Decision ID: 76b450b9-4e08-45be-9667-e71c3d356dfb
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1959 geborene
X._
, welche eine Ausbildung als Tier
pflegerin
und als Pflegehelferin SRK
absolviert hatte und
zuletzt
als Pflegehelfe
rin
SRK
in einem 80 %-Pensum
tätig war (Urk. 6/2/15
,
Urk. 6/10/1
-3 und Urk. 6/12
), meldete sich am 10. Juli 2018 unter Hinweis auf
eine seit dem 15. Feb
ruar 2018 bestehende, psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeit
bei der Sozialversi
cherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Bezug
von Leistungen an (Urk. 6/3).
Die IV-Stelle tätigte medizinische und beruflich-erwerbliche
Abklä
rungen
und zog die
Akten der Krankentaggeldversicherung
bei. Anlässlich des Gesprächs vom 24. Oktober 2018 teilte die Versicherte der IV-Stelle mi
t, das Ar
beitsverhältnis sei
per 31. Dezember 2018 gekündigt worden. Ein Arbeitsversuch sei gar nicht möglich, sie fühle sich absolut arbeitsunfähig (Urk. 6/15).
Gleichen
tags teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, Eingliederungsmassnahmen seien zurzeit nicht möglich. Es werde die Rentenprüfung eingeleitet. Ein Rentenan
spruch könne jedoch erst nach einem Jahr Wartezeit beziehungsweise frühestens sechs Monate nach Eingang der Anmeldung entstehen (Urk. 6/16). Die IV-Stelle zog die Akten der Krankentaggeldversicherung
erneut
bei und tätigte
weitere
me
dizinische Abklärungen. Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (Vorbe
scheid vom 3. April 2020 [Urk. 6/35]
) wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren mit Verfügung vom 29. Mai 2020 ab (Urk. 2 [= Urk. 6/37]).
2.
2.1
Dagegen erhob die Versicherte mit Eingabe vom 23. Juni 2020 Beschwerde und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Beschwerdegeg
nerin sei anzuweisen, ihr spätestens ab Februar 2019 eine ganze Rente der Inva
lidenversicherung bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % zuzusprechen. Eventualiter sei die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese eine medizinische Begutachtung veranlasse und neu über den Leistungsan
spruch befinde (Urk. 1). Mit Beschwerdeantwort vom 18. August 2020 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 5), was der Beschwer
deführerin mit Verfügung vom 31. August 2020 angezeigt wurde (Urk. 7).
Auf Anfrage der Beschwerdeführerin vom 22. Juli 2021 zum Stand des Verfahrens (Urk. 8)
wurde ihr mit Schreiben vom 29. Juli 2021 mitgeteilt, im Sommer 2021 könne noch nicht mit einem Entscheid gerechnet werden (Urk. 9).
2.2
Mit Schreiben vom 23. August 2021 (Urk. 10) teilte der Rechtsdienst der
Sozial
versicherungsanstalt des Kantons Zürich
dem Gericht mit, dass die Beschwerde
führerin am 11. August 2021 verstorben sei (Urk. 11 [Todesmeldung
eadmin-zap
ZH vom 23. August 2021]).
Bis zur Klärung der Parteinachfolge wurde das Ver
fahren mit Verfügung vom 27. August 2021 sistiert. Sodann wurde dem Rechts
vertreter der verstorbenen Beschwerdeführerin, Rechtsanwalt Jan Herrmann, auf
gegeben, das Gericht über den Erbschaftsantritt mit Erbbescheinigung in Kennt
nis zu setzen und anzugeben, ob die Erben beziehungsweise welche Erben den Prozess weiterführen wollen (Urk. 12).
Nach einer Mitteilung vom 5. November 2021 zum Stand der Abklärungen (Urk. 14) informierte Rechtsanwalt Jan Herrmann das Gericht mit Schreiben vom 24. Juni 2022 (Urk. 15) darüber, dass die Schwester der verstorbenen Beschwer
deführerin,
Y._
, mit Urteil vom 29. April 2022 des Einzelge
richts im summarischen Verfahren des Bezirksgerichts Pfäffikon
als Alleinerbin anerkannt gelte
(Urk. 16).
Y._
, als deren Vertreter sich Rechtsanwalt Jan Herrmann auswies (Urk. 17), habe erklärt, in den Prozess ein
treten und diesen weiterführen zu wollen. Es werde daher um Aufhebung der Sistierung des Verfahrens gebeten. Mit Verfügung vom 1. Juli 2022 wurde die Sistierung des Verfahrens aufgehoben und es wurde vom Eintritt der Erbin
Y._
in den Prozess
Vormerk
genommen (Urk. 18).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege
lungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da ferner das Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung beziehungsweise des streitigen
Einspracheentscheids
eingetretenen Sachverhalt abstellt (BGE 144 V 210 E. 4.3.1, 132 V 215 E. 3.1.1, je mit Hinweisen), sind vorliegend die bis 31. De
zember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nachfolgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.4
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit
ist jedoch nicht ohne W
eiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer In
validität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.5
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Be
schwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebe
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arz
tes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versi
cherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärzt
lichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
1.6
Die regionalen ärztlichen Dienste (RAD) stehen den IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung. Sie setzen die für die Invalidenversicherung nach Art. 6 ATSG massgebende funktio
nelle Leistungsfähigkeit der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Sie sind in ihrem medizinischen Sachentscheid im Einzelfall unabhängig (Art. 59 Abs. 2
bis
IVG). Nach Art. 49 IVV beurteilen die RAD die medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs. Die geeigneten Prüfmethoden können sie im Rahmen ihrer medizinischen Fach
kompetenz und der allgemeinen fachlichen Weisungen des Bundesamtes frei wählen (Abs. 1). Die RAD können Versicherte bei Bedarf selber ärztlich untersu
chen. Sie halten die Untersuchungsergebnisse schriftlich fest (Abs. 2; Urteil des Bundesgerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweis auf BGE 135 V 254 E. 3.3.2).
Die Funktion interner RAD-Berichte besteht darin, aus medizinischer Sicht
gewissermassen als Hilfestellung für die medizinischen Laien in Verwal
tung und Gerichten, welche in der Folge über den Leistungsanspruch zu entschei
den haben – den medizinischen Sachverhalt zusammenzufassen und zu würdi
gen, wozu namentlich auch gehört, bei widersprüchlichen medizinischen Akten eine Wertung vorzunehmen und zu beurteilen, ob auf die eine oder die andere Ansicht abzustellen oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzunehmen sei. Sie würdigen die vorhandenen Befunde aus medizinischer Sicht (Urteil des Bun
desgerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweisen).
Der Beweiswert von RAD-Berichten nach Art. 49 Abs. 2 IVV ist mit jenem exter
ner medizinischer Sachverständigengutachten vergleichbar, sofern sie den pra
xisgemässen Anforderungen an ein ärztliches Gutachten (
BGE 134 V 231
E. 5.1) genügen und die Arztperson über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügt (
BGE 137 V 210
E. 1.2.1).
Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zu
verlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellun
gen, sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 145 V 97 E. 8.5, 142 V 58 E. 5.1 mit Hinweisen).
Reine Aktengutachten sind beweiskräftig, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich fest
stehenden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztliche Befas
sung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt (Urteil des Bundesge
richts 8C_750/2020 vom 23. April 2021 E. 4 mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erwog in der angefochtenen Verfügung, gemäss den Ab
klärungen könne nicht von einer anhaltenden oder gar rezidivierenden mittel
gradigen Depression ausgegangen werden.
Aus keinem der Berichte gehe hervor, dass die notwendigen Kriterien
dafür
erfüllt seien.
D
ie neu genannte
Diagnose einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit zwanghaften und leistungsabhän
g
igen Zügen sei nicht mittels der
üblichen Diagnosekriterien hergeleitet worden und könne auch aufgrund der früheren langjährigen Anstellung nicht klar nach
vollzogen werden. Der Verdacht auf eine po
sttraumatische Belastungsstörung sei bei fehlendem Trauma ebenfalls nicht plausibel. Es sei keine langanhaltende, IV-relevante gesundheitliche Beeinträchtigung ausgewiesen (Urk. 2).
2.2
Demgegenüber wurde in der Beschwerde vom 23. Juni 2020 geltend gemacht, die Beschwerdegegnerin habe in Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes den me
dizinischen Sachverhalt nicht ausreichend abgeklärt, sie habe sich bloss auf den RAD-Arztbericht gestützt, welcher sämtlichen Einschätzungen der behandelnden Ärzte und auch einem vom Krankentaggeldversicherer in Auftrag gegebenen Gutachten widerspreche, und es sei die Einholung eines externen mono- eventuell
bidisziplinären
medizinischen Gutachtens erforderlich.
Die RAD-Aktenbegutachtung widerspreche allen
sich
im Dossier befindlichen medizini
schen Berichten. Die RAD-Ärztin habe Begriffe verwendet («unklar», «fraglich», «nicht nachvollziehbar»), welche zum Ausdruck brächten, dass die medizinische Situation nicht geklärt sei und darum zwingend mit einem Gutachten zu klären wäre. Es sei nicht nachvollziehbar, wie die Beschwerdegegnerin aufgrund dieser Situation habe zum Schluss kommen können, auf eine Begutachtung könne ver
zichtet werden. Indem die Beschwerdegegnerin festhalte, es sei keine langanhal
tende IV-relevante gesundheitliche Beeinträchtigung ausgewiesen, verfahre sie so, als ob die
Versicherte
eine Beweisführungslast träfe. Dies sei unzulässig (Urk. 1).
3.
Dr. med.
Z._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD),
hielt in ihrer Stellungnahme vom
27. März 2020 fest
(Urk. 6/36/6-8)
,
im Bericht von Dr. med.
A._
, Fachärztin für Psy
chiatrie und Psychotherapie, vom 31. Juli 2018
,
worin
eine mittelgradige depres
sive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10 F32.11) diagnostiziert
worden sei
,
finde sich ein magerer psychopathologischer Befund (Erschöpfung, körperli
che Symptome, Schlafstörung, Müdigkeit, Konzentrati
onsprobleme und Zu
kunfts
ängste). Dieser stütze
sich vor allem auf die
A
ngaben der Versicherten
.
Es sei sodann berichtet
worden, es bestehe eine gute Tagesstruktur. Darin
könne keine mittelgradige depressive Symptomatik erkannt werden. Dem Standortge
spräch vom 22. August 2018
sei
überdies
zu entnehmen, dass die Versicherte, welche als Pflegehelferin SRK tätig gewesen sei, vor der Krankschreibung eine
demenzkranke Person betreut
(von 10.00-20.00 Uhr) und eine Mitarbeiterin Mob
bing betrieben habe.
Med.
pract
.
B._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, habe in seiner psychiatrischen Beurteilung zuhanden der Kran
kentaggeldversicherung eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1), ei
nen Alkoholabusus (ICD-10 F10.1) sowie eine Persönlichkeitsstruktur mit sehr leistungsbereiten und zur Überforderung tendierenden Zügen (ICD-10 Z73.1) diagnostiziert. Im Laufe des letzten Jahres (der Arbeitstätigkeit) sei es vermehrt zu einer Konfliktsituation am Arbeitsplatz in der Betreuung einer Patientin ge
kommen. Dabei sei die Versicherte permanent von einer Mitarbeiterin in der Pflege kritisiert und schikaniert worden. Im Februar 2018 sei die Versicherte
de
kompensiert
. Die RAD-Ärztin führte dazu aus, dem Auszug aus dem individuellen Konto (IK-Auszug) sei zu entnehmen, dass die Versicherte häufig arbeitslos ge
wesen sei. Gemäss Arztbericht von med.
pract
.
C._
(Fachärztin für Innere Medizin)
vom 26. September
2018 sei die Versicherte am Arbeitsplatz immer wieder gescheitert. Mit den Angaben, dass die Versicherte während der akuten Krankheitsphase vermehrt Alkohol konsumiert habe, könne eine grundle
gende Alkoholproblematik nicht ausgeschlossen werden. Im Arztbericht vom 31. Juli 2018
(recte: 1. Februar 2019)
habe Dr.
A._
dieselbe Diagnose wie im Bericht vom
31. Juli 2018 gestellt und festgehalten, der Befund sei unverän
dert. Im Austrittsbericht der
Klinik D._
AG vom 25.
April 2019 ü
ber die Hospitalisation vom 20. Februar bis 10.
April 2019
seien die folgenden Diagnosen gestellt worden:
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1)
,
Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebens
bewältigung (Burn-out; ICD-10 Z73)
,
Psychische und Verhaltensstörungen durch Tabak: Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F17.2)
. Als neuropsychologische Diagnose sei eine minimale kognitive Störung, wahrscheinlich im Rahmen der De
pression sowie in Folge des Status nach schädlichem Alkoholkonsum, aufgeführt worden. Die RAD-Ärztin kommentierte, der psychopathologische Befund zeige keinesfalls eine mittelgradige depressive Symptomatik gemäss ICD-10-Kriterien. Unklar sei, wie die Diagnose einer r
ezidivierende
n
depressive
n
Störung
entstan
den sei; die Versicherte habe zwar über ein Burn-out im Jahr 2007 berichtet, nicht aber über eine Depression. Auch
der psychopathologische Befund
im Bericht der
Klinik D._
AG
vom 14. Juni 2019 zeige keine mittelgradige depre
ssive Symptomatik gemäss ICD-10-
Kriterien. Dr.
med.
E._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
habe in seinem Bericht vom 12.
Dezember 2019 die Diagnosen mittelgradige depressive Episode
mit somatischem Syndrom (Erst
diagnose 2016, ICD-10 F32.11), kombini
erte Persönlichkeitsstörung
mit zwang
haften und leistungsabhängigen Zügen (Erstdiagnose 2019, ICD-10 F61.0), Ver
dacht auf pos
ttraumatische Belastungsstörung, gestellt. Zu diesem Bericht führte die RAD-Ärztin aus, es sei unklar, wie der Psychiater beurteilen könne, dass die angestammte Tätigkeit als Pflegeassistentin körperlich zu streng sei. Im psycho
pathologischen Befund könne keine mittelgradige depressive Symptomatik ge
mäss ICD-10-Kriterien erkannt werden. Wahrscheinlich habe der Behandler die Depressions-Diagnosen von der früheren
behandelnden Ärztin
, Dr.
A._
, übernommen. Die kombinierte Persönlichkeitsstörung sei nicht gemäss ICD-10-Kriterien hergeleitet worden und widerspreche der früheren langjährigen Anstel
lung sowie der psychiatrischen Beurteilung von
med.
pract
.
B._
vom 23. August 2018. Zudem sei fraglich, was eine leistungsabhängige Persönlich
keitsstörung genau sein solle. Die Möglichkeit einer posttraumatischen Belas
tungsstörung sei bei fehlendem Trauma absolut nicht nachvollziehbar. Zusam
menfassend
führte die RAD-Ärztin aus
, es könne nicht von einer anhaltenden oder gar rezidivierenden mittelgradigen Depression ausgegangen werden,
aus keinem der Berichte gehe hervor, dass
die entsprechenden ICD-10-Kriterien erfüllt
seien
. Depressive Einbrüche bei psychosozialen Belastungen seien nachvollzieh
bar und als normalpsychologische Reaktion aufzufassen. Aufgrund der verschie
denen Angaben wäre ein Burn-out-Syndrom (ICD-10 Z73), eventuell eine Anpas
sungsstörung (ICD-10 F43) bei Mobbing möglich.
Ein langanhaltender Gesund
heitsschaden sei
daher
aktuell nicht ausgewiesen.
4.
4.1
Es ist
nicht
zu beanstanden, dass die IV-Ste
lle gestützt auf die Beurteilung
von
RAD-
Ärztin Dr.
Z._
eine dauerhafte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit ver
neinte.
Die Beurteilung ist schlüssig und vermag zu überzeugen.
Es
trifft
insbe
sondere
zu,
dass
nicht von einer anhaltenden mittelgradigen Depression ausge
gangen werden kann. Dies steht auch
nicht im Widerspruch zur Einschätzung von med.
pract
.
B._
, welcher
unter einer leitliniengerechten Behandlung eine Zustandsbesserung und Stabilisierung im Sinne einer anzustrebenden Re
mission des depressiven Krankheitsgeschehens mit erhöhter Wahrscheinlichkeit
erwartete
(
Urk. 6/13/9
).
Er
p
rognostizierte, dass
mit erhöhter Wahrscheinlichkeit keine
höhergradige
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit im Rahmen eines an
haltend und therapeutisch nicht beeinflussbaren psychischen Krankheitsbildes
bestehen bleibe
. Zum jetzigen Zeitpunkt müsse mit einem weiteren Behandlungs- und
Wiedereingliederungszeitraum von circa 3-6 Monaten im Rahmen eines stu
fenweisen Prozesses gerechnet werden (Urk. 6/13/9).
In Anbetracht des Auslösers der psychischen Dekompensation
(
Arbeitsplatzkon
flikt mit anschliessendem
Verlust der Arbeitsstelle)
erscheint überdies nachvoll
ziehbar, dass d
ie RAD-Ärztin die Diagnose eines Burn-out-Syndroms (ICD-10 Z73), eventuell einer Anpassungsstörung (ICD-10 F43) bei
Mobbing
in Betracht
zog. Erstere Diagnose stellt als Z-Diagnose
jedoch
kein
en rechtserheblichen
Ge
sundheitsschaden
dar (Urteil 8C_810/2013 vom 9. April 2014 E.
5.2.2 mit weite
ren Hinweisen).
Zudem
haben die zur Begründung der
Dekompensation
genann
ten Umstände
(
Arbeitsplatzkonflikt mit anschliessendem
Verlust der Arbeitsstelle)
als psychosoziale Belastungsf
aktor
en
im invalidenversicherungsrechtlichen Kon
text unberücksichti
gt zu bleiben (Urteil des Bundesgerichts
9C_280/2020
vom 12.
August 2020
E. 4.4 mit Hinweisen
).
Ferner wird d
ie
Diagnose
einer Anpas
sungsstörung
nur im Zusammenhang mit einem Zustand von subjektivem Leiden und emotionaler Beeinträchtigung gestellt, die während des Anpassungsprozesses und
damit
nicht langanhaltend
auftreten (vgl.
Dilling
/
Mombour
/Schmidt,
Inter
nationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10 Kapitel V, Klinisc
h-dia
-
gnostische Leitlinien, 10.
Aufl., Bern 2015
,
S. 209 f.).
Auffällig ist sodann, dass eine
leitliniengerechte Behandlung
fehlte, was
einem ausgewiesenen Leidensdruck entgegen
steht
. Mit Ausnahme eines kurzen Zeitrau
mes nahm die Versicherte zur Behandlung ihres Zustandsbildes einmal täglich ein pflanzliches Präparat ein (
Rebalance
500 mg [
Johanniskraut-Trockenextrakt
; vgl. www.compendium.ch; besucht am 25. Juli 2022]). Dass
Brintellix
, welches gemäss
Austrittsbericht der
Klinik D._
AG vom 25. April 2019
in einer Do
sierung von bis zu 5 mg/d
gut vertragen wurde (Urk. 6/24/3), wegen angeblicher Nebenwirkungen wieder habe abgesetzt werden müssen
(Urk
. 6/28), lässt sich nicht nachvollziehen.
4.2
Dass die Kriterien für eine rezidivierende
depressive Störung
nicht
erfüllt sind
,
steht ausser Frage
.
Eine frühere depressive Episode ist nicht ausgewiesen. Zum einen liegen keine
entsprechenden
ärztlichen Berichte vor, zum anderen berich
tete die Versicherte selbst von einem «Burn-out» im Jahr 2007 (Urk. 6/24/2) und einem beinahe erlittenen «Burn-out» im Jahr 2014 (Urk. 6/24/1).
4.3
Med.
pract
.
B._
verneinte das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung. Die Persönlichkeitsstruktur mit sehr leistungsbereiten, zur Überforderung disponie
renden Zügen erreiche nicht das Ausmass einer Persönlichkeitsstörung, nehme aber im Rahmen des Überlastungsgeschehens und der Krankheitsentwicklung Einfluss (Urk. 6/13/7). Dr.
E._
stellte im Widerspruch dazu die Diagnose einer
kombinierten Persönlichkeitsstörung mit zwanghaften und leistungs
abhängigen Zügen (ICD-10 F61.0). Die RAD-Ärztin machte zu Recht auf diesen Widerspruch aufmerksam und fügte an, die kombinierte Persönlichkeitsstörung sei nicht gemäss den ICD-10-Kriterien hergeleitet worden und widerspreche der früheren langjährigen Anstellung. Zudem sei fraglich, was eine leistungsabhän
gige Persönlichkeitsstörung genau sein solle (Urk. 6/36/7). Eine entsprechende Klassifikation findet sich in den
klinisch-diagnostischen Leitlinien
denn auch
nicht
(vgl.
Dilling
/
Mombour
/Schmidt,
a.a.O.
, S. 276-289).
Auch die von Dr.
E._
gestellte Verdachtsdiagnose einer posttraumati
schen Belastungsstörung lässt sich nicht nachvollziehen. Eine solche hätte sich definitionsgemäss innerhalb von sechs Monaten
nach
dem angeblich erlittenen Trauma und
somit in der Kindheit
oder Jugendzeit der Versicherten entwickeln müssen
.
Späte,
chronifizierte
Folgen von extremer Belastung, das heisst solche, die noch Jahrzehnte nach der belastenden Erfahrung bestehen,
wären
unter F62.0 (andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung) zu klassifizieren (vgl.
Dilling
/
Mombour
/Schmidt,
a.a.O., S. 208).
4.4
In Bezug auf den Umstand, dass die behandelnden Ärzte der Versicherten eine
100%ige Arb
eitsunfähigkeit attestiert
en, ist auf die
Erfahrungstatsache
hinzuwei
sen
, dass behandelnde Ärzte (seien dies Hausärzte oder spezialärztlich behan
delnde
Medizinalpersonen
) mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Ver
trauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patientinnen und Patien
ten aussagen (BGE 135 V 465 E. 4.5, 125 V 351 E. 3b/cc).
4.5
Führen die im Rahmen des Untersuchungsgrundsatz
es nach Art. 43 Abs. 1 und Art. 61 lit.
c ATSG von Amtes wegen vorzunehmenden Abklärungen den Versi
cherungsträger oder das Gericht bei umfassender, sorgfältiger, objektiver und in
haltsbezogener Beweiswürdigung
(BGE 132 V 393 E.
4.1) zur Überzeugung, ein bestimmter Sachverhalt sei als überwiegend wahrscheinlich zu betrachten und es könnten weitere Beweismassnahmen an diesem feststehenden Ergebnis nichts mehr ändern, so liegt im Verzicht auf die Abnahme weiterer Beweise keine Ver
letzung des Untersuchungsgrundsatzes (antizipierte Be
weiswürdigung; BGE 136 I 229 E.
5.3). Bleiben jedoch erhebliche Zweifel an Vollständigkeit und/oder Rich
tigkeit der bisher getroffenen Tatsachenfeststellung bestehen, ist weiter zu ermit
teln, soweit von zusätzlichen Abklärungsmassnahmen noch neue wesentliche Er
kenntnisse zu erwarten sind (zum Ganzen: Urteil des Bundesgerichts 8C_7
01/2018 vom 28. Februar 2019 E.
4.1 mit Hinweisen).
Nachdem die Einschätzung der RAD-Ärztin zu überzeugen vermag, sind keine weiteren Abklärungen vorzunehmen.
Hierbei ist anzumerken, dass
im Beschwer
deverfahren nach dem Ableben der Versicherten bloss
noch eine
weitere
medizi
nische
fachärztliche
Aktenbeurteilung in Frage
gekommen
wäre
. S
ämtliche Vor
bringen, welche
a
uf
eine Begutachtung der Versicherten
abzielen,
gehen daher ins Leere.
Der Vollständigkeit halber ist anzufügen, dass
sich die von der RAD-Ärztin verwendeten
Begriffe
«unklar», «fraglich», «nicht nachvollziehbar»
nicht auf die medizinische Situation beziehen, sondern auf die Beurteilung der behan
delnden Ärzte.
4.6
Nach dem Gesagten ist mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlich
keit keine anhaltende gesundheitliche Beeinträchtigung und somit keine länger
dauernde Arbeitsunfähigkeit
der
verstorbenen
Versicherten
ausgewiesen.
5
.
Die Beschwerde erweist sich damit als unbegründet, weshalb sie abzuweisen ist.
6
.
Gestützt auf Art. 69 Abs.
1
bis
IVG ist das Beschwerdeverfahren vor dem kantona
len Versicherungsgericht bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verwei
gerung von IV-Leistungen kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfahrens
aufwand und unabhängig vom Streitwert unter Berücksichtigung d
e
s gesetzli
chen Rahmens auf Fr. 8
00.-- fes
tzusetzen und ausgangsgemäss der
Beschwerde
führer
in
aufzuerlegen.