Decision ID: 779def1c-1962-42e0-b4ac-053295f29482
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X erwarb den Führerausweis der Fahrzeugkategorien B und BE sowie der
Unterkategorien A1, D1 und D1E am 2. Oktober 1981. Im Informationssystem über die
Verkehrszulassung (IVZ; früher: Administrativmassnahmen-Register) ist X nicht
verzeichnet. Am Dienstag, 10. April 2018, 15.20 Uhr, fuhr er mit einem Personenwagen
auf der Zufahrts-/Privatstrasse der Liegenschaft C-strasse, in B, in Richtung C-strasse
mit der Absicht, links in die C-strasse einzubiegen, um in Richtung C zu fahren. Bei der
Einmündung in die C-strasse hielt er an, da die Sicht nach links durch eine am
Strassenrand abgestellte Heckschaufel beeinträchtigt war. Gemäss seinen Angaben
befuhr er anschliessend die C-strasse mit einer Geschwindigkeit von rund 1 km/h, um
den von C herkommenden Verkehr zu erblicken. Zur gleichen Zeit fuhr Y, dessen Sohn
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auf dem Soziussitz war, mit einem Motorrad auf der C-strasse von C herkommend in
Richtung B. Als X mit dem Personenwagen rund 0,5 bis 0,7 Meter in die C-strasse
ragte, nahm er das Motorrad von Y wahr, betätigte die Bremse und brachte sein
Fahrzeug zum Stillstand. Y machte eine Vollbremsung und versuchte, nach links
auszuweichen, wobei das Motorrad mit der rechten Seite gegen die linke vordere
Fahrzeugecke des Personenwagens von X prallte. Aufgrund der Kollision stürzte Y mit
dem Motorrad zu Boden. Er zog sich dabei Verletzungen zu (abgebrochener Zahn,
Prellungen, Schürfungen sowie ein gebrochenes Sprunggelenk links, da ihm das
Motorrad auf den Fuss fiel). Sein damals dreizehnjähriger Sohn blieb unverletzt.
B.- Mit Strafbefehl des Untersuchungsamts Uznach vom 24. August 2018 wurde X im
Zusammenhang mit dem Vorfall vom 10. April 2018 wegen einfacher Verletzung der
Verkehrsregeln (Missachtung des Vortrittsrechts) zu einer Busse von Fr. 250.– verurteilt.
Der Strafbefehl erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
C.- Am 24. Oktober 2018 eröffnete das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des
Kantons St. Gallen (nachfolgend: Strassenverkehrsamt) gegenüber X ein
Administrativmassnahmeverfahren. Es stellte einen Führerausweisentzug für die Dauer
eines Monats in Aussicht und gab ihm die Gelegenheit zur Stellungnahme. X äusserte
sich mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 23. November 2018 zusammengefasst
dahingehend, dass er darauf habe vertrauen dürfen, dass gegen ihn kein
Administrativmassnahmeverfahren eingeleitet werde, dass er sich gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung korrekt und rechtmässig verhalten habe, dass die
Kollision auch durch das Fehlverhalten des Motorradfahrers verursacht worden sei und
dass das Verschulden, sollte dennoch eine Vorschriftswidrigkeit erblickt werden,
höchstens als leicht eingestuft werden könne. Das Strassenverkehrsamt entzog ihm mit
Verfügung vom 21. Dezember 2018 den Führerausweis für die Dauer eines Monats
zufolge mittelschwerer Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften
(Missachtung des Vortritts mit Unfallfolge).
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Gegen die Verfügung des Strassenverkehrsamts vom 21. Dezember 2018 erhob X mit
Eingabe seines Rechtsvertreters vom 11. Januar 2019 und Ergänzung vom 8. Februar
2019 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK) mit
dem Antrag, die Verfügung sei aufzuheben, eventualiter sei die Verfügung aufzuheben
und die Sache zur Verfügung einer Verwarnung an die Vorinstanz zurückzuweisen,
sofern die VRK eine solche nicht selbst verfügen könne, unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen. Die Vorinstanz verzichtete am 22. Februar 2019 auf eine
Vernehmlassung. Mit Verfügung vom 22. März 2019 widerrief sie Ziffer 2 der
angefochtenen Verfügung (Zeitpunkt der Abgabe des Führerausweises).
Auf die Ausführungen im Rekurs zur Begründung des Antrags wird, soweit erforderlich,

in den Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sach-entscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 11. Januar 2019 ist rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt zusammen mit der
Ergänzung vom 8. Februar 2019 in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekursverfahren ist umstritten, ob die Vorinstanz dem Rekurrenten zu Recht eine
mittelschwere Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften vorwarf und
einen Führerausweisentzug für die Dauer eines Monats aussprach.
a) Die Vorinstanz hält in der angefochtenen Verfügung fest, der Rekurrent sei mit
rechtskräftigem Strafbefehl wegen einfacher Verletzung der Verkehrsregeln gemäss
Art. 90 Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG) zu einer
bis
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Busse von Fr. 250.– verurteilt worden. Es seien keine Gründe ersichtlich, die ein
Abweichen von der Sachverhaltsdarstellung im Strafbefehl rechtfertigen würden. Nach
dem Grundsatz von Treu und Glauben müsse der Betroffene allfällige
Verteidigungsrechte im Strafverfahren wahrnehmen. Anlässlich der polizeilichen
Unfallaufnahme sei er über die Weiterleitung einer Kopie der Verzeigung an die
zuständige Administrativbehörde informiert worden. Somit habe er damit rechnen
müssen, dass die Verkehrsregelverletzung zusätzlich zum Strafverfahren weitere
Konsequenzen nach sich ziehen werde. In Übereinstimmung mit der Strafbehörde sei
der Rekurrent den Vorschriften zur Vortrittsgewährung nicht wie gefordert
nachgekommen. Ein allfälliges Fehlverhalten des vortrittsberechtigten Motorradfahrers
vermöge das Verschulden nicht aufzuheben. Beim Unfall habe sich die Gefährdung
durch die Verletzung anderer Verkehrsteilnehmer konkretisiert, was zeige, dass das
Verhalten dazu geeignet war, die Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer zu gefährden.
Diese Gefährdung könne nicht mehr als gering bezeichnet werden. Damit liege
unabhängig vom Grad des Verschuldens ein mittelschwerer Fall vor, weshalb ein
Führerausweisentzug zu erfolgen habe.
b) Der Rekurrent macht geltend, dass er den Strafbefehl akzeptiert habe, da die
zuständige Sachbearbeiterin des Untersuchungsamts D die Auskunft erteilt habe, dass
die Angelegenheit mit der Bezahlung der Busse definitiv abgeschlossen sei und sie
sich nicht vorstellen könne, dass das Strassenverkehrsamt aufgrund dieses
Bagatellfalls auf ihn zukommen würde. Darauf habe er vertraut und in Überzeugung,
dass kein Administrativmassnahmeverfahren gegen ihn eröffnet würde, auf eine
Einsprache gegen den Strafbefehl aus ökonomischen und pragmatischen Gründen
verzichtet. Beim Vorfall vom 10. April 2018 habe er sich korrekt und rechtmässig
verhalten. Er sei in seiner Sicht nach links auf die Strasse zweifellos behindert gewesen
und habe sich dem von links nahenden Verkehr ganz langsam mit vorsichtigem
"Hineintasten" gezeigt. Sobald er das Motorrad habe sehen können, habe er sein
Fahrzeug angehalten. Damit habe er sich genau so verhalten, wie es die
bundesgerichtliche Rechtsprechung verlange. Dem Motorradfahrer hätte es möglich
sein müssen, das Fahrzeug des Rekurrenten rechtzeitig zu erkennen und
auszuweichen. Insgesamt könne ihm keine Pflichtverletzung vorgeworfen werden. Es
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müsse nicht in jedem Fall, in dem es zu einem Unfall gekommen sei, eine
Pflichtverletzung vorgelegen haben. Sollte in seinem Verhalten dennoch eine
Vorschriftswidrigkeit erblickt werden, so sei höchstens von einem leichten Verschulden
auszugehen und ihm nur eine besonders leichte, maximal eine leichte Widerhandlung
gegen die Strassenverkehrsvorschriften vorzuwerfen.
3.- a) Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung vermag ein Strafurteil die
Verwaltungsbehörde grundsätzlich nicht zu binden. Allerdings gebietet der Grundsatz
der Einheit der Rechtsordnung, widersprüchliche Entscheide im Rahmen des
Möglichen zu vermeiden. Die Verwaltungsbehörde darf deshalb bei der Verfügung über
die Massnahme von den tatsächlichen Feststellungen des Strafrichters nur abweichen,
wenn sie Tatsachen feststellt und ihrer Verfügung zugrunde legt, die dem Strafrichter
unbekannt waren, wenn sie zusätzliche Beweise erhebt oder wenn der Strafrichter bei
der Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht alle Rechtsfragen abgeklärt,
namentlich die Verletzung bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat (BGE 124 II 103
E. 1c/aa).
Die Voraussetzungen für ein Abweichen von den tatsächlichen Feststellungen im
Strafbefehl sind nicht erfüllt. Der im Strafbefehl festgehaltene Sachverhalt wird vom
Rekurrenten auch nicht bestritten. Es ist somit erstellt, dass der Rekurrent am 10. April
2018 in B von der Zufahrts-/Privatstrasse der Liegenschaft C-strasse nach links in die
C-strasse einbiegen wollte. Da die Sicht nach links durch eine am Strassenrand
abgestellte Heckschaufel massiv beeinträchtigt war, fuhr er ohne Hilfsperson ganz
langsam auf die C-strasse, um den von C kommenden Verkehr zu erblicken. Als er das
von links kommende Motorrad sah, stoppte er sein Fahrzeug sofort. Obwohl das
Motorrad eine Vollbremsung einleitete, prallte es gegen die linke vordere Ecke des
stillstehenden Fahrzeugs des Rekurrenten.
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b) Strafrechtlich wurde der Rekurrent wegen einfacher Verletzung von Verkehrsregeln
im Sinn von Art. 90 Abs. 1 SVG verurteilt. Vom Strafurteil geht hinsichtlich der
Rechtsanwendung jedoch keine Bindungswirkung aus, auch wenn die Behörden vom
gleichen Sachverhalt ausgehen. Insbesondere sind die Würdigung des Verschuldens
und der Gefährdung für die verwaltungsrechtliche Beurteilung des Falls nicht
verbindlich. In der rechtlichen Würdigung des Sachverhalts ist die Verwaltungsbehörde
somit frei, ausser die rechtliche Qualifikation hängt stark von der Würdigung von
Tatsachen ab, die der Strafrichter besser kennt, etwa weil er den Beschuldigten
persönlich einvernommen hat (Ph. Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl.
2015, Vorbemerkungen zu Art. 16 ff. N 10; Urteile des Bundesgerichts [BGer]
1C_169/2014 vom 18. Februar 2015 E. 2.2, 1C_71/2008 vom 31. März 2008 E. 2.1 und
1C_585/2008 vom 14. Mai 2009 E. 3.1). Aufgrund der Akten ergibt sich nicht, dass der
Rekurrent im Strafverfahren persönlich einvernommen wurde. Die Sachbearbeiterin,
welche den Strafbefehl erliess, stützte sich somit auf dieselben Akten, wie sie auch der
Administrativbehörde zur Verfügung standen (Rapport der Kantonspolizei vom 3. Juli
2018, polizeiliche Einvernahmen des Rekurrenten vom 10. April 2018 und des
Motorradfahrers vom 21. April 2018). Die Administrativbehörde ist somit an die
rechtliche Qualifikation des Verhaltens des Rekurrenten im Strafverfahren nicht
gebunden.
4.- Die Vorinstanz stufte das Verhalten des Rekurrenten als mittelschwere
Widerhandlung im Sinn von Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG ein. Nach Widerhandlungen
gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das Verfahren nach dem OBG
ausgeschlossen ist, wird gemäss Art. 16 Abs. 2 SVG der Lernfahr- oder Führerausweis
entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das Gesetz unterscheidet zwischen
leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG) und schweren Widerhandlungen
(Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von
Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn dabei
nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG). Nach der Rechtsprechung
müssen beide Voraussetzungen kumulativ gegeben sein (BGE 135 II 138 E. 2.2.3). In
besonders leichten Fällen wird auf jegliche Massnahme verzichtet (Art. 16a Abs. 4
SVG). Ist die Verletzung von Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche
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Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die
Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung
begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Sie stellt einen
Auffangtatbestand dar und liegt vor, wenn nicht alle privilegierenden Elemente einer
leichten Widerhandlung und nicht alle qualifizierenden Elemente einer schweren
Widerhandlung gegeben sind (BGE 135 III 138 E. 2.2.2).
a) Eine Gefahr für die Sicherheit anderer im Sinne von Art. 16a bis c SVG ist bei einer
konkreten oder auch bei einer erhöhten abstrakten Gefährdung zu bejahen. Eine
konkrete Gefährdung im Strassenverkehr liegt vor, wenn durch das Verhalten eines
Verkehrsteilnehmers eine oder mehrere bestimmte Personen im Einzelfall der
tatsächlichen Gefahr einer Rechtsgutsverletzung ausgesetzt worden sind (BSK SVG-
Rütsche, Basel 2014, Art. 16 N 35). Im vorliegenden Fall konkretisierte sich die Gefahr
mit der Kollision zwischen dem Fahrzeug des Rekurrenten und dem Motorradfahrer,
und es kam zu Verletzungen beim Motorradfahrer. Mit der Vorinstanz ist deshalb davon
auszugehen, dass nicht mehr von einer geringen Gefahr gemäss Art. 16a SVG
gesprochen werden kann.
b/aa) Auf der subjektiven Seite setzt ein Warnungsentzug oder eine Verwarnung stets
ein Verschulden voraus. Auch im strassenverkehrsrechtlichen
Administrativmassnahmenrecht bedeutet dies, dass ein Fahrzeugführer vorsätzlich
oder fahrlässig gehandelt haben muss. Ein Fahrzeugführer handelt vorsätzlich, wenn er
mit Wissen und Willen Verkehrsregeln verletzt und dadurch eine Gefahr für die
Sicherheit anderer schafft oder – im Sinne des Eventualvorsatzes – die Gefährdung
infolge einer Verkehrsregelverletzung zumindest für möglich hält und in Kauf nimmt.
Fahrlässig handelt ein Fahrzeugführer, der die Gefährdung anderer Personen aus
pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf nicht Rücksicht nimmt;
pflichtwidrig ist die Unvorsichtigkeit, wenn der Täter die Vorsicht nicht beachtet, zu der
er nach den Umständen und nach seinen persönlichen Verhältnissen verpflichtet ist. Im
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Strassenverkehr ist die gebotene Vorsicht bzw. Sorgfalt durch die Verkehrsregeln
definiert (BSK SVG-Rütsche, a.a.O., Art. 16 N 64 ff.).
bb) Gemäss Art. 36 Abs. 4 SVG darf der Motorfahrzeugführer, der sein Fahrzeug in den
Verkehr einfügen, wenden oder rückwärts fahren will, andere Strassenbenützer nicht
behindern; diese haben Vortritt. Wer zur Gewährung des Vortritts verpflichtet ist, darf
den Vortrittsberechtigten in seiner Fahrt nicht behindern. Er hat seine Geschwindigkeit
frühzeitig zu mässigen und, wenn er warten muss, vor Beginn der Verzweigung zu
halten (Art. 14 Abs. 1 der Verkehrsregelnverordnung, SR 741.11, abgekürzt: VRV). Wer
aus Fabrik-, Hof- oder Garagenausfahrten, aus Feldwegen, Radwegen, Parkplätzen,
Tankstellen und dergleichen oder über ein Trottoir auf eine Haupt- oder Nebenstrasse
fährt, muss den Benützern dieser Strassen den Vortritt gewähren. Ist die Stelle
unübersichtlich, so muss der Fahrzeugführer anhalten; wenn nötig, muss er eine
Hilfsperson beiziehen, die das Fahrmanöver überwacht (Art. 15 Abs. 3 der
Verkehrsregelnverordnung, SR 741.11, abgekürzt: VRV).
cc) Das Bundesgericht befasste sich bereits mehrmals mit der Frage, welche Sorgfalt
ein vortrittsbelasteter Verkehrsteilnehmer beim Abbiegen bei eingeschränkter Sicht
aufwenden muss. In diesem Zusammenhang erwog es, eine gewisse Behinderung der
Vortrittsberechtigten könne kaum vermieden werden, wenn die Sicht für einen
Wartepflichtigen bei einer Einmündung durch Mauern oder Hecken so beschränkt
werde, dass er zwangsläufig mit dem Vorderteil seines Wagens in die vortrittsbelastete
Verkehrsfläche gelange, bevor er von seinem Fahrersitz aus überhaupt Einblick in diese
erhalte. In solchen Situationen sei ein sehr vorsichtiges Hineintasten zulässig, wenn der
Vortrittsberechtigte das ohne Sicht langsam einmündende Fahrzeug rechtzeitig genug
sehen könne, um entweder selbst auszuweichen oder den Wartepflichtigen durch ein
Signal zu warnen. Dabei dürfe grundsätzlich darauf vertraut werden, dass
vortrittsberechtigte Fahrzeuge abbremsen oder sogar anhalten würden, wenn das
einbiegende Fahrzeug aus genügend grosser Entfernung gesehen werden könne (BGer
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6B_1185/2014 vom 24. Februar 2015 E. 2.5, mit Hinweis auf BGE 89 IV 140 E. 3c, 105
IV 339 E. 3, 127 IV 34 E. 3c/bb).
dd) Bei der polizeilichen Einvernahme vom 10. April 2018 gab der Rekurrent an, dass er
beim Einbiegen in die C-strasse aufgrund einer am Strassenrand abgestellten
Heckschaufel in seiner Sicht nach links behindert gewesen sei. Er sei mit minimaler
Geschwindigkeit in die C-strasse gerollt, um den kommenden Verkehr zu überschauen.
Als die Front seines Fahrzeugs rund 50-70 cm in die Strasse geragt sei, habe er das
von links herannahende Motorrad gesehen. Er habe deshalb unmittelbar gebremst. Der
Motorradfahrer habe eine Vollbremsung eingeleitet und sei nach links ausgewichen.
Dennoch habe er die Frontstossstange seines Fahrzeugs touchiert und sei gestürzt
(act. 12/14). Diese Aussagen werden vom Motorradfahrer bestätigt, welcher anlässlich
der polizeilichen Einvernahme vom 21. April 2018 festhielt, dass das Fahrzeug des
Rekurrenten stillgestanden sei, oder ansonsten sehr, sehr langsam gefahren sei. Das
Fahrzeug des Rekurrenten habe nicht weit in der Strasse gestanden; er schätze rund
80-100 cm. Zum Rekurrenten habe er keinen Blickkontakt gehabt. Er habe lediglich
den vorderen Teil seines Fahrzeugs gesehen. Der Unfall sei wegen der orangen Tonne
(Heckschaufel) passiert, ansonsten hätten sie sich gesehen. Der Rekurrent könne
deshalb nicht viel dafür (act. 12/9 ff.).
ee) Da der Rekurrent aufgrund der am Strassenrand abgestellten Heckschaufel in
seiner Sicht behindert war, fuhr er ganz langsam in die Strasse, um Einblick zu erhalten
und den vortrittsberechtigten Verkehr zu erblicken. Sobald er Einblick hatte und den
Motorradfahrer gesehen hatte, bremste er. Er verhielt sich damit im Sinne der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung, wonach beim Abbiegen mit eingeschränkter
Sicht ein vorsichtiges Hineintasten in die Strasse erlaubt ist. Da sich der
vortrittsberechtigte Verkehr von links auf einer rund 35 Meter langen, geraden Strecke
nähert, durfte der Rekurrent, welcher ortskundig ist, darauf vertrauen, dass er
rechtzeitig genug gesehen wird. Er musste zudem auch nicht damit rechnen, dass sich
der Verkehr von links mit hoher Geschwindigkeit nähert, da es unmittelbar vor der
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geraden Strecke eine markante Rechtskurve hat, welche nicht mit hoher
Geschwindigkeit befahren werden kann. So gab auch der Motorradfahrer an, dass er
die Rechtskurve in eher langsamem Tempo gefahren sei (act. 12/10). Im Fahrzeug des
Rekurrenten befand sich keine weitere Person, welche er als Hilfsperson zum
Einbiegen in die Strasse hätte beiziehen können. Zu verlangen, dass er in diesem Fall
das Einbiegen in die Strasse und somit die Weiterfahrt hätte unterlassen müssen, wäre
unverhältnismässig. Ebenso wenig hätte es dem Rekurrenten etwas gebracht, aus dem
Fahrzeug auszusteigen und selber zu schauen, ob die Strasse frei ist, denn bis er
wieder im Fahrzeug gesessen wäre, hätte sich vielleicht bereits wieder ein
Strassenverkehrsteilnehmer von links genähert. Dass es zur Kollision kam, ist auf eine
Verkettung unglücklicher Umstände zurückzuführen. Zum einen war der Rekurrent
aufgrund der am Strassenrand abgestellten Heckschaufel in seiner Sicht behindert,
zum andern fuhr der Motorradfahrer gemäss eigenen Angaben eher rechts auf der
Fahrbahn. Hätte sich der Rekurrent nicht wie gemäss der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung verhalten und sich langsam in die Strasse hineingetastet, hätte die
Kollision unter Umständen schlimmere Folgen haben können. Insgesamt kann damit
dem Rekurrenten keine Pflichtwidrigkeit vorgeworfen werden. Es liegt somit kein
Verschulden vor, weshalb von einer Administrativmassnahme abzusehen ist.
5.- Zusammenfassend ergibt sich, dass der Führerausweisentzug gegen den
Rekurrenten zu Unrecht angeordnet wurde. Der Rekurs ist folglich gutzuheissen und
die angefochtene Verfügung vom 21. Dezember 2018 aufzuheben. Bei diesem
Ausgang des Verfahrens erübrigt sich die Befragung der Sachbearbeiterin, welche den
Strafbefehl erliess, sowie die Prüfung einer allfälligen Verletzung des rechtlichen
Gehörs durch die Vorinstanz.
6.- a) Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Staat
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist dem Rekurrenten zurückzuerstatten.
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b) Der vollständig obsiegende Rekurrent liess sich anwaltlich vertreten. Er hat gemäss
Art. 98 Abs. 2 und Art. 98 VRP Anspruch auf eine vollständige Entschädigung der
ausseramtlichen Kosten, soweit diese als notwendig und angemessen erscheinen. Der
Beizug eines Rechtsvertreters war im Rekursverfahren geboten. Der Vertreter reichte
eine Kostennote in der Höhe von insgesamt Fr. 5'600.40 (Honorar für das Verfahren vor
der Vorinstanz von Fr. 3'000.–, Honorar für das Rekursverfahren von Fr. 2'000.–,
Barauslagen von Fr. 200.– und Mehrwertsteuer von Fr. 400.40) ein. Zu berücksichtigen
ist, dass nur die Aufwendungen im Zusammenhang mit dem Rekursverfahren zu
entschädigen sind, nicht hingegen der anwaltliche Aufwand im vorinstanzlichen
Verfahren (vgl. Art. 98 Abs. 3 lit. b VRP). Eine ausseramtliche Entschädigung ist im
erstinstanzlichen Verfahren nur dann gerechtfertigt, wenn das Verfahren willkürlich
eröffnet wurde oder wenn für die Betroffenen durch die Eröffnung des Verfahrens zur
Wahrung ihrer Rechte der Beizug eines Anwalts unbedingt erforderlich ist (GVP 1987
Nr. 46). Für eine willkürliche Verfahrenseröffnung ergeben sich vorliegend keine
Anhaltspunkte. Dem Rekurrenten wäre es zudem ohne Weiteres möglich gewesen, den
Führerausweisentzug im vorinstanzlichen Verfahren auch ohne Anwalt zu bestreiten.
Dies bedeutet, dass nur der Aufwand abzugelten ist, der im Rekursverfahren angefallen
ist.
Im Verfahren vor der Verwaltungsrekurskommission wird das Honorar als Pauschale
ausgerichtet. Es beträgt zwischen Fr. 1'500.– und Fr. 15'000.– (Art. 22 Abs. 1 lit. b der
Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75, abgekürzt HonO).
Innerhalb dieses Rahmens wird das Grundhonorar nach den besonderen Umständen,
namentlich nach Art und Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeiten des Falles und
den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten bemessen (Art. 19 HonO). Der
Aufwand des Rechtsvertreters für das Rekursverfahren erscheint angesichts des
Aktenumfangs, der sich stellenden Fragen in tatsächlicher und insbesondere
rechtlicher Hinsicht sowie des eingereichten Rekurses als tarifkonform; das Honorar ist
deshalb auf Fr. 2'000.– festzulegen. Hinzuzuzählen sind die Barauslagen von Fr. 80.–
(4 % von Fr. 2'000.–; Art. 28 Abs. 1 HonO) und die Mehrwertsteuer von Fr. 160.15
bis
bis
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(7,7 % von Fr. 2'080.–; Art. 29 HonO), so dass die ausseramtliche Entschädigung
insgesamt Fr. 2'240.15 beträgt; entschädigungspflichtig ist der Staat
(Strassenverkehrsamt).