Decision ID: 777e2aeb-d0ab-5fad-80d1-99df4a089d52
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
K._, geb. 1997, kosovarische Staatsangehörige, reiste am 17. März 2020 im Rahmen
des Familiennachzugs zu ihrem damaligen Ehemann E._ in die Schweiz ein. Am
21. April 2020 erteilte ihr das Migrationsamt des Kantons St. Gallen eine
Aufenthaltsbewilligung zum Verbleib bei ihrem Ehemann. Anfang Juni 2020 trennten
sich die Eheleute. K._ erstattete Strafanzeige gegen ihren Ehemann wegen sexueller
Nötigung, Tätlichkeiten, Beschimpfung und Drohung. Am 16. Dezember 2020 kam die
gemeinsame Tochter zur Welt. Mit Urteil des Kreisgerichts T._ vom 12. Mai 2021
wurde die Ehe geschieden. Die Tochter wurde unter die Obhut der Mutter gestellt, die
elterliche Sorge wird weiterhin gemeinsam ausgeübt.
B.
Mit Schreiben vom 24. Juli 2020 leitete das Migrationsamt bezüglich der vom Ehemann
abgeleiteten Aufenthaltsbewilligung von K._ das Widerrufsverfahren ein. K._ nahm
dazu am 22. September 2020 Stellung. Mit Schreiben vom 29. September 2020 zeigte
Rechtsanwalt B._ dem Migrationsamt unter Vorlage einer Vollmacht an, dass er K._
vertrete und bat um eine Fristerstreckung bis Ende Oktober 2020, die ihm gewährt
wurde. Am 28. Oktober 2020 teilte der Rechtsvertreter mit, dass er keine weitere
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Stellungnahme einreiche. Mit Verfügung vom 17. Februar 2021 widerrief das
Migrationsamt die Aufenthaltsbewilligung und wies K._ aus der Schweiz weg
(Ausreisefrist 60 Tage nach Rechtskraft der Verfügung). Die Verfügung wurde an
Rechtsanwalt B._ eröffnet, der sie am 19. Februar 2021 entgegennahm. Am
23. Februar 2021 händigte das Sozialamt X._ K._ ein Exemplar der Verfügung aus.
C.
Mit Eingabe von Rechtsanwältin A._ vom 9. März 2021 erhob K._ Rekurs gegen die
ablehnende Verfügung des Migrationsamts mit dem Antrag auf Aufhebung des
Widerrufs und eventualiter um Wiederherstellung der Rekursfrist. Das Verfahren
beschränkte sich in der Folge auf die Frage der Fristeinhaltung bzw. -
wiederherstellung. Mit Entscheid vom 19. August 2021 wies das Sicherheits- und
Justizdepartement das Gesuch um Wiederherstellung der Rekursfrist ab und trat auf
den Rekurs nicht ein. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und
Rechtsverbeiständung wurde abgewiesen; auf die Erhebung amtlicher Kosten wurde
verzichtet (act. 2).
D.
Gegen diesen Entscheid erhob K._ mit Eingabe ihres heutigen Rechtsvertreters vom
3. September 2021 (act. 1) Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons
St. Gallen mit den Anträgen, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und die
Sache zur materiellen Beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege und Rechtsverbeiständung, sowohl für das
vorinstanzliche als auch für das Beschwerdeverfahren. Der Abteilungspräsident des
Verwaltungsgerichts verzichtete vorläufig auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und teilte dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin mit, dass über das Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung mit der Hauptsache
entschieden werde. In der Vernehmlassung vom 9. September 2021 beantragte die
Vorinstanz unter Verweis auf den angefochtenen Entscheid die Abweisung der
Beschwerde (act. 6). Auf die Vorbringen der Beschwerdeführerin wird, soweit für den
Entscheid wesentlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Eintreten
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 30 Abs. 2 lit. b
in Verbindung mit Art. 59 Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege,
sGS 951.1, VRP). Die Beschwerdeführerin, die mit ihren Begehren im Verfahren vor
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Vorinstanz unterlag, ist zur Erhebung der Beschwerde befugt (Art. 64 in Verbindung mit
Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerde gegen den am 19. August 2021 versandten
Entscheid (Zustellung am 20. August 2021) wurde mit Eingabe vom 3. September 2021
rechtzeitig erhoben und erfüllt formal und inhaltlich die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1, 48 Abs. 1 und 30 Abs. 1 VRP sowie 142
Abs. 1 der Schweizerischen Zivilprozessordnung, SR 272, ZPO). Auf die Beschwerde
ist einzutreten.
2. Prüfungsprogramm
Ausgangspunkt ist vorliegend die Zustellung der Verfügung des Migrationsamts an
Rechtsanwalt B._ am 19. Februar 2021. Die Beteiligten sind sich darüber einig, dass
auf diese Zustellung innert der 14-tägigen Rechtsmittelfrist (bis am 5. März 2021) keine
Rekurseingabe erfolgte (Art. 47 Abs. 1 und Art. 30 Abs. 1 VRP sowie Art. 142 Abs. 1
ZPO).
Streitig ist zweierlei: Zum einen stellt sich die Frage, ob die Rekursfrist durch die
Zustellung an Rechtsanwalt B._ überhaupt zu laufen begann. Die Beschwerdeführerin
bestreitet dies und hält dafür, diese Zustellung sei mangels Vertretungsverhältnisses
nicht rechtsgültig erfolgt (vgl. dazu Erwägung 3 nachfolgend). Für den Fall der
rechtsgültigen Zustellung vertritt sie den Standpunkt, die Vorinstanz habe das
Wiederherstellungsgesuch zu Unrecht abgewiesen (vgl. dazu Erwägung 4
nachfolgend).
3. Rechtsgültigkeit der Zustellung am 19. Februar 2021
Vorbringen der Beschwerdeführerin
Die Beschwerdeführerin macht geltend, Rechtsanwalt B._ habe selber festgehalten,
dass er lange vor Erlass der Verfügung nicht mehr als ihr Rechtsvertreter mandatiert
gewesen sei. Auch sie selber sei zu keinem Zeitpunkt von einem Mandatsverhältnis zu
Rechtsanwalt B._ ausgegangen. Sie habe nie Kontakt zu diesem gehabt. Ihr sei nicht
bewusst gewesen, dass sie einen Rechtsanwalt habe, der sie in der
ausländerrechtlichen Angelegenheit vertreten habe. Sie habe nicht verstanden, was sie
am 30. Juli 2020 unterzeichnet habe. Wenn sie davon ausgegangen wäre, dass sie
einen Rechtsvertreter gehabt hätte, hätte sie das rechtliche Gehör sicherlich über den
Rechtsvertreter wahrgenommen und die Stellungnahme nicht von der Opferhilfe
verfassen lassen. Insofern sei auch eine allfällige Kommunikation zwischen dem Onkel
und dem Rechtsvertreter unerheblich, da es einzig auf das Verhältnis zwischen der
Beschwerdeführerin und dem Rechtsanwalt ankomme. Trotz Vollmacht hätte das
Migrationsamt davon ausgehen müssen, dass Rechtsanwalt B._ nicht bzw. im
3.1.
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Verfügungszeitpunkt nicht mehr mandatiert gewesen sei. Dieser sei lediglich zweimal in
kurzen Schreiben, die sich nicht zur Sache geäussert hätten, gegenüber dem
Migrationsamt in Erscheinung getreten. Aus diesen Schreiben lasse sich nicht eine bis
zum Verfügungszeitpunkt bestehende Mandatierung ableiten, zumal die letzte
Korrespondenz vom 28. Oktober 2020 datiere und am 26. November 2020 wieder die
Opferhilfe als Vertretung der Beschwerdeführerin kommuniziert habe. Aufgrund der
Aktenlage sei von einem Vertretungsverhältnis der Opferhilfe auszugehen, die im
Verfahren vor dem Migrationsamt verschiedentlich in Vertretung und Absprache mit der
Beschwerdeführerin aufgetreten sei. Ein Austausch des Migrationsamts mit der
Opferhilfe setze eine entsprechende Bevollmächtigung voraus. Eine solche müsse nicht
zwingend schriftlich angezeigt werden.
Rechtliches
Die Eröffnung einer Verfügung ist eine empfangsbedürftige, nicht aber
annahmebedürftige, einseitige Rechtshandlung. Der Beginn des Fristenlaufs richtet
sich deshalb nach dem Zeitpunkt der ordnungsgemässen Zustellung (vgl. BGer
2C_755/2020 vom 16. November 2020 E. 2.1 mit Hinweisen auf BGE 142 III 599 E.
2.4.1 und 122 I 139 E. 1). Als zugestellt gilt eine mittels Einschreiben versandte
Verfügung grundsätzlich vom Zeitpunkt an, in dem sie durch den Adressaten
tatsächlich in Empfang genommen wird. Hat der Betroffene einen Vertreter bestellt, so
kann die Eröffnung rechtsgültig nur an diesen erfolgen (T. Tschumi, in: Rizvi/Schindler/
Cavelti [Hrsg.], Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege, Praxiskommentar, Zürich/
St. Gallen 2020, N 25 zu Art. 24 – 26 VRP).
Auszugehen ist von Art. 10 Abs. 2 VRP, wonach der Vertreter sich auf Verlangen der
Behörde durch schriftliche Vollmacht auszuweisen hat. Rechtsanwälte gelten als
Inhaber einer Vertretungsvollmacht desjenigen, für den sie handeln, wobei die
verfahrensleitende Behörde die Vorlage der Vollmacht verlangen kann (Art. 26 des
Anwaltsgesetzes, sGS 963.70). Die Rechtsbeziehung zwischen dem Vertretenen und
dem gewillkürten Vertreter bestimmt sich nach dem Privatrecht. Der Umfang der
Bevollmächtigung ergibt sich aus deren Inhalt, d.h. dem Auftrag, welcher der Vollmacht
zugrunde liegt. Die vom Vertreter vorgenommenen Prozesshandlungen oder
Unterlassungen werden unmittelbar der vertretenen verfahrensbeteiligten Person
zugerechnet, wie wenn diese selbst gehandelt oder nicht gehandelt hätte. Dabei bleibt
der beteiligten Person die Möglichkeit erhalten, eigenständige, d.h. zusätzlich oder
anstelle des Vertreters, Verfahrenshandlungen vorzunehmen (A. Rufener, in: Rizvi/
Schindler/Cavelti [Hrsg.], a.a.O., N 6 f. zu Art. 10 VRP).
3.2.
bis
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Tatsächliches
Das Widerrufsverfahren wurde vom Migrationsamt am 24. Juli 2020 mit dem Schreiben
betreffend Gewährung des rechtlichen Gehörs an die Beschwerdeführerin eingeleitet.
Kurz vor Ablauf der Frist zur Stellungnahme ersuchte die Beschwerdeführerin am
19. August 2020 um Fristerstreckung, welche ihr gewährt wurde. Am 22. September
2020 reichte sie die von ihr persönlich unterzeichnete Stellungnahme ein, ohne
jeglichen Hinweis auf eine Vertretung durch die Opferhilfe. Am 29. September 2020
nahm Rechtsanwalt B._ telefonisch Kontakt mit dem Migrationsamt auf. Gleichentags
ersuchte er schriftlich um Fristerstreckung zwecks Prüfung, ob er noch eine zusätzliche
Stellungnahme einreichen werde. Er habe M._, den Onkel der Beschwerdeführerin,
angerufen und werde von diesem alle Akten erhalten. Anschliessend werde er mit
diesem entscheiden, ob eine weitere Stellungnahme zu verfassen sei (Migrationsakten
[MA] 151). Bei dieser Gelegenheit reichte Rechtsanwalt B._ die von der
Beschwerdeführerin unbestrittenermassen unterzeichnete Vollmacht mit dem Betreff
"Aufenthalt, Opferhilfe" vom 30. Juli 2020 ein (MA 147). Es wird nicht behauptet, die
Beschwerdeführerin habe diese gegen ihren Willen unterzeichnet. Dass sie keine
Ahnung hatte, worum es ging, erscheint nicht glaubwürdig, zumal der zeitliche
Zusammenhang der Leistung der Unterschrift zur wenige Tage zuvor erfolgten
Einleitung des Widerrufsverfahrens offensichtlich ist. Das Wesen einer
Rechtsvertretung war ihr sodann hinreichend bekannt, liess sie sich doch im
Strafverfahren gegen ihren damaligen Ehemann ebenfalls anwaltlich vertreten; sie
unterzeichnete eine entsprechende Vollmacht an Rechtsanwältin A._ am 24. Juni
2020. Diese galt aber nicht für das ausländerrechtliche Verfahren (MA 113). Aufgrund
der Darstellung von Rechtsanwalt B._ ist davon auszugehen, dass der Onkel diesem
gegenüber als Vertreter der Beschwerdeführerin auftrat. In jener Zeit wohnte denn die
Beschwerdeführerin auch bei besagtem Onkel in X._. Der Kontakt zu Rechtsanwältin
A._ kam gemäss deren eigenen Angaben ebenfalls über den Onkel zustande (MA
248). Dies erklärt, weshalb es keinen direkten Kontakt zwischen der
Beschwerdeführerin und dem Rechtsanwalt gab. Am 28. Oktober 2020 teilte
Rechtsanwalt B._ aber mit, dass er nach Rücksprache mit seiner Klientin keine weitere
Stellungnahme einreiche, da deren Stellungnahme vom 22. September 2020
ausreichend sei (MA 154). Mit Schreiben vom 25. November 2020 stellte das
Migrationsamt dem Rechtsvertreter den zwischenzeitlichen Mailverkehr mit dem
Untersuchungsamt und dem Sozialamt zu und räumte ihm mit Verweis auf die
Säumnisfolgen die Möglichkeit ein, bis 11. Dezember 2020 eine ergänzende
Stellungnahme einzureichen (MA 169). Rechtsanwalt B._ reichte keine weitere
Stellungnahme ein, worauf das Migrationsamt am 17. Februar 2021 den Widerruf
verfügte und dem Rechtsvertreter eröffnete.
3.3.
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4. Wiederherstellung der Rekursfrist
Dass das Migrationsamt unter den geschilderten Umständen die Verfügung vom
17. Februar 2021 an Rechtsanwalt B._ eröffnete, ist rechtlich nicht zu beanstanden.
Die Rechtsvertretung wurde dem Migrationsamt nach Eingang der Stellungnahme der
Beschwerdeführerin mittels von der Beschwerdeführerin unterzeichneter einschlägiger
Vollmacht angezeigt. Selbst wenn man noch davon ausgehen wollte, dass die
Beschwerdeführerin zuvor von der Opferhilfe vertreten worden wäre – für eine offizielle
Vertretung durch die Opferhilfe findet sich in den Akten allerdings kein Hinweis –, durfte
das Migrationsamt aufgrund der Kontaktaufnahme des Rechtsvertreters am
29. September 2020 samt Vorlage der Vollmacht davon ausgehen, dass nunmehr
dieser als Vertreter der Beschwerdeführerin das Verfahren (weiter)führe. Die beantragte
Zeugeneinvernahme einer Mitarbeiterin der Opferhilfe sowie die Parteibefragung
erübrigen sich daher. Dass der Rechtsvertreter im Schreiben vom 28. Oktober 2020 auf
eine weitere Stellungnahme verzichtete und auch keine abschliessende Stellungnahme
mehr einreichte, ist per se nicht ungewöhnlich. Eine Beendigung des Mandats lässt
sich daraus auf jeden Fall nicht ableiten. Ebenso ist nicht entscheidend, dass
Rechtsanwalt B._ gemäss eigenen Angaben dem Onkel bereits beim Treffen vom
30. Juli 2020 wie auch mit Schreiben vom 6. August 2020 (dieses befindet sich nicht
bei den Akten) mitgeteilt habe, es sei unsinnig, mehrere Anwälte und die Opferhilfe tätig
werden zu lassen, und dass er schon früh davon ausgegangen sei, er habe gegenüber
dem Migrationsamt kein Mandat mehr (vi-act. 13.1). Entgegen diesen Äusserungen gab
sich Rechtsanwalt B._ gegenüber dem Migrationsamt am 29. September 2020 als
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin zu erkennen und beteiligte sich fortan am
Verfahren; eine Mitteilung, dass er das Mandat nicht mehr führe, erfolgte gegenüber
dem Migrationsamt nicht, auch nicht auf die Aufforderung vom 25. November 2020 zur
ergänzenden Stellungnahme hin. Die Beschwerdeführerin widerrief die Vollmacht
ebenfalls nicht. Ebenso ist nicht entscheidend, dass sich jemand von der Opferhilfe am
26. November 2020 beim Migrationsamt erkundigte, ob die Beschwerdeführerin einen
Ausweis oder eine Bestätigung haben könne (MA 170). In der Sache ging es dabei
nicht um den Widerruf der Aufenthaltsbewilligung, weshalb sich daraus keine
Verfahrensvertretung durch die Opferhilfe ableiten lässt. Die Vorinstanz gelangte
demnach zu Recht zum Ergebnis, dass die Zustellung der Verfügung an Rechtsanwalt
B._ am 19. Februar 2021 rechtsgültig erfolgte und die 14-tägige Rekursfrist auslöste.
Vorbringen der Beschwerdeführerin
Die Beschwerdeführerin hält dafür, es liege ein leichtes Verschulden vor. Weder sie
4.1.
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selbst noch die Opferhilfe und nicht einmal Rechtsanwalt B._ seien im Zeitpunkt des
Verfügungserlasses von einem Mandatsverhältnis von letzterem ausgegangen.
Handkehrum habe die förmliche Eröffnung der Verfügung durch das Sozialamt X._ am
23. Februar 2021 mit entsprechendem Stempel "Persönliche Übergabe am,
Bestätigung Erhalt (Unterschrift)" sowohl bei ihr selber als auch bei ihrer
Rechtsvertreterin anlässlich des Instruktionsgesprächs ohne Weiteres den Eindruck
erweckt, dass dies der relevante Zeitpunkt der Eröffnung der Verfügung gewesen sei.
Eine überdurchschnittlich sorgfältige Person hätte möglicherweise die Adresszeile der
Verfügung bemerkt und sich gefragt, weshalb darin ein gänzlich unbekannter
Rechtsvertreter vermerkt sei. Unter den gegebenen Umständen handle es sich bei
diesem Versehen aber lediglich um ein leichtes Verschulden.
Rechtliches
Die Wiederherstellung wird nicht von Amtes wegen, sondern auf Gesuch hin erteilt. Das
Gesuch ist innert zehn Tagen seit Wegfall des Säumnisgrundes zu stellen (Art. 30
Abs. 1 VRP in Verbindung mit Art. 148 ZPO). Liegt kein eigentliches Hindernis vor, so
beginnt der Fristenlauf mit der Gewissheit über die Säumnis bzw. bereits dann, wenn
die betroffene Partei oder deren Vertretung von der Säumnis hätte Kenntnis haben
müssen (U. Cavelti, in: Rizvi/Schindler/Cavelti [Hrsg.], a.a.O., N 176 ff. zu Art. 30–30
VRP mit Hinweisen). Die Wiederherstellung einer Frist setzt voraus, dass die Partei
glaubhaft macht, dass sie kein oder nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 30 Abs. 1
VRP in Verbindung mit Art. 148 Abs. 1 ZPO; N. Gozzi, in: Spühler/Tenchio/Infanger
[Hrsg.], Basler Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, 3. Aufl. 2017, N
10 zu Art. 148 ZPO mit Hinweisen).
Unter einem unverschuldeten Hindernis als Säumnisursache versteht die Praxis einen
Umstand, den der Säumige nicht zu vertreten hat. Gemeint sind mit anderen Worten
objektive oder subjektive Unmöglichkeiten der Fristwahrung. War der Gesuchsteller
wegen eines von seinem Willen unabhängigen Umstands verhindert, zeitgerecht zu
handeln, liegt objektive Unmöglichkeit vor. Subjektive Unmöglichkeit wird
demgegenüber angenommen, wenn zwar die Vornahme der Handlung objektiv
betrachtet möglich gewesen wäre, die betroffene Partei aber durch besondere
Umstände, die sie nicht zu verantworten hat, am Handeln gehindert worden ist (BGer
1C_336/2011 vom 12. Dezember 2011 E. 2.3; VerwGE B 2020/210 vom 10. März 2021
E. 2.1; B 2014/40 vom 14. Mai 2014 E. 2.2.2). Ein leichtes Verschulden liegt vor, wenn
die verletzte Sorgfaltspflicht unter den gegebenen Umständen als geringfügig
erscheint. Bei der Frage, ob kein oder nur ein leichtes Verschulden vorliegt, muss sich
eine Partei nach ständiger Rechtsprechung Fehler ihrer Vertretung oder
4.2.
ter
ter
ter
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Erfüllungsgehilfen wie eigene anrechnen lassen (BGer 2C_50/2013 vom 24. Januar
2013 E. 2.2.1; VerwGE B 2014/232 vom 19. Februar 2015 E. 2.2; B 2014/40 vom 14.
Mai 2014 E. 2.2.1, je mit Hinweisen; Cavelti, a.a.O., N 176 ff. zu Art. 30–30 VRP mit
Hinweisen). Dies gilt auch in Verfahren, welche die Beendigung des
Anwesenheitsrechts in der Schweiz zum Gegenstand haben und in denen die Frist
entgegen dem Willen der Partei verpasst wurde (VerwGE B 2016/1 vom 27. April 2016
E. 2). Massgebend für die Beurteilung des Verschuldens ist stets ein objektiver
Sorgfaltsmassstab aufgrund der konkreten Umstände. Aus Gründen der
Rechtssicherheit und der Verfahrensdisziplin rechtfertigt sich eine strenge Praxis. Ein
leichtes Verschulden wird regelmässig nur dann angenommen, wenn lediglich das nicht
beachtet wird, was ein sorgfältiger Mensch unter den gleichen Umständen ebenfalls
nicht beachten würde. Wurde dagegen eine Sorgfaltspflicht verletzt, deren Beachtung
unter den gegebenen Umständen auch dem durchschnittlich Sorgfältigen zuzumuten
ist, liegt eine Nachlässigkeit vor (vgl. Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im
Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz. 1139 mit Hinweisen). Leichtes Verschulden ist
umso weniger anzunehmen, je höher die Sorgfaltspflicht der gesuchstellenden Person
bzw. von deren Vertretung zu veranschlagen ist. Insbesondere bei einer
berufsmässigen Rechtsvertretung ist ein strenger Massstab anzulegen. Trifft den
Rechtsvertreter selbst ein nicht mehr leichtes Verschulden, so ist dem
Wiederherstellungsgesuch auch dann nicht zu entsprechen, wenn die betroffene
Person am Versäumnis keinerlei Verschulden trifft (VerwGE B 2014/40 vom 14. Mai
2014 E. 2.2.1 und 2.2.3).
ter
Tatsächliches
Die Beschwerdeführerin erhielt am 23. Februar 2021 und damit noch während
laufender Rekursfrist (bis 5. März 2021) unbestrittenermassen Kenntnis von der
Widerrufsverfügung des Migrationsamts vom 17. Februar 2021. Diese wurde ihr vom
Sozialamt X._ persönlich übergeben. Gleichentags rief sie bzw. ihr Onkel
Rechtsanwältin A._ an und beauftragte diese mit der Rekurserhebung. Das Sozialamt
X._ übermittelte die Verfügung am 23. Februar 2021 per E-Mail an die
Rechtsvertreterin (vi-act. 1.9). Auf dem Verfügungsexemplar, das der
Beschwerdeführerin ausgehändigt wurde, ist handschriftlich vermerkt: "Abgebeben:
23.02.2021" (vi-act. 1.2). Darunter befindet sich der Stempel "Persönliche Übergabe
am, Bestätigung Erhalt (Unterschrift)". Eine entsprechende Unterschrift fehlt hingegen.
Dass es sich bei der Abgabe der Verfügung des Migrationsamts durch das Sozialamt
der Wohngemeinde nicht um die offizielle Eröffnung handelte, musste der
Beschwerdeführerin und insbesondere auch der Rechtsvertreterin, an welche erhöhte
Anforderungen gestellt werden, von vornherein klar sein. Die Verfügung vom
4.3.
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5. Zusammenfassung
Zusammenfassend erweist sich die Beschwerde als unbegründet, da die Verfügung
des Migrationsamts vom 17. Februar 2021 rechtsgültig dem (damaligen) Vertreter der
Beschwerdeführerin zugestellt und nicht glaubhaft gemacht wurde, dass die neue
Vertreterin – deren Fehlverhalten der Beschwerdeführerin anzurechnen ist – kein oder
nur ein leichtes Verschulden trifft an der Versäumung der Rekursfrist. Die Beschwerde
ist abzuweisen.
17. Februar 2021, welche gleichentags versandt wurde, ist an Rechtsanwalt B._
adressiert; am Ende der Verfügung ist zudem vermerkt, dass diese der
Beschwerdeführerin via Rechtsvertretung und nicht via Sozialamt eröffnet wird (MA
180). Die Wohngemeinde und das Sozialamt wurden, wie in solchen Fällen üblich,
ebenfalls mit einem Verfügungsexemplar bedient, um über den aktuellen
Aufenthaltsstatus im Bild zu sein. Das Sozialamt hatte jedoch keinen Auftrag zur
Eröffnung der Verfügung. Rechtsanwalt B._ leitete die Verfügung mit Schreiben vom
23. Februar 2021 ordnungsgemäss an den Onkel weiter (vi-act. 13.1).
Die Beschwerdeführerin bzw. der sie vertretende Onkel wusste oder hätte aufgrund der
vorgängigen Mandatierung von Rechtsanwalt B._ um die Rechtsvertretung wissen
müssen. Für die neue Rechtsvertreterin war es ein Leichtes zu erkennen, an wen die
Eröffnung zuhanden der Beschwerdeführerin per Einschreiben erfolgt war. Hinzu
kommt, dass die Rechtsvertreterin am 2. März 2021 beim Migrationsamt um
Akteneinsicht ersuchte, welche ihr umgehend gewährt wurde (MA 189). Gemäss
eigenen Angaben erkannte sie denn beim Aktenstudium auch ohne Weiteres, dass die
Beschwerdeführerin bereits im Verfahren vor dem Migrationsamt anwaltlich vertreten
war, befand sich doch die Vollmacht an Rechtsanwalt B._ bei den Akten. Als Folge
davon stellte sie mit der Rekurserhebung vorsorglich ein Fristwiederherstellungsgesuch
(MA 248). Dass sich die Rechtsvertreterin als rechtskundige Person für die
fristauslösende Eröffnung ohne nähere Prüfung auf das Datum der Aushändigung der
Verfügung durch das nicht zuständige Sozialamt verliess und erst am letzten Tag der
von ihr (falsch) berechneten Frist die Akten studierte und so den Irrtum erkannte,
entspricht nicht der Anwendung pflichtgemässer Sorgfalt im Umgang mit
Rechtsmittelfristen und stellt kein leichtes Verschulden mehr dar, zumal gemäss
St. Galler Praxis die blosse Rekursanmeldung innert Frist mit der Möglichkeit einer
Nachfrist zur Rekursergänzung genügt hätte (vgl. Art. 48 Abs. 2 VRP; VerwGE
B 2019/67 vom 28. Juni 2019 E. 2.5; BGer 2C_764/2019 vom 4. Februar 2020 E. 3.5.2).
Folglich besteht kein Raum für eine Wiederherstellung der Rekursfrist. Die Vorinstanz
wies das entsprechende Gesuch zu Recht ab und trat auf den Rekurs zufolge
Verspätung ordnungsgemäss nicht ein.
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6. Unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung vor der Vorinstanz
Der Entscheid über die Beschwerde gegen Verfügungen des zuständigen
Departements über die unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung fällt in
die Zuständigkeit des Abteilungspräsidenten (Art. 59 Abs. 3 VRP). Nachdem der
Nichteintretensentscheid der Vorinstanz zu schützen ist, erweist sich auch die
Abweisung des Gesuchs um unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung
zufolge Aussichtslosigkeit im vorinstanzlichen Verfahren als rechtmässig (vgl. dazu
auch Erwägung 7 nachfolgend).
7. Unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung im Beschwerdeverfahren
Der Entscheid über das Begehren um unentgeltliche Rechtspflege und
Rechtsverbeiständung für das Beschwerdeverfahren fällt in die Zuständigkeit des
Abteilungspräsidenten (Art. 99 Abs. 1 und 2 VRP in Verbindung mit Art. 119 Abs. 3 ZPO
und Art. 6 Abs. 2 des Reglements über die Organisation und den Geschäftsgang des
Verwaltungsgerichts, sGS 941.22). Die unentgeltliche Rechtspflege wird gewährt, wenn
die Gesuchstellerin bedürftig ist und das von ihr angestrebte Verfahren nicht
aussichtslos erscheint. Soweit es zur Wahrung ihrer Rechte notwendig ist, besteht
ausserdem Anspruch auf unentgeltlichen Rechtsbeistand (Art. 99 Abs. 2 VRP in
Verbindung mit Art. 117 ZPO; Art. 29 Abs. 3 der Bundesverfassung der
Schweizerischen Eidgenossenschaft, SR 101, BV). Als aussichtslos sind Begehren
anzusehen, bei denen die Gewinnaussichten beträchtlich geringer sind als die
Verlustgefahren und die deshalb kaum als ernsthaft bezeichnet werden können.
Dagegen gilt ein Begehren nicht als aussichtslos, wenn sich Gewinnaussichten und
Verlustgefahren ungefähr die Waage halten oder jene nur wenig geringer sind als diese.
Massgebend ist, ob eine Partei, die über die nötigen Mittel verfügt, sich bei vernünftiger
Überlegung zu einem Prozess entschliessen würde. Eine Partei soll einen Prozess, den
sie auf eigene Rechnung und Gefahr nicht führen würde, nicht deshalb anstrengen
können, weil er sie nichts kostet. Diese vom Bundesgericht zum Begriff der
Aussichtslosigkeit gemäss Art. 29 Abs. 3 BV entwickelte Praxis ist auch für die
Auslegung von Art. 117 Ingress und lit. b ZPO zu berücksichtigen (vgl. BGE 138 III 217
E. 2.2.4 mit Hinweis).
Im vorliegenden Beschwerdeverfahren war einzig zu überprüfen, ob die Vorinstanz das
Gesuch der Beschwerdeführerin um Wiederherstellung der Rekursfrist zu Recht abwies
und auf den Rekurs zufolge Verspätung zu Recht nicht eintrat; dies vor dem
Hintergrund der strengen Rechtsprechung, namentlich hinsichtlich der Anrechnung von
Fehlern von Vertretern oder Erfüllungsgehilfen einer Partei (VerwGE B 2014/232 vom
19. Februar 2015 E. 2.2; B 2014/40 vom 14. Mai 2014). Bei dieser Ausgangslage und
den gegebenen tatsächlichen Verhältnissen – die Zustellung der Verfügung erfolgte
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ordnungsgemäss an den damaligen Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin und die
rechtzeitige Rekurserhebung wäre bei Anwendung der ordnungsgemässen Sorgfalt
ohne weiteres möglich gewesen – waren der Beschwerde von Beginn weg keine
wesentlichen Erfolgsaussichten beschieden. Die Erfolgsaussichten waren als
beträchtlich tiefer einzustufen als die Verlustgefahren. Damit ist die Beschwerde als
offenkundig aussichtslos zu qualifizieren, weshalb das Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung – das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege erweist sich, da
auf die Erhebung von Kosten verzichtet wird (vgl. Erwägung 8 nachfolgend), als
gegenstandslos – abzuweisen ist.
8. Kosten
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von CHF 1'500 erscheint angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Auf die Erhebung ist angesichts der
unbestrittenen und aufgrund der Akten ausgewiesenen prozessualen Bedürftigkeit der
Beschwerdeführerin sowie zufolge voraussichtlicher Uneinbringlichkeit in Anwendung
von Art. 97 VRP ausnahmsweise zu verzichten. Damit wird das von ihm im
vorliegenden Beschwerdeverfahren gestellte Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege gegenstandslos (vgl. Erwägung 6 vorstehend).
Ausseramtliche Kosten sind bei diesem Verfahrensausgang mangels Obsiegens und
mangels Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung nicht zu entschädigen
(Art. 98 Abs. 1 und 98 VRP).