Decision ID: 4eb56163-6cdb-4c10-8a6f-34cb5fbcb2c3
Year: 2014
Language: de
Court: BS_APG
Chamber: BS_APG_001
Canton: BS
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
Im März 2012 war A_ in einen Verkehrsunfall verwickelt, worauf in der Folge ein Strafverfahren gegen ihn eröffnet worden ist. Mit Strafbefehl vom 3. Februar 2014 wurde A_ schliesslich der einfachen Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand, der versuchten Nötigung, der Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrfähigkeit und des mehrfachen pflichtwidrigen Verhaltens bei einem Verkehrsunfall schuldig erklärt und mit einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu CHF 30.– sowie einer Busse von CHF 2‘200.– verurteilt (bei schuldhafter Nichtbezahlung 22 Tage Ersatzfreiheitsstrafe). Mit Eingabe vom 29. März 2014 erhob A_ Einsprache gegen den Strafbefehl vom 3. Februar 2014. Die Staatsanwaltschaft überwies die erhobene Einsprache zuständigkeitshalber an das Strafgericht. Das Einzelgericht in Strafsachen trat mit Verfügung vom 12. Mai 2014 auf die Einsprache nicht ein, unter Hinweis auf deren Verspätung.
Gegen diese Verfügung erhob A_ mit Eingabe vom 22. Mai 2014 Beschwerde beim Appellationsgericht und stellte sinngemäss den Antrag auf Widerherstellung der Frist und Eintreten auf die erhobene Einsprache.

Erwägungen
1.
Gegen Verfügungen und Beschlüsse der erstinstanzlichen Gerichte kann gemäss Art. 393 Abs. 1 lit. b der Schweizerischen Strafprozessordnung (StPO) Beschwerde erhoben werden. Zuständiges Beschwerdegericht ist das Appellationsgericht als Einzelgericht. Der Beschwerdeführer hat ein rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhebung des angefochtenen Entscheides und ist somit zur Beschwerde legitimiert (Art. 382 Abs. 1 StPO). Die Beschwerde gegen schriftlich oder mündlich eröffnete Entscheide ist innert zehn Tagen schriftlich und begründet bei der Beschwerdeinstanz einzureichen (Art. 396 Abs. 1 StPO). Die vorliegende Beschwerde erfolgte innert Frist, sodass darauf einzutreten ist.
2.
2.1
Gemäss Art. 354 Abs. 1 StPO kann die beschuldigte Person gegen einen Strafbefehl innert 10 Tagen nach seiner Zustellung schriftlich Einsprache erheben. Ohne gültige Einsprache wird der Strafbefehl zum rechtskräftigen Urteil (Art. 354 Abs. 3 StPO). Die Frist beginnt gemäss Art. 90 Abs. 1 StPO am Tag nach der Zustellung zu laufen.
Eingaben müssen spätestens am letzten Tag der Frist bei der Strafbehörde abgegeben oder zu deren Handen der Schweizerischen Post, einer schweizerischen diplomatischen oder konsularischen Vertretung übergeben werden
(Art. 91 Abs. 2 StPO)
. Die Zustellung von Mitteilungen der Strafbehörden erfolgt durch eingeschriebene Postsendung (Art. 85 Abs. 1 StPO). Sie ist gemäss Art. 85 Abs. 3 StPO erfolgt, wenn die Sendung von der Adressatin oder dem Adressaten oder von einer angestellten oder im gleichen Haushalt lebenden Person entgegengenommen wurde. Sie gilt zudem bei einer eingeschriebenen Postsendung, die nicht abgeholt worden ist, am siebten Tag nach dem erfolglosen Zustellungsversuch als erfolgt, sofern die Person mit einer Zustellung rechnen musste (Art. 85 Abs. 4 lit. a StPO).
2.2
Der Strafbefehl vom 3. Februar 2014 wurde gemäss Sendungsverfolgung der Schweizerischen Post am 5. Februar 2014 zur Abholung gemeldet und am 13. Februar 2014 an die Staatsanwaltschaft zurückgesandt. Entsprechend galt die Postsendung am 12. Februar 2014 als zugestellt. Die Einsprachefrist begann somit am darauf folgenden Tag, dem 13. Februar 2014, zu laufen und endete am 22. Februar 2014. Die mit Schreiben vom 29. März 2014 erhobene Einsprache wäre somit klarerweise verspätet erhoben worden.
2.3
Die Zustellfiktion kommt gemäss Art. 85 Abs. 4 lit. a StPO nur zum Tragen, wenn der Adressat mit einer Zustellung rechnen musste. Die an einem Verfahren beteiligten Personen haben die Pflicht, dafür zu sorgen, dass ihnen behördliche Akte zugestellt werden können. Die Verfahrensbeteiligten sind daher gehalten, die Post regelmässig zu kontrollieren, Adressänderungen ohne Verzug zu melden oder bei längeren Ortsabwesenheiten die Behörden zu informieren. Als Zeitraum, während welchem die Zustellfiktion aufrechterhalten werden darf, ohne dass verfahrensbezogene Handlungen der Behörde erfolgen, werden in der Lehre mehre Monate bis etwa ein Jahr genannt (vgl.
Brüschweiler
, in: Andreas Donatsch/Thomas Hansjakob/Viktor Lieber (Hrsg.), Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Auflage, Zürich 2014, Art. 85 N 6). Das Bundesgericht erachtet einen Zeitraum bis zu einem Jahr seit der letzten verfahrensbezogenen Handlung der Behörde noch als vertretbar (vgl. BGer 2P.120/2005 vom 23. März 2006; ferner BGer 2C_1040/2012 vom 21. März 2013, E. 4). Aus den Akten geht hervor, dass die Einvernahme des Beschwerdeführers am 24. März 2012 stattfand, mithin zwei Jahre zurücklag. Andere verfahrensbezogene Handlungen, die innerhalb der vom Bundesgericht aufgestellten 1-Jahres-Frist liegen, sind nicht ersichtlich. Die Landesabwesenheit, in welcher der in Frage stehende Strafbefehl zugestellt wurde, kann dem Beschwerdeführer unter diesen Umständen nicht zum Nachteil gereichen. Aufgrund der langen Dauer, in welcher keinerlei Handlungen der Staatsanwaltschaft erfolgten, musste der Beschwerdeführer nicht mit einer behördlichen Zustellung rechnen. Demzufolge kann auch die in Art. 85 Abs. 4 lit. a StPO normierte Zustellfiktion nicht greifen. Den Erwägungen der Vorinstanz kann somit nicht beigepflichtet werden, weshalb die Beschwerde gutzuheissen und die angefochtene Verfügung aufzuheben ist. Demzufolge ist die Sache zur Durchführung des Einspracheverfahrens an die Vorinstanz zurückzuweisen.
3.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens werden für das vorliegende Beschwerdeverfahren keine Kosten erhoben (Art. 428 Abs. 1 und 4 StPO).