Decision ID: 24798340-cdc8-5339-8082-570dd083cd3d
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste gemäss eigenen Angaben am 15. Januar
2020 in die Schweiz ein und stellte am 24. März 2020 ein Asylgesuch. Eine
Abfrage des zentralen Visa-Informationssystems (CS-VIS) ergab, dass ihm
die deutsche Vertretung in (...)/Indien am 23. Dezember 2019 ein vom
28. Dezember 2019 bis zum 20. Februar 2020 gültiges Schengen-Visum
ausgestellt hatte.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 6. April 2020 das rechtliche
Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit
zur Überstellung nach Deutschland, dessen Zuständigkeit für die Behand-
lung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwerdefüh-
rer erklärte, er sei in die Schweiz gekommen, weil er mit seiner Familie
zusammen sein wolle. Er wisse nicht, ob er in Deutschland gefährdet sei,
er würde jedoch sicher Probleme am Herzen erfahren. In Bezug auf seinen
Gesundheitszustand gab er an, es gehe ihm gut und er sei glücklich, da er
jetzt bei seiner Familie sei. Er habe (...)probleme. Könnte er nicht bei sei-
ner Familie bleiben, würde er «innerliche Probleme» bekommen.
C.
Die deutschen Behörden hiessen das Gesuch des SEM vom 17. Juni 2020
um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 12 Abs. 4 der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) am 22. Juni
2020 gut.
D.
Mit Verfügung vom 23. Juni 2020, die gleichentags eröffnet wurde, trat das
SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte des-
sen Überstellung nach Deutschland und forderte ihn auf, die Schweiz am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es
die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfäl-
ligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wir-
kung zu.
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E.
Mit Beschwerde vom 29. Juni 2020 beantragte der Beschwerdeführer, die
angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuwei-
sen, auf sein Asylgesuch einzutreten. Eventualiter sei die Sache zur ver-
tieften Abklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Der Vollzug der Wegweisung sei bis zum Entscheid über die Beschwerde
auszusetzen und es sei ein superprovisorischer Vollzugsstopp zu erlassen.
Ferner ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege, unter
Einsetzung der Rechtsvertreterin als amtliche Anwältin.
F.
Am 30. Juni 2020 ordnete die Instruktionsrichterin antragsgemäss einen
superprovisorischen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen dem Bundes-
verwaltungsgericht die vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form vor.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri-
gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind erfüllt. Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde erweist sich als offen-
sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän-
digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schrif-
tenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
Der Beschwerdeführer rügt zunächst die Verletzung des Beschleunigungs-
gebots (vgl. Art. 29 Abs. 1 BV), weil die Vorinstanz während mehr als zwei
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Monaten keine Verfahrenshandlung vorgenommen und das Übernahme-
gesuch an Deutschland erst kurz vor Ablauf der Frist gemäss Art. 21 Abs. 1
Dublin-III-VO gestellt habe. In dieser Hinsicht kann dem Beschwerdeführer
nicht gefolgt werden. Zwar führt er zu Recht aus, dass die Rüge der Ver-
letzung von Art. 21 Abs. 1 Dublin-III-VO zulässig ist (vgl. BVGE 2017 VI/9
E. 5.3.2). Allerdings räumt er selbst ein, dass die Frist vorliegend eingehal-
ten wurde. Soweit der Beschwerdeführer bemängelt, die Vorinstanz sei zu
lange untätig geblieben und habe deshalb das Beschleunigungsgebot ver-
letzt, ist ihm entgegenzuhalten, dass die Fristen der Dublin-III-VO per se
als Ausdruck der Beschleunigung der Verfahren anzusehen sind (vgl. etwa
FILZWIESER/SPRUNG, Dublin III-Verordnung, 2014, K3 zu Art. 21). Der Vor-
instanz ist es somit unbenommen, die statuierten Fristen auszunützen. Die
Rüge ist unbegründet.
4.
Der Beschwerdeführer rügt ferner eine Verletzung des rechtlichen Gehörs.
Die Vorinstanz hätte ein weiteres Dublin-Gespräch durchführen müssen,
da die Kommunikation mit dem Dolmetscher per Telefon offensichtlich nicht
möglich gewesen sei.
Der Anspruch auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 Abs. 2 BV (bzw. Art. 29
VwVG) dient einerseits der Sachaufklärung und stellt andererseits ein per-
sönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines Entscheids dar.
Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich vor Erlass ei-
nes solchen Entscheids zu äussern (vgl. Art. 30 Abs. 1 VwVG). Im vorlie-
genden Verfahren diente das Dublin-Gespräch vom 6. April 2020 diesem
Zweck. Soweit der Beschwerdeführer die Qualität der Übersetzung durch
den per Telefon zugeschalteten Dolmetscher bemängelt, kann ihm nicht
gefolgt werden. Zwar ist ihm durchaus zuzustimmen, dass es möglich sein
müsste, im Rahmen eines solchen Gesprächs zu klären, was er mit dem
Ausdruck «innerliche Probleme» gemeint hat. Entgegen seiner Auffassung
sind jedoch Probleme mit dem Dolmetscher oder der Technik nicht die ein-
zige mögliche Erklärung dafür, dass eine «derart simple Frage», wie er es
in der Beschwerdeschrift formuliert, nicht restlos geklärt werden konnte.
Aufgrund der dem Protokoll angefügten Bemerkung der zuständigen Be-
fragerin erscheint es vielmehr plausibel, dass der Beschwerdeführer trotz
Nachfragen seine «innerlichen Probleme» nicht näher beschreiben konnte.
Zu dieser Schlussfolgerung trägt auch bei, dass der Beschwerdeführer in
der Beschwerdeschrift ebenfalls keine Angaben dazu macht, worin genau
die Probleme bestehen könnten. Die Rüge der Verletzung des Anspruchs
auf rechtliches Gehör ist demnach unbegründet.
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5.
Schliesslich beanstandet der Beschwerdeführer Widersprüche zwischen
den Erwägungen und dem Dispositiv der angefochtenen Verfügung. Durch
diese widersprüchlichen Ausführungen verletze die Vorinstanz den Grund-
satz von Treu und Glauben (Art. 5 Abs. 3 und Art. 9 BV).
Dem Beschwerdeführer ist insoweit beizupflichten, als dass die Ausführun-
gen des zweitletzten Absatzes auf S. 5 der angefochtenen Verfügung nicht
leicht verständlich sind und überdies mit Ziff. 3 des Dispositivs im Wider-
spruch stehen. Ob dieser Widerspruch eine Verletzung des Grundsatzes
von Treu und Glauben darstellt, braucht vorliegend allerdings nicht geklärt
zu werden, da die in Ziff. 3 des Dispositivs angesetzte Frist zur Ausreise
durch die Anordnung des Vollzugsstopps ausgesetzt worden und inzwi-
schen abgelaufen ist. Die Vorinstanz wird zu gegebener Zeit die Ausreise-
frist unter Berücksichtigung der konkreten Umstände und der rechtlichen
Vorgaben (insb. Art. 7 der Verordnung [EG] Nr. 1560/2003 der Kommission
vom 2. September 2003 mit Durchführungsbestimmungen zur Verordnung
[EG] Nr. 343/2003 [...], ABl. L 222/3 vom 5.9.2003) neu ansetzen und den
Beschwerdeführer in kohärenter und verständlicher Weise darüber in
Kenntnis setzen.
6.
Der Beschwerdeführer bringt keine Gründe vor, welche darauf abzielen,
die Zuständigkeit Deutschlands für die Behandlung seines Asylgesuchs
aufgrund der Kriterien des Kapitels III – hier Art. 12 Abs. 4 – der Dublin-III-
VO in Frage zu stellen. Solche Gründe sind auch aus den Akten nicht er-
sichtlich. Es besteht auch kein Anlass für eine Anwendung von Art. 3 Abs. 2
Dublin-III-VO. Die vom Beschwerdeführer geltend gemachten, aber nicht
näher beschriebenen oder durch geeignete Beweismittel belegten gesund-
heitlichen Beeinträchtigungen («innerliche Probleme»; [...]probleme;
Wohlbefinden abhängig vom Zusammensein mit seiner Familie) rechtferti-
gen es überdies nicht, vom Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-
III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311), Gebrauch zu machen.
7.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht auf das Asylgesuch des Beschwer-
deführers nicht eingetreten und hat zu Recht die Überstellung nach
Deutschland verfügt. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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8.
8.1 Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 30. Juni 2020 angeordnete
Vollzugsstopp dahin. Das (sinngemäss gestellte) Gesuch um Gewährung
der aufschiebenden Wirkung ist gegenstandslos geworden.
8.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist ab-
zuweisen, da die gestellten Begehren als aussichtslos zu bezeichnen sind.
Die Verfahrenskosten sind daher dem Beschwerdeführer aufzuerlegen
(vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf Fr. 750.- festzulegen (Art. 1 – 3 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
9.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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