Decision ID: b24071b1-71ec-5f44-b3bc-8596b1e9c8e8
Year: 2017
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ (nachfolgend: Versicherter) war seit 1. März 1989 beim B._ vollzeitig als
Chauffeur für den Wäsche- und Mahlzeitentransport angestellt und bei der Elvia
Schweizerische Versicherungs-Gesellschaft (heute: Allianz Suisse Versicherungs-
Gesellschaft AG [nachfolgend: Elvia bzw. Allianz]) obligatorisch gegen die Folgen von
Berufs- und Nichtberufsunfällen versichert, als er am 21. Januar 1991 von einem
herabfallenden Container am linken Fuss getroffen wurde und dabei eine Metatarsale-
Fraktur sowie eine Lisfranc-Dislokation erlitt (act. 8 f.). Posttraumatisch trat beim
Versicherten eine massive Dystrophie auf. Er litt unter Schmerzen sowie einer
eingeschränkten Beweglichkeit und Schwellung des Fusses (act. 11, 14). Der
Versicherte befand sich zunächst bei seinem Hausarzt Dr. med. C._, Spezialarzt für
Innere Medizin FMH in Behandlung (act. 11), der ihn zur spezialärztlichen
Untersuchung an Dr. med. D._, FMH für Orthopädische Chirurgie, Orthopädie E._,
überwies (act. 16). Dr. D._ hielt im ärztlichen Zwischenbericht vom 18. September
1991 fest, dass der Versicherte seit 19. August 1991 50% arbeite und dabei mässige
Beschwerden habe. Der Versuch einer Steigerung habe zu einer deutlichen
Verschlechterung der Situation geführt. Radiologisch liege noch eine leichte Dystrophie
vor, welche die Restbeschwerden nicht erkläre (act. 17). Am 10. Oktober 1991
berichtete Dr. D._, ein CT habe eine lokale Arthrose in einzelnen Gelenkabschnitten
gezeigt. Die Beschwerden, welche nur bei stärkerer Belastung auftreten würden, sollten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
konservativ behandelt werden (act. 19). Nachdem sich jedoch die Situation
kontinuierlich verschlechterte, entschloss sich Dr. D._ im März 1992 zu einer
partiellen Lisfranc-Arthrodese und erklärte gegenüber der Elvia, dass die operative
Versteifung des Lisfranc zu einer dauerhaften Bewegungseinschränkung des linken
Fusses führen werde (act. 20 ff.). Dr. D._ führte die Operation im April 1992 durch
(act. 60). Im August 1992 folgte die Metallentfernung (act. 60). Im ärztlichen
Zwischenbericht vom 26. November 1992 beschrieb Dr. D._ eine langsame
kontinuierliche Besserung. Die Arthrodese sei fest. Die Beschwerden seien
hauptsächlich noch durch eine sich nur langsam erholende Entkalkung des
Fussskeletts bedingt. Schliesslich notierte er die Wiederaufname der Arbeit zu 33 1/3%
seit 5. Oktober 1992 und zu 50% seit 10. November 1992 (act. 25). Mit Schreiben vom
6. Mai 1993 berichtete Dr. D._, man sei vorläufig bei einem Endpunkt angelangt. Die
partielle Lisfranc-Arthrodese habe sich durchgebaut und Zeichen einer Dystrophie oder
irgendwelcher postoperativer Schädigungen der Fussgelenke bestünden keine. Als
Ursache der Restbeschwerden liege eine mässiggradige Schädigung der benachbarten
Lisfranc-Gelenke vor, weswegen derzeit aber noch keine weitergehende Lisfranc-
Arthrodese indiziert sei. In der nächsten Zeit sei jedoch nicht mit einer dramatischen
Verbesserung der Beschwerden zu rechnen, sondern mit gewissen
belastungsabhängigen Beschwerden. Er empfehle die Belassung der vorläufigen
Arbeitsfähigkeit von 50% sowie die Anmeldung des Versicherten bei der
Invalidenversicherung für eine teilweise Berentung (act. 29). Mit Schreiben vom 18. Mai
1993 stützte Dr. med. F._, Spezialarzt FMH für Chirurgie, gegenüber der Elvia die
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung von Dr. D._ sowie dessen Anstreben einer IV-Berentung
und erklärte, es sei mit einer Beeinträchtigung der körperlichen Integrität zu rechnen
(act. 30). Nachdem Dr. D._ am 3. September 1993 der Elvia berichtet hatte, es
würden ausschliesslich Folgen des Unfalls vom 21. Januar 1991 vorliegen, es resultiere
ein Integritätsschaden von 15%, die derzeitige Arbeitsfähigkeit im angestammten Beruf
liege bei 50% aufgrund der körperlichen Belastung, mittel- bis langfristig sei mit einer
Verschlechterung des Zustandes zu rechnen und nach einer weiteren Operation sowohl
mit einer Verbesserung als auch mit einer Verschlechterung (act. 35), teilte die Elvia
dem Versicherten die Einstellung der basierend auf einer Arbeitsfähigkeit von 50%
erbrachten Taggeldleistungen per 30. September 1993 sowie die Abklärung eines
Rentenanspruchs mit (act. 36) und sprach ihm mit Verfügung vom 25. Oktober 1993
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine Integritätsentschädigung basierend auf einem Integritätsschaden von 15% zu (act.
37). Nachdem jedoch Dr. D._ die Elvia am 10. März 1994 über eine geplante
Ausweitung der Arthrodese informiert hatte (act. 38), sicherte diese dem Versicherten
mit Schreiben vom 7. April 1994 weiterhin Taggelder zu (act. 39). Am 25. März 1994
führte Dr. D._ die Operation durch (act. 41). Wegen bleibender Beschwerden nahm
Dr. D._ schliesslich am 14. Februar 1995 eine vollständige laterale Lisfranc-
Arthrodese vor (act. 46).
A.b Am 6. Februar 1996 erfolgte im Auftrag der Elvia (act. 56) eine Begutachtung des
Versicherten durch Dr. med. G._, FMH Orthopädie, Chirurgie H._ (act. 59). Dieser
diagnostizierte in seinem Gutachten vom 16. Februar 1996 eine geheilte Etappen-
Arthrodese des gesamten Lisfranc-Bereichs links, eine Knochen-Atrophie, eine
Dystrophie im Spätstadium, eine Dysästhesie des Nervus fibularis peronaeus sowie
eine Hyposensibilität des Nervus suralis. Weiter hielt er fest, dass der Endzustand noch
nicht erreicht sei. Eine gezielte langfristige physikalische Therapie unter Aufsicht und
ein genau angepasstes Schuhwerk könnten eine Lösung bringen. Unfallfremden
Faktoren käme keine Bedeutung zu. Die 50%-ige Arbeitsfähigkeit könne derzeit und -
ohne Therapie - bis auf weiteres nicht gesteigert werden (act. 59). Am 28. März 1996
vereinbarte die Elvia mit dem Vorgesetzten des Versicherten, dass aufgrund der
durchzuführenden Therapie ein Taggeld zu 100% ausgerichtet werde (act. 67). Am 5.
Juni 1996 berichtete Dr. G._, dass die physiotherapeutische Betreuung und
Gehschule eine Besserung gebracht hätten, eine Arbeitsfähigkeit von 0% jedoch zu
belassen sei, damit es zu keiner erneuten Schmerzzunahme durch Überbelastung
komme (act. 69, vgl. act. 70).
A.c Mit Verfügung vom 5. Juli 1996 sprach die IV-Stelle dem Versicherten ab 1. Mai
1992 eine halbe Rente basierend auf einem Invaliditätsgrad von 50% zu (vgl. act. 1,
act. 7, S. 2, Bstb. A.c; vgl. auch act. 63).
A.d Nachdem die Elvia Dr. G._ am 22. August 1996 telefonisch darüber unterrichtet
hatte, dass B._ bereit wäre, den Versicherten jeweils zwei Stunden morgens und
abends zu beschäftigen, attestierte Dr. G._ dem Versicherten ab 2. September 1996
wieder eine 50%-ige Arbeitsfähigkeit (act. 78 ff.). Am 15. November 1996 fand eine
Konsultation bei Dr. D._ mit Durchführung einer Szintigraphie statt. Im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Untersuchungsbericht vom 19. November 1996 stellte Dr. D._ eine derart gute
Erholung der Fussstruktur fest, dass er keine weitere Operation empfahl. Die
Arbeitsfähigkeit sei wie bisher weiterzuführen. Eine Physiotherapie und weitere
Behandlungen seien nicht zu empfehlen. Die Behandlung sei vorläufig abgeschlossen.
Der Versicherte werde entsprechend keine Metallentfernung vornehmen lassen (act.
85). Dr. G._ erklärte sich am 25. November 1996 mit der Beurteilung von Dr. D._
einverstanden. Der Fuss müsste trotz der dystrophieähnlichen Erscheinungen wieder
einigermassen belastbar sein. So sei die Gehfähigkeit wieder einigermassen
hergestellt. Dennoch würden die Klagen nicht aufhören und die Wiederherstellung der
vollen Arbeitsfähigkeit scheine grösste Probleme zu machen (act. 86). Am 25.
November 1996 teilte Dr. G._ der Elvia mit, dass die Verhältnisse am Fuss nach
lokaler, sehr schmerzhafter Dystrophie wieder einigermassen günstig seien. Die
Heilung der Arthrodese sei perfekt und die Schraubenentfernung aus Sicht von Dr.
D._ nicht erwünscht. Eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit sei jedoch derzeit
schwierig. Dennoch sollte dies mit der Zeit möglich sein (act. 87). Die Elvia versuchte
aufgrund dieses Berichts, den Versicherten zu einer Erhöhung der Arbeitszeit, z.B. auf
75%, zu motivieren. Weder B._ noch der Versicherte waren jedoch ohne ärztliche
Bestätigung bereit, einen Versuch durchzuführen (vgl. den entsprechenden Hinweis der
Elvia in act. 90). Dr. med. I._, Facharzt FMH für Chirurgie, Leitender Arzt, Zentrum
H._, wendete sich am 18. April 1997 gegen eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit auf
75%. Die 50% seien als gegeben zu betrachten (act. 91).
A.e Nach Telefongesprächen mit dem Vorgesetzten (act. 88) und dem Rechtsvertreter
des Versicherten, Rechtsanwalt lic. iur. W. Bodenmann, St. Gallen (act. 93), gewährte
die Elvia letzterem mit Schreiben vom 21. Juli 1997 das rechtliche Gehör für eine
Invalidenrente basierend auf einem Invaliditätsgrad von 40% mit Beginn ab 1. August
1997 (act. 95). Rechtsanwalt Bodenmann verlangte darauf mit Schreiben vom 21.
August 1997 die Annahme eines Invaliditätsgrades von mindestens 50% (act. 96),
worauf ihm die Elvia laut Telefonnotiz vom 5. Januar 1998 die Festsetzung des
Invaliditätsgrades auf 45% mit Rentenbeginn am 1. Oktober 1997 vorschlug (act. 98).
Am 6. Januar 1998 erliess sie eine entsprechende Verfügung (act. 99). Gegen diese
Verfügung erhob Rechtsanwalt Bodenmann für den Versicherten mit Eingabe vom 29.
Januar 1998 Einsprache mit dem Antrag, dem Versicherten sei ausgehend von einem
Invaliditätsgrad von 50% eine Rente zuzusprechen (act. 102). Nach Androhung einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
reformatio in peius mit Schreiben vom 4. Februar 1998 durch die Elvia (act. 103) zog
Rechtsanwalt Bodenmann die Einsprache mit Schreiben vom 31. März 1998 zurück
(act. 108), womit die Verfügung vom 6. Januar 1998 in Rechtskraft erwuchs.
A.f Am 10. Oktober 2000 wurde der Versicherte wieder durch Dr. D._ untersucht, der
gestützt auf einen Röntgenbefund eine feste Arthrodese sowie eine beginnende
Arthrose in den benachbarten Gelenken feststellte, welche die Beschwerden
verursache, und eine Operationsindikation verneinte (act. 110).
A.g Im Rahmen eines Rentenrevisionsverfahrens beauftragte die IV-Stelle am 19.
Dezember 2008 Dr. med. und Dr. sc. nat. J._, Fachärztin für Innere Medizin und
Rheumatologie FMH, mit einer Begutachtung des Versicherten. Am 15. Mai 2009
erstattete Dr. J._ das Gutachten, gestützt auf welches die IV-Stelle mit Verfügung
vom 17. Februar 2010 die Invalidenrente des Versicherten bei einem Invaliditätsgrad
von nunmehr 15% per 31. März 2010 aufhob. Eine gegen diese Verfügung beim
Versicherungsgericht am 11. März 2010 erhobene Beschwerde wurde mit Entscheid
vom 13. April 2011 abgewiesen. Der Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft
(vgl. IV-act. 4, 6 f.).
A.h Im Jahr 2014 führte auch die Allianz ein Rentenrevisionsverfahren durch, nahm
dabei Einsicht in die IV-Akten und orientierte den Versicherten mit Schreiben vom 4.
September 2014 darüber, dass sie gestützt auf das Gutachten von Dr. J._ die
rückwirkende Einstellung der Rentenleistungen per 31. Mai 2009 beabsichtige. Auf die
Rückforderung der nach diesem Zeitpunkt noch ausgerichteten Rentenleistungen
werde aber verzichtet (act. 126). Mit Schreiben vom 29. Oktober 2014 erklärte sich der
neue Rechtsvertreter des Versicherten, Rechtsanwalt Dr. iur. P. Sutter, St. Gallen, mit
der Einstellung der Rentenleistungen nicht einverstanden und beantragte deren
Weiterausrichtung (act. 132). Am 15. Januar 2015 erliess die Allianz die vorgesehene
Verfügung (act. 134).
B.
Die gegen diese Verfügung von Rechtsanwalt Dr. Sutter für den Versicherten am 5.
Februar 2015 erhobene Einsprache (act. 136) wies die Allianz mit Einspracheentscheid
vom 2. Oktober 2015 ab (act. 142).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
C.a Gegen den Einspracheentscheid vom 2. Oktober 2015 liess der Versicherte
(nachfolgend: Beschwerdeführer) durch seinen Rechtsvertreter mit Eingabe vom 2.
November 2015 Beschwerde erheben mit dem Antrag, der angefochtene
Einspracheentscheid sei aufzuheben und die Allianz (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) sei zu verpflichten, dem Beschwerdeführer die bisherige
Invalidenrente zu bezahlen. Eventualiter sei der angefochtene Einspracheentscheid
aufzuheben und es sei die Angelegenheit zur Vornahme weiterer Abklärungen im
Hinblick auf die weitere Berentung des Beschwerdeführers zurückzuweisen (act. G 1).
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 19. Januar 2016 liess die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde beantragen (act. G 5).
C.c Mit Replik vom 22. Februar 2016 bestätigte der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers seinen Antrag (act. G 7). Mit Duplik vom 7. April 2016 erneuerte die
Beschwerdegegnerin ihrerseits ihren Antrag auf Abweisung der Beschwerde (act. G 8).
C.d Mit Schreiben vom 4. Juli 2017 gewährte das Versicherungsgericht dem
Beschwerdeführer das rechtliche Gehör für eine allfällige im Ergebnis teilweise
reformatio in peius (act. G 10). Mit Schreiben vom 25. Juli 2017 teilte dessen
Rechtsvertreter das Festhalten an der Beschwerde mit (act. G 11).
C.e Auf die weiteren Begründungen und Ausführungen in den einzelnen
Rechtsschriften sowie den Inhalt der übrigen Akten wird, soweit erforderlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Erwägungen
1.
Am 1. Januar 2017 sind die revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) und der Verordnung über die Unfallversicherung
(UVV; SR 832.202) in Kraft getreten. Gemäss Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung vom 25. September 2015 werden Versicherungsleistungen für Unfälle, die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sich vor deren Inkrafttreten ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem
Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt. Vorliegend finden daher
die bis 31. Dezember 2016 gültigen Bestimmungen Anwendung.
2.
Zwischen den Parteien ist der Rentenanspruch des Beschwerdeführers ab 1. Juni 2009
umstritten bzw. die Frage zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin die mit rechtskräftiger
Verfügung vom 6. Januar 1998 seit 1. Oktober 1997 zugesprochene Invalidenrente
basierend auf einem Invaliditätsgrad von 45% (act. 99) zu Recht auf den 31. Mai 2009
eingestellt hat.
3.
Zunächst ist festzuhalten, dass mit Bezug auf die mit Verfügung der IV-Stelle vom 17.
Februar 2010 erfolgte Einstellung der ursprünglich am 5. Juli 1996 ab 1. Mai 1992
zugesprochenen halben Invalidenrente mangels rentenbegründendem Invaliditätsgrad
(15%) per Ende März 2010 (act. 6; act. 7, S. 2, Bstb. A.c) keine Bindungswirkung der
Beschwerdegegnerin bestand. Das Eidgenössische Versicherungsgericht (EVG; seit 1.
Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts) hat in BGE 131 V 362
festgestellt und in BGE 133 V 549 bestätigt, dass die Invaliditätsschätzung der
Invalidenversicherung gegenüber dem Unfallversicherer keine Bindungswirkung
entfaltet (vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 25. August 2011, 8C_543/2011, E.
3).
4.
4.1 Im angefochtenen Einspracheentscheid vom 2. Oktober 2015 und in der diesem
zugrundeliegenden Verfügung vom 15. Januar 2015 erfolgte die Aufhebung der
Invalidenrente im Revisionsverfahren gemäss Art. 17 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1). Ändert sich der
Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Rentenbezügers erheblich, so wird
die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht,
herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt
jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen seit Zusprechung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Anspruch zu beeinflussen.
Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen Änderung des Gesundheitszustands
oder der erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich gebliebenen
Gesundheitszustandes revidierbar (BGE 134 V 132, E. 3; Urteil des Bundesgerichts
vom 5. Juni 2012, 9C_251/2012, E. 2; UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. Zürich/
Basel/Genf 2015, N 28 und 36 zu Art. 17 ATSG; SVR 2004 IV Nr. 17, I 526/02, E. 2.4).
Im Bereich der obligatorischen Unfallversicherung ist die erforderliche Erheblichkeit der
Sachverhaltsänderung gegeben, wenn sich der Invaliditätsgrad um 5% verändert (BGE
140 V 87).
4.2
4.2.1 Die Frage der wesentlichen Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen
beurteilt sich durch den Vergleich des Sachverhalts, wie er im Zeitpunkt der
ursprünglichen Rentenverfügung bestanden hat (bzw. der letzten rechtskräftigen
Verfügung, welche auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs mit
rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Durchführung eines
Einkommensvergleichs beruht), mit demjenigen zur Zeit der streitigen
Revisionsverfügung (BGE 134 V 132 f. E. 3).
4.2.2 Wie vom Rechtsvertreter des Beschwerdeführers in der Beschwerde vom 2.
November 2015 (act. G 1) geltend gemacht, hingegen von der Beschwerdegegnerin in
der Beschwerdeantwort vom 19. Januar 2016 (act. G 5) bestritten, spricht der
vorliegende Sachverhalt insgesamt dafür, dass die ursprünglich am 6. Januar 1998
verfügte Zusprache einer Invalidenrente basierend auf einem Invaliditätsgrad von 45%
(act. 99) das Ergebnis von Vergleichsbemühungen gewesen ist (vgl. dazu nachfolgende
Erwägung 5.4.1). Streitigkeiten über sozialversicherungsrechtliche Leistungen können
durch Vergleich erledigt werden (Art. 50 Abs. 1 ATSG). Art. 50 Abs. 2 ATSG sieht vor,
dass der Vergleich in Form einer anfechtbaren Verfügung eröffnet wird (vgl. dazu
KIESER, a.a.O., N 20 zu Art. 50 ATSG). Die in Erwägung 4.2.1 festgehaltene
Anforderung an die ursprüngliche Verfügung - materielle Überprüfung des
Rentenanspruchs mit rechtsgenüglicher Abklärung des Gesundheitszustands und
gesetzeskonformer Ermittlung des Invaliditätsgrades - kann in Bezug auf eine
Vergleichsverfügung selbstredend nur sinngemäss gelten. Mit einem Vergleich im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verwaltungsverfahren werden häufig gerade bestimmte sachverhaltliche
Unsicherheiten zulässigerweise bereinigt bzw. bewusst nicht weiter abgeklärt, sondern
durch Annahmen ersetzt, während die Sachverhaltselemente im Rahmen einer
vollumfänglichen materiell-rechtlichen Prüfung eben rechtsgenüglich und
gesetzeskonform nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (vgl.
dazu THOMAS LOCHER/THOMAS GÄCHTER, Grundriss des
Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. Bern 2014, § 70 N. 58 f.) abgeklärt werden. Die
rechtskräftige ursprüngliche Verfügung vom 6. Januar 1998 bildet mithin den
Ausgangspunkt für den nachfolgend vorzunehmenden Sachverhaltsvergleich.
4.2.3 In Übereinstimmung mit der Beschwerdegegnerin ist auch eine Rente, welche
gestützt auf einen Vergleich ausbezahlt wurde, grundsätzlich revidierbar (vgl. Urteile
des Bundesgerichts vom 20. August 2012, 8C/739/2011, E. 4.1, und 23. Juli 2010,
8C_896/2009, E. 4.1). Der Hinweis des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers - das
in der Folge angerufene kantonale Gericht könne bei einem Vergleich keine reformatio
in peius vornehmen und sich dabei auf die betreffenden Sachverhaltselemente berufen
(act. G 1, vgl. KIESER, a.a.O., N 26 zu Art. 50 ATSG) - bezieht sich nicht auf das
Revisionsverfahren gemäss Art. 17 ATSG. Während es bei diesem darum geht, eine
nachträgliche Unrichtigkeit wegen einer Sachverhaltsänderung anzupassen, bezieht
sich der Hinweis des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers auf den Sachverhalt, bei
dem eine den Vergleich umsetzende Verfügung in der Folge angefochten und vom
Gericht überprüft wird. In diesem Fall hat das Gericht die Sachverhaltselemente des
Vergleichs zu akzeptieren, eine nachträgliche Änderung des Sachverhalts hat nicht
stattgefunden.
4.2.4 Nachfolgend ist damit zu prüfen, ob eine in Erwägung 4.1 beschriebene
wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen zwischen Januar 1998 und
der streitigen Revisionsverfügung vom 15. Januar 2015 (act. 134) vorliegt, womit ein
Revisionsgrund nach Art. 17 ATSG gegeben wäre.
5.
Für die Beantwortung dieser Frage ist zunächst der Sachverhalt, welcher der
ursprünglichen, in Rechtskraft erwachsenen Verfügung vom 6. Januar 1998 zu Grunde
lag, bzw. deren konkreter Geltungsumfang zu bestimmen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.1 Die Verfügung beinhaltete grundsätzlich die Zusprache einer Invalidenrente
basierend auf einem Invaliditätsgrad von 45% (act. 99).
5.2 Ist der Versicherte infolge des Unfalls zu 10% invalid (Art. 8 ATSG), so hat er
Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 UVG). Als invalid gilt, wer
voraussichtlich bleibend oder für längere Zeit in seiner Erwerbsfähigkeit beeinträchtigt
ist (Art. 8 ATSG). Gemäss Art. 16 ATSG wird für die Bestimmung des Invaliditätsgrades
das Erwerbseinkommen, dass die versicherte Person nach Eintritt der (unfallbedingten)
Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Grundlage der Bemessung des Invalideneinkommens bildet die
Arbeitsfähigkeitsgradschätzung. Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchtigung
der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise
Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten. Bei
langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder
Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6 ATSG). Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit
beurteilen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
261 E. 4).
5.3 Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen, geben die medizinischen Akten
insgesamt zu erkennen, dass aus dem Arbeitsfähigkeitsgrad des Beschwerdeführers in
einer adaptierten Tätigkeit kein Invaliditätsgrad von 45% resultiert hätte. Die
Beschwerdegegnerin legte ihrer Invaliditätsbemessung in der Verfügung vom 6. Januar
1998 offensichtlich - entgegen der gesetzlichen Regelung von Art. 6 ATSG Satz 2 -
zugunsten des Beschwerdeführers seine damalige beruflich-erwerbliche Situation
zugrunde, in der er konkret stand, obwohl diese nicht seiner Arbeitsfähigkeit in einer
adaptierten Tätigkeit entsprach.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.3.1 Der Beschwerdeführer war vor dem Unfall vom 21. Januar 1991 in einem
100%-Pensum als Chauffeur bei B._ tätig und dabei für den Wäsche- und
Mahlzeitentransport zuständig (vgl. act. 8 f., 26). Nach der ersten partiellen Arthrodese
im April 1992 und der Metallentfernung im August 1992 wurde ihm von Dr. D._ ab 5.
Oktober 1992 eine Arbeitsfähigkeit von 33 1/3% und ab 10. November 1992 eine
solche von 50% attestiert (act. 25, 60). Am 12. Februar 1993 berichtete der Vorgesetzte
des Beschwerdeführers bei B._ der Beschwerdegegnerin, dass der
Beschwerdeführer nicht mehr als Chauffeur tätig, sondern für die interne
Abfallaufbereitung zuständig sei. Dabei müsse er Kartonschachteln, Zeitungen und
Büchsen einsammeln und diese sortiert zu Ballen pressen. Hier handle es sich um
einen 50%-Job. Würde dieser Job zu einer 100%-Tätigkeit ausgebaut, wäre eine
Weiterbeschäftigung des Beschwerdeführers innerhalb von B._ schwierig. Man habe
sich bereits für eine andere, mehr sitzende Tätigkeit für den Beschwerdeführer
eingesetzt. Da jedoch alle Posten besetzt seien, sei dies zurzeit nicht möglich. Der
Beschwerdeführer habe deshalb nicht mehr als Chauffeur eingesetzt werden können,
weil diese Arbeit strenger sei als die neue Tätigkeit in der internen Abfallaufbereitung
und es sich beim Chauffeurjob um einen 100%-Job gehandelt habe. Man könne für
den Wäsche- und Mahlzeitentransport keinen 50%-igen Mitarbeiter gebrauchen, da
sonst den halben Tag jemand fehle und für diese Zeit ein neuer Mitarbeiter eingestellt
werden müsste (act. 26). Am 1. September 1993 wiederholte die Arbeitgeberin, dass
der Beschwerdeführer im Essenstransport nur bei einem 100%-Pensum eingesetzt
bzw. für ihn Verwendung gefunden werden könne (act. 34). Am 3. September 1993
teilte Dr. D._ der Beschwerdegegnerin mit, dass die derzeitige Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers im angestammten Beruf aufgrund der körperlichen Belastung 50%
betrage (act. 35). Auch nach den mit einer 100%-igen Arbeitsunfähigkeit verbundenen
Operationen vom 25. März 1994 und 14. Februar 1995 (vgl. act. 41, 43 f., 46) erklärte er
am 26. August 1995, dass die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit als Chauffeur
ab 1. September 1995 50% betrage. Weiter hielt er fest, dass in Bezug auf eine andere
Tätigkeit die Belastung der Füsse das Hauptproblem sei. Bei einer sitzenden Tätigkeit
würde jedoch eine volle Arbeitsfähigkeit erreicht werden können (act. 51). Am 16.
Februar 1996 erstattete Dr. G._ sein Gutachten. Er verneinte damals einen
Endzustand und hielt betreffend der angestammten Tätigkeit fest, dass die 50%-ige
Arbeitsfähigkeit derzeit und - ohne Therapie - bis auf weiteres nicht gesteigert werden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
könne. Der Transportdienst bei B._ wäre jedoch nach einer Aufbautherapie möglich.
Er sehe keine anderen Tätigkeiten, die für den Versicherten speziell geeignet wären,
weil "eine sitzende Tätigkeit ja wohl kaum in Frage komme". Eine gezielte, langfristige
Therapie unter Aufsicht, entsprechendes Schuhwerk und unter Umständen eine
Schmerztherapie könnten eine Lösung bringen. Beim derzeitigen Zustand sei irgendein
"geeigneter" Einsatz kaum möglich (act. 59).
5.3.2 Im Zeitraum des in Erwägung 5.3.1 dargelegten Sachverhalts bestand
hinsichtlich der Fussproblematik links des Beschwerdeführers noch kein Endzustand
(vgl. dazu Art. 19 Abs. 1 UVG; RUMO-JUNGO/HOLZER, a.a.O., S. 143 ff.). Insofern
äusserten sich Dr. D._ und Dr. G._ grundsätzlich nachvollziehbar hauptsächlich
zum Arbeitsfähigkeitsgrad in der angestammten Tätigkeit. Die Festlegung des nicht
gestützt auf den Arbeitsfähigkeitsgrad in einer leidensadaptierten Tätigkeit basierenden
Invaliditätsgrads (45%) fand offensichtlich jedoch schon im damaligen Sachverhalt
ihren Ursprung, weshalb der von Dr. D._ und Dr. G._ am 26. August 1995 bzw. 16.
Februar 1996 in Bezug auf die angestammte Tätigkeit als Chauffeur ausgedrückte
50%-ige Arbeitsfähigkeitsgrad (vgl. act. 51; vgl. dazu auch 50; act. 59, S. 10, ad 5, Abs.
1) zu relativieren ist. Der Beschwerdeführer war bei B._ spätestens ab Februar 1993
gar nicht mehr als Chauffeur tätig, sondern für die interne Abfallaufbereitung zuständig.
Dabei mussten Arbeiten offensichtlich auch stehend und gehend ausgeübt werden
(Kartonschachteln, Zeitungen und Büchsen einsammeln und diese sortiert zu Ballen
pressen [act. 26]). Im Gutachten von Dr. J._ wurde die Tätigkeit aber als
hauptsächlich sitzend mit gelegentlichem Gehen beschrieben (IV-act. 4, S. 46, Ziff.
7.1). Am 26. August 1995 hatte Dr. D._ den Arbeitsfähigkeitsgrad bezüglich einer
adaptierten Tätigkeit auf 100% festgelegt und diese gerade als sitzende Tätigkeit
definiert (act. 51). Verbunden mit den Aussagen des Vorgesetzten des
Beschwerdeführers bei B._ vom 12. Februar 1993 (vgl. Erwägung 5.2.1) liegt somit
die Annahme nahe, dass ein Arbeitsfähigkeitsgrad von 50% nur mit Blick auf die
damalige konkrete Arbeitssituation des Beschwerdeführers bzw. das von ihm bei B._
inne gehabte und im Rahmen der Organisationsstruktur der B._ mögliche
Arbeitspensum seine uneingeschränkte Richtigkeit hatte. Darauf lässt auch die
Aussage des Mitarbeiters der Beschwerdegegnerin in der Telefonnotiz vom 5. Januar
1998 schliessen, es dürfe nicht unterschätzt werden, dass der Beschwerdeführer seine
Arbeitsstelle habe behalten können (act. 98). Im Übrigen ist nicht einsehbar, weshalb
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die angestammte Tätigkeit als Chauffeur für den Wäsche- und Mahlzeitendienst nicht
als sitzende und damit adaptierte Tätigkeit hätte betrachtet werden können. Am 1.
September 1993 beschrieb ein Mitarbeiter des Personaldienstes bei B._, dass es
sich bei den Fahrzeugen für den Essens-Transportdienst um Elektrofahrzeuge handle,
welche ohne Kupplung ausgerüstet seien, so dass hier das linke Bein keine Rolle
spiele. Lediglich um den Rückwärtsgang einzulegen, müsse ein Kupplungspedal
gedrückt werden (act. 34). Wie bereits erwähnt, war der Wechsel von der
Chauffeurtätigkeit zur neuen Beschäftigung des Beschwerdeführers innerhalb von
B._ offensichtlich vor allem aus organisatorischen Gründen erfolgt. Die ursprünglich
nur zu 50% mögliche Tätigkeit als Chauffeur konnte seitens B._ nicht angeboten
werden. Zusammenfassend ist mithin festzuhalten, dass bereits vor Erreichen des
Endzustandes bzw. eines für die Festsetzung des Rentenanspruchs stabilen
Gesundheitszustandes die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers sowohl in der
angestammten Tätigkeit als auch in einer zumutbaren Tätigkeit in einem anderen Beruf
offensichtlich nicht nur 50% betragen hat.
5.3.3 Wie von Dr. G._ vorgeschlagen, wurde beim Beschwerdeführer sodann ab
Frühjahr 1996 eine intensive Physiotherapie mit genau angepasstem Schuhwerk
durchgeführt, derweil (ab 27. März 1996) ihm Dr. G._ eine 100%-ige
Arbeitsunfähigkeit attestierte (vgl. act. 70). Obwohl Dr. G._ und Dr. D._ nach der
Physiotherapie und Gehschule in Untersuchungsberichten vom 5. Juni 1996 (act. 69)
bzw. 19. November 1996 (act. 85), letzterer nach Durchführung einer Szintigraphie, eine
Besserung bzw. gute Erholung der Fussstruktur festgestellt hatten und Dr. D._ von
einem Endzustand ausging ("Die Behandlung ist vorläufig abgeschlossen. Keine
Physiotherapie, keine weitere Behandlung"), ist gegenüber der früheren
Arbeitsfähigkeitsschätzung von 50% vor Erreichen des Endzustandes, vor und
während der drei Arthrodesen und vor der intensiven Physiotherapie und Gehschule
keine steigernde Entwicklung auszumachen. Vielmehr erklärte Dr. G._, eine
Arbeitsfähigkeit von 0% sei zu belassen, damit es zu keiner erneuten Zunahme der
Schmerzen durch Überlastung komme (act. 69). Nachdem die Beschwerdegegnerin Dr.
G._ am 22. August 1996 telefonisch darüber unterrichtet hatte, B._ wäre bereit,
den Versicherten jeweils zwei Stunden morgens und abends zu beschäftigen,
attestierte er dem Beschwerdeführer ab 2. September 1996 wieder eine 50%-ige
Arbeitsfähigkeit (act. 78 ff.). Auch Dr. D._ empfahl die Weiterführung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit wie bisher (act. 85). Eine Arbeitsfähigkeitsschätzung, welche davon
ausgehen liesse, sie beinhalte den für eine Invaliditätsbemessung massgebenden
Arbeitsfähigkeitsgrad in einer adaptierten Tätigkeit, kann damit in Bezug auf den
Arbeitsfähigkeitsgrad von 50% spätestens bei Erreichen des Endzustandes nicht mehr
mit dem im Sozialversicherungsrecht geltenden Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit (vgl. LOCHER/GÄCHTER, a.a.O., § 70 N. 58) angenommen werden.
Die Arbeitsfähigkeitsschätzung der Ärzte entstand offensichtlich nach wie vor
entscheidend unter Berücksichtigung der angestammten Tätigkeit des
Beschwerdeführers oder genauer gesagt mit Rücksicht auf seine Tätigkeit im Rahmen
seines Arbeitsverhältnisses beim KSSG.
5.3.4 Am 25. November 1996 schrieb Dr. G._ ausserdem an Dr. D._, er finde die
Situation sehr schön. Man habe sich ausserordentlich Mühe gegeben, den
Beschwerdeführer nach der langen Teilbelastung oder Ruhigstellung einigermassen
gehfähig zu machen. Dies im Glauben, dass der Fuss wieder einigermassen belastbar
sein müsste trotz der dystrophieähnlichen Erscheinungen, die den ganzen Fuss
schmerzhaft gemacht hätten. Die Gehfähigkeit sei wieder ziemlich hergestellt. Dennoch
würden die Klagen nicht aufhören und die Wiederherstellung der vollen Arbeitsfähigkeit
scheine grösste Probleme zu machen (act. 86). In einem anderen Bericht vom 25.
November 1996 an die Beschwerdegegnerin hielt Dr. G._ fest, dass die Verhältnisse
am Fuss nach lokaler, sehr schmerzhafter Dystrophie wieder einigermassen günstig
seien. Die Heilung der Arthrodesen sei perfekt und die Schraubenentfernung aus Sicht
von Dr. D._ nicht erwünscht. Es sei derzeit schwierig, die Arbeitsfähigkeit zu steigern,
dennoch sollte dies mit der Zeit möglich sein (act. 87). Die vorgenannten Ausführungen
von Dr. G._ lassen darauf schliessen, dass die Ablehnung einer höheren
Arbeitsfähigkeit massgeblich auch auf den subjektiven Angaben des
Beschwerdeführers basierte, d.h. in seiner Person und nicht medizinisch begründet
war. Zumindest weisen die Berichte keine konkreten, fassbaren medizinischen Inhalte
auf, die gegen einen höheren Arbeitsfähigkeitsgrad in einer adaptierten Tätigkeit
sprechen würden.
5.3.5 Dr. I._ wandte sich zwar am 18. April 1997 ebenfalls gegen eine Steigerung
der Arbeitsfähigkeit und beschrieb, er habe den Beschwerdeführer einmal an einem
Samstag, d.h. am 12. April 1997, ohne Arbeitsbelastung und einmal am 17. April 1997
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nach Arbeitsbelastung untersucht und habe dabei doch eine veränderte
Schmerzsymptomatik nach einem Arbeitstag festgestellt, weshalb ihm insgesamt eine
Steigerung der Arbeitsfähigkeit auf 75% nicht sinnvoll erscheine. Es sei zu befürchten,
dass mit dieser Steigerung schlussendlich eine Dekompensation auftrete und letztlich
sogar eine geringere Arbeitsfähigkeit als 50% resultiere (act. 91). Eine
Arbeitsfähigkeitsschätzung in Bezug auf eine adaptierte Tätigkeit ist jedoch auch in
dieser Beurteilung nicht zu erblicken. Zumindest mangelt es ihr ebenso an einer
schlüssigen Begründung gegen eine höhere Arbeitsfähigkeit in einer angepassten
Tätigkeit.
5.3.6 Für eine solche sprechen hingegen die Aussagen von Dr. J._ in ihrem
Gutachten vom 15. Mai 2009, es sei unklar, weshalb der Beschwerdeführer mehrere
Jahre wegen des Unfalls vom 21. Januar 1991 als 50% arbeitsunfähig beurteilt worden
sei. Eine adaptierte Tätigkeit wäre 100% möglich gewesen (IV-act. 4, S. 48). Aus
rheumatologischer Sicht sei die angestammte Tätigkeit adaptiert. Für im Sitzen zu
verrichtende und wechselbelastende Tätigkeiten würden meist keine Einschränkungen
bestehen. Relative Einschränkungen könnten für die Bedienung von Pedalen
vorhanden sein (Chauffeurtätigkeit, Differenzierung rechts/links) (IV-act. 4, S. 46 f.).
5.3.7 Auch die Beschwerdegegnerin ging mit ihrer telefonischen Aussage vom 5.
Januar 1998 gegenüber dem damaligen Rechtsvertreter des Beschwerdeführers (act.
98) - der Beschwerdeführer habe keine schlechte Ausbildung (Textiltechniker) und es
wären ihm auf dem ganzen Arbeitsmarkt sicher Tätigkeiten zuzumuten, bei denen er
mehr als 50% arbeiten könnte - von einem höheren Invaliditäts- bzw.
Arbeitsfähigkeitsgrad in einer adaptierten Tätigkeit aus. Der von ihr weiter angeführte
Gesichtspunkt - hingegen dürfe auch nicht unterschätzt werden, dass der
Beschwerdeführer seine Arbeitsstelle habe behalten können - zeigt, wie bereits
erwähnt, dass der Erhaltung des bestehenden Arbeitsverhältnisses bei der
Rentenzusprechung eine bedeutende Rolle zukam. Gleiches lässt sich auch aus der
Mitteilung der B._ an die Beschwerdegegnerin vom 5. Januar 1998 ableiten, wonach
der Arbeitsvertrag per 1. Oktober 1997 auf einen Beschäftigungsgrad von 50%
abgeändert worden sei (act. 97). In ihrem Schreiben vom 4. Februar 1998 an den
ehemaligen Rechtsvertreter des Beschwerdeführers mit Androhung einer reformatio in
peius bezüglich des verfügten 45%-igen Invaliditätsgrades wies die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin sodann auf die Aussage von Dr. D._ vom 26. August 1995 hin,
dass bei sitzender Tätigkeit ab sofort eine volle Arbeitsfähigkeit möglich wäre (act.
103). Selbst der ehemalige Rechtsvertreter des Beschwerdeführers erwähnt
schliesslich in der Beschwerde vom 2. November 2015 (act. G 1, S. 4, Ziff. 7), die
Beschwerdegegnerin sei bereits im Zeitpunkt der Rentenzusprechung von einer 100%-
igen Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten bzw. sitzenden Tätigkeit ausgegangen, und
wendet nichts weiter gegen diese Annahme ein.
5.3.8 Zusammenfassend ist mithin festzuhalten, dass der Beschwerdeführer im
Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenzusprache (Verfügung vom 6. Januar 1998, act.
99) keinen dem Invaliditätsgrad von 45% entsprechenden medizinisch-theoretischen
Arbeitsfähigkeitsgrad aufwies und der massgebende Sachverhalt für die
Rentenzusprache das damalige Arbeitsverhältnis mit B._ über ein Pensum von 50%
bildete.
5.4
5.4.1 Daraus ist nun aber gleichfalls abzuleiten, dass der Verfügung vom 6. Januar
1998 ein Vergleich der Verfahrensparteien zu Grunde lag. Der Beschwerdeführer wurde
von der Beschwerdegegnerin eng begleitet und medizinisch für die Verhältnisse der
1990-er Jahre recht gut abgeklärt. Der behandelnde Arzt Dr. D._ hatte bereits im
August 1995 für eine sitzende Tätigkeit eine volle Arbeitsfähigkeit attestiert (act. 51).
Dieser Beurteilung stand nun aber das Gutachten des eigenen Gutachters der
Beschwerdegegnerin, Dr. G._, vom 16. Februar 1996 (act. 59) gegenüber, der
offenbar nur die tatsächliche Arbeitssituation des Beschwerdeführers und nicht die
Verwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt beachtete, indem er sich nicht medizinisch äusserte bzw. keine
medizinisch-theoretische Arbeitsfähigkeitsschätzung abgab (S. 10 von act. 59). Damit
war sein Gutachten in einem wesentlichen Punkt unvollständig. Von der anlässlich des
Telefongesprächs vom 5. Januar 1998 mit dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
gemachten Aussage - der Beschwerdeführer habe keine schlechte Ausbildung; es
wären ihm auf dem ganzen Arbeitsmarkt sicher Tätigkeiten zuzumuten, bei denen er
mehr als 50% arbeiten könnte; hingegen dürfe auch nicht unterschätzt werden, dass
der Beschwerdeführer seine Arbeitsstelle habe behalten können; dem Rechtsvertreter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Beschwerdeführers werde deshalb vorgeschlagen, den Invaliditätsgrad auf 45%
festzusetzen (act. 98) - ist abzuleiten, dass die Beschwerdegegnerin dies offensichtlich
erkannte. Andererseits betonte sie mehrfach positiv, dass der Beschwerdeführer seine
50%-Anstellung bei B._ behalten konnte (act. 93, 98). Sie wog die beiden Aspekte ab
und verneinte letztlich die Zumutbarkeit der Aufgabe der 50%-Tätigkeit bei B._
zugunsten einer (nur theoretischen bzw. möglicherweise nur auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt unterstellbaren) höhergradigen Verweistätigkeit. Diese Würdigung
erachtete auch die Beschwerdegegnerin als grosszügig und schlug dem
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers zunächst einen Invaliditätsgrad von 40% vor
(act. 93, 95), erhöhte diesen jedoch nach Einwänden des Rechtsvertreters des
Beschwerdeführers (act. 96) auf 45%. Die Verfügung vom 6. Januar 1998 erging nach
dem Hinweis, dass der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers grundsätzlich damit
einverstanden sei (act. 98). Angesichts dieses Sachverhalts kommt der vorgenannten
Verfügung bzw. dem Invaliditätsgrad von 45% Vergleichscharakter zu. In der Folge
erhob zwar der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers gegen die Verfügung
Einsprache, was wiederum gegen einen Vergleich sprechen würde (act. 102). Das
reformatio-Schreiben vom 4. Februar 1998 macht jedoch den Vergleichscharakter der
Verfügung vom 6. Januar 1998 nochmals deutlich, wobei von Bedeutung ist, dass die
Beschwerdegegnerin für den Fall des Nicht-Rückzugs der Einsprache Abklärungen zu
Verweistätigkeiten ankündigte, womit sie die sachverhaltliche Unsicherheit nochmals
deutlich zum Ausdruck brachte (act. 103), worauf der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers die Einsprache zurückzog (act. 108).
5.4.2 Ein Vergleich ist bezüglicher jener Sachverhaltselemente, die rechtsgenüglich
abgeklärt wurden, bei entsprechender Sachverhaltsänderung revidierbar. Die
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit war vorliegend nicht rechtsgenüglich
abgeklärt, sondern die diesbezügliche Unsicherheit wurde in Kauf genommen und
bildete den zentralen Gegenstand des Vergleichs. Diesbezüglich ist eine Revision
(mangels der Sachverhaltsänderung bei Fehlen des damaligen Zustands respektive
Sachverhalts) problematisch, nicht jedoch betreffend die ursprünglich (bei
Vergleichsschluss) feststehenden Sachverhaltselemente (Anstellung bei B._ mit
einem Beschäftigungsgrad von 50%). Der Wille der in einem vertragsähnlichen Zustand
sich vergleichenden Parteien lag damals darin, dem Beschwerdeführer die Aufgabe der
Arbeitsstelle bei B._ nicht zuzumuten. Per 31. Juli 2008 hat der Beschwerdeführer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
diese Anstellung jedoch verloren (vgl. IV-act. 3, 7). Mit der Aufgabe der Tätigkeit bei
B._ im relevanten Zeitraum liegt ein Revisionsgrund gemäss Art. 17 ATSG, nämlich in
Form einer Veränderung im erwerblichen Sachverhalt vor, der sich auf das
Invalideneinkommen auswirkt, welches nunmehr gestützt auf Tabellenlöhne zu
ermitteln ist (vgl. dazu nachfolgende Erwägung 6.3.2). Es ist davon auszugehen, dass
der im Rahmen der Verfügung vom 6. Januar 1997 umgesetzte Vergleich für die
Verfahrensparteien nur bis zur Änderung des Vergleichsgrundes bzw. solange das
Arbeitsverhältnis bei B._ andauerte, Geltung haben sollte.
6.
6.1 Liegt ein Revisionsgrund vor, ist der Rentenanspruch in rechtlicher und
tatsächlicher Hinsicht allseitig zu prüfen und ein erneuter Entscheid über einen
allfälligen Rentenanspruch zu fällen (BGE 117 V 200 E. 4b; SVR 2004 IV Nr. 17 S. 53, I
526/02 E. 2.3; Urteile des Bundesgerichts vom 3. Juni 2011, 9C_223/2011, E. 3.1, und
19. November 2008, 9C_744/2008, E. 3.1.1 mit weiteren Hinweisen). Dieser erfolgt
bezogen auf den Zeitpunkt der Renteneinstellung (31. Mai 2009).
6.2 In medizinischer Hinsicht stützt sich die angefochtene Renteneinstellung auf das
Gutachten von Dr. J._ vom 15. Mai 2015, worin mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit keine Diagnose gestellt wurde. Die in
Bezug auf den linken Fuss gestellte Statusdiagnose nach Lisfranc-Fraktur und Fraktur
des Osmetatarsale I am 21. Januar 1991 wurde bei den Diagnosen ohne Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit angeführt. Weiter ist dem Gutachten zu entnehmen, dass
Beschwerden der Füsse kaum mehr vorhanden seien und der Beschwerdeführer in der
Lage sei, täglich zwei bis drei Stunden zu gehen. Die Arbeitsfähigkeit in einer
adaptierten Tätigkeit sei 100%. Bei einer Sprunggelenksarthrose könnten - in
Abhängigkeit des Schweregrades - Einschränkungen für das Gehen in unebenem
Gelände, das Kauern und Knien vorliegen. Für im Sitzen zu verrichtende und
wechselbelastende Tätigkeiten würden meist keine Einschränkungen bestehen.
Relative Einschränkungen könnten für die Bedienung von Pedalen vorhanden sein
(Chauffeurtätigkeit, Differenzierung rechts/links). Wegen der zusätzlichen, statischen
Belastung sollten auch Arbeiten, die mit dem Heben und Tragen von Lasten über 15 kg
verbunden seien, vermieden werden. Funktionseinschränkungen der Füsse hätten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
meist Auswirkungen auf im Stehen und Gehen zu verrichtende Tätigkeiten, das
Arbeiten auf Leitern und eventuell auch auf kniend zu verrichtende Tätigkeiten (IV-act.
4). Es bestehen keine Zweifel an der gutachterlichen Beurteilung von Dr. J._. Auch
der Beschwerdeführer bzw. sein Rechtsvertreter benennt keine.
6.3 Ausgehend von einer 100%-igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste
Tätigkeiten ist im Rahmen eines Einkommensvergleichs der Invaliditätsgrad zu
ermitteln. Dabei ist die Höhe des Validen- und Invalideneinkommens zu ermitteln (vgl.
Erwägung 5.1).
6.3.1 Gemäss Art. 16 ATSG richtet sich das Valideneinkommen danach, was eine
versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre. Massgebend
für das Valideneinkommen ist, was die versicherte Person aufgrund ihrer beruflichen
Fähigkeiten und persönlichen Umstände nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit im massgebenden Zeitpunkt des allfälligen Rentenbeginns, hier der
Neubeurteilung (per 1. Juni 2009), verdient hätte. Für die Bestimmung des
Valideneinkommens wird grundsätzlich am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung
und der realen Einkommensentwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da
erfahrungsgemäss die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt
worden wäre (BGE 139 V 28 E. 3.3.2, 125 V 58 E. 3.1; Urteile des Bundesgerichts vom
18. März 2015, 8C_590/2014, E. 5.1 und 21. August 2013, 8C_196/2013, E. 3.1). Auch
wenn das Arbeitsverhältnis mit B._ per 31. Juli 2008 aufgelöst wurde (vgl. act. 125;
act. 142, S. 7 Ziff. 27, IV-act. 4, S. 2) und der Beschwerdeführer trotz der Unfallfolgen
noch als Chauffeur tätig sein könnte, rechtfertigt sich diese Vorgehensweise
grundsätzlich auch hier, wobei die Lohnentwicklung bei B._, wo der
Beschwerdeführer noch bis 31. Juli 2008 in einem Pensum von 50% tätig war,
miteinzubeziehen ist. Gemäss Lohnausweis von B._ vom 31. August 1993 erzielte
der Beschwerdeführer im Jahr vor dem Unfall, d.h. vom 20. Januar 1990 bis 19. Januar
1991, ein Jahreseinkommen von Fr. 55'643. -- (act. 32). Gemäss IK-Auszug erzielte er
sodann im Jahr 2007 bei einem 50%-Pensum ein Jahreseinkommen von Fr. 32'293.--
(act. 122, 125). Im Gesundheitsfall bei vollem Pensum hätte er damit Fr. 64'586.--
verdient. Unter Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung bei den Männern
(Bundesamt für Statistik, Lohnentwicklung 2007 bis 2009 [+ 2.2%, + 2.1%]) ergibt sich
für das Jahr 2009 ein mutmassliches Jahreseinkommen von Fr. 67'393.--.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.3.2 Für die Bestimmung des Invalideneinkommens ist primär von der beruflich-
erwerblichen Situation auszugehen, in der die versicherte Person konkret steht. Da der
Beschwerdeführer, wie bereits erwähnt, seit 1. August 2008 nicht mehr bei B._
angestellt ist, rechtfertigt es sich, das Invalideneinkommen gestützt auf die
Tabellenlöhne gemäss den vom Bundesamt für Statistik periodisch herausgegebenen
Lohnstrukturerhebungen (LSE; vgl. BGE 139 V 592 E. 2.3, 129 V 475 E. 4.2.1) zu
ermitteln, und zwar anhand des über den Durchschnitt aller Wirtschaftszweige von
Männern mit einfachen und repetitiven Tätigkeiten erzielten Lohnes, der sich im Jahr
2008 auf Fr. 4'806.-- pro Monat belief (LSE 2008, Bundesamt für Statistik, TA1, Total,
Anforderungsniveau 4), woraus sich ein Jahreseinkommen von Fr. 57'672.-- ergibt.
Aufgerechnet auf die betriebsübliche wöchentliche Arbeitszeit von 41.6 (2009, Total)
und angepasst an die Nominallohnentwicklung bis 2009 bei den Männern (+ 2.1%)
ergibt sich ein Jahreseinkommen von Fr. 61'238.--. Wird das Invalideneinkommen auf
der Grundlage von statistischen Durchschnittswerten ermittelt, ist der entsprechende
Ausgangswert allenfalls zu kürzen. Mit dem sogenannten Leidensabzug wurde
ursprünglich berücksichtigt, dass versicherte Personen, welche in ihrer letzten Tätigkeit
körperliche Schwerarbeit verrichteten und nach Eintritt des Gesundheitsschadens auch
für leichtere Arbeiten nurmehr beschränkt einsatzfähig sind, in der Regel das
entsprechend durchschnittliche Lohnniveau gesunder Hilfsarbeiter nicht erreichen. Der
ursprünglich nur bei Schwerarbeitern zugelassene Abzug entwickelte sich in der Folge
zu einem allgemeinen behinderungsbedingten Abzug, wobei die Rechtsprechung dem
Umstand Rechnung trug, dass auch weitere persönliche und berufliche Merkmale der
versicherten Person wie Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit, Nationalität oder
Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die Höhe des
Lohnes haben können. Ein Abzug soll aber nicht automatisch, sondern nur dann
erfolgen, wenn im Einzelfall Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die versicherte Person
wegen eines oder mehrerer dieser Merkmale ihre gesundheitlich bedingte
(Rest-)Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit
unterdurchschnittlichen Einkommen verwerten kann. Bei der Bestimmung der Höhe
des Abzugs ist der Einfluss aller in Betracht fallenden Merkmale auf das
Invalideneinkommen unter Würdigung der Umstände im Einzelfall gesamthaft zu
schätzen und insbesondere auf höchstens 25% des Tabellenlohns zu begrenzen (vgl.
zum Ganzen BGE 126 V 75; Urteil des Bundesgerichts vom 29. Februar 2012, I.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2010.00805, E. 6.4). Die Beschwerdegegnerin gewährte einen Abzug von 5% (act.
142). Der Beschwerdeführer führte zwar vor seinem Unfall keine körperliche
Schwerarbeit aus, kann jedoch aufgrund der Unfallrestfolgen im Bereich des linken
Fusses nur noch leichte Arbeiten mit limitierter Gewichtsbelastung (15 kg) unter
Berücksichtigung weiterer Einschränkungen (sitzende oder wechselbelastende
Arbeiten, keine kniend, kauernd, in unebenem Gelände und auf Leitern zu verrichtende
Arbeiten) verrichten, dies aber in einem vollen Pensum. Nachdem sich im vorliegenden
Fall keine weiteren Merkmale auf die Lohnhöhe auswirken, erscheint ein
Tabellenlohnabzug von 5% angemessen. Daraus ergibt sich ein Invalideneinkommen
von Fr. 58'176.-- und in Gegenüberstellung zum Valideneinkommen von Fr. 67'393.--
ein rentenbegründender Invaliditätsgrad von 14%. Anstatt der im angefochtenen
Einspracheentscheid vom 15. Januar 2015 (act. 142) festgelegten vollständigen
Aufhebung der Rente hat der Beschwerdeführer damit ab 1. Juni 2009 (vgl. dazu auch
Erwägung 7.3) Anspruch auf eine Invalidenrente basierend auf dem vorgenannten
Invaliditätsgrad, was verglichen mit dem angefochtenen Einspracheentscheid eine
Besserstellung seinerseits zur Folge hat.
7.
7.1 Allerdings sind gemäss Art. 25 Abs. 1 ATSG unrechtmässig bezogene Leistungen
zurückzuerstatten. Wäre eine Leistung gestützt auf Art. 17 ATSG anzupassen, wird dies
aber nicht vorgenommen, liegt ein unrechtmässiger Leistungsbezug vor, wenn wegen
der unterlassenen Anpassung die Leistung in einem zu hohen Betrag gewährt wird
(KIESER, a.a.O., N15 zu Art. 17, N 6 zu Art. 25). Wer Leistungen in gutem Glauben
empfangen hat, muss sie nicht zurückerstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt (Art.
25 Abs. 1 Satz 2 ATSG; vgl. auch Art. 4 der Verordnung über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSV; SR 830.11]). Der Versicherer verfügt den Verzicht auf
die Rückforderung, wenn offensichtlich ist, dass die Voraussetzungen für den Erlass
gegeben sind (Art. 3 ATSV). Laut Art. 25 Abs. 2 Satz 1 ATSG verjährt der
Rückforderungsanspruch mit dem Ablauf eines Jahres, nachdem der Versicherer
davon Kenntnis erhalten hat, spätestens aber nach Ablauf von fünf Jahren nach
Entrichtung der Leistung. Bei diesen Fristen handelt es sich um Verwirkungsfristen
(BGE 133 V 579, E. 4.1 mit weiteren Hinweisen). In der Rechtsprechung wird für die
Kenntnisnahme der Zeitpunkt als ausreichend bezeichnet, an welchem der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherungsträger bei Beachtung der zumutbaren Aufmerksamkeit hätte erkennen
müssen, dass die Voraussetzungen für eine Rückerstattung bestehen. Für die Wahrung
der (einjährigen) Verwirkungsfrist ist der Erlass der Rückerstattungsverfügung
massgebend (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 23. März 2015, 8C_642/2014, und
19. Dezember 2014, 8C_640/2014; Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons St.
Gallen vom 16. November 2016, IV 2014/559, abrufbar unter www.gerichte.sg.ch,
Dienstleistungen, Rechtsprechung, Versicherungsgericht).
7.2 Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet der
Einspracheentscheid vom 2. Oktober 2015 (act. 142), welchem die Revisionsverfügung
vom 15. Januar 2015 zu Grunde liegt (act. 134). Darin hat die Beschwerdegegnerin
erklärt, auf die Rückforderung der über das Datum vom 31. Mai 2009 erbrachten und
nicht verjährten Leistungen von knapp Fr. 120'000.-- zu verzichten. Nachdem der
Beschwerdeführer aufgrund der ursprünglichen Verfügung vom 6. Januar 1998 seit 1.
Oktober 1997 Anspruch auf eine Rente basierend auf einem Invaliditätsgrad von 45%
hatte (act. 99), infolge Revision nun aber nur noch ein Rentenanspruch basierend auf
einem Invaliditätsgrad von 14% besteht, hat der Beschwerdeführer unrechtmässig
Rentenleistungen bezogen, auf deren Rückforderung die Beschwerdegegnerin gemäss
Art. 25 Abs. 1 ATSG nicht einfach verzichten konnte; für einen solchen Verzicht, der
dem Gleichbehandlungsgebot widerspräche, fehlt die gesetzliche Grundlage. Dafür,
dass die Beschwerdegegnerin den Verzicht nach Prüfung der Erlassvoraussetzungen
gültig verfügt hätte (vgl. Art. 3 Abs. 3 und Art. 4 ATSV), bestehen keine Anhaltspunkte.
Die Frage des Erlasses der Rückforderung bildete mithin nicht Gegenstand der
Revisionsverfügung bzw. des angefochtenen Einspracheentscheids und kann damit
auch nicht Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens sein.
7.3 Die Beschwerdegegnerin stellte ihre Leistungen revisionsweise per 31. Mai 2009
ein bzw. betrachtete die darüber hinaus erbrachten Rentenleistungen als
unrechtmässig. Dieses Datum lehnt sich an dasjenige der Erstellung des Gutachtens
durch Dr. J._ (15. Mai 2009, IV-act. 4) an. Obwohl der Beschwerdeführer seine
Arbeitsstelle bei B._ bereits per 31. Juli 2008 verloren und dies der
Beschwerdegegnerin offensichtlich nicht gemeldet hat, ist der 31. Mai 2009 als
Anpassungsdatum nicht zu beanstanden. Das Gutachten von Dr. J._ bildete im
Rahmen des Revisionsverfahrens zumindest die massgebende Beweisgrundlage für
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Annahme einer 100%-igen Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in einer
adaptierten Tätigkeit. Der Rückforderungszeitraum beschränkt sich allerdings auf die
Zeit ab 16. Januar 2010 (vgl. die absolute 5-Jahresfrist von Art. 25 Abs. 2 Satz 1
ATSG).
7.4 Die Rückforderungssumme hätte sich bei einer vollständigen Einstellung der
Rentenleistungen laut Feststellung der Beschwerdegegnerin offenbar auf knapp Fr.
120'000.-- belaufen (act. 134). Dieser Betrag reduziert sich nun angesichts der nur
herabgesetzten Rente. Die Beschwerdegegnerin wird den genauen
Rückforderungsbetrag der noch nicht verjährten Leistungen festzulegen haben.
8.
8.1 Nach dem Gesagten ist der angefochtene Einspracheentscheid in teilweiser
Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und dem Beschwerdeführer ab 1. Juni 2009
eine Invalidenrente entsprechend einem Invaliditätsgrad von 14% zuzusprechen. Der
Beschwerdeführer hat die von der Beschwerdegegnerin über den 31. Mai 2009 hinaus
erbrachten und nicht verjährten Rentenleistungen zurückzuerstatten, soweit sie den
festgelegten Invaliditätsgrad von 14% übersteigen. Zur Festsetzung des
Rückforderungsbetrags ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
8.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Hingegen hat der
teilweise obsiegende Beschwerdeführer Anspruch auf eine Parteientschädigung
gegenüber der Beschwerdegegnerin (Art. 61 lit. g ATSG). Es rechtfertigt sich, diese
ermessensweise - ausgehend von einer Pauschalentschädigung von Fr. 4'000.-- bei
vollem Obsiegen - auf pauschal Fr. 1'000.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) festzulegen.