Decision ID: 2ef9478e-7722-5b58-a9a9-3f56f4f8f3d5
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer reichte am 27. Juli 2015 erstmals ein Asylge-
such in der Schweiz ein. Dabei machte er geltend, er sei chinesischer
Staatsangehöriger tibetischer Ethnie und stamme aus dem Dorf
B._, Bezirk C._, Präfektur D._, in der autonomen
Region Tibet. Dort habe er von Geburt bis zur Ausreise im (...) 2015 gelebt.
A.b Am 26. April 2017 fand ein Telefongespräch der Fachstelle LINGUA
zur Evaluation des Alltagswissens statt. Am 16. Juni 2017 erstellte die
sachverständige Person einen entsprechenden Bericht.
A.c Mit Verfügung vom 9. August 2017 verneinte das SEM die Flüchtlings-
eigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte dessen Asylgesuch ab und
ordnete die Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug an. Es stellte
im Wesentlichen fest, dass es ihm nicht gelungen sei, seine Herkunft aus
der Volksrepublik China und seine Asylgründe glaubhaft zu machen. Es sei
davon auszugehen, dass er in der exiltibetischen Diaspora gelebt habe. Er
habe zudem seine Mitwirkungspflicht verletzt, indem er seine Herkunft
nicht offengelegt habe. Einen Wegweisungsvollzug in die Volksrepublik
China schloss das SEM explizit aus.
A.d Die dagegen erhobene Beschwerde wies das Bundesverwaltungsge-
richt mit Urteil E-5121/2017 vom 16. Oktober 2018 ab. Es bestätigte die
Einschätzung des SEM, wonach der Beschwerdeführer zwar ethnischer Ti-
beter sei und nicht ausgeschlossen werden könne, dass er die chinesische
Staatsangehörigkeit besitze, aber mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
nicht in der Volksrepublik China, sondern in der exiltibetischen Diaspora
sozialisiert worden sei.
B.
Am 15. November 2019 reichte der Beschwerdeführer ein Gesuch um Ein-
bezug in die Flüchtlingseigenschaft seiner Ehefrau, welche er am (...) 2019
geheiratet habe, ein. Zur Untermauerung seines Gesuches reichte er eine
Kopie des vom Zivilstandsamt E._ ausgestellten Familienauswei-
ses zu den Akten.
C.
Mit Schreiben vom 26. November 2019 erteilte das SEM dem Beschwer-
deführer unter Bezug auf die Verletzung der Mitwirkungspflicht im Asylver-
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fahren betreffend seine Herkunft und seinen früheren Aufenthalt das recht-
liche Gehör und gab ihm die Gelegenheit, dem SEM überprüfbare Angaben
zu seinem Lebenslauf, insbesondere in Bezug auf seine letzten Wohnad-
ressen, den Aufenthaltsstatus, den letzten Arbeitgeber, Schulbesuche und
Ähnliches zu machen. Das SEM wies ihn darauf hin, dass sein Gesuch
abgelehnt werden müsse, sollte er dieser Anforderung nicht nachkommen.
D.
Mit Stellungnahme vom 23. Dezember 2019 hielt der Beschwerdeführer an
seiner bisherigen Darstellung fest und führte aus, er sei in der Ortschaft
B._ geboren und aufgewachsen. Mit 22 Jahren habe er sein Hei-
matdorf verlassen und habe sich etwa zwei Monate in Nepal aufgehalten,
bevor er in die Schweiz gereist sei. Seine bisherigen Angaben würden der
Wahrheit entsprechen.
E.
Mit Verfügung vom 24. Januar 2020 – eröffnet am 27. Januar 2020 – wies
die Vorinstanz das Gesuch unter Kostenauflage ab, verfügte die Wegwei-
sung aus der Schweiz und den Vollzug, wobei ein Vollzug in die Volksre-
publik China ausgeschlossen wurde.
Das SEM führte zur Begründung aus, das erste Asylgesuch des Beschwer-
deführers sei mit Verfügung vom 9. August 2017 abgelehnt worden, da er
im Asylverfahren seine geltend gemachte Sozialisation in der Volksrepublik
China nicht habe glaubhaft machen können. Durch seine Mitwirkungs-
pflichtverletzung habe er sowohl eine Prüfung der Drittstaatenklausel als
auch die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft in Bezug auf seinen effektiven
Heimatstaat verunmöglicht. Mit Schreiben vom 26. November 2019 sei ihm
das rechtliche Gehör zur möglichen Annahme besonderer Umstände nach
Art. 51 Abs. 1 AsylG gewährt und er sei auf die Rechtsfolgen bei Verletzung
der Mitwirkungspflicht im vorliegenden Verfahren hingewiesen worden. In
seiner Stellungnahme habe er nach wie vor keine Identitätsdokumente
oder Beweismittel eingereicht, um seine Identität zweifelsfrei festzustellen.
Seine Eingabe vermöge somit seine Herkunft nicht festzustellen. Da er sich
weiterhin weigere, seine effektive Herkunft offenzulegen, verunmögliche er
die Prüfung, ob es ihm und seiner Ehefrau möglich wäre, sich in seinem
Heimat- respektive Herkunftsstaat niederzulassen. Unter diesen Umstän-
den rechtfertige es sich nicht, ihn als Flüchtling anzuerkennen und das
Mehrfachgesuch sei abzulehnen.
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Seite 4
F.
Diese Verfügung liess der Beschwerdeführer durch seine neu mandatierte
Rechtsvertreterin mit Eingabe vom 20. Februar 2020 (Poststempel) beim
Bundesverwaltungsgericht anfechten. Er beantragte, die Verfügung des
SEM vom 24. Januar 2020 sei aufzuheben und er sei in die Flüchtlingsei-
genschaft seiner Ehefrau einzubeziehen, eventualiter sei die Verfügung
aufzuheben und zum erneuten Entscheid an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen, zudem sei der Vollzug der Wegweisung auszusetzen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht beantragte er die unentgeltliche Prozessführung inklu-
sive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
In der Beschwerde wurde im Wesentlichen eingewendet, dass die Ehe-
leute seit (...) Jahren ein Paar seien und seit der Hochzeit im Jahr (...)
zusammenwohnen würden. Als Ehegatten würden sie unter den Schutzbe-
reich von Art. 8 EMRK und den im Asylgesetz festgelegten Begriff der Ein-
heit der Familie fallen. Das Bundesverwaltungsgericht habe in seiner
Rechtsprechung das Vorliegen von besonderen Umständen gemäss
Art. 51 AsylG definiert. Vorliegend sei weder ein missbräuchlicher Hinter-
grund ersichtlich, noch sei die Ehe zu bezweifeln. Das SEM habe den Ein-
bezug in die Flüchtlingseigenschaft einzig mit der angeblichen Verletzung
der Mitwirkungspflicht begründet, weshalb gemäss der Vorinstanz nicht ge-
prüft werden könne, ob der Beschwerdeführer sich am früheren Aufent-
haltsort niederlassen könne. Hierzu sei festzustellen, dass der Beschwer-
deführer seiner Mitwirkungspflicht nachgekommen sei und eine Geburts-
bestätigung vom Tibetischen Büro eingereicht habe. Unter Verweis auf das
Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts BVGE 2014/12 E. 5.6-5.8
sei festzuhalten, dass davon ausgegangen werden müsse, dass ein gros-
ser Teil der in Nepal und Indien lebenden Exil-Tibeterinnen und -Tibeter
keine neue Staatsangehörigkeit erworben hätten und nach wie vor die chi-
nesische Staatsangehörigkeit besitzen würden. Somit sei von der chinesi-
schen Nationalität des Beschwerdeführers auszugehen. Selbst wenn er in
Indien oder Nepal sozialisiert worden wäre und / oder vor seiner Reise in
die Schweiz in einem dieser Länder gelebt hätte, sei es unwahrscheinlich,
dass er auch eine neue Staatsbürgerschaft erworben hätte oder künftig
erwerben könnte. Vorliegend müsste zudem geprüft werden, ob eine Nie-
derlassung des Ehepaars in jenem Staat möglich wäre, was ausgeschlos-
sen scheine. Die Ehefrau lebe seit (...) Jahren in der Schweiz und sei hier
vorläufig aufgenommen worden. Sie habe eine Arbeitsstelle und sei bes-
tens integriert. In Nepal oder Indien habe sie hingegen nie gelebt.
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Gemäss bundesverwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung sei das Bejahen
von besonderen Umständen, die einem Einbezug entgegenstünden, als
Ausnahmeklausel zu verstehen. Der Einbezug in die Flüchtlingseigen-
schaft sei dagegen der Regelfall.
Der Eventualantrag, die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen, wurde dahingehend begründet, dass das SEM unbeachtet
gelassen habe, dass die Ehefrau des Beschwerdeführers in der Schweiz
über eine vorläufige Aufnahme verfüge und das Recht habe, hier mit ihrem
Ehemann zusammenzuleben. Zudem habe sich das SEM nicht dazu ge-
äussert, dass eine Abweisung des Gesuchs die Trennung des Ehepaars
zur Folge hätte. Dadurch habe das SEM die Begründungspflicht bezie-
hungsweise den Anspruch auf rechtliches Gehör der Eheleute verletzt.
Der Beschwerde wurde ein Protokoll der Standeskommission des Kantons
E._ vom (...), ein Familienausweis vom (...), Fotos, eine Geburts-
bestätigung vom 25. August 2017 in Kopie und eine Bestätigung über seine
tibetische Herkunft vom 4. September 2017 in Kopie, beide ausgestellt
durch das Tibetische Büro in der Schweiz, sowie eine Kostennote beige-
legt.
G.
Am 26. Februar 2020 bestätigte die Instruktionsrichterin den Eingang der
Beschwerde und hielt fest, der Beschwerde komme aufschiebende Wir-
kung zu, und der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in
der Schweiz abwarten.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 28. Februar 2020 hiess die Instruktionsrichte-
rin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut
und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig
wurde die Vorinstanz eingeladen, sich zur Beschwerde vernehmen zu las-
sen und sich insbesondere zur Frage zu äussern, weshalb sie sich bei der
Anordnung der Wegweisung aus der Schweiz gemäss Art. 44 AsylG nicht
zur Einheit der Familie geäussert und einen Einbezug in die vorläufige Auf-
nahme der Ehefrau des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 85 AIG und
Art. 74 VZAE nicht geprüft habe.
I.
Mit Vernehmlassung vom 5. März 2020 führte das SEM aus, dass die Weg-
weisung zwar von Amtes wegen zu prüfen sei, die Untersuchungspflicht
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indes Grenzen an der Mitwirkungspflicht finde. Es müsse geprüft werden,
ob besondere Umstände, wonach Art. 44 AsylG nicht zur Anwendung
komme, vorliegen würden. Ein solcher Umstand sei anzunehmen, wenn
die familiäre Beziehung im Heimat- oder Herkunftsstaat der nicht-verfolg-
ten Person gelebt werden könne und keine Vollzugshindernisse bestün-
den. Die Mitwirkungspflichtverletzung des Beschwerdeführers in seinem
Asylverfahren habe jedoch zur Folge gehabt, dass bei der Prüfung der Ein-
heit der Familie gemäss Art. 44 AsylG die Frage, ob er seine familiären
Beziehungen in seinem effektiven Heimatstaat oder in einem Drittstaat le-
ben könne und damit besondere Umstände einem Einbezug entgegen-
stünden, eben nicht geklärt werden könne. Ein Einbezug in die vorläufige
Aufnahme seiner Ehefrau sei unter diesen Umständen nicht möglich.
J.
Mit Schreiben vom 25. März 2020 verzichtete der Beschwerdeführer auf
eine Replik.
K.
Am 26. Oktober 2020 wurde die Vorinstanz erneut eingeladen, sich unter
Berücksichtigung des am 1. Juli 2020 ergangenen Grundsatzurteils
BVGE 2020 VI/6 vernehmen zu lassen.
L.
Mit Eingabe vom 30. Oktober 2020 führte das SEM aus, dass dem Be-
schwerdeführer am 26. November 2019 im Rahmen des rechtlichen Ge-
hörs aufgezeigt worden sei, welche Konsequenzen seine Mitwirkungs-
pflichtverletzung im Asylverfahren für das vorliegende Einbezugsverfahren
nach Art. 51 Abs. 1 AsylG habe. Er sei aufgefordert worden, dem SEM
überprüfbare Angaben zu seinem Lebenslauf zu machen, um das Gesuch
um Familienasyl prüfen zu können. Das SEM gehe somit davon aus, dass
das dem Beschwerdeführer gewährte rechtliche Gehör den im Grundsatz-
urteil BVGE 2020 VI/6 gestellten Anforderungen genüge.
M.
In seiner Replik vom 20. November 2020 hielt der Beschwerdeführer im
Wesentlichen fest, dass die Vorinstanz die Zweifel an der Herkunft des Be-
schwerdeführers unter anderem mit dem Resultat der LINGUA-Analyse
begründe. Vor Kurzem sei die LINGUA-Analyse eines anderen Gesuch-
stellers öffentlich geworden und es habe in der Folge erhebliche Kritik an
der Analyse und dem methodischen Vorgehen gegeben. Dies habe ge-
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zeigt, dass das LINGUA-System aus rechtstaatlicher Sicht höchst bedenk-
lich sei. Das Resultat der LINGUA-Analyse müsse auch vorliegend in Zwei-
fel gezogen beziehungsweise überprüft werden. Der Beschwerdeführer
habe alles in seiner Macht Stehende getan, um seine Identität offenzule-
gen. Derzeit befinde er sich in Kontakt mit der indischen und nepalesischen
Botschaft und versuche eine Bestätigung ausstellen zu lassen, dass er sich
nie längere Zeit in Indien oder Nepal aufgehalten habe. Hinsichtlich einer
möglichen Wegweisung des Paares nach Indien oder Nepal sei zu bemer-
ken, dass es dem Paar kaum möglich sei, sich dort einzugliedern, da sich
die beiden Länder äusserst restriktiv gegenüber Angehörigen der tibeti-
schen Ethnie verhalten würden. Der Beschwerdeführer habe insgesamt
seine Mitwirkungspflicht erfüllt und ein besonderer Umstand im Sinne des
Art. 51 Abs. 1 AsylG liege nicht vor. Daneben ersuchte die Rechtsvertre-
tung um Akteneinsicht in die erstinstanzlichen Akten betreffend die
LINGUA-Analyse, da sie den Beschwerdeführer im ordentlichen Asylver-
fahren nicht vertreten habe und deswegen nicht über die Akten verfüge.
Der Replik wurden ein Artikel namens «Geheime Asyl-Abteilung des Bun-
des gerät unter Beschuss» der NZZ am Sonntag vom 24. Oktober 2020,
ein Gutachten zur LINGUA-Analyse des Experten «AS19» inklusive An-
hang von Kollmar-Paulenz et al. vom 29. September 2020, eine Bestäti-
gung der Ausbildungs- und Integrationsbrücke des Kantons E._
vom 19. November 2020, eine Bestätigung einer Schnupperlehre vom 19.
November 2020 und eine aktualisierte Kostennote beigelegt.
N.
Mit Zwischenverfügung vom 27. November 2020 gewährte die Instruktions-
richterin ergänzende Akteneinsicht in die LINGUA-Dokumente des ordentli-
chen Asylverfahrens sowie die editionsfähigen Akten des vorangegangen
Beschwerdeverfahrens E-5121/2017 und setzte eine Frist zur Beibringung
der in Aussicht gestellten Bestätigungen der indischen und nepalesischen
Botschaft an.
O.
Am 10. Dezember 2020 reichte der Beschwerdeführer ein Gesuch um Fris-
terstreckung zur Einreichung der Bestätigungen ein, welches von der In-
struktionsrichterin gutgeheissen wurde.
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P.
Mit Eingabe vom 29. Dezember 2020 führte der Beschwerdeführer aus,
dass ihm sowohl die indische als auch die nepalesische Botschaft die Aus-
stellung einer Bestätigung, wonach er keine Aufenthaltstitel oder Staatsan-
gehörigkeit der entsprechenden Länder besitze, verweigert habe. Zum
Nachweis reichte er Fotos, welche ihn vor den entsprechenden Botschaf-
ten zeigen, ein. Daneben legte er eine Beurteilung einer Schnupperlehre
sowie eine aktualisierte Kostennote zu den Akten.
Q.
Mit Zwischenverfügung der Instruktionsrichterin vom 11. Juni 2021 erhielt
der Beschwerdeführer Gelegenheit, bei den kantonalen Migrationsbehör-
den ein Gesuch um Einbezug in die vorläufige Aufnahme seiner Ehefrau
beziehungsweise um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung gestützt auf
Art. 8 EMRK einzureichen, beziehungsweise das Gericht unter Beilegung
von Beweismitteln zu orientieren, ob bereits ein entsprechendes Gesuch
bei den kantonalen Migrationsbehörden hängig ist, um die sich möglicher-
weise stellende Frage der Zuständigkeit der Anordnung der Wegweisung
zu klären.
R.
Mit Eingabe vom 16. Juni 2021 führte der Beschwerdeführer aus, dass
seine Ehefrau (...) 2021 ihre Lehre abschliessen und ab (...) 2021 über
eine Festanstellung verfügen werde. Mit dem Lohn ab (...) 2021 werde sie
in der Lage sein, für die Lebenskosten der Eheleute aufzukommen, womit
die Sozialhilfeunabhängigkeit erreicht werde und die Voraussetzungen für
einen Familiennachzug nach Art. 85 Abs. 7 AIG erfüllt sein dürften. Die
Ehefrau werde spätestens bis am (...) 2021 beim kantonalen Migrations-
amt ein Familiennachzugsgesuch gestützt auf
Art. 85 Abs. 7 AIG und Art. 8 EMRK einreichen. Eine Kopie des Gesuches
werde dem Gericht dann zugestellt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
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zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden – unter dem Titel Familienasyl –
namentlich Ehegatten und minderjährige Kinder von Flüchtlingen ihrerseits
als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl in der Schweiz, wenn keine
besonderen Umstände dagegensprechen. Diese Bestimmung ist grund-
sätzlich auch anwendbar, wenn die in der Schweiz als Flüchtling aner-
kannte Person lediglich vorläufig aufgenommen wurde, sofern sich die ein-
zubeziehenden Angehörigen bereits in der Schweiz aufhalten (vgl. BVGE
2019 VI/8). Das Kriterium der "besonderen Umstände" dient gemäss stän-
diger Praxis insbesondere dem Zweck, Missbräuche zu verhindern (vgl.
Urteil des BVGer E-1683/2013 vom 21. April 2015 E. 6.2.2 m.w.H.). In der
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts wurde in verschiedenen
Konstellationen das Vorliegen von besonderen Umständen bejaht. So ist
ein Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft namentlich dann ausgeschlos-
sen, wenn die in der Schweiz als Flüchtling anerkannte Person ihre Flücht-
lingseigenschaft selbst derivativ erworben hat, wenn die eheliche Gemein-
schaft während einer längeren Zeit nicht mehr gelebt beziehungsweise auf-
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gegeben wurde oder wenn die in die Flüchtlingseigenschaft einzubezie-
hende Person eine andere Staatsangehörigkeit besitzt als die als Flücht-
ling anerkannte Person und es der Familie an sich zumutbar und möglich
wäre, statt in der Schweiz auch in diesem anderen Land zu leben (vgl.
BVGE 2012/32 E. 5.1). Soll der Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft des
Ehepartners aufgrund unterschiedlicher Nationalitäten verweigert werden,
ist – in hypothetischer Weise – zu prüfen, ob sich die ganze Familie gege-
benenfalls im Heimatland des nicht verfolgten Ehepartners niederlassen
könnte (vgl. Urteil des BVGer E-1683/2013 vom 21. April 2015 E. 6.2.4
m.w.H.). Der Einbezug des Ehegatten in die Flüchtlingseigenschaft stellt
gemäss der gesetzlichen Konzeption von Art. 51 Abs. 1 AsylG den Regel-
fall dar. Das Bejahen besonderer Umstände, die einem Einbezug entge-
genstehen, ist somit als Ausnahmeklausel zu verstehen und entsprechend
restriktiv auszulegen (vgl. Urteil des BVGer D-696/2018 vom 28. Februar
2018 E. 6.2). Die Beweislast für das Vorliegen besonderer Umstände liegt
bei den Asylbehörden, wobei die betroffenen Personen eine Mitwirkungs-
pflicht trifft (vgl. Urteil des BVGer E-6677/2014 vom 29. Dezember 2016 E.
4.5).
3.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem kürzlich publizierten
Grundsatzurteil BVGE 2020 VI/6 festgehalten, dass ein "besonderer Um-
stand" im Sinne des Art. 51 Abs. 1 AsylG vorliege, wenn dem SEM die Prü-
fung des Vorliegens einer weiteren Staatsangehörigkeit verunmöglicht
werde, weil die gesuchstellende Person im Rahmen des Verfahrens betref-
fend Familienasyl eine schwere Mitwirkungspflichtverletzung begangen
habe (vgl. a.a.O. E. 9.10). In einem solchen Verfahren treffe die gesuch-
stellende Person eine qualifizierte Mitwirkungspflicht, deren Verletzung
nicht zu einer Besserstellung gegenüber einer Person führen dürfe, welche
ihrer diesbezüglichen Pflicht nachgekommen sei (vgl. a.a.O. E. 9.6). Es
stehe der gesuchstellenden Person frei, im Verfahren um Familienasyl ak-
tiv mitzuwirken und anhand neuer konkreter Anhaltspunkte den Anschein
einer Mitwirkungspflichtverletzung auszuräumen oder wesentliche Tatsa-
chen hinsichtlich ihrer tatsächlichen Herkunft offenzulegen, in welchem Fall
nicht von "besonderen Umständen" im Sinne von Art. 51 Abs.1 AsylG aus-
zugehen sei (vgl. a.a.O. E. 9.7 f.). Umgekehrt sei bei einer schwerwiegen-
den Mitwirkungspflichtverletzung im Fall tibetischer Gesuchstellender we-
der die chinesische Staatsangehörigkeit noch das Fehlen einer anderen
Staatsangehörigkeit glaubhaft gemacht. Auch wenn die Möglichkeit einer
chinesischen Staatsangehörigkeit nicht ausgeschlossen sei, obliege es der
gesuchstellenden Person, ihre angebliche Staatsangehörigkeit bezie-
hungsweise das Fehlen des Erwerbs einer neuen Staatsangehörigkeit
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glaubhaft zu machen. Es sei nicht Sache des SEM, den Gegenbeweis zu
erbringen, dass die gesuchstellende Person eine andere als die chinesi-
sche Staatsangehörigkeit besitze (vgl. a.a.O. E. 9.9).
3.3 Sodann erwog das Bundesverwaltungsgericht, dass das SEM einer an-
tragstellenden Person im Verfahren um Familienasyl eine Mitwirkungs-
pflichtverletzung, welche dieser Person bereits im einem vorgängigen (ab-
geschlossenen) ordentlichen Asylverfahren vorgeworfen worden sei, vor-
halten dürfe, wenn sich die Person im Rahmen eines rechtlichen Gehörs
zur beabsichtigten Würdigung der sich aus dem ersten Verfahren ergeben-
den Sachverhaltselemente und Beweismittel erneut habe äussern können,
und wenn sie über die Konsequenzen einer Mitwirkungspflichtverletzung in
Bezug auf den Entscheid zum Familienasyl informiert worden sei (vgl.
a.a.O. E. 8.3.5). Das SEM berücksichtige im Rahmen der freien Beweis-
würdigung nicht nur das für das vorherige Verfahren erstellte LINGUA-Gut-
achten, sondern auch das Fehlen von Beweismitteln oder konkreten neuen
Anhaltspunkten betreffend die Identität der gesuchstellenden Person, das
Fehlen von Beweismitteln betreffend ihren Hauptsozialisationsort, ihre
Aussagen im ersten ordentlichen Asylverfahren und im Verfahren betref-
fend das Familienasyl sowie auch ihr Verhalten während beider Verfahren
im Hinblick auf das Prinzip von Treu und Glauben und den Fairnessgedan-
ken (vgl. a.a.O. E. 9.8).
4.
4.1 Vorliegend wurde der Beschwerdeführer mit Schreiben des SEM vom
26. November 2019 darüber informiert, dass er durch seine Mitwirkungs-
pflichtverletzung im ordentlichen Asylverfahren sowohl eine Prüfung der
Drittstaatenklausel wie auch die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft in Be-
zug auf seinen effektiven Heimatstaat verunmögliche. Dies habe zur Folge,
dass im Verfahren nach Art. 51 Abs. 1 AsylG die Frage, ob er seine famili-
ären Beziehungen in seinem Heimatstaat oder einem Drittstaat leben
könne und damit besondere Umstände einem Einbezug entgegenstünden,
nicht geklärt werden könne. Die Rechtsfolge davon sei die Ablehnung sei-
nes Gesuchs wegen Verunmöglichung der Prüfung, ob die Einbezugsvo-
raussetzungen gegeben seien. Eine Prüfung seines Gesuchs um Familien-
asyl sei hingegen möglich, wenn er seine effektive Herkunft offenlege. Es
wurde ihm eine Frist angesetzt, um dem SEM überprüfbare Angaben zu
seiner Herkunft oder allfälligen Aufenthaltsbewilligungen in Drittstaaten zu
machen (vgl. SEM Akte 1057173-3). Die Stellungnahme des Beschwerde-
führers vom 23. Dezember 2019 (vgl. SEM Akte 1057173-4) hat das SEM
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Seite 12
in seiner ablehnenden Verfügung vom 24. Januar 2020 berücksichtigt. So-
mit ist es seiner Pflicht zur Gewährung des rechtlichen Gehörs im Sinne
des obengenannten Grundsatzurteils BVGE 2020 VI/6 nachgekommen.
4.2 Das SEM liess im Rahmen des ordentlichen Asylverfahrens ein
LINGUA-Gutachten erstellen, das zum Ergebnis gelangte, dass der Be-
schwerdeführer mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht aus dem von ihm an-
gegebenen Ort stamme. Vielmehr sei es sehr wahrscheinlich, dass er in
der exiltibetischen Gemeinschaft in Nepal oder Indien sozialisiert worden
sei. Hinzukommend habe er weder Identitätspapiere noch glaubhafte Aus-
sagen zu seinen Reiseumständen und den Fluchtvorbringen gemacht,
weshalb das SEM zum Schluss kam, dass seine Hauptsozialisation mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht in Tibet stattgefunden habe. Diese
Einschätzung wurde mit Urteil E-5121/2017 vom 16. Oktober 2018 vom
Bundesverwaltungsgericht bestätigt. Das Gericht hielt fest, dass zwar an-
zunehmen sei, dass er ethnischer Tibeter sei und nicht ausgeschlossen
werden könne, dass er die chinesische Staatsangehörigkeit besitze, dass
er aber mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht in der Volksrepublik
China, sondern in der exiltibetischen Diaspora sozialisiert worden sei
(a.a.O., E.6.3).
4.3 Im nun zu beurteilenden Gesuch um Einbezug in die Flüchtlingseigen-
schaft der Ehefrau des Beschwerdeführers gelang es dem Beschwerde-
führer nicht, die Zweifel in Bezug auf seine Herkunft auszuräumen. Das
SEM lehnte in der Folge das Gesuch um Einbezug in die Flüchtlingseigen-
schaft seiner Ehefrau im Sinne des Art. 51 Abs. 1 AsylG ab. Auch im vor-
liegenden Beschwerdeverfahren brachte der Beschwerdeführer nichts vor,
um seine Identität oder Herkunft glaubhaft zu machen. Mit der Beschwerde
hat er eine Geburtsbestätigung vom 25. August 2017 in Kopie und ein Be-
stätigungsschreiben vom 4. September 2017 in Kopie, beide ausgestellt
durch das Tibetische Büro in Genf, eingereicht. Die beiden Dokumente
stammen aus dem Jahr 2017, befanden sich bis anhin jedoch weder in den
vorinstanzlichen Akten noch in den Akten des vorangegangenen Be-
schwerdeverfahrens. Inhaltlich sind die Dokumente nicht beweiskräftig.
Aus den Dokumenten geht lediglich hervor, dass er in Tibet geboren wor-
den und Tibeter sei. Es ist indes nicht ersichtlich, wo er sozialisiert wurde
und welche Staatsangehörigkeit er besitzt. Zudem geben die Dokumente
keine Auskunft darüber, auf welchen Informationen basierend sie ausge-
stellt wurden. Die Ansicht des Beschwerdeführers, er sei nunmehr seiner
Mitwirkungspflicht nachgekommen, kann somit nicht geteilt werden. Die
auf Beschwerdeebene eingereichten Fotos, welche den Beschwerdeführer
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Seite 13
vor der nepalesischen und indischen Botschaft zeigen, sind ebenfalls nicht
geeignet, neue Erkenntnisse in Bezug auf seine Herkunft und Staatsange-
hörigkeit herbeizuführen.
In Bezug auf die im Beschwerdeverfahren vorgebrachten allgemeinen
Mängel der LINGUA-Analysen ist festzuhalten, dass die vorliegende LIN-
GUA-Analyse nicht von dem in Kritik geratenen Experten «AS19» erstellt
worden ist. Es besteht kein Grund zur Annahme, dass die in Bezug auf den
Beschwerdeführer erstellte LINGUA-Analyse zu einem falschen Ergebnis
gelangt sei. Insbesondere ist darauf hinzuweisen, dass sich das SEM und
das Gericht im ersten Asylverfahren nicht nur auf die LINGUA-Analyse ge-
stützt haben, sondern auch weitere Elemente, welche für oder gegen eine
Hauptsozialisation in Tibet sprechen, berücksichtigt haben. Es lässt sich
somit bis heute weder belegen noch ausschliessen, dass der Beschwerde-
führer chinesischer Staatsangehöriger ist, was auf die Verletzung der Mit-
wirkungspflicht seinerseits zurückzuführen ist. Somit vermochte er die vom
SEM im ordentlichen Verfahren vorgenommene Einschätzung – welche
vom Bundesverwaltungsgericht rechtskräftig bestätigt wurde –, wonach er
nicht in Tibet hauptsozialisiert worden sei, nicht umzustossen.
Obwohl die Beweislast – wie oben dargelegt – bei den Asylbehörden liegt,
besteht für die beschwerdeführende Person in einem Familienzusammen-
führungsverfahren eine qualifizierte Mitwirkungspflicht, deren Verletzung
nicht zu einer Besserstellung gegenüber einer Person führen kann, welche
ihrer diesbezüglichen Pflicht nachgekommen ist. Vorliegend ist der Be-
schwerdeführer dieser nicht nachgekommen und er hat durch sein Verhal-
ten verunmöglicht, den (allfälligen) Wegweisungsvollzug für die Eheleute
zu prüfen, womit er seine Mitwirkungspflicht verletzt hat. Es kann nicht an-
gehen, dass er Personen gegenüber, welche ihrer Mitwirkungspflicht nach-
gekommen sind, durch das Verunmöglichen einer Prüfung eines Vollzugs
in einen Drittstaat, dessen Staatsangehörigkeit der Beschwerdeführer al-
lenfalls besitzt, bessergestellt würde als Personen, welche ihre Identität so-
wie ihre Staatsangehörigkeit offengelegt haben.
4.4 Nach dem Gesagten ist vorliegend somit aufgrund der schweren Mit-
wirkungspflichtverletzung davon auszugehen, dass beim Beschwerdefüh-
rer besondere Umstände im Sinne von Art. 51 Abs. 1 AsylG vorliegen, wel-
che einem Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft seiner Ehefrau entge-
genstehen. Das SEM hat somit zu Recht den Einbezug des Beschwerde-
führers in die Flüchtlingseigenschaft seiner Ehefrau verneint und das Mehr-
fachgesuch zu Recht abgewiesen.
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Es ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer jederzeit die Mög-
lichkeit hat, seine tatsächliche Herkunft offenzulegen und in der Folge ein
neues Gesuch um Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft seiner Ehefrau
zu stellen. Dieses könnte von der Vorinstanz dann in Kenntnis aller rele-
vanten Tatsachen geprüft werden.
5.
5.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
5.2 Betreffend die Anordnung der Wegweisung und des Vollzugs ist festzu-
halten, dass die Wegweisung gemäss Art. 32 Abs. 1 Bst. a Asylverordnung 1
vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen (AsylV 1, SR 142.311) unter
anderem dann nicht angeordnet werden darf, wenn die asylsuchende Per-
son im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung ist,
wobei diese Bestimmung praxisgemäss so zu verstehen ist, dass nicht der
Besitz der Aufenthaltsbewilligung, sondern der Anspruch auf Erteilung einer
solchen ausschlaggebend ist (vgl. etwa das Urteil BVGer E-4701/2014 vom
26. Juni 2015 E. 6.1 unter Hinweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der
Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21 E. 9). Ein
solcher kann sich unter anderem aus Art. 8 EMRK ergeben (vgl. EMARK
2001 Nr. 21 E. 8a und b sowie E. 9 m.w.H.).
5.3 Die konkrete Beurteilung des geltend gemachten Anspruchs und damit
auch der Entscheid über die Wegweisung fällt dagegen in die Zuständigkeit
der kantonalen Migrationsbehörden. Unter Beachtung des sogenannten
Grundsatzes des Vorrangs des Asylverfahrens (vgl. Art. 14 Abs. 1 AsylG)
prüft das SEM lediglich, ob (1) ein potenzieller Anspruch gestützt auf Art. 8
EMRK vorfrageweise bejaht wird, (2) die betroffene Person an die zustän-
dige kantonale Migrationsbehörde ein Gesuch um Erteilung einer Aufent-
haltsbewilligung gerichtet hat sowie (3) dieses Gesuch noch hängig ist (vgl.
(BVGE 2013/37 E. 4.4, insbesondere E. 4.4.2.2; EMARK 2001 Nr. 21
E. 8d). Ergibt die vorfrageweise Prüfung, dass sich die asylsuchende Per-
son auf einen grundsätzlichen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbe-
willigung berufen kann, ist sie im Asyl- und Wegweisungsverfahren darauf
hinzuweisen, dass sie ein entsprechendes Bewilligungsgesuch bei der zu-
ständigen kantonalen Ausländerbehörde einzureichen hat.
http://links.weblaw.ch/BVGer-E-4701/2014 http://links.weblaw.ch/EMARK-2001/21
E-986/2020
Seite 15
5.4 Nach rechtskräftigem Asyl- und Wegweisungsverfahren, nach einem
Rückzug des Asylgesuches oder bis zur Anordnung einer Ersatzmass-
nahme bei nicht durchführbarem Vollzug kann eine asylsuchende Person
bis zur Ausreise ein Verfahren um Erteilung einer ausländerrechtlichen Auf-
enthaltsbewilligung nur einleiten, wenn ein Anspruch auf deren Erteilung
besteht (vgl. Art. 14 Abs. 1 AsylG). Die Zuständigkeit, die Wegweisung aus
der Schweiz zu verfügen, geht in diesen Fällen gleichermassen von den
Asylbehörden auf die kantonale Migrationsbehörde über, welche über die
Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung zu befinden hat (vgl. BVGE 2013/37
E. 4.4 und EMARK 2001 Nr. 21 E. 8d)
6.
6.1 In der Beschwerde wird moniert, dass das SEM unbeachtet gelassen
habe, dass die Ehefrau des Beschwerdeführers in der Schweiz über eine
vorläufige Aufnahme verfüge und das Recht habe, hier mit ihrem Ehemann
zusammenzuleben. Zudem habe sich das SEM nicht dazu geäussert, dass
eine Abweisung des Gesuchs die Trennung des Ehepaars zur Folge hätte.
Dadurch habe das SEM die Begründungspflicht beziehungsweise den An-
spruch auf rechtliches Gehör der Eheleute verletzt (Beschwerde E.3.b).
6.2 Das SEM hat in seiner Verfügung vom 24. Januar 2020 festgestellt,
dass der Beschwerdeführer zur Ausreise aus der Schweiz gestützt auf
Art. 44 AsylG verpflichtet sei. Es hat sich bei der Anordnung der Wegwei-
sung jedoch nicht zur Einheit der Familie geäussert und unerwähnt gelas-
sen, dass der Beschwerdeführer mit einer als Flüchtling vorläufig aufge-
nommenen Person verheiratet ist. Einen potenziellen Anspruch um Einbe-
zug in die vorläufige Aufnahme der Ehefrau hat es nicht geprüft. In der Ver-
fügung vom 28. Februar 2020 lud die Instruktionsrichterin das SEM ein,
sich zu diesem Versäumnis vernehmen zu lassen. In ihrer Stellungnahme
stellte sich die Vorinstanz auf den Standpunkt, dass aufgrund der Mitwir-
kungspflichtverletzung des Beschwerdeführers bei der Prüfung der Einheit
der Familie gemäss Art. 44 AsylG nicht geprüft werden könne, ob er seine
familiären Beziehungen in seinem effektiven Herkunftsstaat oder in einem
Drittstaat leben könne. Es würden somit besondere Umstände einem Ein-
bezug entgegenstehen.
6.3 Die Argumentation des SEM ist indes nicht vollständig. Die Wegwei-
sung des Beschwerdeführers hätte unter Beachtung der Einheit der Fami-
lie einer sorgfältigeren Abklärung bedurft und der blosse Hinweis auf die
Mitwirkungspflichtverletzung greift zu kurz. Das SEM hätte – wie oben dar-
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gelegt – vorab klären müssen, ob ein potentieller Anspruch auf eine kanto-
nale Aufenthaltsbewilligung aus dem Gesetz beziehungsweise aus dem
Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens gestützt auf Art. 8
EMRK besteht. Sofern das Bestehen eines potenziellen Anspruchs zu be-
jahen gewesen wäre, hätte das SEM den Beschwerdeführer darauf auf-
merksam machen müssen. Insbesondere auch, da sich die zuständige
kantonale Ausländerbehörde beim SEM gemeldet hatte und darlegte, sie
befürworte die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers, auch unter
Berücksichtigung von Art. 8 EMRK (vgl. SEM Akte [...]). Beim Vorliegen
eines entsprechenden Gesuchs beim Kanton hätte das SEM sodann auf
die Anordnung einer Wegweisung verzichten müssen (BVGE 2013/37
E. 4.4).
6.4 Dem Beschwerdeführer ist somit beizustimmen, dass das SEM dies-
bezüglich die Begründungspflicht beziehungsweise den Anspruch auf
rechtliches Gehör der Eheleute verletzt hat. Aus prozessökonomischen
Gründen verzichtet das Gericht indes vorliegend auf die Rückweisung der
Sache ans SEM, und nimmt die vorfrageweise Prüfung eines potenziellen
Anspruchs – welcher der Anordnung der Wegweisung entgegenstehen
könnte – selbst vor. Mit Instruktionsverfügung vom 11. Juni 2021 hat die
Instruktionsrichterin den Beschwerdeführer darüber informiert, dass vorlie-
gend ein grundsätzlicher Anspruch vorfrageweise bejaht werden dürfte, da
die Ehefrau des Beschwerdeführers als Flüchtling vorläufig aufgenommen
wurde. Nach konstanter Rechtsprechung verfüge sie somit über ein fakti-
sches Anwesenheitsrecht, weshalb sich die Eheleute auf Art. 8 EMRK be-
rufen könnten (vgl. BVGE 2017 VII/4 E. 6). Gleichzeitig wurde dem Be-
schwerdeführer mitgeteilt, dass die Zuständigkeit auch hinsichtlich der
Frage der Anordnung der Wegweisung von den Asylbehörden auf die kan-
tonalen Migrationsbehörden übergehen würde, sofern ein Gesuch um Ein-
bezug des Beschwerdeführers in die vorläufige Aufnahme seiner Ehefrau
(vgl. Art. 85 Abs. 7 AIG; Art. 74 VZAE) beziehungsweise um Erteilung einer
Aufenthaltsbewilligung bei der kantonalen Migrationsbehörde hängig sei
(vgl. EMARK 2001 Nr. 21 E. 8.d).
6.5 Mit Schreiben vom 16. Juni 2021 hat der Beschwerdeführer das Gericht
informiert, dass seine Ehefrau ein Gesuch um Erteilung einer Aufenthalts-
bewilligung beim Kanton erst im (...) 2021 einreichen werde. Sie schliesse
im (...) 2021 ihre Lehrstelle ab und werde ab (...) 2021 eine Festanstellung
haben. Da sie erst ab diesem Zeitpunkt die Sozialhilfe-
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unabhängigkeit erreichen werde, warte sie mit der Einreichung eines Ge-
suchs um Einbezug in die vorläufige Aufnahme gestützt auf Art. 85 Abs. 7
AIG noch ab.
6.6 Somit liegt zum heutigen Zeitpunkt kein Gesuch um Erteilung einer Auf-
enthaltsbewilligung oder um Einbezug in die vorläufige Aufnahme bei den
kantonalen Behörden vor. Obwohl gestützt auf Art. 8 EMRK ein potenzieller
Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung gemäss Art. 44 AsylG
zu bejahen wäre und dieser einer Anordnung der Wegweisung entgegen-
stehen könnte, liegt bei dieser Sachlage die Anordnung der Wegweisung
und des Wegweisungsvollzugs nach wie vor in der Zuständigkeit der
Asylbehörden (BVGE 2013/37 E. 4.4, insbesondere E. 4.4.2.2; EMARK
2001 Nr. 21 E. 8d).
6.7 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das SEM es zwar unterlas-
sen hat, einen potenziellen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewil-
ligung zu prüfen. Im Ergebnis ist jedoch die Anordnung der Wegweisung
zu bestätigen, da kein entsprechendes Gesuch der Ehefrau um Einbezug
des Beschwerdeführers in ihre vorläufige Aufnahme oder um Erteilung ei-
ner Aufenthaltsbewilligung bei den kantonalen Migrationsbehörden hängig
ist. Es bleibt dem Beschwerdeführer jedoch unbenommen, ein solches Ge-
such bei der zuständigen kantonalen Behörde einzureichen. Diese Be-
hörde ist bei der Prüfung eines entsprechenden Gesuchs insbesondere an
die Bestimmung von Art. 8 EMRK gebunden.
6.8 Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer aus
dem in Art. 44 AsylG verankerten Grundsatz der Einheit der Familie im vor-
liegenden Verfahren bezüglich der asylrechtlichen Wegweisung nichts für
sich abzuleiten vermag. Der Grundsatz bezieht sich darauf, dass die vor-
läufige Aufnahme des einen Familienmitglieds in der Regel zur vorläufigen
Aufnahme der ganzen Familie führt (vgl. zum damals geltenden aArt. 17
Abs. 1 AsylG EMARK 1995 Nr. 24, E. 10 und 11; ebenso EMARK 2004
Nr.12 E. 7.b). Der Grundsatz der Einheit der Familie soll sicherstellen, dass
eine Familie von Asylbewerbern nicht voneinander getrennt wird. Er greift
insbesondere auch dann, wenn einem Asylsuchenden die vorläufige Auf-
nahme in der Schweiz bereits gewährt wurde, während die anderen Fami-
lienangehörigen noch in ein separates Asylverfahren involviert sind.
Hingegen kann sich nicht auf diesen Grundsatz berufen, wer – wie der Be-
schwerdeführer – eine familiäre Beziehung mit der Partnerin erst begonnen
hat, nachdem diese eine vorläufige Aufnahme erhalten hat. Die Ehefrau
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des Beschwerdeführers wurde am (...) 2016 vorläufig in der Schweiz auf-
genommen. Die Eheschliessung erfolgte erst am (...) 2019, mithin über
drei Jahre nach der Anordnung der vorläufigen Aufnahme der Ehefrau. In
diesen Fällen können sich die Eheleute nicht auf den Grundsatz der Einheit
der Familie berufen, da die gesetzlichen Bestimmungen über die Familien-
zusammenführung von vorläufig Aufgenommenen gemäss
Art. 85 Abs. 7 AIG ansonsten ausgehöhlt würden und es ausreichen würde,
einen – selbst wenn offensichtlich unbegründeten – Asylantrag zu stellen,
um diese zu umgehen (vgl. D-6528/2014 vom 10. März 2015 E.4.4).
6.9 Die angeordnete Wegweisung des Beschwerdeführers ist somit zu be-
stätigen.
7.
7.1 Es bleibt zu prüfen, ob die Vorinstanz den Vollzug der Wegweisung zu
Recht angeordnet hat. Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht
zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesen-
heitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige
Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
7.2 Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit eines Wegweisungsvoll-
zugs sind zwar von Amtes wegen zu prüfen, die Untersuchungspflicht fin-
det aber, wie bereits vorstehend ausgeführt, ihre Grenzen an der Mitwir-
kungspflicht des Beschwerdeführers. Es ist nicht Sache der Behörden, bei
fehlenden Hinweisen nach etwaigen Wegweisungsvollzugshindernissen in
hypothetischen Herkunftsländern zu forschen. Der Beschwerdeführer hat
die Folgen seiner fehlenden Mitwirkung insofern zu tragen, als seitens der
Asylbehörden der Schluss gezogen werden muss, es spreche nichts ge-
gen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort, da er keine konkre-
ten, glaubhaften Hinweise geliefert hat, die gegen eine entsprechende
Rückkehr sprechen würden.
7.3 Der Beschwerdeführer kann auch kein Wegweisungsvollzugshindernis
gestützt auf Art. 8 EMRK geltend machen. Da die Ehefrau des Beschwer-
deführers kein entsprechendes Gesuch beim Kanton gestellt hat, ist für das
vorliegende Verfahren davon auszugehen, dass die Ehefrau ihre völker-
rechtlichen Ansprüche aus Art. 8 EMRK derzeit (noch) nicht geltend ma-
chen will. Ein allfälliger Anspruch auf Regelung des Aufenthalts des Be-
schwerdeführers in der Schweiz als Ehepartner einer als Flüchtling vorläu-
fig aufgenommenen Person ist wie oben dargelegt von der zuständigen
kantonalen Migrationsbehörde zu beurteilen, sobald ein entsprechendes
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Gesuch eingereicht wird. Der Kanton ist bei der Prüfung des Gesuchs an
Art. 8 EMRK gebunden und hat bei der Interessenabwägung von Art. 8
Ziff. 2 EMRK insbesondere die Inkaufnahme der Trennung der Familie, all-
fällige Kontaktmöglichkeiten in einem Drittstaat sowie die Beurteilung des
weiteren Verbleibs in der Schweiz angesichts der Situation im Heimatland
miteinzubeziehen (BVGE 2017 VII/4 E.6).
7.4 In Übereinstimmung mit der Dispositivziffer 4 der angefochtenen Ver-
fügung ist im Übrigen darauf hinzuweisen, dass für alle Exil-Tibeterinnen
und -Tibeter ein Vollzug der Wegweisung nach China im Sinne von Art. 45
Abs. 1 Bst. d AsylG ausgeschlossen wird, da ihnen dort gegebenenfalls
Verfolgung im flüchtlingsrechtlichen Sinn beziehungsweise eine men-
schenunwürdige Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK droht (BVGE
2014/12 E. 5.11).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüg-
lich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist demnach abzuwei-
sen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch mit
Instruktionsverfügung vom 28. Februar 2020 das Gesuch um unentgeltli-
che Prozessführung gutgeheissen worden ist und der Beschwerdeführer
gemäss Aktenlage auch heute weiterhin bedürftig ist, sind keine Verfah-
renskosten zu erheben.
9.2 Eine Parteientschädigung ist beim vorliegenden Verfahrensausgang
nicht zuzusprechen (vgl. Art. 64 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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