Decision ID: 76d55096-c62f-4df9-8d19-82637d36a750
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1980, absolvierte die Handelsschule (Urk. 6/2 Ziff. 5.3), arbeitet jedoch seit dem Jahre 2006 als Hauswartin (Urk. 6/2 Ziff. 5.4). A
m
7. Mai 2019 meldete sie sich unter Hinweis auf chronische Schmerzen sowie eine mittelschwere Depression
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 6/2 Ziff. 6.1). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, tätigte in der Folge medizinische
(Urk. 6/21)
sowie
erwerbliche Abklärungen (Urk. 6/9
-10
) und zog die Akten des Krankentaggeldversicherers bei
, welcher im August 2019 eine psychiatrische Begutachtung veranlasst hatte
(Urk. 6/4
, Urk. 6/16
, Urk. 6/32
)
.
Mit Schreiben vom 4. Mai 2020 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, es seien derzeit keine Eingliederungsmassnahmen möglich (Urk. 6/23). Nach
durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk.
6/26
,
Urk. 6/42, Urk. 6/46
, Urk. 6/50-60
)
verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 28. Januar 2021 einen Leistungsanspruch
der Versicherten
(Urk. 6/62 = Urk. 2)
.
2.
Die Versicherte erhob am 4. März 2021 Beschwerde gegen die Verfügung vom 28. Januar 2021
(Urk. 2)
und beantragte die
Zusprache
beruflicher Massnahmen und einer Rente sowie die Durchführung einer medizinischen Begutachtung, eventuell die Rückweisung zur weiteren Abklärung
(Urk. 1 S. 2). Mit Beschwerde
antwort vom 22. April 2021 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 5), was der Beschwerdeführerin am 29. April 2021 mitgeteilt wurde (Urk. 7).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts
,
ATSG)
. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurtei
lung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
Nach der Rechtsprechung kommt auch den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärztinnen und Ärzte Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 125 V 351 E. 3b/
ee
).
Das Anstellungsverhältnis einer versicherungsinternen Fachperson zum Versiche
rungsträger alleine lässt nicht schon auf mangelnde Objektivität und Befangen
heit schliessen (BGE 137 V 210 E. 1.4, 135 V 465 E. 4.4). Soll ein Versicherungs
fall jedoch ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklä
rungen vorzunehmen (BGE 142 V 58 E. 5.1, 139 V 225 E. 5.2, 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7).
1.4
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nach
weis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweis
losigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Januar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
1.5
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwierige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrele
vante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin führte in der angefochtenen Verfügung vom 28. Januar 2021 aus, aus versicherungsmedizinischer Sicht könne bei einer mittelgradigen depressiven Episode keine gesundheitliche Einschränkung angenommen werden, welche eine dauerhafte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit begründen könne. Ein schwerwiegendes psychisches Leiden sei nicht ausgewiesen (Urk. 2 S. 1). Aus psychiatrischer Sicht seien im
Vorbescheidverfahren
keine neuen, unberücksich
tigten medizinischen Fakten oder Tatsachen vorgebracht worden. Es handle sich um eine neue Beurteilung des im Wesentlichen gleichen Sachverhaltes. Da im Jahr 2019 zwei Gutachten erstellt worden seien und die schwierige familiäre sowie arbeitsplatzbezogene Situation der Besserung des Krankheitsverlaufes entgegenstünden, bestehe keine Notwendigkeit für eine erneute Begutachtung. Bezüglich der neuen Beschwerden am oberen Sprunggelenk rechts sowie der
chronifizierten
Schmerzproblematik gebe es keine aktenkundigen Angaben zur Arbeitsfähigkeit.
Aus orthopädischer Sicht bestehe eine Einschränkung für schwere und mittelschwere Tätigkeiten. Die Beschwerdeführerin arbeite jedoch im kaufmännischen Bereich (S. 2).
Ergänzend dazu führte die Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort vom 22. April 2021 aus, Mobbing sei nicht als einziger psychosozialer Faktor vordergründig. Vielmehr
bestünden
auch private Belastungen wie körperliche Veraus
gabung im Zusammenhang mit der Bodybuilding-Meisterschaft und Partnerschaftskonflikte (Urk. 5 S. 1 f.).
2.2
Demgegenüber machte die Beschwerdeführerin geltend,
infolge einer mehrmona
tigen Überlastung am Arbeitsplatz habe sie im November 2018 ein Burnout erlitten. Zusätzlich seien eine mittelgradige depressive Episode sowie erhebliche Schmerzen insbesondere im Schulter-Nacken-Bereich diagnostiziert worden (Urk. 1 S. 6
Rz
15).
I
m Dezember 2019
habe sie
eine tagesstationäre Behandlung begonnen (S. 6 f.
Rz
18). Trotz der intensiven Therapie habe sich ihr Gesundheits
zustand nicht gebessert, im Gegenteil. Die Ärzte würden aktuell nicht mehr mit einer raschen Besserung rechnen. Auch nach der intensiven tagesklinischen Behandlung über mehrere Monate habe sich ihr Zustand kaum stabilisiert. Die Befundlage habe sich kaum verändert. Einzig eine leichte Verbesserung der Antriebslosigkeit habe beobachtet werden können. Weiterhin unverändert bestehe eine vollständige Arbeitsunfähigkeit (S. 7
Rz
20). Zusätzlich zur psychi
schen Erkrankung leide sie auch unter somatischen Problemen (S. 8
Rz
21). Korrekt sei, dass
aufgrund einer
zeitweise schwierige
n
Beziehung und Probleme
n
am Arbeitsplatz
gewisse psychosoziale Faktoren
bestanden hätten. Mit der Kündigung habe das Mobbing jedoch geendet (S. 10
Rz
29).
Die Berichte de
r
Psychiatrie Y._
würden keinen Rückschluss darauf zulassen, dass sie ausschliesslich infolge einer psychosozialen Belastungssituation krank sei. Die Gutachten von Dr.
Z._
und Dr.
A._
seien zudem nicht mehr aktuell, diese seien vor der monatelangen tagesstationären Behandlung verfasst worden und würden den seitherigen Verlauf nicht b
erücksichtigen (S. 10
Rz
31). Ungenügend sei zudem die Auseinandersetzung des RAD mit den gestellten Diagnosen (S. 11
Rz
33). Es stehe fest, dass sie seit dem Jahre 2018 an einer psychischen Erkrankung leide, aufgrund derer sie noch immer vollständig arbeitsunfähig sei (S. 11
Rz
35).
2.3
Strittig und zu prüfen ist damit der Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin sowie insbesondere die Frage, ob der medizinische Sachverhalt
rechtsgenüglich
abgeklärt wurde.
3.
3.
1
Der Hausarzt
Dr. B._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, diagnostizierte in seinem Bericht vom 15. Januar 2019 eine psychophysische Erschöpfung bei ausgeprägter muskulärer
Dysbalance
am ganzen Körper (Urk. 6/4/13-14 Ziff. 1) und hielt fest, seit Ende Oktober 2018 habe die Beschwer
deführerin
unter zunehmenden
Beschwerden im Rücken, Nacken und der linken Schulter gelitten. Aktuell sei sie psychisch stabiler und könne die Situation besser verarbeiten
(Ziff. 5)
. Das Arbeitsumfeld sei suboptimal (Ziff. 6).
Seit dem 14. November 2018 sei die Beschwerdeführerin vollständig arbeitsunfähig (Ziff. 8). Ab Februar oder März 2019 könne mit einer Wiederaufnahme der bisherigen Tätigkeit in einem Pensum von 30 % gerechnet werden (Ziff. 9.1).
3.
2
Dr.
med.
Z._
, Fachärztin für All
gemeine
Innere
Medizin, nannte in ihrem Kurzgutachten vom 1
2
. Februar 2019 folgende Diagnosen (Urk. 6/4 S. 4):
-
Erschöpfungssyndrom (Burn-Out-Syndrom; ICD-10 Z73.0)
-
mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1)
-
mit agitierten Anteilen und funktionellen Schmerzen
Seit dem 14. November 2018
bestehe
eine volle Arbeitsunfähigkeit im
ange
stammten Pensum von 60 % als Sachbearbeiterin bei einer Kranken
versicherungsgesellschaft.
Derzeit liege ein komplexes psychosomati
sches
Krankheitsbild mit erheblichen Einschränkungen in mehreren Lebensbe
reichen vor; schmerzbedingt in der körperlichen Aktivität sowie kognitive, emotionale
und soziale Einschränkungen aufgrund des depressiven Zustands
bildes.
Aufgrund
der Kombination gebe es derzeit praktisch nur unzureichende Kompensations
möglichkeiten und folglich liege
aktuell
keine verwertbare Arbeitsfähigkeit vor, weder in der angestammten Tätigkeit noch in einer Verweistätigkeit. Die Behandlung sei bis dato unzureichend.
Die Polypharmazie mit fünf Schmerz
mitteln sei kritisch zu überprüfen, zudem sei die Installation eines Antidepressivums angezeigt (S. 4). Eine wesentliche Beschleunigung der Genesung könnte durch eine stationäre Rehabilitation mit intensivem und multimodalem Behandlungskonzept erreicht werden, ob dies allerdings mit der Versorgung der elfjährigen Tochter vereinbar wäre, sei fraglich. Die Beschwerde
führer
in
zeige gute Ressourcen wie eine hohe intrinsische Motivation für die berufliche Wiedereingliederung und eine grosse Selbstwirksamkeit. Es werde von einer guten Prognose ausgegangen. Nach einer ersten Stabilisierung sei bei voller Arbeitsunfähigkeit ein Arbeitstraining mit einem Teilpensum von anfänglich zwei bis drei Stunden pro Tag angezeigt. Medizinisch-theoretisch sei davon auszu
gehen, dass mittelfristig die volle Arbeitsfähigkeit im angestammten Pensum von 60 % erreicht werde (S. 5).
3.
3
In ihrem Bericht vom 18. September 2019 nannten die Ärzte der
Psychiatrie Y._
, folgende Diagnosen (Urk. 6/16/61-62 S. 1):
-
mittelgradige bis schwere depressive Episode mit/bei
-
agitierten Anteilen und funktionellen Schmerzen (ICD-10 F32.1)
-
Erschöpfungssyndrom (Burn-Out-Syndrom, ICD-10 Z73.0)
-
akzentuierten Persönlichkeitszügen (ICD-10 Z73.1)
-
Status nach schädlichem Gebrauch von Schmerzmitteln (ICD-10 F11.1)
Aktuell
werde
die Beschwerdeführerin weiterhin depressiv erleb
t
. Die ebenfalls aufgetretene depressive Erkrankung des Ehemannes verkompliziere und verzö
gere den Genesungsprozess
. Eine Arbeitsfähigkeit sei derzeit noch nicht gegeben. Die ambulante Behandlung werde fortgeführt, aktuell stehe aber auch eine tages
klinische Behandlung zwecks Therapieintensivierung zur Diskussion, ein erstes Vorgespräch sei organisiert worden (S. 2).
3.
4
Am 9. Oktober 2019 erstattete
Dr.
med.
A._
, Facharzt für Neurologie sowie für Psychiatrie und Psychotherapie, sein im Auftrag des Krankentaggeld
versicherers erstelltes psychiatrisches Gutachten (Urk. 6/16
/4-58
). Dabei stützte er sich auf die vorhandenen Akten sowie eigene Untersuchungen (S. 1) und nannte folgende Diagnose
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
(S.
41 Ziff. 5.1):
-
mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1) mit/bei
-
Status nach Anpassungsstörung, längere depressive Reaktion aufgrund von Konflikten am Arbeitsplatz und in der Partnerschaft
(ICD-10 F43.21)
Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte Dr.
A._
sodann folgende (S. 41 Ziff. 5.2):
-
Probleme verbunden mit Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung im Sinne von abhängigen, ängstlich-vermeidenden (selbstunsicheren) Persönlichkeitszügen (ICD-10 Z73.1)
-
Verdacht auf Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung im Erwach
senen
alter (ICD-10 F90.0)
-
Essattacken bei anderen psychischen Störungen (ICD-10 F50.4)
-
psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen im Sinne von psychischen Verhaltensstörungen durch Alkohol, schädlicher Gebrauch (ICD-10 F10.10)
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Tabak, Abhängigkeits
syndrom, gegenwärtiger Substanzgebrauch (ICD-10 F17.24)
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Opioide, iatrogen induziert, schädlicher Gebrauch, gegenwärtig abstinent (ICD-10 F11.10)
Im objektiven psychopathologischen Befund anlässlich der Untersuchung falle eine durchgehend gedrückte, zum depressiven Pol verschobene Stimmung auf. Die affektive Modulationsfähigkeit sei vermindert und es sei ein erheblicher Leidensdruck spürbar.
Anhand der Untersuchung hätten sich keine Hinweise auf psychosoziale Probleme von besonderem Schweregrad ergeben. Die Exploration des Tagesprofils weise auf ein reduziertes Alltagsaktivitätsniveau hin. Bei den Haushaltsarbeiten fühle sich die Beschwerdeführerin wegen psychischer Beschwerden eingeschränkt. Analog der Parameter der funktionellen Leistungs
fähigkeit in Anlehnung an das Mini-ICF-APP bestünden mittelgradige Störungen der Aktivität und Partizipation, insbesondere im Bereich der Flexibilität und Umstellungsfähigkeit, der Fähigkeit zur Planung und Strukturierung von Aufga
ben, der Selbstbehauptungsfähigkeit, der Kontaktfähigkeit zu Dritten sowie der Fähigkeit zu Spontanaktivitäten. Die Fähigkeit zur Anwendung fachlicher Kompetenzen, die Durchhaltefähigkeit und die Gruppenfähigkeit
seien hoch
gradig beeinträchtigt (S. 46). Insgesamt sei es mit Verweis auf die aktuelle Exploration und psychiatrische Untersuchung sowie die Dokumentation in der Versicherungsakte aufgrund von Problemen am Arbeitsplatz und zusätzlich Problemen in der Beziehung bei bereits sehr fragiler Persönlichkeit mit ausgeprägt akzentuierten abhängigen, ängstlich-vermeidenden und selbstun
sicheren Persönlichkeitszügen und infolgedessen reduzierten Ressourcen und Bewältigungsstrategien im Hinblick auf den adäquaten Umgang mit Konflikt
situationen zur Entwicklung einer Anpassungsstörung und längerer depressiver Reaktion gekommen, die offensichtlich im weiteren Verlauf zur Entwicklung einer mittelgradigen depressiven Episode geführt habe (S. 47).
Gegenwärtig lasse
sich die Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode stellen. Die Beschwer
deführerin befinde sich in einer leitliniengerechten psychiatrisch-psychothera
peutischen Behandlung, zudem sei eine stationäre Behandlung geplant (S. 49). Die gutachterliche Konsistenzprüfung habe keine Hinweise auf nicht im geklag
ten Umfang vorhandene Funktionsbeeinträchtigungen ergeben. Die vorliegenden Befunde würden ein in sich schlüssiges, konsistentes Bild ergeben (S. 50 Ziff. 6.3).
Bislang seien keine beruflichen Wiedereingliederungsmassnahmen durchgeführt worden. Nach Abschluss der geplanten stationären Behandlung sei überwiegend wahrscheinlich von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen. Eine Unter
stützung bei Bewerbungen und gegebenenfalls ein Jobcoaching wären sinnvoll und erfolgsversprechend (S. 50 Ziff. 6.4). In der Selbsteinschätzung erlebe sich die Beschwerdeführerin für alle Tätigkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt als zu 100 % arbeitsunfähig.
Aufgrund der im Rahmen der aktuellen Exploration und psychiatrischen Untersuchung erhobenen medizinischen Befunde könne dieser Selbstbeurteilung vorübergehend gefolgt werden (S. 51 Ziff. 6.5.2). Die Beurtei
lung der beruflichen Leistungsfähigkeit erfolge unter Ausschluss soziokultureller und psychosozialer Faktoren. Zuletzt habe die Beschwerdeführerin
bis am 14. November 2018
in einem 60%igen Arbeitspensum als Mitarbeiterin im Kundenservice einer Krankenversicherung gearbeitet. In dieser Tätigkeit sei sie
aktuell
vollständig arbeitsunfähig. Nach Abschluss der stationären Behandlung sei medizinisch-theoretisch spätestens ab Januar 2020 von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit auszugehen, die im weiteren Verlauf alle vier Wochen um 20 % gesteigert werden könne (S. 52 Ziff. 6.5.4).
Die zuletzt ausgeübte Tätigkeit sei am besten an die Ressourcen der Beschwerdefüh
rerin angepasst. Auch in allen anderen vergleichbaren Tätigkeiten - vorausgesetzt werde ein konfliktarmer Arbeitgeber - sei die Beschwerdeführerin in Zukunft wieder zu 100 % arbeitsfähig (S. 52 Ziff. 6.5.5). Aus psychiatrischer Sicht werde zum aktuellen Zeitpunkt eine stationäre Behandlung
empfohlen, b
ei ausbleiben
der Besserung zudem ein Wechsel der
Medikamentation
(S. 52 Ziff. 6.5.7.). Bei der Beschwerdeführerin würden folgende versicherungs
medizinisch nicht relevanten psychosozialen Belastungsfaktoren vorliegen: Probleme am Arbeits
platz mit Kündigung, Probleme in der Partnerschaft, geringe ökonomische Stabilität. Diese Faktoren
seien bei der Beurteilung der Leistungsfähigkeit jedoch nicht berücksichtigt worden (S. 53 Ziff. 6.5.8).
3.
5
Am 21. April 2020 führten die Ärzte der
Psychiatrie Y._
bei im Wesentlichen unveränderten Diagnosen
(Urk. 6/21 Ziff. 2.5)
aus, die Beschwerdeführerin nehme seit dem 4. Dezember 2019 regelmässig und zuverlässig an fünf halben Tagen pro Woche am multimodalen Therapieprogramm teil (
S. 1
Ziff. 1.1-1.2). Es
sei im tageskli
nischen Verlauf deutlich geworden, dass trotz leichter Verbesserung der depres
siven Symptomatik weiterhin alltagsrelevante Funktionseinschränkungen bestünden, welche eine vollständige Arbeitsunfähigkeit auf dem ersten Arbeits
markt begründeten. Die Beschwerdeführerin zeige weiterhin eine emotionale Instabilität in Belastungssituationen. Daneben fortbestehend seien einzelne depressive Symptome wie Konzentrationsstörungen
und
eine Tendenz zu nega
tivem Gedankenkreisen bei einer verminderten Antriebslosigkeit.
Es sei ein
tiefgreifendes Muster von sozialer Gehemmtheit, Insuffizienzgefühlen
sowie
ausgeprägter Sorge
,
in sozialen Situationen kritisiert oder abgelehnt zu werden, beobachtet worden. Familiäre Belastungssituationen würden den Genesungs
prozess erschweren (S.
2
Ziff.
2.2
).
Aktuell bestehe eine vollständige Arbeitsun
fähigkeit. Prognostisch sei davon auszugehen, dass im Anschluss an die teilstationäre Behandlung Eingliederungsmassnahmen im Rahmen eines Belastungstrainings möglich sein sollten (
S. 3
Ziff. 2.7). Die tagesklinische Behandlung werde voraussichtlich bis Ende Mai 2020 weitergeführt (
S. 3
Ziff. 2.8). Im Verlauf könnte eine stufenweise (monatliche) Erhöhung des Arbeits
pensums möglich sein, um die Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit zu fördern
(
S. 5
Ziff. 4.2). Bei günstiger Entwicklung mit Fortsetzung der psychiatrischen Behandlung und Unterstützung seitens der Beschwerdegegnerin sei langfristig mit einer Teil- bis Vollarbeitsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt zu rechnen (
S. 5
Ziff. 4.3; vgl. auch Zwischenbericht vom 19. Februar 2020, Urk. 6/32
/3-4
).
3.
6
Vom 4. Mai bis 2. Juni 2020 besuchte die Beschwerdeführerin eine erneute teilstationäre Behandlung in der
Psychiatrie Y._
. Im Abschlussbericht hielten die Ärzte fest, die Beschwerdeführerin habe von den Gruppenangeboten teilweise profitieren können und sei in einem leicht gebesserten Zustand
entlassen worden. Bei Aus
tritt habe eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % für den ersten Arbeitsmarkt bestanden (Urk. 6/51 S. 3).
3.
7
Dr.
med.
C._
, Facharzt für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates
, diagnostizierte in seinem Bericht vom 17. August 2020 ein OSG-Distorsionstrauma rechts mit LFTA-Läsion sowie
eine
n
Split
und
Peritendinitis
der
Peroneus
brevis
-Sehne und hielt fest, der Verlauf sei etwas stationär. Er empfehle die Ökonomisierung des Gangbildes sowie die
Beübung
der Muskulatur. Angaben zur Arbeitsfähigkeit machte Dr.
C._
keine (Urk. 6/53).
3.
8
Nach einer Erstvorstellung am 2. September 2020
nannte
Dr.
med.
D._
, Facharzt für Orthopädie und Traumatologie,
in seinem
undatierten
Bericht folgende Diagnosen (Urk. 6/54 S. 1):
-
Zustand nach Burnout
-
Zustand bei larvierter Depression
-
Verdacht auf Fibromyalgie
-
Zustand bei
Impingement
Syndrom linke Schulter
-
Foramenstenose
2.
Foramens
rechts HWS
-
c
hronisches Schmerzsyndrom
-
Nervenwurzelreizsymptomatik HWS C2 bis C5 rechts und links
-
Nervenwurzelreizung Th5 bis Th7
-
Blockierung des
Ileosakralgelenkes
links
-
Nervenwurzelreizung L4 bis S1
Die einzelnen Befunde seien eingehend besprochen worden. A
ufgrund der
Chronifizierung
und der bisher schlechten Therapieerfolge
betreffend
die chronische Schmerzsymptomatik empfehle er eine
interventionelle
Schmerzthe
rapie mit Infiltrationen an den kleinen Wirbelgelenken und im
Ileosakralgelenk
. Aufgrund der
Chronifizierung
werde die Therapie zirka ein Jahr andauern (
S. 2
).
3.
9
Dr.
med.
E._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, RAD, hielt am 10. September 2020 fest, die Beschwerdeführerin sei arbeitsunfähig aufgrund einer mittelgradigen depressiven Episode, ausgelöst durch berufliche und private Belastungen. Es seien zudem Probleme verbunden mit Schwierig
keiten bei der Lebensbewältigung im Sinne von abhängigen, ängstlich-vermeidenden (selbstunsicheren) Persönlichkeitszügen festgestellt worden. Durch Schulter- und Nackenschmerzen habe sich ein erhöhter Schmerzmittelkonsum entwickelt, den die Beschwerdeführerin im Verlauf habe abbauen können. Im Rahmen von weiteren psychischen Belastungssituationen sei vereinzelt ein schädlicher Alkoholkonsum entstanden. Die Beschwerdeführerin befinde sich in ambulanter psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung, familiäre Belastungssituationen würden den Genesungsprozess erschweren. Aus versiche
rungsmedizinischer Sicht könne bei einer mittelgradigen depressiven Episode kein dauerhafter Gesundheitsschaden angenommen werden.
Anhand der medizi
nischen Unterlagen könnten keine versicherungsmedizinisch relevanten objektiven Befunde und daraus abgeleitete Diagnosen herangezogen werden, welche eine dauerhafte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit begründe
te
n
(Urk. 6/41 S. 6).
3.
10
In ihrem Bericht vom 1. Oktober 2020 nannten die Ärzte der
Psychiatrie Y._
folgende Diag
nosen (Urk. 6/50 S. 3):
-
mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1)
-
posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) im Sinne einer komplexen PTBS mit/bei
-
Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F61.0) mit ängstlich-vermeidenden, perfektionistischen und emotional-instabilen Anteilen
-
Verdacht auf Entwicklung einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41)
-
schädlicher Gebrauch von
opioidhaltigen
Schmerzmitteln
Nach einer zunächst ambulanten Behandlung ab März 2019 habe die Beschwer
deführerin vom 4. Dezember 2019 bis 13. März 2020 sowie vom 4. Mai bis 2. Juni 2020 an einer tagesklinischen Behandlung teilgenommen (S. 1 und 2).
Nach einer ersten leichten Stabilisierung im Rahmen der teilstationären Behandlung (jedoch bei weiterhin vorliegender Arbeitsunfähigkeit) habe sich der Gesundheitszustand gegen Ende der Behandlung merklich verschlechtert (S. 2).
I
m Sommer 2020
sei sie
immer mehr in eine Abwärtsspirale geraten. Die jahrelang aufgebaute Fassade einer mehr oder minder erfolgreichen Frau sei ins Wanken geraten. Sie sei in eine tiefe Verzweiflung geraten, wobei sich ihre traumatische Vergangenheit aktualisiert habe. Es seien Erlebnisse hochgekommen, welche sie zuvor tief in sich begraben und abgespalte
t
habe.
Die Beschwerdeführerin habe eine über weite Strecken traumatische Kindheit und Jugend beschrieben. Sie habe wenig Zuwen
dung erfahren, der Vater sei emotional nicht erreichbar und die Mutter durch die Erziehung der beiden jüngeren Kinder absorbiert gewesen. In der Schule habe sie wiederholt und über längere Zeit schweres Mobbing mit psychischen und körper
lichen Misshandlungen durch Mitschüler erlebt. Sie sei zudem mehrfach und über längere Zeit sexuell missbraucht worden.
Im Verlauf der Behandlung sei deutlich geworden, dass neben der depressiven Erkrankung, welche zweifelsohne bestehe,
komorbid
respektive vorbestehend bereits psychische Einschränkungen und Vorbelastungen bestünden. Es sei von einer vorbestehenden Erkrankung im Bereich der Persönlichkeitsstörungen auszugehen.
Die Beschwerdeführerin leide ebenfalls unter Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung, wie ausgeprägte Vermeidung,
Hyperarousal
und Intrusionen, aber insbesondere auch erschwerte Emotionsregulation und tiefes Selbstbewusstsein, wie dies von Personen mit einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung beschrieben werde. Dazu passend seien die Schmerzsymptomatik, die Schwierigkeiten in Beziehungen, in der Emotionsregulation, der Impulskontrolle und der zeitweilig vorhandene Alkoholkonsum. Es sei davon auszugehen, dass bei der Beschwerde
führerin durch die Mobbingerlebnisse und den Verlust der halt- und struktur
gebenden Arbeitsstelle eine
Retraumatisierung
eingetreten sei und die früheren Schutzstrukturen und -mechanismen nicht mehr zur Kompensation ausgereicht hätten (S. 2).
Aktuell und seit längerem bestehe bei der Beschwerdeführerin eine Arbeitsunfähigkeit von 100 %.
Prognostisch sei aktuell nicht von einer raschen Besserung auszugehen. Eventuell sei jedoch bei einer weiteren Stabilisierung im Verlauf eine den psychischen Einschränkungen angepasste Tätigkeit in einem kleinen Pensum denkbar (S.
3
).
3.11
Am 16. Dezember 2020 führte Dr.
E._
vom RAD
aus, die neu diagnosti
zierte kombinierte Persönlichkeitsstörung könne aufgrund der vorliegenden Berichte und des Verlaufs ausgeschlossen werden. Der bisher unauffällige beruf
liche und private Verlauf spiegle eine solche Störung nicht wieder. Auch der neu diagnostizierten PTBS könne nicht gefolgt werden. Die im Laufe der Psycho
therapie
«
hochgekommenen alten Geschichten wie Vergewaltigung und Mobbing
»
seien im Gutachten von Dr.
A._
bereits berücksichtigt worden.
Die Ärzte der
Psychiatrie Y._
würden davon ausgehen
, dass die Diagnose spät erkannt oder missinterpretiert worden und bei der Beschwerdeführerin seit dem Mobbing
erleben und dem Verlust der Arbeitsstelle eine
Retraumatisierung
eingetreten sei. Dabei handle es sich um eine andere Interpretation des bereits in den Vorberich
ten festgehaltenen gleichen Sachverhalts. Zudem überschneide sich die angege
bene Symptomatik mit der depressiven Episode, der Verdachtsdiagnose der chronischen Schmerzstörung und den akzentuierten Persönlichkeitszügen (Urk. 6/61 S. 3). Die Behandlungsoptionen bezüglich der Depression seien nicht ausgeschöpft, bei leitliniengerechter Behandlung sei eine Remission zu erwarten. Insgesamt seien aus psychiatrischer Sicht keine neuen, unberücksichtigten medizinischen Tatsachen vorgebracht worden. Es handle sich um eine neue Beurteilung des im Wesentlichen gleichen Sachverhalts. Da im Jahre 2019 bereits zwei Gutachten
erstellt
worden seien und die psychosozialen Faktoren der Besserung des Krankheitsverlaufes entgegenstünden, bestehe keine Notwendig
keit für eine erneute Begutachtung (S. 4).
3.12
Dr.
med.
F._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatolo
gie, RAD, hielt am 5. Januar 2021 fest, die in den Akten genannten Diagnosen würden einerseits einen unfallbedingten Gesundheitsschaden und andererseits eine offenbar
chronifizierte
Schmerzsymptomatik der gesamten Wirbelsäule bei demgegenüber nur
geringgradigen
degenerativen Veränderungen beschreiben.
Rein medizinisch-theoretisch könnten diese Diagnosen aus versicherungsmed
i
zinisch-orthopädischer Sicht keine quantitative Einschränkung begründen, aller
dings eine qualitative Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit für
schwere und mittelschwere Tätigkeiten. Nicht zumutbar sei
en
da
s
Heben und Tragen von Lasten über sechs bis acht Kilogramm, längeres Stehen in vornüber
gebeugter oder auch zurückgeneigter Haltung, Verharren in Zwangshaltungen des Rumpfes sowie häufiges oder längeres Gehen auf unebenem Boden und Arbeiten auf Leitern und Gerüsten. Empfohlen werde eine wechselbelastende und dabei häufig sitzende Körperposition (Urk. 6/61 S. 5).
4.
4.
1
Die Beschwerdegegnerin stützte sich bei ihrer leistungsabweisenden Verfügung (Urk. 2) insbesondere auf die vom Krankentaggeldversicherer durchgeführten Begutachtungen durch Dr.
Z._
sowie
Dr.
A._
und ging davon aus, dass die
im Einwand geltend gemachten Tatsachen in den Gutachten bereits berücksichtigt
seien
und es sich lediglich um eine andere Interpretation desselben Sachverhaltes handle (E. 2.1).
RAD-Ärztin
Dr.
E._
hatte entsprechend
am 16. Dezember 2020 darauf hin
gewiesen
, dass die im Laufe der Psychotherapie
«
hochgekomme
nen alten Geschichten wie Vergewaltigung und Mobbing
»
im Gutachten von Dr.
A._
bereits berücks
ichtigt worden seien (E. 3.11).
Tatsächlich verwies Dr.
A._
in seinem Gutachten vom 9. Oktober 2019 auf einen Eintrag in der Krankengeschichte von Dr.
B._
, gemäss welchem im Verlauf der Psychotherapie
«
alte Geschichten wie Vergewaltigung und Mobbing
»
wieder hochgekommen seien (vgl. Urk. 6/16 S. 22 Ziff. 3.2).
Im weiteren Verlauf der Begutachtung
war der sexuelle Missbrauch
jedoch
kein Thema, Dr.
A._
sprach die Beschwerdeführerin nicht mehr darauf an
,
tätigte diesbezüglich keine weiteren Abklärungen
und ging auch im Rahmen der Schlussdiskussion nicht darauf ein
. Dass die im Zeitpunkt der Begutachtung bereits bekannte Vergewal
tigung bei der Beurteilung der Diagnosen sowie der Arbeitsfähigkeit berücksich
tigt wurde,
trifft damit nicht zu
. Gemäss den Ausführungen der Ärzte der
Psychiatrie Y._
in ihrem Bericht vom 1. Oktober 2020 handelte es sich sodann um mehrfachen und über längere Zeit andauernden sexuellen Missbrauch
(E. 3.10).
Dass die Beschwerdeführerin
in ihrer psychischen Gesundheit
aufgrund der gemachten Erfahrungen
im Bereich des sexuellen Missbrauchs wie auch des Mobbings sowie de
s
nun in Gang gekommenen Verarbeitungsprozess
es
beeinträchtigt ist, erscheint insgesamt grundsätzlich nachvollziehbar.
Es sind jedoch weitere Abklärungen notwendig, um die Auswirkungen auf die aktuelle Situation und insbesondere die Arbeitsfähigkeit beurteilen zu können.
Zu berücksichtigen ist
sodann
, dass die Gutachten von Dr.
Z._ sowie Dr. A._
vom Februar 2019 (E. 3.2)
beziehungsweise Oktober 2019 (E. 3.4) datieren.
Die Beurteilung durch Dr.
A._
erfolgte
insbesondere
unter der Annahme, dass die Beschwerdeführerin
die geplante stationäre Behandlung
erfolgreich abschliesse
n
konnte
(E. 3.4). Gemäss den Berichten der
Psychiatrie Y._
befand sich
die Beschwerdeführe
rin
vom 4.
Dezember 2019 bis
13. März
2020
sowie vom 4. Mai bis 2. Juni 2020
in
einer tagesklinischen Behandlung
(
E. 3.10).
Diese
führte jedoch nicht zum gewünschten Erfolg, obschon die Beschwerdeführerin die Termine zuverlässig wahrnahm, sich
compliant
zeigte und motiviert war, an sich zu arbeiten
(Urk. 6/50 S. 1)
.
N
ach einer ersten leichten Stabilisierung
verschlechterte sich
der Gesundheitszustand gegen Ende der Behandlung merklich (E. 3.10).
Es erscheint daher fraglich, ob angesichts des fehlenden Erfolges der teilstationären Behand
lung auf die
prognostische und den weiteren Verlauf nicht berücksichtigende
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch Dr.
A._
abgestellt werden
kann
.
Da
somit einerseits
Dr.
A._
in seinem Gutachten vom 9. Oktober 2019 den im Zeitpunkt der Begutachtung bekannten sexuellen Missbrauch bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht berücksichtigt hat und
andererseits
die damals bereits geplante
und bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einbezogene
teilstationäre Behandlung nicht den erhofften Erfolg brachte, kann
insgesamt
auf
das Gutach
ten
nicht abgestellt werden.
4.
2
Gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts ist für alle psychischen Erkrankungen ein strukturiertes, ergebnisoffenes Beweisverfahren anhand von Standardindikatoren durchzuführen (vgl. vorstehend E. 1.4).
Nachdem auf das Gutachten von Dr.
A._
nicht abgestellt werden kann und d
ie bei den Akten liegenden Berichte der
Psychiatrie Y._
zu wenige Angaben
enthalten
, um das vom Bundes
gericht vorgesehene Beweisverfahren durchzuführen und insbesondere die vorgeschriebenen Standardindikatoren zu prüfen
, erscheint e
in Beweisverfahren als erforderlich und ein Abweichen davon als nicht angezeigt. Hinzu kommt, dass aus orthopädischer Sicht unter anderem
mehrere
Nervenwurzelreizungen festge
stellt wurden, ohne dass sich der Orthopäde Dr.
D._
jedoch zur Arbeitsfähig
keit geäussert hat (E. 3.8). Damit liegt möglicherweise eine somatische Komorbi
dität vor, die der näheren Abklärung bedarf. Der medizinische Sachverhalt erweist sich damit als ungenügend abgeklärt.
4.3
Zusammenfassend ist damit di
e Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzu
weisen, damit diese eine psychiatrische sowie orthopädische
Begutachtung
veranlasst, gestützt auf welche die Auswirkungen der festgestellten Beeinträchti
gungen unter Berücksichtigung der bundesgerichtlichen Rechtsprechung anhand der verschiedenen Standardindikatoren einzelfallgerecht und ergebnisoffen beurteilt werden können. Nach Vorliegen der notwendigen Angaben wird über den Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin neu zu befinden sein. Dies führt zur Gutheissung der Beschwerde.
5.
5.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von
IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 600.-- anzusetzen.
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung einer Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb die Gerichtskosten entsprechend dem Ausgang des
Verfahrens der Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen sind.
5
.2
Nach § 34 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Partei
kosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs. 3
GSVGer
). Vorliegend erscheint eine Prozessentschädigung von Fr.
2’200
.-- (inkl. Mehrwertsteuer und Barauslagen) als angemessen.