Decision ID: c4e6092f-5dfe-5318-ab80-b678c6ff857a
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein syrischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie
– gelangte eigenen Angaben zufolge am 10. Juni 2015 in die Schweiz, wo
er am selben Tag um Asyl nachsuchte. Am 16. Juni 2015 erhob das SEM
im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) B._ seine Personalien
und befragte ihn zu seinem Reiseweg sowie summarisch zu seinen Asyl-
gründen. Mit Zwischenverfügung selben Datums wies ihn das SEM für die
Dauer des Verfahrens dem Kanton C._zu. Am 23. Februar 2016
fand die erste, am 7. Oktober 2016 die zweite einlässliche Anhörung des
Beschwerdeführers zu seinen Asylgründen statt.
Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er sei im Dorf D._
(heute: E._), Bezirk F._, Region G._ in der Provinz
H._ geboren und aufgewachsen. Im Jahr 2010 habe er das Studium
der (...) an der Universität von H._ abgeschlossen. Danach habe
er in der Region G._ und seit 2011 nach seiner Beförderung zum
Sektionsleiter in H._ in einem Büro (...) gearbeitet.
Während seines Studiums habe er den Militärdienst jeweils aufschieben
können, was nach Abschluss des Studiums nicht mehr möglich gewesen
sei. Als er vernommen habe, dass die syrischen Behörden intensiv Leute
in den Militärdienst einziehen würden, habe er geplant, seinen nächsten
Lohn abzuwarten und anschliessend nach G._ zu flüchten. Er sei
indessen bereits vorher am (...) 2011 am Arbeitsplatz festgenommen wor-
den. Zunächst habe man ihn zur I._-Kaserne und anschliessend
nach J._ gebracht, wo er 45 Tage lang eine Grundausbildung an
der (...) absolviert habe. Am (...) 2011 sei er nach K._ (L._)
gekommen, um in der Brigade (...) eine Spezialisierung (...) zu durchlau-
fen. Anschliessend habe er am (...) 2012 in J._ die Spezialisie-
rungsprüfungen abgelegt und die Examen mit dem Grad eines Offiziers
abgeschlossen.
Am (...) 2012 habe man ihn in die Brigade (...) der syrischen (...) eingeteilt,
die in M._ (N._), O._, stationiert gewesen sei. Dort
sei er als Rekrut-Offizier im Range eines Leutnants für einen Zug zuständig
gewesen: Ein (...) und ein (...) hätten unter seinem Befehl gestanden.
Seine Aufgaben hätten darin bestanden, neue Rekruten in Theorie zu un-
terrichten und die (...) zu organisieren und zu überwachen.
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Ungefähr im (...) hätten Einheiten der Freien syrischen Armee das Militär-
spital in M._ angegriffen. Er habe dabei beobachtet, wie Zivilisten
vom Westen der Stadt, wo das Militärspital gewesen sei, in Richtung einer
Einheit geflohen und dabei von einer Rakete beziehungsweise Bombe ge-
troffen worden seien. Niemand seiner Einheit habe den betroffenen Zivilis-
ten Hilfe geleistet, da sie in derartigen Situationen angewiesen worden
seien, ihren Standort nicht zu verlassen.
Als Folge der zahlreichen Gefechte in und um M._ seien viele Sol-
daten desertiert. Der dadurch entstandene Personalmangel habe die mili-
tärische Führung veranlasst, auch Soldaten der (...) an Checkpoints zu
stationieren. Die Lage an den Checkpoints sei gefährlich gewesen, da
diese mit Autobomben oder durch Scharfschützen angegriffen worden
seien. Ausserdem wäre man von den Vorgesetzten erschossen worden,
falls man deren Befehlen keine Folge geleistet hätte. Um dieser Situation
zu entgehen, habe er ein Urlaubsgesuch gestellt. Er habe dabei vorgege-
ben, seine beiden kranken Eltern in L._ wiedersehen zu wollen. Am
(...) 2013 sei ihm ein viertägiger Urlaub gewährt worden, der sich auf die
Region L._ beschränkt habe und vom (...) 2013 gültig gewesen sei.
Von diesem Urlaub sei er nicht mehr zu seiner Einheit zurückgekehrt. In
L._ sei ihm die Identitätskarte seines ihm ähnlich sehenden (...)
P._ überbracht worden. Mit dieser sei er nach H._,
G._ und schliesslich Anfang (...) 2013 in den Irak eingereist. Er
habe den irakischen Behörden seinen Militärausweis abgegeben. Diese
hätten ihn mehrere Stunden lang verhört, bevor sie ihn hätten weiterreisen
lassen. Später sei er via die Türkei, Griechenland und weitere ihm nicht
näher bekannte Länder in die Schweiz gelangt.
In der Schweiz sei er Sympathisant der YPG (Yekîneyên Parastina Gel;
kurdische Volksverteidigungseinheiten) und nehme an Demonstrationen
gegen das syrische Regime teil.
Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer im
Rahmen des erstinstanzlichen Verfahrens seine militärische Identitäts-
karte, seine militärische Erkennungsmarke ("Grabstein"), einen Urlaubs-
schein, Fotografien, die ihn bei der militärischen Grundausbildung und bei
der Beförderung zum Offizier zeigen, sein Universitätsdiplom inklusive ei-
ner englischen Übersetzung desselben sowie mehrere Fotos, auf denen er
an Demonstrationen in der Schweiz abgebildet ist, ein.
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B.
Mit Verfügung vom 15. Dezember 2017 – eröffnet am 19. Dezember 2017
– stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft, lehnte sein Asylgesuch jedoch wegen Asylunwürdigkeit (Art. 53
AsylG [SR 142.31]) ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an.
Den Wegweisungsvollzug schob es wegen Unzulässigkeit zugunsten einer
vorläufigen Aufnahme auf.
C.
Mit Eingabe vom 13. Januar 2018 erhob der Beschwerdeführer gegen
diese Verfügung mittels seines Rechtsvertreters Beschwerde beim Bun-
desverwaltungsgericht. Dabei beantragte er, die angefochtene Verfügung
sei aufzuheben und ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren. Im Weiteren
beantragte er, es sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren.
Er fügte der Rechtsmitteleingabe eine Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung
der Stadt Q._ vom 8. Januar 2018 bei.
D.
Mit Schreiben vom 18. Januar 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsge-
richt den Eingang der vorliegenden Beschwerde.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 27. März 2018 hiess der zuständige Instrukti-
onsrichter des Bundesverwaltungsgerichts das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig lud er die Vorinstanz zur Einrei-
chung einer Vernehmlassung bis zum 11. April 2018 ein.
F.
Die SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 5. April 2018 fest, die Be-
schwerde enthalte keine neuen Tatsachen oder Beweismittel, welche eine
Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnte. Im Übrigen hielt es
vollumfänglich an seinen Ausführungen in der angefochtenen Verfügung
fest.
G.
Am 11. April 2018 stellte das Bundesverwaltungsgericht dem Beschwerde-
führer die Vernehmlassung des SEM zur Kenntnisnahme zu.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge-
gen Verfügungen, die gestützt auf das Asylgesetz (AsylG, SR 142.31)
durch das SEM erlassen worden sind, entscheidet das Bundesverwal-
tungsgericht grundsätzlich (mit Ausnahme von Verfahren betreffend Perso-
nen, gegen die ein Auslieferungsersuchen des Staates vorliegt, vor wel-
chem sie Schutz suchen) endgültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG;
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Für das vorliegende Verfahren gilt nach der am 1. März 2019 in Kraft
getretenen Änderung des AsylG das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Über-
gangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
2.
Der Beschwerdeführer ist legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und
Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und
Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
3.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen-
dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
4.
Nachdem das SEM mit der angefochtenen Verfügung den Beschwerdefüh-
rer gestützt auf Art. 3 Abs. und 2 AsylG als Flüchtling anerkannte und des-
sen vorläufige Aufnahme anordnete, ist nachfolgend einzig zu beurteilen,
ob das SEM zu Recht zum Schluss gelangt ist, er sei im Sinne von Art. 53
AsylG asylunwürdig, weshalb sein Asylgesuch abzulehnen sei.
5.
5.1 Das SEM begründete seine Einschätzung, der Beschwerdeführer sei
asylunwürdig, in der angefochtenen Verfügung namentlich damit, seine Zu-
gehörigkeit zur syrischen Armee an sich sei zwar nicht als verwerflich im
Sinne von Art. 53 AsylG einzustufen. Aus diversen Medienberichten gehe
jedoch hervor, dass die syrischen Streitkräfte am (...) 2013 M._, wo
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er stationiert gewesen sei, zurückerobert hätten. Dabei seien fliehende Zi-
vilisten gezielt angegriffen und getötet worden, wobei von einem Massaker
gesprochen werde. Angesichts des Umstandes, dass er selber im fragli-
chen Zeitraum in M._ als Offizier der syrischen Armee tätig gewe-
sen sei, dränge sich der Schluss auf, dass auch er Unrechtstaten im dar-
gelegten Sinn begangen habe respektive an der Begehung derartiger Ta-
ten mitbeteiligt oder dafür verantwortlich gewesen sei. Zwar habe er ange-
geben, lediglich zwei Personen befehligt und die Befehle des vorgesetzten
Erstleutnants ausgeführt zu haben. Es sei indes auffallend, dass seine Aus-
führungen zu seinem Alltag als Offizier oberflächlich und ausweichend aus-
gefallen seien. So habe er angegeben, in einem Panzer im Einsatz gewe-
sen zu sein und Wache gehalten zu haben. Wenn er den Befehl bekommen
habe, (...), habe er das gemacht. Auf die Frage hin, auf wen er habe (...)
müssen, hätte er dann aber ausweichend gesagt, er habe nie einen derar-
tigen Befehl erhalten, da es (...) gegeben habe. Überdies passe die von
ihm beschriebene Passivität weder zu der von ihm geschilderten heftigen
Kriegssituation noch zum prekären Personalmangel, den es seinen Anga-
ben zufolge in M._ gegeben haben solle. Vage seien auch seine
Antworten dazu ausgefallen, welche Konsequenzen der Personalmangel
für ihn persönlich gehabt habe. So habe er ausgesagt, er seien vermehrt
Leute (...) an Checkpoints geschickt worden, wobei sich seine Wachschich-
ten verdoppelt hätten. Er habe indessen nicht nachvollziehbar darlegen
können, weshalb er persönlich nicht an die Checkpoints abgezogen wor-
den sei. Auch sei logisch nicht nachvollziehbar, dass er als Teil (...) an ei-
nem Ort stationiert gewesen sei, wo es (...) gegeben habe und dass er trotz
Personalmangel nicht für anderweitige Aufgaben eingesetzt worden sei. Im
Weiteren erscheine es unglaubhaft, dass er angesichts des Personalman-
gels, des vermutlich geplanten Angriffs auf M._ sowie seines an-
geblich schlechten Verhältnisses zu dem den Urlaub bewilligenden Oberst
genau am (...) 2013, also am Tag der Rückeroberung M._s durch
die syrische Armee, in den Urlaub hätte entlassen werden sollen. Im Übri-
gen habe er sich widersprüchlich dazu geäussert, wann er den Urlaubs-
schein beantragt habe. So habe er bei der Bundesanhörung gesagt, er
habe dies am (...) 2013 getan, wogegen er bei der ergänzenden Anhörung
erklärt habe, er habe das Urlaubsgesuch bereits zwei Monate früher ge-
stellt. Auch habe er einmal davon gesprochen, es sei äussert schwierig
gewesen, einen Diensturlaub zu erhalten, während er in der ergänzenden
Anhörung ausgesagt habe, in Notfällen habe es immer Urlaub gegeben.
Aufgrund seiner vagen und nicht nachvollziehbaren Aussagen müsse da-
von ausgegangen werden, dass er seine Ausführungen aus asyltaktischen
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Gründen selektiv gestaltet beziehungsweise seine tatsächlichen Tätigkei-
ten bewusst verharmlost respektive heruntergespielt habe. Somit sei da-
von auszugehen, dass er mit überwiegender Wahrscheinlichkeit verwerfli-
che Handlungen begangen habe oder zumindest daran beteiligt gewesen
sei.
Vage ausgefallen seien auch seine Ausführungen hinsichtlich der Tötung
respektive Verletzung von Zivilisten im Rahmen eines Angriffs der freien
syrischen Armee auf ein Militärspital in M._ im (...) 2013. So habe
der Beschwerdeführer zunächst behauptet, nicht zu wissen, wer die Ra-
kete abgefeuert habe, um auf Vorhalt hin, seine Aufgabe habe doch darin
bestanden, den Luftraum zu überwachen, plötzlich von einer selbstgebas-
telten Bombe zu sprechen. Auch diese Korrektur lasse vermuten, dass er
die tatsächlichen Gegebenheiten zu verschleiern versuche. Zumindest
aber stelle die unterlassene Hilfestellung an Zivilisten eine verwerfliche
Handlung dar.
Schliesslich hielt die Vorinstanz fest, der Asylausschluss sei auch verhält-
nismässig. Zwar habe der Beschwerdeführer angegeben, dem Militär-
dienst nicht freiwillig beigetreten zu sein, lediglich Befehle ausgeführt zu
haben und sich in der Schweiz regimekritisch zu engagieren. Dem sei ent-
gegenzusetzen, dass er in der syrischen Armee nicht nur als einfacher Sol-
dat, sondern als Offizier und somit mit einer gewissen Motivation im Dienst
aktiv gewesen sei. Wohl habe er deutlich gemacht, die von ihm verübten
Aktivitäten im Rahmen seines obligatorischen Militärdienstes nur auf Be-
fehl begangen zu haben; allerdings sei er bis im (...) 2013 im vollen Be-
wusstsein des Unrechts im Militärdienst verblieben, und habe dies mit den
Konsequenzen, die ihm im Verweigerungsfall gedroht hätten, zu rechtferti-
gen versucht. Er habe zwar stets darauf hingewiesen, es hätte Krieg ge-
herrscht, er habe damit aber nichts zu tun und nichts dagegen machen
können. Es sei aber nicht zu erkennen, dass er sich kritisch mit seiner ei-
genen Vergangenheit, seinen Aktivitäten (...), auseinandergesetzt habe,
weshalb auch nicht von einer allenfalls schuldmindernden Reue ausgegan-
gen werden könne. Die betreffenden Taten lägen zudem weniger als fünf
Jahre zurück, weshalb eine Verjährung der Taten ausgeschlossen werden
könne.
5.2 In der Beschwerde wird dem entgegengehalten, den Ausführungen des
Beschwerdeführers könne entnommen werden, dass er während seiner
Militärdienstzeit keine weitreichenden Kompetenzen gehabt und den Be-
fehlen seiner Vorgesetzten habe Folge leisten müssen. Da das SEM von
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einem geplanten Angriff der syrischen Armee (auf M._) ausgehe,
erachte es seine Aussage, wonach er seinen Diensturlaub am (...) 2013
angetreten und sich seither nicht mehr an Kampfhandlungen in Syrien be-
teiligt habe, als wenig überzeugend beziehungsweise als Schutzbehaup-
tung. Die Vorinstanz stütze sich für diese Einschätzung jedoch auf Quellen,
die keine abschliessende Beurteilung der Ereignisse vom (...) 2013 zulas-
sen würden. Angaben aus Syrien könnten gemäss der Nachrichtenagentur
Thomson Reuters kaum überprüft werden, da unabhängige Journalisten
nur begrenzt Zugang hätten. Angesichts der schlechten Quellenlage lasse
sich die Unterstellung der Vorinstanz, er habe sich am (...) 2013 an den
Kampfhandlungen in M._ beteiligt und sich dabei verwerflicher
Handlungen schuldig gemacht, nicht aufrechterhalten, zumal es in den Un-
terlagen keine Beweise dafür gebe (vgl. auch Urteil des BVGer E-
5069/2014 vom 16. September 2014). Ausserdem habe der Beschwerde-
führer entgegen der Ansicht der Vorinstanz keine widersprüchlichen Anga-
ben im Zusammenhang mit seinem Diensturlaub gemacht. Die von ihm im
Rahmen der Bundesanhörung und der ergänzenden Anhörung gemachten
Aussagen würden sich vielmehr gegenseitig ergänzen. So habe er bereits
etwa zwei Monate vor dem (...) 2013 mit der zuständigen Person mündlich
über den Urlaub gesprochen, indessen erst am (...) 2013 einen schriftli-
chen Antrag gestellt. Ausserdem habe er sowohl bei der Bundesanhörung
vom 23. Februar 2016 als auch in der ergänzenden Bundesanhörung vom
7. Oktober 2016 zum Ausdruck gebracht, dass Urlaub nur (beziehungs-
weise immer) in Notfällen gewährt worden sei, was aber selten der Fall sei.
Hinsichtlich des Raketen- beziehungsweise Bombenangriffs auf Zivilisten
(im (...) 2013), den er beobachtet und den verletzten Personen keine Hilfe
geleistet habe, sei festzuhalten, dass er sich hiermit keiner verwerflichen
Handlung schuldig gemacht habe, da es für einen Ausschluss von der Asyl-
gewährung nicht ausreiche, wenn die betroffene Person angesichts einer
nachteiligen Situation – beispielsweise einer Situation, in der die Men-
schenrechte verletzt wurden – nicht reagiere oder diese toleriert habe (Ur-
teil des BVGer E-5256/2006 vom 13. Juli 2010 S. 18 E. 6.1).
Hinsichtlich der Frage der Verhältnismässigkeit eines Asylausschlusses
wird ferner geltend gemacht, der Beschwerdeführer habe sich nicht freiwil-
lig in den Militärdienst begeben, sondern sei zwangsrekrutiert worden. Im
Weiteren gehe die Argumentation der Vorinstanz fehl, er solle "mit einer
gewissen Motivation" im Dienst aktiv gewesen sein. Die Vorinstanz nehme
angesichts der Tatsache, dass er den Militärdienst im Range eines Offiziers
geleistet habe, automatisch an, dass er motivierter als andere Soldaten
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gewesen sein müsse. Aus den Unterlagen gehe indessen hervor, dass er
sich vor den negativen Konsequenzen im Falle eines Versagens seiner-
seits gefürchtet habe, was in Anbetracht der unverhältnismässigen Strafen,
mit denen die syrische Armee fehlbare Soldaten bestrafe, mehr als nach-
vollziehbar sei. Im Weiteren habe er immer wieder um Gewährung eines
Diensturlaubs ersucht, um sich dem Militärdienst entziehen beziehungs-
weise desertieren zu können. Folglich sei er auch erst desertiert, nachdem
er einen solchen erhalten habe. Schliesslich sei anzumerken, dass er sich
in der Schweiz regelmässig an "oppositionspolitischen Aktivitäten" betei-
lige.
6.
6.1 Nach Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grundsätz-
lich Asyl. Davon ausgenommen sind jedoch unter anderem Flüchtlinge, die
wegen verwerflicher Handlungen der Asylgewährung unwürdig sind
(Art. 53 Bst. a AsylG).
Unter den Begriff der "verwerflichen Handlungen" fallen grundsätzlich De-
likte, die dem abstrakten Verbrechensbegriff von Art. 10 Abs. 2 StGB ent-
sprechen, demnach also Straftaten, die mit Freiheitsstrafe von mehr als
drei Jahren bedroht sind (vgl. hierzu und zum Folgenden BVGE 2011/29
E. 9.2.2; 2011/10 E. 6; 2010/44 E. 6). Nach der Rechtsprechung ist es irre-
levant, ob die verwerfliche Handlung einen ausschliesslich gemeinrechtli-
chen Charakter hat oder als politisches Delikt aufzufassen ist. Unter Art. 53
AsylG sind mithin auch Handlungen zu subsumieren, denen keine straf-
rechtliche Konnotation im engeren Sinne des Strafrechts zukommt (vgl.
BVGE 2011/29 E. 9.2.2; 2011/10 E. 6 [2. Abschnitt]). Das anzusetzende
Beweismass wurde in der Botschaft zur Totalrevision des Asylgesetzes so-
wie zur Änderung des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung
der Ausländer vom 4. Dezember 1995 (BBl 1996 II 73) für Art. 1 F des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) und Art. 53 AsylG übereinstimmend umschrieben, was sich
in der Folge in der Rechtsprechung niedergeschlagen hat. Demnach ist bei
Straftaten, die im Ausland begangen wurden, kein strikter Nachweis erfor-
derlich. Es genügt die aus schwerwiegenden Gründen gerechtfertigte An-
nahme, dass sich die betreffende Person einer Straftat im Sinne der ge-
nannten Bestimmungen schuldig gemacht hat, wobei auf den individuellen
Tatbeitrag – zu welchem die Schwere der Tat und der persönliche Anteil
am Tatentscheid wie auch das Motiv des Täters und allfällige Rechtferti-
gungs- oder Schuldminderungsgründe zu zählen sind – abzustellen ist (vgl.
BVGE 2011/29 E. 9.2.3 f.). Ausserdem ist zu prüfen, ob die Rechtsfolge
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des Asylausschlusses auch eine verhältnismässige Massnahme darstellt
(vgl. a.a.O. E. 9.2.4 m.w.H.).
6.2
6.2.1 Im Folgenden ist zunächst zu prüfen, ob und inwiefern dem Be-
schwerdeführer verwerfliche Handlungen im oben genannten Sinne vorge-
worfen werden können.
6.2.2 Diesbezüglich ist zunächst auf die politische und menschenrechtliche
Situation einzugehen, die in Syrien zum Zeitpunkt des Militärdienstes des
Beschwerdeführers herrschte. Die entsprechende Lage wurde durch das
Bundesverwaltungsgericht im Rahmen zweier asylrechtlicher Koordina-
tionsentscheide ausführlich gewürdigt (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.2 sowie Ur-
teil des BVGer D-5779/2013 vom 25. Februar 2015 E. 5.3 und 5.7.2 [als
Referenzurteil publiziert], jeweils mit weiteren Hinweisen). Wie dabei aus-
geführt wurde, ist durch eine Vielzahl von Berichten belegt, dass die staat-
lichen syrischen Sicherheitskräfte seit dem Ausbruch des Konflikts im März
2011 gegen tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner mit grösster
Brutalität und Rücksichtslosigkeit vorgegangen sind. Personen, die sich an
regimekritischen Demonstrationen beteiligt haben, sind in grosser Zahl von
Verhaftung, Folter und willkürlicher Tötung betroffen gewesen. Die politi-
sche Unrast wurde dabei nicht zuletzt durch Ereignisse in der Stadt Dar'a
im März 2011 entfacht, als staatliche Sicherheitskräfte Kinder verhafteten
und bei anschliessenden Protesten mehrere Demonstrierende töteten.
Durch das zunehmend gewaltsame Vorgehen des syrischen Regimes ge-
gen eine landesweite Protestwelle mit Hunderten von Todesopfern, der In-
haftierung und Folterung Zehntausender von Personen, darunter selbst
Kindern (vgl. für die entsprechenden Hinweise BVGE 2015/3 E. 6.2.1),
folgte eine Eskalation des Konflikts, die schliesslich in einen offenen Bür-
gerkrieg mündete.
6.2.3 Der Beschwerdeführer gab zu Protokoll, er sei nach seiner Fest-
nahme am Arbeitsort am (...) 2011 dem Militärdienst zugeführt worden (vgl.
act. A3/11 S. 6 Ziff. 7.01 in fine i.V.m. act. A11/18 S. 5 F35 bis 37). Nach
Abschluss seiner Grund- und Spezialausbildung sowie seiner Brevetierung
zum Offizier im Rang eines Leutnants im (...) 2012 sei er vom (...) 2012
bis zu seiner Desertion aus dem Urlaub Mitte (...) 2013 der Brigade (...)
der syrischen (...) zugeteilt worden, die bei M._ stationiert gewesen
sei (vgl. act. A11/18 S. 6 f. F41 bis F48 und F57 bis F59). Am frühen Mor-
gen des 10. April (...) sei sein Urlaubsgesuch vom (...) 2013 bewilligt wor-
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den, worauf er sich nach L._ begeben habe, nach Ablauf des Ur-
laubs am (...) 2013 indessen nicht mehr zu seiner Einheit zurückgekehrt
sei (vgl. act. A3/11 S. 6 Ziff. 7.01; act. A11/18 S. 7 f. F59, F62 und F66 und
S. 13 F117; act. A20/10 S. 7 F45).
6.2.4 Aufgrund der Angaben des Beschwerdeführers ergeben sich im Ein-
klang mit den diesbezüglichen Ausführungen des SEM überwiegende
Zweifel daran, dass dem Beschwerdeführer tatsächlich, wie von ihm be-
hauptet, am Morgen des (...) 2013 Diensturlaub gewährt worden ist: Be-
reits angesichts der von ihm geschilderten Personalnot zufolge vermehrter
Desertionen von Soldaten (vgl. act. A11/18 S. 8 f. F67, F74 und F78; act.
A20/10 S. 3 F13 und 15), seiner Stellung als Offizier sowie seines nicht
unbelasteten Verhältnisses zum vorgesetzten Offizier, der ihm den Urlaub
bewilligt haben soll (vgl. act. A11/18 S. 8 F63 i.V.m. F71 f.), ist es wenig
wahrscheinlich, dass ihm ein solcher gewährt worden wäre. Hinzu tritt die
Tatsache, dass der Beschwerdeführer bei seiner Anhörungen selber betont
hat, ein Diensturlaub sei nur sehr selten und ausschliesslich in Notlagen
erteilt worden (vgl. act. A11/18 S. 13 F118 i.V.m. act. A20/10 S. 6 F43). Als
Grund für seinen Diensturlaub gab der Beschwerdeführer an, seine beiden
kranken Eltern in L._ treffen zu wollen (vgl. act. A11/18 S. 7 F60 f.
i.V.m. act. A20/10 S. 6 f. F43 f.) und fügte an anderer Stelle an, dies habe
gar nicht den Tatsachen entsprochen, sondern sei lediglich ein Vorwand
gewesen, um einen Urlaub zu bekommen (vgl. act. A11/18 S. 8 F73). Es
ist indessen zu bezweifeln, dass der Besuch kranker Eltern vom syrischen
Militär mit Blick auf die damalige Kriegssituation auch nur ansatzweise als
Notsituation eingestuft worden wäre, weshalb auch aus diesem Grund ein
Urlaub im damaligen Zeitpunkt als unglaubhaft erscheint. Schliesslich
bleibt zu beachten, dass die syrische Armee ihre Offensive zur Eroberung
der Stadt M._ laut verschiedenen Quellen am frühen Morgen des
(...) 2013 gestartet hat (...), was annehmen lässt, dass es sich dabei um
eine geplante Aktion handelte. Auch unter diesem Aspekt erscheint es un-
wahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer im fraglichen Zeitpunkt als Of-
fizier Diensturlaub erhalten hätte. Vor diesem Hintergrund ist davon auszu-
gehen, dass die Behauptung des Beschwerdeführers, er habe vom (...)
2013 Urlaub erhalten, nicht den Tatsachen entspricht. Daran vermag der
Umstand, dass der Beschwerdeführer einen vom (...) 2013 datierenden
Urlaubsschein zu den Akten reichte, nichts zu ändern, da derartige Doku-
mente nicht fälschungssicher sind beziehungsweise durch Bezahlung von
Geld ohne Weiteres erhältlich gemacht werden können.
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6.2.5 Nach dem Gesagten ist davon auszugehen, dass der Beschwerde-
führer im Zeitpunkt des Angriffs der syrischen Armee auf M._ bei
seiner in der Nähe dieser Stadt stationierten Einheit war. Beim Angriff auf
die Stadt sollen mindestens (...) ums Leben gekommen sein, alles angeb-
lich Zivilisten. Darunter sollen sich auch Kinder und Frauen befunden ha-
ben. Über die Hälfte sollen aussergerichtlich erschossen worden sein (...).
Mit Blick auf die Tragweite und das Ausmass der damaligen Ereignisse in
unmittelbarer Nähe des Stationierungsortes des Beschwerdeführers muss
angenommen werden, dass dieser sich bewusst über seine Rolle im Zu-
sammenhang mit den damaligen Vorfällen ausschweigt, weshalb zu seinen
Ungunsten anzunehmen ist, er habe sich in diesem Zusammenhang ver-
werflicher Handlungen schuldig gemacht.
6.2.6 Hinsichtlich der Frage der Verhältnismässigkeit eines Asylausschlus-
ses ist zwar festzuhalten, dass der Beschwerdeführer eigenen Angaben
zufolge zwar tatsächlich gegen seinen Willen dem Militärdienst zugeführt
worden und aus diesem desertiert ist. Die Desertion erfolgte dabei laut An-
gaben des Beschwerdeführers aber primär deshalb, weil er um sein Leben
fürchtete (vgl. act. A11/18 S. 11 F92). Auch sein Bestreben, während sei-
nes Militärdienstes gute Prüfungen abzulegen, begründete er vorab mit
seiner Angst, im Falle persönlichen Versagens unverhältnismässige Be-
strafung seitens der syrischen Armee gewärtigen zu müssen (vgl. act.
A11/18 S. 6 F46). Durch sein Verschweigen seiner Rolle im Zusammen-
hang mit den Geschehnissen rund um die Eroberung von M._ am
(...) 2013 lässt er im Ergebnis auch eine Bewertung, wie er sich persönlich
zu den damaligen Ereignissen stellt, nicht zu. In diesem Zusammenhang
ist – ungeachtet der Glaubhaftigkeit – auch seine Aussage, er wisse nichts
von einem Massaker in M._, da er ja damals Diensturlaub gehabt
habe (vgl. act. A11/18 S. 13 f. F119 bis F121; act. A20/10 S. 6 F38 f.), zu-
mindest befremdlich, da es angesichts der Resonanz der betreffenden Ge-
schehnisse auch nicht glaubhaft ist, dass er als Offizier der syrischen Ar-
mee mit längerem Stationierungsort in M._ nachträglich nichts über
die dortigen Vorfälle erfahren hätte. Damit muss er sich auch entgegenhal-
ten lassen, dass sein Gesamtverhalten keine Rückschlüsse zulässt, wel-
che Einstellung er zu seinem damaligen Wirken in der syrischen Armee
aktuell hat beziehungsweise ob er sich kritisch davon distanziert hat. Nach
dem Gesagten erweist sich der Ausschluss des Beschwerdeführers vom
Asyl auch als verhältnismässig.
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Seite 13
7.
Zusammenfassend ergibt sich, dass der – einzig bezüglich der Ziff. 2 des
Dispositivs angefochtene – Asylentscheid des SEM Bundesrecht nicht ver-
letzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig fest-
stellt (Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist folglich abzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 63 Abs. 1
VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Da ihm indessen mit Instruktionsverfügung vom 27. März
2018 die unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG
und aArt. 110a Abs. 1 AsylG gewährt wurde und sich an den Vorausset-
zungen hierzu nichts geändert hat, sind ihm keine Verfahrenskosten auf-
zuerlegen.
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D-290/2018
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