Decision ID: 4e60673a-981f-49de-873c-12c565005df2
Year: 2011
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: civil_law

betreffend Forderung
Berufung gegen ein Urteil des Arbeitsgerichtes Zürich, 4. Abteilung, vom 22. Dezember 2010 (AN100308)
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Ursprüngliches Rechtsbegehren (Urk. 1 S. 2):
"1. Die Beklagte sei zu verpflichten, dem Kläger die Lohnforderung in der Höhe von netto Fr. 9'093.- für zwei Monate Kündigungsfrist auszuzahlen.
2. Unter Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beklagten."
Anlässlich der Hauptverhandlung vom 23. Juni 2010 erweitertes Rechtsbegehren (Prot. S. 4 und Urk. 8 sinngemäss)
1. (...) 2. Die Beklagte sei zu verpflichten, dem Kläger Wegentschädigung
in der Höhe von Fr. 22'920.- netto zu bezahlen. Unter Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beklagten.
Beschluss des Arbeitsgerichts Zürich vom 22. Dezember 2010:
"1. Vom Rückzug der Klage im Umfang von Fr. 18'223.20 netto wird Vormerk genommen und der Prozess als dadurch erledigt .
2. Die Kosten- und Entschädigungsfolgen werden mit  Urteil geregelt.
3. Schriftliche Mitteilung mit nachfolgendem Urteil. 4. Ein Rekurs gegen diesen Beschluss kann innert 10 Tagen von
der Zustellung an schriftlich, im Doppel und unter Beilage des Entscheides dem Obergericht des Kantons Zürich, I. Zivilkammer, Postfach 2401, 8021 Zürich, eingereicht werden. In der  sind die Rekursanträge zu stellen und zu begründen."
Urteil des Arbeitsgerichts Zürich vom 22. Dezember 2010:
"1. Die Beklagte wird verpflichtet, dem Kläger Fr. 13'789.80 netto zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird die Klage abgewiesen.
2. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
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Fr. 3'300.00 ; die weiteren Kosten betragen: Fr. 487.50 Übersetzungskosten Fr. 3'787.50
3. Die Kosten werden den Parteien je zur Hälfte auferlegt. 4. Es werden keine Prozessentschädigungen zugesprochen. 5. Schriftliche Mitteilung an die Parteien je gegen Empfangsschein. 6. Eine Berufung gegen dieses Urteil kann innert 10 Tagen von der
Zustellung an schriftlich und im Doppel beim Arbeitsgericht erklärt werden."
Berufungsanträge:
der Beklagten (Urk. 36 S. 2):
"1. Dispositiv Ziffern 1 bis 4 des Urteils des Arbeitsgerichts Zürich vom 22. Dezember 2010 (AN100308) seien aufzuheben;
2. Die Klage sei abzuweisen; 3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zzgl. MwSt) zu Lasten
des Klägers und Berufungsbeklagten für beide Instanzen."
des Klägers (Urk. 40 S. 2):
"1. Die Berufung vom 17. März 2011 sei vollumfänglich abzuweisen. 2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zzgl. 8% MWSt.) zu
Lasten der Berufungsklägerin."

Erwägungen:
1. Sachverhaltsüberblick und Prozessgeschichte
1. Mit diversen Einsatzverträgen stellte die Appellantin und Beklagte (nachfol-
gend: die Beklagte) den Appellaten und Kläger (nachfolgend: der Kläger) als
temporären Bauarbeiter an (vgl. die Einsatzverträge vom 4. August 2008
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[Urk. 2/1/1], vom 25. November 2008 [Urk. 2/1/2], vom 9. März 2009
[Urk. 2/1/3] und vom 28. August 2009 [Urk. 2/1/4]). Unter anderem war in
den Einsatzverträgen Folgendes vereinbart:
Einsatzfirma: C._,... [Adresse], D._ [Ort] [...]
Arbeitsort: C._, ... [Adresse], D._ (E._ AG) [...]
Treffpunkt: 05.30 Uhr Treffpunkt am Bahnhof F._.
2. Der Arbeitseinsatz des Klägers bei der "C._" endete am 26. Februar
2010. Zwischen den Parteien war umstritten, ob der Arbeitseinsatz seitens
der Beklagten effektiv auf diese Zeitpunkt gekündigt worden war. Der Kläger
stellte sich auf den Standpunkt, dass ihm erst am 26. Februar 2010 auf den
28. Februar 2010 - d.h. ohne Einhaltung der im Gesamtarbeitsvertrag vorge-
sehen Kündigungsfrist von zwei Monaten - gekündigt worden sei. Entspre-
chend forderte er den Lohn für die Monate März und April 2010 bis zum Ab-
lauf der zweimonatigen Kündigungsfrist (Urk. 1 und 1a). Demgegenüber
stellte sich die Beklagte auf den Standpunkt, dass dem Kläger bereits am
6. November 2009 die Kündigung seines Einsatzes per 26. Februar 2010
mitgeteilt worden sei, womit das Arbeitsverhältnis auf diesen Zeitpunkt be-
endet worden sei (Urk. 6 S. 4 Rz. 12 f., insbes. mit Hinweis auf Urk. 7/4).
3. Mit Eingabe vom 12. April 2010 (Datum des Poststempels) machte der Klä-
ger den vorliegenden Prozess beim Arbeitsgericht Zürich anhängig und be-
antragte zunächst, die Beklagte sei zu verpflichten, ihm Lohn für die zwei-
monatige Kündigungsfrist bis Ende April 2010 in der Höhe von netto
Fr. 9'093.00 zu bezahlen (Urk. 1 und 1a). In der Folge wurden die Parteien
zur Hauptverhandlung auf den 23. Juni 2010 vorgeladen (Urk. 3). Anlässlich
der Hauptverhandlung vom 23. Juni 2010 erweiterte der Kläger seine Klage
und beantragte neu, die Beklagte sei zusätzlich zum eingeklagten Lohn von
Fr. 9'093.00 zu verpflichten, ihm Fr. 22'920.00 netto Wegentschädigung zu
bezahlen (Prot. S. 4 f.).
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4. Da nunmehr eine Forderung mit einem Streitwert über Fr. 30'000.00 einge-
klagt war, wurde der Prozess mit Verfügung vom 25. Juni 2010 dem Kollegi-
algericht überwiesen und erneut zur Hauptverhandlung auf den
7. September 2010 vorgeladen (Urk. 9 und 11).
5. Anlässlich der Hauptverhandlung vom 7. September 2010 liess der Kläger
seine Klage erneut modifizieren und beantragen, es sei die Beklagte zur
Zahlung von Fr. 15'073.35 abzüglich die üblichen Sozialleistungen und Quel-
lensteuer, nebst Zins zu 5 % seit dem 1. März 2010, zu verpflichten (Urk. 22
S. 2). Mit diesem Rechtsbegehren beschränkte sich der Kläger darauf, eine
Wegentschädigung geltend zu machen. Demgegenüber liess der Kläger die
Lohnforderung für die zweimonatige Kündigungsfrist bis Ende April 2010 fal-
len (Urk. 22 S. 4). Die Beklagte beantragte die Abweisung der Klage (Prot.
S. 9 und Urk. 14).
6. Nach Durchführung der Hauptverhandlung schlossen die Parteien einen
Vergleich mit Widerrufsvorbehalt (Prot. S. 17 f.). Mit Schreiben vom
16. September 2010 widerrief die Beklagte den Vergleich fristgerecht
(Urk. 24).
7. Aufgrund der Klagereduktion anlässlich der Hauptverhandlung vom
7. September 2010 nahm die Vorinstanz mit Beschluss vom 22. Dezember
2010 Vormerk vom Rückzug der Klage im Umfang von Fr. 18'223.20 netto
(Fr. 32'013.– abzüglich Nettobetrag, der zuzusprechen ist, nämlich
Fr. 13'789.80) und schrieb den Prozess in diesem Umfang als durch Rück-
zug erledigt ab. Mit Urteil vom gleichen Tag wurde die Beklagte verpflichtet,
dem Kläger Fr. 13'789.80 zu bezahlen, und ihm Mehrbetrag wurde die Klage
abgewiesen.
8. Am 10. Januar 2011 erklärte die Beklagte rechtzeitig Berufung gegen das
Urteil des Arbeitsgerichts Zürich vom 22. Dezember 2010 (Urk. 31). Am
17. März 2011 reichte die Beklagte die Berufungsbegründung mit den obge-
nannten Anträgen ein (Urk. 36). Am 13. April 2011 erstattete der Kläger die
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Berufungsantwort mit den obgenannten Anträgen (Urk. 40). In ihrer Beru-
fungsreplik vom 24. Mai 2011 (Urk. 42) und Berufungsduplik vom 13. April
2011 (recte wohl: 16. Juni 2011) hielten die Parteien an ihren Anträgen fest
(Urk. 44).
9. Auf telefonische Anfrage verzichteten die Parteien auf eine öffentliche Ur-
teilsberatung und -eröffnung (Urk. 46 und 47).
2. Prozessuale Vorbemerkungen
1. Am 1. Januar 2011 trat die schweizerische Zivilprozessordnung in Kraft. Für
Rechtsmittel gilt das Recht, das bei der Eröffnung des Entscheides in Kraft
war (Art. 405 Abs. 1 ZPO). Da das angefochtene Urteil vom 22. Dezember
2010 datiert und gleichentags eröffnet wurde, untersteht das Rechtsmittel-
verfahren den Bestimmungen des bisherigen kantonalzürcherischen Zivil-
prozessrechts, obwohl die Berufung am 1. Januar 2011 und damit nach dem
Inkrafttreten der schweizerischen Zivilprozessordnung erklärt wurde
(Urk. 31).
2. Der Streitwert berechnet sich für die Zulässigkeit von Rechtsmitteln nach
den Verhältnissen zur Zeit der Fällung des angefochtenen Entscheides (§ 18
Abs. 2 ZPO/ZH). Für die Frage der Verfahrensart (einfaches und rasches
Verfahren) und der damit verbundenen Fragen (insbesondere Kostenlosig-
keit des Verfahrens) bleibt der ursprüngliche Streitwert massgebend. Weil
der Streitwert von Fr. 30'000.00 gemäss Art. 343 aOR (nach dem eingangs
erwähnten erweiterten Rechtsbegehren über Fr. 32'013.00) überschritten
wird, kommt diese Bestimmung nicht zur Anwendung.
3. Materielles
1. Die Parteien haben in ihrem Arbeits- bzw. Einsatzvertrag als "Treffpunkt"
den Bahnhof F._ und als "Arbeitsort" die C._ vereinbart (Urk. 2/2/1
etc.), wobei sich der Treffpunkt nach der unbestrittenen Darstellung im ange-
fochtenen Urteil beim Bahnhof G._ befand (Urk. 30 S. 9). Gegenstand
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des vorliegenden Berufungsverfahrens ist die Frage, ob die Beklagte dem
Kläger eine Wegentschädigung für den Weg vom Treffpunkt (Bahnhof
G._) zum Arbeitsort (C._ in D._) schuldet.
2. Die Vorinstanz ging zutreffend und unangefochten davon aus, dass gemäss
dem zwischen den Parteien abgeschlossenen Rahmenvertrag (Urk. 7/3) und
den vier Einsatzverträgen (Urk. 2/1/1, 2/1/2, 2/1/3 und 2/1/4) der "Landes-
mantelvertrag für das Schweizerische Bauhauptgewerbe 2008-2010 (LMV
2008)" vom 14. April 2008 in Bezug auf die Lohn- und Arbeitszeitbestim-
mungen für anwendbar erklärt wurde (Urk. 30 S. 6 Rz. 4.1).
3. Für die hier zu beurteilende Streitfrage, ob eine Wegentschädigung vom
Treffpunkt (Bahnhof G._) bis zum Arbeitsort (C._ in D._) ge-
schuldet ist, sind die folgenden Bestimmungen des LMV relevant:
Art. 23 Begriff Arbeitszeit 1 Als Arbeitszeit gilt die Zeit, während der sich Arbeitnehmer zur Verfügung des Ar-
beitgebers zu halten haben. 2 Nicht als Arbeitszeit gelten:
a) der Weg zum und vom Arbeitsort. Bezüglich Reisezeit gilt Art. 54 LMV;
[...]
Art. 54 Reisezeit 1 Die Reisezeit für Hin- und Rückfahrt ab und zur Sammelstelle zählt nicht zur Jah-
resarbeitszeit gemäss Art. 24 LMV. Sie ist zum Grundlohn zu entschädigen,  sie 30 Minuten im Tag übersteigt.
2 Beim Einsatz von vermittelten Arbeitnehmern hat der Einsatzbetrieb dafür zu , dass für die vermittelten Arbeitnehmenden die gleiche Sammelstelle  wird, wie für das fest angestellte Personal.
4. Der Kläger ist der Auffassung, dass es sich beim Treffpunkt am Bahnhof
G._ um eine "Sammelstelle" im Sinn von Art. 54 Abs. 1 LMV handelte,
weshalb die Beklagte verpflichtet sei, die Reisezeit zum Arbeitsort zu ent-
schädigen, soweit diese 30 Minuten übersteige. Dagegen wendet die Be-
klagte ein, dass als Arbeitsort die Baustelle C._ in D._ vereinbart
worden sei und dass der Weg zum Arbeitsort gemäss Art. 23 Abs. 2 lit. a
LMV nicht als Arbeitszeit gelte.
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5. Vor dem Hintergrund dieser Kontroverse sind Art. 23 LMV (insbesondere der
Begriffe "Arbeitsort") sowie 54 LMV (insbesondere der Begriff "Sammelstel-
le") auszulegen.
a) Bei der Auslegung eines Gesamtarbeitsvertrages ist zwischen den
schuldrechtlichen und normativen Bestimmungen zu unterscheiden.
Während die schuldrechtlichen Bestimmungen die Rechte und Pflich-
ten der Tarifpartner (beim LMV der Schweizerischer Baumeisterver-
band sowie die Gewerkschaften Unia und Syna) unter sich regeln und
gemäss den Grundsätzen über die Auslegung von Verträgen zu inter-
pretieren sind, richtet sich die Auslegung der normativen Bestimmun-
gen, welche auf die Vertragsbeziehungen zwischen den Arbeitnehmern
und den Arbeitgebern anwendbar sind, nach den für Gesetze gelten-
den Grundsätzen (BGE 127 III 318 E. 2a S. 322 mit weiteren Hinwei-
sen auf Rechtsprechung und Literatur). Da die Art. 23 und 54 LMV auf
die Vertragsbeziehungen zwischen dem Kläger und der Beklagten an-
wendbar sind - und nicht die Rechte und Pflichten der Tarifpartner be-
treffen -, handelt es sich um normative Bestimmungen, die nach den
Regeln der Gesetzesauslegung - und nicht nach den Grundsätzen der
Vertragsauslegung - zu interpretieren sind.
b) Ausgangspunkt der Auslegung einer (Gesetzes-)Norm bildet ihr Wort-
laut (grammatikalische Auslegung). An einen klaren und unzweideuti-
gen Gesetzeswortlaut ist die rechtsanwendende Behörde gebunden,
sofern dieser den wirklichen Sinn der Norm wiedergibt. Abweichungen
von einem klaren Wortlaut sind indessen zulässig oder sogar geboten,
wenn triftige Gründe zur Annahme bestehen, dass dieser nicht dem
wahren Sinn der Bestimmung entspricht. Solche Gründe können sich
aus ihrem Sinn und Zweck (teleologische Auslegung), aus dem Zu-
sammenhang mit anderen Vorschriften (systematische Auslegung) so-
wie aus der Entstehungsgeschichte (historische Auslegung) ergeben.
Bei der Auslegung einer Norm sind daher neben dem Wortlaut die er-
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wähnten Auslegungselemente zu berücksichtigen (allgemein: BGE 136
I 297 E. 4.1 S. 299 f., 134 III 273 E. 3 S. 277; speziell für die Auslegung
eines GAV: BGE 127 III 318 E. 2b S. 322 f.).
c) Eine Auslegung von Art. 23 und 54 LMV im Hinblick auf die Frage, ob
eine Wegentschädigung geschuldet ist, ergibt folgendes Ergebnis:
− Aufgrund des Wortlautes der erwähnten Bestimmungen ( Auslegung) erscheint auf den ersten Blick klar, dass der Weg
zum und vom Arbeitsort nicht als Arbeitszeit gilt (Art. 23 Abs. 2 lit. a
LMV), weshalb die für den Weg zum Arbeitsort aufgewendete Zeit vom
Arbeitgeber nicht zu entschädigen ist. In einem Spannungsverhältnis
dazu steht jedoch die Bestimmung, wonach die Reisezeit für die Hin-
und Rückfahrt zwischen der Sammelstelle und dem Arbeitsort insoweit
entschädigt wird, als diese 30 Minuten pro Tag übersteigt (Art. 54 Abs.
1 LMV). Die Auslegung aufgrund des Wortlautes der erwähnten Best-
immungen wird weiter dadurch erschwert, dass der Begriff Arbeitsort
keineswegs klar ist, weil im Baugewerbe der Ort, an dem sich der Ar-
beitnehmer zur Verfügung des Arbeitgebers halten muss ("Anstel-
lungsort", häufig der Firmensitz, der Werkhof etc.), in der Regel nicht
mit der Baustelle zusammenfällt, auf welcher die Arbeit verrichtet wird
("Arbeitsort"). Zutreffend erkannte die Schweizerische Paritätische
Vollzugskommission Bauhauptgewerbe (SPK) im Fall 33/1999, dass in
der Formulierung von Art. 23 Abs. 1 und 2 lit. a LMV nicht klar zum
Ausdruck komme, dass der Arbeitnehmer im Baugewerbe seine Arbeit
in der Regel an einem auswärtigen "Arbeitsort" leistet (Baustelle), der
nicht mit dem "Anstellungsort" übereinstimmt (Firmensitz, Werkhof etc.)
(vgl. http://www.svk-bau.ch/fileadmin/image/Sozialinstitutionen/SVK/
Dateien/Thema_2/ Kopie13_2007_entsendungreisezeitalsarbeitszeit.
pdf, S. 2). Überdies weist die SPK im Fall 24/2001 in Bezug auf den
Begriff Sammelstelle zu Recht darauf hin, dass mangels Umschreibung
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des Begriffs in Art. 54 Abs. 1 LMV auch diesbezüglich nicht klar sei,
was darunter zu verstehen sei (vgl. a.a.O., S. 2 f.).
− Wenn aber der Wortlaut der auszulegenden Bestimmungen kein klares
Auslegungsergebnis ergibt, ist auf den Sinn und Zweck von Art. 23 und 54 LMV einzugehen (teleologische Auslegung).
− Art. 23 LMV definiert die Arbeitszeit wie erwähnt als diejenige
Zeit, während welcher sich der Arbeitnehmende zur Verfügung
des Arbeitgebers zu halten hat (Abs. 1) und präzisiert anschlies-
send, dass der Weg zum und vom Arbeitsort nicht als Arbeitszeit
gilt (Abs. 2 lit. a Satz 1). Diese Regelung deckt sich mit Art. 13 der
Verordnung 1 zum Arbeitsgesetz (ArGV 1 [SR 822.111]), wonach
als Arbeitszeit diejenige Zeit gilt, während der sich der Arbeit-
nehmer zur Verfügung des Arbeitgebers zu halten hat (Abs. 1
Halbsatz 1) und wonach der Weg zu und von der Arbeit nicht als
Arbeitszeit gilt (Abs. 1 Halbsatz 2). Die Regelung des Arbeitsge-
setzes ist auf den Normalfall zugeschnitten, in welchem der Ar-
beitnehmer dort arbeitet, wo er angestellt ist, d.h. wenn der An-
stellungs- und Arbeitsort zusammenfallen. Gerade im Baugewer-
be ist dies jedoch wie erwähnt häufig nicht der Fall, weil der Bau-
arbeiter in der Regel auf einer Baustelle an irgendeinem auswär-
tigen Ort arbeitet. Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass
sich der Anstellungsort, an welchem sich der Bauarbeiter zur Ver-
fügung des Bauunternehmers halten muss (häufig der Werkhof
oder der Firmensitz) geographisch nicht mit dem Arbeitsort (der
Baustelle) deckt. Die SPK geht daher im Fall 33/1999 davon aus,
dass Weg vom Anstellungsort (Werkhof, Firmensitz etc.) zum Ar-
beitsort (Baustelle) in der Regel als Arbeitszeit gilt, für welche
Lohn geschuldet ist (vgl. a.a.O., S. 2).
− Für den vorliegenden Fall interessant ist indessen insbesondere
der Begriff der "Sammelstelle". Vorweg ist festzuhalten, dass sich
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der Begriff der Sammelstelle weder mit dem Begriff des Arbeitsor-
tes noch demjenigen des Anstellungsortes deckt. Während der
Weg zum und vom Arbeitsort nicht als Arbeitszeit gilt und folglich
nicht zu entschädigen ist (Art. 23 Abs. 2 lit. a Satz 1 LMV; Art. 13
Abs. 1 Halbsatz 2 ArGV 1) und der Weg zwischen dem Anstel-
lungsort und dem Arbeitsort als Arbeitszeit gilt und zu entschädi-
gen ist (vgl. SPK, a.a.O., S. 2), handelt es sich beim Weg zwi-
schen der Sammelstelle und dem Arbeitsort teilweise um Arbeits-
zeit, nämlich soweit der Weg die Dauer von 30 Minuten übersteigt
(Art. 54 Abs. 1 LMV). Der Begriff der Sammelstelle kann nach
Sinn und Zweck daher nur so verstanden werden, dass der Ar-
beitgeber, der die Arbeitnehmer an einem bestimmten Ort be-
sammelt (Sammelstelle), um sie anschliessend auf eine weit ent-
fernte Baustelle (Arbeitsort) zu befördern, wenigstens einen Teil
der langen Reisezeit als Arbeitszeit gelten lässt und entschädigt,
nämlich denjenigen Teil der Reisezeit, der 30 Minuten übersteigt.
− Zur gleichen Auslegung gelangt man unter Berücksichtigung des
Sachzusammenhangs zu anderen Normen des LMV und dessen  (systematische Auslegung). In Art. 13 der "Zusatzvereinbarung
zum LMV für Untertagbauten" (nachfolgend: Untertagbauvereinbarung)
wird der Begriff der Sammelstelle nämlich wie folgt umschrieben:
Art. 13 Sammelstelle
Als Sammelstelle gemäss Art. 54 LMV (Reisezeit) gilt in der Regel das Basis- bzw. Wohnlager der Untertagbaustelle. Beträgt die Fahrzeit zum Tunnelportal täglich mehr als 30 Minuten, so ist diese analog Art. 54 LMV zu entschädigen.
Diese Definition der "Sammelstelle" in Art. 13 Untertagvereinbarung
darf ohne weiteres für die Auslegung des Begriffs der "Sammelstelle" in
Art. 54 LMV herangezogen werden. In beiden Fällen werden die Ar-
beitnehmer zunächst an einer bestimmten Stelle besammelt - Basis-
bzw. Wohnlager im Untertagbau bzw. vertraglich vereinbarten Sam-
melstelle bei anderen Arbeitsverhältnisses im Baugewerbe - und als-
dann an einen weit entfernten Arbeitsort - zu einer Baustelle bzw. zum
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Tunnelportal der Untertagbaustelle - befördert, wobei der 30 Minuten
übersteigende Teil der Reisezeit als Arbeitszeit zu vergüten ist.
− Und schliesslich weist die SPK im Zusammenhang mit der  (historische Auslegung) darauf hin, dass in Art. 23 und 54 LMV als Wille der Vertragsparteien des Landesmantelvertrages
klar zum Ausdruck komme, dass die Reisezeit, die mehr als 1⁄2 Stunde
pro Tag dauere, als Arbeitszeit zu qualifizieren und entsprechend zu
entlöhnen sei (vgl. a.a.O., S. 3).
d) Unter Berücksichtigung von Wortlaut (grammatikalische Auslegung)
sowie Sinn und Zweck der auszulegenden Bestimmungen (teleologi-
sche Auslegung) sowie unter Berücksichtigung des Sachzusammen-
hangs (systematische Auslegung) und des Willens der Tarifpartner
(historische Auslegung) ist von einer "Sammelstelle" im Sinn von
Art. 54 LMV dann auszugehen, wenn der Arbeitgeber die Arbeitnehmer
an einem vertraglich bestimmten Punkt besammelt und sie alsdann
gemeinsam auf eine weit entfernte Baustelle befördert. Aus diesem
Grund kann der Auslegung der Vorinstanz auch nicht in allen Punkten
gefolgt werden, wenn sie unterstellt, Art. 54 LMV bezwecke, den Ar-
beitnehmer davor zu schützen, dass er ausserhalb der Arbeitszeit zu
weit entfernten, immer wieder wechselnden Baustellen fahren müsse,
die bei Vertragsabschluss nicht voraussehbar gewesen seien (so
Urk. 30 S. 9 Abs. 2). Die Berücksichtigung von Art. 13 Untertagverein-
barung im Rahmen einer systematischen Auslegung des LMV zeigt,
dass für einen Anspruch auf (teilweise) Vergütung der Reisezeit nicht
entscheidend sein kann, ob der Arbeitnehmer auf wechselnden Bau-
stellen eingesetzt wird, die bei Vertragsabschluss nicht voraussehbar
waren. Im Fall von Untertagbauten ist der Arbeitsort nämlich ausge-
sprochen stationär und von Vornherein bestens bekannt. Für die teil-
weise Vergütung der Reisezeit von der Sammelstelle zum Arbeitsort
gestützt auf Art. 54 Abs. 1 LMV ist somit ausschliesslich entscheidend,
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ob der Arbeitgeber die Arbeitnehmer an einem bestimmten Ort ver-
sammelt (Sammelstelle), um sie anschliessend gemeinsam an einen
relativ weit entfernten Arbeitsort zu transportieren. Wenn diese beiden
Voraussetzungen erfüllt sind, ist die Reisezeit insoweit zu entschädi-
gen, als diese die Dauer von 30 Minuten pro Tag überschreitet (Art. 54
Abs. 1 LMV). Nur der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass diese
Regelung auch für vermittelte Arbeitskräfte gilt, weil der Einsatzbetrieb
dafür zu sorgen hat, dass für die vermittelten Arbeitnehmer die gleiche
Sammelstelle vereinbart wird, wie für das fest angestellte Personal
(Art. 54 Abs. 2 LMV).
6. Im vorliegenden Fall vereinbarten die Parteien in den Einsatzverträgen einen
Treffpunkt am Bahnhof F._ um 05.30 Uhr, wobei unbestritten ist, dass
der Treffpunkt an den Bahnhof G._ verschoben wurde (Urk. 30 S. 9).
Anschliessend wurde der Kläger gemeinsam mit anderen Arbeitnehmern
des Einsatzbetriebs (C._ [E._ AG]) auf die relativ weit entfernte
Baustelle in D._ transportiert, wo ihr Arbeitseinsatz um 06.45 Uhr be-
gann (Urk. 2/1/1, 2/1/2, 2/1/3 und 2/1/4). Der "Treffpunkt" im Sinne der Ein-
satzverträge hat daher als "Sammelstelle" im Sinn des LMV zu gelten. Dies
bedeutet, dass die Reisezeit von der Sammelstelle (Treffpunkt Bahnhof
G._) bis zum Arbeitsort (C._, ... [Adresse], D._) insoweit als
Arbeitszeit gilt und zu entschädigen ist, als die Reisezeit 30 Minuten über-
steigt (Art. 54 Abs. 1 LMV). Dabei ist unerheblich, ob der Kläger von der Be-
klagten selbst (in ihrer Eigenschaft als Personalverleiherin) oder vom Ein-
satzbetrieb (C._ [E._ AG]) befördert wurde, weil der Einsatzbetrieb
verpflichtet ist, dafür zu sorgen, dass für die vermittelten Arbeitskräfte und
das festangestellte Personal die gleiche Sammelstelle vereinbart wird (Art.
54 Abs. 2 LMV). Dieser Pflicht wurde mit der vertraglichen Vereinbarung ei-
nes "Treffpunktes" beim Bahnhof F._ (effektiv Bahnhof G._) ent-
sprochen.
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7. Nachdem sich ergeben hat, dass die Reisezeit gemäss Art. 54 Abs. 1 Satz 2
LMV teilweise - nämlich im 30 Minuten übersteigenden Umfang - als Ar-
beitszeit zu entschädigen ist, muss der Entschädigungsanspruch des Klä-
gers in quantitativer Hinsicht bestimmt werden. Diesbezüglich hielt die Vo-
rinstanz zutreffend und unangefochten fest, dass bei einer gesamthaften
täglichen Reisezeit von 100 Minuten (Hin- und Rückreise) 30 Minuten abzu-
ziehen seien, weshalb die Reisezeit im Umfang von 70 Minuten pro Arbeits-
tag zu entschädigen sei. Unter Berücksichtigung der vom Kläger geleisteten
Arbeitstage und der geringfügig ansteigenden Stundenlöhne und unter Ab-
zug der Sozialabgaben und Quellensteuer ergibt dies einen Anspruch des
Klägers von netto Fr. 13'789.80. Auf diese zutreffende und unangefochtene
Berechnung in quantitativer Hinsicht kann verwiesen werden (§ 161
GVG/ZH in Verbindung mit Urk. 30 S. 10 f. E. 4.4). Die Klage ist daher im
zuletzt aufrecht erhaltenen Umfang gutzuheissen.
4. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Wie bereits erwähnt, untersteht das Verfahren nicht den Bestimmungen des
einfachen und raschen Verfahrens, weil das anlässlich der erstinstanzlichen
Hauptverhandlung vom 23. Juni 2010 erweiterte Rechtsbegehren den
Streitwert von Fr. 30'000.00 überstieg (Art. 343 Abs. 2 aOR). Das Verfahren
ist daher auch vor der Berufungsinstanz nicht kostenlos (Art. 343 Abs. 3
aOR).
2. Angesichts des Ausgangs des Verfahrens ist das erstinstanzliche Kosten-
und Entschädigungsdispositiv zu bestätigen.
3. Für das Verfahren vor Obergericht kommen die GerGebVO vom 4. April
2007 und die AnwGebVO vom 21. Juni 2006 zur Anwendung, weil das Ver-
fahren wie erläutert dem bisherigen kantonalen Prozessrecht untersteht
(§ 23 GebVO vom 8. September 2010 und § 25 AnwGebVO vom
8. September 2010). Grundlage für die Berechnung ist der Streitwert vor der
Rechtsmittelinstanz (§ 13 Abs. 2 GerGebVO und § 12 Abs. 3 AnwGebVO),
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weshalb von einem Streitwert im Berufungsverfahren von Fr. 13'789.80 aus-
zugehen ist. Bei diesem Streitwert ist die Gerichtsgebühr in Anwendung von
§ 13 in Verbindung mit § 4 Abs. 1 GerGebVO auf Fr. 2'300.00 festzusetzen.
Die Prozessentschädigung beträgt 1⁄2 der Grundgebühr (§ 12 AnwGebVO),
und für die Berufungsduplik ist ein Zuschlag zu gewähren (§ 6 Abs. 1 lit. c
und Abs. 2 AnwGebVO), so dass sich die Prozessentschädigung auf
Fr. 2'000.00 beläuft. Zusätzlich ist wie verlangt die Mehrwertsteuer von 8%
zu entschädigen, womit eine Prozessentschädigung von Fr. 2'160.00 resul-
tiert.