatkläger B._
habe sich gedacht, die machten nichts, weil es noch andere Leute gehabt habe.
Seine Gruppe sei vorbei gegangen. Er habe sich auf den Beschuldigten fokus-
siert, weil dieser ja eine Waffe gehabt habe. Er habe das Gefühl gehabt, der Be-
schuldigte wolle seine Waffe ziehen, da dieser angefangen habe, "nervös zu tun".
Der Beschuldigte habe an seinem Gürtel herumgefingert. Da habe der Privatklä-
ger den Beschuldigten an dessen Handgelenken gepackt. Von hinten seien plötz-
lich noch Leute gekommen, welche geschubst hätten. "Es flogen einfach Hände
in der Gegend rum." Der Beschuldigte sei im Gerangel auf jeden Fall zu Boden
gefallen. Der Privatkläger B._ habe Angst bekommen, weil er gewusst habe,
dass der Beschuldigte eine Waffe habe. Er habe Distanz haben wollen, "nicht,
dass er auf mich schiesst". Er sei zurückgegangen und habe zu ihm (dem Be-
schuldigten) gesagt, er solle aufhören, zurückgehen. Der Beschuldigte habe aber
die Waffe schon vorne aus dem Hosenbund gezogen. Er habe auf ihn (den Pri-
vatkläger B._) gezielt. Zuerst habe er die silbrige Pistole noch gegen andere
Personen gehalten, dann habe er auf ihn (den Privatkläger B._) gezielt. Er
habe auf den Kopf gezielt. Er (der Privatkläger B._) habe seine Jacke ge-
nommen und als Schutz vor den Kopf gehalten. Er habe seine Augen geschlos-
sen. Jemand von den Kollegen des Beschuldigten habe gesagt, der Beschuldigte
solle schiessen. Dann habe der Beschuldigte geschossen. Der Privatkläger habe
bei seinem Knie so ein Streifen gespürt und gedacht, der Beschuldigte schiesse
jetzt nicht mehr. Er (der Privatkläger B._) sei ein bisschen weiter zurück ge-
gangen, da habe der Beschuldigte nochmals geschossen, "auf mein Knie und ich
verspürte einen Krampf im Knie" (Urk. 9/2 S. 8 f.).
c) Dann seien alle abgehauen und der Privatkläger habe niemanden mehr
gesehen. Er sei zurückgehumpelt und habe geschrien, es solle jemand einen
Krankenwagen rufen. Im Schock habe er die Nummer nicht mehr gewusst. Dann
sei er zu Boden gefallen. Mit einem "G._" habe er vorher telefoniert, bevor es
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passiert sei. Es sei um ein Game oder so gegangen. Er habe nicht telefoniert, um
weitere Kollegen zu mobilisieren. Wenn er das gemacht hätte, hätte er sicher
nicht "G._" angerufen, sondern Kollegen (Urk. 9/2 S. 10 f.).
d) In der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 14. Dezember 2011
bestätigte der Privatkläger seine Aussagen, die er in der polizeilichen Einvernah-
me gemacht hatte (Urk. 9/3). In Ergänzung dazu führte er aus, dass der Beschul-
digte nach dem Schuss in die Luft die Waffe auf ihn (den Privatkläger), d.h. auf
seinen Oberkörper gerichtet habe. Danach habe sich der Beschuldigte mit
J._ unterhalten (Urk. 9/3 S. 5). Dann hätten sich die beiden Gruppen wieder
getrennt. Als der Privatkläger mit seinen Begleitern später in Richtung Bahnhof
gingen, seien sie am Beschuldigten und dessen Begleiter vorbeigekommen. Der
Privatkläger führte dann aus, er sei mit dem Beschuldigten "in Kontakt" gekom-
men. Auf entsprechende Frage gab er zu Protokoll, dass ihn der Beschuldigte
nach seinem Alter gefragt habe. Darauf habe er jedoch nicht geantwortet. Dann
seien sie sich etwas näher gekommen und der Privatkläger habe den Beschuldig-
ten mit beiden Händen an den Handgelenken gepackt. Es habe dann ein Durch-
einander gegeben und er wisse noch, dass sich andere Leute aus seiner Gruppe
dazwischen gedrängt hätten, wohl um sie zu trennen. Er selber sei geschubst
worden und der Beschuldigte sei zu Boden gefallen. Dieser sei dann aufgestan-
den und habe seine Waffe vorne aus dem Gürtel gezogen. Dann seien alle weg-
gerannt, der Privatkläger sei jedoch stehen geblieben. Irgendwer habe dann geru-
fen "schiess, schiess", worauf der Beschuldigte zweimal geschossen habe (Urk.
9/3 S. 5). Auf entsprechende Frage schätzte der Privatkläger die Distanz zwi-
schen ihm und dem Beschuldigten bei der Schussabgabe auf ca. 10 bis 15 Meter
(Urk. 9/3 S. 7).
e) Wie bereits bei den Aussagen des Beschuldigten blieb auch nach der
Schilderung der Vorgeschichte durch den Privatkläger unklar, was der eigentliche
Grund für die Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und dem Privat-
kläger war. Einzig die vom Privatkläger eingeräumte verbale Beleidigung durch
ihn ("Was seid ihr für 'Spastis'?") sowie ein Art von gegenseitigen "bösen Blicken"
scheinen für den Konflikt genügt zu haben. Es blieb ebenfalls unklar, wie und
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weshalb sich der Privatkläger dem Beschuldigten derart näherte, dass er ihn zu-
letzt an den Handgelenken festhalten konnte. Allerdings macht eben gerade diese
Schilderung einen gewissen Sinn, zumal davon auszugehen ist, dass der Privat-
kläger dadurch verhindern wollte, dass der Beschuldigte die Pistole aus dem Ho-
senbund ziehen würde. Die Schilderung des Privatklägers B._ zu den Grün-
den, weshalb der Beschuldigte zu Boden ging, bleibt lückenhaft ("Es flogen ein-
fach Hände in der Gegend rum. A._ fiel auf jeden Fall zu Boden" [Urk. 9/2
S. 9]; "Es gab dann ein Durcheinander. [...] derjenige mit der Waffe [...] fiel zu
Boden." [Urk. 9/3 S. 5]). Die glaubhafte Schilderung des Privatklägers B._,
wonach er vor allem auf den Beschuldigten geachtet habe, weil dieser eine Waffe
gehabt habe, widerspricht allerdings seiner Behauptung, wonach er den Sturz des
Beschuldigten und die Gründe dafür nicht gesehen haben will. Die Schussabgabe
durch den Beschuldigten wird vom Privatkläger B._ in seinen Aussagen
gleichbleibend, detailliert und damit grundsätzlich glaubhaft beschrieben. Insbe-
sondere schilderte der Privatkläger B._, dass der Beschuldigte im Zeitpunkt
der Schussabgabe keinen Angriff mehr zu befürchten gehabt habe. Zu diesem
Zeitpunkt habe sich der Privatkläger vom Beschuldigten entfernt. Zum weiteren
Inhalt seiner Aussagen ist festzuhalten, dass der Privatkläger die Vorgänge in
durchaus charakteristischer Weise schilderte, wie es von jemandem zu erwarten
ist, der den Vorfall selber erlebt hat. Insbesondere schilderte er immer wieder sei-
ne eigene psychische Befindlichkeit ("Es war ein Schock, ich realisierte nicht, was
geschah, und blieb stehen. Ich schaute nur noch auf den, der eine Waffe hatte"
[Urk. 9/2 S. 8]) und beschrieb auch Sachverhaltselemente, die ihn selbst belasten,
wie beispielsweise die gegenseitigen bösen Blicke und die verbale Beleidigung
durch ihn gegenüber der Personengruppe um den Beschuldigen. Seine Schilde-
rungen enthalten auch in sich logische und plausible Elemente, so wenn er z.B.
beschrieb, dass er bei einer allfälligen Rückkehr des Beschuldigten und seiner
Begleiter mit einer Schlägerei gerechnet habe, mithin dass beide Gruppen eine
gewisse Gewaltbereitschaft aufwiesen. Der von ihm erwähnte Schuss in die Luft
durch den Beschuldigten erscheint rein von der Situation und der Motivlage her
durchaus plausibel, insbesondere mit den begleitenden Worten des Beschuldig-
ten, wer jetzt ein "Spasti" sei.
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f) Aufgrund der Aussagen des Privatklägers ist die Version des Beschuldig-
ten zur Frage, ob er im Zeitpunkt der Schussabgabe von einem Angriff des Pri-
vatklägers ausgehen musste, zumindest zweifelhaft. Die Darstellung des Privat-
klägers erscheint im Kerngeschehen der Umstände der Schussabgabe konstant,
nachvollziehbar und plausibel. Dementsprechend wäre kein unmittelbarer Angriff
auf den Beschuldigten im Gang gewesen und auch nicht unmittelbar bevorste-
hend. Es bleibt somit nachfolgend zu prüfen, ob die Aussagen des Beschuldigten
bzw. des Privatklägers durch objektive Beweismittel oder Drittaussagen bestätigt
oder widerlegt werden können. Im Zentrum der Beweiswürdigung steht die Frage,
ob sich der Beschuldigte in einer Notwehrsituation befand bzw. eine solche an-
nehmen konnte. Ausserdem geht es um die Frage, ob der Beschuldigte den Vor-
satz hatte, mit den Schussabgaben den Privatkläger zu töten bzw. dessen Tötung
im Sinne eines Eventualvorsatzes in Kauf nahm.
8. a) Zu den objektiven Beweismitteln zählen der Spurensicherungsbe-
richt des Forensischen Instituts Zürich vom 14. November 2011 (Urk. 16/1), das
ärztliche Zeugnis der Klinik für Unfallchirurgie des Universitätsspitals Zürich vom
31. Oktober 2011 (Urk. 13/2 und 3), das Ergebnis der Untersuchungen betreffend
Drogeneinflüsse des Institutes für Rechtsmedizin vom 15. Dezember 2012
(Urk. 11/1), der Arztbericht betreffend die Verletzungen beim Beschuldigten vom
12. Oktober 2011 (Urk. 11/1) sowie aufgezeichnete Telefon-Verbindungen des
Mobiltelefons des Beschuldigten am Abend des 10. Oktober 2011 (Urk. 17/8).
b) Die Auswertung bzw. Würdigung der genannten objektiven Beweismittel
ergeben folgende Erkenntnisse:
aa) Bei den am Tatort sichergestellten zwei Hülsen und der Patrone handelt
es sich um solche im Kaliber 6.35 Millimeter. Die Hülsenböden der zwei Hülsen
und der Patrone weisen die Hülsenbodenprägung "G.F.L. 6.35" (Fiocchi) auf.
Beim Projektil, welches dem Privatkläger B._ aus dem linken Bein operiert
wurde, handelt es sich um ein Vollmantelgeschoss im Kaliber 6.35 Millimeter. Das
Projektil ist am Heck leicht abgeflacht und weist die Systemmerkmale 6 Fel-
der/Züge, Linksdrall und Feldereindruckarbeiten von 1.1 bis 1.2 Millimeter auf. Die
am Tatort sichergestellte Patrone weist Entladespuren auf. Die beiden Tathülsen
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weisen übereinstimmende Verfeuerungsmerkmale mit individuellen Spuren auf.
Somit steht beweiskräftig fest, dass die beiden Hülsen in ein und derselben Waffe
gezündet wurden (Urk. 16/1 S. 13). Eine Auswertung der Spuren an der Hose des
Privatklägers B._ ergab, dass der Privatkläger B._ an der Hose einen
Streifschuss am linken Hosenbein beim Unterschenkelbereich sowie einen Ein-
schuss am linken Hosenbein beim Kniebereich erlitt (Urk. 16/1). Am Tatort konnte
die Spurensicherung keine Projektil-Abprallstelle ausfindig machen. Es wurde nur
ein Projektil (im Bein des Privatklägers B._) gefunden (Urk. 16/1 S. 13). Eine
Schussdistanzbestimmung konnte aufgrund der fehlenden Tatwaffe nicht erfol-
gen.
bb) Aus dem ärztlichen Zeugnis von Prof. Dr. med. L._ und Oberarzt
Dr. med. M._ der Klinik für Unfallchirurgie des Universitätsspitals Zürich vom
31. Oktober 2011 geht hervor, dass der Privatkläger B._ einen Steckschuss
im Bereich der linken Kniekehle erlitten hat. Die Kugel scheine kurz oberhalb des
Kniegelenkes von der Innenseite eingedrungen zu sein. Sie sei direkt unter der
Haut an der Aussenseite des Knies gelegen mit leicht ansteigendem Verlauf. Eine
Selbstbeibringung sei durchaus möglich, der aufsteigende Schusskanal spreche
allerdings eher dagegen. Die Verletzung sei nicht lebensgefährlich gewesen. Sie
habe einen Spitalaufenthalt von drei Tagen notwendig gemacht. Es sei eine not-
fallmässige Operation zur Wundreinigung und Entfernung des Projektils sowie zur
Kontrolle auf etwaige Nerven- und Gefässverletzungen erfolgt. Grundsätzlich sei
eine Aussage über bleibende Schäden noch nicht mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit möglich, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit werde eine folgen-
freie Ausheilung stattfinden.
Zusammenfassend lässt sich anhand des ärztlichen Zeugnisses erstellen,
dass der Privatkläger B._ von einem Schuss getroffen wurde. Da der Schuss
im Bein des Privatklägers B._ stecken blieb und das Kaliber 6.35 Millimeter
betrug, ist von einer verhältnismässig geringen Durchschlagskraft der verwende-
ten Munition auszugehen. Der Schuss in die Kniekehle des Privatklägers B._
ist ein Indiz dafür, dass sich dieser im Moment der Schussabgabe vom Beschul-
digten zumindest teilweise abgewendet hat. Das wiederum spricht dafür, dass
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durch den Privatkläger im Zeitpunkt dieser Schussabgabe keine Bedrohung aus-
ging, was die Sachdarstellung des Privatklägers untermauert.
cc) Aufgrund der entsprechenden Untersuchungen standen weder der Be-
schuldigte noch der Privatkläger B._ unter Alkohol bzw. Drogeneinfluss (Urk.
11/4 und Urk. 12/5).
dd) Anlässlich der ärztlichen Untersuchung des Beschuldigten nach seiner
Verhaftung am 11. Oktober 2011, 19.40 Uhr, wurden an zwei Zähnen Abbrüche
sowie eine Schwellung des linken Unterlides festgestellt (Urk. 11/1). Die Verlet-
zung am Auge ist auch auf dem Foto des Verhaftsrapportes desselben Tages er-
sichtlich (Urk. 22/2). Die festgestellte Verletzung ist ein Indiz dafür, dass der Be-
schuldigte anlässlich des Vorfalls am Auge verletzt wurde bzw. einen Faustschlag
ins Gesicht erhalten hat. Eine vorangegangene Tätlichkeit erscheint denn auch
als plausible Ursache für seinen Schusswaffengebrauch.
ee) Gemäss Auszug aus dem Handy des Beschuldigten mit der Telefon-
nummer ... telefonierte dieser am 10. Oktober 2011 im Zeitraum von 16.13 Uhr
bis 18.24 Uhr sechs Mal mit E2._, wobei der Beschuldigte vier dieser Anrufe
tätigte und zwei Mal von E2._ angerufen wurde. Die Telefonanrufe dauerten
dabei zwischen einer und 39 Sekunden (Urk. 17/8). Obwohl der Inhalt dieser Ge-
spräche nicht aufgezeichnet wurde, stützt die Tatsache, dass der Beschuldigte in
telefonischem Kontakt mit E2._ stand, die Darstellung des Zeugen E2._,
wonach er vom Beschuldigten mit der Waffe nach D._ bestellt wurde (vgl.
unten Ziff. 9 lit. d).
c) Keines der oben gewürdigten objektiven Beweismittel ist geeignet, die
Sachdarstellung des Beschuldigten zu stützen, wonach er im Zeitpunkt der
Schussgaben angegriffen wurde bzw. mit einem weiteren Angriff hätte rechnen
müssen. Zu dieser Frage sind nachfolgend die Aussagen der übrigen Personen,
die jeweils den Beschuldigten bzw. den Privatkläger begleiteten, zu würdigen.
9. Bei den als Zeugen bzw. Auskunftspersonen befragten Personen, die
der Gruppe des Beschuldigten angehörten, handelt es um N._, O._
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(jüngerer Bruder des Beschuldigten), F._ und E2._. Die genannten
Zeugen und Auskunftspersonen wurden sowohl polizeilich als auch staatsanwalt-
schaftlich einvernommen. Ihre Aussagen hat die Vorinstanz in ihren Erwägungen
jeweils umfassend und zutreffend wiedergegeben. Um unnötige Wiederholungen
zu vermeiden kann auf die entsprechenden Ausführungen in den vorinstanzlichen
Erwägungen vorab verwiesen werden (Urk. 73 S. S. 38-57). Wo es notwendig er-
scheint, werden ihre Aussagen nachfolgend rekapituliert, ansonsten ihre Deposi-
tionen sogleich gewürdigt werden.
a) Der Zeuge N._ gab an, dass er den Moment der Schussabgabe nicht
gesehen habe und bestritt sogar eine Schussabgabe durch den Beschuldigten,
welche vom Beschuldigten selbst eingestanden wird. Sein Aussageverhalten
vermittelt den starken Eindruck, dass er den Beschuldigten nicht belasten wollte.
Weiter konnte N._ die Waffe beschreiben, obwohl er sie gar nicht gesehen
haben will. Völlig unglaubhaft erscheint die Behauptung N._s, dass man über
den Vorfall später nicht gesprochen habe. Er bestätigte indessen die Aussagen
des Privatklägers B._, wonach dieser den Beschuldigten an den Händen in
der Nähe des Gurtes festgehalten habe. Soweit N._ von zwei Personen in
der Gruppe des Privatklägers berichtete, welche Messer gezückt haben sollen,
widerspricht dies der ursprünglichen Darstellung des Beschuldigten in der Vorun-
tersuchung, wonach einzig eine Person ein Messer gezückt habe. Die diesbezüg-
liche Darstellung erscheint denn auch wenig glaubhaft, wie auch jene, dass die
Waffe vom Privatkläger B._ gestammt haben soll. Auch wenn N._ die
Sachdarstellung des Beschuldigten in mehreren Punkten bestätigte, so z.B. dass
sie durch die andere Gruppe drangsaliert worden seien, bestehen in seiner Schil-
derung derart grundlegende Falschaussagen (Schussabgabe durch den Privat-
kläger; Beschreibung der Waffe, obwohl diese nicht gesehen) und Lücken in Be-
zug auf den Ablauf kurz vor der Schussabgabe sowie die Schussabgabe selbst,
dass auf die gesamte Darstellung nicht abgestellt werden kann. N._ war of-
fensichtlich in erster Linie bestrebt, den Beschuldigten möglichst nicht zu belasten
(Urk. 10/1 und Urk. 10/2).
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b) Die Aussagen des Bruders des Beschuldigten, O._, vermochte keine
relevanten Angaben zum Tathergang zu machen. Seine Depositionen waren ge-
prägt vom Bestreben, möglichst gar keine konkreten Angaben zum Sachverhalts-
hergang zu machen. So gab er bei der Polizei zu Protokoll, sie hätten irgendwie,
"keine Ahnung, mit wem," gestritten, dann habe ihn der Beschuldigte wegge-
schickt. Er sei aber trotzdem mitgegangen. Sie hätten gestritten und er habe ei-
nen Schuss gehört und sei weggerannt. Sie seien dann zum Zug gerannt. Wer
geschossen habe, wisse er nicht (Urk. 10/3 S. 4). Auf die Frage, ob ausser sei-
nem Bruder noch andere Personen bewaffnet gewesen seien, antwortet er: "Nein,
das weiss ich nicht. Aha, die anderen, die hatten Waffen. (...) Es waren Messer
oder so ... es war dunkel. Sie, die haben auch Waffen gehabt, aber ich habe die
nicht studiert. Irgend etwas hatten die schon dabei." Bei der Staatsanwaltschaft
gab er dann zu Protokoll, dass er keine Aussagen machen wolle. Er sei mit Kolle-
gen unterwegs gewesen. Er habe sie beim "Grüscht" in D._ getroffen. Er ha-
be dort nichts gemacht. Was dort geschehen sei, wisse er nicht. Es sei zu einer
Schiesserei gekommen, er wisse nicht, wer geschossen habe. Auf der Zugfahrt
von D._ nach ... sei nicht gesprochen worden. Auf die Frage, ob er zum Be-
schuldigten "Schiess, schiess" gesagt habe, antwortete er, das sage man sicher
nicht zum Bruder. Das sei doch logisch. Er wolle sicher nicht, das sein Bruder ins
Gefängnis komme (Urk. 10/4 S. 1 ff.). Die Aussagen von O._ tragen
nichts zur Klärung des Sachverhaltes bei. Jedenfalls vermögen seine Angaben
die Sachdarstellung des Beschuldigten nicht zu stützen.
c) Die Auskunftsperson F._ bezeichnete in der Einvernahme vom
3. November 2011 bei der Polizei und in derjenigen vom 18. April 2012 bei der
Staatsanwaltschaft den Beschuldigten als guten, ja eigentlich als seinen besten
Kollegen (Urk. 10/17 S. 1 ff.; Urk. 10/18 S. 2 ff.). Er schilderte die Auseinander-
setzung zwischen dem Beschuldigten und dem Privatkläger, indem er die Initiati-
ve bzw. die Aggression ausschliesslich vom Privatkläger ausgehend darstellte.
Bei einer ersten Begegnung habe der Privatkläger die Gruppe mit F._ und
dem Beschuldigten angepöbelt indem er gesagt habe: "Hey, Michis oder so."
Beim hinunterlaufen habe einer gesagt: "Ich bringe einen, der euch alle schlägt."
An der ...-strasse hätten sich die Gruppen wieder getroffen. Dann habe derjenige,
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der später verletzt worden sei, gesagt: "Hey Gangsters." Sie hätten sich umge-
dreht, um zu sehen, wer das gesagt habe. Der Privatkläger B._ habe ange-
fangen zu lachen und gesagt: "Seid ihr Gangsters oder was?" Der Beschuldigte
habe zu ihm gesagt, er sei einer, weshalb er das wissen wolle. Der andere habe
gesagt: "Ich bringe euch alle um, kommt alle her." Er sei ganz nahe an den Be-
schuldigten herangekommen und habe ihn am Unterarm festgehalten. Wieder
habe der Privatkläger gesagt: "Ich bringe dich um." Die Begleiter des Mannes hät-
ten Messer und Schlagstöcke hervorgenommen. Der Mann, der später verletzt
worden sei, habe mit einer Hand an seiner (eigenen) Bauchgegend herumgegrif-
fen. Plötzlich habe er dem Beschuldigten mit der Faust ins Gesicht geschlagen.
"Dann hörte ich einen Schuss. Aus lauter Angst bin ich davongerannt. Es war
nicht zu sehen, wer geschossen hatte." Der andere habe ja auch gesagt: "Ich
bringe euch um." Sie seien alle auf den Zug gerannt, der im Bahnhof D._ ge-
standen sei. Sie seien mit dem Zug nach ... gefahren. "Wie sich herausstellte,
hatte A._ geschossen." Die Gruppe mit dem Verletzten sei ihnen nachge-
rannt. Es sei schon dunkel gewesen, man habe sie nicht erkennen können. Er
(F._) habe einfach gesehen, dass zwei Personen ein Messer hervorgenom-
men hätten und eine Person einen Schlagstock. Der Beschuldigte sei mit ihnen
auf den Zug gerannt. Er habe ein blaues Auge gehabt, aber sonst keine Verlet-
zungen.
Die Beschreibung des Vorfalles durch F._ beinhaltet eine sehr einseiti-
ge und teilweise stark übertriebene Schilderung der Abläufe. Er übertrifft diesbe-
züglich sogar die Darstellung des Beschuldigten selber, indem er als einziger der
Zeugen Todesdrohungen durch den Privatkläger behauptete und geltend machte,
dass die andere Gruppe "Messer und Schlagstöcke" hervorgenommen hätten. Er
nannte nur einen Schuss, obwohl der Beschuldigte selber zugab, mindestens
zweimal geschossen zu haben. Aufgrund der offensichtlichen Übertreibungen und
selbst gegenüber der Sachdarstellung des Beschuldigten wie auch der übrigen
Zeugen und Auskunftspersonen dramatisierenden Sachdarstellung, kann für die
Sachverhaltserstellung auf die Aussagen von F._ nicht abgestellt werden.
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d) E2._ wurde zunächst als Beschuldigter am 2. November 2011 poli-
zeilich (Urk. 10/23) und am 3. November 2011 staatsanwaltschaftlich befragt (Urk.
10/24). Schliesslich wurde er am 24. Mai 2012 durch die Staatsanwaltschaft als
Zeuge befragt (Urk. 10/25).
aa) Der Beschuldigte wohnte im Tatzeitpunkt schon seit einigen Tagen bei
E2._, da der Beschuldigte durch seinen Vater "hinausgeschmissen" worden
sei. Die beiden kannten sich gemäss übereinstimmenden Aussagen jedoch erst
seit einigen Wochen. E2._ beschrieb bei seinen Aussagen zahlreiche Sach-
verhaltselemente, welche vom Beschuldigten geschildert worden waren. So be-
schrieb er, dass der Beschuldigte mit der Faust aufs Auge geschlagen worden
und dadurch zu Boden gefallen sei. Sehr plastisch beschrieb er, wie beide Grup-
pen den Streit suchten und aufeinander losgingen. Insbesondere beschrieb er
auch mehrere Sachverhaltselemente, die vom Privatkläger B._ und von Per-
sonen in dessen Gruppe geschildert worden waren. Letztlich beschrieb er den
gesamten Tatablauf im Kern widerspruchsfrei und sehr glaubhaft. Weiter werden
die Aussagen von E2._ durch objektive Beweismittel gestützt. So schilderte
E2._, der Beschuldigte habe die Waffe durchgeladen und etwas habe ge-
klemmt. Das Teil, das sich oben an der Waffe befinde und das man hin und her
bewegen könne, sei hinten geblieben. Damit meinte er offensichtlich den Schlit-
ten, der für eine Schussabgabe in der vorderen Position eingerastet sein muss.
Der Beschuldigte habe versucht, dieses Teil immer wieder nach vorne zu schie-
ben. Diese Schilderung wird gestützt vom Umstand, dass am Tatort neben zwei
Hülsen auch eine Patrone im Kaliber 6.35 Millimeter sichergestellt werden konnte.
Die betreffende Aussage von E2._, der diese Beobachtung als einziger der
Aussagenden schilderte, ist deshalb sehr glaubhaft. E2._ erwähnte zudem
die Telefongespräche zwischen dem Beschuldigten und ihm, bevor ihm die nach-
träglichen Verbindungsdaten vorgehalten wurden (Urk. 10/23 S. 9). Zwar irrte sich
E2._ gemäss der Auswertung des Mobiltelefons des Beschuldigten bei der
Zeitangabe um rund zwei Stunden, trotzdem lässt sich dadurch erstellen, dass ein
telefonischer Kontakt zwischen den beiden bestand, was die Aussagen von
E2._ stützt.
- 30 -
bb) Aufgrund der Aussagen von E2._ wurde die bis dahin vom Be-
schuldigten geltend gemachte Version über die Erlangung der Pistole widerlegt.
E2._ sagte aus, er habe die Waffe nach D._ gebracht, weil sie der Be-
schuldigte unbedingt haben wollte. Sie hätten sich an jenem Abend zunächst bei
ihm (E2._) zu Hause, also an der P._-strasse ..., aufgehalten. Die Waf-
fe gehöre dem Beschuldigten, sie habe sich in seinem Zimmer an der P._-
strasse befunden. Der Beschuldigte habe ihm am Telefon gesagt, wo er sie finde.
"Er sagte, dass er sein Spielzeug brauchen würde. Ich habe schon verstanden,
was er damit meint." Er (E2._) habe die Waffe geholt, sie sei im Zimmer in
einer Schublade gewesen. Er habe sie bei sich hinten in den Hosenbund ge-
steckt, dann sei er nach D._ gefahren. Die Waffe habe der Beschuldigte die
ganze Zeit, während er bei ihm (E2._) gewohnt habe, in seinem Zimmer ge-
habt. Der Beschuldigte habe sie ihm vorgängig gezeigt. "Wissen Sie, ich mache
mir Gedanken, weil ich A._ die Waffe gebracht habe. Aber A._ hat es ja
mit Reden versucht. Ich habe mit dieser Waffe eigentlich nichts zu tun haben wol-
len." Die Waffe sei geladen gewesen. Er (E2._) habe das Magazin heraus-
genommen und gesehen, dass es voll gewesen sei. Es seien so zwischen sechs
oder acht Patronen drin gewesen. Er wisse nicht, ob im Lauf eine Patrone gewe-
sen sei. Er wisse nicht, wie man das sehe. Er habe dem Beschuldigten die Waffe
gegeben, als sie in Richtung "Grüscht" gegangen seien. Als er dort angekommen
sei, habe der Beschuldigte mit einem Kollegen von der Geschädigtenseite ge-
sprochen. "Wir wollten das ganz friedlich lösen, einfach mit Reden." Aber derjeni-
ge, der niedergeschossen wurde, habe das nicht einsehen wollen und weiter pro-
voziert. Nachher, irgendwie, sei das Gespräch zwischen dem Beschuldigten und
dem Kollegen des Angeschossenen beendet gewesen. Sie seien zurück in Rich-
tung Bahnhof D._ gegangen (Urk. 10/23 S. 5 f.).
cc) Nachher seien die Kollegen des Angeschossenen und er der Gruppe
des Beschuldigten nachgerannt. Derjenige, der später angeschossen worden sei,
habe den Beschuldigten gepackt. Der Beschuldigte habe gesagt, er solle ihn los-
lassen. "Nachher ist es schon eskaliert, es flogen Schläge, ich zog jemanden weg
und in der Zeit fielen Schüsse durch A._." Der Privatkläger B._ habe
dem Beschuldigten direkt aufs Auge geschlagen, deshalb sei es zur Schiesserei
- 31 -
gekommen. "Ich weiss nur noch, dass A._ zu Boden gefallen ist und ich ei-
nen Burschen weggeschubst habe. Dann habe ich die Schüsse gehört. Es ist al-
les sehr schnell gegangen." Er habe gesehen, wie der Beschuldigte geschossen
habe. Der Beschuldigte habe mit einer silbrigen Waffe geschossen. Sie sei klein
gewesen. Er habe nicht gesehen, dass ausser dem Beschuldigten noch jemand
bewaffnet gewesen sei. "A._ hat mir nichts dergleichen erzählt." (Urk. 10/23
S. 6).
dd) Im Gegensatz zum Beschuldigten und zu den Aussagen der übrigen
Mitglieder der Gruppe des Beschuldigten beschrieb E2._ den Warnschuss
des Beschuldigten in die Luft (Urk. 10/24 S. 10). Er schilderte diese Situation in
der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 3. November 2011: Auf dem Weg
vom Bahnhof zum "Grüscht", nachdem er dem Beschuldigten die Waffe überge-
ben gehabt habe, habe der Beschuldigte sie zuerst in den Hosenbund, vorne oder
hinten, eingesteckt. Nach drei oder vier Metern habe er die Waffe wieder hervor-
genommen. Er habe etwas an der Waffe manipuliert, aber nichts dabei gesagt.
"Ich denke, er hat sie durchgeladen und etwas hat geklemmt." Das Teil, das sich
oben an der Waffe befinde und das man hin und her bewegen könne, sei hinten
geblieben. Der Beschuldigte habe versucht, dieses Teil immer wieder nach vorne
zu schieben. Sie seien bis zu den ersten Sitzbänken gegangen. Die andere Grup-
pe sei bei einer der ersten Sitzbänke gesessen. Der Beschuldigte habe dann der
anderen Gruppe zugeschrien: "Jetzt seht ihr dann, wer der grösste Spasti ist!" Er
habe dann einmal mit der Waffe in die Luft geschossen. Er habe die Waffe mit
gestrecktem Arm in die Höhe gehalten. Der Beschuldigte sei dann auf eine Per-
son der anderen Gruppe zugegangen, es sei ein Kleinerer gewesen. Es habe sich
nicht um den späteren Geschädigten gehandelt. Er (E2._) sei ca. zwei bis
drei Meter von ihnen entfernt gewesen. Der Beschuldigte habe gefragt, ob der
andere und der Privatkläger B._ Moslems seien. Der andere habe dies be-
jaht. Der Beschuldigte habe dann gesagt: "Ok, dann bleibt's bei dem." Die Gruppe
des Beschuldigten sei dann etwa bis zum "roten Kunstwerk" gelaufen.
ee) Aus seiner Schilderung der Schussabgabe durch den Beschuldigten
geht hervor, dass der Beschuldigte mit der rechten Hand geschossen habe, wobei
- 32 -
er nur auf den Privatkläger B._ gezielt habe. Der Abstand zwischen dem Be-
schuldigten und dem Privatkläger habe zwischen zehn und 15 Meter betragen.
Hervorzuheben ist insbesondere, dass nach Darstellung von E2._ die Grup-
pe des Privatklägers B._ keine Waffen dabei hatte und dass nach dem
Faustschlag keine unmittelbare Bedrohung des Beschuldigten bestand. Insbe-
sondere habe sich der Privatkläger B._ bereits mehrere Meter vom Beschul-
digten entfernt befunden, als dieser auf ihn geschossen habe. Die Schussdistanz
schätzte E2._ auf 15 bis 20 Meter (Urk. 10/24 S. 11). Als E2._ in der
Einvernahme durch die Staatsanwältin aufgefordert wurde, die ungefähre Distanz
zu zeigen, bezeichnete E2._ eine Distanz, welche 7.95 Meter ausmachte
(Urk. 10/24 S. 11 und Urk. 10/25 mit Aktennotiz im Anhang). Dabei ist es durch-
aus nachvollziehbar, dass es einfacher ist, eine Distanz bildlich einzuschätzen,
als abstrakt eine Distanz in Metern zu schätzen. Es ist deshalb gestützt auf das
bildliche Aufzeigen von E2._ und entgegen der Auffassung der Verteidigung
(Urk. 85 S. 8) von einer Schussdistanz von ca. acht Metern auszugehen. Eine
teilweise Bestätigung erhalten E2._s Aussagen denn auch durch das Aussa-
geverhalten des Beschuldigten. Dieser bestätigte erst auf Vorhalt von E2._s
Aussagen, dass er die Waffe von E2._ übernommen habe. An der Version
mit dem angeblichen E1._ konnte er nicht mehr festhalten. Allerdings bestritt
der Beschuldigte nach wie vor, dass er E2._ angewiesen habe, ihm die Pis-
tole nach D._ zu bringen. Die diesbezügliche Schilderung durch E2._ ist
jedoch sehr glaubhaft, zumal sie im Gegensatz zur Version des Beschuldigten
plausibel und folgerichtig erscheint, insbesondere vor dem Hintergrund der Tele-
fonate zwischen ihm und E2._ kurz vor der Tat. Ausserdem belastet sich
E2._ mit seiner Sachdarstellung selber, was ihm auch als juristischer Laie
durchaus bewusst war (vgl. Urk. 10/24 S. 14).
ff) Zusammenfassend erscheinen die Aussagen E2._s glaubhaft und
realitätsnah geschildert. Sie sprechen aufgrund der Beschreibung der Situation
bei der Schussabgabe, insbesondere betreffend die Distanzangaben, gegen die
Behauptung des Beschuldigten, wonach eine echte oder vermeintliche Notwehrsi-
tuation bestanden habe. Die Sachdarstellung von E2._ findet denn auch ihre
Bestätigung in den Aussagen der Gruppe des Privatklägers, wobei zu beachten
- 33 -
ist, dass diese ihrerseits offenkundig bemüht waren, den Tatablauf in einem für
sie günstigen Licht darzustellen. Auf ihre Aussagen ist nachfolgend näher einzu-
gehen.
10. Bei den als Zeugen befragten Personen, die der Gruppe des Privatklä-
gers angehörten, handelt es um J._, I._ und H._. Die genannten
Zeugen wurden sowohl polizeilich als auch staatsanwaltschaftlich einvernommen.
Ihre Aussagen hat die Vorinstanz in ihren Erwägungen jeweils umfassend und zu-
treffend wiedergegeben. Um unnötige Wiederholungen zu vermeiden kann auf die
entsprechenden Ausführungen in den vorinstanzlichen Erwägungen vorab ver-
wiesen werden (Urk. 73 S. S. 59-74). Wo es notwendig erscheint, werden ihre
Aussagen nachfolgend rekapituliert, ansonsten ihre Depositionen sogleich gewür-
digt werden.
a) Anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 13. Oktober 2011 erklärte
J._, er habe nach D._ ins Fitness gehen wollen. I._ habe ihn be-
gleitet. Sie hätten B._ am Bahnhof getroffen. Er (J._) sei mit dem Pri-
vatkläger B._, I._ und H._ rauchen gegangen. Sie seien nachher
alle vier zum "Grüscht" gegangen. Unterwegs seien sie dem Beschuldigten und
zwei anderen Typen begegnet. Sie seien in Richtung "Grüscht" weitergegangen.
Sie hätten sich alle gegenseitig angeschaut. "Es war nicht freundschaftlich, aber
mir war das egal, ich ging einfach weiter." Der Privatkläger B._ und der Be-
schuldigte hätten sich angeschaut und etwas gesagt. Er (J._) wisse nicht
was, er verstehe die Sprache nicht. Der Beschuldigte habe ihnen gesagt, sie soll-
ten warten. Er (J._) habe das nicht ernst genommen.
aa) Kurze Zeit später sei der Beschuldigte wieder mit fünf oder sechs Leuten
gekommen. Er habe in die Luft geschossen. "Sie kamen einfach, ohne etwas zu
sagen und A._ schoss in die Luft." Er habe das zuerst gar nicht realisiert und
gemeint, es handle sich um eine Rakete. Als der Beschuldigte näher gekommen
sei und er (J._) die Waffe gesehen habe, "irgend so eine silbrige Waffe, so
eine kleine," sei er unter Schock gestanden und habe nicht gewusst, was tun
(Urk. 10/5 S. 5 f.). Der Beschuldigte habe gefragt: "Was isch jetzt los?" Dann sei
der Privatkläger B._ zum Beschuldigten gegangen und habe mit ihm gespro-
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chen. Nachher habe ihn der Beschuldigte zu sich gerufen und mit ihm gespro-
chen. Der Beschuldigte habe ihn (J._) gefragt, ob sie ein Problem hätten. Er
(J._) habe Angst bekommen. Er könne das Gefühl nicht beschreiben. Er ha-
be dann zum Beschuldigten gesagt, dass er kein Problem mit ihm hätte und das,
was zwischen ihm und dem Privatkläger B._ sei, das sei unnötig. Sie hätten
Abstand genommen. Nachher seien er und I._ wieder zurück und am ...-
Gebäude vorbei. Der Privatkläger B._ und H._ hätten nach Hause ge-
hen wollen. Der Beschuldigte sei weg gegangen und sie auch und dann sei es zu
diesem Zusammentreffen gekommen. Die anderen seien sieben gewesen und sie
(die Gruppe des Privatklägers B._) vier. Sie seien ganz sicher nur zu viert
gewesen. "Es gab eine Schupferei zwischen A._ (dem Beschuldigten) und
B._ (dem Privatkläger). Dann ist A._ zu Boden gefallen, so wie ich mich
erinnern kann. Dann zog A._ die Waffe, von vorne, bei seinem Bauch. Er
zielte auf B._. Er nahm die Waffe hervor, schaute um sich, auf uns, seine
Kollegen waren alle so verteilt. Als er die Waffe gezogen hat, bekamen wir Angst.
Dann schoss er, aber zwei Mal. Ich habe es einfach nicht realisiert. Ich war in ei-
nem anderen Zustand." Der Beschuldigte habe nicht um sich geschossen, er ha-
be auf den Privatkläger B._ gezielt. Dann habe der Beschuldigte zwei Mal
geschossen. Er habe auf den Körper gezielt und geschossen. Ausser dem Be-
schuldigten sei niemand bewaffnet gewesen. Seine Gruppe sei nicht bewaffnet
gewesen (Urk 10/5 S. 7).
bb) Als Zeuge schilderte J._ am 26. Januar 2012 bei der Staatsanwalt-
schaft die Vorgeschichte bis zum Schuss in die Luft analog zu seinen Aussagen
bei der Polizei. Er habe einen Ton gehört. Dann sei der Beschuldigte mit ca. fünf
bis sechs Personen gekommen. Zuerst habe er (J._) nicht gewusst, was das
für ein Ton gewesen sei. Er habe zunächst gedacht, das sei eine Rakete oder so
gewesen. Sie seien etwas eingeschüchtert gewesen und hätten Abstand genom-
men. Als er mit dem Beschuldigten gesprochen habe, hätten die anderen gese-
hen, dass der Beschuldigte eine Waffe habe. Zwei bis drei Minuten später sei die
Gruppe des Beschuldigten in Richtung Bahnhof D._ gegangen. Sie hätten
dann die Gruppe des Beschuldigten zwischen dem "Grüscht" und dem Bahnhof
D._ wieder getroffen. "A._ und B._ hatten dann wieder etwas. Sie
- 35 -
hatten so etwas wie: 'Was isch?' gesagt und sich geschupft." Der Beschuldigte sei
nach hinten auf den Rücken gefallen, weil der Privatkläger B._ ihn geschubst
habe. Der Privatkläger B._ sei "schon etwas grösser" als der Beschuldigte.
Dann habe der Beschuldigte eine Waffe vorne aus dem Hosenbund herausge-
nommen und habe geschossen. Während dem Aufstehen habe er die Waffe ge-
zogen. Er habe gezielt, dann habe ihm irgendein Kollege gesagt: "Schiess." Das
habe er (J._) gehört. "Dann ist es halt passiert". Er habe auf den Privatkläger
B._ gezielt, sein Arm sei gestreckt gewesen. In welcher Hand er die Waffe
gehalten habe, wisse er nicht mehr. Der Beschuldigte sei beim Zielen gestanden,
er wisse aber nicht genau, wie der Beschuldigte gestanden sei. Die Distanz zwi-
schen dem Beschuldigten und dem Privatkläger B._ habe ca. fünf Meter be-
tragen. Der Beschuldigte habe zweimal geschossen. Insgesamt habe er drei Mal
geschossen. Keiner aus der einen Gruppe habe jemanden aus der anderen
Gruppe bedroht. Der Privatkläger B._ habe den Beschuldigten nicht ge-
schlagen. Es sei eine gegenseitige Schubserei gewesen. Der Beschuldigte habe
zu Beginn der Auseinandersetzung kein blaues Auge gehabt. Keiner aus der
Gruppe des Privatklägers B._ habe ein Messer dabei gehabt (Urk. 10/6 S. 3
ff.).
Bei J._ handelt es sich um ein Mitglied aus der Gruppe des Privatklä-
gers B._. Er machte spontan Angaben zu seinen jeweiligen Emotionen und
Gefühlen, weshalb seine Schilderungen den Eindruck von tatsächlich erlebten
Vorgängen vermitteln. Seine Darstellung deckt sich weitgehend mit jenen des Pri-
vatklägers B._. J._ bestätigte dessen Aussagen, wonach es aufgrund
böser Blicke beim ersten Treffen zu einer verbalen Auseinandersetzung gekom-
men sei und der Beschuldigte seiner Gruppe zugerufen habe, sie sollten warten.
Auch die Aussagen von J._ geben keinen Aufschluss darüber, wieso es zu
einer tätlichen Auseinandersetzung der Gruppen bzw. zwischen dem Beschuldig-
ten und dem Privatkläger B._ kam. Unklar bleibt auch, weshalb der Beschul-
digte zu Boden fiel. Sie untermauern hingegen den Tatablauf, wie ihn E2._
beschrieb. Der Beschuldigte schoss auch nach dieser Darstellung nicht aus einer
Notwehrsituation heraus.
- 36 -
b) Nach Schilderung der Vorgeschichte, die mit der Schilderung von J._
übereinstimmt, beschrieb I._ in der polizeilichen Einvernahme vom 13. Okto-
ber 2011, wie der Beschuldigte nach der erneuten Begegnung der beiden Grup-
pen sofort in die Luft geschossen habe.
aa) Der Beschuldigte habe ihnen, d.h. der Gruppe um den Privatkläger
B._, Angst machen wollen und gesagt: "Wer ist jetzt ein Spasti? oder so ähn-
lich." (Urk. 10/7 S. 6). J._ habe vorgeschlagen, der Beschuldigte und der Pri-
vatläger sollten von Mann zu Mann kämpfen, was der Beschuldigte abgelehnt ha-
be. Es habe dann einen Wortwechsel gegeben und alle seien in Richtung Bahn-
hof bzw. ...-Areal gegangen. Der Privatkläger habe mit dem Beschuldigten spre-
chen wollen, wegen seiner Waffe. Die beiden hätten miteinander gestritten, ei-
nander aggressiv angeschrien. Der Beschuldigte habe seine Leibchen hochgezo-
gen und die Pistole gezeigt. Der Privatkläger habe dem Beschuldigten die Waffe
wegnehmen wollen. Er habe sie aus der Hand reissen oder aus der Hose ziehen
wollen (Urk.10/7 S. 7). Der Beschuldigte habe dann auf den Privatkläger B._
gezielt und einer von der Gruppe des Beschuldigten habe die ganze Zeit gesagt:
"Schiess, schiess." Der Beschuldigte habe auf den Privatkläger B._ ge-
schossen. Der Beschuldigte sei ein wenig zurück, habe gezielt, zuerst auch auf
die Gruppe des Privatklägers, dann auf B._ selber und habe dann geschos-
sen. Er habe den Privatkläger am linken Bein getroffen, weshalb dieser gehum-
pelt habe. Alle seien ein wenig geschockt gewesen. Dann seien die anderen mit
dem Zug abgehauen (Urk. 10/7 S. 7 f.).
bb) In der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 26. Januar 2012 be-
stätigte er seine früheren Aussagen bei der Polizei betreffend den Ablauf der Ge-
schehnisse bis zur ersten Schussabgabe in die Luft. Danach schilderte er noch-
mals konkret die Situation bei der Schussabgabe gegen den Privatkläger. Nach-
dem die beiden Kontrahenten zunächst eine nur verbale Auseinandersetzung ge-
führt hätten, sei die Gruppe des Beschuldigten weggegangen. Die Gruppe des
Privatklägers habe dann auch in Richtung Bahnhof D._ gehen müssen. Auf
dem Weg dorthin habe es zwischen den beiden Gruppen wieder einen Wort-
wechsel gegeben, es seien wohl irgendwelche Beleidigungen zwischen dem Pri-
- 37 -
vatkläger B._ und den anderen gefallen. Die andere Gruppe sei dann stehen
geblieben. Der Privatkläger B._ habe dann ihn (gemeint: den Beschuldigten)
geschubst oder so. Dann habe der Beschuldigte vorne aus seinem Hosenbund
eine Waffe gezogen und irgendeiner habe gesagt: "Schiess, schiess". Dann habe
der Beschuldigte geschossen. Der Beschuldigte habe nachgeladen, nachdem er
das erste Mal auf den Privatkläger geschossen hatte. Es sei eine kleine Waffe
gewesen. Der Abstand bei der Schussabgabe sei ca. drei Meter gewesen. Der
Beschuldigte habe ungefähr dreimal geschossen. Er habe geschossen, nachge-
laden, geschossen, nachgeladen und geschossen. Er (I._) habe gesehen,
dass der Privatkläger zwei Mal getroffen worden sei. Einmal sei er am linken Knie,
seitlich hinten, getroffen worden und am linken Oberschenkel habe er auch noch
etwas aufgerissen gehabt. "Vielleicht war dies ein Streifschuss." Die Schüsse sei-
en unmittelbar nacheinander abgegeben worden. Der Beschuldigte habe dabei
immer auf den Privatkläger B._ gezielt. Er wisse nicht, weshalb der Beschul-
digte die Waffe gezogen und geschossen habe (Urk. 10/8 S. 4 ff.). Der Privatklä-
ger B._ habe auf dem Weg zum Bahnhof, bevor es zur dritten Begegnung
gekommen sei, telefoniert. Er (I._) wisse nicht, mit wem (Urk. 10/8 S 10 f.).
cc) Nach seinen glaubhaften Schilderungen, welche sich im Wesentlichen in
den von beiden Kontrahenten geschilderten Ablauf einfügen, standen sich beide
Gruppen feindselig gegenüber. Es kam zu einer ersten Auseinandersetzung, bei
welcher man sich böse anschaute bzw. gegenseitig provozierte. In der Folge ging
der Beschuldigte weg und erlangte eine Pistole, während die Gruppe des Privat-
klägers B._ wartete und bei einer allfälligen Rückkehr des Beschuldigten mit
einer Schlägerei rechnete. Die Schilderung von I._ stimmt mit jener des Be-
schuldigten überein, wonach man den Beschuldigten im Rahmen des zweiten
Kontakts fragte, ob er "eins gegen eins" bzw. einen Zweikampf wolle. In der Folge
kam es später zu einer dritten Auseinandersetzung, anlässlich welcher der Privat-
kläger B._ gegen den Beschuldigen tätlich wurde, wodurch dieser auf den
Boden fiel und in der Folge auf den Privatkläger B._ schoss. Dass der Be-
schuldigte zwischen den Schüssen nachgeladen habe, erscheint indessen unrich-
tig, handelte es sich doch ohne Zweifel um eine Selbstladepistole. Manipulationen
zur Behebung einer Ladestörung sind zwar für die Phase vor dem Schuss in die
- 38 -
Luft bezeugt (vgl. Aussagen von E2._ in Urk. 10/24 S. 11 f.), erscheinen für
die Phase der Schussabgaben gegen den Privatkläger hingegen nicht glaubhaft
und wurden auch vom Beschuldigten selber nicht geltend gemacht. Es ist davon
auszugehen, dass I._ fälschlicherweise glaubte, es sei für jede Schussabga-
be ein Nachladen nötig.
Die Aussagen des Zeugen I._ sprechen jedenfalls nicht für die Sach-
darstellung des Beschuldigten, wonach durch die Mitglieder der anderen Gruppe
eines oder mehrere Messer gezückt worden seien oder der Beschuldigte sich
sonst wie in einer Situation befunden hätte, in welcher er einen (weiteren) Angriff
gewärtigen musste.
c) H._ wurde am 30. November 2011 polizeilich befragt (Urk. 10/13)
und am 15. März 2012 als Zeuge durch die Staatsanwaltschaft (Urk. 10/14).
aa) H._ gab bei der Polizei zu Protokoll, dass er beim Privatkläger
B._, der ein Cousin von ihm sei, übernachtet habe. Sie seien dann zusam-
men hinausgegangen und hätten in D._ beim Bahnhof J._ und I._
getroffen. Sie seien alle zum "Grüscht" gegangen. Später habe er den Privatklä-
ger und Beschuldigten gesehen, die zusammen gesprochen hätten. Nachher sei
der Beschuldigte mit seiner Gruppe etwas zurückgegangen. H._ habe ge-
hört, dass der Beschuldigte zum Privatkläger gesagt habe: "Wart, wart." Dann sei
der Beschuldigte mit seinen Kollegen Richtung Bahnhof D._ gegangen. Nach
ein paar Minuten sei der Beschuldigte mit mehreren Personen zurückgekommen.
Er habe dann vorne aus dem Hosenbund eine Waffe gezogen und damit in die
Luft geschossen. Nachher habe der Beschuldigte auf den Privatkläger aus naher
Distanz gezielt, wobei der Arm des Beschuldigten richtig gestreckt gewesen sei
und die Waffe im Licht geglänzt habe (Urk. 10/13 S. 5). Nachher sei der Beschul-
digte zu J._ und habe mit ihm irgend etwas geredet. Er (H._) wisse
nicht, worüber. Der Beschuldigte sei dann mit seiner Gruppe ein wenig zurück
gegangen. Der Beschuldigte sei dann wieder zum Privatkläger B._ gegan-
gen. Dieser habe den Beschuldigten irgendwie halten wollen, er habe dessen
Hände festhalten wollen. Man habe im Gesicht des Privatklägers B._ sehen
können, dass er Angst gehabt habe. Der Beschuldigte habe "so richtig böse
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dreingeschaut." In diesem Zeitpunkt sei die Waffe wieder vorne im Hosenbund
des Beschuldigten gewesen, aber nicht so ganz drin. Man habe sie sehen können
"und die Waffe war wie bereit." Er (H._) habe gar nicht mehr schauen kön-
nen. Er sei nach hinten und ein wenig rechts des Privatklägers B._ in Rich-
tung des alten Gebäudes gerannt. "Ich hatte Angst. Es war eine echte Waffe."
Von ihnen (der Gruppe des Privatklägers B._) habe niemand eine Waffe da-
bei gehabt. Aus grosser Distanz habe er (H._) gesehen, dass der Beschul-
digte am Boden gelegen sei und wie er wieder aufgestanden sei. Der Beschuldig-
te habe die Waffe gezogen und auf den Privatkläger B._ gezielt. Jemand ne-
ben ihm habe geschrien: "Schüss, schüss, schüss." Das erste Mal, als der Be-
schuldigte geschossen habe, habe der Zeuge gehört, wie der Beschuldigte eine
Stange getroffen hatte, es habe "ding" gemacht. Nach dem zweiten Mal habe er
seinen Cousin humpeln gesehen. Der Zeuge habe zwei oder drei Schüsse gehört.
Alles sei ganz schnell passiert und plötzlich seien alle weg gewesen (Urk. 10/13
S. 6). Als der Beschuldigte am Gehen gewesen sei, habe er immer noch gezielt
und sei nachher weggerannt in Richtung Bahnhof D._ ..., dann Richtung ...
(Urk. 10/13 S. 7).
bb) Als Zeuge bestätigte H._ seine früheren Aussagen bei der Polizei,
wobei er präzisierte, dass er und der Privatkläger B._ gute Kollegen seien. Er
bezeichne den Privatkläger deshalb als seinen Cousin, obwohl sie nicht verwandt
seien (Urk. 10/14 S. 2). Ausserdem führte er nun aus, dass er sich nach der ers-
ten Begegnung zwischen dem Beschuldigten und dem Privatkläger zurückgezo-
gen habe, falls etwas passieren würde. Beide seien aggressiv gewesen und hät-
ten einander böse Blicke zugeworfen (Urk. 10/14 S. 4). Von dem Gespräch zwi-
schen dem Beschuldigten und einem Kollegen des Privatklägers bei der ersten
Begegnung der Gruppen unten beim "Grüscht" habe er nichts mitbekommen. Da-
nach sei der Beschuldigte in Richtung Bahnhof D._ gegangen. Dann sei er
mit seinen Kollegen zurückgekommen. Dann habe er nur noch die Waffe gehört.
Es habe einfach "Bäng" gemacht. Als der Zeuge den Knall gehört habe, habe er
weggeschaut und sei weggerannt. Er habe nur den Rücken des Privatklägers
B._ und seiner Kollegen gesehen. Was der Grund für dieses "Bäng" gewe-
sen sei, wisse er nicht. Er denke, dass der Beschuldigte damit dem Privatkläger
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B._ Angst habe machen wollen. Der Beschuldigte habe seinen Arm in die
Höhe gestreckt und in die Luft geschossen. Er habe ganz am Anfang, als er und
seine Gruppe wieder zurückgekommen seien, eine Waffe vorne beim Gurt her-
vorgenommen und damit in die Luft geschossen. Danach sei die Gruppe des Be-
schuldigten wieder in Richtung Bahnhof D._ gegangen. Der Privatkläger
B._ und einige seiner Gruppe seien der Gruppe des Beschuldigten hinterher
gegangen. Der Zeuge H._ sei mit Abstand hinter der Gruppe des Privatklä-
gers B._ gelaufen. Er habe dann gesehen, wie der Privatkläger den Be-
schuldigten gehalten und geschubst habe. Wie er das genau gemacht habe, wis-
se er nicht. Er habe einfach gesehen, dass der Beschuldigte am Boden lag. Der
Beschuldigte sei so umgefallen, wie wenn man geschubst werde. Er habe sich
kurz mit einem Arm am Boden abgestützt und sei sogleich wieder aufgestanden.
Er sei sicher nicht flach auf dem Boden gelegen, denn sonst hätte er nicht so
schnell wieder aufstehen können. Dann habe er (H._) drei Schüsse gehört.
Der Beschuldigte sei wieder aufgestanden und habe geschossen. Der Beschul-
digte habe etwas gewartet, auf den Privatkläger B._ gezielt und mit gestreck-
tem Arm geschossen. Dann sei nichts passiert. Dann habe er nochmals geschos-
sen. Bei diesem Schuss habe er (H._) den Klang einer Stange gehört. Es
habe so getönt, wie wenn man einen Stein auf eine Stange werfen würde. Es ha-
be 'ting' gemacht. Danach habe er ein drittes Mal geschossen und den Privatklä-
ger getroffen (Urk. 10/14 S. 5 ff.). Der Beschuldigte habe ca. auf Brusthöhe des
Privatklägers B._ gezielt und sei dabei gestanden. Auf Nachfrage, ob der
Beschuldigte beim Aufstehen gewesen sei, erklärte H._: "Nein, das geht gar
nicht. Er stand und war bereit." Der Abstand des Beschuldigten zum Privatkläger
B._ habe ca. fünf bis sechs Meter betragen. Nach den Schüssen sei die
ganze Gruppe des Beschuldigten weggerannt in Richtung Bahnhof D._ (Urk.
10/14 S. 8). Auf den Hinweis, er habe in der ersten polizeilichen Einvernahme von
zwei Schüssen gesprochen, erklärte der Zeuge H._: "Vielleicht habe ich es
dort falsch gesagt. Ich bin mir aber heute sicher, dass es drei Schüsse waren.
Zuerst der erste Schuss, dann die Stange, dann der dritte Schuss." (Urk. 10/14
S. 13).
- 41 -
cc) Die Aussagen des Zeugen H._ wirken authentisch. Er beschreibt
eindrücklich seinen jeweiligen Gefühlszustand, was für ein selber erlebtes Ge-
schehen spricht. Seine Beobachtungen decken sich mit den objektiven Beweis-
mitteln und passen in die Schilderungen der Kontrahenten. Seine Darstellung
vermag die Version des Beschuldigten, wonach er sich in einer Notwehrsituation
befunden habe, nicht zu stützen.
11. Als zusammenfassendes Fazit aus der Würdigung der Aussagen der
den beiden Gruppen angehörenden Personen kann festgehalten werden, dass
auf die Aussagen von N._, O._ und F._ für Sachverhaltserstellung
und insbesondere für die im Vordergrund stehende Frage einer Notwehrsituation
nicht abgestellt werden kann, weil sie generell oder in den entscheidenden Punk-
ten aus den oben dargelegten Gründen nicht glaubhaft sind. Hingegen beschrieb
E2._ das Kerngeschehen des Sachverhaltes widerspruchsfrei und konstant,
wobei er durchaus auch sich selber belastete, indem er zugab, dem Beschuldig-
ten auf dessen telefonisches Verlangen hin die Tatwaffe nach D._ gebracht
zu haben. Seine glaubhafte Darstellung der Umstände bei den Schussabgaben
auf den Privatkläger schliesst die Annahme einer Notwehrsituation für den Be-
schuldigten aus. Das gleiche Fazit lässt sich aus den oben gewürdigten Aussagen
der Zeugen aus der Gruppe des Privatklägers ziehen.
12. Es wurden im Verlauf der Voruntersuchung weitere Personen polizei-
lich und staatsanwaltschaftlich befragt. Deren Aussagen betreffen zwar nicht den
Tathergang im engeren Sinne, d.h. die Schussabgaben auf den Privatkläger,
sondern die Vorgänge vor und nach der Tat. Sie vermögen jedoch einzelne As-
pekte der bisherigen Beweiswürdigung zu ergänzen und teilweise auch zu bestä-
tigen.
a) Bei G._ handelt es sich um diejenige Person, mit welcher der Privat-
kläger am Telefon sprach, bevor sich die Tat ereignete. In der polizeilichen Befra-
gung vom 1. Dezember 2011 führte G._ aus, der Privatkläger B._ habe
ihm gesagt, er werde angegriffen. Er habe gefragt, was er tun solle. G._ ha-
be ihm geantwortet, er solle entweder die Polizei rufen oder sich wehren. Der Pri-
vatkläger B._ habe gemeint, wehren würde schlecht gehen, weil einer eine
- 42 -
Pistole habe. Dann habe ihm der Privatkläger B._ gesagt: "Jetzt hät er
gschosse!" Er (G._) habe gedacht, der Privatkläger mache jetzt Spass. Dann
habe er im Hintergrund des Telefons Stimmen gehört, welche dem Privatkläger
gesagt hätten, er solle sich setzen. Da habe er dem Privatkläger geglaubt. Er
(G._) habe dem Privatkläger B._ geraten, er solle sitzen bleiben und
den Notruf wählen. Nach fünf Minuten habe er den Privatkläger nochmals angeru-
fen und habe wissen wollen, wie es ihm gehe. Der Privatkläger habe schnell ab-
genommen und gesagt, die Polizei sei jetzt hier und er könne nicht mehr reden
(Urk. 10/15 S. 3 f.). In der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 15. März
2012 beantwortete der Zeuge die Fragen der Staatsanwältin - analog zur polizeili-
chen Befragung - ziemlich widerwillig. Es könne sein, dass seine Aussagen bei
der Polizei zuträfen, er wisse es aber nicht mehr. Der Privatkläger habe ihn ange-
rufen, an das Gespräch erinnere er sich nicht mehr. Der Privatkläger B._ sei
selber schuld und der Beschuldigte auch. "B._ [der Privatkläger] wird provo-
ziert haben und der andere hat geschossen. Was wollen Sie denn von mir wis-
sen?" (Urk. 10/16 S. 3 f.).
G._ war nach eigenen Angaben der Bruder eines Kollegen des Privat-
klägers B._. G._ machte offenkundig sehr widerwillig Aussagen, wobei
er offensichtlich nicht anstrebte, zugunsten einer der Personen oder Gruppen
auszusagen. Gemäss seinen ersten Aussagen war er mit dem Privatkläger
B._ kurz vor und nach der Schussabgabe am Telefon. Es besteht kein
Grund, am Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu zweifeln, zumal diese Darstellung
mit den bisherigen Erkenntnissen zu vereinbaren ist und eine inhaltlich unge-
wöhnliche und originelle Schilderung darstellt, was für die Glaubhaftigkeit der
Aussage spricht. Es ist somit davon auszugehen, dass der Beschuldigte just in
jenem Moment auf den Privatkläger B._ schoss, als dieser immer noch mit
G._ telefonierte. Die Vorinstanz ging aufgrund dieses Umstandes davon aus,
dass der Privatkläger sich mit einer Hand das Mobiltelefon ans Ohr gehalten habe
(Urk. 73 S. 77), was jedoch nicht zwingend ist, könnte dieser das Telefon ja
durchaus vorübergehend vom Ohr heruntergenommen haben, ohne die Verbin-
dung abzubrechen. Auch wenn durch dieses Telefonat erstellt ist, dass der Pri-
vatkläger sich angesichts einer für ihn bedrohlichen Situation (bewaffneter Geg-
- 43 -
ner) Verstärkung oder eher Rat holen wollte, bieten die Aussagen des Zeugen
G._ keinen Hinweis darauf, dass sich der Beschuldigte seinerseits in einer
Notwehrsituation befunden hätte.
b) K._ befand sich am Abend der Tat hinter dem Bahnhof D._
beim "Grüscht" und ist bekannt mit einem Cousin des Privatklägers B._. Da
sie nur polizeilich als Auskunftsperson einvernommen wurde (Urk. 10/21) und mit
dem Beschuldigten nie konfrontiert wurde, sind ihre Aussagen nicht zu dessen
Lasten verwertbar (Urk. 147 Abs. 4 StPO). Da aus ihren Depositionen nichts zu-
gunsten des Beschuldigten abgeleitet werden kann, ist auf ihre Aussagen nicht
näher einzugehen.
c) Q._ hielt sich als unbeteiligte Passantin am Abend der Tat auf dem
Perron zum Gleis 6 im Bahnhof D._ auf. Sie wurde über ihre Wahrnehmun-
gen nur polizeilich als Auskunftsperson befragt und mit dem Beschuldigten nicht
konfrontiert, weshalb auch ihre Aussagen nicht zu Lasten des Beschuldigten ver-
wertbar sind (Urk. 147 Abs. 4 StPO). Aus ihren Aussagen lässt sich nichts zu-
gunsten des Beschuldigten ableiten, weshalb auf ihre Depositionen nicht näher
einzugehen ist.
d) In der Voruntersuchung wurden noch weitere Personen befragt (R._,
S._, T._, U._ und V._). Diese Personen waren am Vorfall
nicht beteiligt und konnten keine eigenen Beobachtungen machen. Entsprechend
erübrigt es sich, auf ihre Aussagen, welche das Verhalten des Beschuldigten
nach der Tat oder auf Facebook Gelesenes thematisieren, näher einzugehen.
Einzig die Aussagen von T._, der ehemaligen Freundin des Beschuldigten,
wurden in den vorinstanzlichen Erwägungen zusammenfasst, weil diese inhaltlich
die Angaben von E2._ stützen würden (Urk. 73 S. 80). Da jedoch auch ihre
Aussagen ausschliesslich vom Hörensagen stammen und sie ihre Informationen
von verschiedenen Personen hatte, die ihr teilweise unbekannt waren (Urk. 10/20
S. 5 f.), können aus ihren Angaben keine weiteren Erkenntnisse für die Sachver-
haltserstellung gewonnen werden.
- 44 -
13. a) Gestützt auf die glaubhaften Aussagen von E2._ ist davon aus-
zugehen, dass er dem Beschuldigten auf dessen telefonischer Aufforderung hin
eine geladene Waffe zur bereits laufenden Auseinandersetzung in D._
brachte. Dass die Waffe geladen und funktionstüchtig war, musste dem Beschul-
digten spätestens beim von E2._ glaubhaft beschriebenen und vom Privat-
kläger B._ und dessen Begleiter bestätigten Schuss in die Luft bewusst ge-
wesen sein. Ausserdem ist aufgrund der glaubhaften Aussagen von E2._ er-
stellt, dass der Beschuldigte die Waffe für ca. Fr. 900.– gekauft hatte, womit ihm
auch bewusst sein musste, dass es sich dabei um eine echte Schusswaffe han-
delte, zumal er die Waffe inklusive Munition erwarb. Diese Schlussfolgerung wird
zudem gestützt durch die glaubhaften Aussagen von E2._, wonach der Be-
schuldigte die Waffe auf dem Weg zum ...-Areal durchgeladen und eine mögliche
Ladehemmung behob, indem er den Schlitten in die vordere Position drückte. Ge-
stützt auf die Schilderungen von E2._ ist davon auszugehen, dass der Pri-
vatkläger B._ den Beschuldigten, nachdem sie aneinandergeraten waren, an
den Händen hielt und ihm einen Faustschlag ins Gesicht versetzte, welcher den
Beschuldigten zu Boden gehen liess. Der Beschuldigte stützte sich beim Fallen
ab und erhob sich sogleich wieder. Der Beschuldigte befand sich im Zeitpunkt der
Schussabgabe gemäss den glaubhaften Schilderungen des Zeugen E2._ ca.
acht Meter vom Privatkläger B._ entfernt, was bedeutet, dass sich der Pri-
vatkläger B._ nach dem Faustschlag vom Beschuldigten entfernte, mithin
nach dem Faustschlag nicht weiter tätlich gegen den Beschuldigten einwirkte. Aus
der Würdigung der Aussagen der jeweiligen Gruppenmitglieder ist als erstellt zu
erachten, dass die Gruppe des Privatklägers B._ keine Waffen, wie Messer
oder dergleichen, einsetzte oder hervornahm. In dieser Situation, welcher klarer-
weise keine Bedrohung für den Beschuldigten (mehr) darstellte, gab der Beschul-
digte in Richtung des Privatklägers B._ mindestens zwei Schüsse ab, welche
das linke untere Hosenbein des Privatklägers B._ trafen. Ein Schuss traf die
Kniekehle des Privatklägers B._, was dafür spricht, dass sich dieser vor oder
während der Schussabgaben vom Beschuldigten abdrehte. Somit ist der Sach-
verhalt gemäss Anklageziffer 1 rechtsgenügend erstellt.
- 45 -
b) Die Darstellung des Beschuldigten sowie der Verteidigung, wonach die
Schussabgabe auf den Privatkläger B._ aus einer Notwehrsituation erfolgte
(Urk. 57 S. 33 ff.), findet aufgrund der gegebenen Beweislage keine Stütze und es
ist auch nicht zugunsten des Beschuldigten von einer solchen auszugehen.
B. Rechtliche Würdigung
1. a) Die Vorinstanz würdigte den erstellten Sachverhalt als versuchte
schwere Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB.
b) Die Verteidigung beantragte einen Freispruch vom Vorwurf der versuch-
ten schweren Körperverletzung und stattdessen ein Schuldspruch wegen einfa-
cher Körperverletzung in Sinne von Art. 123 StGB (Urk. 75).
2. Die Staatsanwaltschaft verlangte im Berufungsverfahren einen Schuld-
spruch wegen versuchter vorsätzlicher Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB (Urk. 74).
3. Die vorinstanzlichen Erwägungen zu den theoretischen Grundlagen der
Tatbestände der vorsätzlichen Tötung und der schweren Körperverletzung sind
zutreffend, weshalb auf die entsprechenden Ausführungen in den vorinstanzlichen
Erwägungen verwiesen werden kann (Urk. 73 S. 83; Art. 82 Abs. 4 StPO).
4. a) Die Vorinstanz ging zutreffend davon aus, dass der Beschuldigte in
objektiver Hinsicht eine einfache Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1
StGB begangen hat, da er dem Privatkläger B._ eine Schussverletzung bei-
brachte, welche einen mehrtägigen Spitalaufenthalt notwendig machte. Die Ver-
letzung war gemäss Bericht der Klinik für Unfallchirurgie nicht lebensgefährlich
und wird voraussichtlich folgenlos ausheilen (Urk. 73 S. 83 f.). Es stellt sich je-
doch in subjektiver Hinsicht die Frage, ob der Vorsatz des Beschuldigten auf eine
schwere Körperverletzung gerichtet war, oder gar auf eine Tötung des Privatklä-
gers B._.
- 46 -
b) Die von der Staatsanwaltschaft beantragte Qualifikation der Tat als even-
tualvorsätzlich versuchte vorsätzliche Tötung ist dann gegeben, wenn der Täter
durch sein Verhalten die Verwirklichung der Tat, d.h. im vorliegenden Fall die Tö-
tung des Privatklägers, für möglich hält und in Kauf nimmt (Art. 12 Abs. 2 [zweiter
Satz] StGB). Bei Fehlen eines Geständnisses muss das Gericht aufgrund der
Umstände entscheiden, ob der Täter die Tatbestandsverwirklichung in Kauf ge-
nommen hat. Dazu gehören die Grösse des dem Täter bekannten Risikos der
Tatbestandsverwirklichung, die Beweggründe des Täters und die Art der Tathand-
lung. Je grösser die Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung ist und je
schwerer die Sorgfaltspflichtverletzung wiegt, desto näher liegt die Schlussfolge-
rung, der Täter habe die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen (BGE 134
IV 26 E. 3.2.2 mit Hinweisen). Das Gericht darf vom Wissen des Täters auf den
Willen schliessen, wenn sich diesem der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich
aufdrängte, dass die Bereitschaft, ihn als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise
nur als Inkaufnahme des Erfolgs ausgelegt werden kann (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3;
133 IV 222 E. 5.3 mit Hinweisen). Eventualvorsatz kann auch vorliegen, wenn
sich der Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs statistisch gesehen nur relativ
selten verwirklicht. Doch darf in diesem Fall nicht allein aus dem Wissen des Be-
schuldigten um die Möglichkeit des Erfolgseintritts auf dessen Inkaufnahme und
damit auf Eventualvorsatz geschlossen werden. Vielmehr müssen weitere Um-
stände hinzukommen (vgl. Urteil [des Bundesgerichts] 6B_2012/6B.388_2012
vom 12. November 2012 mit Hinweisen).
c) Die Vorinstanz führte aus, dass aufgrund der zwei nahe beieinander lie-
genden Schüsse in der Hose des Privatklägers B._ als erstellt zu betrachten
sei, dass die Schusshaltung des Beschuldigten zwischen den beiden Schüssen
nicht verändert wurde, wodurch sich ein Versuch seitens des Beschuldigten, auf
den Oberkörper zu schiessen, nicht erstellen lasse (Urk. 73 S. 84 f.). Somit sei
zugunsten des Beschuldigten davon auszugehen, dass er nicht auf den Oberkör-
per des Privatklägers B._ gezielt, sondern die Waffe tief gehalten und die
Schüsse auf die Beine des Privatklägers B._ abgegeben hat, lägen doch die
Verletzung bzw. der Durchschuss im Hosenbein nicht weit auseinander. Dieser
Argumentation kann nicht gefolgt werden. Zunächst ist festzuhalten, dass die Vo-
- 47 -
rinstanz in ihren weiteren Erwägungen zu Recht darauf hinwies, dass auch eine
Person, die waffentechnisch und bezüglich der Fertigkeit im Schiessen als Laie zu
bezeichnen ist, beim Einsatz einer Schusswaffe grundsätzlich von einer tödlichen
Verletzungsmöglichkeit ausgeht. Dies erhellt auch aus dem Umstand, dass der
Beschuldigte seiner Schusswaffe ein derart grosses Drohpotential zuschrieb,
dass sie es ihm ermöglichen sollte, einem ihm überlegenen Gegner gegenüber zu
treten und den Konflikt zu seinen Gunsten zu entscheiden. Das konnte auch aus
Sicht des Beschuldigten nur deshalb möglich sein, weil alle beteiligten Personen
einer Schusswaffe zu Recht eine generell lebensgefährliche Wirkung zuschrie-
ben. Wenn nun die Vorinstanz einzig aufgrund der nahe beieinander liegenden
Einschusslöcher in der Hose des Privatklägers argumentiert, dass der Beschul-
digte seine Schusshaltung zwischen den beiden Schüssen nicht verändert habe,
wodurch sich ein Versuch seitens des Beschuldigten, auf den Oberkörper zu
schiessen, nicht erstellen lasse, so lässt die Vorinstanz vorhandene Beweismittel
und gewisse gerichtsnotorische Tatsachen zu Unrecht ausser Acht. Insbesondere
sind die Aussagen des Beschuldigten selber in diesem Zusammenhang in Erinne-
rung zu rufen. So machte der Beschuldigte in der Voruntersuchung und im ge-
richtlichen Verfahren diesbezüglich folgende Aussagen:
"Ich nahm dann die Waffe aus dem Hosenbund und habe dann einfach ge-
schossen." (...) "Ich schoss einfach 'umenand'." (...) "Ich habe einfach
'umenandgschosse'. Mir war schwarz vor den Augen und ich hätte auch je-
manden am Kopf treffen können. Ich hatte nicht geschaut, ob ich jemanden
treffe." (Urk. 8/1 S. 4 f.)
"(...) ich habe einfach die ganze Zeit gedrückt [recte: abgedrückt]. Ich habe
nicht gedrückt, gewartet und gedrückt." (Urk. 8/1 S. 7)
"Die anderen Leute standen nahe bei mir. Wenn ich mit Absicht auf diese
Personen geschossen hätte, dann hätte ich diese sicher verletzt. Ich glaube
ich habe zwei-, dreimal geschossen und ich hätte diese sicher getroffen,
wenn ich das gewollt hätte. Diese waren nicht 15 Meter entfernt. Ich hatte ja
nur etwa zwei bis drei Meter Entfernung zu diesen Personen. Aus dieser
Distanz trifft man." (Urk. 8/1 S. 11).
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"Ich habe nicht auf ihn gezielt. Ich hätte auch einen anderen treffen können.
Ich habe nicht extra auf ihn geschossen." (Urk. 8/1 S. 14).
"Ich habe bereits gesagt, dass ich mich nicht erinnern kann, wohin ich ge-
schossen habe. Ich weiss nicht einmal, ob ich in die Luft geschossen habe."
(Urk. 8/1 S. 14).
"Ich habe schon 'umenand' geschossen, aber ich habe nicht auf ihn gezielt."
(Urk. 8/1 S. 16).
"Nach dem Schlag fiel ich halb zu Boden. Dann nahm ich die Waffe aus dem
Hosenbund und schoss." (Urk. 8/2 S. 3).
Auf die Frage in der vorinstanzlichen HV, ob er gezielt oder einfach herum-
geschossen habe, zeigte der Beschuldigte, dass er die Waffe mit gestreck-
tem Arm gehalten habe. Auf die weitere Frage, ob er demnach die Waffe bei
den Schussabgaben in Richtung des Privatklägers gehalten habe, bejahte
dies der Beschuldigte (Urk. 55 Prot. Notiz auf S. 9).
Auf die Frage, wie es zur Schussverletzung hinten in der Kniekehle des Pri-
vatklägers gekommen sei:
"Ich weiss es nicht." (...) "Ich habe nicht direkt auf ihn gezielt. Ich weiss auch
nicht." (Urk. 55 S. 11)
Auf die Frage, ob es Zufall gewesen sei, dass sich die zwei Schüsse auf der
gleichen Höhe befanden:
"Ja, es muss Zufall sein." (Urk. 55 S. 11)
Aus diesen Aussagen ergibt sich, dass der Beschuldigte weder in der Voruntersu-
chung noch im gerichtlichen Verfahren jemals geltend gemacht hat, er habe be-
wusst auf die Beine des Privatklägers gezielt. Dies ungeachtet der sich wider-
sprechenden Aussagen, wonach er einerseits einfach "umenandgschosse" habe,
anderseits die Waffe mit gestrecktem Arm in Richtung des Privatklägers gehalten
habe.
- 49 -
d) Der Beschuldigte bestätigte auf entsprechende Fragen in der Voruntersu-
chung, dass er kein geübter Schütze sei und auch keine näheren Kenntnisse über
Schusswaffen habe. Er habe höchstens manchmal an der "Chilbi" mit einem Luft-
gewehr geschossen (Urk. 8/1 S. 10 f.). Hinzu kommt, dass die Streuung einer Pis-
tole, die bei einem Kaliber von 6.35 mm typischerweise einen eher kurzen Lauf
aufweist, auch bei einer Distanz von wenigen Metern als erheblich bezeichnet
werden muss. Was die Länge der Waffe angeht, so schätzte der Beschuldige die-
se anhand eines Massstabes auf ca. 11 cm (Urk. 8/1 S. 6), was auf eine sehr kur-
ze Lauflänge hindeutet. Zur rein technischen Streuung kommt ganz massgeblich
die Streuung durch den Schützen hinzu, insbesondere wenn die Waffe von einem
ungeübten Schützen in aufgeregtem Zustand abgefeuert wird, wie im vorliegen-
den Fall. Es wäre selbst für einen geübten Pistolenschützen kaum zu bewerkstel-
ligen, im Rahmen eines dynamischen Geschehens, insbesondere bei einem sich
bewegenden Ziel, bei zwei Schussabgaben hintereinander auf mehreren Metern
Distanz zwei unmittelbar nebeneinander liegende Einschüsse zu erzielen. Um so
weniger ist eine solche Leistung bei einem ungeübten Schützen wie dem Be-
schuldigten zu erwarten. Aufgrund dieser Erkenntnisse muss somit von einem Zu-
fall gesprochen werden, dass die beiden Einschusslöcher so nahe beieinander
lagen. Zu berücksichtigen ist sodann, dass der Beschuldigte - wie oben dargelegt
wurde - in keiner Einvernahme geltend machte, er habe bewusst auf die Beine
des Privatklägers gezielt. Erst in der Berufungsverhandlung erwähnte der Be-
schuldigte, dass er bewusst tief "umenand" geschossen habe (Prot. II S. 18 f.).
Abgesehen davon, dass dies ein Widerspruch in sich ist, widerspricht diese An-
gabe den zahlreichen Depositionen des Beschuldigten selber, die er im Verlauf
der Untersuchung und in der vorinstanzlichen Hauptverhandlung gemacht hat. Er
selber erfuhr erst von seiner Verteidigerin, dass der Privatkläger lediglich eine
Verletzung am Bein erlitten habe (Urk. 8/1 S. 8). Aufgrund der Beweislage, insbe-
sondere aufgrund der eigenen Angaben des Beschuldigten, muss somit von ei-
nem glücklichen Zufall gesprochen werden, dass die beiden Schüsse lediglich die
Kniekehle bzw. die Hose des Privatklägers trafen und nicht den Oberkörper des
Privatklägers. Ob die Schüsse nur zu einer einfachen Körperverletzungen oder zu
- 50 -
tödlichen Verletzungen führen würden, lag somit nicht mehr im Einflussbereich
des Beschuldigten.
e) Entgegen der Argumentation der Vorinstanz und der Verteidigung
(Urk. 85 S. 11 f.) ist aufgrund der dargelegten Beweislage davon auszugehen,
dass der Beschuldigte bei der Schussabgabe zumindest in Kauf nahm, dem Pri-
vatkläger B._ tödliche Verletzungen zuzufügen. Der Beschuldigte hat damit
den Tatbestand der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB
in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB erfüllt. Dieser Tatbestand konsumiert den
Tatbestand der vollendeten qualifizierten einfachen Körperverletzung im Sinne
von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 2 StGB.
5. a) Die Vorinstanz hat zur geltend gemachten Notwehr zutreffende theo-
retische Ausführungen gemacht. Auf die entsprechenden Erwägungen in der vor-
instanzlichen Urteilsbegründung kann verwiesen werden (Urk. 73 S. 86 f.)
b) Wie bereits dargelegt, ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte im
Rahmen der Auseinandersetzung vom Privatkläger B._ einen Faustschlag
aufs Auge erhielt, wodurch der Beschuldigte kurz zu Boden ging, sich jedoch glei-
che wieder aufrichtete. Der Privatkläger B._ entfernte sich nach dem Schlag
vom Beschuldigten, welcher die Pistole aus dem Hosenbund zückte und auf den
gemäss den glaubhaften Schilderungen des Zeugen E2._ mittlerweile etwa
acht Meter weit entfernten Privatkläger B._ schoss, welcher sich erst noch
von ihm abwandte und zudem mit G._ am Telefonieren war (vgl. Urk. 10/15).
Es kann offen gelassen werden, welche Gruppe mit den Provokationen begonnen
hatte und ob der Beschuldigte vorgängig beim "Grüscht" von oben absichtlich be-
spuckt und mit einem Pfeffer- oder Deospray besprayt worden war. Massgeblich
ist, dass der Beschuldigte sich - ohne Not - nach beidseitigen ziemlich infantilen
verbalen und mimischen Gehässigkeiten eine Schusswaffe bringen liess, um
quasi "den starken Mann" zu markieren, den anderen Angst einzujagen und so
die weitere Konfrontation suchte. Selbst wenn er den Faustschlag als Akt unpro-
vozierter Aggression empfunden hätte, bestand für ihn im Moment der Schussab-
gabe keine Situation, in welcher er von weiteren Schlägen oder gar Angriffen mit
Messern hätte ausgehen müssen bzw. dürfen, nachdem sich sein Kontrahent
- 51 -
nach dem Schlag bereits ca. acht Meter von ihm entfernt hatte und am Telefonie-
ren war. Ein erneuter Angriff auf den Beschuldigten war unter diesen Umständen
offenkundig nicht mehr im Gange und auch nicht zu erwarten. Der Beschuldigte
schoss folglich nicht in Notwehr auf den Privatkläger. Die Schussabgabe hatte
aufgrund der erstellten Umstände eher den Charakter einer Retorsionsmassnah-
me bzw. Vergeltung für den erlittenen Faustschlag.
6. Der Beschuldigte ist somit in Abweichung vom vorinstanzlichen
Schuldspruch und entsprechend dem Antrag der Staatsanwaltschaft IV für den
Kanton Zürich der (eventualvorsätzlich) versuchten Tötung im Sinne von Art. 111
StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
Anklageziffer 3 lit. b
A. Sachverhalt
1. a) Gegenstand des vorliegenden Berufungsverfahrens bildet lediglich
noch der Vorwurf der Drohung im Sinne von Art. 180 StGB gemäss Anklageziffer
3 lit. b. Gemäss Anklagevorwurf habe der Beschuldigte den Geschädigten
C._ vom Mobiltelefon eines Dritten aus angerufen und gesagt, er solle die
Anzeige gegen den Beschuldigten betreffend Körperverletzung etc. im Zusam-
menhang mit einem Vorfall vom 28. Juni 2011 zurückziehen. Nachdem C._
dies abgelehnt habe, habe der Beschuldigte auf seine Vorstrafen sowie die Pro-
bezeit hingewiesen und gesagt: "Wir sehen uns ja sicher noch" und habe das Ge-
spräch beendet. Dies habe C._ in grosse Angst versetzt.
b) Die Verteidigung beantragt im Berufungsverfahren, der Beschuldigten sei
vom Vorwurf der Drohung freizusprechen (Urk. 75 S. 2, Urk. 85 S. 1).
2. In Bezug auf den Vorwurf der Drohung bestritt der Beschuldigte in der
Voruntersuchung zunächst, den Geschädigten C._ überhaupt angerufen zu
haben (Urk. 8/12 S. 3) und machte anschliessend sinngemäss geltend, die Aus-
sage am Telefon sei nicht als Drohung gemeint gewesen. Er beende jedes Tele-
- 52 -
fonat mit: "Ok, me gseht sich wieder." (Urk. ND 6 S. 2). Anlässlich der Berufungs-
verhandlung führte er aus, er habe vermutet, den Geschädigten wieder zu sehen,
da dessen Kollegen in seiner Nähe wohnen würden und er habe ausserdem er-
reichen wolle, dass sich der Keil zwischen ihnen, der durch die Auseinanderset-
zung entstanden sei, löse (Prot. II S. 20). Mithin bestritt er, mit Bezug auf eine
Drohung vorsätzlich gehandelt zu haben. Im Übrigen ist der Sachverhalt erstellt.
B. Rechtliche Würdigung
1. Die Vorinstanz hat die theoretischen Grundlagen des Tatbestandes der
Drohung im Sinne von Art. 180 StGB zutreffend dargelegt. Auf die entsprechen-
den Ausführungen in den vorinstanzlichen Erwägungen kann verwiesen werden
(Urk. 73 S. 90 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
2. a) Die rechtliche Würdigung des Verhaltens des Beschuldigten anläss-
lich des Telefonates mit dem Geschädigten C._ hat die Vorinstanz umfas-
send und zutreffend vorgenommen. Um Wiederholungen zu vermeiden kann vor-
ab auf die entsprechenden Ausführungen in den vorinstanzlichen Erwägungen
verwiesen werden (Urk. 73 S. 91 f.). Hervorzuheben ist, dass der Beschuldigte
und der Geschädigte C._ sich vor dem Telefonat erst einmal begegnet wa-
ren, nämlich am 28. Juni 2011 während des Fussballspielens auf dem Fussball-
platz des Freibads ...-.... Damals verletzte der Beschuldigte den Geschädigten
durch Faustschläge in erheblichem Ausmass (vgl. Urk. ND 15). Wenn nun der
Beschuldigte nach Ablehnung des Rückzuges der Strafanzeige durch den Ge-
schädigten diesem am Schluss des Telefonates zum Abschied sagte: "Wir sehen
uns ja sicher noch", dann kann dieser Aussage - entgegen der Auffassung der
Verteidigung (Urk. 85 S. 14) - inhaltlich nur die Bedeutung einer Drohung beige-
messen werden. Eine andere Auslegung der Bedeutung des Ausspruches des
Beschuldigten macht gegenüber dem ihm unbekannten Geschädigten C._
keinen Sinn, da sie sich - ausser beim eingeklagten Vorfall - nie sahen und der
Geschädigte sicher nicht vorhatte, den Beschuldigten wieder zu sehen. Es ist
deshalb der Vorinstanz zuzustimmen, dass die Aussage des Beschuldigten als
- 53 -
konkludente, subtile und perfide Drohung zu verstehen war, die durchaus geeig-
net war, den Geschädigten C._ in Angst und Schrecken zu versetzen, was
dieser dementsprechend auch geltend machte (Urk. ND 9 S. 7). Mit den beiden
Telefonanrufen setzte der Beschuldigte den Geschädigten C._ unter Druck,
die Anzeige zurückzuziehen. Der Beschuldigte wusste ebenfalls, wie das einzige
Treffen zwischen ihm und dem Geschädigten C._ ausgegangen war. Er
nahm deshalb zumindest in Kauf, dass der Geschädigte C._ seine Äusse-
rung als Drohung verstand und in Angst und Schrecken versetzt wurde. So mein-
te der Beschuldigte in der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom
20. September 2012, ob der Geschädigte C._ es als Drohung nehme oder
nicht, stehe ihm frei (Urk. ND 8 S. 4), womit er deutlich zum Ausdruck brachte,
dass er mit dieser Wirkung zumindest rechnete.
b) Der Beschuldigte ist demnach der Drohung im Sinne von Art. 180 StGB
schuldig zu sprechen.
III. Strafzumessung
1. Die Vorinstanz hat die theoretischen Grundlagen und die allgemeinen
Strafzumessungskriterien zutreffend und umfassend dargelegt. Auf die entspre-
chenden Ausführungen in den vorinstanzlichen Erwägungen kann vorab verwie-
sen werden (Urk. 73 S. 92 ff.).
2. a) Die schwerste vom Beschuldigten begangene Straftat ist die ver-
suchte Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB,
welche mit einer Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bedroht ist (Art. 111
StGB). Tritt der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht ein, so kann das
Gericht die Strafe mildern (Art. 22 Abs. 1 StGB). War der Täter zur Zeit der Tat
nur teilweise fähig, das Unrecht seiner Tat einzusehen oder gemäss dieser Ein-
sicht zu handeln, so mildert das Gericht die Strafe ebenfalls (Art. 19 Abs. 2 StGB).
Das Gericht ist in solchen Fällen nicht an die angedrohte Mindeststrafe gebunden.
Es kann auch auf eine andere als die angedrohte Strafart erkennen, ist aber an
das gesetzliche Höchst- und Mindestmass der Strafart gebunden (Art. 48a StGB).
- 54 -
b) Der ordentliche Strafrahmen ist jedoch trotz Vorliegens von Strafschär-
fungs- und Strafmilderungsgründen nur zu erweitern, wenn aussergewöhnliche
Umstände vorliegen und die für die betreffende Tat angeordnete Strafe im konkre-
ten Fall zu hart, respektive zu milde erscheint (Art. 48, Art. 48a, 49 Abs. 1, Art. 19
Abs. 2, Art. 22 Abs. 1 StGB). Die Frage einer Unterschreitung des ordentlichen
Strafrahmens kann sich stellen, wenn verschuldens- bzw. strafreduzierende Fak-
toren zusammentreffen, die einen objektiv an sich leichten Tatvorwurf weiter rela-
tivieren, so dass eine Strafe innerhalb des ordentlichen Rahmens dem Rechts-
empfinden widerspräche. Das Gericht ist indessen verpflichtet, Strafschärfungs-
gründe zumindest straferhöhend und Strafmilderungsgründe strafmindernd im
Rahmen des ordentlichen Strafrahmens zu berücksichtigen (BGE 6B_238/2009
E. 5.8; BGE 6B_611/2010 E. 4; BGE 6B_475/2011 E. 1.4.4; BGE 6S_73/2006
E. 3.2; BGE 116 IV 300 E. 2.a).
3. a) Der Strafschärfungsgrund der Deliktsmehrheit ist innerhalb des
Strafrahmens straferhöhend zu berücksichtigen. Die Bandbreite des ordentlichen
Strafrahmens geht von fünf bis zwanzig Jahren Freiheitsstrafe und ist somit aus-
reichend, um die Strafe für alle vom Beschuldigten begangenen Delikte zuzumes-
sen. Es liegen keine ausserordentlichen Umstände vor, die eine Öffnung des or-
dentlichen Strafrahmens, die hier ohnehin nur nach unten möglich wäre, nach
sich ziehen müssten. Es bleibt somit bei einem theoretischen Strafrahmen von
fünf bis zwanzig Jahren Freiheitsstrafe (Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 40
StGB).
b) Strafmilderungsgründe sind im vorliegenden Fall keine ersichtlich. Insbe-
sondere kam der Sachverständige Dr. med. W._ im psychiatrischen Gutach-
ten mit schlüssigen und überzeugenden Ausführungen zum Schluss, dass beim
Beschuldigten eine volle Einsichts- und Steuerungsfähigkeit und mithin auch eine
volle Schuldfähigkeit im Zeitpunkt der Taten bestand (Urk. 23/5 S. 62). Auf den
Inhalt des Gutachtens wird nachfolgend unter Ziffer V. (Strafvollzug und Anord-
nung einer Massnahme für junge Erwachsene) näher eingegangen.
c) Das Asperationsprinzip gemäss Art. 49 Abs. 1 StGB kommt nur bei
gleichartigen Strafen zum Zuge, weshalb von vornherein diejenigen Fälle aus-
- 55 -
scheiden, in welchen die aufeinandertreffenden Strafbestimmungen verschiedene
Strafarten aufführen. Freiheitsstrafen, Geldstrafen und Bussen sind verschieden-
artige Strafen im zuvor erwähnten Sinne. Treffen verschiedenartige Strafen aufei-
nander, sind diese Strafen nebeneinander ohne Rückgriff auf Art. 49 Abs. 1 StGB
auszusprechen (zum Ganzen vgl. Hug, in: Donatsch [Hrsg.]/Flachsmann/Hug/
Weder, Kommentar Schweizerisches Strafgesetzbuch, 18. Auflage, Zürich 2010,
N 4 zu Art. 49 StGB mit weiteren Hinweisen).
Bei der Widerhandlung gegen das Waffengesetz gemäss Art. 34 Abs. 1 lit. b
WG handelt es sich um eine Übertretung, welche mit einer Busse bestraft wird,
weshalb zu einer auszusprechenden Freiheitsstrafe zwingend noch eine Busse
auszufällen ist.
4. Innerhalb des Strafrahmens ist die Strafe nach dem Verschulden des
Täters zu bemessen, wobei das Gericht das Vorleben, die persönlichen Verhält-
nisse sowie die Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters berücksichtigt. Das
Verschulden wird dabei nach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des
betroffenen Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des Handelns, den Beweggrün-
den und Zielen des Beschuldigten sowie danach bestimmt, wie weit dieser nach
den inneren und äusseren Umständen in der Lage war, die Gefährdung oder Ver-
letzung zu vermeiden (Art. 47 Abs. 1 und 2 StGB). Der Begriff des Verschuldens
hat sich auf den gesamten Unrechts- und Schuldgehalt der konkreten Straftat zu
beziehen. Dabei ist zwischen der Tat- und der Täterkomponente zu unterscheiden
(Donatsch/Flachsmann/Hug/Weder, a.a.O., N 6 zu Art. 47). Bei der Tatkomponen-
te sind das Ausmass des verschuldeten Erfolges (Deliktsbetrag, Gefährdung des
geschützten Rechtsguts, das Risiko, körperliche und psychische Schäden beim
Opfer, Sachschaden etc.), die Art und Weise der Herbeiführung dieses Erfolges
(Mittel, kriminelle Energie, Provokation), die Willensrichtung, mit der der Täter ge-
handelt hat und die Beweggründe des Schuldigen zu beachten. Sodann sind für
das Verschulden auch das „Mass an Entscheidungsfreiheit“ beim Täter sowie die
sogenannte Intensität des deliktischen Willens bedeutsam (Donatsch/
Flachsmann/Hug/Weder, a.a.O., N 7 ff. zu Art. 47). Je leichter es für den Täter
gewesen wäre, die Norm zu respektieren, desto schwerer wiegt die Entscheidung
- 56 -
gegen sie (BGE 6S.270/2006 E. 6.2.1.; BGE 6S.43/2001 E. 2.; BGE 6S.333/2004
E. 1.1.; BGE 122 IV 241; Trechsel/Affolter-Eijsten in: Trechsel/Pieth [Hrsg.], StGB
PK, 2. Aufl., N 21 zu Art. 47). Die Tatkomponente weist somit eine objektive und
eine subjektive Seite auf.
5. a) Hinsichtlich des objektiven Verschuldens bei der versuchten vorsätz-
liche Tötung (Anklageziffer 1) ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte meh-
rere Schüsse aus einer Pistole in Richtung des Privatklägers abgab. Dieser wurde
zwar nicht schwer verletzt bzw. getötet, diese Tatsache ist aber lediglich einem
glücklichen Zufall zu verdanken. Der Einsatz der Schusswaffe durch den Be-
schuldigten war äusserst gefährlich und zeugt von einer erheblichen Rücksichts-
losigkeit. Dabei ist negativ zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte in der ge-
spannten Situation zwischen den zwei Gruppen, in der eine Schlägerei in der Luft
lag, seinen Mitbewohner E2._ beauftragte, ihm eine Schusswaffe nach
D._ zu bringen. Danach begab er sich ohne zwingenden Grund zur gegneri-
schen Gruppe und schoss in die Luft. Damit trug er massgeblich zur Eskalation
der Situation bei. Der Faustschlag durch den Privatkläger war offensichtlich eine
gewalttätige Reaktion auf den Schuss in die Luft und den Umstand, dass sich der
Beschuldigte bewaffnet hatte. Jedoch ist erstellt, dass der Beschuldigte in der Si-
tuation nach dem Schlag nicht mehr einem weiteren Angriff ausgesetzt war oder
mit einem solchen rechnen musste. Die Schüsse gegen den Privatkläger B._
erfolgten mit gestrecktem Arm in Richtung des Privatklägers und stellten offen-
sichtlich eine Retorsionshandlung wegen dem Faustschlag dar. Auch wenn er die
Tat nach einem erlittenen Faustschlag und wohl innerlich aufgewühlt ausführte,
zeigte der Beschuldigten eine grosse Gewaltbereitschaft und Rücksichtslosigkeit.
Es ist somit objektiv von einem erheblichen Verschulden auszugehen.
b) In subjektiver Hinsicht ist zu berücksichtigen, dass das Vorgehen des Be-
schuldigten eine egoistische Machtdemonstration darstellte. Beim Faustschlag
des Privatklägers B._ war der Beschuldigte bereits bewaffnet, was bedeutet,
dass sich der Beschuldigte die Waffe einzig wegen der vorherigen verbalen und
gestischen Beleidigungen bringen liess. In erster Linie ging es dem Beschuldigten
um eine pubertär anmutende Machtdemonstration, indem er sich bewaffnet zur
- 57 -
anderen Gruppe begab und unverzüglich in die Luft schoss, um der anderen
Gruppe bzw. dem Privatkläger zu demonstrieren, dass er nun die Oberhand hatte,
was er auch verbal unterstrich. Fatalerweise traf er auf einen Gegner mit nicht
weniger infantilen Charakterzügen, der sich das Machtgehabe des Beschuldigten
nicht gefallen lassen wollte. Dies wiederum enttäuschte den Beschuldigten in sei-
ner Auffassung von Unangreifbarkeit und von der Wirkung der Waffendemonstra-
tion. Er musste gekränkt zur Kenntnis nehmen, dass ihn der Privatkläger B._,
der ihm körperlich überlegen war, nicht ernst nahm. Als Demütigung musste er
empfinden, dass ihn der Privatkläger B._ trotz der Waffe schlug und er zu
Fall kam. Auf diese Weise liess der Beschuldigte spätpubertäre Kindereien mit
dem Einsatz der Waffe zu einer gefährlichen Auseinandersetzung eskalieren. Mit
dem Fall zu Boden war er unerwartet in eine schwache Position geraten, war
nicht mehr tonangebend und der Privatkläger B._ wandte sich bereits von
ihm ab und entfernte sich, als der Beschuldigte auf den Privatkläger schoss. Zu-
gunsten des Beschuldigten ist zu berücksichtigen, dass der Privatkläger B._
seinerseits ebenfalls einen Teil zur Eskalation der Streitigkeit beitrug, und sich
nicht weniger blödsinnig wie der Beschuldigte verhielt, als er unbeeindruckt von
der Schussabgabe in die Luft keinen Bogen um den Beschuldigten machte. Dies
lässt die weiteren Schussabgaben jedoch nicht in einem milderen Licht erschei-
nen. Beim Verschulden relativierend zu berücksichtigen ist hingegen das noch ju-
gendliche Alter des Beschuldigten zum Zeitpunkt der Taten und seine, im psychi-
atrischen Gutachten von PD Dr. med. W._ konstatierten, unreifen und anti-
sozialen Persönlichkeitszüge mit einer Vorgeschichte einer Störung des Sozial-
verhaltens im Kindes- und Jugendalter (Urk. 23/6 S. 52). Der Beschuldigte han-
delte mit Eventualvorsatz, was sein Verschulden hinsichtlich des Tötungsversu-
ches ebenfalls relativiert.
Das subjektive Verschulden entspricht der objektiven Tatschwere und ist
insgesamt ebenfalls als erheblich zu bezeichnen.
c) Aufgrund der Tatschwere insgesamt erscheint für die hypothetisch vollen-
det begangene vorsätzliche Tötung des Privatklägers eine Einsatzstrafe im Be-
reich von 8 Jahren Freiheitsstrafe angemessen.
- 58 -
d) Strafmindernd innerhalb des ordentlichen Strafrahmens ist vorliegend die
versuchte Tatbegehung zu berücksichtigen (Art. 22 Abs. 1 StGB). Das Mass der
zulässigen Strafreduktion beim vollendeten Versuch hängt unter anderem von der
Nähe des tatbestandsmässigen Erfolgs und den tatsächlichen Folgen der Tat ab
(Wiprächtiger/Keller, in: Niggli/Wiprächtiger [Hrsg.], Strafrecht I, 3. Aufl., N 24 zu
Art. 48a). Die Verletzung des Privatklägers B._ war zwar erheblich, er befand
sich aber nie in unmittelbarer Lebensgefahr. Die Verwirklichung des tatbestands-
mässigen Erfolges war somit objektiv relativ weit entfernt. Ausser Narben sind
auch keine bleibenden körperlichen Schäden zurückgeblieben, womit die langfris-
tigen Folgen gering blieben. Es ist jedoch nicht auf das Verhalten des Beschuldig-
ten, sondern einzig auf glückliche Umstände zurückzuführen, dass es nur bei der
versuchten Tat geblieben ist. Wären die Schussbahnen der Projektile nur gering-
fügig abgewichen, was aufgrund des dynamischen Geschehens, der Eigenschaf-
ten der Faustfeuerwaffe und des Verhaltens des Beschuldigten sehr leicht mög-
lich gewesen wäre, hätten tödliche Verletzungen des Privatklägers B._ resul-
tieren können. Insgesamt überwiegt jedoch die Tatsache, dass die Verwirklichung
des tatbestandsmässigen Erfolges relativ weit weg und die langfristigen Folgen
gering waren. Die versuchte Tatbegehung ist somit erheblich strafmindernd zu be-
rücksichtigen, nämlich mit einer Reduktion der Einsatzstrafe im Umfang von zwei
Jahren.
6. Hinsichtlich des Tatverschuldens betreffend die einfache Körperverlet-
zung und die Drohung zum Nachteil von C._ (Anklageziffer 3 lit. a und b) ist
zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte den zwei Jahre jüngeren Geschädigten
C._ nicht unerheblich verletzte, indem er ihm mehrere Schläge und Tritte ge-
gen den Körper und Kopf verpasste, worauf die zahlreichen Prellungen und der
Zahnschaden hinweisen. Es handelte sich dabei um ein brutales Vorgehen, wel-
ches zudem in der Badeanstalt beim gemeinsamen Fussballspielen völlig grund-
los bzw. aus nichtigem Anlass erfolgte. Weiter bedrängte der Beschuldigte den
Geschädigten C._ nach dem Vorfall telefonisch, indem er ihn zum Zurück-
ziehen der Anzeige überreden wollte, und drohte ihm konkludent mit weiteren
Gewalttätigkeiten, als dieser nicht auf die Aufforderung des Beschuldigten ein-
ging. Die Schwere der erlittenen Verletzungen, das Vorgehen mit grosser Aggres-
- 59 -
sion aus nichtigem Anlass, die anschliessende telefonische Drohung, welche wie-
derum sinngemäss Gewalttätigkeit in Aussicht stellte, sowie das erhebliche sub-
jektive Verschulden des Beschuldigten rechtfertigen bei integraler Betrachtung
des gegenüber dem Geschädigten C._ an den Tag gelegten Verhaltens eine
deutliche Straferhöhung um neun Monate.
7. a) Die Widerhandlungen gegen das Waffengesetz bilden einen Neben-
punkt der versuchten schweren Körperverletzung. Allerdings ist zu berücksichti-
gen, dass der Beschuldigte die Schusswaffe rechtswidrig erwarb und sie sich zum
Konfliktort bringen liess. Der Beschuldigte verwirklichte das mit dem unberechtig-
ten Erwerb und Transport geschaffene Gefährdungspotential der Waffe durch die
versuchte Tötung des Privatklägers. Der Unrechtsgehalt ist somit in letzterer Tat
teilweise enthalten. Die Vorinstanz nahm in Anwendung des Asperationsprinzips
eine Erhöhung der Strafe um einen Monat vor. Da jedoch das Asperationsprinzip
nur bei gleichartigen Strafen anwendbar ist und für das vorliegende Vergehen ge-
gen das Waffengesetz für sich alleine genommen nur eine Geldstrafe auszufällen
wäre, gelangt das Asperationsprinzip nicht zur Anwendung. Stattdessen ist eine
eigenständige Geldstrafe von 40 Tagessätzen auszufällen.
b) Die Höhe des Tagessatzes ist angesichts der finanziellen Verhältnisse
des Beschuldigte, der sich seit Oktober 2011 in Haft bzw. im Strafvollzug befindet
und auch noch längere Zeit dort sein wird, der ausserdem über kein Vermögen
verfügt, bei Fr. 30.– festzusetzen.
c) Die Schussabgabe in die Luft erfolgte sodann nicht etwa aus Spass oder
Übermut, sondern als Machtdemonstration und zur Provokation der gegnerischen
Gruppe und zum Imponieren vor der eigenen Gruppe. Für diesen Schuss in die
Luft, der zur Eskalation der Auseinandersetzung nicht unerheblich beitrug, er-
scheint eine Busse in Höhe von Fr. 500.– angemessen.
d) Für den Fall der schuldhaften Nichtbezahlung der Busse spricht das Ge-
richt eine Ersatzfreiheitsstrafe von mindestens einem Tag und höchstens drei
Monaten aus (Art. 106 Abs. 2 StGB). In ständiger Praxis erscheint ein Umwand-
lungssatz von 1 Tag Ersatzfreiheitsstrafe pro Fr. 100.– Busse als angemessen. Im
- 60 -
vorliegenden Fall ist deshalb eine Ersatzfreiheitsstrafe von 5 Tagen Freiheitsstra-
fe auszufällen.
8. a) Die Täterkomponente umfasst das Vorleben des Täters, seine per-
sönlichen Verhältnisse sowie das Verhalten nach der Tat und im Strafverfahren.
Bei der Beurteilung des Vorlebens fallen einerseits früheres Wohlverhalten, an-
derseits Zahl, Schwere und Zeitpunkt von Vorstrafen ins Gewicht. Unter dem Ge-
sichtspunkt der persönlichen Verhältnisse ist auch zu berücksichtigen, ob der Tä-
ter Reue und Einsicht zeigt (Donatsch/Flachsmann/Hug/Weder, a.a.O., N 14 zu
Art. 47).
b) In Bezug auf das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse kann vorab
auf die Ausführungen in den vorinstanzlichen Erwägungen (Urk. 73 S. 101 ff.) so-
wie auf die einlässliche Darstellung im psychiatrischen Gutachten (Urk. 23/6) so-
wie auf die Erwägungen zur Person im Urteil des Landesgerichts Salzburg vom
10. Februar 2009 (vgl. Beizugsakten) verwiesen werden. Anlässlich der Beru-
fungsverhandlung wurde bekannt, dass er als kleines Kind vom Kosovo nach Ös-
terreich kam, wo er einen Teil seiner Schulzeit verbrachte. Den anderen Teil sei-
ner Schulzeit absolvierte er in der Schweiz. Er machte ein Praktikum als Sanitär-
monteur, arbeitete bei Coop und vor der Verhaftung als Maler-Hilfsarbeiter bei
seinem Onkel. Nach der Haftentlassung möchte der Beschuldigte wieder arbeiten,
die Handelsschule besuchen und sich irgendwann selbständig machen (Prot. II
S. 7 ff.).
c) Der Beschuldigte weist insgesamt drei Vorstrafen auf (Urk. 24/1):
Mit Urteil des Landesgerichts Salzburg (Österreich) vom 23. Juni 2009 wur-
de der Beschuldigte wegen Diebstahls zu einer bedingten Freiheitsstrafe von
sechs Monaten verurteilt. Die Probezeit wurde auf 3 Jahre angesetzt (Urk. 24/3,
vgl. Beizugsakten).
Mit Urteil des Landesgerichts Salzburg vom 21. Mai 2010 wurde der Be-
schuldigte wegen "Verbrechens des schweren Raubes" zu einer "zusätzlichen
Freiheitsstrafe" zum Urteil des Landesgerichts Salzburg vom 23. Juni 2009 von
- 61 -
zwölf Monaten verurteilt. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wurde aufgeschoben und
die Probezeit auf 3 Jahre festgesetzt (Urk. 24/11). Der Beschuldigte hatte mit ei-
nem Mittäter einem Opfer mehrere Faustschläge versetzt und einem Jungen un-
ter Androhung von Gewalt mit einem Brett, durch dessen Ende ein Nagel gestos-
sen war, die Geldtasche weggenommen.
Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 26. Juli 2011 wurde
der Beschuldigte wegen Diebstahls mit einer bedingten Geldstrafe von 30 Ta-
gessätzen zu Fr. 40.– bestraft, unter Ansetzung einer Probezeit von 2 Jahren.
Ferner wurde eine Busse in Höhe von Fr. 400.– ausgefällt. Der Beschuldigte hatte
am 3. Februar 2011 eine Jacke mit einem Verkaufspreis von Fr. 1'490.– in einem
Kleidergeschäft angezogen und das Lokal ohne zu bezahlen verlassen.
Ausländische Vorstrafen dürfen bei der Strafzumessung mitberücksichtigt
werden (Wiprächtiger/Keller, a.a.O. N 134 zu Art. 47 StGB). Diese drei Vorstrafen
des Beschuldigten sind deutlich straferhöhend zu berücksichtigen. Allerdings
handelte es sich bei den beiden Verurteilungen in Österreich um Jugendstrafen,
was weniger stark zu gewichten ist. Ebenso ist straferhöhend zu berücksichtigen,
dass der Beschuldigte die vorliegend zu beurteilenden Delikte während laufender
Probezeiten beging. Besonders bedenklich erscheint an dieser Entwicklung, dass
der Beschuldigte nunmehr erneut Gewaltdelikte beging und seine Taten im Ver-
lauf der Zeit zunehmend schwerer ausfielen. Straferhöhend ist auch die Delin-
quenz während laufender Strafuntersuchung zu berücksichtigen. Im Zeitpunkt der
Schussabgaben in D._ vom 10. Oktober 2011 war der Beschuldigte bereits
mehrfach zu den Vorfällen vom 26. Juni 2011 bzw. 3. September 2011 befragt
worden (Urk. ND 3 und 4). Als er die Gewalttätigkeiten gegenüber dem Geschä-
digten C._ beging, war die Strafuntersuchung gemäss Strafbefehl vom
26. Juli 2011 hängig.
Insgesamt würde sich aus diesen Gründen eine Straferhöhung im Bereich
von neun Monaten rechtfertigen.
d) Bei der Strafzumessung ist auch das Nachtatverhalten eines Täters mit
zu berücksichtigen. Darunter fällt das Verhalten nach der Tat sowie im Strafver-
- 62 -
fahren, wie zum Beispiel Reue und Einsicht. Ein Geständnis, das kooperative
Verhalten eines Täters bei der Aufklärung von Straftaten sowie die Einsicht und
Reue wirken strafmindernd (Wiprächtiger/Keller,a.a.O., N 167 ff. zu Art. 47 StGB
mit weiteren Hinweisen; vgl. auch Trechsel/Affolter-Eijsten, a.a.O., N 22 zu Art. 47
StGB mit weiteren Hinweisen). Gemäss Rechtsprechung des Bundesgerichts
kann ein positives Nachtatverhalten zu einer Strafreduktion im Bereich von einem
Fünftel bis zu einem Drittel führen; Letzteres allerdings nur bei Vorliegen eines
ausgesprochen positiven Nachtatverhaltens, wozu ein umfassendes Geständnis
von allem Anfang an und aus eigenem Antrieb zählt, also nicht erst auf konkrete
Vorwürfe hin oder nach Vorhalt entsprechender Beweise. Ein Geständnis kann
zur Vereinfachung und Verkürzung des Verfahrens und zur Wahrheitsfindung bei-
tragen und ist - je nachdem wie umfangreich und prozessleitend dieses ist - im
entsprechenden Ausmass zu berücksichtigen. Ein Geständnis als rein taktisches
Mittel darf im Gegensatz zu einem Geständnis aus innerer Zerrissenheit und
Reue nicht zu einer entscheidenden Strafminderung führen. Nur wenn all diese
Faktoren erfüllt sind, kann eine Strafreduktion von einem Drittel erfolgen. Fehlen
einzelne Elemente, ist die Strafe entsprechend weniger stark zu reduzieren (BGE
118 IV 349 und BGE 121 IV 205).
In Bezug auf das schwerste Delikt, die versuchte vorsätzliche Tötung, hat
sich der Beschuldigte zu keinem Zeitpunkt vollumfänglich geständig gezeigt. Er
anerkannte jedoch den Schusswaffeneinsatz und die Schussrichtung. Analoges
gilt bezüglich der Tatvorwürfe zum Nachteil des Geschädigten C._. Immerhin
zeigte er im Brief an die Staatsanwältin von Mitte Juli 2012 Bedauern über den
Vorfall (Urk. 22/49). Sodann zeigte er zuletzt zumindest eine gewisse Reue (Prot.
I S. 10, Prot. II S. 24). Leicht strafmindernd ist dem Beschuldigten anzurechnen,
dass er sich bei der Polizei stellen wollte. Das Nachtatverhalten ist insgesamt mit
sechs Monaten Strafreduktion zu veranschlagen.
e) Zusammenfassend überwiegen bei der Täterkomponente die straferhö-
henden Faktoren die strafmindernden Faktoren, weshalb die Strafe entsprechend
im Umfang von drei Monaten zu erhöhen ist.
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9. Aufgrund aller relevanten Strafzumessungsgründe erscheint eine Frei-
heitsstrafe von 7 Jahren sowie eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu Fr. 30.–
und Fr. 500.– Busse als angemessen.
IV. Widerruf und Vollzug (Geldstrafe)
1. Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 26. Juli 2011
wurde der Beschuldigte wegen Diebstahls mit einer bedingten Geldstrafe von 30
Tagessätzen zu Fr. 40.– bestraft, unter Ansetzung einer Probezeit von 2 Jahren.
Ferner wurde eine Busse in Höhe von Fr. 400.– ausgefällt (vgl. vorne III.8/lit. c).
2. Der Beschuldigte delinquierte erneut am 1. September 2011 und am
10. Oktober 2011. Die in- und ausländischen Vorstrafen und die gleichzeitig lau-
fenden Probezeiten schienen ihn überhaupt nicht beeindruckt zu haben. Zudem
ist in den vom Beschuldigten verwirklichten Straftaten eine Steigerung der De-
liktsschwere und der kriminellen Energie zu erkennen. Dies deutet auf eine erheb-
liche Unbelehrbarkeit und Uneinsichtigkeit des Beschuldigten hin. Demzufolge ist
dem Beschuldigten eine schlechte Prognose zu stellen. Diese Einschätzung deckt
sich im Übrigen mit jener des psychiatrischen Gutachters, welcher von einer ho-
hen Wahrscheinlichkeit der Verübung weiterer Gewaltdelikte ausgeht (Urk. 23/6
S. 62).
3. a) Der bedingte Vollzug der Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu Fr. 40.–
gemäss Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 26. Juli 2011 ist dem-
zufolge zu widerrufen. Die entsprechende Anordnung durch die Vorinstanz ist
mangels Anfechtung bereits in Rechtskraft erwachsen (vgl. oben Ziff. I.3).
b) Im Zusammenhang mit der vorliegend auszufällenden Geldstrafe ist in
Nachachtung der bundesgerichtlichen Praxis keine Gesamtstrafe auszufällen
(BGE 134 IV 241 E. 4).
4. Aufgrund der dargelegten schlechten Legal-Prognose ist die mit vorlie-
gendem Urteil auszufällende Geldstrafe zu vollziehen.
- 64 -
5. Für den Widerruf der vom Landesgericht Salzburg bedingten Freiheits-
strafe von sechs Monaten gemäss dessen Urteil vom 23. Juni 2009 sowie der zu
diesem Urteil bedingt ausgesprochenen zusätzlichen Freiheitsstrafe von 12 Mo-
naten gemäss dessen Urteil vom 21. Mai 2010 ist das hiesige Gericht nicht zu-
ständig (vgl. BSK Strafrecht I, N 61 zu Art. 46). Sämtliche heute beurteilten Straf-
taten beging der Beschuldigte in der Probezeit dieser österreichischen Urteile.
6. In Anwendung von Art. 22 des Europäischen Übereinkommens über
die Rechtshilfe in Strafsachen von 1959 (SR 0.351.1) ist der vorliegende Ent-
scheid nach Eintritt der Rechtskraft dem Landesgericht Salzburg zu übermitteln.
V. Strafvollzug und Massnahme für junge Erwachsene
1. Die Staatsanwaltschaft stellte bereits vor Vorinstanz den Antrag, es sei
auf Anordnung einer Massnahme für junge Erwachsene im Sinne von Art. 61
Abs. 1 StGB zu verzichten (Urk. 56 S. 1). In der Berufungsverhandlung wiederhol-
te sie diesen Antrag sinngemäss (Urk. 84 S. 8). Die Verteidigung stellte betreffend
Massnahme keinen Antrag bzw. lehnte eine solche mangels Einwilligung des Be-
schuldigten ab (vgl. Urk. 57 und Urk. 85 S. 15 f.). Der Beschuldigte machte gel-
tend, er möchte lieber ins Gefängnis gehen, als eine Massnahme für junge Er-
wachsene antreten (Urk. 55 S. 15 f.).
2. a) Eine Massnahme ist anzuordnen, wenn eine Strafe allein nicht ge-
eignet ist, der Gefahr weiterer Straftaten des Täters zu begegnen, wenn ein Be-
handlungsbedürfnis des Täters besteht oder die öffentliche Sicherheit dies erfor-
dert und die Voraussetzungen der Art. 59 - 61, 63 oder 64 erfüllt sind (Art. 56
Abs. 1 StGB). Die Anordnung einer Massnahme setzt voraus, dass der mit ihr
verbundene Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Täters im Hinblick auf die
Wahrscheinlichkeit und Schwere zukünftig zu erwartender Straftaten nicht unver-
hältnismässig ist (Art. 56 Abs. 2 StGB). Das Gericht stützt sich beim Entscheid
über die Anordnung einer Massnahme auf eine sachverständige Begutachtung
(Art. 56 Abs. 3 StGB).
- 65 -
b) War der Täter zur Zeit der Tat noch nicht 25 Jahre alt und ist er in seiner
Persönlichkeitsentwicklung erheblich gestört, so kann ihn das Gericht in eine Ein-
richtung für junge Erwachsene einweisen, wenn der Täter ein Verbrechen oder
Vergehen begangen hat, das mit der Störung seiner Persönlichkeitsentwicklung
im Zusammenhang steht und zu erwarten ist, dadurch lasse sich der Gefahr wei-
terer mit der Störung seiner Persönlichkeitsentwicklung im Zusammenhang ste-
hender Taten begegnen (Art. 61 Abs. 1 StGB). Somit wird vorausgesetzt, dass
der Täter einer therapeutischen oder pädagogischen Einwirkung zugänglich er-
scheint und seine Entwicklung sich noch wesentlich beeinflussen lässt (Do-
natsch/Flachsmann/Hug/Weber, a.a.O., N 4 zu Art. 61 StGB). Bei der Vorausset-
zung der Störung der Persönlichkeitsentwicklung gemäss Art. 61 Abs. 1 StGB
geht es um eine altersspezifische Störung des psychosozialen Reifungsprozes-
ses. Unabdingbar ist dabei ein gewisses Ausmass der Entwicklungsstörung, sie
muss erheblich sein (Basler Kommentar, Strafrecht I, a.a.O., N. 26 bis 30 zu
Art. 61).
3. a) Der psychiatrische Gutachter, PD Dr. med. W._ ([Funktion] im
Zentrum für Forensische Psychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich)
kam in seinem Gutachten vom 13. Dezember 2012 (Urk. 23/6) zur Erkenntnis,
dass der Beschuldigte unreife und dissoziale Persönlichkeitszüge aufweise. An-
gesichts der Unreife des Beschuldigten und seines jugendlichen Alters werde
(noch) von der Diagnose einer dissozialen Persönlichkeitsstörung abgesehen.
Jedoch müsse man von einer dissozialen Entwicklung ausgehen, die ohne eine
geeignete Intervention in ein solches Bild münden werde. Die aktuell bestehende
Persönlichkeitsproblematik sei nicht als psychische Störung und insbesondere
nicht als schwerwiegende psychische Störung aufzufassen. Im Hinblick auf die
Rückfallgefahr seien mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Gewaltdelikte zu erwar-
ten. Die Gefahr werde aufgrund der dissozialen Persönlichkeitsproblematik gese-
hen. Sozialpädagogische und begleitende psychotherapeutische Interventionen
seien nicht von vornherein aussichtslos. Diese sollten auf den Erwerb eines
Berufsabschlusses und auf eine selbstkritischere Haltung gegenüber bisherigen
Verhaltensstilen abzielen. Ausserdem gehe es darum, den Beschuldigten aus
seinem dissozial geprägten Milieu herauszulösen.
- 66 -
b) Der Beschuldigte sei derzeit nicht bereit, sich einer solchen Behandlung
zu unterziehen bzw. lehne diese explizit ab. Eine Behandlung gegen den Willen
des Beschuldigten sei nicht erfolgversprechend. Die Anordnung einer stationären
therapeutischen Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB bzw. einer ambulanten
Behandlung im Sinne von Art. 63 StGB entfalle mangels einer schwerwiegenden
psychischen Störung. Aufgrund der unreifen Persönlichkeitszüge könne (noch)
von einer Störung der Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Erwachsenen ge-
sprochen werden. Die dem Beschuldigten vorgeworfenen Taten stünden damit in
Zusammenhang. Es erscheine "nicht ausgeschlossen", dass eine Massnahme für
junge Erwachsene im Sinne von Art. 61 StGB die Wahrscheinlichkeit weiterer
Strafen (recte wohl: Straftaten) mindern könne. Zumindest indizierten die unreifen
Persönlichkeitsmerkmale eine bessere therapeutische Erreichbarkeit als beim
Vorliegen einer verfestigten dissozialen Persönlichkeitsproblematik. Blieben ge-
eignete therapeutische Interventionen aus und der Beschuldigte im bisherigen
gewaltbejahenden Milieu integriert, müsse mit einer Verfestigung der dissozialen
Persönlichkeitsproblematik, der Ausbildung einer dissozialen Persönlichkeitsstö-
rung und weiterer Gewaltdelinquenz gerechnet werden.
c) Angesichts der massiven kriminalprognostischen Bedenken sei es aus
psychiatrischer Sicht ratsam, den Versuch zu unternehmen, dem Beschuldigten in
einer geeigneten Einrichtung prosoziale Lebensperspektiven zu eröffnen. Beden-
ken hinsichtlich der Behandlungsprognose akzentuierten sich jedoch, da der Be-
schuldigte bislang nicht zu einem Aufenthalt in einer solchen Anstalt bereit sei.
Die im Rahmen einer Jugendmassnahme durchzuführenden Massnahmen be-
dürften der aktiven Mitwirkung des Beschuldigten und seien gegen seinen Willen
nicht erfolgreich durchführbar.
4. Anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung widersetzte sich der
Beschuldigte der Durchführung einer Massnahme vehement (Urk. 55 S. 15 f.) und
liess auch an der Berufungsverhandlung ausführen, dass er eine solche ablehne
(Urk. 85 S. 15 f.). Dieser Widerstand besteht schon länger. Da eine Massnahme
gegen den ausdrücklichen und festen Willen des Beschuldigten keine Aussicht
- 67 -
auf Erfolg hat, ist von der Anordnung einer Massnahme für junge Erwachsene ab-
zusehen.
VI. Zivilforderungen
1. a) Der Privatkläger B._ stellte gegen den Beschuldigten im Vor-
verfahren ein Schadenersatzbegehren in Höhe von Fr. 50'000.– sowie ein Genug-
tuungsbegehren in derselben Höhe (Urk. 18/3). Sein Verteidiger reduzierte das
Schadenersatzbegehren mit Eingabe vom 5. Juli 2013 auf Fr. 578.– und das Ge-
nugtuungsbegehren auf Fr. 15'000.– nebst 5 % Zins seit 10. Oktober 2011
(Urk. 52).
b) Der Beschuldigte liess die Verweisung des Schadenersatzanspruchs auf
den Zivilweg beantragen und anerkannte eine Genugtuungsforderung in der Höhe
von Fr. 1'000.– (Urk. 57 S. 2 und S. 37 f., Prot. I S. 10, Urk. 85 S. 2 und S. 19).
c) Der Geschädigte C._ verzichtete auf Zivilansprüche (Urk. ND 18).
2. Die Vorinstanz hat die rechtlichen Voraussetzungen für die adhäsions-
weise Zusprechung von Schadenersatz und Genugtuung umfassend und zutref-
fend dargelegt. Auf die entsprechenden Ausführungen in den vorinstanzlichen
Erwägungen kann vollumfänglich verwiesen werden (Urk. 73 S. 112-114).
3. a) Der Privatkläger B._ musste drei Tage im Spital verbringen und
war rund 20 Tage zu 100 % arbeitsunfähig (Urk. 13/3). Der Einschuss hat, ausser
einer ca. 15 Zentimeter langen Narbe auf der Innenseite oberhalb des Knies (vgl.
Urk. 52 Fotos), keine bleibenden körperlichen Folgen nach sich gezogen. Eine
seelische Beeinträchtigung ist laut dem Geschädigtenvertreter weiter vorhanden.
So würden beim Privatkläger B._ immer wieder Symptome einer posttrauma-
tischen Belastungsstörung auftreten (Urk. 52 S. 5). Eine aktuelle medizinische
Behandlung oder eine weitergehende Arbeitsunfähigkeit besteht indes nicht.
b) Der Geschädigtenvertreter machte in seiner Eingabe vom 5. Juli 2013
Schadenersatz für die beschädigten Designerjeans in der Höhe von Fr. 200.–,
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Fernseh- und Telefongebühren im Spital von Fr. 128.10 sowie Taxifahrtkosten
von insgesamt Fr. 250.– geltend (Urk. 52 S. 5). Betreffend Fernseh- und Telefon-
gebühren liegt den Akten eine Quittung bei (vgl. Urk. 52). Aufgrund der fehlenden
Konnexität zwischen diesen Kosten und dem schädigenden Ereignis ist das
Schadenersatzbegehren in diesem Umfang auf den Zivilweg zu verweisen. Für
die Kosten der Jeans und das Taxi legte der Geschädigtenvertreter keine Belege
bei. Dennoch befinden sich diese in einem finanziellen Rahmen, der plausibel er-
scheint, weshalb der Beschuldigte zu verpflichten ist, dem Privatkläger B._
Schadenersatz in der Höhe von Fr. 450.– zu bezahlen. Im Mehrbetrag ist das
Schadenersatzbegehren auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen.
4. a) Aufgrund der bereits genannten Umständen erscheint für die Verlet-
zung des Privatklägers B._ grundsätzlich eine Genugtuung in Höhe von
Fr. 6'000.– angemessen.
b) Zu berücksichtigen ist jedoch, dass der Privatkläger B._ eine mass-
gebende Mitverantwortung für die Eskalation der Geschehnisse trug. Nicht nur
suchte er von Beginn an mit dem Beschuldigten eine Auseinandersetzung, er
liess sich in Kenntnis der Schusswaffe des Beschuldigten auf eine Schlägerei mit
ihm ein. Unter diesen Umständen erscheint eine Herabsetzung der Basisgenug-
tuung um die Hälfte angezeigt. Somit erscheint eine Genugtuungszahlung in Hö-
he von Fr. 3'000.– zuzüglich 5 % Zins ab 10. Oktober 2011 der Intensität der erlit-
tenen Unbill und dem Verschulden des Beschuldigten sowie dem Selbstverschul-
den des Privatklägers B._ angemessen.
Es ist vorzumerken, dass der Beschuldigte das Genugtuungsbegehren im
Betrag von Fr. 1'000.– anerkannt hat.
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Ausgangsgemäss ist die vorinstanzliche Kostenverteilung zu bestätigen
(Dispositivziffer 10).
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2. a) Im Berufungsverfahren tragen die Parteien die Kosten nach Mass-
gabe ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO).
b) Der Beschuldigte unterliegt mit seinen Berufungsanträgen praktisch voll-
ständig. Er obsiegt einzig teilweise bezüglich der beantragten Reduktion der Ge-
nugtuung. Die Staatsanwaltschaft obsiegt mit ihrem Antrag auf Änderung der
rechtlichen Würdigung der Haupttat. Sie obsiegt nur teilweise mit ihrem Antrag auf
Erhöhung des Strafmasses. Dem Beschuldigten sind daher die Kosten des Beru-
fungsverfahrens zu 4/5 aufzuerlegen. Zu 1/5 sind die Kosten auf die Gerichtskas-
se zu nehmen.
c) Die Kosten der amtlichen Verteidigung im Berufungsverfahren, welche auf
Fr. 8'200.– (inkl. 8% MwSt) festzusetzen sind, sind auf die Gerichtskasse zu neh-
men. Die Rückzahlungspflicht des Beschuldigten zu 4/5 gemäss Art. 135 Abs. 4
StPO bleibt vorbehalten. Die Kosten der unentgeltlichen Vertretung der Privatklä-
gerschaft sind auf die Gerichtskasse zu nehmen.