Decision ID: 683b2e9a-fde0-4a18-8dfe-fd38168c0e76
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1973, besuchte eine Handelsschule (ohne Abschluss) und bildete sich zum diplomierten Künstler und Grafiker aus (Urk. 8/3 und Urk. 8/17). Ab September 2009 arbeitete er als Short Movie Editor
und 3D-Visualisator bei der
Y._
, anfänglich in einem 50%-Pensum, ab August 2013 bis
April 2015
in einem 30%-Pensum. Nebenbei übernahm er als Gesellschafter der im September 2008 gegründeten
Z._
GmbH freiberuflich graphische Aufträge (Urk. 8/5, Urk. 8/8, Urk. 8/34, Urk. 8/126).
Am 5. Dezember 2013 (Eingangsdatum) meldete sich der Versicherte bei der Sozial
versicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, unter Hinweis auf ADS sowie den Verdacht auf eine schizoide Veranlagung zur Früherfassung an (Urk. 8/4), wobei er das Gesuch am 6. Januar 2014 telefonisch zurückzog (Urk. 8/10).
1.2
Der Versicherte meldete sich am 17. März 2016 (Eingangsdatum) zum Be
zug von
Leistungen der Invalidenversicherung an, unter Hinweis auf ein ADHS (Urk. 8
/12). Nach erfolgten medizinischen und erwerblichen Abklärungen
sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit Verfügung vom 22. Juni 2018 eine halbe Invalidenrente
ab März 2017
zu (Urk. 8/100).
1.3
Mit Schreiben vom 29. September 2018 ersuchte der Laufbahnberater des Versi
cherten,
A._
von der
B._
GmbH, unter Hinweis auf die prekäre Lernsituation im Gymnasium und der dringend notwendigen Hilfe durch
einen Lerncoach, die IV-Stelle sinngemäss um berufliche Massnahmen (Urk. 8/
115). Mit Vorbescheid vom 16. Oktober 2018 stellte die IV-Stelle die Ab
weisung des Leistungsbegehrens in Aussicht (Urk. 8/117). Dagegen liess der Ver
sicherte durch seinen Vertreter
A._
mit Schreiben vom 30. Oktober 2018 (Urk. 8/128) sowie ergänzend am 28. November 2018 (Urk. 8/147) Einwand erheben. Das Begehren um berufliche Eingliederungsmassnahmen, ins
be
sondere die
Beistellung
eines Lerncoachs
, Kostengutsprache für eine Berufs- und Lauf
bahnberatung sowie für das
Passarelle
-Studium an der
C._
, wies die IV-Stelle mit Verfügung vom 16. Ja
nu
ar 2019 mit der Begründung ab, weitere Eingliederungsmassnahmen seien nicht zielführend (Urk. 8/156).
Die dagegen erhobene Beschwerde wurde vom hiesigen Gericht mit Urteil IV.2019.00120 vom 2
6.
November 2019 abge
wiesen (U
rk.
8/187).
1.4
Ferner
ersuchte
A._
im Namen des Versicherten
am 30. Oktober 2018 um Re
vi
sion der Rente und
Zusprache
einer ganzen Invaliden
rente
ab Januar
2018
gestützt auf einen In
va
liditätsgrad von 90 % (Urk. 8/130). D
ie IV-Stelle
stellte
mit Vor
be
scheid vom 1
6.
Januar 2019 in Aussicht, auf das Leis
tungs
be
gehren nicht ein
zu
treten (
Urk.
8/155).
Hiergegen erhob
A._
im Namen des Versicherten mit Schreiben vom
1
8.
Januar 2019 (
Urk.
8/159) sowie ergän
zend am 2
9.
Januar 2019 (
Urk.
8/163) Einwand
. Die IV-Stelle veranlasste eine
bidisziplinäre
Begut
achtung (psychiatrische und neuropsychologische), über welche am
3.
Fe
bru
ar 2020 berichtet wurde (
Urk.
8/189). Mit Schreiben vom 2
8.
Februar
2020
zeigte Rechts
anwalt Ivo Baumann - unter Beilage einer im Auftrag von
A._
aus
gestellten Substitutionsvollmacht (
Urk.
8/200) - an, dass er neu die rechtlichen Interessen des Versicherten vertrete (
Urk.
8/199).
Auf sein Ersuchen hin
stellte die IV-Stelle dem neuen Rechtsvertreter am 1
2.
Juni 2020 sämtliche Akten zu (
Urk.
8/201)
.
Mit Schreiben vom
9.
November 2020 ersuchte
A._
um Bear
bei
tung des Rentenrevision
sgesuchs
(
Urk.
8/206), woraufhin die
IV-Stelle mit Verfügung vom 3.
Dezember 2020 das Gesuch um Erhöhung der Invalidenrente abwies (Urk. 8/209). Diese Verfügung stellte die IV-Stelle dem Laufbahnberater
A._
zu.
1.5
Am
4.
Februar 2021
ersuchte
A._
im Namen des Versicherten um ein Aufbau- und Belastungstraining
(
Urk.
8/211).
Die IV-Stelle setzte dem Versi
cher
ten hierauf Frist bis zum
2.
April 2021
, um aktuelle Beweismittel nachzureichen, die eine wesentliche Veränderung der tatsächlichen Verhältnisse
seit Erlass der letzten Verfügung
glaubhaft machen würden (Schreiben vom
1.
März 2021, Urk.
8/
214
).
1.6
Rechtsanwalt Ivo Baumann erkundigte sich am
9.
März 2021 bei der IV-Stelle
nach dem Stand der Dinge betreffend das Revisionsverfahren und ersuchte
gleich
zeitig
um eine fristauslösende Zustellung des Vor
bescheids und verlangte Akten
einsicht (
Urk.
8/215).
Hierauf teilte die IV-Stelle ihm mit, dass der Vorbescheid bereits am 1
6.
Januar 2019 ergangen sei, wovon er zufolge Aktenzustellung im Juni 2020 Kenntnis haben müsse.
Die Verfügung vom 3. Dezember 2020 hätten sie Herrn
A._
, der sowohl das letzte als auch das laufende IV-Verfahren angestossen habe sowie den Einwand auf den Vorbescheid erhoben habe und als Hauptvertreter anzusehen sei, zugestellt
. Die Verfügung vom
3.
Dezember 2020 werde nicht neu eröffnet (Schreiben vom 23. April 2021,
Urk.
8/225).
2.
Mit Eingabe vom 2
5.
Mai 2021 reichte Rechtsanwalt Ivo Baumann im Namen des Versicherten eine Beschwerde ein und beantragte, es sei festzustellen, dass die Verfügung vom
3.
Dezember 2020 nichtig sei und die Beschwerdegegnerin sei zu
verpflichten, eine neue Verfügung zu erlassen und diese rechtsgültig zu eröffnen (
Urk.
1).
Die Beschwerdegegnerin schloss mit Beschwerdeantwort vom
9.
Juli 2021 (Urk. 7, unter Beilage der Akten [
Urk.
8/1-231]) auf Abweisung der Beschwerde, was dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 1
3.
Juli 2021 zur Kenntnisnahme zuge
stellt wurde (
Urk.
9).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss
Art.
60
Abs.
1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozial
versicherungsrechts (ATSG) ist die Beschwerde innerhalb von 30 Tagen nach der Eröffnung des
Einspracheentscheids
oder der Verfügung, gegen welche eine Ein
sprache ausgeschlossen ist, einzureichen. Diese Frist kann nicht erstreckt werden (
Art.
40
Abs.
1 ATSG). Nach
Art.
39
Abs.
1 in Verbindung mit
Art.
60
Abs.
2 ATSG ist die 30-tägige Frist gewahrt, wenn die Beschwerde spätestens am letzten Tag der Frist beim kantonalen Versicherungsgericht eingereicht oder zu dessen
Handen
der Schweizerischen Post übergeben wird. Läuft die Frist un
benützt ab, so erwächst der Verwaltungsentscheid in (formelle) Rechtskraft mit der Wirkung, dass das erstinstanzliche Gericht auf eine verspätet eingereichte Beschwerde nicht eintreten darf (Urteil des Bun
desgerichts 9C_791/2010 vom 10.
No
vember 2010 E. 2.1, mit Hinweis).
1.2
Eine Partei kann sich, wenn sie nicht persönlich zu handeln hat, jederzeit ver
treten oder, soweit die Dringlichkeit einer Untersuchung es nicht ausschliesst, ver
beiständen lassen (
Art.
37
Abs.
1 ATSG). Im Sozialversicherungsrecht gilt der in
Art.
37
Abs.
3 ATSG ausdrücklich verankerte Grundsatz, dass der Versiche
rungs
träger seine Mitteilungen an den Vertreter einer Partei zu richten hat, so
lange diese ihre Vollmacht nicht widerrufen hat. Dieser Grundsatz dient im Inte
resse der Rechtssicherheit dazu, allfällige Zweifel darüber zum Vornherein zu be
seitigen, ob die Mitteilungen an die Partei selber oder an ihre Vertretung zu erfolgen haben, sowie um klarzustellen, welches die für einen Fristenlauf mass
gebenden Mitteilungen sein sollen.
Aus der mangelhaften Eröffnung einer Verfügung darf der betroffenen Person gemäss
Art.
49
Abs.
3 letzter Satz ATSG kein Nachteil erwachsen. Nach der Recht
sprechung ist nicht jede mangelhafte Eröffnung schlechthin nichtig mit der Konsequenz, dass die Rechtsmittelfrist nicht zu laufen beginnen könnte. Aus dem Grundsatz, dass den Parteien aus mangelhafter Eröffnung keine Nachteile er
wachsen dürfen, folgt vielmehr, dass dem beabsichtigten Rechtsschutz schon dann
Genüge getan wird, wenn eine objektiv mangelhafte Eröffnung trotz ihres Man
gels ihren Zweck erreicht. Das bedeutet nichts
anderes
, als dass nach den kon
kreten Umständen des Einzelfalls zu prüfen ist, ob die betroffene Partei durch den gerügten Eröffnungsmangel tatsächlich irregeführt und dadurch benach
teiligt worden ist. Richtschnur für die Beurteilung dieser Frage ist der auch in diesem prozessualen Bereich geltende Grundsatz von Treu und Glauben, an welchem die Berufung auf Formmängel in jedem Fall ihre Grenze findet (Urteil des Bundes
gerichts 9C_791/2010 vom 1
0.
November 2010 E. 2.2, mit Hinweisen).
1.3
Mit Blick auf den Grundsatz von Treu und Glauben kann auch eine fehlerhaft eröffnete Verfügung rechtsbeständig werden, wenn sie nicht innert vernünftiger Frist seit jenem Zeitpunkt in Frage gestellt wird, da der Adressat Kenntnis vom Verfügungsinhalt hat. Die Dauer der vernünftigen Frist bemisst sich praxisgemäss nach den besonderen Umständen des Einzelfalls. Wird eine Verfügung trotz eines
bestehenden, der Verwaltung bekannten Vertretungsverhältnisses nicht dem Rechts
vertreter, sondern nur der versicherten Person selbst zugestellt, ist diese aufgrund der sie treffenden Sorgfaltspflicht in der Regel gehalten, spätestens am letzten Tag der in der Verfügung genannten Beschwerdefrist an ihren Vertreter
zu gelangen. Eine anschliessende Beschwerde gilt als rechtzeitig eingereicht, wenn
sie innerhalb einer 30-tägigen Rechtsmittelfrist, welche ab diesem Datum (letzter Tag der Frist gemäss Verfügung) läuft, erhoben wird (Urteil
e
des Bundes
gerichts
9C_266/2020 vom 24. November 2020 E. 2.3 und
I 565/02 vom
6.
Mai 2003, E.
3.1 mit Hinweisen).
1.4
Die Rechtzeitigkeit ist eine Prozessvoraussetzung, welche von Amtes wegen zu prüfen ist (Hans-Jakob
Mosimann
in: Christian Zünd/Brigitte Pfiffner
Rauber
, Kom
mentar zum Gesetz über das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich,
2.
Auflage, Zürich/Basel/Genf 2009, N 8 zu
§
9).
2.
2.1
Aus den Akten ergibt sich, dass Rechts
anwalt Ivo Baumann
im März 2019 man
datiert wurde
(vgl.
Urk.
8/200), wobei dies der Beschwerde
gegnerin erst mit Schreiben vom 2
8.
Februar 2020 angezeigt wurde (vgl. U
rk.
8/199).
2.2
Mit Schreiben vom
9.
März 2021 (
Urk.
8/215) gelangte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers an die Beschwerdegegnerin und machte eine mangelhafte Eröffnung des Vorbescheids sowie der Verfügung vom
3.
Dezember 2020 geltend:
Er habe seit längerer Zeit nichts mehr von der Beschwerdegegnerin gehört und erst heute auf
telefonische
Nachfrage hin von ihr erfahren, dass offenbar längst eine Verfügung ergangen sei, welche ihm jedoch nie zugestellt worden sei. Man
gels korrekter Eröffnung seien die erwähnten Erlasse nicht in Rechtskraft er
wachsen und es werde verlangt, dass der Vorbescheid fristauslösend erlassen und ihm - zusammen mit sämtlichen Akten - zugestellt werde.
2.3
Es ist unbestritten und steht insbesondere auch aufgrund der
Aktenlage
fest, dass die Beschwerdegegnerin so
wohl den Vorbescheid vom
1
6.
Januar 2019
als auch die Verfügung vom 3. De
zember 2020 dem Laufbahnberater
A._
und
je eine
Kopie dem Be
schwerdeführer
zustellte
(
Urk.
8/225, vgl. auch
Urk.
8/
155
und Urk. 8/209)
.
Auszu
gehen ist sodann davon, dass dem
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
die
Verfügung vom 3. Dezember 2020
nicht eröffnet wurde
. Aufgrund der Akten
lage
ist
jedoch
ausgewiesen
, dass er Kenntnis vom Vor
be
scheid
haben musste
, wurden ihm doch
im Juni 2019
sämtliche bis
dahin
er
gangenen Akten zugestellt (vgl.
Urk.
8/
201
).
2.4
Der Beschwerdeführer hat seinen Laufbahnberater
A._
am 1
6.
Oktober 2018
gegenüber der Beschwerdegegnerin unter Einräumung des Substitutions
rechts ordentlich bevollmächtigt (vgl.
Urk.
8/120) und durfte sich insofern als vertretene Person betrachten.
Aus den Akten ergibt sich ausserdem, dass
A._
am
6.
März 2019 Rechtsanwalt Ivo Baumann im Auftrag des Beschwerde
führers bevollmächtigt hat (vgl.
Urk.
8/200), wobei dies der Beschwerdegegnerin mit Schreiben vom 2
8.
Februar 2020 angezeigt wurde (vgl.
Urk.
8/199).
Nachdem sowohl der Beschwerdeführer wie auch insbesondere dessen Vertreter
A._
die Verfügung vom
3.
Dezember 2020 unbestrittenermassen erhalten ha
ben,
aber auch noch gegen Ende der darin erwähnten 30-tägig
en Rechtsmittelfrist nichts vom
Rechtsvertreter
Ivo Baumann
gehört hatte
n
,
hätten
ihnen
Zweifel darüber aufkommen müssen, ob die Verfügung auch tatsächlich
dem
Rechtsv
er
treter zugestellt worden war
, zumal
der Rechtsvertreter
in der Verfügung
nicht als Adressat einer Kopie aufgelistet war (vgl.
Urk.
8/209). Dies umso mehr, als mit der Ver
fügung dem gestellten Gesuch
um Erhöhung der Rente
nicht entsprochen wurde.
Auf
grund der dem Beschwerdeführer obliegenden zumutbaren Sorgfalt wäre er daher gehal
ten gewesen, sich innert vernünftiger
Frist
bei seinem Rechts
vertreter nach dem
wei
teren Vorgehen zu erkundigen. Aus dem Umstand, dass
der Rechtsve
r
treter eigenen Angaben zufolge erst im März 2021 von der Ver
fügung vom 3. De
zember 2020 Kenntnis erlangte, ist aber zu schliessen, dass sich weder der Be
schwer
de
führer noch dessen Laufbahnberater
A._
jeden
falls bis zu diesem Zeit
punkt mit dem Rechtsvertreter Ivo Baumann in Verbin
dung gesetzt haben, was sich mit dem Grundsatz von Treu und Glauben klarer
weise nicht vereinbaren lässt (vgl. E. 1.3 hiervor).
Mit Blick auf den Grundsatz von Treu und Glauben konnte die Beschwerdegegnerin zudem zulässigerweise be
rücksichtigen, dass der Be
schwer
deführer seine
an
A._
ausgestellte
Vollmacht
nicht widerrufen hat
, insofern die Zustellung der Verfügung an diesen im Sinne des Beschwerde
führers war.
2.5
Zu bemerken ist schliesslich, dass der Beschwerdeführer im Februar 2021 durch seinen Laufbahnberater und Vertreter
A._
ein Gesuch um berufliche Massnahmen hat einreichen lassen
(Sachverhalt Ziff.
1.5)
. Mithin ist davon aus
zugehen, dass
dem Be
schwerdeführer bewusst war, dass er - trotz
Rentenrevi
sions
gesuch
und ent
spre
chen
dem Einwand
- keine höhere IV-Rente be
kom
men wird und e
r
insofern
die
Verfügung
vom 3. De
zember 2020
und die darin
be
stätigte
halbe
Rente
akzeptiert hat
.
Angesichts dessen
ist nicht nachvollziehbar,
inwiefern der Beschwerdeführer durch die
mangelhafte
Eröffnung der Verfügung einen Nach
teil erlitt. Vor diesem Hintergrund erweist sich die Rechtsver
wei
ge
rungs
beschwer
de auch als wider
sprüch
lich.
2.6
Insgesamt erweist sich
der Vorwurf der Rechtsverweigerung als unbegründet, weshalb die Beschwerde
abzuweisen ist.
3.
Das Verfahren ist kostenlos.