Decision ID: 6d867d19-7b42-4469-901d-91dfe7449bb2
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1981, war vom 1
8.
Mai bis 3
1.
Oktober 2005 sowie ab 1
0.
April 2006 (bis 3
0.
September 2006) als Bauhilfsarbeiter bei der Firma
Y._
in einem Vollzeitpensum im Stundenlohn angestellt (vgl.
Urk.
7/147/3,
Urk.
7/13). Am 2
8.
Mai 2006 erlitt er als Beifahrer eines Klein
busses auf der Autobahn einen Unfall (vgl. 7/147/1,
Urk.
7/147/3). Unter Hinweis auf eine Beckenfraktur, Schulterbeschwerden (wegen Verbrennung) und einen Zahnschaden meldete sich der Versicherte am
4.
Juli 2007 zum Bezug von Leis
tungen der Invalidenversicherung an (
Urk.
7/1).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizi
nische und erwerbliche Situation ab
,
zog Akten der Suva (insbesondere
Urk.
7/5,
Urk.
7/83;
Urk.
7/90-92,
Urk.
7/96-98,
Urk.
7/130,
Urk.
7/145-147) bei
und beteiligte sich an einem polydisziplinären Gutachten, das von Ärzten des Univer
sitätsspitals
Z._
am 3
0.
September 2011 erstattet wurde
(
Urk. 7/146/392-517)
.
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(
Urk.
7/107
108,
Urk.
7/116) stellte die IV-Stelle mit neuem Vorbescheid vom 6.
Mai 2015 die
Zusprache
einer halben Rente ab Mai 2007 in Au
ssicht (Urk. 7/127
). Im Zeitraum Juli 2014 bis Mai 2015 fand eine Observation des Ver
sicherten durch die Haftpflichtversicherung
statt
, über die am
1
5.
Juni 2015
berichtet wurde (
Urk.
7/146/123-151). Die IV-Stelle holte in der Folge bei der
A._
ein polydisziplinäres Gutachten ein, das am 2
8.
Februar 2017 erstattet wurde (Urk.
7/151). Am 1
6.
Oktober 2017 erliess sie einen neuen Vorbescheid (Urk.
7/166), gegen welchen der Versicherte am 1
5.
November 2017 Einwände erhob (
Urk.
7/169). Ab dem 1
9.
Februar 2018 erfolgte eine berufliche Abklärung, welche per
2.
März 2018 vorzeitig abgebrochen wurde (vgl. Urk.
7/189).
Mit Verfügung vom 1
4.
Juni 2018 sprach die IV-Stelle dem Versicherten eine befristete halbe Invalidenrente von Mai 2007 bis Februar 2017 zu (
Urk.
7/204 und
Urk.
7/177 =
Urk.
2).
2.
Der Versicherte erhob am 1
6.
August 2018 Beschwerde gegen die Verfügung vom 1
4.
Juni 2018 (
Urk.
2) und beantragte, diese sei aufzuheben und ihm sei rückwir
kend auf Mai 2007 bis auf Weiteres eine ganze IV-Rente auszurichten (
Urk.
1
S.
2 oben).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 2
1.
September 2018 (Urk. 6) die Abweisung der Beschwerde. Dies wurde dem Beschwerdeführer am 2
3.
November 2018 zur Kenntnis gebracht (
Urk.
9).
Am 1
8.
Januar 2019 reichte der Beschwerdeführer einen weiteren Arztbericht (
Urk.
11) ein (vgl.
Urk.
10).
Mit Gerichtsverfügung vom 2
4.
Januar 2019 wurde die Swiss Life AG zum Pro
zess beigeladen (
Urk.
12). Sie verzichtete am
5.
Februar 2019 auf eine Stellung
nahme (
Urk.
14), was am
6.
Februar 2019 den anderen Prozessbeteiligten zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
15).
Am 2
2.
November 2019 reichte der Beschwerdeführer ein am
2.
August 2019 erstattetes psychiatrisches Teilgutachten (
Urk.
18/2) ein (vgl.
Urk.
17).
Am 2
9.
Januar 2021 reichte der Beschwerdeführer das von ihm veranlasste, am 2
4.
Dezember 2020 erstellte polydisziplinäre Gutachten (
Urk.
22) und die ihm zugrundeliegenden Teilgutachten (
Urk.
23-25) ein (
Urk.
21). Die Beschwerdegeg
nerin verzichtete am 2
2.
Februar 2021 auf eine Stellungnahme (
Urk.
29), was dem Beschwerdeführer am 2
6.
Februar 2021 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
30).
3.
Die Suva
sprach dem Versicherten mit Verfügung vom
6.
Juni 2013
gestützt auf einen Vergleich - eine Rente
entsprechend einem Invaliditätsgrad von 80
%
ab Mai 2013 zu (
Urk.
7/95).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil des S
ozialversicherungsrechts, ATSG
)
. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Nach der Rechtsprechung sind bei rückwirkender Zusprechung einer abgestuften oder befristeten Invalidenrente die für die Rentenrevision geltenden Bestimmungen (Art. 17 ATSG in Verbindung mit Art. 88a
der Verordnung über die Invalidenversicherung,
IVV) analog anzuwenden (BGE 133 V 263 E. 6.1 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts 9C_399/2016 vom 18. Januar 2017 E. 4.8.1). Ob eine für den Rentenanspruch erhebliche Änderung der tatsächlichen Verhältnisse eingetreten und damit der für die Abstufung oder Befristung erforderliche Revisionsgrund gegeben ist, beurteilt sich durch Vergleich des Sachverhalts im Zeitpunkt des Rentenbeginns mit demjenigen im – nach Massgabe des analog anwendbaren Art. 88a Abs. 1 IVV festzusetzenden – Zeitpunkt der Anspruchsänderung (vgl. BGE 125 V 413 E. 2d mit Hinweisen; vgl. statt vieler: Urteile des Bundesgerichts 8C_375/2017 vom 25. August 2017 E. 2.2 und 8C_350/2013 vom 5. Juli 2013 E. 2.2 mit Hinweis
).
1.3
Gemäss Art. 88a Abs. 1 IVV ist eine Verbesserung der Erwerbsfähigkeit für die Herabsetzung oder Aufhebung der Leistung von dem Zeitpunkt an zu berücksichtigen, in dem angenommen werden kann, dass sie voraussichtlich längere Zeit dauern wird. Sie ist in jedem Fall zu berücksichtigen, nachdem sie ohne wesentliche Unterbrechung drei Monate angedauert hat und voraussichtlich weiterhin andauern wird.
Nach der bundesgerichtlichen Praxis zu Art. 88a Abs. 1 IVV ist eine Leistungsanpassung in der Regel erst nach Ablauf von drei Monaten seit dem Eintritt der Änderung vorzunehmen (vgl. BGE 130 V 343 E. 3.5.3; vgl. ZAK 1984 S. 134; vgl. Urteile des Bundesgerichts 9C_32/2015 vom 10. September 2015 E. 4.1 und I 583/05 vom 15. März 2006 E. 2.3.2 je mit Hinweisen).
1.4
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Inva
liditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizi
nisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand
der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwie
gender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Januar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
1.5
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
1.6
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die
Beschwerdegegnerin
ging i
n der
angefochtenen
Verfügung
(
Urk.
2
Verfü
gungsteil 2
) davon aus, dass der
Beschwerdeführer
seit Ablauf des Wartejahres
(
Mai 2007
)
in einer angepassten Tätigkeit zu 60
%
arbeitsfähig sei. Bei der
A._
-
Begutachtung vom Februar 2017 sei schliesslich eine 100%ige Arbeits
fähigkeit in einer angepassten Tätigkeit festgestellt worden. Daraus ergebe sich ein Anspruch auf eine befristete halbe Rente
bei einem Invaliditätsgrad von
55
%
vo
n
Mai 2007 bis Februar 2017 (S. 1 Mitte). Die psychiatrischen Diagnosen seien aus Sicht der Invalidenversicherung nicht invalidisierend (S. 1 unten). Sie halte daran fest, dass sie
sich
nicht auf die Angaben in der Verfügung der Suva vom
6.
März 2013 abstützen könne.
Sie
stütze sich auch bei reinen Unfallfolgen nicht auf einen Vergleich ab, sondern ermittle den
Invaliditätsgrad
aufgrund eines eigenen Einkommensvergleiches (S. 2 Mitte).
2.2
Der
Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (
Urk.
1), da
ss er zumindest
bis zum Zeitpunkt der neuen Begutachtung vom Februar 2017
Anspruch auf
eine ganze IV-Rente
habe
(S. 11 oben). Eine Arbeitsfähigkeit von 60
%
ergebe sich aus dem
Z._
-Gutachten nirgends (S. 9 unten). Die
Arbeitsun
fähigkeit
aus neurologischer Sicht betrage mindestens 75
%
. Damit sei bereits aufgrund der somatischen Problematik ohne Weiteres von einem
Invaliditätsgrad von über 70
% auszugehen (S. 10 oben). Betreffend psychiatris
che Diagnosen seien die von der Beschwerdegegnerin
im Vorbescheid vom Mai 2014 herange
zogenen F
oe
rster-Kriterien nicht anwendbar gewesen (S.
10 Mitte). Das
A._
-Gutachten sei für die Beweisführung absolut untauglich. Zu schwer wiege der Mangel der fehlenden Auseinandersetzung mit dem
Z._
-Gutachten und zu wenig nachvollziehbar sei der Schluss auf eine angeblich zurückgewonnene körperliche Le
istungsfähigkeit (S. 14 Mitte).
Ferner machte er geltend, ge
mäss dem von ihm veranlassten Gutachten sei er als Bauarbeiter auf Dauer zu 100
%
arbeitsunfähig, was denn auch unbestritten sei (
Urk.
21 S. 1
Ziff.
1). Die Arbeitsfähigkeit in einer optimal behinderungsange
passten Tätigkeit sei im genannten Gutachten mit 50
%
beziffert worden (
Urk.
21 S. 2
Ziff.
2), wovon ab März 2017 auszugehen sei (Urk. 21 S. 2
Ziff.
4). Für die Zeit von Mai 2007 bis Februar 2017 bleibe das 2011 erstattete
Z._
-
Gutachten massgebend (
Urk.
21 S. 3
Ziff.
5).
2.3
Strittig und zu prüfen sind im Hinblick auf einen Rentenanspruch des Beschwer
deführers dessen Arbeitsfähigkeit und der Invaliditätsgrad.
3.
3.1
Die Ärzte der Rehaklinik
B._
nannten in ihrem Zwischenbericht vom 1
3.
Juli 2007 (
Urk.
7/14/7-9)
im Zusammenhang mit einem bei einem Verkehrsunfall am 2
8.
Mai 2006 erlittenen Polytrauma die
folgende
n, hier verkürzt angeführten
Diagnosen (S.
1
):
-
instabile Beckenverletzung
-
HWK5-Bogenfraktur rechts
-
Abdominaltrauma
mit Milzläsion
-
Thoraxtrauma
mit Frakturen der Rippen 3, 7 und 8 links
-
Zahnverletzungen am Ober- und Unterkiefer links
-
verschiedene operative Eingriffe vom
1.
b
is 1
5.
Juni 2006
-
persistierende
peritrochantäre
Schmerzen links
-
belastung
s- und position
sabhängige Schulterschmerzen rechts
Die Belastbarkeit sei zur Ausübung einer geregelten beruflichen Tätigkeit zum aktuellen Zeitpunkt noch immer deutlich zu gering (S. 3 oben).
3.2
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin,
führte in seinem
Bericht vom 2
5.
September 2007 (
Urk.
7/28/1-6)
aus, er behandle den Beschwerdeführer seit
2.
Oktober 2006 (
Ziff.
4.1), die letzte Konsultation sei am
2.
April 2007 erfolgt (
Ziff.
4.2).
Er nannte folgende Diagnosen (
Ziff.
2.1):
-
Status nach schwerem Polytrauma
nach Verkehrsunfall am 2
8.
Mai 2006
-
Zahnverletzungen
-
Wirbelsäulen-Trauma
-
Thoraxtrauma
-
instabile Beckenverletzung
-
Abdominaltrauma
mit Milzläsion
-
Verbrennungen
3.
Grades
Er attestierte eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
seit
2
8.
Mai 2006 (
Ziff.
3
).
3.3
Im
Bericht der Rehaklinik
B._
vom
5.
Oktober 2007
über das
vom 1
0.
April bis
5.
Oktober
2007
erfolgte
Ergonomie-Trainingsprogramm (
Urk.
7/
30) wurde unter anderem ausgeführt, eine
leichte, wechselbelastende Arbeit (ohne wieder
holtes Leiter- und Treppensteigen sowie ohne Arbeiten an sturzexponierten Stel
len) sei ganztags zumutbar (S. 5 unten).
3.4
Dr.
med.
D._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
nannte in seinem
Bericht vom 2
4.
April 2008 (
Urk.
7/44/2-5)
als
Diagnose
eine
Anpas
sungsstörung mit depressiver Reaktion
, ICD-10 F43.21 (S. 4
Ziff.
4)
. D
ie Prognose sei eher schlecht, der Patient
habe keine neue Perspektive entwickeln können und verharre in einer hoffnungslosen Haltung (S. 4
Ziff.
5
). Er habe erst nach etwa einem Monat erfahren, dass sieben seiner Kollegen beim Unfall gestorben seien
, was
ihn schwer belastet
habe
(S. 2 unten).
3.5
Die Ärzte des
Z._
erstatteten a
m 3
0.
September 2011 ein
fachpsychiatrisches Gutachten
mit
gesamtgutachterlicher Zusammenfassung
im Auftrag
der Suva (
Urk.
7/146/392-517)
. Sie nannten die folgenden
Diagnosen (S. 109 f.
Ziff.
8):
-
instabile Beckenverletzung
-
Verbrennung
3.
Grades in der linken Schulter
-
Abdominaltrauma
mit Milzläsion
-
Thoraxtrauma
-
Zah
n
verletzungen
-
Wirbelsäulentrauma mit HWK 5-Bogenfraktur rechts
-
chronische
peritrochantäre
Schmerzen links
-
muskuläres Defizit Oberschenkel links
-
unspezifische, linksbetonte Lumbalgien
-
haltungsbedingte, zervikale paravertebrale Myalgien
-
posttraumatische Belastungsstörung
-
mittelgradige depressive Episode
Aus psychiatrischer Sicht betrage die Arbeitsunfähigkeit
80
%
(S. 114
Ziff.
7). Es bestünden gute Chancen auf eine Heilung oder mindestens Besserung der psychi
schen Störungen bei adäquater Behandlung (S. 116 unten).
I
n seiner angestammten Tätigkeit als Bauhilfsarbeiter
sei der Beschwerdeführer
vollständig arbeitsunfähig (S. 118
Ziff.
9). Eine optimal angepasste Tätigkeit könne
er
sowohl aus neurologischer (kurzzeitige Tätigkeit im Sitzen zumutbar), unfallchirurgischer (halbtägige Arbeit, regelmässige Pausen)
als auch aus
psychi
atrischer (Arbeitszeit von höchstens 1
1⁄2
bis 2 Stunden) Sicht nicht mehr ganztä
gig ausüben (S. 120
Ziff.
14).
Im
unfallchirurgische
n
Teilgutachten vom
1.
Dezember 2010
(
Urk.
7/145/28-77
=
Urk.
7/146/335-384
) wurde unter anderem ausgeführt, im Vordergrund stünden
chronische
peritrochantäre
Schmerzen links (S. 45 unten)
. M
edizinisch
-
theore
tisch
betrage die
Leistungsfähigkeit für eine behinderungsangepasste Tätigkeit
mindestens 50
% (halbtags; S. 48 unten).
Im n
eurologische
n
Teilgutachten vom
7.
April 2011
(
Urk.
7/146/385-391
) wurde ausgeführt, zumutbar aus neurologischer Sicht sei
eine kurzzeitige Tätigkeit im Sitzen,
beispielsweise
für
1
Stunde mit Pause von 30 Min
uten
und erneuter Tätigkeit im Sitzen von
zirka
1 Stunde (S. 6 und
Ziff.
14). Auch in einer ange
passten Tätigkeit bestünden deutliche Einschränkungen. Aufgrund der starken Schmerzen und auch der psychiatrischen Situation sei die Arbeit weniger effizient als bei einer gesunden Person. Bei einer Tätigkeit von
2
Stunden best
ehe
eine Einschränkung gegenüber einer gesunden Person von
zirka 30-40
% (S. 6
Ziff.
16 und Zusatzfrage 2)
.
3.6
Dr.
med.
E._
, Facharzt für Anästhesiologie, Regionaler
Ä
rztlicher Dienst (RAD), führte in seiner Stellungnahme vom 3
1.
Juli 2013 (
Urk.
7/106 S. 11 f.) aus, gemäss dem
Z._
-Gutachten komme ergänzend als psychiatrische Diagnose und begründend für eine zusätzliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zur mittel
gradigen depressiven Episode (ICD 10 F32.1) noch eine posttraumatische Belas
tungsstörung (ICD 10 F43.1) hinzu. Gemäss dem Gutachten sei die Arbeitsfähig
keit in bisheriger und angepasster Tätigkeit schon aus rein psychiatrischer Sicht auf 20
%
beschränkt. Aus somatischer Sicht wären leichte Tätigkeiten in Wech
selbelastung ohne Heben, Tragen und Transportieren von Lasten über 5 kg, ohne Verharren in Zwangshaltungen möglich, aus psychiatrischer Sicht müsste es sich dabei um Arbeiten mit wenig Verantwortung, geringem Anspruch an Konzentra
tion und Aufmerksamkeit, wenig Kundenverkehr handeln mit der Möglichkeit, selbständig Pausen einzulegen (S. 11). Diese Bedingungen würden (mit den geforderten Pausen etc.) aus somatischer Sicht eine angepasste Tätigkeit im Rah
men von zirka 60
%
ermöglichen, sobald dies nach einer Verbesserung des Gesundheitszustandes auch aus psychiatrischer Sicht möglich wäre (S. 11 f.).
3.
7
Dr.
D._
(vorstehend E. 3.4) nannte in seinem
Bericht vom 3
1.
Juli 2013 (Urk.
7/102)
folgende
Diagnose
n (
Ziff.
1.1)
:
-
posttraumatische Belastungsstörung
(ICD-10 F43.1)
-
mittelgradige depressive Episode
(ICD-10 F32.1)
Er attestierte eine Arbeitsunfähigkeit von
100
%
s
eit 2
8.
Mai 2006 (
Ziff.
1.6). Zur
z
eit und auf längere Sicht sei eine Tätigkeit im freien Arbeitsmarkt nicht zumut
bar (
Ziff.
1.7).
3.
8
Dr.
E._
, RAD
,
führte in seiner Stellungnahme vom
5.
Mai 2015 (
Urk.
7/126 S. 3 f.) aus, die Beurteilung einer Arbeitsfähigkeit von zirka 60
%
aus rein somatischer Sicht in der RAD-Stellungnahme vom 3
1.
Juli 2013 (vorstehend E. 3.6) habe im Wesentlichen auf der Beurteilung der
Z._
-Unfallchirurgie
basiert, welche eine Arbeitsfähigkeit von mindestens 50
%
in angepasster Tätigkeit fest
gehalten, aber für sehr leichte, wechselbelastende Tätigkeiten keine Einschrän
kung gefunden habe. Diese Beurteilung sei gestützt worden durch die Rehaklinik
B._
, welche bereits am
5.
Oktober 2007 - unter anderem nach
Beizug
auch einer Neurologin - eine leichte, wechselbelastende Tätigkeit ohne repetitives Besteigen von Leitern und Treppen
als
ganztags zumutbar erachtet habe (vgl. vorstehend E. 3.3). Das neurologische Teilgutachten vom
7.
April 2011 (vgl. vor
stehend E. 3.5) setze sich dazu in Gegensatz, begründe allerdings die von der Aktenlage abweichende Beurteilung nicht hinreichend, sondern nur damit,
e
ine im Sitzen für 2
Stunden/Tag ausgeübte Tätigkeit erschein
e
aus rein neurologi
scher Sicht realistisch
. E
ine
zusätzliche Leistungseinschränkung von
40 %
werde
gar nicht plausibilisiert
(S. 3)
.
Diese abweichende Beurteilung
habe
allerdings zum Zeitpunkt der
RAD-
Stellungnahme vom
3
1.
Juli 2013 insofern noch keine wesentliche Rolle gespielt und sei nicht kommentiert worden, weil von einer psy
chiatrisch bedingten Arbeitsunfähigkeit von 80
%
ausgegangen worden sei (S. 3 unten). Es könne unverändert auf die Beschreibung
einer
angepasste
n
Tätigkeit (leichte, wechselbelastende Tätigkeiten mit einer
Gewichtslimite
von 5 kg, ohne Zwangshaltungen, mit Pausenmöglichkeiten, mit wenig Verantwortung und geringem Anspruch an Konzentration) und eine Arbeitsfähigkeit von zirka 60
%
aus somatischer Sicht abgestellt werden (S. 12 oben).
3.9
Am
3.
Februar 2016 nahm
Dr.
D._
(vorstehend E. 3.4)
zuhanden des Rechts
vertreters des
Beschwerdeführers
zum
Bericht über eine
zwischen Juli 2014 und Mai 2015 er
folgte
Observation
(vgl.
Urk.
7/146/123-151)
Stellung
(
Urk.
7/140/5-6)
und führte aus,
an 11 der 17 Observationen sei der
Beschwerdeführer
nicht beim Verlassen seiner Wohnadresse gesehen
worden, was dessen Angaben
, dass er die Wohnung meistens nicht verlasse, entspreche (S. 1 Mitte). Anhand des spärlichen Observationsmaterials könne die Diagnose einer erheblichen depressi
ven Störung nicht widerlegt werden. Seiner Ansicht nach bleibe alles beim
G
lei
chen (S. 2).
3.
10
Die Ärzte der Klinik für Unfallchirurgie,
Z._
, beri
chteten am 2
6.
April 2016 (Urk.
7/140/8-10), am 1
0.
Juni 2016 (
Urk.
7/140/11-12) und am 1
4.
Juli 2016 (
Urk.
7/140/13-14) über die von ihnen durchge
f
ührte Infiltrat
i
onsbehandlung
und
über
zunehmende
Beschwerden lumbal und in der linken Hüfte
, eine
Facet
tengelenksarthrose L4/5, L5/S1 beidseits sowie
eine
ISG-
Arthropat
h
ie
.
3.11
Am 2
8.
Februar 2017 erstatteten die Ärzte
der
A._
ein polydisziplinäres Gutachten im Auftrag der Beschwer
degegnerin
(
Urk.
7/151/3-
49
)
. Sie stützten sich auf die ihnen überlassenen Akten (S. 4 ff.) und ihre unter
Beizug
eines Dolmetschers am
1.
und
2.
Dezember 2016 erfolg
t
e internistische, neurologische und psychiatrische Untersuchung (S. 1 unten).
Sie nannten folgende
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
(S. 42 III.1):
-
mit qualitativer Einschränkung (Vermeidung körperlich schwerer Arbeit):
-
Polytrauma am 2
8.
Mai 2006 mit
drittgradiger
Verbrennung
thorako
dorsal
links im
-
Bereich der
Scapula
(2
%
der Körperoberfläche)
-
Thoraxtrauma
mit Rippenserienfraktur
-
Lungenkontusion Oberlappen rechts
-
Hämatopneumothorax
rechts
-
instabile Beckenverletzung mit
transforaminaler
Sacrumfraktur
links,
Acetabulumfraktur
, unterer und oberer Schambeinastfraktur rechts, untere Schambeinastfraktur links
-
Abdominaltrauma
mit Milzläsion
-
Wirbelsäulentrauma mit HWK5 Bogenfraktur rechts
-
Läsion des
Nervus
cutaneus
femoris
lateralis
links und des
Nervus
inguinalis
links
-
mit qualitativer Einschränkung (Vermeidung von Nachtarbeit und Tätig
keiten mit häufigem Publikumsverkehr, mit hoher Stressbelastung oder Übernahme höherer Verantwortung):
-
posttraumatische Belastungsstörung, teilweise remittiert (ICD-10 F43.1)
-
mittelgradige depressive Episode, teilweise remittiert (ICD-10 F32.1)
Sie führten unter anderem aus,
die diagnostischen Kriterien für eine posttrauma
tische Belastungsstörung seien nur noch teilweise erfüllt; es sei eine Teilremission nach Therapie anzunehmen (S. 37 f.). Die Medikamentenanamnese spreche für einen Fehlgebrauch des Opioids Tramadol. Der erhobene psychiatrische Befund ergebe keine Hinweise für eine anhaltende generelle Einschränkung der
Arbeits
fähigkeit, g
rundsätzlich bestehe eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit
, wobei eine gestufte Steigerung des Arbeitspensums sinnvoll sei (S. 38 unten). Der
Beschwer
deführer
sei im Alltag selbstversorgend, selbständig, führe einen P
KW
, sei sozial
integriert und aktiv und unternehme Fernreisen. Die Ressourcen für eine Arbeits
tätigkeit seien also gegeben (S. 41
Ziff.
8
). Nachtarbeit und Tätigkeiten mit häu
figem Publikumsverkehr, mit hoher Stressbelastung oder Übernahme höherer Verantwortung sollten vermieden werden (S. 46 Mitte). Es bestehe
aufgrund der somatischen Unfallfolgen
eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit
in der bisherigen Tätigkeit sowie allen vergleichbaren, körperlich überwiegend schweren Tätigkei
ten (S. 45
Ziff.
1).
3.12
Dr.
D._
(vorstehend E. 3.4)
führte in einer Stellungnahme vom
3
1.
August 2017 zuhanden des Rechtsvertreters des
Beschwerdeführers
(
Urk.
7/163)
zum
A._
-Gutachten aus,
die Schlüsse des Psychiaters seien grundsätzlich nach
vollziehbar, auch wenn er diese als zu optimistisch beurteile. Tatsächlich habe sich der Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers
, insbesondere seit Mitte des letzten Jahres
(mithin 2016)
, stetig
und merklich gebessert (S. 1).
3.13
Dr.
C._
(vorstehend E. 3.2) führte in seinem
Bericht vom
4.
Juni 2018
(
Urk.
3)
zuhanden
des Rechtsvertreters des
Beschwerdeführers
aus, in Bezug auf die Schmerzen sei es
in den letzten zwei Jahren
zu einer
Verschlechterung
gekommen (
Ziff.
1)
. Im Februar 2018 sei ein Arbeitsversuch nach zwei Tagen wegen der
Schmerzexazerbation
misslungen
(
Ziff.
2). Die
Schmerzanamnese im Gutachten sei sehr dürftig. Die Folgerung, dass eine
Arbeitsfähigkeit
gegeben sei, weil der
Beschwerdeführer
fähig sei, einfache Haushaltsarbeiten zu erledigen, Rei
sen zu unternehmen und sich sozial zu integrieren, sei äusserst fragwürdig.
3.1
4
Im
Schlussbericht der
Arbeitsintegration
F._
vom
5.
März 2018 (Urk.
7/189)
über die am 1
9.
Februar 2018 aufgenommene und am
2.
März 2018 aufgrund einer zu starken körperlichen Belastung abgebrochene
Poten
t
ialabklä
rung
(S. 1) wurde ausgeführt, während der Abklärung
habe sich der physische und psychische Zustand des
Beschwerdeführers
massiv verschlechtert. Zum jet
zigen Zeitpunkt sei eine Integration im ersten Arbeitsmarkt, auch in Form eines Nischenarbeitsplatzes mit reduziertem Pensum, unrealistisch (S. 7 oben).
3.1
5
Am 2
4.
Dezember 2020 erstatteten die Ärzte der
MEDAS
G._
ein polydisziplinäres Gutachten im Auftrag des Beschwerdeführers (
Urk.
22).
Sie stützten sich auf
eine Aktenzusammenfassung vom 1
9.
April 2019 (
Urk.
26), ein chirurgisches Teilgutachten vom
2.
Februar 2019 (
Urk.
24), ein neurologisches Teilgutachten vom
6.
April 2019 (
Urk.
25) und
ein psychiatrisches Teilgutachten vom
2.
August 2019 (
Urk.
23 =
Urk.
18/2).
Die Gutachter nannten die folgenden Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeits
fähigkeit (S. 5
Ziff.
2.1):
-
Verkehrsunfall am 2
8.
Mai 2006 mit Polytrauma mit instabiler Becken
verletzung mit/bei
-
transforaminaler
Sacrumfraktur
links
-
Azetabulumfraktur
links
-
obere und untere Schambeinastfraktur rechts, untere Schambeinast
fraktur links, behandelt mit Repositionen, Osteosynthesen, postopera
tive Radiotherapie und
Cava
-Schirmeinlage
-
Status nach
Ileosakralgelenk
(ISG) -Verschraubung am
6.
Juni 2006
-
Verbrennung
3.
Grades an der linken Schulter (3% der Körperoberfläche) mit
endgradiger
Bewegungseinschränkung für die Seitwärtsbewegung
-
chronische,
peritrochantäre
Schmerzen links mit/bei
-
chronischer
Insertionstendinopathie
Musculus
gluteus
medius
und
minimus
-
Oberflächenirregularität mit Zystenbildung im Trochanter
major
im konventionellen Röntgen (
3.
Dezember 2010)
-
schmerzhaftes Gleiten des
Tractus
iliotibialis
über dem Trochanter
major
-
muskuläres Defizit Oberschenkel links
-
funktionell: schmerzhafte, b
elastungsabhängige Bewegungsein
schrän
kung im Bereich des linken Hüftgelenkes
-
chronisches
lumbovertebrales
und -
spondylogenes
Schmerzsyndrom rechts mit/bei:
-
Facettengelenksarthropathie
L3/4, L4/5 L5/S1
-
z
ir
k
uläre Sensibilitätsstörung am Oberschenkel rechts (
wahrscheinlich
funktionell überlagert)
-
Polytrauma
Mai
2006 mit multiplen Frakturen im Wirbelsäulen-Hüft
bereich
-
m
ittelgradig ausgeprägte depressive Episode im Rahmen einer depressiven Entwicklung
(ICD-10 F32.11), im Verlauf leicht bis mittelgradig ausge
prägt
-
c
hronifizierte
posttraumatische Belastungsstörung (zum Untersuchungs
zeitpunkt
s
u
bsyndromal
ausgeprägt), in zeitlicher Hinsicht mit Übergang in eine andauernde Persönlichkeitsänderung
nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0)
Ferner nannten sie folgende Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 6
Ziff.
2.2):
-
anamnestisch Kompressionsneuropathie des
N.
ulnaris
am S.
ulnaris
links
-
klinisch diskrete sensible Ausfälle
-
Ätiologie: rezidivierende Mikrotraumata im Ellenbogenbereich
-
Status nach
Abdominaltrauma
mit Milzläsion
-
Status nach
Thoraxtrauma
mit
-
Rippenfraktur III, VII, VIII rechts
-
Lungenkontusion Oberlappen rechts
-
Hämatopneumothorax
rechts
Dass
die Diagnose des
lumbovertebralen
Syndromes
im orthopädischen Teilgut
achten als Diagnose ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit und in der Gesamtbeurteilung (wie im neurologischen Teilgutachten) als
Diagnose mit Aus
wirkung auf die Arbeitsfähigkeit
genannt werde, sei
kein Widerspruch
, da d
ie neurologische Beurteilung da
s Schmerzbild im Vordergrund habe
, während
die orthopädische
Beurteilung die Funktionalität der Wirbelsäule und deren radiolo
gische Befunde
ins Zentrum stelle (S. 6)
.
In der bisherigen Tätigkeit als Bauarbeiter / Strassenarbeiter betrage die Arbeits
unfähigkeit aus der Sicht aller drei Disziplinen 100
%
, in einer Verweistätigkeit betrage sie 20
%
aus Sicht der Neurologie und der Orthopädischen Chirurgie sowie 50
%
aus Sicht der Psychiatrie. Aus interdisziplinärer Sicht ergebe sich eine Arbeitsunfähigkeit von 50
%
in einer Verweistätigkeit (S. 7 oben).
Zum Verlauf führten die Gutachter aus,
e
ine retrospektive Beurteilung der Arbeitsfähigkeit oder Arbeitsunfähigkeit, ohne die begutachtete Person auch frü
her selber untersucht zu haben,
sei
nicht unproblematisch
.
Retrospektiv
sei ihnen
eine abschliessende Überprüfung der echtzeitlich erhobenen Befunde und gestützt darauf vorgenommenen Diagnosen und Arbeitsfähigkeitseinschätzungen nicht möglich. Möglich
sei ihnen
hingegen eine Würdigung aus heutiger Sicht
(S.
7 Mitte)
.
Auf Grundlage der
aktuell
erhobenen Befunde und daraus abgeleiteten Diagnosen
würden ihnen
die echtzeitlich vorgenommenen, von
ihnen
als wesentlich erach
teten Beurteilungen als nachvollziehbar
erscheinen
, da auch
sie
seit dem Unfall vom Mai 2006 die volle Arbeitsunfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit s
ähen. Hiermit decke
sich
ihre
Beurteilung mit dem
A._
-
Gutachten vo
n
2017. Die von
ihnen
attestierte Arbeitsunfähigkeit von 50
%
in einer optimal angepassten Tätigkeit weich
e
jedoch von der Bemessung im
A._
-Gutachten
-
wo eine volle Restarbeitsfähigkeit
attestiert worden sei - ab
. Es
sei
für
sie
bei
den
ihnen
vorliegenden Diagnosen nicht nachvollziehbar, wie der Explorand ein volles Pen
sum bewältigen soll
e
. Hingegen
schätz
t
en
sie
aktuell die Restarbeitsfähigkeit in einer wechselbelastenden und
leichten Tätigkeit mit den von ihnen
bemessenen 50
%
höher ein
im
Z._
-
Gutachten
von 2011 mit einer täglichen Arbeitszeit von nur zirka 2 Stunden
. Als Erklärung hierfür
könne
wohl die mittlerweile erfolgte Anpassung gelten. Zudem
sei
eine mittelgradige depressive Episode üblicherweise mit einer 50%igen Arbeitsunfähigkeit einhergehend. In der Verweistätigkeit
gelte
die von
ihnen
bemessene Arbeitsunfähigkeit seit mindestens Februar 2017
(S. 7 unten)
.
3.16
Am
2.
August 2019 erstattete
Dr.
med.
H._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, ein Teilgutachten (
Urk.
18/2 =
Urk.
23). Er stützte sich auf die ihm überlassenen Akten (S. 7 ff.) und seine am 2
4.
Januar 2019 unter
Beizug
einer Dolmetscherin erfolgte Untersuchung (S. 1
Ziff.
1.1.4-5).
Der Gutachter nannte die folgenden psychiatrischen Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 33 7 6.1):
-
mittelgradig ausgeprägte depressive Episode im Rahmen einer depressiven Entwicklung (ICD-10 F32.11), im Verlauf leicht- bis mittelgradig ausge
prägt
-
chronifizierte
posttraumatische Belastungsstörung (zum Untersuchungs
zeitpunkt
sub
syndromal
ausgeprägt), in zeitlicher Hinsicht mit Übergang in eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung
(ICD-10 F62.0)
Der Gutachter traf Feststellungen zum bisherigen Verlauf der Behandlungen (S. 39
Ziff.
7.2), zu Konsistenz und Plausibilität (S. 40 f.
Ziff.
7.3), sowie zu Fähigkeiten, Ressourcen und Belastungen (S. 41 f.
Ziff.
7.4).
Die angestammte Tätigkeit als Bauarbeiter sei dem Versicherten nicht möglich, diesbezüglich betrage die Arbeitsunfähigkeit 100
%
(S. 42
Ziff.
8.1.1).
Eine der Behinderung optimal angepasste Tätigkeit umschrieb der Gutachter als ruhig, stressarm, nicht hektisch, nicht monoton und in einem unterstützenden Arbeitsumfeld stattfindend (S. 43
Ziff.
8.2.1). Eine solche Tätigkeit wäre dem Ver
sicherten während 4 Stunden pro Tag möglich (S. 43
Ziff.
8.2.2). Diese Arbeitsfä
higkeit von 50
%
erscheine angesichts der gemachten arbeitsrehabilitativen Erfahrungen aus heutiger Sicht allerdings nur unter geschützten Bedingungen erfolgreich realisierbar (S. 43
Ziff.
8.2.4).
4.
4.1
Vorab ist der Hinweis angezeigt, dass mit der vorliegend angefochtenen Verfü
gung das
-
nach im Mai 2006 erlittenem Polytrauma
-
mit der Anmeldung vom
4.
Juli 2007 (
Urk.
7/1) eröffnete Verwaltungsverfahren abgeschlossen wurde. Dies ist bei der Würdigung der verfügbaren medizinischen Beurteilungen im Auge zu behalten.
4.2
Im Oktober 2007 erachteten die Fachleute der Rehaklinik
B._
eine leichte, wechselbelastende Arbeit (ohne wiederholtes Leiter- und Treppensteigen sowie ohne Arbeiten an sturzexponierten Stellen)
als
ganztags zumutbar
(vorstehend E.
3.3).
Im
Z._
-Gutachten vom September 2011 (vorstehend E. 3.5) wurde die Arbeits
fähigkeit in behinderungsangepasster Tätigkeit aus unfallchirurgischer Sicht mit «mindestens 50
%
» beziffert, aus neurologischer Sicht hingegen mit lediglich 2 Stunden pro Tag, bei einer (zusätzlichen?) Leistungsminderung von 30-40
%
. Aus psychiatrischer Sicht wurde eine posttraumatische Belastungsstörung und eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert und eine Arbeitsunfähigkeit von 80
%
attestiert.
RAD-Arzt
Dr.
E._
führte im Juli 2013 aus, gemäss dem
Z._
-Gutachten sei die Arbeitsunfähigkeit schon aus rein psychiatrischer Sicht auf 20
%
reduziert. Aus somatischer Sicht betrage die Arbeitsfähigkeit 60
%
, sobald dies nach einer Ver
besserung des Gesundheitszustandes auch aus psychiatrischer Sicht möglich wäre (vorstehend E. 3.6). Im Mai 2015 erläuterte er, die Annahme einer Arbeitsfähigkeit von 60
%
aus somatischer Sicht basiere auf den Ausführungen im unfallchirur
gischen
Z._
-Teilgutachten; die davon abweichende Einschätzung aus neurologi
scher Sicht einer lediglich 2 Stunden pro Tag betragenden Arbeitsfähigkeit sei nicht nachvollziehbar begründet worden (vorstehend E. 3.8).
Die
A._
-Gutachter
führten im Februar 2017 aus, die von ihnen gestellten Diagnosen hätten insofern einen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit, als körperlich schwere Arbeit - für welche eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
bestehe - zu ver
meiden sei. Aus psychiatrischer Sicht ergäben sich aus näher dargelegten Grün
den keine Hinweise auf eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, diese betrage mithin 100
%
(vorstehend E. 3.11).
Dr.
D._
, der seit 2008 behandelnde Psychiater (vorstehend E. 3.4)
,
bezeichnete im August 2017 die psychiatrischen Feststellungen im
A._
-Gutachten als grundsätzlich nachvollziehbar, aber zu optimistisch. Insbesondere seit Mitte 2016 habe sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers stetig und merklich gebessert (vorstehend E. 3.12).
Dr.
C._
, der seit 2006 behandelnde All
gemeinpraktiker (vorstehend E. 3.2)
,
führte sodann im Juni 2018 aus, es sei in Bezug auf die Schmerzen in den letzten zwei Jahren zu einer Verschlechterung gekommen (vorstehend E. 3.13).
Die
G._
-Gutachter attestierten im Dezember 2020 (basierend auf Teilgutach
ten vom Februar, April und August 2019) eine
Arbeitsunfähigkeit in Verweistä
tigkeiten von 20
%
aus neurologischer und aus orthopädisch-chirurgischer Sicht sowie von 50
%
aus psychiatrischer Sicht. Die im
A._
-Gutachten von 2017 attestierte volle Arbeitsfähigkeit - körperlich schwere Tätigkeiten ausgenommen - erachteten sie als nicht nachvollziehbar (vorstehend E. 3.15).
Der psychiatrische
G._
-Gutachter traf
in Beachtung der diesbezüglichen Anforderungen (vgl. vorstehend E. 1.2-1.3) genaue und nachvollziehbare
Fest
stellungen
zum bisherigen Verlauf der Behandlungen, zu Konsistenz und Plausi
bilität sowie zu Fähigkeiten, Ressourcen und Belastungen
, und erachtete näher umschriebene Tätigkeiten als im Umfang von 4 Stunden pro Tag oder 50
%
mög
lich, dies allerdings angesichts der gemachten arbeitsrehabilitativen Erfahrungen (vgl. vorstehend E. 3.14) nur unter geschützten Bedingungen (vorstehend E. 3.16).
4.3
Die - teilweise divergierenden - Beurteilungen sind von unterschiedlicher Über
zeugungskraft. Beim
Z._
-Gutachten von 2011 ist - mit RAD-Arzt
Dr.
E._
-
nicht
a
bzustellen auf die Angaben zur Arbeitsfähigkeit aus neurologi
scher Sicht, da sie in keiner Weise nachvollziehbar begründet sind, hingegen durchaus auf diejenigen aus unfallchirurgischer Sicht (mindesten 50
%
) und aus psychiatrischer Sicht (20
%
). Ebenfalls nicht zu überzeugen vermag angesichts der daran im
G._
-Gutachten von 2020 geübten, fundierten Kritik das
A._
-Gutachten von 2017, in welchem eine, abgesehen von körperlich schwe
ren Tätigkeiten, vollumfängliche Arbeitsfähigkeit postuliert wurde. Diesbezüglich nachvollziehbar erscheinen die Angaben zur Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit im
G._
-Gutachten aus somatischer Sicht (80
%
) wie aus psychiatri
scher Sicht (50
%
).
Auszugehen ist somit von einer psychiatrisch begründeten Arbeitsfähigkeit von 20
%
beziehungsweise Arbeitsunfähigkeit von 80
%
ab Mai 2007 und von einer solchen von 50
%
im Verfügungszeitpunkt. Über den Verlauf zwischen diesen
Eck
daten sind nur rudimentäre Angaben
vorhand
en. Da sich dies auch mittels weiterer Abklärungen nicht ändern liesse, sind sie bestmöglich auszuwerten. Dies legt es nahe, auf die Angaben des behandelnden Psychiaters im August 2017 abzustellen, wonach sich der Gesundheitszustand seit Mitte letzten Jahres, also 2016, stetig und merklich gebessert habe. Daraus ist abzuleiten, dass die seit Mai 2007 anzunehmende Arbeitsunfähigkeit von 80
%
aus psychiatrischer Sicht bis Juni 2016 dauerte und daran anschliessend von der aktuell attestierten von 50
%
abgelöst wurde.
4.4
Auf der Basis der vorstehend begründeten Annahmen ist die Invaliditätsbemes
sung vorzunehmen. Die Beschwerdegegnerin hat beide Vergleichseinkommen anhand von Tabellenlöhnen der
Lohnstrukturerhebung (
LSE
)
ermittelt (vgl.
Urk.
7/174), was nicht zu beanstanden ist. Zu beachten ist allerdings,
dass
grund
sätzlich die im Verfügungszeitpunkt aktuellsten veröffentlichten Tabellen der LSE zu verwenden
sind
(BGE 143 V 295 E. 4.1.3
). Massgebend ist somit die LSE 2016, und zwar praxisgemäss die Tabelle TA1_tirage_skill
level
.
Mit der Beschwerdegegnerin ist für das
Valideneinkommen
auf den Lohn für Bauhilfsarbeiter abzustellen, mithin
Fr.
5
'
622
.--
pro Monat im Jahr 2016 (Ziff.
41-43, Kompetenzniveau 1).
Massgebend für das Invalideneinkommen ist das mittlere
von Männern
über alle
Wirtschaftszweige hinweg auf Kompetenzniveau 1 erzielte Einkommen, mithin
Fr.
5'417.-- pro Monat im Jahr 201
6.
Davon ist mit der Beschwerdegegnerin ein Abzug von 25
%
vorzunehmen (vgl.
Urk.
7/174 S. 2), was rund
Fr.
4'063.-- ergibt.
Zwischen dem
Valideneinkommen
(Baugewerbe) und dem Invalideneinkommen (Totalwerte) unterscheiden sich wöchentliche Arbeitszeit und Nominallohnent
wicklung, wenn überhaupt, nur marginal und nicht
entscheidwesentlich
. Es kann deshalb auf die entsprechenden Umrechnungen verzichtet und direkt auf die genannten Beträge gemäss LSE abgestellt werden.
Bei
einer Arbeitsfähigkeit von 20
%
beträgt das Invalideneinkommen rund Fr. 813.-- (
Fr.
4'063.-- x 0.2), was bei
m
Valideneinkommen
von
Fr.
5'622.--
eine Einkommenseinbusse von
Fr.
4'809.-- und einen Invaliditätsgrad von gerundet 86
%
ergibt.
Bei einer Arbeitsfähigkeit von 50
%
beträgt das Invalideneinkommen rund Fr. 2’032.-- (
Fr.
4'063.-- x 0.5), was beim
Valideneinkommen
von
Fr.
5'622.-- eine Einkommenseinbusse von
Fr.
3’590.-- und einen Invaliditätsgrad von gerundet 64
%
ergibt.
Somit hat der Beschwerdeführer ab Mai 2007 Anspruch auf eine ganze Rente und ab
Oktober
2016
(vgl. vorstehende E. 1.3)
auf eine
Dreiviertelsrente
. Mit dieser Feststellung ist die angefoch
tene Verfügung, in Gutheissung der dagegen erhobenen Beschwerde, abzuändern.
5.
5.1
Die Verfahrenskosten gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
des Bundesgesetzes über die Inva
lidenversicherung (IVG) sind ermessensweise auf
Fr.
900.-- festzusetzen und aus
gangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.2
Dem obsiegenden und anwaltlich vertretenen Beschwerdeführer steht eine Pro
zessentschädigung zu, die beim praxisgemässen Stundenansatz von Fr. 220.
(zuzüglich Mehrwertsteuer) ermessensweise auf
Fr.
2'800.-- festzuset
zen und der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen ist.