Decision ID: e70c42df-6e99-5800-81a5-f4b9dc5d0198
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X reichte am 24. September 2019 ein Gesuch um Erteilung eines Lernfahrausweises
der Kategorie B beim Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen
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ein. Diesem Gesuch legte er ein ärztliches Zeugnis bezüglich seiner Fahrtauglichkeit
vom 17. September 2019 und den Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik
Münsterlingen vom 18. Juni 2019 bezüglich seines Aufenthalts vom 5. Januar bis
18. Juni 2019 bei. Mit Schreiben vom 25. September 2019 führte das
Strassenverkehrsamt aus, es würden Zweifel an seiner Fahreignung bestehen, da bis
vor kurzem noch eine langjährige Abhängigkeitserkrankung (Alkohol, Drogen) sowie
eine psychische Erkrankung durch den Suchmittelmissbrauch vorgelegen habe.
Deshalb sei eine verkehrsmedizinische Untersuchung beim Institut für Rechtsmedizin
am Kantonsspital St. Gallen (IRM) vorgesehen. Es wurde ihm das rechtliche Gehör
gewährt, von welchem X mit Eingabe vom 2. Oktober 2019 Gebrauch machte. Mit
Verfügung vom 15. Oktober 2019 hielt das Strassenverkehrsamt an der Durchführung
der verkehrsmedizinischen Untersuchung fest und ordnete diese an.
B.- Dagegen erhob X mit Eingabe vom 19. Oktober 2019 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK). Er beantragte die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Ausstellung des Lernfahrausweises
für die Kategorie B. Auf seine Ausführungen wird, soweit erforderlich, in den
Erwägungen eingegangen. Das Strassenverkehrsamt verzichtete am 20. November
2019 auf eine Vernehmlassung.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sach-entscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 19. Oktober 2019 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- a) Im Rekurs ist umstritten, ob die Vorinstanz zu Recht an der Fahreignung des
Rekurrenten zweifelte und mit der angefochtenen Verfügung eine verkehrsmedizinische
Untersuchung anordnete. Die Frage, ob dem Rekurrenten ein Lernfahrausweis der
Kategorie B ausgestellt werden könne, war nicht Gegenstand der angefochtenen
Verfügung und somit in diesem Verfahren nicht Streitgegenstand. Auf den Antrag, ihm
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sei der Lernfahrausweis für die Kategorie B auszustellen, kann somit nicht eingetreten
werden.
b) Motorfahrzeugführer müssen über Fahreignung und Fahrkompetenz verfügen
(Art. 14 Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01, abgekürzt: SVG). Gemäss
Art. 14 Abs. 2 verfügt über Fahreignung, wer das Mindestalter erreicht hat (lit. a), die
erforderliche körperliche und psychische Leistungsfähigkeit zum sicheren Führen von
Motorfahrzeugen hat (lit. b), frei von einer Sucht ist, die das sichere Führen von
Motorfahrzeugen beeinträchtigt (lit. c) und nach seinem bisherigen Verhalten Gewähr
bietet, als Motorfahrzeugführer die Vorschriften zu beachten und auf die Mitmenschen
Rücksicht zu nehmen (lit. d). Bestehen Zweifel an der Fahreignung einer Person, so
wird diese einer Fahreignungsuntersuchung unterzogen (Art. 15d Abs. 1 SVG). Der
Nachweis, dass der Bewerber über die erforderliche körperliche und psychische
Leistungsfähigkeit zum sicheren Führen von Motorfahrzeugen verfügt, ist gemäss
Art. 14a Abs. 1 lit. b SVG Voraussetzung zur Erteilung des Lernfahrausweises. Auch bei
dieser Bestimmung geht es um den Nachweis der Fahreignung, sie deckt sich mit
Art. 14 Abs. 2 SVG (vgl. Ph. Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl.,
Zürich/St. Gallen 2015, Art. 14a SVG N 4). Die medizinischen Mindestanforderungen für
den Erwerb eines Lernfahrausweises sind in Art. 7 Abs. 1 der
Verkehrszulassungsverordnung (SR 741.51, abgekürzt: VZV) bzw. im Anhang 1 zur VZV
geregelt. Unter Ziffer 3 des Anhangs 1 ist festgehalten, dass keine Abhängigkeit und
kein verkehrsrelevanter Missbrauch von Alkohol, Betäubungsmitteln und psychotrop
wirksamen Medikamenten vorliegen dürfe. Eine verkehrsmedizinische Untersuchung
dient unter anderem der Abklärung, ob die medizinischen Mindestanforderungen erfüllt
sind. Ein verkehrsmedizinisches Gutachten drängt sich immer dann auf, wenn die
konkreten Umstände hinreichend verdichtete Hinweise darauf liefern, dass die
betroffene Person von einer die Fahrfähigkeit beeinträchtigenden Substanz abhängig
sein könnte (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_282/2007 vom 13. Februar 2008
E. 2.3).
3.- a) Die Vorinstanz begründet die Anordnung der verkehrsmedizinischen
Untersuchung in der angefochtenen Verfügung damit, dass beim Rekurrenten bis vor
kurzem eine langjährige Abhängigkeitserkrankung (Alkohol, Drogen) sowie eine
psychische Erkrankung durch den Suchtmittelmissbrauch vorgelegen habe. Der
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Rekurrent wendet dagegen ein, dass die einzelnen Tatbestände von Art. 15d Abs. 1
lit. a bis e SVG nicht vorliegen würden. Die von ihm eingereichten ärztlichen Berichte
würden zudem keine Hinweise auf eine Einschränkung der körperlichen oder geistigen
Leistungsfähigkeit liefern, was gegen die Anwendung der Generalklausel von Art. 15d
Abs. 1 SVG sprechen würde.
b) Der Rekurrent reichte mit dem Gesuch um Erteilung eines Lernfahrausweises der
Kategorie B unter anderem den Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik
Münsterlingen vom 18. Juni 2019 ein. Danach war er dort vom 5. Januar bis 18. Juni
2019 hospitalisiert. Als Diagnosen wurden eine mittelgradige depressive Episode, eine
psychische und Verhaltensstörung durch Alkohol (schädlicher Gebrauch) sowie
psychische und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide (Abhängigkeitssyndrom)
gestellt. Grund für den freiwilligen Eintritt in die Klinik sei ein krisenhafter depressiver
Stimmungseinbruch mit starken Suizidgedanken bei bestehender langjähriger
Suchterkrankung auf Alkohol und Cannabinoide gewesen. Auslöser des krisenhaften
Stimmungseinbruchs sei der Vorabend der Aufnahme in die Klinik gewesen, als er
Benzodiazepine und Alkohol konsumiert habe.
c) Gestützt auf die medizinischen Unterlagen ist erstellt, dass beim Rekurrenten eine
langjährige Suchterkrankung auf Alkohol und Cannabinoide vorlag. Hinzu kommt auch
der Konsum von Benzodiazepinen. Nach der stationären Behandlung in der
Psychiatrischen Klinik Münsterlingen wird bezüglich Alkohol und Cannabinoide von
einer Abstinenz im geschützten Rahmen berichtet. Der Hausarzt wies am
17. September 2019 auf eine sehr gute Stabilisierung hin. Nach eigenen Angaben ist
der Rekurrent seit sieben Monaten trocken. Hierbei ist jedoch festzuhalten, dass der
grösste Teil dieser sieben Monate auf die Zeit der stationären Hospitalisation und somit
während eines geschützten Rahmens fällt. Nach der Rechtsprechung kann der
Nachweis, dass eine Sucht überwunden ist, nur durch Einhaltung einer mindestens
einjährigen kontrollierten Totalabstinenz erbracht werden. Liegt ein solcher Nachweis
nicht vor, ist eine Suchtgefährdung zu bejahen (vgl. BGer 1C_147/2017 vom 22. Juni
2017 E. 3.5 und 6A.66/2004 vom 7. Dezember 2004 E. 3.2). Auch wenn sich der
Rekurrent gestützt auf die Arztberichte erfreulich entwickelt hat, bedarf es noch einer
Kontrolle durch verkehrsmedizinische Experten, um eine Suchtgefährdung
ausschliessen zu können. Dies ist nicht nur im Interesse der Verkehrssicherheit,
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sondern auch im eigenen wohlverstandenen Interesse des Rekurrenten. Demnach
durfte die Vorinstanz zu Recht darauf bestehen, dass die Fahreignung des Rekurrenten
vorab verkehrsmedizinisch abzuklären sei.
d) Entgegen der Ansicht des Rekurrenten stellt die Anordnung einer
verkehrsmedizinischen Untersuchung mit der Durchführung einer Haaranalyse keinen
empfindlichen Eingriff in eine Grundrechtsposition des Betroffenen dar. Angesichts der
erheblichen Gefahr, die von einem ungeeigneten Fahrzeugführer für andere
Verkehrsteilnehmer ausgeht, überwiegt in einem solchen Fall das Interesse der
Verkehrssicherheit. Nach dem Verursacherprinzip hat er die Kosten der
verkehrsmedizinischen Untersuchung zu bezahlen (vgl. BGer 1C_163/2007 vom 4. Juli
2007 E. 4). Sollte die Fahreignung aus verkehrsmedizinischer Sicht bejaht werden und
sind die übrigen Voraussetzungen erfüllt, kann der Lernfahrausweis erteilt werden.
Soweit der Rekurrent geltend macht, beruflich auf den Lernfahrausweis angewiesen zu
sein, kann er nichts zu seinen Gunsten ableiten, da auch in einem solchen Fall die
Fahreignung vorausgesetzt ist.
e) Zusammenfassend ist beim Rekurrenten der Nachweis einer Überwindung der
ärztlich dokumentierten Sucht auf Alkohol und Cannabinoide zufolge ausstehender
verkehrsmedizinischer Untersuchung noch nicht erbracht. Somit bestehen gestützt auf
Art. 15d Abs. 1 in Verbindung mit Art. 14 Abs. 2 lit. c SVG Zweifel an der Fahreignung.
Die Vorinstanz hat somit zu Recht eine verkehrsmedizinische Untersuchung
angeordnet. Der Rekurs erweist sich als unbegründet und ist abzuweisen, soweit
darauf einzutreten ist.
4.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Rekurrenten
zu bezahlen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 800.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist damit zu verrechnen und im Restbetrag von
Fr. 400.– zurückzuerstatten. Zufolge Abweisung des Rekurses sind keine
ausseramtlichen Kosten zu entschädigen (Art. 98 VRP).
Entscheid auf dem Zirkulationsweg (Art. 58 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 3
VRP und Art. 8 Abs. 1 lit. b des Reglements über den Geschäftsgang der
Verwaltungsrekurskommission, sGS 941.223):
bis
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1. Der Rekurs wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.
2. Der Rekurrent hat die amtlichen Kosten von Fr. 800.– zu bezahlen. Der Kosten-
vorschuss von Fr. 1'200.– wird damit verrechnet und im Restbetrag von Fr. 400.–
zurückerstattet.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Verwaltungsrekurskommission, 26.03.2020 Art. 14 Abs. 2 lit. c, Art. 15d Abs. 1 SVG (SR 741.01). Im Rahmen eines Gesuchs um Erteilung eines Lernfahrausweises ordnete das Strassenverkehrsamt zu Recht eine verkehrsmedizinische Untersuchung an. Denn bis vor Kurzem bestanden noch eine langjährige Abhängigkeitserkrankung (Alkohol, Drogen) und eine psychische Erkrankung; Zweifel an der Fahreignung sind damit gegeben (Verwaltungsrekurskommission, Abteilung IV, 26. März 2020, IV-2019/177).
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2021-09-19T01:11:00+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen