Decision ID: c2718681-94ea-4c6c-806b-1b54285f7cfe
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend mehrfachen, teilweise geringfügigen Diebstahl etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichts Winterthur vom 10. Februar
2017 (DG160076)
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Antrag:
Der Antrag der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 22. November 2016
(Urk. 18) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte A._ folgende Tatbestände in
objektiver und subjektiver Hinsicht erfüllt hat:
- mehrfacher, teilweise geringfügiger Diebstahl im Sinne von Art. 139 Ziff.
1 StGB, teilweise in Verbindung mit Art. 172ter Abs. 1 StGB;
- mehrfacher Hausfriedensbruch im Sinne von Art. 186 StGB;
- mehrfache Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144 Abs.1 StGB;
- Hinderung einer Amtshandlung im Sinne von Art. 286 Abs. 1 StGB;
- Lenken eines Motorfahrzeugs ohne Berechtigung im Sinne von Art. 95
Abs. 1 lit. a SVG;
- Nichttragen eines Schutzhelms im Sinne von Art. 96 VRV in Verbindung
mit Art. 3b Abs. 1 VRV.
Vom Vorwurf der Hehlerei im Sinne von Art. 160 Ziff. 1 StGB wird der Be-
schuldigte freigesprochen.
2. Aufgrund der nicht selbst verschuldeten Schuldunfähigkeit wird von einer
Strafe abgesehen.
3. Es wird eine ambulante Massnahme im Sinne von Art. 63 Abs. 1 StGB (Be-
handlung von psychischen Störungen und Suchtbehandlung) angeordnet.
4. Für die Dauer der Behandlung wird eine Bewährungshilfe gemäss
Art. 93 StGB angeordnet.
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5. Die Privatkläger 1 – 4 werden mit ihren Schadenersatzbegehren auf den
Weg des Zivilprozesses verwiesen. Das Genugtuungsbegehren der Privat-
klägerin 4 (C._ GmbH) wird abgewiesen.
6. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 3'600.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 2'100.00 Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 8'871.40 Auslagen (Gutachten)
Fr. 630.00 Auslagen Polizei
Fr. 6'109.35 amtliche Verteidigung Fr. 21'310.75 Total
Allfällige weitere Kosten bleiben vorbehalten.
Verlangt keine der Parteien eine schriftliche Begründung des Urteils, ermäs-
sigt sich die Entscheidgebühr auf zwei Drittel.
7. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, einschliess-
lich derjenigen der amtlichen Verteidigung und derjenigen des psychiatri-
schen Gutachtens, werden definitiv auf die Gerichtskasse genommen.
8. Dem Beschuldigten wird für die erstandene Haft der Betrag von Fr. 14'600.–
zuzüglich 5 % Zins ab 20. September 2016 als Genugtuung aus der Ge-
richtskasse zugesprochen. Der Betrag von Fr. 14'600.– ist zahlbar an den
Beistand, B._, ... [Adresse], zugunsten des Beschuldigten.
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Berufungsanträge:
a) Der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 53)
In Abänderung von Dispositiv-Ziffer 8 des Urteils des Bezirksgerichts Win-
terthur vom 10. Februar 2017 sei von der Zusprechung einer Genugtuung
abzusehen.
b) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 62)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
_

Erwägungen:
I.
1.1. Mit Eingabe vom 15. Februar 2017 meldete die Staatsanwaltschaft ge-
gen das vorstehend im Dispositiv wiedergegebene Urteil der Vorinstanz vom
10. Februar 2017 fristgerecht Berufung an (Urk. 43). Nach Erhalt des begründeten
erstinstanzlichen Entscheids am 7. April 2017 (Urk. 48 Blatt 2) reichte sie mit Ein-
gabe vom 18. April 2017, hier eingegangen am 19. April 2017, wiederum innert
Frist die Berufungserklärung ein (Urk. 53). Anschlussberufung wurde weder sei-
tens des Beschuldigten noch seitens der Privatklägerin erhoben (vgl. Urk. 54 f.).
1.2. Mit Beschluss vom 14. Juni 2017 wurde das schriftliche Verfahren ange-
ordnet (Urk. 56). Am 21. Juni 2017 reichte die Staatsanwaltschaft innert Frist ihre
(mit dem offensichtlich unzutreffenden Datumsvermerk "15. Februar 2017" verse-
hene) Berufungsbegründung ein, mit welcher sie auf ihre ausführliche Berufungs-
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erklärung verwies (Urk. 58). Der Verteidiger des Beschuldigten verzichtete auf ei-
ne Berufungsantwort und beantragte die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
(Urk. 62). Die Vorinstanz verzichtete auf Vernehmlassung (Urk. 61).
2.1. Die Staatsanwaltschaft verlangt mit ihrer Berufung ausschliesslich, in
Abänderung der vorinstanzlichen Dispositivziffer 8 sei von der Zusprechung einer
Genugtuung an den Beschuldigten für die erlittene Haft abzusehen (Urk. 53). Be-
rufungsthema ist somit einzig die Frage des Haftausgleichs.
2.2. Der vorinstanzliche Entscheid ist demnach betreffend die Dispositivzif-
fern 1 (Feststellung der erfüllten Tatbestände sowie Freispruch), 2 (Absehen von
Strafe aufgrund nicht selbst verschuldeter Schuldunfähigkeit), 3 (ambulante Be-
handlung), 4 (Bewährungshilfe), 5 (Zivilpunkt) sowie 6-7 (Kostenregelung) nicht
angefochten worden und entsprechend in Rechtskraft erwachsen (Art. 402 StPO).
Dies ist vorab mit Beschluss festzustellen.
3. Anlässlich der internen Urteilsberatung äusserten die Referentin und der
Gerichtsschreiber je eine abweichende Meinung. Diese Minderheitsvoten wurden
mit Begründung ins Protokoll aufgenommen (Prot. II S. 8 ff. und S. 13 ff.) und wer-
den den Parteien zusammen mit dem vorliegenden Urteil zugestellt (§ 124 GOG;
vgl. Hauser/Schweri/Lieber, GOG-Kommentar, Art. 232 N 7).
II.
1.1. Unbestritten und ausgewiesen ist, dass der Beschuldigte im Rahmen
des vorliegenden Verfahrens insgesamt 292 Tage in Haft verbracht hat (Urk.
D1/7/1; Urk. D1/8/1 und D1/8/6; Urk. D1/9/1; Urk. 39).
1.2. Fest steht weiter, dass diese Haft nicht durch Anrechnung an eine Strafe
kompensiert werden kann, nachdem eine solche aufgrund der nicht selbstver-
schuldeten Schuldunfähigkeit des Beschuldigten nicht ausgesprochen werden
konnte.
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1.3. Damit stellt sich die Frage, ob und wie die erlittene Haft anderweitig an-
gerechnet werden kann, oder ob dem Beschuldigten als Ausgleich eine Genugtu-
ungssumme zugesprochen werden muss.
2. Die Vorinstanz hielt zunächst dafür, dass die Haft des Beschuldigten nicht
als rechtswidrige Haft im Sinne von Art. 431 Abs. 1 StPO oder als Überhaft im
Sinne von Art. 431 Abs. 2 StPO, sondern als ungerechtfertigte Haft im Sinne von
Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO zu qualifizieren und die Frage des Haftausgleichs bzw.
der Haftentschädigung deshalb unter diesem Titel zu beurteilen sei (Urk. 51
S. 32). Sie erwog sodann, dass in Anbetracht der ungünstigen wirtschaftlichen La-
ge eine Billigkeitshaftung des Beschuldigten für die Verfahrenskosten im Sinne
von Art. 419 StPO nicht in Frage komme. Damit könne offen bleiben, ob der damit
verbundene Ausschluss einer Prozessentschädigung auch für den Genugtuungs-
anspruch gemäss Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO gelte (a.a.O. S. 32 f.). In der Folge
(a.a.O. S. 33 f.) sprach die Vorinstanz dem Beschuldigten als Genugtuung Fr. 50.–
pro Hafttag zu, insgesamt also Fr. 14'600.–, zuzüglich Zins von 5% ab dem
20. September 2016 (mittlerer Verfall). Mit der Frage einer Anrechnung der er-
standenen Haft auf die gleichzeitig ausgesprochene Massnahme setzte sich die
Vorinstanz nicht auseinander.
3.1.1. Die Staatsanwaltschaft erhebt mit ihrer Berufung den Einwand, es sei
nicht einzusehen, weshalb im vorliegenden Fall die vom Beschuldigten erstandene
Haft zu lange oder überhaupt ungerechtfertigt gewesen sein solle. Der Beschuldig-
te sei einzig und allein wegen Fortsetzungsgefahr (Art. 221 lit. c StPO) in Untersu-
chungs- und Sicherheitshaft versetzt worden. Dass die Vorinstanz mit ihrem Urteil
vom 10. Februar 2017 keinen vollständigen Freispruch ausgesprochen, sondern
eine ambulante Massnahme angeordnet habe, zeige deutlich auf, dass auch das
Gericht zur Überzeugung gelangt sei, der Beschuldigte dürfe nicht unbehandelt in
Freiheit entlassen werden, wolle man nicht gleichartige Delikte riskieren und damit
die öffentliche Sicherheit gefährden. Der von der Vorinstanz gezogene Vergleich
mit dem Urteil des Obergerichts Zürich, II. Strafkammer, vom 15. Januar 2016
(Proz.-Nr. SB140444) hinke, weil in jenem Urteil gerade keine Massnahme im
Sinne der Art. 56 ff. StGB angeordnet worden sei (Urk. 53).
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3.1.2. Der Einwand der Staatsanwaltschaft zielt an der Sache vorbei. Die
Frage des Haftausgleichs stellte sich selbst dann, wenn von vollständig gerecht-
fertigter Haft ausgegangen werden müsste. Ob und in welchem Umfang Haft al-
lenfalls an eine Sanktion anzurechnen und/oder zu entschädigen ist, ist ungeach-
tet der Qualifikation ihrer Rechtsnatur immer zu prüfen. Diese Prüfung ist bei
rechtswidriger Haft oder Überhaft im Rahmen von Art. 431 StPO, bei ungerechtfer-
tigter Haft im Rahmen von Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO und bei gerechtfertigter Haft
im Rahmen von Art. 51 StGB vorzunehmen. Wie nachstehend zu zeigen ist, sind
diese Bestimmungen im Ergebnis weitgehend kongruent (vgl. unten Ziff. 3.2.).
Auch fliessen sie teilweise ineinander über; gerechtfertigte Haft wird zu rechtswid-
riger oder ungerechtfertigter Haft, soweit sie nicht an eine aus dem gleichen Ver-
fahren resultierende Sanktion (im umfassenden Sinne) angerechnet werden kann.
Die Frage nach der Rechtsnatur der vorliegend zu beurteilenden Haft könnte des-
halb grundsätzlich auch offengelassen werden. Die erstinstanzliche Bewertung als
ungerechtfertigte Haft im Sinne von Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO entspricht indessen
der traditionellen Qualifikation einer Haft, welcher keine Strafe (Sanktion im enge-
ren Sinne) gegenübersteht, und ist deshalb zu übernehmen.
3.2. Art. 429 StPO behandelt die Entschädigungs- und Genugtuungsansprü-
che der beschuldigten Person bei (teilweiser) Verfahrenseinstellung sowie bei
(Teil-)Freispruch und gelangt zur Anwendung, wenn die Haft ursprünglich recht-
mässig angeordnet wurde und sich nachträglich als (vollumfänglich) ungerechtfer-
tigt erweist. Art. 431 StPO gewährleistet demgegenüber Anspruch auf Entschädi-
gung und Genugtuung bei rechtswidrigen Zwangsmassnahmen (Abs. 1) oder bei
Überhaft (Abs. 2). Letztere liegt vor, wenn die Untersuchungs- und/oder Sicher-
heitshaft unter Einhaltung der formellen und materiellen Voraussetzungen recht-
mässig angeordnet wurde, aber länger dauert als die hernach ausgefällte Sankti-
on. Art. 431 Abs. 2 StPO stellt die Grundregel auf, dass Überhaft nur zu entschä-
digen ist, wenn sie nicht an die wegen anderer Straftaten ausgesprochenen Sank-
tionen angerechnet werden kann. Das steht im Einklang mit der allgemeinen Re-
gel von Art. 51 StGB, wonach das Gericht dem Täter die Untersuchungshaft, die
er im selben oder in einem anderen Verfahren ausgestanden hat, auf die Strafe
anrechnet. Als Untersuchungshaft gilt dabei jede in einem Strafverfahren verhäng-
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te Haft, Untersuchungs-, Sicherheits- und Auslieferungshaft (Art. 110 Abs. 7
StGB). Anzurechnen ist sie sowohl auf unbedingte als auch auf bedingte Strafen.
Art. 51 StGB liegt der Grundsatz der umfassenden Haftanrechnung zugrunde (so
schon Urteil 6S.421/2005 vom 23. März 2006 zu aArt. 69 StGB). Der Ausgleich
erstandener Haft soll in erster Linie als Realersatz erfolgen. Es ist dabei in erster
Linie auf Freiheitsstrafen, sekundär aber auch auf allfällige Nebensanktionen wie
Geldstrafen, Arbeitsstrafen oder Bussen anzurechnen. Nur wenn eine Anrechnung
der Untersuchungs- oder Sicherheitshaft an eine Sanktion nicht möglich ist, stellt
sich die Frage der finanziellen Entschädigung. Der Ausgleich in Form einer Ent-
schädigung ist subsidiär. Der Betroffene hat diesbezüglich kein Wahlrecht (vgl.
zum Ganzen bis hierhin BGE 141 IV 236 E. 3.3 m.w.H.; vgl. auch
Schmid/Jositsch, StPO Praxiskommentar, 3. Aufl., Art. N 5 f.).
3.3. Zur Frage der Anrechnung erstandener Haft an Massnahmen im Sinne
von Art. 56 ff. StGB enthält das Gesetz keine Regelung.
3.3.1. Die Meinungen in der Lehre sind diesbezüglich geteilt (vgl. hiezu im
Detail: BGE 141 IV 236 E. 3.4). Nach einer Auffassung ist Haft sowohl an statio-
näre als auch an ambulante Massnahmen anzurechnen (so etwa Schmid, Hand-
buch StPO, 2. Aufl., N 1828). Nach einer anderen Ansicht ist die Anrechnung von
Untersuchungs- bzw. Sicherheitshaft an stationäre sowie ambulante Massnah-
men des StGB hingegen ausgeschlossen (so etwa BSK StPO - Wehren-
berg/Frank, Art. 431 N 30b und 30c). Eine dritte Lehrmeinung, welche sich aller-
dings lediglich mit den stationären Massnahmen befasst, nimmt eine im Ergebnis
mittlere Position ein, wonach auf die Art bzw. den Zweck der Massnahme abge-
stellt werden soll. Soweit der Behandlungs- bzw. Heilungszweck im Vordergrund
steht, soll eine Anrechnung nicht in Frage kommen. Steht hingegen der Siche-
rungszweck bzw. der Schutz der Öffentlichkeit im Zentrum, müsse angerechnet
werden können (so BSK StPO - Mettler/Spichtin, Art. 51 N 45 ff.).
3.3.2. Das Bundesgericht entschied in seinem Leitentscheid BGE
141 IV 236 vom 23. April 2015, dass Untersuchungs- bzw. Sicherheitshaft an
freiheitsentziehende Massnahmen gemäss Art. 56 ff. StGB, konkret an stationäre
therapeutische Massnahmen im Sinne von Art. 59 StGB, grundsätzlich anzurech-
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nen ist. Das Bundesgericht erachtete die Anrechnung von Untersuchungs- und
Sicherheitshaft aufgrund von drei Kriterien als folgerichtig und gerechtfertigt. Ers-
tens hielt es eine solche Anrechnung aufgrund des Wortlautes von Art. 431
Abs. 2 StPO für angezeigt. Zweitens fand es, dass diese auch dem Willen des
historischen Gesetzgebers entspreche. Drittens erwog es, dass einer solchen An-
rechnung auch der Massnahmezweck nicht entgegenstehe. Eine konkrete Prü-
fung nahm das Bundesgericht lediglich hinsichtlich der stationären therapeuti-
schen Massnahme gemäss Art. 59 StGB vor. Welche weiteren Massnahmen un-
ter den Begriff "freiheitsentziehende Massnahmen gemäss Art. 56 ff. StGB" zu
subsumieren sind, liess es offen.
3.3.3. Mit Urteil SB160300 des Obergerichts des Kantons Zürich vom
2. Mai 2017 entschied die hiesige Kammer, dass Untersuchungs- und Sicherheits-
haft grundsätzlich auch an ambulante therapeutische Massnahmen im Sinne von
Art. 63 StGB anzurechnen sind. Sie hielt dafür, dass die anhand der vorgenannten
drei Auslegungskriterien erarbeitete Argumentation des Bundesgerichts hinsichtlich
stationärer Massnahmen gemäss Art. 59 StGB (Behandlung psychischer Störun-
gen) auch auf eine ambulante Behandlung im Sinne von Art. 63 StGB (Behandlung
psychischer Störungen) übertragen werden könne. Auch eine ambulante Mass-
nahme im Sinne von Art. 63 StGB stelle eine Sanktion (im weiteren Sinne) dar,
weshalb sie vom Wortlaut von Art. 431 Abs. 1 StPO erfasst sei. Nach dem Willen
des historischen Gesetzgebers (Botschaft vom 21. Dezember 2005 zur Vereinheit-
lichung des Strafprozessrechts, BBl 2006, S.1330) sei Haft an sämtliche Mass-
nahmen anzurechnen, soweit diese mit einem Freiheitsentzug verbunden sind, al-
so auch an eine ambulante Massnahme, welcher eine freiheitsbeschränkendes –
und damit jedenfalls in einem weiteren Sinne freiheitsentziehendes – Element in-
newohne. Sodann werde auch bei einer ambulanten therapeutischen Massnahme
(nicht anders als bei stationären therapeutischen Massnahmen nach Art. 59 StGB)
stets an die Rückfallgefahr angeknüpft und gehe es bei der Anordnung der Mass-
nahme letztlich immer auch um Sicherung, weshalb der Massnahmezweck eben-
falls für eine Haftanrechnung spreche.
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3.4.1. Das Bundesgericht sprach sich im vorstehend (Erw. 3.3.2.) genannten
Entscheid zwar dezidiert dafür aus, dass die erstandene Haft auf die hernach
ausgesprochene Massnahme anzurechnen sei. Es wich aber der Frage aus, wie
dies geschehen soll (BGE a.a.O., Erw. 4).
3.4.2. Eine praktikable Lösung lässt sich dafür nicht finden. Im Zeitpunkt der
Anordnung einer Massnahme – ob stationär oder ambulant – steht deren Dauer
nicht fest. Wie lange die Behandlung fortzusetzen ist, hängt vom Fortschritt der
Therapie ab (Art. 62 Abs. 1 bzw. Art. 63a Abs. 1 StGB). Das Gesetz sieht sowohl
für die stationäre Therapie als auch für die ambulante Behandlung (Art. 63 Abs. 4
StGB) lediglich eine Höchstdauer vor. Beide Massnahmen können zudem verlän-
gert werden, wenn der Täter nach Ablauf der Höchstdauer nach wie vor rückfall-
gefährlich ist, von einer weiteren Therapie aber eine Besserung dieses Zustandes
erwartet werden kann (Art. 59 Abs. 4 StGB bzw. Art. 63 Abs. 4 StGB). An die
Stelle der ambulanten Behandlung kann, wenn dies nötig ist, um der Rückfallge-
fahr zu begegnen, sogar eine stationäre Massnahme treten (Art. 63b Abs. 5
StGB). Nach Beendigung der Massnahme wird die erstandene Massnahmedauer
auf die Strafe angerechnet, sofern auch eine solche ausgefällt wurde (Art. 62b
Abs. 3 StGB, vgl. auch Art. 63b Abs. 4 StGB), was bei gänzlich schuldunfähigen
Tätern nicht der Fall ist.
3.4.3. Das Umgekehrte – die Anrechnung eines bereits erstandenen Frei-
heitsentzugs auf die anzuordnende Massnahme – ist im Urteilszeitpunkt schon
aus mathematischen Gründen unmöglich, weil dazu eine bestimmte von einer
noch völlig unbestimmten Zeitdauer abgezogen werden müsste. Die effektive
Dauer des Massnahmevollzugs steht erst fest, wenn er zu Ende ist. Dann kann
aber nichts mehr darauf angerechnet werden, denn die Zeit, welche der Verurteil-
te bereits im Massnahmevollzug verbracht hat, kann ihm nicht mehr zurückgege-
ben werden. Möglich wäre einzig, die erstandene Haft von der ordentlichen
Höchstdauer der Massnahme abzuziehen. Dies führt aber in zweierlei Hinsicht zu
einem unsinnigen Ergebnis. Erlaubt der Therapiefortschritt eine Entlassung des
Täters aus der Massnahme, bevor diese die um die Dauer der zuvor erlittenen
Haft verminderte Höchstdauer erreicht hat, so bleibt die Anrechnung eine Farce.
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Der Täter erhält für die Haft keinen Ausgleich, sondern bleibt genau gleich lange
in der Massnahme, wie wenn er nie inhaftiert gewesen wäre. Erweist sich ander-
seits nach Ablauf der zufolge der Anrechnung von Haft verkürzten Höchstdauer,
dass der Täter wegen fortbestehender Rückfallgefahr weiter therapiert werden
muss, so wird die Massnahme verlängert. Auch in diesem Fall dauert sie so lan-
ge, bis sie entweder erfolgreich abgeschlossen oder endgültig gescheitert ist, und
hat die "Anrechnung" nur zur Folge, dass die Verlängerung der Massnahme frü-
her erfolgt. Ein Ausgleich für die erlittene Haftzeit bleibt auch diesfalls aus.
3.4.4. Dieser Ausgleich liesse sich letztlich nur erreichen, indem die Mass-
nahme nicht so lange vollzogen würde, bis sie nicht mehr nötig oder definitiv er-
folglos ist, sondern so viele Tage vor diesem Zeitpunkt beendet würde, wie der
Täter in Haft war. Dies ist aber bei einer längeren Haftdauer – etwa bei den 292
Tagen, die vorliegend anzurechnen wären – schon deshalb nicht praktikabel, weil
sich der Zeitpunkt, bis zu dem die Massnahme an sich (d.h. ohne Haftanrech-
nung) noch dauern müsste, kaum je so lange im voraus bestimmen lässt. Hinzu
kommt, dass eine erhebliche Verkürzung der unter therapeutischen Gesichts-
punkten erforderlichen Massnahmedauer dem spezialpräventiven Zweck der
Massnahme diametral zuwiderliefe. Im Extremfall, bei sehr langer Untersu-
chungs- und Sicherheitshaft, müsste man sich sogar von vornherein die Frage
stellen, ob die an sich indizierte, aber zufolge Anrechnung der Haft stark verkürz-
te Massnahme überhaupt noch erfolgversprechend sei, was an sich Vorausset-
zung für ihre Anordnung ist (Art. 59 Abs. 1 lit. b bzw. Art. 63 Abs. 1 lit. b StGB).
Damit der Massnahmezweck gleichwohl erreicht werden könnte, bliebe sodann
wiederum nur der Ausweg über die Verlängerung der ordentlichen Höchstdauer
der Massnahme, womit aber nach dem bereits Gesagten die Anrechnung nur
noch eine scheinbare wäre.
3.4.5. Zusammenfassend ergibt sich, dass die vom Bundesgericht geforder-
te Anrechnung erlittener Haft auf eine stationäre (und erst recht auf eine ambu-
lante) Massnahme nicht möglich ist, ohne dass entweder der Massnahmezweck
gefährdet wird oder aber die Anrechnung der Haft nur pro forma, d.h. ohne tat-
sächliche Verkürzung des Massnahmevollzugs im entsprechenden Umfang er-
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folgt. Anders verhält es sich nur bei einer kurzen Dauer der anzurechnenden Haft,
wie sie im vorstehend erwähnten Fall SB160300 vorlag, wo letzlich noch 19 Tage
auf die Massnahme anzurechnen waren. Um eine so kurze Zeitspanne lässt sich
eine Massnahme wohl in aller Regel ohne Beeinträchtigung des Therapieerfolgs
verkürzen. Ebenso kann der Zeitpunkt der ordentlichen Beendigung der Mass-
nahme in solchen Fällen so frühzeitig bestimmt werden, dass eine tatsächliche
Anrechnung der Haft mittels entsprechend vorzeitiger Entlassung aus dem Mass-
nahmevollzug noch möglich ist.
3.4.6. In allen anderen Fällen bleibt, weil eine effektive Anrechnung der Haft
unmöglich ist, nur der Ausweg des finanziellen Ausgleichs, d.h. der Zusprechung
einer angemessenen Genugtuungssumme.
3.5.1. Bei deren Festsetzung ist nach der Praxis des Bundesgerichts von ei-
nem Ansatz von Fr. 200.– pro Hafttag auszugehen (BGE 139 IV 243 E. 3). Dieser
ist sodann an die konkreten Umstände des Falles anzupassen. Bei einer längeren
Haftdauer nimmt die Schwere des Eingriffs in die persönlichen Verhältnisse des
Betroffenen nicht proportional zu und ist deshalb ein niedrigerer Tagessatz anzu-
wenden. Die Vorinstanz erwog in casu zu Recht auch, die Haft habe vorliegend
nicht zur Folge gehabt, dass der Beschuldigte aus dem Erwerbsleben herausge-
rissen worden sei.
3.5.2. Der Beschuldigte hat zwar mit seiner fortgesetzten Delinquenz selber
bewirkt, dass er schliesslich in Untersuchungshaft versetzt und sodann bis zur
erstinstanzlichen Gerichtsverhandlung in Sicherheitshaft behalten wurde. Er han-
delte indessen nicht schuldhaft. Zu diskutieren wäre daher einzig, ob analog zur
Möglichkeit einer Kostenauflage gemäss Art. 419 StPO auch die Genugtuungs-
summe aus Billigkeitsgründen gekürzt werden könnte. Dies fällt indessen vorlie-
gend schon deshalb ausser Betracht, weil die Vorinstanz aufgrund der wirtschaft-
lichen Situation von einer Kostenauflage abgesehen und die Staatsanwaltschaft
diesen Entscheid nicht angefochten hat (Erw. II/2; Urk. 51 S. 33).
3.5.3. Bei dieser Sachlage ergibt sich, dass die Vorinstanz die Genugtuung
mit lediglich Fr. 50.– pro Hafttag sehr niedrig angesetzt hat. Nachdem der Be-
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schuldigte diesen Entscheid akzeptiert hat, muss es aber dabei bleiben. Als Aus-
gleich für die erlittene Haft sind ihm Fr. 14'600.– (zuzüglich Zins zu 5 % ab
20. September 2016) als Genugtuung aus der Gerichtskasse zuzusprechen.
III.
Da die Staatsanwaltschaft mit ihrer Berufung unterliegt, sind die Kosten des
obergerichtlichen Verfahrens auf die Gerichtskasse zu nehmen (Art. 428 Abs. 1
StPO). Demzufolge gehen auch die Kosten der amtlichen Verteidigung von
Fr. 360. 70 (vgl. Urk. 64) im Berufungsverfahren definitiv zu Lasten des Staates.