Decision ID: 887a92fe-da87-52b9-b9a1-0c6ea1187086
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am 28. April 2016 in Italien ein und stellte dort
am folgenden Tag ein Asylgesuch. Im Rahmen des Relocation-Programms
wurde ihm die Einreise in die Schweiz bewilligt (Ausstellung eines Laissez-
Passer vom 5. September 2016). Er reiste am 22. September 2016 in die
Schweiz ein und stellte gleichentags ein Asylgesuch. Am 28. September
2016 fand die Befragung zur Person (BzP) im Empfangs- und Verfahrens-
zentrum (EVZ) B._ statt, am 18. Oktober 2017 wurde er einlässlich
zu seinen Asylgründen angehört. Für die Dauer des Asylverfahren wurde
er dem Kanton C._ zugewiesen.
Der Beschwerdeführer machte geltend, er gehöre der Ethnie der Tigrinya
an und stamme aus dem Dorf D._ (Subzoba E._, Zoba De-
bub), wo er bis zur Ausreise gelebt habe. Er habe im Heimatland zwei jün-
gere Brüder und eine bereits verheiratete Schwester, ein weiterer Bruder
sei verstorben und sein älterer Bruder lebe in Schweden. Er habe die
Schule bis zur elften Klasse besucht, wobei er zweimal Klassen wiederholt
habe. Im Oktober 2013 – damals (...)-jährig – habe er die Schule abgebro-
chen, um wirtschaftlich für die Familie sorgen zu können, nachdem seine
Mutter erkrankt sei. Sein Vater sei im Militärdienst gewesen und es habe
niemand mehr auf den Feldern der Familie arbeiten können. Er habe noch
bis Ende 2013 einen gültigen Schülerausweis gehabt; in den Militärdienst
sei er nie einberufen worden. Hingegen sei er im Januar 2014 in eine Raz-
zia geraten und festgenommen worden. Man habe ihn nach F._ ge-
bracht, wo er drei Monate in Haft gewesen sei. Er und seine Mitgefangenen
seien davon ausgegangen, dass sie von der Haft direkt in die militärische
Ausbildung verbracht würden. Am 5. April 2014 sei ihm die Flucht aus der
Haft gelungen. Er sei nach Hause zurückgekehrt, dort aber schon bald ge-
sucht worden. Insgesamt habe man dreimal nach ihm gesucht; beim ersten
Mal sei er zufällig nicht zu Hause gewesen, danach habe er sich versteckt.
Am 28. April 2014, mithin circa drei Wochen nach seiner Flucht aus dem
Gefängnis, habe er zusammen mit zwei Freunden nachts das Dorf verlas-
sen und sie seien zu Fuss nach Äthiopien gereist; dort sei er am 1. Mai
2014 angelangt. Er habe sich anderthalb Jahre in Äthiopien im Flüchtlings-
lager G._ aufgehalten und sei dann via den Sudan und Ägypten
über das Mittelmeer nach Italien weitergereist. Nach seiner Ausreise hätten
die Eltern keine Probleme gehabt.
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Der Beschwerdeführer reichte seine im (...) 2012 ausgestellte eritreische
Identitätskarte zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom Verfügung 18. Februar 2019, eröffnet am 19. Februar
2019, lehnte das SEM das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung
aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an. Auf die Begründung
wird in den Erwägungen eingegangen.
C.
Gegen diese Verfügung liess der Beschwerdeführer am 20. März 2019
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben. Er beantragt die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung seiner Flücht-
lingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei die vorläu-
fige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht wurde um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung, um Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses und um Beiordnung des Rechtsvertreters als un-
entgeltlichen Rechtsbeistand ersucht.
Auf die Begründung der Beschwerde wird in den Erwägungen eingegan-
gen.
Der Beschwerdeführer reichte ein Gutachten von Dr. Nicole Hirt, German
Institute of Global and Area Studies (GIGA), vom 15. April 2018 sowie ei-
nen Bericht zur Situation in Eritrea aus der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ)
vom 19. März 2019 zu den Akten.
D.
Mit Verfügung vom 26. März 2019 hielt die Instruktionsrichterin fest, der
Beschwerdeführer könne den Entscheid in der Schweiz abwarten, hiess
die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
Rechtsverbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und setzte den Rechtsvertreter als unentgeltlichen Rechtsbei-
stand ein. Die Vorinstanz wurde zur Vernehmlassung eingeladen.
E.
Das SEM schloss mit Vernehmlassung vom 29. März 2019 ohne weitere
Erwägungen auf Abweisung der Beschwerde. Die Vernehmlassung wurde
dem Beschwerdeführer am 1. April 2019 zur Kenntnis gebracht.
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F.
Mit Eingabe vom 24. April 2020 reichte der Beschwerdeführer eine Schul-
bestätigung (Secondary School Student Report Card) für das 10. Schuljahr
(akademisches Jahr 2012/2013) im Original samt Zustellcouvert zu den
Akten; die Bestätigung weist für das 10. Schuljahr den Stempel «promo-
ted» auf.
Ferner machte er geltend, er habe am (...) 2018 in H._ an einer
exilpolitischen Demonstration teilgenommen; auf Youtube finde sich ein Vi-
deo über diese Demonstration, wo er während fünf Sekunden sichtbar sei;
er reichte zudem drei Fotografien von der Kundgebung ein.
Schliesslich wurden Unterlagen zur Integration des Beschwerdeführers in
der Schweiz (Bestätigungen Sprachkurse), eine Reportage des digitalen
Magazins «Republik» von April 2020 zur Situation von nach Eritrea zurück-
kehrenden ehemaligen Asylsuchenden sowie die Honorarnote des Rechts-
vertreters eingereicht.
G.
Mit Schreiben vom 14. Januar 2021 erkundigte sich der Rechtsvertreter
nach dem Verfahrensstand und ersuchte um beförderliche Behandlung des
Verfahrens. Die Anfrage wurde am 15. Januar 2021 beantwortet.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 20. Mai 2021 teilte die Instruktionsrichterin
dem Beschwerdeführer mit, sie erkenne bezüglich der von der Vorinstanz
als glaubhaft erachteten Haftvorbringen weiteren Instruktionsbedarf; ent-
sprechende Unklarheiten ergäben sich insbesondere aus dem Umstand,
dass der Beschwerdeführer den italienischen Asylbehörden gegenüber an-
dere Daten zur Ausreise aus Eritrea und den Aufenthalten in Äthiopien und
im Sudan angegeben habe als im späteren Asylverfahren in der Schweiz.
Sie behalte sich die Prüfung der Glaubhaftigkeit der Haftvorbringen daher
ausdrücklich vor. Die Instruktionsrichterin forderte den Beschwerdeführer
innert angesetzter Frist auf, sich erneut zu den Umständen seiner Inhaftie-
rung zu äussern, insbesondere auch, wann und aus welchen Gründen er
in Eritrea in Haft genommen worden sei. Sie übermittelte ihm in die Akten
der italienischen Asylbehörden zur Einsicht und gewährte ihm rechtliches
Gehör zu den im italienischen Asylverfahren gelieferten Angaben.
I.
Mit fristgerechter Eingabe vom 3. Juni 2021 nahm der Beschwerdeführer
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Stellung. Betreffend die Angaben in den italienischen Relocation-Akten er-
klärte er, dass seine Angaben möglicherweise in Italien falsch protokolliert
worden seien; für ein Missverständnis spreche, dass die protokollierten Da-
ten in Italien und der Schweiz identisch ausgefallen, jedoch die Ereignisse
vertauscht worden seien. Ein Übersetzungsfehler sei naheliegend. Auch
sei er nach der Ankunft in Italien nach der zweijährigen Flucht sehr er-
schöpft gewesen. Er halte an den Daten, wie er sie anlässlich der BzP zu
Protokoll gegeben habe, fest; diese seien korrekt. Zu den Umständen sei-
ner Inhaftierung erklärte der Beschwerdeführer, er habe sich dazu bereits
anlässlich der BzP und später in der Bundesanhörung geäussert und halte
an seiner Aussage fest, wonach er im Zusammenhang mit einer «Giffa»
inhaftiert worden sei. Diese Razzien seien in Eritrea ein übliches Vorgehen,
um nationaldienstpflichtige Personen einzuziehen. Zum Beleg wies er auf
den Bericht des European Asylum Support Office (EASO) von 2019 hin.
Seine Ausführungen zur geltend gemachten Verhaftung und Inhaftierung
zwecks Rekrutierung entsprächen genau dieser Praxis der eritreischen Si-
cherheitsbehörden.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel, so auch vorliegend, endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
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durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Nach Art. 54 AsylG (subjektive Nachfluchtgründe) wird Flüchtlingen
kein Asyl gewährt, wenn sie erst durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder
Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise Flüchtlinge
im Sinne von Art. 3 AsylG wurden. Personen mit subjektiven
Nachfluchtgründen erhalten zwar kein Asyl, werden jedoch als Flüchtlinge
vorläufig aufgenommen. Massgebend ist dabei einzig, ob die heimatlichen
Behörden das Verhalten des Asylsuchenden als staatsfeindlich einstufen
und dieser deswegen bei einer Rückkehr in den Heimatstaat eine
Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG befürchten muss. Es bleiben damit
die Anforderungen an den Nachweis einer begründeten Furcht
massgeblich (Art. 3 und Art. 7 AsylG; vgl. zum Ganzen auch BVGE 2009/29
E. 5 1 und 2009/28 E. 7.1).
3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
Das SEM erachtete in der angefochtenen Verfügung die Vorbringen des
Beschwerdeführers, wonach er bei einer Razzia im Januar 2014 verhaftet
und nach seiner Flucht aus der dreimonatigen Haft zu Hause gesucht wor-
den sei, was ihn zur Ausreise veranlasst habe, als nicht glaubhaft gemacht.
Zwar habe der Beschwerdeführer die Haft an sich überzeugend und sub-
stantiiert geschildert; er habe das Gefängnisareal mit Hilfe einer Skizze gut
beschreiben können und seine Erlebnisse während der Gefangenschaft
mit vielen Einzelheiten wiedergeben können. Es sei daher nicht auszu-
schliessen, dass er in der Tat irgendwann und irgendwo eine Haft erlebt
habe.
Der angebliche Zusammenhang zu einer Razzia und zu seiner Ausreise
sei aber nicht glaubhaft geworden. Die Razzia habe der Beschwerdeführer
widersprüchlich dargelegt, und seine Aussagen zu den Umständen der
Festnahme seien vage und undifferenziert geblieben. Die Flucht aus dem
Gefängnis habe er stereotyp und ebenfalls nicht substantiiert geschildert,
auch in den Angaben dazu, wie er nach der Flucht zu Hause gesucht wor-
den sei, sei er allgemein und knapp geblieben und habe jegliche Details
vermissen lassen. Aus den Aussagen entstehe nie der Eindruck, es würden
selbst erlebte Ereignisse erzählt.
Das Vorbringen, er habe Eritrea illegal verlassen, vermöge – unter Hinweis
auf das Koordinationsurteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 – zur Dar-
legung der Flüchtlingseigenschaft nicht zu genügen. Es seien darüber hin-
aus neben der illegalen Ausreise keine anderen Anknüpfungspunkte er-
sichtlich, die den Beschwerdeführer in den Augen des eritreischen Re-
gimes als missliebige Person erscheinen lassen könnten.
Weder erfülle der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft aufgrund
von Vorfluchtgründen noch seien Nachfluchtgründe zu bejahen. Deshalb
sei das Asylgesuch abzuweisen.
5.
In der Beschwerde wird daran festgehalten, die Vorbringen seien glaubhaft
gemacht worden. Soweit die Vorinstanz die geltend gemachte Razzia in
Zweifel ziehe, weil der Ort, wo diese stattgefunden habe, widersprüchlich
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genannt worden sei, handle es sich um einen nur marginalen Widerspruch,
respektive um ein Missverständnis bei der BzP zu einem nicht wesentli-
chen Punkt. Dass es Razzien in Eritrea gebe, bei denen insbesondere
Schulabbrecher aufgegriffen würden, sei im Übrigen notorisch. Der Be-
schwerdeführer habe seine Vorbringen substantiiert, widerspruchsfrei, aus
einer subjektiven Wahrnehmung heraus und mit zahlreichen Realkennzei-
chen versehen dargelegt, von einer stereotypen Darstellung könne nicht
die Rede sein. Nachdem der Beschwerdeführer bei einer Razzia aufgegrif-
fen und ins Gefängnis verbracht worden sei und nach der Flucht aus dem
Gefängnis das Land verlassen habe, gelte er nun als Wehrdienstverweige-
rer und müsse eine unverhältnismässige Strafe befürchten; dies sei asyl-
relevant.
Aufgrund seiner illegalen Ausreise, die er ebenfalls detailliert und glaubhaft
geschildert habe, seien jedenfalls subjektive Nachfluchtgründe zu bejahen.
Die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (Entscheid
D-7898/2015 vom 30. Januar 2017) stehe in Widerspruch zu länderspezi-
fischen Berichten wie unter anderem auch dem eingereichten Gutachten
von Dr. Nicole Hirt, und vermöge nicht zu überzeugen; es handle sich dabei
um ein inakzeptables, politisch motiviertes Urteil.
Zu beachten sei neben der Tatsache der illegalen Ausreise als zusätzlicher
Faktor ohnehin, dass der Beschwerdeführer Wehrdienstverweigerer und
nach der Flucht aus dem Gefängnis zu Hause gesucht worden sei; fraglos
sei er bei den Behörden registriert. Es wird auf andere Verfahren verwie-
sen, in denen das SEM für Eritreer die Tatsache der illegalen Ausreise im
wehrpflichtigen Alter als relevant für die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft gewertet habe (vgl. Beschwerde S. 12 f.).
In seiner Eingabe vom 3. Juni 2021 hielt der Beschwerdeführer an den
Daten, wie er sie anlässlich der BzP zu Protokoll gegeben hatte fest,
ebenso wie an seinem Vorbringen, wonach er im Zusammenhang mit einer
«Giffa» inhaftiert worden sei; dieses Vorgehen sei üblich, um national-
dienstpflichtige Personen einzuziehen. Zum Beleg wies er auf den Bericht
des European Asylum Support Office (EASO) aus dem Jahr 2019 hin.
6.
Vorab ist zu prüfen, ob und inwieweit der Beschwerdeführer seine Vorbrin-
gen glaubhaft gemacht hat.
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Seite 9
6.1 Das SEM ging in der angefochtenen Verfügung davon aus, dass der
Beschwerdeführer überzeugend eine erlebte Haft geschildert habe und
dass nicht auszuschliessen sei, dass er tatsächlich irgendwann und ir-
gendwo eine Haft erlebt habe. Den behaupteten Kontext, dies sei nach ei-
ner Razzia erfolgt, bei der er als Schulabbrecher aufgegriffen worden sei,
und habe dazu geführt, dass er nach der Flucht aus dem Gefängnis zu
Hause gesucht worden sei, um in den Nationaldienst verbracht zu werden,
hielt die Vorinstanz jedoch nicht für glaubhaft.
Das Gericht schliesst sich dieser Einschätzung nach Durchsicht aller Akten
an. In der Tat hat der Beschwerdeführer – in einem deutlichen Kontrast zur
auffallend tieferen Substantiierungsdichte seiner anderweitigen Aussagen
– einen Haftaufenthalt substantiiert, erlebnisgeprägt und mit zahlreichen
Einzelheiten untermauert schildern sowie die Gefängnisörtlichkeiten an-
hand einer angefertigten Skizze präzisieren können (vgl. insbesondere A15
F 81 ff., F 100 sowie Skizze im Anhang des Protokolls, F 159). Die Schil-
derungen beinhalten verschiedene Realkennzeichen und lassen den
glaubhaften Eindruck entstehen, dass Selbsterlebtes berichtet wird. Auch
das Gericht geht davon aus, dass nicht auszuschliessen ist, dass der Be-
schwerdeführer irgendwann und irgendwo einen Gefängnisaufenthalt er-
lebt hat.
6.2 Dass dieser Haftaufenthalt in einem Zusammenhang zur Festnahme
bei einer Razzia in Eritrea gestanden habe, dass der Beschwerdeführer
hätte in den Nationaldienst verbracht werden sollen, dass ihm die Flucht
aus dem Gefängnis unter den geschilderten Umständen gelungen sei und
er in der Folge zu Hause gesucht worden sei, hat die Vorinstanz demge-
genüber zu Recht und mit zutreffenden Erwägungen als nicht glaubhaft
gemacht bezeichnet.
Zunächst sind die entsprechenden Schilderungen vage, wenig detailliert
und stereotyp ausgefallen. Sowohl bei den Angaben zur angeblichen Fest-
nahme wie bei der Schilderung der Flucht aus dem Gefängnis fehlen ge-
haltvolle oder persönlich gefärbte Aussagen. So wird etwa die Flucht aus
dem Gefängnis, bei der es sich um ein einschneidendes Geschehen ge-
handelt hätte, lediglich dahingehend erzählt, man habe die Dunkelheit aus-
nützen können, als das Abendessen einmal verspätet gebracht worden sei;
viele der Flüchtenden seien wieder verhaftet worden, der Beschwerdefüh-
rer habe demgegenüber zu jenen gehört, denen die Flucht geglückt sei
(A15 F 93 ff.); er sei dann einfach gerannt, zuerst geradeaus und dann
abgebogen Richtung Berge (A15 F 101 ff.), habe dann in einem Versteck
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zwischen zwei Felsen übernachtet und am nächsten Tag ein Auto anhalten
und dort mitfahren können (A15 F 106 ff.). Dass dies für ihn als entflohenen
Häftling ohne weitere Schwierigkeiten möglich gewesen sei, da es nämlich
in Eritrea nicht unüblich sei, dass Zivilisten einer Person in Schwierigkeiten
helfen würden (A15 F 110 ff.), macht ferner für die eritreischen Verhält-
nisse, die durch ein Willkürregime, durch harte Strafen gegen abweichen-
des oder oppositionelles Verhalten sowie durch die Angst vor Spitzeln ge-
prägt sind, einen wenig plausiblen Eindruck.
Die angebliche Razzia, bei der er festgenommen worden sei, schilderte der
Beschwerdeführer zudem widersprüchlich; er soll den Aussagen in der BzP
zufolge in D._, den späteren Aussagen in der Anhörung zufolge hin-
gegen in I._ an einer Bushaltestelle festgenommen worden sein
(vgl. A5 Ziff. 7.01 S. 6; A15 F 65 ff.). Der Beschwerdeführer bestreitet die
Aussage in der BzP (vgl. A15 F 158) beziehungsweise macht geltend, es
handle sich um ein Missverständnis, vielleicht um einen Dolmetscherfehler
(Beschwerde S. 7), ohnehin sei der Widerspruch nur marginal (Be-
schwerde S. 4). Diese Argumentation vermag nicht zu überzeugen.
Auch das Vorbringen, dass der Beschwerdeführer nach der Flucht aus dem
Gefängnis zu Hause gesucht worden sei, hat die Vorinstanz zu Recht als
unsubstantiiert erachtet. Sie hielt hierzu fest, er habe keinerlei Details dazu,
wie und von wem er von der Suche erfahren habe, sondern lediglich allge-
meine und knappe Beschreibungen angeben können. In der Tat bleiben
auch diese Aussagen stereotyp und vage. Ergänzend ist festzuhalten, dass
die Darstellungen auch der Plausibilität entbehren. So will der Beschwer-
deführer, obwohl aus dem Gefängnis geflüchtet und ausgerechnet nach
Hause an die den Behörden bekannte Adresse zurückgekehrt, sich an-
fangs überhaupt nicht versteckt haben, da er gedacht habe, so schnell
werde man ihn wohl nicht suchen (vgl. A15 F 130). Nachdem man ihn am
10. April 2014, fünf Tage nach der Flucht aus dem Gefängnis, ein erstes
Mal gesucht und zufällig nicht angetroffen habe, habe er sich weitere fünf
Tage zu Hause aufgehalten, ohne sich zu verstecken; er sei nämlich davon
ausgegangen, nach der erfolglosen ersten Suche werde man die weitere
Suche nach ihm einstellen (A15 F 122); erst ab dem 15. April 2014 habe er
sich dann bis zur Ausreise versteckt (A5 Ziff. 7.016; A15 F 124 ff.).
Dass gerade bei diesen Beschreibungen angeblich Realkennzeichen fest-
zustellen seien, indem der Beschwerdeführer beispielsweise seine Ge-
fühlslage – dass er überrascht gewesen sei, dass man ihn so schnell ge-
sucht habe – geschildert habe (Beschwerde S. 6), überzeugt wiederum
nicht.
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Seite 11
6.3 Unklarheiten bestehen im Zusammenhang damit, dass der Beschwer-
deführer offenbar den italienischen Asylbehörden gegenüber namentlich
andere Daten dazu, wann er aus Eritrea ausgereist sei und wie lange er
sich in Äthiopien und im Sudan aufgehalten habe, angegeben hat als im
späteren Asylverfahren in der Schweiz (vgl. in den Relocation-Unterlagen
den «Report of the statements made by aliens applying for international
protection in Italy» sowie «Specific information for possible exclusion from
refugee or subsidiary protection status Form», beide vom 7. Juni 2016).
Seinen Angaben in der BzP zufolge handelt es sich um unzutreffende Pro-
tokollierungen (vgl. A5 Ziff. 2.02 S. 4, Ziff. 7.01 S. 7).
Weil die Umstände des Zustandekommens der italienischen Unterlagen
nicht zweifelsfrei feststehen und diese auch nicht alle vom Beschwerdefüh-
rer unterzeichnet worden sind, ist vorliegend auf entsprechende Unge-
reimtheiten nicht weiter einzugehen. Die entsprechenden Einlassungen
des Beschwerdeführers in seiner Eingabe vom 3. Juni 2021 sind jedenfalls
nicht geeignet, diese Ungereimtheiten aufzuklären.
Auszugehen ist davon, dass dem Beschwerdeführer im Jahr 2012 eine erit-
reische Identitätskarte ausgestellt worden ist, dass er, der eingereichten
Secondary School Student Report Card zufolge, das 10. Schuljahr (akade-
misches Jahr [...]) abgeschlossen und ins 11. Schuljahr versetzt worden
ist, und dass er seinen Angaben im schweizerischen Verfahren zufolge Erit-
rea Ende April 2014 verlassen hat.
6.4 Zusammenfassend erachtet es das Gericht als glaubhaft gemacht,
dass der Beschwerdeführer in Eritrea den Nationaldienst noch nicht geleis-
tet hat, sondern bis kurz vor seiner Ausreise noch die Schule besuchte.
Ferner ist nicht auszuschliessen, dass er irgendwann und irgendwo eine
Gefängnishaft erlebt hat. Die behaupteten Umstände der Gefängnishaft –
der Beschwerdeführer sei bei einer Razzia als Schulabbrecher aufgegriffen
worden und hätte aus der Haft in den Nationaldienst überstellt werden sol-
len; im Zeitpunkt der Ausreise sei er als aus dem Gefängnis Entflohener
gesucht worden – können demgegenüber nicht geglaubt werden. Das Ge-
richt geht daher auch nicht davon aus, dass der Beschwerdeführer im Zeit-
punkt der Ausreise als Wehrdienstverweigerer gegolten habe.
7.
Es bleibt zu prüfen, welche flüchtlingsrechtliche Relevanz die Vorbringen
haben.
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Seite 12
7.1 Das Gericht hat mit zwei Koordinationsurteilen (D-7898/2015 vom
30. Januar 2017, und D-2311/2016 vom 17. August 2017, beide als Refe-
renzurteile publiziert) sowie einem Grundsatzurteil vom 10. Juli 2018
(BVGE 2018 VI/4) seine Praxis betreffend Eritrea konkretisiert. Diese Pra-
xis ist weiterhin aktuell (vgl. in jüngster Zeit beispielsweise die Entscheide
D-6035/2019 vom 16. April 2021, E-681/2019 vom 8. April 2021,
D-276/2020 vom 31. März 2021). Soweit in der Beschwerde die Praxis des
Gerichts in genereller Weise kritisiert wird (vgl. Beschwerde S. 10 ff.;
S. 13 ff., speziell S. 17; S. 18 ff.), vermag dies die Notwendigkeit einer Pra-
xisänderung nicht darzutun, und es ist auf die entsprechenden Ausführun-
gen nicht weiter einzugehen.
Soweit der Beschwerdeführer schliesslich auf den Entscheid des Aus-
schusses gegen Folter (Committee Against Torture, CAT) A.N. gegen die
Schweiz vom 3. August 2018 (CAT/64/D/7842/2016) hinweist, wo das CAT
festhalte, «die Wegweisung eines Eritreers verletze die Artikel 3, 14 und 16
der UN-Antifolter-Konvention» (Beschwerde S. 12), ist darauf hinzuweisen,
dass es im fraglichen CAT-Entscheid um die Frage ging, ob ein Eritreer,
der im Heimatland Folter erlitten hatte, im Rahmen eines Dublin-Verfahrens
nach Italien überstellt werden dürfe und ob eine individuelle Zusicherung
seitens der italienischen Behörden einzuholen sei, dass der Folteropfer-
problematik und der erforderlichen Behandlung in Italien Rechnung getra-
gen werde. Mit diesen Fragestellungen hat das vorliegende Verfahren
nichts zu tun.
7.2 Mit dem Vorbringen, er müsse als Wehrdienstverweigerer gelten,
nimmt der Beschwerdeführer Bezug auf die feststehende Praxis des Ge-
richts, dass eine glaubhaft gemachte Desertion oder Wehrdienstverweige-
rung im eritreischen Kontext zur Anerkennung von asylrelevanten Vor-
fluchtgründen führt.
Dienstverweigerung und Desertion werden in Eritrea unverhältnismässig
streng bestraft. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweigerung
oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person in einem
konkreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt ist
anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven Dienst stand und de-
sertierte respektive wenn ein konkretes Aufgebot in den Nationaldienst
glaubhaft gemacht wird, dem der Betreffende durch Dienstverweigerung
nicht nachgekommen ist. In diesen Fällen droht nicht nur eine Haftstrafe,
sondern eine Inhaftierung unter unmenschlichen Bedingungen und Folter,
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Seite 13
wobei Dienstverweigerer und Deserteure regelmässig der Willkür ihrer Vor-
gesetzten ausgesetzt sind. Die Militärdienstverweigerung wird von den erit-
reischen Behörden als Ausdruck der Regimefeindlichkeit aufgefasst. Es ist
daher davon auszugehen, dass die einem Dienstverweigerer oder Deser-
teur drohende Strafe nicht allein der Sicherstellung der Wehrpflicht dienen
würde, was nach zu bestätigender Praxis ‒ immer unter der Voraussetzung
rechtsstaatlicher und völkerrechtskonformer Rahmenbedingungen ‒
grundsätzlich als legitim zu erachten wäre; vielmehr wäre damit zu rech-
nen, dass die betroffene Person aufgrund ihrer Verweigerung als politi-
scher Gegner qualifiziert und als solcher unverhältnismässig schwer be-
straft würde. Mit anderen Worten hätte ein Dienstverweigerer oder Deser-
teur, sollte das staatliche Regime seiner habhaft werden, eine politisch mo-
tivierte Bestrafung und eine Behandlung zu erwarten, die einer flüchtlings-
rechtlich relevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkommt (vgl.
dazu beispielsweise, statt vieler, das Urteil des BVGer E-115/2018 vom
5. März 2020 m.w.H., insbesondere mit Hinweis auf Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006
Nr. 3).
Einen direkten Kontakt mit den eritreischen Behörden im Zusammenhang
mit einer konkreten Einberufung in den Nationaldienst hat der Beschwer-
deführer nach dem Gesagten allerdings nicht glaubhaft gemacht, und
seine Einschätzung, er habe bei seiner Ausreise als Dienstverweigerer ge-
golten, kann nicht gestützt werden (vgl. E. 6.4). Dass er im dienstpflichtigen
Alter ist und den Nationaldienst noch nicht absolviert hat und dass ihm bei
einer Rückkehr nach Eritrea ein Aufgebot in den Dienst bevorstehen kann,
genügt praxisgemäss nicht, um eine Dienstverweigerung darzutun. Ferner
ist die bevorstehende Dienstpflicht – mangels einer flüchtlingsrechtlichen
Verfolgungsmotivation (vgl. bereits EMARK 2006 Nr. 3 E. 4.7; Referenzur-
teil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 E. 5.1) – für sich allein auch nicht
asylrelevant.
Der Beschwerdeführer hat nicht glaubhaft gemacht, dass er im Zeitpunkt
der Ausreise aus Eritrea (im Sinne von Vorfluchtgründen) eine begründete
Furcht vor asylrelevanten Nachteilen gehabt hat. Sein Asylgesuch wurde
daher zu Recht abgelehnt.
8.
Zu prüfen ist in einem weiteren Schritt, ob der Beschwerdeführer subjektive
Nachfluchtgründe darlegen konnte.
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8.1 Im Zusammenhang mit der vom Beschwerdeführer geltend gemachten
illegalen Ausreise aus Eritrea ist auf das Referenzurteil des Bundesverwal-
tungsgerichts D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 zu verweisen. Das Ge-
richt geht gemäss dieser Praxis nicht mit überwiegender Wahrscheinlich-
keit davon aus, dass sich eritreische Staatsangehörige allein aufgrund ei-
ner illegalen Ausreise mit Sanktionen ihres Heimatstaates konfrontiert se-
hen, welche bezüglich ihrer Intensität und der politischen Motivation des
Staates ernsthafte Nachteile im Sinne des Asylgesetzes darstellen (vgl.
D-7898/2015, a.a.O., E. 5.1). Gemäss dieser Rechtsprechung ist nur dann
von einer begründeten Furcht vor intensiven und flüchtlingsrechtlich be-
gründeten Nachteilen auszugehen, wenn zur illegalen Ausreise weitere
Faktoren hinzukommen, welche die asylsuchende Person in den Augen
der eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen lassen (vgl.
D-7898/2015, a.a.O., E. 5.1). Es bedarf mit anderen Worten zusätzlicher
Anknüpfungspunkte, welche zu einer Schärfung des Profils der illegal aus-
gereisten Person und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten Ver-
folgungsgefahr führen könnten.
Das SEM ging in der angefochtenen Verfügung davon aus, solche zusätz-
lichen Anknüpfungspunkte seien für den Beschwerdeführer nicht ersicht-
lich, zumal weder die angebliche Festnahme bei einer Razzia noch die Su-
che nach ihm unmittelbar vor der Ausreise glaubhaft gemacht worden
seien.
Diese Erwägungen sind zutreffend. Wie erwähnt, ist zwar nicht auszu-
schliessen, dass der Beschwerdeführer irgendwann und irgendwo im Ge-
fängnis gewesen sei. Allerdings kann der von ihm behauptete Haftgrund
(Festhaltung nach einer Razzia in Eritrea im Januar 2014) nicht geglaubt
werden (vgl. E. 6.2 und 6.4). Auch nach Gewährung des rechtlichen Ge-
hörs im Hinblick darauf, dass auch das Gericht diesen Sachverhaltsaspekt
als unglaubhaft erachten könnte, hat der Beschwerdeführer weiterhin an
seinem Vorbringen festgehalten (vgl. Eingabe vom 3. Juni 2021). Ferner
ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer im Rahmen der BzP
zu Protokoll gegeben hat, ausser den erwähnten Vorkommnissen keine
Probleme mit den Behörden gehabt zu haben (vgl. A5 Ziff. 7.01). Aufgrund
der Aktenlage kann das Gericht in diesem Zusammenhang keine zusätzli-
chen Anknüpfungspunkte erkennen, die den Beschwerdeführer in den Au-
gen des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen lassen
könnten. Zwar hat er seine illegale Ausreise glaubhaft geschildert (vgl. A5
Ziff. 5.02 S. 6, A15 F 132 ff.), da aber keine anderweitigen Anknüpfungs-
punkte im Sinne der skizzierten Rechtsprechung ersichtlich sind, führt die
E-1369/2019
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geltend gemachte illegale Ausreise – ungeachtet der Frage ihrer Glaubhaf-
tigkeit – nicht zur Bejahung der Flüchtlingseigenschaft des Beschwerde-
führers.
8.2 Zu den exilpolitischen Vorbringen des Beschwerdeführers – es wurde
im Verlauf des Beschwerdeverfahrens eine offenbar einmalig gebliebene
Teilnahme an einer Demonstration geltend gemacht (vgl. Eingabe vom
24. April 2020) – ist festzuhalten, dass auch dieses Vorbringen keinen zu-
sätzlichen Anknüpfungspunkt im Sinne der Rechtsprechung (vgl. E. 8.1) zu
begründen vermag.
9.
Nach dem Gesagten erfüllt der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen-
schaft nicht und sein Asylgesuch wurde zu Recht abgelehnt.
10.
10.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
10.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
11.
11.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
11.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
http://links.weblaw.ch/BVGE-2013/37 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/24
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Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5
Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
11.2.1 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich
erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der
in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden. Die Zulässigkeit des Vollzuges be-
urteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs- und völkerrechtli-
chen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105], Art. 3 und
4 EMRK).
11.2.2 Das Bundesverwaltungsgericht gelangte im Grundsatzurteil
BVGE 2018 VI/4 zum Schluss, der Wegweisungsvollzug nach Eritrea sei
auch angesichts einer (allfälligen) drohenden Einziehung in den National-
dienst als zulässig im Sinne von Art. 83 Abs. 3 AIG in Verbindung mit
Art. 4 EMRK zu qualifizieren. Dabei wurde erwogen, es handle sich beim
eritreischen Nationaldienst nicht um Sklaverei oder Leibeigenschaft
(vgl. ebenda, E. 6.1.4). Ferner müsse der Nationaldienst zwar grundsätz-
lich als Zwangsarbeit (Art. 4 Abs. 2 EMRK) qualifiziert werden; allerdings
könne im Falle von Eritrea nicht mit hinreichender Wahrscheinlichkeit da-
von ausgegangen werden, dass während der Leistung des Nationaldiens-
tes generell das ernsthafte Risiko einer krassen Verletzung des Verbots
der Zwangs- und Pflichtarbeit bestehe (vgl. ebenda, E. 6.1.5). Die in der
Beschwerde zitierten Berichte zur Zwangsarbeit während des eritreischen
Nationaldienstes sowie die Argumentation betreffend den Diaspora-Status
müssen vor dem Hintergrund der in BVGE 2018 VI/4 niedergelegten Argu-
mentation als unbehelflich bezeichnet werden, da das Bundesverwaltungs-
gericht in diesem Urteil zur Einschätzung gelangte, es existierten keine hin-
reichenden Belege dafür, dass Misshandlungen und sexuelle Übergriffe im
Nationaldienst derart flächendeckend stattfänden, dass jede Dienstleis-
tende und jeder Dienstleistende dem ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre,
selbst solche Übergriffe zu erleiden (vgl. ebenda, E. 6.1.6). Somit besteht
selbst bei einer Einziehung des Beschwerdeführers in den eritreischen Na-
tionaldienst kein ernsthaftes Risiko einer Verletzung von Art. 3 EMRK. Den
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Akten sind des Weiteren keine anderweitigen, konkreten und glaubhaften
Anhaltspunkte dafür zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer im Falle
einer Rückkehr nach Eritrea dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wäre. Schliesslich lässt auch die allgemeine Menschenrechtssitu-
ation in Eritrea den Wegweisungsvollzug im heutigen Zeitpunkt nicht als
unzulässig erscheinen.
11.2.3 Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwal-
tungsgericht die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges – aufgrund des
Fehlens eines Rückübernahmeabkommens zwischen der Schweiz
und Eritrea – lediglich für freiwillige Rückkehrer beurteilte und die Zulässig-
keit zwangsweiser Rückführungen ausdrücklich offengelassen hat (vgl.
BVGE 2018 VI/4 E. 6.1.7).
11.2.4 Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers erweist sich
damit – sowohl im Sinn der landes- als auch der völkerrechtlichen Bestim-
mungen – als zulässig.
11.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist - unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG - die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren.
11.3.1 In BVGE 2018 VI/4 kam das Bundesverwaltungsgericht auch zum
Schluss, dass die drohende Einziehung in den Nationaldienst nicht zur Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führe (a.a.O. E. 6.2.3-6.2.5). Im
Sinn der obigen Ausführungen erübrigt es sich zudem, auf den Umgang
der eritreischen Behörden mit Deserteuren einzugehen, da der Beschwer-
deführer nicht glaubhaft machen konnte, dass er sich im Zeitpunkt seiner
Ausreise seiner Dienstpflicht entzogen habe.
11.3.2 Laut geltender Rechtsprechung ist in Eritrea nicht von einem Krieg,
Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungsweise ei-
ner generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs auszugehen.
Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor schwierig. Die medizinische
Grundversorgung, die Ernährungssituation, der Zugang zu Wasser und zur
Bildung haben sich aber stabilisiert. Der Krieg ist seit Jahren beendet und
http://links.weblaw.ch/BVGE-2018%20VI/4
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ernsthafte ethnische oder religiöse Konflikte sind nicht zu verzeichnen. An-
gesichts der schwierigen allgemeinen Lage des Landes muss jedoch in
Einzelfällen nach wie vor von einer Existenzbedrohung ausgegangen wer-
den, wenn besondere Umstände vorliegen. Anders als noch unter der
früheren Rechtsprechung sind begünstigende individuelle Faktoren jedoch
nicht mehr zwingende Voraussetzung für die Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des BVGer D-2311/2016 vom 17. Au-
gust 2017 E. 16 f.).
11.3.3 Der Beschwerdeführer ist ein heute (...)-jähriger gesunder Mann mit
geringer Schulbildung. Gemäss seinen Angaben wohnen seine Eltern im
eigenen Hause in D._ und betreiben dort Landwirtschaft; Ver-
wandte leben in der näheren Umgebung. In der Beschwerde führt der Be-
schwerdeführer gegen die Zumutbarkeit des Vollzugs an, er sei ohne Aus-
bildung und seine Eltern seien arm. Diesen sozialen Hintergrund teilt der
Beschwerdeführer jedoch mit einer Vielzahl von Landsleuten; es ist immer-
hin davon auszugehen, dass er am Herkunftsort über eine gesicherte
Wohnmöglichkeit und ein soziales Beziehungsnetz verfügt, welches ihn bei
Bedarf unterstützen könnte. Es ist daher auch kein individuelles Vorbringen
ersichtlich, welches der Zumutbarkeit des Vollzugs im Weg stehen könnte.
11.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
11.4 Die zwangsweise Rückführung abgewiesener Asylsuchender
nach Eritrea ist zurzeit generell unmöglich. Die Möglichkeit der freiwilligen
Rückkehr steht jedoch praxisgemäss der Feststellung der Unmöglichkeit
des Wegweisungsvollzugs entgegen. Es obliegt daher dem Beschwerde-
führer, sich bei der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine
Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8
Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12).
Der Vollzug der Wegweisung ist deshalb auch als möglich zu bezeichnen
(Art. 83 Abs. 2 AIG).
11.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt daher ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AIG).
12.
Die Beschwerde ist abzuweisen.
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-2311/2016 http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/34
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13.
13.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm mit Verfügung
vom 26. März 2019 jedoch die unentgeltliche Prozessführung gewährt
wurde, werden keine Verfahrenskosten erhoben.
13.2 Mit derselben Verfügung wurde auch das Gesuch um amtliche Ver-
beiständung gutgeheissen. Die Festsetzung des amtlichen Honorars er-
folgt in Anwendung der Art. 8-11 sowie Art. 12 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2). Am 3. Juni 2021 wurde eine
Honorarnote zu den Akten gereicht. Der Rechtsvertreter weist einen Auf-
wand von 10.05 Stunden für die Einreichung der Beschwerde, einen Auf-
wand von 0.20 Stunden für die Kenntnisnahme der vorinstanzlichen Ver-
nehmlassung und die entsprechende Information seines Mandanten sowie
einen Aufwand von 2.35 Stunden für die Einreichung der Eingabe vom
24. April 2020 aus, welcher angemessen erscheint. Nicht nachvollziehbar
ist ein zeitlicher Aufwand von einer Stunde (unter dem Datum vom 20. März
2019), um dem Mandanten eine Beschwerdekopie zuzustellen; dieser Auf-
wand ist zu kürzen. Für Gespräche mit dem Mandanten in den Jahren 2020
und 2021 und für die Einreichung der Eingabe vom 3. Juni 2021 werden
insgesamt 3.9 Stunden ausgewiesen; auch dieser Aufwand erscheint an-
gemessen. Massgeblich ist für das gesamte Verfahren demnach ein Stun-
denaufwand von 16.5 Stunden. Unter dem Datum vom 20. März 2019 wird
ferner für die Zustellung der Kopie an den Klienten anstelle der Auslagen
für eine Briefsendung irrtümlicherweise ein Betrag von Fr. 300.– ausgewie-
sen und in der Abrechnung der Auslagen von total Fr. 317.90 mitberück-
sichtigt; auch dies ist zu korrigieren. Die ausgewiesenen Auslagen belau-
fen sich demnach auf lediglich Fr. 17.90. Der ausgewiesene Stundenan-
satz des Rechtsvertreters von Fr. 300.– ist für die Berechnung des amtli-
chen Honorars zu kürzen. Der Stundenansatz für das Honorar der unent-
geltlichen Rechtsverbeiständung beträgt für einen nicht-anwaltschaftlichen
Verteter, wie dies vorliegend der Fall ist, Fr. 150.– (vgl. die entsprechenden
Hinweise in der Instruktionsverfügung vom 26. März 2019).
Für die Berechnung der Parteientschädigung ist demnach der Aufwand
von 16.5 Stunden zum Ansatz von Fr. 150.– sowie ausgewiesene Ausla-
gen in Höhe von Fr. 17.90 zugrunde zu legen. Das Honorar zu Lasten der
Gerichtskasse ist auf Fr. 2685.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteueranteil)
festzusetzen.
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