Decision ID: 4a5fce50-033c-5e72-8c31-57a8460bac8c
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerschaft reichte am 9. April 2018 bei der Gemeinde Biel/Bienne
ein Baugesuch für die Baurechtsparzelle Biel/Bienne Grundbuchblatt Nr. M._ ein.
Nach Überarbeitungen umfasst das Baugesuch aktuell den Einbau einer separaten
Gasheizung mit Abgasleitung in bestehendem Kamin sowie das Erstellen eines separaten
Elektro-, Gas- und Wasseranschlusses. Die Liegenschaft ist eines von sieben
Reiheneinfamilienhäusern auf der Parzelle Biel/Bienne Grundbuchblatt N._,
welche im Anhang des Bauinventars des Kantons Bern eingestuft sind. Die Parzelle liegt in
der Bauzone 2. Gegen das Bauvorhaben erhoben die Beschwerdeführenden – alles
Baurechtsinhaber von benachbarten Reiheneinfamilienhäusern – Einsprache.
Mit Gesamtentscheid vom 28. Januar 2019 erteilte die Gemeinde Biel/Bienne der
Beschwerdegegnerschaft die Baubewilligung.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 26. Februar 2019 Beschwerde bei
der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen die
Aufhebung des Gesamtentscheids vom 28. Januar 2019 und die Erteilung des
Bauabschlags. Sie machen insbesondere geltend, dass der vorgesehene Elektroanschluss
über die gemeinsame Baurechtsparzelle Nr. O._ führe und die
Beschwerdegegnerschaft dafür die notwendige Zustimmung nicht eingeholt hätte.
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3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. In ihrer Beschwerdeantwort beantragte
die Beschwerdegegnerschaft, die Beschwerde sei kostenfällig abzuweisen, soweit darauf
einzutreten sei. Zudem stellten sie den Verfahrensantrag, der Beschwerde sei die
aufschiebende Wirkung zu entziehen. Die Gemeinde beantragte ebenfalls die Abweisung
der Beschwerde und verzichtete in Bezug auf den Verfahrensantrag auf eine
Stellungnahme. Die Beschwerdeführenden verlangten die Abweisung des Antrags auf
Entzug der aufschiebenden Wirkung. Auf die Rechtsschriften wird im Übrigen, soweit für
den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Prozessvoraussetzungen
Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann er –
unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen,
die Baugesuchsteller, die Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige
Gemeindebehörde (Art. 10 KoG i.V.m. Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden,
deren Einsprache abgewiesen wurde, sind durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid
beschwert und daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
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2. Eingabe vom 25. April 2019
a) In ihrer unverlangten Stellungnahme vom 18. Mai 2019 fordert die
Beschwerdegegnerschaft, die Eingabe der Beschwerdeführenden vom 25. April 2019 sei
aus den Akten zu weisen, da sich die Eingabe höchstens am Rande zum Antrag auf
Entzug der aufschiebenden Wirkung, im Übrigen aber unaufgefordert allgemein zur
Beschwerdeantwort äussere. Zudem sei den Beilagen ein falsches Verzeichnis beigelegt
worden. Die Beschwerdegegnerschaft beklagt sich ausserdem darüber, dass sie als
"personnes quérulantes" bezeichnet würden.
b) Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst das Recht der Parteien, von jedem
eingereichten Aktenstück bzw. jeder Stellungnahme Kenntnis zu nehmen und sich dazu
äussern zu können, und zwar unabhängig davon, ob die Stellungnahmen neue Tatsachen
oder Argumente enthalten und ob sie die entscheidende Behörde tatsächlich zu
beeinflussen vermögen.4 Die Beschwerdegegnerschaft durfte sich mit ihrer Eingabe vom
25. April 2019 daher auch zur Beschwerdeantwort äussern. Vom Inhalt her können
Eingaben aus den Akten gewiesen werden, wenn sie im Sinne von Art. 33 Abs. 1 VRPG5
"Sitte und Anstand" verletzen. Eine sittenwidrige und unanständige Ausdrucksweise ist
aufgrund der Meinungsäusserungsfreiheit und dem Gehörsanspruch nicht leichthin
anzunehmen.6 Dass die Beschwerdeführenden die Beschwerdegegnerschaft als
Querulanten7 bezeichnen, reicht vorliegend nicht, um die Eingabe aus den Akten zu
weisen, zumal auch die Beschwerdegegnerschaft die Beschwerde der
Beschwerdeführenden als querulatorisch bezeichnet.8 Inwiefern das Verzeichnis mit
Fehlern behaftet sein sollte, ist aus dem Exemplar, welches sich in den Akten befindet,
nicht ersichtlich. Im Übrigen ist unklar, weshalb ein allfälliger Fehler im
Beweismittelverzeichnis dazu führen sollte, dass eine Eingabe aus den Akten gewiesen
werden sollte.
4 Vgl. insb. BVR 2009 S. 328 E. 2.4; Markus Müller, Bernische Verwaltungsrechtspflege, 2. Auflage 2011, S. 64 5 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 6 Vgl. auch Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 33 N. 5 7 Eingabe der Beschwerdeführenden vom 25. April 2019, S. 2 oben 8 Vgl. dazu Stellungnahme der Beschwerdegegnerschaft vom 18. Mai 2019, S. 3 f.
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3. Rechtlich geschütztes Interesse der Beschwerdegegnerschaft
a) Mit Baurechtsvertrag vom 16. Mai 1972 räumte die Stadt Biel als Grundeigentümerin
an der Parzelle Biel/Bienne Grundbuchblatt Nr. N._ neun selbständige und
dauernde Baurechte ein.9 Die Baurechte Biel/Bienne Grundbuchblatt Nrn. P._ bis
Q._ berechtigen zur Erstellung je eines Einfamilienhauses. Das Baurecht Nr.
O._ berechtigt zur Erstellung einer Heiz- und Luftschutzanlage und das Baurecht
Nr. R._ zur Erstellung einer Autoeinstellhalle. Die durch die Gebäude nicht
beanspruchten Bodenflächen können die Bauberechtigten als Hof, Garten, Abstellfläche
etc. frei benützen. In Bezug auf die Baurechte Grundbuchblatt Nrn. P._-
Q._ steht dieses Recht ausschliesslich dem entsprechenden Berechtigten zu (Art.
4 Baurechtsvertrag).
Auf den Baurechtsparzellen Nrn. P._ bis Q._ stehen sieben
Reiheneinfamilienhäuser. Zwischen den einzelnen Häusern und dem S._weg
befindet sich ein Streifen Land, welcher zur Baurechtsparzelle Nr. O._ gehört.10
Die jeweiligen Eigentümer der Baurechtsparzellen Nr. P._ bis Q._ haben
je 1/7 Miteigentum an dieser Parzelle (Art. 3 Baurechtsvertrag). Die Baurechtsparzelle Nr.
R._, auf welcher sich die Autoeinstellhalle befindet, steht ebenfalls im Miteigentum
der Baurechtsinhaber. Für diese beiden Baurechtsparzellen haben die Miteigentümer eine
Nutzungs- und Verwaltungsordnung erlassen.11
Die Beschwerdegegnerschaft plant den Einbau einer separaten Gasheizung mit
Abgasleitung in bestehendem Kamin sowie das Erstellen eines separaten Elektro-, Gas-
und Wasseranschlusses. Aus den Baugesuchsakten ergibt sich, dass einzig der geplante
Elektroanschluss über die gemeinsame Parzelle Nr. O._ führt. Bei den übrigen
baulichen Massnahmen bestehen keine Hinweise, die auf den Einbezug anderer Parzellen
als der Baurechtsparzelle Nr. M._ hindeuten.12
9 Beschwerdebeilage 4 10 Vorakten Gemeinde pag. 9 f. 11 Beschwerdebeilage 5 bzw. Beilage zum Schreiben der Beschwerdeführenden vom 20. Mai 2019 sowie Beschwerdeantwortbeilage 2 12 Vorakten Gemeinde pag. 156 ff.
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b) Die Beschwerdeführenden bringen vor, der vorgesehene Elektroanschluss führe über
die gemeinsame Baurechtsparzelle Nr. O._. Die Beschwerdegegnerschaft hätte
dafür die notwendige Zustimmung insbesondere gemäss Art. 647d ZGB13 bzw. Art. 10
Nutzungs- und Verwaltungsordnung (Beschlüsse der Miteigentümerversammlung) nicht
eingeholt. Da die Beschwerdeführenden als vier der sieben Miteigentümerparteien gegen
das Bauvorhaben seien, erreiche das Bauvorhaben die notwendige Mehrheit nicht.
c) Die Gemeinde räumt ein, sie habe verkannt, dass der Elektroanschluss über eine
gemeinsame Parzelle führe. Dies ändere aber nichts an ihrem Entscheid. Zivilrechtliche
Fragen würden in der Regel nicht geprüft im Baubewilligungsverfahren. Die Zustimmung
der Grundeigentümer sei nicht zwingend. Es sei nicht auszuschliessen, dass das
Bauvorhaben auch ohne Zustimmung der Beschwerdeführenden verwirklicht werden
könne, daher sei auf das Baugesuch einzutreten. Das vorgesehene unterirdische Kabel
werde die künftige Bodennutzung, den Zugang und die Anlagen für Gas, Wasser und
Elektrizität der benachbarten Parzellen nicht beeinträchtigen. Es sei daher fraglich, ob die
Verhinderung des Bauvorhabens zivilrechtlich geschützt würde.
d) Die Beschwerdegegnerschaft bestreitet, dass die Baurechtsparzelle Nr. O._
durch das Bauvorhaben betroffen sei. Daher sei die Zustimmung der
Beschwerdeführenden nicht notwendig. Gleichzeitig räumt sie ein, dass der
Elektroanschluss allenfalls einen kurzzeitigen Aushub auf der Parzelle Nr. O._
erfordere, und zwar für einen kleinen kurzen Graben (ca. 60 cm breit und 1 m tief)
unmittelbar vor dem Hauseingang der Beschwerdegegnerschaft. Bei diesem Bereich der
Parzelle Nr. O._ handle es sich faktisch um den "Vorgarten" der
Beschwerdegegnerschaft, gleich wie bei den entsprechenden Bereichen der Parzelle Nr.
O._ vor den Hauseingängen der Beschwerdeführenden. Gemäss einem
Beschluss der Miteigentümergemeinschaft stünden diese Bereiche den jeweiligen
Hauseigentümern zur freien Verfügung. Die Beschwerdegegnerschaft weist darauf hin,
dass im vorliegenden Fall das Zivilrecht nicht geprüft werden müsse. Zudem hätten die
Beschwerdeführenden eine Verpflichtung zur Duldung gemäss Baurechtsvertrag Art. 1714,
Verwaltungsordnung Ziff. 315, Art. 647 Abs. 2 und Art. 2 ZGB.
13 Schweizerisches Zivilgesetzbuch vom 10. Dezember 1907 (ZGB; SR 210) 14 "Die Grundeigentümerin verpflichtet sich, die Erstellung und Benützung der nötigen Zugänge und Werkleitungen zu dulden.
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e) Die Grundeigentümer müssen im Baugesuch angegeben werden und das
Baugesuch unterzeichnen (Art. 10 Abs. 2 und Art. 11 BewD16). Nach ständiger
Rechtsprechung der BVE und des Verwaltungsgerichts handelt es sich beim
Unterzeichnungserfordernis nach Art. 10 Abs. 2 BewD um eine Ordnungsvorschrift. Die
Bestimmung dient dazu, dass sich die Baubewilligungsbehörden nicht mit Baugesuchen
befassen müssen, die aus zivilrechtlichen Gründen nie verwirklicht werden können, weil
ihnen der Grundeigentümer oder die Grundeigentümerin nicht zustimmt. Sie bezweckt
nicht, umstrittene private Rechte, die dem Bauvorhaben entgegenstehen könnten, im
Baubewilligungsverfahren statt im Zivilverfahren zu prüfen. Fehlt die Zustimmung des
Grundeigentümers oder der Grundeigentümerin oder fällt sie während des Verfahrens weg,
muss die Baubewilligungsbehörde mangels schutzwürdigen Interesses des Gesuchstellers
nicht auf das Baugesuch eintreten. Sofern die Bauherrschaft ein eigenes schutzwürdiges
Interesse vorweisen kann, ist die Zustimmung bzw. Unterschrift der
Grundeigentümerschaft dagegen nicht erforderlich. Aus dem Zweck des
Zustimmungserfordernisses nach Art. 10 Abs. 2 BewD, also der Verhinderung unnötiger
Verfahren, ergibt sich, dass die Baubewilligungsbehörden das schutzwürdige Interesse an
der Durchführung des Baubewilligungsverfahrens nur in eindeutigen Fällen zu verneinen
haben. Ein solches eigenes schutzwürdiges Interesse an der Beurteilung des Baugesuchs
fehlt, wenn das Ergebnis des Verfahrens von vornherein ohne Belang ist, weil ein
fremdrechtliches Hindernis das Bauvorhaben offensichtlich verhindert oder die
Realisierung des Bauvorhabens mangels Zustimmung der Grundeigentümerschaft völlig
ungewiss ist. Ist dagegen lediglich unklar, ob einem Bauvorhaben ein zivilrechtliches
Hindernis entgegensteht, ginge es nach verwaltungsgerichtlicher Praxis nicht an, dem
Gesuchsteller allein schon wegen der fehlenden Zustimmung nach Art. 10 Abs. 2 BewD
das Rechtsschutzinteresse abzusprechen. Bei der Beurteilung, ob ein schutzwürdiges
Interesse im Sinne dieser Praxis vorliegt, sind also ausnahmsweise zivilrechtliche
Bestimmungen zu berücksichtigen.17 Dabei können sich die Verwaltungs- und
Die Bauberechtigten verpflichten sich gegenseitig, alle gemäss Bauprojekt erforderlichen Zugänge und Werkleitungen zu erstellen und ihre Benützung durch alle Bauberechtigten im Rahmen der Ausübung ihrer Baurechte zu dulden." 15 "Jeder Miteigentümer soll in der Nutzung des gemeinsamen Baurechts sowie auch seines Einfamilienhauses möglichst frei sein, wobei die Grenze in der gleichen Freiheit der anderen Miteigentümer liegt. Dies bedingt gegenseitige Rücksichtnahme sowie loyales Einhalten der vorliegenden Nutzungs- und Verwaltungsordnung." 16 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 17 Siehe zum Ganzen BVR 2005 S. 130 E. 3.1; VGE 2017/215 vom 12.4.2018 E. 3.3; Monika Hintz, Zivilrechtliche Vorfragen im Baubewilligungsverfahren, in KPG-Bulletin 2/2014, S. 71 ff.; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 34 N. 10
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Verwaltungsjustizbehörden mit einer Prüfung anhand der Akten begnügen; sie sind nicht
gehalten, ein einlässliches Beweisverfahren durchzuführen.18
f) Da der geplante Elektroanschluss über die im Miteigentum stehende
Baurechtsparzelle Nr. O._ führt, müsste gemäss Art. 10 Abs. 2 BewD
grundsätzlich die unterschriftliche Zustimmung der Miteigentümergemeinschaft vorliegen.
Die Art. 647c ff. ZGB sehen je nach Kategorie unterschiedliche Zustimmungserfordernisse
für bauliche Massnahmen an einer im Miteigentum stehenden Sache vor. Je
unentbehrlicher eine Vorkehr für die gemeinschaftliche Sache ist, desto leichter ist die
Massnahme durchsetzbar.19 Gemäss Art. 648 Abs. 1 ZGB darf jedoch jeder Miteigentümer
die Sache nutzen, soweit dies mit den Rechten der andern Gemeinschafter verträglich ist.
Nach diesem Grundsatz sind die verschiedenen und u.U. divergierenden Ansprüche der
Miteigentümer zu koordinieren. Jede Nutzung der Sache durch die Gemeinschafter hat mit
Rücksicht auf die anderen zu erfolgen; die Grenze liegt dort, wo die Rechte der andern
tangiert werden. Die massgebende Schranke bildet dabei der tatsächliche Gebrauch des
andern und nicht eine allenfalls denkbare Gebrauchsmöglichkeit. Mit dieser Einschränkung
ist jeder Miteigentümer befugt, die Sache jederzeit beliebig zu gebrauchen, entsprechend
seinen jeweiligen Bedürfnissen. Soweit die Interessen der Miteigentümer in diesem Sinn
nicht beeinträchtigt werden, müssen diese allenfalls auch Veränderungen der
gemeinschaftlichen Sache akzeptieren.20
Vorliegend beabsichtigt die Beschwerdegegnerschaft auf der gemeinsamen Parzelle einzig
das Verlegen einer Leitung im Boden, wofür das kurzzeitige Öffnen eines Grabens
notwendig wird. Diese Eingriffe sollen in dem Teil der Parzelle stattfinden, der direkt vor der
Baurechtsparzelle der Beschwerdegegnerschaft liegt. Die Beschwerdegegnerschaft bringt
vor, dass dieser Teil eine Art Vorgarten sei. Die Beschwerdeführenden bestreiten dies nicht
und sie zeigen auch nicht auf, inwieweit diese unterirdische Leitung bzw. die
Grabungsarbeiten ihren tatsächlichen Gebrauch der Miteigentumsparzelle tangiert.
Aufgrund dieser Ausgangslage ist das Bauvorhaben der Beschwerdegegnerschaft
zivilrechtlich vermutlich auch ohne Zustimmung der Miteigentümergemeinschaft zulässig.
Auch aus dem Baurechtsvertrag und der Nutzungs- und Verwaltungsordnung ist kein
18 VGE 2017/215 vom 12.4.2018 E. 3.5 19 Christoph Brunner/Jürg Wichtermann, in Basler Kommentar, 5. Auflage 2015, Art. 647c N. 1 20 Christoph Brunner/Jürg Wichtermann, in Basler Kommentar, 5. Auflage 2015, Art. 648 N. 9; Arthur , Berner Kommentar, 1981, Art. 641-654 ZGB N. 21 f.
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offensichtliches Hindernis gegen die Verwirklichung des Bauvorhabens ersichtlich. Die
allenfalls notwendige Zustimmung würde zudem nur die Verwirklichung des
Elektroanschlusses, nicht aber des übrigen Bauvorhabens verhindern. Im Übrigen greift
der Schutzzweck von Art. 10 Abs. 2 BewD – das Vermeiden von Verwaltungsaufwand im
Bewilligungsverfahren – im oberinstanzlichen Verfahren nicht mehr in jedem Fall, weil die
Vorinstanz den Verwaltungsaufwand in der Regel bereits tätigte und damit ein erheblicher
Teil des Verwaltungsaufwands bereits entstanden ist. Ausserdem dürfte es auch mit dem
Beschleunigungsgebot (Art. 29 BV21) unvereinbar sein, wenn die BVE im vorliegenden Fall
alleine wegen der Verletzung einer Ordnungsvorschrift den angefochtenen Entscheid bzw.
das ganze Baubewilligungsverfahren aufheben würde.22 Das Rechtsschutzinteresse der
Beschwerdegegnerschaft am Erlass einer Baubewilligung muss daher bejaht werden. Die
Beschwerde wird abgewiesen.
4. Aufschiebende Wirkung
a) In der Beschwerdeantwort vom 3. April 2019 hat die Beschwerdegegnerschaft
beantragt, der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu entziehen.
b) Nach Art. 68 Abs. 4 VRPG kann während der Rechtshängigkeit eines
Beschwerdeverfahrens die instruierende Behörde von Amtes wegen oder auf Antrag die
aufschiebende Wirkung aus wichtigen Gründen entziehen oder wieder herstellen. Der
Entzug der aufschiebenden Wirkung gehört zu den vorsorglichen Massnahmen. Er hat
provisorischen Charakter und regelt den vorläufigen Zustand während der
Rechtshängigkeit. Mit dem vorliegenden Entscheid in der Sache ist das
Beschwerdeverfahren abgeschlossen. Am Entscheid über den Entzug der aufschiebenden
Wirkung besteht daher kein Interesse mehr. Das Gesuch der Beschwerdegegnerschaft um
Entzug der aufschiebenden Wirkung wird folglich mit dem vorliegenden Entscheid
gegenstandslos und kann als erledigt vom Geschäftsverzeichnis abgeschrieben werden
(Art. 39 Abs. 1 VRPG).
21 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) 22 Vgl. auch BDE vom 12. Juni 2015, RA-Nr. 110/2015/56, sowie BDE vom 30. August 2017, . 110/2017/45
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5. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden. Sie
haben die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf
eine Pauschalgebühr von Fr. 1'000.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV23).
Die Beschwerdeführenden haften solidarisch für den gesamten Betrag. Die Behandlung
des Gesuchs um Entzug der aufschiebenden Wirkung der Beschwerdegegnerschaft, das
als erledigt abgeschrieben werden kann, rechtfertigt keine Kostenausscheidung.
b) Die Beschwerdeführenden haben zudem der Beschwerdegegnerschaft die
Parteikosten zu ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Parteikosten umfassen den durch
die berufsmässige Parteivertretung anfallenden Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Nach
Art. 11 Abs. 1 PKV24 beträgt das Honorar in verwaltungsrechtlichen Beschwerdeverfahren
Fr. 400.– bis Fr. 11'800.– pro Instanz. Innerhalb des Rahmentarifs bemisst sich der
Parteikostenersatz nach dem in der Sache gebotenen Zeitaufwand sowie der Bedeutung
der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 41 Abs. 3 KAG25). Das geltend
gemachte Honorar beträgt Fr. 6'750.– plus Auslagen von Fr. 85.– sowie Fr. 526.30
Mehrwertsteuer. Im vorliegenden Fall ist der gebotene Zeitaufwand als höchstens
durchschnittlich zu werten, da kein Beweisverfahren durchgeführt wurde. Angesichts der
Baukosten gemäss Baugesuch von rund Fr. 30'000.– und den umstrittenen Rechtsfragen
sind die Bedeutung der Streitsache und die Schwierigkeit des Prozesses grundsätzlich als
unterdurchschnittlich einzustufen. Daher erscheint vorliegend ein Honorar von Fr. 4'675.–
als angemessen. Die Beschwerdeführenden haben der Beschwerdegegnerschaft somit
Parteikosten in der Höhe von Fr. 5'126.50 (Honorar Fr. 4'675.–, Auslagen Fr. 85.–;
Mehrwertsteuer Fr. 366.50) zu bezahlen. Die Beschwerdeführenden haften solidarisch für
den gesamten Betrag.
23 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21) 24 Verordnung vom 17. Mai 2006 über die Bemessung des Parteikostenersatzes (Parteikostenverordnung; PKV; BSG 168.811) 25 Kantonales Anwaltsgesetz vom 28. März 2006 (KAG; BSG 168.11)
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