Decision ID: 49ff90e2-5d09-5958-a882-65de3d39228b
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 4. Dezember 2013 bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen
zur Früherfassung an (IV-act. 1). Sie gab an, seit dem 14. Oktober 2013 wegen einer
Depression mit einer Tendenz zu Borderline und Suizid zu 100 % arbeitsunfähig zu
sein. Bis zum 31. August 2013 sei sie zu 100 % als Konstrukteurin für die B._ AG
tätig gewesen. Innert angesetzter Frist (IV-act. 5) reichte die Versicherte das
Anmeldeformular vom 14. Januar 2014 ein (IV-act. 6). Sie gab an, von 2007 bis 2011
eine Lehre als Konstrukteurin EFZ absolviert zu haben. Seit ihrem 12. Lebensjahr leide
sie an einer Depression und an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.
A.b Die B._ AG informierte die IV-Stelle am 25. Februar 2014 (IV-act. 21), dass sie
die Versicherte nicht mehr beschäftige. Der Versicherten sei regulär gekündigt worden.
Dem Kündigungsschreiben vom 18. Juli 2013 war zu entnehmen, dass der Versicherten
mit der Begründung gekündigt worden war, die konstruktiven Aufgaben seien sehr
komplex geworden und die Kunden erwarteten eine sehr hohe Qualität der Mitarbeiter.
A.c Am 12. Oktober 2013 hatte die Versicherte in suizidaler Absicht eine Überdosis
Medikamente eingenommen. Das Spital C._ hatte die Versicherte am 14. Oktober
2013 in die Klinik D._ überwiesen. Der Oberarzt med. pract. E._ hatte im Bericht
vom 11. November 2013 über die stationäre Behandlung vom 14. bis 22. Oktober 2013
als Diagnosen eine schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome
(ICD-10: F32.2) und eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline-Typ
(F60.31), angegeben (IV-act. 27-5 ff.). Er hatte erklärt, dass es sich um die erste
stationäre Krisenintervention wegen einer ausgeprägten depressiven Symptomatik
gehandelt habe. Der Verlauf der stationären Krisenintervention habe sich insgesamt
regelrecht und zufriedenstellend gestaltet. Vom 1. November 2013 bis 25. Januar 2014
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
war eine stationäre Behandlung auf der Psychotherapiestation der Klinik D._ erfolgt.
Der Oberarzt Dr. med. F._ hatte im Bericht vom 26. Februar 2014 (IV-act. 27) als
Diagnose nur noch eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline-Typ,
angegeben. Er hatte erklärt, dass die Selbstwertproblematik nach der Kündigung, der
Umgang mit Ärger und Wut sowie die Abgrenzung in der Gruppe wichtige Themen
darstellt hätten. Die Versicherte habe während des Aufenthalts zusätzliche Stabilität
und mehr Klarheit über Schwierigkeiten im interpersonellen Kontakt gewinnen können.
Sie habe sich auf die Behandlung eingelassen, sich in der Bearbeitung ihrer Themen
aber auch ambivalent gezeigt. Der Gesamtzustand habe sich während des Aufenthalts
verbessert.
A.d RAD-Arzt Dr. med. G._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, notierte
am 27. Februar 2014 (IV-act. 38-2), dass die Versicherte vom 14. Oktober 2013 bis
mindestens 31. Januar 2014 zu 100 % arbeitsunfähig gewesen sei. Aufgrund des
geplanten Aufenthalts in der Tagesklinik des Psychiatrie-Zentrums H._ sei aktuell
noch von einem instabilen Gesundheitszustand auszugehen, so dass keine berufliche
Eingliederungsfähigkeit bestehe. Prognostisch sei spätestens nach einer Teil-
Remission der Depression in einer adaptierten Tätigkeit eine berufliche
Eingliederungsfähigkeit zu erwarten.
A.e Oberarzt Dr. med. I._, Psychiatrie-Zentrum H._, berichtete der IV-Stelle am 9.
April 2014 (IV-act. 35), dass sich die Versicherte seit dem 7. Mai 2012 in seiner
ambulanten Behandlung befinde. Als Diagnosen gab er eine rezidivierende depressive
Störung, mittelgradige Episode (F33.1), und eine emotional instabile
Persönlichkeitsstörung, Borderline-Typ, an. Aufgrund der Schwere der Erkrankung
sowie den durch die Medikation bedingten Einschränkungen seien prognostisch in
absehbarer Zeit keine Arbeiten von wirtschaftlichem Wert zu erwarten. Bei einem
beruflichen Wiedereingliederungsversuch sollte eine Überforderungssituation
vermieden werden. Die Versicherte sei als Konstrukteurin von 2010 bis 2013 zu 100 %
arbeitsunfähig gewesen. Die Einschränkungen bestünden in einer verminderten
Belastbarkeit, einer geringen Stresstoleranz, einer verminderten Teamfähigkeit, einer
Gedächtnisschwäche und einer emotionalen Verwundbarkeit. Durch die emotionale
Instabilität und das unberechenbare, impulsive Verhalten in Stresssituationen gebe es
im zwischenmenschlichen Bereich bei der Arbeit öfters Schwierigkeiten. Das Ziel sei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine langsame Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit in einem angepassten
Tätigkeitsfeld. Evtl. sei eine Umschulung in den grafischen Bereich in Betracht zu
ziehen, damit die Versicherte die Möglichkeit habe, alleine zu arbeiten. Die Versicherte
benötige einen ruhigen Arbeitsplatz mit klaren Strukturen mit wenig Stress und
Belastungen. Mit der Wiedererlangung einer 50 %igen Arbeitsfähigkeit könne
gerechnet werden; der genaue Zeitpunkt könne jedoch nicht angegeben werden.
A.f Die B._ AG berichtete der IV-Stelle am 16. April 2014 (IV-act. 36), dass sie die
Versicherte vom 1. Dezember 2012 bis 31. August 2013 als CAD-Konstrukteurin
beschäftigt habe. Bei ihnen sei die Gesundheit "100 % ok" gewesen. Der Monatslohn
von Fr. 5'000.-- habe der Arbeitsleistung entsprochen. Ihrer Meinung nach könnte die
Versicherte die gleiche Arbeit, aber in einem Grossbetrieb, wo die Anforderung nicht so
gross sei, verrichten.
A.g RAD-Arzt Dr. G._ notierte am 2. Mai 2014 (IV-act. 38-2), dass im Arztbericht
(vom 9. April 2014) widersprüchliche Aussagen getätigt worden seien. So sei die
Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit mit 50 % beurteilt worden, ein genauer
Zeitpunkt habe aber nicht angegeben werden können. Zudem sei ausgesagt worden,
dass aufgrund der Schwere der Erkrankung sowie der durch die Medikation bedingten
Einschränkungen in absehbarer Zeit keine Arbeiten von wirtschaftlichem Wert zu
erwarten seien. Aufgrund der medizinischen Aktenlage müsse von einer leicht- bis
mittelgradigen depressiven Symptomatik auf dem Boden einer emotional instabilen
Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus ausgegangen werden. Die depressive
Symptomatik sei als weitgehend remittiert zu betrachten. Ferner sei festzuhalten, dass
die depressive Symptomatik primär als Reaktion auf die unerwartete Kündigung
seitens des Arbeitgebers erfolgt sei. Aus versicherungsmedizinischer Sicht müsse in
der bisherigen Tätigkeit als Konstrukteurin und in einer adaptierten Tätigkeit von einer
mindestens 50 %igen Arbeitsfähigkeit, schrittweise steigerbar auf das Vorniveau,
ausgegangen werden. Ideal sei einen ruhiger Arbeitsplatz mit klaren Strukturen, ein
geringes zwischenmenschliches Konfliktpotential und möglichst kein erhöhter Zeit- und
Leistungsdruck. Die Versicherte sei aus psychiatrischer Sicht bei der Stellensuche
eingeschränkt. Psychosoziale Belastungsfaktoren spielten bei der Aufrechterhaltung
der krankheitswertigen Symptomatik (weiterhin) eine wesentliche Rolle.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.h Am 14. Juli 2014 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass ihr Beratung und
Unterstützung bei der Stellensuche durch die Eingliederungsverantwortliche gewährt
werde (IV-act. 49). Am 16. Februar 2015 wurde die Versicherte darüber informiert (IV-
act. 67), dass die IV-Stelle die Kosten für die berufliche Abklärung vom 4. Februar bis 1.
Mai 2015 bei der Stiftung J._ übernehme.
A.i Die Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle notierte am 16. April 2015 (IV-act.
71), dass die Versicherte positiv im Abklärungsprogramm gestartet sei. Sie habe sich
schnell eingelebt und mache mit. Sie sei in ihrem 50 %-Pensum voll da und erbringe
eine überdurchschnittliche Leistung. Sie zeige Interesse, sei gut in der
Zusammenarbeit, melde sich freiwillig für Arbeiten, gehe vorwärts und sei sehr
engagiert. Sie wirke unterstützend für andere. Die Mitarbeitenden arbeiteten gerne mit
ihr zusammen. Die Versicherte selbst habe berichtet, dass ein sehr menschliches Klima
im J._ herrsche. Sie freue sich, aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Sie arbeite in
der Einkaufsabteilung. Eventuell sei eine Teamleitung möglich. Am 20. April 2015 (IV-
act. 73) teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie die Kosten für die
Verlängerung der beruflichen Abklärung vom 2. Mai bis 31. Juli 2015 übernehme.
A.j Die Eingliederungsverantwortliche hielt am 30. Juni 2015 fest (IV-act. 83), dass die
Versicherte ihre Arbeits- und Leistungsfähigkeit im Rahmen der beruflichen Abklärung
von 50 auf 100 % habe steigern und unter Beweis stellen können. Die Beurteilung sei
in fast allen Punkten gut bis sehr gut ausgefallen. Die Versicherte habe sich
entschieden, ihren Lebensmittelpunkt in die Innerschweiz zu verlegen. Sie sei in der
Lage, selbständig eine neue Arbeitsstelle zu suchen.
A.k Am 2. Juli 2015 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit (IV-act. 85), dass sie keinen
Anspruch auf weitere berufliche Massnahmen habe. Zur Begründung hielt sie fest, die
Versicherte sei damit einverstanden, dass die Unterstützung bei der Stellensuche
beendet werde.
A.l Eine IV-Sachbearbeiterin notierte am 24. August 2015 (IV-act. 88), dass die
Versicherte in der angestammten Tätigkeit voll arbeitsfähig sei. Trotzdem sei als
nächster Schritt eine berufliche Abklärung vorgesehen gewesen. Die Versicherte habe
es jedoch vorgezogen, in die Innerschweiz umzuziehen und dort selber eine Anstellung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zu suchen. Die Versicherte sei sich ihrer Schwierigkeiten durchaus bewusst. Aus
ärztlicher Sicht sollte sie an einem Arbeitsplatz ohne erhöhten Zeit- und Leistungsdruck
tätig sein. Trotzdem arbeite sie nun in einem Schnellrestaurant.
A.m Mit Vorbescheid vom 24. August 2015 kündigte die IV-Stelle der Versicherten bei
einem IV-Grad von 0 % die Abweisung des Rentengesuchs an (IV-act. 90). Zur
Begründung hielt sie fest, dass die Versicherte infolge eines Suizidversuchs ab dem 14.
Oktober 2013 vorübergehend zu 100 % arbeitsunfähig gewesen sei. Bis zum 25.
Januar 2014 sei sie stationär behandelt worden. Mittlerweise bestehe für die
angestammte Tätigkeit als Konstrukteurin wie auch für eine leidensadaptierte Tätigkeit
wieder eine vollständige Arbeitsunfähigkeit (gemeint: Arbeitsfähigkeit). In der
Zwischenzeit sei die Versicherte in die Innerschweiz umgezogen und arbeite in einem
Schnellrestaurant. Bei Bedarf sei sie in der Lage, selbständig eine neue Tätigkeit zu
suchen.
A.n Am 18. September 2015 verfügte die IV-Stelle wie angekündigt bei einem IV-Grad
von 0 % die Abweisung des Rentengesuchs (IV-act. 91).
B.
B.a Dagegen liess die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 28.
September 2015 Einsprache (gemeint: Beschwerde) erheben (act. G 1). Sie erklärte,
dass sie mit der Verfügung nicht einverstanden sei, da die Begründung völlig aus der
Luft gegriffen sei. Während des Praktikums bei J._, einem geschützten Arbeitsplatz,
sei sie anfangs lediglich zu 50 %, danach maximal zu 70 % arbeitsfähig gewesen. Den
Suizidversuch habe sie aufgrund des Drucks, der von allen Seiten auf sie eingeprallt
sei, unternommen. In der Verfügungsbegründung sei festgehalten worden, dass für die
angestammte Tätigkeit als Konstrukteurin wie auch für eine leidensadaptierte Arbeit
mittlerweile wieder eine vollständige Arbeitsunfähigkeit bestehe. Das sehe sie genauso.
Diese Aussage stehe im Widerspruch zum Entscheid, dass kein Anspruch auf eine IV-
Rente bestehe. Bezüglich des Einkommensvergleichs hielt die Beschwerdeführerin
fest, es sei schlicht unmöglich, dass die Erwerbseinbusse im Krankheitsfall Fr. 0.--
betrage.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.b Die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am 5. Januar 2016
die Abweisung der Beschwerde (act. G 8). Zur Begründung führte sie aus, dass die
Beurteilung des RAD schlüssig sei und im Einklang mit der Rechtsprechung des
Bundesgerichts stehe, wonach psychosoziale Faktoren für sich alleine keine Invalidität
zu begründen vermöchten. Eine von den psychosozialen Faktoren abschichtbare
ausgeprägte psychische Störung liege nicht vor. Die diagnostizierte
Persönlichkeitsstörung sei nicht invalidisierend. Eine Persönlichkeitsstörung entwickle
sich im Laufe der Kindheit bzw. im Jugendalter. Die Beschwerdeführerin sei in der Lage
gewesen, die Regelschule zu besuchen und eine Ausbildung zur Konstrukteurin zu
absolvieren. Danach habe sie eineinhalb Jahre lang auf einem anderen Beruf
gearbeitet. Vom Dezember 2012 bis Ende August 2013 habe sie wieder im
Vollzeitpensum als Konstrukteurin gearbeitet. Die diagnostizierte
Persönlichkeitsstörung habe also keinen massgeblichen Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit gehabt. Die vom Psychiatrie-Zentrum attestierten Leiden fänden ihre
hinreichende Erklärung in psychosozialen Umständen und der subjektiven Auffassung
der Beschwerdeführerin, weshalb von einer vollen Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer
Sicht auszugehen sei. Dies bestätigten auch die Ergebnisse der beruflichen Abklärung.
Im Abschlussbericht der Abklärungsstelle vom 24. Juni 2015 (IV-act. 82-1) sei der
Beschwerdeführerin u.a. beim Durchhaltevermögen, der Flexibilität und der
Eigeninitiative die Bewertung "sehr gut" attestiert worden. Die Arbeitsqualität und -
quantität sei gut gewesen. Auch die Ausführungen im Arbeitszeugnis (IV-act. 83-3)
bestätigten, dass die Beschwerdeführerin voll arbeitsfähig sei. Es gebe keine Hinweise,
dass sie in einem geschützten Rahmen gearbeitet habe. Daher sei davon auszugehen,
dass die Beschwerdeführerin in ihrer erlernten Tätigkeit voll arbeitsfähig sei. In der
angefochtenen Verfügung sei die Beschwerdeführerin irrtümlich als arbeitsunfähig
bezeichnet worden. Hierbei handle es sich offensichtlich um einen Verschrieb, wie die
anderen Erwägungen in der Verfügung aufzeigten. Die Beschwerdeführerin habe
mangels Invalidität keinen Rentenanspruch.
B.c In ihrer Replik vom 5. Februar 2016 (act. G 10) beantragte die Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführerin die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Zusprache
einer IV-Rente. Eventualiter sei die Angelegenheit an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen, damit diese nach der Anordnung umfassender medizinischer
Abklärungen neu über den Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine IV-Rente
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entscheide. Die Rechtsvertreterin stellte zudem ein Gesuch um unentgeltliche
Prozessführung. Zur Begründung ihres Hauptbegehrens machte sie geltend, aus dem
Bericht des Psychiatrie-Zentrums H._ vom 9. April 2014 gehe hervor, dass die
Arbeits- und Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin im Frühling 2014 noch
erheblich eingeschränkt gewesen sei; die Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit im
Umfang von bis zu 50 % habe möglich erschienen, es sei aber noch nicht klar
gewesen, wann eine solche Arbeitsfähigkeit erreicht werden könnte und inwiefern eine
verminderte Leistungsfähigkeit verbleiben würde. Vor diesem Hintergrund sei nicht
nachvollziehbar, wie der RAD-Arzt am 19. Mai 2014 habe zum Schluss kommen
können, dass aus versicherungsmedizinischer Sicht für die bisherige Tätigkeit als
Konstrukteurin und für eine adaptierte Tätigkeit von einer mindestens 50 %igen
Arbeitsfähigkeit, schrittweise steigerbar auf das Vorniveau (100 %), ausgegangen
werden müsse. Der RAD-Arzt habe sich eine medizinische Beurteilung angemasst, die
der Beurteilung des Psychiatrie-Zentrums widersprochen habe, ohne die
Beschwerdeführerin je untersucht zu haben. Zwar habe die Beschwerdeführerin
während der beruflichen Abklärung bei J._ das anfängliche Pensum von 50 %
sukzessive auf 70 % steigern können. Hierbei habe sich aber um einen Arbeitseinsatz
in einem geschützten Rahmen gehandelt. Die Beschwerdeführerin habe keine
durchgehende Präsenzzeit von 100 % erreicht. Ein Einsatz von 100 % sei lediglich über
einen kurzen Zeitraum im Zusammenhang mit einer Messe erfolgt. Eine anhaltende
Steigerung des Pensums auf über 70 % habe die Beschwerdeführerin nicht erreicht.
Die Beschwerdegegnerin habe nur einen Arztbericht eingeholt; dieser sei eineinhalb
Jahre vor dem Erlass der angefochtenen Verfügung eingegangen und somit veraltet.
Da in diesem Bericht zudem ein äusserst instabiler psychischer Gesundheitszustand
beschrieben worden sei, seien weitere medizinische Abklärungen dringend angezeigt.
Psychosoziale Umstände hätten nie im Vordergrund gestanden. Daher sei nicht
nachvollziehbar, weshalb die Beschwerdegegnerin zum Schluss gekommen sei, die
psychische Beeinträchtigung finde ihre hinreichende Erklärung in psychosozialen
Umständen. Seit ihrem Umzug in die Innerschweiz stehe die Beschwerdeführerin beim
Sozialpsychiatrischen Dienst Z._ in psychiatrisch-psychotherapeutischer
Behandlung. Trotz einer engmaschigen Therapie habe sie ihren Mitte Juli 2015
begonnenen Arbeitsversuch in der freien Wirtschaft Ende Dezember 2015 aufgeben
müssen und sei seither wieder voll arbeitsunfähig. Die Rechtsvertreterin merkte weiter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
an, dass sie angesichts der kurzfristigen Mandatierung keinen aktuellen Arztbericht
habe einholen können. Aufgrund des Verdachts auf eine ADHS-Erkrankung erfolge
aktuell zudem eine psychologische Abklärung. Wegen dieser Umstände sei sie zurzeit
nicht in der Lage, den Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine IV-Rente eingehend
zu begründen. Für den Fall, dass die Beschwerdegegnerin die angefochtene Verfügung
nicht in Wiedererwägung ziehe, bat die Rechtsvertreterin um die Möglichkeit, eine
eingehende Begründung nachzureichen.
B.d Am 17. März 2016 bewilligte das Gericht das Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung) für das Verfahren vor dem Versicherungsgericht (act. G 14).
B.e Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 12, 15).
B.f Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin machte am 21. April 2016 ergänzend
geltend (act. G 16), unter Berücksichtigung des beiliegenden Berichts des SPD vom 13.
April 2016, des Berichts des Psychiatrie-Zentrums H._ vom 9. April 2014 und des
gescheiterten Arbeitsversuchs in der freien Wirtschaft in einem Schnellrestaurant sei
ausgewiesen, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer psychischen
Beeinträchtigungen in der freien Wirtschaft seit dem Jahr 2013 in ihrer Arbeitsfähigkeit
erheblich eingeschränkt sei. Die Beschwerdeführerin habe zweifellos Anspruch auf eine
IV-Rente. Für die nähere Beurteilung des Rentenanspruchs seien indes weitere
medizinische Abklärungen angezeigt, sodass die Angelegenheit zur Anordnung
umfassender Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen sei. Die
leitende Ärztin des SPD hatte im Bericht vom 13. April 2016 (act. G 16.1) erklärt, dass
sich beim Erstgespräch am 29. Oktober 2015 vor dem Hintergrund einer massiven
Überforderungssituation am Arbeitsplatz eine deutliche Dekompensation mit
depressiver Stimmungslage, Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten, eine
Tagesmüdigkeit, eine Erschöpfung, Durchschlafstörungen, Existenzängste,
Insuffizienzgefühle, Zukunftsängste und eine innere Unruhe gezeigt habe. Ein
Wiedereinstieg und vor allem eine langfristige Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit
auf dem ersten Arbeitsmarkt sei in Anbetracht der traumatisierenden
Gewalterfahrungen durch den Vater mit der Entwicklung einer Borderline-
Persönlichkeitsstörung, eines ADHS und einer rezidivierenden depressiven Störung,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
welche sich gegenseitig aufschaukelten und eine Verstärkung der Gesamtproblematik
bewirkten, zum jetzigen Zeitpunkt und ohne begleitende Massnahmen nicht realistisch.
Die projektive Konfliktverarbeitung, die Beeinträchtigung der Reizverarbeitung bei
Konzentrationsstörungen und Hyperaktivität, die emotionale Instabilität und
Reagibilität, die Desorganisation, das Aggressionspotential mit Impulsivität, die
Empfänglichkeit für Angelegenheiten anderer Menschen mit der daraus resultierenden
Schwierigkeit sich abzugrenzen, bei überhöhter Loyalität und Beeinflussbarkeit,
verunmöglichten es der Beschwerdeführerin, ihr eigentliches Potential auf dem ersten
Arbeitsmarkt auszuschöpfen und eine volle und langfristig stabile Arbeitsleistung zu
erbringen. Die Unterstützung durch die IV mit einem nachhaltig ausgerichteten
intensiven Berufscoaching mit allfälliger Umschulung sei dringendst indiziert. Um
langfristig eine Arbeitsfähigkeit zu erreichen und aufrechterhalten zu können, müsse in
erster Linie eine passende Anstellung für die Beschwerdeführerin gefunden werden.
Dabei müsse es sich um eine gut strukturierte und auf die Möglichkeiten und
Fähigkeiten der Beschwerdeführerin abgestimmte Stelle (regelmässige Arbeitszeiten,
keine Schichtarbeit, abgeschirmt vor Reizüberflutung, eigenständiges Arbeiten zur
Vermeidung von Konflikten im Team, keine Überforderung, ggf. Teilzeitarbeit) handeln.
Anderenfalls und auch bei einer Rückkehr in den erlernten Beruf als Konstrukteurin sei
die Prognose als schlecht einzustufen. Diesfalls müsse mit einer erneuten
Dekompensation gerechnet werden. Die Ärztin empfahl das Fortführen der
psychotherapeutischen/psychiatrischen Behandlung und bezüglich der ADHS-
Symptomatik die Erwägung eines Versuchs mit Stimulantien. Sie schätzte die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin aktuell auf 50 %, wobei sie in naher Zukunft
eine Steigerung erwartete.
B.g Am 6. Mai 2016 reichte die Rechtsvertreterin einen Abklärungsbericht von lic. phil.
K._ vom 26. April 2016 ein (act. G 18). Die Fachpsychologin für Klinische Psychologie
und Psychotherapie FSP hatte als Diagnose eine Aufmerksamkeits-Defizit-
Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) mit Persistenz im Erwachsenenalter (F90.0)
angegeben. Sie hatte erklärt, dass es der Beschwerdeführerin im Verlauf ihres Lebens
gelungen sei, viele funktionale Strategien im Umgang mit der Veranlagung ADHS zu
erarbeiten. Eine gute Intelligenz sei meistens ein hoher protektiver Faktor; es gelinge
häufig, gute Coping-Strategien zu entwickeln, die über eine lange Zeit gute Leistungen
ermöglichten. Allerdings koste diese Anstrengung, die täglich geleistet werden müsse,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
um das Leben im Griff zu behalten, immer mehr Energie und Kraft. Angesichts dieser
Anstrengung, die das "Zusammenreissen" erfordere, sei die Belastbarkeit der
Beschwerdeführerin stark eingeschränkt. Vor allem im Berufsleben hätten sich die
mangelnde Konzentration, die hohe Ablenkbarkeit und die Stimmungslabilität als ein
grosses Hindernis erwiesen.
B.h Auf Nachfrage hin wurde der Beschwerdeführerin der geleistete Kostenvorschuss
von Fr. 600.-- am 12. Juni 2016 zurückerstattet (act. G 20).
B.i Am 10. Oktober 2016 reichte die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin einen
Assessmentbericht von L._ vom 6. September 2016 ein (act. G 22). Die
Profilberaterin hatte darin festgehalten, dass sich die Beschwerdeführerin durch die
seit kurzem begonnene Einnahme von Ritalin unterstützt und fokussierter fühle. Wie
sich das Ritalin längerfristig auf die Persönlichkeit auswirke, könne noch nicht
abschliessend eingeschätzt werden. Die Beschwerdeführerin sei sehr motiviert und
wolle unbedingt den Schritt zurück in den ersten Arbeitsmarkt schaffen. Eine Tätigkeit
als Konstrukteurin sei aus der Sicht verschiedener Referenzpersonen nicht ideal, da
dort eine gute Kommunikation und Teamarbeit gefordert würden. Eine den Ansprüchen
der Beschwerdeführerin gerecht werdende Arbeitsstelle auf dem realen ersten
Arbeitsmarkt zu finden, sei äusserst anspruchsvoll.
B.j Am 18. November 2016 reichte die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin eine
Honorarnote über einen Zeitaufwand von 7.5 Stunden und Barauslagen von Fr. 45.--
ein (act. G 24).

Erwägungen
1.
Zuständig zur Entgegennahme und Prüfung der Anmeldungen ist die IV-Stelle, in deren
Kantonsgebiet die versicherte Person im Zeitpunkt der Anmeldung ihren Wohnsitz hat
(Art. 55 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG, SR 831.20;
Art. 40 Abs. 1 lit. a der Verordnung über die Invalidenversicherung, IVV, SR 831.201).
Da die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Anmeldung (Dezember 2013/Januar 2014)
ihren Wohnsitz im Kanton St. Gallen gehabt hat, ist die Beschwerdegegnerin für die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Behandlung ihres Leistungsgesuch zuständig gewesen. Im Juli 2015, also während des
laufenden Verwaltungsverfahrens, ist die Beschwerdeführerin in den Kanton Y._
gezogen. Die einmal begründete Zuständigkeit der IV-Stelle bleibt − unter Vorbehalt
der Absätze 2bis-2quater − im Verlaufe des Verfahrens erhalten (Art. 40 Abs. 3 IVV). Die
Beschwerdegegnerin ist somit zuständig gewesen, über das Leistungsgesuch zu
entscheiden. Verfügungen der kantonalen IV-Stellen sind direkt vor dem
Versicherungsgericht am Ort der IV-Stelle anfechtbar (Art. 69 Abs. 1 lit. a IVG). Die
örtliche Zuständigkeit des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen ist daher
gegeben.
2.
2.1 Die Beschwerdegegnerin hat mit der angefochtenen Verfügung vom 18.
September 2015 das Rentengesuch der Beschwerdeführerin bei einem IV-Grad von 0
% abgewiesen. Nachfolgend ist somit zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin einen
Rentenanspruch der Beschwerdeführerin zu Recht verneint hat.
2.2 Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (Art. 28 Abs. 1 IVG). Invalidität ist gemäss Art.
8 Abs. 1 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine Beeinträchtigung
der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach
zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust
der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
2.3 Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist der Invaliditätsgrad
grundsätzlich durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen).
3.
3.1 Um den IV-Grad ermitteln zu können, muss die Arbeitsfähigkeit bzw. die
Arbeitsunfähigkeit der versicherten Person mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit feststehen. Die Beschwerdeführerin macht eine Arbeitsunfähigkeit
ab Oktober 2013 geltend.
3.2 Die Beschwerdeführerin war vom 14. bis 22. Oktober 2013 auf den Akutstationen
der Klinik D._ hospitalisiert gewesen, nachdem sie in suizidaler Absicht eine
Überdosis Medikamente eingenommen hatte. Der behandelnde Arzt med. pract. E._
hat als Diagnosen eine schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome und
eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline-Typ, angegeben. Vom 10.
November 2013 bis 25. Januar 2014 war ein stationärer Aufenthalt auf der
Psychotherapiestation der Klinik D._ erfolgt. Dr. F._ hat im Austrittsbericht vom 26.
Februar 2014 keine Depression mehr diagnostiziert. Für die Zeit vom 14. Oktober 2013
bis 31. Januar 2014 haben beide Ärzte der Klinik D._ der Beschwerdeführerin eine
volle Arbeitsunfähigkeit attestiert. Dass die Beschwerdeführerin von Oktober 2013 bis
Januar 2014 für jegliche Tätigkeiten wegen des Suizidversuchs am 14. Oktober 2013
und der darauffolgenden stationären Therapie bis Ende Januar 2014 für jegliche
Tätigkeiten voll arbeitsunfähig gewesen ist, ist ausgewiesen und im Übrigen auch
unumstritten. Die Beschwerdeführerin hatte bereits vor dem Suizidversuch, nämlich
seit dem 7. Mai 2012, in ambulanter psychiatrischer Behandlung des Psychiatrie-
Zentrums H._ gestanden. Dr. I._ hat im Bericht vom 9. April 2014 zuhanden der
Beschwerdegegnerin als Diagnosen eine rezidivierende depressive Störung,
mittelgradige Episode, und eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline-
Typ, angegeben. Seine Arbeitsfähigkeitsschätzung ist, wie der RAD-Arzt zu Recht
festgehalten hat, widersprüchlich. Erstens leuchtet es nicht ein, weshalb die
Beschwerdeführerin in der angestammten Tätigkeit als Konstrukteurin bereits seit dem
Jahr 2010 voll arbeitsunfähig sein sollte, denn sie hat noch bis August 2013 zu 100 %
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
als Konstrukteurin gearbeitet. Zweitens hat Dr. I._ einerseits erklärt, dass in
absehbarer Zeit keine Arbeiten von wirtschaftlichem Wert zu erwarten seien.
Andererseits hat er festgehalten, dass mit der Wiedererlangung einer 50 %igen
Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit gerechnet werden könne, der genaue
Zeitpunkt aber noch unklar sei. Die Hausärztin der Beschwerdeführerin, Dr. med.
M._, Allg. Medizin, hat der Beschwerdeführerin ab dem 1. Juli 2014 wieder eine 50
%ige Arbeitsfähigkeit bescheinigt (IV-act. 62). Sie hat allerdings lediglich einfache
Arbeitsunfähigkeitszeugnisse ausgestellt, d.h. sie hat ihre Arbeitsfähigkeitsschätzung
nicht begründet. Aus diesem Grund − und auch, weil ihr das notwendige psychiatrische
Fachwissen fehlt − kann auch auf ihre Beurteilung nicht abgestellt werden. Für das
vorliegende Verfahren ist der Gesundheitszustand respektive die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin bis und mit Verfügungserlass, d.h. bis und mit dem 18. September
2015, relevant. Bis zu diesem Zeitpunkt liegen keine überzeugenden
Arbeitsfähigkeitsschätzungen der behandelnden Ärzte im Recht. RAD-Arzt Dr. G._
hat am 2. Mai 2014 notiert, dass aus versicherungsmedizinischer Sicht in der
bisherigen Tätigkeit als Konstrukteurin und in einer adaptierten Tätigkeit von einer
mindestens 50 %igen Arbeitsfähigkeit, schrittweise steigerbar auf das Vorniveau,
ausgegangen werden müsse. Dr. G._ hat diese Einschätzung im Rahmen der
Eingliederung abgegeben (siehe Überschrift IV-act. 38). Es hat sich also lediglich um
eine vorläufige Einschätzung gehandelt, damit die Eingliederungsverantwortliche das
Eingliederungspotential hat abschätzen und geeignete berufliche
Eingliederungsmassnahmen hat in die Wege leiten können. Es ist nicht davon
auszugehen, dass RAD-Arzt Dr. G._ zu diesem Zeitpunkt eine abschliessende
Arbeitsfähigkeitsschätzung zur Prüfung des Rentenanspruchs hat abgeben wollen,
zumal die vorhandenen medizinischen Akten sehr spärlich gewesen sind und er die
Beschwerdeführerin nicht selber untersucht hat. Daher kann auch auf die
Arbeitsfähigkeitsschätzung des RAD nicht abgestellt werden. Demnach liegt für die Zeit
vom 1. Februar 2014 bis 18. September 2015 keine überzeugende
Arbeitsfähigkeitsschätzung im Recht. Dass die Beschwerdegegnerin den
medizinischen Sachverhalt zur Beurteilung des Rentenanspruchs zu wenig abgeklärt
hat, zeigen auch die von der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin im
Beschwerdeverfahren eingereichten medizinischen Berichte. So ist bei der
Beschwerdeführerin im März/April 2016 eine Aufmerksamkeits-Defizit-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert worden (act. G 18.1). Im Bericht des SPD vom 13.
April 2016 (act. G 16.1) ist erstmals eine ausführlichere Anamnese geschildert worden.
Es ist auch darauf hingewiesen worden, dass die Beschwerdeführerin mit 14 Jahren
psychiatrisch/ psychotherapeutisch behandelt und später durch die Kinder- und
Jugendpsychiatrischen Dienste X._ (KJPD) betreut worden ist, welche im Jahr
2006/2007 die Diagnose einer reaktiven Bindungsstörung mit depressiven Zügen
gestellt haben.
3.3 Die Beschwerdegegnerin hat geltend gemacht, dass keine von psychosozialen
Faktoren abschichtbare ausgeprägte psychische Störung vorliege. Zu diesem Schluss
hat sie wohl die Aussage des RAD-Arztes bewogen, welcher erwähnt hat, dass
psychosoziale Belastungsfaktoren bei der Aufrechterhaltung der krankheitswertigen
Symptomatik (weiterhin) eine wesentliche Rolle spielten (IV-act. 38-4). Die
Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin hat diese Argumentation zu Recht als nicht
nachvollziehbar bezeichnet. Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung kann
eine rentenbegründende Invalidität nicht allein mit dem Hinweis auf das Vorhandensein
von psychosozialen Belastungsfaktoren verneint werden. Die Art und Genese eines
Gesundheitsschadens ist unbeachtlich. Massgebend ist einzig, dass es sich um ein
verselbständigtes psychisches Leiden handelt (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 29.
April 2014, 8C_830/2013 E. 5.2.3; vgl. BGE 136 V 279 E. 3.2.1). Zwar ist der Auslöser
der Arbeitsunfähigkeit wohl die Kündigung durch die letzte Arbeitgeberin gewesen. Bei
näherer Betrachtung bestehen jedoch Hinweise dafür, dass es zur Kündigung
gekommen ist, weil die Beschwerdeführerin die geforderte Leistung aus
gesundheitlichen Gründen nicht erbracht hat. So wird im Kündigungsschreiben vom
18. Juli 2013 (IV-act. 21-2) erwähnt, dass der Beschwerdeführerin gekündigt werden
müsse, weil die Aufgaben sehr komplex geworden seien und die Kunden eine sehr
hohe Qualität von den Mitarbeitenden verlangten; diese Entwicklung dürfte aber kaum
erst nach Beginn des Arbeitsverhältnisses am 1. Dezember 2012, d.h. lediglich ein
halbes Jahr vor der Kündigung, eingetreten sein. Andererseits hat die ehemalige
Arbeitgeberin auf der Seite 7 des Arbeitgeberfragebogens der Beschwerdeführerin
zwar die gleiche Arbeit, aber in einem Grossbetrieb, wo die Anforderungen nicht so
gross seien, empfohlen (IV-act. 36-7). Es macht also den Anschein, als hätten bereits
während der letzten Anstellung gesundheitsbedingte Einschränkungen der
Arbeitsfähigkeit bestanden. Zudem drängt sich aufgrund der Art der gesundheitlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Störungen die Frage auf, ob die aktuellen psychosozialen Belastungen (z.B. die
zwischenmenschlichen Konflikte im privaten und beruflichen Bereich, vgl. act. G 16.1)
nicht eine Folge der psychischen Störungen statt deren Ursache bzw. der Grund für
deren Aufrechterhaltung sind. Die Argumentation der Beschwerdegegnerin ist somit
nicht stichhaltig.
3.4 Die Beschwerdegegnerin hat ausserdem geltend gemacht, dass auch die
Ergebnisse der beruflichen Abklärung die volle Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer
Sicht bestätigten. Hierzu ist anzumerken, dass die Ergebnisse eines Arbeitsversuches
eine überzeugende medizinisch-theoretische Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht zu
ersetzen vermögen. Gerade bei psychischen Erkrankungen, die in der Regel
Schwankungen unterworfen sind, ist zwingend eine Längsschnittbeurteilung, d.h. die
Berücksichtigung des Verlaufs der Arbeits- und Leistungsfähigkeit über einen längeren
Zeitraum, erforderlich. Des Weiteren hat es sich bei der beruflichen Abklärung bei der
Stiftung J._ nicht um eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt gehandelt. J._ ist
eine Praxisfirma im Bereich Handel und Dienstleistung, die arbeitslosen Personen eine
aktuelle, praxisnahe Aus- und Weiterbildung ermöglicht Deshalb ist davon auszugehen,
dass der Stress und die Belastungen in dieser Praxisfirma weniger hoch gewesen sind
und dass mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden genommen worden
ist, als es in einem Unternehmen auf dem ersten Arbeitsmarkt der Fall gewesen wäre.
Hinzu kommt, dass die Arbeits- und Leistungsfähigkeit in der Praxisfirma nichts über
die Arbeits- und Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin in ihrer angestammten
Tätigkeit als Konstrukteurin auszusagen vermag. Und schliesslich geht aus den
Verwaltungsakten auch nicht hervor, wann die Beschwerdeführerin ihr Pensum im
Verlauf der beruflichen Abklärung auf 100 % gesteigert hat, d.h. wie lange sie ein volles
Pensum absolviert hat. Demnach geht auch diese Argumentation der
Beschwerdegegnerin fehl.
3.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass eine psychiatrische Begutachtung
zwingend notwendig ist. Die zu beauftragende Gutachtensperson wird zum Verlauf der
Arbeitsfähigkeit ab 1. Februar 2014 Stellung nehmen müssen. Die Beschwerdegegnerin
wird sicherstellen müssen, dass der Gutachtensperson die vollständige psychiatrische
Krankheitsgeschichte der Beschwerdeführerin vorliegt. Sie wird aber auch die Frage zu
beantworten haben, bis wann die Beschwerdeführerin sich noch in der medizinischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eingliederungsphase (im IV-rechtlichen Sinn) befunden hat, d.h. bis wann aufgrund der
laufenden medizinischen Behandlung in absehbarer Zeit noch mit einer
Wiederherstellung der vollständigen Arbeitsfähigkeit zu rechnen gewesen ist bzw. ab
wann klar gewesen ist, dass die medizinische Behandlung, wenn überhaupt, nur
langfristig wieder zu einer (wenigstens teilweisen) Wiederherstellung der
Arbeitsfähigkeit führen würde. Während der Phase der (IV-rechtlichen) medizinischen
Eingliederung kann nämlich mangels Invalidität kein Anspruch auf eine Rente entstehen
(vgl. Entscheide des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 27. November
2017, IV 2015/257 E. 4.7 und vom 12. Dezember 2017, IV 2015/349 E. 2.3).
3.6 Demnach ist die angefochtene Verfügung wegen der Verletzung des
Untersuchungsgrundsatzes nach Art. 43 Abs. 1 ATSG aufzuheben und die Sache ist
zur monodisziplinären psychiatrischen Begutachtung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
4.
4.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Die
Beschwerdeführerin hat die am 5. Februar 2016 gestellten Rechtsbegehren am 21.
April 2016 insoweit abgeändert, als sie nicht mehr die Zusprache einer IV-Rente,
sondern die Rückweisung der Sache an die Beschwerdegegnerin zur umfassenden
medizinischen Abklärung beantragt hat. Ihrem Begehren wird mit dem vorliegenden
Entscheid voll entsprochen, weshalb die Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- vollumfänglich
der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen ist. Den geleisteten Kostenvorschuss vom Fr.
600.-- hat das Gericht aufgrund der Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege der
Beschwerdeführerin bereits am 12. Juni 2016 wieder zurückerstattet.
4.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art.
22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Die
Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers hat eine Honorarnote eingereicht, wobei sie
lediglich den Stundenaufwand und die Höhe der Barauslagen (Fr. 45.--) angegeben
hat. Neben dem bisherigen Aufwand von 6.5 Stunden hat sie einen prognostizierten
Aufwand von einer Stunde für die Urteilsbesprechung geltend gemacht. Der Aufwand
für das Urteilsstudium und die Schlussbesprechung mit dem Klienten gehört zum
Aufwand des kantonalen Gerichtsverfahrens (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 13.
Februar 2009, 5D_1/2009 E. 2.4; vgl. die Richtlinien des Kantonsgerichts St. Gallen zur
unentgeltlichen Rechtspflege im Zivilprozess und für die Privatklägerschaft im
Strafprozess vom Mai 2011; vgl. PIERRE HEUSSER, Die unentgeltliche Vertretung ist
klarer zu regeln, plädoyer 6/11, S. 33 ff., S. 38). Ausgehend vom mittleren Honorar von
Fr. 250.-- pro Stunde (Art. 24 Abs. 1 HonO) beträgt das Honorar Fr. 1'875.-- (7.5
Stunden à Fr. 250.--). Zusammen mit den Barauslagen von Fr. 45.-- und unter
Berücksichtigung der Mehrwertsteuer von 8 % (Art. 29 Abs. 1 HonO) beläuft sich das
von der Rechtsvertreterin geforderte Honorar auf Fr. 2'073.60 (Fr. 1'875.-- + Fr. 45.-- +
[0.08 x Fr. 1'920.--]). Angesichts des von der Rechtsvertreterin getätigten Aufwandes
erscheint die Höhe der geltend gemachten Parteientschädigung für das vorliegende
Verfahren als angemessen. Die Beschwerdegegnerin hat die Beschwerdeführerin somit
mit Fr. 2'073.60 (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.