Decision ID: 3a731cba-899f-50d7-a106-e3dbf2d74fe3
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
Der 1978 geborene R._ ist derzeit in der politischen Gemeinde Q._ (Luzern) wohnhaft
und wird vom dortigen Sozialamt finanziell unterstützt. Er ist geschieden und Vater von
drei Töchtern. Die Eltern vereinbarten die gemeinsame elterliche Sorge für die Töchter,
wobei dem Vater das Aufenthaltsbestimmungsrecht über die älteste Tochter G._,
geboren 2004, zusteht. Bereits im Sommer 2018 beabsichtigten die beiden, in die
politische Gemeinde X._ zu ziehen, und suchten dort eine Wohnung. G._ besuchte
ab Beginn des Schuljahres 2018/2019 die Oberstufe in X._, wo sie bei ihrer
Grossmutter in B._ wohnte.
Am 14. August 2018 reichte R._ beim Sozialamt X._ ein Sozialhilfegesuch ein. Mit
Verfügung vom 5. Dezember 2018 trat das Sozialamt mangels örtlicher Zuständigkeit
nicht darauf ein. Es führte aus, R._ wohne immer noch in Q._ und habe somit keinen
Wohnsitz in X._. Entsprechend sei noch kein Unterstützungswohnsitz in X._
begründet worden. Der dagegen von R._ erhobene Rekurs wurde vom Departement
des Innern mit Verfügung vom 4. April 2019 abgewiesen. Mit Entscheid vom 2. Juli
2019 wies das Verwaltungsgericht die wiederum dagegen erhobene Beschwerde
ebenfalls ab (vgl. Verfahren B 2019/82).
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B.
Mit Eingabe vom 18. März 2019 ersuchte R._ das Departement des Innern um
Bestätigung der Übernahme des Mietzinses von CHF 1'410 für eine 3,5-
Zimmerwohnung in B._. Das Departement des Innern stellte diese Eingabe
zuständigkeitshalber und in der Hoffnung auf eine Einigung dem Sozialamt X._ zu.
Dieses wies R._ mit Schreiben vom 27. März 2019 darauf hin, dass die Richtlinien der
Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (nachfolgend: SKOS-Richtlinien) im Kanton
St. Gallen nicht verbindlich seien und der ortsübliche Mietzins für einen
Zweipersonenhaushalt CHF 1'050 pro Monat betrage. In der Beilage finde er eine
günstigere Wohnung für CHF 1'241 pro Monat. Es stehe ihm frei, sich für diese
Wohnung zu bewerben.
C.
Mit Schreiben vom 28. März 2019 erhob R._ dagegen Rekurs beim Departement des
Innern. Er machte geltend, die Richtlinien der Gemeinde X._ seien völlig unrealistisch
und nicht umsetzbar. Nach Erledigung des Beschwerdeverfahrens betreffend
Nichteintreten auf das Sozialhilfegesuch mangels örtlicher Zuständigkeit vor dem
Verwaltungsgericht wurde das Rekursverfahren betreffend Wohnkosten vor dem
Departement des Innern fortgesetzt. Mit Entscheid vom 10. November 2020 trat das
Departement des Innern nicht auf den Rekurs ein.
D.
Mit Schreiben vom 23. November 2020 an das Departement des Innern (Vorinstanz)
erhob R._ (Beschwerdeführer) Beschwerde gegen dessen Entscheid vom
10. November 2020. Die Beschwerde wurde zuständigkeitshalber an das
Verwaltungsgericht überwiesen. Der Beschwerdeführer stellt darin sinngemäss den
Antrag auf Aufhebung des Entscheides der Vorinstanz und Gutheissung seines
Rekurses, indem das Sozialamt X._ als Miete für eine 3,5-Zimmerwohnung den Betrag
CHF 1'530 pro Monat zu bewilligen habe.
Die Vorinstanz verwies in ihrer Vernehmlassung vom 3. Dezember 2020 auf die
Ausführungen im angefochtenen Entscheid. Mit Eingabe vom 5. Januar 2021
verzichtete die politische Gemeinde X._ (Beschwerdegegnerin) auf eine
Vernehmlassung. Am 26. Januar 2021 reichte der Beschwerdeführer eine
Stellungnahme ein.
Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge sowie die
Akten wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachstehenden Erwägungen
eingegangen.
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Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
(...).
2.
Zur Erhebung des Rekurses ist berechtigt, wer an der Änderung oder Aufhebung der
Verfügung oder des Entscheids ein schutzwürdiges Interesse dartut (Art. 45 Abs. 1
VRP). Vorausgesetzt werden eine formelle und eine materielle Beschwer. Die formelle
Beschwer ist erfüllt, wenn die rechtssuchende Partei im Verfahren vor der Vorinstanz
teilgenommen hat und mit ihren Anträgen nicht oder nicht vollständig durchgedrungen
ist (Geisser/Zogg, in: Rizvi/Schindler/Cavelti [Hrsg.], Gesetz über die
Verwaltungsrechtspflege, Praxiskommentar, Zürich/St. Gallen 2020, N 6 zu Art. 45
VRP). Materiell beschwert ist, wer über eine spezifische Beziehungsnähe zur
Streitsache verfügt und einen praktischen Nutzen aus der Aufhebung oder Änderung
des angefochtenen Entscheids zieht. Das Anfechtungsinteresse muss aktuell sein, d.h.
die rechtliche und tatsächliche Situation des Betroffenen muss durch den Ausgang des
Verfahrens beeinflusst werden können. Davon kann nur abgewichen werden, wenn sich
die mit dem Rechtsmittel aufgeworfenen grundsätzlichen Fragen unter ähnlichen
Umständen wieder stellen können, ohne dass im Einzelfall rechtzeitig eine richterliche
Prüfung möglich wäre, und deren Beantwortung im öffentlichen Interesse liegt (vgl.
VerwGE B 2016/2 vom 20. Januar 2017 E. 1.2.2, VerwGE B 2014/247 vom 30. Juni
2015 E. 1.2 und VerwGE B 2014/138 vom 11. November 2014 E. 1 je mit Hinweisen auf
die bundesgerichtliche Rechtsprechung).
2.1.
Anfechtungsobjekt im vorinstanzlichen Verfahren war ein Schreiben der
Beschwerdegegnerin vom 27. März 2019. Darin nahm sie zu einem Schreiben des
Beschwerdeführers vom 18. März 2019 Stellung, worin dieser sein Interesse an einer
Mietwohnung in B._ für CHF 1'410 pro Monat bekundet und die Übernahme der
Mietzinskosten durch das Sozialamt X._ beantragt hatte. Die Beschwerdegegnerin
führte dazu aus, dass die SKOS-Richtlinien im Kanton St. Gallen nicht
rechtsverbindlich seien, sondern jede Gemeinde ihre eigenen Unterstützungsrichtlinien
erlasse, worin die ortsüblichen Mietzinse geregelt seien. Für einen
Zweipersonenhaushalt könne das Sozialamt maximal CHF 1'050 pro Monat inkl.
Nebenkosten übernehmen. Die Beschwerdegegnerin lehnte damit den Antrag des
Beschwerdeführers, den Mietzins im Betrag von CHF 1'410 zu übernehmen,
2.2.
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3.
Zu prüfen ist einzig, ob die Vorinstanz zurecht nicht auf den Rekurs eingetreten ist.
sinngemäss ab.
Auf den dagegen erhobenen Rekurs trat die Vorinstanz nicht ein. Sie führte in ihren
Erwägungen aus, das Schreiben der Beschwerdegegnerin vom 27. März 2019 sei
unabhängig von seiner Form als anfechtbare Verfügung zu qualifizieren und stelle ein
taugliches Anfechtungsobjekt dar. Indem der Beschwerdeführer die von ihm
vorgeschlagene Wohnung an der M._-strasse 00_ in B._ (für CHF 1'410) nicht
bezogen habe, sei sein aktuelles Interesse an einem Entscheid betreffend Bestätigung
des Wohnbudgets für jene Wohnung dahingefallen. Bereits im vorangegangenen
Rekursverfahren habe der Beschwerdeführer eine Wohnbudget-Bestätigung im Betrag
von CHF 1'470 verlangt. Diesbezüglich sei im rechtskräftigen Entscheid vom 4. April
2019 festgehalten worden, dass die Gemeinde X._ nicht verpflichtet sei, eine solche
Bestätigung im Voraus auszustellen. Ein entsprechender Anspruch könne aus keiner
Rechtsgrundlage abgeleitet werden. Es könne daher auf die Ausführungen in jenem
Entscheid verwiesen werden. Ein Rechtsschutzinteresse an einem erneuten Entscheid
des Departements des Innern sei nach dem Gesagten nicht ersichtlich. Somit fehle es
an der Rekursberechtigung, weshalb auf den Rekurs nicht einzutreten sei. Auf die
Frage, ob die Beschwerdegegnerin überhaupt örtlich zuständig war, den
sozialhilferechtlichen Antrag des Beschwerdeführers materiell zu behandeln, ging die
Vorinstanz nicht ein. Noch im Entscheid vom 4. April 2019 hatte sie dazu erwogen,
dass die Absicht, sich in einer bestimmten Gemeinde aufhalten zu wollen, für die
Begründung eines Unterstützungswohnsitzes allein nicht genüge, sondern auch der
effektive Aufenthalt dort verlangt werde, was beim Beschwerdeführer nicht der Fall sei.
Wer für seinen Lebensunterhalt nicht hinreichend oder nicht rechtzeitig aus eigenen
Mitteln aufkommen kann, hat Anspruch auf finanzielle Sozialhilfe (Art. 9 Abs. 1 des
Sozialhilfegesetzes, sGS 381.1, SHG). Laut Art. 115 der Bundesverfassung der
Schweizerischen Eidgenossenschaft (SR 101, BV) werden Bedürftige von ihrem
Wohnkanton unterstützt. Nach kantonalem Recht ist die politische Gemeinde zuständig
für die Leistung der persönlichen (betreuenden und finanziellen) Sozialhilfe (Art. 3
Abs. 1 SHG). Gemäss Art. 3 Abs. 2 und Art. 24 SHG richten sich die Zuständigkeit,
Unterstützungswohnsitz und Verfahren nach dem Bundesgesetz über die Zuständigkeit
für die Unterstützung Bedürftiger (Zuständigkeitsgesetz, SR 851.1, ZUG). Nach Art. 4
Abs. 1 ZUG hat der Bedürftige seinen Unterstützungswohnsitz in dem Kanton, in dem
3.1.
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er sich mit der Absicht dauernden Verbleibens aufhält. Dieser Kanton wird als
Wohnkanton bezeichnet. Zur Begründung eines Wohnsitzes müssen zwei Merkmale
erfüllt sein: Ein objektives äusseres, der Aufenthalt, sowie ein subjektives inneres, die
Absicht dauernden Verbleibens. Nach der Rechtsprechung kommt es nicht auf den
inneren Willen, sondern vielmehr darauf an, welche Absicht objektiv erkennbar ist
(VerwGE B 2016/189 vom 27. September 2017 E. 3.1.1, B 2011/154 vom 20. März
2012 E. 2.1.1). Für die Ermittlung der subjektiven Absicht des dauernden Verbleibens
sind alle Elemente der äusserlichen Gestaltung der Lebensverhältnisse zu
berücksichtigen. Dem Unterstützungswohnsitz gemäss Art. 4 ZUG liegt
begriffsimmanent eine räumliche und persönliche Beziehung einer Person zu einer
bestimmten Gemeinde zugrunde (BGer 8C_530/2014 vom 7. November 2014 E. 3.3).
Der Unterstützungswohnsitz beginnt demnach mit der tatsächlichen Niederlassung,
wobei weder an die Absicht noch an die Dauer des Verbleibens zu strenge
Anforderungen gestellt werden; massgebend ist vielmehr, dass sich der
Lebensmittelpunkt wirklich am neuen Ort befindet, und zwar auch dann, wenn der
Aufenthalt von kurzer Dauer ist (BGE 137 II 122 E. 3.6, BGer 8C_530/2014 vom
7. November 2014 E. 3.4, B 2016/189 vom 27. September 2017 E. 3.1.1, W. Thomet,
Kommentar zum Bundesgesetz über die Zuständigkeit für die Unterstützung
Bedürftiger, 2. Aufl. 1994, Rz. 100 mit Hinweisen). Absichtserklärungen der bedürftigen
Person kommen keine rechtliche Bedeutung zu; sie sind als Indizien der subjektiven
Absicht zu würdigen (Thomet, a.a.O., Rz. 101). Eine vorgängig eingeholte verbindliche
Auskunft der künftig zuständigen Behörde ist folglich mangels Zuständigkeit nicht
möglich, solange kein Unterstützungswohnsitz begründet wurde.
An der Sach- und Rechtslage bezüglich des Unterstützungswohnsitzes des
Beschwerdeführers hat sich seit der letztmaligen Beurteilung durch die
Beschwerdegegnerin (Nichteintretensverfügung vom 5. Dezember 2018), die Vorinstanz
(ablehnender Entscheid vom 4. April 2019) und das Verwaltungsgericht (ablehnender
Entscheid vom 2 Juli 2019) nichts geändert. Der Beschwerdeführer wohnt nach wie vor
in Q._ im Kanton Luzern, wo er auch Sozialhilfe bezieht. Er hat sich in der Gemeinde
X._ bisher nicht niedergelassen und damit keinen Wohnsitz begründet. Für einen
Wechsel des Unterstützungswohnsitzes wäre ein Wegzug erforderlich, was bedeuten
würde, dass er die Unterkunft in Q._ tatsächlich aufgegeben haben und nach A._
oder B._ gezogen sein müsste. Dies ist nach wie vor nicht geschehen. Die Beteuerung
des Beschwerdeführers, er wolle nach B._ ziehen, und sein Vorbringen, er begründe
hiermit in schriftlicher Form seinen zivilrechtlichen sowie Unterstützungswohnsitz in
B._, stellt seine rein subjektive, bis anhin aber noch nicht in die Tat umgesetzte
3.2.
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4.
Dem Verfahrensausgang entsprechend – die Beschwerde wird abgewiesen – sind die
amtlichen Kosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von CHF 1'500 erscheint angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12, GKV). Auf die Erhebung der Kosten ist
Absicht dar. Wie eingangs dargelegt, reicht dies nicht aus, um in der Gemeinde X._
einen Unterstützungswohnsitz zu begründen, aufgrund dessen die
Beschwerdegegnerin verpflichtet gewesen wäre, den am 18. März 2019 gestellten
sozialhilferechtlichen Antrag des Beschwerdeführers für ein Wohnkosten-Budget über
den Betrag von CHF 1'410 materiell zu behandeln.
Daraus folgt, dass der Beschwerdeführer, solange sich sein Unterstützungswohnsitz
nicht in der Gemeinde X._ befindet, keinen Anspruch auf inhaltliche Überprüfung der
zulässigen Höhe von möglichen Wohnkosten hat. Im Ergebnis sind die negativen
Bescheide der Beschwerdegegnerin und der Vorinstanz, wenn auch mit einer anderen
Begründung, korrekt ausgefallen. Aufgrund der fehlenden örtlichen Zuständigkeit der
Beschwerdegegnerin hätte die Vorinstanz den Rekurs abweisen müssen. Insofern
erweist sich der Nichteintretensentscheid nicht als richtig. Da jedoch auch mit einer
Rück- und anschliessenden Abweisung dem Antrag des Beschwerdeführers auf
Bewilligung eines bestimmten Betrages für die Miete einer Wohnung nicht entsprochen
wird, ändert dies für ihn nichts. Deshalb ist auf eine Aufhebung des angefochtenen
Rekursentscheides samt Rückweisung zu neuem Entscheid aus prozessökonomischen
Gründen zu verzichten. Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
3.3.
Bei diesem Ergebnis erübrigen sich weitere Ausführungen zu den Vorbringen des
Beschwerdeführers betreffend die Überprüfung der gemeindeeigenen
Unterstützungsrichtlinien, die Befangenheit der Leiterin des Sozialamtes der Gemeinde
X._ und die sachliche Beurteilung des Falles durch eine externe Stelle. Der
Vollständigkeit halber ist nochmals darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer
jederzeit berechtigt ist, seinen Wohnsitz in die Gemeinde X._ zu verlegen. Sobald er
dort seinen Unterstützungswohnsitz begründet hat, kann er ein Sozialhilfegesuch für
seine notwendigen Auslagen, inklusive Miete, einreichen, über welches das Sozialamt
der Beschwerdegegnerin anschliessend zu befinden haben wird. Zur Frage der
Wohnungsgrösse hat die Vorinstanz bereits in ihrem Entscheid vom 4. April 2019
ausgeführt, es sei nicht zumutbar, dass der damals 14-, heute 16-jährigen Tochter kein
eigenes Zimmer zur Verfügung stehe.
3.4.
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St.Galler Gerichte
indessen aufgrund der Sozialhilfebedürftigkeit des Beschwerdeführers und der
voraussichtlichen Uneinbringlichkeit ausnahmsweise zu verzichten (Art. 97 VRP).
Ausseramtliche Kosten wurden keine beantragt; sie wären bei diesem
Verfahrensausgang ohnehin nicht zu entschädigen (Art. 98 und 98 VRP).