Decision ID: 2981f62c-de13-596c-b561-e67127a40896
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 18. Januar 2016 in der Schweiz für sich
und ihre beiden älteren Kinder um Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur
Person vom 27. Januar 2016 (BzP; Protokoll in den SEM-Akten A3/12) und
der Anhörung vom 11. September 2017 (Anhörung; Protokoll in den SEM-
Akten A19/24) machte sie im Wesentlichen Folgendes geltend:
Sie sei eritreische Staatsangehörige tigrinischer Ethnie, in E._,
Subzoba F._, Zoba Maekel, geboren, wo sie gelebt habe, bis ihre
Eltern sie mit (...) Jahren verheiratet hätten. Im September (...) habe sie
aufgrund der Heirat mit G._, dem Vater der beiden älteren Kinder,
die Schule in der 7. Klasse abgebrochen und sei nach H._, Sub-
zoba I._, Zoba Maekel, dem Heimatort ihres Ehemannes, gezogen.
Dort habe sie in der Landwirtschaft gearbeitet. Ihr Ehemann sei im Militär-
dienst gewesen und habe im Jahr (...) das Land verlassen. 2010 sei der
Kontakt abgebrochen. Nach seiner Ausreise habe sie Schwierigkeiten mit
den eritreischen Behörden bekommen, sei einmal mitgenommen und zum
Verbleib ihres Ehemannes befragt worden. Nachdem sie gesagt habe, ihr
Mann sei bei der Einheit, habe man sie in Ruhe gelassen; ab 2010 habe
man sie deswegen nicht mehr behelligt (A3 Ziff. 7.02) beziehungsweise sie
sei immer wieder zu Hause gesucht worden bis ins Jahr 2014 (A19 F35
ff.).
Die Beschwerdeführerin gab weiter an, sie habe gegen Ende des Jahres
(...) auszureisen versucht, sei dabei jedoch festgenommen und inhaftiert
worden. Da ihre Schwiegerfamilie die Leistung einer Bürgschaft organisiert
habe, sei sie nach drei Monaten entlassen worden. Danach habe sie alle
sechs Monate zur Subzoba gehen und unterschreiben müssen. Nach ins-
gesamt einem Jahr und fünf Monaten hätten die Behörden, die für die Haft-
entlassung verantwortlich gewesen seien, die Überwachung eingestellt
und sie habe keine Unterschrift mehr leisten müssen. Da sie unter den
schwierigen Lebensbedingungen gelitten habe, ihren Ehemann habe su-
chen wollen und auch stets befürchtet habe, sie werde wegen ihres Ehe-
mannes erneut von den eritreischen Behörden aufgesucht, habe sie sich
im (...) 2015 erneut auf die Ausreise begeben. Mit ihren Kindern sei sie via
Asmara und Tesseney illegal über die Grenze in den Sudan gereist. In Li-
byen seien sie über drei Monate lang festgehalten worden. Nach sexuellen
Misshandlungen sei sie schwanger geworden.
E-320/2019
Seite 3
Weiter gab die Beschwerdeführerin an, zwei ihrer Brüder seien im Militär-
dienst gewesen, mittlerweile sei der eine aber ebenfalls in die Schweiz ge-
reist, der andere sei in Eritrea in Haft.
Die Beschwerdeführerin reichte eine Kopie ihrer eritreischen Identitäts-
karte (mit Übersetzung) zu den Akten.
B.
Am (...) gebar die Beschwerdeführerin ihr drittes Kind, welches in das Asyl-
verfahren einbezogen wurde.
C.
Mit Verfügung vom 17. Dezember 2018 verneinte die Vorinstanz die Flücht-
lingseigenschaft der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder und lehnte ihr
Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete sie ihre Wegweisung aus der Schweiz
an. Den Vollzug der Wegweisung schob sie jedoch zugunsten einer vorläu-
figen Aufnahme wegen Unzumutbarkeit auf.
D.
Mit Beschwerde vom 17. Januar 2019 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragt die Beschwerdeführerin die Aufhebung der angefochtenen Ver-
fügung, die Anerkennung als Flüchtling sowie die Gewährung von Asyl.
Eventualiter sei sie als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. Subeventualiter
sei die Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses sowie um Beiordnung des unterzeichnenden Rechtsvertre-
ters als amtlichen Rechtsbeistand.
E.
Am 21. Januar 2019 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein-
gang der Beschwerde und stellte fest, die Beschwerdeführerin und ihre
Kinder könnten den Ausgang des Verfahrens einstweilen in der Schweiz
abwarten.
F.
Mit Eingabe ebenfalls vom 21. Januar 2019 reichte der Sozialdienst des
Kantons J._ eine die Beschwerdeführerin betreffende Fürsorgebe-
stätigung ein.
E-320/2019
Seite 4
G.
Mit Zwischenverfügung vom 24. Januar 2019 stellte die Instruktionsrichte-
rin fest, die Beschwerdeführerin und ihre Kinder dürften den Ausgang des
Verfahrens in der Schweiz abwarten, hiess die Gesuche um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung gut, setzte
MLaw Ruedi Bollack als amtlichen Rechtsbeistand der Beschwerdeführe-
rin ein und lud die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
H.
Mit Vernehmlassung vom 28. Januar 2019 verzichtete das SEM auf eine
Stellungnahme und verwies auf seine Erwägungen im Asylentscheid. Die
Vernehmlassung wurde der Beschwerdeführerin tags darauf zur Kenntnis
zugestellt.
I.
Am 28. Februar 2019 ersuchte MLaw Ruedi Bollack um Entlassung aus
dem Amt als amtlicher Rechtsbeistand sowie um Einsetzung des rubrizier-
ten Rechtsvertreters an seiner statt.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 6. März 2019 entliess die Instruktionsrichterin
MLaw Ruedi Bollack aus dem Amt als amtlicher Rechtsbeistand und be-
stellte MLaw El Uali Emmhammed Said an dessen Stelle.
K.
Zwei Anfragen nach dem Verfahrensstand beantwortete die Instruktions-
richterin am 16. Juli 2019 und am 12. Oktober 2020.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
E-320/2019
Seite 5
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
Hinsichtlich des AsylG kommt das alte Recht zur Anwendung (Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September
2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist – abgesehen von der nachfolgenden Ausnahmen – einzu-
treten.
1.4 Nach konstanter Praxis des Bundesverwaltungsgerichts sind die Be-
dingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung (Unzuläs-
sigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit) alternativer Natur. Sobald eine
von ihnen erfüllt ist, ist der Wegweisungsvollzug als undurchführbar zu be-
trachten und die weitere Anwesenheit in der Schweiz gemäss den Bestim-
mungen der vorläufigen Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4).
Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung die vorläufige Auf-
nahme der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder zufolge Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs angeordnet. Hinsichtlich des Wegweisungsvoll-
zugs respektive der Anordnung der Ersatzmassnahme der vorläufigen Auf-
nahme ist die Beschwerdeführerin nach dem Gesagten nicht beschwert,
weshalb auf den diesbezüglichen Eventualantrag nicht einzutreten ist.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. Entsprechend über-
prüft das Bundesverwaltungsgericht die Verletzung von Bundesrecht, ein-
schliesslich Missbrauch und Überschreitung des Ermessens sowie die un-
richtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts.
3.
Der Antrag auf Rückweisung der Angelegenheit an die Vorinstanz wird
nicht präzise begründet. Soweit angeführt wird, die Anhörung und insbe-
sondere die BzP seien kurz ausgefallen, ist festzustellen, dass sich aus
E-320/2019
Seite 6
den Protokollen keine Hinweise darauf ergeben, dass die Beschwerdefüh-
rerin nicht all ihre Gründe hätte nennen können. Sie hat denn auch am
Ende der Befragung respektive Anhörung ausdrücklich bestätigt, keine
weiteren Gründe zu haben (vgl. A3 Ziff. 7.02, A19 F192). Hinsichtlich des
Einwandes, die für die Glaubhaftigkeit der Vorbringen der Beschwerdefüh-
rerin sprechenden Elemente seien nicht oder ungenügend berücksichtigt
worden, ist auf die nachfolgende materielle Beurteilung zu verweisen. Fest-
zustellen ist aber, dass das SEM die von der Beschwerdeführerin geltend
gemachte Haft im Jahr (...) zu Unrecht nur unter dem Aspekt der Asylge-
währung gewürdigt hat; sie erweist sich, wie später zu erwägen sein wird,
auch im Rahmen der Prüfung allfälliger subjektiver Nachfluchtgründe als
relevant. Vorliegend ist dennoch, nicht zuletzt aus prozessökonomischen
Gründen, ein reformatorischer Entscheid angezeigt. Dies erweist sich an-
gesichts dessen, dass der Sachverhalt hinreichend aus den Akten hervor-
geht und der Beschwerdeführerin mit diesem Vorgehen – aufgrund des
Verfahrensausgangs – kein Nachteil erwächst, als unproblematisch. Eine
Rückweisung der Sache ans SEM zu neuem Entscheid ist nicht gerecht-
fertigt und die entsprechende Rüge ist abzuweisen. Zu berücksichtigen ist
der Verfahrensfehler im Rahmen der Verfahrenskosten.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
E-320/2019
Seite 7
5.
5.1 Das SEM begründet seinen abweisenden Asylentscheid zunächst mit
der fehlenden Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Asylgründe. Die Be-
schwerdeführerin habe unterschiedliche Angaben zur Zeit nach der Aus-
reise ihres Ehemannes gemacht. Anlässlich der BzP habe sie erklärt, nur
einmal mitgenommen und befragt worden zu sein, danach sei sie in Ruhe
gelassen worden. An der Anhörung habe sie hingegen ausgesagt, bis ins
Jahr 2014 immer wieder zu Hause gesucht und aufgefordert worden zu
sein, sich bei der Verwaltung zu melden. Damit habe sie sich namentlich
zur Häufigkeit der Behördenbehelligungen, zur Art und Weise, wie diese
abgelaufen seien sowie zu deren Beendigung widersprochen. Die Angabe,
wonach sie den Soldaten bei einem Besuch erklärt habe, sie wisse ledig-
lich, dass ihr Ehemann weggegangen sei, widerspreche der Erklärung an-
lässlich der BzP, wonach sich ihr Ehemann bei der Einheit befinde. Ausser-
dem widerspreche es der Logik des Handelns, dass sie bei der Schwieger-
familie nie gesucht worden sei, obwohl für diese dieselbe Verwaltung zu-
ständig gewesen sei. Die Schilderungen in Bezug auf den Besuch der Sol-
daten bei ihr zu Hause, die Berichte der Nachbarn sowie die Lage bei der
Schwiegerfamilie in Bezug auf die Suche nach ihrem Ehemann seien aus-
serdem oberflächlich und schemenhaft ausgefallen. Sie habe die Wider-
sprüche nicht zu erklären und ihre Asylgründe somit im Kern nicht wider-
spruchsfrei darzulegen vermocht. Folglich habe sie nicht glaubhaft machen
können, dass die Soldaten sie nach dem Jahr (...) weiterhin gesucht hät-
ten. Überdies sei fraglich, ob die geltend gemachte Verfolgung überhaupt
kausal für ihre Flucht aus Eritrea sei.
Auch die geltend gemachte Überwachung nach der Haft habe spätestens
im Jahr (...) geendet, weshalb auch hier der Kausalzusammenhang zur
Flucht fehle und die Asylrelevanz diesbezüglich verneint werden müsse,
sofern überhaupt von der Glaubhaftigkeit ausgegangen werden könne. Auf
jeden Fall habe sie nicht glaubhaft machen können, bis ins Jahr 2014 we-
gen der Flucht ihres Ehemannes behelligt worden zu sein.
Die staatlichen Folgen der illegalen Ausreise des Ehemannes – Entzug der
Lebensmittelkarten, verweigertes Saatgut und Wegnahme eines Teils des
Grundstücks – hätten keine asylbeachtliche Intensität angenommen.
Allein aufgrund der illegalen Ausreise sei nicht mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit davon auszugehen, dass sie sich mit Sanktionen ihres Hei-
matstaates konfrontiert sehen würde, die ernsthafte Nachteile gemäss
Art. 3 Abs. 2 AsylG darstellen würden. Andere Anknüpfungspunkte, welche
E-320/2019
Seite 8
die Beschwerdeführerin in den Augen des eritreischen Regimes als miss-
liebige Person erscheinen lassen könnten, seien nicht ersichtlich. Nach-
teile, welche auf die allgemeinen politischen, wirtschaftlichen oder sozialen
Lebensbedingungen in einem Staat zurückzuführen seien, stellten keine
asylbeachtliche Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG dar.
Die geltend gemachte Vergewaltigung in Libyen sei nicht asylrelevant, zu-
mal diese sich nicht auf die Verfolgung in Eritrea auswirke.
5.2 Die Beschwerdeführerin entgegnet in ihrer Rechtsmittelschrift, die BzP
sei oberflächlich gewesen, weshalb nachvollziehbar sei, dass sie ihre Ge-
suchsgründe dort ebenfalls nur teilweise und oberflächlich habe präsentie-
ren können. Entgegen der Einschätzung der Vorinstanz würden sich ihre
Aussagen nicht diametral widersprechen, sondern sich ergänzen. Die
Kernaspekte der geltend gemachten Asylgründe seien sehr wohl bereits in
ihren Aussagen anlässlich der BzP erkennbar. Ausserdem habe es das
SEM unterlassen, eine umfassende Prüfung der Glaubhaftigkeit ihrer Vor-
bringen vorzunehmen. Hätte die Vorinstanz dies getan, hätte sie erkennen
müssen, dass die Schilderungen in einer Gesamtbetrachtung glaubhaft
seien. Sie habe in nachvollziehbarer Art und Weise erklären können, wie
die Behördenbesuche genau abgelaufen seien, und was sie während der
Inhaftierung erlebt habe. Überdies habe sie während der gesamten Anhö-
rung häufig Aussagen in direkter Rede wiedergegeben und mehrfach ihre
Gefühle nicht mehr kontrollieren können. Wäre sie in Eritrea geblieben,
hätten ihr weitere Inhaftierungen unter unmenschlichen Bedingungen ge-
droht.
Sollte wider Erwarten davon ausgegangen werden, dass sie zum Zeitpunkt
der Ausreise aus Eritrea keinen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt gewe-
sen sei, sei zu prüfen, ob sie wegen ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea
Nachfluchtgründe habe und ihr bei der Rückkehr ernsthafte Nachteile droh-
ten. Aufgrund ihrer früheren Inhaftierung sowie der illegalen Ausreise ihres
Ehemannes sei davon auszugehen, dass sie den eritreischen Behörden
bekannt sei und ihr bei einer Rückkehr eine erhöhte Aufmerksamkeit der
eritreischen Behörden zukommen würde. Somit liege in ihrem Fall neben
der illegalen ein weiterer Anknüpfungspunkt Ausreise vor, welcher sie in
den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen
lasse. Hinzu komme, dass sie einem hohen Risiko ausgesetzt wäre, im
Rahmen einer allfälligen Rekrutierung für den Nationaldienst Opfer von se-
xueller Gewalt zu werden.
E-320/2019
Seite 9
6.
6.1 Zunächst ist der rechtserhebliche Sachverhalt festzustellen. Diesbe-
züglich kommt das Bundesverwaltungsgericht nach einer eingehenden
Prüfung der Akten zu folgenden Schlüssen:
6.2 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ein reduziertes Beweismass und lässt durch-
aus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen. Demge-
genüber reicht es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt der
Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte we-
sentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachver-
haltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdi-
gung, ob die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung
sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise
abzustellen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1).
6.2.1 Der Vorinstanz ist dahingehend zuzustimmen, dass unglaubhaft ist,
dass die Beschwerdeführerin mehrere Jahre lang – bis 2014 – aufgrund
der Ausreise ihres Ehemannes behelligt worden sei. Um Wiederholungen
zu vermeiden kann diesbezüglich auf die Begründung der Vorinstanz in der
angefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. oben E. 5.1 sowie ange-
fochtene Verfügung II, Ziff. 1). Die Einwände in der Beschwerde überzeu-
gen nicht. Es gibt vorliegend insbesondere keinen Grund, die Aussagen an
der BzP nicht heranzuziehen, da jene an der Anhörung teilweise, insbe-
sondere hinsichtlich der Dauer und Form der Behelligungen nach der Aus-
reise des Ehemannes, diametral von jenen an der BzP abweichen.
Zutreffend ist auch, dass den Restriktionen im Alltag, die von den Behörden
verfügt worden seien aufgrund des Weggangs des Ehemannes, mangels
Intensität keine Asylrelevanz zukommt (vgl. E. 5.1 sowie angefochtene Ver-
fügung II Ziff. 1 und Ziff. 2.2). Immerhin ist diesbezüglich festzuhalten, dass
auch die Vorinstanz nicht in Abrede stellt, dass die Beschwerdeführerin
aufgrund des Verschwindens des Ehemannes aus dem Militärdienst in den
Fokus der eritreischen Behörden gelangt ist.
6.2.2 Die Vorinstanz äusserte sich nicht zur Glaubhaftigkeit der geltend ge-
machten Haft im Jahr (...), stellte sie allerdings auch nicht in Frage. Einen
Vorbehalt erhebt sie einzig hinsichtlich den mit der Haftentlassung verbun-
denen Auflagen. Sie spricht der Haft aber mangels zeitlichem Kausalzu-
sammenhang zwischen dem Ende der Überwachung (2012) und der Aus-
reise die Asylrelevanz ab. Dabei hat das SEM übersehen, dass der Haft im
E-320/2019
Seite 10
Hinblick auf die bundesverwaltungsgerichtliche Rechtsprechung (vgl.
nachfolgend E. 7) – zusätzliche Anknüpfungspunkte zur illegalen Ausreise
– Relevanz zukommen kann.
Zwar ist festzuhalten, dass die Aussagen der Beschwerdeführerin auch in
Bezug auf die geltend gemachte Haft und die anschliessende Überwa-
chung teilweise eher oberflächlich und kurz ausgefallen sind. Gleichzeitig
enthalten sie aber – wie nachfolgend dargelegt – auch zahlreiche Details.
Zudem fällt auf, dass die Beschwerdeführerin auch auf Fragen, deren
Glaubhaftigkeit nicht in Frage steht, eher kurze Antworten gab, so zum Bei-
spiel zur Ausreise ihres Ehemannes (vgl. A3 Ziff. 1.14), zur Haft ihres Bru-
ders (vgl. A19 F11 ff.) oder zu ihrem Leben in Eritrea (vgl. A19 F20 ff.).
Kurze und auf Anhieb oberflächlich wirkende Antworten scheinen denn
auch insgesamt ihrer Erzählweise zu entsprechen, sei es bedingt durch
ihre Persönlichkeit, ihrer Herkunft aus einem ländlichen, traditionellen Ge-
biet (vgl. u.a. ebd. F26, F88) und kulturell bedingter Angewohnheiten.
Diese Umstände sind in der Gesamtbeurteilung der Glaubhaftigkeit der
Aussagen der Beschwerdeführerin miteinzubeziehen.
Die Beschwerdeführerin hat sowohl an der BzP, wie auch anlässlich der
Anhörung zu Protokoll gegeben, im Jahr (...) einen Ausreiseversuch unter-
nommen zu haben, dabei aber angehalten und drei Monate lang inhaftiert
worden zu sein. Den Beweggrund für die versuchte Ausreise und wie sie
dabei festgenommen worden sei, schildert sie übereinstimmend und nach-
vollziehbar (vgl. A3 Ziff. 7.02, A19 F56, F59 ff.). Sie war auch im Stande,
einige Details zu nennen. So beschrieb sie das Gefängnisareal (vgl. A19
F66 ff., F70 – F74), erklärte, dass ihr Besuch nur Kleider für sie habe ab-
geben, sie aber nicht habe sehen dürfen (ebd. F62 und F76), schilderte wie
sie sich mit zahlreichen kranken Frauen in einem Raum gefühlt habe (ebd.
F75), erzählte, wie Regelbrecher bestraft wurden (ebd. F63 f.), was sie zu
essen erhalten habe (ebd. F62) und wie sie über Beziehungen zur Bürg-
schaft gelangt sei (ebd. F77 – F83). Im Zusammenhang mit dieser Bürg-
schaft beschreibt sie beispielsweise auch spontan und nachvollziehbar,
wie sie sich bei ihrem einzigen Anruf an ihre Schwiegerfamilie gewendet
habe, da ihre eigene Familie keine Möglichkeit gehabt hätte, einen Bürgen
zu finden (ebd. F88). Auch die Beschreibung ihrer Entlassung wirkt in Be-
rücksichtigung ihrer spezifischen Erzählweise erlebnisnah (ebd. F83 – F87,
F89 – F94). Wissenslücken gab sie als solche zu erkennen (ebd. F79 f.,
F100) und Gespräche gab sie oft in direkter Rede wieder (ebd. F60, F82,
F91 f., F94, F99, F101). Übertreibungen finden sich in diesem Zusammen-
hang keine. So gibt sie klar zu Protokoll, in Haft selbst nie bestraft oder
E-320/2019
Seite 11
krank (ge)worden zu sein (ebd. F65 und F75). Der Vorhalt des SEM hin-
sichtlich den Kontrollen der Beschwerdeführerin nach der Haftentlassung
bis ins Jahr 2012 sind nicht gänzlich unberechtigt. Auf der anderen Seite
gibt sie selbst an, diese Massnahmen seien nicht schwerwiegend gewesen
(vgl. A3 Ziff. 7.02, A19 F96, F104). Zeitlich – sie habe rund fünfzehn Monate
unter Beobachtung gestanden – sind ihre Angaben übereinstimmend, auch
dass sie in dieser Zeit zweimal Unterschrift geleistet habe. Der vom SEM
erkannte Widerspruch wird auch durch ihre Antwort auf die Frage nach al-
len Überwachungsmassnahmen relativiert, wenn sie angibt, sowohl auf der
Subzoba Unterschrift geleistet zu haben, also auch, dass man kontrolliert
habe, ob sie noch da sei (vgl. A19 F97).
6.2.3 Zusammenfassend konnte die Beschwerdeführerin jedenfalls glaub-
haft machen, (...) bei einem Ausreiseversuch inhaftiert und drei Monate
lang festgehalten worden und anschliessend noch für eine gewisse Zeit
unter Beobachtung gewesen zu sein, die aber spätestens im Jahr 2012
geendet hat. Damit ist auch gesagt, dass der Haft – wie vom SEM zutref-
fend erwogen – mangels zeitlichem Kausalzusammenhang keine Asylrele-
vanz zukommt.
6.3 Nach dem Gesagten hat die Vorinstanz korrekt erwogen, dass die Be-
schwerdeführerin im Zeitpunkt ihrer Ausreise keine ernsthaften Nachteile
zu befürchten hatte. Soweit sie auf Beschwerdeebene erstmals den allfäl-
ligen Einzug in den Nationaldienst vorbringt, ist nicht wahrscheinlich, dass
ihr dieser im Zeitpunkt der Ausreise bevorgestanden hätte oder heute be-
vorstehen würde. Abgesehen davon, ist der Einzug in den National- oder
Militärdienst für sich alleine nach konstanter Rechtsprechung nicht asylre-
levant.
Das SEM hat das Asylgesuch der Beschwerdeführerin zu Recht abgelehnt.
7.
7.1 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen
des Landes – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht
sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG gel-
tend. Diese begründen die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3
AsylG, führen jedoch zum Ausschluss des Asyls. Stattdessen werden Per-
sonen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft
machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE
2009/28 E. 7.1).
E-320/2019
Seite 12
7.2 Bezogen auf Eritrea reicht gemäss aktueller Praxis des Bundesverwal-
tungsgerichts eine illegale Ausreise allein zur Begründung der Flüchtlings-
eigenschaft nicht aus. Vielmehr ist eine flüchtlingsrechtlich relevante Ver-
folgungsgefahr nur dann anzunehmen, wenn zusätzliche Anknüpfungs-
punkte vorliegen, welche zu einer Schärfung des Profils führen (vgl. Refe-
renzurteil des Bundesverwaltungsgerichts D-7898/2015 vom 30. Januar
2017 E. 4.1 und 5.1 f.).
7.2.1 Die angefochtene Verfügung setzt sich in diesem Punkt zu Unrecht
nicht mit der früheren Haft der Beschwerdeführerin auseinander. An der
illegalen Ausreise hegt das SEM – zu Recht – keine Zweifel. Wie in Erwä-
gung 6.2.3 ausgeführt, ist ebenfalls glaubhaft, dass die Beschwerdeführe-
rin (...) unter dem Vorwurf, das Land illegal verlassen zu wollen, inhaftiert
worden ist. Nicht bestritten ist sodann die geltend gemachte Desertion des
Ehemannes der Beschwerdeführerin, in deren Folge auch sie in den Fokus
geriet, wenn auch nicht in asylrelevantem Ausmass. Der eine Bruder der
Beschwerdeführerin – K._(N [...]) – der ebenfalls aus dem Militär-
dienst geflohen sei (vgl. A3 Ziff. 3.03, A19 F11, F189), hat inzwischen in
der Schweiz Asyl erhalten. Schliesslich sei ein anderer Bruder L._,
der im Militärdienst gewesen sei, in Eritrea inhaftiert worden (vgl. A3 Ziff.
3.01 und A19 F 12 – F14, F16).
7.2.2 Damit ist die Beschwerdeführerin den eritreischen Behörden bereits
einmal missliebig aufgefallen. Sie hat ferner mindestens drei nahe Ange-
hörige, die in deren Fokus geraten sind. Entgegen der Auffassung der Vor-
instanz sind damit zusätzliche Anknüpfungspunkte vorhanden, die zusam-
men mit der illegalen Ausreise die Furcht vor Verfolgung im aktuellen Zeit-
punkt objektiv zu begründen vermögen. Auch wenn den Ereignissen in
asylrechtlicher Hinsicht keine eigenständige Bedeutung zukommt (vgl.
E. 6.3), sind damit zusätzliche Faktoren gegeben, die zusammen mit der
illegalen Ausreise die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin be-
gründen (vgl. u.a. Urteile des BVGer E-1221/2018 vom 24. April 2020
E. 6.1.2, E-5429/2017 vom 18. November 2019 E. 5; E-2662/2017 vom
25. Juni 2019 E. 10.4).
7.3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 Abs. 1 AsylG erfüllt. Ihre Kinder sind
gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG in ihre Flüchtlingseigenschaft einzubezie-
hen.
E-320/2019
Seite 13
8.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das Staatssekretariat in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an, wenn es das Asylge-
such ablehnt oder darauf nicht eintritt.
Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Auf-
enthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Auch kein anderer
Grund nach Art. 32 Abs. 1 Asylverordnung über Verfahrensfragen (AsylV1;
SR 142.311) ist ersichtlich. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht an-
geordnet.
9.
Die Beschwerdeführerin und ihre Kinder erfüllen die Flüchtlingseigen-
schaft. Die dürfen damit aufgrund des flüchtlingsrechtlichen Refoulement-
verbots nach Art. 5 Abs. 1 AsylG und Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30)
nicht zur Ausreise in ihren Heimatstaat gezwungen werden, und der Voll-
zug der Wegweisung erweist sich als unzulässig.
10.
Nach dem Gesagten verletzt die angefochtene Verfügung teilweise Bun-
desrecht und die Beschwerde ist teilweise gutzuheissen. Die Dispositivzif-
fer 1 der angefochtenen Verfügung des SEM vom 17. Dezember 2018 ist
aufzuheben und die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin und ih-
rer Kinder anzuerkennen. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen, so-
weit darauf einzutreten ist.
11.
11.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung
sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen auf-
zuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die Be-
schwerdeführerin ist bezüglich ihres Antrags auf Gewährung von Asyl un-
terlegen. Betreffend die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft hat sie
obsiegt. Grundsätzlich hätte sie entsprechend teilweise Verfahrenskosten
zu tragen. In Berücksichtigung des formellen Fehlers der angefochtenen
Verfügung sind die reduzierten Verfahrenskosten zu erlassen (Art. 63
Abs. 1 VwVG).
11.2 Der Beschwerdeführerin ist für ihr teilweises Obsiegen eine reduzierte
Parteientschädigung zu Lasten der Vorinstanz zuzusprechen (Art. 64
E-320/2019
Seite 14
VwVG; Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht. Auf die
Nachforderung einer solchen kann jedoch verzichtet werden, da sich der
Aufwand zuverlässig abschätzen lässt (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Die von der
Vorinstanz zu entrichtende reduzierte Parteientschädigung ist in Berück-
sichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE)
auf Fr. 700.– festzusetzen.
11.3 Soweit die Beschwerdeführerin unterliegt, ist ihrem Rechtsvertreter
für seine Aufwendungen im Beschwerdeverfahren ein Honorar zu Lasten
der Gerichtskasse auszurichten. In Berücksichtigung des massgeblichen
Stundenansatzes für die amtliche Vertretung (vgl. Zwischenverfügung vom
24. Januar 2019; Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 sowie Art. 8 Abs. 2 VGKE) ist
das amtliche Honorar auf Fr. 300.– festzusetzen. Im Gesuch um Entlas-
sung aus dem amtlichen Mandat vom 28. Februar 2019 hat MLaw Ruedy
Bollack seinen Honoraranspruch an die HEKS Rechtsberatungsstelle für
Asylsuchende (...) abgetreten. Dem mit Zwischenverfügung vom 6. März
2019 neu eingesetzten amtliche Rechtsvertreter, MLaw El Uali Emmham-
med Said ist seitens des Bundesverwaltungsgerichts ein Honorar von Fr.
300.– auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
E-320/2019
Seite 15