Decision ID: d530f2b6-c81b-4367-b4ce-930be7424916
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
I.
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein ethnischer Punjabi aus B._, Provinz
Punjab, suchte am 3. Oktober 2015 in der Schweiz um Asyl nach. Zu sei-
nen Asylgründen führte er im Wesentlichen aus, die letzten zehn Jahre sei-
nes Lebens in Pakistan seien geprägt gewesen von einem Landkonflikt
zwischen seiner Familie und der verfeindeten Nachbarsfamilie. Nach ei-
nem misslungenen Versuch eines Auftragskillers, ihn zu erschiessen, habe
er sich zur Ausreise entschlossen.
A.b Mit Verfügung vom 2. Mai 2018 verneinte das SEM die Flüchtlingsei-
genschaft des Beschwerdeführers, lehnte das Asylgesuch ab, verfügte die
Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. Es begründete
seine Verfügung im Wesentlichen damit, die Vorbringen des Beschwerde-
führers würden den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht
standhalten.
A.c Mit Eingabe vom 4. Juni 2018 erhob der Beschwerdeführer beim Bun-
desverwaltungsgericht gegen die Verfügung vom 2. Mai 2018 Beschwerde.
Er machte im Wesentlichen geltend, nebst den erwähnten Landstreitigkei-
ten gebe es einen weiteren Grund, weshalb er nicht nach Pakistan zurück-
kehren könne. Er sei in der Schweiz zum christlichen Glauben konvertiert.
Die Abwendung vom islamischen Glauben werde in seinem Heimatstaat
mit der Todesstrafe geahndet.
A.d Mit Urteil E-3258/2018 vom 2. Juni 2020 wies das Bundesverwaltungs-
gericht die gegen die Verfügung des SEM erhobene Beschwerde ab. Es
führte insbesondere aus, das SEM habe zu Recht den mutmasslichen
Landkonflikt als asylrechtlich nicht relevant bezeichnet. Die Konversion
zum Christentum erachtete es als glaubhaft. Gleichzeitig stellte es fest,
dass in Pakistan keine Kollektivverfolgung von Christen vorliege. Auch
seien keine individuellen Gründe ersichtlich, wonach er bei einer Rückkehr
nach Pakistan einem unerträglichen psychischen Druck im Sinne von Art. 3
AsylG ausgesetzt wäre und dort kein menschenwürdiges Leben führen
könnte. Es sei nicht davon auszugehen, dass seine Konversion seinem
heimatlichen Umfeld zur Kenntnis gelangt sei.
B. .
Mit Gesuch vom 15. Juni 2020 ersuchte der Beschwerdeführer beim SEM
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um Wiedererwägung des ablehnenden Asylentscheides; er begründete
dies mit seiner Konversion zum Christentum. Mit Verfügung vom
24. Juni 2020 wies das SEM das Gesuch formlos ab, da es sich um ein
unbegründetes respektive gleich begründetes Wiedererwägungsgesuch
handle.
C.
Mit Schreiben vom 13. Juli 2020 gelangte der Beschwerdeführer ans Bun-
desverwaltungsgericht und machte geltend, seine Familie habe ihn im Mai
2019 zur Heirat mit einer in C._ lebenden Muslima zwingen wollen.
Er habe dies nicht gewollt und daher seiner Familie gegenüber offengelegt,
dass er Christ sei und keine muslimische Frau heiraten werde. Seither
spreche seine Familie nicht mehr mit ihm, seine Onkel und Tanten hätten
den Kontakt zu ihm abgebrochen und sein Bruder habe ihm mit Konse-
quenzen gedroht. Dieser Eingabe gab das Bundesverwaltungsgericht mit
Schreiben vom 16. Juli 2020 unter der Verfahrensnummer E-3569/2020
keine Folge.
D.
Mit Eingabe vom 22. Juli 2020 erhob der Beschwerdeführer gegen das Ur-
teil E-3258/2018 vom 2. Juni 2020 Beschwerde beim Europäischen Ge-
richtshof für Menschenrechte (EGMR). Mit Urteil M.A.M. gegen die
Schweiz (Nr. 29836/20) vom 26. April 2022 stellte der EGMR fest, dass die
Schweizer Behörden nicht hinreichend abgeklärt hätten, ob dem Be-
schwerdeführer bei einer Rückkehr nach Pakistan konkrete Nachteile und
eine Verletzung von Art. 2 und Art. 3 EMRK drohten. Dieses Urteil erwuchs
in Rechtskraft.
E.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 25. Juli 2022 an das Bundesverwaltungsge-
richt ersuchte der Beschwerdeführer mit Verweis auf das Urteil des EGMR
M.A.M. gegen die Schweiz (Nr. 29836/20) um Revision des Urteils des
Bundesverwaltungsgerichts E-3258/2018 vom 2. Juni 2020. Mit Urteil
E-3240/2022 vom 31. August 2022 hiess das Gericht das Revisionsgesuch
gut, hob das Urteil E-3258/2018 auf und verfügte die Wiederaufnahme des
ordentlichen Beschwerdeverfahrens.
E-3935/2022
Seite 4
II.
F.
Das (ordentliche) Beschwerdeverfahren wurde unter der vorliegenden Ver-
fahrensnummer wiederaufgenommen. In seiner Rechtsmitteleingabe vom
25. Juli 2022 beantragt der Beschwerdeführer, bei Wiederaufnahme des
Beschwerdeverfahrens sei die Verfügung des SEM vom 18. Mai 2018 auf-
zuheben, seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und er sei in der
Schweiz als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. Zudem sei ihm der am
18. Juni 2018 geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 750.– zu-
rückzuerstatten.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 14. September 2022 wurde das SEM eingela-
den, sich unter Berücksichtigung des Urteils des EGMR M.A.M. gegen die
Schweiz (Nr. 29836/20) zur Beschwerde vernehmen zu lassen, und sich
insbesondere zur Lage von zum Christentum konvertierten Personen in
Pakistan zu äussern.
H.
Mit Eingabe vom 20. September 2022 teilte die Rechtsvertreterin dem Ge-
richt mit, sie führe das Mandat auch im wiederaufgenommenen Beschwer-
deverfahren weiter und beantragte die unentgeltliche Prozessführung und
ihre Beiordnung als amtliche Rechtsbeiständin.
I.
Mit Eingabe vom 29. September 2022 reichte das SEM eine Vernehmlas-
sung zu den Akten.
J.
Mit Verfügung vom 7. Oktober 2022 hiess die Instruktionsrichterin – unter
Vorbehalt des Nachweises der Bedürftigkeit – das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung gut und ordnete die rubrizierte Rechts-
vertreterin als amtliche Rechtsbeiständin bei. Gleichzeitig erhielt der Be-
schwerdeführer die Gelegenheit, eine Replik einzureichen.
K.
Am 21. Oktober 2022 reichte der Beschwerdeführer eine Fürsorgebestäti-
gung des Schweizerischen Roten Kreuzes des Kantons D._ ein.
L.
Am 7. November 2022 reicht der Beschwerdeführer eine Replik ein, unter
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Beilage der Beschwerde an den EGMR vom 24. August 2020 und einer
weiteren Eingabe an den EGMR vom 12. Juli 2021.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Behandlung von
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM nach Art. 5 VwVG. Dabei ent-
scheidet das Gericht auf dem Gebiet des Asyls in der Regel und auch vor-
liegend endgültig; eine Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor
(vgl. Art. 105 AsylG [SR 142.31] i.V.m. Art. 31-33 VGG und Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). Hinsicht-
lich des AsylG gilt das alte Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen
zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. Entsprechend kön-
nen mit der Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens gerügt werden sowie die
unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts. Soweit das Ausländerrecht anzuwenden ist, kann zudem die Unan-
gemessenheit gerügt werden (Art. 112 Abs. 1 AIG [SR 142.20] i.V.m.
Art. 49 VwVG).
4.
Nachdem das Gericht mit Urteil E-3240/2022 vom 31. August 2022 das
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Seite 6
Urteil E-3258/2018 vom 2. Juni 2020 aufgehoben hatte, wurde das (ordent-
liche) Beschwerdeverfahren wieder aufgenommen. Im Revisionsgesuch
vom 25. Juli 2022 wird beantragt, die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers sei festzustellen und er sei als Flüchtling vorläufig aufzu-
nehmen (Rechtsbegehren 2 und 3). Streitgegenstand des vorliegenden
Verfahrens bilden somit die Dispositivziffern 1 und 3 bis 5 der angefochte-
nen Verfügung des SEM vom 2. Mai 2018. Demgegenüber ist die Gewäh-
rung von Asyl nicht mehr Prozessgegenstand und die geltend gemachten
Ausreisegründe nicht mehr Thema. Die Dispositivziffer 2 der Verfügung
des SEM vom 2. Mai 2018 ist in Rechtskraft erwachsen.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer macht inhaltlich das Vorliegen subjektiver Nach-
fluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend, indem er vorbringt, in der
Schweiz zum christlichen Glauben konvertiert zu sein, weshalb er bei einer
Rückkehr nach Pakistan Verfolgung seitens der Behörden und von Privat-
personen befürchten müsste.
5.2 Subjektive Nachfluchtgründe sind anzunehmen, wenn eine asylsu-
chende Person erst durch die unerlaubte Ausreise aus dem Heimat- oder
Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise eine Verfol-
gung im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Als subjektive Nach-
fluchtgründe können insbesondere exilpolitische Betätigungen, illegales
Verlassen des Heimatlandes (sog. Republikflucht) oder Einreichung eines
Asylgesuchs im Ausland gelten, wenn sie die Gefahr einer zukünftigen Ver-
folgung begründen. Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen erhalten
zwar kein Asyl, werden jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl.
BVGE 2009/29 E. 5.1, BVGE 2009/28 E. 7.1 m.w.H.).
5.3 In seiner Vernehmlassung vom 29. September 2022 führte das SEM
aus, dass eine Konversion zum Christentum beziehungsweise eine
Apostasie keine flüchtlingsrechtlich relevanten Massnahmen des Staates
auslösen würden. Mit Verweis auf das Urteil E-3258/2018 sei eine Konver-
sion und Apostasie (Abfall vom Glauben) in Pakistan grundsätzlich nicht
verboten. Beim Bekanntwerden einer solchen müsse jedoch auf Grundlage
des pakistanischen Blasphemiegesetzes mit einer Anklage aufgrund einer
vorgeworfenen Blasphemie (Gotteslästerung) gerechnet werden. Im Sinne
einer Regelvermutung werde sodann davon ausgegangen, dass der staat-
liche Schutz im Zusammenhang mit einer Konversion und Apostasie gege-
ben sei. Es könne beim Beschwerdeführer ausserdem nicht von einer
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Glaubensausübung, welche fast missionierende Züge annehme, gespro-
chen werden. Es sei Sache des Bundesverwaltungsgerichts zu prüfen, ob
das Urteil des EGMR M.A.M. gegen die Schweiz (Nr. 29836/20) dem Re-
ferenzurteil des BVGer E-3258/2018 widerspreche und eine Praxisanpas-
sung angezeigt sei.
5.4 Der Beschwerdeführer hält replizierend fest, das SEM beziehe sich in
seiner Vernehmlassung auf das Urteil E-3258/2018, welches im Revisions-
verfahren aufgehoben worden sei. Es sei nicht ersichtlich, was es nun mit
dieser Referenz darzulegen versuche. Die Referenz sei auch falsch, da
das Gericht in jenem Urteil vor allem auf die Kollektivverfolgung von Chris-
ten Bezug nehme und die Situation von Konvertiten und Konvertitinnen so-
wie Apostaten und Apostatinnen zu vage beurteile – wie auch der EGMR
in seinem Urteil festgestellt habe. Die vom SEM festgestellte Regelvermu-
tung bezüglich staatlichen Schutzes werde vom SEM nicht weiter begrün-
det und sei haltlos.
Er sei unbestrittenermassen kurz nach seiner Einreise in die Schweiz zum
Christentum konvertiert. Der EGMR habe festgehalten, dass im (ordentli-
chen) Verfahren die Situation des Beschwerdeführers und die durch die
Konversion bestehende Bedrohungslage bei einer Rückkehr nach Pakis-
tan nicht genügend gewürdigt worden sei. Das Bundesverwaltungsgericht,
so der EGMR weiter, habe in seinem Urteil E-3258/2018 die Situation von
zum Christentum konvertierten ehemaligen Muslimen in Pakistan nicht un-
tersucht. Angesichts der im Verfahren vor dem EGMR eingereichten und
allgemein zugänglichen Berichten über schwere Menschenrechtsverlet-
zungen gegenüber christlichen Konvertiten in Pakistan sei der EGMR zur
Ansicht gelangt, dass das Bundesverwaltungsgericht diese Elemente hätte
beurteilen müssen. Seine Lage unterscheide sich nämlich von der Situa-
tion von Christen in Pakistan, die in christliche Familien geboren worden
seien. Diesen könne der Abfall vom Islam nicht vorgeworfen werden. Er sei
indes in eine muslimische Familie geboren worden. Das Bundesverwal-
tungsgericht habe im aufgehobenen Urteil selbst festgehalten, dass eine
Apostasie im Islam nicht akzeptiert werde. Diese sei zwar nicht direkt ver-
boten. Jedoch werde eine Konversion beziehungsweise eine Apostasie als
Blasphemie aufgefasst, welche wiederum verboten sei und gemäss dem
Blasphemie-Gesetz in gewissen Fällen die Todesstrafe vorsehe. Deswe-
gen sei es selten, dass eine Person öffentlich zum Christentum konvertiere.
Personen, deren Konversion bekannt sei, würden aber Konsequenzen dro-
hen. Es sei sodann nicht nachvollziehbar, weshalb das Gericht im aufge-
hobenen Urteil zum Ergebnis gelangt sei, die Konversion sei nicht verboten
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und der christliche Glauben könne ausgeübt werden. Er (der Beschwerde-
führer) habe im Beschwerdeverfahren vor dem EGMR ausführlich darge-
legt, wo die spezifische Bedrohung für Konvertiten und Apostaten liege.
Der EGMR zitiere in seinem Urteil aus verschiedenen Berichten und dar-
aus sei insgesamt der Schluss zu ziehen, es sei sehr wahrscheinlich, dass
Konvertiten unter dem Blasphemie-Gesetz angezeigt würden. Auch sei die
Gefahr von privaten Übergriffen sehr hoch, selbst wenn keine strafrechtli-
che Verfolgung eintrete. Der Staat biete in diesen Fällen keinen Schutz. Es
könne von ihm auch nicht verlangt werden, seinen Glauben im Geheimen
auszuüben, was angesichts seiner bekannt gewordenen Konversion ohne-
hin nicht mehr möglich sei. Zudem habe seine Familie ihn im Sommer 2019
über eine für ihn arrangierte Ehe mit einer in C._ lebenden Muslima
informiert. Er habe dem Ansinnen seiner Familie jedoch eine Absage erteilt.
Als Grund habe er seine Konversion genannt. Er sei in der Folge von Fa-
milie und Freunden ausgeschlossen worden und seine Freunde hätten sich
von ihm abgewandt.
6.
6.1 Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen
des Verwaltungs- respektive Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m.
Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige
und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sor-
gen, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die
rechtlich relevanten Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber
Beweis zu führen. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der Untersuchungspflicht bil-
det einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird; unvollständig ist sie, wenn nicht alle
für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt wer-
den (vgl. KÖLZ/HÄNER/ BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-
rechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, N. 1043).
Der in Art. 32 VwVG konkretisierte Teilgehalt des rechtlichen Gehörs ver-
pflichtet die Vorinstanz nicht nur, den Parteien zu ermöglichen, sich zu äus-
sern, und ihre Vorbringen tatsächlich zu hören (Art. 30 f. VwVG), sondern
sie auch sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und in der Entscheidfindung zu
berücksichtigen. Eng damit zusammen hängt naturgemäss die Pflicht der
Behörde, ihren Entscheid zu begründen (Art. 35 Abs. 1 VwVG). Denn ob
sich die Behörde tatsächlich mit allen erheblichen Vorbringen der Parteien
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befasst und auseinandergesetzt hat, lässt sich erst aufgrund der Begrün-
dung erkennen. Im Asylverfahren sind die Anforderungen an die Begrün-
dungsdichte regelmässig hoch, wiegen die rechtlich geschützten Interes-
sen der Betroffenen doch allgemein schwer (vgl. PATRICK SUTTER, in: Kom-
mentar VwVG, 2008, Art. 32 VwVG, Rz. 2). Insgesamt muss der Entscheid
so abgefasst sein, dass ihn der Betroffene gegebenenfalls sachgerecht an-
fechten kann, was nur möglich ist, wenn sich sowohl der Betroffene als
auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild
machen können. Dabei kann sich die Behörde in ihrer Argumentation zwar
auf die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken; sie
darf aber nur diejenigen Argumente stillschweigend übergehen, die für den
Entscheid erkennbar unbehelflich sind. In diesem Sinne müssen wenigs-
tens kurz die Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde
hat leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt (vgl. BGE 134 I 83
E. 4.1; BVGE 2007/21 E. 10.2 m.w.H.; SUTTER, a.a.O., Kommentar VwVG,
Art. 32 Abs. 1 VwVG, Rz. 2).
6.2 Wie im Revisionsurteil E-3240/2022 festgehalten, gelangte der EGMR
in seinem Urteil M.A.M. gegen die Schweiz zum Ergebnis, dass sich das
Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil E-3258/2018 nicht hirneichend
mit der Situation von zum Christentum konvertierten Personen auseinan-
dergesetzt habe. Verschiedene internationale Berichte enthielten deutliche
Hinweise darauf, dass Personen, welche sich vom Islam abgewandt hät-
ten, in Pakistan gefährdet seien, da sie zu einer religiösen Minderheit ge-
hörten und ihnen Apostasie vorgeworfen werden könne. Weiter führte der
EGMR aus, dass konvertierte Personen erheblichen Benachteiligungen in
ganz Pakistan ausgesetzt sein könnten. Er stellte fest, die Schweizer Be-
hörden hätten bei der Ablehnung des Asylgesuchs nicht hinreichend unter-
sucht, welchem Risiko der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Pa-
kistan aufgrund seiner Konversion ausgesetzt wäre (vgl. E-3240/2022 vom
31. August 2022 E.3.2 m.w.H.).
6.3 Das SEM hat sich bisher im gesamten Verfahren nicht konkret zur gel-
tend gemachten Konversion des Beschwerdeführers geäussert. Einzig in
seiner Vernehmlassung vom 14. Juni 2019 im Beschwerdeverfahren
E-3258/2018 äusserte es grundsätzlich Zweifel an der Konversion. Diese
dürften beim aktuellem Aktenstand nicht mehr aufrechtzuerhalten sein.
Auch nach dem expliziten Hinweis des EGMR, hat das SEM im vorliegen-
den Verfahren nun nicht weiter begründet, zu welcher Einschätzung es be-
treffend zum Christentum konvertierte Personen und insbesondere betref-
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fend die individuelle Gefährdung des Beschwerdeführers bei einer Rück-
kehr nach Pakistan kommt. In seiner Vernehmlassung vom
29. September 2022 verweist es lediglich auf das Urteil E-3258/2018, wel-
ches – wie vom Beschwerdeführer in seiner Replik zu Recht moniert –,
indes im Revisionsverfahren E-3240/2022 aufgehoben wurde. Das SEM
vertrat im Wesentlichen die Ansicht, es sei Sache des Bundesverwaltungs-
gerichts zu prüfen, ob das Urteil des EGMR seinem Urteil
E-3258/2018 widerspreche und eine Praxisanpassung angezeigt sei.
Diese Einschätzung kann vom Gericht nicht geteilt werden. Das SEM ver-
kennt, dass es vorliegend um eine individuelle Risikoeinschätzung unter
dem Aspekt von Art. 3 AsylG im Falle einer Rückkehr des Beschwerdefüh-
rers nach Pakistan geht.
Wie bereits mehrfach festgehalten, wurde das Urteil E-3258/2018 im Revi-
sionsverfahren mit Urteil E-3240/2022 aufgehoben, was gleichviel bedeu-
tet wie die (erneute) Rechtshängigkeit der Beschwerde gegen die Verfü-
gung des SEM vom 2. Mai 2018 (soweit diese nicht in Rechtskraft erwach-
sen ist). Indem das SEM sich nun inhaltlich nach wie vor nicht weiter mit
der Situation von konvertierten Christen in Pakistan und der Konversion
des Beschwerdeführers vor diesem Hintergrund und im Hinblick auf eine
Rückkehr in den Heimatstaat befasst, hat es den Sachverhalt nicht voll-
ständig festgestellt respektive sich nicht mit allen erheblichen Parteivor-
bringen hinreichend auseinandergesetzt. In der Verfügung vom 2. Mai
2018 war die Konversion zwar noch nicht Gegenstand des Verfahrens, da
der Beschwerdeführer dies erst auf Beschwerdestufe vorbrachte. Entspre-
chend lag im damaligen Zeitpunkt auch kein formeller Mangel vor. Im vor-
liegenden wiederaufgenommenen Beschwerdeverfahren hat es das SEM
nun hingegen versäumt, den Sachverhalt vollständig festzustellen respek-
tive sich hinreichend mit den erheblichen Sachumständen auseinanderzu-
setzen; damit hat es auch die Begründungspflicht verletzt. Der Verweis auf
ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das aufgehoben wurde, hält of-
fensichtlich weder den Anforderungen an die vollständige Sachverhalts-
feststellung noch an die Nachvollziehbarkeit und die erforderliche Dichte
der Begründung stand. Zudem moniert der Beschwerdeführer zu Recht,
dass die in der Vernehmlassung vom SEM festgestellte Regelvermutung,
ein staatlicher Schutz sei auch im Zusammenhang mit einer Konversion /
Apostasie in Pakistan gegeben, nicht weiter begründet werde. Insbeson-
dere nach den Erwägungen des EGMR zur Situation von konvertierten Per-
sonen in Pakistan leuchtet diese Aussage auch inhaltlich nicht ein, zumal
sie auch im Widerspruch zur im Satz vorher gemachten Feststellung, bei
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Bekanntwerden einer Konversion müsse auf Grundlage des pakistani-
schen Blasphemiegesetzes mit einer Anklage gerechnet werden, zu ste-
hen scheint. Aus den Akten wird auch nicht ersichtlich, aus welchen Quel-
len das SEM auf seine Regelvermutung schliesst.
6.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das SEM den Sachverhalt
nicht vollständig festgestellt hat und insbesondere seiner Begründungs-
pflicht nicht nachgekommen ist. Dadurch wurde das rechtliche Gehör des
Beschwerdeführers verletzt. Der EGMR kam in seinem Urteil M.A.M. ge-
gen die Schweiz zum Ergebnis, dass bei einer Rückkehr des Beschwerde-
führers nach Pakistan Art. 2 und Art. 3 EMRK verletzt sein könnten, sollte
der Vollzug der Wegweisung ohne eine weitere eingehende Beurteilung
der Situation von Konvertiten einerseits sowie der persönlichen Situation
des Beschwerdeführers andererseits angeordnet werden (ebd. §80).
7.
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM betreffend die Verweigerung
des Asyls und die Anordnung der Wegweisung haben grundsätzlich refor-
matorischen und nur ausnahmsweise kassatorischen Charakter (Art. 105
AsylG sowie Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 61 Abs. 1 VwVG). Eine reformatorische
Entscheidung setzt indessen voraus, dass die Sache entscheidreif ist;
dazu muss insbesondere der rechtserhebliche Sachverhalt richtig und voll-
ständig festgestellt worden sein. Dies ist vorliegend nicht der Fall. Es ist
nicht Sache des Gerichts, als letzte Beschwerdeinstanz umfassende Sach-
verhaltsabklärungen durchzuführen und erstmals über sich allenfalls neu
stellende Rechtsfragen zu entscheiden, zumal es über eine beschränkte
Kognition verfügt. Ein abschlägiger Entscheid nach weiteren Sachverhalts-
abklärungen und neuer Sachverhaltsfeststellung durch das Gericht würde
für den Beschwerdeführer auch einen Instanzenverlust und mithin eine
Verletzung seines Anspruchs auf Wahrung des rechtlichen Gehörs bedeu-
ten. Dieses ist auch angesichts der Verletzung der Begründungspflicht ver-
letzt, zumal das SEM sich auf Vernehmlassungsstufe nicht weiter mit der
Konversion des Beschwerdeführers und möglichen daraus resultierenden
Konsequenzen bei einer allfälligen Rückkehr nach Pakistan genommen
auseinandergesetzt hat. Ein reformatorischer Entscheid fällt demnach aus-
ser Betracht.
Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung aufzuheben und die
Sache zur hinreichenden Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts
hinsichtlich der Konversion des Beschwerdeführers zum Christentum vor
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Seite 12
dem Hintergrund des diesbezüglich massgeblichen Länderkontextes zu-
rückzuweisen. Den hinreichend erstellten Sachverhalt hat das SEM so-
dann seiner erneuten Würdigung unter dem Blickwinkel von Art. 3 und Art.
54 AsylG zugrunde zu legen und seinen neuen Entscheid hat es sodann
rechtsgenüglich zu begründen.
8.
Nach dem Gesagten verletzt die angefochtene Verfügung vom 2. Mai 2018
in den Dispositivziffern 1 und 3 bis 5 Bundesrecht und stellt den Sachver-
halt unvollständig fest (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Sie ist demnach aufzuheben
und die Sache ist im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzu-
weisen ist.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 VwVG). Damit wird die mit Zwischenverfügung vom 7. Ok-
tober 2022 gewährte unentgeltliche Prozessführung nachträglich gegen-
standslos.
9.2 Die im Beschwerdeverfahren E-3258/2018 bezahlten Verfahrenskos-
ten von Fr. 750.–, die dem am 18. Juni 2018 in gleicher Höhe bezahlten
Kostenvorschuss entnommen wurden, sind dem Beschwerdeführer zu-
rückzuerstatten.
9.3 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die Rechts-
vertreterin hat keine Kostennote eingereicht. Auf die Nachforderung einer
solchen kann verzichtet werden (Art. 14 Abs. 2 VGKE), da der Aufwand für
die Beschwerdeführung zuverlässig abgeschätzt werden kann. Gestützt
auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren gemäss Art. 9-13
VGKE ist die Parteientschädigung anhand der Akten auf Fr. 1350.– festzu-
setzen. Dieser Betrag ist dem Beschwerdeführer durch die Vorinstanz zu
entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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