Decision ID: 080b15d8-8ebd-5762-95df-4299f80011c0
Year: 2015
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

Sachverhalt
A. A.1
Gemäss Schadenmeldung UVG vom 22. Oktober 2012 (Suva-act. 1) prallte A_, geb. am
XX.XX.1948 und Geschäftsführer der eigenen Firma, etwa am 11. November 2012 beim
Einsteigen in das Auto mit der linken Körperseite mit der Autotüre zusammen, woraufhin er
kurz einen starken Schmerz verspürt habe, der jedoch wieder abgeklungen sei und den er
in der Folge nicht weiter beachtet habe. Am 8. November 2012 (Suva-act. 11) meinte der
Versicherte gegenüber der Suva jedoch, der fragliche Unfall habe sich ca. in der
Kalenderwoche 26 ereignet.
A.2
Dem Austrittsbericht des Spitals Herisau vom 24. Oktober 2012 (Suva-act. 2) über den
Aufenthalt vom 24. September bis 19. Oktober 2012 ist zu entnehmen, dass der Patient
notfallmässig mit akuten krampfartigen, von der Bauchmitte ausgehenden und gelegentlich
bis in die linke Schulter ziehenden Schmerzen eingewiesen worden sei. Diese seien ca.
zwei Stunden nach einer Kontroll-Koloskopie mit Polypektomie im Nachgang zu der vor
zwei Jahren erfolgten Sigmaresektion bei Divertikulitis plötzlich aufgetreten. Nach
erfolgloser Blutungskontrolle sei am 25. September 2012 im Rahmen einer Laparotomie
und bei Verdacht auf eine zweizeitige Milzruptur eine Splenektomie erfolgt, wobei bei drei
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bis vier Litern Blut intraabdominal insgesamt 12 Erythrozytenkonzentrate und vier Beutel
Fresh Frozen Plasma nötig gewesen seien. Am Abend des folgenden Tages sei ein
Delirium tremens aufgetreten, und es hätten sich Angstzustände eingestellt.
A.3
Orthopäde Dr. C_ von der Suva St. Gallen meinte mit Aktennotiz vom 16. Januar 2013
(Suva-act. 20), ein Zusammenhang zwischen der Milzruptur und dem Zusammenprall mit
der Autotüre in Kalenderwoche 26, also Ende Juni 2012, sei eher unwahrscheinlich, da bei
zweizeitigen Milzrupturen die Latenzzeit nur bis 14 Tage betrage.
B. B.1
Mit Verfügung vom 28. Januar 2013 (Suva-act. 22) verneinte die Suva eine Leistungspflicht
mangels sicheren oder wahrscheinlichen Zusammenhangs zwischen dem Ereignis von
Ende Juni 2012 und der Milzruptur.
B.2
Gemäss Aktennotiz der Suva vom 21. Februar 2013 (Suva-act. 24) habe der Versicherte in
einem Gespräch nunmehr gemeint, nach seinem Kalender habe sich der Unfall am
12. September 2012 zugetragen. Nach dem Zufallen der Türe sei sofort ein dröhnender
Schmerz aufgetreten, der ihm den Atem genommen habe. Nach einem halben bis ganzen
Tag sei der Schmerz jedoch weg gewesen. Vermutlich habe die bei der Koloskopie
verwendete Luft den Schaden an der Milz verursacht. Seit der notfallmässigen Intervention
sei er ein völlig veränderter Mensch mit Ängsten und ohne Arbeitswillen, weshalb er einmal
wöchentlich Psychiater Dr. D_ konsultiere.
Im Kalender war am 12. September 2012 ein Termin eingetragen (Suva-act. 23).
B.3
Mit Schreiben vom 22. Februar 2013 (Suva-act. 25) erhob die Krankenkasse Swica
Einsprache gegen die erwähnte Verfügung (lit. B.1 hiervor). Das Unfalldatum habe der
Versicherte vermutlich aufgrund der Behandlung u.a. mit Morphin zunächst unzutreffend
angegeben. Eine Milzruptur sei eine zwar seltene, aber bekannte Komplikation einer
Koloskopie, was bisher unzureichend geprüft worden sei.
B.4
Nachdem die Suva dem Versicherten gemäss Aktennotiz vom 20. März 2013 (Suva-
act. 26) telefonisch mitgeteilt hatte, sie erbringe ihm nunmehr Leistungen, hob sie ihre
Verfügung vom 28. Januar 2013 mit Schreiben vom 22. März 2013 (Suva-act. 33) auf.
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B.5
Gemäss Bericht des psychiatrischen Zentrums Herisau (PZH) vom 22. April 2013 (Suva-
act. 41) bestehe eine mittelgradige depressive Episode und ein Verdacht auf eine
posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Bei weiterhin 50%iger Arbeitsfähigkeit sei
eine regelmässige und hochfrequente Therapie dringend.
B.6
Mit Aktennotiz vom 13. Juni 2013 (Suva-act. 45) hielt die Suva fest, dass sich der im
Juli 2013 65jährige Versicherte aus gesundheitlichen Gründen für den Bezug der AHV-
Rente angemeldet habe, und gemäss Aktennotiz vom 22. Januar 2014 (Suva-act. 63)
erhalte dieser von der Suva wegen einer früher erlittenen beidseitigen Schulterverletzung
eine 1/3-Rente, wobei damals auch eine Integritätsentschädigung von 20% zugesprochen
worden sei. Laut einer weiteren Aktennotiz der Suva vom 3. Februar 2014 (Suva-act. 67)
sei der Versicherte im Spital erst nach sechs Stunden an der Milz operiert worden, weil die
Ärzte zuvor immer den Darm untersucht hätten. Er habe zwei Nahtod-Erlebnisse gehabt
und sei zweimal reanimiert worden. Da die Tochter erst 41⁄2 Jahre alt sei und mangels
Nachfolgeregelung arbeite er weiter im Geschäft.
B.7
Nach einem Bericht von Orthopäde und Suva-Kreisarzt Dr. C_ vom 4. Februar 2014
(Suva-act. 68), wonach die Arbeitsfähigkeit nach den Ereignissen vom 12. und 25.
September 2012 somatisch bei Beachtung einiger Einschränkungen 100% betragen habe,
und einer Einschätzung des Integritätsschadens gleichen Datums (Suva-act. 69) mit 8%,
verfügte die Suva am 19. März 2014 eine entsprechende Entschädigung von Fr. 10'080.--
(Suva-act. 72).
B.8
Mit Aktennotiz vom 12. Juni 2014 (Suva-act. 81) meinte Psychiater Dr. E_ vom
Versicherungsdienst der Suva, da aus den Akten hinsichtlich früheren psychischen
Krankheiten nur wenig hervorgehe, könne die Frage, ob die aktuelle Beschwerden wegen
der fraglichen Ereignisse bestünden, nicht beantwortet werden.
B.9
Auf Anfrage Dr. E_ gemäss Schreiben vom 13. Juni 2014 (Suva-act. 82) erstattete das
PZH am 30. Juni 2014 (Suva-act. 84) einen Verlaufsbericht, wonach aus der Vorgeschichte
keine psychischen Auffälligkeiten bekannt seien und der Patient Vorbehandlungen verneint
habe. Wegen einer mittelgradigen depressiven Episode und einer differentialdiagnostischen
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PTBS sei weiterhin von einer 50%igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen, da der Patient von
den therapeutischen Gesprächen zwar profitiert habe, die Symptome im Wesentlichen aber
unverändert geblieben seien.
B.10
Laut Bericht von Psychotherapeutin lic. phil. F_ an Dr. E_ vom 21. Juli 2014 (Suva-
act. 87) behandle sie den Versicherten seit 11. Februar 2014 wegen einer PTBS und einer
Anpassungsstörung. Die fraglichen Ereignisse seien potentiell traumatisierend wegen des
Gefühls von Ohnmacht und Hilflosigkeit im Spital. In der Folge hätten sich typische
Symptome wie Hyperarousal, Intrusionen, Vermeidungsverhalten, deutlich erhöhte
Angstneigung und depressive Stimmungseinbrüche eingestellt. Trotz leichter Verbesserung
unter Therapie sei fraglich, ob der Patient die frühere Leistungsfähigkeit wieder erreichen
könne, auch wenn sich biographisch keine Anhaltspunkte für eine psychische Erkrankung
oder eine entsprechende Prädisposition fänden.
B.11
Gemäss Beurteilung von Dr. E_ vom 24. Oktober 2014 (Suva-act. 93) seien die
fraglichen Ereignisse im Jahr 2012 mit grosser Wahrscheinlichkeit natürlich teilkausal für
die anhaltenden psychischen Beschwerden. Die aktuelle Arbeitsunfähigkeit von 50% sei
aber mit derselben Wahrscheinlichkeit nicht mehr allein darauf zurückzuführen; jedenfalls
sei bis Ende 2014 zu prüfen, ob die Behandlung nur deshalb oder inzwischen auch aus
anderen Gründen fortgesetzt werde.
C. C.1
Mit Verfügung vom 8. Dezember 2014 (Suva-act. 96) bezeichnete die Suva das Ereignis
vom 12. September 2012 als nicht adäquat kausal für die psychischen Beschwerden,
weshalb die Leistungen auf Ende 2014 eingestellt würden. Für die Behandlung des
Milzverlustes inklusive Analgetikum in Reserve komme man jedoch weiterhin auf.
C.2
Dagegen erhob der Versicherte mit Schreiben vom 29. Dezember 2014 (Suva-act. 99)
Einsprache. Für die Suva käme es günstiger, die Taggelder in eine Rente umzuwandeln.
C.3
Mit Entscheid vom 11. März 2015 (Suva-act. 104) wies die Suva die Einsprache ab. Da
man für die somatischen Unfallfolgen weiterhin aufkomme, seien nur die psychischen
Folgen umstritten. Der Milzriss sei auf das an sich leichte Ereignis vom
12. September 2012 zurückzuführen. Da dieses aber unmittelbare Folgen gezeitigt habe,
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die sich nicht als offensichtlich unfallunabhängig erwiesen hätten, sei die Adäquanz
ausnahmsweise anhand der Kriterien für ein mittelschweres Ereignis zu prüfen. Vorliegend
sei nicht von besonders dramatischen Begleitumständen oder einer besonderen
Eindrücklichkeit des Unfalls auszugehen, ebensowenig von einer ungewöhnlich langen
Dauer der ärztlichen Behandlung, einer ärztlichen Fehlbehandlung oder einem schwierigen
Heilungsverlauf, da bis zur Darmspiegelung vom 24. September 2012 keine Beschwerden
vorgelegen hätten, danach aber plötzlich krampfartige Bauchschmerzen, wobei die
Laparotomie und die Splenektomie wiederum komplikationslos verlaufen seien. Auch fehle
es an körperlichen Dauerschmerzen, da nur noch ein bewegungs- und
belastungsabhängiges Ziehen im Narbenbereich des Mittelbauches bestehe, und an einer
erheblichen Arbeitsunfähigkeit, da die seit 21. Januar 2013 attestierte 50%ige
Arbeitsunfähigkeit nur psychisch bedingt sei. Einzig das Kriterium der Schwere oder
besonderen Art der Verletzung sei erfüllt, was aber für die Anerkennung einer adäquaten
Kausalität nicht ausreiche.
D. D.1
Dagegen liess der Versicherte mit Schreiben vom 14. April 2015 Beschwerde mit den
eingangs wiedergegebenen Anträgen erheben. Gemäss Dr. E_ bestehe eine
Teilkausalität, und die Suva weise deren Wegfall bis zum Erlass der angefochtenen
Verfügung nicht nach. Mit Schreiben vom 21. Mai 2015 reichte der Beschwerdeführer einen
von F_ unterschriebenen Bericht vom 24. März 2015 (Bf. 3) nach, wonach die vom
Patienten angegebenen Beschwerden als Restsymptomatik einer PTBS mit einer
Arbeitsunfähigkeit von 50% gewertet würden.
D.2
Auf die Beschwerdeantwort der Suva vom 19. Juni 2015 replizierte der Beschwerdeführer
am 9. Juli 2015, massgeblich sei nicht der Vorfall mit der Autotüre, sondern das schwere
Ereignis der Operation mit zweimaligem Herzstillstand und Nahtoderlebnis. Auch bei
Annahme eines mittelschweren Ereignisses wären die erforderlichen Kriterien erfüllt.
D.3
Mit Duplik vom 2. September 2015 meinte die Suva, bezüglich Unfallschwere sei nicht an
die Unfallfolgen, sondern an das ursprüngliche Unfallereignis anzuknüpfen. Späteren
Umständen sei - wie vorliegend mit der Qualifikation der Milzruptur als schwere Verletzung
- bei den Adäquanzkritierien Rechnung zu tragen.
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Erwägungen
1. Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der Prozessvoraussetzungen ergibt, dass
diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der Form- und
Fristerfordernisse erfüllt sind. Auf die Beschwerde ist deshalb einzutreten.
2. 2.1
Nach Art. 4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
vom 6. Oktober 2000 (ATSG; SR 830.1) gilt als Unfall die plötzliche, nicht beabsichtigte
schädigende Wirkung eines äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine
Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat.
Eine versicherte Person hat u.a. Anspruch auf zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen
(Art. 10 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung [UVG; SR 832.20]), ab
dem dritten Tag nach dem Unfall zufolge voller oder teilweiser Arbeitsunfähigkeit auf
Taggelder (Art. 16 UVG) und - sofern von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine
namhafte Besserung des Gesundheitszustands erwartet werden kann und allfällige
Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung abgeschlossen sind - bei
mindestens 10%iger Invalidität auf eine Invalidenrente der Unfallversicherung (Art. 18 und
19 UVG). Erleidet die versicherte Person durch den Unfall eine dauernde erhebliche
Schädigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Integrität, so hat sie überdies
Anspruch auf eine angemessene Integritätsentschädigung. Diese wird mit der
Invalidenrente festgesetzt oder, falls kein Rentenanspruch besteht, bei der Beendigung der
ärztlichen Behandlung gewährt (Art. 24 UVG), wobei sich die Höhe der
Integritätsentschädigung grundsätzlich nach der Schwere der Beeinträchtigung richtet.
2.2
Die Leistungspflicht der Unfallversicherung hört erst auf, wenn der Unfall nicht mehr die
natürliche und adäquate Ursache des Gesundheitsschadens darstellt, wenn also der
Letztere nur noch und ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruht. Dies trifft dann
zu, wenn entweder der (krankhafte) Gesundheitszustand, wie er unmittelbar vor dem Unfall
bestanden hat (Status quo ante), oder aber derjenige Zustand, wie er sich nach dem
schicksalsmässigen Verlauf eines krankhaften Vorzustandes auch ohne Unfall früher oder
später eingestellt hätte (Status quo sine), erreicht ist (Urteile des Bundesgerichts
8C_847/2008 vom 29. Januar 2009 Erw. 2, 8C_244/2010 & 8C_252/2010 vom
18. Februar 2011 Erw. 3.3).
Ebenso wie der leistungsbegründende natürliche Kausalzusammenhang muss das
Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines Gesundheits-
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schadens mit dem im Sozialversicherungsrecht allgemein üblichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sein. Die blosse Möglichkeit nunmehr
gänzlich fehlender ursächlicher Auswirkungen des Unfalls genügt nicht. Da es sich hierbei
um eine anspruchsaufhebende Tatfrage handelt, liegt die Beweislast - anders als bei der
Frage, ob ein leistungsbegründender natürlicher Kausalzusammenhang gegeben ist - nicht
bei der versicherten Person, sondern bei der Unfallversicherung (Urteile des
Bundesgerichts 8C_354/2007 vom 4. August 2008 Erw. 2.2, 8C_653/2013 vom
10. Februar 2014 Erw. 4.2). Der Beweis des Wegfalls des Kausalzusammenhangs muss
nicht durch den Nachweis unfallfremder Ursachen erbracht werden. Ebensowenig geht es
darum, vom Unfallversicherer den negativen Beweis zu verlangen, dass kein
Gesundheitsschaden mehr vorliege oder die versicherte Person nun bei voller Gesundheit
sei. Entscheidend ist allein, ob unfallbedingte Ursachen des Gesundheitsschadens ihre
kausale Bedeutung verloren haben, also dahingefallen sind (RKUV 1994 Nr. U 206 S. 329
Erw. 3b; Urteil des Bundesgerichts 8C_570/2014 vom 9. März 2015 Erw. 6.2).
2.3
Steht zuverlässig fest, dass keine organisch objektiv ausgewiesenen Unfallfolgen vorliegen,
welche die gesundheitlichen Beschwerden zu erklären vermögen, erfolgt die
Kausalitätsbeurteilung nach den bei psychischen Fehlentwicklungen nach Unfall oder bei
Schleudertraumen und äquivalenten Verletzungsmechanismen an der Halswirbelsäule
sowie Schädel-Hirntraumen ohne organisch objektiv ausgewiesene Unfallfolgen geltenden
Grundsätzen (sog. Psychopraxis, begründet mit BGE 115 V 133 Erw. 6 und bestätigt u.a.
mit Urteil des Bundesgerichts 8C_933/2014 vom 22. April 2015 Erw. 3.2.1). Dabei ist von
der Unfallschwere auszugehen. Diesbezüglich ist jedoch nicht an das Unfallerlebnis
anzuknüpfen. Zwar ist die Art und Weise des Erlebens und der Verarbeitung eines
Unfallereignisses durch den Betroffenen für die Beurteilung des adäquaten
Kausalzusammenhangs grundsätzlich mit zu berücksichtigen. Als geeigneter
Anknüpfungspunkt für eine Einteilung der Unfälle mit psychischen Folgeschäden soll aber
das (objektiv erfassbare) Unfallereignis selbst dienen. Denn die Frage, ob sich das
Unfallereignis und eine psychisch bedingte Erwerbsunfähigkeit im Sinne eines adäquaten
Verhältnisses von Ursache und Wirkung entsprechen, ist unter anderem im Hinblick auf die
Gebote der Rechtssicherheit und der rechtsgleichen Behandlung der Versicherten aufgrund
einer objektivierten Betrachtungsweise zu prüfen. Ausgehend vom augenfälligen
Geschehensablauf erscheint folgende Einteilung der Unfälle in drei Gruppen als
zweckmässig: banale bzw. leichte Unfälle einerseits, schwere Unfälle anderseits und
schliesslich der dazwischen liegende mittlere Bereich (vgl. zum folgenden BGE 115 V 133
Erw. 6, bestätigt u.a. mit Urteilen des Bundesgerichts 8C_208/2015 vom 17. Juni 2015
Erw. 3 und 8C_437/2015 vom 5. September 2015 Erw. 2 und 3):
Seite 9
a) Bei banalen Unfällen wie z.B. bei geringfügigem Anschlagen des Kopfes oder Übertreten
des Fusses und bei leichten Unfällen wie z.B. einem gewöhnlichen Sturz oder Ausrutschen
kann der adäquate Kausalzusammenhang zwischen Unfall und psychischen
Gesundheitsstörungen in der Regel ohne weiteres verneint werden. Ohne aufwendige
Abklärungen im psychischen Bereich darf aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung, aber
auch unter Einbezug unfallmedizinischer Erkenntnisse davon ausgegangen werden, dass
ein banaler bzw. leichter Unfall nicht geeignet ist, einen invalidisierenden psychischen
Gesundheitsschaden zu verursachen. Hier mangelt es dem Unfallereignis offensichtlich an
der erforderlichen Schwere, welche allgemein geeignet wäre, zu einer psychischen
Fehlentwicklung zu führen. Es ist eine Erfahrungstatsache, dass bei dieser Gruppe von
Unfällen wegen der Geringfügigkeit des Unfallereignisses auch der psychische Bereich nur
marginal tangiert wird. Treten entgegen jeder Voraussicht dennoch nennenswerte
psychische Störungen auf, so sind diese mit Sicherheit auf unfallfremde Faktoren
zurückzuführen wie z.B. auf eine ungünstige konstitutionelle Prädisposition. Unter solchen
Umständen ist der Unfall nur eine Schein- oder Gelegenheitsursache für die psychischen
Störungen.
b) Bei schweren Unfällen dagegen ist der adäquate Kausalzusammenhang zwischen Unfall
und psychisch bedingter Erwerbsunfähigkeit in der Regel zu bejahen. Denn nach dem
gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung sind solche
Unfälle geeignet, invalidisierende psychische Gesundheitsschäden zu bewirken.
c) aa) Der mittlere Bereich umfasst jene Unfälle, welche weder der ersten noch der zweiten
Gruppe zugeordnet werden können. Hier lässt sich die Frage, ob zwischen Unfall und
psychisch bedingter Erwerbsunfähigkeit ein adäquater Kausalzusammenhang besteht,
nicht aufgrund des Unfalles allein schlüssig beantworten. Es sind daher weitere, objektiv
erfassbare Umstände, welche unmittelbar mit dem Unfall im Zusammenhang stehen oder
als direkte bzw. indirekte Folgen davon erscheinen, in eine Gesamtwürdigung
einzubeziehen. Solche - unfallbezogenen - Umstände können als Beurteilungskriterien
dienen, weil sie ihrerseits nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen
Lebenserfahrung geeignet sind, in Verbindung mit dem Unfall zu einer psychisch bedingten
Erwerbsunfähigkeit zu führen oder diese zu verstärken. Als wichtigste Kriterien sind zu
nennen:
- besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalls;
- die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen, insbesondere ihre
erfahrungsgemässe Eignung, psychische Fehlentwicklungen auszulösen;
- ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung;
Seite 10
- körperliche Dauerschmerzen;
- ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert;
- schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen;
- Grad und Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit.
bb) Der Einbezug sämtlicher objektiver Kriterien in die Gesamtwürdigung ist jedoch nicht in
jedem Fall erforderlich. Je nach den konkreten Umständen kann für die Beurteilung des
adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen Unfall und psychisch bedingter
Erwerbsunfähigkeit neben dem Unfall allenfalls ein einziges Kriterium genügen. Dies trifft
einerseits dann zu, wenn es sich um einen Unfall handelt, welcher zu den schwereren
Fällen im mittleren Bereich zu zählen oder sogar als Grenzfall zu einem schweren Unfall zu
qualifizieren ist. Anderseits kann im gesamten mittleren Bereich ein einziges Kriterium
genügen, wenn es in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist, wie z.B. eine auffallend
lange Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit infolge schwierigen
Heilungsverlaufes.
Kommt keinem Einzelkriterium besonderes bzw. ausschlaggebendes Gewicht zu, so
müssen mehrere unfallbezogene Kriterien herangezogen werden. Dies gilt umso eher, je
leichter der Unfall ist. Handelt es sich beispielsweise um einen Unfall im mittleren Bereich,
der aber dem Grenzbereich zu den leichten Unfällen zuzuordnen ist, müssen die weiteren
zu berücksichtigenden Kriterien in gehäufter oder auffallender Weise erfüllt sein, damit die
Adäquanz bejaht werden kann. Diese Würdigung des Unfalles zusammen mit den
objektiven Kriterien führt zur Bejahung oder Verneinung der Adäquanz. Damit entfällt die
Notwendigkeit, nach anderen Ursachen zu forschen, die möglicherweise die psychisch
bedingte Erwerbsunfähigkeit mit begünstigt haben könnten. Erweist sich ein Unfall bei
gegebenem natürlichem Kausalzusammenhang nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge
und der allgemeinen Lebenserfahrung als geeignet, eine psychisch bedingte
Erwerbsunfähigkeit zu verursachen, so darf die Adäquanz des Kausalzusammenhangs
beispielsweise nicht etwa deshalb verneint werden, weil der betroffene Versicherte mit
seiner besonderen Prädisposition ausserhalb der erwähnten weiten Bandbreite liegt.
Andernfalls würde von diesem Versicherten zu Unrecht verlangt, dem Unfallereignis einen
grösseren psychischen Widerstand entgegenzusetzen, als dies von einem der erwähnten
Bandbreite angehörenden Versicherten erwartet würde. Praxisgemäss müssen bei einem
mittelschweren Ereignis (im mittleren Bereich) drei der erwähnten Kriterien erfüllt sein, um
eine Adäquanz bejahen zu können (Urteil des Bundesgerichts 8C_684/2012 vom
21. Dezember 2012 Erw. 4.2).
2.4
Seite 11
Im Rahmen der Beurteilung der Kausalität eines Unfalls für behauptete gesundheitliche
Beschwerden ist die Würdigung medizinischer Berichte von grundlegender Bedeutung. Das
Bundesrecht schreibt nicht vor, wie die einzelnen Beweismittel zu würdigen sind. Für das
gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der Grundsatz
der freien Beweiswürdigung. Danach haben Versicherungsträger und Sozialver-
sicherungsrichter die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie
umfassend und pflichtgemäss zu würdigen (BGE 122 V 157 Erw. 1c). Gemäss Art. 43
Abs. 1 ATSG prüft der Versicherungsträger die Begehren, nimmt die notwendigen
Abklärungen von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte ein. Bei der
Prüfung der Begehren darf er auch den Sachverstand versicherungsinterner medizinischer
Fachpersonen einbeziehen. Bei den von diesen versicherungsinternen Ärztinnen und
Ärzten erstellten Stellungnahmen handelt es sich nicht um Gutachten im Sinne von
Art. 44 ATSG. Entsprechend kommt ihnen praxisgemäss auch nicht dieselbe Beweiskraft
zu wie einem gerichtlichen oder einem im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom
Versicherungsträger in Auftrag gegebenen Gutachten. Wird allein gestützt auf
versicherungsinterne ärztliche Beurteilungen entschieden, sind daher an die
Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an
der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen medizinischen
Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 135 V 465 Erw. 4,
Urteile des Bundesgerichts 8C_83/2012 vom 16. Juli 2012 Erw. 3.2 & 8C_685/2012 vom
18. Dezember 2012 Erw. 4.2.2).
Die von den Versicherten eingereichten Beweismittel stammen regelmässig von den
behandelnden Ärztinnen und Ärzten. Da sich diese in erster Linie auf die Behandlung zu
konzentrieren haben, verfolgen deren Berichte nicht den Zweck einer den abschliessenden
Entscheid über die Versicherungsansprüche erlaubenden objektiven Beurteilung des
Gesundheitszustandes und erfüllen deshalb kaum je die materiellen Anforderungen an ein
Gutachten. Deshalb und aufgrund der Erfahrungstatsache, dass Hausärzte mitunter im
Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung im Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer
Patienten aussagen, wird im Streitfall eine direkte Leistungszusprache einzig gestützt auf
die Angaben der behandelnden Ärztinnen und Ärzte kaum je in Frage kommen (BGE 135
V 465 Erw. 4.5, Urteil des Bundesgerichts 8C_260/2012 vom 27. Juni 2012 Erw. 3.3.1).
3. 3.1
Vorliegend existierten hinsichtlich des Datums des fraglichen Ereignisses zunächst
verschiedene Versionen. So meinte der Beschwerdeführer in der Schadenmeldung vom
22. Oktober 2012 zunächst, der Unfall mit dem Zufallen der Autotüre habe sich am
11. November 2015 ereignet, um in der Folge gegenüber der Suva am 8. November 2012
Seite 12
aber Woche 26, also die letzte Juni-Woche, als relevanten Zeitraum zu bezeichnen. In der
Folge konnte der Versicherte jedoch mit Hilfe seiner Agenda das Datum des fraglichen
Ereignisses mit dem 12. September 2015 rekonstruieren, wovon in der Folge auch die
Krankenkasse Swica in der Einsprache vom 22. Februar 2013 und die Suva ausgingen.
Richtigerweise regte ausserdem Versicherungspsychiater Dr. E_ am 24. Oktober 2014
an, bis Ende 2014 zu prüfen, ob die anhaltenden psychischen Beschwerden des
Versicherten noch in einem Zusammenhang mit dem fraglichen Ereignis stünden.
3.2
Mit der Suva ist der Zusammenprall des Beschwerdeführers mit der Autotüre als leichtes
Ereignis zu qualifizieren. Die Unfallversicherung trug den besonderen Umständen des
vorliegenden Falles jedoch rechtsprechungsgemäss Rechnung, indem sie die
Kausalitätsprüfung nach den Kriterien bei mittelschweren Unfällen vornahm, da auch bei
einem als leicht zu qualifizierenden Unfall der adäquate Kausalzusammenhang - als
Ausnahme zur Regel - dann zu prüfen ist, wenn er unmittelbare Unfallfolgen zeitigt, die sich
nicht offensichtlich als unfallunabhängig erweisen. wobei die Prüfung der Kausalität nach
den bei einem mittelschweren Ereignis anwendbaren Kriterien zu erfolgen hat (Urteil des
Bundesgerichts 8C_824/2008 vom 30. Januar 2009 Erw. 4.2; BGE 140 V 356 Erw. 5.3).
Diese Prüfung wurde durch die Suva in nachvollziehbarer und überzeugender Weise
vorgenommen. Immerhin gilt es betreffend des Kriteriums der Schwere oder besonderen
Art der erlittenen Verletzung und deren erfahrungsgemässen Eignung, psychische
Fehlentwicklungen auszulösen, aber anzumerken, dass die Rechtsprechung dieses bei
einer traumatischen Milzruptur, verbunden mit einer Rippenserienfraktur und einem
Hämatopneumothorax links sowie einer Rissquetschwunde frontal am Kopf links verneint
hat (Urteil des Bundesgerichts 8C_396/2009 vom 23. September 2009 Erw. 4.5.6, zitiert
und damit bestätigt in BGE 140 V 356 Erw. 5.5.1). Damit wäre vorliegend eigentlich keines
der einschlägigen Kriterien erfüllt, sodass eine Adäquanz zwischen der zweizeitigen
Milzruptur und den seither anhaltend geklagten psychischen Beschwerden ohne weiteres
zu verneinen ist. Unter diesen Umständen stellte die Suva ihre Leistungen bezüglich dieser
Beschwerden auf Ende 2014 zu Recht ein, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.
4. 4.1
Es sind keine Gerichtskosten zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG i.V.m. Art. 1 UVG).
4.2
Es ist keine Parteientschädigung auszurichten, da der Beschwerdeführer unterliegt (Art. 61
lit. g ATSG i.V.m. Art. 1 UVG e contrario) und da die obsiegende Suva eine staatliche
Einrichtung ist (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 3. Auflage, Zürich 2015, Art. 61 N 200;
Seite 13
s. ferner Art. 24 Abs. 3 lit. a in Verbindung mit Art. 59 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege [VRPG]).