Decision ID: 7c65b20c-bc15-4a13-a7f0-f114ff9bc1f9
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._, geboren 1969, erkrankte in ihrem zweiten Lebensjahr an einer Meningokokkensepsis (Waterhouse-Friedrichsen-Syndrom) mit ausgedehnten Weichteilinfarkten an den Vorderarmen, an der Nase sowie Nekrosen beider Füsse und distal der Unterschenkel mit den Folgen einer beidseitigen Unter
schenkelamputation und Amputation der distalen Phalanx des zweiten Fingers an der linken Hand (Urk. 11/2 vgl. auch Urk. 11/107). Die Sozialversicherungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, sprach ihr verschiedene Hilfsmittel, In
tegrationsmassnahmen und ab Mai 1994 eine Viertels- sowie ab August 1994 eine halbe Invalidenrente zu (Urk. 11/50-51). Ab September 2004 wurde die bisher ausgerichtete Rente bei einem neu errechneten Invaliditätsgrad von 88 % auf eine ganze Rente erhöht (Urk. 11/161 und Urk. 11/164, Verfügung vom 15. Oktober 2004) und nach
durchgeführtem amtlichen Revisionsverfahren
ein unveränderter Anspruch mit Mitteilung vom 9. November 2007 bestätigt (Urk. 11/194).
1.2
Im Januar 2011 leitete die IV-Stelle ein weiteres amtliches Renten- revisionsverfah
ren ein (Urk. 11/223/2). Anlässlich der Abklärungen über
die
Auswirkungen der gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Versi
cherten in Beruf und Haushalt konnte die bis dahin nicht gemeldete Geburt zweier Kinder Jahrgang 2005 und Jahrgang 2007 festgehalten werden (Abklärungsbericht vom 24. August 2011, Urk. 11/229 Ziff. 1; Urk. 11/240/2). Die IV-Stelle nahm deshalb einen Statuswechsel von bisher vollzeitig im Erwerbsbereich tätig zu einer vollzeitigen Tätigkeit im (Aufgaben-) Haushaltsbereich
ab Geburt des ers
ten Kindes vom 1
8.
Dezember 2005
vor (Ziff. 2.5). Sodann ermittelte sie im Haushaltsbereich eine Einschränkung von insgesamt 5.5 % (Ziff. 6.8). Gestützt auf diese Abklärungen und einem
daraus resultierenden Invaliditätsgrad von 5.5
%
stellte sie am 6. Januar 2012 vorbescheidweise die Renteneinstellung in Aussicht (Urk. 11/242). Auf die Einwendungen der Versicherten hin, unter an
derem mit dem Hinweis, dass sie seit 2. September 2011 von ihrem Ehemann getrennt lebe (Urk. 11/244), veranlasste die IV-Stelle eine weitere Haushaltsab
klärung und legte den Status neu ab 1. August 2012 mit 45 % im Erwerbs- und mit 55 % im Haushaltsbereich tätig fest (Abklärungsbericht vom 2. Mai 2012, Urk. 11/257, vgl. auch Urk. 11/250). Im Weiteren liess sie den Gesundheitszu
stand mittels bidisziplinärer Begutachtung im Y._ abklären (Urk. 11/261, Gutachten vom 26. November 2012, Urk. 11/264). Mit Vorbescheid vom 1. Oktober 2013 stellte sie die Herab
setzung der bisherigen ganzen Rente auf eine halbe Rente bei einem nunmehr mittels gemischter Methode ermitteltem Invaliditätsgrad von 52 % in Aussicht (Urk. 11/269). Nach Eingang erneuter Einwendungen (Urk. 11/275) verfügte die IV-Stelle am 26./27. November 2013 in angekündigtem Sinne (Urk. 11/279 und Urk. 11/280). Die dagegen gerichtete Beschwerde (Urk. 11/290/3-11) wurde durch das hiesige Gericht mit Urteil vom 7. April 2014 in dem Sinne gutge
heissen, als die Verfügungen vom 26./27. November 2013 aufgehoben und die Sache an die IV-Stelle zur Vornahme weiterer Abklärungen zurückgewiesen wurde (Urk. 11/296 S. 4).
1.3
Im wieder aufgenommenen Verwaltungsverfahren veranlasste die IV-Stelle eine polydisziplinäre Abklärung in der Z._ (Urk. 11/324; Gutachten vom 4. Mai 2015, Urk. 11/333). Mit Vorbescheid vom 11. September 2015 kündigte sie abermals die Herabsetzung der bisher ausge
richteten Rente auf eine halbe Rente bei einem Invaliditätsgrad von 52 % an und wies in Bezug auf den Herabsetzungszeitpunkt auf den ersten Tag des zweiten der Zustellung der Verfügung folgenden Monats hin (Urk. 11/344). Nach Einwendungen vom 13. Oktober 2015 (Urk. 11/347) erliess die IV-Stelle am 28. Oktober 2015 einen weiteren Vorbescheid, mit dem sie in Aussicht stellte, dass die bisher ausgerichtete Rente per 27. November 2013 auf eine halbe Rente „gekürzt“ werde (Urk. 11/352). Hieran hielt sie, nach Eingang eines neuerlichen Einwands (Urk. 11/355), mit Verfügung vom 7. Dezember 2015 fest (Urk. 2).
2.
Dagegen
erhob X._ am 4. Januar 2016
Beschwerde
(Urk. 1)
und beantragte, die Verfügung
vom 7. Dezember 2015
sei aufzuheben und es
seien ihr weiterhin eine ganze Rente und entsprechende Kinderrenten auszurichten. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Bewilligung der unentgeltlichen Prozess
führung und Bestellung von Rechtsanwalt Dr. Rolf Schmid als unentgeltlichen Rechtsvertreter (S. 2).
Die IV-Stelle schloss in ihrer Beschwerdeantwort vom
28. Januar 2016 (Urk. 10
) auf Abweisung der Beschwerde,
was der Beschwer
deführerin am 29. Januar 2016
(
Urk.
12) zur Kenntnis gebracht wurde.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG
).
Sie kann Folge von Ge
burtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG
).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beein
trächtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur
sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommen
den ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesund
heitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertels
rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
1.3.1
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei aus
geglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkom
men), in Bezie
hung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht in
valid geworden wäre (sog. Valideneinkommen). Der Einkom
mensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die b
eiden hypo
thetischen Erwerbsein
kommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und ein
ander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt (sog. allgemeine Methode des Einkommensver
gleichs; BGE 130 V 343 E. 3.4.2 mit Hinweisen).
1.3.2
Bei Versicherten, die nur zum Teil erwerbstätig sind oder die unentgeltlich im Betrieb des Ehegatten oder der Ehegattin mitarbeiten, wird für diesen Teil die Invalidität nach
Art.
16 ATSG festgelegt. Waren sie daneben auch im Aufga
benbereich tätig, so wird die Invalidität für diese Tätigkeit nach
Art.
28a
Abs.
2 IVG festgelegt. In diesem Fall sind der Anteil der Erwerbstätigkeit oder der unent
geltlichen Mitarbeit im Betrieb des Ehegatten oder der Ehegattin und der Anteil der Tätigkeit im Aufgabenbereich festzulegen und der Invaliditätsgrad entsprechend der Behinderung in beiden Bereichen zu bemessen (
Art.
28a
Abs.
3 IVG; gemischte Methode der Invaliditätsbemessung).
Nach der Gerichts- und Verwaltungspraxis wird zunächst der Anteil der Erwerbs
tätigkeit und derjenige der Tätigkeit im Aufgabenbereich (so unter an
derem im Haushalt) ermittelt; die Frage, in welchem Ausmass die versicherte Person ohne gesundheitliche Beeinträchtigung erwerbstätig wäre, beurteilt sich mit Rücksicht auf die gesamten Umstände, so die persönlichen, familiären, sozi
alen und erwerblichen Verhältnisse. Im Rahmen der gemischten Methode be
stimmt sich die Invalidität dadurch, dass im Erwerbsbereich ein Einkommens- und im Aufgabenbereich ein Betätigungsvergleich vorgenommen wird, wobei sich die Gesamtinvalidität aus der Addierung der in beiden Bereichen ermittel
ten und gewichteten Teilinvaliditäten ergibt (BGE 130 V 393 E. 3.3 mit Hin
weisen; vgl. BGE 134 V 9).
1.4
Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Rentenbezü
gers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (
Art.
17
Abs.
1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tat
sächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente nicht nur bei einer wesentlichen Änderung des Gesundheitszustandes, sondern auch dann revidier
bar, wenn sich die erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich gebliebenen Gesundheitszustandes erheblich verändert haben (BGE 130 V 343 E. 3.5 mit Hinweisen). Eine Veränderung der gesundheitlichen Verhältnisse liegt auch bei gleich gebliebener Diagnose vor, wenn sich ein Leiden in seiner Intensität und in seinen Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit verändert hat (Urteile des Bun
desgerichts 9C_261/2009 vom 1
1.
Mai 2009 E. 1.2 und I 212/03 vom 28. August 2003 E. 2.2.3). Dagegen stellt die bloss unterschiedliche Beurteilung der Auswirkungen eines im Wesentlichen unverändert gebliebenen Gesund
heitszustandes auf die Arbeitsfähigkeit für sich allein genommen keinen Revisi
onsgrund im Sinne von
Art.
17
Abs.
1 ATSG dar. Zeitliche Vergleichsbasis für die Beurteilung einer anspruchserheblichen Änderung des Invaliditätsgrades bilden die letzte rechtskräftige Verfügung oder der letzte rechtskräftige Ein
spracheentscheid, welche oder welcher auf einer materiellen Prüfung des Ren
tenanspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Invaliditätsbemessung beruht (BGE 133 V 108; vgl. auch BGE 130 V 71
E. 3.2.3; Urteil des Bundesgerichts 9
C_438/2009 vom 26. März 2010 E. 2.
1 mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die Rentenreduktion damit, dass die neu als zu 45 % im Erwerbs- und zu 55 % im Haushaltsbereich tätig zu qualifizierende Beschwerdeführerin gemäss den Abklärungen der Aussendienstmitarbeiterin im Haushalt zu 12 % eingeschränkt sei. In ausserhäuslicher Tätigkeit bestehe auf
grund der medizinischen Abklärungen keine relevante Arbeitsfähigkeit mehr. Aufgrund eines Teilinvaliditätsgrades von 45 % im Erwerbsbereich und eines Teilinvaliditätsgrades von 7 % im Haushaltsbereich ergebe sich ein Invaliditäts
grad von 52 %. Nachdem mit Verfügung vom 27. November 2013 die Rente herabgesetzt und die aufschiebende Wirkung entzogen worden sei, sei die bis
herige ganze Rente per 27. November 2013 auf eine halbe Rente zu kürzen (Urk. 2 S. 2 f.).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1), die Gutachter der Z._ hielten eine ausserhäusliche Tätigkeit für nicht zumutbar. Bezüglich der Leistungsfähigkeit im Haushalt hätten sie die im Abklärungsbericht vom 2. Mai 2012 festgestellte Einschränkung von 11.85 % als überaus gering beurteilt und seien sie - in Übereinstimmung mit der behan
delnden Orthopädin - von einer sehr starken Unterstützungsbedürftigkeit in der Haushalttätigkeit ausgegangen. Im rheumatologischen Teilgutachten sei in An
betracht der erheblichen Beschwerden eine häusliche Tätigkeit im Umfang von maximal 30 % für zumutbar erklärt worden und das psychiatrische Teilgutach
ten gehe von einer Einschränkung im Haushaltsbereich im Umfang von 50 % aus (Ziff. 6). Dies stelle eine offensichtliche Diskrepanz zum Ergebnis der drei Jahre zurückliegenden Haushaltsabklärung dar und in einem solchen Fall sei den fachmedizinischen Angaben der Vorzug zu geben. (Ziff. 14). Es resultiere allein aus der psychisch begründeten Einschränkung von 50 % im Haushalt ein Gesamtinvaliditätsgrad von 72.5 % (Ziff. 18). Folge man der Beurteilung im neurologischen Gutachten und jener der behandelnden Orthopädin, welche von Einschränkungen von 80 % ausgingen, ergebe sich gar ein (Gesamt-) Invalidi
tätsgrad von 89 %. Es bestehe daher ein Anspruch auf eine ganze Rente (Ziff. 19).
3.
3.1
Die Beschwerdeführerin war von der Beschwerdegegnerin seit der Rentenzuspra
che ab Mai 1994 (Urk. 11/49, Urk. 11/160, Urk. 11/193) bis zur Einleitung des Revisionsverfahrens im Januar 2011 stets als zu 100 % im Er
werbsbereich tätig qualifiziert worden. Angesichts der Geburt von zwei Söhnen im Jahr 2005 und 2007 und der Trennung vom Ehegatten im September 2011 sowie der Angaben der Beschwerdeführerin, dass sie ab Sommer 2012, wenn beide Kinder am Morgen in der Schule bzw. im Kindergarten seien, einer Teilerwerbstätigkeit nachginge (Urk. 11/257 S. 4), ist in Übereinstimmung mit den Parteien (Urk. 1 Ziff. 15, Urk. 2 S. 2) nunmehr davon auszugehen, dass sie bei guter Gesundheit ab Sommer 2012 zu 45 % im Erwerbsbereich und zu 55 % im Haushaltsbereich tätig sein würde.
3.2
Da die Änderung der Qualifikation (Statusfrage, Veränderung der Tätigkeitsan
teile) einen Revisionsgrund darstellt (Urteil des Bundesgerichts 9C_915/2012 E. 2), hat – grundsätzlich unabhängig davon, ob es zusätzlich auch zu einer Ver
änderung des Gesundheitszustandes gekommen ist (Urk. 1 S. 7 ff.) – eine um
fassende Neuüberprüfung des Rentenanspruchs der Beschwerdeführerin zu er
folgen (BGE 141 V 9 E. 2.3).
3.2.1
Das Bundesgericht hat
jedoch
im Revis
ionsentscheid BGE 143 I 50
im Nachgang zum
Urteil
des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte
(EGMR;
Zweite Kammer) in Sachen Di Trizio gegen die Schweiz
vom 2. Februar 2016 (Nr. 7186/09)
in Erwägung 4.2
festgehalten
, dass zur Herstellung des konventions
konformen Zustandes in Konstellationen mit einer ähnlichen Ausgangslage wie im Fall Di Trizio auf die Aufhebung der Invalidenrente im Sinne von
Art.
17
Abs.
1 ATSG alleine zufolge eines Statuswechsels von „vollerwerbstätig“ zu „teilerwerbstätig mit Aufgabenbereich“ zu verzichten sei. In diesem Fall sei die Aufhebung der Invalidenrente EMRK-widrig.
Versicherte, welche unter dem Status einer Vollerwerbstätigen eine Invalidenrente beanspruchen konnten und diese zu einem späteren Zeitpunkt allein aufgrund des Umstandes verlieren würden, dass sie wegen der Geburt ihres Kindes und der damit einhergehenden Reduktion des Erwerbspensums für die Invaliditätsbemessung neu als Teiler
werbstätige mit einem Aufgabenbereich qualifiziert werden, haben damit wei
terhin Anspruch auf die bisherige Rente (vgl. etwa BGE 143 I 50 E. 4.1).
3.2.2
Im BGE 143 I 60 E. 3.3.4 hielt das Bundesgericht zudem fest
, dass nicht nur die revisionsweise Aufhebung, sondern auch die revisionsweise Herabsetzung eine
r Invalidenrente EMRK-widrig sei
, wenn allein familiäre Gründe (die Geburt von Kindern und die damit einhergehende Reduktion des Erwerbspensums) für einen Statuswechsel von "vollerwerbstätig" zu "teilerwerb
stätig mit Aufgabenbereich" sprä
c
hen. Der versicherten Person sei
diesfalls die laufende Rente weiter auszu
richten.
3.3
Die von der Beschwerdegegnerin angeordnete
Rentenherabsetzung ergibt sich
allein darau
s, dass sie die Beschwerdeführerin
für die Invaliditätsbemes
sung seit der Geburt
der beiden Kinder und der Trennung vom Ehegatten
nicht mehr als vollerwerbstätig, sondern als teilerwerbstätig mit Aufgabenbereich be
trachte
t
hat
.
D
ieser als Revisionsgrund geltende Statuswechsel hat grundsätzlich zur Folge, dass ihre Invalidität nicht mehr anhand eines (auf Vollerwerbstätige anwendbaren und von der IV-Stelle demzufolge vor der Geburt des ersten Kin
des der Beschwerdeführerin angewendeten) Einkommensvergleichs (wie er i
ns
besondere der Verfügung vom 15. Oktober 2004
zugrunde lag), sondern nach der gemischten Methode zu ermitteln ist
. Gestützt auf die oben zitierte bundes
gerichtliche Rechtsprechung (E. 3.2.1 f. hiervor), ist in Anbetracht der neuen In
validitätsbemessung allein aus familiären Gründen die Herabsetzung der Invali
denrente EMRK-widrig. Für die Beschwerdeführerin bedeutet dies, dass sie wei
terhin Anspruch auf eine ganze Invalidenrente hat, insoweit keine gesundheitli
che Veränderung ausgewiesen ist.
4.
4.1
Damit bleibt zu prüfen, ob sich die revisionsweise Herabsetzung der Invaliden
rente mit einer revisionsrechtlich relevanten wesentlichen Veränderung des
Gesundheitszustand
es
begründen lässt, ansonsten es bei den bisher zugespro
chenen Leistungen (ganze Rente) bleiben muss.
I
m Zeit
punkt der von der IV-Stelle am 7. Dezember 2015
per
27. November 2013
verfügten Rentenherabsetzung (
Urk.
2) geht aus den medizinischen Akten
diesbezüglich
Folgendes hervor:
4.1.1
Im bidisziplinären Gutachten des Y._ vom 26. November 2012 diagnostizier
ten die Experten, Dr. med. A._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapartes FMH, und Dr. med. B._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, folgende Diagnosen (Urk. 11/264 S. 22-23):
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
:
1.
Abhängige Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.8)
2.
Unterschenkelamputation unterhalb der Knie beidseits nach Waterhouse-Fri
derichsen-Syndrom
3.
Verminderte Belastbarkeit beider Stümpfe durch rezidivierende Entzündun
gen und ungenügende Weichteildeckung
4.
Teilverlust und Beugekontraktur des zweiten Fingers der linken Hand
5.
Statisch muskuläres Lendenwirbelsäulen-Syndrom ohne neurologische Aus
fälle durch Fehlbelastung
6.
Halswirbelsäulen-Syndrom bei Spondylarthrose C5/C6
Diagnosen ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit:
7.
Rezidivierende depressive Störung, geg
enwärtig leichtgradige Episode (ICD-10 F33.0)
Es wurde festgehalten, die Beschwerdeführerin zeige körperliche und geistige Einschränkungen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. Es bestehe eine eingeschränkte Gebrauchsfähigkeit der linken Hand durch die Bewegungsein
schränkung des teilamputierten zweiten Fingers, welche sich durch die Schul
ter-Nackenverspannungen potenziere. Weiterhin bestünden starke Einschrän
kungen der normalen Mobilität durch die Unterschenkelamputation beidseits. Die Stümpfe seien rezidivierend entzündet und wiesen eine ungenügende Weichteildeckung auf. Deshalb könne die Beschwerdeführerin über längere Zeiten ihre Prothesen nicht tragen und sei auf den Rollstuhl angewiesen. In diesen Zeiten wirke sich die Einschränkung der linken Hand als zusätzlich nachteilig aus, da der Rollstuhl nur eingeschränkt bedient werden könne. Zu
sätzlich zu diesen Problemen wirke sich die abhängige Persönlichkeitsstörung und die rezidivierenden Depressionen sehr nachteilig aus, da die notwendige Kompensation fast nicht oder nur verzögert stattfinde (S. 23).
Die körperlichen und seelischen Probleme potenzierten sich gegenseitig. Wegen der Schulter-Nacken-Probleme und der Lendenwirbelsäulenprobleme in Verbin
dung mit der Unterschenkelamputation beidseits sei die bisherige Tätigkeit als Spulenwicklerin nicht mehr zumutbar und es bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 0 %. Die Zuweisung einer Verweistätigkeit sei durch die körperlichen Ein
schränkungen und die fehlende Berufsausbildung sehr erschwert. In einer ideal angepassten leichten Tätigkeit sei ein Arbeitseinsatz im Rollstuhl respektive eine Arbeitsfähigkeit von 20 % denkbar, auch im Haushalt. Retrospektiv be
stehe seit 1994
eine Arbeitsfähigkeit von 50
%
auf psychiatrischem Fachgebiet.
Aus orthopädischer Sicht liege eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes wegen zunehmender Unterschenkel-Stumpfprobleme vor (S. 24).
4.1.2
Im Gutachten der Z._ vom 4. Mai 2015 nannten die zuständigen Experten, Dr. med. C._, Neurologie FMH, Dr. med. D._, Innere Medizin und Klinische Pharmakologie FMH, Dr. med. E._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, und Dr. med. F._, Rheumatologie FMH, die folgenden Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (Urk. 11/333 S. 24):
1.
Status nach Meningokokkensepsis mit Waterhouse-Friderichsen-Syndrom mit Unterschenkelamputation beidseits, Dysmorphie der linken Hand, parti
eller Atrophie der Unterarme beidseits, der Oberschenkel beidseits sowie des Gesichts beidseits
2.
Panvertebrales Schmerzsyndrom
3.
Arthralgien unklarer Ätiologie
4.
Rezidivierende depressive Störung
5.
Auffälligkeiten in der Persönlichkeit, ICD-10 Z73
Die Experten hielten fest, die Beschwerdeführerin leide seit 1971 an den un
mittelbaren und mittelbaren Folgen einer nur knapp überlebten, erfahrungsge
mäss äusserst schwer verlaufenden Infektionskrankheit. Trotz seither bestehen
den erheblichen Einschränkungen sei es ihr gelungen, sich normal zu soziali
sieren. Wiederholt seien die Tendenz zu einer zunehmenden Verschlechterung der gesundheitlichen Situation und das Auftreten verschiedener Komplikatio
nen dokumentiert. Aus medizinischer Sicht sei die Prognose reserviert und therapeutisch werde es darum gehen, den Status quo solange wie möglich zu erhalten. Grundsätzlich sei mit fortschreitenden Einschränkungen und zuneh
mender Hilfsbedürftigkeit zu rechnen (S. 25).
Auf der psychischen Ebene bestehe eine rezidivierende depressive Störung, die zum Zeitpunkt der aktuellen Untersuchung nur leichtgradig ausgeprägt gewe
sen sei. Zusammen mit den auffälligen Persönlichkeitszügen führe die psychi
sche Erkrankung zu einer plausiblen Einschränkung im Bereich jedwelcher Tä
tigkeit von 50 %.
Auf der somatischen Ebene sei die beidseitige Unterschenkelamputation ein er
hebliches Handicap, insbesondere im Zusammenhang mit den zusätzlichen Atrophien im Bereich beider Oberschenkel und den gehäuft auftretenden Prob
lemen im Bereich der Unterschenkelstümpfe. Nachvollziehbar seien ein pan
vertebrales Schmerzsyndrom infolge erheblicher Fehlbelastungen und auch die Schwierigkeiten im Gebrauch der Hände infolge der beidseitigen Atrophien im Bereich der Vorderarme. Aus Sicht der Experten bestehe keine verwertbare Leistungsfähigkeit in einer ausserhäuslichen Tätigkeit (S. 25).
Die Einschätzung stehe in Übereinstimmung mit der Beurteilung durch die langjährige behandelnde Orthopädin und dem bidisziplinären Gutachten aus dem Jahr 2012. Der medizinische Sachverhalt habe sich seit ungefähr 1996 ge
ringfügig verändert, in dem es zu einer kontinuierlichen Verschlechterung zu
folge auftretender Komplikationen sowie andauernder psychischer Belastung gekommen sei (S. 28).
Die im Abklärungsbericht vom 2. Mai 2012 festgestellte Einschränkung von 11.85 % sei überaus gering und es sei zu bedenken, dass die Beschwerdeführe
rin bereits sehr viel Zeit für die eigene Körperpflege, das An- und Ausziehen der Prothesen und die notwendigen Ruhephasen zur Erholung nach Anstren
gungen verbrauche, so dass ihr schlussendlich relativ wenig Zeit zur Haushalt
führung zur Verfügung stehe (S. 29 Ziff. 3).
4.2
Eine wesentliche Veränderung des Gesundheitszustandes seit der Rentenzuspra
che im September 2004 weist die medizinische Aktenlage damit nicht aus. Vielmehr sind aus somatischer Sicht die Einschränkungen aufgrund der
beid
seitige
n Unterschenkelamputation
mit den zusätzlichen Atrophien im
Bereich beider Oberschenkel,
den gehäuft auftretenden Problemen im Bereich der Un
terschenkelstümpfe
und
die Schwierigkeiten im Gebrauch der Hände infolge der beidseitigen Atro
phien im Bereich der Vorderarme, die gleichen. Die direkt mit den somatischen Schwierigkeiten zusammenhängenden psychiatrischen Be
funde waren
zum Zeitpunkt der Untersuch
ung nur leichtgradig ausgeprägt, so dass darin von vornherein keine wesentliche, invalidisierende Veränderung zu erblicken ist. Nachvollziehbar bestätigten den auch die
medizinische
n
Experten, dass
sich
der medizinische Sachverhalt seit ungefähr
1996
nur
geringfügig ver
ändert
habe
, in dem es zu einer kontinuierlichen Verschlechterung zufolge auf
tretender Komplikationen sowie andauernder psychischer Belastung gekommen sei
. Von einer revisionsrechtlich relevanten wesentlichen Veränderung des Ge
sundheitszustandes
(
vgl.
E. 1.4.1)
kann in
Anbetracht der bloss unerheblichen Veränderung indes nicht die Rede sein. Im Y._-Gutachten wurden zwar zu
nehmende Unterschenkel-Stumpfprobleme beschrieben (E. 4.1.1 hievor). Aller
dings ist allein darin mit Blick auf das gesamte Beschwerdebild keine wesentli
che Verschlechterung im Sinne von Art. 17 ATSG zu erblicken. Dies wurde im Übrigen auch von der Beschwerdegegnerin nicht geltend gemacht.
4.3
Mangels einer gesundheitlichen Veränderung besteht kein Anlass zur Rentenrevi
sion. Die Beschwerde ist folglich gutzuheissen.
5.
Nach Art. 69 Abs. 1
bis
IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von Leistungen der Invalidenversiche
rung in Abweichung von Art. 61 lit. a ATSG vor dem kantonalen Versiche
rungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- fest
gelegt. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die ermessensweise auf Fr. 800.-- festzusetzenden Gerichtskosten von der unterliegenden Beschwerde
gegnerin zu tragen.
Ausgangsgemäss ist der anwaltlich vertretenen Beschwerdeführerin gestützt auf
Art.
61 lit. g ATSG in Verbindung mit
§
34
Abs.
1 und 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (GSVGer) eine Parteientschädigung zuzusprechen, wobei ein Betrag von
Fr. 1'609
.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer)
gemäss der eingereichten Honorarnote (Urk. 13)
als angemessen erscheint.
Das Gesuch der Beschwerdeführerin um Gewährung der unentgeltlichen Rechts
pflege (Urk. 1 S. 2 und 9) erweist sich bei diesem Verfahrensausgang als gegen
standslos.