Decision ID: c9520f30-8400-53c3-bc3c-3f65a0043956
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
H._,
Beschwerdeführerin,
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vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Dieter Studer, Hauptstrasse 11a,
8280 Kreuzlingen,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Ergänzungsleistung zur IV
Sachverhalt:
A.
A.a Die 1962 geborene H._ meldete sich am 19. Juni 2009 zum Bezug von
Ergänzungsleistungen zur IV an (EL-act. 21). Das Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen hatte ihr mit unangefochten in Rechtskraft erwachsenem Urteil vom
27. Februar 2008 aufgrund einer IV-Anmeldung vom November 2004 bei verspäteter
Anmeldung rückwirkend ab 1. November 2003 eine halbe Invalidenrente zugesprochen
(EL-act. 25). Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen hatte
daraufhin die Rente berechnet und am 15. August 2008 darüber verfügt (EL-act. 24). In
der Beilage der Anmeldung befand sich ein Schreiben einer Rechtsberatungsstelle
(welche die EL-Ansprecherin im ersten Vorbescheidsverfahren der IV im September
2006 vertreten hatte) vom 20. April 2009, worin erwähnt wurde, dass ein Anspruch auf
Ergänzungsleistungen, falls gegeben, unter Umständen auch im Alter bestehen würde.
A.b Mit Verfügung vom 6. August 2009 sprach die Sozialversicherungsanstalt des
Kantons St. Gallen/EL-Durchführungsstelle der Versicherten ab 1. Juni 2009 eine
monatliche (ordentliche) Ergänzungsleistung in der Höhe von Fr. 531.- zu (EL-act. 15).
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A.c Dagegen erhob die Versicherte am 4. September 2009 Einsprache. Sie beantragte,
die Ergänzungsleistungen seien ihr rückwirkend zuzusprechen. Nachdem sie durch IV-
Urteil des Versicherungsgerichts erfahren habe, dass sie eine Rente erhalte, habe ihre
Rechtsberatungsstelle versucht, bei der Pensionskasse ebenfalls eine Rente zu
erhalten. Da die Pensionskasse gegen den Vorbescheid der IV am 20. Mai 2008
Einwände erhoben habe, sei für sie (die EL-Ansprecherin) das IV-Verfahren noch nicht
abgeschlossen gewesen. Mitte Mai 2009 habe ihr die Rechtsanwältin der
Rechtsberatungsstelle angeraten, Ergänzungsleistungen zu beantragen, da keine
rechtlichen Mittel gegen die Pensionskasse mehr gegeben seien. Acht Jahre lang habe
es gedauert, bis sie eine Rente bekommen habe, und mehr als ein Jahr lang habe der
Rechtsstreit mit der Pensionskasse gedauert. Sie habe nicht wissen können, dass die
Pensionskasse nicht zahlen würde. Es sei im Sinne der Ergänzungsleistungen, dass
man zuerst Pensionskassenleistungen zu erhalten versuche. EL könne sie ja erst
beantragen, wenn die Pensionskasse nicht zahle. Deshalb sei die übliche
Halbjahresfrist hier nicht anwendbar (EL-act. 11).
A.d Mit Entscheid vom 12. Januar 2010 wies die Sozialversicherungsanstalt die
Einsprache ab. Die EL-Anmeldung sei nicht innert sechs Monaten ab der IV-
Rentenverfügung vom 15. August 2008, sondern erst am 19. Juni 2009 eingereicht
worden. Eine EL-Anmeldung vor dem Entscheid der Pensionskasse wäre durchaus
möglich gewesen. Allfällige Ergänzungsleistungen hätten unter Vorbehalt einer
Nachzahlung von BVG-Leistungen ausgerichtet werden können.
B.
Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die Beschwerde vom 22. Januar 2010
(Poststempel: 23. Januar 2010). Die Beschwerdeführerin beantragt eine Zusprechung
von Ergänzungsleistungen rückwirkend ab 2003. Nach acht Jahren des Kampfes um
eine Rente der IV stehe ihr die Ergänzungsleistung rückwirkend zu. Sie habe nicht
gewusst, dass sie zur Rente eine Ergänzungsleistung bekomme, und sie habe nichts
von einer Frist von einem halben Jahr gewusst. Ihre damalige Rechtsberatungsstelle,
die Kenntnis von ihrem IV-Rentenbezug gehabt habe, habe sie nicht darauf
hingewiesen, dass sie Ergänzungsleistungen beantragen könne. Die
Nachzahlungssumme wäre für sie keine Kleinigkeit; sie könnte damit Schulden
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abzahlen. Vor allem aber gehe es um Gerechtigkeit. Sie klage die damalige
Rechtsberatungsstelle an, sehr fahrlässig und gleichgültig gehandelt zu haben. Die
Sache sei genau zu prüfen. Nicht nur die Paragraphen, sondern auch der gesunde
Menschenverstand und die Menschlichkeit sollten dabei zählen.
C.
C.a Die Beschwerdegegnerin beantragt am 1. Februar 2010 die Abweisung der
Beschwerde.
C.b Die Gerichtsleitung hat der Beschwerdeführerin am 1. Februar 2010 mitgeteilt,
soweit sie Klage gegen die ehemalige Rechtsvertretung erheben wolle, wäre das
Zivilgericht zuständig.
D.
Mit Replik vom 17. März 2010 beantragt Rechtsanwalt lic. iur. Dieter Studer als
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin, dieser sei eine jährliche Ergänzungsleistung
mit Wirkung ab dem 1. November 2003 zuzusprechen, eventualiter sei festzustellen,
dass die Beschwerdegegnerin ihre Aufklärungs- und Beratungspflicht nach Art. 27
ATSG verletzt habe, subeventualiter sei festzustellen, dass die frühere
Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin die Sorgfaltspflicht betreffend Aufklärung
über den EL-Anspruch verletzt habe. Ausserdem sei der Beschwerdeführerin die
unentgeltliche Prozessführung und Rechtsverbeiständung zu gewähren. Die EL-
Anmeldung sei rund zehn Monate nach dem Erlass der IV-Verfügung erfolgt. Die
verspätete Anmeldung sei allerdings aus mehreren Gründen entschuldbar. Die
Beschwerdeführerin sei gemäss dem MEDAS-Gutachten in der Alltagsbewältigung
erheblich beeinträchtigt. Sie sei glaubhaft und unverschuldet davon ausgegangen,
dass sie keinen EL-Anspruch habe, solange nicht klar sei, ob und allenfalls wie viel
Rentenleistungen sie von der Pensionskasse erhalte. Weder von der
Beschwerdegegnerin noch von der früheren Rechtsvertretung sei sie im
Zusammenhang mit der Zusprechung der Rente auf die Möglichkeit eines EL-
Anspruchs und auf die hierfür notwendige Anmeldung aufmerksam gemacht worden.
Sie sei in guten Treuen davon ausgegangen, dass sie für eine Leistungserbringung der
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Pensionskasse sorgen müsse, bevor sie andere mögliche Leistungen geltend machen
könne. Indem sie sich über Monate hinweg für Pensionskassenleistungen eingesetzt
habe, habe sie die EL in Erfüllung der Schadenminderungspflicht möglichst entlastet.
Die Verspätung der Anmeldung sei aus entschuldbaren Gründen geschehen und dürfe
keine Rechtswirksamkeit zum Nachteil der Beschwerdeführerin entfalten. Der
Existenzbedarf gemäss Art. 112a BV sei bei der Beschwerdeführerin ab November
2003 durch die halbe Rente nicht gedeckt gewesen, wie der aktuelle EL-Anspruch
zeige. Es gehe nicht an, dass die Ergänzungsleistungen von November 2003 bis Mai
2009, also für fünfeinhalb Jahre, nicht ausgerichtet werde, obwohl der Existenzbedarf
nicht gedeckt gewesen sei und die Beschwerdeführerin durch die Eltern habe
unterstützt werden müssen. In der Anwendung von Art. 22 Abs. 1 ELV werde die
Verfassungsgarantie unterlaufen. Die Versicherungsträger und Durchführungsorgane
der Sozialversicherungen müssten die interessierten Personen über ihre Rechte und
Pflichten aufklären. Ausserdem habe jede Person Anspruch auf Beratung. Stelle ein
Versicherungsträger fest, dass eine versicherte Person Leistungen anderer
Sozialversicherer beanspruchen könne, so habe er ihr unverzüglich davon Kenntnis zu
geben. Bei den Abklärungen und Korrespondenzen im IV-Verfahren sei stets die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen zuständig gewesen, wie es auch für
die EL-Verfügung der Fall gewesen sei. Bei EL und IV handle es somit um dieselbe
Sozialversicherung. Für die Invalidenversicherung hätte aber auch andernfalls
zwingend die Pflicht bestanden, die Beschwerdeführerin unverzüglich darüber in
Kenntnis zu setzen, dass sie unter Umständen einen Anspruch auf
Ergänzungsleistungen zur IV habe. Eine solche Mitteilung sei indessen weder im
Vorbescheid noch in der IV-Verfügung oder in einem anderen Schreiben gemacht
worden. Bei der Aufklärungs- und Beratungspflicht gehe es darum, dem Versicherten
positiv den Weg aufzuzeigen, auf welchem er zu der gesetzlich vorgesehenen Leistung
gelange. Zum Kern der Beratungspflicht gehöre es, eine Person darauf aufmerksam zu
machen, dass ein bestimmtes Verhalten den Anspruch auf Versicherungsleistungen
gefährden könne. Für eine Unterlassung habe der Versicherungsträger einzustehen wie
für eine unrichtige Auskunft. Die Beschwerdeführerin sei im IV-Vorbescheidsverfahren
vertreten gewesen und habe am 15. Januar 2009 erneut eine Vertretungsvollmacht
betreffend IV und BVG unterzeichnet. Am 20. April 2009 habe die betreffende
Rechtsvertretung ihr mitgeteilt, es sei allenfalls ein EL-Anspruch gegeben. Die
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Beschwerdeführerin führe glaubhaft aus, sie sei zuvor nie darauf hingewiesen worden,
dass auch während des Streitfalls mit der Pensionskasse allenfalls ein EL-Anspruch
gegeben und eine Anmeldung einzureichen sei. Die Rechtsvertretung hätte aber wissen
und die Beschwerdeführerin im Rahmen der Vertretung darauf aufmerksam machen
müssen, dass eine Anmeldung innert Frist vorzunehmen sei, um den rückwirkenden
Anspruch zu wahren. Der Beschwerdeführerin könne kein Vorwurf gemacht werden.
E.
Die Beschwerdegegnerin hat am 24. März 2010 auf das Einreichen einer Duplik
verzichtet.

Erwägungen:
1.
Mit dem angefochtenen Entscheid hat die Beschwerdegegnerin die Einsprache gegen
die Verfügung vom 6. August 2009 abgewiesen, mit welcher sie der
Beschwerdeführerin eine monatliche Ergänzungsleistung ab Juni 2009 zugesprochen
hatte.
2.
2.1 Die Beschwerdegegnerin hat im angefochtenen Einspracheentscheid zutreffend
darauf hingewiesen, dass der EL-Anspruch gemäss Art. 12 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung
(ELG; SR 831.30) ab Beginn des Monats besteht, in dem die Anmeldung eingereicht
worden ist, sofern sämtliche gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Nach Abs. 4
dieser Bestimmung regelt der Bundesrat die Nachzahlung von Leistungen; er kann die
in Art. 24 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) festgelegte Dauer (fünf Jahre nach Ende
des Monats, für den die Leistung geschuldet war) kürzen. Der Bundesrat hat den EL-
Nachzahlungsanspruch in Art. 22 Abs. 1 der Verordnung über Ergänzungsleistungen
zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELV; SR 831.301) festgelegt:
Wird die EL-Anmeldung innert sechs Monaten seit der Zustellung der Verfügung über
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eine Rente der AHV oder IV eingereicht, so beginnt der Anspruch mit dem Monat der
Anmeldung für die Rente, frühestens jedoch mit der Rentenberechtigung.
2.2 Die im Art. 22 Abs. 1 ELV festgesetzte Frist von sechs Monaten ist nicht
erstreckbar. Denn zu den gesetzlichen Fristen, die gemäss Art. 40 Abs. 1 ATSG nicht
erstreckt werden können, gehören auch Fristen aus einer (gesetzmässigen)
Verordnungsbestimmung (vgl. Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Aufl., Zürich/Basel/
Genf 2009, Rz. 3 zu Art. 40).
3.
3.1 Mit der Einsprache vom 4. September 2009 beantragte die Beschwerdeführerin
erstmals eine rückwirkende Leistungszusprechung. Sie brachte vor, als die
Pensionskasse gegen den IV-Vorbescheid Einwand erhoben habe, sei für sie das IV-
Verfahren noch nicht abgeschlossen gewesen. Dies trifft zu. Der Fristenlauf beginnt
denn auch erst mit der Zustellung der in Rechtskraft erwachsenen IV-Verfügung (ZAK
1980, 441). Die Beschwerdeführerin hat ihre EL-Anmeldung aber erst am 19. Juni 2009,
also mehr als sechs Monate nach der Zustellung der IV-Verfügung vom August 2008,
und somit verspätet gemacht.
3.2 Die Beschwerdeführerin machte in der Einsprache ausserdem geltend, die
Fristbestimmung gemäss Art. 22 Abs. 1 ELV könne auf ihre Anspruchsberechtigung
nicht angewendet werden. Denn nach der IV-Rentenzusprechung hätten sie und ihre
damalige Rechtsberatung versucht, Pensionskassenleistungen zu erhalten. Insofern sie
damit eingewendet haben sollte, auch so lange die Pensionskassenleistungen (nicht
allein die IV-Rentenleistungen) nicht feststünden, könne ein EL-Antrag nicht erwartet
werden, hilft der Einwand nicht. Die IV-Verfügung ist fristauslösend. Nachträgliche
Rentenzusprachen führen bei den EL zu entsprechenden rückwirkenden Anpassungen.
4.
4.1 Die Beschwerdeführerin bringt des weiteren Hinderungsgründe vor, derentwegen
sie sich nicht innert der zu einer Nachzahlung berechtigenden Frist angemeldet habe.
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4.2 Nach Art. 41 ATSG wird eine Frist wiederhergestellt, wenn die gesuchstellende
Person oder ihre Vertretung unverschuldeterweise abgehalten wurde, fristgerecht zu
handeln. Voraussetzung dafür ist, dass die gesuchstellende Person unter Angabe des
Grundes innert 30 Tagen nach Wegfall des Hindernisses darum ersucht und die
versäumte Rechtshandlung nachholt.
4.3 Voraussetzung für die Gewährung der Fristwiederherstellung ist ein
"unverschuldetes Hindernis", d.h. die Unmöglichkeit rechtzeitigen Handelns. Die
Wiederherstellung ist nur bei klarer Schuldlosigkeit des Gesuchstellers bzw. seines
Vertreters zu gewähren. Typischer Anwendungsfall ist ein Krankheitszustand, der
jegliches auf die Fristwahrung gerichtetes Handeln wie etwa den Beizug eines (Ersatz-)
Vertreters verunmöglicht (Bundesgerichtsentscheid i/S Versicherung Y. vom
23. Februar 2007, U 283/06, mit Hinweisen). Die Verhinderung kann objektive oder
subjektive Ursachen haben (Ueli Kieser, a.a.O., N 6 zu Art. 41). Die gesuchstellende
Partei muss auch für ein Verschulden der Vertretung einstehen (Ueli Kieser, a.a.O., N 8
zu Art. 41).
4.4 Ihr Rechtsvertreter verweist diesbezüglich auf den beeinträchtigten
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin, der sie gemäss dem Gutachten in der
Alltagsbewältigung erheblich einschränke. Im Gutachten werden allerdings weder in
somatischer noch psychischer Hinsicht Beeinträchtigungen beschrieben, welche eine
objektive Hinderung an rechtzeitigem Handeln und als Fristwiederherstellungsgründe
zu betrachten wären.
5.
5.1 In der Einsprache berichtete die Beschwerdeführerin, dass ihr erst Mitte Mai 2009
von ihrer damaligen Rechtsberaterin angeraten worden sei, Ergänzungsleistungen zu
beantragen (weil keine rechtlichen Mittel gegen die Pensionskasse mehr bestünden). In
der Beschwerde gab sie an, (sc. wohl: zuvor) gar nichts von der Möglichkeit eines EL-
Bezugs zur IV (und nichts von der einzuhaltenden Frist) gewusst zu haben. In der
Einsprache hatte sie demgegenüber dargelegt, Ergänzungsleistung habe sie erst im
Fall beantragen können, dass die Pensionskasse nicht zahle. Es sei im Sinne der EL,
zuerst zu versuchen, von der Pensionskasse Leistungen zu erhalten. Der Rechtsstreit
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mit der Pensionskasse habe mehr als ein Jahr gedauert, was sie nicht zu verantworten
habe. Möglicherweise handelt es sich bei dieser zeitlich ersten Darstellung, welche die
spätere ausschliesst, lediglich um eine Erklärung für das Versäumnis. An einen
möglichen EL-Anspruch wurde jedenfalls vorderhand nicht gedacht. Ob nun die
Unkenntnis eines möglichen EL-Anspruchs überhaupt und der massgeblichen Frist
oder aber die irrtümliche Annahme, eine EL-Anmeldung sei bis zum Leistungsentscheid
der Pensionskasse verfahrensmässig ausgeschlossen, die Beschwerdeführerin an einer
Anmeldung verhindert haben, oder ob sie eine Anmeldung bewusst für nicht sinnvoll
gehalten hat, weil bei einer Zusprechung von Leistungen der Pensionskasse eventuell
materiell kein EL-Anspruch begründet werden würde, kann offen bleiben, weil selbst
bei Unkenntnis oder Irrtum kein Fristwiederherstellungsgrund besteht, wie sich aus
dem Folgenden ergibt.
5.2 Aus Rechtsunkenntnis kann niemand Vorteile ableiten und die Unkenntnis der
gesetzlichen Vorschriften bildet keinen Fristwiederherstellungsgrund (vgl. Entscheid
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S R. vom 7. Juni 2006, U 82/06, zu einer
kantonalen Fristwiederherstellungsbestimmung, unter Hinweis u.a. auf die
Rechtsprechung nach VwVG und auf BGE 124 V 220 E. 2b.aa; ZAK 1968, 642). Eine
Verhinderung kann sich allerdings durch das Verhalten einer Behörde, insbesondere
durch unklare Auskünfte, ergeben (Ueli Kieser, Das Verwaltungsverfahren in der
Sozialversicherung, N 373 und Fn 939): Blosse Unkenntnis von Rechtsregeln
(insbesondere verfahrensrechtlicher Natur) bzw. ein Irrtum über deren Tragweite kann
grundsätzlich keinen Anlass zur Fristwiederherstellung geben, es sei denn, der Irrtum
sei durch eine behördliche Auskunft hervorgerufen worden (Bundesgerichtsentscheid i/
S Versicherung Y. vom 23. Februar 2007, U 283/06; vgl. Urteil 2A.175/2006 vom 11.
Mai 2006 E. 2.2.2; vgl. Ursina Beerli-Bonorand, Die ausserordentlichen Rechtsmittel in
der Verwaltungsrechtspflege des Bundes und der Kantone, Diss. Zürich 1985, S. 229).
5.3 Dass der Beschwerdeführerin von behördlicher Seite, namentlich von der
Beschwerdegegnerin, eine falsche Auskunft erteilt worden wäre, ist nicht geltend
gemacht worden. Indessen wird vorgebracht, die Sozialversicherungsanstalt/EL-
Durchführungsstelle bzw. die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle habe die
Aufklärungs- und Beratungspflicht verletzt.
6.
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6.1 Die Rechtsprechung hat der Erteilung einer unrichtigen Auskunft den Sachverhalt
gleichgestellt, dass eine Auskunft entgegen gesetzlicher Vorschrift oder obwohl sie
nach den im Einzelfall gegebenen Umständen geboten war, unterbleibt (BGE 124 V 221
E. 2b). So wird auch eine ungenügende oder fehlende Wahrnehmung der
Beratungspflicht gemäss Art. 27 Abs. 2 ATSG einer unrichtigen Auskunftserteilung des
Versicherungsträgers gleichgesetzt und hat dieser in Nachachtung des
Vertrauensprinzips hierfür einzustehen (BGE 131 V 472). Ergibt die Prüfung im
Einzelfall, dass entgegen Art. 27 Abs. 2 ATSG nicht (oder unrichtig) informiert wurde,
knüpft sich daran die weitere Frage, ob die Voraussetzungen des öffentlich-rechtlichen
Vertrauensschutzes gemäss bisheriger Rechtsprechung gegeben sind. Ungenügende
oder fehlende Auskünfte von Verwaltungsbehörden können demnach eine vom
materiellen Recht abweichende Behandlung des Rechtsuchenden gebieten, wenn
unter anderem die Person den Inhalt der unterbliebenen Auskunft nicht kannte oder
deren Inhalt so selbstverständlich war, dass sie mit einer anderen Auskunft nicht hätte
rechnen müssen (BGE 131 V 480 f. E. 5). Nur wenn alle (fünf) Voraussetzungen
vollumfänglich (kumulativ) erfüllt sind, zeitigt die Verletzung der Beratungspflicht
Rechtsfolgen; d.h. die versicherte Person kann von der Verwaltungsbehörde und im
Beschwerdefall vom angerufenen Gericht verlangen, so gestellt zu werden, wie wenn
der Sozialversicherungsträger informiert hätte oder wie wenn er richtig beraten hätte
(Bundesgerichtsentscheid B. vom 30. Januar 2007, I 1001/06).
6.2 Eine allgemeine Information über den Anspruch auf Ergänzungsleistungen zur AHV
und IV (vgl. Art. 27 Abs. 1 ATSG) samt der hier fraglichen Frist wird jeweils im Amtsblatt
des Kantons St. Gallen publiziert.
6.3 Eine unterlassene Beratungspflicht der EL-Behörden nach Art. 27 Abs. 2 ATSG,
der dem Einzelnen einen individuellen Rechtsanspruch auf Beratung durch den
zuständigen Versicherungsträger über die in seinen Verantwortungs- und
Entscheidungsbereich fallenden Rechte und Pflichten einräumt, steht vorliegend nicht
in Frage, da die Beschwerdeführerin mit der EL-Durchführungsstelle keinen Kontakt
aufgenommen und es für diese keinen Anlass für Beratung (vgl. Ulrich Meyer,
Grundlagen, Begriff und Grenzen der Beratungspflicht der Sozialversicherungsträger
nach Art. 27 Abs. 2 ATSG, in: René Schaffhauser/Franz Schlauri [Hrsg.],
Sozialversicherungsrechtstagung 2006, St. Gallen 2006, S. 25) gegeben hatte. Auch
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wenn das Gesuch um Ergänzungsleistungen nach Art. 10 Abs. 1 des st. gallischen
Ergänzungsleistungsgesetzes (sGS 351.5) der Gemeindezweigstelle am Wohnsitz des
Gesuchstellers oder der Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen eingereicht
wird, und letztere über den EL-Anspruch entscheidet (Art. 11 Abs. 1 ELG/SG), und die
Sozialversicherungsanstalt anderseits nach kantonaler Vorschrift (Art. 2 Abs. 1 lit. b des
Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung über die Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung, sGS 350.1) auch die Bundesgesetzgebung über die
Invalidenversicherung vollzieht, so sind die Versicherungsträger doch
auseinanderzuhalten. Nach Art. 3 Abs. 1 des Einführungsgesetzes ist die
Sozialversicherungsanstalt in die Ausgleichskasse (lit. a), die IV-Stelle (lit. b) und
weitere Dienststellen (lit. c) gegliedert. Einzig die IV-Stelle der
Sozialversicherungsanstalt hatte Anlass gehabt, sich mit der Beschwerdeführerin zu
befassen.
6.4 Die Beschwerdeführerin beanstandet denn auch, dass sie von der
Sozialversicherungsanstalt im Zusammenhang mit der Zusprechung der halben IV-
Rente nicht auf die Möglichkeit eines EL-Anspruchs und einer notwendigen Anmeldung
hingewiesen worden sei. Angesprochen wird die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle.
6.5 Stellt ein Versicherungsträger fest, dass eine versicherte Person Leistungen
anderer Sozialversicherer beanspruchen kann, so gibt er ihr gemäss Art. 27 Abs. 3
ATSG davon Kenntnis. Der Versicherungsträger hat den versicherten Personen oder
ihren Angehörigen über versicherungsfremde Leistungen unverzüglich Kenntnis zu
geben, sobald er eine in Betracht fallende Leistungsberechtigung eines weiteren
Versicherungsträgers erkennt. Für diese blosse Hinweispflicht genügt, dass eine
Leistungspflicht eines anderen Versicherungsträgers nach Lage der Akten und bei
objektiver Betrachtungsweise vernünftigerweise in Betracht fallen könnte (vgl.
Bundesgerichtsentscheid i/S M. vom 18. Dezember 2008, 9C_894/08; Ulrich Meyer,
a.a.O., S. 23 f.).
6.6 Gemäss Rz 9307 der vom Bundesamt für Sozialversicherungen herausgegebenen
Wegleitung über die Renten in der AHV und IV (RWL) ist die leistungsberechtigte
Person mit der Verfügung über eine Rente in geeigneter Weise über die
Ergänzungsleistungen zur AHV und IV zu informieren (beispielsweise durch Beilage
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eines Merkblattes). Ob bei Verfügungserlass eine (ausreichende) EL-Information durch
die IV-Stelle erfolgt sei, kann vorliegend allerdings dahingestellt bleiben.
6.7 Denn die Beschwerdeführerin war für die Belange von "BVG/IV" ab dem 15. Januar
2009 - also noch während des Laufs der Frist von sechs Monaten ab der Zustellung
der IV-Verfügung - rechtskundig vertreten gewesen. Die Rechtsvertretung musste um
die grundsätzliche Möglichkeit eines den IV-Rentenanspruch ergänzenden EL-
Anspruchs und um die für eine Nachzahlung einzuhaltende Frist von sechs Monaten
(also um den Inhalt des allfällig unterlassenen Hinweises) wissen, womit ein allfälliger
Mangel in der Hinweispflicht für sie ohne weiteres erkennbar gewesen wäre und die
Vertrauensschutzvoraussetzungen deshalb jedenfalls nicht erfüllt sind.
7.
7.1 Es sind demnach keine Hinderungsgründe ausgewiesen, die eine
Fristwiederherstellung rechtfertigen könnten. Eine solche fällt ausser Betracht. Wann
die Beschwerdeführerin selber gegebenenfalls Kenntnis von möglichem Anspruch und
einzuhaltender Frist erhalten hat und wie der Umstand zu würdigen ist, dass sie mit der
EL-Anmeldung lediglich die versäumte Rechtshandlung nachgeholt, aber kein
Fristwiederherstellungsgesuch gestellt hat, kann dahingestellt bleiben.
7.2 Da die Frist von sechs Monaten für eine einen Nachzahlungsanspruch auslösende
EL-Anmeldung verpasst wurde, kann die Beschwerdegegnerin die EL nicht
rückwirkend ausrichten. Der angefochtene Einspracheentscheid ist folglich nicht zu
beanstanden. Zwar ist nachvollziehbar, dass die Beschwerdeführerin die Verweigerung
der rückwirkenden EL-Ausrichtung für formalistisch hält. Im Rahmen des
Legalitätsprinzips und des Gebots der Rechtsgleichheit, die für die
Beschwerdegegnerin ebenso gelten wie für das Gericht, ist eine andere Lösung jedoch
nicht möglich; sie wäre rechtswidrig.
7.3 Hieran vermag auch der Einwand nichts zu ändern, dass bereits ab November
2003 das Existenzminimum der Beschwerdeführerin nicht gedeckt gewesen sei und
durch die Nichtnachzahlung die Verfassungsgarantie von Art. 112a BV unterlaufen
werde, Art. 22 Abs. 1 ELV also insofern verfassungswidrig sei. Wer eine
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Versicherungsleistung beansprucht, hat sich nach Art. 29 Abs. 1 ATSG beim
zuständigen Versicherungsträger in der für die jeweilige Sozialversicherung gültigen
Form anzumelden. Das Erfordernis eines Antrags - für die EL in Art. 20 Abs. 1 ELV - ist
Ausdruck der Dispositionsmaxime. Es gilt das Bewerbungsprinzip, d.h. der Versicherte
muss das Verwaltungsverfahren zur Abklärung seines Leistungsanspruches selbst in
Gang setzen (vgl. Th. Locher, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 2.A., S. 334).
Die Verwaltung braucht nicht von Amtes wegen nach eingetretenen Versicherungsfällen
zu forschen (vgl. Alfred Maurer, Schweizerisches Sozialversicherungsrecht, Bd. I, S.
300; vgl. Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen i/S H. vom
25. März 1999, EL 1997/103). Art. 22 Abs. 1 ELV kann als gesetzes- und
verfassungsmässig erachtet werden (vgl. den Hinweis auf BGE 105 V 277 E. 3 in dem
zu aArt. 21 Abs. 1 erster Satz ELV [heute Art. 12 Abs. 1 und 3 ELG] ergangenen BGE
126 V 299 in fine).
8.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Beschwerdeführerin, selbst wenn
davon auszugehen wäre, dass sie selber über das Bestehen des Instituts der
Ergänzungsleistungen und der fraglichen Frist in Unkenntnis gewesen ist, noch
während laufender Frist eine sachkundige anwaltliche Vertretung installiert hat, womit
die Voraussetzungen einer Fristwiederherstellung (bzw. des Vertrauensschutzes)
entfallen.
9.
Auf den Feststellungsantrag betreffend die Rechtsvertretung kann mangels
Zuständigkeit nicht eingetreten werden.
10.
10.1 Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde gegen den
angefochtenen Einspracheentscheid vom 12. Januar 2010 abzuweisen, soweit auf sie
eingetreten werden kann.
10.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Das Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege ist obsolet.
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10.3 Es besteht bei diesem Ausgang des Verfahrens kein Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat indessen auch
ein Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung gestellt. Wie dem
Gesuchsformular vom 7. April 2010 zu entnehmen ist, verfügt die Beschwerdeführerin
allerdings über ein Vermögen, bei welchem die Voraussetzung der Prozessarmut
entfällt.