Decision ID: d14c6f74-d62f-51c7-a1c5-19e5cd4c813a
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
H._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Rainer Niedermann, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erlass und Verrechnung der EL-Rückforderung
Sachverhalt:
A.
A.a H._ (Jahrgang 1942) bezieht seit 1. Juli 2004 zu seiner IV- und später zur AHV-
Rente Ergänzungsleistungen (EL) (EL-act. 66). Die EL wurde jährlich angepasst (EL-act.
64, 61 und 59). Am 29. Januar 2007 meldete die AHV-Zweigstelle St. Gallen der EL-
Durchführungsstelle des Kantons St. Gallen die Mietvertrags-Änderung des
Versicherten auf den 1. April 2007 (EL-act. 58). Mit Verfügung vom 5. April 2007 sprach
die EL-Durchführungsstelle dem Versicherten weiterhin eine EL in der Höhe von Fr.
1'185.-- pro Monat zu. Die Mietzinserhöhung hatte aufgrund der pauschalen
Berücksichtigung von maximal Fr. 15'000.-- zu keiner Anpassung der EL geführt (EL-
act. 57). Ab September 2007 erhielt der Versicherte neu eine AHV- statt IV-Rente in der
gleichen Höhe von Fr. 34'200.-- jährlich. Am 25. Juli 2007 verfügte die EL-
Durchführungsstelle mit Wirkung ab 1. September 2007 die Anpassung der EL auf
Fr. 1'167.-- pro Monat. Die Herabsetzung der EL erfolgte aufgrund der
Berücksichtigung eines Zehntels als Vermögensverzehrs statt wie bis anhin eines
Fünfzehntels (EL-act. 55).
A.b Mit E-Mail vom 3. Dezember 2007 bat die AHV-Zweigstelle die EL-
Durchführungsstelle, dem Versicherten eine letzte Frist zur Einreichung von Unterlagen
für die Abklärung der wirtschaftlichen Verhältnisse zu setzen (EL-act. 54). Unter
Androhung der Einstellung der EL auf den 1. Februar 2008 setzte die EL-
Durchführungsstelle am 7. Januar 2008 dem Versicherten eine Frist bis am 18. Januar
2008 (EL-act. 51). Mit Verfügung vom 24. Januar 2008 stellte die EL-
Durchführungsstelle die EL auf den 1. Februar 2008 ein (EL-act. 50). Gleichentags
erhielt sie von der AHV-Zweigstelle den bei dieser am 11. September 2007
eingegangenen Fragebogen zur periodischen Überprüfung der EL, die Bestätigung der
A._ Versicherung an den Versicherten über die Bezahlung einer Invalidenrente für das
Jahr 2008 von Fr. 1'386.-- pro Monat und die Steuerveranlagung 2006 (EL-act. 48 und
49). Am 7. Februar 2008 verfügte die EL-Durchführungsstelle bei einem
Einnahmeüberschuss von Fr. 1'815.-- pro Monat nochmals die Einstellung der EL mit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wirkung ab 1. Februar 2008. Eine Rückforderung für die zuviel ausbezahlten EL erhalte
der Versicherte zu einem späteren Zeitpunkt (EL-act. 46). Die gegen diese Verfügung
am 18. März 2008 erhobene Einsprache liess der Versicherte am 2. Mai 2008
zurückziehen. Dabei liess er mitteilen, er bezöge seit 1. Januar 2004 eine unechte
Komplementärrente der A._ Versicherung. Die betreffende Verfügung vom 26. August
2005 sei der AHV-Zweigstelle in der ersten Septemberwoche 2005 zugestellt worden
(EL-act. 40 und 43).
A.c Auf Nachfrage bei der A._ Versicherung stellte diese der EL-Durchführungsstelle
am 10. Juli 2008 die Verfügung vom 26. August 2005 sowie die Bestätigung der
Rentenzahlungen 2006/2007 zu (EL-act. 36). Mit Verfügung vom 28. August 2008
forderte die EL-Durchführungsstelle die seit 1. Juli 2004 bis 31. Januar 2008
ausbezahlte EL von insgesamt Fr. 47'027.-- zurück (EL-act. 27). Die dagegen am
9. Oktober 2008 erhobene Einsprache liess der Versicherte am 17. November 2008
zurückziehen (EL-act. 20). Die EL-Durchführungsstelle verlangte am 11. Dezember
2008 gestützt auf die rechtskräftige Rückforderungsverfügung die Überweisung des
Rückforderungsbetrags von Fr. 47'027.-- (EL-act. 18).
A.d Am 16. Dezember 2008 liess der Versicherte den Erlass der EL-Rückforderung
beantragen. Er sei zu keiner Zeit bösgläubig gewesen. Die AHV-Zweigstelle sei
unmittelbar nach Erhalt der Verfügung der A._ Versicherung über die Auszahlung der
Leistung informiert worden. Sodann liege eine grosse Härte vor, da er Rentner sei und
teilweise entschädigungslos für seine schwerbehinderte Tochter aufkomme (EL-act.
17). Mit Verfügung vom 22. April 2009 wies die EL-Durchführungsstelle das
Erlassgesuch ab. Die Leistungen der A._ Versicherung seien nicht fristgerecht
mitgeteilt worden, weshalb kein guter Glaube vorliege. Nach Prüfung des
betreibungsrechtlichen Existenzminimums werde die Rückforderung in der Höhe von
Fr. 31'020.-- durch Verrechnung mit der AHV-Rente im Betrag von Fr. 517.-- monatlich
im Zeitraum vom 1. Mai 2009 bis 30. April 2014 getilgt. Der übrige Betrag von Fr.
16'007.-- werde abgeschrieben (EL-act. 10). Für das betreibungsrechtliche
Existenzminimum berücksichtigte die EL-Durchführungsstelle Krankenkassenbeiträge
in der Höhe von Fr. 6'888.-- pro Jahr, einen Mietzins von Fr. 15'240.-- brutto sowie
einen Grundbetrag für ein Ehepaar von Fr. 21'360.-- (total Fr. 43'488.--). Diesem
Totalbetrag wurden die gesamten Renteneinkünfte von insgesamt Fr. 50'832.--
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegenübergestellt. Schliesslich wurde gestützt auf das Kreisschreiben über die
Berechnung des betreibungsrechtlichen Existenzminimums das anrechenbare
Nettoeinkommen des Schuldners von Fr. 3'578.-- pro Monat sowie ein anrechenbares
Existenzminimum von Fr. 3'061.-- und eine pfänd- bzw. verrechenbare Quote von
Fr. 517.-- pro Monat ermittelt (EL-act. 9). Am 24. April 2009 verfügte die
Ausgleichskasse die Verrechnung der EL-Rückforderung mit der laufenden AHV-Rente
(EL-act. 3-3/4).
A.e Die gegen diese Verfügungen am 25. Mai 2009 erhobene Einsprache (EL-act. 1)
wies die EL-Durchführungsstelle mit Entscheid vom 1. Dezember 2009 ab. Der
Versicherte sei sich sehr wohl bewusst gewesen, dass jede Änderung der
wirtschaftlichen Verhältnisse einen Einfluss auf die Höhe der EL habe, so habe er auch
die Mietzinserhöhung gemeldet. Die Verfügung der A._ Versicherung sei der IV-Stelle
und nicht der EL-Durchführungsstelle zugestellt worden. Damit habe der Versicherte
seine Meldepflicht verletzt. Selbst wenn er die Rente der EL-Durchführungsstelle
gemeldet hätte, hätte er die fehlende Anpassung der EL-Berechnung melden müssen.
Somit habe er die EL offensichtlich nicht in gutem Glauben bezogen. Schliesslich sei
das betreibungsrechtliche Existenzminimum korrekt berechnet worden, da keine
Kosten für Garage, Bastelraum und nicht obligatorische Versicherungen berücksichtigt
würden. Die Einsprache werde deshalb abgewiesen (EL-act. 77).
B.
B.a Gegen diesen Entscheid lässt der Versicherte am 15. Januar 2010 Beschwerde
erheben. Er beantragt die Aufhebung des Einspracheentscheids vom 1. Dezember
2009 samt den Verfügungen vom 22. und 24. April 2009 sowie den Erlass der EL-
Rückforderung. Der Beschwerdeführer macht geltend, die A._ Versicherung habe
ihm mitgeteilt, dass ihre Verfügung an sämtliche zuständigen Stellen weitergeleitet
worden sei. Deshalb habe er darauf vertrauen dürfen, seine Meldepflicht erfüllt zu
haben. Der Einwand der Beschwerdegegnerin, er hätte die Verfügung der A._
Versicherung nicht der IV-Stelle, sondern der Ausgleichskasse zur Kenntnis bringen
müssen, sei nicht nur überspitzt formalistisch, sondern auch falsch. In den beiden
Formularen "Anmeldung für Ergänzungsleistungen" sowie "periodische Überprüfung
der Ergänzungsleistungen" werde betreffend Meldepflicht ausdrücklich darauf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hingewiesen, dass Änderungen in den persönlichen Verhältnissen sofort und
unaufgefordert der AHV-Zweigstelle oder der SVA St. Gallen zu melden seien. Die SVA
St. Gallen habe am 1. September 2005 eine Kopie der Rentenverfügung erhalten,
womit die Meldepflicht erfüllt sei. Sodann habe er als Laie darauf vertrauen dürfen,
dass die SVA die erhaltene Verfügung der zuständigen internen Stelle übermitteln
werde, da die Organisation für Aussenstehende verwirrlich sei. Ferner habe er darauf
vertrauen dürfen, dass er die bis Ende August 2005 erhaltene EL nicht mehr
zurückzahlen müsse, weil eine Verrechnung der bisher ausgerichteten EL mit der
Rentennachzahlung durch die SVA ausgeblieben sei. Denn weil die A._ Versicherung
die Rentenzahlung gemeldet habe, habe er nicht davon ausgehen müssen, dies
seinerseits nochmals tun zu müssen. Auch habe er bei der nächsten periodischen
Überprüfung die UV-Rente klar deklariert. Dieses Formular sei bei der AHV-Zweigstelle
bereits am 11. September 2007 eingegangen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt müsse
sich die SVA die Kenntnis der Rentenleistung der A._ Versicherung anrechnen
lassen, womit die Gutgläubigkeit des Beschwerdeführers erwiesen sei. Sodann sei die
Erlassvoraussetzung der grossen Härte gegeben, weil er AHV-Rentner sei und für eine
schwerbehinderte Tochter teilweise ersatzlos aufzukommen habe. Er und seine Frau
seien auf finanzielle Unterstützung dringend angewiesen. Schliesslich sei zu rügen,
dass mit der monatlichen Verrechnung von Fr. 570.-- (richtig Fr. 517.--) mit der AHV-
Rente das betreibungsrechtliche Existenzminimum missachtet werde. Der Grundbedarf
betrage Fr. 21'360.--, die gesamten Mietkosten (inklusive Bastelraum und
Garagenplatz) Fr. 24'912.--, die effektiven Krankenkassenprämien Fr. 7'306.80, also
insgesamt Fr. 53'578.80. Diesem Betrag stünden die IV-Rente (richtig AHV-Rente) von
Fr. 34'200.-- sowie die BVG-Rente (richtig UV-Rente) von Fr. 16'632.--, also
Fr. 50'832.-- gegenüber. Daraus resultiere ein Ausgabenüberschuss, womit ein Abzug
von beziehungsweise eine Verrechnung mit der AHV-Rente unzulässig wäre (G act. 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt am 25. Januar 2010 unter Verweis auf den
Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (G act. 3).

Erwägungen:
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Streitig und im vorliegenden Verfahren zu beurteilen ist, ob dem Beschwerdeführer die
Rückforderung von Fr. 47'027.-- zu erlassen ist. Über Bestand und Höhe der
Rückforderung selbst wurde bereits rechtskräftig entschieden.
2.
2.1 Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten. Wer die
unrechtmässigen Leistungen aber in gutem Glauben empfangen hat, muss sie nicht
zurückerstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt (Art. 25 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]; Art. 4 f.
der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSV; SR
830.11]). Die Rückerstattung kann nur erlassen werden, wenn die beiden
Voraussetzungen des gutgläubigen Empfangs und der grossen Härte der
Rückerstattung kumulativ erfüllt sind (vgl. etwa Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, Zürich
2003, Rz. 19 zu Art. 25 ATSG). Diese Kriterien sind in einer reichhaltigen
Rechtsprechung konkretisiert worden. Hinsichtlich des guten Glaubens sind die
Voraussetzungen nicht schon mit der Unkenntnis des Rechtsmangels gegeben. Die
Rechtsprechung unterscheidet zwischen dem guten Glauben als fehlendem
Unrechtsbewusstsein und der Frage, ob sich jemand unter den gegebenen Umständen
auf den guten Glauben berufen kann, beziehungsweise ob er bei zumutbarer
Aufmerksamkeit den bestehenden Rechtsmangel hätte erkennen sollen (vgl. AHI 1994,
122; BGE 102 V 245 mit Hinweisen). Der Bezüger unrechtmässiger Leistungen darf sich
nicht nur keiner böswilligen Absicht, sondern auch keiner groben Nachlässigkeit
schuldig gemacht haben. Der Erlass der Rückforderung ist daher zu verweigern, wenn
der Leistungsbezüger die nach den Umständen gebotene zumutbare Aufmerksamkeit
nicht beachtet oder seine Meldepflicht hinsichtlich Änderungen in den massgebenden
Verhältnissen in grober Weise verletzt hat (BGE 102 V 245 mit Hinweisen). Der
Versicherte, der sich auf den guten Glauben beruft, darf seine Melde- und
Auskunftspflicht somit nicht in grober Weise verletzt haben; eine bloss leichte
Verletzung der Sorgfalts- und Aufmerksamkeitspflicht schliesst hingegen den Begriff
des guten Glaubens nicht aus (BGE 110 V 176; ZAK 1985, 63; I 622/05 vom 14. August
2006, Erw. 3.1). Grobe Fahrlässigkeit liegt vor, wenn jemand das ausser Acht lässt, was
jedem verständigen Menschen in gleicher Lage und unter gleichen Umständen als
beachtlich hätte einleuchten müssen (BGE 110 V 176).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.2 Die Verletzung der Melde- oder Auskunftspflicht ist eine zwar häufige, aber nicht
die einzige Form eines schuldhaften Verhaltens, das die Berufung auf den guten
Glauben ausschliesst. In Betracht fällt z.B. auch die Unterlassung, sich bei der
Verwaltung (nach der Rechtmässigkeit der Auszahlung) zu erkundigen (vgl. ARV 1998
Nr. 41, 234). Zwar kann von einem Bezugsberechtigten in der Regel nicht erwartet
werden, dass er die EL-Berechnung vollständig nachzuvollziehen vermag. Um sich
nicht dem Vorwurf einer Sorgfaltspflichtverletzung auszusetzen, muss es grundsätzlich
genügen, dass er die Berechnungsblätter, die den EL-Verfügungen beigelegt sind, im
Rahmen seiner individuellen Möglichkeiten auf offensichtliche Fehler hin kontrolliert. In
diesem Umfang besteht eine Prüfungspflicht. Als Beispiel eines ohne weiteres zu
erkennenden Fehlers, dessen Nichtmeldung einen gutgläubigen Leistungsbezug
ausschliesst, ist etwa die Anrechnung von zu hohen Krankenkassenprämien zu nennen.
Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hat beispielsweise die Tatsache,
dass EL-Bezüger nicht bemerkt hatten, dass eine um Fr. 21.- pro Tag zu hohe
Tagestaxe angerechnet oder eine IV-Zusatzrente oder eine Lebensversicherungs- oder
Leibrente nicht berücksichtigt worden war, als groben Verstoss gegen die
Sorgfaltspflicht gewertet (Entscheide des Versicherungsgerichts vom 22. Mai 2001 [EL
1998/28]; vom 12. Februar 2004 [EL 2003/26]; vom 13. März 2006 [EL 2005/22]; vom
12. März 2008 [EL 2008/1] sowie vom 4. September 2008 [EL 2008/16]).
2.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, er habe seine Meldepflicht nicht verletzt und
die EL in gutem Glauben entgegengenommen. Als die A._ Versicherung ihm Ende
August 2005 die IV-Rente der Unfallversicherung zugesprochen habe, habe sie ihm
mitgeteilt, sie werde sämtliche zuständigen Stellen informieren. Er habe darauf
vertrauen dürfen, seine Meldepflicht erfüllt zu haben. Sodann sei die SVA mit einer
Verfügung bedient worden, welche sie an die zuständigen Stellen habe weiterleiten
können (G act. 1). Wie aus dem Kopien-Verteiler der Verfügung vom 26. August 2005
der A._ Versicherung hervorgeht, wurden die IV-Stelle St. Gallen, das Personalamt
des Kantons St. Gallen sowie die Versicherungskasse des Kantons St. Gallen mit einer
Verfügungskopie bedient (EL-act. 36-10/10). Mit der Beschwerde wurde der
Begleitbrief vom 30. August 2005 eingereicht, wonach die Verfügung an die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, IV-Stelle, adressiert worden war (G
act. 1.2.2). Damit hat die SVA, beziehungsweise die IV-Stelle, die betreffende
Verfügung der A._ Versicherung erhalten. Zu prüfen bleibt, ob die SVA oder die IV-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Stelle diese Verfügung an die EL-Durchführungsstelle hätten weiterleiten müssen. Nach
Art. 3 des Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung über die Alters-,
Hinterlassenen- und Invalidenversicherung des Kantons St. Gallen (sGS 350.1) ist die
Sozialversicherungsanstalt gegliedert in a) die Ausgleichskasse, b) die IV-Stelle und c)
weitere Dienststellen. Aus dem Briefkopf der SVA geht diese Aufteilung nicht mehr
hervor, sondern es wird nur noch "SVA" aufgeführt. Welche Dienststelle eine Verfügung
erlassen hat, wird nicht in jedem Fall erkennbar bezeichnet. Die Dienststellen sind in
ihrer Verfügungshoheit jedoch autonom. Nach Art. 3 Abs. 2 des Einführungsgesetztes
erfüllen die Ausgleichskasse und die IV-Stelle die ihnen von der Bundesgesetzgebung
übertragenen Aufgaben nämlich selbständig und handeln in eigenem Namen. Die
Ausgleichskasse als EL-Durchführungsstelle kann nicht über eine IV-Rente entscheiden
und umgekehrt die IV-Stelle nicht über EL. Diese Leistungen werden auch nicht
kumuliert ausbezahlt, sondern sind klar getrennt. Insofern ist der Briefkopf der SVA
tatsächlich für den Laien auf den ersten Blick täuschend. Vor diesem Hintergrund
könnte es tatsächlich überspitzt formalistisch sein, vom Beschwerdeführer zu
verlangen, die Autonomie der Sozialversicherungszweige auch betreffend die
Zustellung von relevanten Akten zu erkennen, womit keine Meldepflichtverletzung
vorliegen würde. Vorliegend kann diese Frage jedoch offen bleiben, wie nachfolgend
gezeigt wird.
2.4 Der Beschwerdeführer bezieht seit 1. November 2005 monatlich eine unechte
Komplementärrente der A._ Versicherung in der Höhe von Fr. 1'357.-- pro Monat. Die
ab 1. Januar 2004 bis 31. Oktober 2005 aufgelaufene Rente und
Integritätsentschädigung von insgesamt Fr. 47'350.-- sind ihm gesamthaft überwiesen
worden (EL-act. 36-10/10). Diese Komplementärrente entspricht einer Zunahme des
monatlich verfügbaren Einkommens von über Fr. 1'300.--. Der Beschwerdeführer
bezieht seit 1. Juli 2004 EL in der Höhe von mindestens Fr. 1'000.-- (Verfügung vom
11. November 2004, EL-act. 66). Zwar trifft zu, dass die EL-Berechnung für Laien nicht
in allen Einzelheiten nachvollziehbar ist. Verschiedene Positionen sind jedoch nicht
schwer zu überprüfen. So ist auf der Einnahmeseite die AHV/IV-Rente der ersten Säule
klar zu erkennen. Darunter werden Einkommen aus 'anderen Renten oder Pensionen
aller Art' aufgeführt. Der Beschwerdeführer muss sich entgegenhalten lassen, die zu
den EL-Verfügungen gehörenden Berechnungsblätter nicht mit der erforderlichen
Sorgfalt überprüft zu haben. Es hätte ihm auch ohne besondere Kenntnisse und ohne
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
grösseren Aufwand auffallen müssen, dass die Rente der A._ Versicherung in den
Verfügungen vom 29. Dezember 2005 (EL-act. 62), vom 6. Januar 2006 (EL-act. 61),
vom 29. Dezember 2006 (EL-act. 59), vom 5. April 2007 (EL-act. 57) und vom 26. Juli
2007 (EL-act. 55) unter der Rubrik 'andere Renten oder Pensionen aller Art' nicht
berücksichtigt worden war. Sodann hat er die Erhöhung des ihm effektiv zur Verfügung
stehenden monatlichen Einkommens um Fr. 1'357.-- bemerken müssen, ohne dass die
EL entsprechend angepasst worden ist. Er hätte den Fehler bei der ihm zumutbaren
Sorgfalt also auch ohne juristische Kenntnisse erkennen können und erkennen müssen.
Es ist zudem davon auszugehen, dass ihm im Rahmen der Verfügung der IV-Rente das
von der Informationsstelle AHV/IV in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für
Sozialversicherungen herausgegebene Merkblatt 'Ergänzungsleistungen zur AHV und
IV' abgegeben wurde. Diesem ist zu entnehmen, dass Renten der Unfallversicherung
voll als Einkommen angerechnet werden (Ziff. 8 auf S. 4). Der Beschwerdeführer hat ab
November 2005 die aufgrund der bisherigen Einkünfte berechnete EL somit nicht in
gutem Glauben entgegennehmen dürfen. Indem er die ihm obliegende Prüfungspflicht
in grober Weise verletzt hat, muss ihm der gute Glaube im Sinn von Art. 25 Abs. 1
Satz 2 ATSG abgesprochen werden. Der gute Glaube wurde auch nicht mit der
Deklaration der IV-Rente der A._ Versicherung auf dem Fragebogen zur periodischen
Überprüfung der EL am 11. September 2007 wiedererlangt. Dieses Datum ist
höchstens für die Geltendmachung der Rückforderung innert Jahresfrist relevant (Art.
25 Abs. 3 ATSG), was hier nicht zu überprüfen ist. Kann sich der Beschwerdeführer
nicht auf seinen guten Glauben beim Bezug der EL berufen, so kann dahingestellt
bleiben, ob die Erlassvoraussetzung der grossen Härte erfüllt wäre. Die
Beschwerdegegnerin hat das Erlassgesuch zu Recht abgelehnt.
3.
3.1 Zu prüfen bleibt die Verrechnung und die damit verbundene Berechnung des
betreibungsrechtlichen Existenzminimums. Gemäss Art. 27 der Verordnung über die
Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELV;
SR 831.301) können Rückforderungen mit fälligen Ergänzungsleistungen sowie mit
fälligen Leistungen aufgrund anderer Sozialversicherungsgesetze verrechnet werden,
soweit diese Gesetze eine Verrechnung vorsehen. In diesem Sinn sieht Art. 20 Abs. 2
lit. b des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG;
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
SR 831.10) vor, dass Rückforderungen von Ergänzungsleistungen mit fälligen
Leistungen (nach AHVG) verrechnet werden können. In Anlehnung an die Verhältnisse
bei einer Betreibung (vgl. Art. 93 des Bundesgesetzes über Schuldbetreibung und
Konkurs [SchKG; SR 281.1]) sowie unter dem Einfluss von Art. 125 Abs. 2 des
Obligationenrechts (OR; SR 220) ist auch bei der Vollstreckung durch Verrechnung
nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts eine Verrechnung ausgeschlossen,
soweit die Einkünfte des Versicherten das betreibungsrechtlich massgebende
Existenzminimum nicht erreichen (BGE 107 V 72 = ZAK 1983 S. 70). Diese Schranke
gilt nicht, wo pfändbares Vermögen vorhanden ist, im Übrigen aber sowohl in der
zweiginternen wie in der zweigübergreifenden Verrechnung. Wo eine laufende
monatliche Rente gekürzt werden soll, ist das Existenzminimum monatlich zu
respektieren (BGE 111 V 103 E. 3b). Die Verrechnung der EL-Rückforderung mit der
AHV-Rente des Beschwerdeführers ist somit grundsätzlich zulässig. Ebenso wenig ist
dagegen einzuwenden, dass sich die Beschwerdegegnerin bei der Berechnung des
monatlich zu verrechnenden Betrags an das Kreisschreiben zur Ermittlung der
pfändbaren Quote im Schuldbetreibungs- und Konkursrecht angelehnt hat.
3.2 Der Beschwerdeführer macht geltend, der effektive Mietzins für die Wohnung
inklusive Garageplatz und Bastelraum seien in die Berechnung einzubeziehen. Ebenso
seien die gesamten Krankenkassenprämien zu berücksichtigen. Daraus resultiere ein
Ausgabenüberschuss, weshalb eine Verrechnung unzulässig sei (G act. 1). Unbestritten
ist die Berechnung des Grundbedarfs von Fr. 21'360.-- pro Jahr für das Ehepaar.
Gemäss der Mietzinsrechnung vom 1. April 2009 beträgt die Bruttomiete für die
Wohnung des Beschwerdeführers Fr. 1'876.-- pro Monat. Die Garage kostet Fr. 111.--
und der Bastelraum Fr. 89.-- im Monat (EL-act. 4). Gemäss Kreisschreiben über die
Berechnung des betreibungsrechtlichen Existenzminimums (Notbedarf) des Kantons
St. Gallen wird zum monatlichen Grundbetrag der effektive Mietzins für eine Wohnung
oder ein Zimmer, ohne die Kosten für Beleuchtung und Kochenergie, hinzugerechnet.
Zur Wohnung gehört dabei nach der wörtlichen Auslegung weder Garage noch
Bastelraum, weshalb diese nicht im Mietzins berücksichtigt werden können. Sodann
hat der Beschwerdeführer im Fragebogen zur periodischen Überprüfung der EL
angegeben, sie wohnten zu dritt in dieser Wohnung (EL-act. 48). Er sorge für seine
(erwachsene) schwerbehinderte Tochter (G act. 1). Die AHV-Zweigstelle hat am
29. Januar 2007 bestätigt, dass im Haushalt des Beschwerdeführers drei Personen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wohnten und der effektive Mietzins pro Jahr Fr. 22'860.-- betrage (EL-act. 58). Die
Beschwerdegegnerin ist für die Berechnung des zu berücksichtigenden Mietzinses von
diesem Jahresmietzins im Jahr 2007 ausgegangen. Gemäss der auf dieser Mitteilung
der AHV-Zweigstelle angebrachten Notiz beträgt zwei Drittel des Jahresmietzinses (von
Fr. 22'860.--) Fr. 15'240.-- (EL-act. 58). Dieser Betrag ist in der Berechnung des
betreibungsrechtlichen Existenzminimums eingesetzt worden (EL-act. 9). Die lediglich
zu zwei Dritteln berücksichtigten effektiven Mietzinskosten sind begründet, weil im
Haushalt des Beschwerdeführers eine weitere erwachsene Person wohnt, die ein
eigenes (Ersatz-)Erwerbseinkommen erzielt, womit sie ihren Anteil an die Wohnkosten
bezahlen kann. Die Tochter des Beschwerdeführers ist nicht in die Rechnung des
betreibungsrechtlichen Existenzminimums einzuschliessen, weshalb ihr Anteil an den
Wohnkosten abzuziehen ist. Die Beschwerdegegnerin hat somit nicht den EL-
rechtlichen Pauschalbetrag für Mietzinsen verwendet (Fr. 15'000.--), sondern den
Brutto-Mietzins aufgeteilt auf zwei Drittel gemäss den effektiven Wohnkosten des
Ehepaars.
3.3 Betreffend die Höhe der zu berücksichtigenden Krankenkassenprämien sind
gemäss dem oben erwähnten Kreisschreiben nur die obligatorischen
Krankenkassenprämien zu berücksichtigen und keine Prämien im überobligatorischen
Bereich. Die eingereichte Rechnung der B._ vom 11. Dezember 2008 weist die KVG-
und VVG-Prämie nicht separat aus. Die Berücksichtigung der Krankenkassenprämien
in der Höhe der maximal zu gewährenden Individuellen Prämienverbilligung von Fr.
6'888.-- (für zwei Personen der Region 1 gemäss den EL-Ansätzen 2008) im Jahr ist
daher nicht zu beanstanden.
3.4 Im Ergebnis erweist sich die Berechnung des betreibungsrechtlichen
Existenzminimums als korrekt. Der Beschwerdeführer bezieht zu seiner UV-Rente von
Fr. 16'632.-- jährlich eine AHV-Rente von Fr. 2'192.-- pro Monat beziehungsweise Fr.
26'304.-- im Jahr (EL-act. 56). Sein Nettoeinkommen pro Monat beträgt somit Fr.
3'578.-- ([Fr. 26'304.-- + Fr. 16'632.--] : 12), das monatliche Existenzminimum Fr.
3'624.-- (Fr. 43'488.-- : 12). Werden diese beiden Beträge miteinander multipliziert und
durch das monatliche Nettoeinkommen des Ehepaars von Fr. 4'236.-- dividiert, ergibt
sich ein anrechenbares Existenzminimum des Beschwerdeführers von Fr. 3'061.--. Die
Differenz zu seinem Nettoeinkommen von Fr. 3'578.-- beträgt Fr. 517.--, was seine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
pfändbare Quote pro Monat darstellt. Die AHV-Rente kann somit im Umfang von
monatlich Fr. 517.-- bis April 2014 mit der EL-Rückforderung in der Höhe von Fr.
47'027.-- verrechnet werden. Im Betrag von Fr. 16'007.-- ist die Rückforderung
abzuschreiben.
4.
Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.
Gerichtskosten sind keine zu erheben.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53
GerG entschieden:
1. Die Beschwerde wird abgewiesen.
2. Es werden keine Gerichtskosten erhoben.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 06.07.2010 Art. 25 ATSG; Art. 27 ELV. Guter Glaube beim Erhalt einer unechten IV-Komplementärrente des privaten Unfallversicherers bei laufendem EL-Bezug nicht gegeben. Kein Erlass der Rückforderung. Prüfung des betreibungsrechtlichen Existenzminimums betreffend Verrechnung der Rückforderung EL mit der AHV-Rente (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 6. Juli 2010, EL 2010/4).
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
2021-09-19T17:40:45+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen