Decision ID: b2f94a54-6283-572a-b921-d46867319121
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am (...) Dezember 2016 in die Schweiz ein
und stellte am gleichen Tag im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ)
B._ ein Asylgesuch. Am 27. Dezember 2016 fand seine summari-
sche Befragung zur Person (BzP) und am 28. März 2018 eine Anhörung
zu den Asylgründen gemäss Art. 29 Abs. 1 AsylG (SR 142.31) statt.
B.
B.a Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer
bei der BzP vor, er stamme aus C._, Provinz Al Hassaka. Er habe
ein Militärdienstaufgebot der syrischen Behörden erhalten, gemäss wel-
chem er sich am (...) 2015 beim Aushebungsamt in D._ hätte mel-
den müssen. Er habe sich zur Ausreise entschlossen, um der Rekrutierung
zu entgehen. Zudem befürchte er, auch von der Partiya Yekîtiya Demokrat
(PYD) rekrutiert zu werden. Im Übrigen sei er Mitglied der Demokratischen
Partei Kurdistan-Syrien (PDKS) gewesen und habe für diese an Kund-
gebungen teilgenommen. Er habe aber nie ein Problem mit dem syrischen
Regime wegen dieser Aktivitäten oder seiner Parteimitgliedschaft gehabt.
Am (...) August 2016 sei er illegal in die Türkei ausgereist und von dort in
der Folge nach Griechenland weitergereist. Von dort aus sei er in einem
Lastwagen nach Deutschland gebracht worden und sei von dort weiter in
die Schweiz gereist.
B.b Im Rahmen der Anhörung brachte der Beschwerdeführer vor, er habe
drei bis fünf Monate nach Ausbruch der Revolution in Syrien zusammen
mit drei anderen Studierenden der Universität E._ eine Zelle
gegründet, die sich, inspiriert von der französischen Revolution, für den
Frieden und gegen den Krieg sowie das Baath-Regime engagiert habe.
Sie hätten unter anderem Parolen an Wände geschrieben und bei opposi-
tionellen Kundgebungen Reden gehalten. Namentlich hätten sie an einer
grossen Demonstration am (...) 2012 teilgenommen. Am selben Tag sei ein
Mitglied ihrer Gruppe von der Shabiha (regimetreue Miliz) fest-
genommen und während zehn Tagen unter Schlägen festgehalten worden,
worauf sie ihre Aktivitäten reduziert hätten. Während seines Studiums in
F._ in den Jahren 2013/2014 habe er mehrere junge Revolutionäre
– namentlich einen Mann namens G._ – kennengelernt, und sie
hätten ein- oder zweimal an Demonstrationen teilgenommen. Er habe in
dieser Zeit bei seiner Schwester in H._ gewohnt. Im September
oder im Oktober 2014 sei G._ verschwunden. Ebenfalls im Oktober
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2014 sei er eines Abends von einem Fahrzeug der Shabiha verfolgt wor-
den. In der Folge habe er von einer Freundin erfahren, dass die Shabiha
an der Universität Studierende nach G._ und dessen Kontaktper-
sonen gefragt hätten. Er habe hieraus geschlossen, dass G._ den
Behörden seinen Namen verraten habe, und sich deswegen zunächst bei
einem in I._ wohnhaften Freund versteckt. Von seinem Schwager
habe er dann erfahren, dass die Behörden dessen Haus durchsucht und
dabei nach ihm (Beschwerdeführer) gefragt hätten. Deswegen sei er im
November 2014 versteckt in einem Fahrzeug, das Waren transportiert
habe, nach D._ zu seinen Eltern zurückgekehrt. Weil er befürchtet
habe, auch dort von den syrischen Behörden gesucht zu werden, habe er
sich bei verschiedenen Verwandten und Freunden aufgehalten, während
sein Vater seine Ausreise organisiert habe. Ein weiterer Grund für seine
Ausreise sei gewesen, dass ein erneuter Aufschub des Militärdienstes
nicht mehr möglich gewesen wäre und die letzte Frist am (...) 2015 abge-
laufen sei. Gemäss dem Aufgebot, welches ausgestellt worden sei, als er
sich bereits in der Türkei aufgehalten habe, hätte er sich am (...) 2015 beim
Aushebungsamt im C._ melden und am (...) 2015 einrücken müs-
sen. Dieses Aufgebot sei seinem Vater vom Dorfvorsteher ausgehändigt
worden, und sein Neffe habe es ihm in die Türkei überbracht. Im Jahr 2016
sei seinem Vater in J._ ein weiteres Militärdienstaufgebot ausge-
händigt worden, gemäss welchem er sich am (...) 2016 beim Aushebungs-
amt in D._ hätte melden und am (...) 2016 in den Militärdienst hätte
einrücken müssen. Mit der PYD habe er nie in Kontakt gestanden und von
dieser auch kein Aufgebot erhalten. Jedoch habe die PYD systematisch
alle Personen in der Region im Alter zwischen 18 und 32 Jahren aufgefor-
dert, für sie Militärdienst zu leisten. Dies habe er jedoch abgelehnt, weil er
sich von jeglicher Gewalt distanziert habe. Im Übrigen sei er nie Mitglied
der PDKS gewesen. Er habe zwar einmal einen entsprechenden Antrag
gestellt, diesen aber wegen seiner übrigen Aktivitäten wieder zurückgezo-
gen. Er sei am (...) Januar 2015 illegal in die Türkei ausgereist. Nach ei-
nem ersten gescheiterten Versuch, von dort nach Griechenland weiterzu-
reisen, sei er am (...) August 2016 für wenige Stunden nach Syrien zurück-
gekehrt, um von seinen Angehörigen im Heimatstaat weitere finanziell Mit-
tel für die Reise entgegenzunehmen.
B.c Zum Beleg seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer Doku-
mente betreffend den Militärdienst (Militärbüchlein, zwei Militärdienst-
aufgebote aus den Jahren 2015 und 2016) sowie Unterlagen bezüglich sei-
ner Schul- und Universitätsausbildung ein (Studentenausweis, Quittung
betreffend Immatrikulation an der Universität in F._ 2013/2014,
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Antrag für Wechsel von der Universität E._ an die Universität
F._ von September 2012, Maturitätszeugnis aus dem Jahr (...),
Schulzeugnis aus dem Jahr 2009).
C.
Mit Verfügung vom 10. Dezember 2019 (eröffnet am 12. Dezember 2019)
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus
der Schweiz an. Hingegen verfügte es, dass der Vollzug dieser Wegwei-
sung wegen Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf-
geschoben werde.
D.
D.a Mit Eingabe seines Rechtsvertreters an das Bundesverwaltungs-
gericht vom 13. Januar 2020 erhob der Beschwerdeführer Beschwerde
gegen die Verfügung der Vorinstanz und beantragte, die Dispositiv-
Ziffern 1 bis 3 des Entscheids seien aufzuheben und es sei seine Flücht-
lingseigenschaft festzustellen sowie ihm Asyl zu gewähren; eventualiter sei
seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, Beiordnung seines
Rechtsvertreters als unentgeltlicher Rechtsbeistand sowie um Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses.
D.b Zur Stützung seiner Vorbringen reichte er einen Ausdruck eines Face-
book-Posts der Universität K._ vom 1. Februar 2013 betreffend
Prüfungsergebnisse, eine Quittung betreffend Studiengebühren in Kopie,
einen Ausdruck eines Internet-Artikels der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
vom 25. August 2016, Fotografien von regimekritischen Demonstrationen
in Syrien, die Fotografie einer exilpolitischen Veranstaltung in der Schweiz,
einen USB-Stick mit Videoaufnahmen einer weiteren Kundgebung, einen
aktuellen Arbeitsvertrag und Lohnabrechnungen sowie eine Versiche-
rungspolice ein.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 16. Januar 2020 hiess der Instruktionsrichter
die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1
VwVG sowie um unentgeltliche Verbeiständung gemäss aArt. 110a AsylG
gut, setzte antragsgemäss lic. iur. LL.M. Tarig Hassan als unentgeltlichen
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Rechtsbeistand ein und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses. Ferner wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlas-
sung eingeladen.
F.
In ihrer Vernehmlassung vom 27. Januar 2020 hielt die Vorinstanz an ihrer
Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
G.
Mit Eingabe vom 12. Februar 2020 machte der Beschwerdeführer von dem
ihm (mit Instruktionsverfügung vom 28. Januar 2020) eingeräumten Recht
zur Replik Gebrauch, und hielt an seinen Beschwerdeanträgen fest.
H.
Mit Eingabe vom 7. Dezember 2020 verweis der Beschwerdeführer auf ein
Urteil des Gerichtshofs der Europäischen Union (EuGH) vom 19. Novem-
ber 2020, das sich mit der Frage der Flüchtlingseigenschaft von Refraktä-
ren und Deserteuren aus Syrien befasse, und reichte eine diesbezügliche
Pressemitteilung zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht
Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu
den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundes-
verwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder
Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht
haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung
des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind überdies Personen, die Gründe geltend machen, die
wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Aus-
druck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat be-
stehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei der Gesetzgeber
auch hier die Einhaltung der FK vorbehält (Art. 3 Abs. 4 AsylG).
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Seite 7
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für
gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentli-
chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den
Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ver-
fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung ihrer Verfügung führte die Vorinstanz Folgendes aus:
4.1.1 In den Vorbringen des Beschwerdeführers seien Widersprüche fest-
zustellen: Während er bei der BzP angegeben habe, Parteimitglied der
PDKS gewesen und für diese an Demonstrationen teilgenommen zu
haben, habe er in der Anhörung eine Mitgliedschaft bei dieser Partei ver-
neint. Ferner habe er bei der BzP ausgesagt, Angst vor der PYD gehabt zu
haben, weil er von dieser gesucht werde, während er in der Anhörung diese
Angaben abgeschwächt und nur davon gesprochen habe, dass er mög-
licherweise von der PYD rekrutiert werden könnte. Seine angeblichen
politischen Aktivitäten im Rahmen einer regimekritischen Zelle an der Uni-
versität sowie die Suche nach ihm durch die Shabiha, welche der Be-
schwerdeführer bei der Anhörung als einen wesentlichen Grund für seine
Ausreise aus Syrien genannte habe, habe er in der BzP nicht erwähnt.
Abgesehen davon, dass er auf seine Mitwirkungspflicht hingewiesen wor-
den sei, habe er auf eine offen gestellte Frage nach weiteren Asylgründen
explizit ausgesagt, sämtliche Gründe für seine Ausreise aus dem Heimat-
staat genannt zu haben. Da der Beschwerdeführer die genannten Vorbrin-
gen erst im späteren Verlauf des Asylverfahrens geltend gemacht habe,
seien diese als unzulässiger Nachschub und daher als unglaubhaft einzu-
stufen. Vielmehr sei davon auszugehen, dass er seitens des syrischen Re-
gimes nur den Einzug in den Militärdienst zu befürchten gehabt habe. Im
Weiteren sei der Beschwerdeführer nicht in der Lage gewesen, differen-
zierte Angaben zu seinem (...)studium zu machen. Seine Angaben zu der
angeblichen Verfolgung durch ein Fahrzeug der Shabiha würden nicht ge-
nügen für die Annahme einer glaubhaften und gezielten Verfolgung. Auch
den Aussagen des Beschwerdeführers zu den Problemen, die sein Vater
nach seiner Ausreise gehabt habe, könne keine Relevanz beigemessen
werden. Diese Vorbringen seien mithin nicht geeignet, die genannten Ver-
folgungsvorbringen als glaubhaft erscheinen zu lassen.
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4.1.2 Es treffe zwar zu, dass in den durch die PYD und die Yekîneyên
Parastina Gel (Volksverteidigungseinheiten; YPG) kontrollierten Gebieten
Nordsyriens Aufforderungen zur Wahrnehmung der Dienstpflicht ergehen
würden. Praxisgemäss vermöchten diese Rekrutierungsbemühungen
mangels eines Verfolgungsmotivs im Sinne von Art. 3 AsyIG und mangels
hinreichender Intensität keine Asylrelevanz zu entfalten. Es sei nicht davon
auszugehen, dass eine Weigerung, der Dienstpflicht nachzukommen, asyl-
relevante Sanktionen nach sich ziehe. Eine Wehrdienstverweigerung oder
Desertion vermöge die Flüchtlingseigenschaft im syrischen Kontext nicht
per se zu begründen, sondern nur dann, wenn damit eine Verfolgung im
Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsyIG verbunden sei. Die syrischen Behörden wür-
den nicht allen Wehrdienstverweigerern oder Deserteuren eine regierungs-
feindliche Haltung unterstellen. Dies sei nur dann der Fall, wenn spezifi-
sche politische Faktoren vorliegen würden. Eine Bestrafung wegen Wehr-
dienstverweigerung oder Desertion erfolge nur dann aus Gründen im Sinne
von Art. 3 AsyIG, wenn zusätzliche einzelfallspezifische Risikofaktoren vor-
liegen würden. Solche Faktoren, welche ein politisches Profil begründen
könnten, seien vorliegend jedoch nicht ersichtlich. Allfällige Strafmassnah-
men gegen den Beschwerdeführer infolge seiner Wehrdienstverweigerung
würden demnach keine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsyIG darstellen.
4.2
4.2.1 Der Beschwerdeführer stellte sich in der Beschwerdeeingabe auf den
Standpunkt, die Vorinstanz habe seine Asylvorbringen zu Unrecht als teil-
weise unglaubhaft erachtet. Die von ihr gerügten Widersprüche könnten
nicht nachvollzogen werden. Er habe bereits bei der BzP vorgebacht, sei-
nen Heimatstaat wegen des Einzugs in den Militärdienst und der Teilnahme
an Demonstrationen verlassen zu haben. Die Interpretation, er habe Syrien
wegen seines Engagements für die PDKS verlassen, sei falsch. Seine An-
gabe in der Anhörung er habe lediglich einen Antrag für die Mitgliedschaft
bei der Partei gestellt, stelle eine Präzisierung seiner Angaben bei der BzP
dar, und stehe zu diesen nicht im Widerspruch. Es sei durchaus plausibel,
dass er auf eine Mitgliedschaft verzichtet habe, um sich vermehrt für seine
Zelle zu engagieren. Dass er ein Sympathisant der PDKS sei, könne den
mit der Beschwerde eingereichten Fotografien entnommen werden. Auch
die von der Vorinstanz vorgebrachte Abschwächung seiner Angst vor der
Zwangsrekrutierung durch die PYD beziehungsweise die YPG könne nicht
als Widerspruch gewertet werden. Er habe die ihm in der Anhörung ge-
stellte Frage bezüglich seiner Angst vor der PYD offensichtlich nicht im
Sinne des Befragers verstanden, und dieser habe es unterlassen nach-
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zuhaken. Es sei offenkundig, dass er sich vor der notorischen Rekrutierung
durch die YPG gefürchtet habe.
4.2.2 Nicht zutreffend sei auch die Argumentation, dass er seine Aussagen
betreffend das politische Engagement während seiner Studienzeit nachge-
schoben habe. Er habe in der summarischen BzP zumindest seine wich-
tigsten Fluchtgründe erwähnt. Er sei nicht gefragt worden, ob er nebst der
Teilnahme an Demonstrationen für die PDKS noch anderweitig politisch
aktiv gewesen sei. Zudem müsse berücksichtigt werden, dass die BzP sehr
kurz ausgefallen sei und aus dem Protokoll hervorgehe, dass bei dieser ein
eher schroffes, nicht vertrauensförderndes Klima geherrscht habe. Es sei
plausibel, dass er bei dieser Gelegenheit nur kurz die allerwichtigsten
Fluchtgründe genannt und sich bei der Beantwortung der gestellten Fragen
kurz gehalten habe. Im Rahmen der Anhörung habe er die Gründe für seine
Ausreise detailreich und ausführlich geschildert. Diesen Darlegungen sei
bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit besonders viel Gewicht beizumes-
sen, da sie viele Realkennzeichen enthalten würden. Er habe unaufgefor-
dert sehr ausführlich über die Vorfälle in seinem Heimatstaat berichtet.
Seine Schilderungen seien plausibel und stringent, und er habe sie chro-
nologisch einordnen können. Zudem würden seine Aussagen durch die
eingereichten Beweismittel untermauert.
4.2.3 Die Vorinstanz habe ausserdem verkannt, dass seine Aktivitäten für
die pazifistische Zelle in L._ nicht der Hauptgrund für seine Flucht
aus der Heimat gewesen sei. Vielmehr sei er danach in Damaskus gewe-
sen und nach der Verhaftung seines Freundes G._ von dort nach
Hause geflüchtet. Die Zweifel der Vorinstanz an seinem Literaturstudium
seien unberechtigt. Er könne hierzu weitere Belege der Literaturfakultät der
K._-Universität einreichen. Sein Erinnerungsvermögen sei durch
den zeitlichen Abstand und die zwischenzeitlich erlebten Umbrüche in sei-
nem Leben beeinflusst gewesen. Zudem sei er während des Studiums
noch arbeitstätig gewesen und habe sich stark engagiert. Es seien ihm
darüber hinaus keine weiteren Fragen zu seinem Studium gestellt worden.
Seine Schilderungen würden mit dem zu den Akten gereichten Artikel der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung übereinstimmen. Ohnehin könne aus all-
fälligen Zweifeln an seinem Studium nicht auf seine generelle Unglaubwür-
digkeit geschlossen werden.
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4.2.4 Im Weiteren sei die Verfolgung durch ein Fahrzeug nicht der einzige
Hinweis auf eine behördliche Suche nach ihm gewesen. Zwei seiner engs-
ten Mitstreiter seien festgenommen worden, und es habe bei seiner
Schwester eine Hausdurchsuchung stattgefunden. Es sei notorisch, dass
Personen, die mit der Opposition in Verbindung gebracht würden, gefähr-
det seien. Dies gelte insbesondere für Studenten.
4.2.5 Er habe sich durch die Teilnahme an zahlreichen Demonstrationen
öffentlich exponiert. Aus den eingereichten Fotografien sei ersichtlich, dass
er jeweils an vorderster Front mitgelaufen und dadurch leicht zu identifizie-
ren gewesen sei. Für eine andauernde Suche spreche auch, dass sein
Vater nach seiner Ausreise zur Vorsprache beim Aushebungsamt
D._ aufgefordert worden sei. Für die Glaubhaftigkeit dieser Vor-
fluchtgründe spreche zudem, dass er sein politisches Engagement in der
Schweiz weiteführe. Er unterstütze weiterhin prokurdische Organisationen
und nehme an Demonstrationen gegen das Regime von Bashar al-Assad
teil.
4.2.6 Demnach habe er glaubhaft dargelegt, dass es sich bei ihm um einen
infolge seiner politischen Aktivitäten bekannten Wehrdienstverweigerer
handle, und er vom syrischen Regime als Regimegegner identifiziert wor-
den sei und daher gesucht werde. Die Vorinstanz habe dem herabgesetz-
ten Beweismassstab von Art. 7 AsylG nicht hinreichend Rechnung getra-
gen. Die von ihr aufgeführten Ungereimtheiten könnten mehrheitlich ohne
weiteres entkräftet werden, und seien, soweit sein Studium betreffend, oh-
nehin nicht entscheidrelevant.
4.2.7 Bezüglich der asylrechtlichen Relevanz seiner Wehrdienstverweige-
rung werde auf einen Bericht des Amts des Hohen Flüchtlingskommissars
der Vereinten Nationen (UNHCR) sowie die Referenzurteile D-5553/2013
sowie D-5779/2013 des Bundesverwaltungsgerichts verwiesen. Das Re-
gime von Bashar al-Assad habe seit Ergehen dieser Urteile im Jahr 2015
noch an Macht gewonnen und sei namentlich auch in seiner Herkunftsre-
gion heute viel stärker präsent. Er habe im Falle einer Rückkehr nach
Syrien wegen seiner Wehrdienstverweigerung, seines regierungs-
kritischen, pro-kurdischen Engagements sowie seiner Zugehörigkeit zur
kurdischen Ethnie Verfolgung zu befürchten. Die Situation der kurdischen
Bevölkerung im Norden Syriens habe sich durch die türkische Offensive
verschärft und sei zunehmend einer Kollektivverfolgung ausgesetzt.
Er wäre demnach in seinem Heimatland wegen der Zugehörigkeit zu einer
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sozialen Gruppe sowie seiner politischen Anschauung an Leib und Leben
respektive in seiner Freiheit gefährdet.
4.2.8 Eventualiter seien ihm subjektive Nachfluchtgründe zuzuerkennen.
Abgewiesene kurdische Asylsuchende, sowie Personen die illegal aus Sy-
rien ausgereist seien, hätten im Falle einer Rückkehr zu befürchten, ver-
haftet, verfolgt und misshandelt zu werden. Er hätte aufgrund seiner illega-
len Ausreise, der Verweigerung des Militärdienstes sowie seiner kurdi-
schen Ethnie mit einem Verhör zu rechnen, wobei zu befürchten wäre, dass
die Sicherheitsbehörden auf Gewaltmethoden zurückgreifen würden.
4.3 Die Vorinstanz stellte in ihrer Vernehmlassung insbesondere fest, es
würden nähere Angaben zu den mit Fotografien dokumentierten pro-
kurdischen Demonstrationen, an welchen der Beschwerdeführer angeblich
teilgenommen habe, fehlen, namentlich dazu, wo und wann die Aufnahmen
entstanden seien und wo der Beschwerdeführer auf diesen erkennbar sei.
Auch betreffend die von ihm vorgebrachten exilpolitischen Aktivitäten in der
Schweiz würden nähere Angaben fehlen.
4.4 In seiner Replikeingabe führte der Beschwerdeführer aus, die mit den
Fotografien dokumentierten Demonstrationen seien von der PDKS organi-
siert worden und hätten in den Jahren 2013 und 2014 in M._ bezie-
hungsweise K._ stattgefunden. Die als Beilage 9 der Beschwerde-
schrift eingereichte Fotografie sei nicht, wie ursprünglich angegeben, in der
Schweiz, sondern bei einer Veranstaltung in K._ im Jahr 2013 auf-
genommen worden. Wie akut seine Gefährdung sei werde dadurch illus-
triert, dass ein guter Freund, der ebenfalls an den Demonstrationen der
PDKS teilgenommen habe, ermordet worden sei. Es werde angesichts der
jüngsten Entwicklungen in seiner Herkunftsregion daran festgehalten, dass
ihm aufgrund seiner ethnischen Zugehörigkeit eine Kollektivverfolgung
drohe.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hält nach Durchsicht der Akten Folgen-
des fest:
5.2
5.2.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie ge-
nügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich
nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht
widersprüchlich sein, der inneren Logik entbehren oder den Tatsachen
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oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Vorbringen sind substan-
ziiert, wenn sie sich auf detaillierte, präzise und konkrete Schilderungen
stützen. Als schlüssig gelten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer Anhö-
rung, zwischen Anhörungen oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine
Widersprüche aufweisen. Allerdings sollten kleine, marginale Widersprü-
che sowie solche, die nicht die zentralen Asylvorbringen betreffen, zwar in
die Gesamtbetrachtung einfliessen, jedoch nicht die alleinige Begründung
für die Verneinung der Glaubhaftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die
gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbe-
sondere dann nicht der Fall ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt
oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen aus-
wechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt oder die nötige Mitwir-
kung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im
Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der
gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, welche für die
Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht.
Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2012/5
E. 2.2, BVGE 2010/57 E. 2.2 und 2.3; EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.;
ANNE KNEER und LINUS SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asyl-
verfahren – Ein Überblick über die Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts, in: ASYL 2015/2 S. 5).
5.2.2 Aussagewidersprüche zwischen den Protokollen der summarischen
ersten Befragung und der einlässlichen Anhörung dürfen für die Beurtei-
lung der Glaubhaftigkeit herangezogen werden, wenn klare Angaben bei
der Befragung zur Person in wesentlichen Punkten der Asylbegründung
von späteren Aussagen in der Anhörung zu den Asylgründen diametral
abweichen, oder wenn bestimmte Ereignisse oder Befürchtungen, welche
später als zentrale Asylgründe genannt werden, nicht bereits in der Emp-
fangsstelle zumindest ansatzweise erwähnt werden (vgl. bereits Entschei-
dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 1993 Nr. 3).
5.3 Angesichts der vom Beschwerdeführer eingereichten Unterlagen der
Universitäten E._ sowie K._ ist zwar als überwiegend glaub-
haft zu erachten, dass er dort ein Studium absolviert hat. In Übereinstim-
mung mit der Vorinstanz ist aber festzustellen, dass sich erhebliche Zweifel
an dem von ihm vorgebrachten regimekritischen Engagement während
seiner Studienzeit sowie an der Suche nach ihm durch die Shabiha recht-
fertigen. Obwohl es sich dabei gemäss einer Darstellung bei der Anhörung
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um ein zentrales Element seiner Fluchtgründe handelte, erwähnte er diese
Umstände im Rahmen der BzP in keiner Weise; vielmehr gab er explizit zu
Protokoll, er habe nie Probleme mit den syrischen Behörden gehabt (vgl.
Akten SEM A6 S.10). Ebenso divergierend sind die Angaben des Be-
schwerdeführers zu seinem Verhältnis zur PDKS. Die Erklärungen in der
Beschwerdeschrift vermögen diese klaren Widersprüche nicht überzeu-
gend auszuräumen. Das Argument, die BzP sei sehr kurz ausgefallen und
von einem schroffen Klima geprägt gewesen, findet im Protokoll dieser Be-
fragung keine Stütze und vermöchte überdies nicht zu erklären, weshalb
er unmissverständlich verneinte, jemals konkrete Probleme mit den syri-
schen Behörden gehabt zu haben. Die Ausführungen des Beschwerdefüh-
rers in der Anhörung zu seinen oppositionellen Aktivitäten in Damaskus so-
wie der angeblichen behördlichen Suche nach ihm sind wenig detailliert
und eher oberflächlich ausgefallen, weisen mithin keine überzeugenden
Realkennzeichen auf. Den Akten lassen sich überdies keine überzeugen-
den Anhaltspunkte dafür entnehmen, dass die syrischen Behörden Kennt-
nis des vom Beschwerdeführer vorgebrachten Engagements während sei-
nes Studiums an der Universität E._ erlangt haben. Auf den einge-
reichten Fotoaufnahmen von Demonstrationen in Syrien ist er als normaler
Teilnehmer und Mitläufer zu erkennen; sie lassen weder darauf schliessen,
dass er sich auf irgendeine Weise besonders exponiert hätte, noch vermö-
gen sie die behauptete Verbindung zur PDKS zu belegen. Im Übrigen hat
der Beschwerdeführer auch bezüglich des von ihn behaupteten, mit den
Demonstrationsteilnahmen verbunden politischen Engagements keine
substanziierten Angaben gemacht.
5.4 Nach dem Gesagten vermag der Beschwerdeführer nicht glaubhaft zu
machen, dass er sich in dem von ihm behaupteten Ausmass in seinem
Heimatstaat in regimekritischer Weise engagiert hat. Jedenfalls besteht
kein hinreichender Grund zur Annahme, er sei von den syrischen Behörden
als Regimegegner identifiziert worden und werde deswegen gesucht.
5.5
5.5.1 Im Rahmen eines Grundsatzentscheids (BVGE 2015/3 E. 5) stellte
das Bundesverwaltungsgericht fest, dass auch nach der Einführung von
Art. 3 Abs. 3 AsylG die bisherige Rechtspraxis in Bezug auf Personen, die
ihr Asylgesuch mit einer Wehrdienstverweigerung oder Desertion im Hei-
matstaat begründen, weiterhin gültig bleibe. Demnach vermag eine Wehr-
dienstverweigerung oder Desertion nicht allein, sondern nur verbunden mit
einer Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG die Flüchtlingseigen-
schaft zu begründen. Mit anderen Worten muss die betroffene Person aus
http://links.weblaw.ch/BVGE-2015/3
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einem in dieser Norm genannten Grund (Rasse, Religion, Nationalität,
Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische An-
schauungen) wegen ihrer Wehrdienstverweigerung oder Desertion eine
Behandlung zu gewärtigen haben, die ernsthaften Nachteilen gemäss
Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt. In Bezug auf die spezifische Situation in
Syrien erwog das Gericht in jenem Koordinationsentscheid, die genannten
Voraussetzungen seien namentlich im Falle eines syrischen Refraktärs er-
füllt, welcher der kurdischen Ethnie angehöre, einer oppositionell aktiven
Familie entstamme und bereits in der Vergangenheit die Aufmerksamkeit
der staatlichen syrischen Sicherheitskräfte auf sich gezogen hatte
(vgl. BVGE 2015/3 E. 6.7.3; u.a. bestätigt im Urteil des BVGer E-5457/2018
vom 29. April 2020 E. 9.5.2). Das Bundesverwaltungsgericht geht in stän-
diger Praxis davon aus, dass bei Wehrdienstverweigerung und Desertion
im syrischen Kontext nur dann eine asylrechtlich relevante Strafe zu be-
fürchten ist, wenn zusätzliche exponierende Faktoren gegeben sind, wel-
che darauf schliessen lassen, dass eine Person als Regimegegner ange-
sehen wird und damit aus politischen Gründen eine unverhältnismässige
Bestrafung zu gewärtigen hätte. Hingegen droht Wehrdienstverweigerern
und Deserteuren, die nicht zusätzlich politisch exponiert sind, nicht mit
genügender Wahrscheinlichkeit eine Strafe, welche die Schwelle der Asyl-
relevanz erreichen würde (vgl. BVGE 2020 VI/4 E. 5 f. m.w.H.). An dieser
Rechtsprechungspraxis vermag – ungeachtet der Frage seiner Rechtswir-
kung für die Schweiz – auch das auf Beschwerdeebene erwähnte Urteil
des EuGH (C-238/2019) nichts zu ändern, zumal auch der EuGH darin zum
Ergebnis gelangt, dass zwischen der Strafverfolgung oder Bestrafung we-
gen Verweigerung des Militärdienstes und zumindest einem der Verfol-
gungsgründe, die einen Anspruch auf die Zuerkennung der Flüchtlingsei-
genschaft begründen können, eine Verknüpfung bestehen muss (vgl.
a.a.O. Ziff. 61; Urteil des BVGer D-2188/2020 vom 16. Februar 2021
E. 6.3).
5.5.2 Von einer solchen, flüchtlingsrechtlich relevanten Motivation für eine
allfällige Bestrafung wegen Refraktion ist nach den obigen Ausführungen
und Feststellungen im Fall des Beschwerdeführers nicht auszugehen. Wie
erwähnt, hat er im Rahmen des Asylverfahrens nicht glaubhaft darzulegen
vermocht, dass er den syrischen Sicherheitskräften als Person mit einer
oppositionellen Gesinnung aufgefallen sein könnte (vgl. E. 5.3). Nament-
lich rechtfertigt auch das in der Beschwerdeschrift vorgebrachte exilpoliti-
sche Engagement – wie im Folgenden dargelegt wird – einen entsprechen-
den Schluss nicht. Es ist gestützt auf die vorliegenden Informationen nicht
anzunehmen, dass der Beschwerdeführer sich durch die blosse Teilnahme
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an Demonstrationen in der Schweiz besonders exponiert hat. Ferner lässt
sich den Akten auch nicht entnehmen, dass er aus einer oppositionell akti-
ven Familie stammt.
5.6 Eine allfällige Aufforderung zum militärischen Dienst bei den YPG
würde nicht aus einem der in Art. 3 AsylG genannten Motiven, sondern
gestützt auf den Wohnort, das Alter und das Geschlecht erfolgen, weshalb
eine Bestrafung wegen Nichtbefolgens dieser Aufforderung nicht als asyl-
erheblich zu qualifizieren wäre. In Ermangelung eines asylrelevanten Ver-
folgungsmotivs wäre eine drohende Bestrafung somit lediglich unter dem
Aspekt der Unzulässigkeit respektive Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs relevant, welcher aufgrund der vom SEM bereits angeordneten
vorläufigen Aufnahme hier nicht Prozessgegenstand ist (vgl. Urteil des
BVGer D-317/2015 vom 1. März 2016 E. 5.9.4, m.w.H.).
5.7 Gemäss geltender Rechtsprechung ist nicht davon auszugehen, dass
syrische Staatsangehörige kurdischer Ethnie im heutigen Zeitpunkt in
besonderer und gezielter Weise aufgrund ihrer Ethnie in einem derart wei-
ten und umfassenden Ausmass unter Anfeindungen zu leiden hätten, dass
von einer Kollektivverfolgung ausgegangen werden müsste. Auch unter
dem Gesichtspunkt der heute veränderten Lage, insbesondere seit dem
Einmarsch der türkischen Sicherheitskräfte und der verbündeten islamisti-
schen Milizen in Nordsyrien, ist nicht anzunehmen, dass sämtliche in
Syrien und insbesondere in Nordsyrien verbliebenen Kurdinnen und Kur-
den derzeit eine objektiv begründete Furcht vor einer Verfolgung hätten
(vgl. etwa Urteile des BVGer D-1220/2020 vom 3. November 2020 E. 6.5,
D-6344/2018 vom 26. Mai 2020 E. 5.4, D-6431/2019 vom 16. März 2020
E. 5.2.3 und E-937/2017 vom 16. Januar 2020 E. 6.3). Der bürgerkriegs-
bedingten Gefährdungslage und der fortbestehenden Volatilität und Dyna-
mik der Entwicklung in Syrien wurde von der Vorinstanz in Rahmen des
Wegweisungsvollzugs respektive der in diesem Zusammenhang angeord-
neten vorläufigen Aufnahme der Beschwerdeführenden Rechnung getra-
gen.
5.8 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, Vor-
fluchtgründe im Sinn von Art. 3 AsylG nachzuweisen oder glaubhaft zu
machen.
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6.
6.1 Im Folgenden ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer durch sein Ver-
halten nach der Ausreise aus Syrien in der Schweiz Grund für eine zukünf-
tige Verfolgung durch die syrischen Behörden gesetzt hat und deshalb
(infolge subjektiver Nachfluchtgründe) die Flüchtlingseigenschaft erfüllt.
6.2 Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen erhalten zwar gemäss
Art. 54 AsylG kein Asyl, werden aber als Flüchtlinge vorläufig aufgenom-
men (vgl. dazu BVGE 2009/28 E. 7.1 S. 352, m.w.H.).
6.3 Gemäss geltender Rechtsprechung rechtfertigt sich die Annahme einer
begründeten Furcht vor Verfolgung wegen exilpolitischer Tätigkeiten im
Syrienkontext nur, wenn jemand sich damit in besonderem Masse expo-
niert. Der Umstand, dass der syrische Geheimdienst im Ausland aktiv ist
und gezielt Informationen über Personen syrischer Herkunft sammelt,
reicht für sich allein genommen nicht aus, um eine begründete Verfol-
gungsfurcht glaubhaft zu machen. Dafür müssen vielmehr konkrete
Anhaltspunkte vorliegen, dass jemand tatsächlich das Interesse der syri-
schen Behörden auf sich gezogen hat respektive als regimefeindliche Per-
son namentlich identifiziert und registriert worden ist. Massgebend für die
Annahme einer begründeten Verfolgung ist insofern nicht primär das Her-
vortreten im Sinne einer optischen Erkenn- und Individualisierbarkeit, son-
dern vielmehr eine derartige Exponiertheit in der Öffentlichkeit, dass der
Eindruck erweckt wird, der Asylsuchende werde aus Sicht des syrischen
Regimes als potenzielle Bedrohung wahrgenommen (vgl. Referenzurteil
des BVGer D-3839/2013 vom 28. Oktober 2015 E. 6.3, insbes. E. 6.3.2
m.w.H.).
6.4 Eine solche Exponierung ist vorliegend nicht gegeben. Die vom Be-
schwerdeführer geltend gemachte Verfolgung in Syrien hat sich als un-
glaubhaft erwiesen. Ferner besteht auch kein Grund zur Annahme, dass er
durch seine Teilnahme an Kundgebungen in der Schweiz als ernsthafter
Regimegegner von der Masse der mit dem Regime unzufriedenen Land-
leute im Exil hervorgetreten und von den syrischen Sicherheitskräften
wahrgenommen worden wäre.
6.5 Eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung allein aufgrund der illega-
len Ausreise des Beschwerdeführers aus Syrien und der Asylgesuchstel-
lung in der Schweiz ist gemäss konstanter Praxis des Bundesverwaltungs-
gerichts ebenfalls nicht anzunehmen (vgl. u. a. die Urteile des BVGer
D-1220/2020 vom 3. November 2020 E. 6.6, D-6344/2018 vom 26. Mai
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2020 E. 5.5, E-1822/2018 vom 23. Januar 2020 E. 7.6 und E-5788/2017
vom 23. April 2019 E. 6.5, m.w.H.). Daran vermag der Umstand nichts zu
ändern, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner längeren Landesab-
wesenheit bei einer (angesichts seiner vorläufigen Aufnahme in der
Schweiz) hypothetischen Wiedereinreise in Syrien wahrscheinlich einer
Befragung durch die heimatlichen Behörden unterzogen würde.
7.
Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer somit nicht gelungen,
eine relevante Verfolgungsgefahr im Sinn von Art. 3 AsylG beziehungs-
weise Art. 54 AsylG darzutun. Das SEM hat folglich zu Recht seine Flücht-
lingseigenschaft verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
Da das SEM in seiner Verfügung vom 10. Dezember 2019 die vorläufige
Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz angeordnet hat, erübri-
gen sich, praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und
Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist.
Die Beschwerde ist abzuweisen.
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10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dem Beschwerdeführer die
Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit
Zwischenverfügung vom 16. Januar 2020 sein Gesuch um unentgeltliche
Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG seine finanzielle Lage seit-
her entscheidrelevant verändert hätte, ist auf die Auflage von Verfahrens-
kosten zu verzichten.
11.
Mit der Instruktionsverfügung vom 16. Januar 2020 wurde auch das
Gesuch des Beschwerdeführers um amtliche Verbeiständung gutgeheis-
sen (aArt. 110a Abs. 1 VwVG) und sein Rechtsvertreter als amtlicher
Rechtsbeistand eingesetzt. Demnach ist diesem ein Honorar für ihre not-
wendigen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten. Der in
der Kostennote vom 12. Februar 2020 ausgewiesene zeitliche Vertretungs-
aufwand erscheint als grundsätzlich angemessen, doch wurde das Hono-
rar mit einem Stundenansatz von Fr. 300.– berechnet. Bei amtlicher Ver-
tretung geht das Bundesverwaltungsgericht für nicht-anwaltliche Vertreter,
wie in der Zwischenverfügung vom 16. Januar 2020 angekündigt, praxis-
gemäss von einem Ansatz von höchstens Fr. 150.– aus. Demzufolge ist
dem amtlichen Rechtsbeistand – ausgehend vom zeitlichen Vertretungs-
aufwand gemäss Kostennote sowie dem nach deren Einreichung zusätz-
lich entstandenen Aufwands – ein Gesamtbetrag von Fr. 1862.– (inkl. Aus-
lagen und Mehrwertsteuerzuschlag) vom Bundesverwaltungsgericht aus-
zurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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