Decision ID: db62ece0-8b40-4e21-8702-48d7026139e6
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Die im Jahre 1969 geborene
X._
leidet seit Geburt an einer spastischen Spinalparalyse der unteren Extremitäten. Nach Beendigung der obli
gatorischen Schulzeit besuchte sie in der Zeit von 1984 bis 1988 die Handels
schule und war in der Folge ab Februar 1990 als Sachbearbeiterin für die
Y._
tätig (Urk. 7/2, Urk. 7/37). Im Zusammenhang mit ihrer progredienten Erkrankung meldete sich die Versicherte erstmal
s
am 4. Oktober 2004 bei der Sozi
alversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
,
zum Leistungsbezug an (Urk. 7/2 S. 8). Mit Verfügung vom 30. November 2004 übernahm die IV-Stelle die Kosten für die Taxifahrten zum Arbeitsplatz und retour
in der Höhe von höchstens Fr. 1'583.
-- pro Monat
(Urk. 7/9). Mit Mitteilung vom 1. März 2011 erteilte die IV-Stelle weiter Kostengutsprache für die leihweise Abgabe eines Roll
stuhls (Urk. 7/15).
1.2
Am 28. März 2018 musste sich die Versicherte einer Karpaltunnelsyndrom-Operation unterziehen (Urk. 7/118 S. 5); am 20. April 2018
meldete
sie
sich bei der IV-Stelle zum Rentenbezug an (Urk. 7/16). Mit Mitteilung vom 30.
Oktober
2018 gewährte diese Beratung und Unterstützung beim Erhalt des
bisherigen
Arbeitsplatzes im Rahmen von Frühinterventionsmassnahmen (U
rk.
7/32).
Die genannte Massnahme wurde im Januar 2019 aus gesundheit
lichen Gründen beendet (Urk. 7/35 S. 7).
In der F
olge klärte die IV-Stelle
den Sachverhalt im Hinblick auf eine Hilflosenentschädigung ab (Erhebung vom 24.
April 2019; Urk. 7/47) und verneinte einen entsprechenden Anspruch mit Verfügung vom 25. Juni 2019 (Urk. 7/54).
Das Arbeitsverhältnis mit der
Y._
wurde per 31. Dezember 2019 beendet (Urk. 7/123 S. 1).
Mit Mitteilung vom 14. Januar 2020 erteilte die IV-Stelle Kostengutsprache für einen Rollator (Urk. 7/73), mit Mittei
lung vom 27. Januar 2020 eine solche für eine Toilettensitzerhöhung (Urk. 7/81) und mit Mitteilung vom 28. Februar 2020 eine weitere f
ür eine Fussheber-Orthese (Urk.
7/91)
.
Am 11. März 2020 wurde
n
eine mikrochirurgische ventrale Diskekto
mie sowie eine Fusion C5/6 und C6/7 durchgeführt; die Revisionsoperation im Bereich des Karpaltunnelsyndroms erfolgte am 15. Oktober 2020 (Urk. 7/118 S. 5).
Im Zuge der Rentenprüfung leitete die IV-Stelle eine interdisziplinäre Abklärung in die Wege (MEDAS-Gutachten
der Z._
AG
vom 11.
Mai
2021, Urk. 7/118). Die Zusatzfragen wurden von den MEDAS-Gutachtern mit Schreiben vom 7. Juni 2021 beantwortet (Urk. 7/121).
Mit Vorbescheid vom 7. Juli 2021 stellte die IV-Stelle der Versicherte
n
die Zusprache einer Dreiviertels
rente ab 1. März 2019 in
Aussicht (Urk. 7/125) und hielt an diesem Entscheid mit Verfügung vom
16. September 2021
fest
(Urk. 2).
2.
Dagegen erhob der Vertreter der Versicherten am 15. Oktober 2021 Beschwerde und beantragte, es sei der Beschwerdeführerin mit Wirkung ab März 2019 eine ganze Rente zuzusprechen; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegnerin (Urk. 1 S. 2).
Mit Beschwerdeantwort vom 24. November 2021 beantragte die Beschwerdegeg
nerin die Abweisung der Beschwerde (Urk. 6), was der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom
30. November 2021 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 8).
Mit Verfügung vom 2. Juni 2022 wurde
die Swisscanto Flex Sammelstiftung der Kantonalbanken zum Prozess beigeladen (Urk. 9); die Beigeladene liess sich innert Frist nicht vernehmen (Urk. 10).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege
lungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da ferner das Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung beziehungsweise des streitigen
Einspracheentscheids
eingetretenen Sachverhalt abstellt (BGE 144 V 210 E. 4.3.1, 132 V 215 E. 3.1.1, je mit Hinweisen), sind vorliegend die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nach
folgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.4
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei aus
geglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), in Bezie
hung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht in
valid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
). Der Einkommensver
gleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegen
übergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditäts
grad bestimmen lässt (sog. allgemeine Methode des Einkommensvergleichs; BGE 130 V 343 E. 3.4.2, 128 V 29 E. 1).
1.5
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
benenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
Das Gericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine zuverlässige Beurteilung des strit
tigen Leistungsanspruches gestatten. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztbe
richtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berück
sichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medi
zini
schen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begrün
det sind (BGE 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c, je mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene Verfügung damit, dass
bei der Beschwerdeführerin in einer optimal angepassten Tätigkeit eine Arbeitsfähig
keit von 50 % bestehe. Dabei sei es ihr möglich
,
ein Einkommen von Fr. 38'113.80 zu erzielen, was bei einem massgebenden
Valideneinkommen
von Fr. 94'903.10 zu einem Invaliditätsgrad von 60 % und zu einem Anspruch auf eine Dreivier
telsrente führe (Urk. 2).
2.2
Demgegenüber machte der Vertreter der Beschwerdeführerin
in materieller Hin
sicht
im Wesentlichen geltend, dass die MEDAS-Gutachter in der von ihnen ermittelten Arbeitsfähigkeit von 50 % die zusätzliche Belastung durch den Arbeitsweg sowie die Nebenwirkungen des Medikaments Pregabalin nicht berücksichtigt
hätten
(Urk. 1 S. 5, S. 8). Zudem sei die Verwertbarkeit der medi
zinisch-theoretischen Restarbeitsfähigkeit nicht mehr gegeben. Die Beschwerde
führerin könne den Arbeitsweg kaum mehr bewältigen, zudem sei
beim Arbeits
platz aufgrund der eingeschränkten Steh- und Gehfähigkeit eine Reihe von Anpassungen nötig (S. 6). Weiter sei es der Beschwerdeführerin kaum möglich
,
bei einem Vorstellungsgespräch teilzunehmen. Gerade auch der Umstand, dass die langjährige Arbeitgeberin nach über 29 Jahren das Arbeitsverhältnis
habe kündigen müssen
, weil die Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit der gesund
heitlichen Beeinträchtigungen an derart viele Bedingungen geknüpft
gewesen sei
, beweise, dass ein durchschnittlicher Arbeitgeber die Beschwerdeführerin nicht einstellen werde (S. 7 f.). Selbst wenn man von einer Verwertbarkeit der Restar
beitsfähigkeit ausgehen würde, wäre das Invalideneinkommen anhand der LSE-
Tabelle TA1 zu ermitteln, was unter Berücksichtigung eines leidensbedingten Abzugs von 25 % zu einem massgebenden Jahreseinkommen von Fr. 22'681.58 und zu einem I
nvaliditätsgrad von 76 % führe (S. 11 ff.).
3.
3.1
D
ie für das MEDAS-Gutachten vom 11. Mai 2021 verantwortlichen Fachärzte stellten mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit die folgenden Diagnosen (Urk. 7/118 S. 5):
-
Motoneuronerkrankung
als progrediente spastische Spinalpara
lyse/Paraparese, wahrscheinlich genet
is
ch bedingt als sporadische Form bei negativer Familienanamnese
-
Klinisch mit ausgeprägter Paraparese, Streckspastik, positive
n
Pyrami
denbahnzeichen, stark eingeschränkter Stehfähigkeit, bei überwiegen
der Rollstuhlmobilität
-
Vegetative Störung mit
Urge
-I
nkontinenz
-
Neuropathisches Schmerzsyndrom des
Nervus
medianus rechts mit/bei
-
Allodynie
rechter Daumen
-
Mit elektroneurografischem Nachweis eines Kar
palt
unnelsyndroms rechts
-
Zustand nach
O
peration eines K
arpaltunnelsyndroms am 28. März
2018 sowie erforderlic
her
Re
visionsoperation am 15. Oktober
2020, mit partieller klinischer Besserung
-
HWS-Syndrom und chronische radikuläre Affektion von C6 rechts
-
Zustand nach mikrochirurgischer ventraler
Diskektomie und Fusion C5/6 und C6/7 am 11. März 2020
-
Neigung zu Halswirbelsäulenbeschwerden ohne relevante dauerhafte Funktionsbehinderung
Aus den
neurologischerseits
erhobenen Befunden und den fachspezifischen Diagnosen würden sich d
ie folgenden konkreten Funktion
seinschränkungen ergeben (Urk. 7/118 S. 5
f.
):
-
Schwere spastische Lähmung beider Beine mit aufgehobener Gehfähigkeit und stark eingeschränkter Stehfähigkeit (nur für kurze
Tansfers
)
-
Vegetative Störung mit
Urge
-Inkontinenz der Blase mit plötzlichem Urin
verlust
-
Starke
Schmerzhaftigkeit bei Berührungen am rechten Daumen im Sinne einer
Allodynie
, mit Einschränkungen im Handgebrauch rechts (Rollstuhl
ver
wendung, Schreibtischtätigkeiten inklusive Computertätigkeiten)
-
Reduziertes körperliches Durchhaltevermögen bei ausgeprägten Paresen und starken Spastiken der Beine beidseits auch bei Tätigkeiten im Sitzen
-
Reduzierte Belastbarkeit im Zusammenhang mit der schweren körperli
chen Behinderung als Folge der
Motoneuronerkrankung
auch bei Tätig
keiten im Sitzen
In der angestammten Tätigkeit sei anhand der Krankengeschichte ab der Opera
tion vom 28. März 2018 von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit auszugehen (S. 8).
In einer optimal angepassten Tätigkeit sei ab 1. Dezember 2018 von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen, bei einer fünfstündigen Berufsausübung und einer Leistungsminderung von 10 %. Bezüglich des Arbeitsplatzes sei
en
die
folgenden Voraussetzungen
zu beachten
(
S
. 7
)
:
-
Rein sitzende Tätigkeit
-
Vollständig rollstuhlgängige Arbeitsumgebung
-
Arbeitsmittel müssen bereitstehen
-
Idealerweise weitgehend digitaler Arbeitsplatz
-
Transport von Akten und anderen Arbeitsmitteln mit dem Rollstuhl ist nicht, beziehungsweise nur im Ausnahmefall möglich
-
Eingabegeräte sind aufgrund der
Allodynie
am rechten Daumen individu
ell anzupassen/auszuwählen
-
Trackpad
statt Maus
-
Tätigkeiten
,
die eine uneingeschränkte Greiffunktion der rechten Hand erfordern, sind nicht geeignet
-
Behinderungsgerechte Toilette in der Nähe des Arbeitsplatzes
Gutachterlich sei festzuhalten, dass die Tätigkeit als Sachbearbeiterin mit Bild
schirmarbeit zwar grundsätzlich geeignet sei, aber die zur Realisation des beruf
lichen Potentials unbedingt erforderliche Anpassung am langjährigen ange
stammten Arbeitsplatz, trotz Beratung durch die IV-Stelle, rückblickend nicht habe umgesetzt werden können (S. 6).
3.2
Mit Schreiben vom 7. Juni 2021 führten die MEDAS-Gutachter ergänzend aus, dass aufgrund der HWS-Operation vom 11. März 2020 ab Mitte Juni 2020 wieder von einer Arbeitsfähigkeit von 50 % in einer angepassten Tätigkeit habe ausge
gangen werden können, bei zuvor vollständiger Arbeitsunfähigkeit (Urk. 7/118 S. 9, Urk. 7/121).
4.
4.1
Die für das MEDAS-Gutachten vom 11. Mai 2021 verantwortlichen Fachpersonen leg
t
en den medizinischen Sachverhalt in einer schlüssigen und nachvollziehbaren Weise dar, insbesondere leg
t
en
sie
ein ausführliches Profil für einen optimal angepassten A
rbeitsplatz fest und w
ie
sen auf die gescheiterte Arbeit
s
platzerhal
tungsmassnahme der IV-Stelle hin. Der Vertreter der Beschwerdeführerin rügte bezüglich des Gutachtens denn auch allein die mangelnde Berücksichtigung der Auswirkungen im Zusammenhang mit dem Arbeitsweg sowie der Nebenwirkun
gen des Medikaments Pregabalin. Aufgrund der doch sehr umfangreichen Anfor
derungen an einen behinderungsgerechten Arbeitsplatz
ist
vorerst die Verwert
barkeit der verbleibenden Restleistungsfähigkeit
zu prüfen
.
4.2
Das t
rotz der gesundheitlichen Beeinträchtigung
zumutbarerweise
erzielbare Ein
kommen ist bezogen auf einen ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu ermitteln (Art. 16 ATSG; BGE 138 V 457 E. 3.1 mit Hinweis
).
Dabei ist nicht von realitätsfremden Einsatzmöglichkeiten auszugehen. Es können nur Vorkehren verlangt werden, die unter Berücksichtigung der gesamten objektiven und subjektiven Gegebenheiten des Einzelfalles zumutbar sind. An die Konkretisierung von Arbeitsgelegenheiten und Verdienstaussichten sind jedoch
rechtsprechungsgemäss keine übermässigen Anforderungen
zu stellen (Urteil des Bundesge
richts 9C_910/2011 vom 30. März
2012 E. 3.1 mit Hinweis; vgl. BGE 138 V 457 E. 3.1). Der ausgeglichene Arbeits
markt umfasst auch sogenannte Nischenarbeitsplätze, also Stellen- und Arbeits
angebote, bei denen Behinderte mit einem sozialen Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers rechnen können. Von einer Arbeitsgelegenheit kann nicht mehr gesprochen werden, wenn die zumutbare Tätigkeit nur noch in so eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der ausgeglichene Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden einer entsprechenden Stelle daher von vornherein als
ausgeschlossen erscheint (vgl.
statt vieler: Urteile des Bundesge
r
ichts 8C_434/2017 vom 3. Januar
2018 E. 7.2.1 und 9C_253/2017 vom 6. Juli 2017 E. 2.2.1, je mit weiteren Hinweisen).
Fehlt es an einer wirtschaftlich verwertbaren Resterwerbsfähigkeit, liegt eine voll
ständige Erwerbsunfähigkeit vor, die einen Anspruch auf eine ganze Invaliden
rente begründet (BGE 138 V 457 E. 3.1 mit Hinweis; vgl. statt vieler: Urteile des Bundesgerichts 9C_118/2015 vom 9. Juli 2015 E. 2.1 und 8C_645/2017 vom 23. Januar 2018 E. 3.1, je mit weiteren
Hinweisen).
4.3
Hinsichtlich der Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit wiesen die MEDAS-Gutachter zu Recht d
a
rauf hin, dass die Erhaltung des angestammten Arbeitsplat
zes trotz der Mithilfe der IV-Stelle nicht gelungen ist. Anzumerken ist dabei, dass die Beschwerdeführerin 29 Jahre für den gleichen Arbeitgeber tätig
gewesen
war.
Angesichts dieser sehr langen Anstellungsdauer stellt der Umstand, d
ass der ent
sprechende Arbeitsplatz nicht
in angepasster Art
erhalten werden konnte, ein gewichtiges Indiz dar, dass die Restleistungsfähigkeit auch auf einem ausgegli
chenen Arbeitsm
arkt nicht mehr verwertbar ist.
Diese Einschätzung ergibt sich aus der umfangreichen Liste der Anforderungen an einen behinderungsangepassten Arbeitsp
latz;
insbesondere stellen die
Roll
stuhlgängigkeit
, das V
orhandensein einer
behinderungsgerechten Toilette in der Nähe sowie die Tatsache, dass es der Beschwerdeführerin kaum möglich
ist
, Akten und Arbeitsutensilien zu transportieren, erhebliche Hürden für eine Anstellung dar. Zu
b
edenken ist dabei auch, dass sich die deutlich eingeschränkte Mobilität nicht nur beim täglichen Arbeitsweg, sondern auch im Rahmen eines Vorstel
lungsgesprächs sowie des ersten Eindrucks auswirkt. Daneben leidet die Beschwerdeführerin auch an Beschwerden im Bereich des rechten Daumens, sodass auch diesbezüglich erhebliche Einschränkungen – etwa beim Aktentrans
port oder bei Transfers mit dem Rollstuhl – anzunehmen sind.
Weiter ist zu berücksichtigen, dass die Beschwerdeführerin nurmehr ein Pensum von 50 % zu leisten vermag. Allfällige Investitionen
in
einen behinderungsange
passten Arbeitsplatz
würden damit aufgrund
der noch
zu erwartenden
Leistungs
fähigkeit
ein sehr grosses Engagement eines zukünftigen Arbeitgebers bedingen. Zuletzt ist dabei darauf hinzuweisen, dass es sich bei der Erkrankung der Beschwerdeführerin um ein progredientes Leiden handelt, sodass allfällige Inves
titionen weiter fraglich erscheinen, da kaum mehr mit einer Ausschöpfung der vollen Zeitspanne bis zur ordentlichen Pensionierung gerechnet werden kann.
Die Beschwerdegegnerin verwies darauf, es sei vermehrt möglich beziehungs
weise üblich, dass auch
im
Homeoffice gearbeitet und Bewerbungsgespräche online geführt würden
(Urk. 6 S. 3)
.
Hierzu ist festzuhalten, dass bei Tätigkeiten, die nur teilweise
im
Homeoffice ausgeübt werden, die Investi
ti
o
nen in den behinderungsangepassten Arbeitsplatz nicht
entfallen
. Bei einer Tätigkeit im Homeoffice
ist weiter
anzunehmen, dass die Anforderungen der
Rollstuhlgän
gigkeit
und der
nah
en,
behinderungsgerechten Toilette
bereits
erfüllt sind. Jedoch
k
önn
en zu Hause
die weiteren Anforderungen wie das Bereitstellen der Arbeits
mittel sowie der
(wohnungsinterne)
Transport von Akten und Arbeitsmitteln
nicht
gewährleistet werden. Damit kämen
im Homeoffice
ausschliessl
ich rein digitale
und
telefonisch auszuübende Tätigkeiten
in Betracht
.
Solche
Homeofficearbeits
plätze
kennt der Arbeitsmarkt
praktisch nicht,
insbesondere
nicht
in dem von der Beschwerdegegnerin lohnmässig berücksichtigten Bereich der
allgemei
nen Büro- und Sekretariatstätigkeiten (vgl. Urk. 7/122)
.
Zusammenfassend wäre es der Beschwerdeführerin bei einer Würdigung der gesamten Umstände
nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines durch
sch
nittlichen Arbeitgebers möglich, wieder eine Anstellung antreten zu können;
das Finden einer entsprechenden Stelle
erscheint
daher von vornherein als aus
geschlossen
.
4.4
Mangels wirtschaftlich verwertbarer
Resterwerbsfähigkeit
ist
praxisgemäss ein Anspruch
auf eine ganze Rente ausgewiesen.
Der Beginn
der
Wartefrist ist ent
sprechend dem Vorgehen der Beschwerdegegnerin per 28. März 2018 (Operation Karpaltunnelsyndrom) festzusetzen, was
bei durchschnittlicher Arbeitsunfähig
keit von 84 % (vgl. Urk. 7/123/14)
zu einem Anspruch auf eine ganze Rente ab 1. März 2019 führt. Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, was zur Abände
rung der angefochtenen Verfügung führt.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens erübrigen sich weitere Ausführungen zur Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit, zur massgebenden LSE-Tabelle für die Ermittlung des Invalideneinkommens, zum leidensbedingten Abzug sowie zu einer allfälligen Gehörsverletzung (vgl. Urk. 1 S. 6).
5.
5.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 800.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Ver
fahrens sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.2
Ausgangsgemäss ist die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, der Beschwerdefüh
rerin eine angemessene Prozessentschädigung zu bezahlen, welche in Anwen
dung von Art. 61 lit. g ATSG, namentlich unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses auf Fr. 2'300.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.