Decision ID: b908e9cc-baea-408e-b4c3-6c9c8af289b0
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden (Mutter und ihre beiden Kinder) ersuchten am
14. Oktober 2022 in der Schweiz um Asyl. Der Bruder und Onkel der Be-
schwerdeführenden, D._ (F-5514/2022), ersuchte gleichentags
ebenfalls um Asyl. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Da-
tenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass die Beschwerdeführenden
am 1. August 2022 in Kroatien ein Asylgesuch gestellt hatten.
B.
Das SEM gewährte der Beschwerdeführerin (Mutter) am 9. November
2022 das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid
und der Möglichkeit einer Überstellung nach Kroatien. Sie erklärte, sie hät-
ten die Türkei am 25. Juli 2022 mit dem Flugzeug in Richtung Bosnien ver-
lassen und seien von dort zu Fuss durch einen Wald bis nach Kroatien
gelangt. Beim ersten Versuch, die Grenze zu überqueren, seien sie aufge-
griffen worden. Beim zweiten Versuch habe es geklappt und sie hätten
schliesslich die Fingerabdrücke abgegeben. In Kroatien sei es nicht gut
gewesen. Man habe sie zunächst um zwei Uhr morgens wieder in den
Wald geschickt, wo es kalt gewesen sei und kein Essen gegeben habe. Ihr
Bruder spreche Serbisch und habe deshalb verstanden, dass die Polizei
sie beschimpft habe. Man habe sie gegen ihren Willen gezwungen, ein
Asylgesuch einzureichen. Das Zimmer, in dem sie untergebracht worden
seien, sei schmutzig und voller Insekten gewesen. Eines ihrer Kinder sei
von einer Wespe gestochen worden und habe daraufhin in der Nacht Fie-
ber bekommen. Sie hätten aber keine Hilfe bekommen und es sei kein
Krankenwangen für sie geholt worden. Vielmehr habe man ihnen in der
Unterkunft nur gesagt, es werde gut kommen. Ausserdem habe sie die me-
dizinische Pflege darum gebeten, ihre Kinder zu impfen, aber man habe ihr
nur immer wieder neue Termine gegeben und sie so abgewimmelt. Da die
Mensa weit weg gewesen sei, habe sie darum gebeten, mit ihren Kindern
im Zimmer essen zu können, doch dies sei ihnen verweigert worden. Des-
halb habe sie mit ihren Kindern jeweils raus in die Kälte gehen müssen.
Jede Nacht habe es eine Anwesenheitskontrolle gegeben, wobei die Kin-
der jeweils aufgeweckt worden seien, weil die Leute die Türen gewaltsam
zugeschlagen hätten. Ihre Kinder hätten Angst vor dem gewalttätigen und
schimpfenden Sicherheitspersonal gehabt.
Auf entsprechende Nachfrage ihrer Rechtsvertretung gab die Beschwer-
deführerin zudem zu Protokoll, sie sei gemeinsam mit ihrem Bruder in die
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Schweiz gereist, der im selben Bundesasylzentrum untergebracht sei. Die-
ser habe sie unterwegs unterstützt. Es sei auch gut für die Kinder, wenn er
dabei sei, und sie möchten alle zusammenbleiben.
In Bezug auf ihren Gesundheitszustand gab die Beschwerdeführerin an,
dass es ihr gut gehe, sie aber psychisch belastet sei. Sie mache sich viele
Gedanken und sei vergesslich. Ihre Kinder seien in der Schweiz behandelt
worden, und es gehe ihnen besser, aber auch sie seien psychisch belastet.
C.
Die kroatischen Behörden hiessen das Ersuchen des SEM vom 9. Novem-
ber 2022 um Übernahme der Beschwerdeführenden gestützt auf Art. 20
Abs. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO) am 23. November 2022 gut.
D.
Mit Verfügung vom 28. November 2022 (eröffnet tags darauf) trat die Vor-
instanz auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht ein, ordnete
ihre Wegweisung nach Kroatien an und forderte sie auf, die Schweiz am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte
sie die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer
allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende
Wirkung zu.
E.
Am 30. November 2022 (Datum Poststempel) reichten die Beschwerdefüh-
renden beim Bundesverwaltungsgericht ein Rechtsmittel ein, dessen Be-
gründung ausschliesslich in türkischer Sprache abgefasst war.
F.
Am 1. Dezember 2022 setzte die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56
VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 5. Dezember 2022 forderte das Bundesver-
waltungsgericht die Beschwerdeführenden auf, innerhalb von drei Tagen
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nach Erhalt der Verfügung eine Begründung in deutscher Sprache nachzu-
reichen, andernfalls auf die Beschwerde unter Kostenfolge nicht eingetre-
ten werde.
H.
Dieser Aufforderung kamen die Beschwerdeführenden, mittlerweile vertre-
ten durch deren Bruder und Onkel D._, mit Eingabe vom 5. Dezem-
ber 2022 (Poststempel: 6. Dezember 2022) fristgemäss nach. Darin bean-
tragten sie, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz
sei anzuweisen, auf die Asylgesuche einzutreten und das Asylverfahren in
der Schweiz durchzuführen. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Ferner ersuchten sie um Erteilung der
aufschiebenden Wirkung, Anweisung an die Vollzugsbehörden, von einer
Überstellung abzusehen, bis über die Erteilung der aufschiebenden Wir-
kung entschieden worden sei, sowie um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung.
I.
Am 9. Dezember 2022 (Datum des Poststempels) reichten die Beschwer-
deführenden eine Beschwerdeergänzung ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das vorliegende Beschwerdeverfahren wird mit demjenigen des Bru-
ders der Beschwerdeführerin, D._, koordiniert. Über dessen Be-
schwerde wird gleichzeitig, aber in einem separaten Verfahren befunden
(siehe Verfahren F-5514/2022).
1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3. Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Die Beschwerdeführenden sind
zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die nach Ein-
gang der Beschwerdeverbesserung nunmehr frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
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2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1). Die Zuständig-
keit beziehungsweise die Verpflichtung des Mitgliedstaates zur Wiederauf-
nahme ergibt sich direkt aus Art. 18 Abs. 1 Bst. b–d beziehungsweise
Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO (vgl. Urteil des EuGH [Grosse Kammer] vom
2. April 2019, H. und R., C 582/17 und C-583/17, EU:C:2019:280, Rn. 47–
50; BVGE 2019 VI/7 E. 4-6, 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.H.).
3.3. Der Mitgliedstaat, bei dem der erste Antrag auf internationalen Schutz
gestellt wurde, ist gehalten, einen Antragsteller, der sich ohne Aufenthalts-
titel im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats aufhält oder dort einen
Antrag auf internationalen Schutz gestellt hat, nachdem er seinen ersten
Antrag noch während des Verfahrens zur Bestimmung des zuständigen
Mitgliedstaats zurückgezogen hat, nach den Bestimmungen der Artikel 23,
24, 25 und 29 wieder aufzunehmen, um das Verfahren zur Bestimmung
des zuständigen Mitgliedstaats zum Abschluss zu bringen (Art. 20 Abs. 5
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Dublin-III-VO). Diese Bestimmung findet auch – wie vorliegend – im Falle
der Weiterreise eines Antragstellers in einen anderen Mitgliedstaat bei
noch nicht abgeschlossenem Zuständigkeitsverfahren Anwendung
(vgl. FILZWIESER/SPRUNG, Dublin-III-Verordnung, 2014, K. 19 zu Art. 20).
3.4. Vorliegend ergab ein Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerde-
führerin (Mutter), dass sie am 1. August 2022 in Kroatien aufgegriffen und
daktyloskopisch erfasst worden war. Gleichentags hatte sie gemäss Aus-
zug aus der «Eurodac»-Datenbank ein Asylgesuch gestellt (vgl. Sachver-
halt A). Die kroatischen Behörden stimmten dem Wiederaufnahmeersu-
chen der Vorinstanz gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO zu und wiesen
gleichzeitig daraufhin, dass die Beschwerdeführenden das Aufnahmezent-
rum am 11. Oktober 2022 verlassen hätten. Die Zuständigkeit Kroatiens ist
somit grundsätzlich gegeben, was von den Beschwerdeführenden auch
nicht bestritten wird.
4.
4.1. Nachfolgend ist im Licht von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu prüfen, ob
es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die
Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Kroatien würden systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich bringen würden.
4.2. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts im Bereich der Wie-
deraufnahmeverfahren liegen zum heutigen Zeitpunkt keine konkreten
Gründe für die Annahme vor, das Asylverfahren und die Aufnahmebedin-
gungen für Antragstellende in Kroatien würden systemische Schwachstel-
len im Sinne von Art. 3 Abs. 2 zweiter und dritter Satz Dublin-III-VO aufwei-
sen (vgl. bspw. Urteile des BVGer F-3957/2022 vom 11. Oktober 2022 E. 5;
F-4002/2022 vom 26. September 2022 E. 7.2; F-3903/2022 vom 16. Sep-
tember 2022 E. 4; F-3448/2022 vom 22. August 2022 E. 6.2; F-1653/2022
vom 21. April 2022 E. 6.2; D-1404/2022 vom 30. März 2022).
4.3. Die Vorinstanz hat in Beachtung der bundesverwaltungsgerichtlichen
Rechtsprechung eine Einzelfallprüfung vorgenommen und ist unter Ver-
weis auf Abklärungen durch die Schweizer Botschaft in Kroatien zum
Schluss gekommen, dass Personen, welche im Rahmen eines Dublin-Ver-
fahrens nach Kroatien zurückgeführt werden, nicht von der problemati-
schen "Push-back"-Praxis betroffen sind (vgl. etwa Urteil F-4002/2022
E. 7.3 m.w.H.). Für eine Änderung der Rechtsprechung besteht auch in
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Würdigung der Äusserungen der Beschwerdeführenden in ihrer Beschwer-
deverbesserung vom 5. Dezember 2022 und der ergänzenden Eingabe
vom 9. Dezember 2022 keine Veranlassung. Folglich ist die Anwendung
von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
5.
5.1. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
5.2. Die Beschwerdeführenden äussern in ihren knapp gehaltenen Einga-
ben lediglich allgemeine Kritik am kroatischen Asylsystem und ergänzen
bezogen auf ihre persönliche Situation, in einem schmutzigen Zimmer un-
tergebracht gewesen zu sein, was eine Hautkrankheit ausgelöst habe, wel-
che nicht habe behandelt werden können. Die Kinder hätten traumatische
Erfahrungen gemacht. Damit haben sie kein konkretes und ernsthaftes Ri-
siko dargetan, die kroatischen Behörden würden sich weigern, sie wieder-
aufzunehmen und ihren Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung
der Regeln der Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates
2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuer-
kennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrens-
richtlinie) zu prüfen. Den Akten sind keine Gründe für die Annahme zu ent-
nehmen, Kroatien werde in ihrem Fall den Grundsatz des Non-Refoule-
ment missachten und sie zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib,
Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefähr-
det wäre oder in dem sie Gefahr laufen würden, zur Ausreise in ein solches
Land gezwungen zu werden. Ausserdem haben die Beschwerdeführenden
nicht dargetan, die sie bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in
Kroatien seien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der
EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) führen könn-
ten. Des Weiteren liegen keine konkreten Anhaltspunkte für die Annahme
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vor, Kroatien würde ihnen dauerhaft die ihnen gemäss Richtlinie des Euro-
päischen Parlaments und des Rates 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur
Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationa-
len Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) zustehenden minimalen
Lebensbedingungen vorenthalten. Bei einer allfälligen vorübergehenden
Einschränkung könnten sie sich im Übrigen an die dortigen Behörden wen-
den und die ihnen zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechts-
weg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie).
5.3. Vor dem Hintergrund, dass Kroatien das Übereinkommen vom 20. No-
vember 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) ratifiziert hat,
ist auch nicht ersichtlich, inwiefern eine Überstellung der Beschwerdefüh-
renden dorthin eine Verletzung der KRK und der internationalen Verpflich-
tungen der Schweiz darstellen würde.
5.4. Die Beschwerdeführerin macht im Rahmen der Beschwerdeeingabe
allgemein geltend, sie und ihre Kinder seien psychisch belastet. In der Be-
schwerdeergänzung vom 9. Dezember 2022 bringt sie sodann vor, sie sei
depressiv, gehe zu einem Psychologen und habe Tabletten erhalten. In den
Akten finden sich allerdings keine Unterlagen zu allfälligen medizinischen
Behandlungen. Vielmehr sind aktuell keine gesundheitlichen Beeinträchti-
gungen ersichtlich. Sollten die Beschwerdeführenden nach der Rückkehr
nach Kroatien dennoch eine medizinische Behandlung benötigen, ist da-
rauf hinzuweisen, dass die Mitgliedstaaten verpflichtet sind, den Antrag-
stellenden die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die
Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankhei-
ten und psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19
Abs. 1 Aufnahmerichtlinie; vgl. hierzu F-3957/2022 E. 6.4 m.H.). Ausser-
dem werden die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der an-
gefochtenen Verfügung beauftragt sind, dem aktuellen Gesundheitszu-
stand der Beschwerdeführenden bei der Organisation der Überstellung
nach Kroatien Rechnung tragen, indem sie die dortigen Behörden über de-
ren Gesundheitszustand und die allenfalls notwendige medizinische Be-
handlung informieren werden.
5.5. Zu Recht ebenfalls nicht geltend gemacht wird ein Abhängigkeitsver-
hältnis der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder zu ihrem Bruder, welcher
sie auf dem Weg von der Türkei in die Schweiz begleitet hat. In den Über-
stellungsmodalitäten findet sich aber der Hinweis darauf, dass der Vollzug
der Wegweisung mit demjenigen des Bruders (F-5514/2022) zu koordinie-
ren sei. Somit wird es dem Bruder der Beschwerdeführerin auch in Kroatien
weiterhin möglich sein, für ihre Kinder anwesend zu sein.
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5.6. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspiel-
raum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter die-
sem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine
Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Un-
terschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich des-
halb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
5.7. Zusammenfassend liegt kein Grund vor für die Anwendung der Ermes-
sensklausel von Art. 17 Dublin-III-VO beziehungswiese Art. 29a Abs. 3
AsylV 1. Weder ist die Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf das Asylge-
such einzutreten, noch liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbst-
eintritt nahelegen würden.
6.
Die Vorinstanz ist zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf die
Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht eingetreten und hat die
Überstellung nach Kroatien angeordnet. Es besteht aufgrund der beste-
henden Sachlage kein Anlass, den vorinstanzlichen Entscheid gemäss
dem Eventualantrag zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen, zumal die Beschwerdeführenden den entsprechenden Antrag nicht
begründet haben.
7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt der am 1. Dezember 2022 angeordnete Vollzugsstopp dahin.
Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ist gegenstandslos
geworden.
8.
8.1. Die Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ungeachtet einer allfälli-
gen prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
8.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
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