Decision ID: 6b07a782-2c9d-43ec-93d3-bd12c766e36a
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) meldete sich am 15. Februar 2017 aufgrund von
Nacken- und Rückenschmerzen bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons St.
Gallen, IV Stelle, zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an. Seit 2011
war die Versicherte gemäss Auszug aus dem individuellen Konto nicht mehr
erwerbstätig (IV-act. 4, 9). Mit Mitteilung vom 1. März 2017 wurde ein Anspruch auf
berufliche Eingliederungsmassnahmen verneint, da die Versicherte als Hausfrau tätig
sei, und die Prüfung des Rentenanspruchs in Aussicht gestellt (IV-act. 12).
A.a.
Am 2. Juli 2017 reichte die Versicherte den Fragebogen zur Rentenabklärung
betreffend Erwerbstätigkeit/Haushalt ein, wo sie angab, dass sie als Gesunde in einem
100 %-Pensum arbeiten würde (IV-act. 19).
A.b.
Nachdem die Arbeitsfähigkeit der Versicherten trotz Einholung mehrerer
Arztberichte (vgl. IV-act. 7, 21, 29, 30, 46, 54, 61) nicht festgelegt werden konnte,
wurde eine bidisziplinäre (orthopädisch-psychiatrische) medizinische Untersuchung als
notwendig erachtet (IV-act. 62, 63).
A.c.
Mit bidisziplinärem Gutachten vom 21. September 2019 wurde durch
Dr. med. B._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, sowie Dr. med. C._,
Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparats, die
folgenden Diagnosen mit und ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gestellt:
Cervicovertebrogenes Syndrom (ICD-10 M54.82) bei degenerativen Veränderungen der
mittleren und unteren HWS ossärer (ICD-10 M47.82) und diskogener (Diskushernie auf
Höhe C6/C7 links; ICD-10 M50.2) Art, Lumbovertebrogenes Syndrom (ICD-10 M 54.86)
bei degenerativen Veränderungen der mittleren und unteren LWS ossärer (M47.86) und
diskogener (Diskushernie auf Höhe L4/L5 links; ICD-10 51.2) Art, Hallux valgus
beidseits (ICD-10 M20.1), Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte
A.d.
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Episode (ICD-10 F33.0), Chronische Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren (ICD-10 F.45.4), Schädlicher Gebrauch von Benzodiazepinen
(ICD-10 F13.1). Die Begutachtenden attestierten der Versicherten eine Arbeitsfähigkeit
von 70 % in der bisherigen Tätigkeit als Raumpflegerin, in adaptierter Tätigkeit eine
solche von 80 % (IV-act. 67-6 ff.).
Der Regionale Ärztliche Dienst der IV (RAD) hielt am 27. September 2019 fest,
dass aus versicherungsmedizinischer Sicht auf das bidisziplinäre Gutachten abgestellt
werden könne (IV-act. 68).
A.e.
Mit Vorbescheid vom 9. Oktober 2019 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung ihres Rentenbegehrens in Aussicht. Mit Schreiben vom 1. November 2019
(Datum Posteingang) erhob die Versicherte Einwand und verlangte sinngemäss die
Berücksichtigung weiterer medizinischer Berichte (IV-act. 72). In der Folge gab sie
einen Sprechstundenbericht der Klinik für Neurochirurgie, Kantonsspital St. Gallen,
vom 13. Februar 2020 (IV-act. 79-2 ff.), einen Arztbericht von Dr. med. D._, Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 31. Januar 2020 (IV-act. 79-5 ff.), eine
"Arbeitsunfähigkeitsbeurteilung" von Dr. med. E._, Facharzt für Allgemeine Innere
Medizin, vom 5. März 2020 (IV-act. 87) sowie einen Verlaufsbericht von Dr. med. F._,
Facharzt für Neurochirurgie, vom 22. April 2020 (IV-act. 89) zu den Akten.
A.f.
Am 23. Juni 2020 bestätigte der RAD, dass auch nach Berücksichtigung der
zusätzlichen medizinischen Berichte weiterhin auf das bidisziplinäre Gutachten
abgestellt werden könne (IV-act. 91).
A.g.
Die Versicherte liess am 21. August 2020, neu vertreten durch Fürsprecher M.
Büchel, eine Stellungnahme einreichen (IV-act. 98). Der RAD hielt daraufhin am
29. Januar 2021 erneut fest, dass das bidisziplinäre Gutachten aus
versicherungsmedizinischer Sicht plausibel und nachvollziehbar sei (IV-act. 100).
A.h.
Mit Verfügung vom 29. Januar 2021 bestätigte die IV-Stelle ihren Entscheid und
wies das Leistungsbegehren der Versicherten ab (IV-act. 101).
A.i.
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B.
Gegen diese Verfügung lässt A._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 1. März
2021 Beschwerde erheben. Sie beantragt, die Verfügung sei aufzuheben. Es sei ihr
mindestens eine halbe IV-Rente bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
zuzusprechen. Eventualiter sei ein gerichtliches polydisziplinäres Gutachten
(psychiatrisch, orthopädisch und Innere Medizin) in Auftrag zu geben. Ausserdem sei
der Beschwerdeführerin für das Beschwerdeverfahren die unentgeltliche Rechtspflege
(Befreiung von Gerichtskosten, Befreiung von Vorschuss- und Sicherheitsleistungen,
Befreiung von allfälligen Gutachterkosten sowie Bestellung von Fürsprecher M. Büchel
als unentgeltlicher Rechtsbeistand) zu erteilen, alles unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen zu Lasten der IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin). Die
Beschwerdeführerin führt im Wesentlichen aus, dass ihr von Dr. F._ zunächst eine
Arbeitsunfähigkeit von 100 %, anschliessend eine solche von weiterhin 100 % in
angestammter und höchstens 50 % in adaptierter Tätigkeit attestiert worden sei.
Schliesslich habe er ihr eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % in angestammter und 60 %
in adaptierter Tätigkeit attestiert. Auch Dr. E._ attestiere nach wie vor eine
Arbeitsunfähigkeit von 100 %, wobei er eine wechselbelastende Tätigkeit von 2-3
Stunden pro Tag, eventuell steigerbar, für zumutbar erachte. Der mit dem
orthopädischen Gutachten beauftragte Dr. C._ habe nicht begründet, weshalb er von
einer weit höheren Arbeitsfähigkeit ausgehe, und sich nicht mit der Beurteilung von
Dr. F._ auseinandergesetzt, weshalb auf seine Beurteilung nicht abgestellt werden
könne. Ausserdem sei der medizinische Sachverhalt ungenügend und unvollständig
abgeklärt worden, weshalb ein multidisziplinäres MEDAS-Gutachten nötig sei.
Insbesondere sei eine neurologische Beurteilung nachzuholen (act. G 1).
B.a.
Mit Beschwerdeantwort vom 7. Mai 2021 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt sie im Wesentlichen aus, dass die
eingereichten ärztlichen Berichte keine ausreichende Grundlage für eine direkte
Leistungszusprache bilden würden. Ausserdem habe sich Dr. C._ im bidisziplinären
Gutachten ausführlich mit den medizinischen Berichten der behandelnden Ärzte
auseinandergesetzt und seine Meinung entsprechend begründet. Die nach dem
genannten Gutachten eingegangenen medizinischen Berichte hätten sodann keine
nicht bereits berücksichtigten objektiven Tatsachen enthalten, so dass der
B.b.
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Erwägungen
1.
medizinische Sachverhalt vollständig erstellt und dem bidisziplinären Gutachten
entsprechend volle Beweiskraft zuzuerkennen sei. Ebenso sei im Umstand, dass keine
neurochirurgische Untersuchung vorgenommen worden sei, keine Verletzung der
Abklärungspflicht zu erblicken. Es sei deshalb vollständig auf das bidisziplinäre
Gutachten abzustellen (act. G 3).
Mit Schreiben vom 12. Mai 2021 teilt das Gericht der Beschwerdeführerin mit,
dass dem Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege (Befreiung von den
Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung)
entsprochen werde (act. G 4).
B.c.
Mit Replik vom 11. Juni 2021 hält die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen fest.
Sie führt ergänzend aus, dass von einer polydisziplinären Begutachtung nur dann
zugunsten einer (bloss) bidisziplinären Untersuchung abgesehen werden könne, wenn
die medizinische Situation offenkundig ausschliesslich nur ein oder zwei Fachgebiete
beschlage, was vorliegend nicht der Fall sei. Entweder sei die Angelegenheit somit an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese eine polydisziplinäre
Begutachtung veranlasse, oder es sei ein gerichtliches polydisziplinäres Gutachten
einzuholen (act. G 6).
B.d.
Mit Schreiben vom 24. Juni 2021 verzichtet die Beschwerdegegnerin auf eine
Duplik (act. G 8).
B.e.
Am 1. Januar 2022 sind mit der Revision zur Weiterentwicklung der
Invalidenversicherung verschiedene Änderungen des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) in Kraft getreten. Weil in zeitlicher Hinsicht
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei der Erfüllung des zu
Rechtsfolgen führenden Tatbestands Geltung haben, und weil ferner das
Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles grundsätzlich auf den bis
zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung (hier: 29. Januar 2021)
eingetretenen Sachverhalt abstellt, sind im vorliegenden Fall die bis zum 31. Dezember
2021 gültig gewesenen materiellen Bestimmungen anwendbar (vgl. BGE 132 V 215 E.
3.1.1 mit Hinweisen). Sie werden im Folgenden denn auch in dieser Fassung zitiert.
1.1.
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Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern
können (lit. a); während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40 % im Sinne von Art. 8 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) invalid sind (lit. c).
1.2.
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer
Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen
Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor,
wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe der
medizinischen Fachpersonen ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich
des Beweiswerts eines medizinischen Berichts ist entscheidend, ob er für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind
(BGE 125 V 351 E. 3a). Für somatisch unklare Beschwerdebilder (somatoforme
Schmerzstörung und vergleichbare Diagnosen) und psychische Erkrankungen wie
namentlich Depressionen ist der Beweis nach dem strukturierten Verfahren mittels
Indikatoren zu führen (vgl. dazu BGE 143 V 418 E. 6 und E. 7.2; BGE 141 V 281 E. 3.5
und E. 4.2). Der Beweis für eine lang andauernde und erhebliche gesundheitsbedingte
Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als geleistet betrachtet werden, wenn die Prüfung der
massgeblichen Beweisthemen im Rahmen einer umfassenden Betrachtung ein
stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen Lebensbereichen (Konsistenz) für
die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143 V 418 E. 6).
1.4.
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2.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.5.
Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz
nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 353 E. 5b und BGE 125 V 193 E. 2, je mit
Hinweisen).
1.6.
Zunächst ist zu prüfen, ob der medizinische Sachverhalt ausreichend abgeklärt
wurde. Die Beschwerdegegnerin stützte sich für ihren Entscheid vornehmlich auf das
bidisziplinäre Gutachten der Dres. C._ und B._ sowie auf die Stellungnahmen des
RAD vom 23. Juni 2020 und 29. Januar 2021 (IV-act. 67, 91 und 100).
2.1.
Vorab ist festzuhalten, dass das bidisziplinäre Gutachten den formellen
Anforderungen der Rechtsprechung (vgl. E. 1.4) grundsätzlich entspricht.
Rechtsprechungsgemäss ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten
Gutachten von externen Spezialärzten, welche aufgrund eingehender Beobachtungen
und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft
zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (vgl. zum Ganzen BGE 137 V 210 E. 1.3.4 und 4.4.1). Zu prüfen ist, ob die
Vorbringen der Beschwerdeführerin konkrete Zweifel am Beweiswert des
bidisziplinären Gutachten zu wecken vermögen, so dass die Sache zur erneuten
Sachverhaltsabklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen oder – wie in der
Beschwerde beantragt – ein Gerichtsgutachten einzuholen wäre. Die verschiedenen
von der Beschwerdeführerin beanstandeten Punkte inhaltlicher Natur werden
nachfolgend einzeln auf ihre Begründetheit geprüft.
2.2.
Die Beschwerdeführerin moniert zunächst, dass sie nicht neurologisch begutachtet
worden sei, weshalb eine entsprechende Beurteilung nachgeholt werden müsse (act. G
1, IV.6 und 7). In der Replik wird nicht mehr eine neurologische, sondern neu eine
neurochirurgische Begutachtung verlangt (act. G 6, III.4). Rechtsprechungsgemäss ist
grundsätzlich ein polydisziplinäres Gutachten einzuholen, sofern die medizinische
Situation nicht offenkundig ausschliesslich ein oder zwei Fachgebiete beschlägt.
Gleichzeitig tragen letztlich die Begutachtenden die Verantwortung für die fachliche
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/13
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Güte und Vollständigkeit der erstellten Entscheidungsgrundlage, weshalb es ihnen
freistehen muss, die von der IV-Stelle bzw. dem RAD bezeichneten Disziplinen zur
Diskussion zu stellen, wenn ihnen die Vorgaben nicht einsichtig sind (zum Ganzen BGE
139 V 349 E. 3.2 und 3.3). Es liegt demnach im Ermessen der Begutachtenden, ob der
Beizug weiterer Experten notwendig ist oder nicht (Urteil des Bundesgerichts vom
30. Januar 2015, 8C_277/2014, E. 5.2). Im orthopädischen Teilgutachten von Dr. C._
sind die Kribbelparästhesien berücksichtigt (IV-act. 67-19). Zudem wurden sowohl an
den oberen als auch an den unteren Extremitäten Untersuchungen der Kraft- und
Sensibilitätsverhältnisse durchgeführt (vgl. IV-act. 67-16 f.) Dr. C._ hält fest, dass sich
keine schwerwiegenden neurologischen Ausfälle, namentlich motorischer Art, fänden
(IV-act. 67-19). Unter zusätzlicher Berücksichtigung der Resultate der bildgebenden
Verfahren sei das geklagte Ausmass der Beschwerden nicht vollständig
nachvollziehbar, so dass er zur Auffassung gelangt sei, dass die Explorandin ihren
Beschwerden einen hohen Stellenwert beimesse und daraus recht absolute
Schlussfolgerungen bezüglich ihrer Leistungs- und damit auch der Arbeitsfähigkeit
ziehe (IV-act. 67-20). Wie die Beschwerdegegnerin zu Recht ausführt, impliziert die
Tatsache, dass Dr. C._ in Kenntnis der Vorakten und unter Berücksichtigung der
zeitweise auftretenden Kribbelparästhesien das Vorliegen schwerwiegender
neurologischer Ausfälle verneint, dass er keine Notwendigkeit einer zusätzlichen
neurologischen bzw. neurochirurgischen Begutachtung sieht. Entsprechend stellten die
Gutachtenden die von der Beschwerdegegnerin bzw. dem RAD bezeichneten
Disziplinen auch nicht zur Diskussion. Ergänzend ist anzumerken, dass
Gefühlsstörungen, Temperaturempfindungsstörungen und Kribbelparästhesien dann
beachtlich wären, wenn mit Blick auf die klinischen und bildgebenden Befunde ein
invalidisierendes Ausmass der geklagten Beschwerden objektiviert werden könnte (vgl.
Urteil des Bundesgerichts vom 10. Januar 2017, 8C_673/2016, E. 5.2). Die Arztberichte
von Dr. F._ legen jedoch nicht dar, inwiefern die von der Beschwerdeführerin
beschriebenen Kribbelparästhesien ihre Arbeitsfähigkeit in einer Weise
beeinträchtigten, dass eine höhere Arbeitsunfähigkeit resultieren würde. Der RAD hält
in seiner Stellungnahme vom 29. Januar 2021 denn auch fest, dass die zeitweise
auftretenden Missempfindungen ohne Kraft- und Bewegungseinschränkungen in den
Armen bei der Herleitung der Arbeitsfähigkeit zwar explizit erwähnt seien. Diese hätten
jedoch keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit. Dass sich die
zumindest im linken Arm neurologisch begründeten Beschwerden bei einer Tätigkeit
mit falscher Wirbelsäulenbelastung verschlechtern würden, sei bei der im Gutachten
hergeleiteten Arbeitsfähigkeit und den Adaptionskriterien bereits berücksichtigt. Eine
erneute Begutachtung unter Einbezug eines Neurologen bringe aus
arbeitsmedizinischer Sicht keinen Erkenntnisgewinn bezüglich der Arbeitsfähigkeit (IV-
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act. 100). Von einer zusätzlichen neurologischen bzw. neurochirurgischen
Begutachtung ist damit aufgrund der fehlenden Relevanz für die Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit abzusehen.
Die Beschwerdeführerin rügt des Weiteren, dass sich der orthopädische Gutachter
Dr. C._ nicht mit dem Arztbericht von Dr. F._ vom 12. April 2019
auseinandergesetzt habe. Ebenfalls habe er nicht begründet, weshalb er im Vergleich
zu Dr. F._ von einer weit höheren Arbeitsfähigkeit ausgehe (act. G 1, IV.3). Dr. C._
führt im orthopädischen Gutachtensteil aus, dass er in diagnostischer Hinsicht die in
den Unterlagen vorhandenen fachärztlichen Einschätzungen teile. Gleichzeitig weist er
darauf hin, dass Dr. F._ nicht begründe, weshalb er in einer leidensadaptierten
Tätigkeit eine derart tiefe Arbeitsfähigkeit bescheinige, und vermutet einen
Zusammenhang mit der auftragsrechtlichen Vertrauensstellung des behandelnden
Arztes (IV-act. 67-20). Die von Dr. F._ in leidensadaptierter Tätigkeit attestierte
Arbeitsfähigkeit von 40 % wird von diesem tatsächlich nur rudimentär damit begründet,
dass ein chronisches therapieresistentes Panvertebralsyndrom bestehe und die
Beschwerdeführerin deshalb jede Stunde 10 Minuten Pause machen sollte (vgl. IV-
act. 55). Im Arztbericht vom 11. Dezember 2017 führt Dr. F._ aus, dass bei
körperlichen Belastungen die Zervikalgien, Lumbalgien und Lumboischialgien rapide
zunähmen (IV-act. 29). Wie sich die Arbeitsfähigkeitseinschätzung in adaptierter
Tätigkeit genau herleitet und weshalb die Arbeitsunfähigkeit zunächst mit 50 % (Bericht
vom 11. Dezember 2017, IV-act. 29), anschliessend 60 % (Bericht vom 12. April 2019,
IV-act. 54) und schliesslich (allerdings nach der Begutachtung) mit 80 % (Bericht vom
22. April 2020, IV-act. 89) beziffert wird, ist nicht ersichtlich. Aufgrund der knappen
Begründung der Arbeitsfähigkeitsschätzung durch Dr. F._ ist nicht zu beanstanden,
dass diese von Dr. C._ nicht ausführlicher gewürdigt wurde. Zusammenfassend lässt
sich festhalten, dass Dr. C._ in diagnostischer Hinsicht zu den gleichen
Einschätzungen wie Dr. F._ gelangt, deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
jedoch unterschiedlich beurteilt.
2.4.
Ferner bringt die Beschwerdeführerin vor, dass die Beschwerdegegnerin den
medizinischen Sachverhalt ungenügend erstellt habe, indem sie es unterlassen habe,
beim Psychiater der Beschwerdeführerin, Dr. D._, zusätzliche medizinische Berichte
anzufordern und ihn gleichzeitig aufzufordern, dass er zur Frage der Arbeitsfähigkeit
aus psychiatrischer Sicht Stellung beziehen solle (act. G 1, IV.4). Diesbezüglich ist zu
berücksichtigen, dass die psychiatrische Gutachterin Dr. B._ wusste, dass die
Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt der Begutachtung am 23. August 2019 "seit etwa
zwei Monaten" bei Dr. D._ in psychiatrischer Behandlung war und sie auch
2.5.
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hinsichtlich der Medikation informiert war (IV-act. 67-25). Die Mitteilung der
Beschwerdegegnerin, dass eine bidisziplinäre medizinische Untersuchung
durchgeführt werde, datiert sodann vom 5. Juni 2019 (IV-act. 63). Dr. D._ gibt in
seinem Bericht vom 31. Januar 2020 an, dass die Beschwerdeführerin am 15. Juni
2019, 30. September 2019 und am 21. Januar 2020 bei ihm in der Sprechstunde
gewesen sei (IV-act. 79-5). Er hat demnach die Beschwerdeführerin vor der
Begutachtung durch Dr. B._ ein Mal gesehen. Vor der Begutachtung drängte sich
deshalb das Einholen eines medizinischen Berichts bei Dr. D._ aufgrund der kurzen
Behandlungsdauer und des geringen zeitlichen Abstands nicht auf. Das psychiatrische
Teilgutachten entspricht den Anforderungen der Rechtsprechung und hat daher volle
Beweiskraft, was von der Beschwerdeführerin denn auch nicht in grundsätzlicher
Weise bestritten wird. Nach der Begutachtung konnte deshalb aufgrund dessen, dass
in psychiatrischer Hinsicht eine beweiskräftige gutachterliche Einschätzung vorlag, auf
das Einholen weiterer Arztberichte verzichtet werden. Im Bericht vom 31. Januar 2020
stellt Dr. D._ die abweichende Diagnose einer stress- bzw. schmerzbedingten
Angststörung (ICD-10: F 41.1), nimmt jedoch weder Bezug auf das bidisziplinäre
Gutachten, noch beurteilt er die Arbeitsfähigkeit (IV-act. 79-5 ff.). Wie der RAD in seiner
Stellungnahme vom 23. Juni 2020 zu Recht ausführt, ist daher davon auszugehen,
dass der Bericht keine neuen objektiven Tatsachen enthält und im Ergebnis eine
andere Beurteilung desselben Sachverhalts darstellt (IV-act. 91-2). Es drängen sich
somit keine weiteren Abklärungen auf, weil Dr. D._ keine wichtigen – und nicht rein
subjektiver ärztlicher Interpretation entspringenden – Aspekte benennt, welche im
Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (Urteil des
Bundesgerichts vom 26. Juni 2018, 8C_909/2017, E. 9 mit Hinweis).
Die Beschwerdeführerin macht schliesslich geltend, dass auch die übrigen nach
dem Gutachten verfassten medizinischen Berichte (IV-act. 79-2, 87 und 89) den
Begutachtenden zur Beurteilung vorzulegen gewesen wären. Einem ärztlichen Bericht
könne nur dann voller Beweiswert zukommen, wenn eine umfassende Würdigung der
medizinischen Aktenlage vorgenommen worden sei, wobei nach der Rechtsprechung
auch die Auseinandersetzung mit der abweichenden Beurteilung anderer Ärzte umfasst
sei (act. G 1, E. IV.8 und 9). Den Begutachtenden Dres. B._ und C._ lagen das
gesamte IV-Dossier und damit die vor dem bidisziplinären Gutachten erstellten
medizinischen Berichte vor (vgl. IV-act. 67-10 und 67-23). Die späteren Berichte
wurden dem RAD vorgelegt, welcher in seiner Stellungnahme vom 23. Juni 2020 zum
Schluss kam, dass keines der später eingereichten Dokumente das bidisziplinäre
Gutachten in Frage stellen könne (vgl. IV-act. 91). Wie bereits in der vorstehenden
Erwägung ausgeführt, drängen sich nach durchgeführtem Administrativgutachten
2.6.
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3.
weitere Abklärungen nur dann auf, wenn die Berichte wichtige Aspekte benennen,
welche im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind. In
Bezug auf den Arztbericht der Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen vom
13. Februar 2020 ist festzuhalten, dass dieser keine Arbeitsfähigkeitsschätzung enthält.
Die Auswirkung des aufgrund einer neuerlichen MRI der Lendenwirbelsäule erhobenen
klinischen Befunds einer linksseitigen Kompression der L5-Nervenwurzel bleibt damit
unklar. Die Beschwerdeführerin selbst gibt lediglich an, dass das linke Bein manchmal
einschlafe und sie häufig ein Kribbeln im rechten Arm verspüre; eine Schwäche oder
einen Kraftverlust nahm sie dagegen nicht wahr (IV-act. 79-2 ff.). Nachdem die
Kribbelparästhesie dem orthopädischen Gutachter bekannt war und von diesem als
nicht wesentlich für die Arbeitsfähigkeit eingeschätzt wurde, ist nicht von einer
weitergehenden Relevanz des Arztberichts der Klinik für Neurologie des Kantonsspitals
St. Gallen für die IV-rechtlich bedeutsame Arbeitsfähigkeit in (adaptierten) Tätigkeiten
auszugehen. Die im Schreiben von Dr. E._ vom 5. März 2020 geäusserte
Arbeitsfähigkeitsschätzung von 50 % bezieht sich im Wesentlichen auf den eben
gewürdigten Bericht und steht der Spruchreife des Sachverhalts damit ebenfalls nicht
entgegen (vgl. IV-act. 87). Der Arztbericht von Dr. F._ vom 22. April 2020 entspricht
diagnostisch weitestgehend demjenigen vom 12. April 2019; es wird einzig darauf
hingewiesen, dass sich der klinische Zustand der Beschwerdeführerin im Vergleich zu
jenem gemäss den letzten beiden Berichten an die Beschwerdegegnerin deutlich
verschlechtert habe. Eine weitergehende Begründung für die behauptete
Verschlechterung und insbesondere für die neuerliche Erhöhung der
Arbeitsunfähigkeitsschätzung auf nunmehr 80 % findet sich dagegen nicht (IV-act. 89).
Die wesentlichen Unterschiede zwischen den Einschätzungen von Dr. F._ und
Dr. C._ ergeben sich denn auch nicht aus einer unterschiedlichen objektiven
Befunderhebung, sondern aus der Würdigung des Einflusses eben jener auf die
Arbeitsfähigkeit (vgl. vorstehend E. 2.4).
Nachdem keine hinreichend konkreten Indizien gegen die Zuverlässigkeit des bi
disziplinären Gutachtens sprechen, sind keine weiteren Sachverhaltsabklärungen an
gezeigt. Es kann deshalb auf die gutachterlich attestierte Arbeitsfähigkeit von 80 % in
adaptierter Tätigkeit und 70 % in angestammter Tätigkeit abgestellt werden.
2.7.
Nachdem die Beschwerdegegnerin anfangs noch eine Qualifikation der
Beschwerdeführerin als Hausfrau ins Auge gefasst hatte, ging sie bei der
Rentenprüfung davon aus, dass die Beschwerdeführerin ohne gesundheitliche
3.1.
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4.
Einschränkung in einem vollen Pensum erwerbstätig wäre bzw. sein müsste (IV-act. 31,
57, 69). Dies ist nicht zu beanstanden.
Zur Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das Erwerbseinkommen, das die ver
sicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt
zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden
wäre (Art. 16 ATSG i.V.m. Art. 28a Abs. 1 IVG). Grundsätzlich wäre das
Valideneinkommen anhand des zuletzt vor Eintritt der Invalidität tatsächlich erzielten
Erwerbseinkommens zu bestimmen. Nachdem die Beschwerdeführerin zuletzt im Jahr
2011 als Reinigungsangestellte erwerbstätig war (vgl. IV-act. 9), kann das tatsächlich
erzielbare Erwerbseinkommen nicht genau bestimmt werden und es sind die
Zentralwerte der Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundes heranzuziehen (vgl. BGE 129
V 472 E. 4.2.1 mit Hinweisen). Es ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin
ohne gesundheitliche Einschränkung erneut als Reinigungsangestellte oder in einer
vergleichbaren einfachen körperlichen Hilfsarbeit tätig wäre, welche dem
Kompetenzniveau 1 der LSE entspräche. Angesichts des einschränkenden
Zumutbarkeitsprofils sowie der persönlichen Verhältnisse der Beschwerdeführerin
(langjährige Abwesenheit vom Arbeitsmarkt, keine in der Schweiz anerkannte
Ausbildung) ist davon auszugehen, dass auch eine leidensadaptierte Tätigkeit dem
Kompetenzniveau 1 entspräche. Sowohl für das Validen- als auch für das Invaliden
einkommen ist demnach der Zentralwert des Kompetenzniveaus 1 der LSE
heranzuziehen, womit sich deren genaue Ermittlung rechtsprechungsgemäss erübrigt;
der Invaliditätsgrad entspricht dem Grad der Arbeitsunfähigkeit unter Berücksichtigung
des Abzuges vom Tabellenlohn (Urteil des Bundesgerichts vom 30. Juli 2012,
8C_365/2012, E. 7 mit Verweis auf Urteil des eidgenössischen Versicherungsgerichts
vom 15. April 2003, I 1/03, E. 5.2). Gründe für einen Abzug vom Tabellenlohn sind
vorliegend nicht ersichtlich und werden von der Beschwerdeführerin auch nicht
vorgebracht. Dass die Beschwerdegegnerin den Invaliditätsgrad auf 20 % festsetzte
(IV-act. 101) und den Anspruch auf eine Invalidenrente verneinte, ist deshalb nicht zu
beanstanden.
3.2.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen.4.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
4.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/13
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