Decision ID: 4ed98092-7cad-5306-9f6c-b5f1a2e82231
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 19. März 2010 bei der Invalidenversicherung (IV) wegen
arbeitsabhängiger Rhinitis und Bronchitis sowie Kniebeschwerden zum Leistungsbezug
an (IV-act. 1). Der Versicherte arbeitete seit 1. August 2007 als Bodenleger bei der
B._ (Angaben Arbeitgeberin vom 6. April 2010, IV-act. 11), wobei nach Angabe des
Versicherten etwa ab Anfang 2009 Atemwegsbeschwerden aufgetreten waren
(Gesprächsprotokoll Suva vom 5. Oktober 2009, Fremdakten, act. 1-161 ff.). Die Suva
hatte die Beschwerden am 15. Dezember 2009 als Berufskrankheit anerkannt
(Fremdakten, act. 1-127). Am 3. März 2010 hatte Dr. med. C._, Spezialarzt FMH für
Innere Medizin, der Suva berichtet, der Versicherte habe zunehmende Schmerzen beim
Knien. Es bestehe eine Patella bipartita und eine massive knollige Verkalkung der
Tuberositas tibiae bis Ligamentum patellae mit lokaler Osteoporose unterhalb des
Ansatzes des Ligamentum patellae. Er nehme an, dass auch hier eine berufsbedingte
Problematik durch das Knien vorliege (IV-act. 16-3 f.).
A.a.
Am 21. April 2010 erfolgte im Spital D._ die Resektion der Exostose über der
Tuberositas tibiae Knie links (Operationsbericht, Fremdakten, act. 1-18 f.;
Austrittsbericht, Fremdakten, act. 1-31 f.).
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Suva erliess am 8. Juli 2010 eine Nichteignungsverfügung, wonach der
Versicherte rückwirkend ab 1. Mai 2010 für Tätigkeiten als Bodenleger sowie für
Arbeiten mit Exposition zu Zementstaub nicht geeignet sei (Fremdakten, act. 1-48). Der
Arbeitsarzt der Suva hielt am 9. Juli 2010 fest, dass zusätzlich (starke) Expositionen
gegenüber Stäuben, Räuchen und Dämpfen gemieden werden sollten, vor allem
solange der Versicherte eine antiasthmatische Therapie benötige und sich die Lunge
noch nicht stabilisiert habe. Ausserhalb der Einschränkungen der
Nichteignungsverfügung bestehe mit Rücksicht auf die Lungenproblematik ab 1. Mai
2010 eine volle Arbeitsfähigkeit (Fremdakten, act. 3-9; vgl. auch Mitteilung der Suva
vom 2. August 2010, Fremdakten, act. 3-1 f.).
A.c.
Gestützt auf eine Stellungnahme von Suva-Arzt Dr. med. E._, Facharzt FMH für
Chirurgie, vom 31. August 2010 (Fremdakten, act. 4-24) lehnte die Suva am
8. September 2010 die Anerkennung der Kniebeschwerden als Berufskrankheit ab und
attestierte dem Versicherten ab dem 2. Juli 2010 eine volle Arbeitsfähigkeit auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt ausser für kniende Tätigkeiten (Fremdakten, act. 4-1 f.). Nach
erneuter ärztlicher Beurteilung von Dr. E._ am 12. Oktober 2010 (Fremdakten,
act. 6-5) erliess die Suva am 15. Oktober 2010 eine entsprechende Verfügung
(Fremdakten, act. 6-1 f.), welche nach Rückzug einer Einsprache am 14. Juni 2011
(Fremdakten, act. 8-9) rechtskräftig wurde (vgl. Fremdakten, act. 8-3).
A.d.
In einer beruflichen Standortbestimmung der Suva vom 14. Oktober 2010 wurde
festgehalten, der Versicherte habe sich korrekt verhalten und erscheine transparent.
Eine Leistungsbereitschaft für den beruflichen Wiedereinstieg sei aber nicht ersichtlich
gewesen. Der Versicherte fühle sich aktuell wegen der Schmerzen nicht arbeitsfähig.
Diskutiert wurden Tätigkeiten im Storenbau, als Chauffeur, Lagermitarbeiter oder
Staplerfahrer (Fremdakten, act. 5). Vom 25. Oktober bis 17. Dezember 2010 absolvierte
der Versicherte ein Einsatzprogramm im F._. Dabei wurde festgehalten, im Bereich
Industrie seien zunehmende Beschwerden wegen des Staubes aufgetreten, die auch
nach einem Wechsel in den Computerraum nicht gebessert hätten. Die Arbeit im Freien
im Bereich Facility sei wegen der Knie nicht möglich. Ein staubfreier Arbeitsplatz sei
nicht vorhanden gewesen. Wegen Arztbesuchen und ähnlichem bestehe keine
100 %ige Leistungsfähigkeit. Der Versicherte bewerbe sich im Bereich Fahrdienst
(Schlussbericht vom 14. Dezember 2010, IV-act. 32). Der Suva-Arzt hielt Atemprobleme
A.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beim Eingliederungsversuch als nachvollziehbar, da in der Halle auch eine Schreinerei
integriert sei (Stellungnahme vom 3. Februar 2011, Fremdakten, act. 7-2).
Am 10. Februar 2011 schloss die Eingliederungsverantwortliche der IV ihren Fall ab
wegen der subjektiven Überzeugung des Versicherten, nicht arbeitsfähig zu sein (IV-
act. 36-4). Die IV-Stelle erliess am 18. Februar 2011 die Mitteilung, zurzeit seien keine
beruflichen Eingliederungsmassnahmen angezeigt (IV-act. 39). Der Versicherte äusserte
sich am 5. März 2011, er wolle arbeiten, könne dies aber aus gesundheitlichen
Gründen nicht (IV-act. 42).
A.f.
Im Auftrag der Suva begutachtete Dr. med. G._, Orthopädische Chirurgie FMH,
den Versicherten (Gutachten vom 12. Mai 2011, Fremdakten act. 8-10 ff.). Er
diagnostizierte eine Ansatztendinopathie am Patellaunterpol links, eine
Peronaeusparese links, eine abgetragene kartilaginäre Exostose an der Tuberositas
links sowie eine mediale Meniskusläsion links. Nach Angabe des Versicherten seien
nach der Rehabilitation die gleichen Schmerzen vorhanden wie präoperativ. Bei der
Untersuchung finde man noch eine Schwellung in der Eingriffszone, der Hauptschmerz
liege aber ausserhalb an der Patellaspitze. Daneben lägen eine Zehenheberschwäche
vor und Sensibilitätsstörungen am linken Unterschenkel als Folge einer Peronaeus
Parese, die sich vor vielen Jahren entwickelt habe und seither stationär sei
(Fremdakten, act. 8-14). Aktuell bestehe eine Behinderung durch die Ansatzentzündung
im Knie, indem die Gehstrecke deutlich reduziert sowie das Treppengehen und Knien
behindert seien (Fremdakten, act. 8-15).
A.g.
Ab dem 28. März 2011 hatte der Versicherte ein Eingliederungsprogramm über
das RAV (Orientierung - Kommunikation - Praktikum) absolviert. Im Kursbericht vom
21. Juni 2011 wurde im Wesentlichen ausgeführt, trotz intensiver Bemühungen habe
kein Praktikumsplatz gefunden werden können, der beiden Einschränkungen
Rechnung trage. Reinraumarbeiten für unqualifizierte Personen seien vorwiegend
stehend auszuüben. In der Produktion, wo sitzende Tätigkeiten vorhanden seien, seien
die Lungenbeschwerden das Hindernis. Für eine Bürotätigkeit sei der Versicherte ohne
berufsqualifizierende Ausbildung chancenlos (IV-act. 48). Eine berufliche Abklärung in
der Rehaklinik Bellikon scheiterte, da der Versicherte die Arbeit wegen zu starkem
Werkstattgeruch nicht aufnehmen konnte. Der Auftrag wurde abgeschlossen (Bericht
A.h.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 6. September 2011, IV-act. 51). Der behandelnde Dr. med. H._, Spezialarzt FMH
für Innere Medizin, speziell Pneumologie, hielt im Bericht vom 6. September 2011 fest,
subjektiv habe sich der Zustand des Versicherten in den letzten zwei bis drei Wochen
verschlechtert. Er beklage blutigen Auswurf und ständiges Hüsteln. Pulmonal
bestünden unverändert asthmatische Beschwerden, sobald er irgendwelchen Dämpfen
oder Gerüchen ausgesetzt sei, auch in der Küche. Auch körperliche Belastungen
toleriere er schlecht, möglicherweise im Rahmen einer sich etablierenden
Dekonditionierung (Fremdakten, act. 9-8).
Der Arbeitsarzt der Suva beurteilte am 6. September 2012 die Zumutbarkeit. Er
führte aus, es lägen nicht nur pulmonal, sondern auch orthopädisch und offensichtlich
psychisch bzw. psychosomatisch einschränkende Faktoren vor. Trotz einer eigentlich
normalen Lungenfunktion komme aufgrund einer bereits durch leichte Belastungen
ausgelösten Dyspnoe bzw. bronchialen Hyperreagibilität nur eine Arbeit mit leichter
körperlicher Belastung und ohne jegliche lungenreizende Einflüsse bzw. in trockener
und sauberer Umgebung in Frage. Diese sei grundsätzlich vollschichtig möglich.
Daneben bestehe aufgrund der Einschränkung durch die Kniearthrose die
Notwendigkeit einer eher sitzenden Arbeit (Fremdakten, act. 12-8 f.).
A.i.
Mit Verfügung vom 30. Oktober 2014 (rechtmässig eröffnet am 5. November 2014,
IV-act. 93-1 f.) sprach die Suva dem Versicherten eine Invalidenrente von 13 % zu
unter Berücksichtigung eines leidensbedingten Tabellenlohnabzugs von 10 %. Neben
der berufskrankheitsbedingten Atemwegsproblematik lägen psychogene Faktoren vor.
Diesbezügliche Leistungen entfielen mangels eines adäquat kausalen Zusammenhangs
mit dem versicherten Ereignis (IV-act. 93-3 ff.). Dagegen erhob der Versicherte
Einsprache (Fremdakten, act. 19).
A.j.
Die Suva liess im Folgenden den Versicherten durch Prof. Dr. med. I._
pneumologisch begutachten (Gutachten vom 20. Mai 2016, Fremdakten, act. 33,
Untersuch 27. April 2016). Dieser legte im Wesentlichen dar, eine asthmatische
Erkrankung sei unwahrscheinlich (Fremdakten, act. 33-13). Im aktuellen CT finde sich
keine relevante Pathologie der Atemwege oder des Lungenparenchyms. Eine
berufsabhängige Lungenerkrankung, welche die Beschwerden erkläre, liege nicht vor.
Die geklagten Beschwerden seien diskrepant zu den erhobenen Befunden. Anlässlich
A.k.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Untersuchung habe der Versicherte in einem Ausmass gehustet, das er selbst bei
Patienten mit ausgeprägten Bronchialpathologien kaum sehe. Auch das hinkende
Gehen am Stock habe einen ausgesprochen demonstrativen Eindruck gemacht. Der
Versicherte könne ganztags und zu 100 % allen Tätigkeiten nachgehen, die nicht mit
einer Exposition gegenüber bronchial irritativen Stäuben, Gasen oder Dämpfen
einhergingen (Fremdakten, act. 33-14 f.). Am 23. Juni 2016 drohte die Suva, Bereich
Einsprachen, dem Versicherten eine reformatio in peius an, da bei korrektem
Einkommensvergleich gestützt auf das Gutachten von Prof. I._ lediglich ein
Invaliditätsgrad von 9 % bestehe (Fremdakten, act. 39). Daraufhin zog der Versicherte
seine Einsprache zurück (Fremdakten, act. 43)
Dr. med. J._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, hielt im Verlaufsbericht vom
22. November 2016 fest, zusätzlich zur pulmologischen und den rheumatologischen
Diagnosen bestehe eine Anpassungsstörung, längere depressive Reaktion, mittelgradig
ausgeprägt (ICD-10: F43.21). Diese äussere sich durch eine depressive Bedrückung,
kognitive und psychomotorische Verlangsamung, Antriebsschwäche, rasche
Ermüdbarkeit, sozialen Rückzug, reduzierte Aufmerksamkeitsspannung und
gedankliche Einengung auf Krankheitssituation. Der Versicherte sei in der bisherigen
und in einer adaptierten Tätigkeit zu 100 % arbeitsunfähig (IV-act. 79).
A.l.
Nach einer Stellungnahme des RAD vom 2. Dezember 2016 (IV-act. 80) teilte die
IV-Stelle dem Versicherten mit, er habe sich einer bidisziplinären (Rheumatologie/
Psychiatrie) Begutachtung zu unterziehen (IV-act. 82), worauf der Versicherte am
16. Februar 2017 geltend machte, er sei auch pneumologisch zu begutachten,
zumindest soweit dies die vorgesehenen Gutachter als notwendig erachteten (IV-
act. 84). Gestützt auf eine Stellungnahme des RAD vom 9. März 2017, wonach dem
Antrag nicht stattzugeben sei, da das vorhandene Gutachten von Prof. I._ aktuell und
kompetent sei (IV-act. 89), wies die IV-Stelle den Antrag mit Zwischenverfügung vom
9. März 2017 ab (IV-act. 90). Gegen diese erhob der Versicherte am 3. April 2017
Beschwerde (IV-act. 91-2 ff.), worauf sie die IV-Stelle nach Stellungnahme des
Rechtsdienstes vom 16. Mai 2017 (IV-act. 104) am 16. Mai 2017 widerrief (IV-act. 106)
und das Versicherungsgericht das hängige Beschwerdeverfahren am 12. Juni 2017
abschrieb (IV 2017/132; IV-act. 109).
A.m.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Gutachten der medexperts AG St. Gallen vom 19. Oktober 2017 (Dr. med.
K._, Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates; Dr. med.
L._, Pneumologie; Dr. med. M._, Psychiatrie und Psychotherapie; Dr. med. N._,
Allgemeine Innere Medizin; Untersuchungen 25., 27. und 28. September 2017; IV-
act. 126) kamen die Gutachter zum Schluss, aus psychiatrischer Sicht bestehe aktuell
eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11), die
sich vermindernd auf die Arbeitsfähigkeit auswirke (IV-act. 126-38 f., 56 f.). Der
Versicherte sei seit Anfang 2016 in der bisherigen Tätigkeit und in adaptierten
Verweistätigkeiten zu 40 % arbeitsunfähig (IV-act. 126-39 f., 57). Starker Leistungs-
und Zeitdruck seien zu vermeiden (IV-act. 126-40). Aus polydisziplinärer Sicht bestehe
in der früheren Tätigkeit als Bodenleger eine 100 %ige Arbeitsunfähigkeit. Adaptierte,
leichte bis mittelschwere Tätigkeiten ohne regelmässiges Heben über 10 kg,
gelegentlich über 15 kg, in schadstofffreier bzw. schadstoffarmer Luft ohne Hocken,
Knien oder Kauern seien seit 12. Mai 2011 (Gutachten Dr. G._) zu 100 % und seit
Anfang 2016 zu 60 % möglich (IV-act. 126-57 f.).
A.n.
RAD-Arzt Dr. med. O._, Facharzt für Innere Medizin, nahm nach Rücksprache
mit RAD-Ärztin Dr. med. P._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, am 2. November
2017 im Wesentlichen Stellung, die aus gutachterlicher Sicht indizierten und
zumutbaren Behandlungsoptionen seien noch nicht ausgeschöpft. Aus
medizintheoretischer Sicht könne davon ausgegangen werden, dass eine Steigerung
der Arbeitsfähigkeit innert nützlicher Frist möglich sei (IV-act. 130).
A.o.
Mit Vorbescheid vom 16. November 2017 gewährte die IV-Stelle dem Versicherten
das rechtliche Gehör zur vorgesehenen Abweisung des Leistungsbegehrens.
Zusammenfassend führte sie aus, dass die bei leichten bis mittelschweren depressiven
Störungen für die invalidenversicherungsrechtliche Anerkennung erforderliche
Therapieresistenz vorliegend nicht gegeben sei (IV-act. 133).
A.p.
Mit Einwand vom 18. Januar 2018 und gestützt auf eine Stellungnahme von
Dr. C._ vom 22. Dezember 2017 machte der Versicherte im Wesentlichen geltend,
das Gutachten setze sich nicht mit den kumulativen Auswirkungen der einzelnen
Einschränkungen auf die Arbeitsfähigkeit auseinander. Die Beurteilung des
pneumologischen Gutachters sei nicht korrekt. Die für die verbleibende Arbeitsfähigkeit
A.q.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
aufgestellten Adaptationskriterien seien nicht realisierbar. Die Staubempfindlichkeit
werde supprimiert. Nach der geänderten Rechtsprechung bestehe auch in einer
adaptierten Tätigkeit aus psychiatrischer Sicht eine Arbeitsunfähigkeit von 40 % (IV-
act. 139).
RAD-Arzt Dr. O._ äusserte sich am 23. März 2018, eine konsensuelle Beurteilung
der Gutachter sei klar und eindeutig ersichtlich. Er legte dar, dass aus
pneumologischer Sicht keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit mehr bestehe. Die
Befunde und Diagnosen der orthopädischen Gutachterin beruhten auf aktuellen
bildgebenden Dokumenten und auf einer fachärztlich fundierten Untersuchung (IV-
act. 141).
A.r.
Der Rechtsdienst der IV-Stelle führte in einer Stellungnahme vom 12. April 2018
aus, nachdem das Gutachten eine Arbeitsunfähigkeit aufgrund einer mittelgradigen
depressiven Episode bejaht habe, sei im Lichte der Indikatoren zu prüfen, ob die
bescheinigte Arbeitsfähigkeit auch rechtlich relevant sei. Die medizinische Aktenlage
erlaube eine schlüssige Beurteilung im Lichte der Standardindikatoren.
Gesamtbetrachtend sei eine ressourcenhemmende Wirkung des nicht adäquat
behandelten depressiven Leidens nicht ausgewiesen. Damit bestehe kein
invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden (IV-act. 142).
A.s.
Mit Verfügung vom 16. April 2018 wies die IV-Stelle das Rentengesuch unter
Wiedergabe der Stellungnahmen des RAD vom 23. März 2018 und des Rechtsdienstes
vom 12. April 2018 ab (IV-act. 143).
A.t.
Gegen die Verfügung vom 16. April 2018 lässt A._, vertreten durch Rechtsanwalt
lic. iur. R. Braun, am 15. Mai 2018 Beschwerde erheben. Er beantragt nebst der
unentgeltlichen Prozessführung, die angefochtene Verfügung sei unter Kosten- und
Entschädigungsfolge aufzuheben und es sei ihm eine Invalidenrente zuzusprechen.
Das der angefochtenen Verfügung zugrunde liegende Gutachten der medexperts AG
vom 19. Oktober 2017 sei weder umfassend noch schlüssig. Eine genügende
konsensuelle Beurteilung fehle. Er leide an drei relevanten Krankheiten, die sich
zusammen stärker auf die Arbeitsfähigkeit auswirkten, als es der Summe der durch die
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einzelnen Leiden verursachten Arbeitsunfähigkeiten entspreche. Die Suva gehe alleine
aufgrund der pulmonalen Symptomatik von einem Invaliditätsgrad von 13 % aus. Der
pneumologische Gutachter habe die pulmonale Symptomatik salopp als inexistent
beurteilt, obwohl das Leitsymptom - persistierender Husten mit auffälligen blutigen
Auswürfen - nach wie vor bestehe und eine nach wie vor gültige
Nichteignungsverfügung vorliege. Er leide auch weiterhin an Beschwerden am linken
Knie, die ebenfalls nicht kausal behandelbar seien. Dem Gutachten lasse sich auch
keine orthopädische Beurteilung der Befunde und der Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit entnehmen. Aus psychiatrischer Sicht sei er angestammt und adaptiert
zu 40 % arbeitsunfähig. Die Beschwerdegegnerin setze sich mit ihrer eigenen
Indikatorenprüfung zu Unrecht über die Beurteilung der Gutachter hinweg. Effektiv
bestünden erhebliche Komorbiditäten. Auch die erforderliche Konsistenzprüfung sei im
Gutachten enthalten. Die für die verbleibende Arbeitsfähigkeit aufgestellten
Adaptationskriterien seien nicht realisierbar. Abgesehen davon werde die
Staubempfindlichkeit supprimiert. Selbst wenn auf das Gutachten der medexperts
abgestellt werde, sei dem Einkommensvergleich eine Arbeitsunfähigkeit von 40%
zugrunde zu legen. Das Invalideneinkommen sei analog zur Suva ausgehend von
einem Jahreseinkommen von Fr. 57'023.-- (2014) bzw. Fr. 59'543.-- (2015) zu
bemessen. Weiter sei ein Leidensabzug vorzunehmen (act. G 1).
Die Beschwerdegegnerin beantragt mit Beschwerdeantwort vom 28. Juni 2018,
die Beschwerde sei abzuweisen. Sie macht im Wesentlichen geltend, das Gutachten
enthalte eine konsensuelle Beurteilung. Es berücksichtige alle relevanten
gesundheitlichen Beeinträchtigungen und die sich daraus je einzeln ergebenden
Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit und fasse sie in ein Gesamtergebnis.
Anhaltspunkte, dass die stattgefundenen Untersuchungen nicht lege artis erfolgt sein
könnten, fehlten. Der Beschwerdeführer begründe nicht, weshalb die pneumologische
Beurteilung nicht korrekt sei bzw. inwiefern das vom pneumologischen Experten
formulierte Zumutbarkeitsprofil nicht schlüssig sein sollte. In der angefochtenen
Verfügung werde ausführlich und schlüssig aufgezeigt, weshalb auf die im Gutachten
aus psychiatrischer Sicht mit der mittelgradigen depressiven Episode begründete
Arbeitsunfähigkeit von 40 % aus rechtlicher Sicht nicht abgestellt werden könne. Ein zu
Unrecht erfolgtes Abweichen vom Gutachten liege nicht vor, denn die körperlichen
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Komorbiditäten wirkten sich zwar qualitativ aus, schränkten aber die Arbeitsfähigkeit in
einer angepassten Tätigkeit nicht ein und hätten demzufolge keine
ressourcenhemmende Wirkung. Gesamtbetrachtend sei eine ressourcenhemmende
Wirkung des nicht adäquat behandelten depressiven Leidens nicht ausgewiesen.
Demnach liege beim Beschwerdeführer kein invalidenversicherungsrechtlich relevanter
Gesundheitsschaden vor (act. G 4).
Die Abteilungspräsidentin genehmigt am 2. August 2018 das Gesuch um
Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und
unentgeltliche Rechtsverbeiständung; act. G 5).
B.c.
Mit Replik vom 30. August 2018 bringt der Beschwerdeführer im Wesentlichen
vor, das Gutachten enthalte kein Gesamtergebnis, sondern zitiere lediglich die
Erkenntnisse aus den einzelnen Fachgutachten. Die Beschwerdegegnerin
widerspreche sich selbst, wenn sie das Gutachten einerseits als beweiskräftig ansehe
und andererseits von der psychiatrischen Beurteilung abweiche. Sie nehme zu Unrecht
eine parallele Indikatorenprüfung vor und gebe nicht an, welche Feststellungen der
Gutachter unzutreffend gewesen seien. Insbesondere seien Komorbiditäten
ausgewiesen, die sich auch auf die Leistungsfähigkeit auswirkten. Die von der
Beschwerdegegnerin vorgenommene Indikatorenprüfung sei selektiv. Den
Behandlungsempfehlungen der psychiatrischen Gutachterin werde ein Gewicht
beigemessen, das von dieser so nicht formuliert worden sei. Die psychiatrische
Gutachterin habe die psychosozialen Faktoren angesprochen und als invaliditätsfremd
ausgeklammert. Die Beschwerdegegnerin übergehe auch die Beeinträchtigung in der
Planung und Strukturierung von Aufgaben, der Flexibilität und Umstellungsfähigkeit,
der Durchhaltefähigkeit, der Kontaktfähigkeit zu Dritten und der Gruppenfähigkeit
(act. G 7).
B.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet am 17. September 2018 auf eine Duplik
(act. G 9).
B.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.1.
Ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden setzt eine auf
objektivierten Beschwerden beruhende fachärztlich gestellte Diagnose nach einem
wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 130 V 396 E. 5.3 und
E. 6, BGE 141 V 289 E. 3.2; Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016,
8C_1/2016, E. 4.3). Erforderlich ist zudem, dass die geltend gemachten Beschwerden
objektiviert werden können und sich auf die Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit auswirken
(vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 30. November 2017, 8C_350/2017, E. 5.4, und
vom 27. März 2015, 8C_673/2014, E. 5.1.1; BGE 143 V 427 E. 6). Für somatisch
unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und gleichgestellte
Diagnosen) sowie psychische Erkrankungen wie namentlich Depressionen ist der
Beweis nach dem strukturierten Verfahren mittels Indikatoren zu führen (vgl. dazu BGE
141 V 281 und BGE 143 V 428, E. 7.1). Der Beweis für eine lang andauernde und
erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als geleistet
betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen
einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen
Lebensbereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143
V 427, E. 6 a. E.).
1.2.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60 %, auf eine
halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 %, und auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40 % invalid ist. Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
1.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Zunächst ist über die Beweistauglichkeit des Gutachtens der medexperts AG vom
19. Oktober 2017 zu befinden.
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen, Art. 16 ATSG).
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen; BGE 141 V 14 E. 6.3.1). Im Sinne einer Richtlinie
ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen
Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft
zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/bb).
1.4.
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz. Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a). Das
Gericht hat seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht,
nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V
360 E. 5b; BGE 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen).
1.5.
Zum Aufbau des Gutachtens ist anzumerken, dass die orthopädische Beurteilung,
da sie Hauptdisziplin ist, im Anschluss an die einzelnen Fachgutachten und zusammen
2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mit der Rekapitulation der Beurteilungen der anderen Fachgebiete erfolgt (IV-
act. 126-53 ff.). Dass die eigentliche polydisziplinäre Beurteilung lediglich einen
Abschnitt umfasst (IV-act. 126-57), erklärt sich damit, dass lediglich in psychiatrischer
Hinsicht eine Arbeitsunfähigkeit für adaptierte Tätigkeiten attestiert wird.
2.2.
Der Beschwerdeführer schilderte, seit etwa 15 bis 20 Jahren leide er an
zunehmenden lumbalen, manchmal auch cervikalen, über den Nacken bis in den Kopf
ausstrahlenden Schmerzen. Nach der Exostosenentfernung im April 2010 leide er unter
ausgeprägten Schmerzen im linken Knie. Die maximale Gehstrecke betrage einen
Kilometer. Er gehe links hinkend, benutze seit Jahren eine Unterarmgehstütze. Seither
hätten die cervikalen und lumbalen Rückenschmerzen zugenommen. Er könne nicht
schwer heben oder schwere Tätigkeiten ausführen. Der linke Arm schmerze bei
grösseren körperlichen Einsätzen mit Ausstrahlung bis in die Schulter (IV-act. 126-31,
41, 43). Die orthopädische Gutachterin erhob Druckdolenzen und schmerzhafte
Bewegungseinschränkungen an der HWS, der linken Schulter, der LWS, im linken
Kniegelenk lateral der Patella und am linken OSG. Weiter stellte sie eine leichte
Peronaeus-Parese und eine Grosszehenheberparese links fest. Das Gangbild ohne
Unterarmgehstock sei leicht hinkend (IV-act. 126-32, 55 f.). Die Röntgenaufnahmen
vom 28. September 2017 zeigten eine moderate Osteochondrose und
Begleitspondylose (Retrospondylose), eine leichte Uncovertebralarthrose HWK 6/7,
weniger ausgeprägt HWK 7/BWK 1, eine leichte linksbetonte Spondylarthrose LWK 5/
SWK 1, eine leichte Spondylose LWK 1/2, diskrete Osteochondrosen LWK 3/4 und
LWK 4/5, eine Patella bipartita in zentrierter Position, einen diskreten kranialen
Patellasporn, eine leichte Zuspitzung der Eminentia intercondylica sowie eine
Verdickung der infrapatellären Weichteile prätibial (IV-act. 126-33 f., 56 und IV-
act. 127-5). Die orthopädische Gutachterin führte aus, mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit bestünden ein cervikolumbales Schmerzsyndrom bei mässigen
degenerativen Veränderungen sowie eine endgradige Einschränkung der
Beugefähigkeit des linken Kniegelenks ohne radiologisch feststellbare Gonarthrose, mit
leichter Zehenheberparese (IV-act. 126-51, 56). Die anamnestisch beklagten
Schmerzen am Knie rechts, der linken Schulter sowie an beiden OSG seien klinisch
und radiologisch aktuell unauffällig (IV-act. 126-51, 56). Aus orthopädischer Sicht
bestehe für die zuletzt ausgeführte, vorwiegend hockende, körperlich schwere Tätigkeit
als Plattenleger eine 100 %ige Arbeitsunfähigkeit. Sonstige leichte bis mittelschwere
Tätigkeiten seien dem Beschwerdeführer ohne wesentliche Einschränkungen
2.2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zuzumuten. Es bestehe eine 100 %ige Arbeitsfähigkeit. Kniende oder hockende
Tätigkeiten sollten nicht ausgeführt werden (IV-act. 126-56).
Dr. G._ hatte in seinem Gutachten vom 12. Mai 2011 mit Bezug auf die
Kniebeschwerden festgehalten, aktuell bestehe eine Behinderung durch die
Sehnenansatzentzündung im Knie, indem die Gehstrecke deutlich reduziert sei und das
Treppengehen und Knien behindert. Diese sei bisher lokal unzureichend behandelt
worden. Die festgestellte, nicht durchgehende mediale Meniskusläsion sowie die
Peronaeus Parese seien nicht symptomatisch bzw. wirkten sich nicht auf die
Arbeitsfähigkeit aus (Fremdakten, act. 8-15). Indem die orthopädische Gutachterin der
medexperts AG nach wie vor die gleiche ausschliesslich qualitative Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit annimmt wie Dr. G._, geht sie offenbar davon aus, dass sich der
Zustand in orthopädischer Hinsicht, insbesondere hinsichtlich des linken Kniegelenks,
nicht wesentlich verändert, insbesondere nicht verschlimmert hat. Dies erscheint
nachvollziehbar. Aus den Akten geht indes hervor, dass die Schmerzen im linken Knie
inzwischen chronisch geworden sind, was im Rahmen der nachfolgenden
Indikatorenprüfung zu berücksichtigen ist (vgl. E. 3.2.1). In Bezug auf die
Rückenbeschwerden hatte Dr. G._ klinisch einen unauffälligen Befund erhoben und
keine Diagnose gestellt (Fremdakten, act. 8-13 f.). Hier diagnostizierte die
orthopädische Gutachterin ein cervicolumbales Schmerzsyndrom bei mässigen
degenerativen Veränderungen. Sie befand, dieses habe Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit, und berücksichtigte es demzufolge, mass ihm aber implizit keine
Auswirkung auf die quantitative Arbeitsfähigkeit zu. Dr. med. Q._, FMH
Rheumatologie, hatte dem Beschwerdeführer am 4. November 2014 eine
Arbeitsfähigkeit von ca. 50 % in einer leichten, angepassten, wechselbelastenden
Tätigkeit ohne Staubexposition sowie ohne Knien und längeres Gehen attestiert (IV-
act. 64). Inwieweit die quantitative Einschränkung auf die Knie- und
Rückenbeschwerden und inwieweit sie auf die pulmonal reduzierte Belastbarkeit
zurückgeführt wird, geht aus dem ärztlichen Zeugnis nicht hervor, zumal sich die
Adaptationskriterien nicht auf das rheumatologische Fachgebiet beschränken. Die von
Dr. G._ und Dr. Q._ erhobenen Befunde und gestellten Diagnosen - namentlich die
Rückenbeschwerden und die inzwischen chronifizierte Sehnenansatzentzündung im
linken Knie - wurden von der orthopädischen Gutachterin berücksichtigt, indem sie im
Zumutbarkeitsprofil kniende und hockende Tätigkeiten ausschliesst (IV-act. 126-56).
Eine quantitative Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus rein orthopädischer oder
rheumatologischer Sicht wurde für den Beschwerdeführer nie bestätigt. Dies gilt auch
für das Gutachten von Dr. G._, das keine ausdrückliche quantitative Einschätzung
2.2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Arbeitsfähigkeit enthält und sich hauptsächlich auf die Kniebeschwerden und deren
Ätiologie bezieht. Der Suva-ärztlichen Beurteilung vom 6. September 2012
(Fremdakten, act. 12-8 f.), welche das Zumutbarkeitsprofil auch diesbezüglich
einschränkte, liegt die Annahme einer Kniearthrose zugrunde, wogegen im Gutachten
vom September 2017 bildgebend eine wesentliche Gonarthrose ausgeschlossen wird
(IV-act. 126-34).
2.3.
Der Beschwerdeführer beklagte sich sodann über einen seit 2005 bestehenden,
lästigen Husten ohne Auswurf, meist in staubiger Umgebung und bei Dampfexposition,
über ein ständiges Brennen im Thorax, über einen Reizhusten mit manchmal blutigem
Sputum und eine variable Atemnot und Kratzen und Pfeifen im Hals. Schlimm seien die
Beschwerden bei Kälte und Föhnlagen. Daneben bestünden Symptome einer Rhinitis.
Die Beschwerden hätten seit dem Erlass der Nichteignungsverfügung nicht
abgenommen (IV-act. 126-43, 47). Im pneumologischen Gutachten wurde festgehalten,
die Messungen der Lungenfunktion würden vor allem in den Jahren der Arbeitslosigkeit
- 2013 bis 2015 - diskrepante Schwankungen aufweisen. Aufgrund der Kommentare
(von Dr. H._) sei davon auszugehen, dass diese auf unzureichende Kooperation
zurückzuführen seien. Anlässlich der Untersuchung resultierte bei guter Kooperation
eine unauffällige Lungenfunktion. Auch die übrigen pulmonalen Befunde waren normal,
wobei während der ganzen Untersuchung ein Räusperhusten aufgefallen sei. Objektiv
sei keine relevante pulmonale/bronchiale Krankheit vorhanden. Ein relevantes Asthma
sei auszuschliessen. Rein deskriptiv müsse die Diagnose einer chronischen Bronchitis
gestellt werden (IV-act. 126-48 f.). Im Rahmen der Nichteignungsverfügung bestehe
eine Arbeitsunfähigkeit für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Bodenleger. Für alle
anderen zumutbaren, körperlich auch schweren Arbeiten in schadstofffreier bzw.
schadstoffarmer Luft bestehe pneumologisch eine 100 %ige Arbeitsfähigkeit (IV-
act. 126-50).
2.3.1.
Die bronchialen Beschwerden waren schon von Beginn an schwierig zu
objektivieren und einer Diagnose zuzuordnen. So vermerkte Dr. H._ bereits im
Bericht vom 18. November 2009, es finde sich eine deutliche Diskrepanz zwischen den
subjektiven Beschwerden, dem aufgezeichneten Peak-flow und der gemessenen, völlig
normalen Lungenfunktion (Fremdakten, act. 1-138 f.). Die Symptomatik bzw. der
Befund verbesserte und verschlechterte sich jeweils vorübergehend (Berichte Dr. H._
vom 29. Dezember 2009, vom 17. September 2010, vom 8. Dezember 2013, vom
27. Juni 2014 und vom 25. Oktober 2016, Fremdakten, act. 1-114 f., act. 6-18 f.,
2.3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
act. 16-53, act. 16-14, act. 65). Die Lungenfunktion und die Reagibilität waren,
phasenweise nach Anwendung der Medikation, grösstenteils im normalen Bereich
(vgl. Berichte Dr. H._ vom 17. September 2010, vom 24. Januar 2011, vom
6. September 2011, vom 6. Juni 2012, vom 8. Dezember 2013, vom 27. Juni 2014 und
vom 25. Oktober 2016, Fremdakten, act. 6-18 f., act. 7-3 f., act. 9-8 f., act. 7-3 f.,
act. 12-25, act. 16-53 und act. 65; Bericht der Klinik für Pneumologie und
Schlafmedizin des KSSG vom 3. Mai 2017, IV-act. 116). In den Bronchoskopien liessen
sich jeweils Hinweise auf eine leichte Bronchitis erheben (Berichte vom 11. Dezember
2009, Fremdakten, act. 1-117, und vom 14. April 2014, Fremdakten, act. 16-31). Somit
lassen sich die Diagnosen einer irritativen Bronchialobstruktion (Bericht Dr. H._ vom
25. Oktober 2016, Fremdakten, act. 65) bzw. einer Bronchopathie oder einer Reactive
Airways Dysfunction (Bericht Klinik für Pneumologie und Schlafmedizin des KSSG vom
3. Mai 2017, IV-act. 116) nachvollziehen. Ein den andauernden Husten erklärender
Befund liess sich bis anhin weder durch die Gutachter noch den behandelnden
Pneumologen erheben, weshalb er für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht
berücksichtigt werden kann. Somit ist nachvollziehbar, dass die Arbeitsfähigkeit aus
versicherungsmedizinischer pulmonaler Sicht ausschliesslich in qualitativer Hinsicht
(vor allem staub- und rauchfreier Arbeitsplatz) eingeschränkt ist. Dr. H._ attestierte
lediglich für körperlich mittelschwere bis schwere Arbeiten eine Arbeitsunfähigkeit von
höchstens 30 % (ärztliches Zeugnis vom 28. Oktober 2014, IV-act. 66). Hierbei ist
zudem zu berücksichtigen, dass er als Behandler eine andere Optik und Aufgabe
einnimmt als ein zur strikter Ausscheidung invalidenversicherungsrechtlich nicht
relevanter Faktoren verpflichteter Gutachter (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom
27. September 2017, 8C_295/2017, E. 6.4.2, mit weiteren Verweisen, BGE 135 V 470,
E. 4.5, Urteil des Bundesgerichts vom 29. Juli 2008, 9C_830/07, E. 4.3 mit Hinweisen,
Urteile des Bundesgerichts 9C_830/2007 vom 29. Juli 2008, E. 4.3 mit Hinweisen, publ.
in: SVR 2008 IV Nr. 62 S. 203, und vom 23. Juni 2015, 9C_853/2014, E. 3.1.2).
2.4.
Die psychiatrische Gutachterin beschrieb im Befund mässige bis mittelgradige
Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, eine Grübeltendenz, eine
niedergeschlagene Grundstimmung, eine deutlich herabgesetzte
Schwingungsfähigkeit, ausgeprägte Existenzängste, erhebliche Insuffizienzgefühle,
Vitalgefühlsstörungen, eine Antriebsminderung, Gleichgültigkeit, Affektlabilität und
einen - nicht ausgeprägten - sozialen Rückzug (IV-act. 126-36 f.). Aktuell bestehe eine
mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11), die sich
vermindernd auf die Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht auswirke (IV-
2.4.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
act. 126-38 f., 56 f.). Diese sei zum Teil durch die somatischen Erkrankungen ausgelöst
worden, habe sich aber längst verselbständigt und müsse als eigenständige Diagnose
anerkannt werden. Invaliditätsfremde Faktoren wie schwierige finanzielle Lage,
mangelhafte Sprachkenntnisse, fehlende Berufsausbildung und das Alter mit weniger
Berufschancen spielten eine grosse Rolle für die Aufrechterhaltung der Symptomatik
(IV-act. 126-37). Aus psychiatrischer Sicht bestehe eine 40 %ige Arbeitsunfähigkeit seit
Beginn 2016 in der bisherigen Tätigkeit und in adaptierten Verweistätigkeiten (IV-
act. 126-39 f., 57). Starker Leistungs- und Zeitdruck seien zu vermeiden (IV-
act. 126-40).
Der behandelnde Dr. J._ stellte die Diagnose einer Anpassungsstörung,
längere depressive Reaktion, mittelgradig ausgeprägt (ICD-10: F43.21; Verlaufsbericht
vom 22. November 2016, IV-act. 79). Sowohl die begutachtende Psychiaterin als auch
der behandelnde Psychiater diagnostizieren somit eine affektive Störung mittelgradiger
Ausprägung. Aus Sicht der Gutachterin ist die von Dr. J._ angenommene
vollständige Arbeitsfähigkeit mit der Diagnose einer Anpassungsstörung unvereinbar
(IV-act. 126-41). Dem ist zuzustimmen bzw. es ist davon auszugehen, dass Dr. J._ in
seiner Einschätzung auch die somatischen Leiden berücksichtigt, zumal er bei der
Beantwortung der Frage nach der Beeinflussung der Arbeitsfähigkeit explizit auf diese
hinweist.
2.4.2.
Das Gutachten berücksichtigt die geschilderten Beschwerden und Vorakten
vollständig. Die einzelnen Befunde und Diagnosen und die aus Sicht der einzelnen
Disziplinen attestierten Arbeitsfähigkeiten in angepassten Tätigkeiten erscheinen
nachvollziehbar und schlüssig. Mit Blick auf die diagnostizierte Depression ist die
relevante Arbeitsfähigkeit nach dem strukturierten Beweisverfahren bzw. unter
Berücksichtigung der massgeblichen Indikatoren festzulegen. Gemäss altem
Verfahrensstandard eingeholte Gutachten verlieren nicht per se ihren Beweiswert.
Vielmehr ist im Rahmen einer gesamthaften Prüfung des Einzelfalls mit seinen
spezifischen Gegebenheiten und den erhobenen Rügen entscheidend, ob ein
abschliessendes Abstellen auf die vorhandenen Beweisgrundlagen vor Bundesrecht
standhält (BGE 141 V 309 E. 8; BGE 137 V 266 E. 6). Vorliegend hat sich die
psychiatrische Gutachterin zu den nach neuer Rechtsprechung wesentlichen Punkten
geäussert (IV-act. 126-37 ff.), ist dabei allerdings zu einem anderen Schluss gekommen
als die Beschwerdegegnerin in ihrer Beschwerdeantwort (act. G 4). Darauf ist im
Folgenden einzugehen.
2.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Die psychiatrische Gutachterin grenzt mitbeteiligte psychosoziale
Belastungsfaktoren wie eine schwierige finanzielle Lage, mangelhafte
Sprachkenntnisse, fehlende Berufsausbildung und das Alter des Beschwerdeführers
ab. Aus psychiatrischer Sicht bestehen unter anderem mittelgradige kognitive Defizite,
eine Niedergeschlagenheit und Gleichgültigkeit. Die Ausprägung ist gemäss der
Gutachterin mittelschwer (IV-act. 126-37).
3.1.
Neben den psychisch bedingten Einschränkungen bestehen auch
Beeinträchtigungen somatischer Natur aufgrund der Atemwegs- und der
Knieproblematik. Die Beschwerdegegnerin macht mit Verweis auf ein
bundesgerichtliches Urteil (vom 7. März 2018, 8C_449/2017, E. 4.3.3) geltend, die
körperlichen Komorbiditäten seien nicht ressourcenhemmend zu berücksichtigen, da
sie die Arbeitsfähigkeit lediglich qualitativ, nicht aber in einer adaptierten Tätigkeit
einschränkten (act. G 4, Ziff. 8). Diese Aussage wird im angerufenen Urteil nicht weiter
begründet. Die bundesgerichtliche Rechtsprechung hat sich mehrfach dahingehend
geäussert, dass als ressourcenhemmende Komorbiditäten auch psychische oder
somatische Leiden in Betracht fallen, die für sich alleine nicht einen invalidisierenden
Schweregrad aufweisen (vgl. BGE 143 V 430, E. 8.1; Urteile des Bundesgerichts vom
19. Oktober 2018, 8C_198/2018, E. 3.4.3, vom 24. Oktober 2018, 9C_495/2018,
E. 4.2.2, vom 19. Juni 2018, 9C_651/2017, E. 4.2.2, und vom 9. Mai 2019,
9C_865/2018, E. 4.3.3). Demnach ist vorliegend zu prüfen, inwieweit die somatischen
Beschwerden sich ressourcenhemmend auswirken. Dabei sind sie jedoch nur insoweit
zu berücksichtigen, als sie medizinisch konsistent objektiviert bzw. diagnostiziert
werden konnten.
3.2.
Die Knie- und Rückenschmerzen konnten lediglich in einem Ausmass
objektiviert werden, aufgrund dessen körperlich schwere Tätigkeiten und solche im
Hocken, Knien und Kauern unzumutbar sind, nicht aber das Gehen oder Stehen. Aus
den Akten ergibt sich, dass die orthopädisch objektivierten Rücken- und
Kniebeschwerden chronifiziert bzw. weitgehend therapierefraktär sind: Der
Beschwerdeführer war im Palliativzentrum des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG)
vorgestellt worden und hatte dort ein Gruppenprogramm zur Entwöhnung vom
Gehstock mit lediglich teilweisem Erfolg absolviert (Bericht vom 6. Mai 2013,
Fremdakten, act. 14-15). Auch seitens der Klinik für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates des KSSG wurde der chronische
beziehungsweise mehr oder weniger austherapierte Charakter des Schmerzes nach
3.2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Physiotherapien und Infiltrationen hervorgehoben (Bericht vom 14. März 2017, IV-
act. 115). Schliesslich bezeichnete Dr. med. Q._, FMH Rheumatologie, die ganze
neuromuskuloskelettale Problematik als chronifiziert und therapieresistent. Er hielt fest,
das MRI des linken Kniegelenks vom 16. Januar 2016 zeige immer noch eine
entzündliche Aktivität entlang des Ligamentum patellae und im Bereich der Bursa
infrapatellaris. Zudem liege gemäss MRI LWS vom 14. September 2015 ein
chronisches, weitgehend therapieresistentes lumbospondylogenes Syndrom vor bei
Status nach Morbus Scheuermann und mässigen degenerativen Veränderungen ohne
signifikante Beeinträchtigung neuraler Strukturen (Bericht vom 26. Juli 2016, IV-
act. 94-1 f.). Der Beschwerdeführer nimmt stärkere analgetische Medikamente ein
(vgl. Gutachten medexperts vom 19. Oktober 2017: Novalgin 2 x 500 mg, Olfen duo
release, ferner Condrosulf 800, IV-act. 126-44, 49). Der benutzte Gehstock weist
Abnützungen auf (IV-act. 126-32). Es ist daher davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer durch die Schmerzen, soweit sie objektiviert sind, auch bei der
Ausübung angepasster Tätigkeiten beeinträchtigt ist, wenngleich sie die
Arbeitsfähigkeit für sich alleine nicht in invalidenversicherungsrechtlich relevanter
Weise quantitativ einschränken. Als Komorbidität sind sie daher dennoch relevant.
Ähnlich verhält es sich mit den Atembeschwerden: Sie sind in dem Masse
objektivierbar, als sie als Symptom der diagnostizierten chronischen leichten Bronchitis
objektivierbar sind. Für sich alleine betrachtet rechtfertigen sie keine quantitative
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Mit Bezug auf die Ressourcen sind sie jedoch als
Komorbidität umso mehr zu berücksichtigen, als der Beschwerdeführer nicht
irritierenden Substanzen ausgesetzt werden darf.
3.2.2.
Der Beschwerdeführer ist seit ca. Herbst 2016 in ambulanter
psychotherapeutischer Behandlung, anfangs in zweiwöchentlichem, im Zeitpunkt der
Begutachtung in monatlichem Rhythmus. Das verordnete Trittico und ein Schlafmittel
habe er einen Monat vor der Begutachtung abgesetzt, da er trotz dieser Medikamente
nicht habe schlafen können (IV-act. 126-34). Die psychiatrische Gutachterin führte aus,
die aktuelle (psychiatrische) Behandlung sei in Anbetracht der Ausprägung der
Depression nicht lege artis. Sie habe den Beschwerdeführer überzeugen können, dass
sich die depressive Symptomatik unter zuverlässiger Einnahme eines ausreichend
dosierten Antidepressivums verbessern liesse (IV-act. 126-38). Seitens der
Persönlichkeit werden nirgends Beeinträchtigungen aufgeführt. Die psychiatrische
Gutachterin hielt sodann fest, der Versicherte habe seit dem 14. Altersjahr für seine
Ursprungsfamilie und für seine eigene Familie gearbeitet und leide darunter, dass dies
nicht mehr möglich sei. Andererseits sehe er sich zum Teil als Opfer seiner Arbeit, was
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seine passive Erwartungshaltung gegenüber der IV verstärke (IV-act. 126-37, 56). Er
verfüge nicht über viele Kontakte, da seine Angehörigen nicht vor Ort wohnten und die
Kontakte zu ehemaligen Arbeitskollegen im Verlauf der Zeit seltener geworden seien. Er
kümmere sich hauptsächlich um seinen Sohn und gehe spazieren (IV-act. 126-39).
Aktuell sozial belastend seien die Partnerschaftssituation und die knappe finanzielle
Situation. Die persönlichen und sozialen Ressourcen seien knapp bemessen. Weder
der Versicherte noch seine Partnerin erhielten Unterstützung durch weitere
Familienangehörige (IV-act. 126-38, 56). Gemäss Mini-ICF-APP sei die Planung und
Strukturierung von Aufgaben leicht, Flexibilität und Umstellungsfähigkeit mittelgradig,
Durchhaltefähigkeit schwer, Kontakt- und Gruppenfähigkeit leicht und die Fähigkeiten
zu familiären bzw. intimen Beziehungen und Spontanaktivitäten mittelgradig
beeinträchtigt (IV-act. 126-39, 58). Die Gutachterin verneinte aus psychiatrischer Sicht
eine Aggravation oder Symptomverdeutlichung klar (IV-act. 126-37, 56). Es hätten
keine Diskrepanzen zwischen den knapp geschilderten psychischen Beschwerden und
dem Verhalten in der Untersuchungssituation festgestellt werden können (IV-
act. 126-39, 57). Allerdings bezeichnet die Gutachterin die Motivation, die aktuelle Lage
zu ändern, als eher gering, wie schon 2010 - 2011, wo der Beschwerdeführer gegen
die Eingliederungs- bzw. Leistungsfähigkeitsbestimmungsmassnahmen Widerstand
gezeigt habe (IV-act. 126-38, 56). Andererseits ist die unzureichende Behandlung nicht
auf mangelnde Compliance zurückzuführen und somit kein gewichtiger Hinweis auf
einen fehlenden psychischen Leidensdruck.
Zusammenfassend berücksichtigt die polydisziplinäre Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit von 60 % in einer adaptierten Tätigkeit - körperlich nicht schwer, ohne
regelmässige bzw. mehr als gelegentliche Gewichtsbelastung von 10 kg bzw. 15 kg,
ohne Hocken, Knien oder Kauern, in schadstofffreier bzw. -armer Luft - die Indikatoren
des strukturierten Beweisverfahrens. Sie klammert die subjektiven Beschwerden aus,
soweit sie nicht konsistent objektivierbar sind. Entsprechend wird eine adaptierte
Tätigkeit als aus pulmonaler Sicht zu 100 % möglich erachtet, ohne dass die
Leistungsfähigkeit bei jeder Art von Tätigkeiten eingeschränkt wäre. Ähnlich sind
offenbar die Knie- und Rückenbeschwerden nicht in einer Intensität objektivierbar,
dass das Adaptationsprofil zusätzlich Tätigkeiten mit Stehen oder Gehen ausschliesst.
Gesamtbetrachtend ist davon auszugehen, dass die für sich keine quantitative
Einschränkung der Leistungsfähigkeit rechtfertigenden somatischen Beschwerden,
soweit sie objektivierbar sind, aufgrund ihrer Chronizität die Ressourcen zur
Bewältigung der mittelgradigen Depression beeinträchtigen, so dass insgesamt eine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 40 % im Lichte der Standardindikatoren
nachvollziehbar erscheint. Dies korreliert auch mit dem eher passiv geschilderten
3.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Tagesablauf (IV-act. 126-30, 39). Es ist daher auch aus rechtlicher Sicht von der
gutachterlich geschätzten Arbeitsunfähigkeit von 40 % auszugehen. Der
Beschwerdegegnerin bleibt es unbenommen, dem Beschwerdeführer eine adäquate
Therapie im Rahmen eines Mahn- und Bedenkzeitverfahren aufzuerlegen und, sollte
sich der Zustand verbessern, ein Revisionsverfahren einzuleiten.
4.1.
Gemäss der Nichteignungsverfügung der Suva vom 8. Juli 2010 ist der
Beschwerdeführer in seiner angestammten Tätigkeit als Bodenleger seit 1. Mai 2009 zu
100 % arbeitsunfähig (Fremdakten, act. 1-48). Laut Gutachten der medexperts vom
19. Oktober 2017 sind ihm aus orthopädischer Sicht adaptierte Tätigkeiten seit dem
Zeitpunkt des Gutachtens von Dr. G._ vom 12. Mai 2011 zu 100 % zumutbar (IV-
act. 126-57). Die nunmehr rentenbegründende quantitative Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit besteht aufgrund des psychischen Leidens. Ihr Beginn wird von der
psychiatrischen Gutachterin nachvollziehbar im Januar 2016 angenommen (vgl. IV-
act. 126-39 f., 57). Es stellt sich die Frage nach dem Beginn eines allfälligen
Rentenanspruchs bzw. nach dem Beginn und Ablauf des Wartejahres gemäss Art. 28
Abs. 1 lit. b IVG.
4.1.1.
Gemäss Art. 29 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR
831.201) ist das Wartejahr nach Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG nicht neu zu erfüllen, wenn der
Invaliditätsgrad innerhalb von drei Jahren nach seiner Verminderung wegen einer auf
dasselbe Leiden zurückzuführenden Arbeitsunfähigkeit (wieder) ein
rentenbegründendes Ausmass erreicht. Die genannte Bestimmung ist nicht anwendbar,
wenn nach Ablauf der Wartezeit kein rentenbegründender Invaliditätsgrad vorlag.
Diesfalls ist eine nachfolgende gesundheitliche Verschlechterung als neuer
Versicherungsfall zu betrachten mit der Folge, dass die Wartezeit erneut zu bestehen
ist (vgl. dazu Urteile des Bundesgerichts vom 18. Februar 2016, 9C_942/2015, E. 3.3.3
und vom 24. Oktober 2016, 9C_56/2016, E. 3).
4.1.2. bis
In der vorliegenden Konstellation entfällt die Anwendung von Art. 29 IVV, weil
das somatische Leiden keine rentenbegründende Invalidität zur Folge hatte. Zudem
handelt es sich beim nachfolgenden psychischen Leiden um ein andersartiges. Somit
ist für den Beginn des Wartejahres gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG von der psychisch
begründeten Arbeitsunfähigkeit auszugehen, weshalb es erst im Januar 2017
4.1.3. bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abgelaufen war. Folglich besteht ein allfälliger Rentenanspruch ab 1. Januar 2017. Das
Jahr 2017 ist somit für den Einkommensvergleich relevant (BGE 129 V 222).
Der Beschwerdeführer erzielte zuletzt im Jahr 2009 bei der B._ ein Einkommen
von Fr. 68'020.-- (Angaben Arbeitgeberin vom 6. April 2010, IV-act. 11-2 f.; Auszug aus
dem individuellen Konto [IK], IV-act. 9). Unter Berücksichtigung der
Nominallohnentwicklung beläuft es sich auf Fr. 71'618.-- (Bundesamt für Statistik
[BFS], Lohnentwicklung, T 39, Indices Männer 2009: 2136; 2017: 2249). Da
anzunehmen ist, dass er ohne gesundheitliche Beeinträchtigung an diesem Arbeitsplatz
verblieben wäre, entspricht dieser Betrag dem Valideneinkommen (Urteil des
Bundesgerichts vom 21. Dezember 2016, 8C_728/2016, E. 3.1, mit weiteren
Verweisen).
4.2.
Für die Bemessung des Invalideneinkommens ist vom Durchschnittseinkommen
gemäss Lohnstrukturerhebung (LSE) des BFS 2017, Kompetenzniveau 1, Männer,
auszugehen. Dieses beträgt Fr. 67'102.--. Entsprechend einer lediglich 60 %igen
Arbeitsfähigkeit reduziert es sich auf Fr. 40'261.--.
4.3.
Die Rechtsprechung gewährt insbesondere dann einen Abzug auf dem
Invalideneinkommen, wenn eine versicherte Person selbst im Rahmen körperlich
leichter Hilfsarbeitertätigkeit in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist (BGE 126 V 75
E. 5a/bb S. 78). Sind hingegen leichte bis mittelschwere Arbeiten zumutbar, ist allein
deswegen auch bei eingeschränkter Leistungsfähigkeit noch kein Abzug gerechtfertigt,
weil der Tabellenlohn im Anforderungsniveau 4 (Kompetenzniveau 1 gemäss LSE 2017)
bereits eine Vielzahl von leichten und mittelschweren Tätigkeiten umfasst (Urteil des
Bundesgerichts vom 23. Dezember 2014, 9C_630/2014, E. 2.1 mit weiteren Verweisen).
Dem Beschwerdeführer sind zwar auch körperlich mittelschwere Tätigkeiten zumutbar,
nicht jedoch solche in staub-, rauch- oder dampfbelasteter Umgebung. Damit fallen
Tätigkeiten in der Produktion und Überwachung in Industriebetrieben wohl zu einem
wesentlichen Teil ausser Betracht. Selbst wenn nicht nur Tätigkeiten mit Kontakt zu
Zementstaub und Holz und in anderweitig mit bronchial reizenden Stoffen
überdurchschnittlich belasteter Umgebung als unzumutbar betrachtet werden,
bestehen Arbeitsmöglichkeiten im Bereich Verpackung oder Lager- und
Ersatzteilbewirtschaftung sowie Kurierdienste, in denen der Beschwerdeführer seine
Restarbeitsfähigkeit verwerten kann. Aufgrund der pulmonalen Einschränkung hat die
Suva (Verfügung vom 30. Oktober 2014, IV-act. 93-3) einen Tabellenlohnabzug von
10 % gewährt, was angemessen erscheint, da die Einschränkung der
Leistungsfähigkeit bereits durch die medizinisch attestierte Arbeitsunfähigkeit
berücksichtigt ist. Da der Leidensabzug eine Lohneinbusse abgelten soll, die auch in
4.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.