Decision ID: 469f169b-0a25-46e9-a371-b99b76e301e5
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Roland Hochreutener, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 29. März 2007 zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1).
Die Firma B._ AG teilte am 1. Mai 2007 mit (IV-act. 16), sie habe die Versicherte vom
7. April 2000 bis 28. Februar 2005 (letzter effektiver Arbeitstag: 22. September 2004)
vollzeitlich beschäftigt. Der Lohn würde aktuell ca. Fr. 4500.-- monatlich betragen. Dr.
med. C._, Facharzt FMH für Allgemeine Medizin, Sportarzt SGSM, berichtete der IV-
Stelle am 10. Mai 2007 (IV-act. 17), die Versicherte leide an rezidivierenden
Anpassungsstörungen mit depressiven Reaktionen bei emotional instabiler
Persönlichkeit (DD: Borderline-Typus). Seit dem 22. Mai 2006 sei sie zu 100%
arbeitsunfähig. Dr. med. D._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, und
E._, Psychologin FH, von der Klinik F._ führten am 15. Juni 2007 aus (IV-act. 28),
die Versicherte leide an einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung, impulsiver
Typ, an einer Agoraphobie mit Panikstörung, anamnestisch an Polytoxikomanie sowie
an psychosozialer Überforderung. Als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern sei die
Versicherte an der Grenze ihrer Belastbarkeit, so dass ihr daneben keine
Erwerbstätigkeit zumutbar sei. Die Eingliederungsberaterin hielt am 18. Juni 2007 u.a.
fest (IV-act. 29), die Versicherte sei an ihrem letzten Arbeitsplatz zu 100% tätig
gewesen. Sie müsste auch jetzt zu 100% einer Erwerbstätigkeit nachgehen, wenn die
Situation mit den Kindern geklärt wäre. Dr. med. G._, Facharzt FMH für Psychiatrie
und Psychotherapie, berichtete der IV-Stelle am 16. Juli 2007 (IV-act. 33), die
Versicherte leide an einer Borderline-Störung vom impulsiven Typ, an
wiederkehrenden, längerdauernden depressiven Verstimmungen bei anhaltender
psychosozialer Überforderung und an Polytoxikomanie. Sie sei auch nach dem Austritt
aus der Klinik F._ weiterhin zu 100% arbeitsunfähig gewesen. Der
Gesundheitszustand sei stationär und könne durch medizinische Massnahmen nicht
verbessert werden. Die Gründe für die Überforderung seien die erheblich reduzierte
Stress- und Frustrationstoleranz, der zuwenig konstante innere Antrieb, die Neigung zu
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impulsiven Handlungen, die mangelnde Bündnisfähigkeit und die erheblich verminderte
Introspektionsfähigkeit. Dr. med. H._ vom RAD hielt am 22. November 2007 u.a. fest
(IV-act. 36), er könne die Qualifikation als 100% erwerbstätig nicht nachvollziehen. Es
sei doch gerade das Problem, dass die Versicherte als Mutter keiner Erwerbstätigkeit
nachgehen könne. Er bitte daher, die Qualifikation zu überprüfen. Am 15. Januar 2008
erfolgte eine Abklärung an Ort und Stelle.
A.b Gemäss dem dazu erstellten Bericht vom 1. Februar 2008 (IV-act. 47) gab die
Versicherte dabei an, sie würde mit einem Pensum von ca. 80% arbeiten, wenn sie
gesund wäre. Für den Sohn stünde ein Mittagstisch im Ort zur Verfügung und die
Tochter könnte bei ihrer Grossmutter platziert werden. Bezüglich Kinderalimente könne
sie vom Vater wenig erwarten, da er im Service nicht viel verdiene. Als das ältere Kind
noch ein Baby gewesen sei, habe sie noch voll gearbeitet. Sie sei aus wirtschaftlichen
Gründen zu dieser Extrembelastung gezwungen gewesen. Die Abklärungsperson
ermittelte gemäss den Ausführungen im Bericht anhand der Auskünfte der Versicherten
eine Invalidität im Haushalt von 17,03%. Sie hielt weiter fest, die Beurteilung in bezug
auf die Qualifikation der Versicherten als erwerbstätig oder im Haushalt tätig müsse
sich an vernünftigen und realistischen Kriterien und nicht am wirtschaftlichen Bedarf
orientieren. Mit Blick auf das Alter der Kinder stelle momentan ein 50%iges Pensum als
Erwerbstätige die maximale Grösse dar. Ein höheres Pensum würde auch bei einer
gesunden Person mit grösster Wahrscheinlichkeit zu einer Überforderung führen.
Abschliessend stellte die Abklärungsperson fest, die geltend gemachten
Einschränkungen in den Bereichen Wäsche und Wohnungspflege seien vor Ort
einsehbar gewesen. Dr. med. I._, Arzt für Neurologie und Psychiatrie,
Magnetresonanztomographie, Sozialmedizin und Rehabilitationswesen, berichtete in
seinem von der IV-Stelle in Auftrag gegebenen Gutachten vom 11. Mai 2008 (IV-act.
50), die Versicherte leide an einer gemischten Persönlichkeitsstörung, an einer
Polytoxikomanie (gegenwärtig Abstinenz), und an einer gestörten Impulskontrolle mit
einem nicht stoffgebundenen, suchtartigen Verhalten. Die Persönlichkeitsstörung sei
mittelschwer. Sie habe auf der Schädigungsebene eine Beeinträchtigung der
Affektivität, des Selbstbewusstseins, der Wahrnehmung der eigenen Person, des
formalen und inhaltlichen Denkens, des Antriebs, der inneren Einstellung und sekundär
auch der Kognition zur Folge. Auf der Fähigkeitsebene resultiere in erster Linie eine
erheblich eingeschränkte Fähigkeit zur Anpassung an Regeln und Routinen, zur
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Flexibilität und zur Umstellung, zur Ausdauer und zur Fähigkeit zum Durchhalten.
Eingeschränkt sei die Fähigkeit zur Selbstbehauptung in der sozialen Interaktion mit
anderen als regressiven Mitteln. Dies habe eine erhebliche Auswirkung auf die Ebene
der Teilhabe und Partizipation sowohl im Beruf als auch im ausserberuflichen Alltag.
Zweifel an der Plausibilität der Angaben der Versicherten im Sinn einer Hervorhebung
und Verdeutlichung oder gar einer Simulation habe es nicht gegeben. Der
Gesundheitsschaden sei stabil. Der Beginn könne auf die Kündigung im Jahr 2004
festgelegt werden. In der angestammten Tätigkeit sei die Versicherte zu 50%, in einer
adaptierten Tätigkeit ("Bedingungen des geschützten Rahmens") zu 100% und im
Haushalt zu 75% arbeitsfähig. Die Festlegung des Arbeitsfähigkeitsgrades sei
besonders schwer gewesen, weil die Versicherte gesundheitsbedingt die Angaben zur
Krankheitsgeschichte, zur Biographie und zur sozialen Situation nicht direkt, klar und
eindeutig habe machen können. Ausgehend von einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 50%
ermittelte die IV-Stelle eine Invalidität im Erwerb von 0%, weil die Erwerbsquote von
50% damit vollumfänglich erreicht werden konnte. Im Haushalt ergab sich aufgrund
einer Haushaltquote von ebenfalls 50% ein anteiliger Invaliditätsgrad von 9% (50% von
gerundet 17%). Mit einer Verfügung vom 8. Dezember 2008 wies die IV-Stelle das
Rentenbegehren ab (IV-act. 59, 60). Diese Verfügung erwuchs unangefochten in
formelle Rechtskraft.
B.
B.a Am 23. September 2009 füllte die Versichert erneut die Anmeldung zum Bezug
einer Invalidenrente aus (IV-act. 62). Die IV-Stelle forderte sie auf, mittels Unterlagen
wie etwa ausführlichen Arztberichten, Lohnausweisen etc. glaubhaft zu machen, dass
sich der Invaliditätsgrad seit der Abweisung des ersten Rentenbegehrens erheblich
verändert habe (IV-act. 63). Dr. J._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
berichtete der IV-Stelle am 20. Oktober 2009 (IV-act. 64), der aktuelle
Gesundheitszustand unterscheide sich nur unwesentlich von demjenigen im
September 2008. Die Stimmung schwanke zwischen kindlich heiter und traurig,
gequält, hilflos. Die Versicherte wirke reizbar, zeige eine deutlich verminderte
Frustrationstoleranz, das Fremdbild sei von Extremen gekennzeichnet und die
Konfliktfähigkeit sowie die emotionale Stabilität seien deutlich vermindert. Es finde sich
ein sehr geringes Selbstwertgefühl. Die Versicherte klage über
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Stimmungsschwankungen, Depressivität (Leere), Müdigkeit/Erschöpfung,
Wutausbrüche, Panikzustände, vegetative Syndrome, Schlafstörungen,
Konzentrationsstörungen, gelegentliche Selbstverletzungen, gelegentliche
Suizidgedanken, Überforderung mit den Kindern und Probleme mit der Mutter. Die
Diagnose laute: Anpassungsstörung mit Angst und Depressivität bei Borderline-
Persönlichkeitsstörung. Seit ca. September 2008 bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von
100%. Die Versicherte selbst teilte der IV-Stelle am 22. Oktober 2008 mit (IV-act. 66),
die Tochter sei nun zweieinhalb Jahre alt. Sie könnte also tagsüber bei einer Tages
mutter oder im Kinderhort sein. Dem Sohn stünde in der Schule ein Mittagstisch zur
Verfügung, er könnte aber allenfalls auch bei der Tagesmutter der Tochter essen. Die
Versicherte leitete daraus ab, dass sie nun wieder zu 80-100% einer Erwerbstätigkeit
nachgehen könnte, wenn sie gesund wäre. Dr. J._ bestätigte seine Angaben im
Rahmen eines Telephongesprächs vom 5. November 2009 (IV-act. 69). Dr. C._ gab
am 6. November 2009 telephonisch an, somatisch lägen keine die Arbeitsfähigkeit
relevant beeinträchtigenden Einschränkungen vor. Derzeit befinde sich die Versicherte
in einer psychisch guten Verfassung. Sie könnte vier Stunden täglich arbeiten (vgl. 70).
Dr. med. M. K._ vom RAD notierte am 9. März 2010 (IV-act. 78), auf die
Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. J._ könne nicht abgestellt werden. Die
psychosozialen Probleme stünden bei der Versicherten im Vordergrund. Deshalb gelte
weiterhin eine Arbeitsfähigkeit von 50%.
B.b Die IV-Stelle beschloss, an der anlässlich der Haushaltabklärung ermittelten
Qualifikation der Versicherten als zu 50% erwerbstätig festzuhalten, da die Tochter erst
knapp dreijährig sei (IV-act. 79). Mit einem Vorbescheid vom 11. März 2010 kündigte
sie der Versicherten die Abweisung des Rentengesuchs an (IV-act. 81), da sich der
Gesundheitszustand nicht verändert habe und da an der Qualifikation (50% Erwerb und
50% Haushalt) festzuhalten sei. Die Versicherte liess am 19. April 2010 weitere
Abklärungen, eventualiter die Ausrichtung einer Rente ab 1. April 2007 beantragen (IV-
act. 85). Ihr Rechtsvertreter machte geltend, es könne nicht auf das Gutachten von Dr.
I._ abgestellt werden, weil nicht dargelegt worden sei, weshalb trotz der erheblichen
Auswirkungen der Krankheit immer noch eine Arbeitsfähigkeit von 50% bestehen
sollte, weil die Abklärung einer Sucht unzulässigerweise unterblieben sei und weil Dr.
I._ nicht dargelegt habe, wie eine angepasste Tätigkeit aussehen würde. Aufgrund
ihrer sehr angespannten finanziellen Lage und des Umstands, dass vor dem Eintritt der
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Arbeitsunfähigkeit eine vollzeitliche Erwerbstätigkeit ausgeübt worden sei, müsse die
Versicherte als zu 100% erwerbstätig qualifiziert werden. Sollte auf die Arbeitsfähigkeit
von 50% abgestellt werden, resultiere ein Invaliditätsgrad von 58%, denn es sei ein
zusätzlicher Abzug vom Tabellenlohn von 15% erforderlich. Da die Anmeldung am 29.
März 2007 erfolgt sei, müsse der Rentenbeginn auf den 1. März 2006 festgelegt
werden. Dr. K._ vom RAD hielt am 9. Juni 2010 fest (IV-act. 86), die
Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. I._ sei nachvollziehbar, da die Versicherte trotz
der Persönlichkeitsstörung einen Beruf habe erlernen und bis 2005 auch habe ausüben
können. Dr. J._ habe nahezu dasselbe Persönlichkeitsbild und dieselben
Einschränkungen geschildert. Bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung habe er aber
weitgehend auf die subjektiven Angaben der Versicherten abgestellt. Dr. I._ habe die
Suchtabstinenz als mit hinreichender Sicherheit nachgewiesen qualifiziert. Mit einer
Verfügung vom 10. Juni 2010 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren ab (IV-act. 87).
C.
C.a Die Versicherte liess am 12. Juli 2010 Beschwerde erheben und sinngemäss die
Rückweisung zur weiteren Abklärung, eventualiter die Ausrichtung einer halben
Invalidenrente ab 1. März 2010 beantragen (act. G 1). Zur Begründung führte ihr
Rechtsvertreter zunächst die bereits in der Stellungnahme zum Vorbescheid
vorgebrachte Kritik am Gutachten von Dr. I._ ins Feld. Er machte zusätzlich geltend,
dieses Gutachten sei nicht mehr aktuell. Eine kritische Auseinandersetzung mit den
Angaben von Dr. J._ sei unterblieben, obwohl dieser angenommen habe, dass die
Beschwerdeführerin auf dem freien Arbeitsmarkt nicht mehr vermittelbar sei. Unter
diesen Umständen hätte es einer umfassenden psychiatrischen Abklärung bedurft. Der
Status (50% Erwerb, 50% Haushalt) beruhe einzig auf einer Hypothese des RAD-
Arztes, wobei insbesondere unklar sei, ob dieser von der Doppelbelastung durch
Erziehung und Beruf allein ausgegangen sei oder ob er die Krankheit mit einbezogen
habe. Auf eine entsprechende allgemeine Erfahrung betreffend das Verhalten von
Frauen nach der Geburt eines Kindes könne nicht mehr zurückgegriffen werden. Der
finanzielle Bedarf der Beschwerdeführerin sei nicht einbezogen worden. Diese sei
geschieden und erhalte keine Unterhaltsleistungen. Dementsprechend sei sie als
vollerwerbstätig zu qualifizieren. Beim Einkommensvergleich müsse ein zusätzlicher
Abzug von 15% vom statistischen Durchschnittseinkommen erfolgen. Da die
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Neuanmeldung im September 2009 erfolgt sei, müsse der Rentenbeginn auf den 1.
März 2010 festgelegt werden.
C.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 31. August 2010 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Sie begründete dies mit dem Argument, dass auf die
Beurteilung durch den RAD abgestellt werden dürfe, wenn sie den allgemeinen
beweisrechtlichen Anforderungen an einen ärztlichen Bericht genüge. Dazu sei nicht
zwingend auch die Untersuchung der versicherten Person erforderlich. Die
Ausführungen des RAD-Arztes vom 9. Juni 2010 überzeugten, weshalb zu Recht eine
Veränderung des Gesundheitszustands seit der Abweisung vom Dezember 2008
verneint worden sei. Das gelte auch für die Verhältnisse, die der Qualifikation der
Beschwerdeführerin als zu 50% erwerbstätig und zu 50% im Haushalt tätig zugrunde
lägen. Das zweite Kind sei nämlich noch nicht dem betreuungsintensiven Kleinkindalter
entwachsen. Es bestehe eine Situation wie bei einer Rentenrevision, wo mangels
Änderung der Arbeitsunfähigkeit und der erwerblichen Verhältnisse keine Anpassung
möglich sei.
C.c Die Beschwerdeführerin liess am 4. Oktober 2010 einwenden (act. G 6), der
Widerspruch zwischen der Einschätzung des Gutachters und derjenigen des
behandelnden Psychiaters sei ungelöst. Die wirtschaftliche Situation habe sich
verändert, da im September 2008 die Scheidung erfolgt sei. Sie sei seither in noch viel
höherem Ausmass auf das Einkommen aus einer vollzeitlichen Erwerbstätigkeit
angewiesen. Die Beschwerdegegnerin habe keine plausiblen Gründe für ein Festhalten
an der bisherigen Qualifikation vorgebracht. Sie habe nach wie vor nicht begründet,
weshalb sich die medizinischen Abklärungen auf ein kurzes Telephongespräch mit dem
behandelnden Arzt habe beschränken dürfen.
C.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 7. Oktober 2010 auf eine Duplik (act. G 8).

Erwägungen:
1.
Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert, so wird eine
neue Anmeldung nur geprüft, wenn darin glaubhaft gemacht wird, dass sich der
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Invaliditätsgrad in einer für den Rentenanspruch erheblichen Weise geändert hat (Art.
87 Abs. 4 IVV, seit 1. Januar 2012 Art. 87 Abs. 3 IVV). Da das vorgedruckte
Anmeldeformular keinen Hinweis auf diese Regelung enthält, hat die
Beschwerdeführerin in ihrer Neuanmeldung vom 23. September 2009 (vgl. IV-act. 62)
nichts vorgebracht, das geeignet gewesen wäre, eine Erhöhung des Invaliditätsgrades
auf mindestens 40% glaubhaft zu machen. Deshalb hat die Beschwerdegegnerin die
Beschwerdeführerin in Erfüllung der Informationspflicht (Art. 27 Abs. 1 ATSG)
aufgefordert, eine allfällige Veränderung glaubhaft zu machen. Die Beschwerdeführerin
hat auf diese Aufforderung reagiert, indem sie Dr. J._ veranlasst hat, der
Beschwerdegegnerin über den aktuellen Gesundheitszustand zu berichten. In seinem
Zeugnis vom 20. Oktober 2009 (vgl. IV-act. 64) hat Dr. J._ aber keine erhebliche
Veränderung angegeben. Er hat vielmehr festgehalten, dass sich der aktuelle
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin nur unwesentlich von jenem im
September 2008 (Behandlungsbeginn) unterscheide. Da die ursprüngliche
Abweisungsverfügung erst am 8. Dezember 2008 ergangen ist (vgl. IV-act. 60), hat Dr.
J._ also keine erhebliche Veränderung des Gesundheitszustandes, sondern eher das
Gegenteil glaubhaft gemacht. Auf die Angaben von Dr. J._ hat die
Beschwerdegegnerin ihr de facto erfolgtes Eintreten auf die Neuanmeldung somit nicht
abstützen können. Die Beschwerdeführerin selbst hat am 27. Oktober 2009 gegenüber
der Beschwerdegegnerin geltend gemacht, sie wäre zu 80% bis 100% erwerbstätig,
wenn sie gesund wäre, denn die Tochter sei nun zweieinhalbjährig und könnte bei einer
Tagesmutter oder im Kinderhort untergebracht werden (vgl. IV-act. 66). Da sie
alleinerziehend sei und nur wenig Alimente erhalte, würde sie wieder zu arbeiten
beginnen. Die Beschwerdegegnerin muss diese Ausführungen zunächst als glaubhaft
qualifiziert haben, denn das de facto erfolgte Eintreten auf die Neuanmeldung kann gar
nicht mehr anders begründet gewesen sein. Bei der materiellen Beurteilung der
Neuanmeldung ist die Beschwerdegegnerin dann allerdings anderer Meinung gewesen,
d.h. sie hat es als plausibler betrachtet, dass die Beschwerdeführerin, wäre sie gesund,
weiterhin nur zu 50% einer Erwerbstätigkeit nachginge. Das Eintreten auf die
Neuanmeldung ist trotzdem rechtmässig gewesen, denn die frühere Qualifikation der
Beschwerdeführerin als nur zu 50% erwerbstätig war anlässlich der ursprünglichen
Beurteilung eines Rentenanspruchs hauptsächlich mit dem (damaligen) Alter der
Tochter begründet worden. Bei einer vorläufigen Beurteilung im Rahmen einer
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Glaubhaftmachung hat durchaus als plausibel betrachtet werden können, was bei der
sorgfältigen Prüfung anlässlich der Beurteilung des neuen Rentenbegehrens dann nicht
mehr als überzeugend qualifiziert worden ist. Das Eintreten auf die Neuanmeldung
erweist sich somit als rechtmässig.
2.
Die Beschwerdegegnerin ist bei der erstmaligen Prüfung eines Rentenanspruchs davon
ausgegangen, dass die Beschwerdeführerin, wäre sie gesund, nur zu 50% einer
Erwerbstätigkeit nachginge und im übrigen im eigenen Haushalt tätig wäre. Deshalb
hat die Beschwerdegegnerin die sogenannte gemischte Methode der
Invaliditätsbemessung (Art. 28a Abs. 3 IVG) angewendet. Für den Erwerbsteil hat sie
einen Einkommensvergleich (Art. 16 ATSG) und für den Haushaltteil einen
Betätigungsvergleich (Art. 28a Abs. 2 IVG) angestellt. Die Beschwerdeführerin hat nun
zwei Jahre später geltend gemacht, sie wäre zu 100% erwerbstätig, wenn sie gesund
wäre. Deshalb müsse ihr Invaliditätsgrad ausschliesslich anhand eines
Einkommensvergleichs ermittelt werden. Die Antwort auf die Frage, wie sich eine
Person verhalten würde, wenn sie gesund wäre, setzt zunächst voraus, dass der reale,
effektiv bestehende Sachverhalt mit einem fiktiven Sachverhaltselement kombiniert
wird. Im vorliegenden Fall muss die reale familiäre Situation der Beschwerdeführerin
mit der Fiktion einer vollständig erhaltenen Gesundheit kombiniert werden, d.h. der
effektive Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin muss "ausgeblendet" werden.
Der Sachverhalt, auf den bei der Beantwortung der Frage nach dem Verhalten im
fiktiven "Gesundheitsfall" abzustellen ist, besteht also aus einem realen, mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachweisbaren Teil (familiäre
Verhältnisse), aus der Fiktion, dass die Beschwerdeführerin gesund sei, und zusätzlich
auch noch aus einem rein hypothetischen Teil, nämlich dem hypothetischen Verhalten
der Beschwerdeführerin in der realen familiären Situation bei einer fiktiv vollständig
erhaltenen Gesundheit. Dieses hypothetische Verhalten ist nicht wie die Fiktion der
vollständig erhaltenen Gesundheit vorgegeben und es ist nicht wie die realen familiären
Verhältnisse nachweisbar. Vielmehr steht der versicherten Person eine Vielzahl
möglicher hypothetischer Verhaltensweisen zur Verfügung. Die Auswahl der im
Einzelfall zutreffenden hypothetischen Verhaltensweise kann nur anhand des Kriteriums
der Plausibilität erfolgen: Welches Verhalten der versicherten Person ist in der realen
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familiären Situation und unter Berücksichtigung der Fiktion der vollständig erhaltenen
Gesundheit die plausibelste? Wenn bei der Beantwortung dieser Frage von der
überwiegend wahrscheinlichsten Variante der hypothetischen Verhaltensweise die
Rede ist, so kann damit natürlich nicht das übliche Beweismass für reale Sachverhalte,
sondern nur die "überwiegende Plausibilität" einer bestimmten hypothetischen
Verhaltensvariante gemeint sein. Indizien für die eine oder die andere hypothetische
Verhaltensweise (z.B. die Antwort der versicherten Person auf die Frage nach ihrem
hypothetischen Verhalten im fiktiven "Gesundheitsfall" oder die finanziellen Verhältnisse
der Familie der versicherten Person) können natürlich mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit ermittelt werden, da sie Teil des realen
Sachverhalts bilden. Das bedeutet aber auch, dass sie sich im Sinn des
Revisionsrechts (Art. 17 ATSG) nachträglich verändern können, womit sich dann die
Frage stellt, ob die früher als plausibelste betrachtete hypothetische Verhaltensvariante
immer noch die plausibelste sei. Die Beschwerdegegnerin geht davon aus, dass die
plausibelste hypothetische Verhaltensweise immer noch darin bestehe, dass die
Beschwerdeführerin neben ihrer Aufgabe als Hausfrau und Mutter zu 50% einer
Erwerbstätigkeit nachgehen würde. Die Beschwerdeführerin hingegen bezeichnet die
Ausübung einer Erwerbstätigkeit mit einem Beschäftigungsgrad von 80% bis 100% als
ihre plausibelste hypothetische Verhaltensweise im fiktiven Gesundheitsfall. Die
Beschwerdegegnerin begründet ihre Auffassung wie bereits bei der früheren Prüfung
eines Rentenanspruchs damit, dass die Beschwerdeführerin nur halbtags erwerbstätig
sein könnte, da sie den Rest des Tages dazu benützen müsste, die beiden Kinder zu
betreuen und den Haushalt zu besorgen. Die Beschwerdegegnerin macht geltend, sie
orientiere sich bei ihrer Auffassung an vernünftigen und realistischen Grössen und nicht
am wirtschaftlichen Bedarf. Die Tochter der Beschwerdeführerin sei nämlich erst drei
Jahre alt und damit dem betreuungsintensiven Kleinkindalter noch nicht entwachsen.
Das Argument, sie könnte die tagsüber notwendige Betreuung der Kinder "delegieren",
bei der Tochter an eine Tagesmutter oder an eine Kinderkrippe, beim Sohn an den
Mittagstisch der Schule, an die Grossmutter der beiden Kinder oder allenfalls auch an
die Tagesmutter der Tochter, beinhaltet konkludent das Argument, die sich aus der
familiären Situation ergebenden Indizien seien aufgrund der seit der letzten
Rentenprüfung eingetretenen Entwicklung der Kinder nun andere. Dieses Argument ist
korrekt, denn die Kinder sind älter geworden, wodurch sich auch die Art und der
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Umfang der Betreuungsbedürftigkeit verändert haben. Dieser Umstand ist von der
Beschwerdegegnerin nicht gewürdigt worden. Die Beschwerdegegnerin hat aber auch
nicht erklärt, weshalb die finanzielle Situation der Familie der Beschwerdeführerin als
Indiz zum vornherein nicht in Frage komme. Sie hat bei ihrer Beurteilung zu Unrecht
den erwerblichen Aspekt ausser Acht gelassen. Die Beschwerdeführerin bezieht
Sozialhilfe und wäre schon aufgrund der in diesem Bereich geltenden
Schadenminderungspflicht verpflichtet, ihre Erwerbstätigkeit nach Möglichkeit
auszuweiten. Zwar kann eine Ausweitung auf 100% bei zwei zu betreuenden Kindern
nicht leichthin angenommen werden, aber die Beschwerdeführerin hat früher ihr erstes
Kind fremdbetreuen lassen, um vollzeitlich arbeiten zu können. Ihre Aussage, sie würde
nun (im hypothetischen Gesundheitsfall) mit der knapp dreijährigen Tochter dasselbe
tun, ist deshalb glaubhaft. Sowohl die veränderte Betreuungsbedürftigkeit der Kinder
als auch der finanzielle Bedarf der Familie sind auf dem Hintergrund der Fiktion einer
vollständig erhaltenen Gesundheit der Beschwerdeführerin zu würdigen. Als Gesunde
wäre die Beschwerdeführerin in der Lage, neben einer vollzeitlichen Erwerbstätigkeit
den Haushalt zu besorgen und die Kinder ausserhalb der Arbeitszeiten zu betreuen und
zu versorgen. Dass sie als Gesunde aufgrund des Fehlens jedwelchen Einkommens
(mit Ausnahme der Bevorschussung der Kinderalimente) wirtschaftlich auf einen Lohn
aus einer vollzeitlich ausgeübten Erwerbstätigkeit angewiesen wäre, ist offenkundig. Zu
prüfen bleibt also nur, ob es der gesunden Beschwerdeführerin möglich wäre, die
Betreuung der beiden Kinder während den Arbeitszeiten zu organisieren. Für den
älteren Sohn ist diese Frage anhand der von der Beschwerdeführerin angegebenen
Indizien (Mittagstisch der Schule, Grossmutter) zu bejahen. Bei der Tochter mag es im
Säuglingsalter tatsächlich noch nicht möglich oder zumutbar gewesen sein, tagsüber
eine Betreuung durch eine Drittperson zu organisieren. Inzwischen ist die Tochter zwar
immer noch ein Kleinkind, aber es sind keine Gründe ersichtlich, weshalb sie nicht
durch eine Tagesmutter betreut werden oder sich ganztägig in einer Kinderkrippe
aufhalten könnte. Die Beschwerdeführerin ist deshalb neu durch ihre beiden Kinder
nicht mehr daran gehindert, im fiktiven "Gesundheitsfall" vollzeitlich einer
Erwerbstätigkeit nachzugehen. Die aktuellen Indizien lassen diese hypothetische
Verhaltensweise der Beschwerdeführerin als die plausibelste erscheinen. Die
Beschwerdeführerin ist deshalb im Hinblick auf die Wahl der Bemessungsmethode als
vollerwerbstätig zu qualifizieren, so dass ihr Invaliditätsgrad anhand eines reinen
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Einkommensvergleichs (Art. 16 ATSG) zu ermitteln ist. In diesem Wechsel der Be
messungsmethode ist eine im Sinne des Revisionsrechts (Art. 17 Abs. 1 ATSG)
relevante Veränderung zu erblicken, so dass eine Neuprüfung der Rentenberechtigung
zulässig ist.
3.
Anspruch auf eine Invalidenrente hat, wer zu mindestens 40% invalid ist (Art. 28 Abs. 2
IVG). Gemäss Art. 16 ATSG ist zur Bemessung des Invaliditätsgrades das Einkommen,
das die versicherte Person nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung
der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine
ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung zu setzen zum Erwerbseinkommen, das sie
erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
Ausschlaggebendes Element der Bemessung des zumutbaren Invalideneinkommens
und damit indirekt des Invaliditätsgrades ist in aller Regel der Grad der verbliebenen
Arbeitsfähigkeit. Dr. J._ hat eine vollständige Arbeitsunfähigkeit der
Beschwerdeführerin angegeben, während Dr. C._ von einer Arbeitsfähigkeit von 50%
ausgegangen ist. Dr. J._ hat aber auch angegeben, der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin habe sich seit September 2008 kaum verändert. Deshalb hat Dr.
K._ vom RAD festgestellt, dass im erwerblichen Bereich mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit nach wie vor eine Restarbeitsfähigkeit von 50% bestehe. Da jedes
Indiz für eine nach dem 8. Dezember 2008 eingetretene, relevante Verschlechterung
des Gesundheitszustands fehlt, überzeugt die Einschätzung von Dr. K._. Die
Beschwerdegegnerin hat deshalb zu Recht auf eine weitere medizinische Abklärung in
bezug auf die Restarbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin verzichtet.
4.
Da die Beschwerdegegnerin es als Folge der Anwendung der gemischten Methode der
Invaliditätsbemessung für den erwerblichen Teil de facto bei einem Prozentvergleich
hat bewenden lassen, rechtfertigt es sich, die weiteren Schritte des
Einkommensvergleichs (nebst allfälligen noch notwendigen Sachverhaltsabklärungen)
zur erstinstanzlichen Beurteilung der Beschwerdegegnerin zu überlassen. Damit ist kein
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prozessökonomischer Nachteil verbunden, denn die Sache müsste auch dann an die
Beschwerdegegnerin zurückgewiesen werden, wenn der Invaliditätsgrad abschliessend
durch das Gericht ermittelt würde. Die Ermittlung des Rentenbetrages auf der
Grundlage der beitragspflichtigen Einkommen wäre nämlich auf jeden Fall Sache der
Beschwerdegegnerin. Da - vorbehältlich des Ergebnisses der Prüfung der
versicherungsmässigen Voraussetzungen - ein Rentenanspruch besteht, muss im
Hinblick auf die Verfahrenskosten von einem vollumfänglichen Obsiegen der
Beschwerdeführerin ausgegangen werden. Die Beschwerdegegnerin hat somit der
Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung und dem Gericht dessen Kosten zu
bezahlen. Die Höhe der Parteientschädigung richtet sich nach der Bedeutung der
Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 61 lit. g ATSG). Unter
Berücksichtigung dieser Kriterien erweist sich der Vertretungsaufwand als
durchschnittlich, was praxisgemäss eine Parteientschädigung von Fr. 3500.-- (inklusive
Barauslagen und Mehrwertsteuer) rechtfertigt. Die Gerichtsgebühr richtet sich nach
dem Verfahrensaufwand (Art. 69 Abs. 1 IVG). Auch dieser erweist sich als
durchschnittlich, was praxisgemäss eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- rechtfertigt. Der
von der Beschwerdeführerin in gleicher Höhe geleistete Kostenvorschuss ist
zurückzuerstatten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP