Decision ID: 14951366-3444-55ce-934b-aa12e1b9864d
Year: 2014
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdegegner reichte am 20. Dezember 2013 bei der Gemeinde Niederbipp
ein Baugesuch ein für den Abbruch des bestehenden Wohn- und Geschäftshauses und
den Neubau eines Gebäudes mit Arztpraxis, Spitex-Büro, TABEA-Räumen, einem Saal,
zehn Alterswohnungen und einer Autoeinstellhalle auf Parzelle Niederbipp Grundbuchblatt
Nr. E._. Die Parzelle liegt in der Kernzone KA. Gegen das Bauvorhaben erhob die
Beschwerdeführerin Einsprache. Mit Gesamtbauentscheid vom 10. Juli 2014 erteilte die
Gemeinde Niederbipp die Baubewilligung.
2. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 12. August 2014 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt die
Aufhebung des Gesamtentscheides vom 10. Juli 2014 und die Erteilung des
Bauabschlags. Sie macht insbesondere geltend, bei der Erteilung der Baubewilligung sei
das rechtliche Gehör verletzt worden. Weitere Rügen beziehen sich auf die
Verkehrssicherheit, das Ortsbild, die Anzahl der Parkplätze und das Fehlen eines
Kinderspielplatzes.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die
Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel durch. Gleichzeitig griff es die Frage der
Zuständigkeit der Gemeinde Niederbipp für die Erteilung der Gesamtbewilligung von Amtes
wegen auf und gab den Verfahrensbeteiligten Gelegenheit zur Stellungnahme.
4. Der Beschwerdegegner und die Gemeinde Niederbipp beantragen die Abweisung
der Beschwerde. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
3

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann er –
unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die
Einsprecher im Rahmen ihrer Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde
(Art. 10 KoG in Verbindung mit Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführerin, deren
Einsprache abgewiesen wurde, ist durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert
und daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten.
2. Rechtliches Gehör und Verfahrensgarantien
a) Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Fachberichte seien per Ablauf der
Einsprachefrist eingeholt worden. Am 25. Februar 2014 habe ein Augenschein mit dem
Strasseninspektorat stattgefunden ohne die Einsprecherin beizuladen. Die
Amtsberichte/Fachberichte seien der Einsprecherin während des Verfahrens nicht eröffnet
und lediglich gleichzeitig als Beilage mit dem angefochtenen Bauentscheid zugestellt
worden. Zudem sei ihr eine abweichende Strassenführung und der neu erstellte
Umgebungsplan vom 10. Juni 2014 nicht zur Kenntnis gebracht worden und dieser sei
auch nicht Bestandteil der Auflageakten gewesen. Damit liege eine Gehörsverletzung vor.
Die Gemeinde bringt vor, sie habe am 24. April 2014 eine Einigungsverhandlung mit der
Beschwerdeführerin durchgeführt. Die Beschwerdeführerin habe weder die Zustellung der
Amts- und Fachberichte noch Akteneinsicht verlangt. Am 25. Februar 2014 sei ein
2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
4
Augenschein mit dem Strasseninspektor, dem Architekten und dem Bauverwalter
durchgeführt worden. Es sei dabei um die Bereinigung der Auflagepunkte im Amtsbericht
gegangen. Der Beizug der Einsprecherin an diesem Bereinigungsgespräch sei nach Art. 8
KoG fakultativ. Die Beschwerdeführerin sei durch die strassenseitige Erschliessung gar
nicht betroffen und eine allfällige Gehörsverletzung könne vor der BVE geheilt werden.
b) Nach Art. 21 Abs. 1 VRPG4 hört die Behörde die Parteien an, bevor sie verfügt oder
entscheidet. Der Anspruch der Parteien auf rechtliches Gehör ist eine grundlegende
Verfahrensgarantie, die als verfassungsmässiges Recht5 auch im baurechtlichen Verfahren
besteht. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung umfasst der verfassungsrechtliche
Gehörsanspruch insbesondere das Recht der Betroffenen, sich vor Erlass eines in ihre
Rechtsstellung eingreifenden Entscheids zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise bei-
zubringen und mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden, Einsicht in die Akten zu
nehmen und sich zum Beweisergebnis zu äussern.6
Es ist unbestritten, dass die Gemeinde der Beschwerdeführerin die Amts- und
Fachberichte erst mit dem Gesamtentscheid zugestellt hat. Die Beschwerdeführerin hatte
daher keine Gelegenheit, sich dazu vor dem Gesamtentscheid zu äussern. Die Gemeinde
hat damit das rechtliche Gehör der Beschwerdeführerin verletzt. Daran ändert auch nichts,
dass die Beschwerdeführerin nach den Angaben der Gemeinde anlässlich der
Einigungsverhandlung keine Akteneinsicht verlangt hat.
c) Die Parteien haben in Verfahren vor Gerichts- und Verwaltungsinstanzen Anspruch
auf gleiche und gerechte Behandlung (Art. 29 Abs. 1 BV). Sie sind berechtigt, an
Instruktionsverhandlungen und amtlichen Augenscheinen teilzunehmen,
Personenbefragungen beizuwohnen und um Beantwortung von Ergänzungsfragen zu
ersuchen (Art. 22 VRPG). Nicht zwingend ist der Beizug der Parteien zu
Bereinigungsgesprächen mit Behörden (Art. 8 Abs. 3 KoG). Solche Bereinigungsgespräche
führt die Leitbehörde mit den betroffenen Stellen durch, wenn sie die Beurteilung der
Behörden und Fachstellen aufgrund der Interessenabwägung oder aus andern rechtlichen
4 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 5 Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 19. April 1999 (BV; SR 101); Art. 26 Abs. 2 der Verfassung des Kantons Bern vom 6. Juni 1993 (KV; BSG 101.1)
6 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 21 N. 4
5
Gründen nicht teilt oder Widersprüche feststellt (Art. 8 Abs. 1 KoG). Sie teilt den Parteien
das Ergebnis mit (Art. 8 Abs. 2 KoG).
Die Gemeinde erklärt, am 25. Februar 2014 habe ein Bereinigungsgespräch vor Ort mit
dem Strasseninspektor, dem Architekten und dem Bauverwalter stattgefunden. Ob es sich
dabei tatsächlich um ein Bereinigungsgespräch und nicht um einen Augenschein handelte,
an dem die Beschwerdeführerin hätte teilnehmen können müssen, ist unklar, da sich in den
Vorakten darüber kein Protokoll findet. Wie die Gemeinde aber selbst erklärt, konnte der
Architekt als Vertreter des Beschwerdegegners teilnehmen. Das Gebot der gleichen und
gerechten Behandlung im Verfahren hätte es daher geboten, auch die Beschwerdeführerin
dazu einzuladen. Auch damit hat die Gemeinde Verfahrensrechte der Beschwerdeführerin
verletzt.
d) Nach Art. 43 Abs. 2 BewD kann die Baubewilligungsbehörde nach Anhörung der
Beteiligten das Verfahren ohne erneute Veröffentlichung fortsetzen bzw. die Änderung des
bewilligten Projekts ohne neues Baugesuchsverfahren gestatten, wenn öffentliche oder
wesentliche nachbarliche Interessen nicht zusätzlich betroffen sind. Einsprecherinnen und
Einsprecher sind im Baubewilligungsverfahren Partei bzw. im Sinn von Art. 43 Abs. 2
BewD beteiligt. Ihnen sind daher Projektänderungen im Baubewilligungsverfahren in jedem
Fall zur Kenntnis zu bringen und zwar unabhängig davon, ob sie durch die
Projektänderung direkt betroffen sind.
e) Damit steht fest, dass die Gemeinde das rechtliche Gehör der Beschwerdeführerin
verletzt hat. Mit Blick auf die folgenden Erwägungen kann offen bleiben, ob die
Gehörsverletzung vor der BVE geheilt werden könnte.
3. Zuständige Baubewilligungsbehörde
a) Mit Verfügung vom 14. August 2014 erklärte das Rechtsamt, es prüfe von Amtes
wegen, ob die Gemeinde Niederbipp für die Erteilung der Gesamtbewilligung zuständig
war.
Die Gemeinde Niederbipp bringt mit Stellungnahme vom 16. September 2014 vor, sie
verfüge über die volle Bewilligungskompetenz. Das Bauvorhaben stelle nicht ein
6
öffentliches Bauvorhaben wie z.B. ein Schulhaus oder ein Verwaltungsgebäude dar und
werde auch nicht auf gemeindeeigenem Boden erstellt. Die Gemeinde Niederbipp sei zwar
Verbandsgemeinde, aber daraus könne keine Befangenheit der Baubewilligungsbehörde
abgeleitet werden. Die Gemeinde ziehe aus der Baubewilligung keine direkten finanziellen
Vorteile. Das Bauvorhaben sei für die Zwecke der Region (Verbandsgemeinden) bestimmt,
nicht der Gemeinde.
Die Beschwerdeführerin erklärt mit Stellungnahme vom 15. September 2014, der
Gemeindeverband sei nach Gemeindegesetz direkt an den am öffentlichen Interesse
gemessenen Zweck der Gemeinden gebunden. Die Gemeinde Niederbipp sei die grösste
Verbandsgemeinde des Beschwerdegegners, stelle am meisten Delegierte im
Verbandsparlament und sei Standortgemeinde des Altersheimbetriebes. Der Präsident des
Vorstandes des Beschwerdegegners sei gleichzeitig Gemeinderat von Niederbipp. Die
Voraussetzungen von Art. 8 Abs. 2 BewD7 seien schon bei enger Auslegung des
Gemeindezwecks gegeben und die Zuständigkeit des Regierungsstatthalters offensichtlich.
Daher sei der angefochtene Entscheid aufzuheben.
Der Beschwerdegegner bringt mit Stellungnahme vom 12. September 2014 vor, das
geplante Bauvorhaben sei nicht für Zwecke der Gemeinde bestimmt. Der Zweck des
Gemeindeverbands bestehe im Unterhalt und Betrieb eines Altersheims. Dies sei nicht
eine Aufgabe, die zwingend den Gemeinden obliege. Als eine von insgesamt elf
Verbandsgemeinden könne die Gemeinde Niederbipp auf die Entscheide des Verbandes
(Delegiertenversammlung; Vorstand) auch nicht entscheidend Einfluss nehmen. Das
Interesse der Standortgemeinde beschränke sich im Wesentlichen darauf, dass für betagte
Personen, welche den letzten Wohnsitz in der Gemeinde hatten, Pflegeplätze zur
Verfügung stehen. Beim Neubau gehe es zudem nicht um Pflegeplätze, sondern um den
Bau von zehn Alterswohnungen. Darüber hinaus sollten für Dritte Geschäftsräume erstellt
werden zur Errichtung einer Tagesstätte für Betagte, für Büros der Spitex und für die
Einrichtung einer Arztpraxis für allgemeine Medizin. Diese Angebote seien nicht für Zwecke
der Gemeinde bestimmt; sie dienten direkt den Bedürfnissen der Bewohnerinnen und
Bewohner des Alterszentrums B._ und sollten mithelfen, auf dem Areal ein
Kompetenzzentrum für das Alter zu schaffen. Die Gemeinde ziehe aus der Realisierung
des Vorhabens keine direkten finanziellen Vorteile. Baugesuchsteller sei mit dem
7 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
7
B._ eine öffentlich-rechtliche Körperschaft mit eigener Rechtspersönlichkeit, die
zwar eine im öffentlichen Interesse liegende Aufgabe erfülle, mit dem hier zu beurteilenden
Projekt aber kein Vorhaben realisieren wolle, das für Zwecke der Gemeinde Niederbipp
bestimmt sei. Die Beurteilung des Baugesuchs durch die Gemeinde Niederbipp verletze
die Zuständigkeitsvorschriften nicht.
b) Nach Art. 8 Abs. 2 BewD ist für Bauvorhaben, die für Zwecke der Gemeinde
bestimmt sind, in jedem Fall die Regierungsstatthalterin oder der Regierungsstatthalter
zuständig. Diese Bestimmung ist weit auszulegen und ist stets dann anwendbar, wenn die
Gemeinde am Vorhaben ein so starkes Interesse hat, dass ihre Unbefangenheit als
gefährdet erscheint.8 Dies ist nicht nur der Fall, wenn die Gemeinde Bauvorhaben zur
Erfüllung ihrer Gemeindeaufgaben plant. Vielmehr kann die Unbefangenheit der Gemeinde
auch durch andere wie zum Beispiel finanzielle Interessen gefährdet sein. Art. 8 Abs. 2
BewD ist deshalb nicht nur dann anwendbar, wenn es um Bauvorhaben wie Schulhäuser
oder Verwaltungsgebäude der Gemeinde geht, sondern es geht in jedem Fall darum, den
Anschein zu vermeiden, die Bewilligungsbehörde entscheide in eigener Sache9.
c) Bauherr ist gemäss Gesamtbauentscheid vom 10. Juli 2014 der B._, der
auch Eigentümer des Grundstücks Niederbipp Grundbuchblatt Nr. E._ ist. Es
handelt sich beim B._ um eine öffentlich-rechtliche Körperschaft (vgl. Art. 130
GG10) und die Gemeinde Niederbipp ist eine von insgesamt elf Verbandsgemeinden.11 Der
B._ unterhält und betreibt das Altersheim B._ Niederbipp für die
Aufnahme Betagter, die ihren letzten Wohnsitz in der Regel in einer der
Verbandsgemeinden hatten (Art. 2 Abs. 1 OgR12). Die Gemeinde Niederbipp ist als
Verbandsgemeinde Organ des Gemeindeverbands Alterszentrum B._ (Art. 7 Bst.
a OgR) und sie unterstützt den Gemeindeverband in der Erfüllung seiner Aufgaben,
namentlich dadurch, dass sie ihren finanziellen Verpflichtungen nachkommt (Art. 4 Abs. 3
OgR).
8 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 33 N. 3 9 BVR 1989 S. 150, E. 5 10 Gemeindegesetz vom 16. März 1998 (BSG 170.11)
12 Organisationsreglement des Gemeindeverbands Altersheim B_ Niederbipp (OgR)
8
d) Der Anwendungsbereich von Art. 8 Abs. 2 BewD beschränkt sich wie bereits erwähnt
nicht auf Gemeindeaufgaben. Es muss daher nicht abschliessend geklärt werden, ob der
Betrieb eines Altersheims eine Gemeindeaufgabe darstellt. Entscheidend ist vielmehr, dass
die Gemeinde Niederbipp am B._ als Verbandsgemeinde beteiligt ist. Indem sie
die Ziele des Gemeindeverbands mitträgt, zur Erfüllung seiner Aufgaben finanziell beiträgt
(Art. 4 Abs. 3 OgR) und Organstellung hat (Art. 7 Bst. a OgR), hat die Gemeinde
Niederbipp auch ein eigenes Interesse am umstrittenen Bauvorhaben und damit am
Ausgang des Baubewilligungsverfahrens. Ihre Unbefangenheit erscheint daher als
gefährdet. Daran ändert auch nichts, dass der Einfluss der Gemeinde auf die Entscheide
des Gemeindeverbands beschränkt ist. Zur Diskussion steht nicht die Einflussnahme im
Gemeindeverband, sondern die Unbefangenheit der Gemeinde als
Baubewilligungsbehörde. Unerheblich ist nach dem Gesagten auch, ob die Gemeinde
Niederbipp aus dem Bauvorhaben direkte finanzielle Vorteile zieht, wie auch die Tatsache,
dass kein gemeindeeigener Boden überbaut werden soll. Aufgrund der Mitgliedschaft im
B._ Niederbipp bestehen Zweifel an der institutionellen Unbefangenheit der
Gemeinde als Baubewilligungsbehörde. Die Gemeinde hätte daher die Baubewilligung
nicht selbst erteilen dürfen.
e) Die Unzuständigkeit einer Behörde stellt einen schwerwiegenden Mangel und damit
grundsätzlich einen Nichtigkeitsgrund dar, der jederzeit und von sämtlichen
rechtsanwendenden Behörden von Amtes wegen zu beachten ist. Eine Ausnahme von der
Nichtigkeitsfolge macht die Praxis unter anderem für den Fall, dass der verfügenden
Behörde auf dem betreffenden Gebiet allgemeine Entscheidungsgewalt zukommt. Dies
trifft für Gemeinden in Bausachen zu, da sie grundsätzlich die Baubewilligungsbehörde ist.
Von Gemeinden erteilte Baubewilligungen müssen deshalb nicht als nichtig eingestuft
werden.13
4. Saal
Im Erdgeschoss ist ein Saal mit einer Fläche von 100 m2 geplant. Der Saal verfügt über
einen eigenen Eingang und einen Vorraum mit einer Fläche von 46 m2, der eine Garderobe
und eine Küche umfasst. An die Küche anschliessend befindet sich ein Vorratsraum und es
13 BVR 2005 S. 321 E. 2.4
9
sind getrennte Toiletten für Damen und Herren sowie Behinderte vorgesehen. Die Wand
zwischen dem Vorraum und dem Saal lässt sich entfernen und damit der Saal vergrössern.
Es ist unklar, welche Nutzungen des Saals zulässig sind. Der Gesamtbauentscheid enthält
im Rahmen der Begründung der Parkplatzberechnung die Aussage, der Saal sei "nur für
den internen Gebrauch vorgesehen und nicht öffentlich (Mitarbeiteranlässe/-orientierun-
gen)"14. Diese Einschränkung geht aber weder aus dem Dispositiv des Entscheids noch
aus dem Baugesuch hervor. Der Entscheid ist insofern widersprüchlich. Die Vorinstanz
wird klären müssen, ob eine solche Einschränkung der Saalnutzung als Auflage in den
Bauentscheid aufzunehmen ist. Strebt der Beschwerdegegner hingegen eine öffentliche
Nutzung des Saals an, so hat er ein Nutzungskonzept einzureichen. Anhand dieses
Konzepts ist zu prüfen, ob die ersuchte öffentliche Saalnutzung bewilligungsfähig ist,
insbesondere ob die Vorschriften betreffend Lärm und Parkplätze eingehalten sind.
5. Parkplatzberechnung
Der angefochtene Gesamtentscheid stützt sich auf die vom Beschwerdegegner
eingereichte Parkplatzberechnung. Diese berücksichtigt lediglich neun der zehn geplanten
Wohnungen.15 Zudem wurde für die übrige Nutzung die Berechnung nach Art. 52 Abs. 1
BauV nach der Formel für Städte und Agglomerationen ([0.6*GF/n] + 5 bzw. [0.45*GF/n] -
3) vorgenommen. In Art. 52 Abs. 2 BauV sind die zu den Städten und Agglomerationen
zählenden Gemeinden abschliessend genannt. Niederbipp findet sich nicht in dieser
Aufzählung, weshalb die Berechnung nach der Formel für den übrigen Kanton hätte
vorgenommen werden müssen ([0.8*GF/n] + 5 bzw. [0.6*GF/n] - 3). Die
Parkplatzberechnung ist damit unabhängig von der Frage, ob und inwiefern die
Saalnutzung zu berücksichtigen ist, unvollständig und fehlerhaft. Die Gemeinde hätte nicht
unbesehen darauf abstellen dürfen und hat damit den Sachverhalt ungenügend abgeklärt.
6. Einmündungsradien
14 Gesamtentscheid Ziff. III.3., unter "Parkplätze" 15 Vorakten, Nr. 27
10
Der Oberingenieurkreis IV des Tiefbauamts verlangte in Ziffer 4.5 seines Amtsberichts vom
27. Februar 2014, die Einmündungsradien seien auf 6 m zu korrigieren.16 Im
Umgebungsplan Ein- und Ausfahrt, 1:200, vom 10. Juni 2014 sind die Einmündungsradien
in die Einstellhalle jedoch mit 5,00 m angegeben. Zwar hat der Oberingenieurkreis IV des
Tiefbauamts die Projektänderung am 13. Juni 2014 visiert.17 Es ist für die BVE aber nicht
nachvollziehbar, ob diese Einmündungsradien tatsächlich genügen. Im angefochtenen
Gesamtentscheid wird dazu lediglich ausgeführt, die im Amtsbericht verlangten
Korrekturen seien in den Umgebungsplan eingeflossen und vom Tiefbauamt genehmigt
worden. Weshalb aber statt der ursprünglich geforderten Radien von 6 m nun solche von 5
m genügen, wird nirgends erläutert. Hinzu kommt, dass der Umgebungsplan Ein- und
Ausfahrt, 1:200, vom 10. Juni 2014 von der Bauherrschaft nicht unterzeichnet ist und sich
durch die Projektänderung Diskrepanzen zu den übrigen Plänen ergeben. Auch in Bezug
auf die Einmündungsradien ist der Sachverhalt damit ungenügend abgeklärt worden.
7. Rückweisung an die zuständige Baubewilligungsbehörde
Die Gemeinde Niederbipp war für die Erteilung der Baubewilligung nicht zuständig. Zudem
hat sie das rechtliche Gehör der Beschwerdeführerin verletzt und den Sachverhalt in
entscheidenden Punkten nicht oder nur unvollständig abgeklärt. Insbesondere ist die
zulässige Nutzung des Saals im Gesamtentscheid zu präzisieren und allenfalls ein
Betriebskonzept zu verlangen. Zudem muss die Parkplatzberechnung korrigiert werden
und es sind die Mündungsradien der Ein- und Ausfahrt der Einstellhalle zu überprüfen.
Angesichts der Verfahrensfehler und der noch nötigen Beweismassnahmen rechtfertigt es
sich, die Akten gestützt auf Art. 72 Abs. 1 VRPG18 an das zuständige
Regierungsstatthalteramt Oberaargau zur Fortsetzung des Verfahrens im Sinn der
Erwägungen zu überweisen. Ausführungen zu den weiteren Rügen der
Beschwerdeführerin erübrigen sich damit.
8. Kosten
16 Vorakten, Nr. 10 17 Vorakten, Nr. 11 18 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
11
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt der Beschwerdegegner. Er hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 800.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1
GebV19).
b) Die Beschwerdeführerin hat im Beschwerdeverfahren durch den
einzelzeichnungsberechtigten Verwaltungsratspräsidenten gehandelt. Sie war nicht
anwaltlich vertreten, weshalb ihr keine Parteikosten zustehen (Art. 104 Abs. 1 VRPG).
Auch die Gemeinde Niederbipp hat keinen Anspruch auf Ersatz von Parteikosten (Art. 104
Abs. 4 VRPG).
c) Die amtlichen Kosten für das erstinstanzliche Baubewilligungsverfahren vor der Vor-
instanz müssen in diesem Entscheid nicht geregelt werden. Zwar werden der angefochtene
Gesamtentscheid und damit auch die entsprechende Kostenverfügung in Ziffer 14
aufgehoben. Die Sache geht jedoch zur Fortsetzung des Baubewilligungsverfahrens an
das zuständige Regierungsstatthalteramt. Die Gemeinde Niederbipp kann ihre Kosten
somit durch den Regierungsstatthalter in dessen Bauentscheid liquidieren lassen.