Decision ID: c88aac8d-efbe-4aeb-a403-311c542fcac7
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) begab sich im März 2016 in Behandlung bei
Dr. med. B._, Fachärztin für Physikalische Medizin und Rehabilitation. Diese
diagnostizierte ein chronisches cervikospondylogenes Syndrom rechts, ein
Thorakovertebralsyndrom und ein Lumbovertebralsyndrom sowie eine funktionell
unauffällige Supraspinatustendopathie (Berichte Dr. B._ vom 15. März 2016, IV-
act. 28-7 ff., Bericht funktionelle Ultraschalluntersuchung der Schulter rechts vom
19. April 2016, IV-act. 104-27 f.; Attest vom 28. November 2016, IV-act. 104-26). Eine
vertrauensärztliche Abklärung im Auftrag des Vorsorgeversicherers ergab, dass die
Versicherte in wechselbelastenden Tätigkeiten ohne Tragen und Heben von Gewichten,
ohne Zwangshaltungen, ohne Überkopf-Arbeiten und ohne stark repetitive Tätigkeiten
vollumfänglich arbeits- und leistungsfähig sei (Bericht Dr. med. C._, Spezialarzt für
Innere Medizin, vom 10. Februar 2017, Fremdakten, act. 4). Die Versicherte verlor auf
Ende Mai 2017 ihre Anstellung im Pensum von rund 20 % bei der D._ AG wegen
Schliessung des Betriebs (Angaben Arbeitgeberin vom 9. März 2019, IV-act. 25). Aus
gesundheitlichen Gründen wurde per 31. Oktober 2017 das Arbeitsverhältnis mit der
Gemeinde E._ aufgelöst, wo die Versicherte als Reinigungskraft in einem Pensum
von rund 50 % gearbeitet hatte (Angaben der Arbeitgeberin vom 28. Februar 2019, IV-
act. 23). Dr. B._ bestätigte der Versicherten bis zum 31. Januar 2018 weiterhin eine
volle Arbeitsunfähigkeit (vgl. Arztbericht vom 11. Februar 2019, IV-act. 17 und ärztliche
Zeugnisse vom 3. Januar 2018 [Fremdakten, act. 2-5] und ab 1. Februar 2018 eine
Arbeitsunfähigkeit von 0 % (ärztliches Zeugnis vom 25. Januar 2018 [Fremdakten,
act. 2-6]).
A.a.
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Die Versicherte meldete sich am 28. Januar 2019 (Eingang undatierte Anmeldung)
bei der Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (IV-act. 3, 11). Im Arztbericht
vom 11. Februar 2019 hielt Dr. B._ fest, es bestünden ein cervicospondylogenes
Syndrom rechts bei ausgeprägten degenerativen Veränderungen C4-C7 mit erosiver
Osteochondrose und foraminaler Einengung C7 beidseits, ein lumbospondylogenes
Syndrom rechts bei ausgeprägten degenerativen Veränderungen L4-S1 mit
Diskushernie L5/S1 und Kompression Nerv L5 und S1 rechts sowie ein Status nach
mehrfacher Brust-OP beidseits. Die Versicherte arbeite gegenwärtig stundenweise als
Aushilfe in einer Vinothek. Sie leide unter einer schmerzhaften
Bewegungseinschränkung der gesamten Wirbelsäule, das Heben und Tragen von
Gegenständen sei nicht möglich. Die bisherige bzw. eine angepasste Tätigkeit sei
während drei bis vier Stunden täglich zumutbar (IV-act. 17). Dr. med. F._, Facharzt
für Allgemeine Innere Medizin, führte im Arztbericht vom 14. April 2019 zusätzlich aus,
die Versicherte weise eine depressive Symptomatologie auf. Es sei nur körperlich
leichteste Arbeit möglich. Die Kraft in der rechten Hand sei herabgesetzt, das Bücken
sei schwierig. Aktuell arbeite die Versicherte zu 20 % als Assistentin in einer Vinothek.
Die bisherige Tätigkeit sei während maximal 4 Std./täglich zumutbar. Im Haushalt seien
Bügeln und Fensterputzen nicht möglich, Heben und Tragen sei schwierig (IV-
act. 28-1 ff.). Dr. med. G._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, berichtete
über eine Behandlung der Versicherten vom 29. Januar bis 10. April 2019, die aus
finanziellen Gründen habe abgebrochen werden müssen. Als Diagnose nannte sie eine
Anpassungsstörung (ICD-10: F43.2) bei Trennungssituation und desolater finanzieller
Lage (Arztbericht vom 4. Juni 2019, IV-act. 32). Die RAD-Ärztin Dr. med. H._,
Praktische Ärztin, nahm am 18. Juli 2019 dahingehend Stellung, die nicht
unwesentlichen degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule schränkten die
Arbeitsfähigkeit der Versicherten nachvollziehbar ein. In adaptierten Tätigkeiten (u.a.
mit Gewichtslimite von 5 kg beim Heben und Tragen) bestehe per sofort eine
Arbeitsfähigkeit von 50 % (halbtags) mit Steigerungspotential auf etwa 70 % bei
günstigem Verlauf und Besserung der Anpassungsstörung (IV-act. 35).
A.b.
Die IV-Stelle sprach der Versicherten die Kostenübernahme für einen
Computereinstiegskurs als Frühinterventionsmassnahme (Mitteilung vom
19. September 2019, IV-act. 40), Arbeitsvermittlung (Mitteilung vom 4. Oktober 2019,
A.c.
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IV-act. 44), die Kostenübernahme für ein Coaching als Frühinterventionsmassnahme
(Mitteilung vom 4. Oktober 2019, IV-act. 45) sowie einen vom 8. Februar bis 31. Mai
2020 geplanten Arbeitsversuch bei I._ GmbH im Pensum von 50 % mit Steigerung
auf 80 %, zu (Mitteilung vom 11. Februar 2020, IV-act. 53). Wegen Überanstrengung
erfolgte vom 28. Februar bis 9. April 2020 ein Aufenthalt in der Klinik J._, der zu einer
deutlichen Besserung des körperlichen und psychischen Zustands führte
(Austrittsbericht vom 28. April 2020, IV-act. 68). Der aufgrund der Coronasituation
unterbrochene Arbeitsversuch konnte anschliessend nicht weitergeführt werden
(Aktennotiz des Eingliederungsverantwortlichen vom 3. Juni 2020, IV-act. 60).
Nachdem sich die Versicherte am 22. Juli 2020 einer weiteren Brustoperation
unterzogen hatte (Austrittsbericht Spital K._ vom 29. Juli 2020, IV-act. 93-3 f.;
Operationsbericht, IV-act. 94), schloss die IV-Stelle die beruflichen Massnahmen mit
Mitteilung vom 17. September 2020 ab, da weitere berufliche Massnahmen weder
erfolgsversprechend noch angezeigt seien (IV-act. 77; siehe auch Schlussbericht des
Eingliederungsverantwortlichen vom 15. Juli 2020, IV-act. 74; Verlaufsprotokoll
berufliche Massnahmen, IV-act. 75; Feststellungblatt bM vom 17. September 2020, IV-
act. 76).
Dr. F._ führte im Verlaufsbericht vom 14. Februar 2021 aus, der
Gesundheitszustand der Versicherten habe sich verschlechtert. Seit Februar 2020
beklage die Versicherte auch im linken Arm Parästhesien. Es lägen eine Polyarthrose,
eine Rhizarthrose am Daumen rechts und ein Impingement der Hüfte rechts vor. Die
erosive Chondrose der HWS mit foramineller Einengung schreite fort mit den
entsprechend insistierenden, verstärkten Beschwerden. Es bestünden
schmerzbedingte Schlafunterbrüche, eine depressive Entwicklung, eine
Auffassungsstörung sowie Brustbeschwerden nach mehreren Eingriffen. Die nachhaltig
zerstörte Gesamtintegrität der Versicherten lasse eine Restarbeitsfähigkeit von ca.
20 % bis 30 % zu (IV-act. 104-1 ff.).
A.d.
Im Arztbericht vom 16. Februar 2021 hielten die Therapeuten des Psychiatrie-
Zentrums L._ fest, die Versicherte stehe seit dem 11. September 2020 in ambulanter
Behandlung. Sie diagnostizierten eine Anpassungsstörung (ICD-10: F43.2) und führten
aus, es bestehe die Gefahr einer depressiven Entwicklung (ICD-10: F32.1). Die
Versicherte fühle sich müde, traurig, orientierungslos und ohnmächtig. Sie habe sich
A.e.
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von ihrem Ehemann getrennt und vor kurzem sei ihr [...] an den Folgen eines
Motorradunfalles in M._ gestorben. Seit drei Jahren sei sie arbeitslos und erhalte nur
Absagen (IV-act. 105).
Die IV-Stelle gab daraufhin ein dem Begutachtungszentrum (BEGAZ) Basel-Land
zugeteiltes polydisziplinäres Gutachten in Auftrag (Gutachten vom 4. August 2021, IV-
act. 131 ff.; Dr. med. N._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin; Dr. med. O._,
Facharzt Chirurgie; Dr. med. P._, Fachärztin für Rheumatologie; Dr. med. Q._,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie; Untersuchungen vom 1. und 14. Juli und
2. August 2021). Die Gutachter diagnostizierten als Gesundheitsbeeinträchtigungen mit
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit ein chronisches zervikales Schmerzsyndrom mit
beidseitiger, aktuell linksbetonter Ausstrahlung in die Arme mit/bei (zusammengefasst)
Diskusprotrusion, Spondyl- und Unkovertebralarthrosen sowie neuroforaminaler
Stenose HWK 5 bis 7 (vgl. IV-act. 132-22) sowie ein chronisches lumbogluteales
Schmerzsyndrom rechts mit Ausstrahlung in das rechte Bein mit/bei Osteochondrose,
Diskusbulging und Diskusherniation LWK 4 bis SWK 1 mit Kontakt zu den
Nervenwurzeln L5 und S1 sowie asymptomatische Osteochondrose BWK 8/9 und
BWK 11/12 (vgl. IV-act. 132-22). Im Konsens kamen sie zum Schluss, dass die
Arbeitsfähigkeit ausschliesslich aus rheumatologischer Sicht aufgrund der nun seit
Jahren dokumentierten degenerativen Veränderung des gesamten Achsenskeletts
eingeschränkt sei. In einer ideal adaptierten Tätigkeit sei die Versicherte vollschichtig
arbeitsfähig mit einer Leistungseinschränkung von 30 % (IV-act. 135-14).
A.f.
Die RAD-Ärztin Dr. H._ beurteilte das Gutachten als sorgfältig erstellt,
umfassend und konklusiv, so dass Arbeits- und Leistungsfähigkeit nun fundiert
beurteilt werden könnten. Das Resultat entspreche exakt der Einschätzung des RAD
vom 18. Juli 2019 (Stellungnahme vom 9. August 2021, IV-act. 139).
A.g.
Mit Vorbescheid vom 11. August 2021 gewährte die IV-Stelle der Versicherten das
rechtliche Gehör zur vorgesehenen Abweisung des Gesuchs (Invaliditätsgrad 35 %; IV-
act. 142). Mit Einwand vom 20. September 2021 (IV-act. 146) liess die Versicherte
durch Rechtsanwalt lic. iur. P. Blöchlinger eine Stellungnahme von Dr. B._ vom
26. August 2021 zum Gutachten einreichen. Darin führte die behandelnde
Rheumatologin aus, sie habe eine verminderte Arbeitsfähigkeit von 50 % auch in einer
A.h.
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B.
leidensadaptierten Tätigkeit bereits seit 2019 mehrfach bestätigt. Sie äusserte sich zur
Diagnostik der Fingerarthrose, zu den Inkonsistenzen bezüglich der Schmerzen in der
Untersuchung und zur medikamentösen Behandlung und schloss, aufgrund der
genannten Punkte sei die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit erneut zu prüfen (IV-
act. 147). Im Einwand liess die Versicherte weiter geltend machen, trotz beruflicher
Massnahmen habe keine Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt erreicht
werden können. Die gemäss medizinischer Schätzung verbleibende Arbeitsfähigkeit sei
somit rein theoretischer Natur. Auch wenn von einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
ausgegangen werde, müssten die dem medizinischen Anforderungsprofil
entsprechenden Arbeitsstellen mindestens theoretisch vorhanden sein. Dies sei nicht
der Fall. Im Gutachten werde nicht eingehend begründet, weshalb abweichend von der
Einschätzung von Dr. B._ eine Arbeitsfähigkeit von 70 % vorliegen solle. Aufgrund
ihrer Einschränkungen und der Teilzeitarbeit sei ihr ein Tabellenlohnabzug von
mindestens 20 % zu gewähren, was zu einer Viertelsrente führe (IV-act. 146).
Die RAD-Ärztin Dr. H._ nahm ihrerseits am 26. Oktober 2021 im Wesentlichen
dazu Stellung, bezüglich der Fingergelenke habe die Gutachterin unauffällige Befunde
erhoben. Bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit von 50 % durch die behandelnde
Rheumatologin handle es sich um eine abweichende Einschätzung bei identischem
medizinischen Sachverhalt. Somit würden keine neuen medizinischen Erkenntnisse
oder Informationen vorgebracht, die nicht bereits im Gutachten erwähnt und abgeklärt
worden seien (IV-act. 150). Mit Verfügung vom 2. November 2021 wies die IV-Stelle
das Leistungsgesuch ab (IV-act. 151).
A.i.
Die Versicherte trat am 22. November 2021 einen Einsatz für maximal 3 Monate als
Abfüllerin bei R._ AG in einem Pensum von 1 bis 8 Stunden pro Woche an
(act. G 1.4).
A.j.
Mit Beschwerde vom 2. Dezember 2021 beantragt die Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführerin), weiterhin vertreten durch Rechtsanwalt Blöchlinger, die
Verfügung vom 2. November 2021 sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen
aufzuheben, es sei ihr eine Rente auszurichten; eventualiter sei das Verfahren zur
Ergänzung des Sachverhalts an die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin)
B.a.
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zurückzuweisen. Sodann sei ihr die unentgeltliche Prozessführung und
Prozessverbeiständung zu gewähren. Zur Begründung lässt sie vorbringen, die von
Dr. B._ klinisch diagnostizierte Arthrose der Finger sei im Gutachten mehrfach
erwähnt worden, habe aber weder in die Diagnosestellung noch in die Einschätzung
der Arbeitsfähigkeit Eingang gefunden. Das Gutachten sei widersprüchlich und
unvollständig. Die Beschwerdegegnerin habe nicht nachgewiesen, dass ihr zumutbare
Stellen überhaupt existierten. Die Beurteilung der Verwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit
mit den von den Gutachtern festgehaltenen Einschränkungen auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt falle nicht in die Kompetenz des RAD und sei vorliegend nicht gegeben.
Der Durchschnittslohn (Mittelwert) wie auch der Medianlohn von Erwerbstätigen mit
starken gesundheitlichen Einschränkungen ohne Zugang zu einer IV-Rente sei im
Vergleich zu den Löhnen von voll leistungsfähigen Erwerbstätigen um rund 10 % tiefer.
Zuzüglich eines Teilzeitabzuges von 5 % resultiere ein Invaliditätsgrad von 45 %
(act. G 1).
Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wird am 11. Januar 2022
zurückgezogen, da die Kosten durch die Krankenkasse gedeckt seien (act. G 4).
B.b.
Mit Beschwerdeantwort vom 2. Februar 2022 beantragt die Beschwerdegegnerin,
die Beschwerde sei abzuweisen. Die nach Verfassung des BEGAZ-Gutachtens
eingereichten Berichte von Dr. B._ vermöchten die gutachterliche Einschätzung
gemäss der RAD-Stellungnahme vom 26. Oktober 2021 nicht in Frage zu stellen.
Aufgrund des Belastungsprofils seien für die Beschwerdeführerin etwa leichtere
Maschinenbedienungs-, Kontroll-, Sortier- und Prüfarbeiten geeignet. Es sei somit von
einer Verwertbarkeit der medizinisch-theoretisch festgestellten Resterwerbsfähigkeit
auszugehen. Die Beschwerdeführerin müsse ausgehend von einem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt in adaptierten Tätigkeiten im Vergleich zu gesunden Mitbewerbern keine
Lohneinbusse in Kauf nehmen. Zudem würden auf dem massgebenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt im Kompetenzniveau 1 auch Arbeiten angeboten, die
vorwiegend sitzend ausgeführt werden könnten. Der Umstand, dass die
Beschwerdeführerin zwar ganztags arbeitsfähig, hierbei aber nur reduziert
leistungsfähig sei, rechtfertige grundsätzlich keinen Abzug vom Tabellenlohn (act. G 6).
B.c.
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Erwägungen
1.
Mit Replik vom 3. März 2022 lässt die Beschwerdeführerin geltend machen,
sowohl die Gutachter wie auch der RAD hätten sich nicht mit der abweichenden
Meinung Dr. B._s auseinandergesetzt. Insbesondere sei im Gutachten nicht
ausgeführt worden, weshalb sich die Arthrose nicht auf die Arbeitsfähigkeit auswirke.
Die beruflichen Massnahmen seien auch eingestellt worden, weil die
Eingliederungsverantwortlichen eine Eingliederung für nicht erfolgsversprechend
gehalten hätten. Das Entgegenkommen des Arbeitgebers bei einem
Nischenarbeitsplatz schliesse eine mit einem Tabellenlohnabzug zu berücksichtigende
Lohneinbusse nicht aus. Die geltend gemachten Abzüge vom Tabellenlohn seien
statistisch belegt und gerechtfertigt (act. G 8).
B.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet am 6. April 2022 auf eine Duplik (act. G 10).B.e.
Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge sowie
die Akten wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachstehenden Erwägungen
eingegangen.
B.f.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder
die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens
40 Prozent arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf des Jahres zu
mindestens 40 % invalid sind (lit. c).
1.1.
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
1.2.
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Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG (in der vorliegend anwendbaren, bis zum 31. Dezember
2021 gültigen Fassung; vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 20. April 2022,
8C_803/2021, E. 3.2) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 %, und auf eine
Viertelsrente, wenn sie mindestens zu 40 % invalid ist. Für die Bestimmung des
Invaliditätsgrades wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach
Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und
allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei
ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Valideneinkommen, Art. 16 ATSG).
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 132 V 93 E. 4 mit Hinweisen). Die urteilenden Instanzen
haben die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie
umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines
Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob
die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit
Hinweisen). Rechtsprechungsgemäss ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
gemäss Art. 44 ATSG eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten und -
ärztinnen, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie
nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu
schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht
konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 227
E. 1.3.4; Urteil des Bundesgerichts vom 13. Februar 2019, 8C_801/2018, E. 4.3).
Ebenfalls ist bei der Würdigung der medizinischen Aktenlage der Erfahrungstatsache
Rechnung zu tragen, dass behandelnde Ärzte im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche
1.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/23
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Vertrauensstellung in Zweifelsfällen mitunter eher zugunsten ihrer Patienten aussagen.
Dies gilt für Hausärzte wie auch für spezialärztliche behandelnde Medizinalpersonen
(Urteil des Bundesgerichts vom 3. Mai 2021, 8C_164/2021, E. 3.2.1). Die
unterschiedliche Natur von Behandlungsauftrag des therapeutisch tätigen
(Fach-)Arztes einerseits und Begutachtungsauftrag des amtlich bestellten
fachmedizinischen Experten anderseits lässt es nicht zu, ein Administrativ- oder
Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu
nehmen, wenn die behandelnden Ärzte zu anderslautenden Einschätzungen gelangen.
Anders verhält es sich nur, wenn objektiv feststellbare Gesichtspunkte vorgebracht
werden, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt geblieben waren und die geeignet
sind, zu einer anderen Beurteilung zu führen (vgl. statt vieler: Urteile des
Bundesgerichts vom 17. Februar 2021, 8C_783/2020, E. 5.2 und vom 15. Oktober
2020, 8C_370/2020., E. 7.2). Ferner kann eine psychiatrische Exploration von der Natur
der Sache her nicht ermessensfrei erfolgen. Sie eröffnet einer psychiatrischen
Fachperson – sei sie nun in therapeutischer oder in begutachtender Funktion – daher
praktisch immer einen gewissen Spielraum, innerhalb dessen verschiedene
medizinisch-psychiatrische Interpretationen möglich, zulässig und zu respektieren sind,
sofern die Beurteilung des Experten oder der Expertin die Beweisanforderungen erfüllt
(BGE 145 V 365 E. 4.1.2).
Im Sozialversicherungsrecht gelten der Untersuchungsgrundsatz und der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Rechtserheblich sind alle
Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den streitigen Anspruch so oder
anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben Verwaltungsbehörden und das
Versicherungsgericht zusätzliche Abklärungen stets dann vorzunehmen oder zu
veranlassen, wenn hierzu aufgrund der Parteivorbringen oder anderer sich aus den
Akten ergebenden Anhaltspunkte hinreichender Anlass besteht (Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 4. Aufl., Bern/St. Gallen/Zürich 2020, Art. 61 N 107).
1.5.
Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz
nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 353 E. 5b; BGE 125 V 193 E. 2, je mit
Hinweisen).
1.6.
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2.
3.
Medizinische Grundlage der angefochtenen Verfügung bildet das BEGAZ-
Gutachten vom 4. August 2021. Es ist zunächst zu prüfen, ob es beweistauglich und
somit auf dieses abgestellt werden kann.
2.1.
In ihrer Konsensbeurteilung kamen die Gutachter zum Schluss, die Arbeitsfähigkeit
sei ausschliesslich aus rheumatologischer Sicht eingeschränkt. Die nun seit Jahren
dokumentierten degenerativen Veränderungen des gesamten Achsenskeletts führten
seit ihrer Erstdokumentation im Jahr 2015 zu qualitativen Einschränkungen. Zusätzlich
bestehe aufgrund der nun jahrelangen, nur bedingt angehbaren Schmerzproblematik
eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit von 30 % bei vollschichtiger Arbeitsfähigkeit
(IV-act. 135-14). Die behandelnde Dr. B._ attestierte der Beschwerdeführerin in einer
angepassten Tätigkeit zunächst ein Eingliederungspotential von 3 bis 4 Stunden pro
Tag (Arztbericht vom 11. Februar 2019, IV-act. 17) und später eine Arbeitsfähigkeit von
50 % (Bericht vom 13. Oktober 2020, IV-act. 104-23 f.; Stellungnahme vom 26. August
2021, IV-act. 147).
2.2.
3.1.
Anlässlich der rheumatologischen Begutachtung beklagte die
Beschwerdeführerin im Wesentlichen Schmerzen bzw. ein Druckgefühl in Nacken und
Schultern, ausstrahlend vor allem in den linken Arm, die auch einen Taubheitsdruck in
den Ohren und Schwindel auslösten, Kreuzschmerzen mit Ausstrahlung ins rechte
Bein, Schlafprobleme und Schmerzen im rechten Knie und in den Gelenken der
Mittelfinger (IV-act. 132-11 f.). Bildgebend fanden sich im Bereich C5 bis C7 Spondyl-
und Unkarthrosen, erosive Osteochondrosen und Diskusprotrusionen mit deutlicher
neuroforaminaler Stenose und möglicher Beeinträchtigung der entsprechenden
Nervenwurzeln (zusammengefasst; Röntgen vom 2. Juni 2020 und MRI HWS vom
3. März 2021; IV-act. 132-21; IV-act. 134-4). Der Röntgenbefund der Hände war
osteoartikulär regelrecht ohne signifikante Arthrosezeichen, Erosionen, Usuren oder
Weichteilverkalkungen (IV-act. 132-21, IV-act. 134-2). Am rechten Kniegelenk zeigte
das Röntgenbild kleinste Osteophyten am Patellaoberpol und medialen Tibiakopf (IV-
act. 132-21). Klinisch war eine Untersuchung der HWS im Sitzen wegen starker
Gegenspannung nicht möglich; im Liegen war die Beweglichkeit frei. Es zeigten sich
lrritationszonen C5/6 und C6/7 rechtsbetont und ein deutlich erhöhter Tonus des
Trapezius. Die Extension der BWS führte zu vermehrten Schmerzen lumbal. Die LWS
3.1.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/23
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war frei beweglich bei vermehrten Schmerzen bei Extension. Der Tonus in der
Paravertebralmuskulatur des unteren Drittels der Brustwirbelsäule sowie der gesamten
Lendenwirbelsäule rechts, des Quadratus lumborum rechts sowie der gesamten
Glutealmuskulatur rechts war deutlich erhöht. Die Palpation schmerzhaft, jedoch waren
keine Triggerpunkte feststellbar. Die Quadrantenteste waren zervikal nicht
durchführbar, lumbal zeigten sich vermehrte Schmerzen, aber keine
Schmerzausstrahlung (IV-act. 132-19). Die Schultern waren passiv frei beweglich, bei
der Prüfung der Rotatorenmanschette zeigten sich nicht reproduzierbare
Einschränkungen und Kraftdefizite. Ellbogen-, Hand- und Fingergelenke waren
unauffällig. Faustschluss und Spitzengriff waren komplett, das Fingerspreizen kräftig
und es liessen sich keine Synovitiden oder Tendovaginitiden feststellen (IV-
act. 132-20). Alle Bewegungen, insbesondere Flexion und Aussenrotation im
Hüftgelenk rechts verursachen Schmerzen lumbogluteal rechts, ebenso die
Innenrotation im Hüftgelenk links. Beide Gelenke waren frei beweglich, lmpingement-
Zeichen negativ. Flexion und Extension im MTP 1 waren beidseits um zwei Drittel
eingeschränkt (IV-act. 132-20).
Die rheumatologische Gutachterin führte aus, seit 2015 seien in den Akten
degenerative Veränderungen am gesamten Achsenskelett betont in den Segmenten
HWK5/6 und HWK6/7 sowie LWK4/5 und LWK5/SWK1 dokumentiert, die durchaus
auch zu radikulären Problematiken führen könnten. Allerdings seien solche nie
beschrieben worden und auch in der aktuellen Untersuchung fänden sich keine
sicheren Hinweise dafür. Aktuell zeige sich eine Einschränkung der Beweglichkeit der
HWS, die vorwiegend auf Gegenspannen beruhe; im Liegen und bei spontanen
Bewegungen sei die Beweglichkeit frei. Auffallend sei der muskuläre Hartspann (IV-
act. 132-23). Die aktuellen neurologischen Befunde sprächen nicht für eine radikuläre
Problematik. Auch werde momentan die Berührungssensibilität links an der oberen und
unteren Extremität vermindert angegeben, während bis anhin vor allem rechtsseitig
entsprechende Beschwerden dokumentiert gewesen seien. Die Muskelkraft in allen
Kennmuskeln der rechten oberen Extremität sei im Vergleich zur linken Seite
vermindert. Beim Lasègue-Manöver und umgekehrten Lasègue-Manöver habe die
Beschwerdeführerin rechts lumbalbetont vermehrte Schmerzen angegeben, nicht aber
bei der entsprechenden Untersuchung im Sitzen. Somit fänden sich zum Teil
inkonsistente Untersuchungsbefunde, zum anderen lasse sich auch eine Inkonsistenz
zwischen den spontan zu beobachtenden Bewegungen und Bewegungen im Rahmen
der klinischen Untersuchung oder in gewissen Positionen bei der klinischen
Untersuchung feststellen. Auch kontrastiere die von der Versicherten angegebene
3.1.2.
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Schmerzintensität (Dauerschmerz von 10 auf einer Skala von 0-10) mit ihrer
Anwendung von Analgetika (vorwiegend lokale Analgetika, nur gelegentlich 500 mg
Dafalgan). Es sei somit davon auszugehen, dass die muskulotendinöse Problematik
deutlich im Vordergrund stehe. Gerade bei solchen Beschwerden lasse sich häufig eine
deutliche Abhängigkeit von psychosozialen Faktoren und auch eine Variabilität in der
klinischen Untersuchung abhängig von der jeweiligen Situation feststellen (IV-
act. 132-24). Die in den Akten aufgeführte Diagnose eines femoroacetabulären
lmpingements könne aufgrund der aktuellen Untersuchung nicht bestätigt werden, der
entsprechende klinische Test sei unauffällig gewesen. Die in den Akten beschriebenen
degenerativen Veränderungen der Fingergelenke hätten sich auf den aktuellen
Aufnahmen nicht bestätigen lassen (IV-act. 132-25).
Dr. B._ begründete ihre Einschätzung der Arbeitsfähigkeit wie folgt: aufgrund
des chronischen cervikoradikulären Syndroms, des Thorakovertrebralsyndroms, des
Lumbovertebralsyndroms, der dauerhaften Bewegungseinschränkung der rechten
Schulter und der Kraftminderung im rechten Arm (Funktionshand) sei die
Arbeitsfähigkeit stark eingeschränkt (Bericht vom 13. Oktober 2020, IV-act. 104-13 f.).
In ihrer Stellungnahme vom 26. August 2021 führte sie zwar aus, klinisch sei – bei
typischer Schmerzhaftigkeit und Auftreibung der Gelenke – eine Arthrose der Finger zu
diagnostizieren gewesen. Die Arbeitsfähigkeit schätzte sie indes unverändert auf 50 %
(vgl. IV-act. 147); auch schilderte sie nicht, dass die Fingergelenksarthrose die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin einschränke oder formulierte entsprechende
Adaptationskriterien (wie etwa den Ausschluss feinmotorisch anspruchsvoller
manueller Tätigkeiten, vgl. insbesondere Verlaufsbericht vom 5. Januar 2021, IV-
act. 95-3 f.). Die RAD-Ärztin Dr. H._ betonte, bezüglich der Fingergelenke seien im
Rahmen der Begutachtung sowohl der bildgebende als auch der klinische Befund
unauffällig gewesen (Stellungnahme vom 26. Oktober 2021, IV-act. 150-1).
Dementsprechend ist festzuhalten, dass die Beurteilungen der begutachtenden und
der behandelnden Rheumatologin insoweit übereinstimmen, als die
Fingerbeschwerden nicht zu einer qualitativen oder quantitativen Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit führen. Insoweit kann dem Vorbringen, die Fingerpolyarthrose sei bei
der Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht berücksichtigt worden, nicht gefolgt werden.
3.1.3.
Die Beschwerdeführerin lässt rügen, die Arbeitsfähigkeitsschätzung der
rheumatologischen Gutachterin sei in sich widersprüchlich. Es werde nicht erklärt,
weshalb eine zusätzliche Arbeitseinschränkung festgestellt werde, diese aber nicht zu
einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit führen sollte (act. G 1, Ziff. 2d). Die
Gutachterin führte aus, aus rheumatologischer Sicht könne die Beschwerdeführerin
3.1.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/23
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eine leichte, wechselbelastende Tätigkeit ohne Arbeiten mit monotonen Haltungen,
Zwangshaltungen insbesondere des Oberkörpers, ohne dauernde oder wiederholte
Arbeiten mit den Armen in und über der Horizontalen und in dauernder Kauerstellung
vollschichtig mit einer Leistungsverminderung von 30 % ausüben. (...) Es bestünden
qualitative Einschränkungen aufgrund der nun seit Jahren dokumentierten
degenerativen Veränderung des gesamten Achsenskeletts. Zusätzlich bestehe eine
gewisse Einschränkung der Leistungsfähigkeit aufgrund der nun jahrelangen, nur
bedingt angehbaren Schmerzproblematik, eine darüberhinausgehende Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit könne jedoch rein aufgrund der Befunde am Bewegungsapparat
nicht gerechtfertigt werden (IV-act. 132-27). Interdisziplinär wird die Arbeitsfähigkeit in
einer adaptierten Tätigkeit verständlich erklärt (IV-act. 135-14): So handelt es sich bei
den Adaptionskriterien um qualitative Einschränkungen aufgrund der degenerativen
Veränderungen des gesamten Achsenskeletts und zusätzlich der Schmerzproblematik.
Insgesamt führt dies auch zu einer quantitativen Einschränkung im Rahmen einer
30%igen Leistungseinbusse. Das Wort "zusätzlich" betrifft lediglich die qualitativen
Einschränkungen und bedeutet nicht, dass noch eine höhere Arbeitsunfähigkeit rein
aufgrund der Schmerzproblematik attestiert wird.
Die rheumatologische Gutachterin erhob Anamnese und Befunde umfassend.
Sie berücksichtigte auch die bei der klinischen Untersuchung zu Tage getretenen
Inkonsistenzen und führte diese zumindest teilweise auf den muskulotendinösen
Charakter der Beschwerden zurück (vgl. IV-act. 132-24, E. 4.2). Die Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit durch Dr. B._ vermag nicht zu überzeugen. So weist die Behandlerin
im Wesentlichen lediglich darauf hin, dass sie eine Verminderung der Arbeitsfähigkeit
auch in einer leidensadaptierten Tätigkeit auf 50 % seit 2019 mehrfach dokumentiert
habe. Weshalb die Arbeitsfähigkeit in diesem Masse eingeschränkt sein soll, begründet
sie weder in den Akten liegenden Arzt- und Verlaufsberichten noch in ihrer
Stellungnahme. Die von ihr attestierte 50%ige Arbeitsunfähigkeit ist weder bildgebend
noch funktionell nachvollziehbar, insbesondere konnten die Beschwerden an den
Händen und an der Hüfte bildgebend und klinisch gutachterlich nicht bestätigt werden.
Im Übrigen fehlt eine objektive Konsistenz- und Ressourcenprüfung, zumal gewissen
Inkonsistenzen durch die Gutachter festgestellt werden konnten. Wahrscheinlicher
erscheint die von den Gutachtern geäusserte Möglichkeit, dass die von der
Behandlerin attestierte Arbeitsunfähigkeit auch unter Berücksichtigung der Depression
bzw. der psychosozialen Faktoren angenommen wurde. Einigkeit besteht immerhin
darin, dass auch die Behandlerin die Beschwerdeführerin für arbeitsfähig hält. So
besteht im Vergleich zur gutachterlichen Einschätzung nur eine Differenz von 20 %,
3.1.5.
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was auch dadurch erklärt werden kann, dass die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit
gewisse Ermessenszüge aufweist und Behandler eher zugunsten ihrer Patienten
aussagen.
Die Beschwerdeführerin meldete sich am 28. Januar 2019 bei der IV zum
Leistungsbezug an (IV-act. 3). Ein allfälliger Rentenanspruch besteht – unter
Voraussetzung des dannzumal bestandenen Wartejahres nach Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG
– nach Ablauf der Karenzfrist von Art. 29 Abs. 1 und 3 IVG ab dem 1. Juli 2019. Die
rheumatologische Gutachterin hielt zum Verlauf fest, die (von ihr attestierte,
schmerzbedingte) quantitative Einschränkung (von 30 %) bestehe seit April 2020 (IV-
act. 132-27). Es ist somit der Verlauf zwischen dem 1. Juli 2019 und April 2020 näher
zu betrachten, insbesondere ob in diesem Zeitraum eine Verbesserung des
Gesundheitszustandes eingetreten und daher befristet von einer höheren,
rentenbegründenden Erwerbsunfähigkeit auszugehen ist.
3.1.6.
Entgegen den Ausführungen der Gutachterin attestierte Dr. B._ nicht ab
Oktober 2010 (richtig wohl: 2020, aus dem Jahr 2010 sind gar keine Akten vorhanden,
vgl. IV-act. 132-4 ff.), sondern bereits ab Februar 2019 eine Arbeitsfähigkeit in
adaptierten Tätigkeiten von drei bis vier Stunden täglich bzw. von 50 % (Arztbericht
vom 11. Februar 2019, IV-act. 17; Verlaufsbericht vom 16. Juni 2020, IV-act. 62-1 ff.;
Bericht vom 13. Oktober 2020, IV-act. 104-23 f.; Stellungnhame vom 26. August 2021,
IV-act. 147). Dies spricht jedoch nicht gegen die Einschätzung der Gutachterin, zumal
Dr. B._ ihre Einschätzung im Wesentlichen lediglich mit Hinweisen auf das
chronische cervicospondylogene Syndrom rechts, das Thorakovertebralsyndrom und
das Lumbovertebralsyndrom ohne nähere Ausführungen zu erhobenen klinischen
Befunden und den daraus folgenden funktionellen Einschränkungen begründete (vgl.
insbesondere Arztbericht vom 11. Februar 2019, IV-act. 17; Verlaufsbericht vom
16. Juni 2020, IV-act. 62-1 ff.; Bericht vom 13. Oktober 2020, IV-act. 104-23 f.;
Verlaufsbericht vom 5. Januar 2021, IV-act. 95; Stellungnahme vom 26. August 2021,
IV-act. 147). Bildgebend fand sich bereits im MRI vom 19. September 2018 eine
rechtsseitig erosive Osteochondrose HWK 6/7 mit breiter, rechts paramedianer bis
rechts intraforaminaler Diskusherniation und einer diskalen Enge im rechten Foramen
HWK 6/7 mit Irritation der rechten Nervenwurzel C7 (IV-act. 70). Folglich lag ein
stationärer Gesundheitszustand vor. Klinisch-befundlich berichtete Dr. B._ im
Arztbericht vom 11. Februar 2019 von Einschränkungen der HWS- und BWS
Beweglichkeit, einer endgradig schmerzhaften Einschränkung der Schultergelenke und
von einer reduzierten Innen- und Aussenrotation der Hüftgelenke (IV-act. 17-4). Im
Bericht vom 21. März 2019 verneinte sie hingegen explizit Einschränkungen der
3.1.7.
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Wirbelsäulenbeweglichkeit und hielt fest, es bestünden Triggerpunkte bzw. eine
Schmerzauslösung bei Palpitation im Schulter-Nackenbereich, gluteal bds. und in den
M. iliopsoas und iliocostalis rechts (IV-act. 104-21). Erst im Bericht vom 13. Oktober
2020 war wieder von Einschränkungen der HWS-Beweglichkeit die Rede. Zusätzlich
war der Impingement-Test für beide Schultern positiv (IV-act. 104-23). Dies, obwohl die
Beschwerdeführerin angab, die Schmerzen hätten sich seit der Brustoperation (im Juli
2020, vgl. Austrittsbericht Spital K._ vom 29. Juli 2020, IV-act. 93) gebessert (IV-
act. 132-14, 27).
Im Zeitraum vom 1. Juli 2019 bis April 2020 ist gestützt auf die vorliegenden
Behandlerberichte vom selben Gesundheitszustand auszugehen wie er im Gutachten
erhoben wurde. Dass eine Veränderung bzw. insbesondere eine Verbesserung des
Gesundheitszustands eingetreten sein soll, ist nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit ausgewiesen. Folglich erweist sich die rheumatologische
Einschätzung auch retrospektiv als nachvollziehbar und es ist bereits ab 1. Juli 2019
von einer Arbeitsunfähigkeit von nicht mehr als 30 % auszugehen.
3.1.8.
3.2.
Der psychiatrische Gutachter erhob einen bis auf einen etwas umständlichen
Gedankengang unauffälligen psychopathologischen Befund (IV-act. 137-8, 10). Anhand
der Diagnosekriterien verneinte er nachvollziehbar eine depressive Störung (IV-
act. 137-10) und bestätigte die frühere Diagnose einer Schmerzstörung mit
körperlichen und psychischen Faktoren (ICD-10: F45.41; vgl. IV-act. 137-12). Bezüglich
der Persönlichkeit könnten keine Auffälligkeiten gefunden werden und würden in den
Unterlagen auch keine erwähnt. Es sei anzunehmen, dass die Beschwerdeführerin eine
eher pflichtbewusste Persönlichkeitsstruktur aufweise (IV-act. 137-10, 12). Hinweise
auf eine zusätzliche weitere psychiatrische Störung könnten nicht gefunden werden (IV-
act. 137-11). Er würdigte den Tagesablauf, die Fähigkeiten gemäss Mini-ICF-App (IV-
act. 137-11 ff.) und die gegebene Möglichkeit, Ressourcen zu mobilisieren, wobei es an
der Unterstützung durch die entfernt lebende Ursprungsfamilie mangle (IV-act. 137-11).
Schliesslich verneinte er Hinweise auf Inkonsistenzen (IV-act. 137-13).
3.2.1.
Wie der psychiatrische Gutachter zu Recht festhält, wurde der
Beschwerdeführerin aus psychiatrischer Sicht bisher nie eine Arbeitsunfähigkeit
attestiert (vgl. IV-act. 137-13). Im Verlauf wurde über eine kurze, aus finanziellen
Gründen abgebrochene Therapie berichtet. Die Beschwerdeführerin habe unter
Anhedonie mit Energielosigkeit ohne Antrieb und Freude, Gedankendrängen, grossen
Zukunftsängsten sowie Enttäuschung über die fehlende Unterstützung gelitten. Die
3.2.2.
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Psychiaterin stellte keine Diagnosen (Arztbericht Dr. G._ vom 4. Juni 2019, IV-
act. 32). Im Arztbericht des Psychiatrie-Zentrums S._ vom 16. Februar 2021 hielten
die Behandelnden fest, die Beschwerdeführerin sei seit dem 11. September 2020 ein-
bis zweimal monatlich in Behandlung. Sie fühle sich müde, orientierungslos, traurig,
ohnmächtig, ständig nervös, angetrieben und habe Mühe, einzuschlafen. Sie berichte
über grosse Zukunftsängste und diffuse Angstgefühle. Die Stimmung sei ein wenig
niedergeschlagen, traurig, besorgt. Die affektive Schwingungsfähigkeit sei gut. Antrieb,
Interesse und Freudeempfinden seien zum Teil ungestört, die Beschwerdeführerin
berichte aber von wiederkehrenden Down's, wenn sie an ihre körperliche Gesundheit
und ihre Zukunft denke. Im Übrigen war der psychopathologische Befund unauffällig
(IV-act. 105-2 f.). Es sei am 11. September 2020 eine Anpassungsstörung (ICD-10:
F43.2) diagnostiziert worden und es bestehe die Gefahr einer depressiven Entwicklung
(IV-act. 105-3). Zur Arbeits- bzw. Eingliederungsfähigkeit äusserten sie sich nicht (IV-
act. 105-4). Die vom Psychiatriezentrum am 16. Februar 2021 mitgeteilten Befunde
weichen nicht massgeblich von jenen des psychiatrischen Gutachters ab. Dem Bericht
kann auch nicht entnommen werden, dass bei Beginn der Therapie ein gravierenderer,
die Arbeitsfähigkeit relevant einschränkender psychiatrischer Zustand vorgelegen
hätte. Solches wird auch nicht geltend gemacht. Der Einschätzung des psychiatrischen
Gutachters ist somit zu folgen.
3.3.
Die Beschwerdeführerin lässt geltend machen, es sei nicht nachvollziehbar, dass
eine internistische Untersuchung durchgeführt worden sei, ohne dass deren
Ergebnisse in die interdisziplinäre Beurteilung eingeflossen seien (vgl. act. G 1, Ziff. 2e).
Gemäss Ziff. 2077 des Kreisschreibens über das Verfahren in der
Invalidenversicherung (KSVI, in der ab 1. Januar 2018 gültig gewesenen Fassung) ist
die Allgemeine / Innere Medizin immer vertreten, wenn ein polydisziplinäres Gutachten
angezeigt ist. Das Bundesgericht führte aus, die umfassende administrative
Erstbegutachtung sei grundsätzlich polydisziplinär anzulegen. In begründeten Fällen
könne davon abgesehen werden, sofern die medizinische Situation offenkundig
ausschliesslich ein oder zwei Fachgebiete beschlage; weder dürften weitere
interdisziplinäre Bezüge (z.B. internistischer Art) notwendig sein noch dürfe ein
besonderer arbeitsmedizinischer bzw. eingliederungsbezogener Klärungsbedarf
bestehen (vgl. BGE 139 V 352, E. 3.2). Die RAD-Ärztin Dr. H._ hielt zur Notwendigkeit
einer polydisziplinären Begutachtung fest, dass die vorliegenden
Arbeitsfähigkeitseinschätzungen beträchtlich voneinander abweichen würden und die
berufliche Eingliederung sehr schwierig und letztlich ergebnislos verlaufen sei
3.3.1.
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(Stellungnahme vom 12. März 2021, IV-act. 114-3). Die internistische Untersuchung
dient der Abklärung des Allgemeinzustandes. Die Beschwerdeführerin beklagte
Antriebsblockaden, Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten und es war
auch ein Eisenmangel behandelt worden (Austrittsbericht Klinik J._ vom 28. April
2020, IV-act. 68-2), so dass eine internistische (Mit-)Ursache ihrer Beschwerden nicht
von Vornherein ausgeschlossen werden konnte. Dass sich eine solche dann nicht fand,
führte wohl dazu, dass die unauffälligen Befunde im Gutachten nicht ausführlicher
dargestellt wurden. Als fallführender Gutachter nahm der Internist selbstredend auch
an der Konsensbesprechung teil, zu welcher in der interdisziplinären
Gesamtbeurteilung festgehalten wurde, dass die Arbeitsfähigkeitsschätzung nach
"eingehender Konsensbesprechung" zustande gekommen sei (IV-act. 135-14). Insofern
ist auch seine Beurteilung in die Würdigung eingeflossen.
Die internistische (IV-act. 136-7 ff.) und die chirurgische Einschätzung (IV-
act. 131-9) sind sodann ohne Weiteres nachvollziehbar. Die Operation vom Juli 2020
verlief - bis auf einen aber gut verheilten Morbus mondor, Formdefizite und
vorübergehend persistierende Schmerzen - komplikationslos (Sprechstundenberichte
Spital K._ vom 1. Oktober 2020, IV-act. 104-13 f.; vom 30. Dezember 2020, IV-
act. 98-19 f., und vom 21. Januar 2021, IV-act. 102). Nach Angaben der
Beschwerdeführerin bewirkte der Eingriff eine Verbesserung der Schmerzen (IV-
act. 132-4, 27).
3.3.2.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das BEGAZ-Gutachten in Kenntnis der
Vorakten, insbesondere der Berichte der behandelnden Rheumatologin Dr. B._,
erstellt wurde. Die Gutachter untersuchten die Beschwerdeführerin persönlich und
berücksichtigten nebst den klinischen Befunden die geklagten Beschwerden. Das
Gutachten ist umfassend und die medizinische Beurteilung einleuchtend; namentlich ist
die Arbeitsfähigkeitsschätzung nachvollziehbar begründet. Die im Einwandverfahren
eingereichten medizinischen Stellungnahme der behandelnden Rheumatologin bringt
keine objektiv relevanten Aspekte (keine neuen Diagnosen, Verschlechterung des
Gesundheitszustandes oder Aufnahme notwendiger Therapien), welche von den
Gutachtern nicht berücksichtigt worden wären (vgl. zur abweichenden Beurteilung
auch E. 3.1.5). Daher vermögen weder diese Stellungnahme, in der die Behandlerin im
Wesentlichen ausschliesslich an ihrer Einschätzung der Arbeitsfähigkeit festhält, noch
ihre Arztberichte ernsthaften Zweifel an den Ergebnissen der Begutachtung zu wecken.
Hinzu kommt, dass bereits der Eingliederungsverantwortliche festhielt, die
Beschwerdeführerin scheine nicht sonderlich unter den körperlichen Beschwerden zu
leiden und habe angegeben, seit der Trennung gehe es ihr auch körperlich einiges
3.4.
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4.
Die Beschwerdeführerin lässt vorbringen, auch in einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
lasse sich keine Stelle finden, die ihrem medizinischen Zumutbarkeitsprofil entspreche
(act. G 1, Ziff. 3).
besser (IV-act. 73-1). Zudem erklärte sie, lediglich ab und zu (Schmerz)medikamente
einzunehmen, da sie eigentlich gegen Medikamente sei (IV-act. 132-17). Damit
erscheint ebenfalls plausibel, dass die Arbeitsfähigkeit nicht über das gutachterlich
festgestellte Ausmass hinaus eingeschränkt ist. Folglich ist das Gutachten
beweiskräftig und es kann darauf abgestellt werden.
Die Möglichkeit einer versicherten Person, das verbliebene Leistungsvermögen auf
dem allgemeinen ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu verwerten, hängt von den konkreten
Umständen des Einzelfalls ab. Massgebend sind rechtsprechungsgemäss die Art und
Beschaffenheit des Gesundheitsschadens und seiner Folgen, der absehbare
Umstellungs- und Einarbeitungsaufwand und in diesem Zusammenhang auch die
Persönlichkeitsstruktur, vorhandene Begabungen und Fertigkeiten, Ausbildung,
beruflicher Werdegang oder die Anwendbarkeit von Berufserfahrung aus dem
angestammten Bereich. Beim ausgeglichenen Arbeitsmarkt handelt es sich um eine
theoretische Grösse, so dass nicht leichthin angenommen werden kann, die
verbliebene Leistungsfähigkeit sei unverwertbar. Er umfasst auch sogenannte
Nischenarbeitsplätze, also Stellen- und Arbeitsangebote, bei denen Behinderte mit
einem sozialen Entgegenkommen des Arbeitgebers rechnen können. Unverwertbarkeit
der Restarbeitsfähigkeit ist insbesondere dann anzunehmen, wenn die zumutbare
Tätigkeit in nur so eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der ausgeglichene
Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem
Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden
einer entsprechenden Stelle daher zum Vornherein als ausgeschlossen erscheint
(Urteile des Bundesgerichts vom 2. Dezember 2020, 8C_416/2020, E. 4 mit Verweisen,
vom 20. Januar 2020, 9C_644/2019, E. 4.2 und vom 21. August 2019, 8C_143/2019,
E. 5.2 mit Hinweisen). An die Konkretisierung von Arbeitsgelegenheiten betreffend
Verweistätigkeiten sind rechtsprechungsgemäss keine übermässigen Anforderungen
zu stellen (Urteil des Bundesgerichts vom 22. Dezember 2016, 9C_469/2016, E. 3.2).
Das Bundesgericht selbst bezeichnet die Hürden für die Annahme der
Unverwertbarkeit der verbliebenen Arbeitsfähigkeit als hoch (vgl. Urteile des
Bundesgerichts vom 25. August 2017, 8C_403/2017, E. 5.3 f., vom 31. August 2018,
8C_117/2018, E. 3.3.1, vom 6. Juli 2016, 8C_113/2016, E. 4.3 und vom 28. Mai 2009,
4.1.
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9C_918/2008, E. 4.3). Massgebend für die Beurteilung der Verwertbarkeit der
Restarbeitsfähigkeit ist der Zeitpunkt des Feststehens der medizinischen Zumutbarkeit
einer (Teil-)erwerbstätigkeit. Dies ist gegeben, sobald die medizinischen Unterlagen
eine zuverlässige Sachverhaltsfeststellung erlauben (BGE 138 V 461 f. E. 3.3 f.).
Die rheumatologische Gutachterin befand, die Beschwerdeführerin könne aus
rheumatologischer Sicht eine leichte, wechselbelastende Tätigkeit unter Ausschluss
aller Arbeiten mit monotonen Haltungen, Zwangshaltung, insbesondere des
Oberkörpers, dauernder oder wiederholter Arbeiten mit den Armen in und über der
Horizontalen und in dauernder Kauerstellung ausüben (IV-act. 132-27; IV-act. 135-13).
Ein mit dem vorliegenden vergleichbares Zumutbarkeitsprofil lag dem
Bundesgerichtsurteil 8C_55/2021 vom 9. Juni 2021 zugrunde: Gemäss gutachterlicher
Einschätzung konnte die Beschwerdeführerin aufgrund einer Polyarthrose an Fingern
und Handgelenken keine körperliche Schwerarbeit verrichten. Gelegentliche körperlich
mittelschwere und leichte Tätigkeiten seien zumutbar, wenn Positionen mit häufiger
Vorneigung oder Drehung des Oberkörpers, die den Nacken oder die Brust- und
Lendenwirbelsäule belasten, sowie Überkopfarbeiten mit reklinierter Halswirbelsäule
vermieden würden. Ungünstig waren auch Tätigkeiten in langanhaltenden
Zwangspositionen im Sitzen oder Stehen, auf Leitern, Gerüsten, Dächern oder an
vibrierenden Maschinen, in nass-kalter Witterungsexposition, häufige Verrichtungen mit
den Armen "kranial der Schulterhorizontalen" sowie manuell kraftaufwändige,
monoton-repetitive oder ausgeprägt feinmotorische Arbeiten. Das Bundesgericht
erwog, mit Blick auf dieses Belastungsprofil könne nicht gesagt werden, eine
zumutbare Tätigkeit sei nur in so eingeschränkter Form möglich, dass sie der
ausgeglichene Arbeitsmarkt praktisch nicht kennen würde oder nur unter nicht
realistischem Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre,
und dass das Finden einer entsprechenden Stelle daher von vornherein als
ausgeschlossen erscheinen würde (E. 5.2.1). Entsprechend sind auch vorliegend keine
medizinischen Einschränkungen gemäss dem Zumutbarkeitsprofil ersichtlich, welche
gegen eine Verwertbarkeit sprechen. Auch das Alter der Beschwerdeführerin (Jahrgang
1966) bzw. die verbleibende Aktivitätszeit vermögen keine Unverwertbarkeit der
Restarbeitsfähigkeit zu begründen. Selbst die bisherige Tätigkeit als Reinigungskraft
wäre der Beschwerdeführerin aus rheumatologischer Sicht noch zu 50 % zumutbar (IV-
act. 132-26 f.; IV-act. 135-12). Angepasst erscheinen etwa Kontroll- und
Konfektionierungsarbeiten, Montage von Kleinteilen, das Verpacken von verschiedenen
Produkten sowie das Bedienen und Überwachen von Produktionsanlagen. Weitere
Faktoren, die eine Unverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit begründen könnten, sind
weder ersichtlich, noch werden sie geltend gemacht.
4.2.
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5.
Abschliessend zu prüfen bleibt der Einkommensvergleich. Beim
Valideneinkommen stützte sich die Beschwerdegegnerin zu Recht auf den Auszug aus
dem individuellen Konto (IK; IV-act. 12-1: Reinigungskraft bei der Gemeinde E._ und
Tätigkeit bei der D._ AG) und ging unter Berücksichtigung der
Nominallohnentwicklung von Fr. 60'140.-- aus. Dieses Einkommen wird denn von der
Beschwerdeführerin auch nicht bestritten.
5.1.
Für die Bemessung des Invalideneinkommens stellte die Beschwerdeführerin –
ebenfalls unbestrittenermassen – auf das Durchschnittseinkommen gemäss
Lohnstrukturerhebung ab und kam umgerechnet auf die gemäss Gutachten geschätzte
Arbeitsfähigkeit von 70 % ohne Tabellenlohnabzug auf Fr. 39'008.--
5.2.
5.3.
Die Beschwerdeführerin lässt geltend machen, gemäss einer Studie
(J. Guggisberg, M. Schärrer, C. Gerber, S. Bischof, Büro für Arbeits- und
sozialpolitische Studien, BASS (Hrsg.): Nutzung Tabellenmedianlöhne LSE zur
Bestimmung der Vergleichslöhne bei der IV-Rentenbemessung; Bern, 8. Januar 2021,
Seite lll ff.; abrufbar unter www.buerobass.ch/kernbereiche/projekte/
invaliditaetsbemessung-mittels-tabellenloehnen-der-lohnstrukturerhebung-lse/project-
view) sei sowohl der Durchschnittslohn (Mittelwert) wie auch der Medianlohn von
Erwerbstätigen mit starken gesundheitlichen Einschränkungen ohne Zugang zu seiner
IV-Rente um rund 10 % tiefer als die Löhne von voll Erwerbstätigen (act. G 1, Ziff. 4).
Weiter sei ein Teilzeitabzug von 5 % begründet.
5.3.1.
Bezüglich des im Zusammenhang damit verfassten Rechtsgutachtens von Th.
Gächter, Ph. Egli, M. E. Meier und M. Filippo (Fakten oder Fiktion? Die Frage des fairen
Zugangs zu Invalidenleistungen, abrufbar unter www.wesym.ch) bestätigte das
Bundesgericht die Rechtmässigkeit der Verwendung der LSE im Rahmen der
Invaliditätsbemessung (BGE 142 V 178 E. 2.5.7) und führte aus, die Voraussetzungen
für eine Änderung der Rechtsprechung aufgrund des Gutachtens seien nicht erfüllt
(BGE 148 V 192 ff., E. 9.2.4 ff.; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 29. Mai 2018,
9C_266/2017, E. 3.4.3 und Entscheid des Versicherungsgerichts vom 4. April 2022,
E. 6.2). Immerhin steht als Korrekturinstrument bei der Verwendung der Tabellenlöhne
ein Abzug von ebendiesem zur Verfügung.
5.3.2.
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Nach der Rechtsprechung können die statistischen Löhne um bis zu 25 %
gekürzt werden, um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass versicherte Personen mit
einer gesundheitlichen Beeinträchtigung in der Regel das durchschnittliche Lohnniveau
nicht erreichen (RKUV 1999 Nr. U242 S. 412 E. 4b/bb) bzw. ihre Restarbeitsfähigkeit
auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit einem unterdurchschnittlichen erwerblichen
Erfolg zu verwerten in der Lage sind. Dabei handelt es sich um einen allgemeinen
behinderungsbedingten Abzug (BGE 146 V 16 E. 4.1). Bestehen über das ärztlich
beschriebene Beschäftigungspensum hinaus zusätzliche Einschränkungen, wie
beispielsweise ein vermindertes Rendement pro Zeiteinheit wegen verlangsamter
Arbeitsweise oder ein Bedarf nach ausserordentlichen Pausen oder ist die funktionelle
Einschränkung ihrer besonderen Natur nach nicht ohne weiteres mit den
Anforderungen vereinbar, wie sie sich aus den gewöhnlichen betrieblichen Abläufen
ergeben, kann dies bei der Bemessung des leidensbedingten Abzugs vom statistischen
Tabellenlohn berücksichtigt werden (Urteil des Bundesgerichts vom 18. Januar 2018,
8C_552/2017, E. 5.3.1).
5.3.3.
Gemäss dem interdisziplinär führenden rheumatologischen Adaptionsprofil sind
der Beschwerdeführerin leichte, wechselbelastende Tätigkeiten unter Ausschluss aller
Arbeiten mit monotonen Haltungen, Zwangshaltung, insbesondere der des
Oberkörpers, dauernden oder wiederholten Arbeiten mit den Armen in und über der
Horizontalen, dauernder Kauerstellung zumutbar (IV-act. 132-27). Dieses Profil ist im
Kompetenzniveau 1 nach der Rechtsprechung nicht dermassen einschränkend, dass
die Beschwerdeführerin mit einem unterdurchschnittlichen Lohn zu rechnen hätte. Eine
teilzeitbedingte Lohneinbusse ist statistisch nicht ausgewiesen (vgl. BFS, Monatlicher
Bruttolohn [Zentralwert] nach Beschäftigungsgrad, beruflicher Stellung und Geschlecht
- Privater und öffentlicher Sektor zusammen [T18], Frauen, Jahre 2018 und 2020,
wonach das auf 100 % hochgerechnete Einkommen einer Tätigkeit im Umfang von 50
bis 74 % dasjenige eines Vollpensums übersteigt; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts
vom 15. April 2020, 9C_782/2019, E. 3.2). Überdies attestierten die Gutachter der
Beschwerdeführerin in einer ideal adaptierten Tätigkeit eine vollschichtige
Arbeitsfähigkeit mit einer Leistungseinschränkung von 30 % (IV-act. 135-14). Damit
kommt ein so genannter Teilzeitabzug nicht in Betracht (Urteil des Bundesgerichts vom
20. April 2018, 9C_833/2017, E. 5.3). Weitere abzugsrelevante Aspekte sind nicht
ersichtlich und werden auch nicht geltend gemacht. Damit hat die
Beschwerdegegnerin zu Recht keinen Tabellenlohnabzug vorgenommen.
Entsprechend resultiert aus dem Einkommensvergleich kein rentenbegründender
Invaliditätsgrad und die angefochtene Verfügung erweist sich als korrekt.
5.3.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 23/23
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St.Galler Gerichte
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