Decision ID: 1af38497-3d63-49bb-a23c-957121fe416d
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Maria-Luisa Fuentes, Lorentz Schmidt Partner,
Weinbergstrasse 29, 8006 Zürich,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a Mit Verfügung vom 1. März 2010 (IV-act. 99) wies die IV-Stelle des Kantons
St. Gallen das Gesuch der im Jahr 1962 geborenen A._ (nachfolgend: Versicherte)
vom 7. Dezember 2006 zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung (IV-
act. 26) ab. Nach rheumatologischer Begutachtung mit Evaluation der funktionellen
Leistungsfähigkeit (EFL) war im Gutachten der Zentrum für Arbeitsmedizin, Ergonomie
und Hygiene AG, Zürich (AEH), vom 3. März 2009 (IV-act. 79) im Hinblick auf einen
möglichen Krankheitswert des dysfunktionellen Krankheitsverhaltens eine
psychiatrische Abklärung empfohlen worden. Mit ergänzendem psychiatrischem
Gutachten vom 1. Mai 2009 (IV-act. 87) hatte Dr. med. B._, Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, Chefarzt Klinik C._, keine psychiatrischen Diagnosen mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit erhoben. Die am 22. April 2009 begonnene
psychiatrische Behandlung sei konsequent fortzusetzen und es sei von einer günstigen
Prognose auszugehen.
A.b Ab 18. Mai 2010 befand sich die Versicherte wegen akuter Suizidalität zur
stationären Behandlung in der psychiatrischen Klinik D._ (IV-act. 104, 108). Am
12. Juli 2010 meldete sie sich unter Angabe einer rezidivierenden depressiven Störung
und einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung erneut zum Bezug von
Leistungen bei der Invalidenversicherung an (IV-act. 100). Gemäss Austrittsbericht vom
20. August 2010 (IV-act. 108) gab die Versicherte an, vor eineinhalb Jahren einen
Suizidversuch mit Medikamenten und Alkohol unternommen zu haben, dann
irgendwann einen zweiten. Bevor Frühinterventionsmassnahmen der IV-Stelle
eingeleitet werden konnten (IV-act. 112, 120), wurde die Versicherte am 13. Oktober
2010 bei Diagnose einer mittel- bis schwergradig ausgeprägten depressiven Episode
erneut stationär in die psychiatrische Klinik D._ zugewiesen und hielt sich dort bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
28. Januar 2011 auf (IV-act. 117, 123). Gemäss undatiertem Austrittsbericht war die
Versicherte weiterhin arbeitsunfähig und ein Wiedererlangen der Arbeitsfähigkeit sei
nicht abzusehen (IV-act. 123). Dr. med. E._, Oberärztin und Dr. med. F._, leitende
Ärztin Psychiatrie-Zentrum G._, attestierten der Versicherten mit Bericht vom 20. Juli
2011 eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 129).
A.c Um die Diskrepanz zum Gutachten von Dr. B._ vom 1. Mai 2009 zu klären,
wurde durch den Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) mit Stellungnahme vom
28. September 2011 eine polydisziplinäre Verlaufsbegutachtung in der BEGAZ GmbH
unter der Leitung von Dr. med. H._, empfohlen und in Auftrag gegeben (IV-
act. 132ff.).
A.d Im polydisziplinärem BEGAZ-Gutachten vom 3. Februar 2012 (IV-act. 136) wurden
folgende Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit gestellt: eine
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische
Symptome, eine nicht näher bezeichnete Angststörung, akzentuierte
Persönlichkeitszüge mit impulshaften, dysphorischen Anteilen, eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung im Sinne eines diffusen Schmerzsyndroms im Bereich
der ganzen Wirbelsäule, der Schultern und des Schultergürtels sowie des rechten
Beins betont am Fuss, sowie periarthropatische Schulterbeschwerden rechts mehr als
links. Gesamtmedizinisch kamen die BEGAZ-Gutachter zum Schluss, dass ab Juni
2006 für körperliche Schwerarbeit oder Tätigkeiten mit spezifischer Belastung der
Schultern eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit bestehe. Ab Mai 2007 könne bis Ende April
2010 für leichte bis mittelschwere Tätigkeiten unterhalb der Schulterhorizontalen keine
Arbeitsunfähigkeit mehr attestiert werden. Ab Mai 2010 müsse dann aus
psychiatrischer Sicht erneut eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten
attestiert werden. Diese Einschätzung sei durch alle involvierten Ärzte gemeinsam
erfolgt.
A.e Der Rechtsdienst der IV-Stelle empfahl mit Stellungnahme vom 26. März 2012 als
weiteres Vorgehen, entweder Ergänzungsfragen an die Gutachter zu stellen oder eine
nochmalige psychiatrische Abklärung vorzunehmen (IV-act. 141). Dr. med. I._
erachtete mit Stellungnahme vom 30. März 2012 eine Arbeitsunfähigkeit gestützt auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
das BEGAZ-Gutachten vom 3. Februar 2012 medizinisch-diagnostisch nicht als
nachvollziehbar begründet bzw. nachgewiesen (IV-act. 142).
A.f Am 2. April 2012 erteilte die IV-Stelle der J._ AG einen Überwachungsauftrag (IV-
act. 143). Die Versicherte wurde zwischen 11. April und 25. Mai 2012 an fünf Tagen
überwacht und konnte dabei nur einmal sehr kurz gesehen werden, wie sie als
Beifahrerin in das Familienauto stieg (IV-act. 150).
A.g Mit Schreiben vom 16. August 2012 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, eine
psychiatrische Abklärung sei notwendig, da das BEGAZ-Gutachten vom 3. Februar
2012 mangels Konsensbesprechung formell mangelhaft sei und die von der IV-Stelle
veranlasste Observation keine aussagekräftigen neuen Erkenntnisse gebracht habe (IV-
act. 155). Nach dem dagegen erhobenen Einwand vom 30. August 2012 stellte die IV-
Stelle am 28. November 2012 Rückfragen an die BEGAZ-Gutachter (IV-act. 161, 167).
A.h Mit Zwischenzeugnis vom 20. Dezember 2012 wurde berichtet, dass die
Versicherte sich seit 6. November 2012 stationär in der Klinik D._ aufgehalten habe
und aktuell eine undifferenzierte Schizophrenie sowie eine rezidivierende depressive
Störung, gegenwärtig schwere Episode mit psychotischen Symptomen diagnostiziert
werde (IV-act. 177).
A.i Am 7. Januar 2013 nahmen die BEGAZ-Gutachter Stellung zu den Rückfragen (IV-
act. 172).
A.j Mit Vorbescheid vom 13. März 2013 (IV-act. 180) hielt die IV-Stelle zusammen
fassend fest, dass mit dem BEGAZ-Gutachten ein Gutachten vorliege, welches der
Versicherten eine aus einer psychischen Problematik hergeleitete volle
Arbeitsunfähigkeit attestiere. Die Ärzte hätten jedoch gegenüber ihrer eigenen
Beurteilung Vorbehalte angebracht, indem sie bestätigten, dass die Beurteilung durch
das BEGAZ mit grossen Unsicherheiten behaftet sei. Sie sei als eine Einschätzung im
Sinne einer "in dubio pro aegroto"-Regel zu verstehen. Dadurch werde die Beweislast
in unzulässiger Weise auf die Seite der Verwaltung geschoben. Das hier dokumentierte
diskrepante Gebaren könne zumindest ebenso gut erklärt werden durch ein gezieltes
Demonstrieren von effektiv nicht vorliegenden Beschwerden. Deshalb sei keine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Krankheit mit invalidenrechtlicher Relevanz nachgewiesen. Aufgrund der vorliegenden
umfangreichen Akten müsse deshalb von einer Beweislosigkeit ausgegangen werden.
Die Versicherte habe als Gesuchstellerin die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen,
nachdem die IV-Stelle ihren Abklärungsauftrag vollständig erfüllt habe. Es bestehe kein
Rentenanspruch und auch kein solcher auf berufliche Massnahmen.
A.k Mit Schreiben vom 14. März 2013 verzichtete die Versicherte auf die Erhebung
eines Einwands und bat um möglichst rasche Ausstellung der Verfügung (IV-act. 183).
A.l Am 27. März 2013 verfügte die IV-Stelle im Sinne des Vorbescheids (IV-act. 187).
B.
B.a Mit Beschwerde vom 7. Mai 2013 (act. G1, IV 2013/210) liess die Versicherte
durch Rechtsanwältin lic. iur. Maria-Luisa Fuentes, Zürich, beantragen, die Verfügung
vom 27. März 2013 sei insoweit aufzuheben, als sie ihr den Anspruch auf eine ganze
Rente verweigere und es seien ihr die gesetzlichen Leistungen zuzusprechen,
insbesondere eine ganze Rente; unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der
Beschwerdegegnerin. Zur Begründung liess sie insbesondere vorbringen, sowohl das
Gutachten des BEGAZ und deren Antwort auf die Rückfragen seitens der
Beschwerdegegnerin als auch diverse Berichte, unter anderem der Einweisungsbericht
der behandelnden Ärztin Dr. med. E._ sowie das Zwischenzeugnis, belegten die
laufende erhebliche und wesentliche Verschlechterung des Gesundheitszustands der
Beschwerdeführerin, sogar seit der Neuanmeldung bis zum Klinikaufenthalt. Es sei
äusserst fragwürdig und nicht nachvollziehbar, wie die Beschwerdegegnerin dazu
komme, dem psychiatrischen Gutachter diagnostische Unsicherheit zu unterstellen.
Aus den vereinzelt herausgehobenen Zitaten aus der Antwort der BEGAZ-Gutachter
auf die Rückfragen der Beschwerdegegnerin sei klar herauszulesen, dass eine
tendenziöse, einseitige Betrachtungsweise der Angelegenheit seitens der
Beschwerdegegnerin vorliege. In keiner Art und Weise könne man ihr Verhalten als
sachlich neutrale, differenzierte Abklärung betrachten, was auch den Gutachtern
aufgefallen sei. Der Sachverhalt habe sich seit der rentenabweisenden Verfügung vom
1. März 2010 erheblich und wesentlich verändert, da sich der Gesundheitszustand als
offensichtlich verschlechtert erweise. Das Gutachten inklusive Zusatzantworten des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
BEGAZ seien für die Beurteilung des vorliegenden Sachverhalts umfassend, schlüssig
und nachvollziehbar.
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 7. August 2013 schloss die Beschwerdegegnerin auf
Abweisung der Beschwerde. Im Falle eines teilweisen Obsiegens im Sinne einer
Rückweisung zur ergänzenden Abklärung sei der Beschwerdeführerin keine
Parteientschädigung zuzusprechen und es seien ihr die Gerichtskosten zu überbinden
(act. G6, IV 2013/210). Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, die
Beschwerdeführerin sei für die allenfalls ungenügende Beweislage verantwortlich, da
sie nicht bereit gewesen sei, sich nochmals begutachten zu lassen und sich nicht am
Vorbescheidverfahren beteiligt habe. Das Begehren um eine Parteientschädigung
müsse als missbräuchlich betrachtet werden und aus den gleichen Gründen seien die
amtlichen Kosten durch die Beschwerdeführerin zu tragen. Die Diskrepanzen im
Verhalten der Beschwerdeführerin bei den verschiedenen Untersuchen würden weder
im psychiatrischen Teilgutachten noch im Konsensteil des Hauptgutachtens diskutiert.
Die konkreten Umstände des Falles liessen die Konsensbesprechung als besonders
wichtig erscheinen. Es bestehe eine erhebliche Wahrscheinlichkeit, dass die
Beschwerdeführerin bei der psychiatrischen Abklärung bewusst ein ausserordentlich
schweres Beschwerdebild inszeniert habe. Damit könne nicht auf die gutachterliche
Beurteilung abgestellt werden, die sich hauptsächlich auf diese Inszenierung stütze. Im
Übrigen könne auch nicht auf die Einschätzungen der behandelnden Ärzte abgestellt
werden, da nicht zu erwarten sei, dass diese das Gebaren der Beschwerdeführerin
kritisch hinterfragten.
B.c Am 29. August 2013 (act. G8.1, IV 2013/210) liess die Beschwerdeführerin durch
ihre Rechtsvertreterin bei der IV-Stelle ein Gesuch um prozessuale Revision stellen und
legte den Austrittsbericht der Klinik D._, Psychiatrie-Dienste K._ vom 23. Mai 2013
(act. G8.2, IV 2013/210) bei. Gleichentags liess die Beschwerdeführerin die Sistierung
des Verfahrens IV 2013/210 beantragen, da der Revisions-Entscheid der
Beschwerdegegnerin hinsichtlich der Wiederaufnahme grundsätzliche Konsequenzen
auf das vorliegende Verfahren zeitige, das heisst dieses gar hinfällig machen könnte
(act. G8, IV 2013/210).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.d Mit Verfügung vom 9. September 2013 (act. G10.1, IV 2013/210) trat die
Beschwerdegegnerin nicht auf das Gesuch um prozessuale Revision ein und teilte dem
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen gleichentags mit, damit könne aus ihrer
Sicht auf eine Sistierung des Beschwerdeverfahrens verzichtet werden (act. G10 und
G10.1, IV 2013/210).
C.
C.a Mit Replik und Beschwerde vom 9. Oktober 2013 (act. G12, IV 2013/210) liess die
Beschwerdeführerin beantragen, die Verfügung vom 9. September 2013 sei
aufzuheben, ihr seien die gesetzlichen Leistungen, rückwirkend, ex tunc zu erbringen,
das heisst eine ganze Rente zuzusprechen, eventualiter sei die Angelegenheit an die
Beschwerdegegnerin zur Durchführung des Administrativverfahrens zurückzuweisen;
unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Beschwerdegegnerin. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht liess sie die Vereinigung der beiden Verfahren
beantragen. Zur Begründung der Replik liess sie insbesondere geltend machen, im
Vergleich zum Verhalten der Beschwerdegegnerin sei der Vorwurf der Verweigerung
der Teilnahme am Administrativverfahren an die Beschwerdeführerin nicht ernst zu
nehmen. Die Beschwerdegegnerin habe das Verfahren ungebührlich in die Länge
gezogen und habe eine unzulässige second opinion erlangen wollen, da ihr das
Resultat der von ihr selbst in Auftrag gegebenen Begutachtung beim BEGAZ vom
3. Februar 2012 nicht gepasst habe. Die Beschwerdeführerin habe sich nichts zu
Schulden kommen lassen, was eine Auferlegung der Gerichtskosten rechtfertigen
würde. Es entbehre auch jeglicher Grundlage, der Beschwerdeführerin eine allfällige
Prozessentschädigung vorzuenthalten. Beschwerdeweise liess die Beschwerdeführerin
noch anbringen, die Beschwerdegegnerin habe durch den direkten Verfügungserlass
(Nichteintreten auf das Revisionsgesuch) das faire Verfahren und den Grundsatz von
Treu und Glauben verletzt und ihr das rechtliche Gehör verweigert. Auf eine
Rückweisung der Angelegenheit zur Einräumung des rechtlichen Gehörs werde
verzichtet und dieses mittels vorliegender Beschwerdebegründung wahrgenommen. Es
sei unklar, wie die Beschwerdegegnerin auf die Idee komme, die Diagnose der
undifferenzierten Schizophrenie sei nicht gut abgestützt und der Austrittsbericht der
Klinik D._ vom 23. Mai 2013 bezüglich der heutigen Situation sei ebenfalls unklar.
Statt direkt zu verfügen, hätte die Beschwerdegegnerin den Sachverhalt abklären und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
allfällige Zweifel mit Rückfragen klären müssen. Der Austrittsbericht sei ein neues
Beweismittel, der Revisionsgrund selber sei jedoch vorbestehend und beziehe sich auf
eine Tatsache, die Grundlage der gefällten Verfügung vom 1. März 2010 gebildet habe.
C.b Mit Schreiben vom 5. November 2013 (act. G2, IV 2013/510) setzte das
Versicherungsgericht die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin darüber in
Kenntnis, dass aus Praktikabilitätsgründen und weil die Rechtsmittel nicht den gleichen
vorinstanzlichen Entscheid beträfen, von einer Verfahrensvereinigung einstweilen
abgesehen werde.
C.c Mit Beschwerdeantwort vom 17. Januar 2014 beantragte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde gegen den Nichteintretensentscheid (act. G4,
IV 2013/510). Sie begründete ihren Antrag insbesondere damit, die Verwaltung treffe im
Rahmen der Eintretensprüfung noch keine Pflicht zur Sachverhaltsabklärung in dem
Sinne, dass sie zur Einholung ergänzender Berichte und Stellungnahmen verpflichtet
wäre. Aus dem Bericht der Klinik D._ ergebe sich weder nachvollziehbar, auf welche
Befunde sich die Diagnose stütze, noch wann die Krankheit sich erstmals manifestiert
habe. Der Bericht erscheine nicht geeignet, um die Diagnose einer Schizophrenie
rechtsgenüglich nachzuweisen, schon gar nicht für die Zeit bis 1. März 2010.
C.d Mit Schreiben vom 19. November 2013 teilte das Versicherungsgericht den
Parteien mit, das Verfahren IV 2013/210 werde bis zur rechtskräftigen Erledigung der
Beschwerde gegen den Nichteintretensentscheid vom 9. September 2013 sistiert
(act. G13, IV 2013/210).
C.e Mit Replik vom 4. März 2014 hielt die Beschwerdeführerin an ihren bisherigen
Ausführungen fest und legte einen Bericht von med. pract. L._, leitender Arzt Klinik
D._, vom 6. Februar 2014 bei (act. G9 und G9.3, IV 2013/510).
Rechtsprechungsgemäss habe sie gegenüber der Beschwerdegegnerin glaubhaft
gemacht, dass mit dem eingereichten Austrittsbericht ein massgebliches neues
Beweismittel inklusive Tatsachenänderungen vorgelegen habe.
C.f Mit Duplik vom 3. April 2014 hielt die Beschwerdegegnerin an ihrem bisherigen
Antrag fest (act. G11).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.g Am 29. Juli 2014 (act. G14, IV 2013/210) teilte das Versicherungsgericht der
Beschwerdegegnerin mit, die Verfahrenssistierung werde aufgehoben, da sich die
Möglichkeit einer Erledigung des Verfahrens IV 2013/510 nicht verwirklicht habe. Die
beiden Streitigkeiten (IV 2013/210 und IV 2013/510) würden vereinigt und in einem
Entscheid beurteilt.
C.h Die Beschwerdegegnerin liess die Gelegenheit zu einer allfälligen abschliessenden
Duplik unbenutzt verstreichen.

Erwägungen:
1.
1.1 Vorliegend ist die formellrechtliche Frage zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin
auf das Gesuch der Beschwerdeführerin um prozessuale Revision hätte eintreten
müssen. Ob die Beschwerdegegnerin durch den direkten Verfügungserlass eine
Verletzung des rechtlichen Gehörs begangen hat, kann offen bleiben, da die
Beschwerdeführerin auf eine Rückweisung der Angelegenheit zur Einräumung des
rechtlichen Gehörs ausdrücklich verzichtet und ihr Recht mittels vorliegender
Beschwerdebegründung wahrgenommen hat.
1.2 Art. 53 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) zufolge müssen formell rechtskräftige
Verfügungen in Revision gezogen werden, wenn die versicherte Person oder der
Versicherungsträger nach deren Erlass erhebliche neue Tatsachen entdeckt oder
Beweismittel auffindet, deren Beibringung zuvor nicht möglich war (sog. prozessuale
Revision).
1.3 Verlangt eine versicherte Person – ausdrücklich oder sinngemäss – die prozessuale
Revision einer Verfügung, ohne neue Tatsachen oder Beweismittel auch nur zu
behaupten, so ist die Verwaltung befugt, auf ein solches Revisionsbegehren nicht
einzutreten (RKUV 1994 S. 142 E. 2c). Analog zu den Anforderungen an ein Gesuch um
Revision nach Art. 17 ATSG muss es jedoch ausreichen, dass die neue Tatsache oder
das neue Beweismittel im Sinn von Art. 87 Abs. 2 der Verordnung über die
Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) glaubhaft gemacht wird, damit die Verwaltung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auf ein entsprechendes Gesuch eintritt. Sind die formellen Voraussetzungen gegeben,
ist die Verwaltung - anders als bei der Wiedererwägung – sogar dazu verpflichtet, auf
das Gesuch um prozessuale Revision einzutreten (Urs Müller, Die materiellen
Voraussetzungen der Rentenrevision in der Invalidenversicherung, Diss. Freiburg 2003,
S. 104). Es liegt also nicht im Ermessen des Versicherungsträgers, ob er eine Revision
vornehmen soll oder nicht (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Aufl., Zürich/Basel/Genf
2009, N 21 zu Art. 53 mit Hinweis). Massgebendes Kriterium für die Anerkennung eines
– neu aufgefundenen – Beweismittels als Revisionsgrund bildet einzig die Frage, ob es
vor Entscheidfällung beigebracht werden konnte. Diese besondere Betrachtungsweise,
die in anderen Rechtsbereichen nicht gilt, erklärt sich dadurch, dass angesichts der oft
komplexen sachverhaltlichen Fragen das Kriterium der Erheblichkeit eines
Beweismittels gelegentlich kaum zu klären ist, weshalb das Kriterium nicht im Rahmen
der Eintretensprüfung, sondern bei der materiellen Entscheidung Berücksichtigung
finden soll (vgl. Kieser, a.a.O., N 16 zu Art. 53).
1.4 Gemäss Art. 55 Abs. 1 ATSG bestimmen sich die in den Art. 27-54 nicht
abschliessend geregelten Verfahrensbereiche nach dem Verwaltungsverfahrensgesetz
(VwVG, SR 172.021). Revisionsfristen wurden im ATSG nicht festgelegt. Nach Art. 67
Abs. 1 VwVG gilt eine relative Frist von 90 Tagen nach Entdeckung des
Revisionsgrundes. Hierbei handelt es sich um eine Verwirkungsfrist, deren Ablauf den
Anspruch der versicherten Person auf prozessuale Revision definitiv untergehen lässt.
Entsprechend kann die Hürde für eine fristauslösende "Entdeckung" des
Revisionsgrundes nicht zu tief, aber auch nicht allzu hoch angesetzt werden. Kann nur
auf ein Gesuch um eine prozessuale Revision eingetreten werden, wenn das Vorliegen
einer neuen Tatsache bzw. eines neuen Beweismittels glaubhaft gemacht ist, kann
auch die 90-tätige Frist erst zu diesem Zeitpunkt laufen beginnen.
2.
2.1 Die Beschwerdeführerin liess durch ihre Rechtsvertreterin als neues Beweismittel
den Austrittsbericht der Klinik D._ vom 23. Mai 2013 einreichen (act. G8.2). Darin
wurde eine undifferenzierte Schizophrenie und differentialdiagnostisch eine
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode mit psychotischen
Symptomen, diagnostiziert. Nachdem die behandelnden Ärzte Dr. med. M._,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Assistenzärztin, und med. pract. N._, Oberarzt, im Rahmen eines
Vertrauensverhältnisses erhaltene Angaben der Beschwerdeführerin ausgewertet
hätten, sei die Hauptdiagnose überdacht und diagnostisch von einer undifferenzierten
Schizophrenie mit "Minus-Symptomatik" und Zönästhesien sowie mit akustischen und
optischen Halluzinationen ausgegangen worden. Die erwähnten Symptome seien von
der Beschwerdeführerin selbst immer mehr als am meisten belastend bezeichnet
worden. Die Beschwerdeführerin habe zugegeben, dass sie darüber zuvor kaum etwas
erzählt habe.
2.2 Bereits im Zwischenzeugnis vom 20. Dezember 2012 war die bisherige Diagnose
angepasst worden (IV-act. 177). Doch war die stationäre Behandlung der Versicherten
zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Zwischenberichts noch im Gange und lieferte
lediglich erste Anhaltspunkte (vgl. Karin Scherrer in: Bernhard Waldmann/Philippe
Weissenberger [Hrsg.], VwVG, Praxiskommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren, N 4 zu Art. 67). Bei dieser ersten Erwähnung der Schizophrenie
als Diagnose wurde zunächst eine Vermutung in einem Zwischenbericht geäussert, die
noch nicht als fristauslösende "Entdeckung" gelten konnte. Eine andere
Betrachtungsweise würde ein derart hohes Mass an Sorgfaltspflicht von einer
versicherten Person verlangen, dass diese beim leisesten Verdacht auf einen
Revisionsgrund mit einem Gesuch um prozessuale Revision als fristwahrende Vorkehr
reagieren müsste. Erst aufgrund des Austrittsberichts war eine glaubhafte
Beurteilungsgrundlage für das Vorliegen eines allfälligen Revisionsgrundes vorhanden,
zumal sich auch erst hieraus die Information erschloss, dass die Beschwerdeführerin
zuvor über ihre Symptome kaum etwas erzählt hatte. Hingegen war es für den Beginn
des Fristenlaufs nicht erforderlich, dass die Beschwerdeführerin den Revisionsgrund
sicher beweisen kann (vgl. August Mächler in: Christoph Auer/Markus Müller/Benjamin
Schindler [Hrsg.], VwVG, Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren, N 2 zu Art. 67). Als fristauslösend ist somit der Austrittsbericht
vom 23. Mai 2013 zu betrachten. Mit Revisionsgesuch vom 29. August 2013 (act. G8.1,
IV 2013/210) wurde die Frist von 90 Tagen gewahrt.
2.3 Im Austrittsbericht der Klinik D._ vom 23. Mai 2013 wurde der
Beschwerdeführerin eine Arbeitsfähigkeit von 0% bis auf weiteres bescheinigt.
Grundsätzlich vermögen auch Beweismittel, die aus der Zeit nach dem Entscheid
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
datieren, zu einem Revisionsverfahren zu führen; immerhin muss sich das Beweismittel
aber auf eine Tatsache beziehen, die Grundlage des gefällten Entscheids bildet vgl.
Kieser, a.a.O., N 16 zu Art. 53; vgl. auch BGE 110 V 138 E. 2). Es trifft zu, dass der
Austrittsbericht keine expliziten Aussagen betreffend die Zeit bis zum Erlass der
Verfügung vom 1. März 2010 beinhaltet. Doch handelt es sich bei der undifferenzierten
Schizophrenie um eine Diagnose, die in der Regel lediglich mit Blick auf den Verlauf
gestellt werden kann. Die Störung hat normalerweise einen allmählichen,
schleichenden Beginn, der sich über durchschnittlich fünf Jahre entwickelt, und fängt
mit dem Auftreten von negativen und depressiven Symptomen an, schnell gefolgt von
kognitiven und sozialen Beeinträchtigungen, erst einige Jahre später treten
psychotische Symptome hinzu, die dann zum ersten Kontakt zum psychiatrischen
Versorgungssystem führen (R. Müller-Isbernen/U. Venzlaff, Psychiatrische
Begutachtung, Ein praktisches Handbuch für Ärzte und Juristen, 5. Aufl. München
2009, S. 170; vgl. auch R. Tölle/K. Windgassen, Psychiatrie, 14. Aufl. Heidelberg 2006,
S. 195 zu den depressiven Verstimmungen als Symptomatik der beginnenden
Schizophrenie). Zwar beginnen die meisten Schizophrenien bei Frauen zwischen 25
und 30 Jahren. Allerdings fällt die Häufigkeitskurve bei Frauen langsamer ab als bei
Männern und auch Spätschizophrenien sind bei Frauen häufiger (R. Tölle/
K. Windgassen, a.a.O., S. 205; vgl. auch act. G9.3, IV 2013/510).
2.4 Insofern erscheint es aufgrund des Austrittsberichts glaubhaft und es ist auch ohne
eine ausdrücklich retrospektiv attestierte Arbeitsunfähigkeit denkbar, dass zum
Zeitpunkt der Begutachtung durch Dr. B._ bereits eine (beginnende) Schizophrenie
vorgelegen hatte. Damit bezieht sich der Austrittsbericht auf eine Tatsache, die
Grundlage des bereits gefällten Entscheids bildet bzw. die die damalige Ausgangslage,
dass keine psychiatrischen Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit vorliegen,
ändern kann. Ob es sich tatsächlich so verhält, ist Gegenstand der materiellen
Überprüfung. Für die – von der Beschwerdegegnerin verneinte – Eintretensfrage
musste die Beurteilung der Erheblichkeit des beigebrachten Beweismittels noch nicht
erfolgen. Die Beschwerdeführerin war ihrer Obliegenheit bereits nachgekommen,
indem sie vorbrachte, beim aufgefundenen Beweismittel handle es sich um einen
glaubhaften Revisionsgrund. Ein Nichteintreten lag nicht im Ermessen der
Beschwerdegegnerin, da vorliegend die formellen Voraussetzungen gegeben waren.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Daher ist auf die Sache einzutreten und die Angelegenheit zur materiellen Beurteilung
und anschliessender Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.
Durch die Rückweisung der Angelegenheit zur materiellen Beurteilung des Gesuchs um
prozessuale Revision (vgl. E. 2.4 hiervor) bezüglich des mit Verfügung vom 1. März
2010 (IV-act. 99) geregelten Sachverhalts erweist sich auch das Schicksal der
abschlägigen Verfügung vom 27. März 2013 (IV-act. 187) als ungewiss. In der
Verfügung vom 27. März 2013 ging die Beschwerdegegnerin von einer Beweislosigkeit
nach vollständiger Erfüllung ihres Abklärungsauftrags aus. Aufgrund des anstehenden
Revisionsverfahrens steht nun eine uneingeschränkte materielle Neubeurteilung im
Raum. Eine solche Betrachtung kann folglich auch den in der Verfügung vom 27. März
2013 geregelten Zeitraum umfassen und einen (erhellenden) Einfluss auf die von der
Beschwerdegegnerin bemängelte Beweislage zeitigen. Deshalb erscheint eine
Rückweisung zu weiteren Abklärungen – insbesondere zu Vorliegen, Beginn und
Verlauf einer Schizophrenie sowie deren Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin – und anschliessender Neubeurteilung nach Behandlung der
prozessualen Revision angezeigt. Ob mit letzterer wieder dieselben, mit der Sache
bereits bisher befassten Mitarbeiter der Beschwerdegegnerin zu betrauen sind, wird
diese mit Blick auf den möglichen Anschein der Voreingenommenheit selber zu
entscheiden haben.
4.
4.1 Zusammenfassend sind die Nichteintretensverfügung vom 9. September 2013 zur
materiellen Beurteilung und anschliessender Verfügung, und die Verfügung vom
27. März 2013 zu ergänzenden Abklärungen im Sinn der Erwägungen und
anschliessender Neubeurteilung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Im Verfahren IV 2013/510 ging es von
vornherein einzig um die Frage des Eintretens. Daher rechtfertigt sich die Festlegung
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Gerichtskosten auf Fr. 200.--. Im Verfahren IV 2013/210 erscheinen Gerichtskosten
von Fr. 600.-- als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss
als volles Obsiegen (BGE 132 V 215 E. 6.2). Somit unterliegt die Beschwerdegegnerin
vollumfänglich. Es sind keine Gründe ersichtlich, die eine Überbindung der
Gerichtskosten an die Beschwerdeführerin rechtfertigen würden. Die
Beschwerdegegnerin hat deshalb Fr. 200.-- im Verfahren IV 2013/510 und Fr. 600.-- im
Verfahren IV 2013/210 zu bezahlen.
4.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Inwiefern dieses Begehren missbräuchlich sein soll, konnte die
Beschwerdegegnerin nicht nachvollziehbar darlegen. Die Parteientschädigung wird
vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen
(Art. 61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b Honorarordnung für Rechtsanwälte und
Rechtsagenten (HonO; sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Das
Verfahren IV 2013/510 wurde einzig durch den Austrittsbericht vom 23. Mai 2013
ausgelöst und beschränkte sich auf die Eintretensfrage. Entsprechend blieb der
Aufwand für diese Streitsache relativ gering. Daher rechtfertigt es sich, die
Parteientschädigung auf pauschal Fr. 1'500.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer)
festzulegen. Im Verfahren IV 2013/210 erscheint – wie in vergleichbaren Fällen üblich –
eine Parteientschädigung von pauschal Fr. 3'500.-- (inkl. Barauslagen und
Mehrwertsteuer) angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP