Decision ID: cc528be6-0f17-4800-a74b-6c75faa56775
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1969, ist
zweimal
geschieden und Mutter von vier K
indern (
geboren 1991, 1993,
1998
und 2000; Urk.
10/4
/1-2, 10/27/1
4
). Sie hat keinen Beruf
erlernt und
war
zuletzt
von März 2013 bis Januar 2015 be
i der Firma
Z._
als Modeberaterin
angestellt
(Urk
. 10/14/3
, 10/17
/5-10
, 10/19
, 10/21
)
.
E
ffektiv
gearbeitet hat
sie
bis
August 2014
(Urk
.
10/17/5-10
)
.
Ab
September
2014 bezog sie von der Concordia Krankentaggelder (Urk. 10/
17/6
10
).
Am 16. April 2015 meldete sie sich wegen Depressionen, Panikattacken, Anpassu
ngsstörungen, Essstörungen,
Nichtbelastbarkeit
sowie einem Burn-out im Frühstadium
bei
der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
zum Leistungsbezug an (Urk. 10/3).
Die
IV-Stelle
tätigte Abklärungen in erwerb
licher sowie medizinischer Hinsicht.
Nebst dem Auszug aus dem individuellen Konto (IK-Auszug,
Urk. 10/14),
zog sie
die Akten des Krankentaggeldversicherers
Concordia
bei
(
Urk. 10/20)
und
holte verschiedene Arztberichte ein (Urk. 10/1, 10/8, 10/9, 10/
24, 10/28, 10/29, 10/33, 10/34).
Zwischenzeitlich startete die Ver
sicherte einen Arbeitsversuch und arbeitete
ab
März 2016 in einem 20%-Pe
nsum
wiederum für die
Z._
, musste
den Versuch
allerdings bereits Ende Mai 2016 wieder abbrechen (Urk. 10/32). Schliesslich
nahm der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) am
15. November
2016 zur Sache Stellung
(Urk. 10/38/5-6
).
Mit Vorbescheid vom
11. Mai 2017
stellte die
IV-Stelle
der Versicherten die Abwei
sung des Leistungsbegehrens in Aussicht
(Urk. 10/39)
. Dagegen erhob die Versi
cherte
am
4. Juni 2017
Einwand
,
den sie
mit Schreiben vom 15. August 2017
begründete
(Urk. 10/40, 10/43). Mit Verfügung vom 2. Oktober 2017 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab (Urk. 10/49 = Urk. 2).
2.
Dagegen erhob die Versicherte am 2. November 2017 Beschwerde und beantragte,
die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und
ihr sei
eine Invalidenrente zu ge
w
ähren. E
ventualiter sei die Sache an die
IV-Stelle
zurückzuweisen, um anhand eines psychiatrischen und neurop
s
ychologischen Gutachtens die Arbeitsfähigkeit zu klären und die Frage zu beantworten, ob es sich bei den psychosozialen Fak
toren um Ursache ode
r
Wir
k
ung
des Gesundheitsschadens handle
.
S
ubeventuali
ter
sei die Sache an die
IV-Stelle
zurückzuweisen, damit sie der Versicherten eine Schadenminderungspflicht auferlege
,
bevor über den Leistungsanspruch zu ent
scheiden sei. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte die Versicherte
für den
Fall ihres Unterliegens die Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung
(Urk. 1 S.
2).
Mit Eingabe vom 7. Dezember 2017
reichte die Versicherte zur Sub
stantiierung der
prozessualen Bedürftigkei
t Unterlagen ein (Urk. 6
-8). Die IV
Stelle beantragte mit ihrer Beschwerdeantwort vom 11. Dezember 2017 die Abweisung der
Beschwerde (Urk. 9).
Am
13. Dezember 2017
stellte das Gericht die Vernehmlassung der Versicherten zu und gewährte ihr die unentgeltliche Pro
zessführung
(Urk. 11).
Auf
die Vorbringen
der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Sie kann Folge von Geburts
gebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgegliche
nen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich
die Folgen der gesundheitlichen Beein
trächtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität bewirken. Rechtsprechungs
ge
mäss ist bei psychischen Beeinträchtigungen zu prüfen, ob ein psychischer Gesundheitsschaden mit Krankheitswert besteht, welcher die versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein rentenaus
schliessen
des Erwerbseinkommen zu erzielen (vgl.
BGE 139 V 547
E. 5,
131 V 49
E. 1.2,
130 V 352
E. 2.2.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_125/2015 vom 1
8.
Novem
ber 2015 E. 5.4).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E.
5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne
weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausge
wiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c, je mit Hinweisen; vgl.
Art.
7
Abs.
2 ATSG).
1.3
Das Bestehen belastender psychosozialer Faktoren
schliesst
eine Invalidität noch nicht aus. Bei Vorliegen solcher Belastungsfaktoren ist zu prüfen, ob das klinische Beschwerdebild nicht einzig in Beeinträchtigungen, welche von den belastenden psychosozialen Faktoren herrühren, besteht, sondern davon psychiatrisch zu unterscheidende Befunde umfasst. Solche verselbständigte psychische Störungen können durchaus zu einer Invalidität führen.
Ausserdem
können sich psychoso
ziale Belastungsfaktoren mittelbar invaliditätsbegründend auswirken, indem sie einen verselbständigt
en Gesundheitsschaden aufrechterhalten oder den Wir
kungsgrad seiner Folgen verschlimmern (BGE 127 V 294 E. 5a; Urteile des
Bun
de
sgerichts 9C_537/2011 vom 28. Juni 2012 E. 3.2 mit Hinweisen sowie 8C_730/2008 vom 23. März 2009 E. 2).
1.
4
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihre leistungsablehnende Verfügung
vom 2. Oktober 2017 (Urk. 2)
damit, dass in der Vergangenheit und aktuell massive
psych
osoziale Belastungsfaktoren vorliegen würden, welche zu den psychischen Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin geführt hätten
(Scheidungssituation, problematisches Verhalten des Sohnes mit vorübergehender Fremdplatzierung, finanzielle Probleme, Trennung vom Lebenspartner mit anschliessend unklarer Wohnsituation). Erschwerend komme hinzu, dass sie über keine Berufsausbildung verfüge und keine ausdauernde Erwerbsbiographie ausweisen könne. Die
s
könne – wie auch
ihre
Suchtproblematik (Alkoholsucht) – aus invalidenversicherungs
rechtlicher Sicht nicht berücksichtigt werden
(S. 1)
. Gemäss Rechtsprechung wür
den psychosoziale Belastungsfaktoren einen invalidisierenden Befund ausschlies
sen, wenn die festgestell
te psychische K
rankheit ihre hinreichende Erklärun
g in psychosozialen Umständen fi
nde und gleichsam in ihnen aufgehe.
Aus medizini
scher Sicht bestehe weiterhin eine Arbeitsunfähigkeit, welche genügend abgeklärt worden sei.
Aus juristischer Sicht
gehe man
jedoch weiterhin
von psychosozialen Belastungsfaktoren aus, welche im Sinne der Invalidenversicherung keinen Gesundheitsschaden
bewirkten
(S. 2).
2
.2
Die Beschwerdeführerin liess in ihrer Beschwerdeschrift gegen diese Beurteilung einwenden
,
sowohl
nach
Dr. med. A._
, Facharzt
FMH
für Psy
chiatrie und Psychotherapie, als auch
nach
med.
pract
. B._
, Facharzt
FMH
für Psychiatrie und Psychotherapie,
seien die p
sychosozialen Belastungsf
aktoren
, namentlich
der dysfunktionale Alkoholkonsum, die fehlende Berufsausbildung sowie die fehlende Erwerbsbiografie, a
uf
ihr
Krankheitsbild zurückzuführen
und damit sekundäre Folgen des gemäss
Angaben des
RAD
vom 15. November 2016
au
sgewi
esenen Gesundheitsschadens (S. 5
).
Die Ätiologie der emotional instabi
len Persönlichkeitsstörung sei auf ein multifaktorielles Geschehen zurückzu
führen und beinhalte in 2/3 der Fälle traumatische
Ereignisse in der Kindheit (sexueller Missbrauch,
körperlich
e Gewalt) sowie genetische Faktoren und neu
robiologische Aspekte. Während die Erkrankung meist bereits in der Pubertät auftrete, werde sie oft erst im Erwachsenenalter behandelt. Aufgrund dieser Definition
müss
e die Persönlichkeitsstörung somit vor dem Auftreten des dysfunktionalen Alkoholkonsums, der fehlenden Berufsausbildung sowie der fehlenden Erwerbsbiografie – welche psychosoziale Faktoren genannt werden – bestanden haben. E
s sei unhaltbar, dass die IV-Stelle entgegen der Meinung des behandelnden Psychiaters und dem RAD behaupte, die psychosozialen Faktoren seien die Ursache der Persönlichkeitsstörung
und damit der Arbeitsunfähigkeit.
Im
Ü
brigen
würden Persönlichkeitsstörungen nicht zu den psychosomatischen Leiden gehören, für die
bezüglich des Rentenanspruchs gefordert werde, dass die Überwindbarkeit der Störung beispielsweise anhand der Kriterien des sozialen Kontextes, der adäquaten Therapie oder der Voraussetzung, dass das Leiden aus
therapiert sei, bestimmt werde. Bei Persönlichkeitsstörungen reiche es aus, dass ein Krankheitswert ausgewiesen sei, was gemäss RAD der Fall sei. Weil die Arbeitsunfähigkeit seit über einem Jahr bestehe, und auch in den nächsten zwei Jahren keine Besserung zu erwarten sei, sei der Beschwerdeführerin ei
ne Invali
denrente auszurichten
(
Urk.
1 S. 3 ff.)
.
3.
3.1
Dr.
A._
nannte in seinem Bericht vom 18. Mai 2015 zuhanden der IV-Stelle als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine Anpassungsstörung mit depressiven Symptomen und Angst und Panik gemischt (ICD-10 F41.2). Als Differentialdiagnose
nannte
er eine generalisierte Angst-Störung sowie
den
Ver
dacht auf eine Persönlichkeitsstörung und/oder ADHS mit Einschränkungen der Exekutivfunktionen an. Ohne Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit seien demge
genüber anamnestisch
Phasen der Bulimie
(Urk. 10/8/1)
.
Weiter führte Dr.
A._
aus, dass die Beschwerdeführerin zwischen August 2014 und April 2015
ambu
lant
be
i ihm in Behan
dlung gewesen sei.
B
etreffend
die
Arbeitsfähigkeit in der angestammten sowie
in der
angepassten Tätigkeit verwies
er
auf den
ihm nicht bekannten
neuen Be
handler der Beschwerdeführerin
(Urk. 10/8/1-3)
.
3.2
Gegenüber dem vertrauensärztlichen Dienst der Kranke
ntaggeldversicherung
hatte
Dr.
A._
mit Bericht vom 3. März 2015
aus
geführt
,
dass die Beschwer
deführerin bereits vor sechs Jahren
[das heisst im Jahr 2009] eine ähnliche Krise überwunden habe. Damals sei sie stationär psychiatrisch behandelt worden.
2012 sodann
habe sich
die soziale Situation
aufgrund der Eskalation des Problemver
haltens
und der Fremdplatzierung
des Sohnes,
wegen
der Trennung und Ehescheidun
g
und wegen
zunehme
nder Verschuldung
verschlechtert.
Zudem sei
es
zum Bruch mit vielen
älteren
Kollegen un
d Kolleginnen gekommen. Aktuell
gehe die Beschwerdeführerin
aus Angst vor Panikattacken
nicht mehr alleine aus dem Haus. Bezüglich der krankheitsfremden Faktoren führte Dr.
A._
aus, dass die fehlende soziale Absicherung (Beitragslücken bei der Krankenversicherung)
als krankheitsfremder Faktor
insgesamt eine erschwerende Rolle spielen dürfte.
Andererseits
spiele
jedoch
der Verdacht auf ADHS mit Einschränkung frontaler Exekutivfunktionen eine nicht unbedeutende Rolle bei der E
ntstehung der sozia
len Probleme (Urk. 10/20/4-6).
3.3
Der behandelnde Psychiater Dr.
B._
teilte der IV-Stelle am 15. Oktober 2015
mit, dass die Besc
hwerdeführerin aufgrund
einer
Agora
phobie mit Panikstörung (ICD
10 F41.01) sowie
wegen
Angst und depressive
r
Störung gemischt (ICD-10 F41.2)
seit dem 15. August 2015
vollständig
arbeitsunfähig sei.
Die Angst und Anspannung stünden in einem engen Zusammenhang mit spezifischen
Trigger
situationen
im Alltag. Trotz hoher Motivation der Beschwerdeführerin sowie the
rapeutischer und medikamentöser Behandlung sei der psychische Zustand noch immer instabil. Aus diesem Grund
erfolge eine Überweisung in die
C._
, in welcher
die Beschwerdeführerin im Dezember 2015
eine Therapie beginnen werde (Urk. 10/24).
3.4
Dr. med.
D._
, Fachärztin
FMH
für Psychiatrie und
Psychotherapie, Oberärztin,
lic
. phil.
E._
, Therapeutische Leiterin, sowie
F._
, Pflegefachfrau HF,
von der
G._
,
wo sich die
Beschwerdeführer
in
vom
8. Januar 2016
bis zum
1. Februar
2016 auf Zuweisung von Dr.
B._
in ambulanter Behandlung
(Tages
klinik)
befand, nannten in ihrem
Abschlussbericht vom 21. März 2016
folgende Diagnosen
(Urk. 10
/
28/2-3)
:
-
Agoraphobie mit Panikstörung (ICD-10 F40.
0
1)
-
Angst und depressive Störung gemischt (ICD-10 F41.2)
-
Verdacht auf emotional-instabile Persönlichkeitszüge
,
bei Status nach Essstörung mit
anorektischen
und
bulimischen
Phasen (ICD-10 F50) und schädlichem Gebrauch von Alkohol
Die Beschwerdeführerin habe während rund einem Monat jeweils an Wochenta
gen täglich am tagesklinischen Programm teilgenommen, wobei parallel wöchentlich Gespräche mit Dr.
B._
stattgefunden hätten. Am 1. Februar 2016 habe die Beschwerdeführerin das Programm in der Tages
klinik
mit der Begrün
dung beendet, sie sei durch die Geschichten der Mitpatienten zu sehr
und zusätz
lich belastet worden.
3.5
In sei
nem Bericht vom 28. April 2016
bestätigte Dr.
B._
der IV-Stelle die in seinem Bericht vom 15. Oktober 2015 gestellte Diagnose der Agoraphobie mit Panikstörung (ICD-10 F41.01) und nannte zusätzlich die Verdachtsdiagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10 F43.1). Diesbezüglich führte er aus, dass
anamnestisch auch Missbrauch vorliegen würde
.
Im Verlaufe der Therapie
bemühungen sei eine langsame Verbesserung des psychischen Zustandes der Beschwerdeführerin zu sehen.
Aktuell arbeite sie wieder in einem Pensum von 20 %
. Der Zustand
sei aber weiterhin instabil. Eine Steigerung auf
über 50 % sei nicht zu erwarten (Urk. 10/29/4-5).
3.6
Am 7. September 2016 teilte die Beschwerdeführerin der IV-Stelle mit, dass ihr Arbeitsversuch nach drei Monaten gescheitert
sei
. Sie habe
bei der
Z._
vom 1. März 2016 bis zum 30.
Mai 2016
in einem 20%-Pensum gearbeitet, sei jetzt aber wieder
vollständig
arbeitsunfähig
(Urk. 10/32)
.
3.7
Dr.
B._
nannte in seinem Bericht vom 4.
Oktober 2016 zuhanden der IV-Stelle folgende Diagnosen
:
-
e
motional instabile Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.3)
-
p
osttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1)
-
Agoraphobie mit Panikstörung (ICD-10 F41.0
1
)
Es zeige sich eine erneute Dekompensation der Erkrankung mit Zunahme von Angst, Panik und emotionaler
Instabilität
.
Anamnestisch liege
sexueller Miss
brauch im Alter vor 13 bis 14 Jahren vor. Die Beschwerdeführerin sei in sozial und emotional schwierigen Verhältnissen mit dem Erleben der Gewalt aufge
wachsen
. Durch die bestehenden schwierigen Umstände habe sie keine adäquate psychische Reifung erlangen können.
Die Beschwerdeführerin sei seit Mitte Mai 2016 auf dem ersten Arbeitsmarkt
vollständig
arbeitsunfähig
(Urk. 10/33/1 f.)
.
3.8
RAD-Arzt med.
pract
. H._
, Facharzt für Neurologie, führte in seiner Stellungnahme vom 15. November 2016 aus, es sei ein Gesundheitsschaden aus
gewiesen und die Beschwerdeführerin sei aufgrund einer erneuten Destabi
lisierung für den
ersten
Arbeitsmarkt seit August 2014 vollständig arbeitsunfähig. Eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit sei bei Fortführung der psychiatrischen Therapie möglich, wobei unklar sei, welcher Zeitraum dafür benötigt werde. Aus diesem Grund werde empfohlen in ein bis zwei Jahren einen Verlaufsbericht ein
zuholen (Urk. 10/38/5-6).
3.9
Die Beschwerdeführerin war vom 22. bis zum 23. November 2016 aufgrund eines freiwilligen Eintritts in stationärer Behandlung in der
G._
.
Dr. med
. univ.
I._
,
Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie, Oberärztin, sowie
MSc
J._
, Psychologin, nannten in ihrem Kurzbericht vom 23. November 2016 die Diagnosen einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig
mittelgradiger Episode (ICD-10 F33.1) sowie eine
r
Agoraphobie mi
t Panikstörung (ICD-10 F40.01
; Urk. 10/34/3-4
).
3.10
Dr.
B._
n
annte in seinem Bericht vom 23.
Januar 2017 zuhanden der IV-Stelle folgende Diagnosen:
-
k
ombinierte Persönlichkeitsstörung mit emotional instabilen Zügen (ICD
10 F61.0)
-
r
ezidivierende depressive Störung (ICD-10 F33.1)
-
Agoraphobie mit Panikstörung (ICD-10 F40.01)
Es liege eine chronische Erkrankung vor, die auf bereits verfestigte Persönlich
keitsmuster in der Kindheit
zurückzuführen sei
. Die Beschwerdeführerin sei auf dem ersten Arbeitsmarkt
vollständig
arbeitsunfähig. Auch in Zukunft sei sie auf
grund ihrer psychischen Störung nur bedingt in der Lage, eine ausreichende psychische Stabilität zu erlangen, die es ihr ermögliche, sich sozial vollumfäng
lich zu
reintegrieren
(Urk. 10/34/1-2)
.
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihre leistungsabweisend
e Verfügung vom 2. Oktober 2017
damit, dass
die gesundheitlichen
Einschr
änkungen
der Beschwerde
führerin durch psychosoziale Faktoren (Scheidungssituationen, prob
lematisches Verhalten des Sohnes mit vorübergehender Fremdplatzierung, finan
zielle Probleme, Trennung vom Lebenspartner mit anschliessend unklarer Wohn
situation) ausgelöst worden seien und ohne diese Faktoren keine gesundheitli
chen Einschränkungen vorlägen. Zudem sei der
dysfunktionale Alkoholkonsum sowie die Tatsache, dass die Beschwerdeführerin über keine Berufsausbildung und keine ausdauernde Erwerbsbiographie verfüge
,
als
invaliditäts
fremd zu werten
,
und die medizinischen
Massnahmen
seien
noch nicht vollständig ausgeschöpft worden (Urk. 2, 10/38/6, 10/47/2).
4.2
Weder die Einschätzung
von Dr.
A._
und Dr.
B._
noch jen
e des
RAD-
Arztes
H._
oder der behandelnden Ärzte der
G._
stützen die Ansicht der Beschwer
degegnerin, wonach sich
die Leistungseinschränkungen der Beschwerdeführerin in psychosoziale
n
Belastungsfaktoren erschöpfen (vgl.
vorstehend E.
3.1-3.10
).
Es ist zwar zutreffend, dass sich in den vorliegenden medizinischen Unterlagen durchgehend Hinweise auf psychosoziale
Belastungsfaktoren finden (Urk.
10/8/2
=
10/9/2, 10/20/4-6, 10
/28/2
, 10/33/2, 10/34/1
), kein einziger Arzt
äusserte
sich jedoch dahingehend, dass Leistungseinschränkungen
in erster Linie
auf diese psychosozialen Belastungsfaktoren zurückzuführen wären.
So bejahte Dr.
A._
in seinem Bericht vom 3. März 2015 zwar das Bestehen krankheitsfremder Fak
toren und führte hinsichtlich der fehlenden sozialen Absicherung der Beschwer
deführerin
aus
, dass dies
e
insgesamt eine erschwerende Rolle spielen dürfte, wies
aber
gleichzeitig auf
die
Verdacht
sdiagnose
ADHS mit Einschränkung frontaler Exekutivfunktionen hin, welche wahrscheinlich eine nicht unbedeutende Rolle bei der Entstehung der sozialen Probleme spiele
(Urk. 10/20/6).
Ebenso wenig lässt sich
die An
sicht der Beschwerdegegnerin auf
die
Berichte von Dr.
B._
abstützen
.
Er
stellte
bereits in seinem Zwischenbericht vom 4. Oktober 2016 unter anderem die Diagnosen einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung (ICD
10 F60.3), einer posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) sowie einer Agoraphobie mit Panikstörung (ICD-10 F41.01) und führte aus, dass anam
netisch ein sexueller Missbrauch im Alter von 13 bis 14 Jahren vorliege und die Beschwerdeführerin in sozial und emotional schwierigen Verhältnissen mit Erle
ben
von
Gewalt aufgewachsen sei (Urk. 10/
33/
1-2). In seinem Bericht vom 23. Januar 2017 stellte er
schliesslich
die Diagnosen einer kombinierten Persön
lichkeitsstörung mit emotional instabilen Zügen (ICD-10 F61.0), einer rezidi
vierende
n
deperessiven
Störung (ICD-10 F33.1) sowie einer Agoraphobie mi
t Panikstörung (ICD-10 F40.01) und konkretisierte diesbezüglich, dass bei der Beschwerdeführerin eine chronische Erkrankung vorlie
ge, die auf bereits ver
festigte
Persönlichkeitsmuster in der Kindheit zurückgehe (Urk. 10/34
/2
).
Zuletzt kann auch der S
tellungnahme des RAD-Arztes
H._
nicht entnommen werden, dass Leistungseinschränkungen allein auf psychosoziale Belastungs
faktoren zurückzuführen wären, da dieser – wiederum entgegen der Beschwerde
gegnerin – von einem seit August 2014 bestehenden Gesundheitsschaden und aufgrund dessen von einer
vollständigen
Arbeitsunfähigkeit ausging.
4.3
Die
Auffassung
der IV-Stelle, dass die psychische Symptomatik mit psycho
so
zialen Belastungsfaktoren erklärt werden könne und deshalb nicht invali
disierend
sei, beruht auf der
nach Durchführung der
Indikatorenprüfung
erfolgten
Ein
schätzung der zuständigen Sachbearbeiterin
(
Urk. 10/38/6-7)
. Dabei bezieht sie sich lediglich auf den Bericht von Dr.
A._
vom 3. März 2015 sowie auf den Kurzbericht der
G._
vom 23. November 2016 (Urk. 10/
20/4-6, 10/34/3-4).
Die
Tatsache, dass Dr.
B._
in seinem Bericht vom 23. Januar 2017 davon ausgeht, dass bei der Beschwerdeführerin eine chronische Erkrankung vorliegt, die auf bereits verfestigte Persönlichkeitsmuster in der Kindheit zurückgeht,
bezieht die Sachbearbeiterin bei der von ihr durchgeführten
Indikatorenprüfung
allerdings nicht mit ein (Urk. 10/38/6-7, 10/34/1-2).
Aufgrund der Berichte von Dr.
A._
und Dr.
B._
bestehen erhebliche Anhalts
punkte dafür, dass die bescheinigte Arbeitsunfähigkeit auf eine von den Folgen der belastenden psychosozialen Faktoren verselbständigte psychische Störung mit Krankheitswert zurückzuführen war und damit die medizinischen
Voraus
setzungen für das Entstehen eines (allenfalls vorübergehenden) Rentenanspruchs nach Ablauf
der einjährigen Wartezeit
gemäss
Art.
28
Abs.
1
lit
. b IVG und der Karenzzeit von sechs Monaten
gemäss
Art.
29
Abs.
I IVG erfüllt sind.
Fest steht dies indessen nicht. Um über den Leistungsanspruch befinden zu können, sind weitere Abklärungen erforderlich. Bislang liegen Berichte der behandelnden Ärzte vor. Erforderlich ist nunmehr ein ärztliches Gutachten, dass sich in umfassender Würdigung der relevanten Aspekte des Leidens der Beschwerdeführerin dazu äus
sert, welche erwerblichen Ressourcen vorhanden sind. Zur Vornahme dieser Abklärungen ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen (§ 26 des
Gesetz
es
über
das Sozialversicherungsgericht;
GSVGer
)
. Im Rahmen der weiteren Abklärungen ist den Erfordernissen des strukturierten Beweisverfahrens im Besonderen Beachtung zu schenken (vgl. BGE 143 V 418).
Darüber hinaus gilt es für einen allenfalls vorzunehmenden Einkommensvergleich die Qualifikation der Beschwerdeführerin abzuklären.
Die Beschwer
d
e ist gestützt auf die dargelegten Gründe in dem Sinne
gutzu
heissen
, dass die Angelegenheit an die
Verwaltung
zurückzuweisen ist, damit diese im Sinne der Erwägungen verfahre und hernach über den Leistungsan
spruch (Rente) erneut entscheide
.
5.
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrens
aufwand unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1‘000.--
festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf
Fr.
6
00.
--
anzusetzen
.
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen der
beschwerde
führenden
Partei (BGE 137 V 57 E. 2.1 mit Hinweisen). Entsprechend sind die Kosten der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.