Decision ID: 15385cd6-9888-5fe2-b259-e6d54d7e9843
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 9. Juni 2016 ein Baugesuch ein für die
Umgestaltung des Strassenraumes (Sperrung für den motorisierten Verkehr) auf den
Parzellen Burgdorf Grundbuchblatt Nr. G._ (H._strasse) und Burgdorf
Grundbuchblatt Nr. I._ (J._weg). Am 23. Juni 2016 publizierte sie zudem
eine Verkehrsbeschränkungsverfügung für das Quartier «K._», die unter anderem
Tempo-30-Zonen auf der L._strasse und dem J._weg vorsah. Gegen
diese Verfügung erhoben die Beschwerdeführenden 1 und 2 Beschwerde beim
Regierungsstatthalteramt Emmental. Gegen das Bauvorhaben erhoben unter anderen die
Beschwerdeführenden 1 bis 4 Einsprache. Mit Verfügung vom 29. Juli 2016 sistierte das
Regierungsstatthalteramt das Baubewilligungsverfahren bis zum rechtskräftigen Entscheid
über die Verkehrsbeschränkungsverfügung. Mit Entscheid vom 27. Oktober 2016 wies es
das Rechtsmittel der Beschwerdeführenden 1 und 2 ab. Diese erhoben daraufhin
Verwaltungsgerichtsbeschwerde. Mit Urteil vom 31. Juli 20171 wies das Verwaltungsgericht
die Beschwerde ab, soweit es darauf eintrat. Dieses Urteil erwuchs unangefochten in
Rechtskraft. Am 24. Oktober 2017 nahm das Regierungsstatthalteramt das sistierte
Baubewilligungsverfahren wieder auf und gab der Beschwerdegegnerin Gelegenheit, zu
den Einsprachen Stellung zu nehmen. Von dieser Möglichkeit machte die
Beschwerdegegnerin mit Eingabe von 15. November 2017 Gebrauch. Das
Regierungsstatthalteramt gab daraufhin den Beschwerdeführenden Gelegenheit zur
Stellungnahme. Die unterdessen anwaltlich vertretenen Beschwerdeführenden 1 und 2
machten von dieser Möglichkeit mit Eingabe vom 16. Januar 2018 Gebrauch, die
Beschwerdeführenden 3 und 4 liessen sich nicht vernehmen. Mit Eingabe vom 19. Februar
2018 reichte die Beschwerdegegnerin Schlussbemerkungen ein. Am 27. Juli 2018 holte
das Regierungsstatthalteramt beim Oberingenieurkreis IV des Tiefbauamts (OIK IV) einen
Fachbericht ein. Mit Kurzmitteilung vom 29. August 2018 informierte es die
Beschwerdegegnerin über den Fachbericht des OIK IV vom 15. August 2018. Mit
Entscheid vom 15. Januar 2019 erteilte das Regierungsstatthalteramt Emmental die
Baubewilligung.
1 VGE 2016/346
RA Nr. 110/2019/26 3
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 15. Februar 2019 Beschwerde bei
der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragten die
Aufhebung des Entscheids vom 15. Januar 2019 und die Erteilung des Bauabschlags.
Eventuell sei die Sache zur Fortsetzung des Verfahrens an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Soweit der Entscheid nicht aufgehoben werde, sei er dahingehend zu ergänzen, dass auch
eine Rechtsverwahrung der Beschwerdeführenden 1 und 2 anzumerken sei. Zur
Begründung machen sie geltend, der angefochtene Entscheid leide an formellen und
materiellen Mängeln. Insbesondere genüge ein Baubewilligungsverfahren nicht, da die
Sperrung den Charakter eines Fahrverbots habe. Deshalb müsse auch ein
Verkehrsbeschränkungsverfahren durchgeführt werden. Die Sperrung stelle zudem eine
Umwidmung dar, weshalb es zusätzlich eines Beschlusses des zuständigen Organs
bedürfe. Zudem sei der Anspruch auf rechtliches Gehör in mehrfacher Hinsicht verletzt
worden. Die Beschränkung der Nutzung durch bauliche Massnahmen stelle eine
Einschränkung des Gemeingebrauchs dar. Solche Massnahmen seien nur zulässig, wenn
sie im überwiegenden öffentlichen Interesse liegen würden und verhältnismässig seien. Die
Vorinstanz habe die Verhältnismässigkeit fälschlicherweise nicht geprüft. Das
Verhältnismässigkeitsprinzip sei verletzt.
3. In ihrer Beschwerdeantwort vom 21. März 2019 beantragte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Mit der Sperrung werde die Unterbindung des
Schleichverkehrs durch das K._-Quartier bezweckt. Besonders der
J._weg und die H._strasse würden immer wieder und gerade in
Stosszeiten in erheblichem Mass von Ortsfremden als Schleichweg und Abkürzung zur
Hauptachse M._ benützt, weil der Verkehr auf diesen Hauptachsen notorisch
überlastet sei. Es handle sich nicht um eine flankierende Massnahme zur Um- und
Durchsetzung der Geschwindigkeitsbeschränkung. Die Verletzung des rechtlichen Gehörs
könne von der BVE geheilt werden. Die zulässige antizipierte Beweiswürdigung stelle keine
Gehörsverletzung dar. Eine zusätzliche strassenverkehrsrechtliche Signalisation der
Sperrung sei nicht nötig. Auch ein Umwidmungsbeschluss sei nicht nötig. Die
Verkehrssperrung sei materiell rechtmässig.
In seiner Beschwerdevernehmlassung vom 21. März 2019 beantragte das
Regierungsstatthalteramt die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei.
Es macht insbesondere geltend, aus der Einsprache der Beschwerdeführenden 1 und 2
RA Nr. 110/2019/26 4
gehe in keiner Weise hervor, dass sie die Einsprache auch als Rechtsverwahrung
verstanden haben wollten. Eine allfällige Gehörsverletzung könnte von der BVE geheilt
werden. Da es nicht um die Entwidmung einer Strasse gehe, habe das
Regierungsstatthalteramt zu Recht auf die Prüfung der Verhältnismässigkeit verzichtet und
sich auf die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränkt. Im Übrigen sei die
Strassensperrung verhältnismässig.
4. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, holte beim
Regierungsstatthalteramt die Akten betreffend Verkehrsbeschränkung K._
(Tempo-30-Zone, Begegnungszonen) ein. Es gab den Beschwerdeführenden Gelegenheit,
insbesondere zur Vernehmlassung des Regierungsstatthalteramts Stellung zu nehmen.
Zudem liess es das Vorhaben von der Fachstelle Langsamverkehr des Tiefbauamts des
Kantons Bern prüfen. Gestützt auf die Empfehlungen der Fachstelle gab es der
Beschwerdegegnerin Gelegenheit, ihr Projekt anzupassen. Die Parteien erhielten
anschliessend Gelegenheit, zum geänderten Projekt Stellung zu nehmen. Auf die
Rechtsschriften und die beigezogenen Akten wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in
den Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Die Vorinstanz hat den angefochtenen Entscheid als „Gesamtbauentscheid“
bezeichnet. Sie hat allerdings nur eine Baubewilligung erteilt. Dafür ist jedoch weder ein
Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG3 noch ein entsprechendes koordiniertes Verfahren
notwendig (Art. 1 KoG). Die BVE ist Beschwerdeinstanz sowohl für Baubewilligungen als
auch für Gesamtentscheide, für die das Baubewilligungsverfahren das Leitverfahren ist.
Sie ist deshalb in jedem Fall für den Entscheid über die eingereichte Beschwerde
2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191) 3 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1)
RA Nr. 110/2019/26 5
zuständig (Art. 11 Abs. 1 KoG; Art. 40 Abs. 1 BauG4). Auch die Beschwerdebefugnis richtet
sich nach dem Baugesetz (Art. 10 KoG; Art. 40 Abs. 2 BauG).
b) Die Beschwerdeführenden haben sich zulässigerweise als Einsprechende am
Baubewilligungsverfahren beteiligt (Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG). Sie sind zur Beschwerde
befugt (Art. 40 Abs. 2 BauG).
c) Die Beschwerde ist innert der Rechtsmittelfrist eingereicht worden (Art. 40 Abs. 1
BauG). Sie enthält einen Antrag und eine Begründung (Art. 32 Abs. 2 VRPG5). Die BVE tritt
daher auf die Beschwerde ein.
2. Rechtliches Gehör
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, ihr Anspruch auf rechtliches Gehör sei
verletzt worden. So habe die Vorinstanz zwar eine Stellungnahme des OIK IV eingeholt,
diese jedoch erst zusammen mit dem Entscheid eröffnet. Die Beschwerdeführenden hätten
sich deshalb nicht dazu äussern können. Zudem habe die Vorinstanz implizit in antizipierter
Beweiswürdigung den Antrag abgewiesen, bei der Schulleitung des
N._schulhauses eine Auskunft zur durch die Sperrung bedingten Mehrbelastung
des Verkehrs für die Schule einzuholen. Weiter habe die Vorinstanz ihre Rügen zur
fehlenden Verhältnismässigkeit nicht geprüft. Grundlegende Rügen und Beweisanträge
seien unbehandelt geblieben. Eine Heilung der Gehörsverletzung sei nicht ohne
bleibenden Nachteil möglich.
Die Beschwerdegegnerin ist demgegenüber der Auffassung, dass eine Heilung der
Gehörsverletzung möglich sei. Zudem sei die zulässige antizipierte Beweiswürdigung keine
Gehörsverletzung. Soweit sich der angefochtene Entscheid nicht ausdrücklich mit den
Argumenten der Beschwerdeführenden auseinandergesetzt habe, sei festzuhalten, dass
sich die Vorinstanz bei der Beurteilung des Baugesuchs auf umfangreiche und detaillierte
Ausführungen der Beschwerdegegnerin stützen konnte. Im Übrigen seien die
Beschwerdeführenden in der Lage gewesen, den Entscheid sachgerecht anzufechten.
4 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 5 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
RA Nr. 110/2019/26 6
Die Vorinstanz räumt ein, dass sie den Beschwerdeführenden die Schlussbemerkungen
der Beschwerdegegnerin und die Stellungnahme des OIK IV erst zusammen mit dem
Entscheid zugestellt hat. Sie sei davon ausgegangen, dass es sich bei der Eingabe des
OIK IV um eine verwaltungsinterne Stellungnahme ohne Beweischarakter gehandelt habe.
Auf die Zustellung der Schlussbemerkungen der Beschwerdegegnerin sei verzichtet
worden, da diese keine neuen Vorbringen enthalten hätten. Auf eine Stellungnahme der
Schulleitung könne verzichtet werden, da die Beurteilung der Verkehrssicherheit auf
Schulwegen nicht in deren Kompetenz falle. Zudem führt die Vorinstanz aus, weshalb ihres
Erachtens die Verhältnismässigkeit gegeben ist.
b) Der Anspruch auf rechtliches Gehör nach Art. 21 ff. VRPG gibt den Parteien das
Recht, sich zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten
zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung
wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu
äussern. Der Anspruch auf rechtliches Gehör verlangt weiter, dass die Behörde die
Vorbringen der in ihrer Rechtsstellung Betroffenen sorgfältig prüft und beim Entscheid
berücksichtigt. Daraus ergibt sich die Pflicht der Behörde, ihre Verfügung zu begründen
(Art. 52 Abs. 1 Bst. b VRPG). Die Begründung muss so abgefasst sein, dass die
Betroffenen die Verfügung sachgerecht anfechten können. Es müssen wenigstens kurz die
Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die
sich ihr Entscheid stützt. Die Behörde muss jedoch nicht auf jedes Argument der Parteien
eingehen; es genügt, wenn sie sich mit den wesentlichen Gesichtspunkten
auseinandergesetzt hat.6 Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör ergibt sich für die
Parteien auch das Recht, Beweisanträge zu stellen, und für die Behörden die Pflicht,
rechtzeitig und formgültig angebotene Beweisbegehren entgegenzunehmen und zu
berücksichtigen. Keine Verletzung des rechtlichen Gehörs liegt vor, wenn ein Gericht auf
die Abnahme beantragter Beweismittel verzichtet, weil es aufgrund der bereits
abgenommenen Beweise seine Überzeugung gebildet hat und ohne Willkür in
vorweggenommener Beweiswürdigung annehmen kann, dass seine Überzeugung durch
weitere Beweiserhebungen nicht geändert würde.7 Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist
ein formeller Anspruch; die Verletzung des rechtlichen Gehörs führt deshalb grundsätzlich
zur Aufhebung des angefochtenen Entscheids. Eine Gehörsverletzung kann aber dann
geheilt werden, wenn die Rechtsmittelinstanz dieselbe Kognition hat wie die Vorinstanz
6 BVR 2013 S. 443 E. 3.1.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 52 N. 5 7 BGE 136 I 229 E. 5.3
RA Nr. 110/2019/26 7
und der beschwerdeführenden Person aus der Heilung kein Nachteil erwächst. Bei
besonders schwerwiegenden Gehörsverletzungen schliesst die Rechtsprechung jedoch
eine Heilung grundsätzlich aus.8 Die Heilung des rechtlichen Gehörs ist allenfalls bei der
Kostenverlegung zu berücksichtigen.9
c) Aufgrund der Einsprachen hat die Vorinstanz beim OIK IV einen Fachbericht
eingeholt. Soweit es dabei um Fragen der Verkehrssicherheit geht, handelt es sich um eine
Konsultation der zuständigen kantonalen Fachstelle im Sinn von Art. 22 Abs. 1 Bst. b
BewD10. Im Übrigen handelt es sich um einen schriftlichen Bericht im Sinn von Art 19 Bst. b
VRPG, mit dem sich die Vorinstanz amtliches Fachwissen des OIK IV verfügbar gemacht
hat. Anders als die Vorinstanz meint, handelt es sich somit nicht um eine
verwaltungsinterne Unterlage, die ausschliesslich der behördlichen Meinungsbildung dient,
sondern um einen Bericht, dem Beweischarakter zukommt.11 Die Vorinstanz hat sich denn
auch in ihrem Entscheid mehrmals darauf bezogen. Sie hätte den Fachbericht den
Beschwerdeführenden und der Beschwerdegegnerin daher vor dem Entscheid zustellen
müssen. Dass sie dies unterlassen hat, stellt eine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar.
Gemäss verwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung ist bei Baubewilligungsverfahren
betreffend Sperrung einer Strasse auch zu prüfen, ob an der baulichen Massnahme ein
öffentliches Interesse besteht und diese verhältnismässig ist.12 Dies hat die Vorinstanz
nicht getan, obwohl die Beschwerdeführenden die fehlende Verhältnismässigkeit gerügt
hatten. Auch in dieser Hinsicht hat die Vorinstanz das rechtliche Gehör der
Beschwerdeführenden verletzt. Hingegen ist nicht zu beanstanden, dass sie in antizipierter
Beweiswürdigung darauf verzichtet hat, neben dem fachkundigen OIK IV auch noch die
Schulleitung des N._schulhauses betreffend Verkehrssicherheit zu befragen.
Diese mag zwar eine mögliche Anlaufstelle sein, wenn Probleme auf dem Schulweg
auftauchen, für bauliche oder verkehrstechnische Massnahmen zur Schulwegsicherung auf
den öffentlichen Strassen sind jedoch bei Kantonsstrassen der Kanton und bei
Gemeindestrassen die Gemeinde zuständig.
8 BVR 2012 S. 28 E. 2.3.5; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 21 N. 16 9 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 108 N. 9 10 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 11 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 23 N. 8 12 VGE 2018/88 vom 7.11.2018 E. 2.1 und 2.3; VGE 2015/180/181/186 vom 29.11.2016 E. 2.4 und 4.1
RA Nr. 110/2019/26 8
d) Praxisgemäss können nicht besonders schwerwiegende Gehörsverletzungen geheilt
werden, wenn der Rechtsmittelinstanz dieselbe Kognition wie der Vorinstanz zusteht und
der betroffenen Partei aus der Heilung kein Nachteil erwächst, d.h. sie ihre Rechte im
Beschwerdeverfahren vollumfänglich wahrnehmen konnte.13 Diese Voraussetzungen sind
vorliegend erfüllt: Die BVE überprüft die angefochtenen Entscheide vollumfänglich (Art. 66
Abs. 1 VRPG). Die Beschwerdeführenden erhielten den Fachbericht des OIK IV
unbestritten zusammen mit dem Entscheid und konnten sich in ihrer Beschwerde dazu
äussern. Zudem machte die Vorinstanz in ihrer Beschwerdevernehmlassung auch
Ausführungen zur Frage der Verhältnismässigkeit. Die Beschwerdeführenden konnten in
der Folge dazu Stellung nehmen. Sie konnten ihre Rechte somit im Beschwerdeverfahren
umfassend wahrnehmen. Die Gehörsverletzung wiegt auch nicht derart schwer, dass eine
Heilung des Verfahrensmangels im Beschwerdeverfahren ausgeschlossen wäre. Der
Gehörsverletzung ist aber im Kostenpunkt Rechnung zu tragen.
3. Umwidmung
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, die Sperrung für den
Motorfahrzeugverkehr stelle zugleich eine Umwidmung oder eine teilweise Entwidmung der
Strassen dar. Deshalb bedürfe es neben der Baubewilligung und der Anordnung einer
Signalisation auch eines Gemeindebeschlusses des zuständigen Organs. Dass ein solcher
Beschluss des Gemeinderates vorliegen würde, ergebe sich nicht aus den Akten.
Die Beschwerdegegnerin ist demgegenüber der Auffassung, dass die Sperrung der beiden
Strassen keine Umwidmung darstelle. Auf den beiden Strassen gebe es bereits heute ein
Fahrverbot mit der Ausnahme "Zubringerdienst gestattet". Die beiden Strassen würden
öffentlich bleiben und dem Langsamverkehr weiterhin unbeschränkt, dem motorisierten
Verkehr beschränkt offenstehen. Das fortan die Durchfahrt zu den hinter den Sperrungen
befindlichen Liegenschaften nicht mehr möglich sein werde, stelle keine Umwidmung im
Rechtssinn dar. Im Übrigen wäre der Umwidmungsbeschluss implizit mit der Einreichung
des Baugesuchs erteilt worden. Für den Fall, dass wieder Erwarten ein förmlicher
Umwidmungsbeschluss erforderlich sein sollte, habe der Gemeinderat diesen beschlossen.
13 BGE 142 II 218 E. 2.8.1 (Pra 106/2017 Nr. 2); BVR 2012 S. 28 E. 2.3.5
RA Nr. 110/2019/26 9
b) Mit der Entwidmung wird die öffentliche Benützung einer Strasse ganz aufgehoben,
bei der Umwidmung nur teilweise geändert, indem insbesondere bestimmte
Benützerkategorien oder Benützungsarten künftig ausgeschlossen werden.14 Das ist
beispielsweise der Fall, wenn ein Strassenabschnitt für Motorfahrzeuge geschlossen wird
und künftig nur noch dem Fussgänger- und Veloverkehr offensteht. Die H._strasse
und der J._weg sind mit einem Fahrverbot für Motorwagen und Motorräder belegt.
Zudem gilt auf der H._strasse teilweise Einbahnverkehr. Da der Zubringerdienst
gestattet ist, können die beiden Strassen von den Anwohnerinnen und Anwohner
durchgehend (in der erlaubten Richtung) befahren werden. Die umstrittenen Schranken
sollen auf der H._strasse und dem J._weg südöstlich der Bahnlinie
aufgestellt werden. Dadurch wird die direkte Verbindung innerhalb des durch die Bahnlinie
getrennten Quartiers für den motorisierten Verkehr unterbrochen. Die Beschwerdegegnerin
beabsichtigt mit diesen baulichen Massnahmen, den Schleichverkehr durch das
O._quartier zu unterbinden. Besonders der J._weg und die
H._strasse würden immer wieder und gerade in Stosszeiten in erheblichem Mass
von Ortsfremden als Schleichweg und Abkürzung zur Hauptachse M._ benützt,
weil der Verkehr auf diesen Hauptachsen notorisch überlastet sei. Die Sperrung hat zur
Folge, dass die H._strasse und der J._weg nur noch für den
Langsamverkehr durchgehend nutzbar sind. Die Beschränkung der allgemeinen Nutzung
der H._strasse und des J._wegs durch die geplanten baulichen
Massnahmen schränkt den Gemeingebrauch dieser öffentlichen Strassen somit noch
weiter ein, als es die Verkehrsbeschränkungsmassnahmen bisher tun. Es liegt somit eine
Änderung der Widmung bzw. eine Umwidmung vor.
c) Wie die Widmung stellen auch die Entwidmung und die Umwidmung eine
kantonalrechtliche Anordnung dar; Voraussetzungen und Verfahren richten sich demnach
nach dem kantonalen Recht, es sei denn, die Änderung der Widmungen würde mit den
Mitteln des Strassenverkehrsrechts vollzogen.15 Nach Art. 43 Abs. 1 SG16 werden der
Neubau und die Änderung von Gemeindestrassen, Privatstrassen im Gemeingebrauch und
Privatstrassen mit einer Überbauungsordnung bewilligt. Für ein kleines
Strassenbauvorhaben genügt nach Art. 43 Abs. 2 SG eine Baubewilligung, wenn dafür
14 zum Ganzen André Werner Moser, Der öffentliche Grund und seine Benützung, Diss. Bern 2011, S. 41 f. und 114 f. 15 Vgl. André Werner Moser, Der öffentliche Grund und seine Benützung, Diss. Bern 2011, S. 114 f. 16 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11)
RA Nr. 110/2019/26 10
keine Überbauungsordnung verlangt wird. Gemäss Art. 23 Bst. k SV17 zählt die Aufhebung
oder Änderung der Widmung von Strassen im Anwendungsbereich der
Strassengesetzgebung zu den kleinen Strassenbauvorhaben, für die ein
Baubewilligungsverfahren durchzuführen ist. Da die betroffenen Strassen öffentliche
Strassen im Sinn der geltenden Strassengesetzgebung darstellen, ist die Umwidmung
somit im Baubewilligungsverfahren vorzunehmen.
d) Die Entwidmung oder Umwidmung einer öffentlichen Strasse im Sinn von Art. 9 SG
mittels Löschung oder Abstufung von Gemeindedienstbarkeiten setzt gemäss
verwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung neben der Durchführung eines
Baubewilligungsverfahrens auch einen Beschluss des zuständigen kommunalen Organs
über den Verzicht auf das fragliche Wegrecht voraus.18 Ob das auch für die Entwidmung
oder Umwidmung von Gemeindestrassen nach Art. 8 SG gilt, ist fraglich, kann aber offen
gelassen werden, da die Beschwerdegegnerin den entsprechenden Beschluss eingereicht
hat.
4. Erforderlichkeit eines Verkehrsbeschränkungsverfahrens
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, zwar sei für die baulichen Sperrungen
mit Recht ein Baubewilligungsverfahren durchgeführt worden, was indes nicht hinreichend
sei. Im Ergebnis resultiere auf den fraglichen Strassen ein totales Fahrverbot für
Motorfahrzeuge. Bei dieser Ausgangslage sei neben dem Baubewilligungsverfahren auch
ein Verfahren zur Anordnung eines Fahrverbots erforderlich. Bei Fahrverboten würden
teilweise andere Erfordernisse gelten. Eine bauliche Sperre könne nur bei einem
rechtskräftig beschlossenen Totalverbot für Motorfahrzeuge realisiert werden.
Die Beschwerdegegnerin ist demgegenüber der Auffassung, dass keine zusätzliche
strassenverkehrsrechtliche Anordnung erforderlich sei. Die kantonale Strassenhoheit sei im
Rahmen des Bundesrechts gewährleistet. Für die Sperrung einer Strasse würden
einerseits Mittel des Strassenverkehrsrechts und andererseits bauliche Massnahmen in
Betracht kommen. Bauliche Massnahmen wie die hier zu beurteilenden Sperrungen
würden nach herrschender Lehre und Praxis für sich allein keine Verkehrsordnung
17 Strassenverordnung vom 29. Oktober 2008 (SV; BSG 732.111.1) 18 Vgl. BVR 2011 S. 341 E. 5.4 mit Hinweis auf MBVR 1919 S. 376
RA Nr. 110/2019/26 11
darstellen und daher nicht der Strassenverkehrsgesetzgebung unterstehen. Im
vorliegenden Fall genüge die Durchführung eines Baubewilligungsverfahrens, das
umfassenden Rechtsschutz biete.
b) Der Bund erlässt Vorschriften über den Strassenverkehr (Art. 82 Abs. 1 BV19). Er übt
die Oberaufsicht über die Strassen von gesamtschweizerischer Bedeutung aus; er kann
bestimmen, welche Durchgangsstrassen für den Verkehr offen bleiben müssen (Art. 82
Abs. 2 BV). Mit dem Erlass des SVG20 und den dazugehörenden Verordnungen hat der
Bund von seiner Rechtsetzungskompetenz weitgehend erschöpfend Gebrauch gemacht.
Die Kantone können somit keine generell-abstrakten Vorschriften über den
Strassenverkehr erlassen, weil die Strassenverkehrshoheit ausdrücklich dem Bund
zugewiesen ist.21 Das Bundesrecht räumt den Kantonen in Art. 3 SVG Kompetenzen ein für
örtlich oder zeitlich beschränkte Fahrverbote, Verkehrsbeschränkungen, sonstige
Verkehrsregelungen sowie für andere Beschränkungen und Anordnungen. Die Kantone
können diese Befugnis den Gemeinden übertragen unter Vorbehalt der Beschwerde an
eine kantonale Behörde. Insbesondere kann der Motorfahrzeug- und Fahrradverkehr auf
Strassen, die nicht dem allgemeinen Durchgangsverkehr geöffnet sind, vollständig
untersagt oder zeitlich beschränkt werden (Art. 3 Abs. 3 SVG). Die anderen
Beschränkungen und Anordnungen gemäss Art. 3 Abs. 4 SVG, die sogenannten
funktionellen Verkehrsanordnungen, sind Massnahmen, die nicht in einem (vollständigen
oder zeitlich begrenzten) Fahrverbot bestehen.22 Ihre Zulässigkeit wird durch Art. 3 Abs. 4
SVG an besondere sachliche Voraussetzungen geknüpft; sie unterstehen der Herrschaft
des SVG.
c) Eine Entwidmung oder Umwidmung kann nicht nur mit
Verkehrsbeschränkungsmassnahmen, sondern auch mit baulichen Massnahmen
umgesetzt werden. Nach der Rechtsprechung des Bundesrates unterstehen solche
Massnahmen nicht dem Anwendungsbereich von Art. 3 Abs. 4 SVG, sondern unterliegen
allein dem kantonalen Strassenbaurecht. Wie die Beschwerdeführenden zutreffend
19 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) 20 Strassenverkehrsgesetz des Bundes vom 19. Dezember 1958 (SVG; SR 741.01) 21 André Werner Moser, Der öffentliche Grund und seine Benützung, Diss. Bern 2011, S. 78; BSK SVG, Eva Maria Belser, Art. 2 N. 2 22 Vgl. BGer 1C_206/2008 vom 9. Oktober 2008, E. 2.1 mit Hinweisen; René Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen Strassenverkehrsrechts, Band I: Grundlagen, Verkehrszulassung und Verkehrsregeln, 2. Aufl. 2002 Rz. 37 ff.
RA Nr. 110/2019/26 12
ausführen, hat das Bundesgericht diese Frage bisher offengelassen.23 Die Auffassung des
Bundesrats ist in einem Teil der Lehre auf Kritik gestossen. Im Wesentlichen wird geltend
gemacht, es sei zu formalistisch, wenn auf die Form statt auf den Inhalt oder Zweck einer
Massnahme abgestellt werde.24 Es trifft zwar zu, dass mit baulichen Massnahmen ähnliche
oder identische Zwecke verfolgt werden, wie mit lokalen Verkehrsanordnungen. Ein
wesentlicher Unterschied besteht aber darin, dass eine lokale Verkehrsanordnung eine
örtliche Abweichung von den im ganzen Land geltenden, einheitlichen Verkehrsregeln
darstellt. Demgegenüber bewirkt eine bauliche Massnahme am fraglichen Ort bloss einen
faktischen Zwang und ist deshalb unter dem Gesichtspunkt der Vereinheitlichung der
Verkehrsregeln weniger problematisch.25 Entscheidend ist, dass auch bei Ent- oder
Umwidmungen, die mit baulichen Massnahmen umgesetzt werden sollen, ein genügender
Rechtsschutz vorhanden ist.26
d) Die geplanten Sperren sind Strassenbestandteile im Sinn von Art. 5 SG i.V.m. Art. 1
Abs. 1 Bst. b SV, die der kantonalen Strassengesetzgebung unterstehen.27 Da es sich bei
den fraglichen Strassen um Gemeindestrassen handelt und die Sperren kleine
Strassenbauvorhaben darstellen (vgl. Art. Art. 23 Bst. k SV), ist über ihre Zulässigkeit im
Baubewilligungsverfahren zu befinden (Art. 43 Abs. 2 SG).28 Bauvorhaben sind gemäss
Art. 2 Abs. 1 BauG zu bewilligen, wenn sie den bau- und planungsrechtlichen Vorschriften
und den nach anderen Gesetzen im Baubewilligungsverfahren zu prüfenden Vorschriften
entsprechen, die öffentliche Ordnung nicht gefährden, und wenn ihnen keine Hindernisse
der Planung entgegenstehen. Zu den nach anderen Gesetzen im
Baubewilligungsverfahren zu prüfenden Vorschriften gehören auch diejenigen der
Strassengesetzgebung.29 Bei Strassenbauvorhaben sind die Wirkungsziele von Art. 3 SG
zu berücksichtigen. Danach werden Strassen so geplant, gebaut, betrieben und
23 Vgl. BGer 2A.90/2006 vom 26. Juni 2006 E. 1.2 24 Vgl. dazu René Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen Strassenverkehrsrechts, Band I: Grundlagen, Verkehrszulassung und Verkehrsregeln, 2. Aufl. 2002 Rz. 68 f., mit weiteren Hinweisen; André Werner Moser, Der öffentliche Grund und seine Benützung, Diss. Bern 2011, S. 117, mit weiteren Hinweisen 25 Christoph J. Rohner, Erlass und Anfechtung von lokalen Verkehrsanordnungen, Diss. Zürich 2012, S. 15 26 André Werner Moser, Der öffentliche Grund und seine Benützung, Diss. Bern 2011, S. 118 27 Vgl. dazu VGE 2015/180/181/186 vom 29.11.2016 E. 2.3; VGE 2009/314 vom 22.11.2010 E. 6.4 und 7.1 28 Allgemein zu baulichen Massnahmen zur Beschränkung des Fahrverkehrs René Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen Strassenverkehrsrechts, Band I: Grundlagen, Verkehrszulassung und Verkehrsregeln, 2. Aufl. 2002, N. 68 f.; Christoph J. Rohner, Erlass und Anfechtung von lokalen Verkehrsanordnungen, Diss. Zürich 2012, S. 15 f. 29 BVR 2011 S. 341 E. 2, mit weiteren Hinweisen
RA Nr. 110/2019/26 13
unterhalten, dass die Summe aller Wirkungen dauerhaft zu einer Verbesserung des
Lebensraums führt (Art. 3 Abs. 1 Bst. a SG), dass sie die wirtschaftliche und touristische
Entwicklung unterstützen (Art. 3 Abs. 1 Bst. b SG) und dass sie wirtschaftlich tragbar sind
(Art. 3 Abs. 1 Bst. c SG). Die Mobilitäts- und Sicherheitsbedürfnisse aller
Verkehrsteilnehmer werden aufeinander abgestimmt (Art. 3 Abs. 1 Bst. d SG). Die
negativen Auswirkungen der Mobilität werden möglichst gering gehalten (Art. 3 Abs. 1 Bst.
e SG). Laut Art. 65 Abs. 1 SG dürfen die öffentlichen Strassen im Rahmen ihrer
Zweckbestimmung, ihrer Gestaltung, der örtlichen Verhältnisse und der geltenden
Vorschriften von allen unentgeltlich und ohne besondere Erlaubnis benutzt werden. Der
Gemeingebrauch kann im überwiegenden öffentlichen Interesse beschränkt oder
aufgehoben werden (Art. 65 Abs. 2 SG). Für die Entwidmung oder Umwidmung wird somit
ein entsprechendes (überwiegendes) öffentliches Interesse vorausgesetzt bzw. verlangt,
dass das öffentliche Interesse, das Voraussetzung für die seinerzeitige Widmung war,
untergegangen ist (bspw. weggefallene oder verminderte Verkehrsbedeutung) oder
jedenfalls gegenüber jenem an der Ent- oder Umwidmung als minderwertig erscheint. In
der neueren Rechtsprechung wird vermehrt auch den privaten Interessen der durch die
Einschränkung oder die Aufhebung des Gemeingebrauchs betroffenen Anstösserinnen und
Anstösser Rechnung getragen. Bei der Änderung der Widmung ist das Gemeinwesen
daher, anders als bei der erstmaligen Widmung, nicht frei.30
e) Nach der neueren Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts ist bei baulichen
Massnahmen, die die allgemeine Nutzung einer öffentlichen Strasse beschränken, nicht
nur zu prüfen, ob die damit verbundene Einschränkung des Gemeingebrauchs durch ein
öffentliches Interesse gedeckt ist, sondern auch ob sie, wie eine funktionelle
Verkehrsbeschränkung im Sinn von Art. 3 Abs. 4 SVG, verhältnismässig ist.31 Das für die
Sperrung der Strassen notwendige Baubewilligungsverfahren kann deshalb nicht als
blosse Vollzugshandlung einer bereits verfügten Verkehrsanordnung betrachtet werden.32
Im Rahmen des Baubewilligungsverfahrens kann aufgrund der im Wesentlichen mit dem
Strassenverkehrsrecht übereinstimmenden Voraussetzungen für eine Änderung der
Widmung ein genügender Rechtsschutz gewährt werden, zumal bei Strassenbauvorhaben
auch die Wirkungsziele von Art. 3 SG zu berücksichtigen sind. Ein zusätzliches Verfahren
30 André Werner Moser, Der öffentliche Grund und seine Benützung, Diss. Bern 2011, S. 114 f. 31 VGE 2018/88 vom 7.11.2018 E. 2.3, mit weiteren Hinweisen 32 VGE 2015/180/181/186 vom 29.11.2016 E. 2.4
RA Nr. 110/2019/26 14
zum Erlass einer funktionellen Verkehrsbeschränkung ist deshalb nicht erforderlich.33 Das
Verwaltungsgericht hat es deshalb in einem vergleichbaren Fall als zulässig erachtet, dass
ein Verkehrskonzept zum Teil mit Verkehrsbeschränkungsmassnahmen (v.a. Fahrverbot
für Motorwagen und Motorräder auf einer Strasse),34 zum Teil mit baulichen Massnahmen
(Pfosten auf einer anderen Strasse)35 umgesetzt wurde. Anders als die
Beschwerdeführenden geltend machen, stimmte das TBA auch in jenem Fall lediglich den
Verkehrsmassnahmen im Sinn von Art. 44 Abs. 2 SV, nicht aber der Strassensperrung
durch das Setzen eines Pfostens zu. Wie die Beschwerdegegnerin zutreffend ausführt,
ändert an dieser neueren Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts auch das von den
Beschwerdeführenden erwähnte publizierte Urteil des Verwaltungsgerichtes36 nichts. Zum
einen ging es dabei nicht um die Herstellung einer Sackgasse mittels fest installierter
Schranken, sondern um eine versenkbare Polleranlage zur Durchsetzung der
strassenverkehrsrechtlich untersagten Durchfahrt. Zum anderen äusserte sich das
Verwaltungsgericht nicht zum Verhältnis zwischen kantonaler Strassenhoheit und
bundesrechtlicher Zuständigkeit im Strassenverkehrsrecht. Strittig war einzig die
Koordinationspflicht zwischen Baubewilligungsverfahren und Verfahren zum Erlass von
Verkehrsbeschränkungsmassnahmen. Im Übrigen hat die Vorinstanz beim OIK IV einen
Fachbericht eingeholt, der sich unter anderem zu den Auswirkungen der geplanten
Strassensperrungen auf das übergeordnete Strassennetz und auf den Veloverkehr
äussert. Damit hat sie auch dem Aspekt der Verkehrsverlagerung hinreichend Rechnung
getragen. Zusammenfassend steht fest, dass im Baubewilligungsverfahren, bei dem unter
anderem auch die Vorschriften der Strassengesetzgebung berücksichtigt werden müssen,
ein genügender Rechtsschutz vorhanden ist. Ein zusätzliches Verfahren zum Erlass einer
funktionellen Verkehrsbeschränkung ist deshalb nicht erforderlich.
5. Zulässigkeit der Sperrung
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, zu prüfen sei im
Baubewilligungsverfahren namentlich auch die Einhaltung der strassenrechtlichen
Vorschriften. Die Beschränkung der Nutzung durch bauliche Massnahmen stelle eine
33 Vgl. dazu auch Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Graubünden vom 24. Juni 2009 E. 3a 34 Vgl. dazu VGE 2015/180/181/186 vom 29.11.2016 35 Vgl. dazu VGE 2018/88 vom 7.11.2018 36 Vgl. BVR 2008 S. 360
RA Nr. 110/2019/26 15
Einschränkung des Gemeingebrauchs bzw. eine teilweise Entwidmung, zumindest eine
Umwidmung dar. Das Fahrverbot mit gestattetem Zubringerdienst werde zu einer
Unmöglichkeit der Durchfahrt ausgeweitet. Dies sei nur zulässig, wenn die Massnahme im
überwiegenden öffentlichen Interesse liege und verhältnismässig sei. Dies gelte auch
gestützt auf die Tempo-30-Verordnung, die vorliegend ebenfalls einschlägig sei. Die
Sperrung solle bereits gebaut werden, bevor auch nur ansatzweise klar sei, ob die
beschlossene Tempo-30-Zone im Verbund mit dem bestehenden Fahrverbot für
Motorfahrzeuge genüge, um die angestrebte Vermeidung von Schleichverkehr zu
erreichen. Die Beschwerdegegnerin müsste ein Jahr nach Einführung der Zone im
Rahmen einer Nachkontrolle das Geschwindigkeitsverhalten, das Unfallgeschehen und die
Akzeptanz bei der Bevölkerung untersuchen. Dies sei, soweit ersichtlich, nicht erfolgt. Es
sei damit nicht ersichtlich, dass die Erforderlichkeit zusätzlicher baulicher Massnahmen
gegeben sei. Soweit die bauliche Sperrung nur der Vermeidung von Schleichverkehr diene,
hätten die entgegenstehenden Interessen relativ mehr Gewicht. Es sei weder belegt noch
ersichtlich, dass nach Einführung von Tempo 30 und mit Blick auf das bestehende
Fahrverbot eine bauliche Sperrung allein zur Vermeidung von Schleichverkehr noch nötig
sei. Anstelle von starren Sperren könnten klappbare Poller montiert und den Anwohnern
ein Schlüssel übergeben werden. Damit könnten die Nachteile der Anwohnerschaft durch
die bauliche Massnahme substantiell verkleinert werden. Gleichzeitig würde ein ebenso
wirksames Mittel bestehen, um Schleichverkehr fernzuhalten. Es sei ein Kurzgutachten bei
einer behördlich zu bestimmenden, sachverständigen Person zur Beurteilung von
Tauglichkeit und Kosten der Alternativlösungen zu den Totalsperren einzuholen. Die von
der Beschwerdegegnerin ohne jeden Beleg behaupteten erheblichen Mehrkosten für
versenkbare Poller seien zumindest nicht plausibilisiert. Auch eine Barrierelösung sei nicht
ansatzweise geprüft worden. Die totale Sperrung von J._weg und
H._strasse für Motorfahrzeuge habe weitreichende Konsequenzen für die
Beschwerdeführenden. Von der P._strasse her benötigten sie heute circa 300 m
bzw. 400 m bis zu ihren Grundstücken. Müssten sie künftig via Q._strasse nach
Hause gelangen, wären die Strecken 1.1 km bzw. 1.3 km. Zudem komme es auf der
R._strasse bei Stosszeiten zu längeren Wartezeiten, die ebenfalls erschwerend zu
berücksichtigen seien. Die privaten Interessen der Anstösser würden empfindlich tangiert,
zumal die Massnahme teilweise kontraproduktiv sei. Die Beschwerdegegnerin hätte eine
Gefährdung für Velofahrer moniert, da die Sperrung an der H._strasse zugleich
eine Veloroute (Freizeitroute Nr. W._ mit kantonaler Netzfunktion) sperre. Die
RA Nr. 110/2019/26 16
Vorgaben des OIK IV seien nicht Teil des Dispositivs und ebenso wenig des Baugesuchs,
mithin seien die von der Fachbehörde genannten Anforderungen nicht erfüllt.
b) Gemäss Art. 32 Abs. 3 SVG i.V.m. Art. 108 Abs. 1 SSV darf die allgemeine
Höchstgeschwindigkeit für bestimmte Strassenstrecken herab- oder heraufgesetzt werden.
Art. 108 Abs. 2 SSV regelt die Herabsetzungs-, Art. 108 Abs. 3 SSV die
Heraufsetzungsgründe. Die Anordnung von abweichenden Höchstgeschwindigkeiten
erfolgt gestützt auf ein vorgängig zu erstellendes Gutachten, welches belegt, dass diese
Massnahme nötig, zweck- und verhältnismässig ist und keine anderen Massnahmen
vorzuziehen sind (Art. 32 Abs. 3 SVG i.V.m. Art. 108 Abs. 4 SSV). Als abweichende
Höchstgeschwindigkeiten sind innerorts Tempo-30-Zonen mit 30 km/h und
Begegnungszonen mit 20 km/h grundsätzlich zulässig (Art. 108 Abs. 5 Bst. e SSV). Das
Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK)
regelt die Einzelheiten für die Festlegung abweichender Höchstgeschwindigkeiten. Es legt
für Tempo-30-Zonen und Begegnungszonen bezüglich Ausgestaltung, Signalisation und
Markierung die Anforderungen fest (Art. 108 Abs. 6 SSV). Art. 3 der Verordnung Tempo-
30-Zonen37 umschreibt den Inhalt des Gutachtens näher, Art. 4 der Verordnung Tempo-30-
Zonen regelt die verkehrsrechtlichen Massnahmen und Art. 5 der Verordnung Tempo-30-
Zonen enthält Vorschriften über die Gestaltung des Strassenraumes. Gemäss Art. 6 der
Verordnung Tempo-30-Zonen sind die realisierten Massnahmen spätestens nach einem
Jahr auf ihre Wirkung zu überprüfen. Wurden die angestrebten Ziele nicht erreicht, so sind
zusätzliche Massnahmen zu ergreifen. Dem Verkehrsgutachten für Tempo-30-Zone und
Begegnungszone der Kontextplan AG vom 2. November 2015 betreffend
Verkehrsberuhigung K._38 lässt sich entnehmen, dass für die Verhinderung des
Schleichverkehrs an drei Orten Sperrungen für den motorisierten Individualverkehr
vorgesehen sind. Sie sind zwar unter dem Titel "Massnahmen in der geplanten Tempo-30-
Zone" am Schluss erwähnt. Dabei handelt es sich jedoch nicht um weitergehende
Gestaltungsmassnahmen nach Art. 5 Abs. 3 der Verordnung Tempo-30-Zonen i.V.m. Art.
108 SSV zur Einhaltung der angeordneten Höchstgeschwindigkeit, sondern um zusätzliche
Massnahmen zur Unterbindung des Schleichverkehrs durch das fragliche Quartier.39 Es
muss somit nicht geprüft werden, ob die Sperren für die Durchsetzung von Tempo 30
37 Verordnung vom 28. September 2001 über die Tempo-30-Zonen und die Begegnungszonen (SR 741.213.3, nachfolgend: Verordnung Tempo-30-Zonen 38 Vorakten pag. 117 ff. 39 Vgl. Verkehrsgutachten für Tempo-30-Zone und Begegnungszone der Kontextplan AG vom 2. November 2015 betreffend Verkehrsberuhigung K._, Ziff. 10.2
RA Nr. 110/2019/26 17
erforderlich sind. Die Beschwerdeführenden können deshalb aus dem fraglichen
Verkehrsgutachten nichts zu ihren Gunsten ableiten.
c) Gemäss Art. 41 Abs. 1 SG planen, bauen, betreiben und unterhalten die Gemeinden
die Gemeindestrassen. Sie sind auch zuständig für Verkehrsordnungen, Signalisationen
und Markierungen auf Gemeindestrassen (Art. 66 Abs. 2 SG). Indem der Kanton diese
Zuständigkeit an die Gemeinden delegiert, räumt er diesen im Rahmen des
bundesrechtlich Zulässigen Autonomie ein (Art. 50 Abs. 1 BV, Art. 109 Abs. 1 KV und Art.
3 Abs. 1 GG).40 Deshalb verfügt die Gemeinde über einen erheblichen Entscheidungs- und
Gestaltungsspielraum, der von der Baubewilligungsbehörde und den Beschwerdeinstanzen
zu respektieren ist. Laut Art. 65 Abs. 1 SG dürfen die öffentlichen Strassen im Rahmen
ihrer Zweckbestimmung, ihrer Gestaltung, der örtlichen Verhältnisse und der geltenden
Vorschriften von allen unentgeltlich und ohne besondere Erlaubnis benutzt werden. Der
Gemeingebrauch kann im überwiegenden öffentlichen Interesse beschränkt oder
aufgehoben werden (Art. 65 Abs. 2 SG). Es gibt keinen bundesverfassungsrechtlichen
Anspruch darauf, dass bestimmte Verkehrsanlagen gebaut oder bestimmte Flächen dem
Verkehr zur Verfügung gestellt werden. Das Gemeinwesen ist verfassungsrechtlich auch
nicht verpflichtet, die bestehenden Strassenflächen im bisherigen Umfang dem Verkehr zu
erhalten. Sofern es sich nicht um Durchgangsstrassen handelt (Art. 2 Abs. 1 Bst. a und Art.
3 Abs. 3 SVG41), kann das zuständige Gemeinwesen eine Fläche, die bisher dem Verkehr
gewidmet war, einer anderen Zweckbestimmung zuführen.42 Anstösserinnen und
Anstösser dürfen insbesondere nicht vom Zugang zu einer Strasse abgeschnitten werden,
ohne dass ihnen zum Ersatz ein anderer Zugang eröffnet wird. Hingegen besteht kein
Anspruch auf unverändertes Beibehalten einer wirtschaftlich vorteilhaften
Verkehrssituation.43 Die Beschwerdeführenden haben unbestritten auch nach der
Umsetzung der baulichen Massnahmen Zugang zum übergeordneten Strassennetz.
d) Die Beschränkung der allgemeinen Nutzung des J._wegs und der
H._strasse durch bauliche Massnahmen stellt aus rechtlicher Sicht eine
40 BGE 143 II 553 E. 6.3; 138 I 143 E. 3.1 41 Strassenverkehrsgesetz vom 19. Dezember 1958 (SVG; SR 741.01) 42 BGE 122 I 279 E. 2 c, mit weiteren Hinweisen 43 Fritz Gygi, Verwaltungsrecht, 1986, S. 238 f.
RA Nr. 110/2019/26 18
Einschränkung des Gemeingebrauchs bzw. eine Teilentwidmung dar.44 Gemäss Art. 65
Abs. 2 SG ist das nur dann zulässig, wenn die Einschränkung des Gemeingebrauchs im
überwiegenden öffentlichen Interesse liegt. Das Bauvorhaben der Beschwerdegegnerin
zielt darauf ab, das Quartier vom Durchgangsverkehr zu entlasten. Gemäss Angaben der
Beschwerdegegnerin werden insbesondere der J._weg und die
H._strasse immer wieder und gerade in Stosszeiten in erheblichem Mass von
Ortsfremden als Schleichweg und Abkürzung zur Hauptachse benützt, weil diese
überlastet ist. Die Erhöhung der Verkehrssicherheit ist demgegenüber bloss ein
Nebeneffekt. Die Massnahme zielt somit in erster Linie auf den ortsfremden
Durchgangsverkehr. Dieser soll unterbunden und der Verkehr auf den grossen Achsen der
Kantonsstrassen kanalisiert werden. Von der vollständigen Sperrung der fraglichen
Strassen für den motorisierten Verkehr ist nicht nur der quartierfremde, sondern auch der
quartierinterne Verkehr betroffen. Damit soll die Quartierbevölkerung vor den nachteiligen
Auswirkungen des Durchgangsverkehrs wie Lärm und Luftverschmutzung geschützt
werden. Als positiver Nebeneffekt wird auch die Verkehrssicherheit verbessert werden. An
solchen Verkehrsberuhigungsmassnahmen, die bezwecken den Durchgangsverkehr von
Quartierstrassen fernzuhalten, den Schleichverkehr durch ein Quartier zu unterbinden und
den Verkehr möglichst rasch auf das übergeordnete Strassennetz zu führen, besteht
zweifellos ein anerkanntes öffentliches Interesse, zumal solche Massnahmen nicht nur den
Wirkungszielen von Art. 3 Abs. 1 Bst. a, d und e SG, sondern auch dem
Planungsgrundsatz von Art. 3 Abs. 3 Bst. b RPG45 entsprechen. Angesichts der Grösse
des K._-Quartiers besteht zudem ein beträchtliches öffentliches Interesse, nicht
nur den quartierfremden Verkehr abzuhalten, sondern auch den quartierinternen Verkehr
auf kürzestem Weg auf das übergeordnete Strassennetz zu lenken. Für die meisten
Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers nördlich der Eisenbahn führt der kürzeste
Weg auf das übergeordnete Strassennetz über die S._- und nicht die
P._strasse.
e) Wie bereits erwähnt, verlangt Art. 65 Abs. 2 SG nach der Rechtsprechung des
Verwaltungsgerichts nicht nur, dass die Einschränkung des Gemeingebrauchs durch ein
öffentliches Interesse gedeckt ist, sondern dass sie – wie eine funktionelle
44 André Werner Moser, Der öffentliche Grund und seine Benützung, Diss. Bern 2011, S. 117 ff.; Christophe Cueni, Widmung, Umwidmung und Entwidmung von Gemeindestrassen, in KPG-Bulletin 2012 S. 42 ff., 49 f. 45 Bundesgesetz vom 22. Juni 1979 über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz, RPG; SR 700)
RA Nr. 110/2019/26 19
Verkehrsbeschränkung im Sinn von Art. 3 Abs. 4 SVG – auch verhältnismässig ist.46 Nach
dem Gesagten ist somit zu prüfen, ob die durch die umstrittenen Pfosten und die
Abschrankungen bewirkte Sperrung des J._wegs und der H._strasse
auch verhältnismässig ist. Der Grundsatz der Verhältnismässigkeit besagt, dass eine
staatliche Massnahme geeignet und erforderlich sein muss, um das im öffentlichen
Interesse angestrebte Ziel zu erreichen. Die Massnahme hat dann zu unterbleiben, wenn
der verfolgte Zweck auch mit einer für die betroffenen Privaten weniger einschneidenden
und für das Gemeinwesen gleichermassen vertretbaren Massnahme erreicht werden
könnte. Zudem muss sie ein vernünftiges Verhältnis zwischen dem angestrebten Ziel und
allfälligen Einschränkungen, welche die Massnahme für die betroffenen Personen bewirkt,
wahren.47 Ob diese Voraussetzung gegeben ist, ist durch Gewichten und Abwägen der im
konkreten Einzelfall auf dem Spiel stehenden öffentlichen und privaten Interessen zu
ermitteln.48
f) Die geplanten Abschrankungen sind zweifellos geeignet, den motorisierten
Durchgangsverkehr sowie den quartierinternen Schleichverkehr über den J._weg
und die H._strasse wirksam zu unterbinden und damit die Quartierbevölkerung vor
den nachteiligen Auswirkungen des Verkehrs zu schützen. Zudem wird als Nebeneffekt die
Verkehrssicherheit für den Langsamverkehr und den motorisierten Verkehr verbessert, weil
weniger Motorfahrzeuge die fraglichen Strassen befahren. Die von den
Beschwerdeführenden bevorzugten Alternativen (Klapp-Poller, versenkbare Poller,
Barrieren), die ihnen weiterhin eine Durchfahrt ermöglichen würden, hätten nicht den
gleichen Effekt wie die geplanten fest installierten Abschrankungen, die nicht nur den
quartierfremden, sondern auch den quartierinternen Schleichverkehr wirksam unterbinden.
Es fehlt ihnen somit bereits an der Eignung.
In Bezug auf das Kriterium der Erforderlichkeit machen die Beschwerdeführenden geltend,
ein Bedarf an baulichen Massnahmen sei nicht ausgewiesen. Dem hält die
Beschwerdegegnerin entgegen, sie habe bereits über viele Jahre Erfahrungen mit der
bestehenden Signalisation eines Fahrverbots mit dem Vermerk "Zubringerdienst gestattet"
gemacht. Es habe sich gezeigt, dass die Signalisation alleine nicht den gewünschten Erfolg
46 VGE 2018/88 vom 7.11.2018 E. 2.3, VGE 2015/180/181/186 vom 29.11.2016 E. 2.4 und E. 4.1; vgl. auch VGE 2009/314 vom 22.11.2010 (bestätigt durch BGer 1C_11/2011 vom 1.4.2011) E. 7.2; vgl. auch André Werner Moser, a.a.O., S. 114 f. 47 BVR 2008 S. 360 E. 4.4, 2006 S. 179 E. 8.3 48 VGE 2018/88 vom 7.11.2018 E. 3.2
RA Nr. 110/2019/26 20
bringe. Diese einleuchtende und durch die Erfahrung in anderen Städten bestätigte
Einschätzung der Beschwerdegegnerin49 zeigt auf, dass das bestehende, bloss
signalisierte Fahrverbot mit dem Vermerk "Zubringerdienst gestattet" kein milderes Mittel
darstellt, um bezüglich der Unterbindung des Schleichverkehrs eine gleichwertige Wirkung
erzielen zu können wie die geplanten Abschrankungen, die eine Totalsperre für den
motorisierten Durchgangsverkehr bewirken und diesen damit wirksam unterbinden. An der
Erforderlichkeit der umstrittenen fixen Abschrankungen zur Zielerreichung ändern auch die
von den Beschwerdeführenden erwähnten Alternativen (Klapp-Poller, versenkbare Poller
oder Barrieren) nichts. Diese Massnahmen würden den Quartierbewohnerinnen und -
bewohnern eine Durchfahrt ermöglichen und wären deshalb für sie zwar weniger
einschneidend. Die beabsichtigte Wirkung, das Quartier vom Durchgangsverkehr zu
entlasten, könnte damit aber nur teilweise erreicht werden. Abgesehen davon wären die
fraglichen Massnahmen mit höheren Kosten bzw. mit viel grösserem Verwaltungsaufwand
verbunden. Die Beschwerdegegnerin beziffert die Baukosten für die geplanten
Massnahmen auf Fr. 6'000.00. Sie schätzt die Baukosten für eine automatische
Polleranlage auf circa Fr. 60'000.00. Diese Kosten erscheinen der BVE plausibel, bestehen
doch die Baukosten nicht nur aus den Anschaffungskosten eines Pollers und einer
Steuerungsanlage, sondern es sind je nach konkretem Standort verschiedene bauliche
Massnahmen erforderlich, wie beispielsweise das Erstellen einer Stromversorgung und
einer Entwässerung. Zudem muss die Steuerung fallbezogen programmiert werden. Eine
automatische Polleranlage ist zudem unterhaltsintensiv und das Verwalten der
Berechtigungen bei der Beibehaltung des Fahrverbots mit Zubringerdienst aufwändig. Im
Vergleich zu den geplanten, fest installierten Pfosten und Abschrankungen sind die Kosten
für den Bau, Unterhalt und Betrieb einer automatischen Polleranlage um ein Vielfaches
höher, weshalb der Mehraufwand dafür im Vergleich zu den Vorteilen für die
Anwohnerschaft unverhältnismässig wäre.50 Zu den Kosten von Klapp-Pollern oder
automatischen Barrieren lässt sich den Akten zwar nichts entnehmen. Weitere
Abklärungen dazu sind aber entbehrlich. Selbst wenn sich die Kosten in einer
vergleichbaren Höhe bewegen würden wie bei den geplanten Abschrankungen, hätte die
Beschwerdegegnerin auch bei dieser Lösung einen unverhältnismässig grossen Aufwand
für die Verwaltung der Berechtigungen. Es kann in diesem Zusammenhang auf die
überzeugenden Ausführungen der Beschwerdegegnerin verwiesen werden. Selbst wenn
die von den Beschwerdeführenden genannten Alternativen zwecktauglich wären, würden
49 Vgl. dazu etwa BVR 2008 S. 360 E. 4.4.3 50 Vgl. dazu VGE 2018/88 vom 7.11.2018 E. 3.2.2
RA Nr. 110/2019/26 21
sie somit als ungeeignet ausser Betracht fallen, da die Beschwerdegegnerin einen grossen
Mehraufwand in Kauf nehmen müsste.51 Die geplanten baulichen Massnahmen sind
deshalb erforderlich, um das angestrebte Ziel zu erreichen.
Die vollständige Sperrung der beiden Strassen für den motorisierten Verkehr trifft die
Beschwerdeführenden insofern, dass sie nicht mehr auf dem kürzesten Weg auf die
P._strasse gelangen können. Aktuell beträgt der Weg auf die P._strasse
für die Beschwerdeführenden 1 und 2 etwa 280 m und für die Beschwerdeführenden 3 und
4 etwa 400 m. Nach der Erstellung der Sperren wird der Weg für die Beschwerdeführenden
1 und 2 etwa 1.3 km und für die Beschwerdeführenden 3 und 4 etwa 1.1 km betragen. Die
Fahrten in Richtung Wynigen werden sich somit für die Beschwerdeführenden sowohl
bezüglich des Fahrwegs als auch bezüglich der Fahrzeit spürbar verlängern. Es ist
verständlich, dass sie dies als erheblichen Nachteil empfinden. Die damit verbundenen
Unannehmlichkeiten, insbesondere die längeren Wartezeiten an der R._strasse in
der Hauptverkehrszeit, sind auch nicht zu unterschätzen. Es ist aber zu berücksichtigen,
dass die Strassensperrungen für das Quartier und seine Bewohnerinnen und Bewohner
insgesamt wesentliche Vorteile mit sich bringen, weil der Schleichverkehr nur so wirksam
unterbunden werden kann und der motorisierte Verkehr mit dem geplanten Verkehrsregime
auf kürzestem Weg aus dem Quartier herausgeführt wird. Aus diesen Gründen erweisen
sich die Strassensperrungen als zumutbar.
h) Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die mit der geplanten
Umgestaltung des Strassenraums bewirkte Sperrung der Strassen für den motorisierten
Verkehr im öffentlichen Interesse liegt und dem Verhältnismässigkeitsgebot standhält. Die
Beschwerde erweist sich in dieser Hinsicht als unbegründet. Dieses Ergebnis lässt sich
ohne Weiteres aus den Akten herleiten. Auf ein Kurzgutachten zur Beurteilung von
Tauglichkeit und Kosten der Klapp-Poller kann ebenso verzichtet werden wie auf die
Durchführung eines Augenscheins mit Instruktionsverhandlung sowie eines Parteiverhörs.
Die entsprechenden Beweisanträge der Beschwerdeführerenden werden abgewiesen.
6. Veloverkehr
51 Vgl. dazu Tschannen/Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, § 21 N. 6 f.
RA Nr. 110/2019/26 22
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, sie hätten eine Gefährdung für
Velofahrer moniert, da die Sperrung an der H._strasse zugleich eine Veloroute mit
kantonaler Netzfunktion sperre. Der OIK IV habe in seinem Bericht festgehalten, die
baulichen Massnahmen für den Veloverkehr seien so zu gestalten, dass die Durchfahrt
ohne Gefahr möglich sei. Er habe zudem Markierungen und eine ausreichende
Beleuchtung verlangt. Diese Vorgaben seien weder Teil des Dispositivs noch des
Baugesuchs. Mithin seien die von der Fachbehörde genannten Anforderungen nicht erfüllt.
Dies sei umso bedenklicher, als die genannten Auflagen ihrerseits wohl
baubewilligungspflichtig wären. Im Bauentscheid müsse festgestellt werden, ob ein
Bauvorhaben den öffentlich-rechtlichen Vorschriften genüge. Allenfalls seien Bedingungen
und Auflagen zu verfügen oder der Bauabschlag zu erteilen. Der angefochtene Entscheid
sei auch insoweit rechtsfehlerhaft und aufzuheben. Mit den von den Beschwerdeführenden
vorgeschlagenen Pollern könnte mehr Freiraum für Velofahrer gewährt werden. Der
Hinweis auf die VSS-Norm 640 201 sei unvollständig. Die Breite von 1.20 m gelte nicht für
Kurven, dort sei mehr Freiraum zu gewähren. Vorliegend werde die Sperrung der
H._strasse direkt nach der Kurve geplant, auf der die Veloroute verlaufe. Der
gewährte Freiraum sei mithin nicht hinreichend. Der Knoten beim Einbiegen der
T._strasse in die H._strasse sei auch im Gutachten als Schwachstelle
markiert. Angesichts unübersichtlicher Sichtverhältnisse und dem gefährlichen
Fahrverhalten von Radfahrerinnen und Radfahrer erscheine eine Sperre mitten auf der
Veloroute direkt nach der Kurve nicht als tragfähige Lösung. Der angefochtene Entscheid
sei auch deshalb aufzuheben.
Die Beschwerdegegnerin führt aus, die Ausgestaltung der Sperren halte sich
vollumfänglich an die Vorgaben gemäss Stellungnahme des OIK IV. Es bleibe pro
Fahrtrichtung eine Durchfahrtsbreite von 1.5 m erhalten und die optische Ausgestaltung sei
so gewählt worden, dass die Sperren gut sichtbar seien. Zudem würden sie so platziert,
dass sie gut beleuchtet und daher auch nachts gut sichtbar seien. Da es im
Kreuzungsbereich H._strasse - T._strasse neu nicht mehr zu
Begegnungsfällen zwischen Fahrrädern und Motorfahrzeugen kommen könne, werde die
Sicherheit für den Fahrradverkehr erheblich verbessert.
b) Bauten und Anlagen sind so zu erstellen, zu betreiben und zu unterhalten, dass
weder Personen noch Sachen gefährdet werden (Art. 21 Abs. 1 BauG). Bei
Strassenbauvorhaben sind in diesem Zusammenhang insbesondere die einschlägigen
RA Nr. 110/2019/26 23
Normen des Schweizerischen Verbands der Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS) zu
beachten. Das Rechtsamt der BVE liess das Vorhaben deshalb durch die Fachstelle
Langsamverkehr des TBA prüfen. Diese teilte mit, grundsätzlich spreche nichts gegen die
Realisierung von Schrankenanlagen an den beiden vorgesehenen Stellen. Die
Schrankenanlagen seien jedoch leicht anzupassen, damit die sichere und komfortable
Durchfahrt für den Veloverkehr sichergestellt sei. Insbesondere seien die Schranken mit
einem retroreflektierenden Blech mit Abweispfeilen im Bereich der oberen horizontalen
Stange zu versehen und auf der Fahrbahn seien zwingend abweisende Markierungen
anzubringen. Zudem seien bei der Schranke H._strasse die beiden Pfosten auf
dem Trottoirrand wegzulassen, damit seitlich ein genügend freies Lichtraumprofil
gewährleistet sei. Die Durchfahrtsbreite von 1.50 m sei grundsätzlich genügend, bedinge
jedoch mindestens auf der schrankenabgewandten Seite zusätzlich freies Lichtraumprofil
von 0.50 m.
Die Beschwerdegegnerin passte ihr Projekt in der Folge entsprechend an und reichte eine
Projektänderung im Sinn von Art. 43 Abs. 1 BewD ein. Insbesondere verzichtete sie auf die
beiden Pfosten auf dem Trottoir. Die Verfahrensbeteiligten wurden angehört. Von der
Projektänderung zusätzlich betroffene Dritte sind nicht ersichtlich. Der Sachverhalt ist
genügend abgeklärt, so dass die BVE selbst über die Projektänderung entscheiden kann
(vgl. Art. 43 Abs. 3 BewD). Gegenstand des Beschwerdeverfahrens ist nur noch das
geänderte Projekt gemäss den abgeänderten Plänen Verkehrsberuhigung K._
vom 24. April 2019, gestempelt vom Rechtsamt der BVE am 26. April 2019. Ob das von
der Vorinstanz beurteilte Projekt bewilligungsfähig gewesen wäre, ist nicht mehr zu prüfen.
c) Die Fachstelle Langsamverkehr des TBA hat die Projektänderung geprüft und das
Vorhaben nun als in Ordnung befunden. Die Beschwerdeführenden räumen zwar ein, dass
bestimmte Verbesserungen vorgenommen und ihren Bedenken Rechnung getragen
wurde, sie halten aber dennoch an ihrer Beschwerde fest. Sie machen insbesondere
geltend, bei beiden Sperren sei beidseits ein seitliches Lichtraumprofil von 0.5 m
einzuhalten. Sie stützen sich dabei auf Art. 83 Abs. 3 SG. Es trifft nicht zu, dass die
Fachstelle Langsamverkehr die Freihaltung des seitlichen Lichtraumprofils von 0.5 m
zusätzlich zur als genügend erachteten Durchfahrtsbreite von 1.5 m verlangt hat. Sie hat
viel mehr ausgeführt, wenn an den Pfosten festgehalten werde, sei ein zusätzliches freies
Lichtraumprofil erforderlich. Da die Beschwerdegegnerin mit ihrer Projektänderung auf die
Pfosten verzichtet, genügt somit die geplante Durchfahrtsbreite von 1.5 m. Anders als die
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Beschwerdeführenden meinen, hat ein Trottoir als Strassenbestandteil kein Lichtraumprofil
nach Art. 83 Abs. 3 SG einzuhalten.52 Die BVE hat keinen Anlass, von der
nachvollziehbaren Beurteilung der Fachstelle Langsamverkehr abzuweichen, wonach das
geänderte Projekt nun den massgeblichen Vorschriften und Normen entspricht und
deshalb bewilligt werden kann. Die Beschwerde ist somit unbegründet.
7. Rechtsverwahrung
a) Für den Fall, dass der Gesamtentscheid nicht aufgehoben wird, beantragen die
Beschwerdeführenden, dieser sei dahingehend zu ergänzen, dass auch eine
Rechtsverwahrung der Beschwerdeführenden 1 und 2 anzumerken sei. Zur Begründung
machen sie geltend, die Kollektiveinsprache, die von den Beschwerdeführenden 1 und 2
unterzeichnet worden sei, enthalte implizit auch eine Rechtsverwahrung, etwa durch
Verweis auf längere Umwege der Anwohner, was den Wert der Liegenschaften senken
könne und damit auch Privatrecht betreffe. Der Bauentscheid sei deshalb entsprechend zu
ergänzen.
Die Vorinstanz macht geltend, in der Publikation des Bauvorhabens sei ausdrücklich auf
die Möglichkeit einer Rechtsverwahrung hingewiesen worden. Aus der Einsprache der
Beschwerdeführenden 1 und 2 gehe in keiner Weise hervor, dass sie die Einsprache auch
als Rechtsverwahrung verstanden haben oder dass sie gegenüber der Bauherrschaft
zivilrechtliche Anspruche geltend machen wollten. Soweit sie nun mit der Beschwerde noch
Rechtsverwahrung anmelden wollen, sei nicht darauf einzutreten.
b) Die Rechtsverwahrung bezweckt die Orientierung der Gesuchstellenden und der
Behörden über Privatrechte, welche durch das Bauvorhaben berührt werden, und über
Entschädigungsansprüche, die daraus abgeleitet werden könnten (Art. 32 Abs. 1 BewD).
Zur Anmeldung einer Rechtsverwahrung ist befugt, wer zivilrechtlich rechts- und
handlungsfähig ist (Art. 32 Abs. 2 BewD). Dadurch wird die Bauherrschaft in die Lage
versetzt, privatrechtlichen Einwänden oder Ansprüchen allenfalls durch Projektänderung
Rechnung zu tragen. Anders als bei Einsprachen (vgl. Art. 35 Abs. 1 Satz 2 BauG und Art.
26 Abs. 3 Bst. f BewD) oder Lastenausgleichsansprüchen (vgl. Art. 31 Abs. 1 BauG und
Art. 26 Abs. 3 Bst. g BewD) muss die Bekanntmachung keinen Hinweis auf das Anmelden
52 Vgl. dazu die Grafik "Kantonsstrassen im Siedlungsgebiet", Merkblatt Wald an Kantonsstrassen, S. 2, einsehbar unter <https://www.bve.be.ch/bve>, Rubriken «Strassen, Bauen in Strassennähe»
https://www.bve.be.ch/bve/de/index/strassen/strassen/bauen_in_strassennaehe.html
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von Rechtsverwahrungen enthalten, da keine Verwirkungsfolgen im Rahmen des
Baubewilligungsverfahrens drohen. Die Unterlassung der Rechtsverwahrung kann nach
dem Grundsatz von Treu und Glauben und aufgrund der Pflicht zur Schadensminderung
allenfalls den Verlust oder die Herabsetzung zivilrechtlicher Ansprüche zur Folge haben,
wenn die Bauherrschaft nachzuweisen vermag, dass sie bei rechtzeitiger Kenntnis dem
Einwand hätte Rechnung tragen können.53 Auf angemeldete, aber nicht bereinigte
Rechtsverwahrungen ist im Dispositiv des Bauentscheids lediglich hinzuweisen (vgl. Art. 36
Abs. 3 Bst. f BewD). Sie müssen auf dem Zivilrechtsweg weiterverfolgt werden.54 Der
Hinweis auf Rechtsverwahrungen hat somit rein deklaratorische Bedeutung.55
c) Anders als die Beschwerdeführenden 3 und 4, die eine Einsprache, eine
Rechtsverwahrung und ein Lastenausgleichsbegehren einreichten, erhoben die
Beschwerdeführenden 1 und 2 lediglich Einsprache, obwohl in der Baupublikation auf die
Möglichkeit der Rechtsverwahrung hingewiesen worden war. Eine Rechtsverwahrung
meldeten sie weder ausdrücklich noch sinngemäss an. Es ist deshalb nicht zu
beanstanden, dass die Vor-instanz keinen Hinweis auf eine Rechtsverwahrung der
Beschwerdeführenden 1 und 2 in das Dispositiv aufnahm. Erst in der Beschwerde melden
die Beschwerdeführenden 1 und 2 ausdrücklich Rechtsverwahrung an mit der Begründung,
die längeren Umwege könnten den Wert der Liegenschaft senken. Da die
Beschwerdegegnerin mit der Beschwerdeschrift Kenntnis von diesen Einwänden der
Beschwerdeführenden 1 und 2 erhalten hat, greifen diese mittelbaren Rechtswirkungen
auch dann, wenn der Bauentscheid keinen förmlichen Hinweis auf die Rechtsverwahrung
enthält. Es ist deshalb nicht erforderlich, die fragliche Rechtsverwahrung im
Beschwerdeverfahren förmlich anzumerken. Die Beschwerde wird auch in dieser Hinsicht
abgewiesen.
8. Kosten
53 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 35-35c N. 3 54 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 35-35c N. 5 55 Vgl. VGE 2016/266 vom 30. Oktober 2017 E. 6.4
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a) Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr
(Art. 103 Abs. 1 VRPG). Diese wird festgesetzt auf Fr. 2'000.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG,
Art. 19 Abs. 1 GebV56).
Die Verfahrenskosten werden der unterliegenden Partei auferlegt, es sei denn, das
prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen
Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Als
unterliegend gilt nicht nur, wer mit seinen Anträgen nicht durchdringt, sondern auch, wer
den Einwänden der Behörden oder der Gegenpartei durch Projektänderungen Rechnung
trägt.57
Die Beschwerdegegnerin hat ihr Projekt geändert, um den Einwänden der
Beschwerdeführenden betreffend Verkehrssicherheit für den Veloverkehr Rechnung zu
tragen. Sie gilt insofern als unterliegend, als die Beschwerde in diesem Punkt durch die
Projektänderung gegenstandslos geworden ist. Die Beschwerdeführenden dringen in der
Hauptsache nicht durch. Sie gelten deshalb ebenfalls als unterliegend. Unter
Berücksichtigung des jeweiligen Masses des Obsiegens bzw. des Unterliegens gelten die
Beschwerdegegnerin als zu einem Fünftel und die Beschwerdeführenden als zu vier
Fünfteln als unterliegend. Die Verfahrenskosten werden entsprechend aufgeteilt. Die
Beschwerdegegnerin hat somit Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 400.00 zu tragen, die
Beschwerdeführenden hätten Verfahrenskosten von Fr. 1'600.00 zu bezahlen. Die
festgestellte Gehörsverletzung stellt jedoch einen besonderen Umstand dar, der bei der
Kostenliquidation zu berücksichtigen ist. Es rechtfertigt sich somit, den
Beschwerdeführenden ihren Verfahrenskostenanteil lediglich zur Hälfte, ausmachend
Fr. 800.00, aufzuerlegen. Sie haften für ihren Anteil solidarisch. Die restlichen
Verfahrenskosten sind nicht zu erheben (Art. 108 Abs. 2 VRPG).
b) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Kostennoten der Rechtsvertreter der
Parteien geben zu keinen Bemerkungen Anlass.
56 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21) 57 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 108 N. 2; Art. 110 N. 5
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Der teilweise obsiegenden Beschwerdegegnerin sind zwar Parteikosten im Sinne des
Gesetzes entstanden, da sie anwaltlich vertreten war (vgl. Art. 104 Abs. 1 VRPG).
Behörden im Sinne von Art. 2 Abs. 1 Bst. b VRPG haben aber in der Regel keinen
Anspruch auf Parteikostenersatz (Art. 104 Abs. 4 VRPG). Praxisgemäss werden dem
Gemeinwesen die Parteikosten ausnahmsweise ersetzt, wenn es nicht in erster Linie
hoheitliche Interessen wahrt, sondern wie eine Privatperson betroffen ist. Dies ist
beispielsweise der Fall, wenn eine Gemeinde als Bauherrin auftritt oder als
Grundeigentümerin berührt ist.58 Gemäss verwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung ist eine
Gemeinde aber nicht wie eine Privatperson betroffen, wenn sie als Bauherrin eines
Strassenbauvorhabens an einer Strasse im Sinne der Strassengesetzgebung auftritt.59 Aus
diesem Grund hat die Beschwerdegegnerin keinen Anspruch auf Parteikostenersatz.
Im Übrigen sind die Parteikosten analog zu den Verfahrenskosten zu verteilen. Die
Beschwerdegegnerin hat deshalb den Beschwerdeführenden einen Fünftel ihrer
Parteikosten, ausmachend Fr. 1'271.90, zu ersetzen. Aufgrund der Verletzung des
rechtlichen Gehörs hat die Vorinstanz den Beschwerdeführenden zwei Fünftel ihrer
Parteikosten, ausmachend Fr. 2'543.75, zu bezahlen.