Decision ID: 42643d47-6a9b-55de-8d43-14889e628f2c
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a A._ (nachfolgend: der Beschwerdeführer) verliess seinen Hei-
matstaat eigenen Angaben zufolge am (...) 2018 illegal in Richtung Türkei.
Von dort aus reiste er via ihm unbekannte europäische Länder nach Ser-
bien und gelangte anschliessend über Bosnien, Kroatien und Italien am
23. August 2018 in die Schweiz, wo er gleichentags im Empfangs- und Ver-
fahrenszentrum B._ um Asyl nachsuchte.
A.b Das Staatssekretariat für Migration (SEM) befragte ihn am 4. Septem-
ber 2018 zu seiner Person, seinem Reiseweg und summarisch zu seinen
Gesuchsgründen (Befragung zur Person [BzP]). Am 1. November 2019
wurde er einlässlich zu seinen Asylgründen angehört.
A.c Anlässlich der Befragungen machte der Beschwerdeführer zu seiner
Identität und seinem persönlichen Hintergrund geltend, er sei iranischer
Staatsangehöriger kurdischer Ethnie und stamme aus C._, Region
D._, wo er am (...) im Dorf E._ geboren sei. Er habe bis zur
(...) Klasse die Schule besucht und anschliessend als (...) gearbeitet. Zu-
letzt sei er bei einer (...) angestellt gewesen und habe nebenbei sein eige-
nes (...) geführt. Bis zu seiner Ausreise habe er mit seiner Mutter, seiner
Ehefrau und den gemeinsamen Kindern in C._ gelebt. Nebst seiner
Kernfamilie würden weitere Onkel und Tanten mit ihren Familien im Iran
leben. Sein Vater und sein Onkel (väterlicherseits) seien 1981 vom irani-
schen Staat wegen ihren politischen Aktivitäten erhängt worden. Vier sei-
ner Onkel (väterlicherseits) seien deshalb aus dem Iran in die Schweiz ge-
flüchtet. Auch sein Bruder, welcher mittlerweile ebenfalls in der Schweiz
lebe, sei politisch aktiv gewesen.
Zur Begründung seines Asylgesuchs führte er aus, am (...) 2018 habe er
um 20:30 Uhr das Auto eines Kunden repariert, welches kurz vor
F._ stehen geblieben sei. Gegen 21:30 Uhr seien plötzlich vier kur-
dische Männer aufgetaucht und hätten ihm sein Auto gegen seinen Willen
entwendet. Am darauffolgenden Tag habe er sich zusammen mit seinem
Schwager auf die Suche nach dem Auto gemacht. Um 09:00 Uhr habe ihn
dann seine Mutter telefonisch darüber informiert, dass Angehörige des ira-
nischen Geheimdiensts (Etelaat) sein Haus durchsuchen würden, weil es
zu einer Auseinandersetzung mit den vier Personen, welche sein Auto ent-
wendet hätten, gekommen sei und sie vermuten würden, dass er mit die-
sen in Verbindung stehe. Bei der Durchsuchung seien sie unter anderem
auf diverse belastende Fotos, darunter auch ein Foto von ihm, worauf er
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im Jahr 2007 in G._ eine Kurdistan-Flagge küsse, und Peshmerga-
Abzeichen seines Vaters gestossen, die in der Folge beschlagnahmt wor-
den seien. Auch seinen Pass und seine Shenasnameh hätten sie mitge-
nommen. Aus Furcht vor einer drohenden Verhaftung durch den Etelaat
wegen den beschlagnahmten Gegenständen sei er nicht mehr nach Hause
zurückgekehrt und habe sich anschliessend während 28 Tagen bei seinem
Onkel (mütterlicherseits) in H._ aufgehalten. Mit Hilfe dieses On-
kels und eines Schleppers sei er am (...) 2018 illegal in die Türkei ausge-
reist und von dort aus via Serbien, Bosnien, Kroatien und Italien schliess-
lich in die Schweiz gelangt.
Auf Anraten seines Bruders und seines Onkels (väterlicherseits) habe er
am (...) 2019 an einer Veranstaltung der kurdisch-demokratischen Partei
in I._ teilgenommen. Dabei seien Filmaufnahmen durch den kurdi-
schen TV-Sender "[...]" gemacht worden, worauf er zu sehen sei.
A.d Im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens reichte der Beschwerdefüh-
rer seinen Führerschein (im Original), die Kopien seiner Shenasnameh (ira-
nische Personenstandsurkunde), derjenigen seiner Ehefrau sowie der drei
gemeinsamen Kinder, eine Kopie des Ehescheins seiner Ehefrau, eine Ko-
pie der iranischen Identitätskarte (Melli-Karte) seiner Ehefrau sowie eine
CD zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 14. Februar 2020 – eröffnet am 19. Februar 2020 –
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete deren Vollzug an.
C.
Mit Eingabe vom 18. März 2020 (Datum Poststempel) erhob der Be-
schwerdeführer – handelnd durch seinen Rechtsvertreter – beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde gegen die Verfügung vom 14. Feb-
ruar 2020. Er beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, es
sei ihm Asyl zu gewähren und eventualiter sei die Unzulässigkeit bezie-
hungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen so-
wie als Folge davon die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht ersuchte er um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses.
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Der Beschwerde lagen eine Kopie der angefochtenen Verfügung sowie
eine Vollmacht vom 4. März 2020 (im Original) bei.
D.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte mit Schreiben vom
19. März 2020 den Eingang der Beschwerde.
E.
Mit Verfügung vom 3. April 2020 stellte die damalige Instruktionsrichterin
fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten darf, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und lud die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung
ein.
F.
Mit Eingabe vom 17. April 2020 äusserte sich die Vorinstanz zur Beschwer-
deschrift.
G.
Mit Eingabe vom 7. Mai 2020 machte der Beschwerdeführer von dem ihm
mit Instruktionsverfügung vom 22. April 2020 eingeräumten Recht zur Rep-
lik Gebrauch und nahm zur vorinstanzlichen Vernehmlassung Stellung.
Der Replik lagen Kopien der ersten Seite des Anhörungsprotokolls sowie
des Unterschriftenblatts der Hilfswerksvertretung (HWV) bei.
H.
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Asyldossiers des Bruders des Be-
schwerdeführers, J._ (N [...]), sowie seiner Onkel (väterlicherseits),
K._ (N [...]), L._ (N [...]), M._ (N [...]) und
N._ (N [...]), zur vorliegenden Beurteilung beigezogen.
I.
Das vorliegende Verfahren wurde aus organisatorischen Gründen auf die
gemäss Rubrum vorsitzende Richterin umgeteilt.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes über das Bundesverwaltungsge-
richt vom 17. Juni 2005 (VGG; SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge-
setzes über das Verwaltungsverfahren vom 20. Dezember 1968 (VwVG;
SR 172.021). Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist
daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachge-
biet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das
Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vor-
liegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgül-
tig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor
welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 des Asyl-
gesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG; SR 142.31] und Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 des Bundesgesetzes über das Bundesgericht vom 17. Juni 2005
[BGG; SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgül-
tig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 in
Kraft getreten (AS 2016 3101). In Anwendung der Übergangsbestimmun-
gen gilt für das vorliegende Verfahren das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. Septem-
ber 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist somit einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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3.
3.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, das SEM habe zu Unrecht seine
Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
3.2 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.3 Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffe-
nen Person auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexver-
folgung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Re-
flexverfolgung betroffene Person ernsthaften Nachteilen im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet
befürchten muss (zum Begriff der Reflexverfolgung: BVGE 2007/19 E. 3.3
m.w.H.).
3.4 Wer sich darauf beruft, dass durch seine Ausreise aus dem Heimat-
oder Herkunftsstaat oder wegen seines Verhaltens nach der Ausreise eine
Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht subjektive Nach-
fluchtgründe geltend. Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch nach
Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie miss-
bräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden
Personen, die subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft
machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/
28 E. 7.1).
3.5 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7
http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/19
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Abs. 3 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an
das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dar-
gelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden
(vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
4.
4.1 In ihrer abweisenden Verfügung kam die Vorinstanz zum Schluss, die
Vorbringen des Beschwerdeführers würden den Anforderungen an das
Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG nicht genügen, weshalb sie die
Flüchtlingseigenschaft nicht anerkannte und das Asylgesuch ablehnte. Zur
Begründung führte sie aus, seine Angaben zu den vier kurdischen Män-
nern seien nur vage und oberflächlich ausgefallen, wobei er sie auch auf
Nachfrage nicht genauer habe beschreiben können. Ebenso sei nicht
nachvollziehbar, wo diese Männer auf der Landstrasse "plötzlich" herge-
kommen seien und wie sie ihm die Schlüssel gewaltsam abgenommen hät-
ten. Er sei weder in der Lage gewesen die Situation zu schildern noch den
Dialog wiederzugeben. Des Weiteren würden seine Ausführungen keine
Realkennzeichen enthalten und seien unsubstantiiert. Da er zudem auch
noch widersprüchliche Angaben zum Ablauf der Entwendung seines Autos
und bezüglich des Schicksals der Männer gemacht habe, könne nicht ge-
glaubt werden, dass er das Vorgetragene tatsächlich erlebt habe. Letztlich
müsse davon ausgegangen werden, dass es sich beim geltend gemachten
Diebstahl des Autos um einen konstruierten Sachverhalt handle. Da dieser
Teil der Asylvorbringen kausal für die geltend gemachte Hausdurchsu-
chung des Etelaat und für die Befürchtungen vor einer zukünftigen Verfol-
gung gewesen sei, könne auf weitere Ausführungen verzichtet und davon
ausgegangen werden, dass es sich dabei ebenfalls um einen konstruierten
Sachverhalt handle. Dafür spreche auch der Widerspruch bezüglich der
Äusserungen des Geheimdienstes während der Hausdurchsuchung ge-
genüber seiner Familie. Ferner habe er zwischen dem Vorfall und der Aus-
reise, als er sich bei seinem Onkel aufgehalten habe, unvereinbare Anga-
ben dazu gemacht, ob er Kontakt mit seiner Ehefrau gehabt habe oder
nicht. An dieser Einschätzung würden auch die eingereichten Beweismittel
nichts zu ändern vermögen, zumal es sich dabei überwiegend um Identi-
tätsdokumente handle. In Bezug auf die zu den Akten gereichte CD hielt
die Vorinstanz fest, darauf befinde sich ein Videobeitrag über die kurdi-
schen Aktivitäten in der Schweiz. In "Minute 02:26" werde ein Gruppenbild
gezeigt, wobei nicht eindeutig erkennbar sei, ob der Beschwerdeführer da-
rauf zu sehen sei. Ausserdem werde sein Name im Bericht nicht genannt.
Dieses Beweismittel sei demnach weder dafür geeignet, seine Flucht-
gründe zu beweisen, noch deute es auf eine nennenswerte exilpolitische
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Aktivität hin, die geeignet wäre, um subjektive Nachfluchtgründe zu gene-
rieren. Im Übrigen habe er an keine weiteren politischen Veranstaltungen
in der Schweiz teilgenommen. Auch die Asylakten seiner in der Schweiz
lebenden Verwandten würden keine Anhaltspunkte für die Annahme lie-
fern, dass er in der Heimat eine flüchtlingsrelevante Gefährdung zu be-
fürchten habe.
4.2 In der Rechtsmittelschrift machte der Beschwerdeführer zunächst all-
gemeine Ausführungen zur Lage der Kurden im Iran. Sodann hielt er den
vorinstanzlichen Erwägungen entgegen, den protokollierten Aussagen in
der Anhörung sei deutlich zu entnehmen, dass er über das plötzliche Auf-
tauchen der vier Männer um circa 21:30 Uhr perplex gewesen und ihm sein
Auto gegen seinen Willen weggenommen worden sei. Er habe ihnen den
Schlüssel geben müssen, da sie sonst Gewalt gegen ihn angewendet hät-
ten. Unter diesen Umständen könne keine genaue Personenbeschreibung
erwartet werden. Ausserdem habe er auch deutlich gemacht, dass es
nachts gewesen sei, als sich der Vorfall ereignet habe. Weiter wisse er
nicht, was wirklich mit den vier Personen geschehen sei und habe die ent-
sprechenden Angaben, wonach sie nach einer bewaffneten Auseinander-
setzung mit den Pasdaran hätten fliehen können, von seiner Mutter erhal-
ten. Dies habe er in der Anhörung wiedergegeben. Er habe dabei nicht
ausgesagt, dass sie verhaftet worden seien. Die entsprechend protokollier-
ten Aussagen seien wohl auf die Verständigungsschwierigkeiten mit dem
Dolmetscher zurückzuführen. Es sei sodann aktenkundig, dass er aus ei-
ner politisch aktiven, kurdischen Familie stamme und mehrere Verwandte
bereits schwere Nachteile aus politischen Gründen erlitten hätten. So seien
sein Vater und sein Onkel aufgrund ihrer Verbindungen zur Kurdisch-De-
mokratischen Partei Iran (KDPI) durch das Mulla-Regime hingerichtet wor-
den. Die Angehörigen seiner Familie würden seither als Terroristen und als
"Mohareb" gelten und seien im Visier der iranischen Sicherheitskräfte. Be-
reits bei kleinstem Verdacht einer möglichen Gefahr, würden die Mitglieder
seiner Familie verhaftet und einer menschenunwürdigen Behandlung aus-
gesetzt werden. So sei beispielsweise sein Verwandter, M._, wel-
cher nun als anerkannter Flüchtling in der Schweiz lebe, nach einem Be-
such in der Schweiz 1994 bei seiner Wiedereinreise in den Iran verhaftet
und jahrelang gefoltert worden. Vor diesem Hintergrund würde er bei seiner
Rückkehr allein aufgrund der vom Etelaat beschlagnahmten Effekte ver-
haftet werden, weshalb von einer Reflexverfolgung auszugehen sei. Des
Weiteren habe er am (...) 2019 an einer von kurdischen Parteien organi-
sierten Veranstaltung teilgenommen, wobei mehrere kurdische TV-Sender
anwesend gewesen seien. Auf Aufnahmen des TV-Senders "[...]", welche
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auch im iranischen Fernsehen ausgestrahlt worden seien, sei er deutlich
zu sehen. Die Sendung sei dem iranischen Geheimdienst bestimmt nicht
entgangen. Dies würde genügen, um ihn zu einer langjährigen Freiheits-
strafe oder gar zum Tode zu verurteilen. Damit würden ohne Zweifel sub-
jektive Nachfluchtgründe vorliegen.
4.3 In ihrer Vernehmlassung hielt die Vorinstanz an ihren Erwägungen in
der angefochtenen Verfügung vollumfänglich fest. Ferner führte sie aus,
dass es sich bei den geltend gemachten Widersprüchen um sachliche Dis-
krepanzen handle, welche nicht durch eine ungenaue Übersetzung des
Dolmetschers erklärbar seien. Soweit der Beschwerdeführer geltend ma-
che, dass die Tageszeit und die Lichtverhältnisse bei der Entwendung sei-
nes Autos nicht entsprechend gewürdigt worden seien, sei festzustellen,
dass – da er Reparaturarbeiten vorgenommen habe – davon auszugehen
sei, dass ein Mindestmass an Beleuchtung vorhanden gewesen sein
müsse. Demzufolge wäre zu erwarten gewesen, dass er die Begegnung
konkret und detailliert hätte wiedergeben können. Da weder die Vorbringen
bezüglich der Entwendung des Autos, noch jene hinsichtlich der behaup-
teten Hausdurchsuchung nach Art. 7 AsylG genügen würden, erübrige sich
vorliegend eine Prüfung der Asylrelevanz. Sodann sei auch eine Reflexver-
folgung wegen den früheren politischen Aktivitäten seiner Verwandten aus-
zuschliessen, da der Beschwerdeführer bis zu den geltend gemachten Er-
eignissen, die ihm nicht geglaubt werden könnten, ohne Probleme im Iran
gelebt und gearbeitet habe. Es würden keine konkreten Hinweise für eine
diesbezüglich zukünftige Gefährdung vorliegen, womit keine begründete
Furcht bestehe. Schliesslich basiere die vom Beschwerdeführer vorge-
brachte Gefährdung durch das Video ausschliesslich auf Vermutungen und
Spekulationen. Er habe selbst nicht gewusst, was für eine Veranstaltung er
genau besucht habe und habe überdies politische Aktivitäten in der
Schweiz verneint.
4.4 In seiner Replik entgegnete der Beschwerdeführer im Wesentlichen, er
habe während der Anhörung manchmal Verständigungsschwierigkeiten
gehabt. Aus Respekt vor den Anwesenden habe er jedoch nichts gesagt.
Der Dolmetscher habe denn auch selber gegenüber der anwesenden HWV
angegeben, dass er normalerweise keine Anhörungen mit Personen aus
dem Iran dolmetsche, weil er sich einerseits geografisch nicht auskenne
und andererseits Begriffe auf (...) nicht verstehe. Weiter sei es noch hell
gewesen als er die Reparaturarbeiten gegen 20:30 Uhr begonnen habe.
Als die vier Personen um 21:30 Uhr aufgetaucht seien, sei es dagegen
schon dunkel gewesen, sodass er ihre Gesichter nicht mehr genau habe
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sehen können. Alsdann sei aktenkundig, dass nahe Verwandte des Be-
schwerdeführers aus politischen und ethnischen Gründen schwere Nach-
teile erlitten hätten. Da er selber nicht politisch aktiv gewesen sei, habe ihn
das Regime in Ruhe gelassen. Nach der Razzia durch den Etelaat sei er
in deren Visier geraten, womit die Reflexverfolgung ausgelöst worden sei.
Wäre er nicht geflüchtet, wäre er im Falle einer Festnahme mit Sicherheit
als "Mohareb" zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt oder gar hin-
gerichtet worden. Schliesslich genüge allein die Teilnahme an der Veran-
staltung vom (...) 2019, um verhaftet und bestraft zu werden. Die dabei
entstandenen Aufnahmen des kurdischen TV-Senders "[...]" seien im Iran
ausgestrahlt worden.
5.
5.1 In Bezug auf das Glaubhaftmachen der Vorbringen ist festzustellen,
dass die Ausführungen des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit der
Entwendung seines Fahrzeugs am (...) 2018 zwar einige Details enthalten.
So erwähnte er nicht nur konkrete Zeit- und Ortsangaben, sondern bei-
spielsweise auch, dass sein Kunde Lehm-Ziegelsteine transportiert habe
und dessen Wagen etwa 500 Meter vor dem Dorf F._ kaputtgegan-
gen sei, wobei er ihn am Strassenrand abgestellt habe (vgl. SEM-Ak-
ten A5, Ziff. 7.01 und A25, F29 und F35). Sie sind jedoch in Bezug auf den
angeblichen "Überfall" oberflächlich, substanzarm und ohne persönlichen
Bezug ausgefallen. Vielmehr wäre zu erwarten gewesen, dass er – na-
mentlich auf entsprechende Ergänzungsfragen hin – präzise und subjektiv
geprägt über das Geschehene hätte berichten können, wenn er die Ereig-
nisse tatsächlich auf die geschilderte Art und Weise erlebt hätte. Indessen
war es ihm nicht möglich, das Aussehen der vier Männer, welche ihm das
Auto mit Zwang entwendet haben sollen, näher zu beschreiben. Er gab
diesbezüglich auch auf wiederholte Nachfragen lediglich zu Protokoll, sie
hätten die typisch traditionellen, braunen Kleider der Kurden getragen
(vgl. SEM-Akte A25, F29 und F41 f.). Die auf Beschwerdeebene vorge-
brachten Erklärungsversuche, wonach er aufgrund des überraschenden
Auftauchens der Männer und der Lichtverhältnisse zu diesem Zeitpunkt
keine detaillierteren Personenbeschreibungen habe machen können, ver-
mögen nicht zu überzeugen. Es ist damit nicht glaubhaft, dass er den Men-
schen, welche bei ihm einen bleibenden Eindruck hätten hinterlassen müs-
sen, tatsächlich persönlich begegnet ist. Auch zur Gesamtsituation und ins-
besondere zum Verlauf des Gesprächs vermochte er keine gehaltvollen
Angaben zu machen. Des Weiteren bleibt unklar, wie die Männer an die
Schlüssel des Autos gekommen sind. In seinen freien Schilderungen gab
er lediglich an, sie hätten ihm sein Auto zwangsmässig beziehungsweise
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Seite 11
gegen seinen Willen weggenommen (vgl. SEM-Akten A5, Ziff. 7.01 und
A25, F29). Auf die entsprechenden Ergänzungsfragen antwortete er zu-
nächst ausweichend, sie hätten ihm die Schlüssel einfach wegnehmen
können, weil sie zu viert gewesen seien und er nur alleine gewesen sei.
Schliesslich brachte er vor, sie hätten darauf beharrt, dass er ihnen seinen
Wagen gebe, und hätten ihn unter Druck gesetzt. Da er Angst bekommen
habe, habe er ihnen die Schlüssel schliesslich ausgehändigt (vgl. SEM-
Akte A25, F41 und F43-47). Zweifel entstehen zudem insofern, als er sich
hinsichtlich des Schicksals der Männer in Widersprüche verstrickte, welche
er nicht plausibel aufzulösen vermochte (vgl. SEM-Akte A25, F90). In der
BzP brachte er vor, die vier Männer hätten nach einer Auseinandersetzung
mit den Beamten des Etelaat fliehen können (vgl. SEM-Akte A5, Ziff. 7.01).
Davon abweichend machte er in der Anhörung zunächst geltend, sie seien
verhaftet worden (vgl. SEM-Akte A25, F29 f.). Als er danach gefragt wurde,
was mit ihnen geschehen sei, gab er an, nicht zu wissen, was mit ihnen
passiert sei und bestritt gesagt zu haben, dass sie verhaftet worden seien
(vgl. SEM-Akte A25, F51 f.). Der Versuch auf Beschwerdeebene, diesen
Widerspruch auf Verständigungsschwierigkeiten mit dem Dolmetscher an-
lässlich der Anhörung zurückzuführen, geht offensichtlich ins Leere, zumal
er bereits zu Beginn der Befragung bestätigte, den Dolmetscher gut zu ver-
stehen (vgl. SEM-Akte A25, F1). Zwar hielt die bei der Befragung anwe-
sende HWV fest, dass der Dolmetscher vor der Anhörung darauf hingewie-
sen habe, er dolmetsche normalerweise keine Anhörungen mit Personen
aus dem Iran, da er sich geografisch nicht auskenne und auch Begriffe auf
(...) nicht verstehe; durch die Rückfragen des Dolmetschers an den Be-
schwerdeführer habe die Verständigung dennoch gut zu funktionieren ge-
schienen (vgl. SEM-Akte A25, Unterschriftenblatt der HWV). Indes erhob
der Beschwerdeführer während der Anhörung keine Einwände gegen die
Übersetzungsleistungen oder die Protokollierung. Er fragte lediglich einmal
nach, ob der Dolmetscher verstanden habe, was er gesagt habe und bat
ihn dies zu wiederholen (vgl. SEM-Akte A25, F50). Darüber hinaus erkun-
digte sich auch der Befrager nach der Mittagspause, wie es ihm mit der
Verständigung mit dem Dolmetscher gehe. Dabei antwortete der Be-
schwerdeführer, er verstehe den Dolmetscher gut und dieser wiederum er-
klärte, er frage immer nach, wenn er etwas nicht verstehe (vgl. SEM-
Akte A25, F59). Der Umstand, dass sich der Befrager beim Beschwerde-
führer und beim Dolmetscher erkundigt hatte, wie sie sich verstehen wür-
den, spricht dabei nicht gegen Verständigungsschwierigkeiten. Vielmehr
wollte er damit offenbar sicherstellen, dass die Verständigung auf beiden
Seiten bestehe, um allfällige Missverständnisse zu vermeiden oder recht-
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Seite 12
zeitig erkennen zu können. Ansonsten gab es seitens des Beschwerdefüh-
rers keine Anmerkungen zu Verständigungsproblemen. Während und nach
der Rückübersetzung brachte er bis auf eine Ausnahme nur inhaltliche Er-
gänzungen an (vgl. SEM-Akte A25, S. 15 und S. 16). Schliesslich bestä-
tigte er die Richtigkeit und Vollständigkeit der Protokolle mit seiner Unter-
schrift als korrekt. Folglich muss er sich auf seine Aussagen anlässlich der
Anhörung behaften lassen. Nach dem Gesagten muss in Bezug auf die
Entwendung seines Fahrzeuges von einem konstruierten Gesuchsvorbrin-
gen ausgegangen werden.
5.2 Dadurch, dass der Vorfall bezüglich des Diebstahls des Autos des Be-
schwerdeführers kausal für die geltend gemachte Hausdurchsuchung
durch den Etelaat gewesen sein soll, wobei belastende Gegenstände ge-
funden worden seien, ist folglich auch der geltend gemachten Verfolgung
durch die iranischen Behörden die Grundlage entzogen. Im Übrigen war
der Beschwerdeführer nicht in der Lage, den ausschlaggebenden Grund
für die Hausdurchsuchung darzulegen. In der BzP führte er auf entspre-
chende Nachfrage hin aus, aufgrund der Auseinandersetzung zwischen
den vier Männern und den Pasdaran, hätten sie über das Nummernschild
seines gestohlenen Autos seine Adresse herausgefunden. Sie seien dabei
davon ausgegangen, dass er etwas mit diesen Personen zu tun habe
(vgl. SEM-Akte A5, Ziff. 7.02). Als er in der Anhörung danach gefragt
wurde, weshalb die Etelaat-Leute sein Haus durchsucht hätten, machte er
geltend, sie hätten wissen wollen, ob sich Waffen oder irgendwelche Akten
bei ihm zu Hause befinden würden, weil sie gedacht hätten, dass er mit
den vier Männern zusammenarbeite und ihnen von sich aus sein Auto
überlassen habe (vgl. SEM-Akte A25, F65). Sodann sprechen auch die Wi-
dersprüche bezüglich der Angaben des Etelaat zum Grund der Hausdurch-
suchung gegenüber der Familie des Beschwerdeführers gegen die Glaub-
haftigkeit seiner Aussagen. Die diesbezüglichen Erwägungen der
Vorinstanz sind nicht zu beanstanden und werden auf Beschwerdeebene
auch nicht bestritten.
5.3 Der Beschwerdeführer machte darüber hinaus auch unvereinbare An-
gaben zum Kontakt mit seiner Ehefrau nach den Ereignissen am (...) und
(...) 2018 bis zu seiner Ausreise am (...) 2018. Auf die entsprechende
Frage in der BzP gab er zu Protokoll, als er sich bei seinem Onkel in
H._ aufgehalten habe, habe er immer wieder mit seiner Frau ge-
sprochen. Aus Sicherheitsgründen habe sie ihn jeweils von einem Nach-
barn aus kontaktiert (vgl. SEM-Akte A5, Ziff. 7.02). Demgegenüber brachte
er in der Anhörung vor, er habe während seines Aufenthalts bei seinem
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Seite 13
Onkel nicht mit seinen Angehörigen telefonieren können, weil die Telefon-
gespräche abgehört worden seien (vgl. SEM-Akte A25, F29). Als er noch-
mals danach gefragt wurde, wie der Kontakt zu seiner Familie während den
28 Tagen vor seiner Ausreise ausgesehen haben, gab er zur Antwort, er
habe mit niemandem Kontakt aufnehmen können. Erst nach seiner Aus-
reise in die Türkei habe er seine Familie wieder kontaktiert (vgl. SEM-
Akte A25, F76 f.). Als er mit seinen widersprüchlichen Aussagen in den Be-
fragungen konfrontiert wurde, gab er an, nie gesagt zu haben, dass er mit
seiner Ehefrau in Kontakt gestanden habe (vgl. SEM-Akte A25, F91). Wäh-
rend der Rückübersetzung fügte er an, er habe ein oder zwei Mal mit einem
Nachbarn telefoniert, wobei seine Kinder anwesend gewesen seien
(vgl. SEM-Akte A25, S. 15). Soweit er in der Anhörung schliesslich erst-
mals geltend machte, die Behörden hätten damit gedroht, dass sie seinen
noch minderjährigen Sohn an seiner Stelle mitnehmen würden, wenn er
sich nicht bei ihnen melde (vgl. SEM-Akte A25, F73 und F80), erscheint es
unrealistisch, dass er diesen durch seine Ausreise einer solchen Gefahr
ausgesetzt haben will.
5.4 Bei dieser Sachlage ist davon auszugehen, dass der Beschwerdefüh-
rer im Zeitpunkt seiner Ausreise nicht im Fokus der iranischen Behörden
stand. Das Vorliegen von Vorfluchtgründen ist daher zu verneinen, weshalb
er die Flüchtlingseigenschaft im Zeitpunkt seiner Ausreise nicht erfüllte.
6.
Soweit der Beschwerdeführer in der Beschwerde auf seine kurdische Eth-
nie und die Probleme von Kurden im Iran verweist, macht er sinngemäss
eine Kollektivverfolgung geltend. Für die Annahme einer Kollektivverfol-
gung stellt das Bundesverwaltungsgericht praxisgemäss sehr hohe Anfor-
derungen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.4.1 m.w.H.). Im Falle der Kurden im
Iran sind diese jedoch – ungeachtet von Problemen, denen Kurden bei der
Pflege ihrer Kultur und Identität sowie insbesondere bei der Verfolgung po-
litischer Aktivitäten ausgesetzt sein können (vgl. etwa Joint report from the
Danish Immigration Service, Iran: Issues concerning persons of ethnic mi-
norities, Kurds and Ahwazi Arabs, Februar 2018, S. 5 ff. m.w.H., <https://
www.refworld.org/docid/5ab8eb004.html>, zuletzt abgerufen am 8. No-
vember 2021) – nicht als erfüllt zu erachten.
7.
7.1 Alsdann ergeben sich aus den Akten keine genügend konkreten An-
haltspunkte dafür, dass dem Beschwerdeführer bei einer heutigen Rück-
kehr in den Iran mit hoher Wahrscheinlichkeit wegen seiner Verwandten
D-1589/2020
Seite 14
gezielte Reflexverfolgungsmassnahmen flüchtlingsrechtlicher Intensität
drohen würden.
7.2 Nach Durchsicht der oben erwähnten Asyldossiers der Angehörigen
des Beschwerdeführers (vgl. Sachverhalt Bst. H), ist festzustellen, dass er
in der Tat aus einer politisch aktiven Familie stammt. Der Vater des Be-
schwerdeführers, O._, sowie sein Onkel (väterlicherseits),
P._, wurden 1981 und 1982 durch den iranischen Staat hingerich-
tet, da sie für die KDPI tätig gewesen waren. In der Folge flohen vier seiner
Onkel (väterlicherseits) aufgrund eigener politischer Aktivitäten oder Re-
flexverfolgung in den Jahren 1988, 1994 und 1998 aus dem Iran. Mit Asyl-
entscheid vom (...) 1989 anerkannte das damalige Bundesamt für Flücht-
linge (BFF) den Onkel des Beschwerdeführers, Q._, als Flüchtling
und gewährte ihm in der Schweiz Asyl (N [...]). Mit Verfügungen des BFF
vom (...) 1996, (...) 1999 und (...) 2002 erhielten sodann auch dessen Brü-
der respektive die Onkel des Beschwerdeführers, R._ (N [...]),
M._ (N [...]) und N._ (N [...]) in der Schweiz Asyl. Dem Bru-
der des Beschwerdeführers, S._ (N [...]), welcher am (...) 2002 sei-
nen Heimatstaat verliess, wurde mit Verfügung des Bundesamtes für Mig-
ration (BFM) vom (...) 2004 in der Schweiz wegen seinen Aktivitäten für die
KDPI sowie allfälliger Reflexverfolgung Asyl gewährt. Aufgrund des langen
Zurückliegens der politischen Aktivitäten seiner Verwandten ist jedoch kein
Kausalzusammenhang mit der Situation des Beschwerdeführers mehr ge-
geben. Er machte denn auch weder anlässlich der Erstbefragung noch
während der Anhörung geltend, er habe vor der Ausreise aus dem Iran
konkrete, mit den politischen Tätigkeiten seiner Verwandten zusammen-
hängende Verfolgungsmassnahmen oder Nachteile durch die iranischen
Behörden erlitten. Auf die Frage, ob er abgesehen vom bereits Geschilder-
ten sonst noch Probleme mit irgendwelchen Personen, Behörden oder an-
deren Organisationen gehabt habe, hielt er ausdrücklich fest, dass er keine
gehabt habe (vgl. SEM-Akte A5, Ziff. 7.01). In der Anhörung wiederholte er,
dass sein Vater und dessen Bruder aufgrund ihrer politischen Aktivitäten
von der iranischen Regierung hingerichtet worden seien. Des Weiteren
brachte er vor, dass auch sein Bruder, welcher sich in der Schweiz aufhalte,
politisch aktiv gewesen sei. Über dessen politisches Engagement ver-
mochte er aber keine weitergehenden Angaben zu machen. Sodann seien
seine heute im Iran lebenden Familienangehörigen nicht politisch aktiv
(vgl. SEM-Akte A25, F22–27). Vor der geltend gemachten Hausdurchsu-
chung hätten weder er noch seine Mutter oder seine Geschwister je Prob-
leme mit den Behörden gehabt (vgl. SEM-Akte A25, F31 f). Da der Be-
schwerdeführer die Durchsuchung seines Hauses durch den Etelaat nicht
D-1589/2020
Seite 15
glaubhaft darzulegen vermochte (vgl. hierzu E. 5.2 hiervor), kann folglich
auch nicht davon ausgegangen werden, dass ihm deshalb aufgrund der
vorbelasteten Situation in seiner Familie eine Reflexverfolgung drohe. Fer-
ner machte er auch nicht geltend, bei einer Rückkehr wegen seiner Ver-
wandten Behelligungen durch die staatlichen Behörden befürchten zu
müssen (vgl. SEM-Akte A25, F88). Die Ausführungen auf Beschwerde-
ebene führen nicht zu einer anderen Einschätzung. Vielmehr wird bestätigt,
dass der Beschwerdeführer in der Vergangenheit keine konkrete Re-
flexverfolgung aufgrund der Tätigkeiten seiner Verwandten erlitten hatte.
Letztlich liegen auch keine aktuellen Anzeichen für eine drohende Re-
flexverfolgung vor, zumal nicht geltend gemacht wurde, dass die im Hei-
matstaat verbliebene Familie, Behelligungen im Sinne von Reflexverfol-
gungen zu gegenwärtigen hat.
7.3 Vor diesem Hintergrund ist nicht davon auszugehen, dass der Be-
schwerdeführer bei seiner Rückkehr in den Iran begründete Reflexverfol-
gungsgefahr durch die iranischen Behörden aufgrund seiner Familienan-
gehörigen, welche sich seit mehr als zwanzig Jahren in der Schweiz auf-
halten, zu befürchten hätte.
8.
8.1 Sodann hat die Vorinstanz ebenfalls zu Recht den geltend gemachten
exilpolitischen Tätigkeiten des Beschwerdeführers in der Schweiz die
flüchtlingsrechtliche Relevanz im Sinne von Art. 3 AsylG beziehungsweise
Art. 54 AsylG abgesprochen.
8.2
8.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Praxis grundsätz-
lich von einer unbefriedigenden Menschenrechtssituation im Iran aus. Vor
allem um die Wahrung der politischen Rechte und insbesondere der Mei-
nungsäusserungsfreiheit steht es schlecht. Jegliche Kritik am System der
Islamischen Republik und deren Würdenträgern ist tabu, ebenso die Be-
richterstattung über politische Gefangene oder echte Oppositionsbewe-
gungen. Die iranischen Behörden unterdrücken in systematischer Weise
die Meinungsäusserungsfreiheit durch die Inhaftierung von Journalisten
und Redakteuren, und die Medien sind einer strengen Zensur – respektive
einem Zwang zur Eigenzensur – unterworfen (vgl. BVGE 2009/28
E. 7.3.1). Diese Einschätzung ist auch heute noch aktuell (vgl. statt vieler
Urteile des BVGer E-4282/2018 vom 4. März 2020 E. 7.3.1 m.w.H. und
E-4501/2018 vom 3. Februar 2021 E. 8.1).
D-1589/2020
Seite 16
8.2.2 Die politische Betätigung für staatsfeindliche Organisationen im Aus-
land ist seit der Neufassung des iranischen Strafrechts im Jahr 1996 unter
Strafe gestellt. Es ist allgemein bekannt, dass die iranischen Behörden die
politischen Aktivitäten ihrer Staatsbürger im Ausland überwachen und er-
fassen (vgl. dazu beispielsweise das Urteil des BVGer E-4302/2020 vom
18. September 2020 E. 6.4.2 m.w.H.). Es bleibt jedoch im Einzelfall zu prü-
fen, ob die exilpolitischen Aktivitäten bei einer allfälligen Rückkehr in den
Iran mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im flücht-
lingsrechtlichen Sinne nach sich ziehen. Gemäss Praxis des Bundesver-
waltungsgerichts ist dabei davon auszugehen, dass sich die iranischen Ge-
heimdienste auf die Erfassung von Personen konzentrieren, die über die
massentypischen, niedrigprofilierten Erscheinungsformen exilpolitischer
Proteste hinaus Funktionen ausgeübt und/oder Aktivitäten vorgenommen
haben, welche die jeweilige Person aus der Masse der mit dem Regime
Unzufriedenen herausstechen und als ernsthaften und gefährlichen Re-
gimegegner erscheinen lassen. Dabei darf davon ausgegangen werden,
dass die iranischen Sicherheitsbehörden zu unterscheiden vermögen zwi-
schen tatsächlich politisch engagierten Regimekritikern und Exilaktivisten,
die mit ihren Aktionen in erster Linie die Chancen auf ein Aufenthaltsrecht
zu erhöhen versuchen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.4.3). Diese Rechtspre-
chung gilt auch heute noch (vgl. beispielsweise Urteil des BVGer
D-7179/2016 vom 15. Dezember 2020 E. 6.3). Der Europäische Men-
schengerichtshof (EGMR) geht ebenfalls davon aus, dass eine möglicher-
weise drohende Verletzung von Art. 3 der Konvention zum Schutze der
Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 4. November 1950 (EMRK;
SR 0.101) jeweils aufgrund der persönlichen Situation der Beschwerdefüh-
renden zu beurteilen ist. Die Berichte über schwerwiegende Menschen-
rechtsverletzungen im Iran begründen für sich allein noch keine Gefahr ei-
ner unmenschlichen Behandlung (vgl. Urteil des EGMR S.F. et al gegen
Schweden vom 15. Mai 2012, 52077/10, §§ 63 f.).
8.3
8.3.1 Der Beschwerdeführer brachte nach der Rückübersetzung in der An-
hörung vor, er habe vermutlich im (...) 2018 zusammen mit seinem Onkel
und seinem Bruder an einem Fest der kurdisch-demokratischen Partei Iran
in I._ teilgenommen. Sie hätten dabei ein Foto von sich machen
lassen, welches im kurdisch-iranischen TV-Sender "[...]" publiziert worden
sei. Er machte ausserdem geltend, keine weiteren politischen Veranstal-
tungen besucht zu haben (vgl. SEM-Akte A25, F95 ff.). In der Beschwerde
brachte er vor, er sei am (...) 2019 an einer durch die kurdisch-politischen
Parteien organisierten Veranstaltung gewesen, wobei es um die Begehung
D-1589/2020
Seite 17
des Jahrestages der Gründung der kurdischen Republik Mahabad im ira-
nischen Teil Kurdistans gegangen sei. Auf den Videoaufnahmen, welche
im "[...]" ausgestrahlt worden seien, sei er deutlich zu sehen. Mehrere Ver-
wandte, Freunde und Bekannte hätten die Sendung gesehen und auch
dem iranischen Geheimdienst sei die Ausstrahlung mit Sicherheit nicht ent-
gangen (vgl. dort E. II, Ziff. 3, S. 11 f.).
8.3.2 Der Beschwerdeführer hat somit keine über die blosse Teilnahme an
einer Parteiveranstaltung der KDPI hinausgehende Rolle dargetan. Mit die-
ser einmaligen Teilnahme hebt er sich nicht von den üblichen Aktivitäten
anderer exilpolitisch tätiger Iranerinnen und Iraner ab und erscheint somit
nicht als eine für das iranische Regime gefährliche Person. An dieser Ein-
schätzung vermögen auch die im vorinstanzlichen Verfahren eingereichten
Videoaufnahmen des Senders "[...]" nichts zu ändern. Der angeblich auch
im iranischen Fernsehen gezeigte Beitrag erscheint dabei nicht geeignet,
ihm ein besonders exponiertes politisches Profil zu verschaffen, da der Be-
schwerdeführer auf dem Gruppenbild in der genannten Sequenz persön-
lich nicht zu erkennen ist. Weitere exilpolitische Aktivitäten wurden nicht
geltend gemacht und dazu auch keine Beweismittel eingereicht. Der Be-
schwerdeführer räumte sodann selber ein, sich nie für Politik interessiert
und auch nichts damit zu tun gehabt zu haben (vgl. SEM-Akten A5,
Ziff. 7.02 und A25, F93 und F97).
8.3.3 Es ist somit nicht davon auszugehen, dass die iranischen Behörden
auf ihn aufmerksam geworden wären, ihn als regierungskritisch eingestuft
und deshalb ein Verfolgungsinteresse an ihm hätten, welches flüchtlings-
rechtlich relevant sein könnte. Das Vorliegen von subjektiven Nachflucht-
gründen im Sinne von Art. 54 AsylG ist deshalb zu verneinen.
8.4 Zusammenfassend ergibt sich, dass es dem Beschwerdeführer nicht
gelungen ist, eine im Zeitpunkt der Ausreise aus dem Iran bestehende oder
unmittelbar drohende asylrechtlich relevante (Reflex-) Verfolgung nachzu-
weisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Gleichzeitig liegen keine
konkreten Anhaltspunkte für eine die Flüchtlingseigenschaft betreffende re-
levante Verfolgung vor, welche ihm heute bei einer Rückkehr in den Iran
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft drohen
würde. Das SEM hat demzufolge zu Recht die Flüchtlingseigenschaft ver-
neint und das Asylgesuch abgelehnt.
D-1589/2020
Seite 18
9.
9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
9.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4 und 2009/50 E. 9 je m.w.H.).
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Auslän-
der und über die Integration [AIG; SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.2
10.2.1 Hinsichtlich allfälliger Wegweisungsvollzugshindernisse führte die
Vorinstanz im angefochtenen Asylentscheid aus, es würden sich aus den
Akten keine konkreten Hinweise dafür ergeben, dass dem Beschwerdefüh-
rer bei einer Rückkehr in den Iran mit hinreichender Wahrscheinlichkeit
eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Weiter
seien weder allgemeine noch individuelle Gründe ersichtlich, welche gegen
die Zumutbarkeit der Rückführung in den Iran sprechen würden und
schliesslich sei der Vollzug technisch möglich und praktisch durchführbar.
10.2.2 Der Beschwerdeführer wendete in der Beschwerdeschrift dagegen
ein, der Wegweisungsvollzug in den Iran sei unzulässig und unzumutbar.
Ihm würden separatistische Umtriebe beziehungsweise Unterstützung von
Terroristen vorgeworfen werden, weshalb er bei einer allfälligen Rückkehr
mit Sicherheit zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt oder sogar, wie
viele andere kurdisch-politische Gefangene, hingerichtet werde. Im Iran,
D-1589/2020
Seite 19
wo das Mullah-Regime herrsche, gebe es keine Demokratie, Rechtsstaat-
lichkeit, Rechtssicherheit, Menschenrechte und die Möglichkeit auf einen
fairen Prozess, weshalb er nicht zurückgeschickt werden dürfe. Im Falle
einer Rückschaffung sei er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlich-
keit an Leib, Leben und Freiheit gefährdet.
10.3
10.3.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein
Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus
einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr
läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5
Abs. 1 AsylG; vgl. hierzu ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK; SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe (FoK; SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
10.3.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
raufhin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann das flüchtlingsrecht-
liche Rückschiebungsverbot von Art. 5 AsylG im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Seine Rückschaffung in den Iran ist demnach
rechtmässig.
10.3.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Iran dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des EGMR sowie jener des UN-Anti-
Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr
("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer
Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde
(vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse
Kammer, 37201/06, §§ 124127 m.w.H.). Dies ist ihm indes vorliegend
D-1589/2020
Seite 20
nicht gelungen. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimat-
staat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als un-
zulässig erscheinen.
10.3.4 Folglich erweist sich der Vollzug der Wegweisung des Beschwerde-
führers – sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestim-
mungen – als zulässig.
10.4
10.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen
und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat
aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und
medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefähr-
dung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläu-
fige Aufnahme zu gewähren.
10.4.2 Die im Iran herrschende allgemeine Lage zeichnet sich nicht durch
eine Situation allgemeiner Gewalt aus, obwohl die Staatsordnung als tota-
litär zu bezeichnen ist und die allgemeine Situation in verschiedener Hin-
sicht problematisch sein kann. Selbst unter Berücksichtigung dieser Um-
stände wird der Vollzug von Wegweisungen in den Iran nach konstanter
Praxis als grundsätzlich zumutbar erachtet (vgl. statt vieler Urteil des
BVGer E-4643/2020 vom 23. Oktober 2020 E. 8.5.2 m.w.H.).
10.4.3 Darüber hinaus sind – wie bereits die Vorinstanz in der angefochte-
nen Verfügung zutreffend festhielt (vgl. dort. E. III, Ziff. 2) – keine individu-
ellen Gründe ersichtlich, die gegen einen Wegweisungsvollzug sprechen.
Der Beschwerdeführer führte als (...) erfolgreich ein eigenes Geschäft und
arbeitete daneben bei einer (...) (vgl. SEM-Akten A5, Ziff. 1.17.05 und A25,
F10 f.). Er war finanziell unabhängig und verfügt in C._ zudem über
Wohneigentum (vgl. SEM-Akte A25, F11). Es ist folglich davon auszuge-
hen, dass er sich nach seiner Rückkehr rasch wieder in den Arbeitsmarkt
reintegrieren und für ein regelmässiges Einkommen sorgen kann. Insge-
samt ist nicht anzunehmen, dass er bei einer Rückkehr in den Iran in eine
existenzielle Notlage geraten würde. Der Beschwerdeführer verfügt in sei-
nem Heimatland zudem über ein grosses familiäres Beziehungsnetz
(vgl. SEM-Akte A5, Ziff. 3.01), auf welches er bei Bedarf zurückgreifen
könnte. Ferner sind den Akten keine Hinweise auf gesundheitliche Prob-
leme zu entnehmen, die gegen einen Wegweisungsvollzug sprechen wür-
den. Bezüglich der anlässlich der BzP geltend gemachten gesundheitli-
chen Beeinträchtigungen ([...], [...], [...] und [...]; vgl. SEM-Akte A5,
D-1589/2020
Seite 21
Ziff. 8.02), machte der Beschwerdeführer, welcher die entsprechende Sub-
stantiierungslast trägt, im Verlauf des Beschwerdeverfahrens keine weite-
ren Angaben und reichte auch keine Arztberichte zu den Akten.
10.4.4 Damit erweist sich der Vollzug der Wegweisung sowohl allgemein
als auch in individueller Hinsicht als zumutbar im Sinne von Art. 83
Abs. 4 AIG.
10.5 Dass der Wegweisungsvollzug unmöglich sein könnte, wird in der Be-
schwerde nicht geltend gemacht und ist auch nicht ersichtlich. Es obliegt
dem Beschwerdeführer, sich – sofern nötig – bei der zuständigen Vertre-
tung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedoku-
mente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als
möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.6 Schliesslich ist festzuhalten, dass die aktuelle Lage im Zusammen-
hang mit der Coronavirus-Pandemie (COVID-19) grundsätzlich nicht ge-
eignet ist, die Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Frage zu stel-
len. Bei der Coronavirus-Pandemie handelt es sich, soweit derzeit feststell-
bar, allenfalls um ein temporäres Vollzugshindernis. Es obliegt somit den
kantonalen Behörden, der Entwicklung der Situation bei der Wahl des Zeit-
punkts des Vollzugs in angemessener Weise Rechnung zu tragen
(vgl. statt vieler: Urteil des BVGer D-139/2020 vom 19. Juni 2020 E. 9.6
m.w.H.).
10.7 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorinstanz den Wegwei-
sungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet hat.
Die Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht
(Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und angemessen ist. Die
Beschwerde ist abzuweisen.
12.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
D-1589/2020
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und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE;
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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