Decision ID: 5dddeec2-b878-403e-9a27-89b5a7011b10
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Drohung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur, Einzelgericht, vom 11. Dezember 2017 (GG170066)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 18. Januar
2016 (Urk. 22) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 64 S. 26 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1
StGB in Verbindung mit Art. 16 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu Fr. 30.–
(entsprechend Fr. 1'800.–), wobei zwei Tage durch Haft erstanden sind.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre fest-
gesetzt.
4. Die folgenden, mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom
1. Dezember 2015 beschlagnahmten und bei der Kantonspolizei Zürich eingelager-
ten Gegenstände werden eingezogen und der Kantonspolizei zur Vernichtung über-
lassen:
- Pistole (Marke ..., Modell ..., Kaliber 9 mm Para, Nr. ..., Asservat Nr. A008'185'942);
- Munition (17 Patronen Fabrikat ..., Kaliber 9 mm Para, Asservat Nr. A008'185'953).
5. Der folgende, mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom
1. Dezember 2015 beschlagnahmte Gegenstand wird dem Beschuldigten nach
Rechtskraft des Urteils auf erstes Verlangen ausgehändigt:
- Bajonett (Offiziersdolch ..., Schweiz mit Stahlblechschneide,  und zwei Militärpatten, Marke ..., Seriennummer ..., Asservat Nr. A008'187'357).
6. Das Genugtuungsbegehren des Privatklägers B._ wird ab-gewiesen.
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7. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'500.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 1'600.00 Gebühren und Auslagen Vorverfahren
Fr. 7'832.00 amtliche Verteidigungskosten
Fr. 10'932.00 Total
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
Wird keine schriftliche Begründung des Urteils verlangt, ermässigt sich die Ent-
scheidgebühr auf zwei Drittel.
8. Die Kosten gemäss Dispositiv Ziff. 7 werden dem Beschuldigten auferlegt, die-
jenigen der amtlichen Verteidigung indessen einstweilen auf die Gerichtskasse ge-
nommen. Eine Nachforderung dieser Kosten gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO bleibt
vorbehalten.
9. (Mitteilungen.)
10. (Rechtsmittel.)"
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 65 S. 2; Urk. 83 S. 12 f.; Prot. II S. 6)
Der Beschuldigte sei freizusprechen unter Zusprechung einer Entschädi-
gung von Fr. 3'450.25 sowie einer angemessenen Genugtuung zuzüglich
Zins ab dem 8. Mai 2015 (in Änderung von Dispositiv Ziff. 1, 2, 3 sowie 8);
es seien die beschlagnahmten Gegenstände herauszugeben (in Änderung
von Dispositiv Ziff. 4);
unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Staates.
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b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 101 S. 6; Prot. II S. 6 f.)
1. Der Beschuldigte sei schuldig zu sprechen der Drohung im Sinne von
Art. 180 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte sei zu bestrafen mit 8 Monaten Freiheitsstrafe.
3. Es sei der Vollzug der Freiheitsstrafe anzuordnen.
4. Eventualiter sei die Schuld des Beschuldigten festzustellen und im
Rahmen eines Schuldinterlokuts über die Strafe und die Vollzugsfrage
in einer zweiten Verhandlung nach Eingang des psychiatrischen Gut-
achtens zu entscheiden.
5. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien dem Beschuldigten aufzu-
erlegen.

Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Mit Urteil des Bezirksgerichts Winterthur, Einzelgericht in Strafsachen, vom
25. April 2016 wurde der Beschuldigte der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1
StGB zum Nachteil des Privatklägers B._ schuldig gesprochen. Das Gericht
attestierte dem Beschuldigten Handeln in Putativnotwehr, ging jedoch von einer
Überschreitung der Grenzen des Abwehrrechts (Exzess) aus. Es bestrafte den
Beschuldigten mit einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen zu Fr. 30.–, abzüglich
1 Tag Haft, unter Gewährung des bedingten Strafvollzugs (Urk. 39).
2. Gegen dieses Urteil erhob die Staatsanwaltschaft hierorts innert Frist Beru-
fung (Urk. 37). Die Kammer hob das Urteil mit Beschluss vom 16. Mai 2017 auf
und wies den Prozess zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück, da die erst-
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instanzliche Hauptverhandlung ohne anwaltliche Verteidigung des Beschuldigten
durchgeführt worden war (Urk. 43).
3. Die Vorinstanz führte am 11. Dezember 2017 in neuer Besetzung die
Hauptverhandlung in Anwesenheit des Beschuldigten und seines amtlichen Ver-
teidigers durch (Prot. I S. 5). Mit Urteil vom gleichen Tag sprach sie den Beschul-
digten wiederum der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB schuldig, wobei
sie im Sachverhalt weitergehender als im ersten Verfahren auf die Aussagen des
Beschuldigten abstellte. Sie ging aber weiterhin von einem Putativnotwehrexzess
aus und erachtete auch den geltend gemachten Schuldausschlussgrund nach
Art. 16 Abs. 2 StGB (Handeln in entschuldbarer Aufregung oder Bestürzung über
den Angriff) als nicht erfüllt. Sie bestrafte den Beschuldigten mit einer Geldstrafe
von neu 60 Tagessätzen zu Fr. 30.–, woran sie zwei Tage Haft anrechnete. Den
Vollzug der Geldstrafe schob sie unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jah-
ren auf. Das Genugtuungsbegehren des Privatklägers wies sie ab. Weiter ordnete
sie die Einziehung der beschlagnahmten Tatwaffe, einer Pistole ..., Modell ...,
samt Munition an. Den ebenfalls beschlagnahmten Offiziersdolch gab sie frei.
Schliesslich entschied sie über die Kostenfolgen (Urk. 64).
4. Gegen dieses Urteil meldeten die Staatsanwaltschaft mit Eingabe
vom 15. Dezember 2017 und die amtliche Verteidigung mit Eingabe vom
19. Dezember 2017 rechtzeitig Berufung an (Urk. 57 und Urk. 59; Art. 399 Abs. 1
StPO). Nach Erhalt des begründeten Urteils am 21. März 2018 reichte die amt-
liche Verteidigung innert Frist die Berufungserklärung im Sinne von Art. 399
Abs. 3 StPO ein (Urk. 65). Die Staatsanwaltschaft zog ihre Berufung mit Schrei-
ben vom 10. April 2018 zurück (Urk. 68). Mit Präsidialverfügung vom 27. April
2018 wurde die Berufungserklärung der Staatsanwaltschaft sowie dem Privatklä-
ger zugestellt und Frist für Anschlussberufung oder einen Nichteintretensantrag
angesetzt (Urk. 73). Während sich der Privatkläger nicht vernehmen liess, erhob
die Staatsanwaltschaft innert Frist Anschlussberufung (Urk. 75). Mit Präsidial-
verfügung vom 5. Juni 2018 wurde die Anschlussberufung der amtlichen Ver-
teidigung sowie dem Privatkläger zugestellt (Urk. 77).
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5. Am 5. Oktober 2018 ging hierorts eine Eingabe der amtlichen Verteidigung
ein, worin sich diese u.a. zum Schuldpunkt äusserte (Urk. 83). Die Eingabe wurde
der Staatsanwaltschaft in der Folge zur Kenntnisnahme zugestellt. Am 12. April
2018, 1. und 16. Oktober 2018 wurde je ein aktueller Strafregisterauszug über
den Beschuldigten eingeholt (Urk. 70, 82 und 91). Der mit Eingabe vom
15. Oktober 2018 gestellte diesbezügliche Beweisantrag 1 der Staatsanwaltschaft
(Urk. 87) ist damit gegenstandslos. Mit Präsidialverfügung vom 23. Oktober 2018
(Urk. 95) wurden in Gutheissung des Beweisantrages 2 der Staatsanwaltschaft
die Akten der weiteren gegen den Beschuldigten laufenden Strafuntersuchungen
beigezogen (Urk. 98-99).
6. Zur heutigen Berufungsverhandlung erschienen der Beschuldigte in Be-
gleitung seines amtlichen Verteidigers, Rechtsanwalt lic. iur. X._, die stellver-
tretende Leitende Staatsanwältin lic. iur. S. Steinhauser sowie der Privatkläger
B._ (Prot. II. S. 6).
II. Prozessuales
1. Umfang von Berufung und Anschlussberufung
1.1. Mit seiner Berufung beantragt der Beschuldigte einen Freispruch vom Vor-
wurf der Drohung, die Zusprechung einer Entschädigung für die Kosten seiner
erbetenen Verteidigung im Vorverfahren sowie einer angemessenen Genugtuung.
Weiter verlangt er die Herausgabe der beschlagnahmten Pistole und Munition
(Urk. 65 S. 2; Urk. 83 S. 12).
Die Staatsanwaltschaft beanstandet im Rahmen ihrer Anschlussberufung
die vorinstanzliche Beweiswürdigung und die Annahme einer Putativnotwehrlage
zugunsten des Beschuldigten. Sie beantragt neu die Ausfällung einer unbedingten
Freiheitsstrafe von 8 Monaten (Urk. 75 S. 2; Urk. 101 S. 6).
1.2. Gemäss Art. 402 StPO in Verbindung mit Art. 437 StPO wird die Rechts-
kraft des angefochtenen Urteils im Umfang der Anfechtung gehemmt. Nachdem
die Urteilsdispositivziffern 5 (Herausgabe des beschlagnahmten Offiziersdolchs
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an den Beschuldigten), 6 (Abweisung des Genugtuungsbegehrens des Privat-
klägers B._) und 7 (Kostenfestsetzung, einschliesslich Entschädigung der
amtlichen Verteidigung) unangefochten blieben (Prot. II S. 7 f.), ist mittels Be-
schluss festzustellen, dass das vorinstanzliche Urteil in diesem Umfang in
Rechtskraft erwachsen ist.
2. Rückzug der Berufung
Sodann ist vorzumerken, dass die Staatsanwaltschaft ihre (Haupt-)Berufung mit
Schreiben vom 10. April 2018 (Urk. 68) zurückgezogen hat.
3. Beweisanträge
3.1. Die Staatsanwaltschaft stellte mit Eingabe vom 15. Oktober 2018 (Urk. 87)
nebst den bereits erwähnten und behandelten Beweisanträgen betreffend Ein-
holung eines Strafregisterauszuges und Beizug der Untersuchungsakten folgen-
den weiteren Beweisantrag:
"3. Es sei über den Beschuldigten ein psychiatrisches Gutachten zu erstellen."
Anlässlich der heutigen Berufungsverhandlung führte die Staatsanwaltschaft zur
Begründung des Antrages aus, dass die beigezogenen Untersuchungsakten unter
Berücksichtigung des heute relevanten Sachverhaltes sowie der zu berücksich-
tigenden Unschuldsvermutung zumindest den dringenden Verdacht erweckten,
dass der Beschuldigte "alles andere als normal" reagiere und sich verhalte, indem
er bei Kränkungen oder Störungen ein Verhalten an den Tag lege, welches per-
sönlichkeitsimanent oder krankheitsbedingt erscheine. Sei wie vorliegend ein
ernsthafter Anlass zu Zweifeln an der Schuldfähigkeit gegeben, so bestehe eine
Begutachtungspflicht. Sodann habe der Beschuldigte eine Gewaltbereitschaft ge-
zeigt, daher sei im Rahmen einer psychiatrischen Begutachtung auch das Risiko
für weitere schwere Straftaten abzuklären und Massnahmen zu prüfen (Urk. 101
S. 2 ff.).
Der Verteidiger des Beschuldigten beantragte die Abweisung des Beweisantrages
und verwies auf seine mit Eingabe vom 22. Oktober 2018 eingereichte schriftliche
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Stellungnahme (Urk. 92). Es handle sich um reine Stimmungsmache gegen sei-
nen Mandanten. Es sei der Staatsanwaltschaft freigestellt, in den anderen zwei
Verfahren ein entsprechendes Gutachten einzuholen, doch dort seien seit März
2016 keine Untersuchungshandlungen mehr durchgeführt worden. Im vorliegen-
den Verfahren habe die Staatsanwaltschaft am 18. Januar 2016 Anklage erhoben
und damit die Verfahrensherrschaft abgegeben (Urk. 92 S. 3 f.).
Die Akten der neuen Strafuntersuchungen gegen den Beschuldigten wurden vom
Berufungsgericht beigezogen, doch gilt diesbezüglich die Unschuldsvermutung für
den Beschuldigten (vgl. auch Urk. 95). Es bestehen sodann keine Anhaltspunkte,
welche für das vorliegende Verfahren Zweifel an der Schuldfähigkeit des Be-
schuldigten aufkommen lassen. Folglich gibt es keine Veranlassung, eine
psychiatrische Begutachtung des Beschuldigten anzuordnen, weshalb der ent-
sprechende Beweisantrag abzuweisen ist.
3.2. Die Verteidigung reichte vor Vorinstanz einen Datenträger mit insgesamt
drei Videoaufnahmen ein (Urk. 54; Prot. I S. 12 f.). Die von der Verteidigung er-
stellten Aufnahmen zeigen die räumlichen Verhältnisse am Tatort, den Lageort
der Tatwaffe und enthalten eine Demonstration des Beschuldigten, wie er damals
die Tatwaffe – auf dem Video mit einem anderen Gegenstand nachgespielt – be-
händigt haben soll. Die Videoaufzeichnungen, welche zu einer ähnlichen Tages-
und Uhrzeit bei ähnlichen Witterungsverhältnissen, fast auf den Tag genau zwei
Jahre nach dem relevanten Vorfall erstellt wurden, vermögen zur Klärung des
Sachverhalts beizutragen, weshalb sie zu den Akten zu nehmen sind.
4. Verwertbarkeit
Die Verteidigung rügte vor Vorinstanz, dass die polizeiliche Einvernahme vom
7. Mai 2015 (Urk. 3/1), die staatsanwaltschaftliche Hafteinvernahme vom 8. Mai
2015 (Urk. 3/2) sowie die Einvernahme von der ersten Hauptverhandlung nicht
verwertbar seien, da der Beschuldigte nicht verteidigt gewesen sei (Prot. I
S. 13 f.). Die Vorinstanz begründete zutreffend (Urk. 64 S. 7 f.), weshalb – anders
als die Einvernahme an der ersten Hauptverhandlung – die beiden ganz zu Be-
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ginn der Untersuchung durchgeführten Einvernahmen verwertet werden können;
darauf kann verwiesen werden.
III. Sachverhalt
1. Dem Beschuldigten wird in der Anklageschrift vom 18. Januar 2016 Folgen-
des vorgeworfen (Urk. 22 S. 2 f.):
Am Morgen des 7. Mai 2015 hätten sich zwei Funktionäre der Stadtpolizei Win-
terthur, B._ und C._, in zivil gekleidet an den Wohnort des Beschuldig-
ten begeben, um ihm einen Zahlungsbefehl zuzustellen. Als der Beschuldigte auf
das Klingeln an der Wohnungstüre nicht reagiert habe, sei
B._ um das Mehrfamilienhaus herum zum Gartensitzplatz des Beschuldigten
gegangen, habe mehrmals gegen die offenstehende Sitzplatztüre geklopft und
gerufen, ob jemand da sei. Der Beschuldigte, der in seinem Büro am Pult mit Blick
in Richtung Gartensitzplatz gesessen sei, habe diese Rufe gehört und mit dem
Erscheinen von B._ gerechnet. Als dieser weiter der Fassade entlang zum
Bürozimmer gekommen sei, habe der Beschuldigte wissentlich und willentlich ei-
ne geladene Pistole ... Kaliber 9mm Para mit einer Patrone im Lauf gegen den
Oberkörper von B._ gerichtet, die Waffe mit beiden Händen am Griff in
schussbereiter Position auf Kinnhöhe haltend. Der Beschuldigte, der nicht ge-
wusst habe, dass B._ Polizist sei, habe gefragt, wer dieser sei und was das
solle, wobei er die Waffe unverändert auf B._ gerichtet habe, der sich da-
raufhin zurückgezogen habe. B._ sei durch die gezielt auf ihn gerichtete
Faustfeuerwaffe massiv in Angst versetzt worden, was der Beschuldigte zumin-
dest in Kauf genommen habe.
2. Der Beschuldigte anerkannte den Vorwurf im Wesentlichen, machte jedoch
geltend, die Rufe des Privatklägers B._ nicht gehört zu haben, da er darin
vertieft gewesen sei, auf dem Handy mit Kopfhörern die Aufzeichnung einer Rede
abzuhören. Er sei erschrocken, als er den Privatkläger vor seinem Bürofenster
erblickt habe. Er habe sich erst recht bedroht gefühlt, als dieser auf seine ent-
sprechende Frage hin nicht gesagt habe, wer er sei, sondern ihn gefragt habe, ob
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er A._ sei. Daraufhin habe er, der Beschuldigte, seine rasch greifbare Waffe
aus dem Vitrinenschrank im Büro geholt und diese zunächst sitzend im Hüft-
anschlag gehalten. Danach sei er langsam aufgestanden. Es sei nicht zutreffend,
dass er die Pistole mit beiden Händen umfasst gehabt habe (Urk. 3/3 S. 2 ff.). An-
lässlich der heutigen Berufungsverhandlung machte der Beschuldigte wie bereits
vor Vorinstanz von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch (Urk. 100
S. 1 f.; Prot. I S. 7 ff.) und hielt damit sinngemäss an seiner bisherigen Darstellung
fest.
3. Die Vorinstanz erwog dazu, der Beschuldigte habe glaubhaft darlegen
können, dass er den Privatkläger nicht habe kommen hören, weil er Kopfhörer ge-
tragen und die Aufnahme eines Vortrages abgehört habe. Ebenso glaubhaft habe
der Beschuldigte angegeben, wie er, erschrocken über das unverhoffte Auftau-
chen des Privatklägers, zu seiner Waffe gegriffen habe, nachdem der Privatkläger
auf Nachfrage nicht angegeben habe, wer er sei, sondern eine Gegenfrage ge-
stellt habe. Da der Beschuldigte die Waffe unbestrittenermassen griffbereit neben
seinem Schreibtisch aufbewahrt habe und er gemäss seinen unwiderlegten Aus-
sagen ein geübter Schütze sei, erscheine es auch nicht abwegig, dass der Be-
schuldigte seine Waffe mit einer raschen Bewegung habe ergreifen können, als er
den Privatkläger vor seinem Fenster erblickt habe. Die Schilderung des Privatklä-
gers, wonach er zunächst vor der offenen Sitzplatztüre gerufen und an die Türe
geklopft habe, vermöge ebenfalls zu überzeugen und lasse sich im Übrigen auch
mit den örtlichen Begebenheiten in Einklang bringen. Nicht vollends zu überzeu-
gen vermöchten die weiteren Aussagen des Privatklägers, wonach er beim Auf-
tauchen vor dem Bürofenster in den Lauf einer Waffe geschaut habe. Es bleibe
unklar, wie gut der Privatkläger überhaupt ins Innere des Büros habe blicken
können, zeige sich doch zumindest auf der Fotodokumentation eine erhebliche
Spiegelung im Bürofenster, was der Privatkläger im Übrigen auch hinsichtlich des
besagten Morgens bestätigt habe. Ebenso habe der Privatkläger nicht abschlies-
send angeben können, ob der Beschuldigte im Zeitpunkt des Erblickens Kopf-
hörer getragen habe oder nicht. Zugunsten des Beschuldigten müsse daher da-
von ausgegangen werden, dass er den Privatkläger nicht bereits gehört und mit
gezückter Waffe erwartet habe, sondern erschrocken sei, als der Privatkläger vor
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seinem Fenster aufgetaucht sei. Entsprechend sei auf die Aussagen des Be-
schuldigten abzustellen, wonach er die Pistole erst ergriffen habe, als der Privat-
kläger die Frage, wer er sei, mit einer Gegenfrage beantwortet und sich nicht
ausgewiesen habe. Das stimme im Übrigen auch mit den Angaben im Polizei-
rapport überein, wonach es zunächst zu einem Wortwechsel gekommen sein sol-
le. Es müsse auch davon ausgegangen werden, dass der Beschuldigte die Polizei
nicht erwartet habe bzw. ihm nicht bekannt gewesen sei, dass die Polizei allen-
falls versuchen würde, ihm etwas zuzustellen (Urk. 64 S. 2 f.).
4. Die Staatsanwaltschaft beanstandet diese Erwägungen mit ihrer Anschluss-
berufung: Die Vorinstanz verkenne, dass der rapportierende Polizist weder am
Vorfall beteiligt noch am Tatort gewesen sei und die Zusammenfassung des
Sachverhalts im Rapport einzig aufgrund der Angaben des Beschuldigten erstellt
habe. Die Argumentation der Vorinstanz, wonach die Angaben des Beschuldigten
mit den Angaben im Polizeirapport übereinstimmten, sei daher untauglich (Urk. 75
S. 2 f.; Urk. 101 S. 7 f.). Zudem seien die Aussagen des Beschuldigten, wonach
er wegen den Kopfhörern weder das Klopfen gehört noch den Privatkläger sich
habe nähern hören, dann aber sehr wohl genau gehört haben wolle, dass der
Privatkläger nicht gesagt habe, dass er von der Polizei sei, und er deshalb sofort
zur Waffe gegriffen habe, widersprüchlich und deshalb unglaubhaft (Urk. 75
S. 3 f.; Urk. 101 S. 8). Der Privatkläger habe klar und deutlich ausgesagt, dass er
in das Zimmer hineingeblickt habe, ohne ein Wort zu sagen und bereits in den
Lauf der Waffe geschaut habe. An der Glaubhaftigkeit dieser Aussage lasse sich
nicht ernsthaft und begründet zweifeln. Der Privatkläger gewinne durch seine
Aussage nichts; eine geladene Waffe zu ziehen und gegen einen Menschen zu
zielen, sei so oder anders verboten. Der Hinweis der Vorinstanz, dass der Privat-
kläger nicht abschliessend habe angeben können, ob der Beschuldigte Kopfhörer
getragen habe oder nicht, überzeuge nicht und sei wohl ihrer Unerfahrenheit in
Gefahrensituationen geschuldet: Wer überraschend in einen Waffenlauf schaue,
achte sich nicht mehr auf Nebensächlichkeiten wie Kopfhörer tragen. Wenn die
Vorinstanz zudem ausführe, dass der Privatkläger bestätigt habe, dass es eine
erhebliche Spiegelung im Fenster gegeben habe, erscheine das Zitat in dieser
Allgemeinheit schlicht falsch. Der Privatkläger habe gesagt, dass es ein wenig
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gespiegelt habe und es vielleicht eine halbe Sekunde gegangen sei, bis er die
Situation habe realisieren können und dass es in dieser Zeitspanne gar nicht
möglich gewesen sei, dass der Beschuldigte sich so schnell hätte bewegen kön-
nen, eine Waffe behändigen und dann hätte zielen können (Urk. 75 S. 4; Urk. 101
S. 9). Die vorinstanzliche Schlussfolgerung, wonach die Aussagen des Privat-
klägers nicht vollends zu überzeugen vermöchten, sei daher willkürlich (Urk. 75
S. 4 f.; Urk. 101 S. 9). Die Sachdarstellung des Beschuldigten sei unglaubhaft und
stimme vom zeitlichen Ablauf nicht mit derjenigen des Privatklägers überein.
Gehe man von der Schilderung des Beschuldigten aus (Auftauchen des Privat-
klägers am Fenster, zweimaliges Fragen, Gegenfrage, Zurückrollen mit dem
Stuhl, Öffnen der Glastüre mit dem Schlüssel, Griff in den Ordner, Behändigen
der Waffe, langsames Aufstehen mit der Waffe), gehe das alles nicht in einer
halben Sekunde, auch nicht in ein, zwei oder drei Sekunden, sondern vielleicht in
fünf oder acht Sekunden (Urk. 75 S. 5; Urk. 101 S. 10). Wenn es fünf oder
acht Sekunden gedauert habe, warum habe der Privatkläger nicht das Geringste
davon beschrieben? Der Privatkläger gewinne nichts, wenn er diesen Zeitablauf
und die Handlungen des Beschuldigten verschweige. Entsprechend sei nicht von
der Version des Beschuldigten, sondern von derjenigen des Privatklägers auszu-
gehen. Damit müsse der Beschuldigte eine Vorwarnzeit gehabt haben, in welcher
er die Waffe habe behändigen und in Anschlag bringen können, was bedeute,
dass er den Privatkläger zuvor gehört habe oder gehört haben müsse (Urk. 75
S. 6; Urk. 101 S. 11).
5.
5.1. Die Vorinstanz hat die notwendigen Erwägungen zur Beweiswürdigung im
Allgemeinen und zur Theorie der Aussagewürdigung gemacht. Sie hat auch die
wesentlichen Aussagen des Beschuldigten, des Privatklägers B._ und des
Polizisten C._ wiedergegeben (Urk. 64 S. 5-10). Dabei hat sie richtig erkannt,
dass C._ zum Kern des anklagegegenständlichen Vorwurfs keine Aussagen
habe machen können, da sich dieser zum Zeitpunkt der Begegnung zwischen
dem Beschuldigten und dem Privatkläger auf der anderen Seite der Liegenschaft
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befunden habe (Urk. 64 S. 11). Auf diese zutreffenden Ausführungen kann ver-
wiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO).
5.2. Nicht gefolgt werden kann der Vorinstanz, wenn sie zum Schluss gelangt, es
sei von der zuvor wiedergegebenen Sachdarstellung des Beschuldigten auszuge-
hen, wonach er die Waffe erst ergriffen und auf den Privatkläger gerichtet habe,
als dieser die Frage, wer er sei, mit einer Gegenfrage beantwortet und sich nicht
ausgewiesen habe. Die Staatsanwaltschaft beanstandet die Beweiswürdigung in-
soweit zu Recht. Der Privatkläger schilderte eindrücklich, konstant und lebensnah,
wie er, nachdem auf sein Rufen und Klopfen an der geöffneten Terrassentür
keine Reaktion erfolgte, der Fassade entlang zum nächsten Fenster weiterging,
hineinschaute und in den Lauf einer Faustfeuerwaffe schaute, mit welcher der am
Schreibtisch sitzende Beschuldigte auf ihn zielte (Urk. 5 S. 4, 7; so schon Urk. 4
S. 2). Dabei stellte der Privatkläger klar, dass die Waffe bereits auf ihn gerichtet
war, bevor der Beschuldigte ihn fragte, wer er sei und was er wolle (Urk. 5 S. 8 f.;
Urk. 4 S. 2). Und er wies auch die Darstellung des Beschuldigten ausdrücklich als
falsch zurück, wonach dieser die Waffe erst nach dem von ihm geschilderten
kurzen Gespräch hervorgeholt habe (Urk. 5 S. 9).
5.3. Zu Unrecht wertet die Vorinstanz die Aussagen des Privatklägers wegen der
vermeintlich erheblichen Spiegelung im Bürofenster als nicht vollends überzeu-
gend. Richtig ist zwar, dass sich gemäss der von der Kantonspolizei erstellten Fo-
todokumentation im Fenster des Büros die rechts davon im rechten Winkel verlau-
fende Hausfassade und ein Teil des Gartens spiegelt (Urk. 8 S. 6). Allerdings ist
darauf das Büroinnere trotz Spiegelung gleichwohl sichtbar, jedenfalls derjenige
Teil des Raumes, der sich in der Nähe des grossen und breiten Fensters mit sei-
ner tiefliegenden Fensterbank befindet. Der direkt am Fenster stehende Bürotisch
samt Schreibtischlampe und weitere darauf liegende Gegenstände sind von
draussen gut erkennbar, ebenso der Bürostuhl, obschon dieser sogar hinter dem
Schreibtisch und damit weiter weg vom Fenster platziert ist. Von ähnlichen Sicht-
verhältnissen ist auch für den Tatzeitpunkt auszugehen, auch wenn die Auf-
nahmen der Kantonspolizei selbstredend nicht zur exakten Tatzeit, sondern wohl
etwas später am gleichen Tag angefertigt wurden. Daraus ergibt sich, dass der
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Privatkläger, als er vor dem Fenster stand und ins Innere des Büros schaute, sehr
wohl den auf dem Bürostuhl sitzenden Beschuldigten und die auf ihn gerichtete
Waffe sehen konnte, auch wenn sich seine Augen im ersten Moment auf die
Licht- und Sichtverhältnisse einstellen mussten. Anschaulich schilderte dies auch
der Privatkläger in seiner staatsanwaltschaftlichen Einvernahme: In dem Moment,
als er ins Fenster geschaut habe, habe der Beschuldigte bereits mit seiner Waffe
auf ihn gezielt. Er müsse dazu noch sagen, es habe ein wenig gespiegelt. Es sei
vielleicht eine halbe Sekunde gegangen, bis er – der Privatkläger – die Situation
realisiert habe. [...] Es habe gespiegelt. Er habe sich für einen kurzen Moment
sammeln müssen (Urk. 5 S. 7). Die von der Vorinstanz angenommene Erheblich-
keit der Spiegelung wurde vom Privatkläger gerade nicht bestätigt.
5.4. Auszuschliessen ist mit der Staatsanwaltschaft, dass der Beschuldigte in
dem vom Privatkläger glaubhaft beschriebenen kurzen Moment der Orientierung
die durchgeladene Schusswaffe hätte behändigen und auf den Privatkläger rich-
ten können. Zwar ist der Beschuldigte offenbar tatsächlich in der Lage, seine
Waffe, welche er geladen in einem Ordner im verschliessbaren Vitrinenschrank
des Büros aufbewahrte, ausserordentlich rasch hervorzuholen, wie er auf der ein-
gereichten Videoaufnahme (mit einem anderen Gegenstand) überzeugend de-
monstriert. Dazu stösst er sich mit seinem Bürostuhl mit Rollen vom Schreibtisch
ab, rollt mit Schwung zum nah gelegenen Vitrinenschrank, in welchem bereits der
Schlüssel steckt, öffnet mit sicherem Griff in rascher Folge die beiden Flügeltüren,
zieht sogleich mit der linken Hand den als Waffenversteck dienenden Ordner her-
vor, lässt die Waffe routiniert in die ausgestreckte rechte Hand fallen, schiebt den
Ordner links in den Schrank zurück, rollt mit dem Stuhl zum Schreibtisch zurück
und richtet bereits im Zurückrollen die Faustfeuerwaffe auf den (imaginären) An-
greifer vor dem Bürofenster (Urk. 54). Trotz des mit beeindruckender Geschwin-
digkeit ausgeführten und offensichtlich gut geübten Manövers dauert dieses
knappe 5 Sekunden. Rechnet man das vom Beschuldigten geltend gemachte
langsame Aufstehen mit der Waffe im Anschlag hinzu, erhöht sich die benötigte
Zeit auf rund 7 Sekunden. Es erscheint abwegig, dass der Privatkläger keine
einzige der mit diesem Vorgang verbundenen zahlreichen Einzelbewegungen des
Beschuldigten bemerkt hätte, wenn dieser, wie geltend gemacht, die Waffe tat-
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sächlich erst aus dem Vitrinenschrank holte, nachdem der Privatkläger schon vor
dem Bürofenster stand. Zumindest schemenhafte Bewegungen wären trotz
Spiegelung sichtbar gewesen. Es kommt hinzu, dass der Privatkläger, folgt man
der Darstellung des Beschuldigten, diesen noch vor dem Behändigen der Waffe
gefragt haben soll, ob er "Herr A._" sei. Nach dieser Version musste der Pri-
vatkläger den Beschuldigten also spätestens in diesem Zeitpunkt gesehen ha-
ben. Umso unwahrscheinlicher erscheint es da, dass der Privatkläger anschlies-
send nicht bemerkt hätte, dass der Beschuldigte, immer noch auf dem Bürostuhl
sitzend, die Waffe aus dem Versteck im Vitrinenschrank geholt und auf den Pri-
vatkläger gerichtet hätte. Es ist zudem zu bedenken, dass Letzterer als Polizeibe-
amter mit Schusswaffen vertraut (s. dazu Urk. 5 S. 7) und für derartige Situatio-
nen ausgebildet ist. Hätte es sich so zugetragen, wie der Beschuldigte behauptet,
wäre naheliegend, dass der Privatkläger selbst seine Pistole gezogen oder dies
wenigstens versucht hätte. Solches geschah aber nicht. Der Privatkläger führte
aus, dass er gar nicht in Versuchung gekommen sei, seine Waffe zu ziehen, weil
er keine Chance gehabt hätte (Urk. 5 S. 9). Das steht im Einklang mit seinen Aus-
sagen, wonach der Beschuldigte von Anfang an die Waffe auf ihn gerichtet habe
(Urk. 5 S. 9).
5.5. Dass der Privatkläger nicht abschliessend angeben konnte, ob der Beschul-
digte im Tatzeitpunkt Kopfhörer trug oder nicht, bedeutet im Übrigen nicht, dass
der Privatkläger nicht gut ins Innere des Büros hätte blicken können oder dass
deswegen auf die Darstellung des Beschuldigten abzustellen wäre, wie die Vor-
instanz sinngemäss erwägt (Urk. 64 S. 13). Gemäss eigenen Angaben hörte der
Beschuldigte auf seinem Smartphone eine Rede ab, wobei er Kopfhörer anhatte
(Urk. 3/3 S. 12). Bei den Kopfhörern handelte es sich aber um Ohrstöpsel
(Urk. 3/2 S. 4), welche im Vergleich zu Bügelkopfhörern weniger auffallen. Dass
sich der Privatkläger nicht sicher war, ob der Beschuldigte damals Kopfhörer trug
oder nicht, ist daher nicht aussagekräftig.
5.6. Alles in allem erweist sich die Darstellung des Beschuldigten zum Tatablauf
selbst als wenig überzeugend. Es ist vielmehr auf die glaubhaften Aussagen des
Privatklägers abzustellen und davon auszugehen, dass der Beschuldigte die ge-
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ladene Pistole bereits auf den Privatkläger richtete, als dieser vor dem Büro-
zimmer auftauchte, und zwar, bevor er ihn fragte, wer er sei und was er wolle.
Dabei hielt der Beschuldigte die Waffe unverändert auf den Privatkläger gerichtet,
worauf sich dieser als Polizist zu erkennen gab und zurückzog. Dass im Polizei-
rapport die Rede davon ist, dass dem Ziehen der Waffe das kurze Gespräch
vorausging, vermag daran nichts zu ändern. Es ist nicht ersichtlich, dass der
rapportierende Polizeibeamte über zusätzliche Erkenntnisse verfügte, die ihm zu
dieser Feststellung Anlass hätten geben können.
6. Ist auf die Aussagen des Privatklägers abzustellen, wonach er sogleich in
den Lauf einer Waffe blickte, als er vor das Bürozimmer trat und hinein schaute,
bedeutet dies auch, dass der Beschuldigte entgegen seinen Aussagen das Rufen
(oder auch Klopfen) des Privatklägers an der geöffneten Terrassentür vorgängig
gehört haben muss. Die offene Terrassentür und das Büro, wo der Beschuldigte
am Schreibtisch mit Blickrichtung Terrasse sass, liegen nahe nebeneinander, wie
sich aus der Fotodokumentation und der eingereichten Videoaufnahme ergibt.
Das Rufen konnte der Beschuldigte deshalb auch hören, wenn er zunächst tat-
sächlich mit dem Abhören einer Aufnahme einer Rede auf seinem Smartphone
beschäftigt war und dabei Kopfhörer trug. Hörte er das Rufen an der offenen
Terrassentüre, konnte er Kopfhörer und Telefon weglegen, mit geübten Griffen
seine geladene Waffe aus dem Ordnerversteck im Vitrinenschrank holen und die
Pistole bereits gezielt gegen den Privatkläger richten, als dieser kurz darauf er-
wartungsgemäss draussen vor dem Bürofenster auftauchte.
Nicht geäussert hat sich die Vorinstanz zum an sich nebensächlichen Detail, ob
der Beschuldigte die Pistole mit beiden Händen am Griff auf den Oberkörper des
Privatklägers richtete, wie die Anklage ausführt, oder ob er die Pistole lediglich mit
der rechten Hand festhielt, wie der Beschuldigte behauptet. Nachdem auch der
Privatkläger in beiden Einvernahmen davon sprach, dass der Beschuldigte die
Pistole mit der bzw. mit einer Hand gehalten habe (Urk. 4 S. 2; Urk. 5 S. 8), ist
von Letzterem auszugehen. Daran ändert nichts, dass der Privatkläger bei der
staatsanwaltschaftlichen Einvernahme mit beiden Händen eine fiktive Waffe auf
- 17 -
Kinnhöhe hielt (Urk. 5 S. 8). Damit wollte er wohl vor allem zeigen, dass der Be-
schuldigte die Pistole beim Zielen relativ hoch und nicht nur auf Hüfthöhe hielt.
Dass der Privatkläger durch die gezielt auf ihn gerichtete Faustfeuerwaffe massiv
in Angst versetzt wurde, weil er befürchtete, im Falle einer Schussabgabe schwer
verletzt oder getötet zu werden, ergibt sich aus dessen glaubhaften Aussagen
(Urk. 5 S. 8) und wird auch vom Beschuldigten nicht in Abrede gestellt.
Der Beschuldigte handelte wissentlich und willentlich. Dass er den Privatkläger
durch sein Handeln in Angst versetzte, nahm er in Kauf resp. wollte dies (Urk. 3/2
S. 8). Mit der obigen Einschränkung ist der Anklagesachverhalt somit erstellt.
Auf die vom Beschuldigten geltend gemachte Putativnotwehrlage ist nachfolgend
bei der rechtlichen Würdigung einzugehen.
IV. Rechtliche Würdigung
1. Objektiver und subjektiver Tatbestand
Ausgehend vom erstellten Sachverhalt ist der objektive Tatbestand der Drohung
im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB zweifellos erfüllt. Der Beschuldigte handelte
wissentlich und willentlich. Dabei nahm er nicht nur in Kauf, dass er den Privat-
kläger in Angst versetzte. Vielmehr wollte er dies auch, wie vorstehend dargelegt
wurde. Der subjektive Tatbestand ist deshalb ebenfalls erfüllt.
Der Verteidiger bestreitet den subjektiven Tatbestand unter Berufung auf BSK
StGB I-Niggli-Mäder, Art. 13 N 3 (recte: Art. 13 N 13): Wer eine Person in ver-
meintlicher Notwehr bedrohe, bei dem richte sich der Wille nicht auf die Verwirk-
lichung des Unrechts, sondern auf die Ausübung eines Rechts, weshalb es an
dem für das vorsätzliche Verhalten charakteristischen Handlungsunwert fehle
(Urk. 83 S. 12). Damit verwechselt die Verteidigung Tatbestandsmässigkeit und
Rechtswidrigkeit. An der zitierten Stelle wird denn auch festgehalten, wer einen
anderen in vermeintlicher oder tatsächlicher Notwehr verletze, dies willentlich tue,
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es jedoch an dem für vorsätzliches Verhalten charakteristischen Handlungsunwert
genauso fehle wie bei einem Tatbestandsirrtum.
2. Rechtfertigungs- und Schuldausschlussgründe
2.1. Die Verteidigung beantragt, wie bereits vor Vorinstanz, einen Freispruch
vom Vorwurf der Drohung. Der Beschuldigte habe sich, als er die Pistole genom-
men und auf den Privatkläger gerichtet habe, in einer Notwehrlage gewähnt und
daher in rechtfertigender Putativnotwehr gehandelt. Eventualiter sei von einem
entschuldbaren Putativnotwehrexzess auszugehen (Urk. 83 S. 5 ff.).
Die Staatsanwaltschaft bestreitet mit ihrer Anschlussberufung, dass sich der Be-
schuldigte in einer tatsächlichen oder vermeintlichen Notwehrsituation befand und
erachtet die diesbezüglichen Vorbringen als Schutzbehauptung. Entsprechend
beantragt sie einen Schuldspruch im Sinne der Anklage (Urk. 75 S. 2 ff.; Urk. 101
S. 11 ff.).
2.2. Wird jemand ohne Recht angegriffen oder unmittelbar mit einem Angriff
bedroht, so ist der Angegriffene und jeder andere berechtigt, den Angriff in einer
den Umständen angemessenen Weise abzuwehren (Art. 15 StGB). Überschreitet
der Abwehrende die Grenzen der Notwehr, so mildert das Gericht die Strafe
(Art. 16 Abs. 1 StGB). Überschreitet er die Grenzen der Notwehr in entschuld-
barer Aufregung oder Bestürzung über den Angriff, so handelt er nicht schuldhaft
(Art. 16 Abs. 2 StGB).
Sog. Putativnotwehr liegt vor, wenn der Täter irrtümlicherweise von einer Not-
wehrlage ausgeht. Die Tathandlung wird dann nach dem Sachverhalt beurteilt,
wie ihn sich der Täter vorgestellt hat (Art. 13 Abs. 1 StGB). War der Irrtum ver-
meidbar, ist der Täter wegen Fahrlässigkeit strafbar, wenn die fahrlässige Be-
gehung der Tat strafbar ist (Art. 13 Abs. 2 StGB). Der vermeintlich Angegriffene
muss aber Umstände nachweisen können, die bei ihm den Glauben erwecken
konnten, er befinde sich in einer Notwehrlage (BGE 93 IV 81, S. 84 f.; Urteil des
Bundesgerichts vom 16. Februar 2017, 6B_676/2016 E. 2).
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Der Angriff kann sich gegen ein beliebiges persönliches Rechtsgut richten. Not-
wehrfähig sind daher ausser Leib und Leben insbesondere auch Hausfrieden und
Eigentum. Die Abwehr in einer (tatsächlichen oder vermeintlichen) Notwehrsitua-
tion muss nach der Gesamtheit der Umstände als verhältnismässig erscheinen.
Dies ist aufgrund jener Situation zu beurteilen, in der sich der rechtswidrig Ange-
griffene im Zeitpunkt seiner Tat befand. Eine Rolle spielen insbesondere die
Schwere des Angriffs, die durch den Angriff und die Abwehr bedrohten Rechts-
güter, die Art des Abwehrmittels und dessen tatsächliche Verwendung. Bei der
Verwendung von gefährlichen Gegenständen zur Abwehr (Messer, Schusswaffen
etc.) ist besondere Zurückhaltung geboten, da deren Einsatz stets die Gefahr
schwerer oder gar tödlicher Verletzungen mit sich bringt (BGE 136 IV 49 E. 3 mit
Hinweisen). Angemessen ist die Abwehr, wenn der Angriff nicht mit weniger ge-
fährlichen und zumutbaren Mitteln hätte abgewendet werden können, der Täter
womöglich gewarnt worden ist und der Abwehrende vor der Benutzung des ge-
fährlichen Werkzeugs das Nötige zur Vermeidung einer übermässigen Schädi-
gung vorgekehrt hat. Auch ist eine Abwägung der auf dem Spiel stehenden
Rechtsgüter unerlässlich. Doch muss deren Ergebnis für den Angegriffenen, der
erfahrungsgemäss rasch handeln muss, mühelos erkennbar sein. Indessen gibt
das Notwehrrecht nicht nur das Recht, mit gleichen Mitteln abzuwehren, mit de-
nen der Angriff erfolgt, sondern mit solchen, die eine effektive Abwehr er-
möglichen. Das bedeutet, dass der Verteidiger von Anfang an die voraussichtlich
wirksamen Mittel einsetzen darf (BGE 136 IV 49 E. 3 und E. 4.2; Urteil des Bun-
desgerichts vom 1. Oktober 2010, 6B_432/2010 E. 5.3).
Um ein Notwehrrecht zu begründen, muss der Angriff allerdings bereits im Gange
sein oder unmittelbar drohen. Daran fehlt es, wenn er bereits vorbei oder noch
nicht zu erwarten ist. Die Frage, ob ein Angriff unmittelbar bevorsteht oder nicht,
ist nicht immer leicht zu beantworten. Nach der Rechtsprechung wird vom An-
gegriffenen nicht verlangt, dass er mit einer Reaktion zuwartet, bis es für eine
Abwehr zu spät ist. Doch setzt die Unmittelbarkeit der Bedrohung voraus, dass
jedenfalls Anzeichen einer Gefahr vorhanden sind, die eine Verteidigung nahe le-
gen. Solche Anzeichen liegen z.B. vor, wenn der Angreifer eine drohende Haltung
einnimmt, sich zum Kampfe vorbereitet oder Bewegungen macht, die in diesem
- 20 -
Sinne gedeutet werden können (BGE 93 IV 81, S. 83 mit Hinweisen). Abwehr ist
zulässig, sobald mit einem Angriff ernstlich zu rechnen ist und jedes weitere Zu-
warten die Verteidigungschance gefährdet. Der Angriff droht m.a.W. nicht erst
unmittelbar, wenn es für den Angreifer kein Zurück mehr gibt, sondern schon
dann, wenn der Bedrohte nach den gesamten Umständen mit dem sofortigen
Angriff rechnen muss. Handlungen, die lediglich darauf gerichtet sind, einem
zwar möglichen aber noch unsicheren Angriff vorzubeugen, einem Gegner also
nach dem Grundsatz, dass der Angriff die beste Verteidigung ist, zuvorzukommen
und ihn vorsorglich kampfunfähig zu machen, fallen nicht unter den Begriff der
Notwehr (BGE a.a.O; Urteil des Bundesgerichts vom 11. November 2014,
6B_281/2014, E. 2.3.1). "Präventive" Notwehr gibt es nicht.
3. Gemäss Anklage wusste der Beschuldigte nicht, dass es sich beim Privat-
kläger um einen Polizeibeamten handelte, der ihn zwecks Zustellung eines Zah-
lungsbefehls aufsuchte. Mit der Vorinstanz muss auch davon ausgegangen wer-
den, dass er die Polizei am fraglichen Morgen nicht erwartete bzw. ihm nicht be-
kannt war, dass die Polizei allenfalls versuchen würde, ihm etwas zuzustellen
(Urk. 64 S. 13). Insbesondere kann ihm nicht widerlegt werden, dass ihn die vor-
gängige SMS, worin ihn Polizist C._ um einen Rückruf bat, nicht erreichte
(Urk. 64 S. 13 mit Verweis auf Urk. 6 S. 3; Urk. 3/2 S. 9 und Urk. 7 S. 9). Der Gar-
ten des Beschuldigten ist mit einem Metallgeländer umfriedet. Das Gartentor ist
mit dem Schild "Kein Durchgang" versehen (Urk. 8 S. 3-5; s. auch Urk. 83 S. 5 mit
Verweis auf die eingereichte Videodokumentation). Aus Sicht des Beschuldigten
lag daher eine Verletzung seines Hausrechts vor, als sich der Privatkläger inner-
halb des Gartens vor der Terrassentüre seines Wohnzimmers befand. Dieser, aus
Sicht des Beschuldigten rechtswidrige Zustand dauerte an, als der Privatkläger
hernach vor das Bürofenster trat. Der Beschuldigte war daher – entgegen der An-
sicht der Staatsanwaltschaft (Urk. 75 S. 6; Urk. 101 S. 11), welche auf die örtliche
Situation nicht eingeht – zur angemessenen Abwehr des Angriffs auf sein Haus-
recht berechtigt.
- 21 -
4.
4.1. Die Vorinstanz ging nicht nur von einem (vermeintlichen) Angriff auf das
Hausrecht aus, sondern auch davon, dass sich der Beschuldigte fälschlicherweise
einem potentiellen Angreifer gegen seine Person gegenüber gewähnt habe
(Urk. 64 S. 16). Sie hielt jedoch auch fest, dass kein unmittelbarer Angriff gegen
Leib und Leben vorgelegen habe und auch der Beschuldigte nichts Dergleichen
vorbringe (S. 17). Sie befand daher, dass unter diesen Umständen der Einsatz ei-
ner Pistole unverhältnismässig sei. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung
könne der Einsatz einer Faustfeuerwaffe grundsätzlich nur das letzte Mittel der
Verteidigung sein. Auch wenn die einschlägige bundesgerichtliche Rechtspre-
chung vor allem Situationen betreffe, in welchen Schüsse abgefeuert werden,
könne sie insofern auf den vorliegenden Fall übertragen werden, als beim Ge-
brauch von Schusswaffen in Notwehrsituationen äusserste Zurückhaltung gebo-
ten sei. Es wäre dem Beschuldigten zuzumuten gewesen bzw. er wäre geradezu
gehalten gewesen, auf andere Weise auf den vermeintlichen Angriff zu reagieren.
Immerhin seien sich der Beschuldigte und der Privatkläger nicht einmal von An-
gesicht zu Angesicht gegenüber gestanden, habe sich der Beschuldigte in der
Wohnung befunden, während der Privatkläger ausserhalb gestanden sei und von
seinem Standort den Beschuldigten gar nicht unmittelbar hätte angreifen können.
Auch wenn eine Flucht in einer Notwehrsituation nicht erwartet werden dürfe, so
wäre es ihm zumindest möglich gewesen, um Hilfe zu rufen, zu schreien oder sich
im Zimmer zu verstecken. Der Beschuldigte habe den vermeintlichen Angriff zu-
sammenfassend nicht in angemessener Weise abgewehrt und dabei die Grenzen
der erlaubten Notwehr überschritten (Urk. 64 S. 17 f.).
4.2. Die Verteidigung hält dem entgegen, dass der Beschuldigte vor dem Hin-
tergrund seiner konfliktträchtigen Situation mit seinen ehemaligen Geschäftspart-
nern die Situation instinktiv als gefährlich beurteilt habe, weswegen er zur Waffe
gegriffen habe. Dabei habe er nicht unkontrolliert, sondern entsprechend den als
Offizier in der Schweizer Armee gelernten und gelehrten Automatismen gehan-
delt. Damit habe er reflexartig die ungefährlichste Art der Verteidigung gewählt,
die ihm unmittelbar zur Verfügung gestanden sei und die den Angriff mit Sicher-
- 22 -
heit sofort beendet hätte. Die Vorinstanz gewichte zu wenig, dass es gar nicht
zum "Einsatz" einer Faustfeuerwaffe gekommen sei, sondern die Waffe einzig als
Mittel zur Distanzhaltung verwendet worden sei. Die analoge Bewertung durch die
Vorinstanz gehe fehl. Wäre es tatsächlich zum Angriff gekommen, hätten auf je-
den Fall weder das von der Vorinstanz geforderte Hilferufen, Schreien oder im
Zimmer verstecken, geholfen. Zudem sei es dem Angegriffenen gestattet, statt
unsichere sogleich voraussichtlich wirksame Mittel einzusetzen. Darüber hinaus
handle es sich bei den alternativen Verteidigungsmitteln bei Lichte besehen alle-
samt um Fluchtmittel, welche von der Rechtsprechung als mildere Mittel explizit
nicht gefordert würden. Die Behändigung der Waffe zwecks Aufrechterhaltung
der Distanz sei ein probates und vernünftiges Mittel gewesen. Der Beschuldigte
habe sich zusätzlich zur Verletzung seines Hausrechts mit einem unmittelbaren
Angriff auf Leib und Leben konfrontiert geglaubt, womit seine Abwehrhandlung
nicht offensichtlich über das Notwendige hinausgegangen sei. Die durch den
Hausfriedensbruch sowie den vermeintlichen Angriff drohenden Rechtsverletzun-
gen stünden ohne weiteres in einem proportionalen Verhältnis zu der durch die
Abwehr erfolgte Rechtsverletzung (Urk. 83 S. 6-10).
4.3. Die Staatsanwaltschaft ist demgegenüber der Ansicht, dass der Beschul-
digte in der gegebenen Situation gar nicht davon ausgegangen sei und auch nicht
davon habe ausgehen dürfen, dass ein Angriff gegen seine Person vorliege. Bei
seinem Vorbringen, wonach er Angst vor Einbrechern oder Russen gehabt habe,
die ihm ein Leid hätten antun wollen, handle es sich um eine Schutzbehauptung.
Wäre er tatsächlich von einer derartigen Gefahrensituation ausgegangen, wäre
die einzig logische Reaktion gewesen, sich, eventuell unter Behändigung der
Waffe im Zimmer zu verstecken und sich nicht demonstrativ offen und schutz- und
deckungslos mit der Waffe im Anschlag vor das Fenster hinzustellen. Ebenfalls
hätte er die Waffe in Richtung Eingangsbereich zum Büro gerichtet haben
müssen, da Einbrecher und auch gefährliche Russen nicht an der weit offenen
Terrassentüre vorbei gegangen wären, um durch ein geschlossenes Fenster hin-
durch zu schauen. Es sei auch absolut lebensfremd, annehmen zu wollen, dass
sich Einbrecher und Böses wollende Russen vorher durch Rufen an einer offenen
Terrassentüre ankündigten und vor sich warnten. Der Beschuldigte habe auch
- 23 -
sehr wohl gehört, dass eine Person etwas gerufen habe, und zwar auf Schwei-
zerdeutsch. Er habe daher auf keinen Fall davon ausgehen können, dass es sich
um einen Einbrecher oder um einen bösen Russen handeln würde, da, wie er-
wähnt, weder ein Einbrecher noch ein böser Russe sich durch Rufen an einer
offen stehenden Terrassentüre anmelden, sondern vielmehr ohne verbale Anmel-
dung in die Wohnung eindringen würden. Dass die Terrassentüre offen stand,
habe der Beschuldigte gewusst, habe er sie doch selber geöffnet und in offenem
Zustand belassen. Damit habe weder eine Notwehrsituation noch eine Pu-
tativnotwehrsituation vorgelegen (Urk. 75 S. 6-7; Urk. 101 S. 12 f.).
4.4. An der geltend gemachten Angst des Beschuldigten vor einem Angriff be-
stehen gewisse Zweifel. Es fällt auf, dass seine diesbezüglichen Aussagen im
Verlaufe der Untersuchung eine zunehmende Steigerung erfuhren. In der polizei-
lichen Einvernahme am Tattag sprach er lediglich davon, dass ihn das plötzliche
Auftauchen eines ihm unbekannten und unangemeldeten Mannes sehr erschreckt
habe. Er erklärte ausserdem, dass er nicht gerne habe, wenn jemand auf seinen
Sitzplatz komme, dass er niemandem die Türe aufmache, wenn er keinen Termin
habe und dass ihm sogar der Gärtner Bescheid gebe, wenn dieser komme
(Urk. 3/1 S. 2). Er verneinte ausdrücklich, dass der Privatkläger ihn bedroht habe
(Urk. 3/1 S. 4). In der Hafteinvernahme gab er ebenfalls an, erschrocken zu sein.
Er erwähnte nun auch zwei bis drei Einbruchversuche und zwei Einbrüche in
seine Wohnung in den letzten Jahren, und er betonte, dass jeder, der zu ihm
komme, sich telefonisch anmelde. Sodann erklärte er, dass er vier Jahre lang in
Russland mit seinem Auto mit Zürcher Nummer gefahren sei, weshalb man ihn
immer finden könne. Weiter verwies er auf einen zivilrechtlichen Prozess in Zürich
gegen bekannte Schweizer Unternehmer, bei welchem er Ankläger sei. Es gehe
um 80 bis 100 Millionen, wobei er viel Geld verloren habe. In diesem Zusammen-
hang sei er mehrfach verbal von Ausländern bedroht worden (Urk. 3/2 S. 6 u. 9).
Dass er zum Tatzeitpunkt Angst gehabt oder sich bedroht gefühlt habe, verneinte
er. Er habe sich so unangenehm gefühlt, dass er seine Pistole gezogen habe. Der
Privatkläger habe ihn nicht bedroht. Aber er sei in seinem Garten gewesen. Auf
die Frage, was er konkret befürchtet habe, stellte er klar, er habe nicht gesagt,
dass er sich gefürchtet habe. Er habe die Waffe genommen, um sich zu stärken;
- 24 -
dafür habe man eine Waffe (Urk. 3/2 S. 7). Erst anlässlich der staatsanwaltschaft-
lichen Einvernahme vom 24. November 2015, mithin mehrere Monate nach dem
Vorfall, sprach er erstmals davon, dass er sich in dem Moment bedroht gefühlt
habe (Urk. 3/3 S. 2 f. und S. 6). Was er in der damaligen Situation konkret be-
fürchtet hatte, vermochte er jedoch auch auf Nachfrage nicht zu sagen (Urk. 3/3
S. 6). Der Beschuldigte schilderte die Situation im Verlauf der Untersuchung somit
zunehmend bedrohlicher, wobei er letztlich im Dunkeln liess, worin die (vermeint-
liche) Bedrohung für ihn im Tatzeitpunkt genau bestanden haben soll. Dabei fällt
auf, dass er auch bei der angeführten latenten Bedrohung im Zusammenhang mit
seinem mehrjährigen Aufenthalt in Russland und einem Prozess in Zürich sehr
vage blieb. Zudem lassen sich die angeblichen unspezifischen Gefahren nicht
recht in Einklang damit bringen, dass der Beschuldigte gemäss eigenen Aus-
sagen oft die Sitzplatztüre offen lässt, wie er dies auch am fraglichen Morgen tat.
Der normal hohe Gartenhag und die mit "Kein Durchgang" beschilderte Gartentür,
die von jedermann geöffnet werden kann, bieten keinen wirksamen Schutz gegen
Eindringlinge. Auf der anderen Seite ist nicht zu übersehen, dass der Beschuldig-
te offenbar bereits mehrere Monate vor der Tat seine geladene und schussbereite
Waffe in seinem Büro deponierte, um sie bei Bedarf rasch behändigen zu können,
was gewisse Befürchtungen seinerseits nahelegt. Auch wurde offenbar tatsäch-
lich bereits einmal in die Wohnung des Beschuldigten eingebrochen, auch wenn
dies bereits längere Zeit zurückliegt und sich der Beschuldigte damals nicht in der
Wohnung befand (Urk. 3/3 S. 5). Entgegen der Staatsanwaltschaft lässt sich auch
nicht sagen, dass Einbrecher oder andere Personen in deliktischer Absicht in je-
dem Fall sogleich die Wohnung betreten hätten und sich keinesfalls durch Rufen
an einer offenen Terrassentüre angekündigt hätten. Gemäss Anklagesachverhalt
rief der Privatkläger ins Innere der Wohnung, ob jemand zugegen sei. Dies hätte
womöglich auch ein Einbrecher getan, um sicherzugehen, dass er weder vom
Hausbesitzer noch von anderen Personen während des geplanten Diebstahls ge-
stört würde. Die Situation präsentierte sich für den Beschuldigten damit letztlich
so, dass eine ihm unbekannte Person unerlaubterweise sein Grundstück betrat
und in die Wohnung rief, ob jemand da sei. Dass der Beschuldigte, der lediglich
angemeldeten Besuch empfängt und sein Gartentor extra mit dem Schild "Kein
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Durchgang" versehen hat, einen möglichen Angriff auf seine Person unter diesen
Umständen und vor dem Hintergrund diffuser Befürchtungen wegen seiner Ver-
gangenheit in Erwägung zog, mag zutreffen. Allerdings sah sich der Beschuldigte
entgegen der Verteidigung keineswegs mit einem unmittelbaren Angriff auf Leib
und Leben konfrontiert. Gemäss erstelltem Sachverhalt verhielt es sich so, dass
der Beschuldigte, als er den Privatkläger an der Terrassentür des Wohnzimmers
rufen hörte, sogleich mit geübten Griffen seine geladene und schussbereite
Faustfeuerwaffe hervorholte und den Privatkläger mit gezogener Waffe erwartete,
als dieser vor dem Bürofenster auftauchte. Der Beschuldigte hatte mithin die Waf-
fe behändigt und auf den Privatkläger gezielt, ohne dass Anzeichen einer Gefahr
gegen Leib und Leben vorhanden gewesen wären, die eine Verteidigung nahe
gelegt hätten. Weder hatte der Privatkläger eine drohende Haltung eingenommen
noch sich zum Kampfe vorbereitet oder Bewegungen gemacht, die in diesem
Sinne hätten gedeutet werden können. Von einem (vermeintlich) unmittelbar
drohenden Angriff auf Leib und Leben konnte der Beschuldigte somit auch nach
seiner eigenen Vorstellung nicht ausgehen. Dass er durch die Verteidigung das
Gegenteil behaupten lässt (Urk. 83 S. 5 f.), genügt dafür nicht; vielmehr hätte er
die Umstände nachweisen oder zumindest dartun müssen, die ihn (fälschlicher-
weise) zum Schluss veranlassten, ein Angriff auf seine körperliche Integrität stehe
unmittelbar bevor. Sodann konnte der Beschuldigte auch nicht glaubhaft machen,
dass er von einer Dauergefahr ausgegangen sei, aufgrund welcher er mit einem
Angriff ernstlich hätte rechnen müssen.
4.5. Gleiches trifft hinsichtlich eines allfällig befürchteten Angriffs auf sein Ei-
gentum (in Form eines Einbruchdiebstahls) zu, wobei der Beschuldigte gar nicht
geltend macht, die Pistole zur Abwehr eines Angriffs auf sein Eigentum behändigt
zu haben. Daraus ergibt sich, dass sich der Beschuldigte lediglich hinsichtlich der
(vermeintlichen) Verletzung seines Hausrechts auf eine Putativnotwehrlage beru-
fen kann (s. oben). Bezüglich des befürchteten Angriffs auf Leib und Leben fehlt
es dagegen an einer (Putativ-)Notwehrsituation, da ein diesbezüglicher Angriff
nicht im Gange war und auch gar nicht unmittelbar drohte (sog. extensiver Not-
wehrexzess). Das übersieht insbesondere auch die Verteidigung, wenn sie die
- 26 -
Subsidiarität und Proportionalität der Abwehrhandlung vorwiegend am behaupte-
ten unmittelbaren Angriff auf Leib und Leben misst.
4.6. Als der Beschuldigte seine Pistole ..., Modell .... 75, Kaliber 9 mm Para,
aus dem Ordnerversteck im Vitrinenschrank hervorholte und den Privatkläger mit
gezogener Waffe am Schreibtisch sitzend erwartete, befand sich diese im sog.
durchgeladenen Zustand. In der Waffe war ein Magazin mit sechs Patronen ein-
gesetzt, eine Patrone war bereits im Patronenlager, der Hammer entspannt. Für
eine Schussabgabe hätte lediglich der Abzug durchgezogen werden müssen
(Urk. 10/4-5; so auch der Beschuldigte in Urk. 3/2 S. 7 f.), wobei beim ersten
Schuss ein höheres Abzugsgewicht hätte überwunden werden müssen (Double
Action-Modus), während die darauf folgenden Schüsse im Single Action-Modus
(mit einem tieferen Abzugsgewicht) hätten erfolgen können (so die Staatsanwalt-
schaft in Urk. 75 S. 8 bzw. Urk. 101 S. 15); Letzteres wird von der Verteidigung zu
Recht nicht in Abrede gestellt). Das gezielte Richten der durchgeladenen Faust-
feuerwaffe gegen den Oberkörper des Privatklägers vor dem Bürofenster zur
Abwehr des im Gange befindlichen (vermeintlichen oder auch tatsächlichen) An-
griffs auf das Hausrecht war klarerweise nicht verhältnismässig. Das unbefugte
Betreten eines Privatgrundstücks berechtigt den Inhaber des Hausrechts nicht zu
einem derartigen Handeln in Wildwestmanier. Art und Intensität des Angriffs ste-
hen in keinem Verhältnis zur gewählten Vorgehensweise des Beschuldigten. Zwar
sind ähnliche Rechtsgüter betroffen (Hausrecht c. innere Freiheit/Sicherheits-
gefühl), welche bei einer weiten Betrachtung unter Umständen als gleichartig im
Sinne einer Freiheit des Willens bezeichnet werden könnten (s. dazu Trechsel/
Mona, in: Trechsel/Pieth, Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar,
3. Aufl., Zürich 2018, Art. 180 N 1 und Art. 186 N 1). Jedoch wiegt der (vermeint-
liche) Angriff durch den Privatkläger auf das Hausrecht relativ gering, hatte dieser
doch lediglich den Garten gegen den mittels Umfriedung und Schild "Kein Zutritt"
geäusserten Willen des Beschuldigten betreten und war der Hausfassade entlang
zur Terrassentür gelangt, wo er rief, ob jemand zugegen sei. Demgegenüber
handelt es sich bei der Abwehrhandlung des Beschuldigten sowohl von der Art
des Abwehrmittels (grosskalibrige Faustfeuerwaffe) als auch von der tatsäch-
lichen Verwendung um eine erhebliche Verletzung des geschützten Rechtsgutes.
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Mit einer durchgeladenen Waffe dieses Typs aus relativ naher Distanz auf den
Oberkörper eines Menschen zu zielen, ist zudem äusserst gefährlich, selbst wenn
sich dazwischen wie hier noch eine Fensterscheibe befand. Das musste auch
dem Beschuldigten bekannt sein, der als ehemaliger Hauptmann im Militär nicht
nur an der betreffenden Waffe – seiner ehemaligen Dienstwaffe – geschult ist,
sondern darüber hinaus Soldaten den korrekten und sicheren Umgang mit Waffen
beizubringen hatte. Dass der Privatkläger nicht sicher wusste, ob die Faustfeuer-
waffe durchgeladen ist, ist hier irrelevant. Denn die Verhältnismässigkeit der Ab-
wehr ist aufgrund derjenigen Situation zu beurteilen, in der sich der rechtswidrig
Angegriffene, hier der Beschuldigte, im Zeitpunkt seiner Tat befand. Abgesehen
davon führte der Privatkläger aus, er habe um sein Leben gefürchtet; er habe
nicht gewusst, ob der Beschuldigte abdrücke oder nicht (Urk. 5 S. 8), was zeigt,
dass er von einer potentiell tödlichen Gefahrenlage ausging.
4.7. Unter dem Gesichtspunkt der Gefährlichkeit des Handelns des Beschuldig-
ten hat die Vorinstanz die Rechtsprechung zur zurückhaltenden Verwendung von
gefährlichen Werkzeugen (Messer, Schusswaffen etc.) zur Abwehr herangezo-
gen. Dabei hat sie nicht verkannt, dass es vorliegend gar nicht zum "Einsatz" bzw.
Abfeuern der Waffe kam. Sie hat aber überzeugend erwogen, dass in Anlehnung
zu besagter Rechtsprechung der Beschuldigte gehalten gewesen wäre, auf ande-
re Weise auf den vermeintlichen Angriff zu reagieren als mit einer Bedrohung mit
einer Faustfeuerwaffe (Urk. 64 S. 17). Die erwähnte Rechtsprechung (statt vieler
s. BGE 136 IV 49, E. 3.5) wird damit begründet, dass der Einsatz der gefährlichen
Gegenstände stets die Gefahr schwerer oder gar tödlicher Verletzungen mit sich
bringt. Gemäss Bundesgericht besteht unmittelbare Lebensgefahr im Sinne von
Art. 129 StGB, wenn jemand eine geladene Pistole mit der Kugel im Lauf (bzw.
der Kugel im Patronenlager) auf nahestehende Personen richtet, auch wenn er
dabei einen relativ grossen Widerstand – konkret 5,5 kg – überwinden muss, um
den Abzugshahn durchzudrücken (BGE 121 IV 67, E. 2d). Daraus ergibt sich,
dass auch das nahezu identische Handeln des Beschuldigten gefährlich war,
weshalb – wie bei der eigentlichen Verwendung von gefährlichen Gegenständen
zur Abwehr – Zurückhaltung beim Zielen mit durchgeladenen Schusswaffen auf
den (tatsächlichen oder vermeintlichen) Angreifer geboten ist.
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Zur Durchsetzung seines Rechts auf Hausfrieden wären dem Beschuldigten so-
dann mildere Mittel als die sofortige Behändigung seiner Schusswaffe mit geziel-
tem Richten gegen den Oberkörper des Privatklägers zur Verfügung gestanden.
Es wäre dem Beschuldigten zuzumuten gewesen, die ihm unbekannte Person
verbal aufzufordern, sein Grundstück unverzüglich zu verlassen; dabei hätte er
diese Aufforderung auch sogleich mittels körperlichem Zwang durchsetzen dürfen
oder mit der Warnung, er werde sonst die Polizei benachrichtigen, kombinieren
können. Wäre ihm dies als ungeeignetes Mittel erschienen, hätte er dem ver-
meintlichen Eindringling in seinem Garten auch erklären können, dass er, der
Beschuldigte, bewaffnet sei. Somit wären ihm eine oder sogar mehrere erfolgs-
versprechende Handlungsalternativen zur Verfügung gestanden. Daraus ergibt
sich, dass der Beschuldigte die Grenzen der Notwehr missachtet hat. Es liegt
damit ein Putativnotwehrexzess vor.
4.8. Entgegen der Verteidigung kann sie aus dem Entscheid der Kammer vom
21. Mai 2012 (Prozess Nr. SB110712) nichts anderes ableiten. Zwar ging es dort
ebenfalls um einen Hausbesitzer, der sich gegen die Verletzung seines Haus-
rechts durch einen Eindringling zur Wehr setzte. Nachdem sich dieser geweigert
hatte, das Grundstück zu verlassen, holte der Hausbesitzer seine Waffe und
schoss dem Eindringling direkt vor die Füsse, wodurch dieser Beinverletzungen
erlitt. Die Kammer erwog in diesem Zusammenhang zwar auch, der (dortige)
Beschuldigte hätte deutlich seitlich neben dem Privatkläger einen Warnschuss
abgeben können. Die Überschreitung des Notwehrrechts wurde aber von der
Kammer vor allem deshalb bejaht, weil der Hausbesitzer – in Übereinstimmung
mit der vorerwähnten Rechtsprechung – die Schussabgabe vorgängig nicht an-
gedroht hatte. Jedenfalls kann aus dem fraglichen Entscheid nicht abgeleitet
werden, dass nach Ansicht der Kammer Warnschüsse gegen einen Eindringling
stets gerechtfertigt wären. Zudem unterscheidet sich jener Fall von der heute zu
beurteilenden Konstellation, weil der Beschuldigte den Privatkläger vorliegend
noch gar nicht zum Verlassen des Grundstücks aufgefordert hatte. Im vorliegen-
den Fall bestanden wie dargelegt andere Handlungsalternativen, die der Beschul-
digte hätte ergreifen können und müssen.
- 29 -
4.9. Am vorliegenden Ergebnis – Handeln im Putativnotwehrexzess – ändert
sich selbst dann nichts, wenn davon ausgegangen würde, dass sich die Tat, wie
vom Beschuldigten dargestellt, abgespielt hätte. Denn auch hier ist unbestritten,
dass der Privatkläger weder eine Waffe in der Hand hielt noch irgendwelche
Bewegungen machte, die als Vorbereitung zum Kampf hätten gedeutet werden
können. Zudem waren der Beschuldigte und der Privatkläger durch eine Fenster-
scheibe getrennt. Der Privatkläger hätte den Beschuldigten von seinem Standort
aus gar nicht unmittelbar angreifen können. Es fehlt auch bei dieser Sach-
verhaltsvariante somit an der Unmittelbarkeit eines (vermeintlich befürchteten)
Angriffs auf Leib und Leben. Im Übrigen kann auf die vorstehenden Erwägungen
verwiesen werden.
5. Mit der Vorinstanz ist auch der seitens der Verteidigung geltend gemachte
Schuldausschlussgrund im Sinne von Art. 16 Abs. 2 StGB (Handeln in entschuld-
barer Aufregung oder Bestürzung über den Angriff) zu verneinen. Dafür wäre
vorausgesetzt, dass auch ein rechtlich gesinnter Mensch durch die Verletzung
des Hausrechts in Aufregung und Bestürzung geraten wäre und deshalb die
Grenzen der Notwehr überschritten hätte. Davon kann nach den gesamten
Umständen nicht ausgegangen werden. Es kann hierzu zunächst auf die Er-
wägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). Ergänzend ist
festzuhalten, dass ein extensiver Notwehrexzess keine Berufung auf Art. 16
Abs. 2 StGB erlaubt.
6. Damit ist der vorinstanzliche Schuldspruch zu bestätigen.
V. Sanktion
1. Ausgangslage
1.1. Die Vorinstanz hat den Beschuldigten mit einer Geldstrafe von 60 Tages-
sätzen zu Fr. 30.–, unter Gewährung des bedingten Vollzuges, bestraft. Daran
angerechnet hat sie zwei Tage Haft (Urk. 64 S. 26).
- 30 -
1.2. Die Verteidigung hat die vorinstanzliche Strafzumessung im Grundsatz
nicht kritisiert (Urk. 65; Urk. 83). Demgegenüber verlangt die Staatsanwaltschaft
im Rahmen ihrer Anschlussberufung die Ausfällung einer höheren Strafe und
beantragt eine (unbedingte) Freiheitsstrafe von 8 Monaten (Urk. 101 S. 6).
2. Grundlagen der Strafzumessung
Die Vorinstanz hat die theoretischen Grundlagen zur Strafzumessung richtig
dargelegt und auch den für Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB anwend-
baren Strafrahmen korrekt bemessen. Sie hat weiter zutreffend festgehalten, dass
Strafmilderungsgründe nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung grundsätz-
lich innerhalb des ordentlichen Strafrahmens zu berücksichtigen sind und dies
beim hier anwendbaren Strafmilderungsgrund des Putativnotwehrexzesses nicht
anders zu handhaben ist.
3. Tatkomponente
3.1. Betreffend die objektive Tatschwere hielt die Vorinstanz fest, der Beschul-
digte habe dem Privatkläger zwar einen Eingriff in das höchste Rechtsgut, Leib
und Leben, angedroht, indem er eine Faustfeuerwaffe auf ihn gerichtet gehabt
habe. Zudem habe er den Privatkläger einer grossen Gefährdung ausgesetzt, sei
die Waffe doch geladen gewesen. Es sei indes zu berücksichtigen, dass der Vor-
fall nur wenige Sekunden gedauert habe und der Beschuldigte die Waffe sofort
wieder weggelegt habe, nachdem er erkannt habe, dass es sich beim Privatkläger
um einen Polizeibeamten gehandelt habe. Das Verschulden sei insgesamt als
noch leicht zu gewichten (Urk. 64 S. 21). Der Ladezustand der Waffe kann jedoch
entgegen den Ausführungen der Vorinstanz bei der Beurteilung der Tatkompo-
nente des Tatbestands der Drohung gegen den Privatkläger nicht massgebend
sein. Das direkte Zielen mit einer grosskalibrigen Faustfeuerwaffe auf den Ober-
körper eines Menschen ist eine grundsätzlich erhebliche Androhung einer Gefahr
für Leib und Leben mit einem massiven Tatmittel. Die implizite Todesdrohung
oder Androhung schwerer Verletzung setzte dem Privatkläger denn auch erheb-
lich zu. Allerdings sind entgegen der Staatsanwaltschaft noch schwerwiegendere
Tatvarianten vorstellbar. Zudem dauerte gemäss Anklagesachverhalt die Drohung
- 31 -
in der Tat nur äusserst kurz. Das hängt aber auch damit zusammen, dass sich der
Privatkläger in Anbetracht der Bedrohungssituation sofort zurückzog. Die objek-
tive Tatschwere ist unter diesen Umständen als nicht mehr leicht zu gewichten.
3.2. Der Beschuldigte handelte direktvorsätzlich. Es kann ihm aber zugute ge-
halten werden, dass er die Tat nicht geplant hatte, sondern spontan handelte.
Daran ändert auch der Umstand nichts, dass er die Waffe seit einiger Zeit in
durchgeladenem Zustand im mehrfach erwähnten Versteck im Büro aufbewahrt
hatte.
Das Mass der Verschuldensreduktion für den Notwehrexzess hängt davon ab, wie
stark der Täter das Notwehrrecht überschritten hat. Vorliegend griff der Beschul-
digte sogleich zur Waffe, als er eine Person bemerkte, die sich (vermeintlich)
rechtswidrig in seinem Garten aufhielt und durch Rufen fragte, ob jemand zuge-
gen sei. Auch wenn man die diffusen Ängste des Beschuldigten einbezieht, war
seine Reaktion klar unangemessen, weshalb von einer deutlichen Überschreitung
seines Notwehrrechts auszugehen ist. Die objektive Tatschwere wird durch die
subjektive Tatschwere daher leicht relativiert.
3.3. Insgesamt erweist sich für die Tatkomponente eine Strafe im Bereich von
7 Monaten resp. 210 Tagessätzen als angemessen.
4. Täterkomponente
4.1. Zu den persönlichen Verhältnissen hat die Vorinstanz unter Verweis auf die
Aussagen des Beschuldigten in der Untersuchung ausgeführt, dass er eine in
Russland lebende Partnerin habe, welche von ihm unterstützt werde. Er sei
Eigentümer eines Einfamilienhauses in D._/TG, welches er vermietet habe.
Aus den Mieterträgen habe er monatlich Fr. 1'200.– zur Verfügung. Er sei Be-
triebsökonom HWV und arbeite bei einem Unternehmen namens E._ AG mit
Sitz F._/SZ. Ergänzend ist festzuhalten, dass ihm die Arbeitgeberin Woh-
nungsmiete und Auto bezahlt, ihm wegen Liquiditätsproblemen jedoch keinen zu-
sätzlichen Lohn ausbezahle (Urk. 64 S. 21). Im Übrigen sind die Einkommensver-
- 32 -
hältnisse des Beschuldigten unklar – auch weil er anlässlich der heutigen Beru-
fungsverhandlung die Aussagen zur Person (und zur Sache) verweigerte.
Mit der Vorinstanz sind den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten keine
für die Strafzumessung relevanten Kriterien zu entnehmen.
4.2. Die im vorinstanzlichen Urteil aufgeführte Vorstrafe wegen Verkehrsdelik-
ten ist zwischenzeitlich gelöscht (Urk. 91) und hier nicht mehr relevant. Hingegen
ergibt sich, dass gegen den Beschuldigten von der Staatsanwaltschaft Winterthur/
Unterland weitere Strafuntersuchungen wegen Drohung geführt werden. Ein
Strafentscheid ist jedoch noch nicht ergangen, weshalb auf die entsprechenden
Vorwürfe nicht weiter einzugehen ist. Es gilt die Unschuldsvermutung. In objek-
tiver Hinsicht ergibt sich damit nichts, was für das vorliegende Verfahren relevant
ist.
4.3. In subjektiver Hinsicht wirkt sich das Teilgeständnis des Beschuldigten aus,
auch wenn der Beschuldigte die Verantwortung für den Vorfall weitgehend auf
den Privatkläger schiebt und es daher an echter Einsicht und Reue zu vermissen
lassen scheint.
4.4. Alles in allem erweist sich nach Berücksichtigung der Tat- und Täter-
komponenten eine Strafe von 6 Monaten bzw. 180 Tagessätzen als angemessen.
5. Strafart
Der Beschuldigte erscheint heute als Ersttäter. In Anbetracht der heute auszu-
sprechenden Strafe ist auf eine Geldstrafe zu erkennen. Die Tagessatzhöhe von
Fr. 30.– wurde von niemandem beanstandet, erweist sich als angemessen und ist
somit zu bestätigen. Anzurechnen ist die erstandene Haft, welche die Vorinstanz
auf zwei Tage aufgerundet hat, was auch im Berufungsverfahren nicht anders zu
handhaben ist.
6. Vollzug
Ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte heute Ersttäter ist, ist auf die
Minimalprobezeit von zwei Jahren zu erkennen. Für den Beschuldigten gilt die
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Unschuldsvermutung, weshalb die laufenden Strafuntersuchungen wegen Dro-
hung hier entgegen der Ansicht der Staatsanwaltschaft (Urk. 101 S. 16 f.) keine
Rolle spielen dürfen.
VI. Einziehungen
1. Die Vorinstanz verfügte gestützt auf Art. 69 StGB die Einziehung und Ver-
nichtung der beschlagnahmten Pistole (..., Modell .... 75, Kaliber 9 mm Para) so-
wie der ebenfalls beschlagnahmten Munition (17 Patronen Fabrikat ... Kaliber 9
mm Para). Der Beschuldigte lässt dies berufungsweise anfechten und verlangt die
Herausgabe an ihn (Urk. 65 S. 2; Urk. 83 S. 13). Dies begründet er mit dem bean-
tragten Freispruch.
2. Der Beschuldigte ist heute der Drohung schuldig zu sprechen. Die Voraus-
setzungen zur Einziehung der genannten Waffe nach Art. 69 StGB sind offen-
sichtlich gegeben. Die Pistole diente dem Beschuldigten als Tatmittel. Die künftige
Gefährdung der Sicherheit von Menschen ist ebenfalls zu bejahen. Davon muss
auch hinsichtlich der ebenfalls beschlagnahmten Munition für besagte Waffe
ausgegangen werden. Waffe und Munition sind somit in Übereinstimmung mit
dem vorinstanzlichen Erkenntnis einzuziehen.
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Ausgangsgemäss ist die vorinstanzliche Kostenauflage zu bestätigen
(Art. 426 Abs. 1 StPO).
2. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist praxisgemäss auf
Fr. 3'000.– festzusetzen.
3. Im Berufungsverfahren unterliegt der appellierende Beschuldigte mit seinen
Anträgen vollumfänglich. Die anschlussappellierende Anklagebehörde obsiegt im
Ergebnis im Schuldpunkt, unterliegt aber teilweise im Strafpunkt. Bei einer in-
teressengemässen Gewichtung und unter Berücksichtigung des Rückzugs der
Hauptberufung der Staatsanwaltschaft rechtfertigt es sich, dem Beschuldigten die
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Kosten zu 4/5 aufzuerlegen und zu 1/5 auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die
Kosten der amtlichen Verteidigung sind im Umfang von 4/5 einstweilen und im
Übrigen definitiv auf die Gerichtskasse zu nehmen. Hinsichtlich der einstweilen
auf die Gerichtskasse genommenen Kosten bleibt die Nachzahlungspflicht des
Beschuldigten vorbehalten (Art. 135 Abs. 4 StPO).
Der amtliche Verteidiger reichte dem Gericht eine Honorarnote über Fr. 6'852.35
(inkl. Barauslagen und MwSt) ein, wobei für die Berufungsverhandlung und die
Urteilseröffnung inkl. Weg ein Aufwand von 51⁄2 Stunden veranschlagt wurde
(Urk. 93). Der geltend gemachte Aufwand und die Barauslagen erscheinen
grundsätzlich angemessen, die Berufungsverhandlung inklusive Urteilseröffnung
dauerte jedoch lediglich 21⁄2 Stunden. Hinzuzurechnen ist noch 1 Stunde Weg,
womit insgesamt 31⁄2 Stunden für die Berufungsverhandlung zu entschädigen
sind. Rechtsanwalt lic. iur. X._ ist damit für seine ausgewiesenen Aufwen-
dungen und Auslagen im Berufungsverfahren mit Fr. 6'400.– (inkl. Barauslagen
und MwSt.) zu entschädigen.