Decision ID: 0a045507-1714-40df-b556-e8a798d788e0
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 18.01.2018 Art. 28 IVG, Art. 29 Abs. 3 BV, Art. 37 Abs. 4 ATSG. Rentenanspruch. Anspruch auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren. Gestützt auf die Arbeitsunfähigkeit von 20% ist kein Anspruch auf Invalidenrente gegeben. Da es im Vorbescheidverfahren vorwiegend um die Feststellung des medizinischen Sachverhalts ging, wozu der behandelnde Arzt des Beschwerdeführers Hand bot, war eine anwaltliche Rechtsvertretung nicht erforderlich (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kanton St. Gallen vom 18. Januar 2018, IV 2015/420 und IV 2016/142).
Besetzung
Versicherungsrichterinnen Michaela Machleidt Lehmann (Vorsitz),
Marie Löhrer und a.o. Versicherungsrichterin Lisbeth Mattle Frei;
Gerichtsschreiberin Jeannine Bodmer
Geschäftsnr.
IV 2015/420, IV 2016/142
Parteien
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Adrian Fiechter,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anwalt und Beratung GmbH, Poststrasse 6, Postfach 239, 9443 Widnau,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
Gegenstand
Rente und unentgeltliche Rechtsverbeiständung im
Verwaltungsverfahren
Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 19. Dezember 2001 erstmals bei der IV-Stelle zum
Leistungsbezug an. Er gab an, seit Geburt unter Asthma zu leiden (IV-act. 1). Im Bericht
vom 14. November 2000 hatte die Klinik B._ mittelschweres bis schweres Asthma
bronchiale sowie Refluxerkrankungen diagnostiziert (IV-act. 9-5). Die Suva hatte am 5.
Dezember 2000 eine Nichteignungsverfügung (NEV) für alle Arbeiten mit Exposition zu
organischen Lösungsmitteln, Styrol, Polyester und Epoxidharzen erlassen (IV-act. 8-8f.)
und ab 1. Januar 2001 ein Übergangstaggeld bzw. ab 1. Mai 2001 eine
Übergangsentschädigung erbracht (IV-act. 8-5ff.). Im Arztbericht vom 28. März 2002
befand Dr. med. C._, Allgemeine Medizin FMH, dass beim Versicherten bei nicht
allergenexponierter Arbeit eine volle Arbeitsfähigkeit gegeben sei (IV-act. 9-4). Mit
Verfügung vom 6. September 2002 verneinte die IV-Stelle einen Anspruch des
Versicherten auf berufliche Massnahmen. Eine Invalidität liege nicht vor (IV-act. 12).
A.b Am 7. Oktober 2005 meldete sich der Versicherte erneut zum Bezug von IV-
Leistungen an (IV-act. 13). Während Dr. C._ den Versicherten im Arztbericht vom 12.
Dezember 2005 (IV-act. 28-4) in angepassten Tätigkeiten für voll arbeitsfähig hielt,
erachtete Dr. med. D._, FMH Innere Medizin und Pneumologie, die Arbeitsfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Versicherten im Bericht vom 30. Dezember 2005 in nicht gefährdenden Betrieben
als höchstens zu 50% gegeben (IV-act. 32-3).
A.c Gestützt auf die pneumologische RAD-Untersuchung vom 23. Juni 2006
diagnostizierte Dr. med. E._, Facharzt für Innere Medizin / Pneumologie / Arbeits-
und Sozialmedizin, ein Asthma bronchiale mit Rhinokonjunktivitis. Er schätzte die
allgemeine Leistungsfähigkeit bei leichtgradiger obstruktiver Ventilationsstörung unter
anti-asthmatischer Therapie im angestammten Berufsbereich und in adaptierten
Tätigkeiten zu 20% reduziert (IV-act. 44).
A.d Mit Verfügungen vom 9. März 2007 wies die IV-Stelle einen Anspruch auf berufliche
Massnahmen und Invalidenrente ab (IV-act. 56f.).
A.e Am 27. April 2011 meldete sich der Versicherte erneut bei der IV-Stelle zum
Leistungsbezug an (IV-act. 61). Das am 7. März 2007 eingegangene Arbeitsverhältnis
als Produktionsmitarbeiter war ihm durch die Arbeitgeberin per 30. September 2010
gekündigt worden. Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen (Staubmaske, Brille) habe der
Versicherte seiner Arbeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr nachgehen können
(IV-act. 72). Dr. D._ hatte ihn ab 23. August 2010 wegen des Verdachts auf
Verschlechterung des berufsbedingten Asthmas sowie wegen Erkrankungen der Augen
und der Haut im Rahmen der Tätigkeit in der Firma Edenta zu 100% arbeitsunfähig
geschrieben (IV-act. 70). Im Bericht vom 26. April 2011 hielten die Ärzte der Augenklinik
des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) eine leichte inaktive endokrine Orbitopathie mit
Exophthalmus, DD habitueller Exophthalmus, fest (IV-act. 70-63).
A.f Am 4. August 2011 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass keine beruflichen
Eingliederungsmassnahmen angezeigt seien, da er sich subjektiv nicht arbeitsfähig
fühle und sich aus diesem Grund auch nicht beim Regionalen
Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) gemeldet habe. Somit seien die Voraussetzungen für
Arbeitsvermittlung nicht gegeben (IV-act. 82).
A.g Mit Stellungnahme vom 7. November 2012 befand RAD-Arzt Dr. med. F._, dass
sich der Gesundheitszustand des Versicherten seit 2006 nicht signifikant verändert
habe. In einer Tätigkeit, in welcher die Exposition zu organischen Lösungsmitteln,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Styrol und Epoxidharzen ausgeschlossen sei, verfüge er weiterhin über eine volle
Arbeitsfähigkeit (IV-act. 93).
A.h Im Vorbescheid vom 3. Dezember 2012 stellte die IV-Stelle dem Versicherten eine
Ablehnung des Anspruchs auf Invalidenrente in Aussicht (IV-act. 96). Dagegen liess er
durch Rechtsanwalt lic. iur. A. Fiechter am 24. Januar 2013 Einwand erheben und die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung beantragen (IV-act. 100). Mit Verfügung vom 20.
Februar 2013 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren des Versicherten ab (IV-act.
102).
A.i Am 25. März 2013 verfügte die IV-Stelle eine Abweisung des Gesuchs um
unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Vorbescheidverfahren mangels sachlicher
Gebotenheit und wegen Aussichtslosigkeit (IV-act. 104).
A.j Am 12./17. März 2014 meldete sich der Versicherte erneut bei der IV-Stelle zum
Leistungsbezug an (IV-act. 105f.).
A.k Mit Schreiben vom 21. August 2014 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, sie
gewähre ihm Beratung und Unterstützung bei der Stellensuche (IV-act. 130). Nachdem
eine Eingliederung in den Arbeitsmarkt durch G._ ohne Erfolg geblieben war, wobei
keine Motivation des Versicherten erkennbar gewesen sei, wurden die beruflichen
Massnahmen durch Mitteilung vom 31. März 2015 abgeschlossen (IV-act. 143f.).
A.l Am 23. Juli 2015 wurde der Versicherte durch RAD-Arzt Dr. E._ untersucht. Im
Bericht vom 18. August 2015 hielt dieser fest, dass im Vergleich zur Vorbegutachtung
von Juni 2006 keine Verschlechterung der lungenfunktionellen Daten festgestellt
werden könne. Weiterhin handle es sich um eine unter Medikamentenpause
beginnende mittelgradige obstruktive Ventilationsstörung mit nahezu vollständiger
Reversibilität unter Bronchospasmolyse. Die Leistungseinbusse auf Grund der
asthmatischen Grunderkrankung schätzte der RAD-ärztliche Pneumologe unverändert
auf 20% ein (IV-act. 158). Der fallführende RAD-Arzt Dr. F._ befand das Gutachten
für verwertbar und bestätigte die adaptierte Arbeitsfähigkeit bei 80% (IV-act. 160).
A.m Mit Vorbescheid vom 21. August 2015 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 162). Gegen diesen liess der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherte durch seinen Rechtsvertreter am 28. September 2015 Einwand erheben
und gestützt auf die fachärztliche Stellungnahme von Dr. D._ vom 25. September
2015 die Zusprache einer ganzen IV-Rente beantragen. Zudem beantragte er die
Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung (IV-act. 163).
A.n Auf Empfehlung von Dr. F._ nahm RAD-Arzt Dr. E._ am 2. November 2015
Stellung zur fachärztlichen Stellungnahme von Dr. D._ vom 25. September 2015. Er
befand, dass die vom behandelnden Lungenarzt vorgebrachten Kritikpunkte
gesamthaft nicht geeignet seien, eine Korrektur seiner grundlegenden
Leistungseinschätzung nahezulegen (IV-act. 173).
A.o Mit Verfügung vom 9. November 2015 wies die IV-Stelle einen Rentenanspruch des
Versicherten gestützt auf einen IV-Grad von 16% ab (IV-act. 174).
B.
B.a Dagegen richtet sich die vorliegende Beschwerde des Versicherten vom 10.
Dezember 2015 (IV 2015/420: act. G 1) mit dem Antrag auf Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und Zusprache einer „vollen“ IV-Rente. Eventualiter sei ein
pneumologisches sowie interdisziplinäres unabhängiges Gutachten einzuholen, wobei
der Beschwerdeführer nur mit Dolmetscher zu befragen sei; unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen. In der Begründung stützt sich der Rechtsvertreter des
Versicherten auf die „Replik: Fachärztliche Stellungnahme“ von Dr. D._ vom 10.
Dezember 2015, worin der behandelnde Arzt daran festhielt, dass das Leiden des
Beschwerdeführers auch unter sach- und fachgerechter Behandlung nicht gut
stabilisierbar sei (IV-act. 185-21ff.).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 17. Mai 2016 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Die Eingliederungsversuche wären nicht - wie vom
Beschwerdeführer behauptet - an angeblich unzumutbaren Tätigkeiten gescheitert,
sondern an der mangelnden Motivation des Beschwerdeführers. Dass der behandelnde
Arzt keine objektiv feststellbaren Gesichtspunkte vorgebracht habe, die im Rahmen der
Begutachtung unerkannt geblieben und geeignet seien, zu einer abweichenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beurteilung zu führen, gehe aus der Stellungnahme des RAD vom 10. Mai 2016 hervor
(IV 2015/420: act. G 6).
B.c Am 18. Mai 2016 reicht die Beschwerdegegnerin ein Zeitprotokoll des an der RAD-
Abklärung vom 23. Juli 2015 zum Einsatz gekommenen Dolmetschers ein (IV 2015/420:
act. G 7.1).
B.d Mit Replik vom 16. August 2016 hält der Beschwerdeführer an seinen Anträgen fest
und reicht eine weitere Stellungnahme des behandelnden Arztes Dr. D._ vom 7. Juli
2016 ein (IV 2015/420: act. G 15).
B.e Mit Schreiben vom 31. August 2016 verzichtet die Beschwerdegegnerin auf die
Einreichung einer Duplik (IV 2015/420: act. G 17).
C.
Ca. Am 24. März 2016 hatte die IV-Stelle eine Ablehnung des Gesuchs um
unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Vorbescheidverfahren mangels sachlicher
Gebotenheit, auf Grund fehlender Notwendigkeit sowie gegebener Aussichtslosigkeit
verfügt (IV-act. 181).
C.b Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde vom 3. Mai 2016 mit dem
Antrag auf deren Aufhebung und Zusprache der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung
für das Vorbescheidverfahren sowie auf Vereinigung des Beschwerdeverfahrens mit
demjenigen gegen die Verfügung vom 9. November 2015 und auf Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung für das Beschwerdeverfahren (IV 2016/142: act. G 1).
C.c Mit Schreiben vom 17. Mai 2016 beantragt die Beschwerdegegnerin unter Verzicht
auf eine Beschwerdeantwort und mit Verweis auf die angefochtene Verfügung die
Beschwerdeabweisung (IV 2016/142: act. G 5).
C.d Im Schreiben vom 31. Mai 2016 zieht der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
das Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Beschwerdeverfahren IV
2016/142 zurück (IV 2016/142: act. G 6, 8 und 9).

Erwägungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.
Streitgegenstand im Verfahren IV 2015/420 bildet die Frage der Rechtmässigkeit der
Abweisung des Begehrens um Leistungen der Invalidenversicherung (Verfügung vom 9.
November 2015). Im Verfahren IV 2016/142 bildet die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung im Vorbescheidverfahren jenes Leistungsverfahrens den
Streitgegenstand (Verfügung vom 24. März 2016). Da die Streitgegenstände eng
zusammenhängen und sich dieselben Parteien gegenüberstehen, rechtfertigt es sich,
die Verfahren IV 2015/420 und IV 2016/142 zu vereinigen.
2.
2.1Zunächst ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Rente der
Invalidenversicherung zu prüfen.
2.2 Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder
die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40%
invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
2.3 Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit die
Erwerbsunfähigkeit bzw. den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung
bzw. das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch
andere Fachleute zur Verfügung stellen. Aufgabe des Arztes bzw. der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und bezüglich welcher Tätigkeit die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
256 E. 4). Für das gesamte Verwaltungs- und Beschwerdeverfahren gilt der Grundsatz
der freien Beweiswürdigung. Danach haben die Versicherungsträger und das Gericht
die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtend ist
und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a).
Auch RAD-Untersuchungsberichte haben materiell Gutachtensqualität und daher einen
vergleichbaren Beweiswert wie ein anderes Gutachten, wenn sie den Anforderungen an
ein ärztliches Gutachten genügen (BGE 135 V 257 E. 3.3.2). Dabei zu beachten ist nur,
dass in solchen Fällen an die Beweiswürdigung strenge Massstäbe zu stellen sind.
Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der
ärztlichen Feststellungen, sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 122 V 162
E. 1d). Eine medizinische Administrativ- oder Gerichtsexpertise ist nicht stets in Frage
zu stellen, wenn der behandelnde Arzt nachher zu unterschiedlichen Einschätzungen
gelangt oder an vorgängig geäusserten abweichenden Auffassungen festhält (Urteil des
Bundesgerichts vom 10. August 2011, 8C_997/2010, E. 3.2). Berichte behandelnder
Ärzte sind überdies auf Grund der auftragsrechtlichen Vertrauensstellung zum
Patienten mit Vorbehalt zu würdigen. Dies gilt für den allgemein praktizierenden
Hausarzt wie den behandelnden Spezialarzt (Urteil des Bundesgerichts vom 27. März
2013, 9C_981/2012, E. 5.2).
3.
3.1 Zu prüfen ist vorab, ob die vorliegende medizinische Aktenlage für eine Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit ausreichend ist und die Beschwerdegegnerin zu Recht darauf
abgestellt hat.
3.2 RAD-Arzt Dr. E._ diagnostizierte im Bericht vom 18. August 2015 über seine
internistische RAD-Abklärung vom 23. Juli 2015 mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
ein Asthma bronchiale (J45.0), am ehesten primär extrinsisch; atopische Disposition bei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aktenanamnestisch Rhinoconjunctivitis allergica, Neurodermitis, rezidivierender
Urtikaria und Lebensmittelunverträglichkeitsreaktionen; 12/00 Nichteignungsverfügung
durch den Unfallversicherungsträger für alle Arbeiten mit Exposition gegenüber
organischen Lösungsmitteln, Styrol, Polyester und Epoxidharzen bei Verdacht auf
richtungsgebende Verschlimmerung eines vorbestehenden Asthma bronchiale. Ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit sei eine endokrine Orbitopathie mit Exophthalmus.
Bei der körperlichen Untersuchung sei über den Lungen ein ubiquitär leises
Atemgeräusch sowie ein leicht verlängertes Exspirium aufgefallen. Laborchemisch
hätten sich deutlich ein erhöhter IgE-Spiegel sowie Hinweise für eine diabetische
Stoffwechsellage ergeben. Lungenfunktionell habe sich eine „beginnend-mittelgradige“
obstruktive Ventilationsstörung mit deutlicher Reversibilität unter Bronchospasmolyse
objektivieren lassen. Beim Exploranden sei eine Hyperventilationsneigung aufgefallen.
Im Rahmen einer Spiroergometrie habe er mit 74 Watt 38% der alters- und
geschlechtsspezifischen Soll-Watt-Leistung zu erbringen vermocht. Der Abbruch sei
bei Zeichen der Dekonditionierung erfolgt. Entscheidend für die Beurteilung der
Schwere einer obstruktiven Atemwegserkrankung und der durch sie bedingten
Leistungsminderung seien lungenfunktionelle Daten. Im Vergleich zur Vorbegutachtung
im Juni 2006 konnte Dr. E._ diesbezüglich keine Verschlechterung erkennen. Im
Gegenteil hätten sich die Obstruktionsparameter im Vergleich eher verbessert. Im
Grossen und Ganzen handle es sich heute wie damals um eine unter
Medikamentenpause beginnend mittelgradige obstruktive Ventilationsstörung mit
nahezu vollständiger Reversibilität unter Bronchospasmolyse. Das heisse, dass unter
regelmässiger Anwendung von Inhalativa die bronchiale Obstruktion fast vollständig
zum Abklingen gebracht werden könne. Orientiert an den Angaben des
Beschwerdeführers liege ein persistierendes Asthma bronchiale von leichter bis
beginnend mittelgradiger Schwere vor mit sehr guter Reversibilität unter
antiobstruktiver Behandlung. Ein Anhalt für eine belastungsabhängige Komponente
habe sich bei der hier durchgeführten Spiroergometrie nicht ergeben. Dies sei auch
den anamnestischen Angaben des Beschwerdeführers und den Akten nicht zu
entnehmen (IV-act. 158-12f.). Nachdem die RAD-ärztliche Untersuchung durch einen
Dolmetscher begleitet wurde (vgl. Zeitprotokoll act. G 7.1), ist davon auszugehen, dass
allfällige Verständigungsschwierigkeiten behoben werden konnten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.3 Sodann machte Dr. E._ auf Optimierungsmöglichkeiten der medikamentösen
Behandlung aufmerksam. Er führte aus, dass der Beschwerdeführer, obwohl der RAD
bereits im 2006 auf die Optimierbarkeit der antiobstruktiven Behandlung hingewiesen
habe, folgende Versorgungssituation präsentiert habe: Es sei ihm keine eigentliche
lungenärztliche Diagnose bekannt. Bei inspiratorischen Beschwerden wende er ein
Nasenspray an. Ein Kombinationspräparat aus langwirksamem β2-Mimetikum und
inhalierbarem Steroid werde viermal täglich angewandt, das Vagolytikum Tiotropium
benutze er in Situationen von Atemenge etwa zweimal wöchentlich. Bei
Atemnotsensationen wende er nicht ein kurzwirksames, sondern ein langwirksames
β2-Mimetikum an. Daraus leitete Dr. E._ ab, dass die antiobstruktive Therapie
dringend optimierungsbedürftig sei, da unter anderem die langwirksamen β2-Mimetika
üblicherweise morgens und abends appliziert würden und für anfallsweise Luftnot im
Alltag unter beispielsweise Belastungsbedingungen an die Gabe eines kurzwirksamen
β2-Mimetikums zu denken wäre. Als vorhandene Ressourcen des Beschwerdeführers
führte Dr. E._ dessen Kontakte zu Nachbarn und Arbeitskollegen sowie die
Aktivitäten mit seinen Kindern auf. Jedoch würden sich die im Rahmen der
Spiroergometrie festgestellten Hinweise für Dekonditionierung gut in Einklang bringen
lassen mit dem relativ aktivitätsarmen Alltag des Beschwerdeführers, der sich auch an
Haushaltsarbeiten nicht beteilige (IV-act. 158-13). Hinsichtlich der
Arbeitsunfähigkeitsbeurteilung anderer Ärzte hielt der RAD-Arzt fest, es könne aus
gutachterlicher Sicht keine grundlegende dauerhafte Verschlechterung der
Atemwegserkrankung seit der letzten RAD-Untersuchung im Jahr 2006 bestätigt
werden (IV-act. 158-13).
3.4 Für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bezog Dr. E._ seine Einschätzung nicht
auf bestimmte Berufsbilder, sondern er hielt sich allgemein, da schon lange kein
angestammtes Arbeitsverhältnis mehr bestanden habe. Er befand, dass sich im
Vergleich zur Voruntersuchung von März 2006 beim aktuell _-jährigen, sich
unmotiviert präsentierenden Beschwerdeführer hinsichtlich der respiratorischen
Situation keine gravierenden Änderungen ergäben. Es bestehe eine asthmatische
Grunderkrankung, die sich medikamentös ausgezeichnet behandeln lasse, sofern die
therapeutischen Massnahmen konsequent und regelmässig angewendet würden.
Insofern ergebe sich auch keine geänderte Leistungsfähigkeit. Der Beschwerdeführer
sei in der Lage, Tätigkeiten mit mindestens leichter körperlicher Arbeit in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wechselhaltung ganztägig nachzugehen, ohne regelmässige Exposition gegenüber
atemwegsreizenden Stäuben, Dämpfen und Rauchen sowie gegenüber Kälte, Nässe
und Zugluft. Am besten vollzögen sich zukünftige Tätigkeiten in geschlossenen und
ausreichend temperierten Räumlichkeiten. Die Leistungseinbusse auf Grund der
asthmatischen Grunderkrankung schätzte er auf etwa 20% ein, wie bereits im
Vorgutachten (IV-act. 158-14).
3.5 Demgegenüber hatte der den Beschwerdeführer behandelnde Pneumologe Dr.
D._ im ärztlichen Zeugnis vom 5. März 2014 eine deutliche Verschlimmerung seiner
gesundheitlichen Beeinträchtigungen im Jahr 2013 bestätigt (IV-act. 107-1). Im
ärztlichen Zeugnis vom 17. September 2014 hatte er zudem eine Arbeitsunfähigkeit
von 50% attestiert. Diese gelte für Betriebe, in denen der Beschwerdeführer nicht
Allergen exponiert sei. In exponierten Betrieben gemäss NEV der Suva sei er zu 100%
arbeitsunfähig (IV-act. 168). In seiner fachärztlichen Stellungnahme vom 25. September
2015 zur RAD-Abklärung machte der Pneumologe geltend, dass es sich beim
Beschwerdeführer nicht um einen Einzelfall handle, wenn er nicht in der Lage sei, trotz
regelmässiger schriftlicher und mündlicher Instruktionen sowie Kontrollen in der
Sprechstunde den langwirksamen Muscarinrezeptorantagonisten (einen sog. „LAMA“)
korrekt und im Sinne einer Basistherapie anzuwenden. Wie bei vielen seiner auch
einheimischen Patienten bedeute dies hauptsächlich, dass er unsere Sprache nicht
ausreichend verstehe und die ärztlichen Empfehlungen und Anordnungen nicht korrekt
und zielführend umsetzen könne. Im Jahr 2014 habe der Beschwerdeführer 16 OP
Symbicort-TH 400/12 bezogen, was für 16 Monate ausreiche, wenn er zweimal täglich
inhaliere, wie auch der Gutachter für richtig befunden habe. Trotzdem er sich folglich
bezüglich dieses Medikaments an die Empfehlungen gehalten habe, habe auch der
RAD einen signifikanten Anstieg des FEV1 nach Inhalation (>40%) dokumentieren
können. Damit decke der RAD aber klar auf, dass das Asthma bronchiale nicht
stabilisierbar sei. Zudem könne die Obstruktion schon gar nicht fast vollständig zum
Abklingen gebracht werden (IV-act. 163-11f.). In der Ruhelungenfunktion vom 22. Juni
2006 (KSSG/RAD) habe das FEV1 nach Broncholyse und signifikantem Anstieg 2.4 L
(Sollwert 3.65 L) gemessen. Am 23. Juli 2015 (KSSG/RAD) habe das FEV1 nach
Inhalation 2.6 L (Sollwert 3.49 L) betragen, auch mit einem signifikanten Anstieg
gegenüber dem Ruhewert. Wenn der Gutachter weiterhin von einer bestens
stabilisierbaren Atemwegssituation schreibe, entspreche dies wohl einer Farce. Weitere
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Diskrepanzen würden sich in der Beurteilung der Spiroergometrie vom 23. Juli 2015
zeigen. Protokolliert seien dort eine maximale Sauerstoffaufnahme (VO2) von 16.3 ml/
min/kg. Der Gutachter schreibe aber von einer maximalen VO2 von 8.6 ml/min/kg, also
knapp der Hälfte. Er gehe daher von einer Verwechslung aus, da der maximale
Sauerstoffpuls 8.6 ml (pro Herzschlag) gemessen habe. Des Weiteren habe der
Beschwerdeführer bei einer maximalen Herzfrequenz von 141/min gerade 75 W leisten
können, was ihm einzig als mangelnder Trainingszustand angelastet werde. Dass eine
solche Konstellation auch Ausdruck einer verminderten kardio-pulmonalen
Leistungsfähigkeit sein könnte, werde nirgends diskutiert. Schliesslich stellte Dr. D._
auch die vom RAD-Arzt beschriebene Neigung des Beschwerdeführers zur
Hyperventilation, gemessen am endexspiratorischen Kohlensäuredruck (PETCO2) in
Frage. So sei dieser Wert bekanntlich unzuverlässig für eine sichere Definition einer
Hyperventilation. Der bei ihm in der Praxis am 16. März 2015 gemessene arterielle
Kohlensäuredruck (paCO2) habe bei maximaler Belastung 4.63 kPa (untere
Normgrenze 4.67kPa) betragen, weshalb von einer Hyperventilationsneigung keine
Spur sei (IV-act. 163-13).
3.6 Zu den medizinischen Rügen von Dr. D._ Bezug nehmend, führte RAD-Arzt Dr.
E._ am 2. November 2015 aus, dass eine gutachterliche Beurteilung einer
obstruktiven Atemwegserkrankung allein auf Basis des Ein-Sekunden-Volumens (FEV1)
nicht statthaft sei, nicht zuletzt, weil dieser Wert mitarbeitsabhängig sei. Der Behandler
beschreibe eine eingeschränkte Compliance hinsichtlich der medikamentösen
Therapie. Unter Medikamentenpause der benutzten Inhalativa habe hier eine gute
Reversibilität der pulmonalen Obstruktionsparameter nach Bronchospasmolyse
nachgewiesen werden können, so dass bei regelmässiger fachgerechter Anwendung
der Inhalativa das Erreichen nur noch einer allenfalls leichten bronchialen Obstruktion
resultiere. Die gute Stabilisierbarkeit des Leidens unter sach- und fachgerechter
Behandlung sei somit nachgewiesen. Dafür würden auch die unter Mithilfe des
Dolmetschers erhobenen eigenanamnestischen Angaben des Beschwerdeführers zu
den respiratorischen Beschwerden sprechen. Weiter ergebe sich die Feststellung einer
Hyperventilation nicht nur aus der spiroergometrischen Untersuchung, sondern aus der
Blutgasanalyse in Ruhe, die eine leichte Hypokapnie aufgewiesen habe. Korrekt sei,
dass sich in die Beschreibung der Spiroergometrie ein Schreibfehler eingeschlichen
habe. So habe die maximale Sauerstoffaufnahme bei 16.3 ml/min/kg (49%) gelegen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schliesslich hätten Anwalt und Behandler des Beschwerdeführers darauf hingewiesen,
dass jener noch im März 2015 ergometrisch eine Leistung von 135 W habe erbringen
können. Dies liege deutlich höher als die im Rahmen der RAD-Untersuchung erbrachte.
Retrospektiv könne dies als Hinweis auf voluntative Faktoren gewertet werden.
Gesamthaft seien aber die vom behandelnden Lungenarzt vorgebrachten Kritikpunkte
nicht geeignet, eine Korrektur der grundlegenden Leistungseinschätzung des RAD
nahezulegen (IV-act. 173).
3.7 Hinsichtlich der von Dr. D._ bemängelten Abweichung der Körpergrösse des
Beschwerdeführers um 1.5 cm zu den eigenen Messungen von 170 cm ist
grundsätzlich mit Dr. E._ davon auszugehen, dass bei einer Abweichung der
Körpergrösse um 1.5 cm keine gravierenden Sollwertabweichungen in der
Lungenfunktionsprüfung zu erwarten sind (vgl. IV-act. 173-1). Zudem ist darauf
hinzuweisen, dass die vom RAD-Arzt gemessene Grösse von 168.5 cm kaum „mit
Absicht“ tiefer ausgefallen sein dürfte, wie dies Dr. D._ in seiner Stellungnahme
implizierte. Einerseits nimmt die Körpergrösse beim Menschen im Verlaufe des Tages
generell um 1 bis 2 cm ab (vgl. PAUL BRINCKMANN/WOLFGANG FROBIN/GUNNAR
LEIVSETH, Orthopädische Biomechanik, Stuttgart 2000, S. 118). Andererseits finden
sich auch in den weiteren Akten Abweichungen der Körpergrösse von 169.5 cm im
Jahr 2004 (vgl. Fremdakten Suva 4-59) über 170 cm im Jahr 2000 (Fremdakten 3-67)
bis zu 172 cm im Jahr 2000 (Fremdakten 3-50).
3.8 Auch die Argumentation von Dr. D._ in seiner „Replik: Fachärztliche
Stellungnahme“ vom 10. Dezember 2015, dass der Beschwerdeführer trotz
fachgerechter inhalativer Basistherapie jederzeit Gefahr laufe, einen bedrohlichen
Asthmaanfall zu erleiden, falls er an irgendeinem Arbeitsplatz einem Allergen (bei
polyvalenter Sensibilisierung) oder chemischen Substanzen / Reizstoffen gemäss NEV
der Suva begegne (IV-act. 185-24), vermag die Beweiskraft der
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung von Dr. E._ nicht zu mindern. So beurteilte jener im
Einklang mit der NEV der Suva die Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten bzw. in
allergenfreier Umgebung. Auch die weiteren Vorwürfe an die Adresse des RAD-Arztes,
er würde weder die Tatsache der fehlenden Schulbildung des Beschwerdeführers,
noch die Erfüllung der Kriterien zur Geldendmachung einer Integritätsentschädigung
genügend würdigen (IV-act. 185-24f.), sind im IV-Verfahren zur rein medizinischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Feststellung der Höhe der verbleibenden Arbeitsfähigkeit weder angebracht, noch
zweckdienlich. Schliesslich folgerte Dr. E._ aus der Replik des pneumologischen
Behandlers insgesamt, es würden sich daraus keine neuen fachlichen Gesichtspunkte
ergeben. Das mitgelieferte Ergometrieprotokoll zeige einmal mehr die gute
kardiopulmonale Belastbarkeit des Beschwerdeführers auf (act. G 5.1).
3.9 Auch aus dem der Beschwerde beigelegten Bericht von Dr. med. H._, FMH
Orthopädie, vom 12. September 2015 mit Diagnose einer beginnenden,
femuropatellaren Arthrose bei Chondropathie der Patellae links betont (IV-act. 168-63)
ergibt sich keine weitere Arbeitsunfähigkeit in quantitativer Hinsicht. So hielt Dr. F._
gestützt darauf fest, diese nur leichtgradige Veränderung hindere den
Beschwerdeführer aus seiner Sicht in keiner Weise daran, eine - wie vom
internistischen RAD-Untersucher (Dr. E._) beschriebene - leichte körperliche Arbeit in
Wechselbelastung ganztägig wahrzunehmen (act. G 5.1, S. 1).
3.10 Insgesamt ist der Bericht von Dr. E._ vom 18. August 2015 über die RAD-
Abklärung vom 23. Juli 2015 somit in sich schlüssig und nachvollziehbar, weshalb
darauf abzustellen ist und keine weiteren medizinischen Untersuchungen angebracht
sind. Damit ist beim Beschwerdeführer von einer Arbeitsfähigkeit in adaptierten
Tätigkeiten von 80% auszugehen.
4.
4.1 Gestützt auf diese Arbeitsfähigkeit von 80% sind nachfolgend die erwerblichen
Auswirkungen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu bestimmen.
4.2 Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG).
4.3 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
4.4 Da vorliegend für die Bestimmung des Valideneinkommens keine repräsentative
Grundlage besteht (seit Mitte 2010 keine Erwerbstätigkeit mehr; zuvor bereits
adaptierte Tätigkeit und davor längere Phasen von Arbeitslosigkeit; vgl. IK-Auszug IV-
act. 109), ist entsprechend der Bestimmung des Invalideneinkommens auf die
Tabellenlöhne der schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamtes für
Statistik für Hilfsarbeiter, Kompetenzniveau 1, Männer, abzustellen. Da die beiden
Vergleichseinkommen somit auf derselben Grundlage zu berechnen sind, kann ein
Prozentvergleich vorgenommen werden. Zu klären ist damit lediglich noch die Frage
der Höhe eines allfälligen Tabellenabzugs bei der Bestimmung des
Invalideneinkommens.
4.5 Nach der Rechtsprechung hängen die Fragen, ob und in welchem Ausmass
Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von sämtlichen persönlichen und beruflichen
Umständen, insbesondere auch von invaliditätsfremden Faktoren des konkreten
Einzelfalls ab (etwa leidensbedingte Einschränkung, Alter, Dienstjahre, Nationalität/
Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad), die nach pflichtgemässem Ermessen
gesamthaft zu schätzen sind, wobei der maximal zulässige Abzug auf 25%
festzusetzen ist. Eine schematische Vornahme des Leidensabzugs ist unzulässig (BGE
126 V 79 E. 5b, bestätigt etwa in AHI 2002 S. 62 und BGE 129 V 481 E. 4.2.3 mit
Hinweisen).
4.6 Auf Grund des auf leichte Tätigkeiten mit Wechselhaltung beschränkten Spektrums
von möglichen Arbeiten und auf solche, bei denen der Beschwerdeführer nicht
regelmässig atemwegsreizenden Stäuben, Dämpfen und Rauchen sowie Kälte, Nässe
und Zugluft ausgesetzt ist und zudem die NEV vom 5. Dezember 2000 einhält (vgl. IV-
act. 158-14, 8-8f.), erscheint ein Leidensabzug von insgesamt 10% gerechtfertigt.
Damit resultiert unter Anwendung eines Leidensabzugs von 10% ein nicht
rentenbegründender Invaliditätsgrad von 28% (100% - [80% x 0.9]), womit sich die
angefochtene Verfügung im Ergebnis als korrekt erweist. In der Folge ist die
Beschwerde gegen die Rentenverfügung vom 9. November 2015 abzuweisen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
5.1 Schliesslich ist die Frage des Anspruchs auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung
im Verwaltungsverfahren zu prüfen.
5.2 Ob eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung sachlich notwendig ist, beurteilt sich
nach den konkreten Umständen des Einzelfalls. Die Rechtsnatur des Verfahrens ist
ohne Belang. Grundsätzlich fällt die unentgeltliche Rechtsverbeiständung für jedes
staatliche Verfahren in Betracht, in das die gesuchstellende Person einbezogen wird
oder das zur Wahrung ihrer Rechte notwendig ist (BGE 128 I 227 E. 2.3 mit Hinweisen).
5.3 Die Notwendigkeit einer anwaltlichen Vertretung im Vorbescheidverfahren wird in
der neueren bundesgerichtlichen Rechtsprechung namentlich mit Blick darauf, dass
die Versicherungsträger und Durchführungsorgane der einzelnen Sozialversicherungen
den rechtserheblichen Sachverhalt unter Mitwirkung der Parteien nach den
rechtsstaatlichen Grundsätzen der Objektivität, Neutralität und Gesetzesgebundenheit
(BGE 136 V 376) zu ermitteln haben (Art. 43 ATSG), nur zurückhaltend bejaht. Es
müssen sich danach schwierige rechtliche oder tatsächliche Fragen stellen, und eine
Interessenwahrung durch Dritte (Verbandsvertreter, Fürsorgestellen oder andere Fach-
und Vertrauensleute sozialer Institutionen) muss ausser Betracht fallen (BGE 132 V 201
E. 4.1 in fine; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 26. November 2012,
9C_878/2012, E. 3.6 und vom 22. Februar 2013, 9C_908/2012, E. 2.2, je mit Hinweis
darauf, dass die IV-Stellen unter Umständen auf soziale Einrichtungen hinzuweisen
haben, die fachkundige Unterstützung im Verwaltungsverfahren bieten [würden], und
darauf aufmerksam zu machen haben, bei diesen ein entsprechendes Gesuch zu
stellen). Von Bedeutung ist schliesslich auch die Fähigkeit der versicherten Person, sich
im Verfahren zurechtzufinden (Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2013,
9C_908/2012, E. 2.2 mit weiteren Hinweisen).
6.
6.1 Vorliegend führt der Rechtsvertreter zur Begründung der Notwendigkeit einer
anwaltlichen Verbeiständung aus, das Sozialamt habe selber grosses Interesse daran,
dass der Beschwerdeführer eine IV-Rente erhalte, weshalb es befangen sei. Inwiefern
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hier eine Befangenheit des Sozialamtes von wesentlicher Bedeutung sein könnte, ist
nicht ersichtlich. Da es sich beim Gericht um eine vom Sozialamt I._ unabhängige
Instanz handelt und die Interessenlage des Sozialamtes offensichtlich mit derjenigen
des Beschwerdeführers zusammenfällt, wäre gegen eine Vertretung des
Beschwerdeführers durch das Sozialamt grundsätzlich nichts einzuwenden. Eine
weitere Begründung der Notwendigkeit wurde sodann weder vorgebracht noch ergibt
sich eine solche aus den Akten. Vielmehr handelt es sich bezüglich des
Schwierigkeitsgrades um einen durchschnittlichen Rentenfall. So ging es im
betreffenden Verwaltungsverfahren hauptsächlich um die Frage, ob sich beim
Beschwerdeführer eine derartige Verschlechterung des Gesundheitszustands
eingestellt hatte, dass sie ihm einen Anspruch auf Invalidenrente gibt. Hierzu bedarf es
medizinischer Grundlagen, welche einerseits eine anhaltende Arbeitsunfähigkeit und
andererseits auch nach rechtlicher Würdigung eine (rentenrelevante)
Erwerbsunfähigkeit belegen. Der Rechtsvertreter konnte nicht darlegen, inwiefern sich
besondere tatsächliche oder rechtliche Fragen stellten.
6.2 Der Rechtsvertreter hat im Einwand vom 28. September 2015 auf Widersprüche
zwischen den Ausführungen des RAD-Arztes Dr. E._ einerseits und derjenigen des
behandelnden Pneumologen Dr. D._ andererseits hingewiesen, indem er vorwiegend
die Kritik des letzteren gegenüber der RAD-ärztlichen Abklärung hervorhob. Diese
Hinweise rechtfertigen jedoch für sich allein noch keine unentgeltliche
Rechtsverbeiständung, so sprachen bereits die medizinischen Berichte für sich. Die
Vorbringen zeigen aber, dass sich das Vorbescheidverfahren einzig auf die Frage der
medizinischen Einschränkungen konzentriert hat bzw. auf die Frage, von welcher
Einschätzung auszugehen ist. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
begründet jedoch ein umstrittenes Gutachten bzw. ein umstrittener
Untersuchungsbericht des RAD keinen Anspruch auf unentgeltliche
Rechtsverbeiständung (vgl. u.a. Urteil des Bundesgerichts vom 16. April 2013,
9C_993/2012, E. 4.1).
6.3 Schliesslich kann der Beschwerdeführer auch aus der Tatsache, dass ihm nicht nur
die Deutschkenntnisse, sondern allenfalls auch sonstige für den Schriftverkehr nötige
Qualifikationen fehlen, um seine Rechte vertreten zu können, gestützt auf die
bundesgerichtliche Rechtsprechung nichts zu seinen Gunsten ableiten (vgl. BGE 139 V
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
600, E. 3.2.1). Zwar erfordert es in der Regel gewisse medizinische Kenntnisse und
juristischen Sachverstand, Schwachstellen fachärztlicher Expertisen zu erkennen, und
es ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer über beides nicht verfügt.
Dennoch wäre es ihm durchaus möglich und damit auch zumutbar gewesen, selber bei
Dr. D._ eine schriftliche Beurteilung bezüglich seines medizinischen
Gesundheitsverlaufs zu erbitten und diese entweder selber oder durch eine ihm
nahestehende Person mit dem Hinweis, dass er mit dem Abklärungsbericht des RAD
und der Invaliditätsbemessung nicht einverstanden sei, bei der IV-Stelle einzureichen.
Damit erübrigen sich auch weitere Ausführungen dazu, ob allenfalls andere Stellen als
das Sozialamt I._ bzw. andere soziale Institutionen zur Vertretung des
Beschwerdeführers in Frage gekommen wären.
7.
Zusammenfassend stellen sich auf Grund des obigen Sachverhalts keine besonders
schwierigen Rechtsfragen, weshalb von einem "normalen Durchschnittsfall" im
Sachgebiet der Invalidenversicherung auszugehen ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts
vom 18. September 2009, 9C_315/2009, E. 2.1). Mit Blick auf die strengen
Anforderungen an die Notwendigkeit einer anwaltlichen Vertretung im
Verwaltungsverfahren hat die Beschwerdegegnerin damit das Gesuch um
unentgeltliche Verbeiständung zu Recht abgelehnt. In der Folge erübrigt sich eine
Prüfung der weiteren Voraussetzungen.
8.
8.1 Auf Grund der vorstehenden Ausführungen ist die Beschwerde gegen die
Verfügung betreffend IV-Leistungen vom 9. November 2015 (IV 2015/420) abzuweisen.
8.2. Die Beschwerde gegen die Verfügung betreffend unentgeltliche
Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren vom 24. März 2016 (IV 2016/142) ist
ebenfalls abzuweisen.
8.3 Das Beschwerdeverfahren betreffend IV-Leistungen ist kostenpflichtig. Die Kosten
werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von
Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
600.-- erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen.
Dem unterliegenden Beschwerdeführer ist die Gerichtsgebühr für das Verfahren IV
2015/420 in der Höhe von Fr. 600.-- aufzuerlegen. Der geleistete Kostenvorschuss von
Fr. 600.-- ist ihm daran anzurechnen. Ausgangsgemäss hat der Beschwerdeführer
keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.
8.4 Demgegenüber sind im Beschwerdeverfahren IV 2016/270 betreffend
unentgeltliche Verbeiständung im Verwaltungsverfahren keine Gerichtskosten zu
erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Da es sich vorliegend nicht um eine Streitigkeit betreffend
"IV-Leistungen" handelt, findet die Kostenregelung von Art. 69 Abs. 1bis IVG keine
Anwendung (vgl. Entscheid des Versicherungsgerichts vom 12. Januar 2012, IV
2010/270, E. 6.4). Auch hier hat der Beschwerdeführer dem Ausgang des Verfahrens
entsprechend keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.