Decision ID: 5265e94d-3bab-5a53-87b8-2ddfb14a5531
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
I.
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 12. Juli 2005 in der Schweiz um Asyl
nach. Die Vorinstanz lehnte dieses mit Verfügung vom 20. September 2006
ab; gleichzeitig wurden die Wegweisung aus der Schweiz und der Vollzug
der Wegweisung angeordnet. Das Vorbringen wurde als unglaubhaft er-
achtet. Hinsichtlich der Gewaltvorfälle in der Krisenregion Darfur hielt das
SEM zudem fest, dass der Beschwerdeführer sich lokal oder regional be-
schränkten Verfolgungsmassanahmen in der Region Darfur auch durch ei-
nen Wegzug in einen anderen Teil des Sudan ausserhalb der Krisenregion
entziehen könne. Eine Rückkehr nach Khartum erachtete das SEM auch
aus individuellen Gründen als zumutbar.
B.
Eine gegen diesen Asylentscheid erhobene Beschwerde wurde mit Urteil
des Bundesveraltungsgericht E-5619/2006 vom 16. Dezember 2009 abge-
wiesen.
II.
C.
Am 31. Januar 2014 reichte der Beschwerdeführer ein zweites Asylgesuch
ein. Darin machte er im Wesentlichen ein exilpolitisches Engagement in
der Schweiz geltend. Er sei Mitglied der Bewegung Justice and Equality
Movement (JEM) und habe innerhalb dieser Bewegung die Funktion des
(...) inne. Er nehme in der Schweiz an regimekritischen Tätigkeiten teil.
D.
Mit Verfügung vom 5. Februar 2015 lehnte das SEM das Asylgesuch des
Beschwerdeführers ab, ordnete erneut die Wegweisung aus der Schweiz
sowie den Vollzug der Wegweisung an. Das SEM kam zum Schluss, dass
der Beschwerdeführer über kein qualifiziertes exilpolitisches Profil verfüge,
welches eine Furcht vor flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgung zu be-
gründen vermöge.
E.
Eine dagegen vor dem Bundesverwaltungsgericht erhobene Beschwerde
wurde mit Urteil E-1513/2015 vom 25. März 2015 abgewiesen. In diesem
wurde unter anderem festgestellt, dass es dem aus der Region Darfur
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stammenden Beschwerdeführer aufgrund der bestehenden Niederlas-
sungsfreiheit im Sudan offenstehe, und es ihm auch zumutbar sei, aus-
serhalb von Darfur, beispielsweise in Khartum Wohnsitz zu nehmen, wo er
sich bereits längere Zeit aufgehalten habe.
III.
F.
Am 26. Mai 2015 reichte der Beschwerdeführer beim Ausschuss der Ver-
einten Nationen gegen Folter (engl. Commettee Against Torture, CAT) eine
Individualbeschwerde gegen den Asylentscheid der Schweiz ein
(Nr. 683/2016). Die Individualbeschwerde wurde mit Entscheid vom
12. Dezember 2017 (CAT/C/62/D683/2015) abgewiesen.
G.
Mit Eingabe vom 28. August 2020 reichte der Beschwerdeführer beim SEM
ein Wiedererwägungsgesuch ein. Er machte im Wesentlichen geltend, er
leide an einer Anpassungsstörung, einer rezidivierenden depressiven Stö-
rung und einer gegenwärtig schweren Episode. Zudem sei im November
2019 eine «(...)» diagnostiziert worden. Aufgrund seines fragilen gesund-
heitlichen Zustandes, seiner (...)jährigen Landesabwesenheit und der un-
sicheren Lage in der Darfur-Region respektive im Sudan sei davon auszu-
gehen, dass er im Falle einer Rückkehr in eine existenzielle Notlage im
Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG (Bundesgesetz vom 16. Dezember 2005 über
die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration [Ausländer-
und Integrationsgesetz, AIG, SR 142.20]) geraten würde. Der Vollzug der
Wegweisung erweise sich daher als unzumutbar.
Er reichte je einen Arztbericht des (...) vom 8. November 2019 und
Dr. med. B._ vom 31. Juli 2020 ein.
H.
Mit Verfügung vom 30. Oktober 2020 – eröffnet am 2. November 2020 –
wies das SEM das Wiedererwägungsgesuch ab, erklärte die Verfügung
vom 5. Februar 2015 für rechtskräftig und vollstreckbar und erhob eine Ge-
bühr von Fr. 600.–. Es wurde festgestellt, dass einer allfälligen Beschwerde
keine aufschiebende Wirkung zukomme.
I.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer – handelnd durch
seine Rechtsvertretung – am 1. Dezember 2020 Beschwerde vor dem Bun-
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desverwaltungsgericht. Er beantragte, die Verfügung des SEM vom 5. Feb-
ruar 2015 sei wiedererwägungsweise in den Ziffern 4 und 5 aufzuheben
und dem Beschwerdeführer sei die vorläufige Aufnahme zu erteilen. In pro-
zessualer Hinsicht wurde darum ersucht, der Beschwerde sei die aufschie-
bende Wirkung zu gewähren und das Migrationsamt des Kantons Zürich
sei im Sinne provisorischer Massnahmen anzuweisen, den Vollzug wäh-
rend des Beschwerdeverfahrens auszusetzen; es sei die unentgeltliche
Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG zu gewähren und auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie-
dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung
auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist
das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich der vorliegend interessierenden Normen des Aus-
länderrechts (Art. 83 Abs. 1 bis 4 AIG) nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
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3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise
einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Mit vorliegendem Entscheid in der Sache werden die Anträge auf Erteilung
der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde und Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses gegenstandslos.
5.
5.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist beim SEM
innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes einzu-
reichen.
5.2 In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwä-
gungsgesuch – wie vorliegend der Fall – die Änderung einer ursprünglich
fehlerfreien Verfügung an eine nachträglich eingetretene erhebliche Verän-
derung der Sachlage in Bezug auf Wegweisungsvollzugshindernisse (so-
genanntes einfaches Wiedererwägungsgesuch).
6.
6.1 Das SEM regelt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen
Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme, wenn der Vollzug der Weg-
weisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich ist (Art. 44
AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
6.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.
7.1 Das SEM hat seinen Entscheid im Wesentlichen damit begründet, dass
der eingereichte Arztbericht des (...) vom 8. November 2019 datiere und
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der Beschwerdeführer das Wiedererwägungsgesuch am 28. August 2020
eingereicht habe. Damit sei die 30-tägige Frist zur Einreichung des Wie-
dererwägungsgesuchs ab Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes
(Art. 111b Abs. 1 AsylG) offensichtlich nicht eingehalten. Auf dieses Vor-
bringen sei daher grundsätzlich nicht einzutreten. Im Hinblick auf den zwin-
genden Charakter des Non-Refoulement-Gebots gemäss Art. 33 FK und
Art. 3 EMRK sei anzumerken, dass weder die Ausführungen im Wiederer-
wägungsgesuch noch erwähnter Arztbericht vom 8. November 2019 Hin-
weise darauf enthalten würden, die auf eine drohende Verletzung von Art.
33 FK oder Art. 3 EMRK schliessen lassen würden. Vielmehr sei anzumer-
ken, dass die vom Beschwerdeführer im November 2019 initiierte Behand-
lung einer (...) abgeschlossen sei. Der Arztbericht sei daher weder erheb-
lich noch geeignet, ernsthaft die Frage aufzuwerfen, ob beim Wegwei-
sungsvollzug Art. 33 FK oder Art. 3 EMRK verletzt werde.
Der weitere Arztbericht vom 31. Juli 2020 sei fristgerecht eingereicht. Ge-
mäss diesem ärztlichen Bericht leide der Beschwerdeführer an einer An-
passungsstörung mit vorwiegender Beeinträchtigung anderer Gefühle
(Ängste, Sorgen, depressive Anteile), einer rezidivierenden depressiven
Störung und einer gegenwärtig schweren Episode ohne psychotische
Symptome. Es sei das Medikament (...) verschrieben worden. Medizini-
sche Gründe würden nur dann eine konkrete Gefährdung im Sinne von
Art. 83 Abs. 4 AIG darstellen, wenn eine notwendige medizinische Behand-
lung im Heimatstaat nicht zur Verfügung stehe und die Rückkehr zu einer
raschen und lebensbedrohenden Situation führe. Entsprechende Hinweise
auf eine lebensbedrohliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes
sei beim Beschwerdeführer im Falle seiner Rückkehr nicht zu bejahen. Im
Sudan bestünden sodann Möglichkeiten einer Behandlung psychischer Er-
krankungen, so beispielsweise in Khartum, wo im öffentlichen Spital am-
bulante und stationäre Behandlung durch Psychiater angeboten werde.
Das dem Beschwerdeführer verschriebene Medikament sei ebenfalls öf-
fentlich verfügbar. Es sei angesichts der Behandlungsmöglichkeit und der
Erhältlichkeit des dem Beschwerdeführer verabreichten Medikaments nicht
davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr in eine lebensbedrohende
Situation gerate. Es bestehe sodann die Möglichkeit, medizinische Rück-
kehrhilfe zu beantragen. Der Umstand, dass im Heimatstaat keine dem
schweizerischen Standard entsprechende medizinische Behandlung mög-
lich sei, vermöge nicht zur Unzumutbarkeit zu führen.
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Seite 7
Sodann sei im Hinblick auf die politischen Veränderungen im Heimatstaat
festzustellen, dass die seit Dezember 2018 anhaltenden Unruhen im Su-
dan am 11. April 2019 zum Sturz des langjährigen Staatspräsidenten Omar
al Bashir geführt habe. Ein militärischer Übergangsrat führe seitdem das
Land. Am 17. Juli 2019 hätten der Militärrat und die Opposition ein Abkom-
men zur Legitimation eines «Souveränen Rates» unterzeichnet, welcher
die Regierungsgeschäfte bis zur Durchführung einer freien Wahl leite. Die-
ser Rat sei am 21. August 2019 vereidigt worden. Es bestehe im Sudan
keine Kriegs- oder Bürgerkriegssituation oder ein Zustand allgemeiner Ge-
walt. Khartum werde nach wie vor als zumutbare innerstaatliche Wohnsitz-
alternative erachtet, zumal in Khartum eine Vielzahl von Darfuris aller Eth-
nien leben würden und damit eine grosse Diaspora vorhanden sei. Im Wei-
teren sei bezüglich der Frage der Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegwei-
sung auf die Erwägungen des SEM im Asylentscheid vom 5. Februar 2015
und diejenigen des Bundesverwaltungsgerichts im Urteil E-1513/2015 vom
26. März 2015 zu verweisen.
7.2 Dem wurde auf Beschwerdeebene entgegengehalten, es sei unbestrit-
ten, dass der Beschwerdeführer aus der Region Darfur stamme. Die Lage
dort sei nach wie vor volatil, so dass der Vollzug der Wegweisung sich als
unzumutbar erweise. In seinem Urteil vom 16. Dezember 2015 habe das
Bundesverwaltungsgericht zwar festgestellt, dass es dem Beschwerdefüh-
rer aufgrund der im Sudan bestehenden Niederlassungsfreiheit im Sudan
offenstehe, ausserhalb von Darfur, beispielsweise in Khartum Wohnsitz zu
nehmen. Diese Einschätzung im vorangegangene Asylverfahren, dass es
dem Beschwerdeführer aufgrund der bestehenden Niederlassungsfreiheit
im Sudan offenstehe, und es ihm auch zumutbar sei, ausserhalb von Dar-
fur, beispielsweise in Khartum Wohnsitz zu nehmen, wo er sich bereits län-
gere Zeit aufgehalten habe, lasse sich nicht aufrechterhalten. Dies zum
einen aufgrund der aktuell herrschenden politischen Lage nach dem Sturz
des Staatspräsidenten Omar al Bashir, zum anderen aufgrund der medizi-
nischen Infrastruktur im Sudan in Bezug auf die Behandelbarkeit psychi-
scher Erkrankungen, welche mangelhaft sei. Die medizinische Lage dürfte
sich angesichts der Corona-Krise noch verschärft haben. Der Beschwer-
deführer halte sich schliesslich seit (...) Jahren nicht mehr im Sudan auf.
Diese Ausgangslage erschwere seine ökonomische und soziale Wieder-
eingliederung.
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Seite 8
8.
8.1 Das Bundesverwaltungsgericht schliesst sich der Einschätzung des
SEM an, wonach vorliegend keine Gründe vorliegen, welche die Rechts-
kraft der Verfügung vom 5. Februar 2015 beseitigen könnten.
8.2 Bereits im Rahmen zweier abgeschlossener Asylverfahren (Urteil
E- 5619/2006 vom 16. Dezember 2006 und E-1513/2015 vom 26. März
2015) wurden die Wegweisungsvollzugshindernisse im Sinne von Art. 83
Abs. 1 AIG einlässlich behandelt. Der Vollzug der Wegweisung des Be-
schwerdeführers wurde dabei als zulässig, zumutbar und möglich bezeich-
net. An dieser Einschätzung ist festzuhalten.
8.3 Den Ausführungen sowohl im Wiedererwägungsgesuch als auch in der
Beschwerde zur aktuellen politischen Situation, die keinerlei konkreten Be-
zug zur individuellen Situation des Beschwerdeführers haben, lassen sich
– in Übereinstimmung mit der Folgerung des SEM – keine konkreten Hin-
weise darauf entnehmen, dass er aufgrund dieser Situation für den Fall
einer Ausschaffung in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK (Übereinkommen vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe [SR 0.105]) verbotenen Strafe oder Be-
handlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des EGMR (Europäischer Ge-
richtshof für Menschenrechte) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124 –127 m.w.H.).
8.4 Zwar ist die im Sudan herrschende politische und menschenrechtliche
Lage in verschiedener Hinsicht schwierig. Die die dortige allgemeine Men-
schenrechtssituation bietet aber – übereinstimmend mit dem SEM und ent-
gegen den Ausführungen des Beschwerdeführers – keinen konkreten An-
lass zur Annahme, ihm selbst drohe eine entsprechende Gefährdung. Viel-
mehr wird die aktuelle politische Lage seit der letzten grundsätzlichen La-
gebeurteilung durch das Bundesverwaltungsgericht in BVGE 2013/5 (zu-
letzt bestätigt in E-57/2018 vom 20. März 2020 E. 8.4.3) verbessert einge-
schätzt: So wurde der langjährige Präsident Omar Al-Bashir am 11. April
2019 vom Militär gestürzt. Im August 2019 wurde für den Zeitraum von drei
Jahren und drei Monaten eine Übergangsregierung eingesetzt. Danach
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sollen Wahlen stattfinden. Ende November 2019 hat die Übergangsregie-
rung Al-Bashirs Nationale Kongresspartei (NCP) aufgelöst. Am 14. Dezem-
ber 2019 wurde Al-Bashir wegen Korruption verurteilt und unter Hausarrest
genommen. Ein Verfahren im Zusammenhang mit der Tötung von De-
monstranten ist hängig. Darüber hinaus wurden auch Strafverfahren gegen
Führungspersonen des vormaligen Regimes von Omar Al-Bashir eingelei-
tet. Im Januar 2020 hat die Übergangsregierung einen Friedensvertrag mit
der Rebellengruppe Sudan People's Liberation Movement-North unter-
zeichnet. Bei Friedensgesprächen anfangs Februar 2020 zwischen Rebel-
lengruppen aus der Darfur-Region und der Übergangsregierung gab letz-
tere bekannt, Al-Bashir werde an den Internationalen Strafgerichtshof aus-
geliefert. Am 9. Juni 2020 wurde der Janjaweed-Milizenführer Ali Kushayb,
dem über fünfzig Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt wer-
den, dem Internationalen Strafgerichtshof übergeben. Seine Verhaftung
ebnet den Weg für den ersten Prozess im Darfur-Konflikt. Der aktuellen
Übergangsregierung gehören auch Repräsentanten der früheren Opposi-
tion an. Aufgrund dessen ist von einer Besserung der Situation im Sudan
und einer positiven Entwicklung des Landes auszugehen (vgl. dazu statt
vieler: Urteil des BVGer E-4834/2018 vom 4. August 2020 E. 7.3.1 f. m.H.).
8.5 Die vom Beschwerdeführer in seinem Wiedererwägungsgesuch darge-
legten medizinischen Gründe lassen den Vollzug der Wegweisung eben-
falls nicht als unzulässig erscheinen. Nach der Rechtsprechung des EGMR
lässt sich aus Art. 3 EMRK grundsätzlich kein Anspruch auf Verbleib in ei-
nem Konventionsstaat ableiten, um medizinische Leistungen dieses Staats
(weiterhin) in Anspruch zu nehmen. Lediglich in Einzelfällen und unter ganz
aussergewöhnlichen Umständen kann der Vollzug der Wegweisung einer
ausländischen Person mit Blick auf deren gesundheitliche Situation einen
Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen (EGMR, D. gegen Grossbritannien,
Urteil vom 2. Mai 1997, Recueil des arrêts et décisions 1997-III, E. 49 ff.;
vgl. BVGE 2011/9 E. 7.1 m.w.H.). Solche sind indes vorliegend offensicht-
lich zu verneinen. Denn wie vom SEM zutreffend erwogen, wurde die mit
Einreichung des ärztlichen Berichts vom 8. November 2019 attestierte (...)
zwischenzeitlich behandelt und es ist davon auszugehen, dass deren Be-
handlung – wie auch aus dem Arztbericht zu schliessen ist – abgeschlos-
sen ist. Was die psychischen Probleme anbelangt, so ist dem Facharztbe-
richt vom 31. Juli 2020 zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer an sich
bereits seit Mitte Juli 2014 in Behandlung war, weshalb unverständlich er-
scheint, dass er erst in seinem Wiedererwägungsgesuch auf psychische
Probleme verweist. Aus diesem resultiert ungeachtet dessen jedoch
ebenso wenig, dass er aufgrund seiner Erkrankung bei einer Rückkehr in
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Seite 10
sein Heimatland mit dem sicheren Tod oder einer unwiederbringlichen Ver-
schlechterung seines Gesundheitszustands mit intensivem Leiden rechnen
müsste. Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers erweist sich
somit auch unter dem medizinischen Aspekt als zulässig.
8.6
8.6.1 In den vorangegangen Verfahren hatte sowohl das SEM als auch das
Bundesverwaltungsgericht festgehalten, dass es dem Beschwerdeführer
zumutbar sei, sich ausserhalb der Region Darfur in einem anderen Lan-
desteil des Sudans niederzulassen. Auch an dieser Auffassung ist festzu-
halten:
8.6.2 In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist zwar – nach wie vor – fest-
zustellen, dass ein Wegweisungsvollzug nach Darfur zum jetzigen Zeit-
punkt generell unzumutbar ist. Gemäss Rechtsprechung des Bundesver-
waltungsgerichts wird für Angehörige nichtarabischer Ethnien aus Darfur
indes für zumutbar erachtet, sich im Sinne einer innerstaatlichen Wohnsitz-
alternative in Khartum eine neue Existenz aufzubauen. Dies vor allem, weil
sich eine Vielzahl von nicht arabischen Darfuris dort niedergelassen haben
(vgl. BVGE 2013/5 E.5.4.5, bestätigt in E-57/2018 vom 20. März 2020
E. 8.4.3). Ein mangelndes Beziehungsnetz im Grossraum Khartum spricht
nach Praxis des Bundesverwaltungsgerichts nicht von vornherein gegen
die Zumutbarkeit der Inanspruchnahme einer Aufenthaltsalternative
(vgl. Urteile BVGer D-6300/2018 vom 17. Dezember 2018 E. 9.3.2 und
D- 5199/2015 vom 27. Juni 2017 E. 9.4.3 m.H.). Im Entscheid BVGE
2013/5 wurde festgehalten, dass die allgemeinen Verhältnisse am Zu-
fluchtsort und die persönlichen Umstände im Einzelfall zu beachten seien
und unter Berücksichtigung des länderspezifischen Kontextes im Rahmen
der individuellen Einzelfallprüfung zu beurteilen sei, ob der in Frage ste-
hende Zufluchtsort realistischerweise zugemutet werden könne (vgl. a.a.O.
E. 5.4.3).
8.6.3 Die individuellen Umstände des Beschwerdeführers haben bereits
Gegenstand der Beurteilung in den vorangegangenen Verfahren gebildet
(Urteil E-5619/2006 vom 16. Dezember 2006 E. 6.3 und E-1513/2015 vom
26. März 2015 S. 10). Dabei wurde auch festgehalten, dass der Beschwer-
deführer aktenkundig gesund sei. Aus dem nunmehr eingereichten ärztli-
chen Zeugnis vom 31. Juli 2020 ergibt sich, dass der Beschwerdeführer
sich seit Juli 2014 in ambulanter psychiatrischer Behandlung befinde, wo-
bei festzustellen ist, dass er dies im vorangegangene Asylverfahren nicht
geltend gemacht hat. Aus dem eingereichten Zeugnis, welches in Bezug
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auf die Anamnese inhaltlich sehr kurz gefasst ist und eine mittelgradige
depressive Störung attestiert, wird sodann nicht ersichtlich, in welchem
Umfang der Beschwerdeführer überhaupt therapiert wird oder welches die
notwendigen Behandlungsmethoden sind. Einzig wird ausgeführt, dass der
Beschwerdeführer seit dem «25. Oktober» 2 mal täglich 25 mg (...) ein-
nehme. Eine psychische Erkrankung von einer Schwere, die einem Vollzug
der Wegweisung allenfalls entgegenstehen könnte, ist somit nicht darge-
tan. Im Übrigen teilt das Bundesverwaltungsgericht die Einschätzung, dass
adäquate Behandlungsmöglichkeiten im Sudan, insbesondere in Khartum
vorhanden sind.
8.6.4 Insgesamt ergeben sich im Wiedererwägungsverfahren keine kon-
kreten Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr
in den Sudan im Grossraum Khartum für sich keine tragfähige Existenz
aufbauen kann oder in eine Notlage geraten wird, zumal ihm auch die Mög-
lichkeit offensteht, in der Schweiz (medizinische) finanzielle Rückkehrhilfe
zu beantragen. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich nach wie vor als
zumutbar. Die lange Anwesenheit in der Schweiz ist dem Umstand ge-
schuldet, dass der Beschwerdeführer der seit 20. September 2006 ange-
ordneten Wegweisung bisher nicht nachgekommen ist.
8.7 Es obliegt dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu
beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12),
weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist
(Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.8 Auch die Corona-Pandemie steht dem Wegweisungsvollzug nicht ent-
gegen. Bei der Corona-Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt – um
ein bloss temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im Rahmen der
Vollzugsmodalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen
ist, indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatland an-
gepasst wird.
8.9 Insgesamt ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, Gründe dar-
zulegen, die zu einer Wiedererwägung des vorinstanzlichen Entscheids
vom 5. Februar 2015 führen könnten. Folglich hat das SEM das Wiederer-
wägungsgesuch zu Recht abgewiesen und zutreffend festgestellt, dass die
vorinstanzliche Verfügung rechtskräftig und vollstreckbar ist.
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Seite 12
8.10 Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfü-
gung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüg-
lich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 1'500.– festzusetzen (Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
9.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG ist abzuweisen, da sich die in der Be-
schwerde gestellten Begehren als von vornherein aussichtslos erweisen.
(Dispositiv nächste Seite)
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