Decision ID: bc77a78b-7f01-40e5-947e-4d9ba83ca58a
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Mit Beschluss vom 2
0.
November 2015 teilte die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Graubünden, IV-Stelle, der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse
(im Folgenden: Ausgleichskasse
)
mit, dass
Y._
, geboren 1976, rückwirkend ab
1.
Juli 2013 Anspruch auf eine
Viertelsrente
der Invalidenversicherung habe. Sie
forderte die Ausgleichskasse zur Berechnung der Geldleistungen und
zur
Erstellung sowie
zum
Versand der Rentenv
erfügung auf
(
Urk.
11/28-29).
Mit
beigelegtem
Entscheid des Bezirksgerichts Luzern vom 1
0.
November 2015 in Sachen von
X._,
Ehefrau des Versicherten, gegen den Versicherten betreffend superpro
visorische Massnahmen nach
Art.
265
der Schweizerischen Zivilprozessordnung (ZPO)
in der seit 1
7.
Februar 2014 hängigen Scheidung wurde die Ausgleichskasse angewiesen, mit der Auszahlung der Rentenleistungen zugunsten des Versicher
ten zuzuwarten, bis ein Entscheid des Bezirksgerichts Luzern vorliege (
Urk.
11/26). Mit einem weiteren Entscheid betreffend superprovisorische Mass
nahmen nach
Art.
265 ZPO vom 1
6.
Juni 2016 wurde die Au
s
gleichskasse ange
wiesen
,
die Rentenleistungen vom
1.
Juli 2013 bis 3
0.
Juni 2016 zugunsten des Versicherten und zugunsten seines Sohnes
Z._
, geboren 2010, an die Sozialen Dienste der Stadt Luzern zugunsten von
X._
zu überweisen.
Die Kinderrente der Invalidenversicherung für
Z._
sei ab
1.
Juli 2016
ebenfalls
an die Sozialen Dienste der Stadt Luzern zugunsten von
X._
zu überweisen (
Urk.
11/45). Am
7.
Juli 2016 folgte ein weiterer vorsorglicher
Massnahmeentscheid
des Bezirksgerichts Luzern, mit welchem unter anderem die am 1
0.
November 2015 erlassene Sperrung der Auszahlung der Invalidenrente aufgehoben und die S
ozialversicherungsanstalt des
Zürich angewiesen wurde, Fr. 14'060.--
sowie die Kinderrente für
Z._
ab Rentenbeginn am
1.
Juli 2013
direkt auf ein Konto von
X._
zu überweisen (
Urk.
11/56).
Mit
einem
Massnahmeentscheid
vom selben Tag
(nicht in den Akten, erwähnt in:
Urk.
3/3 S. 2)
verpflichtete das Bezirksgericht Luzern den
Versicherte
n
, seiner Ehefrau an den Unterhalt des gemeinsamen Sohnes
Z._
monatlich
Fr.
1'370.-- (nebst den der Mutter direkt ausgerichteten Kinderrenten der Invalidenversiche
rung) und für
sie
persönlich
Fr.
370.-- zu bezahlen.
Am 1
2.
Juli 2016 liess der Versicherte die
Ausgleichskasse auffordern, die Rentenverfügung unverzüglich zu erlassen und ihm die Stammrente auszuzahlen; hinsichtlich einer allfälligen Drittauszahlung der Kinderrente sei das Scheidungsurteil abzuwarten (
Urk.
11/62). Mit Verfügungen vom 2
5.
August 2016 sprach die IV-Stelle Grau
bünden dem Versicherten rückwirkend ab
1.
Juli 2013 eine
Viertelsrente
der Invalidenvers
icherung von monatlich
Fr.
430.--
vom
1.
Juli 2013 bis
3
1.
Dezem
ber 2014 und
von
Fr.
432.--
ab
1.
Januar 2015 sowie eine Kinderrente von
Fr.
172.
--
bis 3
1.
Dezember 2014 und
von
Fr.
173.--
ab
1.
Januar 2015 zu.
Die Auszahlung erfolge durch die SVA Zürich, wobei die Stammrente ab August 2016 zuzüglich eines nicht verrechneten Guthabens aus der Nachzahlung der Stamm
rente für die Zeit vom
1.
Juli 2013 bis 3
1.
Juli 2016 von
Fr.
1'199.-- an den Ver
sicherten
, die Kinderrente an die Ehefrau,
X._
, überwiesen werde (
Urk.
11/70/1-6)
.
Auf Antrag
von
X._
wies die Einzelrichterin des Bezirksgerichts Luzern mit E
ntscheid vom
4.
Mai 2017 die Sozialversicherungsanstalt des Kantons
Zürich an, von der monatlichen Invalidenrente des Versicherten
gestützt auf
Art.
291
des Schweizerischen Zivilgesetzbuchs (ZGB)
jeweils
Fr.
432.
--
der Gesuchstellerin
X._
direkt
zu überweisen
(
Urk.
11/107). Mit Vorbe
scheid vom 2
1.
Juni 2017 teilte die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle (im Folgenden: IV-Stelle),
X._
unter Hinweis auf das bundesgerichtliche Urteil 5P_474/2005
vom
8.
März 2006
mit, dass sie der zivilgerichtlichen Schul
dneranweisung nicht folgen
und dem Gesuch um Dritt
auszahlung der Rente des Versicherten
Y._
nicht statt
geben
könne. Dagegen werde die Kinderrente weiterhin an
X._
überwiesen (
Urk.
11/112).
Mit dem Einwand dagegen vom
6.
Juli 2017 liess
X._
beantragen, der Entscheid des Bezirksgerichts Luzern vom
4.
Mai 2017 sei umzu
setzen und der
zivilgerichtlich
angeordnete
n
Schuldneranweisung sei ab
1.
Juli 2017
Folge zu leisten
(
Urk.
11/114/1). Mit Urteil vom 2
9.
September 2017 wies das Kantonsgericht Luzern die Berufung des Versicherten gegen den Entscheid des Bezirksgerichts Luzern
vom
4.
Mai 2017 ab
(
Urk.
3/3). Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft (vgl.
Urk.
20). Mit Verfügung vom 1
1.
Dezember 2017 stellte die IV-Stelle fest, dass die Rente weiterhin vollumfäng
lich an den Versicherten
Y._
ausgerichtet, der zivilgerichtlichen Schuldneranweisung mithin nicht Folge geleistet
werde (
Urk.
2).
2.
Gegen diesen Entscheid liess
X._
am 1
1.
Januar 2018 Beschwerde erheben und beantragen, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei anzuweisen, die Schuldneranweisung gemäss Ziffer 1 des Entscheides des
Bezirksgerichts Luzern vom
4.
Mai 2017 rückwirkend ab
1.
Juli 2017 umzusetzen. Prozessual liess sie
um Bewilligung der unentgeltlichen Pro
zessführung und Bestellung von Rechtsanwalt Sandor Horvath zum unentgelt
lichen Rechtsvertreter für das gerichtliche Verfahren ersuchen (
Urk.
1). Die Beschwerdegegnerin schloss in der Vernehmlassung vom 1
6.
Februar 2018 auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
10). Mit Verfügung vom 2
3.
Februar 2018 wur
den die prozessualen
Anträ
ge der Beschwerdeführerin bewilligt und Rechtsanwalt Horvath zum unentgeltlichen Rechtsvertreter bestellt (
Urk.
12).
Mit Schreiben vom
5.
März 2018 reichte letzterer die Kostennote ein (
Urk.
14, 15). Am 1
4.
März 2018 wurde der Versicherte
Y._
zum Verfahren beigeladen (
Urk.
16). Dieser verzichtete auf die Einreichung einer Stellungnahme (
Urk.
18).
Auf
die Vorbringen
der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit für die
Entscheidfindung
erforderlich, nachfolgend eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Streitig
ist
zwischen den Parte
ien
, ob die Beschwerdegegnerin aufgrund der mit Entscheid des Bezirksgerichts Luzern vom
4.
Mai 2017 angeordneten Schuld
neranweisung gemäss
Art.
291 ZGB, welche
vom
Kantonsgericht Luzern mit unangefochten in Rechtskraft erwachsenem Urteil
vom 2
9.
September 2017 bestätigt
wurde
(
Urk.
3/3, 3/4), verpflichtet ist, von der monatlichen Invaliden
stamm
rente des Beigeladenen rückwirkend ab
1.
Juli 2017
Fr.
432.
--
monatlich direkt der Beschwerdeführerin zu überweisen.
1.2
Wenn die Eltern die Sorge für das Kind vernachlässigen, kann das Gericht
gemäss
Art.
291 ZGB
ihre Schuldner anweisen, die Zahlungen ganz oder zum Teil an den gesetzlichen Vertreter des Kindes zu leisten.
1.3
Nach
Art.
20
Abs.
1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozial
versicherungsrechts (ATSG)
können Geldleistungen ganz oder teilweise einem geeigneten Dritten oder einer Behörde ausbezahlt werden, der oder die der berechtigten Person gegenüber gesetzlich oder sittlich unterstützungspflichtig ist oder diese dauernd fürsorgerisch betreut, sofern die berechtigte Person die Geld
leistungen nicht für den eigenen Unterhalt oder für den Unterhalt von Personen, für die sie zu sorgen hat, verwendet oder dazu nachweisbar nicht im Stande ist (
lit
. a) und die
berechtigte Person oder Personen, für die sie zu sorgen hat, aus einem Grund nach Buchstabe a auf die Hilfe der öffentlichen oder privaten Für
sorge angewiesen sind (
lit
. b).
Gemäss
dem
Wortlaut von
Art.
20
Abs.
1
lit
. a ATSG kommen daher nur Personen oder Behörden
als Drittauszahlungsstellen
in Frage, die gegenüber der rentenbe
rechtigten Person unterstützungspflichtig sind oder diese dauernd betreue
n (BGE 143 V 241 E. 2.2.1
).
Weder
das
ATSG noch
das
Bundesgesetz
über die Invaliden
versicherung (IVG)
sehen
dagegen -
abgesehen von der Ausnahmeregelung
für die Auszahlung von Kinderrenten (
Art.
35
Abs.
4 IVG in Verbindung mit
Art.
82
der Verordnung
über die Invalidenversicherung, IVV, und
Art.
71
ter
der Verord
nung über die Alters-
und
Hinterlassenenversicherung
,
AHVV)
-
die Möglichkeit einer Drittauszahlung an
eine Person, welc
he dem Rentenberechtigten gegenüber nicht unterstützung
s
pflichtig ist,
vor.
Im Urteil 5P.474/2005 vom
8.
März 2006 sprach sich das Bundesgericht in Aus
einandersetzung mit den Materialien und der Entstehungsgeschichte im Rahmen einer staat
s
rechtlichen Beschwerde dafür aus, dass
Art.
35
Abs.
4 IVG wie auch
Art.
22
bis
AHVG Ausnahmen vom Grundsatz des
Art.
20
Abs.
1 ATSG, wonach die Versicherungsleistung
nur
einem geeigneten
,
gegenüber dem Rentenberech
tigten unterstützungspflichtigen Dritten oder einer gegenüber dem Rentenberech
tigten unterstützungspflichtigen Behörde ausbezahlt we
rden könne, bilden wür
den. Es stellte fest, dass
ohne Willkür darauf geschlossen werden könne, dass
Art.
20
Abs.
1 ATSG wortgetreu auszulegen sei
(E. 2.3.4 des
zitierten Urteils 5P.474/2005), weshalb das vorinstanzliche Urteil, welches eine Drittauszahlung aufgrund von
Art.
20
Abs.
1 ATSG nur an unterstützungspflichtige Personen als zulässig erachtet habe, mit
Art.
9 der Bundesverfassung vereinbar sei.
In BGE 143 V 241
stellte das Bundesgericht klar
, dass eine Drittauszahlung
der Invalidenrente
an die in diesem Fall unterstützungsberechtigte Beschwerdeführe
rin gestützt auf
Art.
20
Abs.
1 ATSG nicht möglich gewesen wäre, da sie ihrem geschiedenen Ehegatten gegenüber nicht unterstützungspflichtig sei oder ihn dauernd fürsorgerisch betreue. Da
aber
nicht die Rechtmässigkeit der Drittaus
zahlung, sondern
lediglich
diejenige einer Rückforderung im Streite stand, liess es
ausdrücklich
offen, ob eine (gestützt auf
Art.
132
Abs.
1 ZGB)
zivilgerichtlich
angeordnete Schuldneranweisung gegenüber sozialversicherungsrechtlichen Drittauszahlungstatbeständen vorbehalten bleibe. Immerhin wies es unter Erwä
gung
4.3 auf die mehrheitlich bejahende Lehre und
deren kritische Auseinander
setzung mit dem
bundesgerichtlichen
Urteil 5P.474/2005 vom
8.
März 2006
hin.
1.4
Das Kantonsgericht Luzern sprach sich
sodann
in seinem
unangefochten in Rechtskraft erwachsenen
Urteil 3B 17 28/3U 17 43/3U 17 46
in Sachen des Bei
geladenen gegen die Beschwerdeführerin
vom 2
9.
September 2017
in Auseinan
dersetzung mit diesen beiden bundesgerichtlichen Urteilen wie auch der Lehre für die Zulässigkeit der Schuldneranweisung
gemäss
Art.
291 ZGB
an die Beschwer
degegnerin aus und verneinte
eine zwischenzeitlich eingetretene massgebliche Veränderung der finanziellen Verhältnisse des Beigeladenen, aufgrund we
lcher auf einen Eingriff in dessen
Existenzminimum durch die Schuldneranweisung
zu schliessen wäre (
Urk.
3/3).
2.
2.1
Fraglich und zu prüfen ist
angesichts des Urteils des Kantonsgerichts Luzern
, ob die Beschwerdegegnerin an diese
zivilgerichtlich
rechtskräftig
statuierte Schuld
neranweisung
gemäss
Art.
291 ZGB
gebunden ist
,
oder ob die sozialversiche
rungsrechtlich
e Drittauszahlungsnormierung der
Durchsetzung einer solchen zivilrechtlichen Anweisung entgegensteht
.
2.2
Stellen sich in einem Prozess Vorfragen aus einem anderen Rechtsgebiet, deren Beurteilung in den Zuständigkeitsber
eich einer anderen Behörde
fällt
, steht dem Gericht unter Vorbehalt einer abweichenden gesetzlichen Regelung die Befugnis zu deren selbständiger Prüfung zu, solange die zuständige Behörde noch nicht entschieden hat. Insbesondere sind die Zivilgerichte nach konstanter Praxis zuständig zur Beurteilung öffentlich-rechtlicher Vorfragen, die (noch) nicht Gegenstand eines rechtskräftigen Entscheides der zuständigen Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsbehörden bilden (BGE 108 II 456 E. 2; 131 III 546 E. 2.3 mit Hinweisen).
Liegt folglich zur zivilrechtlichen Frage ein rechtskräftiges Urteil vor, so ist die Verwaltungsbehörde an die entsprechenden Feststellungen gebunden
. Eine solche Bindung entfällt höchstens dort, wo ein Entscheid
an schwerwiegenden Mängeln leidet
(
Tschannen
/Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht,
3.
Auflage, Bern 2009 S. 122;
BGE 108 II 456 E. 2 mit Hinweisen).
2.3
Das Kantonsgericht Luzern prüfte in seinem Urteil vom 2
9.
September 2017 die Zulässigkeit der Schuldneranweisung gemäss
Art.
291 ZGB unter vorfrageweiser Abklärung der
grundsätzlichen
Zulässigkeit einer Schuldneranweisung an
die
Sozialversicherungsbehörden. Dabei
folgerte
es, dass vor dem Hintergrund der älteren bundesgerichtlichen Rechtsprechung
(
Urteil 5P.474/2005 vom
8.
März 2006
)
eine nach
Art.
177 oder
Art.
291 ZGB vorgenommene Schuldneranweisung an den Sozialversicherer auf Sozialver
sicherungsleistungen des
Gesuchs
gegners
tatsächlich problematisch erscheine. Jedoch mass es der Erwägung 4.4 im
kürz
lich ergangenen
bundesgerichtlichen
Urteil 8C_
83/2016 vom 2
8.
Juni 2017, publiziert in BGE 143 V 241, wonach dem Urteil 5P.474/2005 vom
8.
März 2006 nicht entnommen werden könne, ob zivilrechtliche Anweisungen einer Drittaus
zahlung nur bei einer ausdrücklichen sozialversicherungsrechtlichen Auszah
lungsbestimmung möglich sein sollen, massgebliche Bedeutung bei. Unter Darle
gung der Lehre
, welche sich mehrheitlich für die Zulässigkeit der Anweisunge
n nach
Art.
132
Abs.
1
,
Art.
177 und
Art.
291 ZGB oder
Art.
13
Abs.
3
des B
undes
gesetz
es
über die eingetragene Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare
(
PartG
)
ausspreche und dem Zivilrecht Vorrang vor dem Sozialversicherungsrecht beimesse
, kam es zum Schluss, dass unter Berücksichtigung der überzeugenden Lehrmeinungen und dabei insbesondere derjenigen von Martina Patricia Steiner (Steiner, Die Anweisungen an die Schuldner, Luzerner Beiträge an die Rechtswis
senschaft [LBR], Band Nr. 101, 2015) sowie der aktuellen bundesgerichtlichen Rechtsprechung gemäss BGE 143 V 241 nicht v
on
einer
gestützt auf
Art.
20 ATSG und dem dazu ergangenen Bundesgerichtsurteil 5P.474/2005 vom
8.
März
2006
begründeten U
nzulässigkeit der von der Vorinstanz vorgenommenen Schuld
neranweisung
gemäss
Art.
291 ZGB
an die Beschwerdegegnerin ausgegangen werden könne
(
Urk.
3/3 S. 7 ff.).
2.4
Schwerwiegende Mängel sind in dieser kantonsgerichtlichen Prüfung der verwal
tungsrechtlichen Vorfrage nach der Zulässigkeit einer Schuldneranweisung gemäss
Art.
291
ZGB an die Beschwerdegegnerin im Lichte von
Art.
20
Abs.
1 ATSG nicht erkennbar. Zunächst ist den Schlussfolgerungen des Kantonsgerichts Luzern insofern zu folgen, als
es unter Verweis auf BGE 143 V 241 zu Recht davon ausging, dass mit dem Urteil 5P.474/2005 vom
8.
März 2006 nicht abschliessend darüber befunden wurde, ob zivilrechtliche Anweisungen einer Drittauszahlung nur bei einer ausdrücklichen sozialversicherungsrechtlichen Auszahlungsbestimmung möglich sein sollen (vgl. BGE 143 V 241 E. 4.4), dass mithin diese Frage bis heute höchstrichterlich nicht
abschliessend
geklärt ist. Obwohl das Bundesgericht in BGE 143 V 241 ausdrücklich erklärte, sich nic
ht mit der Frage nach der Recht
mässigkeit der Drittauszahlung gestützt auf
Art.
291 ZGB auseinanderzusetzen, sondern nur mit derjenigen der Rückforderung, führte es unter Erwägung 4.6.1 aus, dass durch die
Anordnung im Scheidungsurteil ein Anspruch auf Drittauszahlung der Stammrente entstanden sei
,
und mass der zivilgericht
lichen Anordnung (
dem Anspruch auf Drittauszahlung mit ent
sprechender Schuldneranweisung)
auch insofern Rechtswirkung bei
, als diese einer sozialversicherungsrechtlichen Rückforderungsmöglichkeit gestützt auf
Art.
25
Abs.
1 ATSG entgegenstehe. D
iesen Vorrang des Familienrechts vor dem Sozialversicherungsrech
t betonte das Bundesgericht wiederum
in BGE 143 V 305
unter
E. 4.
1.
Im Zusammen
hang mit d
em strittigen
Akteneinsichtsrecht einer unterhaltsbe
rechtigten
Ehefrau
, sprach es sich zudem bereits
im Urteil 8C_192/2008 vom
8.
April 2008, wenn auch ohne Auseinandersetzung mit der Drittauszahlungsbe
stimmung gemäss
Art.
20
Abs.
1 ATSG, so doch
ausdrücklich dafür aus, dass
eine Schuldneranweisung (
im konkreten Fall eine
Schuldneranweisung gemäss
Art.
177 ZGB an die obligatorische Unfallversicherung betreffend Drittauszah
lung der Invalidenrente) auch gegenüber dem Sozialversicherer zulässig sei (Urteil des Bundesgerichts 8C_192/2008 vom
8.
April 2009 E. 4.3.1).
Die neuere bundesgerichtliche Rechtsprechung deutet folglich zumindest bei Schuldneranweisungen im eheschutzrechtlichen Verfahren nach
Art.
177 ZGB, aber auch im Falle einer Schuldneranweisung gemäss
Art.
291 ZGB, wie sie vor
liegend im Streite steht, darauf hin, dass
es
eine zivilrechtliche Schuldneran
weisung für Sozialversicherungsleistungen auch ohn
e sozialversicherungsrecht
liche Auszahlungsbestimmung für zulässig
und verbindlich
erachtet
,
auch wenn sie
rein zivilrechtlich begründet
ist
, mithin nicht auf eine
r
sozialversicherungs
rechtliche
n
Norm, eine
m
Vorbehalt zivilrechtlicher Anweisungen oder auf Lückenfüllung
basier
t
.
2.5
Letztlich erweist sich das Urteil des Kantonsgerichts Luzern vom 2
9.
Septembe
r 2017 auch insofern zumindest nicht als
schwerwiegend mangelhaft, als es gestützt auf Steiner (Steiner, a.a.O.,
Rz
259 f.) darauf schloss, dass ausnahmsweise selbst
nach
Art.
92
des Bundesgesetzes über Schuldbetreibung und Konkurs (SchKG)
unpfändbare
Ansprüche aus einer Sozialversicherung wie eine Rente der Invalidenversicherung (vgl. zur Unpfändbarkeit derselben:
Art.
5
0 IVG,
Art.
92
Abs.
1
Ziff.
9a SchKG) Gegenstand eines Anweisungsentscheids sein können (
Urk.
3/3 S. 10). Dass die Unpfändbarkeit eines Anspruchs
aus einer
Sozialver
sicherung einer Drittauszahlung nicht grundsätzlich entgegensteht, zeigt sich zum Beispiel in
Art.
9
des Bundesgesetzes über die Familienzulagen (
FamZG
)
, wonach im Falle, dass die
Familienzulagen nicht für die Bedürfnisse einer Person verwendet
werden
, für die sie bestimmt sind, diese Person oder ihr g
esetzlicher Vertreter verlangen kann,
dass ihr
die Familienzulagen in Abweichung von Arti
kel 20 Absatz 1 ATSG auch ohne Fürsorgea
bhängigkeit ausgerichtet werden,
dies
obwohl die Familienzulagen gemäss
Art.
10
FamZG
und
Art.
92
Abs.
1
Ziff.
9a SchKG der Zwangsvollstreckung ebenfalls entzogen sind.
2.6
Allerdings darf eine Schuldneranweisung die grundlegenden Persönlichkeits
rechte des Unterhaltspflichtigen nicht verletzen, weshalb die Grundsätze über die Festsetzung des betreibungsrechtlichen Existenzminimums anzuwenden sind, wenn sich die Lage des Unterhaltsschuldners seit Erlass des Unterhaltstitels in einer Weise verschlechtert hat, dass die Anweisung in sein Existenzminimum ein
greift (
Urteile des Bundesgericht
s
5A_791/2012 vom 1
8.
Januar
2013
E. 3
, 5A_223/2014 vom
3
0.
April
2014
E. 2).
Das Kantonsgericht Luzern
verneinte eine seit Erlass des Unterhaltstitels eingetretene, respektive dargetane massgebliche Veränderung der finanziellen Verhältnisse des Beigeladenen, aufgrund welcher auf einen Eingriff in sein Existenzminimum durch die Schuldneranweisung
zu schlie
ssen wäre (
Urk.
3/3 S. 10 ff.), und trug damit den Persönlichkeitsrechten des Beigeladenen angemessen Rechnung.
2.7
Damit aber wäre die Beschwerdegegnerin verpflichtet gewesen, der zivilgericht
lich
rechtskräftig
als zulässig erachteten und
rechtskräftig
angeordneten Schuld
neranweisung gemäss
Art.
291 ZGB Folge zu leisten
2.8
In Übereinstimmung mit diesen Schlussfolgerungen
sind Anweisungen des Zivil
richters über die Auszahlung der Renten des Ehegatten, welcher seine Unterhalts
pflicht während der Eheschutzmassnahmen gegenüber seiner Familie nicht erfüllt, für die Ausgleichskassen bereits gemäss Randziffer 10051 der Wegleitung über die Renten (RWL) in der hier anwendbaren Fassung (Stand
1.
Januar 2017) verbindlich. Gleiches gilt für Renten der Eltern, welche die Sorge für ihr Kind vernachlässigen, mithin für eine Schuldneranweisung gestützt auf
Art.
291 ZGB (
Rz
10052 RWL)
, wie sie vorliegend im Streite steht
. Einzig einer Schuldneran
weisung in einem Scheidungsurteil gestützt auf
Art.
132 ZGB ist aufgrund von
Art.
20 ATSG und dem bundesgerichtlichen Urteil 5P.474/2004 vom
8.
März 2006 gemäss der Verwaltungsweisung
Rz
10053 RWL nicht zu folgen. Ob sich diese Differenzierung zwischen den Schuldneranweisungen gemäss
Art.
177 res
pektive
Art.
291 ZGB und
Art.
132 ZGB sachlich rechtfertigt, kann vorliegend offenbleiben.
Jedenfalls richten sich
Verwal
tungsweisungen wie die RWL an die Durchfüh
rungsstellen und sind für diese grundsätzlich v
erbindlich
(
Häfelin
/Müller/
Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht,
7.
Auflage, Zürich, St. Gallen 2016
S. 20). Die Beschwerdegegnerin wäre folglich bereits gestützt auf die
verwaltungsinterne Weisung
Rz
10052 RWL zur Drittauszahlung der Invaliden
rente an die Beschwerdeführerin im angewiesenen Umfang verpflichtet gewesen.
2.9
2.9.1
Damit erweist sich der angefochtene Entscheid
als sachlich
unrichtig. Nachdem es sich bei der Schuldneranweisung an die Beschwerdegegnerin
gemäss
Art.
291 ZGB
um eine rein zivilrechtlich begründete Drittauszahlungsanordnung handelt,
welcher weder eine Norm noch ein Vorbeh
alt zivilrechtlicher Anweisungen
und auch keine Lücke
im Sozialversicherungsrecht
zugrunde liegt, ist fraglich, ob der Beschwerdegegnerin in dieser Sache überhaupt ein Verfügungsrecht zustand.
2.9.2
Nach Art. 49 Abs. 1 ATSG hat der Versicherungsträger über Leistungen, Forde
rungen und Anordnungen, die erheblich sind oder mit denen die betroffene Per
son nicht einverstanden ist, schriftlich Verfügungen zu erlassen. Der Begriff der Verfügung bestimmt sich dabei mangels näherer Konkretisierung in Art. 49 Abs. 1 ATSG nach Massgabe von Art. 5 Abs. 1
des Bundesgesetzes über das Ver
waltungsverfahren (
VwVG
)
(vgl.
Art.
55 ATSG; BGE 133 V 50 E. 4.1.1 und 4.1.2, 132 V 93 E. 3.1 und 3.2).
2.9.3
Gemäss der Legaldefinition in
Art.
5
VwVG
hat eine Verfügung ihre Grundlage im öffentlichen Recht des Bundes oder müsste sie richtigerweise dort haben. Eine solche Grundlage weist eine Verfügung nur auf, wenn
die
durch sie (positiv, negativ, feststellend) geregelten Recht
e
und Pflichten von einer öffentlich-recht
lichen Norm des Bundes unmittelbar abgeleitet werden könne
n. Die Normstufe ist unerheblich. Auch
ist die systematische Einreihung des Rechtssatzes bedeu
tungslos. Öffentliches Recht des Bundes steht nicht nur in den Verwaltungsrecht
serlassen, sondern manchmal auch in Privatrechtsgesetzen (
Tschannen
/Zimmerli/
Müller, a.a.O., S. 235).
Im Anwendungsbereich des ATSG erfasst der Gegenstand der Verfügung gemäss
Art.
49
Abs.
1 ATSG nur sozial
versicherungsrechtliche Leistungen und Forderungen (
Kieser
, ATSG-Kommentar,
3.
Auflage,
Art.
49
Rz
11).
2.9.4
Be
i der
Schuldneranweisung gemäss
Art.
291 ZGB
handelt es sich
gemäss höchst
richterlicher Rechtsprechung
um eine privilegierte Zwangsvollstreckungsmass
nahme sui generis (BGE
110 II 9 E. 1, 130 III 489 E. 1
)
, die allerdings in unmit
telbarem Zusammenhang mit dem Zivilrecht steht (Urteil des Bundesgerichts 5A_882/2010 vom
1
6.
März 2011 mit Hinweisen; ebenso: BGE 134 III 667 E. 1.1).
Eine Zuordnung zum öffentlichen Recht des Bundes im Sinne von
Art.
5
Abs.
1
VwVG
steht
folglich
nicht zur Diskussion. Damit aber ist die Frage, ob die Beschwerdegegnerin die Invalidenrente des Beigeladenen im Umfang der Schuld
neranweisung an die Beschwerdeführerin auszahle, einer Verfügung im Sinne vo
n
Art.
49 ATSG gar nicht zugänglich (im gleichen Sinn:
Gächter
/Meier, Recht
sprechung des Bundesgerichts im Bereich der Invalidenversicherung, in: SZS 2018, S. 421 f.)
, weshalb sich der angefochtene Entscheid ohnehin als unrichtig erweist.
Der angefochtene Entscheid ist
daher
in Gutheissung der Beschwerde
ohne Wei
terungen
aufzuheben.
Der
aus der zivilrechtlichen Schuldneranweisung berechtigte
n
Beschwerdeführe
rin
steht
, sofern die Beschwerdegegnerin die Drittauszahlung des Anweisungsbe
trag
s
weiterhin verweigert, der
Weg der Zwangsvollstreckung im Rahmen des
Bundesgesetzes über Schuldbetreibung und Konkurs (SchKG)
oder der zivilrecht
liche
Klageweg
offen
(
Hausheer
/
Spycher
, Handbuch des Unterhaltsrechts,
2.
Auf
lage, S. 210
Rz
04.92; Mani, Inkassohilfe und Bevorschussung von Unterhalts
beiträgen, in:
ZStP
Band/Nr. 273, 2016,
Rz
336)
.
Ein materieller Entscheid über die zivilrechtliche Schuldneranweisung kann im kantonalen Rechtspflegever
fahren vor dem Sozialversicherungsgericht mangels sachlicher Zuständigkeit nicht gefällt werden.
3.
3.1
Da Streitigkeiten über den Auszahlungsmodus rechtsprechungsgemäss nicht die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen betreffen
(BGE 129 V 362 E. 2), ist das Verfahren kostenlos (
Art. 69 Abs. 1
bis
IVG e in Verbindung mit
Art.
61
Abs.
1
lit
. a ATSG)
.
3.2
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine Parteientschädigung. Diese ist nach
Art.
61
lit
. g ATSG in Verbindung mit
Art.
34 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Sache und nach der
Schwie
rigkeit des Prozesses zu bemessen.
Der Rechtsvertreter der Beschwerde
führerin weist in der
mit Schreiben vom
5.
März 2018
eingereich
ten Kostennote
(Urk.
14, 15
) für das vorliegende Verfah
ren einen Zeitaufwand von
14,75
Stunden und Barauslagen von Fr.
82.60
aus
(8,42 Stunden und
Fr.
26.50 Auslagen im Jahr 2017, 6,33 Stunden und
Fr.
56.10 Auslagen im Jahr 2018
).
Rechtsanwalt Horvath
führte in seiner Kostennote
auch im
Vorbescheidverfahren
getätigte Bemühungen
auf und
verkannte
dabei
, dass der Entschädigungsanspruch
gemäss
Art.
61
lit
. g ATSG nur den Aufwand im kantonalen Rechtspflegeverfahren umfasst
.
Die Kos
tennote ist folglich um den bis 1
2.
Dezember 2017 geltend gemachten Zeitauf
wand von 1,66 Stunden und die bis dahin verrechneten Barauslagen von
Fr.
26.50 zu kürzen.
Die übrigen
Aufwendungen erscheinen als gerechtfertigt. Beim gerichtsübl
ichen Stunden
ansatz von Fr. 22
0.
--
und einem Mehrwertsteu
er
satz von 8
%
bis Ende 2017 sowie
7,7
%
ab
1.
Januar 2018
resultiert daraus eine Entschädigung von Fr.
3'166.45
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer
: 6,76 Stunden x Fr.
220.
--
x 1.08 + 6.33 Stunden x
Fr.
220.
--
x 1.077 +
Fr.
56.10 x 1.077
). Die Entschädigung ist
dem unentgeltlichen Rechtsbeistand der Bes
chwerdeführerin auszurichten
(Urteil des Bundesgerichts 5A_754/2013 vom
4.
Februar 2014 E. 5).