Decision ID: d91900b5-c03d-52de-9180-51d1c109067c
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) meldete sich am 3. Januar 2018 bei der IV-Stelle
des Kantons St. Gallen (nachfolgend: IV-Stelle) für berufliche Massnahmen und
Rentenleistungen an (IV-act. 1). Sie hatte sich damals in einem langjährigen, jedoch
bereits gekündigten Anstellungsverhältnis als Betriebsmitarbeiterin bei der B._ AG
befunden. Gemäss Angaben der Arbeitgeberin war die Kündigung aufgrund
ungenügender Leistungen und fehlender Selbständigkeit ausgesprochen worden (IV-
act. 9). Auf Anraten ihrer Arbeitgeberin sowie der Opferhilfe hatte sich die Versicherte
zunächst in ambulante Behandlung beim Ambulatorium der Psychiatrie C._ begeben.
Aufgrund einer zunehmenden Verschlechterung des psychischen Zustandes war sie
am 2. November 2017 stationär in der Krisenintervention der Psychiatrie C._
aufgenommen worden, wo sie bis zum 2. Januar 2018 hospitalisiert worden war. Im
Austrittsbericht nannten die behandelnden Fachpersonen als Hauptdiagnose
Anpassungsstörungen mit vorwiegender Störung von anderen Gefühlen (F43.23) und
als Nebendiagnose Kontaktanlässe mit Bezug auf das Wohnumfeld oder die
wirtschaftliche Lage (Z59; IV-act. 10-1). Weiter hielten die Behandler fest, dass sich die
Versicherte bei Beginn der stationären Behandlung in einem schlechten psychischen
Zustand mit bedrückter Stimmung, Anspannungsgefühlen, Durchschlafstörungen,
Konzentrationsstörungen sowie einer vegetativen Symptomatik mit Zittern der Hände
gezeigt habe. Des Weiteren hätten sich multiple Kommunikationsstörungen (z.B.
Wortfindungsstörungen und stotternde, stockende Sprache) und Probleme mit der
Feinmotorik, die insbesondere in unbekannten und stressbezogenen Situationen (v.a. in
der ersten Hospitalisationswoche) aufgetreten seien, gezeigt. Aufgrund der von Beginn
an zu beobachtenden deutlichen Sprechblockaden sowie ausgeprägten
Wortfindungsstörungen unklarer Genese sei die Kommunikation mit der Versicherten
deutlich erschwert gewesen. Aufgrund des klinischen Gesamtbildes sei eine
neuropsychologische Untersuchung durchgeführt worden, in der sich leichte bis
A.a.
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mittelschwere Einschränkungen im kognitiven Leistungsprofil gezeigt hätten (IV-
act. 10-2 und 27-1 ff.). Die Versicherte habe angegeben, dass die seit ihrer Kindheit
bestehenden sprachlichen sowie motorischen Probleme sich in den letzten zwei Jahren
aufgrund der beruflichen und partnerschaftlichen Schwierigkeiten verschlechtert
hätten. Es habe viele Konflikte mit dem Partner gegeben, (...), sodass die Opferhilfe
involviert worden sei. Sie könne sich am Arbeitsplatz nicht konzentrieren, weswegen
sie Probleme habe, ihre Leistung zu erbringen. Im Verlauf der stationären Behandlung
habe sich die Versicherte psychisch stabilisiert, was sich in einer insgesamt deutlich
aufgehellten Stimmungslage sowie einer Verbesserung der Schlafqualität gezeigt habe.
Auch sei sie im Kontakt offener geworden (IV-act. 10). Im Anschluss an die stationäre
Behandlung wurde die Versicherte zur Sicherung der Tagestruktur sowie der
psychischen Stabilität vom 3. Januar bis 2. Februar 2018 in der Krisenintervention der
Psychiatrie C._ tagesklinisch behandelt. Im entsprechenden Austrittsbericht wurden
als Diagnosen Anpassungsstörungen mit vorwiegender Störung anderer Gefühle,
Kontaktanlässe mit Bezug auf das Wohnumfeld oder die wirtschaftliche Lage sowie
eine Entwicklungsstörung des Sprechens oder der Sprache, nicht näher bezeichnet,
gestellt. Weiter hielten die behandelnden Fachpersonen fest, dass sich die Versicherte
im tagesklinischen Setting psychisch weiter habe stabilisieren können. Es sei im Verlauf
deutlich geworden, dass die langjährige Arbeitsstelle auch eine strukturierend-
regulative Funktion für die Versicherte gehabt habe. Da die Bereitstellung einer
Tagesstruktur daher auch weiterhin eine wichtige Rolle für die Stabilität der
Versicherten einnehmen werde, werde diese in der Psychiatrischen Tagesklinik D._
angemeldet (IV-act. 21).
Am 5. Februar 2018 trat die Versicherte in die Psychiatrische Tagesklinik D._ ein.
In einem Bericht an die IV-Stelle vom 10. April 2018 nannten die behandelnden
Fachpersonen folgende Diagnosen: Anpassungsstörungen mit vorwiegender Störung
anderer Gefühle, Kontaktanlässe mit Bezug auf das Wohnumfeld oder die
wirtschaftliche Lage, Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache, nicht
näher bezeichnet, sowie den Verdacht auf eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, z.B.
im Rahmen eines Asperger-Syndroms oder einer Autismus-Spektrums-Störung. Weiter
hielten die behandelnden Fachpersonen fest, dass die Versicherte im tagesklinischen
Setting mit der bereits aus den Vorbehandlungen bekannten auffälligen Art zu sprechen
A.b.
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in Form abgehackter, umständlicher, teilweise weitschweifiger Sprache mit starken
Wortfindungsstörungen, Antwortlatenz, Stottern, Satzabbrüchen und Danebenreden
bis hin zu einer vollständigen Sprachblockade imponiert habe, sodass in manchen
Gesprächen kein verständlicher Austausch möglich gewesen sei. Dies habe sich nach
der ersten Eingewöhnungszeit in der Tagesklinik gebessert, komme jedoch in
Gesprächen und Situationen mit sozialer Exposition oder schwierigen Themen immer
wieder vor. Aus den Erzählungen der Versicherten gehe etwas Eigenweltliches bis
manchmal leicht Eigenlogisches hervor, jedoch ohne Hinweis auf wahnhaftes Erleben.
Zwischenzeitlich könne die Versicherte mit starken und abrupt wechselnden
Schwankungen in relativ flüssiger, fester Sprache sprechen und verfüge dann über
einen differenzierten Wortschatz. Im Kontakt imponiere die Versicherte mit einer
unsicher-unruhigen Verhaltensweise und Körpersprache. Sie wirke häufig erschreckt,
starr, selbstunsicher und gehemmt. Augenkontakt werde auch im Gespräch nur
sporadisch aufgenommen. Mimik, Kopf- und Augenbewegungen seien auffällig und
erschienen teilweise schnell wechselnd bis manieriert, zwischenzeitlich kindlich
anmutend, insbesondere, wenn sie angesprochen werde und in Kontakt treten müsse.
Dann zeige die Versicherte verstärkte Konzentrationsschwierigkeiten, eine
Gedankensperre, eine Ablenkbarkeit und eine Überforderung. Im Oberkörper wirke die
Versicherte häufig starr, mit leicht ataktischen Bewegungen in Armen und Beinen. Im
Affekt scheine die Versicherte sehr fluktuierend von ängstlich-gehetzt bis teilweise
affektstarr, dann wieder situationsadäquat gelöst-fröhlich und schwingungsfähig.
Mindestens bis zum geplanten Austritt aus der Tagesklinik am 4. Mai 2018 bestehe bei
der Versicherten eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Die bisherige Tätigkeit sei zwar
grundsätzlich noch zumutbar, jedoch hätten die belastenden psychosozialen
Umstände dazu geführt, dass sich die Versicherte in den letzten zwei Jahren
zunehmend schlechter auf die Arbeit habe konzentrieren und die erforderlichen
Leistungen nicht mehr habe erbringen können. Welche Rolle dabei die Tätigkeit im (...)
per se (z.B. aufgrund motorischer Schwierigkeiten) eine Rolle gespielt habe oder eher
die Atmosphäre (interaktionell, Hektik etc.) oder ob der Leistungsdruck zu hoch
gewesen sei, müsse mit der Versicherten geklärt und wahrscheinlich erprobt werden.
Regelmässigkeit sowie klare Strukturen seien für die Versicherte sehr wichtig. Es werde
eine niederschwellige, sinnstiftende Beschäftigung, welche die Versicherte alleine und
ohne allzu viele soziale Interaktionen ausüben könne, mit niedrigem
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Anforderungsniveau an die Konzentration, die Merkfähigkeit und die Feinmotorik,
selbständigen Regulationsmöglichkeiten des Arbeitstempos und wohlwollenden
anleitenden und begleitenden Vorgesetzten empfohlen. Gemäss den Eindrücken aus
dem tagesklinischen Alltag werde zumindest vorerst ein Arbeitspensum von maximal
40-50 % (eventuell tiefer beginnend und sukzessive steigernd) in einem ruhigen, gut
strukturierten und wohlwollenden Umfeld empfohlen. Eine Tätigkeit auf dem ersten
Arbeitsmarkt sei unrealistisch. Sowohl die Komplexität der Tätigkeit als auch der Zeit-
und Leistungsdruck seien auch längerfristig möglichst niederschwellig zu halten (IV-
act. 22).
In einer Stellungnahme vom 27. April 2018 hielt der regionale ärztliche Dienst
(RAD) fest, aufgrund der vorliegenden Berichte sei es unwahrscheinlich, dass die
Versicherte innerhalb von sechs bis zwölf Monaten wieder eine Arbeitsfähigkeit von 50
% in der freien Wirtschaft erreiche. Das Anforderungsprofil entspreche gemäss den
behandelnden Institutionen auch längerfristig einem geschützten Rahmen. Bei
unklarem medizinischem Sachverhalt mit deutlichen Einschränkungen einerseits und
andererseits nicht dazu passenden Diagnosen bei Attestierung einer 100%igen
Arbeitsunfähigkeit sei eine polydisziplinäre Begutachtung angezeigt (IV-act. 31-4 f.).
A.c.
Am 30. Oktober 2018 wurde die Versicherte im Auftrag der IV-Stelle von der ABI
Ärztliches Begutachtungsinstitut GmbH (nachfolgend: ABI) polydisziplinär
(allgemeininternistisch, psychiatrisch und neurologisch) untersucht. Zudem fand im
Rahmen der Begutachtung am 8. November 2018 eine neuropsychologische
Untersuchung statt (IV-act. 40-5). In der Konsensbeurteilung ihres Gutachtens vom 2.
Januar 2019 (zum Datum des Gutachtens vgl. IV-act. 40-1) nannten die
Sachverständigen als Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit den Verdacht auf
eine Entwicklungsstörung (des Sprechens und der Sprache) sowie eine minimale bis
leichte neuropsychologische Hirnfunktionsschwäche mit hauptsächlicher
Einschränkung wahrnehmungsgebender Funktionen und Einschränkungen in der
Emotionsverarbeitung. Als Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit erwähnten
sie einen atypischen Autismus, eine Anpassungsstörung mit vorwiegender Störung
anderer Gefühle, gegenwärtig remittiert, sowie einen Status nach Nikotinabusus (IV-
act. 40-7 f.). Aus psychiatrischer Sicht wurde erklärend festgehalten, dass keine klare
und sichere Aussage bezüglich einer Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
A.d.
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gemacht werden könne. Eine psychiatrische Diagnose sei nur sehr schwierig zu stellen.
Die Versicherte wirke in ihrem Verhalten und in ihrer Sprechweise auffällig, stottere,
schaue weg oder schliesse die Augen. Auf den ersten Blick könnte man eine Debilität,
eine latente Schizophrenie oder zumindest eine erhebliche Persönlichkeitsstörung
vermuten. Im weiteren Verlauf der Untersuchung hätten sich diese Verdachtsmomente
aber nicht bestätigen lassen. Das kognitive Leistungsprofil sei in den bisherigen
Untersuchungen als leicht bis mittelschwer beeinträchtigt beschrieben worden. In ihrer
Persönlichkeit wirke die Versicherte unterwürfig und mit einem geringen
Selbstvertrauen ausgestattet. Offenbar bestünden gegenüber ihrer Mutter und ihrem
Partner massive Abgrenzungsprobleme. Die Versicherte laufe Gefahr, ausgenutzt zu
werden. Im affektiven Bereich könne weder eine depressive noch eine ängstliche
Symptomatik festgestellt werden. Hauptbefunde seien die emotionale und sprachliche
Blockierung, sodass am ehesten eine Kommunikationsstörung diagnostiziert werden
könne. Inwieweit sich diese auf die Arbeitsfähigkeit auswirke, sei fraglich. Tätigkeiten
mit hohem Publikumsverkehr seien kaum möglich. Aus rein psychiatrischer Sicht sei
aber im Prinzip eine selbständige Tätigkeit, zum Beispiel im Bereich Verpackung, die
auf die Eigenarten der Versicherten zugeschnitten sei, durchaus im Vollpensum
vorstellbar. Zwischen September 2017 und April 2018 sei die Arbeitsfähigkeit jedoch
aufgrund einer Krisenintervention vollständig aufgehoben gewesen (IV-act. 40-8 f.). Aus
neurologischer Sicht wurde angemerkt, dass die von psychiatrischer Seite geäusserte
Verdachtsdiagnose einer Entwicklungsstörung, vor allem die Sprache betreffend,
bestätigt werden könne. Trotz der Beeinträchtigung in der expressiven Kommunikation
und einer gewissen psychomotorischen Verlangsamung habe sich die Versicherte
während vieler Jahre in der Berufswelt behaupten können. Zumindest bei den
ausgeübten Tätigkeiten sei offenbar auch nicht die Feinmotorik das Limitierende
gewesen. Eine relevante diesbezügliche Einschränkung habe auch in der klinischen
Untersuchung nicht festgestellt werden können. Allenfalls bestehe eine gewisse
Beeinträchtigung der Diadochokinese, insgesamt aber in einem moderaten Ausmass.
Aus neurologischer Sicht sei die Versicherte für eine angepasste Tätigkeit zu 80 %
arbeitsfähig. Die 20%ige Reduktion resultiere aufgrund der psychomotorischen
Verlangsamung (IV-act. 40-8). Im neuropsychologischen Teilgutachten wurde
festgehalten, dass die Einschränkungen betreffend die rein neuropsychologischen
Faktoren auf 10 bis 20 % einzuschätzen seien. Die Einschränkungen verhielten sich
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direkt proportional zum Ausmass, in dem die Versicherte ihren Schwächen (z.B. direkte
Gesprächsführung, Kundenkontakte, Telefonate etc.) ausgesetzt sei. Die in der
neuropsychologischen Untersuchung gefundenen Defizite bei den Testverfahren zur
Prüfung sozialer Fertigkeiten deckten sich mit den Schwierigkeiten, welche Menschen
mit einer autistischen Störung aufwiesen. Sollte eine Autimsus-Spektrums-Störung
vorliegen, hätte dies eine hohe berufliche Relevanz (IV-act. 40-46). Zusammenfassend
kamen die Gutachter in ihrer Konsensbeurteilung zum Schluss, dass in der
angestammten Tätigkeit aufgrund der psychomotorischen Verlangsamung sowie der
intellektuellen und neurokognitiven Voraussetzungen eine um 20 % reduzierte
Leistungsfähigkeit vorliege. Da sich das aktuelle Zustandsbild der Versicherten nicht
von demjenigen der vorangegangenen Jahre unterscheide, dürfte die Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit in der angestammten beruflichen Tätigkeit bereits während des
gesamten beruflichen Lebens gegolten haben. Bei der bisher ausgeübten beruflichen
Tätigkeit handle es sich grundsätzlich um eine optimal angepasste Tätigkeit. Der
Einbruch der Arbeits- und Leistungsfähigkeit im Herbst 2017 gründe in einer
psychischen Dekompensation aufgrund einer Anpassungsstörung, welche aktuell
jedoch wieder remittiert sei, sodass es der Versicherten wieder möglich sein sollte, in
der bisherigen Tätigkeit im gleichen Umfang tätig zu sein, wie sie dies vor Herbst 2017
gewesen sei. In einer angepassten Tätigkeit bestehe ebenfalls eine Arbeits- und
Leistungsfähigkeit von 80 %. Es müsse sich um eine an die intellektuellen Fähigkeiten
der Versicherten angepasste Tätigkeit ohne höhere Ansprüche an die Feinmotorik,
ohne Anforderung an die expressive Kommunikation (Kundenkontakt) und ohne
grossen Zeit- und Leistungsdruck handeln. Des Weiteren sollte darauf geachtet
werden, dass die Versicherte in einem eher kleinen familiären Betrieb arbeiten könne,
wo sie sozialen Situationen nicht allzu stark ausgesetzt sei. Ferner sollte das Setting
hoch angepasst sein (klare bzw. keine zweideutigen verbalen Instruktionen). Auch
Berufe mit hohen Anforderungen an die sozialen Fertigkeiten (Verkauf, Beratung und
Pflege), vor allem auf der Ebene der verbalen Kommunikation, seien ungeeignet.
Spezifische berufliche Massnahmen könnten nicht empfohlen werden. Eine
Wiederaufnahme der bisherigen beruflichen Tätigkeit, bei welcher es sich um eine
optimal angepasste Tätigkeit gehandelt habe, wäre erstrebenswert. Die Suche nach
einer geeigneten Verweistätigkeit dürfte sich aufgrund der multiplen qualitativen
Einschränkungen schwierig gestalten (IV-act. 40-10 f.).
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In einer Stellungnahme vom 29. Januar 2019 hielt der RAD fest, dass aus
versicherungsmedizinischer Sicht vollumfänglich auf das polydisziplinäre Gutachten
abgestellt werden könne (IV-act. 41-4). Noch gleichentags wies die IV-Stelle das
Gesuch der Versicherten um berufliche Massnahmen mit einer entsprechenden
Mitteilung ab. Zur Begründung führte die IV-Stelle im Wesentlichen an, dass aus
versicherungsmedizinischer Sicht sowohl in der bisher ausgeübten als auch in einer
angepassten Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 80 % bestehe. Aufgrund der
durchgeführten Begutachtung sei anzunehmen, dass die Versicherte in der bisherigen
beruflichen Tätigkeit wieder im gleichen Umfang wie früher tätig werden könne. Eine
optimal angepasste Tätigkeit entspreche der bisher ausgeübten Tätigkeit. Berufliche
Massnahmen seien somit nicht angezeigt (IV-act. 44).
A.e.
Mit Vorbescheid vom 8. April 2019 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Rentenbegehrens bei einer Arbeitsfähigkeit von 80 % und einem
Invaliditätsgrad von 16 % in Aussicht (IV-act. 50).
A.f.
Gegen diesen Vorbescheid erhob die Versicherte, vertreten durch die Procap
H._, am 24. Mai 2019 Einwand. Sie machte im Wesentlichen geltend, dass sie an
einer schweren Sprech- und Sprachstörung leide, was von den ABI-Gutachtern
bestätigt worden sei. Ihre Schwierigkeiten deckten sich mit denjenigen, die Personen
mit autistischer Störung hätten. Im Rahmen der ABI-Begutachtung sei nicht geklärt
worden, ob nun tatsächlich eine Autismus-Spektrums-Störung (ASS) vorliege. Gemäss
dem Gutachten wäre eine solche Störung aber von hoher beruflicher Relevanz.
Demnach sei die medizinische Abklärung mangelhaft. Es sei anzunehmen, dass es sich
bei der vorhandenen Störung um eine Frühbehinderung handle. Daher habe sie nur
eine ungenügende berufliche Ausbildung abschliessen können. Zwar sei es ihr
jahrelang möglich gewesen, beruflich tätig zu sein, jedoch nur bei weit
unterdurchschnittlichem Verdienst, was bei der Festlegung des Valideneinkommens zu
berücksichtigen sei. Auf Seiten des Invalideneinkommens sei überdies ein
Tabellenlohnabzug zu prüfen. Schliesslich seien ihr berufliche Massnahmen zu
gewähren. Eine Arbeitsvermittlung sei nicht ausreichend. Sie benötige ein intensives
Jobcoaching, damit es ihr überhaupt wieder gelingen könne, einen Nischenarbeitsplatz
zu finden. Sie sei aufgrund ihrer Behinderung nicht in der Lage, adäquat zu
A.g.
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kommunizieren, sodass sie eine spezielle Unterstützung als Türöffner für einen
potentiellen Arbeitgeber benötige (IV-act. 56).
Am 17. Juni 2019 nahm der RAD zu den von der Versicherten vorgebrachten
Einwänden Stellung. Er führte aus, dass sich das ABI-Gutachten ausführlich mit den
sprachlichen und neurokognitiven Einschränkungen der Versicherten
auseinandergesetzt habe. Schliesslich sei als Hauptdiagnose der Verdacht auf eine
Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache gestellt worden. Hierbei handle
es sich um eine Störung, bei der die normalen Muster des Spracherwerbs von frühen
Entwicklungsstadien an beeinträchtigt seien. Diese Störung müsse von einer Autismus-
Spektrums-Störung abgegrenzt werden. Mit Ausnahme des Asperger-Syndroms
gingen sämtliche Autismusstörungen mit multiplen und schweren neurokognitiven
Beeinträchtigungen und nicht nur mit einer Sprachentwicklungsstörung einher. In der
neuropsychologischen Begutachtung habe sich ein IQ im durchschnittlichen Bereich
sowie lediglich eine minimale bis leichte neuropsychologische Hirnfunktionsschwäche
gezeigt. Der Asperger-Autismus unterscheide sich vom Autismus in erster Linie durch
eine fehlende allgemeine Entwicklungsverzögerung bzw. einen fehlenden
Entwicklungsrückstand der Sprache und der kognitiven Entwicklung. Aufgrund des
Vorliegens einer Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache scheide ein
Asperger-Autismus somit aus. Vom ABI sei unter den Diagnosen ohne Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit ein atypischer Autismus aufgeführt worden. Auch hierbei handle es
sich um eine Störung mit Beginn in der Kindheit. Sollte eine solche bei der Versicherten
vorliegen, sei die Ausprägung derart gering, dass in vielen Bereichen über Jahre
hinweg keine wesentliche Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit vorgelegen habe. Für
die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit seien nicht nur die Diagnosen entscheidend,
sondern die funktionellen Einschränkungen im Rahmen der Diagnosen. Die ausführliche
neuropsychologische Begutachtung habe eine 10-20%ige Einschränkung ergeben. Die
Adaptationskriterien für eine angepasste Arbeit seien im Gutachten ebenfalls
ausführlich beschrieben worden. Im Übrigen seien im Einwand keine neuen
medizinischen Erkenntnisse vorgebracht worden. Zusammenfassend könne aus
versicherungsmedizinischer Sicht weiterhin auf das ABI-Gutachten abgestellt werden
(IV-act. 58).
A.h.
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B.
Mit Verfügung vom 2. Juli 2019 wies die IV-Stelle das Rentengesuch der
Versicherten ab (IV-act. 60).
A.i.
Gegen diese Verfügung erhob die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin)
am 29. August 2019 Beschwerde, in welcher sie eine Überprüfung ihrer Invalidität
beantragte. Sie machte geltend, ihre behandelnden Ärzte hegten den starken Verdacht,
dass bei ihr eine Autismus-Spektrums-Störung vorliege. Die IV-Stelle sei auf ihren
Einwand einer ungenügend abgeklärten Sachlage nicht eingegangen. In der
Zwischenzeit sei sie durch die behandelnde Therapeutin zu einer spezialisierten
Autismusabklärung in der Psychiatrischen Klinik E._ angemeldet worden. Da es aus
ihrer Sicht relevant sei, welchen Diagnosen ihr Krankheitsbild zugeordnet werden
könne, bitte sie um eine Fristerstreckung, damit sie die Erkenntnisse aus der Abklärung
dem Gericht zukommen lassen könne. Überdies bemängelte die Beschwerdeführerin,
dass die IV-Stelle sie nicht in der beruflichen Eingliederung unterstützt habe. Sie gehe
davon aus, dass es sich bei ihrem letzten Arbeitsplatz um einen Nischenarbeitsplatz
gehandelt habe. Um wieder einen solchen zu finden, sei sie auf Unterstützung
angewiesen (act. G 1). Weiter beantragte die Beschwerdeführerin die Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung (act. G 1 und 3).
B.a.
Am 11. September 2019 informierte die Verfahrensleitung die Parteien über die
Sistierung des Verfahrens bis zum Vorliegen eines Berichtes der Psychiatrischen Klinik
E._ (einstweilen längstens bis zum 31. Oktober 2019) und forderte die
Beschwerdeführerin dazu auf, den Bericht bei Erhalt unverzüglich dem Gericht
einzureichen (act. G 2).
B.b.
Am 30. Oktober 2019 reichte die Beschwerdeführerin einen Kurzbericht der
Psychiatrischen Klinik E._ vom 28. Oktober 2019 ein (act. G 4). Am 5. November
2019 verlängerte die Verfahrensleitung die am 11. September 2019 verfügte Sistierung
bis zum Vorliegen des im Kurzbericht in Aussicht gestellten vollständigen
Abklärungsberichts, einstweilen längstens bis zum 10. Dezember 2019 (act. G 5).
B.c.
Am 20. November 2019 ging beim Versicherungsgericht der Bericht der
Psychiatrischen Klinik E._ vom 12. November 2019 über die am 23. September, 1.
B.d.
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Oktober und 7. Oktober 2019 durchgeführte Autismus-Spektrums-Abklärung ein, in
welcher die Diagnose eines frühkindlichen Autismus gestellt worden war. Weiter hatten
die untersuchenden Fachpersonen festgehalten, dass sich sowohl in den
Selbstbeurteilungs- als auch in den Fremdbeurteilungstests klare Hinweise auf
autismustypische Symptome und Ausprägungen mit eingeschränkter
Empathiefähigkeit, erhöhter Rigidität und verminderter kommunikativer Flexibilität
finden liessen. Die Beschwerdeführerin zeige sowohl Defizite in der Kommunikations-
und Interaktionsfähigkeit als auch in der Anpassungsfähigkeit, die sich am ehesten im
Kontext eines frühkindlichen Autismus verstehen liessen. Insbesondere seien hier
deutliche Defizite der expressiven Sprache und der reziproken sozialen Interaktion
hervorzuheben. Mimik, Gestik und Blickkontakt könnten weder zur Regulation von
sozialen Interaktionen verwendet werden noch zeigten sich während der Gespräche
eine adäquate Verhaltensmodulation im Sinne einer sozio-emotionalen Gegenseitigkeit.
Leichte motorische Manierismen im Sinne stereotyper Verhaltensweisen zeigten sich
während eines Gesprächs ebenfalls und äusserten sich in wiederholten, aber ungewollt
wirkenden Finger- und Kopfbewegungen. Obwohl das zeitliche Kriterium aufgrund
einer fehlenden Fremdanamnese nicht zweifelsfrei habe geklärt werden können, legten
die seit der Kindheit wiederholt auftretenden Schwierigkeiten mit denselben Auslösern
eine zeitliche Stabilität der Symptome mit Beginn in der frühen Kindheit nahe.
Zusammenfassend seien die berichteten Schwierigkeiten am ehesten in Defiziten der
Flexibilität und Anpassungsfähigkeit - bedingt durch eine verlangsamte
Informationsverarbeitung bei Reiz- oder Informationsüberflutung des zentralen
Nervensystems - begründet, weshalb von einer Autismus-Spektrums-Störung im Sinne
eines frühkindlichen Autismus ausgegangen werde. Obwohl es der Beschwerdeführerin
teilweise gelinge, gewisse Defizite durch aufwändiges Lernen von Verhaltensweisen
und durch Nachahmen ihres Umfeldes zu kompensieren, sei dennoch von einem hohen
Leidensdruck und von Einschränkungen in verschiedenen alltäglichen Aufgaben
auszugehen (act. G 6).
In ihrer Beschwerdeantwort vom 20. Januar 2020 beantragte die IV-Stelle
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde. Das ABI-
Gutachten sei beweiskräftig. Daran änderten auch die im Beschwerdeverfahren
eingereichten Berichte der Psychiatrischen Klinik E._ nichts. Wie der RAD-
B.e.
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Stellungnahme vom 13. Dezember 2019 (vgl. dazu IV-act. 70) entnommen werden
könne, sei die Diagnose eines atypischen Autismus wahrscheinlicher als diejenige
eines frühkindlichen Autismus. Im Rahmen der Invaliditätsbemessung sei auf einen
ausgeglichenen Arbeitsmarkt abzustellen, der auch Nischenarbeitsplätze umfasse.
Sodann sei festzuhalten, dass der Anspruch auf berufliche Massnahmen nicht
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bilde. Berufliche Massnahmen seien mit der
Mitteilung vom 29. Januar 2019 abgelehnt worden. Es bestehe die Möglichkeit, bei ihr
diesbezüglich direkt einen schriftlichen Antrag einzureichen (act. G 8).
Am 24. Januar 2020 entsprach die Verfahrensleitung dem Gesuch der
Beschwerdeführerin um unentgeltliche Rechtspflege (act. G 9).
B.f.
Mit Eingabe vom 20. Februar 2020 reichte die Beschwerdeführerin einen Bericht
ihrer behandelnden Therapeuten Dr. med. F._ und G._, Psychologin, eidg.
anerkannte Psychotherapeutin, Ambulatorium Psychiatrie C._, vom 20. Februar 2020
ein. Diese hatten unter anderem festgehalten, dass sie mit den gutachterlichen
Feststellungen, wonach ein atypischer Autismus ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
und eine 80%ige Leistungsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt bestehe, nicht
einverstanden seien. Die Ergebnisse der Abklärungen der Psychiatrischen Klinik E._
erfassten das Beschwerdebild der Beschwerdeführerin besser als das Gutachten. Die
Diagnose eines frühkindlichen Autismus sei schlüssig, auch wenn das zeitliche
Kriterium nicht zweifelsfrei habe geklärt werden können. Auch im ABI-Gutachten sei
aus neuropsychologischer Sicht festgehalten worden, dass das Vorliegen einer
Autismus-Spektrums-Störung eine hohe berufliche Relevanz hätte. Schliesslich hätten
die Gutachter aber lediglich eine 20%ige Einschränkung der Arbeitsfähigkeit im ersten
Arbeitsmarkt in einem hoch angepassten Setting attestiert. Die Beschwerdeführerin
habe ihre Behinderung offensichtlich über lange Zeit bis ca. ins Jahr 2015 mit
aufwändigen Strategien bei zunehmenden Schwierigkeiten kompensieren können. In
der beruflichen Laufbahn habe sich aber schon davor gezeigt, dass sich die
Beschwerdeführerin von Tätigkeiten mit zwischenmenschlichen Kontakten aufgrund
eines Überforderungsgefühls distanziert habe und mehrere Phasen der Arbeitslosigkeit
hinter sich habe, bei denen ein Zusammenhang mit ihrer Krankheit wahrscheinlich sei.
Erst ab _ habe die Beschwerdeführerin bei der letzten Arbeitgeberin einen
Nischenarbeitsplatz gefunden, jedoch sei die Beschwerdeführerin bereits zwei bis drei
B.g.
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Erwägungen
1.
Anfechtungsgegenstand im vorliegenden Verfahren ist die Verfügung vom 2. Juli 2019,
mit welcher die Beschwerdegegnerin einen Rentenanspruch der Beschwerdeführerin
verneint hat (vgl. act. G 1.1). Vorliegend strittig und zu prüfen ist demnach der
Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine Invalidenrente (vgl. dazu auch die
Beschwerde vom 29. August 2019, worin die Beschwerdeführerin die Überprüfung
ihrer Invalidität verlangt; act. G 1).
Jahre vor der Kündigung wegen stark nachlassender Leistung intensiv begleitet
worden. Die deutliche Leistungsreduktion habe im Kontext von erneut zunehmender
Überforderung, mangelnder Abgrenzungsfähigkeit und Bewältigungsmöglichkeiten von
zwischenmenschlichen Situationen und Konflikten sowohl privat (...) als auch beruflich
resultiert. Aufgrund der Grundstörung bestehe bei der Beschwerdeführerin eine stark
verminderte Kommunikations-, Interaktions- und Anpassungsfähigkeit, sodass
zwischenmenschliche Konflikte überdurchschnittlich stark als Stressor wirkten. Die
Beschwerdeführerin werde in der Therapie als stark beeinträchtigt erlebt. Die massiven
Kommunikationsschwierigkeiten verunmöglichten eine gezielte Vorgehensweise
weitestgehend. In den psychologischen Gesprächen könne die Beschwerdeführerin nur
mit viel Unterstützung (z.B. Wortvorschläge machen, Versuche einer
Zusammenfassung, Auswahl geben, Aufzeichnungen machen) Themen anschneiden.
Die Beschwerdeführerin habe nicht, wie im ABI-Gutachten behauptet, den
gesundheitlichen Zustand vor Eintritt der langanhaltenden Arbeitsunfähigkeit erreicht.
Vielmehr seien die Beeinträchtigungen langanhaltend und hätten sich trotz der
vielfältigen professionellen und privaten Behandlungs- und
Unterstützungsmassnahmen nicht verbessert (act. G 11).
Mit Schreiben vom 3. März 2020 hielt die Beschwerdegegnerin am in der
Beschwerdeantwort gestellten Antrag vollumfänglich fest und verzichtete auf die
Erstattung einer ausführlichen Duplik (act. G 13).
B.h.
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2.
Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Invalidität ist gemäss Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR
830.1) die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit wird in Art. 7 Abs. 1 ATSG als der durch eine
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichen
Arbeitsmarkt definiert. Die Invalidität ist grundsätzlich durch einen
Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen kann, in Beziehung
gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Art. 16 ATSG). Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70 %, auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 50 % besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.1.
Um den Arbeitsfähigkeitsgrad bestimmen zu können, ist die Verwaltung - und im
Beschwerdefall das Gericht - auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es dabei, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts
eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese abgegeben
worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der
2.2.
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3.
Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der
Fachperson begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweis).
Die Beschwerdegegnerin stützt sich für die Rentenablehnung in medizinischer
Hinsicht in erster Linie auf das ABI-Gutachten (vgl. act. G 8), in welchem der
Beschwerdeführerin für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit und optimal leidensangepasste
Tätigkeiten eine 80%ige medizinisch-theoretische Arbeitsfähigkeit attestiert worden ist
(IV-act. 40-10 f.). Nur vorübergehend haben die Sachverständigen der
Beschwerdeführerin ab Herbst 2017 aufgrund einer Anpassungsstörung eine höhere
Arbeitsunfähigkeit zugestanden (IV-act. 40-11). Im Zeitpunkt der Begutachtung haben
sie diese Anpassungsstörung als remittiert angesehen (vgl. IV-act. 40-7 und 40-11).
Demgegenüber sind Dr. F._ und die Psychologin G._ mit der Einschätzung der
ABI-Gutachter, wonach ein atypischer Autismus ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
vorliege (vgl. dazu IV-act. 40-7) und eine 80%ige Arbeitsfähigkeit auf dem ersten
Arbeitsmarkt bestehe, nicht einverstanden. Sie sind der Ansicht, dass das
Beschwerdebild der Beschwerdeführerin im Abklärungsbericht der Psychiatrischen
Klinik E._ vom 12. November 2019 (act. G 6) besser erfasst worden sei als im ABI-
Gutachten. Entgegen der Ansicht der Gutachter sei nicht wieder der Zustand, wie er
vor der psychischen Dekompensation im Herbst 2017 bestanden habe, erreicht
worden. Vielmehr bestünden bei der Beschwerdeführerin anhaltende schwere
Beeinträchtigungen (act. G 11).
3.1.
Das ABI-Gutachten beruht auf eigenständigen Abklärungen. Unter anderem ist im
Rahmen der Begutachtung eine neuropsychologische Untersuchung durchgeführt
worden. Die im Begutachtungszeitpunkt bestehende Aktenlage sowie die seitens der
Beschwerdeführerin geklagten Leiden sind im Gutachten berücksichtigt worden. Die
anlässlich der Begutachtung festgestellten Verhaltensauffälligkeiten der
Beschwerdeführerin, namentlich die sprachlichen Schwierigkeiten, sind von den
Gutachtern offen dargelegt worden und spiegeln sich in den zahlreichen qualitativen
Einschränkungen, welche die Sachverständigen für eine angepasste Tätigkeit definiert
haben. Insgesamt bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass die Gutachter bei ihren
Untersuchungen sowie beim Verfassen ihrer Beurteilung nicht lege artis vorgegangen
wären (vgl. IV-act. 40).
3.2.
Angesichts der von der Psychiatrischen Klinik E._ aufgrund einer nach der ABI-
Begutachtung durchgeführten mehrtägigen Untersuchung gestellten Diagnose eines
frühkindlichen Autismus (vgl. act. G 6) ergeben sich allerdings gewisse Zweifel an der
3.3.
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gutachterlichen Diagnosestellung. Dies gilt umso mehr, weil die ABI-Gutachter ihre
Unsicherheiten bezüglich der aus psychiatrischer Sicht gestellten Diagnosen offen
dargelegt haben. Im Gutachten ist festgehalten worden, dass aus psychiatrischer Sicht
keine klare und sichere Aussage bezüglich einer Diagnose mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit gemacht werden könne. Eine psychiatrische Diagnose sei nur sehr
schwierig zu stellen. Die Beschwerdeführerin wirke in ihrem Verhalten und ihrer
Sprechweise auffällig, stottere, schaue weg oder schliesse die Augen. Auf den ersten
Blick könnte man eine Debilität, eine latente Schizophrenie oder zumindest eine
erhebliche Persönlichkeitsstörung vermuten. Im weiteren Verlauf der Untersuchungen
hätten sich diese Verdachtsmomente aber nicht bestätigten lassen. Hauptbefunde
seien die emotionale und sprachliche Blockierung, sodass am ehesten eine
Kommunikationsstörung diagnostiziert werden könne (IV-act. 40-8). Zwar ist dem RAD
darin zuzustimmen, dass es zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht einzig auf die
gestellten Diagnosen ankommt (vgl. IV-act. 70). Im vorliegenden Fall scheinen die ABI-
Gutachter den Diagnosen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin aber doch bedeutendes Gewicht beigemessen zu haben. Denn im
neuropsychologischen Fachgutachten ist festgehalten worden, dass die im Rahmen
der neuropsychologischen Untersuchung gefundenen Defizite bei den Testverfahren
zur Prüfung sozialer Fertigkeiten sich mit den Schwierigkeiten decken würden, welche
Menschen mit einer autistischen Störung aufwiesen, und dass das Vorliegen einer
Autismus-Spektrums-Störung eine hohe berufliche Relevanz hätte (IV-act. 40-46). Im
Rahmen der unterdessen durchgeführten Autismus-Spektrums-Abklärung in der
Psychiatrischen Klinik E._ ist nun ein frühkindlicher Autismus festgestellt worden. Die
Diagnose ist im Bericht vom 12. November 2019 ausführlich und nachvollziehbar
begründet worden (act. G 6). Auch Dr. F._ und die Psychologin G._ schliessen sich
im Bericht vom 20. Februar 2020 dieser Diagnosestellung an (vgl. act. G 11). Die
theoretische Aktenbeurteilung des RAD vom 13. Dezember 2019 vermag die Diagnose
eines frühkindlichen Autismus nicht ernsthaft in Zweifel zu ziehen (IV-act. 70). Folglich
stellt sich die Frage, ob die ABI-Sachverständigen in Kenntnis dieser Diagnose eine
andere Einschätzung der Arbeitsfähigkeit abgeben würden. Aber auch unabhängig von
den vorhandenen Diagnosen ist es fraglich, ob die von den Gutachtern attestierte
medizinisch-theoretische Arbeitsfähigkeit den teils doch schweren Einschränkungen
der Beschwerdeführerin, wie sie sowohl aus den Berichten der behandelnden Ärzte
(vgl. z.B. act. G 6 und 11) als auch aus dem Gutachten selbst hervorgehen (vgl. IV-
act. 40), ausreichend Rechnung trägt. Beispielsweise geht aus dem Gutachten nur
ungenügend hervor, weshalb dem diagnostizierten atypischen Autismus keine
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zukommen soll (vgl. IV-act. 40-7 ff.), während eine
Autismus-Spektrums-Störung zumindest gemäss den Aussagen im
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4.
neuropsychologischen Fachgutachten von hoher beruflicher Relevanz wäre (vgl. IV-
act. 40-46). Auch bestehen aufgrund der Ausführungen von Dr. F._ und der
Psychologin G._ (act. G 11) sowie denjenigen im Bericht der Psychiatrischen Klinik
E._ vom 12. November 2019 (act. G 6) Zweifel daran, ob die Beschwerdeführerin, wie
von den Gutachtern behauptet (vgl. IV-act. 40-11), tatsächlich wieder den
gesundheitlichen Zustand, wie er vor der psychischen Dekompensation im Herbst 2017
bestanden hat, erreicht hat. Auf eine genaue Feststellung der medizinisch-
theoretischen Restarbeitsfähigkeit kann im vorliegenden Fall jedoch verzichtet werden,
da es, wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen werden, ohnehin an deren
berufspraktischen Verwertbarkeit fehlt (vgl. E. 4).
Die Zumutbarkeit der Ausschöpfung der verbleibenden Arbeitsfähigkeit ist unter
Annahme eines ausgeglichenen Arbeitsmarktes zu bestimmen. Der Begriff des
ausgeglichenen Arbeitsmarktes gemäss Art. 16 ATSG ist ein theoretischer und
abstrakter Begriff, welcher die konkrete Arbeitsmarktlage nicht berücksichtigt (BGE 134
V 70 f. E. 4.2.1). Er umschliesst einerseits ein gewisses Gleichgewicht zwischen dem
Angebot von Stellen und der Nachfrage nach solchen. Andererseits bezeichnet er einen
Arbeitsmarkt, der von seiner Struktur her einen Fächer verschiedenartiger Stellen
offenhält, und zwar sowohl bezüglich der dafür verlangten beruflichen und
intellektuellen Voraussetzungen wie auch hinsichtlich des körperlichen Einsatzes (BGE
110 V 276 E. 4b; Urteil des Bundesgerichts vom 28. November 2014, 9C_485/2014, E.
2.2; Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG] vom 3. Dezember 2003, I
349/01, mit Hinweisen). Der ausgeglichene Arbeitsmarkt umfasst auch sogenannte
Nischenarbeitsplätze, also Stellen- und Arbeitsangebote, bei welchen mit einem
sozialen Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers gerechnet werden kann (Urteil
des Bundesgerichts vom 28. November 2014, 9C_485/2014, E. 2.2, mit Hinweis auf
Urteil des Bundesgerichts vom 29. August 2007, 9C_95/2007, E. 4.3). Von einer
Arbeitsgelegenheit kann allerdings nicht mehr gesprochen werden, wenn die
zumutbare Tätigkeit nur in so eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der
ausgeglichene Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem
Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden
einer entsprechenden Stelle daher von vornherein als ausgeschlossen erscheint (Urteil
des Bundesgerichts vom 28. April 2010, 8C_1050/2009, E 3.3. mit weiteren Hinweisen).
4.1.
Das fortgeschrittene Alter wird, obwohl an sich ein invaliditätsfremder Faktor, in
der Rechtsprechung als Kriterium anerkannt, das zusammen mit weiteren persönlichen
und beruflichen Gegebenheiten dazu führen kann, dass die einer versicherten Person
4.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/21
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verbliebene Resterwerbsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
realistischerweise nicht mehr nachgefragt wird, und dass ihr deren Verwertung auch
gestützt auf die Selbsteingliederungspflicht nicht mehr zumutbar ist. Fehlt es an einer
wirtschaftlich verwertbaren Resterwerbsfähigkeit, liegt eine vollständige
Erwerbsunfähigkeit vor, die einen Anspruch auf eine ganze Invalidenrente begründet
(Urteil des Bundesgerichts vom 6. Juli 2017, 8C_253/2017, E. 2.2.2, und vom 31.
August 2018, 8C_117/2018, E. 2.2.3; je mit Hinweisen).
Die ABI-Sachverständigen haben an eine leidensangepasste Tätigkeit zahlreiche
qualitative Anforderungen gestellt. Sie haben festgehalten, dass es sich um eine an die
intellektuellen Fähigkeiten der Beschwerdeführerin angepasste Tätigkeit ohne höhere
Ansprüche an die Feinmotorik, ohne Anforderung an die expressive Kommunikation
(Kundenkontakt) und ohne grossen Zeit- und Leistungsdruck handeln müsse. Des
Weiteren sollte darauf geachtet werden, dass die Beschwerdeführerin in einem eher
kleinen familiären Betrieb arbeiten könne, wo sie sozialen Situationen nicht allzu stark
ausgesetzt sei. Ferner sollte das Setting hoch angepasst sein (klare bzw. keine
zweideutigen verbalen Instruktionen). Auch Berufe mit hohen Anforderungen an die
sozialen Fertigkeiten (Verkauf, Beratung und Pflege), vor allem auf der Ebene der
verbalen Kommunikation, seien ungeeignet (IV-act. 40-10). Angesichts der multiplen
qualitativen Einschränkungen haben die ABI-Gutachter die Suche nach einer
geeigneten Verweistätigkeit in nachvollziehbarer Weise als schwierig eingestuft (IV-act.
40-11). Es dürfte bereits mit Schwierigkeiten verbunden sein, auf dem ersten
Arbeitsmarkt einen Arbeitsplatz in einem familiären Betrieb zu finden, der sowohl in
intellektueller als auch zwischenmenschlicher und feinmotorischer Hinsicht geringe
Anforderungen stellt. Denn gerade Tätigkeiten ohne grössere intellektuelle
Herausforderung verlangen nicht selten den Einsatz der Hände und sämtliche
Arbeitsstellen dürften wohl ein gewisses Mass an sozialen Interaktionen erfordern,
zumal sich solche gerade in der Einarbeitungszeit kaum vermeiden lassen. Kommt es
in der Einarbeitungszeit aufgrund der für die Beschwerdeführerin neuen Situation, aber
auch in späteren ungewohnten Situationen oder bei sozialen Interaktionen zu massiven
Wortfindungsstörungen und teils auch anderen Symptomen, wie sie in den Berichten
der Behandler beschrieben worden sind (vgl. z.B. IV-act. 10-2 und 27-1 ff.; act. G 6 und
11), steht sehr in Frage, wie realistisch eine Anstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt ist.
Auch die von den Gutachtern definierte Anforderung, dass verbale Anweisungen eines
potentiellen Arbeitgebers unzweideutig erfolgen müssten (die Gutachter haben in
diesem Zusammenhang von einem hoch angepassten Setting gesprochen; IV-act.
40-10), deutet darauf hin, dass der Beschwerdeführerin lediglich noch eine Tätigkeit auf
dem zweiten Arbeitsmarkt zumutbar ist. Neben den bereits erwähnten gewichtigen
4.3.
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Einschränkungen kommt erschwerend hinzu, dass gemäss der gutachterlichen
Einschätzung nur Tätigkeiten ohne grösseren Zeit- und Leistungsdruck möglich sind,
solche Tätigkeiten im ersten Arbeitsmarkt aber nur selten zu finden sind. Zwar hat die
Beschwerdeführerin über Jahre hinweg eine Tätigkeit als Mitarbeiterin im Bereich (...)
ausgeübt (vgl. IV-act. 9), doch scheint sie dabei unter anderem gerade aufgrund des
Leistungsdrucks an ihre Grenzen gestossen zu sein. Dr. F._ und die Psychologin
G._ haben in ihrem Bericht vom 20. Februar 2020 nämlich ausgeführt, dass die
Beschwerdeführerin an ihrer letzten Arbeitsstelle einer einfachsten Tätigkeit im Sinne
einer Nischenarbeit habe nachgehen können. Bereits zwei bis drei Jahre vor der
Kündigung durch die Arbeitgeberin sei sie aber entsprechend ihren Aussagen aufgrund
stark nachlassender Leistung (z.B. (...)) intensiv begleitet worden (act. G 11). Dazu
passend hat die ehemalige Arbeitgeberin im Arbeitgeberfragebogen ausgeführt, dass
die Kündigung aufgrund unzureichender Leistung und mangelnder Selbständigkeit
erfolgt sei (IV-act. 9-2). Auch die Behandler der Psychiatrischen Tagesklinik D._
haben in Betracht gezogen, dass die Beschwerdeführerin bei der letzten Arbeitsstelle
mit motorischen Problemen oder einem zu hohen Leistungsdruck konfrontiert gewesen
sein könnte (IV-act. 22). Folglich erscheint die zuletzt ausgeübte Tätigkeit entgegen der
Einschätzung der ABI-Gutachter (vgl. IV-act. 40-10 f.) gerade nicht (mehr) dem von
ihnen definierten Leistungsprofil (vgl. dazu IV-act. 40-10) zu entsprechen.
Aus dem Umstand, dass der Beschwerdeführerin die Ausübung der Tätigkeit bei
der letzten Arbeitgeberin lange Zeit möglich gewesen ist, lässt sich nicht ohne Weiteres
schliessen, dass diese Tätigkeit optimal angepasst gewesen ist bzw. noch immer ist.
Dem Bericht der Psychiatrischen Klinik E._ vom 12. November 2019 kann nämlich
entnommen werden, dass es der Beschwerdeführerin teilweise gelungen sei, gewisse
Defizite durch aufwändiges Lernen von Verhaltensweisen und Nachahmen ihres
Umfeldes zu kompensieren, wobei gleichwohl von einem hohen Leidensdruck und
Einschränkungen in verschiedenen täglichen Aufgaben, insbesondere in der sozialen
Interaktion, auszugehen sei (act. G 6). So lässt sich erklären, dass die
Beschwerdeführerin die Tätigkeit bei ihrer ehemaligen Arbeitgeberin unter grosser
Anstrengung lange Zeit hat meistern können, es schliesslich aber aufgrund von
Überforderung, mangelnder Abgrenzungsfähigkeit und Bewältigungsmöglichkeiten von
zwischenmenschlichen Situationen und Konflikten sowohl privat als auch beruflich
doch zu einer psychischen Dekompensation mit deutlicher Leistungsreduktion
gekommen ist. Wie Dr. F._ und die Psychologin G._ in Übereinstimmung mit der
Aktenlage nachvollziehbar beschrieben haben, wirken bei der Beschwerdeführerin
aufgrund ihrer Grundstörung zwischenmenschliche Themen und Konflikte
überdurchschnittlich stark als Stressoren und führen zu hohem Leid (act. G 11 S. 2).
4.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 20/21
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Nach dem Gesagten muss damit gerechnet werden, dass eine Tätigkeit, wie sie die
Beschwerdeführerin lange Zeit ausgeübt hat, zumindest angesichts des aktuellen
Gesundheitszustandes (vgl. dazu act. G 6 und 11) immer wieder zu einer psychischen
Dekompensation führen kann. Eine solche Tätigkeit kann folglich nicht als angepasst
gelten.
Eine Tätigkeit kann der Beschwerdeführerin also nur unter Berücksichtigung des
von den ABI-Gutachtern dargelegten Anforderungsprofils zugemutet werden (vgl. IV-
act. 40-10; vgl. ferner E. 4.3). Ein solches Zumutbarkeitsprofil lässt aber, wie bereits
erwähnt, die Verwertbarkeit einer allfälligen medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit
auf dem ersten Arbeitsmarkt als unrealistisch erscheinen. Diese Einschätzung stimmt
mit derjenigen der Behandler der Psychiatrischen Tagesklinik D._ im Bericht vom 10.
April 2018 überein. Sie haben eine niederschwellige, sinnstiftende Beschäftigung,
welche die Beschwerdeführerin alleine und ohne allzu viele soziale Interaktionen
ausüben könne, mit niedrigem Anforderungsniveau an die Konzentration, die
Merkfähigkeit und die Feinmotorik, selbständigen Regulationsmöglichkeiten des
Arbeitstempos und wohlwollenden anleitenden und begleitenden Vorgesetzen
empfohlen. Regelmässigkeit und klare Strukturen haben sie als wichtig empfunden.
Unter Berücksichtigung der mit der Beschwerdeführerin gemachten Erfahrungen aus
dem tagesklinischen Alltag haben sie ein Arbeitspensum von maximal 40-50 % in
einem ruhigen, gut strukturierten Umfeld für möglich gehalten. Eine Tätigkeit auf dem
ersten Arbeitsmarkt haben sie als unrealistisch eingestuft (IV-act. 22). Der RAD hat in
seiner Beurteilung vom 27. April 2018 ebenfalls festgehalten, dass das
Anforderungsprofil gemäss den behandelnden Institutionen auch längerfristig einem
geschützten Rahmen entspreche (IV-act. 31-4 f.). Schliesslich dürfte sich auch das
Alter der Beschwerdeführerin erschwerend auf die Verwertbarkeit der
Restarbeitsfähigkeit auswirken (Jahrgang 19_, vgl. IV-act. 1-1). Wenn die verbleibende
Aktivitätsdauer nicht besonders lange ist, wird sich ein Arbeitgeber noch weniger dazu
bereit erklären, eine auf die Bedürfnisse der Beschwerdeführerin hoch angepasste
Einarbeitung auf sich zu nehmen. Aufgrund der eingeschränkten Flexibilität,
Anpassungsfähigkeit und der massiven Kommunikationsprobleme (vgl. dazu z.B. act.
G 6 und 11), die in für die Beschwerdeführerin ungewohnten Situationen noch verstärkt
auftreten können (vgl. dazu z.B. IV-act. 10-2), dürfte sich nämlich gerade die
Einarbeitungszeit besonders herausfordernd gestalten.
4.5.
Zusammenfassend ist die berufspraktische Verwertbarkeit einer allfällig
vorhandenen medizinisch-theoretischen Restarbeitsfähigkeit vorliegend zu verneinen.
Demnach ist bei der Beschwerdeführerin von einer vollständigen Erwerbsunfähigkeit
4.6.
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5.