Decision ID: 99ae986d-7585-4027-a6ac-431c1489d697
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden 1 und 2 ersuchten am 8. Juni 2022 in der
Schweiz um Asyl. Ein Abgleich ihrer Fingerabdrücke mit der europäischen
Fingerabdruck-Datenbank (Eurodac) ergab, dass sie am 27. November
2021 in Polen um Asyl ersucht hatten.
B.
Das SEM gewährte den Beschwerdeführenden 1 und 2 am 29. Juni 2022
das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der
Möglichkeit der Überstellung nach Polen, dessen Zuständigkeit für die Be-
handlung der Asylgesuche grundsätzlich in Frage komme. Die Beschwer-
deführenden 1 und 2 wendeten ein, in Polen während sechs Monaten in-
haftiert gewesen zu sein. Bei einer Rückkehr drohe ihnen dasselbe. Der
Beschwerdeführer fügte an, in Polen viel gelitten zu haben. Er habe dort
niemanden. Sein Ziel sei die Schweiz gewesen; hier lebe sein Schwager.
In Polen hätten Asylsuchende keinen Wert. Zum medizinischen Sachver-
halt befragt, gab die Beschwerdeführerin an, im siebten Monat schwanger
zu sein. In Polen habe sie oft um einen Spitalbesuch bitten müssen. Sie
sei im dritten oder vierten Monat der Schwangerschaft von Polizisten ohne
ihren Mann ins Spital gebracht worden. Da kein Dolmetscher anwesend
gewesen sei, habe sie keine Diagnose erhalten. Als Schwangere sei sie im
Gefängnis nicht anders behandelt worden als alle anderen. In der Schweiz
habe sie einen (...) erlitten und sei deshalb (...). Sie habe um einen Termin
für psychologische Unterstützung gebeten, jedoch keinen erhalten.
C.
Die polnischen Behörden hiessen das Gesuch des SEM vom 29. Juni 2022
um Übernahme der Beschwerdeführenden 1 und 2 gemäss Art. 18 Abs. 1
Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO) am 5. Juli 2022 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-
VO gut.
D.
Mit Verfügung vom 8. Juli 2022 (eröffnet am 12. Juli 2022) trat das SEM
auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden 1 und 2 nicht ein, ordnete
ihre Überstellung nach Polen an und forderte sie auf, die Schweiz am Tag
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nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die
Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen
Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung
zu.
E.
Am 19. Juli 2022 (Poststempel) gelangten die Beschwerdeführenden 1 und
2 an das Bundesverwaltungsgericht und beantragten, die vorinstanzliche
Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf ihre
Asylgesuche einzutreten, eventualiter sei die Sache zur vollständigen
Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventualiter
sei die Vorinstanz anzuweisen, individuelle Zusicherungen bezüglich des
Zugangs zu adäquater medizinischer Versorgung sowie Unterbringung von
den polnischen Behörden einzuholen. Der Beschwerde sei die aufschie-
bende Wirkung zu gewähren und die Vorinstanz und die Vollzugsbehörden
seien im Rahmen vorsorglicher Massnahmen unverzüglich anzuweisen,
bis zum Entscheid über die Beschwerde von jeglichen Vollzugshandlungen
abzusehen. Des Weiteren ersuchten sie um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses.
F.
Am 20. Juli 2022 ordnete der Instruktionsrichter einen superprovisorischen
Vollzugsstopp an.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 21. Juli 2022 erkannte der Instruktionsrichter
der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 28. Juli 2022 hiess der Instruktionsrichter das
Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut.
I.
In ihrer Vernehmlassung vom 26. August 2022 beantragt die Vorinstanz die
Abweisung der Beschwerde.
J.
Am (...) 2022 kam der Sohn der Beschwerdeführenden 1 und 2 (Beschwer-
deführer 3) zur Welt.
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K.
In ihrer Replik vom 10. Oktober 2022 halten die Beschwerdeführenden 1
und 2 an ihren Anträgen und deren Begründung fest.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG (SR 142.31) nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und
Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die üb-
rigen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG],
Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offensichtlich
erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15
Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1
Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitglied-
staates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylan-
trag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Die Situation eines mit dem
Antragsteller einreisenden Minderjährigen, der der Definition des Familien-
angehörigen entspricht, ist untrennbar mit der Situation seines Familienan-
gehörigen verbunden und fällt in die Zuständigkeit des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung des Antrags auf internationalen Schutz dieses Familienan-
gehörigen zuständig ist, auch wenn der Minderjährige selbst kein Antrag-
steller ist, sofern dies dem Wohl des Minderjährigen dient. Ebenso wird bei
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Kindern verfahren, die nach der Ankunft des Antragstellers im Hoheitsge-
biet der Mitgliedstaaten geboren werden, ohne dass ein neues Zuständig-
keitsverfahren für diese eingeleitet werden muss (Art. 20 Abs. 3 Dublin-III-
VO). Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-
VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel
III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und
8.2.1).
Nachdem die polnischen Behörden innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-
VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmegesuch der Vorinstanz zuge-
stimmt haben, ist die Zuständigkeit Polens grundsätzlich gegeben. Dies gilt
auch für den in der Schweiz geborenen Beschwerdeführer 3 (Art. 20
Abs. 3 Dublin-III-VO).
3.2. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grund-
rechtecharta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mit-
gliedstaat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um fest-
zustellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden
kann. Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund
der Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten
Mitgliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so
wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitglied-
staat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.3. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
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4.
4.1. Es gibt keine wesentlichen Gründe für die Annahme, dass das Asyl-
verfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in Polen syste-
mische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-
III-VO aufweisen würden. Polen ist Signatarstaat der EMRK, des Überein-
kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame,
unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR
0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom
31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen entsprechenden völ-
kerrechtlichen Verpflichtungen nach. Ausserdem darf davon ausgegangen
werden, dass dieser Staat die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus
den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU
vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und
Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) so-
wie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben, anerkennt und schützt. Für eine Änderung der
Rechtsprechung besteht auch in Würdigung der von den Beschwerdefüh-
renden gemachten Äusserungen zu ihrer Behandlung und Unterbringung
in Polen keine Veranlassung. Insbesondere ist auf die angeführten Be-
richte zu Push-Backs an der polnischen Grenze und zu Verweigerung des
Zugangs zum Asylverfahren nicht näher einzugehen, gaben die Beschwer-
deführenden doch zu Protokoll, dass sie in Polen gar nicht hätten um Asyl
ersuchen wollen und gegen ihren Willen registriert worden seien.
4.2. Die Beschwerdeführenden führen sinngemäss an, aufgrund der sich
im Zusammenhang mit den Flüchtlingsströmen aus der Ukraine zuspitzen-
den Situation sei davon auszugehen, dass sich Mängel im polnischen Asyl-
system häufen würden und es zu dessen Überlastung komme.
4.3. Zurzeit sind in Polen zwar rund 1.5 Millionen ukrainische Schutzsu-
chende registriert (UNHCR, Pesel Registration by Voivodeship and Povyat,
< https://data.unhcr.org/en/situations/ukraine/location/10781 >, abgerufen
am 17.11.2022). Zu berücksichtigen ist aber, dass diese aufgrund des
Durchführungsbeschlusses (EU) 2022/382 des Rates der Europäischen
Union vom 4. März 2022 zur Feststellung des Bestehens eines Massenzu-
stroms von Vertriebenen aus der Ukraine im Sinne des Artikels 5 der Richt-
linie 2001/55/EG und zur Einführung eines vorübergehenden Schutzes
nicht das üblicherweise vorgesehene Asylverfahren durchlaufen müssen,
sondern in einem vereinfachten Verfahren einen europaweit gültigen vo-
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rübergehenden Schutz erhalten können. Des Weiteren werden die Schutz-
suchenden aus der Ukraine in Polen zu einem beachtlichen Teil in privat
organisierten Unterkünften untergebracht, was im März 2022 dazu führte,
dass die von lokalen polnischen Behörden eingerichteten Unterkunftszen-
tren mit einer Kapazität für ca. 280.000 Menschen weitgehend unbewohnt
geblieben sind (UNHCR, Situation in der Ukraine: Flash-Update Nr. 1 vom
8. März 2022, S. 4, < https://data.unhcr.org/en/documents/details/91208 >,
abgerufen am 17.11.2022). Es liegen dem Gericht schliesslich keine Be-
richte vor und werden von den Beschwerdeführenden auch nicht ins Recht
gelegt, wonach aufgrund des Zustroms von ukrainischen Flüchtlingen das
polnische Asylsystem überfordert wäre (vgl. Verwaltungsgericht Düsseldorf
12 L 1303/22.A, Beschluss vom 10. August 2022, < https://www.jus-
tiz.nrw.de/nrwe/ovgs/vg_duesseldorf/j2022/12_L_1303_22_A_Be-
schluss_20220810.html >, abgerufen am 17.11.2022). Zudem haben die
zuständigen polnischen Behörden mit Rundschreiben vom 23. Juni 2022
mitgeteilt, ab dem 1. August 2022 (Dublin-)Transfers nach Polen wieder
anzunehmen, nachdem sie diese mit Rundschreiben vom 25. Februar
2022 suspendiert hatten. Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO
ist folglich nicht gerechtfertigt.
5.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob – wie beantragt – das Selbsteintrittsrecht
nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO auszuüben ist.
5.1. Die Beschwerdeführenden führen an, aufgrund der grossen Anzahl
von Schutzsuchenden aus der Ukraine könne im Falle einer Rückführung
nach Polen nicht ausgeschlossen werden, dass sie in eine existentielle
Notlage geraten würden. Somit drohe ihnen eine Verletzung von Art. 3
EMRK.
5.2. Die Beschwerdeführenden vermögen nicht darzutun, dass die sie bei
einer Rückführung nach Polen zu erwartenden Bedingungen derart
schlecht sind, dass sie zu einer Verletzung von Art. 3 EMRK führen könn-
ten. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung der ihnen zu-
stehenden Aufnahmebedingungen könnten sie sich im Übrigen nötigenfalls
an die polnischen Behörden wenden und ihre Rechte auf dem Rechtsweg
einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Des Weiteren steht den Be-
schwerdeführenden die Möglichkeit offen, die vor Ort tätigen karitativen Or-
ganisationen zu kontaktieren. Im Übrigen wird auf die Ausführungen in
E. 4.3 verwiesen.
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5.3. Die Beschwerdeführerin bringt vor, sie sei psychisch angeschlagen
und benötige entsprechende Behandlung. Eine adäquate Unterbringung
der Familie mit einem Neugeborenen mit Zugang zu medizinischer Versor-
gung sei in Polen, insbesondere angesichts der Vielzahl von ukrainischen
Flüchtlingen, nicht gewährleistet. Der Beschwerdeführerin sei in Polen ein
Arztbesuch wiederholt verwehrt worden. Sie habe nur ein Mal einen Termin
bei einem Arzt erhalten.
5.4. Es liegen keine konkreten Anhaltspunkte vor, wonach die Gesundheit
der Beschwerdeführenden bei einer Überstellung nach Polen ernsthaft ge-
fährdet würde. Arztberichte, welche allfällige psychische Beschwerden der
Beschwerdeführerin dokumentieren würden, liegen nicht vor. Entgegen de-
ren Vorbringen geht aus den vorinstanzlichen Akten hervor, dass sie mehr-
mals einen Arzt in Polen konsultieren konnte. So wurden mehrere Ultra-
schalluntersuchungen im Zusammenhang mit der Schwangerschaft durch-
geführt (am 1. März 2022, am 30. März 2022 und am 19. Mai 2022). Des
Weiteren wurden zwei Blutuntersuchungen vorgenommen (am 16. März
2022 und am 9. Mai 2022). Am 15. März 2022, am 18. März 2022, am
27. März 2022, am 28. März 2022, am 14. April 2022, am 4. Mai 2022 und
am 16. Mai 2022 erfolgten weitere Konsultationen bei einer Gynäkologin
(wobei nicht immer ersichtlich ist, was deren Anlass gewesen ist). Nach-
dem die Beschwerdeführerin ihr Kind in der Schweiz zur Welt gebracht hat
und auch ihre (...) in der Schweiz operiert werden konnte, ist nicht davon
auszugehen, dass sie in diesem Zusammenhang weitere medizinische
Hilfe wird in Anspruch nehmen müssen. Sollte sie bei einer Rückkehr nach
Polen dennoch eine medizinische Behandlung beziehungsweise psycho-
logische Unterstützung benötigen, ist darauf hinzuweisen, dass die Mit-
gliedstaaten verpflichtet sind, den Antragstellern die erforderliche medizini-
sche Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt er-
forderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Stö-
rungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie).
Antragstellenden Personen mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderli-
che medizinische oder sonstige Hilfe, einschliesslich psychologischer Be-
treuung, zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es besteht folg-
lich auch kein Anlass, die Sache an die Vorinstanz wegen unvollständiger
Sachverhaltsfeststellung im Zusammenhang mit der medizinischen Versor-
gung in Polen zurückzuweisen. Aus dem Gesagten folgt ferner, dass die
Vorinstanz nicht gehalten war, individuelle Zusicherungen bezüglich der
Aufnahmebedingungen und adäquater medizinischer Versorgung der Be-
schwerdeführerin von den polnischen Behörden einzuholen.
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6.
Die Vorinstanz wird auf ihre Pflicht aufmerksam gemacht, vor der Überstel-
lung der Beschwerdeführenden die polnischen Behörden über die Geburt
des Beschwerdeführers 3 zu informieren (Art. 31 Dublin-III-VO).
7.
Die Vorinstanz hat somit das Selbsteintrittsrecht von Art. 17 Dublin-III-VO
sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu Recht nicht ausgeübt. Weder ist die
Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf die Asylgesuche einzutreten, noch
liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbsteintritt nahelegen wür-
den.
8.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht eingetreten
und hat die Wegweisung nach Polen angeordnet.
9.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt die am 21. Juli 2022 angeordnete aufschiebende Wirkung
dahin.
10.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Be-
schwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Angesichts der
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung nach Art. 65 Abs. 1 VwVG
mit Zwischenverfügung vom 28. Juli 2022 ist auf die Erhebung von Verfah-
renskosten zu verzichten.
11.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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