Decision ID: 36b41581-c37a-4cc0-be92-d119597391a8
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
I._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Kaspar Noser, Marktstrasse 2, Postfach,
8853 Lachen SZ,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
I._ (Jg. 1961) meldete sich am 8. Juni 2007 zum Bezug von IV-Leistungen an. Dr.
med. A._ berichtete der IV-Stelle am 10. Juli 2007, die Versicherte leide an einer
Adipositas per magna (BMI 42), an einem Diabetes mellitus Typ II, an
Überlastungsschmerzen des Rückens, der Hüften, der Knie und der Sprunggelenke
sowie– ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit – an rezidivierenden Schüben einer Colitis
ulcerosa, an einem Handekzem und an einer latenten Hypothyreose. Die Versicherte
könnte leichtere Arbeiten ausführen. Im Vordergrund stehe das massive Übergewicht.
Diesbezüglich sei eine grundlegende Therapie enorm schwierig. Für sämtliche
Erklärungen und Besprechungen seien die Töchter nötig, damit man sich mit der
Versicherten verständigen könne. Der Diabetes mellitus sei nicht optimal therapiert.
Man wisse nicht, ob die Medikamente einigermassen regelrecht eingenommen würden.
Diätetische Massnahmen würden wohl kaum beachtet. Die Versicherte gebe multiple
Beschwerden im Rücken, in den Hüften, in den Knien und in den Füssen an.
Ausserdem klage sie über eine allgemeine Müdigkeit und immer wieder über Kälte in
den Extremitäten. Eine Duplexsonographie im Jahr 2004 habe aber normale
Verschlussdrucke ergeben. Die Beweglichkeit der Gelenke sei schmerzbedingt
reduziert, die Beschwerden seien sicher überlastungsbedingt.
B.
Am 13. November 2007 erfolgte eine Haushaltabklärung. Die Übersetzung wurde durch
die Tochter der Versicherten besorgt. Die Versicherte klagte über Situationen mit
Überzuckerung, in denen es zu Übelkeit und Erbrechen komme. Mit den Tabletten
könnten die Zuckerwerte nicht optimal im Gleichgewicht gehalten werden.
Insulininjektionen wären besser, aber die Versicherte habe davor extreme Angst.
Wegen der Zuckerkrankheit habe die Versicherte offene Stellen an den Fusssohlen und
an den Zehen. Sie könne nur 300 bis 400 Meter gehen, jedoch nur in äusserst
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langsamem Tempo. Dabei sei sie auf eine Begleitung angewiesen. Die Sehfähigkeit sei
sehr schlecht. Dr. med. A._ habe sie nicht an einen Augenarzt überwiesen, weil das
nur Geld koste. Die Versicherte leide an ständigen Rücken- und Beinbeschwerden. Die
Psyche sei stark belastet (Scheidung der Tochter, Verschuldung und Leben unter dem
Existenzminimum). Die Versicherte liege jede Nacht bis 05:00 Uhr wach, dann könne
sie ca. vier Stunden schlafen. Die beiden Töchter sorgten dafür, dass meistens jemand
bei der Versicherten sei, weil diese auf Gesellschaft angewiesen sei. Aufgrund der
katastrophalen finanziellen Situation (bestohlen und betrogen durch den ehemaligen
Schwiegersohn), des geringen Verdienstes des Ehemannes (netto ca. Fr. 3600.-) und
der Lohnpfändung müsste die Versicherte einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Die Miete
betrage Fr. 1313.-. Die Abklärungsperson notierte im Abklärungsbericht für sämtliche
Sparten der Haushaltarbeit eine vollständige Arbeitsunfähigkeit der Versicherten, wies
aber abschliessend darauf hin, dass die geltend gemachte Einschränkung medizinisch
nicht abgeklärt sei. Weiter führte die Abklärungsperson aus, aufgrund der persönlichen
Voraussetzungen, der fehlenden beruflichen Kompetenzen und der sprachlichen
Verständigungsmöglichkeit bestünden für die Versicherte auf dem Arbeitsmarkt kaum
noch Chancen. Es kämen nur einfache Tätigkeiten wie Reinigung in Frage, die zu den
Randzeiten und in einem Teilpensum erbracht würden. Von daher könne höchstens
von einem 50%-Pensum ausgegangen werden. Dr. med. B._ vom RAD betrachtete
das Ergebnis der Haushaltabklärung am 12. Dezember 2007 als plausibel.
C.
Dr. med. C._ berichtete der IV-Stelle am 17. Juni 2008, er habe die Versicherte als
Hausarztnachfolger von Dr. med. A._ erst einmal, am 25. Januar 2008, gesehen. Sie
habe ihn wegen einer Augenentzündung konsultiert. Seit dem letzten Bericht von Dr.
med. A._ sei die Versicherte nicht mehr bei einem Spezialisten in Behandlung
gewesen. Er habe der Versicherten wegen des zervikobrachialen Schmerzsyndroms
eine Physiotherapie verschrieben. Gemäss den Angaben der Physiotherapeutin sei die
Versicherte erstmals im April 2008 erschienen. Sie sei insgesamt nur viermal
gekommen. Dr. med. C._ gab folgende Diagnosen an: Adipositas per magna (BMI
42), Diabetes Typ II (schlechte Compliance Hba1c9.2), diabetische Polyneuropathie,
Überlastungsschmerzen des Rückens, der Hüften, der Knie und der Sprunggelenke,
ausserdem – ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit – rez. Schübe einer Colitis ulcerosa,
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Handekzem und latente Hypothyreose. Er führte weiter aus, der Gesundheitszustand
sei stationär. Bei einer konsequenten Diabetestherapie und Gewichtsreduktion wäre
der Zustand besserungsfähig. Die Versicherte müsste eigentlich in einer engmaschigen
Kontrolle sein, insbesondere im Hinblick auf ihren Diabetes mellitus und auf die
Hypothyreose. Sie bezahle aber die Krankenkassenprämien nicht regelmässig, weshalb
die Behandlungskosten ungedeckt blieben. Da er die Versicherte erst einmal gesehen
habe, könne er zur Eingliederungsfähigkeit leider keine Auskunft geben, aber er denke,
dass sich die Situation seit dem letzten Bericht von Dr med. A._ nicht geändert habe.
Dr. med. B._ vom RAD hielt am 9. Juli 2009 fest, der Gesundheitszustand sei
stationär. Eine relevante Verbesserung dürfe nur erwartet werden, wenn sich die
Versicherte vom Nutzen einer Gewichtsreduktion überzeugen lasse und selber ihr
Gewicht reduzieren wolle. Das Gleiche gelte für die Einstellung des Blutzuckers, der
durch eine entsprechende Gewichtsreduktion wahrscheinlich geheilt würde. Folgende
IV-fremde Faktoren seien wirksam: schlechte Deutschkenntnisse, Arbeitslosigkeit,
Nichtbezahlen der KK-Prämien (erschwerte medizinische Betreuung). Gemäss den
Angaben von Dr. med. C._ bestehe für leichtere körperliche Tätigkeiten eine
Arbeitsfähigkeit. Dr. med. C._ habe allerdings kein Pensum angegeben, aber er habe
die Versicherte auch nie arbeitsunfähig geschrieben. Dr. med. B._ gab abschliessend
an, aus medizinischer Sicht bestehe bei den vorliegenden Diagnosen ohne
Berücksichtigung der IV-fremden Faktoren eine Arbeitsfähigkeit von mindestens 80%.
Die Ausschöpfung dieser Arbeitsfähigkeit würde die Versicherte in ihrem Willen zur
Integration und zur Gesundheitsförderung angemessen und sinnvoll unterstützen.
Berufliche Massnahmen seien erst sinnvoll, wenn sich die Versicherte von den
Massnahmen zur Verbesserung ihres Gesundheitszustandes überzeugen lasse.
Weitere Abklärungen seien nicht angezeigt.
D.
Die IV-Stelle ermittelte anhand der sogenannten gemischten Methode den
Invaliditätsgrad, indem sie für den Erwerbsteil (50%) die Hälfte des
Durchschnittseinkommens der Hilfsarbeiterinnen, also Fr. 25'440.- als
Valideneinkommen einem zumutbaren Invalideneinkommen von Fr. 20'352.-
gegenüberstellte, das sie anhand desselben Durchschnittseinkommens, aber unter
zusätzlicher Berücksichtigung eines (fälschlicherweise so genannten)
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"Leidensabzuges" von 20% ermittelt hatte. Das ergab für den Erwerbsteil eine
Invalidität von 20%. Davon berücksichtigte die IV-Stelle die Hälfte, also 10%. Für den
Haushaltteil ging die IV-Stelle gestützt auf ihren Bericht über die Haushaltabklärung
von einem Invaliditätsgrad von 10% aus. Auch davon berücksichtigte sie die Hälfte,
also 5%, was zusammen mit der anteiligen Invalidität aus dem Erwerb von 10% einen
Gesamtinvaliditätsgrad von 15% lieferte. Mit einem Vorbescheid vom 30. Juli 2008
teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie beabsichtige, das Rentenbegehren
abzuweisen, da der Invaliditätsgrad unter 40% liege. Die Versicherte wandte am 10.
August 2008 sinngemäss ein, Dr. med. C._ habe sie nicht einmal richtig untersuchen
wollen. Er habe sie gleich gefragt, ob sie die Rechnung bezahlen werde. Sie sei nie
mehr bei ihm gewesen. Wegen der Zuckerkrankheit könne sie kaum gehen und sie
sehe sehr schlecht. Zuletzt sei sie bei Dr. med. D._ in X._ gewesen. Dort könne die
IV-Stelle einen Bericht einholen. Sie lasse sich auch gern nochmals untersuchen. Mit
einer Verfügung vom 31. Oktober 2008 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der
Versicherten ab.
E.
In einem an die IV-Stelle adressierten und dieser auch zugestellten Schreiben vom
17. November 2008 machte die Versicherte sinngemäss geltend, sie sei mit der
"Diagnose" nicht einverstanden, da sie sich zu 100% arbeitsunfähig fühle. Sie habe bei
Dr. med. C._ ein Rezept wegen der Tabletten für die Zuckerkrankheit verlangt, aber
er habe sie "hinausgeschmissen". Daraufhin sei sie zu Dr. med. D._ in X._
gegangen. Bei der Kontrolle des Zuckers sei Dr. med. D._ "geschockt" gewesen, weil
der Wert so hoch gewesen sei. Er habe ihr sofort Insulin gegeben. Sie sei nicht von
Experten untersucht worden. Sie bitte darum, dass man ihren Fall genauer anschaue.
Die IV-Stelle leitete dieses Schreiben der Versicherten am 4. Dezember 2008 als
Beschwerde an das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen weiter. Das
Versicherungsgericht teilte der Versicherten am 5. Dezember 2008 mit, dass sie einen
Kostenvorschuss leisten müsse, wenn sie mit dem Schreiben an die IV-Stelle vom 17.
November 2008 tatsächlich habe Beschwerde führen wollen. Am 4. Januar 2009 stellte
die Versicherte sinngemäss ein Gesuch um die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege. Dabei gab sie u.a. auch an, sie müsse Insulin spritzen, sie habe
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Probleme mit dem Atmen und sie leide an Herzproblemen. Das Gericht könne von Dr.
med. D._ ihre Akten einverlangen.
F.
Die IV-Stelle beantragte am 24. Februar 2009 die Abweisung der Beschwerde. Sie
verwies darauf, dass Dr. med. A._ angegeben habe, die Versicherte sei in einer
körperlich leichten Tätigkeit voll arbeitsfähig. Weiter machte sie geltend, ein gut
eingestellter Diabetes mellitus beeinträchtige die Arbeitsfähigkeit nicht. Die Versicherte
sei aufgrund ihrer Selbsteingliederungs- und Schadenminderungspflicht gehalten, die
entsprechenden Medikamente in der richtigen Dosierung einzunehmen. Es sei nicht
ersichtlich, weshalb die Arbeitsfähigkeitsschätzung rechtsfehlerhaft sein sollte. Deshalb
sei vollumfänglich auf sie abzustellen. Weil die Versicherte nichts gegen die
Qualifikation als zu 50% erwerbstätig und zu 50% im eigenen Haushalt tätig
eingewendet habe, sei gemäss dem Rügeprinzip nicht näher darauf einzugehen, zumal
keine Rechtsmängel ersichtlich seien.
G.
Die neu anwaltlich vertretene Versicherte liess in ihrer Replik vom 6. April 2009 die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung zur Ergänzung des
Sachverhalts und zur neuen Entscheidung beantragen. Der Rechtsvertreter machte
geltend, die Versicherte habe bereits in der Beschwerde sinngemäss denselben Antrag
gestellt. Weiter beantragte der Rechtsvertreter der Versicherten die Durchführung einer
mündlichen Verhandlung und den Beizug der Tochter der Versicherten als
Dolmetscherin. Er begründete diesen Verfahrensantrag damit, dass es einen
Unterschied mache, ob eine Adipositas per magna lediglich in den Akten festgehalten
sei oder in Augenschein genommen werden könne. Die Adipositas schränke die
Arbeitsfähigkeit der Versicherten massiv ein. Die Qualifikation – 50% Erwerb und 50%
Haushalt – sei bereits in der Eingabe zum Vorbescheid als unzutreffend bezeichnet
worden. Eine wirksame Bekämpfung der seit vielen Jahren bestehenden Adipositas sei
wegen der psychischen und intellektuellen Verfassung der Versicherten objektiv nicht
mehr möglich. Die Adipositas habe Krankheitswert und führe zu einer
Arbeitsunfähigkeit. Selbst unter der Hypothese eines ausgeglichenen Arbeitsmarktes
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sei es in hohem Mass unwahrscheinlich, dass eine geeignete Stelle vorhanden sei. In
bezug auf die schlechte Sehfähigkeit habe die IV-Stelle pflichtwidrig keinerlei
Abklärungen getroffen. Im Haushalt sei die Versicherte praktisch vollständig
eingeschränkt. Diese Einschränkung könne nicht einfach unter Verweis auf die
Schadenminderungspflicht des Ehemannes und der im gleichen Haushalt lebenden
Kinder auf 10% reduziert werden. Dr. med. C._ habe die Versicherte nie selber und
gründlich untersucht. Im Ergebnis habe sein Bericht dem Bericht des früheren
Hausarztes Dr. med. A._ entsprochen. Die seither eingetretene Verschlechterung sei
nicht angemessen berücksichtigt worden. Eine MEDAS-Abklärung sei notwendig.
H.
Die IV-Stelle verzichtete am 15. April 2009 auf eine Duplik.

Erwägungen:
1.
1.1 Gemäss Art. 8 Abs. 3 ATSG i.V.m. Art. 5 Abs. 1 IVG bestimmt sich die Invalidität
einer erwachsenen Person nach der Unmöglichkeit, sich im bisherigen
Aufgabenbereich zu betätigen, wenn dieser Person nicht zugemutet werden kann, einer
Erwerbstätigkeit nachzugehen. Dies gilt auch für Personen, die nur zum Teil
erwerbstätig und daneben in einem Aufgabenbereich tätig sind (Art. 28a Abs. 3 IVG).
Gemäss Art. 27bis IVV erfolgt nur ein Einkommensvergleich, wenn anzunehmen ist,
dass die teilerwerbstätige Person ohne den Gesundheitsschaden ganztägig
erwerbstätig wäre. In ständiger Rechtsprechung prüft das Bundesgericht die Frage, ob
und gegebenenfalls in welchem Ausmass eine versicherte Person auch ohne den
Gesundheitsschaden im Aufgabenbereich tätig wäre, anhand der hypothetischen
Verhaltensweise der versicherten Person. Nach Ansicht des Bundesgerichts ist dabei
abzuklären, ob die versicherte Person ohne den Gesundheitsschaden mit Rücksicht
auf die gesamten Umstände (persönlicher, familiärer, sozialer und erwerblicher Art)
erwerbstätig oder im Aufgabenbereich tätig wäre. Dabei sollen die finanzielle
Notwendigkeit der Aufnahme oder der Ausdehnung einer Erwerbstätigkeit, allfällige
Erziehungs- und Betreuungsaufgaben, das Alter der versicherten Person, deren
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berufliche Fähigkeiten, Neigungen und Begabungen ausschlaggebend sein.
Abzustellen sei auf die hypothetischen Verhältnisse in tatsächlicher Hinsicht, wie sie
sich bis zum massgebenden Zeitpunkt entwickelt haben würden (vgl. etwa BGE 125 V
150). Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hält sich seit dem
Bundesgerichtsurteil vom 6. August 2007 (I 126/07) an diese Methode, dies entgegen
einer früheren Praxis, die auf eine objektive Zumutbarkeit im fiktiven "Gesundheitsfall"
abstellte (vgl. statt vieler das Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen
vom 26. November 2008, IV 2007/332).
1.2 Käme weiterhin die frühere Praxis des Versicherungsgerichts des Kantons St.
Gallen zur Anwendung, wäre die Beschwerdeführerin im fiktiven "Gesundheitsfall"
objektiv in der Lage, vollzeitlich einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, so dass die
Invalidität anhand eines reinen Einkommensvergleichs nach Art. 16 ATSG zu ermitteln
wäre. Die Beschwerdeführerin wäre nämlich durch nichts daran gehindert, ganztags zu
arbeiten. Dasselbe muss entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin auch bei
einer Anwendung der bundesgerichtlichen Praxis gelten: Die Haushaltabklärung krankt
daran, dass mehrheitlich gar nicht die Beschwerdeführerin, sondern die – eigentlich nur
zu Übersetzungszwecken beigezogene – Tochter als Auskunftsperson befragt worden
ist und dass im Abklärungsbericht insbesondere in bezug auf das Ausmass einer
Erwerbstätigkeit im hypothetischen "Gesundheitsfall" weder die Fragestellung noch die
Antwort – durch die Beschwerdeführerin oder durch die Tochter – korrekt protokolliert
worden ist. In den Akten der Beschwerdegegnerin fehlt also eine überzeugende
Aussage der Beschwerdeführerin zu diesem Thema. Für die Beschwerdegegnerin war
das damals nicht relevant, denn sie hat die Frage nach dem wahrscheinlichsten
Verhalten im hypothetischen "Gesundheitsfall" unabhängig von den Angaben der
Beschwerdeführerin bzw. der Tochter anhand der Realitäten des Arbeitsmarktes und
anhand der konkreten Umstände (extremer Minderlohn in den Jahren 2001/2,
zweijährige Arbeitslosigkeit, krankheitsbedingter Abbruch eines Arbeitsversuchs im
Jahr 2004, dann keine Arbeitsbemühungen mehr) beantwortet, indem sie von einer
Erwerbsquote von 50% ausgegangen ist. Dieser Qualifikation fehlt jede
Überzeugungskraft. Mit den Realitäten des Arbeitsmarktes kann die Abklärungsperson
gemeint haben, dass die Beschwerdeführerin im hypothetischen "Gesundheitsfall" auf
eine Erwerbstätigkeit verzichtete hätte, wenn sie erkannt hätte, dass sie keine Arbeit
finden könne, weil der Arbeitsmarkt keine geeigneten offenen Stellen aufweise. Dann
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wäre es allerdings nicht folgerichtig gewesen, von einer Erwerbsquote von 50%
auszugehen. Die Abklärungsperson könnte mit den Realitäten des Arbeitsmarktes aber
auch gemeint haben, die Beschwerdeführerin hätte nur eine Teilzeitstelle finden
können, weil es für Frauen ohne berufliche Qualifikationen viel mehr Teilzeit- als
Vollzeitstellen gebe. Dem wäre entgegen zu halten, dass die Beschwerdeführerin im
hypothetischen "Gesundheitsfall" auch zwei oder mehr Teilzeitstellen hätte annehmen
können, um so auf einen Beschäftigungsgrad von insgesamt 100% zu kommen. Mit
den Realitäten des Arbeitsmarktes lässt sich also die Frage, in welchem Umfang die
Beschwerdeführerin im hypothetischen "Gesundheitsfall" erwerbstätig gewesen wäre,
nicht überzeugend beantworten. Dasselbe gilt für die erwerbliche Karriere der
Beschwerdeführerin bis zum Arbeitsversuch im Jahr 2004. Abgesehen davon, dass die
Beschwerdeführerin damals schon länger in ihrer Gesundheit beeinträchtigt war, sagen
die Höhe des erzielten Lohnes, die Art der Arbeit und die Arbeitslosigkeit nichts
darüber aus, wie sich die Beschwerdeführerin in der hier massgebenden Zeit ab 2006
in erwerblicher Hinsicht verhalten hätte, wenn sie gesund gewesen wäre. Das bedeutet
zusammengefasst, dass die Beschwerdegegnerin weder mit der Antwort der
Beschwerdeführerin (bzw. der Tochter) noch mit den Überlegungen der
Abklärungsperson eine ausreichend wahrscheinliche Verhaltensweise der
Beschwerdeführerin im hypothetischen "Gesundheitsfall" ermittelt hat. Eine
Rückweisung zur weiteren Abklärung würde die Beweislage nicht verbessern, denn die
– inzwischen anwaltlich vertretene – Beschwerdeführerin würde im Hinblick auf die
äusserst negativen Konsequenzen der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zum Inhalt
der sogenannten gemischten Methode der Invaliditätsbemessung für teils im Erwerb,
teils im Haushalt tätige Personen mit grosser Wahrscheinlichkeit angeben, sie wäre im
hypothetischen "Gesundheitsfall" selbstverständlich vollzeitlich erwerbstätig gewesen.
Damit wäre nicht die wahrscheinlichste, sondern die in bezug auf die
Rentenberechtigung günstigste – und damit für den vorliegenden Fall irrelevante –
Verhaltensvariante im hypothetischen "Gesundheitsfall" ermittelt. Da weitere
Sachverhaltsabklärungen also in antizipierender Beweiswürdigung als nicht
erfolgversprechend zu qualifizieren sind, bleibt nur die Möglichkeit, die für die
Beschwerdeführerin bei objektiver Betrachtungsweise geeignetste Variante
auszuwählen, da es sich dabei um die wahrscheinlichste Verhaltensweise im
hypothetischen "Gesundheitsfall" handelt. Angesichts der desolaten finanziellen Lage
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des Ehepaares I._ und angesichts des bei fehlendem Einkommen der
Beschwerdeführerin drohenden Bedarfs nach Sozialhilfeleistungen kann nur eine
vollzeitliche Erwerbstätigkeit (bzw. mehrere Teilzeitbeschäftigungen mit zusammen
100%) als die wahrscheinlichste Variante des Verhaltens im hypothetischen
"Gesundheitsfall" betrachtet werden, zumal die Beschwerdeführerin keine Kinder mehr
zu betreuen hat. Die Invalidität der Beschwerdeführerin ist deshalb mittels eines reinen
Einkommensvergleichs zu ermitteln.
2.
Gemäss Art. 16 ATSG ist das Einkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt
der Invalidität und nach der Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung zu setzen zum
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Valideneinkommen). Die Ermittlung des Validen- und des zumutbaren
Invalideneinkommens setzt die vorgängige Definition der Validen- und der
Invalidenkarriere voraus. Die Validenkarriere der Beschwerdeführerin ist aufgrund des
Fehlens jeder beruflichen Ausbildung notwendigerweise diejenige einer Hilfsarbeiterin,
die alle Arbeiten, von der körperlich leichten bis zur körperlich schweren, ausüben
kann, selbst wenn dabei unphysiologische Haltungen einzunehmen sind, in anderer
Weise hohe Anforderungen an die körperliche Leistungsfähigkeit gestellt werden, unter
Zeitdruck gearbeitet werden muss usw. Allerdings dürften dabei nur bescheidene
Anforderungen an den Intellekt und an die Deutschkenntnisse der Beschwerdeführerin
gestellt werden. Derartige Hilfsarbeiten werden nicht unterdurchschnittlich entlöhnt,
wie es bei der von der Beschwerdeführerin etwas mehr als ein Jahr ausgeübten
Tätigkeit der Fall gewesen ist. Die Beschwerdeführerin hat zudem nicht aus freien
Stücken, sondern aufgrund der nachteiligen Arbeitsmarktlage keine besser entlöhnte
Arbeitsstelle angenommen. Ausdruck ihrer validen Leistungsfähigkeit ist deshalb nicht
das zuletzt effektiv erzielte Erwerbseinkommen, sondern der Durchschnittslohn der
Hilfsarbeiterinnen. Die Invalidenkarriere ist ebenfalls diejenige einer Hilfsarbeiterin, da
die Beschwerdeführerin offenkundig, auch bei ausreichender Motivation und
Gesundheit, nicht in der Lage ist, eine qualifizierte Berufsausbildung zu absolvieren, um
eine allfällige Arbeitsunfähigkeit ganz oder teilweise durch ein höheres Lohnniveau
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ausgleichen zu können. Über die Qualität einer adaptierten Erwerbstätigkeit ist
aufgrund der vorliegenden Akten nicht mehr bekannt, als dass es sich um eine
körperlich leichte Tätigkeit handeln müsste. Ob die Beschwerdeführerin dabei
durchgehend sitzen könnte/müsste oder ob sie zwischendurch aufstehen und
umhergehen müsste, bis zu welcher Limite sie Gewichte heben und tragen könnte, ob
es ihr zumutbar wäre, unphysiologische Haltungen einzunehmen usw. ist nicht
bekannt. Diesbezüglich erweist sich der Sachverhalt als ungenügend abgeklärt. Erst
recht gilt das für die Frage, welcher Arbeitsfähigkeitsgrad in einer adaptieren
Erwerbstätigkeit möglich und zumutbar wäre. Dr. med. A._ und Dr. med. C._ (der
die Beschwerdeführerin allerdings gar nie umfassend untersucht hat) haben keine
überzeugende Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben. Es fehlen nämlich die
entsprechenden Untersuchungsberichte, soweit überhaupt Untersuchungen erfolgt
sind, es fehlen Angaben dazu, ob es der Beschwerdeführerin möglich wäre, aus
eigener Anstrengung ihren Gesundheitszustand zu verbessern (idealerweise
abzunehmen oder wenigstens die Medikamente zur Beherrschung der Zuckerkrankheit
korrekt einzunehmen), und es fehlt die notwendige Unabhängigkeit in der Beurteilung.
Auch Dr. med. B._ vom RAD hat keine überzeugende Arbeitsfähigkeitsschätzung
abgegeben, denn sie hat sich nur auf die Angaben von Dr. med. A._ und Dr. med.
C._ abgestützt. Sie hat nicht überzeugend zu erklären vermocht, weshalb sie –
abweichend von den Schätzungen der genannten beiden Ärzte – zu einer
Arbeitsfähigkeit von mindestens 80% gekommen ist. Unerklärlich ist, weshalb sie nicht
einen Bericht des neuen Hausarztes Dr. med. D._ eingeholt und in ihre Beurteilung
einbezogen hat. Auch die der Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens
zugrunde gelegte Arbeitsfähigkeit beruht somit nicht auf einer ausreichenden
medizinischen Abklärung und ist deshalb nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
richtig. Die Beschwerdegegnerin wird sowohl die Qualität einer adaptierten
Erwerbstätigkeit als auch die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in einer solchen
Erwerbstätigkeit noch abzuklären haben, wobei es sich angesichts der massiven
Diskrepanz zwischen der Selbsteinschätzung der Beschwerdeführerin und der
vorläufigen ärztlichen Einschätzung rechtfertigt, die Abklärung einerseits
polydisziplinär, d.h. unter Beizug eines Psychiaters und allenfalls auch eines
Augenarztes, und andererseits durch unabhängige Sachverständige vornehmen zu
lassen. Dabei wird auch die Frage zu prüfen sein, inwieweit es der Beschwerdeführerin
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möglich und zumutbar ist, sich in Erfüllung der IV-spezifischen
Schadenminderungspflicht für eine Verbesserung ihres Gesundheitszustandes
einzusetzen.
3.
Gemäss den vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen, die
angefochtene Verfügung vom 31. Oktober 2008 ist aufzuheben und die Sache ist zur
weiteren Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Rechtsprechungsgemäss ist dieser Verfahrensausgang im Hinblick auf die
Verfahrenskosten als vollständiges Obsiegen der Beschwerdeführerin zu betrachten.
Die Beschwerdegegnerin hat deshalb eine ungekürzte Parteientschädigung
auszurichten und die Gerichtskosten zu bezahlen. Die Parteientschädigung richtet sich
nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 61
lit. g ATSG). Die geltend gemachte Parteientschädigung von Fr. 2587.80 (inklusive
Barauslagen und Mehrwertsteuer) erweist sich unter Berücksichtigung dieser Kriterien
als angemessen. Die Gerichtsgebühr richtet sich nach dem Verfahrensaufwand (Art. 69
Abs. 1 IVG). Dieser ist als unterdurchschnittlich zu werten, so dass sich eine
Gerichtsgebühr von Fr. 500.- rechtfertigt. Praxisgemäss ist die Bewilligung der
unentgeltlichen Prozessführung unter diesen Umständen als gegenstandslos zu
betrachten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG