Decision ID: a56e4d3c-2dc5-4374-a4cb-6d310ed503d4
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
A._ (geb. 2013) und B._ (geb. 2015) sind die Söhne von C._ (geb. 1991) und D._
(geb. 1977), unter deren gemeinsamer elterlicher Sorge sie stehen. Mit
Eheschutzentscheid des Kreisgerichts H._ vom 23. März 2017 wurden A._ und B._
für die Dauer der Aufhebung des gemeinsamen Haushalts unter die Obhut der Mutter
gestellt, die damals in F._ SG lebte, bevor sie am 1. April 2019 nach G._ TG zog.
B.
Das zuständige Behördenmitglied der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde H._
(Vizepräsident der KESB H._) entzog dem Vater mit superprovisorischer Verfügung
vom 30. November 2018 das Aufenthaltsbestimmungsrecht über A._ und B._ und
platzierte diese im K._heim in W._ (act. 3/2). Mit Verfügung vom 12. Dezember 2018
entzog der Vizepräsident der KESB H._ beiden Elternteilen das
Aufenthaltsbestimmungsrecht über A._ und B._ vorsorglich und platzierte die Brüder
im K._heim in W._ ZH; zudem wurde eine ambulante Begutachtung der Kinder
angeordnet (act. 3/3). Am 13. Dezember 2018 wurde A._ fürsorgerisch in der Klinik
Z._ in E._ untergebracht. Ab 25. März 2019 wurde er vorsorglich im
Kinderschutzzentrum X._ und ab 22. April 2019 in der Sozialpädagogischen
Lebensgemeinschaft des Vereins M._ in R._ untergebracht (Verfügung des
Vizepräsidenten der KESB H._ vom 22. März 2019, act. 3/4). Das Sozialamt der
Politischen Gemeinde F._ unterzeichnete am 11. März 2019 die
Kostenübernahmegarantien für die Aufenthalte von A._ und B._ im K._heim in W._
ab 30. November 2018 sowie am 3. Juli 2019 jene für den Aufenthalt von A._ im
Kinderschutzzentrum in X._ ab 25. März 2019 (act. 6/3.17 und 18).
Mit Verfügung vom 19. November 2019 bestätigte die KESB H._ als Kollegialbehörde
den gegenüber den Eltern C._ und D._ verfügten Entzug des
Aufenthaltsbestimmungsrechts über A._ und B._ sowie die bereits per 22. April 2019
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erfolgte Platzierung von A._ in der Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft des
Vereins M._ in R._; ferner ordnete sie die Umplatzierung von A._ in dieselbe
Institution per 9. Dezember 2019 an. Für die Eltern wurden begleitete Besuche
angeordnet (act. 3/8).
C.
Mit Schreiben vom 14. Juni 2019 unterbreitete das Sozialamt F._ dem Amt für
Soziales des Kantons St. Gallen eine Unterstützungsanzeige nach Art. 30 des
Bundesgesetzes über die Zuständigkeit für die Unterstützung Bedürftiger (SR 851.1,
ZUG) und ersuchte die Stadt G._, wohin die Mutter gezogen war, die
Platzierungskosten für die beiden Kinder ab 1. April 2019 zu übernehmen. Das
Sozialamt des Kantons Thurgau lehnte eine Kostenübernahme mit Schreiben vom 6.
September 2019 ab (act. 6/3.7).
Das Amt für Soziales des Kantons St. Gallen stellte in der Folge mit Verfügung vom
26. November 2019 die Pflicht der Politischen Gemeinde F._ zur Tragung der Kosten
der Aufenthalte von A._ im Kinderschutzzentrum X._ (25. März bis 22. April 2019) und
in der Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft des Vereins M._ in R._ (ab 22. April
2019) sowie von B._ im K._heim in W._ (ab. 30. November 2018) fest (act. 6/3.1).
Zur Begründung wurde ausgeführt, dass die Aufenthalte in den verschiedenen
Einrichtungen nicht geeignet gewesen seien, einen neuen Wohnsitz der Minderjährigen
an den jeweiligen Standorten zu begründen. Der letzte von der Mutter abgeleitete
Wohnsitz in F._ bleibe daher bestehen.
D.
Den dagegen von der Politischen Gemeinde F._ erhobenen Rekurs wies das
Departement des Innern mit Entscheid vom 12. April 2021 (act. 2) ab im Wesentlichen
mit der Begründung, mit dem Eintritt von A._ und B._ in das K._heim in W._ habe
die tatsächliche Obhut der Mutter und am 12. Dezember 2018 auch deren Befugnis zur
täglichen Betreuung, Pflege und Erziehung der beiden Kinder geendet. Der Wegzug der
Mutter per 1. April 2019 nach G._ habe daher nicht zu einem von der Mutter
abgeleiteten, neuen zivilrechtlichen Wohnsitz der Kinder geführt. Die Platzierung der
Kinder sei vielmehr zu einem Sonderzweck erfolgt und nicht auf Dauer angelegt
gewesen, weshalb deren Aufenthalt in den verschiedenen Einrichtungen keinen
Wohnsitz geschaffen habe, womit der Wohnort F._ als letzter von der Mutter
abgeleiteter Wohnsitz bestehen bleibe.
E.
Die Politische Gemeinde F._ (Beschwerdeführerin) erhob gegen den Rekursentscheid
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des Departements des Innern (Vorinstanz) vom 12. April 2021 mit Eingabe vom 27.
April 2021 Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit den Anträgen, unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen sei der angefochtene Entscheid aufzuheben (act. 1). Es sei
festzustellen, dass die Stadt F._ für die Kostentragung im Rahmen der IVSE-
Leistungsabgeltung für A._ und B._ seit dem 1. April 2019 örtlich nicht zuständig sei,
und die IVSE-Verbindungsstelle des Kantons St. Gallen sei anzuweisen, dem Kanton
Thurgau den Widerruf der erteilten Kostenübernahmegarantie per 1. April 2019
mitzuteilen. Die Vorinstanz verzichtete auf eine Vernehmlassung.
Auf die Ausführungen der Beschwerdeführerin zur Begründung ihrer Anträge sowie die
Akten wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Die Politische Gemeinde
F._, deren Rekurs gegen die von der Verbindungsstelle nach der Interkantonalen
Vereinbarung für soziale Einrichtungen (sGS 381.31, IVSE) festgestellte Verpflichtung
zur Tragung der Kosten für Aufenthalte von A._ und B._ in verschiedenen
Institutionen mit dem angefochtenen Entscheid der Vorinstanz vom 12. April 2021
abgewiesen worden war, ist zur Erhebung der Beschwerde befugt (Art. 64 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP; Art. 5 Abs. 1 des Sozialhilfegesetzes, sGS 381.1,
SHG; Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003,
Rz. 446). Die Beschwerde wurde mit Eingabe vom 27. April 2021 rechtzeitig erhoben
und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64
in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Mit dem am 1. Januar 2018 in Kraft getretenen IV. Nachtrag zum Sozialhilfegesetz vom
25. April 2017 (IV. Nachtrag in: nGS 2017-064; Botschaft vom 6. September 2016 in:
ABl 2016 2707 ff. oder unter www.ratsinfo.sg.ch: Geschäftsnummer 22.16.02) und dem
(gestaffelt) am 1. Januar 2019, 1. April 2019 und 1. Januar 2020 in Vollzug getretenen
V. Nachtrag vom 29. Januar 2019 (nGS 2019-024, Botschaft vom 1. Mai 2018 und
Festlegung des Vollzugsbeginns: Protokoll der Regierung des Kantons St. Gallen vom
5. Februar 2019, Nr. 047, www.ratsinfo.sg.ch: Geschäftsnummer 22.18.11) wurden die
gesetzlichen Grundlagen betreffend die Gewährung finanzieller Sozialhilfe in
stationären Einrichtungen revidiert. Nach den allgemein gültigen
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intertemporalrechtlichen Grundsätzen ist die Rechtmässigkeit von Verwaltungsakten
mangels einer anderslautenden übergangsrechtlichen Regelung nach der Rechtslage
im Zeitpunkt ihres Ergehens zu beurteilen (vgl. z.B. BGE 139 II 263 E. 6; 135 II 384 E.
2.3; 125 II 591 E. 5e/aa; je mit Hinweisen). In anderen Urteilen des Bundesgerichts (vor
allem zum Sozialversicherungsrecht) findet sich die Formulierung, es seien jene
Rechtssätze massgebend, die im Zeitpunkt der Verwirklichung des Sachverhalts bzw.
der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 129 V
1 E. 1.2 S. 4 mit Hinweisen). Eine dem SHG eigene übergangsrechtliche Regelung
besteht zum Bereich der Staatsbeiträge nur in Art. 57b SHG, wonach die bei
Vollzugsbeginn des V. Nachtrags dem Bereich A der IVSE unterstellten Einrichtungen
nach Art. 40d SHG gelten. Weitere übergangsrechtliche Bestimmungen zu den
Beiträgen bei Unterbringungen von Minderjährigen in einem Kinder- oder Jugendheim
sind nicht vorhanden. Der vorliegend zu beurteilende Sachverhalt trug sich in den
Jahren 2018 und 2019 zu, mithin vor dem Vollzugsbeginn der vorliegend anwendbaren
Bestimmungen des SHG (Art. 41 bis 43) durch den V. Nachtrag, welcher am 1. Januar
2020 in Kraft trat (nGS 2019-24). Dementsprechend ist die Streitsache - unter
Anwendung der oben dargelegten Grundsätze - nach der bis dahin geltenden Fassung
des SHG zu beurteilen. Gleiches gilt in Bezug auf die darin enthaltenen Verweise auf
die Bestimmungen der IVSE in der zum damaligen Zeitpunkt geltenden Fassung (vgl.
VerwGE B 2016/212 vom 14. Juli 2018 E. 2). Soweit es nachfolgend um Art. 4 lit. d
IVSE geht, hat dieser indessen keine Änderung erfahren.
3.
Die Beschwerdeführerin ist der Auffassung, der für die Leistungsabgeltung
massgebliche zivilrechtliche Wohnsitz von A._ und B._ habe sich ab 1. April 2019 in
G._ befunden, weshalb ihr die Kosten für die Aufenthalte der Kinder im K._heim in
W._, im Kinderschutzzentrum X._ und in der Sozialpädagogischen
Lebensgemeinschaft des Vereins M._ in R._ ab jenem Zeitpunkt nicht auferlegt
werden könnten.
3.1.
Nach aArt. 41 Abs. 1 lit. a SHG erhalten Heime und Einrichtungen ausserhalb des
Kantons für st. gallische Betreuungsbedürftige Beiträge nach der IVSE. Heime und
Einrichtungen im Kanton wiederum erhalten Beiträge nach der ISVE für
ausserkantonale Betreuungsbedürftige im Umfang der Vergütungen anderer Kantone
(aArt. 41 Abs. 1 lit. b Ziff. 1 SHG), sowie für st. gallische Betreuungsbedürftige in
3.1.1.
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sachgemässer Anwendung der Bestimmungen der IVSE (aArt. 41 Abs. 1 lit. b Ziff. 2
SHG). Die zuständige Stelle des Staates leistet Kostenübernahmegarantie bei
zivilrechtlicher Unterbringung und bei einer Unterbringung durch die Eltern in einem
Kinder- oder Jugendheim bis zum vollendeten 20. Altersjahr (aArt. 42 Abs. 1 SHG). Die
zuständige politische Gemeinde trägt bei Unterbringung in ein Kinder- oder
Jugendheim zwei Drittel der Leistungsabgeltung nach Abzug der Beiträge der
Unterhaltspflichtigen sowie der weiteren gesetzlichen Kostenträger und die Beiträge
der Unterhaltspflichtigen nach Art. 22 IVSE, wenn diese nicht leistungsfähig sind (aArt.
43 Abs. 1 SHG).
Nach Art. 4 lit. d IVSE ist der Wohnkanton derjenige Kanton, in dem die Person, welche
die Leistungen beansprucht, ihren zivilrechtlichen Wohnsitz hat. Als zivilrechtlicher
Wohnsitz des Kindes unter elterlicher Sorge gilt gemäss Art. 25 Abs. 1 des
Schweizerischen Zivilgesetzbuches (SR 210, ZGB) der Wohnsitz der Eltern oder, wenn
die Eltern keinen gemeinsamen Wohnsitz haben, der Wohnsitz des Elternteils, unter
dessen Obhut das Kind steht (Satzteil 1); in den übrigen Fällen gilt sein Aufenthaltsort
als Wohnsitz (Satzteil 2). Das Kriterium der Obhut spielt für den Wohnsitz des Kindes
dann keine Rolle, wenn dieser an die elterliche Sorge angeknüpft wird. Unabhängig
davon, wo sich das Kind aufhält und unter wessen Obhut es steht, leitet sich dessen
Wohnsitz bei gemeinsamem Wohnsitz der Eltern oder wenn die elterliche Sorge nur
einem Elternteil übertragen wurde, von jenem der Eltern bzw. des sorgeberechtigten
Elternteils ab, auch im Fall eines behördlichen Obhutsentzugs (D. Stähelin, in: Honsell/
Vogt/Geiser, Basler Kommentar, ZGB I, 6. Aufl. 2018, N 4 zu Art. 25 ZGB). Gemäss
überwiegender Lehrmeinung ist letzteres bei Eltern mit gemeinsamer elterlicher Sorge
und unterschiedlichem Wohnsitz nicht der Fall. Sobald jenem Elternteil, der die Obhut
innehatte, das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen wird, ist gestützt auf Art. 25
Abs. 1 Satzteil 2 ZGB sein Aufenthaltsort massgebend. Dies kann grundsätzlich auch
der Ort einer Erziehungseinrichtung sein, sofern er eine gewisse Dauer aufweist, ein
kurzer Ortswechsel genügt nicht (Hausheer/Reusser/Geiser [Hrsg.], Berner Kommentar,
2. Aufl. 1999, N 34/19 zu Art. 162 ZGB; VerwGE B 2017/35 vom 27. September 2018
E. 2.2). Anders, als bei Eltern mit demselben Wohnsitz, wechselt der Wohnort eines
unmündigen Kindes unter gemeinsamer Sorge von Eltern, die nicht denselben
Wohnsitz haben, im Fall des Entzugs des Aufenthaltsbestimmungsrechts zum
Aufenthaltsort. Das Bundesgericht stellte diese Schlussfolgerung in einem neueren
Entscheid zwar in Frage, ohne jedoch für Klärung zu sorgen. Es wurde offengelassen,
ob sich der für Belange in Zusammenhang mit der IVSE massgebende Wohnsitz eines
minderjährigen Kindes nach seiner Fremdplatzierung noch ändern könne und nicht der
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bei der Anordnung der Heimunterbringung bestehende erhalten bleibe (BGE 143 V 451
E. 7.4).
Das öffentliche Recht knüpft zur Bestimmung des Wohnsitzes meist – wie vorliegend
Art. 4 lit. d IVSE ausdrücklich – am zivilrechtlichen Wohnsitzbegriff an, wobei der
zivilrechtliche Wohnsitz in einer „funktionalisierenden Auslegung“ zur angemessenen
Berücksichtigung der Interessen der Beteiligten und der Allgemeinheit teilweise
modifiziert wird. Nach einem Teil der Lehre ist einer funktionalisierenden Auslegung des
zivilrechtlichen Wohnsitzbegriffs, welche die daran anknüpfenden Rechtsfolgen
berücksichtigt, zwar grundsätzlich zuzustimmen. Jedoch sei im Interesse der
Rechtssicherheit an der Einheitlichkeit des zivilrechtlichen Wohnsitzbegriffs
festzuhalten; unterschiedliche Auslegungen seien nur in geringem Umfang zuzulassen
(Staehelin, a.a.O., Rz. 3 zu Art. 23 ZGB). Eine weitere Lehrmeinung erachtet die
Wohnsitzbestimmung als einer funktionalen Auslegung insofern zugänglich, als der
zivilrechtliche Wohnsitz einer räumlichen Zuordnung eines Rechtsobjekts diene und nie
Selbstzweck sei. Bei der Wohnsitzbestimmung sei in erster Linie das Kindeswohl zu
berücksichtigten. Dieses verlange in der Regel eine stabile Zuständigkeit für
Kindesschutzmassnahmen und die Vermögensverwaltung, die an einem schnell
wechselnden Aufenthaltsort meist nicht sichergestellt werden könne, sondern vielmehr
am Wohnsitz des Sorgeberechtigten (Hausheer/Reusser/Geiser, a.a.O., N 34/5a zu Art.
162 ZGB).
Die aus Art. 4 lit. d IVSE in Verbindung mit Art. 25 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB resultierende
Finanzierungszuständigkeit des Standortkantons führte in den vergangenen Jahren
vermehrt zu Rechtsstreitigkeiten über die Festlegung des zivilrechtlichen Wohnsitzes,
was letztlich Sinn und Zweck der IVSE widerspricht. Das Bundesgericht hielt in diesem
Zusammenhang fest, die Bestimmung von Art. 4 lit. d IVSE als kantonales Recht führe
in der erwähnten Konstellation zu einer Verhinderung oder zumindest übermässigen
Erschwerung von Bundesrecht, namentlich der angeordneten Unterbringung nach Art.
310 Abs. 1 ZGB, was wiederum einen Verstoss gegen Art. 48 Abs. 3 und 49 Abs. 1 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (SR 101, BV) darstelle.
Interkantonal sei daher nicht nach Massgabe der IVSE vom zivilrechtlichen Wohnsitz
auszugehen, sondern auf Art. 7 Abs. 3 lit. c ZUG abzustellen (vgl. BGE 143 V 451 E.
9.4). Als Folge davon wurde Art. 5 Abs. 1 IVSE neu geschaffen, wonach in jenen
Fällen, wo eine Person mit dem Aufenthalt in einer Einrichtung ihren zivilrechtlichen
Wohnsitz am Standort der Einrichtung begründet, der Kanton des letzten von den
3.1.2.
bis
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Eltern oder eines Elternteils abgeleiteten zivilrechtlichen Wohnsitzes für das Leisten der
Übernahmegarantie zuständig ist. Im Kanton St. Gallen trat diese Änderung am 1. Juni
2020 in Kraft, womit sie für den vorliegenden Fall keine Geltung hat.
Als eigener Unterstützungswohnsitz eines minderjährigen Kindes, das dauernd nicht
bei den Eltern oder einem Elternteil wohnt, gilt gemäss Art. 7 Abs. 3 lit. c in Verbindung
mit Abs. 1 und 2 ZUG der Ort, an dem es unmittelbar vor der Fremdplatzierung
gemeinsam mit den Eltern oder einem Elternteil gelebt bzw. Wohnsitz gehabt hat. Der
derart definierte Unterstützungswohnsitz bleibt künftig für die gesamte Dauer der
Fremdplatzierung der gleiche, auch wenn die Eltern oder der sorgeberechtigte Elternteil
den Wohnsitz wechseln (BGer 8C_701/2013 vom 14. März 2014, E. 3.2.2.1). Als
lediglich vorübergehend – und damit keinen eigenen Unterstützungswohnsitz des
minderjährigen Kindes nach Art. 7 Abs. 3 lit. c in Verbindung mit Abs. 1 und 2 ZUG
begründend – gelten indes Fremdaufenthalte in auswärtigen Institutionen, die entweder
nur von kurzer Dauer sind oder bei denen ein Kontakt zwischen Kindern und Eltern
aufrechterhalten wird und die Absicht besteht, dass die Kinder nach einer bestimmten
Zeit wieder zu den Eltern ziehen. Kümmern sich die Eltern hingegen nicht ernstlich um
ihre Kinder bzw. nehmen sie ihre elterliche Sorge nicht wahr und erfolgt die
Fremdplatzierung auf unbestimmte Zeit oder für mehr als sechs Monate, spricht dies in
der Regel für die Dauerhaftigkeit des Fremdaufenthaltes. Ob dabei die elterliche Sorge
entzogen wird oder entsprechende Bestrebungen bestehen, ist nicht massgeblich.
Genauso wenig kommt es auf die tatsächliche Dauer des Fremdaufenthaltes an.
Entscheidend ist einzig, ob bei Beginn der Fremdplatzierung von Dauerhaftigkeit
auszugehen war oder ob nur eine vorübergehende Lösung beabsichtigt war.
Andernfalls könnte immer erst nach einer bestimmten Dauer des Fremdaufenthalts
darüber entschieden werden, welcher Kanton letztlich die Kosten zu tragen hat, was
wiederum nicht dem Sinn des Gesetzes entsprechen kann, weil dieses doch gerade für
klare Verhältnisse bei der interkantonalen Zuständigkeitsausscheidung sorgen will
(BGer 8C_701/2013, a.a.O., E. 3.2.2.2 mit Hinweisen; Thomet, Kommentar zum
Bundesgesetz über die Zuständigkeit für die Unterstützung Bedürftiger, Zürich 1994,
Rz. 132).
In Sinn einer funktionalisierenden Auslegung des Wohnsitzbegriffs sowie in
Übereinstimmung mit der bundesgerichtlichen Rechtsprechung rechtfertigt es sich
daher, für die Bestimmung des Wohnsitzes nach Art. 4 lit. d IVSE im Folgenden die
Kriterien von Art. 7 Abs. 3 lit. c ZUG heranzuziehen, wonach erst eine dauerhafte
Fremdplatzierung einen eigenen Unterstützungswohnsitz begründet.
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Die Beschwerdeführerin bringt im Wesentlichen vor (act. 1), mit ihrem Umzug weg von
F._ habe die Mutter von A._ und B._ sowohl ihren zivilrechtlichen als auch den
Unterstützungswohnsitz per 1. April 2019 nach G._ verlegt. In jenem Zeitpunkt habe
nämlich keine dauerhafte, sondern lediglich eine vorsorgliche Fremdplatzierung, verfügt
am 12. Dezember 2018, bestanden. Gestützt auf Art. 25 Abs. 2 letzter Satzteil ZGB
gelte der Aufenthaltsort als Wohnort des Kindes, wenn dieses nicht mehr dauerhaft
unter der alleinigen oder überwiegenden Obhut des entsprechenden Elternteils stehe
und der Wohnsitz somit nicht von jenem der Eltern abgeleitet werden könne. Dies treffe
gemäss geltender Lehre und Rechtsprechung auch zu, wenn das Kind dauerhaft in
einem Heim platziert sei. Bis zum Wegzug der Mutter sei vorliegend keine dauerhafte
Fremdplatzierung erfolgt. Da der dauerhafte Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts
und die dauerhafte Fremdplatzierung einen schweren Eingriff in das durch die EMRK
gewährleistete Elternrecht darstellten, wäre es unseriös, wenn die KESB diese
definitive Massnahme ohne Vornahme gründlicher Abklärungen anordnen würde. Die
KESB H._ (d.h. deren Vizepräsident in Einzelzuständigkeit) habe daher vorliegend
völlig zurecht zunächst nur vorläufig für die Dauer des Verfahrens verfügt. Der definitive
Entscheid der KESB über den Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts und die
Platzierung sei erst am 19. November 2019 und damit mehrere Monate nach dem
Umzug der Mutter nach G._ erfolgt. Im Zeitpunkt des Wegzugs am 1. April 2019 habe
somit keine auf Dauer ausgerichtete Massnahme vorgelegen. Solange dies nicht der
Fall sei, knüpfe der Wohnsitz der Kinder an jenem der Mutter an, welche bisher die
tatsächliche Obhut innegehabt habe. Mit dem Umzug der Mutter von F._ nach G._
sei daher auch der Wohnort von A._ und B._ nach G._ verlegt worden. Die vom
Kanton Thugau und der Stadt G._ vertretene Auffassung, wonach sich der Wohnsitz
der Kinder am jeweiligen Aufenthaltsort befinde, treffe mangels dauerhafter
Fremdplatzierung nicht zu. Der Wohnsitz unmündiger Kinder werde in Art. 25 ZGB
abschliessend geregelt. Art. 24 Abs. 1 ZGB sei nicht anwendbar. Nach
höchstrichterlicher Rechtsprechung richte sich die örtliche Zuständigkeit für die IVSE-
Abgeltung bei freiwillig oder behördlich dauernd fremdplatzierten Kindern nicht nach
dem zivilrechtlichen Wohnsitz, sondern nach dem Unterstützungswohnsitz, vorliegend
G._. Zweck dieser Ausnahmeregelung sei es, die Standortkantone und -gemeinden
vor Kostenfolgen zu schützen.
3.2.
Die Vorinstanz erwog im angefochtenen Entscheid (act. 2), mit dem Eintritt von A._
und B._ in das K._heim in W._ habe die tatsächliche Obhut der Mutter geendet.
Infolge fehlender Obhut habe ihr Wegzug nach G._ daher nicht zu einem neuen von
3.3.
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der Mutter abgeleiteten Wohnsitz der Kinder in G._ führen können. Deren
Platzierungen seien aufgrund einer akuten Gefährdung der Kinder notfallmässig vorerst
superprovisorisch und anschliessend vorsorglich verfügt worden, bis die KESB
aufgrund des erstellten Gutachtens über weitere Kindesschutzmassnahmen habe
befinden können. Sie seien daher zu einem Sonderzweck erfolgt und nicht auf Dauer
angelegt gewesen, weshalb der Aufenthalt in den jeweiligen Einrichtungen keinen
zivilrechtlichen Wohnsitz geschaffen habe. Gestützt auf Art. 24 Abs. 1 ZGB sei der
Wohnsitz in F._ bestehen geblieben.
Diese Schlussfolgerung erweist sich vor dem oben geschilderten gesetzlichen
Hintergrund als unzutreffend. Mit ihrer Begründung, dass sich der Wohnsitz der Brüder
mangels Obhut nicht von der Mutter ableite (Art. 25 Abs. 1 Satzteil 1 ZGB), aber auch
nicht am Aufenthaltsort befinde (Art. 25 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB), versagt die Vorinstanz
Art. 25 ZGB jegliche Anwendung. Der Wohnsitz unmündiger Kinder unter elterlicher
Sorge bestimmt sich jedoch zwingend und abschliessend nach Art. 25 ZGB. Lässt er
sich nicht von den Eltern ableiten, ist stets auf den Aufenthaltsort abzustellen ("in den
übrigen Fällen"). Art. 24 ZGB findet gerade keine Anwendung (Hausheer/Reusser/
Geiser, a.a.O., N 34/9 zu Art. 162 ZGB), ansonsten auf einen perpetuierten und völlig
fiktiven Wohnsitz abgestellt werden müsste (BGE 135 II 49 E. 6.3), was indes nicht
angeht.
3.4.
Vorliegend wurde die Obhut über A._ und B._ unter Beibehaltung der gemeinsamen
elterlichen Sorge mit Eheschutzentscheid vom 23. März 2017 der Mutter eingeräumt.
Der von der Mutter abgeleitete Wohnsitz befand sich gestützt auf Art. 25 Abs.1 Satzteil
1 ZGB seither in F._. Am 30. November 2018 entzog der Vizepräsident der KESB H._
in Einzelzuständigkeit dem Vater superprovisorisch das Aufenthaltsrecht. A._ und B._
wurden noch am gleichen Tag im K._heim in W._ platziert, womit die Mutter
einverstanden war (act. 3/2). Am 12. Dezember 2018 entzog der Vizepräsident der
KESB H._ beiden Elternteilen vorsorglich das Aufenthaltsbestimmungsrecht;
gleichzeitig ordnete er eine medizinische Begutachtung der beiden Kinder an. In den
Erwägungen wurde ausgeführt, es sei notwendig, die aktuelle gesundheitliche Situation
von A._ und B._ sowie ihren Bedarf an Unterstützung durch eine ambulante
Begutachtung abzuklären. Die Ergebnisse aus der Begutachtung sollten Grundlage für
den definitiven Entscheid über die Anpassung der angeordneten
Kindesschutzmassnahmen bilden. In die Begutachtung sollten auch die
3.4.1.
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Erziehungskompetenzen der Eltern Eingang finden (act. 3/3).
Der Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts und die Fremdplatzierungen durch die
örtlich zuständige KESB erfolgten gestützt auf Art. 445 ZGB. Danach trifft die KESB auf
Antrag einer am Verfahren beteiligten Person oder von Amtes wegen alle für die Dauer
des Verfahrens notwendigen vorsorglichen Massnahmen (Abs. 1), wobei sie bei
besonderer Dringlichkeit vorsorgliche Massnahmen sofort ohne Anhörung der am
Verfahren beteiligten Personen treffen kann (Abs. 2). Die entsprechende Verfügung
kann der oder die Vorsitzende oder das zuständige Mitglied der KESB erlassen (Art. 20
des Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung über das Kindes- und
Erwachsenenschutzrecht, sGS 912.5). Bei der mit Verfügung vom 30. November 2018
superprovisorisch bzw. am 12. Dezember 2018 vorsorglich angeordneten
Kindesschutzmassnahme handelt es sich folglich um eine Massnahme, welche
lediglich für die Dauer des Verfahrens Gültigkeit hatte und (noch) nicht auf Dauer
ausgelegt war. Mit anderen Worten konnte zum damaligen Zeitpunkt noch nicht von
einer auf unbestimmte Dauer angelegten Kindesschutzmassnahme gesprochen
werden. Vielmehr ist zu berücksichtigen, dass der Verdacht einer ernsthaften
Kindeswohlgefährdung ein rasches Einschreiten notwendig machte, ohne dass
vorgängig bereits die für die endgültige Klärung der Sachlage unabdingbaren vertieften
Erhebungen hätten vorgenommen werden können. Die im November 2018
(superprovisorisch) und Dezember 2018 (vorsorglich) verfügten Fremdplatzierungen
von A._ und B._ stellten lediglich eine einstweilige vorsorgliche Vorkehr dar.
Folgerichtig leitete die KESB H._ in der Folge die notwendigen Schritte ein, um
entscheiden zu können, ob weitergehende und auf Dauer ausgerichtete
Kindesschutzmassnahmen erforderlich und geboten seien. Daher hatte das mit der
Erstellung eines medizinischen Gutachtens betraute Ambulatorium Zürich Nord
entsprechend insbesondere die Frage zu beantworten, wie die Kompetenzen und
Ressourcen der Eltern hinsichtlich Pflege, Erziehung und Schutz der Kinder seien und
ob bzw. welche Veränderungen der aktuellen Betreuungssituation angezeigt seien (act.
3/3).
Am 13. Dezember 2018 wurde A._ aufgrund einer ärztlichen Verfügung fürsorgerisch
in der Klinik Z._ in E._ untergebracht. Mit Verfügung der KESB H._ vom 22. März
2019 wurde er für die kurze Zeitspanne vom 25. März bis 22. April 2019 in das
Kinderschutzzentrum X._ und anschliessend ab 22. April 2019 in die
Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft M._ umplatziert (act. 3/4). Auch diese
Verfügung wurde lediglich vorsorglich getroffen. Das in Auftrag gegebene medizinische
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Gutachten lag damals noch nicht vor, es wurde erst im Verlauf des Herbst 2019
erstattet. Erst nach dessen Fertigstellung wurde der Entzug des
Aufenthaltsbestimmungsrechts gegenüber beiden Elternteilen mit Beschluss der KESB
H._ (als Kollegialbehörde) vom 19. November 2019 bestätigt und die Platzierung der
beiden Brüder in der Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft M._ angeordnet (act.
3/8). Erst mit diesen definitiven im ordentlichen Verfahren ergangenen Anordnungen
wurde das Kindesschutzverfahren abgeschlossen und der zuvor vorsorglich für die
Dauer des Verfahrens verfügte Obhutsentzug nunmehr auf unbestimmte Zeit
ausgesprochen.
Vor diesem Hintergrund kann nicht gesagt werden, die Fremdplatzierung von A._ und
B._ sei bereits von Beginn an auf Dauer ausgerichtet gewesen; dies umso weniger, als
es sich beim Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts und einer Fremdplatzierung
um erhebliche Eingriffe in die Rechtsstellung der Direktbetroffenen handelt, welche
regelmässig erst nach gründlichen Abklärungen und Würdigungen der konkreten
Gegebenheiten zu auf Dauer angelegten Massnahmen erklärt werden können. Auch die
Vorinstanz führte im angefochtenen Entscheid aus, die vorsorgliche Platzierung sei zu
Beginn nicht auf Dauer angelegt gewesen (act. 2 E. 4.1). Daraus folgt, dass der
Aufenthaltsort am Ort der Einrichtung erst mit der definitiven Verfügung des Entzugs
des Aufenthaltsbestimmungsrechts am 19. November 2019 gestützt auf Art. 25 Abs. 1
Satzteil 2 zum Wohnsitz der Kinder wurde. Bis dahin, insbesondere auch im Zeitpunkt
des Wohnsitzwechsels der Mutter am 1. April 2019 von F._ nach G._, leitete sich der
Wohnsitz der Söhne von deren Wohnsitz als Inhaberin der Obhut ab. Ab jenem
Zeitpunkt entfiel folglich gestützt auf Art. 4 lit. d IVSE die Zuständigkeit der
Beschwerdeführerin zur Kostentragung, womit die Beschwerde gutzuheissen ist.
Selbst wenn man bereits im Zeitpunkt der vorsorglichen Verfügung am 12. Dezember
2018 von einer hinreichend dauerhaften Fremdplatzierung und damit einer Aufhebung
der Obhut der Mutter ausgehen wollte mit der Folge, dass bereits ab jenem Zeitpunkt
der jeweilige Aufenthaltsort von A._ und B._ massgebender Wohnsitz gewesen wäre,
würde sich nichts am Ausgang des vorliegenden Beschwerdeverfahrens ändern,
ausser, dass in dieser Konstellation die Zuständigkeit der Beschwerdeführerin zur
Kostentragung bereits am 12. Dezember 2018 weggefallen wäre. Weil die
Beschwerdeführerin ihre Kostentragungspflicht bis 1. April 2019 indessen ausdrücklich
anerkennt, kann von weiteren Erörterungen hierzu abgesehen werden.
3.4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
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St.Galler Gerichte
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