Decision ID: fc797426-5a49-4a50-b183-89028e54e072
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Z._
, geboren 1968, war
Verwaltungsratspräsident
der
A._
AG
(vgl.
Urk. 11/1001
; vgl. Mitteilung im Schweizerischen
Handelsamtsblatt ,
SHAB
). Per 13. Mai 2015 schloss die
A._
AG
für
die
Arbeitnehmer
mit der Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft
(Allianz)
eine
obligatorische
Unfallversicherung gemäss dem Bundesgesetz über die Unfall
versicherung (UVG)
ab (
Police-Nr. ...
,
Urk. 11/1003).
Mit E-Mail-Schreiben vom 12. Februar 2018 teilte
B._
von der
C._
AG der Allianz mit, dass
die
A._
AG
per 1. Januar 2018 in eine Holding umgewandelt worden und
Z._
nun über die
D._
Consulting angestellt sei
,
und dass alle Verträge bei im Übrigen unveränderten Umständen auf die Firma
D._
Consulting umzu
schreiben seien (Urk. 11/15). Daraufhin sandte die Allianz dem Vertreter
Ä
nde
rungs
offerten zu
r Unterschrift zu
(E-Mail-S
chreiben vom 13.
Februar 2018, Urk.
25/5), welche von
Z._
am 19. Februar 2018
unterzeichnet und retourniert wurden (Urk. 11/
1007; vgl. auch Urk. 3/4-5
, 10/1-2
). Die Allianz stellte daraufhin am 28. Februar 2018 die neue
UVG-
Police
für die
D._
Consulting
mit der Versicherung
der Arbeitnehmer
ab 1. Januar 2018 aus (
Police
-Nr. ...
, Urk. 11/1008
).
Am 19. Februar 2018 hatte
Z._
die Allianz zudem mit einer Bagatell
unfallmeldung über ein Ereignis vom 30. Januar 2018 orientiert, bei welchem er über eine Treppe gestolpert war und er sich das Knie verdreht hatte (Urk. 17/1).
Die Allianz nahm Abklärungen vor (Urk. 17/3, 17/12, 17/14) und erbrachte Heil
behandlungskosten (Urk. 3/6
S. 3
).
1.2
Bei einem Treppensturz vom 19. Dezember 2018 zog sich
Z._
ein schweres S
chä
delhirntrauma zu
, woran er am Folgetag verstarb (Urk. 11/12, U
rk.
11/13).
Er hinterliess einen 20
11 geborenen Sohn, X._
.
Die Allianz prüfte ihre Leistungspflicht und stellte sich in der Folge auf den Standpunkt, dass der verstorbene
Z._
als
Selbständigerwerbender
nicht versichert sei. Die Police
Nr.
...
versichere nur das gesamte Personal seines Einzelunternehmens
,
nicht aber ihn selbst als Betriebsinhaber (Urk. 11/21).
Mit Verfügung vom 28. Mai 2019 verneinte
sie
gegenüber X._
einen Anspruch auf Versicherungsleistungen im Zusammenhang mit dem Ereignis vom 19. Dezember 2018 (Urk.
11/23). Die dagegen erhobene Ein
sprache (Urk. 11/33) wies
sie
mit Entscheid vom 18. November 2019 ab (Urk. 2).
2.
Gegen diesen
Einspracheentscheid
vo
m 18. November 2019 richtet sich die Beschwerde der Mutter von
X._
mit dem Rechtsbegehren, in Aufhe
bung des
angefochtenen
Entscheids sei die Allianz Versicherungs-Gesellschaft AG zu verpflichten,
X._
die durch das Ereignis vom 19.
Dezember 2018 begründeten Versicherungsleistungen aufgrund de
r Unfallversicherung Police-Nr. ...
auszurichten, zu
züglich Zins von 5 % ab dem 20.
D
ezember 2018 (Urk. 1 S. 2). In der Beschwerdeantwort vom 15. April 2020
(Urk.
9)
schloss die Allianz auf Abweisung der Beschwerde, worüber die Gegenpartei am 30. April 2020 in Kenntnis gesetzt wurde (Urk. 12).
Mit Verfügung vom 5. Januar 2021 forderte das Sozialversicherungsgericht die
Beschwerdegegnerin
zur Einreichung weiterer Unt
erlagen auf (Urk. 13; vgl. Urk.
16-21)
. Zu diesen Unterlagen äusserte sich die Mutter von
X._
am 14.
April 2021 unter Beigabe weiterer Unterlagen (Urk. 24
,
Urk.
25/1-5
). Die Beschwerdegegnerin
nahm
ergänzend mit Eingabe vom
15. Juni 2021
Stellung
(Urk. 30)
.
Davon wurde die
beschwerdeführende
Partei am 17. Juni 2021
in Kenntnis gesetzt (Urk. 31).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 6 UVG werden – soweit das Gesetz nichts
anderes
bestimmt – die Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufs
krankheiten gewährt (Abs. 1).
Stirbt der Versicherte an den Folgen des Unfalles, so haben der überlebende Ehe
gatte und die Kinder nach Art. 28 UVG Anspruch auf
Hinterlassenenrenten
.
Die Kinder des verstorbenen Versicherten haben Anspruch auf eine Waisenrente
(Art.
30 Abs. 1
Satz 1
UVG).
Der Anspruch entsteht
mit dem Monat nach dem Tod des Versicherten
(Art. 30 Abs. 3
Satz 1
UVG)
.
2.
2.1
Gemäss
Art. 1a Abs. 1 UVG
sind die in der Schweiz beschäftigten Arbeitnehmer obligatorisch nach diesem Gesetz versichert.
Als Arbeitnehmer im Sinne von Art. 1a Abs. 1 UVG gilt, wer eine unselbständige Erwerbstätigkeit im Sinne der Bundesgesetzgebung über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung
(AHV) aus
übt (Art. 1 der Verordnung über die Unfallversicherung
, UVV
).
Der Arbeitgeber sorgt dafür, dass seine Arbeitnehmer bei einem Versicherer nach Art. 68
UVG
versichert sind. Die Arbeitnehmer haben
bei der Wahl des Versi
cherers
ein Mitbestimmungsrecht
(Art.
69
UVG).
2.2
In der Schweiz wohnhafte
Selb
ständigerwerbende
und ihre nicht obligatorisch versicherten
mitarbeitenden
Familienmitglieder können sich freiwillig versichern (Art. 4 Abs. 1 UVG). Die Bestimmungen über die obligatorische Versicherung gelten sinngemäss für die freiwillige Versicherung (Art. 5 Abs. 1 UVG).
2.3
Nach Art. 59 Abs. 1
Satz 1
UVG wird d
as Versicherungsverhältnis bei der Suva in der obligatorischen Vers
iche
rung durch Gesetz, in der freiwilligen Versiche
rung durch Vereinbarung begründet. Das Versicherungsverhältnis bei den ande
r
e
n Versicherern wird begründet durch einen Vertrag zwischen dem Arbeitgeber oder dem
Selbständigerwerbenden
und dem Versicherer oder durch Zugehörigkeit zu ein
er Kasse aufgrund eines Arbeits
verhältnisses (Art. 59 Abs. 2 UVG).
Die
Versicherer
nach Art. 68
UVG
stellen
gemeins
am einen Typenvertrag auf
, der die Bestimmungen enthält, die in jedem
Fall
in die Versicherungsverträge aufzu
nehmen sind. Der Typenvertrag ist dem Bundesrat zur Genehmigung zu unter
breiten
(Art. 59a Abs. 1 und Abs. 3 UVG)
.
Nach der Rechtsprechung handelt es sich bei diesen V
ersicherungsv
erträgen um besondere öffentlich-rechtliche Verträge nach UVG (
Fuhrer
und Chevalier
, in: Kommentar zum schweizerischen Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die Unfallversicherung UVG, Bern 2018, Art. 59
Rz
15, S. 709
, und Art. 4
Rz
15, S. 75
).
Die Regeln, denen die Versicherungsverträge nach UVG unterliegen, sind durch Auslegung des UVG und, wo Gesetzeslücken bestehen, durch deren Füllung zu bestimmen, wobei Regelungsinhalte übernommen werden können, die für Versicherungsverträge im
Bundesgesetz über den Versicherungsvertrag (
VVG
)
oder im
Bundesgesetz über die Krankenversicherung (
KVG
)
festgelegt worden sind. Wie allgemein bei öffentlich-rechtlichen Verträgen kommen ergänzend auch Bestimmungen des
Bundesgesetzes über das Obligationenrecht (
OR
)
zur Anwendung, z.B. jene über das Zustandekommen, die
Willensmängel und die Nichtigkeit (Urteil des Bundesgerichts 8C_324/2007 vom 12. Februar 2008 E. 2.1).
2.4
Gestützt auf Art. 5 Abs. 2 UVG hat der Bundesrat in den Art. 134 ff. UVV die freiwillige Versicherung ergänzend geordnet.
Nach Art. 135 Abs. 1 UVV
führ
en die jeweiligen Versicherer die freiwillige Versicherung durch für die Arbeitgeber der bei ihnen obligatorisch versicherten Arbeitnehmer sowie für mitarbeitende Familienglieder solcher Arbeitgeber.
Die freiwillige Versicherung für die
Selbständigerwerbenden
ohne Arbeitnehmer und deren mitarbeitende Familienglieder führen die Suva in den
in Artikel 66
Absatz
1 des Gesetzes genannten Berufszweigen und
in den übrigen Fällen die übrigen Versicherer nach
Artikel 68 des Gesetzes durch
(Art. 135 Abs. 2 und 3 UVV).
D
er Versicherer
kann n
ach Art. 134 Abs. 3 UVV
in begründeten Fällen, n
ament
lich bei bestehenden erheb
lichen und dauernden Gesundheitsschädigungen so
wie bei Vorliegen einer besonde
ren Gefährdung im Sinne von Artikel 78 Absatz 2 der Verordnung vom
19. Dezember 1983
über die Unfallverhütung, den Abschluss der Versicherung ablehnen
.
Nach Art. 136 UVV wird das Versicherungsverhältnis durch schriftlichen Vertrag begründet. Dieser muss namentlich den Beginn, die Mindestdauer und das Ende der Versicherung regeln.
Schriftlichkeit
ist nach
überwiegender Auffassung in der Lehre Gültigkeitsvoraussetzung des verwaltungsrechtlichen Vertrags
und
bedeu
tet in Analogie von Art. 13 OR
grundsätzlich
, dass der Vertrag von beiden
Seiten unterschrieben sein muss (
vgl.
Urteil des B
undesgerichts 1C_61/2010 vom 2.
November 2020 E. 4.1).
Gemäss dem aktuellen Typenvertrag gemäss Art. 59a UVG, welcher auch
für die freiwillige Versicherung gilt
, kann auf eine Gegen
zeichnung des Vertrages dann verzichtet werden, wenn ein unterzeichneter Antrag vorliegt (vgl
.
Fu
hrer
, a.a.O., Art. 59
Rz
26,
Art. 59a
Rz
12,
S. 714
,
S. 728
;
h
ttps://www.bag.admin.ch/bag/de/home/versicherungen/unfallversicherung/uv-versicherer-aufsicht/aufsicht-unfallversicherung/typenvertrag-uvg.html
).
Die Prämien und Geldleistungen werden im Rahmen von Artikel 22 Absatz 1
UVV
nach dem versicherten Verdienst bemessen, der bei Vertragsabschluss vereinbart wird und jeweils auf Beginn eines Kalenderjahres angepasst werden kann. Dieser Verdienst darf bei
Selbständige
rwerbenden
nicht weniger als 45
Prozent und bei Famili
engliedern nicht weniger als 30
Prozent des Höchstbetrags des versicherten Verdienstes betragen (Art. 138 UVV).
2.5
Nach Art.
1 Abs. 2
OR ist zum Abschluss des Vertrages die übereinstimmende gegenseitige Willensäusserung der Parteien erforderlich. Sie kann eine ausdrück
liche oder eine stillschweigende sein (Art. 1 Abs. 2 OR
; vgl. auch den Verweis in Art. 100 Abs. 1 VVG
). Haben sich die Parteien über alle wesentlichen Punkte geeinigt, so wird vermutet, dass der Vorbehalt von Nebenpunkten die Verbind
lichkeit des Vertr
ages nicht hindern sollte (
Art. 2 Abs. 1 OR).
Für die Frage des Konsenses für das Zustandekommen ebenso wie für den Inhalt des Vertrages sind in erster Linie die tatsächlich übereinstimmenden Willensäusserungen der Parteien massgebend
,
welche durch subjektive Ausle
gung zu ermitteln sind
(vgl. Art. 18 Abs. 1 OR
; Urteil
des Bundesgerichts
4A_648/2014 vom 20. April 2015 E. 3.3
).
Da der Konsens zwischen den Vertrags
parteien
durch Austausch zweier Willenserklärungen zustande kommt, ist zunächst zu ermitteln, was der wirkliche Wille der jeweiligen Partei bei der Abgabe dieser Erklärung war. Dabei ist nicht allein der Wortlaut massgebend, vielmehr indizieren die gesamten Umstände, unter denen die Willenserklärungen abgegeben wurden, den inneren Willen der Parteien (Wiegand, in: Basler Kommentar zum Obligationenrecht I, 7. Auflage, Basel 2020, Art. 18
Rz
10 und
Rz
18 ff., S. 158 und S. 161 ff.).
Wenn eine tatsächliche Willensübereinstimmung unbewiesen bleibt, sind zur Ermittlung des mutmasslichen Parteiwillens die Erklärungen der Parteien aufgrund des Vertrauensprinzips so auszulegen, wie sie nach ihrem Wortlaut und Zusammenhang sowie den gesamten Umständen verstanden werden durften und mussten (vgl. Urteile des Bundesgerichts 4A_648/2014 vom 20. April 2015 E. 3.3 und 4A_604/2011 vom 22. Mai 2012 E. 3.1 und 3.2).
2.6
Gemäss Rechtsprechung (BGE 143 V 95 E. 3.6.2) kann nach dem in Art. 9 der Bundesverfassung (BV) verankerten Grundsatz von Treu und Glauben eine unrichtige Auskunft, welche eine Behörde dem Bürger erteilt, unter gewissen Umständen Rechtswirkungen entfalten. Voraussetzung dafür ist, dass:
a)
es sich um eine vorbehaltslose Auskunft der Behörden handelt;
b)
die Auskunft sich auf eine konkrete, den Bürger berührende Angelegenheit bezieht;
c)
die Amtsstelle, welche die Auskunft gegeben hat, dafür zuständig war oder der Bürger sie
aus zureichenden
Gründen als zuständig betrachten durfte;
d)
der Bürger die Unrichtigkeit der Auskunft nicht ohne Weiteres hat erkennen können;
e)
der Bürger im Vertrauen hierauf nicht ohne Nachteile rückgängig zu machen
de Dispositionen getroffen hat;
f)
die Rechtslage zur Zeit der Verwirklichung noch die gleiche ist wie im Zeit
punkt der Auskunftserteilung;
g)
das Interesse an der richtigen Durchsetzung des objektiven Rechts dasjenige am Vertrauensschutz nicht überwiegt.
Vertrauensschutz setzt nicht zwingend eine unrichtige Auskunft oder Verfügung voraus; er lässt sich auch aus einer blossen behördlichen Zusicherung und sons
tigem, bestimmte Erwartungen begründendem Verhalten der Behörden herleiten. Unterbleibt eine Auskunft entgegen gesetzlicher Vorschrift (vgl. Art. 27
des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG) oder obwohl sie nach den im Einzelfall gegebenen Umständen geboten war, hat die Rechtsprechung dies der Erteilung einer unrichtigen Auskunft gleichgestellt (BGE 131 V 472 E. 5).
Als Dispositionen in diesem Sinne gelten nach konstanter Rechtsprechung auch Unterlassungen. Erforderlich ist, dass die Auskunft für die
darauf folgende
Unterlassung ursächlich war. Ein solcher Kausalzusammenhang ist gegeben, wenn angenommen werden kann, die versicherte Person hätte sich ohne die fehlerhafte Auskunft anders verhalten. An den Beweis des Kausalzusammenhangs zwischen Auskunft und Disposition beziehungsweise Unterlassung werden nicht allzu strenge Anforderungen gestellt. Denn bereits aus dem Umstand, dass eine versicherte Person Erkundigungen einholt, erwächst eine natürliche Vermutung dafür, dass er im Falle eines negativen Entscheides ein anderes Vorgehen gewählt hätte. Der erforderliche Kausalitätsbeweis darf deshalb schon als geleistet gelten, wenn es aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung als glaubhaft erscheint, dass sich die versicherte Person ohne die fragliche Auskunft anders verhalten hätte (BGE 121 V 65 E. 2b mit Hinweisen).
3.
3.1
Die Beschwerdegegnerin ging im
Einspracheentscheid
vom 18. November 2019 im Wesentlichen davon aus, der massgebliche Versicherungsvertrag mit der Police Nr.
...
umfasse
keine freiwillige Versicherung.
Damit sei ledig
lich das Personal des Einzelunternehmens, nicht aber
der verstorbene
Z._
als Betriebsinhaber gegen Unfall versichert
gewesen
, weshalb aus dieser Versicherung auch keine Ansprüche geltend gemacht w
erden könnten (Urk. 2 S. 4 f.
Ziffer
18).
Für die Beurteilung der Frage, ob zwischen den Parteien ein Vertrag zustande gekommen sei, seien die Erklärungen der Parteien auf Übereinstimmung zu prüfen. Ihre Offerte habe
nur
eine Unfallversicherung für das Personal der Einzelfirma der
D
._
Consulting umfasst.
B._
als Vertreter
des verstorbenen
Z._
habe
ihre
Offerte demzufolge nicht richtig verstanden,
weshalb die Erklärung nach dem Vertrauensprinzip auszu
legen sei.
Dabei hätte
B._
, welcher über erhebliche Berufs
erfahrung verfüge, bei der gebotenen Sorgfalt erkennen können, dass es nicht ihre Absicht habe sein können, eine freiwillige Versicherung für
Z._
zum
Unselbständigentarif
abzuschliessen. Der
Selbständigentarif
wäre rund doppelt so hoch gewesen. Beim Tarif handle es sich um einen wesentlichen Vertragspunkt. D
er Umstand, d
ass diesbezüglich kein
Konsens bestanden habe, hindere das Zustandekommen des Vertrages (Urk. 2 S. 5 f.
,
Urk. 9 S. 4
). Auch aufgrund der Police habe
B._
nicht davon ausgehen können, es handle sich um eine fre
iwillige Versicherung
für
Selbständigerwerbende
(Urk. 2
S.
6 Ziffer 25
)
.
Der verstorbene
Z._
müsse sich einen allfälligen Fehler von
B._
anrechnen lassen. In Anbetracht der verschiedenen Funktion
en
der Beteiligten sei es nicht richtig von einem Versehen zu sprechen, welches sowohl dem Broker als auch
ihr selbst
gleichermassen unterlaufen sei. Die Pflichten der Beteiligten seien grundlegend verschieden. Im Gegensatz zum Broker träfen
sie
keine Prüfungspflichten (Urk. 9
S.
6
Ziffer 11).
B._
beziehungsweise die
C._
sei eine ungebundene Versicherungs
vermittlerin, welche in keinem Vertragsverhältnis
zu ihr
stehe (Urk. 30 S. 2).
Dass
in ihrem
«
Underwriting
»
ein Fehler unterlaufen sei, sei nicht ersichtlich. Auch sei ihr nicht bekannt gewesen, ob mit der Umstrukturierung eine Änderung im Personalbestand in Zukunft beabsichtigt gewesen wäre. Welche Absichten
der verstorbene
Z._
verfolgt habe, sei für sie nicht erkennbar gewesen (Urk. 2 S. 6 Ziffer 26).
E._
habe die Mitteilung
vom
12. Februar 2018
1:1 an das
«
Underwriting
»
weitergeleitet ohne das Anliegen zu analysieren oder zu hinterfragen. Es könne deshalb nicht von einem Verständnis eines Ange
stellten gesprochen werden, welches sich die Beschwerdegegnerin anrechnen lassen müsste (Urk. 9 S. 3). Im Antragsformular sei nirgends festgehalten worden, dass es sich bei der zu versichernden Person ausschliesslich um
Z._
gehandelt habe (Urk. 9 S. 4 Ziffer 6).
Auch aus dem Schadenfall vom 30. Januar 2018, welcher noch unter der
A._
AG eröffnet worden sei, könne die
beschwer
deführende
Partei nichts für sich ableiten (Urk. 9 S. 5 und S. 6).
Nachdem die Einzelfirma
D
._
Consulting im
Jahr
2018 keine Löhne an Angestellte bezahlt habe, seie
n die Prämien
jedoch
zurückzuerstatten (Urk. 2 S.
6 Ziffer 27
).
3.2
Die Mutter von
X._
machte in der Beschwerde demgegenüber geltend,
alle Vertragsbeteiligten namentlich auch
E._
von der Allianz hätten nach der Annahmeerklärung
und
der Zustellung der Police darauf vertraut, dass ein Versicherungsschutz
für
Z._
bestehe. Denn allen Vertrags
beteiligten sei bewusst gewesen, dass es sowohl im seinerzeitigen Vertrags
verhältnis mit der
A._
AG als auch im nachfolgenden Vertragsverhältnis mit der
D
._
Consulting stets nur um die Person von
Z._
ge
gangen sei. Es habe dem tatsächlichen inneren Willen
aller Beteiligten
ent
sprochen, dass die Person von
Z._
weiterhin im Genuss eines Ver
sicherungsschutzes sein sollte
. Es sei von einem entsprechenden tatsächlichen Konsens auszugehen
(Urk. 1 S. 5
f.
; vgl.
auch Urk. 1 S. 9 f. Ziffer
18
).
Dies sei auch aus der anstandslosen Abwicklung des
Unfalles vom 30. Januar 2018
und den entsprechenden Unterlagen
ersichtlich (Urk. 1 S. 6
f.
, Urk. 24 S. 4 und S. 9
).
Beim Abschluss des Vertrages über die UVG-Versicherung habe zwischen den Beteiligten ein vollkommener Konsens über sämtliche
Essentialia
der Verträge bestanden, auch über die Prämienhöhe (Urk. 1
S. 7). Dass die Beschwerdegegnerin allenfalls eine höhere Prämie hätte verlangen können oder sogar hätte müssen und allenfalls andere Formulare hätten verwendet werden müssen, ändere nichts daran, dass ein gültiger Konsens zustande gekommen sei (Urk. 1 S. 8
f.
).
Wenn man
B._
vorwerfen wollte, er hätte sich bewusst sein müssen, dass es sich bei einer Einzelfirma gar nicht um eine juristische Person handle, weshalb ein anderer Tarif hätte verrechnet werden müssen, so könne man diesen Vorwurf ebenso gut auch der
Beschwerdegegnerin
machen (Urk. 1 S. 11).
Auch die definitive
n
P
rämienabrechnungen vom 10.
Oktober 2019 belegten klar, dass die verantwortlichen Personen bei der Allianz von allem Anfang
an
davon ausgingen, dass nur und einzig
Z._
ver
sichert sein sollte (Urk. 24 S.
3). Auch die Unterlagen zum Schadensereign
is vom 30. Januar 2018 belegten
, dass der Vertrag nun auf
Z._
als Einzelperson lautete und auch sein Unfallrisiko als Einzelperson weiterhin versichert sein sollte. Durch diese Korres
pondenz sei
Z._
im Vertrauen bekräftigt worden, dass seine Perso
n bestens versichert sei (Urk. 24
S. 4).
4.
4.1
Strittig
und zu prüfen ist
, ob
Z._
im Unfallzeitpunkt vom 19. Dezember 2018 du
rch den Versicherungsvertrag mit der
Police-Nr.
...
(mit)
versichert war
.
Für diese Prüfung ist v
orab der wirkliche Wille der Parteien bei Abgabe der
Vertragsa
bschluss
- oder Vertragsänderungs
e
rklärungen
zu ermitteln.
Dabei zu
berücksichtigen sind neben dem Wortlaut
die gesamten Umstände,
etwa auch die Entstehungsgeschichte des Vertrages sowie
das
Verhalten der Parteien vor und nach Vertragsabschluss
(Wiegand, a.a.O., Art. 18
R
z
10, vgl. auch
Rz
9,
Rz
12 und
Rz
18 ff., S. 157 ff.
; vgl. E. 2.5
)
.
Gestützt rein auf den Wortlaut des Vertrages war
Z._
als
Selb
ständigerwerbender
durch die obligatorische Versicherung für
Arbeitnehmer nicht versichert (Urk. 11/1008 S. 3 f.).
4.2
4.2.1
Z._
verfügte
als Arbeitnehmer der
A._
AG
seit dem 13. Mai 2015
über eine UVG-
Versicherungsdeckung bei der Beschwerdegegnerin (Urk. 11/1001 bis 11/1003). In der
Offertanfrage
der
A._
AG
vom 15. Januar 2015 war
er als
einzige
versicherte Person
und dies
mit den Initialen
,
dem Geburtsdatum sowie dem zu versichernden
Jahresl
ohn von Fr. 120'000.--
aufgeführt
worden
(Urk.
11/1001). Die
provisorische Prämienberechnung richtete
sich
nach diesem Lohn
ansatz (Urk. 11/1003). Gleichzeitig waren auch
Offertanfragen
für eine Kollektiv
krankentaggeld
-
sowie eine Unfallzusatzver
sicherung gestellt worden (Urk.
11/
1001
)
.
Sowohl die
A._
AG als auch die Einzelfirma
D
._
Consul
ting handelten durch
Z._
, welcher für die
Vertrags
verhandlungen
B._
von der
C._
Consulting AG mandatierte (vgl.
Urk. 11/1001,
Urk. 20, Urk. 25/5).
Mit
erwähnten
E-Mail-Schreiben vom 12. Februar 2018
(Urk. 11/15) wurde der Beschwerdegegnerin
mit
geteilt
, dass die
A._
AG per 1. Januar 2018 in eine Holding umgewandelt worden und
Z._
nun über die
D
._
Consulting angestellt sei und dass alle Verträge bei im Übrigen unveränderten Umständen
(Lohnsummen, Firmenzweck und Person)
auf die Firma
D
._
Consulting umzuschreiben seien (Urk. 11/15).
Damit waren
E._
, an welchen das E-Mail-Schreiben gerichtet war,
und die weiteren
betei
ligten
Mitarbeiter
der Beschwerdegegnerin bei der
Vorbereitung der Änderungs
offerte vom 13. Februar 2018 (Urk. 11/1007) darüber in Kenntnis
, dass es wie bereits vorher weiterhin einzig um die Versicherung von
Z._
ging. Dies ergibt sich aus der
ausdrücklichen
Bezugnahme auf
Z._
und auch daraus, dass
im E-Mail-Schreiben festgehalten wurde,
auch die P
erson
des zu
V
ersicher
nden bleibe sich gleich. Dieses Wissen ihres eigenen Mitarbeiters
beziehungsweise ihrer eigenen Mitarbeiter m
uss sich die Beschwerdegegnerin anrechnen lassen
.
Dies folgt aus dem Grundsatz der Wissenszurechnung, wonach eine juristische Person über rechtlich relevante Kenntnis eines Sachverhaltes verfügt, wenn das betreffende Wissen innerhalb ihrer Organisation objektiv abrufbar ist
(
Urteil des Bundesgerichts
5C.
104/2001 vom 21. August 2001 E.
4c/
bb
;
Honsell
, in Basler Kommentar zum ZGB I,
6.
Auflage, Basel 2018
, Art.
3
Rz
49, S. 92
f.
)
.
E
s trifft damit nicht zu, dass das
«
Underwriting
»
über die Absich
ten von
Z._
nicht ausreichen
d in Kenntnis gewesen war (Urk. 2 S. 6 Ziffer
26, Urk. 9 S. 3 Ziffer 2).
4.2.2
Gemäss
der Rechtsprechung beurteilt sich die Zulässigkeit einer Rückwärts
versicherung nach Art. 9 VVG, welcher als Träger eines allgemeingültigen Grund
prinzips grundsätzlich und per
analogiam
Anwendung findet (Urteil des Bundes
gerichts 8C_293/2009 vom 23. Oktober 2009 E. 6.3). Nach Art. 9 VVG ist der
Versicherungsvertrag nichtig, wenn im Zeitpunkt des Abschlusses der Versiche
rung das befürchtete Ereignis schon eingetreten war.
In der von der Beschwerdegegnerin erstellten Änderungsofferte vom 13. Februar 2018 sowie in der Police vom 28. Februar 2018 wurde eine
Rüc
kdatierung der
Vertragsanpassung auf den 1.
Januar 2018
(Urk. 11/1007
,
Urk.
11/1008
)
vorge
sehen. Für
das Ereignis vom 30. J
anuar 2018 wurden
Heilbehandlungskosten
aus dem angepassten Vertrag erbracht
, wobei
neu
die
D
._
Consulting beziehungsweise die Einzelfirma
Z._
als Versicherungsnehmerin bezeichnet wurde
(Urk. 3/6, Urk. 17/1-26).
Dies widersprach
im Hinblick auf den Unfall vom 30. Januar 2018
nur dann nicht dem Rückversicherungsverbot, wenn
neben dem versicherten Risiko auch
die zu versichernde Person
mit der bisherigen identisch war
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_293/2009 vom 23. Oktober 2009 E. 6.3)
.
4.2.3
Im Versicherungsantrag betreffend die Kollektiv-Krankenversicherung wies
Z._
auf die Mitversicherung des Betriebsinhabers hin (Urk. 10/1 S. 3).
Er
war
im System der Beschwerdegegnerin als versicherte Person erfasst (Urk. 3/6 S. 2).
Für die definitive Prämienberechnung zog die Beschwerdegegnerin zudem die Lohndaten von
Z._
bei (vgl. Urk. 25/1-4)
.
Alle
weiteren
Umstände
rund um den
Vertragsabschluss
und danach
sprechen damit
für eine beidseitig
tatsächlich
gewollte Weiterversicherung von
Z._
als einzigem Versicherten
unter der
Police-Nr.
...
.
Die
in diesem Zusammenhang
beantragten
Beweisvorkehren, namentlich die
Zeugen
befragungen,
lassen insoweit
keine
anderen oder
zusätzlichen Erkenntnisse erwarten
,
weshalb davon abgesehen wird
(antizipierte Beweiswürdigung:
BGE
124 V 90 E.
4b:
vgl. Urk. 1 S. 3 ff.).
4.3
I
m Rahmen
der von ihr vorbereiteten Änderungsofferte
vom 13. Februar 2018
(Urk. 11/1007)
trug die Beschwerdegegnerin
dem Umstand nicht Rechnung, dass
Z._
nun nicht mehr durch eine juristische Person, die
A._
AG, angestellt, sondern
unter der
eigene
n
Einzelfirma
,
die
D
._
Consulting
,
selbständigerwerbend
war. Entsprechend
sah
sie
darin
eine
obligatorische
V
ersicherung
anstelle einer freiwilligen Versicherung nach Art. 135 Abs. 3 UVV
vor
. Festzuhalten ist, dass mangels eigener Angestellter eine Versicherung nach Art. 135 Abs. 1 UVV
mit
Z._
als Betriebsinhaber
nicht in Betracht fiel.
Es mag zutreffen, dass
der
Beschwerdegegnerin dieser
Fehler oder Irrtum
aufgrund der weiteren Ausführungen im E-Mail-Schreiben
vom 12. Februar 2018
(Urk. 11/15)
unterlaufen war. Aus den entsprechenden Ausführungen – «alle Verträge sind neu auf die Firma
D
._
Consulting umzuschreiben» - wird ersichtlich, dass
bereits
der
beauftragte
B._
sich
im glei
chen Punkt irrte
.
Dabei
ist aber festzuhalten, dass d
ie
Beschwerdegegnerin
im massgebenden Zeitpunkt über alle
I
nformationen für eine korrekte
Vorbereitung der Versicherungsofferte
verfügte
(vgl. E. 4.2.1)
,
zumal niemand Angestellter seiner eigenen Einzelfirma sein kann.
Weder bei der
Prüfung und
Unterzeichnung der Offerte noch der Annahme durch die Beschwerdegegnerin wurde der Fehler oder Irrtum durch die Parteien bemerkt.
Ebenso wenig im Zusammenhang mit den zusätzlichen Versicherungen und dies
,
obwohl sich auf beiden Seiten gleichermassen fachkundige Personen gegenüber
standen.
4.4
I
nsgesamt ergibt sich aus den geschilderten Umständen
mit überwiegender Wahr
scheinlichkeit
, dass b
eide Vertragsparteien
einen Versicherungsvertrag nach UVG
abschliessen beziehungsweise
fortführen
und dabei
weiterhin
einzig die Person von
Z._
versichern
wollten
.
D
a beide Parteien
sich
in diesem Zusam
menhang
über den Status von
Z._
als vermeintlich unselbständig erwerbend irrten, dementsprechend von
einer obligatorischen
Berufs-
und Nicht
berufsunfallv
ersicherung ausgingen
und sie dies im Vertrag auch so bezeich
neten
, und nicht von einer freiwilligen nach Art. 135 Abs. 3 UVV
,
liegt ein gemeinsames Missverständnis
im Sinne von Art.
18 Abs. 1 OR
vor (vgl. Wiegand, a.a.O., Art. 18
Rz
46 ff., S. 170 f.)
. Nach Art. 18 Abs. 1 OR ist jedoch nicht die unrichtige Bezeichnung massgeblich, sondern der übereinstimmende wirkliche Wille, welcher den Abschluss einer UVG-Versicherung für
Z._
bein
haltete.
Zu prüfen bleibt somit, ob der Versicherungsvertrag über die frei
willige Versiche
rung
-
um eine solche handelt es sich
unbestrittenerma
ssen beim
selbständig
erwerbend
gewesenen
Z._
-
,
gültig zustande gekommen ist
. Dies setzt eine
Einigung der Parteien über die wesentlichen Vertragspunkte sowie
die Einhaltung der Formvorschriften voraus
(vgl. Wiegand, a.a.O., Art. 18
Rz
47 in
fine
und
Rz
54, S. 170 ff.)
.
Da sowohl eine E
inigung, einen Vertrag nach UVG
abschliessen zu wollen
,
als auch über die
Höhe der
Prämien vorliegt, im Vertrag auch die in Art. 136 UVV genannten Punkte geregelt wurden
(vgl.
Fuhrer
, a.a.O., Art. 59
Rz
19, S. 710 f.)
und auch dem
Formerfordernis (vgl. E.
2.4) entsprochen
wurde, ist der Vertrag über die freiwillige Berufs- und Nichtberufs
unfallversicherung von
Z._
gültig zustande gekommen.
Ein Wi
llensmangel im Sinne von Art. 23 f. OR wegen der zu tief angesetzten Prämie wurde seitens der Beschwerdegegner
n sodann nicht geltend gemacht.
4.5
Damit kann offen
bleiben, ob und in welchem Vertragsverhältnis der vom verstorbenen
Z._
mandatierte
B._
zur Beschw
erde
gegnerin stand (vgl. Urk.
24 S. 4 ff.,
Urk. 30 S. 2 ff.)
,
sowie auch,
ob eine der beiden Parteien eine gröss
ere Verantwortung für das einget
retene Missver
ständnis trifft
. Ebenso offenbleiben kann, ob die Beschwerdegegnerin aus Vertrauensschutz leistungspflichtig geworden wäre (E. 2.6).
Die Beschwerde ist damit grundsätzlich gutzuheissen und die Beschwerde
gegnerin zu verpflichten, aus dem Versiche
rungsvertrag mit der Police-Nr.
...
die gesetzlichen Leistungen für das Ereignis vom 19. Dezember 2018 zu erbringen.
Was die beantragten Zinsen von 5 % ab dem 20. Dezember 2018 anbetrifft, ist festzuhalten, dass über eine Verzinsung der Leistungen nach Art. 26 ATSG bis anhin noch nicht entschieden wurde. Insoweit ist mangels Anfechtungsgegen
standes auf die Beschwerde nicht einzutreten.
5.
Bei diesem Verfahrensausgang hat die
beschwerdeführende
Partei Anspruch auf eine Prozessentschädigung, welche ermessensweise auf Fr.
3'500.--
festzusetzen ist
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer)
.