Decision ID: eea3713b-ac19-46ca-b5c1-d1bba3e834fc
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. Die Firma Q. GmbH wurde am 4. August 1998 ins Handelsregister des Kantons
St. Gallen eingetragen und hat ihren Sitz an der U.-strasse in V. (act. 9/6). Laut
Handelsregister besteht ihr Gesellschaftszweck in der Herstellung, im Handel sowie im
Vertrieb von Bauten und Bauteilen, insbesondere Fenstern, und in der Erbringung von
Dienstleistungen im Bauwesen.
B. Auf Ersuchen des Migrationsamts tätigte das Amt für Wirtschaft und Arbeit an der
U.-strasse in V. Abklärungen, deren Ergebnisse in einem Bericht vom 18. Mai 2016
festgehalten wurden. Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs durch das
Migrationsamt führte das Amt für Wirtschaft und Arbeit einen weiteren Augenschein
durch; auch die Ergebnisse dieses Augenscheins wurden in einem Abklärungsbericht
festgehalten, der vom 4. Juli 2016 datiert.
C. Mit Verfügung vom 5. September 2016 widerrief das Migrationsamt die erteilten
Grenzgängerbewilligungen für 16 Mitarbeiter der Q. GmbH und lehnte das Gesuch um
Erteilung einer Grenzgängerbewilligung für A.B. ab (act. 9/1/1). Gegen die Verfügung
erhoben die Q. GmbH sowie die betroffenen Mitarbeiter (vgl. Rubrum), Rekurs beim
Sicherheits- und Justizdepartement (SJD) (act. 9/1). Mit Entscheid vom 27. Juni 2017
wies das SJD die Rekurse ab (act. 2).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
D. Am 13. Juli 2017 reichten die Q. GmbH sowie die betroffenen Mitarbeiter (vgl.
Rubrum) beim Verwaltungsgericht Beschwerde ein mit den Begehren, es sei der
angefochtene Entscheid vom 27. Juni 2017 aufzuheben, die Grenzgängerbewilligung
A.B. zu erteilen und auf den Widerruf der Grenzgängerbewilligungen betreffend die
übrigen Angestellten zu verzichten (act. 1). Im Hinblick auf das Verfahren wurde der
Antrag gestellt, dass allenfalls während der Dauer des laufenden Verfahrens
auslaufende Grenzgängerbewilligungen zu verlängern seien. Die Vorinstanz beantragte
in ihrer Vernehmlassung vom 4. September 2017 die Abweisung der Beschwerde
(act. 8).
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge sowie

die Akten wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Die
Beschwerdeführer sind zur Beschwerde gegen den am 28. Juni 2017 versandten
Rekursentscheid, mit welchem ihr Rechtsmittel gegen den Widerruf beziehungsweise
die Nichterteilung der Grenzgängerbewilligungen EU/EFTA abgewiesen wurde, befugt.
Dies gilt insbesondere auch für die als Arbeitgeberin auftretende Q. GmbH (vgl. Art. 64
in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Q.R., Österreich, dessen Arbeitsverhältnis mit
der Q. GmbH während des Rekursverfahrens am 1. Juni 2016 endete, erhob – zu Recht
– keine Beschwerde. Soweit die Vertretungsbefugnis des Rechtsvertreters für die
einzelnen Beschwerdeführer nicht mit einer Vollmacht belegt ist, gilt er von Gesetzes
wegen als Inhaber einer Vertretungsvollmacht (vgl. Art. 26 Abs. 1 des Anwaltsgesetzes;
sGS 963.70). Die Beschwerden wurden mit Eingabe vom 13. Juli 2017 rechtzeitig
erhoben und erfüllen in formeller sowie inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf
die Beschwerden ist deshalb einzutreten.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2. EU-Angehörigen wird nach den Bestimmungen des Abkommens zwischen der
Schweizerischen Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Gemeinschaft
und ihren Mitgliedstaaten andererseits über die Freizügigkeit (SR 0.142.112.681, FZA)
eine Grenzgängerbewilligung erteilt (vgl. Art. 4 Abs. 1 der Verordnung über die
Einführung des freien Personenverkehrs; SR 142.203, VEP). Nach Art. 7 Ziff. 1 des
Anhangs I FZA ist ein – „abhängig beschäftigter“ – Grenzgänger ein Staatsangehöriger
der EU/EFTA mit Wohnsitz in der EU, der im Hoheitsgebiet der Schweiz eine
Erwerbstätigkeit als Arbeitnehmer ausübt und in der Regel täglich oder mindestens
einmal pro Woche an seinen Wohnort zurückkehrt. Die den Aufenthalt betreffenden
Bestimmungen des Anhangs I FZA vermitteln individuelle Rechtsansprüche auf
Erteilung einer der in Art. 4 VEP genannten Aufenthaltsbewilligungen. Bei der
Grenzgängerbewilligung EU/EFTA handelt es sich eigentlich um eine Bescheinigung,
mit der deklaratorisch festgehalten wird, dass die Voraussetzungen des
Freizügigkeitsrechts erfüllt sind (vgl. BVGer C-3873/2011 vom 5. März 2013 E. 4.1;
Spescha/Kerland/ Bolzli, Handbuch zum Migrationsrecht, Zürich 2010, S. 117).
3. Im August 2017 erhielt das Verwaltungsgericht die Mitteilung, dass der
Beschwerdeführer D.E., Deutschland, nicht mehr für die Q. GmbH tätig sei (act. 5/6).
Seine Beschwerde ist bereits aus diesem Grund abzuweisen. Die übrigen
Beschwerdeführer sind Arbeitnehmer der Q. GmbH und EU-Angehörige, die in
Österreich oder Deutschland wohnen. Sie haben grundsätzlich einen Anspruch auf
Erteilung einer Grenzgängerbewilligung EU/EFTA, sofern sie tatsächlich für diese Firma
arbeiten (dies erfordert, dass die Firma operativ tätig ist) und täglich oder mindestens
einmal in der Woche an ihren Wohnort zurückkehren. Ob dieser Anspruch gegeben
war, wird nachfolgend zu beurteilen sein.
4. War der Anspruch auf eine Grenzgängerbewilligung EU/EFTA gegeben, stellt sich die
Frage, unter welchen Voraussetzungen die Bewilligung widerrufen werden kann.
Die Vorinstanz führt dazu zusammengefasst aus, der Anspruch auf die
Grenzgängerbewilligung stehe unter dem Vorbehalt des Rechtsmissbrauchs.
Rechtsmissbrauch liege unter anderem vor, wenn ein Rechtsinstitut zweckwidrig zur
Verwirklichung von Interessen verwendet werde, die nicht in dessen Schutzbereich
lägen (vgl. BGer 1C_590/2013 vom 26. November 2014 E. 7.2 und 7.3 mit weiteren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hinweisen). Dies sei ein allgemeingültiger Rechtsgrundsatz. Würden etwa durch die
Gründung einer Scheinfirma und die damit verbundenen Grenzgängerbewilligungen
andernfalls erforderliche ausländerrechtliche Bewilligungsvoraussetzungen etc.
umgangen, stelle dies Rechtsmissbrauch dar. Damit von den
Grenzgängerbewilligungen ohne Rechtsmissbrauch profitiert werden könne, müsse
eine Firma in der Schweiz tatsächlich eine Geschäftstätigkeit ausüben und das
Weisungsrecht müsse bei Vorgesetzten in dieser Firma liegen (Weisungen und
Erläuterungen des Staatssekretariats für Migration [SEM] zur Verordnung über die
Einführung des freien Personenverkehrs, VEP-06/2017, Ziff. 6.3.5.1.; abrufbar auf
https://www.sem.admin.ch/dam/data/ sem/rechtsgrundlagen/weisungen/fza/
weisungen-fza-d.pdf).
Die Beschwerdeführer entgegnen dem, dass sich das Rechtsmissbrauchsverbot
ausschliesslich auf die Bewilligungen von Grenzgängern selbst und nie auf die
Arbeitgeberfirma beziehen könne. Gemäss Vorgaben des FZA Art. 5 Anhang I dürften
die durch das FZA eingeräumten Rechte nur durch Massnahmen zum Schutz der
öffentlichen Ordnung, Sicherheit und Gesundheit eingeschränkt werden. Mit anderen
Worten dürfe ein Widerruf nur erfolgen, wenn ein zulässiger Widerrufsgrund vorliege,
den der Grenzgänger selbst gesetzt habe. Die Berufung auf die ordre-public-Klausel
setze voraus, dass das tatsächliche und hinreichend schwere Grundinteresse der
Gesellschaft als berührende gegenwärtige Gefahr für die öffentliche Ordnung vorliege.
Ein Widerruf aus generalpräventiven Gründen sei unzulässig. Die Anrufung der ordre-
public-Klausel setze somit ein Verhalten des betreffenden Ausländers voraus, welches
einen Widerruf oder die Nichterteilung des durch das FZA garantierten
Freizügigkeitsanspruchs aus den oben erwähnten Gründen durch den Ausländer selbst
rechtfertigen würde. Eine Übersicht über die Praxis ergebe, dass sich diese
Bestimmungen ausschliesslich an die in der Bewilligung aufscheinenden Ausländer
richte. Im konkreten Fall habe sich keiner der Beschwerdeführer etwas zuschulden
kommen lassen. Der angefochtene Entscheid richte sich unzutreffend an die Q. GmbH.
Es fehle jegliche Rechtsgrundlage für den Widerruf der Grenzgängerbewilligung der
Firma gegenüber. Denn ein Widerruf aus generalpräventiven Gründen sei grundsätzlich
unzulässig. Zweck der ordre-public-Klausel sei es nun schlichtweg nicht, die
inländischen Anbieter von Fenstern zu schützen. Eine solche Marktabschottung aus
generalpräventiven Gründen sei absolut unzulässig. Der Entzug der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Grenzgängerbewilligungen nach 34 Jahren stelle einen krassen Verstoss gegen das
Vertrauensprinzip dar, das Ausdruck des Verhältnismässigkeitsgrundsatzes sei.
Bei den Grenzgängerbewilligungen EU/EFTA handelt es sich, wie bereits ausgeführt,
nicht um eigentliche Bewilligungen, sondern um Bescheinigungen ohne konstitutive
Wirkung, bei welchen schlichtweg festgehalten wird, dass die Voraussetzungen des
Freizügigkeitsabkommens erfüllt sind. Laut Art. 23 Abs. 1 VEP kann die
Grenzgängerbewilligung EU/EFTA widerrufen werden, wenn die Voraussetzungen für
ihre Erteilung nicht mehr erfüllt sind. Dies gilt unabhängig davon, ob die
Voraussetzungen schon bei Erteilung nicht vorlagen oder erst nachträglich wegfielen
(vgl. BGer 2C_96/2012 vom 18. September 2012 E. 2.2.2). Auch eine Verlängerung
kann unter Berufung auf Art. 23 Abs. 1 VEP verweigert werden (BGer a.a.O.). Kommt
das FZA bei Vorliegen dieser Voraussetzungen tatsächlich zur Anwendung (weil jemand
Staatsangehöriger eines entsprechenden Staates ist und für eine Firma in der Schweiz
arbeitet [das erfordert ein Arbeitsverhältnis dieses Staatsangehörigen mit einer effektiv
operativ tätigen Firma in der Schweiz]), sind bei einem Widerruf (aus anderen Gründen
als den nicht vorliegenden Voraussetzungen) zudem die Vorgaben von Art. 5 Anhang I
FZA (Erfordernis des Schutzes der öffentlichen Ordnung) zu berücksichtigen (BGer
a.a.O.). Übt also ein Staatsangehöriger der EU/EFTA mit Wohnsitz in der EU, der unter
den Anwendungsbereich des FZA fällt, keine Erwerbstätigkeit als Arbeitnehmer aus,
erfüllt er die Voraussetzungen für die Anwendung des FZA nicht und kann ihm die
Grenzgängerbewilligung ohne weitere Gefährdung der öffentlichen Ordnung und
Sicherheit widerrufen werden.
Es geht also im vorliegenden Fall darum, ob die Q. GmbH in V. tatsächlich operativ
tätig war oder ob es sich bei ihr um eine Scheinfirma handelt. Im ersten Fall bestand
ein Anspruch auf Erteilung der Grenzgängerbewilligungen, und diese können nur unter
den qualifizierten Voraussetzungen von Art. 5 Anhang I widerrufen werden. Im zweiten
Fall hingegen bestand bereits bei Ausstellung der Grenzgängerbewilligungen kein
Anspruch auf diese und ist deren Widerruf somit grundsätzlich, d.h. unter dem
Vorbehalt der Verhältnismässigkeit im Einzelfall, zulässig.
5. Die Vorinstanz führt dazu aus, dass die Firma Q. GmbH aus der Q. AG
hervorgegangen sei (act. 2 S. 7 ff.). Bei der Eintragung ins Handelsregister am
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4. August 1998 habe R.S., österreichischer Staatsangehöriger, Stammanteile von
CHF 49‘000 gehabt und sei Geschäftsführer mit Einzelunterschrift gewesen. Seit dem
30. November 2015 halte er Stammanteile in Höhe von CHF 24‘000 und sei weiterhin
Geschäftsführer. Stammanteile von CHF 26‘000 halte S.T. R.S. sei Vorsitzender der
Geschäftsführung und Mehrheitsgesellschafter von verschiedenen Firmen in der Q.
Unternehmensgruppe, insbesondere auch der Q. GmbH mit Sitz in Y. Die Q. GmbH in
V. habe keine eigene Website. Aber auf der Website der österreichischen Firma Q.W.
sei die Firma in der Schweiz als „Unternehmensstandort“ aufgeführt. Dies seien
gewichtige Indizien, dass die Schweizer Niederlassung kein Weisungsrecht über ihre
ausländischen Arbeitnehmer mit Grenzgängerbewilligung habe und kein selbständiges
Unternehmen sei. Auch in der Vergangenheit habe die Firmengruppe Q. in Österreich
die Firma Q. GmbH in V. als Vertriebsstandort und damit als Teil der österreichischen
Unternehmensgruppe bezeichnet. Im Abklärungsbericht vom 18. Mai 2016 habe der
Schwarzarbeitsinspektor des Amtes für Wirtschaft und Arbeit festgehalten, dass er an
der erwähnten Adresse „absolut keine Hinweise auf die Firma Q. GmbH“ vorgefunden
habe. Weder ein Briefkasten noch eine Klingel seien mit dem Firmennamen beschriftet
gewesen. Am Gebäude oder in der näheren Umgebung habe er ebenfalls keine
Firmentafel gesehen. Ein Angestellter des benachbarten Reithofes habe gesagt, dass
sie seit mehreren Jahren keine entsprechende Geschäftstätigkeit mehr festgestellt
hätten. Der Stiftungspräsident der S.-Stiftung mit der gleichen Anschrift wie die Q.
GmbH habe telefonisch auf Nachfrage erklärt, die Firma Q. GmbH habe vor ungefähr
zehn oder 15 Jahren ein Postfach und einen Telefonanschluss unter dieser Adresse
eingerichtet. Das Postfach sei nach ein paar Jahren aufgelöst worden. Aktuell bestehe
nur ein Telefonanschluss, der irgendwohin weitergeleitet werde. Die Firma Q. GmbH
habe keine Räumlichkeiten und Personen der Firma seien seit Jahren nicht mehr vor
Ort gewesen. Abklärungen beim stellvertretenden Ratsschreiber der Gemeinde V.
hätten diese Angaben bestätigt. Nachdem vorgebracht worden sei, die Firma Q. GmbH
sei wegen einer Aussenrenovation des Gebäudes nicht angeschrieben gewesen und
die gemachten Aussagen der erwähnten Personen seien unvollständige oder falsche
Informationen, seien weitere Abklärungen getätigt worden. Der
Schwarzarbeitsinspektor des Amtes für Wirtschaft und Arbeit habe nach einem
weiteren Augenschein in seinem Abklärungsbericht vom 4. Juli 2016 festgehalten, dass
in der Zwischenzeit Firmenschilder und Briefkastenbeschriftungen angebracht worden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seien. Eine Klingel sei nicht vorhanden. Bei der Besichtigung des Büros der Firma sei
der Eindruck entstanden, dieses sei erst in den letzten Tagen eingerichtet worden.
Gemäss der Angabe der anwesenden Angestellten leite sie in V. vorsprechende
Laufkundschaft telefonisch nach Österreich weiter. Zusammenfassend habe der
Arbeitsinspektor festgehalten, dass es den Anschein mache, die Firma Q. GmbH habe
auf seine früheren Feststellungen reagiert und würde nun mit einfachsten Mitteln
versuchen, den Anschein einer operativen Tätigkeit in V. zu erwecken. Auf die Firma Q.
GmbH seien mehrere Fahrzeuge eingelöst. Die Firma bezahle Steuern in der Schweiz
und die Beiträge an die Sozialversicherungen. Dies alleine führe aber nicht dazu, dass
das Vorliegen einer Scheinfirma verneint werden könne. Es sei nicht nachvollziehbar,
dass bei der Aussenrenovation eines Gebäudes Schilder entfernt und neu angebracht
würden, v.a. wenn es um Schilder an der Abzweigung und in der Umgebung gehe. Und
selbst bei einer Renovation könne die postalische Erreichbarkeit durch eine
Beschriftung des Briefkastens sichergestellt werden. In Anbetracht der Grösse der
Firma befremde es zudem, dass die Firma in der Schweiz über kein dauerhaftes Büro
verfüge und den Telefondienst zentralisiert habe. Zusammenfassend handle es sich
deshalb um eine Scheinfirma.
Die Beschwerdeführer bringen dazu vor, dass die Abklärungen des Migrationsamts
krass unvollständig und willkürlich seien und nicht von erhärteten Tatsachen herrühren
würden, sondern im Grunde aus Geschwätz oder Äusserungen von Leuten. Der
Abklärungsbericht dürfe unter keinen Umständen als beweisbildend betrachtet werden.
Es handle sich bei der Q. GmbH nicht um eine Zweigniederlassung der Firma Z. GmbH
in Österreich. Die Gesellschafter würden sich unterscheiden und Mehrheitsbeteiligter
der Q. GmbH in V. sei S.T. R.S. sei Minderheitsbeteiligter. Die Q. GmbH beschäftige
auch schweizerische Arbeitnehmer; dies ergebe sich aus der AHV-Abrechnung. Der
grosse Fuhrpark mit 13 Fahrzeugen mit St. Galler Kennzeichen spreche ebenfalls
gegen eine Scheinfirma. Dass Telefone gelegentlich umgeleitet würden, spreche nicht
für eine Briefkasten-Firma, sondern entspreche heute durchaus gängiger Praxis. Call-
Centers seien bei regen Kundenkontakten üblich. Auch z.B. Grossbanken wie die UBS
hätten den Telefondienst physisch nicht immer am entsprechenden Sitz. Es gehöre zur
Organisationsfreiheit einer Unternehmung, die Telefondienste so rationell zu betreiben,
wie es eben möglich sei. Die Beweiserhebung der Vorinstanzen beruhe auf einem nicht
geregelten Verfahren und auf Unterstellungen, die nicht ansatzweise ausgewiesen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seien. Einem Computer könne im Übrigen nicht angesehen werden, ob er nur zum
Schein vorhanden sei. Die Firmentafel habe gefehlt, weil das Gebäude renoviert
worden sei. Die Postzustellung sei ordentlich gewährleistet, ansonsten die Q. GmbH
die Fristen betreffend den Widerruf der Bewilligungen verpasst hätte. Jegliche Post
werde sofort in V. entgegengenommen.
Für die Sachdarstellung der Beschwerdeführer wird keinerlei Beweis offeriert.
Insbesondere werden keine Belege für die operative Tätigkeit der Q. GmbH in V.
geliefert, trotz der weitreichenden Mitwirkungspflicht der Beschwerdeführer. Zu dieser
operativen Tätigkeit gehört gemäss Auszug aus dem Handelsregister gerade nicht nur
die Weiterleitung von Telefonaten, sondern vor allem die Herstellung von Bauteilen,
insbesondere von Fenstern (act. 9/6). Alleine die AHV-Abrechnung und ein
Stelleninserat belegen keine operative Tätigkeit der Q. GmbH in V. Alte Fotos von den
Firmenschildern (also aus der Zeit vor der Renovation) wurden ebenfalls nicht
beigebracht, ebenso wenig ein Rechnungsbeleg für deren damalige Anfertigung. Der
Umstand, dass offenbar 13 Fahrzeuge auf die Q. GmbH in V. registriert sind, vermag
ebenfalls keine operative Geschäftstätigkeit im Sinne des Handelsregisters zu belegen.
Alleine das Entgegennehmen und Weiterleiten von Telefonaten stellt jedenfalls keine
operative Geschäftstätigkeit dar, auch wenn grosse Firmen einen gewissen Teil ihrer
diesbezüglichen Geschäftstätigkeit auslagern (nie aber die gesamte Geschäftstätigkeit
und schon gar nicht die Erteilung von Weisungen). Auch die Darstellung des
Schwarzarbeitsinspektors, dass das Büro in V. den Eindruck erwecke, alles sei schnell
hingestellt worden, entkräften die Beschwerdeführer nicht mit einem Beleg über den
Kauf und die Installation der Infrastruktur (mit Datum), der im Normalfall leicht zu
beschaffen sein dürfte. Ebenso nicht belegt wird seitens der Beschwerdeführer, wie die
Post zugestellt wird (z.B. via Postfach). Auch für Weisungen der Q. GmbH in V. an ihre
Mitarbeitenden (z.B. Arbeitszeitkontrollen etc.) liegen keine Beweise vor. Ausserdem
sprechen auch die bei den Akten liegenden Internetauszüge (act. 9/6) dafür, dass die
operative Tätigkeit effektiv von Österreich und nicht von V. ausgeht. Auch die
Tatsache, dass E-Mails der Q. GmbH in V. von einer E-Mail-Adresse verschickt
werden, die auf „@z.cc“ endet, wirft Fragen auf (z.B. Dossier D., Dokument. 7/42).
Angesichts der fehlenden Mitwirkung der Beschwerdeführer bei der Beweiserhebung
der Vorinstanz und des Verwaltungsgerichts ist davon auszugehen, dass die
Beobachtungen des Schwarzarbeitsinspektors im Rahmen seiner Besuche in V.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
keineswegs willkürlich waren und die Schlussfolgerungen der Vorinstanz den
Tatsachen entsprechen.
Es fehlt demnach an einer operativen Tätigkeit der Q. GmbH in V., womit die
Beschwerdeführer nicht für die Q. GmbH in V. arbeiten, mit der sie ihren Arbeitsvertrag
geschlossen haben, sondern faktisch im Ergebnis für eine Unternehmung im Ausland.
Damit war eine wesentliche Voraussetzung für die Anwendung des FZA bereits bei
Erteilung der Grenzgängerbewilligung nicht gegeben, weshalb die
Grenzgängerbewilligungen grundsätzlich widerrufen beziehungsweise nicht verlängert
oder erteilt werden können.
6. Auch ein Widerruf nach Art. 23 Abs. 1 VEP erfordert, dass der Widerruf im Einzelfall
verhältnismässig erscheint und keine schutzwürdigen Vertrauenspositionen der
betroffenen Personen beeinträchtigt werden (vgl. BGer 2C_96/2012 vom
18. September 2012 E. 2.2.2). Da die Beschwerdeführer trotz ihrer weitreichenden
Mitwirkungspflicht in keiner Weise in Bezug auf jeden Mitarbeitenden darlegen, warum
der jeweilige Entzug der Grenzgängerbewilligung unverhältnismässig sein sollte, ist von
der Verhältnismässigkeit des Entzuges auszugehen, zumal die Beschwerdeführer
angesichts der fehlenden operativen Geschäftstätigkeit der Q. GmbH in V. ja auch
jederzeit mit dem Widerruf der Bewilligung rechnen mussten. Der Widerruf der
Grenzgängerbewilligungen beziehungsweise deren Nichtverlängerung
beziehungsweise Nichterteilung ist damit auch in Bezug auf die betroffenen
Mitarbeitenden verhältnismässig.
7. Die Beschwerde ist demzufolge abzuweisen.
8. Angesichts der Beendigung dieses Verfahrens mit dem vorliegenden Entscheid ist
das Gesuch um Erlass einer vorsorglichen Massnahmen (Verlängerung der
Grenzgängerbewilligungen, die während der Dauer des Verfahrens auslaufen) (act. 1
S. 3) gegenstandslos.
9. (...).