Decision ID: cbbe146c-6e10-5cb1-997a-071d2b802996
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Federal Tax Service (nachfolgend: FTS) der Russischen
Föderation (nachfolgend auch: Russland) richtete am (Datum) gestützt auf
Art. 25a des Abkommens vom 15. November 1995 zwischen der
Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Russischen Föderation zur
Vermeidung der Doppelbesteuerung auf dem Gebiet der Steuern vom
Einkommen und vom Vermögen (SR 0.672.966.51; DBA CH-RU) ein
Amtshilfeersuchen an die Eidgenössische Steuerverwaltung (nachfolgend:
ESTV oder Vorinstanz). Das Amtshilfeersuchen betrifft die russische
Gesellschaft JSC B._ (fortan: betroffene Person). Als
Informationsinhaberin ist die C._ AG (fortan: Bank AG) genannt.
Das Amtshilfeersuchen dient der Prüfung der Ertragssteuer (Corporate
Income Tax) für die Steuerperiode 2015.
A.b Der FTS erklärt, im Zusammenhang mit einer «preaudit tax analysis»
der betroffenen Person um Amtshilfe zu ersuchen. Die betroffene Person
habe Zinszahlungen aus einem Darlehensvertrag vom 9. August 2013 auf
das Rubel-Bankkonto der D._ SE (mit Sitz in Zypern), welches Letz-
tere bei der E._ (fortan: RU-Bank) hält, transferiert. Mittels Analyse
des genannten Kontos habe seitens des FTS erstellt werden können, dass
nebst der betroffenen Person drei weitere verbundene Unternehmen Geld
auf das besagte Konto überwiesen hätten. Die Gelder seien in USD ge-
wechselt worden und ein Teil der Gelder (USD 18'240'000) sei daraufhin
weiter auf das Konto (Nummer) der A._ Ltd, Zypern (fortan: be-
schwerdeberechtigte Person), bei der Bank AG transferiert worden. Das
entsprechende Bankdokument liege dem Amtshilfeersuchen bei. Erwäh-
nenswert sei sodann, dass es sich bei der D._ SE (fortan:
D._ SE) und der beschwerdeberechtigten Person um verbundene
Unternehmen handle.
Die betroffene Person habe gestützt auf das Doppelbesteuerungsabkom-
men zwischen Russland und Zypern keine Quellensteuer auf den genann-
ten Zinszahlungen einbehalten. Basierend auf den oben beschriebenen
Feststellungen, vermute der FTS, dass die D._ SE nicht die wirt-
schaftlich Berechtigte der Zahlungen gewesen sei, welche sie von der be-
troffenen Person im Jahr 2015 erhalten habe. Die ersuchten Informationen
würden dem FTS erlauben, die Weiterleitung der besagten Zinsen zu be-
weisen und den wirklichen wirtschaftlich Berechtigten der Zinseinnahmen
zu bestimmen. Wenn sich die Vermutung des FTS bewahrheite, würden
A-47/2020
Seite 3
von der betroffenen Person nach russischem Recht Quellensteuern erho-
ben.
A.c Im Einzelnen ersucht der FTS um Folgendes:
« We kindly ask you to provide us with the following information and
relevant supporting documents with regard to bank account (number)
held in Bank AG for 2015:
1. Please provide us with names of individuals who opened the bank
account.
2. Please provide us with names of beneficial owners of the bank ac-
count.
3. Please provide us with names of individuals authorized to administer
the bank account (authorized signatories).
4. Please provide us with director's resolutions appointing signatories,
copies of powers of attorney authorizing persons to act on behalf of
A._ Ltd, copies of inquiry forms and other relevant docu-
ments provided by A._ Ltd during opening the bank account.
5. Please provide us with bank statements with respect to inflow and
further outflow of the funds received from D._ SE in 2015.
The bank statements shall reflect dates, amounts and purpose
(grounds) of transactions, names, account numbers and banks of
payers and recipients.
6. If further recipients of the funds hold bank accounts in Bank AG or
other Swiss banks, please provide bank statements confirming the
receipt of the funds from A._ Ltd and the further transfer of
the mentioned funds to any person or company. The bank state-
ments shall reflect dates, amounts and purposes (grounds) of trans-
actions, names, account numbers and banks of payers and recipi-
ents. »
B.
Mit Editionsverfügung vom 27. März 2019 ersuchte die ESTV die Bank AG,
die ersuchten Informationen der ESTV innerhalb von 10 Kalendertagen ab
Erhalt der Editionsverfügung zuzustellen sowie die im Ausland ansässigen
A-47/2020
Seite 4
betroffenen Gesellschaften über das laufende Amtshilfeverfahren zu infor-
mieren und aufzufordern, eine zur Zustellung bevollmächtigte Person in
der Schweiz zu bezeichnen.
C.
Die Bank AG kam der Aufforderung der ESTV fristgerecht nach und konnte
die beschwerdeberechtigte Person am 2. Mai 2019 über das Amtshilfever-
fahren informieren.
D.
Mit Eingabe vom 8. Mai 2019 zeigten die Rechtsvertreter der beschwerde-
berechtigten Person der ESTV an, dass sie von jener als Zustellungsbe-
vollmächtigte in der Schweiz bestimmt und mit der Wahrung derer Interes-
sen beauftragt wurden und baten um Akteneinsicht.
E.
Nach Abschluss der Informationsbeschaffung gewährte die ESTV der be-
schwerdeberechtigten Person mit Schreiben vom 19. Juli 2019 Aktenein-
sicht, teilte gleichzeitig mit, welche Informationen sie dem FTS zu übermit-
teln beabsichtige, setzte eine Frist zur Rücksendung der Zustimmungser-
klärung oder zur Mitteilung von Einwänden und wies die beschwerdebe-
rechtigte Person gleichzeitig darauf hin, dass sie ohne eine solche Zustim-
mung eine begründete Schlussverfügung erlassen würde.
F.
Mit Schreiben vom 15. August 2019 teilte die betroffene Person mit, dass
sie der Weiterleitung der Informationen nicht zustimme.
G.
Am 2. Dezember 2019 erliess die ESTV gegenüber der beschwerdebe-
rechtigten Person eine Schlussverfügung. Gemäss deren Dispositiv-Ziff. 1
hat die ESTV dem FTS betreffend die beschwerdeberechtigte Person
Amtshilfe zu leisten. Im Rahmen der Dispositiv-Ziff. 2 sieht die ESTV die
vollumfängliche Übermittlung der in den Punkten 1 – 4 ersuchten Informa-
tionen vor. Betreffend die Punkte 5 und 6 beschränkt sich die ESTV hinge-
gen – insbesondere unter Bezug auf den «further outflow» der Gelder –
darauf, dem FTS Kopien der «bank statements and credit advices» des
Kontos der beschwerdeberechtigen Person des Jahres 2015 zu übermit-
teln. Allfällige Kontoauszüge von Zahlungsempfängern wollte die ESTV
A-47/2020
Seite 5
demnach nicht übermitteln, weil die voraussichtliche Erheblichkeit nicht er-
sichtlich sei und nur Informationen zu einem spezifischen Konto übermittelt
werden könnten. Es stehe dem FTS aber frei, weitere Gesuche zu stellen.
H.
Gegen diese Schlussverfügung erhob die beschwerdeberechtigte Person
(nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 31. Dezember 2019 Beschwerde
beim Bundesverwaltungsgericht und stellt folgende Anträge:
« Hauptantrag
1. Die Schlussverfügung vom 2. Dezember 2019 sei aufzuheben und auf
das Amtshilfegesuch sei nicht einzutreten bzw. das Amtshilfegesuch
sei abschlägig zu beantworten.
Eventualiter
2. Ziffer 2 der Schlussverfügung vom 2. Dezember 2019 sei aufzuheben
und die unter der Verfahrensnummer (...) registrierten Fragen der rus-
sischen Steuerbehörde seien wie unter Ziffer 2, Begründung Antrag 2
(Eventualantrag) der vorliegenden Beschwerde dargelegt zu beantwor-
ten.
Subeventualiter
3. Sollte die Beilage 2 gemäss Schlussverfügung vom 2. Dezember 2019
(...) übermittelt werden, so sind sämtliche Transaktionen, welche sich
nicht auf die USD 18'240'000 beziehen bzw. die noch nicht geschwärz-
ten Transaktionen zwischen der Beschwerdeführerin und F._
Ltd, G._ Ltd oder D._ SE erwähnen, zu schwärzen.
Weitere Anträge
4. In Anwendung von Art. 19 Abs. 3 StAhiG sei die Leistung der Amtshilfe
während der Dauer des Rechtsmittelverfahrens aufzuschieben.
5. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwerde-
gegnerin. »
Zur Begründung führt die Beschwerdeführerin im Wesentlichen aus, die
ersuchten Informationen seien nach Schweizer Recht nicht erhältlich und
seien voraussichtlich nicht erheblich. Zudem sei das Vertrauensprinzip ver-
letzt.
A-47/2020
Seite 6
I.
Mit Vernehmlassung vom 14. Februar 2020 beantragt die Vorinstanz die
kostenpflichtige Abweisung der Beschwerde.
J.
Mit Replik vom 25. Juni 2020 hält die Beschwerdeführerin vollumfänglich
an ihren Anträgen fest. Allerdings habe sich mit dem Abschluss des Ver-
fahrens in Russland eine neue Sach- und Rechtslage ergeben, welche die
Qualifikation der erfragten Informationen als voraussichtlich erheblich, un-
abhängig von den bereits vorgebrachten Argumenten, ausschliesse. Für
den Fall, dass das Bundesverwaltungsgericht die russische Verfügung
nicht als rechtsgenügenden Beweis für den Abschluss des russischen Ver-
fahrens und damit für den Wegfall der voraussichtlichen Erheblichkeit der
im vorliegenden Amtshilfeverfahren angeforderten Informationen be-
trachte, würden folgende Anträge auf Anordnung von Beweismassnahmen
gestellt:
a) Die ESTV sei anzuweisen, sich von der russischen gesuchstellen-
den Behörde bestätigen zu lassen, dass das Steuerprüfungsverfah-
ren betreffend das Steuerjahr 2015 abgeschlossen ist und dass die
Informationen, um welche im Zusammenhang mit dem inzwischen
abgeschlossenen Steuerprüfungsverfahren ersucht wurde, nicht
mehr benötigt werden. Sollte die russische gesuchstellende Be-
hörde geltend machen, die ersuchten Informationen trotz Abschluss
des Verfahrens weiterhin zu benötigen, hat sie deren voraussichtli-
che Erheblichkeit darzulegen.
b) Das Verfahren sei zu sistieren, bis die Bestätigung bzw. die Begrün-
dung der russischen Behörde vorliegt.
c) Nach Vorliegen der Rückmeldung der russischen Behörde sei der
Hauptantrag der Beschwerde vom 31. Dezember 2019 gutzuheis-
sen, oder das Verfahren als gegenstandslos abzuschreiben, wenn
die russische Behörde ihr Amtshilfegesuch zurückgezogen hat.
K.
Mit Duplik vom 27. Juli 2020 hält die Vorinstanz im Wesentlichen an ihrem
Antrag fest, beantragt jedoch insofern eine Gutheissung der Beschwerde,
als dass die Seite 10 der Beilage 2 der Schlussverfügung vor der Übermitt-
lung an den FTS zu entfernen sei.
A-47/2020
Seite 7
L.
Auf die weiteren Vorbringen in den Eingaben der Parteien wird – sofern sie
entscheidwesentlich sind – im Rahmen der folgenden Erwägungen einge-
gangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das vorliegende Amtshilfeersuchen vom 25. Februar 2019 stützt sich
auf das DBA CH-RU. Das Verfahren richtet sich nach dem Bundesgesetz
vom 28. September 2012 über die internationale Amtshilfe in Steuersachen
(StAhiG, SR 651.1; Art. 1 Abs. 1 Bst. a StAhiG, Art. 24 StAhiG e contrario),
soweit das DBA CH-RU keine abweichenden Bestimmungen enthält (Art. 1
Abs. 2 StAhiG). Gemäss Art. 19 Abs. 5 StAhiG gelten die Bestimmungen
über die Bundesrechtspflege, soweit das StAhiG keine abweichenden
Bestimmungen aufstellt.
1.2 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gemäss Art. 31 des Bundes-
gesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesverwaltungsgericht (VGG,
SR 173.32) Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge-
setzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG,
SR 172.021). Zu den beim Bundesverwaltungsgericht anfechtbaren Verfü-
gungen gehören auch Schlussverfügungen der ESTV im Bereich der inter-
nationalen Amtshilfe in Steuersachen (vgl. Art. 32 VGG e contrario sowie
Art. 19 Abs. 1 und 5 StAhiG). Die Zuständigkeit des Bundesverwaltungs-
gerichts zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde ist somit gegeben.
Die Beschwerdeführerin erfüllt als Adressatin der angefochtenen Schluss-
verfügung und Person, deren Daten übermittelt werden sollen, die Voraus-
setzungen der Beschwerdelegitimation (vgl. Art. 19 Abs. 2 StAhiG i.V.m.
Art. 48 VwVG). Die Beschwerde wurde überdies form- und fristgerecht ein-
gereicht (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
Auf die Beschwerde ist damit, unter Vorbehalt der nachfolgenden E. 1.3,
einzutreten.
1.3 Der Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht im Bereich der in-
ternationalen Amtshilfe in Steuersachen kommt aufschiebende Wirkung zu
(Art. 19 Abs. 3 StAhiG; s. auch Art. 55 Abs. 1 VwVG). Allerdings kann die
ESTV in einer Schlussverfügung, weil diese im Bereich der internationalen
A-47/2020
Seite 8
Amtshilfe regelmässig keine Geldleistung zum Gegenstand hat, einer all-
fälligen Beschwerde die aufschiebende Wirkung entziehen. Nach Einrei-
chung der Beschwerde steht dieselbe Befugnis dem Bundesverwaltungs-
gericht als Beschwerdeinstanz bzw. ihrem Vorsitzenden oder dem Instruk-
tionsrichter zu (vgl. Art. 19 Abs. 3 StAhiG i.V.m. Art. 55 Abs. 2 VwVG). Vor-
liegend hatte die Beschwerde demnach von Gesetzes wegen aufschie-
bende Wirkung und diese wurde auch nie entzogen. Am Antrag Nr. 4 auf
Aufschiebung der Amtshilfe während der Dauer des Rechtsmittelverfah-
rens bestand somit von Anfang an kein Rechtsschutzinteresse, womit dies-
bezüglich nicht auf die Beschwerde einzutreten ist.
1.4 Das Bundesverwaltungsgericht kann den angefochtenen Entscheid in
vollem Umfang überprüfen. Die Beschwerdeführerin kann neben der Ver-
letzung von Bundesrecht (Art. 49 Bst. a VwVG) und der unrichtigen oder
unvollständigen Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts (Art. 49
Bst. b VwVG) auch die Unangemessenheit rügen (Art. 49 Bst. c VwVG).
Im Beschwerdeverfahren gelten die Untersuchungsmaxime, wonach der
Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen ist, und der Grundsatz der
Rechtsanwendung von Amtes wegen (vgl. Art. 62 Abs. 4 VwVG; ANDRÉ
MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem
Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 1.49 ff.; PIERRE
MOOR/ETIENNE POLTIER, Droit administratif, Bd. II, 3. Aufl. 2011, S. 292 ff.,
300 f., 820 f., Ziff. 2.2.6.3, 2.2.6.5 und 5.8.3.5).
1.5 Gemäss Art. 33 Abs. 1 VwVG nimmt die Behörde die ihr angebotenen
Beweise ab, wenn diese für den Entscheid erheblich und zur Abklärung
des Sachverhalts tauglich erscheinen. Die urteilende Behörde kann ohne
Verletzung des verfassungsrechtlichen Anspruchs auf rechtliches Gehör
(Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 29 VwVG) von einem beantragten Beweismittel
dann absehen, wenn der Sachverhalt, den eine Partei beweisen will, nicht
rechtserheblich ist, wenn bereits Feststehendes bewiesen werden soll,
wenn zum Voraus gewiss ist, dass der angebotene Beweis keine wesent-
lichen Erkenntnisse zu vermitteln vermag, oder wenn die verfügende Be-
hörde den Sachverhalt auf Grund eigener Sachkunde ausreichend würdi-
gen kann (sog. antizipierte Beweiswürdigung; vgl. BGE 131 I 153 E. 3, BGE
122 V 157 E. 1d; ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., Zü-
rich/Basel/Genf 2013, Rz. 537).
A-47/2020
Seite 9
2.
Im Folgenden ist auf die rechtlichen Grundlagen für die Leistung von Amts-
hilfe, insbesondere an Russland, einzugehen.
2.1 Die Amtshilfeklausel von Art. 25a DBA CH-RU und die dazu vom Bun-
desrat und der Regierung der Russischen Föderation vereinbarte Ziff. 7
des Protokolls zum DBA CH-RU (ebenfalls zu finden unter
SR 0.672.966.51) sind seit dem 9. November 2012 in Kraft (vgl. Art. VII, X
und XI Abs. 2 des Protokolls vom 24. September 2011 zur Änderung des
Abkommens zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der
Russischen Föderation zur Vermeidung der Doppelbesteuerung auf dem
Gebiet der Steuern vom Einkommen und vom Vermögen [AS 2012 6647;
nachfolgend: Änderungsprotokoll]). In zeitlicher Hinsicht sind Art. 25a DBA
CH-RU und Ziff. 7 des Protokolls zum DBA CH-RU dabei auf Amtshilfeer-
suchen anwendbar, die am oder nach dem 9. November 2012 gestellt wer-
den und sich auf Steuerperioden beziehen, die am oder nach dem 1. Ja-
nuar 2013 beginnen (vgl. Art. XI Abs. 2 Bst. c Änderungsprotokoll).
2.2
2.2.1 Nach Art. 25a Abs. 1 Satz 1 DBA CH-RU tauschen die zuständigen
Behörden der beiden Vertragsstaaten unter sich diejenigen Informationen
aus, «die zur Durchführung dieses Abkommens oder zur Anwendung oder
Durchsetzung des innerstaatlichen Rechts betreffend die unter das Abkom-
men fallenden Steuern und die Mehrwertsteuern voraussichtlich erheblich
sind, soweit die diesem Recht entsprechende Besteuerung nicht dem Ab-
kommen widerspricht». Dabei ist der Informationsaustausch gemäss
Art. 25a Abs. 1 Satz 2 DBA CH-RU nicht durch Art. 1 DBA CH-RU (persön-
licher Geltungsbereich) beschränkt.
2.2.2
2.2.2.1 Art. 25a Abs. 3 DBA CH-RU schränkt die in Art. 25a Abs. 1 DBA
CH-RU statuierte Pflicht zur Leistung von Amtshilfe unter bestimmten
Voraussetzungen ein. So wird der ersuchte Vertragsstaat von der
Verpflichtung enthoben, Verwaltungsmassnahmen durchzuführen, die von
den Gesetzen oder der Verwaltungspraxis des einen oder des anderen
Vertragsstaates abweichen (Art. 25a Abs. 3 Bst. a DBA CH-RU), oder
Informationen zu erteilen, welche nach den Gesetzen oder im üblichen
Verwaltungsverfahren eines der beiden Vertragsstaaten nicht beschafft
werden können (Art. 25a Abs. 3 Bst. b DBA CH-RU). Auch besteht gemäss
Art. 25a Abs. 3 Bst. c DBA CH-RU keine Verpflichtung zur Erteilung von
Informationen, «die ein Handels-, Geschäfts-, Industrie-, Gewerbe- oder
A-47/2020
Seite 10
Berufsgeheimnis oder ein Geschäftsverfahren preisgeben würden oder
deren Erteilung dem Ordre public widerspräche» (vgl. dazu: Urteil des
BVGer A-8018/2016 vom 8. November 2017 E. 2.4.1 ff.).
2.2.2.2 Der in Art. 25a Abs. 3 Bst. b DBA CH-RU formulierte Vorbehalt des
innerstaatlichen Rechts (E. 2.2.2.1) bezieht sich, soweit es um die Beschaf-
fung von Informationen bei einer in der Schweiz steuerpflichtigen Person
geht, auf die Art. 123-129 des Bundesgesetzes vom 14. Dezember 1990
über die direkte Bundessteuer (DBG, SR 642.11; BGE 142 II 69 E. 4;
XAVIER OBERSON, in: Danon/Gutmann/Oberson/Pistone, Modèle de Con-
vention fiscale OCDE concernant le revenu et la fortune, Commentaire,
2014, Art. 26 N. 115 f.; DANIEL HOLENSTEIN, in: Zweifel/Beusch/Matteotti
[Hrsg.], Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Internationales
Steuerrecht, Art. 26 N. 285, 287 und 290; ANDREAS DONATSCH/STEFAN
HEIMGARTNER/FRANK MEYER/MADELEINE SIMONEK, Internationale Rechts-
hilfe, unter Einbezug der Amtshilfe im Steuerrecht, 2. Aufl. 2015, S. 250 f.).
Das DBG unterscheidet zwischen einer generellen, dem Steuerpflichtigen
obliegenden Mitwirkungspflicht (Art. 126 DBG) und spezifischen, gewissen
Dritten obliegenden Mitwirkungspflichten (Art. 127-129 DBG). Verlangt der
ersuchende Staat Informationen über eine in der Schweiz steuerpflichtige
Person, so treffen diese die Mitwirkungspflichten des Steuerpflichtigen ge-
mäss Art. 124-126 DBG. Die Mitwirkungspflicht erstreckt sich allerdings
nicht auf Auskünfte über Geschäftsbeziehungen, die nicht für die Veranla-
gung dieser Person von Bedeutung sein könnten, sondern ausschliesslich
für die Veranlagung ihrer Geschäftspartner (BVGE 2018 III/4 E. 3.2.2; Ur-
teil des BVGer A-8018/2016 vom 8. November 2017 E. 2.4.2; HOLENSTEIN,
a.a.O., Art. 26 N. 285 und 290).
2.2.3 Die genannten Einschränkungen werden wiederum durch die Be-
stimmung von Art. 25a Abs. 5 DBA CH-RU relativiert. Gemäss dieser ist
Art. 25a Abs. 3 DBA CH-RU nämlich in keinem Fall so auszulegen, als
könne ein Vertragsstaat die Erteilung von Informationen nur deshalb ablehnen,
weil sich die Informationen bei einer Bank, einem sonstigen Finanzinstitut, ei-
nem Bevollmächtigten, Beauftragten oder Treuhänder befinden oder weil sie
sich auf Eigentumsrechte an einer Person beziehen (Satz 1). Ungeachtet des
Absatzes 3 oder entgegenstehender Bestimmungen des innerstaatlichen
Rechts verfügen die Steuerbehörden des ersuchten Vertragsstaats über
die Befugnis, die Offenlegung der in diesem Absatz genannten Informatio-
nen durchzusetzen, sofern dies für die Erfüllung der Verpflichtungen unter
diesem Absatz erforderlich ist (Satz 2). Dies bedeutet, dass Informationen
zu Bankbeziehungen vollumfänglich erhältlich sind (BGE 142 II 161 E.
A-47/2020
Seite 11
4.5.2 in Bezug auf den im Wesentlichen gleichlautenden neuen Art. 28 Abs.
5 des Abkommens vom 9. September 1966 zwischen der Schweiz und
Frankreich zur Vermeidung der Doppelbesteuerung auf dem Gebiet der
Steuern vom Einkommen und vom Vermögen und zur Vermeidung von
Steuerbetrug und Steuerflucht [SR 0.672.934.91, DBA CH-FR]; Urteile des
BVGer A-1275/2018 vom 23. Mai 2019 E. 2.1.4, A-6037/2017 vom 8. Ja-
nuar 2019 E. 2.2.1.3).
2.2.4 Art. 25a Abs. 5 zweiter Satz DBA CH-RU entspringt nicht dem
OECD-MA, sondern wurde von den Vertragsparteien hinzugefügt, um die
in Abs. 1 genannte Verpflichtung zu erfüllen (Botschaft zum StAhiG, BBl
2011 6209; DINA BETI, La nouvelle loi sur l'assistance administrative inter-
nationale en matière fiscale - une vue d'ensemble, ASA 81 2012/2013
S. 192). Es soll damit klargestellt werden, dass keine innerstaatlichen Nor-
men der Offenlegung von Bankinformationen entgegenstehen sollen (vgl.
BGE 141 II 436 E. 4.4.2, auch publiziert in: ASA 84 [2015/2016] S. 559 ff.).
Art. 25a Abs. 5 zweiter Satz DBA CH-RU ermöglicht demnach den Steuer-
behörden des ersuchten Staats, die Offenlegung von Informationen, die
sich bei einer Bank, einem sonstigen Finanzinstitut, einem Bevollmächtig-
ten, Beauftragten oder Treuhänder befinden oder die sich auf Beteiligun-
gen an einer Person beziehen, durchzusetzen (vgl. Urteil des BGer
2C_216/2015 vom 8. November 2015 E. 3.3 in Bezug auf den im Wesent-
lichen gleichlautenden Art. 28 Abs. 5 DBA CH-FR).
2.2.5 Gemäss Art. 8 Abs. 1 StAhiG dürfen zur Beschaffung von Informatio-
nen nur Massnahmen durchgeführt werden, die nach schweizerischem
Recht zur Veranlagung und Durchsetzung der Steuern, die Gegenstand
des Ersuchens sind, durchgeführt werden könnten. Dieser Art. 25a Abs. 3
Bst. a DBA CH-RU entsprechende Grundsatz wird indessen in Einklang mit
Art. 25a Abs. 5 Satz 2 DBA CH-RU durch Art. 8 Abs. 2 StAhiG einge-
schränkt. Nach letzterer Vorschrift können Informationen, die sich im Besitz
einer Bank, eines anderen Finanzinstituts, einer beauftragten oder bevoll-
mächtigten Person, einer Treuhänderin oder eines Treuhänders befinden
oder die sich auf Beteiligungen an einer Person beziehen, verlangt werden,
wenn das anwendbare Abkommen ihre Übermittlung vorsieht (vgl. zum
Ganzen auch Urteil des BVGer A-4331/2017 vom 16. November 2017
E. 3.2).
2.2.6 Die ESTV verfügt damit aufgrund von Art. 25a Abs. 5 DBA CH-RU in
Verbindung mit Art. 8 Abs. 2 StAhiG über die Befugnis, Bankinformationen,
A-47/2020
Seite 12
welche das Erfordernis der voraussichtlichen Erheblichkeit erfüllen, einzu-
holen und zu übermitteln. Diese Befugnis ist weder durch das Bankgeheim-
nis von Art. 47 des Bundesgesetzes über die Banken und Sparkassen
(Bankengesetz, BankG, SR 952.0) noch durch eine andere Vorschrift des
internen Rechts einschränkt (vgl. [zu Art. 28 DBA CH-F] BGE 142 II 161
E. 4.5.2 und Urteil des BGer 2C_490/2015 vom 14. März 2016 E. 3.2.1;
vgl. [zu Art. 25bis Abs. 5 DBA CH-ES] Urteile des BVGer A-4331/2017 vom
16. November 2017 E. 6, A-3788/2016 vom 22. September 2016 E. 12).
2.3
2.3.1 Als zur Anwendung oder Durchsetzung des innerstaatlichen Rechts
voraussichtlich erheblich gelten Informationen, die für den ersuchenden
Staat notwendig sind, um eine in diesem Staat steuerpflichtige Person dort
korrekt zu besteuern (vgl. BGE 141 II 436 E. 4.4.3; Urteile des BVGer
A-4163/2019 vom 22. April 2020 E. 3.1.3, A-5695/2018 vom 22. April 2020
E. 3.3.1).
2.3.2 Nach Ziff. 7 Bst. c des Protokolls zum DBA CH-RU besteht hinsicht-
lich Art. 25a DBA CH-RU «Einvernehmen darüber, dass der Zweck der Ver-
weisung auf Informationen, die voraussichtlich erheblich sind, darin be-
steht, einen möglichst breiten Informationsaustausch in Steuerbelangen zu
gewährleisten, ohne den Vertragsstaaten zu erlauben, ‹fishing expeditions›
zu betreiben oder um Informationen zu ersuchen, deren Erheblichkeit hin-
sichtlich der Steuerbelange einer bestimmten steuerpflichtigen Person un-
wahrscheinlich sind».
2.3.3 Die «voraussichtliche Erheblichkeit» von geforderten Informationen
muss sich bereits aus dem Amtshilfeersuchen ergeben (vgl. BGE 143 II
185 E. 3.3.2, 141 II 436 E. 4.4.3; Urteil des BVGer A-3773/2018 vom
8. Februar 2019 E. 2.5, je m.w.H.). Würde dies nicht verlangt, könnten
Ersuchen aufs Geratewohl gestellt werden («fishing expedition») und die
ersuchte Behörde müsste die Unterlagen auch dann zur Verfügung stellen,
wenn sie erst nach deren Erhebung deren voraussichtliche Erheblichkeit
feststellen würde. Dem «voraussichtlich» kommt somit eine doppelte
Bedeutung zu: Zum einen bezieht es sich darauf, dass der ersuchende
Staat die Erheblichkeit voraussehen und diese dem Amtshilfegesuch zu
entnehmen sein muss (wobei im Einklang mit dem völkerrechtlichen
Vertrauensprinzip vermutet wird, dass der ersuchende Staat nach Treu und
Glauben handelt). Zum anderen sind nur solche Informationen zu
übermitteln, die voraussichtlich erheblich sind (vgl. zum Ganzen statt vieler:
A-47/2020
Seite 13
Urteile des BVGer A-4228/2018 vom 26. August 2019 E. 2.4.1,
A-4331/2017 vom 16. November 2017 E. 4.1, je m.w.H.).
2.3.4 Die Voraussetzung der voraussichtlichen Erheblichkeit ist erfüllt,
wenn im Zeitpunkt der Einreichung des Amtshilfeersuchens eine
vernünftige Möglichkeit besteht, dass sich die verlangten Informationen als
erheblich erweisen werden (BGE 144 II 206 E. 4.3, 143 II 185 E. 3.3.2;
Urteil des BVGer A-2676/2017 vom 3. April 2019 E. 3.3.1). Keine Rolle
spielt, ob sich diese Informationen nach deren Übermittlung für die
ersuchende Behörde als nicht erheblich herausstellen (vgl. BGE 144 II 206
E. 4.3, 142 II 161 E. 2.1.1).
2.3.5 Ob eine Information erheblich ist, kann in der Regel nur der
ersuchende Staat abschliessend feststellen (vgl. BGE 143 II 185 E. 3.3.2,
142 II 161 E. 2.1.1; statt vieler: Urteil des BVGer A-4144/2018 vom 28. Mai
2019 E. 2.1.6). Die Rolle des ersuchten Staates bei der Beurteilung der
voraussichtlichen Erheblichkeit beschränkt sich darauf, zu überprüfen, ob
die vom ersuchenden Staat verlangten Informationen und Dokumente
einen Zusammenhang mit dem im Ersuchen dargestellten Sachverhalt
haben und ob sie möglicherweise dazu geeignet sind, im ausländischen
Verfahren verwendet zu werden (vgl. BGE 144 II 29 E. 4.2.2, 142 II 161
E. 2.1.1; Urteil des BGer 2C_241/2016 vom 7. April 2017 E. 5.2; Urteile des
BVGer A-4144/2018 vom 28. Mai 2019 E. 2.1.6 und A-846/2018 vom
30. August 2018 E. 2.1.4, m.w.H.). Vor diesem Hintergrund darf der
ersuchte Staat Auskünfte mit der Begründung, die verlangten
Informationen seien nicht «voraussichtlich erheblich» nur verweigern,
wenn ein Zusammenhang zwischen den verlangten Angaben und der im
ersuchenden Staat durchgeführten Untersuchung unwahrscheinlich
erscheint (BGE 143 II 185 E. 3.2.2, 142 II 161 E. 2.1.1; Urteile des BVGer
A-4228/2018 vom 26. August 2019 E. 2.4.3, A-3095/2018 vom 29. Mai
2019 E. 2.3.2, A-4592/2018 vom 21. März 2019 E. 3.1.2 und A-846/2018
vom 30. August 2018 E. 2.1.4).
In letzterem Sinne ist auch Art. 17 Abs. 2 StAhiG anzuwenden, wonach
Informationen, welche voraussichtlich nicht erheblich sind, nicht übermittelt
werden dürfen und von der ESTV auszusondern oder unkenntlich zu
machen sind (Urteile des BVGer A-4163/2019 vom 22. April 2020 E. 3.1.3,
A-2540/2017 vom 7. September 2017 E. 4.1, A-3361/2016 vom 19. Juni
2017 E. 3.10.2 f.).
A-47/2020
Seite 14
2.3.6 Die Übermittlung von Informationen zu Personen, die nicht betroffene
Personen sind, ist gemäss Art. 4 Abs. 3 StAhiG unzulässig, wenn diese
Informationen für die Beurteilung der Steuersituation der betroffenen Per-
son nicht voraussichtlich relevant sind oder wenn berechtigte Interessen
von Personen, die nicht betroffene Personen sind, das Interesse der ersu-
chenden Seite an der Übermittlung der Informationen überwiegen.
Rechtsprechungsgemäss ist der Begriff der «nicht betroffenen Person»
nach Art. 4 Abs. 3 StAhiG restriktiv zu verstehen (vgl. BGE 142 II 161
E. 4.6.1 f.). Damit sollen in Anwendung des Verhältnismässigkeitsprinzips
Personen geschützt werden, die nichts mit dem im Amtshilfeersuchen
geschilderten Sachverhalt zu tun haben, deren Namen also rein zufällig in
den weiterzuleitenden Dokumenten auftauchen («fruit d’un pur hasard»;
Botschaft des Bundesrates vom 5. Juni 2015 zur Genehmigung des
Übereinkommens des Europarats und der OECD über die gegenseitige
Amtshilfe in Steuersachen und zu seiner Umsetzung [Änderung des
StAhiG], BBl 2015 5585 ff., 5623; statt vieler: Urteil des BVGer
A-3791/2017 vom 5. Januar 2018 E. 5.2.2, mit Hinweisen). In gewissen
Konstellationen ist es unumgänglich, auch über Personen Informationen
zu erteilen, deren Steuerpflicht im ersuchenden Staat nicht geltend
gemacht wird. Können die ersuchten Informationen für die Steuerpflicht der
im ersuchenden Staat zu besteuernden Person voraussichtlich erheblich
sein und ist ihre Übermittlung unter Verhältnismässigkeitsgesichtspunkten
erforderlich, d.h. wenn die Aussonderung, Schwärzung oder anderweitige
Unkenntlichmachung der Informationen den Zweck des
Amtshilfeersuchens vereiteln würde, so sind sie dem ersuchenden Staat
zu übermitteln (vgl. ausführlich mit Beispielen: BGE 144 II 29 E. 4.2.2 ff.;
141 II 436 E. 4.4.3 f.; 143 II 506 E. 5.2.1 in Bezug auf Daten von
Bankangestellten; Urteil des BGer 2C_615/2018 vom 26. März 2019 E. 3.1;
Urteil des BVGer A-4819/2016 vom 4. April 2018 E. 3.4 und 3.5).
In seinem Urteil 2C_963/2014 vom 24. September 2015 (teilweise
publiziert in: BGE 141 II 436) erklärt das Bundesgericht im Zusammenhang
mit einem Ersuchen um internationale Amtshilfe in Steuersachen, die
Identität der Inhaber einer Vollmacht an den direkt gehaltenen Bankkonten
einer von dem Amtshilfeersuchen betroffenen Person stelle ein
wesentliches Element bei der Überprüfung der Geldflüsse dar. Es liege
keine Konstellation vor, in der Personen nur zufällig in den Bankunterlagen
auftauchen würden. Aus diesem Grund seien diese Informationen
voraussichtlich erheblich (Urteile des BGer 2C_963/2014 vom
24. September 2015 E. 6.2; 2C_216/2015 vom 8. November 2015 E. 4.2;
A-47/2020
Seite 15
Urteile des BVGer A-2725/2019 vom 25. Februar 2020 E. 2.4.7 f.,
A-4143/2018 vom 28. Mai 2019 E. 2.3.2).
2.3.7 Informationen können auch dann noch voraussichtlich erheblich sein,
wenn die steuerpflichtige Person bereits veranlagt oder eine Steuerprüfung
abgeschlossen wurde. Es ist nämlich nicht ausgeschlossen, dass z.B.
Nachsteuern erhoben werden können oder eine Veranlagung revidiert
werden kann (vgl. Urteile des BVGer A-108/2018 vom 13. Februar 2020
E. 7.3.1, A-1745/2019 vom 1. November 2019 E. 3.1.1). Bestimmungen,
die das innerstaatliche Verfahren des ersuchenden Staates betreffen und
die allenfalls dazu führen können, dass bestimmte Beweismittel nicht
(mehr) verwendet werden können, sind im innerstaatlichen Verfahren
dieses Staates geltend zu machen und nicht im Amtshilfeverfahren (Urteil
des BVGer A-6037/2017 vom 8. Januar 2019 E. 4.1.4.1 und 4.7 f.).
2.4
2.4.1 Soweit die Behörden des ersuchenden Staates verpflichtet sind, den
massgeblichen Sachverhalt darzulegen, kann von ihnen nicht erwartet
werden, dass sie dies bereits lückenlos und völlig widerspruchsfrei tun.
Dies wäre mit dem Sinn und Zweck der Amtshilfe (wie mit jenem der
Rechtshilfe) nicht vereinbar, sollen doch aufgrund von Informationen und
Unterlagen, die sich im ersuchten Staat befinden, bisher im Dunkeln ge-
bliebene Punkte erst noch geklärt werden (vgl. BGE 142 II 161 E. 2.1.1,
139 II 404 E. 7.2.2, Urteil des BVGer A-2327/2017 vom 22. Januar 2019
E. 8.3.2; ROBERT ZIMMERMANN, La coopération judiciaire internationale en
matière pénale, 5. Aufl. 2019, S. 310 Rz. 293 Bst. a). Daher verlangt die
Rechtsprechung von der ersuchenden Behörde nicht den strikten Beweis
des Sachverhalts, doch muss sie hinreichende Verdachtsmomente für des-
sen Vorliegen dartun (vgl. BGE 139 II 451 E. 2.1 und E. 2.2.1, 139 II 404
E. 7.2.2; Urteile des BVGer A-5522/2019 vom 18. August 2020 E. 2.5.1,
A-4163/2019 vom 22. April 2020 E. 3.1.4, A-2540/2017 vom 7. September
2017 E. 4.2, A-2591/2017 vom 5. März 2019 E. 5.3.2.2).
2.4.2 Nach dem so genannten völkerrechtlichen Vertrauensprinzip besteht
– ausser bei offenbarem Rechtsmissbrauch oder bei berechtigten Fragen
im Zusammenhang mit dem Schutz des schweizerischen oder internatio-
nalen Ordre public (vgl. Art. 7 StAhiG) – kein Anlass, an Sachverhaltsdar-
stellungen und Erklärungen anderer Staaten zu zweifeln (BGE 143 II 202
E. 8.7.1, 142 II 218 E. 3.3, 142 II 161 E. 2.1.3; Urteil des BGer 2C_619/2018
vom 21. Dezember 2018 E. 2.2.1). Die ESTV ist deshalb an die Darstellung
des Sachverhalts im Ersuchen insoweit gebunden, als diese nicht wegen
A-47/2020
Seite 16
offensichtlicher Fehler, Lücken oder Widersprüche von vornherein entkräf-
tet werden kann (BGE 142 II 161 E. 2.1.1 und 2.1.3, 139 II 451 E. 2.2.1;
Urteil des BGer 2C_275/2017 vom 20. März 2017 E. 2.4.2; Urteile des
BVGer A-4163/2019 vom 22. April 2020 E. 2.2, A-5695/2018 vom 22. April
2020 E. 3.5). Werden diese sofort entkräftet, kann der ersuchte Staat ihnen
nicht mehr vertrauen. Es liegt dabei an der beschwerdeführenden Person,
den Sachverhalt mittels Urkunden klarerweise und entscheidend zu wider-
legen (vgl. BGE 139 II 451 E. 2.3.3; Urteil des BVGer A-5146/2018 vom
28. Juli 2020 E. 4.2 mit Hinweisen).
2.5
2.5.1 Gemäss Ziff. 7 Bst. a des Protokolls zum DBA CH-RU besteht «Ein-
vernehmen darüber, dass der ersuchende Vertragsstaat ein Begehren um
Austausch von Informationen erst dann stellt, wenn er alle in seinem inner-
staatlichen Steuerverfahren vorgesehenen üblichen Mittel zur Beschaffung
der Informationen ausgeschöpft hat» (sog. Subsidiaritätsprinzip).
2.5.2 Aufgrund des völkerrechtlichen Vertrauensprinzips (E. 2.4.2) besteht
rechtsprechungsgemäss namentlich kein Anlass, an einer von der ersu-
chenden Behörde abgegebenen Erklärung der Ausschöpfung aller übli-
chen innerstaatlichen Mittel zu zweifeln, es sei denn, es liegt ein gegen die
Einhaltung des Subsidiaritätsprinzips sprechendes, ernsthafte Zweifel an
der Richtigkeit der Erklärung begründendes konkretes Element vor (vgl.
BGE 144 II 206 E. 3.3.2; Urteile des BVGer A-3703/2019 vom 23. April
2020 E. 2.4.2 und 2.7.1, A-2725/2019 vom 25. Februar 2020 E. 2.6.2,
A-4025/2016 vom 2. Mai 2017 E. 3.2.4).
2.6
2.6.1 Gemäss Ziff. 7 Bst. b des Protokolls zum DBA CH-RU besteht zwi-
schen der Schweiz und Russland Einvernehmen darüber, dass die Steuer-
behörden des ersuchenden Staates bei der Stellung eines Amtshilfebegeh-
rens nach Art. 25a DBA CH-RU den Steuerbehörden des ersuchten Staa-
tes die folgenden Angaben zu liefern haben:
« (i) die Identität der in eine Überprüfung oder Untersuchung einbezo-
genen Person,
(ii) die Zeitperiode, für welche die Informationen verlangt werden,
(iii) eine Beschreibung der verlangten Informationen sowie Angaben
hinsichtlich der Form, in der der ersuchende Staat diese Informati-
onen vom ersuchten Staat zu erhalten wünscht,
A-47/2020
Seite 17
(iv) den Steuerzweck, für den die Informationen verlangt werden,
(v) soweit bekannt, den Namen und die Adresse des mutmasslichen
Inhabers der verlangten Informationen. »
2.6.2 Zwar regelt auch Art. 6 Abs. 2 StAhiG den erforderlichen Inhalt eines
Amtshilfeersuchens. Diese Bestimmung greift jedoch  wie bereits deren
Einleitung zu entnehmen ist  nur, wenn das anwendbare Abkommen –
anders als das hier einschlägige DBA CH-RU mit Ziff. 7 Bst. b des Proto-
kolls zum DBA CH-RU – keine entsprechende Ordnung enthält. Sonst sind
ausschliesslich die Anforderungen gemäss Abkommen zu berücksichtigen,
wobei Art. 6 Abs. 2 StAhiG, da er nur subsidiär gilt, nicht ergänzend heran-
zuziehen ist (vgl. BGE 142 II 161 E. 2.1.4; Urteil des BVGer A-5522/2019
vom 18. August 2020 E. 2.7.2).
3.
3.1 Das vorliegende Amtshilfeersuchen betrifft das Kalenderjahr 2015
(siehe Sachverhalt Bst. A), welches vom DBA CH-RU abgedeckt ist. Im
Weiteren ist unbestritten sowie den Akten zu entnehmen, dass das Amts-
hilfeersuchen die formellen Voraussetzungen (E. 2.6) erfüllt. Weiter ist sei-
tens des FTS im Ersuchen dargetan und im Übrigen ohnehin unbestritten,
dass das Subsidiaritätsprinzip gewahrt ist (E. 2.5).
3.2 Im vorliegenden Verfahren bestritten ist hingegen, ob das Kriterium der
voraussichtlichen Erheblichkeit erfüllt ist (E. 4), ob die ersuchten Informati-
onen erhältlich sind (E. 5) und ob das Vertrauensprinzip verletzt wurde
(E. 6). Sodann ist auf den Eventualantrag der Beschwerdeführerin einzu-
gehen, worin diese vorbringt, das Ersuchen sei – wie in ihrer Beschwerde
dargelegt – zu beantworten und damit im Wesentlichen die voraussichtli-
che Erheblichkeit der einzelnen seitens der ESTV zur Übermittlung vorge-
sehenen Informationen bestreitet (E. 7). Schliesslich ist auf den Subeven-
tualantrag einzugehen, worin die Beschwerdeführerin – wiederum im Sinne
fehlender voraussichtlicher Erheblichkeit – vorbringt, diverse, sich in Bei-
lage 2 der Schlussverfügung befindliche Informationen seien zu schwärzen
(E. 8).
4.
Vorab ist auf das im Hauptantrag geltend gemachte Vorbringen der
Beschwerdeführerin hinsichtlich mangelnder voraussichtlicher
Erheblichkeit der ersuchten Informationen einzugehen.
A-47/2020
Seite 18
4.1
4.1.1 Im Rahmen ihrer Replik vom 25. Juni 2020 führt die Beschwerdefüh-
rerin vorab aus, sie habe zwischenzeitlich die Information erhalten, dass in
Russland in Bezug auf die betroffene Person mit der Verfügung (...) vom
(Datum) die Steuerperiode 2015 veranlagt und ein entsprechendes Verfah-
ren rechtskräftig abgeschlossen worden sei. Konkret erwähne die russi-
sche Verfügung, welche der Replik inklusive einer Übersetzung beiliege,
als kontrollierte Steuerperioden die Jahre 2015 bis 2017 bzw. für die «per-
sonal income tax withheld by a tax agent» die Steuerperioden 31. März
2015 bis Ende 2017. Mit Abschluss des Verfahrens in Russland habe sich
eine neue Sach- und Rechtslage ergeben, welche die Qualifikation der er-
fragten Informationen als voraussichtlich erheblich ausschliesse.
Der FTS mache im Rahmen seines Amtshilfegesuchs im Wesentlichen gel-
tend, er habe Kenntnis von einer Zahlung zwischen der zypriotischen
D._ SE und der zypriotischen Beschwerdeführerin in der Höhe von
USD 18'450'000.- im Jahr 2015, weshalb die Beschwerdeführerin im Jahr
2015 beneficial owner einer «Zinszahlung» der russischen betroffenen Per-
son an die D._ SE sein soll. Mit Verweis auf die Verfügung (...) weist
die Beschwerdeführerin darauf hin, dass die russische Steuerbehörde am
20. Dezember 2018, also gerade noch innerhalb der 3-jährigen Verjäh-
rungsfrist gemäss dem russischen Steuergesetz, ein Steuerprüfungsver-
fahren für das Jahr 2015 eingeleitet habe. Das russische Amtshilfegesuch
datiere vom (Datum) und sei der ESTV am 11. März 2019 zugegangen. In
diesem werde ausgeführt, dass eine «preaudit tax analysis» der betroffe-
nen Person durchgeführt werde. Hier werde bereits die erste Unstimmig-
keit im Zusammenhang mit dem russischen Verfahren ersichtlich. In Anbe-
tracht, dass am 20. Dezember 2018 ein «field tax audit» angekündigt wor-
den sei, sei es dem FTS zum Zeitpunkt der Gesuchstellung nicht möglich
gewesen, ein «preaudit» bezüglich der betroffenen Person durchzuführen,
wie im Gesuch behauptet werde. Das Amtshilfegesuch betreffe sodann
auch einzig eine spezifische Zahlung der betroffenen Person an die
D._ SE in der Höhe von USD 18'450'000.-, wobei als betroffene
Steuerart die «Corporate Income Tax» genannt werde, was im Zusammen-
hang mit dem zwischenzeitlich bekannten Verfahrensablauf ebenfalls et-
was seltsam anmute. Das Amtshilfeersuchen werde im Zusammenhang
mit einer allfälligen Quellensteuer auf vorgenannter Zahlung gestellt. Quel-
lensteuern würden in Russland einen Teil der «corporate income tax» dar-
stellen. Die Verfügung (...) umfasse die Steuern der betroffenen Person
und unter anderem die Steuerperiode 2015. Allfällige Quellensteuern seien
daher im Rahmen der Verfügung (...) veranlagt worden. Das Verfahren sei
A-47/2020
Seite 19
für das Jahr 2015 mit der Verfügung (...) vom (Datum) rechtskräftig abge-
schlossen worden, ohne auf allfällige Informationen aus der Schweiz zu
warten. Eine Quellensteuer auf der in Frage stehenden Zahlung sei nicht
veranlagt worden. Mit der verfahrensabschliessenden Verfügung zeige die
russische Steuerbehörde, dass sie die ersuchten Informationen zur Durch-
setzung ihres Steuerrechts nicht mehr benötige und die Informationen da-
her nicht mehr voraussichtlich erheblich seien.
Für den Fall, dass das Bundesverwaltungsgericht die russische Verfügung
(...) vom (Datum) nicht als rechtsgenügend für den Wegfall der voraus-
sichtlichen Erheblichkeit der im vorliegenden Amtshilfeverfahren angefor-
derten Unterlagen betrachte, stelle die Beschwerdeführerin die – in Sach-
verhalt Bst. J formulierten – Anträge auf Anordnung von Beweismassnah-
men.
4.1.2 Wurde die Steuerangelegenheit, die dem Amtshilfeersuchen zu-
grunde lag, eingestellt oder erledigt, hat die ersuchende ausländische Be-
hörde in der Regel kein Interesse mehr daran, das Amtshilfeverfahren wei-
terzuverfolgen. Demnach muss das Amtshilfeersuchen aufgrund fehlender
voraussichtlicher Erheblichkeit der Informationen, um die ersucht wurde, in
Anbetracht des Verhältnismässigkeitsprinzips und allenfalls des Subsidia-
ritätsprinzips abgewiesen werden. Der ersuchende Staat verfügt bereits
über die Informationen, die für die Besteuerung notwendig sind, und verliert
damit sein Interesse daran, das Amtshilfeverfahren weiterzuführen (Urteile
des BVGer A-4977/2016 vom 13. Februar 2018 E. 3.2.3 [das BGer ist mit
Urteil 2C_192/2018 vom 28. Februar 2018 nicht auf eine Beschwerde ge-
gen dieses Urteil eingetreten], A-2468/2016 vom 19. Oktober 2016
E. 3.3.7, A-4668/2014 und A-4669/2014 vom 25. April 2016 E. 7.2.3 [das
BGer ist mit Urteil 2C_469/2016 vom 27. Mai 2016 nicht auf eine Be-
schwerde gegen dieses Urteil eingetreten]). Hat der ersuchende Staat also
bereits eine Verfügung über jene Sachverhaltselemente erlassen, für deren
Erstellung er um Amtshilfe ersucht hat, und gibt er keinerlei Erklärung ab,
dass er diese kontrollieren will, können diese nicht mehr als voraussichtlich
erheblich betrachtet werden (zum Ganzen: Urteil des BVGer A-2454/2017
vom 7. Juni 2018 E. 2.4.1).
Allerdings ist nach der Rechtsprechung selbst dann, wenn das ordentliche
Veranlagungsverfahren betreffend das Steuerjahr 2015 tatsächlich abge-
schlossen wäre, nicht ausgeschlossen, dass der ersuchende Staat die In-
formationen weiterhin benötigt, etwa für eine allfällige Nachsteuer- bzw.
Revisionsmöglichkeit (vgl. vorne E. 2.3.7; vgl. dazu auch Urteile des BVGer
A-47/2020
Seite 20
A-1538/2018 vom 11. September 2019 E. 3.8.2, A-1146/2019 vom 6. Sep-
tember 2019 E. 2.7.2 und A-3791/2017 vom 5. Januar 2018 E. 9.2.3.2),
wobei es nicht am ersuchten Staat wäre, zu beurteilen, ob das Verfahrens-
recht des ersuchten Staates ein Zurückkommen auf ein abgeschlossenes
Veranlagungsverfahren erlaubt oder nicht (vgl. Urteil des BGer
2C_241/2016 vom 7. April 2017 E. 5.6; zum Grundsatz, dass der ersuchte
Staat keine Fragen des Verfahrensrechts des ersuchenden Staates zu klä-
ren hat: BGE 144 II 206 E. 4.3 und Urteil des BVGer A-2915/2016 vom
4. April 2017 E. 3.3.2). In der Rechtsprechung wurde allerdings auch fest-
gehalten, dass in einer Situation einer abgeschlossenen Veranlagung eine
Rückfrage bei der ersuchenden Behörde opportun sein könne (Urteile des
BVGer A-1538/2018 vom 11. September 2019 E. 3.8.2, A-1146/2019 vom
6. September 2019 E. 2.7.2). Dies gilt aber nur, wenn tatsächlich davon
ausgegangen werden kann, dass das Veranlagungsverfahren abgeschlos-
sen ist (siehe auch betreffend ähnliche Konstellationen: Urteile des BVGer
A-3791/2017 vom 5. Januar 2018 E. 9.2.3.2 sowie A-7622/2016 vom
23. Mai 2017 E. 3.4.2; vgl. zum Ganzen Urteil des BVGer A-1745/2019 vom
1. November 2019 E. 3.1.1).
4.1.3 Ob das Verfahren in Russland, welches zum vorliegenden Amtshil-
feersuchen geführt hat, tatsächlich abgeschlossen worden ist, ist jedoch
fraglich. Gemäss der russischen Verfügung (...) vom (Datum) soll vom
20. Dezember 2018 bis 30. August 2019 ein «tax audit» bezüglich der be-
troffenen Person durchgeführt worden sein, wobei die «Corporate income
tax» ebenfalls Teil der Untersuchung gewesen sein soll. Mit der Verfügung
(...) vom (Datum), welche die «Imposition of Sanctions for Commission of
the Tax Offence» zum Gegenstand haben soll, wird die betroffene Person
zur Leistung von Strafzahlungen verpflichtet. Demgegenüber ist das Amts-
hilfegesuch vom (Datum) im Rahmen einer «preaudit tax analysis» gestellt
worden und bezweckt, die Nutzungsberechtigten der seitens der betroffe-
nen Person geleisteten Zinszahlungen zu ermitteln, um von der betroffenen
Person – falls sich der Verdacht des FTS bewahrheitet – Quellensteuern
zu erheben.
Wie die Vorinstanz im Rahmen ihrer Vernehmlassung zu Recht vorbringt,
ist sie nach dem Vertrauensprinzip grundsätzlich an die Angaben des FTS
gebunden, soweit diese nicht wegen offensichtlicher Fehler, Lücken oder
Widersprüche von vornherein entkräftet werden können (E. 2.4.2). Die von
der Beschwerdeführerin eingereichte Verfügung (...) vermag diese Anga-
ben jedenfalls nicht als offensichtlich fehler- oder lückenhaft oder wider-
sprüchlich zu entkräften, wie die Beschwerdeführerin glauben machen will.
A-47/2020
Seite 21
Vielmehr scheint es sich um zwei verschiedene Arten von Steuerverfahren
zu handeln. Während der «tax audit», der in der Verfügung (...) gemündet
haben soll, offenbar dazu diente, allfällige Steuervergehen der betroffenen
Person zu untersuchen und zu bestrafen (Steuerstrafverfahren), bezweckt
das hier in Frage stehende Amtshilfegesuch, der betroffenen Person allfäl-
lige Quellensteuern nachzubelasten. Das Vorliegen zweier verschiedener
Verfahrensarten könnte auch der Grund dafür sein, dass der im Amtshilfe-
gesuch dargestellte Sachverhalt und dessen Auswirkungen auf allfällige
Quellensteuerschulden in der Verfügung (...) mit keinem Wort erwähnt wer-
den. Es kann dementsprechend entgegen den Behauptungen der Be-
schwerdeführerin nicht gesagt werden, dass ein laufender «field tax audit»
dazu führe, dass die Erklärungen des FTS im Amtshilfeersuchen gestützt
auf eine «preaudit tax analysis» widersprüchlich seien und daher das Ver-
fahren als abgeschlossen zu betrachten sei, womit die Voraussetzung der
voraussichtlichen Erheblichkeit entfalle. Vielmehr ist davon auszugehen,
dass zwei unterschiedliche Steuerverfahren vorliegen und dass mangels
anderslautender Information des FTS die «preaudit tax analysis» bzw. das
damit im Zusammenhang stehende Verfahren noch nicht abgeschlossen
worden ist und die voraussichtliche Erheblichkeit der ersuchten Informati-
onen demnach durch die Verfügung (...) nicht tangiert ist.
Aus diesem Grund drängt sich im vorliegenden Verfahren auch keine Rück-
frage an den FTS auf, womit die diesbezüglichen Anträge der Beschwer-
deführerin auf Anordnung von Beweismassnahmen in antizipierter Beweis-
würdigung abzuweisen sind (vgl. dazu E. 1.5).
4.2
4.2.1 Die Beschwerdeführerin betrachtet die zur Übermittlung vorgesehe-
nen Informationen sodann deshalb nicht als voraussichtlich erheblich, weil
der seitens des FTS dargestellte, dem Amtshilfegesuch zugrundeliegende
Sachverhalt offensichtlich falsch sei. Vorliegend stellt sich damit die Frage,
ob die ESTV auf den im Ersuchen dargestellten Sachverhalt abstellen
durfte oder ob dieser wegen offensichtlicher Fehler, Lücken oder Wider-
sprüche von vornherein entkräftet werden kann (E. 2.4.2), womit auch die
voraussichtliche Erheblichkeit der auf Basis des Sachverhalts ersuchten
Informationen entfallen würde.
4.2.2
4.2.2.1 Die Beschwerdeführerin bringt hierzu vorab vor, der FTS verweise
in seinem Ersuchen auf einen Darlehensvertrag vom 9. August 2013 zwi-
A-47/2020
Seite 22
schen der betroffenen Person und der D._ SE. Wie sie bereits ge-
genüber der Vorinstanz ausgeführt habe, habe sie der betroffenen Person
am 9. August 2013 ein bis zum 30. Juni 2014 befristetes USD-Darlehen
gewährt, welches am 1. Mai 2014 durch ein bis zum 30. April 2015 befris-
tetes Rubel-Darlehen ersetzt worden sei. Fast ein Jahr vor Ablauf, am
20. Juni 2014, habe die Beschwerdeführerin den Vertrag an die H._
Ltd. (fortan: H._ Ltd.) zediert. Der FTS begründe sein Gesuch mit
der Analyse von quellensteuerfrei überwiesenen Zinszahlungen. Da die
Beschwerdeführerin im in Frage stehenden Jahr gar nicht mehr Vertrags-
partei des Darlehensvertrags mit der betroffenen Person gewesen sei, wo-
rüber der FTS aufgrund der Zessions-Notifikation der betroffenen Person
seitens der Beschwerdeführerin und der H._ Ltd. hätte informiert
gewesen sein müssen, sowie aufgrund der Tatsache, dass es sich bei den
USD 18'240'000 keinesfalls um Zinszahlungen handeln könne – dafür sei
der Darlehensbetrag und der Zinssatz zu tief – sei ausgeschlossen, dass
die angefragten Informationen in irgendeiner Weise voraussichtlich erheb-
lich sein könnten.
4.2.2.2 Diesbezüglich ist der Beschwerdeführerin zu entgegnen, dass die
Tatsache, dass es offenbar zwischen ihr und der betroffenen Person ein
Darlehen mit Datum vom 9. August 2013 gegeben hatte, welches hernach
erneuert und anschliessend an die H._ Ltd. zediert worden sei,
nicht dagegenspricht, dass es auch zwischen der betroffenen Person und
der D._ SE ein Darlehen mit Datum vom 9. August 2013 gab, wie
dies im Ersuchen dargestellt wird. Vielmehr wird aus den Vorbringen der
Beschwerdeführerin ersichtlich, dass tatsächlich Darlehenszinsen von der
betroffenen Person an die Beschwerdeführerin – eine, wie die verbundene
D._ SE, in Zypern ansässige Gesellschaft – geflossen sind; nur,
dass dies in diesem Fall «direkt» geschehen ist, also ohne den Umweg
über die D._ SE, wie im Ersuchen dargestellt. Dies lässt es durch-
aus denkbar erscheinen, dass auch zwischen der betroffenen Person und
D._ SE Darlehensverträge bestanden und entsprechende Zinsen
flossen. Jedenfalls kann mit dem Vorlegen des genannten Darlehensver-
trags inklusive anschliessender Zession die Darstellung des FTS nicht we-
gen offensichtlicher Fehler, Lücken oder Widersprüchen sofort entkräftet
werden. Das eine schliesst das andere nicht aus. Damit ist es auch uner-
heblich, dass der FTS nach Ansicht der Beschwerdeführerin über die Zes-
sion hätte informiert sein müssen.
Dass es sich bei den USD 18'240'000 keinesfalls um Zinszahlungen han-
deln könne, weil dafür der Darlehensbetrag und der Zinssatz zu tief seien,
A-47/2020
Seite 23
überzeugt sodann zum einen nicht, weil die hier in Frage stehenden Zinsen
nicht auf dem Darlehensvertrag zwischen der betroffenen Person und der
Beschwerdeführerin gründen. Die Höhe des seitens der Beschwerdeführe-
rin einst an die betroffene Person gewährten Darlehens und der dortige
Zinssatz sind insoweit irrelevant, um zu beurteilen, ob Zinsen in Höhe von
USD 18'240'000 realistisch sind. Zum anderen führt der FTS im Ersuchen
aus, dass nebst der betroffenen Person drei weitere verbundene Unterneh-
men Geld auf das besagte Konto (der D._ SE) überwiesen hätten,
worauf die Gelder in USD gewechselt worden seien und ein Teil der Gelder
(USD 18'240'000) weiter auf das Konto der Beschwerdeführerin bei der
Bank AG transferiert worden seien. Hieraus folgt, dass die USD 18'240'000
auch gemäss dem Ersuchen des FTS ohnehin nicht dem Betrag entspre-
chen, welchen die betroffene Person der D._ SE in Form von Zin-
sen zukommen liess. Somit ist weiterhin auf den seitens des FTS darge-
stellten Sachverhalt abzustellen.
4.2.2.3 Die Beschwerdeführerin führt weiter aus, wenn nicht bereits der
aufgeführte Betrag (USD 18'240'000) hätte stutzig machen müssen, dann
auf jeden Fall die Tatsache, dass es sich sowohl bei D._ SE als
auch bei der Beschwerdeführerin um in Zypern inkorporierte Gesellschaf-
ten handle. Selbst wenn somit der Verdacht der Weiterleitung von der
D._ SE an die Beschwerdeführerin bestehen würde, hätte dies kei-
nen Einfluss auf die Frage, ob Quellensteuern hätten bezahlt werden müs-
sen oder nicht, da bei beiden Gesellschaften das gleiche DBA Anwendung
finde. Da des Weiteren keine Zinszahlung bestehe, könne sich das Inte-
resse des FTS nicht auf den wirtschaftlich Berechtigten der
USD 18'240'000 richten, sondern es müsse davon ausgegangen werden,
dass ohne konkrete Verdachtsmomente versucht werde, Ursprung bzw.
Zweck der Zahlung zu eruieren, wobei es sich um eine «fishing expedition»
handle, welche ein Nichteintreten auf das Amtshilfeersuchen zur Folge ha-
ben müsse.
4.2.2.4 Der Beschwerdeführerin ist insofern zuzustimmen, als dass sowohl
für die D._ SE als auch für sie im Verhältnis zur betroffenen Person
wohl das DBA Russland-Zypern zur Anwendung gelangt. Allerdings ist es
Sache des FTS abzuklären, ob in beiden Fällen keine Quellensteuer anfal-
len würde. Des Weiteren ist dem Amtshilfeersuchen zu entnehmen, dass
der FTS aufgrund der Weiterleitung der Zinsen an die Beschwerdeführerin
ohnehin davon ausgeht, dass diese seitens der Beschwerdeführerin wie-
derum weitergeleitet wurden. Dementsprechend ersucht der FTS auch um
A-47/2020
Seite 24
Informationen, wohin die Gelder seitens der Beschwerdeführerin weiterge-
leitet worden seien. Damit kann die Darstellung des FTS nicht mit dem Ar-
gument – sowohl die D._ SE als auch die Beschwerdeführerin hät-
ten ihren Sitz auf Zypern – wegen offensichtlicher Fehler, Lücken oder Wi-
dersprüchen sofort entkräftet werden, womit weiterhin darauf abzustellen
ist und keine «fishing expedition» vorliegt.
4.2.2.5 Sodann führt die Beschwerdeführerin aus, die D._ SE habe
ihr bestätigt, dass die USD 18'240'000 nicht von der betroffenen Person,
sondern aus anderen Quellen stammen würden und habe ihr diesbezüglich
einen Bankauszug sowie eine Bestätigung der RU-Bank zur Verfügung ge-
stellt. Aus dem Bankauszug sei ersichtlich, welche Beträge im Monat März
von der betroffenen Person an die D._ SE überwiesen worden
seien sowie dass keine Beträge des Monats März mit dem Betrag von
USD 18'240'000 übereinstimmen würden. Der Bankauszug zeige eben-
falls, dass D._ SE von der betroffenen Person am 18. März 2015
zwei Zahlungen in Rubel erhalten habe, wobei es sich gemäss der Hand-
notiz von D._ SE um Zinszahlungen zu handeln scheine. Im Übri-
gen sei ersichtlich, dass der grösste Teil des von der betroffenen Person
erhaltenen Geldes auf ein anderes Konto bei der RU-Bank geflossen und
zur Begleichung von Zinsen und Kosten für Servicedienstleistungen ver-
wendet worden sei.
4.2.2.6 Auch mit diesen Vorbringen vermag die Beschwerdeführerin die
Sachverhaltsdarstellung des FTS nicht zu entkräften. Denn erstens hat der
FTS zu keinem Zeitpunkt behauptet, die D._ SE hätte seitens der
betroffenen Person USD 18'240'000 überwiesen bekommen. Stattdessen
ist im Ersuchen von – nebst der betroffenen Person – drei weiteren verbun-
denen Unternehmen die Rede, welche Geld auf das Konto der D._
SE überwiesen haben sollen. Die Gelder seien sodann in USD gewechselt
worden und ein Teil der Gelder (USD 18'240'000) sei daraufhin der Be-
schwerdeführerin überwiesen worden. Die Tatsache, dass der D._
SE kein USD 18'240'000 entsprechender Betrag überwiesen wurde, über-
rascht daher nicht. Vielmehr bestätigen die ins Recht gelegten Dokumente,
dass seitens der betroffenen Person tatsächlich Zinsen an die D._
SE geleistet wurden. Zweitens ist die Beweiskraft der Auskunft der
D._ SE, wonach sie die seitens der betroffenen Person erhaltenen
Zinsen nicht für die Zahlung an die Beschwerdeführerin in Höhe von
USD 18'240'000 verwendet habe, gering, zumal die D._ SE in die
seitens des FTS vermutete Quellensteuerumgehung direkt involviert ist.
A-47/2020
Seite 25
4.2.3 Die seitens der Beschwerdeführerin unter dem Punkt «Voraussichtli-
che Erheblichkeit» vorgebrachten Argumente vermögen demnach den sei-
tens des FTS dargestellten Sachverhalt nicht ernsthaft in Zweifel zu ziehen,
womit im Sinne des völkerrechtlichen Vertrauensprinzips auf die Darstel-
lung des FTS abzustellen ist. Die voraussichtliche Erheblichkeit der zur
Übermittlung vorgesehenen Informationen scheitert damit nicht schon da-
ran, dass die Darstellung des Sachverhalts im Ersuchen infolge offensicht-
licher Fehler, Lücken oder Widersprüche von vornherein entkräftet werden
könnte.
5.
Weiter ist auf die Vorbringen der Beschwerdeführerin betreffend fehlende
Erhältlichkeit der ersuchten Informationen einzugehen.
5.1 Die Beschwerdeführerin bringt hierzu im Wesentlichen vor, gemäss
Art. 8 StAhiG würden zur Beschaffung von Informationen nur Massnahmen
durchgeführt, die nach schweizerischem Recht zur Veranlagung und
Durchsetzung der Steuern, die Gegenstand des Ersuchens seien,
durchgeführt werden könnten. Sowohl Art. 123 DBG als auch Art. 124 ff.
und Art. 127 ff. DBG basierten auf dem Erfordernis einer in der Schweiz
steuerpflichtigen Person. Da jedoch weder die Beschwerdeführerin noch
die betroffene Person in der Schweiz steuerpflichtig seien, wäre es der
Vorinstanz nicht möglich, die verlangten Informationen in einem
innerstaatlichen Verfahren zu erhalten. Die Bank AG habe demnach
gestützt auf Schweizer Recht im vorliegenden Fall keine Verpflichtung,
Informationen zu liefern, da weder die betroffene Person noch die
Beschwerdeführerin in der Schweiz steuerpflichtig seien, was
unabdingbare Voraussetzung für die Anwendung der Art. 123 ff. DBG sei.
Der vorliegende Sachverhalt sei spezieller Natur und nicht mit den in
E. 2.2.3 ff. zitierten Urteilen vergleichbar. Im Unterschied zu den
Sachverhalten, die den BGE 142 II 161 und 141 II 436 sowie dem Urteil
des BGer 2C_216/2015 vom 8. November 2015 zugrunde liegen würden,
sei vorliegend der Kontoinhaber weder in der Schweiz steuerpflichtig noch
handle es sich beim Kontoinhaber um die von der ausländischen
Steuerkontrolle betroffene Person. Die Rechtsprechung könne daher von
vornherein nicht ohne detaillierte Analyse übernommen werden.
Der Satz 2 von Art. 25a Abs. 5 DBA CH-RU bezwecke einzig und allein die
Aufhebung des schweizerischen Bankgeheimnisses im Rahmen des
internationalen Informationsaustausches auf Ersuchen. In keinster Weise
enthalte dieser Satz irgendwelche Rechte der Steuerbehörden, Unterlagen
A-47/2020
Seite 26
herauszuverlangen, welche eine Bank auch ohne Existenz des
Bankgeheimnisses nicht verpflichtet wäre, herauszugeben. Art. 8 Abs. 2
StAhiG sei sodann die innerstaatliche Rechtsgrundlage für die Aufhebung
des Bankgeheimnisses bei Amtshilfe auf Ersuchen. Die erfragten
Informationen könnten nach Schweizer Recht nicht beschafft werden und
seien deshalb nicht auszutauschen.
5.2 Hierzu ist der Beschwerdeführerin entgegen zu halten, dass die ESTV
nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung aufgrund von Art. 25a Abs. 5
DBA CH-RU in Verbindung mit Art. 8 Abs. 2 StAhiG über die Befugnis ver-
fügt, Bankinformationen, welche – wie die vorliegend streitbetroffenen In-
formationen – das Erfordernis der voraussichtlichen Erheblichkeit erfüllen,
zu beschaffen und zu übermitteln. Diese Befugnis wird durch Vorschriften
des internen Rechts nicht eingeschränkt (E. 2.2). An dieser Herausgabe-
pflicht von Bankinformationen ändert auch nichts, dass die Kontoinhaberin,
i.e. die Beschwerdeführerin, weder im ersuchenden Staat noch in der
Schweiz steuerpflichtig ist und die Art. 123 ff. DBG demnach nach Ansicht
der Beschwerdeführerin nicht anwendbar seien. Denn gerade bei Art. 123
ff. DBG handelt es sich um potentiell dem Abkommen entgegenstehende
Bestimmungen des innerstaatlichen Rechts, welche die Herausgabepflicht
der Banken bzw. die Befugnis der ESTV, sämtliche bei einer Bank vorhan-
denen – voraussichtlich erheblichen – Informationen einzuverlangen, nicht
tangieren sollen und zwar unabhängig davon, aus welchem Grund (Bank-
geheimnis oder anderweitig) sie einer Herausgabe von Bankinformationen
entgegenstehen würden.
Der Beschaffung und Übermittlung der streitbetroffenen – und voraussicht-
lich erheblichen (vgl. auch E. 7 f.) – Bankinformationen an den FTS steht
damit auch der in Art. 25a Abs. 3 Bst. b DBA-RU formulierte Vorbehalt des
innerstaatlichen Rechts bzw. Art. 123 ff. DBG nicht entgegen, da dieser
Vorbehalt bei voraussichtlich erheblichen Bankinformationen nicht greift
(E. 2.2). Die Beschaffung und Übermittlung der streitbetroffenen Informati-
onen ist somit – soweit auch die übrigen Voraussetzungen zur Leistung
von Amtshilfe erfüllt sind – rechtens, auch wenn weder die Beschwerde-
führerin noch die betroffene Person in der Schweiz steuerpflichtig sind.
A-47/2020
Seite 27
6.
Sodann ist auf die Thematik Verletzung des völkerrechtlichen Vertrauens-
prinzips einzugehen.
6.1 Die Beschwerdeführerin führt hierzu aus, der Betrag von
USD 18'240'000 stehe im Zusammenhang mit einem Aktienverkauf der Be-
schwerdeführerin an die D._ SE und stelle einen Teilbetrag des
Kaufpreises von USD 185'000'256 dar (mit Verweis auf den der Be-
schwerde beiliegenden Aktienkaufvertrag vom 29. Juli 2014 zwischen der
Beschwerdeführerin und D._ SE). Dies gehe auch aus dem «Credit
advice» auf Seite 4 der Beilage 2 zur Schlussverfügung hervor. Dort werde
als Zahlungszweck für die Überweisung in Höhe von USD 18'240'000 Fol-
gendes ausgeführt: «TRANSFER UNDER SPA AGREEMENT DATED
29.07.2014 REPAYMENT OF AMOUNT DUE». Der FTS müsse aus folgen-
den Gründen gewusst haben, dass die USD 18'240'000 keine Zinszahlung
hätten darstellen können:
1. Die Beschwerdeführerin sei im Jahre 2015 nicht Vertragspartnerin des
Darlehensvertrags gewesen und der FTS müsse dies gewusst haben.
2. Der Betrag der Zahlung könne in keinen Bezug zu den gemäss Vertrag
zu bezahlenden Zinsen gebracht werden.
3. Der Zeitpunkt der Zahlung könne in keinen Bezug zu dem gemäss
Vertrag erwähnten Falligkeitsdatum (30. April 2015) gebracht werden.
4. Es gebe keine Hinweise, wieso bestimmte Transaktionen im Jahr 2015
zwischen der Beschwerdeführerin und D._ SE einen Bezug zur
betroffenen Person aufweisen sollten. Mit Ausnahme des zwischen
der Beschwerdeführerin und der betroffenen Person nicht mehr beste-
henden Darlehensvertrags und dem von gleichem Datum datierenden
behaupteten Darlehensvertrag zwischen der betroffenen Person und
D._ SE bringe der FTS keine weiteren Argumente.
Der FTS scheine daher einzig über die Zahlung von USD 18'240'000 an
die Beschwerdeführerin Kenntnis erhalten zu haben, als er das russische
Bankkonto von D._ SE überprüft habe. In der Folge scheine ver-
sucht worden zu sein, einen offensichtlich nicht bestehenden Bezug zu ei-
nem Darlehensvertrag zwischen D._ SE und der betroffenen Per-
son bzw. zwischen der betroffenen Person und der Beschwerdeführerin
herzustellen, um an Hintergrundinformationen über die Zahlung zu gelan-
gen. Ein solches Verhalten verstosse gegen Treu und Glauben und müsste
von der ESTV mit einem Nichteintretensentscheid beantwortet werden (mit
Verweis auf Art. 7 Bst. c StAhiG).
A-47/2020
Seite 28
6.2
6.2.1 An dieser Stelle sei vorab daran erinnert, dass nach dem so genann-
ten völkerrechtlichen Vertrauensprinzip – ausser bei offenbarem Rechts-
missbrauch oder bei berechtigten Fragen im Zusammenhang mit dem
Schutz des schweizerischen oder internationalen Ordre public (vgl. Art. 7
StAhiG) – kein Anlass besteht, an Sachverhaltsdarstellungen und Erklä-
rungen anderer Staaten zu zweifeln, und dass die ESTV deshalb an die
Darstellung des Sachverhalts im Ersuchen insoweit gebunden ist, als diese
nicht wegen offensichtlicher Fehler, Lücken oder Widersprüche von vorn-
herein entkräftet werden kann (E. 2.4.2).
6.2.2 Hinsichtlich der seitens der Beschwerdeführerin angeführten Punkte
1 bis 3 kann im Wesentlichen auf die Ausführungen in E. 4.2.2.2 verwiesen
werden. Demnach spricht die Tatsache, dass es offenbar zwischen ihr und
der betroffenen Person (ebenfalls) ein Darlehen mit Datum vom 9. August
2013 gegeben hatte, welches hernach erneuert und anschliessend an die
Donalink zediert worden sei, nicht dagegen, dass es auch zwischen der
betroffenen Person und der D._ SE ein Darlehen mit Datum vom
9. August 2013 gab, wie dies im Ersuchen dargestellt wird. Damit ist uner-
heblich, dass der FTS nach Ansicht der Beschwerdeführerin über die Zes-
sion des Darlehensvertrages zwischen der Beschwerdeführerin und der
betroffenen Person, welcher im Ersuchen gar nicht erwähnt wird, hätte in-
formiert sein müssen. Des Weiteren ist damit – entgegen der Darstellung
der Beschwerdeführerin – nicht erstellt, ob der Betrag der Zahlung in kei-
nen Bezug zu den gemäss Vertrag zu bezahlenden Zinsen gebracht wer-
den kann. Im Übrigen ist damit unklar, ob das beschwerdeseitig genannte
Fälligkeitsdatum überhaupt von Relevanz ist.
Betreffend den Punkt 4 ist der Beschwerdeführerin sodann zu entgegnen,
dass – soweit die Behörden des ersuchenden Staates verpflichtet sind, den
massgeblichen Sachverhalt darzulegen – von ihnen nicht erwartet werden
kann, dass sie dies bereits lückenlos und völlig widerspruchsfrei tun. Dies
wäre mit dem Sinn und Zweck der Amtshilfe (wie mit jenem der Rechtshilfe)
nicht vereinbar, sollen doch aufgrund von Informationen und Unterlagen,
die sich im ersuchten Staat befinden, bisher im Dunkeln gebliebene Punkte
erst noch geklärt werden (E. 2.4.1). Der FTS hat festgestellt, dass diverse
Zinszahlungen seitens verbundener russischer Unternehmen auf das Ru-
bel-Konto der D._ SE geleistet wurden, die Gelder im Anschluss in
USD gewechselt und ein Teil davon an die Beschwerdeführerin weiterge-
A-47/2020
Seite 29
leitet wurde. Hieraus entstand der Verdacht, dass möglicherweise die rus-
sische Quellensteuer auf Zinsen umgangen wurde, weshalb der FTS die –
tatsächlichen – wirtschaftlich Berechtigten der Zahlung über
USD 18'240'000 in Erfahrung bringen möchte. Damit hat der FTS seine
Position genügend dargetan und die Beschwerdeführerin vermag diese mit
ihrem Vorbringen unter Punkt 4 nicht in Zweifel zu ziehen, weshalb auf den
seitens des FTS dargestellten Sachverhalt abzustellen ist (E. 2.4).
6.2.3 Die Beschwerdeführerin legt – wie ihrerseits schon ausgeführt – ei-
nen Aktienkaufvertrag vom 29. Juli 2014 zwischen ihr und der D._
SE ins Recht (Share Purchase Agreement, fortan: SPA), wonach
D._ SE von der Beschwerdeführerin Aktien im Wert von gesamthaft
USD 185'000'256 erworben haben soll. Gemäss der Beschwerdeführerin
handelt es sich bei den hier in Frage stehenden USD 18'240'000 um eine
Teilzahlung zur Begleichung ihrer Forderungen aus dem SPA. Hierzu fällt
auf, dass im dem Ersuchen beiliegenden Bankdokument betreffend die
Zahlung von USD 18'240'000 seitens der D._ SE an die Beschwer-
deführerin unter «Details of Payment» als Zahlungszweck «Transfer under
SPA Agreement dated 29.07.2014 – Repayment of amount due» aufgeführt
ist. Der FTS muss demnach um den seitens der D._ SE angeführ-
ten Zahlungszweck wissen, schenkt dieser Angabe jedoch offenbar keinen
Glauben. Damit ist der tatsächliche Zweck der in Frage stehenden Zahlung
umstritten und die diesbezügliche Beweislage verbleibt unklar. Daran än-
dert auch der vom FTS ins Recht gelegte SPA nichts. Denn dieser vermag
den tatsächlichen Grund für die Zahlung ebenfalls nicht eindeutig zu bele-
gen, zumal beispielsweise denkbar ist, dass zu Steuerumgehungszwecken
auch für Zahlungen, die keinen Bezug zum SPA haben, auf diesen referen-
ziert werden könnte. Die russischen Behörden werden im Rahmen des
Hauptverfahrens zu klären haben, gestützt auf welche Anspruchsgrund-
lage die Zahlung der D._ SE an die Beschwerdeführerin tatsächlich
erfolgt ist. Damit geht eine eingehende Klärung der vertraglichen Verbin-
dungen der – gemäss Ersuchen – verschiedenen nahestehenden Gesell-
schaften (in Russland, Zypern, Bermudas) einher (mitunter, ob die auf dem
SPA basierende Transaktion durchgeführt wurde und wie die entsprechen-
den Zahlungen abgewickelt und verbucht wurden), was nicht im vorliegen-
den Amtshilfeverfahren erfolgen kann.
6.2.4 Zusammenfassend erscheint der seitens des FTS dargestellte Sach-
verhalt somit schlüssig, jedenfalls kann er nicht wegen offensichtlicher Feh-
ler, Lücken oder Widersprüche von vornherein entkräftet werden. Zudem
A-47/2020
Seite 30
ist nicht ersichtlich, inwiefern der FTS gegen Treu und Glauben verstossen
haben soll.
7.
Weiter ist auf den Eventualantrag der Beschwerdeführerin einzugehen.
7.1 Im Rahmen der Begründung des Eventualantrags bestreitet die Be-
schwerdeführerin die voraussichtliche Erheblichkeit der ersuchten Informa-
tionen und schlägt alternative Antworten, welche dem FTS zu übermitteln
seien, vor.
Als Antworten zu den Fragen 1 bis 5 möchte die Beschwerdeführerin dem
FTS Folgendes übermittelt sehen:
« Information with regard to the bank account no. (...) with (Bank AG)
are for the year 2015 in the present procedure of no foreseeable rele-
vance, as in 2015, (die Beschwerdeführerin) was no longer party to the
loan agreement dated 9 August 2013, and as no credible link has been
established between the USD 18’240’000 and the claimed loan agree-
ment dated 9 August 2013 between (die betroffene Person) and
D._ SE. »
Betreffend die Frage 6 sowie insoweit sich die Frage 5 auf «inflow and
further outflow of funds received from D._ SE in 2015» beziehe,
möchte die Beschwerdeführerin dem FTS Folgendes übermittelt sehen:
« Due to the principle that only information, which is foreseeably relevant
may be transmitted, the Swiss Federal Tax Administration is not allowed
to provide other information than bank statements and credit advices of
the specific account mentioned in the request, should those be foresee-
ably relevant (what they are not in the present case at hand). »
7.2 Betreffend die erste vorgeschlagene Antwort kann vollumfänglich auf
die Ausführungen in E. 4.2.2.2 und E. 6.2 verwiesen werden. Da die dort
abgehandelten Argumente der Beschwerdeführerin den seitens des FTS
dargestellten Sachverhalt nicht ernsthaft in Zweifel zu ziehen vermögen, ist
im Sinne des völkerrechtlichen Vertrauensprinzips auf die Darstellung des
FTS abzustellen. Die voraussichtliche Erheblichkeit der zur Übermittlung
vorgesehenen Informationen scheitert damit nicht schon daran, dass die
Darstellung des Sachverhalts im Ersuchen infolge offensichtlicher Fehler,
Lücken oder Widersprüche von vornherein entkräftet werden könnte.
A-47/2020
Seite 31
7.3 Betreffend die zweite vorgeschlagene Antwort ist der Beschwerdefüh-
rerin zu entgegnen, dass sich die Vorinstanz in ihrer Schlussverfügung vom
2. Dezember 2019 betreffend die Punkte 5 und 6 darauf beschränkte, dem
FTS Kopien der «bank statements and credit advices» des Kontos der Be-
schwerdeführerin des Jahres 2015 zu übermitteln. Allfällige Kontoauszüge
von Zahlungsempfängern wollte die ESTV hingegen nicht übermitteln, weil
die voraussichtliche Erheblichkeit nicht ersichtlich sei und nur Informatio-
nen zu einem spezifischen Konto übermittelt werden könnten. Insofern be-
steht kein Rechtsschutzinteresse an der diesbezüglichen, seitens der Be-
schwerdeführerin vorgeschlagenen Formulierung.
7.4 Damit ergibt sich, dass die Beschwerde auch betreffend den Eventu-
alantrag abzuweisen ist, soweit darauf einzutreten ist.
8.
Es bleibt auf den Subeventualantrag der Beschwerdeführerin einzugehen.
8.1 Im Rahmen ihres Subeventualantrags führt die Beschwerdeführerin in
ihrer Beschwerdeschrift aus, gemäss Art. 4 Abs. 3 StAhiG dürften Informa-
tionen zu Personen, die nicht betroffene Personen seien, nur ausgetauscht
werden, wenn diese Informationen für die Beurteilung der Steuersituation
der betroffenen Person voraussichtlich erheblich seien. Die Beilage 2 zur
Schlussverfügung enthalte noch ungeschwärzte Informationen zu weiteren
Transaktionen, nebst derjenigen, welche auf USD 18'240'000 laute, und es
würden die Gesellschaften F._ Ltd, G._ Ltd oder D._
SE erwähnt. Sollte die Beilage 2 zur Schlussverfügung vom 2. Dezember
2019 ausgetauscht werden, müssten sämtliche Informationen, welche
nicht die USD 18'240'000 Transaktion betreffen würden, geschwärzt wer-
den, wie dies in der Beilage 24 zur vorliegenden Beschwerde vorbereitet
worden sei.
Anlässlich ihrer Replik konkretisiert die Beschwerdeführerin ihren Antrag.
Zum einen finde sich in der Beilage 2 der Schlussverfügung ein Auszug
eines Kontos, welches auf die Gesellschaft F._ Ltd laute. Diese
Seite müsse auf jeden Fall vom Austausch ausgeschlossen werden. Zum
andern listet die Beschwerdeführerin die zusätzlich zu schwärzenden In-
formationen der Beilage 2 zur Schlussverfügung noch einzeln auf (mit Ver-
weis auf die entsprechend geschwärzte Beilage 24 der Beschwerde). Kon-
kret möchte die Beschwerdeführerin sämtliche Informationen geschwärzt
sehen, mit Ausnahme der Gutschriftsanzeige betreffend die Überweisung
A-47/2020
Seite 32
von USD 18'240'000 seitens der D._ SE an die Beschwerdeführe-
rin. Diese Schwärzungsanträge begründet sie damit, dass die F._
Ltd und die G._ Ltd zum vorliegenden Verfahren überhaupt keinen
Bezug hätten. Ihr Erscheinen sei zufällig im Hinblick auf das vorliegende
spezifische Amtshilfegesuch, womit diese Informationen nicht voraussicht-
lich erheblich seien. Die D._ SE werde sodann zwar im Ersuchen
erwähnt, doch es werde nur eine einzelne spezifische Transaktion unter-
sucht. Damit sei die Frage 5 des Ersuchens, welche Auskunft über sämtli-
che Transaktionen der Beschwerdeführerin mit der D._ SE im Jahr
2015 möchte, nicht zulässig. Es gehe einzig um eine Zinszahlung der be-
troffenen Person an die D._ SE und eine behauptete Weiterleitung
dieser Zinszahlung im Rahmen der Zahlung von USD 18'240'000 von der
D._ SE an die Beschwerdeführerin. Damit seien sämtliche weiteren
allfällig stattgefundenen Transaktionen zwischen der D._ SE und
der Beschwerdeführerin nicht voraussichtlich erheblich und deshalb eben-
falls zu schwärzen.
8.2 Die ESTV entgegnet hierzu, die russische Behörde zeige im Amtshil-
feersuchen eine Konstellation auf («ownership structure»), welche sich zur
Durchführung des vermuteten Steuerverkürzungsschemas eignen könnte.
Die von der ersuchenden Behörde im Amtshilfeersuchen geschilderte Be-
ziehungsnähe der Gesellschaften bzw. Gruppen ermögliche sodann die
Verschiebung von russischem Steuersubstrat nach «offshore»-Destinatio-
nen. Es scheine plausibel, dass Darlehenskonstrukte verwendet werden
könnten, um Einkünfte am russischen Fiskus vorbei zu schleusen. Aus dem
Ersuchen gehe hervor, dass die D._ SE und die Beschwerdeführe-
rin verbundene Unternehmen seien, welche von der F._ Ltd be-
herrscht würden. Einem solchen Konstrukt könne, wie im Ersuchen darge-
stellt, zu eigen sein, dass die fraglichen Summen in kleinere Beträge auf-
geteilt oder anderen Transaktionen angehängt und weiterverteilt würden.
Aus diesem Grund könnten die von der Beschwerdeführerin geltend ge-
machten Transaktionen eben solche Weiterverteilungen darstellen und
seien daher von der ESTV als voraussichtlich erheblich zu qualifizieren.
Dem Vorbringen der Beschwerdeführerin betreffend die Seite 10 der Bei-
lage 2 der Schlussverfügung sei hingegen zu folgen. Die ESTV habe ver-
sehentlich einen Auszug eines Kontos lautend auf die F._ Ltd in der
Beilage 2 belassen. Die Seite 10 sei demzufolge aus der Beilage 2 zu ent-
fernen und nicht zu übermitteln.
A-47/2020
Seite 33
8.3 Der FTS ersucht u.a. um Bankauszüge, welche aufzeigen sollen, wel-
che Beträge der Beschwerdeführerin im Jahre 2015 seitens der D._
SE überwiesen wurden und möchte wissen, ob bzw. an wen diese Beträge
weitergeleitet wurden. Zur Begründung führt der FTS u.a. aus: «The re-
quested information will allow us to have any document proof of the transit
nature of interest transfers and establish a real beneficial owner of the in-
terest income.»
Der Beschwerdeführerin ist zwar zuzustimmen, wenn sie vorbringt, dass
das Ersuchen primär auf die Überweisung der D._ SE an die Be-
schwerdeführerin in Höhe USD 18'240'000 abzielt bzw. darauf, wer letztlich
wirtschaftlich Berechtigter an der genannten Zahlung ist. Allerdings ver-
kennt sie, dass zur Eruierung der besagten wirtschaftlichen Berechtigung
nicht die Zahlungseingänge, sondern in erster Linie die Zahlungsausgänge
von Interesse sind. Dies gilt nicht zuletzt deshalb, weil nicht auszuschlies-
sen ist bzw. die ersuchende Behörde wohl gar davon ausgeht, dass die
USD 18'240'000 nicht bei der Beschwerdeführerin bleiben, sondern in der
Gänze oder in Teilen weiterfliessen. Dementsprechend sind die in Beilage
2 der Schlussverfügung enthaltenen Zahlungsausgänge – insbesondere
auch die Nennung der Zahlungsempfänger – voraussichtlich erheblich und
die entsprechenden Schwärzungsanträge abzuweisen (vgl. dazu E. 2.3.6).
Für die übrigen Zahlungseingänge (i.e. nebst den USD 18'240'000), wel-
che bei der Beschwerdeführerin seitens der D._ SE im Jahr 2015
eingegangen sind, gilt sodann, dass diese deshalb als voraussichtlich er-
heblich anzusehen sind, weil sie es dem FTS ermöglichen, die Zahlung in
Höhe von USD 18'240'000 mit anderen Überweisungen der D._ SE
abzugleichen und so ein besseres Gesamtbild zu bekommen hinsichtlich
des Verhaltensmusters der besagten Gesellschaften. Dies ist ein weiteres
Element, wenn es darum geht, den Verdacht des FTS zu verifizieren oder
zu falsifizieren. Der Schwärzungsantrag der Beschwerdeführerin ist somit
auch in diesem Punkt abzuweisen.
Der Subeventualantrag ist jedoch mit Bezug auf die Seite 10 der Beilage 2
der Schlussverfügung – auch im Sinne des Antrags der ESTV – gutzuheis-
sen. Des Weiteren ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als dass
auch die Seite 7 der Beilage 2 nicht an den FTS zu übermitteln ist, zumal
es sich auch dabei um einen Auszug eines Kontos, welches auf die Gesell-
schaft F._ Ltd lautet, handelt.
A-47/2020
Seite 34
8.4 Der Subeventualantrag ist daher im Sinne der vorstehenden Erwägung
teilweise gutzuheissen.
9.
Die in den Bankunterlagen stehenden Personen sind durch das Speziali-
tätsprinzip geschützt, welches auch eine persönliche Dimension aufweist
(Urteile des BGer 2C_537/2019 vom 13. Juli 2020 E. 3.4.3 und 3.5,
2C_376/2019 vom 13. Juli 2020 E. 7.1.3). Der Spezialitätsvorbehalt ist in
Art. 25a Abs. 2 DBA CH-RU enthalten. Nachdem aber international wie na-
tional unterschiedliche Auffassungen darüber bestehen, wie weit dieser
Spezialitätsvorbehalt reicht und insbesondere, ob ihm eine persönliche Di-
mension zukommt, ist es angezeigt, dass die ESTV den FTS anlässlich der
Übermittlung der ersuchten Informationen über den Umfang der Verwen-
dungsbeschränkung informiert (Urteile des BGer 2C_537/2019 vom
13. Juli 2020 E. 3.7 2. Absatz, 2C_545/2019 vom 13. Juli 2020 E. 4.7; Urteil
des BVGer A-5522/2019 vom 18. August 2020 E. 3.4.3). Die ESTV hat die
Ziff. 3 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung entsprechend zu er-
gänzen.
10.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerde insofern gutzu-
heissen ist, als dass aus der in Dispositiv-Ziffer 2 der angefochtenen
Schlussverfügung genannten Beilage 2 die Seiten 7 und 10 zu entfernen
sind. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf einzutreten
ist.
11.
Ausgangsgemäss sind die Kosten des Verfahrens in Höhe von
CHF 5‘000.- der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG
und Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]) und dem geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe zu ent-
nehmen. Das geringfügige Obsiegen rechtfertigt keine andere Kostenver-
legung. Parteientschädigungen sind entsprechend nicht zuzusprechen
(Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 VGKE e contrario sowie Art. 7 Abs. 3
VGKE).
12.
Dieser Entscheid auf dem Gebiet der internationalen Amtshilfe in Steuer-
sachen kann gemäss Art. 83 Bst. h des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005
A-47/2020
Seite 35
über das Bundesgericht (Bundesgerichtsgesetz, BGG, SR 173.110) inner-
halb von zehn Tagen nur dann mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen An-
gelegenheiten an das Bundesgericht weitergezogen werden, wenn sich
eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung stellt oder wenn es sich
aus anderen Gründen um einen besonders bedeutenden Fall im Sinn von
Art. 84 Abs. 2 BGG handelt (Art. 84a und Art. 100 Abs. 2 Bst. b BGG). Ob
dies der Fall ist, entscheidet das Bundesgericht.
(Das Dispositiv befindet sich auf der nächsten Seite.)
A-47/2020
Seite 36