Decision ID: ac109a8a-3340-481b-b938-7d4e6ca16345
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die aus dem Distrikt E._ stammende Beschwerdeführerin verliess
gemäss ihren eigenen Angaben ihren Heimatstaat am (...). August 2018
illegal in Richtung D._ und gelangte von dort via ein ihr unbekann-
tes Land am (...). August 2018 auf dem Luftweg in die Schweiz, wo sie am
21. August 2018 ein Asylgesuch stellte.
B.
Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 28. August 2018 gab die
Beschwerdeführerin als Grund für ihre Ausreise an, sie habe in einem
(...)geschäft gearbeitet und von einem Schulfreund den Auftrag erhalten
dort heimlich (...) für eine Feier der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE)
(...). Der eigentliche Auftraggeber sei aber ein Student der Universität
E._ gewesen. Auf dem Weg zu ihrem Auftraggeber sei sie am
(...). November 2015 vom Criminal Investigation Department (C.I.D.) an-
gehalten und kontrolliert worden. In der Folge sei sie in einem Kleinbus
mitgenommen und gefoltert worden. Nach zwei Tagen sei sie an einen an-
deren Ort gebracht worden, wo sie während dreier Tage misshandelt und
sexuell missbraucht worden sei. Ihre Mutter habe schliesslich durch Kon-
takte zu einem Parlamentarier sowie anderen Personen ihre Freilassung
erreichen können. Dabei sei ihr gedroht worden, sie dürfe keine Anzeige
bei der Polizei erstatten. Sie sei danach bei ihrer Schwester und ihrer
Grossmutter untergekommen, aber die Beamten hätten sie auch dort noch
zwei weitere Male gefunden und mitgenommen. Sie habe deshalb einen
Suizidversuch begangen. Nachdem sie im August 2018 wiederum bei ihrer
Grossmutter gesucht worden sei, sei sie ausgereist. Ansonsten habe we-
der sie noch ihre Familie Kontakte zu den LTTE gehabt. Bei den Befragun-
gen sei sie gefragt worden, mit welchen Personen, welchen Tigers sie in
Kontakt stehe. Hinsichtlich ihres Gesundheitszustands gab die Beschwer-
deführerin an, es gehe ihr psychisch schlecht und sie brauche ärztliche
Behandlung.
C.
Am 5. Dezember 2018 leitete das Migrationsamt des Kantons F._
dem SEM ein anonymes Denunziationsschreiben weiter, gemäss welchem
die Beschwerdeführerin lediglich zwecks Heirat in die Schweiz gekommen
sei.
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Seite 3
D.
An der Anhörung vom 1. Februar 2019 sagte die Beschwerdeführerin aus,
sie habe in einer (...) gearbeitet. Kurz vor dem Märtyrertag, am (...). No-
vember 2015, habe ein Freund sie darum gebeten, (...) für die LTTE zu
(...). Als sie ihm diese (...) habe zurückbringen wollen, sei sie erwischt und
an einen ihr unbekannten Ort verbracht worden. Sie sei gefoltert worden
und habe kein Essen und nur einmal Wasser erhalten. Nach dem Transfer
an einen zweiten Ort sei sie wie ein Hund behandelt und vergewaltigt wor-
den. Ihre Familie habe dann Kontakt zu "G._" aufgenommen und
Geld bezahlen müssen für ihre Freilassung. Danach habe sie Angst ge-
habt, sich zu Hause aufzuhalten, weshalb sie bei ihrer Schwester oder
Grossmutter geblieben sei. Es sei ihr psychisch schlecht gegangen; sie
habe versucht, sich das Leben zu nehmen, woraufhin sie in eine Klinik ge-
bracht und ihre Ausreise organisiert worden sei. Sie habe die Misshand-
lungen nicht bei der Polizei angezeigt, weil ihr für diesen Fall ihre Erschies-
sung angekündigt worden sei. Vor diesen Ereignissen habe sie nie Prob-
leme mit den heimatlichen Behörden gehabt. Sie habe sich dann versteckt
aufgehalten, bis sie im August 2018 ihren Heimatstaat verlassen habe, weil
sie ungefähr ein halbes Jahr zuvor – nachdem der Mann, der den (...) der
(...) damals in Auftrag gegeben habe, im Herbst 2016 von den Sicherheits-
kräften getötet worden sei – erneut gesucht, mitgenommen und befragt
worden sei. Im Falle einer Rückkehr in ihren Heimatstaat fürchte sie sich
vor einer erneuten Mitnahme und weiteren Bedrohungen.
E.
E.a Im März 2019 leitete die Beschwerdeführerin ein Ehevorbereitungsver-
fahren ein.
E.b Am (...) brachte die Beschwerdeführerin ein Kind zur Welt und am (...)
heiratete sie den Kindsvater (N [...], E-3315/2020).
E.c Einem daraufhin von der Beschwerdeführerin gestellten Kantons-
wechselgesuch wurde am 28. Februar 2020 entsprochen.
F.
Mit Verfügung vom 22. Mai 2020 – eröffnet am 26. Mai 2020 - lehnte das
SEM das Asylgesuch der Beschwerdeführerin ab und ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an. Zur Begründung
des Asylentscheids führte das SEM aus, die Sachverhaltsdarstellung der
Beschwerdeführerin sei unglaubhaft.
E-3295/2020
Seite 4
G.
Die Beschwerdeführerin liess mit Eingabe vom 25. Juni 2020 beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen Asylentscheid erheben.
Sie beantragte, es sei darzulegen, welche Gerichtspersonen mit der Be-
handlung der vorliegenden Sache betraut worden seien, und es sei be-
kannt zu geben, ob diese Personen zufällig ausgewählt worden seien und
andernfalls die objektiven Kriterien bekannt zu geben, nach denen sie aus-
gewählt worden seien; dazu sei Einsicht in die Datei der Software des
BVGer zu gewähren, mit welcher diese Auswahl nach Eingang der Be-
schwerde kreiert worden sei, und offenzulegen, wer die Auswahl getroffen
habe. Sie verlangte des Weiteren vollständige Einsicht in die gesamten
Verfahrensakten des SEM, insbesondere in das Aktenstück A30 sowie das
Beweismittel Nr. 5; danach sei ihr Frist zur Einreichung einer Beschwerde-
ergänzung zu setzen. Inhaltlich beantragte sie die Aufhebung der ange-
fochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz
wegen Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör; eventuell wegen
der Verletzung der Begründungspflicht; eventuell wegen falscher Feststel-
lung des vollständigen und richtigen rechtserheblichen Sachverhalts.
Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und ihre Flücht-
lingseigenschaft festzustellen sowie ihr Asyl zu gewähren; eventuell sei die
Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustel-
len.
Als Beweismittel legte die Beschwerdeführerin unter anderem Berichte und
Artikel zur Situation in Sri Lanka, einen Arztbericht vom 19. August 2019
und eine Terminkarte der (...) Psychiatrie sowie Beweismittel aus dem Ver-
fahren ihres Ehemanns ins Recht.
H.
Am 2. Juli 2020 wurde der Beschwerdeführerin der Eingang ihrer Be-
schwerde bestätigt.
I.
Mit Verfügung vom 27. Oktober 2020 teilte der Instruktionsrichter der Be-
schwerdeführerin den voraussichtlichen Spruchkörper mit; zudem wurde
festgestellt, dass das SEM bereits hinreichende Akteneinsicht gewährt
habe, und der Antrag auf Setzen einer Frist zur Beschwerdeergänzung ab-
gewiesen.
E-3295/2020
Seite 5
J.
Am 28. Oktober 2020 äusserte sich die Beschwerdeführerin zur Praxis des
Bundesverwaltungsgerichts bezüglich Spruchkörperbildung.
K.
Am (...) kam das zweite Kind der Beschwerdeführerin in der Schweiz zur
Welt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bis zu diesem Zeit-
punkt gültige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Ände-
rung des AsylG vom 25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin und ihr erstgeborenes Kind haben am Verfahren vor
der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung be-
sonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhe-
bung beziehungsweise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Be-
schwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1
sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Das während der Hängigkeit des Beschwer-
deverfahrens zur Welt gekommene zweitgeborene Kind ist praxisgemäss
in das Verfahren ihrer Mutter einzubeziehen.
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
E-3295/2020
Seite 6
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorlie-
gend handelt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche,
weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
3.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Der Beschwerdeführerin wurde mit Zwischenverfügung vom 27. Okto-
ber 2020 antragsgemäss der Spruchkörper gekannt gegeben.
4.2 Zu den weiteren Anträgen der Beschwerdeführerin in Bezug auf die
Spruchkörperbildung (vgl. Beschwerde S. 2 und 4 ff.) kann ergänzend
Folgendes festgehalten werden.
4.2.1 Die Richterinnen und Richter des am 27. Oktober 2020 kommunizier-
ten Spruchkörpers wurden durch das EDV-basierte Zuteilungssystem des
Bundesverwaltungsgerichts automatisiert bestimmt. Ein manueller Eingriff
in die elektronische Zuteilung wurde nicht vorgenommen.
4.2.2 Der Antrag auf Einsicht in die Software oder in entsprechende Aus-
züge betreffend die Spruchkörperbildung ist abzuweisen, da es sich bei
den entsprechenden Dokumenten nicht um Akten handelt, welche dem
Akteneinsichtsrecht gemäss Art. 29 Abs. 2 BV und Art. 26 i.V.m. Art. 27 f.
VwVG unterstehen (vgl. Grundsatzurteil des BVGer D-3946/2020 vom
21. April 2022 E. 4.5 m.w.H., zur Publikation vorgesehen).
4.2.3 Für die Zuteilung der Spruchkörper des Bundesverwaltungsgerichts
ist das jeweilige Kammer- beziehungsweise Abteilungspräsidium zuständig
(Art. 25 Abs. 5 Bst. b, Art. 31 und Art. 32 des Geschäftsreglements vom
17. April 2008 für das Bundesverwaltungsgericht [VGR, SR 173.320.1];
vgl. auch Grundsatzurteil a.a.O. E. 4.4).
E-3295/2020
Seite 7
5.
5.1 In ihrem Rechtsmittel erhebt die Beschwerdeführerin die Rügen die
Verletzung des rechtlichen Gehörs sowie der Begründungspflicht und der
unvollständigen sowie unrichtigen Abklärung des rechtserheblichen Sach-
verhalts. Diese sind vorab zu beurteilen.
5.2
5.2.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss
so abgefasst sein, dass sie eine sachgerechte Anfechtung ermöglicht.
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
5.2.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG).
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
5.2.3 Gemäss Art. 33 Abs. 1 VwVG hat eine Behörde die von den Parteien
angebotenen Beweise abzunehmen, wenn sie zur Abklärung des rechtser-
heblichen Sachverhalts tauglich erscheinen beziehungsweise diesen er-
hellen könnten (vgl. BVGE 137 II 266 E. 3.2). Die Beurteilung der Tauglich-
keit liegt im Ermessen der entscheidenden Instanz; diese kann namentlich
dann von einem beantragten Beweismittel absehen, wenn zum Vornherein
gewiss ist, dass diesem die Beweiseignung abgeht oder die verfügende
Behörde den Sachverhalt aufgrund eigener Sachkunde ausreichend wür-
digen kann (sog. antizipierte Beweiswürdigung; statt vieler BGE 140 I 285
E. 6.3.1; Urteil des BVGer A-6519/2016 vom 3. Mai 2017; MOSER, et al.,
Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 3. Aufl. 2022 Rz. 3.144,
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
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Seite 8
pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 153). Dem angebotenen Beweismit-
tel darf allerdings nicht leichthin jegliche Beweistauglichkeit abgesprochen
werden, sondern nur, wenn dieses das Beweisergebnis offensichtlich nicht
zu beeinflussen vermag (WALDMANN/BICKEL, in: Waldmann/Weissenberger
[Hrsg.], Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 33 Rz. 15).
5.3
5.3.1 Die Beschwerdeführerin rügte vorab die Verletzung des Aktenein-
sichtsrechts, weil ihr entgegen ihres Antrags keine Einsicht in eine interne
Dokumentenanalyse des SEM gewährt worden sei. Es sei nicht ersichtlich,
welche öffentlichen oder privaten Interessen der Offenlegung entgegenste-
hen könnte. Es sei auch das Beweismittel Nr. 5 vollständig offen zu legen.
Erst nach kompletter Offenlegung dieser Akten sei eine vollständige Aus-
einandersetzung mit der Glaubhaftigkeitsprüfung möglich, weshalb ihr Frist
zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung zu setzen sei.
5.3.2 Diese Rügen wurden bereits in der Zwischenverfügung des Instrukti-
onsrichters vom 27. Oktober 2020 abgehandelt und der Antrag auf Be-
schwerdeergänzung abgelehnt.
5.4
5.4.1 Als weitere Beweisanträge ersuchte die Beschwerdeführerin um Ein-
vernahme mehrerer sich im Ausland aufhaltender Zeugen, und um Setzen
einer Frist zur Einreichung von Adressen dieser Zeugen sowie von Beweis-
mitteln betreffend ihr exilpolitisches Engagement.
5.4.2 Die Richterinnen und Richter sind an die von den Parteien angebo-
tenen Beweismittel nicht gebunden und es werden nur die notwendigen
Beweismittel berücksichtigt (vgl. Art. 37 BZP i.V.m. Art. 19 VwVG). Gemäss
Art. 14 VwVG gilt für das Verwaltungsverfahren der Grundsatz der Subsi-
diarität des Zeugenbeweises, womit alle anderen Beweismittel erhoben
worden sein müssen, bevor auf einen Zeugenbeweis zurückgegriffen wer-
den kann (vgl. PHILIPP WEISSENBERGER / ASTRID HIRZEL, in: Wald-
mann/Weissenberger (Hrsg.), Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, N20
zu Art. 14). Im Ausland notwendige Beweisaufnahmen wären gemäss
Art. 39 BZP auf dem Weg der Rechtshilfe herbeizuführen. Vorliegend be-
steht keine Notwendigkeit für die Anordnung einer Zeugeneinvernahme,
zumal die Beschwerdeführerin im Beschwerdeverfahren die Möglichkeit
besitzt, eine Sachverhaltsdarstellung und Beweisanerbieten umfassend
schriftlich einzubringen (vgl. auch WEISSENBERGER/HIRZEL, a.a.O., N104 ff.
zu Art. 12).
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Seite 9
5.4.3 Folglich sind die Anträge auf Einvernahme der genannten Personen
als Zeugen durch die Schweizer Vertretungen abzuweisen.
5.4.4 Abzuweisen ist auch der Antrag auf Setzen einer Frist zur Einrei-
chung von Beweismittel betreffend Adressen der Zeugen sowie betreffend
ihr exilpolitisches Engagement. Bis zum Urteilszeitpunkt hatte die durch
einen Rechtsanwalt vertretene Beschwerdeführerin hinreichend Gelegen-
heit – und im Rahmen der ihr obliegenden Mitwirkungspflicht (Art. 8 AsylG)
auch die Obliegenheit –, weitere Beweismittel einzureichen. Dies hat sie
nicht getan.
5.5
5.5.1 Die Beschwerdeführerin bemängelte weiter, die Vorinstanz habe ih-
ren Gesundheitszustand ungenügend abgeklärt sowie diesen bei der Ent-
scheidfindung nicht berücksichtigt, obschon den Verfahrensakten mehrere
Hinweise auf ihre schwere Traumatisierung wegen der erlebten Folter und
Vergewaltigungen zu entnehmen seien. Sie habe an der Anhörung explizit
ausgesagt, sie sei depressiv und brauche psychiatrische Betreuung, und
sei in einem psychisch absolut labilen Zustand erschienen, weshalb sie
beinahe durchwegs geweint habe. Dennoch sei keine medizinische oder
psychologische Hilfe für sie organisiert worden. Auch die Hilfswerksvertre-
tung (HWV) habe auf dem Unterschriftenblatt angemerkt, dass ihre
schwerwiegenden psychischen Probleme augenfällig seien. Ihre Konzen-
tration habe im Verlauf der Anhörung sichtlich abgenommen und es seien
ihr lediglich zweimal 15 Minuten Pause eingeräumt worden. Nach dem Ge-
sagten hätte ein fachärztliches Gutachten eingefordert werden müssen,
zumindest aber wäre das SEM aufgrund des Untersuchungsgrundsatzes
verpflichtet gewesen, sie zum Einreichen eines Arztzeugnisses aufzufor-
dern. Als Folge dieses Säumnisses sei die Vorinstanz ihrer Begründungs-
pflicht nicht nachgekommen, indem sie lediglich pauschal behauptet habe,
die "menstrualen und psychischen Beschwerden" könnten in ihrem
Heimatstaat ausreichend behandelt werden. Im Arztbericht vom 19. August
2019 werde ihr denn auch eine Posttraumatische Belastungsstörung
(PTBS) diagnostiziert und wegen der hinzukommenden Schwangerschaft
eine kontinuierliche psychiatrisch-psychotherapeutische Begleitung emp-
fohlen. Es sei unverständlich, dass ihr offensichtlich desolater psychischer
Gesundheitszustand bei der Beurteilung des Wegweisungsvollzugs nicht
näher geprüft respektive berücksichtig worden sei. Damit habe das SEM
auch das Willkürverbot gemäss Art. 9 BV verletzt, weil ihr persönliches
Risikoprofil in willkürlicher Weise nicht gemäss der Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts gewürdigt worden sei.
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Seite 10
5.5.2 Die Beschwerdeführerin machte anlässlich ihrer BzP darauf aufmerk-
sam, dass es ihr psychisch sehr schlecht gehe und sie einen Psychiater
benötige (vgl. A5 S. 8 f.). An der Anhörung gab sie auf Anfrage an, sie be-
finde sich in ärztlicher Behandlung wegen starken Schmerzen und Erbre-
chens während der Menstruation. Auf die Frage, wie es ihr psychisch gehe,
führte sie aus, es gehe ihr "nicht so gut" und deshalb sei sie aufgeregt; seit
sie in der Schweiz sei, fühle sie sich aber besser. Die Frage der HWV, ob
sie in der Schweiz psychologisch auch in Behandlung sei, verneinte sie
(vgl. A16 ad F7 f., F13 und F36).
5.5.3 Gemäss Art. 8 Abs. 1 Bst. d AsylG sind Asylsuchende verpflichtet, an
der Feststellung des Sachverhalts mitzuwirken, sie müssen insbesondere
allfällige Beweismittel vollständig bezeichnen und sie unverzüglich einrei-
chen, oder soweit dies zumutbar erscheint, sich darum bemühen, sie in-
nerhalb einer angemessenen Frist zu beschaffen. Entgegen der Ansicht
der Beschwerdeführerin ist vorliegend das SEM seiner Untersuchungs-
pflicht durchaus nachgekommen, indem es sich sowohl an der BzP als
auch an der Anhörung nach ihrem Gesundheitszustand und entsprechen-
der ärztlicher Behandlung erkundigt hat. Ihre erwähnten Aussagen anläss-
lich der Anhörung liessen nicht auf die Notwendigkeit schliessen, den me-
dizinischen Sachverhalt durch Instruktionsmassnahmen abzuklären. Da-
ran ändert auch die Anmerkung der HWV im Anschluss an die Anhörung
nichts. Fest steht jedenfalls, dass es die Beschwerdeführerin unterlassen
hat den rund neun Monate vor Erlass der SEM-Verfügung erstellten Arzt-
bericht vom 19. August 2019 einzureichen. Vielmehr wurde dieser von ihr
erst mit ihrer Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht eingereicht.
5.5.4 Auch auf Beschwerdeebene ergeben sich keine Hinweise darauf,
dass der Sachverhalt bezüglich des Gesundheitszustands der anwaltlich
vertretenen Beschwerdeführerin ungenügend erstellt wäre. Nach Einrei-
chung der Beschwerde vom Mai 2020 wurde kein weiterer Bericht einge-
reicht. Die Anträge auf Abklärung ihres Gesundheitszustands von Amtes
wegen oder auf Setzen einer Frist zur Einreichung eines weiteren Arztbe-
richts sind abzuweisen.
5.5.5 Nach dem Gesagten kann dem SEM weder die Verletzung des
Willkürverbots noch eine Gehörsverletzung oder die Verletzung der Be-
gründungspflicht vorgeworfen werden. Es besteht keine Veranlassung,
eine erneute Anhörung durchzuführen oder die angefochtene Verfügung
aus diesem Gründen aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurück-
zuweisen.
E-3295/2020
Seite 11
5.6
5.6.1 Sodann rügt die Beschwerdeführerin, die angefochtene Verfügung
sei nicht durch dieselbe Person verfasst worden, welche die Anhörung
durchgeführt habe, obwohl dies eine zentrale Empfehlung in einem
Rechtsgutachten von Prof. Walter Kälin vom 24. März 2014 darstelle.
Vorliegend wirke sich diese Unterlassung besonders stark aus, weil ihre
Emotionen ihre Vorbringen stark untermauert hätten, was auch durch die
HWV festgestellt worden sei.
5.6.2 Bei dem durch den Beschwerdeführer zitierten Rechtsgutachten von
Prof. Kälin handelt es sich lediglich um eine Empfehlung, dass die Asyl-
verfügung idealerweise von derselben Person erlassen werde, welche
auch die Anhörung durchgeführt habe, nicht aber um eine justiziable Ver-
fahrenspflicht (vgl. Urteil des BVGer D-6560/2016 vom 29. März 2018
E. 5.2). Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör ergibt sich keine
Verpflichtung für das SEM, eine Verfügung durch die befragende Person
verfassen zu lassen (was praktisch manchmal aus naheliegenden Grün-
den unmöglich wäre). Es ist auch nicht ersichtlich, inwiefern der Beschwer-
deführerin hieraus ein Nachteil entstanden sein soll, zumal die Gefühlsre-
gungen der Beschwerdeführerin im Anhörungsprotokoll detailliert festge-
halten wurden (vgl. A16 ad F38, F39, F47, F51, F55, F58, F62, F63 etc.).
5.6.3 Es ist somit keine Verletzung des rechtlichen Gehörs durch das SEM
feststellbar.
5.7
5.7.1 Weiter wird geltend gemacht, das SEM habe seine Begründungs-
pflicht verletzt, indem es familiäre Verbindungen zu ehemaligen LTTE-
Unterstützern und Mitgliedern von der Beurteilung ihres Risikoprofils aus-
geklammert habe und die angefochtenen Verfügung auf einem fehlerhaften
Bild der aktuellen Lage im Heimatstaat basiere. Daraus resultiere eine fak-
tenwidrige Argumentation.
5.7.2 Auch diese Rüge ist unbegründet: Die Vorinstanz hat in der ange-
fochtenen Verfügung in nachvollziehbarer und hinreichend differenzierter
Weise aufgezeigt, von welchen Überlegungen sie sich hat leiten lassen.
Sie hat sich auch mit sämtlichen wesentlichen Vorbringen der Beschwer-
deführerin auseinandergesetzt, sodass es dieser möglich war, die Verfü-
gung des SEM in einer 66-seitigen Beschwerdeeingabe sachlich anzufech-
ten. Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Ansicht stützte sich die
Vorinstanz auch nicht nur auf das Lagebild vom 16. August 2016, sondern
E-3295/2020
Seite 12
sie setzte sich auch mit den aktuellen Geschehnissen seit der Präsident-
schaftswahl im November 2019 auseinander (vgl. insbesondere SEM-Ver-
fügung S. 6 f.). Der blosse Umstand, dass die Beschwerdeführerin die Auf-
fassung des SEM nicht teilt, stellt keine Verletzung der Begründungspflicht
dar, sondern eine Kritik an der durch das SEM vorgenommenen Würdigung
des Sachverhalts.
5.7.3 Folglich ist auch der Eventualantrag des Beschwerdeführers auf
Rückweisung der Sache an die Vorinstanz wegen Verletzung der Begrün-
dungspflicht abzuweisen.
5.8
5.8.1 Schliesslich moniert die Beschwerdeführerin, der rechtserhebliche
Sachverhalt sei sowohl in Bezug auf die Länderinformationen zu Sri Lanka
als auch hinsichtlich ihrer individuellen Asylgründe unvollständig und un-
richtig festgestellt worden. Die Verfügung des SEM basiere auf einem kom-
plett veralteten Wissensstand und die Vorinstanz habe die im Referenzur-
teil des Bundesverwaltungsgerichts definierten Risikofaktoren (Verbindun-
gen zur LTTE, Reflexverfolgung wegen ihrer Verbindung zu ihrem Ehe-
mann und geschlechtsspezifische Verfolgung) ungenügend abgeklärt. Ihr
Freund, für welchen sie die (...) habe, habe nämlich die (...) für einen
LTTE-Unterstützer (...) lassen, der im Jahr 2016 von den Behörden er-
schossen worden sei.
5.8.2 Vorliegend hat sich eine Prüfung einer geschlechtsspezifischen Ver-
folgung erübrigt, weil das SEM die vorgebrachten sexuellen Übergriffe im
geltend gemachten Kontext als unglaubhaft qualifiziert hat. Darin ist keine
unvollständige Sachverhaltsfeststellung zu ersehen. Dasselbe gilt für die
geltend gemachte Reflexverfolgung. Das (nach zahlreichen anhängig ge-
machten Verfahren) im Herbst 2019 eingeleitete Folge-Asylverfahren des
Ehemannes der Beschwerdeführerin wurde zeitgleich abgewiesen, weil
dieser nach Ansicht des SEM weiterhin keine ausschlaggebenden Verbin-
dungen zu den LTTE glaubhaft machen konnte.
5.8.3 Insgesamt ist die Vorinstanz auch bezüglich allfälliger Risikofaktoren
ihrer Abklärungspflicht in genügender Weise nachgekommen. Zudem ist
auch an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass das SEM in seiner Länder-
praxis zu Sri Lanka eine andere Linie verfolgt, als vom Beschwerdeführer
vertreten, und es aus sachlichen Gründen auch zu einer anderen Würdi-
gung der Asylvorbringen gelangt. Darin ist jedoch weder eine ungenü-
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Seite 13
gende Sachverhaltsfeststellung zu erblicken noch stellt dies eine Verlet-
zung der Begründungs- beziehungsweise Beweiswürdigungspflicht dar.
Vielmehr handelt es sich bei der Überprüfung dieser Würdigung um eine
materielle Rechtsfrage.
5.8.4 Das SEM hat den rechtserheblichen Sachverhalt somit vollständig
und richtig festgestellt, weshalb der diesbezügliche Eventual-Kassations-
antrag abzuweisen ist.
5.9 Die formellen Rügen erweisen sich nach dem Gesagten als unbegrün-
det, weshalb keine Veranlassung besteht, die angefochtene Verfügung aus
formellen Gründen aufzuheben und die Sache an das SEM zurückzuwei-
sen. Die diesbezüglichen Rechtsbegehren und Beweisanträge (insb. im
Zusammenhang mit der Abklärung des Gesundheitszustands, mit der
Durchführung einer erneuten Anhörung, mit dem Beibringen weiterer Be-
weismittel und mit der beantragten Zeugeneinvernahmen [vgl. Beschwerde
S. 43]) sind abzuweisen.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2
6.2.1 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachwei-
sen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn
die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für
gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentli-
chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den
Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ver-
fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
E-3295/2020
Seite 14
6.2.2 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie ge-
nügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich
nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht
widersprüchlich sein, nicht der inneren Logik entbehren oder den Tatsa-
chen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Vorbringen sind sub-
stanziiert, wenn sie sich auf detaillierte, präzise und konkrete Schilderun-
gen stützen. Als schlüssig gelten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer An-
hörung, zwischen Anhörungen oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine
Widersprüche aufweisen. Allerdings sollten kleine, marginale Widersprü-
che sowie solche, die nicht die zentralen Asylvorbringen betreffen, zwar in
die Gesamtbetrachtung einfliessen, jedoch nicht die alleinige Begründung
für die Verneinung der Glaubhaftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die
gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbe-
sondere dann nicht der Fall ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt
oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen aus-
wechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt oder die nötige Mitwir-
kung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der
gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, welche für die
Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht.
Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2012/5
E. 2.2 und 2010/57 E. 2.2 und 2.3, je m.w.H.; ANNE KNEER / LINUS SONDER-
EGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asylverfahren – Ein Überblick über die
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, in: ASYL 2015/2 S. 5 ff.).
7.
7.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids führte das SEM aus,
es würden erhebliche Zweifel am Wahrheitsgehalt der Sachverhaltsdarstel-
lungen der Beschwerdeführerin bestehen. Es sei nur schwer nachvollzieh-
bar, dass sie sich einerseits im Zusammenhang mit dem heiklen (...)auftrag
sehr vorsichtig verhalten haben wolle, dann aber (...) mit ihrem Fahrrad
habe transportieren wollen, obwohl es zu dieser Zeit Strassenkontrollen
gegeben habe. Weiter erstaune, dass die drei schwarz gekleideten Männer
sie kontrolliert und sofort in einem gepanzerten Fahrzeug mitgenommen
sowie über mehrere Tage festgehalten hätten, nur weil sie LTTE-(...) trans-
portiert habe. Sie habe auch auf wiederholtes Nachfragen die Gescheh-
nisse nicht ausführlich zu schildern vermocht, sodass der Eindruck entstan-
den sei, es handle sich nicht um selbst Erlebtes. Es sei sodann in der An-
hörung an mehreren Stellen zu Widersprüchen zu ihrer Aussage anlässlich
der BzP gekommen. Wenig nachvollziehbar sei insbesondere auch, dass
E-3295/2020
Seite 15
die heimatlichen Behörden sie erst etwa ein Jahr nach der angeblichen
Tötung ihres Freundes (vom Oktober 2016) erneut wegen des (...)auftrags
aufgesucht haben sollten. Insgesamt sei kein nachhaltiges Interesse an ih-
rer Person seitens der heimatlichen Behörden erkennbar, zumal sie ange-
geben habe, keinerlei Verbindungen zu LTTE-Anhängern gehabt zu haben
und dies dem C.I.D. auch glaubhaft gemacht habe. Bezüglich der Häufig-
keit dieser geltend gemachten Behördenbehelligungen sei es zudem zu
markanten Widersprüchen gekommen. Weitere Zweifel am Wahrheitsge-
halt ihrer Schilderungen würden sich aus dem Umstand ergeben, dass sie
bereits im (...) 2017 zwecks Verwandtenbesuchs einen Visumsantrag für
H._ gestellt habe. Der Behördenbesuch im Jahr 2018 erscheine
deshalb konstruiert. Sie weise schliesslich auch kein Profil auf, welches in
den Augen des heimatlichen Staates als risikobehaftet erscheinen dürfte,
womit nicht davon auszugehen sei, sie werde in den Fokus der Behörden
geraten. An dieser Einschätzung vermöchten auch die aktuellen politischen
Ereignisse in Sri Lanka nichts zu ändern.
7.2
7.2.1 In der Beschwerde wird gerügt, die Vorinstanz habe zu Unrecht
ihre familiären Verbindungen zu ehemaligen LTTE-Unterstützern und
-Mitgliedern von der Beurteilung ihres Risikoprofils ausgeklammert. So ha-
be sie nämlich im (...) ihren Ehemann geheiratet, der selber
ebenso Verbindungen zu den LTTE aufweise wie auch dessen Familien-
mitglieder. Ausschlaggebend sei dabei nicht die Intensität der Verbindun-
gen, vielmehr erweise sich jegliche Verbindung zur LTTE als asylrelevante
Gefährdung und als einer der Hauptgründe für Verhaftungen und Folter.
Der angefochtenen Verfügung liege ein fehlerhaftes Bild der aktuellen Lage
in ihrem Heimatstaat zugrunde und die pauschalisierende Argumentation,
Folter und Misshandlungen von zurückgeschafften Asylgesuchstellern wür-
den grundsätzlich nicht stattfinden, sondern es seien nicht asylrelevante
Kontrollmassnahmen zu erwarten, sei als aktenwidrig zu taxieren. Der Hin-
weis auf das alte Lagebild des SEM vom 16. August 2016 sei aufgrund der
fehlenden Aktualität untauglich. Auch die aktuellen Entwicklungen seien
wahrheitsverzerrend dargestellt worden und die als Beweise benutzten
Quellen seien darüber hinaus nicht korrekt gewürdigt worden. Vielmehr
könne mit zahlreichen Artikeln beispielsweise belegt werden, dass insbe-
sondere nach der Wahl von Gotabaya Rajapaksa zum sri-lankischen
Präsidenten unter anderem Angehörige ethnischer Minderheiten wegen
möglicher Gefährdung des sri-lankischen Einheitsstaats ins Visier der Be-
hörden geraten würden. Es brauche keinen persönlichen Konnex zur Wahl
E-3295/2020
Seite 16
des Präsidenten, um einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt zu sein. Eine wei-
tere Verbindung zu den LTTE bestehe durch ihren Freund, für welchen sie
(...) habe, weil dieser die (...) für einen LTTE-Unterstützer habe (...) las-
sen, der im Jahr 2016 von den sri-lankischen
Sicherheitskräften erschossen worden sei. Diese Tötung werde durch die
mit der Beschwerde eingereichten Zeitungsartikel belegt. Mit ihrem
Freund, der in die USA geflüchtet sei, stehe sie weiterhin in Kontakt. Es sei
offensichtlich, dass die heimatlichen Behörden nun auch sie wegen ihrer
Kontakte zu den LTTE ins Visier genommen hätten. Es drohe ihr zudem
auch eine Reflexverfolgung wegen der Verbindung zu ihrem Ehemann.
Es könne anhand von Beweismitteln und Zeugen belegt werden, dass ihr
Mann im Jahr 2006 in den Fokus der heimatlichen Sicherheitskräfte gera-
ten sei, nachdem er den LTTE in deren Auftrag zu benötigten (...)materia-
lien verholfen habe und sich exilpolitisch engagiere. Unberücksichtigt ge-
lassen habe das SEM auch die aktuelle Rechtsprechung des Bundesver-
waltungsgerichts, wonach Benachteiligungen, welche eine tamilische Frau
von Angehörigen der sri-lankischen Sicherheitskräfte erlebt hatte, ein asyl-
relevantes Motiv zuerkannt worden sei. In Bezug auf die Beurteilung der
Flüchtlingseigenschaft und der Asylgewährung werde das Lagebild des
SEM vom August 2016 bemängelt. Sämtliche Aussagen des SEM würden
auf einer unausgewogenen und nicht überprüfbaren Berichterstattung
beruhen und ausserdem würden die öffentlich zugänglichen Quellen den
Primärquellen bezüglich der Sicherheitslage in Sri Lanka widersprechen.
7.2.2 Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Schilderungen der Beschwer-
deführerin als unglaubhaft qualifiziert worden seien. Angesichts des
J._ sei nämlich keineswegs erstaunlich, dass zu diesem Zeitpunkt
vermehrte Kontrollen durchgeführt worden seien. Die Tötung von
I._ sowie die darauffolgende Flucht ihres Freundes passe zudem
zeitlich in ihre Ausführungen. Zu berücksichtigen sei bei der Bewertung ih-
rer Aussagen ausserdem ihre PTBS, die sich auf ihr Aussageverhalten
ausgewirkt habe. Sie sei nicht nur wegen dem Transport der (...) mitge-
nommen worden, sondern weil sie eine grosse Menge an (...) transportiert
habe und sie deshalb direkt verdächtigt worden sei, LTTE-Mitglied zu sein
oder entsprechende Verbindungen aufzuweisen. Bezüglich der angebli-
chen Ungereimtheiten sei auf den summarischen Charakter der BzP hin-
zuweisen, womit die erwähnten Widersprüche bereits zu relativieren seien.
Auf gewisse Ungereimtheiten angesprochen, habe sie plausible Erklärun-
gen für die Abweichungen anbieten können. Ihren Aussagen seien jeden-
falls zahlreiche Realkennzeichen zu entnehmen, wie die Schilderungen
E-3295/2020
Seite 17
von Nebensächlichkeiten und psychischen Vorgänge sowie von Gesprä-
chen. Ihre Asylgründe habe sie konkret und anschaulich und mit vielen
Details versehen dargelegt. Insgesamt erfülle sie praktisch alle Risiko-
faktoren gemäss Referenzurteil des BVGer. Sie weise Verbindungen zu
den LTTE auf, sei wiederholt ins Visier der Behörden geraten, sei exil-
politisch aktiv und halte sich seit langer Zeit in der Schweiz auf sowie ver-
füge über keine gültigen Einreisepapiere.
8.
8.1 Nach Durchsicht der Verfahrensakten erscheinen die vorinstanzlichen
Erwägungen überzeugend. Es ergeben sich aus den Aussagen der Be-
schwerdeführerin in Bezug auf die Umstände ihrer Verhaftung respektive
die darauffolgenden Befragungen mehrere Ungereimtheiten. Ausschlagge-
bend ist für das Gericht einerseits, dass die Beschwerdeführerin an der
BzP noch angegeben hatte, sie sei nach ihrer Verhaftung noch zwei Mal
zu Befragungen mitgenommen worden (vgl. A5 S. 7). An der Anhörung hin-
gegen führte sie zunächst aus, es sei zwischen November 2015 und Au-
gust 2018 zu keinen weiteren Ereignissen gekommen, und ergänzte erst
auf Nachfrage hin, dass sie drei Mal gesucht, aber nur ein weiteres Mal zu
einer Befragung mitgenommen worden sei (vgl. A16 ad F128 ff.). Anderer-
seits ist auch mit dem SEM festzustellen, dass das Vorbringen der Be-
schwerdeführerin, sie sei ab Ende 2015 während zweier Jahre unbehelligt
geblieben, aber Anfang 2018 ohne ersichtlichen Grund plötzlich erneut ge-
sucht worden sei, realitätsfern und unlogisch einzustufen ist. Diese Ein-
schätzung wird bestätigt durch die ungereimten und oberflächlichen Aus-
sagen zu ihrer angeblich ausreiseauslösenden Befragung Anfang des Jah-
res 2018 sowie das im (...) 2017 zwecks eines Verwandtenbesuchs bean-
tragte Visum. Um Wiederholungen zu vermeiden, kann auf die Erwägun-
gen in der vorinstanzlichen Verfügung verwiesen werden (vgl. SEM-Verfü-
gung, S. 3 ff.).
8.2 Insgesamt wurde in der angefochtenen Verfügung nachvollziehbar auf-
gezeigt, aus welchen Gründen die geltend gemachten Behelligungen
durch das C.I.D. – und insbesondere die angeblich fluchtauslösende Be-
fragung Anfang 2018 nach rund zweijähriger Verfolgungspause – als un-
glaubhaft bezeichnet wurden. Diesen überzeugenden Erwägungen ver-
mochte die Beschwerdeführerin mit ihren Ausführungen in der Beschwerde
nichts Substanziiertes entgegenzuhalten. Selbstverständlich sind bei der
Beurteilung von Aussagen allfällige Traumatisierungen entsprechend zu
berücksichtigen und es erscheint nachvollziehbar, dass es herausfordernd
ist, über erfahrene Gewalt zu berichten. Vorliegend wurden jedoch nicht die
E-3295/2020
Seite 18
sexuellen Übergriffe als unglaubhaft qualifiziert, sondern die geltend
gemachten Umstände als nicht plausibel gewertet, die dazu geführt hätten,
sowie die vorgebrachten Behelligungen in den Folgemonaten und -jahren.
8.3 Zusammenfassend hat die Beschwerdeführerin nicht glaubhaft ma-
chen können, dass die heimatlichen Behörden wegen des Druckens von
Postern ein asylrelevantes Verfolgungsinteresse an ihr gehabt respektive
sie aus einem der in Art. 3 AsylG genannten Gründen behelligt haben und
sie deshalb ihren Heimatstaat verlassen hat.
9.
9.1 Zu prüfen bleibt, ob dem Beschwerdeführer trotz fehlender Vorverfol-
gung bei einer Rückkehr in seinem Heimatstaat ernsthafte Nachteile im
Sinn von Art. 3 AsylG drohen würden.
9.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 festgestellt, dass Angehörige der tamilischen Ethnie bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr
von Verhaftung und Folter ausgesetzt sind. Zur Beurteilung des Risikos
von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung
und Folter zu werden, wurden verschiedene Risikofaktoren identifiziert.
Eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder vergangene Verbindung
zu den LTTE, ein Eintrag in der "Stop-List" und die Teilnahme an exilpoliti-
schen regimekritischen Handlungen wurden als stark risikobegründende
Faktoren eingestuft, da sie unter den im Entscheid dargelegten Umständen
bereits für sich alleine genommen zur Bejahung einer begründeten Furcht
führen könnten. Demgegenüber stellen das Fehlen ordentlicher Identitäts-
dokumente bei der Einreise in Sri Lanka, Narben und eine gewisse Aufent-
haltsdauer in einem westlichen Land schwach risikobegründende Faktoren
dar. Von den Rückkehrenden, die diese weitreichenden Risikofaktoren er-
füllten, habe jedoch nur jene kleine Gruppe tatsächlich mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinn von Art. 3 AsylG zu be-
fürchten, die nach Ansicht der sri-lankischen Behörden bestrebt sei, den
tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen, und so den sri-
lankischen Einheitsstaat gefährde. Mit Blick auf die dargelegten Risiko-
faktoren seien in erster Linie jene Rückkehrer gefährdet, deren Namen in
der am Flughafen in Colombo abrufbaren "Stop-List" vermerkt seien und
der Eintrag den Hinweis auf eine Verhaftung beziehungsweise einen Straf-
registereintrag im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten
Verbindung zu den LTTE enthalte. Entsprechendes gelte für sri-lankische
Staatsangehörige, die sich im Ausland regimekritisch betätigt hätten (vgl.
Urteil E-1866/2015 E. 8.5.5).
E-3295/2020
Seite 19
9.3 Die geltend gemachten Asylgründe der Beschwerdeführerin haben sich
als unglaubhaft erwiesen. Entgegen der Behauptung in der Beschwerde ist
aufgrund der vorangegangenen Erwägungen nicht davon auszugehen, sie
erfülle nahezu sämtliche Risikofaktoren. So machte sie ansonsten keine
individuellen Verbindungen zu den LTTE geltend. Die Asylvorfluchtgründe
des Ehemannes der Beschwerdeführerin wurden bereits mehrfach rechts-
kräftig als unglaubhaft erkannt und sein aktuellstes Mehrfach- respektive
Wiedererwägungsgesuch wird mit separatem Urteil des Bundesverwal-
tungsgerichts vom heutigen Tag letztinstanzlich abgelehnt. Die Beschwer-
deführerin war in ihrem Heimatstaat erklärtermassen nicht politisch aktiv.
Soweit sie in ihrer Beschwerde ausführt, sie sei exilpolitisch tätig indem sie
am J._ sowie am K._ in L._ teilgenommen habe, las-
sen die eingereichten Beweismittel (vgl. Beschwerdebeilagen 16 und 17)
nicht auf ein relevantes exilpolitisches Engagement schliessen, gestützt
auf welches die sri-lankischen Behörden – falls sie von diesen Aktivitäten
erfahren würden und die Beschwerdeführerin identifizieren könnten – von
ihr vermuten würden, sie wolle den tamilischen Separatismus wiederaufle-
ben lassen und gefährde den sri-lankischen Einheitsstaat. Weitere exilpo-
litischen Aktivitäten wurden von der Beschwerdeführerin nicht geltend ge-
macht. Unter diesen Umständen besteht kein Grund zur Annahme, sie
hätte im Falle ihrer Rückkehr in ihren Heimatstaat mit behördlichen Mass-
nahmen zu rechnen, die über eine einfache Kontrolle hinausgehen.
10.
Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass das SEM zu Recht die Flücht-
lingseigenschaft der Beschwerdeführerin verneint und ihr Asylgesuch ab-
gelehnt hat.
11.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen
(Art. 32 Abs. 1 AsylV 1 [SR 142.31]). Die Wegweisung wurde demnach zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
E-3295/2020
Seite 20
12.
12.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
12.2
12.2.1 Das SEM qualifizierte den Vollzug der Wegweisung in der angefoch-
tenen Verfügung als zulässig, zumutbar und möglich; er verstosse auch
nicht gegen den Grundsatz der Einheit der Familie, nachdem gleichzeitig
auch das Asylgesuch des Ehemannes abgelehnt und dessen Wegweisung
angeordnet werde. Die Beschwerdeführerin verfüge über eine gute Schul-
bildung und Berufserfahrung, ihre Verwandten würden weiterhin in ihrer
Herkunftsregion leben und der sich in Saudi Arabien aufhaltende Vater un-
terstütze die Familie finanziell. Die vorgebrachten gesundheitlichen Be-
schwerden seien in ihrer Heimatregion ausreichend behandelbar. Auch das
Kindswohl stehe dem Wegweisungsvollzug nicht entgegen.
12.2.2 In der Beschwerde wird moniert, entgegen der Ansicht des SEM er-
weise sich der Wegweisungsvollzug bereits deshalb als unzulässig, weil
sie einer bestimmten sozialen Gruppe zugehöre, womit ihr eine durch Art. 3
EMRK verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Mit der Präsidentschafts-
wahl vom November 2019 habe sich die Gefährdungslage für abgewie-
sene Asylgesuchsteller nochmals markant erhöht. Des Weiteren sei so-
wohl ihre gesundheitliche Situation sowie das Kindswohl zu berücksichti-
gen. Es würden keine Behandlungsmöglichkeiten für ihre psychischen
Probleme existieren und entsprechend zu einer Verschlechterung der
Symptomatik bis hin zum Tod führen. Dies würde sich entsprechend in gra-
vierendem Mass auf das Kindswohl auswirken.
12.3
12.3.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
E-3295/2020
Seite 21
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
12.3.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den
Beschwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden
in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG recht-
mässig.
12.3.3 Sodann ergeben sich nach den vorstehenden Ausführungen zum
Asylpunkt aus den Akten keine Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall
einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be-
handlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtsho-
fes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschus-
ses müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr ("real risk")
nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung
Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des
EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Dies ist ihr nach den vorstehenden Erwägungen nicht
gelungen.
12.3.4 Der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im Hinblick auf
eine EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem
europäischen Land nach Sri Lanka zurückkehren, wiederholt befasst (vgl.
EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19. September 2013, Beschwer-
de Nr. 10466/11; E.G. gegen Grossbritannien, Urteil vom 31. Mai 2011,
Beschwerde Nr. 41178/08; T.N. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Januar
E-3295/2020
Seite 22
2011, Beschwerde Nr. 20594/08; P.K. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Ja-
nuar 2011, Beschwerde Nr. 54705/08; N.A. gegen Grossbritannien, Urteil
vom 17. Juli 2008, Beschwerde Nr. 25904/07; Rechtsprechung bestätigt in
J.G. gegen Polen, Entscheidung vom 11. Juli 2017, Beschwerde
Nr. 44114/14). Dabei unterstreicht der Gerichtshof, dass nicht in genereller
Weise davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe eine un-
menschliche Behandlung. Vielmehr müssten im Rahmen der Beurteilung,
ob der oder die Betroffene ernsthafte Gründe für die Befürchtung habe, die
Behörden hätten an seiner Festnahme und Befragung ein Interesse, ver-
schiedene Aspekte – welche im Wesentlichen durch die im Referenzurteil
E-1866/2015 identifizierten Risikofaktoren abgedeckt sind (vgl. EGMR,
T.N. gegen Dänemark, a.a.O., § 94; EGMR, E.G. gegen Grossbritannien,
a.a.O., § 13 und 69) – in Betracht gezogen werden. Dabei sei dem Um-
stand gebührend Beachtung zu tragen, dass diese einzelnen Aspekte,
auch wenn sie für sich alleine betrachtet möglicherweise kein "real risk"
darstellen, diese Schwelle bei einer kumulativen Würdigung erreichen
könnten.
12.3.5 Die Beschwerdeführerin hat nicht glaubhaft machen können, dass
sie bei einer Rückkehr in den Heimatstaat die Aufmerksamkeit der sri-lan-
kischen Behörden in einem flüchtlingsrechtlich relevanten Ausmass auf
sich ziehen würde, womit auch keine Anhaltspunkte dafür bestehen, es
würde ihr dort menschenrechtswidrige Behandlung drohen.
12.3.6 Aus Sicht des Bundesverwaltungsgerichts besteht bei der heutigen
Aktenlage kein Grund zur Annahme, dass sich die jüngsten politischen Ent-
wicklungen in Sri Lanka konkret auf die Beschwerdeführenden auswirken
könnten. Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den
Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als generell unzulässig
erscheinen und die Beschwerdeführerin bringt ihrerseits keine individuellen
Merkmale glaubhaft vor, welche eine Unzulässigkeit des Vollzugs begrün-
den könnten.
12.3.7 Die den Ehemann der Beschwerdeführerin betreffende ablehnende
Asylverfügung des SEM wird mit heutigem Urteil vom Bundesverwaltungs-
gericht ebenfalls bestätigt. Die Befürchtung, der Vollzug der Wegweisung
der Beschwerdeführenden führe zu einer Trennung von ihrem Ehemann
respektive Vater, ist damit unbegründet.
12.3.8 Der Vollzug der Wegweisung erweist sowohl im Sinn der asyl- als
auch der völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig.
E-3295/2020
Seite 23
12.4
12.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
12.4.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Was die allgemeine
Situation in Sri Lanka betrifft, aktualisierte das Bundesverwaltungsgericht
in den Referenzurteilen E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 13.2–13.4 und
D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 die Lagebeurteilung bezüglich der Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die Nord- und Ostprovinzen Sri
Lankas. Dabei stellte es fest, dass der Wegweisungsvollzug sowohl in die
Nordprovinz als auch in die Ostprovinz unter Einschluss des Vanni-Gebiets
zumutbar ist, wenn das Vorliegen von individuellen Zumutbarkeitskriterien
(insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Bezie-
hungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
Wohnsituation) bejaht werden kann. Auch die politischen Entwicklungen
der letzten Zeit in Sri Lanka – namentlich die vom Beschwerdeführer in
seinen Eingaben wiederholt thematisierte Wahl von Gotabaya Rajapaksa
zum Präsidenten und deren Folgen – führen nicht dazu, dass der Weg-
weisungsvollzug generell als unzumutbar angesehen werden müsste.
Die Wahl von Ranil Wickremesinghe am 20. Juli 2022 zum Nachfolger des
abgetretenen Gotabaya Rajapaksa als neuen Staatspräsidenten ändert
vorerst nichts an der bisherigen Lageeinschätzung, ist dieser doch Teil der
bisherigen politischen Elite (vgl. Urteil des BVGer D-2995/2022 vom 21. Ju-
li 2022 E. 13).
12.4.3 Hinsichtlich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs kann
ebenfalls auf die zutreffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfü-
gung verwiesen werden (vgl. dort S. 8 f.) und darauf, dass blosse soziale
und wirtschaftliche Schwierigkeiten, von denen die ansässige Bevölkerung
im Allgemeinen betroffen ist, nicht ausreichen, um eine konkrete Gefähr-
dung im Sinn von Art. 83 Abs. 4 AIG darzustellen (vgl. BVGE 2008/34
E. 11.2.2). In der Beschwerde wurde in diesem Zusammenhang neben ei-
nem Arztbericht vom August 2019 nichts Neues vorgebracht. Darin wird
der Beschwerdeführerin eine PTBS diagnostiziert und vor dem Hintergrund
der damals bestehende Schwangerschaft sowie massiver Belastungs-
E-3295/2020
Seite 24
faktoren kontinuierliche psychiatrisch- und psychotherapeutische Beglei-
tung empfohlen. Seither reichte die Beschwerdeführerin keine weiteren
Arztberichte ein.
12.4.4 Praxisgemäss ist bei einer Rückweisung von Personen mit gesund-
heitlichen Problemen nur dann von einer medizinisch bedingten Unzumut-
barkeit auszugehen, wenn die ungenügende Möglichkeit einer Weiterbe-
handlung eine drastische und lebensbedrohliche Verschlechterung des
Gesundheitszustands nach sich zöge. Nachdem keine medizinischen Un-
terlagen vorliegen, welche auf eine aktuelle Behandlungsbedürftigkeit der
Beschwerdeführerin hinweisen, ist davon auszugehen, ihre gesundheitli-
che Situation habe sich seit August 2019 jedenfalls nicht verschlechtert und
sie habe sich in dieser Zeit therapeutisch betreuen lassen. Damit ist die
erwähnte Schwelle vorliegend nicht erreicht und es ist nicht davon auszu-
gehen, sie werde in eine medizinische Notlage geraten (vgl. etwa Urteil des
Bundesverwaltungsgerichts E-2268/2020 vom 9. August 2022 E. 7.3.2
oder E-2912/2020 vom 10. August 2022 E. 10.3.4).
12.4.5 An dieser Feststellung vermag auch die Tatsache nichts zu ändern,
dass angesichts der aktuellen Lage in Sri Lanka gewisse Versorgungseng-
pässe – darunter auch im Hinblick auf (psychiatrische) Medikamente –
nicht auszuschliessen sind (vgl. SCHWEIZERISCHE FLÜCHTLINGSHILFE,
Sri Lanka: Wirtschaftskrise und Gesundheitsversorgung, 13. Juli 2022,
Ziff. 3.5., S. 14 f.): Das Bundesverwaltungsgericht geht in seiner Praxis
trotz der angespannten Lage in Sri Lanka davon aus, dass psychische
Beschwerden dort grundsätzlich weiterhin behandelbar sind (vgl. etwa die
Urteile des BVGer D-3731/22 vom 6. September 2022 S. 6 f., D-5402/2018
vom 24. August 2022 E. 8.3.3 und D-4145/2021 vom 18. Juli 2022
E. 9.4.5).
12.4.6 Der Vollständigkeit halber ist auf die Möglichkeit der medizinischen
Rückkehrhilfe hinzuweisen (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG, Art. 75 der
Asylverordnung 2 vom 11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]).
12.4.7 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung so-
wohl in genereller als auch individueller Hinsicht als zumutbar.
E-3295/2020
Seite 25
12.5 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zu-
ständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendi-
gen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu
auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als
möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
12.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
13.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
14.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf aufgrund der un-
nötig umfangreichen Eingabe auf Beschwerdeebene mit zahlreichen
Beilagen ohne individuellen Bezug zur Beschwerdeführerin auf insgesamt
Fr. 1500.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
E-3295/2020
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