Decision ID: 383fbc6b-cc42-4d59-931f-715fe5bdf737
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
D._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Mattias Dolder, Poststrasse 23, 9001 St. Gallen,
gegen
Avantis, Rue du Nord 5, 1920 Martigny,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Versicherungsleistungen
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Sachverhalt:
A.
A.a D._ ist bei der Avantis, einem Mitglied der Groupe Mutuel, obligatorisch
krankenpflegeversichert (act. G 5.1/2). Mit Fax vom 12. August 2009 reichte sie der
Avantis eine Rechnung der Klinik X._ im Ausland vom 12. August 2009 über € 180.80
ein (act. G 5.1/3), deren Übernahme die Avantis ablehnte. Am 26. August 2009 erhielt
die Avantis ein Schreiben von Dr. med. A._, Prakt. Arzt FMH, Akupunktur & TCM
FMH, Praxis für Komplementärmedizin, in welchem dieser gestützt auf die Diagnose
einer kraniomandibulären Dysfunktion eine Behandlung der Versicherten in besagter
Klinik empfahl (act. G 5.1/4). Mit Schreiben vom 27. August 2009 ersuchte der
Rechtsvertreter der Versicherten, Dr. iur. Mattias Dolder, St. Gallen, die Krankenkasse
um nochmalige Überprüfung der Ablehnung der Kostenübernahme für die Behandlung
vom 12. August 2009 und ausserdem um Kostengutsprache für den stationären
Aufenthalt der Versicherten in besagter Klinik, wo sie sich seit dem 17. August 2009
befinde. Im beigelegten Schreiben vom 26. August 2009 hielt Dr. A._ fest, dass er in
der Schweiz keine ähnliche Klinik kenne, welche dieselben Behandlungsansätze habe
(act. G 5.1/5). Am 11. September 2009 teilte die Avantis dem Rechtsvertreter mit, dass
sie die Übernahme der Behandlungskosten ablehne, weil die Behandlung der
Versicherten keine Pflichtleistung zu Lasten der obligatorischen Krankenversicherung
sei. Zudem figuriere die Klinik X._ nicht auf der Therapeutenliste der Schweizer
Vereinigung für Naturheilverfahren, und die Therapie X._ sei von der Groupe Mutuel
nicht anerkannt, weshalb die Kosten auch nicht von der Zusatzversicherung
übernommen würden (act. G 5.1/8).
A.b Der Rechtsvertreter der Versicherten ersuchte die Avantis mit Schreiben vom
24. September und 2. Oktober 2009 um Zustellung der erwähnten Therapeutenliste
(act. G 5.1/10, 12), weshalb diese ihn mit Schreiben vom 7. Oktober 2009 auf
Internetdatenbanken verwies bzw. ihm mit Brief vom 20. Oktober 2009 die
betreffenden Internet-Adressen mitteilte (act. G 5.1/11, 5.1/14). Unterdessen hatte der
Rechtsvertreter am 15. Oktober 2009 um eine einsprachefähige Verfügung gebeten
(act. G 5.1/13).
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A.c Mit Schreiben vom 26. Oktober 2009 lehnte die Avantis die Übernahme der
Rechnung über € 5'363.45 bzw. Fr. 8'169.90 für die Behandlung vom 21. bis 27.
August 2009 ab (act. G 5.1/15). Gleichtags ersuchte der Rechtsvertreter der
Versicherten die Avantis erneut schriftlich um Zustellung einer einsprachefähigen
Verfügung (act. G 5.1/16).
A.d Mit Verfügung vom 6. November 2009 bestätigte die Avantis ihre Ablehnung der
Kostenübernahme für die Behandlung der Versicherten vom 21. bis 27. August 2009 in
Deutschland. Zur Begründung führte sie insbesondere an, dass es sich bei der zur
Diskussion stehenden Behandlung in Deutschland nicht um einen Notfall, sondern um
eine geplante und freiwillige Behandlung im Ausland gehandelt habe, weshalb sie nicht
unter die Pflichtleistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung falle (act.
G 5.1/17).
B.
B.a Die gegen diese Verfügung vom Rechtsvertreter der Versicherten erhobene
Einsprache vom 24. November 2009 (act. G 5.1/18) wies die Avantis mit
Einspracheentscheid vom 9. Dezember 2009 ab (act. G 5.1/19).
B.b Mit Stellungnahme vom 3. Februar 2010 beurteilte Dr. med. B._, FMH, Innere
Medizin, Vertrauensarzt der Hermes, die Angelegenheit. Er bestätigte, dass eine
Behandlung der bei der Versicherten diagnostizierten kraniomandibulären Dysfunktion
in der Schweiz möglich gewesen wäre (act. G 5.1/20).
C.
C.a Gegen den Einspracheentscheid vom 9. Dezember 2009 liess die Versicherte
durch ihren Rechtsvertreter am 5. Januar 2010 Beschwerde erheben mit dem Antrag,
der Einspracheentscheid vom 9. Dezember 2009 (und damit auch die Verfügung vom
6. November 2009) sei aufzuheben und der Beschwerdeführerin seien die ihr
zustehenden gesetzlichen Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung
zu erbringen. Insbesondere seien die Kosten im Zusammenhang mit den
Behandlungen und dem stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin in der Klinik
X._ vom 12. August sowie vom 17. August bis 2. September 2009 von wenigstens €
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5'544.25 bzw. umgerechnet Fr. 8'446.50 durch die Avantis zu übernehmen.
Eventualiter sei die Angelegenheit zur weiteren Abklärung, insbesondere zur Einholung
des nachfolgend beantragten Gutachtens, und zur neuen Entscheidung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen; unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
Einleitend machte der Rechtsvertreter geltend, dass die Beschwerdegegnerin im
Einspracheentscheid vom 9. Dezember 2009 auf die Argumente der Einsprache,
insbesondere eine Leistungspflicht gestützt auf Art. 36 Abs. 1 der Verordnung über die
Krankenversicherung (KVV; SR 832.102), nicht eingegangen sei, wodurch sie die
Begründungspflicht und damit den Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt habe, was
unabhängig vom materiellen Verfahrensausgang bei der Kostenverlegung mit zu
berücksichtigen sei. Im Weiteren begründete er die Beschwerde damit, dass die
obligatorische Krankenversicherung Behandlungen im Ausland nicht nur in Notfällen,
sondern auch dann übernehme, wenn in der Schweiz vergleichbare
Behandlungsmöglichkeiten fehlten. Dies sei vorliegend der Fall, was auch von Dr. A._
bestätigt worden sei. Sofern das angerufene Gericht nicht auf die Bestätigung von Dr.
A._ abstellen sollte, hätte es die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit
diese zur Sachverhaltsabklärung ein entsprechendes Gutachten in Auftrag geben
könne. Was die Wissenschaftlichkeit und Wirtschaftlichkeit der Behandlungen in der
Klinik X._ angehe, so seien diese unbestritten geblieben (act. G 1).
C.b In der Beschwerdeantwort vom 3. März 2010 beantragte die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde.
C.c Mit Replik vom 22. März 2010 und Duplik vom 31. Mai 2010 bestätigten die
Parteien ihre Standpunkte.
C.d Auf die weiteren Ausführungen und Begründungen in den Rechtsschriften wird,

soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.
1.1 In formeller Hinsicht beanstandete der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
vorweg eine Verletzung des rechtlichen Gehörs, weil die Beschwerdegegnerin den
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angefochtenen Einspracheentscheid nicht hinreichend begründet und die erhobene
Einsprache materiell nicht geprüft habe (vgl. act. G 1.1/6, 1.1/2).
1.2 Einspracheentscheide sind zu begründen, wenn sie den Begehren der Parteien
nicht voll entsprechen (vgl. Art. 52 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Die grundsätzliche Pflicht einer
Behörde, ihren Entscheid zu begründen, folgt aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör.
Die Verwaltung darf sich nicht damit begnügen, die von der betroffenen Person
vorgebrachten Einwendungen zur Kenntnis zu nehmen und zu prüfen; sie hat ihre
Überlegungen der betroffenen Person gegenüber auch namhaft zu machen und sich
dabei ausdrücklich mit den Einwendungen auseinander zu setzen oder zumindest die
Gründe anzugeben, weshalb sie gewisse Gesichtspunkte nicht berücksichtigen kann
(BGE 124 V 180 E. 2b). Eine - nicht besonders schwerwiegende - Verletzung des
rechtlichen Gehörs kann dann als geheilt gelten, wenn der Betroffene die Möglichkeit
erhält, sich vor einer Beschwerdeinstanz zu äussern, die sowohl den Sachverhalt wie
die Rechtslage frei überprüfen kann (BGE 127 V 437 E. 3d/aa). Diese Voraussetzung ist
im Fall des Versicherungsgerichts erfüllt (vgl. Art. 61 lit. c ATSG und Art. 46 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS 951.1]).
1.3 Im angefochtenen Einspracheentscheid übernahm die Beschwerdegegnerin zur
Begründung zwar im Wesentlichen das bereits in der angefochtenen Verfügung
Gesagte, ergänzte dieses jedoch durch Ausführungen in Bezug auf die Klinik X._
sowie zusätzliche Voraussetzungen für die Leistungspflicht der obligatorischen
Krankenversicherung. Insbesondere hielt sie fest, dass es sich bei der Klinik X._ um
eine Privatklinik handle, die gemäss dem Landesamt für Besoldung und Versorgung
Baden-Württemberg als sonstige Einrichtung der medizinischen Rehabilitation
eingestuft sei. Da stationäre Rehabilitationen im Ausland und/oder alternative
Heilmethoden nicht zu den Pflichtleistungen der obligatorischen
Krankenpflegeversicherung gehörten und es sich um eine geplante Behandlung im
Ausland gehandelt habe, könnten die Kosten nicht von der obligatorischen
Krankenpflegeversicherung übernommen werden. Obgleich die Beschwerdegegnerin
einen expliziten Verweis auf Art. 36 Abs. 1 KVV unterliess, setzte sie sich durch diese
Begründung ausreichend mit dem erhobenen Einwand des Rechtsvertreters
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auseinander. Damit erweist sich der Einspracheentscheid als genügend begründet und
es liegt keine Verletzung der Begründungspflicht nach Art. 52 Abs. 2 ATSG vor.
2.
2.1 Die Beschwerdegegnerin hielt in der Verfügung vom 6. November 2009 lediglich
eine Behandlungsdauer der Beschwerdeführerin in der Klinik X._ vom 21. bis 27.
August 2009 fest und lehnte deren Kostenübernahme ab (act. G 5.1/17). Nachdem der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin im Schreiben vom 27. August 2009 und in der
Einsprache vom 24. November 2009 jedoch die Übernahme der Behandlungskosten
für die ambulante Behandlung vom 12. August 2009 sowie den stationären Aufenthalt
vom 17. August bis 2. September 2009 beantragt hatte (act. G 5.1/5 und 5.1/18) und
die Beschwerdegegnerin im Einspracheentscheid vom 9. Dezember 2009 in ihren
Erwägungen ebenfalls eine Kostentragung für diese gesamten Klinikbehandlungen
prüfte, ist davon auszugehen, dass die Beschwerdegegnerin sowohl eine
Kostenübernahme für die Behandlungen vom 12. August 2009 als auch vom 17.
August bis 2. September 2009 abgelehnt hat.
2.2 Materiell streitig ist somit, ob die Beschwerdegegnerin für die Übernahme der
Kosten für die Behandlungen und den stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin in
der Klinik X._ vom 12. August und vom 17. August bis 2. September 2009
verpflichtet ist.
3.
3.1 Nach dem für das KVG geltenden Territorialitätsprinzip sind Leistungen
grundsätzlich nur dann kassenpflichtig, wenn sie in der Schweiz erbracht werden (BGE
128 V 75 E. 3b). Die Versicherer dürfen gemäss Art. 34 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über die Krankenversicherung (KVG; SR 832.10) im Rahmen der obligatorischen
Krankenpflegeversicherung keine anderen Kosten als diejenigen für die Leistungen
nach den Artikeln 25 - 33 übernehmen. Der gesetzliche Leistungskatalog ist sowohl
verbindlich als auch erschöpfend (BGE 125 V 21 E. 5b), gleichzeitig aber auch
begrenzt. Mehrleistungen sind über Zusatzversicherungen (Art. 12 Abs. 2 und 3 KVG)
anzubieten und Kulanzleistungen sowie Ermessensleistungen, wenn nach KVG kein
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Ermessensspielraum besteht, untersagt (Gebhard Eugster, Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum KVG, Zürich 2010, N 1 zu Art. 34).
3.2 Gemäss Art. 32 Abs. 1 Satz 1 KVG haben sämtliche der im Rahmen der
obligatorischen Krankenpflegeversicherung zu erbringenden Leistungen den Kriterien
der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit zu genügen. Sind - nach
einer vom einzelnen Anwendungsfall losgelösten und retrospektiven allgemeinen
Bewertung der mit einer diagnostischen oder therapeutischen Massnahme
erfahrungsgemäss erzielten Ergebnisse (BGE 123 V 66 E. 4a; RKUV 2000 Nr. KV 132 S.
281 f. E. 2b) - erwiesenermassen mehrere Methoden oder Operationstechniken objektiv
geeignet, den Erfolg einer Krankheitsbehandlung herbeizuführen, mit andern Worten
wirksam im Sinn von Art. 32 Abs. 1 KVG, ist für die Reihenfolge der Wahl die
Zweckmässigkeit der Massnahme von vorrangiger Bedeutung (BGE 127 V 146 E. 52).
Ob eine medizinische Behandlung zweckmässig ist, beurteilt sich in der Regel nach
dem diagnostischen oder therapeutischen Nutzen der Anwendung im Einzelfall unter
Berücksichtigung der damit verbundenen Risiken. Die Frage der Zweckmässigkeit ist
nach medizinischen Kriterien zu beantworten und deckt sich mit derjenigen nach der
medizinischen Indikation. Ist die medizinische Indikation einer wirksamen
Behandlungsmethode gegeben, ist auch die Zweckmässigkeit zu bejahen (BGE 125 V
99 E. 4a3, 119 V 447 E. 3; RKUV 2000 Nr. KV 132 S. 281 ff. E. 2b - d). Die Wirksamkeit,
Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit der in der Schweiz von Ärztinnen und Ärzten
erbrachten Leistungen wird gesetzlich vermutet (vgl. Art. 33 Abs. 1 KVG; RKUV 2000
Nr. KV 132 S. 283 f. E. 3).
3.3 Der Bundesrat kann Ausnahmen vom Territorialitätsprinzip vorsehen, wenn
medizinisch notwendige Behandlungen im Ausland durchgeführt werden müssen.
Dabei kann die Übernahme der Kosten begrenzt werden (Art. 34 Abs. 2 KVG). Gestützt
auf Art. 34 Abs. 2 KVG hat der Bundesrat Art. 36 KVV erlassen. Nach Abs. 2 von Art. 34
KVG i.V.m. Art. 36 Abs. 1 und 2 KVV ist eine entsprechende Leistungspflicht im
Ausland nur zu bejahen, wenn entweder ein Notfall vorliegt oder die - vom allgemeinen
Leistungskatalog gemäss Art. 25 Abs. 2 und 29 KVG erfasste - medizinische
Behandlung in der Schweiz nicht erbracht werden kann. In letzterem Fall schliesst das
Fehlen der in Art. 36 Abs. 1 KVV vorgesehenen Liste die Anspruchsberechtigung nicht
aus (BGE 128 V 80 E. 4b).
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3.3.1 Unbestritten ist, dass es sich bei den in Frage stehenden Behandlungen
nicht um einen Notfall im Sinn von Art. 36 Abs. 2 KVV handelte, da die
Beschwerdeführerin nicht bei einem vorübergehenden Auslandaufenthalt einer
medizinischen Behandlung bedurfte und eine Rückreise in die Schweiz nicht
angemessen war, sondern sie sich gerade zum Zweck dieser Behandlung in die
besagte, im Ausland liegende Klinik begeben hat.
3.3.2 Eine Ausnahme vom Territorialitätsprinzip gemäss Art. 36 Abs.1 KVV in
Verbindung mit Art. 34 Abs. 2 KVG setzt den Nachweis voraus, dass entweder in der
Schweiz überhaupt keine Behandlungsmöglichkeit besteht oder aber im Einzelfall eine
innerstaatlich praktizierte diagnostische oder therapeutische Massnahme im Vergleich
zur auswärtigen Behandlungsalternative für die betroffene Person erheblich höhere,
wesentliche Risiken mit sich bringt und damit eine mit Blick auf den angestrebten
Heilungserfolg medizinisch verantwortbare und in zumutbarer Weise durchführbare,
mithin zweckmässige Behandlung in der Schweiz konkret nicht gewährleistet ist. Bloss
geringfügige, schwer abschätzbare oder gar umstrittene Vorteile einer auswärts
praktizierten Behandlungsmethode, aber auch der Umstand, dass eine spezialisierte
Klinik im Ausland über mehr Erfahrung im betreffenden Fachgebiet verfügt, vermögen
für sich allein noch keinen "medizinischen Grund" im Sinn von Art. 34 Abs. 2 KVG
abzugeben (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG, seit 1. Januar
2007: Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 14. Oktober 2002 i/S K.
[K 39/01]; vgl. auch BGE 131 V 271, 127 V 138 E. 5 [betreffend ausserkantonale
Leistungen gemäss Art. 41 Abs. 2 KVG]; Urteil des EVG vom 23. Juni 2003 i/S H. [K
102/02] E. 2; Gebhard Eugster, Krankenversicherung, in: Schweizerisches
Bundesverwaltungsrecht [SBVR], 2. Aufl. Basel 2007, Rz. 482).
4.
4.1 Laut Dr. A._ ergab sich für die Beschwerdeführerin eine Behandlungsindikation
in Deutschland wegen deren Problematik, die "wohl auf Grund einer
kraniomandibulären Dysfunktion entstanden" sei (act. G 5.1/4). Sie habe sich in die
Klinik X._ begeben, um dort ihr nun fast jähriges Leiden "anders behandeln" zu
lassen. Es sei tatsächlich so, dass er in der Schweiz eine ähnliche Klinik nicht kenne,
die diese Ansätze habe, so dass es eine Chance sei, sich dort behandeln zu lassen. In
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diesem Sinn sei auch eine Kostenteilübernahme zu vertreten (act. G 5.1/5 Beilage
Schreiben von Dr. A._ vom 26. August 2009). Nachdem die Beschwerdeführerin vom
25. September bis 23. Oktober 2009 auf der Kurzzeittherapie-Station des
Psychiatrischen Zentrums St. Gallen behandelt worden war, wo als Diagnose ein
Verdacht auf sonstige organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen auf Grund
einer Krankheit oder Funktionsstörung des Gehirns (F07.8) und differentialdiagnostisch
ein Verdacht auf eine coenästhetische psychotische Erkrankung (F20.8) sowie ein
Verdacht auf eine somatoforme autonome Funktionsstörung (F45.3) festgehalten
wurden (act. G 1.1/4), änderte auch Dr. A._ seine Diagnose mit Fax vom
14. Dezember 2009. Danach beruhten die Leiden der Beschwerdeführerin nun auf
unklaren, wechselnden Schmerzen am ganzen Körper (act. G 1.1/3).
4.2 Für die Frage der Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin für die vorliegend
strittigen Behandlungen im Ausland bleibt jedoch diejenige Diagnosestellung relevant,
gestützt auf welche die Beschwerdeführerin eine Behandlung in der Klinik X._ auf
sich genommen hat. Spätere gesundheitliche Veränderungen ändern nichts daran, ob
die Voraussetzungen einer Behandlungsindikation im Ausland im August und
September 2009 vorlagen oder nicht.
4.2.1 Die kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD) wird laut Pschyrembel
(Klinisches Wörterbuch, 262. Aufl. Berlin 2010, S. 509 f.) definiert als
Sammelbezeichnung für klinische Probleme im Kopf-Hals-Bereich, bei denen
besonders die Kaumuskulatur und Kiefergelenke betroffen sind. Die Ursachen sind
multifaktoriell und teilweise unklar, in Frage kommen Trauma, Verlagerung des Discus
articularis, okklusale Störungen, eine Parafunktion wie z.B. Zähneknirschen, Stress
oder psychische Erkrankungen. Symptome dafür sind u.a. Kieferklemme,
Verspannungen und Schmerzen der Kau- und Halsmuskulatur, Kiefergelenkschmerzen,
Knack- und Reibegeräusche, ungleichmässiger Abrieb an den Zähnen, Kopfschmerz,
Ohrenschmerzen, Tinnitus aurium, sowie evtl. eine Schädigung der Kiefergelenke.
4.2.2 In Bezug auf die Möglichkeiten der Behandlung einer kraniomandibulären
Dysfunktion hielt der Vertrauensarzt der Beschwerdegegnerin, Dr. B._, mit
Stellungnahme vom 3. Februar 2010 fest, dass es verschiedene Therapien und
Behandlungen gebe, die in der Schweiz zur Behebung dieses Leidens angeboten
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würden. Dies seien Behandlungen bei einem Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten,
kieferchirurgische Behandlungen, Physiotherapie sowie Hilfsmittel (Schiene, act.
G 5.1/20). Die Beurteilung von Dr. B._ steht im Einklang mit der medizinischen
Literatur. So werden dort zur Behandlung Analgetika, Antiphlogistika, Physiotherapie,
eine Aufbissschiene und andere kieferorthopädische Massnahmen aufgeführt
(Pschyrembel, a.a.O., S. 510). Auch Recherchen im Internet ergeben in etwas
ausführlicherer Weise, dass der Grundgedanke bei der Therapie von CMD die
schonende Vorgehensweise sowie der Einsatz von reversiblen Mitteln sei. Dabei
würden wissenschaftlich anerkannte Therapiekonzepte je nach Schwere der
Erkrankung stufenweise und individuell auf den Patienten abgestimmt, (beispielsweise)
auf Grundlage der evidenzbasierten Zahnmedizin. Die Aufklärung des Patienten über
die Krankheitszusammenhänge und exakte Diagnosen seien die ersten wichtigen
Schritte zu einer positiven Beeinflussung der Krankheit. Sinnvoll seien Hinweise zur
Selbstbehandlung, wie weiche Nahrung, Dehnübungen, Anwendung von Wärme- oder
Kälte. Entspannungsübungen, Selbstbeobachtung, Biofeedback oder
Stressmanagement seien ebenfalls sehr effektive Verfahren, die erlernt werden
könnten. Aerobes Ausdauertraining wie z.B. Joggen, Heimtrainer und Schwimmen
seien sehr wirksam bei allen schmerzhaften Erkrankungen. Eine Okklusionsschiene
werde vom Zahnarzt häufig eingesetzt und führe in vielen Fällen zu einer Entspannung
der Kau- und Kopfmuskulatur sowie zu einer Entlastung der Kiefergelenke.
Physiotherapeutische Massnahmen und täglich durchgeführte Übungen könnten
helfen, muskuläre Verspannungen und Schmerzen zu reduzieren. In ausgewählten
Fällen könnten schmerzlindernde, entzündungshemmende, muskelrelaxierende oder
schlaffördernde Medikamente angezeigt sein, um Chronifizierungsprozessen entgegen
zu wirken und die Lebensqualität zu verbessern. Transkutane Elektrische Nerven-
Stimulation (T.E.N.S.) könne durch eine Lockerung der Muskulatur und eine
Verringerung der Schmerzen hilfreich sein. Weiter werde diskutiert, ob Infiltration mit
beispielsweise Procain oder Nadelung von Triggerpunkten in die Muskulatur mit
verschiedenen Substanzen sinnvoll seien und dauerhaft Linderung bringen könnten. U
mfangreiche Zahnsanierungen, kieferorthopädische oder chirurgische Massnahmen
sollten nur bei strengster Indikation Anwendung finden nach Abwägung der Vor- und
Nachteile (vgl. Abfrage vom 13. Oktober 2010: http://www.dr-kares.de/kiefergelenk-
kopfschmerzen.php; vgl. auch: http://www.com2sun.ch/200802/page03.asp; http://
http://www.unor.ch/userfiles/file/Veranstaltung_2009/cmd-ganzheitlicher/ganzheitliche2009.pdf
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www.unor.ch/userfiles/file/Veranstaltung_2009/cmd-ganzheitlicher/
ganzheitliche2009.pdf).
4.2.3 Die von der Beschwerdeführerin in der Klinik X._ in Anspruch
genommenen Behandlungen erfolgten nach den von C._, Facharzt für
Allgemeinmedizin und Ärztlicher Direktor der Klinik X._, begründeten Ansätzen der
X._. Bei der Klinik X._ handelt es sich nach der Gewerbeordnung (GewO) um eine
Privatkrankenanstalt nach §30 GewO. Die Klinik diene der stationären Behandlung der
Patienten zur Vornahme von Rehabilitationsmassnahmen. Sie sei zudem fachlich-
medizinisch unter ständiger ärztlicher Verantwortung und unter Mitwirkung von
besonders geschultem Personal darauf eingerichtet, den Gesundheitszustand der
Patienten nach einem ärztlichen Behandlungsplan vorwiegend durch Anwendung von
Heilmitteln einschliesslich Physiotherapie und anders geeigneten Hilfen zu verbessern
und dem Patienten bei der Entwicklung eigener Abwehr- und Heilungskräften zu helfen
(act. G 5 Beilage Informationsschreiben vom 7. August 2009). Dazu, ob allenfalls eine
spezielle Therapie für Patienten und Patientinnen mit gleichem Leiden wie das der
Beschwerdeführerin angeboten wurde, sind den Akten keine Anhaltspunkte zu
entnehmen (vgl. insbesondere act. G 5.1/13 Beilage Erläuterungen zu den
Behandlungsgrundlagen von C._). Auch wird nicht ersichtlich, inwiefern sich gerade
diese Behandlungsmethode von anderen hervorheben sollte oder weshalb tatsächlich
eine "Notwendigkeit" zur Vornahme dieser Behandlungstherapie bestanden hätte. Den
Stellungnahmen von Dr. A._ ist diesbezüglich nichts zu entnehmen. Lediglich sein
Hinweis, dass das Leiden bereits seit fast einem Jahr andauere, vermag ebenfalls
nichts zu erhellen (vgl. act. 5.1/5 Beilage Schreiben vom 26. August 2009).
4.2.4 Dass hingegen die von Dr. B._ oder auch die weiteren in der
medizinischen Literatur erwähnten Behandlungsformen in der Schweiz nicht
durchgeführt würden, wird weder geltend gemacht noch ergeben sich sonstige
Hinweise aus den zitierten Abhandlungen. Auch Dr. A._ dementierte nicht, dass eine
Behandlung der von ihm diagnostizierten kraniomandibulären Dysfunktion in der
Schweiz nicht auch auf anderem und nicht etwa weniger verheissungsvollem Weg
möglich gewesen wäre, oder obige Behandlungsansätze nicht zutreffen würden.
Vielmehr bezeichnete er die von der Klinik X._ durchgeführte Behandlungsform
lediglich als "Chance" - was jedoch genauso gut auch auf andere Behandlungen hätte
http://www.unor.ch/userfiles/file/Veranstaltung_2009/cmd-ganzheitlicher/ganzheitliche2009.pdf http://www.unor.ch/userfiles/file/Veranstaltung_2009/cmd-ganzheitlicher/ganzheitliche2009.pdf
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zutreffen können. Dass die Beschwerdeführerin bereits etliche andere
Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft hätte, wird denn ebenfalls nicht geltend gemacht.
Im Übrigen zeigen Recherchen, dass in der Schweiz zwar keine absolut identische
Klinik X._ mit stationärem Aufenthalt besteht, die Therapie-Ansätze der X._ nach
dem Begründer C._ scheinbar aber auch in der Schweiz bereits in verschiedenen
Praxen angeboten werden (vgl. Abfragen vom 13. Oktober 2010) Unabhängig jedoch
von Letzterem ist zusammenfassend festzuhalten, dass in der Schweiz verschiedene
Behandlungsmöglichkeiten betreffend das geltend gemachte Leiden bestanden,
welche im Vergleich zur auswärtigen Alternative für die Beschwerdeführerin kein
wesentliches und deutlich höheres Risiko mit sich brachten und damit eine
verantwortbare und ihr zumutbare Behandlung in der Schweiz konkret gewährleistet
gewesen war.
4.3 Dem Eventualbegehren, es sei ein ergänzendes Gutachten einzuholen, ist nicht
stattzugeben. Da nicht anzunehmen ist, dass weitere medizinische Abklärungen für die
Beurteilung des vorliegend relevanten Sachverhalts neue Erkenntnisse bringen, kann
darauf verzichtet werden (antizipierte Beweiswürdigung vgl. BGE 131 I 153 E. 3 S. 157,
124 V 90 E. 4b S.94; Praxis 88/1999 Nr. 117 S. 636 ff.; SVR UV 1996 Nr. 62 E. 3
S. 212 f.).
5.
Gemäss Art. 36a Abs. 1 KVV kann das Departement Pilotprojekte bewilligen, die in
Abweichung von Art. 34 KVG eine Kostenübernahme durch Versicherer für Leistungen
vorsehen, die in Grenzgebieten für in der Schweiz wohnhafte Versicherte erbracht
werden. Seit dem 1. Januar 2007 läuft das erste Pilotprojekt, welches das Grenzgebiet
der Kantone Basel-Stadt, Basel-Landschaft und des Landkreises Lörrach betrifft.
Dieses Pilotprojekt steht den Versicherten offen, die bei einem am Projekt
teilnehmenden Krankenversicherer die obligatorische Krankenpflegeversicherung
abgeschlossen haben und im Kanton Basel-Stadt oder im Kanton Basel-Landschaft
wohnen. Auf den 1. Januar 2008 wurde ein zweites Projekt bewilligt, das den Kanton
St. Gallen und das Fürstentum Liechtenstein betrifft. Danach können sich Versicherte,
die bei einem am Projekt teilnehmenden Krankenversicherer die obligatorische
Krankenpflegeversicherung abgeschlossen haben und im Kanton St. Gallen wohnen,
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auch im Liechtensteinischen Landesspital in Vaduz behandeln lassen. Umgekehrt
können sich Versicherte aus dem Fürstentum Liechtenstein schon seit vielen Jahren in
den Spitälern des Kantons St. Gallen behandeln lassen. Die Pilotprojekte sollen dazu
dienen, genügend Grundlagen für den Entscheid, inwieweit das Territorialitätsprinzip in
der Krankenversicherung definitiv gelockert und ins ordentliche Recht übernommen
werden soll, zu liefern (vgl. http://www.admin.ch/ch/d/gg/pc/documents/1734/
Bericht3.pdf). Da vorliegender Sachverhalt unter keines der beiden Pilotprojekte fällt
und im betreffenden Zeitraum auch keine weiteren Projekte nach Art. 36a Abs. 1 KVV
am Laufen waren, kommt eine Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin auch unter
diesem Titel nicht zum Tragen.
6.
Nach dem Gesagten steht nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit fest, dass die
kraniomandibuläre Dysfunktion der Beschwerdeführerin hierzulande nicht
fachmännisch und zweckmässig hätte behandelt werden können. Damit kann offen
bleiben, ob eine Behandlungstherapie nach den Ansätzen der X._ überhaupt unter
die Pflichtleistungen des KVG fällt, oder ob es sich dabei - wie die
Beschwerdegegnerin behauptete - um eine Alternative Heilmethode handelt, für welche
eine Leistungspflicht auch dann nicht bestünde, wenn die Behandlung in der Schweiz
erfolgt wäre. Demnach ergibt sich, dass für die wahlweise in Deutschland
durchgeführte Behandlungstherapie keine Leistungspflicht zu Lasten der
obligatorischen Grundversicherung besteht, weshalb die Beschwerdegegnerin eine
Kostenübernahme zu Recht abgelehnt hat.
7.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde gegen den Einsprache
entscheid vom 9. Dezember 2009 abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu erheben
(Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG