Decision ID: dcbc82e4-e21f-41e4-ac34-0d4be123727d
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
W._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Michael Schöbi, Erlenweg 15, Postfach 538,
9450 Altstätten SG,
gegen
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IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
medizinische Massnahmen (Physiotherapie)
Sachverhalt:
A.
A.a W._, Jahrgang 1994, leidet an mehreren Geburtsgebrechen (GG). Die
Invalidenversicherung (IV) anerkannte die GG Ziff. 494 (Geburtsgewicht unter 2000 g
bis zur Erreichung eines Gewichts von 3000 g; IV-act. 4), Ziff. 390 (angeborene
cerebrale Lähmungen; IV-act. 13) und Ziff. 401 (frühkindliche primäre Psychosen und
infantiler Autismus; IV-act. 58; seit 1. Januar 2010 im Anhang der Verordnung über
Geburtsgebrechen [GgV; SR 831.232.21] kategorisiert unter Ziff. 405, Autismus-
Spektrum-Störungen) und erbrachte mit diesen in Zusammenhang stehende
Leistungen.
A.b Am 31. Januar 2008 und 29. Oktober 2008 erlitt der Versicherte Patellaluxationen
des rechten Knies (IV-act. 89-4). Seitens der Klinik für Orthopädische Chirurgie des
Kantonsspitals St. Gallen wurde ihm am 6. Oktober 2009 zur Patellazentrierung und
Stabilisation des Kniegelenks eine Langzeit-Physiotherapie verordnet (IV-act. 78-2). Die
IV wurde am 15. Oktober 2009 um Übernahme der entsprechenden Kosten ersucht (IV-
act. 78-1). Nach Rückfrage beim IV-internen Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD; IV-
act. 82) kündigte die IV-Stelle dem Versicherten mit Vorbescheid vom 30. März 2010
ihre Absicht an, die Kostengutsprache für die Physiotherapie zu verweigern (IV-act. 83).
Trotz Einwands der Eltern des Versicherten vom 11. Mai 2010 (IV-act. 86-1) verfügte
die IV-Stelle am 31. Mai 2010 gemäss Vorbescheid (act. G 1.1).
B.
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B.a Am 18. Juni 2010 erhob Dr. med. A._, Facharzt FMH für Kinder- und
Jugendmedizin, Beschwerde gegen diese Verfügung. Mit Hilfe von orthopädischen
Hilfsmitteln und aufgrund der weiterhin konsequent vollzogenen Physiotherapie habe
beim Versicherten insgesamt eine recht gute Beweglichkeit erreicht werden können.
Die behandelnden Ärzte erachteten die Fortsetzung der Physiotherapie als unbedingt
erforderlich, um eine bewegungsinduzierte Frühinvalidität zu verhindern (act. G 1). Die
Eltern des Versicherten erhoben am 28. Juni 2010 ebenfalls Beschwerde gegen die
abweisende Verfügung. Sie beantragten sinngemäss deren Aufhebung und
Kostengutsprache für Physiotherapie und verwiesen zur Begründung auf ihre
Ausführungen im Einwand an die Beschwerdegegnerin vom 11. Mai 2010 (act. G 3).
B.b In der Beschwerdeantwort vom 6. September 2010 beantragte die
Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde. Dem Arztbericht von Dr. med.
B._, Orthopädie/Traumatologie am Kantonsspital St. Gallen, vom 28. Dezember 2009
könne nicht entnommen werden, dass es sich bei der diagnostizierten
Trochleadysplasie beidseits mit Patella alta beidseits mit Status nach Patellaluxation
Knie rechts um ein Geburtsgebrechen handle oder diese mit einem solchen in
Zusammenhang stehe. Die Übernahme der Physiotherapiekosten gestützt auf Art. 13
IVG komme daher nicht in Frage. Dies gelte auch gestützt auf Art. 12 IVG. Das Ziel der
Physiotherapie sei die Stabilisierung der muskulären Defizite bzw. die Vermeidung von
rezidivierenden Patellaluxationen mit nachfolgenden Problemen. Somit sei sie keine
Massnahme, die später einem drohenden stabilen, nur schwer korrigierbaren Defekt
vorbeuge, sondern es gehe um eine eigentliche Leidensbehandlung und auch um
Prävention, die nicht in den Bereich der IV gehöre (act. G 5).
B.c Mit Replik vom 16. November 2010 beantragte der von den Eltern des
Beschwerdeführers unterdessen beigezogene Rechtsanwalt Dr. iur. Michael Schöbi
unter Kosten- und Entschädigungsfolgen die Aufhebung der Verfügung, die
Gutheissung des Gesuchs um Übernahme der Physiotherapiekosten und eventualiter
die Rückweisung der Sache zur Sachverhaltsabklärung. Die Berufsausbildung und die
Erwerbsfähigkeit des Beschwerdeführers ständen bei den aktenkundigen
Geburtsgebrechen und dem derzeitigen Gesundheitszustand unter schlechten
Voraussetzungen. Der Beschwerdeführer sei allseitig auf Massnahmen angewiesen.
Das Eingliederungspotential sei erstellt. Die Probleme des Beschwerdeführers mit
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seiner Patella würden ihn im Zusammenhang und im Zusammenwirken mit seinen
Geburtsgebrechen erheblich an seiner Ausbildung hindern. Die Physiotherapie werde
die Fähigkeit des Beschwerdeführers, die in einem Büro anfallenden Tätigkeiten zu
bewältigen, erheblich stärken. Die Defizit-Situation scheine heute soweit ein stabiler
Defekt zu sein. Indes bewirke eine Verbesserung durch die beantragte Massnahme
direkt die Berufsbildung des Beschwerdeführers und damit seine
Eingliederungsfähigkeit. Letztlich dürfte GG Ziff. 405 überwiegen im Entscheid, welche
Berufsbildung und Erwerbsfähigkeit dem Beschwerdeführer zugänglich seien.
Untrennbar damit verknüpft seien indes die neuromuskulären Defizite sowie eben
diejenigen des Bewegungsapparates (Knie). Diese Aspekte und Rz. 6 KSME seien in
der bisherigen Beurteilung nicht berücksichtigt worden. Mit der Neufassung von GG
Ziff. 405 würden die Störungen übrigens breiter erfasst. Sollten noch weitere Details zur
beruflichen Notwendigkeit der Massnahme benötigt werden, dränge sich eine
Rückweisung zur Sachverhaltsergänzung durch die Beschwerdegegnerin auf
(act. G 17).
B.d Die Beschwerdegegnerin hielt am 23. November 2010 an ihrem Abweisungsantrag
fest und verzichtete auf eine weitere Stellungnahme (act. G 19).

Erwägungen:
1.
1.1 Gemäss Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) haben invalide oder von einer Invalidität bedrohte Versicherte einen
Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese notwendig und geeignet sind,
die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wieder
herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern (lit. a), und die Voraussetzungen für den
Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind (lit. b). Zu diesen
Eingliederungsmassnahmen gehören unter anderem die medizinischen Massnahmen
(Art. 8 Abs. 3 lit. a IVG).
1.2 Zu prüfen ist vorliegend der Anspruch des Beschwerdeführers auf Übernahme der
Physiotherapiekosten durch die Beschwerdegegnerin, wobei diese Kostengutsprache
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gestützt auf Art. 12 IVG (Anspruch im Allgemeinen) oder Art. 13 IVG (Anspruch bei
Geburtsgebrechen) in Frage kommt.
2.
2.1 Nach Art. 13 IVG haben Versicherte bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch
auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen (Art. 3 Abs. 2 des Bundesgesetzes über
den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]) notwendigen
medizinischen Massnahmen (Abs. 1). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für die
diese Massnahmen gewährt werden. Er kann die Leistung ausschliessen, wenn das
Gebrechen von geringfügiger Bedeutung ist (Abs. 2). Die Geburtsgebrechen sind in der
Liste im Anhang der Verordnung über Geburtsgebrechen (GgV; SR 831.232.21)
aufgeführt (Art. 1 Abs. 2 GgV). Als medizinische Massnahmen, die für die Behandlung
eines Geburtsgebrechens notwendig sind, gelten sämtliche Vorkehren, die nach
bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigt sind und den
therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (Art. 2 Abs. 3
GgV).
2.2 Nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung erstreckt sich der Anspruch auf
medizinische Massnahmen ausnahmsweise auch auf die Behandlung sekundärer
Gesundheitsschäden, die zwar nicht mehr zum Symptomenkreis des
Geburtsgebrechens gehören, aber nach medizinischer Erfahrung dennoch häufig die
Folge dieses Gebrechens sind. Zwischen dem Geburtsgebrechen und dem sekundären
Leiden muss demnach ein qualifizierter adäquater Kausalzusammenhang bestehen.
Nur wenn im Einzelfall dieser qualifizierte ursächliche Zusammenhang zwischen
sekundärem Gesundheitsschaden und Geburtsgebrechen gegeben ist und sich die
Behandlung überdies als notwendig erweist, hat die IV im Rahmen des Art. 13 IVG für
die medizinischen Massnahmen aufzukommen. An die Erfüllung der Voraussetzungen
des rechtserheblichen Kausalzusammenhanges sind strenge Anforderungen zu stellen,
zumal der Wortlaut des Art. 13 IVG den Anspruch der versicherten minderjährigen
Person auf die Behandlung des Geburtsgebrechens an sich beschränkt (BGE 100 V 41
mit Hinweisen; I 32/06 vom 9. August 2007, E. 5.1). Gemäss Bundesgericht muss das
sekundäre Leiden eine unmittelbare Folge, eine fast zwangsläufige Konsequenz des
Geburtsgebrechens sein (I 32/06, E. 5.1, 5.4).
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2.3 Per 1. Januar 2010 wurde der Anhang der GgV dahingehend geändert, dass die
ehemaligen Ziff. 401 (frühkindliche primäre Psychosen und infantiler Autismus) neu
aufgeteilt wurde in Ziff. 405 (Autismus-Spektrum-Störungen) und Ziff. 406 (frühkindliche
primäre Psychosen). Gemäss Rz. 405 des vom Bundesamt für Sozialversicherungen
herausgegebenen Kreisschreibens über die medizinischen Eingliederungsmassnahmen
der IV (KSME, in der ab 1. Januar 2010 gültigen Fassung) sollte den Autismus-
Spektrum-Störungen damit ein eigenständiger Status unter den tiefgreifenden
Entwicklungsstörungen eingeräumt werden. Für den vorliegenden Fall hat diese
Änderung keine eigenständige Bedeutung. Nachfolgend wird auf die alte Fassung
verwiesen.
2.4 Vorliegend wurde kein Arzt gefragt, ob die Trochleadysplasie beidseits in kausalem
Zusammenhang mit einem Geburtsgebrechen stehe. Die Tatsache, dass Dr. B._ die
Frage nach dem Vorliegen eines Geburtsgebrechens ohne weitere Ausführungen
verneinte, lässt keine Rückschlüsse auf einen Zusammenhang der Patella-Probleme
mit den angeborenen cerebralen Lähmungen zu. Dr. B._ hielt fest, dass eine
selbständige Therapie insbesondere im Zusammenhang mit den Befunden und der
neuen Diagnose eines Autismus höchstwahrscheinlich nicht von Erfolg gekrönt sei,
sodass er eine physiotherapeutische Behandlung unterstütze und für unabdinglich
halte. Eine selbständige Mobilisation des Patienten sei aufgrund des Autismus nicht
möglich (IV-act. 81). Folglich ist nicht ausgeschlossen, dass die Physiotherapie auch
oder insbesondere im Zusammenhang mit dem Geburtsgebrechen Ziff. 401 steht, dass
also ohne den Autismus eine andere, selbständige Therapie der Knie möglich gewesen
wäre.
2.5 Dr. med. C._, Neuropädiatrie des Kantonsspitals Graubünden, wies in seinem
Bericht vom 25. Februar 2009 darauf hin, dass der Beschwerdeführer wegen der
rezidivierenden Patellaluxationen rechts bei Dr. D._ in Behandlung sei (IV-act. 55-2).
Berichte von Dr. D._ – auch zum allfälligen Zusammenhang zwischen den
Patellaluxationen und den Geburtsgebrechen bzw. einer allfälligen Notwendigkeit, die
Knieprobleme wegen der Geburtsgebrechen mit Physiotherapie und nicht anders zu
behandeln – holte die Beschwerdegegnerin nicht ein. Bereits am 26. Mai 2006 hatte
Dr. A._ darauf hingewiesen, dass im Zusammenhang mit dem GG Ziff. 390 nach wie
vor deutliche Defizite einerseits im Gleichgewicht und andererseits in der
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Bewegungskoordination insgesamt, vor allem aber die Grob- und Feinmotorik
betreffend, bestünden. Dies falle besonders beim Hüpfen auf einem Bein auf. Daher sei
eine Fortsetzung der physiotherapeutischen Massnahmen, insbesondere unter
Einbezug der Verbesserung des Gleichgewichts, dringend erforderlich (IV-act. 43). Die
zuständige Ärztin des RAD erachtete die medizinischen Voraussetzungen für eine
Verlängerung des GG Ziff. 390 und für die Übernahme der Physiotherapiekosten
gestützt auf diesen Bericht am 9. Juni 2006 als erfüllt, sodass mit Verfügung vom
12. Juni 2006 Kostengutsprache auch für Physiotherapie vom 1. September 2006 bis
31. August 2008 erteilt wurde (IV-act. 46). Die Aussage von Dr. med. E._ vom RAD
am 23. Juli 2010, für das GG Ziff. 390 sei bisher nie Antrag für Physiotherapie gestellt
worden (IV-act. 97), ist daher aktenwidrig. Die Angaben von Dr. A._ im Schreiben
vom 26. Mai 2006 lassen darauf schliessen, dass das GG Ziff. 390 sogar bereits vor
dem 1. September 2006 mit Physiotherapie behandelt wurde – auch wenn eine
entsprechende Kostengutsprache der IV nicht aktenkundig ist. Bei dieser Sachlage
wäre es angezeigt gewesen, Dr. D._ (wohl von der Pädiatrischen Klinik am
Ostschweizer Kinderspital), Dr. B._, Dr. F._ (vgl. IV-act. 66; 89-3) sowie
gegebenenfalls Dr. A._ oder die Physiotherapeutinnen G._ (vgl. IV-act. 46-1) oder
H._ (IV-act. 89-4 f.) nach einem Kausalzusammenhang zwischen der mittels
Physiotherapie behandlungsbedürftigen Trochleadysplasie und den GG Ziff. 390 und
401 zu befragen. Dr. A._ machte zudem deutlich, dass die Fortsetzung der
Physiotherapie auch zur Verbesserung der Wahrnehmungsfähigkeit, der Koordination
im gesamten Bewegungsablauf und der muskulären Kräftigung insbesondere des
Rückens angezeigt sei (act. G 1). Selbst wenn die Trochleadysplasie nicht Folge des
GG Ziff. 390 sein sollte bzw. deren Behandlung mittels Physiotherapie nicht in
Zusammenhang mit jenem oder dem GG Ziff. 401 stehen sollte, wäre zu prüfen, ob die
Fortführung der Physiotherapie nicht ohnehin direkt wegen des GG Ziff. 390 nötig ist.
Wie nachfolgend zu zeigen ist, kann auf weitere Abklärungen jedoch verzichtet werden.
Es kann offen bleiben, ob die Kostengutsprache für Physiotherapie gestützt auf Art. 13
IVG zu gewähren ist.
3.
3.1 Nach Art. 12 IVG haben Versicherte bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch
auf medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich,
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sondern unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben oder in den
Aufgabenbereich gerichtet und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit,
sich im Aufgabenbereich zu betätigen, dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor
wesentlicher Beeinträchtigung zu bewahren (Abs. 1).
3.2 Die Einschränkung "bis zum vollendeten 20. Altersjahr" wurde bei im Übrigen
unverändertem Wortlaut mit der 5. IV-Revision ab 1. Januar 2008 in Art. 12 Abs. 1 IVG
eingefügt. Unter der Geltung von Art. 12 IVG in der bis Ende 2007 gültig gewesenen
Fassung durfte sich die medizinische Massnahme bei Erwachsenen nicht auf die
Behandlung des Leidens an sich richten. Die Rechtsprechung kannte von dieser Regel
jedoch eine Ausnahme für nichterwerbstätige Personen vor dem vollendeten
20. Altersjahr. Diese gelten als invalid, wenn die Beeinträchtigung ihrer körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheit voraussichtlich eine ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit zur Folge haben wird (Art. 5 Abs. 2 IVG i.V.m. Art. 8 Abs. 2 ATSG).
Nach der vor Inkrafttreten der 5. IV-Revision gültigen Rechtsprechung konnten
medizinische Vorkehren bei Jugendlichen deshalb schon dann überwiegend der
beruflichen Eingliederung dienen und trotz des einstweilen noch labilen
Leidenscharakters von der IV übernommen werden, wenn ohne diese Vorkehren eine
Heilung mit Defekt oder ein sonstwie stabilisierter Zustand einträte, wodurch die
Berufsbildung oder die Erwerbsfähigkeit oder beide beeinträchtigt würden (AHI 2003
S. 104 E. 2; Entscheide des damaligen Eidg. Versicherungsgerichts I 484/02 vom
27. Oktober 2003 und I 16/03 vom 6. Mai 2003; BGE 105 V 20; ZAK 1963 S. 113; ZAK
1966 S. 97 ff., 100). Diese Praxis legte aArt. 12 Abs. 1 IVG also in Bezug auf unter 20-
Jährige gegen den Wortlaut aus. Die Kosten einer Behandlung von Versicherten vor
dem vollendeten 20. Altersjahr wurden von der IV getragen, wenn das Leiden mit
hinreichender Wahrscheinlichkeit zu einem schwer korrigierbaren, die spätere
Ausbildung und Erwerbsfähigkeit erheblich behindernden oder gar verunmöglichenden
stabilen pathologischen Zustand führte. Allerdings kamen medizinische Massnahmen
der IV nach der Rechtsprechung auch bei Versicherten vor dem vollendeten
20. Altersjahr dann nicht in Betracht, wenn sich solche Vorkehren gegen Krankheiten
richteten, die nach aktueller Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft ohne
kontinuierliche Behandlung nicht dauerhaft gebessert (wohl: nicht geheilt, aber
beispielsweise auf besserem Niveau gehalten) werden konnten (vgl. Entscheid I 334/03
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des Eidg. Versicherungsgerichts vom 18. November 2003; BGE 105 V 20; AHI 2000 S.
64 E. 1).
3.3 Im Rahmen der 5. IV-Revision sollte Art. 12 IVG nach dem Willen des Bundesrats
ersatzlos gestrichen und sämtliche medizinischen Massnahmen sollten bei der
Krankenversicherung angesiedelt werden (vgl. Ziff. 1.6.3.2 der Botschaft des
Bundesrats vom 22. Juni 2005 zur Änderung des IVG, BBl 2005 4459, 4540 ff.). Das
Parlament folgte diesem Vorschlag nicht und sprach sich dafür aus, dass die IV
weiterhin bis zum 20. Altersjahr der versicherten Person im Rahmen der beruflichen
Eingliederung für die medizinischen Massnahmen aufkommen müsse. Bei den
parlamentarischen Beratungen wurde festgehalten, wenn das Prinzip 'Eingliederung
vor Rente' irgendwo Sinn machen sollte, dann sicher bei Kindern und Jugendlichen.
Die Massnahmen, die für Minderjährige getroffen würden, müssten umfassend und
differenziert sein. Sie dürften sich nicht ausschliesslich auf die Behandlung der
Krankheit im engeren Sinn ausrichten, sondern müssten die Wiedereingliederung ins
Zentrum setzen (Votum von Nationalrätin Jacqueline Fehr, Protokoll 05.052, S. 32).
Seitens der zuständigen Kommission des Ständerats wurde grundsätzlich und ohne
erkennbare Einschränkung beantragt, allfällige medizinische Massnahmen wie
beispielsweise Psychotherapie für Kinder bis 20 Jahre sollten aus der IV finanziert
werden (S. 106). Der Ständerat stimmte ohne weitere Diskussion zu, sodass keine
Differenzbereinigung nötig war. Die Beratungen des Parlaments lassen daher darauf
schliessen, dass der Gesetzgeber bei Jugendlichen bis 20 Jahren die Hürde für den
Anspruch auf medizinische Massnahmen tief ansetzen wollte. Die vor der Änderung
von Art. 12 Abs. 1 IVG geltende Rechtsprechung sollte für Kinder und Jugendliche
jedenfalls klarerweise nicht verschärft werden. Die Praxis, wonach bei Kindern und
Jugendlichen selbst bei labilem Leidenscharakter bzw. Behandlung des Leidens an
sich medizinische Massnahmen übernommen wurden, wenn ohne diese eine Heilung
mit Defekt oder ein sonstwie stabilisierter Zustand einträte, sollte beibehalten werden
(vgl. dazu auch Ulrich Meyer, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG, 2. A.,
Zürich/Basel/Genf 2010, S. 133 f.). Der seit 1. Januar 2008 in Kraft stehende Art. 12
Abs. 1 IVG ist daher nicht seinem Wortlaut getreu anzuwenden. Der dort
festgeschriebene Grundsatz, dass die medizinische Massnahme nicht auf die
Behandlung des Leidens an sich gerichtet sein darf, wie dies vor Inkrafttreten der 5. IV-
Revision praxisgemäss ausschliesslich bei über 20-Jährigen der Fall war, kann folglich
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weiterhin nicht ohne weiteres auf unter 20-Jährige übertragen werden (vgl. auch den
Entscheid IV 2009/443+457 des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom
13. August 2010, E. 3).
3.4 Zur Beantwortung der Frage, ob bei labilen Gesundheitsverhältnissen mittels
medizinischer Massnahmen einem Defektzustand vorgebeugt werden kann, welcher
die Berufsbildung oder Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erheblich beeinträchtigen
würde, bedarf es im Allgemeinen eines fachärztlichen Berichts, der sich nicht mit einem
pauschalen Hinweis auf die mögliche Verbesserung oder Erhaltung von Berufs- und
Erwerbsfähigkeit begnügen darf, sondern sich auch ausdrücklich zur Prognose zu
äussern hat. Ein stabiler Defektzustand kann bereits dann zu befürchten sein, wenn
das Gebrechen den Verlauf einer prägenden Phase der Kindesentwicklung derart
nachhaltig stört, dass letztlich ein uneinholbarer Entwicklungsrückstand eintritt,
welcher wiederum die Bildungs- und mittelbar auch die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigt
(Urteil I 302/05 des Eidg. Versicherungsgerichts vom 31. Oktober 2005 E. 3.2.3; bzw.
8C_269/2010 des Bundesgerichts vom 12. August 2010).
3.5 Aus den Akten ergibt sich, dass die Physiotherapie zur Behandlung der
Trochleadysplasie indiziert ist, was auch die Beschwerdegegnerin explizit anerkennt.
Dr. med. F._, Klinik für Orthopädische Chirurgie am Kantonsspital St. Gallen, hielt am
22. Juli 2009 fest, im Moment sei es noch zu früh, die Trochleadysplasie operativ zu
behandeln. Deshalb müsse der Beschwerdeführer unbedingt mit einer Therapie und
einer Bandagierung gehfähig erhalten werden, was momentan lediglich über die
Physiotherapie möglich sei (IV-act. 89-3). Diese Einschätzung bestätigte Dr. B._ am
28. Dezember 2009. Er empfahl die Weiterführung der physiotherapeutischen
Behandlungen, um Folgeschäden, bedingt durch rezidivierende Instabilitäten bzw.
Patellaluxationen mit entsprechenden Knorpelschäden, zu vermeiden. Die
Physiotherapie sollte intensiviert werden. Aufgrund der psychiatrischen Nebendiagnose
des Autismus sei eine selbständige Mobilisation des Beschwerdeführers nicht möglich
(IV-act. 81-3 f.). Ohne Physiotherapie ist die Gefahr weiterer Patellaluxationen, die sich
langfristig nachteilig auf die Gehfähigkeit des Beschwerdeführers auswirken könnten,
nach Ansicht der behandelnden Ärzte also erheblich. Dr. A._ wies am 18. Juni 2010
nicht nur auf den neuromuskulären, sondern auch auf den mentalen
Entwicklungsrückstand des Beschwerdeführers hin. Mit der Physiotherapie könne in
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Zukunft eine zu erwartende muskuläre und gelenksbedingte Frühinvalidität wohl am
ehesten verhindert werden (act. G 1). Insgesamt wurde die Prognose hinreichend
deutlich und bestimmt zum Ausdruck gebracht, auch wenn keine explizite
Stellungnahme bei den Akten ist, ob durch die Physiotherapie eine spätere
Knieoperation verhindert werden könne. Dies ist in Bezug auf die berufliche
Eingliederung nicht zentral; offenkundig ist eine Stabilisierung der Patella beidseits
notwendig und ist es beim aktuellen Alter und den übrigen gesundheitlichen
Einschränkungen (insbesondere des noch immer bestehenden
Entwicklungsrückstands) des Beschwerdeführers wesentlich, dass er ohne grössere
weitere Verzögerungen einer Berufsausbildung nachgehen kann. Ein allfälliger Verlust
der Gehfähigkeit würde die ohnehin schon erheblich eingeschränkten beruflichen
Möglichkeiten des Beschwerdeführers (vgl. etwa den Bericht der Fachstelle für
Neuropsychologie des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes I._ vom 7. Mai
2009, IV-act. 60-4 f.) nochmals deutlich reduzieren. Zu beachten ist zusätzlich, dass
mit der Physiotherapie nicht nur den Patella-Problemen begegnet wird, sondern dass
sie auch wegen des psychischen Geburtsgebrechens Ziff. 401 (infantiler Autismus), der
Schwierigkeiten in Grob- und Feinmotorik und wegen des Entwicklungsrückstands
angezeigt ist. Ohne diese Behandlung droht in absehbarer Zeit im Sinn der
Rechtsprechung ein Defektzustand mit Auswirkung auf Beruf und Ausbildung. Der IV-
rechtliche Eingliederungscharakter ist folglich gegeben. Somit ist entgegen der von
Dr. E._ vom RAD am 23. Juli 2010 und vom Rechtsdienst der Beschwerdegegnerin in
der Beschwerdeantwort geäusserten Ansicht nicht entscheidend, ob die
Physiotherapie eine Leidensbehandlung darstellt.
4.
4.1 Gemäss den vorstehenden Erwägungen erübrigen sich weitere Abklärungen zum
Kausalzusammenhang zwischen der Knieproblematik und einem der diagnostizierten
Geburtsgebrechen. Da die Voraussetzungen für die Übernahme der
Physiotherapiekosten gemäss Art. 12 IVG gegeben sind, muss der Anspruch gemäss
Art. 13 IVG nicht weiter geprüft werden. Die Beschwerde ist unter Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 31. Mai 2010 gutzuheissen. Dr. B._ gab am
28. Dezember 2009 an, er halte die Physiotherapie mindestens zwei- bis dreimal
wöchentlich für indiziert (IV-act. 81-4). Ob und wenn ja, für wie lange es zu derart
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häufigen Behandlungen kam und diese weiterhin nötig sind, hat die
Beschwerdegegnerin abzuklären.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis
Fr. 1000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.- erscheint
als angemessen. Die Beschwerdegegnerin unterliegt vollumfänglich, sodass ihr als
nicht von der Pflicht zur Übernahme amtlicher Kosten befreiter selbstständiger
öffentlich-rechtlicher Anstalt die ganze Gerichtsgebühr aufzuerlegen ist. Dem
Beschwerdeführer ist der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.- zurückzuerstatten.
4.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer Anspruch auf eine
Parteientschädigung, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen wird
(Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers wurde erst im Rahmen des zweiten Schriftenwechsels beigezogen.
Daher erscheint eine Parteientschädigung von pauschal Fr. 2'000.- (einschliesslich Bar
auslagen und Mehrwertsteuer) dem mutmasslichen Aufwand angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53
GerG entschieden:
1. Die Beschwerde wird unter Aufhebung der Verfügung vom 31. Mai 2010
gutgeheissen. Der Beschwerdeführer hat im Sinn der Erwägungen Anspruch auf
Übernahme der Physiotherapiekosten. Die Sache wird zur Verfügung über Dauer und
Häufigkeit der Kostenübernahme an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen.
2. Die Beschwerdegegnerin hat die Gerichtskosten von Fr. 600.- zu bezahlen. Dem
Beschwerdeführer wird der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.- zurückerstattet.
3. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung von
Fr. 2'000.- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen.
bis
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 09.12.2010 Art. 8 Abs. 3 lit. a IVG; Art. 12 IVG; Art. 13 IVG. Medizinische Massnahmen in Form von Physiotherapie bei einem Jugendlichen. Mit der im Rahmen der 5. IV-Revision in Kraft getretenen Änderung des Art. 12 Abs. 1 IVG (Beschränkung der medizinischen Eingliederungsmassnahmen auf Versicherte unter 20 Jahren) wollte der Gesetzgeber keine Verschärfung der bisherigen Rechtsprechung erreichen. Entgegen dem neuen Wortlaut der Bestimmung sollen medizinische Massnahmen bei Kindern und Jugendlichen selbst bei labilem Leidenscharakter bzw. bei Behandlung des Leidens an sich übernommen werden, wenn ohne diese Massnahmen eine Heilung mit Defekt oder ein sonstwie stabilisierter Zustand einträte, der die Berufsbildung oder Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erheblich beeinträchtigen würde (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 9. Dezember 2010, IV 2010/253).
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