Decision ID: d70e732b-c022-450f-949f-f0bed4b218aa
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend fahrlässige Tötung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 4. Abteilung, vom
27. Mai 2015 (GB140090)
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Anklage/Strafbefehl:
Der Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 29. September 2014
(Urk. 36) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 57 S. 29 ff.)
"Der Einzelrichter erkennt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der fahrlässigen Tötung im Sinne von Art. 117 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu Fr. 200.–.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt.
4. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 2'000.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 847.– Kosten Kantonspolizei
Fr. 2'500.– Gebühr Anklagebehörde
Fr. 22'255.80 Auslagen Untersuchung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
5. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem Beschuldigten
auferlegt.
6. (Mitteilungen)
7. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung der Beschuldigten:
(Urk. 81 S. 1)
Der sei Berufungskläger freizusprechen;
unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Staatskasse für bei-
de Instanzen.
(keine Beweisanträge)
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b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 82 S. 1)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
(keine Beweisanträge)

Erwägungen:
I. Einleitung
Am 6. Oktober 2011 kam es an der B._strasse in Zürich zu einem tragischen
Verkehrsunfall. Der Beschuldigte fuhr mit seinem Range Rover rückwärts aus ei-
ner senkrecht in die B._strasse mündenden kleinen Privatstrasse. Dabei
überfuhr er eine sich auf dem Trottoir der B._strasse befindliche 72-jährige
Fussgängerin, welche dabei tödliche Verletzungen erlitt. Nach durchgeführter Un-
tersuchung erging am 29. September 2014 ein Strafbefehl der Staatsanwalt-
schaft, mit welchem der Beschuldigte der fahrlässigen Tötung für schuldig befun-
den wurde (Urk. 36). Aufgrund der Einsprache des Beschuldigten wurde der
Strafbefehl im Sinne einer Anklage an das Einzelgericht des Bezirks Zürich über-
wiesen (Urk. 38; Art. 356 Abs. 1 StPO).
II. Gerichtsverfahren und Umfang der Berufung
1. Erstinstanzliches Verfahren
1.1. Mit vorstehend wiedergegebenem Urteil vom 27. Mai 2015 sprach der Ein-
zelrichter des Bezirksgerichts Zürich den Beschuldigten der fahrlässigen Tötung
im Sinne von Art. 117 StGB schuldig und verurteilte ihn zu einer bedingten Geld-
strafe von 30 Tagessätzen zu Fr. 200.– (Urk. 57).
1.2. Der Entscheid wurde nicht mündlich eröffnet, sondern im Dispositiv am
28. Mai 2015 durch schriftliche Zustellung mitgeteilt (Prot. I S. 23; Urk. 50 und
51/1 - 51/2). Gleichentags, d.h. am 28. Mai 2015 (Poststempel 28. Mai 2015),
meldete der Verteidiger Berufung an (Urk. 52). Das begründete Urteil wurde dem
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Verteidiger am 20. August 2015 zugestellt (Urk. 53 und 55/2). Die Berufungser-
klärung ging fristgerecht am 25. August 2015 (Poststempel 24. August 2015)
hierorts ein (Art. 399 Abs. 3 StPO; Urk. 58).
2. Berufungsverfahren
2.1. Die Staatsanwaltschaft verzichtete auf Anschlussberufung (Urk. 63).
2.2. Zur Berufungsverhandlung am 10. März 2016 erschienen der Beschuldigte
in Begleitung seines Verteidigers sowie der Vertreter der Staatsanwaltschaft
(Prot. II S. 4).
3. Umfang der Berufung
Der Beschuldigte ficht das vorinstanzliche Urteil vollumfänglich an und beantragt
einen Freispruch (Urk. 58 S. 2; Urk. 80 S. 1; Prot. II S. 4). Deshalb ist keine Dis-
positivziffer des vorinstanzlichen Urteils in Rechtskraft erwachsen (Art. 399 Abs. 3
StPO i.V.m. Art. 402 StPO und Art. 437 StPO).
III. Formelles
1. Verwertbarkeit der polizeilichen Befragungen der "Augenzeugen"
1.1. Die Staatsanwaltschaft hat auf eine Einvernahme der polizeilich befragten
Dritten verzichtet (Urk. 3 - 10). Entgegen der Auffassung der Vorinstanz und der
Verteidigung ist darin keine Verletzung von Verfahrensrechten des Beschuldigten
im Sinne von Art. 147 StPO zu erblicken (Urk. 48 S. 3 Ziff. 9; Urk. 57 S. 3). Diese
Bestimmung betrifft gemäss klarem Wortlaut nur die Beweiserhebungen durch die
Staatsanwaltschaften und die Gerichte. Bei den hier zitierten Befragungen han-
delte es sich auch nicht um von der Staatsanwaltschaft an die Polizei delegierte
Einvernahmen im Sinne von Art. 312 Abs. 2 StPO. Vielmehr sind sie als polizei-
liche Befragungen im Sinne von Art. 179 StPO zu qualifizieren, bei welchen weder
eine Pflicht noch ein Recht auf Anwesenheit des Beschuldigten oder der Verteidi-
gung besteht (Urteil des Bundesgerichts 6B_217/2015 vom 5. November 2015
E. 2.2 [zur Publikation vorgesehen]).
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1.2. Das Teilnahmerecht von Art. 147 StPO darf nicht verwechselt werden mit
dem Recht auf Konfrontation mit belastenden Aussagen von Mitbeschuldigten
oder Zeugen und Auskunftspersonen. Nach den Verfahrensgarantien von Art. 6
Ziff. 1 EMRK i.V.m. Art. 6 Ziff. 3 lit. d EMRK hat der Beschuldigte ein Recht da-
rauf, Belastungszeugen zu befragen. Von gewissen Ausnahmen abgesehen, in
denen eine Konfrontation aus objektiven, von den Strafverfolgungsbehörden nicht
zu vertretenden Gründen nicht möglich war, ist eine belastende Zeugenaussage
grundsätzlich nur zu Lasten eines Beschuldigten verwertbar, wenn der Beschul-
digte den Belastungszeugen wenigstens einmal während des Verfahrens in direk-
ter Konfrontation befragen konnte (BGE 140 IV 172 E. 1.3; BGE 133 I 33 E. 3.1,
BGE 131 I 476 E. 2.2 S. 480 f., BGE 129 I 151 E. 3.1 S. 153 f. und E. 4.2 S. 157,
BGE 125 I 127 E. 6b S. 132 f. und 6c/aa S. 134; je mit Hinweisen).
1.3. Will sich die Anklagebehörde nicht auf polizeiliche Befragungen als Be-
weismittel abstützen, kann sie auf eine formelle Befragung im Rahmen der Unter-
suchung verzichten. Als Folge sind die Aussagen dann gestützt auf Art. 6 EMRK
nicht zu Lasten der beschuldigten Person verwertbar. Diesem Recht der Staats-
anwaltschaft auf Verzicht von Beweiserhebungen steht das Recht des Beschul-
digten gegenüber, die formelle Einvernahme polizeilich befragter Personen zu
verlangen, worauf die Verteidigung vorliegend aber verzichtet hat (Art. 318 Abs. 1
StPO; Urk. 48 S. 21 Ziff. 54). Darüber hinaus sind solche polizeilichen Befragun-
gen auch entgegen der Darstellung der Verteidigung nicht gänzlich unverwertbar,
sondern nur zu Lasten der beschuldigten Person nicht verwertbar (Urk. 48 S. 3
Ziff. 9). Aus diesem Grund ist das Dilemma zwischen Kenntnisnahme und Un-
verwertbarkeit von Beweismitteln zu Lasten der beschuldigten Person auch nicht
einfach mit der Entfernung der betreffenden Protokolle aus den Akten zu lösen,
wie dies der Verteidiger vorbringt (Urk. 48 S. 5 Ziff. 15).
1.4. Auch die Vorinstanz hat die genannten polizeilichen Befragungen nicht zu
Lasten des Beschuldigten verwertet (Urk. 57 S. 3). Dass jene Einvernahmen nicht
– jedenfalls nicht zu Lasten des Beschuldigten – verwertbar sind, anerkennen
(nunmehr auch) die Verteidigung (Prot. II S. 6) sowie die Staatsanwaltschaft
(Prot. II S. 7).
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2. Verwertbarkeit der wissenschaftlichen Gutachten
Gefolgt werden kann der Vorinstanz und der Verteidigung in Bezug auf die Fest-
stellung, dass das Gutachten des forensischen Instituts Zürich und das Obdukti-
onsgutachten insoweit prozessual nicht zu Lasten des Beschuldigten verwertbar
sind, soweit sich diese Gutachten auf Aussagen der zuvor genannten, lediglich
polizeilich befragten Personen beziehen (Urk. 22 und 28/4; Urk. 48 S. 5 Ziff. 12
und Urk. 57 S. 5 Ziff. 14). Vorliegend ist dies allerdings von nebensächlicher Be-
deutung, kann im Wesentlichen doch von der Sachdarstellung des Beschuldigten
und den unbestrittenen örtlichen Verhältnissen ausgegangen werden.
IV. Sachverhalt und rechtliche Würdigung
1. Örtliche Situation
1.1. Bei der B._strasse handelt es sich um eine verkehrsreiche, breite und
wichtige Durchfahrtstrasse in Zürich, auf welcher die innerorts vorgeschriebene
Höchstgeschwindigkeit von generell 50 km/h gilt. Die Strasse führt durch ein dicht
bebautes Quartier mit gemischter Nutzung, jedenfalls aber mit hohem Anteil an
Wohnhäusern. Aufgrund der grossen Breite der Strasse und der übersichtlichen
Verhältnisse auf der B._strasse im Bereich der Liegeschaften ... - ... kann
ein Autofahrer im Normalfall zügig fahren, das heisst, gefahrlos die mögliche
Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h ausnützen.
1.2. Die beiden Fahrspuren sind durch eine doppelte Tramlinie in der Mitte der
Strasse getrennt. Beidseits der Strasse verlaufen Trottoirs, welche durch einen
unterbrochenen Grünstreifen bzw. durch Baumreihen von der Strasse abgetrennt
sind. Die genauen örtlichen Verhältnisse gehen aus der Fotodokumentation her-
vor (Urk. 17). Fährt man mit dem Auto von der Privatstrasse der Liegenschaften
... - ... auf die B._strasse hinaus, wird die freie Sicht nach links und rechts in
die B._strasse durch eine beidseitige, ca. 1.65 Meter hohe, parallel zur
B._strasse verlaufende Hecke sowie die erwähnte Baumreihe erheblich be-
hindert. Die Einsichtsichtmöglichkeiten eines aus der Privatstrasse in die
B._strasse hinausfahrenden Autolenkers sind insbesondere dann noch
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schlecht, wenn seine Sitzposition relativ zur Umgebung noch in der Privatstrasse
oder erst auf der der B._strasse abgewandten Trottoirseite liegt (Prot. I S. 8).
Völlig ungehinderte Sicht auf die B._strasse hat ein einbiegender Autolenker
erst kurz bevor er sich mit seinem Auto schon vollständig auf der
B._strasse befindet.
1.3. Beim Rückwärtshinausfahren aus besagter Privatstrasse in die
B._strasse, werktags um die Mittagszeit, besteht unter den geschilderten Vo-
raussetzungen und aufgrund des regelmässig relativ hohen Verkehrsaufkommens
auf der B._strasse ein nicht unerhebliches Gefährdungspotential. Bei einem
solchen Verkehrsmanöver besteht rein statistisch gesehen eine hohe Wahr-
scheinlichkeit, dass der vortrittsberechtigte Verkehr auf der B._strasse be-
hindert wird, indem ein Fahrzeug abbremsen oder sogar anhalten muss, bis sich
das hinausfahrende Auto in den Verkehr auf der B._strasse eingereiht hat
(was in casu auch der Fall war). Von Bedeutung ist zudem, dass das parallel zur
B._strasse verlaufende Trottoir überquert werden muss, auf welchem Fuss-
gänger und damit die Geschädigte anerkanntermassen (Urk. 80 S. 17) Vortritt ha-
ben (Art. 15 Abs. 3 VRV). Bei dem geschilderten Ausfahrmanöver ist die Auf-
merksamkeit somit nicht nur auf den vortrittsberechtigten Verkehr auf der
B._strasse zu richten, sondern auch auf vortrittsberechtigte Verkehrsteil-
nehmer auf besagtem Trottoir. Klein gewachsene Fussgänger sind wegen der
Hecke erst erkennbar, wenn sie neben der Hecke hervortreten bzw. die einmün-
dende Privatstrasse queren oder wenn die Sitzposition des Fahrers relativ zur
Umgebung bereits auf dem Trottoir liegt.
2. Sicht- und Wahrnehmungseinschränkungen
2.1. Allgemein bekannt und nicht bestritten werden kann, dass die Sicht beim
Rückwärtsfahren mit einem Auto nicht im selben Masse gewährleistet ist, wie
beim Vorwärtsfahren. Zum einen ist der Sichtwinkel vom Fahrersitz aus nach hin-
ten durch die rückwärtigen Scheiben, insbesondere bei einem Range Rover,
durch Karosserie- oder Sitzteile eingeschränkt und bedeutend schlechter als die
Sicht durch die Windschutzscheibe nach vorne. Nicht umsonst sind Front und
Heck eines Autos in Bezug auf Form und Fenstergestaltung nie identisch. Auch
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von Seiten der Verteidigung und vom Beschuldigten selber wird zu Recht aner-
kannt, dass vorliegend die Kopfstützen bzw. Kindersitze die rückwärtige Sicht
ebenfalls eingeschränkt hätten (Urk. 48 S. 9 Ziff. 25 und S. 15 Ziff. 39; Urk. 80
S. 6; Urk. 81 S. 2). Zum anderen muss der Lenker beim Rückwärtsfahren seinen
Kopf und seinen Oberkörper nach hinten wenden. In dieser Kopf- bzw. Körperpo-
sition besteht nicht dieselbe freie Drehmöglichkeit des Kopfes wie in entspannter
Lage, da der Kopf mitsamt den Augen bekanntlich nach vorne angewachsen bzw.
gerichtet ist. Zudem bedarf eine solche Körperhaltung einen gewissen Kraft- bzw.
Muskelaufwand, was im Vergleich zu einer natürlichen, entspannten Körperhal-
tung die Konzentrations- bzw. Aufmerksamkeitsfähigkeit beeinträchtigen kann.
Ebenso ist bekannt, dass das menschliche Auge nur einen relativ kleinen Fokus
hat. Der grösste Teil des optischen Sichtwinkels der Augen kann zwar trotz feh-
lender Schärfentiefe wahrgenommen werden, mangels Fokussierung aber nicht in
derselben Qualität wie im Brennpunkt der Linse. Auch der Umstand, dass der Fo-
kus eines Auges im entspannten Zustand stets zur Zentrallinie senkrecht zur Au-
gentangentiale strebt, beeinträchtigt die Wahrnehmung im äusseren optischen
Sichtfeld. Auch wenn diese Wahrnehmungsbeeinträchtigung bei einer starken
Körper- und Kopfdrehung beim Rückwärtsfahren bei entsprechender Konzentrati-
on reduziert oder sogar wett gemacht werden kann, bleibt es dabei: Das potentiel-
le Risiko, gewisse Objekte im äusseren Sichtfeld bzw. am äusseren Bereich des
Drehsektors des Kopfes schlechter wahr zu nehmen als im zentralen Sichtfeld, ist
grösser als beim Blick geradeaus nach vorne. Dies gilt insbesondere dann, wenn
die Aufmerksamkeit des Fahrers auf einen bestimmten Punkt im Sichtfeld der Au-
gen gerichtet ist, was genau hier der Fall war. So schildert der Verteidiger selbst,
dass der Beschuldigte auf das grüne Auto auf der B._strasse geachtet habe,
welches ihm trotz Vortritt das Einbiegen auf die B._strasse habe ermöglichen
wollen (Urk. 48 S. 13 Ziff. 35; so auch der Beschuldigte anlässlich der Berufungs-
verhandlung, Urk. 80 S. 8 und S. 14 f.).
2.2. Im Strassenverkehrsrecht gilt die Annahme erhöhter Wahrnehmungs-
schwierigkeiten beim Rückwärtsfahren als unumstösslich, da der Gesetzgeber für
das Rückwärtsfahren besondere Vorsichtsregeln aufgestellt hat, welche beim
normalen Vorwärtsfahren nicht gelten (dazu nachfolgend).
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3. Pflichtwidriges Verhalten
3.1. Gemäss Art. 12 Abs. 3 StGB handelt fahrlässig, wer die Folge seines Ver-
haltens aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf keine Rück-
sicht nimmt. Pflichtwidrig ist die Unvorsichtigkeit, wenn der Täter die Vorsicht nicht
beachtet, zu der er nach den Umständen und nach seinen persönlichen Ver-
hältnissen verpflichtet ist. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung setzt
fahrlässiges Handeln voraus, dass der Täter den Erfolg durch Verletzung einer
Sorgfaltspflicht verursacht hat sowie, dass der Eintritt des Erfolgs vorhersehbar
und vermeidbar war (vgl. BGE 135 IV 56 E. 2.1).
3.2. Die Vorsicht, welche der Täter zu beachten hat, besteht darin, entweder
ein Risiko für strafrechtlich geschützte Rechtsgüter überhaupt nicht einzugehen
oder aber das höchstzulässige Risiko nicht zu überschreiten (BGE 134 IV 204). In
erster Linie ist dabei von gesetzlichen Normen auszugehen, deren Schutzzweck
in der Vermeidung der fraglichen Gefahren liegt. Diese gesetzliche Verhaltens-
regel ist sodann den persönlichen Verhältnissen sowie den konkreten Umständen
des potentiellen Täters anzupassen (vgl. DONATSCH, OFK-StGB, Art. 12 N 15 f.).
3.3. Im Strassenverkehr richtet sich der Umfang der Sorgfalt, welche zu beach-
ten ist, nach den Bestimmungen des Strassenverkehrsgesetzes (SVG) und der
Verkehrsregelnverordnung (VRV). Rechtliche Grundlage des Rückwärtsfahrens
bildet zunächst Art. 36 Abs. 4 SVG, wonach der Fahrzeugführer, der rückwärts
fahren will, gegenüber anderen Strassenbenützern vortrittsbelastet ist und diese
nicht behindern darf. Die Ausführungsbestimmung von Art. 17 VRV, welche die
bestehenden Sorgfaltspflichten konkretisiert (Art. 106 Abs. 1 SVG), schreibt unter
anderem vor, dass rückwärts nur im Schritttempo gefahren werden darf und dass
der Lenker von Fahrzeugen mit beschränkter Sicht nach hinten zum Rückwärts-
fahren eine Hilfsperson beizuziehen hat, sofern nicht jede Gefahr ausgeschlossen
ist (Abs. 1 und 2). Gemäss Bundesgericht bringt der Verordnungsgeber mit dieser
Norm zum Ausdruck, dass die mit dem Rückwärtsfahren verbundenen Gefahren
besonders gross sind und dass der Lenker deshalb zu erhöhter und besonderer
Sorgfalt verpflichtet ist, so dass Gefahren für Dritte gar nicht erst entstehen (Urteil
des Bundesgerichts 6S.465/2006 vom 2. Dezember 2006 E. 2.3).
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3.4. Die eingangs geschilderten örtlichen Verhältnisse indizieren aufgrund der
stark eingeschränkten Sichtverhältnisse und dem zur Tatzeit relativ hohen Ver-
kehrsaufkommen auf der B._strasse eine erhebliche abstrakte potentielle
Gefahr. Genau bei solchen Verhältnissen ist es nach dem Willen des Gesetz-
gebers nicht Sache des Gerichts im konkreten Fall zu beurteilen, wie gefährlich
das Rückwärtsfahren war bzw. wie vorsichtig und wie langsam ein Autofahrer
rückwärts zu fahren hat. Vielmehr besteht genau bei solchen Verhältnissen alleine
aufgrund des zumindest abstrakt vorhandenen erheblichen Risikopotentials, des
fehlenden Vortritts für ein aus der Privatstrasse einbiegenden Fahrzeugs gegen-
über Fussgängern auf dem zu querenden Trottoir und gegenüber dem Verkehr
auf der B._strasse sowie aufgrund der eingeschränkten Sicht durch die
rückwärtigen Fahrzeugscheiben gemäss Art. 17 VRV generell die Pflicht, im Falle
des Rückwärtsfahrens eine Hilfsperson beizuziehen. Die vor Vorinstanz geäus-
serte Auffassung des Verteidigers, diese Pflicht gelte nicht bei Personenwagen,
sondern nur bei einem Lastwagen, findet weder im Gesetz noch in der bundes-
gerichtlichen Rechtsprechung eine Stütze. Ebenso ohne Bedeutung für die Pflicht
zum Beizug einer Hilfsperson in solchen Situationen ist die Frage der Geschwin-
digkeit des Rückwärtsfahrens (Urk. 48 S. 13 E. 34). Zwar kann das Risiko durch
sehr langsames Fahren minimiert, aber nicht ausgeschlossen werden, wie dies
Art. 17 VRV ausdrücklich verlangt. Insbesondere der vorliegend zu beurteilende
Unfall zeigt exemplarisch, dass es auch trotz langsamer Rückwärtsfahrt zu einer
Kollision mit einem vortrittsberechtigten Verkehrsteilnehmer kommen kann, inso-
fern das Risiko beim vorsichtigen Rückwärtsfahren eben nicht gänzlich ausge-
schlossen wird. Schliesslich hat bereits die Staatsanwaltschaft zu Recht vorge-
bracht, dass die Sorgfaltspflicht auch nie mit dem Einwand aufgehoben würde, es
habe keine Hilfsperson zur Verfügung gestanden (Urk. 47 S. 4). Die Alternative in
einem solchen Fall ist nach Bundesgericht klar: Es muss auf das Fahrmanöver
verzichtet werden (BGE 106 IV 58 E. 2).
Abgesehen davon wäre es dem Beschuldigten möglich gewesen, sein Auto in der
Einfahrt zu wenden. Dass dies wegen der Notwendigkeit eines mehrmaligem Zu-
rücksetzen des Wagens mühsam bzw. unzumutbar gewesen wäre, spielt keine
Rolle. Im Lichte einer Güterabwägung mit dem Leben einer Fussgängerin bedarf
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es keiner Worte zur Verhältnismässigkeit bzw. der Zumutbarkeit. Im Rahmen des
Berufungsverfahrens hat die Verteidigung insbesondere eingewendet, dass sich
der Unfall auch beim Vorwärtsfahren, wofür keine Pflicht zum Beizug einer Hilfs-
person bestehe, ereignet hätte, da der Beschuldigte auch diesfalls die Geschädig-
te nicht hätte sehen können (Urk. 81 S. 3 ff., S. 9). Die Frage, wie es sich beim
Vorwärtsfahren verhalten hätte, kann indes letztlich offenbleiben. Der Beschuldig-
te hat die Ausfahrt rückwärtsfahrend verlassen und dabei die Geschädigte tödlich
erfasst. Zu prüfen ist folglich, ob sich der Beschuldigte dadurch, also mit dem
Rückwärtsfahren, pflichtwidrig verhalten hatte und ob der Erfolgseintritt – der Tod
der Geschädigten – vorhersehbar und vermeidbar gewesen wäre.
3.5. Der Verteidiger bringt vor, es stehe nicht fest, aus welchen Gründen das
verstorbene Opfer zu Fall gekommen sei (Urk. 48 S. 5 Ziff. 16; Urk. 81 S. 3 ff.,
insb. S. 10). Jedenfalls sei die am Boden liegende Fussgängerin für den Beschul-
digten nicht erkennbar gewesen. Er habe die Fussgängerin auch bei vollster Vor-
sicht, selbst beim Vorwärtsfahren, nicht sehen können (Urk. 48 S. 11 Ziff. 30 und
S. 16 Zif. 41; Urk. 81 S. 3 ff., insb. S. 11).
Dem ist klar zu widersprechen. Es darf mit Fug ausgeschlossen werden, dass das
Opfer aufgrund eines wissenschaftlich nicht erklärbaren Phänomens hinter das
Auto des Beschuldigten teleportiert worden war. Zu irgendeinem Zeitpunkt wäh-
rend des Zurücksetzens muss das Opfer auch vom Fahrersitz aus sichtbar ge-
wesen sein. Der Verteidiger widerspricht sich selbst, wenn er andernorts geltend
macht, die Fussgängerin sei in dem Moment gestolpert, in welchem der Beschul-
digte nichts gesehen habe (Prot. I S. 14). Das ausfahrende Auto ist unzweifelhaft
schmaler als der Durchlass der Privatstrasse in der Hecke. Davon, dass der Be-
schuldigte subjektiv die Fussgängerin nicht gesehen hat, kann zwar ausgegangen
werden. Im Verkehr ist es ohnehin nie möglich, jeden theoretischen Blickwinkel
stets mit derselben Aufmerksamkeit im Auge zu behalten und mit derselben In-
tensität wahr zu nehmen. So bedeutet beispielsweise jeder Blick in den Rück-
spiegel ein kurzzeitiges Abwenden der Aufmerksamkeit vom Geschehen vor der
Front des Autos. Allein objektiv muss es vorliegend möglich gewesen sein, die
Fussgängerin im Zwischenraum zwischen der Hecke und dem Auto zu erblicken,
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sei es nun durch einen Spiegel oder durch direkten Sichtkontakt; schliesslich
muss die Fussgängerin in irgend einem, wenn auch kurzen Zeitraum, während
dem der Beschuldigte rückwärts fuhr, diesen Zwischenraum durchschritten ha-
ben. Geht man von der Hypothese aus, die Fussgängerin habe aus unbekannten
Gründen schon längere Zeit am Boden in der Ausfahrt gelegen, beispielsweise
bevor der Beschuldigte mit seiner Rückwärtsfahrt begann, hätte sie der Beschul-
digte zumindest aus einer gewissen Distanz am Boden liegend sehen können.
Genau deshalb, weil bei einem derartigen Verkehrsmanöver die Möglichkeit visu-
eller Gefahrenerkennung eingeschränkt ist, stipulieren die einschlägigen ver-
kehrsrechtlichen Normen die Pflicht, eine Hilfsperson beizuziehen, die dem Len-
ker quasi als Sehhilfe für die – für den Lenker – schwer einsehbaren Bereiche
dient.
3.6. Letztlich spielen die entsprechenden Einwendungen der Verteidigung aber
keine Rolle und es ist auch müssig, irgendwelche Hypothesen aufzustellen. Auch
die vom Verteidiger vor der Berufungsverhandlung eingereichten CD's mit Fotos
sind ohne Relevanz (Urk. 74 - 76). Vorliegend geht es gemäss Anklageschrift
alleine um den Vorwurf, dass der Beschuldigte in besagter, gefahrenträchtigen
Situation trotz klarer einschlägiger Vorschriften im SVG und der VRV beim Rück-
wärtsfahren keine Hilfsperson beigezogen hat. Auch Ausführungen zu Sicht-
winkeln in den Seiten- und dem Rückfahrspiegel, zu toten oder beeinträchtigten
Sichtwinkeln oder zum Autofahrer, welcher zu Gunsten des ausfahrenden Be-
schuldigten auf sein Vortrittsrecht auf der B._strasse verzichtet habe, erübri-
gen sich (Urk. 48 S. 16 Ziff. 42). Allfällige Unabwägbarkeiten, Spekulationen und
Beweisschwierigkeiten hinsichtlich der Erkennbarkeit bzw. Vorhersehbarkeit einer
Kollision wollte der Gesetzgeber ganz bewusst ausschliessen, indem er die Pflicht
zum Beizug einer Hilfsperson beim Rückwärtsfahren in unübersichtlichen Stras-
sensituationen bzw. bei beschränkter Sicht zwingend postulierte. Entgegen der
Darstellung der Verteidigung war es am Unfallort nicht zulässig, ohne Hilfsperson
rückwärts zu fahren, auch wenn es statistisch gesehen bei der Vorsicht, die der
Beschuldigte hat walten lassen, kaum je zu einem Unfall kommt (Urk. 48 S. 22
Ziff. 56).
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3.7. Auch der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zum Rückwärtsfahren im
Strassenverkehr lässt sich nichts zu Gunsten des Beschuldigten in dem Sinne
entnehmen, dass er keine Sorgfaltswidrigkeit begangen hätte (Urteil des Bundes-
gerichts 6S.252/2006 vom 17. August 2006 mit zahlreichen Hinweisen auf weitere
Entscheide). Nicht als pflichtwidrig erachtete das Bundesgericht in einem Fall das
Verhalten eines rückwärts einbiegenden Lieferwagenfahrers trotz fehlendem Bei-
zug einer Hilfsperson, weil gleichzeitig ein Motorradfahrer vorschriftswidrig und
mit nicht angepasster Geschwindigkeit auf der linken Seite der stehenden Autoko-
lonne, die dem einbiegenden Lenker den Vortritt überliessen, vorfuhr (BGE 122 IV
133). Damit, dass ein Motorradfahrer die Verkehrsregeln seinerseits in "manière
flagrante" verletzt, habe der rückwärtsfahrende Lieferwagenlenker nach dem Ver-
trauensprinzip nicht rechnen müssen. In jenem Fall fehlte es zudem auch an der
Kausalität zur fehlenden Hilfsperson. Ganz anders der vorliegende Unfall: Die
überfahrene Fussgängerin hatte gemäss Art. 36 Abs. 4 SVG Vortritt gegenüber
dem Beschuldigten und sie hat sich nicht verkehrsregelwidrig verhalten.
3.8. Indem der Beschuldigte beim Rückwärtsfahren auf eine Hilfsperson ver-
zichtet hat, hat er die durch Art. 36 Abs. 4 SVG in Verbindung mit Art. 17 VRV ge-
botene Pflicht verletzt und deshalb fahrlässig im Sinne von Art. 117 StGB i.V.m.
Art. 12 Abs. 3 StGB den Tod eines Menschen verursacht. Es kann im Übrigen auf
die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz zum Sachverhalt und der rechtlichen
Würdigung verwiesen werden (Urk. 57 S. 3 - 25; Art. 82 Abs. 4 StPO). Der Einzel-
richter hat insbesondere richtig gesehen, dass der Fahrer des grünen Autos,
welches auf der B._strasse angesichts des aus der Privatstrasse hinaus-
fahrenden Beschuldigten angehalten und noch gehupt hat, nicht als Hilfsperson,
welche das Rückwärtsfahren des Beschuldigten hätte überwachen müssen, quali-
fiziert werden kann (Urk. 57 S. 19 Ziff. 3.1.4.; Urk. 48 S. 21 Ziff. 53 f.). Der
Beschuldigte führte dazu in seiner polizeilichen Befragung aus: "Das grüne Auto
begann zu hupen, ich hatte Sichtkontakt mit diesem Lenker. Ich dachte, dieser
würde mich rauslassen. Ich fuhr dann rückwärts in die B._strasse (...)" (Urk.
2 S. 5). Um als Hilfsperson im Sinne von Art. 17 Abs. 1 VRV zu gelten, wird eine
gewisse vorgängige Absprache mit dem Lenker des rückwärts fahrenden Autos
vorausgesetzt, mit dem Inhalt, dass die Hilfsperson das Rückwärtsfahrmanöver
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und den gesamten dazu beanspruchten Raum samt Umgebung überwacht. Im
Urteil 6A.72/2005 vom 27. Januar 2006 E. 5, hielt das Bundesgericht sogar fest,
dass der Beizug einer Hilfsperson den Fahrzeuglenker nicht per se entlaste, son-
dern dass vielmehr auch eine klare und ausreichende vorgängige Instruktion ver-
langt werde. Die realitätsnahe Aussage des Beschuldigten zeigt, dass nicht ein-
mal er selbst davon ausging, der Lenker des grünen Autos habe eine solche Auf-
gabe und Verantwortung übernehmen wollen. Das Hupsignal (oder das vom Be-
schuldigten im Rahmen der Berufungsverhandlung erstmals erwähnte Winkzei-
chen; Urk. 80 S. 16 und 18) interpretierte der Beschuldigte rein subjektiv als Sig-
nal, er könne hinausfahren. Es fand weder eine ausdrückliche noch eine konklu-
dente Absprache mit dem rein zufällig heranfahrenden und dem Beschuldigten
völlig unbekannten Lenker des grünen Autos statt. Auch der Autofahrer, der mit
Hupen einen anderen, ihm unbekannten Lenker vor einem gefährlichen Manöver
warnt, wird dadurch nicht zum "Mittäter" des gefährlichen Manövers, bloss weil
der andere Lenker das Hupen missinterpretiert.
3.9. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Sorgfaltspflichtverletzung des
Beschuldigten vorliegend darin zu erblicken ist, dass er das Rückwärts-
fahrmanöver an besagter gefahrenträchtiger Stelle ohne Beizug einer hinreichend
instruierten Hilfsperson vorgenommen hat (vgl. dazu auch die Aussagen des Be-
schuldigten anlässlich der Berufungsverhandlung: "Für dieses Manöver braucht
man eine Hilfe, sonst geht es nicht, ob vor- oder rückwärts." [Urk. 80 S. 15]). Dass
für Rückwärtsfahrmanöver, wie das vorliegende, eine Hilfsperson beizuziehen ist,
scheint nunmehr auch die Verteidigung anzuerkennen, ja gar auch, dass Miss-
verständnisse wegen fehlender Absprache zu Lasten des Beschuldigten gehen
(vgl. Prot. II S. 9). Ob der Lenker des grünen Fahrzeugs überhaupt – wie es der
Beschuldigte macht (vgl. nur Urk. 80 S. 16) – als Hilfsperson zu qualifizieren ist,
kann letztlich offenbleiben. Klar ist jedenfalls, dass keine hinreichende, d.h. Miss-
verständnisse ausschliessende Absprache stattgefunden hatte.
Der Beschuldigte räumte ein, dass es bei der Unfallörtlichkeit "schwierig" ist,
rauszufahren (Urk. 80 S. 4 f.) und dass er auch damit rechnen musste, dass je-
derzeit hinter der Hecke ein vortrittsberechtigter Fussgänger in den nicht ein-
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sehbaren Raum direkt hinter seinem Fahrzeug gelangen konnte (Urk. 80 S. 17).
Daraus wird deutlich, dass es für den Beschuldigten folglich auch voraussehbar
war, dass ein derartiges Manöver ohne Hilfsperson zu einem tödlichen Unfall füh-
ren kann.
Auch wäre der Erfolgseintritt – der Tod der Geschädigten – durch den Beizug ei-
ner klar instruierten Hilfsperson darüber hinaus auch vermeidbar gewesen. Dies
erhellt daraus, dass der Lenker des grünen Fahrzeugs die Gefahr offenbar er-
kannt (so sprach der Beschuldigte selbst davon, dass jener "vollen Blick auf die
ganze Situation" hatte, Urk. 80 S. 5) und deshalb zu Warnzwecken gehupt hatte,
was der Beschuldigte mangels hinreichender Absprache indes subjektiv falsch in-
terpretiert hat (der Beschuldigte anlässlich der Berufungsverhandlung: "Es gab ja
dort offenbar ein Missverständnis." [Urk. 80 S. 16]).
Bei einem derartigen Manöver an dieser unübersichtlichen Stelle, darf der Be-
schuldigte das sich aus der Unübersichtlichkeit ergebende Risiko nicht auf andere
Verkehrsteilnehmer, sei es auf die Geschädigte oder den Lenker des grünen Au-
tos, abwälzen (vgl. nur BGE 127 IV 34 E. 3b).
3.10. Der Beschuldigte ist deshalb der fahrlässigen Tötung im Sinne von Art. 117
StGB schuldig zu sprechen.
V. Strafzumessung
1. Strafrahmen und allgemeine Grundsätze der Verschuldensbemessung
Wer fahrlässig den Tod eines Menschen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu
drei Jahren oder Geldstrafe bestraft (Art. 117 StGB). Innerhalb dieses Straf-
rahmens misst das Gericht die Strafe nach dem Verschulden zu. Bei Fahrlässig-
keitsdelikten ist in erster Linie massgebend, wie krass der Täter gegen die ihm
obliegenden Sorgfaltspflichten verstossen hat: Gleichgültiges, leichtfertiges oder
rücksichtsloses Verhalten wiegt offenkundig schwerer als blosse Unachtsamkeit
oder eine Fehlreaktion, wie sie jedermann gelegentlich unterlaufen kann. Der
Grad des Sorgfaltsverstosses hängt dabei, wie die Fahrlässigkeit überhaupt
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(vgl. Art. 12 Abs. 3 Satz 2 StGB), nicht nur von den äusseren Umständen, son-
dern auch von den persönlichen Fähigkeiten des Täters ab. Das Verschulden ist
umso grösser, je leichter es für ihn gewesen wäre, die Rechtsgutsverletzung zu
vermeiden, und umgekehrt (STRATENWERTH, Schweizerisches Strafrecht, All-
gemeiner Teil II: Strafen und Massnahmen, 2. Aufl., Bern 2006, § 6 N 28).
2. Tatverschulden
2.1. Die Vorinstanz hat dem Beschuldigten zu Gute gehalten, dass er sehr vor-
sichtig und langsam die Ausfahrt hinaus auf die B._strasse rückwärts gefah-
ren sei (Urk. 57 S. 26 f. E. 3.1). Dies ist für die Verschuldensbemessung aller-
dings nur am Rande relevant, denn dem Beschuldigten wird nicht überhastetes
oder rücksichtsloses Rückwärtsfahren vorgeworfen, sondern der Verzicht auf den
Beizug einer Hilfsperson beim Rückwärtsfahren.
2.2. Am Unfallort waren die erheblichen Einschränkungen der optischen Über-
sichtlichkeit der örtlichen Situation und somit das potentielle Risiko leicht erkenn-
bar. Jeder durchschnittlich verkehrserfahrene neutrale Betrachter der aktenkundi-
gen Fotos bzw. jeder neutrale Besucher des Unfallortes würde sich unweigerlich
zur Feststellung veranlasst sehen, dass ein Rückwärtsfahren auf die
B._strasse hinaus an besagter Stelle gefährlich sei. Bereits rein statistisch
gesehen bzw. gestützt auf allgemeine Erfahrungen im Strassenverkehr muss ein
solches Manöver häufig mit dem Erzwingen des Vortritts gegenüber anderen, vor-
trittsberechtigen Verkehrsteilnehmern auf oder entlang der B._strasse ver-
bunden sein.
2.3. Immerhin ist davon auszugehen, dass es nicht immer ganz einfach ist bzw.
mit zeitraubenden Schwierigkeiten verbunden sein kann, eine Hilfsperson aufzu-
treiben: Es ist denn auch nicht bekannt, dass beispielsweise Passanten zugegen
waren, welche der Beschuldigte hätte schnell instruieren können. Andererseits
steht aber auch fest, dass es mit mehrmaligem Zurücksetzen des Autos ohne
Weiteres möglich gewesen wäre, das Auto vorgängig zu wenden und vorwärts auf
die B._strasse hinaus zu fahren (Urk. 17 S. 11, Prot. I S. 10, Urk. 48 S. 10 f.
Ziff. 29 und 30). Der Beschuldigte befand sich deshalb nicht in einer Zwangssitua-
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tion in dem Sinne, dass er ohne das Rückwärtsfahrmanöver bzw. mangels Ver-
fügbarkeit einer Hilfsperson praktisch zum Verbleiben an Ort über längere Zeit
gezwungen gewesen wäre.
2.4. Im Rahmen ganz allgemein denkbarer möglicher Tatvarianten bei fahrlässi-
gen Tötungen fällt aber trotzdem massgeblich ins Gewicht, dass das Fahrmanö-
ver nicht per se eine hohe Wahrscheinlichkeit einer Tötung mit sich brachte. Ohne
die verkehrsrechtlichen Pflichten mindern oder die tragischen Folgen bagatellisie-
ren zu wollen, kann doch gesagt werden, dass es bei einem solchen Rückwärts-
fahrmanöver wohl nur in einem von tausend Fällen – im übertragenen Sinne – zu
solch einem tragischen Unfall kommt. Es geht nicht an, der verstorbenen Fuss-
gängerin ein Selbstverschulden anzulasten, aber dass diese just im Moment einer
ganz kurzen, nachvollziehbaren Unaufmerksamkeit des Beschuldigten hinter des-
sen Wagen trat und dessen Fahrmanöver nicht richtig einschätzte, ist zu einem
grossen Teil einem unglücklichen Zufall zuzuschreiben. Dabei ist zu bedenken,
dass der Strassenverkehr von vornherein gewisse Gefahren beinhaltet, welche
aber sowohl gesellschaftlich als auch rechtlich im Rahmen des zulässigen Risikos
bzw. normgerechten Verhaltens liegen. Es gibt demgegenüber zahlreiche andere
denkbare Handlungen einer fahrlässigen Tötung, bei welchen die geschaffene
abstrakte Lebensgefahr oder die Unvorsichtigkeit bzw. die Unnötigkeit des vor-
werfbaren Verhaltens als viel grösser qualifiziert werden müssen, beispielsweise
bei einem illegalen Strassenrennen, bei einem Pistolenschuss in Richtung eines
Menschen oder beim spassweisen Hinabstossen eines Felsens über einen Ab-
hang trotz Wissens um den darunter liegenden Fussweg. Wie die Vorinstanz be-
fand, ist vorliegend deshalb von einem leichten Tatverschulden des Beschuldigten
auszugehen (Urk. 57 S. 27). Die Einsatzstrafe liegt deshalb im Bereich von drei
Monaten, bzw. von 90 Tagessätzen.
3. Täterkomponenten
3.1. Der Beschuldigte ist nicht vorbestraft (Urk. 60). Sein automobilistischer
Leumund ist allerdings etwas getrübt. Im Jahre 2007 erfolgte durch das Strassen-
verkehrsamt eine Verwarnung wegen einer Geschwindigkeitsüberschreitung; En-
de 2008 ist ein einmonatiger Führerausweisentzug wegen Geschwindigkeitsüber-
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schreitung verzeichnet (Urk. 33/6). Diese Vorfälle lagen im Tatzeitpunkt zwar nur
knapp drei bzw. vier Jahre zurück, sind jedoch nicht einschlägig. Gerade bei Fahr-
lässigkeitsdelikten ist solchen Vorgängen – ausser bei hoher Zahl – nicht leichthin
ein straferhöhender Charakter zuzumessen, denn bei Fahrlässigkeit denkt ein Tä-
ter naturgemäss nicht an frühere Sanktionen, weshalb man auch nicht sagen
kann, er habe sich bewusst über früherer Warnungen hinweggesetzt und trotz-
dem gehandelt. Diese Administrativmassnahmen sind deshalb vorliegend nicht
relevant für die Strafzumessung.
3.2. Deutlich strafmindernd ist die persönliche Betroffenheit des Beschuldigten
zu veranschlagen. Dies zeigt sich einerseits in seiner kooperativen Haltung wäh-
rend der Untersuchung. In seinen Befragungen versuchte er nichts zu beschöni-
gen und an verschiedenen Stellen kommt echtes Bedauern und Mitgefühl zum
Ausdruck (vgl. nur Urk. 80 S. 5; Prot. II S. 10) . Andererseits belaste ihn der Unfall
nach seinen eigenen glaubhaften Aussagen stark; er habe sich während dreier
Monate in psychologische Behandlung begeben und sein Arbeitspensum
vorübergehend reduzieren und seine geschäftliche Position als Geschäftsführer
aufgeben müssen (Prot. I S. 5). In sehr taktvoller Weise wandte er sich auch
schriftlich an die Angehörigen des Opfers und drückte sein Beileid aus und bat um
Entschuldigung (Urk. 48 S. 18).
3.3. In einer Gesamtwürdigung erscheint deshalb eine Geldstrafe von 30 Ta-
gessätzen angemessen.
4. Höhe des Tagessatzes
Gemäss eigenen Angaben erzielt der Beschuldigte aktuell ein monatliches Netto-
einkommen von Fr. 11'800.–, zuzüglich monatliche Representationsspesen in der
Höhe von Fr. 1'600.– (Urk. 70/1; Urk. 80 S. 2). Er verfügt über ein Vermögen von
ca. Fr. 330'000.– sowie eine Liegenschaft zum Steuerwert von Fr. 1,8 Mio. bei
rund Fr. 1.55 Mio. Hypotheken. Bei diesen wirtschaftlichen Verhältnissen wäre es
ihm gut möglich, eine Geldstrafe von Fr. 6'000.– (30 x Fr. 200.–) innert eines
Monates zu bezahlen. Eine Herabsetzung des von der Vorinstanz festgesetzten
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Tagessatzes von Fr. 200.– steht deshalb ausser Frage. Eine Erhöhung entfällt in-
folge des Verschlechterungsverbotes von Art. 391 Abs. 2 StGB.
VI. Vollzug
Für die Gewährung des bedingten Vollzugs genügt es, dass keine Befürchtung
besteht, der Täter werde sich in Zukunft nicht bewähren (BGE 134 IV 60 E. 7.2).
Dies ist vorliegend zu bejahen. Abgesehen davon gilt auch diesbezüglich das
Verschlechterungsverbot. Die Geldstrafe ist deshalb bedingt auszusprechen, un-
ter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren.
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe ihres
Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Der Beschuldigte unterliegt
mit seiner Berufung vollumfänglich. Es sind ihm deshalb die Kosten des gesamten
Verfahrens einschliesslich der Untersuchung aufzuerlegen.
Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist auf Fr. 3'000.– festzusetzen.