Decision ID: e3e5568f-6d99-52cd-acdc-3edf0864cde3
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der tamilische Beschwerdeführer verliess den Heimatstaat eigenen
Angaben zufolge am (...) August 2015 mit einem Touristenvisum für
B._. Dort habe er sich ein weiteres Touristenvisum besorgt für den
Iran und sei dann über Bahrain nach Teheran gelangt. Nach zwei Tagen
sei er von dort aus in die Türkei weitergereist. Er habe sich über eineinhalb
Monate in Istanbul aufgehalten, bevor er in einem Bus über ihm unbe-
kannte Staaten weitergereist und am (...) 2015 in die Schweiz gelangt sei,
wo er am gleichen Tag ein Asylgesuch stellte.
A.b Am 13. November 2015 wurde der Beschwerdeführer im Empfangs-
und Verfahrenszentrum C._ zur Person und summarisch zu seinen
Asylgründen befragt ("Befragung zur Person", BzP).
A.c Am 4. Februar 2016 teilte das SEM dem Beschwerdeführer mit, auf-
grund der Aktenlage werde das zuvor eingeleitete Dublin-Verfahren been-
det und sein Asylgesuch in der Schweiz geprüft und behandelt.
A.d Am 25. April 2017, ergänzt durch eine Zweitanhörung am 4. Juli 2019,
hörte das SEM den Beschwerdeführer eingehend zu seinen Asylgründen
an.
B.
B.a Der Beschwerdeführer begründete sein Asylgesuch im Wesentlichen
dahingehend, er habe bis zur Ausreise mit seinen Eltern und den Ge-
schwistern in D._/E._ gelebt. Im Jahr (...) habe er ein (...)
eröffnet und hauptberuflich betrieben; daneben habe er eine eigene (...)
gehabt. Ein Freund seines Vaters aus E._ namens F._ habe
im Jahr 2013 für die Tamil National Alliance (TNA) als Provinzabgeordneter
kandidiert. Diesen habe er mit Propagandatätigkeiten unterstützt. So habe
er von Anfang August bis Ende September 2013 Flugblätter verteilt, Pla-
kate aufgehängt sowie im Dorf und in der Umgebung mündlich für ihn um
Wählerstimmen geworben. Kurz vor diesen Wahlen sei er zwei oder drei
Mal von Unbekannten telefonisch bedroht worden. Namentlich habe man
ihn aufgefordert, seine Aktivitäten für die TNA einzustellen. Der Freund des
Vaters habe am 21. September 2013 die Wahl gewonnen.
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Am 27. November 2013, anlässlich des Märtyrertages, hätten Unbekannte
auf die Wand seines (...) sowie auf Wände in der Umgebung den Spruch
"Am 27. zelebrieren wir den Märtyrertag" geschrieben. Tags darauf sei er
von Beamten des Criminal lnvestigation Departments (CID) verhaftet wor-
den. Das CID habe ihn – wegen seines Engagements für die TNA und weil
er ein (...) betrieben habe – verdächtigt, er wolle die Liberation Tigers of
Tamil Eelam (LTTE) wiederbeleben. Er sei einen Tag festgehalten, verhört
und dabei misshandelt worden. Bei der Entlassung habe er mehrere Do-
kumente in singhalesischer Sprache unterzeichnen müssen, deren Inhalt
er nicht verstanden habe. Zudem seien ihm weitere Einvernahmen ange-
kündigt worden. Nach der Freilassung habe das CID regelmässig Kontrol-
len im (...) durchgeführt, dabei die Identitätskarten seiner Kunden kontrol-
liert und ihm mitunter Fragen gestellt. Dadurch habe er mit der Zeit Kund-
schaft verloren. Im März 2014 sei er am Abend auf offener Strasse von
zwei unbekannten Personen angegriffen worden. Diese hätten ihm sein
Engagement für die TNA vorgeworfen und ihn mit einem Messer an der
Hand verletzt. Durch Hilferufe habe er Anwohner aufmerksam machen
können, woraufhin die Angreifer fortgerannt seien. Fortan habe er beim be-
freundeten Politiker gewohnt. Sein (...) habe ein Freund weitergeführt; er
selber habe es nicht mehr betreten.
Am 5. Januar 2015 habe er F._ zu einer Veranstaltung begleitet, als
Unbekannte diese gestört hätten und es zu Krawallen gekommen sei. Ihm
sei dabei aber nichts zugestossen.
Am 22. Mai 2015 habe er mit einigen Kunden des (...) zugunsten eines
zuvor vergewaltigten und getöteten Schulmädchens (das er persönlich
nicht gekannt habe) demonstriert; in der ganzen Nordprovinz hätten da-
mals solche Kundgebungen stattgefunden. Am 25. Mai 2015 sei er vom
CID wieder verhaftet, verhört und misshandelt worden. Man habe ihm er-
neut vorgeworfen, die LTTE zu unterstützen. Ein Freund seines Vaters
habe einen CID-Beamten bestochen, worauf er nach drei Tagen freigekom-
men sei. Drei Wochen später sei er nach Colombo gegangen, und am
(...) August 2015 habe er den Heimatstaat verlassen.
Nach der durch Bestechung erlangten Freilassung und nach seiner Aus-
reise habe das CID wiederholt die Eltern zu Hause aufgesucht und sich
nach seinem Aufenthaltsort erkundigt. Seine Schwester sei etwa im Jahr
2016 und der Bruder im Jahr 2017 von Unbekannten bedroht worden. Die
Schwester habe daraufhin (...) abgebrochen und der Bruder sei (...) aus-
gereist.
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Weder er noch seine nahen Angehörigen hätten jemals etwas mit den
LTTE zu tun gehabt. Allerdings seien ein Onkel und eine Tante väterlicher-
seits vor langer Zeit bei den Tigers gewesen. Die Tante sei als Märtyrerin
gestorben, der Onkel habe Sri Lanka verlassen. Wegen dessen Ausreise
sei sein Vater vorübergehend verhaftet worden; er sei damals etwa sieben
oder acht Jahre alt gewesen.
B.b Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer
zahlreiche Beweismittel zu den erstinstanzlichen Akten:
- Identitätsausweis, ausgestellt am (...)
- Unterlagen zum (...) (Lizenz, Kundeneintrittsformular, Flyer der Eröff-
nungsfeier im Jahr (...), Fotos der Inneneinrichtung und der Aussenan-
sicht)
- Empfehlungsschreiben des Provinzabgeordneten F._ vom 5.
Januar 2016
- Zeitungsartikel vom 23. Mai 2015 über den Vorfall mit dem vergewal-
tigten Schulmädchen und Fotos seiner diesen Vorfall betreffenden
Kundgebungsteilnahme vom 22. Mai 2015
- Zeitungsartikel vom 5. Januar 2015 über eine Veranstaltung der TNA,
bei der es zu Krawallen gekommen sei
- medizinische Unterlagen betreffend ärztliche Behandlungen in der
Schweiz, Fotos von Folterspuren
- Unterlagen zur Bestätigung (...) seiner Schwester
- Arztzeugnis vom 28. März 2017 den Vater betreffend.
C.
Mit Verfügung vom 23. Juli 2019 – eröffnet am 25. Juli 2019 – stellte die
Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete den Wegweisungsvollzug an.
D.
D.a Mit Eingabe vom 21. August 2019 reichte der Beschwerdeführer durch
seine Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht eine Beschwerde
gegen diesen Asylentscheid ein. Er beantragte die Aufhebung der SEM-
Verfügung; die Vorinstanz sei anzuweisen, ihn als Flüchtling anzuerkennen
und ihm Asyl zu gewähren; eventualiter sei die Verfügung aufzuheben und
die Sache zur vollständigen Feststellung des Sachverhalts an die Vor-
instanz zurückzuweisen.
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D.b In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung und um Beiordnung der Rechtsvertreterin als amtliche
Rechtsbeiständin ersucht sowie beantragt, es sei von der Erhebung eines
Kostenvorschusses abzusehen.
D.c Dem Rechtsmittel wurden beigelegt: eine Honorarnote vom 21. August
2019 und eine Fürsorgebestätigung vom 31. Juli 2019; eine Schnellrecher-
che der Länderanalyse der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom
12. Januar 2018 zu Sri Lanka; ein Internetartikel vom 25. September 2013
"Wahlen in Sri Lanka: Chance für Versöhnung"; ein Artikel der (...) Zeitung
vom (...) 2016; drei Youtube-Videoauszüge vom (...) 2016; drei Fotos einer
tamilischen Online-Zeitung [Vermerk "G._"]; vier Youtube-Video-
auszüge vom (...) 2018 ["H._"]; ein Flyer der Schweizerischen Ta-
milen Koordinationsorganisation vom (...) 2016.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 4. September 2019 hiess die vormals zustän-
dige Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses und setzte MLaw Rebekka Hafner als amtliche Rechtsbeiständin des
Beschwerdeführers ein. Mit gleicher Verfügung wurde die Vorinstanz zum
Einreichen einer Vernehmlassung innert Frist eingeladen.
F.
F.a Die Vorinstanz reichte ihre Vernehmlassung am 19. September 2019
zu den Beschwerdeakten, wobei sie vollumfänglich an den Erwägungen
ihrer Verfügung festhielt.
F.b Die vorinstanzliche Stellungnahme wurde dem Beschwerdeführer am
25. September 2019 zur Kenntnis gebracht.
G.
Am 10. Oktober 2019 wurde ein Verlaufsbericht der psychotherapeutisch-
psychiatrischen Behandlung vom 4. September 2019 von (...), Psychothe-
rapeutin FSP, zu den Akten gereicht (dieser Bericht wurde am 29. Oktober
2019, nunmehr mit einer Originalunterschrift der Therapeutin, erneut zuge-
stellt).
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Seite 6
H.
H.a Am 8. Juli 2020 ersuchte die amtliche Rechtsbeiständin um Entlas-
sung aus ihrem öffentlich-rechtlichen Mandat respektive um Wechsel der
amtlichen Rechtsbeistandschaft im vorliegenden Beschwerdeverfahren
und um Einsetzen von MLaw Michèle Künzi als amtliche Rechtsbeiständin.
H.b Mit Zwischenverfügung der Instruktionsrichterin vom 21. Juli 2020
wurde MLaw Rebekka Hafner per 31. Juli 2021 aus ihrem Mandat als amt-
liche Rechtsbeiständin entlassen und MLaw Michèle Künzi per 1. August
2020 als neue amtliche Rechtsbeiständin des Beschwerdeführers einge-
setzt.
I.
Anfang des Jahres 2021 überwies die Leitung der Abteilung V das Be-
schwerdeverfahren aus organisatorischen Gründen dem vorsitzenden
Richter zur weiteren Behandlung.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
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Seite 7
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
Die Vorinstanz begründete die Abweisung des Asylgesuchs im Wesentli-
chen wie folgt:
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Seite 8
4.1 Die geltend gemachten Haftaufenthalte im Kontext der vom Beschwer-
deführer dargelegten Propagandatätigkeit für die TNA im Zeitraum von
November 2013 bis zur Ausreise im August 2015 würden zwar durchaus
substanziiert wirken; allerdings seien namentlich bezüglich Zeitpunkt, An-
zahl und Dauer der Haft und den zugrundeliegenden Motiven diverse Un-
gereimtheiten zu nennen:
4.1.1 So überzeuge nicht, dass ihm vorgeworfen worden sein solle, er
wolle mit dem (...) die LTTE wiederbeleben, zumal keine seiner engsten
Angehörigen je etwas mit den LTTE zu tun gehabt hätten und der Be-
schwerdeführer auch im Kontext der vorgebrachten LTTE-Aktivitäten des
Onkels und der Tante väterlicherseits nie persönlich belangt worden sei.
Würden zudem den (...) tatsächlich generell LTTE-Verbindungen unter-
stellt, wären solche in Sri Lanka längstens verboten; dies sei jedoch nicht
der Fall. Das Vorbringen, der Beschwerdeführer werde einzig wegen des
Betreibens eines (...) verdächtigt, mit den LTTE in Verbindung zu stehen
und dass er deswegen zweimal kurz festgenommen worden sei, könne da-
her nicht geglaubt werden.
4.1.2 Auch das Vorbringen, er sei wegen Propagandatätigkeiten für die
TNA im Jahr 2013 von den Behörden mit den LTTE in Zusammenhang ge-
bracht worden, erweise sich als unglaubhaft. Eine solche Verbindung zwi-
schen den LTTE und der TNA sei nicht dokumentiert; damit sei diese Aus-
sage tatsachenwidrig. Bei der TNA handle es sich um eine legale Parteien-
verbindung, welche im Parlament vertreten sei und deren Mitgliedschaft
oder Kandidatur von den sri-lankischen Behörden nicht sanktioniert würde.
Entsprechend ausweichend habe der Beschwerdeführer hierzu gesagt, er
habe sich seit seiner Ausreise nicht mehr mit der allgemeinen politischen
Lage in Sri Lanka befasst und sei nicht auf dem neuesten Kenntnisstand.
4.1.3 Der Inhalt des Empfehlungsschreibens des mit dem Vater befreun-
deten Provinzabgeordneten F._ decke sich nicht mit den vom Be-
schwerdeführer geltend gemachten Verfolgungsvorbringen. Der Autor der
Bestätigung schreibe von stündlichen Festnahmen, während der Be-
schwerdeführer von einer ein- und einer dreitägigen Festnahme gespro-
chen habe. Auch sei im Schreiben die Rede von Angriffen seitens der "The
Eelam People's Democratic Party" (EPDP). Diese habe der Beschwerde-
führer nicht erwähnt; er habe nur von "unbekannten Personen" gespro-
chen. Im Schreiben würden weder das CID noch die LTTE erwähnt, was
im Kontext nicht nachvollziehbar sei. Dabei überzeuge die Erklärung nicht,
der Freund habe nur gemeinsam Erlebtes bestätigt. Folglich bestünden
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auch hieraus Zweifel am Wahrheitsgehalt der Vorbingen, wonach er von
den sri-lankischen Behörden mit den LTTE in Zusammenhang gebracht
worden seien. Die genannten Kurzinhaftierungen müssten demnach in ei-
nem anderen Zusammenhang geschehen sein.
4.1.4 An dieser Einschätzung vermöchten die weiteren Beweismittel und
Verweiserdossiers nichts zu ändern. Weder die Unterlagen zum (...), noch
die Zeitungsartikel vom 23. Mai 2015 und vom 5. Januar 2015, noch die
Fotos der Kundgebungsteilnahme vom 22. Mai 2015 im Zusammenhang
mit dem vergewaltigten Schulmädchen seien geeignet, die Verfolgungsvor-
bringen im Zusammenhang mit den LTTE oder der TNA zu belegen. Was
die eigene Teilnahme an der Kundgebung wegen des vergewaltigten
Schulmädchens betreffe, seien den Medien keine Hinweise zu entnehmen,
dass diese in der ganzen Nordprovinz stattgefundenen Protestaktionen
von den Behörden mit den LTTE in Zusammenhang gebracht worden
seien. Vielmehr hätten die Behörden aktiv nach den Tätern gefahndet und
diese schliesslich verurteilt. Auch die Unterlagen betreffend (...) der
Schwester und die beim Vater diagnostizierte Schizophrenie würden die
Verfolgungsvorbringen nicht belegen.
4.1.5 Die eingereichten medizinischen Unterlagen aus der Schweiz sowie
Fotos mit Folterspuren würden ebenfalls keine flüchtlingsrelevanten
Schlussfolgerungen zulassen. Gemäss medizinischen Unterlagen sei der
Beschwerdeführer von November 2016 bis September 2018 wegen psy-
chischen Problemen in den Universitären Psychiatrischen Diensten
H._ in ambulanter Behandlung gewesen. Es sei eine Anpassungs-
störung mit längerer depressiver Reaktion und Einschlafproblematik im
Kontext der Trennung von Familie, Anpassung in fremdem Land sowie Op-
fer von Folterung und Bedrohung diagnostiziert und entsprechende Medi-
kation verordnet worden. Am 3. Juli 2018 sei er wegen einer Handverlet-
zung, die er im März 2014 erlitten habe, in einer Kontrolluntersuchung ge-
wesen. Die eingereichten Fotos mit den Folterspuren würden in den Arzt-
berichten weder erwähnt noch kommentiert. Es sei daher von selbst ange-
fertigten Aufnahmen auszugehen. Diese und die Arztberichte könnten da-
mit die geltend gemachte Verfolgungssituation ebenfalls nicht glaubhaft
machen. Der Beschwerdeführer könne durchaus Erfahrung mit Haft oder
Verhören haben. Indessen sei der dazu geltend gemachte flüchtlingsrecht-
lich relevante Kontext nicht glaubhaft, und die Folterspuren seien wohl in
einem anderen Zusammenhang entstanden. So sei der Beschwerdeführer
gemäss den medizinischen Unterlagen auf dem Reiseweg nach Europa,
an der Grenze zwischen dem Iran und der Türkei, Opfer von Folterungen
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Seite 10
geworden. Damit sei möglich, dass er bei der Beschreibung der angebli-
chen Haftaufenthalte in Sri Lanka auf diese Erfahrungen zurückgegriffen
habe.
4.1.6 Zusammenfassend würden die Vorbringen den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten.
4.2 Es gelte zu prüfen, ob der Beschwerdeführer im Fall der Rückkehr nach
Sri Lanka dennoch begründete Furcht vor künftigen Verfolgungsmassnah-
men im Sinn von Art. 3 AsylG habe. Gemäss bundesverwaltungsgerichtli-
cher Rechtsprechung sei diese Prüfung anhand sogenannter Risikofakto-
ren vorzunehmen.
4.2.1 Der Beschwerdeführer habe insgesamt keine asylrelevanten Verfol-
gungsmassnahmen im Heimatland glaubhaft machen können. Er habe
nach Kriegsende noch bis August 2015 im Heimatstaat gelebt und sei mit
einem gültigen Reisepass und mit Visum vom internationalen Flughafen
Colombo ausgereist. Weder er selber noch die nächsten Familienmitglie-
der hätten den LTTE nahegestanden. Allein die im Jahr 2013 während
zweier Monate ausgeführte Propagandatätigkeit für einen Kandidaten der
TNA vermöge aus aktueller Sicht kein konkretes Verfolgungsinteresse aus
einem in Art. 3 AsylG genannten Grund zu begründen. Es sei insgesamt
aufgrund der Akten nicht ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr nach
Sri Lanka nunmehr in den Fokus der Behörden geraten und in asylrelevan-
ter Weise verfolgt werden sollte. Somit bestehe kein begründeter Anlass
zur Annahme, er werde bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft asylrelevanten Verfolgungs-
massnahmen ausgesetzt sein.
4.2.2 Die Vorbringen würden den Anforderungen an die Flüchtlingseigen-
schaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten und das Asylgesuch werde
deshalb abgewiesen.
5.
5.1 In der Beschwerdeschrift wird einleitend der Sachverhalt erneut darge-
legt und gerügt, die Vorinstanz habe lediglich diejenigen Faktoren berück-
sichtigt, welche gegen den Beschwerdeführer sprächen und daraus ablei-
tend sämtliche asylrelevanten Vorbringen als unglaubhaft abgetan. Das
SEM habe dabei die Aussagen des Beschwerdeführers einseitig gewürdigt
und seine von Realkennzeichen beschriebene Haft und erlebte Folter in
einen anderen Zusammenhang gestellt als von ihm vorgebracht. Zudem
habe sie die Traumatisierung des Beschwerdeführers bei ihrer rechtlichen
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Seite 11
Würdigung nicht berücksichtigt. Damit habe sie die Anforderungen an das
Glaubhaftmachen eines flüchtlingsrechtlichen Sachverhalts nach Art. 7
AsylG zu hoch angesetzt.
5.2 Der Beschwerdeführer habe bei der BzP und bei der Anhörung erklärt,
von den Vorkommnissen in Sri Lanka psychisch stark angeschlagen zu
sein. Er habe schon in der BzP geschildert, vom CID gequält worden zu
sein und sich für weitere Befragungen ein Männerteam gewünscht. Wäh-
rend der folgenden Anhörung sei er wiederholt in Tränen ausgebrochen
und habe Probleme mit der Atmung bekundet, als er über die Mitnahme
durch das CID und die damit einhergehenden Erlebnisse gesprochen
habe. Er habe zudem erwähnt, dass er dadurch, dass er den Penis eines
Peinigers in den Mund habe nehmen müssen, traumatisiert und in seiner
Seele verletzt sei. Er leide an Schlafstörungen und müsse wegen der Psy-
che Medikamente einnehmen. Die Arztberichte würden eine Anpassungs-
störung mit längerer depressiver Reaktion diagnostizieren und festhalten,
dass er Opfer von Folterung und Gewalterfahrung geworden sei. Spätes-
tens in der Anhörung sei deutlich geworden, dass der Beschwerdeführer
psychisch angeschlagen, ein potenzielles Folteropfer und somit eine äus-
serst vulnerable Person sei. Entsprechendes lasse sich auch dem Unter-
schriftenblatt der Hilfswerkvertretung entnehmen. Dies habe die Vorinstanz
in Verletzung ihrer Begründungspflicht und des Untersuchungsgrundsat-
zes nicht in ihre Würdigung einbezogen.
5.3 Der Beschwerdeführer habe beide Vorfälle, die Festnahme vom No-
vember 2013 sowie diejenige vom Mai 2015 substanziiert geschildert.
Diese protokollierten Aussagen würden viele Realkennzeichen aufweisen.
So habe er zahlreiche Details der erlebten Folter anlässlich der dreitätigen
Haft (im Jahr 2015) nennen können. Am Ende der Anhörung habe er noch
einmal sein Innerstes preisgegeben und auf die ihm gestellte Frage, was
geschehen würde, wenn er nach Sri Lanka zurückreisen würde, unter
Tränen vom sexuellen Übergriff erzählt. Für den Wahrheitsgehalt der Aus-
sagen spreche zudem, dass der Beschwerdeführer offensichtlich nicht zu
Übertreibungen neige und sich bei der BzP namentlich hinsichtlich einer
Datumsangabe selber korrigiert habe.
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Seite 12
5.4 Der Beschwerdeführer habe insgesamt die Haftaufenthalte und die da-
mit einhergehende Folter widerspruchsfrei und damit glaubhaft geschildet.
Entsprechend führe auch die Vorinstanz aus, es sei ihm nicht jegliche Haf-
terfahrung abzusprechen. Die Beurteilung des SEM, wonach diese Hafter-
fahrungen allenfalls erst auf der Reise gemacht worden seien, seien ange-
sichts der glaubhaften Erzählungen stossend, und es gebe keine Anhalts-
punkte, die diese Beurteilung stützen würden. Im besagten Arztbericht sei
vielmehr von "erneuter" Foltererfahrung während der Reise, jedoch an
mehreren Stellen von Folter und Gewaltanwendung im Heimatland die
Rede. Auch die Handverletzung werde erwähnt. Damit würden die Arzt-
berichte die Vorbringen in ihrer Aussagekraft unterstreichen. Dasselbe sei
in Bezug auf die Fotografien zu sagen: Die genannten Folterverletzungen
würden sich in den dokumentierten Narben wiederspiegeln und die glaub-
haften Aussagen untermauern.
5.5 Hinsichtlich des Schreibens von F._ habe die Vorinstanz zwar
einige Unklarheiten benannt. Diese könnten jedoch weitgehend relativiert
werden: Bei wörtlicher Übersetzung stehe dort in Bezug auf die Haft ledig-
lich geschrieben, dass der Beschwerdeführer auch mehrmals bedroht, an-
gegriffen und gefoltert und an manchen Tagen sogar stundenlang festge-
halten worden sei. Diese unglückliche Formulierung lasse zwar Raum für
Spekulationen, jedoch sei darin nicht zwingend ein Widerspruch mit den
Angaben des Beschwerdeführers zu sehen. Das Argument der fehlenden
Plausibilität, hinsichtlich des Nichterwähnens von CID und LTTE im Schrei-
ben sei bei korrekter Anwendung der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
so nicht verwendbar.
5.6 Die Vorinstanz habe die Propagandaaktivitäten des Beschwerdefüh-
rers für die TNA im August/September 2013, seine Teilnahme an der De-
monstration betreffend das vergewaltigte Mädchen am 22. Mai 2015 und
der Betrieb des (...) nicht in Zweifel gezogen. Jedoch habe sie nicht be-
rücksichtigt, dass er den Betrieb seines (...) in der Nordprovinz und seine
Propagandaaktivität für die TNA als kumulative Gründe für das Verfol-
gungsinteresse des sri-lankischen Staates genannt habe und diese beiden
Vorbringen einzeln und voneinander losgelöst beurteilt. Der Beschwerde-
führer habe jedoch dargelegt, wie sich seine Propagandaaktivität für die
TNA und der Betrieb des (...) gegenseitig beeinflusst hätten. Als Inhaber
von zwei (...) in der Nordprovinz, wo viele junge Tamilen (...) hätten, habe
er über ein grosses Netzwerk mit jungen, (...) tamilischen Männern verfügt.
Aus Sicht des sri-lankischen Staats habe er dadurch Zugang zu vielen po-
tenziellen LTTE-Anhängern oder -Befürwortern gehabt. Allein der Betrieb
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Seite 13
eines (...) wäre zwar tatsächlich kaum ausreichend gewesen, um eine
staatliche Verfolgung zu begründen. Jedoch habe das SEM nicht berück-
sichtigt, dass sich der Beschwerdeführer sein Netzwerk aus dem (...)
zunutze gemacht und die jungen Männer motiviert habe, gemeinsam mit
ihm Propagandaaktivitäten für die TNA durchzuführen und an der De-
monstration für das vergewaltigte Mädchen teilzunehmen. Dabei habe er
als Anführer agiert und sei eine populäre Figur in seiner Heimatregion ge-
wesen. Somit habe er sich in mehrfacher Hinsicht exponiert und so die
Aufmerksamkeit des CID beziehungsweise des sri-lankischen Staates auf
sich gezogen. Dass die Kernfamilie nichts mit den LTTE zu tun gehabt
habe, sei dabei nicht ausschlaggebend.
5.7 Auch die weiteren Einwände der Vorinstanz betreffend die TNA könn-
ten widerlegt werden. Gemäss Schnellrecherche-Bericht seien viele ent-
führte und gefolterte Personen Teilnehmende an Demonstrationen oder
Wahlaktivitäten, an Kampagnenveranstaltungen von Parlamentariern der
Parteienallianz TNA im Jahr 2015 gewesen. Propagandaarbeit für die TNA
könne entgegen der Auffassung der Vorinstanz daher sehr wohl in Zusam-
menhang mit den LTTE gebracht werden. Dabei könne bereits eine gering-
fügige politische Aktivität ausreichen, um in den Fokus der Behörden zu
gelangen. Ferner sei geschichtlich belegt, dass die TNA den LTTE einst
nahegestanden sei. Der Beschwerdeführer habe auch glaubhaft dargelegt,
dass die Familie nach seiner Ausreise weiter belästigt und behelligt worden
sei, mithin das Verfolgungsinteresse an ihm nach wie vor bestehe.
5.8 Der Beschwerdeführer sei in seiner Heimat von den staatlichen Behör-
den aufgrund eines politischen Motivs verfolgt. Die Bedrohungslage sei ak-
tuell, da seine Familie von den staatlichen Behörden nach wie vor behelligt
werde. Aufgrund des Erlebten habe der Beschwerdeführer sowohl eine ob-
jektiv wie auch eine subjektiv begründete Furcht vor Verfolgung.
5.9 Darüber hinaus habe der Beschwerdeführer, entgegen der Ansicht der
Vorinstanz, auch begründete Furcht vor Verfolgungsmassnahmen bei einer
allfälligen Rückkehr nach Sri Lanka und würde zusätzlich auch die im
BVGer-Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 definierten Risiko-
faktoren erfüllen. Er habe glaubhaft gemacht, dass ihm LTTE-Verbindun-
gen unterstellt worden seien, und er sei deswegen zweimal verhaftet und
gefoltert worden. Überdies sei er offensichtlich seit 2013 im Visier des CID
geblieben, indem dieses wiederholt im (...) Kontrollen durchgeführt habe.
Er sei im Mai 2015 nur durch Schmiergeldzahlung freigekommen und nach
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Seite 14
der Ausreise weiterhin bei den Eltern gesucht worden. Zudem habe er ver-
wandtschaftliche Beziehungen zu ehemaligen LTTE-Kämpfern.
5.10 Das Bundesverwaltungsgericht habe festgehalten, dass Personen,
die früher schon einmal wegen einer tatsächlichen oder vermuteten LTTE-
Verbindung verhaftet worden seien, bei einer Wiedereinreise einer flücht-
lingsrelevanten Verfolgungsgefahr ausgesetzt sein könnten. Als starker Ri-
sikofaktor seien zudem die Misshandlungen wegen vermuteten Verbindun-
gen zur LTTE zu werten. Gänzlich unberücksichtigt geblieben sei, dass der
Beschwerdeführer sich exilpolitisch exponiert habe und über zahlreiche
Narben an seinem Körper verfüge; beide Kriterien würden praxisgemäss
weitere relevante Risikofaktoren darstellen.
5.11 Aus den dargelegten Gründen sei der Beschwerdeführer als Flücht-
ling anzuerkennen und es sei ihm Asyl zu gewähren.
6.
In der Vernehmlassung beschränkte sich das SEM auf die Feststellungen,
der Beschwerdeführer, der exilpolitische Tätigkeiten im erstinstanzlichen
Verfahren (abgesehen von der Teilnahme an einer Kundgebung) noch ver-
neint gehabt habe, mache nun geltend, er habe sich in der Schweiz ver-
schiedentlich exilpolitisch exponiert. Die Beschwerdeschrift enthalte aber
keine detaillierten Angaben über seine konkreten Aktivitäten, sondern le-
diglich Fotografien, auf denen er an Massenveranstaltungen zu sehen sei.
Es sei deshalb davon auszugehen, dass es sich beim Beschwerdeführer
höchstens um einen sogenannten Mitläufer von Massenveranstaltungen
handle. Deswegen müsse er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka asylrele-
vante Verfolgung noch nicht begründeterweise befürchten. Körpernarben
würden gemäss Gerichtspraxis nur schwach risikobegründende Faktoren
darstellen und deshalb für sich alleine genommen ebenfalls nicht zu einer
Verfolgungsgefahr führen.
7.
Das Bundesverwaltungsgericht kommt in Würdigung der vorliegenden Ak-
ten zu folgenden Schlussfolgerungen:
E-4222/2019
Seite 15
7.1 Der Beschwerdeführer wurde nach der BzP zweimal einlässlich zu sei-
nen Asylgründen befragt. Beim Lesen aller drei Befragungsprotokolle sticht
ein durchgehend ausserordentlich authentisch wirkendes Aussageverhal-
ten und eine Vielzahl weiterer Realitätskennzeichen ins Auge. Der Be-
schwerdeführer hat zudem in Erfüllung seiner Mitwirkungspflicht bereits im
erstinstanzlichen Verfahren zahlreiche Unterlagen zur Stützung seiner Vor-
bringen und zum Beleg seiner Identität beigebracht.
7.2 In den drei Befragungen wurden die zentralen Asylgründe übereinstim-
mend beschrieben.
7.2.1 So hat der Beschwerdeführer den Beginn seiner Probleme im Kon-
text der Wahlen im Jahr 2013 inhaltlich und zeitlich stimmig geschildert.
Auch seine Ausführungen der Geschäftstätigkeit im Zusammenhang mit
dem (...) sind kohärent ausgefallen, und er hat bereits in der BzP die Pro-
paganda zusammen mit jungen Besuchern dieses (...) und überdies er-
wähnt, es sei im Kontext zu Bedrohungen und Beschimpfungen gekom-
men. Diese hätten im Vorfeld der Heldentags-Feierlichkeiten eine Fortset-
zung gefunden, als im Dorf Plakate aufgehängt und Wände beschriftet wor-
den seien und das CID ihn beschuldigt habe, daran beteiligt gewesen zu
sein. Die Polizisten seien später wiederholt ins (...) gekommen und hätten
so mit der Zeit seine Kunden vergrault. Im März 2014 sei er unterwegs von
zwei Personen angegriffen und mit einem Messer verletzt worden. Im Jahr
2015 habe er den befreundeten Politiker F._ bei dessen Propa-
ganda zugunsten des späteren Staatspräsidenten Sirisena begleitet. Ende
Mai 2015 – er wisse das Datum nicht mehr sicher – habe er nach der Ver-
gewaltigung eines Mädchens mit anderen jungen Männern eine Demonst-
ration durchgeführt und sei vom CID deswegen am Folgetag zu Hause
festgenommen, nach I._ gebracht und drei Tage mehrmals befragt,
geschlagen und gequält worden. Es sei dort "viel geschehen"; so sei er
angefasst und gegen die Geschlechtsteile getreten worden. Er sei nur dank
Bezahlung freigekommen. Er würde daher für die anstehende Anhörung
eine Befragung durch ein Männerteam vorziehen (vgl. Protokoll A4/13
S. 7–10).
7.2.2 Diese ersten Aussagen bestätigte und ergänzte er in der folgenden
Anhörung vom 25. April 2017 in eindrücklicher Weise. Zu Beginn der An-
hörung legte er einen Ordner mit vielen Unterlagen vor, die der SEM-Sach-
bearbeiter mit ihm zusammen sichtete, um so die relevanten Dokumente
zu evaluieren. Im Zusammenhang mit medizinischen Unterlagen bestätigte
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der Beschwerdeführer, wegen psychischer Probleme in medizinischer Be-
handlung zu sein (vgl. A13/20 F/A3–38). Er führte aus, er habe dank der
guten finanziellen Verhältnisse der Familie sowie eigener Ersparnisse zwei
(...) finanzieren können. Diese habe er im August 2015 verkauft (vgl. a.a.O.
F/A 48–58). Hinsichtlich der Teilnahme an der Veranstaltung vom Mai 2015
korrigierte er die Datumsangabe in der BzP von sich aus (vgl. a.a.O. F/A
65) und beschrieb erneut, der Grund für die Demonstration sei die Verge-
waltigung eines Mädchens gewesen. Ebenfalls bestätigte er seine Wahl-
aktivitäten im Jahr 2013 für den mit dem Vater befreundeten Politiker
F._ (vgl. a.a.O. F/A 67). Anschliessend legte er in freier Schilderung
auf über zwei Seiten seine Fluchtgründe dar. Namentlich diese Schilderun-
gen weisen zahlreiche Realkennzeichen auf. So wirken seine Ausführun-
gen zur Festnahme vom 28. November 2013 im Zusammenhang mit den
Plakaten zum Märtyrertag und insbesondere zur erlebten Verhörsituation
äusserst erlebnisbasiert, indem er von den sich ständig wiederholenden
gleichen Fragen und zudem davon sprach, ein CID-Beamter sei hinter ihm
gestanden, habe plötzlich seine Haare gepackt und ihm mehrfach das Ge-
sicht auf den Tisch geschlagen. Er beschrieb die dadurch erlittenen Verlet-
zungen ebenso detailliert wie die einige Stunden später erfolgte Freilas-
sung, in deren Nachgang die CID-Beamten dann mehrfach sein (...) auf-
gesucht und ihn damit schikaniert hätten, die Kunden durch ihre ständigen
Identitätskontrollen zu belästigen, wodurch diese weggeblieben seien. Ein-
drücklich schilderte er auch den Überfall vom März 2014, als er von zwei
Unbekannten angegriffen und am Unterarm schwer verletzt worden sei.
Auch die Schilderungen, wie sein Freund die Blutung mit einer Schnur ab-
gebunden und ihn ins Spital gefahren habe, wirken lebensecht (vgl. a.a.O.
F/A74, S. 10). Als der Beschwerdeführer die Festnahme respektive den
Ablauf der dreitägigen Inhaftierung nach der Demonstration wegen des
vergewaltigten Mädchens im Frühjahr 2015 schilderte, gab er wiederholt
schnaubende Geräusche von sich, unterbrach mitunter seinen Redefluss
und erklärte auf Nachfrage des Sachbearbeiters, er habe manchmal
Schwierigkeiten auszuatmen, dies habe mit den erlittenen Schlägen ange-
fangen. Anschliessend führte er eindrucksvoll aus, wie er in ein dunkles
Zimmer geführt und dort unter Schlägen, Ohrfeigen und mit auf ihn gerich-
teter Schusswaffe genötigt worden sei, seine Kleider bis auf die Unterho-
sen auszuziehen. Er sei dann in ein schmutziges Zimmer voller Kabel ge-
führt und dort verhört worden (vgl. a.a.O. F/A88). Dabei habe man ihn an
Kabeln so aufgehängt, dass seine Füsse nur knapp den Boden berührt
hätten, seine Schultern seien an ein Eisenrohr festgebunden und er sei
auch mit brennenden Zigaretten gefoltert worden. Die diesbezüglichen
Schilderungen unterstrich der Beschwerdeführer mit dem Vorzeigen der
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entsprechenden Narben an Schultern, Nacken, Armen. In authentischer
Weise schilderte er auch, wie seine Peiniger Plastikteile in Brand gesetzt
und das flüssige Plastik auf seinen Körper hätten tropfen lassen (vgl. a.a.O.
F/A109 f.).
7.2.3 Bei der Beantwortung der Frage nach seinen Ängsten gab der Be-
schwerdeführer an, er fühle sich an Leib und Leben bedroht. Seine Familie
sei ebenfalls von der Situation betroffen gewesen und er habe immer Angst
um die Angehörigen. Dabei brach der Beschwerdeführer gemäss Protokoll
in anhaltendes heftiges Weinen aus (vgl. a.a.O. F/A 93), worauf der Sach-
bearbeiter ihn beruhigen musste (vgl. a.a.O. F/A 94–97). Die Schilderung
der Einvernahme am zweiten Tag der Haft weist weitere klare Realitäts-
merkmale auf. So schilderte der Beschwerdeführer auffallend detailliert,
wie er nach dem Essen geschlagen worden, dann allein gelassen worden
sei und wie die Beamten wiedergekommen seien: "[...] Ich lag auf dem
Boden. Ich habe mehrmals die Beamten gefragt, ob ich ins WC gehen darf.
Sie haben mich ignoriert. Ich habe auf den Boden in diesem Zimmer uri-
niert. Dann, als ich urinierte, dann kamen diese Beiden und haben mir ge-
sagt: Du stinkst wie eine Sau. Und sie haben mich an den Haaren gepackt
und aufgehoben. Sie haben mir gesagt, ich solle meine Unterhose auszie-
hen. Als ich nackt dort stand, haben sie eine Zange gebracht. Sie haben
meine Schamhaare rausgezogen mit dieser Zange [...]" (vgl. a.a.O.
F/A108). Am Ende der durchwegs emotional gefärbten Anhörung kam er
auf die Frage, was er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka erwarte, auf den
ihm erkennbar peinlichen sexuellen Übergriff zu sprechen. Er fügte an, Fol-
ter sei eher zu ertragen als eine solche Verletzung der persönlichen Integ-
rität (vgl. a.a.O. F/A124 f.).
7.2.4 Die mehr als zwei Jahre später stattfindende ergänzende Anhörung
des Beschwerdeführers wurde nicht mehr von einem Männerteam, son-
dern von einer Sachbearbeiterin geleitet, die ihm zunächst erklärte, es
seien noch einige Fragen zu klären. Zur Sprache kamen einleitend erneut
diverse Beweismittel – unter anderem solche, die gemäss Beschwerdefüh-
rer bei der vorangegangenen Anhörung nicht zu den Akten genommen
worden seien – und weitere vorgelegte medizinische Unterlagen (vgl.
A16/26 F/A7 ff.). Dabei schilderte der Beschwerdeführer erneut und im We-
sentlichen übereinstimmend seine bereits bei der vorangegangenen Anhö-
rung erfassten Erlebnisse. Die Schilderung der erlittenen Schläge im Jahr
2013, durch die er unter anderem Brüche der Frontzähne erlitten habe,
stimmt mit den Angaben der ersten Anhörung inhaltlich und zeitlich über-
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ein. Die Schilderungen seiner Wahlunterstützung für F._, die Reak-
tion des CID und der Angriff durch zwei Unbekannte, die Demonstration im
Zusammenhang des vergewaltigten Mädchens und die folgende dreitägige
Inhaftierung hat der Beschwerdeführer auch an dieser dritten Befragung im
Wesentlichen übereinstimmend erzählt. Den weiteren Ausführungen ist so-
dann zu entnehmen, dass die Familie nach seiner Ausreise durch das CID-
Beamte Schwierigkeiten bekommen habe, die Schwester aus Sicherheits-
gründen (...) habe und der Bruder (...) ausgereist sei.
7.3
7.3.1 Der Beschwerdeführer hat zahlreiche medizinische Unterlagen ak-
tenkundig gemacht. Die darin festgehaltenen Aussagen werden von der
Vorinstanz nicht bestritten, indessen hält sie dafür, die diagnostizierten psy-
chischen Probleme und die Handverletzung seien wahrscheinlich in einem
anderen Kontext, namentlich auf dem Reiseweg nach Europa, zu sehen.
Die auf Fotos dokumentierten Narben seien in keinem Arztbericht erwähnt,
mithin sei anzunehmen, der Beschwerdeführer habe diese selber aufge-
nommen.
7.3.2 Diese Würdigung der medizinischen Unterlagen greift nach Auffas-
sung des Gerichts zu kurz und wirkt gesucht: So ist im Arztbericht vom
8. Februar 2017 (bestätigt im Abschlussbericht vom 3. Oktober 2018) unter
anderem die Diagnose "Opfer von Folterung und Bedrohung" aufgeführt.
Weiter hat der Beschwerdeführer hier, wenn auch nur kurz erfasst, seine
Probleme in Sri Lanka, die Bedrohungen, Warnungen, Verhaftungen und
Gewaltanwendungen sowie die erlebte Folter, benannt, die zur Flucht ge-
führt hätten. Diese Aussage ist differenziert zur weiteren Angabe zu sehen,
wonach er an der Grenze erneut Folter erlebt habe (vgl. Arztbericht S. 3).
Sodann wird im Arztbericht vom 6. Juli 2018 die Aussage des Beschwer-
deführers bezüglich der erlittenen Handverletzung in der Diagnose "Status
nach Messerstichverletzung" bestätigt. Was die fotografierten Narben an
verschiedenen Körperstellen betrifft, können diese nicht mit dem Argument
"privater Aufnahmen" abgetan werden und die Feststellung, diese seien in
keinem Arztschreiben erwähnt, erweist sich als aktenwidrig: So ist den erst-
instanzlichen Akten zu entnehmen, dass Dr. med. J._, Arzt für All-
gemeine Innere Medizin in H._, der Vorinstanz diese Fotografien
am 13. Juni 2019 als separate Dokumentation zukommen liess und das
SEM darum ersuchte, die Folterverletzungen im "Aufnahmeverfahren" zu
berücksichtigen; jede einzelne Fotografie weist den Stempel und die Un-
terschrift dieses Arztes auf (vgl. Beweismittel 7 im Couvert A12). Damit
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kann als erwiesen betrachtet werden, dass es sich um Aufnahmen von Kör-
pernarben des Beschwerdeführers handelt und diese von ärztlicher Seite
auch als solche erkannt und bestätigt worden sind. Die auf den Fotografien
festgehaltenen Narben sind als starkes Indiz für die Glaubhaftigkeit der ge-
schilderten Misshandlungen zu werten.
7.3.3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die vorgelegten medizini-
schen Berichte zur psychischen und physischen Gesundheitssituation des
Beschwerdeführers sich weitgehend mit dessen Asylvorbringen decken
und sich entsprechend zugunsten der Glaubhaftigkeit dieser Asylvorbrin-
gen auswirken.
7.4 Nach dem Gesagten kommt das Gericht zum Schluss, dass der Be-
schwerdeführer eine den Anforderungen von Art. 3 AsylG genügende Ver-
folgung glaubhaft hat darlegen können. Die diesbezüglichen Ausführungen
in der Beschwerdeschrift erweisen sich als zutreffend. Die Vorinstanz hat
in der Tat zu hohe Anforderungen an das Glaubhaftmachen eines flücht-
lingsrechtlich relevanten Sachverhalts gestellt und mit diesem Vorgehen
Bundesrecht verletzt. Dabei ist auch der Einwand berechtigt, dass die Vor-
instanz in ihren Erwägungen zu selektiv argumentiert, einzelne Ungereimt-
heiten herausgenommen und die Vorfälle in den Jahren 2013 bis 2015
nicht in einen Gesamtzusammenhang gestellt sowie sich argumentativ teil-
weise in Mutmassungen verloren hat.
In diesem Zusammenhang sind auch die Ausführungen in der Beschwer-
deschrift bezüglich des Empfehlungsschreibens von F._ nicht von
der Hand zu weisen (vgl. oben E. 5.5). Zudem ist die Formulierung "detai-
ned for hours" nicht mit "stündlichen Festnahmen" zu übersetzen (vgl. an-
gefochtene Verfügung S. 5), sondern mit mehrstündigen
oder stundenlangen Festnahmen, was mit den Angaben des Beschwerde-
führers besser vereinbar ist. Jedenfalls ist angesichts der zahlreichen fun-
dierten Unterlagen, die klar zugunsten der Glaubhaftigkeit sprechen, sowie
der kohärenten und lebensechten Schilderungen des Beschwerdeführers
dieses Bestätigungsschreiben offensichtlich nicht derart zu gewichten,
dass dadurch alle Asylvorbringen als unglaubhaft beurteilt werden müss-
ten.
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8.
8.1 Gesamtwürdigend kommt das Gericht zum Schluss, dass die Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers den Anforderungen von Art. 3 AsylG an die
Flüchtlingseigenschaft genügen. Asylausschlussgründe liegen nicht vor.
8.2 Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen. Die Verfügung
des SEM ist aufzuheben und die Vorinstanz ist anzuweisen, dem Be-
schwerdeführer in der Schweiz Asyl zu gewähren.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
10.
Dem Beschwerdeführer ist angesichts des Obsiegens in Anwendung von
Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
(VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise
erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Mit der Beschwerde wurde eine
Honorarnote für die Rechtsbeistandschaft eingereicht. Der darin ausgewie-
sene Aufwand sowie die Auslagen sind für das umfangreiche Verfahren als
angemessen zu erachten. Die durch die Vorinstanz auszurichtende Partei-
entschädigung ist demnach auf insgesamt Fr. 3249.− (inkl. Auslagen und
Mehrwertsteueranteil) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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