Decision ID: 8e133419-b7ae-50b8-b55d-37e1a75a60b2
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 11. September 2017 in der Schweiz um
Asyl nach. In der Folge wurde er dem Testbetrieb in Zürich zugewiesen.
Die Befragung zur Person und zum Reiseweg erfolgte am 14. September
2017. Am 28. September 2017 fand eine erste Befragung und am 24. Ok-
tober 2017 eine vertiefte Anhörung zu seinen Asylgründen statt. Mit Zuwei-
sungsentscheid vom 31. Oktober 2017 hielt das SEM fest, sein Asylgesuch
werde im erweiterten Verfahren behandelt.
Zu seinem persönlichen Hintergrund und zur Begründung seines Gesuchs
machte der Beschwerdeführer geltend, er sei türkischer Staatsangehöriger
kurdischer Ethnie sowie alevitischen Glaubens und stamme aus einer
Grossfamilie aus der Stadt B._, Provinz Gaziantep. Viele seiner
Verwandten seien Mitglieder der HDP (Halkların Demokratik Partisi; Demo-
kratische Partei der Völker) sowie der CHP (Cumhuriyet Halk Partisi; Re-
publikanische Volkspartei). Ein mittlerweile in Deutschland lebender Onkel
sei zudem ein ehemaliger Kämpfer der PKK (Partiya Karkerên Kurdistanê;
Arbeiterpartei Kurdistans). Während der Schulzeit seien wiederholt fremde
Männer zu ihm gekommen, hätten sich jeweils nach dem Aufenthaltsort
dieses Onkels erkundigt und die Familie aufgrund von dessen PKK-Mit-
gliedschaft unter Druck gesetzt. Nach Abschluss der Mittelschule habe er
an das Militärgymnasium gewollt und die dafür notwendige Aufnahmeprü-
fung absolviert. Trotz guter Resultate sei er jedoch informiert worden, dass
er nicht bestanden habe. Daraufhin habe er ein anderes Gymnasium ab-
geschlossen.
Von 2008 bis 2010 habe er in C._, Provinz lzmir, in einem Internat
gelebt und die Universität (Fachrichtung [...]) besucht. Währenddessen
habe er immer mehr Zeit mit kurdischen Freunden verbracht und begon-
nen, sich über die PKK und andere kurdische Bewegungen zu informieren.
Er habe an diversen prokurdischen Kundgebungen sowie Plakatklebeakti-
onen teilgenommen. Auch sei er wiederholt von Nationalisten (sogenannte
Ülkücüs) angegriffen worden. Insgesamt sei es zu diversen, auch physi-
schen Auseinandersetzungen zwischen kurdischen Studenten und den Ül-
kücüs gekommen. Die Polizei so wie die lnternatsleitung seien dabei auf
der Seite der Nationalisten gewesen. Er habe diese Unterdrückungen nicht
D-36/2018
Seite 3
mehr ausgehalten und sei im Jahr 2010 nach Istanbul umgesiedelt, wo er
weiter studiert habe, diesmal Finanzwirtschaft. Auch dort habe er politi-
schen Aktivitäten beigewohnt und etwa an den Gezi-Park-Protesten teilge-
nommen. Oftmals sei er für die Sicherheit der Demonstrierenden bezie-
hungsweise politisch Aktiven zuständig gewesen. Mehrmals sei er von den
türkischen Behörden kontrolliert und registriert worden. Wiederum sei es
zu Auseinandersetzungen mit Ülkücüs gekommen, welche die Studieren-
den auch mit Messern angegriffen hätten. Zudem habe es Schiessereien
gegeben. Überdies habe er etwa zwischen Juni und Oktober 2011 Studie-
rende, welche an Kundgebungen teilgenommen hätten und von den türki-
schen Behörden wegen PKK-Verbindungen gesucht worden seien, in sei-
ner Wohnung versteckt.
Nach dem Bachelor-Abschluss habe er in einer höheren Position als
Staatsangestellter arbeiten wollen und die erforderlichen Prüfungen erfolg-
reich abgelegt, sei aber zu keinem einzigen Gespräch eingeladen worden.
Er habe daher begonnen, eigene Handelsgeschäfte zu betreiben, und ein
(...) gegründet, jedoch trotz Vorsprache bei vielen Bauunternehmen keine
Aufträge bekommen. Diese seien an religiöse Gruppierungen gegangen.
Als Alevite habe er sich diesen nicht anschliessen wollen. In der Folge habe
er eine Zeit lang bei der «(...)» gearbeitet, ehe er von der Firma
«D._» ein Angebot erhalten und in ihrem Forschungsdepartement
gearbeitet habe. Ein Arbeitskollege habe einen seiner Cousins gekannt
und damit von seiner kurdischen Ethnie erfahren. Plötzlich seien diverse
ihm unbekannte Personen in seinem Büro aufgetaucht und hätten sich
über seine Arbeit informiert. Kurz darauf sei es zum Putschversuch in der
Türkei gekommen. M. Ü., ein Forschungsdirektor der «Akbank», habe da-
mals in einem Artikel über den Putschversuch geschrieben, dass dieser
von Präsident Erdogan zur Sicherung seiner Machtposition inszeniert wor-
den sei; gleichentags sei er festgenommen worden. In der Folge seien die
Direktoren diverser Departemente innerhalb D._ zu ihm (dem Be-
schwerdeführer) gekommen und hätten ihm gedroht, er könne nicht ge-
schützt werden, sollte er Ähnliches in seinem Wirtschaftsbericht schreiben.
Aus Angst vor einer Festnahme habe er in seinem Bericht nicht erwähnt,
dass die türkische Währung stark an Wert verloren habe. Die Schikanen
und Behelligungen am Arbeitsplatz hätten aufgrund seiner kurdischen Eth-
nie immer weiter zugenommen. Am (...) 2015 sei ihm schliesslich die ei-
D-36/2018
Seite 4
gene Kündigung nahegelegt worden und er sei von Sicherheitskräften re-
gelrecht rausgeworfen worden. Als Begründung habe man ihm mitgeteilt,
er habe nicht viel geleistet. Er habe dann mit der «E._», einer staat-
lichen Bank, Verhandlungen geführt. Sein früherer Professor, der stellver-
tretende Direktor der E._, habe ihm diese Stelle empfohlen. Er habe
sich mit der Bank geeinigt und dann auf die Zusendung des neuen Arbeits-
vertrages gewartet; dieser sei jedoch nie eingetroffen. Auf Nachfrage bei
seinem früheren Professor habe dieser ihm mitgeteilt, dass dies nun seine
Kräfte übersteige und er aufgrund seiner politischen Vergangenheit, kurdi-
schen Ethnie und alevitischen Glaubenszugehörigkeit nichts mehr für ihn
tun könne. Da er unbedingt bei der E._ habe arbeiten wollen, habe
er noch Parlamentarier der HDP (Halkların Demokratik Partisi; Demokrati-
sche Partei der Völker) sowie der CHP (Cumhuriyet Halk Partisi; Republi-
kanische Volkspartei), welche mit seinem Vater verwandt oder befreundet
seien, eingeschaltet. Doch auch sie hätten ihm mitgeteilt, dass sich das
Hindernis «ganz oben» befände und er wohl behördlich fichiert sei.
Im Januar 2017 sei er nach Gaziantep zu seiner Familie zurückgekehrt und
habe bei der Bank «F._» im (...)departement als (...) gearbeitet.
Auch dort hätten Arbeitskollegen die Kurden und Aleviten schlecht gemacht
und er persönlich sei deswegen verbal angegriffen worden. Zwei Arbeits-
kollegen, welche beide bereits seit vielen Jahren bei der Bank «F._»
gearbeitet und alle weiteren Banken gekannt hätten, hätten diese informiert
und so dafür gesorgt, dass er nicht mehr im Finanzbereich habe arbeiten
können. Er habe daraufhin mit Freunden in anderen Banken gesprochen
und diesen seinen Lebenslauf geschickt. Ihre Vorgesetzten hätten ihnen
jedoch mitgeteilt, dass man ihn nicht einstellen könne. Ihm sei bewusst ge-
worden, dass er in der Türkei weder im Finanz-, noch im Handels- oder
Privatbereich arbeiten könnte. In der Folge habe er sich entschlossen, die
Türkei zu verlassen, und sei am (...) 2017 auf dem Luftweg mit einem durch
die Schweizer Behörden ausgestellten Schengen-Visum in die Schweiz
eingereist. In Istanbul am Flughafen sei er von einem Mitarbeiter der Flug-
gesellschaft und zwei Polizisten angehalten worden, die ihn eingehend zu
seinen Reiseabsichten befragt hätten. Er habe aber entsprechende Doku-
mente vorlegen können, die den Anschein einer Geschäftsreise erweckten,
weshalb er nach einiger Diskussion das Flugzeug habe besteigen können.
D-36/2018
Seite 5
Aufgrund seiner Ausbildung habe er den Militärdienst in der Türkei bisher
verschieben können. Sollte er jedoch bis zum 22. November 2018 nicht mit
einem Dokument nachweisen können, dass er ein Doktorat mache, würde
man ihn direkt in den Militärdienst einziehen. Als Kurde wolle er diesen
nicht leisten und nicht in Kämpfe in der Türkei, Syrien oder im Irak verwi-
ckelt werden. Ausserdem würden in der türkischen Armee Soldaten, wel-
che sich für Menschenrechte einsetzten, sowie insbesondere auch kurdi-
sche Soldaten oftmals getötet. In Gaziantep habe es ausserdem Bomben-
angriffe gegeben. Zudem sei in der Türkei der Islamische Staat (IS) weit
verbreitet.
In der Schweiz habe er seit September 2017 an mehreren prokurdischen
Kundgebungen teilgenommen. Eine Kundgebung in G._ am
(...). September 2017 habe er mitorganisiert. Da sich dabei immer viele
Fotografen und Kameramänner versammelten und von den Kundgebun-
gen auch in den Medien berichtet werde, befürchte er bei einer Rückkehr
in die Türkei eine Festnahme. Man würde ihm vorwerfen, ein PKK-Anhä-
nger zu sein.
Zum Nachweis seiner Identität sowie zur Stützung seiner Vorbringen
reichte er seinen türkischen Reisepass ein, eine Arbeitsbestätigung vom
Finanzinstitut Ikon, einen Ausdruck aus dem E-Devlet, eine Bestätigung
seiner Beschäftigungszeiten in der Türkei, eine Bestätigung des Verteidi-
gungsministeriums über die Militärdienstverschiebung, eine Bestätigung
über die Arbeitsstelle bei der Bank «F._», eine Bestätigung über
seine Beurlaubung zuhanden der Bank «F._», einen Strafregister-
auszug, vier Farbfotos in Kopie von Kundgebungen in der Schweiz und
zwei Artikel der Nachrichtenagentur ANF (Firatnews Agency).
B.
Mit Verfügung vom 29. November 2017 – eröffnet am 30. November 2017
– stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnt sein Asylgesuch ab und ordnete seine Wegweisung aus
der Schweiz sowie deren Vollzug an.
C.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 30. Dezember 2017 liess er beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen Entscheid erheben.
D-36/2018
Seite 6
Er beantragte die vollumfängliche Aufhebung der vorinstanzlichen Verfü-
gung und die Rückweisung der Sache an das SEM zur rechtsgenüglichen
Sachverhaltsabklärung sowie Neubeurteilung. Eventualiter sei die Flücht-
lingseigenschaft festzustellen und ihm sei Asyl zu gewähren. Subeventua-
liter sei die Vorinstanz anzuweisen, die vorläufige Aufnahme zu verfügen.
In formeller Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung, um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und
um amtliche Rechtsverbeiständung. Mit der Beschwerdeschrift reichte er –
neben der Vollmacht, einer Kopie des Asylbescheids sowie einer Unterstüt-
zungsbestätigung – ein Schreiben seines Vaters, seines Schwagers bezie-
hungsweise Cousins, des Sohnes des Cousins väterlicherseits und des
Muhtars (Dorfvorsteher), jeweils mit Übersetzung, zu den Akten.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 19. Januar 2018 hielt die zuständige Instruk-
tionsrichterin fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfah-
rens in der Schweiz abwarten, hiess die Gesuche um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung und um amtliche Rechtsverbeiständung gut,
verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und bestellte den
rubrizierten Rechtsvertreter zum amtlichen Rechtsbeistand. Zugleich lud
sie die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
E.
Mit Schreiben vom 8. Februar 2018 ersuchte das SEM – im Rahmen der
Vernehmlassung – die Schweizerische Botschaft in Ankara um nähere Ab-
klärungen betreffend den Beschwerdeführer. Die Abklärungsergebnisse
der Botschaft gingen am 22. Mai 2018 bei der Vorinstanz ein.
F.
Mit Vernehmlassung vom 31. Mai 2018 äusserte sich das SEM zur Be-
schwerdeschrift, wobei es auch auf die Botschaftsabklärungen einging.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 7. Juni 2018 übersandte die Instruktionsrich-
terin dem Beschwerdeführer das Doppel der Vernehmlassung sowie eine
Kopie der Botschaftsanfrage (vorinstanzliche Akte A38/6) und gab ihm Ge-
legenheit zur Replik.
D-36/2018
Seite 7
H.
Mit Schreiben vom 22. Juni 2018 ersuchte der Beschwerdeführer um Fris-
terstreckung zur Nachreichung weiterer Unterlagen aus dem Ausland und
um Offenlegung der Botschaftsantwort. Die Frist wurde antragsgemäss er-
streckt.
I.
Mit Schreiben vom 13. Juli 2018 replizierte der Beschwerdeführer, machte
weitere exilpolitische Aktivitäten geltend und ersuchte erneut um Einsicht
in die Botschaftsantwort. Zugleich reichte er Auszüge aus einem Strafurteil
vom 26. Februar 2015 (Freispruch) und die Argumente seines damaligen
Verteidigers, eine Kopie seiner Delegiertenkarte sowie zwei Fotos vom
Kongress der NCKD (Navenda Civaka Demokratik a Kurd; Demokratic Kur-
dish Society Council) am (...) 2018 im Kanton H._, ein Foto von ihm
mit dem Präsidenten der PYD (Partiya Yekîtiya Demokrat; Partei der De-
mokratischen Union), Sahoz Hasan, bei einem Treffen am (...) 2018 in
G._, eine parlamentarische Anfrage von Vertretern der CHP vom
12. März 2018 und eine Kopie der ersten Seite der Klage von Parlamenta-
riern an das Oberste Gericht der Türkei gegen das türkische Datenschutz-
gesetz zu den Akten.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 22. November 2019 wies die Instruktionsrich-
terin das SEM an, dem Beschwerdeführer Einsicht in die Botschaftsabklä-
rungen zu geben, und gab Letzterem zugleich Gelegenheit, sich nach er-
folgter Akteneinsicht zur Botschaftsantwort zu äussern.
K.
Mit Schreiben vom 5. Dezember 2019 gewährte das SEM dem Beschwer-
deführer Einsicht in die Botschaftsanfrage unter Abdeckung der geheim zu-
haltenden Stellen und brachte ihm zusammengefasst den Inhalt der Bot-
schaftsantwort zur Kenntnis.
L.
Mit Schreiben vom 20. Dezember 2019 äusserte sich der Beschwerdefüh-
rer zur erteilten Akteneinsicht und hielt dabei an seinem Antrag auf Offen-
legung der Botschaftsantwort, gegebenenfalls unter Abdeckung der Na-
men oder sonstiger vertraulicher Angaben, fest. Zudem machte er weitere
D-36/2018
Seite 8
Angaben zu seinem exilpolitischen Engagement. Mit dem Schreiben
reichte er ein Foto von sich bei Demonstrationen im Zusammenhang mit
dem Gezi-Park, ein Foto der Agentur IHA (İhlas Haber Ajansı), welches bei
der Berichterstattung über die Gezi-Park-Demonstrationen Verwendung
gefunden habe und ihn zeige, einen Twittereintrag von ihm am (...) 2019
samt Reaktion einer Drittperson sowie zwei Screenshots vom Profil dieser
Person und vom Twitteraccount der Türkischen Nationalpolizei ein. Dem
Schreiben war überdies eine Honorarnote des Rechtsvertreters beigefügt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für Beschwerden gegen
Verfügungen auf dem Gebiet des Asyls und entscheidet regelmässig – so
auch hier – endgültig (Art. 5 VwVG, Art. 31 ff. VGG, Art. 105 AsylG [SR
142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden und der
Beschwerdeführer ist beschwerdelegitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
D-36/2018
Seite 9
3.
Der Beschwerdeführer begehrt zur Hauptsache die Aufhebung und Zurück-
weisung des Verfahrens an die Vorinstanz. Dazu macht er die formellen
Rügen der Verletzung des rechtlichen Gehörs sowie der Pflicht zur voll-
ständigen Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts geltend.
3.1 Als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs gewährt das Recht auf Aktenein-
sicht (Art. 26 VwVG) die Möglichkeit, die relevanten Unterlagen einzuse-
hen, auf welche die Behörde ihren Entscheid stützt. Soweit das Recht ein-
geschränkt werden kann, so insbesondere wenn ein überwiegendes öffent-
liches oder privates Interesse an der Geheimhaltung besteht (Art. 27
VwVG), muss die Behörde vom wesentlichen Inhalt der Unterlagen Kennt-
nis sowie die Gelegenheit geben, sich dazu zu äussern und Gegenbeweis-
mittel zu bezeichnen (Art. 28 VwVG; vgl. ebenso BVGE 2015/10 E. 3.3).
3.2 Vorliegend wird mit dem wiederholten Antrag auf Einsicht in die Bot-
schaftsantwort eine Verletzung des Akteneinsichtsrechts geltend gemacht.
Praxisgemäss unterstehen die Akten betreffend Botschaftsabklärungen
dem Akteneinsichtsrecht. Das Recht kann aber aufgrund von Geheimhal-
tungsinteressen eingeschränkt werden. Eine Kopie der Botschaftsanfrage
ging mit Zwischenverfügung vom 7. Juni 2018 an den Beschwerdeführer.
Zudem wurde ihm die Anfrage durch das SEM am 5. Dezember 2019 in
Kopie unter Abdeckung der geheim zuhaltenden Stellen und die Antwort
zusammengefasst offengelegt. Soweit der Beschwerdeführer weiterge-
hende Einsicht verlangt, gegebenenfalls unter Abdeckung der geheim zu-
haltenden Stellen, ist festzuhalten, dass die Zusammenfassung eine Mög-
lichkeit für die Behörde darstellt, ihrer Pflicht zur Gewährung der Einsicht
in Akten bei gleichzeitiger Wahrung öffentlicher oder privater Interessen an
deren Geheimhaltung nachzukommen. Die Vorinstanz ist bei Geheimhal-
tungsinteressen gehalten, den wesentlichen Inhalt wiederzugeben und
zwar in einer Weise, die es der betroffenen Person ermöglicht, sich dazu
zu äussern und Gegenbeweismittel zu bezeichnen. Dem ist die Vorinstanz
zwar nicht in ihrer Vernehmlassung vom 31. Mai 2018 gefolgt. Dort ging sie
lediglich in Ergänzung ihrer Stellungnahme zur Beschwerdeschrift sehr all-
gemein auf Ergebnisse der Botschaftsabklärung ein und insbesondere
ohne auch die Botschaftsanfrage offenzulegen. Wohl aber ist sie der Pflicht
zur Offenlegung im Rahmen der Akteneinsichtsgewährung am 5. Dezem-
D-36/2018
Seite 10
ber 2019 durch Zusammenfassung des wesentlichen Inhalts der Bot-
schaftsantwort in rechtsgenüglicher Weise nachgekommen. Auch war es
dem Beschwerdeführer möglich, sich zum Inhalt der Botschaftsantwort zu
äussern und weitere Beweismittel einzureichen. Eine Verletzung des Ak-
teneinsichtsrechts ist nicht ersichtlich. Der Antrag auf weitergehende Ein-
sicht in die Botschaftsantwort ist abzuweisen.
3.3 Die Vorinstanz hat sodann wie erwähnt auf Beschwerdeebene Bot-
schaftsabklärungen vorgenommen und damit dem Vorwurf der ungenü-
genden Sachverhaltsabklärungen implizit recht gegeben. Eine Kassation
rechtfertigt sich jedoch auch in diesem Zusammenhang nicht, zumal der
Mangel nunmehr als geheilt zu betrachten ist (vgl. vorausgehende Erwä-
gungen). Der Heilung von Verfahrensrechtsverletzungen auf Beschwerde-
ebene ist jedoch im Rahmen der Kosten angemessen Rechnung zu tragen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung
oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete
Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhal-
tung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
D-36/2018
Seite 11
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Entscheid damit, die
vom Beschwerdeführer erlittenen Nachteile (Schläge bei Kundgebungen,
Verweigerung staatlicher Arbeitsstellen) seitens der türkischen Behörden
im Zusammenhang mit seinen politischen Aktivitäten zwischen 2008 und
2011 in C._ und Istanbul (Teilnahme an Kundgebungen, Verstecken
anderer Studenten) seien nicht hinreichend intensiv. Andere Nachteile
habe er nicht geltend gemacht. Es sei in der Türkei nie ein formelles Straf-
verfahren gegen ihn eingeleitet worden. Auch sei er ausser im Zusammen-
hang mit einem Verkehrsunfall nie inhaftiert worden, was mit dem einge-
reichten türkischen Strafregisterauszug bestätigt werde. Aufgrund dessen
sei nicht davon auszugehen, dass im türkischen GBTS (GeneI Bilgi Top-
lama Sistemi; Allgemeines Informationssystem) ein politisches Datenblatt
für ihn angelegt worden sei. Weiter habe er das Land legal mit seinem ei-
genen Reisepass verlassen und nach eigenen Angaben bei der Passkon-
trolle keine Probleme gehabt, obschon die dortigen Behördeneinheiten Zu-
griff auf das GBTS hätten. Dies spräche ebenfalls gegen eine Fichierung.
Eine inoffiziell bestehende «lokale Fiche» sei nicht auszuschliessen. Dar-
aus erwüchsen im Alltagsleben aber kaum Probleme, ausser etwa bei einer
staatlichen Anstellung, wie vom Beschwerdeführer geltend gemacht. Die
Verweigerung des Zugangs zu einer staatlichen Stelle erreiche keine asyl-
relevante Intensität. Ebenso wenig sei ersichtlich, dass er bei einer Rück-
kehr im Zusammenhang mit einer lokalen Fiche aufgrund seiner Teilnahme
an politischen Anlässen oder der Unterbringung der PKK nahestehender
Studierender asylrelevante Nachteile befürchten müsse (einfacher Teilneh-
mer an Protestaktionen, keine Festnahme im Rahmen behördlicher Kon-
trollen, keine Mitgliedschaft in politischer Partei, keine Hinweise auf Kennt-
nis der Behörden von Unterbringung der Studierenden). Die allgemeine Si-
tuation, der sich Kurden und Aleviten in der Türkei ausgesetzt sähen, be-
gründe für sich nicht die Flüchtlingseigenschaft. Die in casu diesbezüglich
vorgebrachten Nachteile gingen auch nicht über das hinaus, was Teile der
kurdischen Bevölkerung (auch alevitischen Glaubens) in der Türkei in ähn-
licher Weise treffen könne. Die Benachteiligungen und Schikanen aufgrund
der PKK-Mitgliedschaft des Onkels nähmen ebenso kein asylbeachtliches
D-36/2018
Seite 12
Ausmass an. An der fehlenden Asylrelevanz der Vorfälle mit den türkischen
Behörden und Drittpersonen vermöchten die eingereichten Beweismittel
(namentlich E-Devlet, Bestätigung der Beschäftigungszeiten und Beurlau-
bungsbestätigung zuhanden der Bank F._) nichts zu ändern.
Die Bombenangriffe in Gaziantep sowie eine Anwesenheit des IS in der
Türkei seien auf die allgemeine Lage beziehungsweise die allgemeinen
politischen Lebensbedingungen im Herkunftsland zurückzuführen. Der Be-
schwerdeführer habe in diesem Zusammenhang zudem keine konkret er-
littenen Nachteile geltend gemacht.
Es sei weiter nicht davon auszugehen, er habe sich mit seinen exilpoliti-
schen Aktivitäten derart exponiert, dass er bei einer Rückkehr in die Türkei
begründete Furcht vor Verfolgung durch die türkischen Behörden gewärti-
gen müsse. Er sei nach eigenen Angaben an den Demonstrationen jeweils
einfacher Teilnehmer ohne spezielle Funktion gewesen. Die eingereichten
Fotos liessen keinen anderen Schluss zu. Soweit in den Medien von den
Kundgebungen berichtet worden sei, wie mit weiteren Fotos dargelegt
werde, sei er nicht namentlich genannt worden und auch nur hintergründig
zu sehen, weshalb seine politische Betätigung den türkischen Behörden
bisher nicht aufgefallen sein dürfte.
In der Türkei würden wehrpflichtige Männer aufgrund der Staatsangehörig-
keit und ihres Alters für das Militär aufgeboten, ohne dass der Verpflichtung
eine asylrelevante Verfolgungsabsicht zugrunde liege. Der Beschwerde-
führer habe seinen Militärdienst zudem bis zum 22. November 2018 ver-
schieben können und gelte somit bisher noch nicht als Dienstverweigerer.
Soweit er bei seiner Rückkehr den Dienst verweigern würde, wäre eine
allfällige strafrechtliche Bestrafung als legitime Massnahme zur Durchset-
zung einer staatsbürgerlichen Pflicht zu werten. Es sei bisher auch nicht
bekannt, dass kurdische Verweigerer aufgrund ihrer Ethnie oder ihres Ge-
wissens strengere Strafen im Sinne eines «Malus» befürchten müssten,
dass Kurden in der Türkei einer Kollektivverfolgung unterlägen oder, dass
Soldaten kurdischer Ethnie im Militärdienst systematisch benachteiligt oder
gar getötet würden. Vermehrte Schikanen türkischer Kameraden und Vor-
gesetzter seien nicht auszuschliessen, geschähen aber nicht systematisch
und seien insoweit nicht als ernsthafte Nachteile zu qualifizieren. Die Angst
des Beschwerdeführers vor einer Tötung im Militär sei demnach subjektiv,
D-36/2018
Seite 13
aber nicht objektiv begründet. An der Einschätzung vermöchten die einge-
reichten Beweismittel, namentlich die Bestätigung über die temporäre Be-
freiung vom Militärdienst, nichts zu ändern.
Bei offensichtlich fehlender Asylrelevanz der Vorbringen könne darauf ver-
zichtet werden, auf allfällige Unglaubhaftigkeitselemente einzugehen.
Diesbezüglich werde ein ausdrücklicher Vorbehalt angebracht.
5.2 In seiner Beschwerdeschrift hielt der Beschwerdeführer dem entgegen,
nach seiner Ausreise aus der Türkei seien sein Vater, sein Schwager be-
ziehungsweise Cousin, der Sohn des Cousins väterlicherseits und der
Muhtar durch die Polizei nach seinem Verbleib befragt worden. Dies bestä-
tigten sie mittels der eingereichten jeweiligen Schreiben.
Aufgrund der glaubhaft dargelegten Probleme in Verbindung mit seiner Ar-
beitsstelle sowie seiner Ausreise könne nicht mehr pauschal ausgeschlos-
sen werden, dass kein Datenblatt existiere. Daran ändere auch der Um-
stand nichts, dass er legal mit seinem Reisepass habe ausreisen können,
zumal er bereits angegeben habe, bei der Ausreise angehalten und einge-
hend zu seiner geplanten Reise befragt worden zu sein (mit Hinweis auf
A17 F59). In Anbetracht des Vorgehens der Polizisten am Flughafen sei
davon auszugehen, dass die Grenzbehörden zumindest einen Verdacht
hegten und dieser auf einer Registrierung gründen könnte. Solche Fichie-
rungen im GBTS seien als Vorverfolgung zu qualifizieren, die auf eine be-
gründete Furcht vor künftiger Verfolgung schliessen liessen. Auch wenn die
Grenzbehörden ihn angesichts der vorgelegten Dokumente und dem ver-
trauenserweckenden Anschein einer Geschäftsreise in die Schweiz hätten
ausreisen lassen, würde er bei einer allfälligen Rückreise in die Türkei auf-
grund der verspäteten Wiedereinreise festgenommen und befragt werden.
Da nicht ausgeschlossen werden könne, dass er aufgrund einer Fichierung
auch im Ausland unter Beobachtung stehe und die türkischen Behörden
von seinen exilpolitischen Aktivitäten erfahren haben könnten, müsste sich
sein politisches Profil seit der Ausreise wesentlich geschärft haben. Nicht
zuletzt angesichts der klar verschlechterten Situation für politisch aktive
Kurden in der Türkei – welche näher erläutert wurde – drohe ihm daher
eine politische Inhaftierung bei der Rückkehr. Folter und Misshandlungen
durch Sicherheitskräfte hätten seit dem Putschversuch zugenommen. Es
D-36/2018
Seite 14
sei nicht auszuschliessen, dass eine Person allein aufgrund ihrer kurdi-
schen Ethnie irgendwelchen Formen behördlichen Drucks ausgesetzt und
willkürlich verhaftet würde. In casu rechne er aber nicht nur wegen seiner
Ethnie und Religionszugehörigkeit mit asylbeachtlichen Nachteilen, wes-
halb die von der Vorinstanz dazu angeführte Praxis vorliegend nicht unbe-
sehen anwendbar sei. So mache er zusätzlich geltend, sich für die Interes-
sen der Kurden an mehreren politischen prokurdischen Anlässen in der
Türkei eingesetzt zu haben, selbst wenn er nie PKK-Mitglied gewesen sei.
Auch mutmassliche Mitglieder von staatsgefährdenden Organisationen wie
der PKK würden verfolgt, misshandelt und gefoltert. Angesichts des sich
zuspitzenden Kurdenkonflikts seit dem Putschversuch im Jahr 2016 hätten
die Gefahren für politisch aktive Kurden wie ihn klar zugenommen, weshalb
ihm bei einer Rückkehr eine Festnahme aufgrund seines politischen Profils
sowie Folter und unmenschliche Behandlung in Haft aufgrund seiner Eth-
nie drohten.
Zwar habe er wegen der Verwandtschaft zu einem ehemaligen PKK-Kämp-
fer bis zur Ausreise keine asylbeachtlichen Nachteile erlitten. Bei einer
Rückkehr würde diese aber klar zu seinen Ungunsten ausfallen und sein
politisch oppositionelles Profil zusätzlich schärfen.
Auch wenn nicht von einer Kollektivverfolgung alevitischer Kurden gespro-
chen werden könne, sollten die immer angespannteren Lebensbedingun-
gen doch die Anforderungen an die Begründung einer künftigen Verfolgung
absenken und sollte seine individuelle Situation umso sorgfältiger geprüft
werden. Gemäss der zitierten Länderberichte litten allen voran Kurden,
Aleviten und linksgerichtete Medien überproportional unter den staatlichen
Notstandsmassnahmen. Zudem sei davon auszugehen, dass der türkische
Staat mit dem IS zusammenarbeite, um die Aleviten auszulöschen.
Sodann nehme er seit seiner Ankunft in der Schweiz regelmässig an exil-
politischen Anlässen, oftmals in Verbindung mit der PKK stehend, teil, was
sein oppositionelles Profil zusätzlich schärfe. Die Kundgebung am (...).
September 2017 in G._ habe er sehr wohl mitorganisiert. Anlässlich
des vierzigjährigen Jubiläums der PKK vor ungefähr zwei Wochen (Stand
30. Dezember 2017) habe er zudem schon als Türsteher fungiert. Selbst
abgesehen vom eher tiefen Exponierungsgrad könne nicht pauschal ange-
nommen werden, sein oppositionelles Engagement in der Schweiz sei von
D-36/2018
Seite 15
den türkischen Behörden nicht bemerkt worden, nicht zuletzt wegen einer
Fichierung, zumal über die von ihm besuchten politischen Anlässe auch in
der Türkei berichtet worden sei und Angehörige türkischer Behörden auch
in der Schweiz tätig seien. Hinzukomme, dass Personen bei einer Rück-
kehr auf regierungskritische Einträge in sozialen Medien wie Facebook
überprüft und allenfalls inhaftiert würden. Auf einem Foto sei er schliesslich
mit seiner grossen Statur sehr scharf und deutlich als Demonstrationsteil-
nehmer zu erkennen.
Da er sein Masterstudium abgebrochen und die Rückreisepflicht nicht ein-
gehalten habe, habe er die Auflage für die Verschiebung des Militärdiens-
tes nicht erfüllt, womit er de facto den Wehrdienst verweigere. Ob eine all-
fällige strafrechtliche Massnahme politisch motiviert sei oder als legitimes
Verfolgungsinteresse des Staates zu qualifizieren wäre, könne offen blei-
ben. Jedenfalls sei auch in Bezug auf eine allfällige Inhaftierung wegen
Wehrdienstverweigerung die brisante Zuspitzung des Kurdenkonflikts in
der Türkei seit dem Putschversuch zu berücksichtigen. Er kenne Fälle, in
denen politisch aktive Personen im Militärdienst täglichen Schikanen, Dis-
kriminierungen und Folter ausgesetzt seien. Die Wehrdienstverweigerung
schärfe weiter sein politisches Profil und setze ihn asylbeachtlichen Nach-
teilen aus.
5.3 Im Rahmen der Vernehmlassung hielt die Vorinstanz zunächst fest, bei
den vier Bestätigungsschreiben handle es sich um typische Gefälligkeits-
schreiben, welchen grundsätzlich kein Beweiswert zukommen könne. Dar-
über hinaus falle auf, dass das Schreiben des Schwagers auf das Datum
der Eröffnung des Entscheids falle. Im Verfahren vor der Vorinstanz seien
keine Behelligungen von Familienangehörigen oder Bekannten geltend ge-
macht oder nachgewiesen worden. Zwar habe er in diesem Zusammen-
hang angemerkt, nur mit seinem Bruder in der Türkei Kontakt zu pflegen,
da seine Familienangehörigen sonst versuchen würden, ihn zur Rückkehr
zu bewegen. Diese Angaben seien jedoch nicht mit der geltend gemachten
Gefährdungslage vereinbar, wäre doch zu erwarten gewesen, dass die Fa-
milie ihn bei einer akuten Bedrohungslage in Sicherheit wissen wolle. Da-
mit bestünden bereits Zweifel an der auf Beschwerdeebene behaupteten
Suche nach ihm.
D-36/2018
Seite 16
Gleichwohl seien Botschaftsabklärungen vorgenommen worden. Aus der
Botschaftsantwort gehe unter anderem hervor, dass der Beschwerdeführer
in keiner Datenbank der türkischen Behörden registriert sei und weder ein
Festnahme-/Haftbeschluss noch eine eröffnete Ermittlung oder ein Straf-
verfahren gegen ihn bestehe. Die Suche nach ihm erscheine folglich äus-
serst fraglich beziehungsweise nicht glaubhaft.
Überdies sei der Beschwerdeführer gemäss seinen Angaben bei der Erst-
befragung ausser im Zusammenhang mit einem Verkehrsunfall nie in ein
Strafverfahren verwickelt gewesen. Dass er dabei ein im Februar 2015 ab-
geschlossenes Verfahren aufgrund des Vorwurfs «Betrugsversuch mittels
gefälschter Dokumente eine Versicherungssumme zu kassieren» nicht er-
wähnt habe, erscheine trotz Freispruch nicht nachvollziehbar und lasse an
seiner allgemeinen Glaubwürdigkeit Zweifel aufkommen.
Im Hinblick auf die exilpolitischen Aktivitäten habe er zwar bei der Erstbe-
fragung die Organisation der Kundgebung vom (...). September 2017 er-
wähnt, bei der Anhörung jedoch auf entsprechende Nachfrage verneint,
eine spezielle Funktion bei Kundgebungen innegehabt zu haben. Auch bei
Annahme einer Mitorganisation sei somit nicht davon auszugehen, dass er
den türkischen Behörden als militanter Aktivist aufgefallen wäre. Ergän-
zend sei dazu auf die Botschaftsantwort zu verweisen.
5.4 In seiner Replik wies der Beschwerdeführer darauf hin, die polizeilichen
Ermittlungen bei den Familienangehörigen sowie dem Muhtar seien zeitlich
nach der Anhörung erfolgt. Davor habe er nur mit dem Bruder Kontakt ge-
habt, welcher in der West-Türkei lebe, während die übrige Familie in der
Südost-Türkei wohne. Insbesondere die Mutter sei vor den Behelligungen
durch die Polizei an seiner Rückkehr interessiert gewesen, weil sie in einer
Krebstherapie stehe.
Die (angebliche) Erkenntnis der Botschaft, wonach keine Registrierung,
kein Festnahme-/Haftbeschluss und keine Strafermittlungen erfolgten,
schliesse nicht aus, dass er auf einer (geheimen) Liste von Verdächtigen
stehe. Fraglich sei, wie die Vertrauensanwälte an entsprechende Informa-
tionen hätten gelangen können, zumal das türkische UYAP (Ulusal Yargı
Ağı Bilişim Sistemi; Justiz-Informationssystem) nach dem Putschversuch,
namentlich für Anwälte, eingeschränkt worden sei, um zu verhindern, dass
D-36/2018
Seite 17
sich gesuchte Personen der Strafverfolgung entziehen. Zugleich sei das
Datenschutzgesetz angepasst worden, welches den Behörden erleichtere,
«schwarze Listen» mit politisch unliebsamen Personen zu erstellen, ohne
dass diese bekannt würden. Ein Journalist sei mit einem entsprechenden
Beweis an die Öffentlichkeit getreten und danach wegen Veröffentlichung
geheimer Dokumente verurteilt worden. Ohne Kontakte zu den türkischen
Polizeibehörden oder zum Geheimdienst könnten die Vertrauensanwälte
nicht prüfen, ob er auf einer geheimen Liste stehe.
Das Urteil vom 26. Februar 2015 stehe im Zusammenhang mit dem er-
wähnten Verkehrsunfall, bei dem er von zwei Polizisten wegen angeblichen
Versicherungsbetrugsversuchs angezeigt, letztlich aber freigesprochen
worden sei. Dies zeigten die dazu eingereichten Unterlagen. Aus dem Vor-
fall könne somit kein Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit gezogen werden.
Hinsichtlich seiner exilpolitischen Aktivitäten halte er weiter an seinen An-
gaben zur Mitorganisation der politischen Kundgebung vom (...). Septem-
ber 2017 fest. Er habe geholfen, Slogans auf Plakate und Tücher zu schrei-
ben, welche dann von Kundgebungsteilnehmenden getragen worden
seien, auch von ihm. Zudem sei er für die Sicherheit an der Kundgebung
zuständig gewesen. Dies widerspreche nicht der Aussage, er habe keine
spezielle Funktion an irgendeiner Kundgebung ausgeübt, da diese das Re-
sultat spontaner Ideen mehrerer politisch Interessierter gewesen und
Funktionen nie fix verteilt und zugeordnet worden seien. An der Kundge-
bung vom (...) 2018 sei er für die Kontakte mit türkischen Medien zuständig
gewesen, welchen er im Anschluss Fotos und Videos zugestellt habe. Eine
weitere Kundgebung habe Ende (...) 2018 im Zusammenhang mit dem
Einmarsch der türkischen Truppen in Nordsyrien stattgefunden. Am Kon-
gress des NCKD am (...) 2018 im Kanton H._ habe er als einer von
vier aus I._ stammenden Delegierten teilgenommen und im Vorfeld
den PYD-Präsidenten Sahoz Hasan getroffen. Was die Botschaft dazu in
ihrer Antwort schreibe, entziehe sich seiner Kenntnis. Die Fotos und weite-
ren Dokumente untermauerten seine Angaben zum exilpolitischen Enga-
gement.
5.5 Im Rahmen der Akteneinsichtsgewährung vom 5. Dezember 2019
fasste die Vorinstanz den wesentlichen Inhalt der Botschaftsantwort dahin-
gehend zusammen, Abklärungen der Schweizerischen Botschaft in Ankara
D-36/2018
Seite 18
hätten ergeben, dass die Datenbank GBT keinen Eintrag zum Beschwer-
deführer enthalte. Zudem bestehe gegen ihn weder ein Festnahme-/Haft-
beschluss noch ein eröffnetes Ermittlungs- oder ein Strafverfahren. Es sei
lediglich ein abgeschlossenes Strafverfahren festgestellt worden, welches
am 1. Gericht für schwere Straftaten in Gaziantep (Grundsatznummer [...])
mit dem Vorwurf «Betrugsversuch mittels gefälschter Dokumente eine Ver-
sicherungssumme zu kassieren» behandelt worden sei. Der Beschwerde-
führer sei mit Urteil vom (...) 2015 freigesprochen worden (Urteilnummer
[...]). Aufgrund des bevorstehenden Militärdienstes würde er im Falle einer
Rückkehr in die Türkei von der Einberufungsbehörde vorbestellt werden.
Auch im UYAP seien jedoch keine eingeleiteten gerichtlichen Schritte fest-
gestellt worden. In Anbetracht dieser Angaben habe er keine gesetzlich
vorgesehenen Rechtsfolgen zu befürchten.
5.6 In der ergänzenden Stellungnahme vom 20. Dezember 2019 auf die
Gewährung der Einsicht durch das SEM in die Botschaftsabklärung führte
der Beschwerdeführer aus, diese beschränke sich erneut auf die Zusam-
menfassung des wesentlichen Inhalts, obschon ein Geheimhaltungsinte-
resse bezweifelt werden müsse. Soweit dort ergänzend zur Vernehmlas-
sung auf den ausstehenden Militärdienst eingegangen worden sei und da-
rauf, dass im Informationssystem keine eingeleiteten gerichtlichen Schritte
hätten festgestellt werden können, sei auch hier fraglich, wie die Botschaft
an aussagekräftige Informationen habe gelangen können. Die Einsicht-
nahme durch Anwälte sei seit zwei Jahren stark beschränkt.
Er habe sodann ein Foto in seinem Archiv gefunden, dass ihn bei Demonst-
rationen im Zusammenhang mit dem Gezi-Park zeige. Die Agentur IHA
habe damals einen Artikel unter dem Titel «Taksim ist keine Kampfzone»
zusammen mit einem Foto veröffentlicht, auf dem er auch zu sehen sei.
Am (...) 2019 habe er auf Twitter eine kritische Bemerkung zum Militärein-
satz der Türkei in Syrien gepostet. Postwendend habe er eine Mitteilung
einer Person erhalten, welche den Beitrag an die türkischen Polizeibehör-
den weitergeleitet habe. Dass es sich bei dieser Person um einen Mitar-
beiter der Cyber Police handeln müsse, gehe aus deren Profil und dem
offiziellen Account der Türkischen Nationalpolizei hervor. Das Internet und
die sozialen Medien würden überwacht, und Personen mit kritischen
D-36/2018
Seite 19
Äusserungen gegen die Politik des türkischen Regimes müssten mit Ver-
haftung und Bestrafung rechnen.
Er gehe weiterhin davon aus, im Fokus der türkischen Sicherheitsbehörden
zu stehen und in einer (geheimen) Datenbank registriert worden zu sein.
6.
Im Folgenden ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer eine asylrelevante
Vorverfolgung nachweisen oder zumindest glaubhaft machen konnte.
6.1 Zunächst ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer gemäss eige-
nen, von der Vorinstanz nicht ausdrücklich in Frage gestellten Angaben aus
einer regional bekannten kurdischen und politisch engagierten Grossfami-
lie aus Gaziantep im Südosten der Türkei und damit einem kurdisch domi-
nierten Gebiet stammt. Viele Angehörige der Familie sind Mitglieder in den
Parteien HDP und CHP. Ein Onkel war Kämpfer bei der PKK und lebt seit
vielen Jahren in Deutschland. Der Beschwerdeführer selbst war aufgrund
dessen früh Behelligungen und Schikanen durch die Behörden und mit zu-
nehmendem Alter weiteren Diskriminierungen aufgrund seiner kurdischen
Ethnie und seines alevitischen Glaubens ausgesetzt. Namentlich wurden
ihm die angestrebte schulische Bildung, Arbeitsaufträge und Anstellungen
verwehrt. Er wurde nicht zuletzt vor dem Hintergrund der frühen Erfahrun-
gen während seines Studiums in C._ und Istanbul zunehmend po-
litisch aktiv für die Rechte der Kurden, nahm an diversen, teils von gewalt-
samen Auseinandersetzungen überschatteten Kundgebungen und Protes-
ten, so auch den Gezi-Protesten in Istanbul im Jahr 2013, teil und wurde
bei verschiedenen Gelegenheiten von Nationalisten angegriffen. Bei ver-
schiedenen Kundgebungen war er unter anderem für die Sicherheit der
Demonstrierenden beziehungsweise politisch Aktiven zuständig. 2011 ver-
steckte er der PKK-Verbindung verdächtige Studierende nach Kundgebun-
gen vor der Polizei in seiner Wohnung. Ungeachtet des Vorbehalts der
Vorinstanz zur Glaubhaftigkeit der vorstehenden Vorbringen besteht für
das Gericht kein Anlass, diese anzuzweifeln, zumal die Angaben des Be-
schwerdeführers dazu sehr detailliert, nachvollziehbar und in sich schlüs-
sig ausfielen. Mithin sind sowohl die Diskriminierungen aufgrund der Ethnie
und des Glaubens als auch das politische Engagement des Beschwerde-
führers in der Türkei als glaubhaft gemacht zu erachten.
D-36/2018
Seite 20
6.2 Der Vorinstanz ist im Weiteren aber Recht darin zu geben, dass der
Beschwerdeführer durch die Behelligungen aufgrund seiner Ethnie und
seines Glaubens bis zu seiner Ausreise keinen ernsthaften Nachteilen aus-
gesetzt war, welche die Schwelle der Asylrelevanz im Sinne von Art. 3
AsylG erreichen würden. Die in casu diesbezüglich vorgebrachten Nach-
teile, namentlich die Benachteiligungen im Zugang zu Schulen und Arbeits-
stellen sowie die Behelligungen am Arbeitsplatz, gingen nicht über jene von
Teilen der kurdischen Bevölkerung sowie jener alevitischen Glaubens in
der Türkei im Allgemeinen hinaus. Hinzukommt, dass praxisgemäss sehr
strenge Anforderungen für die Annahme einer Kollektivverfolgung aufge-
stellt werden (vgl. BVGE 2014/32 E. 6.1; 2013/12 E. 6), die im Falle der
Kurden und jener alevitischen Glaubens in der Türkei nicht als erfüllt zu
erachten sind, dies auch unter Berücksichtigung der aktuellen politischen
Entwicklungen und auch möglicher Aktivitäten des IS in der Türkei (vgl.
aber E. 7).
6.3 Auch die Benachteiligungen und Schikanen aufgrund der PKK-Mit-
gliedschaft des Onkels erreichten kein asylrelevantes Ausmass, welches
auf eine Reflexverfolgung bei Ausreise schliessen lassen könnte.
6.4 Weiter geht das Gericht mit der Vorinstanz einig, dass sich aus den
Schilderungen des Beschwerdeführers zu seinen politischen Aktivitäten
keine hinreichend intensive asylrelevante Vorverfolgung ergibt. Im Zusam-
menhang mit seiner Teilnahme an politischen Kundgebungen wurde er nie
inhaftiert, sondern nach eigenen Angaben von der Polizei lediglich kontrol-
liert, registriert und wieder laufen gelassen. Die Angriffe von Nationalisten
dürften nicht als hinreichend intensive und konkret gegen seine Person ge-
richtete Massnahmen zu erachten sein. Hinsichtlich des Versteckens von
Studierenden in seiner Wohnung geht aus den Akten nicht hervor, ob die-
ses tatsächlich von den Behörden bemerkt wurde. Weiter wurde gemäss
den Akten, insbesondere den eingereichten Dokumenten und der Bot-
schaftsabklärung, kein politisches Datenblatt im GTBS für den Beschwer-
deführer angelegt; ebenso wenig weist der Beschwerdeführer einen Ein-
trag im UYAP über eine Festnahme oder ein laufendes Ermittlungs- oder
Strafverfahren auf – mit Ausnahme des erwähnten Strafverfahrens, in dem
er freigesprochen wurde.
D-36/2018
Seite 21
Hinsichtlich dieses Verfahrens sei lediglich ergänzend erwähnt, dass der
Beschwerdeführer auf Beschwerdeebene schlüssig und unter Vorlage ent-
sprechender Dokumente zum Verfahren darlegen konnte, dass es sich da-
bei um dasselbe Verfahren handelt, dessen Ursprung der im vorinstanzli-
chen Asylverfahren erwähnte Verkehrsunfall bildete. Insoweit kann aus sei-
nen diesbezüglichen Vorbringen nicht auf eine fehlende Glaubwürdigkeit
geschlossen werden.
Angesichts der Probleme auf der Arbeit sowie dabei, Arbeitsstellen bezie-
hungsweise -aufträge zu erhalten, der Kontrollen bei den Protesten und
auch im Hinblick auf das Foto der Agentur IHA, welche ihn bei einer der
Kundgebungen in der Türkei abbildet, ist es im Weiteren als sehr wahr-
scheinlich zu erachten, dass der Beschwerdeführer in irgendeiner Weise
registriert und über ihn zumindest eine lokale Fiche angelegt wurde. Wie
die Vorinstanz aber zutreffend festgehalten hat, erreicht die Verweigerung
des Zugangs zu einer staatlichen Stelle, welche aufgrund einer lokalen
Fichierung erfolgen kann, keine asylrelevante Intensität. Dies gilt ebenso
für die weiteren, zuvor bereits als nicht intensiv erachteten Nachteile auf-
grund seines Engagements (sowie seiner Ethnie und seines Glaubens).
Bis zur Ausreise war der Beschwerdeführer ungeachtet der Fichierung kei-
ner asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt.
6.5 Dafür spricht auch, dass er legal mit einem Visum für die Schweiz über
den Flughafen in Istanbul ausreisen konnte. Zwar gab er an, dass er kurz
vor dem Abflug von der Fluggesellschaft und zwei dazukommenden Poli-
zisten intensiv zu seinen Reiseabsichten befragt wurde. Diese liessen ihn
aber passieren. Weitaus bedeutsamer ist zudem, dass er nach eigenen
Angaben bei der eigentlichen Passkontrolle keine Probleme hatte,
obschon die zuständigen Grenzbehörden Zugriff auf die entsprechenden
digitalen Informationssysteme der Türkei haben dürften, aus denen eine
Fichierung des Beschwerdeführers ersichtlich wird.
6.6 Mithin ist – auch unter Berücksichtigung der politischen Ereignisse seit
dem Putschversuch im Juli 2016 – nicht davon auszugehen, dass er auf-
grund seiner politischen Aktivitäten, seines familiären Hintergrunds, seiner
kurdischen Ethnie und seines alevitischen Glaubens in einer Weise in den
Fokus der türkischen Behörden gerückt war, dass er bei Ausreise mit ernst-
haften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG rechnen musste. Dem steht –
D-36/2018
Seite 22
jedenfalls bezogen auf die Benachteiligungen vor der Ausreise – nicht ent-
gegen, dass der Beschwerdeführer nach Bekunden von drei Familienan-
gehörigen und dem Muhtar Ende 2017 gesucht worden sein soll, zumal
sich diese Begegnungen der vier Personen mit den Polizeibehörden meh-
rere Monate nach der Ausreise des Beschwerdeführers zugetragen haben
sollen.
6.7 Weiter hat die Vorinstanz zutreffend festgestellt, dass die Vorbringen
zu den Bombenangriffen in Gaziantep sowie eine Anwesenheit des IS in
der Türkei auf die allgemeine Lage beziehungsweise die Lebensbedingun-
gen im Herkunftsland zurückzuführen sind und der Beschwerdeführer in
diesem Zusammenhang auch gar keine konkret erlittenen Nachteile gel-
tend gemacht hat.
6.8 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer mit seinen Vorbringen
keine asylrelevante Vorverfolgung nachweisen oder glaubhaft machen
können.
7.
Fraglich ist jedoch, ob der Beschwerdeführer nach seiner Ausreise ein Pro-
fil erlangt hat, das ihn der Gefahr einer asylrelevanten Verfolgung bei einer
Rückkehr in die Türkei aussetzen könnte. Dabei sind insbesondere seine
Vorbringen zum Vorliegen subjektiver Nachfluchtgründe gemäss Art. 54
AsylG zu prüfen.
7.1 Wer sich darauf beruft, dass durch ein Verhalten nach der Ausreise aus
dem Heimat- oder Herkunftsland eine Gefährdungssituation geschaffen
worden sei, macht – wie bereits erwähnt – subjektive Nachfluchtgründe
geltend (Art. 54 AsylG). Diese begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft
im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch nach Art. 54 AsylG zum Aus-
schluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht
missbräuchlich gesetzt wurden (BVGE 2009/28 E. 7.1 m.w.H.). Massgeb-
lich ist, ob die heimatlichen Behörden das Verhalten der asylsuchenden
Person als staatsfeindlich einstufen und dieser deswegen bei der Rückkehr
in den Heimatstaat eine Verfolgung von Art. 3 AsylG befürchten muss. Es
bleiben damit die Anforderungen an den Nachweis einer begründeten
Furcht massgeblich (Art. 3 und Art. 7 AsylG).
D-36/2018
Seite 23
7.2
7.2.1 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichtes kann da-
von ausgegangen werden, dass die Aktivitäten kurdischer Exilorganisatio-
nen oder einzelner Exponentinnen und Exponenten eines gewissen For-
mats von regimetreuen Bürgern oder im Ausland lebenden Behördenver-
tretern der Türkei beobachtet werden. Um eine tatsächliche Gefährdung im
Falle der Rückkehr in die Türkei als wahrscheinlich erscheinen zu lassen,
müssen konkrete Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass exilpolitisch aktive
Staatsangehörige der Türkei tatsächlich das Interesse der heimatlichen
Behörden auf sich gezogen haben respektive als regimefeindliche Perso-
nen namentlich identifiziert und registriert wurden (vgl. etwa Urteil des
BVGer D-705/2018 vom 18. Februar 2019 E. 6.1 m.w.H.).
7.2.2 Nach den Parlamentswahlen im Juni 2015 respektive im November
2015 und dem gleichzeitigen Wiederaufflackern des Kurdenkonflikts hat
sich die Menschenrechtslage in der Türkei wieder deutlich verschlechtert
und seit dem gescheiterten Militärputsch gegen die Regierung vom
15./16. Juli 2016 ist gar eine Eskalation bezüglich Inhaftierungen und poli-
tischer Säuberungen festzustellen. Die türkischen Behörden gehen seit
dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 und der darauffolgenden
Verhängung des Ausnahmezustands (welcher im Juli 2018 faktisch aufge-
hoben wurde) rigoros gegen tatsächliche und vermeintliche Regimekritiker
und Oppositionelle vor. Tausende von Personen sehen sich aufgrund ihrer
Aktivitäten in den sozialen Medien mit gegen sie eingeleiteten Strafunter-
suchungen und Anklagen konfrontiert. Die türkische Justiz ist ebenfalls po-
litischem Druck ausgesetzt, was eine faire und unabhängige Prozessfüh-
rung praktisch unmöglich macht. Vor diesem Hintergrund geht das Bun-
desverwaltungsgericht in seiner aktuellen Praxis davon aus, dass im Ein-
zelfall Personen, denen in der Türkei Unterstützung von als terroristisch
eingestufter Organisationen vorgeworfen wird, begründete Furcht vor Ver-
folgung haben (vgl. dazu etwa Urteile des BVGer D-1764/2019 vom 9. Ok-
tober 2019 E. 6.4, D-1373/2019 vom 5. Juli 2019 E. 5.4 und D-3375/2018
vom 31. Juli 2019 E. 4.3.6 m.w.H.).
7.3
7.3.1 Den Akten ist zu entnehmen, dass sich der Beschwerdeführer seit
seiner Ankunft in der Schweiz aktiv exilpolitisch engagiert. Er nahm an di-
versen prokurdischen Kundgebungen teil, wobei er eine Kundgebung in
D-36/2018
Seite 24
G._ am (...). September 2017 zusammen mit anderen organisierte,
indem er Slogans auf Plakate und Tücher schrieb, welche dann von Kund-
gebungsteilnehmenden getragen wurden. Dass er dazu angab, keine spe-
zielle Funktion innegehabt zu haben, widerspricht in der Tat nicht den An-
gaben zur Mitorganisation. Im Gegenteil zeigt sein Aussageverhalten, dass
er seine Aktivitäten nicht überhöhte, um den Anschein einer politisch sehr
aktiven Person zu vermitteln, was den Gehalt seiner Angaben eher stärkt.
Zudem war er an dieser Kundgebung für die Sicherheit zuständig. An wei-
teren Anlässen, wie etwa des vierzigjährigen Jubiläums der PKK Ende
2017 fungierte er als Türsteher. An der Kundgebung vom (...) 2018 war er
überdies für die Kontakte mit türkischen Medien zuständig, denen er im
Anschluss Fotos und Videos zustellte. Eine weitere Kundgebung fand
Ende (...) 2018 im Zusammenhang mit dem Einmarsch der türkischen
Truppen in Nordsyrien statt. Weiter nahm er am Kongress des NCKD am
(...) 2018 im Kanton H._ als einer von vier aus I._ stammen-
den Delegierten teil und traf im Vorfeld den PYD-Präsidenten Sahoz Ha-
san. Über die von ihm besuchten politischen Anlässe wurde auch in der
Türkei berichtet. Am (...) 2019 hat er schliesslich auf Twitter eine kritische
Bemerkung zum Militäreinsatz der Türkei in Syrien gepostet und daraufhin
eine Mitteilung einer Person erhalten, welche den Beitrag an die türkischen
Polizeibehörden weiterleitete. Dabei dürfte es sich unter Bezug auf die ein-
gereichten Ausdrucke aus dem Twitteraccount um einen Mitarbeiter der
Cyber Police handeln, wie vom Beschwerdeführer angebracht. Für das Ge-
richt besteht angesichts der insgesamt sehr detaillierten, nicht überhöht
wirkenden und dazu mit den eingereichten Fotos und weiteren Dokumen-
ten, namentlich auch die Artikel und die Delegiertenkarte, untermauerten
Angaben kein Anlass, seine Vorbringen zu seinem exilpolitischen Engage-
ment in Frage zu stellen.
7.3.2 Die exilpolitischen Aktivitäten sind im Weiteren vor dem Hintergrund
des Profils des Beschwerdeführers vor der Ausreise zu beurteilen. Seine
Herkunft aus einer politisch aktiven Grossfamilie, namentlich die (frühere)
Mitgliedschaft von Familienmitgliedern in der PKK sowie der CHP und
HDP, welche sich dezidiert für die Rechte der Kurden einsetzen, seine kur-
dische Ethnie und sein alevitischer Glauben, die daraus erwachsenen
Probleme im Alltag sowie seine diversen politischen Betätigungen (vgl.
E. 6) vermochten zwar in ihrer Intensität nicht die Annahme einer asylrele-
vanten Gefährdung bei Ausreise zu begründen. Sie lassen aber darauf
D-36/2018
Seite 25
schliessen, dass der Beschwerdeführer den türkischen Behörden bekannt
ist und zumindest lokal fichiert wurde. Es ist daher und angesichts der In-
formation der Behörden über die Aktivitäten des Beschwerdeführers in den
sozialen Medien überwiegend wahrscheinlich, dass auch seine exilpoliti-
schen Aktivitäten den türkischen Behörden bekannt wurden und weiter be-
obachtet werden. Überdies zeigen die Fotos in den Zeitungsartikeln deut-
lich erkennbar den Beschwerdeführer als Demonstrationsteilnehmer, wes-
halb davon auszugehen ist, dass er von regierungstreuen Teilnehmenden
oder online von den türkischen Behörden direkt erkannt wurde. Seine Ak-
tivitäten als Verbindungsperson zu den Medien lassen weiter darauf
schliessen, dass sein Name den türkischen Behörden übermittelt wurde.
Abgesehen davon sprechen auch die übereinstimmenden Aussagen der
drei Familienangehörigen und des Muhtar, wonach nach dem Beschwer-
deführer gesucht wurde und sie melden sollten, wenn er wieder auftauche,
dafür, dass er in das Visier der türkischen Behörden gerückt war. Dass der
Beschwerdeführer diese Bestätigungsschreiben nicht bereits im vo-
rinstanzlichen Asylverfahren einbrachte, dürfte auf die zeitlichen Umstände
der Suche zurückzuführen sein, welche gerade nach der Anhörung statt-
fand. Hinzu kommt, dass der Beschwerdeführer bereits bei der Ausreise
am Flughaften zwar nicht festgenommen wurde, aber doch eingehend zu
seinen Reiseabsichten befragt wurde. Dies ist als weiterer Anhaltspunkt
dafür zu werten, dass er registriert war und unter Beobachtung stand, seine
bisherigen Aktivitäten aber (noch) nicht für eine Festnahme oder weitere
behördliche Massnahmen reichten. Die Schwelle für weitergehende
Massnahmen dürfte mit den exilpolitischen Aktivitäten nunmehr überschrit-
ten sein.
7.3.3 Unter Berücksichtigung der sich verschärfenden Situation in der Tür-
kei für tatsächliche und vermeintliche Regimekritiker und Oppositionelle
(vgl. E. 7.2.2) geht das Gericht davon aus, dass dem Beschwerdeführer
bei seiner Rückkehr in die Türkei vor allem aufgrund seiner offenen Positi-
onierung zugunsten der PKK und auch der PYD in der Schweiz die Unter-
stützung von als terroristisch eingestuften Organisationen vorgeworfen
würde und er mit einem unfairen Verfahren zu rechnen hätte. Dabei ist un-
erheblich, dass den Informationssystemen – jedenfalls im Jahr 2018 –
keine Einträge zulasten des Beschwerdeführers entnommen werden konn-
ten, zumal gerade bei einer anfänglichen lokalen Fichierung und im beste-
henden politischen Klima nicht auszuschliessen ist, dass als oppositionell
D-36/2018
Seite 26
eingestufte Personen in inoffiziellen Listen geführt werden und mit Straf-
massnahmen im Sinne eines Politmalus bei Rückkehr rechnen müssen.
Nicht zuletzt trifft es zu, dass der Zugriff auf die bestehenden Informations-
systeme in den vergangenen Jahren stark eingeschränkt war, weshalb wei-
tergehende Einträge wahrscheinlich sind. Hinzu kommt, dass – wie vom
Beschwerdeführer geltend gemacht – anzunehmen ist, Personen würden
bei einer Rückkehr auf regierungskritische Einträge in sozialen Medien wie
Facebook überprüft und allenfalls inhaftiert. Schliesslich ist festzuhalten,
dass die Frist für den Aufschub des Militärdienstes mittlerweile abgelaufen
ist. Auch wenn dies für sich alleine noch keine Verfolgungsgefahr begrün-
dete, stärkt es doch den Fokus der türkischen Behörde auf den Beschwer-
deführer bei einer Rückkehr. Im Rahmen einer Gesamtbetrachtung des
Profils des Beschwerdeführers vor seiner Ausreise und der bis dahin erlit-
tenen Nachteile sprechen die überwiegenden Aspekte dafür, dass der Be-
schwerdeführer selbst bei einem tiefen Exponierungsgrad infolge seiner
exilpolitischen Aktivitäten nunmehr ein Profil aufweist, das ihn in den Augen
der türkischen Behörden als regimefeindliche Person erscheinen lässt und
ihn der Gefahr von Verfolgungsmassnahmen aussetzen würde.
7.4 Nach dem Gesagten ist es vorliegend überwiegend wahrscheinlich,
dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in die Türkei einem erhöh-
ten Verfolgungsrisiko ausgesetzt wäre und die Zufügung ernsthafter Nach-
teile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu befürchten hätte. Es sind dem-
nach subjektive Nachfluchtgründe festzustellen. Gründe für den Aus-
schluss aus der Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 1 Bst. F FK sind nicht
ersichtlich. Der Beschwerdeführer ist daher als Flüchtling anzuerkennen;
hingegen schliesst Art. 54 AsylG die Gewährung von Asyl aus.
8.
8.1 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf ein-
tritt. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen (vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733). Die Wegweisung wurde zu Recht
angeordnet.
D-36/2018
Seite 27
8.2 Allerdings ist im Sinne einer Ersatzmassnahme das Anwesenheitsver-
hältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Auf-
nahme zu regeln, wenn der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht
zumutbar oder nicht möglich ist (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG
[SR 142.20]; BVGE 2009/51 E. 5.4). Für den vorliegenden Fall ergibt sich
aus den vorstehenden Erwägungen, dass der Beschwerdeführer subjek-
tive Nachfluchtgründe glaubhaft machen konnte. Der Vollzug der Wegwei-
sung in die Türkei erweist sich daher wegen drohender Verletzung des
flüchtlingsrechtlichen Gebots des Non-Refoulements (Art. 5 AsyG; Art. 33
Abs. 1 FK) sowie auch mit Blick auf Art. 3 EMRK als unzulässig, da davon
ausgegangen werden muss, dass er im Falle seiner Rückkehr ins Heimat-
land mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer menschenrechtswidrigen
Behandlung ausgesetzt wäre.
9.
Die Beschwerde ist teilweise gutzuheissen, soweit damit die Feststellung
der Flüchtlingseigenschaft und der Unzulässigkeit des Vollzugs der Weg-
weisung sowie die Anordnung der vorläufigen Aufnahme beantragt wurden.
Im Übrigen ist sie abzuweisen. Die vorinstanzliche Verfügung vom 29. No-
vember 2017 ist demnach in den Dispositivziffern 1, 4 und 5 aufzuheben
und die Vorinstanz ist anzuweisen, den Beschwerdeführer als Flüchtling
vorläufig aufzunehmen.
10.
10.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung
sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen
(Art. 63 Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer ist bezüg-
lich seines Antrags auf Gewährung von Asyl unterlegen. Hingegen hat er
bezüglich der Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und infolgedessen
der Anordnung der vorläufigen Aufnahme obsiegt. Auch in Berücksichti-
gung der auf Beschwerdeebene erfolgten Heilung ist nachfolgend von ei-
nem Obsiegen zu zwei Dritteln auszugehen.
10.2 Die Kosten des Verfahrens wären danach im Umfang des Unterlie-
gens – mithin zu einem Drittel – dem Beschwerdeführer aufzuerlegen. Da
aber sein Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege mit Zwi-
D-36/2018
Seite 28
schenverfügung vom 19. Januar 2018 gutgeheissen wurde und keine Ver-
änderungen in den finanziellen Verhältnissen ersichtlich sind, hat er vorlie-
gend keine Verfahrenskosten zu tragen.
10.3 Nachdem der rubrizierte Rechtsanwalt dem Beschwerdeführer mit
gleicher Zwischenverfügung als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet
worden ist (vgl. Art. 110a Abs. 1 AsylG), ist er für seinen Aufwand unbese-
hen des Ausgangs des Verfahrens zu entschädigen, soweit dieser sachlich
notwendig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der Rechtsvertreter hat am
20. Dezember 2019 eine Kostennote vorgelegt, in welcher ein Aufwand von
16.8 Stunden zu Fr. 300.– sowie Auslagen in Höhe von Fr. 58.20 zuzüglich
Mehrwertsteuer geltend gemacht werden. Das Bundesverwaltungsgericht
geht bei amtlicher Vertretung in der Regel von einem Stundenansatz zwi-
schen Fr. 200.– bis Fr. 220.– für Anwältinnen und Anwälte aus (vgl. Art. 12
i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE), weshalb das Stundenhonorar vorliegend auf
Fr. 220.– zu ermässigen ist. Der zeitliche Aufwand ist als angemessen zu
erkennen. Das amtliche Honorar ist danach auf Fr. 4'049.61 (9.5 Stunden
à Fr. 220.– plus Fr. 23.80 an Auslagen zuzüglich einer Mehrwertsteuer von
8 Prozent und 7.3 Stunden à Fr. 220.– plus Fr. 34.40 an Auslagen zuzüglich
einer Mehrwertsteuer von 7.7 Prozent, vgl. zum Mehrwertsteuerzuschlag
Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) festzusetzen und dem rubrizierten Rechtsver-
treter als amtlicher Rechtsbeistand zu einem Drittel – mithin Fr. 1'350.– –
aus der Gerichtskasse zu entrichten.
10.4 Im Umfang des Obsiegens im Beschwerdeverfahren – das heisst zu
zwei Dritteln – ist dem Beschwerdeführer in Anwendung von Art. 64 Abs. 1
VwVG eine Parteientschädigung für die ihm erwachsenen notwendigen
Vertretungskosten zuzusprechen (vgl. Art. 7 VGKE). Die bei den Akten lie-
gende Kostennote vom 20. Dezember 2019 erscheint den Verfahrensum-
ständen (vgl. E. 10.3) als angemessen. Die von der Vorinstanz auszurich-
tende Parteientschädigung ist demnach auf insgesamt Fr. 5’499.40 (inkl.
Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c
VGKE) festzusetzen. Davon sind zwei Drittel, also Fr. 3’666.– dem Be-
schwerdeführer von der Vorinstanz als Parteientschädigung auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
D-36/2018
Seite 29