Decision ID: 1ed28004-5e19-5075-a47a-3652540da974
Year: 2014
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Klägerin,
vertreten durch Fürsprecher Marco Büchel, LL.M., c/o K & B Rechtsanwälte,
Freudenbergstrasse 24, Postfach 213, 9240 Uzwil,
gegen
SWICA Krankenversicherung AG, Rechtsdienst, Römerstrasse 38, 8401 Winterthur,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beklagte,
betreffend
Taggeldleistungen
Sachverhalt:
A.
A.a Die geborene A._ (nachfolgend: Versicherte) war vom 19. April 2001 bis
30. November 2010, anfangs zu 50% und in den letzten drei Jahren zu 80%, als
Betriebsmitarbeiterin bei der B._ AG angestellt und im Rahmen dieses
Arbeitsverhältnisses einem Kollektivvertrag mit der Swica Krankenversicherung AG
(nachfolgend: Swica) angeschlossen, der eine Krankentaggeldversicherung gemäss
Versicherungsvertragsgesetz (VVG; SR 221.229.1) umfasste (act. G 5.1/2, 17, 20.1ff.).
Dr. med. C._, Facharzt FMH Allgemeine Medizin attestierte der Versicherten ab
23. August 2010 eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit (act. G 1.5, 1.6), anfänglich wegen
einer Sinusitis maxillaris links (sog. Kieferhöhlenentzündung). Ab 5. September 2010
habe sich eine schon länger bestehende Lumbalgie akzentuiert (vgl. act. 1.1/23). Die
Swica anerkannte ihre Leistungspflicht und erbrachte Taggeldleistungen (act. G 1.4,
act. G 1.5/10, 13).
A.b Eine vertebro-spinale Kernspintomographie (TH12-S3) vom 1. Oktober 2010 führte
eine dehydrierte Bandscheibe L4/L5 mit breitbasiger subligamentärer Hernierung und
leichter recessaler und leichter foraminaler Einengung sowohl links als auch rechts mit
aber vor allem rechtsseitig Kontakt zur Nervenwurzel L4 im foraminalen Anteil und
vermuteter intermittierender Nervenwurzelirritation L4 rechts zutage (act. G 1.20,
act. G 5.1/5). Vom 9. bis 20. Dezember 2010 war die Versicherte im Kantonsspital
St. Gallen (KSSG) hospitalisiert. Es wurde insbesondere ein chronifiziertes
Schmerzsyndrom mit Generalisierungstendenz, aktuell vorwiegend lumbospondylogen,
diagnostiert (act. G 1.7, 1.22). Nach einer Untersuchung vom 31. Januar 2011
berichtete der Vertrauensarzt der Swica, Dr. med. D._, Facharzt für Allgemeine
Medizin, dass ein generalisiertes Schmerzsyndrom bei degenerativen Veränderungen
an der Lendenwirbelsäule bestehe und schwierig abzuschätzen sei, inwieweit diese am
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schmerz ursächlich beteiligt seien. Im Weiteren bestehe mit Sicherheit eine
ausgeprägte depressive Komponente. Auch aus psychiatrischer Sicht werde die
Krankschreibung weiterhin erfolgen, eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit sei im
Augenblick nicht sehr wahrscheinlich (act. G 1.24). Im psychiatrischen Gutachten vom
25. Mai 2011 (beruhend auf einer Untersuchung der Versicherten vom 18. Mai 2011)
hielt Dr. med. E._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Chefarzt Klinik F._, als
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine mittelgradige bis schwere
depressive Episode mit somatischen Symptomen und eine generalisierte Angststörung
fest (act. G. 1.25). Eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung wirke sich nicht auf
die Arbeitsfähigkeit aus. Es bestehe eine volle Arbeitsunfähigkeit in der angestammten
wie auch in einer adaptierten Tätigkeit. Aus rein psychiatrischer Sicht könne von deren
Bestehen seit ca. Dezember 2010 ausgegangen werden. Vom 23. Mai bis 15. Juli 2011
wurde eine ambulante psychosomatische Behandlung in der Klinik F._ durchgeführt
(act. G 5.1/17, 1.26). Dr. E._ attestierte der Versicherten ab 1. September 2011 eine
50%-ige Arbeitsunfähigkeit. Nach orthopädisch-psychiatrischer Begutachtung vom
25. Oktober 2011 (act. G 1.27ff.) hielten Dr. med. G._, Orthopädie und Traumatologie
des Bewegungsapparates FMH, und Dr. med. H._, Psychiatrie und Psychotherapie
FMH, Zürich, gleichentags unter Hinweis auf eine Konsensbesprechung fest, dass sich
zum Zeitpunkt der Untersuchungen keine Diagnosen auf orthopädischem und/oder
psychiatrischem Fachgebiet ergäben, die eine Arbeitsunfähigkeit begründeten.
A.c Mit Schreiben vom 9. November 2011 teilte die Swica der Versicherten mit, dass
sie die Taggeldleistungen bis und mit 17. November 2011 zu 100% erbringen und
danach einstellen werde (act. G 5.1/19). Dr. C._ und Dr. med. I._, Fachärztin FMH
für Psychiatrie und Psychotherapie bescheinigten der Versicherten über Oktober 2011
hinaus eine volle Arbeitsunfähigkeit (vgl. etwa die Arztzeugnisse vom 11. Oktober 2011
[act. G 1.1/37], 28. November 2011 [act. G 1.1/38], 16. Dezember 2011 [act. G 1.1/39],
7. Dezember 2011 [in act. G 5.1/33] und 31. August 2012 [act. G 1.1/45]). Die Swica bat
daraufhin am 1. Februar 2012 Dr. G._ um eine erneute Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit (act. G 5.1/23). Die orthopädische Gutachterin antwortete am
10. Februar 2012 (act. G 5.1.24). Auch der psychiatrische Gutachter nahm am
24. Februar 2012 kurz Stellung (act. G 5.1/25). Die Gutachter hielten sinngemäss an
ihren Beurteilungen fest und sahen keinen weiteren Abklärungsbedarf.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.d Am 27. Februar 2012 bestätigte med. pract. J._, Assistenzärztin der
Psychiatrischen Klinik K._, dass die Versicherte am 10. Januar 2012 bis auf Weiteres
zur stationären Behandlung eingetreten sei und während der Dauer der Hospitalisation
eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit bestehe (act. G 5.1/28). Mit Schreiben vom 5. März
2012 hielt die Swica an ihrem Entscheid fest (act. G 5.1/26f.). Am 5. April 2012 wurde
die Versicherte aus der stationären Behandlung entlassen (act. G 5.1/33, 1.35). Am
25. April 2012 beantragte die DAS Rechtsschutz-Versicherungs-AG (nachfolgend: DAS)
in Vertretung der Versicherten die Veranlassung einer neuen, neutralen
vertrauensärztlichen Begutachtung (act. G 5.1/31). Die Swica kündigte der DAS am
3. Mai 2012 die nähere Prüfung des Versicherungsfalls durch ihren Rechtsdienst an
(act. G 5.1.32).
B.
B.a Mit Klage vom 17. September 2012 (act. G 1) liess die Versicherte durch
Rechtsanwalt Marco Büchel, Uzwil, beantragen, die Beklagte sei zu verpflichten, ihr
den Betrag von Fr. 23'324.20 nebst Zins zu 5% seit 1. Juni 2012 (mittlerer Verfall) zu
bezahlen; unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Zur Begründung liess sie
insbesondere anführen, die Einstellung der Taggeldleistungen gestützt auf das
bidisziplinäre Gutachten der Dres. G._ und H._ vom 25. Oktober 2011 sei nicht
gerechtfertigt. Dieses Gutachten stehe diametral der Beurteilung der behandelnden
Psychiaterin Dr. I._, dem Gutachten der Klinik F._ sowie der Beurteilung der
Psychiatrischen Klinik K._, insbesondere deren Austrittsbericht vom 10. April 2012,
entgegen. Die Diagnose von Dr. H._, wonach lediglich eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung bestehe, könne aus medizinischer Sicht nicht aufrechterhalten
werden. Die Klägerin sei nach wie vor zu 100% arbeitsunfähig und habe demzufolge
Anspruch auf Krankentaggelder. Sollte das Gericht diese Ansicht wider Erwarten nicht
vertreten, werde ausdrücklich das Einholen eines Obergutachtens beantragt.
B.b Mit Klageantwort vom 30. November 2012 schloss die Beklagte auf Abweisung
der Klage unter Kostenfolge zu Lasten der Klägerin (act. G 5). Zur Begründung brachte
sie im Wesentlichen vor, einzig mit dem bidisziplinären Gutachten von Dr. G._ und
Dr. H._ sei eine unabhängige Beurteilung der Arbeitsfähigkeit für die Zeit unmittelbar
vor Einstellung der Taggeldleistungen erfolgt. Die von Dr. E._ erstatteten Berichte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wiesen durch den Wechsel von einer gutachterlichen in eine behandelnde Position
einen reduzierten Beweiswert auf. Die anfänglich bestehenden orthopädischen
Beschwerden im Bereich der Wirbelsäule hätten sich im Verlauf zurückgebildet. Eine
nach dem 17. November 2011 fortbestehende Arbeitsunfähigkeit liesse sich allein
durch psychische Beeinträchtigungen erklären. Die Beschränkung auf eine einzige
monatliche kurze Sitzung bei Dr. I._ deute darauf hin, dass die Beurteilung von
Dr. H._ weit näher an der Realität liege als jene der behandelnden
Psychotherapeutin. Eine Kranken-Taggeldversicherung vermittle keinen Anspruch
darauf, einen durch problembelastete psychosoziale Umstände verursachten
Erwerbsausfall entschädigt zu erhalten. Die Beklagte schloss aus den medizinischen
Akten, dass die attestierte Arbeitsunfähigkeit, soweit sie – was bestritten werde – auch
nach dem 17. November 2011 fortbestanden hätte, zu einem sehr massgeblichen Teil
nicht durch ein pathologisches Geschehen, sondern durch eine
Überforderungssituation im privaten Umfeld verursacht wäre.
B.c Mit Replik vom 21. Januar 2013 hielt die Klägerin an ihrem bisherigen Standpunkt
fest (act. G 9). Mit Duplik vom 8. März 2013 hielt die Beklagte ebenfalls an ihrer
Auffassung fest und beantragte den Beizug des von der IV-Stelle St. Gallen
veranlassten polydisziplinären Gutachtens oder die Sistierung des vorliegenden
Klageverfahrens bis zu dessen Erstattung (act. G 13).
B.d Am 12. März 2013 holte das Versicherungsgericht St. Gallen das von der IV-Stelle
beim Zentrum für Interdisziplinäre Medizinische Begutachtungen AG (ZIMB), Schwyz,
in Auftrag gegebene Gutachten vom 3. März 2013 ein und eröffnete den Parteien die
Möglichkeit zur Stellungnahme und allfälliger Anpassung der Rechtsbegehren
(act. G 14, 15).
B.e Mit Eingabe vom 16. April 2013 liess die Klägerin durch ihren Rechtsvertreter mit
teilen, dass sie unverändert an ihrem Rechtsbegehren festhalte (act. G 16).
B.f Mit Eingabe vom 19. April 2013 (act. G 17) passte die Beklagte ihr
Rechtsbegehren an. Sie beantragte zur Hauptsache weiterhin die Abweisung der
Klage. Eventualiter sei die Beklagte zu verpflichten, der Klägerin Taggelder auf der
Basis einer Arbeitsunfähigkeit von maximal 50% zu bezahlen; unter Kostenfolge zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Lasten der Klägerin. Des Weiteren beantragte sie die Einholung einer
Gutachtenergänzung beim ZIMB, da die Gutachter nicht über das bidisziplinäre
Gutachten von Dr. G._ und Dr. H._ verfügt hätten.
B.g Die am 3. Juni 2013 (act. G 19) einverlangten Policen der Kollektiv-Taggeld
versicherung wurden dem Gericht von der Beklagten mit Schreiben vom 13. Juni 2013
zugesandt (act. G 20). Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin wurde vom Gericht
mit einer Kopie bedient (act. G 21).
B.h Die Beklagte reichte am 9. Dezember 2013 eine die Klägerin betreffende
rentenablehnende Verfügung der IV-Stelle des Kantons St. Gallen vom 26. November
2013 ein und beantragte den Beizug der aktualisierten IV-Akten inkl.
Observationsbericht und medizinischer Beurteilung (act. G 23). Die Eingabe wurde der
Klägerin zur Kenntnis zugestellt (act. G 24).

Erwägungen:
1.
Das vorliegende Verfahren beschlägt Leistungen aus einer Zusatzversicherung zur
sozialen Krankenversicherung. Gemäss Ziff. 90 der Allgemeinen
Versicherungsbedingungen der Beklagten für die kollektive Taggeldversicherung nach
VVG (Ausgabe 2006, act. G 1.2, nachfolgend: AVB) stehen der versicherten Person
wahlweise der ordentliche Gerichtsstand und ihr schweizerischer oder
liechtensteinischer Wohnsitz zur Verfügung. Die Klägerin wohnt in L._. Die örtliche
Zuständigkeit im Kanton St. Gallen ist somit gegeben. Das Versicherungsgericht
entscheidet gemäss Art. 9 des Einführungsgesetzes zur Schweizerischen
Zivilprozessordnung (EGZPO; sGS 961.2) in Verbindung mit Art. 7 der Schweizerischen
Zivilprozessordnung (ZPO; SR 272) als einzige kantonale Instanz über Streitigkeiten aus
Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung nach dem Bundesgesetz über
die Krankenversicherung (KVG, SR 832.10). Damit ist auch die sachliche Zuständigkeit
gegeben. Auf die Klage ist einzutreten.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung unterstehen gemäss
Art. 12 Abs. 2 und 3 KVG dem VVG. Streitigkeiten aus solchen Versicherungen sind
privatrechtlicher Natur (BGE 133 III 439 E. 2.1). Nach Art. 243 Abs. 2 lit. f ZPO gilt für
Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung nach KVG
das vereinfachte Verfahren ohne Rücksicht auf den Streitwert. Da beide Parteien
anwaltlich vertreten sind und die Klägerin in der begründeten Klageschrift die
Tatsachenbehauptungen hinreichend substantiiert vorgebracht hat, hat die
Verfahrensleitung anstelle einer mündlichen Verhandlung einen doppelten
Schriftenwechsel angeordnet (vgl. Art. 246 Abs. 2 ZPO). Das Gericht stellt den
Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 247 Abs. 2 lit. a ZPO;
Untersuchungsgrundsatz).
2.2 Im Zivilprozess gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 157 ZPO). Das
Gericht hat bei der Bewertung der erhobenen Beweise unabhängig von abstrakten
(schablonenhaften) Regeln nach seiner eigenen Überzeugung darüber zu befinden, ob
es eine behauptete Tatsache als wahr oder unwahr einstuft. Dabei bleibt es dem
Gericht überlassen, die Kraft eines Beweismittels nach seiner Überzeugung festzulegen
(vgl. Franz Hasenböhler in: Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuenberger [Hrsg.],
Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO], 2. Aufl., Zürich/Basel/
Genf 2013, N 8 f. zu Art. 157).
3.
3.1 Ist der Versicherte nach ärztlicher Feststellung arbeitsunfähig, bezahlt die
Beklagte gemäss Ziff. III/12 AVB bei voller Arbeitsunfähigkeit das im Vertrag
aufgeführte Taggeld. Bei teilweiser Arbeitsunfähigkeit von mindestens 25% wird das
Taggeld entsprechend dem Grad der Arbeitsunfähigkeit ausgerichtet.
Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen
Gesundheit bedingte volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder
Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten (Ziff. III/16 AVB). Das Taggeld wird
längstens während der im Vertrag festgelegten Dauer ausbezahlt (Ziff. III/21 AVB).
Gemäss dem zwischen der ehemaligen Arbeitgeberin der Klägerin und der Beklagten
abgeschlossenen, ab 1. Januar 2010 geltenden Nachtrag vom 8. Oktober 2009 zum
Kollektivvertrag Nr. 901/6099/1327860 beläuft sich das Krankentaggeld auf 80% des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Lohnes während einer Leistungsdauer von 730 Tagen pro Fall bei einer Wartefrist von
30 Tagen (act. G 20.4).
3.2 Die Beklagte hat unbestrittenermassen für die am 23. August 2010 eingetretene
volle Arbeitsunfähigkeit der Klägerin bis 17. November 2011 Taggelder aus Kollektiv-
Krankentaggeldversicherung erbracht (act. G 5.1/4). Streitig ist vorliegend, ob die
Beklagte für die Zeit ab 18. November 2011 für weitere 278 Tage (act. G 1 S. 10)
Taggeldleistungen infolge krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit zu erbringen hat.
4.
4.1 Vorab sind die Akten zur somatischen Beschwerdesituation der Klägerin zu
betrachten. Die Beklagte stützte ihre Leistungseinstellung unter anderem auf die
Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. G._ vom Oktober 2011. Die Orthopädin stellte
rezidivierende Beschwerden der Wirbelsäule bei Fehlstatik, Haltungsinsuffizienz,
muskulärem Hartspann und verschmächtigter Rumpfmuskulatur fest. Sie wies zudem
auf eine radiologisch vermehrte Dehydrierung/Degeneration der Bandscheibe L4/5 hin,
verneinte aber ein nervenwurzelbezogenes neurologisches Defizit. Sowohl für die
zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Maschinenführerin als auch bezogen auf den
allgemeinen Arbeitsmarkt attestierte Dr. G._ der Klägerin ein vollschichtiges
Arbeitsvermögen, wenn es sich durchschnittlich um körperlich mittelschwere
Tätigkeiten handle, die bevorzugt aus wechselnder Ausgangslage verrichtet werden
könnten (act. G 1.1/27 S. 7). Kurze Zeit nach der Begutachtung durch Dr. G._ ergab
die MRI-Bildgebung vom 23. Januar 2012 am Segment L4/5 einen frischeren Einriss
am Anulus fibrosus und eine leichtgradige Pelottierung des Duralsacks. Eine
Neurokompression war weiterhin nicht sichtbar (vgl. die Wiedergabe des MRI-Berichts
im ZIMB-Gutachten, act. G 14 S. 9).
4.2 Im Rahmen der ZIMB-Begutachtung im Dezember 2012/Januar 2013 wurde ein
sehr demonstratives Schmerzverhalten mit ausgeprägter Selbstlimitierung und
zahlreichen Inkonsistenzen festgestellt. Es sei ein groteskes Schonhinken rechts mit
Grimassieren und Stöhnen aufgefallen (S. 20). Der rheumatologische Teilgutachter
erhob keine Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Die objektivierbaren
Veränderungen an der Lendenwirbelsäule (L4/5) bezeichnete er nicht als relevant.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auffallend fand er die ausgeprägt diskrepanten Befunde bei gezielter klinischer
Untersuchung bzw. bei Ablenkung der Versicherten. Er postulierte ein weitgehend
nicht-organisch bedingtes Beschwerdebild mit massiver Symptomausweitung. Eine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit attestierte er nicht (S. 22 ff., insbesondere S. 26).
Eine organische Genese der beklagten Symptomatik konnte auch der neurologische
Teilgutachter nicht finden. Neben selbstlimitierender diffuser Minderenervation sei eine
neurologisch-organisch nicht zu erklärende Angabe einer Anästhesie im gesamten
Kopfbereich sowie der gesamten rechten Körperhälfte aufgefallen. Das diffuse
Schmerzsyndrom deutete der Neurologe mit deutlich überwiegender
Wahrscheinlichkeit ebenfalls als weitgehend funktionell. Eine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit attestierte auch er nicht (S. 27 ff., insbesondere S. 30).
4.3 Bei dieser Aktenlage ist jedenfalls für die vorliegend einzig zu beurteilende Zeit ab
Leistungseinstellung durch die Beklagte ein relevanter, die Arbeitsfähigkeit
einschränkender rheumatologischer, orthopädischer oder neurologischer
Gesundheitsschaden der Klägerin nicht ausgewiesen. Die über November 2011
hinausreichenden Krankschreibungen durch Dr. C._ erfolgten überwiegend ohne
Begründung. Ein von ihm offenbar am 4. Januar 2012 verfasster Bericht (erwähnt in
act. G 5.1/24) ist zwar nicht aktenkundig; davon sind aber von vornherein keine
weiterführenden Erkenntnisse zu erwarten, zumal der Hausarzt als behandelnder
Allgemeinmediziner nicht in der Lage sein dürfte, die komplexe
Beschwerdeproblematik vergleichbar kompetent wie die Gutachter zu beurteilen.
Insgesamt hat es folglich damit sein Bewenden, dass für die eingeklagten 278 Tage
aus somatischen Gründen keine relevante, von der Beklagten zu entschädigende
Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen ist und bei nachvollziehbar und plausibel begründeter
gutachterlicher Einschätzung weitere Abklärungen hierzu im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes (Art. 247 Abs. 2 lit. a ZPO i.V.m. Art. 243 Abs. 2 lit. f ZPO)
unterbleiben können.
5.
5.1 Zu prüfen bleibt, ob aus psychischen Gründen ab 18. November 2011 eine
relevante Arbeitsunfähigkeit vorlag. Am 25. Oktober 2011 begutachtete Dr. H._ die
Klägerin. Er hielt fest, dass ein Sohn der Klägerin schwerst körperlich behindert sei,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
was bei ihr Gefühle von Trauer und Erschöpfung ausgelöst habe. Sie habe über
Gedächtnisstörungen, Konzentrationsstörungen, Trauer, Appetit- und Schlafstörungen
berichtet. Der Gutachter hielt aber fest, er habe keine depressive Episode nachweisen
können. Die Klägerin habe im Gespräch leicht lächeln können und sei
stimmungsmässig auslenkbar gewesen. Einen Interessenverlust an Aktivitäten, die
normalerweise angenehm seien, habe sie nicht gezeigt. Der Gutachter verneinte
verminderten Antrieb und gesteigerte Ermüdbarkeit ebenso wie Verlust des
Selbstvertrauens oder des Selbstwertgefühls. Auch unbegründete Selbstvorwürfe oder
ausgeprägte unangemessene Schuldgefühle erkannte der Gutachter nicht. Er hielt fest,
ein vermindertes Denk- und Konzentrationsvermögen, Unschlüssigkeit und
Unentschlossenheit liessen sich nicht nachweisen. Eine psychomotorische Agitiertheit
oder Hemmung sei nicht vorhanden. Die Schlafstörungen und der Appetitverlust
müssten auch im Rahmen einer mangelnden Tagesstruktur gesehen werden. Die
seitens der Klinik F._ postulierte mittelgradige bis schwere depressive Episode mit
somatischen Symptomen oder die generalisierte Angststörung könne er nicht mehr
nachweisen. Hingegen bejahte der Psychiater das Vorliegen einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung. Das Schmerzgeschehen beurteilte er als überwindbar;
eine Arbeitsunfähigkeit attestierte er nicht (act. G 1.1.28).
5.2 Die behandelnde Psychiaterin Dr. I._ ging demgegenüber weitgehend zeitgleich
vom Bestehen einer mittelgradigen depressiven Episode mit somatischem Syndrom
sowie differentialdiagnostisch einer "sonstigen Angststörung" aus (Bericht vom
4. November 2011, act. G 1.1/32). Zum Gutachten von Dr. H._ hielt Dr. I._ am
19. Dezember 2011 fest, die Klägerin zeige bei ihr deutliche Hinweise auf
Depersonalisations- und Derealisationsphänomene. Sie bejahte auch Scham- und
Schuldgefühle. Psychomotorisch erlebte sie die Klägerin als ängstlich, depressiv und
im Affekt labil. Den Antrieb bezeichnete Dr. I._ als deutlich vermindert. Insgesamt
erachtete sie die Klägerin als zu 100% arbeitsunfähig (act. G 1.1/34).
5.3 Am 29. November 2011 hatte nach Zuweisung durch Dr. I._ ein Vorgespräch an
der Tagesklinik des Psychiatrischen Zentrums M._ stattgefunden. Hier wurden
gemäss Bericht vom 1. Dezember 2011 Konzentration, Aufmerksamkeit und
Gedächtnis der Klägerin sowohl subjektiv als auch objektiv als leicht vermindert
beschrieben. Im formalen Denken sei die Klägerin etwas verlangsamt, deutlich auf ihre
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychosoziale Situation eingeengt. Auch den Ärzten der Tagesklinik fielen wie Dr. I._
deutliche Hinweise auf Depersonalisations- und Derealisationsphänomene in der
Anamnese auf. Die Klägerin sei depressiv, ängstlich und klagsam. Sie habe
Insuffizienz- und Schuldgefühle beschrieben. Der Antrieb sei deutlich vermindert,
psychomotorisch sei sie eher unruhig. Die Ärzte hielten fest, aufgrund der Schwere des
Zustandsbilds erachteten sie eine stationäre psychiatrische Behandlung als indiziert.
Erst nach Stabilisierung des physischen und psychischen Zustandsbilds durch eine
stationäre Therapie erachte man eine anschliessende tagesklinische Behandlung als
sinnvoll (act. G 1.1/33).
5.4 Nach dieser Vorgeschichte und offenkundig auf Empfehlung der Ärzte der
Tagesklinik trat die Versicherte am 10. Januar 2012 stationär in die Psychiatrische
Klinik K._ ein, wo sie sich für knapp drei Monate aufhielt. Im Austrittsbericht vom
10. April 2012 wurde neben einer somatoformen Schmerzstörung von einer schweren
depressiven Episode ohne psychotische Symptome ausgegangen. Auch hier wurde
der Affekt bei Eintritt als labil, depressiv, ängstlich, klagsam mit Insuffizienz- und
Schuldgefühlen bezeichnet. Der Antrieb sei vermindert, psychomotorisch sei die
Klägerin unruhig. Bei Austritt wurde der Affekt als labil und dysphorisch, teilweise aber
auch gut schwingungsfähig bezeichnet. Der Antrieb sei unauffällig gewesen
(act. G 1.1/35; siehe auch act. G 5.1/29).
5.5 Im Rahmen der ZIMB-Begutachtung vom 23. Januar 2013 erhob der
psychiatrische Teilgutachter eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung. Ein
Leidensdruck hinsichtlich der Schmerzen sei spürbar gewesen, die Klägerin habe in
ihrer Schmerzschilderung nicht aggravierend gewirkt. Durch die Schmerzen könne die
Klägerin jetzt Aufgaben (insbesondere betreffend Betreuung des behinderten Sohnes,
Haushalt und Arbeit) abgeben, könne sich der chronischen Überforderungssituation
entziehen. Dies sei allerdings nur mit Schuldgefühlen möglich. Im Gespräch habe die
Klägerin deprimiert, innerlich angespannt, agitiert gewirkt, über Freudlosigkeit und
Interessenverlust geklagt. Es liege ein ausgeprägter sozialer Rückzug vor. Gedächtnis-
und Merkfähigkeitsstörungen konnte der Gutachter groborientierend im
Untersuchungsgespräch nicht objektivieren. Die depressive Symptomatik, die sich
klinisch darbiete, sei als mittelgradig einzustufen, was sich auch mit dem
durchgeführten Testverfahren decke (Hamilton-Depressionsskala, 22 Punkte). Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mittelgradige depressive Episode stellt nach Auffassung des Gutachters teilweise eine
psychische Komorbidität von erheblicher Schwere, Intensität, Ausprägung und Dauer
dar. Es seien noch nicht alle therapeutischen Möglichkeiten ausgeschöpft (Überprüfung
medikamentöse Therapie, weiterer stationärer Aufenthalt). Einen ausgewiesenen
sozialen Rückzug in allen Belangen des Lebens bejahte der Gutachter. Er erachtet die
Arbeitsfähigkeit der Klägerin seit Anfang 2011 in jeglichen Tätigkeiten als zu 70%
eingeschränkt. Zu den früheren Einschätzungen, insbesondere durch Dr. E._ und die
Psychiatrische Klinik M._, äusserte er sich dahingehend, dass er aufgrund deren
Angaben die (teilweise) attestierte schwergradige Ausprägung der depressiven Episode
nicht genügend nachvollziehen könne (S. 31 ff.). Von der Beurteilung von Dr. H._
hatte er keine Kenntnis. Nach Konsensbeurteilung wurde im ZIMB-Gesamtgutachten
die vom begutachtenden Psychiater attestierte Arbeitsunfähigkeit übernommen.
5.6 Dr. H._ und der psychiatrische ZIMB-Teilgutachter gelangten folglich bei nach
Lage der Akten nicht wesentlich verändertem Zustandsbild zu voneinander erheblich
abweichenden Einschätzungen der Arbeitsfähigkeit der Klägerin. Das Gericht hat nach
freier Überzeugung zu beurteilen, welche dieser Einschätzungen – oder gegebenenfalls
eine dritte – die grössere Überzeugungskraft aufweist und ob diese zur Beurteilung des
strittigen Leistungsanspruchs ausreicht. Insgesamt erscheint eine erhebliche
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus psychischen Gründen bei der Klägerin im
vorliegend interessierenden Zeitraum ab November 2011 ausgewiesen. Diesbezüglich
fällt insbesondere ins Gewicht, dass nicht nur die behandelnde Psychiaterin Ende 2011
vom Vorliegen einer erheblichen Einschränkung ausging, sondern die Tagesklinik des
Psychiatrischen Zentrums M._ eine Behandlung der Klägerin im tagesambulanten
Rahmen für ungenügend erachtete und bereits ab Januar 2012 eine dreimonatige
stationäre Therapie in der Klinik K._ erfolgte. Dass diese – zweifellos von der
Krankenversicherung finanzierte – Behandlung nicht indiziert gewesen wäre, kann nicht
angenommen werden. Bis zum Austritt aus der Klinik am 5. April 2012 ist folglich von
voller Arbeitsunfähigkeit auszugehen. Auch der psychiatrische ZIMB-Teilgutachter
erachtete die Eintrittsdiagnosen (schwere depressive Episode ohne somatische
Symptome und anhaltende somatoforme Schmerzstörung) für nachvollziehbar (S. 38
des Gutachtens), sodass davon auszugehen ist, dass zwischen 18. November 2011
und Austritt aus der Klinik K._ keine verwertbare Arbeitsfähigkeit gegeben war. Da
seitens der Klinik K._ von einer Verbesserung des Zustands berichtet wurde (vgl.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auch nachfolgende E. 5.7), ist im Weiteren mit dem ZIMB-Gutachter davon
auszugehen, dass nach dem Austritt ab 6. April 2012 noch eine Arbeitsunfähigkeit von
70% bestanden hatte (vgl. S. 38 des Gutachtens) und diese bis zum Auslaufen des
vertraglichen Taggeldanspruchs im August 2012 (vgl. nachstehende E. 6.3) Bestand
hatte.
5.7 Die Klägerin stellt sich in ihrer Eingabe vom 16. April 2013 auf den Standpunkt,
der retrospektiven ZIMB-Beurteilung könne nicht derselbe Beweiswert zukommen wie
den psychiatrischen echtzeitlichen Einschätzungen. Retrospektive Beurteilungen seien
immer mit grosser Unsicherheit behaftet. Es sei insbesondere auf den Austrittsbericht
der Psychiatrischen Klinik K._ vom 10. April 2012 abzustellen, wonach die
Arbeitsfähigkeit bei Austritt 0% betragen habe (act. G 16). Zwar ist der Klägerin
grundsätzlich darin zuzustimmen, dass die retrospektive Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit von der Natur der Sache her mit gewissen Unsicherheiten behaftet ist.
Zudem weist sie in aller Regel ein gewisses Ermessen auf. Dennoch ginge es fehl,
quasi eine Vermutung aufzustellen, wonach den echtzeitlichen
Arbeitsfähigkeitsschätzungen stets der Vorzug vor den retrospektiven Beurteilungen zu
geben wäre. Eine nachvollziehbar und plausibel begründete retrospektive Beurteilung
kann sehr wohl beweiskräftig sein. Der psychiatrische ZIMB-Teilgutachter weist zu
Recht darauf hin, dass er nicht nachvollziehen könne, warum der Klägerin seitens der
Psychiatrischen Klinik M._ bei Austritt noch immer eine schwere depressive Episode
attestiert werde, obwohl sich der psychische Zustand gemäss dem Austrittsbericht
während des stationären Aufenthalts deutlich gebessert habe. Dies erscheint nicht als
plausibel. Im Übrigen fällt auf, dass im Austrittsbericht nur eine knappe Beschreibung
des Psychostatus vorgenommen wurde und weder die Diagnosestellung noch das
Arbeitsunfähigkeitsattest begründet wurden. Folglich vermag der Austrittsbericht die
Schlussfolgerungen des ZIMB-Gutachtens für die Zeit nach Klinikaustritt nicht in Frage
zu stellen.
5.8 Die Beklagte betont in ihrer Stellungnahme vom 19. April 2013 mehrfach die
ausgeprägte psychosoziale Belastungssituation der Klägerin. Sie möchte diese
Umstände ausgeklammert wissen und stellt sich auf den Standpunkt, dass dann die
Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt gewesen sei, wie dies Dr. H._ festgestellt habe.
Die gegenüber den somatischen Gutachtern gezeigten Verhaltensweisen der Klägerin
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
machen die subjektiv als massiv empfundenen Schmerzangaben nach Ansicht der
Beklagten völlig unglaubwürdig. Ein demonstratives, auffälliges Schmerzverhalten ist
bereits vor der ZIMB-Begutachtung aufgefallen. Dies hat aber – nachvollziehbarerweise
– nicht zu einer Arbeitsunfähigkeit aus somatischen Gründen geführt. Der Schluss,
dass deswegen auch aus psychiatrischer Sicht keine Arbeitsunfähigkeit bestehen
könne, kann jedoch nicht gezogen werden. Alle drei somatischen ZIMB-Gutachter
haben die Einschätzung ihres Kollegen der Psychiatrie zur Kenntnis genommen und
sich mit der Gesamtbeurteilung der Einschränkung der Arbeitsfähigkeit um 70%
einverstanden erklärt. Das bei den somatischen Untersuchen gezeigte Verhalten der
Beklagten lässt somit keine Rückschlüsse auf die massgebende Arbeitsfähigkeit zu. Im
Weiteren behauptet die Beklagte, das ZIMB-Gutachten beruhe auf dem
biopsychosozialen Krankheitsmodell, das bei Diagnose und
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung auch Problemfelder aus dem sozialen Umfeld eines
Probanden berücksichtige. Diese Auffassung wurde nicht näher begründet und findet
in den Akten – und insbesondere im ZIMB-Gutachten selbst – keine Stütze. Beim ZIMB
handelt es sich um eine Medizinische Abklärungsstelle (MEDAS) der
Invalidenversicherung. Es verfügt also über eine Vereinbarung mit dem Bundesamt für
Sozialversicherungen (BSV), wodurch grundsätzlich davon auszugehen ist, dass für die
Gutachtenserstellung die aktuell herrschenden versicherungsmedizinischen Standards
beachtet werden (vgl. dazu etwa BGE 137 V 210) und eine Qualitätskontrolle
durchgeführt wird. Im Gutachten wurde auch der vom Bundesgericht mit BGE 130 V
352 begründeten sog. Überwindbarkeitspraxis Rechnung getragen. Dass die –
unbestrittenermassen schwierigen – psychosozialen Faktoren massgeblich für die
attestierte Teilarbeitsunfähigkeit verantwortlich sein sollen, wie die Beklagte behauptet,
findet im Gutachten keine hinreichende Stütze. So bringt der psychiatrische Gutachter
etwa die Fixierung auf die Schmerzen damit in Zusammenhang, dass die Klägerin die
damit verbundene Aufgabe der hohen Arbeits- und Betreuungsbelastung subjektiv als
entlastend empfinde. Der Komplexität des Falles wird es zweifelsohne nicht gerecht,
die Einschränkungen als rein psychosozial begründet – und damit irrelevant – zu
interpretieren.
5.9 Im Weiteren stellt sich die Beklagte unter Hinweis auf die rentenablehnende
Verfügung der IV-Stelle des Kantons St. Gallen vom 26. November 2013 und das
dieser zugrunde liegende Material über eine zwischen 23. April und 15. Mai 2013
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
durchgeführte Observation sowie eine anschliessende IV-interne medizinische
Aktenbeurteilung auf den Standpunkt, dass die Arbeitsfähigkeitsschätzung des ZIMB
dadurch "stark relativiert" werde (act. G 23). Dieser Ansicht kann nicht gefolgt werden.
Es ist gerichtsnotorisch, wie schwierig es ist, allein gestützt auf Observationsmaterial
und anschliessende Aktenbeurteilungen die – wie vorliegend – nach gutachterlicher
Meinung aus rein psychischen Gründen reduzierte Arbeitsfähigkeit einzuschätzen. Von
einzelnen von einem Detektiv beobachteten Momentaufnahmen können jedenfalls
keine direkten Rückschlüsse auf die Arbeitsfähigkeit gezogen werden. Vorliegend
kommt hinzu, dass die Observation gut acht Monate nach spätestmöglichem Auslaufen
des KV-Taggeldanspruchs (im August, vgl. E. 6.3) durchgeführt wurde, sodass daraus
erst recht keine Rückschlüsse auf die zwischen November 2011 und August 2012
vorhandene Arbeitsfähigkeit der Klägerin gezogen werden können. Im Übrigen hat der
psychiatrische ZIMB-Gutachter auf Therapieoptionen (u.a. Anpassung der Medikation)
hingewiesen und eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit innerhalb der kommenden ein
bis zwei Jahre für möglich gehalten (Gutachten S. 37). Aus dem Observationsmaterial
und der anschliessenden Aktenbeurteilung des IV-Arztes sind somit insgesamt keine
verlässlichen, beweiskräftigen Rückschlüsse auf die vorliegend interessierenden
Fragestellungen zu erwarten, weshalb von einem Beizug der entsprechenden Akten
abzusehen ist.
6.
6.1 Zusammenfassend ergibt sich aus den obigen Erwägungen, dass bei der Klägerin
von 18. November 2011 bis 5. April 2012 (Austritt aus der Klinik M._) von einer
Arbeitsunfähigkeit von 100% und ab 6. April 2012 bis zum Ausschöpfen des
Taggeldanspruchs von einer Arbeitsunfähigkeit von 70% auszugehen ist.
6.2 Gemäss Police hat die Klägerin einen Maximalanspruch auf 730
Krankentaggelder. Unbestrittenermassen wurden ihr 422 Taggelder ausgerichtet (vgl.
act. G 1, S. 10 Ziff. 16). Unter Berücksichtigung einer Wartefrist von 30 Tagen hat die
Klägerin 278 weitere Taggelder eingeklagt. Im Jahr 2011 belief sich der
Taggeldanspruch auf Fr. 83.90 versicherter Verdienst Fr. 38'285.- [vgl. act. G 1.1.4] x
0.8 [versicherte Leistung] / 365 Tage), im Schaltjahr 2012 auf Fr. 83.70 (Fr. 38'285.- x
0.8 / 366 Tage). Vom 18. November 2011 bis 31. Dezember 2011 resultiert bei einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsunfähigkeit von 100% ein Anspruch auf Fr. 3'691.60 (44 Tage x Fr. 83.90), von
1. Januar 2012 bis 5. April 2012 bei einer Arbeitsunfähigkeit von weiterhin 100% ein
Anspruch auf Fr. 8'035.20 (96 Tage x Fr. 83.70).
6.3 Ab 6. April 2012 ist von einer Arbeitsfähigkeit von 30% auszugehen. Die Klägerin
war für ihr Arbeitspensum von 80% krankentaggeldversichert. Folglich war sie ab
6. April 2012 im Ausmass von 50% objektiv nicht in der Lage, ihrer Tätigkeit
nachzugehen. Ab 6. April 2012 besteht entsprechend für die verbleibenden 138 Tage,
also bis 21. August 2012, Anspruch auf ein Taggeld in der Höhe von Fr. 41.85 (50%
von Fr. 83.70), was Fr. 5'775.30 ergibt.
6.4 Insgesamt sind der Klägerin folglich Taggeldleistungen in der Höhe von
Fr. 17'502.10 zuzusprechen.
7.
7.1 Die Klägerin beantragt Verzugszins von 5% seit 1. Juni 2012. Gemäss Art. 100
des Bundesgesetzes über den Versicherungsvertrag (VVG; SR 221.229.1) i.V.m.
Art. 104 Abs. 1 des Bundesgesetzes betreffend Ergänzung des Schweizerischen
Zivilgesetzbuches (Fünfter Teil: Obligationenrecht [OR; SR 220]) hat die Beklagte bei
Verzug Verzugszinsen zu 5% pro Jahr zu bezahlen. Gemäss Art. 102 OR setzt der
Schuldnerverzug die Fälligkeit der Forderung und eine Mahnung oder einen
bestimmten Verfalltag voraus. Die AVB der Beklagten enthalten keine Bestimmung zum
Zeitpunkt der Fälligkeit der Taggelder. Diese richtet sich daher nach Art. 41 VVG und ist
dahingehend speziell geregelt, als sie erst vier Wochen nach dem Zeitpunkt eintreten
kann, in dem der Versicherer Angaben erhalten hat, aus denen er sich von der
Richtigkeit des Anspruchs überzeugen kann (sogenannte Deliberationsfrist; vgl. Urs Nef
in: Basler Kommentar zum VVG, Basel 2001, N 12 ff. zu Art. 41). Hat die
anspruchsberechtigte Person die nötigen Angaben gemacht und ist die
Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen, gerät der Versicherer (nach Ablauf der vierwöchigen
Deliberationsfrist) grundsätzlich erst durch Mahnung in Verzug (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 19. Juni 2009, 4A_487/2007, E. 8.2; Pascal Grolimund/Alain
Villard in: Basler Kommentar zum VVG, Nachführungsband, Basel 2012, N 20 zu
Art. 41; Nef, a.a.O. N 20 zu Art. 41 mit Hinweisen). Lehnt die Versicherung freilich zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Unrecht ihre Leistungspflicht definitiv ab, bedarf es keiner Mahnung der versicherten
Person. Fälligkeit und Verzug treten dann sofort ein, und eine Deliberationsfrist wird
überflüssig (Grolimund/Villard, a.a.O., N 20 zu Art. 41 mit Hinweis auf das Urteil des
Sozialversicherungsgerichts des Kantons Zürich vom 27. März 2006, KK.2005.00009,
E. 8.2 ff.; Nef, a.a.O., N 20 zu Art. 41). Denn diesfalls erklärt der Schuldner
unmissverständlich, dass er nicht leisten werde, weshalb sich eine Mahnung als
überflüssig erweisen würde. Der Gläubiger kann daher analog Art. 108 Ziff. 1 OR auf sie
verzichten. Dies gilt auch dann, wenn die eindeutige und definitive
Verweigerungserklärung schon vor Fälligkeit der Forderung abgegeben wurde
(antizipierter Vertragsbruch; Wolfgang Wiegand in: Basler Kommentar zum OR I,
5. Aufl. Basel 2011, N 11 zu Art. 102).
7.2 Mit Schreiben vom 8. Dezember 2011 hat sich die DAS in Vertretung der Klägerin
an die Beklagte gewandt, Arztzeugnisse eingereicht und die Einreichung von
Gutachten in Aussicht gestellt (act. G 5.1.20). Darin kann noch keine die
Verzugszinspflicht auslösende Mahnung erblickt werden. Hingegen stellte sich die DAS
im Schreiben vom 18. Januar 2012, bei der Beklagten eingegangen am 19. Januar
2012, auf den Standpunkt, bei der Klägerin bestehe weiterhin eine Arbeitsunfähigkeit
von 100%, weshalb sie um nochmalige Prüfung der Angelegenheit bat (act. G 5.1.21).
Dies kann als Mahnung interpretiert werden, sodass die Deliberationsfrist von vier
Wochen am 19. Januar 2012 zu laufen begann und am 16. März 2012 ablief. Geht man
von nachschüssiger Fälligkeit der einzelnen Taggeld-Monatsansprüche aus, so war ab
17. März 2012 der Betrag von Fr. 8'713.60 fällig (18. November bis 31. Dezember 2011
= 44 Tage x Fr. 83.90; Januar und Februar 2012 = 60 Tage x Fr. 83.70). Jeweils auf den
1. jedes Monats wurde die Forderung für den Vormonat fällig. Dies ergibt als mittleren
Verfalltag den 22. April 2012 (unter Berücksichtigung des jeweiligen monatlichen
Taggeldbetrags; zur Berechung des mittleren Verfalltags mit ungleichen Beträgen
Manfred Weber, Kaufmännisches Rechnen von A-Z, 9. Aufl. 2010, S. 228 ff.). Die
Klägerin hat jedoch erst ab 1. Juni 2012 Verzugszins eingeklagt, weshalb ihr ein solcher
ab diesem Datum zuzusprechen ist.
8.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8.1 Gemäss den vorstehenden Erwägungen ist die Beklagte zu verpflichten, der
Klägerin den Betrag von Fr. 17'502.10 zuzüglich 5% Verzugszins seit 1. Juni 2012 zu
bezahlen. In diesem Umfang ist die Klage gutzuheissen.
8.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 114 lit. e ZPO). Die
Parteientschädigung spricht das Gericht nach den kantonalen Tarifen zu (Art. 105 Abs.
2 i.V.m. Art. 96 ZPO). Das mittlere Honorar im Zivilprozess beträgt nach Art. 14 Abs. 1
lit. c der st. gallischen Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten (HonO;
sGS 963.75) Fr. 1'850.- bei einem Streitwert von Fr. 20'000.- bis Fr. 50'000.- zuzüglich
12.3% des Streitwerts. Bei einem Streitwert von Fr. 23'324.20 würde bei vollem
Obsiegen eine Parteientschädigung von Fr. 4'718.90 (Fr. 1'850.-- + 12.3% von Fr.
23'324.20) resultieren.
8.2.1 Der Rechtsvertreter der Klägerin beantragt in seiner Honorarnote vom
22. Oktober 2013 die Gewährung eines Zuschlags von 20% gemäss Art. 18 Abs. 1 lit. b
ZPO (gemeint wohl: HonO). Gemäss Art. 18 Abs. 1 lit. b HonO kann bei einer vom
Richter verlangten oder zugelassenen zusätzlichen und erheblichen Eingabe ein
Zuschlag von 10 bis 40% des Grundhonorars gewährt werden. Unter Berücksichtigung
der Tatsache, dass die Klägerin lediglich eine kurze Stellungnahme zum beigezogenen
ZIMB-Gutachten einreichen liess, erscheint ein Zuschlag von 10% als ausreichend.
Einem vollen Obsiegen entspricht somit eine Parteientschädigung von Fr. 5'190.80.
Unter Berücksichtigung des teilweisen Obsiegens im Betrag von Fr. 17'502.10
(entsprechend einem Obsiegen von 75.04%) beläuft sich die Parteientschädigung auf
Fr. 3'895.20 (75.04% von Fr. 5'190.80). Zuzüglich Barauslagen von Fr. 155.80 (4%
pauschal gemäss Art. 28 Abs. 1 HonO) und Mehrwertsteuer von Fr. 324.10 (8% von
Fr. 4'051.-) ist die Klägerin mit insgesamt Fr. 4'375.10 zu entschädigen.
8.2.2 Die teilweise obsiegende Beklagte hat die Auferlegung der Kostenfolgen an
die Klägerin, jedoch nicht explizit Entschädigungsfolgen beantragt. Dieses Verfahren
wurde von einem Angestellten ihres Rechtsdienstes geführt, der nicht als
berufsmässiger Vertreter im Sinn von Art. 95 Abs. 3 lit. b ZPO gilt (vgl. Viktor Rüegg in:
Spüler/Tenchio/Infanger [Hrsg.], Basler Kommentar zur ZPO, 2. Aufl. 2013, N 18 zu
Art. 95; Benedikt A. Suter/ Cristina von Holzen in: Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuen
berger [Hrsg.], Kommentar zur ZPO, 2. Aufl. 2013, N 36 zu Art. 95, je mit Hinweisen).
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Daher besteht unter diesem Titel kein Anspruch auf eine Parteientschädigung. Es liegt
auch kein begründeter Fall gemäss Art. 95 Abs. 3 lit. c ZPO vor, wonach der Beklagten
eine angemessene Umtriebesentschädigung zuzusprechen wäre. Ersatz für
notwendige Auslagen gemäss Art. 95 Abs. 3 lit. a ZPO wird ebenfalls nicht geltend
gemacht. Die Beklagte hat daher keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 14 der
sankt-gallischen Verordnung über die Organisation und den Geschäftsgang des Ver
sicherungsgerichts (Org V; sGS 941.114)