Decision ID: b0f10c03-9743-41db-9c24-aa60878b0e22
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm erliess gegen die Beschuldigte am
2. Oktober 2020 den folgenden Strafbefehl:
"Sachverhalt:
- Vorsätzliche Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht
Anlässlich einer am 2. August 2019 am Wohnsitz der Familie A. [...] in S. durchgeführten Hausdurchsuchung wurden prekäre Verhältnisse festgestellt. Die Liegenschaft war zu diesem Zeitpunkt kaum bewohnbar. Überall lag Müll, Dreck, ungewaschene Kleidung, Essensreste, Katzenkot, etc. Die gleichen Verhältnisse herrschten im Kinderzimmer der gemeinsamen Tochter E. (geb. tt.mm.2005), welche zu diesem Zeitpunkt ebenfalls in der Familienwohnung wohnte. Auch das Kinderzimmer von F. (geb. tt.mm.2003), welche zu diesem Zeitpunkt jeweils die Wochenenden in der Familienwohnung verbrachte, war vollkommen zugemüllt und dreckig. Zudem wurde am Dachfenster massiver Schimmel festgestellt. Als Verantwortliche für die entsprechenden Wohnverhältnisse haben die Beschuldigte und der Kindsvater B. mit Wissen und Willen (zumindest haben sie dies in Kauf genommen) ihre Fürsorge- resp. Erziehungspflicht gegenüber den zwei gemeinsamen Töchtern verletzt und vernachlässigt. Dadurch haben sie die körperliche und seelische Entwicklung von E. und F. mit Wissen und Willen gefährdet. Zumindest haben sie dies in Kauf genommen.
Dieses Verhalten ist strafbar gemäss:
Art. 219 Abs. 1 StGB
Die Beschuldigte wird verurteilt zu:
1. Einer Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu je CHF 110.00, bedingt
aufgeschoben bei einer Probezeit von 3 Jahren, abzüglich 8 Tage Untersuchungshaft, womit sich die Tagessätze auf 92 Tage und der Geldstrafenbetrag auf CHF 10'120.00 reduzieren.
2. Einer Busse von CHF 2'500.00. Bei schuldhafter Nichtbezahlung tritt an Stelle der Busse eine
Ersatzfreiheitsstrafe von 23 Tagen.
3. Den Kosten - Strafbefehlsgebühr CHF 1'000.00
Rechnungsbetrag CHF 3'500.00
Über Auslagen, die nach Erlass des vorliegenden Strafbefehls
eingehen, wird separat verfügt.
4. Es werden keine Parteientschädigungen zugesprochen.
- 3 -
5. Das Urteil wird im Strafregister eingetragen.
6. Die unbezifferten Zivilforderungen von E. und F. werden auf den
Zivilweg verwiesen."
1.2.
Gegen diesen Strafbefehl erhob die Beschuldigte am 7. Oktober 2020
Einsprache. Mit Verfügung vom 3. November 2020 hielt die
Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm an ihrem Strafbefehl fest und überwies
die Akten an das Bezirksgericht Zofingen zur Durchführung des
Hauptverfahrens.
2.
2.1.
Mit Verfügung vom 1. Dezember 2020 hielt der Präsident des
Bezirksgerichts Zofingen fest, dass das Strafverfahren gegen die
Beschuldigte zusammen mit jenem gegen den Mitbeschuldigten B.
(Ehemann der Beschuldigten) verhandelt werde.
2.2.
Die Hauptverhandlung betreffend das vorliegende Verfahren und das
Verfahren gegen den Mitbeschuldigten B. fand am 10. Mai 2021 vor dem
Präsidenten des Bezirksgerichts Zofingen statt. Beide Parteien wurden
befragt.
2.3.
Die Privatklägerinnen 1 und 2 stellten anlässlich der Hauptverhandlung
vom 10. Mai 2021 die folgenden Anträge:
"1. Die Beschuldigte 1, A., sei gemäss Anklage schuldig zu sprechen und angemessen zu bestrafen.
2. Der Beschuldigte 2, B., sei gemäss Anklage schuldig zu sprechen und
angemessen zu bestrafen.
3. Die vom unentgeltlichen Vertreter der Zivil- und Strafklägerinnen 1 und
2 geltend gemachte Parteientschädigung sei auf die Staatskasse zu nehmen und von den beiden Beschuldigten 1 und 2 in solidarischer Haftbarkeit zurückzufordern, sobald es deren wirtschaftliche Verhältnisse zulassen.
Eventualiter sei auf die Anordnung einer Nachzahlung der zugunsten
der Zivil- und Strafklägerinnen 1 und 2 gewährten unentgeltlichen Rechtspflege i.S.v. Art. 30 Abs. 3 OHG zu verzichten.
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Beschuldigten 1
und 2."
- 4 -
2.4.
Die Beschuldigte stellte anlässlich der Hauptverhandlung vom 10. Mai 2021
sinngemäss folgende Anträge:
"1. Die Beschuldigte sei von Schuld und Strafe freizusprechen.
2. Für die ausgestandene Untersuchungshaft von 8 Tagen sei die
Beschuldigte angemessen zu entschädigen.
3. Die Zivil- und Strafklägerinnen 1 und 2 seien durch den Staat für die
entstandene Unbill angemessen zu entschädigen.
4. Die Gerichtskosten seien auf die Staatskasse zu nehmen.
5. Die Kosten für die Entschädigung der amtlichen Verteidigung seien zu
Lasten der Staatskasse zu nehmen."
2.5.
Der Präsident des Bezirksgerichts Zofingen erkannte gleichentags:
"1. Die Beschuldigte ist schuldig der Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht gemäss Art. 219 Abs. 1 StGB.
2. 2.1. Die Beschuldigte wird in Anwendung von Art. 219 Abs. 1 StGB und gestützt auf Art. 34 und 47 StGB zu 60 Tagessätzen Geldstrafe verurteilt. Der Tagessatz wird auf Fr. 30.00 festgesetzt. Die Geldstrafe beläuft sich auf Fr. 1'800.00.
2.2. Die Untersuchungshaft von 8 Tagen (02.08.2019 - 09.08.2019) wird gestützt auf Art. 51 StGB auf die Geldstrafe angerechnet.
3. Der Beschuldigten wird gestützt auf Art. 42 StGB für die Geldstrafe der bedingte Strafvollzug gewährt. Die Probezeit wird gestützt auf Art. 44 Abs. 1 StGB auf 2 Jahre festgesetzt.
4. 4.1. Die Anklagegebühr wird auf Fr. 500.00 festgesetzt und der Beschuldigten auferlegt.
4.2. Die weiteren Verfahrenskosten bestehen aus:
a) der anteilsmässigen Gerichtsgebühr Fr. 1'000.00 b) den kosten für die amtliche Verteidigung Fr. 3'900.00 c) den Kosten für die unentgeltl. Verbeiständung Fr. 1'046.75 d) den Spesen Fr. 60.00
Total Fr. 6'006.75
- 5 -
Der Beschuldigten werden die Gebühr sowie die Kosten gemäss lit. a und d im Gesamtbetrag von Fr. 1'060.00 auferlegt.
4.3. Die Kosten für die amtliche Verteidigung gemäss lit. b in der Höhe von Fr. 3'900.00 (exkl. MwSt.) werden einstweilen von der Gerichtskasse bezahlt. Die Beschuldigten sind verpflichtet, dem Kanton Aargau die Kosten für die amtliche Verteidigung zurückzuzahlen, sobald es ihre wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
4.4. Die Kosten für die unentgeltliche Verbeiständung der Zivil- und Strafklägerinnen 1 und 2 gemäss lit. c in der Höhe von Fr. 1'046.75 (inkl. Fr. 74.85 MwSt.) werden einstweilen von der Gerichtskasse bezahlt.
Die Beschuldigte wird unter solidarischer Haftbarkeit mit dem Mitbeschuldigten B. verpflichtet, dem Kanton Aargau die Kosten für die unentgeltliche Verbeiständung der Zivil- und Strafklägerinnen von Fr. 1'046.65 zurückzuzahlen (Art. 138 Abs. 2 sowie Art. 426 Abs. 4 StPO).
5. 5.1. Die Genugtuungsforderung der Beschuldigten wird abgewiesen.
5.2. Die übrigen Entschädigungsforderungen werden abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.
6. Die Beschuldigte trägt ihre Kosten selber."
3.
Mit Eingabe vom 25. Mai 2021 meldete die Beschuldigte Berufung gegen
das ihr gleichentags im Dispositiv zugestellte Urteil an. Das begründete
Urteil wurde ihr in der Folge am 14. Oktober 2021 zugestellt.
4.
4.1.
Mit undatierter, beim Obergericht am 2. November 2021 eingegangener
Berufungserklärung stellte die Beschuldigte folgende Anträge:
"1. Die Beschuldigte sei von Schuld und Strafe freizusprechen.
Eventualiter sei von einer Bestrafung Umgang zu nehmen.
2. Die ausgestandene Untersuchungshaft von 8 Tagen seien der Beschuldigten angemessen zu entschädigen.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Staates für das vorinstanzliche sowie obergerichtliche Verfahren."
- 6 -
4.2.
Mit Eingabe vom 12. November 2021 teilte die Staatsanwaltschaft
Zofingen-Kulm ihren Verzicht sowohl auf einen Nichteintretensantrag als
auch auf eine Erklärung der Anschlussberufung mit.
4.3.
Mit Verfügung vom 3. Dezember 2021 ordnete die Verfahrensleiterin im
Einverständnis der Parteien das schriftliche Berufungsverfahren an.
4.4.
Mit Berufungsbegründung vom 5. Januar 2022 hielt die Beschuldigte an
ihren Anträgen in der Berufungserklärung fest.
4.5.
Mit Berufungsantwort vom 17. Januar 2022 stellte die Staatsanwaltschaft
Zofingen-Kulm den Antrag, die Berufung der Beschuldigten sei unter
Kostenfolge abzuweisen.
4.6.
Mit Eingabe vom 28. Januar 2022 liess sich die Beschuldigte ein weiteres
Mal vernehmen.

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Die Beschuldigte beantragt, sie sei von Schuld und Strafe freizusprechen.
Eventualiter sei von einer Bestrafung Umgang zu nehmen. Das
vorinstanzliche Urteil ist somit vollumfänglich zu überprüfen
(Art. 404 Abs. 1 StPO).
2.
2.1.
Die Vorinstanz hat die Beschuldigte der Verletzung der Fürsorge- oder
Erziehungspflicht gemäss Art. 219 Abs. 1 StGB schuldig gesprochen. Sie
kam zum Schluss, dass sich der Haushalt der Beschuldigten und ihres
mitbeschuldigten Ehemannes [...] in S. in einem für ihre Kinder E. und F.
(vormals Privatklägerinnen 1 und 2) unzumutbaren Zustand befunden
habe, zumal die Liegenschaft anlässlich einer am 2. August 2019
durchgeführten Hausdurchsuchung völlig überstellt und verdreckt gewesen
sei. Indem die Beschuldigte es über einen längeren Zeitraum hinweg
unterlassen habe, diesen unhaltbaren Zustand selbst zu beheben oder
dafür Hilfe in Beanspruchung zu nehmen, habe sie eine konkrete
Gefährdung der Entwicklung ihrer Kinder in Kauf genommen und ihre
Erziehungs- oder Fürsorgepflicht verletzt (vgl. Urteil E. 4.1 ff.).
- 7 -
2.2.
Die Beschuldigte bestreitet, ihre Erziehungs- oder Fürsorgepflicht
gegenüber ihren Kindern verletzt zu haben. Zwar sei das Haus
zugestandenermassen zugemüllt und unordentlich gewesen. Allerdings
müsse mit Nichtwissen bestritten werden, dass das Umfeld den
hygienischen Anforderungen nicht genügt habe und somit eine konkrete
Gefährdung der physischen Bedürfnisse der Kinder vorgelegen habe. Die
Beschuldigte sei sich zu keiner Zeit bewusst gewesen, noch habe sie je in
Kauf genommen, ihre Kinder in irgendeiner Form zu gefährden. Weiter sei
die vorinstanzliche Strafzumessung unangemessen, indem sie mit ihrem
mitbeschuldigten Ehemann zu gleichen Teilen zur Verantwortung gezogen
werde. Sie habe nachweislich die Hauptlast als Mutter und Hausfrau
getragen (vgl. Berufungsbegründung S. 2 f.).
3.
Der zu beurteilende Sachverhalt betrifft die anlässlich einer am 2. August
2019 durchgeführten Hausdurchsuchung angetroffene Wohnsituation in
der Liegenschaft [...] in S.. Die Beschuldigte und ihr mitbeschuldigter
Ehemann bewohnten diese Liegenschaft mit ihrer Tochter F. (geb.
tt.mm.2003) und E. (geb. tt.mm.2005), wobei F. ab März 2017 jeweils drei
Tage pro Woche in einer WG der K. in U. verbrachte (vgl. vorinstanzliche
Akten [VA] act. 46). Der Zustand der Räumlichkeiten des Hauses wurde
durch die Kantonspolizei umfassend fotografisch dokumentiert (vgl.
Untersuchungsakten [UA] act. 88 ff.) und von der Beschuldigten
grundsätzlich nicht bestritten.
Zu prüfen ist, ob sich die Beschuldigte auf Grundlage der am 2. August
2019 vorgefundenen Wohnverhältnisse der Verletzung ihrer Erziehungs-
oder Fürsorgepflichten gemäss Art. 219 Abs. 1 StGB strafbar gemacht hat.
4.
4.1.
Die Kantonspolizei Aargau führte am 2. August 2019 eine
Hausdurchsuchung in der Liegenschaft der Beschuldigten und ihres
mitbeschuldigten Ehemanns [...] in S. durch (vgl. UA act. 88 f.). Dort fand
sie das Wohnhaus in einem prekären Zustand vor. Wie auf der erstellten
Fotodokumentation ersichtlich ist, waren praktisch sämtliche
Räumlichkeiten komplett mit verschiedenen Materialien, Gegenständen
und Abfall zugestellt. Dies begann bereits im Eingangsbereich, in welchem
sich Kleidung, Schuhe und andere Gegenstände türmten (vgl. UA act. 89).
Das Wohnzimmer war mit verschiedensten Papierstapeln, Spielsachen,
Büchern, Kisten, Taschen etc. übersäht, sodass sich kaum noch Platz bot,
um sich durch den Raum zu bewegen. Der Unrat türmte sich dabei teilweise
regelrecht auf (vgl. UA act. 90). Wohnzimmermöbel, wie das Sofa, ein Tisch
und dazugehörige Hocker, waren komplett zugestellt und dadurch kaum
mehr erkennbar (vgl. UA act. 90). Selbiges Bild präsentierte sich in der
- 8 -
Küche, in welcher sämtliche Ablageflächen mit Lebensmitteln,
Essensresten und Abfall übersäht waren. Der von obigen Gegenständen
einigermassen freiliegende Bereich des Küchenbodens war zudem stark
verschmutzt (vgl. UA act. 92 f.). Die Badewanne im grösseren Badezimmer
war ebenfalls stark verunreinigt und bis über den Rand mit
Kartonschachteln, Papiertuchpackungen und sonstigen Gegenständen
gefüllt, wodurch eine Benutzung nicht möglich war. Ausserdem befanden
sich neben der Wanne diverse volle Müllsäcke. Auf dem
Badezimmerboden unter dem Waschtisch befanden sich Futternäpfe der
Katzen und eine Katzenkiste. Auch dieser Bereich war stark verschmutzt,
wobei nicht erkennbar ist, ob es sich dabei um Katzenkot und bzw. oder -
futter handelte (vgl. UA act. 96). Das Kinderzimmer von E. war mit Ordnern,
leeren Kisten, Schachteln und sonstigem Abfall zugemüllt, sodass nur der
Türbereich und der Bereich zwischen den zwei verschmutzten Matratzen
frei begehbar war. Auf den Matratzen fehlten die Bettbezüge und Kissen
(vgl. UA act. 95). Ähnlich sah das Kinderzimmer von F. aus, welches
ebenfalls komplett mit Karton, Papier, diversen Gegenständen und Abfall
zugestellt und somit kaum begehbar war. Das Etagenbett war mit Büchern,
Abfallsäcken und anderem Material vollends bedeckt und deshalb
unbenutzbar (vgl. UA act. 102). Als Schlafplatz bot sich lediglich eine stark
beschädigte Schaumstoffmatratze am Boden, mit komplett zerrissenem
Bezug und verschmutzter Bettdecke und Kissen (vgl. UA act. 104).
Ausserdem war das Dachfenster im Kinderzimmer dreckig und
augenscheinlich stark von schwarzem Schimmel befallen (vgl. UA act.
104).
Der oben beschriebene Zustand starker Unordnung und Verschmutzung
zeigte sich generell auch in den restlichen Räumlichkeiten des
Wohnhauses, namentlich im Elternschlafzimmer, im kleinen Bad, auf
Treppen, in der Waschküche und im Keller sowie auf dem Gartensitzplatz
(vgl. UA act. 89, UA act. 94, UA act. 98 ff., UA act. 106 ff.).
4.2.
Zur in Ziff. 4.1. beschriebenen Wohnsituation sagte die Beschuldigte im
Wesentlichen bereits an ihrer Ersteinvernahme vom 2. August 2019 aus,
dass ihr der unordentliche Zustand im Haus bewusst sei (vgl. UA act. 309
f.). Ihr seien die Kinder wichtiger als der Haushalt. Sie wisse, dass man das
Haus wieder einmal "entrümpeln" müsse, allerdings würden sie und der
Ehemann (Mitbeschuldigter) 100% arbeiten. Falls seitens der Behörden
eine Putzfrau angeordnet würde, frage sie sich, wer dies finanzieren sollte.
Der Witz sei, dass sie und ihre Tochter E. die Unordnung schon aufräumen
würden, aber sie wolle nicht, dass nur sie beide das erledigen würden. Das
Haus sei vielleicht verwahrlost, die Kinder jedoch nicht, da sie ärztliche
Versorgung, zwei Mahlzeiten und Spielzeug hätten (vgl. UA act. 309).
Anlässlich der Befragung an der Hauptverhandlung vom 10. Mai 2021
bestätigte die Beschuldigte ihre Aussagen der Ersteinvernahme im
- 9 -
Wesentlichen (vgl. VA act. 83 ff.): Sie habe gewusst, dass aufgeräumt
werden müsse, deshalb hätten sie auch schon verschiedene Firmen für
Mulden angeschaut (vgl. VA act. 84). Für die Verhältnisse im Haus seien
beide, d.h. die Beschuldigte und ihr Ehemann (Mitbeschuldigter),
verantwortlich (vgl. VA act. 85). Es sei abgemacht worden, dass beide
Elternteile im Haushalt mithelfen sollten. Der Mann habe jeden Tag warme
Mahlzeiten gekocht, das Kochen sei aber jeweils eine Kunst gewesen (vgl.
VA act. 83 f.). Sie habe jeweils geputzt, je nach zeitlicher Situation hätten
beide mitgeholfen. Gewaschen habe sie (vgl. VA act. 83). Diese
Aufgabenteilung bestätigte auch ihr mitbeschuldigter Ehemann anlässlich
seiner Befragung (vgl. VA act. 78). Bezüglich des Kinderzimmers von F.
habe sie zwar gesagt, dass sie wegen einem neuen Bett schauen müssten,
aber F. sei es in diesem Bett "wohl" gewesen. Sie habe sich eine Art Nest
gemacht. Sie wisse, dass sie das Bettzeug und Kissen wieder einmal
waschen sollte, aber sie habe dies erst vor einem Monat getan. Die Löcher
habe F. selbst gemacht (vgl. UA act. 309 f., vgl. VA act. 84). Auf die Frage,
ob ihr bewusst gewesen sei, dass Schimmelpilz zu Krankheiten führen
könne, antwortete die Beschuldigte mit "Jein". Es gebe verschiedene
Schimmelarten. Sie sei im Internet nachschauen gegangen und da sei
rausgekommen, dass er verschiedene Krankheiten hervorrufen könne (vgl.
VA act. 85). Insgesamt beurteile sie das Umfeld für die Kinder als eigentlich
nicht so gut, sie habe sich aber immer wieder um eine Verbesserung
bemüht und es probiert, so gut es gegangen sei. Einen perfekten Haushalt
mit Kindern gebe es nicht (vgl. VA act. 85 f.).
5.
5.1.
Gemäss Art. 219 Abs. 1 StGB macht sich strafbar, wer seine Fürsorge-
oder Erziehungspflicht gegenüber einer minderjährigen Person verletzt
oder vernachlässigt und sie dadurch in ihrer körperlichen oder seelischen
Entwicklung gefährdet. Das geschützte Rechtsgut ist mithin die körperliche
und geistige Integrität der minderjährigen Person (vgl. ECKERT, in: Basler
Kommentar, Strafrecht II, 4. Aufl. 2019, N. 2 zu Art. 219 StGB).
5.2.
5.2.1.
In objektiver Hinsicht muss der Handelnde von Gesetzes wegen eine
Fürsorgepflicht gegenüber der minderjährigen Person innehaben, d.h. er
muss eine Garantenstellung einnehmen. Dieses Kriterium erfüllen unter
anderem die Eltern der minderjährigen Person (vgl. ECKERT, a.a.O., N. 3 ff.
zu Art. 219 StGB). Der Handelnde muss sodann seine Fürsorge- oder
Erziehungspflicht verletzen. Als Fürsorge im Sinne der Bestimmung ist in
erster Linie die Befriedigung verschiedenster Grundbedürfnisse, darunter
Nahrung, Kleider, Unterkunft, Zuneigung, Liebe usw. zu verstehen.
Darüber hinaus kann die Gefährdung der körperlichen und seelischen
Entwicklung der minderjährigen Person als Leitlinie dienen. Es werden jene
- 10 -
Pflichtverletzungen erfasst, die über einen gewissen Zeitraum betrachtet
dazu führen können, dass eine Gefährdung eintritt. Das deliktische
Verhalten kann dabei in einem Tun oder Unterlassen liegen; Letzteres
bspw. in Fällen, in welchen ein Täter nicht für das Kind sorgt oder bei
drohenden Gefahren nicht die sich aufdrängenden Sicherheitsmass-
nahmen ergreift (vgl. BGE 125 IV 64 E. 1a). Nicht erforderlich ist, dass das
Verhalten der betroffenen Person zu einer tatsächlichen körperlichen oder
seelischen Beeinträchtigung führt. Bei der Verletzung der Fürsorge- oder
Erziehungspflicht handelt es sich somit nicht um ein Erfolgs-, sondern um
ein konkretes Gefährdungsdelikt (vgl. ECKERT, a.a.O., N. 8 ff. zu Art. 219
StGB). Der Gesetzgeber verzichtete bewusst darauf, nur schwerwiegende
Gefährdungen zu erfassen. Gleichwohl hat sich die Anwendung angesichts
des weitgefassten Begriffs insbesondere der seelischen Entwicklung auf
gravierende Einzelfälle zu beschränken (vgl. ECKERT, a.a.O., N. 10 zu Art.
219 StGB).
5.2.2.
Bei der Beschuldigten handelt es sich um die Mutter und somit
Erziehungsberechtigte der beiden im Tatzeitpunkt vom 2. August 2019
minderjährigen Kinder F. (geb. tt.mm.2003) und E. (geb. tt.mm.2005). Wie
bereits die Vorinstanz zutreffend festgestellt hat, trifft sie zweifelsohne eine
Erziehungs- und Fürsorgepflicht gegenüber den beiden Kindern, welche
den Unterhalt des Familienhaushalts [...] in S. miteinschliesst (vgl. Urteil E.
4.1).
5.2.3.
Der Art. 219 StGB bezweckt den Schutz der physischen und psychischen
Integrität von Minderjährigen. Nebst den Grundbedürfnissen wie Nahrung,
Kleidung oder Unterkunft, sollen Minderjährige die Möglichkeit haben, sich
körperlich und geistig frei und ungefährdet zu entwickeln (vgl. Ziff. 5.2.1).
Dies setzt unter anderem geordnete Lebensverhältnisse voraus. Die am 2.
August 2019 vorgefundene Wohnsituation im Haus der Beschuldigten war
der gesunden Entwicklung der Kinder F. und E. indessen in mehrfacher
Weise hinderlich. Unter den vorherrschenden Umständen hatten die Kinder
weder den nötigen Platz noch die nötige Ordnung, um sich zurückzuziehen,
konzentriert Hausaufgaben zu machen oder zu spielen. Vielmehr waren sie
in jedem Zimmer, insbesondere in ihren Kinderzimmern und dem
Wohnzimmer, von überaus chaotischen Zuständen umgeben. Sämtliche
dieser Räume waren komplett mit verschiedenstem Material und Abfall
vollgestellt und es herrschte allgemein eine massive Unordnung (vgl. UA
act. 90 f., UA act. 95, UA act. 102 ff.). Im Wohnzimmer türmten sich
Abfallberge teilweise hüfthoch, sodass Möbel kaum mehr sichtbar waren
und ein gemütliches bzw. komfortables Verweilen entsprechend nicht
möglich war (vgl. UA act. 90 f.). So dürfte es aufgrund der durch Müll und
diversen Gegenständen eingeschränkten Platzverhältnisse nur schon
schwierig gewesen sein, sich frei durch das Haus zu bewegen, was bereits
- 11 -
aufgrund der schmalen, freigeschaufelten Wege ersichtlich ist (vgl. UA act.
90 f., UA act. 93, UA act. 95, UA act. 103 ff.). Weiter verdeutlicht wird dieser
eingeengte Zustand insbesondere durch die Tatsache, dass die Tochter F.
aufgrund des Mülls nicht in ihrem eigentlichen Etagenbett schlafen konnte
und stattdessen auf eine stark beschädigte Matratze am Boden
ausweichen musste (vgl. UA 102 ff.). Unter vorgenannter Unordnung litt
zudem offensichtlich auch die allgemeine Hygiene im Haushalt; dies unter
anderem an offenkundig besonders hygieneempfindlichen Orten wie in der
Küche, in den Nasszellen und in den Kinderzimmern, welche teilweise stark
verdreckt waren (vgl. UA act. 92 f., UA act. 96 f.). Insbesondere in F.s
Kinderzimmer war der Schimmelbefall am Dachfenster bereits so stark
ausgeprägt, dass er bereits aus einer Distanz klar sichtbar war (vgl. UA act.
103 f.). Ausserdem waren die Schlafplätze der Kinder, sofern überhaupt mit
Bettwäsche ausgestattet, stark beschädigt und sichtbar verschmutzt (vgl.
UA act. 95, UA act. 104).
Alles in allem herrschten am 2. August 2019 [...] in S. Zustände, welche es
den Kindern offensichtlich verunmöglicht haben, sich frei und nach den
eigenen Bedürfnissen einzurichten und zu bewegen. Der Grad an
Unordnung und Schmutz sowie die komplett vernachlässigten Schlafplätze
der Kinder überschritten dabei die Schwelle einer noch annehmbaren
Wohnsituation für Kinder bei Weitem. Des Weiteren stellte der nicht
behobene, bereits ausgeprägte Schimmelpilzbefall im Kinderzimmer eine
konkrete Gesundheitsgefährdung für die Kinder dar. In diesem Sinne ist
von einem von der Lehre geforderten, gravierenden Einzelfall auszugehen
(vgl. Ziff. 5.2.1).
5.2.4.
Der Einwand der Beschuldigten, die Kinder hätten nachweislich keine
gesundheitlichen Probleme gehabt und eine konkrete Gefährdung sei
deshalb nicht vorgelegen, verfängt nicht. Unter Art. 219 Abs. 1 StGB
werden bereits konkrete Gefährdungen, welche vorliegend zu bejahen
sind, erfasst. Eine tatsächliche Beeinträchtigung wird nicht verlangt (vgl.
Ziff. 5.2.1). Ebenso wenig verfängt der Einwand, das Mass und die
Intensität des Schimmelpilzbefalls seien nirgends konkret umschrieben und
insofern zu vernachlässigen, dass F. oftmals gar nicht in ihrem Zimmer
geschlafen habe (vgl. Berufungserklärung, S. 2). Schimmelpilz ist
gemeinhin als gesundheitsgefährdend bekannt, was auch die Beschuldigte
zumindest teilweise anerkannte (vgl. VA act. 85). Ausserdem lag bereits
ein ausgesprochen ausgeprägter Befall vor: Der schwarze Schimmel war
äusserst gut sichtbar und hätte ungeachtet dessen, ob F. täglich im Zimmer
übernachtete oder nicht, entfernt werden müssen, um eine gesundheitliche
Gefährdung des Kindes zu vermeiden.
- 12 -
5.2.5.
Die Beschuldigte hat es zugelassen, dass sich ihr Haushalt [...] in S. in
einem für Kinder unzumutbaren Zustand befand. Als Folge der massiven
Unordnung und der teilweise sehr unhygienischen Zustände in der
Wohnung war die gesunde physische und psychische Entwicklung der
Töchter F. und E. konkret gefährdet. Der objektive Tatbestand von Art. 219
Abs. 1 StGB ist erfüllt.
5.3.
5.3.1.
In subjektiver Hinsicht verlangt Art. 219 Abs. 1 StGB vorsätzliches Handeln,
wobei Eventualvorsatz genügt. Der Handelnde muss sich seiner
Garantenstellung bewusst sein und wissen, dass er seine Fürsorge- oder
Erziehungspflicht verletzt. Der Vorsatz muss sich auf die Gefährdung
erstrecken (vgl. ECKERT, a.a.O., N. 11 zu Art. 219 StGB).
5.3.2.
Zunächst ist festzuhalten, dass der Beschuldigten in Bezug auf ihre Kinder
F. und E. keine direkte Gefährdungsabsicht vorgeworfen werden kann. Aus
ihren Aussagen geht jedoch hervor, dass sie sich sowohl ihrer
Verantwortung als Mutter als auch der unhaltbaren Zustände im Haus
durchaus bewusst war. So gab sie an, sie sei zusammen mit ihrem
mitbeschuldigten Ehemann für die Haushaltführung verantwortlich
gewesen. Man habe abgemacht, dass man sich die Aufgaben teile. Bei
Problemen habe man einander geholfen. Er habe gekocht, sie habe
geputzt und gewaschen. Eingekauft habe man zusammen (vgl. VA 83 f.).
Die Aufgabenteilung zwischen den Elternteilen wurde offenbar tatsächlich
gelebt. Ausserdem sagte die Beschuldigte aus, sie sei mit dem Zustand
des Haushalts eigentlich nicht zufrieden gewesen und habe gedacht, dass
aufgeräumt werden müsse (vgl. VA act. 83 ff., vgl. UA act. 309). Die
Beschuldigte gab verschiedene Gründe an, weshalb sie dies nicht getan
habe. So führte sie einerseits mangelnde Zeit aufgrund ihres
Vollzeitpensums an (vgl. UA act. 309), bemerkte jedoch an anderer Stelle,
dass sie ohne Weiteres hätte aufräumen können, dies aber nur deshalb
nicht getan habe, weil sie es nicht alleine mit ihrer Tochter habe erledigen
wollen (vgl. UA act. 309). E. habe das schönste Zimmer gehabt und "die
anderen" hätten es versaut. Sie (die Beschuldigte) habe dann gesagt, sie
räume nicht auf, ansonsten alles gleich wieder zugemüllt werde (vgl. UA
act. 316). Alles in allem ergibt sich ein Bild der Beschuldigten, welche zwar
durchaus gewusst hat, dass Handlungsbedarf bestand, diesen aber
bewusst nicht in Angriff genommen hat. Sofern sich die Beschuldigte mit
ihrer Verantwortung überfordert fühlte, wäre sie gehalten gewesen,
entsprechende Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nach dem Gesagten hat die
Beschuldigte mit ihrem Verhalten in Kauf genommen, dass ihre Töchter F.
und E. in einem für sie schädlichen Umfeld aufwachsen. Sie hat sie dadurch
- 13 -
in ihrer Entwicklung gefährdet. Der subjektive Tatbestand von Art. 219 Abs.
1 StGB ist ebenfalls zu bejahen.
5.4.
In Bezug auf mögliche schuldausschliessende Gründe gemäss Art. 19 Abs.
1 StGB ging die Vorinstanz zu Recht davon aus, dass es der Beschuldigten
in Bezug auf die angeklagten Vorwürfe weder an der Einsichtsfähigkeit
noch an der Steuerungsfähigkeit gefehlt hat (vgl. Urteil E. 4.3). Dies ergibt
sich einerseits aus ihren Aussagen, wonach sie sich bewusst gewesen sei,
dass aufgeräumt werden müsse und der Zustand des Haushalts für die
Kinder nicht gut gewesen sei (vgl. Ziff. 4.2; vgl. Ziff. 5.3.2), andererseits aus
dem Umstand, dass die Beschuldigte im Nachgang zur Hausdurchsuchung
vom 2. August 2019 offenbar in der Lage war, das Haus aus eigenem
Antrieb zusammen mit ihrem mitbeschuldigten Ehemann und ohne
Putzhilfe in einen tadellosen Zustand zu bringen. Wenn dies auch einen
gewissen Druck von aussen bedingte, konnte die Beschuldigte die massive
Unordnung beheben und mindestens bis zur Hauptverhandlung am 10. Mai
2021 beibehalten (vgl. VA act. 86 f.; vgl. Beilagen zur Hauptverhandlung,
VA act. 102 ff.). Es lag somit keine psychische Störung vor, welche es der
Beschuldigten gänzlich verunmöglicht hätte, tätig zu werden. Solches
ergibt sich auch nicht aus dem eingereichten medizinischen Bericht vom
26. August 2019 (vgl. Beilage zur Berufungsbegründung). Im Übrigen kann
auf die korrekten Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (vgl.
Urteil E. 4.3).
5.5.
Sowohl der objektive als auch der subjektive Tatbestand sind erfüllt. Es
liegen keine Rechtfertigungs- oder Schuldausschlussgründe vor. Die
Beschuldigte hat sich der Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht
gemäss Art. 219 Abs. 1 StGB schuldig gemacht.
6.
6.1.
6.1.1.
Die Vorinstanz hat die Beschuldigte der Verletzung der Fürsorge- und
Erziehungspflicht schuldig gesprochen und – unter Anrechnung der von ihr
ausgestandenen Untersuchungshaft von 8 Tagen – zu einer Geldstrafe von
60 Tagessätzen à Fr. 30.00, d.h. total Fr. 1'800.00 verurteilt. Sie gewährte
der Beschuldigten den bedingten Strafvollzug und setzte die Probezeit auf
2 Jahre an (vgl. Urteil E. 5.2 ff.).
6.1.2.
Die Beschuldigte beantragt, es sei im Falle einer Verurteilung von einer
Strafe Umgang zu nehmen (vgl. Berufungsbegründung S. 4). Das
Strafgesetzbuch sieht die Möglichkeit einer Strafbefreiung grundsätzlich
- 14 -
bei einem fehlenden Strafbedürfnis (Art. 52 StGB), einer Wiedergut-
machung (Art. 53 StGB) oder bei schwerer persönlicher Betroffenheit des
Täters aufgrund seiner Tat (Art. 54 StGB) vor.
6.1.3.
Die Voraussetzungen für eine Strafbefreiung gemäss Art. 52 ff. StGB sind
vorliegend klar nicht erfüllt. Im Übrigen wird der Umstand, dass die
Hausdurchsuchung, die Untersuchungshaft und die damit verbundene
Trennung der Familie für die Beschuldigte eine Belastung darstellten, bei
der Strafzumessung berücksichtigt. Dies ist im Folgenden darzulegen. Der
Antrag der Beschuldigten auf Strafbefreiung ist abzuweisen.
6.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach
Art. 47 ff. StGB wiederholt dargelegt (BGE 141 IV 61 E. 6.1.1;
BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff. S. 59 ff. mit Hinweisen). Darauf kann verwiesen
werden.
6.3.
6.3.1.
Die Beschuldigte hat sich der Verletzung der Fürsorge- oder
Erziehungspflichten gemäss Art. 219 Abs. 1 StGB schuldig gemacht.
Dieses Vergehen wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder
Geldstrafe bestraft.
6.3.2.
In Bezug auf die Berufung der Beschuldigten ist festzuhalten, dass die
Vorinstanz zu Recht von einer Verantwortung der beiden Elternteile zu
gleichen Teilen ausgegangen ist: Sowohl die Beschuldigte als auch ihr
mitbeschuldigter Ehemann waren arbeitstätig und haben sich gemäss ihren
eigenen Aussagen die Verantwortung im Haushalt ausdrücklich geteilt.
Beide erwähnten dabei, sie hätten gewisse Aufgaben selbst übernommen
und einander ansonsten geholfen. So bestätigten sie auch, dass sie beide
die Verantwortung für den unhaltbaren Zustand zu tragen hätten (vgl. VA
act. 78, VA act. 83 ff.). Dass sich die Beschuldigte gemäss medizinischem
Bericht von Dr. med. O. vom 26. August 2019 von 2008 bis 2016 in
psychiatrischer Behandlung befand, ist für die Zustände vom 2. August
2019 nicht beachtlich und kann nicht zu ihren Gunsten berücksichtigt
werden. Selbiges gilt für den Umstand, dass sich die Beschuldigte offenbar
nach Aufdeckung der Wohnverhältnisse am 20. August 2019 erneut in
Behandlung begab (vgl. Beilage zur Berufungsbegründung). Die
Verantwortung der Beschuldigten wurde angemessen berücksichtigt und
die vorinstanzliche Beurteilung der Tat- und Täterkomponente ist deshalb
nicht zu beanstanden. Es kann dazu auf die diesbezüglichen Ausführungen
verwiesen werden (vgl. Urteil E. 5.2 ff.). Zu beachten ist insbesondere, dass
sich die Beschuldigte mit Blick auf die Betreuung der kognitiv
- 15 -
eingeschränkten Töchter, ihrer Berufstätigkeit und dem ausser Kontrolle
geratenen Haushalt zweifellos in einer belastenden Lebenssituation
befand. Es fiel ihr offensichtlich schwer, die nötige Energie für die
Bewältigung des Haushalts zu finden. Ausserdem ist die Beschuldigte
einsichtig und hat den Haushalt mittlerweile wieder in einen tadellosen
Zustand gebracht. Ihr Verschulden ist deshalb insgesamt noch als leicht
einzustufen. Unter Berücksichtigung dieses noch als leicht zu wertenden
Verschuldens erscheint die durch die Vorinstanz ausgefällte Geldstrafe von
60 Tagessätzen als angemessen und ist zu bestätigen.
6.3.3.
Ebenfalls zu bestätigen ist die Tagessatzhöhe von Fr. 30.00 bei einem
durchschnittlichen Nettoeinkommen der Beschuldigten von Fr. 900.00 bis
Fr. 1000.00 (vgl. VA act. 88). Die Anrechnung der Untersuchungshaft von
8 Tagen (2. August 2019 bis 9. August 2019) auf die Geldstrafe gemäss
Art. 51 StGB erweist sich ebenfalls als korrekt (vgl. METTLER/SPICHTIN,
a.a.O., N. 40 zu Art. 51 StGB, wonach ein Tag Haft einem Tagessatz
Geldstrafe entspricht).
6.4.
Weiter ging die Vorinstanz zu Recht davon aus, dass der Beschuldigten der
bedingte Strafvollzug gemäss Art. 42 Abs. 1 StGB zu gewähren ist. Die
Beschuldigte ist vorstrafenlos und das vorliegende Strafverfahren inklusive
Untersuchungshaft und die damit zusammenhängende Trennung von ihren
Töchtern dürfte der Beschuldigten genügend Eindruck gemacht haben, um
sich zukünftig wohl zu verhalten. Mit der Vorinstanz ist die damit
verbundene Probezeit gemäss Art. 44 Abs. 1 StGB auf 2 Jahre anzusetzen
(vgl. Urteil E. 5.5). Zudem ist, wie bereits die Vorinstanz feststellte, auf
Grundlage der Hausdurchsuchung, der ausgestandenen Untersuchungs-
haft, der Trennung der Familie sowie den zu tragenden Kosten des
Strafverfahrens von der Ausfällung einer Verbindungsbusse gemäss Art.
106 StGB abzusehen (vgl. Urteil E. 5.6).
7.
Die Beschuldigte wird vorliegend der Verletzung der Fürsorge- oder
Erziehungspflicht gemäss Art. 219 Abs. 1 StGB schuldig gesprochen und
hat somit keinen Anspruch auf eine Genugtuung (Art. 429 Abs. 1 StPO).
8.
8.1.
Die Parteien tragen die Kosten des obergerichtlichen Verfahrens nach
Massgabe ihres Obsiegens bzw. Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Die
Berufung der Beschuldigten wird vorliegend abgewiesen. Ausgangs-
gemäss hat die Beschuldigte die obergerichtlichen Verfahrenskosten zur
Hälfte zu tragen.
- 16 -
8.2.
Die Beschuldigte wurde im Berufungsverfahren amtlich verteidigt. Die
Entschädigung in Strafsachen bemisst sich nach dem angemessenen
Zeitaufwand des Anwalts (§ 9 Abs. 1 AnwT). Der massgebliche Stunden-
ansatz beträgt bei der amtlichen Verteidigung in der Regel Fr. 200.00; in
einfachen Fällen kann er bis auf Fr. 180.00 reduziert werden. Auslagen und
Mehrwertsteuer werden separat entschädigt (§ 9 Abs. 3bis AnwT).
Mit Kostennote vom 10. März 2022 macht die amtliche Verteidigerin der
Beschuldigten einen Aufwand von 10 Stunden und 30 Minuten à
Fr. 200.00, somit Fr. 2'100.00 (inkl. Auslagen und MwSt.), geltend.
Dieser Aufwand erscheint angemessen. Die der amtlichen Verteidigerin
ausgerichtete Entschädigung von Fr. 2'100.00 ist dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend von der Beschuldigten in vollem Umfang
zurückzufordern, sobald es ihre wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art.
135 Abs. 4 StPO).
9.
9.1.
Fällt das Obergericht einen neuen Entscheid, befindet es darin auch über
die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428 Abs. 3 StPO).
Die beschuldigte Person hat die Verfahrenskosten zu tragen, wenn sie
verurteilt wird (Art. 426 Abs. 1 StPO). Davon ausgenommen sind die
Kosten der amtlichen Verteidigung, unter Vorbehalt der Rückforderung
nach Art. 135 Abs. 4 StPO (Art. 426 Abs. 1 StPO) sowie die Kosten der
unentgeltlichen Verbeiständung der Privatklägerschaft, ebenfalls unter
Vorbehalt der Rückforderung nach Art. 138 Abs. 2 StPO (Art. 426 Abs. 4
StPO).
9.2.
Die Beschuldigte wurde bereits von der Vorinstanz der Verletzung der
Fürsorge- oder Erziehungspflichten gemäss Art. 219 Abs. 1 StGB schuldig
gesprochen. Sie hat deshalb die erstinstanzlichen Verfahrenskosten
vollumfänglich zu tragen.
9.3.
Die Beschuldigte wurde amtlich verteidigt (vgl. Art. 130 StPO i.V.m. Art. 132
Abs. 1 lit. a StPO). Die Kosten der amtlichen Verteidigung wurden von der
Vorinstanz auf Fr. 3'900.00 (exkl. MwSt.) festgesetzt. In Bezug auf die
Höhe dieser Kosten blieb das Urteil der Vorinstanz unangefochten.
Ausgangsgemäss ist diese Entschädigung von der Beschuldigten
zurückzufordern, sobald es ihre wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (vgl.
Art. 135 Abs. 4 StPO).
- 17 -
9.4.
Die Kosten für die unentgeltliche Verbeiständung der Privatklägerinnen 1
und 2 im erstinstanzlichen Verfahren wurden der Beschuldigten unter
solidarischer Haftbarkeit mit dem Mitbeschuldigten B. mit Fr. 1'046.75
auferlegt (Art. 138 Abs. 2 StPO, Art. 426 Abs. 4 StPO). In Bezug auf die
Höhe dieser Kosten blieb das Urteil der Vorinstanz unangefochten.
Ausgangsgemäss sind diese Kosten von der Beschuldigten unter
solidarischer Haftung mit dem Mitbeschuldigten B. zurückzufordern, sobald
es ihre wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben.
10.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).