Decision ID: c806479b-4472-5d04-8f36-4e80f7b90be1
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdeführer reichte am 29. Oktober 2018 bei der Gemeinde Linden ein
Baugesuch ein für den Bau eines Autounterstands auf der Parzelle Linden Grundbuchblatt
Nr. C._. Diese Parzelle sowie die angrenzenden Parzellen Linden Grundbuchblatt
Nrn. D._ und E._ gehören jeweils im Miteigentum zu je 1/2 dem Onkel
des Beschwerdeführers, Herrn F._, sowie einer Erbengemeinschaft, die aus dem
Beschwerdeführer und seiner Schwester, Frau G._, besteht.
Die Gemeinde wies den Beschwerdeführer am 29. Oktober 2018 mündlich und am 12.
November 2018 schriftlich auf verschiedene formelle Mängel hin und wies das Baugesuch
zur Verbesserung zurück. Sie teilte dem Beschwerdeführer dabei unter anderem mit,
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gemäss Art. 10 Abs. 2 BewD1 sei das Baugesuch von allen Eigentümern der Bauparzelle
zu unterzeichnen. Zudem sei der Autounterstand gemäss Situationsplan direkt an der
Grenze zur Parzelle Nr. D._ vorgesehen. Die Unterschreitung des Grenzabstands
erfordere ein Näherbaurecht der betroffenen Grundeigentümerschaft. Aus diesen Gründen
seien die Unterschriften von G._ und F._ erforderlich. Weiter sei der
eingereichte Situationsplan ungenügend, da der Autounterstand nicht vermasst sei, und es
fehlten die Baugesuchsformulare zu Naturgefahren und Entwässerung.
Am 29. November 2018 erklärte der Beschwerdeführer am Schalter der
Gemeindeverwaltung, er halte am Baugesuch fest und reichte angepasste Pläne sowie
zusätzliche Unterlagen ein. Auf dem neu eingereichten Situationsplan, mit Datum vom 29.
November 2018, war der Autounterstand nun im Grenzbereich der Parzellen Nrn.
D._, E._ und C._ eingezeichnet, wobei der grösste Teil der
Baute auf der Parzelle Nr. D._ vorgesehen war. Nachdem Herr F._ der
Gemeinde gegenüber telefonisch erklärt hatte, die Parzelle Nr. D._ befinde sich im
Miteigentum und er sei mit dem Bauvorhaben nicht einverstanden, reichte der
Beschwerdeführer am 12. Dezember 2018 neue Pläne ein, die den Autounterstand neben
der bestehenden Hauptbaute auf der Parzelle Nr. C._ vorsahen.2
Mit Schreiben vom 27. Dezember 2018 informierte die Gemeinde den Beschwerdeführer,
die erforderlichen Unterschriften von G._ und F._ fehlten nach wie vor.
Herr F._ habe zudem der Gemeinde seine ablehnende Haltung gegenüber dem
Bauvorhaben bereits mitgeteilt. Ohne die Unterschriften der anderen Grundeigentümer
könne das Bauvorhaben nicht behandelt werden. Die Gemeinde beabsichtige, auf das
Baugesuch mangels eines schutzwürdigen Interesses des Beschwerdeführers nicht
einzutreten. Der Beschwerdeführer erhalte Gelegenheit sich dazu zu äussern, den Mangel
zu beheben oder das Baugesuch zurückzuziehen. Mit Stellungnahme vom 21. Februar
2019 hielt der Beschwerdeführer fest, er habe ein eigenes schutzwürdiges Interesse am
Erstellen des Autounterstandes. Das offensichtlich getrübte familiäre Verhältnis dürfe nicht
Hinderungsgrund in einem öffentlich-rechtlichen Verfahren sein. Sämtliche zivilrechtlichen
Aspekte gehörten nicht ins Baubewilligungsverfahren, sondern seien von den anderen
Parteien im Zivilprozess geltend zu machen.
1 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 2 Schreiben des Beschwerdeführers an die BVE vom 16. April 2019 und Vorakten p. 49 bis 51
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Mit Verfügung vom 5. März 2019 hielt die Gemeinde Linden fest, auf das Baugesuch werde
aufgrund des Fehlens der Unterschriften der übrigen Grundeigentümer und mangels eines
genügenden schutzwürdigen Interesses des Bauherrn nicht eingetreten.
2. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 5. April 2019 Beschwerde bei der Bau-,
Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt die Aufhebung
der Verfügung vom 5. März 2019 und die Rückweisung der Angelegenheit an die Vor-
instanz verbunden mit der Aufforderung, das Baubewilligungsverfahren durchzuführen. Zur
Begründung führt er aus, die Familie als Miteigentümergemeinschaft der Parzelle Linden
Grundbuchblatt Nr. C._ sei seit Jahren zerstritten und demnach handlungsunfähig.
Dessen unbesehen nutze er die Liegenschaft als Wohnsitz. Da eine Unterschrift der
anderen Miteigentümer nicht erhältlich gewesen sei, habe er das Baugesuch nur durch
sich selbst unterzeichnet eingereicht. Die Vorinstanz habe aber zu Unrecht sein
schutzwürdiges Interesse an der Beurteilung des Baugesuchs verneint. Es sei nämlich
nicht offensichtlich, sondern höchstens unklar, ob dem Bauvorhaben ein zivilrechtliches
Hindernis entgegenstehe. So sei es unklar, ob die anderen Miteigentümer den Bau des
Autounterstands zivilrechtlich verbieten lassen würden. Er nutze die Liegenschaft seit
Jahren und komme für den Unterhalt des darauf stehenden Wohngebäudes auf. Es könne
davon ausgegangen werden, dass unter der Grundeigentümerschaft eine konkludente
Abrede mit rechtlicher Bindungswirkung bestehe. Analog des Grundsatzes der natürlichen
Publizität von Grundstückseigenschaften könne ohne weiteres angenommen werden, dass
sich die Miteigentümergemeinschaft konkludent auf die ausschliessliche Zuweisung
gewisser Grundstückteile an den Beschwerdeführer geeinigt habe.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet3, holte die Vorakten
ein und führte den Schriftenwechsel durch. Mit Schreiben vom 10. April 2019 liess der
Beschwerdeführer dem Rechtsamt ein von seiner Schwester unterzeichnetes
Baugesuchsformular zukommen. Mit Eingabe vom 16. April 2019 reichte er zudem
Unterlagen aus dem erstinstanzlichen Verfahren ein und erläuterte, er habe den
Autounterstand zunächst auf der benachbarten Parzelle Linden Grundbuchblatt
Nr. D._, die derselben Miteigentümerschaft gehöre, geplant. Sein Onkel habe
3 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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dann der Gemeinde gegenüber telefonisch festgehalten, es handle sich um fremden Boden
und er unterschreibe das Baugesuch nicht. Bei der zweiten Eingabe habe er den Standort
verschoben. So wie er seinen Onkel kenne, habe dieser nichts gegen einen
Autounterstand auf der Parzelle Nr. C._, er wolle aber trotzdem nicht
unterschreiben.
Die Gemeinde beantragt in ihrer Stellungnahme vom 9. Mai 2019 die Abweisung der
Beschwerde. Sie führt darin mit Hinweis auf ein Foto aus, in der Nichteintretensverfügung
sei nicht erwähnt, dass der Beschwerdeführer bereits im Sommer 2018 mit Aushubarbeiten
für den Autounterstand auf den Parzellen Nrn. D._ und C._ begonnen
habe. Der Miteigentümer F._ habe die Gemeinde zweimal mündlich darauf
aufmerksam gemacht und darum ersucht, die nötigen baupolizeilichen Schritte einzuleiten,
da er mit den Bauarbeiten und dem Erstellen eines Autounterstandes nicht einverstanden
sei. Die Gemeinde habe den Beschwerdeführer daraufhin mündlich aufgefordert, die
Bauarbeiten einzustellen und ein Baugesuch einzureichen. Auf das später eingereichte
Baugesuch sei die Gemeinde nicht eingetreten, da aufgrund der ablehnenden Haltung
eines Miteigentümers das schutzwürdige Interesse des Beschwerdeführers eindeutig nicht
gegeben sei. Sie habe dem Bauherrn empfohlen, mit G._ und F._ ein
klärendes Gespräch zu führen und eine Einigung zu finden. Daraufhin habe der
Beschwerdeführer nachträglich ein von G._ unterzeichnetes Baugesuchsformular
einholen können. Dies ändere aber an der Sachlage nichts, da F._ nach wie vor
nicht zugestimmt habe.
In einer Replik vom 20. Mai 2019 hält der Beschwerdeführer fest, es treffe nicht zu, dass er
auf seinem Grundstück ohne Bewilligung Bauarbeiten ausgeführt habe. Der von der Vor-
instanz fotografierte Platz bestehe sei Jahren und sei früher für die Lagerung von Holz
verwendet worden. Einem Carport an diesem Ort habe Herr F._ nicht zugestimmt.
Daher habe der Beschwerdeführer ein Baugesuch für einen Autounterstand direkt neben
dem Gebäude Nr. 722 eingereicht. Gegen einen Unterstand an diesem Standort habe Herr
F._ nicht opponiert. Es sei nicht ersichtlich, weshalb die Vorinstanz nach wie vor
von einem falschen Standort ausgehe. Mit Duplik vom 28. Mai 2019 hält die Vorinstanz
fest, es sei klar, dass ein neuer Standort für das Erstellen des Autounterstandes definiert
worden sei. Herr F._ habe diesem neuen Standort nicht mit Unterschrift
zugestimmt. Der alte Standort sei zur Erklärung des Sachverhaltes erwähnt worden. Er
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weiche vom ursprünglichen Zustand ab und anlässlich eines Augenscheins seien
Aushubarbeiten und Betonsockel festgestellt worden.
Mit Eingabe vom 7. Mai 2019 reichte der Anwalt des Beschwerdeführers ein Schreiben
seines Klienten ein. In diesem führt der Beschwerdeführer unter anderem aus, er habe
2016 Erdverschiebungen vorgenommen, aber nicht im Hinblick auf die Erstellung eines
Autounterstandes. Weiter hält er fest, man setze sich mit der Auflösung des Miteigentums
auseinander.
4. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen näher eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
a) Bauentscheide, wozu auch Nichteintretensverfügungen in Bausachen gehören,
können nach Art. 40 BauG4 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei der
BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung der Beschwerde zuständig.
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die
Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2
BauG). Der Beschwerdeführer, auf dessen Baugesuch nicht eingetreten wurde, ist durch
die vorinstanzliche Verfügung beschwert und daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf
die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Unterschriftserfordernis
4 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
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a) Es ist umstritten, ob die Vorinstanz aufgrund der fehlenden Zustimmung aller
Miteigentümer eine Nichteintretensverfügung erlassen durfte. Gemäss Art. 2 Abs. 1 BauG
hat die Baubewilligungsbehörde zu prüfen, ob ein Baugesuch den massgebenden
öffentlich-rechtlichen Vorschriften, insbesondere der Bau- und Planungsgesetzgebung
entspricht. Die zivilrechtliche Zulässigkeit eines Bauvorhabens ist im
Baubewilligungsverfahren hingegen grundsätzlich nicht zu beurteilen. Der Grundsatz der
strikten Trennung zwischen Privat- und Verwaltungsrecht wird gemäss herrschender Praxis
und Lehre aber in zwei Fällen durchbrochen: Zivilrechtliche Bestimmungen werden im
Baubewilligungsverfahren einerseits dann vorfrageweise geprüft, wenn die
Baugesetzgebung privatrechtliche Tatbestände voraussetzt oder ausdrücklich als
massgebend erklärt, wie beispielsweise zur Sicherung einer über fremden Boden
führenden Zufahrt. Andererseits ist das Zivilrecht zu berücksichtigen, wenn die
Bauherrschaft auf fremdem oder gemeinschaftlichem Boden baut.5
b) Ist die Bauherrschaft nicht mit der Grundeigentümerschaft des Baugrundstücks
identisch, ist das Baugesuch auch von den Grundeigentümerinnen und Grundeigentümern
zu unterzeichnen (Art. 10 Abs. 2 BewD). Nach ständiger Rechtsprechung der BVE und des
Verwaltungsgerichts handelt es sich beim Unterzeichnungserfordernis nach Art. 10 Abs. 2
BewD um eine Ordnungsvorschrift.6 Sie will vermeiden, dass sich die
Baubewilligungsbehörden mit Baugesuchen befassen müssen, die aus zivilrechtlichen
Gründen nie verwirklicht werden können, weil ihnen der Grundeigentümer oder die
Grundeigentümerin nicht zustimmt. Sie zielt darauf ab, unnötigen Verwaltungsaufwand zu
vermeiden, bezweckt aber nicht, umstrittene private Rechte, die dem Bauvorhaben
entgegenstehen könnten, im Baubewilligungsverfahren statt im dafür vorgesehenen
Zivilprozess zu überprüfen. Auf die Mitunterzeichnung durch den Grundeigentümer oder
die Grundeigentümerin kann verzichtet werden, wenn die gesuchstellende Person ein
eigenes schutzwürdiges Interesse an der Beurteilung des Baugesuchs hat. Dies ist dann
der Fall, wenn sie ein Bauvorhaben ohne Zustimmung der Grundeigentümerschaft
verwirklichen darf, beispielsweise weil sie Inhaberin eines Baurechts ist oder
Stockwerkeigentum besitzt und das Bauvorhaben nur ihr Sonderrecht betrifft. Kein
schutzwürdiges Interesse an der Durchführung des Baubewilligungsverfahrens ist
5 BVR 2004 S. 412 E. 3.2, 2003 S. 385 E. 4a-c mit Hinweisen; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 2 N. 4a; Monika Hintz, Zivilrechtliche Vorfragen im Baubewilligungsverfahren, in KPG-Bulletin 2/2014, S. 61 ff. 6 Vgl. statt vieler BVR 2005 S. 130 ff. E. 3.1
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gegeben, wenn dessen Ergebnis von vornherein ohne Belang ist, weil ein fremdrechtliches
Hindernis das Bauvorhaben offensichtlich verhindert oder die Realisierung des
Bauvorhabens mangels Zustimmung der Grundeigentümerin bzw. des Grundeigentümers
völlig ungewiss ist. Diesfalls hat die Baubewilligungsbehörde aus formellen Gründen nicht
auf das Baugesuch einzutreten.7 Ist dagegen lediglich unklar, ob einem Bauvorhaben ein
zivilrechtliches Hindernis entgegensteht, ginge es nach verwaltungsgerichtlicher Praxis
nicht an, der Bauherrschaft allein wegen der fehlenden Zustimmung nach
Art. 10 Abs. 2 BewD das Rechtsschutzinteresse abzusprechen.8 Die
Baubewilligungsbehörden haben deshalb das schutzwürdige Interesse an der
Durchführung des Baubewilligungsverfahrens nur in eindeutigen Fällen zu verneinen.
c) An der Bauparzelle Linden Grundbuchblatt Nr. C._ besteht Miteigentum. Es
handelt sich um zwei Miteigentumsanteile mit einer Quote von je 1/2. Einer dieser
Miteigentumsanteile gehört Herrn F._. Der andere Anteil gehört einer
Erbengemeinschaft, bestehend aus G._ und dem Beschwerdeführer. Diese haben
als Erbengemeinschaft Gesamteigentum an ihrem hälftigen Miteigentumsanteil.
Das Miteigentumsrecht regelt die notwendigen Beschlussquoren für bauliche Massnahmen
in den Art. 647c bis 647e ZGB9. Dabei unterscheidet das Gesetz zwischen notwendigen,
nützlichen und der Verschönerung sowie Bequemlichkeit dienenden Massnahmen.
Notwendige bauliche Massnahmen können mit der Zustimmung der Mehrheit aller
Miteigentümerinnen und -eigentümer ausgeführt werden, soweit sie nicht als gewöhnliche
Verwaltungshandlungen von jedem Einzelnen vorgenommen werden dürfen (Art. 647c
ZGB). Als notwendige bauliche Massnahmen gelten Unterhalts-, Wiederherstellungs- und
Erneuerungsarbeiten, die für die Erhaltung des Wertes und der Gebrauchsfähigkeit der
Sache nötig sind. Bei der Erstellung von neuen Bauten oder Bauteilen handelt es sich
grundsätzlich nicht um notwendige Massnahmen, ausser sie seien für die Sicherung und
den Erhalt der Sache erforderlich (z.B. Schutzbauten gegen drohende Naturereignisse).10
Als gewöhnliche Verwaltungshandlungen gelten nur geringfügige Unterhalts- und
7 VGE 2014/176 vom 10. Februar 2015 E. 3.2 8 Siehe zum Ganzen BVR 2005 S. 130 E. 3.1; VGE 2017/215 vom 12. April 2018 E. 3.3 und E. 3.5, VGE 2012/262 vom 8. November 2013 E. 1.2.1, VGE 2014/176 vom 10. Februar 2015 E. 3.1; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 34 N. 10; Monika Hintz, Zivilrechtliche Vorfragen im Baubewilligungsverfahren, in KPG-Bulletin 2/2014, S. 71 ff. 9 Schweizerisches Zivilgesetzbuch vom 10. Dezember 1907 (ZGB; SR 201) 10 Brunner/Wichtermann, Basler Kommentar, ZGB II, 5. Auflage 2015, Art. 647c N 11
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Instandstellungsarbeiten.11 Nützliche bauliche Massnahmen, das heisst solche, die eine
Wertsteigerung oder Verbesserung der Wirtschaftlichkeit oder Gebrauchsfähigkeit der
Sache bezwecken, bedürfen der Zustimmung der Mehrheit aller Miteigentümerinnen und -
eigentümer, die zugleich den grössten Teil der Sache vertritt (vgl. Art. 647d ZGB).
Luxuriöse Bauarbeiten, die lediglich der Verschönerung, der Ansehnlichkeit der Sache oder
der Bequemlichkeit im Gebrauch dienen, dürfen nur mit Zustimmung aller
Miteigentümerinnen und -eigentümer ausgeführt werden (Art. 647e Abs. 1 ZGB). Werden
solche Arbeiten mit Zustimmung der Mehrheit, die zugleich den grösseren Teil der Sache
vertritt, angeordnet, so können sie auch gegen den Willen eines nicht zustimmenden
Miteigentümers ausgeführt werden, sofern dieser durch sie in seinem Nutzungs- und
Gebrauchsrecht nicht dauernd beeinträchtigt wird, und die übrigen Miteigentümerinnen und
-eigentümer ihm für eine bloss vorübergehende Beeinträchtigung Ersatz leisten und seinen
Kostenanteil übernehmen (Art. 647e Abs. 2 ZGB). Diese gesetzliche
Zuständigkeitsordnung kann – mit Ausnahme der zwingenden Bestimmungen über die
dringenden Massnahmen nach Art. 647 Abs. 2 ZGB – durch eine einstimmig zu treffende
Nutzungs- und Verwaltungsordnung geändert werden (Art. 647 ZGB).
d) Die Erstellung eines neuen Carports stellt keine Unterhalts-, Wiederherstellungs-
oder Erneuerungsarbeit dar, die für die Erhaltung des Wertes und der Gebrauchsfähigkeit
der Liegenschaft erforderlich ist. Es handelt sich auch nicht um eine neue Baute, die für
den Erhalt der Liegenschaft zwingend notwendig ist. Das Bauvorhaben ist daher keine
notwendige Massnahme im Sinne von Art. 647c ZGB, sondern eine nützliche oder
allenfalls sogar nur eine luxuriöse bauliche Massnahme gemäss Art. 647d bzw. Art. 647e
ZGB. Ob es sich um eine nützliche oder nur luxuriöse Massnahme handelt, kann hier aus
folgenden Gründen offen gelassen werden:
Auch nützliche bauliche Massnahmen, bei denen geringere Anforderungen an die
Zustimmung der Miteigentümergemeinschaft gestellt werden als bei luxuriösen
Massnahmen, erfordern die Zustimmung der Mehrheit aller Miteigentümerinnen und -
eigentümer, die zugleich den grössten Teil der Sache vertreten. Eine solches Quorum ist
hier nicht gegeben: Auch wenn in der Zwischenzeit Frau G._ das Baugesuch
unterschrieben hat, liegt lediglich die schriftliche Zustimmung von Miteigentümern vor, die
zusammen nur ein Quorum von 50 Prozent und damit nicht den überwiegenden Teil der
11 Brunner/Wichtermann, Basler Kommentar, ZGB II, 5. Auflage 2015, Art. 647c N 9
RA Nr. 110/2019/61 9
Sache vertreten. Es besteht somit keine genügende Zustimmung der
Grundeigentümerschaft, was die Realisierung des Bauvorhabens völlig ungewiss macht.
Dabei ist es entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers unerheblich, ob Herr
F._ bei der Gemeinde nur gegen den Bau eines Autounterstandes auf der Parzelle
Nr. D._ explizit opponiert hat oder auch gegen das Bauvorhaben am neuen
Standortneben dem Hauptgebäude auf der Parzelle Nr. C._. Art. 10 BewD
verlangt nicht, dass das Nichteinverständnis der Grundeigentümer bewiesen wird, sondern
fordert die schriftliche Zustimmung der Grundeigentümer mittels Unterzeichnung des
Baugesuches. Eine solche Unterzeichnung liegt nicht vor. Im Übrigen hält der
Beschwerdeführer in seiner Beschwerde selbst fest, die Miteigentümergemeinschaft sei
seit Jahren zerstritten und handlungsunfähig, die Unterschriften der anderen Miteigentümer
seien nicht erhältlich gewesen. Ebenso unerheblich ist, mit welcher Wahrscheinlichkeit der
nicht zustimmende F._ das Bauvorhaben tatsächlich auf zivilrechtlichem Wege
verbieten lassen würde. Entscheidend ist, dass bisher keine Zustimmung vorliegt und dass
ein zivilrechtliches Vorgehen grosse Chancen hätte. Die Gemeinde Linden ist daher zu
Recht nicht auf das Baugesuch des Beschwerdeführers eingetreten. Dies umso mehr, als
im Zeitpunkt ihrer Nichteintretensverfügung Frau G._ dem Bauvorhaben noch
nicht zugestimmt hatte. Da bei Erbengemeinschaften das Einstimmigkeitsprinzip gilt und
jedes Rechtsgeschäft, aber auch jedes faktische Handeln, mit Ausnahme hier nicht
vorliegender Ausnahmen, eine Einigung unter sämtlichen Erbinnen und Erben erfordert
(Art. 653 Abs. 1 und Abs. 2 ZGB, Art. 602 Abs. 2 ZGB)12, lag damals nicht einmal die
Zustimmung des Miteigentumsanteils der Erbengemeinschaft vor.
e) Daran ändert die bundesgerichtliche Rechtsprechung zur sogenannten natürlichen
Publizität von Grundstückseigenschaften, auf die sich der Beschwerdeführer beruft, nichts.
Gemäss dieser in Zusammenhang mit Art. 937 Abs. 1 ZGB stehenden Rechtsprechung
kann der tatsächliche, nach aussen sichtbare physische Zustand eines Grundstücks den
guten Glauben der Erwerberin oder des Erwerbers in den Grundbucheintrag zerstören.
Das bedeutet, dass sich die Erwerberin oder der Erwerber ein Rechtsverhältnis, das auf
dem Grundstück durch seine eindeutige äussere Erscheinung erkennbar ist, gegen sich
gelten lassen muss. Dies kann beispielweise der Fall sein, wenn ein Wegrecht im
Grundbuch nicht näher definiert ist, auf dem Grundstück aber durch einen bestehenden
Weg und andere bauliche Massnahmen (Tor, Tunnel, etc.) klar ausgestaltet ist.13 Ein
12 Schaufelberger/Keller Lüscher, Basler Kommentar, ZGB II, 5. Auflage 2015, Art. 602 N 11 ff. 13 BGE 137 III 153
RA Nr. 110/2019/61 10
solcher Fall liegt hier nicht vor. Der Beschwerdeführer will mit Verweis auf die natürliche
Publizität auch nur geltend machen, dass aus der offenbar bestehenden Wohnsituation
abgeleitet werden könne, die Miteigentümer hätten sich konkludent auf die Zuweisung
bestimmter Grundstücksteile an den Beschwerdeführer geeinigt. Ob dem so ist, ist aber
unerheblich und kann offen gelassen werden. Die Miteigentümergemeinschaft kann zwar
einer Miteigentümerin oder einem Miteigentümer das Vorrecht zuweisen, einzelne oder alle
Räume eines gemeinschaftlichen Gebäudes oder einen Teil der gemeinschaftlichen
Bodenfläche exklusiv zu nutzen. Eine solche Zuweisung berechtigt allerdings nur zur
Nutzung; die Nutzung wird begrenzt durch den Umstand, dass der Entscheid über bauliche
Massnahmen zwingend in der Kompetenz der Miteigentümergemeinschaft liegt.14 Auch
wenn die Miteigentümergemeinschaft dem Beschwerdeführer die Parzelle Nr. C._
zur Nutzung zugewiesen hätte, müssen die Zustimmungsquoren der Art. 647c ff. ZGB
eingehalten werden; es sei denn, die Gemeinschaft hätte einstimmig eine Nutzungs- und
Verwaltungsordnung vereinbart, welche diese Quoren abändert. Die Existenz einer solchen
Vereinbarung wird aber vom Beschwerdeführer nicht geltend gemacht.
f) In seiner letzten Eingabe bringt der Beschwerdeführer erstmals vor, man setze sich
"mit der Auflösung des Miteigentums auseinander". Er erläutert dies aber nicht näher und
reichte keine Belege ein. Sollte die Auflösung des Miteigentums tatsächlich stattfinden und
der Beschwerdeführer künftig einmal Alleineigentümer einer der bisher im Miteigentum
stehenden Parzellen sein, wird er für ein Bauvorhaben auf dieser Parzelle ein Baugesuch
ohne Zustimmung von G._ und F._ einreichen können. Im heutigen
Zeitpunkt besteht aber nach wie vor eine Miteigentümergemeinschaft, was eine
Zustimmung nach Art. 10 Abs. 2 BewD erforderlich macht. Davon kann bloss aufgrund
einer allenfalls künftig stattfindenden, nicht näher belegten Auflösung des Miteigentums
nicht abgewichen werden.
g) Aus diesen Gründen ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung der Vor-
instanz zu bestätigen.
3. Kosten
14 Brunner/Wichtermann, Basler Kommentar, ZGB II, 5. Auflage 2015, Art. 647 N 14
RA Nr. 110/2019/61 11
Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt der Beschwerdeführer. Er hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 800.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV15).
Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 und Abs. 4 VRPG).