Decision ID: 2089350a-eee7-4168-9444-e3310f64f6c1
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Sabrina Schneider, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich wegen Schilddrüsenkrebses, Rücken- und
Schulterbeschwerden sowie psychischer Probleme am 14. Dezember 2004 zum Bezug
von Leistungen der Invalidenversicherung (IV) an und beantragte die Ausrichtung einer
Rente (IV-act. 2). Eine Begutachtung beim Ärztlichen Begutachtungsinstitut in Basel
(ABI; Gutachten vom 24. März 2006, IV-act. 20) ergab, dass als Hauptdiagnosen
vorlagen (erstens) ein chronisches zervikozephales sowie zervikobrachiales
Schmerzsyndrom bei radiomorphologisch kleiner medianer Diskushernie C5/6 ohne
Nervenwurzelkompression und medianer breitbasiger Diskusprotrusion C6/7 mit
Spondylosis zwischen C3 und C7 sowie reaktiver Myogelose subokzipital und in der
Trapeziusmuskulatur bei allgemeiner ausgeprägter muskulärer Dekonditionierung und
(zweitens) ein chronisches unspezifisches lumbovertebrales Schmerzsyndrom bei
Wirbelsäulenfehlhaltung und -fehlform und deutlicher muskulärer Dysbalance mit
Abschwächung der abdominellen und rückenstabilisierenden Muskelgruppen. Als
Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit wurden unter anderem benannt: eine
anhaltende somatoforme Schmerzstörung und ein Status nach Operation eines
polypösen Schilddrüsen-Karzinoms rechts 9/97. Körperlich schwer belastende
berufliche Tätigkeiten seien der Versicherten nicht zumutbar, körperlich mittelschwer
belastende - wie die zuletzt ausgeübte als Reinigungsfrau - seien zu 50 % und körper
lich leichte, wechselbelastende mit bezeichneten Einschränkungen seien zu 100 %
zumutbar. Gestützt auf dieses Gutachten und eine am 14. Juni 2006 vorgenommene
Haushaltabklärung (IV-act. 25) verneinte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des
Kantons St. Gallen mit Verfügung vom 1. Dezember 2006 bei einem Invaliditätsgrad der
Versicherten von 15 % einen Anspruch auf eine Invalidenrente (IV-act. 40). - Im Lauf
des hiergegen angestrengten Beschwerdeverfahrens wurden verschiedene
Arztberichte eingereicht. So hatte das Psychiatrische Zentrum St. Gallen (Dr. med.
B._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie) am 14. Dezember 2006
berichtet, seit September 2006 habe eine deutliche Verschlechterung des
Gesundheitszustands stattgefunden (IV-act. 53-36 ff.). Dr. med. C._, Facharzt FMH
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
für Innere Medizin, hatte in seinem Arztbericht vom 6. Februar 2007 berichtet, die
Versicherte werde zunehmend depressiv und sei deswegen regelmässig in Behandlung
im sozialpsychiatrischen Dienst, von wo sie auch Antidepressiva und Neuroleptika
erhalte. Nachdem die IV einen Invaliditätsgrad von 15 % festgestellt habe - womit er
nicht einverstanden sei -, habe sich die Situation erwartungsgemäss verschärft und die
Versicherte benötige nun dringend eine stationäre Behandlung (IV-act. 61-5). Am 5.
April 2007 hatte Dr. C._ der Versicherten ab dem 26. September 2006 bis auf
weiteres eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % attestiert (IV-act. 61-4). Die Psychiatrische
Klinik Wil hatte in einem Austrittsbericht vom 3. April 2008 angegeben, die Versicherte
sei vom 20. März 2008 bis zum 3. April 2008 hospitalisiert gewesen. Es lägen eine
mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom und ein St. post
Schilddrüsenkarzinom (Operation 1997/1998) vor. Die Versicherte sei bei Austritt im
formalen Denken verlangsamt und antriebsarm gewesen und es bestehe weiterhin ein
sozialer Rückzug. Die Arbeitsunfähigkeit betrage 100 % und sei ambulant zu
reevaluieren (IV-act. 63-2 ff.). In einem Kurzaustrittsbericht des Departements Innere
Medizin, Onkologie/Hämatologie, am Kantonsspital St. Gallen vom 8. Mai 2008 (IV-
act. 63-12) schliesslich war dargelegt worden, dass die Versicherte vom 29. April bis
8. Mai 2008 hospitalisiert gewesen sei. Es lägen (im Wesentlichen) rezidivierende
unklare Episoden mit präsynkopalen Ereignissen, eine Polyneuropathie, eine unklare,
wahrscheinlich seit längerem bestehende Pupillenstarre links, eine leichte
Refluxoesophagitis mit Vitamin B12-Mangel, H. pylori positiv, eine
Hypercholesterinämie, eine mittelgradige depressive Episode, eine langdauernde
Schmerzstörung mit Polyarthralgien und Polymyalgien und ein St. n. follikulärem
Schilddrüsenkarzinom rechts vor. - Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
hob die Verfügung vom 1. Dezember 2006 mit Urteil vom 13. August 2008 in teilweiser
Gutheissung der Beschwerde auf, stellte fest, dass die Versicherte als
Vollerwerbstätige zu qualifizieren sei, und wies die Sache zur Vornahme weiterer
medizinischer Abklärungen (betreffend die Zeit nach der ABI-Begutachtung) und zur
neuen Verfügung an die IV-Stelle zurück (IV-act. 64).
A.b Am 29. Dezember 2008 gab die Beschwerdegegnerin eine medizinische
Begutachtung in Auftrag.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.c In seinem Verlaufsbericht vom 28. Januar 2009 diagnostizierte das Psychiatrische
Zentrum St. Gallen eine seit 2006 bestehende rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig mittelgradige bis schwere Episode ohne psychotische Symptome, eine
seit 2006 bestehende anhaltende somatoforme Schmerzstörung sowie seit 2008 be
stehende rezidivierende unklare Episoden mit präsynkopalen und synkopalen
Ereignissen. Die ambulante Behandlung werde fortgesetzt. Es sei eine Chronifizierung
eingetreten. Im EEG vom Mai 2008 seien epilepsieverdächtige Potentiale gefunden
worden, weshalb eine Weiterbetreuung durch die Klinik für Neurologie am
Kantonsspital St. Gallen erfolge. Aus psychiatrischer Sicht bestehe eine
Arbeitsunfähigkeit von 100 % seit mindestens Ende 2006. Zuvor sei die
Krankschreibung durch den Hausarzt erfolgt. Eine adaptierte Tätigkeit sei der
Versicherten aufgrund des gegenwärtig schweren Krankheitsbildes (ausgeprägte
depressive Symptomatik) ebenso wenig zumutbar wie die bisherige Tätigkeit (IV-act.
71-1 ff.). - Beigelegt war ein Bericht des Departements Innere Medizin, Psychosomatik,
am Kantonsspital St. Gallen (Dr. med. D._, Facharzt FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie) vom 9. Mai 2008, wonach eine depressive Episode, mittelgradig bis
schwer, vorliege. Es bestehe auch ein somatisches Syndrom (IV-act. 71-9 ff.). Das
Departement Innere Medizin, Onkologie/Hämatologie, am Kantonsspital St. Gallen
ferner hatte am 15. Mai 2008 rezidivierende unklare Episoden auch mit synkopalen
Ereignissen und im Übrigen die bereits im Kurzaustrittsbericht erwähnten Diagnosen
angegeben. Die Ereignisse seien am ehesten im Rahmen einer fokalen Epilepsie zu
sehen. Differentialdiagnostisch kämen ein medikamentöses Problem, eine leichte
orthostatische Dysregulation und eine psychogene Komponente in Frage (IV-
act. 71-14 ff.).
A.d In seinem Verlaufsbericht vom Frühjahr 2009 (undatiert) diagnostizierte Dr. C._
ein chronisches zervicocephales und zervicobrachiales Syndrom beidseits bei
ausgeprägten degenerativen Veränderungen der HWS, mehreren Diskusprotrusionen
und einer Diskushernie C5/C6, eine Lumboischialgie links bei degenerativen
Veränderungen L4/L5 und L5/S1, einen Verdacht auf eine somatoforme
Schmerzstörung (seit 2004), mittelschwere chronische depressive Verstimmungen,
Epilepsie und ein chronisches Schulterimpingement rechts bei Partialruptur der
Supraspinatussehne mit begleitender Bursitis subdeltoidea seit 2008. Für die zuletzt
ausgeübte Tätigkeit als Reinigungsangestellte sei die Versicherte seit dem 13.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dezember 2004 aus somatischer Sicht zu 50 % arbeitsunfähig mit Einschränkungen
bei voller Stundenpräsenz. Die Gutachter würden die Auswirkungen auf die Arbeit
kompetent beantworten (IV-act. 73-1 f.).
A.e Das ABI erstattete am 22. Juni 2009 das Verlaufsgutachten. Von Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit seien (erstens) ein subakromiales Impingement Schulter rechts mit
bursaseitiger Partialruptur der Supraspinatussehne und (zweitens) ein chronisches
zervikobrachiales Schmerzsyndrom ohne radikuläre Symptomatik bei kleiner medianer
Diskushernie C5/6 und C6/7 sowie leichtgradiger ventral betonter Spondylose der
Wirbelkörper C3 - C7, klinisch und bildgebend ohne Kompromittierung neuraler
Strukturen. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit seien histrionische Wesenszüge mit
Dramatisierung, Katastrophisierung und Beschwerdeausweitung ohne das Vorliegen
einer krankheitswertigen Persönlichkeitsstörung, eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung bei anamnestisch multilokulärem Schmerzsyndrom, weitgehend ohne
klinisches Korrelat, ein Status nach Operation eines follikulären Schilddrüsen-
Karzinoms rechts mit Substitutionstherapie mit Euthyrox, derzeit nicht optimal
eingestellt, und eine Adipositas. In der angestammten Tätigkeit im Reinigungsdienst
bestehe eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, indem Arbeiten mit den Armen
oberhalb der Horizontalen nicht mehr durchgeführt werden könnten. Eine exakte
Quantifizierung sei nur bei detaillierter Kenntnis des konkreten Arbeitsplatzes definitiv
möglich. Für körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten in wechselnder Position,
bei welchen eine Hebe- und Traglimite von 10 kg nur ausnahmsweise überschritten
werde und keine Zwangshaltungen des Nackens oder regelmässigen Bewegungen der
Arme oberhalb der Horizontalen vorkämen, bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 100 %.
Zu denken sei vor allem an Kontroll- und Überwachungstätigkeiten, aber auch
manuelle Arbeiten auf Tischhöhe kämen in Frage, falls die formulierten
Einschränkungen berücksichtigt würden. Im Haushalt betrage die Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit höchstens 20 %. Im Vergleich zur ersten Begutachtung habe sich die
Situation auf somatischer Ebene dahingehend etwas verändert, dass neu eine
objektivierbare Pathologie an der rechten Schulter aufgetreten sei. An der Wirbelsäule
hätten sich weitgehend unveränderte Verhältnisse gefunden. Auf psychiatrischer Ebene
seien histrionische Wesenszüge stärker in den Vordergrund getreten, bei weiterhin
bestehender anhaltender somatoformer Schmerzstörung. Es liege aber nach wie vor
keine psychische Erkrankung mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit vor. - Zu den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychiatrischen Befunden wurde unter anderem ausgeführt, die Versicherte
demonstriere eine sehr langsame, gequälte Sprechweise. Im interpersonalen Kontakt
habe sie gleichgültig, affektiv kühl und kontrolliert gewirkt. Spontaneität habe nicht
bestanden. Die Rapportfähigkeit sei durch die an Nicht-Kooperation grenzende
Haltung erschwert gewesen. Die Versicherte habe die gesamte Untersuchung aber
trotz der gezeigten hochgradigen Schmerzaffizierung aufmerksam verfolgt. Sie habe
konzentriert gewirkt. Depressive Affektauslenkungen hätten nicht bestanden. Eine
echte innere Beteiligung sei nicht spürbar gewesen. Wie bereits im Vorgutachten sei
auch jetzt ein deutlicher sekundärer Krankheitsgewinn, kombiniert mit vollständiger
Invalidisierungsüberzeugung, aufgefallen. Abgesehen von der somatoformen
Schmerzstörung, die sich inzwischen durch den sekundären Krankheitsgewinn mit
vollständiger Fürsorge durch die Familie eher ausgeweitet habe, könne keine
psychiatrische Morbidität diagnostiziert werden. Der orthopädische Gutachter erklärte,
die Versicherte berichte im Vergleich zur Vorbegutachtung mit Ausnahme einer leichten
Akzentuierung im Bereich der rechten Schulter nicht über eine wesentliche
Veränderung ihres Beschwerdebildes. Die von der Versicherten angegebenen
Beschwerden an der rechten Schulter würden sich durch objektivierbare Befunde
begründen lassen. Auch an der Halswirbelsäule würden sich bildgebend gewisse
degenerative Veränderungen feststellen lassen, die eine dort etwas verminderte
Belastbarkeit erklären würden. Für die übrigen anamnestisch angegebenen
Beschwerden hingegen hätten sich keine klinischen Korrelate finden lassen und die
gesamte Untersuchung sei auch dementsprechend weitgehend unauffällig gewesen
und ohne wesentliche Schmerzäusserungen verlaufen. Im Vergleich zur letzten
Begutachtung durch das ABI sei die Versicherte deutlich besser untersuchbar
gewesen. Dies deute stark auf das Vorliegen von wesentlichen nichtorganischen
Schmerzbestandteilen hin, da organische Alterationen zwar auch nicht immer gleich
schmerzhaft seien, so grosse Unterschiede jedoch kaum auftreten würden. Betreffend
die Arbeitsfähigkeit ergebe sich demnach grundsätzlich eine vergleichbare Beurteilung
wie beim letzten Mal. Ob die erhebliche Diskrepanz zwischen den anamnestischen
Beschwerdeschilderungen und den objektivierbaren Befunden psychische Ursachen
habe, sei durch das psychiatrische Teilgutachten zu klären (IV-act. 75). - Beigelegt
wurden ein Bericht der Klinik für Neurologie am Kantonsspital St. Gallen vom 25. Juni
2008, wonach ein V. a. psychogene Anfälle bestehe. Es würden Anhaltspunkte gegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine Qualifikation als epileptische Anfälle sprechen. Das EEG zeige unverändert eine
Funktionsstörung. Klinisch habe die Versicherte depressiv, antriebsarm, müde,
abgeschlagen und erschöpft gewirkt. Das MRI vom 6. Mai 2008 habe lediglich eine
kleine venöse Anomalie im frontalen Marklager links ohne Krankheitswert gezeigt (IV-
act. 75-34 ff.). Im Bericht vom 14. Januar 2009 waren die Anfälle nach der
Verlaufskontrolle als psychogen bezeichnet worden. Die Versicherte habe depressiv
gewirkt und von gelegentlichen Suizidgedanken berichtet. Es sei eine stationäre
psychiatrische Behandlung, z.B. in der psychosomatischen Klinik Gais, zu empfehlen
(IV-act. 75-32 f.). Die Klinik für Orthopädische Chirurgie am Kantonsspital St. Gallen
hatte gemäss einem Bericht vom 9. April 2009 eine subacromiale Impingement-
Symptomatik der rechten Schulter mit Verdacht auf eine Partialläsion der
Supraspinatussehne festgestellt (IV-act. 75-30 f.).
A.f Der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) der Invalidenversicherung hielt am 6. Juli
2009 fest, auf das Gutachten des ABI könne vollumfänglich abgestellt werden.
Versicherungsmedizinisch gelte, dass sich der Gesundheitszustand seit der
Begutachtung am 4. Januar 2006 im Wesentlichen nicht, sicherlich nicht in IV- und
anhaltend arbeitsfähigkeitsrelevanten Aspekten, verändert habe, und dass eine
Arbeitsfähigkeit von 100 % für adaptierte Tätigkeiten bestehe (IV-act. 76).
A.g Mit Vorbescheid vom 13. August 2009 teilte die Sozialversicherungsanstalt/IV-
Stelle mit, dass kein Anspruch auf eine Invalidenrente bestehe. Validen- und
Invalideneinkommen machten beide Fr. 44'474.-- aus (IV-act. 78 f.).
A.h Die Versicherte liess gegen diesen Vorbescheid durch ihre Rechtsvertreterin am
11. September 2009 Einwand erheben und rückwirkend ab dem 1. September 2006
eine ganze Invalidenrente beantragen. Zu Unrecht seien die diversen Verlaufsberichte
der behandelnden Ärzte nicht in die Würdigung einbezogen worden. Mit der
Partialruptur der Supraspinatussehne habe sich eine Verschlechterung ergeben,
weshalb die neue Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht nachvollziehbar sei. Das
lumbovertebrale Schmerzsyndrom sei nicht mehr erwähnt worden, obwohl sich die
entsprechenden Leiden intensiviert hätten. Es sei auf die Einschätzung von Dr. C._
abzustellen, der von einer Arbeitsunfähigkeit von 50 % aus somatischer Sicht ausgehe.
Die Einschätzungen der psychiatrischen Gutachterin und die psychiatrischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einschätzungen sämtlicher übriger Ärzte divergierten diametral. Dr. C._, das
Psychiatrische Zentrum St. Gallen, die Psychiatrische Klinik Wil und die Abteilung
Psychosomatik am Kantonsspital St. Gallen würden von einer mittelgradigen bis
schweren depressiven Störung und einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung
ausgehen, die psychiatrische Gutachterin dagegen lediglich von histrionischen
Wesenszügen und einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung. Die fehlende
Diagnosestellung in Bezug auf die Depression werde nicht begründet. Es erscheine
unwahrscheinlich, dass sich alle genannten Ärzte hätten täuschen lassen, zumal nicht
allen eine Vertrauensstellung zukomme. Die psychiatrische Gutachterin habe nicht
geprüft, ob die anhaltende somatoforme Schmerzstörung überwindbar sei; sie sei es
nicht. Die Gutachterin hätte ferner spezifische Tests durchführen müssen. Sie sei
ausserdem für eine psychiatrische Begutachtung nicht qualifiziert. Schliesslich bestehe
der Anschein der Befangenheit des ABI. Vom Zeitpunkt der Verschlimmerung der
Leiden an sei, da kein Invalideneinkommen erzielt werden könne, eine ganze Rente zu
gewähren (IV-act. 80).
A.i Mit Verfügung vom 25. September 2009 lehnte die Sozialversicherungsanstalt/IV-
Stelle einen Anspruch der Versicherten auf eine Invalidenrente ab (IV-act. 83).
B.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwältin lic. iur. Sabrina Schneider
für die Betroffene am 29. Oktober 2009 erhobene Beschwerde. Die Rechtsvertreterin
der Beschwerdeführerin beantragt, der Beschwerdeführerin sei rückwirkend ab dem
1. September 2006 eine ganze Invalidenrente auszurichten. Wie im Einwand bereits
dargelegt, wird wiederum vorgebracht, das zweite ABI-Gutachten sei nicht beweis
kräftig. Es sei fraglich, ob die von Dr. C._ festgestellte Restarbeitsfähigkeit aus
somatischer Sicht, auf welche abzustellen sei, auf dem freien Markt noch verwertbar
sei. Die psychiatrische Gutachterin lasse ausser Acht, dass gedrückte Stimmung,
Interessenverlust, Freudlosigkeit, verminderter Antrieb und schlechter Schlaf zu den
typischen Symptomen einer depressiven Episode gehörten. Die Stimmungsänderung
könne durch zusätzliche Symptome wie Reizbarkeit, histrionisches Verhalten und
andere verdeckt sein. Den Berichten des behandelnden Psychiaters komme bezüglich
dieser Befunde grösseres Gewicht zu. Die Überzeugungskraft der abweichenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arztberichte gesamthaft widerlege das psychiatrische Gutachten. Sämtliche
behandelnden Ärzte und Psychiater attestierten der Beschwerdeführerin vorwiegend
aufgrund ihrer gravierenden Depressionen und den weiteren Diagnosen aus
nachvollziehbaren Gründen eine Arbeitsunfähigkeit von 100 %. Die gegenteiligen
Spekulationen des ABI seien nicht massgebend. Eine erhebliche Verschlimmerung seit
der ersten Begutachtung sei sowohl in somatischer wie psychiatrischer Sicht
ausgewiesen.
C.
Mit Beschwerdeantwort vom 14. Januar 2010 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Sie habe zu Recht auf das Gutachten abgestellt und nicht
auf die Angaben der behandelnden Ärzte, welche den subjektiven Angaben der
Beschwerdeführerin gefolgt seien. Das Gutachten sei von einem qualifizierten
Begutachtungsinstitut erstellt worden. Der Beweiswert hänge von der Fachausbildung
ab, doch sei ein FMH-Facharzttitel nicht vorausgesetzt. Auch unter Berücksichtigung
des lumbovertebralen Schmerzsyndroms bei der ersten Begutachtung habe eine volle
Leistungsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit resultiert. Bei der psychiatrischen Exploration
sei eine Übersetzerin anwesend gewesen. Die psychiatrische Gutachterin habe
festgestellt, dass bei der Beschwerdeführerin zu keiner Zeit ein Leidensdruck zu
erkennen gewesen sei (IV-act. G 4).
D.
Mit Replik vom 3. Februar 2010 lässt die Beschwerdeführerin darlegen, die
psychiatrische Gutachterin habe sich mit dem Satz begnügt, die abweichenden
ärztlichen Berichte könnten nicht nachvollzogen werden, sie habe sich aber nicht damit
auseinandergesetzt. Als einzige der involvierten Psychiater und Ärzte komme sie zum
Schluss, es liege keine krankheitswertige Persönlichkeitsstörung vor. Die
behandelnden Ärzte seien unabhängig voneinander zur Erkenntnis gelangt, die
Beschwerdegegnerin leide an einer mittelgradigen bis schweren depressiven Störung
und an einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung. Es sei davon auszugehen,
dass die psychiatrische Gutachterin nicht über fundierte Kenntnisse des
schweizerischen Sozialversicherungsrechts verfüge, was den Beweiswert weiter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
schmälere. Die Einschätzung zum Leidensdruck stelle eine rein subjektive
Wahrnehmung der Gutachterin dar, welche von den übrigen Ärzten nicht geteilt werde.
Das chronische lumbovertebrale Schmerzsyndrom nicht mehr zu erwähnen, sei ein
Mangel, und zwar unabhängig von der Frage, ob es sich auf die Arbeitsfähigkeit
auswirke oder nicht. Es sei zu vermuten, dass dieses Leiden zusammen mit den
objektivierbaren Verschlechterungen des Gesundheitszustands zu einer Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit aus somatischer Sicht führe (act. G 7).
E.
Die Beschwerdegegnerin hat am 19./22. Februar 2010 auf die Einreichung einer Duplik
verzichtet (act. G 9).

Erwägungen:
1.
1.1 Am 1. Januar 2008 ist die 5. IV-Revision in Kraft getreten. Die
Beschwerdegegnerin hat die angefochtene Verfügung am 25. September 2009, also
unter der Geltung des Rechts dieser Revision, erlassen. Zu beurteilen ist der
Sachverhalt, wie er sich bis zum Zeitpunkt des Erlasses dieser Verfügung entwickelt
hat. Dieser Sachverhalt reicht in eine Zeit vor Inkrafttreten der 5. IV-Revision zurück.
Das Bundesamt für Sozialversicherungen unterstellt in Bezug auf das Fehlen einer
übergangsrechtlichen Bestimmung (zum Rentenbeginn) zu Recht eine
ausfüllungsbedürftige Lücke (vgl. das Rundschreiben Nr. 253 vom 12. Dezember 2007).
Die Definition der Sachverhalte, auf die noch altes Recht anwendbar sein soll, sollte
aufgrund des Zeitpunkts der Entstehung des Auszahlungsanspruchs oder des Eintritts
des Versicherungsfalls, beide definiert nach dem alten, ausser Kraft getretenen Recht,
erfolgen (zum Ganzen im Detail der Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen i/S M. vom 28. Oktober 2009, IV 2009/5). Bezüglich des allfälligen
Rentenbeginns sind deshalb vorliegend angesichts der IV-Anmeldung vom Dezember
2004 und des Eintritts der Arbeitsunfähigkeit im November 2004 (vgl. IV-act. 13) die bis
zum 31. Dezember 2007 gültig gewesenen Bestimmungen (im Folgenden angeführt)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anzuwenden. Für die Invaliditätsbemessung hat sich indessen materiell keine Änderung
der Rechtslage ergeben.
1.2 Mit der angefochtenen Verfügung vom 25. September 2009 lehnte die
Beschwerdegegnerin einen Anspruch auf eine Rente ab. Die Beschwerdeführerin
beantragt in diesem Verfahren wie bereits im Verwaltungsverfahren einzig
Rentenleistungen. Strittig ist daher zunächst der Rentenanspruch. Ergäbe sich
allerdings, dass ohne Eingliederungsmassnahmen ein solcher Anspruch in Frage steht,
so gehörte zum Streitgegenstand notwendigerweise auch die Frage, ob die Verwaltung
den Grundsatz "Eingliederung vor Rente" beachtet und eine allfällige Pflicht der
Beschwerdeführerin zu Massnahmen korrekt in Anspruch genommen habe.
2.
2.1 Nach Art. 28 Abs. 1 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente,
wenn die versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente,
wenn sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
50 % besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40 % Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.2 Im Falle einer rückwirkenden Rentenfestsetzung ist es unter Umständen
notwendig, die Rente für verschiedene zurückliegende Zeitabschnitte nach Massgabe
des jeweiligen Invaliditätsgrads unterschiedlich hoch zu bemessen (vgl. BGE 106 V 16;
BGE 109 V 125; vgl. Art. 88a IVV).
2.3 Für die Invaliditätsbemessung sind zunächst die medizinischen Vorbedingungen
von Bedeutung. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu
beschreiben und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher
Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Die ärztlichen Auskünfte sind in
der Folge eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V
261 E. 4; ZAK 1982 S. 34). Ob die versicherte Person eine ihr zumutbare Tätigkeit auch
tatsächlich ausübt, ist für die Invaliditätsbemessung hingegen unerheblich (Rz 3046
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des vom Bundesamt für Sozialversicherungen erlassenen Kreisschreibens über die
Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung = KSIH).
3.
Wie mit rechtskräftigem Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom
13. August 2008 festgestellt wurde, kann für die Zeit bis September 2006 davon
ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin gemäss dem ersten ABI-
Gutachten vom 24. März 2006 in einer der Behinderung angepassten Erwerbstätigkeit
zu 100 % arbeitsfähig war und der Invaliditätsgrad jedenfalls weit unter 40 % lag.
4.
4.1 Der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin wurde, nachdem sie eine Ver
schlechterung ihres Gesundheitszustands ab September 2006 geltend gemacht hatte,
vom ABI im Jahr 2009 erneut begutachtet. Die Beschwerdegegnerin stützte sich in der
angefochtenen Verfügung auf das Ergebnis dieses Verlaufsgutachtens vom 22. Juni
2009 und ging entsprechend weiterhin von einer Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin von 100 % in einer adaptierten Tätigkeit aus. - Daneben liegen
auch abweichende Arbeitsfähigkeitsschätzungen vor: Am 14. Dezember 2006 hatte das
Psychiatrische Zentrum St. Gallen von einer deutlichen Verschlechterung berichtet, am
28. Januar 2009 von einer Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin von 100 % seit
mindestens Ende 2006. Dr. C._ hatte der Beschwerdeführerin am 5. April 2007 eine
volle Arbeitsunfähigkeit bescheinigt, im Frühjahr 2009 eine solche von 50 % mit
Einschränkungen, wohl beides für die bisherige Tätigkeit. Die Psychiatrische Klinik Wil
hatte am 3. April 2008 um ambulante Reevaluation der Arbeitsfähigkeit (nach Austritt)
ersucht.
4.2 Bestehen - wie hier - unterschiedliche ärztliche Beurteilungen, so hat der Sozial
versicherungsrichter aufgrund des im Sozialversicherungsrecht geltenden Grundsatzes
der freien Beweiswürdigung (BGE 125 V 352 E. 3a) alle Beweismittel, unabhängig
davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches
gestatten. Die Rechtsprechung hat es mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aber als vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Gutachten
und Berichte Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (BGE 125 V 352 E. 3b).
Das im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholte Gutachten von externen
Spezialärzten, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen
sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde
zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, besitzt gemäss dem Bundesgericht bei der
Beweiswürdigung volle Beweiskraft, solange nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (Bundesgerichtsentscheid i/S D. vom 28. Juni
2011, 9C_243/10 E. 1.3.4; BGE 125 V 351 E. 3b/bb).
5.
5.1 Die Beschwerdeführerin erachtet das Verlaufsgutachten als mangelhaft und daher
nicht beweistauglich. Sie beanstandet unter anderem, die Gutachterstelle sei
wirtschaftlich von weiteren Gutachteraufträgen abhängig, welche ihrerseits an Stellen
vergeben würden, die tendenziell tiefere Arbeitsunfähigkeiten attestierten. Deshalb
bestehe zumindest der Anschein der Befangenheit des ABI und der Gutachter. Nach
der Rechtsprechung führen der regelmässige Beizug eines Gutachters oder einer
Begutachtungsinstitution durch den Versicherungsträger, die Anzahl der beim selben
Arzt in Auftrag gegebenen Gutachten und Berichte sowie das daraus resultierende
Honorarvolumen für sich allein genommen aber nicht zur Ausstandspflicht (BGE
137 V 210 E. 1.3.3, mit Hinweisen). Dieses Vorbringen rechtfertigt nicht, die Beweiskraft
des Gutachtens von vornherein in Frage zu stellen.
5.2 Die Beschwerdeführerin bemängelt zudem, die psychiatrische Gutachterin sei
nicht im Ärzteverzeichnis der FMH verzeichnet; sie sei nicht Fachärztin für Psychiatrie
FMH. Deshalb sei sie, auch wenn ein Arzt mit einem Facharzttitel mit entsprechender
Äquivalenz rechtsgenüglich praktizieren könne, nicht zu einer psychiatrischen
Begutachtung qualifiziert. Bei einer im Ausland erworbenen Fachausbildung seien die
Qualitätsprüfung und Pflicht zur regelmässigen Weiterbildung gemäss den FMH-
Standards nicht gewährleistet. Zudem sei davon auszugehen, dass die psychiatrische
Gutachterin über keine fundierten Kenntnisse des schweizerischen
Sozialversicherungsrechts verfüge, was den Beweiswert des psychiatrischen ABI-
Gutachtens weiter schmälere. - Der Beweiswert einer spezialärztlichen Expertise hängt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
davon ab, ob die begutachtende Person über die entsprechende Fachausbildung
verfügt. Ihre fachliche Qualifikation spielt für die richterliche Würdigung einer Expertise
eine erhebliche Rolle. Bezüglich der medizinischen Stichhaltigkeit eines Gutachtens
müssen sich Verwaltung und Gerichte auf die Fachkenntnisse der Expertin oder des
Experten verlassen können. Deshalb ist für die Eignung einer Ärztin oder eines Arztes
als Gutachtensperson in einer bestimmten medizinischen Disziplin ein entsprechender,
dem Nachweis der erforderlichen Fachkenntnisse dienender spezialärztlicher Titel der
berichtenden oder zumindest der den Bericht visierenden Arztperson vorausgesetzt.
Hingegen ist der FMH-Facharzttitel nicht Bedingung (Bundesgerichtsentscheid i/S M.
vom 6. September 2010, 8C_65/10). Die Fachausbildung kann auch im Ausland
erworben werden (vgl. Bundesgerichtentscheid i/S L. vom 9. Oktober 2009, 9C_82/09).
Die psychiatrische Gutachterin verfügt über einen ausländischen Facharzttitel in
Psychiatrie und Psychotherapie und ist von der Interessengemeinschaft
Versicherungsmedizin Schweiz (Swiss Insurance Medicine) zertifizierte Gutachterin (vgl.
http://www.swiss-insurance-medicine.ch/users/1/
content/20110916_gutachterliste_d.pdf). Bezüglich der für eine Gutachtertätigkeit
erforderlichen medizinischen (nicht einer sozialversicherungsrechtlichen) fachlichen
Ausbildung ist daher kein Mangel zu erkennen. Aus dem Umstand der Zertifikation als
Gutachterin kann allerdings wohl nicht abgeleitet werden, ihre fachliche Kompetenz
und klinische Erfahrung sei so viel grösser als diejenige der anderen berichtenden
psychiatrischen Fachärzte, dass diesem Umstand ausschlaggebende Bedeutung
zukäme. Welche Beweiskraft ihrer Beurteilung zukommt, ist im Sinn der freien
Beweiswürdigung im inhaltlichen Vergleich mit den übrigen fachärztlichen
Stellungnahmen zu entscheiden. Kontrastiert die Einschätzung eines (nicht
hervorgehoben qualifizierten) Gutachters von anderen (also grundsätzlich
gleichwertigen) fachmedizinischen Aussagen, ohne dass die Divergenzen aufgelöst
werden könnten, so sind Abklärungen erforderlich (vgl. Urteil des Bundesgerichts i/S P.
vom 29. September 2009, 9C_661/09; vgl. auch den Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen i/S V. vom 16. Mai 2007, IV 2006/91).
5.3 Des Weiteren hält die Beschwerdeführerin für nicht nachvollziehbar, dass im
Verlaufsgutachten – trotz des zusätzlichen objektivierbaren Befundes einer Partialruptur
der Supraspinatussehne – eine im Vergleich zum ersten Gutachten vom März 2006
unveränderte Arbeitsfähigkeit von 80 % im Haushalt und von 100 % in einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
adaptierten Tätigkeit attestiert wurde. Aus somatischer Sicht habe sich eine
Verschlechterung des Zustands eingestellt. Subjektiv hatte die Beschwerdeführerin bei
der Begutachtung von einer leichten Akzentuierung der Beschwerden im Bereich der
rechten Schulter berichtet. Das Hinzukommen eines zusätzlichen Befundes bedeutet
indessen nicht zwingend, dass sich die zumutbare Arbeitsfähigkeit in
leidensangepasster Tätigkeit verringert. Der rheumatologische Gutachter ist unter
Berücksichtigung der hinzugetretenen Partialruptur der Supraspinatussehne (ohne
Hinweise auf eine transmurale Schädigung) zu der abgegebenen
Arbeitsfähigkeitsschätzung gelangt. Aufgrund dieses Leidens wurde die angepasste
Tätigkeit so umschrieben, dass keine regelmässigen Bewegungen der Arme oberhalb
der Horizontalen vorkommen sollten. Ein Grund, die Zuverlässigkeit der ärztlichen
Beurteilung zu bezweifeln, ergibt sich unter diesem Aspekt nicht.
5.4 Ferner bemängelt die Beschwerdeführerin, das chronische lumbovertebrale
Schmerzsyndrom sei in der Diagnoseliste nicht mehr aufgeführt worden, obwohl sich
die lumbovertebralen Beschwerden nicht zurückgebildet, sondern im Gegenteil
intensiviert hätten. Sie hatte bei der Exploration nach Nacken-, Schulter- und
Knieschmerzen auch panvertebrale Rückenschmerzen benannt. Bei der Erhebung des
orthopädischen Status hat der Gutachter beim Kauergang die Angabe lumbaler
Schmerzen zur Kenntnis genommen. Bei der Untersuchung des Rumpfes habe sich
eine recht gute Beweglichkeit in sämtlichen Abschnitten gezeigt. Gegenstand
zusätzlicher Untersuchungen bildete die lumbale Wirbelsäule nicht. Bei der ersten
Begutachtung hatte die Beweglichkeit von LWS und BWS wegen ausgeprägten
Abwehrverhaltens und Gegeninnervation nicht abschliessend objektiv beurteilt werden
können. Gemäss dem Verlaufsgutachten war die Beschwerdeführerin deutlich besser
untersuchbar gewesen, was stark auf das Vorliegen von wesentlichen nichtorganischen
Schmerzbestandteilen hindeute. Denn organische Alterationen seien zwar ebenfalls
nicht immer in gleicher Weise schmerzhaft, doch würden so grosse Unterschiede dort
kaum auftreten. Dass ein chronisches lumbovertebrales Schmerzsyndrom in die
Diagnoseliste des Verlaufsgutachtens nicht aufgenommen wurde, vermag keine
relevanten Zweifel an der Stichhaltigkeit der Schlussfolgerungen zu erwecken. Zu
bedenken ist denn auch, dass in der ersten Begutachtung selbst bei Einbezug dieses
Leidens in die Hauptdiagnosen keine Arbeitsunfähigkeit für eine adaptierte Tätigkeit
festgestellt worden ist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.5 Sodann weist die Beschwerdeführerin darauf hin, dass die Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit durch die psychiatrische Gutachterin sich diametral von jener
sämtlicher übriger Ärzte unterscheide. Es dränge sich die Vermutung auf, dass
entgegen der Einschätzung der Gutachterin bei der Beschwerdeführerin eine
depressive Episode vorliege, die mittelschwer bis schwer wiege. - Neben Dr. C._ und
dem Departement Innere Medizin, Onkologie/Hämatologie, am Kantonsspital St. Gallen
als Vertreter anderer Disziplinen hatten auch die Psychiatrische Klinik Wil, das
Psychiatrische Zentrum St. Gallen und das Departement Innere Medizin,
Psychosomatik, am Kantonsspital St. Gallen als psychiatrische Fachstellen Diagnosen
aus dem depressiven Bereich (rezidivierende depressive Störung, depressive Episode)
gestellt. Die psychiatrische Gutachterin dagegen erklärte, eine depressive Symptomatik
(mit Ausnahme eines gelegentlichen Tränenflusses) nicht objektiviert haben zu können.
Im Vordergrund stünden histrionische Merkmale. Eine Deprimiertheit, wie andernorts
festgestellt, habe sich nicht validieren lassen. Vielmehr habe die Beschwerdeführerin
gleichgültig, affektiv kühl und kontrolliert gewirkt und habe mechanistisch
schematische Beschwerdeauskünfte gegeben. Sie habe künstlich gewirkt, eine echte
innere Beteiligung sei nicht spürbar gewesen. Ein Leidensdruck sei ebenfalls zu keinem
Zeitpunkt feststellbar gewesen. Ihre Schilderung habe deutliche katastrophisierende
und dramatisierende Elemente enthalten. Sie halte ihre körperliche Situation für
vollständig invalidisierend. Sie habe über dramatische nächtliche Träume berichtet und
es bestünden unspezifische Erwartungsängste bezüglich des seit zwölf Jahren
überwundenen Karzinomleidens. Sonstige Angstaffekte seien nicht darstellbar. Die von
der Psychiatrischen Klinik Wil beschriebene Affektstörung, insbesondere ein
Angstaffekt, habe sich bei der gutachterlichen Untersuchung zu keiner Zeit nachweisen
lassen. Die histrionischen Wesenszüge seien bewusstseinsnah gestaltet und erfüllten
nicht den Charakter etwa einer schweren dissoziativen Störung. - Es lässt sich
festhalten, dass die psychiatrische Gutachterin die Befunde detailliert erhoben und
beschrieben hat. Sie stellte ferner unter anderem fest, dass der Medikamentenspiegel
für Duloxetin (Cymbalta) einen stark erhöhten Wert ergeben habe. Der TSH-Wert sei
erniedrigt, entsprechend der T4-Spiegel erhöht gewesen. Die thyreotrope Situation sei
indessen für die geschilderte psychische Situation nicht als pathognomisch (wohl:
pathognomonisch) anzusehen. Nichts anderes nahm die Gutachterin offenbar auch für
die Überdosierung des Psychopharmakons an. Ihre Diagnosestellung und ihre
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit hat die psychiatrische Gutachterin in Kenntnis der
früheren Beurteilungen anderer Fachärzte abgegeben. Sie hat sich mit den
Abweichungen ausreichend auseinandergesetzt. Zu berücksichtigen ist in diesem
Zusammenhang einerseits, dass die Psychiatrische Klinik Wil im April 2008 berichtet
hatte, die Beschwerdeführerin habe sich im Verlauf des stationären Aufenthalts (unter
antidepressiver Medikation mit Cymbalta) stabilisieren können. Dass nach Austritt eine
Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischen Gründen bestehe, wurde in jenem Bericht nicht
festgehalten. Auch das Departement Innere Medizin, Psychosomatik, am Kantonsspital
St. Gallen hatte keine Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben. Die Beschreibung der
Befunderhebung des Psychiatrischen Zentrums St. Gallen anderseits lässt darauf
schliessen, dass sie weitgehend auf den subjektiven Schilderungen der
Beschwerdeführerin selber basierte. Im Zentrum wurde nebst der Therapie mit
Cymbalta eine Gesprächstherapie durchgeführt, welche sich aber aufgrund der
sprachlichen Situation schwierig gestalte. Bei der psychiatrischen Begutachtung
hingegen war eine Übersetzerin anwesend. Ein Vergleich des psychiatrischen
Verlaufsgutachtens mit dem früheren ABI-Gutachten schliesslich zeigt, dass damals
ebenfalls keine Störung oder Episode depressiver Art diagnostiziert worden war. Es
war festgehalten worden, die Beschwerdeführerin sei sicherlich im Rahmen der
somatoformen Schmerzstörung leicht depressiv, doch begründe dies keine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Die psychiatrische Verlaufs-Gutachterin hielt dafür,
sie stimme mit diesem Vorgutachten überein. Wie dort sei ein deutlicher sekundärer
Krankheitsgewinn aufgefallen, kombiniert mit vollständiger
Invalidisierungsüberzeugung. Eine Veränderung lasse sich insofern beobachten, als
damals das interpersonale Verhalten, die Kontaktfähigkeit und die affektive Situation
als nicht wesentlich beeinträchtigt betrachtet worden seien, während nun deutliche
histrionische Züge vorherrschten. Eine psychiatrische Morbidität sei aber (nach wie vor)
nicht zu diagnostizieren.
5.6 Die Beschwerdeführerin rügt weiter, es wäre unumgänglich gewesen, Tests zur
Objektivierung der massgeblichen Kriterien für die Abgrenzung der verschiedenen
psychischen Störungen zu machen. Die notwendigen Standardtests seien nicht
durchgeführt worden. Das bedeutet indessen keinen Mangel. Denn dem
schematischen, testmässigen Erfassen der Psychopathologie nach bestimmten Skalen,
die vor allem auf den Angaben und Einschätzungen der versicherten Person selbst
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beruhen, kommt bei der psychiatrischen Exploration höchstens ergänzende Funktion
zu; entscheidend ist die klinische Untersuchung mit Anamneseerhebung,
Symptomerfassung und Verhaltensbeobachtung (vgl. Urteil des Bundesgerichts i/S N.
vom 3. Juni 2008, 9C_531/2007, E. 2.2.4, mit Hinweisen). Die weitgehend fehlende
Validierbarkeit (Reliabilität) psychiatrischer Diagnosen liegt im Übrigen in der Natur der
Sache begründet und kann nicht automatisch zu Beweisweiterungen bei sich
widersprechenden psychiatrischen Berichten und Expertisen führen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 9C_661/2009, E. 3.2, mit Hinweisen). Massgebend sind ohnehin nicht
Art und Genese des Gesundheitsschadens, sondern es ist die Arbeitsunfähigkeit
ausschlaggebend, welche sich aus dem Gesundheitsschaden ergibt.
5.7 Bezüglich der somatoformen Schmerzstörung bemängelt die
Beschwerdeführerin, es fehle im Gutachten eine Prüfung, ob diese nicht
ausnahmsweise unüberwindbar sei. Die Überwindbarkeit sei anscheinend durch die
Ärztin und auch durch die Beschwerdegegnerin stillschweigend angenommen worden,
indem der Beschwerdeführerin eine 100 %ige Arbeitsfähigkeit attestiert worden sei. Die
Beschwerdeführerin leide seit Jahren an chronischen körperlichen
Begleiterkrankungen, welche verbunden seien mit einem sozialen Rückzug, was von
verschiedenen Ärzten wiederholt wiedergegeben worden sei. Der innerseelische Verlauf
der Krankheit habe sich zudem verfestigt und sei therapeutisch nicht mehr angehbar.
Die bisherigen Behandlungsergebnisse hätten die mannigfaltigen Leiden kaum zu
lindern vermocht, sodass die Ärzte der Beschwerdeführerin eine schlechte bis
miserable Prognose stellten. Damit sei erwiesen, dass die somatoforme
Schmerzstörung nicht durch einfache Willensanstrengung überwunden werden könne.
- Die psychiatrische Gutachterin hat der somatoformen Schmerzstörung keine die
Arbeitsfähigkeit beeinträchtigende Wirkung zugemessen. Dies war bereits im ersten
Gutachten so beurteilt worden. Von einer wesentlichen, die Arbeitsfähigkeit
tangierenden Veränderung im Zeitablauf ist vorliegend aufgrund der gutachterlichen
Angaben nicht auszugehen. Ein sekundärer Krankheitsgewinn, wie er im Vordergrund
zu stehen scheint, bleibt rechtlich grundsätzlich unbeachtlich (vgl. BGE 130 V 352).
Auch den histrionischen Wesenszügen kommt gemäss dem Gutachten kein die
Arbeitsfähigkeit beeinträchtigender Einfluss zu.
6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.1 Die psychiatrische Befunderhebung bei der Begutachtung erscheint vorliegend
wie erwähnt vollständig. Das Verlaufsgutachten vom 22. Juni 2009 wurde in Kenntnis
der Vorakten und nach Erfragen der Anamnese und der geklagten Beschwerden abge
geben. Insgesamt kann sein Ergebnis als ausreichend plausibel betrachtet werden. Die
Arbeitsfähigkeitsschätzung des Psychiatrischen Zentrums St. Gallen als behandelnder
Stelle vermag dagegen im Beweiswert nicht anzukommen oder diesen zu erschüttern,
zumal wie dargelegt weitgehend subjektive Schilderungen der Beschwerdeführerin
berücksichtigt wurden. Auch der Standpunkt von Dr. C._ vermag gegen das
polydisziplinäre Begutachtungsergebnis in Aktenkenntnis nicht durchzudringen. Was
die beschriebenen Anfälle der Beschwerdeführerin betrifft, kann angemerkt werden,
dass in den EEG eine bilaterale Funktionsstörung, ein leichter intermittierender
Herdbefund links temporal und epilepsieverdächtige Potentiale gefunden wurden
(act. 71-15), dass die Anfälle auf der Klinik für Neurologie am Kantonsspital St. Gallen
aber nach eingehenden Abklärungen schliesslich als psychogen bezeichnet worden
sind (act. 75-32).
6.2 Gemäss dem Gutachten vom 24. März 2006 wie gemäss dem Verlaufsgutachten
vom 22. Juni 2009 ist die Beschwerdeführerin in einer adaptierten Tätigkeit zu 100 %
arbeitsfähig. Eine diesbezügliche Änderung hat sich im vorliegend massgeblichen
Zeitraum demnach nicht eingestellt.
6.3 Es kann davon ausgegangen werden, dass die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt verwertbar ist. Ein
Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht daher nicht. Die Beschwerdeführerin hat
folglich keinen Anspruch auf eine Invalidenrente. Die Verfügung der
Beschwerdegegnerin ist nicht zu beanstanden.
7.
7.1 Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.
7.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Ver
fahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem
Ausgang des Verfahrens entsprechend sind die Kosten vollumfänglich der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen. Der von ihr geleistete Kostenvorschuss von Fr.
600.-- ist ihr daran anzurechnen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht