Decision ID: bbd4a81e-7add-46de-85a3-787e7e3762bb
Year: 2012
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
Verletzung des Amtsgeheimnisses
Berufung gegen ein Urteil des Einzelrichters in Strafsachen des Bezirkes Zürich vom 30. März 2009 (GG080587)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 9. Dezember
2008 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 51).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 90 S. 40 ff.)
"Der Einzelrichter erkennt:
1. Der Angeklagte ist schuldig der Verletzung des Amtsgeheimnisses im Sinne von
Art. 320 StGB.
2. Der Angeklagte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu Fr. 160.-.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre
angesetzt.
4. Der Angeklagte wird verpflichtet, dem Geschädigten eine Genugtuung in der Höhe
von Fr. 1.- zu bezahlen.
5. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 2'500.-- ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. Kosten der Kantonspolizei
Fr. Kanzleikosten Untersuchung
Fr. 6'512.15 Auslagen Untersuchung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
6. Die Kosten, einschliesslich derjenigen der Untersuchung, werden dem Angeklagten
auferlegt.
7. ... (Mitteilung)
8. ... (Rechtsmittel)"
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Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Angeklagten:
(Urk. 165 S. 2)
1. Der Angeklagte A._ sei freizusprechen; 2. Die Kosten der Untersuchung und der gerichtlichen Verfahren
seien auf die Staatskasse zu nehmen; 3. A._ sei angemessen für seine Umtriebe zu entschädigen.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 166 S. 1)
1. Die Berufung des Beschuldigten A._ sei abzuweisen. 2. Das Urteil des Einzelrichters des Bezirksgerichts Zürich vom
30. März 2009 sei zu bestätigen, d.h. 3. Der Beschuldigte sei wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses
im Sinne von Art. 320 Ziff. 1 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen. 4. Er sei mit einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu CHF 120.– zu
bestrafen. 5. Der Vollzug der Geldstrafe sei aufzuschieben unter Ansetzung
einer Probezeit von zwei Jahren. 6. Die Kosten des Verfahrens seien dem Beschuldigten aufzuerle-
gen.

Das Gericht erwägt:
1. Prozessgeschichte
1.1. Mit vorstehend wiedergegebenem Urteil vom 30. März 2009 wurde der
Angeklagte der Verletzung des Amtsgeheimnisses im Sinne von Art. 320 StGB
schuldig gesprochen und mit einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu Fr. 160.–
bestraft. Der Vollzug der Geldstrafe wurde aufgeschoben und die Probezeit auf
2 Jahre festgesetzt. Weiter wurde der Angeklagte verpflichtet, dem Geschädigten
eine – symbolische – Genugtuung von Fr. 1.– zu bezahlen, und wurden die
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Verfahrenskosten und die Kosten der Untersuchung dem Angeklagten auferlegt
(Urk. 90 S. 40).
1.2. Gegen dieses Urteil liess der Angeklagte durch seinen (erbetenen)
Verteidiger am 6. April 2009 fristgerecht Berufung erklären (Urk. 79) und am
22. April 2009 – ebenfalls fristgerecht – die Beanstandungen anbringen (Urk. 82).
Mit Eingabe vom 19. Mai 2009 teilte die Staatsanwaltschaft mit, sie beantrage die
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils und stelle keine Beweisanträge (Urk. 88).
1.3. Nach Überweisung der Akten an das Obergericht (17. Juni 2009,
Urk. 89/2), setzte der Kammerpräsident dem Angeklagten am 2. Juli 2009 Frist
an, um, soweit erforderlich, Beweisanträge zu stellen und zu begründen (Urk. 92).
Innert erstreckter Frist (Urk. 96) stellte der Verteidiger am 25. September 2009 die
folgenden Beweisanträge (Urk. 98 S. 2):
"1. B._ sei als Zeuge zum eingeklagten Sachverhalt zu befragen.
"2. Die Akten der Strafuntersuchung gegen C._ seien beizuziehen.
"3. Die Stellungnahmen der Staatsanwaltschaft und  zu Handen der Direktion der Justiz und des Inneren des Kantons Zürich bzw. des Regierungsrates, die zur Erstellung des 'Berichtes zur Strafuntersuchung im Fall C._ durch die Strafverfolgung  des Kantons Zürich' vom 1. September 2008 dienten, seien ."
1.4. Am 13. November 2009 erging die Vorladung zur Berufungsverhandlung
vom 1. März 2010 (Urk. 102). Mit Präsidialverfügung vom 21. Januar 2010 wurde
den Geschädigtenvertretern Frist angesetzt, um sich zum Aktenbeizugsgesuch
des Verteidigers (Beweisantrag Ziff. 2) zu äussern (Urk. 106). Am 26. Januar
2010 wandte sich der Vertreter des Geschädigten (C._) gegen den Akten-
beizug (Urk. 109). Die Vertreterin der Geschädigten liess sich nicht vernehmen.
1.5. Mit Beschluss vom 9. Februar 2010 wurde entschieden, B._ als Zeuge
einzuvernehmen und die Akten des Strafverfahrens gegen den Geschädigten bei-
zuziehen, damit anschliessend dem Verteidiger mit Bezug auf bestimmte
Fragestellungen Einsicht gewährt werden kann. Betreffend die weiteren Beweis-
anträge wurde der Entscheid bis zur Berufungsverhandlung aufgeschoben
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(Urk. 114). Gleichzeitig wurde B._ auf den 1. März 2010, 13.30 Uhr, zur Zeu-
geneinvernahme vorgeladen (welcher Termin ihm bereits am 22. Januar 2010
vorsorglich angezeigt worden war, Urk. 108) und brieflich auf die Rechtslage zum
Thema Quellenschutz/Zeugnisverweigerungsrecht/Verzicht auf Zeugnisverweige-
rungsrecht aufmerksam gemacht (Urk. 115; Urk. 116). Er wurde namentlich
darauf hingewiesen, dass sein vom Verteidiger in Aussicht gestelltes Aussage-
verhalten (Aussagen zu den Treffen mit dem Angeklagten und Bestätigung, dass
er – B._ – die fraglichen Dokumente nicht vom Angeklagten erhalten habe;
Inanspruchnahme des Quellenschutzes nach Art. 28a StGB hinsichtlich allfälliger
weiterer Fragen; vgl. Urk. 98 S. 3) nicht zulässig ist und ein Zeugnisverweige-
rungsrecht nicht nur partiell und selektiv in Bezug auf einzelne Fragen in
Anspruch genommen werden kann.
1.6. Am 17. Februar 2010 gingen die Akten des gegen den Geschädigten
eingestellten Strafuntersuchungsverfahrens ein (Urk. 120), und tags darauf wurde
dem Verteidiger unter Zustellung des Aktenverzeichnisses Gelegenheit gegeben,
die Aktenstücke zu bezeichnen, in welche er Einsicht zu nehmen wünscht
(Urk. 122).
1.7. Mit Eingabe vom 22. Februar 2010 liess B._ seinen zu diesem Zweck
mandatierten Rechtsanwalt Dr. Y._ – zusammengefasst – beantragen, es sei
vom durch den Verteidiger angekündigten Aussageverhalten B._s Vormerk
zu nehmen und vor der Durchführung der Zeugeneinvernahme ein rechtsmittelfä-
higer Entscheid zur Frage der Zulässigkeit eines solchen Aussageverhaltens zu
erlassen; die auf den 1. März 2010 angesetzte Einvernahme B._s sei des-
halb einstweilen auszusetzen. Weiter stellte Rechtsanwalt Dr. Y._ namens
B._s ein Ausstandsbegehren gegen die mit dem Fall befassten Mitglieder
des Obergerichts, weil ein Teil des Schreibens vom 9. Februar 2010 an B._
ein Anschein von Befangenheit begründe (Urk. 122A). Tags darauf reichte der
Verteidiger drei Eingaben ein: Zunächst stellte auch er mit Verweis auf den Inhalt
des Schreibens vom 9. Februar 2010 an B._ ein Ausstandsbegehren gegen
den Spruchkörper (Urk. 124) und beantragte sodann ebenfalls, es sei die Haupt-
verhandlung abzusetzen und vorgängig ein rechtsmittelfähiger Entscheid zur Fra-
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ge des in Aussicht gestellten Aussageverhaltens B._s zu erlassen (Urk. 125).
Schliesslich stellte er den Antrag, es sei ihm vollständige Einsicht in die Akten der
Strafuntersuchung gegen den Geschädigten zu gewähren bzw. im Verweige-
rungsfall auch darüber ein anfechtbarer Entscheid zu erlassen (Urk. 123).
1.8. Mit Verfügung vom 24. Februar 2010 wurden die Ladungen zur Hauptver-
handlung vom 1. März 2010 abgenommen (Urk. 126) und die Akten am 15. März
2010 der II. Strafkammer zum Entscheid über die Ausstandsbegehren überwiesen
(Urk. 128; Urk. 130). In der Folge wurde das Begehren des Angeklagten von der
II. Strafkammer abgewiesen und auf jenes B._s nicht eingetreten (Urk. 130A)
und wies das Bundesgericht die vom Angeklagten dagegen erhobene Beschwer-
de ab (Urk. 134).
1.9. Nach Wiedereingang der Akten wurde am 17. Mai 2011 betreffend die
noch offenen prozessualen Anträge folgendermassen beschlossen: Auf die
Begehren hinsichtlich Feststellung der Zulässigkeit des in Aussicht gestellten
Aussageverhaltens B._s wurde einstweilen nicht eingetreten und B._
– da sich dieser bis dahin noch in keiner Form gegenüber dem Gericht geäussert
hatte – zur Einvernahme als Zeuge vorgeladen. Das Begehren der Verteidigung
um Einsichtnahme in die Untersuchungsakten gegen den Geschädigten wurde
bezüglich bestimmter Aktenstücke gutgeheissen und im Übrigen abgewiesen
(Urk. 135). Auf letzteren Entscheid wurde nach einer Eingabe des Verteidigers
vom 27. Juni 2011 (Urk. 139) in teilweiser Wiedererwägung zurückgekommen und
mit Beschluss vom 16. August 2011 der Umfang der Einsichtnahme der Verteidi-
gung in die Untersuchungsakten gegen den Geschädigten erweitert, und es
wurden dem Verteidiger verschiedene von ihm gewünschte Auskünfte erteilt.
Im weitergehenden Umfang blieb es beim die Einsicht verweigernden Entscheid
und wurden die noch offenen Beweisanträge dem Entscheid anlässlich der
Berufungsverhandlung vorbehalten (Urk. 141).
1.10. In der Folge fand am 19. Dezember 2011 die Einvernahme B._s als
Zeuge statt. Dabei bestätigte er, in der vom Verteidiger angekündigten Weise
aussagen zu wollen: Er wolle insoweit auf das ihm zustehende Zeugnisverweige-
rungsrecht des Quellenschutzes verzichten, als er glaube, mit seinen Antworten
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den Angeklagten entlasten zu können. Im Übrigen werde er aber die Aussage
verweigern (Prot. II S. 14). Im Sinne der vom Verteidiger und dem Vertreter
B._s gestellten Anträge wurde daraufhin die Befragung abgebrochen und ein
anfechtbarer Entscheid über die Frage der Zulässigkeit solchen Aussageverhal-
tens in Aussicht gestellt (ebd.). Dieser erging am 13. Januar 2012 des Inhalts,
dass das geplante Aussageverhalten nicht zulässig sei und im Falle einer grund-
sätzlichen Aussagebereitschaft eine allfällige unberechtigte Aussageverweigerung
nach § 134 StPO/ZH geahndet würde (Urk. 152). Bereits am 18. Januar 2012
teilte der Vertreter B._s dann aber mit, dieser Entscheid werde seinerseits
nicht angefochten (Urk. 154), und auch der Verteidiger verzichtete auf die
Erhebung einer Beschwerde in Strafsachen an das Bundesgericht.
1.11. Am 14. März 2012 erging eine weitere Präsidialverfügung betreffend
ein vom Verteidiger ergänzend gestelltes Begehren um Einsichtnahme in die
Untersuchungsakten gegen den Geschädigten (Urk. 156).
1.12. Es konnte deshalb die Terminierung der Hauptverhandlung anhand
genommen werden, was sich – insbesondere infolge Abwesenheiten verschiede-
ner am Prozess Beteiligter – als nicht ganz einfach erwies (vgl. etwa Urk. 158).
Schliesslich konnte die Zeugeneinvernahme B._s auf den 24. Oktober 2012
und die Berufungsverhandlung auf den 8. November 2012 angesetzt werden
(Urk. 159; Urk. 161).
1.13. Am 24. Oktober 2012 wurde B._ als Zeuge befragt; im Beisein seines
Rechtsanwalts Dr. Y._, des Angeklagten, dessen Verteidigers und des
zuständigen leitenden Staatsanwaltes. Dabei verhielt sich B._ wie angekün-
digt: Grundsätzlich verzichtete er auf das ihm zustehende Zeugnisverweigerungs-
recht des Quellenschutzes gemäss Art. 28a StGB und sagte aus, jedoch nur
insoweit, als er den Angeklagten glaubte entlasten zu können. B._ verneinte,
die zur Diskussion stehenden Unterlagen vom Angeklagten erhalten zu haben;
ebenso wenig habe ihm jemand der anderen im vorliegenden Verfahren bekann-
ten Polizeibeamten die Dokumente übergeben. Die Frage, von wem und wo er
die Unterlagen erhalten habe, liess B._ jedoch unbeantwortet (Urk. 164 S. 11
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ff.). Den Parteien wurde die Gelegenheit gegeben, Ergänzungsfragen an den
Zeugen zu stellen. Von dieser Möglichkeit machten sie denn auch Gebrauch.
1.14. Anlässlich der Berufungsverhandlung vom 8. November 2012, zu welcher
der leitende Staatsanwalt lic. iur. H. Maurer sowie der Angeklagte und sein
Verteidiger erschienen sind, beantragte die Anklagebehörde die Bestätigung des
angefochtenen Entscheids (Urk. 166 S. 1) und die Verteidigung einen Freispruch
(Urk. 165 S. 2).
2. Anwendbares Recht
Seit dem 1. Januar 2011 steht die Schweizerische Strafprozessordnung (StPO;
SR 312.0) in Kraft. Ist ein Entscheid noch vor Inkrafttreten der StPO gefällt
worden, so werden dagegen erhobene Rechtsmittel nach bisherigem Recht und
von den bisher zuständigen Behörden beurteilt (Art. 453 Abs. 1 StPO). Für
Rechtsmittel gegen erstinstanzliche Entscheide, die nach dem 31. Dezember
2010 gefällt werden, gilt neues Recht (Art. 454 Abs. 1 StPO). Ausschlaggebend
für die Anwendbarkeit des alten oder neuen Prozessrechts ist deshalb das erst-
instanzliche Entscheiddatum (BGE 137 IV 189 E. 1; BGE 137 IV 219 E. 1.1, je
m.Hw.). Das vorliegend angefochtene erstinstanzliche Urteil datiert vom 30. März
2009 und basiert auf kantonalem Strafprozessrecht. Damit ist auch im Berufungs-
verfahren das bisherige kantonale Strafprozessrecht anwendbar. Im Beschluss
vom 13. Januar 2012 wurde bereits eingehend erörtert, dass dies das gesamte
bisherige Strafprozessrecht und nicht etwa – wie dies vom Vertreter B._s
geltend gemacht worden war (Urk. 137) – nur die Bestimmungen über die
Rechtsmittel und die damit verbundenen Zuständigkeiten betrifft. Es richten sich
deshalb namentlich auch die Modalitäten der Zeugeneinvernahme B._s nach
der früheren kantonalen Strafprozessordnung (vgl. dazu im Einzelnen Urk. 152 S.
4 ff.).
3. Umfang der Berufung
3.1. Die Vorinstanz hat es gestützt auf verschiedene Umstände und Indizien als
erstellt betrachtet, dass der Angeklagte im Sinne des ihm von der Staatsanwalt-
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schaft gemachten Vorwurfs dem Journalisten B._ die in der ... [Zeitung] vom
tt. Juli 2008 bzw. tt. Juli 2008 publizierten Dokumente (Informationsbericht, Jour-
nalnachtrag) und verwendeten Informationen (aus Opfereinvernahmen) aus der
Strafuntersuchung gegen den Geschädigten übergeben bzw. zugänglich gemacht
habe.
3.2. Der Angeklagte bestreitet dies vollumfänglich und lässt das Urteil in allen
Punkten anfechten. Zusammengefasst kritisiert die Verteidigung, dass die
Vorinstanz zu Unrecht eine Verletzung des Anklageprinzips verneint, das Unter-
suchungsergebnis unvollständig und einseitig zu Lasten des Angeklagten gewür-
digt, ohne Grundlage von der Verteidigung aufgezeigte weitere mögliche Quellen
der Amtsgeheimnisverletzung verworfen und schliesslich zu Unrecht das Vorlie-
gen eines aussergesetzlichen Rechtfertigungsgrund verneint habe (Urk. 82 S. 2 ff.
und Urk. 165).
3.3. Das vorinstanzliche Urteil ist deshalb in keinem Punkt in Rechtskraft
erwachsen.
4. Prozessuales/Anklageprinzip
4.1. Kernpunkt der dem Angeklagten vorgeworfenen tatbestandsmässigen
Handlung ist Folgendes (Anklageschrift S. 6, 4. Abschnitt):
In der Folge hat A._ den Informationsbericht (Nr. ...) sowie den Journalnach-
trag Nr. ... zu einem nicht mehr genau bestimmbaren Zeitpunkt im Zeitraum vom
16. April 2008 bis spätestens 26. Juni 2008 an einem unbekannten Ort dem Jour-
nalisten B._ übergeben und ihm im selben Zeitraum Informationen aus den
beschafften Opfereinvernahmen aus der Strafuntersuchung in Sachen gegen
C._ zugänglich gemacht oder übergeben.
Nach Auffassung der Verteidigung genügt dieser Vorwurf dem Anklagegrundsatz
nicht; insbesondere sei der Tatzeitpunkt unzureichend umschrieben und nicht
erwähnt, wo sich die Tat abgespielt haben soll (Urk. 74 S. 4 ff.; Urk. 82 S. 2 und
Urk. 166 S. 27 f.). Die Vorinstanz kam zum Schluss, dass dem Anklagegrundsatz
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entsprochen worden sei (Urk. 90 S. 25/26). Dies wurde anlässlich der Berufungs-
verhandlung auch von der Staatsanwaltschaft so dargelegt (Urk. 166 S. 3).
4.2. Gemäss § 162 Abs. 1 Ziff. 2 StPO hat die Anklageschrift neben einer
kurzen, genauen Umschreibung aller Umstände, welche zum gesetzlichen Tatbe-
stand gehören, auch eine möglichst genaue Angabe von Ort und Zeit der dem
Angeklagten zur Last gelegten Handlungen zu enthalten (Unterstreichung durch
das Gericht). Soweit im vorliegenden Zusammenhang relevant, ist Hintergrund
des sich auch aus Art. 32 Abs. 2 BV und Art. 6 Ziff. 3 lit. a EMRK ergebenden
Anklagegrundsatzes, dass der Angeklagte vor Überraschung und Überrumpelung
geschützt und ihm eine effektive Verteidigung ermöglicht werden muss; es soll
ihm – allgemeiner formuliert – ein faires Verfahren garantiert werden können.
Entscheidend ist dabei, dass der Angeklagte genau weiss, was ihm konkret
vorgeworfen wird (BGE 126 I 19 E. 2a; BGE 120 IV 348 E. 3g; Urteil 6B_333/2007
des Bundesgerichts vom 7. Februar 2008, E. 2.1.3 und 2.1.4).
4.3. Soweit es um Aspekte geht, die nicht Bestandteil des gesetzlichen Tatbe-
standes bilden, ergibt sich – wie gesehen – bereits aus dem Gesetzeswortlaut,
dass diese nur mit der Genauigkeit anzugeben sind, welche nach dem Inhalt der
Akten bzw. gestützt auf das Untersuchungsergebnis möglich ist. Dabei bestimmt
sich das Mass der erforderlichen Bestimmtheit nicht generell und abstrakt,
sondern hängt von den Umständen des konkreten Falles ab: Es hat im Einzelfall
eine Abwägung zwischen den berechtigten Anliegen des Opfers bzw. des
Geschädigten auf Strafverfolgung auf der einen Seite und dem Recht des
Angeschuldigten auf effektive Verteidigung auf der andern Seite stattzufinden
(ZR 104 Nr. 31 E. 3.2.2.c).
So hat die Rechtsprechung beispielsweise – jeweils im Zusammenhang mit
schwerwiegenden Sexualdelikten – eine dreimonatige Eingrenzung des Tatzeit-
raums als den Erfordernissen des Anklagegrundsatzes genügend bezeichnet
(Urteil des Bundesgerichts 1P.427/2001 vom 16. November 2001, E. 5.; Urteil des
Bundesgerichts 6B_333/2007 vom 7. Februar 2008, E. 2.3.), ebenso "im Herbst
1998" toleriert (Urteil des Bundesgerichts 6B_684/2007 vom 26. Februar 2008,
E. 3.), dagegen aber einen Zeitrahmen von nahezu einem Jahr bei einem angeb-
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lichen einmaligen sexuellen Übergriff als eine Verletzung des Anklagegrundsatzes
gewertet (ZR 104 Nr. 31 E. 3.2.2.d). Zur Zulässigkeit von relativ vagen zeitlichen
Umschreibungen wurde meistens darauf verwiesen, dass es den Opfern
naturgemäss nicht möglich sei, häufig eine längere Zeit zurückliegende einzelne
Übergriffe datummässig genau einzuordnen. Allgemein gilt sodann, dass je
gravierender die Vorwürfe sind, desto höher die Anforderungen an das Anklage-
prinzip sein müssen (Urteil des Bundesgerichts 6B_333/2007 vom 7. Februar
2008, E. 2.1.4., m.Hw. auf Greiner, Akkusationsprinzip und Wirtschaftsstraf-
sachen, ZStrR 2005 S. 103).
4.4. Vor diesem Hintergrund erscheint vorliegend der Anklagegrundsatz
gewahrt. Zunächst geht es mit dem Tatbestand von Art. 320 StGB – wenn auch
immerhin – "nur" um ein Vergehen, wobei überdies – angesichts der prozessua-
len Ausgangslage im Berufungsverfahren (§ 399 StPO) – höchstens noch eine
Geldstrafe von 90 Tagessätzen und mithin eine Sanktion im untersten Bereich
des Strafrahmens zur Diskussion steht. Der Fall lässt sich jedenfalls nicht verglei-
chen mit den im vorstehenden Abschnitt genannten Verbrechen, wo regelmässig
mehrjährige Freiheitsstrafen beantragt und zumeist auch ausgesprochen worden
sind. Die Anforderungen an das Anklageprinzip sind daher vorliegend tendenziell
etwas weniger hoch.
Der Zeitrahmen vom 16. April 2008 bis 26. Juni 2008 umfasst sodann 10 Wochen
und ist durch dem Angeklagten nachgewiesene, von ihm eingestandene und
entsprechend klar einzuordnende Geschehnisse eingegrenzt: Am 16. April 2008
erfolgte ein erster Zugriff des Angeklagten im "POLIS" auf die schliesslich in der
... [Zeitung] publizierten Dokumente und am tt. Juni 2008 traf sich der Angeklagte
mit B._ und dem Chefredaktor der ... [Zeitung], D._, im Restaurant ... in
E._ zu einer Unterredung. Es geht mithin nicht um Umschreibungen wie "im
Verlaufe des Jahres XY", "Mitte Jahr" etc.. Wenn dem Angeklagten vorgeworfen
wird, in diesem klar umgrenzten Zeitraum B._ gewisse – ebenfalls klar um-
schriebene – Dokumente übergeben und Informationen zugänglich gemacht zu
haben, ist dies genügend bestimmt. Der Angeklagte kann keine Zweifel darüber
haben, gegen welchen Vorwurf er sich zu verteidigen hat, und es werden ihm kei-
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ne notwendigen tatsächlichen Angaben vorenthalten, die zu seiner wirksamen
Verteidigung erforderlich wären. Dass die Staatsanwaltschaft keine genaueren
Angaben machen konnte, liegt vorab im Umstand begründet, dass keine direkten
Zeugen vorhanden sind bzw. sich die Zeitungsmitarbeiter auf ihr Zeugnisverwei-
gerungsrecht berufen hatten und der Angeklagte nicht geständig ist. Das hat wohl
Auswirkungen auf die Beweislage und ruft nach einer besonders sorgfältigen Be-
weiswürdigung durch das Gericht, kann aber nicht zur Folge haben, dass auf die
Anklage aus formellen Gründen nicht einzutreten wäre. Dies wäre nicht sachge-
recht und würde letztlich auch zu einer Einschränkung des Grundsatzes der freien
Beweiswürdigung durch das Gericht führen: Die Frage, ob sich ein Angeklagter
eines eingeklagten Delikts schuldig gemacht hat, ist wenn immer möglich im
Rahmen der materiellen Prüfung des Vorwurfs durch den Richter zu beantworten
und nicht – quasi vorgezogen – unter prozessualen Gesichtspunkten, etwa des
Anklageprinzips. Dessen Grenzen dürfen damit nicht allzu eng gezogen werden,
sondern der Grundsatz ist nur dann als verletzt anzusehen, wenn – wie eingangs
erwähnt – dem Angeklagten kein faires Verfahren garantiert werden kann. Davon
kann vorliegend keine Rede sein: Die in der Anklageschrift genannte Zeitspanne
erlaubt eine hinreichende Individualisierung der zu beurteilenden Tat und wiegt
die relative zeitliche Unbestimmtheit des angeblichen Tatzeitpunktes bei weitem
auf.
4.5. Gleiches ist zum Umstand zu sagen, dass der Ort, an welchem der Ange-
klagte die Unterlagen und Informationen übergeben bzw. zugänglich gemacht
habe, nicht in der Anklageschrift genannt wird ("unbekannter Ort"). Nach dem
Untersuchungsergebnis bei der Anklageerhebung war es der Staatsanwaltschaft
schlicht nicht möglich, einen bestimmten Ort – bzw. bestimmte Orte – zu nennen,
wo die Unterlagen die Hand gewechselt hätten und/oder die Informationen
geflossen seien. Auch hier ist aber dem Angeklagten ausreichend klar, was ihm
vorgeworfen wird (Übergabe von Informationsbericht und Journalnachtrag,
Übergabe oder zumindest Zugänglichmachen von Informationen aus Opfer-
einvernahmen), und er kann sich absolut gehörig verteidigen. Die genaue
Umschreibung, wo genau der Angeklagte nach Auffassung der Staatsanwalt-
schaft die einzelnen Tathandlungen begangen habe (in der ..., in einem anderen
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Lokal, auf der Strasse, an bestimmten Telefonaten, Hand-zu-Hand-Übergabe
oder Inanspruchnahme einer Vermittlung etc.), ist damit für die – prozessuale –
Frage der Wahrung des Anklagegrundsatzes nicht entscheidend, sondern ist in
die Beweiswürdigung bei der Urteilsfindung einfliessen zu lassen.
4.6. Entgegen der Auffassung der Verteidigung dürfen damit Schwierigkeiten
bei der Ermittlung des Sachverhalts durchaus zu unbestimmteren Umschrei-
bungen in der Anklageschrift führen. Die vom Verteidiger aus ZR 104 Nr. 31
E. 3.2.2 zitierte Passage (Urk. 82 S. 2) ist denn auch unvollständig wiedergege-
ben, bezieht sie sich doch gemäss den dortigen Ausführungen des Kassations-
gerichts auf den – reichlich theoretischen – Fall einer "in zeitlicher Hinsicht völlig
unbestimmten Anklage". Damit sagt das Gericht indessen einzig aus, dass es
(auch) bei objektiven Schwierigkeiten bei der Sachverhaltsermittlung – weite –
Grenzen gibt, jenseits welcher nicht mehr von einer genügend bestimmten Ankla-
ge gesprochen werden kann (a.a.O. E. 3.2.2.c/bb).
4.7. Die in Anwendung dieser Grundsätze vorzunehmende Abwägung
zwischen den berechtigten Anliegen der Geschädigten auf Strafverfolgung und
dem Recht des Angeklagten auf eine wirksame Verteidigung ergibt somit klar,
dass der Anklagegrundsatz durch die in der Anklageschrift enthaltene Umschrei-
bung des Anklagesachverhalts nicht verletzt ist.
4.8. Der Anklagevorwurf ist damit materiell zu prüfen.
5. Sachverhalt
5.1. Die Vorinstanz hat die anzuwendenden Beweisregeln richtig zusammenge-
fasst, sodass zur Vermeidung von unnötigen Wiederholungen auf die entspre-
chenden Erwägungen verwiesen werden kann (Urk. 90 S. 5/6; § 161 GVG). Zu
unterstreichen ist, dass beim Fehlen direkter Beweise der Indizienbeweis zulässig
ist. Davon wird dann gesprochen, wenn indirekte, mittelbare Beweise einen für die
Beweisführung bedeutsamen Schluss erlauben. Indizien sind mithin Tatsachen,
die einen Schluss auf eine andere, unmittelbar erhebliche Tatsache zulassen.
Beim Indizienbeweis wird vermutet, dass eine nicht (direkt) bewiesene Tatsache
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gegeben ist, weil sich diese Schlussfolgerung aus anderen bewiesenen Tatsa-
chen – eben Indizien – nach der Lebenserfahrung aufdrängt. Der Indizienbeweis
ist dem direkten Beweis gleichwertig. Da ein Indiz immer nur mit einer gewissen
Wahrscheinlichkeit auf die Täterschaft oder die Tat hinweist, lässt es, einzeln
betrachtet, die Möglichkeit des Andersseins offen, enthält daher auch den Zweifel.
Es ist jedoch zulässig, aus der Gesamtheit der verschiedenen Indizien, welche je
für sich allein betrachtet nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf eine be-
stimmte Tatsache oder Täterschaft hindeuten und insofern Zweifel offen lassen,
auf den vollen rechtsgenügenden Beweis von Tat oder Täter zu schliessen
(zuletzt: Urteil des Bundesgerichts 6B_217/2012 vom 20. Juli 2012 E. 2.2.2, mit
verschiedenen Hinweisen).
5.2. Unter den Namen von F._, G._ und B._ erschienen am tt.
und tt. Juli 2008 in der ... [Zeitung] Artikel über den damaligen Chef der Armee,
den Geschädigten. Namentlich wurde thematisiert, dass zum Zeitpunkt von des-
sen Wahl im Juni 2007 ein Strafverfahren wegen Nötigung etc. zum Nachteil einer
früheren Lebenspartnerin hängig gewesen war (das Strafverfahren wurde her-
nach am 23. Oktober 2007 in Anwendung von Art. 53 StGB eingestellt). Dem Arti-
kel vom tt. Juli 2008 war ein Ausriss aus einem polizeilichen Informationsbericht
über den Geschädigten an das Bundesamt für Polizei vom 23. Juli 2007 (mit Hin-
weis auf das pendente Strafverfahren wegen Nötigung; Urk. 7/2 und 7/3) beige-
fügt und dem Artikel vom tt. Juli 2008 – teilweise abgedeckt – ein Ausdruck des
im damaligen Verfahren am 27. September 2006 von der zuständigen Polizeibe-
amtin erstellten Journalnachtrags über dem Geschädigten vorgeworfene Hand-
lungen (Urk. 9/2 und 9/3). Aus dem Artikel vom tt. Juli 2008 (Urk. 3a/2) geht zu-
dem hervor, dass die Verfasser entweder Einblick in Protokolle von damaligen
Befragungen des Opfers (der Geschädigten) gehabt haben müssen oder dass
ihnen der Inhalt dieser Protokolle zumindest anderweitig vermittelt worden sein
muss (vgl. dazu die Vorinstanz in Urk. 90 S. 24, erste Hälfte des zweiten Ab-
schnitts; § 161 GVG).
Diese Dokumente bzw. Informationen B._ übergeben oder zugänglich
gemacht zu haben, wird dem Angeklagten vorgeworfen.
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5.3. Von einiger Bedeutung ist im vorliegenden Verfahren der Umstand,
wonach im Sinne der schlüssigen Beweiswürdigung der Vorinstanz feststeht,
dass der am tt. Juli 2008 in der ... [Zeitung] abgedruckte Journalnachtrag nach
dem 17. April 2007 aus dem polizeilichen Informationssystem POLIS ausgedruckt
und allenfalls kopiert worden sein muss. Weil an jenem Datum das Layout der
Druckausgaben der Journale geändert worden war, ist erstellt, dass es sich beim
von der ... [Zeitung] vorliegenden Exemplar weder um eine Kopie des sich in den
Handakten der damals mit dem Fall befassten Polizistin befindlichen Journals
handeln kann (Urk. 9/2; Urk. 9/3; Urk. 9/16; Urk. 21/4), noch ist es eine Kopie aus
dem damals an verschiedene interne Stellen versandten RW-Journals (für "Regi-
on West", Urk. 9/2; Urk. 9/16). Es kann dazu ergänzend auf die Ausführungen der
Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 90 S. 6/7).
5.4. Nach dem Erscheinen der ... [Zeitung] vom tt. Juli 2008 wurde polizeiintern
abgeklärt, wer im Vorfeld jenen Datums auf die im POLIS betreffend das damalige
Verfahren gegen den Geschädigten noch gespeicherten Dokumente (Informati-
onsbericht, Journalhaupteintrag, Journalnachtrag; im Übrigen war ein sog. ge-
schütztes Projekt eingerichtet und die weiteren Dokumente gesperrt, Urk. 90 S. 7
oben) zugegriffen hatte. Die entsprechenden Daten konnten rückwirkend für den
Zeitraum vom 23. Juli 2007 bis tt. Juli 2008 erhoben werden; weiter zurückliegend
wurden sie – grundsätzlich (s. sogleich) – gelöscht (vgl. auch § 17 Abs. 1 der
Verordnung über das POLIS, LS 551.103). Der entsprechende Vorgang wurde
aber hinsichtlich der Zugriffe auf den Journalnachtrag nicht sauber ausgeführt,
sodass in Bezug auf dieses Dokument die Zugriffe bis zum Erfassungszeitpunkt
des Journals nachvollzogen werden konnten (Prot. I S. 10; Urk. 9/5; s. nachste-
hende E. 5.4.2 a.E.).
Die Vorinstanz hat die entsprechenden Auswertungen sorgfältig analysiert
(Urk. 90 S. 8-10). Daraus ergibt sich, dass der Angeklagte in der Zeitspanne vom
23. Juli 2007 bis tt. Juli 2008 als einziger (von total neun Personen, die eines der
Dokumente aufgerufen haben) auf alle drei im POLIS bestehenden Dokumente
zugegriffen hat, und zwar auf den Informationsbericht dreimal (einmal am 16. April
2008 und zweimal am 21. April 2008; Urk. 7/1), den Journalhaupteintrag viermal
- 16 -
(einmal am 16. April 2008 und dreimal am 21. April 2008; Urk. 8/1) sowie den
Journalnachtrag – zweifellos das brisanteste Dokument, weil detaillierte Informa-
tionen enthaltend – zweimal (je einmal am 16. und 21. April 2008; Urk. 9/4).
Der Angeklagte bestreitet diese Zugriffe auch anlässlich der Berufungsver-
handlung (Prot. II S. 22) nicht und anerkennt, mindestens den Informationsbericht
und den Journalnachtrag auch ausgedruckt zu haben (Prot. I S. 14; Zusammen-
fassung der Aussagen in der Untersuchung in Urk. 90 S. 9 E. 2.4). Die Verteidi-
gung wirft aber der Untersuchungsbehörde vor, anderen möglichen polizeilichen
Lecks nicht genügend nachgegangen zu sein (Urk. 74 S. 19 ff.; Urk. 82 S. 3/4 und
Urk. 165 S. 25 ff.).
5.4.1. H._, seit 1. Oktober 2007 bei der Stadtpolizei und zum fraglichen Zeit-
punkt noch Aspirant, griff am 10. und 18. Juni 2008 insgesamt dreimal auf den In-
formationsbericht zu (Urk. 7/1). H._ war während der damals andauernden
Fussball-EM in der Haftstrasse eingeteilt und bekam nach eigenen Aussagen da-
bei mit, dass Gerüchte betreffend "irgendetwas mit C._ wegen häuslicher
Gewalt" kursierten (Urk. 4/3 S. 2/3). Er anerkannte, aus Neugier und weil er einen
Rapport wegen eines ähnlichen Themas habe schreiben müssen, den Namen
des Geschädigten im POLIS eingegeben und gefunden zu haben (a.a.O. S. 4).
Etwas stutzig macht, dass er zumindest einen mehrmaligen Zugriff auf den Infor-
mationsbericht bestritt und auf Vorhalt dieses Dokuments aussagte, es sei ihm
nicht bekannt (a.a.O.). Seine Erklärung, möglicherweise sei der Zugriff vom Com-
puter in der Haftstrasse, wo er – H._ – unter seinem Namen eingeloggt ge-
wesen sei, von jemandem anderen vorgenommen worden (Urk. a.a.O. S. 5), ist
aber nicht widerlegbar. Mit der Vorinstanz (Urk. 90 S. 10/11; § 161 GVG) ist in
Würdigung aller Umstände festzuhalten, dass H._ als Täter ausgeschlossen
werden kann: Seine diesbezüglichen Beteuerungen erscheinen glaubhaft (Urk.
4/3 S. 5/6), ebenso machte er glaubhaft geltend, weder Personen zu kennen, die
mit der Untersuchung gegen den Geschädigten befasst gewesen waren, noch die
involvierten Journalisten der ... [Zeitung] oder den Geschädigten und sein Umfeld
(a.a.O. S. 2/3). Sein abwehrendes Aussageverhalten ist – in seiner Stellung als
Aspirant im ersten Jahr – eher mit jenem eines ertappten Schuljungen zu verglei-
- 17 -
chen, der einen "Blödsinn" begangen hat (i.c. Abfragen von Daten aus reiner
privater Neugier: "Es gibt Vorschriften, die besagten, dass man Namen von
Personen nur abfragen darf, mit denen man beruflich zu tun hat und mit deren
Daten man arbeiten muss und nicht aus reiner Neugier", Urk. 4/3 S. 4), als mit
jenem eines Beamten, der durch Übergabe brisanter Informationen eine Amts-
geheimnisverletzung begangen und eine Medienwelle losgelöst hat. Hinzu
kommt, dass – bekanntlich – nicht nur eine Kopie des Informationsberichtes,
sondern auch eine solche des Journalnachtrags und Informationen betreffend
Opfereinvernahmen den Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben und keine
Anhaltspunkte bestehen, dass der Polizeiaspirant H._ hiermit in Verbindung
zu bringen wäre. Schliesslich hat auch B._ als Zeuge ausdrücklich verneint,
Dokumente von H._ erhalten zu haben (Urk. 164 S. 14).
Die weiteren Beamten, die ausser dem Angeklagten in der fraglichen Zeit im
POLIS auf den Informationsbericht zugegriffen haben, bestritten alle den Zugriff
als solchen nicht, konnten aber alle plausible Gründe dafür angeben und
bestritten, irgendwelche Informationen der Presse herausgegeben zu haben. Es
kann dafür wiederum auf die sorgfältigen Erwägungen der Vorinstanz verwiesen
werden (Urk. 90 S. 11 ff.; § 161 GVG). Meist ging es darum, dass – teilweise in
irgend einer Form an der Untersuchung gegen den Geschädigten beteiligte
– Beamte aus Neugier darüber, wie sich die Angelegenheit entwickelt habe, den
Informationsbericht aufgerufen haben. Anlass dafür war jeweils die Ernennung
des Geschädigten durch den Bundesrat zum Chef der Armee und/oder in diesem
Zusammenhang kursierende Gerüchte betreffend das Untersuchungsverfahren.
Die Nachforschungen der Beamten beschränkten sich dann jedoch auf das Aufru-
fen des Informationsberichtes, nachdem sie festgestellt hatten, dass es sich beim
Fall um ein sogenanntes geschütztes Projekt mit eingeschränkten allgemeinen
Zugriffsmöglichkeiten handelte (Polizeibeamter O._, Urk. 4/5 S. 2 ff.; Polizei-
beamter ..., Urk. 4/6 S. 2 ff.; Polizeibeamter ..., Urk. 4/7 S. 2 ff.; Polizeibeamter
..., Urk. 4/8 S. 2 ff.). Der Polizeibeamte I._ erstellte seinerzeit selbst den In-
formationsbericht über den Geschädigten an die Bundespolizei und rief diesen
nach seinen Aussagen später nochmals auf, um eine Vorlage für einen gleichen
Bericht in anderer Sache zu haben. Auch er bestritt in aller Form, Kontakte mit der
- 18 -
Presse gehabt zu haben (Urk. 4/4 S. 2 ff.). Der Polizeibeamte W._ schliess-
lich hatte seinen Arbeitsplatz ab April 2008 im gleichen Büro wie die Polizistin, die
seinerzeit die Befragungen mit der Geschädigten durchgeführt hatte. Diese Be-
amtin hat ihm anscheinend einmal ihr "Bündel Akten" (die Handakten, Urk. 21/4)
über die Untersuchung gegen den Geschädigten vorgelegt und ihn – W._ –
gefragt, was er davon halte, dass in der Schweiz jemand ungeachtet solcher Vor-
würfe Chef der Armee werden könne. Glaubhaft sagte W._ aus, dass er die
Akten seiner Bürokollegin ca. 2 bis 3 Stunden später mit seinem Kommentar wie-
der zurückgegeben habe (er finde das Verhalten mies, würde dieses aber im pri-
vaten Umfeld ansiedeln und vom Amt des Armeechefs trennen). Innerhalb des
Büros folgten weitere Gespräche zum Thema, und am 23. April 2008 griff
W._ im POLIS auf den Informationsbericht, "um sich unabhängig von den
Akten ein eigenes Bild zu machen". Auch er liess es aber beim Zugriff auf den In-
formationsbericht bewenden und stellt ebenfalls in Abrede, in irgendeiner Form In-
formationen an die Presse weitergegeben zu haben (Urk. 4/12 S. 2 ff.).
Mit der Vorinstanz (Urk. 90 S. 13 f.) ist festzuhalten, dass hinsichtlich all jener
Beamten, die ausser dem Angeklagten im erhobenen Zeitraum von knapp einem
Jahr vor dem tt. Juli 2008 auf den Informationsbericht zugegriffen haben, in Wür-
digung aller Umstände eine Täterschaft bezüglich der zur Diskussion stehenden
Herausgabe von Dokumenten und Informationen ausgeschlossen werden kann.
Neben dem, dass deren Aussagen keine Indizien aufweisen, die auf Schutzbe-
hauptungen schliessen liessen, ist auch hier nochmals in Erinnerung zu rufen,
dass es "nur" um Zugriffe auf den Informationsbericht geht und der ebenfalls der
... [Zeitung] vorliegende Journalnachtrag und der Inhalt der Opferbefragungen
nicht davon betroffen sind. Hätte sich einer der Beamten tatsächlich tiefergehend
für den Fall des Geschädigten interessiert, hätte er sich sicher nicht mit der Ein-
sichtnahme in den nur beschränkt aussagekräftigen Informationsbericht begnügt,
sondern zweifelsohne auch das Journal aufgerufen, dessen Nachtrag detaillierte-
re Vorwürfe zu entnehmen waren. Dass das – ausser dem Angeklagten – keiner
der tangierten Polizeibeamten getan hat, lässt ihre Aussagen zu den Motiven der
Zugriffe als glaubhaft erscheinen. Hinzu kommt, dass B._ anlässlich seiner
Zeugeneinvernahme auf je einzelnen Vorhalt der Namen aller vorerwähnten Poli-
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zeibeamtinnen und -beamten verneint hat, von deren Seite Dokumente erhalten
zu haben (Urk. 164 S. 14/15).
Die Verteidigung führte anlässlich der Berufungsverhandlung weiter aus, es sei
auffallend, dass die Zugriffsversuche des Mitarbeiters K._, der dem Polizei-
beamten O._ gesagt habe, er – K._ – habe selber im POLIS recher-
chiert, in den ein Jahr rückwirkenden Aufzeichnungen nicht erscheinen (Urk. 165
S. 26). Der Einwand der Verteidigung, es bestünden deshalb Zweifel an der kor-
rekten Zugriffserfassung, ist rein theoretischer Natur, der aufgrund der Akten kei-
ne Stütze findet. Insbesondere ist nicht erwiesen, dass – wie es die Verteidigung
behauptet – ein allfälliger Zugriff des K._ aufs POLIS im fraglichen Zeitraum
stattgefunden haben soll. Diesbezüglich machte O._ keine Aussagen (Urk.
4/5 S. 3). Vielmehr kann aufgrund der Ausführungen des fachmännischen Zeugen
J._ vor Vorinstanz davon ausgegangen werden, dass jeder Zugriff auf dem
System unweigerlich registriert wird (Prot. I S. 7), was die geltend gemachte
Nichterfassung im POLIS ausschliesst.
Die Kritik des Verteidigers, es sei aus nicht nachvollziehbaren Gründen die Unter-
suchung nicht auf die Bundesbehörden ausgedehnt worden, weil diese mit dem
Informationsbericht "bereits über einen wesentlichen Teil der publizierten
Dokumente" verfügt hätten (Urk. 82 S. 4) ist ebenfalls zu verwerfen. Es war eben
gerade nur der Informationsbericht an die Bundespolizei in Bern gerichtet, und in
diesem war einzig die knappe Angabe enthalten, dass ein Strafverfahren wegen
"Nötigung etc." gegen den Geschädigten pendent war. Die weiteren – gehalt-
volleren – Unterlagen und Informationen, die geflossen sind (Journalnachtrag,
Opferbefragungen), wurden demgegenüber nicht den Bundesbehörden zugestellt.
Etwas anderes lässt sich den auf Antrag des Verteidigers beigezogenen Untersu-
chungsakten STA I A-7/2006/864 gegen den Geschädigten nicht entnehmen.
Hinzu kommt, dass der Journalnachtrag in der von der ... [Zeitung] publizierten
Form nicht Teil der genannten Untersuchungsakten ist und daher ohnehin nicht
von jemandem weitergegeben werden konnte, nur weil er Zugriff auf diese Akten
hatte. Nachdem B._ als Zeuge bestätigte, alle vorliegend zur Diskussion ste-
henden Unterlagen von einer einzigen Person übernommen zu haben, fallen
- 20 -
demnach alle Personen als mögliche Täter weg, die in den Augen der Verteidi-
gung deshalb in Frage kämen, weil sie Einblick in die Untersuchungsakten gegen
den Geschädigten hatten.
Der Verteidiger rügt in diesen Zusammenhang schliesslich, es sei nicht nachvoll-
ziehbar, wie die Vorinstanz zum Schluss komme, der Polizeibeamte K._ ha-
be sicher nichts mit der Publikation in der Presse zu tun. Das sei umso unver-
ständlicher, als bei anderen Polizeibeamten weniger oder gleich viele Indizien ge-
nügt hätten, um gegen sie eine Untersuchung einzuleiten (Urk. 82 S. 4, mit Ver-
weis auf Urk. 90 S. 12).
Der Polizeibeamte K._ wurde vom am 23. Juli 2008 einvernommenen Beam-
ten O. _ erwähnt. Er – O._ – habe seinen Mitarbeiter K._, der sich
im Militärrecht etwas auskenne, im Hinblick auf die Ernennung des Geschädigten
zum Chef der Armee gefragt, ob bei einer Beförderung ein pendentes Strafverfah-
ren eine Rolle spiele. K._ habe die Auffassung vertreten, dass der Geschä-
digte nie hätte Chef der Armee werden dürfen. O._ erklärte, er habe den In-
formationsbericht ausgedruckt und gelesen (was sich mit den Zugriffserhebungen
deckt, Urk. 7/1), und er vermutete, dass auch K._ dies getan habe. Jeden-
falls glaube er – O._ – dass sie zusammen den Bericht angesehen hätten
(Urk. 4/5 S. 3/4).
Dass K._ selbst auch im POLIS den Informationsbericht aufgerufen hätte,
stimmt jedoch nicht (Urk. 7/1). K._ kann diesen demnach nicht selbst ausge-
druckt haben. Vielmehr ist davon auszugehen, dass er zusammen mit O._
das von diesem ausgedruckte Exemplar angesehen hat. Dieses hat O._
nach seinen Angaben hernach geschreddert (Urk. 4/5 S. 3).
Ausser dass K._ den Informationsbericht mit O._ angesehen und dar-
über gesprochen hat, liegen mithin keine Anhaltspunkte dafür vor, die den Ver-
dacht rechtfertigen würden, er habe die ... [Zeitung] mit Informationen über das
gegen den Geschädigten gelaufene Untersuchungsverfahren versorgt. Im Infor-
mationsbericht war – bekanntlich – lediglich der Hinweis enthalten, dass gegen
den Geschädigten eine Strafuntersuchung wegen "Nötigung etc." pendent war
- 21 -
(Urk. 7/2). Die Journalisten der ... [Zeitung] verfügten aber – wie bereits mehrfach
gesehen – über sehr viel weiter reichende Informationen und namentlich auch
über eine Kopie des Journalnachtrags. Dass K._ in irgendeiner Form mit die-
sen Dokumenten und Informationen befasst gewesen wäre, ist nicht ersichtlich.
Namentlich griff er weder auf den Journalnachtrag (nach dem 17. April 2007 wur-
de dieser einzig vom Angeklagten und L._ aufgerufen) und hatte zufolge des
Projektschutzes auch keinen Zugriff auf die Opfereinvernahmen. Hinzu kommt,
dass O._ den Informationsbericht am 4. September 2007 aufgerufen und mit
K._ besprochen hat (Urk. 7/1) – also zu einem Zeitpunkt mehr als 10 Monate
vor den zur Diskussion stehenden Publikationen in der ... [Zeitung] im Juli 2008.
Das passt nur schlecht mit dem Umstand zusammen, dass seitens der ... [Zei-
tung] offenbar im Frühling 2008 (erstes Treffen von B._ mit dem Angeklagten
im April) mit intensiven Recherchen zum Fall des Geschädigten begonnen wurde.
Auch ohne dass der Polizeibeamte K._ noch einvernommen würde, kann
mithin mit grösster Sicherheit ausgeschlossen werden, dass er für die Weitergabe
der zur Diskussion stehenden Dokumente und Informationen an die ... [Zeitung]
verantwortlich ist. Im Übrigen hat B._ als Zeuge auch hinsichtlich K._
verneint, von diesem Unterlagen erhalten zu haben (Urk. 164 S. 15).
5.4.2. Auf den Journalnachtrag, der am tt. Juli 2008 in der ... [Zeitung] publiziert
worden ist, haben in der Zeit vom 23. Juli 2007 bis tt. Juli 2008 nur zwei Personen
zugegriffen: der Angeklagte zweimal (je einmal am 16. und 21. April 2008) und
der Polizeibeamte L._ einmal am 16. April 2008. Der Polizeibeamte L._
wurde – als neben dem Angeklagten Hauptverdächtiger – am 21. Juli 2008 der
Staatsanwaltschaft zur Befragung zugeführt (Urk. 4/1). L._ bestätigte den
protokollierten Zugriff auf den Journalnachtrag, konnte aber glaubhaft und plausi-
bel erklären, dass er damit lediglich eine computertechnische Hilfeleistung für sei-
nen Bürokollegen, den Angeklagten, erbracht hatte. Letzterer habe ihn auf den
Fall C._ angesprochen und gesagt, nichts dazu im POLIS gefunden zu ha-
ben. Daraufhin habe er – L._ – dem Angeklagten geraten, doch im Journal
nachzusehen. Da L._ offenbar versiert in der Handhabung des Computers ist
und diesbezüglich dem Angeklagten als Ansprechpartner und Unterstützung dien-
- 22 -
te, habe er – L._ – die von ihm empfohlene Operation gerade schnell selbst
vorgenommen und das Journal aufgerufen. Diesen Umstand habe er dem Ange-
klagten mitgeteilt, worauf dieser einen Blick auf L._s Bildschirm geworfen
habe und sodann weiter "wuseln" gegangen sei. L._ vermutete, dass der
Angeklagte dabei dann seinerseits das Journal aufgerufen habe. L._ unter-
strich, dass er den Zugriff nicht aus eigenem Antrieb vorgenommen habe, son-
dern im Rahmen einer "kurzen, gedankenlosen Computerunterstützung für mei-
nen Büronachbar". Entsprechend bestritt L._ auch, mit der Herausgabe von
Informationen an die Presse etwas zu tun zu haben; dass der Journalauszug an
die Öffentlichkeit gelangt sei, finde er eine "Riesenschweinerei" (Urk. 4/1 S. 2 ff.).
Die Aussagen von L._ zu diesem Ablauf finden sich in den erhobenen Zu-
griffsdaten bestätigt: So hat am 16. April 2008 um 13:01:33 Uhr effektiv L._
als erster auf den Journalnachtrag zugegriffen und der Angeklagte nur ganz kurze
Zeit später um 13:05:16 Uhr auf den Journalhaupteintrag und um 13:05:21 auf
den Journalnachtrag (Urk. 9/4). Anlässlich der Berufungsverhandlung bestätigte
der Angeklagte zudem eine gewisse Hilfeleistung von L._ in Anspruch ge-
nommen zu haben (Prot. II S. 27 f.). Angesichts all dieser Umstände kann auch
eine Täterschaft L._s zur schliesslich begangenen Amtsgeheimnisverletzung
ausgeschlossen werden. Dies bestätigt denn auch B._, der in seiner Zeu-
geneinvernahme verneinte, Dokumente von L._ erhalten zu haben (Urk. 164
S. 14).
Unter Hinweis darauf, dass gemäss den Untersuchungserkenntnissen der in der
... [Zeitung] vom tt. Juli 2008 publizierte Journalnachtrag nach dem 17. April 2007
aus dem POLIS ausgedruckt worden sein muss (s. vorstehende E. 5.3), moniert
der Verteidiger, dass angesichts der bloss ab 23. Juli 2007 erfassten Zugriffe eine
Lücke im Zeitraum vom 17. April 2007 bis 23. Juli 2007 bestehe, in welchem die
Zugriffe nicht erfasst worden seien (Prot. I S. 23). Dieser Hinweis erfolgt von der
Idee her nicht zu Unrecht, stösst aber ins Leere: Wie bereits erwähnt (vorstehen-
de E. 5.4), blieben exakt die Zugriffsdaten auf den Journalnachtrag aufgrund ei-
nes Versehens über mehr als ein Jahr hinaus ungelöscht, sodass sie von der Er-
öffnung des Dokumentes durch die zuständige Beamtin am 27. September 2006
- 23 -
lückenlos bis im Juli 2008 erhoben werden konnten (Urk. 9/5; Urk. 9/6). Daraus
ergibt sich, dass nicht nur nach dem 23. Juli 2007, sondern auch seit dem Lay-
outwechsel vom 17. April 2007 niemand anderer als der Angeklagte und L._
auf den Journalnachtrag gegriffen hat. Hieraus ergeben sich also keine Hinweise
auf mögliche weitere Täterschaften.
5.4.3. Auf den Journalhaupteintrag griff der Angeklagte schliesslich in der Zeit-
spanne vom 23. Juli 2007 bis tt. Juli 2008 als einziger zu, und zwar insgesamt
viermal: Am 16. April 2008 einmal (s. schon vorstehend, offensichtlich nach
der Hilfestellung durch den Polizeibeamten L._) und am 21. April 2008 drei-
mal (Urk. 8/1; Urk. 8/2).
5.5. Aufgrund des Beweisergebnisses und der – schliesslichen (vgl. dazu
E. 5.9.1 nachstehend) – Zugabe des Angeklagten steht sodann fest, dass dieser
zu jener Zeit, in welcher er die vorstehend dargestellten Nachforschungen im
POLIS angestellt hatte, bei der Polizistin, welche im September 2006 mit der
Einvernahme der Geschädigten betraut war, mindestens ein Protokoll von Opfer-
befragungen erhältlich gemacht hat. Soweit die Verteidigung geltend macht, es
seien gemäss Aussagen der Polizeibeamtin zwei Opferbefragung gewesen, die
der Angeklagte erhalten habe (Urk. 165 S. 17), kann mit der Vorinstanz davon
ausgegangen werden, dass sich nicht mit Sicherheit feststellen lässt, ob es eine
oder zwei Opfereinvernahmen waren (Urk. 90 S. 15 f.). So führte die Polizistin
selber aus, sie habe die Unterlagen – ob ein bis zwei Opfereinvernahmen oder
noch weitere Handakten wusste sie nicht mehr genau – dem Angeklagten mit
interner Post mit dem Vermerk "persönlich" geschickt (Urk. 4/10, S. 10). Auch der
Angeklagte selber sprach von einer bis zwei Opfereinvernahmen, sicher nicht
drei (Prot. I S. 15). Ob es schliesslich eine oder zwei Befragungen waren, ist
vorliegend nicht entscheidend. Fest steht, dass diese Befragungen damals im
POLIS nicht mehr aufgerufen werden konnten; der letzte Zugriff erfolgte am
21. Dezember 2006 im Zusammenhang mit der Einrichtung des geschützten
Projektes (Urk. 90 S. 19). Zutreffend hat die Vorinstanz ausgeschlossen, dass die
damals zuständige Polizistin, deren seinerzeitige Büropartnerin ... oder der
damalige Lehrling als mögliche Täter/innen der Amtsgeheimnisverletzung in
- 24 -
Frage kommen. So haben sie etwa alle im POLIS auf keine der fraglichen
Dokumente zugegriffen und stammt der in der ... [Zeitung] abgedruckte Auszug
aus dem Journalnachtrag nicht aus den Handakten der damals mit den Ermittlun-
gen betrauten Beamtin. Es kann ergänzend wiederum auf die Ausführungen der
Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 90 S. 15 ff.; § 161 GVG). Im Übrigen bestätig-
te B._ auch hier, von den in Frage stehenden Polizeibeamtinnen keine Do-
kumente erhalten zu haben (Urk. 164 S. 14, 15).
5.6. Hinsichtlich der von der ... [Zeitung] am tt. und tt. Juli 2008 verwendeten
Dokumente und Informationen steht demnach fest, dass einzig der Angeklagte
auf alle sich im POLIS zum seinerzeitigen Strafverfahren gegen den Geschädig-
ten befindlichen Dokumente zugegriffen hat und sich zur selben Zeit bei der Poli-
zistin, welche damals die Geschädigte befragt hatte, das Protokoll mindestens ei-
ner Opferbefragung beschafft hat. Schon dieses – auffällige – Sammeln all jener
Informationen, welche schliesslich allesamt in die Publikationen der ... [Zeitung]
eingeflossen sind, erscheint geeignet, einen erheblichen Verdacht zu begründen,
dass der Angeklagte für die Weitergabe – genau dieser – Informationen verant-
wortlich sein könnte. Wie der Staatsanwalt zu recht ausführte, erfolgte dieses
Sammeln zudem in einem Zeitraum, in dem für den Angeklagten kein Handlungs-
bedarf bestand, da diesbezüglich kein offizieller Auftrag existierte (Urk. 166 S. 7).
Vielmehr erfolgte dieses Sammeln, wie vom Angeklagten angegeben, zu einem
Zeitraum, in dem er von B._ auf den Fall C._ angesprochen worden war
(Prot. II S. 23 f.).
5.7. Hinzu kommt der zeitliche Aspekt: Der Angeklagte anerkennt, B._ im
Zusammenhang mit der Affäre über den Geschädigten "Mitte/Ende April 2008"
(also zur Zeit seiner Nachforschungen im POLIS und Beschaffung der Opfer-
einvernahme/n) ein erstes Mal und am 24. Juni 2008 ein zweites Mal im ... getrof-
fen zu haben. Sodann wurde er am 26. Juni 2008 erneut von B._
kontaktiert und um ein weiteres Treffen gebeten, diesmal zusammen mit D._.
Der Angeklagte lehnte ab, sich in dieser Zusammensetzung abermals im ... zu
treffen (weil er dort "wie ein bunter Hund bekannt" sei und das umgehen wollte,
Prot. I S. 17/18; weil er gewusst habe "dass es um diese Sache gehe", Prot. II S.
- 25 -
30 f.), weshalb man sich noch gleichentags in der ... in E._ traf (Urk. 4/16 S.
2/3; Urk. 4/20 S. 4). Am Nachmittag des selben Tages konfrontierte dann F._
den Generalsekretär des VBS mit dem Umstand, Kenntnis von der Strafanzeige
gegen den Geschädigten vom 27. September 2006 zu haben, und forderte innert
Tagesfrist eine Stellungnahme (Urk. 18a/2). Nach Ablauf dieser Frist will die ...
[Zeitung] am tt. Juni 2008 Bundesrat ... "die Fakten zu den Anschuldigungen"
vorgelegt haben (Artikel vom tt. Juli 2008 a.E.; Urk. 3a/2), und am tt. Juli 2008
verlangte F._ bei der damals untersuchenden Polizistin ein sofortiges Tref-
fen. Dieses kam am tt. Juli 2008 zustande, und F._ deckte der Beamtin auf,
deren Befragungen durchlesen gekonnt zu haben und über viel Detailwissen zu
verfügen (Urk. 4/10 S. 4; Urk. 5/3). Nach Aussagen der ursprünglich für das Ver-
fahren gegen den Geschädigten zuständigen Staatsanwältin wurde diese etwa
zur gleichen Zeit von G._ kontaktiert und mit den Namen der Geschädigten
konfrontiert (Urk. 4/21 S. 3).
Aus diesen Umständen ist zu schliessen, dass seitens der involvierten Journalis-
ten offensichtlich am tt. Juni 2008 die Gewissheit erlangt worden war, genügend
Fakten gesammelt bzw. verifiziert zu haben. Sie waren einerseits darüber im
Bilde, dass zur Zeit der Ernennung des Geschädigten zum Chef der Armee ein
Strafverfahren wegen Nötigung gegen ihn anhängig war, und kannten anderer-
seits auch Details der von der Geschädigten gegen ihn erhobenen Vorwürfe.
Nachdem bis zum tt. Juni 2008 innert kurzer Zeit mehrere Treffen zwischen dem
Angeklagten und B._ stattgefunden hatten und am Nachmittag des Treffens
zwischen ihnen und D._ seitens der ... [Zeitung] die Recherchearbeit hin-
sichtlich des Verfahrens gegen den Geschädigten offenbar genügend weit gedie-
hen war, wird der gegen den Angeklagten bestehende Verdacht, für die Heraus-
gabe der fraglichen Informationen verantwortlich zu sein, offenkundig verstärkt.
5.8. B._ bestätigte als Zeuge am 24. Oktober 2012, die in der ... [Zeitung]
ausrissweise publizierten Dokumente sowie ein Einvernahmeprotokoll über eine
Befragung der Geschädigten der ... [Zeitung] übergeben zu haben (Urk. 164 S.
11/12). Er verneinte aber die Frage, ob der Angeklagte ihm diese Dokumente
übergeben habe (Urk. 164 S. 14). Er – B._ – habe schon vor dem ersten
- 26 -
Treffen mit dem Angeklagten "alles" über die Sache des Geschädigten gewusst
(Urk. 164 S. 4, 5) und namentlich Ende März/anfangs April 2008 – er habe noch
von einem Aprilscherz gesprochen – auch bereits die hernach publizierten
Dokumente und das fragliche Einvernahmeprotokoll erhalten gehabt (Urk. 164
S. 12, 17). Von wem und wo er diese Unterlagen erhalten habe, sagte B._
indessen nicht (Urk. 164 S. 12, 14), ebenso liess er die Fragen unbeantwortet,
welchem Berufskreis die – angebliche – Quelle angehöre und woher jene Person
die Unterlagen habe (Urk. 164 S. 13, 15). Wie bereits erwähnt, verneinte B._
sodann auf Vorhalt der Namen aller Polizeibeamten, die in irgend einer Form ak-
tenkundigerweise mit der Untersuchung gegen den Geschädigten in Berührung
gekommenen waren, je einzeln, die Dokumente von den genannten Beamten er-
halten zu haben (Urk. 164 S. 14/15). Anlässlich der drei Gespräche mit dem An-
geklagten sei es um allgemeinere Fragen gegangen, wie etwa wer die Kompetenz
habe, einen Hausdurchsuchungs-, Haft- oder Vorführbefehl wieder zurück zu zie-
hen, oder wie der Ablauf einer Anzeige bei der Polizei sei (Urk. 164 S. 4, 5, 6, 9,
10). Über den Fall des Geschädigten habe der Angeklagte aber nicht sprechen
wollen, sondern "harsch und barsch" reagiert (Urk. 164 S. 5, 8, 10).
Die Aussagen von B._ sind mit einigen Vorbehalten zu versehen. Zwar sagte
er unter Wahrheitspflicht und nach Hinweis auf die Straffolgen gemäss Art. 307
StGB aus, was – unter der Annahme, dass sich niemand leichtfertig einer Straf-
verfolgung wegen falschen Zeugnisses aussetzen wird – grundsätzlich für eine
gewisse Glaubwürdigkeit spricht. Soweit die Verteidigung zugunsten von B._
darlegt, dass er anlässlich der Zeugeneinvernahme 102 von 106 gestellten Fra-
gen beantwortet hat (Urk. 165 S. 21), so ist darauf hinzuweisen, dass nicht die
Anzahl der beantworteten Fragen massgebend ist, zumal seitens des Gerichtes
zahlreiche weitere Fragen hätten gestellt werden können, die B._ nicht
beantwortet hätte. Vielmehr fällt auf, dass B._ ganz klar und zugestande-
nermassen Partei für den Angeklagten ergreift, den er als Kollegen bezeichnet,
welchen er "fast jede Woche" gesehen habe. Er habe mit diesem ab und zu ein
Bierchen getrunken und damals (u.a. als Informant) "immer" mit ihm zu tun
gehabt (Urk. 164 S. 3, 5). Im Zusammenhang mit dem vorliegenden Prozess
posierte B._ sodann bereitwillig zusammen mit dem Angeklagten für die
- 27 -
Presse (vgl. ... [Zeitung] vom tt.mm.2012 S. ..., "... entlastet A._"). Nach
neueren Erkenntnissen darf aber bei der Würdigung von Aussagen ohnehin nicht
einfach auf die allgemeine Glaubwürdigkeit von Aussagenden abgestellt werden,
denn dies lässt keinen allgemeinen Rückschluss auf die Glaubhaftigkeit von Aus-
sagen zu. Massgebend ist vielmehr die Glaubhaftigkeit der konkreten, im Prozess
relevanten Äusserungen. Diese sind einer kritischen Würdigung zu unterziehen,
wobei auf das Vorhandensein von sogenannten Realitätskriterien (inhaltliche und
strukturelle Kriterien) grosses Gewicht zu legen ist (vgl. R. Bender, Die häufigsten
Fehler bei der Beurteilung von Zeugenaussagen, in SJZ 81 [1985] S. 53 ff.; Ben-
der/Nack/Treuer, Tatsachenfeststellung vor Gericht, Glaubwürdigkeits- und Be-
weislehre, Vernehmungslehre, 3. Aufl., München 2007, N. 310 ff. und 350 ff.).
Hier fällt nun ins Gewicht, dass B._ seine Aussagen durch sein Aussagever-
halten jeglicher Überprüfbarkeit entzieht. Indem er die Beantwortung der Fragen
nach der seiner Auffassung nach "wahren Quelle" verweigert, verunmöglicht er es
dem Gericht, den Wahrheitsgehalt seiner Behauptung zu überprüfen, er habe die
fraglichen Unterlagen nicht vom Angeklagten bekommen. Schon das Bundesge-
richt hat – im Urteil vom 14. Oktober 2010 im vorliegenden Verfahren
(1B_216/2010 E. 2.3) – darauf hingewiesen, dass nicht ersichtlich sei und der Be-
schwerdeführer (der vorliegend Angeklagte) nicht darlege, wie die I. Strafkammer
eine solche Aussage überprüfen können sollte.
Der Aussage von B._, er habe die zur Diskussion stehenden Dokumente
nicht vom Angeklagten übergeben erhalten, kann damit kein wesentlich grösseres
Gewicht als demjenigen einer Parteibehauptung zukommen. Ohne dass sie sich
durch weitere Indizien erhärten liesse, darf jedenfalls nicht unbesehen darauf
abgestellt werden.
Die objektiven Umstände sprechen indessen gegen die Behauptungen von
B._: So kann insbesondere nicht sein, dass er bereits Ende März/anfangs
April 2008 alle anklagerelevanten Dokumente erhalten habe. Wie vorstehend dar-
gelegt (E. 5.4.2), hat auf den in der ... [Zeitung] vom tt. Juli 2008 abgedruckten
Journalnachtrag in der Layoutversion von nach dem 17. April 2007 neben dem
Polizeibeamten L._ (der als Täter ausgeschlossen werden kann, vgl. E. 5.4.2
- 28 -
vorstehend) einzig der Angeklagte zugegriffen, und zwar am 16. und 21. April
2008 (Urk. 9/4 und 9/5). Sonstige Zugriffe erfolgten nicht; und entsprechend konn-
te das Dokument auch nicht ausgedruckt worden sein. Es ist daher nicht möglich,
wie auch vom Staatsanwalt anlässlich der Berufungsverhandlung aufgezeigt (Urk.
166 S. 6 und S. 12), dass B._ dieses Dokument bereits Ende März/anfangs
April 2008 überreicht erhalten hat. Nachdem er sodann alle fraglichen Dokumente
aus einer Hand erhalten habe, können ihm folglich auch der Informationsbericht
und die Opfereinvernahme nicht zum von ihm behaupteten Zeitpunkt übergeben
worden sein (vgl. auch Urk. 166 S. 13).
Dass B._ in diesem zentralen Punkt erwiesenermassen nicht die Wahrheit
sagt, schränkt die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen stark ein und ist jedenfalls
nicht geeignet, den – bereits verdichteten – Verdacht vom Angeklagten weg zu
lenken.
5.9. Auch das Aussageverhalten des Angeklagten selbst ist nicht geeignet, die
vorstehenden Schlüsse zu entkräften. Gegenteils fällt auf, dass er ausweichend
und berechnend aussagte; einzelne Aussagen musste er denn auch im Verlaufe
der mehrfachen Befragungen richtigstellen, nachdem sich ergeben hatte, dass
vorherige Antworten nicht stimmen konnten. Auch wenn ein Angeklagter
– prozessual gesehen – lügen darf, tut ein solches ergebnisgesteuertes,
anpasserisches Aussageverhalten der Glaubhaftigkeit der Depositionen Abbruch.
5.9.1. So fällt auf, dass der Angeklagte bei der ersten Befragung zwar einräumte,
die mit den seinerzeitigen Befragungen der Geschädigten befasste Polizistin zu
kennen. Vor "zwei, drei Monaten" [also April/Mai, nachdem die Einvernahme am
21. Juli 2008 stattfand] habe er sie einmal beim "Nachtdienst oder so" gesehen.
Auf die Frage, ob er sich mit ihr über den Fall des Geschädigten unterhalten
habe, erklärte der Angeklagte, sich nicht zu erinnern (Urk. 4/2 S. 5). Später in der
gleichen Einvernahme antwortete er dann auf die Frage, ob er in diesem
Zusammenhang Kontakt mit der genannten Polizistin aufgenommen habe, mit:
"Ich glaube es nicht, kann es aber auch nicht ausschliessen." (Urk. 4/2 S. 6).
Auch in der zweiten Einvernahme behauptete er noch, die Polizistin letztmals
während einem Nachtdienst vor "ca. anderthalb Monaten" gesehen zu haben;
- 29 -
man habe sich kurz gegrüsst (Urk. 4/9 S. 3). In beiden Einvernahmen wollte der
Angeklagte glauben machen, er habe die Kopien der Opfereinvernahmen anonym
mit interner Post zugestellt erhalten; sie seien "im Umlauf" gewesen. Namentlich
stellte er auch in Abrede, die Protokolle bestellt zu haben (Urk. 4/2 S. 7; Urk. 4/9
S. 4). Erst nachdem die betreffende Beamtin dann ausführlich ausgesagt hatte,
der Angeklagte habe sich bei ihr nach den Einvernahmeprotokollen erkundigt, sie
habe ihm diese geschickt und sich zwei Tage danach gar noch vergewissert, ob
sie angekommen seien (Urk. 4/10; Urk. 4/15 S. 3-5), räumte der Angeklagte dann
immerhin ein: "Wenn sie sagt, sie hätte mir diese geschickt, dann mag das
zutreffen." (Urk. 4/11 S. 1). In der vorinstanzlichen Hauptverhandlung anerkannte
er dann, mit der Polizistin telefonischen Kontakt aufgenommen zu haben (Prot. I
S. 15). Dies bestätigte er auch anlässlich der Berufungsverhandlung (Prot. II
S. 22). Sein angebliches Motiv für sein Aussageverhalten überzeugt indessen nur
halb und wird auch von ihm selbst relativiert: Wenn er dazu erklärte, seine ersten
Aussagen hätten "sicher auch einen Schutz gegenüber der Polizistin" (Unterstrei-
chung durch das Gericht) dargestellt (Prot. I S. 20), so lässt das schon einmal
Raum für weitere (unausgesprochene) Beweggründe. Sodann bestand – wenn
denn der Angeklagte mit sich im Reinen gewesen wäre – in objektiver Hinsicht
keine Veranlassung, die betreffende Polizistin zu schützen (vor was?), zumal er
als Ranghöherer, was er auch nicht bestreitet (Prot. II S. 30), ohnehin befugt ge-
wesen war, die Akten anzufordern. In ihrer Einvernahme bestätigte die Polizistin
denn auch, sich nicht zuletzt aus hierarchischen Gründen verpflichtet gesehen zu
haben, dem Angeklagten die angesprochenen Unterlagen zu übergeben; sie habe
ihm diese auch ohne Nachfrage zukommen lassen (Urk. 4/15 S. 6, 7/8).
5.9.2. Ein ähnliches Aussageverhalten legte der Angeklagte hinsichtlich seiner
Zugriffe auf das POLIS an den Tag, indem er zunächst behauptete, selbst
problemlos zu den betreffenden Informationen gekommen zu sein. Ausdrücklich
verneinte er die Frage, ob er dazu computertechnische Hilfe habe in Anspruch
nehmen müssen (Urk. 4/2 S. 5/6). Erst auf Vorhalt der anderslautenden Aussagen
des Polizeibeamten L._ gestand der Angeklagte ein, dessen Hilfe in An-
spruch genommen zu haben. L._ sei der "Computerspezialist", und wenn er
- 30 -
– der Angeklagte – in dieser Hinsicht ein Problem habe, wende er sich an diesen
(Urk. 4/16 S. 5).
Wieso er hier zunächst die Unwahrheit gesagt hat, erklärte der Angeklagte in der
Untersuchung nicht. Anlässlich der Berufungsverhandlung führte er aus, dass er
am Anfang, zur Bedienung des Systems, keine Hilfe benötigt habe. Er habe dann
aber gemerkt, dass etwas nicht stimme und Sachen nicht mehr da waren. Des-
halb habe er den L._ angefragt, der das dann angeschaut habe (Prot. II S.
27 f.). Auch hier gilt: wenn der Angeklagte selbst nichts zu verbergen hatte, ist
nicht einsichtig, wieso er zunächst abstritt, von L._ Hilfe beim Zugriff auf das
POLIS erhalten zu haben.
5.9.3. Ins gleiche Muster passt die Erklärung des Angeklagten, wieso er am
26. Juni 2008 darauf bestanden habe, sich mit B._ und D._ nicht im ...,
wo es neben dem von der Verteidigung vorgebrachtem Hotel M._ (Urk. 165
S. 8) noch zahlreiche weitere Lokale geben würde, sondern in E._ zu treffen.
Gerade wenn es – wie der Angeklagte behauptet – nur um ganz allgemeine Fra-
gen im Zusammenhang mit der Zuständigkeit für Vorführbefehle und Hausdurch-
suchungen oder dem Ablauf einer Anzeige gegangen sein sollte (Urk. 4/2 S. 10;
Urk. 5/1; Prot. I S. 18 und Prot. II S. 31), ist nicht ersichtlich, weshalb man sich für
das Gespräch "verstecken" musste und ein Gespräch "unter sechs Augen" führen
musste (Prot. II S. 32). Vielmehr ist schon nicht klar, weshalb man sich für angeb-
lich derart allgemeine Fragen, auch wenn der Angeklagte zu diesem Treffen, wie
von der Verteidigung geltend gemacht, anonymisierte Vorlagen von Hausdurch-
suchungs- und Vorführbefehlen mitnahm (Urk. 165 S. 8), überhaupt in so hochka-
rätiger Runde persönlich treffen musste. Die Frage des Vorderrichters an den An-
geklagten, ob diese Dinge nicht auch am Telefon hätten besprochen werden kön-
nen, liess dieser denn auch geflissentlich unbeantwortet (Prot. I S. 18: "Sie woll-
ten wissen, wie eine Hausdurchsuchung abläuft. Über solche Sachen haben wir
gesprochen.").
Anlässlich der Berufungsverhandlung führte der Angeklagte erstmals aus, dass er
anlässlich des Treffens in E._ gesehen habe, dass B._ ein Dokument
in den Händen hielt. Er habe dann vergeblich versucht die User-ID auf dem
- 31 -
Dokument zu sehen, um herauszufinden, von wem das Dokument ursprünglich
stammte. Er selber habe das Dokument aber nie in den Händen gehabt und habe
es nicht sehen können (Prot. II S. 33 f.). Sollte zwischen dem Angeklagten und
B._ wirklich ein "do ut des" Verhältnis bestanden haben, ist nicht ersichtlich,
weshalb der Angeklagte nicht darauf beharrt hat, das Dokument zu sehen. Soweit
die Verteidigung im Zusammenhang mit dem Treffen in E._ zudem geltend
macht, es sei lebensfremd und unzutreffend anzunehmen, dass die Dokumente in
der ... in E._ übergeben wurden (Urk. 165 S. 9), so ist darauf hinzuweisen,
dass dies dem Angeklagten auch nicht vorgeworfen wird.
5.9.4. Nicht sehr plausibel sind auch die Erklärungen des Angeklagten zu seiner
Aktennotiz über das Treffen mit B._ und D._ (Urk. 5/1): Vom materiellen
Gehalt her enthält die Notiz nun wahrlich wenig, was vom Angeklagten "für sich
als Gedankenstütze" hätte niedergeschrieben werden müssen (Urk. 4/20 S. 2, 3;
Prot. I S. 17; Prot. II S. 32). Vielmehr erscheint die – vom Angeklagten anlässlich
der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 21. Juli 2008 eingereichte (Urk.
4/2 S. 8) – Notiz zur Hauptsache als recht eigentliche Verteidigungsschrift. So be-
tont der Angeklagte darin wiederholt, von B._ erfahren zu haben, dass dieser
"etwas" über den Fall des Geschädigten wisse bzw. gar "sehr viele und brisante
Infos" habe, und hält fest, gesagt zu haben, keine Auskünfte geben zu können.
Weshalb der Angeklagte diese Rechtfertigungen "für sich" notieren musste, ist
nicht nachvollziehbar. Und schon gar nicht erklärlich ist, warum der Angeklagte
"Diese Sache ist heiss" als Gedankenstütze festhalten musste. Anlässlich der Be-
rufungsverhandlung darauf angesprochen erklärte der Angeklagte, er habe sich
das spontan selber gesagt. Es habe sich um eine Gedankenstütze und nicht um
einen Rapport gehandelt (Prot. II S. 33).
Die Aktennotiz des Angeklagten erscheint damit vorab als prozesstaktisches Do-
kument, welches quasi "zur Absicherung" im Hinblick auf ein allfälliges Verfahren
verfasst worden sein muss.
5.9.5. Ganz sicher zutreffend und offensichtlich ist, dass den Angeklagten der Fall
des Geschädigten "einfach interessiert" hat (anstelle vieler: Urk. 2/20 S. 3). Der
Angeklagte war im September 2006 im Zusammenhang mit einem Vorführbefehl
- 32 -
gegen den Geschädigten in die Sache involviert. Da sich die Staatsanwaltschaft
sodann mit dem Geschädigten geeinigt und dieser sein freiwilliges Erscheinen
zugesichert habe, sei der Vorführbefehl aber wieder zurückgezogen worden.
Damit war der Fall für den Angeklagten wieder erledigt (Urk. 4/2 S. 2; vgl. auch
Prot. II S. 23 f.). Nach der Ernennung des Geschädigten zum Chef der Armee und
der damit verbundenen Medienpräsenz erinnerte sich der Angeklagte – nach ei-
genen Aussagen von B._ darauf aufmerksam gemacht (Urk. 4/2 S. 5, 10) –
wieder an den Fall und begann mit seinen Nachforschungen. Er roch – ist man
geneigt zu sagen – Blut; nicht anders können seine wiederholten, aufgeregten
Äusserungen, die Sache sei "heiss", verstanden werden. Schon seiner ersten
Einvernahme ist zwischen den Zeilen zu entnehmen, dass ihn an der ganzen An-
gelegenheit einiges störte: So missfiel ihm augenscheinlich, dass zufolge der Ein-
richtung eines geschützten Projektes im Verhältnis zum Zeitpunkt der Einleitung
des Verfahrens nicht mehr alle Dokumente im POLIS abrufbar gewesen waren.
Dies betraf namentlich den Vorführbefehl (das sei sein "Hauptproblem" gewesen,
Urk. 4/9 S. 1). Man habe annehmen müssen, dass etwas unter den Tisch gekehrt
werde, weil ein Projektschutz gewährt wurde und nicht mehr alle Zugriff hatten.
Ausser dem Nachtragsjournal sei alles gesperrt gewesen: "Man wusste ja gar
nichts." (Prot. I S. 16). Der Angeklagte fühlte sich von diesen Umständen heraus-
gefordert und betroffen. Ein Beleg hiefür bildet der folgende Wortwechsel in der
Einvernahme vom 21. Juli 2008: (Verteidiger:) "Hat Sie interessiert, weshalb die
Akten nicht vorhanden sind?" (Angeklagter:) "Ja." (Staatsanwältin:) "Warum?"
(Angeklagter:) "Ja. Da sind Akten von einem Chef der Armee einfach nicht mehr
vorhanden." (Staatsanwältin:) "Ist das Ihr Problem?" (Angeklagter:) "Wessen
Problem sollte es dann sonst sein?" (Urk. 4/2 S. 6/7). Das erweckt etwas den
Eindruck, als habe sich der Angeklagte als einsamer Kämpfer gegen einen in
seinen Augen möglicherweise riesigen Komplott gesehen. Daneben stiess sich
der Angeklagte auch ganz grundsätzlich daran, dass ein Mann mit einem solchen
Vorgang bei den Strafuntersuchungsbehörden Chef der Armee werden konnte.
Später in der Einvernahme liess er seiner Empörung über den Geschädigten
freien Lauf: "Ich habe die Protokolle gelesen. Und ich habe auch die Angaben
- 33 -
über Herrn C._ gelesen. Ich bin entsetzt über das, was ich gelesen habe."
(Urk. 4/2 S. 10).
Es erscheint naheliegend, dass sich der Angeklagte durch ein Gemisch aus
Neugier, Empörung oder auch Gerechtigkeitsgefühl zu seinen intensiven
Nachforschungen getrieben sah. Ein in diesen Umständen begründetes Motiv, die
erlangten Informationen auch weiterzugeben, ist alles andere als gesucht – zumal
der Angeklagte offenbar kein Vertrauen in seine Vorgesetzten und die Polizei an
sich hatte. Für einen Polizeibeamten etwas befremdlich sagte er auf die Frage,
weshalb er mit den erlangten Informationen nicht an einen vorgesetzten Polizei-
offizier gelangt sei: "Weil sie [die Information] so heiss war und die Akten weg wa-
ren. ... Ich traue der Polizei nicht. Die lassen auch Akten verschwinden." (Urk. 4/2
S. 7/8). In einer späteren Einvernahme bestätigte er dies sinngemäss: "Ich bin
schon lange Zeit bei der Polizei. Einen eigentlichen Rettungsanker habe ich nicht.
Ich habe zwar Kollegen, aber ich habe das für mich behalten." (Urk. 4/16 S. 6).
5.10. Aus all diesen Umständen verdichten sich die Indizien, dass der Angeklag-
te in der ihm von der Staatsanwaltschaft vorgeworfenen Weise B._ Doku-
mente und Informationen zugespielt hat, zur Gewissheit:
- Der Angeklagte hat im April 2008 zu einem Zeitpunkt, als er ein erstes Mal
mit B._ über die Angelegenheit des Geschädigten gesprochen hatte,
mehrfach – als einzige Person überhaupt – auf sämtliche sich noch im
POLIS befindlichen Dokumente der (eingestellten) Strafuntersuchung gegen
den Geschädigten gegriffen und teilweise ausgedruckt. Zwei dieser drei Do-
kumente (nämlich der Informationsbericht und der Journalnachtrag) fanden
in der Folge den Weg in die ... [Zeitung] vom tt. bzw. tt. Juli 2008, genau in
jener Layoutfassung, wie sie der Angeklagte angesehen und ausgedruckt
haben muss (Journalnachtrag in der Darstellung von nach dem 17. April
2007). Neben dem Angeklagten hat einzig noch der Polizeibeamte K. im
massgeblichen Zeitraum (nach dem 17. April 2007) auf den Journalnachtrag
gegriffen. Es kann aber ausgeschlossen werden, dass L._ den Nach-
trag der ... [Zeitung] zugespielt hat. Der in der ... [Zeitung] publizierte Jour-
nalnachtrag ist deshalb zwingend vom Angeklagten im POLIS aufgerufen
- 34 -
und ausgedruckt worden. Ebenso fallen diejenigen 7 Polizeibeamten, wel-
che den Informationsbericht im POLIS aufgerufen haben, als Täter ausser
Betracht. Einerseits haben sie jeweils glaubhaft so ausgesagt, und anderer-
seits wurden sie auch je namentlich von B._ als Täter ausgeschlossen.
Weitere, vom EDV-System nicht protokollierte Zugriffe auf die fraglichen Do-
kumente sind auszuschliessen.
- Zur selben Zeit forderte der Angeklagte bei der Polizistin, die im September
2006 die Geschädigte befragt hatte, mindestens ein Einvernahmeprotokoll
an und erhielt dieses auch zugestellt. Dieses Protokoll bzw. zumindest
dessen Inhalt wurde in der Folge ebenfalls über B._ der ... [Zeitung] zu-
gänglich gemacht und im Text des Artikels vom tt. Juli 2008 verwendet.
Dass die Polizistin selbst oder ihre damalige Arbeitskollegen für die Weiter-
gabe verantwortlich sein könnten, ist aufgrund deren Aussagen und derjeni-
gen von B._ auszuschliessen.
- Es steht mithin fest, dass der Angeklagte – nach menschlichem Ermessen –
die einzige Person war, die über sämtliche Dokumente und Informationen
verfügte, die Eingang in die ... [Zeitung] vom tt. bzw. tt. Juli 2008 gefunden
haben. Nachdem B._ ausdrücklich ausgesagt hat, diese Dokumente
aus einer Hand erhalten zu haben, ist deshalb kaum vorstellbar, wer ausser
dem Angeklagten ihm dieselben übergeben haben könnte.
- Nachdem sich der Angeklagte bereits im April/Mai 2008 und am 24. Juni
2008 mit B._ getroffen hatte, kam man auf dessen Ersuchen am
26. Juni 2008 im Beisein von D._ abermals zusammen. Auf Wunsch
des Angeklagten fand dieses Treffen indessen nicht – wie vorher – in
N._ statt, sondern in der ... in E._. Nach eigenen Angaben wollte
der Angeklagte so vermeiden, dass er erkannt wird (im ... sei er bekannt
"wie ein bunter Hund"). Diese Umstände – Hinzuziehung des Chefredaktors,
recht eigentliches "Sich-verstecken" – deuten offensichtlich darauf hin, dass
etwas Brisantes besprochen werden sollte; auch wenn möglicherweise die
fraglichen Unterlagen nicht (erst) an diesem Treffen übergeben worden sein
mögen.
- 35 -
- Nach dem Treffen vom 26. Juni 2008 waren aus Sicht der ... [Zeitung] die
Recherchen über den Geschädigten offenbar abgeschlossen und genügend
verifiziert: Jedenfalls wurden die Behörden in Bern und teilweise auch in Zü-
rich mit den gewonnenen Erkenntnissen konfrontiert, und das Ganze mün-
dete hernach in die Publikationen von tt. und tt. Juli 2008.
- Soweit B._ aussagt, die Dokumente nicht vom Angeklagten übergeben
erhalten zu haben, steht dies lediglich ähnlich einer Parteibehauptung im
Raum, weil einerseits B._ die – angebliche – tatsächliche Quelle nicht
nennt und so seine Behauptung jeglicher gerichtlichen Überprüfbarkeit
entzieht sowie er andererseits bezüglich des Zeitpunkts, in welchem er die
Unterlagen erhalten habe, belegtermassen unzutreffend ausgesagt hat.
- Das Aussageverhalten des Angeklagten selbst vermag diesen nicht zu
entlasten, sondern wirkt gegenteils belastend: Er sagte ausweichend und
teilweise widersprüchlich aus, mehrmals musste er frühere Aussagen
korrigieren, nachdem sich diese durch andere Beweiserhebungen als
unzutreffend erwiesen hatten. Das macht die Aussagen des Angeklagten
unglaubhaft. Offenbar sagte er nicht primär einfach die Wahrheit aus,
sondern antwortete zielgerichtet, "steuernd" im Hinblick auf das, was er mit
den Aussagen erreichen wollte. Hinsichtlich des möglichen Motivs für die
ihm vorgeworfene Weitergabe von Dokumenten und Informationen kann
sowohl aufgrund seiner eigenen als auch der Aussagen anderer Polizei-
beamter ohne weiteres davon ausgegangen werden, dass er sich stark
darüber empört hatte, wie ein Mann mit einem "Vorleben" wie der Geschä-
digte Chef der Armee werden konnte.
- Dass der Angeklagte die Informationen dem gut mit ihm bekannten B._
zukommen liess und nicht etwa seine Vorgesetzten auf die seines Erachtens
vorliegenden Unregelmässigkeiten angesprochen hat, lässt sich schliesslich
zwanglos damit erklären, dass er offenbar wenig Vertrauen in seinen eige-
nen Arbeitgeber – die Polizei – hatte.
- 36 -
All diese Umstände – diese Indizien – lassen in ihrer Gesamtheit als bewiesen er-
scheinen, dass der Angeklagte in der ihm in der Anklageschrift vorgeworfenen Art
und Weise B._ Dokumente und Informationen übergeben bzw. zugänglich
gemacht hat. Ein anderer Ablauf – insbesondere, dass die ... [Zeitung] das Mate-
rial anderweitig erhältlich gemacht hätte – ist kaum vorstellbar und fällt jedenfalls
vernünftigerweise als realistische Möglichkeit ausser Betracht. So denn die Aus-
sage von B._, er habe die Unterlagen nicht vom Angeklagten übergeben er-
halten, nicht einfach unzutreffend ist, ist einzig noch theoretisch denkbar, dass
sich der Angeklagte für die Übergabe der Unterlagen (oder B._ für deren
Übernahme) eines Mittelsmannes oder eines sonstigen Vorgehens mit gleichem
Effekt bedient haben könnte, sodass dem reinen Wortlaut nach stimmen würde,
dass der Angeklagte B._ die Dokumente nicht (persönlich) übergeben hätte.
Entgegen der Ansicht der Verteidigung würde dann auch keine Falschaussage
von B._ vorliegen (Urk. 165 S. 19). Hinsichtlich des Anklagevorwurfs hätte
aber der Gebrauch eines solchen Tatmittlers bzw. -mittels keinen Einfluss und
änderte insbesondere nichts an der Verantwortlichkeit des Angeklagten, die Un-
terlagen und Informationen B._ übergeben bzw. zugänglich gemacht zu ha-
ben (vgl. Anklageschrift S. 6).
5.11. Die seitens der Verteidigung weiter geäusserten Mutmassungen zu
möglichen Informationslecks vermögen diesen Schluss nicht zu erschüttern:
5.11.1. Hinsichtlich der – zumindest impliziten – These, Ausdrucke bzw. Kopien
von Informationsbericht, Journalnachtrag und Opferbefragungen seien aus dem
Behälter für zu vernichtende Akten im Büro des Angeklagten genommen und an
die Presse weitergeleitet worden (Urk. 74 S. 10/11, 31), ist schon fraglich, ob der
Angeklagte mit den fraglichen Dokumenten effektiv so verfahren ist. Wörtlich sag-
te er nämlich in der Untersuchung aus, er habe diese vernichtet (Urk. 4/2 S. 7, 9).
Auch wenn der Angeklagte das teilweise gleichzusetzen scheint (Urk. 4/2 S. 9),
versteht man aber üblicherweise unter "vernichten" "zerstören" oder "unbrauchbar
machen", und nicht das Ablegen von Dokumenten in einem offenen Behälter, wo
sie "vielleicht alle vierzehn Tage" abgeholt werden (Urk. 74 S. 10). In der Einver-
nahme vom 4. Dezember 2008 wollte er dann die am 16. April 2008 ausgedruck-
- 37 -
ten Dokumente nur noch "vermutlich" der Vernichtung zugeführt haben (Urk. 4/20
S. 3), und in der vorinstanzlichen Hauptverhandlung erklärte er, am 21. April 2008
den zweiten Ausdruck gemacht zu haben, weil der erste "nicht mehr auf meinem
Pult" gewesen sei (Prot. I S. 15). Mithin bleiben schon Zweifel daran, ob der
Angeklagte überhaupt Dokumente, die letztlich der ... [Zeitung] zugekommen
sind, in den angesprochenen Behälter in seinem Büro abgelegt hat. Anlässlich der
Berufungsverhandlung erklärte der Angeklagte erneut, vernichten heisse, dass er
die Dokumente in die Ablage für Aktenvernichtung gelegt habe. Es sei auch
möglich, dass er die Dokumente einmal zerrissen habe (Prot. II S. 28). Gerade
wenn der Angeklagte betont, die Dokumente vernichtet zu haben, weil es sich um
eine "absolut heisse" Sache (Urk. 4/2 S. 7), eine "Atombombe" (Prot. II S. 24)
gehandelt habe, erscheint wenig wahrscheinlich, dass er – als erfahrener Polizei-
beamter – diese zur "Vernichtung" einfach in eine frei zugängliche Box gelegt
hätte, zumal er auch erklärte, dass er der Polizei nicht getraut habe (Prot. II S. 27)
und gewusst habe, dass sein Büro ständig auch von anderen Polizisten benutzt
werde (Prot. II S. 33). Soweit die Verteidigung hinweist, die Polizisten würden alle
ihre Dokumente über den Weg der Box entsorgen (Prot. II S. 38), so handelte es
sich bei diesem Fall aber gerade nicht um einen alltäglichen Fall, sondern, wie
vom Angeklagte selber angegeben, um eine "absolut heisse" Sache, eine
"Atombombe" (Prot. II S. 24).
Hinzu kommt, dass der Angeklagte die Dokumente jedenfalls erst ab dem
16. April 2008 (dem Datum seines ersten Zugriffs im POLIS) hätte in den
fraglichen Behälter legen können und sie deshalb logischerweise auch erst ab
jenem Datum hätten abhanden kommen können. Wie schon mehrfach erwähnt,
will aber B._ alle fraglichen Dokumente schon vor dem ersten Treffen mit
dem Angeklagten Ende März/anfangs April – und mithin vor dem 16. April 2008 –
erhalten haben. Hier besteht – ein weiterer – unauflösbarer Widerspruch. Die
Staatsanwaltschaft hat zudem zu Recht darauf hingewiesen, dass dieser Unbe-
kannte zufälligerweise gerade an alle drei Dokumente miteinander und zusätzlich
auch noch an B._ hätte geraten sein müssen (Urk. 166 S. 14), was doch un-
wahrscheinlich erscheint.
- 38 -
Angesichts dessen und mangels jeglicher weitergehenden Anhaltspunkte für die
"Behälter-These" der Verteidigung (vgl. auch die Vorinstanz in Urk. 90 S. 22
unten; § 161 GVG), bleibt diese nicht mehr als ein rein theoretisches Konstrukt,
welchem die erforderliche Wahrscheinlichkeit fehlt, um am vorstehend ermittelten
Beweisergebnis ernsthafte Zweifel aufkommen zu lassen.
5.11.2. Mit der zutreffenden Begründung der Vorinstanz (Urk. 90 S. 19/20; § 161
GVG) ausgeschlossen werden kann weiter, dass der damalige Sachbearbeiter
der für die Strafuntersuchung gegen den Geschädigten zuständigen Staatsanwäl-
tin, der Polizeibeamte ..., mit der Weitergabe von Dokumenten und Informationen
in Zusammenhang gebracht werden müsste. Zu unterstreichen ist, dass ... am
24. Januar 2007 im Kontext mit der Hausdurchsuchung beim Geschädigten ein
letztes Mal auf den Journalnachtrag im POLIS zugegriffen hat und somit den
Nachtrag im neuen Layout ab dem 17. April 2007, wie er der ... [Zeitung] zuge-
spielt worden ist, nie aufgerufen hat (Urk. 9/5). Im Übrigen hat B._ auch hin-
sichtlich dieses Polizeibeamten ausdrücklich dessen Täterschaft verneint
(Urk. 164 S. 14).
5.11.3. Ebenso ausgeschlossen werden kann, dass die die Dokumente und
Informationen sonstwie seitens der Staatsanwaltschaft der Presse zugespielt
worden sind (Urk. 74 S. 32-34). Zunächst fällt auf, dass die Artikel der ... [Zeitung]
vom tt. und tt. Juli 2008 ausschliesslich die Optik des Opfers (d.h. der Geschädig-
ten) wiedergeben – Quellen der journalistischen Erkenntnisse waren denn auch
bekanntlich Informationsbericht, Journalnachtrag und Opfereinvernahmen. Dies
sind indessen alles Unterlagen aus der Phase der polizeilichen Ermittlungen.
Hinweise auf weitere – sich typischerweise in staatsanwaltschaftlichen Untersu-
chungsakten befindliche – Dokumente fehlen; namentlich etwa die Einvernahmen
des dort angeklagten Geschädigten. Mit Fug darf angenommen werden, dass die
Journalisten die Haltung des Geschädigten zu den Vorwürfen in ihren Artikeln
wiedergegeben hätten, wenn es ihnen denn möglich gewesen wäre. Dass dem
nicht so war, belegt die im Artikel vom tt. Juli 2008 enthaltene Vermutung, dass
der Geschädigte "die Vorwürfe gegenüber der Polizei und der Staatsanwaltschaft
nicht oder höchstens in begrenztem Ausmass bestritten" habe (Urk. 3a/2). Hinzu
- 39 -
kommt, dass die von der ... [Zeitung] ausrissweise publizierten Unterlagen sich
gar nicht in den Akten des Untersuchungsverfahrens gegen den Geschädigten
befinden (vgl. beigezogene Akten STA I A-7/2006/864) und daher auch nicht dar-
aus an die Presse gelangt sein können. Wie schon mehrfach erläutert, hat insbe-
sondere einzig der Angeklagte den Journalnachtrag nach dem 17. April 2007 auf-
gerufen und ausgedruckt.
5.11.4. Aus dem selben Grund ist auch kein Leck bei den Bundesbehörden zu
vermuten: Auch wenn ihnen die Untersuchungsakten einmal zugestellt worden
wären, hätten sie die Journalisten der ... [Zeitung] nicht mit denjenigen Dokumen-
ten versorgen können, die schliesslich publiziert worden sind. Es kann daher offen
bleiben, ob die Akten – entsprechend der Behauptung der Verteidigung (Urk. 98
S. 4/5) – überhaupt einmal an das VBS gesandt worden sind oder nicht. Aus den
Akten selbst ergibt sich dies jedenfalls nicht (vgl. beigezogene Akten STA I A-
7/2006/864).
5.11.5. Dass Opfereinvernahmen und weitere Untersuchungsakten "scheinbar
grenzenlos kursiert" sowie "in Kopien herumgereicht und weiterverbreitet" worden
seien (Urk. 74 S. 31), ist eine blosse Behauptung der Verteidigung, die durch
keine objektiven Anhaltspunkte belegt wird. Natürlich waren letztlich viele Amts-
stellen und Behörden in irgend einer Form mit dem Geschädigten befasst. In Be-
zug auf die Amtsgeheimnisverletzung, welche die Publikationen in der ... [Zeitung]
vom tt. und tt. Juli 2008 möglich machten, ist der Kreis aber nicht derart weit, wie
dies von der Verteidigung geltend gemacht wird (Urk. 74 S. 3): Welche Behörden
alle in der Nach- und Aufarbeitung des Angelegenheit involviert waren, ist irrele-
vant, weil die Amtsgeheimnisverletzung ja vor dem tt. Juli 2008 begangen worden
sein musste, und aufgrund dessen, dass die Dokumente und Informationen, die
der ... [Zeitung] vorgelegen haben, genau individualisiert werden können, schränkt
sich der mögliche Täterkreis weiter ein: Sehr viele Personen können nur schon
darum ausgeschlossen werden, weil sie gar keinen Zugriff auf die massgeblichen
Dokumente hatten.
5.12. Es hat damit dabei zu bleiben, dass der Sachverhalt gemäss Anklage-
schrift erstellt ist. In subjektiver Hinsicht bedarf es keiner weiteren Erläuterungen,
- 40 -
dass der Angeklagte mit Wissen und Willen Geheimnisse offenbarte, die er in
seiner dienstlichen Stellung wahrgenommen hat.
6. Rechtliche Würdigung
6.1. Hinsichtlich der rechtlichen Würdigung des Verhaltens des Angeklagten ist
ohne Weiteres auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz zu verweisen
(Urk. 90 S. 32-34). Der Angeklagte hat den Tatbestand der Verletzung des
Amtsgeheimnisses im Sinne von Art. 320 Ziff. 1 Abs. 1 StGB erfüllt.
6.2. Der Verteidiger rügt, dass die Vorinstanz zu Unrecht das Vorliegen eines
aussergesetzlichen Rechtfertigungsgrundes verneint habe (Urk. 82 S. 4 f.). Damit
spricht er den aussergesetzlichen Rechtfertigungsgrund der Wahrung berechtigter
Interessen an (Urk. 74 S. 38; Urk. 90 S. 34) und bezieht sich dazu namentlich auf
Vieles, was sich aus den Untersuchungsakten gegen den Geschädigten ergeben
soll (Urk. 98 S. 5 ff.).
6.3. Lehre (anstelle vieler: Donatsch/Tag, Strafrecht I, 8. Auflage, Zürich 2006,
§ 22, mit vielen Verweisen) und Praxis (BGE 129 IV 6 ff./14 f. m.Hw.) anerkennen
gewisse, im Strafgesetzbuch nicht ausdrücklich geregelte, so genannte "überge-
setzliche" bzw. "ausserstrafgesetzliche" Rechtfertigungsgründe. Dazu gehören
namentlich notstandsähnliche Rechtfertigungsgründe wie die "rechtfertigende
Pflichtenkollision", das "notstandsähnliche Widerstandsrecht" und – vorliegend
thematisiert – die "Wahrung berechtigter Interessen".
Das Bundesgericht hat die Wahrnehmung berechtigter Interessen wiederholt
unter die notstandsähnlichen Rechtfertigungsgründe eingereiht (BGE 129 IV 14;
so auch Stratenwerth, Schweizerisches Strafrecht AT I, 3. Auflage, Bern 2005,
§ 10 N. 58 ff.). Dies bedeutet, dass die für den Notstand aufgestellten Regeln bei
der Interpretation der Voraussetzungen mit zu berücksichtigen sind. So liegt ein
Notstand im Sinne von Art. 17 StGB nur vor, wenn die Straftat notwendig war, um
die Rechtsgüter des Täters aus einer unmittelbaren und nicht anders abwend-
baren Gefahr zu erretten. Explizit hat das Bundesgericht in BGE 129 IV 15 ausge-
führt, Voraussetzung für den Rechtfertigungsgrund der Wahrnehmung berechtig-
- 41 -
ter Interessen sei daher grundsätzlich, dass zuvor der Rechtsweg mit legalen
Mitteln beschritten und ausgeschöpft worden sei (BGE 115 IV 75 E. 4b S. 80;
94 IV 68 E. 2 S. 71), sodann die inkriminierte Handlung ein zum Erreichen des
angestrebten berechtigten Ziels notwendiges und angemessenes Mittel darstelle
und schliesslich offenkundig weniger schwer wiege als die Interessen, die der
Täter zu wahren suche.
In subjektiver Hinsicht wird vorausgesetzt, dass der Täter einerseits in Kenntnis
der rechtfertigenden Sachlage und im Bewusstsein handelt, durch einen tatbe-
standsmässigen Eingriff ein höheres Interesse zu wahren, und andererseits muss
der Wille des Täters gegeben sein, den Rechtfertigungsgrund in Anspruch zu
nehmen. Bei der Frage, ob ein Täter zur Wahrung berechtigter Interessen gehan-
delt habe, kommt es mithin entscheidend darauf an, welches Ziel der Täter hatte
(Donatsch/Tag, a.a.O., S. 212 f.; Stratenwerth, a.a.O., § 10 N. 102 ff. m.Hw.).
6.4. Angesichts dieser Voraussetzungen fällt vorliegend eine Prüfung, ob der
Angeklagte zur Wahrung berechtigter Interessen gehandelt habe, ausser
Betracht: Er beruft sich eben gerade nicht darauf, durch die Weitergabe von dem
Amtsgeheimnis unterliegenden Informationen bestimmte berechtigte Interessen
gewahrt zu haben, sondern er bestreitet, für die Amtsgeheimnisverletzung
verantwortlich zu sein. Für eine Tat, die man nicht begangen haben will, kann
man schon logischerweise nicht gleichzeitig geltend machen, aus gewissen
Gründen zu ebendieser Tat berechtigt gewesen zu sein.
6.5. Wollte man dem Angeklagten unterstellen, er habe durch die Weitergabe
der Informationen anprangern wollen, dass Personen mit untersuchungsrichterli-
chen Vorgängen wie beim Geschädigten Chef der Armee werden können, oder er
habe gar auf das Wahl- (bzw. Abwahl-) verfahren des Geschädigten Einfluss
nehmen wollen, wäre sein Gang an die Presse ohnehin kein diesen Zielen
angemessenes Mittel gewesen. Offensichtlich und eingestandenermassen hat der
Angeklagte gar nicht erst versucht, andere, gesetzliche Wege – namentlich den
Dienstweg – zu beschreiten. Explizit ohne auch nur einen Vorgesetzten oder
sonstige offizielle Stellen informiert zu haben, liess der Angeklagte die zur
Diskussion stehenden Dokumente und Informationen dem Journalisten B._
- 42 -
zukommen. Eine Zwangslage, in welcher ihm nicht hätte zugemutet werden
können, zunächst in einer gesetzeskonformen Weise vorzugehen, lag damit in
keiner Weise vor (vgl. dazu auch BGE 94 IV 68 E. 2). Warum – wie dies letztlich
wohl geltend gemacht werden soll (Urk. 98 S. 7/8) – schlicht jeder Schritt an
jedwelche kantonale oder eidgenössische Stelle unzumutbar gewesen wäre, tut
der Verteidiger nicht dar und ist auch überhaupt nicht einsichtig.
6.6. Nicht möglich ist schliesslich, wie die Verteidigung verschiedene Rechtfer-
tigungselemente aus dem Inhalt der Untersuchungsakten gegen den Geschädig-
ten oder der Stellungnahmen der Staatsanwaltschaft an den Regierungsrat ablei-
ten zu wollen: Es geht im vorliegenden Verfahren unter keinem Titel darum zu
prüfen, ob die Einstellung des Verfahrens gegen den Geschädigten "rechtmässig"
gewesen ist oder nicht; ebenso wenig ist von Einfluss, ob nun der Vorführbefehl
das Büro der damals zuständigen Staatsanwältin verlassen hat oder nicht
(Urk. 98 S. 5/6). Der Angeklagte kann sich offensichtlich nicht auf Rechtferti-
gungsgründe berufen, die sich aus Akten ergeben sollen, welche er gar nicht
kennt und namentlich auch zum Zeitpunkt der ihm vorgeworfenen Tat gar nicht
kannte (vgl. Urk. 4/2 S. 2; der Angeklagte war nur in der allerersten Anfangsphase
im Zusammenhang mit dem Hausdurchsuchungsbefehl am Verfahren gegen den
Geschädigten beteiligt). Aus diesem Grund besteht auch kein schützenswertes
Interesse des Verteidigers daran, in einem Mass in die Untersuchungsakten
gegen den Geschädigten Einblick zu nehmen, das über die Frage der Täterschaft
hinausgeht (vgl. dazu den Beweisantrag der Verteidigung in Urk. 98 S. 4 und 5
bzw. in Urk. 165 S. 28 und die Beschlüsse der Kammer vom 9. Februar 2010,
Urk. 113, vom 17. Mai 2011, Urk. 135, vom 16. August 2011, Urk. 141 und vom
14. März 2012, Urk. 156). Gleichermassen ist auch dem Antrag um Beizug der
Stellungnahmen der Staatsanwaltschaft gemäss Beweisantrag Ziff. 3 der Eingabe
des Verteidigers vom 25. September 2009 (Urk. 98 S. 2) keine Folge zu leisten.
6.7. Der Angeklagte kann sich damit nicht auf einen Rechtfertigungsgrund beru-
fen und ist der Verletzung des Amtsgeheimnisses im Sinne von Art. 320 Ziff. 1
Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
- 43 -
7. Strafzumessung
7.1. Wer sich einer Amtsgeheimnisverletzung im Sinne von Art. 320 Ziff. 1
Abs. 1 StGB schuldig macht, wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder
Geldstrafe bestraft. Eine Geldstrafe kann bis zu 360 Tagessätze zu höchstens
Fr. 3'000.– betragen (Art. 34 Abs. 1 und 2 StGB).
7.2. Innerhalb dieses Strafrahmens misst das Gericht gemäss Art. 47
Abs. 1 StGB die Strafe nach dem Verschulden des Täters zu. Es berücksichtigt
das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wirkung der Strafe auf
das Leben des Täters. Das Verschulden wird nach der Schwere der Verletzung
oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des
Handelns, den Beweggründen und Zielen des Täters sowie danach bestimmt, wie
weit der Täter nach den inneren und äusseren Umständen in der Lage war, die
Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden (Art. 47 Abs. 2 StGB). Es kann hierfür
auf die zur Strafzumessung entwickelten Grundsätze des Bundesgerichts verwie-
sen werden (BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff.; 135 IV 130 E. 5.3.1; 132 IV 102 E. 8.1; je
mit Hinweisen).
7.3. Infolge des Verschlechterungsverbots (§ 399 StPO) kommt vorliegend von
Vornherein keine höhere Strafe als die von der Vorinstanz ausgefällte in Frage.
7.4. Der Angeklagte hat vorsätzlich Informationen mit intimen Details aus der
Privatsphäre des Geschädigten der Presse zugespielt. Dabei wusste er, dass sein
Wissen der Geheimhaltungspflicht unterlag und bei Bekanntwerden ein grosses
Echo auslösen sowie möglicherweise auch erhebliche Konsequenzen nach sich
ziehen würde. Nur so können die wiederholten Aussagen des Angeklagten
gedeutet werden, die Sache sei "absolut heiss" gewesen. Er war sich der Brisanz
der Sache vollkommen bewusst. Dessen ungeachtet entschloss er sich dazu,
Einzelheiten aus der Strafuntersuchung gegen den Geschädigten der Öffentlich-
keit preiszugeben und gewichtete so den Straftatbestand von Art. 320 StGB und
die Persönlichkeitsrechte des Geschädigten bewusst leichter als sein – wie auch
immer geartetes – Bestreben darum, Einzelheiten über den Geschädigten und
namentlich das gegen diesen geführte Strafverfahren zu verbreiten.
- 44 -
Wie bereits angetönt, ist davon auszugehen, dass sich der Angeklagte durch eine
gewisse Empörung darüber zur Amtsgeheimnisverletzung verleitet gesehen hat,
dass der Geschädigte trotz der zum Zeitpunkt seiner Ernennung pendenten
Strafuntersuchung und den darin erhobenen Vorwürfen Chef der Armee werden
konnte. Der Angeklagte – kann seinen Aussagen weiter entnommen werden –
hegte zudem den Verdacht, dass etwas "unter den Tisch gekehrt" werden könnte.
Diese Umstände und namentlich das mutmassliche Motiv des Angeklagten, eine
seines Erachtens geschehene Ungerechtigkeit und vermutete Unregelmässigkeit
anzuprangern, mögen den Grad seines Verschuldens etwas vermindern. Sein
Vergehen darf aber keinesfalls bagatellisiert werden: Mit der Vorinstanz ist das
Vertrauen der Allgemeinheit in die Verschwiegenheit aller Amtsstellen als hohes
und zentrales Rechtsgut zu bezeichnen. Dieses Vertrauen – sowohl im allge-
meinen Sinne als auch konkret jenes der (beiden) Geschädigten und aller am
Verfahren beteiligten Beamten – hat der Angeklagte in nicht leichtem Masse
missbraucht.
Hinsichtlich der persönlichen Verhältnisse des Angeklagten kann auf die
Zusammenfassung in den vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden
(Urk. 90 S. 37/38). Anlässlich der Berufungsverhandlung hat der Angeklagte
ausgeführt, dass er seit dem 31. März 2012 im vorzeitigen Ruhestand sei. Er
erhalte Fr. 6'300.-- monatlich. Dieser Betrag setze sich aus Altersrente und
Überbrückungszulage zusammen. Schulden habe er keine und sein Vermögen
betrage rund Fr. 150'000.-- (Prot. II S. 20 f.). Der Angeklagte weist keine
Vorstrafen auf. Aus dieser Biographie ergeben sich keine Umstände, welche sich
wesentlich auf die Strafzumessung auswirken würden.
Auch das Nachtatverhalten des Angeklagten wirkt sich strafzumessungsneutral
aus. Namentlich ist er nicht geständig und kann sodann auch keine Einsicht und
Reue für sich reklamieren.
7.5. Insoweit der Verteidiger aus dem Inhalt der Untersuchungsakten gegen
den Geschädigten oder der Stellungnahmen der Staatsanwaltschaft an den
Regierungsrat Strafzumessungsgründe ableiten will (Urk. 98 S. 5 ff.), gilt – mutatis
mutandis – das unter E. 5.6 vorstehend ausgeführte. Umstände, die sich aus
- 45 -
Akten und Berichten ergeben sollen, welche der Angeklagte zum Zeitpunkt der
Tat gar nicht kannte, sind für die Beurteilung seines Verschuldens irrelevant. Auch
diesbezüglich ergibt sich demnach kein über den Themenkomplex "Täterschaft"
hinausgehendes Einsichtsrecht der Verteidigung in die Untersuchungsakten
gegen den Geschädigten sowie kein Anspruch auf Beizug der Stellungnahmen
der Staatsanwaltschaft an den Regierungsrat gemäss Beweisantrag Ziff. 3 des
Verteidigers in seiner Eingabe vom 25. September 2009 (Urk. 98 S. 2).
7.6. Vor diesem Hintergrund erscheint die von der Vorinstanz ausgesprochene
Strafe von 90 Tagessätzen Geldstrafe – mithin eine Strafe im untersten Bereich
des Strafrahmens – als dem Verschulden des Angeklagten angemessen und
sicher nicht zu hoch.
7.7. Das Gericht bestimmt die Höhe des Tagessatzes nach den persönlichen
und wirtschaftlichen Verhältnissen des Täters im Zeitpunkt des Urteils, namentlich
nach Einkommen und Vermögen, Lebensaufwand, allfälligen Familien- und
Unterstützungspflichten sowie nach dem Existenzminimum (Art. 34 Abs. 2 StGB).
Die Bemessung erfolgt in Anwendung des Nettoeinkommensprinzips (BGE 134 IV
60 E. 5.4 m. Hw.). Ausgangspunkt bildet das Einkommen, das dem Täter durch-
schnittlich an einem Tag zufliesst. Was gesetzlich geschuldet ist oder dem Täter
wirtschaftlich nicht zufliesst, ist abzuziehen, so die laufenden Steuern, die Beiträ-
ge an die obligatorische Kranken- und Unfallversicherung sowie die notwendigen
Berufsauslagen bzw. bei Selbständigerwerbenden die branchenüblichen
Geschäftsunkosten (BGE 134 IV 60 E. 6.1).
Angesichts der finanziellen Verhältnisse des Angeklagte (vgl. E. 7.4 vorstehend),
die sich aufgrund des vorzeitigen Ruhestandes des Angeklagten etwas
verschlechtert haben, erscheint der vorinstanzlich festgesetzte Tagessatz von
Fr. 160.– als zu hoch, weshalb er auf Fr. 120.– festzusetzen ist. Zusammen-
fassend ist deshalb der Angeklagte mit einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu
Fr. 120.– zu bestrafen.
7.8. Nachdem der Angeklagte zwecks Zuführung zur ersten Einvernahme
für 6 Stunden in Haft genommen worden ist (Urk. 27/2; Urk. 4/2 S. 11), hat
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– wohlwollend – ein Tagessatz der Geldstrafe als dadurch geleistet zu gelten
(Art. 51 StGB).
8. Strafvollzug
8.1. Bei der gegebenen prozessualen Ausgangslage steht zufolge des
Verschlechterungsverbotes (§ 399 StPO) der von der Vorinstanz gewährte
bedingte Strafvollzug im Berufungsverfahren nicht mehr zur Disposition.
8.2. Der Vollzug der Geldstrafe ist daher aufzuschieben und die Probezeit auf
das gesetzliche Minimum von 2 Jahren (Art. 44 Abs. 1 StGB) anzusetzen.
9. Zivilansprüche
9.1. Unter Verweisung auf die vorinstanzlichen Erwägungen (Urk. 90 S. 39;
§ 161 GVG) ist der vom Geschädigten geltend gemachte symbolische Genug-
tuungsanspruch von Fr. 1.– ohne Weiteres ausgewiesen und der Angeklagte zur
entsprechenden Bezahlung zu verpflichten.
9.2. Die Geschädigte hat auf die Geltendmachung von Zivilansprüchen verzich-
tet (Urk. 71).
10. Kosten- und Entschädigungsfolgen
10.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens – es bleibt beim vorinstanzlichen
Urteil – ist die vorinstanzliche Kosten- und Entschädigungsregelung zu bestätigen
(Dispositivziffern 5 und 6).
10.2. Im Berufungsverfahren erfolgt die Auflage der Kosten und die Zusprechung
einer Entschädigung in der Regel im Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen der
Verfahrensbeteiligten (§ 396a StPO). Nachdem der Angeklagte mit seiner Beru-
fung vollumfänglich unterliegt, sind ihm auch die Kosten des zweitinstanzlichen
Verfahrens aufzuerlegen. Dass im Verhältnis zum vorinstanzlichen Urteil der
Tagessatz der Geldstrafe nun etwas tiefer ausfällt, ist durch blossen Zeitablauf
– bzw. Änderung der persönlichen Situation des Angeklagten – begründet und
wirkt sich auf die Kostenverteilung nicht aus.
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10.3. Prozessentschädigungen sind nach dem Verzicht der beiden Geschädigten
(Prot. I S. 21; Urk. 71) keine zuzusprechen. Beim vorliegenden Ausgang des Ver-
fahrens fällt eine Prozessentschädigung an den – unterliegenden – Angeklagten
nicht in Betracht.