Decision ID: 1aa7d8d9-651f-40a9-8a20-1f5b5c7d29ea
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die
1961 geborene
X._
war zuletzt
von
Juli 1997
bis April 2013 in einem 60 - 80
%
-Pensum als Aushilfe Restaurant/Kantine bei der
Y._
AG sow
ie von 2005 bis Juni 2012 in einem 10
%
-
Pensum
als Büroreinigungskraft
bei der
Z._
AG tätig.
Am
5.
November 2012
meldete sie sich unter Hinweis auf
eine retraktile Kapsulitis an der rechten Schulter
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk.
7/7
und
Urk.
7/20
). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, tätigte
medizinische und erwerbliche Abklärungen
und wies das Rentenbegehren n
ach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (Urk.
7/39
) mit Verfügung
vom 3. September 2014 (
Urk.
7/40) ab.
Am
9.
April 2015 meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf eine retraktile Kapsulitis an der rechten und linken Schulter erneut bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug an (
Urk.
7/42). Die IV-Stelle tätigte erneut medizinische Abklä
rungen und liess die Versicherte durch
Dr.
med.
A._
, Facharzt für Or
thopädische Chirurgie und Traumatologie FMH, des Regionalen Ärztlichen Dienstes orthopädisch-rheumatologisch untersuchen (Bericht vom
1.
Juni 2015;
Urk.
7/47) und
bei der
B._
AG
bidisziplinär
(rheumatologisch - psychiatrisch) begutachten (Expertise vom
7.
Oktober und
3.
November 2016
;
Urk.
7
/68 und
Urk.
7/70
).
Nach durch
geführtem Vorbescheidverfahren (
Urk.
7/74) sprach sie der
Versicherten mit Verfügung
vom
2
7.
April 2017
(Urk. 2) eine vom
1.
Oktober 2015 bis 3
1.
Dezember 2016 befristete ganze Rente der Invalidenversicherung zu
.
2.
Dagegen erhob die Versicherte am
2
9.
Mai 2017
Beschwerde (Urk. 1) und bean
tragte, die Verfügung vom
2
7.
April 2017
sei
in dem Sinne teilweise aufzuhe
ben, als dass die ab
1.
Oktober 2015 zugesprochene ganze Invalidenrente unbe
fristet
zuzusprechen sei
. Zudem sei ein gerichtliches Gutachten in Auftrag zu geben. Eventualiter sei die vorliegende Angelegenheit zur Durchführung von Eingliederungsmassnahmen an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Am
3.
Juli 2017
(Urk.
6
) beantragte die IV-Stelle
die
Abweisung der Beschwerde.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach Art. 42
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversiche
rungsrechts
(ATSG)
haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, wobei sie vor Erlass von Verfügungen, die durch Einsprache anfechtbar sind – was auf Verfügungen über Leistungen der Invalidenversicherung nicht zutrifft
(vgl.
Art.
69
Abs.
1 lit. a
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
,
IVG)
– nicht angehört werden müssen.
Ein Bestandteil des Anspruchs auf rechtliches Gehör, wie er neben der explizi
ten gesetzlichen Regelung in Art. 42 ATSG auch in Art. 29 Abs. 2 der Bundes
verfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (BV) garantiert wird (vgl. BGE 124 V 180 E. 1a), ist
die Pflicht der
Behörde, die
Vorbringen der betroffenen Person auch tatsächlich zu hören, zu prüfen und in
der Entscheidfindung zu berücksichtigen, weshalb sie ih
ren Entscheid zu begrün
den hat (BGE 134 I 83
E. 4.1). Die Pflicht der Behörde, ihre Verfügungen – sofern
sie den Begehren der Parteien nicht voll entsprechen (Art. 49 Abs. 3 Satz 2 ATSG)
– zu begründen, be
zweckt insbesondere, die betroffene Person in die Lage zu
versetzen, eine Verfü
gung gegebenenfalls sachgerecht anfechten zu können (BGE
124 V 180 E. 1a, vgl. auch BGE 134 I 83 E. 4.1 mit Hinweisen).
Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist formeller Natur. Daher führt dessen Verlet
zung ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sache selbst
grundsätzlich
zur Aufhebung des angefochtenen
Entscheids.
1
.2
Zusammen mit der Verfügung stellte die Beschwerdegegnerin der Beschwerde
-
führe
rin
ein mit „Renten - Relevante gesetzliche Grundlagen“ betitel
tes Blatt zu (
Urk.
2
). Darin sind
Art.
7 und 16
ATSG
,
Art.
6, 9, 28, 28a, 29
und 31
IVG
sowie
Art.
26,
88a und
Art.
88
bis
der Verordnung über die Invalidenversi
cherung (
IVV
)
zitiert.
Der für das vorliegende Verfahren betreffend Zusprache einer befristeten Rente massgebende
Art.
17 ATSG (
Revision der Invalidenrente und anderer Dauerleistungen)
hingegen fehlt. Auch
Art.
8 ATSG (Definition des
Invali
-
ditätsbegriffs
)
sowie
Art.
4 IVG
w
e
rd
en
nicht aufgeführt
.
1.3
Ob ein in der Verfügung angebrachter Verweis auf beigelegte Gesetzesartikel dem Anspruch auf rechtliches Gehör der versicherten Person grundsätzlich zu genü
gen vermag, braucht vorliegend nicht entschieden zu werden
,
erscheint aber zu
mindest fraglich. Denn e
benso wie eine sachgerechte Anfechtung einer Verfü
gung durch das Aneinanderreihen von Textbausteinen erschwert wird (vgl. zur
Verwendung von Textbausteinen
Mosimann
,
Entscheidbegründung
, Begrün
dung und Redaktion von Gerichtsurteilen und Verfügungen,
Zürich
2013, S. 48
Rz
104
; zum Ganzen ferner Kälin, Rechtliche Anforderungen an die Verwen
dung von Textbausteinen für die Begründung von Verwaltungsverfügungen untersucht am Beispiel des Asylverfahrens, in ZSR 1988, Bd. 1, S. 435 ff. Grundlegend
Albertini
, Der
verfassungsmässige
Anspruch auf rechtliches Gehör im Verwaltungsverfahren des modernen Staates, Bern 2000
), wird dies durch eine Aneinande
rreihung von
-
wie vorliegend
-
teilweise nur bedingt
massge
benden
beziehungsweise teilweise überhaupt nicht
relevanten
Gesetzesartikeln
.
So ist beispielsweise nicht ersichtlich, weshalb Art. 26 IVV im Beiblatt aufge
führt wird, richtet sich dieser Artikel doch nicht an sämtliche Versicherte ohne Ausbildung, sondern nur an diejenigen, welche infolge ihrer Invalidität keine
zureichenden
beruflichen Kenntnisse erwerben
(
Abs.
1) oder deswegen eine be
gonnene berufliche Ausbildung nicht
abschliessen
(
Abs.
2)
konnten.
Offensichtlich verletzt ist der Gehörsanspruch
insbesondere dann
, wenn wie vorlie
gend die
für die Zusprache einer befristeten Rente
relevante gesetzliche Grundlage der Verfügung beziehungsweise deren Beilage g
ar
nicht zu entnehmen ist
(dazu, dass sich im Sinne einer Minimalanforderung dem Entscheid u.a. ent
nehmen lassen muss, welche Rechtsnormen zur Anwendung gelangen, vgl. etwa auch
Kneubühler
, Die Begründungspflicht. Eine Untersuchung
über die Pflicht der Behörden zur Begründung ihrer Entscheide, Bern 1998, S. 176 f.)
. Dies umso mehr, als die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen Verfügung ausführte, ihr Entscheid
beruhe
a
uf den beigelegten gesetzlichen Grundlagen.
1.
4
Die angefochtene Verfügung
vom 2
7.
April 2017
(
Urk.
2)
hält
damit
den Erforder
nissen an eine rechtsgenügende Begründung nicht stand. Ungeachtet der materiellen Erfolgsaussichten der Beschwerde ist
sie daher
aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie über den
Leis
tungsanspruch
der Beschwerdeführerin in einer im Sinne der Erwägungen hin
reichend begründeten Verfügung neu entscheide.
2
.
2
.1
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57). Die Kos
ten des Verfahrens gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr.
3
00.-- festzusetzen und entsprechend dem Ausgang des Verfahrens der un
terliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
2
.2
Der Beschwerdeführerin steht ausgangsgemäss eine Prozessentschädigung zu, welche vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses, dem Zeitaufwand und den Barauslagen festgesetzt wird (§ 34 Abs. 1 und 3 des Gesetzes über das Sozial
versicherungsgericht, GSVGer). Entsprechend ist ihr eine
Prozess
entschädigung von Fr.
1
‘
8
00.-- (inkl. Barauslagen und MWSt)
auszurichten.