Decision ID: 8dd52919-8980-448b-8c19-7b8397437749
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren
1977, arbeitete
seit dem 2
7.
April 2009 als Isoleur bei der
Y._
GmbH in
Z._
und war dadurch bei der Schwei
zerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen versichert, als er
am 2
6.
Dezember 2009
während eines Ferienauf
enthaltes in Thail
and mit einem Motorroller stürzte
und sich dabei mehrere Frakturen zuzog
(
Urk.
9/1).
Die SUVA trat auf den Schaden ein und erbrachte Heilbeha
ndlungs- und Taggeldleistungen.
1.2
Nachdem
die SUVA davon Kenntnis erlangt hatte
, dass sich der Versicherte in der Strafanstalt
A._
im Strafvollzug befand, stellte sie die Taggeldleis
tungen mit Verfügung vom 1
2.
November 2012 für die Dauer des Strafvollzu
ges ab dem
8.
Oktober 2012 ein (
Urk.
9/267). Die dagegen vom Versicherten am 1
1.
Dezember 2012 erhobene Einsprache (
Urk.
9/270) wies die SUVA mit Ein
spracheentscheid vom
1
9.
März 2013 (
Urk.
2) ab.
2.
Dagegen erhob der Versicherte am 2
2.
April 2013 Beschwerde und beantragte, der Einspracheentscheid vom 1
9.
März 2013 sowie die diesem zugrunde lie
gende Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 1
2.
November 2012 seien auf
zuheben, und es sei ihm auch während der Dauer des Strafvollzug
e
s über den
8.
Oktober 2012 hinaus das vollumfängliche UVG-Taggeld zu entrichten. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Rechts
pflege (
Urk.
1
). Die Beschwerdegegnerin beantragte mit Beschwerdeantwort vom
6.
Juni 2013 die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
8), was dem Beschwer
deführer am
2.
Juli 2013 angezeigt wurde (
Urk.
13).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Ist der Versicherte infolge eines Unfalles voll oder
teilweise arbeitsunfähig (Art.
6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs
rechts, ATSG), so h
at er Anspruch auf ein Taggeld (
Art.
16
Abs.
1 des Bundes
gesetzes über die Unfallversicherung, UVG).
1
.
2
Art.
21 ATSG bestimmt unter der Überschrift
„
Kürzung und Verweigerung von Leistungen
“
was folgt:
Hat die versicherte Person den Versicherungsfall vorsätzlich oder bei vorsätzli
cher Ausübung eines Verbrechens oder Vergehens herbeigeführt oder ver
schlimmert, so können ihr die Geldleistungen vorübergehend oder dauernd gekürzt oder in schweren Fällen verweigert werden (
Abs.
1).
Geldleistungen für Angehörige oder Hinterlassene werden nur gekürzt oder ver
weigert, wenn diese den Versicherungsfall vorsätzlich oder bei vorsätzlicher Ausübung eines Verbrechens oder Vergehens herbeigeführt haben (
Abs.
2).
Soweit Sozialversicherungen mit Erwerbsersatzcharakter keine Geldleistungen für Angehörige vorsehen, kann höchstens die Hälfte der Geldleistungen nach Absatz 1 gekürzt werden. Für die andere Hälfte bleibt die Kürzung nach Absatz 2 vorbehalten (
Abs.
3).
Entzieht oder widersetzt sich eine versicherte Person einer zumutbaren Behand
lung oder Eingliederung ins Erwerbsleben, die eine wesentliche Verbesserung der Erwerbsfähigkeit oder eine neue Erwerbsmöglichkeit verspricht, oder trägt sie nicht aus eigenem Antrieb das ihr Zumutbare dazu bei, so können ihr die Leistungen vorübergehend oder dauernd gekürzt oder verweigert werden. Sie muss vorher schriftlich gemahnt und auf die Rechtsfolgen hingewiesen werden; ihr ist eine angemessene Bedenkzeit einzuräumen. Behandlungs- oder Einglie
derungsmassnahmen, die eine Gefahr für Leben und Gesundheit
darstellen, sind nicht zumutbar
(
Abs.
4)
.
Befindet sich die versicherte Person im Straf- oder Massnahmevollzug, so kann während dieser Zeit die Auszahlung von Geldleistungen mit Erwerbsersatzcha
rakter ganz oder teilweise eingestellt werden; ausgenommen sind die Geldleis
tungen für Angehörige
im Sinne von Absatz 3 (
Abs.
5).
2.
2.1
Streitig und zu prüfen ist
zunächst
, ob die Beschwerdegegnerin die Taggeld
leis
tungen
des Beschwerdeführers ab dem
8.
Oktober 2012
für die Dauer des Straf
vollzug
e
s
gestützt auf
Art.
21
Abs.
5 ATSG
grundsätzlich
zu Recht einstellte.
Sofern
dies zu bejahen ist, stellt sich
im Weiteren
die Frage,
ob
für den
verhei
ratete
n
Beschwerdeführer
das sog
enannte
Angehörigenprivileg nach
Art.
21
Abs.
3 ATSG
gilt
, wonach
die Taggeldleistungen höchstens um die Hälfte hätten gekürzt werden können
(vgl. E. 1.2).
2.2
R
atio legis
von
Art.
21
Abs.
5 ATSG
ist
die Gleichbehandlung der invaliden mit der validen inhaftierten Person, welche durch einen Freihei
tsentzug ihr Ein
kommen verliert
. Entscheidend ist, dass eine verurteilte Person wegen der Ver
büssung einer Strafe an einer Erwerbstätigkeit verhindert ist. Nur wenn die Vollzugsart der verurteilten versicherten Person die Möglichkeit bietet, eine Erwerbstätigkeit auszuüben und somit selber für die Lebensbedürfnisse aufzu
kommen, verbi
etet es sich, den Rentenanspruch
zu sistieren
(aus diesem Grund ist
Art.
21
Abs.
5 ATSG als „Kann-Vorschrift“
gefasst [
Kieser, ATSG-Kommen
tar,
2.
Auflage, Zürich/Basel/Genf 2009, N 101 zu
Art.
21
]
)
. Massgebend für eine Sistierung der
Rentenleistungen
ist daher
, ob eine nicht invalide Person in der gleichen Situation durch den Freiheitsentzug eine
n Erwerbsausfall erleiden würde
(
BGE 133 V 6 f. E. 4.2.4.1;
116 V 22 E. 5a
;
Urteile des Bundesgerichts
8C_377/2011 vom 2
8.
Februar 2012 E. 2.2
;
9C_833/2010 vom 1
6.
Mai 2011
E.
3.3
und
8C_176/2007 vom 2
5.
Oktober 2007 E. 3
).
Z
u den Leistungen mit Erwerbsersatzcharakter zählen dabei neben den Invaliden
renten auch die Tag
gelder (
Kieser, a.a.O., N 104 zu
Art.
21).
Aktenkundig und unbestritten ist, dass der Beschwerdeführer
vom
8.
Oktober 2012
bis zum 1
5.
Juni 2013
im geschlossenen Vollzug in der Strafanstalt
A._
eine Freiheitsst
rafe verbüsste (
Urk.
1 S. 7,
Urk.
2 S. 2
und
Urk.
10 S.
2
). Er
befand sich
somit
nicht in einer Vollzugsart
wie
dem
Electronic Moni
toring
oder der
Halbgefangenschaft
, im Rahmen welcher eine gesunde Person
eine Erwerbstätigkeit hätte ausüben und für ihre Lebenskosten hätte aufkom
men können
.
Aus welchem Grund
ein
Electronic Monitoring oder
eine
Halbge
fangenschaft nicht möglich war
, kann
offen
bleiben, da
d
er
einzige
vom Bun
desgericht
in ständiger Rechtsprechung
umschriebene Tatbestand,
bei dem
eine Sistierung der Geldleistungen
im Sinne
von
Art.
21
Abs.
5 ATSG
ausnahms
weise
nic
ht gerechtfertigt ist
(vgl. den vorangehenden Absatz
)
,
nachweislich
nicht erfüllt
ist
.
Für die
Betrachtungsweise
des Beschwerdeführers
, wonach
er aus Gründen der Gleichbehandlung
selbst im Rahmen des geschlossenen Voll
zugs weit
erhin Anspruch auf Taggeld habe
, da er ohne Gesundheitsschaden in den Genuss des offe
n
en Strafvollzugs gekommen wäre
(vgl.
Urk.
1 S. 8 ff.)
, besteht kein Raum. Denn Wortlaut und Sinn von
Art.
21
Abs.
5 ATSG sind klar und
die
rechtsanwendenden Behörden
damit daran
gebunden, selbst wenn eine
-
allenfalls
-
verfassungskonforme Auslegung
dieser Bestimmung
zu einem anderen Resulta
t führen könnte
(
Art.
190 der Bundesverfassung der Sc
hweize
rischen Eidgenossenschaft;
BGE 99 Ia 636
E. 7
).
Dass die Taggeldleistungen
gestützt auf
Art.
21
Abs.
5 ATSG auf
den
Beginn des geschlossenen Vollzugs am
8.
Oktober 2012
eingestellt wurden
,
ist deshalb
grundsätzlich
korrekt.
2.3
Art.
21
Abs.
3 ATSG
setzt zunächst voraus, dass
Leistungen beanspruc
ht wer
den können, welche keine gesonderten
Leistungen für Angehörige vorsehen. Dies ist im Bereich der Taggelder der Unfallversicherung, um die es vorliegend geht, der Fall (Kieser, a.a.O., N 57 zu
Art.
21).
Den Materialien zu
Art.
21
Abs.
3 ATSG ist sodann zu entnehmen, dass von einer sich auf den Angehörigen beziehenden Unterhaltspflicht ausgegangen wird bzw. dass die versicherte Per
son für den Angehörigen zu sorgen hat. In familienrechtlicher Hinsicht besteht eine Unterhaltspflicht grundsätzlich gegenüber dem Ehegatten und dem Kind (
Art.
159
Abs.
2 und
Art.
163
Abs.
1 ZGB). Dies lässt klar werden, dass von einem Angehörigen im Sinne von
Art.
21
Abs.
3 ATSG auszugehen ist, wenn eine familienrechtliche
Unterhaltspflicht besteht (
Kieser, a.a.O.
, N 53 zu
Art.
21
).
Auch diese Voraussetzung – der Be
schwerdeführer ist seit dem 16.
August 2012 mit
B._
verheiratet
(vgl.
Urk.
10/270/11-12)
– ist vorliegend erfüllt.
Art.
21
Abs.
5 zwe
iter Teilsatz ATSG stellt klar
, dass
gesonderte
Geldleistungen für Angehörige (Zusatzrenten)
keiner
Sistierung unterliegen.
Die
Frage, ob
Art.
21
Abs.
3 ATSG
nicht nur auf
Leistungskürzungen und -verweigerungen im Sinne von
Art.
21
Abs.
1 und
Abs.
2 ATSG, sondern auch
auf Sistierungen im Rah
men von
Art.
21
Abs.
5 ATSG anwendbar ist
,
musste vom Bundesgericht
bis
lang
offenbar
noch
nicht entschieden werden
(
Urteil
e
des Bundesgerichts
8C_377/2011 vom 2
8.
Februar
2012 E. 6; 8C_736/2010 vom 22.
Dezember 2010 E.
4.2
und
9C_256/2009
vom 17.
September 2009 E. 4
).
Im Urteil 8C_73
6/2010 vom 2
2.
Dezember 2010 E.
4.2
erwog
das Bundesgericht
in die
sem Zusammenhang jedoch bereits
in einiger Deutlichkeit
, dass eine solche Anwendbarkeit im Widerstreit zu Wortlaut und Systematik der Norm stehen würde.
Auch wenn die
(für die rechtsanwendenden Behörden nicht verbindli
che)
Empfehlung der ad-hoc-Kommission Schaden UVG Nr. 1/2004, zu der sich das Bundesgericht bis anhin nicht
habe äussern müssen
, davon
ausgehe
, dass unfallversicherungsrechtliche Invalidenrenten
bei Haft nic
ht vollständig zu sis
tieren seien, so könne
doch ni
cht gesagt werden,
Art.
21 Abs.
3 ATSG finde unbestrittenermassen auf nach
Art.
21
Abs.
5 ATSG zu sistierende Renten der Unfallversicherung Anwendung. Sinn der Sistierung der Rentenleis
tungen inhaftierter Personen sei
es, diese nicht ungerechtfertigt gegenüber nicht inva
li
den Häftlingen zu privilegieren.
Solche
würden
in der Regel auch dann ihr Erwerbseinkommen
verlieren
, wenn si
e für Angehörige zu sorgen hätten. Es sei
deshalb nicht einzusehen, weshalb Bezüger von Geldleistungen mit Erwerbser
satzcharakter in einigen Sozialversicherungen besser z
u stellen wären als in anderen
.
Angesichts
dieser vom Bundesgericht genannten
gewichtigen
Vorbehalte
gram
matikalischer, gesetzessystematischer
und auch verfassungs
rechtlicher
Natur
muss
Art.
21
Abs.
3 ATSG
die Anwendbarkeit
auf
die vorliegende Sistierung
im
Sinne von
Art.
21
Abs.
5 ATSG
versagt werden.
2.4
Es ist somit festzuhalten, dass die Beschwerdegegnerin die Taggeldleistungen des Besch
werdeführers für die Dauer des geschlossenen
Strafvollzugs ab dem
8.
Oktober 2012 zu Recht vollumfänglich ein
stellte
. Die angefochtene Verfü
gung vom
1
2.
November 2012
und der angefochtene Einspracheentscheid vom
1
9.
März 2013
sind
demnach
rechtens, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.
3
.
3.1
Das
Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche Prozessführung
(
Urk.
1)
erweist sich infolge der Kostenlosigkeit des Verfahrens
als obsolet.
3.2
Da das vorliegende Verfahren nicht als von vornherein aussichtslos bezeichnet werden kann, der Beschwerdeführer bedürftig ist
(
Urk.
11 und
Urk.
12/1-4
)
und
seine
anwaltliche Vertretung geboten war, ist
ihm antragsgemäss (
Urk.
1)
Rechtsanwalt
Roger Zenari
als unentgeltlicher Rechtsvertreter zu bestellen. Rechtsanwalt
Zenari
machte mit sein
er Honorarnote vom
7.
Oktober 2014 (Urk. 18) einen Aufwand von 8,59
Stund
en und Barauslagen von
Fr.
75.30
gel
tend. Bei einem gerichtsüblichen Stundenansatz von
Fr.
200.-- resultiert so ein
e Entschädigung von
Fr.
1‘936.75
(inkl. Barauslagen und MWSt).
3.3
Kommt der Beschwerdeführer künftig in günstige wirtschaftliche Verhältnisse, kann ihn das Gericht zur Nachzahlung der Auslagen für die unentgeltliche Rechtsvertretung verpflichten (
§
16
Abs.
4 des Gesetzes über das Sozialversi
cherungsgericht, GSVGer).