Decision ID: 6fb3db3c-0a62-54ba-bb03-b29401c68f8d
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ Das kantonale Steueramt stellte mit Verfügung vom 4. Juli 2012 fest, Dr. X.Y. sei in
den Jahren 2010 und 2011 in A. unbeschränkt steuerpflichtig. Eine dagegen erhobene
Einsprache wurde mit Entscheid vom 29. Januar 2013 abgewiesen.
Gegen den Einspracheentscheid liess Dr. X.Y. mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom
26. Februar 2013 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission erheben. Am darauf
folgenden Tag forderte ihn der Abteilungspräsident der Verwaltungsrekurskommission
auf, innert einer Frist bis 15. März 2013 einen Kostenvorschuss in Höhe von Fr. 800.--
zu leisten; dabei wurde er darauf hingewiesen, dass das Verfahren bei nicht
fristgerechter Bezahlung des Kostenvorschusses am Protokoll abgeschrieben werde.
Dr. X.Y. leistete den Kostenvorschuss innert der angesetzten Frist nicht. Am 26. März
2013 stellte er über seinen Rechtsvertreter ein Gesuch um Wiederherstellung der
versäumten Frist. Zur Begründung liess er ausführen, er habe aufgrund eigener
Erkrankung und Arbeitsunfähigkeit vom 12. März 2013 bis 25. März 2013 die Frist zur
Bezahlung des Kostenvorschusses nicht wahren können. Zum Beweis wurde ein
Arztzeugnis von Dr. U.T. beigelegt. Die Verwaltungsrekurskommission wies mit
Entscheid vom 23. April 2013 das Gesuch um Fristwiederherstellung ab und schrieb
den Rekurs ab.
B./ Dagegen liess Dr. X.Y. (nachfolgend Beschwerdeführer) Beschwerde beim
Verwaltungsgericht erheben mit folgenden Rechtsbegehren:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
"1. Der Entscheid der Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen vom 23.
April 2013 sei aufzuheben.
Die Wiederherstellung der Frist für die Zahlung des Kostenvorschusses sei
gutzuheissen, und die Sache sei zur Entscheidung des Rekurses in der materiellen
Angelegenheit (steuerrechtlicher Wohnsitz) an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Eventualiter sei die Sache zu neuer Entscheidung über die Wiederherstellung an die
Vorinstanz zurückzuweisen.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge."
Die Verwaltungsrekurskommission (nachfolgend Vorinstanz) liess sich am 4. Juni 2013
vernehmen. Sie stellte Antrag auf Abweisung der Beschwerde unter Hinweis auf die
Erwägungen im angefochtenen Entscheid. Das kantonale Steueramt (nachfolgend
Beschwerdegegner) erklärte mit Schreiben vom 26. Juni 2013 Verzicht auf eine
Vernehmlassung.
Auf die Begründungen des Beschwerdeführers sowie die Ausführungen im
angefochtenen Entscheid wird, soweit erforderlich, in den folgenden Erwägungen
eingegangen.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. (...).
2. Beschwerdegegenstand bildet die Frage, ob die Vorinstanz zu Recht die
Fristwiederherstellung verweigert und den Rekurs zufolge verspäteter Leistung des
Kostenvorschusses abgeschrieben hat. Dabei geht es um die (Auslegung der)
Vorschriften von Art. 30ter Abs. 1 VRP und Art. 96 Abs. 2 VRP. Gemäss der
erstgenannten Bestimmung kann - ausser nach Art. 148 Abs. 1 der Schweizerischen
Zivilprozessordnung vom 19. Dezember 2008 - die Wiederherstellung auch angeordnet
werden, wenn der Verfahrensgegner zustimmt. Art. 96 Abs. 2 VRP bestimmt sodann,
dass die Instanz, welche einen Kostenvorschuss einverlangt hat, im Säumnisfall das
Verfahren abschreiben kann, wenn nicht öffentliche Interessen entgegenstehen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1. Der Beschwerdegegner hat die Zustimmung zur Wiederherstellung verweigert.
Dies bestreitet der Beschwerdeführer auch gar nicht. Er macht vorab geltend, die
Vorinstanz habe übergangen, dass auch ein leichtes Verschulden eine
Wiederherstellung zulasse; zudem sei die strengere Praxis bei berufsmässigen
Vertretern und bei gesetzlichen Vertretern angewendet worden.
2.1.1. Zutreffend ist, dass nach Art. 148 Abs. 1 ZPO eine Wiederherstellung nicht nur
bei einem unverschuldetem Hindernis, sondern auch bei leichtem Verschulden gewährt
werden kann. In der Praxis wird allerdings ein leichtes Verschulden nur mit
Zurückhaltung angenommen (vgl. etwa VerwGE B 2013/98 vom 25. Juni 2013 E. 2.1).
Dies ist mit Blick auf den weiten Ermessensspielraum, den die Bestimmung einräumt,
nicht zu beanstanden (N. Gozzi, in: Spühler/Tenchio/Infanger [Hrsg.], Basler
Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, Basel 2010, N 11 zu Art. 148).
2.1.2. Nicht zu beanstanden ist aber auch die Anwendung des (strengeren)
Sorgfaltsmassstabes, der für berufsmässige Vertreter gilt:
Hat eine Partei für ein Verfahren eine Vertretung bestellt, so sind die mit der Streitsache
betrauten Behörden oder Gerichte verpflichtet, Mitteilungen an den Vertreter und nicht
an die vertretene Partei zu machen; eine direkte Zustellung an die vertretene Partei
stellt einen Eröffnungsmangel dar, aus dem der Partei kein Nachteil erwachsen darf.
Umgekehrt gelten vom Vertreter vorgenommene Handlungen oder Unterlassungen
unmittelbar für oder gegen die vertretene Partei. Es liegt somit an ihm, für die gehörige
und damit auch fristgerechte Erfüllung von prozessualen Pflichten besorgt zu sein.
Dementsprechend ist eine Verhinderung seitens der auftraggebenden Partei
grundsätzlich unbeachtlich, selbst wenn der Hinderungsgrund bei selbständiger
Verfahrensführung eine Wiederherstellung rechtfertigen würde (ebenso St. Vogel, in:
Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren, Zürich 2008, N 10 zu Art. 24; Richner/Frei/Kaufmann/Meuter,
Handkommentar zum DBG, 2. Auflage, Zürich 2009, N 28 zu Art. 133 mit zahlreichen
Hinweisen; vgl. auch BGE 110 Ib 94). Das gilt auch dann, wenn das einschlägige
Verfahrensrecht – anders als etwa die entsprechenden bundesrechtlichen Vorschriften
(vgl. Art. 50 Bundesgerichtsgesetz, SR 173.110, und Art. 24
Verwaltungsverfahrensgesetz, SR 172.021) - eine Wiederherstellung nicht nur bei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einem unverschuldeten Hindernis, sondern auch bei leichtem Verschulden zulässt. Es
kann von einem Rechtsanwalt, der die Kostenvorschussverfügung zur Bezahlung an
seinen Mandanten weiterleitet, erwartet werden, dass er sich vor Ablauf der Frist über
die Bezahlung des Vorschusses vergewissert; ansonsten lässt er die gebotene Sorgfalt
vermissen.
2.1.3. Vorliegend wurde die Kostenvorschussverfügung mitsamt Einzahlungsschein am
27. Februar 2013 versandt. Unbestritten blieb, dass sie dem Rechtsvertreter zuging.
Dieser leitete offenkundig die Rechnung zur Zahlung an den Beschwerdeführer weiter,
unterliess es jedoch, sich vor Ablauf der gesetzten Frist zu vergewissern, ob der
Beschwerdeführer den Kostenvorschuss bezahlt hat. Diese Unterlassung ist ihm als
Nachlässigkeit anzurechnen, die eine Wiederherstellung nicht rechtfertigt, zumal er die
übliche Sorgfalt nicht walten liess. Ein nur leichtes Verschulden besteht nicht. Daran
ändert auch nichts, dass es sich bei der verpassten Frist nicht um eine gesetzliche,
sondern um eine gerichtlich angeordnete Frist handelt.
2.2. Abgesehen davon ging die Vorinstanz zu Recht davon aus, dass ein die
Wiederherstellung rechtfertigender Grund nicht hinreichend dargetan sei. Bei der
Wiederherstellung handelt es sich um ein rechtsmittelähnliches Institut. Ein
entsprechendes Gesuch muss schriftlich gestellt und begründet werden. Die
Wiederherstellung beurteilt sich denn auch nach Massgabe der Gesuchsbegründung
(BGE 119 II 86 E. 2b). Darin muss der Hinderungsgrund genau bezeichnet werden, was
eine substantiierte Sachdarstellung voraussetzt; zudem sind mit dem Gesuch allfällige
Beweismittel einzureichen oder zumindest anzubieten. Wird eine Erkrankung als Grund
für eine Hinderung angeführt, so reicht nach der Rechtsprechung ein Arztzeugnis, in
dem ohne nähere Angabe von Gründen eine gänzliche Arbeitsunfähigkeit in einem
bestimmen Zeitraum bescheinigt wird, als Nachweis für eine Fristwiederherstellung
nicht aus (vgl. BGer 2A.248/2003 vom 8. August 2003 E. 3; VerwGE ZH SB 2012.00099
vom 12. Dezember 2012 E. 2.3 mit weiteren Hinweisen). Vielmehr ist erforderlich, dass
im Arztzeugnis angegeben wird, weshalb der Betroffene die fristwahrende Handlung
nicht hat vornehmen können und es ihm überdies nicht möglich war, eine Drittperson
damit zu betrauen. Diesen Anforderungen genügt das eingereichte Arztzeugnis nicht.
Darin wird dem Beschwerdeführer lediglich eine 100-prozentige Arbeitsunfähigkeit in
der Zeit vom 12. März 2013 bis zum 26. März 2013 attestiert. Die Gründe der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsunfähigkeit sind demgegenüber nicht angegeben. Sein Rechtsvertreter weiss
genau, dass Arbeitsunfähigkeit nicht mit Handlungsunfähigkeit oder der Unmöglichkeit,
einen Kostenvorschuss zu leisten, gleichzusetzen ist. Gleichwohl unterliess er es (bis
heute) darzulegen, worin genau die ärztlich bescheinigte Arbeitsunfähigkeit begründet
lag. Es war denn auch nicht Sache der Vorinstanz, auf «gut Glück» weitere Abklärungen
vorzunehmen. Gleiches gilt im Übrigen für das Verwaltungsgericht. Von einer
Verletzung der Untersuchungspflicht kann keine Rede sein. Dies setzt eine
substantiierte Sachdarstellung voraus, woran es hier fehlt.
2.3. Der Beschwerdegegner rügt weiter, die Vorinstanz habe das Ermessen, das ihr Art.
96 Abs. 2 VRP einräume, gar nicht ausgeübt; darin liege eine
Ermessensunterschreitung sowie eine formelle und materielle Rechtsverweigerung.
2.3.1. Nach der Praxis des Verwaltungsgerichts ist die Abschreibung des Verfahrens
geboten, wenn der Kostenvorschuss innert der angesetzten Frist nicht geleistet wurde
(vgl. GVP 1976 Nr. 27). Eine Ausnahme ist dann zu machen, wenn die Voraussetzungen
der Wiederherstellung im Sinn von Art. 30ter Abs. 1 VRP in Verbindung mit Art. 148
Abs. 1 ZPO gegeben sind. Das Gesetz sieht weiter vor, dass auf die Abschreibung
verzichtet werden kann, wenn öffentliche Interessen entgegenstehen. Schliesslich hat
das Verwaltungsgericht auch ausgeführt, dass von einer Abschreibung Umgang zu
nehmen ist, wenn ausserordentliche Umstände diese Rechtsfolge als unannehmbar
stossend erscheinen lassen (GVP 1982 Nr. 82; GVP 1976 Nr. 26).
2.3.2. Vorliegend setzte der Abteilungspräsident der Verwaltungsrekurskommission mit
verfahrensleitender Verfügung vom 27. Februar 2013 eine Frist bis zum 15. März 2013
an, um einen Kostenvorschuss von Fr. 800.-- zu leisten. Diese Verfügung war mit dem
Hinweis verbunden, dass das Verfahren abgeschrieben würde, sollte dieser Vorschuss
nicht fristgerecht bezahlt werden. Der Abteilungspräsident gab damit bekannt, wie er
bei nicht fristgerechter Zahlung sein Ermessen auszuüben gedenke. Er war nicht
gehalten, im Entscheid vom 23. April 2013 die Ermessensausübung noch im Einzelnen
zu begründen. Vielmehr wäre es am Beschwerdeführer gelegen, die der Abschreibung
entgegenstehenden ausserordentlichen Umstände oder öffentlichen Interessen im
Wiederherstellungsgesuch aufzuzeigen. Nachdem er dies unterliess, konnte sich die
Vorinstanz - ohne eine Rechtsverletzung zu begehen - im angefochtenen Entscheid auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Feststellung beschränken, der Abschreibung stünden keine öffentlichen Interessen
entgegen. Das Gesetzmässigkeitsprinzip und die Rechtsweggarantie vermögen an der
Rechtmässigkeit der Abschreibung nichts zu ändern. Die Abschreibung bei nicht
fristgerechter Leistung des Kostenvorschusses beruht auf einer gesetzlichen
Grundlage, und das Recht auf gerichtliche Nachprüfung einer Streitigkeit besteht nicht
voraussetzungslos, sondern kann von einer Vorschussleistung abhängig gemacht
werden.
3. (...).
Demnach hat das Verwaltungsgericht