Decision ID: 518836e6-dd6d-4586-b087-c18928eb083b
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
P._,
Beschwerdeführerin,
gegen
Amt für Arbeit, Unterstrasse 22, 9001 St. Gallen,
Beschwerdegegner,
betreffend
Erlass (guter Glaube)
Sachverhalt:
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A.
A.a P._ meldete sich am 9. Februar 2007 zum Bezug von Arbeitslosenentschädigung
an. Ihr Arbeitspensum bei der A._ GmbH sei zunächst von 40% auf 20% reduziert
(vgl. act. G 3.1.A51) und dann per 30. April 2007 gekündigt worden (act. G 3.1.A43).
Vormittags sei sie nach wie vor bei der B._ AG als Büroangestellte tätig. Sie suche
eine Teilzeitstelle von höchstens 20 Stunden pro Woche bzw. 50% einer
Vollzeitbeschäftigung (act. G 3.1.A48). In der Folge wurden der Versicherten von Mai
2007 bis und mit April 2009 Taggelder in Höhe von insgesamt Fr. 65'544.40
ausgerichtet (vgl. act. G 3.1.B71).
A.b Im März 2009 stellte die Versicherte erneut Antrag auf Arbeitslosenentschädigung
bzw. auf eine Folgerahmenfrist, da ihr das Arbeitsverhältnis bei der B._ AG per
31. Mai 2009 gekündigt worden sei. Sie suche eine Vollzeitstelle (act. G 3.1.A98).
A.c Mit Verfügung vom 7. Juli 2009 forderte die Kantonale Arbeitslosenkasse
(nachfolgend: Kasse) von der Versicherten zuviel bezogene Taggeldleistungen im
Totalbetrag von Fr. 65'544.40 (netto) zurück. Zur Begründung führte sie aus, die
Versicherte habe im (ersten) Antrag auf Arbeitslosenentschädigung angegeben,
weiterhin bei der B._ AG tätig zu sein. Auf den weiteren Formularen "Angaben der
versicherten Person", welche sie seither ausgefüllt habe, habe sie die erste Frage
"Haben Sie diesen Monat gearbeitet?" ausnahmslos mit "nein" beantwortet. Die Kasse
habe den Hinweis im Antrag übersehen. Die Versicherte habe jedoch in allen weiteren
abgegebenen "Angaben der versicherten Person" unwahre Angaben gemacht. Sie
berufe sich diesbezüglich auf eine mündliche Auskunft ihrer ehemaligen
Personalberaterin; diese sei jedoch nirgends belegt. Weil die Kasse im ersten
Auszahlungsmonat den Hinweis im Antrag übersehen habe und die Versicherte in allen
anderen Monaten unwahre Angaben gemacht habe, seien die Zahlungen für die
Monate Mai 2007 bis April 2009 erfolgt, ohne den Verdienst bei der B._ AG zu
berücksichtigen. Dies hätte aber zweifellos erfolgen müssen, da ein Zwischenverdienst
angerechnet werden müsse. Die nötigen Korrekturen unter Anrechnung des
Zwischenverdiensts bei der B._ AG in den Monaten Mai 2007 bis April 2009 führten
zu einer Rückforderung von total Fr. 65'544.40 (act. G 3.1.B72).
B.
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B.a Am 9. Juli 2009 ersuchte die Versicherte um Erlass der Rückforderung. Die Kasse
habe gewusst, dass sie zu 50% bei der B._ AG arbeite. Sie (die Versicherte) habe
ihre ehemalige Personalberaterin gefragt, was es mit Punkt 1 im Formular "Angaben
der versicherten Person" ("Haben Sie in diesem Monat bei einem oder mehreren
Auftraggebern gearbeitet?") auf sich habe. Die Antwort wisse sie nicht mehr. Sie wisse
nur, dass sie im Februar 2007 weder "ja" noch "nein" angekreuzt habe. Sie sei sicher,
damals falsch beraten worden zu sein. Sie könne den geforderten Betrag nicht
zurückzahlen (act. G 3.1.A105).
B.b Mit Schreiben vom 7. Oktober 2009 stellte das Amt für Arbeit der Versicherten die
Ablehnung ihres Erlassgesuchs in Aussicht und gewährte ihr diesbezüglich das
rechtliche Gehör. Indem sie die erste Frage im Formular "Angaben der versicherten
Person" falsch beantwortet habe, habe sie eine Auskunftsverletzung begangen. Bereits
aus diesem Grund müsse ihr der gute Glaube abgesprochen werden. Zudem hätte ihr
die grosse Einkommensdifferenz auffallen müssen, da sie gewusst habe, dass das
Arbeitslosentaggeld nur 70% des versicherten Verdiensts betrage. Die geltend
gemachte Falschauskunft sei nicht belegt (act. G 3.1.A107).
B.c Mit Verfügung vom 12. Oktober 2009 lehnte das Amt für Arbeit das Erlassgesuch
der Versicherten ab. Diese habe telefonisch geltend gemacht, sie sei davon
ausgegangen, dass die Verwaltung den versicherten Verdienst korrekt berechnet habe;
sie habe die Auszahlung nicht hinterfragt und sich keiner Meldepflichtverletzung
schuldig gemacht. Dies treffe nicht zu. Es liege kein guter Glaube vor (act. G 3.1.A109).
Gegen diese Verfügung erhob die Versicherte am 14. Oktober 2009 Einsprache (act. G
3.1.A108).
B.d Mit Entscheid vom 29. Oktober 2009 wies das Amt für Arbeit die Einsprache ab
(act. G 3.1.A110).
C.
C.a Mit Eingabe vom 2. November 2009 erhebt die Versicherte Beschwerde und
beantragt sinngemäss die Aufhebung des Einspracheentscheids und Erlass der
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Rückforderung. Sie sei ein gutgläubiger Mensch. Es sei nicht berücksichtigt worden,
dass sie von ihrer ehemaligen Personalberaterin falsch beraten worden sei (act. G 1).
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 10. Dezember 2009 beantragt der Beschwerdegegner
die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verweist er auf die Verfügung vom
12. Oktober 2009 sowie auf den angefochtenen Einspracheentscheid (act. G 3).
C.c Ein weiterer Schriftenwechsel findet nicht statt (vgl. act. G 5).

Erwägungen:
1.
Streitig und zu prüfen ist die Verweigerung des Erlasses der Rückerstattungsschuld im
Betrag von Fr. 65'544.40, während die Rückforderung selbst bereits rechtskräftig
verfügt worden ist. Die Beschwerdeführerin bestreitet die Rückforderung an sich denn
auch gar nicht.
2.
2.1 Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten. Wer die
unrechtmässigen Leistungen aber in gutem Glauben empfangen hat, muss sie nicht
oder nur teilweise zurückerstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt (Art. 25 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG;
SR 830.1]; Art. 4 f. der Verordnung über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSV; SR 830.11]). Die Rückerstattung kann nur erlassen
werden, wenn die beiden Voraussetzungen des gutgläubigen Empfangs und der
grossen Härte der Rückerstattung kumulativ erfüllt sind
2.2 Die Rechtsordnung geht grundsätzlich von der Vermutung des guten Glaubens aus
(Art. 3 Abs. 1 des Schweizerischen Zivilgesetzbuchs [ZGB; SR 210]). Ob er vorliegt,
muss dennoch in jedem Einzelfall aufgrund der Umstände geprüft werden. Nach der
hier sinngemäss anwendbaren Rechtsprechung zum damals gültigen Art. 47 des
Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10;
vgl. ARV 1998 Nr. 14 S. 73; BGE 122 V 223 E. 3 mit Hinweisen) entfällt der gute Glaube
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von vornherein, wenn der Rückerstattungstatbestand durch ein arglistiges oder
grobfahrlässiges Verhalten herbeigeführt wurde. Grobe Fahrlässigkeit ist gegeben,
wenn jemand ausser Acht lässt, was jedem verständigen Menschen in der gleichen
Lage und unter den gleichen Umständen als beachtlich hätte einleuchten müssen (BGE
110 V 181 E. 3d). Grobfahrlässig handelt namentlich, wer bei der Anmeldung, bei der
Abklärung der Verhältnisse oder bei der Entgegennahme von unrechtmässigen
Leistungen nicht das ihm nach den Fähigkeiten und dem Bildungsgrad zumutbare
Mindestmass an Sorgfalt angewandt hat (Gerhard Gerhards, Kommentar zum
Arbeitslosenversicherungsgesetz [AVIG], 1987, N 41 zu Art. 95 AVIG). Eine bloss leichte
Verletzung der Sorgfalts- und Aufmerksamkeitspflicht schliesst hingegen das Vorliegen
des guten Glaubens nicht aus. Der gute Glaube ist jedoch nicht bereits schon dann
gegeben, wenn der Rechtsmangel der leistungsbeziehenden Person unbekannt war.
Rechtsprechungsgemäss fällt die grobfahrlässige Unterlassung, sich bei der
Verwaltung zu erkundigen, als Ausschlussgrund für den guten Glauben in Betracht,
wobei der Fehler der Verwaltung die anfänglich fehlende Gutgläubigkeit nicht
wiederherzustellen vermag (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG;
seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 13. April
2000, P 54/98 E. 3b mit Hinweisen). Von einer groben Pflichtwidrigkeit ist auszugehen,
wenn beim Empfang der Zahlungen eine "augenscheinliche Differenz zwischen der zu
erwartenden Entschädigung und der ausbezahlten Leistung" besteht und keine
Meldung oder Erkundigung bei der Verwaltung vorgenommen wird (vgl. Urteil des EVG
vom 11. August 2003, C 132/03, E. 3.2).
3.
3.1 Der Beschwerdegegner spricht der Beschwerdeführerin die Gutgläubigkeit schon
allein gestützt auf deren mangelhafte Angaben in den Formularen "Angaben der
versicherten Person" ab; diese Auskunftspflichtverletzung könne nicht als (nur)
leichtfahrlässige Handlung gewertet werden. Dem kann vorliegend nicht gefolgt
werden. Zwar bestreitet die Beschwerdeführerin nicht, die Frage nach einer
Arbeitstätigkeit in besagten Formularen für die Monate Mai 2007 bis April 2009 verneint
zu haben, obwohl sie damals noch bei der B._ AG tätig war, was sich im Übrigen
auch aus den entsprechenden Formularen (soweit in den Akten vorhanden) ergibt,
doch hat die Beschwerdeführerin nie ein Geheimnis um ihre Zwischenverdiensttätigkeit
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gemacht. So führte sie im Erlassgesuch vom 9. Juli 2009 (act. G 3.1.A105) glaubhaft
aus, sie habe die betreffende Frage im Formular "Angaben der versicherten Person"
nicht richtig verstanden. Im (ersten von ihr ausgefüllten) Formular für den Monat
Februar 2007 (Monat der Antragstellung) habe sie die Frage nicht beantwortet; dies
trifft zu (act. G 3.1.A53). Es scheint daher plausibel, dass sie sich bei ihrer damaligen
Personalberaterin über die Bewandtnis dieser Frage erkundigt hat, auch wenn dies in
den Akten nicht dokumentiert ist. Ob ihr die Personalberaterin in der Folge eine falsche
Auskunft erteilt hat, oder ob die Beschwerdeführerin die Antwort der Beraterin nicht
richtig verstanden bzw. falsch eingeordnet hat, wie dies der Beschwerdegegner
geltend macht (vgl. act. G 3.1.A109 f.), ist vorliegend nicht entscheidend. So geht aus
den Akten hervor, dass die Beschwerdeführerin nicht die Absicht hatte, ihren
Zwischenverdienst bei der B._ AG zu verheimlichen, hat sie diesen doch nicht einzig
in der Anmeldung zum Bezug von Arbeitslosenentschädigung (act. G 3.1.A48)
vermerkt, sondern auch anlässlich eines telefonischen Gesprächs vom 20. Februar
2007 (act. G 3.1.A51) und an Beratungsgesprächen mit dem Berater/Vermittler C._
vom 14. Juli und 25. August 2008 (act. 3.1.A7) erwähnt. Zudem geht aus dem
Schreiben der Kasse vom 12. März 2007 an die Beschwerdeführerin (act. G 3.1.A57)
sowie aus dem "Formular Phönix" vom 14. November 2007 (act. G 3.1.A7) hervor, dass
sowohl die Kasse als auch das zuständige Regionale Arbeitsvermittlungszentrum über
die Zwischenverdiensttätigkeit der Beschwerdeführerin informiert waren. Unter diesen
Umständen kann in der Nichtdeklaration der Zwischenverdiensttätigkeit in den
Formularen "Angaben der versicherten Person" durch die Beschwerdeführerin keine
(mindestens) grobfahrlässige Auskunftspflichtverletzung erblickt werden. Die
Beschwerdeführerin hat die Bedeutung der entsprechenden Frage bzw. des
Zwischenverdiensts offenkundig nicht richtig verstanden, was durch die zuständigen
Stellen ohne weiteres erkennbar gewesen wäre bzw. von der früheren
Personalberaterin möglicherweise gar erkannt worden war. Es geht daher nicht an, der
Beschwerdeführerin unter Hinweis auf die Verletzung der Auskunftspflicht die
Gutgläubigkeit abzusprechen (vgl. auch Urteil des Sozialversicherungsgerichts des
Kantons Zürich vom 27. März 2007, AL.2005.00337 E. 3, in welchem die versicherte
Person - für die Verwaltung erkennbar - ein falsches Verständnis von
Teilarbeitslosigkeit hatte und vom Gericht in ihrem guten Glauben geschützt wurde).
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3.2 Zwar kann die Verletzung der Auskunftspflicht der Beschwerdeführerin vorliegend
nicht entgegengehalten werden, doch kann sie hinsichtlich des Bezugs von
Arbeitslosenentschädigung in besagtem Umfang dennoch nicht als gutgläubig
betrachtet werden. Wie der Beschwerdegegner im Verwaltungsverfahren zu Recht
ausgeführt hat, hätte der Beschwerdeführerin bei gebotener und zumutbarer Sorgfalt
ohne weiteres auffallen müssen, dass die ihr ausgerichteten Taggelder zu hoch waren.
Der Beschwerdeführerin war bewusst, dass die Arbeitslosenentschädigung nur den
Wegfall des Einkommens bei der A._ GmbH decken würde; zudem ist davon
auszugehen, dass sie in den Beratungsgesprächen darüber informiert worden war,
dass eine solche Deckung lediglich im Umfang von 70% erfolgen würde, was im
Übrigen auch den einzelnen Taggeldabrechnungen entnommen werden kann. Die
Beschwerdeführerin behauptet denn auch gar nicht, über diese Begebenheiten nicht
informiert gewesen zu sein. Vielmehr habe sie auf die Richtigkeit der
Taggeldabrechnungen vertraut, ohne diese einer genaueren Prüfung zu unterziehen
(vgl. act. G 3.1.109). Allenfalls mochte es für die Beschwerdeführerin nicht ohne
Weiteres nachvollziehbar sein, dass ihr trotz Teilarbeitslosigkeit kein Anspruch auf
Arbeitslosenentschädigung zustand, weil der weiterhin bei der B._ AG erzielte
Verdienst als Zwischenverdienst voll anrechenbar war und die Höhe der
Arbeitslosentschädigung von 70% des versicherten Verdiensts von Fr. 4'450.--
(errechnet aus dem Einkommen bei der A._ GmbH und der B._ AG), d.h. Fr.
3'115.--, überstieg. Dennoch hätte ihr bei ordnungsgemässer Prüfung der
Taggeldabrechnungen auffallen müssen, dass die ihr ausgerichtete
Arbeitslosentschädigung (monatlich im Durchschnitt Fr. 2'731.--; vgl. act. G 3.1.B71)
deutlich höher war als der zu ersetzende Verdienstausfall bei der A._ GmbH (im Jahr
2006 durchschnittlich Fr. 1'856.10; vgl. act. G 3.1.A56). Die Beschwerdeführerin erzielte
während ihrer Teilarbeitslosigkeit damit insgesamt ein höheres Einkommen als vor
Eintritt der Teilarbeitslosigkeit, was ihr hätte auffallen müssen. Indem sie sich
diesbezüglich nicht bei der Verwaltung erkundigt bzw. die gebotene Prüfung der
Taggeldabrechnungen unterlassen hat, hat sie sich gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung (vgl. E 2.2) einer groben Pflichtwidrigkeit schuldig gemacht. Sie kann
daher in Bezug auf die empfangenen Taggeldleistungen nicht als gutgläubig betrachtet
werden. Damit bleibt ihr der Erlass der Rückforderung verwehrt.
4.
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Im Sinn der obigen Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten sind
keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53