Decision ID: 428b3513-f8c0-5d29-ac89-b050f8f5cb56
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein 1989 geborener ägyptischer Staatsangehöri-
ger, beantragte am 29. Dezember 2019 bei der Schweizerischen Botschaft
in Doha (Katar) ein Visum für einen langfristigen Aufenthalt (sog. Visum D)
(Akten der Vorinstanz [ SEM-act.] 1/4-6). Dabei wies er sich mit einem
ägyptischen Reisepass und einer bis zum 2. Januar 2020 gültigen Aufent-
haltsbewilligung von Katar aus.
Seinem Gesuch legte er ein undatiertes handschriftliches Schreiben bei, in
dem er sinngemäss geltend macht, von katarischen und ägyptischen Be-
hörden beobachtet und bedroht zu werden. Er habe (...) bei (...)
B._ gearbeitet. In dieser Funktion sei er vom D._ dazu an-
gehalten worden, die Reisetätigkeit des C._ zu überwachen. Er
habe entsprechend Daten gesammelt, was wiederum dem E._
nicht verborgen geblieben sei. Sein «WiFi» sei von «beiden Seiten» ge-
hackt worden. Er werde in Katar überwacht. Ausserdem habe er in Erfah-
rung gebracht, dass über das mobile Netzwerk von Ägyptern Reisen und
auch Bewegungen ausserhalb des Flughafens überwacht würden (SEM-
act. 1/10).
B.
Die Schweizerische Botschaft in Doha weigerte sich in einer Formularver-
fügung vom 15. März 2020, dem Beschwerdeführer ein Visum der bean-
tragten Art auszustellen (SEM-act. 1/34).
C.
Gegen die Verweigerung des Visums erhob der Beschwerdeführer am
31. März 2020 Einsprache bei der Vorinstanz. Zur Begründung verwies er
auf eine der Einsprache beigelegte E-Mail der Geschäftsleitung von
B._ vom (...) an die Belegschaft («All Staff»), wonach (...) [B.] –
bedingt durch die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie und eine
Wirtschaftsblockade – einen Stellenabbau mit Kündigungen in Erwägung
ziehe. Da er aus einem sogenannten «Blockierungsland» stamme, hege er
aufgrund der speziellen Erwähnung der Blockade die Befürchtung, dass er
als einer der ersten seine Stelle verlieren werde. Es sei schrecklich, was
passieren werde. Er wisse nicht wohin er gehen solle, ihm bleibe nur der
Tod (SEM-act. 2/37-40).
D.
Mit Verfügung vom 25. Juni 2020 wies die Vorinstanz die Einsprache ab.
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Dies im Wesentlichen mit der Begründung, dass sich der Beschwerdefüh-
rer weder in seinem Aufenthaltsstaat Katar noch bei einer Rückkehr in sein
Heimatland Ägypten dort in einer akuten Notlage befinden würde. Er habe
die von ihm geltend gemachte Bedrohung weder im Gesuchs- noch im Ein-
spracheverfahren belegen können. Es bleibe somit bei der Regelvermu-
tung, wonach keine akute Gefährdung bestehe (SEM-act. 3/41-44).
Die Verfügung wurde dem Adressaten am 7. Juli 2020 ausgehändigt.
E.
Gegen die Verfügung der Vorinstanz gelangte der Beschwerdeführer mit
einer undatierten Rechtsmitteleingabe an die Schweizerische Botschaft in
Doha (Eingang daselbst am14. Juli 2020). Er beantragte darin sinnge-
mäss, die verweigernde Verfügung sei aufzuheben und das Visum zu er-
teilen. (Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1.
F.
Zur Vernehmlassung eingeladen verzichtete die Vorinstanz in einer Ein-
gabe vom 5. August 2020 auf eine inhaltliche Stellungnahme und bean-
tragte die Abweisung der Beschwerde (BVGer-act. 3). Besagte Eingabe
wurde dem Beschwerdeführer zur Kenntnis gebracht (BVGer-act. 4).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Von der Vorinstanz erlassene Einspracheentscheide betreffend huma-
nitäre Visa sind mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht anfecht-
bar (vgl. Art. 31 ff. VGG i.V.m. Art. 5 VwVG). In diesem Bereich entscheidet
das Bundesverwaltungsgericht endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das
VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
1.3 Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerde berechtigt (vgl. Art. 48
Abs. 1 VwVG). Auch die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen sind erfüllt,
weshalb auf die Beschwerde einzutreten ist (Art. 50 und Art. 52 VwVG).
2.
Mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht können vorliegend die
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Verletzung von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Miss-
brauch des Ermessens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhaltes und die Unangemessenheit gerügt wer-
den (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundes-
recht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an die
Begründung der Begehren gebunden und kann die Beschwerde auch aus
anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen.
Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent-
scheides (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.).
3.
3.1 Als Staatsangehöriger Ägyptens unterliegt der Beschwerdeführer für
die Einreise in die Schweiz der Visumspflicht. Mit seinem Gesuch beab-
sichtigt er einen längerfristigen Aufenthalt, weshalb nicht die Erteilung ei-
nes Schengen-Visums auf der Grundlage der entsprechenden Überein-
kommen zu prüfen ist, sondern mit Art. 4 der Verordnung vom 15. August
2018 über die Einreise und die Visumerteilung (VEV, SR 142.204) aus-
schliesslich nationales Recht zur Anwendung gelangt.
3.2 Gemäss Art. 4 Abs. 2 VEV kann in Abweichung von den allgemeinen
Einreisevoraussetzungen (vgl. Art. 4 Abs. 1 VEV) in begründeten Fällen
aus humanitären Gründen ein Visum für einen längerfristigen Aufenthalt
erteilt werden. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betreffende
Person im Herkunftsstaat unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und
Leben gefährdet ist. Demnach kann ausnahmsweise ein nationales Visum
aus humanitären Gründen erteilt werden, wenn bei einer Person aufgrund
der individuell-konkreten Umstände davon ausgegangen werden muss,
dass sie sich im Heimat- oder Herkunftsstaat in einer besonderen Notsitu-
ation befindet, die ein behördliches Eingreifen zwingend notwendig macht.
Dies kann etwa bei akuten kriegerischen Ereignissen oder aufgrund einer
konkreten individuellen Gefährdung, die eine gesuchstellende Person
mehr als andere betrifft, gegeben sein. Befindet sich die betroffene Person
bereits in einem Drittstaat oder ist sie nach einem Aufenthalt in einem sol-
chen freiwillig in ihr Heimat- oder Herkunftsland zurückgekehrt und hat sie
die Möglichkeit, sich erneut in den Drittstaat zu begeben, ist in der Regel
davon auszugehen, dass keine Gefährdung mehr besteht (vgl. BVGE 2018
VII/5 E. 3.6.3; Urteil des BVGer F-4658/2017 vom 7. Dezember 2018 E. 3.2
m.w.H.).
3.3 Das Visumgesuch ist unter Berücksichtigung der aktuellen Gefähr-
dung, der persönlichen Umstände der betroffenen Person und der Lage im
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Heimat- oder Herkunftsland zu prüfen. Dabei können auch weitere Krite-
rien wie das Bestehen von Bindungen zur Schweiz und die hier bestehen-
den Integrationsaussichten oder die Unmöglichkeit, in einem anderen Land
um Schutz nachzusuchen, berücksichtigt werden (vgl. BVGE 2018 VII/5
E. 3.6.3; Urteil des BVGer F-7298/2016 vom 19. Juni 2017 E. 4.2).
4.
4.1 Die Vorinstanz verneinte im angefochtenen Einspracheentscheid vom
25. Juni 2020, dass der Beschwerdeführer einer unmittelbaren, ernsthaften
und konkreten Gefahr an Leib und Leben ausgesetzt sei. Sie begründete
diese Einschätzung damit, dass sich der Beschwerdeführer im Emirat Ka-
tar und damit in einem sicheren Drittstaat aufhalte. Auch in seinem Heimat-
land Ägypten herrsche keine Situation landesweiter allgemeiner Gewalt
oder systematischer Menschenrechtsverstösse. Zwar bestünden zwischen
beiden Staaten erhebliche politische Differenzen, die sich in Form von Wirt-
schafts- und Reiseblockaden manifestierten und zur Folge hätten, dass ein
Grossteil der in Katar lebenden ägyptischen Staatsangehörigen erhebliche
Probleme habe; ihnen insbesondere die Ausweisung drohe. Doch unter-
scheide sich die Situation des Beschwerdeführers nicht wesentlich von an-
deren in Katar lebenden ägyptischen Staatsangehörigen. Was die von ihm
geltend gemachte spezifische Bedrohungslage betreffe, so sei es ihm nicht
gelungen, diese entsprechend zu belegen.
4.2 Dagegen wendet der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitteleingabe
vom 14. Juli 2020 unter Hinweis auf beigelegte Fotos ein, dass er in Katar
viele Male verbal und physisch bedroht worden sei. Auch seine in Ägypten
lebenden Angehörigen hätten Nachteile zu erdulden. So habe sein kranker
Bruder Schecks für seine Schwester ausstellen müssen. Der Bruder habe
ihm zudem erzählt, dass sich eine unbekannte Drittperson nach ihm (dem
Beschwerdeführer) erkundigt habe. Er werde von Ägyptern «gestresst». An
jedem Ort, an dem er arbeitete, sei der Manager Ägypter, und in jeder
Schicht, in der er arbeite, sei mindestens ein Ägypter dabei.
5.
5.1 Wie bereits dargetan (siehe E. 3.2 f. vorstehend), müssten zur Ausstel-
lung eines humanitären Visums konkrete Anhaltspunkte für das Bestehen
einer unmittelbaren, ernsthaften und konkreten Gefährdung des Beschwer-
deführers an Leib und Leben vorliegen, welche ein behördliches Eingreifen
zwingend erforderlich machen würden.
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5.2 Die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Spionagetätigkeit und
daraus abgeleitete akute Gefährdung im Emirat Katar erscheint nicht
glaubhaft. So blieb der Beschwerdeführer in seinen schriftlichen Eingaben
bei allgemein gehaltenen Behauptungen zur angeblich ausgeübten Tätig-
keit. Die zur Illustration der behaupteten Gefährdung edierten Fotos, auf
denen eine Person in verschiedenen Stellungen an einem Schalter, andere
Personen in einem Warenhaus bzw. in einem Lebensmittelgeschäft, eine
Wohnungstür, drei Schecks und der Auszug aus einem angeblich mit dem
Bruder geführten WhatsApp-Wechsel abgebildet sind, sind in keiner Weise
schlüssig. Es ist aus keinem dieser Fotos ersichtlich, was der Beschwer-
deführer damit beweisen will. Tritt hinzu, dass es – träfe der behauptete
Sachverhalt zu und wäre diese Spitzel-Tätigkeit tatsächlich von Behörden
des Emirats Katar aufgedeckt worden – es sicherlich nicht bei irgendwel-
chen Einschüchterungen geblieben wäre; vielmehr hätte man den Be-
schwerdeführer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verhaftet
und zur Rechenschaft gezogen.
5.3 Was die Situation des Beschwerdeführers als ägyptischer Staatsange-
höriger in Katar betrifft, so verneinte die Vorinstanz zu Recht, dass daraus
schon auf eine akute Gefährdung im Sinne der Rechtsprechung zu schlies-
sen sei. Wohl mögen sich in Katar lebende ägyptische Staatsangehörige
angesichts der zwischen den beiden Staaten bestehenden Spannungen in
einer unangenehmen Situation befinden und allgemein angefeindet wer-
den. Dass der Beschwerdeführer aber von dieser Situation wesentlich an-
ders (im Sinne einer unmittelbaren, ernsthaften und konkreten Gefährdung
von Leib und Leben) betroffen sein sollte, wurde bereits ausgeschlossen
(E. 5.2 vorstehend). Im Übrigen ist es im Konflikt zwischen Katar und den
umliegenden Staaten anlässlich eines Gipfeltreffens des Golfoperations-
rats in Al-Ula am 5. Januar 2021 zu einer Wiederannäherung zwischen den
beteiligten Staaten gekommen (vgl. Deutsches Auswärtiges Amt,
www.auswaertiges-amt.de > Sicher Reisen > Ihr Reiseland > Katar > Si-
cherheit > Innenpolitische Lage, Stand 30. Juni 2021, besucht im Juni
2021).
5.4 Allfällige Schwierigkeiten, die dem Beschwerdeführer durch den Ver-
lust seines Arbeitsplatzes und die Nichterneuerung seines Aufenthalts-
rechts in Katar drohen könnten, vermöchten ebenfalls keine Notlage zu be-
gründen, welche die Ausstellung eines humanitären Visums rechtfertigen
würde.
http://www.auswaertiges-amt.de/
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5.5 Schliesslich ist auch nicht davon auszugehen, dass dem Beschwerde-
führer im Falle einer Rückkehr nach Ägypten dort eine akute Gefahr für
Leib und Leben drohen würde. Dies schon deshalb nicht, weil die von ihm
geltend gemachte Spitzeltätigkeit nicht glaubhaft erscheint. Aber selbst
wenn sie glaubhaft wäre, wären noch keine Gründe ersichtlich, weshalb
sein Heimatland, für das er ja in diesem Falle besondere Dienste erbracht
hätte, gegen ihn vorgehen und ihn bedrohen sollte.
6.
Aus den bisherigen Erwägungen ergibt sich, dass eine substantiierte, un-
mittelbare, ernsthafte und konkrete Gefährdung an Leib und Leben, welche
für die Ausstellung eines humanitären Visums vorauszusetzen wäre, nicht
anzunehmen ist. Die Vorinstanz hat demnach mit der angefochtenen Ver-
fügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt rich-
tig und vollständig festgestellt und angemessen entschieden (Art. 49
VwVG). Die Beschwerde ist demzufolge abzuweisen.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich den
unterliegenden Beschwerdeführenden aufzuerlegen. Im vorliegenden Fall
ist jedoch aus verwaltungsökonomischen Gründen und in Anwendung von
Art. 63 Abs. 1 in fine VwVG und Art. 6 Bst. b des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) auf die Erhebung von Verfahrenskos-
ten zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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