Decision ID: 534ee4f7-cf1d-55fb-a1ed-9e42e83089f1
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
avanex Versicherungen AG, Debitorenmanagement, Postfach, 8081 Zürich Helsana,
Beschwerdeführerin,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
und
A._,
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Beigeladene,
vertreten durch B._,
betreffend
medizinische Massnahmen für A._
(Vers.Nr. 756.1141.3752.95)
Sachverhalt:
A.
A.a Es wurden bei A._ die in der Verordnung über Geburtsgebrechen (GgV; SR
831.232.21) unter den Ziffern 247 (Syndrom der hyalinen Membranen), 494
(Neugeborene mit einem Geburtsgewicht unter 2000 g bis zur Erreichung eines
Gewichtes von 3000 g) sowie 495 (Schwere neonatale Infekte, sofern sie in den ersten
72 Lebensstunden manifest werden und eine Intensivbehandlung begonnen werden
muss) aufgeführten Leiden festgestellt (act. G 4.1.26). Am 23. Februar 2010 wurde ihr
das Medikament Synagis verabreicht.
A.b Infolge der bei der Versicherten festgestellten Geburtsgebrechen sprach ihr die
IV-Stelle des Kantons St. Gallen am 28. Mai 2010 medizinische Massnahmen zur
Behandlung der Geburtsgebrechen zu (act. G 4.1.18 bis act. G 4.1.20).
A.c Daraufhin stellte die avanex als Krankenversicherer der Versicherten am 10. Juni
2010 bei der IV-Stelle einen Antrag auf Rückerstattung der Kosten für eine Behandlung
vom 23. Februar 2010 mit dem Medikament Synagis (act. G 4.1.17). Diesen Antrag
lehnte die IV-Stelle ab mit der Begründung, Synagis sei eine Impfung gegen das
Respiratory-Syncytial-Virus (RSV). Impfungen könnten von der IV nicht übernommen
werden (act. G 4.1.15).
A.d Im Sinn dieser Antwort erliess die IV-Stelle am 30. Juli 2010 einen Vorbescheid,
worauf die Krankenversicherung am 19. August 2010 Einwände erhob (act. G 4.1.9-1).
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A.e Nach Rücksprache mit dem Regionalen Ärztlichen Dienst der
Invalidenversicherung (RAD) verfügte die Beschwerdegegnerin am 20. Oktober 2010
dennoch die Ablehnung der Kostenübernahme (act. G 1.1).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde der Krankenversicherung
vom 1. November 2010 (act. G 1). Die Beschwerdeführerin beantragt, die Verfügung
vom 20. Oktober 2010 sei aufzuheben. Die IV sei zu verpflichten, im Rahmen des
Geburtsgebrechens Ziffer 247 GgV die Kosten für die Behandlung mit Synagis zu
übernehmen. Eventualiter sei der Rechtsstreit zur weiteren Abklärung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen; unter Kostenfolge. Synagis sei nicht eine
Prophylaxe im Sinn der gängigen Impfungen. Es werde vorwiegend zur Behandlung
von Geburtsgebrechen eingesetzt und es bestünde eine Limitatio, wonach Synagis
nicht prophylaktisch an gesunde Kinder verabreicht werden dürfe. Das Kreisschreiben
über die medizinischen Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung (KSME)
sei eine interne Verwaltungsverordnung und verstosse gegen Art. 2 Abs. 3 GgV.
B.b Die Beschwerdegegnerin machte in ihrer Beschwerdeantwort vom 4. Januar 2010
geltend, die Beschwerde sei abzuweisen. Bei dem Medikament Synagis handle es sich
um eine Impfung, die gemäss Randziffer 1023 KSME nicht von der IV übernommen
würde, selbst wenn diese einen "therapeutischen" Charakter hätte.
B.c Der gesetzliche Vertreter der im Beschwerdeverfahren beigeladenen Versicherten
verzichtete auf eine Stellungnahme.

Erwägungen:
1.
1.1 Nach Art. 13 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) haben Versicherte bis zur Vollendung des 20. Altersjahrs Anspruch auf die
zur Behandlung von Geburtsgebrechen (Art. 3 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG]; SR 830.1) notwendigen
medizinischen Massnahmen. Der Bundesrat bestimmt die Gebrechen, für welche diese
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Massnahmen gewährt werden. Als Geburtsgebrechen im Sinn von Art. 13 IVG gelten
Gebrechen, die bei vollendeter Geburt bestehen. Sie sind im Anhang der Verordnung
über Geburtsgebrechen aufgeführt (Art. 1 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Satz 1 GgV;
SR 831.232.21).
1.2 Als für die Behandlung eines Geburtsgebrechens notwendige Massnahmen
gelten sämtliche Vorkehren, die nach bewährter Erkenntnis der medizinischen
Wissenschaft angezeigt sind und den therapeutischen Erfolg in einfacher und
zweckmässiger Weise anstreben (Art. 2 Abs. 3 GgV). Die Massnahmen umfassen
gemäss Art. 14 Abs. 1 IVG die Behandlung, die vom Arzt selbst oder auf seine
Anordnung durch medizinische Hilfspersonen in Anstalts- oder Hauspflege
vorgenommen wird (lit. a), und die Abgabe der vom Arzt verordneten Arzneien (lit. b).
Die versicherte Person hat in der Regel nur Anspruch auf die dem jeweiligen
Eingliederungszweck angemessenen, notwendigen Massnahmen, nicht aber auf die
nach den gegebenen Umständen bestmöglichen Vorkehren (vgl. Art. 8 Abs. 1 IVG);
denn das Gesetz will die Eingliederung lediglich so weit sicherstellen, als diese im
Einzelfall notwendig, aber auch genügend ist (Urteile des Bundesgerichts I 667/03 vom
9. Februar 2004 E. 2.3 sowie 9C_893/2010 vom 7. Januar 2011 E. 2.1). Ferner muss
der voraussichtliche Erfolg einer Eingliederungsmassnahme in einem vernünftigen
Verhältnis zu ihren Kosten stehen (BGE 124 V 108 E. 2a mit Hinweisen).
1.3 Im Gegensatz zu Art. 12 IVG ist der Begriff der medizinischen Massnahmen
gemäss Art. 13 IVG umfassender. Es fallen auch Massnahmen zur Behandlung des
Leidens an sich darunter (BBl 1958 II 1257). Ausserdem besteht der Leistungsanspruch
gemäss Art. 13 IVG unabhängig von der Möglichkeit einer späteren Eingliederung in
das Erwerbsleben (Art. 8 Abs. 2 IVG). Eingliederungszweck ist die Behebung oder
Milderung der als Folge eines Geburtsgebrechens eingetretenen Beeinträchtigung
(BGE 115 V 202 E. 4e/cc).
2. Nachfolgend ist zu prüfen, ob die Verabreichung des Medikaments Synagis als
medizinische Massnahme im Sinn von Art. 2 Abs. 3 GgV beziehungsweise Art. 13 IVG
betrachtet werden kann.
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2.1 Synagis ist als zugelassenes Medikament in der vom Bundesamt für Gesundheit
geführten Spezialitätenliste eingetragen. Gemäss dem Arzneimittel-Kompendium der
Schweiz handelt es sich bei dem Medikament Synagis um Palivizumabum, also einen
humanisierten monoklonalen Antikörper gegen das Respiratory-Syncytial-Virus (RSV).
Synagis ist eine Prophylaxe gegen schwerwiegende RSV-bedingte Erkrankungen der
unteren Luftwege, welche eine Hospitalisierung erfordern würden. Es unterliegt einer
Limitatio und darf unter anderem bei frühgeborenen Kindern (35.
Schwangerschaftswoche oder weniger), die zum Zeitpunkt des Beginns der RSV-
Saison höchstens 6 Monate alt sind, eingesetzt werden (act. G 1.8 sowie act. G 1.6).
2.2 Die Beschwerdeführerin bringt vor, dass Synagis bei der Versicherten
therapeutisch zur Behandlung des Atemnotsyndroms bei hyaliner Membranenkrankeit
(Geburtsgebrechen Ziff. 247 GgV) eingesetzt wurde. Es handle sich demnach um eine
medizinische Massnahme im Sinn von Art. 2 Abs. 3 GgV, die von der
Invalidenversicherung übernommen werden müsse. Das KSME, worauf sich die
Beschwerdegegnerin berufe, sei eine interne Verwaltungsweisung. Randziffer 1023 des
KSME, welche die Leistungspflicht für Impfungen mit therapeutischem Charakter
verneine, entbehre einer Grundlage in Verordnung oder Gesetz und sei deswegen nicht
anwendbar. Gemäss dem Vertrauensarzt der Beschwerdeführerin wirke Synagis nicht
wie gängige Impfungen, denn es hemme die Wirkungsweise der RS-Viren, damit diese
nicht in die Zellen eindringen könnten. Es würden keine Antikörper stimuliert. Somit sei
es als Mittel gegen Viren und nicht als Impfstoff zu betrachten (act. G 1 Ziffer II).
2.3 Wie die Beschwerdeführerin zutreffend ausgeführt hat, handelt es sich beim
Kreisschreiben des Bundesamts für Sozialversicherung zuhanden der IV-Stellen
(KSME) um eine Verwaltungsweisung. Es werden darin Anweisungen einer Behörde an
ihre untergeordneten Behörden erteilt. Verwaltungsweisungen sollen eine einheitliche,
gleichmässige und sachrichtige Praxis des Gesetzesvollzugs sicherstellen (Häfelin/
Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 6. Aufl., 2010, N 123 ff.). Nach
bundesgerichtlicher Rechtsprechung sind Verwaltungsweisungen für den Richter
wesensgemäss nicht verbindlich und von ihm dann nicht anzuwenden, wenn sie eine
gesetzeskonforme Handhabung nicht zulassen, sich mithin als rechtswidrig erweisen
(BGE 119 V 255 E. 3a). Er soll sie jedoch bei seiner Entscheidung mitberücksichtigen,
sofern sie eine dem Einzelfall angepasste und gerecht werdende Auslegung der
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anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen zulassen (BGE 122 V 19 E. 5b/bb). Der in
Art. 2 Abs. 3 GgV verwendete Begriff der "medizinischen Massnahmen" entspricht
demjenigen von Art. 13 IVG. In der Botschaft des Bundesrates zum Entwurf eines
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung wurde festgehalten, dass die
Versicherung die Kosten für die medizinischen Massnahmen, die zur Behebung oder
wesentlichen Milderung des Gebrechens notwendig sind, übernehmen soll (BBl 1958 II
1178). Diese Umschreibung weist klar darauf hin, dass prophylaktische Behandlungen
nicht als medizinische Massnahmen im Sinn von Art. 13 IVG beziehungsweise Art. 2
Abs. 3 GgV zu verstehen sind. Denn eine Massnahme zum Schutz vor einer Krankheit
führt nicht zur Behebung oder Milderung des bereits bestehenden Gebrechens und
strebt auch nicht den therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise
an. Sie verhindert bestenfalls eine Verschlimmerung. Insofern ist Randziffer 1023 des
KSME als nicht rechtswidrig zu erachten.
2.4 Im vorliegenden Fall wurde bei der Versicherten das Medikament Synagis
eingesetzt, um sie vor einer weiteren Schädigung der ohnehin bereits geschwächten
Schleimhaut, namentlich vor durch das RSV hervorgerufenen Krankheiten, zu schützen.
Synagis wurde vor einer allfälligen Erkrankung verabreicht, um eine solche zu
verhindern (vgl. Stellungnahme des RAD vom 19.10.2010 act. G 4.1.8). Selbst der
Vertrauensarzt der Beschwerdeführerin spricht von einer Prophylaxe (act. G 4.1.5).
Daran ändern auch die Tatsachen, dass Synagis nicht wie gängige Impfungen
Antikörper stimuliert (sondern eine passive Impfung darstellt, act. G 4.1.8 - 1) und nicht
bei gesunden Kindern eingesetzt werden darf, nichts. Synagis wird zum Schutz und zur
Vorbeugung vor Erkrankungen eingesetzt. Nach den vorstehenden Ausführungen ist es
nicht rechtswidrig, dass die IV vorbeugende Massnahmen nicht übernimmt. Synagis
wurde bei der Versicherten als Prophylaxe eingesetzt. Folglich stellte die
Beschwerdegegnerin zu Recht auf die in Randziffer 1023 KSME enthaltene Weisung
ab. Sie muss die Kosten nicht übernehmen. Dem Begehren der Beschwerdeführerin
kann nicht stattgegeben werden.
2.5 Nach Gesagtem erübrigt es sich, auf die Frage einzugehen, ob die in Randziffer
1023 KSME generell statuierte Ablehnung der Kostenübernahme für Impfungen, selbst
wenn diese einen therapeutischen Charakter aufweisen, gegen Art. 13 IVG sowie Art. 2
Abs. 3 GgV verstösst.
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3.
Im Sinn der oben stehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. Das
Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis
Fr. 1'000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Das vorliegende Verfahren verursachte
einen unterdurchschnittlichen Aufwand. Eine Gerichtsgebühr von Fr. 400.- erscheint
daher als angemessen. Sie ist der unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen.
Der von ihr geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.- ist anzurechnen, Fr. 200.- sind ihr
zurückzuerstatten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP