Decision ID: d015908e-8617-4b72-8140-b6eb529de3f3
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_001
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt:
1. Der Schulpädagogische Dienst (SPD) beantragte am 15. Februar 2022 im
Einverständnis sämtlicher Beteiligten rückwirkend per 10. Januar 2022 bis
zum 31. Juli 2024 die interne Sonderschulung für den in F._
wohnhaften A._, Jg. 2008, in der Bergschule D._.
2. Das Amt für Volksschule (AVS) hiess das Gesuch am 1. März 2022 gut
und erliess die entsprechende Verfügung für die interne Sonderschulung
in der Bergschule D._ (Durchführungsstelle), welche den früheren
Entscheid bezüglich interner Sonderschulung im E._ in F._
ersetzte.
3. Die gesetzlichen Vertreter von A._ (Beschwerdeführer), B._ und
C._, erhoben am 6. März 2022 Beschwerde gegen die Verfügung des
AVS und beantragten, dass die Anordnung der Sonderschulmassnahme
in der Bergschule D._ längstens bis am 31. Juli 2022 dauere. Sie
begründeten ihren Antrag damit, dass sich nach anfänglich gutem
Einleben in D._ der psychische Zustand von A._ verschlechtert
habe; sie hätten in Gesprächen mit ihm von diversen Vorfällen erfahren,
die ihm sehr zu schaffen machten und auch Angst einjagten. Deshalb
seien sie als Eltern zum Schluss gekommen, dass die Bergschule
D._ für ihren Sohn nur als kurzfristige Übergangslösung gelten soll
und ersuchen deshalb um Reduktion der Massnahme bis längstens
31. Juli 2022.
4. Mit Vernehmlassung vom 29. April 2022 beantragt das AVS die
Abweisung der Beschwerde, unter gesetzlichen Kosten- und
Entschädigungsfolgen. Am 28. März 2022 habe ein Standortgespräch
stattgefunden, bei dem die Schwierigkeiten, Bedenken und Wünsche der
Eltern und von A._ sowie die bisherige Förderung aus Sicht der
- 3 -
Durchführungsstelle thematisiert und nächste Schritte vereinbart wurden
(vgl. BG-act. 13: Bericht SPD vom 7. April 2022). Aus fachlicher Sicht
würden aktuell keine Gründe für eine vorzeitige Beendigung der internen
Sonderschulung bestehen. Gleichzeitig würden sich die
Durchführungsstelle und der SPD darum bemühen, die Durchführung der
Massnahme unter Einbezug alle Beteiligten sorgsam zu begleiten und
dabei auch deren Zweckmässigkeit und andere angemessene Lösungen
zu prüfen.
5. Am 10. Mai 2022 beantragten die Eltern als gesetzliche Vertreter des
Beschwerdeführers im Rahmen ihrer Replik nicht die Aufhebung des
Sonderschulstatus, sondern lediglich einen Wechsel des Orts der
Beschulung. Sie hielten fest, dass sich A._ in der Bergschule
D._ nicht wohlfühle und er nicht dorthin passe. Die Beschwerdeführer
machten sich Sorgen um die weitere Entwicklung ihres Kindes. Konkret
sei A._ von älteren Schülern mehrfach bedroht worden, auch mit
einem Messer, ausserdem sei er geschlagen und körperlich attackiert
worden. Ein Betreuer habe festgestellt, dass die jüngeren Bewohner von
den älteren unterdrückt und bedroht würden. Die Vorkommnisse hätten
A._ verstört und bei den Eltern Sorgen ausgelöst.
6. Das AVS hielt in seiner Duplik vom 10. Juni 2022 an seinen
Rechtsbegehren fest. Am 30. Mai 2022 habe ein ausserordentliches
Standortgespräch mit dem Schüler, den Eltern, einer Betreuungsperson
der Durchführungsstelle sowie der zuständigen Schulpsychologin
stattgefunden. Aus Sicht der Eltern habe sich die Situation in der
Bergschule D._ nicht verändert; die Eltern und A._ wünschten
sich schnellstmöglich einen Externatsplatz in einer anderen Sonderschule.
Der Stellungnahme des SPD vom 7. Juni 2022 (BG-act. 1 zur Replik) kann
entnommen werden, dass sich die Schulpsychologin um eine
Anschlusslösung bemühe; weil bei den verschiedenen angefragten
- 4 -
Institutionen der Sonderschulung im Kanton Graubünden sowie
ausserkantonal aktuell keine Plätze frei seien, stehe A._ bei
einzelnen Institutionen auf der Warteliste. Weil die vom AVS verfügte
Sonderschulung in der Bergschule D._ nur auf der Grundlage eines
Berichts und Antrags des SPD und zusätzlich nur dann aufgehoben
werden könne, wenn eine nahtlose Anschlusslösung gewährleistet werden
könne, was derzeit nicht der Fall sei.
Auf die weiteren Ausführungen in den Rechtsschriften, die angefochtene
Verfügung sowie die eingereichten Beweismittel wird, soweit erforderlich,
in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Gemäss Art. 95 Abs. 4 Schulgesetz (SchulG; BR 421.000) können
Verfügungen des Amtes über die Anordnung und Aufhebung von
sonderpädagogischen Massnahmen im hochschwelligen Bereich innert
zehn Tagen an das Verwaltungsgericht weitergezogen werden. Frist und
Form der (Laien-)Beschwerde geben zu keinen besonderen Bemerkungen
Anlass; ebenso wenig die Beschwer. Als formeller und materieller
Adressat des angefochtenen Entscheids ist der Beschwerdeführer (bzw.
seine Eltern als Erziehungsberechtigte) berührt und weist ein
schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung oder Abänderung des
angefochtenen Entscheids auf (Art. 50 Gesetz über die
Verwaltungsrechtspflege [VRG; BR 370.100]). Die
Beschwerdelegitimation ist deshalb gegeben. Auf die eingereichte
Beschwerde ist somit einzutreten.
2.1. Im Kanton Graubünden bilden das Schulgesetz und die Schulverordnung
die rechtlichen Grundlagen für die sonderpädagogischen Massnahmen.
Gemäss Art. 43 Abs. 1 SchulG haben Schülerinnen und Schüler mit
- 5 -
besonderem Förderbedarf Anspruch auf sonderpädagogische
Massnahmen. Diese gliedern sich in niederschwellige und hochschwellige
Massnahmen (Art. 44 Abs. 1 SchulG). Als niederschwellige Massnahmen
gelten insbesondere die Integrative Förderung und die pädagogisch-
therapeutischen Massnahmen (Abs. 2). Als hochschwellige Massnahmen
gelten gemäss Abs. 3 u.a. der Unterricht im Rahmen der Sonderschulung
(lit. a) und die dazugehörende Betreuung (lit. b). Die hochschwelligen
Massnahmen in Kindergarten und Schule werden integrativ und
teilintegrativ von den Regelschulen in Zusammenarbeit mit den
anerkannten Kompetenzzentren für Sonderschulung umgesetzt. Für die
Umsetzung der separativen hochschwelligen Massnahmen ist die
Fachstelle Sonderpädagogik/Integration (FSI) zuständig (Richtlinien des
AVS über Sonderpädagogische Massnahmen, April 2013 [Richtlinien
2013], Ziff. 1.2 S. 5).
2.2. Auf der Grundlage von Art. 44 Abs. 3 Verordnung zum Schulgesetz
(Schulverordnung; BR 421.100) umfasst der Unterricht im Rahmen der
Sonderschulung die Förderung und Schulung von Kindern und
Jugendlichen, die dem Unterricht in der Regelschule trotz der
niederschwelligen Massnahmen mittel- und langfristig nicht zu folgen
vermögen. Gestützt auf Art. 44 Abs. 4 Schulverordnung umfasst die
dazugehörende Betreuung die Tagesstrukturangebote, den stationären
Aufenthalt und die Pflege in Institutionen der Sonderschulung. Sie kann
sich auch auf die Betreuung während Wochenenden oder Ferien
erstrecken. Der Kanton gewährleistet das sonderpädagogische Angebot
und dessen Umsetzung im hochschwelligen Bereich gemäss Art. 47
Abs. 2 SchulG und gestützt auf Art. 48 Abs. 2 SchulG ist das Amt für die
Anordnung der sonderpädagogischen Massnahmen im hochschwelligen
Bereich zuständig. Gemäss Art. 47 Abs. 1 bis 3 Schulverordnung hat der
Entscheid über die Durchführung von sonderpädagogischen
- 6 -
Massnahmen unter Beachtung des Wohles und der
Entwicklungsmöglichkeiten der Schülerin oder des Schülers sowie unter
Berücksichtigung des schulischen Umfeldes und der Schulorganisation zu
erfolgen. Die Zweckmässigkeit der angeordneten Massnahmen ist
periodisch zu überprüfen und diese sind gegebenenfalls zu ändern oder
zu beenden. Die Erziehungsberechtigten sind in das
Entscheidungsverfahren betreffend die sonderpädagogischen
Massnahmen einzubeziehen.
3. Für die Beurteilung des Sachverhalts durch die FSI sind der
Schulpsychologische Bericht vom 7. April 2022 sowie dessen Bestätigung
vom 7. Juni 2022 massgebend, zumal der SPD die abklärende und
antragstellende Fachstelle des AVS ist und vorliegender Bericht den
Bedarf nach Sonderschulung des Beschwerdeführers, die Sicht der
Betroffenen, die sonderpädagogische Förderung aus Sicht der
Durchführungsstelle, die Beurteilung der Angemessenheit der weiteren
internen Sonderschulung in der Bergschule D._ sowie die nächsten
Schritte und die Haltung der Beteiligten aus Sicht des SPD umfasst.
4. Der Sonderschulbedarf des Beschwerdeführers ist durch die Fachstelle
bestätigt und durch die Eltern anerkannt. Wie die Vorinstanz zutreffend
ausführt, ist auf der Grundlage der angefochtenen Verfügung die
Sonderschulung im Rahmen der beantragten Dauer durch die bestimmte
Durchführungsstelle verbindlich zu leisten bzw. ist die Sonderschule durch
den Verfügungsadressaten am Durchführungsort zu besuchen. Die
Durchführungsstelle ist somit ein zwingend notwendiger Bestandteil der
angefochtenen Verfügung, weil sie die Durchführung der Sonderschulung
erst ermöglicht. Deshalb gibt es keinen 'Sonderschulstatus' ohne eine
durch die Amtsverfügung als zuständig erklärten Durchführungsstelle.
Ohne Antrag des SPD und nahtloser Anschlusslösung in einer geeigneten
neuen Durchführungsstelle kann deshalb die bestehende Massnahme von
- 7 -
Gesetzes wegen nicht aufgehoben oder zeitlich verkürzt werden. Durch
eine vorzeitige Beendigung der strittigen Massnahme per 31. Juli 2022
(oder auch zu einem späteren Zeitpunkt) ohne entsprechende
Anschlusslösung könnte die weitere Sonderschulung nicht gewährleistet
werden und der Beschwerdeführer würde ab August 2022 (oder zu einem
späteren Zeitpunkt) wieder zum Regelschüler, was unbestrittenermassen
nicht sachgerecht wäre. Unter diesen Umständen muss zuerst eine neue
Durchführungsstelle gefunden werden, bevor die angefochtene Verfügung
inhaltlich angepasst werden kann.
5. Vor diesem Hintergrund erweist sich die Beschwerde als unbegründet,
weshalb sie abzuweisen ist.
6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens gehen die Kosten gemäss Art. 73
VRG zu Lasten des Beschwerdeführers bzw. je hälftig zu Lasten von
B._ und C._ als gesetzliche Vertretung und unter solidarischer
Haftung.