Decision ID: 5ecfe966-2cc5-512c-8919-0c3b5ff643d3
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ war durch ihr Arbeitsverhältnis bei der C._ bei der B._ vorsorgeversichert. Ab
1. Dezember 2013 bezog die Versicherte eine ganze Invalidenrente der
Invalidenversicherung. Nachdem die B._ einen entsprechenden Antrag der
Versicherten auf IV-Leistungen der beruflichen Vorsorge verneint hatte, gelangte diese
mit Klage vom 7. Juni 2016 an das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen. Mit
Entscheid vom 2. Oktober 2018 hiess das Versicherungsgericht die Klage gegen die
B._ gut und sprach der Versicherten ab 1. Juli 2014 eine Invalidenrente basierend auf
einem Invaliditätsgrad von 77% zu. Sie überwies die Sache zur Festsetzung der
Rentenbeträge an die B._ (vgl. zum Ganzen ausführlich BV 2016/15, act. G 1.3). Die
von der B._ gegen den kantonalen Entscheid erhobene Beschwerde wies das
Bundesgericht mit Urteil vom 6. Mai 2019 ab (9C_765/2018, act. G 1.4).
B.
Im Nachgang zum Urteil des Bundesgerichtes forderte die Versicherte die B._
auf, ihr die geschuldeten Rentenleistungen inkl. der gesetzlichen Verzugszinsen
auszurichten (Schreiben vom 20. Mai 2019, act. G 1.5).
B.a.
Am 12. Juni 2019 teilte die B._ der Versicherten mit, dass sie gemäss den
reglementarischen Bestimmungen je zu 50% Anspruch auf die reglementarischen
Leistungen und auf die Mindestleistungen gemäss BVG habe. Ab dem 1. Dezember
2012 werde die Versicherung deshalb neu zu 50% gemäss Reglement geführt und ab
dem 1. September 2013 werde sie im Rahmen des BVG auf 100% erhöht. Für die Zeit
vom 20. Mai bis 13. Juni 2019 werde ein Verzugszins von 5%, total Fr. 411.85, vergütet
(act. G 1.6).
B.b.
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C.

Erwägungen
1.
Gemäss Art. 73 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die berufliche Alters-, Hinterlassenen-
und Invalidenvorsorge (BVG; SR 831.40) bezeichnet jeder Kanton ein Gericht, das als
letzte kantonale Instanz über Streitigkeiten unter anderem zwischen
Vorsorgeeinrichtungen und Anspruchsberechtigten entscheidet. Im Kanton St. Gallen
ist nach Art. 65 Abs. 1 lit. e des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRP;
sGS 951.1) das Versicherungsgericht zuständig für Streitigkeiten nach Art. 73 BVG.
Mit Schreiben vom 21. Juni 2019 forderte die Versicherte die B._ auf, ihr
zusätzliche Verzugszinsen für den Zeitraum ab der Klageerhebung vom 7. Juni 2016
bis zum 19. Mai 2019 auszurichten (act. G 1.7).
B.c.
Am 3. Juli 2019 teilte die B._ der Versicherten mit, dass zwar grundsätzlich ein
Anspruch auf Verzugszins auf Invalidenleistungen bei Klageeinreichung bestehe.
Jedoch sei der Verzugszins zusätzlich zur Forderung in der Klage geltend zu machen,
was nicht geschehen sei. Das Gericht habe im Rahmen des Klageverfahrens
abschliessend über den Anspruch der Versicherten entschieden; Verzugszinsen seien
ihr keine zugesprochen worden (act. G 1.8).
B.d.
Am 8. Juli 2019 forderte die Versicherte die B._ erneut auf, ihr die geschuldeten
Verzugszinsen auszurichten (act. G 1.9). Mit einer E-Mail vom 10. September 2019 hielt
die B._ an ihren Ausführungen vom 3. Juli 2019 fest (act. G 1.10).
B.e.
Am 17. September 2019 erhob die Versicherte Klage gegen die B._ mit dem
Antrag, die Beklagte sei zu verpflichten, der Klägerin Verzugszinsen von 5% seit dem 7.
Juni 2016 auf Fr. 123'567.20 auszurichten. Zudem sei die Klägerin angemessen zu
entschädigen (inkl. MwSt. und Auslagen; act. G 1).
C.a.
Mit Klageantwort vom 20. Januar 2020 beantragte die Beklagte, dass auf die
Klage nicht einzutreten sei. Eventuell sei die Klage abzuweisen, subeventuell sei sie
teilweise abzuweisen; unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Klägerin
(act. G 7).
C.b.
bis
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Gerichtsstand ist nach Art. 73 Abs. 3 BVG der Sitz oder Wohnsitz des Beklagten oder
der Ort des Betriebes, bei dem die versicherte Person angestellt wurde. Vorliegend ist
die örtliche Zuständigkeit des Versicherungsgerichts zu bejahen, weil sich der damalige
Arbeitsort der Klägerin im Kanton St. Gallen befand. Da auch sämtliche übrigen
prozessualen Voraussetzungen erfüllt sind, ist auf die Klage einzutreten.
2.
3.
Streitig und vorliegend zu prüfen ist der Anspruch der Klägerin auf Verzugszinsen
für die durch die Beklagte per 1. Juli 2014 rückwirkend ausgerichteten BVG-Renten-
leistungen.
2.1.
Im Bereich der beruflichen Vorsorge anerkennt die Rechtsprechung die Pflicht zur
Entrichtung von Verzugszinsen bei einer verspäteten Überweisung von
Freizügigkeitsleistungen sowie bei einer verspäteten Auszahlung eines Alterskapitals
oder bei Invalidenrenten. Enthält das Vorsorgereglement keine Bestimmung über die
Höhe des Verzugszinses, beträgt dieser in Anwendung von Art. 104 des
Bundesgesetzes betreffend die Ergänzung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches
(Fünfter Teil: Obligationenrecht [OR; SR 220]) 5%. Der Beginn der Zinspflicht richtet
sich dabei nach Art. 105 Abs. 1 OR, wonach ein Schuldner, der mit der Entrichtung von
Renten im Verzug ist, erst vom Tag der Anhebung der Betreibung oder der
gerichtlichen Klage an Verzugszinsen zu bezahlen hat (vgl. Hans-Ulrich Stauffer,
Berufliche Vorsorge, 2. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2012, N 1126 m.w.H.).
2.2.
Die Beklagte hat einen Anspruch der Klägerin auf Verzugszinsen ab dem Zeitpunkt
der damaligen Klageerhebung vom 7. Juni 2016 grundsätzlich anerkannt. Sie macht
jedoch das Vorliegen einer sog. res iudicata geltend. Dies begründet sie damit, dass es
sich beim Verzugszins um eine akzessorische Forderung zur Hauptforderung handle
und ohne die Hauptforderung kein Recht auf Verzugszins entstehen könne. Indem die
Klägerin im Vorverfahren BV 2016/15 eine vorbehaltslose Klage auf die vollen BVG-
Invalidenleistungen ohne einen Verzugszins eingereicht habe, sei von einem
stillschweigenden Erlass der Verzugszinsen auszugehen. Folglich sei der Anspruch der
Klägerin mit dem Entscheid des Versicherungsgerichts vom 2. Oktober 2018 bzw. dem
den Entscheid bestätigenden Urteil 9C_765/2018 des Bundesgerichtes vom 6. Mai
2019 abschliessend gerichtlich beurteilt worden (act. G 7, vgl. auch act. G 1.8).
2.3.
Wie die Beklagte richtigerweise festhält, stehen Zinsen wie der vorliegend streitige
Verzugszins als Nebenrechte grundsätzlich in einem Abhängigkeitsverhältnis zur
3.1.
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Hauptforderung (sog. Akzessorietät). Das bedeutet jedoch nicht, dass Hauptschuld und
Nebenrecht zwingend untrennbar miteinander verknüpft sind. Dies zeigt sich auch
darin, dass Verzugszinse selbständig eingeklagt werden können. Verzichtet ein Kläger
auf die Einklagung der Zinsen gleichzeitig mit der Hauptforderung, liegt darin nicht per
se ein endgültiger Verzicht auf die Zinsforderung im Sinne einer res iudicata (vgl. BGE
52 II 215 E. 3). Ein solcher Erlass des Verzugszinses kann gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung aber durch das (konkludente) Verhalten der
Parteien begründet werden. Dies ist dann der Fall, wenn das Verhalten der Parteien
unter Anwendung des Vertrauensgrundsatzes ohne Weiteres den Schluss zulässt, auf
die Verzugszinspflicht sei (vorsätzlich) verbindlich verzichtet worden (vgl. zum Ganzen
Urteil des Bundesgerichtes vom 1. November 2000, 5C.206/2000 E. 3; BGE 58 II 420
E. 6, BGE 52 II 215 E. 5). Zusammenfassend schafft ein Entscheid, der lediglich die
Hauptforderung betrifft, hinsichtlich der Zinsen nicht notwendigerweise eine res
iudicata, welche die (Nach-)Forderung der Verzugszinsen in einem separaten Verfahren
ausschliessen würde (vgl. auch den Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons
Zürich vom 20. Januar 2017, VB.2016.00144, E. 3.4 m.H. auf die bundesgerichtliche
Rechtsprechung).
Im vorliegenden Fall bestehen für einen vorsätzlichen Verzicht der Klägerin auf
Verzugszinsen oder eine konkludente Vereinbarung der Parteien über den Erlass
ebendieser keinerlei Anhaltspunkte. Gegenstand des Vorverfahrens BV 2016/15 war
der grundsätzliche Anspruch der Klägerin auf BVG-Rentenleistungen gegenüber der
Beklagten und einer weiteren Vorsorgeeinrichtung. Es handelte sich mit anderen
Worten um eine reine Zuständigkeitsstreitigkeit, bei der das Gericht zu klären hatte, ob
die Klägerin überhaupt einen Anspruch auf eine Invalidenrente hat und ob die Beklagte
oder die andere beklagte Vorsorgeeinrichtung leistungspflichtig ist. Im Umstand, dass
die Klägerin im Rahmen dieser Streitigkeit über die grundsätzliche Leistungspflicht
nicht alle möglichen in Frage kommenden Leistungen, Nebenleistungen und
Zusatzleistungen geltend macht, einen Verzicht auf ebendiese Leistungen zu sehen,
liegt fern und ist weder sachgerecht noch praktikabel. Dies würde darauf hinauslaufen,
dass die Klägerschaft bei solchen generellen Zuständigkeitsstreitigkeiten bei allen
Beklagten sämtliche mögliche Leistungen – wie z.B. auch Zusatzrenten – einzuklagen
hätte. Dieser erhebliche Aufwand ist der Klägerschaft im Klageverfahren, das einfach
und rasch zu sein hat (Art. 73 Abs. 2 BVG), nicht zumutbar. Im Übrigen steht diese
Auffassung in Konflikt mit dem vorliegend anwendbaren Art. 56 Abs. 1 VRP (vgl. Art. 66
VRP), der eine Bindung des Gerichts an die Parteianträge verneint. Der Vollständigkeit
halber ist zu erwähnen, dass es praxisgemäss zulässig ist, Leistungsansprüche im
Klageverfahren nur dem Grundsatz nach festzulegen und die Leistungsberechnung der
3.2.
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4.
Vorsorgeeinrichtung zu überlassen (BGE 129 V 450 E. 3). Treten dabei wiederum
Uneinigkeiten auf, steht der versicherten Person der Klageweg erneut offen. Weder
ergibt es sich aus dem Vertrauensgrundsatz noch durfte die Beklagte in guten Treuen
annehmen, dass die Klägerin mit ihrer damaligen Klage auf Ausrichtung von BVG-
Rentenleistungen ohne die gleichzeitige Einklagung der entsprechenden Verzugszinsen
(konkludent) auf Zinsforderung verzichtet hatte.
Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass das Obligationenrecht, wenn auch
vorliegend nicht direkt anwendbar, ebenfalls Ausnahmen vom Grundsatz, dass alle
Nebenrechte einer Forderung erlöschen, wenn diese infolge ihrer Erfüllung oder auf
andere Weise untergeht (Art. 114 Abs. 1 OR), kennt. So können bereits entstandene
Zinsen nicht nur nachgefordert werden, wenn diese Befugnis mit dem Gläubiger
verabredet wurde, sondern auch dann, wenn – wie vorliegend – die
Nachforderungsmöglichkeit "den Umständen zu entnehmen ist" (vgl. Art. 114 Abs. 2
OR). Selbst wenn man somit das OR direkt anwenden würde, wäre vorliegend ein
solcher Ausnahmefall aufgrund der Gesamtumstände ohne Weiteres gegeben. Dies
umso mehr, als das aus diesen Umständen zu schliessende Fortbestehen einer
Zinsforderung keinen strengen Anforderungen unterliegt (vgl. zum Ganzen auch BSK-
OR I-Gabriel, Art. 114 N 6 ff.).
3.3.
Zusammenfassend hat die Klägerin damit ab dem 7. Juni 2016 Anspruch auf die
Ausrichtung von Verzugszinsen auf die Invalidenrentenleistungen in der Höhe von Fr.
123'567.20 (vgl. zur Höhe der Rentenleistungen die Abrechnung vom 12. Juni 2019, bei
act. G 6). Nachdem die Beklagte die Rentenleistungen ab dem 20. Mai 2019 bereits mit
5% verzinst hat, ist der Anspruch rückwirkend bis zum 19. Mai 2019 zu befristen.
3.4.
Die Klage ist in dem Sinn gutzuheissen, als die Beklagte zu verpflichten ist, der
Klägerin für die Zeit vom 7. Juni 2016 bis 19. Mai 2019 Verzugszinsen von 5% auf die
Rentenleistungen in Höhe von Fr. 123'567.20 auszurichten.
4.1.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 73 Abs. 2 BVG).4.2.
Dem Verfahrensausgang entsprechend sind der obsiegenden Klägerin in
Anwendung von Art. 98 Abs. 1 und Art. 98 VRP die Parteikosten zu erstatten. Das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen spricht in BVG-Prozessen gestützt auf
Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten (HonO;
sGS 963.75) bei vollem Obsiegen regelmässig eine pauschale Entschädigung zwischen
Fr. 2'500.-- und Fr. 4'500.-- zu. Vorliegend ist bei der eingeschränkten Rechtsfrage und
4.3. bis
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