Decision ID: 03a5281e-f675-40a5-abed-42e574aacfea
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ war seit 1. Juli 1995 als Plattenleger bei B._ angestellt und dadurch bei
der Suva obligatorisch unfallversichert, als er am 1. Juni 2001 einen Zeckenstich erlitt
(Suva-act. 1). Dr. med. C._, Facharzt für Allgemeine Medizin FMH, diagnostizierte
eine frische Borrelioseerkrankung im Generalisierungsstadium (Schreiben vom 1.
Oktober 2001; Suva-act. 4). Die Suva anerkannte ihre Leistungspflicht und erbrachte
die gesetzlichen Versicherungsleistungen. Nachdem Dr. C._ die Behandlung mit
Schreiben vom 28. November 2001 als abgeschlossen erklärt hatte (Suva-act. 7),
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
meldete der Versicherte am 25. März 2002 einen Rückfall (Suva-act. 11). Dr. med.
D._, Arzt für Neurologie, stellte im Schreiben vom 24. Juni 2002 (Suva-act. 18) die
Diagnose einer Neuroborreliose und Dr. med. E._, Facharzt für Rheumatologie FMH,
diagnostizierte eine wahrscheinliche Post-Lyme-Erkrankung mit Fibromyalgie-Syndrom
sowie Status nach vierwöchiger Rocephin-Therapie wegen einer Neuroborreliose im
Sommer 2002 (Suva-act. 68). Dr. med. F._, Facharzt für Innere Medizin FMH, hielt im
Schreiben vom 12. November 2003 einen Status nach Lyme-Neuroborreliose gemäss
auswärtiger Beurteilung fest, wobei aktuell laborchemisch kein Hinweis auf Aktivität
bestand (Suva-act. 93). Im polydisziplinären Gutachten der MEDAS der
Universitätskliniken Basel vom 21. September 2004 wurde der Verdacht auf ein Post-
Lyme-Disease-Syndrom und ein chronisches generalisiertes Schmerzsyndrom unklarer
Ätiologie geäussert (Suva-act. 126). In einer weiteren Stellungnahme vom 26.
September 2005 hielt der rheumatologische Gutachter der MEDAS der
Universitätskliniken Basel fest, er wolle seine Beurteilung für das schlecht definierte
generalisierte Beschwerdebild nach nochmaliger Durchsicht der Literatur und der
vorliegenden Akten bezüglich einer überwiegenden Wahrscheinlichkeit revidieren in
dem Sinne, dass ihm ein Zusammenhang zwischen Beschwerden und Borrelioseinfekt
vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrung zumindest möglich bis
wahrscheinlich erscheine (Suva-act. 165). In einer weiteren Stellungnahme vom 7.
Oktober 2005 führte der fallführende Gutachter aus, er würde seine Einschätzung, dass
die bestehenden Beschwerden mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
borreliosebedingt seien, in dem Sinne revidieren, dass hier nur ein möglicher, nicht
aber ein wahrscheinlicher Kausalzusammenhang mit der Borreliose bestehe (Suva-act.
166).
A.b Mit Verfügung vom 20. März 2006 lehnte die Suva das Erbringen von
Versicherungsleistungen für die ca. im März 2002 (Rückfall) aufgetretene
Gesundheitsschädigung ab (Suva-act. 173). Die dagegen erhobene Einsprache vom
19. April 2006 bzw. 31. Mai 2006 (Suva-act. 176 und 181) wurde mit
Einspracheentscheid vom 30. März 2007 abgewiesen (Suva-act. 185). Die dagegen
erhobene Beschwerde vom 10. Mai 2007 (Suva-act. 196) wurde vom
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen mit Entscheid vom 27. Februar 2008
gutgeheissen. Die Suva wurde verpflichtet, dem Versicherten bis am 21. September
2004 weiterhin die gesetzlichen Versicherungsleistungen auszurichten. Zur
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kausalitätsprüfung ab dem 21. September 2004 wurde die Sache im Sinne der

Erwägungen und zur allfälligen Neuverfügung über die Leistungseinstellung an die
Vorinstanz zurückgewiesen. Die Frage, ob das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung
zwischen Beschwerden und Zeckenstich mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
nachgewiesen werden könne, sei umstritten. Im vorliegenden Fall sei durch die Suva
noch kein rechtsgenüglicher Fallabschluss vorgenommen und die Kausalität nur unter
der Annahme eines Rückfalls und nicht eines Grundfalls geprüft worden. Dies werde
die Suva vorerst im Verwaltungsverfahren nachzuholen und sich dafür zur
Leistungseinstellung nochmals zu äussern haben (UV 2007/64; Suva-act. 196).
A.c Ein von der Suva in Auftrag gegebenes Gutachten der Universitätsklinik für
Infektiologie des Inselspitals Bern vom 8. März 2010 ergab ein chronisches
Schmerzsyndrom und anamnestisch einen Status nach Borrelieninfektion. Die Frage,
ob mit überwiegender Wahrscheinlichkeit kein kausaler Zusammenhang mehr zu einem
früheren oder aktuellen Zeckenstich bestehe, müsse verneint werden. Dieser
Zusammenhang sei möglich, aber es sei in dieser Situation unmöglich, eine kausale
Beziehung zwischen Zeckenstich und klinischem Bild zu beweisen (Suva-act. 258). In
der von der Suva eingeholten neurologischen Beurteilung vom 4. Oktober 2011 hielt Dr.
med. G._, Facharzt für Neurologie FMH, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, Versicherungsmedizin Suva, fest, die Frage, ob der Versicherte im
Jahr 2001 die klinischen Symptome einer sogenannten "Lyme-disease" gezeigt habe,
könne im Rahmen einer neurologischen Beurteilung nicht beantwortet werden, es
könne jedoch mit Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass der Versicherte in
den Jahren 2001 und 2002 oder davor Kontakt mit dem Erreger Borrelia burgdorferi
gehabt habe. Aus rein neurologischer Sicht sei keine ausgeprägte oder schwere
Erkrankung an einer Borreliose anzunehmen, unter anderem da der Versicherte oral
frühzeitig mit einem wirksamen Antibiotikum behandelt worden sei und keine
erheblichen objektivierbaren pathologischen Befunde dokumentiert worden seien. Das
Vorliegen einer Neuroborreliose könne aus neurologischer Sicht mit hinreichender
Sicherheit verneint werden (Suva-act. 277). Am 6. November 2012 liess die Suva eine
psychiatrische Beurteilung durch Dr. med. H._, Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie, Leiterin versicherungspsychiatrischer Dienst der Suva, vornehmen,
welche eine organisch-psychische Störung aufgrund einer Neuroborreliose klar
verneinte, da schon die Neuroborreliose selbst allenfalls möglich, nicht aber
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wahrscheinlich sei. Die Frage, ob die Variante einer in teilkausalem natürlichem
Zusammenhang mit der Borrelieninfektion stehenden psychischen Störung vorliege,
könne allein aufgrund der Aktendokumentation nicht beantwortet werden (Suva-act.
293). Mit Schreiben vom 1. November 2013 führten die Gutachter des Inselspitals
bezüglich mehrerer Zusatzfragen der Suva (vgl. Suva-act. 300) aus, dass die
Beurteilung vom 8. März 2010 zu Missverständnissen geführt habe. Die Beschwerden
des Versicherten seien nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit Folgen des
Zeckenstichs. Das "Post-Lyme-Syndrom" sei ein ungenügend definiertes
Krankheitsbild, welches in vielen Fällen nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden
könne. Dies bedeute aber nicht, dass die Diagnose mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit vorliege. Alternative Ätiologien als Ursache der Beschwerden seien
aus klinischen und epidemiologischen Gründen wahrscheinlicher. Zusammenfassend
seien die Beschwerden nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit Folgen des
Zeckenstichs (Suva-act. 303).
A.d Mit Verfügung vom 17. Juni 2014 hielt die Suva fest, dass aufgrund der
durchgeführten medizinischen Abklärungen und der Beurteilung der Unterlagen die
Beschwerden des Versicherten nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit Folge des
Zeckenstichs vom 1. Juni 2001 seien. Es würden weder Folgen eines Unfalles noch
eine unfallähnliche Körperschädigung vorliegen. Der Fall müsse betreffend Unfallfolgen
abgeschlossen und die Versicherungsleistungen per 21. September 2004 wegen eines
fehlenden überwiegend wahrscheinlichen Kausalzusammenhangs der psychischen
Beschwerden mit dem Zeckenstich eingestellt werden. Die Suva könne für die weitere
ärztliche Bahndlung nicht mehr aufkommen (Suva-act. 311). Die dagegen erhobene
Einsprache des Versicherten vom 12. August 2014 (Suva-act. 321) wurde von der Suva
mit Einspracheentscheid vom 22. Mai 2015 abgewiesen (Suva-act. 330). Die dagegen
erhobene Beschwerde vom 25. Juni 2015 (Suva-act. 331) wurde vom
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen mit Entscheid vom 18. Oktober 2017
gutgeheissen, der Einspracheentscheid aufgehoben und die Suva verpflichtet, dem
Beschwerdeführer auch über den 21. September 2004 hinaus die gesetzlichen
Leistungen zu erbringen. Aufgrund sämtlicher Unterlagen könne nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit gesagt werden, dass kein Post-Lyme-Syndrom
vorliege, womit ein Dahinfallen der Kausalität nicht nachgewiesen sei. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Voraussetzungen für eine Einstellung der Versicherungsleistungen seien demzufolge
nicht erfüllt (UV 2015/36; Suva-act. 343).
B.
B.a Mit Schreiben vom 21. März 2018 informierte die Suva den Versicherten, dass eine
asim-Begutachtung am Universitätsspital Basel vorgesehen sei und legte den
vorgesehenen Fragenkatalog bei (Suva-act. 355 und 352).
B.b Mit Schreiben vom 27. April 2018 forderte der Versicherte die Berechnung und
Leistung der Taggelder bis zum aktuellen Datum. Bis dahin sei die beabsichtigte
Begutachtung zu sistieren. Nach Erhalt der Abrechnung sei er mit einer Begutachtung
(für die Gegenwart, nicht aber für die Vergangenheit) einverstanden (Suva-act. 366).
B.c Mit Zwischenverfügung vom 11. Juli 2018 hielt die Suva an der Begutachtung
durch das asim fest, da ohne Gutachten nicht zur weiteren Leistungspflicht Stellung
genommen werden könne und gegen die Gutachterstelle keine grundsätzlichen
Einwände erhoben worden seien (Suva-act. 374).
C.
C.a Gegen diese Zwischenverfügung richtet sich die vorliegend zu beurteilende
Beschwerde vom 27. August 2018. Der Beschwerdeführer beantragt deren Aufhebung.
Weiter sei die Beschwerdegegnerin anzuweisen, dem Beschwerdeführer
bezugnehmend auf den Entscheid vom 18. Oktober 2017 (UV 2015/36) die Taggelder
bis zum Entscheid des Gerichtes in der Höhe der ärztlich attestierten Arbeitsunfähigkeit
zu leisten (mindestens jedoch bis zum 18. Oktober 2017), zuzüglich Zins von 5% ab
mittlerem Verfall. Es sei festzustellen, dass die Beschwerdegegnerin nicht befugt sei,
eine Begutachtung für den vergangenen Zeitraum ab September 2004 bis zum 18.
Oktober 2017 durchzuführen. Eventualiter sei dem Beschwerdeführer eine neue Frist
anzusetzen, damit er sein rechtliches Gehör betreffend Begutachtung (Gutachterstelle,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fragenkatalog) wahrnehmen könne; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge (act.
G 1).
C.b Mit Schreiben vom 30. August 2018 reichte der Beschwerdeführer einen weiteren
Arztbericht von Dr. med. F._, Facharzt für Innere Medizin FMH, vom 28. August 2018
ein (act. G 3).
C.c Mit Beschwerdeantwort vom 20. September 2018 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei,
und die Bestätigung der angefochtenen Zwischenverfügung (act. G 5).
C.d Mit Replik vom 11. Oktober 2018 hält der Beschwerdeführer unverändert an seiner
Beschwerde fest (act. G 7). Auch die Beschwerdegegnerin hält mit Duplik vom 14.
November 2018 an ihren Anträgen fest (act. G 9).
Erwägungen
1.
Am 1. Januar 2017 sind die revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) und der Verordnung über die Unfallversicherung
(UVV; SR 832.202) in Kraft getreten. Gemäss Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung vom 25. September 2015 werden Versicherungsleistungen für Unfälle, die
sich vor deren Inkrafttreten ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem
Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt. Vorliegend finden
daher, nachdem ein Ereignis aus dem Jahr 2001 zur Diskussion steht, die bis 31.
Dezember 2016 gültigen Bestimmungen Anwendung.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Angefochten ist vorliegend die Zwischenverfügung der Beschwerdegegnerin vom
11. Juli 2018, in welcher sie die Durchführung einer Begutachtung durch das asim
anordnet (Suva-act. 374).
2.2 Nach Art. 52 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) kann gegen Verfügungen innerhalb von 30
Tagen bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben werden; davon ausgenommen
sind prozess- und verfahrensleitende Verfügungen. Gegen diese steht direkt die
Beschwerde nach Art. 56 Abs. 1 ATSG zur Verfügung (vgl. UELI KIESER, ATSG-
Kommentar, 3. Aufl. 2015, N 44 zu Art. 52). Die Anordnung einer polydisziplinären
Begutachtung stellt einen Schritt während des Verfahrens dar (vgl. KIESER, a.a.O., N
47 zu Art. 52), welcher bei fehlendem Konsens grundsätzlich in Form einer
anfechtbaren Zwischenverfügung zu erlassen ist (vgl. KIESER, a.a.O., N 27 zu Art. 44
mit Hinweis auf die die frühere Rechtsprechung ändernden BGE 132 V 93, 137 V 210
und 138 V 321). Gemäss Art. 55 Abs. 1 ATSG i.V.m. Art. 46 Abs. 1 lit. a des
Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren (VwVG; SR 172.021) sind
Zwischenverfügungen allerdings nur dann ausnahmsweise selbständig anfechtbar,
wenn sie einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil bewirken. Da mit der verfügten
polydisziplinären Begutachtung ein Eingriff in das Persönlichkeitsrecht des
Beschwerdeführers verbunden ist (vgl. BGE 137 V 210 E. 3.4.2.7), was einen nicht
wieder gutzumachenden Nachteil bedeutet, ist auf die Beschwerde einzutreten.
2.3 Soweit der Beschwerdeführer beantragt, die Beschwerdegegnerin sei anzuweisen,
ihm bezugnehmend auf den Entscheid vom 18. Oktober 2017 (UV 2015/36) Taggelder
zu leisten, kann mangels Anfechtungsgegenstands nicht darauf eingetreten werden, da
der Anfechtungsgegenstand vorliegend einzig aus der mit der angefochtenen
Zwischenverfügung angeordneten Begutachtung gebildet wird.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 Im Folgenden ist die Frage nach der Rechtmässigkeit sowie Zumutbarkeit der mit
Zwischenverfügung vom 11. Juli 2018 angeordneten Begutachtung des
Beschwerdeführers zu klären.
3.2 Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Die
Verwaltung als verfügende Instanz und - im Beschwerdefall - das Gericht haben von
sich aus für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts
zu sorgen. Rechtserheblich sind dabei alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt,
ob über den streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist (BGE 115 V 133 E.
8a; THOMAS LOCHER/THOMAS GÄCHTER, Grundrisse des
Sozialversicherungsrechts, 4. Auflage, Bern 2014, § 70 N 4.). Der
Untersuchungsgrundsatz ist in Art. 43 Abs. 1 ATSG festgelegt. Danach prüft der
Versicherungsträger die Begehren, nimmt die notwendigen Abklärungen von Amtes
wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte ein. Was zu beweisen ist, ergibt sich
aus der jeweiligen Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den Untersuchungsgrundsatz ist
der Sachverhalt soweit zu ermitteln, dass über den Leistungsanspruch zumindest mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit entschieden werden kann
(SVR 2014 UV Nr. 2, 8C_815/202, E. 3.2.1; KIESER, a.a.O., N 20 zu Art. 43 ATSG). Der
Untersuchungsgrundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt; er findet sein Korrelat in
den Auskunfts- und Mitwirkungspflichten der Parteien (BGE 125 V 195 E. 2, 122 V 158
E. 1a, je mit Hinweisen). Die Mitwirkungspflicht bildet eine gewisse Ergänzung und
Einschränkung des Untersuchungsgrundsatzes, darf aber nicht zu dessen Aufhebung
führen. Besondere Bedeutung hat die Mitwirkungspflicht dann, wenn der Sachverhalt
ohne Mitwirkung der betroffenen Person gar nicht (weiter) abgeklärt werden kann (BGE
122 V 157 E. 1; KIESER, a.a.O., N 9 und 13 zu Art. 43 ATSG; LOCHER/GÄCHTER,
a.a.O., § 70 N 2 f.). So bestimmt Art. 43 Abs. 2 ATSG, dass sich die versicherte Person,
soweit ärztliche oder fachliche Untersuchungen für die Beurteilung notwendig und
zumutbar sind, diesen zu unterziehen hat (vgl. auch Art. 55 Abs. 2 UVV). Auch wenn der
rechtsanwendenden Stelle im Rahmen der Verfahrensleitung ein grosser
Ermessensspielraum zusteht, liegt die medizinische Begutachtung im Sinne von Art. 43
Abs. 2 ATSG und Art. 55 Abs. 2 UVV doch nicht in ihrem uneingeschränkten Ermessen.
Diese hat sich vielmehr von rechtsstaatlichen Grundsätzen leiten zu lassen, wozu die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verpflichtung zur Objektivität und Unvoreingenommenheit ebenso gehört wie der
Grundsatz der rationellen Verwaltung. Insbesondere beinhalten die für die Beurteilung
des Leistungsanspruchs von Amtes wegen durchzuführenden notwendigen
Abklärungen im Sinne von Art. 43 ATSG nicht das Recht des Versicherungsträgers,
eine sogenannte second opinion zum bereits in einem Gutachten festgestellten
Sachverhalt einzuholen, wenn ihm dieser nicht passt (vgl. BGE 137 V 210 E. 3.3.1).
Diese Möglichkeit steht der versicherten Person ebenso wenig offen. Es geht in diesem
Zusammenhang nicht darum, die Tunlichkeit einer medizinischen Massnahme mittels
Einholung einer Zweitmeinung zu hinterfragen, sondern darum, in welchem Umfang
und in welcher Tiefe Abklärungen vorzunehmen sind, damit der rechtserhebliche
Sachverhalt als mit dem massgebenden Beweisgrad erstellt gelten kann. Dabei ergibt
sich die Notwendigkeit der Anordnung eines weiteren Gutachtens aus der
Beantwortung der Frage, ob bereits bei den Akten liegende Gutachten die inhaltlichen
und beweismässigen Anforderungen an eine zu erstattende ärztliche Expertise erfüllen
(vgl. BGE 125 V 351 E. 3a; Urteil des Bundesgerichts vom 29. Mai 2007 U 571/06, E.
4.1 f. je mit weiteren Hinweisen).
3.3 Mit Entscheid vom 27. Februar 2008 hatte das Versicherungsgericht festgehalten,
dass zumindest bis am 21. September 2004 ein natürlicher Kausalzusammenhang
zwischen den geklagten Beschwerden und dem Zeckenstich nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit zu verneinen sei und die Beschwerdegegnerin mithin bis zu diesem
Zeitpunkt die gesetzlichen Versicherungsleistungen zu erbringen habe (UV 2007/64, E.
5.2). Im Entscheid vom 18. Oktober 2017 hielt das Versicherungsgericht im Dispositiv
fest, dass die Beschwerdegegnerin verpflichtet werde, dem Beschwerdeführer auch
über den 21. September 2004 hinaus die gesetzlichen Leistungen zu erbringen. In den
Erwägungen wurde festgehalten, dass aufgrund der Unterlagen nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit gesagt werden könne, dass kein Post-Lyme-
Syndrom vorliege, womit ein Dahinfallen der Kausalität zwischen dem Zeckenstich und
den Beschwerden des Beschwerdeführers nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
nachgewiesen sei. Damit seien die Voraussetzungen für eine Einstellung der
Versicherungsleistungen nicht erfüllt (UV 2015/36, E. 3.10 und 5.1). Mit dem Dispositiv
wurde folglich nicht der Anspruch auf eine bestimmte Leistungsart festgehalten,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sondern dass die Beschwerdegegnerin die gesetzlich vorgesehenen Leistungen zu
erbringen habe. Ausserdem geht aus dem Entscheid des Versicherungsgerichts nicht
hervor, dass eine Einstellung der Taggeld- und Heilbehandlungsleistungen nicht in
einem späteren Zeitpunkt erfolgen könne. Das Erbringen der gesetzlichen Leistungen
setzt voraus, dass die Beschwerdegegnerin die Anspruchsvoraussetzungen der
einzelnen Leistungen zu prüfen hat. Bei der Abklärung der Anspruchsvoraussetzungen
stellen sich diverse Fragen, welche grundsätzlich ein polydisziplinäres Gutachten
erforderlich machen können. So kann für die Einstellung der Taggeld- und
Heilbehandlungsleistungen ein Wegfall des natürlichen Kausalzusammenhangs der
bestehenden Beschwerden mit dem Zeckenbiss nach dem 21. September 2004
geprüft werden. Ebenfalls steht der Beschwerdegegnerin die Prüfung des
Rentenanspruchs offen, sofern von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine
namhafte Besserung des Gesundheitszustandes mehr erwartet werden kann (vgl. Art.
19 Abs. 1 UVG). Für die Prüfung dieser Fragen und die anschliessende Abklärung der
verbleibenden Restarbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers ist ein polydisziplinäres
Gutachten geeignet. Aus dem Fragenkatalog der Beschwerdegegnerin (vgl. Suva-act.
352) geht auch klar hervor, dass insbesondere diese Fragen gutachterlich geklärt
werden sollen.
3.4 In seinem Entscheid vom 27. Februar 2008 hat das Versicherungsgericht die
umstrittene Frage, ob aufgrund der nachträglich revidierten Beurteilungen der MEDAS-
Gutachter das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung zwischen Beschwerden und
Zeckenstich - ohne weitere Abklärungen - mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
nachgewiesen werden kann, noch nicht beantwortet (UV 2007/64, E. 5.3). Im Entscheid
vom 18. Oktober 2017 führte das Gericht sodann aus, dass nicht auf den Bericht von
Dr. G._ abgestellt werden könne. Bezüglich der Aussage von Dr. H._, dass die
Frage einer natürlichen Teilkausalität einer allfälligen psychischen Störung mit der
Borrelieninfektion mangels psychiatrischer Untersuchung nicht geklärt werden könne,
hielt das Gericht fest, dass der Mangel einer entsprechenden psychiatrischen
Untersuchung nicht dem Beschwerdeführer angelastet werden könne. Es gelinge der
Beschwerdegegnerin nicht, mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nachzuweisen, dass
eine psychiatrische Erkrankung nicht ausgeschlossen werden könne (UV 2015/36, E.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3). Daraus ist ersichtlich, dass bisher kein umfassendes polydisziplinäres Gutachten
besteht, welches die obgenannten Fragen (vgl. E. 3.3) detailliert und bis in die
Gegenwart beantwortet. Zudem gingen aus den diversen ärztlichen Beurteilungen auch
keine eindeutigen Antworten bezüglich der Frage der Kausalität rückwirkend auf den
September 2004 hervor, weshalb das Versicherungsgericht auch zum Schluss kam,
dass die Beschwerdegegnerin das Dahinfallen der Kausalität zwischen dem
Zeckenstich und den Beschwerden des Beschwerdeführers nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit nachweisen könne (vgl. UV 2015/36, E. 5.1). Weder aus dem
Entscheid des Versicherungsgerichts vom 18. Oktober 2017 (UV 2015/36) noch aus
den ärztlichen Unterlagen lässt sich ableiten, dass die Kausalität mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit verneint werden kann. Ob diesbezüglich zum jetzigen Zeitpunkt
rückwirkend auf den September 2004 bzw. die nachfolgende Zeit noch eine präzisere
Beurteilung möglich ist, ist zwar fraglich, muss jedoch von den Gutachtern beantwortet
werden.
3.5 Zusammenfassend ist eine neuerliche polydisziplinäre Begutachtung des
Beschwerdeführers geeignet, relevante Antworten für die Beurteilung seiner Ansprüche
gegenüber der Beschwerdegegnerin zu geben. Zudem handelt es sich vorliegend nicht
um die Einholung einer second opinion. Allfällige Ausstandsgründe wurden vom
Beschwerdeführer nicht geltend gemacht. Demzufolge erscheint die vorgesehene
Begutachtung weder als rechtsmissbräuchlich noch bestehen andere Anhaltspunkte
für ein gerichtliches Einschreiten in das der Beschwerdegegnerin im Zusammenhang
mit der Sachverhaltsabklärung zustehende Ermessen.
4.
Der Eventualantrag des Beschwerdeführers, ihm sei eine neue Frist zu gewähren, damit
er sich zum Fragenkatalog sowie zur Gutachterstelle äussern könne, ist abzuweisen.
Der Beschwerdeführer hatte sowohl im Verwaltungs- als auch im Beschwerdeverfahren
die Möglichkeit sich zur Gutachterstelle und zum Fragenkatalog zu äussern. Dies hat er
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unterlassen und sich grundsätzlich mit einer Begutachtung für den Zeitpunkt ab
Begutachtung bzw. ab Oktober 2007 einverstanden erklärt (vgl. Suva-act. 366 und act.
G 1). Das rechtliche Gehör wurde mithin gewahrt.
5.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit auf diese einzutreten ist.
Bei Streitigkeiten betreffend die Anordnung für eine Begutachtung im
Verwaltungsverfahren sind keine Gerichtskosten zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Ausgangsgemäss hat der Beschwerdeführer keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung.