Decision ID: df885769-9d26-52ec-ae91-6b58e1f27b59
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ist iranischer Staatsangehöriger, ethnischer Perser
und stammt aus B._, wo er gemäss seinen Angaben von Geburt bis
zur Ausreise zusammen mit seinen Eltern und Geschwistern gelebt hat. Er
verfügt über einen Masterabschluss in (...)wissenschaften und habe vor
der Ausreise (...) als Autohändler gearbeitet.
B.
Am 15. Februar 2017 suchte der Beschwerdeführer in der Schweiz um Asyl
nach. Die Vorinstanz führte am 20. Februar 2017 seine Befragung zur Per-
son und zum Reiseweg (BzP) durch. Seine Anhörung zu den Asylgründen
fand am 21. August 2018 statt.
C.
Der Beschwerdeführer brachte im Rahmen des erstinstanzlichen Verfah-
rens vor, er sei im Iran neun Jahre lang alkoholabhängig gewesen und we-
gen Besitz und Konsum von Alkohol zweimal mit Peitschenhieben bestraft
worden; er habe dort auch eine Therapie gemacht. Während der Therapie
habe er C._ kennen gelernt und sich mit diesem öfter unterhalten.
C._ habe ihm anvertraut, dass er ein katholischer Priester sei, und
ihn in seine Hauskirche eingeladen. Etwa ab Mai 2016 habe er sich dann
selbst mit dem Christentum beschäftigt; die Religion habe ihm geholfen,
die Sucht zu besiegen. Drei Monate später sei er zum ersten Mal in die
Hauskirche des C._ gegangen, die er insgesamt sechs Mal besucht
habe. Seine Eltern seien auch Christen gewesen, er habe sich aber – bis
er C._ kennengelernt habe – nicht wirklich für deren Glauben inte-
ressiert. Die Eltern hätten ihm und seinen Geschwistern freigestellt, einen
eigenen Weg zu finden.
Ein Mann namens D._, der für die iranische Revolutionsgarde (Se-
pah) gearbeitet habe, habe in dieser Zeit bei ihm ein Auto gekauft; den
Wagen habe er in Kommission für einen anderen Autohändler verkaufen
sollen. Dieser Handel habe zu Schwierigkeiten geführt. D._ habe
das Geld bezahlt und das Auto sofort mitgenommen. Der Beschwerdefüh-
rer habe sodann den Kaufpreis an den anderen Händler überwiesen.
D._ habe aber nicht wie üblich, innert zwei Wochen seine Papiere
übermittelt, so dass kein Kaufvertrag zustande gekommen sei. Er habe
später erfahren, dass die Sepah-Leute dies immer so machten. Auch auf
mehrmalige Aufforderung hin habe er sich nicht gemeldet. Als er zwei Mo-
nate später schliesslich die Überschreibung des Autos verlangt habe, habe
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der andere Händler, der kriminell gewesen sei, das Auto inzwischen noch
zweimal weiterverkauft gehabt. D._ habe dann das Auto zurückge-
ben wollen und von ihm, dem Beschwerdeführer, den Kaufpreis zurückge-
fordert, was er verweigert habe. Der andere Händler sei inzwischen unter-
getaucht gewesen. D._ habe dann gedroht, ihn fertigzumachen und
ihn zu verklagen. Er habe ihn beobachtet und sein Telefon abgehört und
so auch von seiner Konversion erfahren. Er habe ihn auch zusammen mit
C._ gesehen, welcher in der Stadt bekannt gewesen und bereits
einmal inhaftiert worden sei. Mehrmals sei in der Folge sein Auto beschä-
digt und in sein Haus eingebrochen worden; ausserdem habe er auch
Drohanrufe von Unbekannten erhalten. Bei seinem letzten Besuch in der
Hauskirche seien D._ und seine Leute während eines Gottesdiens-
tes in das Haus eingedrungen, sie hätten ihn bedroht, man werde sein Le-
ben vernichten. Der Beschwerdeführer habe durch ein Fenster fliehen kön-
nen, hinter ihm sei geschossen worden. Er habe grosse Angst bekommen,
sei nach Hause gerannt, habe seine Sachen gepackt und umgehend die
Stadt verlassen. Freunde und Verwandte hätten einen Schlepper und seine
Ausreise organisiert. Seine Familie sei persönlich und telefonisch bedroht
worden. Nach der Ausreise habe er erfahren, dass C._ und andere
Mitglieder der Hauskirche verhaftet worden seien. Der Beschwerdeführer
habe den Iran am 4. Oktober 2016 verlassen und sei mit seinem Reisepass
und einem Schweizer Visum von Teheran über Istanbul nach Zürich geflo-
gen. Von Zürich aus habe er nach England reisen wollen, was nicht gelun-
gen sei, weshalb er nach Österreich gegangen sei. Die dortigen Behörden
hätten ihn jedoch im Rahmen eines Dublin-Verfahrens in die Schweiz über-
stellt. Während des Aufenthaltes in Österreich sei er zum Christentum kon-
vertiert und habe sich taufen lassen. Inzwischen besuche er regelmässig
die Gottesdienste einer persischen Gemeinde in der Schweiz und habe
dort Halt gefunden.
Im Rahmen des erstinstanzlichen Asylverfahrens reichte der Beschwerde-
führer seinen Führerschein, ein Taufzeugnis sowie einen Brief des Pastors
der persischen christlichen Gemeinde in der Schweiz ein. Zudem wurden
Akten aus dem österreichischen Asylverfahren zu den Akten genommen.
D.
Am 4. Oktober 2019, eröffnet am 11. Oktober 2019, lehnte die Vorinstanz
das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab, verfügte die Wegweisung aus
der Schweiz und beauftragte den Kanton E._ mit dem Vollzug. Die
vom Beschwerdeführer vorgebrachten Asylgründe erachtete sie ange-
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sichts ihrer Widersprüchlichkeit nicht als glaubhaft gemacht. Trotz wieder-
holten Nachfragens habe er Widersprüche und unplausible Aussagen nicht
zu klären vermocht. Weder seine Angaben zu seiner angeblichen Konver-
sion zum Christentum noch die Vorbringen betreffend die zweimalige Be-
strafung wegen unerlaubtem Alkoholkonsum hätten zu überzeugen ver-
mocht. Auf die Argumentation des SEM im Einzelnen wird im Rahmen der
Erwägungen eingegangen.
E.
Am 4. November 2019 erhob der Beschwerdeführer mit Hilfe seines
Rechtsvertreters (Vollmacht vom 21. Oktober 2019) beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde gegen diese Verfügung. Er beantragte die Auf-
hebung der Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die
Gewährung von Asyl, eventualiter die Anordnung einer vorläufigen Auf-
nahme. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er die Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses sowie die Beiordnung seines Rechtsvertreters als amt-
lichen Rechtsbeistand. Zum Beweis seiner Konversion reichte der Be-
schwerdeführer Fotos und den Link auf ein (...)-Video ein, in dem er wäh-
rend eines Gottesdienstes zu sehen sei, sowie die Bestätigung eines
Schweizer Bekannten. Des Weiteren reichte er drei Arztzeugnisse betref-
fend seine Alkoholsucht und einen Bericht über die Bestrafung von Alko-
holgenuss im Iran ein. Auf die Beschwerdebegründung wird im Rahmen
der Erwägungen eingegangen.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 13. November 2019 stellte die Instruktions-
richterin fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in
der Schweiz abwarten. Sie hiess das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses. Den Rechtsvertreter setzte sie als amtlichen Rechtsbei-
stand ein.
G.
Am 17. August 2020 reichte der Rechtsbeistand eine provisorische Hono-
rarnote zu den Akten.
H.
Am 24. August 2021 lud die Instruktionsrichterin das SEM zur Vernehmlas-
sung ein.
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Seite 5
I.
In seiner Stellungnahme vom 7. September 2021 hielt das SEM am ableh-
nenden Entscheid fest. Die eingereichten Beweismittel, das Video sowie
eine Aufnahme von einem Gottesdienst belegten die Hinwendung zum
christlichen Glauben nicht, das eingereichte Foto einer Demonstration be-
weise ebenfalls nicht die Vorbringen des Beschwerdeführers und seine Al-
koholsucht sei auch im Heimatstaat Iran behandelbar; er selbst habe dort
bereits eine Therapie gemacht.
J.
In der Replik vom 27. September 2021 wird entgegnet, das SEM hätte
problemlos den Hinweisen des Beschwerdeführers bereits im Rahmen des
erstinstanzlichen Verfahrens nachgehen können. Der Beschwerdeführer
sei auf dem Video klar zu identifizieren. Das Schreiben seines Bekannten
sei kein Gefälligkeitsschreiben, sondern im Gesamtkontext zu sehen. Die
Demonstration habe in Bern stattgefunden. Der Beschwerdeführer sei
schwer alkoholabhängig und immer wieder durch erneute Rückfälle gefähr-
det. Der Rechtsvertreter reichte eine aktualisierte Honorarnote ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt jedoch das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
http://links.weblaw.ch/AS-2016/3101
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1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die we-
gen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Aus-
druck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat be-
stehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei die Einhaltung des
Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 4 AsylG).
3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7AsylG).
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Seite 7
4.
4.1 Das SEM erachtete die vorgebrachten Asylgründe nicht für glaubhaft
gemacht. Insbesondere das Vorbringen betreffend den gescheiterten Au-
toverkauf an das Sepah-Mitglied D._ und die sich daraus ergeben-
den Probleme für den Beschwerdeführer erachtete es als unglaubhaft, sie
seien in sich unlogisch und unplausibel (Akte A15, F78 und F79-F124). Es
sei nicht nachvollziehbar, warum D._ sich so lange nicht gemeldet
haben sollte, um das Auto überschreiben zu lassen; die Erklärungsversu-
che des Beschwerdeführers überzeugten nicht. Es sei auch unlogisch,
dass D._ sich nach zwei Monaten plötzlich doch gemeldet habe und
das Auto hätte auf sich überschreiben wollen. Es sei auch nicht nachvoll-
ziehbar, dass der Beschwerdeführer den Kauf – nachdem D._ das
Auto habe zurückgeben wollen – nicht rückabgewickelt habe, sondern ihm
den Kaufpreis nicht habe erstatten wollen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt
bereits gewusst habe, dass der andere Händler das Auto in krimineller Ab-
sicht schon mehrfach verkauft habe. Es wäre logischer gewesen, den Kauf
rückgängig zu machen und damit Probleme zu vermeiden, als schliesslich
das Land zu verlassen. Unklar sei auch, wie und weshalb der Geschäfts-
partner das Auto mehrmals verkauft habe (Akte A15, F95-F101). Ferner sei
nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer sich nicht um eine Lö-
sung bemüht habe, nachdem die Ablehnung das Auto zurückzunehmen
und den Kaufpreis zurückzuerstatten, doch massive Konsequenzen gezei-
tigt habe und vermutlich auch seinen Ruf als Autoverkäufer geschädigt
hätte (Akte A15, F78). Schliesslich sei nicht erklärbar, dass der Beschwer-
deführer nach den Drohungen nicht gewusst haben wolle, dass D._
für diese und alle weiteren Übergriffe verantwortlich gewesen sei (Akte
A 15, F78). Gesamthaft seien die fluchtauslösenden Probleme mit
D._ nicht glaubhaft gemacht.
Auch die Schilderungen betreffend die Bekanntschaft mit C._ und
die Hinwendung zum christlichen Glauben überzeugten nicht, der Be-
schwerdeführer habe sich sowohl ausweichend und pauschal zum christli-
chen Hintergrund seiner Familie als auch zu seiner Beziehung zu
C._ geäussert. Die Fragen, welche Momente für ihn bei der Hin-
wendung zum Christentum wichtig gewesen seien und ab wann er sich
selber als Christ bezeichnet habe, habe er nur ausweichend beantwortet
(Akte A15, F172 ff.), seine Schilderungen zu seiner Teilnahme an den Ze-
remonien seien pauschal, substanzarm und wiederholend ausgefallen
(Akte A15, F167 ff.).
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Widersprüchlich und insgesamt unglaubhaft habe der Beschwerdeführer
schliesslich auch die Ereignisse betreffend den Überfall D._s auf
C._s Haus und seine Flucht geschildert; trotz mehrmaliger Nach-
frage sei er nicht in der Lage gewesen, die Ereignisse zeitlich einzuordnen.
Auch die Aussagen zu den Geschehnissen nach seiner Ausreise, die
Durchsuchung seines Elternhauses und die Konfiszierung seines Laptops
sowie die Behelligungen seiner Eltern und der Schwester seien überwie-
gend ausweichend und substanzarm ausgefallen (Akte A 15, F29-F43,
F204 ff.).
Das SEM erachtete – trotz Taufe in Österreich – auch die Konversion des
Beschwerdeführers nicht für glaubhaft gemacht und erachtete seinen
Glaubenswechsel als inszeniert. Er habe in der Anhörung nur rudimentäre,
teils falsche Kenntnisse des Christentums gehabt. Selbst wenn er in der
Schweiz in einer Kirche aktiv sei, sei es ihm nicht gelungen, seinen inneren
Religionswechsel in überzeugender Weise geltend zu machen. Deshalb
bestehe der Verdacht, dass der Glaubenswechsel inszeniert worden sei,
um in der Schweiz ein Bleiberecht zu erlangen, zumal der Beschwerdefüh-
rer ausgesagt habe, dass er auf (...)-Videos beim Musizieren in der Kirche
zu sehen sei; entsprechende Videobeweise habe er jedoch nicht vorgelegt
(Akte A 15, F176, 194, 195). Zweifel bestünden auch an dem Vorbringen,
er sei im Iran wegen Alkoholkonsum zweimal mit Peitschenhieben bestraft
worden. Auch bestehe zwischen diesen Ereignissen und der Ausreise kein
Kausalzusammenhang.
4.2 In der Beschwerde wird erwidert, dass der Beschwerdeführer – anders
als von der Vorinstanz behauptet – die fluchtauslösenden Ereignisse in der
Anhörung detailliert und ausführlich dargetan habe. Es treffe nicht zu, dass
er die Vorhalte des SEM nicht habe ausräumen können. Er habe vielmehr
plausibel dargelegt, weshalb eine Rückabwicklung des Autokaufs schwie-
rig gewesen sei und sich zu diesem Zeitpunkt nicht aufgedrängt habe – da
er gar nicht gewusst habe, dass D._ ein Sepah-Mann gewesen sei.
Die Ausführungen, wie er zum Christentum gekommen sei, seien ebenfalls
überzeugend und konzis. Er habe C._ kennengelernt, der ihn be-
eindruckt habe und mit dem er sich gut habe unterhalten können. Daher
habe er auch dessen Einladung in seine Hauskirche angenommen und
sich dem Christentum als Religion nahegefühlt. Es sei nicht unplausibel,
dass C._ einen anderen Eindruck auf ihn gemacht habe als seine
Eltern, die ihren christlichen Glauben nicht ausgeprägt, sondern nur ver-
steckt praktizierten. Der Beschwerdeführer habe klar und nachvollziehbar
geschildert, welchen Eindruck der erste Gottesdienst in der Hauskirche auf
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ihn gemacht habe. Seine Schilderungen über die Zeremonien seien auch
nicht ausweichend und pauschal gewesen, sondern vielmehr sehr detail-
liert. Zu den Fotos, die die Sepah auf dem konfiszierten Laptop gefunden
habe, habe er ebenfalls Stellung genommen (vgl. Act. A15, F34); das SEM
habe zudem auch nicht weiter nachgefragt. Er habe auch über die Telefon-
drohungen, welche seine Familie nach der Ausreise erhalten habe, Aus-
kunft geben können. Seine SIM-Karte habe er vernichtet, aus Angst, sonst
auch in der Schweiz aufgespürt zu werden (vgl. Act. A15, F212). Allfällige
Widersprüche zwischen BzP und Anhörung erklärten sich durch den Um-
stand, dass er sich an der BzP habe kurzfassen sollen.
Falsch sei die Behauptung, dass der Beschwerdeführer sich nicht genü-
gend zum christlichen Glauben geäussert habe; vielmehr habe er sehr de-
tailliert darüber berichtet. Sofern er manche Dinge falsch gesagt habe, sei
dies der Umrechnung aus dem persischen Kalender geschuldet; der Be-
schwerdeführer habe die Daten auf Deutsch genannt und sich dabei ein-
fach vertan. Die anwesende Hilfswerksvertretung (HWV) habe notiert, dass
er sich sehr ausführlich zu seinem Glauben geäussert habe. Im Rahmen
der Anhörung habe der Beschwerdeführer auch das (...)-Video des Got-
tesdienstes vorspielen wollen, das SEM sei aber nicht darauf eingegangen.
Auch die HWV habe notiert, dass das Video noch angeschaut werden
sollte. Auch nach seiner Flucht habe er in Österreich regelmässig an Got-
tesdiensten teilgenommen, bis er sich im Februar 2017 habe taufen lassen.
In der Schweiz pflege er Kontakt zur persischen christlichen Gemeinde, er
nehme regelmässig an Gottesdiensten teil und diene als Messdiener; dies
gehe auch der Bestätigung des Pastors vor, die als Beweismittel vorliege.
Auch Herr F._, ein Bekannter des Beschwerdeführers, bestätige in
seinem Schreiben, das als Beweismittel eingereicht werde, dass der Be-
schwerdeführer mit ihm über seinen Glauben gesprochen habe. Der Be-
kannte bestätigt, dass der Beschwerdeführer den christlichen Glauben
sehr ernst nehme. Der Beschwerdeführer sei aus tiefer Überzeugung zum
Christentum konvertiert und praktiziere diesen Glauben bis heute ernsthaft.
Unter Berufung auf die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
wird in der Beschwerde argumentiert, dass im Iran sowohl die Abkehr vom
lslam selbst als auch die Missionierung von muslimischen Personen mit
der Todesstrafe bestraft werden könne. Seit dem Amtsantritt von Präsident
Rohani seien in den letzten Jahren hunderte Personen festgenommen und
zu teils langen Haftstrafen verurteilt worden, insbesondere wenn die Per-
sonen mit einer missionierenden Tätigkeit in Verbindung gebracht würden.
Konvertierte würden oft wegen Verbrechen politischer Natur und Verbre-
chen gegen die nationale Sicherheit angeklagt, was ein weites und vages
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Spektrum an Aktivitäten umfasse, wie zum Beispiel Propaganda gegen das
System, Absprache gegen die Regierung, Beleidigung des obersten Füh-
rers oder des Präsidenten oder auch Verschwörung mit ausländischen
Feinden. Die Verfahren seien denn auch oft unfair und erfüllten keine
rechtsstaatlichen Kriterien. In jüngster Zeit lägen Hinweise vor, wonach das
Strafmass für Konvertierte besonders hoch ausfalle. Auch die Todesstrafe
werde in seltenen Fällen ausgesprochen. Da der Beschwerdeführer sich
auch in der Schweiz gegen die Hinrichtung von Christen im Iran einsetze –
er habe an einer Demonstration in Bern teilgenommen, was er durch ein
Foto belegen könne – und in einer iranischen Religionsgemeinschaft aktiv
sei, sei zu befürchten, dass er vom iranischen Geheimdienst überwacht
werde. Vor diesem Hintergrund müsste der Beschwerdeführer bei einer
Rückkehr in den Iran mit einer flüchtlingsrelevanten Bestrafung rechnen,
da er habe glaubhaft machen können, in seinem Heimatland wegen seiner
Religion gefährdet zu sein.
4.3 In seiner Stellungnahme im Rahmen der Vernehmlassung äusserte
sich das SEM insbesondere zu den im Rahmen der Beschwerde einge-
reichten Beweismitteln. Zum Video-Link hielt das SEM dem Beschwerde-
führer vor, dass er das (...)-Video des Gottesdienstes der persischen Ge-
meinde in der Anhörung zwar erwähnt habe, jedoch den Link nicht ange-
geben habe. Es sei nicht Sache des SEM, nach Beweismitteln zu forschen,
sondern es wäre seine Pflicht gewesen, den Link einzureichen. Inzwischen
habe die Sichtung des Videos zudem ergeben, dass der Beschwerdeführer
nicht klar zu identifizieren sei. Das Schreiben des Herrn F._ sei als
Beweis der Konversion nicht geeignet, da es sich bei derartigen Schreiben
häufig um Gefälligkeitsschreiben handle. Zum Bild, auf welchem der Be-
schwerdeführer zusammen mit anderen Personen und mit iranischen Flag-
gen zu sehen sei, und das ihn gemäss eigenen Angaben während einer
Demonstration vom (...) 2018 gegen die Hinrichtung von Christen im Iran,
vor der iranischen Botschaft in Bern zeige, sei festzuhalten, dass die De-
monstration nicht vor der Botschaft Irans stattgefunden habe. Abgesehen
davon gehe aus dem Bild der Zweck der Menschenzusammenkunft mit den
iranischen Flaggen nicht hervor. Es sei eine reine Behauptung des Be-
schwerdeführers, dass es eine Demonstration gegen die Hinrichtung von
Christen im Iran gewesen sei. Betreffend die Arztberichte, welche der Be-
schwerdeführer zum Beleg seiner Alkoholsucht mit der Beschwerde einge-
reicht habe, und betreffend den Bericht, wonach Alkoholkonsum im Iran
verboten sei und Zuwiderhandlungen mit Körperstrafen bestraft würden,
hielt das SEM fest, es sei dem Beschwerdeführer zuzumuten, in der
Schweiz oder im Iran einen Alkoholentzug zu machen. Er habe gemäss
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Seite 11
eigenen Angaben auch im Iran bereits eine Therapie gemacht (Akte A7,
S.8). Im International Journal of Drug Policy (www.elsevier.com/lo-
cate/drugpo) sei dem Artikel «Alcohol treatment systems in Muslim majority
countries: Case study of alcohol treatment policy in Iran» aus dem Jahre
2020 zu entnehmen, dass es im Iran zahlreiche Möglichkeiten zur Behand-
lung von Alkoholabhängigkeit gebe. Die Ausreisefrist könnte – sollte der
Beschwerdeführer aus persönlichen Gründen den Alkoholentzug in der
Schweiz machen wollen – entsprechend verlängert werden.
4.4 In der Replik wird entgegnet, das SEM hätte ohne Weiteres das Video
des Beschwerdeführers finden können und er sei in der Aufnahme auch
eindeutig zu identifizieren, wie er während des Gottesdienstes (...) spiele.
Das Schreiben seines Bekannten sei im Gesamtkontext als Indiz für seine
glaubhafte Konversion zu würdigen. Betreffend das Foto der Demonstra-
tion in Bern sei festzuhalten, dass die Demonstranten nicht vor der irani-
schen Botschaft, sondern dem historischen Museum in Bern fotografiert
worden seien. Nach der Aufnahme seien sie weiter zur iranischen Bot-
schaft gezogen. Sofern das SEM festhalte, dass aus dem Bild der Zweck
der Menschenzusammenkunft mit den iranischen Flaggen nicht hervor-
gehe, so sei zu entgegnen, dass auf dem Bild eine alte iranische Flagge
zu sehen sei, welche vor der Errichtung der islamischen Republik verwen-
det wurde. Diese Flagge werde heute von der iranischen Opposition, mithin
auch von iranischen Christen verwendet. Zwar gehe aufgrund des Bildes
nicht zweifelsfrei hervor, dass die abgebildeten Personen gegen die Hin-
richtung von Christen im Iran demonstrierten. Trotzdem habe es sich dabei
um eben eine solche Demonstration gehandelt, an welcher auch der Be-
schwerdeführer teilgenommen habe. Betreffend die Alkoholsucht sei be-
kannt, dass es oft zu Rückfällen komme, der Beschwerdeführer sei auch
in der Schweiz schon dreimal rückfällig geworden.
5.
Zunächst sind die geltend gemachten Vorfluchtgründe und Ereignisse
im Iran zu prüfen.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht teilt die Auffassung des SEM, wonach
die Vorbringen des Beschwerdeführers rund um den missglückten Autover-
kauf an ein Mitglied der Revolutionsgarde mit Namen D._, der die
Bespitzelung und Überwachung sowie die Behelligung des Beschwerde-
führers zur Folge gehabt habe und aufgrund dessen auch seine Besuche
einer katholischen Hauskirche von der Sepah registriert worden und er
durch D._ und seine Männer bedroht worden sei, nicht hinreichend
E-5801/2019
Seite 12
glaubhaft gemacht wurden. Es ist dem Beschwerdeführer auch nicht ge-
lungen, die Ungereimtheiten im Rahmen des Beschwerdeverfahrens über-
zeugend aufzulösen. Auch das Gericht geht nicht davon aus, dass sich der
missglückte Autoverkauf an ein Sepah-Mitglied namens D._ so ab-
gespielt hat, wie der Beschwerdeführer es in der Anhörung schildert. Es
kann dabei auf die Ausführungen im angefochtenen Entscheid verwiesen
werden, mit denen das SEM im Einzelnen die vielen Ungereimtheiten in
der Sachverhaltsschilderung des Beschwerdeführers aufzeigte. Die Vor-
bringen rund um die Alkoholsucht des Beschwerdeführers sind nicht asyl-
beachtlich, da – wie das SEM zu Recht festgestellt hat – kein Kausalzu-
sammenhang mit der Ausreise dargetan wurde und der Beschwerdeführer
dieses Vorbringen weder inhaltlich noch zeitlich substanziiert hat.
5.2 Zur Konversion bereits im Iran ist festzustellen, dass es nicht auszu-
schliessen ist, dass der Beschwerdeführer bereits vor der Ausreise Kontakt
mit einem Christen namens C._ gehabt hat. Es ist auch vorstellbar,
dass er – selbst wenn er seinen Angaben gemäss aus einer christlichen
Familie stammt – sich erst durch den Austausch mit einer charismatischen
Person für das Christentum interessiert hat. Die Schilderungen in der An-
hörung betreffend sein Interesse für das Christentum erachtet das Gericht
als einigermassen überzeugend (vgl. act. A15 F156 ff.). In der Anhörung
schilderte er ausführlich, wie er nach dem Kontakt mit dem katholischen
Hauspfarrer C._ begonnen habe, sich für den christlichen Glauben
zu interessieren (vgl. A15 F157 ff.). Entgegen den Ausführungen des SEM
im angefochtenen Entscheid hat sich der Beschwerdeführer in der Anhö-
rung detailliert und genügend substanziiert zu seiner christlichen Einstel-
lung geäussert, seinen Aussagen sind dabei durchaus Anzeichen für eine
auch innere Hinwendung zum Christentum zu entnehmen (vgl. A15 F159
ff.). Es trifft zu, dass der Beschwerdeführer nicht immer korrekte Antworten
gegeben hat, dennoch zeigen seine Aussagen betreffend die Wiederaufer-
stehung und das Leben nach dem Tod (vgl. A15 F161) sowie zur Erlösung
(vgl. A15 F162) eine Auseinandersetzung mit zentralen Fragen des christ-
lichen Glaubens auf. Das Bundesverwaltungsgericht erachtet es als über-
wiegend glaubhaft gemacht, dass der Beschwerdeführer sich bereits im
Iran zumindest für den christlichen Glauben interessiert hat.
5.3 Allerdings gelang es dem Beschwerdeführer nicht, die von ihm geschil-
derte Verkettung der Umstände, welche letztlich zu seiner Flucht geführt
hätten, beginnend mit dem missglückten Autoverkauf an ein Mitglied der
Revolutionsgarde, der die Bespitzelung und Überwachung des Beschwer-
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Seite 13
deführers ausgelöst habe, in Zuge dessen auch sein Kontakt zu einem ka-
tholischen Pfarrer und die Hinwendung zum Christentum aufgedeckt und
der Beschwerdeführer schliesslich beim Besuch der Hauskirche bedroht
worden sei, glaubhaft zu machen.
5.4 Bei dieser Ausgangslage geht das Gericht nicht davon aus, dass der
Beschwerdeführer zum Zeitpunkt der Ausreise aus dem Iran eine begrün-
dete Furcht vor ihm drohender zukünftiger Verfolgung gehabt habe, selbst
wenn ihm geglaubt würde, dass er sich für das Christentum interessierte
und wiederholt eine Hauskirche besuchte. Gemäss Praxis des Bundesver-
waltungsgerichts vermag der Übertritt zum Christentum im Iran für sich al-
leine zu keiner (individuellen) staatlichen Verfolgung zu führen. Eine Ver-
folgung durch den iranischen Staat kommt erst dann zum Tragen, wenn
der Glaubenswechsel aufgrund einer missionierenden Tätigkeit bekannt
wird und zugleich Aktivitäten der Konvertierten vorliegen, die vom Regime
als Angriff auf den Staat angesehen werden (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.3.4).
Diese Beurteilung hat nach wie vor ihre Gültigkeit (vgl. Urteil des BVGer
D-1661/2019 vom 23. März 2021 E. 4.5 f.). Der Beschwerdeführer hat
nicht vorgetragen, dass er vor seiner Ausreise je für seinen neuen Glauben
missionarisch tätig gewesen sei; er hat sich im Iran durch seinen christli-
chen Glauben nicht exponiert. Schliesslich spricht auch der Umstand, dass
der Beschwerdeführer den Iran mit seinem eigenen Reisepass über den
Flughafen verlassen hat, gegen ein behördliches Interesse an seiner Per-
son.
5.5 Insgesamt gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass
die Vorinstanz das Bestehen von Vorfluchtgründen zu Recht verneint hat.
6.
Im Weiteren ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer aufgrund der in Öster-
reich erfolgten Taufe und der damit vollzogenen, formalen Konversion zum
Christentum sowie seinem Engagement in der persischen Gemeinde in der
Schweiz subjektive Nachfluchtgründe zu begründen vermag.
6.1 Wer sich darauf beruft, dass erst durch sein Verhalten nach der Aus-
reise aus dem Heimatland eine Gefährdungssituation geschaffen worden
ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von
Art. 54 AsylG geltend. Solche begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft
im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Aus-
schluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/28 http://links.weblaw.ch/BVGer-D-1661/2019
E-5801/2019
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missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden Personen, die subjek-
tive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als
Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). Die Anfor-
derungen an den Nachweis einer begründeten Furcht bleiben massgeblich
(Art. 3 und Art. 7 AsylG).
6.2 Das Gericht stellt die in Österreich mit der Taufe formal vollzogene Kon-
version der Beschwerdeführenden nicht in Frage. Dennoch kommt es zum
Schluss, dass seine christliche Glaubensausübung nicht geeignet ist,
flüchtlingsrechtlich relevante Massnahmen im Iran auszulösen. Gemäss
ständiger Rechtsprechung führt eine Konversion im Ausland alleine nicht
zwingend zu einer staatlichen Verfolgung. Die Glaubensänderung vermag
die Aufmerksamkeit der iranischen Behörden auf sich zu ziehen, wenn sie
im Ausland aktiv und nach aussen hin sichtbar praktiziert wird und im Ein-
zelfall davon ausgegangen werden muss, dass das heimatliche Umfeld
von einer solchen aktiven, allenfalls missionarische Züge annehmenden
Glaubensausübung erfährt. Deshalb ist neben der Glaubhaftigkeit der Kon-
version auch das Ausmass der öffentlichen Bekanntheit der betroffenen
Person in Betracht zu ziehen (vgl. dazu statt vieler Urteile des BVGer
D-1754/2018 vom 16. Dezember 2020 E. 6.4, E-3017/2021 vom 16. Juli
2021 E. 8.2, je m.w.H., in Bestätigung von BVGE 2009/28 E. 7.3.4 ff.).
Den Ausführungen des Beschwerdeführers und den von ihm eingereichten
Beweismitteln kann entnommen werden, dass sich seine Aktivitäten vor-
wiegend auf den privaten Austausch und auf interne Anlässe der christli-
chen Gemeinschaft (Gottesdienste) beschränken. Er spielt bei Gottes-
diensten in der Musikgruppe und hilft als Messdiener mit. Anderes ist auch
dem zum Beweis eingereichten Video, das ihn beim Musizieren im Gottes-
dienst zeigt, nicht zu entnehmen. Dem Kanal der persischen Gemeinde
folgen (...) 71 Personen (vgl. als Beweismittel eingereichtes Standbild des
Videos, Beschwerdebeilage 3). Es ist demnach nicht von einer besonders
gesteigerten Bekanntheit dieser christlichen Exilgemeinde auszugehen.
Die Aktivitäten des Beschwerdeführers in der Schweiz stellen daher keine
aktive Glaubensausübung im Sinne der genannten Rechtsprechung dar.
Es ist jedenfalls nicht von einer missionarischen Tätigkeit oder einem in
exponierter Weise ausgelebten Glauben auszugehen. Die vorliegenden
Beweisunterlagen bestätigen den regelmässigen Gottesdienstbesuch (vgl.
Bestätigungsschreiben des Pastors vom 18. August 2018, SEM Akten A8
Nr. 4 [BM 2]), das Musizieren im Gottesdienst sowie eine einmalige Teil-
nahme an einer Demonstration im (...) 2018. Neuere Beweisunterlagen
sind nicht vorgelegt worden. Auch in der letzten Eingabe (Replik vom
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27. September 2021) ist keine Rede davon, dass sich die Rolle des Be-
schwerdeführers im Laufe seines Aufenthaltes in der Schweiz verändert
hätte. Aus den Akten ergeben sich auch keine Anhaltspunkte dafür, dass
der Beschwerdeführer nach einer Rückkehr ins Heimatland dort neu mis-
sionierende Tätigkeiten sollte entfalten wollen.
6.3 Im Weiteren ist nicht ersichtlich, dass die in Österreich vollzogene
Taufe des Beschwerdeführers im Iran öffentlich bekannt geworden ist,
wenn auch nicht ausgeschlossen ist, dass die Familie oder einzelne Be-
kannte im Iran von seinem bereits im Iran erfolgten Glaubenswechsel
Kenntnis haben. Allerdings dürfte der Beschwerdeführer – der seinen An-
gaben gemäss aus einer toleranten christlichen Familie stammt (vgl. act.
A15 F153 ff.) – von Seiten der Familie keine Probleme erwarten. Abgese-
hen davon ist darauf hinzuweisen, dass, selbst wenn die iranischen Behör-
den von der Konversion bereits Kenntnis erlangt haben sollten, die private
Glaubensausübung im Iran grundsätzlich möglich ist (vgl. Urteil des BVGer
E-6349/2019 vom 29. Juni 2021 E. 7.4.1 m.w.H.). Nach diesen Ausführun-
gen kommt das Gericht zudem zum Schluss, dass das aktive Missionieren
für den Beschwerdeführer kein zentrales Element seiner religiösen Identi-
tät darstellt, weshalb im Falle einer Rückkehr in den Iran die private Glau-
bensausübung für ihn nicht als unerträglicher psychischer Druck im Sinne
von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu qualifizieren wäre. Zusammenfassend ist nicht
davon auszugehen, dass die iranischen Behörden ein Interesse daran hät-
ten, den Beschwerdeführer bei einer allfälligen Rückkehr in den Iran allein
aufgrund seiner Konversion zum Christentum zu verfolgen. Demnach kann
den Beschwerdeführenden keine entsprechende, flüchtlingsrechtlich rele-
vante Verfolgungsfurcht zuerkannt werden.
6.4 Nach dem Gesagten liegen keine subjektiven Nachfluchtgründe vor.
6.5 Zusammenfassend gelangt das Gericht zum Schluss, dass die Vor-
instanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers ver-
neint und sein Asylgesuch abgelehnt hat.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
E-5801/2019
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7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
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keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Der Umstand, dass der Beschwerdeführer unter einer
Alkoholabhängigkeit leidet und Alkoholkonsum im Iran bestraft werden
kann, vermag kein solches «real risk» zu begründen, zumal der Beschwer-
deführer eine entsprechende Therapie machen kann (vgl. E. 8.6). Auch die
allgemeine Menschenrechtssituation im Iran lässt den Wegweisungsvoll-
zug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem
Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als
auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.5 Die allgemeine Situation im Heimatstaat des Beschwerdeführers ist
nicht von Krieg, Bürgerkrieg oder allgemeiner Gewalt geprägt. Auch in in-
dividueller Hinsicht sind keine Gründe ersichtlich, welche den Vollzug der
Wegweisung als unzumutbar erscheinen liessen. Seinen Angaben zufolge
lebte er mit seiner Familie im eigenen Haus, er hatte nach eigenen Anga-
ben «ein gutes Leben», (...). Da seine Familie in Glaubensfragen tolerant
ist, ist auch nicht zu erwarten, dass der Beschwerdeführer mit seinem
neuen Glauben in der Familie anecken wird. Es kann davon ausgegangen
werden, dass er bei einer Rückkehr in den Heimatstaat auf die Unterstüt-
zung seines Beziehungsnetzes wird zurückgreifen können und damit nicht
in eine existenzielle Notlage geraten wird.
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8.6 Betreffend die vom Beschwerdeführer geltend gemachten und ärztlich
bestätigten Alkoholprobleme schliesst sich das Bundesverwaltungsgericht
vollumfänglich den Ausführungen des SEM in seinem Entscheid und in der
Vernehmlassung vom 7. September 2021 an. Beachtlich ist dabei nament-
lich, dass das SEM dem Beschwerdeführer sogar die Möglichkeit eröffnet,
einen Alkoholentzug in der Schweiz zu machen, und bereit ist, die Ausrei-
sefrist darauf abzustimmen. Die vom Beschwerdeführer vorgebrachten ge-
sundheitlichen Probleme sind nicht geeignet, den Wegweisungsvollzug als
unzumutbar erscheinen zu lassen.
8.7 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für seine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.8 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da mit Zwischenverfügung vom
13. November 2019 die unentgeltliche Prozessführung gewährt wurde und
aus den Akten keine Hinweise auf eine zwischenzeitliche Veränderung der
finanziellen Verhältnisse hervorgehen, sind keine Verfahrenskosten zu er-
heben.
11.
Der Beschwerdeführer ist amtlich verbeiständet. Sein Rechtsbeistand hat
beim vorliegenden Verfahrensausgang Anspruch auf ein amtliches Hono-
rar.
Der Rechtsvertreter reichte am 27. September 2021 eine Kostennote ein.
Darin wurde ein Aufwand von 13.95 Stunden à Fr. 300.– sowie Auslagen
in Höhe von Fr. 29.60, zuzüglich Mehrwertsteuer, geltend gemacht. Der
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ausgewiesene zeitliche Aufwand erscheint grundsätzlich angemessen, die
pro-futuro angesetzte Stunde zur Urteilsbesprechung ist allerdings praxis-
gemäss nicht zu vergüten, womit der zu entschädigende Aufwand auf
12.95 Stunden anzusetzen ist. Ferner ist der Stundenansatz von Fr. 300.-
zu reduzieren; das Gericht geht praxisgemäss bei amtlicher Vertretung von
einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für Anwältinnen und An-
wälte aus (vgl. Instruktionsverfügung vom 13. November 2019). Das Ho-
norar ist somit auf Fr. 3'100.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteueranteil)
festzusetzen und dem amtlichen Rechtsbeistand zu Lasten der Gerichts-
kasse auszurichten.
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