Decision ID: 2e080ffd-cb09-5b89-9cf4-cf0fd864284d
Year: 2010
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdegegner reichte am 27. Juli 2009 bei der Gemeinde Diemtigen ein
Baugesuch ein für den Abbruch des bestehenden Gebäudes und den Neubau eines
Einfamilienhauses mit Autounterstand auf Parzelle Diemtigen Grundbuchblatt
Nr. D._. Das bestehende Gebäude Nr. E._, eine Scheune aus dem
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19. Jahrhundert, ist im Bauinventar als erhaltenswert eingestuft und liegt in der Baugruppe
B. Die Scheune steht im Dorf Diemtigen, dessen Ortsbild von nationaler Bedeutung ist.1
2. Das Bauvorhaben wurde am 13. und am 20. August 2009 im Amtsanzeiger publiziert,
jedoch ohne den Hinweis, dass ein Inventarobjekt betroffen ist (Art. 26 Abs. 3 Bst. d
BewD2). Am 19. Dezember 2009 erhob der Beschwerdeführer Einsprache. Mit Entscheid
vom 9. Februar 2010 bewilligte die Gemeinde Diemtigen den Abbruch der Scheune und
den Neubau.
3. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 18. März 2010 Beschwerde bei der Bau-,
Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt, der Entscheid
vom 9. Februar 2010 sei aufzuheben: Der Erhalt der Scheune sei verhältnismässig und die
Abbruchbewilligung hätte folglich nicht erteilt werden dürfen.
4. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet3, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für
den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Zuständigkeit
Bauentscheide können nach Art. 40 BauG4 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der
Beschwerde zuständig.
1 Art. 1 der Verordnung des Bundesrates vom 9. September 1981 über das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (VISOS, SR. 451.12) 2 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 3 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 4 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
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2. Beschwerdebefugnis
a) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen ihrer
Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2 BauG). Der
Beschwerdeführer hat seine Einsprache erst nach Ablauf der Einsprachefrist eingereicht,
mit der Begründung, in der Publikation des Vorhabens habe der Hinweis gefehlt, dass ein
inventarisiertes Objekt betroffen sei. Die Baubewilligungsbehörde hat die Einsprache
entgegengenommen und behandelt. Nach Auffassung des Beschwerdegegners hätte die
Einsprache wegen der Verspätung nicht berücksichtigt werden dürfen.
b) Aus den Akten ergibt sich, dass in der Publikation der Hinweis gefehlt hat, dass die
abzubrechende Scheune Gebäude Nr. E._ im Bauinventar verzeichnet ist. Die
Publikation war somit mangelhaft (Art. 26 Abs. 3 BewD). Unterbleibt die gebotene
Bekanntmachung des Bauvorhabens, läuft die Einsprachefrist nicht. Die
einspracheberechtigte Person kann noch Einsprache erheben, wenn sie nachträglich vom
Bauvorhaben erfährt. Die Baubewilligungsbehörde hat die Einsprache entgegengenommen
und schliesslich abgewiesen. Daher ist der A._ legitimiert, Beschwerde zu führen.
Auf seine form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
c) Schliesslich ist festzuhalten, dass die BVE auch bei fehlender Beschwerdebefugnis
des Beschwerdeführers – allein aufgrund seiner rechtzeitig eingereichten Beschwerde –
befugt wäre, den angefochtenen Entscheid von Amtes wegen aufzuheben, da er
erhebliche Mängel aufweist (Art. 40 Abs. 3 BauG).5
3. Fehlende Verhältnismässigkeitsprüfung
a) Der Beschwerdeführer rügt, die Gemeinde setze in ihrem Entscheid als gegeben
voraus, dass der Erhalt der Scheune Nr. E._ unverhältnismässig sei. Sie habe
dies jedoch nicht überprüft, sondern sich nur mit der Optimierung des Neubaus
auseinandergesetzt. Im Übrigen verstiessen der Abbruch und der Neubau gegen die
Empfehlungen des Inventars der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS). An den
5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 3. Auflage, Band I, Bern 2007 Art. 40 N. 11.
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Nachweis der Unverhältnismässigkeit einer Erhaltung seien in diesem Fall hohe
Anforderungen zu stellen.
b) Der Beschwerdegegner bemängelt, der Beschwerdeführer lege nicht dar, weshalb
die Erhaltung verhältnismässig sein sollte, sondern berufe sich nur auf die Denkmalpflege.
Er selbst sei in der Baubranche tätig und habe die Scheune verschiedentlich mit
Fachleuten besichtigt. Diese hätten bestätigt, dass der grösste Teil der Konstruktion so
morsch und faul sei, dass die statischen Voraussetzungen für eine Benutzung der Scheune
nicht mehr gegeben seien. Es bestehe Einsturzgefahr. Es müssten grosse Teile des Baus
ersetzt werden. Die Kosten für diese Massnahmen wären im Vergleich zum Nutzen viel zu
hoch. Ausserdem habe sich die Denkmalpflege nie zur Höhe der in Aussicht gestellten
„namhaften“ Beiträge geäussert. Schliesslich trage er für den jahrelang vernachlässigten
Unterhalt keine Verantwortung, da er die Scheune erst 2006 erworben habe.
c) Die Scheune ist im Bauinventar als erhaltenswert eingestuft und liegt in einer
Baugruppe. Es handelt sich somit um ein Objekt des kantonalen Inventars. Die
Baubewilligungsbehörde hat gestützt auf Art. 10c Abs. 1 BauG richtigerweise die kantonale
Denkmalpflege in das Verfahren einbezogen. Diese hat sich am 3. Juni 2009 im Rahmen
einer Voranfrage und am 9. November 2009 in Form eines Fachberichts schriftlich zum
geplanten Abbruch geäussert und beantragt, die Abbruchbewilligung sei zu verweigern:
Die Scheune spiele eine wichtige Rolle für das Ortsbild. Diemtigen sei im Inventar der
schützenswerten Ortsbilder der Schweiz ISOS als Ortsbild von nationaler Bedeutung mit
dem höchsten Erhaltungsziel verzeichnet. Zudem sei die Scheune weitgehend im
Originalzustand erhalten und ihre Erhaltung verhältnismässig. Die Denkmalpflege könne
einem Abbruch daher nicht zustimmen.
d) Erhaltenswerte Baudenkmäler dürfen nur dann abgebrochen werden, wenn ihre
Erhaltung unverhältnismässig ist (Art. 10b Abs. 3 BauG). Zudem betrifft das
Abbruchgesuch ein Ortsbild von nationaler Bedeutung und innerhalb des geschützten
Ortsbildes ein Gebiet mit Erhaltungsziel A. In diesem Gebiet ist nicht nur der Charakter und
die Struktur der Bauten, sondern auch deren Substanz zu erhalten.6 Zwar geht es
vorliegend nicht um die Erfüllung einer Bundesaufgabe; nach Lehre und Rechtsprechung
sind aber die Kriterien von Art. 6 Abs. 2 NHG7 bei der Anwendung von Art. 10 BauG
6 ISOS; Ortsbilder von nationaler Bedeutung, Band 8.1, Bern 2007, S. 123 7 Bundesgesetz vom 1. Juli 1966 über den Natur und Heimatschutz (NHG; SR 451)
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sinngemäss zu berücksichtigen.8 Art. 6 Abs. 2 NHG lautet: „Ein Abweichen von der
ungeschmälerten Erhaltung im Sinne der Inventare darf bei Erfüllung einer Bundesaufgabe
nur in Erwägung gezogen werden, wenn ihr bestimmte gleich- oder höherwertige
Interessen von ebenfalls nationaler Bedeutung entgegenstehen.“ Diese Anforderungen an
die Interessenabwägung sind bei der Prüfung, ob der Erhalt der Scheune Nr. E._
verhältnismässig und zumutbar ist, zu berücksichtigen.
e) Zwar ist die Gemeinde als Baubewilligungsbehörde nicht an den Fachbericht der
Denkmalpflege gebunden, sondern es gilt für sie der Grundsatz der freien
Beweiswürdigung. Da der Fachbericht allerdings von derjenigen Amtstelle stammt, die über
das denkmalpflegerische Fachwissen verfügt, darf sich die Baubewilligungsbehörde nicht
ohne triftige Gründe darüber hinwegsetzen.9 Dies gilt umso mehr, wenn wie in diesem Fall
an den Nachweis der Unverhältnismässigkeit eines Erhalts hohe Anforderungen gestellt
sind.
f) Die Gemeinde weist in ihrem Entscheid einzig darauf hin, dass die Meinungen
zwischen Denkmalpflege und Bauherrschaft in der Frage der Verhältnismässigkeit einer
Erhaltung auseinander gehen. Zudem hält sie in ihrer Beschwerdeantwort fest, die
Bauherrschaft werde mit einer Kosten-Nutzenrechnung darlegen können, dass ein Erhalt
der Scheune trotz Beiträgen der Denkmalpflege kaum möglich sei. Überprüft hat die
Gemeinde diese Annahme aber nicht; geschweige denn triftige Gründe vorgebracht,
warum die Einschätzung der Denkmalpflege in ihrem Fachbericht nicht zutreffen soll. Es
fehlen in den Akten jegliche Grundlagen für die Beurteilung der Verhältnismässigkeit.
g) Angesichts der unbestrittenen Erhaltenswürdigkeit des Gebäudes sowie seiner Rolle
im national bedeutenden Ortsbild von Diemtigen hätte die Gemeinde die Erhaltungs- und
Umnutzungsmöglichkeiten sowie die Wirtschaftlichkeit einer Erhaltung vertieft abklären
müssen. Dazu sind eine ergänzende Stellungnahme der Denkmalpflege
(Nutzungsmöglichkeiten, Rahmenbedingungen einer Sanierung, voraussichtliche
Beitragshöhe) sowie eine Wirtschaftlichkeitsprüfung notwendig. Kommt die Gemeinde zum
Schluss, ein Erhalt sei unverhältnismässig, ist dies zu begründen, und die
entgegenstehenden Interessen und ihre Bedeutung sind umfassend darzulegen.
8 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 9/10, N. 33 9 Heidi Walther Zbinden, Amtsberichte im Baubewilligungsverfahren, KPG-Bulletin Nr. 6/2002 S. 163 ff.
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4. Fehlende Überprüfung des Neubauvorhabens durch eine Fachstelle
Sollte sich der Erhalt der Scheune tatsächlich als unverhältnismässig erweisen, so ist für
die Beurteilung der gestalterischen Ebenbürtigkeit des Neubauvorhabens die kantonale
Fachstelle (kantonale Denkmalpflege, evtl. Kantonale Kommission zur Pflege der Orts- und
Landschaftsbilder, OLK) beizuziehen: Das Neubauvorhaben liegt in einer Baugruppe des
kantonalen Inventars in unmittelbarer Nachbarschaft zu erhaltenswerten K-Objekten.
Zudem liegt das Bauvorhaben nach ISOS in einem Gebiet mit Erhaltungsziel A und ist Teil
eines Ortsbildes von nationaler Bedeutung. Die Voraussetzungen von Art. 22 Abs. 3 BewD
sind damit erfüllt und die kantonale Fachstelle ist auch zur Beurteilung des
Neubauvorhabens zwingend beizuziehen. Auch dies ist vorliegend nicht geschehen, wie
der Beschwerdeführer zu Recht rügt.
5. Rückweisung an die Vorinstanz
a) Nach Art. 72 Abs. 1 VRPG10 entscheidet die Beschwerdeinstanz in der Sache oder
weist die Akten ausnahmsweise mit verbindlichen Anordnungen an die Vorinstanz zurück.
Erweist sich die Beschwerde als begründet, soll die Beschwerdeinstanz das streitige
Rechtsverhältnis wenn möglich nach ihrer eigenen Erkenntnis abweichend von der
angefochtenen Verfügung neu regeln. Für ein solches Vorgehen sprechen vor allem
prozessökonomische Überlegungen. Das Gesetz verbietet der Beschwerdebehörde also
nicht, kassatorisch zu entscheiden. Sie soll aber von der Möglichkeit der Rückweisung nur
ausnahmsweise Gebrauch machen. Es müssen besondere Gründe, die
prozessökonomische Gesichtspunkte in den Hintergrund treten lassen, dafür sprechen,
dass die Vorinstanz noch einmal zum Entscheid über das streitige Rechtsverhältnis
aufgerufen wird. Mangelnde Entscheidreife der Angelegenheit kann einen solchen Grund
darstellen, sofern die Beschwerdebehörde selber allzu umfangreiche Beweismassnahmen
durchführen müsste.11
10 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 11 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 72 N. 2 f.
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b) Wie oben dargelegt, sind das Verfahren vor der Vorinstanz und der Bauentscheid der
Gemeinde mit verschiedenen Mängeln behaftet. Die Grundlagen für die Beurteilung der
Verhältnismässigkeit einer Erhaltung der Scheune Nr. E._ sind nicht vorhanden.
Die Verhältnismässigkeit des Erhalts wurde von der Baubewilligungsbehörde gar nicht
geprüft. Eine triftige Begründung, warum in diesem Fall ein Abweichen von der
Fachmeinung der Denkmalpflege zulässig sein soll, fehlt. Zudem wurde das Baugesuch
mangelhaft publiziert. Schliesslich wurde das Neubauvorhaben entgegen der Vorschrift von
Art. 22 Abs. 3 BewD der kantonalen Fachstelle nicht vorgelegt.
c) Es ist nicht Aufgabe der BVE als Beschwerdeinstanz, in diesem Umfang weitere
Abklärungen vorzunehmen. Die Beschwerde wird gutgeheissen, der Bauentscheid der
Gemeinde aufgehoben und die Sache wird zur neuen Publikation und vollständigen
Prüfung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückgewiesen (Art. 72 VRPG12).
6. Kosten
a) Die Verfahrenskosten werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 1’000.--
(Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 und Art. 20 Abs. 1 GebV13). Zwar
unterliegt der Beschwerdegegner. Angesichts der Mängel des vorinstanzlichen Verfahrens
rechtfertigt sich jedoch, ihm nur die Hälfte der Verfahrenskosten aufzuerlegen. Da der
Vorinstanz keine Verfahrenskosten auferlegt werden können (Art. 108 Abs. 2 VRPG), trägt
der Kanton die andere Hälfte.
b) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). In diesem Fall rechtfertigt sich aus den
genannten Gründen, die Parteikosten hälftig zwischen der Vorinstanz und dem
unterliegenden Beschwerdegegner aufzuteilen. Die Kostennote des Anwalts des
Beschwerdeführers gibt zu keinen Bemerkungen Anlass: Die Parteikosten werden auf Fr.
2'740.10 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt.
12 Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege vom 23. Mai 1989 (VRPG; BSG 155.21) 13 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
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c) Über die Kosten des (bisherigen) Baubewilligungsverfahrens (Fr. 2'148.15) hat die
Gemeinde zusammen mit den Kosten für die Fortsetzung des Baubewilligungsverfahrens
im neuen Bauentscheid zu entscheiden.