Decision ID: 247bee95-3256-45ef-9770-60dc6fd52da8
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 12.04.2017 Art. 49 Abs. 2 ATSG. Art. 53 Abs. 2 ATSG.Feststellungsverfügung im Wiedererwägungsverfahren. Da im Wiedererwägungsverfahren sämtliche Sachverhaltselemente zu würdigen sind, kann es nicht durch eine sich nur auf ein einzelnes Sachverhaltselement beziehende Verfügung abgeschlossen werden. Eine solche „unvollständige“ Verfügung ist als eine Feststellungsverfügung zu qualifizieren und folglich nur zulässig, wenn ein schützenswertes Interesse an der entsprechenden Feststellung besteht (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 12. April 2017, EL 2016/7).
Entscheid vom 12. April 2017
Besetzung
Vizepräsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen
Karin Huber-Studerus und Miriam Lendfers; Gerichtsschreiber
Tobias Bolt
Geschäftsnr.
EL 2016/7
Parteien
A._,
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Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Josef Jacober,
Oberer Graben 44, Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse, Brauerstrasse
54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
Gegenstand
Ergänzungsleistung zur IV
Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im Februar 2010 zum Bezug von Ergänzungsleistungen zu
einer halben Rente der Invalidenversicherung an (act. G 3.1.113). Die EL-
Durchführungsstelle sprach ihr mit einer Verfügung vom 28. Mai 2010 rückwirkend ab
dem 1. Februar 2010 eine Ergänzungsleistung zu (act. G 3.1.100), korrigierte diese
Verfügung aber in der Folge mehrmals, um verschiedene Fehler bei der
Anspruchsberechnung zu beheben (act. G 3.1.81, G 3.1.84 und G 3.1.85). Die letztlich
massgebende Verfügung datierte vom 24. Juni 2010 (act. G 3.1.82). Im Dezember 2011
teilte die EL-Bezügerin der EL-Durchführungsstelle mit, dass ihr rückwirkend ab dem 1.
September 2011 infolge eines Sturzes ein Krankentaggeld zugesprochen worden sei
(act. G 3.1.54). Mit einer Verfügung vom 10. Januar 2012 hob die EL-
Durchführungsstelle die Ergänzungsleistung rückwirkend per 1. September 2011 auf,
da die Neuberechnung unter Berücksichtigung des Krankentaggeldes einen
Einnahmenüberschuss ergeben hatte (act. G 3.1.51).
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A.b Die Krankentaggeldversicherung teilte der EL-Ansprecherin am 29. Juni 2012 mit,
dass sie das Taggeld per 31. Juli 2012 einstellen werde (act. G 3.1.49). Am 11. Juli
2012 meldete sich die EL-Ansprecherin deshalb erneut zum Bezug von
Ergänzungsleistungen an (act. G 3.1.49). Am 7. September 2012 forderte die EL-
Durchführungsstelle sie unter anderem auf, Nachweise ihrer Arbeitsbemühungen in den
vorangegangenen drei Monaten einzureichen (act. G 3.1.39). Die EL-Ansprecherin
antwortete am 6. Oktober 2012, sie habe sich nicht um eine Arbeitsstelle bemüht, da
sie weiterhin vollständig arbeitsunfähig gewesen sei (act. G 3.1.38). Mit einer Verfügung
vom 16. Oktober 2012 sprach die EL-Durchführungsstelle der EL-Ansprecherin mit
Wirkung ab dem 1. August 2012 eine monatliche Ergänzungsleistung von 1'583
Franken zu (act. G 3.1.34). Bei der Anspruchsberechnung hatte sie ein hypothetisches
Erwerbseinkommen von 19'050 Franken berücksichtigt (act. G 3.1.36). Diese
Verfügung erwuchs unangefochten in formelle Rechtskraft.
A.c Am 30. April 2013 ersuchte das Sozialamt die EL-Durchführungsstelle, die
Ergänzungsleistung der EL-Bezügerin rückwirkend ab dem 1. August 2012 neu zu
berechnen (act. G 3.1.23). Zur Begründung führte es aus, die EL-Bezügerin sei schon
seit dem 1. August 2012 vollständig arbeitsunfähig. Am 5. Juni 2013 teilte die EL-
Durchführungsstelle der EL-Bezügerin mit (act. G 3.1.20), dass sie die Anrechnung des
hypothetischen Erwerbseinkommens überprüfen werde. Sie forderte die EL-Bezügerin
auf, ein detailliertes Arztzeugnis einzureichen. Der Allgemeinmediziner Dr. med. B._
berichtete am 4. Juli 2013 (act. G 3.1.18), die EL-Bezügerin leide an einem femoro-
patellaren Schmerzsyndrom rechts, an einem Status nach einer Nierentransplantation,
an einer hypertensiven Herzkrankheit, an einem Status nach mehreren
Varizenoperationen im Jahr 2012 sowie an einem fortgeschrittenen Katarakt rechts. Er
habe ihr im Januar 2011 wegen der Operationen am Auge und an den Varizen eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit attestiert. Aufgrund der später aufgetretenen
hartnäckigen Schmerzen im rechten Knie habe sich die Dauer der Arbeitsunfähigkeit
verlängert. Bei der IV-Stelle sei ein Rentenerhöhungsgesuch hängig. Der Rheumatologe
Dr. med. C._ habe der EL-Bezügerin wegen der Knieschmerzen eine
Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent attestiert. Am 12. Juli 2013 teilte die EL-
Durchführungsstelle der EL-Bezügerin mit (act. G 3.1.16), dass sie erst über die weitere
Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens werde entscheiden können,
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wenn die hängige Beschwerde betreffend das Rentenerhöhungsgesuch rechtskräftig
beurteilt worden sei. Das EL-Verfahren werde deshalb sistiert.
A.d Im Januar 2015 ging der EL-Durchführungsstelle ein Beschluss der IV-Stelle zu,
laut dem der EL-Bezügerin für die Zeit vom 1. April 2012 bis zum 31. Oktober 2012 –
gestützt auf das entsprechende Urteil des Versicherungsgerichtes des Kantons St.
Gallen vom 22. Oktober 2014 (IV 2013/174) – vorübergehend eine ganze und
anschliessend wieder unbefristet eine halbe Rente zugesprochen wurde (act. G 3.1.6).
Am 10. März 2015 liess die nun anwaltlich vertretene EL-Bezügerin die
Wiederaufnahme des Verfahrens betreffend das „Anpassungsgesuch“ beantragen (act.
G 3.1.3). Ebenfalls im März 2015 teilte die Stiftung Auffangeinrichtung BVG mit, dass
sie eine vorübergehende Erhöhung ihrer Invalidenrente prüfen werde, was aber einige
Zeit in Anspruch nehmen werde (act. G 3.1.2). Am 16. Juni 2015 liess die EL-Bezügerin
erneut um die Wiederaufnahme des Verfahrens betreffend ihr „Anpassungsgesuch“
und um die Zusprache einer ohne ein hypothetisches Erwerbseinkommen berechneten
Ergänzungsleistung ab August 2012 sowie um die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren ersuchen (act. G 3.2.35). Am 24.
Juli 2015 teilte die EL-Durchführungsstelle der EL-Bezügerin mit (act. G 3.2.33), sie
werde für die Zeit, in der diese eine ganze Rente bezogen habe, kein hypothetisches
Erwerbseinkommen anrechnen. Bezüglich dieses Zeitraums müsse aber noch der
Entscheid der Stiftung Auffangeinrichtung BVG abgewartet werden. Für die Zeit nach
der Herabsetzung der ganzen Rente sei grundsätzlich ein hypothetisches
Erwerbseinkommen zu berücksichtigen, denn Gründe, die gegen die Anrechnung eines
solchen Einkommens sprechen würden, seien nicht ersichtlich. Die EL-Bezügerin
könne allerdings Nachweise über erfolglose ernsthafte Arbeitsbemühungen einreichen.
Am 19. August 2015 liess die EL-Bezügerin einwenden (act. G 3.2.31), ihr sei es schon
aufgrund ihres Alters und aufgrund der langen Absenz vom Arbeitsmarkt nicht möglich,
eine Arbeitsstelle zu finden. Sie habe in der Schweiz nie eine Schule besucht. Ihr
Abschluss sei nicht einmal mit einem Grundschulabschluss in der Schweiz
vergleichbar. Sie habe nie die Formalien der deutschen Sprache erlernen können.
Zahlreiche Stellenbemühungen seien erfolglos geblieben. Am 16. September 2015
notierte ein Mitarbeiter der EL-Durchführungsstelle (act. G 3.2.30), dem Urteil des
Versicherungsgerichtes betreffend das IV-Rentenerhöhungsgesuch lasse sich
entnehmen, dass der EL-Bezügerin eine leidensadaptierte Tätigkeit zu 50 Prozent
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zumutbar sei, wobei die Anforderungen an eine leidensadaptierte Tätigkeit nicht
ungewöhnlich hoch seien. Es könne nicht die Aufgabe der Ergänzungsleistungen sein,
eine vermeintlich zu tiefe Rente zu kompensieren. Am 18. September 2015 erliess die
EL-Durchführungsstelle eine Verfügung (act. G 3.2.29), deren Dispositiv wie folgt
lautete: „Das Gesuch um Ausscheidung des hypothetischen Erwerbseinkommens wird
abgewiesen“. Zur Begründung wurde ausgeführt, der EL-Bezügerin sei es nicht
gelungen, die Vermutung umzustossen, sie könne ein Erwerbseinkommen von knapp
20'000 Franken pro Jahr erzielen. Als „weitere Anmerkung“ enthielt die Verfügung den
Hinweis, dass für die Zeit vom 1. April 2012 bis zum 31. Oktober 2012 kein
hypothetisches Erwerbseinkommen berücksichtigt werde, da die EL-Bezügerin
während dieser Zeit vollständig invalid gewesen sei. Die „Anpassung“ der
Ergänzungsleistung werde aber erst erfolgen, wenn der Entscheid der Stiftung
Auffangeinrichtung BVG vor¬liege.
A.e Am 21. Oktober 2015 liess die EL-Bezügerin eine Einsprache gegen die Verfügung
vom 18. September 2015 erheben (act. G 3.2.23). Ihr Rechtsvertreter beantragte die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Wiederaufnahme des Verfahrens
betreffend die Anpassung der Ergänzungsleistungen, die Ausrichtung einer ohne ein
hypothetisches Erwerbseinkommen berechneten Ergänzungsleistung ab dem 1.
August 2012 und die Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das
„Gesuchsverfahren“. Zur Begründung führte er aus, der EL-Bezügerin sei die
Verwertung ihrer Restarbeitsfähigkeit auf dem tatsächlichen Arbeitsmarkt nicht
möglich. Am 21. Dezember 2015 forderte die EL-Durchführungsstelle die
Beschwerdeführerin auf, den Entscheid der Stiftung Auffangeinrichtung BVG betreffend
eine vorübergehende Rentenerhöhung bis spätestens am 21. Januar 2016 einzureichen
(act. G 3.2.10). Am 28. Dezember 2015 erliess die EL-Durchführungsstelle einen
Einspracheentscheid (act. G 3.2.9). Das Dispositiv lautete: „Bezüglich des Zeitraums ab
Zeitraum ab April bis Ende Oktober 2012 bleibt das Verwaltungsverfahren bezüglich
des EL-Anspruchs weiterhin sistiert; bezüglich des Zeitraums ab November 2012 bis
Ende März 2013 wird auf die Einsprache nicht eingetreten; im Übrigen wird die
Einsprache abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist“. Zur Begründung führte die EL-
Durchführungsstelle aus, solange noch kein Entscheid bezüglich der Invalidenrente aus
der beruflichen Vorsorge für den Zeitraum von April bis und mit Oktober 2012 vorliege,
könne der Betrag der Ergänzungsleistung für diesen Zeitraum nicht festgesetzt werden,
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weshalb das Verfahren sistiert bleiben müsse. Mit zwei rechtskräftigen Verfügungen
vom 16. Oktober 2012 und vom 27. Dezember 2012 sei der EL-Anspruch für die Zeit
ab dem 1. November 2012 verbindlich festgesetzt worden. Das Gesuch um eine
„Ausscheidung“ des hypothetischen Erwerbseinkommens sei erst im April 2013
eingereicht worden. Folglich dürfe erst ab jenem Zeitpunkt geprüft werden, ob
weiterhin ein hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen sei. Bezüglich des
Zeitraums von November 2012 bis Ende März 2013 könne somit nicht auf die
Einsprache eingetreten werden. Die EL-Bezügerin habe keine Gründe vorgebracht, die
gegen eine weitere Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens sprechen
würden. Für die Zeit ab April 2013 sei die Einsprache deshalb abzuweisen. Die
Voraussetzungen für eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung seien nicht erfüllt.
Schon am 24. Dezember 2015 hatte die EL-Bezügerin ein Schreiben der Stiftung
Auffangeinrichtung BVG vom 28. Oktober 2015 eingereicht, mit dem diese einen
Anspruch auf eine vorübergehend höhere Rente verweigert hatte (act. G 3.2.7).
B.
B.a Am 27. Januar 2016 liess die EL-Bezügerin (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 28. Dezember 2015 erheben
(act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung des Einspracheentscheides
und die Zusprache einer Ergänzungsleistung ab April 2012, die ohne ein
hypothetisches Erwerbseinkommen zu berechnen sei. Zur Begründung führte er aus,
der angefochtene Einspracheentscheid sei schon deshalb falsch, weil die
Beschwerdeführerin innerhalb einer von einem Sachbearbeiter der EL-
Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) gesetzten Frist den
definitiven Entscheid der beruflichen Vorsorgeeinrichtung eingereicht habe und weil
folglich betreffend den Zeitraum bis Ende Oktober 2012 rechtsgestaltend hätte
entschieden werden können. Auch nach der Rentenherabsetzung per Ende Oktober
2012 habe die Beschwerdeführerin ihre Restarbeitsfähigkeit nicht mehr verwerten
können. Die Gründe, die gegen die Möglichkeit sprächen, eine Erwerbstätigkeit
aufzunehmen, seien bereits mehrfach vorgebracht worden. Die Beschwerdegegnerin
habe diese Umstände aber gar nicht gewürdigt.
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B.b Am 9. Februar 2016 beantragte die Beschwerdegegnerin unter Hinweis auf die

Erwägungen im angefochtenen Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde
(act. G 3).
B.c Die Beschwerdeführerin verzichtete auf eine Replik (act. G 5).
Erwägungen
1.
1.1 Der Beschwerdeführerin ist nach einer Neuanmeldung mit einer Verfügung vom 16.
Oktober 2012 eine Ergänzungsleistung mit Wirkung ab dem 1. August 2012
zugesprochen worden. Diese Verfügung ist unangefochten in formelle Rechtskraft
erwachsen. Im April 2013 hat das zuständige Sozialamt für die Beschwerdeführerin um
eine Neuberechnung der Ergänzungsleistung ohne die Berücksichtigung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens ersucht. Dieses Gesuch hat offenkundig auf eine
Modifikation der leistungszusprechenden Verfügung vom 16. Oktober 2012 abgezielt.
Das ATSG kennt nur drei Instrumente für eine solche Korrektur: Die Revision (Art. 17
Abs. 2 ATSG), die sogenannte prozessuale Revision (Art. 53 Abs. 1 ATSG) und die
Wiedererwägung (Art. 53 Abs. 2 ATSG). Beim Gesuch der Beschwerdeführerin muss es
sich folglich um ein Revisionsgesuch, um ein Wiedererwägungsgesuch oder um ein
Gesuch um eine prozessuale Revision gehandelt haben. Die Beschwerdegegnerin hat
das Gesuch in der Folge mehrheitlich als „Anpassungsgesuch“ bezeichnet. Auch die
Beschwerdeführerin hat ihr Gesuch mehrheitlich so bezeichnet. Das ist für die
Qualifikation des Gesuchs aber irrelevant. Massgebend ist vielmehr, dass die
Beschwerdeführerin eine rückwirkende Modifikation ab dem Wirkungszeitpunkt der
ursprünglichen Leistungszusprache (1. August 2012) beantragt hat. Angesichts dieses
Umstandes kann es sich nicht um ein Revisionsgesuch im Sinne des Art. 17 Abs. 2
ATSG gehandelt haben, weil der Wirkungszeitpunkt einer Revision naturgemäss nicht
dem Wirkungszeitpunkt der ursprünglichen leistungszusprechenden Verfügung
entsprechen kann. Mit einer Revision wird nämlich stets eine ursprünglich richtige, aber
infolge einer Sachverhaltsveränderung nachträglich falsch gewordene formell
rechtskräftige Verfügung ex nunc et pro futuro modifiziert (vgl. dazu RALPH JÖHL, Die
Revision nach Art. 17 ATSG, in: JaSo 2012, S. 153 ff.). Wird eine formell rechtskräftige
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Verfügung rückwirkend ab ihrem Leistungsbeginn modifiziert, bleibt kein Zeitraum
übrig, für den sie noch eine Wirkung entfalten könnte. Sie wird also integral ersetzt.
Eine solche Korrektur ist nur mittels einer prozessualen Revision oder einer
Wiedererwägung zulässig. Vorliegend fällt eine prozessuale Revision nicht in Betracht,
denn es ist keine qualifiziert neue Tatsache im Sinne des Art. 53 Abs. 1 ATSG
ersichtlich. Das Gesuch vom April 2013 kann folglich nur ein Wiedererwägungsgesuch
gewesen sein, womit auch der Umstand übereinstimmt, dass die Beschwerdeführerin
(bzw. das offenbar in ihrem Namen handelnde Sozialamt) darin sinngemäss geltend
gemacht hat, die Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommen sei von Beginn
weg falsch gewesen, da sie vollständig arbeitsunfähig gewesen sei. Auf dieses
Wiedererwägungsgesuch ist die Beschwerdegegnerin eingetreten, wie sich ihrem
Schreiben vom 5. Juni 2013 eindeutig entnehmen lässt. Sie hat also im Frühjahr 2013
ein Wiedererwägungsverfahren eröffnet, das auf eine Korrektur der Verfügung vom 16.
Oktober 2012 abgezielt hat.
1.2 Das Wiedererwägungsverfahren konzentriert sich – anders als das
Revisionsverfahren – nicht nur auf ein einzelnes Sachverhaltselement. Da eine
Wiedererwägung zu einem integralen Ersatz der ursprünglichen Verfügung durch eine
neue Verfügung führt, müssen im Wiedererwägungsverfahren sämtliche
Sachverhaltselemente neu gewürdigt werden, denn nur so kann eine neue Verfügung
erlassen werden, die die ursprüngliche Verfügung integral ersetzen kann. Die
Beschwerdegegnerin hat folglich im Wiedererwägungsverfahren, das sie im Frühjahr
2013 eröffnet hat, sämtliche Sachverhaltselemente neu würdigen müssen. Sie hat sich
mit anderen Worten nicht ausschliesslich auf die Berechnungsposition „hypothetisches
Erwerbseinkommen“ beschränken dürfen. Das ist ihr offensichtlich bewusst gewesen,
denn sie hat mehrfach festgehalten, dass sie auch auf die vorübergehende
Rentenerhöhung der Invalidenversicherung sowie auf eine mögliche vorübergehende
Rentenerhöhung der beruflichen Vorsorgeeinrichtung reagieren werde. Nun hat aber im
Zeitpunkt, in dem sie ihre Verfügung vom 18. September 2015 erlassen hat, der
massgebende Sachverhalt noch nicht vollständig festgestanden, denn in jenem
Zeitpunkt ist noch gar nicht bekannt gewesen, ob die Stiftung Auffangeinrichtung BVG
ihre Rente vorübergehend erhöhen werde. Das hat es der Beschwerdegegnerin
augenscheinlich verunmöglicht, eine rechtsgestaltende Verfügung zu erlassen, die das
Wiedererwägungsverfahren hätte abschliessen können. Auch dies muss der
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Beschwerdegegnerin bewusst gewesen sein, denn sie hat in einer „weiteren
Anmerkung“ zur Verfügung vom 18. September 2015 festgehalten, dass sie noch eine
weitere Verfügung betreffend den Zeitraum vom 1. August 2012 bis zum 31. Oktober
2012 erlassen werde. Der wahre Inhalt des Dispositivs der Verfügung vom 18.
September 2015 hat sich nur auf die Feststellung beschränkt, dass für die Zeit ab dem
1. November 2012 ein hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen sei. Dabei hat
es sich um eine „klassische“ Feststellung im Sinne des Art. 49 Abs. 2 ATSG gehandelt,
denn sie hat sich auf die Subsumtion nur eines Sachverhaltselementes (von vielen)
unter ein einzelnes Tatbestandselement (von vielen) beschränkt (vgl. dazu TOBIAS
BOLT, Unzulässiger Feststellungsentscheid bei der Ermittlung des Invaliditätsgrades?,
in: SZS 2/2014, S. 164 ff.).
1.3 Der Erlass einer Feststellungsverfügung ist nur zulässig, wenn ein schützenswertes
Interesse an der Feststellung besteht (vgl. etwa UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3.
Aufl. 2015, Art. 49 N 44, mit Hinweisen). Vorliegend hat die Beschwerdegegnerin der
Beschwerdeführerin mit der Feststellungsverfügung vom 18. September 2015 zwar
aufgezeigt, dass sie die bis dato vorgebrachten Gründe gegen die Möglichkeit der
Erzielung eines Erwerbseinkommens als nicht massgebend erachtet hat. Darin kann
aber kein schützenswertes Interesse im Sinne des Art. 49 Abs. 2 ATSG erblickt werden,
denn nicht erst diese „Vorabinformation“ hat es der Beschwerdeführerin erlaubt, ihr
Handeln für die Zukunft entsprechend zu planen. Dieser muss schon lange vor dem 18.
September 2015 bewusst gewesen sein, dass sie sich – soweit zumutbar – um eine
Arbeitsstelle zu bemühen hat. Die Verfügung vom 18. September 2015 kann ihr
weiteres Verhalten also gar nicht massgebend beeinflusst haben, weshalb kein
Interesse an einer möglichst frühen „Vorabinformation“ hinsichtlich der Anrechnung
eines hypothetischen Erwerbseinkommens bestanden hat, das den Erlass einer
Feststellungsverfügung hätte rechtfertigen können. Bei der Verfügung vom 18.
September 2015 handelt es sich folglich um eine unzulässige Feststellungsverfügung,
weshalb sie im angefochtenen Einspracheentscheid hätte aufgehoben werden müssen.
Der Einspracheentscheid, mit dem die Beschwerdegegnerin teilweise nicht auf die
Einsprache eingetreten ist und diese im Übrigen abgewiesen hat, erweist sich vor
diesem Hintergrund als rechtswidrig, weshalb er aufzuheben ist.
2.
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2.1 Der Entscheid vom 28. Dezember 2015 enthält nebst dem eigentlichen
Einspracheentscheid noch zwei verfahrensleitende Anordnungen, nämlich eine
betreffend die Sistierung des Verwaltungsverfahrens (im Zusammenhang mit einer
allfälligen vorübergehenden Rentenerhöhung der beruflichen Vorsorge) und eine
betreffend die unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Verwaltungs- und für das
Einspracheverfahren. Die Beschwerdegegnerin hat diese beiden Anordnungen in ihren
Einspracheentscheid integriert, was aber nichts daran ändert, dass es sich dabei um
Zwischenverfügungen handelt, gegen die direkt Beschwerde erhoben werden kann
(Art. 52 Abs. 1 ATSG und Art. 56 Abs. 1 ATSG).
2.2 In ihrer Beschwerde hat sich die Beschwerdeführerin nicht gegen die
Verweigerung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das Verwaltungs- und für
das Einspracheverfahren zur Wehr gesetzt. Die entsprechende Zwischenverfügung ist
folglich unangefochten formell rechtskräftig und damit verbindlich geworden. Die Frage
nach der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das Verwaltungs- und für das
Einspracheverfahren gehört deshalb nicht zum Gegenstand dieses
Beschwerdeverfahrens.
2.3 Die Zwischenverfügung betreffend die Sistierung des Verwaltungsverfahrens ist
ohne Weiteres als rechtswidrig aufzuheben, denn erstens ist sie ergangen, bevor eine
von der Beschwerdegegnerin angesetzte Frist verstrichen war, und zweitens ist der
Sistierungsgrund noch am selben Tag, an dem die Verfügung ergangen ist (am 28.
Dezember 2015), weggefallen, weshalb sich eine weitere Verfahrenssistierung nicht hat
rechtfertigen lassen. Weshalb die Beschwerdegegnerin noch knapp zwei Monate
später in ihrer Beschwerdeantwort die Abweisung der – auch gegen diese
Sistierungsverfügung gerichteten – Beschwerde beantragt hat, ist nicht
nachvollziehbar. Das Verwaltungsverfahren hätte schon damals längst fortgesetzt
werden müssen. Diesbezüglich ist die Beschwerde also gutzuheissen.
3.
Zusammenfassend sind sowohl der angefochtene Einspracheentscheid als auch die
Zwischenverfügung betreffend die Verfahrenssistierung aufzuheben. Die
Beschwerdegegnerin wird das Wiedererwägungsverfahren fortsetzen und mit einer
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rechtsgestaltenden Verfügung abschliessen. Auch wenn bei diesem Ergebnis nicht auf
das materielle Begehren der Beschwerdeführerin eingegangen werden kann, ist diese
mit ihrem Hauptanliegen, nämlich der Aufhebung des von ihr als rechtswidrig
erachteten Einspracheentscheides, durchgedrungen, soweit sie diesen angefochten
hat. Dies rechtfertigt es, hinsichtlich der Entschädigungsfolgen von einem vollständigen
Obsiegen der Beschwerdeführerin auszugehen. Der notwendige Vertretungsaufwand
ist als deutlich unterdurchschnittlich zu qualifizieren, denn für die massgebenden
verfahrensrechtlichen Fragen haben praktisch keine Akten studiert werden müssen. Im
Übrigen ist das Aktendossier als unterdurchschnittlich umfangreich zu qualifizieren. Der
Hauptanteil der Beschwerdebegründung, der sich auf materielle Fragen bezieht, ist als
unnötiger Vertretungsaufwand zu qualifizieren, für den kein Anspruch auf eine
Parteientschädigung bestehen kann. Zudem ist nur ein Schriftenwechsel durchgeführt
worden. Dies rechtfertigt es, die Parteientschädigung auf 1'500 Franken (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.