Decision ID: 39dd65ce-cac8-4271-ba33-44f980af972b
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt (Zusammenfassung):
A. (Klägerin) ging am 6. Dezember 2012 um 07.30 Uhr vom Restaurant S. zur knapp
100 Meter entfernten Bäckerei T.. Zeitgleich tranken B. (Beklagte) und ihre Freundin C.
nach dem morgendlichen Spaziergang mit ihren drei Hunden auf dem Podest vor dem
Eingang der Bäckerei am vordersten Stehtisch Kaffee. Die beiden Hunde von C. waren
dabei an einem Haken an der Hauswand angeleint. C. hielt den Hund "H." der
Beklagten an der Leine. Als sie sich, so die Klägerin, dem Eingang der Bäckerei und
den davor befindlichen Tischen genähert habe, sei der Hund "H." für sie unerwartet laut
bellend und zähnefletschend hinter einer Reklametafel hervorgeschossen und in ihre
Richtung gesprungen; darob sei sie erschrocken (teilweise strittig). Die Klägerin stürzte
und zog sich eine Schulterkontusion links und eine Schambeinastfraktur links zu. Sie
macht das Verhalten des Hundes für ihren Sturz verantwortlich.

Aus den Erwägungen:
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III.
2.a) Die natürliche Kausalität besteht aus dem Verhältnis von "Ursache" und "Erfolg".
Nach der "conditio sine qua non"-Formel ist jeder Umstand dann ursächlich, wenn er
nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass nicht auch der Erfolg entfiele (Roberto,
Haftpflichtrecht, Rz. 06.03; Gauch/Schluep/Emmenegger, Schweizerisches
Obligationenrecht, Allgemeiner Teil Band II, Rz. 2947). Nicht erforderlich ist, dass es
sich um die einzige oder unmittelbare Schadensursache handelt (BSK OR I-Kessler,
Art. 41 N 15). Die natürliche Kausalität wird anhand der Adäquanztheorie
eingeschränkt. Danach ist dann, wenn ein natürlicher Kausalzusammenhang vorliegt,
zu prüfen, ob die schädigende Handlung nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und
der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet ist, den entstandenen Schaden
herbeizuführen. Zu beachten ist dabei, dass im Normalfall eine ausserhalb des
Verantwortungsbereichs des Schädigers liegende Ursache (höhere Gewalt, Selbst-
oder Drittverschulden) den adäquaten Kausalzusammenhang zwischen Schaden und
Verhalten des Schädigers selbst dann nicht ohne weiteres zu beseitigen vermag, wenn
sie ein grösseres Gewicht als die vom Schädiger gesetzte Ursache hat (vgl. Gauch/
Schluep/Emmenegger, a.a.O., Rz. 2948 f.; Roberto, a.a.O., Rz. 06.36 f. und Rz. 06.40).
Zur Unterbrechung des adäquaten Kausalzusammenhangs muss der
Unterbrechungsgrund vielmehr eine gewisse Intensität aufweisen, was beim hier in
Frage stehenden Selbstverschulden der Klägerin (ungenügendes Schuhwerk) im Sinne
der Unterbrechung des Kausalzusammenhangs nur dann in Betracht fällt, wenn dieses
Verschulden grob und sehr intensiv war, d.h. "derart ausserhalb des normalen
Geschehens liegt, derart unsinnig ist, dass damit schlechterdings nicht zu rechnen
war" (vgl. BSK OR I-Kessler, Art. 41 N 21, mit Hinweis auf die Rechtsprechung). Bei der
Tierhalterhaftung muss der adäquate Kausalzusammenhang im Übrigen zwischen dem
Wirken des Tieres und dem Schaden bestehen, wobei eine mittelbare Verursachung
genügt (Oftinger/ Stark, Schweizerisches Haftpflichtrecht II/1, § 21 N 71).
b) Nach dem hiervor Ausgeführten ist davon auszugehen, dass "H." laut bellte,
hervorschnellte und seine Zähne zeigte und die Klägerin erschrak, stürzte und sich eine
Schulterkontusion und eine Schambeinastfraktur zuzog. Bei dieser Ausgangslage ist
der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Verhalten des Hundes und der
Körperverletzung bzw. dem damit einhergehenden Schaden ohne weiteres zu bejahen,
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was denn auch die Beklagte zugesteht, wenn sie erklärt, dass das Hundegebell ein
Auslöser für den Sturz der Klägerin gewesen sein möge. Denn für das Vorliegen der
natürlichen Kausalität ist nicht erforderlich, dass das Bellen, Hervorschnellen und
Zähnezeigen einzige Schadensursache war; das Verhalten des Hundes war zumindest
massgebende Ursache für den Schrecken der Klägerin, der zum Sturz und den daraus
entstandenen Schaden führte, weshalb die natürliche Kausalität gegeben ist.
Neben der natürlichen Kausalität ist auch der adäquate Kausalzusammenhang zu
bejahen. Ein plötzliches, unerwartetes und lautes Bellen eines Hundes, sein
Hervorschnellen hinter einer Werbetafel und das Zeigen der Zähne auf eine Distanz von
5 Metern, bei eingeschränkter Sicht – der Vorfall ereignete sich am 6. Dezember 2012
um 07.30 Uhr – und fehlender Ausweichmöglichkeit – rechts befand sich das Podest
und links die Fahrbahn – sind nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der
allgemeinen Lebenserfahrung durchaus geeignet, eine Person derart zu erschrecken,
dass diese das Gleichgewicht verliert, stürzt und sich dabei eine Verletzung zuzieht (zur
Adäquanz des unerwarteten, in jenem Fall allerdings mit einem "Anfallen" verbundenen
Auftauchen eines Hofhundes vgl. auch BGE 102 II 232 = Pra 66, 1977, Nr. 26 E. 2). An
dieser Schlussfolgerung ändern die Einwendungen der Beklagten nichts, die für den
Sturz der Klägerin einen "hählen", eisigen Boden und das dazu ungeeignete
Schuhwerk der Klägerin verantwortlich macht. Aus den Akten und den Aussagen der
Beklagten, der Klägerin und des Zeugen X. ist zwar ersichtlich, dass es an jenem
Morgen wohl eisige, "hähle" Stellen gab. Doch kann aus den vorliegenden Beweisen
nicht geschlossen werden, dass der gesamte Gehweg und insbesondere die Stelle, an
der die Klägerin stürzte, rutschig war. Es kann daher auch nicht davon ausgegangen
werden, dass die Schuhe der Klägerin, welche immerhin ein Noppenprofil aufwiesen,
tatsächlich völlig ungeeignet waren. Jedenfalls scheinen sie auch bei glattem,
rutschigem Boden nicht derart offensichtlich untauglich gewesen zu sein, dass das
Verhalten des Hundes als Ursache für den Sturz in den Hintergrund treten würde. Denn
es kann nicht angenommen werden, dass die Klägerin wegen allenfalls völlig
ungeeigneter Schuhe auch dann gestürzt wäre, wenn der Hund nicht gebellt hätte.
Damit liegt keine Unterbrechung des Kausalzusammenhangs vor und ist der adäquate
Kausalzusammenhang zwischen dem Verhalten von "H." und dem Sturz bzw. dem
damit zusammenhängenden Schaden zu bejahen. Insofern sind sämtliche
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Haftungsvoraussetzungen nach Art. 56 OR erfüllt, weshalb die Beklagte grundsätzlich
für den der Klägerin entstandenen Schaden haftbar ist, und zwar ungeachtet dessen,
wo genau "H." sich im Zeitpunkt des Sturzes befand, also ungeachtet dessen, ob er
das Podest verlassen hatte oder ober er "nur" bis zum Rand hervorgeschnellt war, und
ob sein "Zähnezeigen" eine eigentliches "Fletschen" war oder nicht.
3.a) Dem Tierhalter steht gemäss Art. 56 Abs. 1 OR der Nachweis offen, dass er alle
nach den Umständen gebotene Sorgfalt in der Verwahrung und Beaufsichtigung
angewendet hat oder dass der Schaden auch bei Anwendung dieser Sorgfalt
eingetreten wäre. Die Haftung setzt somit die Verletzung einer objektiven
Sorgfaltspflicht voraus. Der Tierhalter haftet dabei auch dann, wenn man ihm keinen
subjektiven Vorwurf machen kann. Er kann sich nicht darauf berufen, das allgemein
Übliche an Sorgfalt angewendet zu haben; er hat vielmehr nachzuweisen, dass er
sämtliche objektiv notwendigen und durch die Umstände gebotenen Massnahmen
getroffen hat. Die konkreten Sorgfaltspflichten richten sich dabei in erster Linie nach
geltenden Sicherheits- und Unfallverhütungsvorschriften. Fehlen gesetzliche oder
reglementarische Vorschriften und haben auch private Verbände keine allgemein
anerkannten Bestimmungen erlassen, ist zu prüfen, welche Sorgfalt nach der
Gesamtheit der konkreten Umstände geboten ist. Der Richter hat einen strikten
Entlastungsbeweis zu verlangen (BGE 131 III 115 E. 2.1; BGE 102 II 232 = Pra 66,
1977, Nr. 26 E. 1).
Die Sorgfaltsanforderungen sind für jede Tiergattung, für jedes Tier andere; so ist bei
einem gutmütigen, vertrauten Haustier geringere Vorsicht am Platz als bei einem
bösartigen, gefährlichen oder unberechenbaren Tier. Neben der Gattung und dem
Charakter des Tieres sind seine physische oder psychische Verfassung sowie Art,
Zweck und Ort der Verwendung massgebend. Die bereitgestellten Abwehrmittel sind in
vernünftiger Weise und entsprechend dem Verhalten des Tieres einzusetzen. Die
Beurteilung der angebrachten Sorgfalt erfolgt nicht ex post, sondern ex ante. Die
Beweislast für die tatsächlichen Voraussetzungen des Entlastungsbeweises obliegt
dem Tierhalter (Art. 8 ZGB); bestehen Zweifel über die angewendeten Sorgfalt oder
über deren Wirksamkeit, so ist der Befreiungsbeweis misslungen und der Halter haftet
für den angerichteten Schaden (Brehm, Berner Kommentar, N 50 und N 53 zu Art. 56
OR; Oftinger/Stark, a.a.O., § 21 N 88).
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b/aa) Wie festgestellt, begann "H." laut zu bellen, schnellte unerwartet hervor und
zeigte seine Zähne, als sich die Klägerin ihm auf ca. 5 Meter genähert hatte (vgl. E. III.
1.c hiervor). Er war dabei angeleint und wurde, was von der Klägerin nicht bestritten
bzw. sogar zugestanden wird, von C., einer erfahrenen Hundehalterin gehalten und, als
er zu bellen begann, von dieser umgehend energisch zurückgerissen und so unter
Kontrolle gebracht, ohne dass damit allerdings das Erschrecken und der folgende
Sturz verhindert werden konnten. Es stellt sich deshalb vorliegend die Frage, ob die
Beklagte bzw. C. als deren Hilfsperson damit, dass sie "H." zwar an der Leine hielt,
ohne aber das unerwartete Bellen, Hervorschnellen und Zähnezeigen verhindern zu
können, ihrer Sorgfaltspflicht genügend nachgekommen ist.
bb) Die Vorinstanz hielt den der Beklagten obliegenden Entlastungsbeweis für
gescheitert. Sie führte unter Hinweis auf die Aussagen der Beklagten und der Zeugin C.
aus, die Beklagte habe den Hund erst Ende September 2012 aus dem Tierheim
übernommen. Die Zeugin Z. habe davon gesprochen, dass sie die beiden Frauen
einmal mit den Hunden angetroffen habe. Der eine Hund habe sich sehr aggressiv
verhalten, sei richtig "in der Leine gehangen", man habe die Zähne gesehen, so dass
sogar sie – als erfahrene Hundehalterin – Angst gehabt habe. Weiter habe die Zeugin
erwähnt, auch ihr Ehemann habe den Hund später einmal angetroffen und dann
gemeint, er wisse jetzt, wovon sie spreche. Die Zeugin habe noch weitere, allerdings zu
wenig konkrete Andeutungen hinsichtlich des Verhaltens von "H." gemacht. Die Zeugin
C. habe zwar, so die Vorinstanz weiter, erklärt, man habe Z. ganz am Anfang getroffen,
als "H." gerade einmal fünf Tage bei ihnen gewesen sei und Angst vor allen Menschen
gehabt habe. Der Vorfall müsse allerdings zeitlich näher beim 6. Dezember 2012
gelegen haben und könne nicht Anfang Oktober 2012 passiert sein, da Z. von Schnee
gesprochen habe. Dies lasse wiederum den Rückschluss zu, dass "H." eben immer
noch ein aggressives Verhalten gehabt habe, weil er, was zugestanden sei, Angst vor
Menschen gehabt habe. Es sei kaum überzeugend, dass ein Hund, der erst Ende
September 2012 aus dem Tierheim geholt worden sei, bereits am 29. Oktober 2012 –
von diesem Tag datiere der im Übrigen auf den Ehemann von B. ausgestellte
Sachkundenachweis – über ein einwandfreies Verhalten verfügt haben solle. Eine
solche Anpassungsfähigkeit sei unwahrscheinlich und lasse sich auch nicht damit in
Einklang bringen, dass die Beklagte den Hund von C. habe halten lassen, weil diese
mehr Erfahrung gehabt habe. Sei nun schon aus den Bemerkungen der Hundehalterin
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darauf zu schliessen, dass der Hund Angst vor Menschen gehabt habe und nicht leicht
zu halten gewesen sei, erübrige sich, so die Vorinstanz, auch eine Einvernahme des
Tierarztes, um damit ein problemloses Verhalten des Hundes zu beweisen. Dieses
Beweismittel erweise sich dadurch als nicht tauglich. Die Vorinstanz erwog sodann,
dass wer sich einer Bäckerei an der Hauptstrasse eines belebten Dorfes morgens um
07.30 Uhr nähere, nicht mit einem plötzlich hervorschiessenden, bellenden und wohl
auch die Zähne fletschenden Hund rechnen müsse. Es fehle in dieser Situation an der
inneren Einstellung und Vorbereitung zu einem solchen Vorfall. Durch den Aufenthalt an
der fraglichen Stelle sei das Risiko, dass etwas geschehen könne, in ganz genereller
Weise erhöht worden, weshalb das Verhalten der Hundehalterin nicht als genügend
sorgfältig betrachtet werden könne. Weiter machte die Vorinstanz der Beklagten den
Vorwurf, diese habe den Hund nicht etwa an der Hausmauer platziert oder am Haken
angeleint, mit ganz wenig Spielraum. Passanten hätten dann wohl zwar das Bellen
gehört, aber der Anblick des die Zähne fletschenden Tieres hätte verhindert werden
können. Auch wenn gewiss kein gravierendes vorwerfbares Verhalten vorliege, so
gelinge der Beklagten der strenge und unzweifelhafte Nachweis der genügenden
Sorgfalt nicht.
cc) Die Beklagte moniert hinsichtlich der vorinstanzlichen Beweiswürdigung, diese
beruhe im Wesentlichen auf der Einvernahme der Zeugin Z., die den Hund nicht in der
fraglichen Situation habe beobachten können, sondern diesem in einem früheren
Zeitpunkt und in einem ganz anderen Zusammenhang begegnet sei. Die Beklagte
bestreitet, dass es sich bei "H." um einen besonders aggressiven oder
problematischen Hund handle, auch wenn dieser in jener Zeit noch jung gewesen und
eine gewisse Ängstlichkeit aufgewiesen habe. Sie wehrt sich dagegen, dass für den
Nachweis, dass der Hund aufgrund seines Charakters oder seines Verhaltens eine
besondere Gefahr dargestellt habe oder eine besondere Haltung erfordert hätte, allein
auf die Angaben der Zeugin Z. abgestellt werde, und beantragt erneut die Befragung
des Tierarztes Dr. med. vet. Y.. Weiter ist die Beklagte der Ansicht, die Forderung der
Vorinstanz auf Meidung von Orten mit entsprechender Menschenfrequenz überdehne
die zumutbare Sorgfalt von Art. 56 OR offensichtlich. Sie bestreitet, dass der Ort, an
dem sie sich aufgehalten habe, für "H." ungeeignet gewesen sei. Schliesslich hält sie
die Forderung der Vorinstanz, wonach "H." am Haken hätte festgemacht werden
müssen, für untauglich, da diese Massnahme nicht hätte verhindern können, dass der
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Hund unvermittelt und laut bellen und die Klägerin damit hätte erschrecken können. Sie
verweist darauf, dass die Platzierung eines Hundes kurz angeleint und direkt beim
Halter deshalb als besser einzustufen sei, weil der Halter – im vorliegenden Fall sogar
ihre mit Hunden besonders erfahrene Kollegin – stets unmittelbar reagieren und auf
den Hund Einfluss nehmen könne. So habe C. auch umgehend reagiert, als "H." zu
bellen begonnen habe, und diesen so zurückgehalten, dass er sich der
herankommenden Klägerin auf höchstens 7 bis 8 Meter habe nähern können. Die
Beklagte erachtet den Entlastungsbeweis deshalb für erbracht.
dd) Dem widerspricht die Klägerin. Sie wirft der Beklagten unsorgfältiges Handeln
vor. Denn bei einem vermeintlich bekanntermassen "ängstlichen" (gemeint offenbar auf
fremde Menschen aggressiv reagierenden) Tier sei es offensichtlich ungeeignet, sich
vor einem Ladengeschäft in einer Art und Weise aufzuhalten, dass das Tier
herannahende Personen einfach anspringen, unvermittelt anbellen und mit
Zähnefletschen ängstigen könne. Eine aufmerksame Tierhalterin hätte sich, wenn sie
sich überhaupt an einem solchen Ort mit dem Tier aufgehalten hätte, jedenfalls so
positioniert, dass sie bei Herannahen von Passanten den Hund am Halsband zu sich
gezogen und die herannahende Person darauf aufmerksam gemacht hätte, dass ein
Hund in der Nähe, aber auch sichtbar gut kontrolliert sei, so dass die Passantin sich,
auch wenn er bellen sollte, keine Sorgen machen müsste, weil er ersichtlich dicht von
ihr zurückgehalten werde. Vorliegend hätten die Halterin und ihre Hilfsperson es aber
zugelassen, dass der Hund aus unübersichtlicher Position in Richtung von
herannahenden Passanten habe hervorspringen und diese laut, giftig und
zähnefletschend anbellen können, sodass er anschliessend energisch habe
zurückgezogen und zurechtgewiesen werden müssen, was den bereits geschehenen
Unfall weder zu verhindern noch zu entschuldigen vermöge. Hinsichtlich des Vorwurfs,
der Hund sei nicht an einem Haken angebunden gewesen, schliesst sich die Klägerin
der Vorinstanz im Wesentlichen an.
c) Zunächst ist zu prüfen, ob gesetzliche oder reglementarische Vorschriften
bestimmte Sorgfaltspflichten statuieren, welche die Beklagte allenfalls nicht
eingehalten hat (vgl. lit. a hiervor).
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Art. 6 Hundegesetz (sGS 456.1) bestimmt, dass Hunde so zu halten sind, dass sie
Menschen und Tiere nicht gefährden oder belästigen und fremdes Eigentum nicht
beschädigen. Art. 7 Hundegesetz gibt den Gemeinden die Möglichkeit, weitere
Pflichten vorzusehen. Die Stadt U. hat in ihrem Polizeireglement vom 3. Juli 2008 in
den Art. 15 bis 17 Vorschriften zur Hundehaltung vorgesehen. Art. 15 bestimmt dabei
als Grundsatz (und in Übereinstimmung mit Art. 6 Hundegesetz), dass Hunde so zu
führen sind, dass sie weder sich selbst noch Dritte gefährden oder belästigen. Art. 16
regelt ein – vorliegend nicht relevantes – Betretungsverbot. Art. 17 sieht schliesslich
einen Leinenzwang an bestimmten Örtlichkeiten vor, so u.a. an verkehrsreichen
Strassen und in Fussgängerzonen.
Da "H." unbestrittenermassen an der Leine gehalten wurde, kann offenbleiben, ob
überhaupt eine Leinenpflicht für die relevante Örtlichkeit bestand. Das laute Bellen,
Hervorschnellen und Zähnezeigen stellt sodann wohl eine Belästigung i.S.v. Art. 6
Hundegesetz und Art. 15 Polizeireglement dar; diese Bestimmungen statuieren aber im
Vergleich zu Art. 56 OR keine konkrete bzw. besondere Sorgfaltspflicht. Private
Vorschriften, die eine Sorgfaltspflicht umschreiben, gegen welche die Beklagte
verstossen haben könnte, werden schliesslich von den Parteien nicht vorgebracht,
weshalb im Folgenden zu prüfen ist, welche Sorgfalt nach der Gesamtheit der
konkreten Umstände geboten war.
d) Der Vorwurf der Vorinstanz geht im Ergebnis dahin, dass "H." ein aggressiv auf
Menschen reagierender Hund (gewesen) sei, für den besondere Vorkehrungen hätten
getroffen werden müssen. Die Vorinstanz begründete die Aggressivität dabei damit,
dass die Beklagte selbst eingestanden habe, dass der Hund giftig bellen könne und,
als er aus dem Tierheim geholt worden sei, noch ängstlich auf Menschen reagiert habe.
Die Vorinstanz hielt für unwahrscheinlich, dass "H." in den etwas über zwei Monaten
zwischen dem Verlassen des Tierheims und dem Vorfall vom 6. Dezember 2012 in
dieser Hinsicht Fortschritte gemacht haben könnte. Sie stützte ihren Schluss im
Wesentlichen auch auf eine Schilderung der Zeugin Z., wonach "H." bei einem früheren
Spaziergang aggressiv reagiert habe und in der Leine gehangen sei, sodass sie selber
Angst gehabt habe. Da die Zeugin von Schnee sprach, gelangte die Vorinstanz zum
Schluss, dass dieser Vorfall näher am 6. Dezember 2012 gewesen sein müsse als
Anfang Oktober, wie dies die Beklagte und C. ausgesagt hätten. Aus diesen
bis
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Feststellungen folgerte die Vorinstanz, dass es sich bei "H." um einen aggressiven
Hund gehandelt haben müsse, und sie wies den Beweisantrag der Beklagten auf
Zeugeneinvernahme des Tierarztes Dr. Y. mit der Begründung ab, dass bereits aus den
Bemerkungen der Hundehalterin darauf zu schliessen sei, dass der Hund Angst vor
Menschen gehabt habe und nicht leicht zu halten gewesen sei.
Die Argumentation der Vorinstanz, auf die an dieser Stelle ergänzend verwiesen werden
kann, ist nachvollziehbar: "H." sprang am fraglichen Morgen unvermittelt, laut bellend
und die Zähne zeigend hinter der Reklametafel hervor, ohne dass Anhaltspunkte dafür
ersichtlich sind, was ihn ausser der herannahenden Klägerin zu diesem Verhalten hätte
veranlassen können. Allein schon dies ist ein deutlicher Beleg für ein ungewöhnliches
Verhalten des Hundes. Bestätigt wird diese Annahme durch die Zugeständnisse der
Beklagten und von C. bezüglich des (anfänglich) ängstlichen Reagierens von "H.", dem
die Beklagte denn auch damit Rechnung zu tragen versuchte, dass sie das Tier am
fraglichen Tag von der mit Hunden besonders erfahrenen C. führen liess. Dies
wiederum relativiert auch ihren Einwand, die Zeugin Z. habe "H." nicht an jenem
Morgen, sondern zu einem früheren Zeitpunkt und in einem ganz anderen
Zusammenhang beobachten können. Es ist zwar richtig, dass die Zeugin – anschaulich
und glaubhaft – einen anderen Vorfall an einem nicht datumsgenau festgestellten
Zeitpunkt schilderte, bei dem "H." aggressiv reagierte. Dieser Zeitpunkt lag aber, selbst
wenn sich der Vorfall früher ereignet hätte, nicht derart weit weg vom 6. Dezember
2012, dass angenommen werden könnte, der erst Ende September 2012 im Tierheim
abgeholte "H." habe sich in seinem Wesen bis zum 6. Dezember 2012 entscheidend
verändert – diesfalls hätte ja auch kein Bedarf bestanden, ihn durch C. führen zu lassen
–, und bei einer Begegnung nach dem 6. Dezember 2012 läge auf der Hand, dass das
Verhalten des Hundes schon am 6. Dezember 2012 so gewesen wäre, wie es die
Zeugin für den späteren Vorfall schilderte. Vor diesem Hintergrund muss davon
ausgegangen werden, "H." hätte in der Öffentlichkeit besonders sorgfältig "gehalten",
d.h. geführt und beaufsichtigt werden müssen, um seinen (aggressiven) Reaktionen
Rechnung zu tragen.
Den Beweis, von dieser Pflicht entlastet gewesen zu sein bzw. sie eingehalten zu
haben, vermag die Beklagte nicht zu erbringen: Sie beruft sich in diesem
Zusammenhang auf eine Befragung des Tierarztes Dr. Y.. In ihrer Klageantwort sowie
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der Stellungnahme zum Beweisergebnis erklärte sie hierzu, dass Dr. Y. den Hund nie
zähnefletschend erlebt und ihn als gut gehalten und gut trainiert beurteilt habe, der
Hund sei keineswegs aggressiv. Nicht bzw. erst im Berufungsverfahren und damit
verspätet zum Zeugnis angerufen wurde der Tierarzt dagegen für Auskünfte zu den
Charaktereigenschaften "H.'s" im Zeitpunkt des Vorfalls. Da feststeht, dass der Hund
beim zu beurteilenden Vorfall tatsächlich die Zähne gezeigt hat (E. III.1.c hiervor), ist die
Frage, ob Dr. Y. den Hund je zähnefletschend erlebt habe, nicht mehr relevant,
weshalb darüber kein Beweis abzunehmen ist. Darüber hinaus genügen die übrigen
(rechtzeitig) in der Klageantwort und der Stellungnahme zum Beweisergebnis
gemachten Ausführungen der Beklagten den Substantiierungsanforderungen, wonach
aus den einzelnen Beweisanträgen ersichtlich sein muss, welche Tatsachen damit
bewiesen werden sollen (vgl. Leuenberger/Uffer-Tobler, Schweizerisches
Zivilprozessrecht, N 11.6), nicht. Die Beklagte unterlässt es insbesondere, zu erklären,
wann, wie oft und zu welchem Zweck sie vor dem 6. Dezember 2012 beim Tierarzt
gewesen sei, und damit namentlich auch, bei welcher Gelegenheit der Tierarzt habe
feststellen können, dass "H." in der Öffentlichkeit nicht aggressiv reagiert habe.
Mangels ausreichender Substantiierung des Beweisantrags hat eine Befragung von
Dr. Y. daher zu unterbleiben und gelingt der Beklagten der Entlastungsbeweis, nämlich
dass es sich bei "H." um einen normalen, nicht besonders aggressiven Hund handelte,
für den mindestens bis zum Vorfall am 6. Dezember 2012 keine besonderen
Vorsichtsmassnahmen zu treffen waren, nicht. Die Beklagte hätte vielmehr besondere,
weitergehende Vorkehrungen treffen müssen. Dazu hätte bereits genügt, auf nahende
Fussgänger zu achten und "H." bei einem herankommenden Fussgänger am Halsband,
mindestens jedoch so kurz zu halten und ihn derart zu überwachen, dass ein
plötzliches Hervorschnellen ausgeschlossen gewesen wäre und ein unvermitteltes
lautes Bellen sofort hätte unterbunden werden können. Dies hat die Beklagte nicht
getan, weshalb sie grundsätzlich für den durch den Sturz bei der Klägerin verursachten
Schaden haftet.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Kantonsgericht, 08.06.2017 Art. 56 OR (SR 220): Ein natürlicher und adäquater Kausalzusammenhang liegt vor, wenn ein Hund laut bellt, unerwartet hervorschnellt und seine Zähne zeigt, sodass eine Person hierauf stürzt und sich verletzt. Eine Unterbrechung des adäquaten Kausalzusammenhangs durch das Verhalten der gestürzten Person ist zu verneinen, wenn nicht angenommen werden kann, dass sie wegen allenfalls ungeeigneter Schuhe auch dann gestürzt wäre, wenn der Hund nicht gebellt hätte. Entlastungsbeweis: Ein aggressiv auf Menschen reagierender Hund muss in der Öffentlichkeit besonders sorgfältig geführt und beaufsichtigt werden. Es genügt dabei nicht, diesen an der Leine zu halten, sodass er zwar sofort kontrolliert werden, aber immer noch bei Herannahen von Fussgängern plötzlich hervorschnellen und laut bellen kann (Kantonsgericht, III. Zivilkammer, 8. Juni 2017, BO.2016.8).
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