Decision ID: ce444fb6-a160-442c-84c2-290b5715f1ec
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die
1963
geborene
X._
war vom
1.
September 2001 bis 3
1.
M
ärz 2018 als Informatikerin bei
Z._
angestellt und im Rahmen dieses Arbeitsverhältnisses
bei der Personalvor
sorge
A._
berufsvorsorgeversichert. Mit Entscheid vom 2
6.
April 2018 sprach die
Personalvor
sorge A._
der Versicherten mit Wirkung ab
1.
April 2018 eine volle Berufsinvalidenrente nach Massgabe eines Invali
ditätsgrades von 100
%
samt Überbrückungszuschuss zur Invalidenrente zu (
Urk.
6/3-4
). Die Versicherte v
erstarb am 1
2.
Februar 2020
und
hinterliess
als einzige gesetzliche Erbin
ihre 1982 geborene Tochter
B._
(Urk. 2/3).
Auf entsprechendes Gesuch
von
B._
hin (Urk.
6/7,
Urk.
6/10 und
Urk.
6/12
) lehnte die
Personalvor
sorge A._
die Ausrichtung einer Todesfallsumme
mit
E
ntscheid vom 15. Dezember 2020
ab
(
Urk. 2/5
).
2.
Mit Eingabe vom 2
9.
Januar 2021
(
Urk.
1)
erhob
B._
Klage gegen die
Personalvor
sorge A._
und beantragte, die Auszahlung der Todesfallsumme (Sparguthaben) habe gemäss der
Begünstigtenordnung
nach
Art.
20a
des
Bundesgesetzes über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (
BVG
)
an die einzige Tochter zu erfolgen, in der Höhe von ungefähr
Fr.
470'000.-- (
Fr.
536'728.-- plus Zinsen und Gutschriften, abzüglich der bezahlten IV-Rente von ungefähr
Fr.
82'000.--).
Am 2
3.
März 2021 beantragte die
Personalvor
sorge A._
, die Klage sei abzuweisen (Urk. 5). Im Rahmen des zweiten Schriftenwechsels hielten die Parteien an den gestellten Anträgen fest (Urk. 9 und
Urk.
12). Die Duplik der Beklagten wurde der Klägerin mit Verfügung vom 2
1.
Juni 2021 zur Kenntnis gebracht (
Urk.
14).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Die Vorsorgeeinrichtungen sind im Rahmen des BVG in der Gestaltung ihrer Leistungen, in deren Finanzierung und in ihrer Organisation frei (
Art.
49
Abs.
1 Satz 1 BVG). Gewährt eine Vorsorgeeinrichtung mehr als die Mindestleistungen, gelten gemäss
Art.
49
Abs.
2 BVG die in dieser Bestimmung aufgezählten Vorschriften. Dies bedeutet indessen nicht, dass Vorsorgeeinrichtungen, die über das
Obligatorium
hinausgehende Leistungen erbringen (umhüllende Vorsorgeein
richtungen), in der weitergehenden Vorsorge nur die in diesem Absatz ausdrück
lich vorbehaltenen Vorschriften des BVG zu beachten hätten. Vielmehr sind sie
auch an die verfassungsmässigen Grundsätze der Rechtsgleichheit, des Willkür
verbots und der Verhältnismässigkeit gebunden (BGE 130 V 376 E. 6.4 mit Hinweisen).
1.2
Gemäss
Art.
1f der Verordnung über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVV 2) in Verbindung mit
Art.
1
Abs.
3 BVG ist der Grundsatz der Gleichbehandlung eingehalten, wenn für alle Versicherten eines Kollektivs die gleichen reglementarischen Bedingungen im Vorsorgeplan gelten.
1.3
Das Prinzip der Gleichbehandlung der Destinatäre bildet neben den Grundsätzen der Angemessenheit, Kollektivität und Planmässigkeit ein Strukturprinzip der weitergehenden beruflichen Vorsorge. Der Gleichbehandlungsgrundsatz findet auch bei reinen Ermessensleistungen Anwendung und schliesst nicht aus, dass unter den Destinatären nach objektiven Kriterien Kategorien gebildet werden dürfen. Innerhalb der gebildeten Gruppen (beispielsweise im Rahmen verschiede
ner Vorsorgepläne) sind die Destinatäre jedoch einander gleichzustellen. Dies gebietet auch der Grundsatz der Kollektivität, wonach jeweils alle Angestellten einer Kategorie einzubeziehen sind, was Einzellösungen oder Sonderregelungen entgegensteht. Planmässigkeit schliesslich bedeutet, dass sowohl die Finanzie
rung wie auch die Ausgestaltung der Leistungsseite in Statuten oder Reglement im Voraus nach schematischen Kriterien festzulegen sind (BGE 132 V 149 E. 5.2.5 mit Hinweisen).
1.4
Gegen das Gebot der rechtsgleichen Behandlung (
Art.
8
Abs.
1 der Bundesver
fassung, BV) verstösst eine Regelung, wenn sie sich nicht auf ernsthafte Gründe stützen lässt, sinn- oder zwecklos ist oder rechtliche Unterscheidungen trifft, für die sich ein vernünftiger Grund nicht finden lässt. Gleiches gilt, wenn sie es unterlässt, Unterscheidungen zu treffen, die richtigerweise hätten berücksichtigt werden sollen (vgl. etwa BGE 133 V 42 E. 3.1 mit Hinweisen).
1.
5
1.5
.1
Die Begriffe des Todesfallkapitals beziehungsweise der Todesfallsumme kommen im BVG nicht vor. Im
Obligatoriumsbereich
besteht kein Anspruch der Hinter
lassenen oder der Erben auf ein Todesfallkapital. Fehlen entsprechende reglemen
tarische Bestimmungen, gelangt somit kein Todesfallkapital zur
Auszahlung (Hans-Ulrich Stauffer, Berufliche Vorsorge,
3.
Auflage, Zürich/Basel/Genf 201
9
, S. 3
18 f.
Rz
983 f.
).
Zahlreiche Vorsorgeeinrichtungen
haben aber reglementarisch einen Anspruch auf ein Todesfallkapital geschaffen, wobei die Höhe der Leistung, der Kreis der
möglichen Begünstigten wie auch die Modalitäten der Ausrichtung unterschied
lich geregelt sein können. Seit der
1.
BVG-Revision besteht zudem in
Art.
20a BVG eine ausdrückliche Rechtsgrundlage zur Ausrichtung von Leistungen an einen weiteren
Personenkreis (Stauffer, a.a.O., S. 3
19
Rz
985-987
).
1.5
.2
Die Beklagte hat gestützt
auf
Art.
20a BVG in
Art.
60 ihres ab
1.
Januar 2019
gültig gewesenen Vorsorger
eglements
(
Urk.
6/9) folgende Regelungen betreffend Voraussetzungen und Höhe der Todesfallsumme statuiert:
Stirbt eine versicherte Person, ohne dass die
Personalvor
sorge A._
Alters
leistungen
nach
Art.
27-36,
Hinterbliebenen
leistungen nach
Art.
48-54
oder Invalidenleistungen
nach
Art.
37-42
erbringen muss oder musste, wird eine Todesfallsumme
in Höhe des im Zeitpunkt des Todes vorhandenen Sparguthabens gemäss
Art.
28
ausgerichtet.
Der Kreis der anspruchsberechtigten Personen wird in
Art.
61
des
Vorsorger
egle
ments
umschrieben und schliesst namentlich die Kinder der verstorbenen Person, die keinen Anspruch auf eine Waisenrente
im Sinne von
Art.
56-58
haben, die
Eltern oder die
Geschwister der verstorbenen Person ein (
Abs.
1
lit
. b).
2.
2.1
Die Klägerin führte zur Klagebegründung aus,
ihre Mutter habe im August 2018 Bescheid für eine IV-Rente erhalten. Bereits zu diesem Zeitpunkt sei bekannt gewesen, wie schlecht ihr Gesundheitszustand gewesen sei. Sie sei daraufhin im Februar 2020 verstorben. Das Altersguthaben ihrer Mutter habe per 3
1.
Januar 2020
Fr.
536'728.-- betragen. Die von der Beklagten bezahlten Ergänzungen zur IV-Rente hätten lediglich etwa
Fr.
82'000.-
-
ausgemacht und ständen somit in keinem Verhältnis
dazu
. Die Beklagte habe den Antrag der Klägerin auf Aus
zahlung der Todesfallsumme abgewiesen. Dies sei
–
aus näher dargelegten Gründen
–
willkürlich und entspreche nicht dem Gleichbehandlungsgrundsatz. Zudem habe die Beklagte nicht nachweisen können, dass Gelder vom Sparguthaben für die IV-Rente benötigt worden sei
en
. Vielmehr sei die IV-Rente von der Risiko
prämie der Versicherten bezahlt worden und es bestehe kein kausaler Zusammen
hang zwischen Sparguthaben und versicherter Risiko
abdeckung, um damit die Todesfallsumme zu verweigern
.
Art.
60 des Vorsorge
reglements der Beklagten, gemäss welchem ein Todesfallkapital nur ausbezahlt
werde, wenn keine IV-Rente habe ausgerichtet werden müssen, sei so nicht gerechtfertigt. Eine ähnliche Regelung habe sie in keinem anderen Pensions
kassenreglement gefunden. Es könne nicht sein, da
s
s ein so kurzer Bezug einer IV-Rente als Ablehnung für die Auszahlung der Todesfallsumme (gespartes Altersguthaben) angeführt werde
. Die Beklagte sei deshalb zur Auszahlung der Todesfallsumme an sie zu verpflichten
(
Urk.
1 S. 2-6)
.
Im Rahmen des zweiten Schriftenwechsels hielt die Klägerin fest (
Urk.
9
),
die Beklagte verstosse gegen das Diskriminierungsverbot
, indem sie die Spargut
haben nur von IV-Rentenbezügern zurückhalte, obwohl davon keine Beträge für Renten oder andere Leistungen gebraucht worden seien. Die diskriminierende Passage des
Vorsorgereglements
«ohne dass eine IV-Rente bezahlt werden musste» sei aufzuheben
(S. 2-3).
2.2
Die Beklagte begründete die Leistungsverweigerung damit,
dass im Bereich der obligatorischen beruflichen Vorsorge kein Anspruch der Hinterlassenen auf ein Todesfallkapital bestehe. Würden entsprechende reglementarische Bestimmungen fehlen, gelange somit kein Todesfallkapital zu
r
Auszahlung. Ihr
Vorsorgeregle
ment
schaffe
einen Anspruch auf Ausrichtung einer Todesfallsumme, dies aber nur, wenn die Beklagte keine Alters-, Hinterbliebenen- oder Invalidenleistungen habe erbringen müssen. Der verstorbenen Versicherten seien Berufsinvalidenleis
tungen
ausbezahlt
worden, was die Ausrichtung einer Todesfallsumme
gänzlich
ausschliesse
, dies unabhängig davon, wie lange und in welcher Höhe die Invalidenleistungen
entrichtet
worden seien. Weder vom Gesetz noch von der Rechtsprechung werde verlangt, dass betreffend Todesfallsumme eine Gleich
behandlung zwischen aktiven Versicherten und Rentenbeziehenden bestehen müsse
(
Urk.
5
S.
4
-6
).
Im Übrigen gebe es durchaus Verbindungen zwischen Risiko- und Spar
an
teil, werde doch das Sparguthaben während der Ausrichtung von Invalidenleistungen durch die Beklagte weiter
geäufnet
.
Ihre
reglementa
rische Grundlage sei klar und vollständig und bedürfe im strittigen Punkt weder einer Auslegung noch einer Lückenfüllung (S. 6
; vgl. auch Urk. 12
).
3.
3.1
Vorliegend ist unbestritten und ausgewiesen, dass das ab
1.
Januar 2019 gültige Vorsorgereglement der Beklagten (
Urk.
6/9) zur Anwendung kommt. Ebenso ist unbestritten, dass es sich
bei der im Streit stehenden Todesfallsumme
nicht um obligatorische Leistungen
der Beklagten
handelt. Auch erweist sich das
Vorsor
gereglement
der Beklagten hinsichtlich der Voraussetzungen, die für die Ausrich
tung einer Todesfallsumme erfüllt sein
müssen, als klar und eindeutig und bedarf keiner
weiteren
Auslegung.
Strittig und zu prüfen ist einzig, ob
Art.
60 des Vorsorgereglements
aus sachlich nicht gerechtfertigten Gründen gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz beziehungsweise das Diskriminierungsverbot
ver
stösst
und damit bundesrechtswidrig ist.
3.2
Art.
60 des
Vorsorgereglements der Beklagten
(vgl. oben E. 1.5.2)
schliesst
den Anspruch auf die Todesfallsumme aus, wenn die Beklagte Rentenleistungen auszurichten hatte beziehungsweise ihr gegenüber
ein Anspruch
auf Ausrichtung von Rentenleistungen
besteht
. Eine Diskriminierung von
Hinterbliebenen von
invaliden Versicherten ist dabei entgegen den Ausführungen der Klägerin nicht
ersichtlich
,
denn es
schliessen
auch Alters- und Hinterbliebenenleistungen den Anspruch auf eine Todesfallsumme
aus.
Ein
Verstoss
gegen das
Diskriminierungs
verbot
nach Art. 8 Abs.
2
BV ist deshalb
ebenso wenig
auszumachen
wie ein
solcher gegen das Gebot der rechtsgleichen Behandlung nach Art. 8 Abs. 1 BV, ist doch eine
Unterscheidung zwischen Hinterbliebenen von Versicherten, die keine Leistungen der Beklagten bezogen, und Hinterbliebenen von Versicherten,
bei welchen die Beklagte
Leistungen
auszurichten hatte beziehungsweise hat,
sachlich gerechtfertigt
.
Die Klägerin
kann auch aus Art. 1f BVV 2 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 3 BVG nichts zu
ihren
Gunsten ableiten,
denn
der Grundsatz der Gleichbehandlung
ist
eingehalten, wenn für alle Versicherten eines Kollektivs die gleichen reglementarischen Bedingungen im Vorsorgeplan gelten
(E. 1.2)
.
Im Weiteren liegt
–
anders als in der von der Klägerin zitierten Rechtsprechung (vgl.
Urk.
1 S. 6)
–
keine vom
Gericht
auszufüllende Lücke (vgl.
dazu
BGE 146 V 121 E. 2.5)
vor
.
Schliesslich
kann sich die Klägerin auch nicht auf eine Verletzung von Art. 89b BVG (Gleichbehandlung) berufen, behandelt doch das
Vorsorge
reglement
alle Hinterbliebenen von Versicherten,
bei welchen die Beklagte Leistungen auszurichten hatte beziehungsweise hat,
gleich.
Die Klägerin mag als
stossend
empfinden, dass
eine Rentenleistung ungeachtet der Dauer und Höhe den gesamten Anspruch auf die Todesfallsumme
ausschliesst
. Dabei ist allerdings zu beachten, dass derartige oder vergleichbare Konstellatio
nen grundsätzlich jeder Rentenversicherung immanent sind und dass es sich beim Anspruch auf ein Todesfallkapital um eine überobligatorische Leistung handelt. Besteht weder nach Gesetz noch Rechtsprechung ein Anspruch auf Ausrichtung eines Todesfallkapitals, so ist auch nicht zu beanstanden, wenn die Beklagte in ihrem
Vorsorgereglement
zwar einen Anspruch auf Ausrichtung eine
s
solchen vorsieht, diesen jedoch auf
diejenigen
Fälle beschränkt,
in welchen sie keine
Alters-, Hinterbliebenen- oder Invalidenleistungen erbringen musste beziehungs
weise muss.
Dass andere Vorsorgeeinrichtungen in derselben Konstellation eine Todesfallsumme ausgerichtet hätten, wie dies die Klägerin geltend machte, ändert daran nichts.
Aus demselben Grund ist auch nicht von Belang, ob es Verbindun
gen zwischen Risiko- und Sparanteil gibt. Solche sind im Übrigen vorliegend durchaus vorhanden, wird doch das Sparguthaben
von invaliden Versicherten
auch bei Ausrichtung von Invalidenleistungen weiter
geäufnet
(
Art.
43 Vorsor
gereglement)
.
Die Regelung betreffend Todesfallsumme im
Vorsorgereglement
der Beklagten
mag zwar im Einzelfall zu
subjektiv
nicht gänzlich befriedigenden Ergebnissen f
ühren; die
s bedeutet aber noch nicht, dass sie
bundesrechtswidrig
oder gar willkürlich
ist
.
3.3
Zusammenfassend ist es zulässig, dass das
Vorsorgereglement
der Beklagten eine Unterscheidung in der
Destinatärsgruppe
der
Hinterbliebenen trifft zwischen solchen,
die oder
deren versto
r
bene Angehörige bereits in den Genuss von Leistungen der Beklagten
kommen beziehungsweise
gekommen sind und solchen,
denen
oder
deren verstorbene
n
Angehörigen keine Leistungen der Beklagten ausgerichtet wurden.
Nachdem der Versicherten vor ihrem Versterben während knapp zweier Jahre
Berufsinvalidenleistungen
der Beklagten ausgerichtet wurden, besteht für die Klägerin entsprechend kein
auch nur
anteilsmässiger
Anspruch auf Ausrichtung einer Todesfallsumme.
Die Klage ist damit abzuweisen.