Decision ID: 3a0ecb49-b75a-5d24-a61c-4e977dd0dd37
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
HS._ und RS._,
Klägerin,
vertreten durch Advokat Nicolai Fullin, Spalenberg 20, Postfach 1460, 4001 Basel,
gegen
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Personalvorsorgestiftung der B._,
Beklagte,
und
I._-Pensionskasse, Bachmattstrasse 59, Postfach, 8048 Zürich,
Beigeladene,
betreffend
BVG-Rente für PS._ sel.
Sachverhalt:
A.
A.a PS._, Jahrgang 1977, war vom 1. April 1999 bis zum 30. September 2001 bei der
A._ angestellt und bei der Personal-Vorsorgestiftung der B._ vorsorgeversichert.
Am 5. März 2001 wurde er wegen einer in suizidaler Absicht herbeigeführten
Medikamentenintoxikation ins Spital Grabs eingeliefert. Aufgrund eines Verdachts auf
eine paranoide Psychose wurde er anschliessend in die Klinik St. Pirminsberg und
daraufhin in die Psychiatrische Klinik Münsterlingen verlegt, wo er bis 14. Juni 2002
stationär betreut wurde (act. G 1.1.7, 1.1.8).
A.b Vom 1. Dezember 2002 bis 31. August 2004 war PS._ mit vollem Pensum als
Chemielaborant bei der C._ angestellt und bei der I._-Pensionskasse
vorsorgeversichert. Die Kündigung erfolgte per 31. August 2004 durch die
Arbeitgeberin, weil die erwartete Arbeitsquantität nicht erbracht worden sei
(act. G 1.1.11). Im Februar 2005 meldete sich PS._ zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (act. G 10.1.1). Mit Verfügung vom 5. Oktober 2006 sprach
ihm die IV-Stelle des Kantons Solothurn rückwirkend ab 1. Mai 2005 eine ganze
Invalidenrente bei einem Invaliditätsgrad von 93% zu (act. G 1.1.14).
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A.c Mit Schreiben vom 20. November 2006 stellte sich die I._-Pensionskasse auf den
Standpunkt, die Anstellung bei der C._ sei lediglich als gescheiterter Arbeitsversuch
zu qualifizieren. Durchgehend habe eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit bestanden.
Bei Eintritt der Arbeitsunfähigkeit, deren Ursache zur Invalidität geführt habe, habe
keine Versicherungsdeckung durch die I._-Pensionskasse bestanden (act. G 10.1.4).
A.d Am 8. Februar 2007 beantragte PS._ bei der Personalvorsorgestiftung der B._
die Ausrichtung einer Invalidenrente. Diese verneinte ihre Leistungspflicht am
16. Februar 2006 (act. G 1.1.15), woran sie trotz mehrmaliger Intervention von Advokat
Nicolai Fullin festhielt (act. G 1.1.16 bis 1.1.21).
A.e Am 10. April 2007 nahm sich PS._ das Leben (act. G 1.1.3).
B.
B.a In Vertretung von RS._ und HS._, den Eltern und gesetzlichen Erben des
Verstorbenen, erhob Advokat Fullin am 24. Februar 2009 Klage gegen die Personal-
Vorsorgestiftung der B._. Diese sei zu verpflichten, den Klägern für die Zeit vom
1. Mai 2005 bis 10. April 2007 eine ganze Invalidenrente nach BVG zu bezahlen, unter
Kosten- und Entschädigungsfolge. Bis Juni 2002 sei PS._ 100% arbeitsunfähig
gewesen. Nach dem Austritt aus der stationären Therapie bis 13. April 2004 habe eine
durchschnittliche Arbeitsfähigkeit von maximal 50% bestanden. Während der
Anstellungsdauer bei der C._ hätten die krankheitsbedingten Absenzen derart
dominiert, dass das Arbeitsverhältnis von der Arbeitgeberin wieder habe aufgelöst
werden müssen. Sowohl der sachliche als auch der zeitliche Kausalzusammenhang
zwischen der während der Anstellung bei der A._ eingetretenen Arbeitsunfähigkeit
und der Invalidität seien gegeben. Gemäss den Bestätigungen der Psychiater Dr. med.
E._ vom 7. Februar 2008 resp. Dr. med. F._ vom 18. Januar 2008 habe seit Ende
der stationären Therapie nie mehr eine Arbeitsfähigkeit von mehr als 50% bestanden.
Trotz Vollstelle bei der C._ habe PS._ nie mehr eine volle Leistung erbringen
können (act. G 1).
B.b Die Beklagte beantragt in der Klageantwort vom 14. April 2009 unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen die Abweisung der Klage. PS._ habe vom 2. April bis 14. Juni
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2002 bei der Firma G._ erfolgreich ein Praktikum als Chemielaborant absolviert. Er
sei als gewissenhaft, interessiert und fachlich fundiert beschrieben worden. Bei
Entlassung aus der Klinik Münsterlingen am 14. Juni 2002 sei sein Gesundheitszustand
als nahezu beschwerdefrei eingeschätzt worden. Es sei von einer vollständigen
Remission der psychiatrischen Erkrankung ausgegangen worden. Gemäss IK-Auszug
habe der Versicherte von Juni bis August 2002 Leistungen der
Arbeitslosenversicherung bezogen. Er habe bei der C._ zu 100% gearbeitet. Ob er
dabei aus gesundheitlichen Gründen nur eine Leistung von 80% habe erbringen
können, sei medizinisch nicht untersucht oder bestätigt worden. Die Beklagte gibt an,
im Gegensatz zur I._-Pensionskasse nicht ins IV-Verfahren einbezogen worden zu
sein. Die I._-Pensionskasse habe die IV-Verfügung vom 5. Oktober 2006 nicht
angefochten. Damit sei sie an die Feststellungen der IV gebunden, insbesondere an
den Beginn der rentenrelevanten Arbeitsunfähigkeit, der mit dem 20. Mai 2004 in der
Versicherungszeit bei der I._-Pensionskasse liege. Für die Zeit zwischen dem Austritt
aus der Klinik Münsterlingen (14. Juni 2002) und dem Beginn der IV-Wartefrist (20. Mai
2004) fehle jeglicher medizinischer Nachweis einer krankheitsbedingten Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit. Dr. F._ attestiere erst ab 1. April 2004 eine Arbeitsunfähigkeit.
Das Zeugnis von Dr. E._ sei gut fünf Jahre nach Beginn des relevanten Zeitraums
erstellt worden und könne deshalb nicht als echtzeitliche Einschätzung geltend
gemacht werden. Ausserdem gebe dieses Zeugnis keinen Aufschluss über die
vorgenommenen Untersuchungen und die zugezogenen Vorakten. Es fehle an einer
nachvollziehbaren Herleitung der Einschätzung und an einer schlüssigen Begründung.
Weiter bestreitet die Beklagte, dass die Anstellungszeit bei der C._ von
krankheitsbedingten Absenzen dominiert worden sei (act. G 6).
B.c Die Kläger lassen in der Replik vom 9. Juni 2009 an ihrem Antrag festhalten. Bei
der Firma G._ habe der Versicherte nur einfachste Hilfsarbeiten verrichtet. Er habe
keinen Lohn erhalten. Das Praktikum habe während seines stationären Aufenthalts in
der Klinik Münsterlingen stattgefunden. Von einer marktwirtschaftlich verwertbaren
Tätigkeit könne daher keine Rede sein. Der Versicherte sei von Dr. F._ während
längerer Zeit behandelt worden. Es gebe keinen ersichtlichen Grund, an dessen
Aussage betreffend Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zu zweifeln. Auf den Beginn der
IV-Rentenzahlung könne von vornherein nicht abgestellt werden, weil der Versicherte
sich erst im Februar 2005 bei der IV angemeldet habe. Die IV-Stelle habe gar nicht
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prüfen müssen, wie sich seine Arbeitsfähigkeit vor März 2004 entwickelt habe. Eine von
der IV-Verfügung ausgehende Bindungswirkung sei daher nicht vorhanden. Die I._-
Pensionskasse habe weder einen Grund noch ein rechtlich geschütztes Interesse an
einer Anfechtung der IV-Verfügung gehabt. Wie eine Aufstellung von Dr. E._ vom
18. Mai 2009 zeige, sei der Versicherte während der fraglichen Zeitspanne vom
Sommer 2002 bis Frühling 2004 bei ihm in regelmässiger Behandlung gewesen.
Dr. E._ sei also ohne weiteres in der Lage, die Arbeitsfähigkeit anhand seiner
Unterlagen zu rekonstruieren. Der Versicherte habe aufgrund der Nebenwirkungen der
Medikation mit Leponex 600 mg unmöglich eine volle Leistung erbringen können. Er
habe während seiner Krankheit im Übrigen viermal versucht, sich das Leben zu
nehmen. Aufgrund seiner Erkrankung sei eine dauerhafte Eingliederung von Beginn
weg unwahrscheinlich gewesen. Die Beklagte selbst habe ihn deswegen entlassen
(act. G 10).
B.d Auch die Beklagte hält in ihrer Duplik vom 29. Juni 2009 an ihrem
Abweisungsantrag fest. Die Behauptung, der Versicherte habe bei der Firma G._
lediglich einfachste Hilfsarbeiten verrichtet, sei nicht belegt. Vielmehr stehe im Bericht
der Klinik Münsterlingen vom 23. Mai 2006, er habe als Chemielaborant gearbeitet. Der
Grund dafür, dass er sich erst im Februar 2005 zum Bezug IV-Leistungen angemeldet
habe, habe darin gelegen, dass bis dahin keine Hinweise auf eine dauernde
Arbeitsunfähigkeit vorgelegen hätten. Für die Zeit 2001/2002 halte die Klinik
Münsterlingen fest, trotz längerer Erkrankung sei keine IV-Anmeldung erfolgt, da davon
ausgegangen worden sei, dass der Patient selbst eine neue Arbeitsstelle finden könne.
Aus dem Zeitpunkt der IV-Anmeldung könne nicht abgeleitet werden, dass die IV den
Beginn der invalidisierenden Arbeitsunfähigkeit offensichtlich falsch festgelegt habe
und deshalb die vorsorgerechtliche Bindungswirkung entfalle. Aus der Verschreibung
von Leponex 600 mg könne nicht per se auf eine Arbeitsunfähigkeit geschlossen
werden. Erstens sei nicht belegt, dass der Versicherte dieses Medikament während der
fraglichen Zeit eingenommen habe. Zweitens seien die möglichen Nebenwirkungen
vergleichbar mit jenen anderer Medikamente, die weit verbreitet seien und nicht
zwingend zu einer Arbeitsunfähigkeit führten. Die Tätigkeit bei der C._ habe bis zum
ersten nachgewiesenen Arztbesuch 17 Monate gedauert. Dies liege erheblich über der
vom Bundesgericht erwähnten Dauer von drei Monaten. Die I._-PENSIONSKASSE
habe ihre Leistungspflicht deshalb zu Unrecht abgelehnt (act. G 12).
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B.e Das Gericht zog die Akten der IV-Stelle und der Arbeitslosenkasse des Kantons
Solothurn bei (act. G 15; 17; 18), lud die I._-Pensionskasse am 9. Dezember 2009
zum Prozess bei und gewährte ihr die Parteirechte (act. G 16), die sie jedoch nicht
wahrnahm. Die Beklagte verzichtete am 5. Februar 2010 auf Einsicht in die
beigezogenen Akten und auf eine weitere Stellungnahme (act. G 22). Auf Wunsch
wurden dem Rechtsvertreter der Kläger die beigezogenen Akten am 8. Februar 2010
zur Einsicht zugestellt (act. G 20, 21). In einer Stellungnahme vom 16. Februar 2010
weist er darauf hin, dass dem Versicherten von der Arbeitslosenversicherung ab
1. September 2004 eine zweite Rahmenfrist gewährt worden sei. Er habe mit
Arztzeugnis belegt, dass die unbefriedigenden Leistungen und Absenzen, die zur
Kündigung durch die C._ geführt hätten, auf seine Krankheit zurückzuführen
gewesen seien, weshalb eine zweite Rahmenfrist gewährt und von Sperrtagen
abgesehen worden sei (act. G 23).
B.f Auf weitere Vorbringen der Parteien wird – sofern entscheidwesentlich – im
Rahmen der Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.
1.1 Die vorliegende Streitigkeit fällt gemäss Art. 73 des Bundesgesetzes über die
berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVG; SR 831.40) in
Verbindung mit Art. 15 Abs. 2 der kantonalen verfahrensrechtlichen Bestimmungen
betreffend die Aufsicht über Vorsorgeeinrichtungen und Stiftungen (AVS; sGS 355.11)
in die sachliche Zuständigkeit des kantonalen Versicherungsgerichts (BGE 122 V 323
Erw. 2b; 120 V 18 Erw. 1a, je mit Hinweisen).
1.2 Für die Frage, ob die invalidisierende Arbeitsunfähigkeit des Klägers während des
Arbeitsverhältnisses mit der Personalvorsorgestiftung der B._ mit Sitz im Kanton St.
Gallen oder zu einem anderen Zeitpunkt eingetreten ist, ist nach Art. 73 Abs. 3 BVG
das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen auch örtlich zuständig. Auf die Klage
ist somit einzutreten.
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1.3 Die Klage nach Art. 73 BVG unterliegt als solche keiner Befristung. Gesetzliche
oder reglementarische Ansprüche können zufolge Zeitablaufs nur im Rahmen der
Verjährung erlöschen (BGE 117 V 332; Isabelle Vetter-Schreiber, Berufliche Vorsorge,
Kommentar, Zürich 2009, Rz. 25 zu Art. 73). Forderungen auf Leistungen verjähren
gemäss Art. 41 Abs. 2 BVG nach fünf Jahren. Diese Frist ist vorliegend gewahrt.
2.
2.1 Im Folgenden ist zu prüfen, ob die leistungsrelevante Arbeitsunfähigkeit des Sohns
der Kläger zu einem Zeitpunkt eintrat, in dem er bei der Beklagten versichert war. Nach
der Rechtsprechung werden die Invalidenleistungen nach BVG von derjenigen
Vorsorgeeinrichtung geschuldet, der die ansprechende Person bei Eintritt des
versicherten Ereignisses angeschlossen ist. Dieser Zeitpunkt fällt mit dem Eintritt der
Arbeitsunfähigkeit zusammen, deren Ursache zur Invalidität geführt hat. Die
Versicherteneigenschaft muss nur bei Eintritt der Arbeitsunfähigkeit gegeben sein,
dagegen nicht notwendigerweise auch im Zeitpunkt des Eintritts oder der
Verschlimmerung der Invalidität. Für eine einmal aus – während der
Versicherungsdauer aufgetretenen – Arbeitsunfähigkeit geschuldete Invalidenleistung
bleibt die Vorsorgeeinrichtung somit leistungspflichtig, selbst wenn sich nach
Beendigung des Vorsorgeverhältnisses der Invaliditätsgrad ändert. Entsprechend bildet
dann auch der Wegfall der Versicherteneigenschaft keinen Erlöschungsgrund (BGE 118
V 35 Erw. 5; BGE 123 V 262 Erw. 1a). Auf diese Weise wird dem Umstand Rechnung
getragen, dass die versicherte Person meistens erst nach einer längeren Zeit der
Arbeitsunfähigkeit invalid wird. Damit kommt der Schutz der zweiten Säule zum
Tragen, wonach das Invaliditätsrisiko auch dann gedeckt sein muss, wenn es rechtlich
gesehen erst nach einer langen Krankheit eintritt, während der die leistungsbegehrende
Person unter Umständen dem Obligatorium nicht mehr unterstanden hat (BGE 118 V
35 Erw. 2a/bb; BGE 120 V 113 Erw. 2b).
2.2 Damit die frühere Vorsorgeeinrichtung leistungspflichtig bleibt, ist allerdings nicht
nur erforderlich, dass die Arbeitsunfähigkeit zu einer Zeit einsetzte, als die versicherte
Person ihr angeschlossen war, sondern auch, dass zwischen dieser Arbeitsunfähigkeit
und der Invalidität sowohl ein sachlicher als auch ein zeitlicher Zusammenhang
besteht. Der sachliche Zusammenhang ist gegeben, wenn der invalidisierende
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Gesundheitsschaden der gleiche ist, wie er sich bereits während der Zugehörigkeit zur
früheren Vorsorgeeinrichtung manifestierte. Die zeitliche Konnexität setzt voraus, dass
zwischen der früheren Arbeitsunfähigkeit und der späteren Invalidität keine längere
Periode der Arbeitsfähigkeit liegt (SVR 2001 BVG Nr. 18 S. 70, 1995 BVG Nr. 28 S. 83;
Pra 84 [1995] Nr. 189 S. 607).
2.3 Eine berufsvorsorgerechtlich relevante Einbusse an funktionellem
Leistungsvermögen muss nach der Rechtsprechung arbeitsrechtlich in Erscheinung
treten, so etwa durch einen Abfall der Leistungen mit entsprechender Feststellung oder
gar Ermahnung von Seiten des Arbeitgebers oder durch gehäufte, aus dem Rahmen
fallende gesundheitlich bedingte Arbeitsausfälle. Eine erst nach Jahren rückwirkend
festgelegte medizinisch-theoretische Arbeitsunfähigkeit, ohne dass der frühere
Arbeitgeber die Leistungseinbusse bemerkt hätte, genügt nicht. Die vertraglich
festgesetzte Pflicht zur Erbringung von Arbeit und die dafür vorgesehene Entlöhnung
sowie weitere im Rahmen des Arbeitsverhältnisses getroffene Vereinbarungen sind in
der Regel als den realen Gegebenheiten entsprechend zu werten. Nur beim Vorliegen
besonderer Umstände darf die Möglichkeit einer von der arbeitsrechtlich zu Tage
tretenden Situation in Wirklichkeit abweichenden Lage – etwa in dem Sinn, dass ein
Arbeitnehmer zwar zur Erbringung einer vollen Arbeitsleistung verpflichtet war und
auch entsprechend entlöhnt wurde, tatsächlich aber doch keine volle Arbeitsleistung
hat erbringen können – in Betracht gezogen werden (Urteile des Bundesgerichts
9C_182/07 vom 7. Dezember 2007, Erw. 4.1.3 mit Hinweisen; 9C_339/07 vom 5. März
2008, Erw. 5.2). Derartige besondere Umstände sind mit äusserster Zurückhaltung
anzunehmen, da sonst die Gefahr bestünde, in Spekulationen zu verfallen mit der
Folge, dass der Versicherungsschutz des Arbeitnehmers vereitelt werden könnte,
indem dieser jeweils an die Vorsorgeeinrichtung des früheren Arbeitgebers verwiesen
würde. In diesem Zusammenhang gilt ebenfalls, dass die Leistungseinbusse auch und
vor allem dem Arbeitgeber aufgefallen sein muss (Urteil B 95/06 vom 4. Februar 2008,
Erw. 3.3).
3.
3.1 Vorliegend trat im März 2001 eine längerdauernde Arbeitsunfähigkeit des
Versicherten ein. Vom 5. März 2001 bis 14. Juni 2002 hielt er sich in stationärer
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psychiatrischer Behandlung auf (act. G 1.1.8). Die A._, bei der der Versicherte seit
1. April 1999 beschäftigt war, kündigte das Arbeitsverhältnis aus gesundheitlichen
Gründen per 30. September 2001 (act. G 1.1.2). Zu prüfen ist die sachliche und die
zeitliche Konnexität zwischen dieser Arbeitsunfähigkeit und der später einsetzenden
Invalidität ab Mai 2004.
3.1.1 Der sachliche Zusammenhang ist ohne weiteres zu bejahen. Dem während des
Arbeitsverhältnisses mit der A._ entstandenen, über ein Jahr dauernden stationären
Behandlungsbedarf des Versicherten lag ein psychisches Krankheitsbild zugrunde.
Seitens des Spitals Grabs wurde am 3. Januar 2002 der Verdacht auf eine paranoide
Psychose genannt (act. G 1.1.7). Dr. F._ berichtete am 6. Juli 2004 und 11. April 2005
von einer seit Jahren bestehenden chronischen paranoiden Schizophrenie
(act. G 6.1.4, 6.1.5). Gemäss Bericht von Dr. E._ vom 28. Oktober 2006 wurde die
Schizophrenie ca. 2001 akut, es kam zu einer psychotischen Dekompensation mit
mehrfachen Suizidversuchen. Ab Mitte 2002 sei der Versicherte bei ihm in
regelmässiger Behandlung gewesen. Er habe hochdosierte Antipsychotika
eingenommen, der Verlauf sei bis zum Abbruch der Behandlung 2004 stabil, aber
durch psychotische Negativsymptomatik und zum Teil Medikamenten-
Nebenwirkungen gekennzeichnet gewesen (act. G 10.1.3). Die schliesslich
invalidisierende Schizophrenie manifestierte sich also bereits während der
Anstellungsdauer bei der A._, sodass der sachliche Zusammenhang gegeben ist.
3.2 Zu prüfen bleibt, ob der zeitliche Zusammenhang durch längere Perioden der
Arbeitsfähigkeit unterbrochen wurde. Der Beschwerdeführer bezog vom 17. Juni bis
Ende November 2002 Arbeitslosenentschädigung. Vom 27. August bis 6. September
2002 nahm er an einem Computerkurs teil. Vom 6. September bis 29. November 2002
war er via eine Personalvermittlungsgesellschaft als Chemielaborant im
Zwischenverdienst tätig, dies mit einem Pensum von mindestens 7.5 Stunden an fünf
Tagen wöchentlich. Absenzen sind in dieser Zeit nicht ausgewiesen. Das
Arbeitsverhältnis bestand auf unbestimmte Zeit und wurde vom Versicherten per
29. November 2002 gekündigt (vgl. die Bescheinigungen über Zwischenverdienst vom
September bis November 2002 bei den ALV-Akten). Am 1. Dezember 2002 trat er die
Stelle bei der C._ an, sodass er sich vom Bezug von Arbeitslosentaggeldern
abmelden konnte. Bei der C._ war er bis 31. August 2004 mit vollem Pensum als
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Mitarbeiter Innovationslabor angestellt, wobei der letzte effektiv geleistete Arbeitstag
der 30. Juni 2004 war. Der vertraglich vereinbarte Monatslohn belief sich auf
Fr. 5'065.-. Die C._ gab am 18. April 2005 im Fragebogen der Invalidenversicherung
an, der Arbeitsleistung hätte ein Monatslohn von Fr. 4'500.- entsprochen. Der
Versicherte habe eine 100%-Stelle erhalten, weil er sich gesund und voll arbeitsfähig
eingeschätzt habe. Aus der Absenzenliste sei ersichtlich, wie lange diese 100%-ige
Arbeitsfähigkeit angehalten habe. Seitens der Arbeitgeberin wurde die Meinung
geäussert, der Versicherte müsste an einem geschützten Arbeitsplatz bzw. Teilzeit
(höchstens 70%) arbeiten (act. G 1.1.11). Die erste krankheitsbedingte Absenz ist ab
4. März 2003 während sieben Tagen ausgewiesen. Zum nächsten Ausfall kam es für
einen Tag im August 2003, bevor die Absenzen ab 22. September 2003 regelmässiger
wurden und sich verlängerten (act. G 1.1.13). Während der ersten drei Monate des
Arbeitsverhältnisses (Dezember 2002 bis und mit Februar 2003) fehlte der Sohn der
Kläger hingegen nie und ab 11. März 2003 bis 22. September 2003, also während über
eines halben Jahres, ist nur ein Absenzentag ausgewiesen. Gemäss der Notiz auf dem
IV-Arbeitgeberfragebogen ist der Absenzenliste zu entnehmen, wie lange die volle
Arbeitsfähigkeit angehalten habe. Die Arbeitgeberin bestritt also nicht, dass der Sohn
der Kläger während über neun Monaten nach Arbeitsantritt grundsätzlich voll
arbeitsfähig war. Die im März 2003 bescheinigte siebentägige Absenz vermag daran
nichts zu ändern. Ein Abfall der Leistung des Beschwerdeführers mit entsprechender
Feststellung der Arbeitgeberin ist also erst im Herbst 2003 ausgewiesen. Bei dieser
Sachlage kann entgegen der Ansicht der Beigeladenen nicht von einem gescheiterten
blossen Arbeitsversuch gesprochen werden. Hätte der Sohn der Kläger seit Beginn
seiner Anstellung bei der C._ nur eine reduzierte Leistung erbracht, so wäre das
Arbeitsverhältnis kaum während über anderthalb Jahren beibehalten, sondern allenfalls
bereits während der Probezeit wieder beendet worden. Somit wurde die zeitliche
Konnexität spätestens während des Arbeitsverhältnisses bei der C._ und damit
während der Versicherungsunterstellung bei der Beigeladenen unterbrochen. Ob dies
bereits für die Zeit während Arbeitslosigkeit bzw. Zwischenverdienst von Juni bis
November 2002 zu gelten hat, kann bei dieser Sachverhaltswürdigung offen bleiben.
3.3 Die Verfügung der IV-Stelle vom 5. November 2006, mit der dem Versicherte
rückwirkend per 1. Mai 2005 eine Invalidenrente zugesprochen und in der der Beginn
der relevanten Arbeitsunfähigkeit auf Mai 2004 festgelegt wurde, wurde auch der
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Beigeladenen eröffnet (act. G 6.1.6) und erwuchs gemäss dem sich bei den IV-Akten
befindenden Schreiben der IV-Stelle vom 14. November 2007 an die Vertretung der
Beklagten unangefochten in Rechtskraft. Der Beginn der relevanten Arbeitsunfähigkeit
fiel damit in die Zeit der Versicherungsdeckung durch die Beigeladene, was auch die
medizinischen Akten hinreichend belegen.
3.4 Entgegen der Ansicht des Rechtsvertreters der Beklagten reicht die rückwirkend
von Dr. E._ attestierte Arbeitsunfähigkeit von durchgehend 50% seit Sommer 2006
nicht aus, um die zeitliche Konnexität mit der Versicherungsdeckung durch die
Beklagte herzustellen. Dr. E._ begründet seine rückwirkende
Arbeitsfähigkeitsschätzung insbesondere mit den "zahlreichen, ungeplanten, schwer
überblickbaren, aber durchwegs massiv gehäuften (Kurz-)Absenzen" (act. G 1.1.9). Wie
erläutert, sind derartige Absenzen erst seit Herbst 2003 ausgewiesen, sodass sie den
von Dr. E._ getätigten Rückschluss der durchgehend reduzierten Arbeitsfähigkeit
nicht mit hinreichender Wahrscheinlichkeit erlauben. Die Behandlung bei Dr. F._
begann erst im Mai 2004 (act. G 1.1.10) und damit nach dem für die Frage der
zeitlichen Konnexität relevanten Zeitraum.
4.
4.1 Die Arbeitsunfähigkeit, die die einjährige Wartezeit gemäss Art. 29 Abs. 1 lit. b des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20, in der bis Ende 2007
gültig gewesenen Fassung) auslöste und zum Anspruch des Sohns des Klägers auf
eine ganze Invalidenrente per 1. Mai 2005 führte, setzte erst im Mai 2004 ein
(act. G 1.1.12). Da die zeitliche Konnexität zwischen der während der Anstellungsdauer
bei der Beklagten eingetretenen Arbeitsunfähigkeit und dem Eintritt der schliesslich
folgenden Invalidität wie erläutert unterbrochen ist, ist die Beklagte nicht
leistungspflichtig.
4.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 73 Abs. 2 BVG).
4.3 Die Beklagte beantragt in der Klageantwort Kosten- und Entschädigungsfolgen. Als
Vorsorgeeinrichtung hat sie jedoch praxisgemäss keinen diesbezüglichen Anspruch,
soweit – wie vorliegend – die Prozessführung der Gegenpartei nicht als mutwillig oder
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leichtsinnig zu bezeichnen ist (BGE 112 V 356; SZS 1995, 114; BGE 128 V 323; 126 V
143). Im Übrigen hat sie keinen Rechtsanwalt beigezogen. Der Antrag auf Ausrichtung
einer Parteientschädigung ist abzuweisen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53
GerG entschieden:
1. Die Klage wird abgewiesen.
2. Es werden keine Gerichtskosten erhoben.
3. Eine Parteientschädigung wird nicht zugesprochen.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 30.03.2010 Art. 10 Abs. 1 und 2 BVG: Der unterdessen verstorbene Versicherte litt seit längerem an einer paranoiden Schizophrenie. Eine anderthalb Jahre dauernde stationäre Behandlungsbedürftigkeit führte zum Stellenverlust. Anschliessend war er bei einer neuen Arbeitgeberin während über anderthalb Jahren angestellt, wobei ab der zweiten Hälfte dieser Anstellungsdauer häufige Absenzen auftraten. Die sachliche Konnexität der bei der ersten Arbeitgeberin aufgetretenen Arbeitsunfähigkeit und der später eingetretener Invalidität ist gegeben, nicht jedoch die zeitliche. Der Versicherte war bei der zweiten Arbeitgeberin während mindestens sechs Monaten voll arbeitsfähig und eine reduzierte Leistungsfähigkeit ist für diese Zeit nicht belegt, sodass die eingeklagte Vorsorgeeinrichtung der ersten Arbeitgeberin nicht leistungspflichtig ist (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 30. März 2010, BV 2009/4).
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2021-09-19T18:12:36+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen