Decision ID: 0c3bb92d-7951-5ca1-ad85-09bde0721104
Year: 2012
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Aufgrund einer Anzeige eines Nachbarn stellte die Gemeinde fest, dass auf den
Parzellen Frutigen Grundbuchblatt Nr. Z._ und A._ mit Bauarbeiten
(Abhumusieren/Grabarbeiten) begonnen wurde, ohne dass dafür eine rechtskräftige
Baubewilligung vorliegt. Die Parzellen liegen in der Wohnzone W2 H (Hang). Mit
Baueinstellungsverfügung vom 19. April 2012 forderte die Gemeinde die
Beschwerdeführenden daher auf, alle Arbeiten auf den Parzellen Frutigen Grundbuchblatt
Nr. Z._ und A._ sofort einzustellen und die vorhandenen Werkzeuge und
Maschinen unverzüglich von der Baustelle zu entfernen.
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2. Gegen diese Verfügung reichten die Beschwerdeführenden am 3. Mai 2012
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Am
15. Mai 2012 – und damit noch innert der laufenden Rechtsmittelfrist – reichten die
Beschwerdeführenden zudem eine Beschwerde-Ergänzung ein. Sie beantragen, die
Baueinstellungsverfügung sei aufzuheben. Zur Begründung führen sie aus, dass die von
der Vor-instanz gerügten Arbeiten keiner Baubewilligung bedürften.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. In ihrer Stellungnahme vom 11. Juni
2012 beantragt die Gemeinde die Abweisung der Beschwerde.
4. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
Angefochten ist eine Baueinstellungsverfügung im Sinne von Art. 46 Abs. 1 BauG2. Eine
solche Verfügung kann gemäss Art. 49 Abs. 1 BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Beschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der
Beschwerde gegen die Baueinstellungsverfügung zuständig. Die Beschwerdeführenden
sind als Grundeigentümer und Adressaten der Baueinstellungsverfügung ohne weiteres zur
Beschwerde befugt (Art. 65 Abs. 1 VRPG3). Auf die form- und fristgerecht eingereichte
Beschwerde wird eingetreten.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 3 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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2. Baueinstellung
a) Art. 22 RPG4 bestimmt, dass Bauten und Anlagen nur mit einer behördlichen
Bewilligung errichtet oder geändert werden dürfen. Mit der Ausführung von Bauvorhaben,
die eine Baubewilligung benötigen, darf erst begonnen werden, wenn sie rechtskräftig
bewilligt sind oder der Baubeginn vorzeitig gestattet worden ist (Art. 1a Abs. 3 BauG, Art. 2
Abs. 1 BewD5).
Wird ein Bauvorhaben ohne Baubewilligung oder in Überschreitung einer Baubewilligung
ausgeführt, so verfügt die zuständige Baupolizeibehörde die Einstellung der Bauarbeiten
(Art. 46 Abs. 1 BauG). Nicht ausdrücklich genannte, aber selbstverständliche
Voraussetzung für eine Baueinstellungsverfügung ist zudem, dass das in Ausführung
stehende Bauvorhaben überhaupt der Baubewilligungspflicht unterliegt. Sind diese beiden
Voraussetzungen erfüllt, liegt eine formelle Rechtswidrigkeit vor, die für den Erlass der
Baueinstellungsverfügung genügt. Ob das Bauvorhaben auch materiell rechtswidrig ist
oder ob es den Bauvorschriften entspricht und somit bewilligt werden kann, ist erst im
folgenden Baubewilligungsverfahren zu prüfen. Für den Erlass einer
Baueinstellungsverfügung ist die materielle Rechtswidrigkeit jedoch nicht Voraussetzung.
Bei der Baueinstellung handelt es sich um eine vorsorgliche Massnahme. Es ist daher
ausreichend, dass die Rechtswidrigkeit der Bautätigkeit aufgrund einer summarischen
Prüfung als wahrscheinlich erscheint. Ein schlüssiger Beweis ist erst im
Wiederherstellungsverfahren nötig.6
b) Die Beschwerdeführenden haben gemäss ihren eigenen Angaben „am 18. April 2012
einen Streifen von ca. 2.70 x 6 m neben der B._strasse abhumusiert, um eine
Senke von 30-50 cm mit überschüssigem Koffermaterial von der Baustelle Flugplatz
aufzufüllen.“ Diese Arbeiten seien vorgenommen worden, „obschon die Gemeinde bis
heute, über einen Monat nach Ablauf der Einsprachefrist, immer noch keine formelle
Bewilligung für die Vorarbeiten erteilt hat“.7 Damit verfügen die Beschwerdeführenden
unbestrittenerweise über keine Baubewilligung für die ausgeführten Arbeiten. Auch ein
4 Bundesgesetz vom 22. Juni 1979 über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz, RPG; SR 700) 5 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 6 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 3. Aufl., Band I, Bern 2007, Art. 46 N. 6a. 7 Beschwerdeergänzung vom 15. Mai 2012, Ziff. 5.
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vorzeitiger Baubeginn im Sinne von Art. 1a Abs. 3 BauG i.V.m. Art. 39 BewD bezüglich des
von Beschwerdeführenden eingereichten Baugesuchs zur Überbauung dieser Parzellen
wurde von der Gemeinde nicht bewilligt. Die Beschwerdeführenden machen in ihrer
Beschwerde jedoch geltend, die vorgenommenen Arbeiten seien baubewilligungsfrei, da es
sich um Erdbewegungen handle, welche unter dem Freimass von 1.2 m liegen würden.
Gemäss der Weisung der JGK vom 4. November 2009 seien Terrainveränderungen zur
Umgebungsgestaltung bewilligungsfrei, wenn sie nicht höher als 1.20 m sind und nicht
mehr als 100 Kubikmeter umfassen.
c) Gemäss Art. 6 Abs. 1 Bst. i BewD sind Terrainveränderungen zur
Umgebungsgestaltung bis zu 100 Kubikmeter Inhalt baubewilligungsfrei. Aus dem Wortlaut
dieser Bestimmung ergibt sich klar, dass Terrainveränderungen nur dann unter diese
Bestimmung fallen, wenn sie als Massnahme der Umgebungsgestaltung dienen. Dies
ergibt sich noch klarer auch aus dem Vortrag des Regierungsrates, welcher von
„Terrainveränderungen im Sinne von Umgebungsgestaltungen“ spricht8. Die vorliegend
vorgenommenen Abgrabungen erfüllen diese Voraussetzung nicht. Sie dienen in keiner
Weise der Umgebungsgestaltung. Wie die Gemeinde richtig ausführt, wurden diese
Arbeiten vielmehr als Vorarbeit für das hängige Bauprojekt B._ (Abbruch Scheune,
Neubau von 5 Häusern, Verlegen von Abwasser- und Stromleitungen) vorgenommen. Die
Beschwerdeführenden bestätigen dies in ihrer Beschwerde-Ergänzung vom 15. Mai 2012,
indem sie ausdrücklich festhalten, die Arbeiten würden der Vorbereitung für anstehende
Hauptarbeiten und der Sanierung einer im letzten Jahr nur provisorisch reparierten
Abwasserleitung des Nachbarn dienen.9 Die ausgeführten Arbeiten fallen daher nicht unter
Art. 6 Abs. 1 Bst. i BewD und sind bewilligungspflichtig. Für die Bewilligungspflicht spricht
im Übrigen auch Art. 39 Abs. 4 BewD, wonach der Aushub der Baugrube, das Legen von
Leitungen oder ähnliche Arbeiten unter gewissen Voraussetzungen von der
Gemeindebehörde schon nach Eingang des Baugesuchs erlaubt werden können. Wären
diese Arbeiten bewilligungsfrei, müsste dafür seitens der Behörde keine Bewilligung für
einen vorzeitigen Baubeginn erteilt werden. Eine solche Bewilligung liegt zudem – wie
erwähnt - vorliegend nicht vor.
8 Vortrag des Regierungsrates an den Grossen Rat betreffend das Dekret über das Baubewilligungsverfahren und das Dekret über das Normalbaureglement (Änderungen) vom 30. April 2008, S. 7. 9 Beschwerdeergänzung vom 15. Mai 2012, Ziff. 5.
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d) Die Baueinstellungsverfügung der Gemeinde Frutigen war damit rechtmässig. Die
Beschwerde erweist sich demzufolge als unbegründet. Sie wird abgewiesen und die
Baueinstellungsverfügung der Gemeinde Frutigen vom 19. April 2012 bestätigt.
3. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden. Sie
haben die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf
eine Pauschalgebühr von Fr. 600.-. Die Beschwerdeführenden haften solidarisch für den
gesamten Betrag.
b) Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 und 4 VRPG).