Decision ID: f5869725-e8ad-5ed4-85c6-ebe4b272d5f8
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte erstmals am 10. Februar 2004 in der
Schweiz um Asyl nach, nachdem sie im Rahmen eines Familiennachzugs
(Mutter) in die Schweiz eingereist war. Mit Verfügung vom 2. Juli 2004
stellte das Bundesamt für Flüchtlinge (BFF, heute SEM) fest, die Beschwer-
deführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, wies das Asylgesuch ab,
verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete aufgrund der Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme an. Am
(...) wurde B._ geboren. Die Beschwerdeführerin und ihr Sohn
kehrten – wie ihr Mann F._ – freiwillig im Rahmen eines Rückkehr-
hilfeprogramms in den Irak zurück, wo (...) die gemeinsame Tochter
C._ geboren wurde. Am 20. November 2018 suchte ihr Mann er-
neut in der Schweiz um Asyl nach (hierzu Urteil des BVGer E-2283/2019
vom 5. August 2021).
B.
Die Beschwerdeführerin suchte mit ihren beiden Kindern am 18. April 2019
in der Schweiz ebenfalls erneut um Asyl nach und wurde dem Bundesasyl-
zentrum Region Zürich zugewiesen. Am 30. April 2019 fand die Personali-
enaufnahme statt. Am 6. Mai 2019 bevollmächtigte sie die ihr zugewiesene
Rechtsvertretung. Am 22. Mai 2019 fand die Anhörung statt. Am 27. Mai
2019 wurde das Verfahren zwecks gemeinsamer Behandlung mit dem Ver-
fahren ihres Mannes dem erweiterten Verfahren zugewiesen. Am 3. Feb-
ruar 2021 bevollmächtigte die Beschwerdeführerin die Rechtsvertretung
für das erweiterte Verfahren. Am 23. Februar 2021 fanden die (ergänzen-
den) Anhörungen im erweiterten Verfahren der Beschwerdeführerin und
ihres Sohnes statt.
Die Beschwerdeführerin machte geltend, sie habe ihren Mann bei ihrem
ersten Aufenthalt in der Schweiz kennengelernt und ihn 2004 religiös ge-
heiratet. 2013 sei sie mit ihm und ihren Kindern freiwillig in die Heimat zu-
rückgekehrt und habe dabei Rückkehrhilfe beantragt und erhalten. Ihr
Mann sei 2018 erneut in die Schweiz gekommen, um seinem in D._
lebenden Bruder eine Niere zu spenden. Nach seiner Ausreise habe er
Probleme mit seinem Arbeitgeber bekommen, weshalb er in der Schweiz
geblieben und sie im Irak mit den Kindern alleine zurückgeblieben sei. Sie
sei von den ehemaligen Arbeitskollegen ihres Mannes belästigt worden,
als diese ihn zu Hause gesucht hätten. Zudem habe ihr Schwager sie ge-
schlagen und gedroht, sie zu töten und ihr die Kinder wegzunehmen.
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Ihr Sohn B._ führte aus, sie seien wegen der Schule und besserer
Zukunftsperspektiven in die Schweiz gekommen, zudem hätten seine On-
kel ihn und seine Mutter geschlagen und der Islamische Staat (IS) habe in
Dohuk eine Gefahr dargestellt.
C.
Mit Verfügung vom 5. Mai 2021 stellte das SEM fest, die Beschwerdefüh-
rerin und ihre beiden Kinder erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte deren Asylgesuche ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz
und ordnete deren Vollzug an.
D.
Mit Eingabe vom 5. Juni 2021 (Poststempel) reichte die Beschwerdeführe-
rin unter Beilage eines Schreibens des Bezirksgerichts E._ in Sa-
chen Scheidungsbegehren und eines Schreibens ihres Mannes beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragte, die Verfügung
vom 5. Mai 2021 sei aufzuheben, die Flüchtlingseigenschaft festzustellen
und Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Unzulässigkeit sowie die Unzu-
mutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen und die vorläufige
Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht sei das vorliegende Ver-
fahren in Bezug auf die Flüchtlingseigenschaft der Kinder mit demjenigen
des Vaters zu koordinieren, die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren
sowie in der Person der Unterzeichneten eine unentgeltliche Rechtsbei-
ständin beizuordnen.
E.
Mit Instruktionsverfügung vom 9. Juni 2021 bestätigte der Instruktionsrich-
ter den Eingang der Beschwerde und stellte fest, die Beschwerdeführerin
und ihre Kinder könnten den Ausgang des Verfahrens einstweilen in der
Schweiz abwarten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwer-
den gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem Gebiet
des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG;
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsad-
ressatin zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die
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frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108
Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden in der Regel
in der Besetzung mit drei Richterinnen oder Richtern (Spruchkörper: Art. 21
Abs. 1 VGG). Das Gericht kann – wie vorliegend – auch in solchen Fällen
auf einen Schriftenwechsel verzichten (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
4.
Aufgrund des engen sachlichen und persönlichen Zusammenhangs ist das
vorliegende Verfahren mit dem Beschwerdeverfahren E-2283/2019 (Mann
der Beschwerdeführerin und Vater der Kinder) koordiniert zu behandeln.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rech-
nung zu tragen (vgl. Art. 3 AsylG).
5.2 Die Flüchtlingseigenschaft muss nachweisen oder zumindest glaubhaft
machen, wer um Asyl nachsucht (Art. 7 Abs. 1 AsylG). Glaubhaft gemacht
ist die Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind ins-
besondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet
oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder
massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt wer-
den (Art. 7 Abs. 2 und 3 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht hat die An-
forderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in einem publizierten
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Entscheid dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier ver-
wiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, m.w.H.).
5.3 Klare asylrelevante Aussagen, die in der Erstbefragung von den spä-
teren Aussagen diametral abweichen oder bestimmte Ereignisse oder Be-
fürchtungen, die nicht ansatzweise erwähnt wurden, sind Widersprüche,
die im Rahmen der Beweiswürdigung zu berücksichtigen sind (vgl. Ent-
scheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 1993 Nr. 3 E. 3).
6.
6.1 Die Vorinstanz kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Asylvorbringen der Beschwerdeführerin seien weder asylrelevant noch
glaubhaft ausgefallen. So habe sie sich nicht nur erheblich zu den Perso-
nen und der Anzahl, sondern auch zu den Suchinhalten der Hausbesuche
widersprochen. Hinzu komme, dass ihre diesbezüglichen Aussagen in gra-
vierendem Widerspruch zu denjenigen ihres Mannes stünden. Selbst ihre
Aussagen zum Schwager stünden nicht in Einklang mit denjenigen ihres
Sohnes. Im Übrigen könne sie sich in Bezug auf Übergriffe Dritter an die
zuständigen irakischen Behörden wenden, was in der Autonomen Region
Kurdistan (ARK) möglich sei.
6.2 Die Beschwerdeführerin fasst ihre Beschwerde dahingehend zusam-
men, dass auch wenn tatsächlich gewisse Ungereimtheiten in ihren Aus-
sagen bestehen würden, im Sinne einer Gesamtbetrachtung die Wahr-
scheinlichkeit, dass sie seitens ihres Schwagers nach der Ausreise ihres
Ehemannes Nachteile erlitten und auch künftig zu gewärtigen habe, als
glaubhaft erachtet werden könne.
7.
7.1 Nach Prüfung der Akten durch das Gericht ist in Übereinstimmung mit
der Vorinstanz festzustellen, dass die Vorbringen der Beschwerdeführerin
weder den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG noch denjenigen an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG
standzuhalten vermögen, weshalb vorab auf die zutreffenden Erwägungen
der Vorinstanz zu verweisen ist.
Die Asylvorbringen von F._ haben sich als unglaubhaft herausge-
stellt (vgl. Urteil des BVGer E-2283/2019 vom 5. August 2021 E. 8). Inso-
weit sich die Beschwerdeführerin auf diese stützt, sind auch ihre Aussagen
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unglaubhaft. Hinzu kommen gravierende Widersprüche, welche die Un-
glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen untermauern. Sie widersprach sich na-
mentlich zur Anzahl der Suchaktionen nach ihrem Mann, sollen diese doch
zunächst sehr oft (SEM-eAkten 25/18 F100–103) und dann doch nur ins-
gesamt zwei- bis dreimal stattgefunden haben (SEM-eAkten 38/15 F71).
Weiter widersprach sie sich zu den Personen, die diese Suchaktionen
durchgeführt haben sollen, indem sie in der Anhörung von Arbeitskollegen
ihres Mannes und in der ergänzenden Anhörung von Polizisten in Zivil
sprach (SEM-eAkten 25/18 F97 vs. 38/15 F64). Selbst die Angaben zum
Inhalt der Suche – Unterlagen oder Arbeitswerkzeuge gemäss Anhörung
(SEM-eAkten 25/18 F98) und Geld und Papiere gemäss ergänzender An-
hörung (SEM-eAkten 38/15 F65) – weichen gravierend voneinander ab. Im
Übrigen hinterlassen die protokollierten Vorbringen gesamthaft einen un-
substanziierten und stereotypen Eindruck; ihnen ist auch aus diesem
Grund die Glaubhaftigkeit abzusprechen. Die behaupteten Drohungen auf
Facebook konnte die Beschwerdeführerin trotz schriftlicher Aufforderung
nicht belegen. Sollten ihre Probleme mit dem Schwager – ungeachtet der
Widersprüche (z. B. SEM-eAkten 37/11 F58 vs. 38/15 F52) – dennoch be-
standen haben, ist festzustellen, dass diese erst nach der Ausreise ihres
Mannes entstanden sind (vgl. auch Beschwerde S. 4). Da dieser mit ihr in
die Heimat zurückkehren wird, ist davon auszugehen, dass sich diese
Probleme lösen werden, andernfalls sich die Beschwerdeführerin an die
zuständigen irakischen Behörden wenden kann. Ihre Erklärungsversuche,
weshalb sie letzteres bis anhin nicht getan hat, vermögen nicht zu über-
zeugen (vgl. SEM-eAkten 38/15 F53). Das auf Beschwerdeebene einge-
reichte Bestätigungsschreiben ihres Mannes, in dem er ausführt, seine
Brüder hätten seine Frau nie gut behandelt, ändert hieran nichts.
Die Rechtsmitteleingabe ist nicht geeignet, zu einer anderen Einschätzung
zu gelangen, da sie lediglich an der Glaubhaftigkeit der gemachten Aussa-
gen festhält, indem sie entweder das bereits bei den Befragungen Darge-
legte wiederholt, die von der Vorinstanz aufgeführten Ungereimtheiten
nicht nachvollziehbar zu erklären vermag oder sich in weiteren Mutmas-
sungen erschöpft.
7.2 Zusammenfassend ist festzustellen, dass es der Beschwerdeführerin
nicht gelungen ist, einen glaubhaften beziehungsweise flüchtlingsrechtlich
bedeutsamen Sachverhalt darzulegen. Die Feststellung der Vorinstanz,
diese erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, ist dementsprechend zu be-
stätigen. Die Vorinstanz hat das Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
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Seite 7
8.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt. Die
Beschwerdeführerin und ihre Kinder verfügen weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen (vgl. BVGE 2009/50 E. 9). Die Wegweisung wurde zu Recht
angeordnet.
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). Beim Geltendmachen von Wegwei-
sungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsge-
richts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingsei-
genschaft; das heisst, sie sind wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.
BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völkerrecht-
liche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder
des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegen-
stehen. Da die Beschwerdeführerin und ihre Kinder die Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfüllen, ist das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot
von Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstel-
lung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG nicht anwendbar.
Die Zulässigkeit des Vollzuges beurteilt sich vielmehr nach den allgemei-
nen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV;
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
Aus den Akten ergeben sich keine konkrete Anhaltspunkte dafür, dass die
Beschwerdeführerin und ihre Kinder für den Fall einer Ausschaffung in den
Irak dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder
Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Die Aus-
führungen in der Beschwerde (erlittene Gewalt durch den Schwager, Ge-
fahr als alleinstehende Frau und angebliche Probleme einer Schwägerin)
führen in casu zu keinem anderen Schluss. Der Vollzug der Wegweisung
ist zulässig.
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Seite 8
9.3
9.3.1 Der Vollzug der Wegweisung kann nach Art. 83 Abs. 4 AIG unzumut-
bar sein, wenn der Ausländer oder die Ausländerin im Heimat- oder Her-
kunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner
Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet ist.
9.3.2 Die Vorinstanz stellt im Wesentlichen fest, die Konfliktlage im Irak
zeichne sich durch grosse Dynamik und Volatilität aus, womit allgemeine
Aussagen über die Sicherheits- und Menschenrechtslage rasch ihre Gül-
tigkeit verlieren könnten. Trotz grosser Flüchtlingswelle in die ARK sei die
Sicherheits- und Versorgungslage für Einheimische nicht derart gravie-
rend, dass generell von einer konkreten Gefährdung im Sinne von Art. 83
Abs. 4 AIG gesprochen werden könne. Die Lage in den angrenzenden Dis-
trikten in den Provinzen Ninawa, Salah ad-Din und Diyala habe sich zudem
dahingehend wesentlich verändert, dass der Krieg gegen die Terrormiliz
Islamischer Staat als Territorialmacht von der irakischen Regierung als be-
endet erklärt worden sei. Auch wenn nach wie vor das Risiko von terroris-
tischen Anschlägen bestehe und sich die wirtschaftliche Lage im Nachgang
des Unabhängigkeitsreferendums vom 25. September 2017 sowie auf-
grund der Ereignisse in der Region verschärft und teilweise zu Protesten
in der Bevölkerung geführt habe, herrsche in der Autonomen Region Kur-
distan keine Situation allgemeiner Gewalt. Der Wegweisungsvollzug sei
deshalb grundsätzlich zumutbar, was im Einklang mit der aktuellen Weg-
weisungspraxis des Bundesverwaltungsgerichts stehe. Zudem würden im
vorliegenden Fall auch keine individuellen Gründe gegen die Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs sprechen.
9.3.3 Diese Ausführungen sind nicht zu beanstanden. So hat sich das Bun-
desverwaltungsgericht im Urteil BVGE 2008/5 einlässlich mit der Frage der
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die drei damaligen kurdischen
Provinzen des Nordiraks (Dohuk, Erbil und Suleimania) auseinanderge-
setzt. Es hielt diesbezüglich fest, dass sich sowohl die Sicherheits- als auch
die Menschenrechtslage in dieser Region im Verhältnis zum restlichen Irak
relativ gut darstelle. Gestützt auf die vorgenommene Lageanalyse kam das
Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass ein Wegweisungsvollzug in
die kurdischen Provinzen dann zumutbar ist, wenn die betreffende Person
ursprünglich aus der Region stammt, oder eine längere Zeit dort gelebt hat
und über ein soziales Netz (Familie, Verwandtschaft oder Bekanntenkreis)
oder aber über Beziehungen zu den herrschenden Parteien verfügt, wobei
bei alleinstehenden Frauen, Familien mit Kindern, Kranken sowie Betagten
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grosse Zurückhaltung angebracht sei (vgl. BVGE 2008/5 E. 7.5, insb.
E. 7.5.1 und 7.5.8).
Diese Praxis wurde in den folgenden Jahren durch das Bundesverwal-
tungsgericht bekräftigt. Im Referenzurteil E-3737/2015 vom 14. Dezember
2015 wurde die Lage im Nordirak und die Zumutbarkeitspraxis neuerlich
überprüft. Festgestellt wurde, dass in den Provinzen der ARK aktuell nach
wie vor nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83
Abs. 4 AIG auszugehen ist. An dieser Einschätzung, welche jeweils auf die
aktuell herrschende Lage fokussiert, ändert auch das am 25. Septem-
ber 2017 in der ARK durchgeführte Referendum nichts, in dem offenbar
eine Mehrheit der Kurden für die Unabhängigkeit vom Irak votierte. Den
begünstigenden individuellen Faktoren – insbesondere denjenigen eines
tragfähigen familiären Beziehungsnetzes – ist angesichts der Belastung
der behördlichen Infrastrukturen durch im Irak intern Vertriebene (Internally
Displaced Persons [IDPs]) gleichwohl ein besonderes Gewicht beizumes-
sen (vgl. dazu statt vieler Urteil des BVGer E-1524/2020 vom 28. Mai 2020
E.6.4.2).
9.3.4 Die geltend gemachten und nicht belegten gesundheitlichen Be-
schwerden (insb. Schwerhörigkeit, Wunsch nach Augenoperation, Nieren-
beschwerden) erreichen nicht die erforderliche Schwere, um die Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs in Frage zu stellen. Selbst auf Beschwer-
deebene werden einzig Mutmassungen darüber angestellt, welche ge-
sundheitlichen Probleme die Beschwerdeführerin haben könnte, ohne je-
doch entsprechende medizinische Unterlagen ins Recht zu legen. Den Be-
fragungsprotokollen ist ferner zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin
trotz ihrer Hörschwäche allen Befragungen einwandfrei folgen konnte. Pra-
xisgemäss ist bei einer Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen nur dann von einer medizinisch bedingten Unzumutbarkeit aus-
zugehen, wenn die ungenügende Möglichkeit einer Weiterbehandlung eine
drastische und lebensbedrohliche Verschlechterung des Gesundheitszu-
stands nach sich zöge. Diese Schwelle ist vorliegend klar nicht erreicht.
Die medizinische Versorgung ist im Irak – wie von der Vorinstanz zutref-
fend festgestellt – für die geltend gemachten Beschwerden gewährleistet.
Im Übrigen steht es der Beschwerdeführerin im Rahmen der Rückkehr of-
fen, vor der Ausreise bei der Vorinstanz einen Antrag auf medizinische
Rückkehrhilfe zu stellen (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG).
Darüber hinaus sind keine weiteren individuellen Gründe ersichtlich, die
gegen einen Wegweisungsvollzug sprechen. Die Beschwerdeführerin
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stammt aus Kirkuk und lebte in der Provinz Dohuk (vgl. z. B. SEM-eAkten
17/6 Ziff. 1.07 und Ziff. 2.02, 25/18 F27 ff.). Sie ist bereits freiwillig mit ihrem
Sohn in den Nordirak zurückgehrt und verfügt dort – wie auch in der Be-
schwerde bestätigt wird – über ein intaktes familiäres Beziehungsnetz (Be-
schwerde S. 11). Zudem kann sie nötigenfalls auch weiterhin auf die finan-
zielle Hilfe ihrer Mutter aus der Schweiz oder auf die finanziellen Reserven
aus der bereits bezogenen Rückkehrhilfe zurückgreifen. Ihr Mann und Va-
ter der gemeinsamen Kinder wird gleichzeitig mit ihr und den Kindern in
den Irak weggewiesen. Es ist davon auszugehen, dass auch er – der vor
Ort über gute berufliche Perspektiven und ein hilfsbereites, intaktes famili-
äres Beziehungsnetz verfügt (vgl. Urteil BVGer E-2883/2019 vom 5. Au-
gust 2021 insb. E. 10.3.3) – sich um seine Frau und insbesondere die ge-
meinsamen Kinder kümmern wird. Auf Beschwerdeebene wurde zwar ein
Schreiben des Bezirksgerichts E._ in Sachen Scheidungsabsicht
eingereicht. Dieses Schreiben ist jedoch ebenso wenig, wie das aktenkun-
dige Urteil desselben Gerichts (mit dem das Scheidungsbegehren abge-
wiesen wurde) geeignet zu belegen, dass die Eltern der Kinder in Zukunft
nicht weiterhin (wie bereits bei ihrer letzten Rückkehr) für einander und ins-
besondere für ihre gemeinsamen Kinder einstehen sollten. Vielmehr sind
sowohl ein irakischer Ehevertag als auch ein Familienregisterauszug aller
vier Familienmitglieder aktenkundig, die diese Schlussfolgerung untermau-
ern (vgl. SEM-eAkten 26, vgl. ferner betr. Zusammenleben vor Ort SEM-
eAkten 25/18 F30). B._ ist zwar 2005 in der Schweiz geboren, lebte
dann aber seit seiner Rückkehr bis 2019 mit seinen Eltern im Irak, wo er
sich integrieren konnte und die Schule besuchte (SEM-eAkten 37/11 F8
ff.), was in der Beschwerde bestätigt wird (vgl. Beschwerde S. 11). Dass
die Schulbildung im Irak nicht dieselbe Qualität aufweist, wie diejenige in
der Schweiz, stellt kein Hindernis des Wegweisungsvollzugs dar.
C._ ist 2013 im Irak geboren. Sie ging zwar in der Schweiz in den
Kindergarten, wurde aber noch nicht eingeschult. Lediglich aufgrund des
aktenkundigen Schreibens der Kindergartenlehrperson, in dem C._
als ängstliche Person dargestellt wird, erweisen sich keine weiteren Abklä-
rungen als notwendig (vgl. SEM-eAkten 26). Vielmehr geht aus dem
Schreiben hervor, dass C._ stets auf die Begleitung beziehungs-
weise Nähe ihrer Mutter angewiesen sei, was darauf schliessen lässt, dass
diese weiterhin ihre wichtigste Bezugsperson ist. Aufgrund des Alters und
der relativ kurzen Dauer des aktuellen Aufenthaltes in der Schweiz, kann
nicht von einer fortgeschrittenen Verwurzelung der beiden Kinder in der
Schweiz gesprochen werden und sind die Eltern (noch immer) die wich-
tigsten Bezugspersonen. Es ist davon auszugehen, dass sich die beiden
Kinder im Irak nach einer kurzen Angewöhnungszeit (erneut) integrieren
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können. Eine Rückkehr in den Irak ist demnach auch mit dem Kindeswohl
vereinbar. Die Ausführungen in der Beschwerde vermögen an dieser
Schlussfolgerung nichts zu ändern.
Der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführerin und ihrer beiden Kin-
der erweist sich nach dem Gesagten sowohl in genereller als auch indivi-
dueller Hinsicht als zumutbar.
9.4 Nach Art. 83 Abs. 2 AIG ist der Vollzug auch als möglich zu bezeichnen,
weil es der Beschwerdeführerin und ihren Kindern obliegt, sich die für eine
Rückkehr notwendigen Reisedokumente bei der zuständigen Vertretung
seines Heimatstaats zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu BVGE
2008/34 E. 12). Der Vollzug der Wegweisung ist möglich.
9.5 Die Vorinstanz hat den Vollzug demnach zu Recht als zulässig, zumut-
bar und möglich erachtet. Damit fällt die Anordnung einer vorläufigen Auf-
nahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). Das Eventualbegehren ist
abzuweisen.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Aus den vorstehenden Er-
wägungen ergibt sich jedoch, dass ihre Rechtsbegehren nicht als aus-
sichtslos zu betrachten waren. Aufgrund der Akten ist zudem von der Be-
dürftigkeit der Beschwerdeführerin auszugehen. Folglich ist das mit der Be-
schwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheissen. Es sind somit keine
Verfahrenskosten zu erheben. Mit vorliegendem Urteil ist der Antrag auf
Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos gewor-
den.
11.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeistän-
dung ist ebenfalls gutzuheissen (Art. 102m Abs. 1 Bst. a AsylG) und der
Beschwerdeführerin ist antragsgemäss die rubrizierte Rechtsvertreterin als
amtliche Rechtsbeiständin beizuordnen.
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Seite 12
Aufgrund der Einsetzung der Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeistän-
din ist dieser ein entsprechendes Honorar auszurichten (vgl. für die
Grundsätze der Bemessung der Parteientschädigung Art. 7 ff. VGKE). Die
Rechtsvertreterin reichte mit der Beschwerde eine Kostennote ein (Be-
schwerde S. 13). Hierin wurde ein Vertretungsaufwand von insgesamt
Fr. 1'555.20 geltend gemacht, ausgehend von einem zeitlichen Aufwand
von 8 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 180.– (exkl. MWST) und
einer Spesenpauschale von Fr. 54.–. Bei amtlicher Vertretung geht das
Bundesverwaltungsgericht in der Regel von einem Stundenansatz von
Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter
aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE) und es wird nur der notwen-
dige Aufwand entschädigt (vgl. Art. 8 VGKE). Der zeitliche Aufwand scheint
relativ hoch, aber noch angemessen. Der in der Kostennote ausgewiesene
Stundenansatz ist jedoch entsprechend zu kürzen. Die ohne nähere Anga-
ben geltend gemachte Spesenpauschale von Fr. 54.– ist nicht zu vergüten,
zumal keine besonderen Verhältnisse vorliegen, welche die Auszahlung
eines Pauschalbetrags rechtfertigen würden (vgl. Art. 11 Abs. 3 VGKE).
Das amtliche Honorar ist somit auf insgesamt Fr. 1’292.– (einschliesslich
Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag i.S.v. Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE)
festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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