Decision ID: 11f8968c-3d95-5738-990d-b02e88f59423
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer am 22. April 2021 in der Schweiz um Asyl
nachsuchte (elektronische Akten SEM [SEM act.] 1),
dass er gemäss Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der europäischen Fin-
gerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) am 4. April 2016 in Italien,
am 18. Mai 2019 in Deutschland und am 12. November 2020 erneut in
Italien um Asyl nachgesucht hatte (SEM act. 9),
dass das SEM am 6. Mai 2021 mit dem Beschwerdeführer das persönliche
Gespräch nach Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO) führte und ihm das rechtliche Gehör zur mut-
masslichen Zuständigkeit Italiens oder Deutschlands für die Behandlung
seines Asylgesuchs sowie zu seinem Gesundheitszustand gewährte (SEM
act. 14),
dass die Vorinstanz die italienischen Behörden am 6. Mai 2021 um Über-
nahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-
VO ersuchte und jene das Übernahmeersuchen am 12. Mai 2021 mit dem
Hinweis ablehnten, im vorliegenden Fall habe sich Deutschland für zustän-
dig erklärt (SEM act. 22),
dass die deutschen Behörden das Gesuch des SEM um Übernahme ge-
mäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO am 18. Mai 2021 guthiessen (SEM
act. 28),
dass das SEM mit Verfügung vom 19. Mai 2021 – eröffnet am 21. Mai 2021
– in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch nicht eintrat, die Wegweisung aus der Schweiz nach Deutschland
anordnete und den Beschwerdeführer aufforderte, die Schweiz spätestens
am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen (SEM act. 30),
dass es gleichzeitig feststellte, einer allfälligen Beschwerde gegen den Ent-
scheid komme keine aufschiebende Wirkung zu, und die Aushändigung
der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an den Beschwer-
deführer verfügte,
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dass dieser mit Eingabe vom 28. Mai 2021 gegen den Entscheid beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde erhob (Akten des Bundesverwaltungs-
gerichts [BVGer act. 1]),
dass er darin beantragte, der vorinstanzliche Entscheid vom 19. Mai 2021
sei aufzuheben und auf sein Asylgesuch sei einzutreten,
dass er in verfahrensrechtlicher Hinsicht um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege sowie um Erteilung der aufschiebenden Wirkung der
Beschwerde ersuchte,
dass die vorinstanzlichen Akten dem Bundesverwaltungsgericht am
31. Mai 2021 in elektronischer Form vorlagen (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG),
dass die Instruktionsrichterin gleichentags mit superprovisorischer Mass-
nahme den Vollzug der Überstellung des Beschwerdeführers einstweilen
aussetzte (BVGer act. 2),

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen (Art. 5 VwVG) des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzu-
treten ist (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich,
wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche handelt, weshalb das Ur-
teil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet wurde,
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dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1‒3 AsylG), die Beurteilungskompetenz des Gerichts grund-
sätzlich auf die Frage beschränkt ist, ob die Vorinstanz zu Recht auf das
Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4
E. 2.2, je m.w.H.),
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass diesbezüglich die Dublin-III-VO zur Anwendung kommt,
dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Staates eingeleitet
wird, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird
(Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge)
nach Art. 21 und Art. 22 Dublin-III-VO die in Kapitel III (Art. 8-15 Dublin-III-
VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der
Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) an-
zuwenden sind, und dabei von der Situation im Zeitpunkt auszugehen ist,
in dem die asylsuchende Person erstmals einen Antrag in einem Mitglied-
staat gestellt hat (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO),
dass dagegen im Rahmen eines sogenannten Wiederaufnahmeverfahrens
nach Art. 23, 24 und 25 Dublin-III-VO (engl.: take back), wie es in casu
vorliegt, grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapi-
tel III stattfindet (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1
m.w.H.),
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dass gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO der nach dieser Verord-
nung zuständige Mitgliedstaat verpflichtet ist, eine antragstellende Person,
deren Antrag abgelehnt wurde und die in einem anderen Mitgliedstaat ei-
nen Antrag gestellt hat oder die sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mit-
gliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Art. 23, 24,
25 und 29 Dublin-III-VO wiederaufzunehmen,
dass der Beschwerdeführer – aus einem Abgleich seiner Fingerabdrücke
mit der Eurodac-Datenbank zu schliessen – am 4. April 2016 in Italien, am
18. Mai 2019 in Deutschland und am 12. November 2020 wieder in Italien
ein Asylgesuch eingereicht hatte (SEM act. 9),
dass er im Rahmen des persönlichen Gesprächs nach Art. 5 Dublin-III-VO
diesen Sachverhalt bestätigte,
dass das SEM die deutschen Behörden am 12. Mai 2021 um Wiederauf-
nahme des Beschwerdeführers ersuchte (SEM act. 23), und diese dem
Gesuch gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO am 18. Mai 2021
zustimmten (SEM act. 28),
dass die grundsätzliche Zuständigkeit Deutschlands somit gegeben ist,
was der Beschwerdeführer auch nicht bestreitet,
dass er in seiner Rechtsmitteleingabe hingegen ausführt, er wolle nicht
nach Deutschland, man würde ihn dort nicht akzeptieren und nach Italien
zurückschicken, wo ihm niemand helfe,
dass Deutschland Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) ist und seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nachkommt,
dass es keine Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Auf-
nahmebedingungen für Antragstellende in Deutschland weise systemische
Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO auf,
dass die Ausführungen des Beschwerdeführers nicht geeignet sind, diese
Vermutung zu wiederlegen,
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dass die deutschen Behörden dem Übernahmeersuchen des SEM gemäss
Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO entsprachen und eine Wegweisung nach
Italien durch diese Behörden damit gar nicht vorgesehen ist,
dass das SEM den Beschwerdeführer in diesem Zusammenhang in seiner
Verfügung vom 19. Mai 2021 darauf hinwies, er sei von den deutschen
Behörden nicht nach Italien, sondern nach Nigeria weggewiesen worden,
dass ein definitiver Entscheid über ein Asylgesuch und die Wegweisung in
das Heimatland nicht per se eine Verletzung des Non-Refoulement-Prin-
zips darstellen,
dass das System der Überprüfung eines Asylgesuchs durch einen einzigen
Mitgliedstaat («one chance only») der Vermeidung von multiplen Asylge-
suchen in verschiedenen Staaten (sogenanntes «asylum shopping»; vgl.
BVGE 2017 VI/5 E. 8.5.3.3) dient,
dass davon auszugehen ist, der Beschwerdeführer habe in Deutschland
ein rechtsstaatlich korrektes und faires Asylverfahren durchlaufen,
dass sodann jeder Mitgliedstaat abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-
VO beschliessen kann, einen bei ihm von einer drittstaatsangehörigen oder
staatenlosen Person gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prü-
fen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien
nicht für die Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO;
sog. Selbsteintrittsrecht),
dass Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1,
SR 142.311) das Selbsteintrittsrecht landesrechtlich konkretisiert und es
ins pflichtgemässe Ermessen des SEM legt, ein Gesuch aus humanitären
Gründen auch dann zu behandeln, wenn die Prüfung ergeben hat, dass
ein anderer Staat dafür zuständig ist,
dass indessen auf die Ausübung des Selbsteintrittsrechts nur dann ein ein-
klagbarer Anspruch besteht, wenn die Überstellung der antragstellenden
Person in den an sich zuständigen Mitgliedstaat übergeordnetes Recht,
namentlich eine Norm des Völkerrechts verletzen würde (vgl. BVGE
2010/45 E. 7.2; ferner Urteil des BVGer F-3457/2019 vom 11.7.2019
E. 4.4, je m.H),
dass anzunehmen ist, Deutschland anerkenne und schütze die Rechte, die
sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments
und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren
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für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog.
Verfahrensrichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29.6.2013) sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie, ABl.
L 180/96 vom 29.6.2013) ergeben,
dass zu diesen Rechten namentlich der Zugang zur erforderlichen medizi-
nischen Versorgung gehört, die zumindest die Notversorgung und die un-
bedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychi-
schen Störungen umfasst (Art. 19 Aufnahmerichtlinie),
dass Deutschland über eine funktionierende medizinische Infrastruktur ver-
fügt, die derjenigen in der Schweiz gleichwertig ist, und nichts ersichtlich
ist, was den Beschwerdeführer daran hindern würde, die ihm nach Art. 19
der Aufnahmerichtlinie zustehende medizinische Hilfe in Anspruch zu neh-
men, sollte dies notwendig sein,
dass das SEM zusammenfassend zu Recht in Anwendung von Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist und – weil der
Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nieder-
lassungsbewilligung ist – in Anwendung von Art. 44 AsylG die Überstellung
nach Deutschland angeordnet hat (Art. 32 Bst. a AsylV 1),
dass die Beschwerde aus diesen Gründen abzuweisen ist,
dass das Beschwerdeverfahren mit vorliegendem Urteil abgeschlossen ist,
weshalb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als
gegenstandslos erweist,
dass das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung abzuweisen ist, da die Begehren – wie sich aus
den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen wa-
ren (Art. 65 Abs. 1 VwVG),
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1–
3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
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