Decision ID: c92c9f6d-7237-50be-a39c-641436d428a2
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1962, meldete sich am 20. Mai 2007 unter Hinweis auf Ellenbogen- und Schulter
beschwerden
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 9/4). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, sprach ihr mit Verfügung vom 29. März 2010 bei einem Invaliditätsgrad von 50
%
eine
halbe
R
ent
e ab Dezember 2006 zu (Urk. 9
/91-92
).
1.2
Nach Eingang eines
am 2
1.
Juni
2012
ausgefüllten Revisionsfragebogens
(Urk. 9/117/1-3
) holte die IV-
Stelle
Arztb
erichte ein (Urk. 9/
135-140
)
und mit Schreiben vom 9. Mai 2014 (Urk. 9/153)
schloss
sie
die Arbeitsvermittlung
ab
.
Nach
Eingang weiterer Arztberichte (Urk. 9/158-176) und
durchgeführtem Vorbe
scheidverfahren
(
Urk.
9/180-185)
hob di
e IV-Stelle mit Verfügung vom 27. Febru
ar 2018
die
ursprüngliche ren
tenzusprechende Verfügung vom 26. April
(richtig: 2
9.
März)
2010
wiedererwägungsweise auf und stellte die
bisher
ausgerichtete halbe Invalidenrente ein (
Urk. 2
= Urk. 9/188
).
2.
Die Versicherte erhob am 11. April 2018
Beschwerde
gegen die Verfügung vom
27. Februar 2018
(
Urk.
2) und beantragte
sinngemäss
, diese sei aufzuheben
,
und es sei ihr weiterhin eine halbe,
eventu
ell
eine Viertel
rente
a
usz
urichten
(Urk. 1 S. 7
).
Die IV-Stelle beantra
gte mit Beschwerdeantwort vom 14. Mai 2018 (Urk. 8
) die Abweisung der Beschwerde.
Dies wurde der Beschwerdeführerin am 4. Juni 2018 zur Kenntnis gebracht (
Urk.
10).
Mit Gerichtsverfügung vom 13. November 2018
wurd
e
die unentgeltliche Prozessführung
bewilligt
(
Urk.
10)
.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrech
ts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sund
heitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
70 % auf eine ganze Rente (Art.
28
Abs.
2
des Bundesgesetzes ü
ber die Invalidenversicherung, IVG
).
1.2
Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (
Art.
17
Abs.
1 ATSG).
Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen seit Zuspre
chung der Rente, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Renten
an
spruch zu beeinflussen.
Unabhängig von einem materiellen Revisionsgrund kann die IV-Stelle auf formell rechtskräftige Verfügungen, welche nicht Gegenstand materieller richterlicher Überprüfung gebildet haben, zurückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und wenn – was auf periodische Dauerleistungen regelmässig zutrifft (BGE 119 V 475 E. 1c mit Hinweisen) – ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist (Art. 53 Abs. 2 und 3 ATSG; BGE 141 V 405 E. 5.2, 138 V 147 E. 2.1; Urteil des Bundesgerichts 9C_819/2017 vom 13. Februar 2017 E. 2.2). Die Wiedererwägung im Sinne von Art. 53 Abs. 2 ATSG dient der Korrek
tur einer anfänglich unrichtigen Rechtsanwendung einschliesslich unrichtiger Feststellung im Sinne der Würdigung des Sachverhaltes (statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 8C_121/2017 vom 5. Juli 2018 E. 8.2).
Die Wiedererwägung nach
Art.
53
Abs.
2 ATSG setzt voraus, dass kein vernünf
tiger Zweifel an der Unrichtigkeit der Verfügung möglich, folglich nur dieser ein
zige Schluss denkbar ist. In diesem Sinne qualifiziert unrichtig ist eine Verfügung,
wenn eine Leistung aufgrund falscher Rechtsregeln beziehungsweise ohne oder in unrichtiger Anwendung der massgeblichen Bestimmungen zugesprochen wurde
(
BGE 141 V 405 E. 5.2, 140 V 77 E. 3.1 mit Hinweis). Gleiches gilt bei einer kla
re
n Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes, insbesondere wenn die notwen
di
gen fachärztlichen Abklärungen überhaupt nicht oder nicht mit der erforder
lichen Sorgfalt durchgeführt wurden (vgl. Art. 43 ATSG; BGE 141 V 405 E. 5.2; Urteil des Bundesgerichts 8C_717/2017 vom
2.
August 2018 E. 3.2 mit Hinweisen). So
weit ermessensgeprägte Teile der Anspruchsprüfung vor dem Hintergrund der Sach- und Rechtslage einschliesslich der Rechtspraxis im Zeitpunkt der rechts
kräftigen Leistungszusprechung in vertretbarer Weise beurteilt worden sind, schei
det die Annahme zweifelloser Unrichtigkeit aus (BGE 141 V 405 E. 5.2 mit Hinweisen; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_766/2016 vom 3. April 2017 E. 1.1.2 mit Hinweisen).
1.3
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin
ging in der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2) davon aus,
dass die Rentenzusprache von 2006 zweifellos unrichtig gewesen sei. Die Stellungnahme des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) habe im Widerspruch zum Gutachten gestanden, welches nachvollziehbar gewesen sei
(S. 1 unten)
. Aus körperlicher Sicht sei die Beschwerdeführerin aufgrund der Einschränkung der linken Schulter nicht derart beeinträchtigt gewesen
, dass ihr kein Vollzeitpensum mehr möglich gewesen wäre. Aus psychischer Sicht hätten enorme psychosoziale Probleme (finanzielle Probleme, Einstellung der Unterhaltszahlung durch den Ex-Ehemann) bestanden. Diese seien nicht IV-relevant
(S. 1 f.)
. Die heute vor
han
de
nen Diagnosen lösten keine längerdauernde Arbeitsunfähigkeit aus. Die Be
schwer
de
führerin habe bereits selbständig eine Anstellung gefunden und arbeite in einem 60
%
Pensum.
Sie habe genügend Ressourcen, um einer Tätigkeit in einem höheren Pensum nachzugehen.
Somit sei die Leistungsbereitschaft klar gegeben
(
S
. 2).
2.2
Demgegenüber stellte sich die Beschwerdeführerin auf den Standpunkt
(Urk. 1)
, ihre Gesundheit sei damals von der Beschwerdegegnerin sehr genau abgeklärt worden
(S. 1 unten
). Die
rentenaufhebende Ve
rfügung sei zu wenig begründet. Beispielsweise verstehe sie nicht, was die Beschwerdegegnerin damit meine, dass die Beschwerdeführerin genügend Ressourcen habe, um einer Tätigkeit in einem höheren Pensum nachzugehen (S. 4
unten
). Die Beschwerden und Beeinträch
ti
gungen hätten sich verstärkt, weshalb sie jetzt noch mehr auf die Zähne beissen müsse (S. 5
unten
). Sie arbeite in einem 60
%
-
Pensum. Dies sei das Mindest
pen
sum für die Stelle. Sie wisse, dass sie deswegen mehr gesundheitliche Probleme habe, aber sie wolle eben arbeiten. Tatsächlich sei die Leistungsbereitschaft klar gegeben (S. 6
oben
).
2.3
Strittig und zu prüfen ist, ob die ursprüngliche Rentenzusprache zweifellos un
richtig
war
und die wiedererwägungsweise Aufhebung der Rente rechtens
ist
.
3.
3.1
Der rentenzusprechenden Verfügung vom 29. März 2010 (Urk. 4/91-92) lagen im Wesentlichen die folgenden
Arztberichte
zugrunde:
3.2
Dr. med. Y._
, Klinik für Orthopädische Chirurgie,
Z._
,
nannte i
m Bericht vom 25. September 2006 zuhanden des Hausarztes (Urk. 9/1) als Diagnosen eine leichtgradige adhäsive Capsulitis an der linken Schulter und
einen
Verdacht auf Epikondylitis humeri radialis links. Im Vorder
grund stünden belastungsabhängige Schmerzen, dies insbesondere beim Heben von
schweren Lasten. Zusätzlich schwierig sei die soziale Situation aufgrund der Schei
dung. Bei zwar weitgehend freier aktiver und passiver Beweglichkeit bestün
den nach wie vor arthrogene Schmerzen, wie dies bei Kapselentzündungen ge
sehen werden könne.
Er habe die Beschwerdeführerin ermuntert, weiterzu
arbei
ten, da die Schmerzsituation tolerabel sei.
3.
3
Dr. med. A._
, Facharzt für Allgemeine innere Medizin
,
führte in einem
Überweisungsschreiben vom 16. März 2007
(
Urk.
9/12/10-11)
aus,
die Be
schwerdeführerin
habe erstmals im August 2005 ziehende Schmerzen im Bereich der linken Schulter mit Ausstrahlung in den Arm beklagt. Die Magnetreso
nanz
tomographie (MRI) habe ausgedehnte intramurale Rupturen bei möglicher, nicht dislozierter transmuraler Ruptur in der Überganzszone der Supraspinatus- zur Subscapularisportion gezeigt.
Daneben habe sich eine leichte Omarthrose sowie eine leichte AC-Gelenksarthrose dargestellt. In der Folge sei es zu einem ganz
schleppenden Heilungsverlauf mit auffallend starkem Schmerzempfinden ge
kommen
. Dieses sei allenfalls auch durch die psychosoziale Belastungssituation der Beschwerdeführerin gekennzeichnet gewesen, die von ihrem Mann verlassen worden sei und in der Schweiz kaum Bekannte und Freunde habe (S. 1).
In
den Zeugnissen zuhanden der Arbeitslosenversicherung bestätige er zwar eine Arbeitsunfähigkeit von 40
%
am angestammt
en Arbeitsplatz. Daneben erwähn
e er aber auch immer, dass die Beschwerdeführerin eigentlich sofort wieder voll arbeitsfähig sei, wenn armbelastende Arbeiten – insbesondere Überkopfarbeiten – vermieden werden könnten. Aufgrund dieser Zeugnisse werde die Beschwerde
führerin vom Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) dann jeweils
als zu
100
%
arbeits
un
fähig respektive nicht vermittlungsfähig eingestuft. Diese Meinung
könne er aber nicht teilen und sei der Meinung, dass die Beschwerdeführerin langsam aber sicher eine Rentenneurose entwickle, nachdem sie schon Zeichen einer depressiven Entwicklung zeige
(S. 2).
Entsprechend bat Dr.
A._
um Aufnahme der Beschwerdeführerin in ein Abklärungsprogramm betreffend Arbeitsfähigkeit und Einsetzbarkeit
(S. 2).
Im
Schreiben an die Beschwerdeführerin vom 28. März 2007 (Urk. 9/12/8-9)
machte Dr.
A._
vergleichbare Angaben.
3.4
Dr.
Y._
(vorstehend E. 3.2)
nannte i
m Bericht zuhanden der Beschwerdegeg
ne
rin vom 13. Juli 2007 (Urk. 9/19)
als Diagnose einen
Verdacht auf leichtgradige adhäsive Capsulitis der adominanten linken Schulter, bestehend seit zirka August 2005 (Ziff. 2.1). Das MRI vom 9. Februar 2006 habe degenerative, altersents
pre
chende Veränderungen der Rotatorenmanschette (Supraspinatus/Subscapularis) bei ansonsten unauffälligem Gelenk gezeigt
(Ziff. 4.6)
.
Betreffend physische Res
sourcen hielt er
bestimmte
Einschränkungen in den Bereichen Heben und Tragen, Hantieren mit Werkzeugen sowie Haltung/Beweglichkeit fest. Die psychischen Ressourcen erachtete er als uneingeschränkt (Ziff. 6.1). In einer behinderungs
an
gepassten Tätigkeit sei die Beschwerdeführerin zu 100
%
arbeitsfähig (Ziff. 6.2).
3.5
Die Ärzte der
B._
,
C._
,
nannten i
m Bericht vom 9. August 2007
über ein am
9.
August 2007 im Rahmen einer Ambulanten arbeitsbezogenen Rehabilitation (ABR) erfolgtes Arbeitsassessment
(Urk. 9/22
= Urk. 9/164/11-21
) folgende Diagnosen
(
Ziff. 2.1
)
:
-
chronische Schulterschmerzen links mit/bei
-
Status nach adhäsiver Capsulitis
-
a
ktueller Schmerzausweitung mit Schulterschmerzen rechts sowie Ellbogenschmerzen beidseits bei Epicondylitis humeri ulnaris beidseits
-
Status nach akuter Periarthropathia coxae links im Mai 2007
-
mit Bursitis trochanterica
-
Lokalinfiltration am 14. Mai 2007
In der aktuellen Untersuchung hätten sie keine Zeichen einer relevanten Bewe
gungseinschränkung des linken Schultergelenks mehr gefunden. Es imponierte
n
diffuse, vor allem über muskulären Strukturen liegende Druckdolenzen im Be
reiche des oberen linken Quadranten mit Hinweisen für leichte Epicondylitiden humeri ulnaris beidseits mit Myogelosen der ventralen Unterarmmuskulatur. Zei
chen einer radikulären Kompressionssymptomatik oder eines Thoracic outlet-Syndroms hätten nicht erhoben werden können, auch keine relevanten Defekte der Rotatorenmanschetten im MRI vom Februar 2006 (
S. 3 oben
).
Das arbeitsbezogene relevante Problem bestehe noch in einer verminderten B
e
lastbarkeit der linken Schulter. Dadurch sei die Beschwerdeführerin bei Arbeiten über Kopfhöhe sehr oft am Tag und bei repetitiven Bewegungen mit dem linken Arm eingeschränkt. Ebenfalls bestehe eine Haltungsinsuffizienz bei vorgeneigtem Stehen
(S. 3 Mitte)
.
Die Belastbarkeit
habe
im Bereich einer vorwiegend sitzenden Arbeit gelegen und habe während der ABR auf eine leichte Arbeit gesteigert werden können. Die Beschwerdeführerin habe immer wieder verschiedene finanzielle und persönliche Probleme im Zusammenhang mit ihrer Scheidung erwähnt. Ihre psychosoziale Belastungssituation und verminderte funktionelle Belastbarkeit könnten sich erschwerend auf die berufliche Eingliederung auswirken (
S. 3
).
Zumutbar sei eine leichte Arbeit. Der zeitliche Umfang werde gemäss Trai
nings
erfahrung auf 8
1⁄2
Stunden pro Tag geschätzt. Dabei sollten repetitive Belas
tungen für den linken Arm auf Kopfhöhe sowie Stehen in vorgeneigter Position für eine Dauer von mehr al
s
5
1⁄2
Stunden am Tag vermieden werden. Die Be
schwerdeführerin sei mit dieser Beurteilung einverstanden (Ziff. 1.4).
3.6
Dr.
A._
(vorstehend E.
3.3) führte n
ach Erlass des Vorbescheids in einem Schreiben an die Beschwerdeführerin vom 1
7.
Juni 2008
aus
, so
wie der letzte Arbeitsversuch verlaufen sei und wie s
ich die Beschwerdeführerin zurz
eit präsen
tiere, sei sie nicht oder nur für ganz leichte Arbeiten vermittelbar. Sie habe aber enorme psychosoziale Probleme und komme besonders finanziell nicht über die Runden, weshalb sie dennoch eine neue Stelle suche und auch gewillt sei, diese anzutreten
(
Urk.
9/45)
.
3.7
Dr. med. D._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, führte i
n seinem Schreiben vom 15. Juli 2008 z
ur Begründung des Einwand
s gegen den Vorbescheid (Urk. 9/47)
aus
, die Beschwerdeführerin sei
erstmals
im März 2007
und nun erneut am 17. Juni 2008
in seiner Behandlung gewesen. Das
Krank
h
eitsbild sei dabei gleich
geblieben. Die Beschwerdeführerin sei von Ängsten geplagt und nervös. Sie habe phobische Ängste vor Menschenmengen, Strassen
verkehr sowie Alleingelassenwerden und
habe
seit ihrer Scheidung
im April 2007
enormste Existenzprobleme. Nach wie vor bestünden trotz Gabe von Antide
pressiva (Cymbalta) Neigung zum Weinen und Schlafstörungen sowie massive intellektuelle Leistungsbeeinträchtigungen, Konzentrationsschwierigkeiten und Gedächtnisschwächen. Ebenfalls massiv sei eine larvierte Symptomatik mit Herz
klopfen, Erstickungsgefühlen, Magenschmerzen, Beklemmungsgefühlen, Zittern, Tinnitus, andauernder Libidostörung sowie Kopfschmerzen und Schwindelge
fühlen (S. 1).
Das geschilderte Krankheitsbild entspreche einer reaktiven, andauernden, agitier
ten und larvierten Depression in der Grössenordnung mittelschwer. Dies erlaube der Patientin trotz Einnahme von Schmerzmitteln kaum, einer Arbeitstätigkeit nachzugehen. Hinzu kämen neu die andauernden Kopfschmerzen und Schmerzen im linken Arm sowie Schmerzen im Schulterbereich, neuerdings auch Knie
schmer
zen (S. 1 unten).
Dr.
D._
führte weiter aus, er müsse gegenüber dem Zustand vom Frühling 2007 von einer depressiv
en, agitierten Entwicklung sprechen
u
nd ein
chronisches Krank
heitsbild diagnostizieren, unterhalten von sozialen Ängsten und Schmerz
zuständen.
Er bitte die Beschwerdegegnerin um ein psychiatrisches Gutachten, auch um die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin zu beurteilen (S. 2).
3.8
Im Verlaufsbericht vom 2. August
2008 zuhanden der Beschwerdegegnerin
(Urk. 9/49) führte Dr.
D._
aus, der Gesundheitszustand sei stationär bis sich ve
r
schlechternd. Die Beschwerdeführerin unternehme zurzeit mit grösster Willens
kraft einen Arbeitsversuch mit einem Pensum von 100
%
, sei aber dauernd angespannt, mit Angst- und Panikgefühlen, so dass eine Dekompensation be
fürch
tet werden müsse
(Ziff. 1
)
. Es liege eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem
Syndrom
(ICD-10
F32.11
)
mit angstvoller Symptomatik vor
(Ziff. 2)
.
In der Hamilton Angstskala ergäben sich 40 Punkte, also schwer und ausgeprägt (Ziff. 3). Man befürchte eine Dekompensation trotz des derzeit noch mit eisernem Willen und grosser Tapferkeit kompensierten Krankheitsbildes (Ziff. 4).
Vor allem herrsche nach ihrer Scheidung Existenz- und Zukunftsangst vor, einen herkömmlichen Standard einschliesslich einer teuren Wohnung zu sichern, so dass die Aufrechterhaltung einer Arbeitsfähigkeit eine begreifliche Therapie für sie sei, die sie schliesslich nicht durchhalten könne (Ziff. 8).
3.9
Dr. med. E._
, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, erstattete am 16. April 2009
ein Gutachten im Auftrag der
Beschwerdegegnerin
(Urk. 9/59)
. Er
nannte
folgende
Diagnose (
S. 10
Ziff. 4):
-
Angst und depressive Störung, gemischt (F41.2), seit 2006
-
Status nach Anpassungsstörung (F43.2) von 2004 bis 2006, bei Trennung vom Ehemann 2004 und bei Schulterschmerzen seit 2005
Die Beschwerdeführerin habe anamnestisch eine aus psychiatrisch-psychothe
ra
peutischer Sicht angemessene Entwicklung bis zum Jahr 2004 erlebt. Hinweise auf relevante psychische Störungen seien nicht zu finden. Im Jahr 2004 sei es auf Wunsch des Ehemannes zur Trennung des Paares gekommen. Die Beschwerde
führerin erlebe seither subjektiv einen sozialen Abstieg, den sie ausserordentlich bedauere. Im Jahr 2005 seien zusätzlich Schulterschmerzen aufgetreten. Das Schmerzerleben habe sich seither auch auf andere Körperbereiche ausgeweitet. Die Anpassung an die veränderten Lebensumstände sei der Beschwerdeführerin
nicht ausreichend gelungen, weshalb sich eine Anpassungsstörung gemäss ICD-10
F43.2 entwickelt habe.
Gemäss ICD-10 solle nach zwei Jahren, wenn weiterhin rele
vante Symptome bestünden, die Diagnose einer Anpassungsstörung in eine dann angemessene neue
Diagnose überführt werden
(
S. 10
Ziff. 5).
Die Beschwerdeführerin klage über depressive und ängstliche Symptome, wobei diese weder in der subjektiven Schilderung noch aus objektiver Sicht die Diagnose einer eigenständigen Depression oder einer eigenständigen Angststörung gemäss ICD-10 begründen könnten. Insbesondere könne keine depressive Störung atte
stiert werden. Die ICD-10 Eingangskriterien einer depressiven Episode umfassten mindestens zwei der folgenden Symptome: 1. Depressive Stimmung in einem für die Betroffenen deutlich ungewöhnlichen Ausmass, die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag, im Wesentlichen unbeeinflusst von den Umständen und mindestens zwei Wochen anhaltend. 2. Interessen-
oder Freudenverlust an Aktivitäten, d
ie normalerweise angenehm waren.
3. Verminderter Antrieb oder gesteigerte Er
müd
barkeit. Kriterium 1 werde objektiv nicht ausreichend erfüllt. Die diesbe
züglichen Berichte seien nicht nachvollziehbar. Kriterium
2
werde allein von der Beschwerdeführerin subjektiv genannt und durch ihre Geldsorgen als Folge des subjektiv erlebten sozialen Abstiegs ausreichend begründet. Kriterium 3 werde allein von der Beschwerdeführerin subjektiv genannt und sei gemäss Wertung durch diese selbst alleinige Folge des Schmerzerlebens.
Aus objektiver Sicht wür
den die Eingangskriterien der ICD
-
10 für eine depressive Störung
daher
nicht erfüllt (S. 10
f.
).
Bei der Beschwerdeführerin sei ab 2006 die Diagno
se Angst und depressive Stö
rung
gemischt (F41.2) zu stellen. Die entsprechenden diagnostischen Kriterien wür
den von der Beschwerdeführerin erfüllt. Das allfällig nicht allein organisch begründbare Schmerzerleben der Beschwerdeführerin werde ausreichend im Rah
men der Angst und depressiven Störung (gemischt) erklärbar. Diese Diagnose führe gemäss der aktuellen Rechtsanwendung nicht zu einer Minderung der Arbeitsfähigkeit. Dies werde auch dadurch bestätigt, dass die Beschwerdeführerin noch im Jahr 2008 regulär im Schichtdienst mit einem Vollzeitpensum
einsetzbar gewesen sei (
S. 11 Mitte).
Die oft widersprüchlichen und dramatisierenden Angaben der Beschwerde
füh
rerin zeigten eine Verdeutlichungstendenz,
welche
die quantitative Wertung der
subjektiven Befunde fast verunmögliche. Aus psychiatrisch-psychotherapeuti
scher
Sicht sei eine Willensanstrengung zur Überwindung der Schmerzen uneinge
schränkt zumutbar und möglich (Zif
f. 5
S. 12 oben). Eine relevante (über 20
%
betragende
) Minderung der Arbeitsfähigkeit könne bei der Beschwerdeführerin aus psychiatrisch-psychotherapeutischer Sicht nicht begründet werden. Dies gelte sowohl für die Anpassungsstörung zwischen 2004 und 2006 als auch für die ab 2006 bestehende Angst und depressive Störung gemischt (
S. 12
Ziff. 6).
3.10
Dr. med. F._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Trauma
to
logie,
RAD
, führte in seiner Stellungnahme vom
2
8.
April 2009 zum Gutachten von Dr.
E._
(Urk. 9/83
S.
4)
aus, das Gutachten beantworte die gestellten Fragen umfassend, berücksichtige die beklagten Beschwerden, sei in Kenntnis und in Auseinandersetzung mit den Vorakten erstellt worden, sei schlüssig, nachvollziehbar und in seinen Feststellungen plausibel. Die Beschwerdegegnerin solle sich daher der gutachterlichen Beurteilung anschliessen.
3.11
Dr.
D._
(vorstehend E. 3.7) führte in
seiner Stellungnahme zum psychiatrisch-psychotherapeutischen Gutachten von Dr.
E._
vom 14. Mai 2009 (Urk. 9/63)
aus, er habe die Beschwerdeführerin am 7. Mai 2009 erneut exploriert. Er habe das gleiche Krankheitsbild
wie
im August 2008 erarbeiten müssen. Es bestünden dazu dauernd Schulterschmerzen, neu auch Schmerzen im rechten Arm, Ober
schenkel- und Fussschmerzen. In der Depressionsskala nach Hamilton sei sie auf einen Wert von 34 gekommen, wiederum eine mittel- bis schwergradige Depres
sion mit Suizidgedanken und Ängsten. Sie wolle arbeiten, könne körperlich aber nicht durchhalten. Weshalb der Gutachter sein Schreiben nicht habe nachvoll
ziehen können, könne er (Dr.
D._
) nicht nachvollziehen. Tatsache sei, dass der Hausarzt die Beschwerdeführerin für arbeitsunfähig halte (S. 2 oben). Betreffend Diagnose verwies er auf seine eigene. Ebenso gut dürfe wie im Gutachten Angst und depressive Störung gemischt (F41.2) und Anpassungsstörung (F43.2) erarbei
tet werden
. Sicher sei die Beschwerdeführerin
in ihrer Arbeitsfähigkeit einge
schränkt, zurzeit bestehe gemäss Hausarzt Arbeitsunfähigkeit. Auf der Hamilton Angst Skala resultiere eine Wert von 40, was einer schweren Angststörung entspreche. Die Hamilton Depressionsskala ergebe einen Wert von 37, was einer mittel- bis schwergradigen Depression mit körperlichem Syndrom entspreche (S. 2 Mitte)
.
3.12
Dr.
F._ sowie Prof. Dr. med. G._
, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie,
RAD
,
führten in ihrer Beurteilung vom
am 3. Juni 2009
(Urk. 9/83
S. 5) aus, der
Stellungnahme von Dr.
D._
vom 14. Mai 2009
seien aus medizini
scher Sicht keine Beweggründe zu entnehmen, welche bei der Beschwerdeführerin Anlass zu einer anderen Beurteilung der Arbeitsfähigkeit geben könnten. Aus versicherungsmedizinischer Sicht habe die RAD-Stellungnahme vom 28. April 2009 (vorstehend E
.
3.10) unverändert Bestand.
3.13
Gemäss interner Notiz vom 6. Juni 2009 erachtete Prof.
G._
zur versi
che
rungsmediznisch verlässlichen Einschätzung der Restarbeitsfähigkeit ein psychia
trisches Standortgespräch als erforderlich
(Urk.
9/83 S.
6 oben).
Laut psychiatrischer Standortbestimmung vom 6. Oktober 2009 verhindere ge
mäss Prof.
G._
bei der 47-jährigen Beschwerdeführerin seit 2005 mit deut
licher Zunahme seit 2008 ein chronischer psychischer Gesundheitsschaden von Krankheitswert (ICD-10 F45.41
,
Z73.1 und Z60.0) die volle Ausschöpfung der funktionellen Leistungsfähigkeit für beruflich zu verwertende Tätigkeiten. Auch wenn aktuell psychosoziale Probleme, ausgelöst durch Trennung und Scheidung vom Ehemann im Jahre 2004, im Vordergrund der Schwierigkeiten einer beruf
lichen Integration der Beschwerdeführerin stünden, sei aus versicherungs
medi
zinischer Sicht vor dem Hintergrund des bestehenden Gesundheitsschadens eine Realisierung der medizintheoretisch gegebenen Restarbeitsfähigkeit für ange
stammt
e
und angepasste beruflich zu verwertende Tätigkeiten von 50
%
eines Pensums von 100
%
mit der wahrscheinlichen Aussicht auf mittelfristige Steige
rung des Pensums nur gegeben, wenn eine störungsspezifisch orientierte thera
peutische Betreuung mit einer professionellen Arbeitsvermittlung und Job-Coa
ching koo
rdiniert wü
rden (Urk. 9/83 S. 6 oben).
3.14
Dr. med.
H._
,
RAD
, führte in seiner Stellungnahme vom 28. Januar 2010
(Urk. 9/83 S. 6 unten)
aus, in der Zusammenschau der widersprüchlichen psychiatrischen Aktenlage sei mit Prof.
G._
von einer seit Dezember 2005 bestehenden Arbeitsunfähigkeit von 50
%
für die bisherige und für weitere leichte Tätigkeiten auszugehen.
4.
4.1
Zunächst ist im Lichte der Sach- und Rechtslage im Zeitpunkt der Rentenzuspre
chung zu prüfen, ob die damalige Zusprache einer ganzen Invalidenrente ab dem 1.
Dezember 2006
als zweifellos unrichtig ei
nzustufen ist (vorstehend E. 1.2
).
4
.2
Dabei stellt sich insbesondere die Frage, ob damals ein medizinisches Substrat vorlag, das ärztlicherseits schlüssig festgestellt worden war und nachgewiesener
massen
nach einem weitgehend objektivierten Massstab
die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin wesentlich beeinträchtigte (BGE 143 V 409 E.
4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c
; vgl.
Art.
7
Abs.
2 ATSG).
Je stärker psychosoziale und soziokulturelle Faktoren im Einzelfall in den Vordergrund treten und das Beschwerdebild mitbestimmen, desto ausgeprägter muss eine fach
ärztlich festgestellte psychische Störung von Krankheitswert vorhanden sein. Das bedeutet, dass das klinische Beschwerdebild nicht einzig in Beeinträchtigungen, welche von den belastenden soziokulturellen Faktoren herrühren, bestehen darf, sondern davon psychiatrisch zu unterscheidende Befunde zu umfassen hat, zum Beispiel eine von depressiven Verstimmungszuständen klar unterscheidbare andauernde Depression im fachmedizinischen Sinne oder einen damit vergleich
ba
ren psychischen Leidenszustand. Solche von der soziokulturellen Belastungs
situ
ation zu unterscheidende und in diesem Sinne verselbständigte psychische Stö
rungen mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit sind unab
ding
bar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann. Wo die begut
ach
tende Person dagegen im Wesentlichen nur Befunde erhebt, welche in den
psy
chosozialen und soziokulturellen Umständen ihre hinreichende Erklärung finden
, gleichsam in ihnen aufgehen, ist kein invalidisierender psychischer Gesund
heits
schaden gegeben (BGE 127 V 294 E. 5a; Urteil des Bundesgerichts 8C_730/2008 vom 23. März 2009 E. 2).
4.3
G
emäss der mit
BGE 130 V 352
begründeten und seither stetig weiter entwickel
ten Rechtsprechung vermochten eine fachärztlich (psychiatrisch) diagnostizierte somatoforme Schmerzstörung und vergleichbare psychosomatische Leiden (
BGE 140 V 8 E. 2.2.1.3, 142 V 342
) in der Regel keine lang dauernde, zu einer Inva
lidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG führende Arbeitsunfähigkeit zu bewirken. Vielmehr bestand die Vermutung, dass solche Beschwerdebilder oder ihre Folgen mit einer zumutbaren Willensanstrengung überwindbar seien und nur bestimmte Umstände, welche die Schmerzbewältigung intensiv und konstant behindern, den Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess unzumutbar machten, weil die versicherte Person alsdann nicht über die für den Umgang mit den Schmerzen notwendigen Ressourcen verfügt. Ob ein solcher Ausnahmefall vorlag, entschied sich im Ein
zel
fall anhand verschiedener Kriterien (so genannte «Foerster-Kriterien», vgl. BGE 130 V 352, BGE 131 V 49 E. 1.2, je wiedergegeben BGE 139 V 547 E. 5 mit weiteren Hinweisen).
4.4
Das psychiatrisch-psychotherapeutische Gutachten von Dr.
E._
vom April 2009 (vorstehend E. 3.9)
beruht
e
auf allseitigen Untersuchungen, berücksichtigt
e
auch die geklagten Beschwerden und wurde in Kenntnis der Vorakten abgegeben.
Mit den Beurteilungen in den gewürdigten medizinischen Berichten stimmte der Gutachter denn im Wesentlichen auch überein.
Die Abweichungen, die sich im Vergleich zu den
Beurteilungen durch die
behandelnden Ärzte
Dr.
A._
und Dr.
D._
ergaben, wu
rden im Einzelnen plausibel erklärt:
So zeigt
e
Dr.
E._
auf, dass die Einschätzung
durch
Dr.
A._
im
Juni 2008 (vorstehend E. 3.6
), wonach die Beschwerdeführerin nur für ganz leichte Arbeiten vermittelbar sei, deutlich vom Bericht zum Arbeitsassessment vom
August 2007
abweiche
(vor
stehend E. 3.5
), wobei diese Abweichung von Dr.
A._
nicht erläutert werde. Zu Recht merkt
e
Dr.
E._
weiter an
, dass im Bericht von Dr.
D._
vo
m Juli 2008 (vorstehend E. 3.7
) eine nachvollziehbare Diagnose gemäss ICD-10 fehle. Die Angaben seien unspezifisch und die Einschätzung des Schweregrades als «mittelschwer»
nicht nachvollziehbar. Vergleichbares
gelte für dessen Bericht vom
August 2008, wobei Dr.
D._
Hinweise auf deutlich relevante psychosoziale Aspekte bestätige (Urk.
9/
59 S. 14 Mitte bis S. 15 oben). Das Gutachten von Dr.
E._
leuchtet in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein und die Schlussfolgerungen sind begründet: Die genannte Hauptdiagnose Angst und depressive Störung gemischt (F.41.2) mit vorhergegangener Anpassungsstörung (F43
.2) wu
rd
e
sorgfältig her
ge
leitet
und eine depressive Störung anhand einer gut nachvollziehbaren Krite
rienpr
üfung verworfen (vorstehend E
.
3.9
). Dr.
D._
anerkannte denn auch in seine
r Stellungnahme zum Gutachten
, dass die dort gestellten Diagnosen «ebenso gut erarbeitet werden dürften» wie seine eig
enen Diagnosen (vorstehend E. 3.11
). Die von Dr.
E._
plausibel begründete
Verdeutlichungstendenz bei der Be
schwerdeführerin (Urk.
9/
59 S. 12 oben) macht
schliesslich
nachvollziehbar, wes
halb ihre behandelnden Ärzte
schwerwiegendere Diagnosen stellten
als
er
. Auf
sein
für die streitigen Belange umfassendes Gutachten hätte die Beschwer
de
geg
nerin abstellen dürfen
und müssen
.
4.5
Dass die Beschwerdegegnerin noch ein psychiatrisches Standortgespräch als er
for
derlich erachtete, ist
an sich
nicht zu beanstanden. Mit seiner Diagnose
stellung sowie seiner Beurteilung der Arbeitsfähigkeit setzte
sich Prof.
G._
vom RAD
jedoch in klaren Widerspruch zum Gutachten von Dr.
E._
. So diagnostizierte er einen «chronischen psychischen Gesundheitsschaden
von Krankheitswert», was er unter
ICD-10 F45.41 klassifizierte.
Die
Diagnose einer «
chronische
n
Schmerz
störung mit somatischen und psychischen Formen
» (F45.41)
findet sich lediglich in der in Deutschland verwendeten Version (ICD-10-GM) der
ICD-1
0.
In die internationalen Fassung wurde sie nicht aufgenommen
, da
sie
nicht genügend von der
mit F45.40 bezeichneten
anhaltenden somatoformen Schmerzstörung
abg
renzbar erscheine
(
Dilling/Mombour/Schmidt, International
e
Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V (F), Klinisch Diagnostische Leitlinien, 10., überarbeitete Auflage, Bern 2015, S. 233
,
Fussnote). Die
Diagnose der anhal
tenden somatoformen Schmerzstörung
setzt
ihrerseits
unter anderem einen an
dauernden, schweren
und quälenden Schmerz voraus
, der durch einen physiol
o
gischen Prozess oder eine körperliche Störung nicht vollständig erklärt werden kann (Dilling/Mombour/Schmidt,
a.a.O.).
Eine darauf Bezug nehmende Begrün
dung der von ihm gestellten
Diagnose
gab
Prof.
G._
nicht
, ebenso
wenig
erklärte er die
Abweichung
von der
Diagnose
gemäss dem
kurz zuvor eingeholten Gutachten
von Dr.
E._
.
Sodann hielt
Prof.
G._
a
uch fest, dass
aktuell psychosoziale Probleme, welche
durch
die
Trennung und Scheidung vom Ehemann im Jahre 2004
ausgelöst wor
den seien,
im Vordergrund der Schwierigkeiten einer
beruflichen Integration stünden.
Er
grenzte diese jedoch weder von einer
allenfalls
gleichzeitig gegebenen
selbständigen
Depression
im fachmedizinischen Sinne
ab, no
ch legte er dar, ob und
inwiefern
ihn
die
erwähnten
psychosozialen Probleme
zur gestellten Diag
nose
(F45.41)
führten. Diese
Diagnose
findet sich denn auch in keinem der vor
her
gehenden Arztberichte.
Dass die
Arbeitsunfähigkeit
von 50
%
sodann bereits
ab
dem Zeitpunkt vom
1. Dezember 200
6
bestand
en haben solle, wu
rd
e von Prof.
G._
nicht
näher begründet
. Diese Einschätzung ist umso weniger nach
vollziehbar
,
als dass die
Ärzte des
C._
nach durchgeführtem mehrwöchigem Arbei
tsassessment ABR im Sommer 2007 in ihrem sorgfältig erstellten Bericht
zum Schluss
kamen
, der Beschwerdeführerin sei eine leichte Arbeit zu
100
%
zumutbar (vorstehend E. 3
.
5
)
.
Es lag somit klarerweise kein medizinisches Substrat vor, das ärztlicherseits schlüssig f
estgestellt worden wäre und
nachgewiesenermassen die Arbeitsfähig
keit der Beschwerdeführerin nach eine
m
weitgehend objektivierten Massstab wesentlich
beeinträchtigte (vorstehend E. 4.2
).
4.6
Keine Beachtung
fand schliesslich die
im Verfügungszeitpunkt
geltende Recht
sprechung, wonach eine somatoforme Schmerzstörung in der Regel keine lang dauernde Arbeitsunfähigkeit zu bewirken vermochte, sondern vielmehr die Ver
mutung bestand, dass solche Beschwerdebilder mit einer zumutbaren Willens
anstrengung üb
erwindbar seien (vorstehend E. 4.3
). Dies fällt umso mehr ins Gewicht, als Dr.
E._
sich explizit dahingehend geäussert hatte, dass aus psy
chiatrisch-psychotherapeutischer Sicht eine Willensanstrengung zur Überwind
ung der Schmerzen uneingeschränkt zumutba
r und möglich sei (vorstehend E
.
3.9
).
4.7
Nach dem Gesagten erfolgte die von der Beschwerdegegnerin in der rentenzu
sprechenden Verfügung getroffene Annahme einer Arbeitsunfähigkeit von 50
%
in jeglicher Erwerbstätigkeit unter
klar
fehlerhafter Erstellung des medizinischen Sachverhalts sowie
in eindeutig unrichtiger Rechtsanwendung
ohne
Berücksich
tigung der damals gel
tenden Rechtsprechung. Die Zusprache einer halben Inva
lidenrente gemäss Ver
fügung vom 29. März 2010 (Urk. 9/91-92) ist damit als zweifellos un
richtig einzustufen. Da es eine Dauerleistung betrifft, ist die Berich
tigung von erhebli
cher Bedeutung (vorstehend E. 1.2
).
5.
5.1
Wenn
im Wiedererwägungsverfahren gemäss Art. 53 Abs. 2 ATSG die Wiederer
wägungsvoraussetzungen erfüllt
sind
, ist auf die entsprechende Entscheidung zu
rück
zukommen, und es ist unter Berücksichtigung der massgebenden Umstände ein neuer Entscheid zu fällen. Mit anderen Worten ist der Rentenanspruch
mit Wirkung für die Zukunft
ohne Bindung an die ursprüngliche Verfügung in allen seinen Teilen neu zu beurteilen (BGE 140 V 514 E. 5.2).
5.2
Die Beschwerdeführerin arbeitet bereits seit dem 1. März 2014 als Hilfspflegerin in einem 60
%
Pensum beim
I._
in Zürich (Urk. 7/1+2).
Sie machte teilweise geltend, dieses Pensum sei ihr zu viel, sie wolle nur 50
%
arbeiten, müsse aber mindestens 60
%
arbeiten, ansonsten sie die Arbeitsstelle verliere (vgl.
etwa
Urk.
9/179 S. 7)
.
Schon aufgrund de
r langen
bisherigen Anstel
lungsdauer
scheint indes
der Beschwerdeführerin
die derzeit ausgeübte
Tätigkeit
in einem
60
%
Pensum
zumutbar. Dies deckt sich denn auch mit den von der Beschwerdegegnerin eingeholten ärztlichen Berichten:
5.3
Mit Bericht vom 20. April 2016 zuhanden der Beschwerdegegnerin (Urk. 9/164/1-6
)
diagnostizierte Dr.
A._
(vorstehend E. 3.3)
eine Angst- und Depressions
krankheit. Die Beschwerdeführerin sei eine Schmerzpatientin, teilweise mit Ver
dacht auf Verdeutlichungstendenz (Ziff. 2.1). Sie arbeite zwar unter Schmerzen, würde ihr Pensum aber vielleicht sogar steigern. Er glaube aber, dass sie Angst habe, im Falle einer Steigerung der Arbeitsleistung die Invalidenrente zu verlie
ren. Ausser einer adäquaten Schmerztherapie brächte sicher ein regelmässiges körperliches Aufbautraining
Besserung
. Privat könne sie sich das aber nicht leisten (Ziff. 5.2).
5.4
D
er behandelnde
Psychiater Dr. med.
J._
,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
, diagnostizierte mit Bericht vom 15. August 2016 zuhanden der Beschwerdegegnerin (Urk. 9/168)
eine chronisch verlaufende depressive Störung, aktuell leicht bis mittelgradig ausgeprägt (Ziff. 1.1). Auch er hielt
fest, das Arbeitspensum von 60
%
bringe die Beschwerdeführerin zwar häufig an ihre Grenzen, sei aber längerfristig aus ihrer eigenen Sicht leistbar (Ziff. 1.4).
5.5
Es bleibt somit der Invaliditätsgrad anhand eines Einkommensvergleichs
bei einer Arbeitsfähigkeit von mindestens 60
%
in der jetzigen Tätigkeit als Hilfspflegerin
festzulegen.
5.6
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei aus
geglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), in Bezie
hung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie
nicht in
valid geworden wäre (sog. Valideneinkommen). Der Einkommens
ver
gleich
hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Er
werbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegen
übergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditäts
grad bestimmen lässt (sog. allgemeine Methode des Einkommensvergleichs; BGE 130 V 343 E. 3.4.2 mit Hinweisen).
5.7
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist für die Ermittlung des Validen
einkommens entscheidend, was die versicherte Person im Zeitpunkt des frühest
möglichen Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrschein
lichkeit als Gesunde tatsächlich verdient hätte. Dabei wird in der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen Einkommensentwicklung an
ge
passten Verdienst angeknüpft, da es empirischer Erfahrung entspricht, dass die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt worden wäre. Ausnah
men müssen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt sein (BGE 139 V 28 E. 3.3.2; 135 V 58 E. 3.1; 134 V 322 E. 4.1 mit Hinweis).
5.8
Die Beschwerdeführe
rin arbeitete von 1997 bis 2016
als Produktionsmitarbeiterin bei der
K._
beziehungsweise
deren Rechtsnachfolgerin
L._
Zürich. Das Pensum und daher auch das
Bruttoj
ahreseinkommen schwank
ten, wobei ersteres bei «mindestens» 50
%
und letztere
s
im Jahr 2004 bei Fr. 29'352.-
-
, im Jahr 2005 bei Fr. 16'399.-
-
und im Jahr 2006 bei Fr. 20'014.-
-
lag (Urk. 9/9, Urk.
9/74/3+6
, Urk. 9/79 S. 3
Mitte
).
Angesichts de
s schwankenden Pensums ist das Valideneinkommen
gestützt auf den
zuletzt erzielten
Stunden
lohn zu ermitteln.
Gemäss dem ausgefüllten Fragebogen
des Arbeitgebers
vom 31. Juli 2007 (Urk. 9/21/1-7) betrug der Stundenlohn ab 1. Januar 2006
ein
schliesslich des Anteils für den 13. Monatslohn bei
Fr.
23
.
94
(Ziff. 2.10), wobei die allgemeine Arbeitszeit im Betrieb bei 41 Stunden pro Woche lag (Ziff. 2.9).
Die Entlöhnung für ein 100
%
Pensum la
g somit pro Woche bei Fr. 981.55 (41
x
Fr.
23.94
) und pro Jahr bei rund Fr. 51’
040
.
--
brutto
(52
x Fr.
981.55), was sich mit der damaligen Berechnung durch die Beschwerdegegnerin deckt (vgl. Urk. 9/83 S. 7 Mitte).
Unter Berücksichtigung des Nominallohnindexes für
Frauen von 2'417 Punkten im Jahr 2006 und 2'719 Punkten im Jahr 2017 (Bundesamt für Statistik
, Entwicklung der Nominallöhne, der Konsumentenpreise und der Reallöhne,
1910-2018,
T 39) ergibt dies ein
Valideneinkommen von rund
Fr.
57'620
.--.
5.9
Mit Arbeitsvertrag vom 6. Februar 2014 zwischen dem
I._
und der Beschwerdeführerin wurde
ein
monatlicher Bruttolohn von Fr. 2'748.-
-
(x 13)
vereinbart (Urk. 7/1
S. 1 = Urk. 9/155
/1
), was einem
Bruttojahresein
kom
men
von Fr. 35'724.-
-
entspräche
. Im Jahr 2017 erzielte die Beschwerde
füh
rerin gesamthaft ein Bruttoeinkommen von Fr. 38'475.-
-
(Urk. 7/2 letzte Seite), was auf
die Leistung von Spät-, Nacht- und Wochenendeinsätzen
zurückzuführen sein dürfte
(vgl. Urk. 3)
.
5.10
Der Vergleich
des Valideneinkommens von Fr. 57‘620
.-- mit dem Invalidenein
kommen von Fr. 38‘475.-- ergibt
ein
e Einkommenseinbusse von Fr. 19‘145
.-- und mit rund 33
%
kei
nen rentenbegründenden Invaliditätsgrad. Bei diesem Ergebnis ste
ht der Beschwerdeführerin
keine Rente der Invaliden
versicherung zu, weshalb offen
bleiben kann, ob ihr – wie von der Beschwerdeg
egnerin geltend gemacht (vorstehend
E.
2.1
) – auch ein höheres Arbeitspensum als die derzeit erbrachten 60
%
zugemutet werden könnten
.
Die angefochtene Verfügung erweist sich demnach als rechtens, was zur Abwei
sung der Beschwerde führt.
6.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichts
kos
ten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzu
legen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr.
8
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Aus
gang des Verfahrens sind sie der
Beschwerdeführer
in
aufzuerlegen. Zufolge Gewährung der
unentgeltliche
n Prozessführung sind die Gerichtskosten einstwei
len auf die Gerichtskasse zu nehmen.