Decision ID: eb7c1741-64fd-5d1a-8e87-a1fba9905621
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin suchte am (...) in der Schweiz um Asyl nach.
Zur Begründung ihres Gesuchs machte sie im Wesentlichen geltend, sie
sei chinesische Staatsangehörige tibetischer Ethnie und habe seit Geburt
im Dorf B._ (Gemeinde C._, Bezirk D._, Präfektur
E._, Provinz F._) in der autonomen Region Tibet gelebt. Als
die Polizei im Zusammenhang mit einer Demonstration vom (...), an der
sie teilgenommen habe, gekommen sei und mehrere Personen festgenom-
men habe, habe sie die Flucht ins Ausland angetreten.
A.b Mit Verfügung vom 4. Februar 2015 stellte das SEM fest, dass die Be-
schwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, lehnte deren
Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete
den Vollzug an, wobei es den Vollzug nach China ausschloss.
A.c Die dagegen erhobene Beschwerde wurde vom Bundesverwaltungs-
gericht mit Urteil D-1455/2015 vom 26. Mai 2015 gutgeheissen, soweit die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung beantragt wurde, und die Sache
zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung und Neubeurteilung an die Vo-
rinstanz zurückgewiesen.
A.d Eine in der Folge vom SEM veranlasste sprach- und landeskundliche
Herkunftsanalyse durch die Fachstelle LINGUA vom 5. Oktober 2015 kam
insbesondere zum Schluss, dass die Sozialisation der Beschwerdeführerin
sehr wahrscheinlich in einer exiltibetischen Gemeinschaft ausserhalb Chi-
nas erfolgt sei.
A.e Mit Verfügung vom 22. Februar 2016 stellte das SEM erneut fest, dass
die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, lehnte de-
ren Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete
den Vollzug an, wobei es den Vollzug nach China wiederum ausschloss.
A.f Die dagegen erhobene Beschwerde wurde vom Bundesverwaltungs-
gericht mit Urteil D-1806/2016 vom 5. Februar 2018 abgewiesen.
B.
Am 4. August 2021 reichte die Beschwerdeführerin durch ihren Rechtsver-
treter beim SEM eine als "Wiedererwägungsgesuch nach Art. 111b AsylG"
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(SR 142.31) bezeichnete Eingabe ein. Zur Begründung machte sie im We-
sentlichen geltend, am 24. Oktober 2020 habe die "Neue Zürcher Zeitung"
(NZZ) enthüllt, dass mehrere Dokumente der Fachstelle LINGUA an Dritte
gelangt seien, darunter auch Berichte des Experten "AS19". Dessen Be-
richte seien von Tibetologen regelrecht zerrissen worden. Die Berichte hät-
ten substanzielle Defizite und nicht akzeptable Fehler und wiesen so viele
Mängel auf, dass eine neutrale und objektive Evaluation nicht möglich sei.
Die Berichte von AS19 hielten wissenschaftlichen Ansprüchen nicht stand.
AS19 sei in der Tibetologie auf dem Forschungsstand der achtziger Jahre
stehengeblieben und seine Aussagen tönten wie die offizielle chinesische
Staatspropaganda. Zudem sei in einem Bericht von "La Liberté" vom
22. Juni 2021 im Zusammenhang mit dem Experten "TAS09" Kritik geäus-
sert worden. Mit Blick auf die Berichterstattung über die zweifelhaften LIN-
GUA-Berichte habe der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin sofort
nach Erteilung des Mandats am 16. Juli 2021 beim SEM ein Gesuch um
Akteneinsicht gestellt. Diese sei ihm mit Verfügung vom 21. Juli 2021 teil-
weise gewährt worden. Daraus gehe namentlich hervor, dass es sich beim
Experten, welcher eine Drittmeinung über die Beschwerdeführerin abge-
geben habe, um den in Verruf geratenen AS19 handelte. Folglich müsse
davon ausgegangen werden, dass der LINGUA-Bericht, welcher die Basis
für die Ablehnung des Asylgesuchs der Beschwerdeführerin dargestellt
habe, nicht von einem Experten verfasst worden sei, welcher in Sachen
Qualifikation, Objektivität und Neutralität den höchstrichterlichen Anforde-
rungen genügt habe. Die erwähnten Enthüllungen könnten insbesondere
als nachträglich entstandene Beweismittel oder als neue erhebliche Tatsa-
schen betrachtet werden. Folglich sei dem Begehren der Beschwerdefüh-
rerin, ihr Asylgesuch in Wiedererwägung zu ziehen, stattzugeben. Des
Weiteren sei unklar, ob auch der ebenfalls zweifelhafte TAS09 an den LIN-
GUA-Berichten über die Beschwerdeführerin mitgewirkt habe. Sollte auf
das Wiederwägungsgesuch nicht eingetreten werden, müsste ihrem
Rechtsvertreter auf jeden Fall volle Akteneinsicht gewährt werden. In ver-
fahrensrechtlicher Hinsicht wurde zudem um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung inklusive Rechtsverbeiständung ersucht.
Zur Untermauerung der Vorbringen wurden die erwähnten, in der NZZ und
La Liberté erschienen Berichte und ein Einvernahmeprotokoll vom (...)
September 2020 zu den Akten gegeben.
C.
Mit Verfügung vom 3. September 2021 – eröffnet am 6. September 2021 –
trat das SEM auf das Wiedererwägungsgesuch vom 4. August 2021 nicht
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ein, erklärte seine Verfügung vom 22. Februar 2016 für rechtskräftig und
vollstreckbar, wies die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und vollständigen Akteneinsicht ab und erhob eine Gebühr in
der Höhe von Fr. 600.–. Gleichzeitig hielt es fest, einer allfälligen Be-
schwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu.
D.
Gegen diesen Entscheid erhob die Beschwerdeführerin durch ihren
Rechtsvertreter mit Eingabe vom 10. September 2021 beim Bundesver-
waltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der angefoch-
tenen Verfügung und die Rückweisung der Sache zwecks Eintretens auf
das Wiedererwägungsgesuch und insbesondere erneuter Durchführung
der Herkunftsabklärung. Eventualiter sei die Verfügung des SEM vom
3. September 2021 aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf das
Wiedererwägungsgesuch einzutreten und der Beschwerdeführerin volle
Akteneinsicht zu gewähren. In prozessualer Hinsicht sei ihr die unentgelt-
liche Prozessführung zu gewähren (inklusive Übernahme der Kosten für
die bisherige Vertretung vor der Vorinstanz und Übernahme der Gebühr
der Vorinstanz in der Höhe von Fr. 600.– für die angefochtene Verfügung),
soweit die Gebühren nicht auf die Staatskasse genommen würden. Auf die
Begründung der Rechtsbegehren wird, soweit entscheidwesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Der Beschwerde war insbesondere ein im "Beobachter" vom 9. September
2021 veröffentlichter Bericht betreffend Herkunftsabklärungen von Tibete-
rinnen und Tibetern durch das SEM beigelegt.
E.
Mit Verfügung vom 13. September 2021 setzte die Instruktionsrichterin den
Vollzug der Wegweisung im Sinne einer superprovisorischen Massnahme
gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Da Wiedererwägungs-
entscheide gemäss Lehre und Praxis grundsätzlich wie die ursprüngliche
Verfügung auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden
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können, ist das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorlie-
genden Beschwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls
– in der Regel und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VwVG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden in der Regel
in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen (Spruchkörper; Art. 21
Abs. 1 VGG). Das Gericht kann – wie vorliegend – auch in solchen Fällen
auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichten (Art. 111a Abs. 1
AsylG).
4.
4.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM
innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schriftlich
und begründet einzureichen; das Verfahren richtet sich im Übrigen nach
den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66–68 VwVG (Art. 111b
Abs. 1 AsylG).
4.2 In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwä-
gungsgesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an
eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl.
BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unange-
fochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem
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blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisi-
onsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (zum soge-
nannten "qualifizierten Wiedererwägungsgesuch" vgl. BVGE 2013/22
E. 5.4 m.w.H.). Ebenfalls im Rahmen einer Wiedererwägung zu prüfen sind
Beweismittel, die erst nach dem Beschwerdeentscheid entstanden sind.
4.3 Das SEM hat die Eingabe vom 4. August 2021 zu Recht als Wiederer-
wägungsgesuch entgegengenommen, ist jedoch darauf nicht eingetreten.
4.4 Anfechtungsgegenstand der vorliegenden Beschwerde ist mithin der
Nichteintretensentscheid des SEM vom 3. September 2021. Das Be-
schwerdeverfahren beschränkt sich somit auf die Prüfung der Frage, ob
die Vorinstanz zu Recht auf die Eingabe der Beschwerdeführerin vom
4. August 2021 nicht eingetreten ist.
Die Beschwerdeinstanz enthält sich – sofern sie den Nichteintretensent-
scheid als unrechtmässig erachtet – einer selbständigen materiellen Prü-
fung; sie hebt die angefochtene Verfügung auf und weist die Sache zu
neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurück (vgl. BVGE 2007/8 E. 2.1
m.w.H.).
5.
5.1 Das SEM hielt in seiner angefochtenen Verfügung vorab fest, Wieder-
erwägungsgesuche müssten gehörig begründet sein, so dass die Behörde
in der Lage sei, über das Gesuch entscheiden zu können, auch ohne dass
sie die gesuchstellende Person vorher anhörte. Sofern eine gesuchstel-
lende Person ihrer Begründungspflicht nicht nachkomme oder die Eingabe
inhaltlich haltlos sei, habe die Behörde gemäss Art. 111b Abs. 2 AsylG in
Verbindung mit Art. 13 Abs. 2 VwVG neben der formlosen Abschreibung
die Option, auf das Gesuch nicht einzutreten (vgl. BVGE 2014/39 E. 7).
Der sachverständigen Person AS19 werde im zitierten NZZ-Bericht unter
anderem vorgeworfen, ihr Wissensstand sei auf dem Stand der 1980er-
Jahre stehengeblieben. Das sei nachweislich falsch. Die sachverständige
Person sei bestens informiert über den aktuellen Forschungsstand in ihrem
Fachgebiet, werte neue Publikationen regelmässig aus und ziehe sie für
ihre Analysen bei. Dies könne von LINGUA anhand der Analysen überprüft
werden. Die sachverständigen Personen seien Wissenschaftler, die Daten
analysierten, um eine sehr konkrete Frage zu beantworten, nämlich die, ob
eine Person tatsächlich in dem von ihr angegebenen Gebiet hauptsächlich
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sozialisiert worden sei. Das Resultat einer LINGUA-Analyse basiere aus-
schliesslich auf einem zu diesem Zweck geführten Interview und den darin
enthaltenen Angaben. Die sachverständigen Personen hätten keinen Zu-
griff auf die Asyldossiers und es werde ihnen keine Informationen daraus
mitgeteilt. Weiter sei darauf hinzuweisen, dass der erwähnte Artikel eine
Reihe von irreführenden, teilweise auch falschen Informationen sowie un-
belegte Aussagen enthalte. So betreibe das SEM keineswegs eine "Ge-
heim-Abteilung". Auf der Website des SEM finde sich im Gegenteil eine
ausführliche Beschreibung der Fachstelle LINGUA sowie ihrer Arbeits-
weise. Mit keinem Wort werde sodann im Artikel erwähnt, dass die Fach-
stelle LINGUA in internationalen Wissenschaftskreisen hohes Ansehen ge-
niesse, ihre Methodologie und ihre Qualität als vorbildlich gelten und die
entsprechenden Verfügungen des SEM vom Bundesverwaltungsgericht
über Jahre hinweg regelmässig bestätigt worden seien. Was das zu den
Akten gereichte Einvernahmeprotokoll der Kantonspolizei G._ vom
(...) September 2020 betreffe, sei nicht ersichtlich, was damit belegt wer-
den solle. Das SEM habe nicht in Zweifel gezogen, dass die Beschwerde-
führerin tibetischer Abstammung und Ethnie sei. Sie habe jedoch keinen
ununterbrochenen Aufenthalt in Tibet von Geburt an bis zur Ausreise im
(...) – wie sie dies in ihrem Asylverfahren geltend gemacht habe – glaubhaft
machen können und es sei vielmehr davon auszugehen, dass sie vor ihrer
Ankunft in der Schweiz nicht in China, sondern in der exiltibetischen
Diaspora gelebt habe. Damit verunmögliche sie dem SEM weiterhin eine
Prüfung, in welchen Heimatstaat oder Drittstaat sie allenfalls zurückkehren
könnte. Gestützt auf Art. 111b Abs. 2 AsylG in Verbindung mit Art. 13 Abs. 2
VwVG trete das SEM somit auf das Wiedererwägungsgesuch nicht ein, da
sich die Vorbringen als inhaltlich haltlos erwiesen hätten, zumal die Be-
schwerdeführerin an den nicht glaubhaften Angaben aus dem ursprüngli-
chen Verfahren festhalte. Den Antrag auf Gewährung der vollständigen Ak-
teneinsicht bei einem allfälligen Nichteintretensentscheid wies das SEM
unter Verweis auf sein Schreiben vom 21. Juli 2021 ab.
5.2 Dem wird in der Beschwerde (vgl. S. 6 ff.) entgegengehalten, das SEM
habe die angefochtene Verfügung floskelhaft begründet. Dem Bericht im
Beobachter könne entnommen werden, dass das SEM nach einer angeb-
lich durchgeführten Prüfung der Kritikpunkte an seinen LINGUA-Experten
für Tibet festhalte. In dem Beobachter-Artikel halte eine Professorin für Re-
ligionswissenschaften und zentralasiatische Kulturwissenschaften, welche
bereits im letzten Herbst Kritik an AS19 geäussert habe, an ihrer Kritik fest.
Das SEM wolle zwar den Bericht über die angeblich untersuchten Vorwürfe
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der Öffentlichkeit nicht zugänglich machen, verteidige aber weiterhin LIN-
GUA. Der LINGUA-Bericht vom 5. Oktober 2015 betreffend die Beschwer-
deführerin müsse rückblickend vor dem Hintergrund der jüngsten Enthül-
lungen gelesen werden und verdiene es nicht mehr, dass ihm erhöhter Be-
weiswert beigemessen werde. Das SEM könne sich bezüglich AS19 und
LINGUA nicht auf Floskeln beschränken und weder inhaltlich Stellung neh-
men noch der Beschwerdeführerin den Bericht von AS19 zugänglich ma-
chen.
5.3 Im Folgenden ist zu prüfen, ob das SEM zu Recht zum Schluss gelangt
ist, die im Wiedererwägungsgesuch gemachten, mit Beweismitteln gestütz-
ten Vorbringen seien inhaltlich haltlos beziehungsweise nicht gehörig be-
gründet.
Die Beschwerdeführerin macht mit der in der Öffentlichkeit geäusserten
Kritik an der sachverständigen Person AS19 der Fachstelle LINGUA, wel-
che auch in ihrem Verfahren eine sprach- und landeskundliche Herkunfts-
analyse durchgeführt hat, einen zulässigen, potenziellen Wiedererwä-
gungsgrund geltend und belegt diesen mittels Medienberichten. Zwar ver-
mögen einzelne Medienberichte nicht die Arbeitsweise des SEM in Frage
zu stellen. Indessen stützen sich die geäusserten konstanten, anhaltenden
Anschuldigungen auf von aus Kreisen der Wissenschaft erhobene Kritik.
Ob diese Kritik berechtigt ist oder nicht, ist an dieser Stelle nicht zu ent-
scheiden. Allerdings ist festzustellen, dass die geäusserte Kritik auch nicht
als zum Vornherein haltlos bezeichnet werden kann, zumal das SEM nicht
darlegt, dass es sich bei den genannten Personen nicht um Fachperson
handeln würde. Insofern erweisen sich die Vorbringen der Beschwerdefüh-
rerin in ihrem Wiedererwägungsgesuch inhaltlich nicht als haltlos bezie-
hungsweise ist dieses gehörig begründet. Dies gilt umso mehr, als der Be-
richt über die untersuchten Vorwürfe offenbar nicht öffentlich zugänglich ist
und sich auch das Bundesverwaltungsgericht bislang diesbezüglich nicht
abschliessend geäussert hat.
Mit den eingereichten Beweismitteln und den Vorbringen im Wiedererwä-
gungsgesuch vom 4. August 2021 ist das Wiedererwägungsgesuch damit
– entgegen der Auffassung der Vorinstanz – als gehörig begründet zu er-
achten.
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Seite 9
6.
Nach dem Gesagten ist die Vorinstanz zu Unrecht auf das Wiedererwä-
gungsgesuch vom 4. August 2021 nicht eingetreten und hat damit Bundes-
recht verletzt (Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist somit gutzuheissen, die
angefochtene Nichteintretensverfügung vom 3. September 2021 ist aufzu-
heben und das SEM ist anzuweisen, auf das Wiedererwägungsgesuch ein-
zutreten und dieses materiell zu behandeln.
Vor diesem Hintergrund erübrigt es sich, auf die weiteren Begehren und
Ausführungen in der Beschwerdeschrift (insbesondere betreffend erneute
Durchführung der Herkunftsabklärung der Beschwerdeführerin, vollstän-
dige Gewährung der Akteneinsicht und Übernahme der Vertretungskosten
des vorinstanzlichen Verfahrens durch das SEM) einzugehen, weil sie Ge-
genstand des wiederaufzunehmenden materiellen Verfahrens sein werden
und die Vorinstanz sich damit zu befassen haben wird. Festzuhalten ist
immerhin, dass die Vorinstanz der angefochtenen Verfügung zu Unrecht
nicht über das bereits mit dem Wiedererwägungsgesuch gestellte Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsvertretung entschieden hat.
Der Vollständigkeit halber ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich
die Vorinstanz nicht explizit zur der Rechtzeitigkeit des Wiedererwägungs-
gesuchs geäussert hat. Sie verwies indessen auf die 30-tägige Frist ge-
mäss Art. 111b Abs. 1 AsylG, weshalb davon auszugehen ist, dass sie
diese Eintretensvoraussetzung als gegeben erachtet hat.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 VwVG), womit auch das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gegenstands-
los geworden ist.
7.2 Der obsiegenden Beschwerdeführerin ist in Anwendung von Art. 64
Abs. 1 VwVG eine Parteientschädigung für die ihr erwachsenen notwendi-
gen und verhältnismässig hohen Vertretungskosten zuzusprechen (vgl.
Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Der Rechtsvertreter reichte keine Kostennote zu den Akten, doch kann auf
die Nachforderung einer solchen verzichtet werden, da sich im vorliegen-
den Verfahren der Aufwand zuverlässig abschätzen lässt (Art. 14 Abs. 2
VGKE). Der Beschwerdeführerin ist somit eine Parteientschädigung von
insgesamt Fr. 800.– zuzusprechen.
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