Decision ID: e1425d4c-3cb0-479a-903d-059b2aa03252
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Die 1963 geborene und zuletzt bis Dezember 2017 als Serviceangestellte tätig gewesene
X._
meldete sich unter Hinweis auf
diverse Beschwerden respektive
einen Kurzaustrittsbericht
des Universitätsspitals
Y._
,
Rheumaklinik und Institut für Physikalische Medizin (
Urk.
8/13/3-4)
,
am
7.
März 2012
erstmals
bei der Invalidenversicherung
zum Leistungsbezug an (
Urk.
8/2).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, tätigte medizinische und erwerbliche Abklärungen
, zog die Akten des Krankentag
geld
versicherers bei (
Urk.
8/13
,
Urk.
8/19
und
Urk.
8/34
), verneinte den Anspruch auf berufliche Eingliederungsmassnahmen (
Urk.
8/16) und legte der Versicherten eine Schadenminderungspflicht
, in Form der Durchführung einer ant
i
depressiven, per
sön
lichkeitsstärkenden Therapie
,
auf (
Urk.
8/
28). Nach durchgeführtem
Vorbe
scheid
verfahren
wies sie das Leistungsbegehren mit Verfügung vom 2
7.
Mai 2014 (
Urk.
8/65) ab.
1.2
Am 2
5.
Mai 2018 (
Urk.
8/66) meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf Depressionen,
ein
Burnout,
ein
chronisches Schmerzsyndrom, Asthma bronchiale
sowie
eine
allergische
Rhinopathie
erneut zum Leistungsbezug an. Die IV-Stelle tätigte wiederum medizinische Abklärungen und zog die Akten des Krankentag
geldversicherers bei (
Urk.
8/67). Mit Vorbescheid vom 1
8.
März 2019 (
Urk.
8/85) stellte sie die Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht. Nach erfolgten Ein
wänden vom 2
1.
März 2019 (
Urk.
8/86), 2
7.
Juni 2019 (Urk. 8/97) und 1
1.
Juli 2019 (
Urk.
8/100) wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren mit Verfügung vom
5.
März 2020 (
Urk.
2) ab.
2.
Dagegen erhob die Versicherte am
3.
April 2020 Beschwerde (
Urk.
1) und be
antragte,
die Verfügung vom
5.
März 2020 sei aufzuheben, ihr seien die gesetz
lichen Leistungen, insbesondere eine ganze Invalidenrente zuzusprechen und eventualiter sei die Sache für weitere Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte sie
unter Beilage diverser Unterlagen (
Urk.
3/3-13)
die Gewährung der unentgeltlichen Prozess
füh
rung
sowie
die Bestellung einer unentgeltlichen Rechtsvertretung (
Urk.
1
S. 2).
Mit Gerichtsverfügung vom 14. April 2020 (Urk. 5) wurde der Beschwerde
geg
nerin die Beschwerde sowie der Beschwerdeführerin das Formular zur Abklärung der prozessualen Bedürftigkeit zugestellt, welches diese am 14. Mai 2020 unter Einreichung zusätzlicher Unterlagen retournierte (Urk. 9 bis 11). Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 1
1.
Mai 2020 (
Urk.
7) die Abweisung der
Beschwerde, was der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 22. Mai
2020 (
Urk.
12
) zur Kenntnis gebracht wurde.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil
des Sozialversicherungsrechts [
ATSG
]
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades
verweigert, so wird nach Art. 87 Abs. 3 IVV eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die Voraus
setzungen gemäss Abs. 2 dieser Bestimmung erfüllt sind. Danach ist im Revi
sionsgesuch glaubhaft zu machen, dass sich der Grad der Invalidität der versi
cherten Person in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat.
Ergibt die Prüfung durch die Verwaltung, dass
die Vorbringen
der versicherten Person nicht glaubhaft sind, so erledigt sie das Gesuch ohne weitere Abklärungen durch Nichteintreten. Tritt die Verwaltung auf die Neuanmeldung ein, so hat sie die Sache materiell abzuklären und sich zu vergewissern, ob die von der ver
sicherten Person glaubhaft gemachte Veränderung des Invaliditätsgrades auch tatsächlich eingetreten ist; sie hat demnach in analoger Weise wie bei einem Revisionsfall nach Art. 17 Abs. 1 ATSG vorzugehen (BGE 117 V 198 E. 3a, vgl. auch BGE 133 V 108 E. 5.2). Stellt sie fest, dass der Invaliditätsgrad seit Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zunächst noch zu prüfen, ob die festgestellte Veränderung genügt, um nunmehr eine anspruchsbegründende Inva
lidität zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefall obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (BGE 117 V 198 E. 3a, 109 V 108 E. 2b).
1.4
Ein Revisionsgrund im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG betrifft Änderungen in den persönlichen Verhältnissen der versicherten Person (BGE 133 V 454 E. 7.1). Dazu gehört namentlich der Gesundheitszustand. Dabei ist nicht die Diagnose massgebend, sondern in erster Linie der psychopathologische Befund und der Schweregrad der Symptomatik. Aus einer anderen Diagnose oder einer unter
schiedlichen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit aus medizinischer Sicht allein kann somit nicht auf eine für den Invaliditätsgrad erhebliche Tatsachenänderung geschlossen werden (Urteil des Bundesgerichts 9C_602/2016 vom 14. Dezember 2016 E. 5.1 mit weiteren Hinweisen).
Das Hinzutreten einer neuen Diagnose stellt nicht per se einen Revisionsgrund dar, weil damit das quantitative Element der (erheblichen) Gesundheitsver
schlechterung nicht zwingend ausgewiesen ist (BGE 141 V 9 E. 5.2 mit Hin
wei
sen). Massgebend ist einzig, ob bzw. in welchem Ausmass – unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie – den medizinischen Akten eine Verschlechterung der Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit im relevanten Zeitraum entnommen werden kann (vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_664/2017 vom 25. Januar 2018 E. 9 und 9C_799/2016 vom 21. März 2017 E. 5.2.1 mit weiteren Hinweisen).
1.5
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer
Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.6
08.2018
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene leistungsabweisende Ver
fü
gung vom
5.
März
2020 (
Urk.
2) damit, dass bei der Beschwerdeführerin per
sönliche Sorgen wie Jobverlust, die Erkrankung ihres Hundes und die bel
astende Wohnsituation genannt wü
rden. Diese Sorgen seien nachvollziehbar, jedoch sei eine Arbeitsunfähigkeit aufgrund solcher Sorgen in der Invalidenversicherung nicht versichert.
Ein strukturiertes Beweisverfahren werde nur dann durchgeführt, wenn eine gesundheitliche Beeinträchtigung mit dauerhafter Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit festgestellt werde, was vorliegend nicht der Fall sei. Auch im Rahmen des Einwands seien keine neuen unberücksichtigten Fakten vorgebracht worden.
Es bestehe keine langandauernde und erheblich
e
gesundheitsbedingte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit.
2.2
Dagegen wandte die Beschwerdeführerin ein (
Urk.
1),
mit Blick auf die Einschät
zung der behandelnden Ärzte vermöge die Argumentation der Beschwerdegeg
nerin nicht zu überzeugen. Insbesondere könne auf die Stellungnahme des regio
nalen ärztlichen Dienstes (RAD) nicht abgestellt werden. Diese genüge den rechtlichen Anforderungen an den Beweiswert nicht. Darüber hinaus missachte die Beschwerdegegnerin die Rechtsprechung zur Prüfung der Standardindika
to
ren bei Vorliegen einer psychischen Erkrankung
(S. 4)
.
Aufgrund der Akten werde deutlich, dass ein
chronifizierter
verselbständigter Gesundheitsschaden vorliege. Die psychische Beeinträchtigung könne nicht allein auf psychosoziale Faktoren zurückgeführt werden. Vielmehr sei davon auszugehen, dass ihre Ressourcen
gänzlich erschöpft seien. Hinzu kämen weitere somatische Diagnosen und ein chronisches Schmerzsyndrom, wozu die Beschwerdegegnerin keine aktuellen Abklärungen getroffen habe
(S. 9). Es stehe fest, dass sie aufgrund eines invalidi
sierenden Gesundheitsschadens, insbesondere einer
chronifizierten
depressiven Störung sowie einer Persönlichkeitsstörung, in ihrer Leistungsfähigkeit erheblich eingeschränkt sei. Aktuell sei von einer maximalen Arbeitsfähigkeit von 20
%
auszugehen (S. 10 f.).
2.3
Strittig und zu prüfen ist eine relevante Veränderung des Gesundheitszustands
der Beschwerdeführerin bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung vom 5. März
2020 (
Urk.
2). Vergleichsbasis im vorliegenden Neuanmeldeverfahren bildet die rechtskräftige
,
unangefochtene Verfügung vom 2
7.
Mai 2014 (Urk. 8/65), welche auf einer materiellen Prüfung der Leistungsansprüche beruhte.
3.
3.1
Die leistungsabweis
ende Verfügung
vom 2
7.
Mai 2014 fusste
im Wesentlichen
auf folgenden
Unterlagen.
3.2
Die zuständigen Fachärzte von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am
Y._
,
Dr.
med.
Z._
und
Dr.
med.
A._
, hielten in
ihrem Bericht vom 1
6.
Juli 2012
(
Urk.
8/32)
zu den
Diagnose
n fest, bei der Beschwerdeführerin bestehe der Verdacht auf eine leicht- bis mittelgradig
rezidivierende depressive Störung
(ICD-10: F33.1)
. Zudem bestehe ein Schmerzsyndrom der Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule sowie der Verdacht auf
ein
beidseitiges Carpaltunnel
syndrom
(S. 1).
Die depressive Störung äussere sich klinisch durch eine gedrückte Stimmung, leichte Antriebsminderung und anamnestisch mindestens seit Juni 2011 durch Ein- und Durchschlafstörungen. Als möglicher
depressogener
Faktor erweise sich eine schwierige Partnerschaft und Kündigung durch den letzten Arbeitgeber nach einem Krankenstand in der Dauer von sieben Monaten (S. 1).
3.3
Im Bericht über die Arbeitsbezogene Rehabilitation (ABR) vom
8.
August 2012 (
Urk.
8/23/4-10) führten die
zuständigen
Ärzte der Rheumaklinik, Physiotherapie und Ergotherapie des
Y._
folgende Diagnosen auf (S. 4):
-
Zervikospondylogenes
Schmerzsyndrom beidseits (M53.1, EM 1995)
-
Hypermobilität C3/C4, Hypomobilität C5/
6
-
MRI
Halswirbelsäule
15.11.2011 (Spital
B._
): deutliche
Osteo
chondrose
im Segment HWK 4/5, begleitend rechts para
mediane Hernie mit
höhergradiger
Einengung des rechten
Foramens
; deutliche
Osteo
chondrose
im Segment HWK 5/6 mit überwiegend
ossärer
Einengung des rechtsseitigen
Foramens
rechts,
höhergradig
imponierend
-
Thorakovertebrales
Schmerzsyndrom (M54.6)
-
MRI
Brustwirbelsäule
15.11.2011 (Spital
B._
): rechts para
mediane Diskushernie im Segment
Th
1/2 sowie im Segmen
t
Th
2/3, hier mit
foraminaler
Enge rechts, keine
Myelonkompression
; kleiner Prolaps
Th
9/10 recht
s
-
Lumbospondylogenes
Schmerzsyndrom beidseits (M54.4)
-
MR
I
Lendenwirbelsäule
15.11.2011 (Spital
B._
):
Osteochondrose
mit
Bandscheibenbulging
und Einriss des
Anulus
fibrosus
im Segment LWK
3/4, Facettengelenksarthrose
Dazu führten sie aus, zu Beginn der Rehabilitation (am
9.
Mai 2012) habe sich eine Bewegungseinschränkung um 1/3 für die Rotation nach links bei eine
r Funk
tionsstörung im Segment C
1/2 mit ausgeprägten
myofaszialen
Begleitsymptomen gefunden. Eine Röntgenabklärung der Halswirbelsäule inklusive Funktionsauf
nahmen habe eine
ossäre
Läsion oder eine
os
t
eoligamentäre
Instabilität der Hals
wirbelsäule ausschliessen können. Unter Selbstbehandlung der muskulären Ver
spannungen und Rehabilitationstraining hätten sich diese Befunde im Verlauf zurückgebildet (S. 4).
Zur Arbeitsfähigkeit gaben sie an, aufgrund einer noch bestehenden Beschwer
dekumulation im Tagesverlauf seien vermehrt Pausen einzulegen, kumulativ etwa 1.5 Stunden pro Tag. Es sei somit von einer Leistungsminderung von ca. 15
%
auszugehen. Aus rein rheumatologischer Sicht würde sich somit eine zumutbare Arbeitsfähigkeit von 85
%
ergeben. Aus psychiatrischer Sicht sei keine klare Stellung zur Arbeitsfähigkeit bezogen worden. Gemäss telefonischer Rücksprache mit dem behandelnden Psychiater sei die zumutbare Arbeitsfähigkeit aus psy
chiatrischer Sicht während der Betreuung in der ABR auf 50
%
eingeschätzt
worden (bei mittelschwerer depressiver Symptomatik). Aufgrund der eingetre
tenen
psychischen Stabilisierung könne aber davon ausgegangen werden, dass die Arbeitsfähigkeit auch aus psychiatrischer Sicht heute höher liege. Längerfristig sei aus rein rheumatologischer Sicht mit dem Erreichen einer vollen Arbeits
fähigkeit in der angestammt
en Arbeitstätigkeit zu rechnen (S. 2 f.). In einer angepassten Tätigkeit ergebe sich aus rein rheumatologischer Sicht eine zumut
bare Arbeitsdauer von 8 Stunden pro Tag, entsprechend einer medizinisch-theo
retischen Arbeitsfähigkeit von 100
%
(S. 3).
4.
4.1
Im vorliegend zur Beurteilung stehenden Neuanmeldeverfahren fanden im Wes
entlichen
die
folgende
n
Berichte Eingang in die Akten:
4.2
Dr.
med.
C._
, Fachärztin für Rheumatologie FMH, hielt in ihrem Bericht vom 1
4.
Mai 2019 (
Urk.
8/99) folgende Diagnosen fest (S. 1):
-
Mögliche axiale
Spondyloarthritis
EM 3
8.
Lebensjahr 2001,
Erstdiagnose
7.
Mai 2019
-
Panvertebrales Syndrom mit
-
Chronischem
cervicovertebralem
,
cervicocephalem
Syndrom,
thorako
lum
bovertebrales
Syndrom
-
Chronisches
Thorakolumbovertebralsyndrom
-
Periarthropathia
coxae
beidseits
-
Epicondylopathia
humeri
ulnaris
beidseits
,
Erstdiagnose
9.
April 2019
-
Fibromyalgie
-
Persistierender Vitamin-D-Mangel trotz Substitution
,
Erstdiagnose 11.
April 2019
-
Knapper Eisenspeicher
,
Erstdiagnose 1
1.
April 2019
-
Gonalgie
rechts
-
Hypästhesie beider Vorderarme und Hände beidseits unklarer Genese
-
Chronische Diarrhoe 4x-8x/Tag
-
Sigmadivertikulose
-
Gastrooesophageale
Reflux
De
sease
mit Laryngitis und Pharyng
itis
gastrica
-
Adipositas BMI 38 kg/m
2
-
22 mm, gerin
g
hyperintense
Raumforderung im rechten Leberlappen unklarer Dignität MRI Mai 2019
-
Diabetes mellitus Typ 2 (Erstdiagnose Juni 2017)
-
Mittelgradige rezidivierende depressive Störung
-
Gürtelrose thorakal rechts 2015
Dr.
C._
führte aus, das Ganzkörper MRI Bechterew Programm im
D._
am
7.
Mai 2019 habe geringe
erosive
Veränderungen am ISG beidseits gezeigt, recht
s
mit leichtem aktive
m
Reizzustand im Sinne einer geringen aktiven ISG-Arthritis. Es sei entsprechend eine
Spondyloarthritis
möglich. Sonst bestünden an der Wirbelsäule eher degenerative Veränderungen (S. 3).
4.3
Dr.
med.
E._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, führte in seinem Bericht vom
8.
Januar 2020 (
Urk.
8/106) folgende Diagnosen mit Aus
wirkung auf die Arbeitsfähigkeit auf (S. 1):
-
IC
D-10: F
60.7, abhängige Persönlichkeitsstörung (seit Adoleszenz)
-
ICD-10: F45.4, anhaltende somatoforme Schmerzstörung (seit 2000)
-
ICD-10: F33.11, rezidivierende depressive Störungen
-
mittelgradige Episode
-
seit Ende 2011 chronisch fluktuierender Verlauf
Die nähere Krankengeschichte der Beschwerdeführerin beginne im Alter von 41 Jahren mit der Trennung von ihrem damaligen Lebenspartner nach sieben Jahren Beziehung. Seit dann bestehe eine Zunahme der vorbestehenden Labilität im Gemüt mit Stimmungsschwankungen, Ängsten, depressiver Grundstimmung und Verstimmungen, psychischer und physischer Erschöpfung und eine Zurückgezo
genheit mittleren Grades. Ab 2011 best
ü
nden zusätzlich akute Rückenschmerzen. Seither bestehe ein chronischer Symptomverlauf der Rückenschmerzen, die somatisch nicht eindeutig geklärt seien. Seit 2011 sei
die Beschwerdeführerin
psychisch und physisch labil, sei durch die chronischen Rückenschmerzen und die wiederkehrenden depressiven Erschöpfungszustände dauerhaft geschwächt geblieben. Ab Juli 2013 habe sie
in einem Pensum von
6
0
% gearbeitet, um sich vor einer weiteren Entkräftung zu schützen
.
S
ie habe sich dennoch dauerhaft psychisch und körperlich krank und am Rande eines Zusammenbruchs gefühlt. Nach einem Pächterwechsel habe sie zu 100
%
arbeiten müssen und letztlich sei es zur psychischen Dekompensation gekommen. Die Stelle sei ihr gekündigt worden und sie sei seit Ende 20
1
7 arbeitslos und arbeitsunfähig geschrieben.
An
fang 2018 sei für zwei Monate eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behand
lung im Sanatorium
F._
erfolgt, was ihren Zustand etwas stabilisiert habe. Kaum sei sie zu Hause angekommen, sei sie erneut depressiv geworden. Über die Invalidenversicherung sei im Jahr 2018 ein Training in der Tagesklinik der
G._
erfolgt, wobei festgestellt worden sei, dass die Beschwerdeführerin maximal 20 % arbeitsfähig sei
(S. 2).
Zur Mini-ICF-APP gab
Dr.
E._
an, die Beschwerdeführerin sei in fast allen Bereichen der Aktivität und Partizipation erheblich eingeschränkt. Mittelgradig bis schwer, also mit deutlichen Problemen, negativen Konsequenzen und mit wes
entlich eingeschränkter Rollenerwartung seien
so die
Flexibilität und Umstel
lungsfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit, Durchhaltefähigkeit, die Selbstbehaup
tung, die Kontaktfähigkeit zu Dritten, die Gruppenfähigkeit, die familiären und intimen Beziehungen sowie Spontanaktivitäten
eingeschränkt (S.
3).
Bei der Beschwerdeführerin bestehe unter dieser chronischen psychischen und physischen Symptomatik noch eine Arbeitsfähigkeit von 20
%
in angestammter Tätigkeit. Da schon alltägliche Begegnungen und Anforderungen ausser Haus zu einer ängstlichen Verstimmung und Ängsten führen würden, bedürfe es zum Gelingen einer Tätigkeit allenfalls einer der labilen Situation angepassten Stelle bis 20
%
. Der ungünstige Krankheitsverlauf seit 2011, die Entkräftung und Ab
nahme der persönlichen Ressourcen sowie das Vorliegen der Komorbidität mit Persönlichkeitsstörung, chronischer depressiver Störung und somatoformer Schmerzstörung würden die Prognose für eine Zustandsverbesserung deutlich ungünstig machen und es sei sehr wahrscheinlich, dass sich die Belastbarkeit auch langfristig nicht werde verbessern lassen (S. 4).
5.
5.1
Aufgrund der im Neuanmeldungsverfahren aufgelegten medizinischen Unterla
gen bestehen gewisse Anhaltspunkte, dass sich der Gesundheitszustand der Be
schwerdeführerin seit der letztmaligen Rentenprüfung vom 2
7.
Mai 2014 (vgl. E. 2.3)
verändert haben könnte
.
5.2
Zunächst ist zu bemerken, dass aus rheumatologischer Sicht im Bericht von Dr.
C._
(vgl. E. 4.2) gewisse Diagnosen aufgeführt werden, welche im ABR (vgl. E. 3.2) noch nicht vorhanden waren.
So wurden im ABR insbesondere das
zervikospondylogene
,
das
thorakovertebrale
sowie
das
lumbospondylogene
Schmerz
syndrom aufgeführt
(
Urk.
8/23/4).
Im aktuellsten (rheumatologischen) Bericht von
Dr.
C._
vom 1
4.
Mai 2019 werden zusätzlich zu den zuvor ge
nannten die Diagnosen einer möglichen axialen
Spondyloarthritis
, einer
Periar
thropathia
coxae
sowie einer
Epicondylopathia
humeri
ulnaris
festgehalten (
Urk.
8/99). Seit dem früheren Bericht aus dem Jahr 2012 und der leistungs
abweisenden Verfügung vom 2
7.
Mai 2014 liegen aus somatischer Sicht folglich neue Befunde vor, welche möglicherweise für sich oder im Zusammenspiel mit den weiter
en L
eiden Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
der
Be
schwerdeführerin
haben
könnten
.
Zumal
Dr.
C._
in seinem Bericht keine Angaben zur Arbeits
fähigkeit der Beschwerdeführerin macht, lässt sich gestützt auf die vorhandenen ärztlichen Angaben die Frage der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit nicht abs
chlies
send beantworten. Namentlich kann
aber auch
auf die Einschätzung der RAD-Ärztin,
Dr.
H._
(
Urk.
8/111/3), wonach aus dem Bericht von
Dr.
C._
keine wesentlichen neuen medizinischen Sachverhalte hervorgehen
,
nicht abge
stellt werden.
So führte sie aus, im Jahr 2012 sei eine umfassende rheumatische Untersuchung durchgeführt worden (vgl. Urk. 8/111/3), wobei eine vollständige
Arbeitsfähigkeit festgestellt worden sei.
Diesbezüglich ist anzumerken, dass e
ine
im Verfügungszeitpunkt über sieben Jahre zurückliegende
Untersuchung vorlie
gend nicht zur Beurteilung
der
aktuellen ge
sundheitlichen Verfas
sung der Be
schwerdeführerin her
angezogen werden
kann
.
Es ist zudem darau
f
hinzuweisen, dass am
7.
Mai 2019 ein Ganzkörper MRI durchgeführt und i
m
Rahmen dessen unter anderem eine geringe ISG-Arthritis recht
s
festgestellt wurde, womit die Untersuchungen im Jahr 2012 als überholt zu gelten haben.
Ob aus somatischer Sicht im Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung eine etwaige Arbeitsunfähigkeit bestanden hat, kann
folglich
nicht beurteilt werden.
5.3
Aus psychiatrischer Sicht
wurde bei der Beschwerde
führerin bereits im Jahr 2012 eine leicht- bis mittelgradig
e
rezidivierende depressive Störung diagnostiziert (
U
rk.
8/32).
Durch das Sanatorium
F._
wurde anschliessend eine mittel
gradige depressive Episode (
Urk.
8/67/37-38), durch
Dr.
I._
eine rezidivie
rende
depressive Störung gegenwärtig schweren Grades (
Urk.
8/67/66), durch die
G._
eine rezidivierende depressive Störung gegenwärtig mittelgradige Episode (
Urk.
8/76 und
Urk.
8/80) und schliesslich durch
Dr.
C._
ebenfalls eine rezidi
vierende depressive Störung gegenwärtig mittelgradige Episode (
Urk.
8/99)
diag
nostiziert
.
Neben der depressiven Störung stellte
Dr.
I._
differentialdiagnos
tisch eine
dependente
Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.7), eine chronische posttraumatische Symptomatik (ICD-10: F43.1), Kontrollzwänge (ICD-10: F42.1) sowie psychische Verhaltensstörungen durch
Cannabinoide
und Opioide (ICD-10: F12.1 und F11.1) fest (
Urk.
8/67/66). Neben den bereits genannten diagnosti
zierten die Fachärzte der
G._
ausserdem eine Panikstörung (ICD-10: F41.0;
Urk.
8/76 und
Urk.
8/80). Zur Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
gab
Dr.
I._
an, aufgrund der ausgeprägten psychiatrischen Symptomatik bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (Urk. 8/67/73). Die
G._
ging
ebenso wie
Dr.
E._
(vgl. E.
4.3)
bei ihrer Einschätzung von einer maximal 20%igen Arbeitsfähigkeit aus (
Urk.
8/76/8 und
Urk.
8/80/3).
Am 21. Februar 2019 sowie 25. Februar 2020 nahm Dr. med.
H._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, für den Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) Stellung zu den genannten Arztberichten (Urk. 8/83 S. 5 ff., 8/111 S.
4). Sie hielt fest, einer depressiven Episode fehle gemäss Definition der Charakter der Dauerhaftigkeit, zudem seien nicht alle Therapieoptionen genutzt worden. Eine Panikstörung lasse sich durch Expositionstraining behandeln. Da die Zwangsstörung bereits vor der Arbeitsunfähigkeit bestanden habe, sei von keiner Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit auszugehen. Daneben bestünden erhebliche psychosoziale Belastungen (Urk. 8/83 S. 6-7). Vor dem Hintergrund dessen, dass sowohl im Bericht des Sanatoriums
F._
vom 16. März 2018
(Urk. 8/67 S. 37) als auch in demjenigen von Dr.
I._
psychosoziale Belas
tungen genannt werden (Urk. 8/67 S. 53), ist der RAD-Ärztin darin beizpflichten, dass eine Abgrenzung dieser Belastungen von einem allfällig vorhandenen Gesundheitsschaden unabdingbar erscheint. In allen Berichten der behandelnden Fachpersonen wurde dies indes unterlassen. Bereits aus diesem Grund vermögen diese nicht zu überzeugen. Weiter ist zu berücksichtigen, dass in den Berichten darauf hingewiesen wird, dass die psychiatrischen Einschränkungen seit Jahren bestehen würden. So führte Dr.
E._
aus, die von ihm diagnostizierte Persön
lichkeitsstörung würde seit der Adoleszenz bestehen, die anhaltende somatoforme Schmerzstörung seit dem Jahr 2000 und die rezidivierenden depressiven Episoden seit Ende 2011 in einem chronisch fluktuierenden Verlauf (Urk. 8/106 S. 1). Damit erscheint fraglich, inwiefern sich die Arbeitsfähigkeit seit Erlass der rentenab
wei
senden Verfügung vom 27. Mai 2014 verändert haben sollte. Da Dr.
H._
die Versicherte nicht persönlich untersuchte, sondern eine reine Aktenbeurteilung vornahm, eignet sich jedoch auch ihre Stellungnahme nicht als Entscheidungs
grundlage, insbesondere da gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung die klinische Untersuchung mit Anamneseerhebung, Symptomerfassung und Verhal
tens
beobachtung entscheidend ist für die Beurteilung des psychischen Gesund
heitszustandes (Urteil des Bundesgerichts 9C_728/2018 vom 21. März 2019 E. 3.3).
5.4
Bei dieser Sachlage ist festzuhalten, dass sich der Gesundheitszustand der Be
schwerdeführerin dauerhaft verschlechtert haben könnte, aber eine schlüssige Beurteilung des Gesundheitszustands und dessen Auswirkungen auf die Arbeits
fähigkeit aufgrund der vorliegenden Akten nicht möglich ist und sich der medi
zinische Sachverhalt sowohl in psychischer als auch in somatischer Hinsicht als ergänzungsbedürftig erweist. Die Sache ist daher unter Aufhebung der ange
fochtenen Verfügung vom
5.
März 2020 (Urk. 2) an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie weitere medizinische Abklärungen tätige, namentlich eine
bidisziplinäre
Begutachtung durchführen lasse und gestützt darauf in Be
rücksichtigung des gesundheitlichen Verlaufs erneut über die Leistungs
an
sprüche
der Beschwerdeführerin
entscheide.
In dem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
6.
6.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrens
aufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 800.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind
sie der unterliegenden Beschwer
degegnerin aufzuerlegen.
Damit erweist sich das Gesuch
der Beschwerdeführerin
um unentgeltli
che Pro
zessführung (Urk. 1 S. 2
) als gegenstandslos.
6.2
Die Rückweisung eine
r Sache kommt einem Obsiegen der Beschwerdeführerin
gleich. Ausgangsgemäss ist die Beschwerdegegne
rin demnach zu verpflichten, der
Beschwerdeführer
in
eine angemessene Prozessentschädigung zu bezahlen, welche
in Anwendung von Art. 61
lit
. g ATSG, namentlich unter Berücksichti
gung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses sowie nach Ein
sicht in die Honorarnote vom 4. Juni 2020 (Urk. 13)
bei Anwendung des Ge
richtsüblichen Satzes von Fr. 220.
--
pro Stunde
auf Fr. 2'
977
.
40
(inklusive Bar
auslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.