Decision ID: 9c1218f6-3d0f-4e87-a3a9-82ae75ebe5de
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 3. Oktober 2021 in der Schweiz um Asyl
nach, wobei er angab, am (...) geboren und somit noch minderjährig zu
sein.
B.
Ein Abgleich der Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab, dass
der Beschwerdeführer zuvor bereits in folgenden Ländern Asylgesuche ge-
stellt hatte: am (...) 2021 und (...) 2021 in Rumänien, am (...) 2021 in
Deutschland und am (...) 2021 sowie (...) 2021 in Österreich.
Angesichts der vom Beschwerdeführer geltend gemachten Minderjährig-
keit ersuchte das SEM am 8. Oktober 2021 die rumänischen, deutschen
und österreichischen Behörden um Information im Sinne von Art. 34 der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be-
stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO),
Dublin-III-VO). Deutschland antwortete am (...) Oktober 2021, Österreich
am (...) Oktober 2021 und Rumänien am (...) November 2021. Den Infor-
mationen zufolge wurde der Beschwerdeführer in den besagten Ländern
als volljährig registriert.
C.
Anlässlich der Erstbefragung als unbegleiteter, minderjähriger Asylsuchen-
der (EB UMA) vom 21. Oktober 2021 gab der Beschwerdeführer im We-
sentlichen zu Protokoll, er sei afghanischer Staatsangehöriger (...) Ethnie
und stamme aus dem Dorf B._ im Distrikt C._ in D._.
Er habe (...) Geschwister; deren Alter kenne er nicht. Er sei am (... ([...]
gemäss hiesigem Kalender) geboren und zurzeit (...) Jahre alt. Seine El-
tern hätten ihm sein Geburtsdatum genannt. Respektive er habe es erfah-
ren, als er eingeschult worden sei. Bei der Anmeldung zu einem Englisch-
Kurs, den er (...) bis (...) absolviert habe, habe ihm der Kursleiter bei der
Umrechnung des Geburtsdatums gemäss gregorianischem Kalender ge-
holfen. Wann er eingeschult worden sei, wisse er nicht mehr. Er habe die
Schule in der (...) Klasse im Alter von etwa (...) Jahren abgebrochen, nach-
dem sein Vater gestorben sei und er (der Beschwerdeführer) fortan habe
arbeiten müssen. Er habe nach dem Schulabbruch Vieh gehütet und in
D-3064/2022
Seite 3
einem Laden als (...) gearbeitet, während zwei Jahren als Lehrling und da-
nach als Meister. Seine Tazkira, die ihm zwecks Schulanmeldung vor der
Einschulung im Alter zwischen (...) und (...) Jahren ausgestellt worden sei,
sei ihm im Iran abgenommen worden. Er verfüge über eine Kopie seines
afghanischen Impfausweises, auf dem sein Geburtsdatum eingetragen
seien. Seine Schwester habe ihm diese zukommen lassen; andere Unter-
lagen zum Nachweis seiner Identität habe sie zuhause nicht gefunden.
Derzeit könne niemand im Distriktzentrum C._ eine Kopie seiner
Tazkira anfertigen lassen; dafür müsste er selbst vor Ort sein. Er sei 2017
zwecks Arbeit in die E._ gegangen, von dort 2019 nach Afghanistan
zurückgeschafft worden und habe das Land 2020 – an den Monat könne
er sich nicht erinnern – erneut verlassen, da er nicht für den Dschihad habe
rekrutiert werden wollen und auch seine Mutter gestorben sei. Er habe die
Ausreise mit dem Verkauf von Vieh, das er von seinem Vater geerbt habe,
finanziert. Über Pakistan, Iran, die Türkei, Bulgarien, Serbien, Rumänien,
Deutschland und Österreich sei er in die Schweiz gelangt. Er sei weder in
Österreich noch Rumänien oder Deutschland nach seinem Alter gefragt
worden und wisse nicht, welche Personalien dort erfasst worden seien. Be-
ziehungsweise er sei in Österreich fälschlicherweise als (...)-jährig regis-
triert worden. In Österreich lebe einer seiner (...). In der Schweiz habe er
keine Verwandten. Er habe (...)probleme, die medikamentös behandelt
würden. Zudem (...) er; auch dafür habe er Tabletten bekommen.
Dem Beschwerdeführer wurde am Ende der Befragung mitgeteilt, dass auf-
grund seiner Angaben nicht abschliessend beurteilt werden könne, ob er
minderjährig respektive wie alt er sei, und dass er zu einer medizinischen
Altersabklärung geschickt werde. Ihm wurde der Ablauf der ärztlichen Un-
tersuchung erklärt.
D.
D.a Am (...) November 2021 wurde im Institut für Rechtsmedizin der Uni-
versität F._ eine rechtsmedizinische Untersuchung des Beschwer-
deführers durchgeführt und am (...) November 2021 ein entsprechendes
Gutachten erstellt.
D.b Mit Schreiben vom 19. November 2021 gewährte das SEM dem Be-
schwerdeführer zum besagten Gutachten und zur beabsichtigen Anpas-
sung des Geburtsdatums im Zentralen Migrationsinformationssystem
(ZEMIS) auf den (...) das rechtliche Gehör. Gleichzeitig räumte es ihm das
rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständigkeit Rumäniens zur Durch-
führung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens gemäss der Dublin-III-VO,
D-3064/2022
Seite 4
zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG (SR 142.31) und zur Wegweisung nach Rumänien ein.
D.c Der Beschwerdeführer äusserte sich dazu mit Stellungnahme vom
25. November 2021.
D.d Am 29. November 2021 änderte das SEM das Geburtsdatum des Be-
schwerdeführers im ZEMIS auf den (...). Es versah den Eintrag mit einem
Bestreitungsvermerk, was es der Rechtsvertretung mit E-Mail vom glei-
chen Tag mitteilte.
E.
Am 29. November 2021 ersuchte das SEM sowohl die rumänischen als
auch die österreichischen Behörden um Übernahme des Beschwerdefüh-
rers. Die rumänischen Behörden lehnten das Ersuchen am (...) Dezember
2021 ab. Die österreichischen Behörden stimmten der Wiederaufnahme
des Beschwerdeführers am 12. Dezember 2021 gestützt auf Art. 18 Abs. 1
Bst. b Dublin-III-VO zu.
F.
Mit Verfügung vom 29. Dezember 2021 trat das SEM in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers
nicht ein und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz in den zuständigen
Dublin-Staat (Österreich) an.
G.
Dagegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 10. Januar 2022
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er ersuchte um Aufhebung
der Verfügung vom 29. Dezember 2021 und um Anweisung an das SEM,
auf das Asylgesuch einzutreten, eventualiter um Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz zwecks rechtsgenüglicher Sachverhaltsabklärung und
Neubeurteilung. Des Weiteren beantragte er, es sei festzustellen, dass sei-
tens des SEM durch den Nichterlass einer anfechtbaren Verfügung betref-
fend der Anpassung des Geburtsdatums im ZEMIS und damit verunmög-
lichter Anfechtung der Datenmutation eine Rechtsverweigerung vorliege.
H.
Mit Urteil D-102/2022 vom 17. Januar 2022 stellte das Bundesverwaltungs-
gericht fest, dass das SEM das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers
im Dublin-Verfahren verletzt hat (Nichtberücksichtigung eines Beweismittel
[afghanischer Impfausweis], ungenügende Begründung und unvollstän-
dige Sachverhaltsabklärung [Nichtauseinandersetzung mit den Vorbringen
D-3064/2022
Seite 5
des Beschwerdeführers zu seinem Alter in der EB UMA und dem Beweis-
mittel, Nichteinräumung des rechtlichen Gehörs zur Frage der Zuständig-
keit Österreichs]). Es hiess deshalb die Beschwerde gut, soweit die Aufhe-
bung der vorinstanzlichen Verfügung beantragt wurde, hob die Verfügung
des SEM vom 29. Dezember 2021 auf und wies die Sache zur vollständi-
gen Sachverhaltsfeststellung und Neubeurteilung zurück.
I.
Am 17. Februar 2022 wies das SEM den Beschwerdeführer für die weitere
Dauer des Asylverfahrens dem Kanton G._ zu.
J.
In Zusammenhang mit der Datenänderung im ZEMIS stellte das Bundes-
verwaltungsgericht mit Urteil D-147/2022 vom 9. März 2022 eine Rechts-
verweigerung fest und es wies das SEM an, betreffend Änderung des Ge-
burtsdatums des Beschwerdeführers im ZEMIS eine anfechtbare Verfü-
gung zu erlassen.
K.
Am 19. April 2022 reichte der Beschwerdeführer in Zusammenhang mit der
Datenänderung beim Bundesverwaltungsgericht eine weitere Rechtsver-
weigerungsbeschwerde ein. Das Gericht eröffnete ein Verfahren unter der
Verfahrensnummer D-1827/2022.
L.
L.a Mit Schreiben vom 9. Juni 2022 gewährte das SEM dem Beschwerde-
führer das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständigkeit Österreichs
zur Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zu einem allfäl-
ligen Nichteintretensentscheid und zur Wegweisung nach Österreich.
L.b In seiner Stellungnahme vom 30. Juni 2022 erklärte der Beschwerde-
führer, dass er sich eine Rückkehr nach Österreich mittlerweile nicht mehr
vorstellen könne. Er bemühe sich sehr um die Integration in der Schweiz,
habe Freundschaft mit Gleichaltrigen geschlossen und möchte hier eine
Ausbildung absolvieren. Er bemängelte, dass er zusammen mit Erwachse-
nen untergebracht sei. Als er noch im Bundesasylzentrum untergebracht
gewesen sei, habe er (...)tabletten erhalten. Nachdem er nach der Zuwei-
sung in den Kanton nie einen Termin bei einem Arzt bekommen habe, habe
er die besagten Tabletten, ohne die er nicht zur Ruhe komme, mithilfe eines
Freundes organisiert und von seinem Taschengeld bezahlt.
D-3064/2022
Seite 6
M.
Mit Verfügung vom 5. Juli 2022 – eröffnet am 6. Juli 2022 – trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des
Beschwerdeführers nicht ein (Dispositivziffer 1). Es hielt fest, dass im
ZEMIS der (...) mit Bestreitungsvermerk als Geburtsdatum des Beschwer-
deführers registriert worden sei (Dispositivziffer 2). Es ordnete die Wegwei-
sung des Beschwerdeführers aus der Schweiz in den zuständigen Dublin-
Staat (Österreich) an (Dispositivziffer 3), forderte den Beschwerdeführer
auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu
verlassen (Dispositivziffer 4), und beauftragte den Kanton G._ mit
dem Vollzug der Wegweisung (Dispositivziffer 5). Des Weiteren händigte
es die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an den Be-
schwerdeführer aus (Dispositivziffer 6) und stellte fest, dass einer allfälli-
gen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zu-
komme (Dispositivziffer 7).
Für die Begründung wird auf die Ausführungen der Vorinstanz in der Ver-
fügung verwiesen.
N.
Mit Eingabe vom 13. Juli 2022 erhob der Beschwerdeführer durch die rubri-
zierte Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er
ersuchte um Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung vom 5. Juli 2022
und um Eintreten auf das Asylgesuch sowie um Durchführung eines mate-
riellen Asylverfahrens in der Schweiz, eventualiter um Rückweisung der
Sache an die Vorinstanz zwecks rechtsgenüglicher Sachverhaltsabklärung
und Neubeurteilung. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und um Verzicht auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses. Zudem beantragte er die Aussetzung
des Vollzugs der Wegweisung und die Erteilung der aufschiebenden Wir-
kung der Beschwerde.
Betreffend die ZEMIS-Eintragung ersuchte er um Anweisung an das SEM,
das im ZEMIS eingetragene Geburtsdatum vom (...) auf den (...) zu be-
richtigen. Zudem ersuchte er im Sinne einer superprovisorischen Mass-
nahme um Anweisung an das SEM, bis zur Rechtskraft der Verfügung vom
5. Juli 2022 das Geburtsdatum vom (...) im ZEMIS festzuhalten, und ihn in
den Strukturen für UMA unterzubringen.
Auf die Begründung der Rechtsbegehren wird – soweit für den Entscheid
wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
D-3064/2022
Seite 7
O.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
14. Juli 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). Glei-
chentags setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der Überstellung im
Sinne einer vorsorglichen Massnahme einstweilen aus.
P.
Betreffend die Beschwerdebegehren um Datenänderung im ZEMIS wurde
ein separates Beschwerdeverfahren (Verfahrensnummer D-3084/2022) er-
öffnet.
Q.
Das Verfahren D-1827/2022 wurde vom Bundesverwaltungsgericht mit
Entscheid vom 15. Juli 2022 zufolge Gegenstandslosigkeit abgeschrieben.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls
– in der Regel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen
Verfügungen (Art. 5 VwVG) des SEM (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf
Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwech-
sels verzichtet.
D-3064/2022
Seite 8
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des zuständigen Staats prüft das
SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO. Führt diese Prü-
fung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des
Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mit-
gliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung explizit oder implizit
zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines so-
genannten Aufnahmeverfahrens nach Art. 21 und 22 Dublin-III-VO (engl.:
take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kri-
terien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zu-
ständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es
ist dabei von der Situation in demjenigen Zeitpunkt auszugehen, in dem
der Asylsuchende erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat
(Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens
(Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zuständigkeits-
prüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE
2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
D-3064/2022
Seite 9
4.3 Der nach der Dublin-III-VO zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, ei-
nen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem ande-
ren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Maßgabe
der Artikel 23, 24, 25 und 29 wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO).
4.4 Im Fall von unbegleiteten Minderjährigen ohne familiäre Anknüpfungs-
punkte zu einem anderen Mitgliedstaat gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO
ist stets derjenige Mitgliedstaat zuständig, in dem der Minderjährige seinen
(aktuellen) Antrag auf internationalen Schutz gestellt hat; solche Minder-
jährige sind mithin vom Wiederaufnahmeverfahren ausgenommen (vgl.
FILZWIESER/SPRUNG, Dublin III-Verordnung, Wien 2014, Kap. 15 f. zu
Art. 8).
5.
5.1 Vorab ist festzustellen, dass die vom Beschwerdeführer erhobene ver-
fahrensrechtliche Rüge, das SEM habe das eingereichte Beweismittel (Ko-
pie eines afghanischen Impfausweises) nicht erwähnt (vgl. Beschwerde
S. 9 Ziffer 8), fehlgeht. Das SEM hat das betreffende Beweismittel entge-
gengenommen (vgl. SEM-Akte [...]-26) und sich bei der Entscheidfindung
damit auseinandergesetzt (vgl. vorinstanzliche Verfügung S. 5 letzter Ab-
satz und S. 6 zweiter Absatz). Eine Gehörsverletzung infolge Nichtbeach-
tung entscheidwesentlicher Beweismittel liegt somit nicht vor. Die Würdi-
gung seitens der Vorinstanz bildet nunmehr Gegenstand des vorliegenden
Beschwerdeverfahrens.
5.2 Angesichts der vom SEM gestellten Informationsersuchen (vgl. Bst. B)
sowie der den österreichischen Behörden im Rahmen des Übernahmeer-
suchens vom 29. November 2021 mitgeteilten Informationen bestand, ent-
gegen der Auffassung des Beschwerdeführers (vgl. Beschwerde S. 10),
keine Notwendigkeit zur Einholung weiterer Auskünfte (vgl. auch nachfol-
gend E. 6.2.2).
5.3 Es besteht damit keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung aus
formellen Gründen aufzuheben. Der (Eventual-)Antrag um Rückweisung
zur Neubeurteilung durch das SEM ist abzuweisen.
6.
6.1 Vorliegend ergab ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerde-
führers mit der Eurodac-Datenbank, dass dieser vor der Einreise in die
D-3064/2022
Seite 10
Schweiz in Österreich Asylgesuche gestellt hat (am [...] 2021 und [...]
2021). Das SEM ersuchte deshalb die österreichischen Behörden am
29. November 2021 um Übernahme des Beschwerdeführers im Sinne von
Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. Die österreichischen Behörden stimm-
ten der Wiederaufnahme des Beschwerdeführers am 12. Dezember 2021
in Anwendung der besagten Bestimmung von Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-
III-VO ausdrücklich. Die grundsätzliche Zuständigkeit Österreichs für die
Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens des Beschwerdefüh-
rers ist somit gegeben.
6.2 Die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Minderjährigkeit erach-
tete das SEM als nicht glaubhaft. Das Bundesverwaltungsgericht gelangt
nach Prüfung der Akten zum Schluss, dass dieser Einschätzung beizu-
pflichten ist.
6.2.1 Asylsuchende sind verpflichtet, an der Feststellung des Sachverhalts
mitzuwirken; insbesondere müssen sie ihre Identität offenlegen und Reise-
papiere sowie Identitätsausweise abgeben (Art. 8 Abs. 1 Bst. a und b
AsylG). Eine geltend gemachte Minderjährigkeit ist von der asylsuchenden
Person zu beweisen, soweit ihr ein Beweis möglich ist, und andernfalls we-
nigstens glaubhaft zu machen. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist eine
Abwägung sämtlicher Anhaltspunkte, welche für oder gegen die Richtigkeit
der betreffenden Altersangaben sprechen, vorzunehmen (vgl. Entschei-
dungen und Mitteilungen der [vormaligen] Schweizerischen Asylrekurs-
kommission [EMARK] 2004 Nr. 30 E. 5.3.3; Urteil des BVGer E-891/2017
vom 8. August 2018 E. 4.2.3 m.w.H.). Bei Fehlen rechtsgenüglicher Identi-
tätsausweise kann im Rahmen der Feststellung des Sachverhalts mit Un-
terstützung wissenschaftlicher Methoden – beispielsweise Knochenalters-
analysen (Art. 17 Abs. 3bis AsylG) – abgeklärt werden, ob die Altersangabe
der asylsuchenden Person dem tatsächlichen Alter entspricht (Art. 7 Abs. 1
AsylV 1). Die asylsuchende Person hat bei der entsprechenden Sachver-
haltsfeststellung mitzuwirken.
6.2.2 Bei der Stellung des Asylgesuchs am 3. Oktober 2021 gab der Be-
schwerdeführer auf dem Personalienblatt den (...) als Geburtsdatum an
(vgl. SEM-Akte [...]-1). Identitätsdokumente reichte er nicht ein; seine Iden-
tität steht daher nicht fest. In Österreich, Rumänien und Deutschland, wo
der Beschwerdeführer zuvor Asylgesuche gestellt hatte, wurde er unter an-
derslautenden Personalien und Geburtsdaten registriert. Mit der Kopie ei-
nes afghanischen Impfausweises vermag der Beschwerdeführer das ge-
nannte Geburtsdatum ([...]) nicht zu belegen. Ein Impfausweis stellt kein
D-3064/2022
Seite 11
rechtsgenügliches Identitätspapier dar und das lediglich in Form einer Ko-
pie vorliegende Dokument vermag in Bezug auf das Alter des Beschwer-
deführers keine genügende Beweiskraft zu entfalten. Anderweitige Doku-
mente, welche Rückschlüsse auf sein Alter zulassen würden, reichte der
Beschwerdeführer nicht ein. Seine Angaben zu seinem Lebenslauf bei der
EB UMA blieben vage. Auf konkrete Rückfragen zu seinem Alter und zur
diesbezüglichen zeitlichen Einordnung von Ereignissen wich er wiederholt
aus und gab an, sich nicht zu erinnern respektive nichts Genaues zu wis-
sen. Das Ergebnis der am (...) November 2021 durchgeführten Begutach-
tung des Beschwerdeführers durch das Institut für Rechtsmedizin der Uni-
versität F._ spricht für die Volljährigkeit des Beschwerdeführers.
Von den in der Schweiz angewandten Methoden der medizinischen Alters-
abklärung sind die Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse und die
zahnärztliche Untersuchung (nicht jedoch die Handknochenaltersanalyse
und die ärztliche körperliche Untersuchung) zum Beweis der Minder- be-
ziehungsweise Volljährigkeit einer Person geeignet. Keine Aussage zur
Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Person lässt sich anhand der
medizinischen Altersabklärung machen, wenn das Mindestalter bei der
zahnärztlichen Untersuchung und der Schlüsselbein- respektive Skelettal-
tersanalyse unter 18 Jahren liegt (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 4.21 f.). Der Ein-
wand des Beschwerdeführers in der Rechtsmitteleingabe, dass bei seinem
Skelett und seinen Zähnen ein Mindestalter von unter 18 Jahren ermittelt
worden sei, vermag nicht zu greifen. Laut dem Gutachten liegt das bei der
Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse ermittelte Mindestalter des
Beschwerdeführers im Zeitpunkt der Untersuchung vom (...) November
2021 bei (...) Jahren und damit über 18 Jahren. Das Gutachten kommt
zum Schluss, dass der Beschwerdeführer das 18. Lebensjahr mit an Si-
cherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vollendet habe (vgl. SEM-Akte
[...]-32). Diese medizinische Altersabklärung ist damit ein starkes Indiz für
die Volljährigkeit des Beschwerdeführers im Zeitpunkt der Asylgesuchstel-
lung in der Schweiz am 3. Oktober 2021. Anhaltspunkte, die aufgrund ihrer
Beweiskraft geeignet wären, dennoch für die Minderjährigkeit des Be-
schwerdeführers zu sprechen, sind den Akten nicht zu entnehmen. Auch
die in Österreich, Deutschland und Rumänien registrierten Geburtsdaten
des Beschwerdeführers deuten durchwegs auf dessen Volljährigkeit hin (in
Deutschland: [...] [vgl. SEM-Akte [...]-20], in Österreich: [...] [vgl. SEM-Akte
[...]-23] und in Rumänien: [...] [vgl. SEM-Akte [...]-30]). Der Einwand des
Beschwerdeführers, in keinem der besagten Länder zu seinem Alter be-
fragt worden zu sein respektive nicht die dort registrierten Geburtsdaten
beziehungsweise Geburtsjahre angegeben zu haben, vermag nicht zu
überzeugen.
D-3064/2022
Seite 12
6.2.3 Nach Würdigung aller Umstände ist es dem Beschwerdeführer, der
die Beweislast trägt, nicht gelungen, die geltend gemachte Minderjährigkeit
im Zeitpunkt der Asylgesuchstellung in der Schweiz glaubhaft zu machen.
Es überwiegen diejenigen Umstände, die für das Erreichen der Volljährig-
keit sprechen. Er hat die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (vgl. EMARK
2004 Nr. 30 E. 5.2).
6.3 Aufgrund des Gesagten kommen vorliegend die in Art. 6 und 8 Dublin-
III-VO verankerten Garantien für Minderjährige (d. h. Personen unter
18 Jahren [Art. 2 Bst. i Dublin-III-VO]) nicht zur Anwendung. Der Be-
schwerdeführer kann sich somit nicht auf die spezifischen Schutzbestim-
mungen der Dublin-III-VO für unbegleitete Minderjährige (Art. 8 Abs. 4
Dublin-III-VO) berufen. Damit bleibt die sich aus Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dub-
lin-III-VO ergebende (grundsätzliche) Zuständigkeit Österreichs bestehen.
Der Wunsch des Beschwerdeführers um Verbleib in der Schweiz vermag
daran nichts zu ändern, zumal die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden
kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen
(vgl. auch BVGE 2010/40 E. 8.3).
7.
7.1 Es sprechen auch keine anderen Umstände gegen eine Zuständigkeit
Österreichs beziehungsweise eine Überstellung des Beschwerdeführers
dorthin. Es gibt keine wesentlichen Gründe für die Annahme, das Asylver-
fahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in Österreich wür-
den systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer un-
menschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4
der EU–Grundrechtecharta mit sich bringen. Österreich ist Signatarstaat
der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter
und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung
oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzpro-
tokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen
diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen nach. Es darf auch da-
von ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und schütze die
Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen
Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsa-
men Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen
Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013
zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati-
onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben. Unter diesen
D-3064/2022
Seite 13
Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Satz 2 Dublin-III-VO nicht
gerechtfertigt.
Vorliegend besteht denn auch kein Grund zur Annahme, die österreichi-
schen Behörden, die der Übernahme des Beschwerdeführers ausdrücklich
zugestimmt haben, würden ihm den Zugang zum Asylverfahren unter Ein-
haltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie verweigern beziehungsweise
in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn
zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine
Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in
dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen
zu werden.
7.2 Ebenso wenig liegen Gründe für die Anwendung der Souveränitäts-
klausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO vor.
7.2.1 Gemäss der Souveränitätsklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO
kann jeder Mitgliedstaat abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO be-
schliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staaten-
losen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er
nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung
zuständig ist. Dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht
durch Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 konkretisiert, gemäss dem das SEM das
Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann behandeln kann, wenn
dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Der Ent-
scheid über den Selbsteintritt liegt im pflichtgemässen Ermessen der Be-
hörde. Ein einklagbarer Anspruch auf die Ausübung des Selbsteintritts-
rechts besteht jedoch dann, wenn sich die Überstellung der asylsuchenden
Person in den an sich zuständigen Mitgliedstaat als unzulässig im Sinne
der EMRK oder einer anderen die Schweiz bindenden, völkerrechtlichen
Bestimmung erweist. Diesfalls muss die Vorinstanz die Souveränitätsklau-
sel anwenden und das Asylgesuch in der Schweiz behandeln (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
7.2.2 Der Beschwerdeführer hat keine konkreten und ernsthaften Hinweise
für die Annahme dargetan, Österreich würde ihm nach der Überstellung
dorthin die aus der Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbe-
dingungen vorenthalten. Die geltend gemachten gesundheitlichen Be-
schwerden ([...]) vermögen eine Unzulässigkeit im Sinne der restriktiven
Rechtsprechung (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. De-
zember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.) nicht zu
D-3064/2022
Seite 14
rechtfertigen. Den vorinstanzlichen Akten lässt sich entnehmen, dass der
Beschwerdeführer – entgegen seiner anderslautenden Angabe in der Ein-
gabe vom 30. Juni 2022 – hierzulande ärztlich betreut und versorgt wurde
(vgl. SEM-Akten [...]-49, [...]-50, [...]-86, [...]-88, [...]-89) und es darf davon
ausgegangen werden, dass er in Österreich bei Bedarf adäquat weiterbe-
treut wird. Österreich verfügt über eine ausreichende medizinische Infra-
struktur und der Zugang zum dortigen Gesundheitssystem ist für asylsu-
chende Personen gewährleistet, zumal die Mitgliedstaaten den Antragstel-
lern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notver-
sorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und
schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich machen müssen
(Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie), und den Antragstellern mit besonderen
Bedürfnissen die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (ein-
schliesslich erforderlichenfalls einer geeigneten psychologischen Betreu-
ung) zu gewähren haben (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Die schwei-
zerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung
beauftragt sind, werden die österreichischen Behörden bei der Bestim-
mung der konkreten Modalitäten der Überstellung über aktuelle medizini-
sche Umstände informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO).
7.2.3 Der Vorinstanz kommt bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 Ermessen zu (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Auch unter Berücksichti-
gung des vom Beschwerdeführer geäusserten Wunschs, hierzulande eine
Ausbildung zu absolvieren, und der mittlerweile mehrmonatigen Verweil-
dauer in der Schweiz mit einhergehenden Integrationsbemühungen, ist die
angefochtene Verfügung unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden;
den Akten sind keine Hinweise auf eine gesetzeswidrige Ermessensaus-
übung (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG) durch das SEM zu entnehmen.
Das Bundesverwaltungsgericht enthält sich unter diesen Umständen wei-
terer Ausführungen zur Frage eines Selbsteintritts.
7.2.4 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO und an dieser Stelle bleibt
nochmals festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein
Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen
(vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3). Österreich bleibt somit zuständiger Mitglied-
staat gemäss Dublin-III-VO und ist verpflichtet, den Beschwerdeführer auf-
zunehmen.
7.3 Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten.
D-3064/2022
Seite 15
Da der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder
Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Österreich in
Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32
Bst. a AsylV 1).
7.4 Unter diesen Umständen sind allfällige Vollzugshindernisse gemäss
Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) nicht mehr zu prüfen, da das Fehlen
von solchen bereits Voraussetzung des Nichteintretensentscheids gemäss
Art. 31a Abs.1 Bst. b AsylG ist (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.).
8.
Die Beschwerde ist aufgrund des Gesagten abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
9.
Mit vorliegendem Urteil ist das Beschwerdeverfahren abgeschlossen, wes-
halb sich die Anträge auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Be-
schwerde und auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses als
gegenstandslos erweisen. Der vorsorglich angeordnete Vollzugsstopp fällt
dahin.
10.
10.1 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen waren, weshalb die Voraus-
setzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind.
10.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
D-3064/2022
Seite 16