Decision ID: deb714fa-b026-4ed4-89a3-79ef7c712316
Year: 2014
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Max Imfeld, Oberer Graben 26, 9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 19. August 2008 bei der Invalidenversicherung zum
Leistungsbezug an (IV-act. 1). Er hatte am 17. Juli 2007 bei der Arbeit ein
Quetschtrauma der dominanten rechten Hand mit offenen Frakturen der Mittel
phalangen III/IV und V erlitten und war gleichentags im Universitätsspital Zürich (USZ)
operiert worden (IV-act. 14). Am 25. Juni 2008 hatte er sich in der Klinik für
Wiederherstellungschirurgie des USZ einer Dermotenodese unterzogen (IV-act. 14-2)
und am 20. Oktober 2008 wurde in der Tagesklinik B._ eine Arthrodese des DIP-
Gelenks Dig. V rechts vorgenommen (IV-act. 29-5). Gemäss dem Bericht der
Arbeitgeberin vom 13. November 2008 waren dem Versicherten nach dem Unfall zwei
Schon(arbeits)plätze angeboten worden, welche er aber nach 3 - 4 Tagen habe
abbrechen müssen, da die Hand zu sehr geschmerzt habe (IV-act. 16-8).
A.b Nachdem C._, Fachärztin Neurologie FMH und Fachärztin Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, am 22. Januar 2009 (IV-act. 32-2) ein sensibles Sulcus ulnaris
Syndrom rechts diagnostiziert hatte, führte Dr. med. D._, Chirurgie und
Handchirurgie, Tagesklinik B._, am 4. Mai 2009 ambulant eine endoskopische
Ulnarisneurolyse (rechts) von Mitte Oberarm bis Mitte Unterarm durch (Fremdakten:
Suva-act. 48).
A.c Ab 9. Januar 2009 wurde der Versicherte psychiatrisch durch die pract. Ärztin
E._, Stiftung für Psychotherapie und Psychoanalysesowie psychotherapeutisch
durch die in derselben Praxis tätige türkisch sprechende Psychoanalytikerin A. Duman
behandelt. Im Bericht vom 10. Oktober 2009 diagnostizierte die Psychotherapeutin
eine mittelschwere bis schwere depressive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10
F33.2, F33.11) auf dem Boden einer chronisch posttraumatischen Belastungsstörung
(ICD-10 F43.1), differentialdiagnostisch eine Persönlichkeitsveränderung infolge Unfall
(ICD-10 F62; IV-act. 39). Vom 5. August bis 6. Oktober 2009 war der Versicherte in der
Psychiatrischen Klinik F._ hospitalisiert, wo die behandelnden Ärzte eine schwere
depressive Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F32.2) sowie einen
Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) festhielten (IV-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
act. 42). Am 6. Oktober 2009 trat der Versicherte in die Privatklinik G._ über. Gemäss
dem Bericht vom 21. Dezember 2009 litt er unter einer posttraumatischen
Belastungsstörung mit schwergradig depressiver Komorbidität (ICD-10 F43.1)
bestehend seit Herbst/Winter 2007. Bei Austritt am 21. Januar 2010 wurde dem
Versicherten eine Arbeitsunfähigkeit von 100% attestiert und als Diagnose eine
posttraumatische Belastungsstörung mit (nunmehr) mittelgradig depressiver
Komorbidität (ICD-10 F43.1) angegeben (IV-act. 52f.).
A.d Vom 25. Januar bis 20. März 2010 wurde der Versicherte ambulant im Psychiatrie-
Zentrum (PZ) H._ behandelt, wo als Krankheitsursache eine Dysthymia (ICD-10
F34.1) festgehalten wurde. Die behandelnden Ärzte gingen davon aus, dass beim
Austritt des Versicherten eine 100%ige Arbeitsfähigkeit bestand (IV-act. 56). Gemäss
dem FI-Ergebnis-Protokoll nach Assessmentgespräch vom 2. Juni 2010 entschied die
IV-Stelle auf Grund der Diskrepanz zwischen den verschiedenen ärztlichen Stellen, bei
der Psychiaterin E._ einen Verlaufsbericht einzuholen (IV-act. 59). Diese berichtete
am 31. Juli 2010, dass der Gesundheitszustand des Versicherten stationär geblieben
und weiterhin von einer mittelschweren bis schweren depressiven Episode auszugehen
sei. Aktuell bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 63). Im Schreiben vom
10. September 2010 befanden die Ärzte der G._ den Bericht der Psychiaterin E._
als vereinbar mit ihrer eigenen Beurteilung (IV-act. 66). Demgegenüber hielten die Ärzte
des PZ H._ in ihrer Stellungnahme vom 7. September 2010 daran fest, dass während
ihres Beobachtungs- und Behandlungszeitraums keine depressiven Symptome hatten
festgestellt werden können (IV-act. 69).
A.e Gestützt auf diese Berichte kam der RAD-Arzt Dr. med. I._, Facharzt für
Allgemeinmedizin FMH, Zertifizierter medizinischer Gutachter (SIM), gemäss Aktennotiz
vom 24. Dezember 2010 nach Rücksprache und Diskussion mit dem
fachpsychiatrischen RAD-Kollegen zum Schluss, dass auf die Beurteilung des PZ
H._ abgestellt werden könne. Es sei daher ab Austritt aus der Tagesklinik am
20. März 2010 von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit in freier Wirtschaft auszugehen (IV-
act. 77-5f.).
A.f Am 14. November 2009 hatte die Suva die Ausrichtung einer Invalidenrente ab
1. Dezember 2009 gestützt auf einen Erwerbsunfähigkeitsgrad von 25% sowie eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Integritätsentschädigung auf Grund eines Integritätsschadens von 7% verfügt. Nach
Abweisung der dagegen erhobenen Einsprache durch die Unfallversicherung hiess das
Versicherungsgericht die gegen den Einspracheentscheid erhobene Beschwerde mit
Urteil vom 9. Februar 2011 in dem Sinne teilweise gut, als es die Suva verpflichtete,
eine Invalidenrente gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 26% zu leisten (Fremdakten).
A.g Anlässlich des IV-Assessmentgesprächs vom 23. Februar 2011 gab der
Versicherte an, er wolle wieder unabhängig werden und würde daher gerne versuchen,
den Einstieg in die Arbeit zu finden. Es wurde vereinbart, ein Frühinterventionstraining
mit der J._ anhand zu nehmen (IV-act. 74-9f.). Am 8./26. April 2011 unterzeichneten
der Versicherte und die IV-Stelle gemeinsam mit dem Sozialamt der Wohnsitzgemeinde
des Versicherten einen Eingliederungsplan mit dem Ziel der Wiedereingliederung in den
ersten Arbeitsmarkt u.a. durch Erarbeiten eines kompletten Bewerbungsdossiers sowie
einer Strategie für die Stellenbewerbung (IV-act. 82). Mit Mitteilungen vom 20. April
2011 gewährte die IV-Stelle dem Versicherten Arbeitsvermittlung sowie
Frühinterventionsmassnahmen in Form des Frühinterventionstrainings bei der J._ (IV-
act. 79f.).
A.h Im Protokoll über das Triage-Gespräch vom 14. Juli 2011 wurde festgehalten,
dass die vereinbarten Ziele nicht hätten erreicht werden können (IV-act. 85). Durch
Mitteilung vom 29. September 2011 wurde die Arbeitsvermittlung abgeschlossen, weil
sich der Versicherte nicht in der Lage fühle zu arbeiten (IV-act. 91).
A.i Mit Stellungnahme vom 27. Januar 2012 hielt RAD-Arzt Dr. I._ fest, beim Ver
sicherten sei von einer Arbeitsfähigkeit adaptiert von 100% auszugehen. Weitere
medizinische Abklärungen würden sich erübrigen, da davon mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit keine neuen Erkenntnisse generiert werden könnten. Der Hausarzt
habe vom 21. Juni bis 5. Juli 2011 eine Arbeitsunfähigkeit von 100% dokumentiert.
Klinisch objektivierbare somatische Befunde seien nirgends aktenkundig (IV-act. 97).
A.j Mit Vorbescheid vom 15. Februar 2012 stellte die IV-Stelle dem Versicherten eine
Rentenabweisung gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 23% in Aussicht (IV-act. 100).
Dagegen liess der Versicherte am 19. März 2012 durch Rechtsanwalt lic. iur. M. Imfeld,
St. Gallen, Einwand erheben (IV-act. 102).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.k Am 11. April 2012 verfügte die IV-Stelle im Sinne des Vorbescheids und wies das
Gesuch des Versicherten um Invalidenrente ab (IV-act. 104).
B.
B.a Gegen diesen Entscheid richtet sich die vom Rechtsvertreter für den Versicherten
am 15. Mai 2012 erhobene Beschwerde mit den Anträgen, die angefochtene Verfügung
aufzuheben und dem Beschwerdeführer eine ganze IV-Rente zuzusprechen.
Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben und die Sache zur genauen Abklärung des
Gesundheitszustands an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventualiter sei dem
Beschwerdeführer eine Viertelsrente zuzusprechen; unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 14. August 2012 beantragte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung stützte sie sich im Wesentlichen auf
die Beurteilung des PZ H._ dessen Ärzte von einer Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers von 100% ausgingen. In der Beilage reichte die
Beschwerdegegnerin einen Bericht des PZ H._ vom 12. April 2010 über den
Aufenthalt des Beschwerdeführers in der Tagesklinik vom 25. Januar bis 20. März 2010
ein (act. G 7, 7.1).
B.c Am 27. August 2012 wurde das Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche
Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung) bewilligt (act. G 8).
B.d In der Replik vom 26. September 2012 hielt der Beschwerdeführer an seinen
Anträgen fest (act. G 10). Die Beschwerdegegnerin hat auf die Einreichung einer Duplik
verzichtet (act. G 12).

Erwägungen:
1.
Vorliegend streitig und zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführer Anspruch auf eine Rente
der Invalidenversicherung hat.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.1 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]).
Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung
und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
1.2 Anspruch auf eine Invalidenrente besteht, wenn die versicherte Person u.a.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen ist (Art. 28 Abs. 1 lit. b des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Es besteht ein Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70% und auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 50% besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40% ein Anspruch auf eine Viertelsrente (Art. 28 Abs. 2
IVG).
1.3 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige
Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten
Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen).
1.4 Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach haben Gericht und Verwaltung von Amtes wegen für die richtige und
vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (Urteil des
Bundesgerichts vom 1. April 2011, 8C_73/2011, E. 4.1). Wenn der entscheidrelevante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt wurde, kann das Gericht die Angelegenheit zu
neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Zu klären ist vorweg die Frage, ob die medizinische Aktenlage eine rechtsgenüg
liche Beurteilung der Restarbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers erlaubt.
2.2
2.2.1 In somatischer Hinsicht ging der Suva-Kreisarzt Dr. med. K._, Facharzt
FMH für Chirurgie, bei seiner Abschlussuntersuchung der rechten Hand des
Beschwerdeführers vom 25. Juni 2009 von einem Endzustand aus. Die Beweglichkeit
sei ordentlich und die Befunde hätten sich nicht mehr wesentlich geändert. Zwar liege
keine radiologische Kontrolle vor, klinisch könne jedoch keine wesentliche
Schmerzhaftigkeit festgestellt werden, wie dies auch Dr. D._ in ihren Berichten
mehrfach festgehalten habe. Der Beschwerdeführer gebe an, auch unter Schulter-/
Nackenbeschwerden zu leiden. Insofern sei auf Grund des komplexen Schmerzbildes
eine medizinisch/theoretische Zumutbarkeitsbeurteilung für die Unfallfolgen notwendig.
Dazu hielt Dr. K._ fest, dass dem Beschwerdeführer für die rechte Hand eine leichte
bis maximal mittelschwere Arbeit zuzumuten sei. Krafterheischende Tätigkeiten
rechtshändig seien zu meiden. Ebenfalls seien grobmanuelle beziehungsweise
repetitive Arbeiten als ungeeignet zu beurteilen. Eine geeignete Arbeit könne der
Beschwerdeführer auf Grund der Handverletzung vollschichtig wahrnehmen.
Hämmernde und vibrierende Aufgaben seien zu meiden (Fremdakten: Suva-act. 52
S. 5). Diese Beurteilung befand auch RAD-Arzt Dr. I._ für nachvollziehbar, weshalb
nach seiner Empfehlung darauf abzustellen war (vgl. Aktennotiz vom 23. Juli 2009, IV-
act. 77-1f.).
2.2.2 Der Hausarzt des Beschwerdeführers, Dr. med. L._, FMH Innere Medizin,
veranlasste wegen dessen Rückenschmerzen am 27. Juni 2011 ein MRI der LWS (IV-
act. 86, vgl. hinsichtlich der geltend gemachten Rückenbeschwerden auch IV-
act. 89-2f.). Ausserdem attestierte er dem Beschwerdeführer vom 21. Juni bis 5. Juli
2011 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 87). RAD-Arzt Dr. I._ hielt dazu in
seiner Stellungnahme vom 27. Januar 2012 fest, das MRI zeige eine
Übergangsanomalie SWK1, eine mediane Diskusprotrusion im Segment L4/5 mit
Tangierung der Wurzel L5 beidseits, jedoch ohne Kompression derselben. Zudem
werde eine leichtgradige beidseitige Rezessusstenose im Segment L5/S1 dargestellt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Weitere medizinische Abklärungen würden sich jedoch erübrigen, denn klinisch
objektivierbare somatische Befunde seien nirgends aktenkundig (IV-act. 97).
2.2.3 Anlässlich des Schlussgesprächs in der J._ vom 22. Juli 2011 gab der
Beschwerdeführer zwar an, dass er den Rücken laut seinem Hausarzt eigentlich
operieren müsse, da er jedoch Angst davor habe, erhalte er alle sechs Monate eine
Cortisoninjektion. Die Schmerzen im rechten Bein seien etwas besser geworden (IV-
act. 89). Nachdem in der Folge (jedoch) weder im Einwand noch in der Beschwerde
weiterhin Rückenschmerzen geltend gemacht werden und auch hinsichtlich der
rechten Unfallhand keine weiteren Hinweise für eine Veränderung vorliegen, ist in
somatischer Hinsicht nicht von einer Veränderung des Gesundheitszustands
auszugehen. Damit kann bezüglich der zumutbaren Tätigkeiten in somatischer Hinsicht
mit RAD-Arzt Dr. I._ weiterhin auf die Zumutbarkeitsbeurteilung von Dr. K._ vom
25. Juni 2009 abgestellt werden (vgl. E. 2.2.1, Aktennotiz RAD vom 23. Juli 2009: IV-
act. 77-1f. und IV-act. 36, 70, 97).
2.3 Schliesslich ist zu prüfen, ob die Aktenlage auch hinsichtlich der geltend
gemachten psychischen Leiden eine Arbeitsfähigkeitsschätzung zulässt. Während der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit in
psychischer Hinsicht verficht, geht die Beschwerdegegnerin davon aus, dass der
Beschwerdeführer zu 100% arbeitsfähig sei.
2.3.1 Der Beschwerdeführer war ab Januar 2009 in ambulanter psychiatrischer
Behandlung bei der Psychiaterin E._ sowie psychotherapeutisch bei ihrer türkisch
sprechenden psychologischen Mitarbeiterin Duman (IV-act. 39). Nach einem
stationären Aufenthalt in der Psychiatrischen Klinik F._ vom 5. August bis 6. Oktober
2009 (IV-act. 42) und anschliessender stationärer Behandlung in der G._ vom 6.
Oktober 2009 bis 21. Januar 2010 (IV-act. 53) wurde er vom 25. Januar bis 20. März
2010 ambulant im PZ H._ behandelt (IV-act. 56). Während die behandelnden Ärzte
der Psychiatrischen Klinik F._ im Bericht vom 14. Oktober 2009 eine schwere
depressive Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F32.2) sowie einen
Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) diagnostizierten
(IV-act. 42-2) und diejenigen der G._ im Zeitpunkt der Entlassung (noch) von einer
Posttraumatischen Belastungsstörung mit mittelgradiger depressiver Komorbidität
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(ICD-10 F43.1) ausgingen (IV-act. 53-5), dokumentierten die behandelnden Psychiater
des PZ H._ lediglich eine Dysthymia (ICD-10 F34.1). Auch gingen sie - anders als
diejenigen der beiden vorangehenden Kliniken - davon aus, dass der
Beschwerdeführer zum Austrittszeitpunkt aus psychiatrischer Sicht zu 100%
arbeitsfähig sei (IV-act. 56-3). Im Bericht des PZ H._ vom 12. April 2010 hielten die
Ärzte zudem fest, im Verlauf der Behandlung in der Tagesklinik habe keine depressive
Symptomatik dokumentiert werden können. Sie hätten hier einen Menschen gesehen,
der passiv in der Opferrolle verharre und Schwierigkeiten im Umgang mit aggressiven
Affekten habe (act. G 7.1). Entgegen dieser Beurteilung attestierte die behandelnde
Psychiaterin E._ dem Beschwerdeführer im Verlaufsbericht vom 31. Juli 2010 eine
aktuelle Arbeitsunfähigkeit von 100%. Mit geeigneter Unterstützung (Hilfestellung für
geschützten Arbeitsplatz und psychosoziale Unterstützung) könne prognostisch
allenfalls mit einer Arbeitsfähigkeit in geschütztem Rahmen von 50% gerechnet
werden. Es sei jedoch schwierig, eine Prognose zu stellen, da eine Chronifizierung mit
bleibender Invalidisierung drohe. Aktuell ergebe die Diagnose eine mittelschwere bis
schwere depressive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10 F33.2/F33.11) auf
dem Boden einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) und
damit einhergehend ausgeprägte dissoziative Zustände mit Aktivierung eines sehr
negativen und aggressiven Ich-Zustands mit psychotischen Anteilen.
Differentialdiagnostisch hielt die Behandlerin weiterhin an einer
Persönlichkeitsveränderung infolge des Unfalls (ICD-10 F62) fest und erwähnte einen
Paarkonflickt (ICD-10 Z63.8; IV-act. 63). Mit dieser gegenteiligen ärztlichen Beurteilung
konfrontiert nahm das PZ H._ am 7. September 2010 insofern Stellung, als es noch
einmal festhielt, dass während des Beobachtungs- und Behandlungszeitraums keine
depressiven Symptome hätten festgestellt werden können. Bezogen auf den
Austrittszeitpunkt werde der Beschwerdeführer weiterhin für 100% arbeitsfähig in der
freien Wirtschaft befunden. Diese Einschätzungen bezögen sich auf klinische
Beobachtungen und die Alltagsbeobachtungen während seines Aufenthalts in der
Tagesklinik. Die in den von der Psychiaterin E._ beigelegten Testunterlagen deutlich
werdende subjektive Einschätzung des Beschwerdeführers sei bekannt, jedoch zeige
sich diese weder im klinischen Status noch auf der Verhaltensebene im Rahmen der
Alltagsbewältigung des Patienten in der Institution (IV-act. 69).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3.2 Damit stehen sich zwei voneinander stark divergierende Einschätzungen von
behandelnden Ärzten gegenüber, diejenige der Therapeutin E._, der G._ und der
Psychiatrischen Klinik F._ einerseits und diejenige des PZ H._ andererseits. Aus
welchen konkreten Gründen der RAD jedoch die Beurteilung des PZ H._ vorzog, wird
nicht genügend nachvollziehbar. So hielt RAD-Arzt Dr. I._ gemäss Aktennotiz vom
24. Dezember 2010 lediglich fest, dass nach Rücksprache und Diskussion mit dem
fachpsychiatrischen RAD-Kollegen Dr. med. M._ auf Grund der fachpsychiatrischen
Einschätzung während eines achtwöchigen tagesklinischen Beobachtungs- und
Behandlungszeitraums auf die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit von 100% in freier
Wirtschaft bei Austritt aus der Tagesklinik am 20. März 2010 abzustellen sei. Die
subjektive Einschätzung des Beschwerdeführers gemäss den Testunterlagen der
Psychiaterin E._ sei den Ärzten des PZ H._ bekannt gewesen. Sie habe sich aber
weder im klinischen Status noch auf der Verhaltensebene im Rahmen der
Alltagsbewältigung in der Tagesklinik manifestiert (IV-act. 77-5f.). Ob diese Beurteilung
gegenüber derjenigen der G._ und der Psychiatrischen Klinik F._ lediglich wegen
der zeitlich späteren Behandlung/Beurteilung und einem möglicherweise bereits
eingetretenen Therapieerfolg Vorrang hatte oder ob weitere Kriterien hineinspielten,
wird demgegenüber nicht klar. Zwar erscheint die Berichterstattung des PZ H._ mit
ihren Folgerungen bezüglich des Aufenthalts des Beschwerdeführers in der Tagesklinik
grundsätzlich schlüssig und nachvollziehbar, insbesondere als nicht nur auf das
subjektive Befinden bzw. die Selbsteinschätzung des Beschwerdeführers bezüglich
seiner Befindlichkeit abgestellt wurde (vgl. demgegenüber den Fragekatalog von E._
vom 5. und 21. Juli 2010, IV-act. 63-9ff.); es fehlt jedoch insgesamt in den Akten eine
Auseinandersetzung mit den divergierenden Diagnosen und den höheren
Arbeitsunfähigkeitsschätzungen der übrigen behandelnden Ärzte durch eine
psychiatrische Fachperson. Zudem hielt auch das PZ H._ im Schreiben vom 7.
September 2010 fest, dass es (unter den gegebenen Umständen) wahrscheinlich Sinn
mache, diese Frage (nach der Höhe der Arbeitsfähigkeit) gutachterlich zu klären (IV-act.
69). Indem die RAD-Ärzte schliesslich lediglich eine Aktenbeurteilung vornahmen, ohne
den Beschwerdeführer selber abgeklärt zu haben, ist nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit erstellt, dass keine psychiatrischen Diagnosen mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit vorliegen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3.3 Soweit der Vertreter des Beschwerdeführers aber gestützt auf das Urteil des
hiesigen Gerichts betreffend die Leistungen der Unfallversicherung (Urteil vom
9. Februar 2011, UV 2010/53) auf eine im Zeitpunkt der angefochtenen IV-Verfügung
vom 11. April 2012 (vgl. zum massgebenden Zeitpunkt: BGE 121 V 366 E. 1b mit
Hinweisen) relevante Arbeitsunfähigkeit aus psychischen Gründen schliesst, kann
diesem ebenfalls nicht gefolgt werden. Im Beschwerdeverfahren betreffend Leistungen
der Unfallversicherung war lediglich zu prüfen, ob zwischen den geltend gemachten
psychischen Beschwerden und dem Unfallereignis vom 17. Juli 2007 überhaupt ein
adäquater Kausalzusammenhang bestand, gestützt auf welchen die Unfallversicherung
allenfalls leistungspflichtig gewesen wäre. Nachdem ein solcher Kausalzusammenhang
jedoch verneint wurde, war die Höhe der Arbeitsunfähigkeit auf Grund der psychischen
Beschwerden nicht weiter zu bestimmen und konnte offen gelassen werden.
3.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich auf Grund obiger Widersprüche und
Unstimmigkeiten in den vorhandenen psychiatrischen Berichten keine klare Aussage
über die Höhe der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers machen lässt. Die Sache ist
daher an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie weitere Abklärungen im
Rahmen einer psychiatrischen Begutachtung bei einer bisher nicht involvierten
Gutachterstelle vornehmen und gestützt darauf erneut über einen Rentenanspruch
verfügen kann.
4.
4.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde unter Aufhebung der angefochtenen
Verfügung vom 11. April 2012 teilweise gutzuheissen. Die Sache ist zur weiteren
Abklärung und zu neuer Verfügung im Sinne der Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als volles
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Obsiegen (BGE 132 V 215 E. 6.2). Somit unterliegt die Beschwerdegegnerin
vollumfänglich. Sie hat deshalb die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu
bezahlen.
4.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Diese ist vom Gericht ermessensweise festzusetzen, wobei
insbesondere der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand Rechnung zu tragen
ist (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Der Bedeutung und
dem Aufwand der Streitsache angemessen erscheint eine Parteientschädigung von
pauschal Fr. 3'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer). Damit erübrigt sich
die Festlegung einer Entschädigung aus unentgeltlicher Rechtsverbeiständung bei
diesem Prozessausgang.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP