Decision ID: eb8ace08-bec1-4656-bb76-e63207a1e161
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am (...) 2018 in der Schweiz um Asyl
nach. Am 2. Februar 2018 fand die Befragung zur Person (BzP) statt, am
9. Mai 2019 wurde er vom SEM einlässlich zu seinen Asylgründen ange-
hört. Er ist eigenen Angaben zufolge iranischer Staatsangehöriger (...) Eth-
nie mit letztem Wohnsitz in B._.
A.b Zur Begründung brachte der Beschwerdeführer anlässlich der BzP vor,
er sei als Muslim geboren worden, aber akzeptiere den Islam nicht. Einmal
sei er wegen Alkoholkonsums erwischt und zu mehreren Peitschenhieben
verurteilt worden. Er habe sich aber von der Strafe freikaufen können. Ein
anderes Mal sei er bei einer Party, wo Frauen und Männer anwesend ge-
wesen seien, erwischt und inhaftiert worden. Nach zwei Tagen sei er durch
Beziehungen wieder freigelassen worden. Die Partei (...) habe sich für die
Rechte der (...) Bevölkerung eingesetzt und er habe mit Freunden in Cafés
über entsprechende politische Angelegenheiten gesprochen. Dabei seien
sie von den Behörden aufgegriffen worden. Diese hätten von ihnen Fotos
als Beweismittel gehabt. Er sei mitgenommen und während acht Tagen in
Haft gehalten worden. Dank seines (...) (...)seits, der eine hohe Position
innehabe, sei er freigelassen worden. Von diesem und seinem Bruder
C._ (nachfolgend: C._), welcher auch beim Militär tätig sei,
habe er erfahren, dass sie ihm in seiner solchen Situation nicht mehr helfen
könnten, da es Beweismittel gebe. Da er auf legalem Weg kein Visum er-
halten hätte, weil er sich bei einer touristischen Reise nach D._ und
E._ im Jahr (...) länger als drei Monate in Europa aufgehalten habe,
habe er sich durch (...) ein Visum für F._ beschafft. Er sei ungefähr
sechs oder sieben Monate vor der BzP [Anmerkung des Gerichts: Juli/Au-
gust 2017] in die Türkei gereist. Von dort sei er über F._ nach
G._ weitergereist, von wo er über ihm unbekannte Länder am (...)
2018 in die Schweiz gelangt sei. Er habe die Reise selbst finanziert und sei
auch von seiner Familie unterstützt worden.
Der Beschwerdeführer reichte an der BzP eine Militärkarte sowie die Kopie
einer Bankkarte ein.
A.c Zu Beginn seiner Anhörung erklärte der Beschwerdeführer, er habe bei
der BzP aus Angst bewusst ein paar Punkte nicht korrekt angegeben. Er
sei von seinem (...) Bruder C._ seit seiner Kindheit drangsaliert
worden. C._ sei ein strenggläubiger Muslim, Mitglied der Sepah,
gehöre dem Ettelaat an, arbeite in der politischen Ideologie-Abteilung einer
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(...) Firma in B._, sei (...) an einer Universität in H._, Mit-
glied der iranischen (...) und habe eine Firma auf seinen Namen registriert.
C._ habe ihn nach Syrien in den Krieg schicken wollen. Der Be-
schwerdeführer habe in B._ seinen Militärdienst geleistet und sei
nach zwei Monaten an die (...) Grenze geschickt worden. Nach etwas mehr
als (...) Monaten an der Grenze sei er desertiert. Deswegen sei er ein Jahr
später festgenommen, für (...) oder (...) Tage inhaftiert worden. Er sei ge-
gen eine Bürgschaft freigekommen und in der Folge wegen gesundheitli-
cher Probleme vom Militärdienst befreit worden. C._ und seine
Freunde hätten ihn bedrängt, sich den Basidsch oder der Sepah anzu-
schliessen. Der Beschwerdeführer glaube nicht an den Islam. C._
habe ihn gezwungen, regelmässig zur Moschee zu gehen. Als er noch jung
gewesen sei, habe man dort einmal versucht, ihn zu vergewaltigen.
C._ habe ihn immer wieder geschlagen. Wegen C._ sei er
zwei Mal von zuhause geflüchtet, einmal, im Alter von (...) Jahren, nach
I._, und das andere Mal nach J._, wobei er jeweils nach kur-
zer Zeit nach B._ zurückgeschickt worden sei. Im Alter von (...) Jah-
ren habe er wegen C._ und dessen Verwandten einen Suizidver-
such unternommen, wovon noch heute eine Narbe an (...) zeuge.
C._ habe ihn auch oft in seinem Zimmer eingesperrt, einmal (...)
lang. C._, der über viele Beziehungen verfüge, habe von der Teil-
nahme des Beschwerdeführers an Treffen oppositioneller Personen im
Café erfahren. Als er anlässlich eines solchen Treffens, im Alter von (...)
oder (...) Jahren, beim Alkoholtrinken erwischt worden sei, sei er nach ei-
ner Nacht in Untersuchungshaft von einem Richter dazu verurteilt worden,
innert einer Woche ein Kapitel (sic) des Korans auswendig zu lernen, an-
sonsten er (...) Peitschenhiebe zu gewärtigen hätte. Er sei nicht zum Ge-
richt gegangen und vermute, dass C._ die Sache für ihn erledigt
habe. Die letzten zwei, drei Jahre sei er immer alleine zuhause gewesen.
Wegen der Probleme mit seinem Bruder sei er mit einem Visum für
D._ zu seiner Schwester nach E._ gereist. Danach sei er in
den Iran zurückgekehrt. Zuhause sei es zu einer heftigen Auseinanderset-
zung mit C._ gekommen. Dieser habe ihn gegen seinen Willen mit
einer von ihm ausgewählten Frau verheiraten und immer noch nach Syrien
schicken wollen. Wegen den Problemen mit C._ habe der Be-
schwerdeführer mit seiner Schwester geredet. Diese habe ihn finanziell un-
terstützt und er sei ausgereist. Dazu habe er (...) Tage vor der Ausreise mit
der (...)kammer geredet, welche eine Gruppe nach F._ habe schi-
cken wollen. Unter Bezahlung von Schmiergeld habe er sich anstelle von
C._ für die Reise angemeldet. Er habe dazu die Person kontaktiert,
welche ihm zuvor das Visum für D._ organisiert habe. Sieben oder
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acht Monate nach seiner Rückkehr von E._ sei er im Besitz eines
(...) Visums und eines entsprechenden Tickets von B._ über
K._ nach L._ gereist. Beim Einchecken im Hotel sei sein
Pass verlangt worden. Diesen habe er nicht mehr zurückerhalten. Von
L._ sei er nach D._, in die Nähe von N._, gereist. Am
Bahnhof sei er von Frau M._ (nachfolgend: M._) abgeholt
worden. Bei ihr habe er Herrn O._ kennengelernt und sei zu einer
Gruppe gestossen, mit welcher er während etwa fünf Monaten zusammen
gewesen sei. Einmal hätten sie vor der Iranischen Botschaft in N._
demonstriert. Dies sei möglicherweise vom Botschaftspersonal gefilmt
worden. Ein anderes Mal hätten alle zusammen vor dem Gebäude der Ver-
einten Nationen in N._ ein Gruppenfoto gemacht. Dabei habe er die
Flagge der Gruppe gesehen und herausgefunden, dass es Volksmudscha-
hedin seien. In der Folge hätten sie ihn aufgefordert, Mitglied zu werden.
Da er dies abgelehnt habe, sei er von der Gruppe bedroht worden, welche
ihm gesagt habe, dass er ihren Namen bei der Befragung nicht erwähnen
dürfe. Er sei sicher, dass die Iranische Botschaft von diesem Foto erfahren
habe. Auch hätten ihn in der Schweiz wohnhafte Iraner, welche regelmäs-
sig in den Iran reisten, mehrmals mit Frau M._ und der Gruppe in
N._ gesehen. Bei einer Rückkehr in den Iran hätte er grosse Prob-
leme, weil er ein Asylgesuch gestellt habe und die Behörden wegen des
Fotos mitbekommen hätten, dass er mit den Volksmudschahedin Kontakt
gehabt habe. Auch mit C._ hätte er erneut Probleme.
B.
Mit Verfügung vom 20. Dezember 2019 stellte das SEM fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das
Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es seine Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Vollzug an.
C.
Der Beschwerdeführer focht diesen Entscheid mit Beschwerde vom 22. Ja-
nuar 2020 beim Bundesverwaltungsgericht an. Er beantragte, es sei ihm
unverzüglich das Spruchgremium mitzuteilen und bekanntzugeben, ob
diese Gerichtspersonen zufällig ausgewählt worden seien, und anderen-
falls die im vorliegenden Verfahren konkreten objektiven Kriterien bekannt-
zugeben, nach denen sie ausgewählt worden seien [1], es sei die Verfü-
gung des SEM vom 20. Dezember 2019 wegen Verletzung des Anspruchs
auf rechtliches Gehör aufzuheben und die Sache sei an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen [2], eventuell sei die angefochtene Verfügung wegen Verlet-
zung der Begründungspflicht aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz
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zurückzuweisen [3], eventuell sei die Verfügung aufzuheben und die Sache
zur Feststellung des vollständigen und richtigen rechtserheblichen Sach-
verhalts und zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen [4], eventuell
sei die Verfügung aufzuheben, seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen
und ihm Asyl zu gewähren [5], eventuell sei die Verfügung betreffend die
Dispositivziffern 4 und 5 aufzuheben und die Unzulässigkeit oder zumin-
dest die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen [6].
Auf die der Beschwerde als Beweismittel beigelegten Unterlagen wird, so-
weit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
D.
Die damals zuständige Instruktionsrichterin teilte dem Beschwerdeführer
mit Zwischenverfügung vom 30. Januar 2020 mit, er könne den Ausgang
des Verfahrens in der Schweiz abwarten, und gab ihm – unter Vorbehalt
allfälliger Wechsel bei Abwesenheiten – die Zusammensetzung des
Spruchkörpers bekannt. Ferner forderte sie den Beschwerdeführer auf, bis
zum 14. Februar 2020 einen Kostenvorschuss einzuzahlen, unter Andro-
hung des Nichteintretens im Unterlassungsfall. Schliesslich verwies die In-
struktionsrichterin für die allfällige Behandlung der weiteren Anträge auf ei-
nen späteren Zeitpunkt.
Der Kostenvorschuss wurde am 14. Februar 2020 geleistet.
E.
Mit Eingabe vom 14. Februar 2020 legte der Beschwerdeführer eine Visi-
tenkarte seines Bruders C._ und ein Foto von diesem während ei-
nes (...) vom (...) 2015 an einer (...) Veranstaltung als Beweismittel in Ko-
pie zu den Akten.
F.
Mit Verfügung vom 12. April 2022 wurde der Beschwerdeführer informiert,
dass das vorliegende Beschwerdeverfahren aus organisatorischen Grün-
den per 1. Januar 2022 Richter Thomas Segessenmann (Instruktion und
Vorsitz) sowie Gerichtsschreiber Daniel Widmer zur Behandlung unter der
neuen Verfahrens-Nummer D-436/2020 übertragen wurde.
G.
Am 13. April 2022 wurde Richterin Constance Leisinger aus organisatori-
schen Gründen im Spruchkörper durch Richter Daniele Cattaneo ersetzt.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des AsylG in Kraft
getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl.
Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist
nach der fristgerechten Leistung des Kostenvorschusses – unter Vorbehalt
der nachfolgenden Erwägung – einzutreten.
1.5 Die ursprüngliche Zusammensetzung sowie die nachträgliche Anpas-
sung des Spruchkörpers wurden dem Beschwerdeführer mit Verfügungen
vom 30. Januar 2020 und vom 12. April 2022 mitgeteilt (vgl. oben, Sach-
verhalt Bst. D. und F). Soweit im Rechtsbegehren 1 weitergehende Anga-
ben zur Bildung des Spruchkörpers verlangt werden (vgl. oben, Sachver-
halt Bst. C.), ist auf das Teilurteil des Bundesverwaltungsgerichts
D-1549/2017 vom 2. Mai 2018 Erwägungen 4.1–4.3 zu verweisen. Dem-
nach besteht weder ein Anspruch auf zufällige Zusammensetzung des
Spruchkörpers noch ein solcher auf Bestätigung einer zufälligen Zusam-
mensetzung (vormals bereits im Urteil des BVGer E-1526/2017 vom
26. April 2017 dargelegt). Auf den Antrag ist insoweit nicht einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
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4.
4.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen (Verletzung
des Anspruchs auf rechtliches Gehör, Verletzung der Begründungspflicht,
unvollständige und unrichtige Abklärung des rechtserheblichen Sachver-
halts) erhoben. Diese sind vorab zu beurteilen, da sie allenfalls geeignet
wären, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
4.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt in einem Verfahren
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss
so abgefasst sein, dass sie eine sachgerechte Anfechtung ermöglicht.
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Un-
richtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden
(vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-
rechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
4.3 In der Beschwerde wird zunächst geltend gemacht, dass der Gesund-
heitszustand des Beschwerdeführers mangelhaft abgeklärt worden sei. So
habe der Beschwerdeführer in der Anhörung vorgebracht, dass er psychi-
sche Probleme habe. Die jahrelange Misshandlung durch seinen Bruder
C._ habe zu einem Suizidversuch geführt. Davon zeuge eine Narbe
am Handgelenk. Obwohl ihm ein Arzt im Asylzentrum gesagt habe, dass er
zur psychiatrischen Behandlung gehen solle, habe der Befrager dies nicht
zum Anlass genommen, den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers
näher abzuklären. Auf diesbezügliche Nachfrage der Hilfswerkvertretung
(HWV) am Schluss der Anhörung habe er erklärt, er sei einer iranischen
Fachperson zugewiesen worden. Nach zweimaligem Besuch bei der Psy-
chotherapeutin habe er sich nicht mehr bei ihr gemeldet, da er ihr offenbar
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nicht vertraut oder die Wirkung der Behandlung angezweifelt habe. Bezüg-
lich körperlicher Beschwerden habe er angegeben, infolge eines Unfalls
als Kind unter (...) zu leiden, einmal ein (...) (...) getrunken und infolge des
Militärdienstes an (...)- und (...)problemen gelitten zu haben, wobei er sich
einer (...)operation unterzogen habe. Auch diesbezüglich habe der Befra-
ger nicht nachgefragt, sondern erst die HWV am Schluss der Anhörung.
Die HWV habe auch die Einholung entsprechender Arztzeugnisse ange-
regt. Der Beschwerdeführer habe zudem eine Situation geschildert, in der
er sich einer Vergewaltigung habe entziehen können. Da bei der Anhörung
zumindest die (...) eine Frau gewesen sei, stelle sich die Frage, ob er mög-
licherweise doch sexuell misshandelt worden sei und nicht darüber habe
sprechen können. Zur seriösen Abklärung des Sachverhalts sei es notwen-
dig, dass er im Rahmen einer genügend ausgebildeten und gleichge-
schlechtlichen Runde angehört werde. Zur vollständigen Sachverhaltsab-
klärung und zur Wahrung des Anspruchs auf rechtliches Gehör hätte der
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers durch ein fachärztliches Gut-
achten dokumentiert und abgeklärt oder ein solches gemäss Art. 12 und
19 VwVG in Verbindung mit Art. 57 BZP (SR 273) eingefordert werden
müssen. Nur so könne geklärt werden, ob der Beschwerdeführer unter phy-
sischen oder psychischen gesundheitlichen Problemen leide und deshalb
allenfalls in seiner Aussagefähigkeit eingeschränkt gewesen sei und ob
aufgrund des Gesundheitszustands allenfalls Wegweisungshindernisse
bestünden (vgl. Beschwerde S. 11–14).
Vorliegend hat das SEM die gesundheitlichen Vorbringen des Beschwer-
deführers genügend abgeklärt und den Sachverhalt hinreichend festge-
stellt. So gab der Beschwerdeführer an, seine (...)probleme seien während
des Militärdienstes entstanden. Er habe sich um die Befreiung vom Militär-
dienst bemüht und einer Operation unterzogen. Dies habe vom Beginn des
Militärdienstes bis er die bei der Vorinstanz eingereichte (...) (Befreiung
vom Militärdienst aus medizinischen Gründen; ausgestellt am (...) 2013;
vgl. SEM-act. 23/23 F56) erhalten habe, (...) Jahre gedauert (vgl. ebd.
F85). Er habe im Alter von (...) Jahren (d.h. im Jahr [...]) einen Suizidver-
such unternommen. Dabei habe er (...) Liter Blut verloren und danach un-
ter (...)mangel gelitten. Sein Blut sei seither nicht besser geworden, weil er
im Alter von (...) oder (...) Jahren versehentlich ein (...) (...) getrunken
habe, wobei ein (...) geschädigt worden sei (vgl. ebd. F8, 107 f.). Was die
psychischen Probleme anbelangt, habe er nach dem Suizidversuch De-
pressionen gehabt, nicht gut essen können und es sei ihm allgemein nicht
gut gegangen (vgl. ebd. F108). Zudem gab er bei der Anhörung zu Proto-
koll, er glaube, dass er psychische Probleme habe. Es gehe ihm wegen
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Heimwehs und Einsamkeit psychisch nicht gut. Er glaube, dass er etwas
wie Depressionen habe. Er könne seit (...) Monaten nicht frühstücken. Der
Arzt im Asylzentrum habe ihm geraten, sich deshalb behandeln zu lassen
(vgl. ebd. F8). Mithin machte der Beschwerdeführer ausser (...)- bezie-
hungsweise (...)mangel keine körperlichen Beschwerden geltend. Diese
gehen auf seine Kindheit zurück. Ebenso sind die Gründe für seine aktuel-
len psychischen Probleme bekannt und wurde diesbezüglich von der Vo-
rinstanz eine spezifische Behandlung veranlasst. Insofern ist der Sachver-
halt vollständig erstellt und erübrigen sich weitere Abklärungen. Im Übrigen
hat das SEM dazu zutreffend festgehalten, der Beschwerdeführer habe
sich zu seinen psychischen Problemen nur vage geäussert, auf die veran-
lasste Behandlung nach zwei Terminen verzichtet und man hätte sich da-
rum gekümmert, wenn die Probleme schwerwiegend gewesen wären, ab-
gesehen davon, dass sie auch im Iran behandelbar seien. Dem ist anzufü-
gen, dass sich im Anhörungsprotokoll keine Anhaltspunkte für ein durch
psychische Probleme beeinträchtigtes Aussageverhalten finden. Entspre-
chend bestand für das SEM keine Veranlassung, weitergehende Abklärun-
gen zu tätigen, zumal sich den Akten auch sonst keine massgeblichen Hin-
weise auf eine Traumatisierung des Beschwerdeführers entnehmen las-
sen. Zudem ist aufgrund der Aktenlage davon auszugehen, dass der Be-
schwerdeführer offensichtlich nicht mehr behandlungsbedürftig ist, an-
sonsten von ihm zu erwarten gewesen wäre, dass er sich um Zuweisung
zu einer anderen Fachperson bemüht hätte, zumal die von ihm angegebe-
nen Gründe für den Abbruch der Behandlung nicht zu überzeugen vermö-
gen. Im Übrigen hätte er im Rahmen seiner Mitwirkungspflicht die Asylbe-
hörden jederzeit über weiterhin bestehende gesundheitliche Probleme in
Kenntnis setzen und diese mit ärztlichen Unterlagen belegen können. Bis
zum heutigen Zeitpunkt hat er jedoch keine medizinischen Zeugnisse oder
Berichte zu den Akten gereicht, welche – vergangene oder aktuelle – ge-
sundheitlichen Beschwerden belegen würden und es sind auch sonst kei-
nerlei gesundheitlichen Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers doku-
mentiert. Vor diesem Hintergrund durfte die Vorinstanz darauf verzichten
und ist es auch im Lichte der Vorbringen auf Beschwerdeebene nicht er-
forderlich, den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers von Amtes
wegen weiter abzuklären beziehungsweise diesem eine Frist zur Einrei-
chung eines fachärztlichen Gutachtens anzusetzen.
Auch hinsichtlich der Aussagen des Beschwerdeführers bezüglich Verge-
waltigung erübrigen sich weitere Abklärungen des Sachverhalts. Auf seine
Person bezogen gab der Beschwerdeführer bei der Anhörung lediglich
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pauschal an, man habe ihn einmal vergewaltigen wollen, als er jung gewe-
sen und zu einer Moschee gegangen sei. Deshalb habe er aufgehört, die
Moschee zu besuchen. Verallgemeinernd führte er weiter aus, weshalb
viele Männer im Iran und alle in der Moschee sexuelle Beziehungen mit
Buben haben möchten (vgl. ebd. F65). Es bestehen keine Hinweise darauf,
dass sich der Beschwerdeführer dazu nicht frei geäussert hat beziehungs-
weise hätte äussern können. Und selbst in der Beschwerde wird nicht gel-
tend gemacht, dass der Beschwerdeführer tatsächlich vergewaltigt worden
sei. Bei dieser Sachlage erübrigt sich, den Beschwerdeführer erneut durch
ein gleichgeschlechtliches Team anzuhören.
Zusammenfassend ist nicht von physischen oder psychischen gesundheit-
lichen Problemen des Beschwerdeführers auszugehen, die seine Aussa-
gefähigkeit eingeschränkt hätten oder ein Wegweisungshindernis darstel-
len würden. In dieser Hinsicht ist der rechtserhebliche Sachverhalt vollstän-
dig und richtig erstellt und der Anspruch des Beschwerdeführers auf recht-
liches Gehör gewahrt. Es besteht keine Veranlassung, die angefochtene
Verfügung aus diesen Gründen aufzuheben und die Sache an das SEM
zurückzuweisen.
4.4 In der Beschwerde werden unter Wiederholung der individuellen Asyl-
vorbringen und Zitierung entsprechender Protokollstellen weitere angeb-
lich unvollständige und unkorrekte Sachverhaltsabklärungen gerügt: So
habe das SEM die Asylrelevanz der sich durch den Bruder C._ er-
gebenden Gefährdungslage mangelhaft geprüft. Namentlich habe es den
Kontext zu häuslicher Gewalt und Ehrenmorden unvollständig abgeklärt
sowie das Bruderverhältnis nicht korrekt dargestellt und abgeklärt. Zur Pra-
xis der Ehrenmorde und häuslicher Gewalt im Iran werden zwei Berichte
zu den Akten gereicht (vgl. Beschwerdebeilage 2 [Landinfo, Honour killings
in Iran, vom 22. Mai 2009] und Beschwerdebeilage 3 [SEM, Focus Iran,
Häusliche Gewalt, vom 27. Februar 2019]). Zum Beleg der Familiensitua-
tion reicht der Beschwerdeführer einen Wikipedia-Beitrag betreffend den
von ihm erwähnten P._ (nachfolgend: P._) zu den Akten (vgl.
Beschwerdebeilage 4). Daraus gehe hervor, dass dieser in Übereinstim-
mung mit den Aussagen des Beschwerdeführers Bürgermeister von
B._ gewesen und somit einflussreich sei. Der Beschwerdebeilage 5
sei zu entnehmen, dass der Bruder C._ in Übereinstimmung mit
den Vorbringen des Beschwerdeführers bei der Firma (...) in B._
arbeite. Bei Beschwerdebeilage 6 handle es sich um eine an C._
adressierte Aufforderung der (...) vom (...) 2017 betreffend ein Aufgebot
für eine (...)tägige Mission mit den Basidsch. Dieses Dokument belege die
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Verbindungen von C._ zum iranischen Regime und zum Sicher-
heitsapparat. Insgesamt belegten die besagten Beweismittel die Aussagen
des Beschwerdeführers, wonach mehrere Verwandte im Iran einflussrei-
che Positionen besetzen würden. Des Weiteren sei die Gefährdungslage
aufgrund der politischen und gesellschaftspolitischen Positionen und
Handlungen unvollständig abgeklärt worden. Bei Beschwerdebeilage 7
handle es sich um (...) Dokumente des Spitals von B._, welche be-
legten, dass der Beschwerdeführer dort (...) 2008 in Behandlung gewesen
sei. Zudem habe das SEM die Gefährdungslage aufgrund der Volksmud-
schahedin als unglaubhaft erachtet. Dies sei mit einer mangelnden Glaub-
haftigkeitsprüfung zu erklären. In diesem Zusammenhang verweist der Be-
schwerdeführer auf Beschwerdebeilage 8 (Schnellrecherche der Länder-
analyse der Schweizerischen Flüchtlingshilfe [SFH] "Iran: Rückkehr von
Personen mit Verbindungen zu den Volksmudschahedin {PMOI}," vom
20. Juli 2018). Auch habe das SEM den Gesundheitszustand des Be-
schwerdeführers und dessen Bedeutung für die Prüfung der Frage der
Flüchtlingseigenschaft und Glaubhaftigkeit der Vorbringen nicht berück-
sichtigt, was direkt mit der unvollständigen und inkorrekten Abklärung des
Gesundheitszustands zusammenhänge. Schliesslich werden bezüglich
der menschenrechtlichen und politischen Situation im Iran diverse Unterla-
gen zu den Akten gereicht (vgl. Beschwerdebeilagen Nrn. 9–20). Aus die-
sen Länderinformationen ergebe sich, dass sich die Menschenrechtssitua-
tion im Iran im Verlauf der letzten Jahre massiv verschlechtert habe und
insbesondere Personen, denen von den Behörden eine regimekritische o-
der separatistische Rolle zugeschrieben werde, von langjährigen Haftstra-
fen oder Todesstrafen bedroht seien. Da die Vorinstanz die aktuellen Ent-
wicklungen nicht mitberücksichtigt habe, sei der rechtserhebliche Sachver-
halt auch diesbezüglich unvollständig und unrichtig abgeklärt (vgl. Be-
schwerde S. 18–28).
Allein mit der Wiederholung der vom Beschwerdeführer im erstinstanzli-
chen Verfahren geäusserten Vorbringen vermag dieser nicht konkret auf-
zuzeigen, inwiefern der Sachverhalt unvollständig oder unrichtig abgeklärt
worden sein soll. So ging die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung
beispielsweise davon aus, dass der Bruder C._ wichtige Funktio-
nen in der iranischen Administration ausübe. Bezüglich des nicht näher be-
zeichneten Verwandten P._ hatte der Beschwerdeführer an der An-
hörung angegeben, P._ sei Bürgermeister der Stadt B._ und
Kommandant der Sepah, während es sich bei der Familie der Ehefrau von
Bruder C._ um Regierungsleute handle und ein weiterer Verwand-
ter Direktor der (...) in der Stadt B._ sei (vgl. SEM-act. 23/23 F87).
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Mithin vermag der Beschwerdeführer auch aus den diesbezüglichen, auf
Beschwerdeebene eingereichten Beweismitteln (Beschwerdebeilagen 4–6
sowie mit der Eingabe vom 14. Februar 2020 eingereichte Unterlagen [vgl.
Sachverhalt Bst. E) nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. In der Beschwer-
deschrift wird auch nicht substanziiert dargelegt, inwieweit der Beschwer-
deführer von der geltend gemachten Verschlechterung der Menschen-
rechtssituation im Iran persönlich konkret betroffen sein könnte. Vielmehr
vermengt der Rechtsvertreter die Frage der Feststellung des Sachverhal-
tes mit der rechtlichen Würdigung der Sache. Der Umstand, dass die Vo-
rinstanz aus sachlichen Gründen zu einer anderen Würdigung der Vorbrin-
gen gelangt, als vom Beschwerdeführer gefordert, ist kein Beleg für eine
unrichtige oder unvollständige Sachverhaltsfeststellung.
Zusammenfassend ist der rechtserhebliche Sachverhalt auch hinsichtlich
der besagten Elemente vollständig und richtig erstellt. Es besteht keine
Veranlassung, die angefochtene Verfügung aus diesem Grund aufzuheben
und die Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen.
4.5
4.5.1 Weiter habe die Vorinstanz die Begründungspflicht verletzt, indem sie
die Gefährdungslage auf einen brüderlichen Zwist reduziert und alle an-
dere vorgebrachten asylrelevanten Elemente weitgehend ausgeklammert
habe, so die Gefährdungslagen infolge der politischen und gesellschaftli-
chen Überzeugungen und des Verhaltens des Beschwerdeführers (u.a. be-
wusste Abwendung vom Islam, Militärdienstverweigerung, Kontakte zu (...)
und regimekritischen Gruppen, Alkoholkonsum und Teilnahme an nicht
gleichgeschlechtlichen Parties), aufgrund der Schutzunwilligkeit des Staa-
tes im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt sowie infolge der Verbindun-
gen des Beschwerdeführers zu den Volksmudschahedin und der Teil-
nahme an Demonstrationen. Insgesamt habe das SEM durch eine Begrün-
dung, die auf einer inkorrekten Lesart des Protokolls fusse, die Begrün-
dungspflicht verletzt, wenn es die Fragen der Flüchtlingseigenschaft sowie
der Zulässigkeit und Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs einzig auf die
Frage der Asylrelevanz der Beziehung des Beschwerdeführers und des
Bruders C._ reduziere (vgl. Beschwerde S. 14–17).
Diese in der Beschwerdeschrift geäusserte Kritik betrifft die Würdigung des
Sachverhalts und damit eine materielle Frage. Damit vermengt der Rechts-
vertreter erneut die Frage der Feststellung des Sachverhaltes mit der recht-
lichen Würdigung der Sache. Als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs soll die
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Begründungspflicht dem Betroffenen ermöglichen, den Entscheid gegebe-
nenfalls sachgerecht anzufechten, was nur der Fall ist, wenn sich sowohl
der Betroffene als auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Ent-
scheides ein Bild machen können (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1; 2008/47 E.
3.2). Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung nachvollziehbar und
hinreichend differenziert aufgezeigt, von welchen Überlegungen es sich lei-
ten liess. Entgegen den Ausführungen in der Beschwerdeschrift hat sich
das SEM auch mit sämtlichen zentralen Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers auseinandergesetzt. Dabei musste es nicht ausdrücklich auf jede tat-
beständliche Behauptung und jeden rechtlichen Einwand eingehen, son-
dern durfte sich auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken. Der
Umstand, dass der Beschwerdeführer respektive sein Rechtsvertreter die
Auffassung und die Schlussfolgerungen des SEM nicht teilt, stellt weder
eine Verletzung der Begründungspflicht noch eine mangelhafte Abklärung
des rechtserheblichen Sachverhalts dar. Sodann zeigt die umfangreiche
Beschwerde deutlich, dass eine sachgerechte Anfechtung ohne Weiteres
möglich war. Die Vorinstanz hat ihre Begründungspflicht daher nicht ver-
letzt.
4.5.2 Der Beschwerdeführer wirft der Vorinstanz eine weitere Verletzung
der Begründungspflicht vor, da die Beurteilung seines psychischen und
physischen Gesundheitszustands auf dem medizinisch unqualifizierten
Eindruck des Sachbearbeiters und nicht auf fachärztlichen Abklärungen
beruhe (Beschwerde S. 17 f.).
Auch diesen Punkt betreffend vermengt der Rechtsvertreter die Frage der
Feststellung des Sachverhaltes mit der rechtlichen Würdigung der Sache.
Diesbezüglich kann auf die Ausführungen in den Erwägungen 4.3 und
4.5.1 oben verwiesen werden. Es liegt keine Verletzung der Begründungs-
pflicht vor.
4.6 Insgesamt erweisen sich geltend gemachten formellen Rügen als un-
begründet. Der Sachverhalt ist als richtig und vollständig erstellt zu erach-
ten. Es besteht keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung aufzuhe-
ben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Die diesbezüglichen Rechtsbegehren 2–4 sind daher abzuweisen.
5.
Der Beschwerdeführer beantragt für den Fall einer materiellen Beurteilung
seiner Beschwerde durch das Bundesverwaltungsgericht, dass zur voll-
ständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts
D-436/2020
Seite 14
sein Gesundheitszustand von Amtes wegen abzuklären und ihm allenfalls
eine Frist zur Einreichung eines Gutachtens anzusetzen sei [1] und er er-
neut durch ein gleichgeschlechtliches Team anzuhören sei [2] (vgl. Be-
schwerde S. 28 f.).
Da der rechtserhebliche Sachverhalt vollständig und richtig erstellt ist, sind
die besagten Beweisanträge gestützt auf die Ausführungen in den vorste-
henden Erwägungen 4.3 und 4.4 abzuweisen.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Das Bundesverwaltungsgericht hat die
Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen
Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier
verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, BVGE 2012/5 E. 2.2).
6.3 Subjektive Nachfluchtgründe sind anzunehmen, wenn eine asylsu-
chende Person erst durch die Flucht aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat
oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise eine Verfolgung im Sinne
von Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Wesentlich ist, ob die heimatlichen Be-
hörden das Verhalten des Asylsuchenden als staatsfeindlich einstufen und
dieser deswegen bei einer Rückkehr eine Verfolgung befürchten muss.
Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen erhalten zwar kein Asyl, wer-
den jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (Art. 54 AsylG; vgl.
BVGE 2009/28 E. 7.1).
7.
7.1 Die Vorinstanz kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten weder den Anforderungen
an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG noch denjenigen an das
Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG stand. Die Asylvorbringen würden
D-436/2020
Seite 15
die schwierige Beziehung zum Bruder C._ des Beschwerdeführers
betreffen und basierten somit nicht auf einem Motiv nach Art. 3 AsylG. Ge-
gebenenfalls wären sie auch nicht genügend intensiv, um zur Gewährung
von Asyl führen zu können. Deshalb seien sie nicht asylrelevant.
Die Aussagen bei der BzP wichen vollkommen von denjenigen bei der An-
hörung ab. Dies werde auch vom Beschwerdeführer bestätigt, welcher bei
der Anhörung gesagt habe, dass er nun die Wahrheit sage, und die Diskre-
panz nachträglich mit seiner anfänglichen Angst vor einer Wegweisung ge-
rechtfertigt habe, wenn er sofort die zweite Version vorgetragen hätte.
Seine Erklärung sei aber unbehelflich, da er bereits bei seiner Ankunft in
der Schweiz auf seine Mitwirkungspflicht aufmerksam gemacht worden sei.
Zudem sei schwer nachvollziehbar, weshalb seine zweite Version weniger
geeignet sein sollte, zu einer Wegweisung zu führen, als die erste. Viel-
mehr erweckten seine widersprüchlichen Aussagen den Anschein, dass er
im Verlauf seines Aufenthalts in der Schweiz bemerkt habe, dass seine
vorherigen Vorbringen vielleicht nicht genügen würden, weshalb er seinen
Kurs ändern und solche präsentieren müsse, welche für die Gewährung
von Asyl geeignet seien. Deshalb müssten seine zweiten Vorbringen mit
grösster Vorsicht betrachtet werden und würden die ersten, welche er im-
plizit als falsch bezeichnet habe, nicht geprüft.
Was die geltend gemachten oppositionellen Aktivitäten und die antireligi-
öse Haltung anbelange, seien diese Vorbringen zu wenig substantiiert, als
dass angenommen werden müsste, der Beschwerdeführer stelle aus der
Sicht des iranischen Regimes eine Gefahr für dieses dar. Auch habe er
keine Angaben über die von seinen Familienangehörigen im iranischen
Staatsapparat ausgeübten Funktionen gemacht. Aufgrund seiner Vorbrin-
gen sei nicht davon auszugehen, dass er von den iranischen Behörden als
Apostat wahrgenommen würde oder Misstrauen gegen die islamische Re-
ligion bekunde.
Soweit der Beschwerdeführer vorgebracht habe, er sei per Zufall in eine
Gruppe Volksmudschahedin geraten und habe dies am Anfang nicht be-
merkt, sondern erst nach einem mehrmonatigen Zusammensein mit die-
sen, widersprächen seine Angaben jeder Logik und allgemeinen Erfah-
rung. Sein passives Verhalten anlässlich der angeblichen Teilnahme an ei-
ner Demonstration vor der Iranischen Botschaft in N._ lasse nicht
darauf schliessen, dass er dabei eine herausragende Rolle gehabt hätte.
Sein Vorbringen, die Ereignisse hätten von der Botschaft aus gefilmt und
in den Iran übermittelt werden können, sei rein spekulativ. Dasselbe gelte
D-436/2020
Seite 16
bezüglich der Demonstration vor dem Gebäude der Vereinten Nationen.
Abgesehen davon, dass das Vorgebrachte sehr unwahrscheinlich sei,
würde es gegebenenfalls bei einer Rückkehr des Beschwerdeführers in
den Iran keine Gefahr für ihn darstellen.
Schliesslich hätte der Beschwerdeführer, falls er verfolgt worden wäre,
nicht mit einem Visum für eine offizielle Delegation nach F._ reisen
können, ohne dort von dieser entlarvt zu werden (er habe nicht einmal den
Namen des Hotels gewusst). So habe die Einladung nach F._ auf
den Namen seines Bruders C._ gelautet, welcher wichtige Funktio-
nen für die Regierung ausübe und von dem zweifellos erwartet worden
wäre, dass er auf dieser Reise eine wichtige Rolle spiele. Zudem benötige
ein ministerieller Besuch eine lange Vorbereitung und es genüge nicht, eine
Einladung aus dem Briefkasten zu nehmen, um an der Reise teilzuneh-
men. Ausserdem müsste C._ auf dem Laufenden über diese Reise
gewesen sein und hätte sich über seine Akkreditierung und sein Flugticket
erkundigen können, wenn sich der Erhalt dieser Dokumente verzögert
hätte. Die diesbezüglichen Antworten auf die Fragen der HWV seien derart
realitätsfremd ausgefallen, dass es sich erübrige, darauf weiter einzuge-
hen.
7.2 Der Beschwerdeführer hält in seiner Rechtsmittelschrift in materieller
Hinsicht an der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen und der Asylrelevanz der
geltend gemachten Gefährdung fest. Er wirft der Vorinstanz eine mangel-
hafte Prüfung der Asylrelevanz der Gefährdungslage infolge seiner politi-
schen und gesellschaftspolitischen Überzeugungen und seines entspre-
chenden Verhaltens vor, darunter die bewusste Abwendung vom Islam, Mi-
litärdienstverweigerung, Kontakte zu pantürkischen und regimekritischen
Gruppen, Alkoholkonsum und Teilnahme an nicht gleichgeschlechtlichen
Partys. Ebenso mangelhaft sei die Asylrelevanz der sich durch den Bruder
C._ ergebenden Gefährdungslage geprüft worden. Dem Verhältnis
des Beschwerdeführers zu C._ komme eine asylrelevante Bedeu-
tung zu. Einerseits sei, da C._ zum repressiven iranischen Regime
gehöre, von der Schutzunwilligkeit und Schutzunfähigkeit des Staates aus-
zugehen, sollte C._ beschliessen, seinen Bruder selber körperlich
oder mit dem Tod zu bestrafen. Andererseits werde das iranische Regime,
das den Beschwerdeführer schon mehrmals im Visier gehabt habe und an-
gesichts dessen Verbindungen zu den Volksmudschahedin im Exil nun erst
Recht im Visier haben dürfte, auch ohne Interventionen durch die Familie
des Beschwerdeführers asylrelevante Verfolgungsmassnahmen gegen
D-436/2020
Seite 17
diesen einleiten. Schliesslich müssten unter dem Titel der Flüchtlingseigen-
schaft auch die Langzeittraumatisierung des Beschwerdeführers und die
damit verbundenen zwingenden Gründe, welche gegen dessen Rückkehr
in den Heimatstaat sprechen würden, geprüft werden.
8.
8.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach eingehender Prüfung der
Akten zum Schluss, dass die Vorinstanz das Asylgesuch des Beschwerde-
führers zu Recht abgewiesen hat. Die Entgegnungen in den Eingaben auf
Beschwerdeebene und die darin angerufenen Beweismittel vermögen zu
keiner anderen Betrachtungsweise zu führen. Zur Vermeidung von Wieder-
holungen kann vorab auf die entsprechenden Erwägungen im angefochte-
nen Asylentscheid verwiesen werden (vgl. auch vorstehend E. 7.1). Zu den
vorgebrachten Einwänden ist Folgendes festzuhalten:
8.2 Soweit geltend gemacht wird, BzP und Anhörung wiesen bezüglich der
geltend gemachten Probleme infolge Alkoholkonsums und Teilnahme an
politischen Debatten in einem Café klare Kohärenzen auf, vermag der Be-
schwerdeführer daraus nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Namentlich
kann aus den diesbezüglichen, wenig substantiierten Aussagen nicht auf
das Bestehen einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungssituation ge-
schlossen werden. Was die Hinweise auf Realkennzeichen anbelangt, trifft
zu, dass der Beschwerdeführer die Ämter und Funktionen seines Bruders
C._ aufgezählt hat. Indes wird von der Vorinstanz nicht bestritten,
dass C._ Funktionen innerhalb des iranischen Regimes wahr-
nehme. Sodann hat der Beschwerdeführer in der Tat vorgebracht,
P._ sei Bürgermeister von B._. Er hat jedoch nicht darge-
legt, dass er durch diesen in asylrelevanter Weise verfolgt worden sei. Eine
solche Verfolgung vermag er auch aus seinen Aussagen zur Religion be-
ziehungsweise aus der geltend gemachten antireligiösen Haltung nicht ab-
zuleiten. Ebenso wenig ändert daran der Einwand, der Beschwerdeführer
habe mit seinen Ausführungen zu sexuellen Misshandlungen in Moscheen
seine klare Abneigung gezeigt. Was die Frage der Glaubhaftigkeit der Vor-
bringen im Zusammenhang mit den Volksmudschahedin betrifft, wird auf
die nachfolgende Erwägung 8.7.2 verwiesen.
8.3 Der Beschwerdeführer wendet bezüglich der geltend gemachten Be-
handlung durch seinen Bruder C._ ein, er sei als Opfer häuslicher
Gewalt im Sinne von Gewalt zwischen Brüdern zu bezeichnen. Zum
Thema häuslicher Gewalt reicht er kommentarlos die Beschwerdebei-
D-436/2020
Seite 18
lage 3 ein und verweist auf das Beschwerdeverfahren E-6218/2019, in wel-
chem in der Vernehmlassung des SEM ausgeführt worden sei, dass der
asylsuchenden Person infolge ihres Status als Opfer häuslicher Gewalt
Asyl gewährt worden sei und ein solches namentlich dann als Flüchtling
anerkannt werde, "wenn ihm kein staatlicher Schutz und keine interne
Schutzalternative zur Verfügung stehe." Der Beschwerdeführer vermag
auch daraus nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Zum einen hat die Be-
schwerdebeilage 3 nicht die Formen häuslicher Gewalt zum Gegenstand,
welche vom Beschwerdeführer geltend gemacht wird. Zum andern betrifft
die besagte Vernehmlassung des SEM einen mit dem vorliegenden nicht
vergleichbaren Sachverhalt, nämlich die geschlechtsspezifischen Vorbrin-
gen einer nicht aus dem Iran stammenden weiblichen asylsuchenden Per-
son.
8.4 Der Beschwerdeführer brachte vor, er sei wegen der schikanösen Be-
handlung durch seinen Bruder C._ aus seinem Heimatstaat ausge-
reist, welcher ihn nach Syrien in den Krieg habe schicken und zwangs-
weise verheiraten wollen (vgl. SEM-act. 23/23 F87). Vorliegend ist mit der
Vorinstanz davon auszugehen, dass die als fluchtauslösend geltend ge-
machte Behandlung durch C._ aus einem rein privaten Motiv er-
folgte. Ein Verfolgungsmotiv im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG ist darin nicht
auszumachen. Mithin wurde die Asylrelevanz der Vorbringen von der Vo-
rinstanz zu Recht verneint. Soweit der Beschwerdeführer einwendet, sei-
nem Verhältnis zum Bruder komme eine asylrelevante Bedeutung, weil
C._ zum repressiven iranischen Regime gehöre und von der Schut-
zunwilligkeit und Schutzunfähigkeit des Staates auszugehen sei, falls
C._ beschliessen sollte, ihn körperlich oder mit dem Tod zu bestra-
fen, ist dazu Folgendes festzuhalten: Das Motiv bei einer nichtstaatlichen
Verfolgung kann sich nicht nur auf die eigentliche Verfolgung, sondern
auch auf die fehlende Schutzwilligkeit der Behörden beziehen. Die entspre-
chende Motivation kann somit – alternativ – sowohl die eigentliche Verfol-
gung als auch die Schutzunwilligkeit bezüglich dieser Verfolgung betreffen
(vgl. beispielsweise Urteil des BVGer D-4533/2017 vom 22. Februar 2021
E. 6.3). Vorliegend kann jedoch auf eine Prüfung der Schutzwilligkeit der
iranischen Behörden verzichtet werden, da aufgrund der Aktenlage eine
begründete Furcht des Beschwerdeführers vor zukünftiger Verfolgung zu
verneinen ist. So gab dieser an, er habe seinen Heimatstaat aus denselben
Gründen bereits im Jahr 2016 verlassen und sei über D._ zu seiner
Schwester nach E._ gereist (vgl. SEM-act. 23/23 F67, F87). Von
dort kehrte er freiwillig beziehungsweise weil die dortigen Lebensumstände
D-436/2020
Seite 19
für ihn schwierig gewesen seien (vgl. ebd. F34 f.) in den Iran zurück. Wäh-
rend seines dortigen, sieben- bis achtmonatigen Aufenthalts reiste er zwei-
oder dreimal in K._, um (...) einzukaufen (vgl. ebd. F43) und einmal
ferienhalber mit Freunden nach Q._ (vgl. ebd. F74–76). Von diesen
Auslandaufenthalten kehrte er freiwillig in den Iran zurück, obwohl es kurz
nach seiner Rückkehr von E._, wiederum im Zusammenhang mit
Zwangsheirat und Teilnahme am Krieg in Syrien, zu einer heftigen Ausei-
nandersetzung mit C._ gekommen sei (vgl. ebd. F81 ff., F89 f.). Da
der Beschwerdeführer trotzdem von den besagten Auslandaufenthalten je-
weils freiwillig in den Iran zurückkehrte, erscheint die geltend gemachte
Furcht vor Verfolgung bereits subjektiv als unbegründet.
8.5 Schliesslich erübrigt es sich, auf die Ausführungen in der Beschwerde
bezüglich geltend gemachter (...)traumatisierung einzugehen. Diesbezüg-
lich ist auf die Erwägung 4.3 zu verweisen.
8.6 Im Sinne eines Zwischenfazits ist festzuhalten, dass es dem Beschwer-
deführer nicht gelungen ist, eine zum Zeitpunkt seiner Ausreise aus dem
Iran bestehende oder aus politischen oder privaten Gründen im Sinne von
Art. 3 AsylG unmittelbar drohende Verfolgung nachzuweisen oder zumin-
dest glaubhaft zu machen.
8.7 Zu prüfen bleibt, ob dem Beschwerdeführer trotz fehlender Vorverfol-
gung bei einer Rückkehr in sein Heimatland ernsthafte Nachteile im Sinne
von Art. 3 AsylG drohen würden.
8.7.1 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – insbesondere durch politische Exil-
aktivitäten – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht
sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG gel-
tend. Begründeter Anlass zur Furcht vor künftiger Verfolgung besteht dann,
wenn der Heimat- oder Herkunftsstaat mit erheblicher Wahrscheinlichkeit
von den Aktivitäten im Ausland erfahren hat und die Person deshalb bei
einer Rückkehr in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt würde (vgl.
BVGE 2009/29 E. 5.1, 2009/28 E. 7.1, Entscheidungen und Mitteilungen
der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 1 E. 6.1,
UNHCR, Handbuch über Verfahren und Kriterien zur Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft, Neuaufl. Genf 2011, Ziff. 94 ff., MARTINA CA-
RONI/TOBIAS GRASDORF-MEYER/LISA OTT/NICOLE SCHEIBER, Migrations-
recht, 3. Aufl. 2014, S. 239 ff., WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Ru-
D-436/2020
Seite 20
din/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.] Ausländerrecht, Handbücher für die Anwalts-
praxis, Band VIII, 2. Aufl. 2009, S. 542, Rz. 11.55 ff.; MINH SON NGUYEN,
Droit public des étrangers, 2003, S. 448 ff.). Dabei muss hinreichend An-
lass zur Annahme bestehen, die Verfolgung werde sich mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen – eine bloss
entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht. Es müssen mithin
konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus
einem der vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung
als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch
und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2, 2010/57
E. 2.5, 2010/44 E. 3.4). Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss
Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie miss-
bräuchlich oder nicht gesetzt wurden. Stattdessen werden Personen, wel-
che subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen kön-
nen, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
8.7.2 Der Beschwerdeführer bringt in der Rechtsmitteleingabe vor, er sei
angesichts seiner Verbindungen zu den Volksmudschahedin im Exil erst
Recht ins Visier des iranischen Regimes geraten (vgl. Beschwerde S. 29).
Indessen beschränkt sich seine Begründung auf eine Wiederholung seiner
Ausführungen bei der Anhörung. Seine diesbezüglichen Vorbringen wur-
den von der Vorinstanz zu Recht als unglaubhaft qualifiziert. Diesbezüglich
kann vollumfänglich auf die entsprechenden Ausführungen in der ange-
fochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. dazu vorstehend E. 7.1).
Dem wird in der Beschwerdeschrift nichts Substanzielles entgegenhalten.
8.8 Unter Berücksichtigung der gesamten Umstände und Vorbringen folgt,
dass das SEM zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers
verneint und sein Asylgesuch abgelehnt hat.
9.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
D-436/2020
Seite 21
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.2
10.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
10.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Iran ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
10.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) verbotenen Strafe oder
Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Ge-
richtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folter-
ausschusses eine konkrete Gefahr ("real risk") müsste der Beschwerde-
führer nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rück-
schiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Ur-
teil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124127 m.w.H.). Das ist ihm jedoch – insbesondere auch
mit dem Hinweis auf die menschenrechtliche und politische Situation im
D-436/2020
Seite 22
Iran, das vorgebrachte regimekritische Engagement und die geltend ge-
machte Langzeittraumatisierung (vgl. Beschwerde S. 26 ff. und 33 f.) –
nicht gelungen.
10.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
10.3
10.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
10.3.2 Die allgemeine Lage im Iran ist weder durch Krieg, Bürgerkrieg noch
durch eine Situation allgemeiner Gewalt gekennzeichnet. Trotz der dort
herrschenden totalitären Staatsordnung und der sich daraus ergebenden
Probleme wird der Vollzug der Wegweisung in den Iran daher in konstanter
Praxis als generell zumutbar erachtet.
10.3.3 Darüber hinaus sind keine individuellen Gründe ersichtlich, welche
auf eine konkrete Gefährdung des Beschwerdeführers im Falle einer Rück-
kehr schliessen liessen.
Beim Beschwerdeführer handelt es sich um einen heute (...)-jährigen
Mann aus B._. Seine Eltern, in deren Haus er bis zur Ausreise
wohnte, und (...) seiner (...) Geschwister ([...] Brüder und [...] Schwestern)
leben nach wie vor dort (vgl. SEM-act. 7/12 Ziff. 3.01 und 3.02, 23/23 F21
und F25). Sein Vater verfügt über (...)besitz und finanzielle Mittel (vgl.
SEM-act. F38). Der Beschwerdeführer hat (...) Schuljahre absolviert, ver-
fügt über Erfahrungen im (...)gewerbe und war während drei Jahren selb-
ständig im (...) tätig (vgl. SEM-act 7/12 Ziff. 1.17.04 f.). Darüber hinaus
wurde er von seiner Schwester in E._ und einer weiteren Schwester
im Iran unterstützt (vgl. SEM-act. 23/23 F37). Vor diesem Hintergrund ist
davon auszugehen, dass er in seiner Heimatregion über ein tragfähiges
Beziehungsnetz verfügt, welches ihn bei einer Rückkehr bei seiner sozia-
len als auch wirtschaftlichen Reintegration unterstützen kann. Bezüglich
der geltend gemachten psychischen Probleme wies das SEM zu Recht da-
rauf hin, dass diese, soweit überhaupt behandlungsbedürftig, auch im Iran
D-436/2020
Seite 23
sowohl ambulant als auch stationär behandelbar und entsprechende Me-
dikamente in Apotheken erhältlich wären. Zudem könnte er gegebenenfalls
medizinische Rückkehrhilfe beantragen. Es ist demnach nicht davon aus-
zugehen, dass der Beschwerdeführer aus wirtschaftlichen, sozialen oder
gesundheitlichen Gründen bei einer Rückkehr in eine existenzielle Notlage
geraten würde.
10.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
10.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit da-
rauf einzutreten ist.
12.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750. – fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]), wobei der am 14. Februar 2020 geleistete Kostenvorschuss
zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden ist.
(Dispositiv nächste Seite)
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