Decision ID: 12865048-24b0-4ea7-8e8c-580edea0dba3
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Am 21. August 2016 fuhr X ihren Personenwagen über die Rheinbrücke zwischen
Lustenau und Widnau. Zur selben Zeit überquerten Y und ihr Vater die Brücke
zusammen mit ihrem Hund auf dem neben der Strasse gelegenen Trottoir. Als X an
ihnen vorbeifuhr, streifte sie mit dem rechten Aussenspiegel den linken Unterarm von
Y, die deswegen ihr Mobiltelefon und ihren Selfie-Stick (Teleskopstange für
Selbstaufnahmen mit dem Mobiltelefon) auf die Strasse fallen liess und nicht näher
bestimmte Verletzung am linken Handgelenk davontrug.
B.- Nachdem das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen über
diesen Vorfall in Kenntnis gesetzt worden war, stellte es der 1939 geborenen X mit
Schreiben vom 22. September 2016 eine ärztliche Abklärung ihrer Fahreignung in
Aussicht. Der Vertreter von X nahm dazu am 4. November 2016 Stellung, worauf diese
vom Strassenverkehrsamt mit Zwischenverfügung vom 9. November 2016
(zugegangen am 14. November 2016) zu einer Untersuchung der Fahreignung durch
einen Arzt der Anerkennungsstufe 3 gemäss der Verkehrszulassungsverordnung
aufgefordert wurde. Dazu wurde ihr eine 20-tägige Frist eingeräumt, um mit dem
Institut für Rechtsmedizin des Kantonsspitals St. Gallen einen Termin für eine
verkehrsmedizinische Kontrolluntersuchung zu vereinbaren.
C.- Dagegen erhob der Vertreter von X am 28. November 2016 (eingegangen am
29. November 2016) Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission des Kantons
St. Gallen und beantragte die Aufhebung der Zwischenverfügung des
Strassenverkehrsamts vom 9. November 2016 sowie den Verzicht auf jegliche
ärztlichen Untersuchungen (Antrag 1) und Administrativmassnahmen (Antrag 2);
eventualiter sei das Verfahren zu sistieren, bis ein rechtskräftiger Strafentscheid
vorliege (Antrag 3); unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des
Strassenverkehrsamts (Antrag 4). Nachdem das Strassenverkehrsamt mit Schreiben
vom 28. Dezember 2016 auf eine Vernehmlassung zum Rekurs verzichtet hatte, teilte
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der Präsident der Verwaltungsrekurskommission dem Vertreter von X am 3. Januar
2017 mit, dass von der Sistierung des Rekursverfahrens bis zum Vorliegen eines
Strafentscheids einstweilen abgesehen werde. Am 6. Januar 2017 reichte der Vertreter
von X seine Kostennote ein.
Auf weitere tatsächliche Gegebenheiten, die Akten und die Ausführungen im Rekurs zur

Begründung der Anträge wird, soweit erforderlich, in den rechtlichen Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 28. November 2016 ist rechtzeitig
eingereicht worden und erfüllt in formeller und materieller Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen von Art. 41 lit. g , Art. 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege (sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Die Verwaltungsbehörden müssen das Vorliegen eines rechtskräftigen Strafurteils
nur abwarten, soweit der Sachverhalt oder die rechtliche Qualifikation des in Frage
stehenden Verhaltens für das Verwaltungsverfahren von Bedeutung ist. Dies gilt nicht
für Massnahmen, die allein aus Gründen der Verkehrssicherheit, ohne Rücksicht auf ein
Verschulden, erfolgen, wie etwa die Anordnung einer verkehrsmedizinischen
Untersuchung (vgl. Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_47/2007 vom 2. Mai 2007,
E. 3.2). Insofern verzichtete die Vorinstanz zu Recht auf das Sistieren des Verfahrens
bis zum Vorliegen eines allfälligen Strafentscheids.
3.- Umstritten ist, ob die Voraussetzungen für die Anordnung einer
verkehrsmedizinischen Untersuchung gegeben sind.
a) Die Vorinstanz begründet das Aufgebot zu einer ärztlichen Abklärung der
Fahreignung mit der Verwicklung der Rekurrentin in einen Verkehrsunfall und deren
fortgeschrittenem Alter. Fahreignungsabklärungen würden immer
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verschuldensunabhängig durchgeführt und Verdachtsgründe einer fehlenden
Fahreignung würden bereits bestehen, wenn eine Person im Verkehr auffällig geworden
sei.
b) Die Rekurrentin entgegnet mit einer ausführlichen Schilderung des Vorfalls vom
21. August 2016: Die jugendliche Fussgängerin sei am linken, zur Strasse gewandten
Rand des Trottoirs ihrem Vater gefolgt, der am Brückengeländer rechts des Trottoirs
mit dem Hund vorausgegangen sei. Während des Gehens habe sie auf ihre Schuhe
geschaut und ihr Mobiltelefon mit Selfie-Stick in der Hand gehalten. Dabei müsse sie
ihre linke Hand oder den Selfie-Stick in die Strasse hinein gestreckt haben, wodurch es
zu einer Streifkollision mit dem Aussenspiegel des Personenwagens der Rekurrentin
gekommen sei. Letztere treffe aber kein Verschulden, denn die Polizei habe ihr keinerlei
Fehlverhalten nachweisen können. Sie sei nicht zu weit rechts gefahren; Gegenverkehr
habe keiner geherrscht und an den Reifen hätten keine Abriebspuren aufgrund eines
allfälligen Kontakts mit dem Trottoir festgestellt werden können. Auch nach dem Vorfall
habe sie sich absolut korrekt verhalten. Zudem sei sie fahrtüchtig gewesen. Der
Atemlufttest habe 0,00 Gewichtspromille ergeben und der Hausarzt attestiere ihr einen
hervorragenden Allgemeinzustand. Sie verfüge seit 56 Jahren über einen einwandfreien
automobilistischen Leumund. Anlässlich der vertrauensärztlichen Untersuchung, die für
Fahrzeuglenker ab dem 70. Altersjahr alle zwei Jahre vorgeschrieben sei, sei ihr Ende
2015 die Fahreignung bescheinigt worden. Somit bestehe keinerlei Veranlassung für
eine zusätzliche und kostenintensive verkehrsmedizinische Untersuchung durch das
Institut für Rechtsmedizin. Das fortgeschrittene Alter der Rekurrentin begründe für sich
alleine noch keine berechtigten Zweifel an deren fahrerischem Können. Insofern sei von
der angeordneten verkehrsmedizinischen Untersuchung abzusehen.
4.- Gemäss Art. 15d Abs. 1 Ingress des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01;
abgekürzt SVG) wird eine Person einer Fahreignungsuntersuchung unterzogen, wenn
Zweifel an ihrer Fahreignung bestehen. Bei den in Art. 15d Abs. 1 lit. a bis e SVG
beispielhaft genannten Fällen, in denen eine Fahreignungsuntersuchung angeordnet
wird, handelt es sich um eine nicht abschliessende Aufzählung (BGer 1C_445/2012
vom 26. April 2013, E. 3.2). Der Anlass für die Abklärung der Fahreignung kann sehr
vielfältig sein, wobei die anordnende Behörde einen gewissen Ermessensspielraum
geniesst (Philippe Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl., Zürich/St.
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Gallen 2015, Art. 15d N 6). Eine verkehrsmedizinische Abklärung darf nach
bundesgerichtlicher Rechtsprechung aber nur angeordnet werden, wenn konkrete
Anhaltspunkte vorliegen, die ernsthafte Zweifel an der Fahreignung der betroffenen
Person wecken (statt vieler BGer 1C_513/2015 vom 18. Februar 2016, E. 3.2). Eine
grundsätzliche Vermutung, dass sich ältere Personen nicht mehr als Fahrzeugführer
eignen, besteht nicht (BGE 127 II 129, E. 3d). Zweifel an der Fahreignung können
jedoch aufkommen, wenn ältere Personen durch Fahrfehler auffällig geworden sind, die
auf einem altersbedingten Leistungsabfall beruhen können. Vorausgesetzt werden aber
gravierende Fahrfehler, welche regelmässig auch strafrechtliche Konsequenzen nach
sich ziehen können (BGer 1C_110/2011 vom 6. Juni 2011, E. 3.3 f.).
Das Bundesgericht bejahte ernsthafte Zweifel an der Fahreignung, als ein 84-jähriger
Fahrzeugführer wiederholt grundlos von der Fahrbahn abkam und dadurch
entgegenkommende Fahrzeuge zum Abbremsen zwang (BGer 1C_422/2007 vom
9. Januar 2008, E. 3.2). Auch bei einem 73-jährigen Fahrzeuglenker, der das
Abbremsen eines vor ihm fahrenden Lieferwagens zu spät bemerkte und trotz
Notbremsung und Ausweichmanöver mit diesem kollidierte, erkannte das
Bundesgericht schwerwiegende Fahrfehler und hegte entsprechende Zweifel an der
Fahreignung (BGer 1C_580/2012 vom 13. November 2012, E. 3.2). Dasselbe traf auf
einen 84-jährigen Fahrzeuglenker mit tadellosem automobilistischen Leumund zu, der
beim Passieren einer Kreuzung ein von rechts kommendes, vortrittsberechtigtes
Fahrzeug wegen einer Mauer übersah und mit diesem zusammenstiess
(BGer 1C_285/2012 vom 20. Februar 2013, E. 2.2). Hingegen erachtete es das
Bundesgericht nicht als gravierenden Fahrfehler, der Zweifel an der Fahreignung
begründen konnte, dass eine 76-jährige Fahrzeuglenkerin beim Parkieren ihres
Personenwagens deutlich Mühe bekundete und beim Rückwärtsfahren die
Stossstange eines anderen Fahrzeugs berührte, obwohl dessen Lenker hupte (BGer
1C_110/2011 vom 6. Juni 2011, E. 3.4).
5.- Gestützt auf den Verzeigungsrapport der Kantonspolizei vom 21. September 2016
ist vorliegend von folgendem Sachverhalt auszugehen, der von der Rekurrentin
grundsätzlich nicht bestritten wird: Am 21. August 2016 streifte die Rekurrentin
während der Fahrt mit dem rechten Aussenspiegel den linken Unterarm einer
Fussgängerin, die das Trottoir neben der Strasse beging. Aufgrund der Berührung
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durch den Seitenspiegel liess die Fussgängerin ihr Mobiltelefon mit Selfie-Stick zu
Boden fallen. Sachschaden entstand dabei soweit ersichtlich keiner. Eine Verletzung
des Handgelenks, wie sie die Fussgängerin nach dem Vorfall zu Protokoll gab, ist in
den Akten nicht näher dokumentiert. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass
der Vorfall weder für die Fussgängerin noch für die Rekurrentin zu gesundheitlichen
Beeinträchtigungen führte, die vorliegend von Belang wären. Ferner sind keine
konkreten Anhaltspunkte einer fehlerhaften oder unangebrachten Fahrweise der
Rekurrentin ersichtlich. Insbesondere fehlen jegliche Anzeichen, dass sie zu weit rechts
gefahren sein soll; den Randstein berührte sie mit den rechten Rädern nicht. Hingegen
ist nicht auszuschliessen, dass der Arm oder der Selfie-Stick der Fussgängerin in die
Fahrbahn hineinragten, nachdem diese beim Gehen nachweislich etwas
gedankenverloren auf ihre eigenen Füsse blickte und ihre Aufmerksamkeit offenbar
nicht dem Strassenverkehr widmete. Schliesslich hielt die Rekurrentin das Fahrzeug
sogleich ordnungsgemäss an und erkundigte sich nach dem Wohlergehen der
Fussgängerin. Angesichts dieser Gegebenheiten ist insgesamt fraglich, ob sich die
Rekurrentin im Zusammenhang mit dem Vorfall vom 21. August 2016 einen Fahrfehler
zu Schulden kommen liess. Dies wäre ohnehin in einem allfälligen Strafverfahren zu
prüfen. Jedenfalls kann der Rekurrentin kein derart gravierender Fahrfehler zur Last
gelegt werden, der begründete Zweifel an ihrer Fahreignung aufkommen liesse. Der
rapportführende Kantonspolizist stellte die Fahreignung der Rekurrentin in keiner Weise
in Frage und anderweitige Umstände, die berechtigterweise an dieser zweifeln liessen,
gehen aus den Akten ebenfalls nicht hervor. Namentlich fehlen auch Anhaltspunkte
dafür, dass sich das Alter der Rekurrentin beim Vorfall vom 21. August 2016 negativ auf
die Fahrfähigkeit ausgewirkt haben könnte. Daher sind die Voraussetzungen für die
Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung zur Abklärung der Fahreignung
vorliegend nicht gegeben. Die Vorinstanz hat das ihr in Anwendung von Art. 15d Abs. 1
SVG zustehende Ermessen überschritten, weshalb ihre Zwischenverfügung vom
9. November 2016 aufzuheben ist.
6.- Die Rekurrentin dringt mit ihrem Hauptantrag durch; Neben- und Eventualanträge
sind bei diesem Ergebnis daher nicht mehr zu prüfen. Dies entspricht einer
vollständigen Gutheissung des Rekurses.
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a) Bei diesem Verfahrensausgang sind die amtlichen Kosten dem Staat aufzuerlegen
(Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint angemessen
(vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung [sGS 941.12]). Der Kostenvorschuss
von Fr. 1'200.– ist der Rekurrentin zurückzuerstatten.
b) Die vollständig obsiegende Rekurrentin liess sich anwaltlich vertreten. Sie hat in
Anwendung von Art. 98 Abs. 2 und Art. 98 VRP Anspruch auf eine vollständige
Entschädigung ihrer ausseramtlichen Kosten, soweit diese als notwendig und
angemessen erscheinen. Der Beizug eines Rechtsvertreters war im Rekursverfahren
geboten. Der Vertreter hat eine Kostennote in der Höhe von Fr. 1'614.60 (inklusive
Barauslagen und Mehrwertsteuer) eingereicht.
Im Verfahren vor der Verwaltungsrekurskommission wird das Honorar als Pauschale
ausgerichtet. Es beträgt zwischen Fr. 1'000.– und Fr. 12'000.– (Art. 22 Abs. 1 lit. b der
Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten [sGS 963.75; abgekürzt
HonO]). Innerhalb dieses Rahmens wird das Grundhonorar nach den besonderen
Umständen, namentlich nach Art und Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeiten
des Falles und den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten bemessen (Art. 19
HonO). Der Aufwand des Rechtsvertreters erscheint angesichts des Aktenumfangs, der
sich stellenden tatsächlichen und rechtlichen Fragen sowie der für die Rekurrentin
unternommenen Bemühungen als tarifkonform (Art. 28 Abs. 1 und Art. 29 HonO); er
ist vom Staat (Strassenverkehrsamt) entsprechend zu entschädigen.