Decision ID: 19b8eba4-fbea-5ed9-ab93-86f5e1b6fb56
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein afghanischer Staatsangehöriger und ethnischer
Hazara aus dem Dorf B._ (Distrikt C._, Provinz May-dan
Wardak) mit letztem Wohnort in D._ (Provinz Ghazni), verliess Af-
ghanistan eigenen Angaben zufolge ungefähr Anfang Juni 2015 und begab
sich nach Pakistan, von wo er via den Iran, Griechenland, Ungarn und an-
dere Länder am 3. August 2015 in die Schweiz einreiste und tags darauf
um Asyl nachsuchte.
B.
Am 6. August 2015 erhob das SEM die Personalien des Beschwerdefüh-
rers und fragte ihn nach dem Land, in welches er als erstes nach Europa
eingereist sei. Am 17. August 2015 fand ein beratendes Vorgespräch statt,
wobei ihm das rechtliche Gehör zu einer allfälligen Wegweisung nach Un-
garn und zu seinem Gesundheitszustand gewährt wurde.
C.
Mit Verfügung vom 25. August 2015 trat das SEM gestützt auf Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdefüh-
rers vom 4. August 2015 nicht ein und verfügte dessen Wegweisung aus
der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung nach Ungarn an.
D.
Die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde vom 1. September
2015 wurde mit Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts D-5316/2015
vom 19. April 2016 abgeschrieben, nachdem das SEM im Rahmen eines
Schriftenwechsels seine Verfügung vom 25. August 2015 zwecks Durch-
führung des nationalen Asylverfahrens aufgehoben hatte.
E.
Am 28. April 2016 reichte der Beschwerdeführer eine Kopie seiner Tazkara
ein.
F.
Am 24. März 2017 wurde der Beschwerdeführer einlässlich zu seinen Asyl-
gründen angehört. Am 23. Juli 2018 fand eine ergänzende Anhörung statt.
Zur Begründung seines Asylgesuchs gab er im Wesentlichen an, er habe
Probleme mit den Kuchis (Nomaden) gehabt. Sie seien jedes Jahr im Früh-
jahr gekommen und hätten ihre Nutztiere auf ihren Feldern weiden lassen.
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Er habe auch Probleme mit den Paschtunen gehabt. Sein Onkel väterli-
cherseits, ein hochrangiger Kommandant der Bürgerwehr, sei mit ein paar
weiteren Männern aus ihrem Dorf von Paschtunen entführt worden. Irgend-
wann seien diese Männer tot vorgefunden worden, ausser seinem Onkel,
der verschwunden geblieben sei. Man habe im Dorf angenommen, dass
die Paschtunen eng mit den Taliban zusammenarbeiten würden. Er habe
nach seinem Onkel gesucht, die Stammesältesten vermitteln lassen und
die Lokalpolizei, den nationalen Sicherheitsdienst und die Nationalarmee
in Kabul über die Entführung seines Onkels informiert. Dank seiner Infor-
mation hätten die behördlichen Sicherheitsdienste bei den Paschtunen
Waffen gefunden und viele Paschtunen, darunter ein hochrangiger Taliban,
verhaftet. Danach habe sich ein Behördenvertreter telefonisch bei ihm be-
dankt und ihm geraten, dass er auf der Hut sein solle. Die Gefolgsleute des
hochrangigen Taliban hätten ihn als Verräter angesehen und seien auf der
Suche nach ihm gewesen. Da es für ihn und seine Familie gefährlich ge-
worden sei, habe sein Vater entschieden, mit der ganzen Familie in die
Stadt D._ umzuziehen, wo er bis zur Ausreise gelebt habe. Zwi-
schenzeitlich habe er weiterhin nach seinem Onkel gesucht und es habe
in seiner heimatlichen Region Kampfhandlungen zwischen Paschtunen
und Hazaras gegeben, wobei Verwandte ums Leben gekommen seien.
Sein Vater habe angenommen, dass er und seine Familie von Leuten aus
seiner Gegend weiterhin gesucht würden. Darauf habe er (der Beschwer-
deführer) ungefähr eine Woche vor seiner Ausreise einen beziehungs-
weise zwei Drohanrufe erhalten und entschieden, das Land zu verlassen.
Ungefähr im Juni 2015 sei er illegal aus Afghanistan nach Pakistan ausge-
reist. In Ungarn habe er erfahren, dass die Taliban ebenfalls den Sohn sei-
nes verschollenen Onkels väterlicherseits und denjenigen seines Onkels
mütterlicherseits getötet hätten.
Der Beschwerdeführer reichte seine Tazkara (im Original) und medizini-
sche Unterlagen ein.
G.
Mit Verfügung vom 10. August 2018 – eröffnet am 15. August 2018 – stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte sein Asylgesuch vom 4. August 2015 ab. Gleichzeitig verfügte
es die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz und ordnete
den Vollzug der Wegweisung an.
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Seite 4
H.
Mit Eingabe vom 14. September 2018 liess der Beschwerdeführer han-
delnd durch seinen Rechtsvertreter gegen diesen Entscheid beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, es sei die ange-
fochtene Verfügung aufzuheben und die Sache dem SEM zur vollständigen
und richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts und zur Neubeurteilung zurückzuweisen. Eventualiter sei die Verfü-
gung aufzuheben und es sei die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und
ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Unzulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen.
Eventualiter sei die Unzumutbarkeit der Wegweisung festzustellen und der
Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. In verfahrensrechtlicher Hin-
sicht liess er zudem beantragen, es sei auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses zu verzichten und ihm die unentgeltliche Prozessführung zu ge-
währen.
Mit der Beschwerde reichte der Beschwerdeführer eine Fürsorgebestäti-
gung vom 3. September 2018, verschiedene Internetartikel zu Anschlägen
in Afghanistan sowie die Richtlinien des Amts des Hohen Flüchtlingskom-
missars der Vereinten Nationen (UNHCR) zur Feststellung des internatio-
nalen Schutzbedarfs afghanischer Asylsuchender vom 30. August 2018
ein.
I.
Mit Verfügung vom 26. September 2018 stellte der zuständige Instruktions-
richter des Bundesverwaltungsgerichts fest, der Beschwerdeführer könne
den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten, hiess das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Vorbehalt einer
nachträglichen Veränderung der finanziellen Verhältnisse gut und verzich-
tete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig gab er dem
SEM Gelegenheit, eine Vernehmlassung zur Beschwerde einzureichen.
J.
In seiner Vernehmlassung vom 8. Oktober 2018 hielt das SEM vollumfäng-
lich an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Be-
schwerde.
K.
Am 24. Oktober 2018 nahm der Beschwerdeführer zur Vernehmlassung
Stellung.
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Seite 5
L.
Am 4. Oktober 2019 wurden ein Zeugnis, ein Referenzschreiben und ver-
schiedene Bestätigungen hinsichtlich der Integrationsbemühungen des
Beschwerdeführers eingereicht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG, Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge-
setzesartikel sind unverändert vom AuG ins AIG übernommen worden,
weshalb nachfolgend die neue Gesetzesbezeichnung verwendet wird.
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m.
Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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Seite 6
3.
3.1 In der Beschwerde wird die Verletzung des rechtlichen Gehörs gerügt,
weil der Beschwerdeführer nicht in der Muttersprache angehört worden sei.
Das SEM habe bei der Personalienaufnahme fälschlicherweise Farsi als
Muttersprache erfasst statt Dari. Die mangelhafte Erfassung der Mutter-
sprache habe zu zahlreichen Missverständnissen bei den Anhörungen und
zur Vorladung des Dolmetschers geführt. Obwohl der Beschwerdeführer
ausdrücklich einen afghanischen Dolmetscher gewünscht habe, habe das
SEM einen Farsi-Dolmetscher organisiert. Umso absurder sei, dass der
Beschwerdeführer anlässlich der ergänzenden Anhörung aufgefordert wor-
den sei, Farsi statt Dari zu sprechen. Bei der Anhörung sei er wiederholt
unterbrochen worden. Das SEM habe das Asylverfahren während rund
dreier Jahren grundlos verschleppt. Die Anhörung sei erst rund eineinhalb
Jahre und die ergänzende Anhörung erst beinahe drei Jahre nach der Ein-
reichung des Asylgesuchs durchgeführt worden. Umso schwerer wiege,
dass es das SEM bei der Befragung vom 6. August 2015 vollumfänglich
unterlassen habe, den Beschwerdeführer zu den Asylgründen zu befragen.
3.2 Die Asylbehörde hat den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes we-
gen festzustellen (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG). Aus dem Anspruch auf
rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 29 ff. VwVG i.V.m. Art. 6 und
Art. 29 AsylG) ergibt sich, dass Asylsuchende zu ihren Asylgründen anzu-
hören sind und ihnen das Recht zur Äusserung sowie die Möglichkeit, Ein-
fluss auf die Ermittlung des rechtserheblichen Sachverhalts zu nehmen, zu
gewähren ist (vgl. Art. 30 Abs. 1 VwVG). Gemäss Art. 29 Abs. 1bis AsylG
zieht das SEM nötigenfalls eine Dolmetscherin oder einen Dolmetscher für
die Anhörung zu den Asylgründen bei. Die Asylsuchenden können sich von
einer Vertreterin oder einem Vertreter und einer Dolmetscherin oder einem
Dolmetscher ihrer Wahl, die selber nicht Asylsuchende sind, begleiten las-
sen (Art. 29 Abs. 2 AsylG). Über die Anhörung wird ein Protokoll geführt.
Dieses wird von den Beteiligten mit Ausnahme der Vertretung der Hilfs-
werke unterzeichnet (Art. 29 Abs. 3 AsylG).
3.3 Der Beschwerdeführer gab bei der Personalienaufnahme als Mutter-
sprache Farsi an (vgl. Akte A8/7 Ziff. 1.17.01). Die Personalienaufnahme
fand in Farsi statt und die Sprache der Merkblätter war Farsi (vgl. Akte A8/7
Bst. b und d). Der Beschwerdeführer brachte bezüglich der Erfassung der
Muttersprache keine Korrektur an. Das beratende Vorgespräch wurde auf
Dari durchgeführt und der Beschwerdeführer gab an, den Dolmetscher gut
zu verstehen (vgl. Akte A16/5 S. 1 f.). Die Anhörung wurde auf Farsi durch-
geführt und der Beschwerdeführer gab an, die Dolmetscherin perfekt zu
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verstehen (vgl. A49/17 F1 und S. 16). Aus dem Protokoll gehen sodann
keine Verständigungsschwierigkeiten hervor und die Hilfswerkvertretung
hat diesbezüglich auch keine Anmerkungen angebracht. Der Beschwerde-
führer hat sodann unterschriftlich bestätigt, dass das Protokoll seinen freien
Äusserungen entspreche und ihm in eine ihm verständliche Sprache über-
setzt worden sei. Bei der ergänzenden Anhörung bestätigte der Beschwer-
deführer auch, dass er alles verstehe, was der Dolmetscher sage (vgl. Akte
A52/15 F1). Bei der sechsten Frage merkte der Dolmetscher an, dass der
Beschwerdeführer Farsi spreche. Daraufhin stellte die Mitarbeiterin des
SEM fest, dass die Anhörung in Farsi angesetzt worden sei, die Mutter-
sprache Farsi auch in den Akten vermerkt sei, weshalb sie darum bitte,
Farsi zu sprechen. Der Beschwerdeführer meinte hierzu, dass dies kein
Problem sei, er verstehe beides (vgl. Akte A52/15 F6 f.). Bei der nächsten
Antwort stellte er jedoch klar, dass seine Muttersprache Dari sei, aber weil
er auf dem Bau gearbeitet habe, habe er oft Farsi geredet. Aus diesem
Grund könne er besser Farsi sprechen. Auf die Frage, warum er bei der
Personalienaufnahme Farsi als Muttersprache angegeben habe, wenn
diese doch Dari sei, antwortete er, soweit er sich erinnere, habe damals als
Muttersprache Dari angegeben, aber er könne auch gut Farsi sprechen. Es
sei damals darum gegangen, ob er für das nächste Interview einen afgha-
nischen oder iranischen Dolmetscher bekomme. Und er habe damals ge-
sagt, ein afghanischer Dolmetscher wäre für ihn besser, aber er könne bei-
des sprechen. Der Beschwerdeführer bestätigte dann auch, dass es kein
Problem wäre, die ergänzende Anhörung auf Dari zu führen, wobei der
Dolmetscher anmerkte, dass er bis und mit Frage sechs mit dem Be-
schwerdeführer Dari gesprochen habe und dieser alles verstanden habe
(vgl. Akte A52/15 F8-12). Die ergänzende Anhörung fand deshalb sowohl
in Dari und Farsi statt und es finden sich im Protokoll keine Anhaltspunkte,
die auf sprachliche Verständigungsschwierigkeiten hindeuten. Entgegen
der in der Beschwerde vertretenen Auffassung sind mithin keine Missver-
ständnisse eruierbar, die aufgrund der Durchführung der Personalienauf-
nahme und den Anhörungen auf Farsi zurückzuführen wären, zumal der
Beschwerdeführer beide Sprachen fliessend beherrscht. In der Vernehm-
lassung führte das SEM sodann aus, dass es vorsorglich eine dolmet-
schende Person vorgeladen habe, die beide Sprachen beherrsche, und die
Fragen anlässlich der ergänzenden Anhörung mehrheitlich in Dari gestellt
worden seien, womit dem Beschwerdeführer die Gelegenheit geboten wor-
den sei, die Fragen entweder in Farsi oder in Dari zu beantworten. Dem
Beschwerdeführer sind mit Blick auf die Anhörungssprache somit keine
Nachteile erwachsen und es ist festzustellen, dass der rechtserhebliche
Sachverhalt ausreichend abgeklärt und festgestellt worden ist.
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3.4 Hinsichtlich der Dauer zwischen der Asylgesuchstellung und den An-
hörungen zu den Asylgründen ist festzuhalten, dass es durchaus wün-
schenswert ist, wenn zwischen der Befragung zur Person (BzP) und der
Anhörung ein relativ kurzer Zeitraum liegt. Eine zwingende, mit Rechtsfol-
gen versehene gesetzliche Verpflichtung des SEM, die Anhörung innerhalb
eines gewissen Zeitraums nach der BzP durchzuführen, besteht jedoch
nicht. Angesichts der nicht vorhersehbaren und durch die schweizerischen
Asylbehörden nur bedingt steuerbaren Geschäftslast ist auch die Erwar-
tung, die durchaus bestehenden Ordnungsfristen könnten ungeachtet der
Anzahl der gestellten Asylgesuche ausnahmslos eingehalten werden, un-
realistisch. Zudem ist vorliegend zu berücksichtigen, dass das SEM vorab
ein Dublin-Verfahren durchgeführt hatte (vgl. Sachverhalt Bst. B-D), wes-
halb einerseits bei der Personalienaufnahme die Asylgründe nicht von In-
teresse waren und anderseits die Anhörung zu den Asylgründen erst am
24. März 2017 stattfand. Die Dauer von eineinhalb Jahren, welche zwi-
schen der Personalienaufnahme am 4. August 2015 und der Anhörung zu
den Asylgründen am 24. März 2017 und der ergänzenden Anhörung vom
23. Juli 2018 liegt, führt mithin nicht zu einer Verletzung des rechtlichen
Gehörs. Ob die vom SEM aufgeführten Widersprüche in den Aussagen des
Beschwerdeführers aufgrund der langen Zeitspanne zwischen den Anhö-
rungen entstanden sind, ist im Übrigen eine Frage der materiell-rechtliche
Beurteilung.
3.5 Zusammenfassend ergibt sich, dass keine Gründe ersichtlich sind, wel-
che eine Rückweisung der Sache an das SEM zur Neubeurteilung recht-
fertigen. Der entsprechende Antrag ist folglich abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 In der angefochtenen Verfügung wird im Wesentlichen ausgeführt,
dass sich in den Aussagen des Beschwerdeführers zu seiner Herkunft und
seiner Biographie grundlegende Nachschübe und Widersprüche ergeben
hätten. Anlässlich der Anhörung habe der Beschwerdeführer ausgesagt,
dass er jeweils während der Wintermonate in Kabul auf dem Bau gearbeitet
habe. Hierzu habe er spezifische Einzelheiten genannt, so beispielsweise
das Quartier E._ in Kabul, in dem er Wohnblöcke gebaut habe, sei-
nen Verdienst und das Transportmittel, mit dem er sich jeweils von seinem
heimatlichen Dorf nach Kabul begeben habe. Im Rahmen der ergänzenden
Anhörung habe er sich jedoch dahingehend geäussert, dass er an keinem
anderen Ort ausser in D._ gearbeitet habe. Er sei jeweils lediglich
zu seinem Bruder für ungefähr eine Woche zu Besuch gegangen und habe
dort Einkäufe getätigt. Obwohl ihm in der ergänzenden Anhörung durch
Rückfragen mehrmals die Gelegenheit zur Ausräumung dieser Ungereimt-
heit geboten worden sei, habe er seine Arbeitstätigkeit in Kabul verneint.
Mit der Nennung besagter Einzelheiten habe er die Baustellen in
D._ gemeint. Da jedoch in der Anhörung bei den Fragen zu Kabul
jeweils in jeder Frage auch das Wort «Kabul» erwähnt worden sei, sei seine
Begründung nicht stichhaltig. Auf Rückfrage in der ergänzenden Anhörung
habe er zudem geschildert, dass er nur für die Besuche bei seinem Bruder
und aus keinem anderen Grund in Kabul gewesen sei. Er habe sich wider-
sprochen, da er gemäss Bundesanhörung auch für Behördengänge in der
Sache mit dem Verschwinden seines Onkels in Kabul gewesen sei. Erst
nach Konfrontation mit dem Widerspruch habe er anlässlich der ergänzen-
den Anhörung die Behördengänge in Kabul bejaht, habe aber erklärt, dass
niemand davon gewusst habe. Gemäss Anhörung hätten jedoch sein Vater
und sein Bruder davon gewusst, womit sich erneut eine Divergenz ergeben
habe. Seine Begründung zu diesen Divergenzen hätten nicht überzeugt.
Anlässlich der Anhörung habe er zu Protokoll gegeben, die Gründe für die
Abreise seines Bruders aus Kabul, der sich gegenwärtig in der Türkei auf-
halte, nicht zu kennen. Er nehme an, dass der Bruder Probleme gehabt
habe. Demgegenüber habe er an der Anhörung gesagt, dass sein Bruder
im Zusammenhang mit seinen Nachforschungen über seinen Onkel be-
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Seite 10
droht worden und deswegen in die Türkei geflüchtet sei. Aufgrund des te-
lefonischen Kontakts mit seiner Familie sei davon auszugehen, dass er von
seiner Familie bereits anlässlich der Anhörung über eine solch grundle-
gende Begebenheit bezüglich seines Bruders informiert worden wäre, zu-
mal diese eng mit seinem Ausreisegrund verknüpft sei. So habe ihn sein
Vater auch nach seiner Ausreise über weitere Vorfälle im Zusammenhang
mit seinem Ausreisegrund – so der Tod des Sohnes seines gesuchten On-
kels und desjenigen seines Onkels mütterlicherseits – informiert. Anlässlich
der Anhörung habe er zuerst zu Protokoll gegeben, das er auf dem Bau
habe arbeiten müssen, weil seine Familie sonst verhungert wäre. Die Ku-
chis hätten jeweils die Felder seiner Familie zerstört. Später anlässlich der
Anhörung habe er ausgesagt, dass seine Ausreise 10'000 USD gekost
habe und es seiner Familie finanziell gut gegangen sei, was in klarem Wi-
derspruch zu seiner ersten Aussage in Bezug auf die Lebensbedingungen
seiner Familie stehe. Schliesslich habe er anlässlich der ergänzenden An-
hörung nachgeschoben, dass das Land in seiner heimatlichen Region ab
und an wegen der Trockenzeit nicht habe bebaut werden können, weswe-
gen er in D._ auf dem Bau gearbeitet habe. Die Kuchis habe er
dabei aber mit keinem Wort erwähnt. Schliesslich falle auf, dass er bei der
Personalienaufnahme seine Muttersprache mit Farsi angegeben habe. In
der ergänzenden Anhörung habe er sich hierzu im Wesentlichen geäus-
sert, dass seine Muttersprache Dari sei und er dies so bei der Personali-
enaufnahme gesagt habe, womit er sich widersprochen habe. Er sei jedoch
in der Lage, beide Sprachen zu sprechen. In der Folge sei die Anhörung
zum Grossteil in Dari geführt worden, womit er sich einverstanden erklärt
habe. In D._ habe er auf einer Baustelle in einem Quartier gearbei-
tet, in dem viele Flüchtlinge gelebt hätten, die nach Afghanistan zurückge-
kehrt seien und Farsi gesprochen hätten. Auch sein Bruder habe Farsi ge-
sprochen, weil er die Bauarbeit im Iran gelernt habe und danach wieder
nach Afghanistan zurückgekommen sei. Es erstaune, dass er trotz seines
Hörverständnisses in Dari und obwohl er beide Sprachen sprechen könne,
alle in Dari gestellten Fragen während der ergänzenden Anhörung in Farsi
beantwortet habe. Da er in Afghanistan bis ungefähr 2013 in seinem hei-
matlichen Dorf und zwei Jahre in D._ gelebt habe, sei daraus zu
schliessen, dass er das Dari fliessend beherrschen würde und somit die in
Dari gestellten Fragen auch in Dari beantworten würde. Es entstehe der
Eindruck, dass er das SEM über seine tatsächlichen Lebensumstände in
seinem Heimatland zu täuschen versuche. Durch seine widersprüchlichen,
nachgeschobenen und unlogischen Angaben sei davon auszugehen, dass
es sich bei der dargestellten Biographie um ein Konstrukt handle und sich
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Seite 11
sein Lebensmittelpunkt und seine Lebensumstände anders, als vorge-
bracht, gestaltet haben müssten. Gemäss Anhörung habe er einen Dro-
hanruf von den Taliban – der eigentliche Auslöser für seine Ausreise – un-
gefähr eine Woche vor seiner Ausreise erhalten. Demgegenüber habe er
an der Anhörung (recte: ergänzenden Anhörung Akte A52/15) von zwei
Drohanrufen berichtet. Es erstaune, dass er erst zwei Jahre nach dem Ver-
schwinden seines Onkels und nachdem er bereits Nachforschungen nach
ihm betrieben habe, von den Taliban bedroht worden sei. Seine Antwort,
es habe in seiner Region Auseinandersetzungen zwischen Paschtunen
und Hazaras gegeben, bei denen zwei Cousins gestorben seien, wirke
ausweichend und es sei kein Konnex zu seinem eigentlichen Bedrohungs-
moment ersichtlich. Erst nach erneuter Rückfrage, habe er schliesslich
ausgesagt, dass die Taliban lediglich seine Nummer hätten, ihn selber aber
nicht hätten ausfindig machen können, ansonsten er nicht mehr am Leben
wäre. Er habe öfters die Telefonnummer gewechselt. Nur die Polizei und
seine Familie hätten seine Telefonnummer gekannt. Aus seiner Aussage
sei zu schliessen, dass er in engem Kontakt mit der Polizei gestanden sei.
Dementsprechend mute es weiter befremdend an, dass er sich nach dem
einen Drohanruf respektive den Drohanrufen nicht an die Behörden ge-
wendet habe. Dass diese ihn nicht hätten schützen können, erkläre den
unlogischen Umstand nicht. Seine Schilderungen zum Drohanruf seien ge-
haltlos ausgefallen. Auch seine Aussagen zu seinen Nachforschungen und
zum Gespräch mit der Nationalarmee und der Nationalsicherheit in Kabul
seien unsubstantiiert ausgefallen. Bei letzterem sei er zuerst zweimal aus-
gewichen. Schliesslich seien auch die Schilderungen zu den Informatio-
nen, die er den Behörden in Kabul weitergegeben habe, allgemeingültig
und als schon bekannt ausgefallen. Zum Behördenvertreter, der ihn telefo-
nisch vor einer möglichen Verfolgung der Taliban gewarnt habe, habe er
keine gehaltvollen Angaben machen können. Ungeachtet der unglaubhaf-
ten Elemente sei festzuhalten, dass seine geltend gemachte Verfolgung
durch die Taliban lediglich auf seiner Annahme und derjenigen seines Va-
ters beruhe. Ausser bei den Drohanrufen, die jedoch unglaubhaft ausgefal-
len seien, seien keine gezielten Anzeichen einer Verfolgung ersichtlich, wo-
mit gesamthaft keine Asylrelevanz erkennbar sei. Schliesslich sei erwähnt,
dass er in Bezug auf seine in D._ lebende Familie von keinen Kon-
sequenzen gewusst habe, die sich nach seiner Ausreise ereignet hätten.
In Gesamtwürdigung sei festzuhalten, dass seine Vorbringen den Anforde-
rungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten. Auf-
grund der vorhandenen entscheidrelevanten Fakten erübrige es sich auf
verbleibende Unglaubhaftigkeitselemente weiter einzugehen. Auch seine
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ethnische Zugehörigkeit vermöge keine Asylrelevanz zu entfalten. Es wür-
den keine Anzeichen dafür vorliegen, dass die Volksgruppe der Hazara al-
lein wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit einer gezielten Verfolgung un-
terliege.
5.2 In der Beschwerde wird im Wesentlichen geltend gemacht, der Be-
schwerdeführer habe ausdrücklich geschildert, dass er in D._ ge-
lebt und sich vorübergehend in Kabul aufgehalten habe. Innerhalb der drei
Befragungen habe er geschildert, dass er in Kabul nach seinem Onkel ge-
sucht und vorübergehend gearbeitet habe. Es stehe somit fest, dass der
Sachverhalt und die Biografie des Beschwerdeführers grundsätzlich klar
seien. Die Behauptung des SEM betreffend die Unglaubhaftigkeit der Bio-
grafie sei somit willkürlich und verletze Art. 7 AsylG in schwerwiegender
Weise. Ebenso sei ersichtlich, dass auch die Behauptung des SEM betref-
fend die Drohanrufe willkürlich sei. Auch verstosse die Behauptung gegen
Treu und Glauben. Es sei offensichtlich, dass der Beschwerdeführer bei
der Anhörung immer übereinstimmend von einem Drohanruf gesprochen
habe. Es gehe nicht an, dass das SEM einerseits das Verfahren derart
massiv und willkürlich verschleppe und andererseits behaupte, dass Asyl-
gesuch sei deshalb abzuweisen, da dem Beschwerdeführer nach derart
langer Zeit ein kleiner Fehler unterlaufen und er sich erst nach einigem
Überlegen daran erinnert habe, nur einmal und nicht zweimal bedroht wor-
den zu sein. Der Beschwerdeführer schildere lediglich, dass er auf der Su-
che nach seinem Onkel in Kontakt mit der Polizei getreten sei. Daraus ei-
nen engen Kontakt mit der Polizei zu konstruieren sei willkürlich. Der Be-
schwerdeführer habe konkret und detailliert geschildert, dass die afghani-
schen Behörden weder schutzwillig noch schutzfähig seien. So sei es ge-
radezu absurd, dass das SEM behaupte, es handle sich dabei um einen
unlogischen Umstand, dass er sich nach dem Drohanruf nicht an die Be-
hörden gewendet habe. Das SEM habe das Verfahren während rund ein-
einhalb Jahren ungenutzt verschleppt. Der Beschwerdeführer habe bei der
Frage 39 der Anhörung den Drohanruf derart ausführlich geschildert, wie
es von ihm habe erwartet werden können. Insbesondere sei festzuhalten,
dass der Drohanruf relativ kurz gewesen und es nicht möglich sei, ausführ-
lichere Erläuterungen dazu zu machen, als es der Beschwerdeführer getan
habe. Zur Argumentation des SEM wonach es erstaune, dass der Be-
schwerdeführer erst zwei Jahre nach dem Verschwinden des Onkels von
den Taliban bedroht worden sei, sei Folgendes festzuhalten: Es handle sich
um einen häufigen Fehler des SEM, die angebliche Unglaubhaftigkeit mit
dem angeblich unlogischen Verhalten Dritter zu begründen. Es sei absurd,
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Seite 13
der willkürlichen und terroristischen Taliban eine angebliche Logik unter-
stellen zu wollen. Ausserdem habe er konkret und detailliert geschildert,
dass er seine Telefonnummer immer wieder habe ändern müssen. Bezüg-
lich der angeblich unsubstantiierten Aussagen zu den Nachforschungen
und zum Gespräch mit der Nationalarmee und der Nationalsicherheit sei
auf die Verschleppung des Asylverfahrens durch das SEM zu verweisen.
Seine Ausführungen seien derart ausführlich ausgefallen, wie es von ihm
habe erwartet werden können. Insbesondere schildere er unter Frage 42
detailliert, wie die erwähnten Telefongespräche abgelaufen seien. Er habe
glaubhaft geschildert, wie er beim ersten Anruf weiterverwiesen worden
sei. Die Ausführungen betreffend die Zuständigkeit der Zentrale in Kabul
stelle ein Realkennzeichen dar. Bei der Frage 51 sei der Beschwerdeführer
danach gefragt worden, wer ihn angerufen habe. Es stehe somit fest, dass
die Frage nicht darauf ausgerichtet gewesen sei, eine ausführliche Antwort
zu erhalten. Die Frage 52 stelle eine Frage dar, welche mit Ja oder Nein zu
beantwortet gewesen sei. Es sei somit absurd, ihm vorzuwerfen, er habe
keine ausführlichen Aussagen gemacht. Weiter seien die Ausführungen
unter den Fragen 99 und 100 der Anhörung glaubhaft und würden sich
durch zahlreiche Realkennzeichen auszeichnen. Er habe glaubhaft ge-
schildert, dass sich der Anrufer nicht vorgestellt habe, aber gesagt habe,
dass er im Auftrag der Nationalarmee anrufe. Letztlich könne er nicht wis-
sen, wer im Auftrag der Nationalarmee anrufe. Er habe ausführlich und de-
tailliert geschildert, dass er von den Taliban identifiziert und gezielt bedroht
und verfolgt worden sei. Er habe übereinstimmend geschildert, dass der
Bruder aus Sicherheitsgründen Kabul habe verlassen müssen. Weiter
habe er geschildert, dass er keinen Kontakt zu seinem Vater mehr habe.
Es stehe somit fest, dass entgegen der Argumentation des SEM kein Wi-
derspruch bestehe. Zur Argumentation des SEM betreffend die Kuchis sei
festzuhalten, dass die Frage 72 der ergänzenden Anhörung mit der Bebau-
ung der Felder und der Trockenzeit keinen Bezug habe. Weiter sei offen-
sichtlich, dass die geschilderte Trockenzeit in unmittelbarem Zusammen-
hang mit dem Weiden der Nutztiere durch die Kuchis auf den Feldern der
Familie des Beschwerdeführers stehe. Bezüglich die Finanzierung der
Ausreise könne nichts zu seinen Ungunsten abgeleitet werden. Er habe
übereinstimmend geschildert, wie er zwischendurch auf dem Bau gearbei-
tet habe. Die Ausführungen des Beschwerdeführers würden durch ihre De-
tailliertheit und die zahlreichen Realkennzeichen bestechen, beispiels-
weise bei der Beschreibung des Gesprächs mit der Person der Nationalar-
mee. Es sei schlicht nicht ersichtlich, wie das SEM dazu komme zu be-
haupten, die Biographie des Beschwerdeführers sei völlig unklar. Vorlie-
gend gehe es einzig um die Dauer und Art der Aufenthalte in Kabul. Das
D-5259/2018
Seite 14
SEM habe es unterlassen, detaillierte Abklärungen betreffend die Biografie
des Beschwerdeführers vorzunehmen: Die meisten Fragen hätten sich auf
die Verfolgung des Beschwerdeführers bezogen. Der Beschwerdeführer
habe ausführlich und glaubhaft geschildert, dass er von den Taliban mit
dem Tod bedroht worden sei. Er würde im Fall der Rückkehr nach Afgha-
nistan gezielt von den Taliban verfolgt, konkret verhaftet und umgebracht
werden. Die Taliban würden sich am Beschwerdeführer rächen wollen. Er
habe durch seine Suche nach seinem Onkel und die Information ein Vor-
gehen der Behörden gegen einen hochrangigen Taliban erwirkt. Er sei so-
mit in das Visier der Taliban geraten und würde im Fall der Rückkehr nach
Afghanistan gezielt asylrelevant verfolgt. Die afghanischen Behörden seien
weder schutzfähig noch schutzwillig. Die Verfolgung durch die Taliban sei
ethnisch-politisch. Der Beschwerdeführer sei Hazara und stamme aus ei-
ner Familie, welche sich gegen die Paschtunen organisiert habe. Aus den
aufgeführten Berichten gehe klar hervor, dass Angehörige der Hazara
ernsthaften Nachteilen aufgrund ihrer Ethnie und Religion ausgesetzt seien
und dass der Beschwerdeführer als Hazara somit zusätzlich begründete
Furcht habe, ernsthaften, asylrelevanten Nachteilen ausgesetzt zu sein.
5.3 In der Vernehmlassung führt das SEM in Bezug auf die Asylgründe aus,
die Argumentation mit Bezug auf die Verschleierung der Biographie des
Beschwerdeführers beruhe auf zahlreichen unglaubhaften Elementen, ins-
besondere auf den grundlegenden Ungereimtheiten zu seinem Aufenthalt
in Kabul. Die Sprachthematik stelle dabei nur einen von mehreren Tatsa-
chen dar. Der Darlegung des Rechtsvertreters, dass das SEM die durch
den Beschwerdeführer verwendete Sprache als Hauptargumentation für
die unglaubhafte Biographie verwendet habe, könne nicht gefolgt werden.
Auch der monierten grundlosen Verfahrensverzögerung könne nicht ge-
folgt werden. Um Wiederholungen zu vermeiden, werde auf den Sachver-
halt der Verfügung verwiesen.
5.4 In der Replik wird geltend gemacht, das SEM behaupte die Unglaub-
haftigkeit der gesamten Biographie des Beschwerdeführers wesentlich mit
der Anhörungssprache. In der Vernehmlassung habe es die Situation be-
treffend die Anhörungssprache selber derart relativiert, dass offensichtlich
feststehe, dass die Anhörungssprache schlicht nicht als Argument für die
angebliche Unglaubhaftigkeit der Biographie des Beschwerdeführers her-
beigezogen werden könne. Es stehe somit fest, dass lediglich die behaup-
teten Widersprüche betreffend die Aufenthalte in Kabul verbleiben würden.
Es sei willkürlich zu behaupten, dass der Beschwerdeführer die gesamte
Biographie verschleiere. Betreffend die lange Verfahrensdauer beschränke
D-5259/2018
Seite 15
sich das SEM auf eine schlichte Parteibehauptung. Das SEM habe der Ar-
gumentation in der Beschwerde in diesem Punkt offenbar nichts entgegen-
zusetzen. Es sei offensichtlich, dass die Durchführung der Anhörung nach
beinahe drei Jahren eine massive Verschleppung des Verfahrens darstelle.
Insbesondere wiege diese Verschleppung schwer, wenn die Hauptargu-
mentation in der angeblichen Unglaubhaftigkeit der Vorbringen liege.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer macht zur Asylbegründung einerseits geltend,
er habe viele Probleme mit den Kuchis gehabt. Andererseits sei ein Onkel
von ihm von Paschtunen entführt worden. Aufgrund von Informationen des
Beschwerdeführers im Zusammenhang mit der Entführung an die Polizei
sei ein hoher Taliban festgenommen worden, weshalb er von den Taliban
einen Drohanruf erhalten habe. Zudem wird in der Beschwerde geltend ge-
macht, er sei als Hazara ernsthaften Nachteilen ausgesetzt.
6.2 Der Beschwerdeführer führte zwar anlässlich der Anhörung aus, er
habe viele Probleme mit den Kuchis gehabt, weil sie jedes Frühjahr ihre
Nutztiere auf ihren Feldern hätten weiden lassen (vgl. Akte A49/17 F14).
Nähere Ausführungen zu diesen Problemen folgten aber keine. Es ist in
diesem Zusammenhang indessen weder ein asylrelevantes Motiv noch
sind erhebliche Nachteile ersichtlich, die dem Beschwerdeführer in diesem
Zusammenhang erwachsen sind. Zudem gab der Beschwerdeführer als
Hauptgrund für sein Asylbegehren sowohl anlässlich der Anhörung wie de-
ren Ergänzung die Probleme mit den Paschtunen an (vgl. Akte A49/17 F35,
A52/15 F37). Die Probleme mit den Kuchis waren somit für die Ausreise
des Beschwerdeführers nicht relevant gewesen.
6.3 Die Verfolgung durch Paschtunen richtete sich hauptsächlich gegen
den verschwundenen Onkel des Beschwerdeführers, der als Kommandant
gegen die Taliban und die Paschtunen gekämpft habe. Hinsichtlich der Su-
che nach dem entführten Onkel durch den Beschwerdeführer hat das SEM
zutreffend festgehalten, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers un-
glaubhaft sind. Bereits bezüglich des Zeitpunkts der Entführung des On-
kels und des Umzugs nach D._ machte er Angaben, die nicht über-
einstimmen. Einerseits gab er anlässlich der Anhörung vom 24. März 2017
an, der Onkel sei vor zweieinhalb Jahren – also ungefähr im September
2014 – verschleppt worden (vgl. Akte A49/17 F14), woraufhin sie nach
D._ umgezogen seien (vgl. Akte A49/17 F36). Andererseits gab er
an, die letzten zwei Jahre vor seiner Ausreise Anfang Juni 2015 habe er in
der Stadt D._ gelebt (vgl. Akte A49/17 F16). Mitunter wäre er bereits
D-5259/2018
Seite 16
im Jahr 2013 nach D._ umgezogen. Der Beschwerdeführer konnte
sodann entgegen den Ausführungen in der Beschwerde keineswegs sub-
stantiiert darlegen, welche brisante Informationen er der Polizei hinsichtlich
der Entführung des Onkels geliefert habe. Selbst wenn der Beschwerde-
führer einige Details aufgrund der Zeitspanne zwischen dem Vorfall und
der Anhörung vergessen hätte, hätte er die Probleme, welche der Onkel
angeblich mit den Paschtunen gehabt haben soll, detaillierter aufschlüs-
seln oder beschreiben können, inwiefern er wusste, dass die Paschtunen
von F._ mit den Taliban zusammenarbeiten würden (vgl. Akte
A49/17 F35, F44, F53, F97). Dass er sich aufgrund der verstrichenen Zeit
nicht mehr erinnern konnte, welche Behörde sich bei ihm telefonisch be-
dankt und ihn über die Gefahr für ihn ins Bild gesetzt hat, mag zutreffen.
Dass er jedoch laut Beschwerde dieses Telefongespräch mit Realkennzei-
chen versehen geschildert hat, trifft nicht zu (vgl. Akte A49/17 F36). Zudem
ist im afghanischen Kontext zu bezweifeln, dass der Beschwerdeführer hin-
sichtlich der Suche nach seinem Onkel angeblich die Führung in der Fami-
lie übernommen und mit Stammesführer verhandelt habe (vgl. Akte A49/17
F15), schliesslich aber doch der Vater und der älteste Bruder aufgrund der
Gefahr entschieden hätten, nach D._ umzusiedeln (vgl. Akte
A49/17 F36). Während der Kampfhandlungen zwischen den Hazaras und
den Paschtunen in seiner Heimatregion hielt sich der Beschwerdeführer
mit seiner Familie bereits in D._ auf, weshalb ihm und seiner Fami-
lie im Gegensatz zu den beiden Cousins, die bei den Kampfhandlungen
gestorben sein sollen, nichts zugestossen ist. Zudem hat das SEM zu
Recht festgestellt, dass es nicht nachvollziehbar ist, dass es während der
zwei Jahre, als die Familie in D._ wohnte, zu keinen asylrelevanten
Ereignissen gekommen ist, und es erst eine Woche vor der Ausreise zum
erwähnten Drohanruf gekommen sein soll. Es ergibt sodann keinen Sinn,
wenn die Taliban zuerst zwei Jahre nach dem Beschwerdeführer suchen
und dann nach einem Anruf, welcher vom Beschwerdeführer beendet wor-
den ist, bereits lockergelassen hätten, ohne ihm gegenüber Drohungen
ausgesprochen zu haben (vgl. Akte A49/17 F38 ff.). Gegen die Glaubhaf-
tigkeit des Drohanrufs spricht sodann auch das Verhalten des Beschwer-
deführers. Einerseits soll der Beschwerdeführer alle Hebel in Bewegung
gesetzt haben, um seinen Onkel zu finden, und dafür Behördengänge bis
nach Kabul in Kauf genommen haben. Andererseits meldete er keiner ein-
zigen Behörde den Drohanruf. Zudem ist es nicht logisch, dass er eine Wo-
che nach diesem einen Drohanruf bereits Afghanistan verlassen hatte, an-
statt wie er dies zuvor gemacht haben will, die Telefonnummer zu wech-
seln, zumal er selbst erklärte, die Taliban hätten ihn deswegen nicht finden
können (vgl. Akte A49/17 F105). Bezüglich der Telefonnummernwechsel
D-5259/2018
Seite 17
widersprach sich der Beschwerdeführer ohnehin, indem er einerseits an-
lässlich der Anhörung angab, er habe alle drei bis sechs Monate die Num-
mer gewechselt (vgl. Akte A49/17 F106) und anlässlich der ergänzenden
Anhörung meinte, er habe während den zwei Jahren in D._ jeden
Monat die SIM-Karte und Telefonnummer gewechselt (vgl. Akte 52/15 F42).
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass aufgrund der unsub-
stantiierten, unlogischen und widersprüchlichen Angaben nicht glaubhaft
ist, dass der Beschwerdeführer wegen der Suche nach seinem verschlepp-
ten Onkel beziehungsweise seinen Informationen über die Paschtunen,
welche er den Behörden weiterleitete, von den Taliban beziehungsweisen
den Paschtunen asylrelevant verfolgt worden ist.
6.4 Soweit der Beschwerdeführer auf generelle Schwierigkeiten von ethni-
schen Hazara in Afghanistan hinweist, ist festzustellen, dass die Zugehö-
rigkeit zu den Hazara für sich allein keinen Asylgrund im Sinne von Art. 3
AsylG darstellt (vgl. hierzu bspw. die Urteile des BVGer D-7433/2018 vom
5. Dezember 2019 E. 6.5. und D-1181/2017 vom 8. Januar 2019 E. 5.4).
Die für die Annahme einer Kollektivverfolgung gestellten hohen Anforde-
rungen (vgl. dazu ausführlich BVGE 2013/12 E. 6; 2013/11 E. 5.3.2) sind
im Fall der Hazara in Afghanistan nicht erfüllt.
7.
Zusammenfassend ergibt sich, dass es dem Beschwerdeführer nicht ge-
lungen ist, die Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest glaub-
haft zu machen, weshalb das SEM zu Recht die Flüchtlingseigenschaft
verneint und das Asylgesuch abgelehnt hat.
8.
8.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
D-5259/2018
Seite 18
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2
9.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Af-
ghanistan ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
D-5259/2018
Seite 19
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Solches ist im vorliegenden Fall nicht ersichtlich. Auch die
allgemeine Menschenrechtssituation in Afghanistan lässt den Wegwei-
sungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen.
Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der
asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.2 Das SEM stellte hinsichtlich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs fest, der Beschwerdeführer habe angegeben aus der Provinz Maydan
Wardak zu stammen und später in der Stadt D._ gelebt zu haben.
Eine Rückkehr dorthin wäre aufgrund der dort herrschenden allgemeinen
Lage als unzumutbar zu erachten. Wie bereits dargelegt, seien seine gel-
tend gemachten Lebensumstände und seine Biographie nicht glaubhaft.
Es sei dem SEM deshalb nicht möglich, sich in voller Kenntnis seiner tat-
sächlichen persönlichen und familiären Situation zur Zumutbarkeit des
Vollzugs der Wegweisung zu äussern. Zwar seien Wegweisungshinder-
nisse grundsätzlich von Amtes wegen zu prüfen; die Untersuchungspflicht
finde aber ihre Grenzen an der Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht der Ge-
suchsteller. Es sei nach ständiger Rechtsprechung jedoch nicht Aufgabe
der Asylbehörden nach allfälligen Wegweisungshindernissen zu forschen,
falls diese – wie vorliegend beim Beschwerdeführer der Fall sei – seiner
Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht im Rahmen der Sachverhaltsermittlung
nicht nachkomme und die Asylbehörden zu täuschen versuche. Der Voll-
zug der Wegweisung erweise sich deshalb als zumutbar.
9.3.3 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der Beschwerdeführer
habe anlässlich der Anhörungen und der Befragung klar festgehalten, dass
er ursprünglich aus dem Dorf B._, Distrikt C._, Provinz Ma-
ydan Wardak stamme. Anschliessend habe er die letzten zwei Jahre vor
D-5259/2018
Seite 20
der Ausreise in D._ gelebt und gearbeitet. Weiter habe er festge-
halten, dass seine Eltern und sein Bruder G._ in D._ leben
würden. Lediglich sein Bruder H._ habe in Kabul gelebt, welcher
sich allerdings momentan in der Türkei befinde. Der Beschwerdeführer
habe explizit erwähnt, dass er keine Bekannten oder Verwandten habe, die
heute noch in Kabul leben würden. Es sei deshalb nicht nachvollziehbar,
weshalb es dem SEM nicht möglich sein solle, sich zur Zumutbarkeit des
Vollzugs der Wegweisung zu äussern. Eine Rückkehr nach D._ sei
als unzumutbar zu erachten. In Kabul sei ein Beziehungsnetz ausgeschlos-
sen, da dort keine Verwandten oder Bekannten leben würden. Als Wohn-
sitzalternative für den Beschwerdeführer käme einzig Kabul in Frage kom-
men. Das SEM habe offenbar die Prüfung der Wegweisung nach Kabul als
Alternative zu D._ zu umgehen versucht. Der Vollzug der Wegwei-
sung nach Kabul wäre für den Beschwerdeführer unzumutbar. Der Be-
schwerdeführer habe nie in Kabul gewohnt, sondern sich lediglich für eine
kurze Zeit in Kabul aufgehalten. Weder sei Kabul der Lebensmittelpunkt
gewesen, noch habe er jemals seinen Wohnsitz dort gehabt. Offensichtlich
habe er dort kein soziales Netz, welches eine Aufnahme und Wiederein-
gliederung begünstigen würde. Lediglich der Bruder H._ habe in
Kabul gelebt. Dieser befinde sich in der Türkei. Weder könne dem Be-
schwerdeführer eine Unterkunft noch eine Grundversorgung in Kabul ge-
boten werden. Auch verfüge der Beschwerdeführer über keine Ausbildung,
welche ihm eine wirtschaftliche Eingliederung ermöglichen könnte. Er habe
weder Schule in seinem Heimatland besucht, noch könne er Lesen und
Schreiben. Er habe in seinem Leben immer auf dem Bau gearbeitet. Es
lägen keine begünstigenden Faktoren vor, aufgrund derer ausnahmsweise
von der Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung ausgegangen werden
könne. Weiter sei die Situation in Kabul desaströs. Es bestehe eine Situa-
tion allgemeiner Gewalt.
9.4
9.4.1 Betreffend die allgemeine Lage in Afghanistan ist vorab auf die vom
Bundesverwaltungsgericht vorgenommene Einschätzung im Koordina-
tionsurteil BVGE 2011/7 zu verweisen. Die Sicherheitslage sowie die hu-
manitären Bedingungen in weiten Teilen Afghanistans – ausser allenfalls in
den Grossstädten – wird als äusserst schlecht bezeichnet. Die Situation in
Afghanistan wurde praktisch flächendeckend als existenzbedrohend im
Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG qualifiziert (vgl. BVGE 2011/7 E. 9.3 ff.).
D-5259/2018
Seite 21
9.4.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat mit Urteil D-5800/2016 vom
13. Oktober 2017 eine ausführliche Lageanalyse zur Situation in der afgha-
nischen Hauptstadt Kabul vorgenommen (vgl. E. 6.3 ff. [als Referenzurteil
publiziert]). Danach stellt sich zum heutigen Zeitpunkt sowohl die Sicher-
heitslage, welche als volatil und von zahlreichen Anschlägen geprägt zu
bezeichnen ist, als auch die humanitäre Situation in Kabul im Vergleich zu
der in BVGE 2011/7 beschriebenen Situation klar verschlechtert dar. Die
Lage in Kabul ist daher grundsätzlich als existenzbedrohend und somit un-
zumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren. Von dieser Re-
gel kann abgewichen werden, falls besonders begünstigende Faktoren
vorliegen, aufgrund derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Voll-
zugs ausgegangen werden kann.
Wie bereits in BVGE 2011/7 festgestellt, kann danach der Vollzug der Weg-
weisung zumutbar sein, wenn im Einzelfall besonders günstige Vorausset-
zungen vorliegen, und die nach Kabul zurückkehrende Person demnach
ausnahmsweise nicht in eine existenzbedrohende Lage geraten würde.
Solche günstigen Voraussetzungen können grundsätzlich namentlich dann
gegeben sein, wenn es sich beim Rückkehrer um einen jungen, gesunden
Mann handelt. Unabdingbar ist in jedem Fall ein soziales Netz, das sich im
Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehrenden
als tragfähig erweist. Dieses soziale Netz muss dem Rückkehrenden ins-
besondere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe
zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten können. Allein auf-
grund von losen Kontakten zu Bekannten, Verwandten oder auch Mitglie-
dern der Kernfamilie, bei welchen insbesondere das wirtschaftliche Fort-
kommen sowie die Unterbringung ungeklärt sind, ist nicht von einem trag-
fähigen sozialen Beziehungsnetz auszugehen. Es liegt in der Natur der Sa-
che, dass bei Personen, bei welchen Kabul lediglich eine Aufenthaltsalter-
native darstellt und die somit kaum oder nie in Kabul gelebt haben, eine
Bejahung eines solchen tragfähigen sozialen Netzes noch grösserer Zu-
rückhaltung bedarf. Ebenso ist entscheidrelevant, über welche Berufser-
fahrung die rückkehrende Person verfügt beziehungsweise inwiefern eine
wirtschaftliche Wiedereingliederung mit einer bezahlten Arbeit im Zusam-
menspiel mit dem Beziehungsnetz begünstigt werden kann. Angesichts der
festgestellten Verschlechterung der Lage in Kabul versteht es sich von
selbst, dass das Vorliegen dieser strengen Anforderungen in jedem Einzel-
fall sorgfältig geprüft wird und diese erfüllt sein müssen, um einen Wegwei-
sungsvollzug nach Kabul als zumutbar zu qualifizieren.
D-5259/2018
Seite 22
Zusammenfassend ergibt sich, dass eine Wegweisung nach Kabul ledig-
lich bei Vorliegen besonders günstiger Voraussetzungen – so insbeson-
dere für alleinstehende, gesunde Männer mit einem tragfähigen Bezie-
hungsnetz, einer Möglichkeit zur Sicherung des Existenzminimums und ei-
ner gesicherten Wohnsituation – als zumutbar zu qualifizieren ist.
9.4.3 Der Beschwerdeführer stammt gemäss eigenen Angaben ursprüng-
lich aus dem Dorf B._ (Distrikt C._, Provinz Maydan
Wardak) und lebte die letzten zwei Jahre vor der Ausreise in D._
(Provinz Ghazni), wohin der Vollzug der Wegweisung unzumutbar wäre.
Das SEM hat jedoch zu Recht festgehalten, dass der Beschwerdeführer
hinsichtlich seiner Lebensumstände widersprüchliche Angaben gemacht
hat. Bereits betreffend den Zeitpunkt des Wegzugs nach D._ hat er
sich anlässlich der Anhörung nicht übereinstimmend geäussert (vgl.
E. 6.3). Zudem gab er anlässlich der Anhörung an, er habe in den Winter-
monaten jeweils in Kabul oder in der Stadt D._ gearbeitet (vgl. Akte
A49/17 F14, F16). Anlässlich der ergänzenden Anhörung verneinte er so-
dann jegliche Arbeitstätigkeit in Kabul und meinte, er habe dort nur seinen
Bruder besucht (vgl. Akte A52/15 F23 f.). Auf den Widerspruch angespro-
chen, erklärte der Beschwerdeführer, dass diejenigen Antworten der Anhö-
rung sich auf D._ bezogen hätten und nicht auf Kabul (vgl. Akte
A52/15 F27 ff.). Dies ergibt jedoch keinen Sinn, zumal er anlässlich der
Anhörung, als er sich vorstellte, selbst sagte, er habe jeweils im Winter in
Kabul gearbeitet, und sich das SEM bei den darauffolgenden Fragen zu
dieser Arbeitstätigkeit explizit auf Kabul bezog (vgl. Akte A49/11 F16-F29).
Es ist deshalb davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer während
mehrerer Jahre den Winter über jeweils in Kabul gearbeitet hat. Dass er
dabei auf der Baustelle übernachtet habe, weil er keine Unterkunft gehabt
habe (vgl. Akte A49/17 F18), ist nicht nachvollziehbar, da die Winter in Ka-
bul kalt sind und er angegeben hat, dass sein Bruder in Kabul gelebt hat.
Auch hinsichtlich des Wegzugs des Bruders aus Kabul konnte der Be-
schwerdeführer anlässlich der Anhörung keine Angaben machen (vgl. Akte
A49/11 F91). Zwischen der Personalienaufnahme und der Anhörung muss
ihn aber jemand über den Wegzug des Bruders aus Kabul informiert ha-
ben, und der Beschwerdeführer erwähnte anlässlich der Anhörung, dass
er einen Monat zuvor noch mit seinen Eltern telefoniert habe (vgl. Akte
A49/11 F94). Anlässlich der ergänzenden Anhörung gab er dann an, die
Taliban hätten nach seiner Ausreise im Jahr 2015 seinen Bruder in Kabul
ausfindig gemacht und ihn und seine Familie bedroht, weshalb er in die
Türkei habe flüchten müssen. Angesichts des Zeitpunkts der Bedrohung
D-5259/2018
Seite 23
seines Bruders und des Kontakts des Beschwerdeführers mit seiner Fami-
lie hätte der Beschwerdeführer über die Bedrohung seines Bruders durch
die Taliban jedoch bereits anlässlich der Anhörung am 24. März 2017 infor-
miert sein müssen. Es bestehen deshalb auch Zweifel hinsichtlich des
Grundes für den angeblichen Wegzug seines Bruders aus Kabul. Hinsicht-
lich der wirtschaftlichen Verhältnisse gab der Beschwerdeführer einerseits
an, er habe wegen der Kuchis in der Grossstadt arbeiten gehen müssen,
ansonsten wären sie verhungert (vgl. Akte A49/11 F14). Andererseits be-
richtete er im Zusammenhang mit seinen Reisekosten, dass die finanzielle
Lage seiner Familie nicht schlecht gewesen sei (vgl. Akte A49/11 F90).
Diese zahlreichen nicht übereinstimmenden Angaben erwecken den Ein-
druck, dass sich die Biographie und Lebensumstände des Beschwerdefüh-
rers anders gestalten, als von ihm geltend gemacht. Es kann deshalb dem
SEM nicht vorgeworfen werden, es habe die Prüfung eines Wegweisungs-
vollzugs nach Kabul als Alternative zu D._ mit dem Vorwurf der Ver-
letzung der Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht zu umgehen versucht. Viel-
mehr ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer seine Arbeitstä-
tigkeit wie auch sein Beziehungsnetz in Kabul zu verschleiern versucht hat
und er – wie anlässlich der Anhörung von ihm selbst angegeben – in Kabul
als (...) während mehreren Wintern gearbeitet hat. Er dürfte deshalb auch
Kontakte zu Arbeitgebern und Arbeitskollegen gehabt haben, auf die er bei
der Erarbeitung einer Existenzgrundlage wird zurückgreifen können. Zu-
dem bestehen ohnehin Zweifel, dass sein Bruder tatsächlich aus Kabul hat
wegziehen müssen. Beweismittel hierfür hat der Beschwerdeführe jeden-
falls keine eingereicht. Der Beschwerdeführer ist sodann jung und die Be-
handlung der latenten tuberkulösen Infektion (LTBI), welche am 18. August
2016 diagnostiziert worden ist, sollte gemäss den eingereichten ärztlichen
Unterlagen Anfang November 2016 abgeschlossen worden sein. Anläss-
lich der ergänzenden Anhörung am 23. Juli 2018 gab er keine für den We-
geweisungsvollzug allenfalls relevanten gesundheitlichen Beschwerden an
(vgl. Akte A52/15 F4 f., F13-F15), und es wurden seither auch keine Arzt-
berichte mehr eingereicht. Mangels anderslautender Angaben ist davon
auszugehen, dass keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen einem Weg-
weisungsvollzug nach Kabul entgegenstehen.
9.4.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung des
Beschwerdeführers nach Kabul nicht als unzumutbar.
9.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
D-5259/2018
Seite 24
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
Daran ändern auch die mit Eingabe vom 4. Oktober 2019 eingereichten
Dokumente, mit welchen der Beschwerdeführer seine Integrationsbemü-
hungen in der Schweiz darlegt, nichts.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch
das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung mit Verfügung vom
26. September 2018 gutgeheissen wurde, sind keine Verfahrenskosten zu
erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
D-5259/2018
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