Decision ID: 3547bfa7-7b5a-405d-b5c8-33d0dd79ac17
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 14. Januar 2009 wegen einem Diabetes mellitus Typ I zum
Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung (IV) an (IV-act. 1). Er gab an, keinen
Beruf erlernt und eine Anlehre als Hauswart absolviert zu haben. Seit Januar 2007 sei
er als Hauswart bei der B._ AG tätig gewesen. Die IV-Stelle holte bei der B._ AG
einen Arbeitgeberbericht (vgl. IV-act. 17) und von verschiedenen behandelnden Ärzten
Berichte ein. Unter anderem gab der Hausarzt Dr. med. C._ am 19. Januar 2009 an
(IV-act. 10), im November 2008 sei ein Diabetes mellitus Typ I diagnostiziert worden.
Der Versicherte sei aufgrund dieser Diagnose psychisch dekompensiert. Aktuell könne
dem Versicherten die bisherige Tätigkeit halbtags mit voller Leistung zugemutet
werden. Von Februar bis April 2011 absolvierte der Versicherte eine berufliche
Abklärung. Im September 2011 wurde der Versicherte durch med. pract. D._,
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, psychiatrisch abgeklärt
(Gutachten vom 16. Januar 2012, IV-act. 107). Mit einer Verfügung vom 8. April 2013
wies die IV-Stelle das Rentengesuch bei einem IV-Grad von 21% ab (IV-act. 139). Der
Versicherte erhob am 10. Mai 2013 dagegen eine Beschwerde. Das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hiess die Beschwerde mit einem
Entscheid vom 12. August 2015 teilweise gut. Es hob die Verfügung vom 8. April 2013
auf und wies die Sache zur weiteren Abklärung an die IV-Stelle zurück (IV-act. 165). Es
hielt im Wesentlichen fest, das psychiatrische Gutachten sei überzeugend, weshalb für
die Berechnung des Invaliditätsgrades darauf abzustellen sei. In medizinischer Hinsicht
A.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sei davon auszugehen, dass der Versicherte überwiegend wahrscheinlich retrospektiv
seit Juni 2010 leidensadaptierte Tätigkeiten mit einer Leistung von 70-80% ausüben
könne und dass er vor Juni 2010 bloss während zweier, jeweils höchstens wenige
Monate dauernder Phasen stärker in seiner Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt gewesen sei.
Der Versicherte habe in der letzten Tätigkeit vor dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung im November 2008 als Leiter einer Reinigungsequipe
lediglich Fr. 23.-- pro Stunde bzw. ca. Fr. 4'400.-- pro Monat verdient. Bei der E._ AG
habe er von 2000 bis 2003 allerdings ein (Jahres-)Einkommen von Fr. 78'000.-- bis
Fr. 87'000.-- erzielt. Welche erwerblichen Umstände (hohe Verantwortung, viele
Überstunden, zusätzliche Nebenerwerbstätigkeit für denselben Arbeitgeber o.ä.) einen
derart hohen Lohn gerechtfertigt hätten, lasse sich den Akten nicht entnehmen. Die
Validenkarriere lasse sich damit nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit bestimmen. Auch die Invalidenkarriere stehe nicht mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, da nicht bekannt sei, ob die
damals ausgeübte Tätigkeit dem Versicherten noch zumutbar sei (IV 2013/214 E. 3.3.3
und 4; für den vollständigen Sachverhalt siehe IV 2013/214). Der
Rückweisungsentscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
Die IV-Stelle holte bei der E._ AG einen Arbeitgeberbericht ein. Diese teilte am
7. Oktober 2015 mit (IV-act. 166), dass sie den Versicherten von Oktober 1993 bis Juli
2004 als Mitarbeitenden in der Abteilung Druck beschäftigt habe. Der AHV-
beitragspflichtige Lohn habe seit April 2003 Fr. 4'163.-- monatlich bzw. Fr. 54'119.--
pro Jahr betragen. Im Jahr 2002 habe der Versicherte Fr. 81'352.90, im Jahr 2003
Fr. 87'595.20 und im Jahr 2004 (von Januar bis Juli) Fr. 44'904.40 verdient. Gemäss
einem beigelegten Schreiben vom 11. März 2004 betreffend die Kündigung des
Arbeitsvertrags wurde das Arbeitsverhältnis durch die E._ AG aufgelöst. Sie stützte
sich bei dabei auf eine Empfehlung des Hausarztes des Versicherten.
A.b.
Vom 16. Februar bis 4. März 2016 war der Versicherte im Psychiatrischen Zentrum
F._ hospitalisiert. Im Austrittsbericht vom 4. März 2016 sind folgende Diagnosen
aufgeführt (IV-act. 186): Eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig
mittelgradige Episode, ohne ein somatisches Syndrom (ICD-10 F33.10), eine arterielle
Hypertonie und ein insulinpflichtiger Diabetes mellitus. Dr. med. G._ und med. pract.
H._ hielten im Austrittsbericht fest, der Eintritt sei aufgrund einer zunehmenden
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verschlechterung des Zustands des Versicherten mit Antriebs-, Lust- und
Energielosigkeit sowie Schlafstörungen erfolgt. Beim Austritt sei der Versicherte
weiterhin leicht niedergestimmt gewesen. Der Antrieb sei gesteigert gewesen und
Hinweise für Ein- und Durchschlafstörungen hätten nicht bestanden. Sie attestierten
dem Versicherten während der Dauer der Hospitalisation sowie bis auf weiteres eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit.
Am 24. Mai 2016 stellte die IV-Stelle der E._ AG Zusatzfragen zum Fragebogen
vom 7. Oktober 2015 (IV-act. 173). Sie bat um eine Beschreibung des
Anforderungsprofils für die vom Versicherten ausgeübte Tätigkeit sowie um die
Beantwortung der Fragen, welche erwerblichen Umstände den hohen Lohn
gerechtfertigt hätten, aus welchen Gründen das Arbeitsverhältnis gekündigt worden sei
und welchen durchschnittlichen Bruttojahreslohn der Versicherte im Jahr 2009 in dieser
Tätigkeit hätte erzielen können. Die E._ AG teilte am 25. Mai 2016 mit (IV-act. 174),
dass die Akten aufgrund der Verjährungsfrist Ende Dezember 2015 vernichtet worden
seien und deshalb keine weiterführenden Angaben geliefert werden könnten. Am
31. Mai 2016 teilte eine Mitarbeitende der E._ AG telefonisch mit (IV-act. 180), dass
der Versicherte heute einen Grundlohn von maximal Fr. 57'566.-- verdienen würde
(Einkommen 2003 gemäss Fragebogen zuzüglich NLE bis 2009). Eine weitere
Mitarbeitende teilte am 31. Mai/8. Juni 2016 telefonisch mit (IV-act. 180, 183), in den
Jahren, in welchen der Versicherte beim E._ tätig gewesen sei, sei es üblich
gewesen, dass Mitarbeitende durch Schichtarbeit ein sehr hohes Einkommen hätten
erzielen können. Im Falle des Versicherten habe das Einkommen aus Schichtarbeit ca.
35-40% des Lohnes ausgemacht. Am 5. Juli 2016 reichte die E._ AG eine
Beschreibung des Anforderungsprofils für die vom Versicherten ausgeübte Tätigkeit ein
(IV-act. 190).
A.d.
Am 14. Oktober 2016 berichtete Dr. med. I._, Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, der Versicherte befinde sich seit dem 23. Juni 2016 bei ihr in
Behandlung (IV-act. 199). Sie habe folgende Diagnosen erhoben: Eine rezidivierende
ängstlich-depressive Störung mit einem somatischen Syndrom, gegenwärtig
mittelschwerer Ausprägung (ICD-10 F33.11), eine Panikstörung, eine
Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typus (unreif, emotional labil, explosiv; ICD-10
F60.31), isolierte Phobien (Tunnel, Dunkelheit, Lift – nur wenn der Versicherte allein sei;
A.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ICD-10 F40.2), Kontaktanlässe mit Bezug auf die Arbeitsstelle und die wirtschaftliche
Lage (ICD-10 Z56, Z59), Alleinleben (ICD-10 Z60.2). Differentialdiagnostisch habe sie
eine generalisierte Angststörung (ICD-10 F41.1) und eine Intelligenzminderung mit einer
Verhaltensstörung diagnostiziert. Dr. I._ führte aus, der Versicherte sei im Antrieb
zeitweise gehemmt und im Affekt traurig, vor allem bei Schmerzen. Er werde schnell
müde, sei interessen- und freudlos. Periodisch habe er eine schwere innere Unruhe mit
intensiven Anspannungs- und Angstzuständen und eine starke Nervosität. In der
Persönlichkeit sei er ängstlich, emotional labil, leicht zwanghaft und depressiv
akzentuiert. Er beklage Schuld- und Schamgefühle sowie diverse psychosomatische
Beschwerden, unter anderem Herzklopfen und Schwitzen. Die im Gespräch
gewonnenen Einsichten und Schlussfolgerungen könne er im Leben nicht optimal
umsetzen. Die Angstzustände, Schlafstörungen sowie eine psychomotorische
Agitiertheit stünden im Vordergrund. Eine vollständige Arbeitsunfähigkeit könne
zumindest seit der Behandlung bei ihr bestätigt werden. Auf lange Sicht sollte eine
50%ige Arbeitsfähigkeit wiederhergestellt werden können. Der Versicherte sei für eine
Tätigkeit in einem geschützten Rahmen motiviert.
Ein Rechtsdienstmitarbeitender der IV-Stelle notierte am 28. Oktober 2016 (IV-
act. 200), das Versicherungsgericht habe im Entscheid vom 12. August 2015 die
Arbeitsfähigkeitsschätzung im Gutachten von med. pract. D._ von 75% als zutreffend
eingestuft. Darauf sei abzustellen. In Bezug auf eine aktuelle
Arbeitsfähigkeitsschätzung sei zu prüfen, ob eine weitere psychiatrische Begutachtung
durchzuführen sei. Die echtzeitlichen medizinischen Akten belegten nicht, dass der
Versicherte seine Tätigkeit bei der E._ AG habe krankheitsbedingt aufgeben müssen.
Der Versicherte habe bei seiner IV-Anmeldung erst ab November 2008 eine
Arbeitsunfähigkeit angegeben. Im Übrigen sei der Versicherte im Anschluss an die
Tätigkeit bei der E._ AG – mit Ausnahme der Phasen der Arbeitslosigkeit – offenbar in
einem vollzeitlichen Pensum tätig gewesen (vgl. IK-Auszug für die Jahre 2006 und
2007). Er habe daher aus invaliditätsfremden Gründen nicht mehr die bis Ende 2003
erzielten hohen Einkommen generiert und die Validenkarriere habe einen erheblichen
Einbruch erlitten. Demnach sei es gerechtfertigt, das in der IV-Anmeldung angegebene
monatliche Einkommen von Fr. 4'400.-- als Einkommen ohne gesundheitliche
Einschränkung zu taxieren. Dies ergebe ein Jahreseinkommen von Fr. 57'000.-- (inkl.
A.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Als Diagnosen ohne wesentliche Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit gaben die
Gutachter an:
13. Monatslohn, Basis 2008). Das Validen- und das Invalideneinkommen sollten
allerdings bis zur Differenz von 5% parallelisiert, also das Valideneinkommen
entsprechend aufgewertet werden. Selbst wenn man auf das Einkommen bei der E._
AG abstellte, wäre dieses auf die Höhe der Tabellenlöhne eines Hilfsarbeiters zu
kürzen, da der Versicherte offensichtlich über das ihm zumutbare Ausmass gearbeitet
habe und er dieses Einkommen auch als gesunde Person nicht bis zum massgeblichen
Zeitpunkt ab etwa Mitte 2009 hätte erzielen können.
Am 8. November 2016 teilte die Psychiatrische Klinik J._ mit (IV-act. 204), dass
der Versicherte am 26. Oktober 2016 einer testpsychologischen Untersuchung
unterzogen worden sei. Die aktuelle Intelligenzleistung liege mit einer
Wahrscheinlichkeit von 90% zwischen einem IQ von 66 bis 73 und damit an der Grenze
zur Intelligenzminderung. Aufgrund der Fremdsprachigkeit des Versicherten seien die
Ergebnisse jedoch nicht mit Sicherheit valide und die Leistungsfähigkeit dürfte eher
unterschätzt werden. Insgesamt sei aber von einer unterdurchschnittlichen Intelligenz
auszugehen. Hinweise auf Aggravation oder Simulation von kognitiven Defiziten hätten
nicht ausgemacht werden können.
A.g.
Der RAD-Arzt Dr. W._ notierte am 17. November 2016 (IV-act. 210), die
vorliegenden Berichte liessen noch keine abschliessende medizinische Einschätzung
zu. Er bat um die Erstellung eines bidisziplinären Verlaufsgutachtens. Die IV-Stelle teilte
dem Versicherten am 13. Januar 2017 mit (IV-act. 212), dass eine bidisziplinäre
medizinische Untersuchung (internistisch/psychiatrisch) notwendig sei.
A.h.
Der Versicherte wurde am 2./9. März 2017 durch das Swiss Medical Assessment-
and Business-Center (SMAB) bidisziplinär (psychiatrisch und internistisch) abgeklärt.
Im Gutachten vom 4. Mai 2017 nannten die Gutachter folgende Diagnosen mit
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit (IV-act. 218-12):
A.i.
Rezidivierende depressive Störung, nicht näher bezeichnet (ICD-10 F33.9)–
Diabetes mellitus Typ I–
Emotional instabile Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.3)–
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Gutachter hielten fest (IV-act. 218-13 f.), aus psychiatrischer Sicht leide der
Versicherte seit vielen Jahren an einer rezidivierenden depressiven Störung. Mit
ausreichender Sicherheit könne davon ausgegangen werden, dass sich diese ab 2008
entwickelt habe. Med. pract. D._ habe im psychiatrischen Gutachten vom 16. Januar
2012 mitgeteilt, dass die Störung "gegenwärtig in Form einer leichten depressiven
Episode, allenfalls zeitweilig mittelgradigen Episode" vorliege. Hinweise, dass es in den
ersten Jahren nach dieser Begutachtung zu einer relevanten Verschlechterung der
Depression gekommen wäre, bestünden nicht. Zu einer Verschlechterung sei es erst im
Zusammenhang mit erneuten Eheproblemen gekommen. Der Versicherte habe
berichtet, im Rahmen einer psychiatrischen Kontrolle Anfang 2016 sei festgestellt
worden, dass sich die Depression verschlechtert habe. Vom 16. Februar bis 4. März
2016 sei eine stationäre Behandlung erfolgt. Gemäss dem Austrittsbericht habe sich
eine mittelgradige depressive Episode gezeigt. Im Austrittsbericht sei mitgeteilt
worden, dass es zu einer Besserung des depressiven Zustands gekommen sei. Der
Versicherte selber habe in der Untersuchung berichtet, dass es ihm aktuell von der
Depression her so gehe wie nach dem Austritt aus der Klinik Mitte Februar 2016 (recte:
Anfang März 2016). Aktuell zeige sich nur eine mässig ausgeprägte depressive
Symptomatik im Sinne einer rezidivierenden depressiven Störung, nicht näher
bezeichnet (ICD-10 F33.9). Der Versicherte habe über Panikattacken und
agoraphobische Ängste berichtet. Ferner habe er Ängste um seine Gesundheit und die
Gesundheit seines Sohnes beschrieben. Insgesamt handle es sich um eine eher gering
ausgeprägte und auch wenig alltagsrelevante Symptomatik, so dass eine
Angststörung, nicht näher bezeichnet (ICD-10 F41.9), diagnostiziert worden sei. Von
der Persönlichkeit her ergäben sich deutliche Hinweise für eine emotional instabile
Persönlichkeitsstörung mit Ärgeraffekten, Spannungszuständen, Selbstverletzungen,
impulsivem Verhalten und zum Teil Leergefühlen, sodass eine emotional instabile
Angststörung, nicht näher bezeichnet (ICD-10 F41.9)–
Hypertonus–
Verdacht auf nichtalkoholische Fettlebererkrankung–
Gemischte Hyperlipoproteinämie (als pathologischer Laborwert)–
Hypophosphatämie (als pathologischer Laborwert)–
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.30) diagnostiziert worden sei. In den Bereichen
Durchhaltefähigkeit, Flexibilität und Umstellungsfähigkeit, Selbstbehauptungs- und
Durchsetzungsfähigkeit sowie Gruppenfähigkeit bestünden Fähigkeitsstörungen. In
einer optimal adaptierten Tätigkeit betrage die Arbeitsfähigkeit 70-80%. Aus
internistischer Sicht stehe ein Diabetes mellitus Typ I im Vordergrund, der seit Ende
2008 bekannt sei. Die Behandlung führe zu einem erhöhten Therapieaufwand mit
Blutzuckerselbstmessungen und mehrfachen Insulininjektionen. Schichtarbeiten und
insbesondere Nachtschichtarbeiten seien nicht möglich. Da Blutzuckerschwankungen
nicht auszuschliessen seien, seien Tätigkeiten, die Umgang mit Gefahrstoffen
beinhalteten, Arbeiten mit Absturzgefahr und ähnliches, also Tätigkeiten mit
Überwachungsfunktionen mit besonderer Verantwortung für andere und Arbeiten an
gefährlichen Arbeitsplätzen zu vermeiden. Des Weiteren liege ein Hypertonus vor, aus
welchem keine funktionellen Einschränkungen resultierten. Auch aus der nicht-
alkoholischen Fettlebererkrankung resultiere per se keine funktionelle Einschränkung.
Ebenso resultierten weder aus der gemischten Hyperlipoproteinämie noch aus der
Hypophosphatämie eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Unter Zusammenfassung
beider Teilgutachten ergebe sich sowohl in der bisherigen als auch in einer
leidensadaptierten Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 70-80%. Die internistisch
gesehene Leistungsminderung aufgrund des erhöhten Pausenbedarfs wegen
Blutzucker-Selbstbestimmungen und mehrfachen Insulininjektion erhöhe die bereits
psychiatrisch festgestellte Arbeitsunfähigkeit von 20-30% ihrer Einschätzung nach
nicht. Beurteilt worden sei der Verlauf der Arbeitsfähigkeit seit dem Gutachten von
med. pract. D._ vom 16. Januar 2012. Damals sei eingeschätzt worden, dass die
Arbeitsfähigkeit 70-80% betrage. Eine Arbeitsfähigkeit in dieser Grössenordnung habe
auch in den weiteren Jahren weitgehend vorgelegen und bestehe in diesem Ausmass
auch aktuell. Eine höhere Arbeitsunfähigkeit habe nur während der psychischen Krise
im Zusammenhang mit der Trennungssituation ab Anfang 2016 bestanden. Von Januar
2016 bis zum Eintritt in die Klinik K._ vom 16. Februar 2016 dürfte die
Arbeitsfähigkeit bei nur noch 50% gelegen haben. Während des stationären
Aufenthalts bis zum 4. März 2016 sei sie aufgehoben gewesen. Seit dem 5. März 2016
betrage die Arbeitsfähigkeit 70-80%. Geeignet seien überwiegend sachorientierte,
regelmässige Tätigkeiten ohne erhöhte Anforderungen an die emotionale Belastbarkeit
und die Stressbelastbarkeit. Tätigkeiten in engen Räumen sowie an stark frequentierten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Orten seien nicht geeignet. In körperlicher Sicht sollten Tätigkeiten, die Umgang mit
Gefahrstoffen beinhalten würden, Arbeiten mit Absturzgefahr und ähnliche Tätigkeiten
vermieden werden, also Tätigkeiten mit Überwachungsfunktionen mit besonderer
Verantwortung für andere und Arbeiten an gefährlichen Arbeitsplätzen.
A.j. Mit einem Vorbescheid vom 22. Juni 2017 stellte die IV-Stelle dem Versicherten bei
einem IV-Grad von 21% die Abweisung seines Leistungsbegehrens in Aussicht (IV-
act. 223). Zur Begründung hielt sie fest, sowohl in der angestammten Tätigkeit als
Hauswart als auch in einer leidensadaptierten Tätigkeit bestehe eine Arbeitsfähigkeit
von 75%, wobei diese ganztags verwertbar sei. In Bezug auf die Validenkarriere gab
sie die Ausführungen des Rechtsdienstmitarbeitenden vom 28. Oktober 2016 (vgl. IV-
act. 200) wieder und hielt fest, beim Valideneinkommen sei von einem
Jahreseinkommen von Fr. 57'000.-- (inkl. 13. Monatslohn, Basis 2008) bzw.
Fr. 60'490.-- (inkl. Nominallohnentwicklung bis 2014) auszugehen. Bei der Berechnung
des Invalideneinkommens sei auf die Lohnstrukturerhebung des Bundesamts für
Statistik (LSE 2014, Tabelle TA1, Total Männer, Anforderungsniveau AN 1) abzustellen.
Das durchschnittliche Jahreseinkommen betrage Fr. 66'453.-- bzw. bei einem 75%-
Pensum Fr. 49'840.--. Nach einer Parallelisierung (Anrechnung von 4.86%) infolge
Minderverdienstes von 9.86% in der angestammten Tätigkeit resultiere ein
Invalideneinkommen von Fr. 47'636.--. Der IV-Grad betrage damit 21%.
A.k. Der Versicherte erhob am 28. August 2017 dagegen einen Einwand (IV-act. 224).
Er machte im Wesentlichen geltend, die Unmöglichkeit der genauen Rekonstruktion
des Valideneinkommens bei der E._ AG sei durch das Verschulden der IV-Stelle
entstanden, da diese im Wissen darum, dass die Akten bald vernichtet würden, nach
dem Rückerhalt des Fragebogens fast acht Monate mit den Zusatzfragen abgewartet
habe. Das Valideneinkommen sei deshalb anhand des Einkommens bei der E._ AG
zu berechnen, wobei in einer Druckerei bis 40% Schichtarbeit branchenüblich seien.
Schichtarbeit sei langfristig zumutbar. Die Überzeit von Fr. 6'191.10 im Jahr betreffe
wegen der hohen Überzeitzulagen etwa 5% der Arbeitszeit. Da diese in der
Druckereiindustrie per GAV nur bei 40 Stunden liege, entspreche das einer in anderen
Branchen üblichen Arbeitszeit von 42 Stunden und könne nicht als "regelmässige und
zahlreiche Überstunden" gewertet werden. Deshalb sei das gesamte damals erzielte
Einkommen als Valideneinkommen zu betrachten. Das im Jahr 2003 erzielte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einkommen von Fr. 89'635.20 (inkl. Kinderzulagen) sei auf den Zeitpunkt des
Einkommensvergleichs aufzurechnen (Lohnanpassung und Teuerung). Die
Arbeitsfähigkeit von 75% entspreche nicht der Realität. Zur genauen Bestimmung der
Arbeitsfähigkeit seien weitere medizinische Abklärungen erforderlich. Aus der neuesten
ärztlichen Untersuchung gehe nämlich hervor, dass sein Bronchialbaum hypersensibel
auf Hausstaubmilben und Pollen reagiere. Er reichte dazu den Bericht von Dr. med.
L._, FMH Pneumologie und Innere Medizin, vom 6. Februar 2017 ein (act. G 1.1.3).
Bei der Tätigkeit als Hauswart sei aus pneumologischer Sicht eine teilweise
bestehende Arbeitsunfähigkeit anzunehmen. Bei der Berechnung des
Invalideneinkommens sei ein "Leidensabzug" vorzunehmen. Gemäss ständiger
Rechtsprechung seien weitere persönliche und berufliche Merkmale wie Alter, Dauer
der Betriebszugehörigkeit, Nationalität oder Aufenthaltskategorie sowie
Beschäftigungsgrad, welche Auswirkungen auf die Lohnhöhe hätten, zu
berücksichtigen. Ein Abzug erfolge, wenn im Einzelfall Anhaltspunkte bestünden, dass
der Versicherte wegen eines oder mehrerer dieser Merkmale seine gesundheitliche
Restarbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit einem
unterdurchschnittlichen erwerblichen Erfolg verwerten könne (BGE 126 V 75 E. 5b ff.).
Neben der geringen Intelligenz, den neuropsychologischen Einschränkungen und dem
Übergewicht falle auch die Milben- und Pollenallergie einschränkend zur Last. Das
Defizit der deutschen Sprache und das fortgeschrittene Alter führten ebenfalls zu einem
Abzug. Zusammenfassend sei ein "Teilabzug" und unter Berücksichtigung der
genannten Merkmale ein "Leidensabzug" von insgesamt 20% zu gewähren.
A.l. Mit einer Verfügung vom 13. September 2017 wies die IV-Stelle, entsprechend dem
Vorbescheid, das Leistungsbegehren ab (IV-act. 228). Zu den Einwänden führte sie an,
dass sie ihre Abklärungspflicht erfüllt habe, weshalb der Versicherte die Folgen der
Beweislosigkeit zu tragen habe. Dass die Aufgabe der Tätigkeit bei der E._ AG
krankheitsbedingt erfolgt sei, stehe nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest. Ein "Leidensabzug" sei nicht gerechtfertigt, da die
gesundheitlichen Einschränkungen mit der attestierten Arbeitsfähigkeit von nur 75% in
einer adaptierten Tätigkeit grosszügig berücksichtigt worden seien und da der
Versicherte auch körperlich mittelschwere Tätigkeiten ausüben könne. Im Übrigen
seien sämtliche vom Versicherten angeführten invaliditätsfremden Faktoren mit der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Parallelisierung von Validen- und Invalideneinkommen berücksichtigt worden, weshalb
sich kein weiterer Abzug rechtfertige.
A.
B.
Der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer) erhob am 16. Oktober 2017 eine
Beschwerde (act. G 1). Er beantragte die Aufhebung der Verfügung vom 13. September
2017 und die Zusprache einer ganzen Invalidenrente. Eventualiter sei eine neue
gerichtliche, bidisziplinäre Begutachtung durch neutrale Gutachter durchzuführen.
Zudem beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und -
verbeiständung. Ergänzend zu den Einwänden im Vorbescheidverfahren machte der
Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, im internistischen Teilgutachten des
SMAB vom 8. März 2017 sei nicht auf seine pneumologischen Einschränkungen
eingegangen worden. Der diesbezügliche Arztbericht vom 6. Februar 2017 fehle in den
Fremdbefunden. Des Weiteren habe der psychiatrische Gutachter den
testpsychologischen Untersuchungsbericht zwar beigezogen, diesen jedoch
kleingeschrieben, indem er festgehalten habe, dass die Testergebnisse wegen seiner
(des Beschwerdeführers) Fremdsprachigkeit invalide seien. Dabei schliesse dieser
Bericht eine Aggravation aus. Der Gutachter thematisiere sodann im Abschnitt
"Intelligenz" die unterdurchschnittliche Intelligenz nicht, was gegen die Qualität des
SMAB-Gutachtens spreche. Aus diesen Gründen tauge das SMAB-Gutachten nicht zur
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in der bisherigen wie auch in einer angepassten
Tätigkeit. Die Arbeitsunfähigkeit sei deshalb mit 40% zu bewerten oder es sei ein
gerichtliches Gutachten in Auftrag zu geben. Die IV-Stelle (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) habe ihre Abklärungspflicht nach Art. 43 ATSG verletzt, indem
sie bei der E._ AG die erforderlichen Beweise nicht eingeholt habe, obwohl ihr die
drohende Aktenvernichtung hätte bewusst sein sollen. Diese Verletzung sei in der
Beweiswürdigung dahingehend zu berücksichtigen, dass der für ihn vorteilhaftere
Sachverhalt als erwiesen zu betrachten sei, wenn es Hinweise auf dessen Richtigkeit
gebe. Aufgrund dieser Umstände müssten die angegebenen Beweise genügen, dass
die Stelle bei der E._ AG per Ende Juli 2004 gesundheitsbedingt (auf ärztlichen Rat
hin) gekündigt worden sei. Die Beschwerdegegnerin habe durch ihr Verhalten zudem
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verunmöglicht genauer zu eruieren, wie es möglich gewesen sei, dass er im Jahr 2003
ein Jahreseinkommen von Fr. 89'635.20 (inkl. Kinderzulagen) habe erzielen können.
Dies wäre gemäss dem Rückweisungsentscheid vom 12. August 2015 jedoch ihre
Pflicht gewesen. Dennoch habe sie die "Chuzpe", in ihrer Begründung auf den
Rückweisungsentscheid zu verweisen und zu behaupten, das Valideneinkommen sei
auf das Einkommen eines Hilfsarbeiters zu kürzen. Dass er aber aufgrund
übermässiger Überstunden (nicht wegen der Schicht-/ Erfahrungs-/Sonntagszulage)
einen so hohen Verdienst erzielt habe, behaupte sie nicht einmal. Beim
Valideneinkommen sei von rund Fr. 95'000.-- auszugehen und das
Invalideneinkommen habe sich an seinen Einschränkungen psychischer und
körperlicher Art zu orientieren. In dieser Berechnung seien ein "Teilabzug" und ein
"Leidensabzug" von insgesamt 20% zu gewähren.
Die Beschwerdegegnerin beantragte die Abweisung der Beschwerde (act. G 5).
Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, Hinweise, wonach die beiden
Gutachter die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Leiden nicht umfassend und
kompetent untersucht hätten, bestünden nicht. Die relativ harmlose pneumologische
Befundlage ergebe sich auch aus dem vom Beschwerdeführer erst im
Beschwerdeverfahren vorgelegten Bericht von Dr. L._ vom 6. Februar 2017. Im
testpsychologischen Bericht der Psychiatrischen Klinik J._ vom 8. November 2016
sei festgehalten worden, dass die Ergebnisse der Intelligenztestung wegen der
Fremdsprachigkeit des Beschwerdeführers nicht mit Sicherheit valide seien. Der
Beschwerdeführer berufe sich daher zu Unrecht auf seine angeblich tiefe Intelligenz. Da
die geltend gemachten Leiden ausführlich abgeklärt worden seien, sei es nicht
notwendig, weitere medizinische Abklärungen durchzuführen. In Bezug auf das
Valideneinkommen verwies die Beschwerdegegnerin auf ihre Ausführungen in der
Stellungnahme vom 28. Oktober 2016 (vgl. IV-act. 200). Sie hielt fest, ergänzend dazu
ergebe sich aus dem Fragebogen für Arbeitgebende vom 6. Februar 2009, dass der
Beschwerdeführer seit dem Beginn seines Arbeitsverhältnisses beim dortigen
Arbeitgeber vom 1. Februar bis 24. November 2008 in einem Vollzeitpensum gearbeitet
habe. Das vom Beschwerdeführer geltend gemachte Valideneinkommen von
Fr. 95'000.-- sei nicht ausgewiesen. Weil davon auszugehen sei, dass sich das Validen-
und das Invalideneinkommen in etwa gleich entwickeln würden, könne eine Aufwertung
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unterbleiben. Das Invalideneinkommen sei anhand der Lohnstrukturerhebung des
Bundesamts für Statistik (Tabellenlöhne) zu berechnen. Hilfsarbeitern stünden nach
dem Eintritt der Invalidität eine Vielzahl von Stellen im Produktions- und
Dienstleistungssektor offen. In Industrie und Gewerbe würden zudem körperlich
anstrengende Arbeiten, welche der Beschwerdeführer invaliditätsbedingt nicht mehr
ausüben könne, zunehmend durch Maschinen verrichtet, während den
Überwachungsfunktionen grosse und wachsende Bedeutung zukomme. Für den
Beschwerdeführer geeignete Tätigkeiten seien etwa Maschinenbedienungs-, Kontroll-,
Sortier-, Prüf- sowie Verpackungsarbeiten, Arbeiten bei der Lager- und
Ersatzteilbewirtschaftung sowie Kurier- und Lieferdienste (z.B. Pizzakurier). Gemäss
Anhang 2 der IVG-Ausgabe der Informationsstelle AHV/IV, der sich auf die
Tabellenlöhne abstütze, betrage der entsprechende Wert für 2008 Fr. 59'979.-. Weil der
Beschwerdeführer auch körperlich mittelschwere Tätigkeiten ausführen könne, sei kein
"Leidensabzug" vorzunehmen. Im Weiteren seien die gesundheitlichen
Einschränkungen mit der attestierten Arbeitsfähigkeit von 75% in einer adaptierten
Tätigkeit bereits grosszügig berücksichtigt worden. Das geltend gemachte
fortgeschrittene Alter und die mangelnden Sprachkenntnisse rechtfertigten keinen
Abzug vom Invalideneinkommen, da es sich um invaliditätsfremde Faktoren handle.
Diese Gesichtspunkte seien insofern berücksichtigt worden, als das
Invalideneinkommen gemäss der niedrigsten Qualifikationsstufe 4 anhand der
Tabellenlöhne berechnet worden sei. Ein Teilzeitabzug sei nicht vorzunehmen, da sich
aus dem SMAB-Gutachten nicht entnehmen lasse, dass der Beschwerdeführer
lediglich noch in Teilzeit arbeiten könne.
Das Versicherungsgericht bewilligte am 15. November 2017 das Gesuch um die
unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung) für das Beschwerdeverfahren (act. G 6).
B.c.
Der Beschwerdeführer machte in seiner Replik vom 28. Februar 2018 ergänzend
geltend (act. G 14), er bestreite, dass seine Arbeitsfähigkeit bei 70-80% liegen solle. Im
SMAB-Gutachten fehle eine Würdigung des Schlussberichts Berufliche Abklärung vom
1. Februar bis 30. April 2011. Im Schlussbericht sei ein durchschnittlicher
Leistungsgrad von 20-30% (bei einer 50%igen Arbeitsfähigkeit) erhoben worden, was
bloss 10-15% Leistung gemessen an einer vollen Leistung am Arbeitsmarkt und dazu
B.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bloss in einem geschützten Rahmen ergebe. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit den
im Schlussbericht geschilderten Leistungseinschränkungen habe im SMAB-Gutachten
nicht stattgefunden. Es sei deshalb der Eindruck entstanden, dass das SMAB-
Gutachten parteiisch abgefasst worden sei. Er beantrage deshalb (eventualiter) eine
neutrale, gerichtliche Begutachtung. Gemäss dem erwähnten Schlussbericht liege
einerseits wegen des unzureichenden Arbeitstempos und der eingeschränkten
Konzentrationsfähigkeit und andererseits wegen den gezeigten Defiziten punkto
Selbstständigkeit bzw. Intelligenz bloss eine Verwertbarkeit der Arbeitsleistung auf dem
zweiten Arbeitsmarkt vor. Ausserdem leide er an einem Diabetes mellitus Typ I. Die
Beschwerdegegnerin habe deshalb zu wenig berücksichtigt, dass berufsmässiges
Fahren wegen Ohnmachtsanfällen gefährlich und damit nicht zumutbar sei. Betreffend
die Kündigung der Stelle bei der E._ AG habe die Beschwerdegegnerin selbst
festgehalten, dass diese aus gesundheitlichen Gründen gekündigt worden sei (vgl. IV-
act. 200-1 f., 222-3). Dr. med. M._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Klinik
K._, habe im Bericht vom 6. März 2009 festgehalten, dass es sich um den dritten
Nervenzusammenbruch gehandelt habe und dass es in der Vergangenheit zweimal,
einmal zu Ende seines Anstellungsverhältnisses bei der E._ AG, zu
Nervenzusammenbrüchen gekommen sei. Damit gebe es medizinische Akten, wenn
auch keine echtzeitlichen, welche eine krankheitsbedingte Aufgabe belegten. Med.
pract. D._ habe im psychiatrischen Gutachten zudem festgehalten, dass es bereits in
den Jahren 2001 und 2003 zu Nervenzusammenbrüchen gekommen sei. Im
Bestreitungsfall offeriere er als Zeugenbeweis N._, damaliger Abteilungsleiter Druck
bei der E._ AG. In Bezug auf die Atemprobleme sei gestützt auf den neuen
Arztbericht von Dr. med. O._, Facharzt für Kardiologie und Innere Medizin FMH, vom
16. Januar 2018 vorläufig davon auszugehen, dass diese auf eine medikamentöse
Nebenwirkung zurückzuführen seien und dann nach dem verordneten
Medikamentenwechsel eine Verbesserung des Gesundheitszustands zu erwarten sei.
Mit einem Schreiben vom 15. März 2018 reichte der Beschwerdeführer drei
Arztberichte ein (act. G 17). Dr. med. P._, Facharzt für Innere Medizin und Facharzt
Endokrinologie/Diabetologie, hatte am 26. Februar 2018 notiert, der Beschwerdeführer
habe aufgrund der Adipositas und der Psychopharmaka eine extrem hohe
Insulinresistenz und müsse sehr hohe Mengen an Insulin spritzen (act. G 17.1.1). Dr.
med. C._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, hatte am 9. März 2018 berichtet (act.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
G 17.1.2, Bericht nicht unterzeichnet), dass er den Beschwerdeführer von Dezember
2002 bis Januar 2009 hausärztlich betreut habe. Er habe aus seinen handschriftlichen
Notizen entnommen, dass im Februar 2004 erstmals Probleme mit einem Vorgesetzten
bestanden hätten. Er habe ihn daraufhin an den Psychiater Dr. Q._ überwiesen.
Zutreffend sei, dass er dem Beschwerdeführer geraten habe, seine Stelle zu kündigen.
Er habe diesbezüglich mit dem damaligen Vorgesetzten N._ telefoniert. R._ habe
ihm mitgeteilt, dass der Beschwerdeführer freigestellt werde. Dem Bericht war das
Überweisungsschreiben von Dr. C._ an Dr. Q._ vom 27. Februar 2004 beigelegt
(act. G 17.1.3, Überweisungsschreiben nicht unterzeichnet). Der Beschwerdeführer
machte geltend, gestützt auf die Berichte von Dr. C._ sei erstellt, dass die
psychischen Beschwerden ihren Ursprung im Februar 2004 hätten und somit das
damalige Einkommen als Valideneinkommen beizuziehen sei. Am 3. April 2018 reichte
der Beschwerdeführer den Arztbericht von Dr. med. S._, Facharzt FMH für ORL,
Hals- und Gesichtschirurgie, vom 19. März 2018 ein (act. G 19). Dr. S._ hatte einen
Verdacht auf ein obstruktives Schlafapnoesyndrom diagnostiziert und eine
schlafmedizinische Abklärung empfohlen (act. G 19.1).
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 21).B.e.
Am 29. Juni 2018 reichte der Beschwerdeführer den Bericht des Zentrums für
Schlafmedizin des Kantonsspitals St. Gallen vom 8. Mai 2018 ein (act. G 22). Die Ärzte
hatten ein schwergradiges obstruktives Schlafapnoesyndrom diagnostiziert (act.
G 22.1). Am 30. Juli 2019 reichte er den Bericht und das aktuelle Bild der
respiratorischen Polygraphie von Dr. med. T._, ORL, Hals- und Gesichtschirurgie,
Allergologie und klinische Immunologie, ein (act. G 24). Dr. T._ hatte am 22. Juli 2019
berichtet, der Beschwerdeführer leide an einem schwergradigen obstruktiven
Schlafapnoesyndrom. Er (der Beschwerdeführer) habe sich entschieden, die
Nasenatmung operativ freizulegen (act. G 24.1). Der Beschwerdeführer machte
gestützt darauf geltend, aufgrund der Funktionsstörung könne man davon ausgehen,
dass das Schlafapnoesyndrom seit langer Zeit bestehe. Seine Schlafqualität und damit
einhergehend seine Leistungsfähigkeit sei deshalb schon früher beeinträchtigt
gewesen.
B.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Die Beschwerdegegnerin hat mit der angefochtenen Verfügung vom 13. September
2017 einen Rentenanspruch des Beschwerdeführers bei einem IV-Grad von 21%
verneint. Strittig ist somit, ob der Beschwerdeführer Anspruch auf eine Invalidenrente
hat.
2.
3.
Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40% invalid sind (Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung, IVG, SR 831.20). Invalidität ist die voraussichtlich bleibende
oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG,
SR 830.1). Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung
und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
2.1.
Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist die Invalidität grundsätzlich
durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das Erwerbseinkommen,
das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares
Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte,
wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
2.2.
Um das zumutbare Invalideneinkommen ermitteln zu können, muss der
verbliebene Arbeitsfähigkeitsgrad des Beschwerdeführers mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststehen. Das Versicherungsgericht hat im
Rückweisungsentscheid vom 12. August 2015 dazu festgehalten, für die Berechnung
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des IV-Grades sei auf das Gutachten von med. pract. D._ vom 16. Januar 2012
abzustellen. Somit sei davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer überwiegend
wahrscheinlich retrospektiv seit Juni 2010 leidensadaptierte Tätigkeiten mit einer
Leistung von 70-80% ausüben könne und dass er vor Juni 2010 bloss während zweier,
jeweils höchstens wenige Monate dauernder Phasen stärker in seiner Arbeitsfähigkeit
beeinträchtigt gewesen sei (IV 2013/214, E. 3.3.3). Diese Feststellung des verbliebenen
Arbeitsfähigkeitsgrads des Beschwerdeführers hat sich auf den Zeitraum bis zum
Erlass der mit dem Rückweisungsentscheid aufgehobenen Verfügung vom 8. April
2013 bezogen. Das Versicherungsgericht hat damit einen feststellenden Teilentscheid
gefällt. Dieser ist nicht nur für die Beschwerdegegnerin, sondern auch für das
Versicherungsgericht verbindlich (vgl. Art. 56 Abs. 2 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, VRP, sGS 951.1). Zu präzisieren bleibt, über welchen
Zeitraum sich die beiden Phasen mit einem höheren Arbeitsunfähigkeitsgrad erstreckt
haben und wie hoch die Arbeitsunfähigkeit gewesen ist. Med. pract. D._ hat dazu
festgehalten (IV-act. 107-19, 107-22), zu Beginn des Jahres 2009 sei eine schwere
depressive Episode beschrieben worden, welche unter einer ambulanten psychiatrisch-
psychotherapeutischen Behandlung innerhalb weniger Monate remittiert sei. Bei der
gutachterlichen Untersuchung im September 2009 (diese war durch den Vertrauensarzt
der Krankentaggeldversicherung Dr. med. U._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
erfolgt, vgl. Fremdakten-act. 1-2 ff.) hätten lediglich noch Symptome einer
Anpassungsstörung, das heisse nur noch sehr leichte depressive Symptome, welche
die Kriterien einer depressiven Episode nicht erfüllt hätten, festgestellt werden können.
Auch die im Frühjahr 2010 diagnostizierte schwere depressive Episode habe im
Rahmen einer ambulanten psychosomatischen Rehabilitation deutlich gebessert
werden können. Die von Dr. M._ im Bericht vom 6. Juli 2009 attestierte 50%ige
Arbeitsunfähigkeit mit einer prognostizierten Steigerung des Arbeitsumfanges lasse
sich retrospektiv gut nachvollziehen (zum Bericht von Dr. M._ vgl. IV-act. 38). Auf
eine Rückfrage der Beschwerdegegnerin hin hat med. pract. D._ ergänzend zum
Gutachten festgehalten (IV-act. 125), retrospektiv betrachtet habe von Juli 2009 bis
Juni 2010 eine Arbeitsfähigkeit von 50% bestanden. Anzumerken sei, dass der
Beschwerdeführer von April 2010 bis Juni 2010 eine ambulante psychosomatische
Rehabilitation in der Klinik K._ absolviert habe, welche regulär halbtags mit drei bis
vier Stunden Therapieanwendungen durchgeführt werde. Er sei in einem deutlich
gebesserten Zustand aus der Klinik ausgetreten. Diese Arbeitsfähigkeitsschätzung von
med. pract. D._ hat sich sowohl auf die Arbeitsfähigkeit in der angestammten als
auch in einer leidensadaptierten Tätigkeit bezogen. Der Vertrauensarzt der
Krankentaggeldversicherung Dr. U._ hat dem Beschwerdeführer ab dem
8. September 2009 (Zeitpunkt der Untersuchung) bis Mitte Januar 2010 im ehemaligen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beruf als Reiniger und auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt eine 100%ige und ab Mitte
Januar 2010 eine wahrscheinlich 50%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert. Med. pract.
D._ hat zu der von Dr. U._ attestierten 100%igen Arbeitsunfähigkeit Stellung
genommen und festgehalten (IV-act. 125), angesichts der Diagnosen und der
beschriebenen psychischen Befunde sei diese nicht nachvollziehbar. Diese
Ausführungen von med. pract. D._ sind – wie das von ihr erstellte Gutachten an sich
– schlüssig und überzeugend. Gestützt darauf ist davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer von Juli 2009 bis Juni 2010 in einer leidensadaptierten Tätigkeit zu
50% arbeitsfähig gewesen ist und dass er vom Zeitpunkt des Eintritts des
Gesundheitsschadens im November 2008 bis zum Juli 2009 ebenfalls mindestens 50%
arbeitsunfähig gewesen ist. Letzteres deckt sich mit verschiedenen Berichten von
behandelnden Ärzten, welche damals dem Beschwerdeführer eine 50-100%ige
Arbeitsunfähigkeit attestiert hatten (vgl. IV-act. 3, 10, 29, 30-7, 67-4).
Die Beschwerdegegnerin hat zur Bestimmung der verbliebenen Arbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers ab dem 9. April 2013 das SMAB mit der Erstellung eines
bidisziplinären (psychiatrisch und internistisch) Verlaufsgutachtens beauftragt. Im
Gutachten des SMAB vom 4. Mai 2017 wurde dazu angegeben (IV-act. 218-15 und
218-16), die Arbeitsfähigkeit in der angestammten und in leidensadaptierten Tätigkeiten
betrage 70-80%. Eine höhere Arbeitsunfähigkeit habe nur während der psychischen
Krise im Zusammenhang mit der Trennungssituation ab Anfang 2016 bestanden. Von
Januar 2016 bis zum Eintritt in die Klinik K._ vom 16. Februar 2016 dürfte die
Arbeitsfähigkeit bei nur noch 50% gelegen haben. Während des stationären
Aufenthalts bis zum 4. März 2016 sei sie aufgehoben gewesen. Geeignet seien
überwiegend sachorientierte, regelmässige Tätigkeiten ohne erhöhte Anforderungen an
die emotionale Belastbarkeit und die Stressbelastbarkeit. Tätigkeiten in engen Räumen
sowie an stark frequentierten Orten seien nicht geeignet. In körperlicher Sicht sollten
Tätigkeiten, die Umgang mit Gefahrstoffen beinhalten würden, Arbeiten mit
Absturzgefahr und ähnliche Tätigkeiten vermieden werden, also Tätigkeiten mit
Überwachungsfunktionen mit besonderer Verantwortung für andere und Arbeiten an
gefährlichen Arbeitsplätzen. Strittig und im Folgenden zu prüfen ist, ob dem Gutachten
voller Beweiswert zukommt, das heisst, ob es die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers ab dem 9. April 2013 mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit belegt.
3.2.
Ein Gutachten hat vollen Beweiswert, wenn es für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen
Situation einleuchtet und die Schlussfolgerungen der Experten begründet sind (BGE
125 V 352 E. 3a). Massgebend ist sodann, ob der psychiatrische Gutachter die vom
Bundesgericht in Bezug auf anhaltende somatoforme Schmerzstörungen und
vergleichbare psychosomatische Leiden aufgestellten und später auf alle psychischen
Erkrankungen, insbesondere auf leichte bis mittelschwere depressive Störungen,
anwendbar erklärten Standardindikatoren berücksichtigt hat (vgl. BGE 141 V 281; 143
V 409 und 143 V 418). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung muss zur
Ermittlung des funktionellen Leistungsvermögens eines Versicherten – das heisst zur
Beantwortung der Frage, ob und inwiefern eine psychische Erkrankung eine
Arbeitsunfähigkeit bzw. eine Invalidität zur Folge hat – eine ergebnisoffene
symmetrische Beurteilung anhand eines Kataloges von Indikatoren erfolgen. Die im
Regelfall beachtlichen Standardindikatoren sind: (a) „funktioneller Schweregrad“, (aa)
„Gesundheitsschädigung“, (aaa) Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde, (aab)
Behandlungs- und Eingliederungserfolg, (aac) Komorbiditäten, (ab) „Persönlichkeit“,
(ac) „sozialer Kontext“, (b) „Konsistenz“, (ba) gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen, (bb) behandlungs- und
eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidensdruck (BGE 141 V 297 f. E. 4.1.3).
Die Handhabung des Katalogs muss stets den Umständen des Einzelfalls gerecht
werden. Es handelt sich nicht um eine "abhakbare Checkliste" (BGE 141 V 297
E. 4.1.1).
Das Gutachten ist in die Abschnitte Vorgeschichte gemäss Aktenlage,
Zusammenfassung medizinische Vorgeschichte, Diagnosen und Synthese aus allen
untersuchten Fachgebieten nach Abschluss des Konsensprozesses am 1. Mai 2017,
versicherungsmedizinische Beurteilung und Fragen (bidisziplinär beantwortet)
gegliedert. Aus dem Gutachten ist ersichtlich, dass die Gutachter den
Beschwerdeführer eingehend untersucht und seine subjektiven Klagen aufgenommen
haben. Sie haben die objektiven klinischen Befunde wiedergegeben, umfassende
Kenntnis von den Vorakten gehabt und diese gewürdigt. Gestützt auf ihre Befunde
haben sie die Diagnosen gestellt und ihre Beurteilung zur Arbeitsfähigkeit, inklusive
eine Konsensbeurteilung, abgegeben. Der psychiatrische Gutachter Dr. med. V._ hat
auch den gutachterlichen Fragekatalog, der die nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung massgebenden Standardindikatoren berücksichtigt, beantwortet
(siehe psychiatrisches Teilgutachten vom 15. März 2017, IV-act. 218-35 ff.). Aus dem
psychiatrischen Teilgutachten ist insbesondere ersichtlich, dass der Beschwerdeführer
im Untersuchungszeitpunkt nur eine mässig ausgeprägte depressive Symptomatik
gezeigt hat und dass die Kriterien für eine leichte depressive Episode nicht erfüllt
3.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gewesen sind. Dr. V._ hat festgehalten, dass sich Hinweise auf eine zeitweise leicht
erhöhte Ermüdbarkeit ergeben hätten. Der Beschwerdeführer habe sich in leicht
bedrückter Grundstimmung gezeigt, wobei sich die Stimmung deutlich aufgehellt habe,
als er über seine Freundin gesprochen habe. Von der Persönlichkeit her hätten sich
deutliche Hinweise auf eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung mit
Ärgeraffekten, Spannungszuständen, Selbstverletzungen, impulsivem Verhalten
("Fressattacken") und zum Teil Leeregefühlen ergeben. Im Übrigen hat Dr. V._ das
Bestehen von psychiatrischen Befunden verneint (z.B. keine erschwerte Auffassung,
keine Beeinträchtigung der Konzentration, keine Wahngedanken, Halluzinationen oder
illusionäre Verkennungen, keine Störungen des Ich-Bewusstseins, keine
Antriebsminderung etc.). Dr. V._ hat zudem festgehalten, dass der Eindruck einer
Beschwerdebetonung, zum Teil auch einer Aggravation, entstanden sei. Eine
Aggravation habe sich vor allem hinsichtlich der Frage, wie stark sich die vorliegenden
psychischen Störungen im Alltag beeinträchtigend auswirkten, ergeben. Die von Dr.
V._ gestellte, sich auf die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers auswirkende
Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung, nicht näher bezeichnet (ICD-10
F33.9), ist damit nachvollziehbar hergeleitet und überzeugend. An seiner Einschätzung
der Arbeitsfähigkeit von 70-80% sind dagegen – zumindest aus der Sicht eines
medizinischen Laien – angesichts der psychiatrischen Befunde und der gestellten
Diagnose leichte Zweifel anzubringen. Med. pract. D._ hat nämlich gestützt auf die
Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig in der Form einer
leichten depressiven Episode, allenfalls zeitweilig einer mittelgradigen Episode, mit
einer vordergründigen Somatisierungsneigung (ICD-10 F33.0 und F33.1) – also bei
gravierenderen Befunden – eine mit jener von Dr. V._ identische
Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben (vgl. IV-act. 107-15 und 107-20). Die
Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. V._ scheint daher eher zu tief zu sein. Der
internistische Gutachter Prof. Dr. med. W._ hat als Diagnose mit Auswirkungen auf
die Arbeitsfähigkeit einen Diabetes mellitus Typ I angegeben. Wegen eines erhöhten
Pausenbedarfs hat er die Arbeitsfähigkeit auf 90% eingeschätzt (vollschichtig
umsetzbar). Ob aus regelmässigen Blutzuckerselbstmessungen und mehrfachen
Insulininjektionen eine Leistungseinbusse von 10% resultiert, ist eher fraglich. Letztlich
ist jedoch massgebend, dass die Beurteilung der beiden Gutachter, wonach die
internistisch gesehene Leistungsminderung die psychiatrisch festgestellte
Arbeitsunfähigkeit nicht weiter erhöhe, schlüssig und überzeugend ist. In Anbetracht
der leichten Zweifel an der Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. V._ und damit auch an
der in der Konsensbeurteilung abgegebenen Einschätzung der verbliebenen
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers von 70-80% in der bisherigen und in einer
leidensadaptierten Tätigkeit ist davon auszugehen, dass der Arbeitsunfähigkeitsgrad
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eher tiefer als der nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung massgebende
Mittelwert von 25% ist (vgl. Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom
21. April 2005, I 822/04 E. 4.4; Urteil des Bundesgerichts vom 28. Dezember 2007,
9C_626/2007 E. 3.2). Jedenfalls beträgt er nicht mehr als 30%. Somit ist von einer
verbliebenen Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers von mindestens 70%
auszugehen. Im Folgenden ist zu prüfen, ob die Berichte der behandelnden Ärzte sowie
die Einwände des Beschwerdeführers Zweifel am SMAB-Gutachten zu wecken
vermögen.
Das Psychiatrische Zentrum F._ hat dem Beschwerdeführer im Austrittsbericht
vom 4. März 2016 während der Dauer der Hospitalisation vom 16. Februar 2016 bis
4. März 2016 sowie bis auf weiteres eine vollständige Arbeitsunfähigkeit attestiert (IV-
act. 186). Die SMAB-Gutachter haben diesen Bericht gewürdigt, indem sie festgehalten
haben, eine höhere Arbeitsunfähigkeit als die von med. pract. D._ und von ihnen
attestierte Arbeitsunfähigkeit von 20-30% habe nur während der psychischen Krise im
Zusammenhang mit der Trennungssituation ab Anfang 2016 bestanden. Von Januar
2016 bis zum Eintritt in die Klinik K._ (recte: in das Psychiatrische Zentrum F._)
vom 16. Februar 2016 dürfte die Arbeitsfähigkeit bei nur noch 50% gelegen haben.
Während des stationären Aufenthalts bis zum 4. März 2016 sei sie aufgehoben
gewesen. Seit dem 5. März 2016 habe die Arbeitsfähigkeit 70-80% betragen (IV-
act. 218-16). In welchem Ausmass der Beschwerdeführer von Januar 2016 bis Mitte
Februar 2016 arbeitsunfähig gewesen ist, kann offengelassen werden. Gemäss Art. 8
Abs. 1 ATSG setzt eine Invalidität eine voraussichtlich bleibende oder längere Zeit
dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit voraus. Bei einer Verschlechterung
des Gesundheitszustands während rund zwei Monaten handelt es sich um eine
lediglich kurzzeitige Phase, welche keine anhaltende Arbeits- bzw. Erwerbsunfähigkeit
i.S.v. Art. 8 Abs. 1 ATSG bewirkt hat (vgl. auch Art. 88a Abs. 2 IVV, wonach eine
Verschlechterung der Erwerbsfähigkeit zu berücksichtigen ist, wenn sie ohne
wesentliche Unterbrechung drei Monate gedauert hat). In Bezug auf die
Arbeitsfähigkeitsschätzung des Psychiatrischen Zentrums F._ für die Zeit ab dem
5. März 2016 ist zu berücksichtigen, dass sowohl med. pract. D._ (vgl. IV-
act. 107-20) als auch Dr. V._ (vgl. IV-act. 218-17) Anzeichen für ein aggravierendes
Verhalten festgestellt haben. Damit ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
seine Beschwerdeschilderungen auch im Rahmen des stationären Aufenthalts im
Psychiatrischen Zentrum F._ überzeichnet hat. Des Weiteren ist der
Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen, dass behandelnde Ärzte aufgrund ihrer
auftragsrechtlichen Vertrauensstellung im Zweifel eher zugunsten ihrer Patienten
auszusagen pflegen und dazu neigen, die pessimistischen Beschwerdeschilderungen
3.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ihrer Patienten als objektiv ausgewiesen zu qualifizieren (vgl. BGE 125 V 353 E. 3b.cc;
Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 5. April 2004, I 814/03 E. 2.4.2).
Die Ausführungen der behandelnden Ärzte im Austrittsbericht vermögen deshalb keine
Zweifel am SMAB-Gutachten zu wecken. Insbesondere ist nicht auf deren
Arbeitsfähigkeitsschätzung abzustellen.
Die Psychiaterin Dr. I._ hat dem Beschwerdeführer in einem Bericht vom
14. Oktober 2016 eine seit dem Beginn der Behandlung am 23. Juni 2016 bestehende,
vollständige Arbeitsunfähigkeit attestiert. Als Diagnose hat sie unter anderem eine
rezidivierende ängstlich-depressive Störung mit einem somatischen Syndrom,
gegenwärtig mittelschwerer Ausprägung (ICD-10 F33.11), angegeben (IV-act. 199).
Auch diesbezüglich sind – gleich wie bei der Würdigung des Austrittsberichts des
Psychiatrischen Zentrums F._ vom 4. März 2016 – die von med. pract. D._ und
Dr. V._ festgestellten Anzeichen für ein aggravierendes Verhalten zu berücksichtigen.
Die entsprechenden Hinweise dürften Dr. I._ wohl entgangen sein. Zudem ist
ebenfalls der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen, dass behandelnde Ärzte
aufgrund ihrer auftragsrechtlichen Vertrauensstellung im Zweifel eher zugunsten ihrer
Patienten auszusagen pflegen und dazu neigen, die pessimistischen
Beschwerdeschilderungen ihrer Patienten als objektiv ausgewiesen zu qualifizieren
(siehe E. 3.5). Die von Dr. I._ gestellten Diagnosen und ihre
Arbeitsfähigkeitsschätzung vermögen deshalb keine Zweifel am SMAB-Gutachten zu
wecken.
3.6.
Der Beschwerdeführer hat sinngemäss eingewendet, der im Gutachten
angegebene hohe Arbeitsfähigkeitsgrad entspreche nicht der Realität. Gemäss einem
Bericht von Dr. L._ vom 6. Februar 2017 reagiere sein Bronchialbaum hypersensibel
auf Hausstaubmilben und Pollen. Bei der Tätigkeit als Hauswart sei aus
pneumologischer Sicht eine teilweise bestehende Arbeitsunfähigkeit anzunehmen. Im
internistischen Teilgutachten vom 8. März 2017 sei nicht auf seine pneumologischen
Einschränkungen eingegangen worden. Der Arztbericht von Dr. L._ vom 6. Februar
2017 fehle in den Fremdbefunden. Im SMAB-Gutachten vom 4. Mai 2017 ist dazu
festgehalten (IV-act. 218-15), der Beschwerdeführer habe berichtet, dass einige
Wochen vor der gutachterlichen Untersuchung ein Asthma bronchiale festgestellt
worden sei. Auf dem (bei Dr. L._, vgl. IV-act. 218-45) angeforderten Spirometrie-
Befund hätten sich aber keine Hinweise für eine obstruktive Ventilationsstörung gezeigt
und der Auskultationsbefund sei unauffällig gewesen. Selbst wenn ein Asthma
bronchiale bestehen sollte, käme diesem keine funktionelle Bedeutung zu. Diese
3.7.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einschätzung der Gutachter überzeugt. Der Einwand des Beschwerdeführers ist damit
nicht stichhaltig.
Der Beschwerdeführer hat des Weiteren eingewendet, der psychiatrische
Gutachter habe den testpsychologischen Untersuchungsbericht zwar beigezogen,
diesen jedoch "kleingeschrieben", indem er festgehalten habe, dass die Testergebnisse
wegen seiner (des Beschwerdeführers) Fremdsprachigkeit invalide seien. Dabei
schliesse dieser Bericht eine Aggravation aus. Der Gutachter thematisiere zudem im
Abschnitt "Intelligenz" die unterdurchschnittliche Intelligenz nicht, was gegen die
Qualität des SMAB-Gutachtens spreche. Auch dieser Einwand des Beschwerdeführers
ist nicht stichhaltig. Der Bericht der Psychiatrischen Klinik J._ vom 8. November 2016
betreffend die testpsychologische Untersuchung vom 26. Oktober 2016 ist nämlich
widersprüchlich. Die den Beschwerdeführer untersuchenden Fachärzte haben
festgehalten, die aktuelle Intelligenzleistung liege mit einer Wahrscheinlichkeit von 90%
zwischen einem IQ 66 bis 73 und damit auf der Grenze zur Intelligenzminderung.
Aufgrund der Fremdsprachigkeit des Beschwerdeführers seien die Ergebnisse jedoch
nicht mit Sicherheit valide und die Leistungsfähigkeit dürfte mit den vorliegenden
Resultaten eher unterschätzt werden. Insgesamt sei aber von einer
unterdurchschnittlichen Intelligenz auszugehen. Die Fachärzte haben damit eine
verbindliche Aussage gemacht, obwohl sie zuvor festgehalten haben, dass die
Ergebnisse wegen der Fremdsprachigkeit des Beschwerdeführers nicht mit Sicherheit
valide seien. Auf diesen Bericht kann demnach nicht abgestellt werden.
3.8.
Der Beschwerdeführer hat sodann geltend gemacht, im SMAB-Gutachten fehle
eine Würdigung des Schlussberichts über die berufliche Abklärung vom 1. Februar
2011 bis 30. April 2011. Darin sei ein durchschnittlicher Leistungsgrad von 20-30% bei
einer 50%igen Arbeitsfähigkeit erhoben worden, was bloss 10-15% Leistung,
gemessen an einer vollen Leistung am Arbeitsmarkt, und dazu bloss in einem
geschützten Rahmen ergebe. Dadurch sei der Eindruck entstanden, dass das SMAB-
Gutachten parteiisch abgefasst worden sei. Dazu ist festzuhalten, dass die SMAB-
Gutachter den Auftrag hatten, ein Verlaufsgutachten zu erstellen, das heisst über die
Entwicklung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit seit dem 9. April 2013
zu berichten. Die vom Beschwerdeführer absolvierte berufliche Abklärung hat anfangs
2011 und damit vor dem Beurteilungszeitraum stattgefunden. Med. pract. D._ hat in
ihrem Gutachten vom 16. Januar 2012 den Schlussbericht gewürdigt. Insbesondere hat
sie festgehalten, dass gemäss dem Schlussbericht die Motivation des
Beschwerdeführers "nicht spürbar" gewesen sei (IV-act. 107-18, 92-5). Das
Versicherungsgericht hat im Rückweisungsentscheid vom 12. August 2015 bereits
3.9.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
festgehalten, die Verantwortlichen des Einsatzbetriebes hätten die schwache Leistung
nicht bloss auf gesundheitliche Beschwerden, sondern auch auf eine mangelnde
Motivation zurückgeführt (IV 2013/214, E. 3.2). Es hat den Schlussbericht somit
ebenfalls gewürdigt und die verbleibende Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers für
den damaligen Zeitraum verbindlich festgestellt. Für die SMAB-Gutachter hat damit
kein Anlass bestanden, zum betreffenden Schlussbericht Stellung zu nehmen.
Der Beschwerdeführer hat im Beschwerdeverfahren neue Arztberichte eingereicht
(Berichte von Dr. S._ vom 19. März 2018, vom Zentrum für Schlafmedizin des
Kantonsspitals St. Gallen vom 8. Mai 2018 und von Dr. T._ vom 22. Juli 2019).
Gestützt darauf hat er geltend gemacht, er leide an einem Schlafapnoesyndrom.
Aufgrund der Funktionsstörung sei davon auszugehen, dass dieses seit langer Zeit
bestehe. Seine Schlafqualität und damit einhergehend seine Leistungsfähigkeit sei
deshalb schon früher beeinträchtigt gewesen. Dem ist entgegenzuhalten, dass ein
Schlafapnoesyndrom problemlos behandelbar ist. Der Beschwerdeführer hat selbst
angegeben, dass er sich entschieden habe, die Nasenatmung operativ freizulegen.
Somit handelt es sich um eine gesundheitliche Beeinträchtigung, deren Behandlung
zumutbar ist und die keinen Verlust der Erwerbsmöglichkeiten zur Folge hat (vgl. Art. 7
Abs. 1 ATSG).
3.10.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Berichte der behandelnden Ärzte
sowie die Einwände des Beschwerdeführers keine Zweifel am SMAB-Gutachten zu
wecken vermögen. Auf das SMAB-Gutachten ist somit abzustellen. Damit steht mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass der
Beschwerdeführer ab dem 9. April 2013 zu maximal 30% arbeitsunfähig gewesen ist.
Betreffend den Zeitraum bis zum 8. April 2013 ist mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt, dass der Beschwerdeführer seit Juni 2010
leidensadaptierte Tätigkeiten mit einer Leistung von 70-80% hat ausüben können und
dass er von Juli 2009 bis Juni 2010 zu 50% arbeitsunfähig gewesen ist. Vom Zeitpunkt
des Eintritts des Gesundheitsschadens im November 2008 bis zum Juli 2009 ist er
ebenfalls zu mindestens 50% arbeitsunfähig gewesen.
3.11.
Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist die Invalidität grundsätzlich
durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Mit Blick auf den klaren Wortlaut von
Art. 28 Abs. 1 lit. a IVG und von Art. 7, 8 und 16 ATSG kann sodann keine Invalidität
vorliegen, solange noch eine medizinische oder berufliche Eingliederung durchgeführt
wird. Die drei Abteilungen des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen haben im
4.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 25/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Frühjahr 2019 in einem Verfahren nach Art. 54 des Gerichtsgesetzes (sGS 941.1)
folgende Frage mehrheitlich bejaht: "Haben Versicherte, die während eines Jahres
ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens zu 40 Prozent
arbeitsunfähig gewesen sind und die nach Ablauf dieses Jahres weiterhin zu
mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig sind, grundsätzlich Anspruch auf eine Rente,
obwohl zumutbare Eingliederungsmassnahmen, welche ihre Arbeitsfähigkeit oder die
Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, nicht abgeschlossen sind?". Diese Praxis bedeutet, dass ein
allfälliger Rentenanspruch nicht nur auf einer Invalidität i.S.v. Art. 8 Abs. 1 ATSG,
sondern auch auf einer Arbeitsunfähigkeit beruhen kann. Damit besteht – in analoger
Anwendung von Art. 28 Abs. 2 IVG – bei einem Arbeitsunfähigkeitsgrad von 40% bis
49% ein Anspruch auf eine Viertelsrente, bei einem Arbeitsunfähigkeitsgrad von 50%
bis 59% ein Anspruch auf eine halbe Rente usw. (vgl. Urteile des Versicherungsgerichts
vom 23. September 2019, IV 2016/328, E. 2.2, und IV 2016/274, E. 3.4). Der
Beschwerdeführer hat sich im Januar 2009 zum Leistungsbezug angemeldet. Der
Gesundheitsschaden ist im November 2008 eingetreten (vgl. IV-act. 10, 30). Die
Arbeitsunfähigkeit hat von November 2008 bis Juni 2009 mindestens 50% und von Juli
2009 bis Juni 2010 50% betragen. Unter der Berücksichtigung der sechsmonatigen
Frist ab der Anmeldung und des Wartejahrs (vgl. Art. 28 Abs. 1 lit. b und 29 Abs. 1 IVG)
ist der potentielle Rentenbeginn auf den 1. November 2009 festzusetzen. Da der
Beschwerdeführer von November 2009 bis Juni 2010 mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu 50% arbeitsunfähig gewesen ist, hat er gemäss
der Praxis des Versicherungsgerichts Anspruch auf eine halbe Invalidenrente, obwohl
er sich in diesem Zeitraum einer ambulanten psychosomatischen Rehabilitation in der
Klinik K._ unterzogen hatte.
Beim Austritt aus der Klinik K._ hatte sich der Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers soweit verbessert, dass er ab Juni 2010 mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu 70-80% bzw. (ab dem 9. April 2013) zu
mindestens 70% arbeitsfähig gewesen ist. Ab diesem Zeitpunkt ist der
Gesundheitszustand somit stabil gewesen. Die Bestimmung des Invaliditätsgrades
erfolgt deshalb ab diesem Zeitpunkt regulär aufgrund eines Einkommensvergleichs.
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung wäre in Bezug auf den
Arbeitsfähigkeitsgrad von 70-80% an sich der Mittelwert massgebend, das heisst 75%
(vgl. Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 21. April 2005, I 822/04
E. 4.4; Urteil des Bundesgerichts vom 28. Dezember 2007, 9C_626/2007 E. 3.2). Im
Folgenden kann jedoch durchgehend mit einem maximalen Arbeitsunfähigkeitsgrad
4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 26/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
von 30% gerechnet werden. Bleibt der IV-Grad nämlich unter 40%, kann die Vornahme
eines in zeitlicher Hinsicht gestaffelten Einkommensvergleichs unterbleiben.
Der Beschwerdeführer hat keinen Beruf erlernt. Von 1993 bis 2004 hat er bei der
X._ AG bzw. bei der E._ AG als Mitarbeitender in der Abteilung Druck gearbeitet
(IV-act. 166). Das Einkommen ist kontinuierlich von rund Fr. 49'000.-- (1994) auf rund
Fr. 60'000.-- (1996) und Fr. 65'000.-- (1999) angestiegen. Anschliessend hat das
Einkommen rund Fr. 78'000.-- (2000/2001) bzw. Fr. 87'000.-- (2003) betragen (vgl. IK-
Auszug, IV-act. 15). Nach der Aufgabe der Tätigkeit bei der E._ AG hat der
Beschwerdeführer eine Anlehre zum Hauswart absolviert. Zuletzt hat er als Leiter einer
Reinigungsequipe gearbeitet. In dieser Tätigkeit hat er lediglich ca. Fr. 23.-- pro Stunde
(IV-act. 17-3) bzw. Fr. 4'400.-- im Monat verdient (IV-act. 1-5), was nicht einmal einem
durchschnittlichen Hilfsarbeiterlohn entsprochen hat (vgl. die Lohnstrukturerhebung
des Bundesamts für Statistik, Anhang 2 der IV-Ausgabe der Informationsstelle AHV/IV,
Ausgabe 2012, wonach im Jahr 2008 der durchschnittliche Hilfsarbeiterlohn
Fr. 59'979.-- bzw. Fr. 4'806.-- pro Monat bei einer Wochenarbeitszeit von 40 Stunden
betragen hat). Gemäss einem Arbeitgeberbericht der Y._ AG (bzw. der E._ AG)
vom 7. Oktober 2015 (IV-act. 166) hat der AHV-pflichtige Lohn im Jahr 2003
Fr. 54'119.-- betragen. Im Jahr 2002 hat der Beschwerdeführer Fr. 81'352.90, im Jahr
2003 Fr. 87'595.20 und im Jahr 2004 (von Januar bis Juli) Fr. 44'904.40 verdient. Auf
eine telefonische Rückfrage hin hat eine Mitarbeitende der E._ AG der
Beschwerdegegnerin die Auskunft erteilt, in den Jahren, in welchen der
Beschwerdeführer beim E._ tätig gewesen sei, sei es üblich gewesen, dass
Mitarbeitende durch Schichtarbeit ein sehr hohes Einkommen hätten erzielen können.
Der damalige GAV sei sehr grosszügig gewesen und habe Privilegien enthalten, welche
in diesem Ausmass heute nicht mehr bestünden. Im Falle des Versicherten habe das
Einkommen aus Schichtarbeit ca. 35-40% des Lohnes ausgemacht (IV-act. 180, 183).
Diese Auskunft ist durch eine Jahresauswertung belegt, wonach die Schichtzulagen
des Beschwerdeführers inklusive die Entschädigung der Überzeit während der Schicht,
die "Grati" auf die Schichtzulage und das Feriengeld auf die Schichtzulage im Jahr
2002 Fr. 21'493.25 (Fr. 17'709.70 + Fr. 686.60 + Fr. 1'476.-- + Fr. 1'620.95) und im Jahr
2003 Fr. 24'697.50 (Fr. 20'582.15 + Fr. 485.05 + Fr. 1'715.-- + Fr. 1'915.30) betragen
haben (IV-act. 166-9 ff.). Der bei der E._ AG erzielte hohe Lohn ist somit auf einen
hohen Anteil an Schichtzulagen zurückzuführen. In Bezug auf das Valideneinkommen
ist jedoch weder auf das bei der E._ AG erzielte Einkommen noch auf das zuletzt
erzielte Einkommen als Leiter einer Reinigungsequipe abzustellen, sondern auf einen
durchschnittlichen Hilfsarbeiterlohn. Dies ist wie folgt zu begründen: Art. 16 ATSG
knüpft für die Bemessung des Valideneinkommens an jenem Erwerbseinkommen an,
4.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 27/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben wäre. Diese
Formulierung entspricht dem Sinn und Zweck der Invalidenrente, für deren Bemessung
Art. 16 ATSG die Grundlage bildet. Die Invalidenrente soll nämlich einen Verlust von
Erwerbsmöglichkeiten auf dem allgemeinen und ausgeglichenen Arbeitsmarkt
kompensieren (Art. 8 Abs. 1 ATSG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 ATSG). Das durch eine
Invalidenrente versicherte Gut – die „Validität“ – entspricht folglich der Erwerbsfähigkeit
der versicherten Person, das heisst deren Erwerbsmöglichkeiten auf dem allgemeinen
und ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG e contrario). Massgebend ist
deshalb, welche Erwerbsmöglichkeiten beziehungsweise welches
Einkommenspotential die versicherte Person unter Berücksichtigung ihrer
Berufsausbildung auf dem allgemeinen und ausgeglichenen Arbeitsmarkt hätte
(Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 21. August 2019, IV
2017/26 E. 3.1). Der Beschwerdeführer hat keine Berufsausbildung absolviert und ist
somit als Hilfsarbeiter zu qualifizieren. Sein Lohn bei der E._ AG hat sich zunächst im
Rahmen eines leicht unter- bzw. überdurchschnittlichen Hilfsarbeiterlohns bewegt (der
statistische Zentralwert für Hilfsarbeiterlöhne hat im Jahr 1994 Fr. 4'225.-- monatlich
bei einer Wochenarbeitszeit von 40 Stunden und damit Fr. 52'855.-- pro Jahr bei einer
betriebsüblichen Arbeitszeit von 41,7 Stunden betragen, vgl. die Schweizerische
Lohnstrukturerhebung 1994, Tabelle T A 4.4.1, Anforderungsniveau 4; im Jahr 1996 hat
der statistische Zentralwert Fr. 4'399.-- monatlich bzw. Fr. 55'031.-- pro Jahr und im
Jahr 1998 Fr. 4'359.-- monatlich bzw. Fr. 54'531.-- pro Jahr betragen, vgl. die
Schweizerischen Lohnstrukturerhebungen 1996 und 1998, Tabellen TA 12,
Anforderungsniveau 4). Von 2000 bis Mitte 2004 ist sein Lohn stark angestiegen und
hat deutlich über einem durchschnittlichen Hilfsarbeiterlohn gelegen (der statistische
Zentralwert für Hilfsarbeiterlöhne hat im Jahr 2004 Fr. 57'258.-- betragen, vgl. Anhang
2 der IV-Ausgabe der Informationsstelle AHV/IV, Ausgabe 2012). Der Grund dafür ist im
Umstand zu erblicken, dass der Beschwerdeführer hohe Schichtzulagen erhalten hat
und diese auf einen damals grosszügigen GAV zurückzuführen gewesen sind. Dieser
Umstand weist keinen direkten Zusammenhang mit der Erwerbsfähigkeit des
Beschwerdeführers auf. Hätte der Beschwerdeführer in einer anderen Branche eine
Hilfsarbeitertätigkeit ausgeführt, wäre sein Lohn mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
tiefer gewesen. Dieser Umstand ist aus invalidenversicherungsrechtlicher Sicht deshalb
als irrelevante Zufälligkeit zu betrachten. Die Ausrichtung von Schichtzulagen bzw. der
entsprechende Lohnanteil muss folglich bei der Bemessung des Valideneinkommens
unbeachtet bleiben. Im Weiteren ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer –
wäre er gesund geblieben – in der Druckereibranche heute keinen so hohen Lohn mehr
erzielen könnte, da sich diese Branche angesichts der Digitalisierung der Medien einer
abnehmenden Anzahl von Abonnenten der gedruckten Presse ausgesetzt sieht und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 28/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
infolge des Preiskampfes zahlreiche Arbeitsplätze ins Ausland ausgelagert wurden, was
sich zwangsläufig auf die Höhe der Löhne niederschlagen muss. Auf den zuletzt
erzielten Lohn als Leiter einer Reinigungsequipe, welcher unter einem
durchschnittlichen Hilfsarbeiterlohn gelegen hat, ist ebenfalls nicht abzustellen. In den
Akten finden sich keine Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer vor dem
Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung nur unterdurchschnittlich leistungsfähig
gewesen wäre. Der Umstand, dass er einen unterdurchschnittlichen Hilfsarbeiterlohn
erzielt hat, muss folglich auf die Zwänge des invalidenversicherungsrechtlich nicht
massgebenden tatsächlichen Arbeitsmarktes zurückzuführen gewesen sein. Hätte sich
dem Beschwerdeführer eine entsprechende Gelegenheit geboten, hätte er eine
Arbeitsstelle angenommen, an der er einen durchschnittlichen Hilfsarbeiterlohn erzielt
hätte. Damit ist von einer Erwerbsfähigkeit auszugehen, die jener eines
durchschnittlichen Hilfsarbeiters entspricht. Das Valideneinkommen entspricht somit
dem statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne, vorliegend Fr. 61'414.-- für das
Jahr 2010 (vgl. Anhang 2 der IV-Ausgabe der Informationsstelle AHV/IV, Ausgabe
2012). Schliesslich ist auf den Einwand des Beschwerdeführers einzugehen, den dieser
in Bezug auf die Validenkarriere vorgebracht hat. Er hat geltend gemacht, die Aufgabe
der Tätigkeit bei der E._ AG sei gesundheitsbedingt erfolgt. Gestützt auf den Bericht
des Hausarztes Dr. C._ vom 9. März 2018 und das Überweisungsschreiben von Dr.
C._ an den Psychiater Dr. Q._ vom 27. Februar 2004 sei erstellt, dass die
psychischen Beschwerden ihren Ursprung im Februar 2004 hätten. Somit sei das
damalige Einkommen als Valideneinkommen beizuziehen. Dazu ist festzuhalten, dass
offenbleiben kann, ob die Aufgabe der Tätigkeit bei der E._ AG gesundheitsbedingt
erfolgt war. Wie dargelegt entspricht die Erwerbsfähigkeit des Beschwerdeführers jener
eines durchschnittlichen Hilfsarbeiters. Somit ist zur Bemessung des
Valideneinkommens auf den statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne und nicht
auf das vor dem Eintritt des Gesundheitsschadens zuletzt erzielte Einkommen (sei es
das Einkommen bei der E._ AG oder das Einkommen als Leiter einer
Reinigungsequipe) abzustellen.
In Bezug auf die Bemessung des zumutbarerweise erzielbaren
Invalideneinkommens ist massgebend, dass dem Beschwerdeführer aufgrund der
fehlenden Berufsausbildung einzig eine Invalidenkarriere als Hilfsarbeiter offensteht.
Praxisgemäss ist ebenfalls auf die Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik
abzustellen, also auf das durchschnittliche Einkommen für einen Hilfsarbeiter im Jahr
2010 in der Höhe von Fr. 61'414.--. Dieses ist um 30% zu reduzieren, was einen
Jahreslohn von Fr. 42'990.-- ergibt. Für den Beschwerdeführer geeignete Tätigkeiten
sind überwiegend sachorientierte, regelmässige Tätigkeiten ohne erhöhte
4.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 29/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anforderungen an die emotionale Belastbarkeit und die Stressbelastbarkeit. Tätigkeiten
in engen Räumen sowie an stark frequentierten Orten sind nicht geeignet. In
körperlicher Sicht sollten Tätigkeiten, die Umgang mit Gefahrstoffen beinhalten
würden, Arbeiten mit Absturzgefahr und ähnliche Tätigkeiten vermieden werden, also
Tätigkeiten mit Überwachungsfunktionen mit besonderer Verantwortung für andere und
Arbeiten an gefährlichen Arbeitsplätzen. Die Beschwerdegegnerin hat zu Recht
ausgeführt, für den Beschwerdeführer geeignete Tätigkeiten seien etwa
Maschinenbedienungs-, Kontroll-, Sortier-, Prüf- sowie Verpackungsarbeiten sowie
Arbeiten bei der Lager- und Ersatzteilbewirtschaftung. Kurier- und Lieferdienste sind
dem Beschwerdeführer wegen seinem Diabetes mellitus Typ I dagegen nicht zumutbar.
Die verbleibende Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers ist somit auf dem
allgemeinen und ausgeglichenen Arbeitsmarkt verwertbar. Der Beschwerdeführer hat in
diesem Zusammenhang geltend gemacht, gemäss dem Schlussbericht über die
berufliche Abklärung liege wegen des unzureichenden Arbeitstempos und der
eingeschränkten Konzentrationsfähigkeit sowie wegen den gezeigten Defiziten punkto
Selbstständigkeit bzw. Intelligenz bloss eine Verwertbarkeit der Arbeitsleistung auf dem
zweiten Arbeitsmarkt vor. Dieser Einwand überzeugt nicht. Eine berufliche Abklärung
wird im Rahmen der Prüfung beruflicher Eingliederungsmassnahmen durchgeführt und
dient dazu, die Frage, ob und falls ja welche beruflichen Massnahmen anzuordnen
sind, zu beantworten. Sie hat somit nicht zum Ziel, die verbleibende Arbeitsfähigkeit
abzuklären. Der entsprechende Schlussbericht enthält denn auch keine objektiven
Aussagen zur Arbeitsfähigkeit und damit zur Verwertbarkeit der Arbeitsleistung auf dem
ersten Arbeitsmarkt. Dieser Schlussbericht ist somit nicht geeignet, die Frage nach der
Verwertbarkeit der verbleibenden Arbeitsfähigkeit zu beantworten. Der
Beschwerdeführer hat im Vergleich zu einem zu 70% beschäftigten Hilfsarbeiter keine
Möglichkeit mehr, ein Einkommen in derselben Höhe zu erzielen. Die Beeinträchtigung
der emotionalen Belastbarkeit und der Stressbelastbarkeit und der erhöhte
Pausenbedarf können zu einer Einschränkung der Flexibilität, zu einer Verlangsamung
bei der Arbeitsverrichtung und zu Behinderungen in den Betriebsabläufen führen. Aus
der Sicht eines betriebswirtschaftlich-ökonomisch handelnden Arbeitgebers ist der
Wert der Arbeitsleistung des Beschwerdeführers vermindert. Geht man von einem
ökonomischen Invaliditätsbegriff aus bzw. will man einen Soziallohnanteil ausscheiden,
ist aufgrund dieser Nachteile bei der Ermittlung des Ausgangswerts des
zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens eine Korrektur vom Zentralwert
vorzunehmen: Praxisgemäss erscheint ein Tabellenlohnabzug von 10% als
angemessen. Der Beschwerdeführer hat geltend gemacht, wegen des Alters und der
Fremdsprachigkeit sei ein Abzug zu gewähren. Da es keinen statistischen Beleg dafür
gibt, dass das Alter und/oder die Fremdsprachigkeit einen Einfluss auf die Lohnhöhe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 30/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
hätten, rechtfertigen diese Faktoren keinen Tabellenlohnabzug. Bei einem
Tabellenlohnabzug von 10% beläuft sich das zumutbare Invalideneinkommen auf
Fr. 38'691.--. Bei einem Valideneinkommen von Fr. 61'414.-- und einem
zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommen von Fr. 38'691.-- resultiert ein IV-
Grad von 37%. Daraus folgt, dass der Beschwerdeführer selbst bei einem
Arbeitsunfähigkeitsgrad von 30% und unter Berücksichtigung eines
Tabellenlohnabzugs von 10% keinen Anspruch auf eine Rente der
Invalidenversicherung hätte.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer nach Ablauf des
Wartejahres am 31. Oktober 2009 von November 2009 bis Juni 2010 zu 50%
arbeitsunfähig gewesen ist und damit Anspruch auf eine halbe Invalidenrente hat. Ab
Juni 2010 besteht bei einem IV-Grad von maximal 37% kein Anspruch mehr auf eine
Invalidenrente. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist bei der
rückwirkenden Zusprache einer befristeten Invalidenrente Art. 88a Abs. 1 IVV analog
anzuwenden, wenn noch vor Erlass der ersten Rentenverfügung eine
anspruchsbeeinflussende Änderung eingetreten ist. Dies bedeutet, dass die bisherige
höhere Rente grundsätzlich drei Monate über die Verbesserung des
Gesundheitszustands hinaus gewährt wird (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 30. April
2019, 8C_36/2019, E. 5). Infolge dieser dreimonatigen Verzögerung ist dem
Beschwerdeführer vom 1. November 2009 bis zum 30. September 2010 eine halbe
Invalidenrente zuzusprechen. Anzufügen bleibt, dass berufliche
Eingliederungsmassnahmen i.S. des Grundsatzes "Eingliederung vor Rente" bei der
Zusprache einer befristeten Invalidenrente nicht in Frage kommen.
4.5.
In teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung vom 13.
September 2017 aufzuheben und dem Beschwerdeführer ist mit Wirkung vom 1.
November 2009 bis zum 30. September 2010 eine halbe Invalidenrente zuzusprechen.
Die Sache ist zur Festsetzung und Ausrichtung des Rentenbetrags an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Für die Zeit ab 1. Oktober 2010 besteht kein
Anspruch auf eine Invalidenrente.
4.6.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem
5.1.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 31/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte