Decision ID: a88d7ef4-2b8f-4987-abc8-c3c121887138
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1969, war bei der Schweizerischen Unfall
ver
si
cherungsanstalt (SUVA) versichert, als sie am 1
3.
April 2003 als Beifahrerin einen Autounfall erlitt (
Urk.
2/11/1). Mit Verfügung vom 2
4.
Januar 2012
(
Urk.
2/11/328) und Einspracheentscheid vom 1
7.
Juli 2012 (
Urk.
2/11/337) stellte
die SUVA die von ihr bis dahin erbrachten Leistungen per 3
1.
Januar 2012 ein. Dies wurde vom hiesigen Gericht mit Urteil vom 3
0.
September 2013 bestätigt (
Urk.
2/18).
2.
Das Bundesgericht hiess d
ie dagegen von der Versicherten erhobene Beschwerde mit Urteil vom 1
1.
Dezember 2014 teilweise gut und wies die Sache zu Abklä
rung und neuem Entscheid an das hiesige Gericht zurück (
Urk.
1 S. 8
Ziff.
1).
Nach Stellungnahmen der Parteien zu den in Aussicht genommenen Fragen (
Urk.
5-7) veranlasste das Gericht ein Gutachten, das am 3
1.
März 2016 erstattet wurde (
Urk.
21). Die Parteien nahmen dazu am 2
1.
April 2016 (
Urk.
25) und am 2
7.
April 2016 (
Urk.
26) Stellung, was ihnen am 2
8.
April 2016 je zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
27).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Die rechtlichen Grundlagen wurden bereits im Urteil des hiesigen Gerichts vom 3
0.
September 2013 (
Urk.
2/18 S.
2 ff. E. 1) dargelegt, worauf verwiesen wird.
2.
2.1
Im genannten Urteil (
Urk.
2/18) kam das hiesige Gericht zum Schluss, dass in keiner der beweiskräftigen medizinischen Beurteilungen ein Kausalzusammen
hang zwischen dem 2003 erlittenen Unfall und einer bildgebend festgestellten Hirnläsion als überwiegend wahrscheinlich eingestuft worden sei, womit es an einem objektivierbaren organischen Substrat für die im strittigen Zeitpunkt ge
klagten Beschwerden fehle (S.
18 E. 4.5). Ferner kam es zum Schluss, dass
es an der Adäquanz eines allfälligen Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfall von 2003 und im Zeitpunkt der Leistungseinstellung geklagten Beschwerden fehl
e (S. 21 E. 5.7)
.
2.2
Das Bundesgericht führte in seinem Urteil (
Urk.
1) aus, für die Beurteilung der Leistungspflicht zentral sei, ob die Versicherte beim Unfall von 2003 eine ob
jektiv nachweisbare Hirnläsion erlitten habe oder nicht (S. 4 E. 4.1). Diesbezüg
lich bestünden unterschiedliche Einschätzungen. Angesichts der von beiden Seiten mit nachvollziehbaren Gründen vertretenen Ansicht hielt es das Bundes
gericht für angebracht, die Sache zur Einholung eines Obergutachtens zurück
zuweisen (S. 6 oben).
2.3
Die Beschwerdegegnerin stellte sich auf den Standpunkt, es stehe fest, dass eine Unfallkausalität nicht mit dem notwendigen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sei, da die Gutachter zum Schluss kämen, die Beschwerdeführerin habe beim Unfall von 2003 möglicherweise, somit nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit, eine objektiv nachweisbare organische Hirn
läsion erlitten; betreffend die psychischen Befunde sei bereits mit Urteil vom 3
0.
Septem
ber 2013 festgestellt worden
, dass kein adäquater Kausal
zusammen
hang zum Unfall bestehe (
Urk.
26).
2.4
Die Beschwerdeführerin vertrat ihrerseits den Standpunkt (
Urk.
25), die Gutach
ter verwendeten den Begriff „möglich“ nicht im Sinne einer Beweismassdefini
tion (S. 6
Ziff.
2.7). Sollte das Gericht nicht ohnehin zum Schluss kommen, dass
das Unfallereignis von 2003 die wahrscheinlichste Ursache der gefundenen Hirn
verletzungen darstelle, seien hausärztliche Berichte zur Frage einzuholen, ob es vor oder nach dem Unfall von 2003 ein anderes Unfallereignis gegeben habe, welches mit mindestens gleicher Wahrscheinlichkeit als Ursache für die gefun
denen Hirnverletzungen in Frage komme (S. 7
Ziff.
4).
Nach juristischer Würdi
gung des Gutachtens sowie der weiteren medizinischen Akten sei davon auszu
gehen, dass die im MRI gefundenen Hirnläsionen Folge des Unfallereig
nisses von 2003 seien; entsprechend sei die Beschwerde
gegn
erin zu verpflich
ten, die gesetzlichen Leistungen zu erbringen (S. 7
Ziff.
5). Im Gutachten werde sodann klar festgehalten, dass ein Endzustand nicht erreicht sei, weshalb die Beschwer
de
gegnerin Taggelder nachzubezahlen und die Kosten für die Heilbe
handlung weiterhin zu übernehmen habe (S. 7 f.
Ziff.
7).
2.5
Strittig und gemäss dem Rückweisungsurteil des Bundesgerichts (
Urk.
1) zu prü
fen ist, ob zwischen der bildgebend nachgewiesenen Hirnläsion und dem Unfall von 2003 ein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ausgewiesener Kausalzu
sammenhang besteht
(S. 4 E. 4.1)
, womit ein rechtsgenüglicher Kausalzusam
menhang
auch
ohne Adäquanzprüfung zu bejahen
wäre (S. 4 E. 4.2).
3.
3.1
Am 3
1.
März 2016 erstatteten
Dr.
med. A._
, Facharzt für Allgemeine In
nere Medizin, und
Dr.
med. B._
, Facharzt für Rheumatologie, Chefarzt Medas
C._
, das vom Gerich
t veranlasste Gutachten (
Urk.
21/1
). Sie stützten sich auf die ihnen überlassenen Akten (S.
2 ff.), die Angaben der Beschwerdeführerin (S. 45 ff.),
ein neurologisches (S.
50 f.; vgl.
Urk.
2
1
/
3
), ein neuropsychologisches (S. 51 f.; vgl.
Urk.
2
1
/
4
) und ein psychiatrisches (S. 52 f.; vgl.
Urk.
2
1
/
5
)
Teilgutachten.
3.2
Die Gutachter nannten folgende Diagnosen mit wesentlicher Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit (S. 56
Ziff.
4.1):
Verkehrsunfall (frontal-seitliche Kollision) am 1
3.
April 2003 mit milder traumatischer Hirnverletzung (MTBI) und Stauchungstrauma der Hals
wirbelsäule (HWS) nach Kopfkontusion am Armaturenbrett ohne ossäre oder ligamentäre HWS-Verletzung und ohne neurologische Defizite
chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Fakto
ren (ICD-10 F45.41)
chronische depressive Störung, gegenwärtig leichte bis mittelgradige de
pressive Episode mit somatischem Syndrom (F32.11)
komplizierte, protrahierte Trauerreaktion (F38.8)
Kopfschmerzen vom Spannungstyp, wahrscheinlich getriggert durch Einnahme einer erhöhten Dosis von Analgetika, Differentialdiagnose (DD) posttraumatischer Kopfschmerz
mit Ausnahme einer instabilen Lern- und Gedächtnisleistung alters- und ausbildungsadäquate kognitive Leistungsfähigkeit
3.3
Zur Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Täti
gkeit führten die Gutachter aus, die
zum Unfallzeitpunkt (2003) ausgeübte Tätigkeit als Postassistentin
sei
der Versi
cherten medizinisch-theoretisch (zwischenzeitlich
sei die
Kündigung erfolgt) nicht mehr zumutbar
, dies
aufgrund der geforderten sehr tiefen Fehlertoleranz
;
als
limitierend erw
ie
sen sich diesbezüglich vor allem die psychiatrisch-neu
ro
psychologisch bedingten Einschränkungen der Leistungsfähigkeit
(S.
57
Ziff.
5.1)
.
Zur Arbeitsfähigkeit bei an
derer Tätigkeit führten sie aus
, in
leidensangepasster Tätigkeit
sei
der Versicherten aufgrund der limitierenden psychischen Störungen eine 40%ige Arbeitsunfähigkeit (7 Stunden täglich mit etwa 30%iger Leistungs
einschränkung) zu attestieren
(S. 57
Ziff.
5.2)
.
3.
4
Betreffend Möglichkeiten
zur
Verbesserung der Arbeitsfähigkeit durch medizini
sche Massnahmen führten
sie
aus,
durch
medizinische Massnahmen
könne
die Arbeitsfähigkeit möglicherweise verbessert werden
;
die Psychotherapie
sei
drin
gend
indiziert, die bisherige Compliance
sei
soweit beurteilbar gut, ergänzend
sei
eine spezifische Traumatherapie zentral im Sinne einer zeitlich begrenzten, hoch spezifischen Ergänzung
(S. 57
Ziff.
5.3)
.
3.
5
Die Frage, ob die Beschwerdeführerin anlässlich des Unfalls vom 1
3.
April 2003 eine objektiv nachweisbare organische Hirnläsion erlitten habe, beantworteten die Gutachter wie folgt (S. 58
Ziff.
5a):
Die Beschwerdeführerin hat anlässlich des vorerwähnten Unfalles möglicher
weise, somit nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit, eine objektiv nach
weisbare organische Hirnläsion erlitten.
Auf
di
e Frage, ob die Befunde der MRI-Untersuchungen vom 2
1.
November 2003
, 1
8.
Juli 2008 und 3
1.
Januar 2011 (S.
58
Ziff.
5a) mit dem Unfallereignis vom 1
3.
April 2003 vereinbar seien, führten
sie
aus, was folgt (S. 58
Ziff.
5c):
Die vorerwähnten Befunde sind möglicherweise mit dem vorerwähnten Unfaller
eignis vereinbar
- die Läsionen sind alt, das heisst im chronischen Stadium, eine genaue Datierung ist deshalb nicht möglich.
Auf die Frage, ob es
eine andere, wahrscheinlichere Ursache
gebe
, welche diese Befunde erklären könnte
, führten sie aus (S. 58
Ziff.
5d):
Diese Frage kann mit den vorhandenen Akten, den Angaben der Versicherten und den vorliegenden Befunden nicht sicher beantwortet werden:
Die in den MRI-Untersuchungen festgestellten Läsionen sind sicherlich gut ver
einbar mit posttraumatischen Läsionen, deren genaue Datierung ist jedoch auf
grund des chronischen Stadiums nicht möglich. Somit können die Läsionen rein theoretisch durch irgendein anderes, nicht dokumentiertes Trauma entstanden sein - eher gegen das Unfallereignis vom 1
3.
April 2003 spricht das unfalltech
nische Gutachten (...) und der dokumentierte Verlauf.
Die Frage, ob - falls keine andere wahrscheinlichere Ursache bestehe - das Un
fall
ereignis vom 1
3.
April 2003 demnach die wahrscheinlichste Ursache für die festgestellte Hirnverletzung sei, entfalle, da ungewiss sei, ob eine andere wahr
scheinlichere Ursache bestehe (S. 56
Ziff.
5e).
4.
4.1
Die vorliegend entscheidende Frage nach dem überwiegend wahrscheinlichen Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall von 2003 und der bildgebend fest
gestellten Hirnverletzung wurde von den Gutachtern klar und unzweideutig beantwortet: Sie führten aus, ein solcher sei (lediglich) möglich und somit nicht überwiegend wahr
scheinlich (vorstehend E. 3.5
).
Die Gutachter verwendeten den Begriff „möglich“ in expliziter Unterscheidung zur Kategorie „überwiegend wahrscheinlich“; sie äusserten sich also - entgegen der Darstellung der Beschwerdeführerin (
Urk.
25
S.
Ziff.
2.7) - sehr präzise zum gegebenen Beweisgrad.
Auf diese - auftragsgemäss erfolgte - fachmedizinische Beurteilung ist demnach abzustellen. Zu einer sie
in
s
Gegenteil um-
interpretierenden zusätzlichen „Wür
digung“ (vgl.
Urk.
25
S. 7
Ziff.
5) besteht weder Raum noch Veranlassung.
4.2
Die vom Bundesgericht aufgeworfene Frage des allfälligen natürlichen Kausal
zusammenhanges zwischen dem Unfall von 2003 und der Hirnverletzung ist damit geklärt: Ein solcher Zusammenhang ist nicht mit dem erforderlichen Beweis
grad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt.
Damit hat es sein Bewenden. Ob sich eine andere Ursache für die Hirnverlet
zung eruieren liesse
(vgl.
Urk.
25 S. 7
Ziff.
4)
, ist vorliegend nicht von Belang. Es ist die Unfallkausalität als Anspruchsvoraussetzung, die feststehen muss; mit ihrem Fehlen sind alle anspruchsrelevanten Fragen beantwortet.
4.3
Sowohl die im Gutachten attestierte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (vorste
hend E. 3.3) als auch die empfohlenen medizinischen Massnahmen
(vorstehend E. 3.4)
beziehen sich auf psychische Beeinträchtigungen. Diesbezüglich fehlt es, wie schon im Urteil von 2013 festgehalten (und vom Bundesgericht nicht in Frage gestellt)
,
an der Adäquanz eines allfälligen Kausalzusammenhanges (vor
stehend E. 2.1).
Bezogen auf unfallkausale Beeinträchtigungen kann deshalb - entgegen der
Beschwerdeführerin (
Urk.
25
S. 7 f.
Ziff.
7) - nicht gesagt werden, ein Endzu
stand
sei nicht erreicht. Dementsprechend besteht weder ein Anspruch auf wei
tere Taggeldleistungen noch auf Kostenübernahme für weitere Heilbehandlun
gen.
4.4
Zusammenfassend erweist sich der angefochtene Entscheid als rechtens, was zur Abweisung der dagegen erhobenen Beschwerde führt.
5.
5.1
Das Bundesgericht führte in seinem Urteil (
Urk.
1) aus, dass angesichts der „von beiden Seiten mit nachvollziehbaren Gründen vertretenen Ansicht“ eine Begut
achtung zu
erfolgen habe (S. 6 oben).
Dies bezog sich auf die im Zeitpunkt des Einspracheentscheids vorhandenen Beurteilungen (vgl. S.
5 E.
4.3). Gemäss - verbindlicher - Feststellung des Bun
desgericht
s
hätte mithin bereits die Beschwerdegegnerin angesichts
der
mit nach
vollziehbaren Gründen vertretene
n
gegensätzliche
n
Ansichten vor Erlass des Einspracheentscheids ein
e
gutachterliche Klärung veranlassen müssen.
Demnach sind ihr die Kosten für das Gerichtsgutachten im Betrag von
Fr.
19‘695.20 (
Urk.
22) aufzuerlegen.
5.2
Die unterliegende Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine Prozessent
schädigung. Sie hat denn auch, trotz ergangenem Hinweis (
Urk.
25 S. 8
Ziff.
9)
,
keine Kostennote eingereicht.