Decision ID: 1c5533b4-83e3-53d0-b4b6-3a1c62982d91
Year: 2016
Language: de
Court: BE_VG
Chamber: BE_VG_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Vom 9. Oktober bis 9. November 2015 legte der Gemeinderat der  (EG) Grindelwald eine Änderung der Überbauungsordnung (ÜO) «Fiescherblick» öffentlich auf. Im Publikationstext wurde auf die  hingewiesen sowie auf die Möglichkeit, «gegen den Beschluss des Gemeinderates vom 22. September 2015, das geringfügige Verfahren durchzuführen», beim Regierungsstatthalteramt  Beschwerde zu erheben.
B.
A._, Einwohnerin von Grindelwald und Eigentümerin der von der ÜO «Fiescherblick» teilweise miterfassten Parzelle Grindelwald Gbbl. Nr. 1_ sowie der an diese angrenzenden Parzelle Nr. 2_, reichte am 9. November 2015 bei der EG Grindelwald eine Einsprache gegen die Änderung der ÜO ein. Gleichentags führte sie Beschwerde beim  Interlaken-Oberhasli mit dem Antrag, der Beschluss des Gemeinderats über die Durchführung des geringfügigen Verfahrens für die Änderung der ÜO «Fiescherblick» sei aufzuheben. Mit Entscheid vom 19. Januar 2016 wies der Regierungsstatthalter die Beschwerde ab.
C.
Dagegen hat A._ am 19. Februar 2016  erhoben. Sie beantragt, der Entscheid des  Interlaken-Oberhasli vom 19. Januar 2016 und der Beschluss des Gemeinderats Grindelwald vom 22. September 2015 seien aufzuheben.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 28.11.2016, Nr. 100.2016.58U, Seite 3
Die EG Grindelwald und das Regierungsstatthalteramt Interlaken-Oberhasli beantragen mit Beschwerdeantwort vom 18. März 2016 bzw.  vom 26. Februar 2016, die Beschwerde sei abzuweisen.
Die Gemeinde hat auf Aufforderung der Instruktionsrichterin hin die  Akten zur Änderung der ÜO «Fiescherblick» eingereicht.

Erwägungen:
1.
1.1 Das Verwaltungsgericht beurteilt gemäss Art. 74 Abs. 2 Bst. c des Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) kantonal letztinstanzlich Beschwerden betreffend kommunale Wahl- und Abstimmungssachen. Eine solche Angelegenheit liegt hier  vor, als der angefochtene Entscheid für die Änderung der ÜO «Fiescherblick» das Verfahren der geringfügigen Änderung von  und Plänen für zulässig erklärt und damit unmittelbare Auswirkungen auf das als verletzt gerügte Stimmrecht hat (Beschlusskompetenz des  statt der Stimmberechtigten; BVR 2015 S. 450 [VGE 2014/191 vom 21.5.2015], nicht publ. E. 1.1, 2013 S. 343 E. 3.1). Die  ist in der Gemeinde stimmberechtigt und hat am vorinstanzlichen Verfahren teilgenommen. Sie ist daher zur Beschwerde befugt (Art. 79b Bst. b VRPG). Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
1.2 Das Verwaltungsgericht überprüft den angefochtenen Entscheid auf Rechtsverletzungen hin (Art. 80 VRPG). Da die Streitigkeit von  Bedeutung ist, urteilt es in Fünferbesetzung (Art. 56 Abs. 2 Bst. a des Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft [GSOG; BSG 161.1]).
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 28.11.2016, Nr. 100.2016.58U, Seite 4
2.
Anfechtungsgegenstand bildet der Entscheid des Regierungsstatthalters vom 19. Januar 2016, mit dem dieser den «Beschluss des Gemeinderats vom 22. September 2015 i.S. Änderung der ÜO ‹Fiescherblick› im -geringfügigen Verfahren (Art. 60 Abs. 4 BauG und Art. 122 Abs. 7 BauV)» bestätigt hat. Die Beschwerdeführerin beantragt die Aufhebung dieses Entscheids sowie des Beschlusses der Gemeinde mit der , der Gemeinderat hätte nicht bereits vor der öffentlichen Auflage der Planänderung über die Verfahrensart entscheiden dürfen. Art. 122 Abs. 7 der Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1) verpflichte den Gemeinderat, vor dem definitiven Beschluss über die Verfahrensart ein öffentliches Einspracheverfahren durchzuführen. Die Wahl des Verfahrens solle erst in Kenntnis der gegen die Planänderung und gegen das  Verfahren erhobenen Einwände erfolgen. – Die Gemeinde bringt dagegen vor, mit dem gewählten Vorgehen werde sichergestellt, dass sich alle Stimmberechtigten, die möglicherweise von einer Verletzung ihres Stimmrechts betroffen sein könnten, rechtzeitig über die möglichen Folgen und die Beschwerdemöglichkeit bewusst würden. Damit werde dem Umstand Rechnung getragen, dass sich andernfalls nur Personen, die sich als einsprachelegitimiert erachteten, für ihr Stimmrecht wehren könnten. Um die potenziell zur Stimmrechtsbeschwerde befugten Personen korrekt in das Verfahren einzubeziehen, sei nun ein zweistufiges Verfahren . Vorerst gehe es darum zu klären, ob das vorgesehene Verfahren zu Recht durchgeführt werde und somit nicht in die Rechte der  eingreife.
3.
Angesichts der vorgebrachten Rügen ist vorab auf das Verfahren für  und Pläne näher einzugehen.
3.1 Für den Erlass und die Änderung der baurechtlichen Grundordnung sowie für den Erlass, die Änderung und die Aufhebung von  sind grundsätzlich die Stimmberechtigten zuständig (Art. 66
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 28.11.2016, Nr. 100.2016.58U, Seite 5
Abs. 2 des Baugesetzes vom 9. Juni 1985 [BauG; BSG 721.0]). Vorlagen, welche die baurechtliche Grundordnung oder eine Überbauungsordnung betreffen, sind während wenigstens 30 Tagen öffentlich aufzulegen;  der Auflagefrist kann schriftlich Einsprache erhoben werden. Vor dem Beschluss durch das zuständige Gemeindeorgan sind  durchzuführen (Art. 60 Abs. 1 und 2 BauG). Soweit öffentlich aufgelegte Vorschriften oder Pläne vor oder bei der Beschlussfassung oder im kantonalen Genehmigungsverfahren geändert werden, ist den davon Betroffenen Kenntnis und Gelegenheit zur Einsprache oder Beschwerde zu geben (Art. 60 Abs. 3 BauG). Für geringfügige Änderungen von  und Nutzungsplänen steht nach Art. 144 Abs. 2 Bst. i BauG i.V.m. Art. 122 BauV indessen ein vereinfachtes Verfahren zur Verfügung (zur Gesetz- und Verfassungsmässigkeit dieser Vorschriften vgl. BVR 2015 S. 450 E. 4 f.; vgl. auch Art. 60 Abs. 4 BauG). Über solche Änderungen kann der Gemeinderat als endgültig zuständiges Gemeindeorgan ohne Vorprüfung und ohne öffentliche Auflage beschliessen (Art. 122 Abs. 1 BauV). Vor dem Beschluss ist gemäss Art. 122 Abs. 2 BauV den davon betroffenen Grundeigentümerinnen und Grundeigentümern, soweit sie der Änderung nicht unterschriftlich zugestimmt haben, eine Frist von  zehn Tagen zur Einreichung einer Einsprache anzusetzen. Ist , ob eine vorgesehene Änderung noch als geringfügig gelten kann, so ist für sie das öffentliche Einspracheverfahren nach Art. 60 BauG  mit dem Hinweis, dass beabsichtigt ist, die Änderung im Verfahren der geringfügigen Änderung von Nutzungsplänen vorzunehmen (Art. 122 Abs. 7 BauV).
3.2 Sowohl die im ordentlichen Verfahren als auch die im Verfahren für geringfügige Änderungen beschlossenen Vorschriften und Pläne der  bedürfen gemäss Art. 61 Abs. 1 BauG i.V.m. Art. 109 Abs. 3 BauV der Genehmigung durch das Amt für Gemeinden und Raumordnung des Kantons Bern (AGR). Dieses prüft, ob sie rechtmässig und mit den  Vorschriften vereinbar sind und entscheidet zugleich mit voller Überprüfungsbefugnis über die (unerledigten) Einsprachen (Art. 61 Abs. 1 BauG). Zur Einsprache – und zur Beschwerde gegen den  – ist namentlich befugt, wer durch das Vorhaben unmittelbar in eigenen schutzwürdigen Interessen betroffen ist (Art. 61a Abs. 2 Bst. a und
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 28.11.2016, Nr. 100.2016.58U, Seite 6
Art. 60 Abs. 2 i.V.m. Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG). Die Einsprachen können auch Verfahrensfehler der Gemeindeorgane bei der Vorbereitung und  der Vorlagen zum Gegenstand haben (BVR 2013 S. 343 E. 3.2; Zaugg/Ludwig, Kommentar zum bernischen BauG, Band II, 3. Aufl. 2010, Art. 60 N. 4; Peter Ludwig, Bemerkungen zu VGE 2014/191 vom 21.5.2015, in BVR 2015 S. 465 ff., 466 f.). Die Stimmberechtigung in der Gemeinde genügt für die Einsprachebefugnis im Planerlassverfahren aber nicht. Wer in der Gemeinde stimmberechtigt ist, kann die Rüge, eine Planänderung sei vom Gemeinderat als endgültig zuständiges  beschlossen anstatt den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern  worden, indessen im Verfahren der Stimmrechtsbeschwerde  (Art. 60 Abs. 1 Bst. b Ziff. 2 i.V.m. Art. 2 Abs. 1 Bst. b und Art. 65b Bst. b VRPG; BVR 2013 S. 343 E. 3.1 und 3.4, 2011 S. 314 E. 1.1.3). Zu deren Beurteilung ist das Regierungsstatthalteramt zuständig (Art. 63 Abs. 1 Bst. b VRPG). Daraus ergibt sich die in BVR 2013 S. 343 E. 3.4 angesprochene unbefriedigende Situation, dass unter Umständen über Mängel bei der Vorbereitung und Beschlussfassung der Planung  zwei verschiedene Behörden (AGR und Regierungsstatthalteramt) zu entscheiden haben (vgl. dazu auch Peter Ludwig, a.a.O., S. 467); künftig soll deshalb das AGR auch zur Beurteilung von Stimmrechtsbeschwerden im Genehmigungsverfahren zuständig sein (Änderung von Art. 61 Abs. 2 BauG; Referendumsvorlage einsehbar unter <http://www.gr.be.ch>,  «Geschäfte», «Geschäfte mit [möglichem] Referendum»).