Decision ID: 22fd7d0c-3cc1-5240-9101-4d08fe394222
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) war seit dem 1. Mai 2011 als CNC-Operateur bei
der B._ AG (nachfolgend: Arbeitgeberin), tätig und dadurch bei der Schweizerischen
Unfallversicherungsanstalt (nachfolgend: Suva) gegen die Folgen von Unfällen
versichert (Suva-act. 3), als er am ._ als Beifahrer in einem PKW Opfer eines
Verkehrsunfalls wurde (vgl. Rapport der Kantonspolizei St. Gallen vom 24. August
2011, Suva-act. 25). Dabei erlitt er ein Polytrauma mit offenem Schädelhirntrauma,
Extremitätentrauma, Erosio Auge links, posttraumatischem Strabismus und zeitlicher
und örtlicher Desorientiertheit (Suva-act. 4 und 19). Er wurde nach dem Unfall ins
Kantonsspital St. Gallen eingeliefert, wo er bis 27. Juli 2011 auf der chirurgischen
Intensivstation und anschliessend bis 10. August 2011 in der Klinik für Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie hospitalisiert war (Suva-act. 19). Am 10. August 2011
erfolgte der Übertritt in die Rehaklinik Bellikon, wo er bis 30. November 2011 stationär
behandelt wurde (Suva-act. 52). Dem Austrittsbericht vom 30. November 2011 sind als
Probleme beim Austritt kognitive Defizite mit Verlangsamung und
Konzentrationsschwierigkeiten, Strabismus convergenz links infolge Abduzensparese,
Visuseinschränkung und Doppelbilder sowie Dekonditionierung, weitgehend remittiert,
zu entnehmen. Die zuständigen Ärzte beschrieben gestützt auf eine
neuropsychologische Untersuchung vom November 2011 (für den entsprechenden
Bericht vgl. Suva-act. 52 S. 9 ff.) eine leichte kognitive Leistungsminderung infolge
einer neuropsychologischen Funktionsstörung, die Folge einer primär hirnorganischen
Schädigung sei. Eine leichte, wechselbelastende Tätigkeit mit leichten kognitiven
A.a.
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Anforderungen erachteten sie als halbtags zumutbar, wobei mit zwei Stunden pro Tag
begonnen werden sollte im Sinne einer Anpassung und Eingewöhnung (Suva-act. 52 S.
2). Kurz vor Austritt meldete der Versicherte sich bei der Eidgenössischen
Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (IV-act. 79).
Am 26. Juli 2011 hatte die Arbeitgeberin das Arbeitsverhältnis mit dem
Versicherten während noch laufender Probezeit aufgelöst (Suva-act. 11). Sie offerierte
ihm jedoch die Möglichkeit einer beruflichen Wiedereingliederung ab 9. Januar 2012
(Suva-act. 69 und 63). Diese wurde von ihr nach kurzer Zeit wieder beendet, weil der
Versicherte sich nicht an Abmachungen gehalten habe (vgl. Suva-act. 78 und 90).
A.b.
Am 1. Februar 2012 teilte die Suva dem Versicherten mit, dass sich Fragen zu
seiner Mitwirkungs- und Schadenminderungspflicht stellten (Suva-act. 80). Der
damalige Rechtvertreter des Versicherten nahm dazu am 6. Februar 2012 Stellung
(Suva-act. 82).
A.c.
Am 26. März 2012 fand eine Reevaluation in der Spezialsprechstunde
Traumatische Hirnverletzung der Rehaklinik Bellikon mit einer neurologischen (Bericht
vom 28. März 2012 in Suva-act. 99) und einer neuropsychologischen (Bericht vom 27.
März 2012 in Suva-act. 100) Untersuchung statt. Die neuropsychologische
Reevaluation ergab eine leichte Störung mit im Vordergrund stehenden kognitiven
Einschränkungen in den Bereichen der Aufmerksamkeitsfunktionen und des verbalen
und figuralen Lernens sowie Verhaltensauffälligkeiten nach einer Schädigung des
Gehirns und im Rahmen weiterer, vorbestehender psychischer Störungen (Suva-act.
100 S. 5). Im Vergleich zu den Befunden bei Austritt aus der Rehaklinik Bellikon
(30. November 2011) zeigte sich eine im Wesentlichen unveränderte Situation mit
Einstufung als leichte Störung, wobei aber ein Zusammenhang mit vorbestehenden
Schwierigkeiten nicht ausser Acht gelassen werden dürfe (Suva-act. 99 S. 4). Eine
Unterstützung bei der Stellensuche sei ratsam. Eine Arbeitsunfähigkeit von 100 %
lasse sich im Moment nicht mehr attestieren, eine Arbeitsfähigkeit im Rahmen der
Zumutbarkeit mit ganztägiger Präsenz hingegen schon (Suva-act. 99 S. 4).
A.d.
Im Rahmen des Abklärungsverfahrens bei der IV begann der Versicherte am 2. Juli
2012 eine berufliche Abklärung beim C._. Bereits ab dem 4. Juli 2012 erschien der
A.e.
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Versicherte nicht mehr zur Abklärung, woraufhin die beruflichen
Eingliederungsmassnahmen abgeschlossen wurden (Suva-act. 113, 120, 128 und 137).
Am 15. August 2012 bot die Suva den Versicherten zur kreisärztlichen
Untersuchung bei Dr. med. D._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparats, auf (Suva-act. 123). Nachdem der Versicherte
zu dieser Untersuchung nicht erschienen war, gab Dr. D._ am 3. September 2012
eine ärztliche Einschätzung nach Aktenlage ab. Er verwies insbesondere auf den
Austrittsbericht vom 30. November 2011 und den neuropsychologischen Bericht vom
27. März 2012 der Rehaklinik Bellikon und notierte, aufgrund der vorliegenden
Befundberichte sei von einer komplikationslosen Ausheilung der rechtsseitigen
Femurschaft- und Tibiaschaftfraktur auszugehen. Es bestünden Einschränkungen
bezüglich Tätigkeiten mit hohen kognitiven Anforderungen. Für Tätigkeiten mit geringen
kognitiven Anforderungen sei spätestens ab 26. März 2012 von einer 50%igen
Arbeitsfähigkeit gemäss von der Rehaklinik Bellikon formuliertem Zumutbarkeitsprofil
auszugehen (Suva-act. 129).
A.f.
Am 8. Oktober 2012 unterzog sich der Versicherte in der Augenklinik des KSSG
einer Schieloperation. Postoperativ zeigte sich ein zufriedenstellendes Ergebnis mit
deutlicher Schielwinkelverkleinerung (Suva-act. 149 f.).
A.g.
Am 18. Oktober 2012 teilte die Suva dem Versicherten mit, dass sie ab dem 3.
Dezember 2012 von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit ausgehe. Sie richte deshalb ab
diesem Zeitpunkt noch ein Taggeld von 50 % aus. Sie empfehle ihm, sich bei der
Arbeitslosenversicherung anzumelden. Sie biete ihm die Möglichkeit für den Zugang zu
einer privaten Stellenvermittlung, der E._ (Suva-act. 155). Dieses Angebot nahm der
Versicherte an (vgl. Suva-act. 156 und 157). Auch meldete er sich bei der
Arbeitslosenversicherung an (vgl. Suva-act. 162 und 163). Nachdem er jedoch einzig
einen von fünf vereinbarten Terminen bei E._ wahrgenommen hatte, schloss diese
den Auftrag am 28. Februar 2013 ab (Suva-act. 188). Am 8. März 2013 notierte der
Case Manager der Suva nach einer telefonischen Besprechung mit der für den
Versicherten zuständigen Beraterin beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum, der
Versicherte sei per 30. Januar 2013 wieder von der Arbeitslosenversicherung
abgemeldet worden (Suva-act. 189).
A.h.
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Am 26. März 2013 wurde der Versicherte von Dr. D._ kreisärztlich untersucht.
Dieser kam zum Schluss, dass dem Versicherten leichte bis mittelschwere Tätigkeiten
ohne das Einnehmen von Zwangshaltungen bei voller Präsenz zuzumuten seien.
Bezüglich eines allfälligen Integritätsschadens sei frühestens nach Aktualisierung der
neuropsychologischen Situation im Juli 2013 eine Stellungnahme möglich (Suva-act.
199).
A.i.
Am 9. April 2013 teilte die Suva dem Versicherten mit, dass die Taggeldleistungen
ab dem 1. Mai 2013 eingestellt würden (Suva-act. 206).
A.j.
Dr. med. F._ vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) vertrat im Rahmen des
invalidenversicherungsrechtlichen Verfahrens in einer Stellungnahme vom 5. August
2013 die Auffassung, der Versicherte verfüge für eine Tätigkeit als CNC-Operateur über
eine volle Arbeitsfähigkeit. Wie der Suva-Kreisarzt im Bericht vom 26. März 2013 (siehe
hierzu Suva-act. 199) festgehalten habe, seien dem Versicherten leichte bis
mittelschwere Tätigkeiten bei voller Präsenz, ohne Einnahme von Zwangshaltungen,
vollumfänglich zumutbar (IV-act. 132-2). Nach Durchführung des
Vorbescheidverfahrens (vgl. Suva-act. 216) verfügte die IV-Stelle am 30. September
2013 die Abweisung des Rentengesuchs des Versicherten (Suva-act. 219).
A.k.
Am 6. März 2014 bat eine Sozialarbeiterin vom G._, Zentrum für H._, die IV-
Stelle um Wiederaufnahme der beruflichen Massnahmen (IV-act. 139). Dies unter
Beilage eines provisorischen Austrittsberichts der Klinik I._ wo der Versicherte vom
13. Juni 2013 bis 13. Januar 2014 behandelt worden war (IV-act. 140; der definitive
Bericht datiert vom 6. Februar 2014 in IV-act. 215). Diesem zufolge sei der Versicherte
zum wiederholten Male (letzter Aufenthalt: 2010) zum Alkoholentzug aufgenommen
worden. Der Versicherte habe seit mehreren Monaten vermehrte Gedächtnisprobleme
bemerkt. Diese sehe er in Zusammenhang mit dem beim Unfall erlittenen
Schädelhirntrauma. Auch sei er seit dem Unfall unzuverlässiger geworden, deutlich
reizbarer und aggressiver. Zusätzlich hätte er seither morgens einen verminderten
Antrieb (IV-act. 215-3). Die durchgeführte Testpsychologie hatte folgende Resultate
ergeben: "Mit einem IQ von 100 durchschnittliche Intelligenz. Kognitive
Leistungsfähigkeit im Detail: Die kurzfristige Konzentrationsfähigkeit unter Stress
(Zeitdruck) ist knapp durchschnittlich, die mittelfristige Konzentrationsfähigkeit bei einer
A.l.
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B.
monotonen Sortierarbeit dagegen weit unterdurchschnittlich, wobei bei diesem
Ergebnis ein Artefakt vorliegen könnte (siehe unten). Die visuelle Merkfähigkeit ist
unauffällig, die Gedächtnisleistung für verbales Material (Langzeitgedächtnis) ebenfalls,
die Lernleistung dagegen ist leicht beeinträchtigt. Deutlich unterdurchschnittlich ist die
kognitive Leistungsgeschwindigkeit. Die exekutiven Funktionen (Planungsfähigkeit,
geistige Umstellfähigkeit, Denkflüssigkeit, Wortfindung und Wortflüssigkeit, Kreativität,
Abstraktionsvermögen, Urteilsfähigkeit und die Fähigkeit zum strategischen Denken)
sind nicht beeinträchtigt. Es gibt keinen Hinweis auf diffuse Hirnschädigung. Die
Minderleistungen lassen sich am ehesten erklären durch ein Artefakt, nämlich einerseits
durch die Beeinträchtigung der Sehfähigkeit, was dazu führte, dass Herr A._ sich
sehr stark anstrengen musste, deshalb erschöpft war und Kopfschmerzen bekam;
andererseits durch psychische Faktoren (Verlust der Motivation aufgrund der für ihn
sehr anstrengenden, lange dauernden Untersuchung)" (IV-act. 215-5). Am 13. Mai 2014
ging die entsprechende Wiederanmeldung des Versicherten bei der IV-Stelle ein (IV-
act. 143).
Vom 26. Januar bis 10. Mai 2017 absolvierte der Versicherte erneut in der Klinik
I._ eine Entzugs- und Entwöhnungsbehandlung (IV-act. 219-1).
A.m.
Am 7. Januar 2019 gelangte Rechtsanwalt lic. iur. HSG M. Bivetti, St. Gallen, als
Vertreter des Versicherten an die Suva und ersuchte sie vor dem Hintergrund, dass die
IV dem Versicherten gemäss Vorbescheid vom 14. November 2018 gestützt auf ein
polydisziplinäres Gutachten des Zentrums für Medizinische Begutachtung ZMB vom 8.
August 2018 (vgl. Suva-act. 246) eine ganze Rente ab spätestens 1. November 2014
ausrichten werde, um Berechnung der Invalidenrente der Suva (Suva-act. 239). Das
ZMB stellte folgende Diagnosen, welchen es eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
beimass: ein organisches Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma (ICD-10: F07.2) in
Kombination mit einer sonstigen organischen Persönlichkeits- und Verhaltensstörung
aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns (ICD-10:
F07.8); ein Schädelhirntrauma und einen Verdacht auf einen Basis-nahen Ausriss des
N. abducens links. Keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit habe u.a. die
vorbestehende Polytoxikomanie, die «aktuell laut Angabe sistiert» sei. Aufgrund der
B.a.
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Einschränkungen, bedingt durch das organische Psychosyndrom, sei eine Tätigkeit in
der freien Wirtschaft nicht möglich. Der Versicherte sei eingeschränkt in zahlreichen
Funktionen: Einhalten von Regeln, Durchhaltefähigkeit, Flexibilität,
Umstellungsfähigkeit und Konzentrationsfähigkeit. Er sei deutlich vermindert belastbar.
Aus ophthalmologischer Sicht könne der Versicherte nur in Tätigkeiten eingesetzt
werden, die kein wesentlich gutes Stereosehen benötigten. In einer angepassten
Tätigkeit, wie sie der Versicherte aktuell als Mitarbeiter Recycling von Elektroartikeln
ausübe, sei eine Arbeitsfähigkeit sehr wohl möglich. Die jetzige Tätigkeit werde als eine
Tätigkeit in geschütztem Rahmen erachtet. Sie werde mit einem 50%igen Pensum
ausgeführt. Ob eine Steigerung möglich sei, werde sich im weiteren Verlauf zeigen
(Gutachten vom 8. August 2018, Suva-act. 246, insbesondere S. 7 ff.). RAD-Arzt
Dr. F._ hielt die gutachterliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit aus
versicherungsmedizinischer Sicht für umfassend und widerspruchsfrei (Stellungnahme
vom 13. September 2018, IV-act. 263).
Die Suva wies mit Schreiben vom 28. Januar 2019 darauf hin, dass sie den
Schadenfall Ende 2013 - mangels Nachkommen der Mitwirkungspflicht des
Versicherten - abgeschlossen habe. Nach Einsicht in die IV-Akten werde sie über das
weitere Vorgehen informieren (Suva-act. 242).
B.b.
Mit Verfügung vom 2. Mai 2019 sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit Wirkung
ab 1. November 2014 eine ganze Rente zu (Suva-act. 249; vgl. auch Urteil des hiesigen
Gerichts, IV 2019/150, vom 29. Juni 2020).
B.c.
Dr. med. J._, Facharzt für Neurologie, nahm am 9. Mai 2019 auf Ersuchen der
Suva gestützt auf die Akten eine neurologische Beurteilung vor. Er kam zum Schluss,
dass der Unfall vom 15. Juli 2011 zu einer strukturellen Hirnschädigung geführt habe,
welche eine leichte neuropsychologische Beeinträchtigung hinterlassen habe.
Massgeblich für diese Einschätzung sei die neuropsychologische Beurteilung der
Rehaklinik Bellikon (Suva-act. 250 S. 12). In Anbetracht der reinen Unfallfolgen könne
der Versicherte vollschichtig einer einfachen Tätigkeit im Wechsel zwischen Sitzen,
Stehen und Gehen nachgehen ohne Notwendigkeit zum Knieen und ohne Tätigkeiten
auf Leitern und Gerüsten. Aufgrund der beschriebenen Lärm- und Lichtempfindlichkeit
sollte die Tätigkeit in ruhiger Umgebung stattfinden. Es sollten keine hohen
B.d.
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C.
D.
Anforderungen an Arbeitsgeschwindigkeit und kognitive Flexibilität gestellt werden. Die
Arbeit sollte ein intaktes Stereosehen nicht voraussetzen. Der medizinische Endzustand
sei zum Zeitpunkt der kreisärztlichen Untersuchung am 26. März 2013 erreicht
gewesen (Suva-act. 250 S. 14). Der Integritätsschaden betrage auf neurologisch/
neuropsychologischem Gebiet 40 %. 20 % seien Folge der leichten
Hirnfunktionsstörung und die anderen 20 % Folge der Augenverletzung (Suva-act.
251).
Mit Verfügung vom 27. Mai 2019 verneinte die Suva einen Rentenanspruch des
Versicherten und legte die Integritätsentschädigung basierend auf einem
Integritätsschaden von 40 % fest (Suva-act. 254).
B.e.
Gegen diese Verfügung erhob Rechtsanwalt Bivetti am 28. Juni 2019 für den
Versicherten Einsprache und beantragte eine ganze Rente sowie eine
Integritätsentschädigung basierend auf einem Integritätsschaden von 100 % (Suva-act.
268).
C.a.
Mit Einspracheentscheid vom 4. Mai 2020 bestätigte die Suva ihre Verfügung vom
27. Mai 2019 (Suva-act. 276).
C.b.
Gegen diesen Einspracheentscheid erhob Rechtsanwalt Bivetti für den
Versicherten (nachfolgend: Beschwerdeführer) mit Eingabe vom 4. Juni 2020
Beschwerde und beantragte, dem Beschwerdeführer sei eine Rente entsprechend
einem Invaliditätsgrad von 100 % und eine Integritätsentschädigung nach Massgabe
eines Integritätsschadens von 100 % auszurichten. Eventuell sei ein Gerichtsgutachten
zur Frage der Kausalität der neuropsychologischen Beeinträchtigungen einzuholen,
subeventuell sei die Angelegenheit zur Vornahme weiterer Abklärungen an die Suva
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) zurückzuweisen. Alles unter Entschädigungsfolge
(act. G1). Mit Beschwerdeergänzung vom 31. August 2020 begründete Rechtsanwalt
Bivetti die Beschwerde vom 4. Juni 2020 ausführlich (act. G7).
D.a.
Mit Beschwerdeantwort vom 2. November 2020 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (act. G11).
D.b.
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Erwägungen
1.
Vorliegend anerkannte die Beschwerdegegnerin eine Leistungspflicht im
Zusammenhang mit dem Unfall vom 15. Juli 2011 und richtete entsprechend
Versicherungsleistungen (Heilkosten- und Taggeldleistungen) aus der
Unfallversicherung aus. Streitig ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf eine
Am 5. November 2020 wurde dem Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung entsprochen (act. G12).
D.c.
Auf die Erstattung einer Replik wurde verzichtet (act. G14).D.d.
Am 9. Juni 2021 zog das Gericht die Akten der IV-Stelle St. Gallen bei (act. G16).
Mit Schreiben vom 18. Juni 2021 unterrichtete das Gericht die Parteien über den
Beizug der Akten der IV-Stelle und gewährte ihnen eine Frist zur Einsicht in diese Akten
und zur allfälligen Stellungnahme (act. G18). Der Beschwerdeführer verzichtete am 8.
Juli 2021 auf eine Einsichtnahme in die Akten der IV (act. G21) und die
Beschwerdegegnerin verzichtete am 26. August 2021 nach Einsichtnahme in die Akten
auf eine Stellungnahme (act. G22).
D.e.
Das Gericht gewährte Rechtsanwalt Bivetti am 13. September 2021 das rechtliche
Gehör. Da eine Rückweisung an die Beschwerdegegnerin im Raum stehe, werde ihm
die Möglichkeit eingeräumt, die Beschwerde betreffend Integritätsentschädigung
zurückzuziehen (act. G23). Mit Schreiben vom 27. September 2021 teilte Rechtsanwalt
Bivetti dem Gericht mit, dass der Beschwerdeführer an der Beschwerde festhalte
(act. G24). Diese beiden Schreiben wurden der Beschwerdegegnerin am 30.
September 2021 zur Kenntnis gebracht (act. G25).
D.f.
Am 30. September 2021 ging Rechtsanwalt Bivettis Honorarnote vom 29.
September 2021 beim Gericht ein (act. G26 und 26.1).
D.g.
Der Beschwerdegegnerin wurden diese Honorarnote und das Schreiben des
Beschwerdeführers vom 8. Juli 2021 und dem Beschwerdeführer das Schreiben der
Beschwerdegegnerin vom 26. August 2021 ebenfalls am 30. September 2021 zur
Kenntnis zugestellt (act. G27).
D.h.
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Invalidenrente sowie auf eine höhere als die von der Beschwerdegegnerin basierend
auf einem Integritätsschaden von 40 % gewährte Integritätsentschädigung.
Gestützt auf Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG;
SR 832.20) hat der Unfallversicherer bei Vorliegen eines Unfalls (vgl. dazu Art. 4 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR
830.1]) für einen Gesundheitsschaden nur insoweit Leistungen zu erbringen, als dieser
in einem natürlichen und adäquaten Kausalzusammenhang zum versicherten Ereignis
steht. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände,
ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als
in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann.
Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausal
zusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder unmittelbare
Ursache gesundheitlicher Störungen ist. Es genügt, dass das schädigende Ereignis
zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geistige Integrität der
versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit anderen Worten nicht
weggedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene Störung entfiele (Conditio
sine qua non; vgl. Art. 6 Abs. 1 UVG; BGE 129 V 181 E. 3.1; André Nabold, N 48 ff. zu
Art. 6, in: Marc Hürzeler/ Ueli Kieser [Hrsg.], Bundesgesetz über die Unfallversicherung,
Kommentar zum schweizerischen Sozialversicherungsrecht, 2018 [nachfolgend zitiert:
KOSS UVG]; Irene Hofer, N 63 ff. zu Art. 6, in: Ghislaine Frésard-Fellay/Susanne
Leuzinger/Kurt Pärli [Hrsg.], Unfallversicherungsgesetz, Basler Kommentar, 2019
[nachfolgend zitiert: BSK UVG]; Alexandra Rumo-Jungo/André Pierre Holzer,
Bundesgesetz über die Unfallversicherung, in: Erwin Murer/Hans-Ulrich Stauffer [Hrsg.],
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 4. Aufl. 2012, S.
53 ff.). Für die Tatfrage nach dem Bestehen natürlicher Kausalzusammenhänge im
Bereich der Medizin ist das Gericht in der Regel auf Angaben ärztlicher Experten und
Expertinnen angewiesen. Die Frage nach dem adäquaten Kausalzusammenhang ist
demgegenüber eine Rechtsfrage, die vom Gericht nach den von Doktrin und Praxis
entwickelten Regeln zu beurteilen ist (KOSS UVG-Nabold, N 53 und 59 zu Art. 6; BSK
UVG-Hofer, N 66 und 74 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 55, 58; BGE 122 V
158 f. E. b mit zahlreichen Hinweisen; SZS 2018 S. 357 f.). Bei physischen Unfallfolgen
spielt indessen die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der sich aus dem natürlichen
Kausalzusammenhang ergebenden Haftung praktisch keine selbständige Rolle (BGE
127 V 103 E. 5b/bb, 123 V 102 E. 3b und 118 V 291 f. E. 3a mit Hinweisen). Sind
dagegen die Unfallfolgen organisch nicht (hinreichend) fassbar, ist eine eigenständige
Adäquanzbeurteilung durchzuführen, wobei die Rechtsprechung für Fälle mit einem
erlittenen Schleudertrauma, Schädel-Hirn-Trauma oder einer äquivalenten Verletzung
1.1.
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eigene Beurteilungskriterien herausgebildet hat (BGE 127 V 103 E. 5b/bb; zur
Schleudertraumapraxis vgl. BGE 117 V 359 und 134 V 109; zur Psychopraxis vgl. BGE
115 V 140).
Hat der Unfallversicherer seine Leistungspflicht im Grundfall einmal anerkannt, so
entfällt sie erst dann wieder, wenn der Unfall nicht (mehr) die natürliche oder adäquate
Ursache des Gesundheitsschadens darstellt, wenn also letzterer nur noch und
ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruht. Ebenso wie der
leistungsbegründende natürliche Kausalzusammenhang muss das Dahinfallen jeder
kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens mit
dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sein. Die blosse Möglichkeit gänzlich fehlender
Auswirkungen des Unfalls genügt nicht (Urteil des Bundesgerichts vom 6. August 2008,
8C_101/2008, E. 2.2; Thomas Locher/Thomas Gächter, Grundriss des
Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. Bern 2014, § 70 N. 58 f.).
1.2.
Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben die
urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln
sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen und alle Beweismittel unabhängig
davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der
Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht,
auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der
Anamnese abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit
Hinweis). Auch den Berichten versicherungsinterner Ärzte und Ärztinnen kann
rechtsprechungsgemäss Beweiswert beigemessen werden. Soll ein Versicherungsfall
jedoch ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die
Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel
an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen
Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 135 V 470 f. E.
4.4 und 4.6; bestätigt etwa in Urteil des Bundesgerichts vom 23. November 2012,
8C_592/2012, E. 5.3). Die Rechtsprechung erachtet sodann Aktengutachten als
zulässig, wenn die Akten ein vollständiges Bild über Anamnese, Verlauf und
gegenwärtigen Status ergeben und diese Daten unbestritten sind. Voraussetzung ist
1.3.
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2.
ein lückenloser Untersuchungsbefund, damit der Experte bzw. die Expertin imstande
ist, sich aufgrund der vorhandenen Unterlagen ein lückenloses Bild zu verschaffen
(Urteil des Bundesgerichts vom 25. Januar 2002, U 14/2000, E. 3c mit Hinweis).
Der im Sozialversicherungsprozess herrschende Untersuchungsgrundsatz
schliesst eine Beweislast im Sinn einer Beweisführungslast begriffsnotwendig aus. Im
Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien die Beweislast nur insofern, als
im Fall der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus
dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte (BGE 117 V 264
E. 3b). Während bei der Frage, ob ein Kausalzusammenhang überhaupt jemals
gegeben ist, demzufolge die versicherte Person beweisbelastet ist, trägt die Beweislast
für einen behaupteten Wegfall der Kausalität der Unfallversicherer (Urteil des
Bundesgerichts vom 6. August 2008, 8C_101/2008, E. 2.2 mit Hinweis; zum Ganzen
Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 54 f.).
1.4.
Für die Annahme unfallkausaler somatischer Restfolgen wird grundsätzlich eine
strukturelle Läsion bzw. eine schlecht verheilte strukturelle Läsion als objektivierbares
Korrelat verlangt. Objektivierbar sind Ergebnisse, die reproduzierbar und von der
Person des Untersuchenden und den Angaben des Patienten bzw. der Patientin
unabhängig sind. Folglich kann von objektiv ausgewiesenen organisch-strukturellen
Unfallfolgen dann gesprochen werden, wenn die erhobenen Befunde mit -
wissenschaftlich anerkannten - apparativen/bildgebenden Abklärungen (wie Röntgen,
Sonographie, Kernspintomographie, Computertomographie, Arthroskopie) bestätigt
werden (vgl. BGE 134 V 121 E. 9, 134 V 232 E. 5.1 mit Hinweisen; Urteil des
Bundesgerichts vom 28. Oktober 2009, 8C_216/2009, E. 2; SVR 2007 UV Nr. 25 S. 81
E. 5.4 mit Hinweisen [U 479/05]).
2.1.
Die Beschwerdegegnerin anerkannte gestützt auf die neurologische Beurteilung
von Dr. J._ vom 9. Mai 2019 strukturelle Traumafolgen am Gehirn des Versicherten
mit der Folge von leichten neuropsychologischen Beeinträchtigungen und
Doppelbildern aufgrund der Abduzensparese (vgl. Suva-act. 276 S. 11 i.V.m. Suva-act.
250 S. 13). Der Beschwerdeführer geht demgegenüber gestützt auf das Gutachten des
ZMB vom 8. August 2018 davon aus, dass von einer mittelgradigen bis schweren
Einschränkung bezüglich Aufmerksamkeit, visueller Wahrnehmung sowie bei Aufgaben
mit visueller Fixation eine geringgradige exekutive Dysfunktion vorliege (act. G1 i.V.m.
Suva-act. 246 S. 5).
2.2.
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Im ZMB wurde der Beschwerdeführer im Juni 2018 internistisch, orthopädisch,
neurologisch, opthalmologisch, psychiatrisch und neuropsychologisch abgeklärt (Suva-
act. 246 S. 2 f.). Von neurologischer Seite wurde vom Vorliegen eines organischen
Psychosyndroms nach Schädelhirntrauma in Kombination mit einer sonstigen
organischen Persönlichkeits- und Verhaltensstörung aufgrund einer Krankheit,
Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns ausgegangen. Die in der
neuropsychologischen Untersuchung festgestellten mittelgradigen bis schweren
Einschränkungen bezüglich Aufmerksamkeit, visueller Wahrnehmung sowie bei
Aufgaben mit visueller Fixation und eine geringgradige exekutive Dysfunktion seien in
diesem Rahmen zu beurteilen (Suva-act. 246 S. 5). Psychiatrisch bestünden die für ein
organisches Psychosyndrom typischen Symptome erhöhte Reizbarkeit und rasche
Ermüdbarkeit, Merkfähigkeitsstörungen, impulsives Verhalten sowie Defizite im
abstrakten Denken. Aufgrund dieser neuropsychologischen Einschränkungen sei der
Beschwerdeführer für eine Arbeitstätigkeit im ersten Arbeitsmarkt zu 100 %
arbeitsunfähig (Suva-act. 246 S. 7). Dieses Gutachten wurde vom hiesigen Gericht mit
Urteil vom 29. Juni 2020 im Verfahren IV 2019/150 als beweiskräftig erachtet. Dr. J._
und mit ihm die Beschwerdegegnerin stellen sich auf den Standpunkt, dass die
gemäss ZMB-Gutachten vermutete Schwere der neuropsychologischen
Beeinträchtigungen nicht nachvollzogen werden könne. Das Versicherungsgericht
erachtet sich jedoch analog der Situation bei Rückweisungsentscheiden an die
Erwägungen im Urteil vom 29. Juni 2020 gebunden (vgl. Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 4. Aufl. 2020, N 116 zu Art. 61), soweit die Ausführungen Aspekte
betreffen, welche für die Unfallversicherung und die Invalidenversicherung nach
denselben Regeln zu beurteilen sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 25. August
2011, 8C_543/2011, E. 2.6 und 3). Das Gericht erwog, dass die im ZMB-Gutachten mit
Blick auf die Diagnose und die Beeinträchtigungen der Arbeitsfähigkeit gezogenen
Schlüsse einleuchten (a.a.O., E. 4.1). Folglich ist davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer an einem organischen Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma in
Kombination mit einer sonstigen organischen Persönlichkeits- und Verhaltensstörung
aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns und an
einem Schädelhirntrauma leidet (a.a.O., Sachverhalt A.g sowie E. 4.1). Auch ist davon
auszugehen, dass die zur Arbeitsunfähigkeit führenden Einschränkungen insbesondere
durch das organische Psychosyndrom bedingt sind und Einschränkungen in folgenden
Funktionen bestehen: Einhalten von Regeln, Durchhaltefähigkeit, Flexibilität,
Umstellungsfähigkeit und Konzentrationsfähigkeit, Belastbarkeit (a.a.O., E.4.1). Das
Gericht erwog sodann, dass die Suchtproblematik früher im Vordergrund gestanden
habe, währenddem inzwischen deren Spätfolgen sowie die Spätfolgen der
Schädelverletzung dominierend seien (a.a.O., E. 3.3.3). Dass demgegenüber die
2.3.
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3.
Invaliditätsschätzung der Invalidenversicherung gegenüber dem Unfallversicherer keine
Bindungswirkung entfaltet (Urteil des Bundesgerichts vom 25. August 2011,
8C_543/2011, E. 3), ist zwischen den Parteien zu Recht nicht umstritten. Dies gilt
insbesondere auch für Ausführungen der ZMB-Gutachter zur Kausalitätsfrage, zumal
die Kausalität für die Invalidenversicherung nicht relevant ist (vgl. hierzu auch E. 2.5).
Zu beantworten bleibt folglich die Frage, ob die vorgenannte Beeinträchtigung des
Beschwerdeführers unfallkausal ist oder ob die Beschwerdegegnerin zu Recht nur von
einer leichten neuropsychologischen Beeinträchtigung als Unfallfolge ausgegangen ist.
Dr. J._ kam gemäss Beurteilung vom 9. Mai 2019 gestützt auf die medizinischen
Akten zum Schluss, dass das am 15. Juli 2011 erlittene offene Schädelhirntrauma mit
diffusen axonalen Scherverletzungen und einem kleinen temporopolaren
Kontusionsherd rechts nach den in der Rehaklinik Bellikon erhobenen Befunden zu
einer leichten neuropsychologischen Beeinträchtigung geführt habe. Diese
Beeinträchtigung hätte nach damaliger Einschätzung der Rehaklinik Bellikon die
Wiederaufnahme einer vollschichtigen Tätigkeit erlaubt. Den beiden relativ zeitnah zum
Unfall durchgeführten neuropsychologischen Untersuchungen komme hinsichtlich der
Beurteilung der Traumafolgen besondere Bedeutung zu (Suva-act. 250 S. 11). Das
ZMB-Gutachten setze sich nicht ausreichend mit der Frage auseinander, welche
Anteile an der fehlenden Vermittelbarkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt die
eingeschränkten schulischen Bildungsvoraussetzungen, das Aufmerksamkeitsdefizit-
Hyperaktivitätssyndrom, die Polytoxikomanie und die Folgen des Schädelhirntraumas
hätten. Eine präzise anteilmässige Zuordnung werde nicht möglich sein (Suva-act. 250
S. 12). Folge man aber der Lebensgeschichte des Beschwerdeführers bis zum Unfall
und unter Berücksichtigung des Umstandes, dass nach dem Unfall zwei
mehrmonatige, stationäre psychiatrische Behandlungen wegen der Polytoxikomanie in
I._ und eine mehrmonatige Langzeitsuchtbehandlung im Therapiezentrum G._
notwendig geworden seien, werde deutlich, dass den unfallunabhängigen
Erkrankungen eine gewichtige sozialmedizinische Bedeutung zukomme. Selbst wenn
zwischen den neuropsychologischen Beurteilungen der Rehaklinik Bellikon und der
neuropsychologischen Begutachtung des ZMB eine Verschlechterung eingetreten sein
sollte, werde man diese nicht den Unfallfolgen zuordnen können. Der normale Verlauf
neuropsychologischer Beeinträchtigungen nach einem Schädelhirntrauma führe nicht
zu einer progredienten Befundverschlechterung, sondern zu einer tendenziellen
Besserung und Anpassung im weiteren Verlauf (Suva-act. 250 S. 12). Letztere Aussage
belegt oder begründet Dr. J._ jedoch nicht. Und dass die Rehaklinik Bellikon eine
3.1.
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vollschichtige Tätigkeit wieder erlaubt hätte, ist so aus deren Berichten nicht zu
entnehmen. Vielmehr wurde von den zuständigen Ärzten aus neurologischer Sicht von
einer Arbeitsfähigkeit "im Rahmen der Zumutbarkeit mit ganztägiger Präsenz"
gesprochen. Sollten sich keine konkreten Stellenangebote eröffnen, werde die
Überprüfung einer Tätigkeit im Rahmen eines Beschäftigungsprogramms empfohlen.
Daneben könnten auch fundiertere Aussagen zur körperlichen und kognitiven
Leistungsfähigkeit gemacht werden (Suva-act. 99 S. 4). Und aus neuropsychologischer
Sicht wurde festgehalten, es bestünden Minderleistungen einzelner kognitiver
Funktionen. Bei Berufen mit hohen kognitiven Anforderungen dürfte die
Funktionsfähigkeit eingeschränkt sein. Einfachere Arbeitsabläufe sollten jedoch
ausführbar sein. Negativ dürften sich die Auffälligkeiten im Sozialverhalten auf die
beruflichen Leistungen und auf Interaktionen mit Vorgesetzten und Mitarbeitenden
auswirken. Diese Auffälligkeiten dürften angesichts der Vorgeschichte - zumindest in
Anteilen - schon vor dem Unfall vorgelegen haben (Suva-act. 100 S. 5). Damit machte
die Rehaklinik Bellikon deutlich, dass sie eine detaillierte Abklärung auch der kognitiven
Leistungsfähigkeit als angezeigt erachtete. Folglich kann es nicht angehen, ohne
weitere solche Abklärungen und ohne eigene Untersuchung der Einschätzung der
Rehaklinik Bellikon solches Gewicht zu verleihen, wie es Dr. J._ getan hat. Darüber
hinaus weicht seine Einschätzung hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit als CNC-Operateur
von jener der Rehaklinik Bellikon ab, ohne dass er sich mit dieser Abweichung
auseinandersetzen würde (Suva-act. 250 S. 13 f. sowie 52 S. 3). Nach dem Gesagten
bestehen am Bericht von Dr. J._ vom 9. Mai 2019 (Suva-act. 250) erhebliche Zweifel.
Es ist nicht nachvollziehbar, wieso der neurologische Facharzt den Beschwerdeführer
nicht selber untersucht hat. Voraussetzung für die Beweiskraft eines
versicherungsintern erstellten Aktenberichts ist - nebst den bereits in vorstehender
E. 1.3 genannten Anforderungen -, dass ein lückenloser Befund vorliegt und es im
Wesentlichen nur um die ärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden
medizinischen Sachverhalts geht (Urteil des Bundesgerichts vom 18. März 2015,
8C_843/2014, E. 5.4). Hiervon kann vorliegend nicht ausgegangen werden, zumal Dr.
J._ den vom ZMB erhobenen medizinischen Sachverhalt aufgrund der übrigen Akten
nicht nur anders beurteilte, sondern einen anderen Sachverhalt erhob. Da seine
Schlussfolgerungen bezüglich der natürlichen Kausalität der Einschätzung der ZMB-
Gutachter - wie er selber feststellt - teilweise widersprechen (Suva-act. 250 S. 11
unten), wäre zumindest eine einlässliche und plausible Begründung der abweichenden
Einschätzung notwendig. Einzig der Hinweis auf eine bereits vor dem Unfall
bestehende Suchtproblematik vermag jedenfalls keine solche Begründung
darzustellen. Und auch die fehlende Vornahme einer Fremdanamnese ist nicht
nachvollziehbar. Eine solche war auch von der Rehaklinik Bellikon nicht vorgenommen
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worden und scheint für die Erfassung von Hirnfunktionsstörungen nach
Hirnverletzungen für eine neuropsychologische Beurteilung vorausgesetzt zu werden
(vgl. Suva-Tabelle 8, Integritätsschädigung gemäss UVG). Dies leuchtet ein, zumal
neuropsychologische Einschränkungen und deren Entwicklung vom Umfeld
beobachtet werden können.
Auch für die Annahme einer Unfallkausalität der gravierenden Einschränkungen
gemäss ZMB-Gutachten fehlt es an einer genügenden medizinischen Grundlage, zumal
dieses Gutachten sich zu dieser Frage nur ungenügend äussert: Der interdisziplinären
Gesamtbeurteilung ist zu entnehmen, dass die in der neuropsychologischen
Untersuchung festgestellten mittelgradigen bis schweren Einschränkungen bezüglich
Aufmerksamkeit, visueller Wahrnehmung sowie bei Aufgaben mit visueller Fixation und
eine geringgradige exekutive Dysfunktion im Rahmen des organischen
Psychosyndroms nach Schädelhirntrauma in Kombination mit einer sonstigen
organischen Persönlichkeits- und Verhaltensstörung aufgrund einer Krankheit,
Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns zu beurteilen seien (Suva-act. 246 S.
5). Ebenfalls aus der Gesamtbeurteilung geht hervor, dass die genauen Ursachen
(ADHS, Folgen von Alkoholkonsum, Unfallfolgen) der neuropsychologischen
Einschränkungen nicht auseinandergenommen werden können (Suva-act. 246 S. 7),
aber auch, dass durch die Hirnverletzung die neuropsychologischen Fähigkeiten
erheblich eingeschränkt wurden (Suva-act. 246 S. 9). Das psychiatrische Teilgutachten
hält ausserdem dafür, dass der Versicherte aufgrund seiner hirnorganischen
Schädigung nicht in der Lage sei, eine konstante, zuverlässige sowie qualitativ und
quantitativ ausreichende Leistung im ersten Arbeitsmarkt zu erbringen (S. 75). Dem
neurologischen Teilgutachten ist hingegen zu entnehmen, dass laut Bericht zum MRI-
Befund vom 2. August 2011 bilateral periventrikuläre konfluierende Gliose-Herde im
Marklager beidseits nachgewiesen worden seien, welche nicht traumatischer Natur
seien (Suva-act. 246 S. 57). Da der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der ZMB-
Begutachtung laut seinen Angaben seit einigen Monaten abstinent war, gingen die
ZMB-Gutachter davon aus, dass die Polytoxikomanie ohne Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit sei (vgl. Suva-act. 246 S. 12). Einen möglichen Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit sahen sie jedoch in den möglichen Folgen der Suchterkrankung. So ist
dem neuropsychologischen Teilgutachten zu entnehmen, dass der zum Zeitpunkt des
Unfalls laut Explorand bestehende Alkohol- und Drogenabusus sich aus
neuropsychologischer Sicht ungünstig auf die kognitiven Funktionen des Versicherten
ausgewirkt habe (Suva-act. 246 S. 82). Und aus der Gesamtbeurteilung geht hervor,
dass die im Vergleich zur Abklärung 2011 stärker ausgeprägten
Gedächtnisschwierigkeiten (verbale Lern- und Merkfähigkeit und verbales
3.2.
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4.
Textgedächtnis) sowie eine geringgradige exekutive Dysfunktion mit dem nach dem
Unfall persistierenden Alkohol- und Drogenabusus zu erklären seien (Suva-act. 246 S.
6). Jedenfalls besteht vor diesem Hintergrund durchaus Raum für die - von Dr. J._
vertretene - Annahme, dass sich die Verschlechterung des neuropsychologischen
Zustandes des Beschwerdeführers unabhängig vom Unfall entwickelt hat.
Angesichts dieser Aktenlage erscheint für die Beurteilung der
unfallversicherungsrechtlichen Ansprüche eine umfassende, auf persönlichen
Untersuchungen beruhende Beurteilung der Frage der Kausalität der
neuropsychologischen Beeinträchtigungen und der daraus resultierenden
Arbeitsunfähigkeit als unabdingbar. Da bislang noch kein Administrativgutachten
erstattet wurde, besteht kein Anlass für das vom Beschwerdeführer beantragte
Gerichtsgutachten (act. G7). Die Sache ist daher zur Vornahme eines zumindest
neuropsychologischen Gutachtens an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.3.
Nach dem Gesagten ist der angefochtene Einspracheentscheid vom 4. Mai 2020
aufzuheben und die Sache zur weiteren Abklärung im Sinn der Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.1.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (aArt. 61 lit. aATSG in der bis 31. Dezember
2020 gültigen, für das vorliegende Verfahren gemäss Art. 82a ATSG noch
anwendbaren Fassung).
4.2.
Die obsiegende beschwerdeführende Partei hat Anspruch auf Ersatz der Partei
kosten. Die Parteientschädigung wird vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne
Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der
Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22
Abs. 1 lit. b der Honorarordnung (HonO; sGS 963.75; in der vorliegend anwendbaren,
seit 1. Januar 2019 gültigen Fassung, siehe Art. 30 HonO) pauschal Fr. 1'500.-- bis
Fr. 15'000.--. Am 29. September 2021 reichte der Rechtsvertreter eine Honorarnote für
das Beschwerdeverfahren über Fr. 4'004.-- zzgl. Barauslagen von Fr. 154.-- und
Mehrwertsteuer von Fr. 308.30, total Fr. 4'312.30, ein (act. G26 und 26.1). Die
Honorarnote erscheint angemessen und enthält keine nicht zu berücksichtigenden
Positionen. Darüber hinaus bewegt sich die Honorarnote im Rahmen der in
vergleichbaren Fällen vom Gericht zugesprochenen pauschalen Parteientschädigung.
Folglich hat die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung
von Fr. 4'312.30 zu bezahlen. Bei diesem Verfahrensausgang erübrigt sich die
4.3.
bis
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP
1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, dass der angefochtene
Einspracheentscheid vom 4. Mai 2020 aufgehoben und die Sache zur weiteren
Abklärung im Sinn der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen wird.
2. Es werden keine Gerichtskosten erhoben.
3. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung
von Fr. 4'312.30 (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen.
Festsetzung einer Entschädigung aus der gewährten unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 11.10.2021 Rückweisung zur Beantwortung der Kausalitätsfrage einer neuropsychologischen Beeinträchtigung (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 11. Oktober 2021, UV 2020/35).
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
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2022-04-25T06:30:47+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen