Decision ID: a29932c9-f416-55a8-9040-6a6d9e8b6a71
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 18. Juli 2018 bei der Stadt Thun ein Baugesuch
ein für den Abbruch einer bestehenden Garage sowie den Neubau eines Wohnhauses mit
Nebenbauten auf Parzelle Thun-Strättligen Grundbuchblatt Nr. C._. Die Parzelle
liegt in der Wohnzone. Gegen das Bauvorhaben erhob unter anderen der
Beschwerdeführer Einsprache.
Mit Gesamtentscheid vom 13. Februar 2019 erteilte die Stadt Thun dem Vorhaben die
Baubewilligung.
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2. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 4. März 2019 Beschwerde bei der Bau-,
Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt sinngemäss die
Aufhebung des Entscheids vom 13. Februar 2019. Zur Begründung macht er
zusammengefasst geltend, dem Vorhaben sei zu Unrecht eine Ausnahmebewilligung zum
Überschreiten der Baulinien erteilt worden. Ausserdem würden die Nebenbauten die
zulässige Gebäudehöhe überschreiten.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Die Beschwerdegegnerin liess sich
nicht vernehmen. Die Stadt Thun beantragte mit Eingabe vom 8. April 2018 die Abweisung
der Beschwerde, soweit darauf eingetreten werden könne. Mit Eingabe vom 13. Mai 2019
reichte der Beschwerdeführer eine weitere Stellungnahme ein.
Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
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b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die
Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG
i.V.m. Art. 40 Abs. 2 BauG). Der Beschwerdeführer, dessen Einsprache abgewiesen
wurde, ist durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert und daher zur
Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten.
2. Streitgegenstand
a) Anfechtungsobjekt in einem Beschwerdeverfahren ist die Verfügung der Vorinstanz.
Der Streitgegenstand bezeichnet denjenigen Teil des Anfechtungsobjektes, den die
beschwerdeführende Partei von der Rechtsmittelinstanz überprüfen lassen will. Der
Streitgegenstand braucht sich nicht mit dem Anfechtungsobjekt zu decken, kann aber nicht
über dieses hinausgehen. Er wird mit dem Antrag und der Begründung in der Beschwerde
festgelegt. Der Entscheid in der Sache ist ebenso wie das Verfahren grundsätzlich auf den
Streitgegenstand begrenzt.4
b) Anfechtungsobjekt ist vorliegend der Entscheid der Stadt Thun vom 13. Februar
2019. Darin erteilte die Stadt die Bewilligung für den Abbruch der bestehenden Garage und
den Neubau eines Wohnhauses mit Nebenbauten auf der Parzelle Thun-Strättligen
Grundbuchblatt Nr. C._. Vom Beschwerdeführer gerügt und damit
Streitgegenstand ist lediglich der Neubau des Wohnhauses mit Nebenbauten. Gegen den
Abbruch der Garage erhebt der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde vom 4. März 2019
keine Einwände. Die Abbruchbewilligung für die bestehende Garage ist damit
unangefochten in Rechtskraft erwachsen.
3. Überschreitung der Baulinie
a) Die Bauherrin beantragte im vorinstanzlichen Baubewilligungsverfahren u.a. eine
Ausnahme für das Bauen ausserhalb der Baulinien. Zur Begründung machte sie im
4 Vgl. zum Ganzen Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 32 N 13 und Art. 72 N 6 bis 8; Markus Müller, Bernische Verwaltungsrechtspflege, 2. Aufl. 2011, S. 148 ff.
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Ausnahmegesuch geltend, der Flächenanteil des Baugrundstücks innerhalb der Baulinie
betrage mehr als 30 %. Eine sinnvolle und wirtschaftlich tragbare Bebauung des
Grundstücks sei daher ohne Ausnahme kaum möglich. Die Vorinstanz schloss sich dieser
Begründung an und hielt ergänzend fest, zwischen der Baulinie und der rückwärtigen
Nachbarparzelle würde abzüglich des kleinen Grenzabstands nur ein Streifen von
ca. 7.5 m zum Bauen übrig bleiben. Damit würde ein zeitgemässes verdichtetes Bauen
nahezu verunmöglicht. Die Baulinien würden überdies mit der laufenden
Ortsplanungsrevision aufgehoben. Der zukünftig massgebende Strassenabstand von 4 m
würde eingehalten.
Der Beschwerdeführer macht in seiner Beschwerde demgegenüber geltend, es bestünden
keine besonderen Verhältnisse für die Erteilung der Ausnahme. Die Parzelle weise auch
keine ungünstige Form auf und die Ortsplanungsrevision sei noch nicht rechtskräftig.
b) Gemäss Art. 36 Abs. 1 BauG sind Bauvorhaben nach dem zur Zeit der Einreichung
des Baugesuchs geltendem Recht zu beurteilen, soweit das Bundesrecht nichts anderes
bestimmt. Der Entscheid ist jedoch zurückzustellen, wenn das Bauvorhaben
Nutzungsplänen widerspricht, die bei der Gesuchseinreichung öffentlich aufgelegen haben
(vgl. Art. 36 Abs. 2 BauG). Baugesuche, die im Hinblick auf vorgesehene neue Vorschriften
oder Pläne eingereicht werden, sind nach deren Genehmigung aufgrund dieser
Vorschriften oder Pläne zu beurteilen, sofern die Baubewilligung nicht vorzeitig erteilt
werden kann (Art. 36 Abs. 3 BauG).
Die Stadt Thun hat in Aussicht gestellt, mit der laufenden Ortsplanungsrevision die
Baulinien aufheben zu wollen. Im Rahmen der angesprochenen Ortsplanungsrevision ist
bisher das Stadtentwicklungskonzept 2035 genehmigt worden. Die für die Baulinien
relevanten Arbeiten an der baurechtlichen Grundordnung sind dagegen noch nicht
abgeschlossen; die öffentliche Mitwirkung für das neue Baureglement bzw. den neuen
Zonenplan ist erst für das vierte Quartal 2019 vorgesehen.5 Der Zeitpunkt der öffentlichen
Auflage ist soweit ersichtlich noch nicht bekannt gegeben worden. Bei diesem Stand der
Revisionsarbeiten ist zum heutigen Zeitpunkt nicht absehbar, ob und wann die Baulinien
am D._weg tatsächlich aufgehoben werden. Eine allfällige positive Vorwirkung von
neuem Recht kommt daher ebenso wenig in Betracht wie das Zurückstellen des
Entscheids nach Art. 36 Abs. 2 BauG oder eine vorzeitige Bewilligung gemäss Art. 36 Abs.
5 Vgl. Internetseite zur Ortsplanungsrevision, abrufbar unter: «http://www.ortsplanungsrevisionthun.ch/»
http://www.ortsplanungsrevisionthun.ch/
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3 BauG. Damit ist das Projekt gestützt auf die aktuell in Kraft stehenden Rechtsgrundlagen
zu beurteilen.
c) Die Bauabstände von Gebäuden richten sich gemäss dem Baureglement der Stadt
Thun u.a. nach den rechtsgültigen Baulinien.6 Es ist unbestritten, dass das Bauvorhaben
die vorliegend massgebenden und nach wie vor gültigen Baulinien überschreitet und dass
das Projekt einer entsprechenden Ausnahme bedarf. Wie die Vorinstanz im angefochtenen
Entscheid zutreffend festgehalten hat, ist eine solche Ausnahmebewilligung gestützt auf
Art. 26 BauG und nicht – wie von der Bauherrin im Ausnahmegesuch beantragt – auf
Art. 28 BauG zu prüfen. Laut Art. 26 BauG (i.V.m. Art. 1 Abs. 2 GBR) können Ausnahmen
von einzelnen Bauvorschriften bewilligt werden, wenn besondere Verhältnisse es
rechtfertigen und wenn keine öffentlichen Interessen beeinträchtigt werden. Ausnahmen
dürfen überdies keine wesentlichen nachbarlichen Interessen verletzen, es sei denn, die
Beeinträchtigung könne durch Entschädigung vollwertig ausgeglichen werden. Diese
Voraussetzungen müssen kumulativ erfüllt sein. Eine Ausnahmebewilligung soll die
gesetzliche Regelung, die im Interesse der Rechtssicherheit sowie der Rechtsgleichheit die
tatsächlichen Verhältnisse generalisierend erfasst, einzelfallgerecht verfeinern. Dabei geht
es um die Behebung einer unverhältnismässigen Härte oder offensichtlichen
Unzweckmässigkeit, d.h. einer mit dem Erlass der Vorschrift nicht beabsichtigten Wirkung.
Ausnahmegründe müssen mit den Besonderheiten des Baugrundstücks oder des
Bauvorhabens zusammenhängen; mit anderen Worten müssen im konkreten Einzelfall
spezielle, vom Normalfall abweichende Umstände vorliegen. Rein finanzielle Interessen,
der Wunsch nach einer Ideallösung oder intensives Ausnützungsstreben rechtfertigen
keine Ausnahmebewilligung. Kein wichtiger Grund im Sinne dieser Bestimmung ist auch
die Feststellung, dass eine Vorschrift überholt und damit unzweckmässig geworden ist.
Schliesslich ist zu berücksichtigen, dass der Ausnahmegrund keine absolute Grösse ist.
Ob ein Sachverhalt als Ausnahmegrund genügen kann, hängt von drei Komponenten ab:
Vom Interesse an der Ausnahme, von der Bedeutung der Vorschrift, von der abgewichen
werden soll, und von Art und Mass der verlangten Abweichung.7
d) Die Bauparzelle befindet sich am D._weg. Entlang des D._wegs
verlaufen beidseitig Baulinien, die vergleichsweise weit in die angrenzenden Grundstücke
hineinragen. Die Bauparzelle weist eine Gesamtfläche von rund 500 m2 auf. Gemäss den
unwidersprochenen und nachvollziehbaren Angaben der Vorinstanz und der Bauherrschaft
6 Art. 14 Abs. 1 Bst. a Baureglement Thun vom Juni 2002 (GBR) 7 Vgl. zum Ganzen Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 26-27 N. 4 ff., m.w.H.; BVR 1977 S. 21 E. 2.2.2
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liegt rund ein Drittel der Bauparzelle innerhalb des Bauverbotsstreifens. Auf der Parzelle
befindet sich momentan eine ca. 36 m2 grosse Garage, welche die Baulinie nicht
überschreitet. Die restliche Grundstücksfläche ist noch nicht überbaut.
e) Das geplante Wohnhaus verfügt über eine 11.1 m lange Südfassade, die sich
vollständig ausserhalb der Baulinie befindet und durchgehend mehr als 2 m in den
Bauverbotsstreifen zum D._weg hinein ragt. Das Dach und die Terrassen des
geplanten Gebäudes überschreiten südseitig die Baulinie ebenfalls. Die geplante
Abweichung vom Erlaubten ist somit beträchtlich. Es trifft zwar zu, dass die Überbaubarkeit
des Grundstücks aufgrund der Baulinie eingeschränkt wird. Die noch nicht überbaute,
westliche Nachbarparzelle Thun-Strättligen Grundbuchblatt Nr. E._ befindet sich
allerdings ebenfalls zu mehr als einem Drittel innerhalb des Bauverbotsstreifens. Bei der
Parzelle Thun-Strättligen Grundbuchblatt Nr. F._ dürfte sogar rund die Hälfte der
Fläche ausserhalb der Baulinie liegen. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite werden
u.a. die Parzellen Thun-Strättligen Grundbuchblatt Nrn. G._ und H._ stark
von der Baulinie beeinträchtigt. Auch die Überbaubarkeit der Parzelle Thun-Strättligen
Grundbuchblatt Nr. I._ ist erheblich eingeschränkt. Dasselbe trifft auf mehrere
weitere Grundstücke entlang des gesamten D._wegs zu. Die Situation auf der
vorliegend betroffenen Bauparzelle ist daher gerade im Vergleich mit anderen
Grundstücken in der Umgebung nicht derart besonders, um von einer Ausnahmesituation
auszugehen. Im Gegenteil könnten die von der Vorinstanz und der Beschwerdegegnerin
vorgebrachten Ausnahmegründe auch bei zahlreichen weiteren Parzellen angeführt
werden. Dasselbe gilt für das Argument der inneren Verdichtung: Zwar würde mit dem
geplanten Vorhaben die betroffene Parzelle, auf der bisher bloss eine Garage steht,
nachverdichtet. Die Interessen an der Nachverdichtung des überbauten Siedlungsgebiets
und der haushälterischen Bodennutzung sind jedoch allgemeine raumplanerische
Grundsätze und begründen gerade keine besonderen Verhältnisse.8 Andere
Ausnahmegründe sind nicht ersichtlich. Insbesondere lassen die rechteckige Form der
Bauparzelle und das flache Gelände eine Überbauung des rund 500 m2 grossen
Grundstücks ohne weiteres zu. Auch unter Berücksichtigung der geltenden Grenzabstände
kann damit ein zweckmässiges Vorhaben realisiert werden, das die Baulinien nicht
überschreitet.
f) Die Stadt Thun scheint die betroffenen Baulinien mittlerweile als nicht mehr
zeitgemäss zu betrachten und möchte diese aufheben. Bereits in einem Schreiben vom
8 Vgl. auch Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 26-27 N. 5; BDE vom 12. April 2019, RA-Nr. 110/2018/164 E. 3.e
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8. Januar 1975 an den damaligen Grundeigentümer der vorliegenden Bauparzelle hat die
Stadt Thun festgehalten, die fraglichen Baulinien würden nicht mehr ganz den
Bedürfnissen entsprechen. Im selben Schreiben hat sie jedoch weiter ausgeführt, es könne
nicht befürwortet werden, wegen eines bestimmten Einzelfalls die bestehenden Baulinien
in partieller Weise aufzuheben, da sonst lauter derartige Fälle auftauchen und eine
vernünftige Planung verunmöglicht würde.9 Pläne und Vorschriften, die nicht mehr den
aktuellen Bedürfnissen entsprechen, können nicht durch das Gewähren von Ausnahmen
faktisch abgeändert oder aufgehoben werden. Vielmehr hat in solchen Fällen das
zuständige Gemeinwesen rechtzeitig planerisch tätig zu werden. Die Stadt Thun hat sich
entschlossen, die betroffenen Baulinien erst im Rahmen der momentan laufenden
Ortsplanungsrevision aufheben zu wollen. Solange das entsprechende
Planerlassverfahren aber noch nicht weiter fortgeschritten ist, haben die aktuellen
Baulinien nach wie vor uneingeschränkte Gültigkeit (vgl. auch E. 2.b). Wie dargelegt, liegen
keine Ausnahmegründe für eine Überschreitung vor. Würde dennoch eine Ausnahme
gewährt, käme dies somit einer unzulässigen Normkorrektur der in Kraft stehenden
Baulinien gleich.
4. Gleichbehandlung im Unrecht
a) Die Vorinstanz führte im angefochtenen Entscheid und in ihrer Vernehmlassung vom
5. April 2019 weiter aus, die Baulinien entlang des D._wegs würden seit 1929
bestehen. Sie seien in der Vergangenheit bereits mehrmals überschritten worden, so unter
anderem im Jahr 1950 beim Haus Nr. 34, 1989 beim Haus Nr. 21 und 1996 beim Haus
Nr. 22. Auch die Beschwerdegegnerin wies in ihrem Ausnahmegesuch darauf hin, dass
sich entlang des D._ bereits andere Bauten bzw. Bauteile ausserhalb der
Baulinien befinden würden. Damit stellt sich die Frage, ob die Beschwerdegegnerin einen
Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht hat.
b) Das Gebot rechtsgleicher Behandlung nach Art. 8 Abs. 1 BV10 garantiert in
allgemeiner Weise die Gleichbehandlung von Personen durch alle staatlichen Organe. Die
Rechtsgleichheit gebietet, Gleiches nach Massgabe seiner Gleichheit gleich und
Ungleiches nach Massgabe seiner Ungleichheit ungleich zu behandeln. Ein Entscheid
verletzt den Grundsatz der Rechtsgleichheit und damit Art. 8 Abs. 1 BV, wenn er rechtliche
9 Beilage zur Beschwerde vom 4. März 2019 10 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101)
RA Nr. 110/2019/38 8
Unterscheidungen trifft, für die ein vernünftiger Grund in den tatsächlichen Verhältnissen,
über die zu entscheiden ist, nicht ersichtlich ist, oder Unterscheidungen unterlässt, die sich
aufgrund der Verhältnisse aufdrängen.11 Der Umstand, dass das Gesetz in anderen Fällen
nicht oder nicht richtig angewandt worden ist, gibt dem Bürger grundsätzlich keinen
Anspruch darauf, ebenfalls abweichend vom Gesetz behandelt zu werden. Denn der
Grundsatz der Gesetzmässigkeit der Verwaltung geht dem Rechtsgleichheitsprinzip, und
damit dem Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht, in der Regel vor.12 Auf
Gleichbehandlung im Unrecht besteht jedoch grundsätzlich einen Anspruch, wenn die
Behörde nicht nur in einem oder einigen Fällen, sondern in ständiger Praxis vom Gesetz
abweicht und zu erkennen gibt, dass sie auch in Zukunft nicht gesetzeskonform handeln
werde.13 Selbst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, können diesen öffentliche
Interessen oder berechtigte Interessen Dritter an gesetzmässiger Rechtsanwendung
entgegenstehen.14
c) Sowohl in der näheren Umgebung der Bauparzelle als auch entlang des übrigen
D._wegs befinden sich die Gebäude grossmehrheitlich innerhalb der Baulinien.
Bereits aus den tatsächlichen Verhältnissen geht somit hervor, dass keine Praxis der Stadt
Thun existiert, wonach die Baulinien beim D._weg grundsätzlich überschritten
werden dürften. Entsprechend hat die Stadt Thun im erwähnten Schreiben vom
8. Januar 1975 noch ausdrücklich an den Baulinien festgehalten. Die Vorinstanz macht
auch heute nicht geltend, sie verfüge über eine eigentliche rechtswidrige Praxis. Vielmehr
weist sie auf ausgewählte Einzelfälle hin, in denen sie offenbar eine Ausnahme für das
Überschreiten der Baulinien gewährt hat. Die Frage, ob in diesen Fällen die
Voraussetzungen für eine Ausnahme erfüllt gewesen sind, ist nicht Gegenstand des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens. Selbst wenn dies nicht der Fall gewesen sein sollte,
begründen solche einzelfallbezogenen Beurteilungen keine rechtswidrige Praxis und damit
keinen Anspruch auf eine Gleichbehandlung im Unrecht. Das Rechtsgleichheitsgebot wird
mit der Verweigerung der Ausnahme somit nicht verletzt.
5. Zusammenfassung, weitere Rügen und Kosten
11 Vgl. BGE 117 Ia 257 E. 3b, m.w.H. 12 BGE 122 II 451 E. 4°, m.w.H. 13 Vgl. BGE 127 I 1 E. 3a 14 Vgl. BGE 123 II 248 E.3c
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a) Zusammenfassend hat die Vorinstanz dem Vorhaben zu Unrecht eine Ausnahme
zum Überschreiten der Baulinien erteilt. In Gutheissung der Beschwerde ist daher der
Gesamtentscheid der Stadt Thun vom 13. Februar 2019 aufzuheben und dem Baugesuch
vom 29. Juni 2018 ist der Bauabschlag zu erteilen. Es erübrigt sich somit, die weiteren
Rügen des Beschwerdeführers zu prüfen.
b) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdegegnerin. Sie hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 1'200.-- (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19
Abs. 1 GebV15). Die Beschwerdegegnerin trägt zudem die Kosten des erstinstanzlichen
Baubewilligungsverfahrens. Parteikosten sind nicht angefallen (vgl. Art. 104 Abs. 1 und
2 VRPG).
c) Die Kosten des Baubewilligungsverfahrens sind unabhängig von Obsiegen und
Unterliegen vom Baugesuchsteller zu tragen (Art. 52 Abs. 1 BewD16). Die
Gebührenverordnung Bauwesen der Stadt Thun17 sieht keine Anpassung der Kosten im
Fall des Bauabschlags vor. Die Gebühren für das Baubewilligungsverfahren werden jedoch
insoweit angepasst, als damit bereits Gebühren für baupolizeiliche Aufwendungen wie
insbesondere die Baukontrolle erhoben wurden. Die Baubewilligungsgebühr von Fr.
7'933.50 reduziert sich daher um Fr. 812.-- auf Fr. 7'121.50.