Decision ID: 86302a7e-9cf7-541a-adef-8ebf0d5c6756
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Februar 2011 zum Bezug von Hörgeräten (Hilfsmittel) bei
der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an. Sie gab an, sie sei Hausfrau und leide seit
2006 an einem Gehörschaden (IV-act. 1). Dr. med. B._, ORL FMH, berichtete am 7.
Juni 2011, bei der Versicherten lägen eine progrediente, hochgradige
Innenohrschwerhörigkeit beidseits sowie eine atrophe Narbe im linken Trommelfell vor
(IV-act. 10, vgl. auch den Schlussbericht vom 2. Mai 2012, IV-act. 15). Am 8. Mai 2012
erteilte die IV-Stelle eine Kostengutsprache für zwei Hörgeräte (Oticon Hit Pro RITE)
gemäss Indikationsstufe 2 im Betrag von Fr. 3'045.60 (IV-act. 17).
A.a.
Im November 2017 meldete sich die Versicherte erneut zum Bezug von
Hörgeräten an. Sie gab einen hochgradigen Hörverlust an und machte einen Härtefall
geltend (IV-act. 19). Im Bericht über die Hörgeräteanpassung vom 12. Januar 2018
wurde festgehalten, dass sich das Gehör der Versicherten massiv verschlechtert habe,
sodass von einem hochgradigen bzw. von einem an Taubheit grenzenden Hörverlust
gesprochen werden müsse. Im Sommer 2016 habe sich herausgestellt, dass die
Hörgeräteversorgung nicht mehr ausreichend gewesen sei, weil sich die Hörleistung
der Versicherten in den letzten Jahren massiv verschlechtert habe. Zudem habe die
Versicherte über die letzten Jahre eine stark ausgeprägte Lärmempfindlichkeit
entwickelt, die sich auch durch Schmerzen im Kopf und Halsbereich geäussert habe.
Die Hörgeräteanpassung sei bei der Versicherten in sämtlichen Punkten von einer
Standardanpassung abgewichen. Der Zeitaufwand sei enorm gewesen. Die
Hörgeräteeinstellung habe fast wöchentlich angepasst werden müssen, da sich das
Hörempfinden der Versicherten geändert habe. Die Gewöhnung an die Geräusche sei
ein sehr langer und teils schwerer Prozess gewesen (IV-act. 21).
A.b.
Dr. C._ berichtete im Rahmen der ärztlichen Erstexpertise vom 18. Januar 2018,
dass der Gesamthörverlust 99.8% betrage. Der Unterschied des Hörverlustes nach
A.c.
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CPT-AMA zwischen rechts und links betrage weniger als 30%, der Unterschied des
Diskriminationsverlustes im Sprachtest in Ruhe zwischen rechts und links betrage
weniger als 50% und der Unterschied der Sprachhörschwelle zwischen links und
rechts betrage weniger als 50dB. Die Voraussetzungen für eine binaurale Versorgung
seien gegeben. Zusätzliche Erschwernisse (wie z.B. eine relevante Sehbehinderung)
oder audiologische Erschwernisse für die Hörgeräteanpassung lägen nicht vor (IV-act.
22). Am 31. Januar 2018 erteilte die IV-Stelle der Versicherten eine Gutsprache für eine
binaurale Hörgerätepauschale (im Betrag von Fr. 1'650.--; IV-act. 23).
Im Rahmen der Prüfung der Härtefallregelung forderte die IV-Stelle die Versicherte
auf, ein Tragejournal auszufüllen (vgl. IV-act. 24, 26 f.). In diesem Journal gab die
Versicherte in der Folge an, dass ihr bei ihrer Tätigkeit als Hausfrau alle Arbeiten,
insbesondere aber das Kochen, schwerfielen, da die Geräusche der Küchenutensilien
sehr schmerzhaft seien. Auch das Einkaufen falle ihr schwer, da es ihr unangenehm sei,
wenn sie die Kassiererin nicht verstehe oder wenn sie im Weg stehe und es nicht
merke. Die Kommunikation in der Familie sei mittlerweile sehr eingeschränkt und es
gebe oft Missverständnisse. Sie habe vier Kinder, weshalb es in der Wohnung meistens
sehr laut sei. Sie habe sehr viele verschiedene neue Hörgeräte ausprobiert und diese
jeweils auch lange genug getestet. Schliesslich habe sie dann die aktuellen Hörgeräte
ausprobiert und diese seien um Einiges besser gewesen als die anderen. Sie habe
bewusst versucht, günstigere Hörgeräte zu nehmen, aber deren Nutzen sei sehr gering
gewesen. Sie benötige Hörgeräte aus jener Preisklasse, zu der ihre jetzigen Hörgeräte
gehörten (IV-act. 28).
A.d.
Am 21. Juni 2018 kündigte die IV-Stelle der Versicherten die Abweisung des
Begehrens um eine Hörgeräteversorgung im Härtefall an. Sie hielt sinngemäss fest, die
Mehrkosten für eine Hörgeräteversorgung nach Art. 5.07.2* HVI (Verordnung über die
Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung) könnten nur in Betracht
gezogen werden, wenn diese Hörgeräteversorgung für eine Erwerbstätigkeit notwendig
sei. Da die Versicherte keiner Erwerbstätigkeit nachgehe, erfülle sie die
Anspruchsvoraussetzungen nicht. Die Bewältigung des Haushaltes sei mit einer
einfachen respektive auch ohne eine Hörgeräteversorgung uneingeschränkt möglich
(IV-act. 30). Dagegen wandte die Versicherte am 15. August 2018 ein, dass die Rz
2053* KHMI (Kreisschreiben über die Abgabe von Hilfsmittel durch die
A.e.
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B.
Invalidenversicherung) betreffend die Härtefallregelung auch für Tätigkeiten im
Aufgabenbereich, also z.B. in der Haushaltführung, zur Anwendung komme. Da sie
nicht in der Lage sei, ihre Umwelt ohne die [notwendige] Hörgeräteversorgung zu
verstehen, benötige sie diese auch für die Tätigkeit in der Haushaltführung.
Unabhängig davon wäre es ihr ohne die notwendige Hörgeräteversorgung auch nicht
möglich, sich um eine Stelle zu bewerben und damit einer Erwerbstätigkeit
nachzugehen (IV-act. 31).
Mit Verfügung vom 12. September 2018 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren
ab. Zum Einwand der Versicherten führte sie aus, der Aufgabenbereich bzw. die
Haushaltführung könne, wie bereits im Vorbescheid erwähnt, auch mit einer einfachen
respektive ohne eine Hörgeräteversorgung uneingeschränkt erledigt werden. Die
Invalidenversicherung übernehme einfache und zweckmässige Hilfsmittel. Die
Mehrkosten der Hörgeräteversorgung könnten deshalb nicht übernommen werden.
Sollte die Versicherte zwischenzeitlich doch noch einer Erwerbstätigkeit nachgehen
und/oder nachweislich die Stellensuche belegen können, könne der Anspruch erneut
geprüft werden (IV-act. 32). Der Hörgeräteakustiker hielt am 12. Oktober 2018 fest, die
aktuelle Hörgeräteversorgung sei nicht nur der Hörsituation gut angepasst, sondern
auch für die Tätigkeit im Haushalt notwendig (IV-act. 37).
A.f.
Gegen die Abweisungsverfügung vom 12. September 2018 erhob die Versicherte
am 12. Oktober 2018 Beschwerde. Sie stellte den Antrag, die Verfügung sei
aufzuheben und ihr Gesuch vom 27. November 2017 sei gutzuheissen. Zur
Begründung machte sie im Wesentlichen geltend, die Beschwerdegegnerin habe das
Gesuch ohne nähere Abklärung der konkreten Hörsituation abgewiesen. Sie habe sich
nicht dazu geäussert, inwiefern der Hörverlust für die Haushaltführung relevant sei.
Vielmehr sei sie davon ausgegangen, dass der Hörverlust für die Haushaltführung
generell irrelevant sei. Angemessen wäre es gewesen, wenn unter Beizug
fachmännischer Hilfe abgewogen worden wäre, ob die Hörgeräteversorgung
notwendig sei. Sie wohne mit ihrem Ehemann in einer mittelgrossen Wohnung und ihre
vier Kinder seien am Wochenende zu Hause. Tagsüber sei sie alleine zu Hause und
erledige alle Haushaltarbeiten. Die aktuelle Hörgeräteversorgung sei absolut
B.a.
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unerlässlich, da es in der Bewältigung des Haushaltes zahlreiche Situationen gebe, in
denen das Hören notwendig sei, wenn man sich das Hören gewöhnt sei. Ohne das
aktuelle Hörgerät könne sie weder die Hausklingel noch das Telefon hören und die
Kommunikation mit der Aussenwelt und der Familie sei erheblich eingeschränkt. In
formeller Hinsicht machte die Beschwerdeführerin geltend, die rechtliche Grundlage
(Art. 5.07.2* HVI) sei ihr nicht als Beilage mitgeschickt worden (act. G 1).
Im Oktober 2018 ersuchte die Beschwerdeführerin um die unentgeltliche
Rechtspflege (vgl. act. G 3).
B.b.
Der Fachbereich nahm am 19. November 2018 intern zur Beschwerde Stellung.
Die zuständige Sachbearbeiterin hielt fest, eine Kostenübernahme für ein Hilfsmittel bei
der Tätigkeit im Aufgabenbereich komme nur in Frage, wenn dadurch die
Arbeitsfähigkeit um in der Regel 10% gesteigert werden könne. Die meisten
Haushalttätigkeiten könnten auch ohne gutes Hörvermögen ausgeführt werden. Die
Notwendigkeit einer Hörgeräteversorgung sei höchstens für die "Pflege und Betreuung
von Kindern und/oder Angehörigen" vorstellbar. Da sich jedoch alle Kinder der
Beschwerdeführerin im Studium befänden, sei eine 10%ige Leistungssteigerung dank
leistungsfähigeren Hörgeräten nicht vorstellbar. Deshalb seien keine weiteren
Abklärungen betreffend die Tätigkeit im Aufgabenbereich in die Wege geleitet worden.
Auf die subjektiv wahrgenommenen Einschränkungen der Beschwerdeführerin könne
leider kaum Rücksicht genommen werden. Schliesslich sei darauf hinzuweisen, dass
gemäss der Rz 2052* KHMI nur ein Anspruch auf eine einfache und zweckmässige
Versorgung und nicht auf die bestmögliche Versorgung bestehe (IV-act. 38).
B.c.
Am 6. Dezember 2018 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde; sie verwies zur Begründung auf die Stellungnahme des Fachbereichs
(act. G 6).
B.d.
Am 11. Dezember 2018 bewilligte das Gericht die unentgeltliche Rechtspflege
(Befreiung von den Gerichtskosten) für das hängige Beschwerdeverfahren (act. G 7).
B.e.
In ihrer Replik vom 28. Januar 2019 brachte die Beschwerdeführerin im
Wesentlichen nochmals das bereits in der Beschwerde Dargelegte vor (act. G 10).
B.f.
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Erwägungen
1.
2.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf die Einreichung einer Duplik (vgl. act.
G 12).
B.g.
Am 31. Januar 2018 hat die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin eine
Gutsprache für eine binaurale Hörgerätepauschale (im Betrag von Fr. 1'650.--) erteilt
(IV-act. 23). Die von der Beschwerdeführerin beantragte Übernahme der Mehrkosten
der Hörgeräteversorgung im Sinne der Härtefallregelung hat die Beschwerdegegnerin
mit einer Verfügung vom 12. September 2018 abgewiesen (IV-act. 32). Streitig und
vorliegend zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin das "Härtefallgesuch" der
Beschwerdeführerin zu Recht abgelehnt hat.
1.1.
Die Beschwerdeführerin hat in der Beschwerde vom 12. Oktober 2018 geltend
gemacht, dass sie die einschlägige rechtliche Grundlage (Art. 5.07.2* HVI) nicht als
Beilage zur Verfügung mitgeschickt habe. Damit hat die Beschwerdeführerin eine
Verletzung der Begründungspflicht nach Art. 49 Abs. 3 ATSG – als Teil des Anspruchs
auf rechtliches Gehör gemäss Art. 42 ATSG – gerügt. Tatsächlich hat es die
Beschwerdeführerin versäumt, der angefochtenen Verfügung die genannte
Verordnungsbestimmung beizulegen. Zwar enthält die leistungsabweisende Verfügung
einen Auszug aus den einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen; die massgebliche
Norm der "Härtefallregelung Hörgeräteversorgung" gemäss Ziff. 5.07.2* HVI fehlt
jedoch. Damit hat die Beschwerdegegnerin die Begründungspflicht verletzt. Dieser
formelle Mangel wäre mit der Aufhebung der angefochtenen Verfügung und der
Rückweisung der Sache an die Beschwerdegegnerin zur Gehörsgewährung und
anschliessenden neuen Verfügung zu beheben. Allerdings hat die Beschwerdeführerin
keinen entsprechenden Beschwerdeantrag gestellt. Die Anträge der
Beschwerdeführerin im Beschwerdeverfahren sind vielmehr so zu interpretieren, dass
sie auf die Rückweisung der Sache aus formellen Gründen verzichtet und die
Beurteilung ihres Leistungsbegehrens vorzieht. Rechtsprechungsgemäss muss die
Verfahrensrechtswidrigkeit angesichts der von der Beschwerdeführerin bevorzugten
Verfahrensbeschleunigung ignoriert werden.
1.2.
Gemäss Art. 21 Abs. 1 Satz 1 IVG hat eine versicherte Person im Rahmen einer
vom Bundesrat aufzustellenden Liste einen Anspruch auf jene Hilfsmittel, die sie für die
2.1.
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Ausübung einer Erwerbstätigkeit oder einer Tätigkeit im Aufgabenbereich, zur
Erhaltung oder Verbesserung der Erwerbsfähigkeit, für die Schulung, für die Aus- und
Weiterbildung oder zum Zweck der funktionellen Angewöhnung bedarf. Der Anspruch
auf ein Hilfsmittel gestützt auf Art. 21 Abs. 1 IVG setzt demnach die erwerbliche
Eingliederungswirksamkeit desselben voraus. In der entsprechenden Verordnung des
Eidgenössischen Departements des Innern über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die
Invalidenversicherung sind die entsprechenden Hilfsmittel mit einem (*) gekennzeichnet
(vgl. Art. 2 Abs. 2 HVI i.V.m. Art. 14 IVV).
Während der Anspruch auf den Pauschalbeitrag an ein Hörgerät gemäss Ziff. 5.07
Anhang HVI keine erwerbliche Eingliederungswirksamkeit voraussetzt, ist die
Härtefallregelung der Hörgeräteversorgung gemäss Ziff. 5.07.2* Anhang HVI mit einem
(*) gekennzeichnet. Ein Anspruch auf eine über die Pauschale hinausgehende
Vergütung der Hörgeräteversorgung besteht also nur, wenn dadurch ein wesentlicher
erwerblicher Eingliederungserfolg erzielt werden kann. Für einen sich auf Ziff. 5.07.2*
Anhang HVI stützenden Anspruch ist massgebend, ob die versicherte Person für die
Ausübung ihrer Erwerbstätigkeit oder der Tätigkeit im Aufgabenbereich, zur Erhaltung
oder Verbesserung ihrer Erwerbsfähigkeit, für die Schulung, für die Aus- und
Weiterbildung oder zum Zweck der funktionellen Angewöhnung auf ein teureres
Hörgerät angewiesen ist. Diese Frage kann nicht unabhängig von der erwerblichen
Situation respektive im Falle der Beschwerdeführerin von den Verhältnissen und
Anforderungen des konkreten Aufgabenbereichs, d.h. im eigenen Haushalt,
beantwortet werden.
2.2.
Ob die in Ziff. 5.07 Anhang HVI festgelegte Pauschale ausreichend ist oder ob ein
Härtefall i.S.v. Ziff. 5.07.2* Anhang HVI vorliegt, lässt sich nur anhand der Umstände
des konkreten Einzelfalls beantworten. Damit ist es zwingend erforderlich, den für den
Anspruch auf die Übernahme der Mehrkosten der Hörgeräteversorgung gemäss der
Härtefallregelung massgebenden Sachverhalt umfassend und sorgfältig zu ermitteln.
2.3.
2.4.
Die Beschwerdegegnerin hat die vorgesehene Abweisung des
Leistungsbegehrens im Vorbescheid vom 21. Juni 2018 noch hauptsächlich damit
begründet, dass die Beschwerdeführerin keiner Erwerbstätigkeit nachgehe (IV-act. 30),
was den zitierten gesetzlichen Bestimmungen nicht standhält. Für einen allfälligen
Anspruch auf eine Hörgeräteversorgung ist nicht ausschlaggebend, ob die versicherte
Person eine Erwerbstätigkeit ausübt oder im Aufgabenbereich tätig ist (vgl.
vorstehende E. 2.1 f.). In der Verfügung vom 12. September 2018 hat die
2.4.1.
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Beschwerdegegnerin ihre Begründung angepasst und das Leistungsbegehren
abgewiesen, weil "der Aufgabenbereich bzw. die Haushaltführung auch mit einer
einfachen respektive ohne Hörgeräteversorgung uneingeschränkt erledigt werden"
könne (IV-act. 36). Die Beschwerdegegnerin hat allerdings keinerlei Abklärungen
getätigt. Sie hat sich vielmehr damit begnügt, im Rahmen des Beschwerdeverfahrens
eine Stellungnahme des Fachbereichs einzuholen. Dieser hat seinerseits die
Möglichkeit einer Leistungssteigerung dank eines besseren Hörvermögens zum
Vornherein verneint und weitere Abklärungen gar als "nicht zielführend" (IV-act. 38)
erachtet. Dabei hat sich die zuständige Sachbearbeiterin auf Rz 1021 KHMI gestützt,
wonach Hilfsmittel für die Tätigkeit im Aufgabenbereich nur abgegeben werden
können, wenn die Arbeitsfähigkeit in der Regel um 10% (gemäss der
Haushaltsabklärung) gesteigert werden könne. Eine solche Haushaltabklärung hat aber
nicht stattgefunden. Die Beschwerdegegnerin hat somit weder abgeklärt, welche
Aufgaben die Beschwerdeführerin im Haushalt konkret zu erledigen hat, noch welche
konkreten Anforderungen diese Aufgaben an das Hörvermögen der
Beschwerdeführerin stellen. Ohne diese Abklärung ist eine Beantwortung der Frage, ob
und bejahendenfalls inwieweit die Beschwerdeführerin bei der Erledigung dieser
Aufgaben mit den teureren Hörgeräten leistungsfähiger wäre als mit der derzeitigen
Hörgeräteversorgung, überhaupt nicht möglich. Die Aussage, dass eine
Leistungssteigerung dank teureren Hörgeräten "nicht vorstellbar" sei, genügt nicht. Ein
Abstellen auf fachliche Erfahrungswerte, wie es die Beschwerdegegnerin offenbar
getan hat, kann die Abklärung an Ort und Stelle nicht ersetzen. Wie der Fachbereich im
Übrigen selbst dargelegt hat, sind bei der Härtefallregelung gemäss Ziff. 5.07.2*
Anhang HVI die Kriterien der Erwerbstätigkeit bzw. der Tätigkeit im Aufgabenbereich
heranzuziehen. Bezüglich der Abklärung einer allfälligen Einschränkung im
Aufgabenbereich Haushalt kann dabei nichts anderes gelten als bezüglich der
Abklärung die Erwerbssituation bei Erwerbstätigen. Abzuklären ist folglich, ob eine
teurere Hörgeräteversorgung der Beschwerdeführerin eine spürbare
Leistungssteigerung bei der Besorgung ihres Haushaltes ermöglicht bzw. ob die
Beschwerdeführerin mit den teureren Hörgeräten erheblich leistungsfähiger ist als mit
der pauschalen Hörgeräteversorgung. Mit dem Unterlassen dieser zwingend
notwendigen Abklärung hat die Beschwerdegegnerin ihre Untersuchungspflicht (Art. 43
Abs. 1 ATSG) verletzt.
Sollte die Beschwerdegegnerin nach der Durchführung der genannten Abklärung
zum Schluss kommen, dass nachweislich keine Leistungssteigerung im Haushalt
erreicht wird, hat sie in einem weiteren Schritt zu prüfen, ob bei der
2.4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
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3.
Beschwerdeführerin allenfalls ein derart spezieller Hörschaden vorliegt, dass er mit
einer durchschnittlichen, pauschal abgegoltenen Hörgeräteversorgung gar nicht
adäquat bzw. einfach und zweckmässig (Rz 2052 KHMI) behandelt werden kann,
respektive ob das Hörvermögen der Beschwerdeführerin mit einer durchschnittlichen
Hörgeräteversorgung überhaupt auf das von der Pauschale gedeckte
Durchschnittsniveau gehoben werden kann.
Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass das Argument der
Schadenminderungspflicht, das vom Fachbereich der Beschwerdegegnerin im Rahmen
der Leistungsverweigerung ebenfalls herangezogen worden ist, darauf abzielt, einen
über eine pauschale Hörgeräteversorgung hinausgehenden Anspruch zum Vornherein
auszuschliessen. Wenn nämlich die Familienangehörigen die Erledigung des
Haushaltes für die versicherte Person übernehmen, hat diese gar keinen
Aufgabenbereich mehr und ist dementsprechend in ihrer Arbeitsfähigkeit nicht
eingeschränkt. Diesbezüglich ist anzumerken, dass es eine solche
Schadenminderungspflicht von Familienangehörigen entgegen der konstanten
Bundesgerichtspraxis nicht gibt. Die Invalidität besteht in der behinderungsbedingten
Einbusse an persönlicher Leistungsfähigkeit der versicherten Person und nicht etwa in
der Fähigkeit der versicherten Person plus ihrer Familie als Einheit bzw. "Team", den
Haushalt zu erledigen. Die Einschränkung im Haushalt ist deshalb unabhängig von der
Verfügbarkeit bzw. von der blossen Existenz von Familienangehörigen zu bemessen
(vgl. dazu statt vieler den Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen
vom 14. September 2018, IV 2016/247, E. 3.1).
2.5.
Zusammenfassend beruht die angefochtene Verfügung auf einem ungenügend
abgeklärten Sachverhalt und ist deshalb rechtswidrig. Sie ist aufzuheben und die
Sache ist zur weiteren Abklärung an die Beschwerdegegnerin und zur anschliessenden
neuen Verfügung zurückzuweisen. Diese wird umfassende Abklärungen zur
Beantwortung der Frage tätigen, ob der Beschwerdeführerin die Besorgung ihres
Haushaltes mit der pauschalen Hörgeräteversorgung möglich ist, oder ob sie auf eine
teurere Hörgeräteversorgung, die eine Vergütung der Kosten gemäss der Ziff. 5.07.2*
Anhang HVI rechtfertigt, angewiesen ist.
2.6.
In teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung vom
12. September 2018 aufzuheben und die Sache ist zur Durchführung weiterer
Abklärungen und zur anschliessenden neuen Verfügung im Sinne der Erwägungen an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.1.
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