Decision ID: 37a02be4-b3be-54b0-a74a-1f92feb649b7
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 28. September 2021 in der Schweiz
um Asyl (Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 1).
B.
Am 5. Oktober 2021 nahm die Vorinstanz die Personalien des Beschwer-
deführers auf (SEM-act. 9).
C.
Die Vorinstanz lud den Beschwerdeführer am 4. Oktober 2021, am 14. Ok-
tober 2021 und am 26. Oktober 2021 zur Durchführung eines persönlichen
Dublin-Gespräches vor. Zudem stellte sie die Vorladungen dem Leistungs-
erbringer Rechtsschutz im Bundesasylzentrum (...) jeweils per E-Mail zu
(vgl. SEM-act. 13 ff.). Den angesetzten Terminen blieb der Beschwerde-
führer fern. Ihm wurde deshalb am 27. Oktober 2021 auf schriftlichem
Wege rechtliches Gehör, unter anderem zur Zuständigkeit Italiens für die
Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zum beabsichtigten
Nichteintretensentscheid, zur Wegweisung in diesen Dublin-Mitgliedstaat
sowie zu seinem Gesundheitszustand gewährt (SEM-act. 17). Der Be-
schwerdeführer nahm hierzu am 29. Oktober 2021 Stellung (SEM-act. 23).
Der Eingabe legte er einen vom 1. Oktober 2021 datierten ärztlichen Kurz-
bericht bei (vgl. SEM-act. 24).
D.
Der Beschwerdeführer stellte am 12. November 2021 in Deutschland einen
Asylantrag (vgl. Akten der Vorinstanz, Dublin-in).
E.
Mit Verfügung vom 5. Januar 2022 – eröffnet am 6. Januar 2022 – trat die
Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch nicht ein, ordnete die Wegweisung nach Italien an und for-
derte den Beschwerdeführer auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Be-
schwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig wies die Vorinstanz auf die einer
allfälligen Beschwerde von Gesetzes wegen fehlende aufschiebende Wir-
kung hin und beauftragte den Kanton Zürich mit dem Vollzug der Wegwei-
sung (SEM-act. 34).
F.
Das Wiederaufnahmegesuch Deutschlands vom 10. Januar 2022 beant-
worteten die schweizerischen Behörden gleichentags unter Verweis auf die
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Zuständigkeit Italiens und die am 5. Januar 2022 verfügte Wegweisung ne-
gativ (vgl. Akten der Vorinstanz, Dublin-in).
G.
Gegen den vorinstanzlichen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am
12. Januar 2022 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er bean-
tragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz an-
zuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten. Eventualiter sei die angefoch-
tene Verfügung aufzuheben und die Sache zur vollständigen Feststellung
des Sachverhalts und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der auf-
schiebenden Wirkung der Beschwerde. Zudem seien die Vorinstanz und
die Vollzugsbehörden im Rahmen von vorsorglichen Massnahmen unver-
züglich anzuweisen, bis zum Entscheid über das vorliegende Rechtsmittel
von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen. Ihm sei die unentgeltliche
Rechtspflege zu gewähren und ihm ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu
bestellen. Von der Erhebung eines Kostenvorschusses sei abzusehen (Ak-
ten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1).
H.
Am 13. Januar 2022 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in
elektronischer Form vor und gleichentags setzte der Instruktionsrichter den
Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus
(BVGer-act. 2).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Der Be-
schwerdeführer ist zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
1.3. Die Beschwerde erweist sich – wie im Folgenden zu zeigen ist – als
offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher
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Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines
Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
2.
Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
Den Einträgen in der "Eurodac"-Datenbank zufolge wurde der Beschwer-
deführer am 1. November 2020 in Italien aufgegriffen und daktyloskopiert
(SEM-act. 6). Sein Asylgesuch in der Schweiz stellte er am 28. September
2021 und damit weniger als zwölf Monate nach dem illegalen Grenzüber-
tritt in Italien. Das Aufnahmeersuchen der Schweizer Behörden vom 2. No-
vember 2021 liessen die italienischen Behörden innert der Frist von Art. 22
Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO) unbeantwortet (vgl. SEM-act. 26 und 32). Damit anerkann-
ten sie die Zuständigkeit Italiens gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO
implizit (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO). Abklärungen zu seinem angeblichen,
mehrmonatigen Aufenthalt in Frankreich vermögen an der grundsätzlichen
Zuständigkeit Italiens zur Durchführung des Asyl- und Wegweisungsver-
fahrens nichts zu ändern. Darauf konnte die Vorinstanz ohne Verletzung
des Untersuchungsgrundsatzes verzichten, zumal der Beschwerdeführer
nicht geltend macht, in Frankreich über einen Aufenthaltstitel zu verfügen
und seine erstmalige, illegale Einreise in den Dublin-Raum in Italien nicht
in Abrede stellt.
4.
4.1. Gegen die Überstellung nach Italien bringt der Beschwerdeführer vor,
diese setze ihn einer Gefahr für seine Gesundheit aus.
4.1.1. Gemäss dem ärztlichen Kurzbericht vom 1. Oktober 2021 leidet der
Beschwerdeführer an psychischen Störungen und an Verhaltensstörungen
durch Sedativa (Beruhigungsmittel) und Hypnotika (Schlafmittel) (ICD 10:
F13), an Zahnkaries (ICD 10: K02) sowie an sonstigen Rückenschmerzen
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(ICD 10: M54.85). Ihm wurden die Medikamente Pregabalin, Rivotril, Tri-
mipramine und Irfen verschrieben und ein Physiotherapierezept ausge-
stellt. Ein Folgetermin zur Verlaufskontrolle war am 18. Oktober 2021 vor-
gesehen. Eine Behandlung mit mehreren Terminen bei Spezialisten sollte
nicht aufgegleist werden (vgl. SEM-act. 24). Mit Beschwerde vom 12. Ja-
nuar 2022 führt der Beschwerdeführer weiter Schlafstörungen, eine Sucht-
mittelproblematik und Asthma an (vgl. BVGer-act. 1).
4.1.2. Ein Verstoss gegen Art. 3 EMRK kann vorliegen, wenn eine schwer
kranke Person durch die Abschiebung mit einem realen Risiko konfrontiert
würde, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung
ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Lei-
den oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer, 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
4.1.3. Vorliegend sind die physischen und psychischen Gesundheitsbeein-
trächtigungen des Beschwerdeführers nicht derart gravierend, dass von ei-
ner Überstellung nach Italien abgesehen werden müsste (vgl. statt vieler:
Urteile des BVGer D-2922/2021 vom 4. November 2021 E. 7.6;
F-4299/2021 vom 3. November 2021 E. 7.3). Italien verfügt über eine aus-
reichende medizinische Infrastruktur. Der Zugang zum italienischen Ge-
sundheitssystem über die Notversorgung hinaus ist grundsätzlich gewähr-
leistet (vgl. [Referenz-] Urteil des BVGer F-6330/2020 vom 18. Oktober
2021 E. 10.5 und E. 11.1; statt vieler: Urteile des BVGer D-5674/2021 vom
10. Januar 2022 E. 9.2.2; F-2661/2021 vom 22. November 2021 E. 5.2).
Der Beschwerdeführer wird seine psychische Gesundheitsbeeinträchti-
gung sowie seine Suchtmittelerkrankung in Italien weiterbehandeln können
und die dafür benötigten Medikamente erhalten. Letztere können ihm auf
Vorrat abgegeben werden. Eine Zahnbehandlung und Physiotherapie sind
in Italien ebenfalls möglich. Art. 3 EMRK steht einer Überstellung des Be-
schwerdeführers nach Italien aus gesundheitlichen Gründen somit nicht
entgegen.
4.1.4. Neue Erkenntnisse in Bezug auf das Vorliegen einer schwerwiegen-
den Erkrankung sind von weiteren medizinischen Abklärungen in der
Schweiz nicht zu erwarten. Darauf kann verzichtet werden (vgl.
BGE 141 I 60 E. 3.3; 136 I 229 E. 5.3). Der Sachverhalt erweist sich mit
Blick auf eine mögliche Verletzung von Art. 3 EMRK somit als hinreichend
abgeklärt. Eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz ist nicht ange-
zeigt.
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4.2. Was die vom Beschwerdeführer geäusserte Sorge anbetrifft, in Italien
auf der Strasse leben zu müssen, so ist festzuhalten, dass vorliegend keine
konkreten Hinweise darauf ersichtlich sind, Italien werde sich weigern, ihn
aufzunehmen oder ihm dauerhaft die ihm zustehenden minimalen Lebens-
bedingungen vorenthalten (vgl. Urteil F-6330/2020 E. 9; statt vieler:
F-5306/2021 vom 13. Dezember 2021 E. 5.5). Dem Beschwerdeführer
steht es frei, dort um internationalen Schutz, mithin um Zugang sowie In-
tegration ins italienische Asylsystem zu ersuchen (vgl. Art. 18 Abs. 2 Dub-
lin-III-VO).
4.3. Schliesslich ist der Beschwerdeführer darauf hinzuweisen, dass ihm
die Dublin-III-VO kein Recht einräumt, den seinen Antrag prüfenden Staat
selber auswählen zu können (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3). Sein Vor-
bringen, dass es nie sein Ziel gewesen sei, in Italien zu bleiben, und dass
er dort weder Familie noch Freunde habe, die ihn finanziell, mental oder
bei der Arbeitssuche unterstützen könnten, ist für die Bestimmung der Zu-
ständigkeit für die Durchführung seines Asyl- und Wegweisungsverfahrens
gemäss der Dublin-III-VO nicht weiter relevant.
5.
Folglich bleibt es bei der Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens des Beschwerdeführers. Eine die
Schweiz bindende völkerrechtliche Bestimmung verletzt der angefochtene
Entscheid nicht. Eine gesetzeswidrige Ermessensausübung der Vorinstanz
kann nicht ausgemacht werden. Ein Grund für die Anwendung der Ermes-
sensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO und Art. 29a Abs. 3 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) besteht nicht. Demzu-
folge ist nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz vom Selbsteintrittsrecht
keinen Gebrauch gemacht hat. Zu Recht ist sie auf das Asylgesuch nicht
eingetreten und hat die Überstellung des Beschwerdeführers nach Italien
verfügt. Die Beschwerde ist abzuweisen. Das Gesuch um Gewährung der
aufschiebenden Wirkung ist mit Ausfällung des vorliegenden Endent-
scheids gegenstandslos geworden.
6.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei-
sen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt
– als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
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7.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
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