Decision ID: d0d8915a-24d5-5309-b621-18cf0a7b4ab1
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 14. November 2018 bei der Gemeinde
Unterseen ein Baugesuch ein für den Ausbau des Fernwärmenetzes des Wärmeverbundes
ARA Unterseen auf Parzellen Unterseen Grundbuchblatt Nrn. E._. Bei den
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Bauparzellen handelt es sich um Abschnitte von Gemeindestrassen sowie um Parzellen in
der Zone für öffentliche Nutzung. Gegen das Bauvorhaben erhoben unter anderem die
Beschwerdeführenden Einsprache.
Mit Gesamtbauentscheid vom 27. Mai 2019 erteilte das Regierungsstatthalteramt
Interlaken-Oberhasli die Baubewilligung sowie die Bewilligung für die Benützung von
öffentlichem Terrain.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 26. Juni 2019 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen, dass
auf ihre Einsprachen einzutreten, der Gesamtbauentscheid vom 27. Mai 2019 aufzuheben
und der Bauabschlag zu erteilen sei.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die Vorakten
ein und führte den Schriftenwechsel durch. Die Beschwerdegegnerin beantragt mit
Beschwerdeantwort vom 12. Juli 2019 die Abweisung der Beschwerde. Das
Regierungsstatthalteramt Interlaken-Oberhasli verweist mit Stellungnahme vom 4. Juli
2019 auf den angefochtenen Entscheid und beantragt ebenfalls die Abweisung der
Beschwerde. Auch die Gemeinde Unterseen schliesst mit Stellungnahme vom 12. Juli
2019 auf Abweisung der Beschwerde und Bestätigung des angefochtenen Entscheids.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1)
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vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig.
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die
Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG
i.V.m. Art. 40 Abs. 2 BauG).
Die Beschwerdeführenden haben im erstinstanzlichen Verfahren Einsprache geführt. Die
dritte Einsprecherin H._ AG, für welche der Beschwerdeführer 1 als
Verwaltungsrat handlungsberechtigt ist, ist am Beschwerdeverfahren nicht beteiligt. In den
Schlussbemerkungen des erstinstanzlichen Verfahrens hatte der Beschwerdeführer 1
mitgeteilt, die H._ AG sei bereit zu akzeptieren, dass sie nicht
einspracheberechtigt sei. Die Beschwerde an die BVE hat der Beschwerdeführer 1 nur in
eigenem Namen unterzeichnet. Als Beschwerdeführende treten demnach der
Beschwerdeführer 1 und die Beschwerdeführerin 2 auf. Das Regierungsstatthalteramt ist
gemäss Erwägung 2.7 des angefochtenen Entscheids auf ihre Einsprachen nicht
eingetreten. Insoweit sind die Beschwerdeführenden durch den angefochtenen Entscheid
formell und materiell beschwert und es ist auf ihre form- und fristgerecht eingereichte
Beschwerde einzutreten.4
2. Einsprachelegitimation
a) Das Regierungsstatthalteramt ist auf die Einsprachen der Beschwerdeführenden
nicht eingetreten. Es erwog in Erwägungen 2.2 und 2.7 des angefochtenen Entscheids,
allfällige Anschlüsse von Privatliegenschaften an der F._strasse und der
B._strasse, wo die Beschwerdeführenden wohnen, seien nicht Gegenstand des
Baugesuchs. Das Bauvorhaben habe auch keine direkten Auswirkungen auf das vom
Beschwerdeführer 1 geplante Heizwerk am Standort I._. Der Beschwerdeführer 1
sei daher vom Bauvorhaben nicht in eigenen schützenswerten Interessen betroffen. Dies
gelte auch für die Beschwerdeführerin 2. Zwar habe ihr die Gemeinde vorsorglich den
3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 4 Vgl. BVR 1990 S. 224 E. 3
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bestehenden Wärmelieferungsvertrag gekündigt. Eine solche Kündigung wäre aber auch
aus anderem Grund denkbar und zulässig. Es bestehe kein genügend enger
Zusammenhang mit dem Bauvorhaben, um daraus ein schützenswertes Interesse
abzuleiten.
Die Beschwerdeführenden vertreten sinngemäss die Ansicht, sie seien zur Einsprache
legitimiert.
b) Zur Einsprache sind Personen befugt, welche durch das Bauvorhaben unmittelbar in
eigenen schutzwürdigen Interessen betroffen sind (Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG). Diese
Interessen können rechtlicher oder tatsächlicher Natur sein. Es braucht aber eine
besondere Betroffenheit, d.h. eine besonders nahe Beziehung zur Streitsache (sog.
spezifische Beziehungsnähe). Die Einsprechenden müssen persönlich vom Bauvorhaben
in höherem Masse als beliebige Dritte oder die Allgemeinheit berührt sein. Die
Betroffenheit muss zudem unmittelbar sein und eine gewisse Intensität aufweisen. Darin
liegt die Abgrenzung zur unzulässigen Popularbeschwerde bzw. -einsprache. Ein bloss
allgemeines ideelles Interesse an der Sache (dass richtig entschieden wird) genügt nicht.
Eine Gutheissung der Einsprache muss der einsprechenden Person einen praktischen
Nutzen bringen, d.h. ihre tatsächliche oder rechtliche Situation muss durch den Ausgang
des Verfahrens beeinflusst werden können.5
c) Das von den Beschwerdeführenden geäusserte allgemeine ideelle Interesse am
Ausbau der Holzenergie als nachhaltiger Energieträger begründet demnach keine
Einsprachelegitimation gegen das Bauvorhaben. Dasselbe gilt für das allgemeine Interesse
der Bewohner im Perimeter G._ des überkommunalen Richtplans Energie6 an
kostengünstiger Holzenergie. Eine in einem Richtplan festgehaltene Energiestrategie
verleiht den Bewohnern keinen Anspruch auf diese. Es liegt keine spezifische
Beziehungsnähe vor.
d) Der Beschwerdeführer 1 erachtet sich als legitimiert, weil mit dem Bauvorhaben die
grossen Objekte im fraglichen Bereich mit Wärme versorgt würden und es damit für ein
konkurrierendes Heizwerk praktisch unmöglich werde, in diesem Gebiet eine Versorgung
5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art.  N. 16 6 Vgl. Vorakten, pag. 29 ff.
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mit Holzschnitzelheizung anzubieten. Gemäss den Erwägungen im angefochtenen
Entscheid plant der Beschwerdeführer 1 die Erstellung eines solchen Heizwerks am
Standort I._. Der Beschwerdeführer 1 gibt an, er beabsichtige nicht, dort selber ein
Werk zu erstellen. Offenbar hat er daran jedoch ein wirtschaftliches Interesse aufgrund
eines von ihm abgeschlossenen Baurechtsvertrags für den betreffenden Standort und der
Aussicht auf daraus resultierende Architekturaufträge.7
Nach der Praxis genügt ein Betroffensein als Konkurrent oder die nur indirekte
Betroffenheit als Gewerbetreibender nicht zur Begründung der Einsprachelegitimation.8
Eine spezifische Beziehungsnähe des Beschwerdeführers 1 zum Bauvorhaben ist nicht
ersichtlich. Das Bauvorhaben beinhaltet die Verlegung von Transportleitungen für
Fernwärme in Gemeindestrassen und die Erstellung von Hausanschlüssen für Schulhaus
und Kindergarten. Hingegen bildet die Entscheidung über den Standort eines Heizwerks
oder über die Art der Wärmeproduktion nicht Gegenstand des Baugesuchs. Der
Beschwerdeführer 1 befürchtet geschäftliche Nachteile – bzw. das Entgehen erhoffter
Vorteile – nicht direkt durch das streitige Bauvorhaben, sondern durch die damit teilweise
umgesetzte Energiestrategie. Diese ist nicht Gegenstand des Baubewilligungsverfahrens.
Die für eine Einsprachelegitimation erforderliche unmittelbare Betroffenheit ist damit nicht
gegeben.
e) Die Beschwerdeführenden begründen ihre Legitimation ferner damit, dass die
Gemeinde für ihre Wohnadresse an der B._strasse in Unterseen vorsorglich den
Wärmeliefervertrag gekündigt habe, im Hinblick auf eine Belieferung neu durch die
Beschwerdegegnerin.
Die Liegenschaft B._strasse befindet sich auf Parzelle Nr. J._, an der die
Beschwerdeführerin 2 als Stockwerkeigentümerin beteiligt ist. Dort sieht das Bauvorhaben
keine Bautätigkeiten vor, die eine direkte Betroffenheit begründen könnten.
Wenn die Beschwerdeführenden davon betroffen sind, dass (voraussichtlich) ihr
Wärmelieferant ändert, bedeutet dies nicht, dass sie auch zum Bauvorhaben eine
spezifische Beziehungsnähe haben. Energiestrategische Entscheidungen werden nicht im
Baubewilligungsverfahren gefällt. Ein Bauabschlag würde nicht bewirken, dass der
7 Vgl. Beilage 3 zur Beschwerde 8 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 35-35c N. 18; vgl. VGE 2016/226 vom 4. November 2016 E. 2.4
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gekündigte Wärmeliefervertrag wieder auflebt, und hätte keine direkten Auswirkungen auf
die Energiestrategie der Gemeinde. Die Beschwerdeführenden sind daher vom
Bauvorhaben höchstens indirekt betroffen, was für eine Einsprachelegitimation nicht
ausreicht.
f) Das Regierungsstatthalteramt hat also zu Recht die Einsprachelegitimation der
Beschwerdeführenden verneint. Mangels Legitimation der Beschwerdeführenden besteht
kein Anlass für die von ihnen beantragte Einberufung eines runden Tisches. Darauf besteht
im Baubeschwerdeverfahren ohnehin kein Anspruch.
3. Ergebnis und Kosten
a) Nach dem Gesagten waren die Beschwerdeführenden nicht zur Teilnahme am
Baubewilligungsverfahren legitimiert. Die dagegen gerichteten Rügen haben sich als
unbegründet erwiesen. Auf die materiellen Rügen ist mangels Legitimation der
Beschwerdeführenden nicht einzutreten. Die Beschwerde ist demnach abzuweisen, soweit
darauf einzutreten ist, und der angefochtene Entscheid ist zu bestätigen.
b) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden. Sie
haben die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf
eine Pauschalgebühr von Fr. 800.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV9).
c) Parteikosten (Art. 104 Abs. 1 VRPG) sind nicht angefallen.