Decision ID: b24a3a2c-6900-5cde-92de-e1fc77c57181
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – sri-lankischer Staatsagehöriger tamilischer Ethnie
und römisch-katholischen Glaubens – verliess gemäss eigenen Angaben
sein Heimatland auf dem Luftweg mit seinem eigenen Reisepass und ei-
nem Visum für Russland im März 2018 und gelangte über die Arabischen
Emirate und Baku (Azerbaidschan) nach Moskau, wo er sich drei Monate
lang aufhielt. Anschliessend reiste er auf dem Landweg weiter in die Ukra-
ine, wo er sich weitere drei Monate lang aufhielt. Am 24. Oktober 2018
gelangte er über ihm nicht bekannte Länder in die Schweiz und stellte am
Folgetag ein Asylgesuch.
B.
Am 2. November 2018 wurde die Befragung zur Person (BzP) durchgeführt
(vgl. Akte A4).
Zu seinen persönlichen Verhältnissen trug er dort vor, er sei in B._,
Distrikt Mannar (Nord-Provinz) geboren. seine Eltern und zwei jüngere
Schwestern würden in C._ und zwei Brüder in Colombo leben; ein
weiterer Bruder lebe in Kanada. Weitere Verwandte seiner Eltern würden
ebenfalls im Heimatland wohnen. Er habe die O- und A-Level Prüfungen
bestanden und im Jahr 2016 ein (...)management-Kurs «(...)» in
D._, einer singhalesisch dominierten Stadt, absolviert. Er habe nie
gearbeitet.
Am 27. November 2016, am Märtyrertag für die Befreiungstiger (LTTE;
Liberation Tigers of Tamil Eelam) habe er zusammen mit weiteren Perso-
nen auf dem Universitätscampus, an welchem auch tamilische Studenten
ausgebildet worden seien, Öllampen angezündet. Dabei seien sie von den
singhalesischen Studenten und Armeeangehörigen tätlich angegriffen wor-
den. Er habe dabei insbesondere schwere (...)verletzungen erlitten. Ein
Fahrer habe sein Leben gerettet. Er sei zur Behandlung seiner Verletzun-
gen zuerst in eine Privatpraxis gegangen, für die Operation habe er sich
dann in ein Spital begeben. Im April 2017 sei sein (...) operiert worden.
Nach dieser Operation habe er sich vier Monate lang bei einem Bekannten,
den er «Onkel» nenne, in Colombo aufgehalten. Anschliessend sei er nach
C._ zurückgekehrt. Am 24. November 2017, sei er neben einem
Spielplatz vom CID (Criminal Investigation Department) verhaftet und mit
einem Jeep in ein Dschungel-Camp gebracht worden, wo er zwei Tage lang
eingesperrt und dabei gefoltert worden sei. Entsprechende Folterspuren
E-5310/2020
Seite 3
an seinem (...) seien noch heute sichtbar. Die CID-Beamten hätten ihn ver-
dächtigt, auch inskünftig solche Öllampen anzünden zu wollen. Für seine
Freilassung habe seine Mutter 500'000 Rupien bezahlt, worauf er wiede-
rum zum Spielplatz verbracht und auf freien Fuss gesetzt worden sei. Man
habe ihm aber verboten, sich in ein Spital zu begeben. Er habe sich in der
Folge durch einen Privatarzt behandeln lassen müssen. Danach seien je-
weils drei bewaffnete Beamte einmal im Monat zu Hause erschienen und
hätten seine dortige Anwesenheit kontrolliert, ihn bedrängt und bedroht.
Vor Weihnachten 2017 sei er wiederum nach Colombo gegangen und im
Januar 2018 nach C._ zurückgekehrt, bis er im März 2018 Sri
Lanka verlassen habe.
Vor seiner Teilnahme an der Märtyrer-Zeremonie habe er keine Probleme
gehabt. Er habe sich abgesehen von diesem Ereignis nie politisch betätigt
und er habe nie Probleme mit den sri-lankischen Behörden gehabt.
Er habe zwei Reisepässe besessen; sein erster Pass sei verloren gegan-
gen; den zweiten habe er sich Ende 2017 ausstellen lassen. In der Ukraine
sei sein Reisepass und seine Identitätskarte von uniformierten, vermumm-
ten Personen vernichtet worden.
C.
Am 22. Oktober 2019 wurde der Beschwerdeführer einlässlich zu den Asyl-
gründen angehört und trug Folgendes vor:
Er habe im fünften Lebensjahr die Schule angefangen und habe bis 2015
den Unterricht besucht. Er habe von Geburt bis 2015 in
E._/C._ gelebt; danach sei er nach F._/G._
gegangen. Nach Abschluss seines Management-Kurses habe er im Jahr
2017 drei Monate lang in C._ in der (...) gearbeitet. Er sei dann mit
seinen Brüdern nach Colombo gegangen und habe vom 20. Dezember
2017 bis zum 15. Dezember 2018 respektive bis zum 15. Januar 2018 dort
gelebt.
Weder er noch seine Familie seien politisch tätig gewesen. Er habe nur
karitative Arbeiten durchgeführt, indem er in seinem Dorf Nahrungsmittel
besorgt und an die Kriegsverletzten verteilt habe.
Seiner Familie sei es finanziell gut gegangen; sie habe vom (...) gelebt.
E-5310/2020
Seite 4
An der (...) Schule in G._ seien etwa 40 tamilische und 180 singha-
lesische Studenten ausgebildet worden. Als er mit weiteren tamilischen
Kommilitonen am 27. November 2016 das tamilische Märtyrer-Fest gefei-
ert habe, sei er auf einen Turm geklettert und habe auf deren Spitze eine
Laterne angezündet. Als sie von den singhalesischen Studenten und von
Militärangehörigen attackiert und später auch von Dorfbewohnern geschla-
gen worden seien, seien seine Mitstudenten davongerannt. Weil er von der
Turmspitze aus nicht habe fliehen können, sei er als «Chef» der Veranstal-
tung betrachtet worden. Weil auch ein Pfarrer geschlagen worden sei,
seien nach dem Übergriff weitere Geistliche erschienen; deshalb seien die
Teilnehmenden nicht weiter misshandelt und verhaftet worden. Er habe
beim Übergriff Verletzungen an den (...), am rechten (...) und am rechten
(...) erlitten. Als die Schulleitung die Verletzten ins Spital habe bringen wol-
len, sei dies nicht zugelassen worden. Der Beschwerdeführer sei von ei-
nem Pfarrer mit seinem eigenen Fahrzeug in ein Privatspital respektive
zum Bürgerspital verbracht worden, wo sein (...) genäht worden sei. Als
seine Familie ihn habe besuchen wollen, sei sie von CID-Angehörigen be-
droht worden. Danach habe sich der Beschwerdeführer zu Hause aufge-
halten. Jeden Monat seien drei Personen in Uniform respektive in Zivilklei-
dung erschienen und hätten ihn befragt. Seine (...)operation sei im Januar
2017 erfolgt (der Beschwerdeführer korrigiert dabei explizit seine Angabe
bei der BzP, bei welcher er diesen ärztlichen Eingriff mit März 2017 [recte:
April 2017] datierte). Nach dieser Operation sei er zu Hause gewesen und
sei weiterhin von den Behörden befragt worden. Auch seine Brüder seien
bei der Arbeit angehalten und befragt worden. Zwischen dem 27. Novem-
ber 2016 und dem 24. November 2017 habe er kein friedliches Leben füh-
ren können; er habe stets zwischen seinem Haus und dem Haus seiner
Grossmutter gependelt; er habe nicht in die Stadt gehen dürfen und im
Versteckten leben müssen.
Als er am 27. November 2017 zu einem Spielplatz gegangen sei, sei ein
weisser Van erschienen. Er sei von den vier Fahrzeuginsassen entführt
und zu einem Militärcamp im Wald Richtung H._ verbracht worden.
Dort sei er in einem unterirdischen Raum misshandelt und namentlich an
beiden (...) gefoltert worden. Er sei ausgezogen worden und habe nichts
zu essen bekommen. Seine Peiniger seien dieselben CID-Leute gewesen,
die ihn auch zu Hause aufgesucht und befragt hätten. Diese hätten ihm
vorgeworfen, dass er auch im Jahr 2017 den Märtyrer-Tag habe durchfüh-
ren wollen. Seine Familienangehörigen seien von weiteren am Spitalplatz
Anwesenden orientiert worden, worauf diese sich zum CID begeben und
E-5310/2020
Seite 5
die Zuständigen um die Freilassung des Beschwerdeführers angefleht hät-
ten. Sein Vater habe im CID-Büro in I._ 500'000 Rupien bezahlt;
danach sei der Beschwerdeführer zunächst weiter geschlagen, aber nach
zwei Tagen mit dem gleichen Fahrzeug wieder zum Spielplatz gefahren
und freigelassen worden. Seine Eltern hätten ihn zu einem Spital gebracht.
Seine gebrochenen Knochen seien behandelt und die Wunden vernäht
worden. Anschliessend habe die Familie am 10. Dezember 2017 bei der
Menschenrechtsorganisation eine Beschwerde eingereicht und dort die
Originaldokumente des Spitals deponiert. Die Organisation habe am 12.
Dezember 2017 die Beschwerde bestätigt. Aus Angst hätten weder er noch
seine Familienangehörigen sich an anderweitige staatliche Behörden ge-
wandt. Nachdem die Beschwerde bei der Menschenrechtsorganisation
eingereicht worden sei, seien die CID-Leute lediglich nach Hause gekom-
men und hätten Erkundigungen eingeholt, weil sie von der Menschen-
rechtsorganisation überwacht worden seien und Angst gehabt hätten. Die
CID-Angehörigen seien wütend auf ihn geworden und hätten ihn töten wol-
len, weil er an einem singhalesischen Ort Laternen für (tamilische) Märtyrer
angezündet habe.
Sein letzter Kontakt mit den sri-lankischen Behörden sei gewesen, als er
am 27. November 2016 vom CID mitgenommen und geschlagen respek-
tive nachdem er vom Spital entlassen worden sei. Vor seiner Ausreise aus
Sri Lanka sei er einmal von Colombo nach C._ gegangen. Die CID-
Leute hätten dies erfahren und ihn zu Hause gesucht; er sei dabei nicht
angetroffen worden, weil er sich bei seiner Grossmutter aufgehalten habe.
Weil er in den letzten drei Monaten vor seiner Entführung nicht angetroffen
worden sei, sei er von den CID-Leuten am 24. November 2017 mitgenom-
men und gefoltert worden. Auch danach, nach seinem Spitalaustritt, hätten
diese Leute ihn zu Hause aufgesucht; als sie gesehen hätten, dass er we-
gen seinen Verletzungen bettlägerig gewesen sei, seien sie wieder gegan-
gen. Danach sei er mit seinen Brüdern nach Colombo gegangen und habe
die CID-Leute nicht mehr gesehen.
Nachdem er Sri Lanka verlassen habe, seien die gleichen CID-Personen
wieder nach Hause gekommen und hätten seine Familie befragt. Weil
seine Angehörigen jedes Mal geweint hätten, seien die CID-Leute nach ei-
niger Zeit nicht mehr erschienen. Seine (Bank-) Konten seien gesperrt wor-
den. Im September 2019 seien die CID-Leute wieder bei seiner Familie
erschienen und hätten seine Angehörigen befragt. Dabei sei auch eine
E-5310/2020
Seite 6
Sendung mit Beweismitteln für den Beschwerdeführer beschlagnahmt wor-
den. Sein Vater habe sich diesbezüglich bei der sri-lankischen Post be-
schwert.
Bei einer Rückkehr nach Sri Lanka befürchte er, bereits am Flughafen ge-
fasst und getötet zu werden.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer folgende Do-
kumente (der wesentliche Inhalt wird in Klammern aufgeführt) in Farbko-
pien ein:
- Beweismittel (BM) Nr. 1: fremdsprachiges Dokument mit Briefkopf «Hu-
man Rights Commission of Sri Lanka», «Complaint No HRC(...)» und
Anschrift «J._», mit Ausstellungsdatum 12. Dezember 2017 und
englischsprachiger Eingangsbestätigung gleichen Datums; sowie:
fremdsprachiges Schreiben datiert mit 10. Dezember 2017 und Stem-
pel «H.R.C.S.L. Received 12 Dec 2017, Regional Center (...)»;
- BM Nr. 2: Schreiben des «(...) Commitee (...) District», unterzeichnet
von deren Präsidenten, datiert 26. Dezember 2018;
- BM Nr. 3: Schreiben des Vaters des Beschwerdeführers an den
«Grama Niladhari» (Dorfvorsteher) in C._, datiert
«2017.02.20»;
- BM Nr. 4: Schreiben des «Justice of the Peace» von C._, datiert
28. Dezember 2018;
- BM Nr. 5: Anwaltsschreiben datiert 1. Dezember 2018, ausgestellt von
K._, LL.B. in C._;
- BM Nr. 6: Schreiben von L._, «Member of Parliament,
M._ District; Tamil National Alliance», ausgestellt am 5. Novem-
ber 2018;
- BM Nr. 7: Schreiben der «(...)», datiert 10. Dezember 2018;
- BM Nr. 8: Schreiben der «(...), (...)», datiert 10. Dezember 2018;
- BM Nr. 9: Schreiben des «Justice of Peace; (...)» von C._, un-
datiert;
E-5310/2020
Seite 7
- BM Nr. 10: Lieferschein und Bestätigung der sri-lankischen Post, datiert
22. November 2019;
- BM Nr. 11: fremdsprachiges Schreiben mit Briefkopf «Human Rights
Commission of Sri Lanka», «Complaint No HRC/(...)» und Anschrift
«J._», datiert 9. September 2019, mit englischsprachiger Ein-
gangsbestätigung gleichen Datums;
- BM Nr. 12: fremdsprachiges Schreiben datiert mit 8. September 2019
und Stempel «H.R.C.S.L. Received 09 Sep 2019, Regional Center
(...)»;
- BM Nr. 13: Schreiben der «(...)», datiert 8. November 2019;
- BM Nr. 14: fremdsprachiges Geburtszertifikat mit amtlicher Beglaubi-
gung und Übersetzung;
- BM Nr. 15: Schreiben der «(...), (...)», datiert 14. November 2019;
- BM Nr. 16: Schreiben des Vaters an die Human Rights Commission in
N._, datiert 8. September 2019;
- BM Nr. 17: Schulunterlagen (O-Level respektive A-Level-Prüfungsno-
ten sowie Schuldokumente des «[...] Training Centre», «[...]» sowie
«[...] College»);
- BM Nr. 18: Ein-/Austrittsbestätigung des (...) Hospital in O._,
Department of Ophthalmology, datiert 18. Januar 2017;
- BM Nr. 19: Dokument mit Titel: «Eye Clinic (...), Department of Oph-
thalmology, (...) Hospital C._;
- BM Nr. 20: Dokument mit Titel: “Department of Ophthalmology (...)
Hospital O._;
- BM Nr. 21: Dokument mit Titel «(...) Eye Hospital», mit Datum «23/12»
- BM Nr. 22: Dokumente «Registered Postal Article Receipt» respektive
«Registered Article Inquiry», Datierung unleserlich;
E-5310/2020
Seite 8
- Zustellcouvert mit Stempeln der sri-lankischen Post;
- Kopie Identitätskarte No. (...)».
D.
Mit Verfügung vom 25. September 2020 – eröffnet am 28. September 2020
– lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers mangels Glaub-
haftigkeit und Asylrelevanz seiner Vorbringen ab, ordnete seine Wegwei-
sung aus der Schweiz an und verfügte den Wegweisungsvollzug.
Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, beim Sachverhalts-
vortrag des Beschwerdeführers handle es sich offensichtlich um ein Kon-
strukt. Seine Schilderungen anlässlich der BzP und der Anhörung würden
sich in zahlreichen wesentlichen Punkten unterscheiden.
Im Weiteren sei es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, substanziierte,
anschauliche und lebensnahe Angaben zur angeblichen Festnahme beim
Spielfeld, zum Weg zum Dschungelcamp und zu den Umständen seiner
Entführung, zu machen; seine Angaben seien teilweise auch abwegig.
An diesen Einschätzungen würden auch die eingereichten Beweismittel
nicht zu ändern vermögen.
Der Wegweisungsvollzug wurde vom SEM als zulässig, zumutbar und
möglich eingestuft.
E.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 28. Oktober 2020 liess der Be-
schwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und
beantragen, die Verfügung der Vorinstanz sei vollumfänglich aufzuheben;
eventualiter sei die Unzulässigkeit, allenfalls die Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzuges festzustellen und die vorläufige Aufnahme des Be-
schwerdeführers zu gewähren.
In prozessualer Hinsicht wurde die unentgeltliche Rechtspflege unter Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie die Beiordnung ei-
ner amtlichen Rechtsbeiständin beantragt.
Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, das SEM habe auf
illegitime Weise die Unstimmigkeiten innerhalb der Angaben des Be-
schwerdeführers gewichtet.
E-5310/2020
Seite 9
Der Beschwerdeführer sei widerrechtlich verhaftet und gefoltert worden; er
habe daher Vorfluchtgründe. Zudem erfülle er mehrere Risikofaktoren im
Sinne des vom SEM zitierten Referenzurteils: er sei bereits inhaftiert wor-
den wegen des Verdachts auf Wiederaufleben der tamilischen Bewegung;
seine Familie sei auch nach seiner Ausreise schikaniert und befragt wor-
den und er weise sichtbare Narben auf. Im Falle einer Rückkehr nach Sri
Lanka sei er auch wegen der rechtswidrigen Vorgehensweise des Rajapa-
ksa-Clans gegen jegliche Gegner gefährdet; seine Rückschaffung sei we-
der zulässig noch zumutbar.
Auf die weitere Begründung wird in den Erwägungen eingegangen.
Der Beschwerde wurden zwei Farbfotos (Abbildung von angeblichen Kör-
pernarben am [...] respektive [...]), eine Sozialhilfebestätigung der (...) vom
19.Oktober 2020 sowie eine Kostennote der Rechtsvertreterin, eingereicht.
F.
Mit Zwischenverfügungen vom 30. Oktober und 3. Dezember 2020 hielt
das Bundesverwaltungsgericht fest, der Beschwerdeführer könne den Aus-
gang des Asylverfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeit wurde das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege inklusive
Rechtsverbeiständung gutgeheissen und MLaw Cora Dubach, (...), als
amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt. Die Verfahrensakten wurden dem
SEM zur Vernehmlassung überwiesen.
G.
Mit Vernehmlassung vom 17. Dezember 2020 hielt das SEM ohne weitere
Ergänzungen an seinen bisherigen Erwägungen fest.
Diese Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 21. Dezember
2020 zur Kenntnis gegeben.
H.
Mit Eingabe vom 5. Januar 2021 liess der Beschwerdeführer zwei weitere
Beweismittel (Zeugenaussagen von P._ und Q._, beide aus
C._), nachreichen. In diesen Schreiben bestätigen die Genannten,
dass der Beschwerdeführer am 24. November 2017 vom Sportplatz in
E._ von Personen in einem weissen «Kleinbus» mitgenommen
worden sei.
E-5310/2020
Seite 10

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das vorliegende Verfahren richtet sich nach altem Recht (Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG [SR 142.31] vom
25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83) ist unverändert vom AuG ins AIG übernommen wor-
den.
1.3 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.4 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Die Vorinstanz stellt sich in ihrem Asylentscheid auf den Standpunkt,
die Sachverhaltsdarstellungen des Beschwerdeführers enthielten mehrere
gravierende Widersprüche innerhalb seiner Kernasylvorbringen; es sei von
E-5310/2020
Seite 11
einem Konstrukt auszugehen. Es sei ihm folglich nicht gelungen, eine ge-
zielte und nachhaltige Verfolgung im Heimatstaat glaubhaft zu machen.
Er habe namentlich zu den Umständen, wie er am 24. November 2017 von
CID-Mitgliedern entführt und in ein Dschungelcamp sowie zum Zeitpunkt
seiner letzten Kontakte mit den heimatlichen Behörden widersprüchliche
Angaben gemacht. Bei der Konfrontation mit diesen Widersprüchen habe
er keine schlüssigen Erklärungen abgegeben. Im Weiteren würden seine
Angaben zur medizinischen Behandlung nicht übereinstimmen. Als er mit
diesen unterschiedlichen Angaben konfrontiert worden sei, habe er sich in
weitere Unstimmigkeiten verstrickt. Seine Vorbringen seien auch in chro-
nologischer Hinsicht ungereimt; auch hier hätten auf Vorhalt hin seine Er-
klärungsversuche weitere Widersprüche geschaffen.
Seine Angaben enthielten auch inhaltlich abwegige Elemente. Es sei
schwer nachvollziehbar, weshalb das CID im behaupteten, intensiven Aus-
mass ein Verfolgungsinteresse am Beschwerdeführer gehabt haben solle,
alleine aufgrund dessen Anzündens von Lampen am Heldengedenktag. Es
sei unlogisch, dass dieser als einziger an der Feier Teilnehmenden Prob-
leme bekommen habe. Realitätsfremd sei auch, dass er im März 2018 über
den Flughafen Colombo mit einem gültigen Reisepass habe ausreisen
können.
An diesen Einschätzungen würden auch die eingereichten Beweismittel
nicht zu ändern vermögen. Für das Vorbringen, die Familienkonten seien
aufgrund der gegen den Beschwerdeführer gerichteten Massnahmen im
Auftrag der heimatlichen Behörden gesperrt worden, seien keine geeigne-
ten Belege zu den Akten gereicht worden.
Es sei auch nicht davon auszugehen, dass beim Beschwerdeführer Risi-
kofaktoren im Sinne des Referenzurteils des Bundesverwaltungsgerichts
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 vorliegen würden. Er habe keine Vorflucht-
gründe glaubhaft gemacht. Vielmehr sei er nach Kriegsende noch knapp
neun Jahre, bis März 2018, im Heimatstaat verblieben. Aufgrund der Ak-
tenlage sei nicht ersichtlich, weshalb der Beschwerdeführer bei einer Rück-
kehr nach Sri Lanka in den Fokus der heimatlichen Behörden geraten und
in asylrelevanter Weise verfolgt werden solle. Auch die im November 2019
erfolgte Präsidentschaftswahl vermöge an diesen Feststellungen nichts zu
ändern.
E-5310/2020
Seite 12
Der Wegweisungsvollzug sei unter Verweis auf das Beziehungsnetz des
Beschwerdeführers und dessen gute Ausbildung im (...) und seiner Berufs-
erfahrung (...) als zulässig, zumutbar und möglich zu bezeichnen. Auch die
weltweit herrschende Covid-19-Pandemie stehe einem Wegweisungsvoll-
zug nicht entgegen.
3.2 In der Beschwerdeschrift wird der Sachverhaltsvortrag chronologisch
geordnet dargelegt und von der Rechtsvertreterin mit ergänzenden Aus-
führungen nochmals erläutert.
Zudem wurde vorgetragen, das SEM habe die widersprüchlichen Angaben
des Beschwerdeführers in der BzP und der Anhörung falsch gewichtet. Die
Übersetzung gewisser Ausdrucksformen des Beschwerdeführers seien
dem Geschilderten nicht gerecht geworden. Während der Anhörung sei es
zu Unklarheiten über die medizinischen Behandlungen gekommen. Bei der
zeitlichen Diskrepanz in den Angaben über den Zeitpunkt der (...)operation
und dem weiteren Verlauf der Genesung handle es sich lediglich um eine
Zeitspanne von vier Monaten, was vernachlässigbar sei. Im Weiteren seien
die Lebensgeschichte und die Vorbringen detailliert und emotional vorge-
tragen und zahlreiche Beweismittel eingereicht worden, die den Sachver-
haltsvortrag als glaubhaft erscheinen liessen. Das geschilderte Verhalten
des Beschwerdeführers sei nicht als unlogisch zu bewerten. Da die neue
Regierung von Gotabaya Rajapaksa die Feindseligkeiten gegen die tamili-
sche Ethnie pflege, sei die Dauer und das Ausmass des Interesses des
CID am Beschwerdeführer nachvollziehbar. Dieser habe für die Machtha-
ber eine Bedrohung für die öffentliche Sicherheit dargestellt. Die Verfol-
gungsmassnahmen gegen ihn seien gezielt erfolgt und kausal für seine
Flucht gewesen.
Es sei dem Beschwerdeführer aufgrund der noch nicht digitalisierten Büro-
kratie in Sri Lanka durchaus möglich gewesen, einen Reisepass zu erhal-
ten. Beim Grenzübertritt sei zudem Bestechungsgeld an die Grenzwächter
und das Flughafenpersonal bezahlt worden; er habe dennoch mit einer
Verhaftung rechnen müssen. Nachdem die Familie mehrmals behördlich
aufgesucht und angehalten worden sei, sei er im Falle einer Rückkehr sehr
wohl einer Verfolgung ausgesetzt.
Es liege aufgrund der illegalen Verhaftung und der erlittenen Folterungen
eine Vorverfolgung vor. Er erfülle zudem mehrere Risikofaktoren im Sinne
des vom SEM zitierten Referenzurteils: Er sei bereits wegen des Verdachts
E-5310/2020
Seite 13
auf Wiederaufleben der tamilischen Bewegung inhaftiert worden; seine Fa-
milie sei auch nach seiner Ausreise schikaniert und befragt worden und er
weise sichtbare Narben auf. Die diesbezügliche Erwägung des SEM, die
lediglich einen Satz beinhaltet habe, sei unzureichend.
Eine Rückschaffung des Beschwerdeführers sei weder zulässig noch zu-
mutbar. Dieser müsse angesichts der bekannten, dreisten Vorgehensweise
des Rajapaksa-Clans mit einer erneuten Verhaftung rechnen und sein psy-
chischer Zustand würde sich verschlechtern. Hinzu komme, dass er bereits
wegen seiner (...)operation und (...)beschwerden an starken Schmerzen
leide.
Mit der Eingabe vom 5. Januar 2021 werden zwei weitere Beweismittel,
zwei Zeugenaussagen von Personen nachgereicht, welche ihrerseits be-
stätigen, dass der Beschwerdeführer am 24. November 2017 vom Sport-
platz in E._ in einem weissen «Kleinbus» abgeführt worden seien.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei stän-
diger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (BVGE 2015/3 E. 6.5.1;
vgl. auch Urteil des BVGer D-2282/2018 vom 5. April 2019 E. 5.1).
5.
E-5310/2020
Seite 14
5.1 Nach Durchsicht der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zur
Auffassung, dass die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des
Beschwerdeführers verneint und folglich das Asylgesuch abgewiesen hat.
Das Gericht bestätigt die Einschätzung des SEM, wonach es sich beim
Sachverhaltsvortrag des Beschwerdeführers im Wesentlichen um ein Kon-
strukt handelt. Im Grundsatz ist zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen
auf die ausführlichen Erwägungen im angefochtenen Entscheid zu verwei-
sen. Ergänzend ist auf Folgendes hinzuweisen:
5.2 Die Abgaben des Beschwerdeführers in der BzP und der einlässlichen
Anhörungen enthalten in Kernelementen der Asylvorbringen massive Wi-
dersprüche:
5.2.1 Der Beschwerdeführer schilderte namentlich die Umstände seiner
Entführung durch CID-Mitglieder am 24. November 2017 unterschiedlich:
In der BzP gab er an, er sei mit einem «Jeep» ins Camp gefahren worden
(Akte A4, Ziffer 7.01). Demgegenüber trug er bei der Anhörung am 22. Ok-
tober 2019, im Rahmen seines freien Berichts (vgl. A12, Antwort 33) vor, er
sei von Personen in einem «weissen Van» entführt worden (Akte A12, Ant-
wort 33).
5.2.1.1 Im sri-lankischen Länderkontext sind Entführungen durch Perso-
nen in einem weissen Van («white van abductions») ein bekanntes Phäno-
men. Das OHCHR (Office of the High Commissioner for Human Rights)
beschreibt diese Praxis des Verschwinden-Lassens oder Entführens mit
weissen Lieferwagen in ihrem Bericht vom September 2015 (vgl. UN Hu-
man Rights Council, Report of the OHCHR Investigation on Sri Lanka
[OISL] [A/HRC/30/CRP.2], 16.09.2015, abrufbar auf
http://www.refworld.org/docid/55ffb1d04.htm). Auch das US Department of
State hält in seinem Bericht vom 25. Juni 2015 dieses Vorgehen fest (vgl.
U.S. Department of State, Report of Huma Rights Practices 2014 – Sri
Lanka, 25.06.2015, http://www.state.gov/j/drl/rls/hrrpt/humanrightsre-
port/index.htm?year=2014&dlid=236650). In den internationalen Medien
ist mehrfach über diese Vorgehensweise der sri-lankischen Behörden be-
richtet worden (vgl: New York Times (NYT) vom 7. November 2006: Kid-
nappings Haunt Long War in Sri Lanka, https://www.ny-
times.com/2006/11/07/world/asia/07lanka.html; British Broadcasting Com-
pany (BBC) News vom 14.3.2012: Sri Lanka’s sinister white van abduc-
tions, https://www.bbc.com/news/world-asia-17356575, sowie Neue Zür-
cher Zeitung (NZZ) vom 13.8.2016: Ein Schrittchen hin zur Aussöhnung,
E-5310/2020
Seite 15
https://www.nzz.ch/international/asien-und-pazifik/vergangenheitsbewael-
tigung-in-sri-lanka-ein-schrittchen-hin-zur-aussoehnung-ld.110748?re-
duced=true, alle abgerufen am 24.11.2021).
5.2.1.2 Das vom Beschwerdeführer in der BzP als «Jeep» beschriebene
Fahrzeug unterscheidet sich vom Erscheinungsbild als offenes Gelände-
fahrzeug offensichtlich von einem geschlossenen, weissen Transport-Van
im Sinne der zitierten Berichte. Gerade im sri-lankischen Kontext erscheint
es deshalb nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer bei der BzP
von einem «Jeep» spricht, wenn er in der Tat von einem weissen Trans-
port-Van abgeführt worden wäre. Bei dieser Diskrepanz in den Schilderun-
gen handelt es sich nach Auffassung des Gerichts um ein stark gegen die
Glaubhaftigkeit des Vorbringens sprechendes Indiz. Entgegen der in der
Rechtsmitteleingabe vertretenen Auffassung wurde dieser gravierende Wi-
derspruch zu Recht vom SEM bei der Würdigung des Asylgesuches als
relevantes Unglaubhaftigkeitselement herangezogen. Von einer illegitimen
Gewichtung von Widersprüchen (vgl. Beschwerde, Ziffer 20), kann daher
keine Rede sein und es liegt kein bloss vernachlässigbarer Widerspruch
vor, wie dies in der Beschwerde (Ziffer 20 und 22) behauptet wird. Es be-
stehen deshalb bereits erhebliche Zweifel am Wahrheitsgehalt der Schil-
derungen zur angeblichen Entführung.
5.2.2 Hinzu kommt, dass der Beschwerdeführer auch die weiteren Um-
stände seiner angeblichen Entführung und die damit einhergehenden Kon-
takte mit dem CID unterschiedlich darlegte. Während seiner Anhörung gab
er einerseits zu Protokoll, sein letzter Kontakt mit den sri-lankischen Be-
hörden sei erfolgt, als er von den CID-Leuten aus seiner Entführung im
November 2017 beim Spielplatz entlassen worden sei (Akte A12, Antwort
44). Im späteren Verlauf derselben Anhörung gab er demgegenüber an, er
sei etwa zehn Tage nach seiner Entlassung aus dem Spital (nach den er-
littenen Misshandlungen) zu Hause ein letztes Mal aufgesucht worden (vgl.
A12, Antworten 45 und 79). Nachdem er mit diesen Divergenzen innerhalb
seiner Schilderungen konfrontiert wurde, war er nicht in der Lage, die an-
gesprochenen Widersprüche plausibel aufzuklären (A12, Antwort 78ff.).
5.2.3 Auch die Schilderungen zum Ablauf der dem Beschwerdeführer ge-
währten medizinischen Behandlungen weichen im wesentlichen Teilen
voneinander ab. Bei der BzP gab er diesbezüglich an, die CID-Leute hät-
ten ihm nach der Freilassung aus dem Militärcamp trotz seinen schweren
Verletzungen verboten, sich ins Spital zu begeben, weshalb er sich von
E-5310/2020
Seite 16
einem privaten Arzt habe behandeln lassen (Akte A4, Ziffer 7.01, S. 7 un-
ten). Demgegenüber trug er bei der Anhörung im Rahmen seines freien
Berichts vor, er sei nach der Freilassung von den Eltern in ein Spital ver-
bracht worden, wo seine Verletzungen «mit Stichen» genäht worden seien
(Akte A12, Antwort 33, S. 7). Nach der Konfrontation mit diesen Unstim-
migkeiten verstrickte sich der Beschwerdeführer in weitere Widersprüche,
indem er einerseits vortrug, er sei zunächst von den Eltern in ein Privatspi-
tal gefahren worden; weil keine Polizeimeldung vorgelegen habe, sei er
anschliessend ins Bürgerspital gegangen (Akte A12, Antwort 80). Anderer-
seits gab er an, im Privatspital habe der Arzt ihn untersucht und ihm gesagt,
er könne ihn im Spital nicht behandeln; seine Familie solle ihn ins Bürger-
spital bringen (A12, Antwort 83). In der Rechtsmitteleingabe wird ausge-
führt, die Verletzungen des Beschwerdeführers seien aufgrund der (be-
schränkten) Ressourcen im Privatspital nicht behandelbar gewesen (vgl.
Ziffer 12). Dieser Erklärungsversuch erweist sich jedoch als unbehelflich,
da er mit den eigenen Angaben des Beschwerdeführers nicht überein-
stimmt, wonach er wegen der fehlenden Polizeianzeige nicht habe behan-
delt werden können.
5.2.4 Das SEM hat zutreffend auch auf mehrere Divergenzen bei der zeit-
lichen Abfolge der vom Beschwerdeführer geschilderten Ereignisse hinge-
wiesen: In der BzP gab der Beschwerdeführer an, er sei im April 2017 in
Jaffna am (...) operiert worden; anschliessend habe er eine Woche im Spi-
tal verbracht; nach der Operation sei er etwa vier Monate lang zu einem
nicht blutsverwandten «Onkel» nach Colombo gegangen (A4, Ziffer 7.01).
Seinen Angaben bei der Anhörung zufolge soll die Augenoperation in
Jaffna im Januar 2017 durchgeführt worden sein. Nach diesem Eingriff
habe er einige Zeit zu Hause verbracht; während dieser Zeit sei er zu
Hause von den CID-Leute aufgesucht und befragt worden (vgl. A12, Ant-
wort 33, S. 6 Mitte). Der Beschwerdeführer hat zwar in der Anhörung seine
bei der BzP deponierten Angaben zum Zeitpunkt seiner (...)operation zu
berichtigen versucht, jedoch dabei eine neue Unstimmigkeit geschaffen,
indem er von «März» statt April 2017 sprach (vgl. A12, Antwort 33 Mitte),
ohne eine plausible Erklärung dafür zu geben, weshalb er bei der BzP von
einem operativen Eingriff im Frühjahr 2017 berichtete.
In der Beschwerde wird erklärt, bei diesen Zeitangaben bestehe lediglich
eine Diskrepanz von vier Monaten, was vernachlässigbar sei respektive
nicht zu stark gewichtet werden dürfe (vgl. Ziffer 25). Mit dieser Argumen-
tation übersieht der Beschwerdeführer jedoch, dass es sich bei der Schil-
E-5310/2020
Seite 17
derung dieser Ereignisse um massgebliche Kernelemente seiner Asylbe-
gründung handelt. Diese Vorfälle stellten für ihn persönlich einschneidende
Ereignisse dar, welche ihn angeblich zur Ausreise aus seinem Heimatstaat
veranlasst haben sollen. Deshalb bleiben die massiven Unstimmigkeiten
innerhalb seines Sachverhaltsvortrags trotz den Einwänden in der Rechts-
mitteleingabe nicht plausibel und die diesbezüglichen Schilderungen müs-
sen als unglaubhaft qualifiziert werden.
5.2.5 Hinzu kommt, dass das vom Beschwerdeführer geschilderte Vorge-
hen der sri-lankischen Behörden als realitätsfremd eingestuft werden
muss. Zum Ereignis vom 27. November 2016 gab der Beschwerdeführer
zu Protokoll, er sei von den angreifenden CID-Leuten als «Chef» respek-
tive als «Hauptperson» der Veranstaltung zum Märtyrer-Tag betrachtet
worden, weil er auf der Turmspitze eine Laterne angezündet habe (A12,
Antworten 33, i.V.m. 90 und 92). Wenn er tatsächlich seitens der Behörden
als Urheber oder hauptverantwortlicher Organisator einer missliebigen po-
litischen Kundgebung zugunsten des tamilischen Separatismus betrachtet
worden wäre, bleibt nicht plausibel, dass er von den CID-Leuten nur wegen
der gleichzeitigen Anwesenheit von christlichen Geistlichen nicht verhaftet
respektive nicht weiter behelligt worden sein soll (A12, Antworten 77 und
88). Angesichts des bekannten rigorosen Vorgehens der sri-lankischen Be-
hörden gegen Anzeichen des Aufflackerns des tamilischen Widerstands
wäre der Beschwerdeführer mit grosser Wahrscheinlichkeit festgenommen
und es wäre ein Verfahren gegen ihn eröffnet worden. Alleine die Anwe-
senheit von christlichen Geistlichen hätten die Behörden mit überwiegen-
der Wahrscheinlichkeit nicht von härteren, weitergehenden Verfolgungs-
massnahmen abgehalten, wenn der Beschwerdeführer im behaupteten
Ausmass ins Visier der Behörden geraten wäre.
Im Widerspruch zu seiner oben erwähnten Angabe in Antwort 77 der An-
hörung, bei welcher er unmissverständlich zu Protokoll gab, wegen der An-
wesenheit der Geistlichen hätten die Behörden von ihm abgelassen und
ihn nicht verhaftet, trug er in Antwort 45 derselben Anhörung vor, am
27. November 2016 nun doch von den CID-Leuten verhaftet und misshan-
delt worden zu sein. Angesichts dieser massiven Unstimmigkeiten inner-
halb der Kernasylgründe des Beschwerdeführers können die entsprechen-
den Ereignisse und die daraus abgeleitete Verfolgungssituation nicht ge-
glaubt werden.
E-5310/2020
Seite 18
5.2.6 Der Beschwerdeführer hat im Rahmen seiner beiden Anhörungen
unmissverständlich zu Protokoll gegeben, dass er – wie seine übrigen Fa-
milienmitglieder – nie politisch aktiv gewesen sei (vgl. A4, Ziffer 7.1, S. 8
oben; A12, Antwort 26).
Bei dieser Sachlage erscheint es gänzlich abwegig, dass der Beschwerde-
führer mit der geltend gemachten Intensität ein behördliches Verfolgungs-
interesse ausgelöst haben soll. Er und seine Familie hatten nie Kontakte
zu den LTTE. Abgesehen von seiner Teilnahme an einer Veranstaltung auf
dem Gelände einer Universität, bei welcher Laternen zu Ehren des Märty-
rer-Tages angezündet worden seien, war er nie in irgendeiner Form poli-
tisch aktiv und er trat nie in einer exponierten, pointierten Position auf, wes-
halb er kaum als politisch missliebige Person wahrgenommen werden
konnte. Die berufliche Tätigkeit seiner Familienangehörigen beschränkte
sich auf den (...)transport; seine Brüder besassen eigene Fahrzeuge und
führten (...)transporte aus (vgl. A12, Antworten 25 und 31). Der Beschwer-
deführer selbst will im (...) und auf dem (...) tätig gewesen sein (vgl. A12,
Antwort 23). Diese Arbeitstätigkeitsbereiche weisen keine politische Bri-
sanz auf, die darauf schliessen liesse, dass der Beschwerdeführer im be-
haupteten Ausmass das Augenmerk der heimatlichen Behörden auf sich
gezogen haben könnte. Auch den sonstigen Schilderungen sind keinerlei
Hinweise zu entnehmen, die ihn oder seine Familie in den Dunstkreis der
LTTE oder anderer aus Sicht der sri-lankischen Machthaber politisch miss-
liebigen Gruppierungen rücken würden. Sein Vorbringen, die CID-Leute
hätten ihn töten wollen, weil er an einem singhalesischen Ort Laternen für
tamilische Märtyrer angezündet habe, erscheint deshalb gänzlich übertrie-
ben und somit nicht plausibel. Es kann deshalb auch nicht nachvollzogen
werden, dass der Beschwerdeführer nach dem Vorfall am Märtyrertag im
November 2016 monatlich von drei CID-Angehörigen zu Hause aufgesucht
worden sein soll, wie er dies bei der Anhörung schilderte (Antwort 33). Die
weitere Angabe, er sei nach dem Spitalaustritt nach den im November
2017 erlittenen Folterungen rekonvaleszent zu Hause im Bett gelegen und
von den CID-Leuten wiederum aufgesucht worden, beruht nach dem Ge-
sagten auf keiner glaubhaften Grundlage. In diesem Zusammenhang muss
vielmehr festgehalten werden, dass die CID-Leute den Beschwerdeführer
nicht – wie dies in Antwort 45 behauptet wurde – wegen seiner Bettläge-
rigkeit geschont und von einer Verhaftung abgesehen hätten, wenn sie tat-
sächlich ein echtes Verfolgungsinteresse an seiner Person gehabt hätten.
Auch die Angabe, das CID habe wegen der eingereichten Beschwerde der
Familie bei einer Menschenrechtsorganisation «Angst» bekommen und
sich auf behördliche Besuche ohne weitere Konsequenzen beschränkt
E-5310/2020
Seite 19
(A12, Antwort 75) erscheint realitätsfremd. Dasselbe gilt auch für das vom
Beschwerdeführer geschildete Vorgehen der Behörden nach seiner Aus-
reise. Er trug diesbezüglich zwar vor, seine Familie sei einen Monat lang
«fast jeden Tag» befragt worden (A12, Antwort 37). Weil seine Familienan-
gehörigen die ganze Zeit geweint hätten, hätten sich die behördlichen Vor-
sprachen eingestellt (A12, Antwort 37).
Das vom Beschwerdeführer geschilderte Vorgehen der Sicherheitskräfte
ist nach dem Gesagten mit dem bekannten rigorosen Vorgehen der sri-
lankischen Behörden bei entsprechendem Verdacht nicht vereinbar und
muss daher als unglaubhaft qualifiziert werden.
5.2.7 Auch die vom Beschwerdeführer geschilderten Umstände seiner
Ausreise aus dem Heimatland verstärken die bisherigen Einschätzungen:
Die Ausreise aus Sri Lanka im März 2018 will der Beschwerdeführer mit
einem Ende 2017 ausgestellten, mit einem russischen Visum versehenen,
Reisepass vorgenommen haben (vgl. A4, Ziffer 9.01). Wenn sich der Be-
schwerdeführer tatsächlich als im behaupteten Ausmass von den sri-lanki-
schen Behörden verfolgt erachtet hat, bleibt nicht nachvollziehbar, dass er
das grosse Risiko eingegangen ist, über den internationalen Flughafen von
Colombo auszureisen. Die diesbezüglichen Erwägungen des SEM in der
angefochtenen Verfügung sind daher ebenfalls zu bestätigen (vgl. Ziffer
II/1, S. 7, Mitte).
5.2.8 Der Beschwerdeführer hat zur Stützung seiner Asylvorbringen zahl-
reiche Beweismittel eingereicht (vgl. dazu: Aufstellung in Sachverhalt Bst.
C. oben).
Wie das SEM zutreffend ausführte, sind die eingereichten Beweismittel ins-
gesamt nicht geeignet, die Vorbringen des Beschwerdeführers in einen
flüchtlingsrelevanten Zusammenhang zu stellen.
5.2.8.1 Die Unterlagen zur Registrierung der Beschwerden des Vaters bei
der Menschenrechtskommission in Sri Lanka («Complaint»; Beweismittel
Nr. 1, 11, 12 und 16) bestätigen lediglich, dass der Vater vor der Kommis-
sion entsprechende Angaben gemacht respektive die Kommission die ent-
sprechenden Klagevorbringen entgegengenommen haben soll. Aus einer
Anzeige bei der HRC kann lediglich abgeleitet werden, dass die fraglichen
Vorbringen bei dieser Behörde deponiert worden sind; als Beleg für den
Wahrheitsgehalt des Inhalts einer Anzeige sind solche Anzeigen von vorn-
herein nicht tauglich. Die HRC bestätigt denn auch lediglich, eine Anzeige
E-5310/2020
Seite 20
entgegengenommen zu haben, ohne sich zur inhaltlichen Richtigkeit der
angezeigten Vorfälle äussern zu können respektive geäussert zu haben.
Die besagten Dokumente sind daher nicht geeignet, die Schilderungen des
Beschwerdeführers in einen flüchtlingsbeachtlichen Kontext zu stellen.
5.2.8.2 Die eingereichten Schreiben weisen teilweise Inhalte auf, die den
eigenen Angaben des Beschwerdeführers widersprechen, was den Entfüh-
rungsort und die Dauer des Spitalaufenthaltes anbelangt.
In ihren jeweiligen Schreiben bestätigen der Anwalt (Beweismittel Nr. 5),
das Parlamentsmitglied (Beweismittel Nr. 6) sowie der Friedensrichter (Be-
weismittel Nr. 9), dass der Beschwerdeführer nach den ihm zugefügten
schweren Misshandlungen drei Monate hospitalisiert worden sei, was nicht
mit den Angaben des Beschwerdeführers übereinstimmt.
Das Schreiben des Friedensrichters weist eine zusätzliche Unstimmigkeit
auf: Es wird darin bestätigt, dass der Beschwerdeführer bei der Feier zum
Heldentag am 26. November 2016 verhaftet worden sei, was ebenfalls im
Widerspruch zu den eigenen Angaben des Beschwerdeführers steht, we-
gen der Anwesenheit der Geistlichen vom CID nicht verhaftet worden zu
sein.
5.2.8.3 In den Schreiben ist mehrfach von einer Entführung durch «unbe-
kannte Personen» die Rede (Beweismittel 4 und 5). Diese Angabe ist zu
wenig substanziiert, um den vom Beschwerdeführer behaupteten Umstand
zu stützen, wonach er angeblich von den staatlichen Sicherheitskräften –
den CID-Leuten – entführt und verfolgt worden sein will.
5.2.8.4 Die Bestätigung des C._ Citizen’s Commiteee C._
District (Beweismittel Nr. 2), das Schreiben des Vaters an den Dorfvorste-
her (Beweismittel Nr. 3), die Bestätigung der Catholic (...) of C._
(Beweismittel Nr. 7) und das Schreiben des Gemeindepfarrers (Beweismit-
tel Nr. 8) weisen angesichts ihres Inhalts den Charakter von blossen Ge-
fälligkeitsschreibens ohne namhaften Beweiswert auf. Die auf Beweismittel
Nr. 3 angebrachte Bestätigung des Dorfvorstehers sowie die Beweismittel
Nr. 2, 7 und 8 basieren nicht auf den eigenen Wahrnehmungen des jeweils
Ausstellenden, beziehungsweise es wird nicht dargelegt, wie die bestätig-
ten Vorkommnissen hätten beobachtet werden können. Der Inhalt dieser
Schreiben ist zu wenig spezifisch, als dass diese mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit das Vorliegen einer bestehenden oder drohenden Verfol-
gungssituation nahelegen würden.
E-5310/2020
Seite 21
5.2.8.5 Die Dokumente betreffend die Beanstandung des Vaters bei der sri-
lankischen Post (Beweismittel Nr. 10 und 22) sind ebenfalls inhaltlich nicht
geeignet, die vom Beschwerdeführer behauptete, mit einer behördlichen
Verfolgungssituation im Zusammenhang stehende Beschlagnahmung von
Postsendungen zu stützen.
5.2.8.6 Den eingereichten Unterlagen des Spitals in O._ respektive
C._ (Beweismittel Nr. 18 bis 21) kann ebenfalls nur entnommen
werden, dass der Beschwerdeführer im Zusammenhang mit einem (...)lei-
den in diesen Institutionen behandelt worden ist. Die Dokumente liefern
keine substanziierte Grundlage, dass der jeweilige Spitalaufenthalt einen
asylbeachtlichen Hintergrund gehabt hätte.
5.2.8.7 Soweit der Beschwerdeführer Beweismittel zur Stützung seiner
Schulbildung und beruflichen Ausbildung (Beweismittel Nr. 17) einreichte,
bleibt festzustellen, dass die diesen Unterlagen zugrundeliegenden Um-
stände weder vom SEM noch vom Gericht bestritten werden. Sie sind je-
doch ebenfalls nicht geeignet, den Sachverhaltsvortrag als flüchtlingsbe-
achtlich darzutun. Dasselbe gilt auch für die Beweismittel Nr. 13 und 15, in
welchem die karitativen Sozialarbeitstätigkeiten des Beschwerdeführers
bestätigt werden.
5.2.9 Schliesslich reichte der Beschwerdeführer auf Beschwerdeebene
zwei Farbfotokopien von angeblichen Körpernarben (Beilage zur Be-
schwerdeeingabe) sowie zwei Bestätigungen von Personen ein, die bezeu-
gen wollen, dass der Beschwerdeführer am 24. November 2017 auf dem
Sportplatz in R._ von einem weissen «Kleinbus» mitgenommen
worden sei (vgl. Sachverhalt oben, Bst. H).
5.2.9.1 Auf den Farbfotokopien werden Körperteile, mutmasslich ein (...)
respektive ein (...), abgebildet, auf welcher eine kleine Narbe sichtbar ist.
Diese Fotoaufnahmen vom (...) und (...) sind nicht geeignet, eine flücht-
lingsrechtlich relevante Ursache für die abgebildete Narbe auf plausible
Weise darzutun. Andere Beweismittel, die nahelegen würden, dass die Ver-
letzungen am (...) – wie behauptet – aufgrund der zugefügten Misshand-
lungen herrühren würden, wurden nicht beigebracht. Wie bereits festge-
stellt, vermögen die eingereichten Spitalbestätigungen lediglich einen Spi-
talaufenthalt im Zusammenhang mit einem Eingriff am (...) zu untermau-
ern; die entsprechenden Dokumente sprechen sich jedoch nicht zu den
weiteren Umständen eines operativen Eingriffs aus.
E-5310/2020
Seite 22
Der Beschwerdeführer hat im Verlauf des Rechtsmittelverfahrens keinerlei
Unterlagen eingereicht, die die von ihm behauptete schwere Traumatisie-
rung untermauern würden (vgl. Ziffer 17 der Beschwerde).
5.2.9.2 An den beiden Bestätigungsschreiben fällt zunächst auf, dass sie
vom äusseren Erscheinungsbild her auffallend ähnlich strukturiert und for-
muliert sind, weshalb sie den Anschein einer Konstruktion erwecken. Zu-
dem vermögen sie aufgrund ihres Inhaltes nicht, die bestätigte Handlung,
die Mitnahme des Beschwerdeführers in einem weissen Kleinbus, mit über-
wiegender Wahrscheinlichkeit in einen flüchtlingsrelevanten Zusammen-
hang zu stellen. Die Verfasser legen nicht spezifisch dar, in welchem Ver-
hältnis sie zum Beschwerdeführer stehen, sie erläutern die näheren Um-
stände der angeblichen Mitnahme des Beschwerdeführers nicht weiter und
legen nicht dar, weshalb sie sich veranlasst sahen, die entsprechenden
Bestätigungsschreiben auszustellen. Diesen Beweismitteln muss daher
eine namhafte Beweiskraft abgesprochen werden. Sie sind daher nicht ge-
eignet, die Asylvorbringen des Beschwerdeführers zu stützen.
5.2.10 Andere Vorfluchtgründe hat der Beschwerdeführer nicht vorgetra-
gen.
5.2.11 Nach dem Gesagten müssen die Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers zu seiner angeblich politisch motivierten Verfolgung seitens des CID
respektive der sri-lankischen Behörden als insgesamt unglaubhaft einge-
stuft werden. Es ist ihm somit nicht gelungen, flüchtlingsrechtlich relevante
Nachteile im Sinne von Vorfluchtgründen als überwiegend wahrscheinlich
darzutun.
6.
Zu prüfen bleibt, ob dem Beschwerdeführer aufgrund seiner Flucht aus
heutiger Sicht eine begründete Furcht vor Verfolgung zuzusprechen ist.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich nach Beendigung des Bürger-
krieges im Mai 2009 wiederholt und eingehend mit der (nach wie vor pre-
kären) Menschenrechtslage in Sri Lanka im Allgemeinen und mit der Situ-
ation von Rückkehrenden tamilischer Ethnie im Besonderen befasst (sog.
Returnee-Problematik; vgl. insb. BVGE 2011/24 E. 8, und Urteil
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 [als Referenzurteil publiziert] E. 8 je mit
umfassender Quellenanalyse). Nach wie vor besteht seitens der sri-lanki-
schen Behörden gegenüber Personen tamilischer Ethnie, die aus dem
Ausland zurückkehren, eine erhöhte Wachsamkeit. Indessen kann nicht
E-5310/2020
Seite 23
generell angenommen werden, jeder aus Europa oder der Schweiz zurück-
kehrende tamilische Asylsuchende sei alleine aufgrund seines Ausland-
aufenthaltes der ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter
ausgesetzt (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 8.3).
Im Kern geht die Rechtsprechung davon aus, dass jene Rückkehrer eine
begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG
haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden Bestrebungen zuge-
schrieben werden, den nach wie vor als Bedrohung wahrgenommenen ta-
milischen Separatismus wiederaufleben zu lassen respektive den sri-lanki-
schen Einheitsstaat zu gefährden. Die in diesem Zusammenhang geltend
und glaubhaft gemachten Risikofaktoren sind in einer Gesamtschau, inklu-
sive ihrer allfälligen Wechselwirkung und unter Berücksichtigung der kon-
kreten Umstände, in einer Einzelfallprüfung dahingehend zu prüfen, ob sie
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit für eine flüchtlingsrelevante Verfolgung
sprechen (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 8.5.5). Als stark risikobegründende
Faktoren, welche bereits für sich allein genommen zur Bejahung einer be-
gründeten Furcht vor asylrelevanter Verfolgung bei der Rückkehr nach Sri
Lanka führen können, hat die Rechtsprechung dabei namentlich einen Ein-
trag in die sogenannte „Stop-List“ (d.h. das Vorhandensein eines Eintrags
mit Hinweis auf ein Strafurteil, eine gerichtliche Anordnung oder einen Haft-
befehl im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbin-
dung zu den LTTE; vgl. Urteil E-1866/2015 E. 8.2, 8.4.1, 8.4.3 und 8.5.2),
Verbindungen zu den LTTE (vgl. a.a.O E. 8.4.1 und 8.5.3) und die regime-
kritische Betätigung im Ausland (vgl. a.a.O. E. 8.4.2 und 8.5.4) identifiziert.
Demgegenüber stellen schwach risikobegründende Faktoren (namentlich)
dar: Das Fehlen ordentlicher Identitätsdokumente bei der Einreise in Sri
Lanka, eine zwangsweise respektive durch die IOM begleitete Rückfüh-
rung oder Narben (vgl. a.a.O. 8.4.4, 8.4.5 und 8.5.5); der Dauer eines Auf-
enthaltes im Ausland kommt keine direkte Risikorelevanz zu (vgl. a.a.O.
E. 8.4.6, 9.2.4). Diese Risikofaktoren verstehen sich nicht als abschlies-
send (a.a.O. E. 9.1).
6.2 Die Vorinstanz nahm – nach dem Hinweis darauf, dass die geltend ge-
machte Vorverfolgung nicht glaubhaft gemacht sei – eine Prüfung anhand
dieser Risikofaktoren unter Berücksichtigung der Entwicklung seit den Prä-
sidentschaftswahlen vom November 2019 vor (angefochtener Entscheid,
Ziff. II/2). Sie hielt fest, der Beschwerdeführer habe nach Kriegsende noch
knapp neun Jahre im Heimatland gelebt. Es sei anhand der Akten nicht
ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka nunmehr in den
Fokus der Behörden geraten oder verfolgt werden sollte. Ein Bezug des
E-5310/2020
Seite 24
Beschwerdeführers zu den Präsidentschaftswahlen Ende 2019 sei weder
erkennbar noch geltend gemacht. Insgesamt erfülle er kein Risikoprofil.
6.3 Der Beschwerdeführer hält dem entgegen, er erfülle mehrere Risiko-
faktoren im Sinne des zitierten Referenzurteils. Er sei vorverfolgt worden;
seine Familie werde weiterhin schikaniert und befragt; zudem weise er ei-
nige Körpernarben auf (vgl. Ziffer 38 der Beschwerde).
6.4
6.4.1 In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist das Vorliegen eines rele-
vanten Risikoprofils zu verneinen. Der Beschwerdeführer hat gemäss ei-
genen Angaben keine Verbindungen zu den LTTE gehabt. Dasselbe gilt
auch für seine Familienangehörigen. Er war, abgesehen von seiner geltend
gemachten Teilnahme am Märtyrer-Tag im November 2016, nie politisch
aktiv. Die von ihm aus dieser Teilnahme abgeleiteten Verfolgungsmassnah-
men wurden als unglaubhaft qualifiziert. Er hat keine Beweismittel einge-
reicht, die die behaupteten, angeblich anhaltenden behördlichen Repressi-
onen gegen seine Familie stützen würden. Es bestehen keine Anhalts-
punkte, dass der Beschwerdeführer ein politisches Profil aufweist, welches
das Augenmerk der heimatlichen Behörden auf ihn lenken würde.
6.4.2 Der Beschwerdeführer hat keine im Nachgang zu den im November
2019 erfolgten Präsidentschaftswahlen persönlich erlittenen Nachteile vor-
getragen.
6.4.3 Er behauptet zwar, Körpernarben (am [...]) aufzuweisen und reichte
dazu zwei Farbfotokopien ein. Auf den Fotokopien sind kleine Narben
sichtbar. Vom Gericht wird nicht bestritten, dass er Operationen am (...)
respektive am (...) hat vornehmen lassen müssen. Es ist ihm jedoch nicht
gelungen, diese Eingriffe in einen flüchtlingsrelevanten, ihn bei einer Rück-
kehr gefährdenden, Konnex zu stellen.
Diesbezüglich wird in der Beschwerde sinngemäss eine durch das SEM
begangene Verletzung der Begründungspflicht moniert (vgl. Ziffer 39). Da-
bei wird aber übersehen, dass der Beschwerdeführer hinreichend Gele-
genheit hatte, seine Verletzungen mit substanziierenden Unterlagen zu un-
termauern.
Selbst wenn der Beschwerdeführer entsprechende Narben am (...) auf-
weist, vermag dieser Umstand für sich alleine nicht als stark risikobegrün-
dend im Sinne der Rechtsprechung eingestuft zu werden. Dasselbe gilt
E-5310/2020
Seite 25
auch für die mehrjährige Landesabwesenheit des Beschwerdeführers von
Sri Lanka.
6.4.4 Aus den Darlegungen des Beschwerdeführers lassen sich insgesamt
keine Anhaltspunkte ersehen, die den Schluss nahelegen würden, der sri-
lankische Staat könnte in ihm jemanden vermuten, der dem tamilischen
Separatismus zum Wiedererstarken verhelfen wollte. Es kann folglich nicht
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass
der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr Ziel behördlicher Verfolgungs-
massnahmen in asylrelevantem Ausmass werden könnte. An dieser Ein-
schätzung vermag vorliegend auch die im Zuge des Regierungswechsels
veränderte politische Lage in Sri Lanka nichts zu ändern. In einer Gesamt-
würdigung ist seine geltend gemachte subjektive Furcht, im Heimatland
asylrelevanten Nachteilen ausgesetzt zu sein, objektiv nicht begründet.
6.5 Das SEM hat zusammenfassend die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers zu Recht verneint und dessen Asylgesuch zutreffend ab-
gelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
E-5310/2020
Seite 26
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im
Hinblick auf eine EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die
aus einem europäischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wie-
E-5310/2020
Seite 27
derholt befasst (vgl. EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19. Septem-
ber 2013, Nr. 10466/11; T.N. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011,
Nr. 20594/08; P.K. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011, Nr.
54705/08; J.G. gegen Polen, Entscheidung vom 11. Juli 2017,
Nr. 44114/14). Dabei unterstreicht der Gerichtshof, dass nicht in genereller
Weise davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe eine un-
menschliche Behandlung. An dieser Einschätzung vermögen die politi-
schen Entwicklungen insbesondere im Umfeld der Kommunalwahlen vom
Februar 2018 (vgl. Urteil des BVGer D-5880/2018 vom 12. Februar 2019
E. 11.2.2) sowie die Ende 2019 erfolgten Präsidentschaftswahlen nichts
Grundlegendes zu ändern.
Es bestehen aufgrund der Akten keine konkreten Hinweise, dass der Be-
schwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die über einen so genann-
ten "Background Check" (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im
In- und Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich gefährdet
wäre. Seine Mutmassungen über Massnahmen seitens der Strafverfol-
gungsbehörden gegen ihn sind rein spekulativer Art.
Weder die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat noch indi-
viduelle Faktoren in Bezug auf die Situation des Beschwerdeführers lassen
demnach den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt als unzulässig
erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl
im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Frage der generellen Zumut-
barkeit der Wegweisung nach Sri Lanka im schon erwähnten Referenzur-
teil E-1866/2015 (E. 13) geprüft und sich im Sinne einer Aufdatierung der
davor letzten Lagebeurteilung (BVGE 2011/24) eingehend mit der aktuel-
len politischen und allgemeinen Lage in Sri Lanka auseinandergesetzt
(E. 13.2 f.). Dabei kam es zum Schluss, der Vollzug der Wegweisung in die
Nord- und Ostprovinz sei grundsätzlich zumutbar, sofern das Vorliegen der
individuellen Zumutbarkeitskriterien bejaht werden können, insbesondere
E-5310/2020
Seite 28
die Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes
sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation.
Bezüglich der im Referenzurteil E-1866/2016 noch offen gelassenen Frage
der Zumutbarkeit des Vollzugs von Wegweisungen ins sogenannte Vanni-
Gebiet (siehe dazu BVGE 2011/24 E. 13.2.2.1) stellte das Bundesverwal-
tungsgericht mit Urteil D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 (E. 9.5; als Re-
ferenzurteil publiziert) fest, dass dieser ebenfalls zumutbar ist.
Die Vorinstanz stellte im angefochtenen Entscheid (Ziff. III/2) vorab die all-
gemeine Sicherheitslage in Sri Lanka vor dem Hintergrund der neueren
Entwicklung dar und kam zum Schluss, es liege keine Situation allgemei-
ner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG vor. Ausgehend vom eben ge-
nannten Referenzurteil E-1866/2015 (E. 13.3.3), prüfte sie die individuellen
Zumutbarkeitskriterien und stufte den Wegweisungsvollzug als zulässig,
zumutbar und möglich ein.
8.3.2 Der Beschwerdeführer ist ein junger, grundsätzlich gesunder Mann
mit allenfalls kleinen Einschränkung an einem (...). Er wurde in Sri Lanka
sozialisiert, besuchte die Schule dort und schloss die O und A-Level Prü-
fungen ab (vgl. auch: Beweismittel Nr. 17). Er hat eine eineinhalb-jährige
Ausbildung im (...) absolviert und war auch im (...) arbeitstätig (vgl. A12,
Antworten 50 respektive 23). Seine Familie (Eltern, Geschwister) ist im Hei-
matland wohnhaft; ist im (...)handel tätig und finanziell gut situiert (vgl. A12,
Antworten 16 ff., 30/31 und 36). Er kann somit auf ein tragfähiges Bezie-
hungsnetz im Heimatland zurückgreifen.
Der Vollzug der Wegweisung ist nach dem Gesagten als zumutbar zu qua-
lifizieren.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
E-5310/2020
Seite 29
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätz-
lich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit In-
struktionsverfügung vom 3. Dezember 2020 wurde die unentgeltliche Pro-
zessführung inklusive Rechtsverbeiständung gewährt.
Nachdem weiterhin von der prozessualen Bedürftigkeit auszugehen ist, ist
von einer Kostenerhebung abzusehen.
10.2 Die amtliche Rechtsvertretung ist unbesehen des Ausgangs des Ver-
fahrens für den notwendigen Aufwand zu entschädigen (vgl. Art. 7 ff.,
insb. Art. 8, des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Die Rechtsvertretung wurde in der Ernennungsverfügung über
den anwendbaren Kostenrahmen informiert.
In der mit der Beschwerde eingereichten Honorarnote wird ein Aufwand
von 15.75 Honorarstunden (zu Fr. 150.-), ausmachend Fr. 2'362.50, gel-
tend gemacht, was angemessen erscheint. Ergänzt um 0.5 Stunden für
den Aufwand in Zusammenhang mit der Eingabe vom 5. Januar 2021 so-
wie unter Berücksichtigung der Auslagen von Fr. 64.- für Dolmetschertätig-
keiten und Spesen ergibt sich ein Honorar von insgesamt Fr. 2'502.- (Ho-
norar [16.25 Std. x Fr. 150.-/Std.] Fr. 2'437.50 sowie Auslagen Fr. 64.-). Der
geltend gemachte Aufwand der Dossiereröffnungspauschale ist nicht zu
entschädigen.
(Dispositiv nächste Seite)
E-5310/2020
Seite 30