Decision ID: d124231d-74f9-4036-b5d9-ab05fe4736be
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 12. Mai 2022 in der Schweiz um Asyl
nach. Auf dem Personalienblatt gab er an, er sei am (...) geboren, mithin
minderjährig.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 14. April 2022 in Bul-
garien und am 7. Mai 2022 in Österreich daktyloskopisch erfasst wurde und
um Asyl nachgesucht hatte.
C.
Am 18. Mai 2022 ersuchte das SEM die österreichischen und bulgarischen
Behörden Dokumente betreffend das Asylverfahren des Beschwerdefüh-
rers zu übermitteln.
D.
Am 17. Mai 2022 bevollmächtigte der Beschwerdeführer die ihm zugewie-
sene Rechtsvertretung.
E.
Gestützt auf Art. 34 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO) ersuchte die Vorinstanz die bulgarischen und
österreichischen Behörden am 18. Mai 2022 um nähere Informationen den
Beschwerdeführer betreffend.
F.
Mit Antwortschreiben vom 25. Juni 2022 informierten die österreichischen
Behörden, der Beschwerdeführer habe am 7. Mai 2022 einen Antrag auf
internationalen Schutz in Österreich als unbegleiteter Minderjähriger ge-
stellt. In seiner Erstbefragung habe er angegeben, keine Familienangehö-
rigen im Hoheitsgebiet der Mitgliedsstaaten zu haben. Aufgrund der ange-
gebenen Minderjährigkeit, die ausschliesslich auf seinen eigenen Angaben
beruhte, sei eine Altersfeststellung vorgesehen gewesen, habe wegen des
Untertauchens des Beschwerdeführers aber nicht durchgeführt werden
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Seite 3
können. Sein Aufenthaltsort sei den österreichischen Behörden seit circa
dem 8. Mai 2022 unbekannt.
G.
Anlässlich der Erstbefragung für unbegleitete Minderjährige (EB UMA) vom
10. Juni 2022 gab der Beschwerdeführer an, er sei am (...) geboren und
heute 16 Jahre und drei Monate alt. Sein Geburtsdatum habe er zuvor nicht
gekannt und erst bei der Ausreise seine Tazkera und Impfkarte ange-
schaut. Er habe auch nie bei seiner Familie nach seinem Alter nachgefragt
und die Ausweise wurden von seiner Mutter aufbewahrt. In Bulgarien seien
ihm seine Fingerabdrücke unter Zwang abgenommen worden. Die Situa-
tion dort sei sehr schlecht gewesen, weshalb er nicht dort geblieben sei.
Sowohl gegenüber den bulgarischen als auch den österreichischen Behör-
den habe er als Geburtsdatum den (...) angegeben. Die Widersprüche ge-
mäss Verfahrenskarte in Österreich bezüglich des Alters und Name könne
er sich nicht erklären. Er sei in Österreich nie befragt worden. Deshalb sei
er in die Schweiz gekommen.
H.
Am 13. Juni 2022 beauftragte das SEM das B._, mit der Erstellung
eines rechtsmedizinischen Gutachtens über das Alter (Altersabklärung)
des Beschwerdeführers. Am 22. Juni 2022 übermittelte das B._
dem SEM die Ergebnisse des Altersgutachtens.
I.
Mit Schreiben vom 27. Juni 2022 hielt das SEM fest, die Angaben des Be-
schwerdeführers zu seinem Alter, seiner Schulbildung, dem Reiseweg so-
wie dem Alter seiner Geschwister seien während der Befragung ungenau
geblieben. Es bestünden Zweifel am geltend gemachten Alter. Das durch-
geführte Altersgutachten habe ein durchschnittliches Lebensalter von acht-
zehn bis dreiundzwanzig Jahren zum Zeitpunkt der Untersuchung erge-
ben. Das festgestellte Mindestalter des Beschwerdeführers betrage neun-
zehn Jahre. Die geltend gemachte Minderjährigkeit sei somit weder glaub-
haft noch belegt. Für das weitere Verfahren werde er deshalb als volljährig
betrachtet und es werde beabsichtigt, sein Geburtsdatum im ZEMIS von
Amtes wegen auf den (...) anzupassen. Der Beschwerdeführer erhalte
hiermit die Gelegenheit, sich dazu schriftlich zu äussern.
J.
Im Rahmen des rechtlichen Gehörs führte der Beschwerdeführer aus, er
kenne sein Alter und er sei sechzehn Jahre und drei Monate alt.
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K.
Am 5. Juli 2022 erfasste das SEM das Geburtsdatum des Beschwerdefüh-
rers im ZEMIS mit (...) und fügte einen Bestreitungsvermerk an.
L.
Am 8. Juli 2022 ersuchte das SEM sowohl die österreichischen wie auch
die bulgarischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers.
M.
Die österreichischen Behörden lehnten am 11. Juli 2022 das Ersuchen des
SEM um Übernahme des Beschwerdeführers ab.
N.
Die bulgarischen Behörden stimmten am 22. Juli 2022 dem Ersuchen des
SEM um Übernahme des Beschwerdeführers zu. Gleichentags informier-
ten die bulgarischen Behörden in Beantwortung des Informationsersu-
chens des SEM vom 18. Mai 2022 darüber, dass der Beschwerdeführer
am 14. April 2022 in Bulgarien um Asyl nachgesucht habe, jedoch am
26. April 2022 untergetaucht sei, weshalb das nationale Verfahren am
24. Juni 2022 für beendet erklärt worden sei. Die Behörden hätten ihm kei-
nerlei Ausweise ausgestellt (Aufenthaltsbewilligung, Reisedokument oder
Visa). Der Beschwerdeführer sei nicht aus Bulgarien weggewiesen wor-
den. Er habe keine Dokumente eingereicht und es sei keine Altersabklä-
rung durchgeführt worden. Gestützt auf seine eigenen Angaben sei er da-
mals als volljährig registriert worden.
O.
Mit Schreiben vom 26. Juli 2022 informierte die dem Beschwerdeführer zu-
gewiesene Rechtsvertretung das SEM darüber, dass das Mandatsverhält-
nis beendet sei.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerde-
führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
(Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Der Beschwerdeführer beantragt in der Beschwerde keine Abänderung
des im ZEMIS vermerkten Geburtsdatums ([...]). Weder aus seinen Anträ-
gen noch der Begründung ist ein entsprechender Beschwerdewille zu er-
kennen.
Demgemäss richtet sich die Beschwerde (nur) gegen den Nichteintretens-
entscheid betreffend das Asylgesuch und somit gegen die Ziffern 1 bis 4
sowie 7 der angefochtenen Verfügung. Die ZEMIS-Eintragung beziehungs-
weise Ziffer 6 der angefochtenen Verfügung ist folglich nicht Gegenstand
des vorliegenden Verfahrens.
3.
Die vorliegende Beschwerde erweist sich – wie nachfolgend aufgezeigt –
als offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Durchführung eines
Schriftenwechsels zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
4.
4.1 Mit der Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliess-
lich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts ge-
rügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
4.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
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5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im
Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet
grundsätzlich keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-
III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen: BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
5.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
5.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen gestellten
Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht).
Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ist nicht direkt, sondern nur in Verbindung mit
einer nationalen Norm (namentlich Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1
vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311], Selbsteintritt aus humanitären
Gründen) oder internationalem Recht anwendbar (vgl. BVGE 2010/45
E. 5). Aus humanitären Gründen kann das SEM das Asylgesuch auch dann
behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig
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wäre (sog. Souveränitätsklausel). Erweist sich die Überstellung einer asyl-
suchenden Person in einen anderen Dublin-Staat demgegenüber als un-
zulässig im Sinne der EMRK oder einer anderen bindenden völkerrechtli-
chen Bestimmung, ist das SEM verpflichtet, auf das Asylgesuch einzutre-
ten und es in der Schweiz zu behandeln (vgl. BVGE 2015/9 E. 8).
6.
6.1 Der Beschwerdeführer macht auf Beschwerdeebene nicht geltend,
minderjährig zu sein und die Frage einer allfälligen Minderjährigkeit ist vor-
liegend nicht Verfahrensgegenstand. Damit fällt Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO
nicht als Kriterium zur Bestimmung des für sein Asylverfahren zuständigen
Mitgliedstaats in Betracht und er führt im Übrigen auch keine anderweitigen
entsprechenden Kriterien ins Feld.
6.2 Ferner bestreitet der Beschwerdeführer nicht, sich vor seiner Ausreise
in die Schweiz in Bulgarien aufgehalten zu haben und dort auch daktylo-
skopisch erfasst worden zu sein. Dies erweist sich, unbenommen von sei-
ner fehlenden Absicht, dort ein Asylgesuch zu stellen, als zuständigkeits-
begründend (vgl. Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO). Bulgarien hat sodann ge-
stützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO der Wiederaufnahme des Be-
schwerdeführers zugestimmt. Die grundsätzliche Zuständigkeit Bulgariens
ist somit gegeben.
7.
7.1 Gemäss Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebedin-
gungen für Asylsuchende in Bulgarien würden systemische Schwachstel-
len aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden
Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich
bringen würden.
7.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Referenzurteil F-7195/2018
vom 11. Februar 2020 ausführlich mit dem bulgarischen Asylsystem und
der Situation asylsuchender Personen in Bulgarien auseinandergesetzt. Es
hat festgehalten, dass das dortige Asylverfahren sowie die Aufnahmebe-
dingungen zwar gewisse Mängel aufweisen würden, diese aber nicht sys-
temischer Natur seien, weshalb von Überstellungen nach Bulgarien grund-
sätzlich nicht abzusehen sei. Korrekte Asylverfahren seien in Bulgarien
nicht systembedingt unmöglich. Die Bedingungen in den Aufnahme- und
Haftzentren seien zwar prekär, könnten jedoch nicht als unmenschlich oder
entwürdigend qualifiziert werden (vgl. a.a.O. E. 6.6.1 und 6.6.7). Auch
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heute geht das Bundesverwaltungsgericht praxisgemäss nicht von syste-
mischen Mängeln im bulgarischen Asylverfahren aus (vgl. u.a. Urteile des
BVGer E-1792/2022 vom 29. April 2022 E. 6.2 m.w.H.; D-1406/2022 vom
31. März 2022 E. 9.5).
7.3 Bulgarien kommt somit seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen aus
der EMRK (SR 0.101), dem Übereinkommen vom 10. Dezember 1984 ge-
gen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Be-
handlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und dem Abkommen vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie dem
Zusatzprotokoll der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) grundsätzlich
nach. Im Weiteren darf davon ausgegangen werden, Bulgarien anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben.
7.4 Folglich ist eine Übernahme der Zuständigkeit der Behandlung des
Asylgesuchs durch die Schweiz in Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-
VO nicht angezeigt.
8.
8.1 Es bleibt zu prüfen, ob die Vorinstanz trotz der grundsätzlichen Zustän-
digkeit Bulgariens das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz
Dublin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 AsylV 1, hätte ausüben müs-
sen.
8.2 Zwar kann die Vermutung, Bulgarien halte seine völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen ein, im Einzelfall widerlegt werden. Dafür bedarf es aber kon-
kreter und ernsthafter Hinweise, die gegebenenfalls vom Betroffenen
glaubhaft darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.). Dies gelingt dem
Beschwerdeführer allerdings nicht. Er führt aus, in Bulgarien viel Gewalt
erlebt zu haben und nicht wie ein Mensch behandelt worden zu sein. Man
habe wilde Hunde auf ihn gejagt und Strassenhunde werden dort besser
behandelt als Muslime. Diese Vorbringen sind (sehr) allgemein gehalten
und weder belegt und noch substantiiert.
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Seite 9
8.3 Angesichts der anerkannterweise teils schwierigen Bedingungen in
Bulgarien, kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Beschwerdeführer
dort bei seiner Ankunft auf schwierige Umstände traf. Er hat sich allerdings
nur relativ kurze Zeit in Bulgarien aufgehalten, wobei bezüglich seiner Auf-
enthaltsdauer seine Angaben in der Erstbefragung und in seiner Stellung-
nahme vom 3. Mai 2022 erheblich divergieren (vgl. act. 21, Ziff. 5.02, S. 12
und SEM act. act. 65/3, S. 1). Nach einer Rücküberstellung wird der Be-
schwerdeführer nicht als Neuankömmling behandelt, sondern in ein (hän-
giges) Asylverfahren und die entsprechenden Asylstrukturen integriert wer-
den, wo er alle ihm zustehenden Rechte wahrnehmen kann. Gegebenen-
falls wird er sich an die zuständigen bulgarischen Behörden zu wenden und
die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einzufor-
dern haben (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Dies gilt auch in Bezug auf die
geltend gemachte Gewalt durch Angehörige staatlicher Behörden.
8.4 Auch besteht kein Grund zur Annahme, die bulgarischen Behörden
würden dem Beschwerdeführer nach einer Überstellung den Zugang zum
Asyl- respektive zu einem allfälligen Wiederaufnahmeverfahren unter Ein-
haltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie verweigern. Aus dem Vorbrin-
gen in der Beschwerdeschrift (S. 14), wonach sich aus seinen Aussagen
(Gewalt durch Behörden; menschenunwürdige Unterbringung) klare Hin-
weise darauf ergeben würden, dass er in Bulgarien kein faires Asylverfah-
ren durchlaufen habe, lässt sich noch nicht ableiten, das dortige Asylver-
fahren würde nicht korrekt durchgeführt werden. Ebenso wenig lässt sich
daraus ableiten, dass seine Überstellung nach Bulgarien zu einer Ketten-
abschiebung führen würde, beziehungsweise die bulgarischen Behörden
würden in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten
und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben
oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist
oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land ge-
zwungen zu werden (vgl. das Referenzurteil F-7195/2018 vom 11. Februar
2020 E. 6.6.7 und E. 7.2.2).
8.5
8.5.1 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so kann eine
zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen
nur ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Eine
vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Ab-
schiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Ziel-
staat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen
und unwiederbringlichem Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes
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Seite 10
ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen
Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Pa-
poshvili gegen Belgien vom 13. Dezember 20126, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180-193 m.w.H.).
8.5.2 Der Beschwerdeführer macht nicht geltend, unter irgendwelchen ge-
sundheitlichen Beeinträchtigungen (physischer oder psychischer Natur) zu
leiden. Solche ergeben sich auch nicht aus den Akten. Es liegen keine ent-
sprechenden medizinischen Berichte vor.
Im Übrigen ist mit der Vorinstanz festzustellen, dass Bulgarien über eine
ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt. Die Mitgliedstaaten sind
verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung,
die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behand-
lung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zu-
gänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern
mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sons-
tige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psychologischen
Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es liegen da-
mit keine Hinweise vor, wonach Bulgarien seinen Verpflichtungen im Rah-
men der Dublin-III-VO in medizinischer Hinsicht nicht nachkommen würde.
Der aktuelle Gesundheitszustand des Beschwerdeführers führt somit für
den Fall einer Überstellung nach Bulgarien nicht zur Annahme einer dro-
henden Verletzung von Art. 3 EMRK.
8.6 Zusammenfassend besteht kein Grund für eine Anwendung der Ermes-
sensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO sowie von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1.
8.7 Somit bleibt Bulgarien der für die Beurteilung des Asylgesuchs des Be-
schwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO und ist
verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 23, 24, 25 und 29 Dublin-III-VO
wiederaufzunehmen.
9.
Die Vorinstanz ist demnach zutreffend zur Erkenntnis gelangt, es sei in An-
wendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch nicht einzu-
treten und hat zutreffend – weil der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer
gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung ist – in Anwendung
von Art. 44 AsylG die Überstellung nach Bulgarien (Art. 32 Bst. a AsylV 1)
angeordnet.
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Die angefochtene Verfügung erweist sich als rechtmässig und die Be-
schwerde ist abzuweisen.
10.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2).
11.
11.1 Mit diesem Urteil sind der (sinngemässe) Antrag um Erteilung der auf-
schiebenden Wirkung sowie das Gesuch um Befreiung von der Kostenvor-
schusspflicht gegenstandslos geworden.
11.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da sich die Beschwerde nach dem Gesagten als von Anfang
an aussichtslos erwiesen hat. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die
Kosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und
auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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