Decision ID: 46dc3045-c084-58a8-b9b9-6b286d54de38
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer hat eigenen Angaben zufolge sein Heimatland Af-
ghanistan im Dezember 2015 verlassen und sei durch diverse Länder am
22. Januar 2016 in die Schweiz eingereist, wo er gleichentags im damali-
gen Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) in Altstätten als Minderjähri-
ger unter Angabe des Geburtsdatums (...) um Asyl nachsuchte.
B.
Am 28. Januar 2016 wurde eine Knochenalterbestimmung nach Greulich-
Pyle zur Feststellung seines Alters durchgeführt, welche ein wahrscheinli-
ches Alter von 19 Jahren oder mehr ergab.
C.
Am 1. Februar 2016 wurde der Beschwerdeführer im Rahmen der Befra-
gung zur Person (BzP) summarisch zu seiner Person und seinem Reise-
weg befragt. Gleichzeitig wurde ihm das rechtliche Gehör gewährt, dass
namentlich aufgrund der Knochenalterbestimmung das geltend gemachte
minderjährige Alter nicht glaubhaft erscheine und das SEM den Beschwer-
deführer als volljährig betrachte. Sein Geburtsdatum wurde im Zentralen
Migrationsinformationssystem (ZEMIS) unter Anbringung eines Bestrei-
tungsvermerks auf den (...) geändert.
D.
Im Hinblick auf die bevorstehende Anhörung zu den Asylgründen reichte
der Beschwerdeführer am 5. Juli 2018 ein ärztliches Attest der Psychiatri-
schen Universitätsklinik B._ vom 2. Juli 2018 zu den Akten. Auf-
grund seiner psychischen Instabilität benötige der Beschwerdeführer wäh-
rend der Anhörung genügend Pausen – die aktuelle Belastbarkeit sei deut-
lich eingeschränkt. Er leide an einer (...) und einer posttraumatischen Re-
aktion nach Extrembelastung (aktuell reaktiviert).
E.
Anlässlich der Anhörung zu den Asylgründen vom 13. Juli 2018 trug der
Beschwerdeführer im Wesentlichen folgenden Sachverhalt vor:
Er sei mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder C._ in
D._ aufgewachsen. Er habe die Schule neun Jahre lang besucht,
diese jedoch abgebrochen, da er von seinem Cousin väterlicherseits (vs.)
schikaniert worden sei.
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Sein Grossvater habe seinem Vater sein gesamtes Erbe hinterlassen. Sein
Vater und dessen Bruder hätten deswegen seit einigen Jahren einen Erb-
streit geführt. Der Onkel vs. sei ein böser Mensch gewesen und sei in Kon-
takt mit den Taliban gestanden. Er habe den Vater in seinem Geschäft wie-
derholt verprügelt und eines Tages habe man die Leiche des Vaters gefun-
den. Die Familie sei davon ausgegangen, dass der Onkel vs. den Vater
getötet habe. Der Bruder des Beschwerdeführers, C._, habe diesen
Verdacht gegenüber der Polizei geäussert. Der Onkel vs. sei daraufhin
festgenommen worden, man habe ihm den Mord jedoch nicht nachweisen
können, weshalb er nach einigen Tagen wieder freigelassen worden sei.
C._ habe vermutet, es sei Schmiergeld bezahlt worden. Die Mutter
des Beschwerdeführers habe Herzbeschwerden gehabt und sei einige Mo-
nate später ebenfalls verstorben. Bei der Beerdigung der Mutter sei es zu
einem Streit zwischen C._ und dem Onkel vs. gekommen, da
C._ den Onkel für den Tod seiner Eltern verantwortlich gemacht
habe. Der Onkel vs. habe daraufhin erwidert, er werde C._ töten,
genauso wie er zuvor auch schon dessen Vater getötet habe. Nach dem
Tod der Mutter habe sich der Onkel mütterlicherseits (ms.) um den Be-
schwerdeführer und seinen Bruder gekümmert. Kurze Zeit später habe
C._ seinen Cousin vs., den Sohn des Onkels vs., heftig geschlagen
und dieser habe eine schwere Kopfverletzung davongetragen. Daraufhin
habe der Onkels vs. – mit einer Pistole auf sich – das Haus des Beschwer-
deführers aufgesucht und habe C._ gesucht, dieser sei jedoch nicht
zu Hause gewesen. Der Onkel ms. habe C._ informiert, er solle
nicht nach Hause kommen, da der Onkel vs. ihn sonst töten werde. Kurz
darauf habe C._ Afghanistan verlassen und sei in die Schweiz ge-
reist.
Nach der Ausreise von C._ sei der Beschwerdeführer von seinem
Cousin vs. in der Schule geschlagen worden, weshalb der Onkel ms. ihm
verboten habe, weiterhin zur Schule zu gehen. Der Onkel vs. sei immer
wieder zu ihnen nach Hause gekommen und habe nach C._ ge-
fragt. Dabei sei der Beschwerdeführer mehrfach geohrfeigt und auch der
Onkel ms. geschlagen worden. Eines Tages habe der Onkel vs. das Haus
nach Urkunden, welche in Zusammenhang mit der Erbstreitigkeit gestan-
den hätten, durchsucht. Der Beschwerdeführer habe dem Onkel vs. dabei
gedroht, er werde sich rächen und ihn umbringen, sobald er alt genug sei.
In der Folge habe der Onkel vs. ihn gegen die Wand geschlagen und ihm
ebenfalls mit dem Tod gedroht.
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Der Beschwerdeführer sei immer wieder mit seinem Onkel ms. zum Grab
der Eltern gegangen. Nach diesem Vorfall habe der Beschwerdeführer
zwei Mal ein Auto beim Friedhof bemerkt, welches ihn verfolgt habe. Der
Onkel ms. habe den Onkel vs. dahinter vermutet und dem Beschwerdefüh-
rer geraten, Afghanistan ebenfalls zu verlassen. Der Onkel ms. sei davon
ausgegangen, dass der Onkel vs. nun wohl den Beschwerdeführer, als ein-
zigen in Afghanistan verbliebenen Sohn, töten wolle, zumal der Beschwer-
deführer selbst auch den Onkel vs. bedroht habe. Deshalb habe der Be-
schwerdeführer im Dezember 2015 entschieden, Afghanistan zu verlas-
sen, und sei etwa eineinhalb Jahre nach seinem Bruder ebenfalls ausge-
reist. Einige Zeit später habe auch der Onkel ms. Afghanistan verlassen
und lebe nun im Iran.
Zum Nachweis seiner Identität reichte der Beschwerdeführer eine Kopie
seiner afghanischen Tazkara zu den Akten. Aus den erstinstanzlichen Ver-
fahrensakten des Bruders des Beschwerdeführers (N [...]) wurde ein
Schreiben des Quartiervorstehers, welcher die Probleme des Beschwer-
deführers und seines Bruders bestätigt, in Kopie zu den Akten des Be-
schwerdeführers gelegt.
F.
Mit Entscheid vom 3. September 2019 – eröffnet am 4. September 2019 –
stellte die Vorinstanz fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingsei-
genschaft nicht erfülle, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegwei-
sung an. Der Vollzug der Wegweisung wurde infolge Unzumutbarkeit zu-
gunsten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben.
G.
Diese Verfügung liess der Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertreterin
mit Eingabe vom 30. September 2019 beim Bundesverwaltungsgericht an-
fechten. Er beantragte, die Verfügung der Vorinstanz vom 3. September
2019 sei aufzuheben, es sei die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und
ihm Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an
die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei die
unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und die Rechtsvertreterin als
amtliche Rechtsbeiständin zu bestellen. Daneben wurde beantragt, die
erstinstanzlichen Asylakten des Bruders des Beschwerdeführers (N [...])
im vorliegenden Beschwerdeverfahren beizuziehen.
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Seite 5
H.
Am 1. Oktober 2019 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein-
gang der Beschwerde.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 11. Oktober 2019 hielt die Instruktionsrichterin
fest, der Beschwerdeführer verfüge aufgrund der vom SEM angeordneten
vorläufigen Aufnahme über eine Berechtigung zum Aufenthalt in der
Schweiz und könne den Abschluss des Verfahrens in jedem Fall in der
Schweiz abwarten. Sie verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und zog die vorinstanzlichen Akten des Bruders des Beschwer-
deführers (N [...]) antragsgemäss bei. Der Entscheid über das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege wurde auf einen späteren
Zeitpunkt verschoben. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz eingeladen, sich
zur Beschwerde vernehmen zu lassen.
J.
Am 14. Oktober 2019 reichte der Beschwerdeführer eine Fürsorgebestäti-
gung zu den Akten.
K.
In seiner Vernehmlassung vom 23. Oktober 2019 hielt das SEM fest, die
Beschwerdeschrift enthalte keine erheblichen Tatsachen oder Beweismit-
tel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten. Im
Übrigen verwies es auf die Erwägungen seiner Verfügung, an denen es
vollumfänglich festhielt.
L.
Am 24. Oktober 2019 wurde die Vernehmlassung dem Beschwerdeführer
zur Kenntnisnahme zugestellt.
M.
Am 30. Oktober 2019 reichte die Rechtsvertreterin eine Kostennote zu den
Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
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Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Das Bundesverwaltungsgericht hat antragsgemäss die erstinstanzlichen
Verfahrensakten des Bruders des Beschwerdeführers, C._, beige-
zogen (N [...]). C._ wurde am 17. Juli 2015 in der Schweiz als
Flüchtling anerkannt und ihm wurde Asyl gewährt; aus seinen Akten geht
hervor, dass er ebenfalls den familiären Erbschaftsstreit und die Auseinan-
dersetzungen mit dem Onkel vs. geltend gemacht hat.
Ferner geht aus den Akten N [...] hervor, dass mit Datum vom 4. Juli 2018
dringlich um Akteneinsicht ersucht worden ist, welche das SEM dem Bru-
der des Beschwerdeführers mit Datum vom 6. Juli 2018 gewährt hat. Das
Gesuch um Akteneinsicht wurde per Telefax (Faxgerät der Rechtsvertre-
tung des Beschwerdeführers; vgl. N [...] A58/1 beantragt, nachdem zuvor,
mit Datum vom 22. Juni 2018, der Beschwerdeführer zur Anhörung für den
13. Juli 2018 vorgeladen worden war [vgl. A35/2]).
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Der Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers sind die Akten des Bruders
denn auch bekannt, wird doch in der Beschwerdebegründung daraus zitiert
(vgl. Beschwerde S. 4 f.).
Nachdem vorliegend die beigezogenen Akten des Bruders nicht zum Nach-
teil des Beschwerdeführers verwendet werden und der Rechtsvertretung
im Übrigen offenbar bekannt sind, sieht das Gericht von einer ausdrückli-
chen vorgängigen Anhörung ab.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung im Wesentlichen
aus, die Vorbringen des Beschwerdeführers seien asylrechtlich nicht rele-
vant. Die geltend gemachten Probleme zwischen den Familien des Be-
schwerdeführers und seines Onkels vs. seien auf eine Erbstreitigkeit zu-
rückzuführen und seien nicht aus einem in Art. 3 AsylG genannten Motiv
erfolgt. Die gegenüber dem Beschwerdeführer erfolgten Tätlichkeiten und
Bedrohungen durch den Onkel vs. hätten zudem kein asylrelevantes Aus-
mass erreicht, so dass ihm ein menschenwürdiges Leben in Afghanistan
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verwehrt gewesen wäre. Auch die beiden Verfolgungen durch ein Auto wür-
den die für die Asylrelevanz erforderliche Intensität von Benachteiligungen
nicht erfüllen. Es sei ausserdem lediglich eine Vermutung des Beschwer-
deführers, dass der Onkel vs. dafür verantwortlich gewesen sei. Überdies
habe der Onkel vs. gewusst, wo der Beschwerdeführer wohne und hätte
Gelegenheit gehabt, ihm Ernsthafteres anzutun, hätte er dies beabsichtigt.
Zusammenfassend seien die Vorbringen nicht asylrelevant. An dieser Ein-
schätzung könne auch das Dokument aus dem erstinstanzlichen Asyldos-
sier des Bruders des Beschwerdeführers, worin ein Quartiervorsteher die
geltend gemachten Probleme bestätige, nichts ändern. Solche Schreiben
hätten kaum Beweiswert. Sie seien leicht fälschbar und hätten problemlos
käuflich erworben werden können.
5.2 In der Beschwerde wurde zunächst festgehalten, dass die Vorinstanz
die Glaubhaftigkeit der Vorbringen nicht in Frage gestellt, sondern deren
Asylrelevanz verneint habe. Der Bruder des Beschwerdeführers
C._ habe im August 2014 ein Asylgesuch gestellt und ihm sei im
Juli 2015 Asyl gewährt worden. Da der Bruder ausgereist sei, sei der Be-
schwerdeführer ins Visier des Onkels vs. geraten, welcher sich wie ein Ta-
liban gebärde und vermutlich den Taliban angehöre. Dieser habe dem Be-
schwerdeführer mit dem Tod gedroht und ihn geschlagen, wie auch sein
Cousin vs. Entgegen den Ausführungen der Vorinstanz handle es sich bei
den erlittenen Nachteilen nicht bloss um Ohrfeigen. Vielmehr habe der Be-
schwerdeführer am Kopf bandagiert werden müssen. Bei Kopfverletzun-
gen handle es sich um schwere Eingriffe in die körperliche Integrität. Über-
dies sei er mit dem Tode und somit eindeutig mit asylrelevanten Nachteilen
bedroht worden. In Anbetracht der Intensität, mit welcher der Onkel vs. den
Bruder verfolgt habe, und der Erkundigungen nach dem Bruder nach des-
sen Ausreise, sei davon auszugehen, dass der Onkel vs. weiterhin die To-
desdrohungen umsetzen wolle. Als direkt verbliebener Familienangehöri-
ger sei der Beschwerdeführer zur Zielscheibe der Repressalien durch den
Onkel vs. und Opfer einer Reflexverfolgung geworden. In Bezug auf das
vom SEM bestrittene asylrelevante Motiv der Verfolgung sei anzumerken,
dass sich der Beschwerdeführer auf dieselben Asylvorbringen wie sein
Bruder stütze. Diesem sei Asyl gewährt worden, womit das SEM beim Bru-
der offensichtlich davon ausgegangen sei, es liege ein asylrelevantes Ver-
folgungsmotiv vor.
6.
6.1 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
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von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr
gezielt und aufgrund der in Art. 3 AsylG genannter Verfolgungsmotive
durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zuge-
fügt worden sind, beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE
2013/11 E. 5.1, 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5). Begründet ist die Furcht
vor Verfolgung, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere
hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich –
auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehba-
rer Zukunft verwirklichen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für
eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in ver-
gleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur
Flucht hervorrufen würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund
einer objektivierten Betrachtungsweise zu erfolgen und ist andererseits
durch das von der betroffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um
Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu ergänzen (vgl. BVGE 2014/27
E. 6.1 und BVGE 2010/57 E. 2).
6.2 In Übereinstimmung mit der vorinstanzlichen Auffassung gelangt das
Gericht nach Durchsicht der Akten zum Schluss, dass die geltend gemach-
ten Verfolgungshandlungen durch den Onkel vs. keine Asylrelevanz zu
entfalten vermögen.
6.2.1 Der Beschwerdeführer machte bis zur Ausreise seines Bruders
C._ keine persönlichen Probleme mit dem Onkel vs. geltend und
war über die Auseinandersetzungen zwischen dem Onkel vs. und dem Bru-
der auch nicht ausführlich im Bilde (SEM Akte A37, F141). Erst nach der
Ausreise seines Bruders sei auch der Beschwerdeführer in die Familien-
streitigkeit einbezogen worden. Er sei in der Schule von seinem Cousin vs.
geschlagen worden und dieser habe wissen wollen, wo sich C._
befinde. Er sei deswegen nicht mehr zur Schule gegangen. Der Onkel vs.
sei immer wieder zu ihrem Haus gekommen, um nach dem Verbleib [von]
C._ zu fragen, und habe ihn jeweils geohrfeigt (SEM Akte A37,
F141, F223). Bei einem der Besuche habe der Beschwerdeführer dem On-
kel vs. gedroht, er werde sich eines Tages an ihm rächen, woraufhin ihn
dieser gegen die Wand geschlagen habe. Er sei dabei am Kopf verletzt
worden (a.a.O.) Danach habe er zwei Mal bemerkt, wie ihm ein schwarzes
Auto zum Friedhof gefolgt sei und dieses ihm auch auf dem Weg vom
Friedhof nach Hause noch verfolgt habe, ihm sei es jedoch gelungen, zu
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entkommen. Er vermute, dass sein Onkel vs. damit zu tun gehabt habe
(SEM Akte A37, F141f).
Auch wenn nicht in Abrede gestellt werden soll, dass die Familienfehde für
den Beschwerdeführer belastend gewesen ist, ist in Bezug auf den Be-
schwerdeführer keine persönliche Verfolgung, welche ein asylrelevantes
Ausmass angenommen hätte, ersichtlich. Entgegen der in der Beschwerde
vertretenen Ansicht haben die vom Beschwerdeführer beschriebenen Tät-
lichkeiten gegen ihn, wie auch die zweimalige Verfolgung durch ein
schwarzes Auto, kein asylrelevantes Ausmass angenommen, welches ihm
einen Verbleib in seinem Heimatstaat verunmöglicht hätte. In der Be-
schwerde wird zwar ausgeführt, der Beschwerdeführer habe durch den On-
kel vs. eine Kopfverletzung erlitten und er habe am Kopf bandagiert werden
müssen (Beschwerde E.IV, Ziff. 2.2, Bst. e). Aus den Akten ergeben sich
indes keine Hinweise, dass der Beschwerdeführer ernsthafte Verletzungen
davon getragen hätte und auch ein Arztbesuch schien nicht nötig zu sein.
Der Schlag auf den Kopf und die durch den Onkel vs. erlittenen Ohrfeigen
vermögen die Anforderungen an die Intensität einer asylrelevanten Verfol-
gung nicht zu begründen.
6.2.2 Auch gibt es keine hinreichenden Anzeichen dafür, dass der Onkel
vs. mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in naher Zukunft die geäus-
serte Todesdrohung gegen den Beschwerdeführer umgesetzt hätte. Der
Beschwerdeführer hat bis zu seiner Ausreise in seinem Elternhaus gelebt
und der Onkel vs. wusste somit, wo sich der Beschwerdeführer aufhält.
Hätte er tatsächlich beabsichtigt, ihm Ernsthafteres anzutun, hätte er mehr-
fach die Gelegenheit dazu gehabt. So leuchtet auch nicht ein, was der On-
kel vs. mit der Verfolgung durch ein schwarzes Auto hätte bezwecken wol-
len, da dieser wusste, wo sich das Grab der Eltern befindet und auch den
Wohnort des Beschwerdeführers kannte. Eine begründete Furcht des Be-
schwerdeführers, dass der Onkel vs. seine Todesdrohungen gegen ihn in
naher Zukunft und mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit umsetzen würde,
kann nach dem Gesagten nicht bejaht werden, zumal sich der Beschwer-
deführer nach der Ausreise seines Bruders noch etwa eineinhalb Jahre in
seinem Heimatdorf in Afghanistan aufgehalten haben will.
6.2.3 Hinzukommend handelt es sich bei den geltend gemachten Proble-
men um eine private Familienfehde, welcher kein asylrelevantes Motiv zu-
grunde liegt. Aus den Aussagen des Beschwerdeführers, sein Onkel vs.
habe mit den Taliban zu tun gehabt, lässt sich noch kein asylrelevantes
Verfolgungsmotiv im Sinne des Art. 3 AsylG ableiten. Die Äusserungen des
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Beschwerdeführers blieben diesbezüglich im Übrigen vage und es handelt
sich bloss um eine Vermutung seinerseits. Er gab lediglich an, der Onkel
vs. habe mit den Taliban zu tun gehabt, sei an dubiosen Tätigkeiten betei-
ligt gewesen und alle im Dorf hätten davon gewusst (SEM Akte A37, F141,
F175, F203). Der Beschwerdeführer oder seine Familie seien jedoch nie
von den Taliban kontaktiert worden (SEM Akte A37, F202). Ein asylrele-
vantes Motiv lässt sich somit aus den Aussagen des Beschwerdeführers,
sein Onkel vs. habe mit den Taliban zu tun gehabt, nicht erblicken, insbe-
sondere da der Beschwerdeführer selbst auch wiederholt angab, der
Grund der Schikanen seien die Erbschaftsstreitigkeit gewesen (SEM Akte
A37, F224, F232).
6.3 Schliesslich ist festzuhalten, dass aufgrund der fehlenden Asylrelevanz
der Vorbringen deren Glaubhaftigkeit offen gelassen werden kann. Es ist
indes anzumerken, dass die Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers zu-
mindest durch seine zweifelhaften Angaben betreffend sein Alter bezie-
hungsweise seine Minderjährigkeit erschüttert ist (vgl. oben Bst. B und C).
Auch weitere Ungereimtheiten zu seiner Person ergeben sich aus den Ak-
ten, wie beispielsweise die unterschiedlichen Angaben zum Namen seiner
Mutter (SEM Akte A9, Ziff. 1.16,03; A37, F77), zu seinen Onkeln und Tanten
(SEM Akte A9, Ziff. 3.01 und 3.03; A37, F65, F84ff) sowie zu den von ihm
gesprochenen Sprachen (SEM Akte A1/2, A37, F51). Da seine Vorbringen
die Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht
erfüllen, kann auf weitere Ausführungen zur Glaubhaftigkeit im Sinne des
Art. 7 AsylG indes verzichtet werden.
6.4 Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass die Asylgewährung des
Bruders vorliegend nicht zur Debatte steht und der Beschwerdeführer aus
dessen Asylgewährung nichts für sich zu beanspruchen vermag, zumal
sich auch Sachverhaltsunterschiede in den beiden vorgebrachten Asylbe-
gründungen ergeben. Beispielsweise stand der Bruder des Beschwerde-
führers nach dem Tod des Vaters im Fokus der Behelligungen durch den
Onkel vs., und der Bruder hat gemäss Aussagen des Beschwerdeführers
auch Tätlichkeiten gegen den Sohn des Onkels vs. vorgenommen und den
Onkel vs. angezeigt (SEM Akte A37, F141), was der Beschwerdeführer bei-
des nicht getan hat.
6.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorbringen des Be-
schwerdeführers als nicht asylrelevant zu bezeichnen sind. Die angefoch-
tene Verfügung ist im Ergebnis zu bestätigen. Dem Beschwerdeführer ist
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Seite 12
es im Rahmen seines Asylverfahrens nicht gelungen, eine flüchtlingsrecht-
lich relevante Verfolgungssituation nachzuweisen oder als überwiegend
wahrscheinlich darzulegen.
7.
7.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]).
8.2 Nachdem der Beschwerdeführer infolge Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufgenommen wurde, stellt sich die
Frage nach dem Vorliegen der weiteren Voraussetzungen für einen Ver-
zicht auf den Vollzug der Wegweisung – Unzulässigkeit und Unmöglichkeit
– heute nicht, da diese Vollzugshindernisse alternativer Natur sind: Ist ei-
nes erfüllt, gilt der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar (vgl. BVGE
2009/51 E. 5.4). Die vorläufige Aufnahme tritt mit dem vorliegenden Ent-
scheid formell in Rechtskraft.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem aber die
Rechtsbegehren im Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung als nicht aus-
sichtslos zu bezeichnen waren und der Beschwerdeführer seine Mittello-
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sigkeit mit der eingereichten Fürsorgebestätigung belegt hat, wird mit vor-
liegendem Entscheid der Antrag auf unentgeltliche Prozessführung ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen. Somit hat der Beschwerdeführer
keine Verfahrenskosten zu tragen.
10.2 Das Bundesverwaltungsgericht bestellt auf Antrag einer asylsuchen-
den Person, die von der Bezahlung der Verfahrenskosten befreit wurde,
grundsätzlich eine amtliche Rechtsbeiständin oder einen amtlichen
Rechtsbeistand. Die Rechtsvertreterin erfüllt die persönlichen Vorausset-
zungen gemäss aArt. 110a Abs. 3 AsylG und ist antragsgemäss als amtli-
che Rechtsbeiständin beizuordnen. Demnach ist ihr ein Honorar für ihre
notwendigen Ausgaben im Beschwerdeverfahren auszurichten. In der bei
den Akten liegenden Kostennote vom 30. Oktober 2019 wird ein Vertre-
tungsaufwand von 4 Stunden bei einem Stundenansatz von Fr. 150.– so-
wie Auslagen für Fax und Porti von Fr. 6.30 ausgewiesen. Der Stundenan-
satz ist reglementskonform (vgl. Art. 10 VGKE) und die Kostennote er-
scheint den Verfahrensumständen als angemessen. Das amtliche Honorar
beläuft sich somit auf insgesamt Fr. 607.- (inkl. Auslagen).
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