Decision ID: 8b934042-9a54-4627-a9ca-3768dbda4563
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1968, war in den Jahren 2003 und 2004 als Anlagenope
rateur im Kernkraftwerk
Y._
tätig (
Urk.
7/13). Am
3.
und 2
7.
Juni 2016 mel
dete er der Suva eine Berufskrankheit (
Urk.
7/2-3).
Die Suva verneinte mit Verfügung vom 3
0.
September 2016 das Vorliegen einer Berufskrankheit (
Urk.
7/21). Die dagegen am 2
3.
Oktober 2016 erhobene Einspra
che (
Urk.
7/26) wies sie mit
Einspracheentscheid
vom 1
2.
Januar 2017 ab (
Urk.
7/31 =
Urk.
2).
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom 1
2.
Januar 2017 (
Urk.
2) erhob der Versi
cherte am 1
3.
Februar 2017 Beschwerde (
Datum des Poststempels;
Urk.
1) und beantragte, dieser sei aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei zu verpflich
ten, ihm die gesetzlichen Leistungen auszurichten; eventuell sei ein Gutachten einzuholen (S. 2 oben Ziff. 1-2).
Die Suva beantragte mit Beschwerdeantwort vom 2
1.
März 2017 (
Urk.
6) die Ab
weisung der Beschwerde.
Am 1
1.
Oktober 2017 reichte der Beschwerdeführer eine ergänzende Stellung
nahme ein (
Urk.
9)
, zu welcher sich die Beschwerdegegnerin am
3.
November 2017 äusserte (
Urk.
13)
.
Am 3
0.
Januar 2018 reichte der Beschwerdeführer eine weitere Stellungnahme ein (
Urk.
19/1), zu welcher sich die Beschwerdegegnerin am 1
4.
Februar 2018 äusserte (
Urk.
23).
Es folgten weitere Eingaben des Beschwerdeführers am
1.
März 2018 (
Urk.
25/1), am 1
6.
April 2018 (
Urk.
29), am 2
0.
April 2018 (
Urk.
32), am
2.
Mai 2018 (
Urk.
35) und am 2
4.
Mai 2018 (
Urk.
37), die der Beschwerdegegnerin mit Ver
sanddatum 2
9.
Mai 2018 zur Kenntnis gebracht wurden (
Urk.
39).
Am 1
0.
Juli 2018 nahm die Beschwerdegegnerin - der Aufforderung des Gerichts
(
Urk.
40)
folgend - noch einmal Stellung (
Urk.
42), dies unter Beilage einer ärzt
lichen Beurteilung vom
9.
Juli 2018 (
Urk.
43), wozu sich der Beschwerdeführer am 2
3.
Juli 2018 äusserte (
Urk.
46). Die Beschwerdegegnerin verzichtete am
2.
August 2018 darauf, dazu noch einmal Stellung zu nehmen (
Urk.
49).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2017 sind die am 25. September 2015 beziehungsweise am 9. No
vember 2016 verabschiedeten geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG) und der Verordnung über die Unfallversiche
rung (UVV) in Kraft getreten.
Gemäss den allgemeinen übergangsrechtlichen Regeln sind der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen,
die in Geltung standen, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende und somit rechtserhebliche Sachverhalt ver
wirklicht hat
(vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b, je mit Hinweisen). Dem
entsprechend sehen die Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. Septem
ber 2015 des UVG vor, dass Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem 1. Januar 2017 ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeit
punkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt werden (Absatz 1 der genannten Übergangsbestimmungen).
Der
hier
im Hinblick auf eine allfällige
Berufskrankheit
zu beurteilende
Sachver
halt betrifft die Jahre 2003 und 2004,
weshalb die bis 31. Dezember 2016 gültig gewesenen Normen auf den vorliegenden Fall Anwendung finden und in dieser Fassung zitiert werden
1.2
Nach
Art.
9
Abs.
1 UVG gelten als Berufskrankheiten Krankheiten, die bei der beruflichen Tätigkeit ausschliesslich oder vorwiegend durch schädigende Stoffe oder bestimmte Arbeiten verursacht worden sind. Der Bundesrat erstellt die Liste dieser Stoffe und Arbeiten sowie der arbeitsbedingten Erkrankungen. Gestützt auf diese Delegationsnorm und Art. 14 UVV hat er in Anhang I zur UVV eine Liste der schädigenden Stoffe und der arbeitsbedingten Erkrankungen erstellt. Nach der Rechtsprechung ist eine „vorwiegende" Ver
ursachung von Krankheiten durch schädigende Stoffe oder bestimmte Arbeiten nur dann gegeben, wenn diese mehr wiegen als alle andern mitbeteiligten Ursachen, mithin im gesamten Ursachen
spektrum mehr als 50 % ausmachen. „Ausschliessliche" Verursachung hingegen meint praktisch 100 % des ursächlichen Anteils der schädigenden Stoffe oder be
stimm
ten Arbeiten an der Berufskrankheit (BGE 119 V 200 E. 2a mit Hinweis).
1.3
Als Berufskrankheiten gelten nach
Art.
9
Abs.
2 UVG auch andere Krankheiten, von denen nachgewiesen wird, dass sie ausschliesslich oder stark überwiegend durch berufliche Tätigkeit verursacht worden sind. Diese Generalklausel be
zweckt, allfällige Lücken zu schliessen, die dadurch ent
stehen könnten, dass die
bundesrätliche
Liste gemäss An
hang I zur UVV entweder einen schädigenden Stoff, der eine Krankheit verursachte, oder eine Krankheit nicht aufführt, die
durch die Arbeit verursacht wurde (BGE 119 V 200 E. 2b mit Hinweis). Nach der Rechtsprechung ist die Voraussetzung des „ausschliesslichen oder stark überwie
genden" Zusammenhangs gemäss Art. 9 Abs. 2 UVG erfüllt, wenn die Berufs
krankheit mindestens zu 75 % durch die berufliche Tätigkeit verur
sacht worden ist
.
Der Nachweis eines
solchen Zusammenhanges
kann nach der medizinischen Empirie allgemein nicht geleistet werden, wenn es ausgeschlossen ist, dass eine Person, die eine bestimmte versicherte Berufstätigkeit ausübt, zumindest vier Mal häufiger von einem Leiden betroffen ist als die Bevölkerung im Durchschnitt
(BGE 126 V 183 E. 2b, 119 V 200 E. 2b mit Hinweis; RKUV 2000 Nr. U 408 S. 407).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging im angefochtenen Entscheid
(
Urk.
2)
davon aus
, gemäss den Akten und der objektiv belegten Strahlenbelastung seien die beim Beschwerdeführer aufgetretenen Tumore nicht
mit
überwiegender Wahrschein
lichkeit auf eine berufliche Strahlenexposition zurückz
uführen (S. 7
Ziff.
4b).
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (
Urk.
1), die ihn behandelnden Ärzte erachteten das gleichzeitige Auftreten zweier Tumorer
krankungen in seinem Alter als ungewöhnlich und einen Zusammenhang mit der stattgehabten beruflichen Strahlenexposition als nicht ausgeschlossen (S. 4
Ziff.
8).
2.3
Strittig und zu prüfen ist, ob es sich bei den Tumorerkrankungen des Beschwer
deführers um Berufskrankheiten im Sinne von
Art.
9 UVG handelt.
Allfällige - vom Beschwerdeführer zusätzliche angeführte (vgl.
Urk.
25/1 S. 2 ff.
lit
. b) - Verantwortlichkeitsansprüche sind nicht Gegenstand des angefochtenen Entscheids und deshalb n
icht im vorliegenden Verfahren zu beurteilen
.
3.
3.1
Der Beschwerdeführer weilte vom 2
9.
März bis 2
2.
April 2016 im Bundeswehr
krankenhaus
Z._
, worüber am 2
2.
April 2016 berichtet wurde (
Urk.
7/1). Dabei wurden folgende, hier verkürzt angeführte, Diagnosen gestellt (S. 1 Mitte):
-
Urethelkarzinom
der Harnblase
-
inzidentelles Prostatakarzinom
-
Zustand nach
transurethraler
Resektion der Prostata (TUR-B)
-
in Anzahl auffällige
mesenteriale
Lymphknoten
Am 3
1.
März 2016 erfolgte eine radikale Zystektomie mit Anlage einer Ileum-
Neoblase
(S. 1 unten).
Vom 1
2.
bis 1
5.
Juni 2016 weilte der Beschwerdeführer noch einmal stationär im Bundeswehrkrankenhaus
Z._
(
Urk.
7/12
)
.
3.2
Dr.
med.
A._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und für Ar
beitsmedizin, Abteilung Arbeitsmedizin der Beschwerdegegnerin, erstattete am 1
6.
August 2016 eine ärztliche Beurteilung (
Urk.
7/8). Darin führte er aus,
der Beschwerdeführer sei an einem Harnblasen- und einem Prostatakarzinom er
krankt und vermute einen ursächlichen Zusammenhang mit einer beruflichen Strahlenbelastung. Von 2003 bis 2009 sei bei
ih
m eine Strahlenbelastung von kumuliert 2.64
mSv
(
milli
Sievert) registriert, von 2009 bis 2015 sei keine Strah
lenbelastung dokumentiert (S. 1).
Der Jahresgrenzwert für beruflich strahlenexponierte Personen betrage 20
mSv
. Beim Beschwerdeführer habe die durchschnittliche Jahresdosis von 2003 bis 2009 0.38
mSv
, also 1.9
%
des Jahresgrenzwertes betragen. Die jährliche mittlere Be
lastung der zivilen Bevölkerung durch zivilisatorisch und natürlich bedingte io
nisierende Strahlung betrage total ungefähr 5
mSv
. Im Zeitraum von 2003 bis 2015 sei beim Beschwerdeführer die Hintergrundbelastung durch ionisierende Strahlen mit schätzungsweise 90
mSv
viel höher gewesen als die berufliche Strah
lenbelastung von kumuliert 2.64
mSv
. (S. 1 Mitte).
Rein theoretisch seien stochastische Strahlenwirkungen auf Blase und Prostata möglich, die zu Veränderungen der genetischen Information der Zellen (DNS) und unter Umständen zur Karzinomentstehung führten. Im vorliegenden Fall sei eine berufliche Verursachung der Karzinome aber sehr unwahrscheinlich. Eine Berufs
krankheit liege nur dann vor, wenn die beruflichen Faktoren die ausserberufli
chen überträfen, also eine ätiologische Fraktion von über 50
%
angenommen werden könne (relatives Risiko > 2). Dies treffe beim Beschwerdeführer aufgrund der viel höheren Hintergrundbelastung nicht zu (S. 1 unten).
3.3
In einer Stellungnahme vom 2
0.
August 2016 (
Urk.
7/14) wies der Beschwerde
führer darauf hin, dass im Anschluss an die Arbeitsmedizinische Vorsorgeunter
suchung 2013 eine weitere Blutbilduntersuchung angeordnet, aber nicht durch
geführt worden
sei
(S. 1 unten).
Dazu führte
Dr.
A._
am 2
9.
August 2016 aus, Blutbildveränderungen, ins
besondere Lymphozyten-Veränderungen, träten erst ab einer Strahlendosis von 250
mSv
, entsprechend einem Strahlenunfall, auf (
Urk.
7/18).
3.4
Am 2
1.
November 2016 berichteten
Dr.
med.
B._
, Oberärztin, und Prof.
Dr.
med.
C._
, ärztlicher Direktor, Klinik für Strahlentherapie und Ra
dioonkologie, Universitätsklinikum
Z._
, über ihre am 2
5.
Oktober 2016 erfolgte Untersuchung des Beschwerdeführers (
Urk.
7/28/2-3). Sie nannten folgende Di
agnosen (S. 1):
-
Harnblasenkarzinom, Erstdiagnose (ED) März 2016
-
simultanes Prostatakarzinom, ED März 2016
-
berufsbedingte Strahlenexposition
Als Nebendiagnose nannten sie (S. 1 unten): seit mehreren Jahren
Lymphopenie
(nach beruflicher Tätigkeit in mehreren Kernkraftwerken in der Schweiz, 2003-2015, unter anderem im Kontrollbereich mit beruflich bedingter Strahlenexposi
tion).
Sie führten unter anderem aus, das
Auftreten zweier simultaner Tumorerkran
kungen
bei einem 48-jährigen Patienten sei
ungewöhnlich, und ein Zusammen
hang zur stattgehabten beruf
l
ichen Strahlenexposition
sei
nicht
auszuschliessen.
Ein Schwellenwert für die Induktion
r
a
diogener
Neopl
a
sien
besteh
e nicht,
so
dass auch bei der eher geringen
Strahlenexposition
des Patienten eine
r
a
diogene
Ur
sache der
Tumorer
k
ra
nkungen im Sinne eines st
ochastischen Effekts möglich sein
könne
. Auch in
Anbetracht des Zeit
fensters (Beginn der beruflichen Strahlenex
position bereits vor 13 Jahren)
sei
die Entstehung solider
r
a
diogen
induzierter Tumore plausibel
(S. 2 Mitte)
.
3.5
Dr.
A._
führte am 2
1.
Dezember 2016 aus
, s
tochastische Strahlenwirkun
gen seien Strahlenwirkungen, die auf Vorgängen zufälliger (stochastischer) Art beruhten. Durch Veränderungen der genetischen Information der Zellen (DNS) könne es zur Entstehung einer bösartigen Erkrankung wie Krebs kommen
. D
ie Wahrscheinlichkeit, dass diese Effekte einträten, steige mit zunehmender Dosis an. Eine Schwellendosis werde in diesem Fall nicht angenommen. Stochastische Strahlenschäden könnten von ionisierenden Strahlen aus dem natürlichen Um
feld (kosmische Strahlung, terrestrische Strahlung, Radonexposition, Aufnahme von Radionukliden aus Luft, Wasser und Nahrung, u.a.) und dem
berufliche
n
Umfeld ausgehen.
Der Beschwerdeführer habe
im Zeitraum von 2003 bis 2015 eine Hintergrundbelastung durch ionisierende
Strahlen von schätzungsweise 90
mSv
und eine berufliche Strahlenbelastung von kumuliert 2
.
64
mSv
gehabt
. Die Hintergrundbelastung
sei
also viel höher als die berufliche Strahlenbelastung, so
mit wäre
auch die Wahrscheinlichkeit eines stochastischen Strahlenschadens durch natürliche Einflüsse viel
grösser als durch berufliche. Ein nur möglicher beruflicher Zusammenhang reich
e
für
eine Berufskrankheitsanerkennung
nicht
aus. Dafür, dass
eine
Krankheit mit Wahrscheinlichkeit ausschliesslich oder vor
wiegend durch berufliche Faktoren verursacht
worden
wäre, gebe
es im vorlie
genden Fall keine medizinisch plausible Begründung
(
Urk.
7/30)
.
3.6
3.6.1
Dr.
B._
(vorstehend E. 3.4) erstattete am 1
8.
April 2017 einen fachärztlichen Orientierungsbericht (
Urk.
19/2), dies unter anderem gestützt auf ihr vom Be
schwerdeführer am 2
5.
Januar 2017 unterbreitete zusätzliche Unterlagen (S. 1 unten).
3.6.2
Zusammenfassen
d
hielt sie unter anderem fest, von 2009 bis 2013
sei
durchge
hend im Blutbild des Beschwerdeführers eine anhaltende Verminderung der
Lym
phozytenanzahl
im Blut festgestellt
worden
. Bei diesem Befund sei ein Zusam
menhang zu vorheriger Strahlenexposition möglich, da es sich bei den Lympho
zyten um die nahezu strahlenempfindlichste Zellpopulation des Körpers handle (S. 22 Mitte). Es sei dahingestellt, ob die
Lymphopenie
tatsächlich Folge der Strah
lenexposition gewesen sei, diese Frage sei ungeklärt geblieben (S. 23 oben). Eine rechtzeitige und ordnungsgemässe medizinische Abklärung der seit 2009 beim Beschwerdeführer bestehenden
Leukopenie
hätte weitreichende berufliche und gesundheitliche Konsequenzen haben können, so bezüglich weiterem Verbleib am strahlenexponierten Arbeitsplatz und bezüglich Früherkennung strahlenbeding
ter Erkrankungen (S. 24).
3.6.3
Der Zusammenhang zwischen der beruflich bedingten Strahlenexposition des Be
schwerdeführers und der 12 Jahre nach Beginn der strahlenexponierten Tätigkeit bei ihm festgestellten beiden Tumorerkrankungen sei als überwiegend wahr
scheinlich anzusehe
n. Beim vernünftigen Abwägen all
er Umstände überwögen die auf die berufliche Verursachung deutenden Faktoren so stark, dass darauf eine Entscheidung gestützt werden könne. Die blosse Möglichkeit einer strahlen
bedingten Ursache der Krebserkrankungen verdichte sich in diesem Fall zur über
wiegenden Wahrscheinlichkeit, dies aufgrund folgender Argumente (S. 24 Mitte
)
:
3.6.4
Nach der geltenden ärztlich-wissenschaftlichen Lehrmeinung lieg
e
die rechneri
sche Wahrscheinlichkeit einer strahlenbedingten Tumorinduktion höher als die Wahrscheinlichkeit, im Lebensalter von 47 Jahren simultan an einem Harnbla
sen- und an einem Prostatakarzinom zu erkranken:
Bei Männern (ohne Risiko
faktoren) lieg
e
im Lebensalter von 47 Jahren in Mitteleuropa das Risiko der Er
krankung an Harnblasenkarzinom bei 0
.
0046
%
und an Prostatakarzinom bei 0
.
0179
%
. Das Risiko, mit 47 Jahren beide Tumorerkrankungen simultan diag
nostiziert zu bekommen, lieg
e
bei 0
.
000082
%
. In einem Kollektiv von einer Mil
lion Männern wäre demnach kaum bei einem einzigen Mann diese Konstellation zu erwarten
(S. 24 unten)
.
Eine hypothetische Abschätzung der Gutachterin anhand Daten aus einer wissen
schaftlichen Publikation habe für die beim Beschwerdeführer vorhandene beruf
liche Strahlenexposition ein zwar geringes Risiko von 0.000252
%
pro Jahr er
geben. Für das Auftreten eines strahleninduzierten Tumors liege dieses Risiko je
doch um eine deutliche Grössenordnung höher als das Risiko für das spontane Auftreten der beiden Tumorerkrankungen mit 47 Jahren (S. 25 oben).
3.6.5
Die berufliche Strahlenexposition habe beim Beschwerdeführer mit kumulativ 3.027
mSv
zwar im niedrigen Bereich gelegen; dennoch mache sie einen relevan
ten Dosisbeitrag aus, wenn man im gesamten Zeitraum der strahlenexponierten Tätigkeit von einer natürlichen Strahlenbelastung von kumulativ 0.97315
mSv
ausgeh
e
(„Hintergrundstrahlung", ohne zivilisatorischen/medizinischen Anteil, da entsprechende Massnahmen beim Beschwerdeführer nicht erfolgt seien): Die beruflich erhaltene Strahlenexposition betrage immerhin ein Anteil von 75.67
%
der Hintergrundstrahlung (S. 25).
3.7
3.7.1
Am 2
1.
April 2018 erstattet
Dr.
B._
ein Gutachten
(
Urk.
36). Darin führte sie unter anderem zusätzlich aus,
der Beschwerdeführer sei während insgesamt 11
1 Einsatztagen einer Exposition von 2.6
mSv
nach der einen
beziehungsweise von
3.027
mSv
nach der anderen
Messart
ausgesetzt gewesen (S. 3 oben). Im gleichen Zeitraum sei von einer natürlichen Exposition von 0.91
mSv
auszugehen (S. 3 unten). Mithin seien von der gesamten Exposition von 3.51
mSv
25.9
%
(0.91
mSv
) nicht beruflich bedingt und 74.
1
%
(2.6
mSv
) beruflich bedingt (S. 3 f.).
3.7.2
Am 5./
6.
August 2003 habe die akkumulierte Strahlendosis 0.505
mSv
betragen, mithin das 62fache der natürlichen Strahlenbelastung von 0.00822
mSv
pro Tag (S. 4 unten).
3.7.3
Eventuell sei eine weitere, nicht dokumentierte Strahlenbelastung durch Inkor
poration von Isotopen und/oder schweren Teilchen vorhanden, dies infolge akzi
dentielle
n
Einatmen
s
oder Verschlucken
s
solcher Materialien (S. 5 unten).
3.7.4
Eine etwaige Schätzung des Risikos einer strahlenbedingten Tumorerkrankung erbringe jedenfalls hierfür ein höheres Risiko als für das spontane Auftret
en der beiden Tumorerkrankungen
, auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die beruflich erhaltene Strahlendosis beim Beschwerdeführer mit kumulativ 2.6
mSv
gering gewesen sei (S. 26 unten).
3.7.5
Im Sinne eines stochastischen Vorkommnisses könne die Einwirkung minimalster Dosen, d.h. vereinzelter ionisierender Teilchen, eine Tumorinduktion bewirken. Für diese Art der zufälligen Strahlenwirkung bestehe keine Schwellendosis (S. 27 ganz oben).
3.7.6
Bezugnehmend auf die natürlicherweise vorhandene Hintergrundstrahlung zeige sich bei korrekter, auf den strahlenexponierten Zeitraum von 111 Tagen zuge
schnittener Berechnung, dass der berufliche Beitrag an Strahlendosis beim Be
schwerdeführer 74.1
%
der Strahlendosis ausmache. Somit bestünden hier rech
nerische Hinweise auf eine über 50-prozentige berufliche Genese der Tumorer
krankungen, wenngleich derartige Gesetzmäßigkeiten im Falle ionisierender Strahleneinwirkung nur sehr eingeschränkt seien (S. 27 oben).
3.7.7
Anhand der
dosimetrischen
Aufzeichnungen seien ohne weiteres Mechanismen vorstellbar, die durch ungleichmässige berufliche Exposition mit Emissionsspit
zen und womöglich zusätzliche, nicht erkannte Kontaminationsformen (Inkorpo
ration) die Entstehung einer
radiogenen
Mutation hätten begünstigen können. Der menschliche Organismus sei an solche irregulär anfallenden Strahlenexposi
tionen wesentlich schlechter angepasst als an die gleichförmig vorhandene Hin
tergrundstrahlung (S. 27).
3.7.8
Eine Beweisbarkeit im Einzelfall einer Tumorerkrankung über deren Auslösung sei nicht gegeben und werde niemals gegeben sein. Ebenso sei es auch nicht möglich, eine strahlenbedingte Ursache für eine Tumorerkrankung auszuschlies
sen (S. 27 Mitte). A
ufgrund des kaum existenten natürlichen Erkrankungsrisikos
sei
bei
m Beschwerdeführer
vom Vorliegen eines zusätzlichen unnatürlichen Er
krankungsrisikos im Sinne einer Tu
morinduktion auszugeben. Hier müsse
die be
rufliche Strahlenexposition mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als ursächlich angesehen werden (S. 26 unten).
3.8
3.8.1
Am
9.
Juli 2018 nahm
Dr.
A._
noch einmal Stellung (
Urk.
43). Dabei führte er zur Feststellung
Dr.
B._
s,
während 111 Tagen als beruflich strahlen
exponierte
r
Person
habe die
Hintergrunddosis maximal 1.5205
mSv
betragen und d
ie berufliche Belastung
sei
in dieser Zeit
mit
2.6
mSv
vergleichsweise höh
er ge
wesen, aus, für die vergleichende Hintergrunddosis müsse richtigerweise die ganze bisherige Lebenszeit zugrunde gelegt werden, da bekannt sei, dass die La
tenzzeit für strahlenbedingte Tumoren mehrere Jahrzehnte betragen könne. Es sei unzulässig, nur die 111 Tage als möglichen Zeitraum für die Ursache des Tumors zugrunde zu legen. Lege man die ganze bisherige Lebenszeit zugrunde, dann sei die nicht berufliche Strahlenbelastung höher als die berufliche. Rein theoretisch seien bei kleinsten Strahlenbelastungen stochastische Wirkungen auf Blase und Prostata möglich, die zu Veränderungen der genetischen Information der Zellen (DNS) und unter Umständen zur Karzinomentstehung führten. Aufgrund der viel höheren ausserberuflichen Hintergrundbelastung werde eine berufliche Verursa
chung der Karzinome aber als sehr unwahrscheinlich beurteilt (S. 1 Mitte).
3.8.2
Zur Feststellung
Dr.
B._
s, dass am
6.
August 2003 mit dem Personendosimeter eine Tagesdosis von 0.431
mSv
(beziehungsweise am 5./
6.
August vo
n 0.505) re
gistriert worden sei,
was das 62-fache der natürlichen Strahlenbelastung darstelle, führte
Dr.
A._
aus, es stimme, dass Strahleneffekte stärker ausgeprägt seien, wenn eine Strahlendosis kurzfristig einwirke. Es sei aber darauf hinzuwei
sen, dass 0.431
mSv
eine sehr geringe Strahlenbelastung darstellten, weniger bei
spielsweise als bei einer gewöhnlichen Röntgenaufnahme der Brustwirbelsäule auf den Körper einwirkten (S. 1 unten).
3.8.3
Zur Feststellung
Dr.
B._
s, dass der Beschwerdeführer in kontaminierten Zonen möglicherwiese strahlendes Material (Alpha-, Beta und Neutronenteilchen) inkor
poriert haben könnte (was mit dem Personendosimeter nicht erfasst werde) und die festgestellte
Lymphopenie
möglicherweise ein Hinweis für eine durch Dosi
metrie nicht erfasste Strahlenbelastung
sei
, führte
Dr.
A._
aus, es sei prak
tisch ausgeschlossen, dass der Beschwerdeführer bei seinen Tätigkeiten in Kern
kraftwerken mit offenen radioaktiven Strahlenquellen in Berührung gekommen sei. In solchen Zonen gebe es ein Trink- und Essverbot und strikte Kleider- und Atemschutzvorschriften. Es könne davon ausgegangen werden, dass mit dem Do
simeter die gesamte berufliche Strahlenbelastung erfasst worden seien (S. 2 oben).
3.8.4
Die - infolge Ausscheidens aus dem Betrieb - unterbliebene
n
Nachkontrollen be
treffend führte
Dr.
A._
aus, die Ursachen für eine
Lymphopenie
seien viel
fältig. Mit einer weiteren Blutuntersuchung 2013 hätte man die viel später im Jahr 2015 festgestellten Tumore in Blase und Prostata nicht frühzeitig erkennen können.
Lymphopenien
seien weder Frühzeichen für Blasenkarzinome noch für Prostatakarzinome. Ein mögliches Frühzeichen für ein Blasenkarzinom könne Blut im Urin sein. Beim Prostatakarzinom seien es Störungen beim Harnabfluss (S. 2 Mitte).
4.
4.1
Dr.
B._
nannte verschiedene, sich ergänzende Überlegungen, welche sie zum Schluss führten, die berufliche Strahlenexposition müsse mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als ursächlich für die beiden gleichzeitig aufgetretenen Tu
morerkrankungen angesehen werden (vorstehend E. 3.6.3 und 3.7.8).
So machte sie geltend,
die Wahrscheinlichkeit, im Alter von 47 Jahren gleichzei
tig an einem Harnblasen- und an einem Prostatakarzinom zu erkranken, liege bei 0.000082
%
, mithin weniger als 1 zu 1 Million. Auch mit der beim Beschwerde
führer vorhandenen beruflichen Strahlenexposition sei das Risiko mit 0.000252 zwar gering, aber eben doch deutlich höher (vorstehend E. 3.6.4
; vgl.
E
. 3.7.4
).
Stellt man auf die von
Dr.
B._
genannten Zahlen ab, ist das
berufsspezifische
Risiko
(rund
1 :
400'000)
ziemlich genau dreimal höher als das allgemeine Risiko
(rund 1 : 1'220'000)
. Mithin ist das Kriterium, dass die Krankheit berufsspezifisch viermal häufiger sein muss als generell (vorstehend E. 1.3), nicht erfüllt.
4.2
Sodann wies
Dr.
B._
darauf hin, dass der Beschwerdeführer an einem bestimm
ten Tag sehr stark exponiert gewesen sei (vorstehend E. 3.7.2
). Dem ist entgegen zu halten, dass die betreffende Dosis geringer war als die Strahlendosis einer ge
wöhnlichen Röntgenaufnahme (vorstehend E. 3.8.2).
4.3
Ferner machte
Dr.
B._
geltend, möglicherweise sei eine zusätzliche, mittels Do
simeter nicht erfasste Strahlenbelastung durch Einatmen oder Verschlucken zu berücksichtigen (vorstehend E. 3.7.3, auch 3.7.7). Solches ist jedoch aufgrund der in den betreffenden Zonen der Kraftwerke bestehenden
Trink- und Essverbot
e
sowie
Kleider- und Atemschutzvorschriften
(vorstehend E. 3.8.3) auszuschliessen. Mithin ist für die weitere Beurteilung der Streitfrage (nachstehend E. 4.
5
) auf die mittels Dosimeter ermittelten Werte abzustellen.
4.4
Nicht direkt mit der Streitfrage zusammenhängend ist, ob
angesichts der festge
stellten
Lymphopenie
zusätzliche Blutbilduntersuchungen im Jahr 2013 eine Früherkennung strahlenbedingter Erkrankungen ermöglicht hätte
n
, wie dies
Dr.
B._
zwar nicht ganz explizit formulierte, aber sehr wohl suggerierte
(E. 3.6.2
). Dem steht die klare Angabe von
Dr.
A._
gegenüber, dass
Lympho
penien
- im Unterschied zu anderen von ihm genannten Symptomen - keine Frühzeichen für die beiden Karzinome darstellten (vorstehend E. 3.8.4). Da dies
Dr.
B._
mit Sicherheit auch bekannt ist,
sind Zweifel an
den Beweggründen für ihre Aussage
und an
ihrer Unabhängigkeit
nicht zu vermeiden
.
4.5
Es bleibt als entscheidender Punkt die Frage des Verhältnisses von beruflicher Strahlenexposition und natürlicher Strahlenbelastung
.
Dr.
A._
nannte als kumulierte Belastung aufgrund der
beruflichen
Strah
lenexposition den Wert von 2.64
mSv
(vorstehend E. 3.2),
Dr.
B._
nannte den - von ihr als niedrig bezeichneten - Wert von 3.027
mSv
(vorstehend 3.6.5).
Die
natürliche
Strahlenbelastung bezifferte
Dr.
A._
mit ungefähr 5
mSv
pro
Jahr
(vorstehend E. 3.2),
Dr.
B._
mit
0.00822
mSv
pro Tag (vorstehend
E. 3.7.2), was 3
mSv
pro Jahr ergibt. Der Unterschied dürfte daher rühren, dass
Dr.
B._
einen zivilisatorischen/medizinischen Anteil ausklammerte, dies mit der Begründung, entsprechend
e
(wohl medizinische) Massnahmen seien beim Be
schwerdeführer nicht erfolgt (vorstehend E. 3.6.5).
Der natürlichen Strahlenbelastung war der Beschwerdeführer unabhängig von seiner Berufstätigkeit stets ausgesetzt. Sie lediglich für die 111 Tage, an denen
eine berufliche Exposition dazu getreten ist, in Rechnung zu stellen, ist deshalb offensichtlich unzutreffend und stellt einen rechnerischen Kunstgriff dar, welcher die Frage der Unvoreingenommenheit der Gutachterin - zu ihren Lasten - nun
mehr eindeutig beantwortet.
Richtigerweise ist die natürliche Strahlenbelastung mindestens ab Beginn der ein
schlägigen Berufstätigkeit im Jahr 2003 (vorstehend E. 3.4) bis zur Erstdiagnose im März 2016 - mithin während 12 Jahren - zu berücksichtigen. Stellt man auf den von
Dr.
B._
postulierten tieferen Wert von 3
mSv
pro Jahr ab, ergibt dies eine kumulierte Belastung von rund 36
mSv
.
4.6
Der kumulierten natürlichen Strahlenbelastung von 36
mSv
steht die
dosimet
risch
belegte berufsbedingte kumulierte Belastung von 2.64 oder 3.027
mSv
ge
genüber. Dies zeigt, dass die natürliche Strahlenbelastung deutlich mehr als das 10-fache der berufsbedingten Belastung betragen hat. Diese Relation lässt es nicht zu, mit überwiegender (oder auch lediglich 75%iger) Wahrscheinlichkeit eine be
rufsbedingte Verursachung der Tumorerkrankungen anzunehmen. Auch für die Hypothese eines stochastischen Effekts (vorstehend E. 3.4, E. 3.7.5) bleibt damit kein Raum (vgl. vorstehend E. 3.8.1).
4.7
Damit bleibt zusammenfassend festzuhalten, dass die Kriterien, die nach Gesetz und Rechtsprechung für die Anerkennung einer Berufskrankheit beachtet werden müssen (vorstehend E. 1.2-3), nicht erfüllt sind.
Der angefochtene Entscheid, mit welchem das Vorliegen einer Berufskrankheit verneint wurde, erweist sich somit als rechtens. Er ist zu bestätigen und die da
gegen erhobene Beschwerde abzuweisen.