Decision ID: ec0fa1ca-7551-45f1-affb-7b317125b871
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
Der 1982 geborene, aufgrund seines Arbeitsverhältnisses obligatorisch bei
der Beschwerdegegnerin versicherte Beschwerdeführer meldete der Be-
schwerdegegnerin am 14. Oktober 2020, er habe sich am 30. September
2020 beim Sport das rechte Knie verdreht. Die Beschwerdegegnerin tätigte
in der Folge Abklärungen betreffend den Ereignishergang, holte medizini-
sche Berichte ein und nahm Rücksprache mit dem Kreisarzt. Mit Verfügung
vom 19. Juli 2021 verneinte die Beschwerdegegnerin eine Leistungspflicht
ihrerseits, da die Kniebeschwerden "weder auf einen Unfall noch auf eine
unfallähnliche Körperschädigung zurückzuführen" seien und auch keinen
Rückfall zum im Jahr 2016 erlittenen Unfall darstellten. Die dagegen vom
Beschwerdeführer erhobene Einsprache wies sie nach erneuter Rückspra-
che mit dem Kreisarzt mit Einspracheentscheid vom 6. Mai 2022 ab.
2.
2.1.
Gegen den Einspracheentscheid vom 6. Mai 2022 erhob der Beschwerde-
führer mit Eingabe vom 7. Juni 2022 Beschwerde und stellte folgende
Rechtsbegehren:
" 1. Es sei der Einspracheentscheid vom 6. Mai 2022 aufzuheben.
2. Es seien dem Beschwerdeführer die gesetzlichen Leistungen aus UVG
auszurichten.
3. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwer-
degegnerin."
2.2.
Die Beschwerdegegnerin beantragte mit Vernehmlassung vom 22. Juni
2022 die Abweisung der Beschwerde.

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Die Beschwerdegegnerin führte im angefochtenen Einspracheentscheid
zusammengefasst aus, dass beim Ereignis vom 30. September 2020 nicht
von einem Unfall ausgegangen werden könne. Auch liege keine Leistungs-
pflicht aufgrund einer unfallähnlichen Körperschädigung vor, da die Menis-
kusschädigung überwiegend auf Abnutzung bzw. Überlastung zurückzu-
führen sei (vgl. Vernehmlassungsbeilage [VB] 69). Der Beschwerdeführer
macht demgegenüber im Wesentlichen geltend, das Ereignis vom 30. Sep-
tember 2020 sei als Unfall zu qualifizieren und die Beschwerdegegnerin
- 3 -
dementsprechend leistungspflichtig (vgl. insbesondere Beschwerde,
Ziff. 7).
Streitig und zu prüfen ist demnach, ob die Beschwerdegegnerin Ihre Leis-
tungspflicht in Zusammenhang mit dem Ereignis vom 30. September 2020
zu Recht verneint hat.
2.
2.1.
Gemäss Art. 6 UVG werden, soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt,
die Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und
Berufskrankheiten gewährt (Abs. 1). Ein Unfall ist gemäss Art. 4 ATSG die
plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnli-
chen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträch-
tigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den
Tod zur Folge hat. Der Unfallbegriff enthält somit fünf Tatbestandsmerk-
male (Körperverletzung [bzw. Tod], äussere Einwirkung, Plötzlichkeit, feh-
lende Absicht und Ungewöhnlichkeit [der äusseren Einwirkung]; BGE 134
V 72 E. 2.3 S. 75).
2.2.
Nach der Rechtsprechung ist der äussere Faktor ungewöhnlich, wenn er –
nach einem objektiven Massstab – nicht mehr im Rahmen dessen liegt,
was für den jeweiligen Lebensbereich alltäglich und üblich ist (BGE 142
V 219 E. 4.3.1 S. 221; SVR 2022 UV Nr. 13 S. 55, 8C_430/2021 E. 2.3).
Das Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors kann unter anderem
in einer unkoordinierten Bewegung bestehen. Bei Körperbewegungen gilt
dabei der Grundsatz, dass das Erfordernis der äusseren Einwirkung ledig-
lich dann erfüllt ist, wenn ein in der Aussenwelt begründeter Umstand den
natürlichen Ablauf einer Körperbewegung gleichsam "programmwidrig" be-
einflusst hat. Bei einer solchen unkoordinierten Bewegung ist der unge-
wöhnliche äussere Faktor zu bejahen, denn der äussere Faktor – Verän-
derung zwischen Körper und Aussenwelt – ist wegen der erwähnten Pro-
grammwidrigkeit zugleich ein ungewöhnlicher Faktor (BGE 130 V 117
E. 2.1 S. 118; SVR 2021 UV Nr. 21 S. 101, 8C_586/2020 E. 3.3; zum Gan-
zen: Urteil des Bundesgerichts 8C_24/2022 vom 20. September 2022
E. 3.2).
3.
3.1.
Den vorliegenden Akten lässt sich betreffend das Ereignis vom 30. Sep-
tember 2020 im Wesentlichen Folgendes entnehmen:
- 4 -
3.1.1.
Die Arbeitgeberin des Beschwerdeführers meldete der Beschwerdegegne-
rin am 14. Oktober 2020, dieser habe sich am 30. September 2020 beim
Sport bei einem Drehschlag das rechte Knie verdreht (VB 1).
3.1.2.
Im Bericht von Dr. med. B., Facharzt für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates, C., Q., vom 4. Dezember 2020
wurde angegeben, der Beschwerdeführer habe "Beschwerden im Bereich
des rechten Kniegelenkes, hier beim Kampfsport Drehbewegung und High-
Kick anschliessend Schmerzen im medialen Knie" (VB 5).
3.1.3.
Der Beschwerdeführer gab am 9. Februar 2021 auf dem Fragebogen der
Beschwerdegegnerin zum Ereignishergang an, im Rahmen des Kick-
boxtrainings einen Drehkick mit dem linken Bein gegen einen Boxsack aus-
geführt zu haben, wobei das rechte (Stand-)Bein nicht mitgedreht habe
(VB 12).
3.1.4.
Anlässlich eines Telefonates mit einer Sachbearbeiterin der Beschwerde-
gegnerin teilte der Beschwerdeführer am 23. Februar 2021 mit, er habe auf
einer Gummimatte ein Kickboxtraining durchgeführt. Beim Ausführen eines
Drehkicks mit dem linken Unterschenkel gegen den Boxsack hätten sich
bei der entsprechenden Drehbewegung sein rechter Fuss und somit auch
das rechte Knie nicht mitgedreht. Dadurch habe er sich beim Abdrehen des
Oberkörpers und der Hüfte das rechte Knie verdreht, woraufhin er wegen
der Schmerzen gestürzt sei und das Training umgehend habe abbrechen
müssen (VB 14).
3.1.5.
Bei einem Gespräch mit einer Mitarbeiterin der Beschwerdegegnerin am
10. März 2021 wiederholte der Beschwerdeführer im Wesentlichen seine
Schilderungen vom 23. Februar 2021 und ergänzte, nach dem Verdrehen
einen starken Schmerz auf der Innenseite des rechten Knies verspürt zu
haben. Aufgrund der Schmerzen sei er zusammengesackt. In der Hocke
seien die Schmerzen noch stärker gewesen, sodass er sich "nach vorne
links" habe fallen lassen. Aufgrund der Schmerzen sei ihm sofort klar ge-
wesen, dass er sich eine Verletzung zugezogen habe. Die der Beschwer-
degegnerin zudem am 13. Oktober 2020 gemeldeten linksseitigen Kniebe-
schwerden bestünden schon seit längerem und seien wohl auf einen Unfall
beim Joggen zurückzuführen (VB 28).
- 5 -
3.2.
Das Merkmal der Ungewöhnlichkeit, und damit das Vorliegen eines Unfalls,
ist bei einer Sportverletzung ohne besonderes Vorkommnis rechtspre-
chungsgemäss zu verneinen (vgl. BGE 130 V 117 E. 2.2 Ingress S. 118;
SVR 2014 UV Nr. 21 S. 67, 8C_835/2013 E. 5.1; Urteil des Bundesge-
richts 8C_24/2022 vom 20. September 2022 E. 5.2). Der äussere Faktor ist
nicht gegeben, wenn ein Geschehen in die gewöhnliche Bandbreite der
Bewegungsmuster des betreffenden Sports fällt (SVR 2014 UV Nr. 21
S. 67, 8C_835/2013 E. 5.2; SVR 2011 UV Nr. 11 S. 39, 8C_693/2010 E. 5;
Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts U 199/03 vom 10. Mai
2004 E. 4.2 [nicht publiziert in BGE 130 V 380]).
3.3.
Im dargelegten, vom Beschwerdeführer mehrfach und konsistent geschil-
derten Ereignisablauf (E. 3.1.) ist kein äusserer Faktor im Sinne der Recht-
sprechung erkennbar. Die Ausführung eines Drehkicks entspricht einem
üblichen Geschehen im Rahmen eines Kickboxtrainings. Der Umstand,
dass dabei das Standbein ohne weitere Einwirkung nicht mitdrehte, be-
gründet noch keine Ungewöhnlichkeit. Zwar entspricht dies nicht dem ge-
wohnten Ablauf, jedoch reicht es für die Annahme einer Ungewöhnlichkeit
noch nicht aus, wenn die Übung nicht ideal verläuft, solange sich die Art
der Ausführung noch in der Spannweite des Üblichen des betreffenden
Sportes bewegt (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts
U 322/02 vom 7. Oktober 2003 E. 4.4). Davon ist im vorliegenden Fall aus-
zugehen; den Schilderungen des Beschwerdeführers lassen sich keine für
einen Kick unüblichen Bewegungsabläufe oder Einwirkungen entnehmen.
Das Auftreten von Schmerzen nach Ausführung der entsprechenden Be-
wegung gilt für sich allein ebenfalls noch nicht als äusserer Faktor im Sinne
der Rechtsprechung (BGE 129 V 466 E. 4.2.1 S. 469 f.; Urteil des Bundes-
gerichts 8C_333/2018 vom 25. September 2018 E. 5.1).
3.4.
Aufgrund eines fehlenden äusseren ungewöhnlichen Faktors ist der Unfall-
begriff nach Art. 4 ATSG nicht erfüllt, weshalb unter dem Titel "Unfall" keine
Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin in Zusammenhang mit dem Er-
eignis vom 30. September 2020 besteht.
4.
4.1.
Die vom Beschwerdeführer erlittene Verletzung (mediale Meniskusläsion
[vgl. etwa VB 22/1] stellt eine Körperschädigung im Sinne von Art. 6 Abs. 2
lit. c UVG dar.
4.2.
Die Unfallversicherung erbringt ihre Leistungen auch für die in Art. 6 Abs. 2
UVG aufgezählten Verletzungen, sofern diese Körperschädigungen nicht
- 6 -
vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen sind. Damit
wird der Unfallversicherer bei Vorliegen einer diagnostizierten Listenver-
letzung grundsätzlich leistungspflichtig, solange er nicht den Nachweis da-
für erbringt, dass die fragliche Listenverletzung vorwiegend, d.h. im gesam-
ten Ursachenspektrum zu mehr als 50 %, auf Abnützung oder Erkrankung
zurückzuführen ist (BGE 146 V 51 E. 8.2.2 S. 64 f.).
4.3.
Die Beschwerdegegnerin ging im angefochtenen Einspracheentscheid da-
von aus, die Meniskusläsion sei vorwiegend auf Abnutzung zurückzuführen
(VB 69/6 ff.). Dabei stützte sie sich auf die Beurteilung des Kreisarztes
Dr. med. D., Praktischer Arzt, in dessen Stellungnahmen vom 9. Juli 2021
(VB 50) und 26. April 2022 (VB 67). Dieser führte aus, bereits anlässlich
der MRI-Abklärung von 2016 (vgl. VB 67/3 f.) habe sich eine beginnende
degenerative horizontale Läsion im Bereich des medialen Hinterhorns
gezeigt, welche im zeitlichen Verlauf von vier Jahren zugenommen habe.
Entsprechend finde sich im MRI von 2020 (vgl. VB 67/2, 4; Bericht
Röntgeninstitut R. vom 21. Oktober 2020; VB 13) eine deutlichere Sig-
nalanhebung mit nun bis an die Unterfläche reichender Läsion. Im vorlie-
genden MRI zeige sich eine Signalanhebung im Bereich der Kapsel und
perivaskulären Weichteile medial, was ein Hinweis auf eine mediale Über-
lastung im Sinne einer Dehnung sei. Aufgrund der Dokumentation mit be-
reits im Jahre 2016 bestehenden degenerativen Veränderungen und dem
"jetzigen" Befund handle es sich mit überwiegender Wahrscheinlichkeit um
mehrheitlich degenerative Veränderungen durch chronische Überbelas-
tung, welche im zeitlichen Verlauf zugenommen hätten (VB 50/2). Der kern-
spintomographische Befund stelle sich im vorliegenden Fall als "typisch de-
generativ bedingt" dar. Ein solcher Befund löse gemäss der diesbezügli-
chen Literatur "häufig «bis in der Mehrzahl»" keine Beschwerden aus. Kick-
boxen belaste die Kniegelenke/Kniebinnenstrukturen sehr stark. Sowohl
durch die Schlagbewegungen bzw. Schläge als auch durch die Einbeinbe-
lastungen bei den Schlägen komme es zu "permanenten Mikrotraumen und
Überbelastungen der Kniegelenksstrukturen", was naturgemäss und wie im
vorliegenden Fall zu einem erhöhten Verschleiss mit entsprechend typi-
schen degenerativen Veränderungen führe (VB 67/2, 4).
4.4.
Die Beurteilung von Dr. med. D. erfüllt die Anforderungen an den Be-
weiswert einer versicherungsinternen Aktenbeurteilung (vgl. BGE 135
V 465 E. 4.4 S. 469 f.; Urteil des Bundesgerichts 9C_411/2018 vom
24. Oktober 2018 E. 4.2). Dieser führte unter Berücksichtigung der medizi-
nischen Akten nachvollziehbar und schlüssig aus, weshalb die Meniskus-
läsion des Beschwerdeführers auf degenerative Gründe und dabei insbe-
sondere die hohe Belastung durch das Kickboxen zurückzuführen seien.
Entgegenstehende medizinische Stellungnahmen lassen sich den Akten
mit Ausnahme des Berichtes des Dr. med. B. vom 1. September 2021 denn
- 7 -
auch nicht entnehmen. In diesem wurde ausgeführt, dass "die mediale
Meniscushinterhornläsion am rechten Knie vom 30.09.2020 ganz klar auf
einen Unfall zurückzuführen" sei. Der Beschwerdeführer habe "einen High-
Kick gemacht mit Drehbewegungen, was die Schmerzen plötzlich
ausgelöst habe. Zudem sei es im Alter des Beschwerdeführers "ohne vor-
heriges Trauma des medialen rechten Meniscus sehr unwahrscheinlich die
Läsion auf degenerative Veränderungen zurückzuführen" (VB 60/5). Mit
dieser Einschätzung setzte sich Dr. med. D. ausführlich auseinander
(VB 67) und wies zu Recht daraufhin, dass Dr. med. B. im Wesentlichen
lediglich eine beweisrechtlich unzulässige "post hoc ergo propter hoc"-Wür-
digung vornimmt (vgl. dazu BGE 142 V 325 E. 2.3.2.2 S. 330). Der Be-
schwerdeführer macht beschwerdeweise auch nicht geltend, es bestehe
eine Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin aufgrund einer Listenver-
letzung nach Art. 6 Abs. 2 UVG, weshalb sich diesbezügliche Weiterungen
erübrigen.
5.
5.1.
Nach dem Dargelegten hat die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht
das Ereignis vom 30. September 2020 bzw. die ihr am 14. Oktober 2020
gemeldete rechtsseitige Knieverletzung betreffend zu Recht verneint. Die
gegen den Einspracheentscheid vom 6. Mai 2022 erhobene Beschwerde
ist daher abzuweisen.
5.2.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. fbis ATSG).
5.3.
Dem Beschwerdeführer steht nach dem Ausgang des Verfahrens (Art. 61
lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung als Sozi-
alversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) keine Parteient-
schädigung zu.