Decision ID: 40c0de5a-c8a4-4364-8df0-475407c5559a
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1982, reiste am 2
5.
September 2009 aus
Y._
(
Z._
/
A._
) in die Schweiz ein und meldete sich am 2
2.
Juli 2013 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
12/7
Ziff.
1.3 und 1.6).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, stellte dem Gesuch
steller mit Vorbescheid vom 2
4.
Juni 2014 in Aussicht, einen
Leistungs
anspruch
mangels Erfüllung der versicherungsmässigen Voraussetzungen zu verneinen (
Urk.
8/21
=
Urk.
3/2
). Dagegen erhob dieser am 1
7.
Juli 2014 (
Urk.
12/23
=
Urk.
3/3
), 1
0.
September 2014 (
Urk.
12/37) und 1
5.
September 2014 (
Urk.
12/39
=
Urk.
3/5
) Einwände
.
Mit Verfügung vom
1.
Dezember 2014 verneinte die IV-Stelle einen Leistungsanspruch (
Urk.
12/53 =
Urk.
2).
2.
Der Versicherte erhob am 1
9.
Januar 2015 Beschwerde gegen die Verfügung vom
1.
Dezember 2014 (
Urk.
2) und beantragte zur Hauptsache, es sei ihm rückwirkend ab
1.
August 2014 eine halbe Rente zuzusprechen (
Urk.
1 S. 2 Ziff.
1).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 1
0.
April 2015 (
Urk.
11) die Abweisung der Beschwerde.
Mit Gerichtsverfügung vom 1
6.
Juni 2015 wurde antragsgemäss (
Urk.
1 S. 2
Ziff.
4) die unentgeltliche Prozessführung und Rechtsvertretung bewilligt (
Urk.
16).
Mit Replik vom 2
5.
August 2015 stellte der Beschwerdeführer den leicht modifi
zierten Antrag, es sei ihm rückwirkend eine halbe Rente zuzusprechen (
Urk.
19 S. 2 Mitte
Ziff.
1).
Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 2
4.
September 2015 auf Duplik (
Urk.
22), was dem Beschwerdeführer am
8.
Oktober 2015 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
23).
3.
Mit Entscheid vom 1
2.
Januar 2011 (
Urk.
12/42/33-38) stellte das Bundesamt für Migration fest, der Gesuchsteller erfülle die Flüchtlingseigenschaft gemäss
Art.
3
Abs.
1 und 2 des Asylgesetzes, wies
jedoch
sein Asylgesuch ab und wies ihn aus der Schweiz weg (S. 6
Ziff.
1-3); weiter verfügte es, die Wegweisung werde zurzeit wegen Unzulässigkeit nicht vollzogen und zugunsten einer vor
läufigen Aufnahme aufgeschoben (S. 6 Ziff.
4).
Am 1
4.
August 2014 bestätigte das Bundesamt für Migration, dass der Beschwer
deführer Flüchtling sei (
Urk.
12/47).
4.
Am 2
7.
November 2015 bestätigte die zuständige Ausgleichskasse, dass sie den Beschwerdeführer rückwirkend vom
1.
Januar 2010 bis 3
1.
März 2011 als nichterwerbstätige Person registriert habe (
Urk.
27/1).
Am 1
0.
Dezember 2015 bestätigte die Gemeindeverwaltung der Wohngemeinde die Einzahlung der für den genannten Zeitraum nachgeforderten Beiträge (
Urk.
29/3).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss
Art.
6
Abs.
2 Satz 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sind ausländische Staatsangehörige (vo
rbehältlich
Art.
9
Abs.
3
IVG)
nur anspruchsberechtigt, sofern sie
- unter anderem -
bei Eintritt der Invalidität während mindestens eines vollen Jahres Beiträge geleistet oder sich ununterbro
chen während zehn Jahren in der Schweiz aufgehalten haben.
1.2
Nach
Art.
4
Abs.
2 IVG gilt die Invalidität als eingetreten, sobald sie die für die Begründung des Anspruches auf die jeweilige Leistung erforderliche Art und Schwere erreicht hat. Dieser Zeitpunkt ist objektiv aufgrund des Gesundheits
zustandes festzustellen; zufällige externe Faktoren sind unerheblich (AHI 2003 S. 209 E. 2a). Er beurteilt sich auch nicht nach dem Zeitpunkt, in dem eine Anmeldung eingereicht oder von dem an eine Leistung gefordert wird und stimmt nicht notwendigerweise mit dem Zeitpunkt überein, in welchem die versicherte Person erstmals Kenntnis davon bekommt, dass der
Gesund
heits
scha
den
Anspruch auf Versicherungsleistungen geben kann (BGE 126 V 5 E. 2b mit Hinweisen; AHI 2002 S. 147 E. 3a). Aus
Art.
4
Abs.
2 IVG ergibt sich, dass der Eintritt der Invalidität für die einzelnen Leistungen der Invalidenversiche
rung autonom zu bestimmen ist (sog. leistungsspezifische Invalidität). Dabei sind die rechtlichen Vorgaben zu berücksichtigen, die sich aus
Art.
4
Abs.
1 IVG (in Verbindung mit
Art.
8 ATSG) ergeben. Folglich begründet der
Gesundheits
schaden
für jede Leistungsart innerhalb der Einglie
derungsmassnahmen je einen eigenen Versicherungsfall (BGE 112 V 275; vgl. auch BGE 126 V 241 mit Hin
weisen; Urteil des Bundesgerichts I 159/05 vom 1
6.
März 2006 E. 3.2.1 mit Hinweisen).
1.3
Gemäss
Art.
36
Abs.
1 IVG haben Anspruch auf eine ordentliche Rente Versi
cherte, die bei Eintritt der Invalidität während mindestens drei Jahren Beiträge geleistet haben.
1.4
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung davon aus, der Beschwerdeführer sei im September 2009 bereits mit seinem
Gesundheitsscha
den
eingereist und könne deshalb die versicherungsmässigen Voraussetzungen nicht erfüllen (
Urk.
2 S. 2 oben).
In der Beschwerdeantwort (
Urk.
11) machte sie zusätzlich geltend, der Beschwer
deführer habe seit April 2011 Beiträge als Nichterwerbstätiger geleistet (S. 1
Ziff.
1). Gemäss dem eingeholten internistischen Gutachten sei er seit Frühjahr 2012 zu 50
%
in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt (S. 1 f.
Ziff.
2). Spätestens im März 2013 sei das Wartejahr abgelaufen und die Invalidität ein
getreten. Um die versicherungsmässigen Voraussetzungen (drei Beitragsjahre) zu erfüllen, hätte er somit ab März 2010 Beiträge bezahlen müssen. Er habe jedoch erst ab April 2011 Beiträge geleistet; auch Erziehungsgutschriften könnten frü
hestens ab Geburt des ersten Kindes im Dezember 2010 angerechnet werden (S.
2
Ziff.
3). Ferner sei die im Gutachten attestierte Arbeitsunfähigkeit von 50
%
aus näher dargelegten Gründen nicht nachvollziehbar (S. 2
Ziff.
4).
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt,
nachdem nunmehr die entsprechenden Beiträge bezahlt worden seien (
Urk.
28 S. 2), habe er ab Januar 2010 Beiträge geleistet und damit die geforderte dreijährige
Bei
tragszeit
im Januar 2013 erreicht, womit er im Zeitpunkt der
Anmeld
ung (Juli 2013) bereits versichert gewesen sei (
Urk.
19 S. 9
lit
. d).
Materiell wurde in der Beschwerde (
Urk.
1) geltend gemacht, es bestünden durch
aus bestimmte Anhaltspunkte für eine somatische Ursache der Beschwer
den (S. 12
lit
. o). Das eingeholte psychiatrische Gutachten sei aus näher darge
legten Gründen mangelhaft (S. 15 ff.
lit
. f., S. 17 ff.
Ziff.
3). In der Replik (
Urk.
19) wurde unter anderem ausgeführt, die gutachterlich attestierte Arbeits
fähigkeit von 50
%
dürfte ein Grenzfall sein (S. 5
lit
. f) beziehungsweise sei
wohl eher zu hoch angesetzt (S. 6
lit
. g).
2.3
Der ursprüngliche Streitpunkt der fraglichen Versicherungsvoraussetzungen ist entfallen: Der Beschwerdeführer weist Beitragsleistungen ab Januar 2010 auf, womit die allgemeinen (vorstehend E. 1.1) wie auch die rentenspezifischen (vorstehend E. 1.3) Voraussetzungen erfüllt sind.
Strittig bleibt, wie es sich mit dem Gesundheitszustand und dessen Auswirkun
gen auf die versicherungsrelevante Arbeitsfähigkeit verhält.
3.
3.1
Eine am 2
4.
November 2011 wegen retrosternalen Beschwerden durchgeführte Gastro
s
kopie ergab - nebst einem positiven
Helicobacter
-
Urease
-Test - eine klei
ne axiale
Hiatushernie
ohne
Refluxösophagitis
(
Urk.
15/3).
Eine am 1
7.
April 2012 durchgeführte
Ileoskopie
ergab, nebst Hämorrhoiden im Stadium I, unauffällige Befunde (
Urk.
15/2).
3.2
Am
1.
November 2012 berichteten die Ärzte der Medizinischen Poliklinik des
B._
über ihre vom 3
0.
April bis 1
7.
September 2012 erfolgten Beurteilungen (
Urk.
15/1)
und nannten folgende Diagnosen (S.
1):
Verdacht auf Reizdarmsyndrom
hepatozelluläre
Hepatitis
Status nach Hepatitis B
sonographisch
Lebersteatose (1
0.
Mai 2012)
Vitamin D3-Mangel
Hämorrhoiden Grad I
Im Rahmen der Beurteilung führten sie unter anderem aus, die Ursache für die häufigen Stuhlgänge sei am ehesten im Rahmen eines
Reizdarmsyndromes
zu sehen.
Bei mehrmals verpassten Terminen stelle sich die Frage nach der Schwere des Leidensdruckes. Ausführliche Abklärungen hätten keine fassbare Pathologie gezeigt, insbesondere habe eine chronisch-entzündliche Darmer
krankung ausgeschlossen werden können. Zudem hätten sich keine Hinweise für eine endokrine Ursache gezeigt; ebenso erscheine eine infektiöse Ursache unwahrscheinlich. Auffallend sei die grosse Zufuhr von Süssgetränken; bei fraglicher Compliance sei eine osmotische Diarrhoe nach wie vor nicht ausge
schlossen (S. 2 unten).
Bei Besserung der abdominellen Beschwerden nach Darmentleerung würde die Klinik zu einem Reizdarmsyndrom passen. Da die aktuelle Stuhlfrequenz 3-4 x /
Tag betrage, werde eine Wiederaufnahme der Arbeit als möglich erachtet (S. 3 oben).
3.3
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und für Kardio
logie, führte in seinem Bericht vom
9.
August 2013 (
Urk.
12/12/6-11)
aus, dass er den Beschwerdeführer seit dem
4.
Dezember 2012 behandle (
Ziff.
1.2) und nannte als Diagnose (
Ziff.
1.1) ein Reizdarmsyndrom (chronische abdominelle Beschwerden). Er führte aus, wegen des Krankheitsbildes sei keine dauerhafte Berufsausübung möglich, und attestierte eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
vom 3
0.
Juni bis
8.
Juli 2013 (
Ziff.
1.6).
3.4
Dr.
med.
D._
berichtete am
1.
Oktober 2013
an
Dr.
C._
über erste Untersuchungen nach Zuweisung des Beschwerdeführers vor einigen Wochen und führte aus, es sei ihm aufgefallen, dass die
Helicobacter
Gastritis nie
eradiziert
worden sei. In einem ersten Schritte werde jetzt eine
Eradikation
gemacht, um zu sehen, ob sich die Symptome damit veränderten. Er stellte einen Abschlussbericht in Aussicht (
Urk.
15/5).
3.5
Dr.
med.
E._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, erstattete am
5.
März 2014 ein psychiatrisches Gutachten
(
Urk.
12/20/8-
13)
, dies gestützt auf seine Untersuchung vom
9.
Januar 2014 (S. 1 unten)
,
die überlassenen Akten (S. 2
Ziff.
1)
und die Angaben des Beschwerdeführers (S. 2 ff.)
.
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit stellte er keine (S. 4
Ziff.
3), als Diagnose ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte er einen Ver
dacht auf psychologische Faktoren bei andernorts klassifizierter Krankheit, ICD
10 F54 (S. 5 oben).
Auf dem psychiatrischen Fachgebiet könne eine psychosomatische Komponente de
r
gastroenterologischen
Störung vermutet werden, mit möglicher kausaler Rolle der nicht bewältigten Migration sowie der Unmöglichkeit, das den eigenen Vorstellungen konforme Rollenbild zu erfüllen und für die Familie angemessen zu sorgen. Der Versicherte weise einen sehr geringen Akkulturationsgrad in der Schweiz auf, so dass vermutet werden könne, dass die
gastroenterologische
Problematik funktionell überlagert sei und die Situation sowohl auf den primären Krankheitsgewinn (Entwicklung der Symptomatik mit der nicht bewäl
tigten Migration verbundenen ungelösten Konflikte heraus) als auch sekun
därer Krankheitsgewinn (Legitimierung der eigenen Lage) aufweise
(S. 5)
.
Vom Versi
cher
ten würden Symptome geklagt, welche
aspektmässig
an eine posttraumati
sche Belastungsstörung erinnerten. Es sei allerdings unklar, ob er jemals Belas
tungen ausgesetzt worden sei, welche prinzipiell fähig wären, eine post
trau
ma
ti
sche Belastungsstörung auszulösen. Ferner biete er kein Vollbild einer post
trau
matischen Belastungsstörung an (S. 5 Mitte).
In der Beurteilung führte der Gutachter unter anderem aus, in der Gesamtschau erscheine es sehr wahrscheinlich, dass der Versicherte durch Misshandlungen im
Adoleszenzalter
womöglich für die spätere Entwicklung von neurotischen Störungen sensibilisiert worden sei und aus diversen Gründen nach der Einreise in die Schweiz keine ausreichende Anpassungsleistung habe erbringen können, sondern vielmehr in eine Situation der Überforderung verbunden mit diversen psychosozialen Schwierigkeiten und solchen beim Ausleben seines Rollenbildes gelangt sei (S. 5 f.). Vor diesem Hintergrund könne eine psychosomatische Komponente der beklagten
gastroenterologischen
Problematik vermutet werden (S. 6 oben).
Aus rein psychiatrischer Sicht sei der Versicherte voll arbeitsfähig (S. 6).
3.6
Dr.
med.
F._
, Oberärztin, Fachärztin für Allgemeine Innere Medi
zin, und Prof.
Dr.
med.
G._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medi
zin, Klinikdirektor, Klinik und Poliklinik für Innere Medizin,
H._
,
erstatteten am 1
7.
März 2014 ein
Gutachten
im Auftrag der Beschwerdegegnerin
(
Urk.
12/20/1-7)
, dies in Kombination mit dem bereits erwähnten psychiatrischen Gutachten (S. 1 Mitte), gestützt auf die ihnen über
lassenen und zusätzlich eingeholte
n
Akten (S. 1 f.) und ihre am
9.
Dezember 2013 erfolgte Exploration (S. 1 Mitte).
Anamnestisch hielten sie unter anderem fest, der Explorand berichte, dass er seit zirka 2-3 Jahren an Magenkrämpfen gefolgt von Übelkeit und Durchfall leide; manchmal habe er bei solchen Episoden auch Kopfschmerzen. Diese Beschwerden träten 4-5 Mal täglich auf, manchmal auch häufiger (S. 3 Ziff.
4.1).
Als Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit nannten sie ein Colon
irritabile
(S. 5
Ziff.
6.1), als solche ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S.
5
Ziff.
6.2) einen Status nach Hepatitis B und einen Verdacht auf psycholo
gische Faktoren bei andernorts klassifizierter Krankheit (F54).
In ihrer Beurteilung führten sie unter anderem aus, im Hinblick auf die somati
sche und psychiatrische Exploration resultiere eine Arbeitsunfähigkeit von 50
%
für leichte bis intermittierend mittelschwere Arbeiten, je nach Befinden bei erhöhter Präsenz mit vermehrten Pausen oder in 4 vollen Arbeitsstunden täg
lich. Sie seien sich durchaus bewusst, dass die Begründung der Arbeitsunfähig
keit aufgrund der gastrointestinalen Beschwerden und bei vermuteter psycho
somatischer Komponente einem Grenzfall entspreche, allerdings seien sie der Meinung, dass die 50%ige Arbeitsfähigkeit auch therapeutische Zwecke erfülle und zu einer Besserung der Beschwerden führen könne (S. 6 Mitte).
Sie empfahlen, die begonnenen Abklärungen bei
Dr.
D._
(vorstehend E. 3.4) weiterzuführen, um eine sekundäre Ursache der Beschwerden nochmals auszu
schliessen (S. 6
Ziff.
7.5).
3.7
Dr.
med.
Dr.
rer
. pol.
I._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), führte am 1
1.
April 2014 aus, das Gutachten sei umfassend und schlüssig. Als Gesundheitsschaden nannte er ein Colon
irritabile
und die Arbeitsfähigkeit bezifferte er mit 40
%
(
Urk.
12/51 S. 3 unten).
Am 1
0.
April 2015 führte
Dr.
I._
aus, nach nochmaliger Durchsicht des Gutachtens sei für leichte bis intermittierend mittelschwere Tätigkeiten eine 50%ige Arbeitsfähigkeit ausgewiesen; diese Einschätzung sei auf Frühjahr 2012 zu datieren (
Urk.
12/0).
3.8
Mit Gerichtsverfügung vom
8.
Oktober 2015 wurde der Beschwerdeführer aufge
fordert, Berichte über allfällig erfolgte Untersuchungen, etwa durch
Dr.
D._
, einzureichen (
Urk.
23 S. 2
Ziff.
3).
Am 2
8.
Dezem
ber 2015 stellte er solche für A
nfang
2016 in Aussicht (
Urk.
28 S.
2).
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin hat die materiellen Aspekte des Sachverhalts nur rudi
mentär geprüft, was anschaulich
im
Feststellungsblatt vom 1
3.
November 2014 (
Urk.
12/51) zum Ausdruck kommt, ebenso in der Begründung der angefochte
nen Verfügung (
Urk.
2) und weitestgehend auch in der Beschwerdeantwort (
Urk.
11). Dies ist vor dem Hintergrund nachvollziehbar, dass sie die
versiche
rungsmässigen
Voraussetzungen als nicht erfüllt erachtete.
Nachdem sich der Sachverhalt in dieser Hinsicht jedoch massgeblich verändert hat (vorstehend E. 2.3), stünde die materielle Anspruchsprüfung im Vorder
grund.
4.2
Die Beschwerdegegnerin stellte sich in der Beschwerdeantwort auf den Stand
punkt, es sei aus rechtlicher Sicht nicht nachvollziehbar, dass aufgrund des Reizdarmsyndroms eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit bestehen solle. Aus näher genannten Gründen könnten dem Beschwerdeführer Hilfsarbeitertätigkeiten zu 100
%
zugemutet werden (
Urk.
12 S. 2
Ziff.
4).
4.3
Die Ärzte des
B._
gingen von einer Beschwerdefrequenz von 3-4 Mal pro Tag aus und erachteten eine Wiederaufnahme der Arbeit als möglich (vorstehend E.
3.2).
Die Gutachterin und der Gutachter gingen von einer
Beschwerdef
requenz von 4-5 Mal pro Tag aus und postulierten eine Arbeitsfähigkeit von 50
%
, wobei sie ausführten, dass die „Begründung der Arbeitsunfähigkeit aufgrund der gastro
intestinalen Beschwerden und bei vermuteter psychosomatischer Komponente einem Grenzfall“ entspreche (vorstehend E. 3.6).
Ob sie damit zum Ausdruck bringen wollten, es liesse sich auch eine höhere Arbeitsfähigkeit oder aber eine höhere Arbeitsunfähigkeit vertreten, wird aus dem Zusammenhang nicht abschliessend klar; wahrscheinlicher erscheint, zumal sie auf eine mögliche Besserung der Beschwerden Bezug nahmen, dass sie auch eine höhere Arbeits
fähigkeit für vertretbar erachteten. Seitens des RAD wurde diese Frage nicht thematisiert (vorstehend E. 3.7).
4.4
Die genannte Unschärfe in den gutachterlichen Feststellungen genügt
–
ent
gegen den Annahmen in der Beschwerdeantwort - nicht, um im Zuge der Rechtsanwendung die attestierte Arbeitsunfähigkeit von 50
%
in eine Arbeits
fä
higkeit von 100
%
zu transformieren. Die entspräche
einer Parallelüberprüfung der medizinischen Beurteilung,
wie sie
das Bundesgericht für den B
ereich der psychosomatischen Leiden
als überholt eingestuft hat (BGE 141 V 281 E. 5.2.3).
4.5
Der Beschwerde
gegnerin
kann insoweit gefolgt werden, als dass der psychiatri
sche Gutachter - auch wenn er keine relevante Diagnose
stellen konnte - eine psychosomatische Komponente der gastrointestinalen Problematik vermutet
e
(vorstehend E. 3.5). Das Reizdarmsyndrom wird denn auch in medizinischer Sicht zu den Beschwerdebildern gerechnet, die mitunter als psychische Störung und mitunter als funktionelle, leitsymptombezogene Störung im somatischen Bereich klassifiziert werden (vgl. Peter Henningsen, Zur Begutachtung
somato
former
Störungen, PRAXIS 2005, S. 2007); die korrespondierende psychiatrische Diagnose dürfte diejenige der
somatoformen
autonomen Funktionsstörung des unteren Verdauungssystems (psychogenes Colon
irritabile
) gemäss ICD-10 F45.32 sein.
Seitens des RAD wurde auf die psychosomatische Komponente und den erwähn
ten möglichen Doppelcharakter des diagnostizierten Leidens keinen Bezug genommen.
Die Beschwerdegegnerin
hingegen begründete die ihres Erachtens aus rechtlicher Sicht anzunehmende volle Arbeitsfähigkeit mit der genannten psychosomatischen Komponente und im Vordergrund stehenden psychosozialen Belastungsfaktoren (
Urk.
12 S. 2
Ziff.
4). Inwiefern sich dies mit medizinischen Feststellungen belegen lässt, und wie es sich in diesem Zusam
menhang mit der allfälligen Massgeblichkeit von BGE 141 V 281 verhält, hat sie hingegen nicht dargelegt.
4.6
Zusammenfassend erweist sich die gutachterlich attestierte Arbeitsunfähigkeit als nicht ohne weiteres nachvollziehbar, und für die in der Beschwerdeantwort postulierte volle Arbeitsfähigkeit fehlt es an einer entsprechenden medizini
schen Beurteilung und schlüssigen rechtlichen Begründung.
Dies lässt es als angezeigt erscheinen, die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie auf geeignete Weise abkläre, wie
es
sich mit der ver
sicherungsrelevanten Arbeitsfähigkeit verhält. Dabei wird sie, sollten die vom Beschwerdeführer in Aussicht gestellten Berichte nicht etwas anderes ergeben, davon ausgehen können, dass aus medizinischer Sicht keine organische Ursache für die bestehenden Beschwerden eruiert werden konnten.
Sollte sich eine
versi
cherungsrelevante
Einschränkung ergeben, wird sie zweckmässigerweise auch die Frage allfälliger Eingliederungsmassnahmen und eventuell der
Schadenmin
derungspflicht
prüfen.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
5.
5.1
Die Verfahrenskosten gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG sind ermessensweise auf
Fr.
700.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
5.2
Die unentgeltliche Rechtsvertreterin hat
mit
Honorarnote
vom 1
8.
Januar 2016 einen Aufwand von 8.15 Stunden und Barauslagen von
Fr.
60.50 geltend gemacht
.
Sie ist demnach beim
(seit
1.
Januar 2015 anwendbaren)
praxis
gemässen
Stundenansatz von
Fr.
220.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer)
mit
Fr.
2‘
002
.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer)
zu entschädigen
.