Decision ID: 463bdeed-9832-5348-be53-9837afe64115
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer, zufolge seinen Angaben und gemäss Erfas-
sung im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) ein chinesischer
Staatsangehöriger tibetischer Ethnie, am 20. Februar 2013 ein Asylgesuch
stellte,
dass sein Asylgesuch durch das Staatssekretariat für Migration (SEM) mit
Verfügung vom 16. Januar 2015 abgelehnt wurde, bei gleichzeitiger Anord-
nung der Wegweisung aus der Schweiz und des Vollzugs, wobei der Voll-
zug der Wegweisung in die Volksrepublik China ausgeschlossen wurde,
dass auf eine hiergegen erhobene Beschwerde durch das Bundesverwal-
tungsgericht mit Urteil D-838/2015 vom 23. März 2015 wegen Nichtleistung
des verlangten Kostenvorschusses nicht eingetreten wurde,
dass der Beschwerdeführer am 6. Oktober 2020 in der Schweiz die chine-
sische Staatsangehörige B._ ehelichte, welche mit Verfügung des
damaligen Bundesamts für Migration (BFM; nunmehr SEM) vom 6. März
2006 als Flüchtling anerkannt und vorläufig aufgenommen worden war,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe seiner damaligen Rechtsvertrete-
rin an das SEM vom 15. März 2021 ein Gesuch um Einbezug in die Flücht-
lingseigenschaft seiner Ehefrau stellte,
dass das SEM den Beschwerdeführer mit Zwischenverfügung vom
19. März 2021 aufforderte, überprüfbare Angaben zu seiner Identität und
seinem Lebenslauf zu machen, nachdem er im Rahmen seines Asylverfah-
rens die behauptete Herkunft nicht glaubhaft gemacht habe,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe seiner damaligen Rechtsvertrete-
rin an das SEM vom 9. April 2021 eine entsprechende Stellungnahme ein-
reichte,
dass das SEM mit Verfügung vom 12. August 2021 (Datum der Eröffnung:
16. August 2021) das Gesuch des Beschwerdeführers um Einbezug in die
Flüchtlingseigenschaft seiner Ehefrau ablehnte,
dass der Beschwerdeführer diese Verfügung mit Eingabe seines Rechts-
vertreters vom 13. September 2021 beim Bundesverwaltungsgericht an-
focht,
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dass er dabei die Aufhebung der genannten Verfügung und den Einbezug
in die Flüchtlingseigenschaft seiner Ehefrau verbunden mit der Anordnung
an das SEM, ihn in der Schweiz vorläufig aufzunehmen, eventualiter die
Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur erneuten Beurteilung bean-
tragte,
dass er in prozessualer Hinsicht zudem beantragte, es seien ihm die un-
entgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG und die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG zu ge-
währen,

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls über Be-
schwerden gegen Verfügungen (Art. 5 VwVG) des SEM entscheidet
(Art. 105 des Asylgesetzes [AsylG, SR 142.31] i.V.m. Art. 31–33 VGG),
dass das Bundesverwaltungsgericht dabei – mit einer vorliegend nicht zu-
treffenden Ausnahme – endgültig entscheidet (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass der Beschwerdeführer durch die angefochtene Verfügung besonders
berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung hat, wo-
mit er zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105 AsylG i.V.m.
Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass die Beschwerde frist- und formgerecht eingereicht wurde (Art. 108
Abs. 6 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
womit auf sie einzutreten ist,
dass mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht im Anwendungs-
bereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich Miss-
brauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder un-
vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt wer-
den können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass sich die Kognition des Gerichts im Bereich des Ausländerrechts nach
Art. 49 VwVG (BVGE 2014/26 E. 5) richtet,
dass über offensichtlich begründete Beschwerden in einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters oder einer zweiten
Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG),
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dass es sich vorliegend, wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche
handelt, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen
ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass im vorliegenden Fall auf die Durchführung eines Schriftenwechsels
verzichtet wird (Art. 111a Abs. 1 AsylG),
dass zunächst festzustellen ist, dass die Eingabe des Beschwerdeführers
an das SEM vom 15. März 2021 in der angefochtenen Verfügung einmal
als Asylgesuch zwecks Familienzusammenführung (S. 1), ein anderes Mal
als Wiedererwägungsgesuch (S. 2), ein weiteres Mal als Gesuch um Ein-
bezug in die Flüchtlingseigenschaft (S. 6) und schliesslich als Asylgesuch
(Dispositiv) bezeichnet wurde,
dass angesichts dessen klarzustellen ist, dass das SEM aufgrund der un-
missverständlichen Eingabe des Beschwerdeführers vom 15. März 2021
mit der angefochtenen Verfügung ausschliesslich über ein Gesuch um Ein-
bezug des Beschwerdeführers in die Flüchtlingseigenschaft seiner als
Flüchtling vorläufig aufgenommenen Ehefrau zu befinden hatte (vgl. Art. 51
Abs. 1 AsylG; spezifisch zur Geltung dieser Norm für den Einbezug von in
der Schweiz anwesenden Familienmitgliedern von vorläufig aufgenomme-
nen Flüchtlingen BVGE 2019 VI/8 E. 4.1, in Bestätigung von BVGE 2017
VI/4 und Präzisierung von BVGE 2017 VII/8),
dass mit der Beschwerde unter anderem geltend gemacht wird, das SEM
habe mit der angefochtenen Verfügung den Anspruch des Beschwerdefüh-
rers auf rechtliches Gehör verletzt, wobei ausserdem der Sachverhalt un-
vollständig festgestellt worden sei,
dass im Verwaltungsverfahren der Untersuchungsgrundsatz und die Pflicht
zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachver-
halts gelten (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG), wobei die Behörde die für
das Verfahren erforderlichen Sachverhaltsunterlagen beschaffen, die
rechtlich relevanten Umstände abklären und darüber ordnungsgemäss Be-
weis zu führen hat,
dass zu den Verfahrensgarantien, die der Grundsatz des rechtlichen Ge-
hörs umfasst (Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 29‒33 VwVG), unter anderem die
Pflicht der Behörden gehört, die Vorbringen der Betroffenen sorgfältig und
ernsthaft zu prüfen und in der Entscheidfindung zu berücksichtigen,
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dass daraus ausserdem auch die in Art. 35 Abs. 1 VwVG gesetzlich nie-
dergelegte grundsätzliche Pflicht der Behörden folgt, ihren Entscheid zu
begründen (BGE 123 I 31 E. 2c),
dass mit der Beschwerdeschrift vorgebracht wird, das SEM habe den An-
spruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör verletzt, indem es in
der angefochtenen Verfügung mit keinem Wort auf das im Gesuch um Ein-
bezug in die Flüchtlingseigenschaft vom 15. März 2021 ausführlich darge-
legte Vorbringen eingegangen sei, der Flüchtlingsstatus der tibetischen
Ehefrau des Beschwerdeführers wäre in den Ländern Nepal und Indien
nicht geschützt, wobei sie nicht nur prekären Aufnahmebedingungen aus-
gesetzt wäre, sondern auch Gefahr laufen würde, in Verletzung des Non-
Refoulement-Gebots von den dortigen Behörden nach China zurückge-
führt zu werden,
dass der Beschwerdeführer mit dem Gesuch vom 15. März 2021 (S. 3) un-
ter anderem geltend machte, wenn der Einbezug in die Flüchtlingseigen-
schaft des Ehepartners oder der Ehepartnerin aufgrund unterschiedlicher
Nationalitäten verweigert werden solle, sei hinsichtlich des Kriteriums der
"besonderen Umstände" im Sinne von Art. 51 Abs. 1 AsylG in hypotheti-
scher Weise zu prüfen, ob sich die ganze Familie gegebenenfalls im Hei-
matland des nicht verfolgten Ehepartners oder der nicht verfolgten Ehe-
partnerin niederlassen könnte,
dass er in diesem Zusammenhang vorbrachte (ebd., S. 3 f.), es werde zum
einen bestritten, dass er (wie vom SEM angenommen) nicht aus der Volks-
republik China stamme,
dass seine Identität im Rahmen des Ehevorbereitungsverfahrens einge-
hend geprüft und dabei in der Trauungsurkunde des zuständigen schwei-
zerischen Zivilstandsamtes als seine Staatsangehörigkeit China amtlich
festgehalten worden sei (ebd., S. 8),
dass zum anderen trotz des Umstands, dass es sich bei der Annahme, er
stamme nicht aus dem autonomen Gebiet Tibet, um eine blosse Vermutung
handle, zu berücksichtigen sei, dass seine Eingliederung und diejenige sei-
ner Ehefrau im – allerdings bestrittenen – anderen Herkunftsland des Be-
schwerdeführers, nämlich Indien oder Nepal, weder möglich noch zumut-
bar sei (ebd., S. 4–7),
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dass diese mit dem Gesuch um Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft
vom 15. März 2021 angeführten Argumente in der angefochtenen Verfü-
gung mit keinem Wort erwähnt und entsprechend bei der Beurteilung des
Gesuchs auch nicht berücksichtigt wurden,
dass das SEM im vorliegenden Fall seinen Entscheid gestützt auf BVGE
BVGE 2020 VI/6 ausschliesslich damit begründete, der Beschwerdeführer
habe im mit dem Urteil vom 23. März 2015 rechtskräftig abgeschlossenen
Asylverfahren hinsichtlich der Frage seiner Herkunft die Mitwirkungspflicht
verletzt und sei dieser auch im Verfahren betreffend Einbezug in die Flücht-
lingseigenschaft seiner Ehefrau, nachdem er mit Zwischenverfügung vom
19. März 2021 aufgefordert worden sei, überprüfbare Angaben zu seiner
Identität und seinem Lebenslauf zu machen, nicht nachgekommen,
dass sich die verfügende Behörde zwar nicht ausdrücklich mit jeder tatbe-
ständlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand auseinanderset-
zen muss, sondern sich auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken
darf (vgl. BGE 126 I 97 E. 2b),
dass das SEM im vorliegenden Fall die im Gesuch des Beschwerdeführers
vom 15. März 2021 enthaltenen wesentlichen Argumente jedoch nicht ein-
mal summarisch wiedergegeben und berücksichtigt hat, womit die Min-
destanforderungen an die behördliche Prüfung der Vorbringen und deren
Berücksichtigung bei der Entscheidfindung nicht erfüllt sind,
dass die Vorinstanz folglich offensichtlich den Anspruch des Beschwerde-
führers auf rechtliches Gehör verletzt hat,
dass die Vorinstanz auch ihrer Begründungspflicht nicht ausreichend nach-
gekommen ist,
dass die Beschwerde daher gutzuheissen ist, soweit die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache zur erneuten
Beurteilung an die Vorinstanz beantragt werden,
dass das SEM aufzufordern ist, das Gesuch des Beschwerdeführers um
Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft seiner Ehefrau unter Beachtung
seiner Gehörsansprüche erneut zu prüfen,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens keine Kosten zu erheben sind
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG),
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dass die Beschwerdeinstanz gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37
VGG der ganz oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder
auf Begehren eine Entschädigung für die ihr erwachsenen notwendigen
und verhältnismässig hohen Kosten zusprechen kann (vgl. für die Grund-
sätze der Bemessung der Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff. des
Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesver-
waltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]),
dass der Beschwerdeführer keine Kostennote eingereicht hat,
dass auf die Nachforderung einer solchen indessen verzichtet wird (vgl.
Art. 14 Abs. 2 VGKE), weil im vorliegenden Verfahren der Aufwand für die
Beschwerdeführung zuverlässig abgeschätzt werden kann,
dass gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren
(Art. 9‒13 VGKE) die Entschädigung auf Fr. 1’000.– (inkl. Auslagen und
Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen ist,
dass dieser Betrag dem Beschwerdeführer durch das SEM zu entrichten
ist,
dass die mit der Beschwerdeschrift gestellten Anträge auf Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung und der unentgeltlichen Rechtsverbeistän-
dung damit gegenstandslos werden.
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