Decision ID: 30138e6c-c2b9-5541-9cfa-a13732442f88
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden – irakische Staatsangehörige kurdischer Ethnie
aus der Provinz D._, Autonome Region Kurdistan (ARK, auch Re-
gion des "Kurdistan Regional Government" [KRG]) – verliessen ihren Hei-
matstaat eigenen Angaben zufolge am 17. September 2018 mit dem Flug-
zeug in Richtung Türkei. Von dort gelangten sie über Griechenland und
weitere europäische Staaten am 10. August 2020 in die Schweiz, wo sie
gleichentags um Asyl nachsuchten.
B.
Am 27. August 2020 fanden die Personalienaufnahmen und am 1. Sep-
tember 2020 die Dublin-Gespräche statt.
C.
Mit Schreiben vom 27. Oktober 2020 – und nachdem die griechischen Be-
hörden ein Informationsersuchen des SEM nicht beantwortet hatten – teilte
dieses der vormaligen Rechtsvertretung der Beschwerdeführenden mit,
dass das Dublin-Verfahren beendet worden sei und ihre Asylgesuche in
der Schweiz geprüft würden.
D.
Am 5. respektive 6. Januar 2021 wurden die Beschwerdeführenden zu ih-
ren Asylgründen angehört.
E.
E.a Die Beschwerdeführenden brachten zur Begründung ihrer Asylgesu-
che im Wesentlichen vor, der Beschwerdeführer habe beim (...) gearbeitet.
Ihm sei gekündet worden, nachdem im März 2017 im (...) ein Feuer aus-
gebrochen sei, für welches er verantwortlich gemacht worden sei. In die-
sem Zusammenhang sei er vom Gericht zu einer Geldstrafe von (...) Dollar
verurteilt worden. Sein Vater habe die Geldstrafe bezahlt. Im Nachhinein
habe er erfahren, dass sein Vater dazu die Ländereien seines Grossvaters
ohne die Zustimmung seiner Onkel respektive Cousins verkauft habe.
Seine Cousins hätten den Verkauf nicht akzeptiert und ihm vorgeworfen,
seinen Vater zum Verkauf gedrängt zu haben. Sie seien im Oktober 2017
während seiner Abwesenheit zu ihnen nach Hause gekommen und hätten
nach ihm (dem Beschwerdeführer) gesucht. Die Beschwerdeführerin, wel-
che zu diesem Zeitpunkt im achten Monat schwanger gewesen sei, sei bei
diesem Vorfall zur Seite geschoben worden und dabei hingefallen. Sie sei
getreten worden, habe das Bewusstsein verloren, mit inneren Blutungen
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ins Spital gebracht und dort notfallmässig operiert werden müssen. Ihr
Neugeborenes sei nach etwas mehr als zwanzig Tagen verstorben. Zirka
sechs oder sieben Monate später sei ihre Tochter für mehrere Stunden ver-
schwunden. Als man sie wiedergefunden habe, habe sie blaue Flecken am
Körper aufgewiesen. Die Beschwerdeführerin sei sodann von den Cousins
des Beschwerdeführers einmal beinahe mit einem Auto überfahren worden
und ihr Bruder, bei welchem der Beschwerdeführer nach der Kündigung
beim (...) gearbeitet habe, sei von den Verfolgern unter Drohungen aufge-
fordert worden, ihm keine Arbeit mehr zu bieten. Schliesslich habe ihre
Mutter ihnen gesagt, sie sollten sich scheiden lassen, falls sich ihre Situa-
tion nicht ändere. Vor diesem Hintergrund hätten sie ihr Heimatland verlas-
sen. Nach ihrer Ausreise habe der Beschwerdeführer eine SMS mit Todes-
drohungen seiner Cousins erhalten.
E.b Die Beschwerdeführenden reichten im vorinstanzlichen Verfahren –
teilweise durch ihre vormalige Rechtsvertretung – folgende Unterlagen zu
den Akten: (auszugsweise) Kopien respektive Fotografien diverser Doku-
mente zum Beleg ihrer Identität (u.a. Reisepässe und Informationskarte
des Familienoberhaupts), Fotografien ihres verstorbenen Sohnes, Foto-
grafie eines Bankdokuments und drei die Beschwerdeführerin betreffende
Arztberichte zu Arztbesuchen in der Schweiz.
F.
Am 13. Januar 2021 wurden die Beschwerdeführenden dem erweiterten
Verfahren zugeteilt.
G.
G.a Mit Verfügung vom 19. Mai 2021 verneinte das SEM die Flüchtlingsei-
genschaft der Beschwerdeführenden, lehnte deren Asylgesuche ab und
ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug
an.
G.b
G.b.a Es qualifizierte die Asylvorbringen der Beschwerdeführenden (insb.
wegen fehlender Inanspruchnahme der staatlichen Schutzinfrastruktur) als
nicht asylrelevant und verzichtete – jedoch mit ausdrücklich angebrachten
Vorbehalten – auf eine (ausführliche) Glaubhaftigkeitsprüfung. Den Vollzug
der Wegweisung bezeichnete es als zulässig, zumutbar und möglich. Zur
Zumutbarkeit führte es im Wesentlichen an, es erachte den Wegweisungs-
vollzug in die ARK im Einklang mit der Wegweisungspraxis des Bundes-
verwaltungsgerichts als grundsätzlich zumutbar. Zudem würden vorliegend
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auch keine individuellen Gründe gegen die Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs sprechen. Die Beschwerdeführenden seien bis zu ihrer Aus-
reise in der Stadt D._ wohnhaft gewesen, wo sie im Haus des Va-
ters des Beschwerdeführers gelebt hätten. Der Beschwerdeführer habe die
(...) absolviert und könne mehrjährige Berufserfahrung vorweisen. Nebst
seinem Vater würden auch seine Brüder über Immobilien verfügen und
seien berufstätig. Sein Vater, mit welchem er in Kontakt stehe, sei fortge-
schrittenen Alters und beziehe eine Pension. Sowohl sein Vater als auch
die Mehrzahl seiner Geschwister würden sich in der Stadt D._ auf-
halten. Zwar habe er ausgeführt, keinen Kontakt zu seinen Brüdern zu ha-
ben. Diesbezüglich sei jedoch anzumerken, dass er den fehlenden Kontakt
auf seine Asylvorbringen abgestützt habe, hinsichtlich deren Glaubhaf-
tigkeit begründete Zweifel bestehen würden. Ferner verfüge er über wei-
tere Verwandte, auf deren Unterstützung er bei seiner Rückkehr zurück-
greifen könne.
G.b.b Die Beschwerdeführerin verfüge zwar über keine schulische oder
berufliche Ausbildung, könne jedoch auf ein intaktes Beziehungsnetz zu-
rückgreifen. So würden sowohl ihre Mutter als auch ihre Geschwister nach
wie vor in der Stadt D._ leben und auch ihre Brüder seien berufstä-
tig. Einer ihrer Brüder besitze beispielsweise ein Geschäft, in dem er den
Beschwerdeführer bis zur Ausreise beschäftigt habe. Die finanzielle Lage
ihrer Familie habe sich nach deren Zuzug in die Stadt D._ (im Jahr
2003) verbessert und ihre Brüder hätten die Beschwerdeführenden auch
bei ihrer Ausreise finanziell unterstützt. Es seien den vorliegenden Akten
keine Hinweise zu entnehmen, wonach ihre Familie sie nicht auch nach
ihrer Rückkehr unterstützen könnte. Die Beschwerdeführerin stehe ihren
Angaben zufolge in regelmässigem Kontakt mit ihrer Familie und vermisse
sie.
G.b.c Bezüglich der eigenen finanziellen Situation hätten die Beschwerde-
führenden ausgeführt, sie hätten "nicht zu den Armen" gehört. Zwar sei ih-
ren Angaben zu entnehmen, dass sich die wirtschaftliche Lage im Vorfeld
ihrer Ausreise tendenziell verschlechtert habe und es in ihrer Herkunftsre-
gion im Allgemeinen wenig Arbeit gegeben habe. Die Beschwerdeführerin
habe jedoch ausgeführt, dass es ihnen dennoch gut gegangen sei und sie
sich über die Runden hätten bringen können. Nach dem Gesagten sei da-
von auszugehen, dass den Beschwerdeführenden die Möglichkeit einer
sozialen und wirtschaftlichen Reintegration in ihrer Herkunftsregion offen-
stehe.
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G.b.d Schliesslich würden die gesundheitlichen Beschwerden der Be-
schwerdeführerin (schwere Depression, Kopfschmerzen und [...]) einem
Wegweisungsvollzug nicht entgegenstehen. Bezüglich der (...) sei sie den
vorliegenden Arztberichten zufolge bereits im Irak behandelt worden. Zu-
dem seien hinsichtlich ihrer physischen Beschwerden den vorliegenden
Akten keine Hinweise zu entnehmen, wonach in ihrem Fall eine komplexe
oder dringliche Behandlung indiziert wäre. Hinsichtlich ihrer psychischen
Beschwerden sei anzumerken, dass eine psychiatrische Behandlung in
D._ möglich sei. Ferner stehe es ihr frei, medizinische Rückkehr-
hilfe zu beantragen. Trotz ihren gesundheitlichen Problemen sei das Vor-
handensein begünstigender Faktoren zu bejahen. Den Akten seien ferner
keine Hinweise zu entnehmen, wonach der Wegweisungsvollzug dem
Kindswohl widerspreche.
H.
Gegen diese Verfügung erhoben die Beschwerdeführenden mit Eingabe
vom 14. Juni 2021 (Datum Poststempel) – handelnd durch den rubrizierten
Rechtsvertreter – Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und bean-
tragten dabei in materieller Hinsicht, der angefochtene Entscheid sei in den
Dispositionspunkten 4 und 5 (recte: 4 bis 6) aufzuheben und es sei die
Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen und die vor-
läufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten
sie – unter Einreichung einer Sozialhilfebestätigung (in Kopie) – um Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um Bewilligung der
unentgeltlichen Prozessführung sowie um Gewährung eines unentgeltli-
chen Rechtsbeistandes in der Person ihres Rechtsvertreters.
I.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 16. Juni 2021 den Eingang
der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
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zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
Die durch einen in Asylsachen versierten Rechtsvertreter verfasste Be-
schwerde richten sich gemäss Rechtsbegehren ausschliesslich gegen den
vom SEM verfügten Wegweisungsvollzug. Die vorinstanzliche Verfügung
ist damit, soweit sie die Fragen der Flüchtlingseigenschaft und der Asylge-
währung (Ziffern 1 und 2 des Dispositivs) betrifft – unbesehen des Ein-
wands in der Beschwerde, wonach die Vorbringen der Beschwerdeführerin
(vgl. E. 7.3.2 nachstehend) unter dem Aspekt der frauenspezifischen
Fluchtgründe zu prüfen gewesen wären und vom Rechtsvertreter als asyl-
relevant erachtet würden – in Rechtskraft erwachsen. Sodann ist auch die
Anordnung der Wegweisung (Ziffer 3 des Dispositivs) nicht mehr zu über-
prüfen. Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet des-
halb einzig die Frage, ob der Wegweisungsvollzug vom SEM zu Recht als
zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet wurde.
4.
4.1 In der Beschwerdeschrift werden der Vorinstanz – zumindest sinnge-
mäss – Verletzungen des Anspruchs auf rechtliches Gehör (und mithin der
Begründungspflicht) sowie des Untersuchungsgrundsatzes vorgeworfen.
Diese formellen Rügen sind vorab zu prüfen, da sie allenfalls zu einer Kas-
sation der angefochtenen Verfügung führen könnten.
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4.2
4.2.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör (vgl. auch Art. 29 Abs. 2 BV). Das rechtliche Gehör dient einerseits
der Sachaufklärung, anderseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mit-
wirkungsrecht beim Erlass eines Entscheides dar, welcher in die Rechts-
stellung des Einzelnen eingreift. Dazu gehört insbesondere das Recht des
Betroffenen, sich vor Erlass eines solchen Entscheides zur Sache zu äus-
sern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen,
mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung
wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Be-
weisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu be-
einflussen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungs-
recht somit alle Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in
einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl.
BGE 135 II 286 E. 5.1 m.w.H.).
Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin-
gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidung an-
gemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss so abgefasst sein,
dass die betroffene Person den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht an-
fechten kann. Die Behörde muss die wesentlichen Überlegungen nennen,
von denen sie sich hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt.
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1 m.w.H.).
4.2.2 Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsät-
zen des Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach
hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklä-
rung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Dieser Grundsatz gilt
indes nicht uneingeschränkt; er findet seine Grenzen an der Mitwirkungs-
pflicht des Asylsuchenden (vgl. Art. 8 AsylG).
4.3
4.3.1 Konkret bemängeln die Beschwerdeführenden, das SEM habe in der
angefochtenen Verfügung die Wegweisungsvollzugspraxis des Bundes-
verwaltungsgerichts falsch dargestellt, indem es festgehalten habe, dass
der Wegweisungsvollzug in die ARK grundsätzlich zumutbar sei und dies
im Einklang mit der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts stehe. Diesbe-
züglich habe es lediglich auf Urteile des Bundesverwaltungsgerichts ver-
wiesen, die alleinstehende, gesunde und junge Männer (Kurden aus der
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Seite 8
KRG-Region) betreffen würden. Der Grund, weshalb es diese Urteile her-
angezogen habe, obwohl vorliegend eine Familie mit einem kleinen Kind
vom Wegweisungsvollzug betroffen sei, bleibe im Dunkeln. Da das SEM
an den Untersuchungsgrundsatz gebunden sei und seine Asylentscheide
ausgewogen zu begründen habe, hätte es sein Vorgehen transparent ma-
chen und erläutern müssen.
4.3.2 Diese Rügen zielen ins Leere. Allein aus dem Umstand, dass das
SEM in seinen generell den Wegweisungsvollzug in die ARK betreffenden
Erwägungen auf Urteile des Bundesverwaltungsgerichts verwies, die nicht
(vollständig) auf die vorliegende Konstellation passen, und den Grund hier-
für nicht anführte, resultiert noch keine Verletzung des Untersuchungs-
grundsatzes oder der Begründungspflicht.
4.4
4.4.1 Sodann wird in der Beschwerde geltend gemacht, das SEM habe es
unterlassen, die Vorbringen der Beschwerdeführerin (vgl. E. 7.3.2 nachste-
hend) in den Sachverhalt aufzunehmen und in der Entscheidfindung ange-
messen zu berücksichtigen.
4.4.2 Dazu ist Folgendes festzuhalten: Gemäss den nachfolgenden Erwä-
gungen erweisen sich die Vorbringen der Beschwerdeführerin zu den Miss-
handlungen durch ihre Cousins für die Beurteilung der Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs als unerheblich. Ihre angeblich daraus resultieren-
den gesundheitlichen Probleme und ihre behauptete fehlende schulische
sowie berufliche Ausbildung (und damit die traditionelle Lebensweise ihrer
Familie) wurden sodann in der angefochtenen Verfügung berücksichtigt.
Mithin liegt auch diesbezüglich – unter Hinweis auf die Ausführungen in
E. 4.2.1 – offensichtlich keine Verletzung der Begründungspflicht vor.
4.5 Sofern in der Beschwerde schliesslich gerügt wird, die finanzielle Lage
der Beschwerdeführenden vor ihrer Ausreise sei nicht ausreichend abge-
klärt worden, erweist sich – angesichts der dazu gestellten Fragen (vgl.
Akten SEM 1071747-49/18 F19, 43; 1071747-50/15 F19 ff.) – auch diese
Rüge als unbegründet.
4.6 Nach dem Gesagten besteht keine Veranlassung, die angefochtene
Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vor-
instanz zurückzuweisen.
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Seite 9
5.
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
5.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
6.
6.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
6.2 Vorliegend ist rechtskräftig festgestellt, dass die Beschwerdeführenden
die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, weshalb das flüchtlingsrechtliche
Rückschiebungsverbot von Art. 5 Abs. 1 AsylG und Art. 33 Abs. 1 FK nicht
anwendbar ist.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wären. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müssten die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefahr ("real risk") nach-
weisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rückschiebung
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Seite 10
Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des
EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Dies ist ihnen bezüglich ihrer Vorbringen
zur Verfolgung durch die Cousins des Beschwerdeführers, an deren Glaub-
haftigkeit auch seitens des Gerichts Vorbehalte bestehen, unter Hinweis
auf die vorinstanzlichen Erwägungen zur fehlenden Inanspruchnahme der
staatlichen Schutzinfrastruktur nicht gelungen. Für die Behauptung in der
Beschwerde, wonach die Beschwerdeführerin im Falle einer Rückkehr auf-
grund der traditionellen Lebensweise ihrer Familie kein menschenwürdiges
Leben zu erwarten habe, gibt es sodann keinerlei Anhaltspunkte (vgl. dazu
E. 7.4.2 nachstehend). Dass der Beschwerdeführerin im Kindesalter der
Zugang zu Schulbildung verwehrt worden ist, bildet kein Vollzugshindernis
im Sinne einer Unzulässigkeit. Ferner lässt auch die allgemeine Menschen-
rechtssituation in der KRG-Region den Wegweisungsvollzug zum heutigen
Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen (vgl. Referenzurteil des BVGer
E-3737/2015 vom 14. Dezember 2015 E. 6.3.2; ferner etwa die Urteile
E-2540/2021 vom 23. Juni 2021 E. 8.3 und E-1438/2021 vom 17. Mai 2021
E. 10.2.2).
6.3 Der Vollzug der Wegweisung ist damit sowohl im Sinne der asyl- als
auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
7.
7.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.2 Im bereits erwähnten Referenzurteil E-3737/2015 (E. 7.4.5) bestätigte
das Bundesverwaltungsgericht seine in BVGE 2008/5 publizierte Praxis
zur Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die ARK (umfas-
send seit Anfang 2015 die Provinzen Dohuk, Erbil, Suleimaniya sowie der
von Letzterer abgespalteten Provinz Halabja). Demnach sei nicht von einer
Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG auszugehen.
Diese Einschätzung hat nach wie vor Gültigkeit. Die langjährige Praxis im
Sinne von BVGE 2008/5 für aus dem ARK-Gebiet stammende Kurdinnen
und Kurden bleibt somit weiterhin anwendbar. Die Anordnung des Wegwei-
sungsvollzugs setzt insbesondere voraus, dass die betreffenden Personen
ursprünglich aus der Region stammen oder längere Zeit dort gelebt haben
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Seite 11
und dort über ein soziales Beziehungsnetz (Familie, Verwandtschaft oder
Bekanntenkreis) oder über Beziehungen zu den herrschenden Parteien
verfügen (BVGE 2008/5 E. 7.5). Angesichts der Belastung der behördli-
chen Infrastrukturen durch im Irak intern Vertriebene (Internally Displaced
Persons, IDP) ist der Prüfung des Vorliegens begünstigender individueller
Faktoren – insbesondere denjenigen eines tragfähigen familiären Bezie-
hungsnetzes – besonderes Gewicht beizumessen. Unter Beachtung der
genannten Grundsätze qualifiziert das Gericht auch den Vollzug der Weg-
weisung von Familien mit Kindern in die KRG-Region nicht als grundsätz-
lich unzumutbar (vgl. zum Ganzen etwa die bereits genannten Urteile des
BVGer E-2540/2021 vom 23. Juni 2021 E. 8.4.1 f. und E-1438/2021 vom
17. Mai 2021 E. 10.3.1 je m.w.H.).
7.3
7.3.1 In der Beschwerdeschrift wird die Ansicht vertreten, dass der Weg-
weisungsvollzug im vorliegenden Fall – entgegen der Einschätzung des
SEM – nicht zumutbar sei. Zur Begründung wird im Wesentlichen vorge-
bracht, dass das Bundesverwaltungsgericht bei der Feststellung der Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die ARK für Familien mit Kindern
grosse Zurückhaltung verlange, welche in der angefochtenen Verfügung
nicht erkennbar sei. Das SEM habe keine Elemente in die Waagschale ge-
legt, welche gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sprechen
würden und habe insbesondere die Situation der Beschwerdeführerin nicht
ansatzweise berücksichtigt.
7.3.2 Diese habe angegeben, ihre Vergangenheit, womit sie die traditio-
nelle Lebensweise gemeint habe, habe sie schlecht behandelt. Bis im Jahr
2003 habe sie zusammen mit ihren Cousins in einem Dorf ausserhalb der
Stadt D._ gelebt. Von ihren Cousins sei sie sehr schlecht behandelt
und auch misshandelt worden. Sie sei ständig (auch auf den Kopf) geschla-
gen und wie ein Tier behandelt worden. Im Jahr 2003 sei sie mit ihrer Mut-
ter und ihren Geschwistern in die Stadt D._ gezogen, wodurch sich
die Situation zum Besseren gewendet habe. Sie sei danach nicht mehr
körperlich misshandelt worden. Dennoch sei es ihr aufgrund ihres Ge-
schlechts untersagt gewesen, zur Schule zu gehen, entgeltliche Arbeit zu
leisten und sich zu bilden. Ihre Familie habe sie gezwungen, den Haushalt
für die Männer zu machen. Mithin sei ihre persönliche Entfaltung systema-
tisch verhindert und sie – so die Ansicht des Rechtsvertreters – zeitweise
wie eine Sklavin gehalten worden. Als Folge davon klage sie heute über
Kopfschmerzen und Migräne, habe psychische Probleme und sei Analpha-
betin.
D-2797/2021
Seite 12
7.3.3 Es sei nicht nachvollziehbar, dass das SEM im Zusammenhang mit
dem Vorliegen eines tragfähigen Beziehungsnetzes auf die Mutter und die
Brüder der Beschwerdeführerin und damit auf jene Personen verweise,
welche sie ein Leben lang systematisch unterdrückt und ihre persönliche
Entfaltung verhindert hätten. Die vorinstanzlichen Erwägungen führten zur
Ansicht des SEM, dass die Beschwerdeführerin nach der Rückkehr unge-
bildet bleiben, den Haushalt weiter besorgen und finanziell von ihrer Fami-
lie abhängig sein soll. Die Argumentation, wonach beiden Beschwerdefüh-
renden die Möglichkeit einer sozialen und wirtschaftlichen Reintegration
offenstehen würde, erscheine – betreffend die Beschwerdeführerin – fast
schon zynisch. Ausserdem impliziere die vom SEM angenommene Mög-
lichkeit der wirtschaftlichen Reintegration, dass die Beschwerdeführerin
bereits vor der Flucht wirtschaftlich integriert gewesen sei.
7.3.4 Des Weiteren könne aufgrund der Aussagen der Beschwerdeführen-
den und der Akten davon ausgegangen werden, dass sie nach der Entlas-
sung des Beschwerdeführers beim (...) grosse Probleme gehabt hätten,
ihre Lebenskosten zu decken. Sie hätten verschiedentlich gesagt, die fi-
nanzielle Lage sei vor der Ausreise schlecht gewesen und sie hätten ihr
Auto verkaufen müssen, um anfallende medizinische Kosten zu decken.
Der Aufbau einer Existenzsicherung und die wirtschaftliche Reintegration
der Familie sei nicht gesichert. Die nicht ausgebildete Beschwerdeführerin
werde aufgrund ihrer familiären Geschlechterrolle im Irak nie etwas zur
Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Familie beitragen können.
7.3.5 Was schliesslich die schwere Depression der Beschwerdeführerin
betreffe, könne dem in der angefochtenen Verfügung erwähnten Arztbe-
richt nicht entnommen werden, weswegen, wie oft und wann sie im Irak
medizinisch behandelt worden sei. Zudem sei stark daran zu zweifeln, dass
ihre Familie – gemäss SEM ihr tragfähiges Beziehungsnetz – eine psychi-
atrische Behandlung zulassen würde.
7.4
7.4.1 Auch wenn gemäss BVGE 2008/5 die Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs in die ARK für Familien mit Kindern nur mit grosser Zurück-
haltung zu bejahen ist, liegen vorliegend – in Übereinstimmung mit dem
SEM – begünstigenden Faktoren vor, aufgrund derer sich der Wegwei-
sungsvollzug als zumutbar erweist. Die Beschwerdeführenden stammen
beide aus der Provinz D._, lebten spätestens seit 2003 und bis zu
ihrer Ausreise im September 2018 in der Stadt D._ und verfügen
auf beiden Seiten über ein tragfähiges Beziehungsnetz. Diesbezüglich
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Seite 13
kann zur Vermeidung von unnötigen Wiederholungen zunächst auf die vo-
rinstanzlichen Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen
werden (vgl. Bst. G.b.a f. vorstehend). Den zutreffenden Ausführungen des
SEM zum familiären Beziehungsnetz des Beschwerdeführers wurde in der
Beschwerdeschrift nichts entgegengehalten, weshalb auch nicht weiter da-
rauf einzugehen ist.
7.4.2 Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Ansicht sind sodann die
vorinstanzlichen Erwägungen im Zusammenhang mit dem tragfähigen Be-
ziehungsnetz der Beschwerdeführerin nicht zu beanstanden. Es ist nicht
ersichtlich, weshalb es ihr (und dem Beschwerdeführer) nicht zumutbar
sein soll, nach ihrer Rückkehr wieder auf ihr familiäres Beziehungsnetz
(bestehend aus ihrer Mutter, ihrer Schwester und insb. ihren drei Brüdern)
zurückzugreifen, welches sie schon bei der Ausreise finanziell unterstützte.
Daran vermag der Hinweis auf die behauptete traditionelle Lebensweise
ihrer Familie, aufgrund welcher es ihr nicht möglich gewesen sei, die Schu-
le zu besuchen, eine Ausbildung zu machen und zu arbeiten, nichts zu än-
dern. Wie sich selbst aus den Ausführungen in der Beschwerdeschrift er-
gibt, erlebte die Beschwerdeführerin "nur" durch ihre Cousins und "ledig-
lich" während des Zusammenlebens mit diesen bis ins Jahr 2003 körperli-
che Misshandlungen, wobei nicht erkennbar ist, inwiefern die entsprechen-
den Vorfälle für die Beurteilung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs von Bedeutung sein sollen. Die Beschwerdeführerin gab zudem ex-
plizit zu Protokoll, dass ihre Mutter und ihre Brüder alle gut seien und sie
von ihnen gut behandelt worden sei sowie sie sehr vermisse; ihre Mutter
sei im Übrigen auch damit einverstanden gewesen, dass sie die Schule
besuche oder arbeite, aber ihre Cousins hätten so etwas als Schande an-
gesehen (vgl. 1071747-50/15 F7 und 82). Aufgrund dieser Aussagen sowie
ihrer unsubstanziierten Angabe, wonach "sie" es nicht zugelassen hätten,
dass sie eine Ausbildung gemacht habe (vgl. 1071747-50/15 F16), ist so-
dann ohnehin zweifelhaft, dass es ihr nach dem Wegzug aus dem Dorf
weiterhin – entgegen ihrem Willen und aufgrund des Widerstands ihrer
Mutter oder ihrer Brüder – nicht möglich gewesen sein soll, die Schule zu
besuchen, eine Ausbildung zu machen oder zu arbeiten. Der behauptete
Vorfall, als sie beim Versuch zu Schreiben auf die Hand geschlagen wor-
den sei, dürfte sich gemäss ihren Aussagen jedenfalls während des Zu-
sammenlebens mit ihren Cousins ereignet haben (vgl. 1071747-50/15 F7).
Ferner darf davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführenden
von der Familie der Beschwerdeführerin (insb. ihrer Mutter und ihren Brü-
dern) auch nach ihrer Rückkehr mit Unterstützung rechnen können. Daran
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vermag die unsubstanziierte Behauptung der Beschwerdeführerin, wonach
die wirtschaftliche Situation ihrer Familie momentan – nach "dieser" Krank-
heit (gemeint wohl: der Mutter) und nachdem sie bei der Ausreise geholfen
habe – schlecht sei (vgl. 1071747-50/15 F32 und 42), nichts zu ändern.
Angesichts der bisher nicht in Anspruch genommenen Schutzinfrastruktur
im Heimatstaat gilt das Gleiche für die – im Übrigen ebenfalls unsubstan-
ziierten – Vorbringen der Beschwerdeführenden, wonach die Familie we-
gen ihren behaupteten Problemen genug von ihnen gehabt habe (vgl.
1071747-49/18 F64, 72 und 78; 1071747-50/15 F47 [S. 8] und 66).
7.4.3 Es ist somit von einem grossen tragfähigen Beziehungsnetz sowie
einer gesicherten Wohnsituation auszugehen. Ferner sind auch die vorin-
stanzlichen Erwägungen zur eigenen finanziellen Situation der Beschwer-
deführenden zu bestätigen (vgl. Bst. G.b.c vorstehend). Entgegen der in
der Beschwerde vertretenen Ansicht, besteht kein Grund, die diesbezügli-
chen Aussagen der Beschwerdeführerin respektive deren Einschätzung
der eigenen finanziellen Situation wegen ihrer behaupteten fehlenden Bil-
dung anzuzweifeln. Im Übrigen ist auch den knappen und undifferenzierten
Aussagen des Beschwerdeführers nicht zu entnehmen, dass sie Probleme
gehabt hätten, insbesondere in den knapp elf Monaten vor ihrer Ausreise
– und damit nach dem angeblich durch die hohen Spitalkosten ihres ver-
storbenen Kindes bedingten Verkauf ihres Autos – ihre Lebenskosten zu
decken (vgl. 1071747-49/18 F19 und 43). Damals arbeitete der Beschwer-
deführer bei seinem Schwager in dessen (...). Es ist davon auszugehen,
dass er bei einer Rückkehr wieder dort wird arbeiten oder anderweitig für
sich und seine Familie wird sorgen können, gegebenenfalls mit Unterstüt-
zung des im Heimatland lebenden Beziehungsnetzes.
7.4.4 Ferner ist nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführenden
bei einer Rückkehr in eine medizinische Notlage geraten würden. Der Be-
schwerdeführer und die Tochter sind – mit Ausnahme von (...) beim Be-
schwerdeführer – gesund (vgl. 1071747-49/18 F37; 1071747-50/15 F73).
Aus den in den vorinstanzlichen Akten liegenden Arztberichten ergibt sich
im Wesentlichen, dass bei der Beschwerdeführerin eine schwere depres-
sive Episode sowie eine (...) diagnostiziert wurde und sie an Kopfschmer-
zen sowie (...) unklarer Ursache leidet (vgl. 1071747-37/2, 39/3 und 44/3;
vgl. ferner 1071747-30/2 S. 2). Ausserdem ergibt sich aus ihren Aussagen
während der Anhörung, dass sie manchmal Schmerzen am (...) und (...)
habe (vgl. 1071747-50/15 F35). Wegen ihrer (...) soll sie – wie schon in der
angefochtenen Verfügung explizit betreffend die (...) und nicht, wie in der
Beschwerde behauptet, betreffend die psychischen Probleme festgehalten
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– bereits im Irak behandelt worden sein und (...) Medikamente erhalten
haben (vgl. 1071747-37/2 und 39/3). Es ist sodann auf die Rechtsprechung
des Bundesverwaltungsgerichts hinzuweisen, gemäss welcher die medizi-
nische Grundversorgung in der KRG-Region sichergestellt ist und psychi-
sche Erkrankungen adäquat behandelbar sind (vgl. etwa Urteile des
BVGer E-2540/2021 vom 23. Juni 2021 E. 8.4.3; D-6464/2018 vom
26. Februar 2020 E. 10.2.5 m.w.H.). Auch wenn der Behandlungsstandard
im Nordirak im Vergleich mit der Schweiz tiefer ist, ist hinsichtlich der ak-
tenkundigen Gesundheitsprobleme der Beschwerdeführerin davon auszu-
gehen, dass eine allfällige notwendige (Weiter-)Behandlung und medika-
mentöse Versorgung bei einer Rückkehr gewährleistet ist. Bezüglich allfäl-
lig fehlender finanzieller Mittel zur Finanzierung entsprechender Behand-
lungen oder Therapien ist auf die Möglichkeit spezifischer medizinischer
Rückkehrhilfe, die nicht nur in der Form der Mitgabe von Medikamenten,
sondern beispielsweise auch der Übernahme von Kosten für notwendige
Therapien bestehen kann (Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG), hinzuweisen. Es
bestehen sodann keine Anhaltspunkte, dass die Familie der Beschwerde-
führerin eine psychiatrische Behandlung nicht zulassen würde, was im Üb-
rigen ohnehin nichts an der grundsätzlichen Verfügbarkeit entsprechender
Behandlungsmöglichkeiten ändern würde.
7.4.5 Auch unter dem Aspekt des Kindeswohls im Sinne von Art. 3 Abs. 1
des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kin-
des (KRK, SR 0.107) sind keine Vollzugshindernisse ersichtlich (vgl. die zu
beachtenden Kriterien in BVGE 2015/30 E. 7.2 m.w.H.). So ist die Tochter
der Beschwerdeführenden mit ihren (...) Jahren noch in einem sehr stark
von der Familie geprägten Alter. Bei einer Rückkehr zusammen mit ihren
Eltern wird sie daher kaum aus stabilen Beziehungen herausgerissen und
sich aufgrund ihres Alters in ihrem Heimatland problemlos integrieren kön-
nen. Es kann sodann hinsichtlich der im ärztlichen Bericht vom 22. Sep-
tember 2020 festgehaltenen Empfehlung einer Kinderbetreuung zur Ent-
lastung der Beschwerdeführerin (vgl. 1071747-39/3) davon ausgegangen
werden, dass die Beschwerdeführenden auch diesbezüglich von ihrem in
D._ vorhandenen Beziehungsnetz unterstützt werden, sollte dies
nötig sein.
7.5 Damit sind keine Aspekte ersichtlich, die darauf schliessen lassen wür-
den, dass die Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr aus persönlichen
Gründen wirtschaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Art in eine existen-
zielle Notlage geraten würden. Insgesamt erweist sich der Vollzug der
Wegweisung für die Beschwerdeführenden und ihre Tochter als zumutbar.
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Die übrigen Beschwerdevorbringen sind nicht geeignet, eine Änderung die-
ser Einschätzung zu bewirken, weshalb nicht weiter darauf einzugehen ist.
8.
Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates – sofern überhaupt nötig (vgl. 1071747-
49/18 F38 ff.) – die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu
beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12),
weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist
(Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.
Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht
als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vor-
läufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist. Die
Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Mit dem Entscheid in der Hauptsache ist der Antrag, es sei auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten, gegenstandslos gewor-
den.
11.2 Die Beschwerdeführenden beantragten die Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie die Beiordnung
eines amtlichen Rechtsbeistandes gemäss Art. 102m AsylG. Da die Be-
schwerdebegehren nicht als aussichtslos zu qualifizieren waren und die
Bedürftigkeit der Beschwerdeführenden belegt ist, sind die Gesuche um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Beiordnung eines
amtlichen Rechtsbeistandes gutzuheissen.
11.3 Die Kosten des Verfahrens wären ausgangsgemäss den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Zufolge der gewährten
unentgeltlichen Prozessführung sind indessen keine Verfahrenskosten zu
erheben.
11.4 Der Rechtsvertreter ist antragsgemäss als amtlicher Rechtsbeistand
beizuordnen und unbesehen des Verfahrensausgangs für die notwendigen
Ausgaben im Beschwerdeverfahren zu entschädigen. Eine Kostennote
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wurde nicht eingereicht. Auf eine entsprechende Nachforderung kann in-
dessen verzichtet werden, da sich die Vertretungskosten aufgrund der Ak-
ten abschätzen lassen (Art. 14 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]). Dem amtlichen Rechtsvertreter ist dem-
nach durch das Bundesverwaltungsgericht ein Honorar gestützt auf die in
Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) in der Höhe
von Fr. 800.– (inkl. Auslagen) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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