Decision ID: e78c4c93-59b6-545e-80ac-9195ed5d6e25
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ X.Y., geboren am 24. Dezember 1983, ist philippinische Staatsangehörige. Sie
heiratete am 9. Mai 2007 in ihrem Heimatland den Schweizer Staatsbürger R.S. Am 23.
August 2007 reiste sie in die Schweiz ein, wo sie eine ordentliche
Aufenthaltsbewilligung zum Verbleib bei ihrem Ehemann erhielt.
U.T., geboren am 29. September 2003, reiste am 14. August 2009 in die Schweiz ein
und erhielt im Rahmen des Familiennachzugs eine Aufenthaltsbewilligung.
B./ Im August beziehungsweise September 2010 reisten X.Y. und U.T. in ihr
Heimatland zurück. Ende März 2011 kam X.Y. für kurze Zeit in die Schweiz zurück; am
4. April 2011 kehrte sie bereits wieder auf die Philippinen zurück.
C./ Am 22. September 2011 stellte R.S. ein Gesuch um Familiennachzug für X.Y. und
U.T. Das Migrationsamt des Kantons St. Gallen erteilte am 13. Oktober 2011 die
Ermächtigung zur Visumerteilung zuhanden der Schweizerischen Vertretung, worauf
X.Y. und U.T. am 21. Dezember 2011 in die Schweiz einreisten.
D./ Am 30. Dezember 2011 teilte R.S. dem Einwohneramt in St. Gallen mit, dass er ab
sofort getrennt von seiner Ehefrau lebe und sich scheiden lassen wolle. Am gleichen
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Tag erschien auch X.Y. beim Einwohneramt in St. Gallen und führte unter anderem aus,
ihr Ehemann habe sie aus der ehelichen Wohnung gewiesen. Sie wohne momentan mit
dem Kind U.T. bei ihrer Schwiegermutter. Mit Schreiben vom 6. Januar 2012 nahm X.Y.
zu den vom Ehemann vorgeworfenen Punkten Stellung. Sie ersuchte um Erlaubnis, für
eine angemessene Zeit in der Schweiz bleiben zu dürfen, um ihre Angelegenheiten zu
regeln.
E./ Das Migrationsamt des Kantons St. Gallen gewährte X.Y. und U.T. mit Schreiben
vom 18. Januar 2012 das rechtliche Gehör. Dabei stellte es ihnen den Widerruf der
Ermächtigung zur Visumerteilung beziehungsweise die Nichterteilung einer
Aufenthaltsbewilligung in Aussicht. X.Y. und U.T. liessen sich mit Schreiben vom 26.
Januar 2012 vernehmen.
F./ Das Migrationsamt widerrief mit Verfügung vom 13. Februar 2012 die am 13.
Oktober 2011 erteilte Ermächtigung zur Visumerteilung und verweigerte X.Y. und U.T.
die Erteilung von Aufenthaltsbewilligungen.
G./ Mit Entscheid vom 2. März 2012 ordnete der Familienrichter des Kreisgerichts St.
Gallen Eheschutzmassnahmen an. Er nahm dabei unter anderem vom Getrenntleben
von R.S. und der Beschwerdeführerin 1 Vormerk. Auf Berufung von R.S. hin reduzierte
der Einzelrichter im Familienrecht des Kantonsgerichts mit Entscheid vom 11. Mai 2012
den Unterhaltsbeitrag; im Übrigen wurde der vorinstanzliche Entscheid bestätigt und
die Berufung abgewiesen.
H./ Gegen die Verfügung des Migrationsamtes vom 13. Februar 2012 liessen X.Y. und
U.T. mit Eingabe vom 28. Februar 2012 Rekurs beim Sicherheits- und
Justizdepartement erheben. Die Rekursinstanz wies den Rekurs mit Entscheid vom
26. Juli 2012 ab.
I./ Gegen den Rekursentscheid liessen X.Y. und U.T. mit Eingabe vom 10. August 2012
Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit folgenden Anträgen erheben:
1. Der Entscheid vom 26. Juli 2012 des Sicherheits- und Justizdepartements des
Kantons St. Gallen sei aufzuheben;
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2. Den Beschwerdeführerinnen sei der vorläufige Aufenthalt in der Schweiz zu
bewilligen;
3. Der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen;
4. Den Beschwerdeführerinnen sei die unentgeltliche Rechtspflege im vorliegenden
Verfahren in der Weise zu gewähren, dass sie von der Zahlung von
Kostenvorschüssen, Sicherheitsleistungen und Gerichtskosten befreit und ihnen ein
unentgeltlicher Rechtsvertreter in der Person von A.B., Fürsprecher, bestellt werden;
unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
Das Sicherheits- und Justizdepartement beantragte in seiner Vernehmlassung vom 22.
August 2012 Abweisung der Beschwerde unter Kostenfolge. Der Präsident des
Verwaltungsgerichts teilte dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerinnen mit
Schreiben vom 24. August 2012 mit, dass über das Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege mit der Hauptsache entschieden werde.
Auf die Vorbringen der Beschwerdeführerinnen sowie die Ausführungen im
angefochtenen Entscheid wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. (...).
2. Die Beschwerdeführerin 1 kam nach ihrer Heirat mit R.S. im Jahr 2007 in die
Schweiz und erhielt eine Aufenthaltsbewilligung im Rahmen des Familiennachzugs. Im
September 2010 kehrte sie in ihr Heimatland zurück, wo sie – mit Ausnahme eines rund
einwöchigen Aufenthalts Ende März beziehungsweise Anfang April 2011 – bis zum 21.
Dezember 2011 blieb (vgl. die Angaben im Entscheid des Familienrichters des
Kantonsgerichts, S. 2). Die ursprüngliche Aufenthaltsbewilligung ist damit aufgrund
einer mehr als sechsmonatigen Aufenthaltsdauer im Ausland gemäss Art. 61 Abs. 2
des Ausländergesetzes (SR 142.20, abgekürzt AuG) erloschen, was denn auch
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unbestritten ist. Gleiches gilt im Übrigen für die ursprüngliche Aufenthaltsbewilligung
der Beschwerdeführerin 2.
3. R.S. stellte am 22. September 2011 ein Gesuch um Familiennachzug für die
Beschwerdeführerinnen. Das Migrationsamt erteilte am 13. Oktober 2011 die
Ermächtigung zur Visumerteilung, worauf die Beschwerdeführerinnen am 21.
Dezember 2011 in die Schweiz einreisten. Zu prüfen ist, ob sie deswegen – und trotz
des definitiven Scheiterns der Ehegemeinschaft von R.S. und der Beschwerdeführerin
1 – Anspruch auf Erhalt von Aufenthaltsbewilligungen haben.
3.1. Mit der Ermächtigung zur Visumerteilung wird eine Aufenthaltsbewilligung
zugesichert. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung räumt dies grundsätzlich
einen Rechtsanspruch auf Erteilung der Aufenthaltsbewilligung ein. Auf die Zusicherung
kann jedoch unter bestimmten Voraussetzungen zurückgekommen werden; sie steht
unter dem Vorbehalt (der analogen Anwendung) von Widerrufs– und
Erlöschensgründen (vgl. BGer 2A.2/2000 vom 16. Mai 2000 E. 3b; 2A.100/2003 vom 3.
November 2003 E. 4.3).
3.1.1. Bei der Beschwerdeführerin 1 handelt es sich nicht um die Mutter der
Beschwerdeführerin 2. In der Eheschutzverhandlung vor dem Familienrichter des
Kreisgerichts St. Gallen sagte die Beschwerdeführerin 1 aus, die Beschwerdeführerin 2
sei die Tochter ihrer Schwester; sie habe eine Geburtsurkunde fälschen lassen (vgl.
Verhandlungsprotokoll, S. 5, act. 29 Eheschutzakten, Kreisgericht St. Gallen). Im
Bewilligungsverfahren wurden somit falsche Angaben gemacht (vgl. Akten
Migrationsamt, Blatt 126), was einen Widerrufsgrund im Sinn von Art. 62 lit. a AuG
darstellt bezüglich der Zusicherung an die Adresse der Beschwerdeführerin 2. Daran
ändert nichts, dass angeblich ein Adoptionsverfahren im Heimatland der
Beschwerdeführerinnen läuft (vgl. Verhandlungsprotokoll, S. 5). Unerheblich ist in
diesem Zusammenhang auch, ob R.S., der das Familiennachzugsgesuch für die
Beschwerdeführerinnen einreichte, in diesem Zeitpunkt Kenntnis vom fehlenden
Kindsverhältnis hatte (vgl. VerwGE B 2007/174 vom 12. Februar 2008 E. 4, abrufbar
unter www.gerichte.sg.ch).
http://www.gerichte.sg.ch
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3.1.2. Was sodann die Beschwerdeführerin 1 angeht, so fällt in Betracht, dass sie seit
dem 30. Dezember 2011 getrennt von ihrem Ehemann lebt. Der Zweck, nämlich das
eheliche Zusammenleben, der mit dem zugesicherten Aufenthalt verbunden worden
war, ist somit dahingefallen. Dieser Zweck stellt indessen eine Bedingung im Sinn von
Art. 62 lit. d AuG dar (vgl. auch Art. 33 Abs. 2 AuG), sodass auch mit Bezug auf die
Aufenthaltsbewilligung, die der Beschwerdeführerin 1 zugesichert wurde, ein
Widerrufsgrund vorliegt.
3.2. Die Beschwerdeführerin 1 vertritt weiter die Auffassung, Art. 50 Abs. 1 lit. a AuG
verleihe ihr einen Anspruch auf Erhalt einer Aufenthaltsbewilligung. Nach dieser
Bestimmung besteht der Anspruch des Ehegatten auf Erteilung und Verlängerung der
Aufenthaltsbewilligung nach Auflösung der ehelichen Gemeinschaft weiter, wenn die
Ehegemeinschaft mindestens drei Jahre gedauert hat und eine erfolgreiche Integration
besteht. Mit der Vorinstanz ist indessen davon auszugehen, dass diese Bestimmung im
vorliegenden Fall nicht greift. Deren Zweck besteht darin, schwerwiegende Härtefälle
nach der Auflösung der ehelichen Gemeinschaft zu verhindern (BBl 2002 III, S. 3753 f.),
indem das akzessorische Aufenthaltsrecht durch einen selbständigen Anspruch
abgelöst wird. Ein solcher Härtefall ist hier aber nicht gegeben, nachdem sich die
Beschwerdeführerin 1 vor dem definitiven Scheitern der Ehegemeinschaft nicht
(beziehungsweise nur ganz kurz) in der Schweiz aufgehalten hat. Daran ändert auch
nichts, dass in Art. 50 Abs. 1 AuG neben der Verlängerung auch die Erteilung der
Aufenthaltsbewilligung erwähnt wird. Die Bestimmung bezweckt nicht, einen
Rechtsanspruch auf eine Aufenthaltsbewilligung einzuräumen in Fällen, in denen die
Ehe zwar während dreier Jahre in der Schweiz gelebt worden war, der (an sich nur
akzessorisch aufenthaltsberechtigte) ausländische Ehegatte jedoch vor der
(neuerlichen) Gesuchseinreichung während längerer Zeit im Ausland lebte und die
eheliche Gemeinschaft als definitiv gescheitert anzusehen ist.
Abgesehen davon verlangt das Bundesgericht für den Rechtsanspruch nach Art. 50
Abs. 1 lit. a AuG ein dreijähriges Zusammenleben im Inland (BGE 136 II 113). Diese
Voraussetzung dürfte vorliegend nicht erfüllt sein. Entsprechende Zweifel ergeben sich
aus den von R.S. im Eheschutzverfahren eingereichten Angaben über die
Aufenthaltsdauer in der Schweiz und in den Philippinen (vgl. act. 28 Eheschutzakten,
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Kreisgericht St. Gallen), welche von der Beschwerdeführerin 1 im Übrigen nicht
widerlegt wurden.
Hinzu kommt, dass sich aus den Akten keinerlei Anhaltspunkte für eine erfolgreiche
Integration der Beschwerdeführerin 1 in der Schweiz ergeben. Soweit ersichtlich, ging
sie hier nie einer geregelten Arbeit nach. Arbeitsbemühungen sind auch nicht
nachgewiesen. Eine gesellschaftliche Integration ist ebenso wenig ersichtlich. Ob sie
die deutsche Sprache beherrscht, ist unklar. Eine gefestigte berufliche und persönliche
Integration muss daher – gerade auch mit Blick auf die zahlreichen (längeren)
Heimataufenthalte der Beschwerdeführerin während der Ehedauer – verneint werden.
4. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die ursprünglichen
Aufenthaltsbewilligungen der Beschwerdeführerinnen erloschen sind. Das
Migrationsamt kam ausserdem zu Recht auf die erteilte Ermächtigung zur
Visumerteilung zurück, zumal Widerrufsgründe gegeben sind, die der Erteilung von
Aufenthaltsbewilligungen entgegenstehen. Eine Bewilligungserteilung gestützt auf Art.
50 AuG kommt ebenfalls nicht in Betracht; weder sind die Voraussetzungen von Abs. 1
lit. a gegeben, noch liegen wichtige Gründe vor, welche einen weiteren Aufenthalt der
Beschwerdeführerinnen in der Schweiz gemäss Abs. 1 lit. b erforderlich machen
würden.
Anzumerken ist schliesslich, dass auch eine Bewilligungserteilung gestützt auf Art. 30
Abs. 1 lit. k AuG ausscheidet, hielt sich doch die Beschwerdeführerin 1 nicht fünf Jahre
in der Schweiz auf (vgl. aber Art. 49 Abs. 1 der Verordnung über Zulassung, Aufenthalt
und Erwerbstätigkeit [SR 142.201]). Ohnehin ist den Beschwerdeführerinnen die
Rückkehr ins Heimatland ohne Weiteres zumutbar. Dort haben sie den grössten Teil
ihres Lebens verbracht, zahlreiche Verwandte, und die Beschwerdeführerin 1 verfügt
über ein Haus auf den Philippinen. Die öffentlichen Interessen an der Nichterteilung von
Aufenthaltsbewilligungen überwiegen damit die privaten Interessen der
Beschwerdeführerinnen an einem weiteren Verbleib in der Schweiz klar.
5. Die Beschwerdeführerinnen stellten in der Beschwerde ein Gesuch um Gewährung
des vorübergehenden Aufenthalts. Dieses Gesuch erweist sich mit dem Entscheid in
der Hauptsache als gegenstandslos.
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6. (...).