Decision ID: 1cfd9502-e8d3-44c5-9d80-5e6d846f334e
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Führerausweis der Kategorie B, der Unterkategorie B1 und der
Spezialkategorien F, G und M seit dem 15. September 1997. Er ist im
Informationssystem über die Verkehrszulassung (IVZ; früher:
Administrativmassnahmen-Register [ADMAS]) nicht verzeichnet. Am Dienstag, 24. April
2018, 23.50 Uhr, schlief X in seinem vor der Raiffeisenbank in A geparkten
Personenwagen. Ein Anwohner wurde darauf aufmerksam und benachrichtigte die
Polizei. Bei der anschliessenden Kontrolle stellten die Polizisten bei X
Alkoholmundgeruch fest. Da die Atem-Alkoholmessungen belastend ausfielen, ordnete
der Staatsanwalt eine Blutprobe an. Die Analyse beim Institut für Rechtsmedizin (IRM)
am Kantonsspital St. Gallen ergab für den Zeitpunkt der Polizeikontrolle eine
Blutalkoholkonzentration (BAK) von mindestens 2,32 Gewichtspromille. Das
Strassenverkehrsamt entzog den Führerausweis wegen dieses Vorfalls am 16. Mai
2018 vorsorglich und ordnete mit Zwischenverfügung vom 11. Juni 2018 eine
verkehrsmedizinische Untersuchung beim IRM St. Gallen an. Mit Strafbefehl des
Untersuchungsamts B vom 18. Mai 2018 wurde X des eventualvorsätzlichen Fahrens in
nicht fahrfähigem Zustand (qualifizierte Alkoholkonzentration) schuldig gesprochen und
zu einer bedingten Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je Fr. 150.– und einer Busse von
Fr. 3'600.– verurteilt.
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B.- Am 25. Oktober 2018 liess sich X beim IRM St. Gallen verkehrsmedizinisch
untersuchen. Da der Gutachter die Fahreignung unter Auflagen bejahte, hob das
Strassenverkehrsamt den vorsorglichen Führerausweisentzug mit Verfügung vom
18. Dezember 2018 auf (Ziffer 1 des Rechtsspruchs). Es ordnete einen
Warnungsentzug für die Dauer von fünf Monaten an, und zwar mit Vollzug vom
24. April bis 23. September 2018 (Ziff. 2 und 3). Zudem wurde X mittels Auflagen
verpflichtet, auf unbestimmte Zeit eine halbjährlich kontrollierte Alkoholabstinenz (inkl.
Haaranalyse) einzuhalten. Bei positivem Verlauf wurde im Sinne einer Lockerung eine
Alkohol-Fahrabstinenz in Aussicht gestellt (Ziff. 4). Einem allfälligen Rekurs wurde die
aufschiebende Wirkung entzogen (Ziff. 5). Die Gebühr wurde auf Fr. 450.– angesetzt
(Ziff. 6). Dagegen erhob X mit Schreiben vom 21. Dezember 2018 beim
Strassenverkehrsamt Rekurs. Seine Eingabe ging dort am 3. Januar 2019 ein und
wurde gleichentags zuständigkeitshalber an die Verwaltungsrekurskommission des
Kantons St. Gallen (VRK) weitergeleitet. X beantragte sinngemäss, von Auflagen sei
abzusehen. Auf seine Ausführungen zur Begründung des Begehrens wird, soweit

erforderlich, in den Erwägungen eingegangen. Das Strassenverkehrsamt verzichtete
mit Schreiben vom 14. Januar 2019 auf eine Vernehmlassung.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 21. Dezember 2018 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller und
materieller Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen von Art. 41 lit. g , Art. 45, 47 und
48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf
den Rekurs ist einzutreten.
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2.- Im Rekurs ist umstritten, ob die Vorinstanz zu Recht eine kontrollierte
Alkoholabstinenz von unbestimmter Dauer angeordnet hat. Nicht angefochten wurde
der bereits vollzogene Warnungsentzug von fünf Monaten.
a) Aus besonderen Gründen können Führerausweise befristet, beschränkt oder mit
Auflagen verbunden werden. Dies ist nicht nur bei der Ausweiserteilung, sondern auch
in einem späteren Zeitpunkt möglich, um Schwächen hinsichtlich der Fahrtauglichkeit
zu kompensieren. Solche Auflagen zur Fahrberechtigung sind im Rahmen der
Verhältnismässigkeit stets zulässig, wenn sie der Verkehrssicherheit dienen und mit
dem Wesen der Fahrerlaubnis im Einklang stehen. Erforderlich ist, dass sich die
Fahreignung nur mit dieser Massnahme aufrecht erhalten lässt (BGE 131 II 248 E. 6.2
mit Hinweisen; Urteil des Verwaltungsgerichts [VerwGE] B 2014/237 vom 28. Mai 2015
E. 3.1). Bei Fahrzeuglenkern, die zum Alkoholmissbrauch neigen, kann die
Wiedererteilung des Führerausweises nach einem Sicherungsentzug je nach den
konkreten Umständen für mehrere Jahre an eine Abstinenzauflage geknüpft werden
(Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_342/2009 vom 23. März 2010 E. 2.4). Denn die
Fahreignung solcher Lenker bedarf der besonderen Kontrolle, selbst wenn
grundsätzlich keine Alkoholsucht im medizinischen Sinne besteht (BGE 131 II 248,
E. 6.3).
b) Die Vorinstanz begründete die Anordnung der Abstinenzauflage mit dem
verkehrsmedizinischen Gutachten vom 11. Dezember 2018. Darin wurde
zusammengefasst ausgeführt, dass sich weder aus der immunchemischen
Untersuchung noch aus der Haaranalyse auf Ethylglucuronid (EtG, Abbauprodukt von
Alkohol) Hinweise auf Drogen- und Alkoholkonsum ergeben hätten. Zur Abklärung des
Alkoholkonsums sei eine segmentierte Haaranalyse durchgeführt worden. Im
kopfnahen Segment (ca. 0 bis 3,5 cm ab Kopfhaut), das einen Zeitraum von rund
dreieinhalb Monaten seit der Probenahme vom 22. November 2018 umfasse, sei kein
EtG nachgewiesen worden. Dies bestätige die Aussage des Rekurrenten, seit ungefähr
Mitte Mai 2018 keinen Alkohol mehr konsumiert zu haben. Im kopffernen Segment (3,5
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bis 5,0 cm ab Kopfhaut) habe der EtG-Gehalt weniger als 7 pg/mg betragen, was auf
keinen regelmässigen relevanten Alkoholkonsum schliessen lasse. Auch dieses
Ergebnis stehe im Einklang mit den Angaben des Beschwerdeführers, wonach er vor
dem Beginn der Abstinenz nie ständig und übermässig Alkohol konsumiert habe. Ein
überhöhter Alkoholkonsum hätte sich wegen der Auswachsproblematik im EtG-Wert
niederschlagen müssen. Die ergänzend durchgeführten Urin-Screenings auf Drogen
und psychotrop wirksame Medikamente seien ebenfalls negativ ausgefallen. Es
bestehe weder eine Alkoholabhängigkeit noch ein verkehrsrelevanter
Alkoholmissbrauch. Es sei dem Rekurrenten während mindestens dreieinhalb Monaten
vor der Probenahme gelungen, auf den Konsum von Alkohol zu verzichten. Auch die
Resultate der Haaranalyse liessen nicht auf einen früheren relevanten Alkoholkonsum
schliessen. Aus verkehrsmedizinischer Sicht könne beim Rekurrenten von einer
ausreichenden Problemeinsicht und Bereitschaft ausgegangen werden, künftig auf
weitere Trinkexzesse zu verzichten und Alkohol und die Teilnahme am Strassenverkehr
genügend zu trennen. Die Fahreignung könne befürwortet werden. Bei der Festlegung
der Auflagen sei einerseits zu berücksichtigen, dass es sich beim Rekurrenten um die
erste nachweisbare Trunkenheitsfahrt gehandelt habe. Andererseits habe diese Fahrt in
deutlich alkoholisiertem Zustand stattgefunden, was auf eine gewisse Gewöhnung
hinweise. Daher sei es aus verkehrsmedizinischer Sicht auch nach der
Wiederzulassung zum motorisierten Strassenverkehr gerechtfertigt, die Fortsetzung der
Abstinenz und später eine Kontrolle des Alkoholkonsums in Kombination mit einer
Fahrabstinenz anzuordnen.
c) aa) In tatsächlicher Hinsicht ist unbestritten, dass der Rekurrent am 24. April 2018
ein Motorfahrzeug mit einer BAK von mindestens 2,32 Gewichtspromille lenkte. Im
Gutachten wurden jedoch sowohl eine Alkoholabhängigkeit als auch ein
verkehrsrelevanter Alkoholmissbrauch explizit verneint. Auch auf eine verkehrsrelevante
Alkohol-Gefährdung – bei dieser Problematik, die diagnostisch von Alkoholsucht und -
missbrauch zu unterscheiden ist, liegt kein charakterliches Defizit vor, sondern "nur"
ein zeitweiser Alkoholmissbrauch mit der Gefahr einer suchtbedingten weiteren
Trunkenheitsfahrt (vgl. Bruno Liniger, Verkehrsmedizin: Fahreignungsbegutachtung und
Auflagen, in: René Schaffhauser [Hrsg.], Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2004,
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S. 99 f.) – schloss der Gutachter nicht. Im Gegenteil attestierte er dem Rekurrenten ein
ausreichendes Problembewusstsein und die Fähigkeit, den Alkoholkonsum von der
Teilnahme am motorisierten Strassenverkehr künftig zu trennen. Aus dem Gutachten
ergibt sich zudem, dass der Rekurrent ab Mai 2018 bis zur Haarprobenahme vom
25. Oktober 2018 keinen Alkohol mehr konsumiert hatte. So betrugen die EtG-Werte
0 pg/mg im kopfnahen und weniger als 7 pg/mg im kopffernen Segment. Der
Verkehrsmediziner ging gar davon aus, dass die Resultate nicht für eine relevante
Alkoholproblematik vor dem Ereignis sprächen. Andernfalls wäre wegen des
Auswachsphänomens, wonach die betreffende Substanz auch nach Abstinenzbeginn
noch für einige Zeit im Haar nachgewiesen werden kann, eine höhere EtG-
Konzentration zu erwarten gewesen (zum Auswachsphänomen: Schweizerische
Gesellschaft für Rechtsmedizin [SGRM], Arbeitsgruppe Haaranalytik, Bestimmung von
Ethylglucuronid [EtG] in Haarproben, Version 2017, Ziff. 6.5.2). Soweit ergeben sich aus
dem Gutachten keine Hinweise darauf, dass der Rekurrent mehr als jeder andere
Lenker gefährdet sein könnte, erneut ein Fahrzeug in alkoholisiertem Zustand zu
lenken. Insbesondere wurde keine Alkoholabhängigkeit diagnostiziert. Trotzdem
empfahl der Verkehrsmediziner eine Abstinenzauflage mit der Begründung, die
Trunkenheitsfahrt habe in deutlich alkoholisiertem Zustand stattgefunden, was auf
einen gewissen Gewöhnungseffekt schliessen lasse.
bb) Mit dem Gutachter ist davon auszugehen, dass die beim Rekurrenten festgestellte
BAK ein gewichtiges Indiz für eine erhöhte Alkoholtoleranz oder gar eine
Alkoholabhängigkeit ist. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist in einem
solchen Fall in der Regel von einer auffälligen Alkoholtoleranz (Giftfestigkeit)
auszugehen. Dies ergebe sich auch aus dem Umstand, dass bei
Blutalkoholkonzentrationswerten über 1,6 Gewichtspromille – namentlich bei Fehlen
adäquater Ausfallerscheinungen – von einer gesundheitsgefährdenden täglichen
Alkoholaufnahme von wesentlich mehr als 80 Gramm auszugehen sei. Für die
Annahme einer Trunksucht genüge dies jedoch nicht (vgl. BGE 129 II 82 E. 5;
Philippe Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015, Art. 16d SVG N 26).
Andernfalls wäre der Führerausweise gestützt auf Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG ohne
weitere Untersuchung zu entziehen. Hingegen rechtfertigt ein solches Analyseresultat
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weitergehende Abklärungen zur Fahreignung (vgl. Weissenberger,
Administrativrechtliche Massnahmen gegenüber Motorfahrzeuglenkern bei Alkohol-
und Drogengefährdung, in: René Schaffhauser [Hrsg.], Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2004, S. 120 f.). Ergeben sich daraus weder eine
Suchtproblematik noch charakterliche Defizite, wie dies beim Rekurrent der Fall war
(vgl. vorne E. 2c/aa), sind die Zweifel an der Fahreignung beseitigt, und es besteht
keine Notwendigkeit für weitere Massnahmen. Solche Bedenken lassen sich dem
Gutachten indes nicht entnehmen, weshalb allein der Hinweis auf den mutmasslichen
Gewöhnungseffekt nicht genügt. Der Gutachter äusserte sich zudem nicht zu den
Ausfallserscheinungen, die beim Rekurrenten anlässlich der Polizeikontrolle auftraten.
Gemäss Beurteilungsblatt hatte er einen unsicheren, schwankenden Gang und
Gleichgewichtsstörungen. Er habe sich am Fahrzeug festhalten müssen (act. 10/14).
Ähnlich lautete das Protokoll der ärztlichen Untersuchung im Spital Wattwil. Der
Rekurrent habe beim Romberg-Test – dabei handelt es sich um ein Verfahren zur
Prüfung der Standsicherheit, der Koordination und des Gleichgewichts
(vgl. Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 267. Aufl. 2017, S. 1574) – stark geschwankt
und sei zeitlich nicht vollständig orientiert gewesen. Der Substanzeinfluss sei deutlich
bemerkbar gewesen (act. 10/20). Diese Feststellung spricht eher gegen eine
ausgeprägte Trinkfestigkeit, weshalb das Gutachten in diesem Punkt nicht
nachvollziehbar und schlüssig erscheint. Das Kriterium der Trinkfestigkeit ist auch
deshalb zu relativieren, weil der Rekurrent nur eine kurze Strecke von rund zweieinhalb
Kilometern zurücklegte und nicht bekannt ist, wie er diese bewältigte. Abgesehen
davon ist nicht klar, ob eine einmal vorhandene Trinkfestigkeit nur dann bestehen
bleibt, wenn weiterhin erheblich Alkohol getrunken wird, oder unabhängig vom
Konsumverhalten fortbesteht. Die erste Variante kann hier ausgeschlossen werden,
denn die Laboruntersuchungen ergaben keine Hinweise auf erheblichen
Alkoholkonsum unmittelbar vor der Trunkenheitsfahrt. Insbesondere wäre gemäss
verkehrsmedizinischem Gutachten bei einer vorgängig relevanten Alkoholproblematik
mit einer höheren EtG-Konzentration zu rechnen gewesen (act. 10/35). Zur zweiten
Variante gibt es im Gutachten keine Angaben, weshalb bereits dies dagegen spricht,
dass eine Trinkfestigkeit auch dann fortbesteht, wenn nicht weiterhin regel- und
übermässig Alkohol konsumiert wird. Ein solcher Konsum ist aber nicht nachgewiesen.
Demnach ist von der Empfehlung des Verkehrsmediziners abzuweichen und auf eine
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kontrollierte Abstinenz zu verzichten (vgl. BGE 125 V 351 E. 3b/ee; Entscheid der VRK
IV-2017/48 vom 28. September 2017 E. 2a, im Internet abrufbar unter:
www.gerichte.sg.ch).
cc) Zusammenfassend erweist sich die von der Vorinstanz im Zusammenhang mit der
Aufhebung des vorsorglichen Führerausweisentzugs verfügte Abstinenzauflage als
nicht verhältnismässig. Der Rekurs ist gutzuheissen und die Ziffer 4 der Verfügung des
Strassenverkehrsamts vom 18. Dezember 2018 aufzuheben.
3.- Bei diesem Verfahrensausgang sind die amtlichen Kosten dem Staat aufzuerlegen
(Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint angemessen
(Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von
Fr. 1'200.– ist dem Rekurrenten zurückzuerstatten.