Decision ID: 6e1df65b-c2db-590f-9d92-ecb79ca1397c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
dass der aus [...] stammende Beschwerdeführer gemäss eigenen Aussa-
gen am 19. Oktober 2020 in die Schweiz einreiste und gleichentags um
Asyl ersuchte (Akten der Vorinstanz [SEM act.] 1, 9),
dass sich aus den Akten der Vorinstanz ergab, dass der Beschwerdeführer
bereits am [...] 1990 zusammen mit seiner Familie in die Schweiz einge-
reist war; nachdem die Asylgesuche abgelehnt worden waren, reiste die
Familie am [...] 1991 wieder in den Heimatstaat zurück (vgl. Akten in Dos-
sier [...]),
dass der Beschwerdeführer anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 30. Ok-
tober 2020 (vgl. Art. 5 der Verordnung [EU] Nr. 604/ 2013 des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
[Abl. L 180/31 vom 29. Juni 2013]; nachfolgend: Dublin-III-VO) im Beisein
seiner Rechtsvertretung unter anderem erklärte, er sei im November 2008
aus dem Libanon über Ägypten nach Frankreich gelangt,
dass er weiter ausführte, er sei dann direkt nach Deutschland gereist, wo
er im Februar oder März 2009 ein Asylgesuch eingereicht habe; nach vier
bis fünf Monaten habe er einen negativen Entscheid erhalten; danach habe
er mit einer Duldung bis Mai 2018 in Deutschland gelebt; anschliessend
habe er sich auch in Italien, Frankreich und Griechenland aufgehalten; er
sei dann wieder nach Deutschland zurückgekehrt, wo er bis zum Juni 2020
geblieben sei; schliesslich sei er erneut nach Italien gegangen; er sei in
Mailand geblieben und von dort aus direkt in die Schweiz gelangt,
dass ihm das SEM gleichzeitig das rechtliche Gehör zu einem allfälligen
Nichteintretensentscheid und einer möglichen Überstellung nach Deutsch-
land bzw. Italien sowie zu seinem Gesundheitszustand gewährte (SEM act.
14),
dass das SEM am 30. Oktober 2020 ein auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-
VO gestütztes Übernahmeersuchen an die italienischen Behörden richtete,
und diese dem Ersuchen nicht stattgaben, da er in Italien nicht bekannt sei
(SEM act. 16 und 20),
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dass die Vorinstanz am 13. November 2020 in derselben Sache an die
deutschen Behörden gelangte und diese das Übernahmeersuchen vorerst
ablehnten (SEM act. 21 und 23),
dass die deutschen Behörden dem Gesuch um Übernahme gemäss
Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO nach einer Remonstration der Vorinstanz
am 26. November 2020 zustimmten (SEM act. 25 und 29),
dass das SEM mit Verfügung vom 26. November 2020 auf das Asylgesuch
des Beschwerdeführers nicht eintrat, seine Wegweisung nach Deutschland
anordnete und ihn aufforderte, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf
der Beschwerdefrist zu verlassen,
dass es gleichzeitig die Aushändigung der editionspflichtigen Akten ge-
mäss Aktenverzeichnis verfügte und feststellte, einer allfälligen Beschwer-
de komme keine aufschiebende Wirkung zu,
dass sich der Beschwerdeführer gegen die ihm am 27. November 2020
eröffnete Verfügung mit Rechtsmitteleingabe vom 4. November 2020 an
das Bundesverwaltungsgericht wandte und deren Aufhebung beantragte;
die Vorinstanz sei anzuweisen, ihre Pflicht zum Selbsteintritt auszuüben
und sich für das vorliegende Asylverfahren für zuständig zu erklären; even-
tualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, sich gestützt auf Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) für vorlie-
gendes Verfahren für zuständig zu erklären; subeventualiter sei die Sache
wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen,
dass er ferner um Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde
ersuchte; zudem seien die Vollzugsbehörden anzuweisen, von einer Über-
stellung nach Deutschland abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht
über die Beschwerde entschieden habe; weiter sei auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses zu verzichten und die unentgeltliche Prozessführung
zu gewähren (Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer act.] 1),
dass die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56 VwVG den Vollzug der
Überstellung mit superprovisorischer Massnahme vom 7. Dezember 2020
sofort aussetzte,
dass die vorinstanzlichen Akten dem Bundesverwaltungsgericht gleichen-
tags in elektronischer Form vorlagen.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
dass sich die Beschwerde gegen einen Nichteintretensentscheid im Sinne
von Art. 31a Abs. 1 AsylG richtet und deshalb lediglich zu prüfen ist, ob die
Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE
2012/4 E. 2.2 m.H.),
dass die Beschwerde zudem offensichtlich unbegründet ist, weshalb über
sie in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Rich-
ters bzw. einer zweiten Richterin – und nur mit summarischer Begründung
– zu entscheiden ist (vgl. Art. 111 Bst. e und Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet wurde,
dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass als staatsvertragliche Grundlage die Dublin-III-VO zur Anwendung
kommt,
dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird,
dass das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates ein-
geleitet wird, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt
wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge)
nach Art. 21 und Art. 22 Dublin-III-VO die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-
VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der
Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) an-
zuwenden sind, und dabei von der Situation im Zeitpunkt auszugehen ist,
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in dem der Asylsuchende erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat ge-
stellt hat (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO),
dass dagegen im Rahmen eines sogenannten Wiederaufnahmeverfahrens
nach Art. 23, 24 und 25 Dublin-III-VO (engl.: take back), wie es in casu
vorliegt, grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel
III stattfindet (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.),
dass gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO der nach dieser Verord-
nung zuständige Mitgliedstaat verpflichtet ist, einen Drittstaatsangehörigen
oder Staatenlosen, dessen Antrag auf internationalen Schutz abgelehnt
wurde und der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat
oder der sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufent-
haltstitel aufhält, nach Massgabe der Art. 23, 24, 25 und 29 wieder aufzu-
nehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO),
dass der Beschwerdeführer anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 30. Ok-
tober 2020 erklärte, er habe im Februar oder März 2009 in Deutschland ein
Asylgesuch eingereicht; nach vier bis fünf Monaten habe er einen negati-
ven Entscheid erhalten, danach habe er mit einer Duldung bis Mai 2018
dort gelebt; nach einem Aufenthalt in diversen anderen europäischen Län-
dern sei er wieder nach Deutschland zurückgekehrt und bis zum Juni 2020
geblieben (SEM act. 14),
dass daher die Vorinstanz die deutschen Behörden am 13. November 2020
um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1
Bst. d Dublin-III-VO ersuchte, und die deutschen Behörden dem Gesuch
am 26. November 2020 zustimmten (SEM act. 29),
dass die Zuständigkeit Deutschlands somit grundsätzlich gegeben ist, was
in der Beschwerde auch nicht bestritten wird,
dass systemische Schwachstellen im deutschen Asylverfahren und in den
Aufnahmebedingungen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Satz 2 Dublin-III-VO zu
verneinen sind und unter diesen Umständen die Anwendung von Art. 3
Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt ist,
dass hingegen jeder Mitgliedstaat abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschlies-
sen kann, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlo-
sen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er
nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung
zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO),
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dass dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht im Landesrecht durch Art. 29a
Abs. 3 AsylV 1 konkretisiert wird und das SEM das Asylgesuch gemäss
dieser Bestimmung "aus humanitären Gründen" auch dann behandeln
kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre,
dass dem SEM bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 Ermessen
zukommt (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.), indessen eine Verpflichtung zum
Selbsteintritt besteht, wenn die Überstellung an den zuständigen Dublin-
Mitgliedstaat zu einer Verletzung von völkerrechtlichen Verpflichtungen der
Schweiz führen würde,
dass der Beschwerdeführer dazu rechtsmittelweise geltend macht, eine
Rückkehr nach Deutschland sei aufgrund [...] sehr gefährlich, da dort seine
Brüder, Onkel und Cousins leben würden; er sei in Deutschland bereits mit
vier Frauen verlobt gewesen und habe die Verlobung jedes Mal aufgelöst,
[...]; der Druck wäre bei einer jetzigen Rückkehr nach Deutschland wegen
seines in seiner Kultur fortgeschrittenen Alters von 36 Jahren unaushaltbar;
[...],
dass er weiter ausführt, er habe sich in Italien [...]; in Deutschland sei es
ihm nicht möglich, [...]; hier würden auch weitaus weniger Personen aus
dem arabischen Kulturkreis leben, vor denen er sich verstecken müsste
(BVGer act. 1),
dass die Vorbringen des Beschwerdeführers nicht gehört werden können,
ist doch Deutschland ein Rechtsstaat, der über eine funktionierende Poli-
zeibehörde und ein Justizsystem verfügt, so dass sowohl Schutzwilligkeit
wie auch Schutzfähigkeit sichergestellt sind,
dass sich der Beschwerdeführer damit, wie es auch das SEM in der Verfü-
gung zutreffend ausführte, in Deutschland – im Fall von Übergriffen durch
Privatpersonen – an die zuständigen staatlichen Stellen wenden kann,
dass der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitteleingabe weiter geltend
macht, er leide unter grossem psychischen Stress sowie damit einherge-
hend an [...]; wegen Herzrasens habe er in Deutschland mehrmals mit ei-
nem Krankenwagen in ein Spital gefahren werden müssen; er benötige
dringend psychologische Hilfe (BVGer act. 1),
dass ärztliche Konsultationen am 21. Oktober 2020 sowie am 17. und
20. November 2020 erfolgten,
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dass anlässlich des Termins vom 20. November 2020 eine Laborbespre-
chung erfolgte und dem Konsultationsbericht die Diagnosen [...] zu ent-
nehmen sind; gemäss dem Bericht sei der Allgemeinzustand des Be-
schwerdeführers gut, er habe keine weiteren Probleme und wisse gar nicht,
warum er da sei (SEM act. 18),
dass es im Hinblick auf den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers
zu erwähnen gilt, dass Deutschland über eine ausreichende medizinische
Infrastruktur verfügt und die Mitgliedstaaten verpflichtet sind, den Antrag-
stellern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Not-
versorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten
und schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen
(Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie) und davon ausgegangen werden kann,
dass dem Beschwerdeführer in Deutschland eine adäquate medizinische
Behandlung seiner Beschwerden zur Verfügung steht, was er im Übrigen
auch nicht bestreitet,
dass das Vorbringen des Beschwerdeführers in Bezug auf die Verschlim-
merung seiner gesundheitlichen Beschwerden in Deutschland durch die
Anwesenheit seiner Verwandten (vgl. BVGer act. 1) nicht gehört werden
kann, ist doch – wie bereits erwähnt – davon auszugehen, dass Deutsch-
land als Rechtsstaat in der Lage ist, ihn vor Übergriffen durch Privatperso-
nen zu schützen,
dass andere Gründe, die der Schweiz Anlass geben würden, von ihrem
Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO Gebrauch zu
machen, weder geltend gemacht werden noch ersichtlich sind, wobei an
dieser Stelle festzuhalten bleibt, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchen-
den kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszu-
wählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3),
dass vorliegend – entgegen den beschwerdeweisen Vorbringen – auch
keine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör durch das SEM aus-
zumachen ist,
dass die Vorinstanz demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten
ist und in Anwendung von Art. 44 AsylG die Überstellung nach Deutschland
angeordnet hat (Art. 32 Bst. a AsylV 1),
dass unter diesen Umständen allfällige Vollzugshindernisse gemäss
Art. 83 Abs. 3 und 4 AuG (SR 142.20) nicht mehr zu prüfen sind, da das
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Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nicht-
eintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist (vgl. BVGE
2015/18 E. 5.2 m.w.H.),
dass die Beschwerde demnach abzuweisen und die Verfügung des SEM
zu bestätigen ist,
dass das Beschwerdeverfahren mit vorliegendem Urteil abgeschlossen ist,
weshalb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als
gegenstandslos erweist,
dass der am 7. Dezember 2020 gemäss Art. 56 VwVG angeordnete Voll-
zugsstopp dahinfällt,
dass das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung abzuweisen ist, da die Begehren unter Berück-
sichtigung vorstehender Erwägungen als aussichtlos zu bezeichnen sind,
weshalb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1‒
3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
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