Decision ID: 66128dc9-0def-4574-a810-d0ae79ff87d4
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_006
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Der Einzelrichter entnimmt den Akten:
A.
Der Gesuchsgegner reiste eigenen Angaben zufolge am 7. Juni 2016
illegal in die Schweiz ein und ersuchte gleichentags in Altstätten um Asyl
(Akten des Amts für Migration und Integration [MI-act.] 2 f.; 7).
Mit Entscheid vom 28. Februar 2017 lehnte das Staatssekretariat für
Migration (SEM) das Asylgesuch des Gesuchsgegners vom 7. Juni 2016
ab, wies ihn aus der Schweiz weg, ordnete an, er habe die Schweiz bis am
25. April 2017 zu verlassen und beauftragte den Kanton Aargau mit dem
Vollzug der Wegweisung (MI-act. 18 ff.).
Gegen diesen Entscheid erhob der Gesuchsgegner am 23. März 2017
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und ersuchte unter anderem
um Erlaubnis, sich bis zum Ausgang des Verfahrens in der Schweiz
aufzuhalten. Mit Zwischenverfügung vom 29. März 2017 verfügte das
Bundesverwaltungsgericht, der Gesuchsgegner dürfe den Ausgang des
Verfahrens in der Schweiz abwarten (MI-act. 28 ff.). Mit Entscheid vom
20. April 2017 trat dieses auf die Beschwerde nicht ein (MI-act. 33 ff.),
womit der Asyl- und Wegweisungsentscheid des SEM vom 28. Februar
2017 in Rechtskraft erwuchs. Das SEM setze die Ausreisefrist neu auf den
19. Mai 2017 an (MI-act. 38 f.).
Anlässlich des Ausreisegesprächs gab der Gesuchsgegner dem Amt für
Migration und Integration Kanton Aargau (MIKA) am 16. Mai 2017 an, nicht
wieder in sein Heimatland ausreisen zu wollen und nicht bei der
Beschaffung von Reisepapieren mitwirken zu können (MI-act. 43 f.).
Daraufhin ersuchte das MIKA das SEM gleichentags um
Vollzugsunterstützung bei der Papierbeschaffung (MI-act. 45 f.).
Am 14. Juni 2017 gab der Gesuchsgegner anlässlich des rechtlichen
Gehörs betreffend die Anordnung einer Rayonauflage zu Protokoll, er habe
bisher keine Schritte bezüglich der Papierbeschaffung unternommen (MI-
act. 53).
Mit Verfügung vom 14. Juni 2017 grenzte das MIKA den Gesuchsgegner
gestützt auf Art. 74 Abs. 1 lit. b des Bundesgesetzes über die
Ausländerinnen und Ausländer vom 16. Dezember 2005 (Ausländergesetz,
AuG; SR 142.20; heute Bundesgesetz über die Ausländerinnen und
Ausländer und über die Integration vom 16. Dezember 2005 [Ausländer-
und Integrationsgesetz, AIG; SR 142.20]) auf das Gebiet des Kantons
Aargau ein und gleichzeitig gestützt auf Art. 74 Abs. 1 lit. a AuG aus dem
Gebiet der Stadt Aarau aus (MI-act. 54 ff.). Die Verfügung wurde dem
Gesuchsgegner gleichentags eröffnet (MI-act. 61).
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Am 14. Juni 2017 ersuchte das MIKA das SEM erneut um
Vollzugsunterstützung, nachdem der Gesuchsgegner seine Mitwirkung zur
Papierbeschaffung verweigert hatte (MI-act. 66 f.). Am 19. Juni 2017 setzte
das SEM das MIKA in Kenntnis, dass der Gesuchsgegner auf die Liste der
zentralen Befragung von Gambia und Senegal gesetzt worden sei (MI-
act. 68).
Am 26. September 2017 nahm der Gesuchsgegner an der zentralen
Befragung mit einer Delegation der Republik Senegal teil (MI-act. 79, 89 f.).
Gleichentags teilte das SEM dem MIKA mit, dass der Gesuchsgegner als
Verifikationsfall beurteilt worden sei (MI-act. 89, 91).
Am 13. Dezember 2017 nahm der Gesuchsgegner an der zentralen
Befragung mit einer Delegation der Republik Gambia teil (MI-act. 98 f.). Mit
Schreiben vom 13. Dezember 2017 teilte das SEM dem MIKA mit, dass der
Gesuchsgegner anlässlich der Befragung durch die gambische Delegation
nicht anerkannt worden sei (MI-act 104 f.). Am 18. Dezember 2017 teilte
das SEM dem MIKA mit, dass die gambische Delegation eine Herkunft aus
Senegal vermute (MI-act. 106).
Mit E-Mail vom 7. Juni 2019 teilte das SEM dem MIKA mit, dass der
Gesuchsgegner gemäss Angaben der senegalesischen Delegation vom
September 2017 B. heisse und vermutlich aus Senegal stamme (MI-
act. 199). Am 25. September 2019 nahm der Gesuchsgegner erneut an der
zentralen Befragung mit einer Delegation der Republik Senegal teil und
wurde als Verifikationsfall beurteilt (MI-act. 222 f., 226 f.). Mit Schreiben
vom 9. Oktober 2019 informierte das SEM das MIKA darüber, dass der
Gesuchsgegner an der zentralen Befragung durch eine Delegation der
Republik Senegal mit senegalesischem Akzent gesprochen und behauptet
habe, er sei aus Gambia. Zudem habe der Gesuchsgegner die
Telefonnummer seiner Schwester, welche in Senegal lebe, mitgeteilt (MI-
act. 228).
Mit E-Mail vom 21. Februar 2020 teilte das SEM dem MIKA mit, dass der
Gesuchsgegner gemäss der offiziellen Mitteilung des senegalesischen
Aussenministeriums von den senegalesischen Behörden nicht anerkannt
worden sei und eine Herkunft aus Mali vermutet werde (MI-act. 238).
Folglich nahm der Gesuchsgegner am 10. März 2020 an der zentralen
Befragung durch eine Delegation von Mali teil (MI-act. 239 f.). Mit
Schreiben vom 18. März 2020 teilte das SEM dem MIKA mit, dass der
Gesuchsgegner – nachdem er sich geweigert hatte, mit der malischen
Delegation zu kooperieren – von den malischen Behörden nicht anerkannt
worden sei (MI-act. 245 f.). Am 6. April 2020 informierte das SEM das MIKA
darüber, dass für die zweite Hälfte 2020 die nächste zentrale Befragung
durch die Delegation der Republik Gambia geplant sei (MI-act. 246).
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Gemäss Vollzugs- und Erledigungsbericht des MIKA vom 4. September
2020 galt der Gesuchsgegner ab dem 22. Juli 2020 als unbekannten
Aufenthalts (MI-act. 294) und wurde am 12. Januar 2021 im Rahmen des
Dublin-Verfahrens aus den Niederlanden in die Schweiz rücküberstellt (MI-
act. 297 f.).
Am 18. Januar 2021 teilte das SEM dem MIKA mit, dass der
Gesuchsgegner auf die Liste für die nächste zentrale Befragung durch eine
Delegation der Republik Gambia gesetzt worden sei (MI-act. 312). Mit E-
Mail vom 19. März 2021 informierte das SEM das MIKA, dass der
Gesuchsgegner von der Delegation der Republik Gambia nicht anerkannt
worden sei (MI-act. 323).
Mit Urteil des Bezirksgerichts Kulm vom 23. Februar 2021 wurde der
Gesuchsgegner wegen Brandstiftung gemäss Art. 221 Abs. 1 des
Schweizerischen Strafgesetzbuchs vom 21. Dezember 1937 (StGB;
SR 311.0) und der mehrfachen Missachtung der Ein- und Ausgrenzung
gemäss Art. 119 Abs. 1 AIG zu einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten
verurteil und gestützt auf Art. 66a Abs. 1 lit. d StGB für sechs Jahre des
Landes verwiesen (MI-act. 342 ff.).
Am 9. Juni 2021 beauftragte das MIKA das Bezirksgefängnis Zofingen mit
der Durchsuchung der Effekten des Gesuchsgegners auf Reise- oder
Identitätspapiere (MI-act. 329 f.), worauf das Bezirksgefängnis Zofingen
dem MIKA mit E-Mail vom 9. Juni 2021 mitteilte, dass keine
Ausweispapiere beim Gesuchsgegner gefunden worden seien (MI-
act. 332).
Anlässlich des Ausreisegesprächs vom 12. Oktober 2021 gab der
Gesuchsgegner erneut zu Protokoll, nicht in seinen Heimatstaat
zurückkehren zu wollen und verweigerte jegliches Mitwirken bei der
Papierbeschaffung (MI-act. 353 ff.). Mit Schreiben vom 6. September
2022, welches dem Gesuchsgegner gleichentags ausgehändigt worden
war, forderte das MIKA den Gesuchsgegner erneut auf, bei der
Papierbeschaffung mitzuwirken und dem MIKA unverzüglich gültige
Reisedokumente oder andere Identitätspapiere vorzulegen (MI-act. 362 f.,
368).
Am 6. September 2022 beauftragte das MIKA die Justizvollzugsanstalt
Lenzburg mit der Durchsuchung der Effekten des Gesuchsgegners auf
Reisepapiere, Identitätsausweise oder andere Dokumente, die auf die
Identität der Person Hinweise geben könnten (MI-act. 366 f.). In der Folge
informierte die Justizvollzugsanstalt Lenzburg das MIKA darüber, dass die
Kontrolle der Zelle sowie der persönlichen Effekten bezüglich eines
Identitätspapiers negativ verlaufen seien (MI-act. 372 f.).
- 5 -
Am 9. September 2022 wurde der Gesuchsgegner dem MIKA zugeführt
und am 10. September 2022 aus dem Strafvollzug entlassen (MI-act. 364,
376 f.).
Im Anschluss an die Gewährung des rechtlichen Gehörs eröffnete das
MIKA dem Gesuchsgegner am 9. September 2022 die Anordnung der
Durchsetzungshaft für die Dauer von einem Monat (MI-act. 382 ff.). Mit
Urteil vom 12. September 2022 wurde die angeordnete Durchsetzungshaft
für die Dauer von einem Monat bis zum 9. Oktober 2022 durch den
Einzelrichter des Verwaltungsgerichts bestätigt (WPR.2022.60; MI-
act. 400 ff.).
Die durch das MIKA angeordnete Verlängerung der Durchsetzungshaft
wurde mit Urteil des Einzelrichter des Verwaltungsgerichts vom 4. Oktober
2022 (WPR.2022.69; MI-act. 422 f.) bis zum 9. Dezember 2022, 12.00 Uhr,
bestätigt.
Mit Schreiben vom 20. Oktober 2022, überreicht am 25. Oktober 2022,
stellte das SEM erneut einen Identifizierungsantrag an die malischen
Behörden (MI-act. 436).
B.
Am 30. November 2022 gewährte das MIKA dem Gesuchsgegner das
rechtliche Gehör betreffend Verlängerung der Durchsetzungshaft (MI-
act. 453 f.). Im Anschluss an die Befragung wurde dem Gesuchsgegner die
Verlängerung der Durchsetzungshaft wie folgt eröffnet (act. 1):
1. Die Durchsetzungshaft wird gestützt auf Art. 78 AIG um zwei Monate bis zum 9. Februar 2023, 12.00 Uhr, verlängert.
2. Die Haft wird im Ausschaffungszentrum Aarau oder im Zentrum für ausländerrechtliche Administrativhaft Zürich vollzogen.
C.
Im Rahmen der Gewährung des rechtlichen Gehörs äusserte sich der
Gesuchsgegner dahingehend, dass er auf die Durchführung einer
mündlichen Verhandlung zur Überprüfung der angeordneten Verlängerung
der Durchsetzungshaft verzichte (MI-act. 454; 460).
D.
Mit Verfügung vom 30. November 2022 wurde die Anordnung der
Haftverlängerung samt den migrationsamtlichen Akten dem amtlichen
Rechtsvertreter des Gesuchsgegners zur allfälligen Stellungnahme bis
zum 6. Dezember 2022 (Eingang) zugestellt (act. 6 f.). Gleichzeitig wurde
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darauf hingewiesen, dass über die Haftverlängerung aufgrund der Akten
entschieden werde, wenn innert Frist keine Stellungnahme eingehe.
Der amtliche Vertreter reichte am 30. November 2022 seine Stellungnahme
ein und beantragte, die Verlängerung der Durchsetzungshaft um
zwei Monate sei nicht zu bestätigen (act. 10 f.).

Der Einzelrichter zieht in Erwägung:
I.
1.
Eine bestehende Durchsetzungshaft kann mit Zustimmung der
richterlichen Behörde jeweils um zwei Monate verlängert werden (Art. 78
Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer und
über die Integration vom 16. Dezember 2005 [Ausländer- und
Integrationsgesetz, AIG; SR 142.20]). Auf Gesuch der inhaftierten Person
überprüft das angerufene Gericht die Rechtmässigkeit und
Angemessenheit der durch das MIKA angeordneten Verlängerung der
Durchsetzungshaft aufgrund einer mündlichen Verhandlung innerhalb von
acht Arbeitstagen nach Einreichung des Gesuchs (Art. 78 Abs. 4 AIG).
Verzichtet der Inhaftierte auf eine mündliche Verhandlung, entscheidet die
richterliche Behörde vor Ablauf der bereits bewilligten Haft aufgrund der
Akten über die Verlängerung der Durchsetzungshaft (Urteil des
Bundesgerichts 2C_1089/2012 vom 22. November 2012, Erw. 3.2.1).
2.
Im vorliegenden Fall wurde die bestehende Haft bis zum 9. Dezember
2022, 12.00 Uhr bestätigt (Entscheid des Verwaltungsgerichts
WPR.2022.69 vom 4. Oktober 2022; MI-act. 422 f). Am 30. November
2022 ordnete das MIKA die Haftverlängerung an (act. 456 f.). Anlässlich
des rechtlichen Gehörs verzichtete der Gesuchsgegner auf die
Durchführung einer mündlichen Verhandlung zur Überprüfung der
angeordneten Haftverlängerung (act. 454; 460). Die heutige Überprüfung
erfolgt daher ohne Befragung des Gesuchsgegners, gestützt auf die Akten,
und vor Ablauf der bereits bewilligten Haft.
II.
1.
Hat eine Person ihre Pflicht zur Ausreise aus der Schweiz innerhalb der ihr
angesetzten Frist nicht erfüllt und kann die rechtskräftige Weg- oder
Ausweisung aufgrund ihres persönlichen Verhaltens nicht vollzogen
werden, so kann sie, um der Ausreisepflicht Nachachtung zu verschaffen,
in Durchsetzungshaft genommen werden, sofern die Anordnung der
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Ausschaffungshaft nicht zulässig ist und eine andere mildere Massnahme
nicht zum Ziel führt (Art. 78 Abs. 1 AIG).
Zuständige kantonale Behörde im Sinne von Art. 78 Abs. 3 AIG ist gemäss
§ 13 Abs. 1 des Einführungsgesetzes zum Ausländerrecht vom
25. November 2008 (EGAR; SAR 122.600) das MIKA. Im vorliegenden Fall
wurde die Haftverlängerung durch das MIKA und damit durch die
zuständige Behörde angeordnet (act. 1 ff.).
2.
2.1.
Das MIKA begründet seine Haftverlängerung damit, dass der
Gesuchsgegner nach wie vor keine Kooperationsbereitschaft hinsichtlich
seiner Ausreise zeige. Mit der Verlängerung der Durchsetzungshaft solle
er weiterhin angehalten werden, bei der Ausreise zu kooperieren. Der
Haftzweck ist damit erstellt.
2.2.
Zu prüfen ist weiter, ob ein rechtskräftiger Weg- oder
Ausweisungsentscheid vorliegt.
Wie bereits mit Urteil betreffend Anordnung der Durchsetzungshaft vom
12. September 2022 festgestellt wurde, liegt mit Urteil des Bezirksgerichts
Kulm vom 23. Februar 2021 ein rechtskräftiger Wegweisungsentscheid
gegen den Gesuchsgegner vor (Entscheid des Verwaltungsgerichts
WPR.2022.60 vom 12. September 2022, Erw. II/2.2.; MI-act. 405).
2.3.
Die Anordnung einer Durchsetzungshaft ist nur dann zulässig, wenn dem
Betroffenen eine Ausreisefrist angesetzt wurde und er innerhalb dieser Frist
nicht ausgereist ist.
Gemäss der Anordnung des SEM hätte der Gesuchsgegner die Schweiz
bis zum 25. April 2017 (ablehnender Asylentscheid; Ml-act. 18 ff.) bzw.
19. Mai 2017 (Neuansetzung Ausreisefrist; Ml-act. 38 f.) verlassen müs-
sen. In der Folge lief die dem Gesuchsgegner angesetzte Frist am 19. Mai
2017 ab, ohne dass dieser aus der Schweiz ausgereist wäre.
Offensichtlich war der Gesuchsgegner zwischen dem 22. Juli 2020 und
seiner Rückführung aus der Niederlande vom 12. Januar 2021 dennoch
aus der Schweiz ausgereist. Zwar hatte der Gesuchsgegner, nachdem er
mit rechtskräftigem Urteil des Bezirksgerichts Kulm vom 23. Februar 2021
im Sinne von Art. 66a StGB des Landes verwiesen wurde, keine
Möglichkeit, die Schweiz selbständig zu verlassen, da er seit dem Urteil im
Strafvollzug war und unmittelbar anschliessend in Administrativhaft
genommen wurde. Die Einräumung einer Ausreisemöglichkeit erweist sich
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jedoch, in analoger Anwendung der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
zu unmittelbar an eine Ausschaffungshaft anschliessende
Durchsetzungshaft (Urteil des Bundesgerichts 2C_712/2022 vom
2. November 2022), als nicht zwingend, zumal der Gesuchsgegner bereits
eine frühere Ausreisefrist verstreichen liess und sich vorliegend weigert,
selbständig auszureisen.
2.4.
Weiter wird vorausgesetzt, dass die Weg- oder Ausweisung auf Grund des
persönlichen Verhaltens des Betroffenen nicht vollzogen werden kann.
Auch diese Voraussetzung ist vorliegend erfüllt, da der Gesuchsgegner
nach wie vor weder bereit ist, freiwillig in seinen Herkunftsstaat
zurückzukehren, noch bei der Beschaffung von Reisedokumenten
mitzuwirken (MI-act. 454), womit die Unmöglichkeit des
Wegweisungsvollzugs nach wie vor in seinem persönlichen Verhalten
begründet liegt.
Daran vermag das in offenkundiger Wiederholung vorgebrachte Argument
des Rechtsvertreters des Gesuchsgegners, wonach dieser "quasi"
staatenlos sei und nicht gezwungen werden könne, Reisepapiere zu
beschaffen, die man gar nicht beschaffen könne (act. 10 f.), nichts zu
ändern. Es ist nochmals darauf hinzuweisen, dass die Republik Mali den
Gesuchsgegner bisher nur deshalb nicht anerkannt hatte, weil er sich
anlässlich den bisherigen Befragungen gänzlich weigerte, mit der
malischen Delegation zu kooperieren (Ml-act. 246). Deshalb ist nach wie
vor davon auszugehen, dass die Behauptungen des Gesuchsgegners,
keine Papiere beschaffen zu können bzw. bei der Geburt in keinem
Westafrikanischen Land registriert worden zu sein, lediglich vorgeschoben
sind.
2.5.
Eine Durchsetzungshaft ist schliesslich nur dann zu bestätigen, wenn die
Anordnung einer Ausschaffungshaft unzulässig ist und eine mildere
Massnahme nicht zum Ziel führt.
Die Anordnung einer Ausschaffungshaft würde voraussetzen, dass der
Gesuchsgegner in absehbarer Zeit auch gegen seinen Willen ausgeschafft
werden könnte (Art. 80 Abs. 6 lit. a AIG; BGE 130 II 56). Dies ist vorliegend
nicht der Fall. Bisher hat keine der angefragten Delegationen den
Gesuchsgegner anerkannt. Der erneut an die Republik Mali gerichtete
Identifizierungsantrag vom 20. Oktober 2022 ist noch offen und wird
gemäss Mitteilung des SEM nicht in absehbarer Zeit beantwortet werden
(MI-act. 436). Folglich konnten für den Gesuchsgegner keine
Ersatzreisedokumente ausgestellt werden, was seine Ausreise momentan
verunmöglicht.
- 9 -
Da der Gesuchsgegner in absehbarer Zeit nicht gegen seinen Willen
ausgeschafft werden kann, bestehen nach wie vor keine
Vollzugsperspektiven, womit die Anordnung einer Ausschaffungshaft
unzulässig ist (vgl. Art. 80 Abs. 6 lit. a AIG).
Inwiefern der Gesuchsgegner durch eine andere, mildere Massnahme
dazu bewogen werden könnte, bei der Ausreise zu kooperieren, ist nicht
ersichtlich.
2.6.
Nach dem Gesagten sind die Voraussetzungen für die Verlängerung einer
Durchsetzungshaft erfüllt.
3.
Bezüglich der Haftbedingungen liegen keine Beanstandungen vor.
4.
Es liegen auch keine Anzeichen dafür vor, dass das MIKA dem
Beschleunigungsgebot nicht ausreichend Beachtung geschenkt hätte.
5.
5.1.
Gemäss Art. 79 Abs. 1 AIG darf die ausländerrechtliche Inhaftierung im
Sinne von Art. 75 - 78 AIG zusammen die maximale Haftdauer von
sechs Monaten nicht überschreiten. Eine darüber hinausgehende
Verlängerung auf höchstens 18 Monate, bzw. für Minderjährige zwischen
15 und 18 Jahren auf höchstens zwölf Monate, ist nur zulässig, wenn
entweder die betroffene Person nicht mit den zuständigen Behörden
kooperiert oder sich die Übermittlung der für die Ausreise erforderlichen
Unterlagen durch einen Staat, der kein Schengen-Staat ist, verzögert
(Art. 79 Abs. 2 AIG).
5.2.
Im vorliegenden Fall befindet sich der Gesuchsgegner mit Ablauf der
bewilligten Haft bereits seit drei Monaten in Durchsetzungshaft im Sinne
von Art. 78 AIG (Durchsetzungshaft 10. September 2022 – 9. Dezember
2022).
Die sechsmonatige Frist wird damit am 9. März 2023 enden und die Haft
kann längstens bis zum 9. März 2024 verlängert werden.
5.3.
Das MIKA ordnete mit Verfügung vom 30. November 2022 die
Verlängerung der Durchsetzungshaft um weitere zwei Monate, d.h. bis zum
9. Februar 2023, 12.00 Uhr, an.
- 10 -
Da die ausländerrechtliche Inhaftierung im Sinne von Art. 75 - 78 AIG im
vorliegenden Fall die Dauer von sechs Monaten nicht überschreitet, bedarf
es keiner Prüfung der Voraussetzungen von Art. 79 Abs. 2 AIG.
Nachdem die maximal zulässige Haftdauer nicht überschritten wird sowie
der Vollzug der Rückführung massgeblich vom Verhalten des
Gesuchsgegners abhängig ist und es diesbezüglich zu Verzögerungen
kommen kann, ist die angeordnete Haftverlängerung nicht zu beanstanden.
Es steht dem Gesuchsgegner jederzeit frei, seine Kooperationsbereitschaft
anzuzeigen und die Haft durch die Ausreise zu beenden (Art. 78 Abs. 6
lit. b AIG). Im Übrigen ist festzuhalten, dass das MIKA bisher stets bemüht
war, Ausschaffungen so rasch wie möglich zu vollziehen. Sollte das MIKA
entgegen seiner bisherigen Gewohnheit das Beschleunigungsgebot
verletzen, besteht die Möglichkeit, ein Haftentlassungsgesuch zu stellen.
6.
Abschliessend stellt sich die Frage, ob die Haftverlängerung deshalb nicht
zu bestätigen sei, weil sie im konkreten Fall gegen das Prinzip der
Verhältnismässigkeit verstossen würde. Bezüglich der familiären
Verhältnisse ergeben sich keine Anhaltspunkte, welche gegen eine
Haftverlängerung sprechen würden. Der Gesuchsgegner macht auch nicht
geltend, er sei nicht hafterstehungsfähig. Insgesamt sind keinerlei Gründe
ersichtlich, welche die Verlängerung der Haft als unverhältnismässig
erscheinen liessen.
Soweit der Gesuchsgegner vorbringt, er werde keinesfalls ausreisen, ist
Folgendes festzuhalten: Auch wenn die Chance, dass der Gesuchsgegner
sein Verhalten ändern wird, als minimal bezeichnet werden muss, wird sich
zeigen müssen, ob er mit der Anordnung der Durchsetzungshaft effektiv
nicht zur Einsicht gebracht werden kann, bei der Papierbeschaffung zu
kooperieren oder bei der Abklärung seiner Identität mitzuwirken. Eine
Entlassung aus der Durchsetzungshaft vor Ablauf der maximal zulässigen
Haftdauer von 18 Monaten mit der Begründung, ein Betroffener verweigere
standhaft die für den Vollzug der Wegweisung notwendige Mitwirkung,
steht nicht zur Diskussion. Dies umso weniger, als die Anordnung einer
Durchsetzungshaft ein unkooperatives Verhalten des Betroffenen
voraussetzt und der Gesetzgeber festgelegt hat, wie lange auf einen
Betroffenen mittels Inhaftierung Druck ausgeübt werden darf, damit dieser
sein Verhalten ändert. Hinzu kommt, dass es gerichtsnotorisch ist, dass die
Weigerung zur Kooperation mit zunehmender Haftdauer kleiner wird und
es in früheren Fällen gelang, Betroffene sogar kurz vor Ablauf der maximal
zulässigen Haftdauer zu einer Verhaltensänderung zu bewegen (vgl. Urteil
des Bundesgerichts 2C_630/2015 vom 7. August 2015, Erw. 2.2).
- 11 -
Insgesamt sind keinerlei Gründe ersichtlich, welche die angeordnete Haft
als unverhältnismässig erscheinen liessen.
III.
1.
Gemäss § 28 Abs. 1 EGAR ist das Verfahren betreffend Haftüberprüfung
unentgeltlich. Demgemäss werden keine Kosten erhoben.
2.
Der mit Urteil vom 12. September 2022 bestätigte amtliche Rechtsvertreter
bleibt im Amt und kann seine Kostennote im Rahmen des Verfahrens
WPR.2022.69 einreichen.
IV.
1.
Der Gesuchsgegner wird darauf hingewiesen, dass ein
Haftentlassungsgesuch unter Vorbehalt des Rechtsmissbrauchs jederzeit
gestellt werden kann (BGE 140 II 409, Erw. 2.2) und beim MIKA
einzureichen ist (§ 15 Abs. 1 EGAR).
2.
Soll die Haft gegebenenfalls erneut verlängert werden (Art. 78 Abs. 2 und 3
AIG), hat das MIKA dem Gesuchsgegner vorgängig das rechtliche Gehör -
insbesondere betreffend seiner Ausreisebereitschaft - zu gewähren.
Gleichzeitig ist ihm die Frage zu unterbreiten, ob er die Durchführung einer
mündlichen Verhandlung im Sinne von Art. 78 Abs. 4 AIG wünscht und ob
er in diesem Fall eine Präsenzverhandlung verlangt oder mit einer Skype-
Verhandlung einverstanden ist (Urteil des Bundesgerichts 2C_846/2021
vom 19. November 2021). Die allfällige Anordnung einer Haftverlängerung
ist dem Verwaltungsgericht spätestens acht Arbeitstage vor Ablauf der
bewilligten Haft einzureichen.