Decision ID: 5780090f-6307-56c0-854b-c8ed0393e10d
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöriger und eth-
nischer Paschtune – verliess gemäss eigenen Angaben sein Heimatland
im (...) 2015. Über den Iran, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Ser-
bien, Kroatien, Österreich und Deutschland sei er am 6. Oktober 2015 in
die Schweiz gelangt, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte. Am 9. Okto-
ber 2015 wurde er zu seiner Person und zum Reiseweg befragt (Befragung
zur Person [BzP]). Am 3. Mai 2017 und 7. September 2017 wurde er ein-
gehend zu den Asylgründen angehört.
A.b Dabei gab er im Wesentlichen an, er stamme aus B._, Distrikt
C._, Provinz D._. Er habe in C._ 12 Jahre die
Schule besucht, welche er im Jahre (...) abgeschlossen habe, und danach
im familieneigenen Garten gearbeitet. Sein Vater und einige seiner Brüder
seien Mitglieder der Partei E._ gewesen. (...) seiner Brüder seien
bei Kämpfen für diese Partei umgekommen. Nach dem (...) und dem (...)
hätten Mitglieder der Gruppierung (...) und der (...) das Land der Familie
respektive ihr Haus in C._ beschlagnahmt. Dies sei geschehen,
weil sie Paschtunen seien und weil sein Vater früher Mitglied der
E._ gewesen sei. Ungefähr im Jahr 2006 sei sodann ein Bruder bei
einem Angriff auf ihr Haus getötet worden. Er (der Beschwerdeführer) habe
sich in der Folge – um sich zu schützen und sich gegen diese Ungerech-
tigkeiten zu verteidigen – gezwungen gesehen, sich der E._ anzu-
schliessen. Von 2006 bis zu seiner Ausreise aus Afghanistan habe er für
die E._ gekämpft. Bereits kurz nach seinem Beitritt sei er aufgrund
seiner Schulbildung Kommandant der Gruppe (...) geworden. Im Jahre
2007 sei er zum Mitglied des (...)köpfigen Rats der E._ in
D._ ernannt worden. In dieser Funktion habe er die Verantwortung
über (...) bis (...) Kämpfer innegehabt. Er sei für die strategische Planung
von Verteidigungsmassnahmen und Kampfhandlungen zuständig gewe-
sen und habe selbst an vorderster Front gegen die (...), die (...), die (...),
die (...) und die (...) gekämpft. Über die Jahre hinweg seien viele Kämpfer
seiner Partei getötet worden und er habe zahlreiche Freunde verloren.
Beim letzten Gefecht seien zwei Ratsmitglieder der E._ getötet wor-
den. Aus Furcht, selbst früher oder später von einer verfeindeten Kriegs-
partei getötet zu werden, habe er sich zur Flucht aus Afghanistan entschie-
den. Sein Vater habe ihm erzählt, dass nach seiner Ausreise unbekannte
Personen gekommen seien, welche ihn gesucht hätten. Bei einer Rückkehr
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nach Afghanistan befürchte er, aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit für
die E._ von seinen Gegnern getötet zu werden.
A.c Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer
folgende Beweismittel zu den Akten:
- Tazkara
- Schulzeugnis der (...). Klasse
- Schreiben der E._ vom (...) 2006
- Schreiben der E._ vom (...) 2007
- Speicherkarte mit Videos
B.
Mit Verfügung des SEM vom 13. Januar 2016 wurde das Dublin-Verfahren
beendet und das nationale Asyl- und Wegweisungsverfahren aufgenom-
men.
C.
Am 27. September 2016 reichte der Beschwerdeführer ein persönliches
Schreiben an das SEM zu den Akten, in welchem er seine schwierigen Le-
bensumstände in der Schweiz schilderte.
D.
Mit Verfügung vom 26. September 2018 – eröffnet am 27. September 2018
– stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus
der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
E.
E.a Mit Eingabe vom 29. Oktober 2018 erhob der Beschwerdeführer mit-
tels seines Rechtsvertreters gegen die Verfügung des SEM beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, die angefochtene Verfü-
gung sei aufzuheben und ihm sei Asyl zu gewähren, eventuell sei festzu-
stellen, dass der Vollzug der Wegweisung nicht zumutbar sei, und er sei
vorläufig aufzunehmen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er, es
sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und ihm sei der rubri-
zierte Rechtsanwalt als amtlicher Anwalt beizuordnen.
E.b Der Beschwerde lagen (unter anderem) folgende Unterlagen bei:
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- Fürsorgebestätigung vom (...) 2018
- Bericht der Hilfswerkvertretung vom 4. Mai 2017
- Bericht der Hilfswerkvertretung vom 24. September 2017
- Bestätigung der Dorfbewohner von B._ (mit Übersetzung des Beschwerdefüh-
rers)
- Bestätigung von F._ (mit Übersetzung des Beschwerdeführers)
- Zustellcouvert und TNT-Zustellumschlag die Sendungen aus Afghanistan betreffend
F.
Der Eingang der Beschwerde wurde dem Beschwerdeführer am 5. Novem-
ber 2018 bestätigt.
G.
Mit Verfügung vom 13. November 2018 stellte der Instruktionsrichter fest,
der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Asylverfahrens in der
Schweiz abwarten. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und Rechtsverbeiständung hiess er unter Vorbehalt einer
nachträglichen Veränderung der finanziellen Verhältnisse gut und verzich-
tete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Antragsgemäss wurde
Daniel Weber, Fürsprecher, als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt.
Gleichzeitig wurde der Vorinstanz Gelegenheit zur Vernehmlassung einge-
räumt.
H.
Das SEM liess sich mit Eingabe vom 22. November 2018, der eine Akten-
notiz beilag, zur Beschwerde vernehmen.
I.
Mit Verfügung vom 30. November 2018 wurde der Beschwerdeführer ein-
geladen, eine Replik zur Vernehmlassung des SEM einzureichen.
J.
Der Beschwerdeführer replizierte mit Eingabe vom 17. Dezember 2018.
Der Replik lagen eine Kostennote und verschiedene Ausdrucke aus dem
Facebook-Profil des Beschwerdeführers bei.
K.
Mit Schreiben vom 12. Juni 2019 teilte der Rechtsvertreter dem Gericht
seine neue Büroanschrift mit.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge-
setzesartikel sind unverändert vom AuG ins AIG übernommen worden,
weshalb das Gericht nachfolgend die neue Gesetzesbezeichnung verwen-
det.
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m.
Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich
des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
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2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl., 2013, Rz. 1043).
3.2 In der Beschwerde wird zunächst geltend gemacht, die Vorinstanz
habe den Sachverhalt unvollständig und falsch festgestellt (vgl. Be-
schwerde Ziff. II.2, III.B.3 und III.C.5). Insoweit in diesem Zusammenhang
auf die mit der Beschwerde eingereichten Beweismittel verwiesen wird, ist
festzuhalten, dass die Vorinstanz dazu in der angefochtenen Verfügung gar
keine Stellung nehmen konnte und deshalb eine Rechtsverletzung von
vornherein ausgeschlossen ist. Hinsichtlich der Rüge, das SEM habe keine
korrekte Vorstellung des Krieges, an welchem der Beschwerdeführer be-
teiligt gewesen sei, seine Gruppe sei immer unterwegs gewesen und man
habe nie selber Angriffe ausgeführt, sondern sich lediglich verteidigt, ist
nicht ersichtlich, inwiefern die Vorinstanz den Sachverhalt unrichtig oder
unvollständig festgestellt haben könnte. Das Gleiche gilt für das Vorbrin-
gen, die Vorinstanz habe nicht begriffen, weshalb er sich der E._
angeschlossen habe – er habe nichts mit deren Ideologie am Hut –, und
es treffe nicht zu, dass er auf den Videos nicht zu identifizieren sei. Aus
dem blossen Umstand, dass der Beschwerdeführer beziehungsweise sein
Rechtsvertreter die Schlussfolgerung der Vorinstanz nicht teilt, lässt sich
nicht ableiten, es liege ein Fehler bei der Feststellung des rechtserhebli-
chen Sachverhalts vor. Hinsichtlich der Anzahl der lebenden Brüder unter-
lief dem SEM ein unbedeutender Fehler ([...] anstatt korrekterweise [...],
vgl. Akten SEM A21/24 F41), welcher auf den Ausgang des Verfahrens kei-
nerlei Auswirkungen hat.
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3.3 Sodann wird vorgebracht, die Ausführungen des SEM zur Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs seien ein Akt reiner Willkür (vgl. Beschwerde
Ziff. III.C.16). In der angefochtenen Verfügung zeigte die Vorinstanz nach-
vollziehbar und im Einzelnen hinreichend differenziert auf, von welchen
Überlegungen sie sich leiten liess. Sie setzte sich auch mit sämtlichen we-
sentlichen Vorbringen des Beschwerdeführers auseinander. Ob die
Schlussfolgerung des SEM inhaltlich zutrifft, betrifft die rechtliche Würdi-
gung der Sache und somit eine materielle Frage.
3.4 Insoweit der Vorinstanz das Ignorieren von Vorbringen und eine Verlet-
zung der Begründungspflicht vorgeworfen wird, ist festzuhalten, dass er
diese Vorwürfe nicht weiter begründete (vgl. Beschwerde Ziff. II.2). Es ist
auch nicht ersichtlich, inwiefern entsprechende Rechtsverletzungen vorlie-
gen könnten. Das SEM hat sich mit den wesentlichen Vorbringen des Be-
schwerdeführers in erforderlichem Umfang auseinandergesetzt, in der an-
gefochtenen Verfügung die Überlegungen genannt, welche seinem Ent-
scheid zugrunde lagen und sich in seiner Begründung auf die vom Be-
schwerdeführer vorgebrachten Asylgründe gestützt.
3.5 In der Beschwerde wird schliesslich geltend gemacht, die Vorinstanz
habe die Asylrelevanz der Vorbringen nicht geprüft, weshalb es sich unter
Umständen rechtfertigen würde, die Rückweisung an das SEM zu bean-
tragen zwecks korrekter Prüfung der Asylrelevanz (vgl. Beschwerde
Ziff. III.C.13). Zwar wurde explizit auf ein solches Begehren verzichtet, da
vom SEM keine Einsicht zu erwarten sei und das Bundesverwaltungsge-
richt die Asylrelevanz der Vorbringen wohl klar bejahen werde; dennoch ist
an dieser Stelle der Vollständigkeit halber festzuhalten, dass die Vo-
rinstanz nicht gehalten ist, die Vorbringen zusätzlich auf ihre Asylrelevanz
zu prüfen, wenn es dem Beschwerdeführer nicht gelingt, auch nur die her-
abgesetzten Beweisanforderungen der Glaubhaftmachung der Flüchtlings-
eigenschaft zu erfüllen.
3.6 Die formellen Rügen erweisen sich nach dem Gesagten als unbegrün-
det.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM führte in seiner Verfügung aus, die Angaben des Beschwer-
deführers zur geltend gemachten Verfolgung seien vage und unsubstanti-
iert geblieben und würden nur unzureichend Realkennzeichen enthalten.
Seine Schilderungen zum ausschlaggebenden Grund für seine Flucht
seien vage geblieben. Auf Nachfrage habe er erklärt, dass sein Land be-
schlagnahmt worden sei, er gekämpft habe und letztlich keine andere Wahl
gehabt habe, als aus Afghanistan zu flüchten. Auf weitere Nachfrage habe
er sodann von der Tötung seines Bruders erzählt, was ihn dazu bewogen
habe, sich im Jahr 2006 als Kämpfer der Gruppe E._ anzuschlies-
sen. Auf Nachhaken habe er nur allgemein ergänzt, dass er jeden Tag ge-
kämpft habe, viele seiner Freunde umgekommen seien und er früher oder
später auch getötet worden wäre. Es erstaune, dass er seinen Fluchtent-
scheid aus Afghanistan im Jahr 2015 mit der Beschlagnahmung seines
Landes im Jahr 2001 und dem Tod seines Bruders im Jahr 2006 begründe,
da sich diese beiden Ereignisse – sollten diese tatsächlich stattgefunden
haben – mehrere Jahre vor seiner Ausreise ereignet hätten und somit kei-
nen direkten Kausalzusammenhang zu seinem Fluchtentscheid im Jahr
2015 aufweisen würden. Zu den konkreten Umständen, die im Jahr 2015
zu seiner Flucht geführt hätten, habe er nur oberflächliche Angaben ge-
macht.
Weiter seien seine Angaben zum Alltag vor seiner Flucht allgemein und
oberflächlich geblieben. Aufgefordert, von seinem Alltag im letzten Jahr vor
seiner Ausreise zu berichten, habe er erklärt, es habe Krieg geherrscht,
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Kameraden seien getötet worden und er hätte Angst gehabt. Er habe an-
gefügt, dass die Feinde jeden Tag angegriffen und die Absicht gehabt hät-
ten, ihn und seine Kameraden zu töten. Obwohl ihm mehrfach Gelegenheit
gegeben worden sei, genauer von seinem Alltag zu erzählen, habe er nur
noch angefügt, er habe sich tagsüber versteckt und nichts gegessen, damit
er zwecks Verrichtung der Notdurft nicht nach draussen habe gehen müs-
sen. Ebenso knapp habe er auf Fragen nach seinem letzten Stationie-
rungsort geantwortet.
Des Weiteren seien auch seine Angaben zu den letzten Kämpfen vor sei-
ner Ausreise knapp und unpersönlich gewesen. Trotz mehrmaliger Auffor-
derung, den letzten Kampfeinsatz detailliert zu schildern, habe er sich auf
allgemeine Angaben und stichwortartige Sätze beschränkt. Ebenso allge-
mein habe er über den letzten Kampf gegen die (...) berichtet.
Seine Rolle und Funktion in der E._ habe er sodann nur vage ge-
schildert. Gebeten, detailliert zu berichten, worin seine Aufgaben als Mit-
glied des Rates der E._ der Provinz D._ bestanden hätten,
habe er nur allgemeine Angaben gemacht, die in dieser Art und Weise auch
von einer unbeteiligten Person vorgetragen werden könnten. Auf seine Mo-
tive angesprochen, diese Funktion zu übernehmen, habe er nur gemeint,
diese sei ihm aufgrund seiner höheren Schulbildung angeboten worden.
Seine persönlichen Beweggründe und Überlegungen, aufgrund welcher er
dieses Angebot angenommen habe, seien in seinen Antworten jedoch nicht
enthalten. Auf die Fragen, wie viele Kämpfer er befehligt habe, habe er
wiederum nur allgemein geantwortet. Ebenso dürftig seien seine Ausfüh-
rungen zu seinen Tätigkeiten als Kommandant geblieben.
Ferner seien auch seine Angaben zu den konkreten persönlichen Verfol-
gungsmassnahmen vor und nach seiner Ausreise aus Afghanistan vage
und knapp geblieben. So habe er einmal die Frage verneint, ob es vor sei-
ner Ausreise jemals zu einer konkreten persönlichen Verfolgungsmass-
nahme gegen ihn gekommen sei oder er persönlichen Kontakt mit den Be-
hörden gehabt habe. Diese Angabe erstaune, da er gleichzeitig erklärt
habe, von allen Seiten gesucht zu werden. Auf Nachfragen zu den Proble-
men seiner Schwestern habe er nur angegeben, dass die (...), die (...) und
die (...) diese belästigt hätten und diese wegen ihm geflüchtet seien, nach-
dem er sich der E._ angeschlossen habe. Auf Nachfrage zu den
Vorfällen nach seiner Ausreise habe er angefügt, dass sein Vater ihm le-
diglich erzählt habe, dass "diese Leute" ihn suchen und nach ihm fragen
würden.
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Aus den Schreiben der E._ und den Videoaufnahmen liessen sich
sodann keine Rückschlüsse ziehen, bis wann der Beschwerdeführer bei
der E._ aktiv gewesen sei. Auf den Videos sei er aufgrund der
schlechten Auflösung auch nicht zu identifizieren. Weiter könnten die
Schreiben nicht auf ihre Echtheit und Authentizität überprüft werden, wes-
halb solchen Unterlagen ein reduzierter Beweiswert zukomme und diese
im Gesamtkontext eines Gesuchs beurteilt werden müssten. Vorliegend
würden die eingereichten Dokumente nicht zur Glaubhaftmachung seiner
Vorbringen beitragen. Letztlich sei davon auszugehen, dass er aus ande-
ren Gründen und unter anderen Umständen aus Afghanistan ausgereist
sei.
Das SEM schliesse jedoch nicht aus, dass der Beschwerdeführer in einer
anderen Funktion einmal in seinem Leben für die E._ gekämpft
habe. Es sei jedoch nicht davon auszugehen, dass er in einer exponierten
Funktion und bis zu seiner Ausreise für diese Gruppierung aktiv gewesen
sei. Vielmehr sei aufgrund seiner unglaubhaften Vorbringen anzunehmen,
dass er die Gruppierung bereits vor vielen Jahren verlassen und seither
unbehelligt in Afghanistan gelebt habe. Bezeichnend dafür sei, dass seine
Beweismittel aus den Jahren 2006/2007 stammen würden und er keine
neueren Beweismittel habe einreichen können. Aus der blossen Annahme,
dass er einmal in seinem Leben bei der E._ gekämpft habe, könne
keine begründete Furcht vor zukünftigen Verfolgungsmassnahmen abge-
leitet werden.
5.2 In der Beschwerde werden dem SEM die Verletzung von Bundesrecht
und Fehler bei der Ausübung des Ermessens vorgeworfen. Aus den Aus-
sagen des Beschwerdeführers gehe klar hervor, dass er seine Zugehörig-
keit zur E._ und seine Funktion im Krieg nicht nur glaubhaft ge-
macht, sondern liquid bewiesen habe. Er habe zudem glaubhaft dargelegt,
dass er wegen seiner früheren Mitgliedschaft bei der E._ bei einer
Rückkehr nach Afghanistan mit dem Tod rechnen müsste. In den Protokol-
len seien zahlreiche Realkennzeichen zu erkennen. Es sei völlig undenk-
bar, dass jemand derart detaillierte Aussagen machen könnte, wenn er das
Geschilderte nicht selbst erlebt hätte. Die Vorinstanz habe Pflaumen auf
den Augen, wenn sie die Realkennzeichen in den Schilderungen nicht se-
hen wolle. Er habe sehr wohl den ausschlaggebenden Grund für seine
Flucht klar geschildert. Auch habe er nicht erst auf Nachfrage von der Tö-
tung des Bruders erzählt. Dessen Tod und die Beschlagnahmung des Lan-
des seien indessen nicht der Grund für die Flucht gewesen, sondern um
sich der E._ anzuschliessen.
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Das SEM habe offensichtlich keine korrekte Vorstellung von einem Krieg,
wie er in Afghanistan geführt werde. Der Beschwerdeführer sei Beteiligter
an seinem asymmetrischen Krieg gewesen. Als Kämpfer gegen die (...)
und gegen die (...) habe sich seine Gruppe täglich verschieben müssen
und sei darauf angewiesen gewesen, per Funk zu kommunizieren. Es gebe
täglich die genau gleichen Abläufe, was in der Tat schrecklich langweilig
und immer gleich sei. Nur wer selbst erlebt habe, dass er nichts essen
dürfe, weil er keine Möglichkeit habe, seine Notdurft zu verrichten, könne
überhaupt so etwas erzählen. Er habe auch den letzten Kampf so geschil-
dert, wie er ihn erlebt habe. Mehr gebe es dazu nicht zu erzählen. Gleiches
gelte in Bezug auf seine Angaben zu den Aufgaben als Kommandant, die
keineswegs dürftig seien.
Es habe quasi familiäre und keinerlei ideologischen Gründe gegeben, sich
der E._ anzuschliessen. Er habe dies einzig deshalb getan, weil
sein Vater bereits bei dieser Gruppierung gewesen sei, sein Bruder getötet
worden sei und seine eigenen Leute angegriffen worden seien. Weder vor
seinem Beitritt zur Gruppe noch später habe er sich mit ideologischen As-
pekten befasst, die über die Religionsausübung hinausgehen würden. Die
Zweitbefragung sei geprägt vom Versuch der befragenden Person, ihn aufs
ideologische Glatteis zu führen und ihm ideologische Gründe für seine Mit-
gliedschaft zu unterstellen. Die befragende Person stelle damit auch unter
Beweis, dass sie in Klischee-Vorstellungen von E._ und G._
gefangen sei.
Der Beschwerdeführer habe sodann nie behauptet, dass er selbst Verfol-
gungsmassnahmen vor und nach seiner Ausreise erlebt habe. Er habe ja
die Flucht ergriffen und sich dem Zugriff seiner Häscher entzogen. Seine
Schwestern seien bereits Jahre zuvor geflüchtet und von den Ereignissen
nach seiner Flucht habe er erst hinterher von seinem Vater erfahren. Es
könne ihm deshalb nicht vorgeworfen werden, dass er dazu keine weiteren
detaillierten Angaben machen könne.
Insgesamt habe der Beschwerdeführer – auch nach Überzeugung der
Hilfswerkvertretung – glaubhaft dargelegt, dass er für die E._ ge-
kämpft habe. Auch die eingereichten fünf Videos und Beweismittel würden
die geltend gemachte Tätigkeit belegen. Auf den Videos sei sein Gesicht
erkennbar und seine Stimme zu hören.
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Nach dem Gesagten falle die gesamte Unglaubwürdigkeitsargumentation
des SEM in sich zusammen. Eine unglaubliche Frechheit sei die Behaup-
tung der Vorinstanz, es könnten weitere Unglaubhaftigkeitselemente auf-
gezählt werden. Die Vorinstanz werde sich diesbezüglich in der Vernehm-
lassung zu erklären haben, ansonsten sich diese Behauptung als Lüge ent-
larven würde. Insgesamt seien seine Aussagen genügend substantiiert, in
sich schlüssig und plausibel. Zudem sei er persönlich glaubwürdig. Aus ob-
jektivierter Sicht eines verständigen Dritten könnten überhaupt kein Zweifel
daran aufkommen, dass er die geschilderten Vorfälle tatsächlich erlebt
habe.
5.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM an seinen Erwägungen in der
angefochtenen Verfügung fest und führte ergänzend aus, auch die Hilfs-
werkvertretung sei in beiden Berichten zum Schluss gekommen, dass die
Angaben des Beschwerdeführers unsubstantiiert ausgefallen seien. So-
dann werde noch einmal betont, dass das SEM aufgrund der Akten und
Angaben nicht ausschliesse, dass der Beschwerdeführer einmal in seinem
Leben für die E._ tätig gewesen sei. Daraus könne im vorliegenden
Fall jedoch noch keine begründete Furcht vor zukünftigen Verfolgungs-
massnahmen abgeleitet werden, da die damit einhergehenden Vorbringen
nicht geglaubt werden könnten. Die mit der Beschwerde eingereichten
Schreiben der Dorfbewohner von B._ und seines angeblichen Kom-
mandanten bei der E._ würden einen reduzierten Beweiswert auf-
weisen, da es sich hierbei lediglich um Gefälligkeitsschreiben handle und
diese nicht auf Ihre Authentizität und Echtheit überprüft werden könnten.
Sie müssten im Gesamtkontext eines Gesuchs beurteilt werden. Vorlie-
gend vermöchten sie die Einschätzung des SEM nicht umzustossen.
5.4 In der Replik wird geltend gemacht, die Vorinstanz ignoriere die Aus-
führungen zur Glaubwürdigkeit in der Beschwerde. Zwar treffe zu, dass die
beiden Hilfswerkberichte ausführen würden, seine Darlegungen seien zu
wenig substantiiert gewesen. Diese Sätze würden sich jedoch jeweils auf
seine Antworten auf Fragen nach den konkreten Befehlen, die er seinen
Untergebenen gegeben habe, beziehen. Er habe jedoch keine Führungs-
ausbildung genossen und seine Rolle als militärischer Vorgesetzter sei
nicht mit hiesigen militärischen Traditionen vergleichbar. Er sei nur deshalb
Vorgesetzter geworden, weil er als einziger eine Schulausbildung gehabt
habe. Sowohl die Hilfswerkvertretung als auch der Befrager hätten falsche
Vorstellungen von der militärischen Befehlsstruktur bei den (...). Zudem
würden seine Aussagen von der Hilfswerkvertretung als plausibel und ohne
Widersprüche beschrieben. Er sei in der gesamten von ihm beschriebenen
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Seite 13
Zeit für die E._ tätig gewesen. Es sei nicht einzusehen, weshalb
ihm das nur insoweit geglaubt werden sollte, als es „einmal in seinem Le-
ben" so gewesen sein solle. Das SEM begründe seine widersprüchliche
Haltung nicht. Die Ausführungen der Vorinstanz zu den eingereichten Be-
weismitteln würden dem tiefen Niveau der gesamten Arbeit des SEM im
vorliegenden Fall entsprechen. Es sei nicht einzusehen, weshalb diese Be-
weismittel einen reduzierten Beweiswert haben sollten. Sie würden sich
sehr wohl auf ihre Echtheit und Authentizität überprüfen lassen, sofern man
bereit sei, diese Prüfung vorzunehmen. Das SEM behaupte denn auch
nicht, die Beweismittel seien nicht echt. Es handle sich in keiner Weise um
Gefälligkeitsschreiben – die diesbezügliche Behauptung werde vom SEM
nicht begründet.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
6.2 Die Vorinstanz hat die Vorbringen des Beschwerdeführers in der ange-
fochtenen Verfügung im Grundsatz mit ausführlicher und überzeugender
Begründung als unglaubhaft qualifiziert. Diesbezüglich kann, um Wieder-
holungen zu vermeiden, vorab auf die zutreffende Argumentation in der
angefochtenen Verfügung verwiesen werden. In Ergänzung und Präzisie-
rung dazu ist Folgendes festzustellen:
6.3 Übereinstimmend mit der Vorinstanz erscheint nicht ausgeschlossen,
dass der Beschwerdeführer einmal der E._ angehört haben könnte.
Insbesondere seine Ausführungen zu seiner Motivation, sich dieser Grup-
pierung anzuschliessen, weisen einen gewissen Detailliertheitsgrad auf
(vgl. etwa Akten SEM A21/24 F27, F58–64). Inwieweit die Vorbringen des
Beschwerdeführers zum Alltag und den letzten Kämpfen vor der Flucht,
zum ausschlaggebenden Grund für die Flucht, zu seiner Rolle und Funk-
tion bei der E._ und zu den konkreten persönlichen Verfolgungs-
massnahmen zahlreiche Realkennzeichen enthalten sollen, erschliesst
sich dem Gericht hingegen nicht. Im Gegenteil fielen diese überwiegend
unsubstantiiert, allgemein und knapp aus. Auch wenn sich täglich die ge-
nau gleichen Abläufe wiederholt hätten, wäre zu erwarten, dass der Be-
schwerdeführer in der Lage wäre, detailliert und lebensnah einen – wenn
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Seite 14
auch angeblich langweiligen – Tagesablauf zu beschreiben (vgl. etwa Ak-
ten SEM A21/24 F148 ff.). Selbst der in der Tat nicht alltägliche Verweis auf
die Verrichtung der Notdurft wirkt distanziert und lässt nicht darauf schlies-
sen, als habe er eine solche Situation tatsächlich erlebt (vgl. Akten SEM
A21/24 F151). Unerwartet knapp und vage fiel sodann – trotz der Auffor-
derung, ganz detailliert zu erzählen – die Beschreibung des letzten Kamp-
fes aus: "Der letzte Krieg war nachts. Als wir unterwegs waren, trafen wir
auf aufgelauerte Leute. Das war im Dorf H._. Dann brach der Krieg
aus. In diesem Krieg sind viele Kameraden gefallen. Auch sind zwei von
der (...) gefallen. Ich flüchtete dann von dort, hielt mich versteckt und reiste
dann aus. [...]" (vgl. Akten SEM A21/24 F90, vgl. auch etwa F106 ff.). Hin-
sichtlich des ausschlaggebenden Grundes für die Flucht ist der Argumen-
tation in der Beschwerde insofern zutreffend, als der Beschwerdeführer da-
für nie den Tod des Bruders und die Beschlagnahmung des Landes nannte
(vgl. Akten SEM A21/24 F57 ff.). Es erscheint auch nicht sachgerecht, ihm
zu unterstellen, er hätte erst auf Nachfrage von der Tötung des Bruders
erzählt (vgl. Akten SEM A21/24 F64). Dennoch ist nach dem Gesagten
festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist glaubhaft
zu machen, dass er ab 2006 bis zu seiner angeblichen Ausreise im Jahre
2015 für die E._ gekämpft habe.
6.4 Selbst wenn der Beschwerdeführer tatsächlich einmal der E._
angehört haben sollte, erscheint unwahrscheinlich, dass er dort je die
Funktion eines Kommandanten oder gar Ratsmitglieds innehatte. In einer
solchen Rolle hätte er täglich wichtige Entscheidungen treffen und sich mit
anderen Ratsmitgliedern austauschen müssen. Seine langjährige Tätigkeit
als Vorgesetzter hätte zweifelslos eine fehlende Führungsausbildung wett-
gemacht. Ausserdem wäre davon auszugehen, dass er über viel Spezial-
und Insiderwissen verfügen müsste, selbst wenn sein Aufstieg nur seiner
Schulbildung geschuldet wäre. Die Aussagen des Beschwerdeführers
zeichnen dagegen das Bild einer in Führungsbelangen unwissenden und
unerfahrenen Person (vgl. etwa Akten SEM A21/24 F81 ff., 101 ff. und
125 f.; A29/12 F63 ff.). Inwiefern – wie auf Beschwerdeebene vorgebracht
– sowohl die Hilfswerkvertretungen als auch der Befrager falsche Vorstel-
lungen von der militärischen Befehlsstruktur bei den (...) hätten, wird nicht
substantiiert dargetan. Sodann wäre zu erwarten, dass sich der Beschwer-
deführer während seiner langjährigen Tätigkeit als Verantwortungsträger
der E._ mit Vorbildfunktion zwingend hätte mit deren Ideologie aus-
einandersetzen und identifizieren müssen. Die Darstellung in der Be-
schwerde, er habe sich weder vor seinem Beitritt zur E._ noch spä-
ter mit ideologischen Aspekten befasst, die über die Religionsausübung
D-6153/2018
Seite 15
hinausgehen würden, erscheint im gegebenen Kontext nicht plausibel. In
der ergänzenden Anhörung gab der Beschwerdeführer denn auch zu Pro-
tokoll, dass er die Ideologie vertreten habe, weil er keine andere Wahl ge-
habt habe (vgl. Akten SEM A29/12 F20 f.). Gleichzeitig erwecken seine
ausweichenden Aussagen den Eindruck, als verfüge er nur über beschei-
dene diesbezügliche Kenntnisse (vgl. etwa Akten SEM A29/12 F8 und
22 ff.). Die Einwände in der Beschwerde, das SEM habe versucht, den Be-
schwerdeführer aufs ideologische Glatteis zu führen, und es stelle unter
Beweis, dass es in Klischee-Vorstellungen von E._ und G._
gefangen sei, wirken weit hergeholt.
6.5 Was die angeblichen Verfolgungsmassnahmen vor und nach der Aus-
reise anbelangt, kann nicht geglaubt werden, dass der Beschwerdeführer,
der angeblich jahrelang in einer Führungsfunktion bei der E._ ge-
kämpft haben will, sich zufriedengegeben hätte mit der lapidaren Erklärung
seines Vaters, es seien Leute dagewesen, welche nach ihm gefragt hätten
(vgl. Akten SEM A21/24 F192). Vielmehr wäre zu erwarten, dass er seinen
Vater nach allen Einzelheiten ausgefragt hätte.
6.6 Hinsichtlich der eingereichten Beweismittel kann vorab auf die zutref-
fenden Ausführungen des SEM in der angefochtenen Verfügung und der
Vernehmlassung verwiesen werden, denen auf Beschwerdeebene nichts
Stichhaltiges entgegengehalten wird. Nachdem dem Beschwerdeführer
aufgrund seiner Vorbringen in den Anhörungen nicht geglaubt werden
kann, dass er von 2006 bis 2015 für die E._ gekämpft habe und
deshalb asylrelevant verfolgt werde, sind die mit der Beschwerde einge-
reichten angeblichen Schreiben der E._ und der Dorfbewohner an-
gesichts von deren reduziertem Beweiswert nicht geeignet, für sich allein
eine solche Verfolgungsfurcht darzutun. Vorliegend hätte selbst die Fest-
stellung der Echtheit der Dokumente keine Aussagekraft, da aufgrund der
gesamten Umstände davon auszugehen wäre, es handle sich um Gefällig-
keitsschreiben. Sodann erstaunt, dass in der Beschwerde zwar betont wird,
das Gesicht des Beschwerdeführers sei auf den eingereichten Videos er-
kennbar, jedoch nicht kundgetan wird, an welcher Stelle welcher Videos
dies der Fall sein solle. Insoweit darauf verwiesen wird, dass die Hilfswerk-
vertretungen seine Vorbringen als plausibel und ohne Widersprüche quali-
fiziert hätten, ist zunächst festzuhalten, dass im Bericht zur ergänzenden
Anhörung die Flüchtlingseigenschaft als nicht erfüllt erachtet wird. Gleich-
zeitig ist anzumerken, dass die Vertretung der Hilfswerke gemäss aArt. 30
Abs. 4 AsylG die Anhörung beobachtet, aber keine Parteirechte hat. Sie
D-6153/2018
Seite 16
kann zur Erhellung des Sachverhalts Fragen stellen lassen, weitere Abklä-
rungen anregen und Einwendungen zum Protokoll anbringen. Ihr obliegt
somit, zu einem korrekten und fairen Verfahren beizutragen (vgl. ACHER-
MANN/HAUSAMMANN, Handbuch des Asylrechts, 2. Aufl., 1991, S. 361). Die
zum Beleg eines im Rahmen des vorinstanzlichen Verfahrens gemachten
glaubhaften Sachverhaltsvortrags angeführten Protokolle der Hilfswerkver-
tretungen sind in ihrer Beweistauglichkeit erheblich eingeschränkt. Dies gilt
auch vorliegend. So hat das Protokoll nur eine hilfswerksinterne Zweckbe-
stimmung und enthält eine Einschätzung, die gar nicht vom gesetzlichen
Auftrag und Kompetenzumfang nach aArt. 30 Abs. 4 AsylG (Beobachtung
der Anhörung mit Frage-, Anregungs- und Einwendungsrecht; keine Par-
teirechte) erfasst ist. Dieser Kurzbericht dient den Hilfswerken für den Ent-
scheid, in welchen Fällen eine rechtliche Intervention erfolgen soll und wel-
che Asylsuchenden als unterstützungswürdig erachtet werden (vgl. ACHER-
MANN/HAUSAMMANN, a.a.O., S. 363). Am Schluss der Anhörung wurden
vorliegend durch die Hilfswerkvertretungen keine Einwände angemeldet
und mit Blick auf weitere Sachverhaltsabklärungen keine Anregungen ge-
macht. Insgesamt vermag der Beschwerdeführer daher mit dem wieder-
holten Verweis auf die Beurteilungen der Glaubhaftigkeit seiner Asylvor-
bringen nichts zu seinen Gunsten abzuleiten.
6.7 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die vom Beschwerdeführer
geltend gemachten Asylgründe nicht geeignet sind, eine flüchtlingsrele-
vante Verfolgung oder eine entsprechende Verfolgungsfurcht zu begrün-
den. Das SEM durfte im Lichte seiner ausführlichen Begründung auf die
Aufzählung weiterer Unglaubhaftigkeitselemente verzichten. Demnach hat
das SEM zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers ver-
neint und das Asylgesuch abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
D-6153/2018
Seite 17
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2014/26 E. 7.7.4 und 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Das SEM hielt in der angefochtenen Verfügung in Bezug auf den
Wegweisungsvollzug fest, es würden sich aus den Akten keine Anhalts-
punkte ergeben, dass dem Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr in
den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3
EMRK verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Sodann wäre eine Rück-
kehr nach D._ auf Grundlage der aktuellen Praxis und Rechtspre-
chung als unzumutbar zu erachten. Die Angaben des Beschwerdeführers
im Asylverfahren könnten aber aufgrund seiner unsubstantiierten Angaben
nicht geglaubt werden. Dies betreffe insbesondere auch seinen Aufenthalt
als Kämpfer in der Provinz D._ ab dem Jahr 2006/2007 bis zu sei-
ner Ausreise. Somit sei weder ersichtlich, wo in Afghanistan er sich in all
den Jahren vor seiner Ausreise im Jahr 2015 aufgehalten habe, noch, ob
er tatsächlich erst im Jahr 2015 ausgereist sei, oder ob er längere Zeit in
einem Drittstaat gelebt und dort über eine Aufenthaltsbewilligung verfüge.
Letztlich seien viele Optionen offen, die vom SEM aufgrund seiner unglaub-
haften Angaben nicht näher geprüft werden könnten. Weiter könnten ihm
auch seine Angaben zu seinem familiären Beziehungsnetz in Afghanistan
nicht geglaubt werden. So beschränke er sich auf Nachfragen im Wesent-
lichen auf die Angabe, dass seine (...) Schwestern und seine (...) (recte:
[...]) lebenden Brüder alle aus Afghanistan geflüchtet seien und er deshalb
nicht wisse, wo diese sich aufhalten würden. Eine plausible Begründung,
weshalb er dies nicht wisse, sei seinen Aussagen nicht zu entnehmen. Vor
dem Hintergrund, dass er auch unglaubhafte Angaben zu seinen Vorbrin-
gen gemacht habe, sei davon auszugehen, dass er das SEM seine Biogra-
fie, Familienverhältnisse und Aufenthalte in Afghanistan betreffend ge-
täuscht habe. Aufgrund dessen verunmögliche er dem SEM, die Zumutbar-
keit des Vollzugs der Wegweisung nach Afghanistan in Kenntnis seiner tat-
sächlichen persönlichen und familiären Situation zu prüfen. Es sei nach
D-6153/2018
Seite 18
ständiger Rechtsprechung nicht Aufgabe der Asylbehörden, bei fehlenden
Hinweisen seitens der Gesuchsteller nach allfälligen Wegweisungsvoll-
zugshindernissen zu forschen, falls diese ihrer Mitwirkungs- und Wahr-
heitspflicht im Rahmen der Sachverhaltsermittlung nicht nachkommen wür-
den und die Asylbehörden zu täuschen versuchten.
8.2.2 In der Beschwerde wird dem entgegengehalten, die Ausführungen
dem SEM seien ein Akt reiner Willkür. Es bleibe völlig schleierhaft, weshalb
die Angaben des Beschwerdeführers zu seiner Familie nicht glaubwürdig
sein sollen. Er wisse in der Tat nicht, wo sich die überlebenden Geschwister
aufhalten würden. Der Grund dafür liege im Umstand, dass er jahrelang als
Kämpfer im Krieg gewesen sei und in dieser Zeit keinen Kontakt zu ihnen
gehabt habe. Es gebe überhaupt keine Gründe zur Annahme, er habe die
Behörden über seine Biografie und seine Familienverhältnisse getäuscht.
Die Vermutung der Vorinstanz, es würden Vollzugshindernisse fehlen, sei
ohne jegliche Grundlage und völlig willkürlich. Er stamme nicht aus einer
sicheren Region in Afghanistan. Deshalb sei sein Leben selbst dann, wenn
ihm kein Asyl gewährt werden könnte, bei einer Rückkehr in seine Heimat
bedroht.
8.2.3 In der Vernehmlassung führte das SEM aus, die Beschwerdeschrift
bekräftige die Einschätzung zusätzlich, weshalb allfällige Vollzugshinder-
nisse in diesem Einzelfall nicht geprüft werden könnten. So erkläre der Be-
schwerdeführer, er kenne den Absender des Briefs aus Kabul mit Namen
I._ nicht. Eine Facebook-Recherche des SEM in öffentlich zugäng-
lichen Profilbereichen lege jedoch einen anderen Schluss nahe. So sei ein
Profil gefunden worden, das mit überwiegender Wahrscheinlichkeit dem
Beschwerdeführer zugesprochen werden könne. So würden das Profil
"J._" und der Beschwerdeführer über einen identischen Namen
verfügen und das Profilbild zeige mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
den Beschwerdeführer. Unter den Freunden finde sich auch ein gewisser
I._, wohnhaft in Kabul. Letzterem Profil sei zu entnehmen, dass die
Person – wie der Beschwerdeführer auch – ursprünglich aus C._ in
D._ stamme und auch die Schule (...) besucht habe. Der Bruder
von I._ namens K._ sei ebenfalls mit "J._" befreun-
det. Ferner weise das mutmassliche Profil des Beschwerdeführers insge-
samt (...) Freunde auf, wovon eine stattliche Anzahl gemäss ihren Anga-
ben auch in Kabul lebe. Das SEM gehe zusammenfassend davon aus,
dass der Beschwerdeführer auch im Beschwerdeverfahren seine Wahr-
heits- und Mitwirkungspflicht verletzt habe, indem er seine Beziehung zu
I._ bewusst verschleiere.
D-6153/2018
Seite 19
8.2.4 In der Replik wurde daran festgehalten, es sei ein Akt reiner Willkür,
wenn die Vorinstanz dem Beschwerdeführer unterstelle, er habe sich an-
dernorts in Afghanistan aufgehalten oder sogar in einem Drittstaat gelebt
und dort über eine Aufenthaltsbewilligung verfügt. Es gebe dafür keinerlei
Hinweise in den Akten und die Argumentation erweise sich als rein speku-
lativ. Es schlecke keine Geiss weg, dass dem Beschwerdeführer die vor-
läufige Aufnahme gewährt werden müsse, weil seine Rückkehr nach
D._ nicht zumutbar sei. Die Vollzugshindernisse könnten sehr wohl
geprüft werden. Die Vorinstanz verschärfe ihre hirnrissige Behauptung der
Verletzung der Mitwirkungspflicht in der Vernehmlassung auf eine Weise,
die ernsthafte Zweifel an der geistigen Gesundheit des Autors aufkommen
lassen würden. Das vom SEM gefundene Profil bei Facebook gehöre zwar
ihm (dem Beschwerdeführer), aus dem Profil lasse sich jedoch in keiner
Weise der Schluss ziehen, er habe seine Wahrheits- und Mitwirkungspflicht
verletzt und irgendwelche Beziehungen zu irgendwelchen Personen ver-
schleiert. Die Behauptung des SEM sei hanebüchen. Zum einen sei er nie
danach gefragt worden, ob er ein Profil bei Facebook habe. Das SEM habe
das (öffentliche) Profil ohne weitere Probleme finden können. Weiter sollte
auch dem SEM bekannt sein, dass man Freunde bei Facebook nicht selbst
auswähle und diese zudem überhaupt nicht persönlich kennen müsse. Er
kenne weder I._ noch K._ persönlich. Letzterer sei aber ein
grosser Lehrer an der (...) und als solcher eine weitum sehr bekannte Per-
sönlichkeit. Er lege sodann Wert auf die Feststellung, dass er auf Facebook
Texte und Bilder veröffentliche, die in keiner Weise politisch seien. Das
Bundesverwaltungsgericht werde eingeladen, sich selbst davon zu über-
zeugen. Er habe über (...) Freunde auf Facebook, kenne die meisten von
ihnen nicht persönlich und habe auch ausserhalb von Facebook keine Kon-
takte mit ihnen.
8.3
8.3.1 Der Vollzug der Wegweisung ist nach Art. 83 Abs. 3 AIG unzulässig,
wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der
Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen
Drittstaat entgegenstehen. So darf keine Person in irgendeiner Form zur
Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder
ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder
in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu
werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. auch Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
D-6153/2018
Seite 20
8.3.2 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich
erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der
in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden. Die Zulässigkeit des Vollzuges be-
urteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs- und völkerrechtli-
chen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3
EMRK). Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschen-
rechte (EGMR) müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr („real
risk“) nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rück-
schiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde.
8.3.3 Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Ak-
ten ergeben sich konkrete Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung nach Afghanistan dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK verbotenen
Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Auch die allgemeine Menschen-
rechtssituation in Afghanistan lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen
Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Der Vollzug der Wegweisung ist
demnach sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestim-
mungen zulässig.
8.4
8.4.1 Der Vollzug der Wegweisung kann nach Art. 83 Abs. 4 AIG unzumut-
bar sein, wenn der Ausländer oder die Ausländerin im Heimat- oder Her-
kunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner
Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet ist.
8.4.2 Bezüglich der allgemeinen Lage in Afghanistan hat das Bundesver-
waltungsgericht nach eingehender Lageanalyse in dem als Referenzurteil
publizierten Entscheid D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 festgestellt, seit
dem letzten Länderurteil des Bundesverwaltungsgerichts im Jahr 2011 (vgl.
BVGE 2011/7) ergebe sich eine deutliche Verschlechterung der Sicher-
heitslage über alle Regionen hinweg und es bestünden derart schwierige
humanitäre Bedingungen in weiten Teilen Afghanistans, dass die Situation
als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren sei.
Der Wegweisungsvollzug sei deshalb als unzumutbar zu beurteilen. Von
dieser allgemeinen Feststellung könne im Falle der Hauptstadt Kabul ab-
gewichen werden, falls besonders begünstigende Faktoren gegeben
seien. Würden solche besonders begünstigenden Faktoren vorliegen, was
D-6153/2018
Seite 21
insbesondere bei alleinstehenden, gesunden Männern mit einem tragfähi-
gen Beziehungsnetz, einer Möglichkeit zur Sicherung des Existenzmini-
mums und einer gesicherten Wohnsituation der Fall sei, sei der Wegwei-
sungsvollzug als zumutbar zu qualifizieren (vgl. Urteil D-5800/2016 E. 8.4).
8.4.3 Wie vorstehend in Erwägung 6 dargelegt, erscheint nicht ausge-
schlossen, dass der Beschwerdeführer zu einem früheren Zeitpunkt einmal
der E._ angehört haben könnte. Nicht als glaubhaft haben sich je-
doch seine Vorbringen erwiesen, wonach er dieser Gruppe bis zu seiner
angeblichen Ausreise im Jahr 2015 angehört und dort eine Führungsposi-
tion innegehabt habe. Wie das SEM zu Recht feststellte, ist weder ersicht-
lich, wo in Afghanistan er sich in all den Jahren vor seiner Ausreise im Jahr
2015 aufgehalten habe, noch ob er tatsächlich erst im Jahr 2015 ausgereist
sei, oder ob er längere Zeit in einem Drittstaat gelebt habe und dort über
eine Aufenthaltsbewilligung verfüge. Die Vorbringen auf Beschwerdeebene
sind nicht geeignet, das Gericht vom Gegenteil zu überzeugen. So ver-
mochte der Beschwerdeführer nicht plausibel zu erklären, weshalb er nicht
wisse, wo sich seine überlebenden Geschwister aufhalten würden, zumal
anzunehmen ist, dass zumindest ein Teil der Geschwister – wie der Be-
schwerdeführer auch – sporadischen Kontakt zum Vater pflegen und auf
diese Weise familieninterne Informationen weitergegeben werden (vgl. Ak-
ten SEM A21/24 F26 und F50). Wenig überzeugend ist sodann seine Be-
hauptung in der Replik, er kenne seinen Facebook-Freund I._ nicht
persönlich. Zwar ist dem Gericht bewusst, dass hinter einer Facebook-
Freundschaft oft keine persönliche Bekanntschaft steckt. Die aus
C._ in D._ stammenden Brüder I._ und K._
gehörten jedoch gemäss der Aktennotiz des SEM vom 22. November 2018
zu einer überschaubaren Anzahl von (...) Facebook-Freunden auf dem
Profil "J._" (Stand am 7. April 2020: [...] Freunde). Zudem müssen
Freundschaftsanfragen aktiv angenommen werden, weshalb die Behaup-
tung, man wähle seine Freunde nicht selber aus, falsch ist. Weiter fällt auf,
dass der Beschwerdeführer mit der Replik Screenshots eines anderen, auf-
grund des gleichen Profilbildes offensichtlich ebenfalls dem Beschwerde-
führer gehörenden Facebook-Profils "L._" einreichte. Dort hatte er
zum Zeitpunkt der Replik angeblich über (...) (Stand am 7. April 2020: [...])
Freunde, darunter wiederum I._ und K._. Es ist demnach
mit grosser Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass es sich beim Ab-
sender der aus Kabul zugesandten Beschwerdebeilagen um eine dem Be-
schwerdeführer tatsächlich bekannte Person handelt, welchen Umstand
Letzterer zu verheimlichen versuchte. Das SEM hat ebenfalls zu Recht da-
rauf hingewiesen, dass eine stattliche Anzahl der – damals – insgesamt
D-6153/2018
Seite 22
(...) Freunde des Beschwerdeführers in Kabul lebe. Es ist damit mit Ver-
weis auf die zutreffenden Ausführungen des SEM in der angefochtenen
Verfügung und der Vernehmlassung davon auszugehen, dass der Be-
schwerdeführer die Asylbehörden seine Biografie, Familienverhältnisse
und Aufenthalte in Afghanistan betreffend getäuscht hat. Bei dieser Aus-
gangslage ist es den Behörden nicht möglich, sich in voller Kenntnis der
tatsächlichen persönlichen und familiären Verhältnisse des Beschwerde-
führers zur Zumutbarkeit des Vollzugs zu äussern, was aber für die Über-
prüfung von Vollzugshindernissen grundsätzlich Voraussetzung ist. Nach
ständiger Rechtsprechung findet die Abklärungspflicht der Asylbehörden
ihre Grenze an der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person (Art. 8
AsylG). Es ist nicht Sache der Behörden, bei fehlenden, womöglich gezielt
vorenthaltenen Hinweisen, nach allfälligen hypothetischen Wegweisungs-
vollzugshindernissen zu forschen. Der Beschwerdeführer hat die Folgen
seiner Mitwirkungspflichtverletzung insoweit zu tragen, als seitens der
Asylbehörden der Schluss zu ziehen ist, es spreche nichts gegen eine
Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort, da er keine konkreten und
glaubhaften Hinweise dargetan hat, die gegen eine solche Rückkehr spre-
chen (vgl. BVGE 2014/12. E. 6). Der Vollzug der Wegweisung erweist sich
demnach nicht als unzumutbar.
8.5 Nach Art. 83 Abs. 2 AIG ist der Vollzug auch als möglich zu bezeichnen,
weil es dem Beschwerdeführer obliegt, bei der zuständigen Vertretung sei-
nes Heimatstaats die für seine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu
beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; BVGE 2008/34 E. 12).
8.6 Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorinstanz den Wegweisungs-
vollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet hat. Eine
Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83
Abs. 1-4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen folgt, dass die angefochtene Verfügung Bundes-
recht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie voll-
ständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich über-
prüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das mit der Be-
D-6153/2018
Seite 23
schwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung und Rechtsverbeiständung wurde jedoch mit Verfügung vom
13. November 2018 gutgeheissen. Da aufgrund der Akten nicht davon aus-
zugehen ist, die finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers hätten
sich seither in relevanter Weise verändert, ist dieser nach wie vor als be-
dürftig zu erachten. Es sind daher keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
10.2 Dem amtlichen Rechtsbeistand ist ein Honorar auszurichten (vgl. für
die Grundsätze der Bemessung der Parteientschädigung Art. 7 ff. des Reg-
lements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE]). Bei amtlicher Vertretung geht
das Gericht in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.− bis
Fr. 220.− für Anwältinnen und Anwälte und von Fr. 100.− bis Fr. 150.− für
nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10
Abs. 2 VGKE), wobei nur der notwendige Aufwand zu entschädigen ist (vgl.
Art. 8 Abs. 2 VGKE). Der Rechtsvertreter hat in seiner Honorarnote vom
17. Dezember 2018 ein Honorar von total Fr. 3431.− (inkl. Auslagen von
Fr. 81.60) eingesetzt. Der Aufwand für das Schreiben vom 12. Juni 2019
die neue Büroadresse betreffend ist nicht zu entschädigen, da er für das
vorliegende Beschwerdeverfahren nicht als notwendig erkannt werden
kann. Der ausgewiesene zeitliche Aufwand von 11.5 Stunden und die Aus-
lagen von Fr. 81.60 erscheinen angemessen. Hingegen ist der Stundenan-
satz von Fr. 270.− auf Fr. 220.− für anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter
zu kürzen. Der Rechtsbeistand ist folglich durch das Bundesverwaltungs-
gericht mit Fr. 2812.70 (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag)
zu entschädigen.
11.
Abschliessend ist festzuhalten, dass sich der Rechtsvertreter des Be-
schwerdeführers in seinen Rechtsschriften einer teilweise scharfen Aus-
drucksweise bediente. Zwar ist Parteien und ihren Vertretern eine Kritik der
Behörden erlaubt (vgl. RES NYFFENEGGER in: AUER/MÜLLER/SCHINDLER
[Hrsg.], VwVG, Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsver-
fahren, 2. Auflage 2019, N 4 zu Art. 60 VwVG). Jedoch ist die Formulierung
in der Replik, die Vorinstanz verschärfe "ihre hirnrissige Behauptung der
Verletzung der Mitwirkungspflicht in der Vernehmlassung auf eine Weise,
die ernsthafte Zweifel an der geistigen Gesundheit des Autors aufkommen"
lasse (vgl. Replik S. 3), als diffamierend beziehungsweise beleidigend ein-
zustufen, womit grundsätzlich eine Verletzung des gebührenden Anstands
im Sinne von Art. 60 Abs. 1 VwVG vorliegt. Der Rechtsvertreter ist erneut
daran zu erinnern (vgl. Urteil D-2106/2013 vom 5. Mai 2014 E. 5.1), dass
D-6153/2018
Seite 24
sich das Gericht im Wiederholungsfall das Aussprechen einer Disziplinar-
massnahme im Sinne von Art. 60 Abs. 1 VwVG vorbehält.
(Dispositiv nächste Seite)
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