Decision ID: a2de6511-a222-45c0-8cb4-754ddfc63430
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Führerausweis der Kategorie B seit 21. Juli 1978. Das
Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen verwarnte ihn am
20. Februar 2014, nachdem er am 12. März 2013 die zulässige Höchstgeschwindigkeit
von 50 km/h (innerorts) um 18 km/h überschritten hatte. Nach einer erneuten
Geschwindigkeitsüberschreitung vom 15. Oktober 2014 auf der Autobahn um 27 km/h
entzog das Strassenverkehrsamt den Führerausweis wegen leichter Widerhandlung
gegen die Strassenverkehrsvorschriften für einen Monat. Diese Massnahme wurde vom
19. Juni bis 18. Juli 2015 vollzogen. Die Verwaltungsrekurskommission wies einen
dagegen erhobenen Rekurs mit Entscheid IV-2015/42 vom 28. Mai 2015 ab (im Internet
abrufbar unter: www.gerichte.sg.ch).
B.- Am 16. März 2017, 13.12 Uhr, überschritt X mit einem Personenwagen auf der
St. Gallerstrasse in Turbenthal ausserorts die zulässige Höchstgeschwindigkeit von
80 km/h um 23 km/h. Mit Strafbefehl des Statthalteramts Bezirk Winterthur vom 9. Juni
2017 wurde er deswegen der einfachen Verletzung der Verkehrsregeln schuldig
gesprochen und mit einer Busse von Fr. 300.– bestraft; dagegen erhob er erfolglos
Einsprache. Der rechtskräftige Strafbefehl ging am 6. April 2018 beim
Strassenverkehrsamt ein, worauf dieses nach der Gewährung des rechtlichen Gehörs
den Führerausweis mit Verfügung vom 8. Mai 2018 wegen leichter Widerhandlung
gegen die Strassenverkehrsvorschriften für einen Monat entzog.
C.- Gegen diese Verfügung erhob X mit Eingabe vom 25. Mai 2018 (Datum der
Postaufgabe: 28. Mai 2018) Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit dem
sinngemässen Antrag, statt eines Führerausweisentzugs eine Verwarnung
auszusprechen. Die Vorinstanz verzichtete am 5. Juli 2018 auf eine Vernehmlassung.
Auf die Ausführungen im Rekurs zur Begründung des Antrags wird, soweit erforderlich,
in den Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
http://www.gerichte.sg.ch
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1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 25. Mai 2018 wurde rechtzeitig
eingereicht; er erfüllt in formeller und materieller Hinsicht die Anforderungen von Art. 41
lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (sGS 951.1,
abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das
Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 (SR 741.03, abgekürzt:
OBG) ausgeschlossen ist, der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine
Verwarnung ausgesprochen. Das Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a
SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG) und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG).
Eine leichte Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine
geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes
Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG).
a) Im Strafverfahren wurde der Rekurrent wegen Überschreitens der
Höchstgeschwindigkeit wegen einfacher Verkehrsregelverletzung schuldig gesprochen
(Art. 90 Abs. 1 SVG, Art. 4a Abs. 1 lit. b der Verkehrsregelnverordnung [SR 741.11,
abgekürzt: VRV], act. 9/25). Die einfache Verkehrsregelverletzung gemäss Art. 90
Abs. 1 SVG umfasst administrativrechtlich die leichte (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG) und
die mittelschwere Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften (Art. 16b
Abs. 1 lit. a SVG). Das straf- und das administrativrechtliche Sanktionensystem sind
insoweit nicht deckungsgleich (Urteile des Bundesgerichts [BGer] 1C_259/2011 vom
27. September 2011 E. 3.4 und 1C_282/2011 vom 27. September 2011 E. 2.4). Aus
Gründen der Rechtsgleichheit hat das Bundesgericht für die Beurteilung von
Geschwindigkeitsüberschreitungen präzise Regeln aufgestellt. Unabhängig von den
konkreten Umständen liegt ein objektiv leichter Fall etwa dann vor, wenn die
Geschwindigkeit ausserorts um 21 bis 25 km/h überschritten wird (Ph. Weissenberger,
Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015, Vorbemerkungen zu Art. 16a bis c N 14 und
Art. 16a N 21). Die Geschwindigkeitsüberschreitung des Rekurrenten ausserorts um
23 km/h stellt demnach in objektiver Hinsicht eine leichte Widerhandlung im Sinn von
Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG dar.
bis
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b) Der Rekurrent wies darauf hin, dass der Tacho beim Überholen eine
Geschwindigkeit von 98 km/h angezeigt habe und dies vom Polizisten bestätigt worden
sei.
aa) Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung vermag ein Strafurteil die
Verwaltungsbehörde grundsätzlich nicht zu binden. Allerdings gebietet der Grundsatz
der Einheit der Rechtsordnung, widersprüchliche Entscheide im Rahmen des
Möglichen zu vermeiden. Die Verwaltungsbehörde darf deshalb beim Entscheid über
die Massnahme von den tatsächlichen Feststellungen des Strafrichters nur abweichen,
wenn sie Tatsachen feststellt und ihrem Entscheid zugrunde legt, die dem Strafrichter
unbekannt waren, wenn sie zusätzliche Beweise erhebt oder wenn der Strafrichter bei
der Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht alle Rechtsfragen abgeklärt,
namentlich die Verletzung bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat. In der rechtlichen
Würdigung des Sachverhalts – insbesondere auch des Verschuldens – ist die
Verwaltungsbehörde demgegenüber frei, ausser die rechtliche Qualifikation hängt stark
von der Würdigung von Tatsachen ab, die der Strafrichter besser kennt, etwa, weil er
den Beschuldigten persönlich einvernommen hat (BGer 1C_169/2014 vom 18. Februar
2015 E. 2.2).
bb) In den Akten gibt es nicht den geringsten Hinweis dafür, dass die
Geschwindigkeitsmessung vom 16. März 2017 falsch gewesen sein könnte. Es gibt
folglich keinen Grund, von den tatsächlichen Feststellungen im Strafverfahren
abzuweichen. Abgesehen davon hätte der Rekurrent Einwände gegen die Korrektheit
der Geschwindigkeitsmessung im Strafverfahren vorbringen müssen. Gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung besteht kein Anspruch darauf, den bereits im
Strafverfahren erstellten Sachverhalt im Administrativmassnahmeverfahren nochmals
zu überprüfen, wenn mögliche Vorbringen verpasst wurden (BGer 6A.32/2002 vom 21.
Juni 2002 E. 2.1 und 1C_266/2014 vom 17. Februar 2015 E. 2).
cc) Folglich bleibt es dabei, dass der Rekurrent die zulässige Höchstgeschwindigkeit
ausserorts von 80 km/h um 23 km/h überschritten hat. Hierbei handelt es sich um eine
leichte Widerhandlung gemäss Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG.
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3.- Zu prüfen bleibt, ob die Vorinstanz zu Recht einen Führerausweisentzug
ausgesprochen hat. Der Rekurrent macht geltend, dass der letzte Führerausweisentzug
mehr als zwei Jahre zurückliege, weshalb nur eine Verwarnung ausgesprochen werden
könne.
a) Nach einer leichten Widerhandlung wird der Lernfahr- oder Führerausweis für
mindestens einen Monat entzogen, wenn in den vorangegangenen zwei Jahren der
Ausweis entzogen war oder eine andere Administrativmassnahme verfügt wurde
(Art. 16a Abs. 2 SVG); andernfalls wird sie verwarnt (Art. 16a Abs. 3 SVG). Bei der
zweijährigen Frist gemäss Art. 16a Abs. 2 und 3 SVG handelt es sich um eine Rückfall-
oder Bewährungsfrist. Bewähren kann sich im Strassenverkehr nur, wer im Besitz des
Führerausweises und damit fahrberechtigt ist. Dementsprechend beginnt die
zweijährige Frist erst dann zu laufen, wenn die Dauer des (letzten)
Führerausweisentzugs abgelaufen ist (BGer 1C_520/2016 vom 16. Februar 2017 E. 4.3
und 1C_180/2010 vom 22. September 2010 E. 2). Anders sieht es aus, wenn der
betroffene Fahrzeuglenker früher verwarnt wurde. In diesem Fall beginnt die
Bewährungsfrist mit der Eröffnung der Verwarnung (BSK SVG-Rütsche/Weber, Basel
2014, Art. 16a N 20).
b) Die Vorinstanz entzog dem Rekurrenten den Führerausweis mit Verfügung vom 16.
Februar 2015 für einen Monat. Einen dagegen erhobenen Rekurs wies die
Verwaltungsrekurskommission mit Entscheid IV-2015/42 vom 28. Mai 2015 ab.
Vollzogen wurde die Massnahme vom 19. Juni bis 18. Juli 2015 (act. 9/18). Dies
bedeutet, dass die zweijährige Bewährungsfrist gemäss Art. 16a Abs. 2 und 3 SVG am
19. Juli 2015 begann und am 18. Juli 2017 endete. Im Zeitpunkt des Ereignisses vom
16. März 2017 waren demnach noch nicht zwei Jahre vergangen seit dem letzten
Führerausweisentzug. Eine Verwarnung kommt unter diesen Umständen nicht in
Betracht, vielmehr hat die Vorinstanz gestützt auf Art. 16a Abs. 2 SVG zu Recht einen
Warnungsentzug ausgesprochen.
4.- Bei der Festsetzung der Dauer des Lernfahr- oder Führerausweisentzugs sind die
Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen, namentlich die Gefährdung der
Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als Motorfahrzeugführer sowie die
berufliche Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen (Art. 16 Abs. 3 SVG). Eine
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Unterschreitung der gesetzlichen Mindestentzugsdauern ist nach dem Willen des
Gesetzgebers und der Rechtsprechung selbst dann ausgeschlossen, wenn der Lenker
aus beruflichen Gründen auf den Führerausweis angewiesen ist (BGE 135 II 334 E. 2.2,
BGer 1C_575/2017 vom 3. April 2018 E. 3.3). Die Mindestentzugsdauer beträgt gemäss
Art. 16a Abs. 2 SVG einen Monat.
Bei der vorinstanzlich festgelegten Entzugsdauer eines Monats handelt es sich um die
Mindestentzugsdauer, die, von einer hier nicht interessierenden Ausnahme
(Strafmilderung nach Art. 100 Ziff. 4 dritter Satz SVG bei einem Lenker eines
Feuerwehr-, Sanitäts-, Polizei- oder Zollfahrzeugs, der auf einer dringlichen oder
taktisch notwendigen Dienstfahrt Verkehrsregeln oder besondere
Verkehrsanordnungen missachtet und nicht die Sorgfalt hat walten lassen, die nach
den Umständen erforderlich war oder der auf dringlichen Dienstfahrten nicht die
erforderlichen Warnsignale abgegeben hat) abgesehen, nicht unterschritten werden
darf (Art. 16 Abs. 3 SVG). Daran ändern auch die Hinweise des Rekurrenten auf die
Angewiesenheit auf den Führerausweis aus beruflichen und familiären Gründen nichts.
Soweit sich der Rekurs gegen den Führerausweisentzug und dessen Dauer richtet, ist
er somit unbegründet und abzuweisen.
5.- Die Vorinstanz ordnete in Ziffer 2 der angefochtenen Verfügung an, dass der
Rekurrent den Führerausweis und allfällige vorhandene weitere Ausweise bis
spätestens am 8. August 2018 abzugeben habe. Hierbei handelt es sich um eine
vollstreckungsrechtliche Anordnung, die separat verfügt werden müsste. Darauf ist
nicht weiter einzugehen. Der Abgabetermin ist bereits vorüber, weshalb die besagte
Anordnung zufolge Gegenstandslosigkeit aufzuheben ist. Die Vorinstanz wird einen
neuen Abgabetermin festlegen müssen. Allerdings hätte Ziffer 2 der angefochtenen
Verfügung aufgehoben werden müssen, wenn die Abgabefrist nicht bereits abgelaufen
wäre. Dies ist bei der Kostenverlegung zu berücksichtigen.
6.- Zusammenfassend ist der Rekurs teilweise gutzuheissen. Die Kosten des
Rekursverfahrens haben die Verfahrensbeteiligten nach Massgabe ihres Obsiegens
und Unterliegens zu tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Sie sind dem Rekurrenten zu vier
Fünfteln und dem Staat zu einem Fünftel aufzuerlegen. Denn einerseits unterliegt der
Rekurrent in der Hauptsache und andererseits hat die Vorinstanz die materielle
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Verfügung (Führerausweisentzug) in unzulässiger Weise mit einer Vollzugsanordnung
(Abgabetermin des Ausweises) kombiniert. Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– (vgl.
Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung [sGS 941.12]) erscheint angemessen. Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist mit dem Kostenanteil des Rekurrenten in der Höhe
von Fr. 960.– zu verrechnen. Der Rest des Kostenvorschusses von Fr. 240.– ist dem
Rekurrenten zurückzuerstatten.