Decision ID: 7bf8acb4-2c60-49f4-9b83-4f199735405d
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
W._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Roland Hochreutener, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rentenrevision
Sachverhalt:
A.
A.a W._, Jahrgang 1973, meldete sich im Mai 1993 erstmals zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung (IV) an (IV-act. 5). Dr. med. A._, Oberarzt, und
die Psychologin lic. phil. B._, beide von der Psychiatrischen Klinik, berichteten am
21. Juni 1993 von einer langdauernden schweren depressiven Reaktion im Rahmen
einer schweren Adoleszentenkrise, einem Zustand nach Suizidversuch und einer
Bulimie (IV-act. 8). Nach längerer stationärer Therapie wurde eine von der IV finanzierte
berufliche Abklärung in der Zeit vom 31. Januar bis 24. Juni 1994 durchgeführt (vgl. IV-
act. 20; 29). Mit Verfügung vom 31. März 1994 sprach die IV der Versicherten vom
1. Juni 1993 bis 31. Januar 1994 eine ganze Invalidenrente bei einem Invaliditätsgrad
von 100% zu (IV-act. 24). Im August 1994 begann sie mit Unterstützung der IV eine
Lehre zur kaufmännischen Angestellten (IV-act. 36), die schliesslich in eine zweijährige
Bürolehre umgewandelt wurde (IV-act. 46). Nach deren Abschluss arbeitete sie ab
1. Juni 1997 als Büroangestellte vollzeitlich bei der Gemeinde D._ (IV-act. 67).
B.
B.a Im April 2002 meldete sich die Versicherte erneut zum IV-Leistungsbezug an (IV-
act. 57). Im Bericht der Psychologin B._, unterdessen therapeutische Leiterin, und
Dr. med. E._ des Externen Psychiatrischen Dienstes C._ (EPD), vom 21. Mai 2002
wird die Diagnose rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode
ohne psychotische Symptome, genannt. Nach unterschiedlich hohen
Arbeitsunfähigkeiten seit Januar 2001 bestehe seit 4. Februar 2002 bis auf Weiteres
erneut volle Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 68). Im Verlaufsbericht vom 26. März 2003
wurde seitens des EPD von einer Verbesserung berichtet und eine gegenwärtig
mittelgradige depressive Episode attestiert (IV-act. 74).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.b Mit Verfügungen vom 19. Februar 2004 sprach die IV-Stelle der Versicherten
rückwirkend ab 1. Februar 2003 bei einem Invaliditätsgrad von 100% eine ganze und
ab 1. Dezember 2003 bei einem Invaliditätsgrad von 50% eine halbe Invalidenrente zu
(IV-act. 94). Dagegen erhob die Versicherte am 1. März 2004 Einsprache. Sie wies
darauf hin, im Januar 2004 ihr erstes Kind geboren zu haben. Die Wiederaufnahme
einer Arbeit sei aus psychischen Gründen zurzeit kein Thema (IV-act. 95). Gemäss
Bericht des EPD vom 10. März 2004 kam es nicht wie prognostiziert zu einer
psychischen Stabilisierung, die Versicherte wurde weiterhin als voll arbeitsunfähig
bezeichnet (IV-act. 105). Die IV-Stelle widerrief daraufhin am 13. April 2004 die
Verfügungen vom 19. Februar 2004 (IV-act. 110). Gemäss Mitteilung vom 28. April 2004
wurde ein Invaliditätsgrad von 100% ab 6. Februar 2003 anerkannt, wobei per 1. Juli
2004 die Einleitung eines Rentenrevisionsverfahrens vorgesehen wurde (IV-act. 121).
B.c Die IV-Stelle versandte den Fragebogen für die Rentenrevision erst im Februar
2005. Die Versicherte machte darin am 28. Februar 2005 eine Verschlechterung ihres
Gesundheitszustands seit Juni 2004 geltend (IV-act. 122). Der damalige Hausarzt der
Versicherten, Dr. med. F._, bescheinigte im Verlaufsbericht vom 7./9. März 2005 eine
Verbesserung seit einer Hospitalisation in der psychiatrischen Klinik vom 19. Oktober
bis 5. November 2004. Zurzeit sei eine Erwerbsaufnahme wegen der Kinderbetreuung
nicht möglich. Längerfristig sei der Versicherten eine Erwerbstätigkeit zumutbar. Eine
medizinische Abklärung mit psychiatrischer Begutachtung sei notwendig (IV-
act. 125-1/4). Die behandelnde Psychologin B._ verwies am 15. April 2005 auf eine
Verschlechterung seit Februar 2003. Nach wie vor bestehe eine volle Arbeitsunfähigkeit
(IV-act. 131-1). Dr. F._ attestierte in einem weiteren Verlaufsbericht vom 22. Juni
2006 einen stationären Verlauf. Die Versicherte sei zum zweiten Mal schwanger. Eine
Arbeitsfähigkeit für leichte, wenig belastende Tätigkeit wäre durchaus denkbar;
psychiatrische Abklärungen seien indiziert (IV-act. 140). Auch Psychologin B._
berichtete am 9. Juli 2006 von einem stationären Verlauf. Sie hielt an ihrer
ursprünglichen Einschätzung einer vollen Arbeitsunfähigkeit fest (IV-act. 141).
B.d Am 20. Oktober 2005 hatte eine Abklärungsperson der IV-Stelle im Haushalt der
Versicherten eine Abklärung durchgeführt. Im Protokoll vom 18. Juli 2006 wurde
festgehalten, dass die Versicherte nach ihren Angaben ohne Behinderung mindestens
80%, eher 100% erwerbstätig wäre, dies aufgrund der angespannten finanziellen Lage.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Grundsätzlich wäre denkbar gewesen, dass sie mit ihrem Ehemann einen Rollentausch
vorgenommen hätte, weil sie ein eher höheres Einkommen erzielt hätte als er (IV-
act. 142-3). Die Versicherte wurde daraufhin für die Invaliditätsbemessung als
Vollerwerbstätige qualifiziert. Im Protokoll wurde festgehalten, dass nach der Geburt
des zweiten Kindes eine neue Haushaltabklärung durchzuführen sei (IV-act. 142-12).
Gemäss Mitteilung vom 1. September 2006 blieb der Rentenanspruch bei einem
Invaliditätsgrad von 100% unverändert bestehen (IV-act. 148).
B.e Die nächste Rentenrevision wurde im Dezember 2006 eingeleitet. Die Versicherte
bezeichnete ihren Gesundheitszustand im Fragebogen vom 9. Januar 2007 als
unverändert. Ihre zweite Tochter sei im Oktober 2006 auf die Welt gekommen (IV-
act. 160). Dr. F._ attestierte am 3. Januar 2007 ebenfalls einen unveränderten
Gesundheitszustand. Die Arbeitsfähigkeit sei ohne medizinische Abklärung nicht
beurteilbar (IV-act. 164). Psychologin B._ ging im Verlaufsbericht vom 11. Februar
2007 ebenfalls von einem stationären Zustand aus. Die bisherige sowie eine
angepasste Tätigkeit seien nicht mehr zumutbar. Die Leistungsfähigkeit der
Versicherten sei vermindert und betrage ca. 30-40%. Die äusserst niederfrequente
psychotherapeutische Behandlung könne derzeit nur darauf abzielen, eine
Verschlechterung zu verhindern und die Versicherte immer wieder so weit zu
stabilisieren, dass sie ihr Muttersein – mit intermittierend notwendiger Unterstützung –
bewältige (IV-act. 169-4). Die IV führte am 9. Oktober 2007 eine weitere
Haushaltabklärung durch. Gemäss Bericht vom 9. November 2007 wurde die
Versicherte zu 40% als erwerbstätig und zu 60% im Haushalt tätig qualifiziert und ein
Invaliditätsgrad von insgesamt 60.32% ermittelt (IV-act. 175). Die IV-Stelle kündigte
daraufhin mit Vorbescheid vom 3. Januar 2008 die Herabsetzung der ganzen auf eine
Dreiviertelsrente an (IV-act. 177). Diese Herabsetzung erfolgte ungeachtet eines
mündlichen Einwands der Versicherten vom 4. Februar 2008 (IV-act. 179) gemäss
Verfügung vom 14. August 2008 per 1. Oktober 2008 (IV-act. 188).
C.
C.a Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde der Versicherten vom
9. September 2008. Sie beantragt sinngemäss deren Aufhebung und die
Weiterausrichtung der ganzen Rente. Die Haushaltabklärung sei nicht verwertbar. Sie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sei eine Stunde vor Abklärungsbeginn darüber informiert worden, dass ihr Ehemann bei
der Arbeit überfallen worden sei. Dieser Überfall habe das Familienleben stark
verändert. Sie sei extrem vergesslich geworden und in vielen Dingen masslos
überfordert. Seit Juni 2008 habe sie in Frau Dr. med. G._eine neue Therapeutin. Ihr
Hausarzt sei neu Dr. med. H._ (act. G 1).
C.b Die Beschwerdegegnerin beantragt mit Beschwerdeantwort vom 20. November
2008 die Abweisung der Beschwerde. Den Akten liessen sich keine Anhaltspunkte für
eine revisionsrelevante Veränderung des Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin
entnehmen. Anders als bei der ursprünglichen Rentenzusprache sei die
Beschwerdeführerin unterdessen jedoch zweifache Mutter. Der Betreuungsbedarf der
im Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung viereinhalb und knapp zweijährigen Kinder
sei erheblich. Der Ehemann arbeite seit Juni 2007 zu 100% als Buschauffeur. Er könne
sich daher nur noch in der arbeitsfreien Zeit um die Kinder kümmern. Zudem sei davon
auszugehen, dass anders als beim ersten, im Februar 2005 eingeleiteten
Revisionsverfahren keine derart prekäre finanzielle Situation mehr vorliege, die
weiterhin eine Vollerwerbstätigkeit der Beschwerdeführerin erfordert hätte. Der
Wechsel von einer vollen zu einer 40%-igen Erwerbstätigkeit sei ausreichend
wahrscheinlich. Die im Haushalt ermittelte Einschränkung von 34% sei plausibel, dies
auch aus medizinischer Sicht sowie unter Berücksichtigung der zumutbaren Mithilfe
des Ehemanns bei der Wohnungspflege, beim Einkauf und bei weiteren Besorgungen
(act. G 6).
C.c In Vertretung der Beschwerdeführerin erstattete Rechtsanwalt lic. iur. Roland
Hochreutener innert verlängerter Frist am 20. Februar 2009 die Replik. Er beantragt
unter Kosten- und Entschädigungsfolgen die Aufhebung der Verfügung und die
Weiterausrichtung einer ganzen Rente. Eventualiter sei die Sache zur Durchführung von
medizinischen Abklärungen und einer Haushaltabklärung und zur anschliessenden
Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die Geburt der zweiten
Tochter habe für den hypothetischen Gesundheitsfall der Beschwerdeführerin nichts
geändert. Die Beschwerdeführerin habe entgegen der Behauptung der
Beschwerdegegnerin nie ausgeführt, dass sie als Gesunde nur zu 40% erwerbstätig
wäre. Sie habe den Abklärungsbericht auch nie unterzeichnet, sondern umgehend
dagegen protestiert. Die enge Beziehung der Beschwerdeführerin zu ihren Töchtern
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und das teilweise hartnäckige Verweigern der medizinisch gebotenen stationären
Behandlungen sei vor dem Hintergrund der psychischen Krankheit und der damit
einher gehenden Verlustängste zu interpretieren. Aus dem aktuellen Willen, die Kinder
wenn möglich stets bei sich zu haben, könne nicht auf eine entsprechende
Validenkarriere als Hausfrau geschlossen werden. Der Ehemann der
Beschwerdeführerin leide immer wieder an erheblichen gesundheitlichen Problemen.
Dies sowie die angespannte finanzielle Situation mit Verschuldung sprächen dafür,
dass die Beschwerdeführerin im Gesundheitsfall ihre Erwerbstätigkeit von 80-100%
beibehalten und der Ehemann sich verstärkt der Betreuung der Kinder gewidmet hätte.
Jedenfalls seien mit Blick auf die besonderen Umstände keine Gründe ersichtlich, die
zwingend für einen Methodenwechsel sprechen würden. Sollte das Gericht einen
solchen dennoch für angezeigt halten, wäre eine psychiatrische Abklärung zu
veranlassen. Die Haushaltabklärung sei keine verlässliche Grundlage für die
Invaliditätsbemessung. Der gesundheitlich angeschlagene Ehemann vermöge zudem
die ihm zugemutete Mithilfe nicht zu leisten (act. G 12).
C.d Die Beschwerdegegnerin hielt am 2. März 2009 an ihrem Abweisungsantrag fest
und verzichtete auf weitere Ausführungen (act. G 14).

Erwägungen:
1.
1.1 Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit, es sei denn, eine versicherte Person sei vor dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung nicht erwerbstätig gewesen und es habe ihr auch nicht
zugemutet werden können, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. In diesem Fall gilt
gemäss Art. 8 Abs. 3 ATSG die Unmöglichkeit, sich im Aufgabenbereich (z.B. Haushalt)
zu betätigen, als Invalidität. Die Invalidität gemäss Art. 8 Abs. 1 ATSG wird durch einen
Einkommensvergleich ermittelt (Art. 16 ATSG). Die Methode zur Bemessung der
konkreten Unmöglichkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wird vom ATSG nicht
geregelt. Diese Lücke füllt Art. 28a Abs. 2 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20): Es ist darauf abzustellen, in welchem Mass die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffende Person behindert ist, sich im Aufgabenbereich zu betätigen. Als
Aufgabenbereich der im Haushalt tätigen Person gelten insbesondere die übliche
Tätigkeit im Haushalt, die Erziehung der Kinder sowie gemeinnützige und künstlerische
Tätigkeiten (Art. 27 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]).
Art. 28a Abs. 2 IVG regelt die so genannte gemischte Methode der
Invaliditätsbemessung bei Personen, die zum Teil erwerbstätig und zum Teil im
Aufgabenbereich tätig sind. In einem solchen "gemischten" Fall sind der Anteil der
Erwerbstätigkeit und der Anteil der Tätigkeit im Aufgabenbereich festzulegen und der
Invaliditätsgrad ist entsprechend der Behinderung in beiden Bereichen zu bemessen.
Ist bei einer Person, die nur zum Teil erwerbstätig ist, anzunehmen, dass sie im
Zeitpunkt der Prüfung des Rentenanspruchs ohne den Gesundheitsschaden vollzeitlich
erwerbstätig wäre, so ist die Invaliditätsbemessung ausschliesslich nach den
Grundsätzen für Erwerbstätige zu bemessen (Art. 27 IVV). Nach Art. 28 Abs. 2 IVG
besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60%
invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf
eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% auf eine
Viertelsrente.
1.2 Ob eine versicherte Person als ganztägig oder zeitweilig erwerbstätig oder als
nichterwerbstätig einzustufen ist, ergibt sich aus der Prüfung, was sie bei im Übrigen
unveränderten Umständen täte, wenn keine gesundheitliche Beeinträchtigung
bestünde (BGE 125 V 150 Erw. 2c). Bei im Haushalt tätigen Versicherten im
Besonderen sind nach der Rechtsprechung die persönlichen, familiären, sozialen und
erwerblichen Verhältnisse ebenso wie allfällige Erziehungs- und Betreuungsaufgaben
gegenüber Kindern, das Alter, die beruflichen Fähigkeiten und die Ausbildung sowie die
persönlichen Neigungen und Begabungen zu berücksichtigen. Die Statusfrage beurteilt
sich praxisgemäss nach den Verhältnissen, wie sie sich bis zum Erlass der Verfügung
entwickelt hätten, wobei für die hypothetische Annahme einer im Gesundheitsfall
ausgeübten (Teil-)Erwerbstätigkeit der im Sozialversicherungsrecht übliche Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erforderlich ist (BGE 125 V 150 Erw. 2c; BGE
117 V 194 f. Erw. 3b mit Hinweisen; AHI 1997 S. 288 ff. Erw. 2b, AHI 1996 S. 197
Erw. 1c, je mit Hinweisen; Ulrich Meyer-Blaser, Die Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum IVG, Zürich 1997, S. 28). Das Gericht hat jener
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen Geschehensabläufen
unter den gegebenen Umständen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE 121 V 47
Erw. 2a). Dabei sind die konkrete Situation und die Vorbringen der Versicherten nach
Massgabe der allgemeinen Lebenserfahrung zu würdigen (ZAK 1985 S. 468 Erw. 1).
1.3 Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Rentenbezügers
erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft
entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Anlass zur
Rentenrevision gibt nach der auch unter dem ATSG massgeblichen Rechtsprechung
jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, den
Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Die Rente ist nicht nur
bei einer wesentlichen Veränderung des Gesundheitszustands, sondern auch dann
revidierbar, wenn sich die erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich gebliebenen
Gesundheitszustands erheblich verändert haben (BGE 130 V 349 f. Erw. 3.5). Eine
einmal vorgenommene Anwendung einer bestimmten Methode ist nach BGE 97 V 241
nicht unveränderlich. Eine spätere Änderung der persönlichen und damit verbundenen
wirtschaftlichen Situation kann – im Rahmen eines Revisionsverfahrens – Anlass
geben, die bisherige Methode aufzugeben. Ein Methodenwechsel als solcher ist nie
Revisionsgrund; für einen solchen bedarf es immer einer erheblichen
Sachverhaltsevolution (in der Invaliden- oder der Validenkarriere). Eine
Sachverhaltsevolution bedingt (möglicherweise) einen Methodenwechsel und nicht
umgekehrt (vgl. die Entscheide des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen IV
2007/422 vom 21. Januar 2009, Erw. 2; IV 2006/57 vom 4. April 2007, Erw. 1a; IV
2009/329 vom 15. Januar 2010, Erw. 2.3).
2.
2.1 Vorliegend ist der Sachverhalt bei Erlass der Verfügung vom 14. August 2008 zu
vergleichen mit jenem, wie er bei der ursprünglichen Rentenzusprache im Frühling
2004 vorgelegen hat (BGE 133 V 108). Die Beschwerdegegnerin erliess bei der
ursprünglichen Rentenzusprache versehentlich keine Verfügung, sondern am 28. April
2004 nur eine Aufforderung an die Ausgleichskasse, rückwirkend per Februar 2003
eine ganze Invalidenrente bei einem Invaliditätsgrad von 100% auszubezahlen (IV-
act. 121). Die Nachzahlung erfolgte am 7. Mai 2004 (vgl. Dossier B der IV-Akten). Damit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ist von einer unterdessen rechtskräftigen De-facto-Verfügung auszugehen, die den
zeitlichen Vergleichsreferenzpunkt markiert.
2.2
2.2.1 Die damals noch beim EPD tätige behandelnde Psychologin B._ attestierte der
Beschwerdeführerin am 21. Mai 2002 eine volle Arbeitsunfähigkeit, schätzte den
Zustand allerdings als besserungsfähig ein. Im Januar 2001 sei es zu einer
Verschlechterung und nach einem Suizidversuch zur Klinikeinweisung gekommen.
Auslöser der Krise seien vor allem familiäre Konflikte gewesen. Die Patientin gebe an,
unter ausgeprägten Stimmungsschwankungen mit drängenden Suizidgedanken in
Phasen depressiver Verstimmung zu leiden. Sie beklage Antriebsverlust, Hoffnungs-
und Perspektivenlosigkeit und Selbstunwertgefühle. Bei den Befunden hielt die
Psychologin fest, Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit seien abhängig von der
Stimmungslage. In Phasen depressiver Verstimmung komme es zu Gedankenkreisen
um Versagensgefühle am Arbeitsplatz und im Leben überhaupt, im Antrieb sei die
Patientin deutlich verlangsamt, phasenhaft bestehe akute Suizidalität (IV-act. 68-2 f.).
Die behandelnden Therapeuten gingen davon aus, dass die Arbeitsfähigkeit zumindest
teilweise wiederherzustellen sei, falls für die Patientin eine ihrer psychischen Situation
gerecht werdende Tätigkeit gefunden werde. Man beurteile die Beschwerdeführerin als
ca. sechs Stunden pro Tag arbeitsfähig. Da dies jedoch von der Art der Tätigkeit
abhänge, sollte dies im Rahmen einer beruflichen Abklärungsmassnahme überprüft
werden (IV-act. 68-4 f.).
2.2.2 Am 26. März 2003 wurde seitens des EPD eine Verbesserung seit dem Bericht
vom 21. Mai 2002 attestiert. Die depressive Episode wurde als mittelgradig bezeichnet.
Der psychische Zustand sei nach wie vor sehr schwankend. Phasen, in denen sich die
Beschwerdeführerin leistungsfähiger fühle, wechselten mit Phasen, in denen sie
hoffnungs- und perspektivenlos und von Suizidgedanken bedrängt sei. Man gehe
davon aus, dass sie derzeit nicht zu 100% einsatzfähig sei, sondern allenfalls einer
Teilzeittätigkeit zwischen 30% und 50% nachgehen könnte (IV-act. 74).
2.2.3 Ein Jahr später, am 10. März 2004, berichteten die Therapeuten des EPD, es sei
nicht zu einer psychischen Stabilisierung gekommen. Die Patientin müsse auf dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
freien Arbeitsmarkt auch in ihrem Beruf weiterhin als 100% arbeitsunfähig beurteilt
werden. Auch als Hausfrau und Mutter (Geburt der ersten Tochter im Januar 2004) sei
sie nur eingeschränkt arbeitsfähig (IV-act. 105).
2.2.4 Am 15. April 2005 berichtete die Psychologin B._ zusätzlich zur rezidivierenden
depressiven Störung von einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung (ICD-10
F60.3). Die Stimmungslage beschreibt sie als nach wie vor instabil, bereits bei
alltäglichen Konflikt- und Belastungssituationen gerate die Patientin in heftige
Spannungszustände mit drohendem Impulskontrollverlust, wobei die reaktivierten
aggressiven Gefühle gegen die eigene Person gewendet würden, und in
selbstverletzendem, suizidalem Verhalten und in dysphorisch-depressiven
Verstimmungen ihren Ausdruck fänden. Die Beschwerdeführerin sei darauf
angewiesen, sich entsprechend ihren Stimmungen jederzeit zurückziehen zu können,
da insbesondere soziale Situationen stressauslösend seien und die dysfunktionalen
Bewältigungsstrategien in Gang setzten. Nach der Geburt der Tochter sei es
vorübergehend zu einer Besserung gekommen. Aufgrund schliesslich aber wieder
zunehmender Suizidalität sei im Oktober/November 2004 eine sechswöchige Mutter-
Kind-Hospitalisation erfolgt. Die Psychologin B._ gab an, die Beschwerdeführerin
konsultiere sie weiterhin wöchentlich (IV-act. 131).
2.2.5 Am 9. Juli 2006 berichtete die behandelnde Psychologin von einem weiterhin
äusserst labilen psychischen Zustand der Beschwerdeführerin. Die Kollusion in der
Beziehung zu ihrem Ehemann erschwere die psychotherapeutische Behandlung in
hohem Mass. Die Beschwerdeführerin sei zum zweiten Mal schwanger; auch diese
Schwangerschaft verlaufe insofern sehr problematisch, als erneut die wirtschaftliche
Situation unsicher sei und dies der Beschwerdeführerin erschwere, zur Ruhe zu
kommen. Die Krankenkasse habe eine weitere stationäre Mutter-Kind-Behandlung
abgelehnt. Trotz äusserst schlechter psychischer Verfassung sei die
Beschwerdeführerin nicht bereit gewesen, sich einer dringend indiziert erscheinenden
stationären psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung zu unterziehen, da dies
die Trennung von ihrer Tochter bedeutet hätte, was sie sich nicht vorstellen könne, da
sie in dieser ihren einzigen Halt sehe. Die Psychotherapie erfolge stützend alle 14 Tage.
Vor dem Hintergrund des Schwangerschaftswunsches und aktuell aufgrund der
bestehenden Schwangerschaft sei die neuroleptische Behandlung, die mit Seroquel
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erfolgt sei und eine vorsichtige Besserung gebracht habe, von der Patientin abgesetzt
worden (IV-act. 141-2 f.).
2.2.6 Dem Verlaufsbericht der behandelnden Psychologin vom 11. Februar 2007 ist zu
entnehmen, dass die Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin auch nach der Geburt
des zweiten Kindes im Oktober 2006 grossen Schwankungen unterworfen und sehr
von ihrer Stimmung abhängig sei. Die psychotherapeutische Behandlung erfolge durch
die Umstände (2. Kind) in grossen zeitlichen Abständen, wobei die Patientin in
Krisensituationen jeweils telefonisch Kontakt aufnehme und damit eine Beruhigung
ihrer innerpsychischen Situation herzustellen versuche (IV-act. 169-1 f.). Die
Leistungsfähigkeit schätzt die Psychologin auf 30-40%, hält aber zugleich fest, dass
keine verwertbare Arbeitsfähigkeit bestehe. Eine vorsichtige Veränderung sei
dahingehend erzielt worden, dass die Beschwerdeführerin eine etwas bessere Toleranz
gegenüber dem Gewahrwerden der Diskrepanz zwischen Ideal und Realität habe
entwickeln können. Die äusserst niederfrequente psychotherapeutische Behandlung
könne derzeit nur darauf abzielen, eine Zustandsverschlechterung zu verhindern und
die Beschwerdeführerin so weit zu stabilisieren, dass sie ihr Muttersein – mit der
intermittierend notwendigen Unterstützung – bewältige (IV-act. 169-3 f.).
2.3 Die Psychologin B._ beendete ihre offenbar bereits seit 1992 andauernde
Behandlung im Frühling 2008 (act. G 1.3 f.). Der Behandlungsverlauf lässt sich mit Hilfe
der Akten zwar weitgehend rekonstruieren. Ein verlässliches Bild über die Erfolge der
16 Jahre dauernden Behandlung kann bei der aktuellen Aktenlage jedoch nicht
gewonnen werden. In den persönlichen Verhältnissen der Beschwerdeführerin kam es
zu einigen grösseren Veränderungen. Während mehrerer Jahre war ihr eine volle
Erwerbstätigkeit in einer Gemeindeverwaltung möglich. Die psychische Problematik
verstärkte sich jedoch erneut und spitzte sich nach Heirat und Geburt der ersten
Tochter offenbar weiter zu. Die Psychologin erwähnte gewisse Behandlungserfolge, so
etwa eine bessere Toleranz gegenüber der bemerkten Diskrepanz zwischen
Idealvorstellung und Realität. Ob bzw. wie sich dies im Alltag und allenfalls auf die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin auswirkt, ist unklar. Auch über die
medikamentöse Therapie geben die Akten keine hinreichenden Aufschlüsse. Eine
offenbar erfolgte Behandlung mit Seroquel wurde wegen des erneuten
Kinderwunsches der Beschwerdeführerin und der zweiten Schwangerschaft offenbar
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sistiert. Dieses Medikament hatte gemäss der behandelnden Psychologin eine
Besserung des Zustands gebracht. Ob nach Beendigung der Schwangerschaft bzw.
allenfalls Stillzeit wieder mit der Einnahme dieses oder anderer Medikamente begonnen
wurde, lässt sich den Akten nicht entnehmen. Eine medikamentöse Behandlung, die
eine Stabilisierung bewirken könnte, wäre wahrscheinlich angezeigt und läge wohl auch
im Rahmen des der Beschwerdeführerin Zumutbaren.
2.4 Die Psychologin berichtete wiederholt von dysphorisch-depressiven
Verstimmungen. Unter Dysphorie wird eine Störung der Affektivität mit misslauniger,
gereizter Stimmung verstanden. Sie kommt etwa als Alltagsverstimmung ohne
pathologische Bedeutung vor (vgl. Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 261. Aufl.,
Berlin 2007, S. 470). Wie bei der Dysthymie (Verstimmung, anhaltende affektive
Störung mit chronischer oder konstant wiederkehrender milder Depression ohne
hypomanische Episoden; Pschyrembel, S. 474) ist grundsätzlich auch bei der
Dysphorie davon auszugehen, dass diese bei zumutbarer Willensanstrengung so weit
überwunden werden kann, dass sie die Arbeitsfähigkeit nicht oder zumindest nicht
wesentlich einschränkt (vgl. zur Dysthymie etwa die Bundesgerichtsentscheide
8C_481/2008 vom 4. November 2008, Erw. 3.2.1; I 938/05 vom 24. August 2006,
Erw. 4.1 und Erw. 5; I 834/04 vom 19. April 2006, Erw. 4.1; auch den Entscheid IV
2008/133 des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 24. Februar 2009,
Erw. 2.3.2). Freilich lässt vorliegend die von der Psychologin erwähnte dysphorisch-
depressive Verstimmung nicht ohne weiteres darauf schliessen, dass die
Beschwerdeführerin zumutbarerweise (teil-)arbeitsfähig wäre. Nicht ersichtlich ist bei
der vorliegenden Aktenlage jedoch, wie die behandelnde Psychiaterin die Zumutbarkeit
der Willensanstrengung zur Überwindung der Einschränkungen bewertete.
2.5 Im Übrigen ist zu beachten, dass die Äusserungen von der Psychologin B._
insofern nicht gänzlich schlüssig sind, als sie am 11. Februar 2007 zwar von einer
vollen Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Bürotätigkeit berichtete, die
Leistungsfähigkeit aber dennoch auf 30-40% schätzte (IV-act. 169-3). Der Hausarzt Dr.
F._ bezeichnete eine psychiatrische Abklärung der Beschwerdeführerin wiederholt
als notwendig (IV-act. 125-4; 140-2; 164-3); er selbst ging zumindest gemäss seinem
Bericht vom 22. Juni 2006 vom Bestehen einer Restarbeitsfähigkeit aus (IV-act. 140-2).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Er wollte und konnte diesbezüglich als Allgemeinpraktiker jedoch nicht fundiert Stellung
nehmen.
2.6 In medizinischer Hinsicht erweist sich der Sachverhalt folglich als zu wenig
abgeklärt. Bisher fand keine Begutachtung durch einen externen Psychiater statt, der
nicht in einem Behandlungsverhältnis mit der Beschwerdeführerin steht (vgl. zur
Divergenz von medizinischem Behandlungs- und Abklärungsauftrag etwa den
Bundesgerichtsentscheid I 814/03 vom 5. April 2004; m.w.H. Entscheid IV 2007/53
vom 18. März 2008, Erw. 2.4.3). So lassen die Akten etwa auch eine ausführliche
Anamnese vermissen.
2.7 Für die konkrete Invaliditätsbemessung fehlt nicht nur eine hinlängliche
medizinische Grundlage. Auch die Methodenwahl bzw. die Frage, ob zwingende
Gründe für einen Wechsel der bisher angewendeten allgemeinen Methode des
Einkommensvergleichs zur gemischten Methode vorliegen, kann noch nicht beurteilt
werden. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin macht geltend, die
Beschwerdeführerin wäre im hypothetischen Gesundheitsfall überwiegend
wahrscheinlich im Ausmass von 80-100% erwerbstätig. Der aktuelle Wille, ihre Kinder
wenn möglich immer um sich zu haben, sei vor dem Hintergrund der psychischen
Krankheit und der damit einher gehenden Verlustängste zu sehen und lasse keine
Rückschlüsse auf die Validenkarriere zu. Die Zuverlässigkeit einer solchen Aussage
kann der Jurist als medizinischer Laie nicht hinlänglich beurteilen. Auch zu solchen
Zusammenhängen ist gegebenenfalls der beizuziehende psychiatrische Gutachter zu
befragen. Grundsätzlich ist dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin immerhin
darin zuzustimmen, dass ein Methodenwechsel im Revisionsverfahren nicht leichtfertig
vorgenommen werden darf, nur weil eine andere als die ursprüngliche Beurteilung der
Validenkarriere ebenfalls plausibel ist. Im Anschluss an die erste Haushaltabklärung
vom 20. Oktober 2005 war die IV-Stelle zur Auffassung gelangt, dass die
Beschwerdeführerin als Gesunde vollerwerbstätig wäre; bei jener Abklärung war sie
bereits Mutter eines Kleinkinds und zum zweiten Mal schwanger gewesen. Damals war
die Möglichkeit eines Rollentausches im Gesundheitsfall als plausibel erachtet worden.
Als Gesunde hätte die Beschwerdeführerin allenfalls bei der Gemeindeverwaltung
weitergearbeitet und dabei ein höheres Einkommen erzielt als ihr Ehemann als
Buschauffeur (vgl. IV-act. 142-3), zumal dieser im Übrigen offenbar aus
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gesundheitlichen Gründen wiederholt Probleme am Arbeitsplatz hatte und mit
Arbeitslosigkeit konfrontiert war. Von diesen Überlegungen hatte sich die IV-Stelle beim
ersten Revisionsverfahren leiten lassen. Warum diese nach der Geburt des zweiten
Kindes nicht mehr gelten sollten bzw. die Beschwerdeführerin nicht zumindest in einem
erheblichen Teilpensum einer Erwerbstätigkeit nachgehen sollte, ist bei der aktuellen
Aktenlage nicht hinlänglich ersichtlich – jedenfalls erscheint die Hypothese der nur im
Ausmass von 40% erwerbstätigen Hausfrau nicht von vornherein plausibler als die
ursprünglichen Annahmen.
2.8 Sollte die Beschwerdeführerin im Anschluss an die weiteren Abklärungen dennoch
nicht als Vollerwerbstätige qualifiziert werden, ist im Zusammenhang mit der
Haushaltabklärung im Übrigen zu beachten, dass der medizinischen Abklärung nach
der Rechtsprechung des Bundesgerichts bei psychischen Gesundheitsschäden
gegenüber der Abklärung an Ort und Stelle erhöhtes Gewicht zukommt, weil der
Fragebogen für den Abklärungsbericht Haushalt vorwiegend auf die Beurteilung der
Invalidität infolge körperlicher Gebrechen ausgerichtet und für die Beurteilung
psychisch bedingter Einschränkungen wenig geeignet ist (vgl. etwa den Entscheid
9C_299/2008 vom 3. Dezember 2008; m.w.H. auf die Rechtsprechung Hansjörg Seiler,
Anforderungen an die Beweisführung zu Status und Invalidität in der IV-
Haushaltabklärung, in: Schaffhauser/Schlauri, Sozialversicherungsrechtstagung 2009,
St. Gallen 2010, S. 17 f.).
2.9 Ergänzend ist darauf hinzuweisen, dass die Mitwirkung des Ehemanns der
Beschwerdeführerin im Haushalt im Abklärungsbericht vom 9. November 2007 in zu
grossem Ausmass berücksichtigt wurde. Der Ehemann ist selbst gesundheitlich
beeinträchtigt, wie der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin belegt (act. G 12.1.4 f.).
Zum Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung arbeitete er vollzeitlich.
Daneben bereitet er die Hauptmahlzeiten für die ganze Familie zu. Arbeitet er mittags,
dann kocht er am Vorabend vor, sodass die Beschwerdeführerin das Essen für sich
und die Kinder am nächsten Mittag nur noch aufwärmen muss. Auch die Einkäufe
erledigt gemäss dem Haushaltabklärungsbericht vom 9. November 2007 mehrheitlich
der Ehemann. Er saugt Staub und bügelt meistens die Wäsche. Auch bei der
Kinderbetreuung entlastet er die Beschwerdeführerin in seiner Anwesenheit (IV-
act. 175-5 f.). Insgesamt ist die tatsächlich gelebte Mithilfe des Ehemanns also
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erheblich. Ihm darüber hinaus unter dem Titel Schadenminderungspflicht noch
weitergehende Pflichten im Haushalt zuzumuten, ist unangemessen. Somit erscheinen
zumindest die anerkannten Einschränkungen in den Bereichen Ernährung,
Wohnungspflege, Einkauf und weitere Besorgungen als zu gering.
3.
3.1 Gemäss den obigen Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 14. August 2008 teilweise gutzuheissen und die Sache
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese eine psychiatrische
Abklärung der Beschwerdeführerin veranlasse. Diese hat sinnvollerweise auch Fragen
zur Einschränkung der Beschwerdeführerin in der Tätigkeit als Mutter und Hausfrau zu
beinhalten. Anschliessend kommt je nach Ergebnis allenfalls eine weitere
Haushaltabklärung oder die Invaliditätsbemessung nach der allgemeinen Methode des
Einkommensvergleichs in Frage und das wieder offene Revisionsverfahren ist
verfügungsweise abzuschliessen.
3.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis
Fr. 1000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.- erscheint
angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als volles
Obsiegen (ZAK 1987 S. 268 Erw. 5a). Somit unterliegt die Beschwerdegegnerin
vollumfänglich, sodass ihr als nicht von der Pflicht zur Übernahme amtlicher Kosten
befreiter selbstständiger öffentlich-rechtlicher Anstalt die ganze Gerichtsgebühr
aufzuerlegen ist. Der Beschwerdeführerin ist der geleistete Kostenvorschuss von
Fr. 600.- zurückzuerstatten.
3.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
ungekürzte Parteientschädigung, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert
nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses
bemessen wird (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1).
Angemessen erscheint eine Parteientschädigung von Fr. 3'000.- (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer), zumal der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
nur mit einer Rechtsschrift am Prozess beteiligt war.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG