Decision ID: e70598ad-9f37-5d28-b408-69a139e85a58
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ wurde im Dezember 2014 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen angemeldet (IV-act. 2).
Die Kinder- und Jugendpsychologischen Dienste St. Gallen (KJPD) berichteten am 22.
bzw. 30. April 2015, die Versicherte leide an einer Anpassungsstörung mit depressiver
Verstimmung, Ängsten, vorübergehendem Einnässen, erhöhter Reizbarkeit,
Konzentrationsproblemen und Leistungsversagen vor dem Hintergrund familiärer
Belastungsfaktoren gemäss ICD-10 F42.23. Die projektiven Verfahren wiesen auf ein in
seiner Entwicklung blockiertes Mädchen hin, das Anpassungsschwierigkeiten zeige,
ehrgeizig sei und nach Entwicklung strebe. Therapieziele seien die Stabilisierung der
bereits erzielten positiven Schritte bezüglich der Selbstwertstärkung, des Erlernens von
Angstbewältigungsstrategien sowie der Ressourcenaktivierung. Von Mai 2013 bis Juni
2014 sei wöchentlich eine ambulante Psychotherapie durchgeführt worden; seit
September 2014 finde die Therapie noch alle 14 Tage statt. Die Behandlung werde bei
anhaltender psychischer und schulischer Stabilität per Ende Juli 2015 beendet werden.
Die Prognose im Hinblick auf die zukünftige berufliche Eingliederung sei bei
Durchführung der Behandlung als gut einzuschätzen (IV-act. 10, 12). Die IV-Stelle
gewährte am 1. Juli 2015 Kostengutsprache für eine ambulante Psychotherapie nach
Art. 12 IVG vom 14. Mai 2014 bis 31. Juli 2015 (IV-act. 15).
A.b Am 6. Juli 2015 berichteten die KJPD, dass die Versicherte im Verlauf der
Einzelpsychotherapie einen adäquaten Umgang mit ihren Gefühlen und Gedanken
habe erlernen können. Sie sei altersadäquat über die psychische Erkrankung ihrer
Mutter informiert worden und habe zunehmend einen guten Umgang mit den Krisen
ihrer Mutter finden können. Im November 2014 sei die Mutter überraschend verstorben.
In den nachfolgenden Gesprächen habe sich gezeigt, dass die Familie von ihrem
Umfeld und den Fachpersonen gut unterstützt und getragen werde. Die Versicherte
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habe in der Therapie den Verlust der Mutter und die damit verbundenen Gefühle
thematisiert. In den letzten Therapiestunden habe sie über wichtige Ereignisse in ihrem
Alltag berichtet und fröhlich und ausgeglichen gewirkt. Aufgrund der emotionalen
Stabilisierung sei die Behandlung Ende Juni 2015 abgeschlossen worden (IV-act. 16).
B.
B.a Am 24. Oktober 2016 informierte die CSS Kranken-Versicherung AG (CSS) die IV-
Stelle, dass die Versicherte nach wie vor Psychotherapie benötige. Sie ersuchte die IV-
Stelle um Prüfung der weiteren Kostenübernahme für die Zeit ab 1. August 2015 (IV-
act. 17).
B.b Dr. med. B._ und Dr. phil. C._ berichteten der IV-Stelle am 13. und 20.
Dezember 2016, dass die Wiederaufnahme der Psychotherapie im September 2015
von der Beiständin veranlasst worden sei. Seit 2013 bestünden
Konzentrationsprobleme und Leistungsversagen, neu aufgetreten seien
Prüfungsängste. Vor allem vor Prüfungen klage die Versicherte öfters über
Bauchschmerzen. Im Juni 2016 sei ausserdem die Grossmutter mütterlicherseits
überraschend gestorben. Nach dem Tod der Grossmutter habe die Versicherte nur
noch im Bett ihres Vaters schlafen können. Nach den Sommerferien sei es ihr aber
gelungen, wieder alleine zu schlafen. Therapieziele seien die Fortsetzung der
begonnenen Stärkung des Selbstwerterlebens, die Verbesserung des Zugangs zu den
eigenen Gefühlen und der Emotionsregulationsstrategien, der Umgang mit Trauer
sowie die Verminderung der Parentifizierung. Diese Ziele hätten noch nicht ausreichend
erreicht werden können. Die Versicherte zeige Fortschritte, jedoch sei eine weitere
Psychotherapie indiziert. Aus heutiger Sicht benötige die Versicherte noch mindestens
ein Jahr Psychotherapie. Bei fachgerecht durchgeführter Therapie sei von einer guten
Prognose auszugehen (IV-act. 19).
B.c Der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) notierte am 25. Januar 2017, dass gemäss
dem bisherigen Behandlungsverlauf mit Psychotherapie ab Mai 2013 bis Juni 2015 und
neu wieder ab September 2015 nicht mit hinreichender Sicherheit von einer guten
Prognose auszugehen sei. Eine gute Prognose sei eher als fraglich zu beurteilen. Die
Beurteilung der Therapeutinnen zur Prognose sei offenkundig eher von Hoffnung als
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von Fakten getragen. Die medizinischen Zusprachekriterien für die Kostengutsprache
der beantragten Psychotherapie nach Art. 12 IVG seien somit nicht erfüllt (IV-act. 21).
Gestützt auf die RAD-ärztliche Beurteilung stellte die IV-Stelle der Versicherten mit
Vorbescheid vom 21. Februar 2017 die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht
(IV-act. 23).
B.d Dagegen erhob die CSS am 3. März 2017 Einwand und beantragte die Übernahme
der Kosten der Psychotherapie ab 1. August 2015. Zur Begründung führte sie an, dass
von einer zeitlich beschränkten Behandlung mit guter Prognose auszugehen sei.
Jedenfalls lägen keine der im Kreisschreiben über die medizinischen
Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung (KSME) aufgeführten
prognostisch ungünstigen Störungen vor. Hingegen prädestiniere die Versicherte ohne
Therapie zur Entwicklung eines erheblichen, schwer korrigierbaren Defekts, welcher zu
einer wesentlichen Behinderung der Beschulung, der späteren Ausbildung und der
Erwerbstätigkeit führen werde (IV-act. 26).
B.e Am 11. April 2017 verfügte die IV-Stelle gemäss ihrem Vorbescheid. Zum Einwand
führte sie an, dass die Indikation zur Psychotherapie nicht in Frage gestellt werde.
Jedoch könne nicht mit hinlänglicher Wahrscheinlichkeit von einer günstigen Prognose
hinsichtlich der Eingliederungsfähigkeit ausgegangen werden (IV-act. 28).
C.
C.a Dagegen erhob die CSS am 19. Mai 2017 Beschwerde. Sie beantragte, dass die
Verfügung vom 11. April 2017 aufzuheben und die Beschwerdegegnerin zu verpflichten
sei, für die Versicherte die ambulante Psychotherapie als medizinische
Eingliederungsmassnahme zu übernehmen. Eventualiter sei die Sache zur weiteren
Abklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Zur Begründung wurde im Wesentlichen
angeführt, dass der RAD die Prognose zu Unrecht als ungünstig eingeschätzt habe.
Gestützt auf die Arztberichte von Dr. B._ sei belegt, dass die Behandlung der
Versicherten eindeutig der schulischen Eingliederung diene und dass eine gute
Prognose gestellt werde. Die Versicherte habe bereits wesentliche Fortschritte erzielt.
Im Weiteren handle es sich vorliegend weder um eine Behandlung des Leidens noch
um eine Dauerbehandlung (act. G 1).
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C.b Am 21. August 2017 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde. Psychotherapeutische Massnahmen gingen nicht zu Lasten der IV, wenn
die Prognose unbestimmt sei und/oder die Behandlung eine medizinische Vorkehr von
zeitlich unbegrenzter Dauer darstelle. Seit Mai 2013 und damit seit rund vier Jahren
seien Therapien aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten erforderlich. Damit könne
folglich von einer langdauernden Behandlungsbedürftigkeit der Versicherten
ausgegangen werden, so dass die psychotherapeutischen Massnahmen nicht zu
Lasten der Invalidenversicherung gehen könnten. Im Übrigen sei gemäss den
Ausführungen des RAD nicht mit hinreichender Sicherheit von einer guten Prognose
auszugehen (act. G 4).
C.c Die Beschwerdeführerin hielt am 22. September 2017 unter Verzicht auf die
Einreichung einer Replik an ihren Rechtsbegehren fest (vgl. act. G 6). Die Versicherte
verzichtete auf eine Teilnahme am Beschwerdeverfahren (vgl. act. G 7, 8); sie hat einen
Anspruch auf die Zustellung des Urteils.

Erwägungen
1.
1.1 Eine versicherte Person hat bis zum vollendeten 20. Altersjahr einen Anspruch auf
medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, sondern
unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben gerichtet und geeignet sind, die
Erwerbsfähigkeit dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor einer wesentlichen
Beeinträchtigung zu bewahren (Art. 12 Abs. 1 IVG).
1.2 Die Beschwerdegegnerin hat einen Anspruch der Versicherten auf medizinische
Massnahmen u.a. mit der Begründung verneint, dass die beantragte Psychotherapie
zwar indiziert, aber gemäss der Beurteilung des RAD nicht mit hinreichender Sicherheit
von einer guten Prognose hinsichtlich der Eingliederungsfähigkeit auszugehen sei (vgl.
IV-act. 21). Die Einschätzung des RAD steht im Widerspruch zu den Angaben der
behandelnden Psychiaterin und der behandelnden Psychologin, welche die Prognose
bei einer Fortführung der Psychotherapie als gut qualifiziert haben (vgl. IV-act. 19).
Welche dieser beiden prognostischen Aussagen plausibler ist, lässt sich jedoch nicht
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eindeutig beantworten, denn eine Prognose für die Zukunft ist naturgemäss nie
beweisbar. Allerdings steht vorliegend fest, dass die Versicherte dank der
Psychotherapie wesentliche Fortschritte erzielt hat. Durch die psychotherapeutische
Behandlung hat sich der psychische Zustand der Versicherten soweit stabilisiert, dass
die Behandlung im Juni 2015 (zwischenzeitlich) sogar hat abgeschlossen werden
können. Weder finden sich in den Akten entsprechende Hinweise noch kann die
Beschwerdegegnerin plausibel begründen, weshalb die Prognose seit der
Wiederaufnahme der Therapie im September 2015 nun plötzlich ungünstig sein soll.
Das vom RAD vorgebrachte und nicht näher begründete Vorbringen, dass die
prognostische Einschätzung der Therapeutinnen offenkundig eher von Hoffnung als
von Fakten getragen sei, überzeugt sicher nicht. Gemäss den glaubhaften Angaben der
behandelnden Psychiaterin und Psychologin hat die Versicherte seit dem erneuten
Therapiebeginn bereits Fortschritte zeigen können (IV-act. 19-5). Dabei spielt es keine
Rolle, dass sie die ihr gesetzten Therapieziele bislang (noch) nicht erreicht hat, denn
wie schnell – bzw. aus Sicht der Beschwerdegegnerin wie langsam – Fortschritte erzielt
werden, ist für die Prognose hinsichtlich der späteren Eingliederungsfähigkeit nicht
ausschlaggebend. Vorliegend steht sodann ausser Frage, dass die weitere schulische
und später die berufliche Ausbildung der Versicherten erheblich gefährdet wären, wenn
die Psychotherapie nicht weiter fortgesetzt würde. Nicht zuletzt werden in der Therapie
auch schulische Probleme wie Leistungsdruck und Prüfungsangst angegangen. Mit
anderen Worten ist mit einer hohen Plausibilität davon auszugehen, dass ein Abbruch
der Psychotherapie den schulischen Werdegang und die folgende Eingliederung ins
Erwerbsleben erschweren oder gar verunmöglichen würde. Aus diesen Gründen ist die
medizinische Eingliederungswirksamkeit der Psychotherapie nicht in Abrede zu stellen.
Somit rechtfertigt es sich nicht, der Versicherten die Vergütung der Kosten der
Psychotherapie vorzuenthalten und damit den möglichen Eintritt einer Invalidität zu
begünstigen, zumal die Kosten der Psychotherapie im Verhältnis zu allfälligen späteren
beruflichen Eingliederungs- oder Rentenleistungen als bescheiden einzustufen sind.
1.3 Die Beschwerdegegnerin hat die Abweisung des Leistungsbegehrens im Weiteren
damit begründet, dass es sich bei der vorliegenden Psychotherapie um eine
Dauerbehandlung handle, welche nicht von der Invalidenversicherung zu finanzieren
sei. Dabei hat sie sich offensichtlich auf die in Rz 63 KSME zitierte bundesgerichtliche
Rechtsprechung bezogen, laut welcher medizinische Massnahmen wohl eine gewisse
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Zeit andauern können, jedoch keinen Dauercharakter tragen, d.h. nicht zeitlich
unbegrenzt erforderlich sein dürfen. Diese bundesgerichtliche Rechtsprechung stammt
allerdings noch aus der Zeit vor der 5. IVG-Revision, mit welcher der Anspruch auf
medizinische Massnahmen gemäss Art. 12 IVG auf Versicherte beschränkt worden ist,
die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet haben. Das Bundesgericht hat in der
Beschränkung des Anspruchs auf Kinder und Jugendliche allerdings keinen Grund für
eine Änderung seiner Rechtsprechung erblickt. Dies ist nicht nachvollziehbar, da mit
der generellen Beschränkung des Leistungsanspruchs auf Kinder und Jugendliche die
Gefahr einer jahrzehntelangen Leistungspflicht der Invalidenversicherung dahingefallen
ist (vgl. auch ULRICH MEYER/MARCO REICHMUTH, Rechtsprechung des
Bundesgerichtes zum IVG, 3. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2014, Art. 12, Rz 33; vgl. zum
Ganzen ausführlich den Entscheid IV 2016/61 des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen vom 7. September 2017, E. 1.3). Für den vorliegenden Fall ist dies jedoch
nur von untergeordneter Bedeutung. Denn obwohl gemäss der Einschätzung der
behandelnden Therapeutinnen damit zu rechnen ist, dass die Versicherte noch
mindestens ein Jahr Psychotherapie benötigen wird, ist mit Blick auf den erfreulichen
Therapieverlauf und die gute Prognose (vgl. E. 1.2) nicht von einer „zeitlich unbegrenzt
erforderlichen Dauertherapie“ im Sinne der überholten bundesgerichtlichen
Rechtsprechung auszugehen. Vielmehr zeigen die vorliegenden Akten deutlich auf,
dass die noch sehr junge Versicherte in einer von Ängsten und familiären Verlusten
geprägten Lebensphase vorübergehend psychotherapeutische Unterstützung benötigt,
um weitere Fortschritte in ihrer Entwicklung zu erzielen und damit ihre spätere Erwerbs-
bzw. Eingliederungsfähigkeit zu verbessern. Dabei wird die Beschwerdegegnerin
selbstverständlich regelmässig zu überprüfen haben, ob die Psychotherapie noch
wirksam und zweckmässig ist.
1.4 Zusammenfassend sind die Voraussetzungen für die Vergütung der Kosten der
Psychotherapie durch die Invalidenversicherung folglich erfüllt. Damit ist die
angefochtene Verfügung vom 11. April 2017 in Gutheissung der Beschwerde
aufzuheben und durch die Feststellung zu ersetzen, dass die Versicherte einen
Anspruch auf die Vergütung der Kosten der Psychotherapie durch die
Invalidenversicherung hat. Die Sache ist zum Erlass einer entsprechenden neuen
Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
2.
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Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Ausgangsgemäss
hat die Beschwerdegegnerin die Gerichtskosten von Fr. 600.-- zu bezahlen. Der
Beschwerdeführerin ist der von ihr geleistete Kostenvorschuss zurückzuerstatten. Die
obsiegende, aber in ihrem Aufgabenbereich als Bundesrecht vollziehende Behörde
tätig gewordene Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung