Decision ID: 1895771f-bbfe-5542-9afd-97a3cf8ab223
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess Eritrea gemäss eigenen Angaben zusam-
men mit seiner Grossmutter B._ (Beschwerdeführerin im Verfahren
E-241/2020), seiner Mutter C._ und seinem damals minderjährigen
Bruder D._ (Beschwerdeführende im Verfahren E-236/2020) sowie
seinen Schwestern E._ (Beschwerdeführerin im Verfahren E-
237/2020) und F._ (Beschwerdeführerin im Verfahren E-234/2020)
am 20. Dezember 2014 illegal in Richtung Sudan. Von dort aus reiste er
ein Jahr später via Libyen nach Europa und gelangte am 3. Mai 2016 in die
Schweiz, wo er am 16. Mai 2016 im damaligen Empfangs- und Verfahren-
szentrum G._ um Asyl nachsuchte. Am 26. Mai 2016 wurde er sum-
marisch zu seiner Person befragt (BzP; Protokoll in den SEM-Akten A6/10)
und am 13. September 2017 vertieft zu seinen Asylgründen angehört (An-
hörung; Protokoll in den SEM-Akten A17/24).
B.
Im Rahmen der Befragungen machte der Beschwerdeführer geltend, am
(...) 2009 sei sein Vater zu Hause festgenommen worden. Anfang (...)
2014 habe die Familie erfahren, dass ihr Vater gestorben sei. Anlässlich
der Trauerfeier am darauffolgenden Tag sei die Polizei zu ihnen nach
Hause gekommen, habe seine Mutter festgenommen und während einer
Woche inhaftiert. Danach sei sie gegen Bezahlung einer Kaution und mit
der Auflage, sie müsse preisgeben, wer sie über den Tod ihres Ehemannes
informiert habe, wieder freigelassen worden. Zwei Tage nach ihrer Freilas-
sung seien vier Männer in Abwesenheit der Mutter bei ihnen zu Hause vor-
beigekommen und zwei davon hätten ihn und seine Geschwister danach
gefragt, wer sie über den Tod ihres Vaters informiert habe. Die Männer hät-
ten ihn mit Schlagstöcken niedergeschlagen und auch seine Geschwister
und seine Grossmutter geschlagen und gedroht, sie alle zu inhaftieren,
wenn ihre Mutter den Namen des Informanten nicht preisgebe. Kurz darauf
habe die ganze Familie das Land verlassen. Er habe zudem befürchtet,
bald in den Militärdienst eingezogen zu werden. Im Jahr 2015 sei sein
Grossvater festgenommen worden und schliesslich im Gefängnis gestor-
ben.
Der Beschwerdeführer gab eine Kopie der Identitätskarte seines Vaters zu
den Akten.
E-242/2020
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C.
C.a Mit Verfügung vom 28. November 2018 – eröffnet am 29. November
2018 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlings-
eigenschaft zufolge Unglaubhaftigkeit und mangelnder Asylrelevanz der
Fluchtgründe nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Zudem hielt es fest, es sei
nicht glaubhaft, dass der Beschwerdeführer in Eritrea sozialisiert worden
sei, und aufgrund der damit einhergehenden Verletzung der Mitwirkungs-
pflicht sei eine sinnvolle Prüfung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs nicht möglich.
C.b Mit gleichentags datierten vier weiteren Verfügungen stellte das SEM
auch betreffend die Grossmutter, die Mutter und die Geschwister des Be-
schwerdeführers fest, sie erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte
ihre Asylgesuche ab und ordnete ihre Wegweisung aus der Schweiz sowie
den Vollzug an. Die Asylgründe sämtlicher Familienmitglieder – welche
sich alle auf die Vorbringen der Mutter des Beschwerdeführers stützten –
erachtete das SEM als unglaubhaft. Zudem stellte es auch hinsichtlich der
Schwestern E._ und F._ des Beschwerdeführers fest, es sei
nicht von der Sozialisierung in Eritrea auszugehen.
D.
D.a Gegen die Verfügung vom 28. November 2018 erhob der Beschwer-
deführer durch seinen Rechtsvertreter am 28. Dezember 2018 Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Seine Grossmutter, seine Mut-
ter und seine Geschwister machten gleichentags ebenfalls Beschwerden
beim Bundesverwaltungsgericht anhängig.
D.b Mit Urteil in den vereinigten Verfahren E-7427/2017, E-7430/2018 und
E-7432/2018 vom 11. Juli 2019 hiess das Bundesverwaltungsgericht die
Beschwerden des Beschwerdeführers und seiner Schwestern E._
und F._ gut und wies die Sache zur Neubeurteilung und neuem Ent-
scheid an das SEM zurück. Zur Begründung führte das Gericht im Wesent-
lichen aus, die Annahmen der Vorinstanz betreffend die festgestellte Mit-
wirkungspflichtverletzung seien nicht hinreichend nachvollziehbar und die
in Frage gestellte Sozialisierung sei mit dem Untersuchungsgrundsatz und
dem Anspruch auf rechtliches Gehör nicht vereinbar. Mithin sei die Herkunft
durch das SEM mit geeigneten Mitteln weiter abzuklären.
D.c Nachdem das Bundesverwaltungsgericht das SEM im Verfahren der
Grossmutter, der Mutter und des damals minderjährigen Bruders
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Seite 4
D._ unter Hinweis auf das erwähnte Urteil einlud, eine Vernehmlas-
sung einzureichen, hob dieses auch die Verfügungen vom 28. November
2018 betreffend diese Familienmitglieder des Beschwerdeführers mit Ver-
fügungen vom 8. August 2019 auf und nahm die erstinstanzlichen Verfah-
ren wieder auf. Das Bundesverwaltungsgericht schrieb die Beschwerde-
verfahren daraufhin mit Urteilen vom 14. August 2019 zufolge Gegen-
standslosigkeit ab.
E.
E.a Im Laufe der wiederaufgenommenen Asylverfahren führte das SEM
Lingua-Analysen durch, die ergaben, dass der Beschwerdeführer und
seine Schwestern definitiv in Eritrea sozialisiert worden seien (vgl. betref-
fend den Beschwerdeführer A35/8).
E.b Mit Verfügung vom 12. Dezember 2019 stellte das SEM fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft gestützt auf subjektive
Nachfluchtgründe, lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung
aus der Schweiz an (Dispositivziffern 1–3). Den Vollzug der Wegweisung
schob es zufolge Unzulässigkeit auf und es nahm den Beschwerdeführer
als Flüchtling vorläufig in der Schweiz auf (Dispositivziffern 4–6).
Zur Begründung führte die Vorinstanz aus, die auf die Mutter des Be-
schwerdeführers bezogenen Fluchtgründe seien unglaubhaft. Indessen
habe er sich einer drohenden Rekrutierung für den Nationaldienst entzo-
gen. Dadurch sei eine relevante Bedrohungslage im Zusammenhang mit
der Dienstpflicht entstanden und er habe begründete Furcht, im Falle einer
Rückführung nach Eritrea Nachteile im Sinne des Gesetzes zu erleiden.
Folglich erfülle er die Flüchtlingseigenschaft. Da er die relevante Bedro-
hungslage im Zusammenhang mit der Dienstpflicht aber erst mit der illega-
len Ausreise geschaffen habe, sei er wegen subjektiven Nachfluchtgrün-
den von der Asylgewährung auszuschliessen.
E.c Mit drei weiteren Verfügungen vom 12. Dezember 2019 betreffend die
Grossmutter, die Mutter und den Bruder D._ sowie die Schwestern
E._ und F._ verneinte das SEM das Bestehen der Flücht-
lingseigenschaft, wies die Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung
an, schob deren Vollzug jedoch zufolge Unzumutbarkeit zu Gunsten einer
vorläufigen Aufnahme in der Schweiz auf.
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Seite 5
F.
F.a Der Beschwerdeführer erhob gegen die Verfügung vom 12. Dezember
2019 mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 13. Januar 2020 Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte, die Verfügung
des SEM sei betreffend die Dispositivziffern 2–3 aufzuheben, es sei seine
Flüchtlingseigenschaft aus asylrechtlich relevanten Gründen festzustellen
und die Vorinstanz sei anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren. In prozessualer
Hinsicht ersuchte der Beschwerdeführer um Verzicht auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses, Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
und Beiordnung seines Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbeistand.
Ferner beantragte er die koordinierte Behandlung seines Beschwerdever-
fahrens mit den weiteren Verfahren ihrer Familie.
F.b Auch die Grossmutter, die Mutter und die Geschwister des Beschwer-
deführers gelangten mit vier separaten Beschwerden an das Bundesver-
waltungsgericht und beantragten insbesondere die Feststellung der Flücht-
lingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Die Verfahren werden unter
den Verfahrensnummern E-241/2020 (B._), E-236/2020
(C._ und D._), E-237/2020 (E._) und
E-234/2020 (F._) geführt.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 12. Februar 2020 hiess die Instruktionsrichte-
rin das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung – unter Vorbehalt einer
nachträglichen Veränderung der finanziellen Verhältnisse – sowie das Ge-
such um Beiordnung einer unentgeltlichen Rechtsvertretung gut und setzte
den mandatierten Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand ein. Zu-
dem lud sie die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein.
H.
Das SEM führte mit Vernehmlassung vom 20. Februar 2020 aus, die Be-
schwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweis-
mittel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten.
I.
Mit Replik vom 24. März 2020 verwies der Beschwerdeführer auf die Aus-
führungen in der Beschwerdeschrift.
E-242/2020
Seite 6
J.
Mit Zwischenverfügung vom 30. November 2021 stellte die Instruktions-
richterin fest, gemäss dem Eintrag im Zentralen Migrationsinformationssys-
tem (ZEMIS) gehe der Beschwerdeführer mittlerweile einer Erwerbstätig-
keit nach. In diesem Zusammenhang setzte sie ihm Frist an, um entweder
eine aktuelle Fürsorgebestätigung oder das wahrheitsgetreu ausgefüllte
Formular „Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege“ einzureichen.
K.
Der Beschwerdeführer reichte mit Eingabe vom 22. Dezember 2021 das
teilweise ausgefüllte Formular mit verschiedenen Beilagen zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS 2016
3101) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das alte Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf diese ist ein-
zutreten.
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Seite 7
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Aufgrund des engen sachlichen und persönlichen Zusammenhangs wird
das vorliegende Verfahren mit den Beschwerdeverfahren betreffend die
Grossmutter, die Mutter und die Geschwister des Beschwerdeführers
(E-241/2020, E-236/2020, E-237/2020, E-234/2020) antragsgemäss koor-
diniert behandelt.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM begründet die angefochtene Verfügung insbesondere damit,
dass sich die Kernvorbringen des Beschwerdeführers ausschliesslich auf
die Ausreisegründe seiner Mutter stützen würden. Da deren Vorbringen als
unglaubhaft erachtet würden, werde der geltend gemachten Bedrohungs-
situation des Beschwerdeführers die Grundlage entzogen. Überdies seien
seine Aussagen widersprüchlich und unsubstanziiert ausgefallen. So habe
er bei der BzP angegeben, seine Mutter sei am Tag, nachdem sie vom Tod
seines Vaters erfahren habe, verhaftet worden (A6 Ziff. 7.02). Bei der An-
hörung habe er hingegen festgehalten, seine Mutter sei am selben Tag
festgenommen worden (A17 F75, 87). Zudem habe er erst anlässlich der
Anhörung geltend gemacht, die Behörden hätten das Haus der Familie auf-
gesucht und Beamte hätten ihn brutal mit Schlagstöcken geschlagen
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(a.a.O., F75). Ferner habe er die geltend gemachte Verhaftung seiner Mut-
ter oberflächlich beschrieben (a.a.O., F86–91, 109 ff.). Seine substanzlo-
sen Aussagen deuteten darauf hin, dass er das Geschilderte nicht selbst
erlebt habe. Daher gelinge es ihm nicht, gestützt auf diese Vorbringen eine
Verfolgung glaubhaft zu machen, weshalb das Asylgesuch abzulehnen sei.
Hingegen sei er nach Erreichen der Volljährigkeit und damit der Dienst-
pflicht illegal ausgereist und habe sich damit der drohenden Rekrutierung
entzogen. Da er in diesem Zusammenhang begründete Furcht habe, im
Falle einer Rückführung nach Eritrea Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG
zu erleiden, erfülle er die Flüchtlingseigenschaft gestützt auf Art. 54 AsylG.
5.2 Diesen Erwägungen hält der Beschwerdeführer im Wesentlichen ent-
gegen, er und seine Geschwister hätten das für die Flucht ausschlagge-
bende Ereignis – die Verhaftung, Misshandlung und Vergewaltigung ihrer
Mutter – bereits bei der BzP geltend gemacht, obwohl diese nicht der Ab-
klärung der Fluchtgründe diene, sondern summarischen Charakter habe.
Dass sie einzelne Aussagen erst im späteren Verlauf des Verfahrens ge-
macht hätten, mache diese nicht unglaubhaft. Zudem sei nicht unüblich,
dass traumatische Erlebnisse von Betroffenen unter Umständen erst an
der Anhörung geschildert würden. Die Hausdurchsuchung sei ein äusserst
traumatisches Ereignis im Leben der noch sehr jungen Kinder gewesen
und die diesbezüglichen Ausführungen daher keineswegs als nachgescho-
ben zu qualifizieren. Die Schilderungen seien überdies von Realkennzei-
chen geprägt (vgl. betreffend den Beschwerdeführer A17 F90 ff.). Seine
Schwestern hätten bei ihren Anhörungen während der Schilderung der
Festnahme ihrer Mutter mit ihren Emotionen gekämpft und immer wieder
geweint, was auch die Hilfswerkvertretung festgehalten habe. Zudem hät-
ten die Kinder den Tag der Festnahme ihrer Mutter konsistent geschildert.
Er und seine Geschwister seien vor ihrer Ausreise Opfer staatlicher Re-
pressalien aufgrund von Familienangehörigen geworden. Im Falle einer
Rückkehr nach Eritrea würden ihm mit erheblicher Wahrscheinlichkeit und
in absehbarer Zukunft weitere Repressalien drohen.
5.3
5.3.1 Der Beschwerdeführer stützt sich bei der Begründung seines Asylge-
suchs massgeblich auf die Verhaftung seiner Mutter und die darauffolgen-
den Ereignisse. Auch seine Geschwister beziehen sich in ihren Asylgesu-
chen im Wesentlichen auf die angeblichen Probleme der Mutter. Die Vor-
instanz kam im Verfahren der Mutter zum Schluss, dass deren Flucht-
gründe nicht glaubhaft seien, da sie sich mehrfach widersprochen und un-
substanziierte sowie stereotype Angaben gemacht habe. Die Mutter hatte
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Seite 9
gegen die Verfügung ebenfalls Beschwerde erhoben, die Beschwerdever-
fahren der Mutter C._ und des Bruders D._ (E-236/2020)
wie auch der Grossmutter B._ (E-241/2020) werden indes mit heu-
tigen Datums als gegenstandslos geworden abgeschrieben, da alle drei
Personen unbekannten Aufenthaltes sind. Demzufolge erwachst die erst-
instanzliche Verfügung der Mutter, in welcher die Unglaubhaftigkeit ihrer
Vorbringen festgestellt wurde, in Rechtskraft. Das SEM hat somit im vorlie-
genden Verfahren zu Recht festgehalten, dass den Vorbringen des Be-
schwerdeführers grundsätzlich bereits die Grundlage entzogen ist.
5.3.2
5.3.2.1 Des Weiteren hat das Gericht die Akten der Familienangehörigen
antragsgemäss beigezogen und festgestellt, dass sich diverse Ungereimt-
heiten und Widersprüche aus den verschiedenen Anhörungsprotokollen er-
geben. Nach Prüfung der Akten des Beschwerdeführers und seiner Fami-
lienangehörigen, insbesondere seiner Mutter, kommt das Bundesverwal-
tungsgericht zum Schluss, dass die Einwände des Beschwerdeführers
nichts bewirken und die Feststellung des SEM, die geltend gemachten
Asylgründe seien unglaubhaft, zutrifft.
5.3.2.2 Zunächst gelangt auch das Gericht nach Durchsicht des Anhö-
rungsprotokolls der Mutter zum Schluss, dass die Schilderungen zu ihren
Ausreisegründen teilweise stereotyp und wenig substanziiert ausfielen
(A23), selbst wenn gewisse Realkennzeichen auszumachen sind. Beson-
ders ins Gewicht fallen jedoch die folgenden inkonsistenten Aussagen zwi-
schen den Familienangehörigen: Zunächst gaben die Mutter und die
Schwester F._ bei der BzP an, gemeinsam mit der Mutter seien
auch der Schwiegervater und der Schwager der Mutter festgenommen
worden (N [...] A8 Ziff. 7.02 [C._]; A9 Ziff. 7.01 [F._]). Die
Mutter sprach diesbezüglich von einer Haftdauer von einer Woche, ihre
Tochter von «ca. 2 Wochen». Bei den Anhörungen machten sie nurmehr
die Inhaftierung der Mutter während einer Woche und eine spätere Fest-
nahme von deren Schwiegervater geltend (N [...] A21 F60, 149 f.
[C._], A26 F44, F87 ff. [F._], auch zum Folgenden);
F._ gab zudem im Gegensatz zu ihrer Mutter an, auch ihr Onkel sei
nach ihrer Ausreise inhaftiert worden. Zur Erklärung führten beide Verstän-
digungsschwierigkeiten mit dem Dolmetscher der BzP an (N [...] A21 F162
ff., A26 F87). Dieser Einwand vermag jedoch nichts zu bewirken, da beide
angaben, ihr Arabisch sei neben der Muttersprache Tigre genügend für die
Befragung, aus den Protokollen keinerlei Verständigungsschwierigkeiten
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Seite 10
ersichtlich sind und beide die Richtigkeit ihre Angaben unterschriftlich be-
stätigten (N [...] A8 Ziff. 1.17, S. 10; A9 Ziff. 1.17, S. 8). Ferner gab
F._ zu Protokoll, sie habe auf Geheiss des Dolmetschers bei der
BzP den Zeitrahmen von zwei Wochen angegeben, obwohl sie es nicht
gewusst habe. Dies überzeugt nicht, da sie bei der BzP gar nicht nach der
Zeitspanne der Inhaftierung gefragt worden war, sondern diese spontan
nannte (N [...] A9 Ziff. 7.01).
5.3.2.3 Eine weitere beachtliche Ungereimtheit findet sich in den Aussagen
des Beschwerdeführers, der bei der BzP geltend machte, seine Mutter sei
erst einen Tag nach Kenntnisnahme vom Tod ihres Ehemannes festgenom-
men worden (A6, Ziff. 7.02), während die Mutter ihrerseits ausführte, noch
am selben Tag festgenommen worden zu sein (N [...] A9 Ziff. 7.02, A23
F72). Der Beschwerdeführer erklärte seine Aussage bei der Anhörung in
unbehelflicher Weise damit, dass im Gespräch manchmal Dinge gemischt
würden (A17, F154). Des Weiteren ist auffällig, dass weder die Mutter noch
der Beschwerdeführer und seine Geschwister bei der BzP den Vorfall nach
der Haftentlassung erwähnten, bei der sämtliche Kinder erstmals direkt
durch zwei Beamte behelligt, das heisst befragt und geschlagen worden
seien. Vielmehr verneinten alle ausdrücklich, dass sie Probleme gehabt
hätten, insbesondere hätten sie keine persönlichen Probleme mit den Be-
hörden gehabt (A6 Ziff. 7.01 f.; N [...] A8 Ziff. 7.02 f., A9 Ziff. 7.01, A10 Ziff.
7.01 [E._]). Erst bei der Anhörung berichteten sie von einem sol-
chen Vorfall, bei dem ihnen gegenüber psychische und physische Gewalt
(Schläge und Drohungen) ausgeübt worden sein soll. Da es sich dabei um
für den Beschwerdeführer und seine Geschwister zentrale Ereignisse han-
delte, die die Ausreise auslösten, lässt sich dieses Versäumnis nicht mit
dem summarischen Charakter der BzP erklären. Nicht nachvollziehbar ist
überdies, weshalb die Mutter den Behörden selbst unter den geltend ge-
machten prekären Haftbedingungen und Misshandlungen nicht mitteilte,
wie sie vom Tod ihres Mannes erfahren habe. Sie gibt diesbezüglich an,
sie sei beim Gespräch ihres Schwiegervaters mit dessen Bekanntem nicht
dabei gewesen; erst zu Hause habe ihr Schwiegervater sie informiert. Sie
habe aber der Polizei nicht sagen können, dass ihr Schwiegervater sie in-
formiert habe (N [...] A21 F60). Dies erscheint realitätsfremd, nachdem ihr
klar sein musste, dass der ursprüngliche Informant gefragt war. Der Be-
schwerdeführer gab in diesem Zusammenhang ebenso wenig verständlich
an, die Beamten hätten seinem Grossvater bei einem seiner Besuche auf
dem Polizeiposten gesagt, sie wollten wissen, wer die Mutter über den Tod
ihres Mannes informiert habe (A17 F91). Nachdem dieser die Information
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Seite 11
gehabt hatte, hätte er diese preisgeben können, statt die Mutter weiter lei-
den zu lassen. Der Beschwerdeführer führte diesbezüglich aus, die Regie-
rung habe aber nur seine Mutter und nicht seinen Grossvater nach dem
Mann gefragt (dort F130). Auch die Mutter brachte vor, ihr Schwiegervater
habe die Beamten angefleht, sie freizulassen, weil sie ja nichts gewusst
habe (N [...] A21 F124). Obgleich die eritreischen Behörden willkürlich
agieren, erweist sich die geschilderte Verfolgung in dieser Form nebst den
dargelegten Widersprüchen als nicht nachvollziehbar.
5.3.3 Nachdem sich der Beschwerdeführer zur Begründung seines Asylge-
suchs massgeblich auf die Verhaftung seiner Mutter und darauffolgende
Ereignisse stützt, ist eine ihn betreffende erlittene oder drohende Verfol-
gung – abgesehen von der festgestellten Flüchtlingseigenschaft infolge der
illegalen Ausreise – ebenfalls nicht glaubhaft gemacht. Daran vermögen
auch die starken Emotionen, die seine Schwestern bei der Anhörung zeig-
ten, nichts zu ändern; insbesondere vermögen sie die in den Befragungen
seiner Mutter und seiner Geschwister festgestellten Inkonsistenzen nicht
zu erklären. Auch unter Berücksichtigung des noch jungen Alters –
obschon der Beschwerdeführer immerhin schon fast 19 Jahre alt gewesen
ist – und einer emotionalen Betroffenheit wäre zu erwarten gewesen, dass
die Geschwister zumindest ansatzweise auch auf ihre persönlich erlittenen
Behelligungen hingewiesen hätten, insbesondere da dies – wie oben er-
wähnt – schliesslich das fluchtauslösende Ereignis gewesen sei (A17 F75
und 122). Dass sie dies gerade alle nicht getan haben, stützt die Einschät-
zung, die geltend gemachten Ausreisegründe seien nicht glaubhaft.
Zusammenfassend ergibt sich somit, dass der Beschwerdeführer keine
Asylgründe glaubhaft gemacht hat. Die Vorinstanz hat das Asylgesuch so-
mit zu Recht abgewiesen.
6.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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Seite 12
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung hin-
sichtlich Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt
richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde
ist daher abzuweisen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Verfahrenskosten
grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
8.2 Mit Zwischenverfügung vom 12. Februar 2020 wurde sein Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung – unter Vorbehalt einer
nachträglichen Veränderung der finanziellen Verhältnisse – gutgeheissen
und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet. Aufgrund der
zwischenzeitlich aktenkundig gewordenen Erwerbstätigkeit wurde der Be-
schwerdeführer mit Zwischenverfügung vom 30. November 2021 aufgefor-
dert, dem Gericht eine aktuelle Fürsorgebestätigung beziehungsweise das
ausgefüllte Formular „Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege“ einzu-
reichen. Mit Eingabe vom 22. Dezember 2021 bestätigt er eine aktuelle Er-
werbstätigkeit im Rahmen einer Ausbildung zum (...) seit dem (...) 2020.
Dabei stellt er einem monatlichen Einkommen von Fr. 2'564.– Auslagen
von Fr. 1'511.– gegenüber und belegt die einzelnen Posten teilweise. Nicht
bei den Ausgaben zu berücksichtigen ist die Quellensteuer, da diese be-
reits bei der Berechnung des Nettolohns abgezogen wird. Sodann werden
Kosten für die Krankenkasse von Fr. 320.55 statt den geltend gemachten
Fr. 384. – belegt. Die Kosten für den öffentlichen Verkehr von Fr. 275.– sind
nicht belegt, werden aber anerkannt. Die Schulden des Bruders
D._, die der Beschwerdeführer mit monatlichen Raten von Fr. 300.–
trägt und die insgesamt Fr. 3500.– betragen sollen, sind abzuziehen. Zu-
dem weist der Beschwerdeführer ein Vermögen von Fr. 2970.– aus.
8.3 Zur Berechnung der monatlichen Auslagen steht dem Beschwerdefüh-
rer als alleinstehender Person ein monatlicher Grundbetrag von Fr. 1200.–
zu, welchem ein Zuschlag von 20%, mithin Fr. 240.–, zuzurechnen ist.
Dazu kommen die nachgewiesenen beziehungsweise plausiblen Ausga-
ben von Fr. 1085.–. Der monatliche Notbedarf des Beschwerdeführers liegt
somit bei Fr. 2525.–, welche Summe dem Nettoeinkommen von Fr. 2564.–
gegenüberzustellen ist. Daraus resultiert ein monatlicher Überschuss von
Fr. 39.– zuzüglich eines Vermögens von Fr. 2367.–, das dem Beschwerde-
führer aufgrund des tiefen Betrags zu belassen ist. Mit dem errechneten
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Seite 13
Überschuss ist er nicht in der Lage, den finanziellen Aufwand des Be-
schwerdeverfahrens innert eines Jahres zu tragen. Damit ist die Bedürftig-
keit weiterhin gegeben. Es werden demnach keine erhoben.
8.4 Nachdem der rubrizierte Rechtsvertreter dem Beschwerdeführer mit
Zwischenverfügung vom 12. Februar 2020 als amtlicher Rechtsbeistand
beigeordnet worden ist, ist er im Weiteren unbesehen des Ausgangs des
Verfahrens für den entstandenen Aufwand zu entschädigen, soweit dieser
sachlich notwendig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Das Bun-
desverwaltungsgericht geht bei amtlicher Vertretung in der Regel von ei-
nem Stundenansatz zwischen Fr. 200.– bis Fr. 220.– für anwaltliche Ver-
treterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Die
Frage des notwendigen zeitlichen Aufwandes ist vorliegend vor dem Hin-
tergrund der Konstellation der gesamten Familie, deren Verfahren antrags-
gemäss koordiniert behandelt worden sind, zu betrachten. So sind die Be-
schwerden in mehreren Punkten identisch und Sachverhaltsdarstellungen
hängen zusammen. Im Verfahren betreffend die Mutter und den jüngsten
Bruder des Beschwerdeführers wird dem rubrizierten Rechtsvertreter ein
amtliches Honorar von Fr. 1'445.– zugesprochen (vgl. Abschreibungsent-
scheid E-236/2020), in den Verfahren betreffend die weiteren Geschwister
eine solche von Fr. 669.– (vgl. das Urteil E-234/2020 E. 10.3) und Fr. 705.–
(Urteil E-237/2020 E. 10.3) und in jenem betreffend die Grossmutter eine
solche von Fr. 361.– (vgl. Abschreibungsentscheid E-241/2020). Für das
vorliegende Beschwerdeverfahren veranschlagt der Rechtsvertreter ge-
mäss der am 22. Dezember 2021 eingereichten Kostennote einen Auf-
wand von 2.85 Stunden zuzüglich Auslagen in der Höhe von Fr. 26.60, was
angemessen ist. Der ausgewiesene Stundenansatz von Fr. 300.– ist für die
amtliche Rechtsverbeiständung auf Fr. 220.– zu reduzieren. Dem Rechts-
vertreter des Beschwerdeführers ist somit ein amtliches Honorar von ge-
rundet Fr. 704.– (inklusive Mehrwertsteuerzuschlag) zulasten des Bundes-
verwaltungsgerichts auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
E-242/2020
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