Decision ID: a30bd511-4c45-4a2f-bb94-d5525bdf5e99
Year: 2006
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- A.B. wurde am 6. Juni 1978 als drittes Kind der Familie D. und C.B. geboren. Die
Ehe wurde im Jahr 1995 geschieden, wobei A.B. beim Vater in G. blieb. Vom 11. Juni
1995 bis 19. September 1995 weilte sie im Kinder- und Jugendpsychiatrischen
Zentrum Sonnenhof in Ganterschwil. In der Zeit vom 27. Juli bis 16. November 1996
war A.B. zwecks Erstellung eines psychiatrischen Gutachtens im Hinblick auf eine
Entmündigung in der Kantonalen Psychiatrischen Klinik (KPK) St. Pirminsberg in
Pfäfers hospitalisiert. Im Gutachten vom 4. März 1997 wurde eine Geisteskrankheit,
namentlich eine psychische Störung, bestehend in einer erheblichen affektiv-
emotionalen Entwicklungsverzögerung mit wiederholt auftretenden, subjektiv
empfundenen, nicht objektivierbaren Erstickungsanfällen, diagnostiziert.
Mit Verfügung der Vormundschaftsbehörde G. vom 25. März 1997, wurde A.B. wegen
Geisteskrankheit gestützt auf Art. 369 ZGB unter Vormundschaft gestellt. In den Jahren
1998 und 1999 hielt sich A.B. stationär in der KPK Wil auf. Ende 1999 trat sie dort aus,
lebte fortan beim Vater in X. und arbeitete bis Ende 2001 in der geschützten Werkstätte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Buecherwäldli. Mit Verfügung der Vormundschaftsbehörde G. vom 29. Mai 2001 wurde
die Vormundschaft der Vormundschaftsbehörde X. übertragen.
B.- Am 29. Juni 2004 trat A.B. in die Bewo Hof in Nesslau ein. Seit Frühjahr 2005 kam
es immer häufiger zu Schwierigkeiten mit dem Vater C.B. betreffend Unterbringung und
Wochenendbesuche von A.. Sowohl A. als auch C.B. verlangten in der Folge mehrfach
die Beendigung des Aufenthalts in der Bewo Hof. Nachdem C.B. seine Tochter an
einem Wochenende im Juni 2005 nicht freiwillig in die Bewo zurückgebracht hatte,
wurden Besuche bei ihm zuhause vom Vormund untersagt. Am 1. Juli 2006 holte C.B.
seine Tochter A. erneut in Nesslau ab. Nach Androhung einer polizeilichen Rückführung
kehrte A.B. am 3. Juli 2006 wieder zurück.
Mit Schreiben vom 10. Juli 2006 ersuchte der Vormund Claudio Schmid die
Vormundschaftsbehörde X. um Anordnung einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung
gegenüber A.B. für die Dauer von mindestens einem Jahr. Am 19. September 2006
wurde A.B. das rechtliche Gehör im Hinblick auf die fürsorgerische Freiheitsentziehung
gewährt. Mit Verfügung vom 25. September 2006 (Versand: 26. September 2006)
verfügte die Vormundschaftsbehörde X. in Anwendung von Art. 397a ZGB die
Rückbehaltung von A.B. in der Bewo Hof in Nesslau auf unbestimmte Zeit.
C.- Mit Eingabe vom 1. Oktober 2006 (Datum Poststempel: 5. Oktober 2006) erhoben
A. und C.B. bei der Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen Klage gegen
die Rückbehalteverfügung mit dem sinngemässen Antrag, es sei eine gerichtliche
Beurteilung durchzuführen.
Dr.med. Maria Distel-Germann, ärztliche Fachrichterin der
Verwaltungsrekurskommission, wurde als Sachverständige beigezogen und mit der
richterlichen Einvernahme betraut. Am 18. Oktober 2006 wurde die Klägerin in der
Bewo Hof in Nesslau fachrichterlich einvernommen, nachdem sie sich vom 6. bis 17.
Oktober 2006 bei ihrem Vater in W. aufgehalten hatte.
D.- Am 31. Oktober 2006 fand in Nesslau die mündliche Verhandlung statt. Zuvor
besichtigte das Gericht die Bewo Hof. Die Leiterin der Bewo Hof, gab dabei zur
Auskunft, dass die Bewo am 1. Oktober 1996 als GmbH gegründet worden sei.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesamtleiter sei Herr Högger. Insgesamt gebe es vier Unterkünfte, je eine in St. Gallen,
Bütschwil, Krummenau und Nesslau, wobei letztere in Nesslau über das grösste
Betreuungsangebot verfüge. Die Bewo GmbH sei von der IV anerkannt, erhalte jedoch
keine Subventionen. Die Tagestaxe betrage Fr. 205.--. In der Bewo Hof in Nesslau
seien zehn Personen in Einzelzimmern untergebracht. Es gebe eine 24-stündige
Betreuung, die mit 590 Stellenprozenten gewährleistet werde. Die Bewohner arbeiteten
im Haushalt mit, betreuten den Garten und die Kleintiere und verrichteten einfachere
Industriearbeiten. Zudem bestehe die Möglichkeit, in der Werkstatt in Krummenau zu
arbeiten. Um 22.00 Uhr werde die Türe geschlossen.
An der anschliessenden Verhandlung nahmen die Klägerin und der Kläger, der
Präsident und Sekretär der Vorinstanz, der Vormund, die Mutter der Klägerin sowie
Frau Kyd, eine Betreuerin der Bewo Hof teil. Dr.med. Maria Distel-Germann war als
begutachtende, jedoch nicht urteilende Fachrichterin anwesend (vgl. Urteil des
Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte in Strassburg vom 29. März 2001 in
Sachen D.N. gegen die Schweiz, VPB 65.122). Sie erstattete ihre gutachtliche
Stellungnahme mündlich an der Verhandlung. Die Kläger hielten an ihrer Klage fest. Die
Aktennotiz betreffend das Gespräch der Gerichtsschreiberin mit der Schwester der
Klägerin sowie das Schreiben derselben vom 28. Oktober 2006 wurden den Parteien
mündlich eröffnet.
b) Die Klägerin führte auf entsprechende Befragung aus, sie wolle die Bewo Hof sofort
verlassen. Sie halte es hier nicht mehr aus. Es habe ihr hier von Anfang an noch keine
Stunde gefallen. Sie sitze ständig im Zimmer und weine, da sie so unglücklich sei. Ihre
Einstellung gegenüber der Bewo sei immer gleich negativ gewesen. Ihr Vormund habe
stets gesagt, sie müsse es hier nur einmal versuchen. Zum Teil habe sie Mühe mit
anderen Bewohnern, die manchmal sehr direkt seien. Man habe sie auch schon
angeschnauzt. Das Essen sei ungesund. Häufig gebe es Fertigprodukte wie Ravioli
oder Bohnen aus der Büchse. Auch mit dem Betreuungsteam habe sie zuweilen Mühe.
Sie werde zu wenig ernst genommen oder missverstanden. Den Betreuern habe sie
schon oft gesagt, es gefalle ihr hier nicht. In den Garten gehe sei kaum. Wenn es einem
nicht gefalle, habe man dazu auch keine Lust.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sie wolle zurück zu ihrem Vater, der für sie in W. eine eigene Wohnung gekauft habe.
Sie traue sich die Haushaltführung zu, als Aupair-Mädchen habe sie das auch schon
gemacht. Ansonsten habe sie noch nie alleine gewohnt. Aber ihr Vater wohne ja auch
dort. Es sei sehr nahe. Ihre 2 1⁄2-Zimmerwohnung sei unten, die 3 1⁄2-Zimmerwohnung
des Vaters oben. Mit der Atmung ginge es schon. Man müsse halt ausschnaufen, auch
wenn es manchmal schwierig sei. Früher sei sie lange bei ihrem Vater gewesen. Das
Zusammenleben habe damals gut funktioniert. Gewisse Schwierigkeiten gebe es ja
überall. Es stimme nicht, dass sie damals vom Vater habe weg wollen. Es habe keine
andere Lösung gegeben, da ihr Vater im Spital gewesen sei.
Einen Psychiater habe sie momentan keinen. Sie habe sich auch nicht mehr um einen
neuen bemüht. Den Hausarzt Dr. Schläpfer sehe sie nur selten. Ihr Vormund komme
gelegentlich vorbei. Die Kontakte seien für sie jedoch nicht angenehm. Sie habe ihm
auch schon oft gesagt, sie hielte es nicht aus in der Bewo. Auf die Fragen, ob sie von
ihrem Vater auch schon beschimpft worden sei und was sich im November 2005
ereignet habe, so dass es ihr danach in der Bewo nicht mehr gefallen habe, gab die
Klägerin keine Auskunft.
c) Der Kläger führte aus, seine Tochter sei unverzüglich aus der Bewo zu entlassen. Sie
könne bei ihm in W. wohnen. Seit Juni 2006 wohne er dort. Er habe in einem
vollständig renovierten Bauernhaus zwei von drei Wohnungen gekauft. Dafür habe er
Fr. 345'000.-- bezahlt. Die Hypothek betrage Fr. 245'000.--. Den Rest habe er mit dem
Erlös aus dem Hausverkauf in X. bezahlt. Die Wohnungen seien sauber eingerichtet. Es
herrsche kein Chaos. Wenn A. nicht komme, werde er die andere Wohnung vermieten.
Falls ihr Vormund die Wohnungen besichtigen wolle, müsse er sich vorher anmelden.
Er traue sich die Betreuung von A. zu. Das habe er ja schon früher gemacht. Natürlich
habe er A. auch schon beschimpft, aber er werde sie so weit als möglich unterstützen.
Einmal könne A. für beide kochen, ein anderes Mal mache er das. A. könne putzen und
einkaufen, das wisse er. Er disponiere angesichts seines Alters vorerst einmal für drei
bis fünf Jahre. A. werde sicher auch einen Freund finden. In Nesslau seien die
Voraussetzungen dafür schlecht. In der Ferienwoche, die A. jetzt gerade bei ihm
verbracht habe, hätten sie jeden Tag einen längeren Spaziergang unternommen. Die
frische Luft tue ihr gut. Auch die Gespräche miteinander seien für A. wichtig. W. sei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine sehr schöne Gegend. A. sei jeweils sehr motiviert gewesen etwas zu unternehmen.
Hier in Nesslau habe niemand Zeit, um mit ihr spazieren zu gehen. Er habe auch schon
einen Psychiater für A. in Heiden organisiert. Jetzt habe man ihr ja verboten, zum
Psychiater zu gehen. Sie erhalte auch die falschen Medikamente. Sie habe ein
Schleudertrauma, das habe nichts mit der Psyche zu tun. Die Zustände hier in der
Bewo seien unhaltbar. Fünf Frauen müssten sich eine Toilette teilen. Dies sei heute gar
nicht mehr zulässig.
Mit dem Vormund hätten in den letzten zweieinhalb Jahren keine Gespräche
stattgefunden. Bei Herrn Gemperli sei dies viel besser gewesen. Man sei jeweils
informiert worden und zusammen gesessen. Es hätte kein Tauziehen gegeben. Er
erwarte mindestens drei Standortgespräche pro Jahr. Die Vormundschaft müsse
aufgehoben werden. Als Vater könne er das verlangen. Einen Vormund könne man
liquidieren.
Die Krankheit von A. rühre von einem Verkehrsunfall im Jahr 1993 her. Die
Fahrzeuglenkerin sei damals alkoholisiert gewesen. Auch Drogen seien im Spiel
gewesen. Seither sei A. eine Ruine, sie habe sich nie mehr erholt. Sie leide an einem
Schleudertrauma. Sie habe Probleme beim Essen und Trinken und habe Angst auf der
Strasse. Auch ihre Leistung in der Schule habe sie nachhehr nicht mehr erbringen und
keinen Beruf erlernen können. Vor dem Unfall sei es A. gut gegangen, sie habe die
normale Schule besucht. Das sei alles erst seit dem Unfall so. Prof. Ulrich Schnyder
von der Poliklinik in Zürich würde sofort ein entsprechendes unabhängiges Gutachten
erstellen. Dieser habe ihm bestätigt, dass es solche Fälle wie bei A. gebe, die nicht
mehr heilbar seien. Er werde noch viel Geld wegen der Unfallfolgen erhalten. Die Sache
sei noch nicht abgeschlossen. Er habe zwei Versicherungen über Fr. 250'000.--. A. sei
schon in der Klinik in Pfäfers und 18 Monate lang in der Klinik in Wil gewesen, sie habe
die Tagesklinik in St. Gallen besucht und einen Aufenthalt im Walenstadterberg
absolviert. Die Angst sei jedoch nie weggegangen. Im Jahr 2004 habe er sich einer
Hüftoperation unterziehen müssen. Deswegen sei A. in der Bewo Hof untergebracht
worden. Als es dann A. hier nicht gefallen habe, hätte es eine Möglichkeit in Hosenruck
gegeben. Dies habe Dr. Laimbacher auch empfohlen. Dort hätte es nur Mädchen
gehabt. Aber der Vormund und die Vormundschaftsbehörde X. hätten alles abgeblockt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
d) Die Mutter der Klägerin gab an, dass die Betreuung von A. sehr aufwendig sei. Alles
dauere so lange, beispielsweise das Duschen. Sie könne A. daher nur ein Wochenende
pro Monat zu sich nehmen. Ihr geschiedener Mann sei da lockerer als sie. Ihn störe
vieles nicht. Ohne fremde Hilfe könne er A. jedoch ihrer Meinung nach nicht zu sich
nehmen. Er bräuchte mit Sicherheit jemanden für die Putzarbeiten. Alleine könne er das
nicht machen. Momentan lägen noch sehr viele Kleider in seiner Wohnung, die man
verlesen müsste. Er müsste auch Schränke kaufen. A. würde es sicher gefallen beim
Vater. Dieser könne eben viel mit ihr unternehmen. Hier in der Bewo sei A. sehr traurig.
Sie weine häufig am Telefon und sage: "Mutter, weshalb muss ich so leben, ich würde
lieber sterben." Sie habe jetzt nicht einmal einen Psychiater und das Handy habe man
ihr auch weggenommen. Seit einigen Wochen sei es so schlimm. Sie sage ständig, sie
halte es hier nicht mehr aus. Früher sei die Situation nicht so akut gewesen. Gefallen
habe es A. in Nesslau aber noch nie so richtig. Trotzdem habe sie als Mutter immer
versucht, A. wieder zu motivieren und ihr gut zuzureden. Der FFE habe sie jetzt aber
wütend gemacht. Der Zustand von A. sei sehr schlecht. A. habe ihr am Telefon schon
einmal Fr. 30.-- angeboten, damit sie sie besuchen komme. So verzweifelt sei sie.
Alleine gehe A. nirgendwo hin, sie habe Angst. Ihre Tochter beschwere sich auch, dass
es in der Bewo zu wenig zu essen gebe und sie jeweils noch Hunger habe. Da sie so
langsam esse, nähmen ihr die übrigen Bewohner alles weg. Wenn es zum Beispiel
Salat gebe, den sie nicht möge, heisse es, sie könne ja im Hotel essen. In der Küche
dürfe sie nichts holen. Das seien Zustände wie in einem Konzentrationslager. Sie würde
sich wünschen, dass ihre Tochter mehr in ihrer Nähe wäre. Dann könnte sie sie
häufiger besuchen. Sie verfüge eben über kein Fahrzeug. Ferner benötige A. einen
guten Therapeuten.
e) Christa Kyd, Betreuerin von A. in der Bewo, führte aus, bei der wöchentlichen
Bewohnersitzung werde jeweils der Menuplan für die nächste Woche
zusammengestellt. Die Bewohner könnten dort ihre Wünsche anbringen. Falls es einen
Salatteller gebe, könne A. sagen, dass sie das nicht gerne habe. Sie erhalte dann ein
anderes Menu. Es sei auch möglich, für sich selbst individuell etwas zu kochen. A.
habe aber erst zweimal eine Suppe gekocht. Nachts werde die Küche aus
Sicherheitsgründen abgeschlossen. Brot, Butter und Konfitüre ständen im
Aufenthaltsraum jedoch rund um die Uhr zur Verfügung. A. habe sich bis jetzt noch nie
über zu wenig Essen beschwert. Sie habe anfangs nur gesagt, sie habe Angst, dass sie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zu wenig Essen erhalte. Sie sei beim Essen stets pünktlich und schöpfe sich jeweils als
Erste. Mit Sicherheit sei sie noch nie ins Restaurant verwiesen worden. Anfangs habe
A. jedoch von sich aus häufig im Restaurant gegessen, was im Hinblick auf ihre
Selbständigkeit positiv gewertet worden sei. A. habe jederzeit die Möglichkeit
spazieren zu gehen. Alleine gehe sie jedoch nicht. Freitags gehe sie manchmal
zusammen mit einem anderen Bewohner nach draussen. Die Freizeitaktivitäten in der
Gruppe seien freiwillig. A. mache von sich aus nie mit, man müsse sie jeweils dazu
überreden. Dr. Schläpfer in Nesslau sei der Hausarzt sämtlicher Bewohner. Die Termine
würden von den Betreuern vereinbart. A. weigere sich manchmal, die Medikamente zu
nehmen. Sie befürchte eine Gewichtszunahme. Es sei auffallend, wie die
Verschlechterung des Zustands der Klägerin zeitlich mit dem Kontakt zum Vater
zusammenfalle. Werde ihr der Entscheid, ob sie zum Vater gehen dürfe oder nicht,
abgenommen, verbessere sich ihr Zustand innerhalb eines halben Tages.
f) Die begutachtende Fachrichterin, Dr.med. Maria Distel-Germann, erläuterte, dass die
Klägerin schon im Kindesalter sehr scheu gewesen sei und unter Ängsten gelitten
habe. Aktenkundig seien eine schwere Geburt sowie Ängste in der Schule. Sie sei dann
vom Schulpsychologischen Dienst abgeklärt und in einer jugendpsychiatrischen
Institution untergebracht worden. Diese Massnahme sei jedoch vom Vater sabotiert
worden. Nach Scheitern einer ambulanten Begutachtung hinsichtlich einer
Vormundschaft sei es zum stationären Aufenthalt in der Klinik St. Pirminsberg in Pfäfers
gekommen. Dort sei eine Störung des sozialen und emotionalen Verhaltens
diagnostiziert worden. Die Klägerin leide unter einem so genannten psychoorganischen
Syndrom (POS), einer Teilleistungsschwäche des Gehirns. Dies habe nichts mit der
Intelligenz zu tun. Der Bildungsrückstand der Klägerin hänge mit ihrer Konfliktsituation
zusammen. In therapeutischer Hinsicht sei schon Verschiedenes versucht worden,
darunter Tagesklinik in St. Gallen und stationärer Aufenthalt in der Klinik in Wil während
18 Monaten. Die Diagnose sei stets dieselbe geblieben und es habe keine
entscheidende Verbesserung stattgefunden. Im Verlaufe der Zeit habe sich daraus eine
Persönlichkeitsstörung entwickelt. Dies heisse, dass die Krankheit mit ihren
Symptomen fixiert und kaum mehr veränderbar sei. Als Symptome zeigten sich bei der
Klägerin diverse Ängste, Zwangsverhalten (Ticks), eine generelle Verlangsamung und
der ständige Konflikt: "Mache ich es nun richtig oder falsch?" Auch die Ambivalenz
zwischen gut und böse sei Ausdruck der Persönlichkeitsstörung. Die Klägerin beklage
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sich bei den Eltern, um sich nicht an einem anderen Ort damit auseinandersetzen zu
müssen. Der Verkehrsunfall aus dem Jahr 1993 sei nicht die Ursache für den heutigen
Zustand, höchstens für die Angst auf der Strasse. Das Gutachten der Uni-Klinik Zürich
aus dem Jahr 2005 verneine einen Zusammenhang zwischen Unfall und psychischer
Störung ganz klar. Allenfalls habe eine Angstverstärkung stattgefunden.
Die Eltern stünden wegen der Vormundschaft ohnmächtig da. Es sei für sie sehr
schwer, dem Leiden ihrer Tochter zuzusehen. Hier in der Bewo Hof habe die Klägerin
einen geschützten Rahmen, aber die Eltern würden nicht am gleichen Strick ziehen.
Eine Zusammenarbeit wäre aus Sicht der Klägerin unbedingt wünschenswert. Allenfalls
wäre eine Mediation hilfreich. Die Bewo Hof sei momentan der geeignete Aufenthaltsort
für die Klägerin. Zudem bestehe hier die Perspektive auf eine eigene Wohnung in
Krummenau oder auch in St. Gallen. Falls die Klägerin bei ihrem Vater wohnen würde,
wäre sie diesem total ausgeliefert. Die Symbiose zwischen Vater und Tochter würde
dadurch noch verstärkt, ebenso der Konflikt zwischen dem Vater und der Vorinstanz.
Die Tatsache, dass bei der Klägerin nach Kontakten zum Vater jeweils Rückschritte zu
verzeichnen seien, zeige, dass die negative Einstellung des Vaters abfärbe. Die
Klägerin habe ein schwaches Ich. Sie übernehme die Meinung des Vaters. Es sei auch
absehbar, dass der Vater mit der Betreuung der Klägerin überfordert sei. Über kurz
oder lang würde es zu einer Eskalation kommen. Allenfalls würde es die Klägerin auch
nicht mehr länger beim Vater aushalten. Dies gehöre jedoch zur Krankheit. Wo auch
immer, es werde der Klägerin in ihrer Haut nie wohl sein. Es gebe effektiv Fälle, wo
man keine Verbesserung erreichen könne. Mit Antidepressiva und Angstlösern liesse
sich bei der Klägerin wahrscheinlich aber noch etwas machen. Momentan erhalte die
Klägerin Abilify. Dies sei ein Neuroleptikum der neueren Generation mit wenig
Nebenwirkungen.
g) Die Klägerin erwiderte, dass einiges im Bericht der ärztlichen Fachrichterin nicht
zutreffe. Sie habe sehr wohl eine eigene Meinung, die sie auch kundtue. Es sei eine
Tatsache, dass sie es in der Bewo nicht mehr aushalte. Es gehe ihr nicht überall
schlecht, sondern nur hier. Der Zwang sei für sie nicht gut. Sie weine ständig und
werde von anderen Bewohnern schikaniert, was nicht fair sei.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
h) Der Vormund der Klägerin erklärte, er habe bei der Vorinstanz eine fürsorgerische
Freiheitsentziehung beantragt, um sich nicht dem Vorwurf der Untätigkeit auszusetzen.
Bis ins Jahr 2004 sei er Teil des Familiensystems B. gewesen. Wenn er zu allem ja
gesagt habe, sei es recht gut gegangen. Ende 2003 sei es dann schwieriger geworden.
Am 24. September 2003 habe er von Pater Reck, der die Familie seelsorgerisch betreut
habe, ein Telefon erhalten. Pater Reck habe gesagt, die Klägerin sei zuhause
zunehmend unzufrieden. Im Frühjahr 2004 habe dann eine stationäre Begutachtung
stattgefunden. Dr. Brägger habe ihm gegenüber daraufhin von einer Verwahrlosung im
Haus B. berichtet und die Frage nach einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung
aufgeworfen. Danach habe er zur Klägerin einen regelmässigen Kontakt gepflegt. Diese
habe sich immer mehr über die Zustände zuhause, das Essen und die Unordnung,
beschwert. Auch im Rahmen der Begutachtung an der Uni-Klinik Zürich hätten sich die
Ärzte für eine betreute Wohnform ausgesprochen. Daraufhin habe er nach einer
geeigneten Institution gesucht und sei in der Bewo Hof in Nesslau fündig geworden.
Zusammen mit der Klägerin habe er die Bewo besichtigt und es sei ein Probemonat
vereinbart worden. Die Klägerin habe sich danach für einen Verbleib ausgesprochen.
Seither hätten insgesamt acht Standortgespräche stattgefunden. Seiner Meinung nach
seien es gute Gespräche gewesen, es sei jeweils auch gelacht worden.
Anlässlich eines Telefongesprächs vom 18. Juni 2004 sei es zwischen ihm und dem
Kläger zum Bruch gekommen. Der Kläger habe auf einem weiteren Gutachten wegen
des Unfalls bei Prof. Schnyder bestanden, was er als Vormund abgelehnt habe. Ab
dem Frühjahr 2005 habe sich die Situation mit zunehmender Einmischung des Vaters
verschlechtert. Der Vater habe verlangt, dass die Klägerin die Bewo verlassen könne.
Ende 2005 habe er daher die Option fürsorgerische Freiheitsentziehung geprüft und
dem Sozialpsychiatrischen Dienst in Wattwil den Auftrag für einen entsprechenden
Arztbericht erteilt. Da Dr. Sommers sich geweigert habe, einen solchen Bericht
abzugeben, habe er sich an die Oberärztin Dr. Müllers wenden müssen. Diese habe
dann am 5. Mai 2006 den Bericht in Absprache mit Dr. Sommers ausgestellt. Danach
habe er bei der Vorinstanz die fürsorgerische Freiheitsentziehung beantragt. Er habe
damit einerseits dem Kläger klare Grenzen aufzeigen wollen. Dieser habe sich ständig
eingemischt und die Grenzen dabei oft überschritten. Andrerseits habe er die Klägerin
schützen wollen. In der Bewo Hof in Nesslau habe es seines Wissens noch keine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
fürsorgerische Freiheitsentziehung gegeben, in einer anderen Bewo aber schon. Dies
sei jedenfalls die erste Klage vor der Verwaltungsrekurskommission.
Die Bewo Hof sei geeignet für die Klägerin. Sie habe hier eindeutig Fortschritte
gemacht. Es sei zum Beispiel möglich gewesen, ihre Zähne komplett zu sanieren. Sie
habe selbständig zum Zahnarzt gehen können. Erst mit zunehmender Einflussnahme
des Vaters habe es wieder Rückschläge gegeben. Als Perspektive sei die Bewo
Krummenau eine Option, wo die Klägerin eine eigene Wohnung beziehen könnte. Die
psychiatrische Betreuung sei abhängig von der Kooperation der Klägerin. Eine
Psychotherapie stehe jedoch nicht im Vordergrund. Die Behandlung bei Dr. Sommers
im Sozialpsychiatrischen Dienst in Wattwil habe die Klägerin selbst abgebrochen. Es
gebe dort aber auch noch andere Ärzte.
Die vom Kläger vorgeschlagene Institution in Hosenruck wäre nicht in Frage
gekommen. Dr. Laimbacher habe mit einer dortigen Betreuerin vereinbart, dass kein
Aufnahmeverfahren für A. eingeleitet werde. Es handle sich beim "Schnäggehus" um
eine therapeutische Wohngemeinschaft. Deren Anforderungen hätte A. gar nicht erfüllt.
Im Übrigen wäre dort der Kontakt zu den Eltern vollständig unterbunden worden. Dies
gehöre zum Konzept.
Aufgrund des Gutachtens der Uni-Klinik Zürich sei erwiesen, dass der Unfall aus dem
Jahr 1993 keine Ursache für den heutigen gesundheitlichen Zustand der Klägerin sei.
Mit der Versicherung werde demnächst ein Vergleich abgeschlossen. A. erhalte Fr.
10'000.--.
Die Wegnahme des Mobiltelefons der Klägerin habe er veranlasst. Es handle sich dabei
nur um eine vorübergehende Massnahme, bis die Klage beurteilt sei. Er habe damit
den unkontrollierten Kontakt der Klägerin zum Vater unterbinden wollen. A. könne
jedoch jederzeit vom Büro der Bewo aus telefonieren.
i) Der Präsident der Vorinstanz konnte dem Bericht der ärztlichen Fachrichterin
vollumfänglich zustimmen. Er bestätigte zudem, dass auf Initiierung des Klägers ein
Verfahren betreffend Aufhebung der Vormundschaft hängig sei. In Bezug auf die
vorliegende Klage beantrage er deren Abweisung. Der Kläger widerspreche sich häufig.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Er überschätze sich, wenn er die Betreuung für die Klägerin übernehmen wolle. Die
Situation bei ihm sei nicht ideal. In seinem Haus in X. habe laut Aussagen von
Drittpersonen ein Chaos geherrscht. Er habe das allerdings noch nie selbst gesehen,
da der Kläger den Zutritt verwehre. Mit seinen ständigen Interventionen bringe der
Kläger nur Unruhe ins Leben seiner Tochter. Zuvor habe diese Fortschritte gemacht,
jetzt sei alles wieder in Frage gestellt. Mit der fürsorgerischen Freiheitsentziehung wolle
man mehr Distanz zum Kläger gewinnen, um eine Stabilisierung des Zustands der
Klägerin zu erreichen. Dann wären wieder Fortschritte möglich. Der Sekretär der
Vorinstanz ergänzte, dass der Käufer der Liegenschaft des Klägers in X. eine Mulde
bestellt habe, um das Material, dass der Kläger zurückgelassen habe zu entsorgen.
j) Im Schlusswort legte die Klägerin nochmals dar, dass sie es in der Bewo Hof nicht
länger aushalte und sich von Beginn weg immer nur unter Tränen gefragt habe, warum
sie hier leben müsse. In so einem Umfeld müsse man ja traurig sein. Der Kläger meinte,
die gesamte Situation hier sei falsch. Es herrsche eine Angstsituation für A.
E.- Auf weitere tatsächliche Gegebenheiten und Ausführungen der Beteiligten sowie die

Akten ist, sofern für den Entscheid relevant, in den Erwägungen einzugehen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen.
a) Die Verwaltungsrekurskommission beurteilt Anfechtungen der fürsorgerischen
Freiheitsentziehung nach Art. 397a bis 397f des Schweizerischen Zivilgesetzbuches
(Art. 71a VRP). Nach Art. 397a des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (SR 210;
abgekürzt: ZGB) darf eine mündige oder entmündigte Person wegen Geisteskrankheit,
Geistesschwäche, Trunksucht, anderen Suchterkrankungen oder schwerer
Verwahrlosung in einer geeigneten Anstalt untergebracht oder zurückbehalten werden,
wenn ihr die nötige persönliche Fürsorge nicht anders erwiesen werden kann.
Der Begriff der Anstalt ist bei Erwachsenen in einem sehr weiten Sinn zu verstehen.
Gemäss Botschaft vom 17. August 1977 soll sich der Rechtsschutz auf alle möglichen
Einrichtungen beziehen, in welchen Personen ohne oder gegen ihren Willen persönliche
Fürsorge unter Entzug ihrer Freiheit erbracht werden könne. Es müsse sich dabei nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
notwendigerweise um geschlossene Anstalten handeln. Es genüge, dass der
Betroffene die Anstalt nicht verlassen dürfe (BBl 1997 III S. 28 f.). Auch die meisten
Autoren sprechen sich für einen weiten Anstaltsbegriff aus (vgl. dazu B. Caviezel-Jost,
Die materiellen Voraussetzungen der fürsorgerischen Freiheitsentziehung, Stans 1988,
S. 361 f. m.w.H.). Ausgehend von einem weiten Begriff der persönlichen Freiheit sind
auch all jene Institutionen als Anstalten zu bezeichnen, die die Möglichkeit haben,
Menschen bei sich aufzunehmen, auch wenn sie eine sehr offene Struktur haben und
die Bewegungsfreiheit nicht oder nur wenig beschränken. Denn auch sie beschränken
den Eingewiesenen in seiner persönlichen Freiheit, und zwar in ihrem Teilbereich der
Willensfreiheit. Jene beinhaltet auch das Recht eines erwachsenen Menschen, seinen
Aufenthaltsort selbst zu bestimmen, und ist daher beeinträchtigt, wenn jemand gegen
seinen Willen von der zuständigen Behörde irgendwo untergebracht oder
zurückbehalten wird. Die Anordnung, in einer Institution zu bleiben und sie nicht ohne
Erlaubnis zu verlassen, genügt deshalb für die Annahme einer Anstalt im Sinn von Art.
397a ZGB (Caviezel-Jost, a.a.O., S. 364 f.; Th. Geiser, in Honsell/Vogt/Geiser [Hrsg.],
Zivilgesetzbuch I, N 22 zu Art. 397a ZGB). Diese Betrachtungsweise gilt auch für den
erwachsenen Entmündigten, zumal in Art. 397a ZGB explizit von mündigen und
entmündigten Personen die Rede ist (Caviezel-Jost, a.a.O., S. 365 Fn 57). Auch eine
urteilsfähige entmündigte Person kann nur mit fürsorgerischer Freiheitsentziehung
verpflichtet werden, in einer Institution zu bleiben und diese nicht ohne Erlaubnis zu
verlassen.
Die Bewo Hof in Nesslau stellt eine betreute Wohngemeinschaft dar mit dem Ziel der
Förderung der Selbständigkeit. Das Angebot richtet sich an Frauen und Männer ab 16
Jahren, die sich in psychischen oder sozialen Schwierigkeiten befinden. In Nesslau
sind maximal zehn Personen untergebracht. Während 24 Stunden pro Tag ist eine
professionelle Betreuung garantiert. Die Institution hat keine geschlossene Abteilung.
Die Bewohner müssen jedoch bei Entfernung von der Unterkunft jeweils den Grund
angeben. Abends um 22.00 Uhr wird die Tür geschlossen. Auch wenn sich die Klägerin
inner- und ausserhalb der Bewo relativ frei bewegen kann, darf sie gestützt auf die
angefochtene Verfügung der Vorinstanz die Bewo Hof als Aufenthaltsort nicht
verlassen. Insbesondere ist sie nicht befugt, bei ihrem Vater in W. zu leben. Dadurch
wird sie in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt. Die Bewo Hof in Nesslau stellt
daher im Falle der bezüglich ihres Aufenthaltsorts urteilsfähigen Klägerin eine Anstalt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Sinn von Art. 397a ZGB dar, weshalb die Verwaltungsrekurskommission zur
Beurteilung der Klage zuständig ist.
b) Die Befugnis zur Rechtsmittelerhebung ist für die Klägerin als Direktbetroffene
zweifellos gegeben. Auch der Kläger ist als Vater der Klägerin eine nahe stehende
Person im Sinn von Art. 397d Abs. 1 ZGB und deshalb zur Klage legitimiert. Daran
vermag die Tatsache, dass die Klägerin nicht mehr unter seiner elterlichen Sorge steht,
nichts zu ändern. Die Klage vom 1. Oktober 2006 (Datum Poststempel: 5. Oktober
2006) ist ferner rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher
Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 397d ZGB, Art. 75f des
Einführungsgesetzes zum Schweizerischen Zivilgesetzbuch [sGS 911.1; abgekürzt: EG
zum ZGB] sowie Art. 71c Abs. 1 und 71d in Verbindung mit Art. 48 Abs. 1 VRP).
Auf die Klage ist einzutreten.
2.- Die Vorinstanz war örtlich und sachlich zum Erlass der angefochtenen Verfügung
zuständig (Art. 397b Abs. 1 und Art. 25 Abs. 2 ZGB). sie hat die verfahrensrechtlichen
Anforderungen (Sachverständigenbeizug und Gewährung des rechtlichen Gehörs)
eingehalten.
3.- Gemäss Art. 397a ZGB setzt die fürsorgerische Freiheitsentziehung in materieller
Hinsicht voraus, dass die davon betroffene mündige oder entmündigte Person –
alternativ – an Geisteskrankheit, Geistesschwäche, Trunksucht, anderen
Suchterkrankungen oder schwerer Verwahrlosung leidet und deswegen der
persönlichen Fürsorge bedarf, die ihr nicht anders als durch die Einweisung in eine
geeignete Anstalt der tatsächlich gewählten Art erwiesen werden kann (Abs. 1), wobei
auch die Belastung, welche die Person für ihre Umgebung bedeutet, zu
berücksichtigen ist (Abs. 2).
a) Die Vorinstanz geht gestützt auf den Bericht des Psychiatrischen Zentrums Wattwil
vom 5. Mai 2006 von einer Geistesschwäche im Sinn des Gesetzes aus (act. 2). Zu
prüfen ist deshalb, ob eine Geisteskrankheit oder eine Geistesschwäche im Sinn von
Art. 397a Abs. 1 ZGB vorliegt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Der Begriff der Geisteskrankheit ist – analog dem im Vormundschaftsrecht geltenden
Terminus – auch im Bereich der fürsorgerischen Freiheitsentziehung als Rechtsbegriff
zu verstehen und nicht in streng medizinischem Sinn auszulegen. In Lehre und
Rechtsprechung sind mit dem juristischen Begriff der Geisteskrankheit Fälle gemeint,
bei denen psychische Symptome oder Verlaufsweisen hervortreten, die einen stark
auffallenden Charakter haben und die bei einem besonnenen Laien nach hinreichender
Bekanntschaft mit dem Betroffenen den Eindruck völlig uneinfühlbarer, qualitativ
tiefgehend abwegiger, grob befremdender Störungszeichen erwecken. Als
Geisteskrankheit im juristischen Sinn gelten demnach alle psychischen Störungsformen
(im medizinischen Sinn), sofern sie den "juristischen Schwellenwert" der
Uneinfühlbarkeit durch den besonnenen Laien erreichen. Wird dieser juristische
Schwellenwert nicht erreicht, liegt keine Geisteskrankheit, möglicherweise jedoch eine
Geistesschwäche im Sinn des Gesetzes vor. Eine solche wird angenommen, wenn auf
die Dauer psychische Störungen auftreten, die ein besonnener Laie nicht mehr als
Krankheit erachtet, weil sie bei ihm nicht den Eindruck uneinfühlbarer, qualitativ
tiefgehend abwegiger Störung und "Verrücktheit" erwecken, die ihm aber doch als
Störungen (unter Umständen sehr stark) auffallen. Die Störungen erscheinen dabei
irgendwie noch einfühlbar, weil sie nach aussen nur quantitativ vom "Normalen"
abweichen. Dieser Begriffsbestimmung entsprechend sind demnach - über den
allgemeinen Sprachgebrauch hinaus - unter dem juristischen Begriff der
Geistesschwäche nicht bloss intellektuelle Schwächen, sondern auch bloss psychische
Störungen ohne intellektuelle Komponente zu verstehen, wenn diese Störungen
hinreichend ausgeprägt sind (vgl. GVP 1988 Nr. 35 mit Hinweisen).
Aus dem schlüssigen Bericht der ärztlichen Fachrichterin anlässlich der heutigen
Verhandlung, der sich auf die Beobachtungen während der Einvernahme und der
Verhandlung abstützt, geht hervor, dass die Klägerin an einer Persönlichkeitsstörung
mit Auswirkungen auf das soziale und emotionale Verhalten und damit an einer
psychischen Krankheit im medizinischen Sinn leidet. Diese Diagnose wird auch im
Gutachten der KPK St. Pirminsberg vom 4. März 1997 gestellt. Die Psychiatrische
Universitätsklinik Zürich diagnostizierte im Gutachten vom 4. November 2005 ebenfalls
eine kombinierte Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen. Auch das
Psychiatrische Zentrum Wattwil kommt in seinem Bericht vom 5. Mai 2006 zum
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ergebnis, dass die Klägerin an einer schweren Entwicklungsstörung in sozialen und
emotionalen Verhalten leidet.
Es ist zu prüfen, ob die Klägerin psychische Störungszeichen aufweist, die den
erwähnten Schwellenwert der Uneinfühlbarkeit bzw. die hinreichende Ausgeprägtheit
erreichen, um als Geisteskrankheit oder als Geistesschwäche im juristischen Sinn
gelten zu können.
Die Klägerin ist seit ihrer frühen Kindheit auffällig. Schon damals war sie äusserst scheu
und zurückgezogen. Aktenkundig ist zudem eine Magersuchtserkrankung in der
Primarschule. In ihrer Jugendzeit wurde die Klägerin sowohl ambulant als auch
stationär psychotherapeutisch behandelt. Im Vordergrund standen dabei ihre
Atembeschwerden. Obschon sich dafür keine somatische Ursache feststellen liess, hat
die Klägerin bis heute Probleme mit der Atmung. Sie hat das Gefühl, nicht mehr
ausatmen zu können und zu ersticken. Wegen dieser eingebildeten Erstickungsanfälle
suchte die Klägerin im ganzen Kanton St. Gallen notfallmässig verschiedenste Ärzte
auf. Dies führte sogar soweit, dass der Kantonsarzt ein Behandlungsverbot
aussprechen musste. Auch heute beherrscht die Atmung als zentrales Thema das
alltägliche Leben der Klägerin. Sie hat deswegen grosse Mühe beim Trinken und
Essen. Ferner kann sie nur leichtere Arbeiten verrichten. Obschon die Klägerin sich seit
bald zweieinhalb Jahren in der Bewo Hof in Nesslau aufhält, kann sie bis heute
höchstens einen halben Tag pro Woche in der Werkstatt in Krummenau arbeiten.
Daneben verrichtet sie vormittags jeweils einige Stunden Hausarbeit, wobei sie jedoch
viel Begleitung und Anweisung benötigt. Aufgrund ihrer gesundheitlichen Beschwerden
hat die Klägerin keine Berufslehre absolviert und bezieht eine volle Invalidenrente. Sie
schloss die Realschule nicht ab und war danach abwechslungsweise bei ihrem Vater,
in psychiatrischen Kliniken oder in therapeutischen Wohngruppen untergebracht. Sie
unterzog sich keiner beruflichen Abklärung oder IV-Eingliederung. Ab Ende 1999
arbeitete sie für längere Zeit in der geschützten Werkstätte Buecherwäldli. Die
Vollzeitbeschäftigung dort musste sie jedoch wegen ihrer Atembeschwerden
zunehmend reduzieren. Diese über Jahre anhaltenden psychosomatisch bedingten
Probleme mit der Atmung und die damit verbundenen Einschränkungen im beruflichen
Alltag sind für einen besonnenen Laien nicht mehr einfühlbar.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Klägerin hat ferner ausser den Familienangehörigen keine näheren
Bezugspersonen. Auch in der Bewo Hof, in der sie nun seit Juni 2004 lebt, konnte sie
keine Vertrauensbeziehung zu anderen Mitbewohnern aufbauen. Sie lebt innerhalb der
Gruppe sehr zurückgezogen, verbringt ihre Freizeit meist auf dem Zimmer und meidet
Gruppenaktivitäten, wenn immer möglich. Die Beziehung zum Vater ist hingegen sehr
eng. Die Klägerin ist in ihren Handlungen und Aussagen stark auf diesen fixiert. Man
hat das Gefühl, sie wolle es ihm unter allen Umständen recht machen. Obschon die
Klägerin mittlerweile 28 Jahre alt ist, hat keine wirkliche Ablösung vom Vater
stattgefunden. Die Klägerin scheint unter diesen Umständen in ihrem sozialen
Verhalten schwer beeinträchtigt. Ihre permanente Verschlossenheit sowie ihre
Beziehungsunfähigkeit wirken grob befremdend.
Aufgrund der mündlichen Verhandlung sowie der vorliegenden Akten zeigt die Klägerin
im heutigen Zeitpunkt psychische Störungszeichen, welche auf einen besonnenen
Laien uneinfühlbar und grob befremdend wirken und insgesamt ein erhebliches
Ausmass erreichen. Auch wenn die Klägerin nicht psychotisch ist und keine
wahnhaften Ideen verbreitet, ist ihr emotionales und soziales Verhalten dermassen
gestört, dass der juristische Schwellenwert der Uneinfühlbarkeit erreicht wird und
daher eine Geisteskrankheit gemäss Art. 397a Abs. 1 ZGB vorliegt. Nicht entscheidend
ist dabei, ob diese Geisteskrankheit in irgendeinem Zusammenhang mit dem
Verkehrsunfall von 1993 steht.
b) Auch bei Vorliegen einer Geisteskrankheit ist die einschneidende
Zwangsmassnahme der fürsorgerischen Freiheitsentziehung nur dann zulässig, wenn
dem Betroffenen die nötige persönliche Fürsorge nicht anders erwiesen werden kann
(Art. 397a Abs. 1 ZGB). Im Sinn des verfassungsmässigen Grundsatzes der
Verhältnismässigkeit staatlicher Eingriffe in die grundrechtsgeschützte persönliche
Freiheit ist die Anstaltsunterbringung nur zulässig, wenn die vorgesehene
Freiheitsentziehung auch tatsächlich geeignet ist, der eingewiesenen Person zu helfen.
Kann eine Geisteskrankheit als solche dadurch nicht geheilt werden, so muss die
Freiheitsentziehung bzw. die dadurch ermöglichte Behandlung zumindest geeignet
sein, die Auswirkungen auf das Verhalten des Betroffenen nach Möglichkeit zu mildern.
Im Hinblick auf Art. 397a Abs. 2 ZGB, der eine Mitberücksichtigung der für die
Umgebung damit verbundenen Belastung vorsieht, erscheint eine Anstaltseinweisung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auch dann gerechtfertigt, wenn der Betroffene infolge seines Zustandes für sich oder
Dritte eine Gefahr bildet, indem er hochwertige Rechtsgüter wie Leben und Gesundheit
gefährdet. Darf die Unterbringung oder Rückbehaltung in einer Anstalt schliesslich aber
nur dann und so lange angeordnet bzw. aufrecht erhalten werden, als dem Betroffenen
die nötige persönliche Fürsorge nicht anders erwiesen werden kann, so setzt dies bei
der gerichtlichen Beurteilung einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung letztlich voraus,
dass eine Möglichkeit, dem Betroffenen die nötige persönliche Fürsorge ausserhalb der
Anstalt zu gewähren, auch im Zeitpunkt der Urteilsfällung (noch) nicht besteht (vgl. GVP
1988 Nr. 38 mit Hinweisen).
Seit Juni 2004 hält sich die Klägerin in der Bewo Hof in Nesslau auf. Zuvor lebte sie
beim Vater, der damals noch in X. wohnte. Die Klägerin gibt an, es gefalle ihr in der
Bewo überhaupt nicht, sie sei hier sehr traurig. Sie wolle zu ihrem Vater ziehen, der seit
Juni 2006 in W. wohnt. Dort hat der Kläger im gleichen Haus eine 2 1⁄2- und eine 3 1⁄2-
Zimmerwohnung gekauft. Fest steht, dass die Klägerin nicht allein wohnen kann. Es
mangelt ihr in den meisten Bereichen an der dazu notwendigen Selbständigkeit. Sie ist
nicht in der Lage, einen Haushalt zu führen. Dies zeigt sich darin, dass sie bei den
Hausarbeiten in der Bewo immer wieder von neuem angeleitet werden muss. Die
Klägerin könnte auch das Haus nicht allein verlassen, um Einkäufe zu tätigen. In der
Bewo unternimmt sie keine Spaziergänge ohne Begleitung. Nebst Unterstützung im
Alltag benötigt die Klägerin zudem in vielen Bereichen umfassenden Schutz. Da keine
anderweitigen Alternativen zur Verfügung stehen, kommt folglich nur das Verbleiben in
der Bewo oder der Umzug nach W., wo die Klägerin in unmittelbarer Nähe zum Vater
eine eigene Wohnung beziehen könnte, in Frage.
In Bezug auf die letztere Unterbringungsvariante ist in erster Linie zu bedenken, dass
die Betreuung der Klägerin sehr aufwendig ist. Mit der Haushaltführung wäre diese
masslos überfordert. Für sämtliche Verrichtungen benötigt sie zudem sehr viel Zeit. Die
Vorstellung des Vaters, er würde sich beim Kochen mit der Klägerin abwechseln,
erscheint vor diesem Hintergrund nicht realistisch. Es ist deshalb davon auszugehen,
dass eine allein stehende Person mit der Betreuung der Klägerin überfordert wäre. Der
Kläger, der bereits seit längerem pensioniert ist, hätte zwar sicherlich genügend Zeit
zur Verfügung. Dessen vorgerücktes Alter mit 71 Jahren gilt es aber auch zu
berücksichtigen. Hinzu kommt, dass diversen Äusserungen der geschiedenen Frau und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Tochter des Klägers wie auch des Präsidenten und des Sekretärs der Vorinstanz
sowie des Vormunds zu entnehmen ist, dass der Haushalt des Klägers eher chaotisch
geführt wird. Dessen geschiedene Frau war kürzlich in W. und hat geschildert, dass in
der Wohnung mangels Stauraum überall Kleider lägen. Auch ihrer Einschätzung nach
wäre der Kläger mit der Betreuung der Klägerin überfordert. Sie selbst ist lediglich
während eines Wochenendes pro Monat in der Lage, die Klägerin bei sich zuhause zu
betreuen. Es trifft zwar zu, dass die Klägerin früher beim Vater gewohnt hat. Laut
Aussagen des Vormunds war es damals aber die Klägerin selbst, die von zuhause weg
wollte, da sie mit der ständigen Unordnung, dem Essen und auch dem Vater selbst
nicht mehr zurecht kam. Offensichtlich benötigt die Klägerin in ihrem Alltag klare
Strukturen. Zu beachten ist schliesslich, dass die einzige Bezugsperson der Klägerin in
W. ihr Vater wäre. Die Mutter und Schwester wohnen in G. Eine noch weiter reichende
Vereinsamung der Klägerin wäre so vorprogrammiert. Bei allfälligen Schwierigkeiten
wäre sie überdies dem Vater ausgeliefert. Aufgrund der gesamten Umstände ist davon
auszugehen, dass der Kläger nicht in der Lage ist, seiner Tochter die notwendige
persönliche Fürsorge zukommen zu lassen und es über kurz oder lang zu einem Eklat
zwischen Vater und Tochter kommen würde.
Unabhängig davon fällt auf, dass die Klägerin in der Bewo Hof anfänglich gute
Fortschritte machte. So konnten die Zeiten, welche die Klägerin für alltägliche
Verrichtungen wie Duschen oder Essen benötigte, deutlich verkürzt werden. Die
Klägerin konnte die ihr übertragenen Hausarbeiten zunehmend selbständig verrichten.
Auch die Atembeschwerden traten vermehrt in der Hintergrund. Nachdem der Kläger
jedoch seit Frühjahr 2006 wieder regelmässig Kontakt zur Klägerin aufnahm und sie zu
sich nach Hause nahm, waren eindeutige Rückschritte feststellbar. Die Klägerin ging
nicht mehr allein aus dem Haus und musste bei alltäglichen Arbeiten wieder
nachfragen. Ferner klagte sie vermehrt über körperliche Beschwerden wie Magen- und
Kopfschmerzen sowie Übelkeit. Sobald die Klägerin wieder in ihrer gewohnten
Umgebung in der Bewo war, verbesserte sich die Situation. Auch wenn es der Klägerin
selbst nicht bewusst ist, gewährleistet der Aufenthalt in der Bewo die für sie nötige
Stabilität, was bei einem Aufenthalt beim Kläger nicht der Fall wäre.
Unter diesen Umständen kommt eine Unterbringung der Klägerin beim Kläger in W.
nicht in Frage. Der Verbleib der Klägerin in der Bewo Hof in Nesslau erweist sich daher
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im heutigen Zeitpunkt als einzige Möglichkeit, um der Klägerin die minimal notwendige
persönliche Fürsorge zu gewähren. Eine Rückkehr zu ihrem Vater vermag diesem
Erfordernis im heutigen Zeitpunkt keinesfalls gerecht zu werden. Die fürsorgerische
Freiheitsentziehung erscheint verhältnismässig, zumal die Einschränkungen in der
persönlichen Bewegungsfreiheit minimal sind und die Klägerin im Wesentlich daran
gehindert wird, zum Kläger zurückzukehren.
c) Art. 397a Abs. 1 ZGB setzt schliesslich voraus, dass die Unterbringung in einer
"geeigneten" Anstalt zu erfolgen hat. Die Klägerin ist schon seit längerer Zeit in der
Bewo Hof in Nesslau untergebracht. Dort leben zehn Personen in einer
Wohngemeinschaft zusammen, wobei jede über ein eigenes Zimmer mit fliessend
Wasser verfügt. Die Bewohner müssen sich an den Hausarbeiten wie Reinigung und
Kochen beteiligen. Sie können ferner bei den Gartenarbeiten und bei der Betreuung der
Kleintiere (Hühner und Hasen) mithelfen. Die Freizeitgestaltung findet sowohl individuell
als auch in der Gruppe statt, wobei letzteres fakultativ ist. Insgesamt wird eine
selbständige Lebensführung angestrebt. Dies entspricht exakt dem Bedürfnis der
Klägerin. In der Bewo Hof kann sie dieses Ziel ohne übermässigen Druck oder ständige
Überforderung verfolgen. Wie zuvor erwähnt, hat die Klägerin in der Bewo Hof
insbesondere zu Beginn des Aufenthalts Fortschritte in diese Richtung gemacht. Mit
den betreuten Wohnungen in Krummenau ist zudem eine weitere Stufenfolge in
Richtung Selbständigkeit innerhalb derselben Institution gewährleistet. In
therapeutischer Hinsicht wäre es allerdings wichtig, dass die Klägerin wieder
regelmässig einen Psychiater aufsuchen würde. Dieser könnte in medikamentöser
Hinsicht allenfalls noch Verbesserungen vornehmen. Derzeit erhält die Klägerin von
ihrem Hausarzt Dr. Schläpfer in Nesslau das Neuroleptikum Abilify.
Es steht damit fest, dass der Klägerin in der Bewo Hof in Nesslau die für sie konkret
notwendige persönliche Fürsorge und Betreuung gewährt werden kann und die von der
Vorinstanz verfügte fürsorgerische Freiheitsentziehung tatsächlich geeignet ist, der
Klägerin zu helfen.
d) Zusammenfassend ergibt sich, dass die Voraussetzungen von Art. 397a Abs. 1 ZGB
für einen zwangsweisen Aufenthalt der Klägerin in der Bewo Hof in Nesslau im heutigen
für die Beurteilung massgeblichen Zeitpunkt erfüllt sind. Die fürsorgerische
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Freiheitsentziehung ist insbesondere auch verhältnismässig, d.h. sie stellt eine
geeignete, erforderliche und angemessene Massnahme dar, um der Klägerin die
notwendige Fürsorge zu erbringen. Die Klage ist deshalb als unbegründet abzuweisen.
e) Dies bedeutet, dass sich die Klägerin weiter in der Bewo Hof in Nesslau aufhalten
muss und nicht bei ihrem Vater wohnen darf. Die Leitung der Bewo Hof bzw. der
Vormund der Klägerin befinden über die Gewährung von Urlaub an Wochenenden bzw.
vorübergehenden Aufenthalten an einem anderen Ort.
4.- Nach Art. 95 Abs. 1 VRP hat in Streitigkeiten jener Beteiligte die Kosten zu tragen,
dessen Begehren ganz oder teilweise abgewiesen werden. Es gilt der Grundsatz der
Kostentragung nach Massgabe des Obsiegens oder Unterliegens (W. Hagmann, Die st.
gallische Verwaltungsrechtspflege und das Rechtsmittelverfahren vor dem
Regierungsrat, Diss. Zürich 1979, S. 267 f.). Die Abweisung der Klage hat demnach zur
Folge, dass die amtlichen Kosten von Fr. 2'000.-- (vgl. Ziff. 362 Gerichtskostentarif,
sGS 941.12) den Klägern zu überbinden sind.
In Klagefällen betreffend fürsorgerische Freiheitsentziehung werden keine amtlichen
Kosten erhoben, wenn sich der Betroffene in ungünstigen wirtschaftlichen
Verhältnissen befindet (Art. 97bis Abs. 1 lit. a VRP). Dies ist vorliegend für die
betroffene Klägerin der Fall. Als IV-Rentnerin mit Ergänzungsleistungen verfügt sie
weder über steuerbares Einkommen noch über steuerbares Vermögen (Veranlagung
2005). Der Kläger weist ein steuerbares Einkommen von Fr. 21'600.-- und kein
steuerbares Vermögen auf (Veranlagung 2005). Ihm gegenüber ist daher gestützt auf
Art. 97 VRP auf die Erhebung amtlicher Kosten zu verzichten.