Decision ID: 8e7c8d0a-80db-44d7-ba72-063dc962bf92
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Juni 2002 zum Bezug eines Hilfsmittels der
Invalidenversicherung in der Form eines Stehpultes an (IV-act. 4). Sie gab an, sie habe
eine Berufslehre zur Papeterieverkäuferin und später eine zweite Ausbildung zur
Textildesignerin abgeschlossen. Im November 2002 meldete sich die Versicherte
zusätzlich für berufliche Massnahmen an (IV-act. 9). In einem Begleitschreiben machte
sie geltend (IV-act. 11), sie habe ihre Arbeitsstelle gekündigt, weil sie sich körperlich
und psychisch nicht länger in der Lage gesehen habe, weiterhin an diesem Arbeitsplatz
tätig zu sein. Sie wisse nicht, welche neue berufliche Richtung sie einschlagen solle,
weshalb sie um eine Beratung und Unterstützung der Invalidenversicherung ersuche.
Mit einer Verfügung vom 17. September 2003 erteilte die IV-Stelle eine
Kostengutsprache für Abklärungskosten im Hinblick auf eine Umschulung der
Versicherten zur Ergotherapeutin (IV-act. 42 f.). Mit einer Verfügung vom 7. Januar 2004
erteilte sie eine Kostengutsprache für die Umschulung der Versicherten zur
Ergotherapeutin (IV-act. 57). Im März 2007 konnte die Versicherte die Umschulung
erfolgreich abschliessen (IV-act. 122). Bereits vor dem Ausbildungsabschluss hatte sie
eine Arbeitsstelle als Ergotherapeutin gefunden (IV-act. 118). Mit einer Verfügung vom
9. Juli 2007 schloss die IV-Stelle das Verfahren betreffend berufliche
Eingliederungsmassnahmen ab (IV-act. 132).
A.a.
Im Juli 2015 meldete sich die Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-act.
136). Das Schmerzzentrum des Kantonsspitals St. Gallen hatte in einem Bericht vom
26. Mai 2015 auf ein multilokuläres, chronifiziertes Schmerzsyndrom mit somatischen
und psychischen Anteilen sowie auf eine psychische Erschöpfung durch eine
psychosoziale Belastung am Arbeitsplatz hingewiesen (IV-act. 143). Die Klinik B._
A.b.
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berichtete am 5. Oktober 2015 (IV-act. 163), die Versicherte leide an einer
mittelgradigen depressiven Episode mit einem somatischen Syndrom nach einer
„Burnout-Entwicklung“ bei einer bekannten posttraumatischen Belastungsstörung und
einer chronischen Schmerzerkrankung mit somatischen und psychischen Faktoren. Sie
habe angegeben, dass sie im Alter von etwa drei bis fünf Jahren durch einen
Saisonarbeiter sexuell missbraucht worden sei. Im Alter von 15 Jahren habe sie ihre
erste schwere Depression mit Suizidgedanken gehabt. Ein Gespräch über das
Vorgefallene sei im Elternhaus nicht denkbar gewesen. Ausserdem sei sie damals stark
übergewichtig gewesen. Sie habe später eine Magersucht entwickelt. Vor fünf bis
sechs Jahren sei sie im Zusammenhang mit der chronischen Schmerzstörung bei einer
Skoliose in eine Lebenskrise geraten. Sie habe dann aber eine Umschulung zur
Ergotherapeutin absolvieren und eine neue Arbeitsstelle antreten können. In den
vergangenen Monaten sei sie an ihrem Arbeitsplatz immer mehr unter Druck geraten;
sie habe sich nicht richtig abgrenzen können. Die behandelnden Ärzte der Klinik B._
hielten fest, beim Eintritt habe sich die Versicherte wach und bewusstseinsklar, allseits
orientiert sowie äusserlich gepflegt präsentiert. Sie habe ausdrucksstark, offen und
leicht weitschweifig über ihre Beschwerden und deren Entstehungsgeschichte
berichtet. Aufmerksamkeits- oder Gedächtnisstörungen seien nicht aufgefallen. Im
formalen Denken sei sie geordnet gewesen. Die Stimmung sei depressiv getönt
gewesen, aber die Versicherte sei noch schwingungsfähig gewesen. Sie habe
leichtgradig logorrhoisch und theatralisch gewirkt. Zu Beginn der Behandlung habe ein
agitiert-depressives Zustandsbild mit einer deutlichen Affektlabilität, einer grossen
Suggestibilität und Dünnhäutigkeit, einer raschen Reizüberflutung, einer massiven
inneren und teils auch motorischen Unruhe, einer erheblichen psycho-physischen
Erschöpfung sowie dissoziativen Zuständen bestanden. Der Zustand habe stabilisiert
werden können; die Versicherte habe sich sehr gut auf der Station integriert. Beim
Austritt sei angesichts der somatischen und psychiatrischen Diagnosen prognostisch
die Wiedererlangung einer Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent nach einer schrittweisen
Reintegration am Arbeitsplatz ab Anfang 2016 zu erwarten gewesen. Mit einer
Mitteilung vom 6. April 2016 gewährte die IV-Stelle der Versicherten eine
Kostengutsprache für eine „wirtschaftsnahe Integration mit Support am
Arbeitsplatz“ (IV-act. 207). Im September 2016 brach die Versicherte die Massnahme
ab (vgl. IV-act. 252 und 254).
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Im Auftrag der IV-Stelle erstattete das Medizinische Zentrum Römerhof (MZR) am
4. Juli 2017 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 345). Der orthopädische
Sachverständige hielt fest, bei der Betrachtung von dorsal sei eine erhebliche
Fehlstellung des gesamten Rückens aufgefallen. Die Wirbelsäule sei rechtskonvex
thorakal seitlich verbogen gewesen. Beidseits sei eine Scapula alata festzustellen
gewesen. Die Taillendreiecke seien unsymmetrisch gewesen. Die linke Schulter habe
deutlich tiefer als die rechte gestanden, die Halswirbelsäule sei allerdings im
Wesentlichen lotrecht und gerade ausgerichtet gewesen. Ein Beckenschiefstand sei
nicht zu erkennen gewesen. Die Schulterblätter hätten nicht ausreichend am Brustkorb
angelegen. Die Muskulatur sei vermindert entwickelt gewesen. Insbesondere beim
Vornüberneigen und bei der Rumpfbeuge habe sich ein erheblicher Rippenbuckel auf
der rechten Seite gezeigt. Die Beweglichkeit sei insgesamt sehr gut gewesen. Die
einzelnen Wirbelsäulenelemente seien hyperlax gewesen. Im Übrigen sei der (im
Teilgutachten detailliert beschriebene) objektive klinische Befund weitestgehend
unauffällig gewesen. Aus chirurgisch-orthopädischer Sicht sei ein thorako-lumbales
Schmerzsyndrom bei einer ausgeprägten Torsionsskoliose mit einem Rippenbuckel
rechts und einer muskulären Dysbalance zu diagnostizieren. Die von der Versicherten
geschilderten Schmerzen liessen sich dadurch nicht vollständig erklären. Die geltend
gemachte Beckeninstabilität habe nicht objektiviert werden können. Für nicht
rumpfbelastende und nicht körperlich schwere Tätigkeiten sei aus orthopädischer Sicht
eine nahezu uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit zu attestieren. Die Tätigkeit als
Ergotherapeutin sei als ideal leidensadaptiert zu qualifizieren. Der neurologische
Sachverständige führte aus, der neurologische Befund sei unauffällig gewesen. Aus
neurologischer Sicht könne keine Diagnose (mit oder ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit) gestellt werden. Die neuropsychologische Sachverständige hielt fest,
die Testergebnisse könnten nicht als valide angesehen werden. Die in den
Symptomvalidierungstests erzielten Resultate hätten weit unter jenen gelegen, die bei
einer motivierten Mitarbeit hätten erreicht werden können. Bei der
Reaktionszeitmessung habe die Versicherte eine Reaktionszeit gezeigt, die weitaus
schlechter als jene einer Person mit einem schweren Schädelhirntrauma gewesen sei.
Die Variabilität der Reaktionszeiten sei neurophysiologisch nicht erklärbar. Die in den
Tests gezeigten eklatanten mnestischen Funktionsverluste hätten nicht dem im
Gespräch gewonnenen Eindruck entsprochen. Die subjektiv geschilderte Intensität der
A.c.
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Beschwerden habe nicht mit der Vagheit der Schilderungen korreliert. Die von den
übrigen Sachverständigen diagnostizierten Gesundheitsbeeinträchtigungen könnten
die Auffälligkeiten nicht erklären. Zusammenfassend müsse von einer Aggravation
ausgegangen werden. Die psychiatrische Sachverständige führte aus, die Versicherte
habe zu Beginn der insgesamt 210 Minuten dauernden Untersuchung mehrfach mit
Geräuschäusserungen gegähnt. Die Kontaktaufnahme sei unkompliziert gewesen. Die
Versicherte habe sich rasch und flüssig geäussert und sie habe sich bemüht gezeigt,
möglichst gut Auskunft zu geben. Sie habe die Fragen ernst genommen; man habe
gespürt, dass sie jeweils kurz nachgedacht habe, um sich besser und genauer
ausdrücken zu können. Sie habe ausführlich Auskunft erteilt und sie sei freundlich und
kooperationsbereit gewesen. Während der Untersuchung habe sie nicht
schmerzgequält gewirkt. Allerdings habe sie bereits zu Beginn der Untersuchung
darauf hingewiesen, dass sie sich aktuell in einer besseren Phase bezüglich der
Schmerzen befinde. Die Versicherte habe dem Gespräch durchgehend aufmerksam
folgen können. Vereinzelt habe sie deutlich – adäquat und nachvollziehbar – Mühe
gezeigt, bei der Sache zu bleiben und nicht abzuschweifen. Sie habe diese Situationen
mit erlernten Techniken bewältigen können: Sie sei aufgestanden, einige Schritte
gegangen, habe sich festgehalten und mit sich selbst gesprochen. Ihre Atmung habe
sich dabei verändert und sie habe mehrfach mit Lautproduktion gegähnt. Von aussen
betrachtet habe dieses Verhalten teils befremdlich, übertrieben oder exaltiert gewirkt.
Abgesehen von diesen Unterbrüchen sei die Konzentrationsspanne fokussiert gewesen
und sie habe aufrecht erhalten werden können. Die Stimmungslage sei leicht gedämpft
gewesen, aber die Versicherte sei auf jeden Fall spontan und alert sowie rasch reagibel
gewesen. Im psychopathologischen Befund hätten sich deutliche Hinweise auf eine
posttraumatische Symptomatik (erhöhte vegetative Reagibilität, Neigung zu
Dissoziationen, Schilderung einer ausgeprägten Angstsymptomatik im Zusammenhang
mit Schmerzen) gezeigt; der Zusammenhang zwischen den sich gegenseitig
beeinflussenden Ängsten und Schmerzen und den erlebten Traumata sei erkennbar,
nachvollziehbar und eindrücklich gewesen. Über die Lebensgeschichte hinweg zeige
sich eine deutliche Beziehungsstörung, die wahrscheinlich einer kombinierten
Persönlichkeitsstörung entspreche. Das Verhalten der Versicherten lasse ein Gefühl
von Gemachtem, von nicht authentischem Verhalten aufkommen, was aber aus der
Sicht der psychiatrischen Sachverständigen daran liege, dass die Versicherte wenige
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Korrektive in ihrem Lebensumfeld habe und die „skills“ so anwende, wie sie am besten
für sie wirkten, wobei sie sich der Aussenwirkung wohl nicht bewusst sei. Der
klinischen Erfahrung entsprechend seien die „skills“ wirksam und gebräuchlich. Das
Gesamtbild sei komplex und auf vielfältige Weise ineinander verwoben; die einzelnen
Teile würden sich gegenseitig „triggern“ und negativ verstärken. Klinisch stehe im
Alltagserleben eine deutliche Angstsymptomatik im Vordergrund, die durch die
Schmerzen „getriggert“ werde und „flash backs“ auslöse. Verschiedene Anhaltspunkte
sprächen für ein ADHS in der Kindheit mit einer teilweisen Restsymptomatik im
Erwachsenenalter. Die Versicherte habe ein maladaptives Krankheitsverhalten
entwickelt und limitiere sich nun deutlich selbst, was als ein zusätzlicher
krankheitserhaltender Faktor zu werten sei. Das schwere Krankheitsbild stelle eine
grosse therapeutische Herausforderung dar; für die bisherigen Fortschritte sei den
Beteiligten Respekt entgegen zu bringen. Eventuell finde sich im Spannungsfeld von
Selbstlimitierung, histrionischen Zügen und Selbstfürsorge auch ein Erklärungsansatz
für die beobachtete Verdeutlichungstendenz respektive Aggravation. Diagnostisch
lägen eine posttraumatische Belastungsstörung, eine kombinierte
Persönlichkeitsstörung mit ängstlichen und abhängigen Anteilen, ein
Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit –
eine chronische Schmerzstörung mit psychischen und somatischen Faktoren vor. Aus
psychiatrischer Sicht sei die Versicherte auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht arbeitsfähig.
In einem geschützten Rahmen sei ihr eine Tätigkeit während zwei bis drei Stunden pro
Tag zumutbar. Prognostisch erscheine eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit auf 50
Prozent in einem geschützten Rahmen als realistisch. In ihrer Konsensbeurteilung
attestierten die Sachverständigen des MZR für die Zeit ab dem 12. Mai 2015 eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit der Versicherten bezogen auf Tätigkeiten im ersten
Arbeitsmarkt. Die RAD-Ärztin Dr. med. C._ qualifizierte das Gutachten als
überzeugend (IV-act. 346).
Der RAD-Psychiater med. pract. D._ hielt in einer Notiz vom 12. März 2018 fest
(IV-act. 375–6 ff.), das psychiatrische Teilgutachten des MZR überzeuge nicht. Aus
versicherungsmedizinischer Sicht dränge sich bei der Würdigung der medizinischen
Akten der Verdacht auf eine bewusstseinsnahe Aggravation auf, denn
Persönlichkeitsstörungen manifestierten sich nicht erst im Alter von über 45 Jahren,
A.d.
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sondern wesentlich früher. Wäre die Tendenz zur Selbstlimitierung ein Teil der
Persönlichkeitsstruktur, hätte die Versicherte wohl kaum fast sechs Jahre lang als
Ergotherapeutin auf einer psychiatrischen Station arbeiten können, ohne auffällig zu
werden. Die „ausgewiesenen“ Diagnosen – die kombinierte Persönlichkeitsstörung mit
ängstlichen und abhängigen Anteilen und die anhaltende somatoforme
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren – begründeten keine
vollständige Arbeitsunfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt. Immerhin sei es der
Versicherten möglich gewesen, fast sechs Jahre lang die anspruchsvolle Tätigkeit als
Ergotherapeutin auf einer Kriseninterventionsstation in einem Pensum von 70 Prozent
auszuüben. Seither seien aus versicherungspsychiatrischer Sicht keine neuen
psychiatrischen Diagnosen hinzugekommen. Das Auftreten einer posttraumatischen
Belastungsstörung über 40 Jahre nach dem Trauma sei überwiegend
unwahrscheinlich. Auch sei nur ein kleiner Teil der vom ICD-10 geforderten Symptome
vorhanden. Die Arbeitsunfähigkeit sei im direkten Zusammenhang mit einem Konflikt
mit dem direkten Vorgesetzten eingetreten. Die emotionale Belastung der Versicherten
durch diesen Konflikt sei mit Blick auf die Persönlichkeitsstörung nachvollziehbar. Die
Arbeitsunfähigkeit sei aber rein arbeitsplatzbezogen gewesen. Die Diagnose eines
ADHS könne nie nur allein aufgrund der Angaben der betroffenen Person gestellt
werden. Da ein ADHS definitionsgemäss in der Kindheit beginne, müssten
fremdanamnestische Angaben bezüglich der Symptomatik in der Kindheit eingeholt
werden. Zusätzlich müssten entsprechende valide neuropsychologische Ergebnisse
vorliegen. Die Beurteilung der funktionellen Leistungsfähigkeit anhand des Mini-ICF sei
durchgehend zu pessimistisch erfolgt. Aus versicherungspsychiatrischer Sicht finde
sich unter Berücksichtigung der Diagnosen, der Anamnese, der Befunde, der
funktionellen Einschränkungen und der „Standardindikatoren“ kein Grund zur
Annahme, dass es der Versicherten nicht möglich sein sollte, die angepasste Tätigkeit
als Ergotherapeutin weiterhin auszuüben.
Die IV-Stelle forderte die Versicherte am 19. April 2018 auf, konkrete Angaben zum
geltend gemachten sexuellen Missbrauch in der Kindheit zu machen (IV-act. 377). Die
Versicherte teilte am 27. April 2018 mit (IV-act. 378), die Übergriffe hätten begonnen,
als sie zweieinhalb Jahre alt gewesen sei, und angedauert, bis sie sechs Jahre alt
gewesen sei. Der Täter sei ein von der Grossmutter angestellter Saisonarbeiter
A.e.
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gewesen. Auch die Mutter der Versicherten sei von diesem zunächst körperlich
bedrängt worden. Die Übergriffe hätten ungewünschte Berührungen am Körper und im
Intimbereich sowie Penetrationen beinhaltet. Der Missbrauch sei der Polizei nicht
gemeldet worden. Die behandelnde Psychiaterin Dr. med. E._ zeigte sich im Mai
2018 empört über die Fragen der IV-Stelle (IV-act. 386). In einem ausführlichen Bericht
vom 22. Mai 2018 wies sie darauf hin (IV-act. 388), dass für die
Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht nur die posttraumatische Belastungsstörung relevant
sei. Die eigentliche Problematik ergebe sich aus dem Zusammenspiel der
verschiedenen psychischen Gesundheitsbeeinträchtigungen, was im Gutachten des
MZR überzeugend aufgezeigt worden sei. Entgegen der von einer IV-Sachbearbeiterin
in einem Telefonat mit Dr. E._ vertretenen Ansicht sei die Diagnose einer
posttraumatischen Belastungsstörung auch nicht neu; bereits im Jahr 2003 hätten die
behandelnden Ärzte auf eine Traumafolgestörung hingewiesen. Sogenannt dissoziative
Amnesien nach Sexualdelikten in der Kindheit seien ein bekanntes Phänomen. Je
jünger das Opfer, je enger die emotionale Beziehung zum Täter und je schlechter die
soziale Unterstützung zum Tatzeitpunkt seien, umso seltener erfolge eine polizeiliche
Anzeigeerstattung. Die Wahrscheinlichkeit nehme mit zunehmender Dauer der
sexualisierten Gewalt weiter ab. Aus den Akten gehe hervor, dass die Versicherte sehr
jung gewesen sei, dass sie dem Täter emotional sehr nahe gestanden habe und dass
die Eltern (alkoholabhängiger Vater, körperlich behinderte Mutter; beide stark in eine
Erwerbstätigkeit eingespannt) der Versicherten keine Unterstützung oder Schutz hätten
bieten können; sie hätten die Anzeichen verleugnet und bagatellisiert. Die komplexe
Traumafolgestörung sei nicht nur aus der Sicht von Dr. E._, sondern auch aus der
Sicht von weiteren behandelnden Ärzten sowie aus der Sicht der psychiatrischen
Sachverständigen des MZR in geradezu lehrbuchmässiger Weise schlüssig und klar
belegbar. Im Gutachten des MZR sei ausführlich aufgezeigt worden, dass sich die
Versicherte über Jahre hinweg verausgabt habe, um ihre Arbeitsfähigkeit aufrecht zu
erhalten. Der Verlust der Arbeitsfähigkeit habe wesentlich zur depressiven
Dekompensation beigetragen.
Im September 2018 beauftragte die IV-Stelle die Psychiaterin med. pract. F._ mit
einer fachärztlichen Begutachtung der Versicherten einschliesslich einer
neuropsychologischen Testung (IV-act. 399). Offenbar teilte die Versicherte der
A.f.
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Sachverständigen F._ in der Folge mit, dass sie das Explorationsgespräch auf Band
aufnehmen wolle. Diese teilte der Versicherten (und in Kopie der IV-Stelle) nämlich mit
einem Schreiben vom 4. Januar 2019 mit, dass sie damit nicht einverstanden sei (IV-
act. 407). An jenem Tag fand die neuropsychologische Untersuchung statt, die von lic.
phil. G._ durchgeführt wurde. In seinem Untersuchungsbericht hielt der
neuropsychologische Sachverständige G._ fest (IV-act. 419), im Verhalten habe die
Versicherte vor allem zu Beginn und anschliessend phasenweise ängstlich, unsicher
und angespannt gewirkt. In diesen Phasen habe sie häufig gegähnt und Mühe beim
Artikulieren – Verlangsamung, Stocken – gezeigt. In entspannteren Phasen habe sie
kaum gegähnt und sich recht fliessend sowie inhaltlich differenziert geäussert. In der
Regel sei die Mimik adäquat und unauffällig gewesen. Die Versicherte habe eine
durchwegs interessierte, motivierte und bemühte Mitarbeit gezeigt. Das Arbeitstempo
sei etwas langsam gewesen. Im Verlauf hätten sich zunehmende
Ermüdungserscheinungen gezeigt. Beim Umstellen auf neue Aufgaben habe die
Versicherte jeweils viel Zeit benötigt. Die Instruktionen hätten meist mehrmals
wiederholt werden müssen. Mehrmals habe die Versicherte die Instruktionen laut für
sich selbst wiederholt. Der Anspruch an die eigenen Leistungen sei hoch gewesen. Auf
bemerkte Fehler habe die Versicherte verunsichert und erheblich irritiert reagiert. In
diesen Stresssituationen sei dann jeweils auch wieder ein vermehrtes Gähnen zu
beobachten gewesen. Die Analyse der anhand der Testverfahren gewonnenen Befunde
habe keine Hinweise auf ein suboptimales Leistungsverhalten oder auf eine
Aggravation respektive eine Verdeutlichung von kognitiven Einschränkungen ergeben.
Auch bei sämtlichen durchgeführten Symptomvalidierungsverfahren hätten sich
durchwegs unauffällige bis optimale Resultate gezeigt. Die Intelligenz liege gesamthaft
innerhalb der Normvariante (IQ 86), das Profil sei aber heterogen (Verbal-IQ 98,
Nonverbal-IQ 77). Die Versicherte leide an einer leichten neuropsychologischen
Hirnfunktionsstörung mit objektivierbaren Beeinträchtigungen von Teilbereichen der
attentionalen und exekutiven Funktionen. Aus neuropsychologischer Sicht sei von einer
Arbeitsunfähigkeit von 10–30 Prozent auszugehen, wobei die Einschränkung umso
höher sei, je weniger angepasst die Tätigkeit an das Stärke- und Schwäche-Profil sei.
Klar erschwerende Bedingungen seien ein hohes Arbeitstempo, ein rasches Umstellen
auf neue Situationen oder Problemstellungen, häufig neue Inhalte oder Multitasking-
Aufgaben. Die psychiatrische Sachverständige F._ untersuchte die Versicherte am
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25. Februar 2019 und am 8. März 2019 während insgesamt fünfeinhalb Stunden. Sie
hielt in ihrem Gutachten vom 30. April 2019 fest (IV-act. 418), die Versicherte habe im
Vorfeld der Untersuchung – teilweise mit der Hilfe einer in ihrem Auftrag agierenden
Bekannten – mit Nachdruck darauf bestanden, das Explorationsgespräch auf Band
aufzunehmen. Sie, die Sachverständige, habe in der Folge einen Kompromiss
(zeitweilige Aufnahmen) vorgeschlagen, aber die Versicherte sei zu einem Kompromiss
nicht bereit gewesen. Insgesamt habe sich im Vorfeld der Untersuchung der Eindruck
eines zielgerichteten, bestimmenden, wenig kooperativen Verhaltens bei der
Verfolgung der eigenen Ziele und Vorhaben, der Eindruck eines grossen
Durchsetzungsvermögens und der Eindruck der Fähigkeit, andere für eigene Zwecke
einzusetzen, ergeben. An den beiden Untersuchungstagen habe sich die Versicherte in
der Interaktion – sowohl verbal als auch nonverbal – sehr auffällig verhalten. Bereits bei
der Begrüssung habe sie wiederholt und demonstrativ gegähnt. Sie habe hierzu gleich
und mit Nachdruck ihre subjektive Interpretation des Gähnens als eine „Dissoziation“
geliefert. Im Untersuchungszimmer habe sie aufgehört zu gähnen. Bei der
Besprechung der Modalitäten der Untersuchung habe sie normal und unauffällig
gesprochen. Später – „auch im Zusammenhang“ mit dem Beginn der Tonaufzeichnung
– habe sie über weite Strecken sehr langsam, gepresst, abgehackt und wiederholt
stotternd gesprochen. Diese sprachlichen Auffälligkeiten hätten mitunter an eine
skandierende Sprache erinnert, wie sie unter dem Einfluss von Neuroleptika teilweise
zu beobachten sei. Trotz der gezeigten Auffälligkeiten sei die Versicherte in ihren
Äusserungen stets zielgerichtet gewesen. Kurze Zeit später habe sie bei der
Blutentnahme in einem anderen Raum der Praxis trotz einer körperlichen Nähe völlig
unauffällig gesprochen. Die Mimik und die Gestik seien stets unauffällig, normal lebhaft
und adäquat gewesen. Obwohl sie wiederholt über ein Kälteempfinden geklagt habe,
habe sie in der Pause das Fenster bei einer Aussentemperatur von zwei Grad Celsius
geöffnet und das Zimmer abkühlen lassen. In dieser Zeit habe sie die Schuhe
ausgezogen und ihre Füsse massiert. Bei der zweiten Untersuchung habe sie
wesentlich flüssiger gesprochen. Über weite Strecken sei ihre Sprache respektive der
Sprachfluss völlig unauffällig und auch gut moduliert gewesen. Nur zu Beginn und
gegen Ende der Untersuchung habe sie gegähnt. Sie habe ein grosses
Mitteilungsbedürfnis mit einer Tendenz zur Weitschweifigkeit gezeigt, sodass das
Gespräch wiederholt mittels konkreter Fragen habe strukturiert werden müssen.
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Wiederholt habe sie psychiatrische, psychotherapeutische und auch
psychotraumatologische Begriffe und Diagnosen („Manie, Psychose, Verwirrtheit,
Dissoziationen, Trigger, Körpererinnerungen“) verwendet, aber konkrete Nachfragen
hätten gezeigt, dass sie deren tatsächliche Bedeutung nicht richtig erfasst habe.
Zudem habe sie wortreich ihre subjektiven Interpretationen der von ihr
wahrgenommenen körperlichen Signale und Beschwerden sowie – mit Nachdruck –
ihre subjektiven Glaubensüberzeugungen in Bezug auf ihre psychische Problematik
präsentiert. Insgesamt habe sie mit einem sehr eigenwilligen subjektiven
Krankheitskonzept und einem daraus resultierenden inadäquaten Krankheits- sowie
Schon- und Vermeidungsverhalten imponiert. Im Interaktionsverhalten habe sie sich
wechselhaft gezeigt: Zeitweise habe sie angepasst, fast unterwürfig gewirkt, über weite
Strecken habe sie jedoch einen recht bestimmenden Eindruck hinterlassen. Insgesamt
habe das präsentierte szenische Bild befremdlich und wenig authentisch gewirkt. Es
sei der Eindruck einer dramatischen Selbstdarstellung und eines übertriebenen
Ausdrucks von Gefühlen entstanden. Die wiederholt und mit Nachdruck mitgeteilte
Erschöpfung habe nicht beobachtet werden können. Als die Sachverständige nach
zweieinhalb Stunden eine zweite Pause anberaumt habe, habe die Versicherte ihr
Nichteinverständnis laut und bestimmend kundgetan. Trotz der Angabe von
Schmerzen hätten sich objektiv keinerlei Hinweise auf ein Schmerzerlebnis gezeigt. Die
subjektiv geschilderten Beschwerden hätten sich an beiden Untersuchungstagen nicht
objektivieren lassen. Die Angaben zur Krankheitsgeschichte seien in Bezug auf die
Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung zwar umfangreich, aber sehr
vage und zum Teil auch stereotyp gewesen. Bei Nachfragen habe sich die Versicherte
in Inkonsistenzen und teilweise auch in Widersprüche verwickelt. Insgesamt habe sich
„aktuell weit über Verdeutlichungstendenzen der Beschwerden hinaus“ der Eindruck
von Aggravationstendenzen bei einem sehr eigenwilligen subjektiven
Krankheitskonzept und einem hohen sekundären Krankheitsgewinn ergeben. Zudem
sei der Eindruck einer erhöhten Suggestibilität und auch von manipulativen Tendenzen
entstanden. Ein Leidensdruck in Bezug auf die angegebenen zahlreichen psychischen
Beschwerden sei nicht wirklich spürbar gewesen. In den medizinischen Akten sei der
Missbrauch in der Kindheit zwar bereits ab dem Jahr 2003 erwähnt worden, aber die
psychiatrischen Berichte aus den Jahren 2003 und 2004 sowie aus den Jahren 2014
und 2015 (erstes Halbjahr) enthielten keinerlei Hinweise auf Symptome einer
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posttraumatischen Belastungsstörung, weshalb retrospektiv auch nicht nachvollziehbar
sei, dass im August 2015 dann plötzlich eine Traumatherapie in die Wege geleitet
worden sei. Die Berichte der behandelnden Psychiaterin Dr. E._ zeichneten sich
durch eine Vermischung von subjektiven Angaben und objektiven Befunden aus.
Teilweise enthielten sie Widersprüche. So sei etwa auf eine „grosse Erschöpfung“,
gleichzeitig aber auch auf ein „grosses Engagement“ hingewiesen worden. Das
psychiatrische Teilgutachten des MZR enthalte keine fachärztliche Stellungnahme zum
dort beschriebenen nicht authentischen Verhalten und damit auch keine Begründung
dafür, dass die Sachverständige massgeblich auf die subjektiven Angaben der
Versicherten abgestellt habe. Angesichts der bereits im Austrittsbericht der Klinik B._
vom Sommer 2015 beschriebenen „grossen Suggestibilität“ hätte die Sachverständige
die Antworten der Versicherten auf ihre Fragen wesentlich kritischer würdigen müssen.
Zusammenfassend sei unter Berücksichtigung der Aktenlage, der Angaben der
Versicherten und den aus der aktuellen Untersuchung gewonnenen Erkenntnissen eine
chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren zu
diagnostizieren, die auf dem Boden einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit
histrionischen und ängstlichen Zügen entstanden sei. Die früher beschriebene
depressive Symptomatik habe aktuell nicht mehr vorgelegen. Ausgehend von den
Angaben der Versicherten bestehe der Verdacht auf dissoziative Störungen. Die
Diagnosekriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung seien nur teilweise erfüllt,
weshalb keine solche Störung zu diagnostizieren sei. Für die angestammte Tätigkeit als
Ergotherapeutin sei ein Arbeitsfähigkeitsgrad von mindestens 70 Prozent zu
attestieren. Die Einschränkung von maximal 30 Prozent resultiere aus einer
verminderten Leistungsfähigkeit und einem etwas erhöhten Pausenbedarf.
Leidensadaptierte Tätigkeiten seien der Versicherten uneingeschränkt zumutbar. Die
RAD-Ärztin Dr. med. H._ qualifizierte das Gutachten als überzeugend (IV-act. 422).
Die Versicherte teilte der psychiatrischen Sachverständigen F._ am 30. Juni
2019 mit, dass sie sich im Gutachten nicht wiedererkenne und dass sie mit den
Schlussfolgerungen nicht einverstanden sei (IV-act. 423). Am 1. Juli 2019 liess sie
gegenüber der IV-Stelle geltend machen (IV-act. 424), der neuropsychologische
Sachverständige G._ habe überzeugend aufgezeigt, dass sie realistisch betrachtet
nur noch in einem geschützten Rahmen erwerbstätig sein könne. Sie würde gerne
A.g.
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einen Eingliederungsversuch unternehmen, befürchte aber, dass die IV-Stelle das
Verwaltungsverfahren nun ohne weitere Leistungen abschliessen werde. Das würde sie
in ihrem Heilungsprozess erheblich zurückwerfen.
Mit einem Vorbescheid vom 9. Juli 2019 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit,
dass sie die Abweisung des Rentenbegehrens mangels eines rentenbegründenden
Invaliditätsgrades vorsehe (IV-act. 426). Dagegen liess die Versicherte am 30.
September 2019 einwenden (IV-act. 436), sie sei schon aufgrund ihres Rückenleidens
praktisch vollständig arbeitsunfähig. Sie werde zu einem späteren Zeitpunkt noch eine
Stellungnahme der behandelnden Psychiaterin Dr. E._ nachreichen. Der Eingabe lag
ein Bericht der Hausärztin med. pract. I._ vom 12. September 2019 bei (IV-act. 437).
Diese hatte darauf hingewiesen, dass die Versicherte schon aufgrund der im Jahr 2015
gestellten Diagnose eines multilokulären chronifizierten Schmerzsyndroms mit
somatischen und psychischen Anteilen, die sich seither nicht wesentlich verändert
habe, praktisch vollständig arbeitsunfähig für sämtliche Erwerbstätigkeiten sei. Am 1.
Oktober 2019 reichte die Versicherte eine Stellungnahme der behandelnden
Psychiaterin Dr. med. E._ vom 30. September 2019 nach (IV-act. 439). Diese hatte
geltend gemacht, die von der Sachverständigen F._ beschriebenen widersprüchlich
imponierenden Phänomene im Kontakt mit der Versicherten prägten die
Schwierigkeiten der Versicherten in so gut wie allen Lebensbereichen. Sie liessen sich
auf die schwere, bindungsstörungs- und traumabedingte persönlichkeitsstrukturelle
Erkrankung zurückführen und seien im Rahmen von „State-Wechseln“ ein für schwere
Persönlichkeitsstörungen und vor allem für Traumafolgestörungen bekanntes
Phänomen. Sie führten in der Interaktion beim Gegenüber unter anderem zu Irritation,
Ohnmacht, Verärgerung und Kontaktabbruch, bei der Versicherten dagegen oft zum –
oft wortreichen – Versuch, den Kontakt aufrecht zu erhalten oder sich diesem zu
entziehen, zum Erstarren oder aber zu ohnmächtigen Versuchen, Kontrolle zu erhalten.
Gerade bei Missbrauchserfahrungen in der frühen Kindheit, wie sie die Versicherte
erlebt habe, komme es oft zu einer dissoziativen Amnesie; zudem müssten die durch
das Trauma ausgelösten bedrohlichen und unerträglichen Affekte meist erneut
dissoziativ abgewehrt werden, um ein „psychisches Überleben“ zu gewährleisten, was
das Verständnis für Behandler und Gutachter erschwere. In der Darstellung der
Erkrankung habe die Versicherte so auf die Sachverständige deshalb nicht nur
A.h.
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irritierend, sondern auch „dramatisierend“ gewirkt. Der Versuch, das Leiden im
Rahmen des eigenen Krankheitsverständnisses verstehbar zu machen, sei von der
Sachverständigen als Aggravation und Manipulation interpretiert worden, sei aber ein
Teil der Symptomatik und des Interaktionsgeschehens gewesen. Die Sachverständige
habe sich nicht ausreichend mit dieser Problematik auseinander gesetzt. Zudem habe
sie ohne eine Begründung die emotional-instabilen Persönlichkeitszüge übergegangen,
obwohl diese aus den Vorakten bekannt gewesen seien. Die Diagnosekriterien für den
histrionischen Persönlichkeitsanteil seien abgesehen von einem theatralisch-
übertrieben anmutenden Ausdruck der Gefühle, der im Zusammenhang mit der
Traumavorgeschichte erklärbar sei, nicht erfüllt gewesen. Die vielfältigen dissoziativen
Phänomene, die von der Sachverständigen teilweise selbst beobachtet und
beschrieben worden seien, seien bei der Würdigung aus nicht nachvollziehbaren
Gründen unberücksichtigt geblieben. Die Diagnosekriterien für eine posttraumatische
Belastungsstörung seien erfüllt; wäre dies nicht der Fall, hätte die Sachverständige
F._ wenigstens die Zusatzdiagnose eines sexuellen Missbrauchs in der Kindheit
durch eine Person innerhalb des engeren Familienkreises stellen müssen. Die
Versicherte erfülle nicht nur die Kriterien A und B (was von der Sachverständigen
anerkannt worden sei), sondern auch die Kriterien C–E, was zum Teil aber erst im
Rahmen einer länger dauernden Therapie erkennbar sei. Die Versicherte selbst wandte
am 1. Oktober 2019 gegenüber der IV-Stelle ein (IV-act. 440), die Sachverständige
F._ habe ihre Aussagen nur unvollständig, teilweise aus dem Kontext gerissen und
teilweise verdreht wiedergegeben. Sie habe der IV-Stelle die entsprechenden
Ausschnitte aus den Tonaufzeichnungen zustellen wollen, sei aber nicht fähig gewesen,
die Tonaufnahmen entsprechend zuzuschneiden, da sie das Anhören emotional zu sehr
belastet habe. Sie verstehe auch nicht, weshalb die IV-Stelle nach der ersten
Begutachtung durch das MZR plötzlich die Ansicht vertreten habe, sie sei eine
Simulantin (was eine Sachbearbeiterin am Telefon ausdrücklich gesagt habe). Die IV-
Stelle wies die Versicherte am 25. November 2019 darauf hin, dass die Tonaufnahmen
rechtswidrig erstellt worden seien (IV-act. 441). Die Versicherte antwortete am 27.
November 2019, sie habe die Aufnahmen mit dem Einverständnis der
Sachverständigen F._ erstellt (IV-act. 442). Der RAD-Arzt D._ nahm am 27.
November 2019 Stellung zum Schreiben von Dr. E._ vom 30. September 2019 (IV-
act. 443). Er hielt fest, die Kritik von Dr. E._ sei nicht nachvollziehbar. Das Gutachten
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/27
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B.
sei in jeder Hinsicht überzeugend. Es bestehe kein Grund zur Annahme, dass es zu
einer ungünstigen Gegenübertragung gekommen sei. Mit einer Verfügung vom 6.
Dezember 2019 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der Versicherten ab (IV-act.
444).
Am 24. Januar 2019 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 6. Dezember 2019 erheben (act. G 1). Ihr
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die
Zusprache einer ganzen Rente mit Wirkung ab November 2015 und eventualiter die
Einholung eines unabhängigen, gerichtlichen, polydisziplinären Gutachtens. Zur
Begründung führte er aus, die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) habe
sich in einer rechtswidrigen Sachverhaltswürdigung nur auf die psychische
Gesundheitsproblematik beschränkt; die Beschwerdeführerin leide auch an massiven
somatischen Beschwerden. Die Sachverständige F._ sei befangen gewesen. Sie sei
von der Beschwerdegegnerin mit einer suggestiven Darstellung des Sachverhaltes
bedient worden, die die Beschwerdeführerin schon vor der Untersuchung als
unsympathisch, manipulativ und fordernd habe erscheinen lassen. Diese tendenziöse
Darstellung habe sie unkommentiert in ihr Gutachten aufgenommen, was bedeute,
dass sie sich davon habe beeinflussen lassen. Die behandelnde Psychiaterin Dr. E._
habe detailliert aufgezeigt, an welchen fachlichen Mängeln das Gutachten leide. Die
Sachverständige F._ habe unter anderem den „Standardfehler“ begangen, die
Beschwerdeführerin nach deren Freizeitaktivitäten zu befragen. Die
Beschwerdeführerin habe sich überlegt, was sie früher in ihrer Freizeit unternommen
habe. Die Sachverständige hätte die Anschlussfrage stellen müssen, wann diese
Aktivitäten (Englischkurs, Tanzen) zuletzt ausgeübt worden seien. Die
Beschwerdeführerin sei schon lange nicht mehr tanzen gewesen; Ausdruckstanz habe
sie zuletzt vor 20 oder 25 Jahren ausgeübt. Den Englischkurs habe sie vor vier Jahren
begonnen. Hätte die Sachverständige diese Anschlussfrage gestellt und die Antworten
in ihr Gutachten einfliessen lassen, hätte sich die Sachlage also völlig anders
präsentiert. Die Schlussfolgerungen im Gutachten der Sachverständigen F._
bezüglich der Diagnosestellung und der Arbeitsfähigkeitsschätzung würden erheblich
von jenen in allen anderen medizinischen Berichten – einschliesslich des Gutachtens
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/27
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des MZR – abweichen, enthalte aber keine hinreichende Begründung dafür. Auf das
Gutachten könne nicht abgestellt werden.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 23. März 2020 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie an, die „Präambel“ des
Gutachtensauftrages sei nicht suggestiv gewesen. Zudem sei der Beschwerdeführerin
vor der Auftragserteilung die Gelegenheit zur Stellungnahme eingeräumt worden,
wovon diese dann auch Gebrauch gemacht habe. In der Folge sei die „Präambel“
überarbeitet worden. Die Beschwerdeführerin habe – entgegen einer entsprechenden
Ankündigung – von einer Beschwerde gegen die entsprechende Zwischenverfügung
abgesehen und damit die „Präambel“ akzeptiert. Der Sachverständigen sei bekannt
gewesen, dass die Beschwerdeführerin in ihrer Jugend getanzt habe; das habe sie
ausdrücklich so im Gutachten wiedergegeben. Der RAD-Arzt D._ habe sich
eingehend mit dem Gutachten und mit der Kritik von Dr. E._ auseinandergesetzt und
überzeugend aufgezeigt, dass auf das Gutachten abzustellen sei.
B.b.
Die Beschwerdeführerin liess am 6. Juli 2020 an ihren Anträgen festhalten (act. G
10). Der Eingabe lag ein Datenträger mit Tonaufzeichnungen der
Untersuchungsgespräche bei (act. G 10.1.4), aus denen der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin in der Replik ausgiebig zitierte. Die Aufzeichnungen enthielten
unter anderem die folgenden Passagen: „[Mehrfaches lautes Gähnen und
unverständliche, sinngemässe Frage der Sachverständigen {nachfolgend: Sv} an die
Beschwerdeführerin {nachfolgend: Bf}, ob sie müde sei, da sie so oft gähne; Bf:] Das
ist ... hat nichts mit Ihnen zu tun ... das ist immer, wenn ich ... [Sv:] Aufgeregt sind?
[Bf:] Ja“ – „[Lautes Gähnen; Sv:] Haben Sie Angst vor der Blutabnahme? [Bf:] Nein ...
Nein ... Es ist mehr ... Ich habe immer Mühe, dass ich im Körper bleibe ... Dann ... Das
Gähnen ist immer so ... ein Zeichen, dass ich wie ein wenig aus dem Körper gehe ...
Aber wenn ich es sagen kann ... Dann wird es etwas besser [lautes Gähnen]“ –
„[Lautes Gähnen; Bf:] Sie, ich möchte noch sagen, lassen Sie sich nicht irritieren wegen
dem Gähnen. Das hat ... nichts mit Ihnen zu tun, sondern das ist weil ... ich ... das ...
ich ... disso- ... Ich kann es noch ... Einfach, dass Sie es wissen“ – „[Bf:] Ja, ich habe
jetzt den Beobach- ... -ter ... ein ... bin da ... mi ... b ... beim Rechts- ... -dienst ...
’Tschuldigen Sie ... ähm ... okay ... ich lalle dann, wenn ich so staggle, weiss ich dann
... falle ich wie ... in ... in ein ... kleines Kind. Ich ... weiss es jetzt, dass ... früher habe
B.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 17/27
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ich es nicht gewusst ... jetzt weiss ich es von der Therapie ... Ich falle wie in ein kleines
... zurück, aber ich kann es noch nicht verhindern. Einfach, damit Sie wissen.
Manchmal hilft, wenn ich es sagen kann, ein bisschen bewegen“. Stellenweise sprach
die Beschwerdeführerin mit einer gepressten Stimme, stellenweise sprach sie
abgehackt respektive stotternd und stellenweise sprach sie völlig normal. Phasenweise
gähnte sie andauernd beziehungsweise unternahm sie „Gähnversuche“, phasenweise
war davon nichts zu hören.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 1. September 2020 die Abweisung der
Beschwerde, die Vernichtung der von der Beschwerdeführerin eingereichten
Tonaufnahmen und die Entfernung der Replik aus den Akten (act. G 12). Zur
Begründung der neuen verfahrensrechtlichen Anträge führte sie an, die Tonaufnahmen
seien widerrechtlich erstellt worden. Sie und die Replik, in der ausgiebig daraus zitiert
worden sei, müssten deshalb aus dem Recht gewiesen werden.
B.d.
Die Beschwerdeführerin liess in ihrer Triplik vom 4. November 2020 geltend
machen (act. G 18), die Sachverständige F._ habe ihr Einverständnis zur
Aufzeichnung des Untersuchungsgesprächs auf Band gegeben, weshalb die
Tonaufnahmen nicht widerrechtlich erstellt worden seien. Im Übrigen sei „ja
interessant, dass Big Brother persönlich sich plötzlich dafür ausspricht, dass angeblich
widerrechtlich erlangte Beweise aus den Akten zu entfernen seien. Es ist mir kein
einziges IV-Verfahren erinnerlich, in dem (trotz heftigster Bemühungen meinerseits)
widerrechtliche Überwachungsakten aus den Akten entfernt worden wären, auch nicht
nach dem EMRK-Urteil Vukota gegen die Schweiz“.
B.e.
Mit einem Beweisbeschluss vom 1. Juli 2021 wies das Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen die von der Beschwerdegegnerin gestellten verfahrensrechtlichen
Anträge ab (act. G 20). Zur Begründung führte es im Wesentlichen an, über die
verfahrensrechtlichen Anträge der Beschwerdegegnerin müsse vorab entschieden
werden, denn sobald sich die zuständigen Mitarbeiter des Versicherungsgerichtes die
Aufnahmen angehört oder die Replik durchgelesen hätten, sei ein nicht wieder
gutzumachender Nachteil für die Beschwerdegegnerin eingetreten, da ab diesem
Zeitpunkt eine Entfernung der Tonaufnahmen oder der Replik aus dem Recht nichts
mehr an der Sachverhaltskenntnis des Versicherungsgerichtes ändern würde. Mit Blick
B.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 18/27
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Erwägungen
1.
auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung zur Verwertbarkeit von rechtswidrig
beschafftem Observationsmaterial könne die Frage, ob die Beschwerdeführerin die
Tonaufnahmen rechtswidrig erstellt habe, für die Verwertbarkeit der Aufzeichnungen
keine Rolle spielen. Zudem habe der Gesetzgeber mit der Einführung des neuen Art. 44
Abs. 6 ATSG einen Generalverdacht gegen sämtliche Sachverständigen zum Ausdruck
gebracht, die im Auftrag eines Sozialversicherungsträgers medizinische Gutachten
erstellten, weshalb es sich nicht rechtfertigen lasse, die von der Beschwerdeführerin
eingereichten Beweismittel aus dem Recht zu weisen.
Das Bundesgericht trat auf die von der Beschwerdegegnerin gegen diesen
Zwischenentscheid erhobene Beschwerde (vgl. act. G 21) mit einem Urteil vom 20.
Dezember 2021 nicht ein (8C_577/2021). Zur Begründung führte es an, der
Zwischenentscheid des Versicherungsgerichtes bewirke für die Beschwerdegegnerin
keinen nicht wieder gutzumachenden Nachteil, denn dieser stehe es frei, einen die
Verfügung vom 6. Dezember 2019 zu ihren Ungunsten abändernden Entscheid
anzufechten und in diesem Zusammenhang zu verlangen, dass die Tonaufnahmen und
die Replik aus dem Recht zu weisen seien. Sollte das Versicherungsgericht die Sache
zu weiteren Abklärungen zurückweisen, werde der Beschwerdegegnerin ebenfalls die
Möglichkeit offen stehen, eine Beschwerde an das Bundesgericht zu erheben und
(unter anderem) die Entfernung der Tonaufnahmen und der Replik aus den Akten zu
verlangen. Nur wenn das Versicherungsgericht die Verfügung „bestätigen“ sollte, hätte
die Beschwerdegegnerin keine Möglichkeit, den Entscheid des Versicherungsgerichtes
beim Bundesgericht anzufechten. Für allfällige künftige weitere Verfahren dürfe aber
von der Beschwerdegegnerin erwartet werden, dass sie in der Lage sei, die aus ihrer
Sicht unzulässigen Beweise von den zulässigen zu unterscheiden und sich bei der
Würdigung ausschliesslich auf Letztere zu stützen. Ein besonders gewichtiges
Interesse an einer unverzüglichen Feststellung der Unverwertbarkeit sei nicht dargetan.
B.g.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen
Verfügung vom 6. Dezember 2019 auf deren Rechtmässigkeit, weshalb sein
Gegenstand jenem des vorangegangenen Verwaltungsverfahrens entsprechen muss.
1.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 19/27
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2.
Der Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung setzt gemäss dem Art. 28 Abs.
1 IVG voraus, dass sich die Erwerbsfähigkeit der versicherten Person nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern
lässt, dass die versicherte Person während eines Jahres ohne einen wesentlichen
Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und
Dieses hat die Prüfung des Rentenbegehrens der Beschwerdeführerin vom Juli 2015
zum Gegenstand gehabt, auf das die Beschwerdegegnerin mit Blick auf den Art. 87
Abs. 3 IVV zu Recht eingetreten ist, da die Beschwerdeführerin eine relevante
Verschlechterung ihres psychischen Gesundheitszustandes glaubhaft gemacht hatte
(vgl. IV-act. 143 und 163). Folglich ist auch in diesem Beschwerdeverfahren
(umfassend) zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin für die Zeit nach Juli 2015
respektive – unter Berücksichtigung des Art. 29 Abs. 1 IVG – ab dem 1. Januar 2016
einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung gehabt hat.
Mit dem Nichteintretensentscheid des Bundesgerichtes 8C_577/2021 vom 20.
Dezember 2021 ist der Zwischenentscheid des St. Galler Versicherungsgerichtes vom
1. Juli 2021 in formelle Rechtskraft erwachsen, was bedeutet, dass weder die
Tonaufnahmen noch die Replik aus dem Recht zu weisen sind. Die vom Bundesgericht
angeführte Begründung ist nicht nachvollziehbar, weil das Bundesgericht wohl – trotz
der entsprechenden Ausführungen im Zwischenentscheid vom 1. Juli 2021 –
übersehen haben dürfte, dass ein nicht wieder gutzumachender Nachteil für die
Beschwerdegegnerin eingetreten ist, sobald das Versicherungsgericht sich die
Tonaufnahmen angehört und die Replik durchgelesen hat. Natürlich steht es der
Beschwerdegegnerin (ausser im Falle einer Abweisung der Beschwerde) frei, den
„definitiven“ Entscheid des Versicherungsgerichtes anzufechten, aber mit einer
entsprechenden Beschwerde wird sie offenkundig nicht mehr verhindern können, dass
das Versicherungsgericht die fraglichen Beweismittel zur Kenntnis genommen und
gewürdigt hat. Offen ist auch, wie das Bundesgericht auf eine entsprechende
Beschwerde hin – für den Fall einer Gutheissung – die Wiedergabe von Passagen aus
den Tonaufnahmen oder aus der Replik und die Würdigung dieser Passagen im
Entscheid des Versicherungsgerichtes rückgängig machen sollte. Es müsste dafür ja
die Vernichtung sämtlicher Exemplare des Beschwerdeentscheides des St. Galler
Versicherungsgerichtes anordnen. Diese Bedenken ändern allerdings nichts an der
Verbindlichkeit des Zwischenentscheides vom 1. Juli 2021, weshalb die Tonaufnahmen
und die Sachverhaltselemente respektive Sachverhaltsbehauptungen in der Replik frei
zu würdigen sind.
1.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 20/27
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dass sie nach dem Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist. Für die
Bemessung der Invalidität wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person
nach dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in
Beziehung zu jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie
gesund geblieben wäre.
3.
Die Beschwerdeführerin hat ursprünglich eine Ausbildung zur Verkäuferin und
anschliessend eine zweite Ausbildung zur Textildesignerin absolviert. Zwar hat sie seit
der Kindheit an einer ausgeprägten Torsionsskoliose gelitten, die eine völlig freie
Berufswahl verunmöglicht hat, aber in den Akten deutet nichts darauf hin, dass die
Wahl der Ausbildung zur Textildesignerin von gesundheitlichen Beeinträchtigungen
beeinflusst gewesen wäre, weshalb überwiegend wahrscheinlich davon auszugehen
ist, dass die Beschwerdeführerin auch ohne die Torsionsskoliose respektive ohne eine
Gesundheitsbeeinträchtigung eine Ausbildung zur Textildesignerin absolviert hätte. Die
ursprüngliche Validenkarriere ist also jene einer Textildesignerin gewesen. In den
Jahren 2004–2007 ist die Beschwerdeführerin zur Ergotherapeutin umgeschult worden.
Sie hat diese Tätigkeit – ihren Angaben zufolge aus gesundheitlichen Gründen – nie in
einem Vollpensum ausgeübt. Dies kann allerdings nicht mit dem objektiven
Gesundheitszustand zum damaligen Zeitpunkt erklärt werden, denn wenn die
Beschwerdeführerin als Ergotherapeutin zum Vorneherein nicht uneingeschränkt
arbeitsfähig gewesen wäre, hätte die Beschwerdegegnerin sie nicht zur
Ergotherapeutin umgeschult, sondern eine Umschulung in eine andere, ideal
leidensadaptierte Tätigkeit in die Wege geleitet. Der verbindliche Entscheid zur
Umschulung der Beschwerdeführerin zur Ergotherapeutin und der verbindliche
Abschluss des Verwaltungsverfahrens ohne weitere berufliche
Eingliederungsmassnahmen und ohne eine Rentenzusprache am 9. Juli 2007 zwingen
dazu, die Tätigkeit als Ergotherapeutin als – damals – ideal leidensadaptierte und
uneingeschränkt zumutbare Tätigkeit zu qualifizieren. Da die Beschwerdeführerin als
Ergotherapeutin einen mindestens ebenso hohen Lohn wie als Textildesignerin hätte
erzielen können, ist der rentenspezifische „Schaden“ durch die Umschulung komplett
beseitigt gewesen, was bedeutet, dass die Karriere als Ergotherapeutin als „neue“
Validenkarriere an die Stelle der Karriere als Textildesignerin getreten ist. Das
Valideneinkommen entspricht folglich dem statistischen Zentralwert der
Ergotherapeutinnenlöhne im Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns (1. Januar
2016).
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 21/27
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4.
Für die Bestimmung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens ist
massgebend, welche Tätigkeiten der Beschwerdeführerin aus medizinischer Sicht in
welchem Umfang trotz der Gesundheitsbeeinträchtigung zumutbar sind. Die
Beschwerdegegnerin hat zur Beantwortung dieser Frage zunächst ein polydisziplinäres
Gutachten beim MZR eingeholt. Der neurologische Sachverständige des MZR hat nach
einer eingehenden Erhebung des objektiven klinischen Befundes überzeugend
aufgezeigt, dass aus rein neurologischer Sicht keine relevante
Gesundheitsbeeinträchtigung vorgelegen hat. Das sorgfältig erarbeitete neurologische
Teilgutachten belegt, dass der Sachverständige den für seine Beurteilung
massgebenden Sachverhalt vollständig erhoben und – sowohl aus der Sicht des RAD
als auch aus der Sicht eines medizinischen Laien – nachvollziehbar und überzeugend
gewürdigt hat. Widersprüchlichkeiten oder Diskrepanzen zu neurologischen Aussagen
in anderen medizinischen Berichten sind nicht auszumachen. Folglich ist die
Beschwerdeführerin aus rein neurologischer Sicht überwiegend wahrscheinlich
uneingeschränkt arbeitsfähig gewesen. Der orthopädische Sachverständige des MZR
hat die massgebenden Vorakten eingehend gewürdigt und den für seine Beurteilung
massgebenden objektiven klinischen und bildgebenden Befund umfassend erhoben. Er
hat sowohl die subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin als auch die objektiven
Befunde ausführlich wiedergegeben und seine Schlussfolgerungen hinsichtlich der
Diagnosestellung und der Arbeitsfähigkeitsschätzung anhand der objektiven klinischen
und bildgebenden Befunde mit einer überzeugenden Begründung hergeleitet. Er hat
zwar das Vorliegen einer relativ ausgeprägten Skoliose bestätigt, aber nachvollziehbar
und überzeugend aufgezeigt, dass diese die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
(für körperlich nicht übermässig belastende Tätigkeiten) nicht beeinträchtigt hat. Die
Beschwerdeführerin hatte in der Untersuchung eine gute Beweglichkeit präsentiert und
der klinische Befund war abgesehen von der Skoliose weitestgehend unauffällig
gewesen. Die geltend gemachten Beeinträchtigungen in der Beckenregion hatten
weder klinisch noch bildgebend objektiviert werden können. Aus der Sicht eines
medizinischen Laien und auch aus der Sicht des RAD überzeugt vor diesem
Hintergrund das Attest einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit für leidensadaptierte
Tätigkeiten einschliesslich der Tätigkeit als Ergotherapeutin. Da der objektive klinische
Befund auch aus internistischer, allgemeinmedizinischer Sicht unauffällig gewesen ist,
steht gestützt auf das sorgfältig erarbeitete und überzeugend begründete Gutachten
des MZR mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
fest, dass die Beschwerdeführerin aus somatischer Sicht als Ergotherapeutin während
des gesamten hier massgebenden Zeitraums durchgehend uneingeschränkt
4.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 22/27
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arbeitsfähig gewesen ist. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat zwar später
wiederholt geltend gemacht, dass es unzulässig sei, sich nur auf die psychische
Komponente zu beschränken, aber er hat keine Gründe vorgebracht, die Zweifel an der
Zuverlässigkeit des MZR-Gutachtens betreffend die somatische Komponente der
Gesundheitsbeeinträchtigung geweckt hätten.
Bezüglich der im Vordergrund stehenden psychischen
Gesundheitsbeeinträchtigungen liegen zwei Administrativgutachten vor, nämlich das
psychiatrische Teilgutachten des MZR und das psychiatrische Gutachten der
Sachverständigen F._. Beide Sachverständigen haben die medizinischen Vorakten
eingehend gewürdigt, die Beschwerdeführerin ausgiebig befragt und die objektiven
klinischen Befunde sorgfältig erhoben. Die ausführlichen Wiedergaben der subjektiven
Angaben und der objektiven klinischen Befunde sind weitestgehend identisch; die
beiden Sachverständigen haben den für ihre medizinische Beurteilung massgebenden
Sachverhalt gleichermassen sorgfältig und umfassend erhoben. Der wesentliche
Unterschied besteht in der medizinischen Würdigung der Befunde: Während die
psychiatrische Sachverständige des MZR die von den behandelnden Ärzten
geschilderte Krankheitsentwicklung als plausibel und das hoch auffällige Verhalten der
Beschwerdeführerin in der Untersuchung als krankheitsbedingt beziehungsweise als
authentisch qualifiziert hat, hat die Sachverständige F._ die geltend gemachte
Krankheitsentwicklung angesichts des langjährigen „Funktionierens“ der
Beschwerdeführerin in der beruflichen Ausbildung und im Erwerbsleben als nicht
plausibel und das Verhalten der Beschwerdeführerin in der Untersuchung als nicht
authentisch qualifiziert. Bereits der RAD-Arzt D._ hatte in seiner Würdigung des
MZR-Gutachtens darauf hingewiesen, dass die massgebenden Beschwerdebilder seit
der Kindheit bestehen müssten, die Beschwerdeführerin aber trotzdem in der Lage
gewesen sei, jahrelang erwerbstätig zu sein, eine anspruchsvolle Umschulung zur
Ergotherapeutin zu absolvieren und anschliessend jahrelang in einem sehr
herausfordernden Umfeld als Ergotherapeutin zu arbeiten, bevor sie diese Tätigkeit aus
somatischen Gründen habe aufgeben müssen. Das sei angesichts der geltend
gemachten massiven psychischen Problematik nicht erklärbar. Die psychiatrische
Sachverständige des MZR habe diesen Widerspruch nicht aufgelöst respektive diesem
wesentlichen Aspekt kaum Rechnung getragen. Die Kriterien für die Diagnosen einer
posttraumatischen Belastungsstörung und eines ADHS seien nicht erfüllt gewesen,
weshalb die Diagnosestellung nicht überzeuge. Die psychiatrische Sachverständige
des MZR habe die Einschränkungen im Alltag (anhand des „Mini ICF“) fast durchwegs
zu stark gewichtet, denn die Beschwerdeführerin selbst habe anlässlich der
Untersuchung subjektiv ein in fast allen Bereichen deutlich höheres Funktionsniveau
4.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 23/27
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beschrieben. Auch wenn es sich bei dieser RAD-Würdigung mit Blick auf die vom
Bundesgericht eingeführte „Beweiskaskade“ (vgl. dazu etwa den Entscheid IV
2019/277 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 24. August 2021, E. 4.1, mit
Hinweisen) nur um ein Beweismittel „dritter Klasse“ gehandelt hat, ist die sorgfältige
Argumentation des RAD-Arztes D._ aus der Sicht eines medizinischen Laien
geeignet, wesentliche Zweifel an der Überzeugungskraft des psychiatrischen
Teilgutachtens des MZR zu wecken, obwohl es sich bei letzterem um ein Beweismittel
„zweiter Klasse“ gehandelt hat. Allerdings hat auch die Sachverständige F._ in ihrem
Gutachten, bei dem es sich ebenfalls um ein Beweismittel „zweiter Klasse“ handelt,
eingehend, nachvollziehbar und überzeugend dargelegt, dass das psychiatrische
Teilgutachten des MZR an diversen Mängeln (fehlende Auseinandersetzung mit dem
jahrelangen „Funktionieren“ der Beschwerdeführerin in einem psychisch
herausfordernden beruflichen Umfeld, unzureichende Begründung der Diagnose einer
posttraumatischen Belastungsstörung, fehlende Begründung der Diagnose eines
ADHS, unzureichende Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der
neuropsychologischen Testung, nicht überzeugende Beurteilung der Einschränkungen
mittels Mini-ICF, unzureichende Begründung der Arbeitsfähigkeitsschätzung) leidet und
deshalb bezüglich der Diagnosestellung und der Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht zu
überzeugen vermag. Die von der Beschwerdeführerin eingereichten Tonaufnahmen
belegen, dass die Sachverständige F._ dafür besorgt gewesen ist, eine angenehme
und vertraute Gesprächsatmosphäre zu schaffen, die es der Beschwerdeführerin
erlaubt hat, sich hinreichend zu öffnen und ausführlich zu ihren Beschwerden Stellung
zu nehmen. Die vom Rechtsvertreter behauptete Voreingenommenheit der
Sachverständigen ist mit den Tonaufnahmen widerlegt. Zwar hat die Sachverständige
das Gespräch immer wieder mit Zwischenfragen strukturieren und die
Beschwerdeführerin dabei in ihrem Redefluss unterbrechen müssen, aber sie hat der
Beschwerdeführerin immer genug Zeit eingeräumt, um eingehend zu allen für sie
wesentlichen Aspekten Stellung zu nehmen. Mit geeigneten Zwischenbemerkungen
und kurzen, unverbindlichen Gesprächen über diverse Themen ausserhalb des
eigentlichen Untersuchungskontextes hat sie es der Beschwerdeführerin ermöglicht,
sich möglichst alltagsnah und offen zu präsentieren. Die im Gutachten enthaltene
Anamnese ist über weite Strecken ein Wortprotokoll anhand der Tonaufnahmen, die die
Beschwerdeführerin schliesslich mindestens teilweise im Einverständnis mit der
Sachverständigen während der Untersuchung erstellt hat (vgl. Aufnahme C vom ersten
Tag, ab 00:21:50). Auch die übrigen Teile der Anamnese geben den Inhalt der
Aussagen der Beschwerdeführerin zutreffend und präzise wieder. Die
Beschwerdeführerin machte in der Untersuchung auch keinen Gebrauch von der
Möglichkeit, Ergänzungen anzubringen (vgl. Aufnahme 5 vom zweiten Tag, ab
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 24/27
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00:27:20). Entgegen der vom Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin geäusserten
Auffassung hat die Sachverständige F._ ihre Schlussfolgerungen nicht primär auf
allenfalls missverstandene Äusserungen der Beschwerdeführerin zu deren
Tanzaktivitäten gestützt. Massgebend ist vielmehr die bereits vom RAD-Arzt D._
aufgedeckte Diskrepanz zwischen den angeblich bereits seit Kindheit bestehenden
schwersten Beeinträchtigungen und der uneingeschränkten Erwerbsfähigkeit in einem
sehr herausfordernden, psychisch stark belastenden Umfeld über mehrere Jahre
hinweg gewesen. Den zur Diskussion gestellten Englischkurs hatte die
Beschwerdeführerin gemäss ihren eigenen Aussagen gegenüber der psychiatrischen
Sachverständigen des MZR im Juli 2017 gerade erst begonnen, also in einer Zeit, in
der sie angeblich bereits seit Jahren vollständig unfähig gewesen sein soll, sich in einer
Gruppe unauffällig zu verhalten oder eine relevante geistige Leistung zu erbringen. Das
sowohl im Gutachten des MZR als auch im Gutachten der Sachverständigen F._
beschriebene hoch auffällige Verhalten der Beschwerdeführerin ist von der
Sachverständigen F._ mit einer entsprechenden Diagnosestellung ausdrücklich als
(zumindest teilweise) authentisch anerkannt worden, was der Rechtsvertreter
übersehen zu haben scheint. Trotzdem war es der Beschwerdeführerin gelungen, eine
anspruchsvolle Umschulung zur Ergotherapeutin zu absolvieren und dann während
Jahren als Ergotherapeutin zu arbeiten, zuletzt gar (jahrelang) in einem
Kriseninterventionszentrum, also in einem psychisch stark herausfordernden Umfeld.
Die Sachverständige F._ hat überzeugend aufgezeigt, dass aus medizinischer Sicht
kein Grund bekannt sei, der es der Beschwerdeführerin verunmöglichen würde, die
früher während Jahren konstant unter Beweis gestellte Leistung wieder zu erbringen.
Auch die Beschwerdeführerin selbst hat keinen solchen Grund nennen können. Sie
führt ihren Haushalt ohne wesentliche Einschränkungen selbständig und sie absolviert
mit hoher Disziplin ein umfangreiches Trainingsprogramm. In ihrem – zugegeben
reduzierten – Alltagsumfeld beweist sie also nach wie vor eine weitgehend
uneingeschränkte Funktionalität respektive Leistungsfähigkeit. Weshalb sie nicht in der
Lage sein sollte, wieder als Ergotherapeutin zu arbeiten, ist nicht einzusehen, wie die
Sachverständige F._ überzeugend aufgezeigt hat. Bezüglich der quantitativen
Leistungsfähigkeit hat die Sachverständige F._ auf die Ergebnisse der
neuropsychologischen Testung durch lic. phil. G._ abgestellt, was überzeugt, weil die
Testergebnisse valide gewesen waren und weil der neuropsychologische
Sachverständige seine Arbeitsfähigkeitsschätzung ausgehend von den
Testergebnissen mit einer nachvollziehbaren und überzeugenden Begründung
versehen hatte. Zusammenfassend sind keine Anhaltspunkte ersichtlich, die Zweifel an
der Überzeugungskraft des Gutachtens der Sachverständigen F._ wecken würden.
Folglich steht gestützt auf dieses Gutachten mit dem erforderlichen Beweisgrad der
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überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass die Beschwerdeführerin als
Ergotherapeutin zu 70 Prozent und in einer ideal leidensadaptierten Tätigkeit zu 100
Prozent arbeitsfähig gewesen ist.
Zu prüfen bleibt, ob die Beschwerdeführerin in der Vergangenheit für eine länger
dauernde Zeit in einem höheren Ausmass arbeitsunfähig gewesen ist, denn nach der
Praxis des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen ist unbesehen davon, ob
sich die Erwerbsfähigkeit einer versicherten Person noch durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen verbessern lässt, in jedem Fall eine Invalidenrente
zuzusprechen, wenn die versicherte Person für mehr als ein Jahr zu mehr als 40
Prozent arbeitsunfähig gewesen ist (vgl. den Leitentscheid IV 2016/328 vom 23.
September 2019, E. 2.2). Die Sachverständige F._ hat festgehalten, dass die
Beschwerdeführerin „vermutlich“ schon seit Mitte oder Ende September 2015, „mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit“ spätestens seit Juli 2017 und „mit Sicherheit“ seit
Dezember 2018 zu mindestens 70 Prozent arbeitsfähig gewesen sei. Folglich kann für
den Zeitraum von Mitte, Ende September 2015 bis und mit Juni 2017 nicht unbesehen
auf das Gutachten der Sachverständigen F._ abgestellt werden. Das bedeutet aber
nicht, dass für jenen Zeitraum die Arbeitsfähigkeitsschätzung der psychiatrischen
Sachverständigen des MZR oder gar die Arbeitsfähigkeitsschätzung der behandelnden
Ärzte massgebend wäre, da diese Arbeitsfähigkeitsschätzungen wie aufgezeigt nicht
überzeugend gewesen sind und damit auch nicht für einen befristeten Zeitraum in der
Vergangenheit als überzeugend qualifiziert werden können. Weil keine weiteren
medizinischen Beweismittel existieren und weil von einer „rückwirkenden“
medizinischen Abklärung naturgemäss kein wesentlicher Erkenntnisgewinn erwartet
werden kann, liegt bezüglich des Zeitraums bis Juli 2017 eine objektive Beweislosigkeit
vor, deren Folgen in einer lückenfüllenden analogen Anwendung des Art. 8 ZGB die
Beschwerdeführerin zu tragen hat. Die Zusprache einer befristeten Rente für jenen
Zeitraum kommt also nicht in Frage.
4.3.
Besteht die Invalidenkarriere in der Wiederausübung der aus psychiatrischer
Hinsicht nicht ideal leidensadaptierten Tätigkeit als Ergotherapeutin, ist der
Invaliditätsgrad anhand eines sogenannten Prozentvergleichs zu ermitteln, da der
Ausgangswert des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens dem
Valideneinkommen entspricht und der Betrag folglich bei der Berechnung des
Invaliditätsgrades mathematisch keine Rolle spielen kann. Der Invaliditätsgrad
entspricht also dem Arbeitsunfähigkeitsgrad, korrigiert um einen dem sogenannten
Tabellenlohnabzug analogen Abzug. Ein solcher Abzug wird berücksichtigt, wenn
davon ausgegangen werden muss, dass die versicherte Person ihre Arbeitsfähigkeit
4.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 26/27
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5.
Die Beschwerde ist abzuweisen. Der Verfahrensaufwand ist als überdurchschnittlich
hoch zu qualifizieren, weil die Ausarbeitung des verfahrensleitenden Entscheides vom
1. Juli 2021 und das Abhören der rund fünf Stunden umfassenden Tonaufnahmen
einen aussergewöhnlich hohen Zusatzaufwand verursacht haben. Die Gerichtskosten
sind deshalb auf 1’000 Franken festzusetzen. Sie sind der unterliegenden
Beschwerdeführerin aufzuerlegen. Der geleistete Kostenvorschuss von 600 Franken
nicht mit demselben ökonomischen Erfolg verwerten kann wie eine gesunde, im selben
Pensum tätige Person. Das ist der Fall, wenn anzunehmen ist, dass ein strikt
ökonomisch-betriebswirtschaftlich denkender, also keinen Soziallohn ausrichtender
Arbeitgeber der versicherten Person keinen durchschnittlichen, sondern nur einen
unterdurchschnittlichen Lohn ausbezahlen wird, um seinen aus der Anstellung der
versicherten Person resultierenden „Arbeitsmehrwert“ – die Differenz zwischen dem
ökonomischen Wert der Arbeitsleistung und den direkten und indirekten Lohn- und
Lohnnebenkosten – auf einen durchschnittlichen Betrag zu erhöhen. Kann eine
versicherte Person nur einen unterdurchschnittlichen ökonomischen Mehrwert
generieren oder sind die indirekten Lohnkosten oder die Lohnnebenkosten
überdurchschnittlich hoch, resultiert für den Arbeitgeber nämlich nur ein
unterdurchschnittlicher „Arbeitsmehrwert“. Ein strikt betriebswirtschaftlich operierender
Arbeitgeber wird das nicht hinnehmen, sondern diese „Einbusse“ auf den Arbeitnehmer
überwälzen, indem er diesem nur einen unterdurchschnittlichen Lohn bezahlt, sodass
für den Arbeitgeber ein durchschnittlicher „Arbeitsmehrwert“ resultiert. Die
Beschwerdeführerin kann zwar ganztags arbeiten, aber sie kann keine volle
Arbeitsleistung erbringen, weil sie vermehrte Pausen benötigt und weil ihre
Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist. Um ihre Arbeitsfähigkeit voll auszuschöpfen, muss
sie jedoch ihren Arbeitsplatz den ganzen Tag belegen. Ein strikt ökonomisch
denkender Arbeitgeber sieht sich folglich mit einer unterdurchschnittlichen
Amortisation der Arbeitsplatzkosten konfrontiert. Das hat eine „Einbusse“ zur Folge, die
allerdings nicht hoch ausfallen kann, sodass sich insgesamt jedenfalls kein Abzug von
mehr als fünf Prozent rechtfertigt. Der Invaliditätsgrad beträgt folglich maximal 33,5
Prozent (= 100% – 95% × 70%). Bei diesem Ergebnis spielt es keine Rolle, wie hoch
der Invaliditätsgrad wäre, wenn eine ideal leidensadaptierte Verweistätigkeit als
Invalidenkarriere berücksichtigt würde, da es der Beschwerdeführerin in jedem Fall
möglich ist, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkommen als Ergotherapeutin zu
erzielen, was einen Rentenanspruch ausschliesst. Damit erweist sich die Abweisung
des Rentenbegehrens mit der angefochtenen Verfügung im Ergebnis als rechtmässig.
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wird an diesen Betrag angerechnet. Die unterliegende Beschwerdeführerin hat keinen
Anspruch auf eine Parteientschädigung.