Decision ID: a99f2829-8731-4dbb-b56c-657ba357ef02
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der minderjährige Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöri-
ger tadschikischer Ethnie und sunnitischer Religion – reiste den Akten zu-
folge am 31. März 2021 illegal nach Italien ein und wurde dort unter den
Personalien B._, geb. 1. Januar 2003, Afghanistan, registriert. Am
16. April 2021 wurde er beim Versuch unter dieser Identität in die Schweiz
einzureisen von der Schweizer Grenzwache angehalten und in der Folge
nach Italien rücküberstellt.
B.
Am 6. Mai 2021 suchte der Beschwerdeführer unter dem Namen
A._ in der Schweiz um Asyl nach und wurde dem Bundesasylzent-
rum (BAZ) der Region Bern zugewiesen. Auf dem Personalienblatt gab er
als sein Geburtsdatum den «20.01.1384» (afghanischer Kalender) bezie-
hungsweise den «10. Mai 2005» (abendländischer Kalender) an. Identi-
tätspapiere reichte er keine ein.
C.
Die italienischen Behörden teilten dem SEM auf ein Informationsersuchen
vom 11. Mai 2021 am 8. Juni 2021 hin mit, der Beschwerdeführer sei als
B._, 1. Januar 2003, Afghanistan, bekannt und nach seiner illegalen
Einreise in Italien am 31. März 2021 verschwunden. Er habe weder in Ita-
lien um Asyl ersucht noch sei er im Besitz einer italienischen Aufenthalts-
bewilligung. Am 9. November 2021 beendete das SEM das Dublin-Verfah-
ren und das nationale Asyl- und Wegweisungsverfahren wurde durchge-
führt.
D.
Am 18. Mai 2021 befragte das SEM den Beschwerdeführer im Rahmen
einer Erstbefragung für unbegleitete Minderjährige (EB UMA).
E.
In der Folge gab das SEM beim Institut für Rechtsmedizin (IRM) Bern die
Durchführung einer auf drei Säulen (körperliche, radiologische und zahn-
ärztliche Untersuchung) beruhende Analyse zur Altersbestimmung in Auf-
trag. Im Gutachten zur Altersschätzung vom 3. Juni 2021 wurde ein wahr-
scheinliches Alter von 17 bis 19 Jahren genannt und das höchste Mindest-
alter mit 16.4 Jahren benannt, wobei die Altersangabe des Beschwerde-
führers von 16 Jahren eher nicht plausibel erscheine.
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F.
Mit Verfügung vom 14. Juli 2021 setzte das SEM aufgrund der vagen, un-
genauen und unsubstantiierten Angaben des Beschwerdeführers anläss-
lich der EB UMA vom 18. Mai 2021 sein im ZEMIS aufgeführtes Geburts-
datum auf den 1. Januar 2003 mit Bestreitungsvermerk fest.
G.
Das Bundesverwaltungsgericht hiess mit Urteil D-3362/2021 vom 3. No-
vember 2021 die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde vom
23. Juli 2021 gut und wies das SEM an, im ZEMIS als Geburtsdatum des
Beschwerdeführers den 10. Mai 2005 einzutragen.
H.
Am 18. November 2021 fand die Anhörung des Beschwerdeführers statt.
Zur Begründung seines Asylgesuches machte der – nach eigenen Anga-
ben aus dem Dorf Hassan Kai Sarsang (Distrikt Gardiz, Provinz Paktia)
stammende – Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, sein Bruder
habe für die amerikanischen Streitkräfte als Dolmetscher gearbeitet und
sei im Jahr 2016 von den Taliban ermordet worden. Danach habe sich sein
Vater der afghanischen Armee angeschlossen. Der Beschwerdeführer
habe – zunächst unwissentlich – eine Koranschule der Taliban besucht und
von diesen den Auftrag bekommen, seinem Vater mitzuteilen, er solle nicht
für das afghanische Militär arbeiten. Der Vater sei 2019 im Kampf gefallen.
Im dritten Schuljahr sei der Beschwerdeführer mit seinen Mitschülern zu-
sammen für zwei Tage nach Logar gebracht worden, um dort den Taliban
im Umgang mit Waffen, Minen und Sprengstoffwesten zuzusehen. Dort
seien auch Taliban mit der Bereitschaft zu einem Selbstmordattentat an-
wesend gewesen. Nachdem die Schüler zwei Monate nach ihrer Rückkehr
darüber informiert worden seien, in ein paar Monaten nach Pakistan in ein
Waffenausbildungslager der Taliban geschickt zu werden, habe er mit sei-
ner Mutter zusammen beschlossen, das Land zu verlassen. Im März/April
2020 sei er zunächst gemeinsam mit ihr und seinen Geschwistern via Pa-
kistan in den Iran und alsdann infolge einer Auseinandersetzung mit der
dortigen Polizei alleine weiter in die Türkei gereist, wo er sich fünf Monate
aufgehalten habe, bevor er mit der Fähre nach Italien und später in die
Schweiz gelangt sei. Er befürchte bei einer Rückkehr nach Afghanistan er-
kannt und erneut aufgefordert zu werden, für die Taliban zu kämpfen. Es
stelle zudem für die Taliban ein Verbrechen dar, in einem nicht-muslimi-
schen Land Asyl zu beantragen.
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I.
Mit Entscheid vom 8. Dezember 2021 verneinte das SEM die Flüchtlings-
eigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte sein Asylgesuch vom 6. Mai
2021 ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, wobei es den
Vollzug wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme
aufschob.
J.
Mit Eingabe vom 6. Januar 2022 beziehungsweise mit ergänzender Ein-
gabe seiner Rechtsvertreterin vom 13. Januar 2022 erhob der Beschwer-
deführer gegen diesen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungs-
gericht und beantragte, die angefochtene Verfügung sei unter Feststellung
der Flüchtlingseigenschaft und Gewährung von Asyl betreffend die Ziffern
1 bis 3 (Verneinung Flüchtlingseigenschaft, Ablehnung Asylgesuch, Weg-
weisung) aufzuheben, eventualiter sei die Sache zur vollständigen Fest-
stellung des rechtserheblichen Sachverhaltes sowie zur Neubeurteilung an
die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses und die amtliche Beiordnung seiner
Rechtsvertreterin.
K.
Mit Verfügung vom 19. Januar 2022 hiess der Instruktionsrichter die Gesu-
che um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege unter Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses sowie die amtliche Rechtsverbeistän-
dung gut. Als amtliche Rechtsvertretung des Beschwerdeführers wurde
MLaw LL.M. Nadja Zink eingesetzt. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz zur
Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen.
L.
Mit Eingabe vom 1. Februar 2022 liess sich die Vorinstanz zur Beschwerde
vernehmen; die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am
17. August 2022 zur Kenntnis gebracht.
M.
Am 14. Juni 2022 reichte der Beschwerdeführer ein weiteres Beweismittel
(Schreiben der Taliban vom 28. April 2020 inkl. Übersetzung) sowie eine
Kostennote per 13. Juni 2022 ein.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung
(Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1
Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grundsätz-
lich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land,
in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zu-
gehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politi-
schen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begrün-
dete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1
AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Lei-
bes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträg-
lichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
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hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz erachtete die geltend gemachten Rekrutierungsversu-
che der Taliban als nicht flüchtlingsrechtlich relevant (fehlende Gezieltheit
der Verfolgung).
Sie führte aus, dass das vom Beschwerdeführer dargelegte Vorgehen der
Taliban nicht das Ziel verfolgt habe, ihn aufgrund seiner Zugehörigkeit zu
einer bestimmten sozialen Gruppe zu treffen beziehungsweise ihn deswe-
gen zu verfolgen. Vielmehr habe er in jenem Zeitpunkt die von den Taliban
gewünschten Eigenschaften – männlich und in einem bestimmten Alter –
erfüllt, weshalb er für ihre Zwecke geeignet schien. Den Akten seien keine
Hinweise auf zusätzliche Risikofaktoren zu entnehmen, wonach die Taliban
ihn nicht als «normalen» Jugendlichen, sondern als Feind und Verräter be-
trachten oder ihm eine oppositionelle Gesinnung unterstellen würden. So-
mit lasse sich aus der versuchten Rekrutierung kein flüchtlingsrechtlich re-
levantes Verfolgungsmotiv ihm gegenüber ableiten.
Infolge der Lageveränderung (Machtübernahme der Taliban Mitte August
2021) befinde sich Afghanistan in einer Übergangsphase. Es sei zwar noch
nicht vollständig absehbar, wie die Taliban mit spezifischen Personengrup-
pen in der afghanischen Bevölkerung umgehen würden. Dokumentiert
seien namentlich Übergriffe auf bisherige Gegner der Taliban wie Angehö-
rige der Sicherheitskräfte, Mitarbeiter ausländischer Streitkräfte und inter-
nationaler Organisationen, Journalisten und Aktivisten, jedoch nicht Über-
griffe auf vormalige Rekrutierungsverweigerer und Personen, welche in ei-
nem nicht-muslimischen Land um Asyl ersucht hätten. Es bestehe kein be-
gründeter Anlass zur Annahme, dass sich die Lageveränderung risiko-
schärfend auf die persönliche Situation des Beschwerdeführers ausgewirkt
hätte und er zum Zeitpunkt des Entscheids bei einer Rückkehr nach Afgha-
nistan mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit sowie in absehbarer Zukunft
flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt wäre.
Im Weiteren habe er bezüglich des für die amerikanischen Streitkräfte als
Dolmetscher tätig gewesenen und gefallenen Bruders keine Probleme mit
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den Taliban geltend gemacht. Dem nach dem Tod des Bruders der afgha-
nischen Armee angehörigen Vater habe er (zu dessen Lebzeiten) zwar
Nachrichten der Taliban überbringen müssen, aber keine weiteren Nach-
teile geltend gemacht. Ferner habe er den Tod seiner Familienangehörigen
nicht als Ausreisegrund vorgebracht, weshalb in diesem Zusammenhang
bei einer Rückkehr auch keine Nachteile seitens der Taliban zu erwarten
seien. Insgesamt fehle es den Asylvorbringen an der flüchtlingsrechtlichen
Relevanz.
4.2 In der Beschwerde wurde zunächst betreffend die Rekrutierungsversu-
che der Taliban hauptsächlich vorgebracht, die Begründung der Vorinstanz
des diesbezüglichen fehlenden flüchtlingsrechtlich relevanten Motivs sei
lapdiar, zu unbestimmt und falsch. Die Anknüpfungspunkte «Alter und Ge-
schlecht» würden vorliegend das Verfolgungsmotiv der «bestimmten sozi-
alen Gruppe» von Art. 3 AsylG beziehungsweise Art. 1A der Flüchtlings-
konvention (FK) erfüllen. Dies ergebe sich aus der Definition des Begriffes
der «bestimmten sozialen Gruppe» auf internationaler Ebene (unter Hin-
weis auf das Handbuch der Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH], die
Richtlinien 1011/95/EU Art. 10 Abs. 1 lit. d sowie des UNHCR) und gar vom
SEM selbst (Handbuch für Asyl und Rückkehr). Im Weiteren sei auf das
BVGer-Urteil E-5072/2018 vom 17. Dezember 2020 hinzuweisen, wonach
eine gegen den Willen eines minderjährigen Jugendlichen erfolgte Einzie-
hung ins Militär, die Ausbildung und Teilnahme an Kampfhandlungen per
se keine staatlich legitimen oder legitimierten Massnahmen darstellen wür-
den. Die Machtübernahme der Taliban habe infolge der nun fehlenden
staatlichen Strukturen nur dazu geführt, dass sich die Frage einer inner-
staatlichen Fluchtalternative nicht mehr stelle. Gemäss genanntem BVGer-
Urteil E-5072/2018 könne aus der Tatsache, dass die Einberufung in den
Militärdienst an das wehrpflichtige Alter, das Geschlecht und die Staatsan-
gehörigkeit anknüpfe, nicht geschlossen werden, dass sie keine Verfol-
gung darstelle und flüchtlingsrechtlich bedeutungslos sei. Dem Beschwer-
deführer habe wegen äusserer oder innerer Merkmale (Alter, Geschlecht),
die untrennbar mit seiner Person oder seiner Persönlichkeit verbunden
seien, eine Verfolgung gedroht. Die versuchte Zwangsrekrutierung knüpfe
an diese nicht abänderbaren Merkmale des Beschwerdeführers an, wes-
halb die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe im Sinne von
Art. 3 AsylG erfüllt sei.
Weiter werde der Beschwerdeführer aufgrund seiner Rekrutierungsverwei-
gerung als Feind beziehungsweise Verräter betrachtet und ihm werde des-
halb eine oppositionelle Gesinnung unterstellt. Eine solche Unterstellung
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sei den BVGer-Urteilen E-6352/2015 vom 7. März 2016 und D-1279/2018
vom 17. Dezember 2019 zu entnehmen, wonach ein flüchtlingsrelevantes
Verfolgungsmotiv bereits bei blosser Weigerung vorliege, auch wenn es im
zitierten Urteil E-6352/2015 um den IS gehe, was sich aber auf die Taliban
übertragen lasse.
Zusätzliche Anknüpfungspunkte seien nebst der Rekrutierungsverweige-
rung ebenfalls gegeben. Auch wenn alle Jungen im dritten Schuljahr für
eine Kampfausbildung hätten rekrutiert werden sollen, sei der Beschwer-
deführer und seine Familie den Taliban persönlich bekannt beziehungs-
weise sie würden ihn als Sohn eines Vaters in der afghanischen Armee
kennen, welchem er Nachrichten zu überbringen gehabt habe. Dieser Um-
stand unterscheide ihn von den anderen Jugendlichen, die zur Ausbildung
zu Selbstmordattentätern und für den Kampf im Namen der Taliban bereit
gewesen seien oder deren Familien sich grundsätzlich an den «westlichen
Besatzern» hätten rächen wollen. Der Beschwerdeführer habe von keinem
anderen Jungen gewusst, der sich der Rekrutierung entzogen hätte. Als-
dann hätten die Taliban den Beschwerdeführer wegen seines Bruders nicht
behelligt, da dieser bei seinem Schuleintritt bereits verstorben (2016) ge-
wesen sei. Gemäss der Vorinstanz selbst seien Übergriffe auf Risikogrup-
pen dokumentiert und der Beschwerdeführer werde aufgrund des Bruders
wie auch des der Risikogruppe «Sicherheitskräfte» zugehörigen Vaters als
Sohn eines Gegners angesehen beziehungsweise gelte als Rekrutierungs-
verweigerer mithin als politischer Gegner.
4.3 In ihrer Vernehmlassung vom 1. Februar 2022 hielt die Vorinstanz an
ihren Erwägungen fest und wiederholte sie im Wesentlichen. So führte sie
aus, der Beschwerdeführer habe nicht geltend gemacht, die Taliban wür-
den ihm wegen der Rekrutierungsverweigerung eine bestimmte Ideologie
unterstellen. Für die Annahme einer Reflexverfolgung würden alsdann
nicht genügend Hinweise vorliegen. Die Gefährdung des Beschwerdefüh-
rers aufgrund der Entwicklung in Afghanistan sei zudem mit der vorläufigen
Aufnahme wegen Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bereits Rech-
nung getragen worden. Der Beschwerdeführer hatte alsdann Gelegenheit,
dazu Stellung zu nehmen, wovon er keinen Gebrauch machte.
5.
5.1 In materieller Hinsicht hat das SEM in der angefochtenen Verfügung
die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Vorbringen (wie nachfol-
gend aufgezeigt) zu Recht und mit zutreffender Begründung als nicht
flüchtlingsrechtlich relevant erachtet.
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5.2 Der Beschwerdeführer bringt im Wesentlichen vor, ihm habe als min-
derjährigem Schüler einer koranischen Talibanschule eine Zwangsrekrutie-
rung im Rahmen eines angekündigten Waffen- und Kampftrainingslagers
gedroht. Dazu sei es indes nicht gekommen, weil er – aus Angst vor dem
Trainingslager wie auch vor dem Fallen im Kampf – vorher gemeinsam mit
seiner Mutter und seinen Geschwistern ausgereist sei. Sein Bruder habe
als Dolmetscher für die Amerikaner gearbeitet und sei 2016 ums Leben
gekommen. Alsdann habe sein Vater für ungefähr ein Jahr im afghanischen
Militär gedient, währenddessen ihm der Beschwerdeführer Botschaften der
Taliban, worin jener zur Aufgabe der Tätigkeit für die afghanische Armee
aufgefordert worden sei, habe überbringen müssen. Sein Vater sei 2019
gefallen. Für die Taliban gelte der Beschwerdeführer wegen seiner Famili-
enmitglieder und als Zwangsrekrutierungsverweigerer als politischer Geg-
ner. Damit macht er auch eine Reflexverfolgung geltend.
5.3 Die Zwangsrekrutierung vor der Ausreise des Beschwerdeführers er-
scheint im zeitlichen und länderspezifischen Kontext grundsätzlich plausi-
bel. So galt seine Herkunftsregion Paktia als Hochburg der Taliban (vgl.
euaa, Paktia, < https://euaa.europa.eu/country-guidance-afghanistan-
2020/paktyapaktia >, abgerufen am 15. August 2022). Die Taliban traten
mit Zwangsrekrutierungsversuchen Minderjähriger bereits in früheren Jah-
ren in Erscheinung, was auch mit den Aussagen des Beschwerdeführers
in der Anhörung übereinstimmt, wonach in der von ihm besuchten Schule
Ansprachen von talibanischen Kommandanten beziehungsweise eines
solchen der Teilgruppierung Haqqani gehalten und Ausflüge in Waffentrai-
ningslager gemacht wurden (A54/5, F41 und F47 ff.). Verschiedene Be-
richte gehen davon aus, dass die Taliban vorwiegend Kinder aus religiösen
Schulen sowie auch junge Paschtunen aus ländlichen Gebieten zu rekru-
tieren versuchten. Diesbezüglich ist allerdings umstritten, ob sie dabei stets
Gewalt anwandten beziehungsweise anwenden oder sich auf die Rekrutie-
rung von Freiwilligen fokussieren (vgl. UK Home Office, Afghanistan: Un-
accompanied children, April 2021, S. 45 ff., < https://www.ecoi.net/
en/file/local/2050110/ Afghanistan-unaccompanied-+children-CPIN-v2.0%
28Archived%29.pdf > m.w.H., abgerufen am 18. August 2022).
5.4 Die Frage, ob dem minderjährigen Beschwerdeführer im Zeitpunkt der
Ausreise von Seiten der Taliban tatsächlich ernsthafte Nachteile aufgrund
eines asylrechtlich relevanten Motivs drohten, kann mit Verweis auf die
nachfolgenden Erwägungen mangels Aktualität offen bleiben. Im Übrigen
https://euaa.europa.eu/country-guidance-afghanistan-2020/paktyapaktia https://euaa.europa.eu/country-guidance-afghanistan-2020/paktyapaktia https://www.ecoi.net/%20en/file/local/2050110/%20Afghanistan-unaccompanied-+children-CPIN-v2.0%25%2028Archived%29.pdf https://www.ecoi.net/%20en/file/local/2050110/%20Afghanistan-unaccompanied-+children-CPIN-v2.0%25%2028Archived%29.pdf https://www.ecoi.net/%20en/file/local/2050110/%20Afghanistan-unaccompanied-+children-CPIN-v2.0%25%2028Archived%29.pdf
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ist diesbezüglich festzuhalten, dass das vom Beschwerdeführer referen-
zierte Urteil E-5072/2018 weder ein Grundsatz- noch ein Koordinationsur-
teil ist und in diesem Zusammenhang auf weitere Urteile zu verweisen ist,
in denen nicht von einem diskriminierenden Ansatz im Zusammenhang mit
Zwangsrekrutierungen ausgegangen wurde (vgl. statt vieler Urteile BVGer
E-2456/2018 vom 26. Juni 2020 m.w.H., D-1257/2020 vom 16. März 2020
E. 5.5.2, D-7291/2017 vom 2. April 2019 E. 5.2). Auch die Hinweise des
Beschwerdeführers auf die weiteren BVGer-Urteile E-6352/2015 vom
7. März 2016 und BVGer-Urteil D-1279/2018 vom 17. Dezember 2019
E. 6.1 sind einerseits mangels kongruenter Sachlage andererseits auf-
grund fehlender zusätzlicher risikoschärfender Elemente im vorliegenden
Fall unbehelflich. So lag im BVGer-Urteil E-6352/2015 eine gezielte Rek-
rutierung des IS eines irakischen Ehepaares gemischter Ethnie vor, wobei
der Ehemann nicht nur als Oppositioneller galt, sondern auch mit einer
Frau verheiratet war, die für den IS über nützliche besondere berufliche
Qualifikationen verfügte. In BVGer-Urteil D-1279/2018 handelte es sich um
einen für die Taliban nützlichen Lehrer, der sich der Rekrutierung verwei-
gert hatte und bereits mit dem Tod bedroht worden war, wobei ihm die Hilfe
der afghanischen Behörden explizit verwehrt wurde. Es trifft entgegen der
Behauptung des Beschwerdeführers nicht zu, dass gemäss der Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts der Weigerung einer Rekrutierung
an sich, generell eine politische Gegnerschaft zu unterstellen ist respektive
von den Taliban unterstellt würde.
5.5 Es ist im heutigen Zeitpunkt festzustellen, dass die Taliban nach der
zwischenzeitlich erfolgten Machtübernahme wohl nicht mehr auf Zwangs-
rekrutierungen angewiesen sind. So beinhalten aktuelle Berichte zur Lage
in Afghanistan keine Hinweise auf systematische Zwangsrekrutierungen,
sie deuten vielmehr darauf hin, dass die Taliban eher Mitglieder der ehe-
maligen Sicherheitskräfte zu rekrutieren versuchen (vgl. UK Home Office,
Afghanistan: Fear of the Taliban, April 2022, Ziff. 6.11, <
https://www.ecoi.net/en/file/local/2068081/AFG_CPIN_Fear_of_the_Tali-
ban.pdf >, abgerufen am 11. August 2022; vgl. UN Security Council, Thir-
teenth report of the Analytical Support and Sanctions Monitoring Team sub-
mitted pursuant to resolution 2611 concerning the Taliban and other asso-
ciated individuals and entities constituting a threat to the peace stability and
security of Afghanistan, Ziff. 35, <https://www.ecoi.net/en/file/lo-
cal/2073803/N2233377.pdf >, abgerufen am 11. August 2022). Zwar ist die
aktuelle Informationslage in Bezug auf die Rekrutierungsstrategie schlecht
und es ist davon auszugehen, dass nicht alle derartigen Vorfälle gemeldet
werden. Dennoch ist gemäss den zur Verfügung stehenden Informationen
https://www.ecoi.net/en/file/local/2068081/AFG_CPIN_Fear_of_the_Taliban.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/2068081/AFG_CPIN_Fear_of_the_Taliban.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/2073803/N2233377.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/2073803/N2233377.pdf
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nicht mehr von systematischen Zwangsrekrutierungen auszugehen, wie
sie vor der Machtübernahme der Taliban offenbar in einigen Regionen vor-
kamen. Von einer hohen Wahrscheinlichkeit einer möglichen zukünftigen
Rekrutierung ist daher nicht auszugehen (vgl. Urteil des Bundesverwal-
tungsgerichts D-3488/2021 vom 10. August 2022). Entgegen der Behaup-
tung in der Beschwerde (S. 13, Ziff. 40) hat die Machtübernahme durch die
Taliban für den Beschwerdeführer nicht per se zu einer Risikoschärfung
geführt. Aufgrund vorstehender Erwägungen kann nämlich angenommen
werden, dass die der Beschwerde nachgereichte Vorladung zu einer Be-
fragung durch die Taliban vom 28. April 2020 (act. 6, Beilage), welche von
vor der Machtübernahme stammt, nichts an dieser Einschätzung ändert.
5.6 Nach Durchsicht der Akten liegen alsdann keine Hinweise dafür vor,
dass der Beschwerdeführer dadurch, dass er sich der Aufforderung zur
Einziehung durch Ausreise entzogen hat, aktuell im Fokus der Taliban
stünde und deshalb bestraft werden könnte. Es ist zunächst darauf hinzu-
weisen, dass der Beschwerdeführer – entgegen seiner Behauptung – kein
besonderes Risikoprofil aufweist. Seinen Aussagen kann nicht entnommen
werden, dass er in den Augen der Taliban als religiöser Dissident oder po-
litischer Oppositioneller gegolten hätte. Er ist weder politisch aktiv gewesen
noch hat er sich anderweitig aufgrund seiner Familie, persönlicher Merk-
male oder Aktivitäten gegenüber den Taliban besonders exponiert. Auf das
Vorliegen einer möglichen Reflexverfolgung wird in nachstehenden Erwä-
gungen näher eingegangen, jedoch ist an dieser Stelle bereits festzuhal-
ten, dass er zwar als Nachrichtenbote für den früher im afghanischen Mili-
tär tätig gewesenen Vater eingesetzt wurde, er jedoch auf Nachfrage von
keinen anderen beziehungsweisen persönlichen Behelligungen durch die
Taliban sprach (A54/9, F73). Zudem machte er auch nicht geltend, dass
seine in Afghanistan verbliebene ältere Schwester seinetwegen ernsthaft
behelligt worden und er nach der Ausreise von den Taliban gesucht worden
wäre (er hatte zwischenzeitlich Kontakt zu ihr, A54/3, F12; A54/5, F35), was
ebenfalls gegen das Vorliegen einer andauernden, erheblichen und geziel-
ten Verfolgung spricht (A54/3, F10 ff.). Es ist der Vorinstanz beizupflichten,
dass der Beschwerdeführer auch nicht vorgebracht hat, der Tod seiner Fa-
milienangehörigen sei Anlass für seine Ausreise aus Afghanistan gewesen.
Als Ausreisegrund gab er hauptsächlich die Angst davor an, im Trainings-
lager Waffen und Sprengstoffwesten zu erhalten und im Krieg getötet zu
werden (A54/8 f., F66 und F72). Zudem wusste er aufgrund fehlender In-
formationen (kein Handy in der Schule; A54/9 F68) angeblich nicht, ob
noch weitere Schüler beziehungsweise Freunde von ihm geflohen sind o-
der sich den Taliban angeschlossen haben. Daraus lässt sich jedenfalls –
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entgegen der Behauptung in der Beschwerde – nicht ableiten, dass nie-
mand anderes beziehungsweise er als einziger ausgereist wäre und sich
der Zwangsrekrutierung entzogen hätte (vgl. auch A54/10, F80). Gemäss
dem Beschwerdeführer waren die Schüler an der Schule zudem unter-
schiedlicher Gesinnung (die einen wussten von der Schule der Taliban und
ihren Absichten, die anderen – wie er – nicht; A54, F76). Dementsprechend
drohen ihm bei einer allfälligen Rückkehr keine gezielten Nachteile, die
über die allgemeine Gefährdungslage hinausgingen.
5.7
5.7.1 Gemäss langjähriger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts lassen
sich hinsichtlich der vorgebrachten Reflexverfolgung bei der Beurteilung
der Sicherheitslage in Afghanistan Gruppen von Personen definieren, die
aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt
sind. Dazu gehören unter anderem Personen, die der (damaligen) afgha-
nischen Regierung oder der internationalen Gemeinschaft nahestehen
oder als Unterstützer derselben wahrgenommen werden, sowie westlich
orientierte oder der afghanischen Gesellschaftsordnung aus anderen
Gründen nicht entsprechende Personen (vgl. dazu aktuell das Urteil des
BVGer D-2161/2021 vom 12. Januar 2022 E. 7.2 ff.; sowie die früheren
Urteile des BVGer E-2802/2014 vom 15. Januar 2015 E. 5.3.3,
D-3394/2014 vom 26. Oktober 2015 E. 4.6, E-3520/2014 vom 3. Novem-
ber 2015 E. 7.3 und E-2285/2018 vom 14. Mai 2020 E. 6.2).
5.7.2 Eine familiäre Zugehörigkeit zu einer Person, welche einem erhöhten
Verfolgungsrisiko ausgesetzt ist, kann zu einer Reflexverfolgung führen
(vgl. Urteile des BVGer E-3520/2014 E. 7.3, D-2161/2021 vom 12. Januar
2022 E. 7.4).
Um eine begründete Furcht vor einer Reflexverfolgung im Sinne von Art. 3
AsylG zu belegen, muss glaubhaft gemacht werden, dass begründeter An-
lass zur Annahme besteht, die Verfolgung werde sich mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen
konkrete Indizien und Anhaltspunkte dargelegt werden, die die Furcht vor
einer konkret drohenden Verfolgung nachvollziehbar erscheinen lassen.
Eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung ist mithin zu bejahen,
wenn eine Person aufgrund konkreter Indizien mit guten Gründen, das
heisst objektiv nachvollziehbar, befürchten muss, dass ihr mit erheblicher
Wahrscheinlichkeit Verfolgung droht, und ihr deshalb ein weiterer Verbleib
im Heimatstaat nicht zugemutet werden kann (vgl. Entscheidungen und
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Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1994
Nr. 5; Urteil des BVGer E-4140/2014 vom 13. Oktober 2014 E. 5.4).
5.7.3 Die individuellen Umstände des vorliegenden Einzelfalls sprechen
gegen die Gefahr einer Reflexverfolgung. In der Beschwerde wird sogar
eingeräumt, es habe für die Taliban keinen Grund gegeben, den Beschwer-
deführer wegen seines für die Amerikaner tätigen Bruders zu behelligen,
da dieser bei seinem Eintritt in die von den Taliban geführte Schule bereits
verstorben sei (im Jahr 2016; Beschwerde, S. 8, Ziff. 22). Damit sieht selbst
der Beschwerdeführer angesichts des Todes des Familienmitglieds ein
mögliches erhöhtes Verfolgungsrisiko als beendet an. Das vorgebrachte
Reflexverfolgungsrisiko beziehungsweise eine objektiv begründete Furcht
liegt auch aus diesem Grund nicht vor. Es ist nicht zu erwarten, dass die
Taliban den Beschwerdeführer bei einer (hypothetischen) Rückkehr in den
Heimatstaat wegen des ebenfalls verstorbenen, für die afghanische Regie-
rung tätig gewesenen Vaters verfolgen würden, nachdem er bereits vor der
Ausreise (wie auch zu Lebzeiten des Vaters) keine persönlichen Nachteile
erfahren hatte, ausser als Nachrichtenbote tätig gewesen sein zu müssen.
Ebenso wie aus vorstehenden lässt sich auch aus diesen Erwägungen
nicht schliessen, der Beschwerdeführer werde von den Taliban als politi-
scher Gegner oder Feind angesehen – unabhängig davon, ob der Vater
einer Risikogruppe angehörte oder nicht. Es mangelt damit an dargelegten
Gründen, weshalb der minderjährige Angehörige von den Taliban aufgrund
seiner verstorbenen Familienmitglieder verfolgt werden sollte. Wenn sich
die Taliban an den Vater oder Bruder erinnern würden, wäre es nahelie-
gender anzunehmen, dass bei tatsächlicher Gefahr einer Reflexverfolgung
entsprechende Übergriffe schon längst vor der Ausreise des Beschwerde-
führers erfolgt wären. Entgegen der Behauptung des Beschwerdeführers
ist demnach eine Reflexverfolgung in casu nicht erkennbar.
5.8 Zur Rückweisung der Sache an die Vorinstanz aus formellen Gründen
(Begründungspflichtverletzung oder unrichtige oder unvollständige Sach-
verhaltsfeststellung) zur Neubeurteilung besteht, wie nachfolgend aufge-
zeigt, kein Anlass, der entsprechende Eventualantrag ist abzuweisen.
Die Vorinstanz hat, wie bereits festgestellt, den rechtserheblichen Sachver-
halt vollständig und richtig festgestellt und sich in der angefochtenen Ver-
fügung vertieft und ausgewogen mit den einzelnen Elementen der Vorbrin-
gen auseinandergesetzt. Aus der Begründung wird ersichtlich, aus wel-
chen Gründen sie die zentralen Vorbringen des Beschwerdeführers als
http://links.weblaw.ch/EMARK-1994/5 http://links.weblaw.ch/EMARK-1994/5
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nicht flüchtlingsrechtlich relevant erachtet hat. Die Behauptung, die Be-
gründung der Vorinstanz sei lapidar, zu unbestimmt und falsch, beschlägt
überdies zumindest teilweise die materielle Würdigung und nicht die Frage
der Begründungspflicht und trifft im Übrigen nicht zu.
5.9 Insgesamt ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer keine aktuell
drohende Verfolgung nach Art. 3 AsylG darlegen konnte. Die Frage, ob die
frühere Zwangsrekrutierung von Jugendlichen durch die Taliban eine Ver-
folgung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe dargestellt
hat, kann nach dem Gesagten offenbleiben. Das SEM hat die Flüchtlings-
eigenschaft des Beschwerdeführers demnach zu Recht verneint und sein
Asylgesuch folgerichtig abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht ein-
tritt. Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
6.3 Nachdem das SEM den Beschwerdeführer mit der angefochtenen Ver-
fügung wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz
vorläufig aufgenommen hat, stellt sich die Frage nach dem Vorliegen der
weiteren Voraussetzungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegwei-
sung – Unzulässigkeit und Unmöglichkeit – im vorliegenden Fall nicht, da
diese Vollzugshindernisse alternativer Natur sind; ist eines erfüllt, gilt der
Vollzug der Wegweisung als undurchführbar (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4).
Deshalb erübrigen sich weitere Ausführungen zu einer möglichen gegen
Art. 3 EMRK verstossenden drohenden Strafe bei einer Rückkehr in den
Heimatstaat.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
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Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und auch sonst nicht zu
beanstanden ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wurde mit Zwi-
schenverfügung vom 19. Januar 2022 das Gesuch um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen,
weshalb keine Verfahrenskosten zu erheben sind.
8.2 Ebenfalls mit Zwischenverfügung vom 19. Januar 2022 wurde Rechts-
anwältin MLaw LL.M. Nadja Zink als amtliche Vertretung eingesetzt, wobei
in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für An-
wältinnen und Anwälte auszugehen ist (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Es ist nur der
notwendige Aufwand zu entschädigen (vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Die
Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers reichte eine Kostennote vom
13. Juni 2022 ein und machte darin einen Aufwand von 7 Stunden und
5 Minuten basierend auf einem Stundenansatz von Fr. 220.– zuzüglich
Fr. 43.60.– Spesen und Fr. 123.35 MwSt beziehungsweise ein Gesamtho-
norar von Fr. 1'725.30 geltend (act. 6, Beilage). Diese Aufwendungen er-
scheinen angemessen.
Das amtliche Honorar ist auf insgesamt Fr. 1'725.30 (einschliesslich Mehr-
wertsteuer und Auslagen von Fr. 43.60) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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