Decision ID: 0a6aa653-f257-530d-972d-4bad1001af9b
Year: 2018
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Das Tiefbauamt der Stadt Thun liess für den Abschnitt B._strasse ein
Lärmsanierungsprojekt1 gemäss Art. 13 LSV2 erstellen. Die Liegenschaft der
Beschwerdeführerin an der B._strasse G._ (Parzelle Thun
Grundbuchblatt-Strättligen Nr. C._) liegt im Geltungsbereich dieses
Sanierungsprojektes.
2. Mit Verfügung vom 27. Oktober 2017 teilte die Vorinstanz der Beschwerdeführerin
mit, bei der Liegenschaft B._strasse G._ sei ein Beurteilungspegel von
1 Einsehbar unter <http://www.thun.ch//laermsanierung> 2 Lärmschutz-Verordnung des Bundesrates vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41)
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66 db(A) am Tag und 57 db(A) in der Nacht ermittelt worden. Die Fachstelle Lärmschutz
des Tiefbauamtes des Kantons Bern habe der Stadt Thun mit Schreiben vom
2. Februar 2017 Erleichterungen für die Sanierung gewährt. Die Stadt Thun sei daher nicht
verpflichtet, im Bereich der Parzelle Thun Grundbuchblatt-Strättligen Nr. C._
zusätzliche Massnahmen gegen die Lärmerzeugung oder die Lärmausbreitung zu
ergreifen. Die Verfügungsadressatin sei weiter nicht verpflichtet, die Fenster
lärmempfindlicher Räume ihres Gebäudes auf Kosten der Strasseneigentümerin gegen
Schall zu dämmen.
3. Gegen diese Verfügung erhob die Beschwerdeführerin mit Beschwerde vom 13.
November 2017 (Postaufgabe 28. November 2017) Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs-
und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE). Sie beantragt sinngemäss die Aufhebung
der Verfügung und das Ergreifen von Lärmschutzmassnahmen durch die Vorinstanz. Zur
Begründung bringt sie im Wesentlichen vor, die Vorinstanz habe die Lärmimmissionen
falsch ermittelt und Massnahmen zur Lärmminderung an der Quelle nicht ausreichend
untersucht.
4. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet3, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Akten ein. Die Vorinstanz beantragt in ihrer
Stellungnahme vom 20. Dezember 2017 die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf
eingetreten werden kann. Daraufhin lud das Rechtsamt die Fachstelle Lärmschutz des
Tiefbauamts des Kantons Bern ein, zur Beschwerde und zur Vernehmlassung der
Vorinstanz Stellung zu nehmen. Anschliessend erhielten die Beteiligten Gelegenheit,
Schlussbemerkungen einzureichen. Von dieser Möglichkeit machte die
Beschwerdeführerin Gebrauch. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid
wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
3 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Angefochten ist eine Verfügung betreffend Erleichterungen von der Sanierungspflicht
im Sinn von Art. 17 Abs. 1 USG4 und Art. 14 Abs. 1 LSV5. Für die Behandlung von
Beschwerden gegen Verfügungen der Gemeindebehörden im Bereich Strassenlärm ist
gemäss Art. 19 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 3 Abs. 2 Bst. a KLSV6 die BVE zuständig.
b) Die Beschwerdeführerin ist Adressatin der angefochtenen Verfügung. Als
Eigentümerin der betroffenen Liegenschaft ist sie durch die Verfügung beschwert, da die
Sanierungspflicht verneint und eine Übernahme der Kosten für allfällige
Schallschutzmassnahmen durch die Gemeinde abgelehnt worden ist. Sie hat deshalb ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung (Art. 65 Abs. 1 VRPG7). Auf
die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Ermittlung der Lärmimmissionen
a) Die Beschwerdeführerin rügt, anstatt Messungen an der
B._strasse G._ vorzunehmen, habe die Vorinstanz die Lärmeinwirkungen
lediglich rechnerisch ermittelt. Ausserdem habe es die Vorinstanz bei den
Lärmeinwirkungen unterlassen, die Umgebungsbauten miteinzubeziehen und eine
Toleranz von 0.5 db(A) zu berücksichtigen. Zudem sei davon auszugehen, dass der
Strassenverkehr zu- und nicht abnehme. Die Lärmimmissionen seien daher nicht richtig
ermittelt worden.
4 Bundesgesetz vom 7. Oktober 1983 über den Umweltschutz (Umweltschutzgesetz, USG; SR 814.01) 5 Lärmschutz-Verordnung des Bundesrates vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41) 6 Kantonale Lärmschutz-Verordnung vom 14. Oktober 2009 (KLSV; BSG 824.761) 7 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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b) Der Schall, der von einer Anlage ausgeht oder auf einen Ort einwirkt, kann durch
Messungen oder Berechnungen ermittelt werden (Art. 38 Abs. 1 LSV). Die beiden
Methoden gelten grundsätzlich als gleichwertig. Zur Beurteilung bestehender
Lärmbelastungen wird sehr oft eine Kombination von Mess- und Berechnungsverfahren
angewandt. Sind künftige Auswirkungen einer Anlage zu beurteilen, sind Berechnungen
unverzichtbar. Es ist möglich, die voraussichtliche Belastung durch typische Lärmquellen
relativ genau zu berechnen. Dabei werden insbesondere das durchschnittliche
Verkehrsaufkommen, der Anteil an Schwerverkehr, eine allfällige Steigung der Fahrbahn
und die signalisierte Geschwindigkeit berücksichtigt. Zudem werden Umstände beachtet,
welche die Schallausbreitung beeinflussen, wie der Abstand des Empfangspunktes von der
Lärmquelle und die vorhandene Überbauung (Abschirmungen, Reflexionen).8 Mit den
heutigen Lärmberechnungsmodellen können sowohl Einzellärmsituationen als auch ganze
Lärmbelastungskataster berechnet werden.9 Bei der Ausarbeitung eines
Sanierungsprojekts ist die absehbare Entwicklung der Emissionen zu berücksichtigen.
Dabei wird eine Prognose für einen längeren Zeithorizont erstellt und insbesondere das
jährlich zu erwartende Verkehrswachstum berücksichtigt.10 Berechnungen werden in der
Regel mit Stichprobenmessungen überprüft. Gestützt darauf werden nötigenfalls
Modellkorrekturen vorgenommen.11
c) Im August 2015 wurden bei der B._strasse Nr. H._ im Erdgeschoss
und bei der B._strasse Nr. I._ im Obergeschoss Lärmmessungen
vorgenommen.12 Die Messungen ergaben für die B._strasse H._ einen
Beurteilungspegel von 63.2 db(A) und für die B._strasse Nr. I._ einen
Beurteilungspegel von 60.0 b(A).13 Die für dieselben Liegenschaften errechneten
Immssionswerte betragen 63.3 db(A) (B._strasse H._) und 61.9 db(A)
(B._strasse I._). Die Messwerte und die Berechnungswerte der
Liegenschaften B._strasse H._ und I._ stimmen damit gut
8 Wolf, in Kommentar USG, 2000, Vorbemerkungen zu Art. 19-25 N. 11 f. 9 Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL), Lärmbekämpfung in der Schweiz – Stand und Perspektiven, Schriftenreihe Umwelt Nr. 329, S. 91 10 Bundesamt für Umwelt BAFU und Bundesamt für Strassen ASTRA (Hrsg.), Leitfaden Strassenlärm. Vollzugshilfe für die Sanierung, Umwelt-Vollzug Nr. 0637, Stand: Dezember 2006, Bern, S. 16 f. (nachfolgend: Leitfaden Strassenlärm) 11 Leitfaden Strassenlärm, a.a.O., S. 27 12 Anhang 3.1 Lärmsanierungsprojekt 13 Anhang 3.1 Lärmsanierungsprojekt
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überein. Wie die Fachstelle in ihrer Stellungnahme vom 25. Januar 2018 zu Recht festhält,
liegen die Berechnungswerte sogar leicht über den Messwerten, womit sich die
Berechnungswerte zu Gunsten der Anwohner der B._strasse auswirken. Gemäss
Ziff. 2.4 Lärmsanierungsprojekt wurden die Berechnungen für die B._strasse mit
der Lärmberechnungssoftware Cadna(A), Modell StL86+, durchgeführt. Die Fachstelle zog
die Modellwahl nicht in Zweifel. Das Modell StL86+ wird denn auch vom BAFU im
Allgemeinen für die Berechnung des Strassenlärms empfohlen.14 Im Modell werden u.a.
auch allfällige Reflexionen von Umgebungsbauten berücksichtigt.15 Die Verkehrszunahme
wurde mit jährlich 1 % ebenfalls korrekt von der Vorinstanz berücksichtigt, wie die
Fachstelle festhält. Eine allfällige Modellkorrektur ist bis anhin daher nicht angezeigt.16 Das
Vorgehen der Vorinstanz zur Ermittlung der Lärmimmissionen war korrekt.
3. Sanierungspflicht
a) Gemäss Art. 16 Abs. 1 USG17 müssen Anlagen, die den Vorschriften des USG oder
den Umweltvorschriften anderer Bundesgesetze nicht genügen, saniert werden. Gestützt
auf Art. 16 Abs. 2 USG hat der Bundesrat mit der LSV Vorschriften über die Sanierung
bestehender ortsfester Anlagen erlassen (Art. 13 – 20 LSV). Zweck der Sanierung ist der
Schutz vor schädlichem und lästigem Lärm (Art. 1 USG, Art. 1 Abs. 1 LSV). Bestehende
ortsfeste Anlagen, die wesentlich zur Überschreitung der Immissionsgrenzwerte beitragen,
sind zu sanieren (Art. 13 LSV). Sie müssen grundsätzlich so weit saniert werden, als dies
technisch und betrieblich möglich sowie wirtschaftlich tragbar ist und dass die
Immissionsgrenzwerte nicht überschritten werden (Art. 13 Abs. 2 LSV). Ist eine Sanierung
nach Art. 16 Abs. 2 USG im Einzelfall unverhältnismässig, gewähren die Behörden
Erleichterungen (Art. 17 Abs. 1 USG). Bei dieser Regelung handelt es sich um eine
Ausnahmebestimmung. Die Gewährung von Erleichterungen ist Sonderfällen
vorbehalten.18 Gemäss Art. 13 Abs. 3 LSV sind in einem ersten Schritt Massnahmen an der
Quelle vorzusehen. Stehen diesen Massnahmen überwiegende Interessen entgegen, sind
14 BAFU/ASTRA (Hrsg.), Leitfaden Strassenlärm, Vollzugshilfe für die Sanierung, Stand: 2006 (Leitfaden Strassenlärm), Ziff. 4.1 15 Vgl. auch Ziff. 4.4 Lärmsanierungsprojekt 16 Vgl. Ziff. 4.8 Lärmsanierungsprojekt, Leitfaden Strassenlärm, a.a.O., S. 27 17 Bundesgesetz vom 7. Oktober 1983 über den Umweltschutz (Umweltschutzgesetz, USG; SR 814.01) 18 Griffel/Rausch, Kommentar zum Umweltschutzgesetz, 2. Aufl., Zürich, Basel, Genf 2011, Art. 17 N 2
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Massnahmen im Ausbreitungsbereich des Lärms anzuordnen. Erst wenn
Sanierungsmassnahmen finanziell nicht zumutbar sind oder ihnen überwiegende
öffentliche Interessen des Ortsbild-, Natur- und Landschaftsschutzes, der Verkehrs- und
Betriebssicherheit sowie der Gesamtverteidigung einer Sanierung entgegenstehen,
gewährt die Behörde gemäss Art. 14 Abs. 1 LSV Erleichterungen.
b) Die Liegenschaft B._strasse G._ liegt in einer Zone mit
Empfindlichkeitsstufe (ES) III. In dieser Zone gelten gemäss Anhang der LSV folgende
Belastungswerte für den Strassenverkehrslärm: Ein Immissionsgrenzwert von 65 dB(A)
tags und 55 dB(A) nachts und ein Alarmwert von 70 dB(A) tags und 65 dB(A) nachts. Der
Fenstergrenzwert beträgt 68 dB(A) tags und 58 dB(A) nachts. Für das Jahr 2035 wird im 1.
OG der B._strasse G._ eine Lärmbelastung von 66 dB(A) am Tag und
57 dB(A) in der Nacht prognostiziert. Im 2. OG wird die Lärmbelastung gemäss Prognose
65 dB(A) am Tag und 56 dB(A) in der Nacht betragen. Die massgeblichen
Immissionsgrenzwerte von 65 dB(A) am Tag und 55 dB(A) in der Nacht werden daher
voraussichtlich überschritten. Es besteht somit grundsätzlich eine Sanierungspflicht der
Strasseneigentümerin.
4. Massnahmen an der Quelle
a) Die Beschwerdeführerin macht geltend, Massnahmen an der Quelle seien zu wenig
geprüft worden. Die Beschwerdeführerin verlangt eine Belagserneuerung auf der Strasse
sowie die Herabsetzung der Geschwindigkeit auf 30 km/h. Sowohl lärmmindernde Beläge
als auch Tempo-30-Zonen würden eine gute Wirkung entfalten. Tempo-30-Zonen würden
zudem für mehr Sicherheit sorgen.
Zur Tempo-30-Zone hält die Vorinstanz fest, zurzeit laufe eine Ortsplanungsrevision, von
welcher auch der Verkehr betroffen sei. Der Teilaspekt Verkehr sei im Rahmen des
Gesamtverkehrskonzepts erarbeitet worden. Im aktuellen Entwurf des
Gesamtverkehrskonzepts sei die B._strasse als Quartierstrasse mit
Verbindungsfunktion definiert. Für die Umsetzung des Gesamtverkehrskonzepts sei ein
Gemeindebeschluss notwendig. Dieser werde zeitlich abgestimmt auf die Terminplanung
der Ortsplanungsrevision. Zu den lärmarmen Belägen äussert sich die Vorinstanz in ihrer
Stellungnahme nicht.
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b) Die Fachstelle Lärm des Tiefbauamts des Kantons Bern führt mit Stellungnahme vom
25. Januar 2018 aus, der Kanton Bern habe in den letzten Jahren mehrere Teststrecken
eingebaut zur Untersuchung der Wirkung lärmarmer Beläge. Zudem würden neue
Erkenntnisse aus dem nationalen Forschungspaket "Lärmarme Beläge innerorts" vorliegen.
Beide Untersuchungen würden zeigen, dass mit lärmarmen Belägen die Lärmbelastung
über mehrere Jahre stark vermindert werden könne. Die Problematik bestehe zwar
weiterhin darin, dass die Wirkung mit der Zeit nachlasse und der Belag möglicherweise
frühzeitig ersetzt werden müsse, um wieder eine lärmreduzierende Wirkung erzeugen zu
können. Dies sei allerdings kein Grund, den Einbau eines lärmarmen Belags als
Lärmschutzmassnahmen zum Vornherein auszuschliessen.
Weiter könnten gemäss Fachstelle mehrere Argumente für eine Geschwindigkeitsreduktion
sprechen. Es seien dies der siedlungsorientierte Charakter, die angrenzende Tempo-30-
Zone, der flächige Querungsbedarf, die fehlende Veloverkehrsanlage, das
Erscheinungsbild sowie der Ausbaugrad. Zwar sei nachvollziehbar, dass die Stadt Thun
nicht parallel zur Ausarbeitung des Gesamtverkehrskonzepts innerhalb der
Ortsplanungsrevision auf einer einzelnen Strecke eine Geschwindigkeitsreduktion
einführen wolle. Jedoch sollte gerade innerhalb dieses Prozesses eine mögliche
Geschwindigkeitsreduktion aus Lärmschutzgründen auf der B._strasse und
möglicherweise auf weiteren lärmbelasteten Strassenabschnitten der Stadt Thun näher
geprüft werden. Bauliche Massnahmen seien nicht unbedingt nötig, um eine
lärmreduzierende Wirkung zu erzielen.
Die Fachstelle kommt zum Schluss, für eine Erleichterung müssten auch quellenseitige
Massnahmen fundiert und situationsbezogen geprüft und negativ beurteilt worden sein. Die
Stadt Thun klammere in ihrer Begründung für die Erleichterung zur
B._strasse G._ quellenseitige Massnahmen aus, was nicht korrekt sei.
c) Das Verwaltungsgericht des Kantons Bern hat in einem neueren Urteil u.a. gestützt
auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung festgehalten, dass in Betracht kommende
Sanierungsmassnahmen und ihre Auswirkungen hinreichend geprüft werden müssen und
nur solche Varianten bereits aufgrund einer summarischen Prüfung aus dem
Auswahlverfahren ausgeschieden werden dürfen, die erhebliche Nachteile aufweisen oder
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offensichtlich unverhältnismässig erscheinen.19 Weder dem vorliegenden
Lärmsanierungsprojekt noch der angefochtenen Verfügung lässt sich eine vertiefte Prüfung
möglicher lärmmindernder Massnahmen an der Quelle entnehmen. Aus dem
Lärmsanierungsprojekt geht lediglich hervor, dass eine Reduktion der Geschwindigkeit
sowie verkehrslenkende Massnahmen seien geprüft worden, aufgrund der Funktionalität
des betroffenen Abschnitts im übergeordneten Strassennetz seien solche Massnahmen
aber nicht zweckmässig und auch nicht möglich. Weiter würden Beläge zudem als
akustisch neutral gelten. Daher seien keine Massnahmen geplant.20 Die Erläuterungen zu
den quellenseitigen Massnahmen sind somit knapp ausgefallen und lassen keine
abschliessende Beurteilung der Frage zu, ob zu Recht auf solche Massnahmen verzichtet
wurde. Derart erhebliche Nachteile oder offensichtlich unverhältnismässige Umstände,
aufgrund welcher quellenseitige Massnahmen bereits aufgrund einer summarischen
Prüfung ausgeschieden werden könnten, sind nicht ersichtlich und werden auch nicht
geltend gemacht. Lärmarme Beläge dürfen als emissionsbegrenzende Massnahme damit
nicht ohne nähere Prüfung der konkreten Situation verworfen werden.21 Beläge gelten als
lärmarm, wenn sie eine Anfangslärmminderung von mindestens -3 dB(A) gegenüber dem
Modell aufweisen. Ihre akustische Lebensdauer ist erreicht, sobald ihre Lärmminderung
weniger als -1 dB(A) beträgt.22 Das BAFU und das ASTRA initiierten ein Forschungspaket
zum Thema «Lärmarme Strassenbeläge innerorts» und führten ein Langzeitmonitoring
durch. Auch der Kanton führte Untersuchungen auf Teststrecken durch. Die Fachstelle
führt aus, gemäss diesen Untersuchungen könne die Lärmbelastung mit lärmarmen
Belägen über mehrere Jahre stark reduziert werden. Inwiefern die Vorinstanz diese
Erkenntnisse berücksichtigt hat, geht aus den Akten nicht hervor. Ebensowenig ist
ersichtlich, ob die Vorinstanz den konkreten Nutzen eines lärmarmen Belags auf der
B._strasse und die entsprechenden Kosten abgeklärt hat.
Auch betreffend die verkehrslenkenden Massnahmen oder die Geschwindigkeitsreduktion
lassen sich den Unterlagen keine Hinweise entnehmen, in welcher Art und in welchem
Umfang die Vorinstanz die Auswirkungen solcher Massnahmen prüfte. Im
Beschwerdeverfahren verwies die Vorinstanz lediglich auf das Gesamtverkehrskonzept, in
19 VGE 2014/208 vom 23. Mai 2016, vgl. insbes. E. 2.3, m.w.H. 20 Ziff. 6.2 und 6.4 Lärmsanierungsprojekt 21 Vgl. VGE 2014/208 vom 23. Mai 2016 E. 5 22 BAFU/ASTRA (Hrsg.), Lärmarme Strassenbeläge innerorts Statusbericht 2003, Ziff. 2.2.1.2, einsehbar unter: <http://www.astra2.admin.ch/media/pdfpub/2004-05-13_2325_d.pdf>
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welchem die B._strasse als Quartierstrasse mit Verbindungsfunktion qualifiziert
worden sei. Gemäss Beilage 6 zur Stellungnahme der Vorinstanz vom 20. Dezember 2017
(«Netzkonzept motorisierter Individualverkehr») wird davon ausgegangen, dass auf
solchen Strassen innerorts 25-30 km/h und ausserorts sowie in Ausnahmefällen 50 km/h
gefahren wird. Der massgebliche Abschnitt der B._strasse zwischen der
D._strasse und der E._strasse verläuft ausschliesslich innerorts. Gemäss
Beilage 5 zur Stellungnahme der Vorinstanz vom 20. Dezember 2017 wurden zwischen
dem 19. August 2015 und dem 25. August 2015 Geschwindigkeitsmessungen auf der
B._strasse durchgeführt. Die durchschnittliche Geschwindigkeit betrug in dieser
Zeit 35 km/h (Richtung F._) bzw. 36 km/h (Richtung E._strasse). Weshalb
eine Geschwindigkeitsreduktion auf 30 km/h nicht möglich sein soll, kann und aufgrund der
fehlenden Angaben im LSP weder nachvollzogen noch überprüft werden. Die Fachstelle
hält jedenfalls zu Recht fest, dass eine Qualifikation der B._strasse als
Quartierstrasse mit Verbindungsfunktion einer Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h nicht
entgegensteht.23 Zwar wäre es mit planerischem Mehraufwand verbunden, für den
betroffenen Strassenabschnitt eine allfällige Sonderregelung auszuarbeiten, noch bevor die
Ortsplanungsrevision mit dem Gesamtverkehrskonzept umgesetzt werden kann. Dies hat
aber keinen Einfluss auf die Frage, ob eine Geschwindigkeitsreduktion als
Lärmschutzmassnahme vorliegend in Frage kommt.
d) Zur Beurteilung, ob Massnahmen an der Quelle möglich sind, braucht es weitere
Abklärungen.
Betreffend die lärmarmen Beläge hat die Vorinstanz zu ermitteln, ob die notwendige
Wirkung erreicht werden kann (vgl. E. 4.c). Sie hat dabei die neusten Entwicklungen in
diesem Bereich zu berücksichtigen und u.a. die Erkenntnisse aus dem Schlussbericht zum
nationalen Projekt «Lärmarme Strassenbeläge innerorts» zu beachten.24 Kann eine
lärmreduzierende Wirkung erreicht werden, ist in einem zweiten Schritt die
Verhältnismässigkeit der Massnahme zu prüfen. Hier ist u.a. von Bedeutung, wie viele
Personen von einem lärmarmen Belag profitieren. Die Vorinstanz hat auch abzuklären,
wann der aktuelle Belag ordentlich ersetzt werden würde. Kann aufgrund eines lärmarmen
Belags auf andere Massnahmen wie z.B. Lärmschutzwände oder Schallschutzfenster
23 Vgl. auch VGE 2014/208 vom 23. Mai 2016 E. 4.4 24 Einsehbar unter: <https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/laerm/fachinformationen/-laerm/massnahmen-gegen-strassenlaerm/laermarme-strassenbelaege.html>
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verzichtet werden, sind damit allfällig verbundene Einsparungen in der
Verhältnismässigkeitsprüfung mit zu berücksichtigen.
Betreffend die Geschwindigkeitsreduktion hat sich die Vorinstanz für das weitere Vorgehen
an der Arbeitshilfe «Abweichende Höchstgeschwindigkeiten» des Tiefbauamts des
Kantons Bern vom 15. September 201725 inklusive den darin enthaltenen Verweisen auf
weitere Informationsschreiben zu orientieren. Allgemein hat die Vorinstanz sowohl bei
Geschwindigkeitsreduktionen als auch anderen verkehrslenkenden Massnahmen zunächst
die Wirkungen der Massnahmen zu ermitteln. Für die Temporeduktion auf 30 km/h kann
sie den vom ASTRA in Auftrag gegebenen Forschungsbericht «Grundlagen zur Beurteilung
der Lärmwirkung von Tempo 30» vom Februar 201726 heranziehen. In der anschliessenden
Verhältnismässigkeitsprüfung ist u.a. von Bedeutung, wie viele Personen von der geprüften
Lärmschutzmassnahme profitieren würden und ob zusätzliche bauliche Massnahmen
notwendig sind. Sollten sich mit den quellenseitigen Massnahmen weitere
Lärmschutzmassnahmen erübrigen, sind damit allfällig eingesparte Kosten ebenfalls zu
berücksichtigen.
e) Die Streitsache erweist sich wegen der unvollständigen Sachverhaltsabklärung im
vorinstanzlichen Verfahren als nicht entscheidreif. Es ist nicht Aufgabe der BVE als
Beschwerdeinstanz, als erste Instanz abzuklären, ob eine Massnahme an der Quelle
realisiert werden kann.27 Die angefochtene Verfügung wird daher aufgehoben. Die Sache
wird zur vollständigen Abklärung und Prüfung an die Stadt Thun zurückgewiesen (Art. 72
Abs. 1 VRPG28). Der Beschwerdeführerin wird vor Erlass der neuen Verfügung das
rechtliche Gehör einzuräumen sein.
5. Kosten
25 Einsehbar unter:
<http://www.bve.be.ch/bve/de/index/strassen/strassen/signalisation_markierung/signalisation/vorschriftssignale. assetref/dam/documents/BVE/TBA/de/TBA_ST_SR_AH_Abweichende_Hoechstgeschwindigkeiten.pdf> 26 Einsehbar unter:
<http://www.cerclebruit.ch/studies/vreduktion/0708_1_1_VSS_2012_214_Beurt_Laermwirkung_T30.pdf> 27 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 72 N. 3 28 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu erheben
(Art. 108 Abs. 1 und 2 VRPG).
b) Die Beschwerdeführerin ist nicht durch einen berufsmässigen Parteivertreter
vertreten (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Das Verfahren war nicht aufwändig (Art. 104 Abs. 2
VRPG). Es sind ihr daher weder Parteikosten noch eine Parteientschädigung oder
Auslagenersatz zuzuerkennen.
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