Decision ID: f9442392-697c-4b7a-be86-5e370415ee63
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 30.07.2012 Art. 66 BVG, Art. 73 Abs. 2 BVG: Beseitigung des Rechtsvorschlags für nicht geleistete Versicherungsprämien. Mutwillige Prozessführung (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 30. Juli 2012, BV 2012/6).Vizepräsident Joachim Huber, Versicherungsrichterin Christiane Gallati Schneider, Versicherungsrichter Martin Rutishauser; a.o. Gerichtsschreiberin Karin KastEntscheid vom 30. Juli 2012in SachenHelvetia Sammelstiftung für Personalvorsorge, St. Alban-Anlage 26, 4002 Basel,Klägerin,gegenA._,Beklagte,betreffendForderung ()Sachverhalt:
A.
A.a Die A._ (nachfolgend: Arbeitgeberin) schloss sich mit Anschlussvertrag vom 5.
Mai 2008 (act. G 1.2) rückwirkend per 1. März 2008 zur Durchführung der beruflichen
Vorsorge ihrer Arbeitnehmer der Helvetia Sammelstiftung für Personalvorsorge, Basel,
(nachfolgend: Helvetia) an. Die Helvetia kündigte das Anschlussverhältnis per 31.
Dezember 2011 (act. G 1.3), da ihre Zusammenarbeit mit der Arbeitgeberin seit
längerem durch beträchtliche Schwierigkeiten belastet werde.
A.b Da die Arbeitgeberin ihrer Verpflichtung, die gesamten Vorsorgebeiträge zu
bezahlen, nicht nachgekommen war, hatte sie die Helvetia mehrfach an ihre
Zahlungspflicht erinnert, sie förmlich gemahnt und sie in der Folge betrieben (act. G 1,
1.7.1, 1.7.2 und 1.8). Gegen den in diesem Zusammenhang zugestellten
Zahlungsbefehl hatte die Arbeitgeberin ohne Angabe von Gründen Rechtsvorschlag
erhoben (act. G 1.8).
B.
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B.a Mit Eingabe vom 10. April 2012 (act. G 1) erhob die Helvetia Klage gegen die
Arbeitgeberin mit den Anträgen, die Beklagte habe ihr eine Kapitalforderung von
Fr. 4'648.30, den Zins vom 1. Januar 2011 bis 26. August 2011 von Fr. 132.15 plus
Zins zu 5 % seit 27. August 2011 auf der Kapitalforderung, zuzüglich die Kosten des
Zahlungsbefehls und eine Umtriebsentschädigung von Fr. 500.-- zu bezahlen. Im
Betreibungsverfahren des Betreibungsamts B._ sei im Umfang der zugesprochenen
Forderung (mit Ausnahme der Kosten des Zahlungsbefehls, welche gemäss Art. 68
Abs. 2 des Bundesgesetzes über Schuldbetreibung und Konkurs [SchKG; SR 281.1]
von den Zahlungen des Schuldners vorab in Abzug gebracht werden könnten) der
Rechtsvorschlag zu beseitigen. Unter o/e-Kostenfolge zu Lasten der Beklagten.
B.b Die Beklagte leistete weder der Aufforderung zur Einreichung einer Klageantwort
vom 12. April 2012 (act. G 2) noch jener vom 31. Mai 2012 (eingeschrieben versandte
Nachfristansetzung; act. G 3) Folge.

Erwägungen:
1.
1.1 Gemäss Art. 7 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die berufliche Alters-,
Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVG; SR 831.40) in Verbindung mit Art. 5 der
Verordnung über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVV 2;
SR 831.441.1) unterstehen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die bei einer
Arbeitgeberin oder einem Arbeitgeber einen Jahreslohn von mehr als Fr. 20'880.-- (seit
1. Januar 2011) erzielen, ab 1. Januar nach Vollendung des 17. Altersjahrs für die
Risiken Tod und Invalidität, ab dem 1. Januar nach Vollendung des 24. Altersjahrs auch
für das Risiko Alter der obligatorischen Versicherung. Diese beginnt mit dem Antritt des
Arbeitsverhältnisses und endet unter anderem mit dessen Auflösung (Art. 10 Abs. 1
und 2 BVG). Arbeitgeber, die obligatorisch zu versichernde Arbeitnehmer beschäftigen,
müssen gemäss Art. 11 Abs. 1 BVG eine in das Register für die berufliche Vorsorge
eingetragene Vorsorgeeinrichtung errichten oder sich einer solchen anschliessen.
Schliesst sich der Arbeitgeber einer registrierten Vorsorgeeinrichtung an, so sind alle
dem Gesetz unterstellten Arbeitnehmer bei dieser Vorsorgeeinrichtung versichert (Art. 7
Abs. 1 BVV 2). Die Vorsorgeeinrichtung legt die Höhe der Beiträge der Arbeitgeber und
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der Arbeitnehmer in den reglementarischen Bestimmungen fest (Art. 66 Abs. 1 BVG).
Der Arbeitgeber schuldet der Vorsorgeeinrichtung gemäss Art. 66 Abs. 2 BVG die
gesamten Beiträge.
1.2 Bei der als Klägerin auftretenden Sammelstiftung handelt es sich um eine gemäss
Art. 48 BVG registrierte Vorsorgeeinrichtung. Die Beklagte schloss sich ihr mit
Anschlussvertrag vom 5. Mai 2008 rückwirkend auf den 1. März 2008 an. Die Klägerin
war somit berechtigt und verpflichtet, die bei der Beklagten beschäftigten und dem
BVG unterstellten Arbeitnehmer zu versichern und im Rahmen der
Anschlussbedingungen die durch Reglement festgelegten Beitragsforderungen zu
erheben. Das Unternehmen verpflichtet sich gemäss Ziff. 5.1 des Anschlussvertrags,
die vom Gehalt der Arbeitnehmer in Abzug gebrachen Beiträge der Stiftung laufend zu
überweisen (mindestens quartalweise).
1.3 Von den in Rechnung gestellten Beitragsausständen in Höhe von Fr. 3'848.30
(act. G 1.6 und 1.7.2) waren gemäss Ziff. 5.3 des Anschlussvertrags die Beiträge für die
Risikoleistungen, jene für deren Anpassung an die Preisentwicklung und die
Kostenbeiträge jeweils zu Jahresbeginn bzw. mit der Aufnahme eines Mitarbeitenden in
die Personalvorsorge fällig. Die Fälligkeit der Altersgutschriften und der Beiträge an den
Sicherheitsfonds trat per Jahresende ein, bei Dienstaustritten mit Datum der
Beendigung des Arbeitsverhältnisses. Entsprechend der gestützt auf Art. 66 Abs. 2
BVG in Ziff. 5.4 Abs. 1 des Anschlussvertrags erlassenen Regelung erfolgte auf
Zahlungen vor dem Fälligkeitstermin eine Zinsgutschrift, auf verspätete Zahlungen
ohne Mahnung eine Zinsbelastung. Die Stiftung war berechtigt, marktkonforme
Zinssätze festzulegen, die jederzeit neuen Gegebenheiten angepasst werden konnten.
Die Beklagte erhob keine Einwände gegen den geforderten Restbetrag. Gemäss Ziff. 2
des Kostenreglements (act. G 1.2), welches Bestandteil des Anschlussvertrags bildet,
erhob die Klägerin Umtriebsentschädigungen für eingeschriebene Mahnungen im
Zusammenhang mit Beitragsausständen von pauschal Fr. 300.-- und für
Betreibungsbegehren von pauschal Fr. 500.--. Nachdem die eingeklagte Forderung
auch nicht im Widerspruch zu den Akten steht, kann der geforderte Betrag von
Fr. 4'648.30 ohne Weiteres als ausgewiesen gelten.
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1.4 Die Klägerin verlangt zudem einen Zins von Fr. 132.15 für die Zeit vom
1. Januar 2011 bis 26. August 2011, wohl gestützt auf den durch sie für
Beitragsausstände ab 1. Mai 2009 festgesetzten vertraglichen Zinssatz von 5 % (vgl.
act. G 1.6) sowie einen Zinsbetrag von 5 % auf der Kapitalforderung (Fr. 4'648.30) seit
27. August 2011. Nach Massgabe von Art. 66 Abs. 2 BVG kann die
Vorsorgeeinrichtung für nicht rechtzeitig bezahlte Beiträge Verzugszinsen verlangen.
Die Mahn- und Betreibungskosten von insgesamt Fr. 800.-- müssen demnach bei der
Verzugszinsberechnung ausser Betracht bleiben, womit für die Verzinsung ab 27.
August 2011 eine Forderung in der Höhe von Fr. 3'848.30 verbleibt. Fraglich ist, auf
welchem Betrag der Verzugszins zu berechnen ist, ist in der von der Klägerin
berechneten Forderung doch auch der Zins bis zum 31. Dezember 2010 wegen
verspäteter Zahlungen enthalten (vgl. E. 1.3). Gemäss Art. 105 Abs. 3 des
Bundesgesetzes betreffend die Ergänzung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches
(Fünfter Teil: Obligationenrecht; OR; SR 220) dürfen für Verzugszinsen keine
Verzugszinse berechnet werden. Allerdings ist diese Regelung dispositiver Natur und
kann von den Parteien abgeändert werden. Wie bereits erwähnt (vgl. E. 1.3) wird der
Zahlungsverkehr gemäss Ziff. 5.4 des Anschlussvertrags über ein verzinsliches
Prämienkonto geführt (Abs. 1). Ein am Ende des Kalenderjahres bestehender Saldo
wird zu Gunsten der Stiftung inklusive allfällig aufgelaufener Zinsbelastungen als
Kapitalforderung auf das nächste Kalenderjahr vorgetragen (Abs. 3). Folglich stellt der
Saldo des Prämienkontos bei Zahlungsverzug die geschuldete Summe dar. Beim
angerechneten Zins handelt es sich daher um einen vertraglichen Kontokorrentzins, der
gestützt auf Art. 117 Abs. 2 OR nach der Saldierung der laufenden Rechnung und der
Anerkennung des Saldos kraft Novation zur Kapitalforderung geschlagen wird (Rainer
Gonzenbach/Debora Gabriel-Tanner, in: Kommentar zum Schweizerischen Privatrecht,
Art. 117 N 14; Guhl/Koller, Das Schweizerische Obligationenrecht, 9. Aufl. Zürich 2000,
§ 38 N 12). Die Beklagte hat die Kontokorrent-Saldi nicht bestritten. Die auf
Verzugszinsen zugeschnittene dispositive Regel von Art. 105 Abs. 3 OR kommt nach
dem Gesagten nicht zur Anwendung und der Vertragszins kann für die Berechnung des
Verzugszinses zum Kapital geschlagen werden. Gemäss Art. 102 Abs. 2 OR wird der
Gläubiger durch Mahnung des Schuldners in Verzug gesetzt, wenn eine Verbindlichkeit
fällig ist. Die Klägerin mahnte den Beitragsausstand per 11. April 2011 von Fr. 3'848.30
inkl. der Umtriebsentschädigung von Fr. 300.-- mittels Einschreiben vom 11. April 2011
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(act. G 1.7.2). Mangels anderer Abrede zwischen den Parteien entspricht der
Verzugszins dem in Art. 104 Abs. 1 OR festgelegten Zinssatz.
1.5 Die im von der Klägerin geforderten Betrag von Fr. 4'648.30 enthaltenen Mahn-
und Betreibungskosten von total Fr. 800.-- sind gemäss Ziff. 2 des Kostenreglements
vertraglich geschuldet und daher zuzusprechen.
1.6 Die Klägerin macht sodann Zahlungsbefehlskosten von Fr. 73.-- geltend. Die
Betreibungskosten für das laufende Betreibungsverfahren können jedoch nicht in die
Rechtsöffnung miteinbezogen werden, da diese von den Gläubigern vorzuschiessen
sind (Art. 68 Abs. 1 zweiter Satz SchKG) und die endgültige Belastung des Schuldners
mit Betreibungskosten vom Ausgang des Betreibungsverfahrens abhängt (vgl. RKUV
2003 Nr. KV 251 S. 226).
1.7 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beklagte zu verpflichten, der
Klägerin den Zins von Fr. 132.15 für die Zeit vom 1. Januar 2011 bis 26. August 2011
und den Betrag von Fr. 3'848.30 zuzüglich 5 % Zins ab 27. August 2011 sowie die
Mahn- und Betreibungskosten von total Fr. 800.-- zu entrichten. In diesem Umfang ist
demzufolge der von der Beklagten in der Betreibung Nr. xxx des Betreibungsamts
B._ erhobene Rechtsvorschlag aufzuheben.
2.
2.1 Gemäss Art. 73 Abs. 2 BVG ist das Verfahren in Streitigkeiten aus beruflicher
Vorsorge in der Regel kostenlos. Von der Regel der Kostenlosigkeit kann nach
höchstrichterlicher Rechtsprechung entsprechend einem allgemeinen prozessualen
Grundsatz des Bundessozialversicherungsrechts auch im Bereich der beruflichen
Vorsorge abgewichen werden, wenn mutwillige oder leichtsinnige Prozessführung
vorliegt (BGE 118 V 318 E. 3c). Mutwillige Prozessführung kann unter anderem
angenommen werden, wenn eine Partei eine ihr in dieser Eigenschaft obliegende
Pflicht (z.B. Mitwirkungs- oder Unterlassungspflicht) verletzt, oder wenn sie ihre
Stellungnahme auf einen Sachverhalt abstützt, von dem sie weiss oder bei der ihr
zumutbaren Sorgfalt wissen müsste, dass er unrichtig ist (BGE 112 V 334 E. 5a). Mit
Bezug auf Forderungsstreitigkeiten aus dem Bereich der beruflichen Vorsorge erkannte
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die Rechtsprechung, dass ein Verhalten, wie es die Beklagte im vorliegenden Verfahren
zeigte, indem sie ohne Begründung die Forderung der Klägerin nicht beglich,
Rechtsvorschlag erhob und im Klageverfahren auch nach Ansetzen einer Nachfrist
keine Klageantwort einreichte, als mutwillige Prozessführung zu qualifizieren ist und
eine Kostenauferlegung in Abweichung zur Regel der Kostenfreiheit von Art. 73 Abs. 2
BVG rechtfertigt (SZS 1992 S. 297 E. 3; BGE 124 V 288 ff. E. 4b mit Hinweisen). Damit
sind der Beklagten aufgrund ihres Verhaltens Gerichtskosten aufzuerlegen. Die
Gerichtsgebühr wird dabei in Anwendung von Art. 13 Ziff. 522 des Gerichtskostentarifs
(sGS 941.12), der einen Rahmen von Fr. 500.-- bis Fr. 15'000.-- vorsieht, auf
Fr. 1'500.-- festgesetzt.
2.2 Als Vorsorgeeinrichtung hat die nicht durch einen externen Anwalt vertretene
Klägerin praxisgemäss einen Anspruch auf eine Aufwandentschädigung, wenn die
Prozessführung der Gegenpartei – wie vorliegend – als mutwillig zu bezeichnen ist (vgl.
BGE 126 V 143; 128 V 323). Es rechtfertigt sich, die Aufwandentschädigung – in
betraglicher Anlehnung an die von der Klägerin beantragte Umtriebsentschädigung –
auf Fr. 500.-- festzulegen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP