Decision ID: 881509f6-b3a9-4d1e-a880-bd894b70e282
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1977
, meldete sich am
2
8.
Mai
2014
(Ein
gangsdatum)
bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
zum Hilfsmittelbezug
(orthopädische Serienschuhe) an (
Urk.
7/3). Die IV-Stelle holte
den Bericht von
Dr.
med. Y._
, FMH Innere Medizin, vom
5.
September 2014 (
Urk.
7/10)
ein
und verneinte nach
durchgeführtem
Vor
bescheidverfahren
(Vorbescheid vom 2
2.
September 2014,
Urk.
7/12, und Einwand vom
6.
Oktober 2014,
Urk.
7/13)
mit Verfügung vom
3.
November 2014
einen Anspruch der Versicherten auf eine Kostenübernahme
für orthopä
dische Se
rienschuhe (
Urk.
2).
2.
Dagegen
erhob die Versicherte
am 2
1.
November 2014
Beschwerde
und bean
tragte
unter Kosten
und Entschädigungsfolge
, es sei die angefochtene Verfü
gung aufzuheben und es sei ihr Kostengutsprache für orthopädische Serien
schuhe zu erteilen (
Urk.
1).
Mit Beschwerdeantwort vom 1
6.
Dezember 2014 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6), was
der Beschwerdeführerin am 19.
Januar 2015 angezeigt wurde (
Urk.
9).
3.
Auf die Vor
bringen der Parteien und die
eingereichten Akten
wird, soweit erfor
derlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Der Einzelrichter

zieht in Erwägung:
1.
1.
1
Da der Streitwert
Fr.
20’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der
Beschwerde
in die einzelrichterliche Zuständigkeit (
§
11
Abs.
1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht
,
GSVGer
).
1.
2
Gemäss Art. 21
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (
IVG
)
hat die versicherte Person im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste Anspruch auf jene Hilfsmittel, deren sie für die Ausübung der Erwerbstätigkeit oder der Tätigkeit im Aufgabenbereich, zur Erhaltung oder Verbesserung der Erwerbsfähigkeit, für die Schulung, die Aus- und Weiterbil
dung oder zum Zwecke der funktionellen Angewöhnung bedarf. Kosten für Zahnprothesen, Brillen und
Schuheinlagen werden nur übernommen, wenn diese Hilfsmittel eine wesentliche Ergänzung medizinischer Eingliederungs
massnahmen bilden (Abs. 1). Versicherte, die infolge ihrer Invalidität für die Fortbewegung, für die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbstsorge kostspieliger Geräte bedürfen, haben im Rahmen einer vom Bun
desrat aufzustellenden Liste ohne Rücksicht auf die Erwerbsfähigkeit Anspruch auf solche Hilfsmittel (Abs. 2). Die Versicherung gibt die Hilfsmittel zu Eigen
tum oder leihweise in einfacher und zweckmässiger Ausführung ab. Ersetzt ein Hilfsmittel Gegen
stände, die der Versicherte auch ohne Invalidität anschaffen müsste, so hat er sich an den Kosten zu beteiligen (Abs. 3).
Die Befugnis zur Aufstellung der Hilfsmittelliste hat der Bundesrat in Art. 14 der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) an das Eidgenössische Depar
te
ment
des Innern übertragen, welches die Verordnung über die Abgabe von Hilfs
mitteln
durch die Invalidenversicherung (HVI) mit anhangsweise auf
ge
führ
ter Hilfsmittelliste erlassen hat. Laut Art. 2 HVI besteht im Rahmen der im Anhang aufgeführten Liste Anspruch auf Hilfsmittel, soweit diese für die Fort
bewegung, die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbst
sorge notwen
dig sind (Abs. 1). Anspruch auf die in dieser Liste mit * bezeich
neten Hilfsmittel besteht nur, soweit diese für die Ausübung einer Erwerbstätig
keit oder die Tätig
keit im Aufgabenbereich, für die Schulung, die Ausbildung, die funktio
nelle Angewöhnung oder für die in der zutreffenden Ziffer des An
hangs aus
drücklich genannte Tätigkeit notwendig
sind (Abs. 2; BGE 122 V 212 E.
2a).
1.3
Ziffer 4 HVI-Anhang führt unter dem Titel „S
chuhwerk und orthopädische Schuh
einlagen“ folgende Hilfsmittel auf:
4.01
Orthopädische Massschuhe und orthopädische Serienschuhe einschliess
lich Fertigungskosten, sofern eine Versorgung gemäss der Ziffern 4.02-4.04 nicht möglich ist. Die Kostenbeteiligung der versicherten Person beträgt ab dem vollendeten 12. Altersjahr 120 Franken.
Bei Reparatur
kosten beträgt die Kostenbeteiligung 70 Franken pro Kalenderjahr.
4.02
Orthopädische Änderungen und Schuhzurichtungen an Konfektions
schu
hen ode
r orthopädischen Spezialschuhen
4.03
Orthopädische Spezialschuhe
Die Kostenbeteiligung der versicherten Person beträgt ab dem vollen
deten 12. Altersjahr 120 Franken.
Bei Reparaturkosten beträgt die Kos
tenbeteiligung 70 Franken pro Kalenderjahr.
4.04
Invaliditätsbedingter Mehrverbrauch von Konfektionsschuhen
4.05*
Orthopädische Schuheinlagen, sofern sie eine notwendige Ergänzung einer medizinischen Eingliederungsmassnahme darstellen.
Eine Hilfsmittelversorgung unterliegt den allgemeinen Anspruchsvoraus
setzun
gen gemäss Art. 8 IVG (Geeignetheit, Erforderlichkeit, Eingliederungswirksam
keit; vgl. BGE 122 V 214 E. 2c).
1
.4
Nach Art. 49 Abs. 1 IVV beur
teilen die regionalen ärztlichen Dienste (RAD) die medizinischen Voraussetzun
gen des Leistungsanspruchs.
Gemäss
Art. 49 Abs. 2 IVV führen die RAD bei Bedarf selber ärztliche Untersuchungen
von Versicher
ten
durch. In den übrigen Fällen stützen sie ihre Beurteilung auf die vorhande
nen ärztlichen Unterlagen ab. Das Absehen von eigenen Untersuchungen ist somit nicht an sich ein Grund, um einen RAD-Bericht in Frage zu stellen. Dies gilt
insbesondere, wenn es im Wesent
lichen um die Beurteilung eines festste
henden medizinischen Sachverhalts geht und die direkte ärztliche Befassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt (Urteile des Bundesge
richts 9C_58/2011 vom 25. März 2011 E. 2.2 mit Hinweisen; 9C_904/2009 vom 7. Ju
ni 2010 E. 2.2). Den RAD-Berich
ten, die zu den sogenannten versiche
rungsinternen Beurteilungen gehören, kann
Beweis
wert beigemessen werden, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen
(
Urteil des Bundesgerichts 8C_197/2014
vom 3.
Oktober 2014 E. 4.2 mit Hin
weisen auf
BGE 139 V 225
E.
5.2;
135 V 465
E.
4.4
und E.
4.7).
1.5
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1
GSVGer
).
2.
2.1
Dr.
Y._
diagnostizierte im Bericht vom
5.
September 2014 (1) einen Knick- und Spreizfuss beidseits, bestehend seit Jahren, (2) eine
Fasciitis
planta
ris
beidseits, bestehend seit Jahren, und (3) Hammerzehen, bestehend seit Jah
ren. Er erklärte, dass die Beschwerdeführerin unter belastungsabhängigen Schmerzen beider Füsse, vor allem distal, leide.
Mit
orthopädisch adaptiertem Schuhwerk sei die Prognose gut.
Ansonsten würden die Symptome voraus
sichtlich zunehmen und eine verfrühte Arthrose der Fuss- und Zehengelenke
drohen
.
Auf dem
Beiblatt zu seinem Arztbericht
gab
Dr.
Y._
an
,
dass die Beschwerdeführerin orthopädische Serienschuhe
(Halbfabrikat, das vom Ortho
pädie-Schuhmacher fertiggestellt werde) benötige. Gewöhnliche Konfektions
schu
he seien ungenügend
. Aufgrund der anatomischen Veränderung bestehe eine pathologisch veränderte Gangart, die zu einem Mehrverbrauch von gewöhn
lichen S
eriens
chuhen führe
(
Urk.
7/10).
2.2
RAD-Ärztin m
ed.
pract
.
Z._
, FMH orthopädische Chirurgie und Traumatologie,
erklärte in ihrer Stellungnahme vom
1
7.
September 2014
, dass dem Bericht von
Dr.
Y._
zu entnehmen sei, dass Knick-
Spreizfüsse
mit
Hallux
valgus
, Hammerzehen und eine
Plantarfasciitis
bestehen würden. Anga
ben über weitere Fehlstellungen der Zehen und das
Ausmass
der Fehlstellungen der Zehen würden nicht gemacht. Insbesondere würden keine Kontrakturen berichtet. Ebenfalls nicht berichtet werde ein Röntgenbefund. Es bestehe eine pathologische Gangart, die nic
ht näher beschrieben werde. Dr.
Y._
habe lediglich mitgeteilt, dass diese der Deformität entspreche. Aus medizinisc
her Sicht sei ein Knick-
Spreizf
uss
allein nicht geeignet, zu vermehrter Abnutzung am Schuh
zu führen. Zu vermehrtem Abrieb
an der Sohle komme es bei Gang
arten, die zum Nachschleifen eines
Fusses
oder zu einer dauerhaften Fehlbelas
tung, zum Beispiel auf der
Fussaussenkante
,
führen würden. Vermehrte Abnut
zung am Oberleder werde häufig bei schwerer Gangstörung, zum Bespiel durch spastisch
e Paresen
be
obachtet, nicht jedoch bei Knick-
S
preizfüssen
. Aus medi
zinischer Sicht sei die Notwendigkeit einer Versorgung mit or
thopädischen Serienschuhen
nicht ausgewiesen. Eine Versorgung mit Einlagen in
handelsüb
lichen Konfektionsschuhen erscheine ausreichend und
zweckmässig
(
Urk.
7/11/2).
3.
3.1
Wie dargelegt, war
RAD-Ärztin
Z._
in ihrer Stellungnahme vom 17.
September 2014, auf die sich die Beschwerdegegnerin
in der angefochtenen Verfügung vom
3.
November 2014
stützte,
im Wesentlichen
zum Schlu
ss ge
kommen,
dass die Notwendigkeit einer Versorgung mit orthopädischen Serien
schuhen
aus medizinischer Sicht
nicht ausgewiesen sei.
Dies unter anderem mit der Begründung
, dass
Dr.
Y._
keine
Angaben über das
Ausmass
der Fehlst
ellungen der Zehen gemacht
und insbesondere nicht über Kontrakturen berichtet habe
.
Weiter
habe er
die
erw
ähnte pathologische Gangart
n
icht näher beschrieben und es liege
auch
kein Röntgenbefund vor (vgl. E. 2.2).
Diese Beurteilung
von RAD-Ärztin
Z._
, welche
die
Beschwerdeführerin nicht selbst
untersucht hat
, erscheint
nicht nachvollziehbar.
Zwar ist RAD-Ärz
tin
Z._
insofern zuzustimmen,
dass
allein aufgrund des
vorliegenden
Berichts
des behandelnden Internisten
Dr.
Y._
keine Notwendigkeit einer Versorgung der Beschwerdeführerin mit orthopädischen Serienschuhen ausge
wiesen ist.
Angesichts dessen, dass
Dr.
Y._
die Notwendigkeit
von orthopädischem Serien-S
chuhwerk
-
wenn auch mit einer
unzureichend
en Begründung
–
aber
bejahte
, wäre
es indes
angezeigt gewesen,
eine
fachärztlich-orthopädische
Untersuchung
durchzuführen
oder durchführen zu lassen
, damit die offenen Fragen betreffend
Ausmass
der Fehlstellungen,
pathologische Gangart
, Erforderlichkeit von Röntgenaufnahmen etc.
hätten geklärt werden können.
Der medizinische Sachverhalt erweist sich damit als ungenügend abgeklärt.
3.2
Der
Anspruch
der Beschwerdeführerin
auf orthopädische Serienschuhe kann vorliegend
somit
nicht
abschliessend
beurteilt werden.
Die
angefochtene Verfü
gung vom
3.
November 2014 ist deshalb
aufzuheben
und die Sache an die Besch
werdegegnerin zurückzuweisen
, damit sie den medizinischen Sachverhalt
rechtsgenüglich
selber
abklärt oder abklären lässt und danach über den Hilfs
mittelanspruch der Beschwerdeführerin neu verfügt.
In diesem Sinne ist die Beschwerde
gutzuheissen
.
4.
4.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr.
4
00.
-- anzusetzen.
Ausgangsgemäss
sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
4.2
Da der
unvertretenen
Beschwerdeführerin keine besonderen Auslagen entstan
den sind und es sich
auch nicht um eine komplizierte
S
ache mit hohem
Streit
wert
handelt
, die einen
hohen Arbeitsaufwand notwendig gemacht h
ätte
,
ist ihr keine Parteientschädigung zuzusprechen
(
vgl.
Art.
61
lit
. g des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts;
Kieser
, ATSG-Kom
mentar,
2.
Auflage, Zürich/Basel/Genf
2009, N 113 zu Art.
61).