Decision ID: 5dada273-f2df-5e33-8cbd-885938aae5e3
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
I.
A.
Das am 14. Juni 2018 gestellte Asylgesuch des Beschwerdeführers – ei-
nem türkischen Staatsangehörigen – wurde mit Verfügung des SEM vom
6. Februar 2020 abgelehnt und die Wegweisung sowie der Wegweisungs-
vollzug angeordnet. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechts-
kraft.
Für das Verfahren wird auf die Akten verwiesen.
II.
B.
In einem Gesuch vom 27. April 2020 (Mehrfachgesuch) brachte der Be-
schwerdeführer vor, es seien im Heimatstaat zwischenzeitlich zwei Straf-
verfahren gegen ihn eingeleitet worden. Es werde ihm «Unterstützung ei-
ner terroristischen Organisation» sowie «Beleidigung des Staatspräsiden-
ten Erdogan» unterstellt und ihm drohe eine Gefängnisstrafe.
C.
Das SEM trat mit Verfügung vom 18. Juni 2020 auf das Mehrfachgesuch
nicht ein, ordnete die Wegweisung und den Wegweisungsvollzug an und
führte im Wesentlichen aus, der Beschwerdeführer habe das Gesuch nicht
genügend begründet und keine Beweismittel eingereicht.
D.
Gegen diese Verfügung reichte der Beschwerdeführer am 29. Juni 2020
eine Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein. Darin beantragte er
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flücht-
lingseigenschaft und die Asylgewährung, eventualiter die Feststellung der
Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und die
Anordnung der vorläufigen Aufnahme sowie subeventualiter die Rückwei-
sung der Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung und zur
neuen Entscheidfindung an die Vorinstanz.
E.
Das Bundesverwaltungsgericht wies die Beschwerde mit Urteil
E-3322/2020 vom 9. Juli 2020 ab, ebenfalls mit der Begründung, dass die
E-6605/2020
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vorgebrachten strafrechtlichen Ermittlungen in der Türkei vom Beschwer-
deführer bisher nur behauptet, nicht aber belegt worden seien.
Für das Verfahren wird auf die Akten verwiesen.
III.
F.
Am 22. September 2020 reichte der Beschwerdeführer eine als «Neues
Asylgesuch/Wiedererwägungsgesuch» bezeichnete Eingabe beim SEM
ein. Beigelegt waren der Eingabe diverse türkischsprachige Unterlagen so-
wie Ausdrucke eines Facebook-Kontos.
G.
Das SEM überwies die Eingabe mit Schreiben vom 1. Oktober 2020 an das
Bundesverwaltungsgericht und hielt fest, es würden in der Eingabe keine
Gründe angeführt, die unter dem Titel eines neuen Asylgesuchs oder eines
Wiedererwägungsgesuchs zu prüfen wären; vielmehr mache der Be-
schwerdeführer sinngemäss Revisionsgründe geltend.
H.
Das Bundesverwaltungsgericht nahm die Eingabe des Beschwerdeführers
vom 22. September 2020 als Revisionsgesuch gegen das Urteil
E-3322/2020 vom 9. Juli 2020 an Hand. Im Rahmen des aufgenommenen
Verfahrens E-4873/2020 wurden weitere den Beschwerdeführer betref-
fende Dokumente (Unterlagen Strafbehörden) und Ausdrucke seines Fa-
cebook-Kontos eingereicht.
I.
Mit Urteil E-4873/2020 vom 25. November 2021 wurde das Revisionsge-
such gutgeheissen, das Urteil E-3322/2020 vom 9. Juli 2020 wurde aufge-
hoben und das Beschwerdeverfahren wurde unter der Verfahrensnummer
E-6605/2020 wiederaufgenommen.
Für das Verfahren wird auf die Akten verwiesen.
IV.
J.
Im wiederaufgenommenen Verfahren wurde durch die damalige Instrukti-
onsrichterin mit Zwischenverfügung vom 26. November 2021 festgestellt,
dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz
E-6605/2020
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abwarten dürfe und auf die weiteren Anträge zu einem späteren Zeitpunkt
zurückzukommen sei.
K.
Aus organisatorischen Gründen im Geschäftsbetrieb der Abteilung V ist für
das vorliegende Beschwerdeverfahren die bisherige Instruktionsrichterin
nicht mehr zuständig. Als zuständige Instruktionsrichterin wurde ab dem
1. Januar 2022 neu die Unterzeichnende eingesetzt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen-
dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Bereich des Ausländerrechts richtet sich
die Kognition des Gerichts nach Art. 49 VwVG (BVGE 2014/26 E. 5).
1.3 Der Beschwerdeführer ist legitimiert; auf seine wiederaufgenommene
und frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist – mit nachfolgend
erwähnten Einschränkungen – einzutreten (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3
AsylG; Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Der vorliegenden Beschwerde kommt von Gesetzes wegen aufschie-
bende Wirkung zu (vgl. Art. 42 AsylG und Art. 55 VwVG) und die Vorinstanz
hat diese auch nicht entzogen. Auf den Antrag um Gewährung der auf-
schiebenden Wirkung ist daher nicht einzutreten.
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2.
Prüfungsgegenstand ist im vorliegenden Verfahren des Mehrfachgesuchs
einzig die Frage, ob die Vorinstanz gestützt auf Art.111c Abs. 1 Satz 1
AsylG zu Recht auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers vom 27. April
2020 nicht eingetreten ist. Die Beschwerdeinstanz enthält sich – falls sie
den Nichteintretensentscheid als unrechtmässig erachtet – einer selbstän-
digen materiellen Prüfung; sie hebt die angefochtene Verfügung auf und
weist die Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurück (vgl.
BVGE 2007/8 E. 2.1 m.w.H.). Soweit mit der Beschwerde die Feststellung
der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung des Asyls beantragt wer-
den, ist darauf nicht einzutreten.
3.
Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet über offensichtlich begründete
Beschwerden in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung einer
zweiten Richterin beziehungsweise eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e
AsylG). Wie nachfolgend aufgezeigt wird, handelt es sich vorliegend um
eine solche Beschwerde, weshalb das Urteil nur summarisch zu begrün-
den ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Im vorangegangenen Verfahren trat die Vorinstanz auf das gestellte
Mehrfachgesuch nicht ein, da dieses den Anforderungen an die Begrün-
dungsdichte nicht genügt habe (Art. 111c Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 13 Abs. 2
VwVG).
4.2 Diese vorinstanzlichen Erwägungen wurden im Urteil des Bundesver-
waltungsgerichts E-3322/2020 vom 9. Juli 2020 vollumfänglich bestätigt.
Namentlich wurde festgehalten, die im Mehrfachgesuch enthaltenen Vor-
bringen seien offensichtlich nicht dazu geeignet, eine asylrechtlich rele-
vante Gefährdung des Beschwerdeführers in der Türkei glaubhaft zu ma-
chen. In Bezug auf die betreffend seine Person anlässlich des ersten Asyl-
verfahrens durchgeführte Botschaftsabklärung von April 2019 sei festzu-
stellen, dass diese sehr gründlich durchgeführte Recherche Informationen
zu gegen ihn hängigen Strafverfahren zu Tage gebracht habe, welche in-
dessen nicht die von ihm behauptete Natur aufweisen würden (kein Zu-
sammenhang mit Terror-Propaganda und -Unterstützung).
E-6605/2020
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Die Ausführungen des Beschwerdeführers im Mehrfachgesuch, wonach
nunmehr weitere Strafverfahren gegen ihn im Heimatstaat eröffnet worden
seien, würden sich als zu wenig konkret und als unglaubhaft erweisen. Im
Übrigen seien diese Behauptungen nicht beweistauglich belegt. Die Vor-
instanz habe in zutreffender Weise das Erfordernis einer ausreichenden
Begründung im Sinne von Art. 111c Abs. 1 AsylG als nicht erfüllt erachtet
und sei zu Recht in Anwendung von Art. 13 Abs. 2 VwVG auf das Gesuch
nicht eingetreten.
4.3 Im Urteil E-4873/2020 vom 25. November 2021 kam das Bundesver-
waltungsgericht zum Schluss, dass der Gesuchsteller im Rahmen des Re-
visionsverfahrens neue und im Hinblick auf seine Asylvorbringen im Mehr-
fachgesuch auch erhebliche Beweismittel ins Recht gelegt habe, die er
nicht bereits im vorangegangenen Beschwerdeverfahren habe einreichen
können. Der Revisionsgrund des Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG sei gegeben.
Erwogen wurde im Wesentlichen, im Rahmen des Revisionsverfahrens
habe der Beschwerdeführer mehrere türkische Gerichtsdokumente als Be-
weismittel eingereicht, die im Beschwerdeverfahren erheblich und relevant
sein könnten. Aus den Dokumenten gehe hervor, dass in der Türkei gegen
ihn Ermittlungen wegen Cyberkriminalität und Verstössen gegen das Anti-
Terror-Gesetz laufen würden (s. a.a.O. E. 3.3).
4.4 Angesichts dieser Einschätzung ist das am 27. April 2020 eingereichte
Mehrfachgesuch zum heutigen Zeitpunkt als genügend begründet im
Sinne von Art. 111c Abs. 1 AsylG zu erachten. Ein Nichteintretensentscheid
rechtfertigt sich im Mehrfachgesuchsverfahren nicht mehr. Die Vorinstanz
hat vielmehr auf das Mehrfachgesuch einzutreten und materiell über die-
ses zu befinden, dies unter Berücksichtigung der im Beschwerdeverfahren
E-3322/2020 und im Revisionsverfahren E-4873/2020 eingereichten Be-
weismittel und der in diesem Zusammenhang geltend gemachten Vorbrin-
gen.
4.5 Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
zum heutigen Zeitpunkt Bundesrecht verletzt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) Die
Beschwerde ist mithin gutzuheissen, soweit auf diese einzutreten ist.
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5.
5.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Die für das Beschwerdeverfahren gestellten
Anträge auf unentgeltliche Prozessführung und Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses werden mit dem vorliegenden Urteil gegen-
standslos.
5.2 Eine Parteientschädigung für die dem Beschwerdeführer notwendiger-
weise erwachsenen Parteikosten im Sinne von Art. 64 VwVG und Art. 7
Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2)
ist vorliegend nicht auszurichten, da es sich bei der Beschwerdeeingabe
vom 29. Juni 2020 um eine Laienbeschwerde gehandelt hat und im vorlie-
genden neu aufgenommenen Beschwerdeverfahren bisher keine Vertre-
tungshandlungen des zwischenzeitlich mandatierten Rechtsvertreters an-
gefallen sind.
(Dispositiv nächste Seite)
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