Decision ID: 7a316161-1f03-52ad-9b09-8fe766ae03a6
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöriger und ethni-
scher Paschtune aus B._ (C._) – suchte am
13. Februar 2020 in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 4. März 2020 und der ein-
lässlichen Anhörung vom 20. Mai 2020 machte er zur Begründung seines
Asylgesuchs im Wesentlichen geltend, er sei 2014 in seinem Dorf von ei-
nem Mitglied des «Daesh» vergewaltigt worden. Nachdem in der Folge
verschiedene Versuche, sich an der Täterfamilie zu rächen und die ver-
letzte Familienehre wiederherzustellen, gescheitert seien, hätten ihn ver-
schiedene Dorfbewohner drangsaliert und ausgegrenzt. Von einem Ver-
wandten habe er zudem erfahren, dass der «Daesh» ihm etwas antun
wolle. Kurz darauf habe er in der Nähe seines Wohnhauses sieben oder
acht bewaffnete Angehörige des «Daesh» gesichtet. Aus Angst vor weite-
ren Behelligungen habe er sich in der Folge ausser Landes begeben.
C.
Am 28. Mai 2020 wurde dem Beschwerdeführer die angefochtene Verfü-
gung im Entwurf zur Stellungnahme ausgehändigt, wozu er – handelnd
durch seine Rechtsvertretung – am nächsten Tag Stellung nahm.
D.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 2. Juni 2020 stellte das SEM
fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und
wies sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung des Be-
schwerdeführers aus der Schweiz, schob den Vollzug jedoch wegen Unzu-
mutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
E.
Gegen diese Verfügung liess der Beschwerdeführer mit Eingabe 30. Juni
2020 beim Bundesverwaltungsgericht eine Beschwerde einreichen. Er
liess beantragen, die Verfügung des SEM sei in den Ziffern 1 bis 3 des
Dispositivs aufzuheben, seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm
Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung im erwei-
terten Verfahren an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
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F.
Mit Schreiben vom 2. Juli 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht
den Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Der
Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung le-
gitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 COVID-19-
VO Asyl und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Das Bundesverwaltungsgericht überprüft die angefochtene Verfügung
in Asylsachen auf Verletzung von Bundesrecht sowie unrichtige oder un-
vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts hin (Art. 106
Abs. 1 AsylG), im Bereich des Ausländerrechts zudem auch auf Unange-
messenheit (Art. 49 VwVG).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Weiterungen und mit summarischer
Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
Der Beschwerdeführer machte in erster Linie geltend, er sei von einem An-
gehörigen des «Daesh» sexuell missbraucht und als Vergewaltigungsopfer
von Dorfbewohnern drangsaliert und ausgegrenzt worden. Zwar kann auf-
grund der Befragungsprotokolle nicht ausgeschlossen werden, dass es tat-
sächlich zu unfreiwilligen sexuellen Handlungen des Beschwerdeführers
mit einem Mann gekommen war und dies im Dorf bekannt wurde. Diese
vom Beschwerdeführer geschilderten sexuellen Misshandlungen sind zu-
tiefst bedauernswert, indes liegt ihnen – in Übereinstimmung mit den vor-
instanzlichen Erwägungen – kein Verfolgungsmotiv im Sinne von Art. 3
AsylG (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten
sozialen Gruppe oder politische Anschauungen) zugrunde. Namentlich
geht aus den geschilderten Vorbringen nicht hervor, dass der Beschwerde-
führer wegen eines der vorstehend aufgezählten Verfolgungsgründe oder
eines Merkmals, das ihn als andersartig kennzeichnet und das untrennbar
mit ihm oder seiner Persönlichkeit verbunden ist, vergewaltigt beziehungs-
weise in der Folge von den Dorfbewohnern drangsaliert und ausgegrenzt
worden wäre. Aus dem in der Beschwerde (vgl. daselbst, S. 5 f.) zitierten
Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-262/2017 vermag der Beschwer-
deführer nichts zu seinen Gunsten abzuleiten, da in jenem Fall eine we-
sentlich andere Ausgangslage (Tanzknabe) vorliegt. Auch hinsichtlich des
weiteren Vorbringens des Beschwerdeführers, dass er in den Fokus des
«Daesh» geraten sei, ist kein asylrelevantes Motiv im Sinne von Art. 3
Abs. 1 AsylG erkennbar, zumal der Beschwerdeführer selbst angab, Ange-
hörige des «Daesh» hätten ihm etwas antun wollen, um das Problem der
Ehrwiederherstellung aus der Welt zu schaffen und um Stärke und Zusam-
menhalt zu demonstrieren (vgl. act. A26/15, F72-79), und nicht etwa, weil
er ethnischer Paschtune sei. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass der
allgemein schwierigen Lage in Afghanistan seitens der Vorinstanz durch
die Anordnung der vorläufigen Aufnahme gestützt auf Art. 83 Abs. 4 AIG
(SR 142.20) Rechnung getragen wurde. Die geltend gemachten Behelli-
gungen seitens der Dorfbewohner und des «Daesh» und somit von priva-
ten Dritten wären allenfalls – sollte die Schutzunfähigkeit oder -unwilligkeit
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der afghanischen Behörden festgestellt werden – im Rahmen der Wegwei-
sungsvollzugsprüfung relevant, da aufgrund dessen der Wegweisungsvoll-
zug im Sinne von Art. 3 EMRK unzulässig sein könnte. Jedoch ist diesbe-
züglich auf die alternative Natur der drei Bedingungen für einen Verzicht
auf den Vollzug der Wegweisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Un-
möglichkeit) zu verweisen. Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug
der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwe-
senheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Auf-
nahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4; E. 5.2 nachstehend). Mit der
Frage der allfälligen Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs wäre sich
bei einer allfälligen Aufhebung der vorläufigen Aufnahme zu befassen; den
Asylpunkt beschlägt sie nicht. Zusammenfassend ist festzustellen, dass es
dem Beschwerdeführer nicht gelang, Asylgründe darzutun. Es erübrigt
sich, auf weitere Beschwerdevorbringen näher einzugehen, weil sie am Er-
gebnis nichts ändern können. Für eine Rückweisung der Sache besteht
kein Anlass. Das SEM hat das Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
5.
5.1 Lehnt die Vorinstanz das Asylgesuch ab oder tritt sie nicht darauf ein,
so verfügt sie in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an (Art. 44 AsylG). Im Lichte dieser Bestimmung hat die Vor-
instanz die Wegweisung zu Recht angeordnet.
5.2 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung vom 2. Juni 2020
die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz angeord-
net. Demnach erübrigen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit,
Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
6.
Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorstehenden
Erwägungen ergibt sich, dass seine Begehren als von vornherein aus-
sichtslos zu gelten haben. Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Vo-
raussetzungen nicht gegeben, weshalb dem Gesuch nicht stattzugeben ist.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1–
3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE], SR 173.320.2) somit
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit dem vor-
liegenden Urteil ist der Antrag auf Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses gegenstandslos geworden.
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