Decision ID: a561e6d1-747f-41a0-9e7f-b0cef4c2e334
Year: 2009
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_003
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

hypothetische Sachverhalt zu betrachten. Der Revision nach Art. 17 ATSG
gehe der Grundsatz vor, dass IV-Stellen befugt seien, jederzeit von Amtes
wegen auf formell rechtskräftige Verfügungen ohne richterliche Beurteilung
zurückzukommen, falls sie sich zweifellos als unrichtig erwiesen und ihre
Berechtigung von erheblicher Bedeutung sei, dies selbst dann, wenn kein
Revisionsgrund nach Art. 17 ATSG gegeben wäre. Im konkreten Fall hätten
sich der Gesundheitszustand und auch die Arbeitsfähigkeit des Versicherten
seit dem Einspracheentscheid vom 14.12.2005 (Zeitpunkt der letzten
rechtskräftigen Verfügung, die auf einer materiellen Prüfung des
Rentenanspruchs beruhe) teilweise wesentlich verändert. Besonders der
psychische Zustand habe sich stark verändert. Die frühere Depression sei
nicht mehr vorhanden, womit eine Rentenrevision in Betracht falle. Im ABI-
Gutachten werde daher nicht bloss eine bisher diagnostizierte Krankheit
plötzlich nicht mehr festgestellt, sondern vielmehr bestätigt, dass sich die
früher beschriebene depressive Verstimmung nunmehr vollständig
zurückgebildet habe. Zudem seien auch die Voraussetzungen der
Wiedererwägung erfüllt. Im Einspracheentscheid vom 14.12.2005 habe man
dem Versicherten ab 01.01.2004 bis 01.05.2005 eine Dreiviertelsrente
anhand eines IV-Grads von 62% zugesprochen. Für den Zeitraum ab dem
01.05.2005 sei die Sache an die IV-Stelle zur neuen medizinischen Abklärung
zurückgewiesen worden. Dieser Entscheid sei gesetzeswidrig und zweifellos
unrichtig gewesen, was die Zeit ab Mai 2005 betreffe. Am 12.04.2006 habe
die Vorinstanz (leider) verfügt, bevor weitere medizinische Abklärungen
erfolgt seien. Dabei habe sie klar missachtet, dass das hypothetische
Invalideneinkommen u.a. aufgrund von ärztlichen Stellungnahmen zu
bestimmen sei. Die Rentenzusprechung vom 12.04.2006 sei deswegen
ebenfalls gesetzeswidrig und absolut falsch, was den Anspruch ab Mai 2005
angehe. Sie sei in Wiedererwägung zu ziehen. Nun lägen die medizinischen
Abklärungen vor. Auf das ABI-Gutachten könne vollumfänglich abgestellt
werden. Bis Juni 2007 werde jedoch zugunsten des Versicherten weiterhin
auf das Gutachten der Klinik ... 2004 abgestellt und eine bloss 50%-ige
Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit angenommen. - Am 25.11.2008
verfügte die IV-Stelle separat und ausdrücklich auch noch die Einstellung der
Rente auf den 31.12.2008.
2. Dagegen erhob der Versicherte am 08.12.2008 frist- und formgerecht
Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden mit den
Anträgen um kostenfällige Aufhebung der Verfügungen vom 03./25.11.2008
und fortgesetzte Zusprechung einer 3⁄4-Rente über das Einstelldatum per
31.12.2008 hinaus; evtl. Rückweisung der Sache an die IV-Stelle zur erneuten
medizinischen Abklärung. Im psychiatrischen Teilgutachten der Klinik ... vom
18.04.2004 sei der Versicherte für leichte und mittelschwere Arbeiten noch zu
50% arbeitsfähig erachtet worden. Aus rheumatologischer Sicht habe Dr. ...
von der Klinik ... am 20.08.2004 eine Arbeitsfähigkeit für leichte bis maximal
mittelschwere Tätigkeiten von 50% festgestellt. Für den rheumatologischen
Teil werde im ABI-Gutachten keine Abweichung des Gesundheitszustands
von den Feststellungen der Klinik ... aus dem Jahre 2004 berichtet. Auch im
psychiatrischen Teil werden im Wesentlichen dieselben Befunde und
anamnestischen Erhebungen wiedergegeben wie bereits im Gutachten der
Klinik ... Das ABI habe also lediglich eine andere Beurteilung desselben
Sachverhalts vorgenommen. Der Gesundheitszustand des Versicherten habe
sich nicht gebessert. Das ABI-Gutachten (Herbst 2007) habe sich zuwenig mit
den Vorakten, insbesondere mit dem Gutachten ..., auseinandergesetzt. Es
sei ferner nicht nachvollziehbar und von einer sehr IV-kritischen Haltung
geprägt. Selbst, wenn der Einspracheentscheid vom 14.12.2005 einen
unzulässigen kassatorischen Teil aufweisen würde, käme einer
Wiedererwägung jenes Entscheids keine relevante Bedeutung zu. Bis zum
12.04.2006 habe der Versicherte unbestrittenermassen Anspruch auf eine
Dreiviertelsrente bei einer Arbeitsunfähigkeit von 50% gehabt. Die Verfügung
vom 12.04.2006 sei somit korrekt gewesen, während der
Einspracheentscheid richtigerweise auf Zusprechung einer unbefristeten
Dreiviertelsrente hätte lauten müssen. Die Tatsache, dass das ABI-Gutachten
erst am 18.09.2007 vorgelegen habe und die Vorinstanz sogar nochmals 3⁄4
Jahre bis zum Erlass des Vorbescheids und 1⁄2 Jahr bis zum Erlass der
Verfügung vom 03.11.2008 habe verstreichen lassen, habe letztere sich
selbst zuzuschreiben. Es werde vor allem bestritten, dass schon ab
31.08.2007 kein Rentenanspruch mehr existiert habe.
3. In der Vernehmlassung vom 15.01.2009 beantragte die Vorinstanz die
kostenfällige Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie
vorrangig auf die Angaben in den zwei Verfügungen vom 03./25.11.2008.
Präzisierend hielt sie noch fest, dass sich der Gesundheitszustand und somit
die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers seit dem Einspracheentscheid
vom 14.12.2005 zum Teil wesentlich verbessert habe, namentlich was das
Verschwinden der psychischen Probleme betroffen habe. Entsprechend habe
Dr. ... des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) am 06.02.2008 noch
ausdrücklich festgehalten, dass sich der Zustand des Versicherten aus
medizinischer Sicht gebessert habe. Folglich sei die Verwaltung verpflichtet
gewesen, den bisherigen Rentenanspruch noch einmal neu zu prüfen. Weil
ein Revisionsgrund vorliege, könne offen bleiben, ob - wie in den
angefochtenen Verfügungen erwähnt – auch eine Wiedererwägung der
Verfügung vom 12.04.2006 möglich gewesen wäre. Genannte Verfügung sei
jedenfalls gesetzeswidrig und falsch, was den Rentenanspruch ab dem
01.05.2005 betreffe. Im ABI-Gutachten werde die psychiatrische Anamnese
ausführlich und detailliert dargelegt und stütze sich mittels Verweises auf die
bisherigen Akten (inkl. Gutachten ...) und halte auch die subjektiven Angaben
des Versicherten fest. Der psychopathologische Befund sei einleuchtend
dargestellt und unter Einbezug der Kriterien nach ICD 10 nachvollziehbar
verneint worden, womit keine depressive Störung oder anderweitige
psychische Krankheit mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit mehr
vorgelegen hätte.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1. a) Nach Art. 17 Abs. 1 des Allgemeinen Teils des Sozialversicherungsrechts
(ATSG; SR 830.1) wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für
die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben, falls sich
der Invaliditätsgrad (IV-Grad) eines Rentebezügers erheblich ändert.
Revisionsobjekt ist vorliegend die Verfügung vom 12.04.2006, worin dem
Beschwerdeführer eine 50%-ige Arbeitsfähigkeit (AF) in einer adaptierten
Tätigkeit und keine Arbeitsfähigkeit mehr in seiner bisherigen Tätigkeit als
Geleisemonteur attestiert wurde. Aktenkundig ist dazu nun aber erstellt, dass
einige der früher diagnostizierten Leiden – speziell die Depressionen bzw.
psychischen Stimmungsschwankungen – inzwischen verschwunden sind,
weil sie offenbar komplett ausgeheilt sind. Das ABI-Gutachten vom
18.09.2007 erweist sich dazu – mittels Spezialuntersuchungen sowohl in
rheumatologischer wie auch ganz besonders in psychiatrischer Hinsicht – als
absolut schlüssig, zuverlässig und einleuchtend. Was der Beschwerdeführer
unter Hinweis auf ein Attest von Dr. ... vom 12.06.2008 dagegen vorbrachte,
vermag wegen der Pauschalierung und des fehlenden Vergleichs zwischen
den gesundheitlichen Veränderungen im Zeitraum 2004-2008 nichts zu
ändern. Das umfassende, multifunktionale und in jeder Beziehung
überzeugende ABI-Gutachten wird durch jenes Attest denn auch nicht
erschüttert, geschweige inhaltlich widerlegt. Dass diese positive Entwicklung
des Gesundheitszustands des Versicherten klarerweise einen
Revisionsgrund im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG (wesentliche Veränderung
des früheren Zustands) darstellt, steht für das Gericht ausser Zweifel, wurde
dem Versicherten im ABI-Gutachten (Herbst 2007) aus fachärztlicher Sicht
doch neuerdings wieder eine 100%-ige AF in einer leidensadaptierten
Tätigkeit und zumindest wieder eine 50%-ige AF in der bisherigen Tätigkeit
als Geleisemonteur attestiert. In Anbetracht dieser nachgewiesenen
Gesundheitsverbesserung war die Vorinstanz aber auch berechtigt bzw.
sogar verpflichtet, die eingetretene Gesamtsituation beim Beschwerdeführer
als Rentebezüger nochmals neu zu prüfen und die bisher gewährte Rente
allenfalls entsprechend anzupassen. Die Anschlussfrage, ob eine
Wiedererwägung der Verfügung vom 12.04.2006 ebenfalls möglich gewesen
wäre, kann damit letztlich aber offen gelassen werden. Festgehalten sei hier
einzig noch, dass weder das Validen- noch das Invalideneinkommen als
solches jemals bestritten wurden.
b) Zu klären bleibt aber noch, ob auch der Aufhebungszeitpunkt
(Renteneinstellung per 31.12.2008) korrekt und vertretbar gewählt wurde.
Nach Art. 88bis Abs. 2 lit. a der einschlägigen Verordnung über die
Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) darf die Herabsetzung oder
Aufhebung frühestens vom ersten Tag des zweiten der Zustellung der
Verfügung folgenden Monats erfolgen. Eine rückwirkende Abänderung
kommt nur dann in Frage, wenn die unrichtige Ausrichtung einer Leistung
darauf zurückzuführen ist, dass der Bezüger sie unrechtmässig erwirkt hat
oder derselbe der ihm zumutbaren Meldepflicht nicht nachgekommen ist (Art.
88bis Abs. 2 lit. b IVV). Im konkreten Fall wurde die bis dahin gewährte 3⁄4-
Rente mit Verfügung vom 25.11.2008 somit aber zu Recht per 01.01.2009
aufgehoben, da die Ausrichtung hier korrekt bis zum letzten Tag des ersten
der Zustellung der Verfügung folgenden Monats (31.12.2008) erfolgte. Eine
Ausnahme im Sinne von Art. 88bis Abs. 2 lit. b IVV liegt zudem nicht vor;
vielmehr wurde in den beiden Verfügungen vom 03./25.11.2008 ein
Rentenanspruch des Versicherten weiterhin explizit anerkannt, weil weder ein
unrechtmässiger Leistungsbezug noch eine Verletzung der Meldepflichten
durch den Beschwerdeführer initiiert oder verursacht wurde. Aufgrund der von
der Vorinstanz zugebilligten Leistungspflicht bis Ende 2008 erübrigen sich
damit aber auch weitere Ausführungen zur kritisierten Verfahrensdauer, da
dem Beschwerdeführer daraus keine Nachteile erwachsen sind.
2. a) Die angefochtenen Verfügungen vom 03./25.11.2008 sind beide rechtens,
was zu ihrer Bestätigung und somit zur Abweisung der Beschwerde führt.
b) Laut Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Beschwerdeverfahren seit 01.07.2006 – in
Abweichung von Art. 61 lit. a ATSG – bei Streitigkeiten um die Bewilligung
oder Verweigerung (inkl. Reduktionen) von IV-Leistungen vor dem kantonalen
Versicherungsgericht kostenpflichtig. Diese Kosten werden jeweils nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert der Sache im Umfang von
Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt. Aufgrund des Ausgangs dieses
Verfahrens rechtfertigt es sich vorliegend, dem unterliegenden
Beschwerdeführer Kosten von Fr. 700.-- zu überbinden.