Decision ID: 87fa726e-0185-4465-b9b0-3d5da8c3cb8d
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 29. März 2022 in der Schweiz um
Asyl nach (Akten der Vorinstanz [nachfolgend SEM-act.] 2). Ein Abgleich
mit der europäischen Fingerabdruckdatenbank «Eurodac» ergab, dass er
am (...) 2018 in Frankreich um Asyl nachgesucht hatte (SEM-act. 10).
A.b Im Rahmen des persönlichen Gesprächs gemäss Art. 5 der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 (nachfolgend: Dublin-Gespräch; SEM-act. 16)
führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen aus, sein Asylgesuch in
Frankreich sei am (...) 2019 abgelehnt worden und es sei ihm eine Be-
schwerde gegen diesen Entscheid verweigert worden. Die letzten zehn
oder 15 Tage vor seiner verfügten Ausreise habe er seine (...) operieren
lassen und sei anschliessend, obwohl er auf ein medizinisches Gerät an-
gewiesen gewesen sei, aus dem Asylzentrum weggewiesen worden. Im
September 2021 sei er von einem Kollegen abgeholt und in die Schweiz
gebracht worden. Er habe bis zur Einreichung seines Asylgesuchs illegal
in der Schweiz in der Nähe von Lausanne gelebt. Er sei in die Schweiz
gekommen, um mit B._ (nachfolgend: F.) in einer Beziehung zu le-
ben und diesen zu heiraten. Von F. sei er jedoch nur ausgenutzt worden.
Zudem habe bei F. noch C._ (nachfolgend: W.) gewohnt, welcher
behindert sei und welchem er habe helfen müssen. W. habe ihm, dem Be-
schwerdeführer, Geld für sexuelle Handlungen angeboten, was er aber ab-
gelehnt habe. Trotzdem sei es zu Handlungen gekommen, welche er nicht
gewollt habe. Er sei wie ein Sklave behandelt worden und F. habe ihm mit
der Polizei gedroht. W. hingegen habe ihn nicht ausgenutzt oder bedroht,
sondern lediglich Sex mit ihm haben wollen. In gesundheitlicher Hinsicht
gab er an, er könne nicht gut schlafen, da in der Unterkunft geraucht werde.
Zudem habe er (...).
A.c Am 21. April 2022 ersuchte die Vorinstanz die französischen Behörden
um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers (SEM-act. 19). Die französi-
schen Behörden stimmten dieser am 3. Mai 2022 in Anwendung von
Art. 18 Abs. 1 Bst. d der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO), zu (SEM-act. 28).
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A.d An der Anhörung Menschenhandel (nachfolgend: MH; SEM-act. 32)
vom 15. Juni 2022 führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen aus, er
habe F. im Jahr 2014 auf einer Internetplattform kennengelernt. Im Jahr
2017 sei er nach Frankreich eingereist, da es gegenüber der Schweiz ein-
facher gewesen sei, ein Visum zu erhalten. F. habe im Jahr 2019 entschie-
den, dass er eine Beziehung mit ihm haben wolle, und habe ihn mit dem
Auto in Frankreich abgeholt und in die Schweiz gebracht. Hinsichtlich sei-
ner psychischen Gesundheit gab er an, er sei müde und hasse sich manch-
mal selber. Zudem präzisierte er, er habe den Instanzenzug betreffend sein
Asylgesuch in Frankreich ausgeschöpft und jeweils negative Entscheide
erhalten.
A.e Der Beschwerdeführer reichte eine Vielzahl von Unterlagen aus Frank-
reich zu den Akten. Diesbezüglich wird auf die angefochtene Verfügung,
Ziffer I Nummer 7 verwiesen.
B.
Mit Verfügung vom 15. August 2022 (eröffnet am 16. August 2022) trat die
Vorinstanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete
dessen Wegweisung aus der Schweiz in den zuständigen Dublin-Mitglied-
staat (Frankreich) an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf
der Beschwerdefrist zu verlassen. Der zuständige Kanton wurde mit dem
Vollzug der Wegweisung beauftragt. Im Weiteren händigte sie dem Be-
schwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus
und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen die Verfügung
keine aufschiebende Wirkung zukomme (SEM-act. 36 und 39).
C.
Gegen diesen Entscheid liess der Beschwerdeführer am 22. August 2022
(Poststempel) Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht erheben. Er
beantragte, die Verfügung vom 15. August 2022 sei aufzuheben und die
Vorinstanz anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten. Eventualiter sei
die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeurtei-
lung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventualiter sei die Vorinstanz
anzuweisen, individuelle schriftliche Zusicherungen betreffend die adä-
quate und nahtlose psychotherapeutische medizinische Versorgung von
den französischen Behörden einzuholen. Der vorliegenden Beschwerde
sei die aufschiebende Wirkung zu gewähren und im Sinne superprovisori-
scher vorsorglicher Massnahmen seien die Vollzugsbehörden unverzüglich
anzuweisen, bis zum Entscheid über die Beschwerde von jeglichen Voll-
zugshandlungen abzusehen.
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In prozessualer Hinsicht sei der Beschwerde die unentgeltliche Prozess-
führung zu gewähren und insbesondere auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses zu verzichten.
Der Beschwerde legte der Beschwerdeführer 14 Beilagen bei.
D.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
23. August 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
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Seite 5
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu be-
urteilen sind, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine Kassation der vor-
instanzlichen Verfügungen zu bewirken. Der Beschwerdeführer rügt – mit-
ten in den Ausführungen zum Materiellen – eine Verletzung des Untersu-
chungsgrundsatzes und damit sinngemäss die unvollständige Erstellung
des rechtserheblichen Sachverhalts. Diesbezüglich führt er aus, die Vor-
instanz hätte weitere Abklärungen zu seiner Notlage in Frankreich und zur
Ausnutzung dieser Notlage durch F., zu den Haushaltsarbeiten und Pfle-
getätigkeiten der anderen beiden Personen, zum Vorliegen einer finanziel-
len Entschädigung sowie zur Bestreitung des Lebensunterhalts tätigen sol-
len. Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der gesetzlichen Beweismittel
(Bstn. a-e). Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn nicht alle
für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt wer-
den (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-
rechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). Der Untersuchungs-
grundsatz findet seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der Asylsuchen-
den (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG). Diesbezüglich ist festzuhalten, dass an-
lässlich der Anhörung MH der Beschwerdeführer nach der Arbeitsteilung
zwischen ihm, F. und W. gefragt wurde und er diese Frage ausführlich und
in freier Rede beantwortete (SEM-act. 32 F13). Im Weiteren war sein
Rechtsvertreter während der gesamten Anhörung anwesend und konnte
im Rahmen der Mitwirkungspflicht Fragen an den Beschwerdeführer stel-
len – was er im Übrigen auch tat (SEM-act. 32 F41 / 45 / 47 / 49). Falls
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dieser – entgegen der Vorinstanz – der Meinung gewesen wäre, der Sach-
verhalt sei in diesem Sachverhaltskomplex noch nicht vollständig erstellt,
wäre es ihm offen gestanden, ergänzende Fragen zu stellen. Ferner legte
die Vorinstanz ihre Gründe, welche im Sinne einer Gesamtwürdigung zum
Schluss führten, es sei vorliegend nicht von einer Arbeitsausbeutung aus-
zugehen, auf Seite 8 f. der angefochtenen Verfügung detailliert dar. Die
Ausführungen in der Beschwerde vermögen diese Einschätzung offen-
sichtlich nicht umzustossen. Die formellen Rügen erweisen sich als unbe-
gründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aufzuheben und
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das entsprechende Eventualbegehren
ist abzuweisen.
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für das
Verfahren zuständig ist und keine Überstellungshindernisse vorliegen, tritt
das SEM, nachdem der betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder
Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE
2017 VI/5 E. 6.2).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
5.3 Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) – wie
vorliegend – findet indes grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprü-
fung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und
8.2.1 m.w.H.). Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist ver-
pflichtet, einen Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen, dessen Antrag
von ihm abgelehnt wurde und der in einem anderen Mitgliedstaat einen
Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitglied-
staats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25
und 29 wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO).
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Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zustän-
digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An-
nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An-
tragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen,
die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung
im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union
(2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist
zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zu-
ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zustän-
dig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat
zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO be-
schliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen gestellten An-
trag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser
Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht).
6.
6.1 Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, sich vor der Einreise in die
Schweiz in Frankreich aufgehalten und dort um Asyl nachgesucht zu ha-
ben. Nachdem die französischen Behörden innerhalb der in Art. 25 Abs. 1
Dublin-III-VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmegesuch des SEM zu-
gestimmt haben, steht die Zuständigkeit Frankreichs grundsätzlich fest.
6.2 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli-
che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Asylsuchende in Frankreich würden systemische Schwach-
stellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdi-
genden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit
sich bringen würden.
Frankreich ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105), des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) und des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) sowie des Übereinkommens zur Bekämpfung des Men-
schenhandels (ÜBM, SR 0.311.543) und kommt seinen diesbezüglichen
völkerrechtlichen Verpflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen wer-
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den, dieser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutz-
suchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zu-
erkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfah-
rensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von
Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz bean-
tragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben. Unter diesen Umständen ist die
Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
7.
7.1 Der Beschwerdeführer fordert die Anwendung der Ermessensklausel
von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbsteintrittsrecht
im Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), gemäss
welcher das SEM das Asylgesuch "aus humanitären Gründen" auch dann
behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zu-
ständig wäre.
7.2 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, das darauf schliessen liesse, die französischen Behörden würden
sich weigern, ihn aufzunehmen und seinen Antrag auf internationalen
Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den
Akten sind auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Frankreich
werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und
ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder
seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder
in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwun-
gen zu werden. Ausserdem hat der Beschwerdeführer nicht dargetan, die
ihn bei einer Überführung erwartenden Bedingungen in Frankreich seien
derart schlecht, dass er zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta, Art. 3 und Art. 4 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten.
7.3 Ob eine Verletzung von Art. 4 EMRK vorliegt, ist auch in einem Dublin-
Verfahren zu berücksichtigen, da es sich – wie Art. 3 EMRK – bei dieser
Bestimmung um eine völkerrechtliche Verpflichtung handelt (vgl. dazu u.a.
Urteil des BVGer F-3409/2019 vom 14. April 2020 E. 7). Der Vorinstanz ist
insbesondere zuzustimmen, dass nicht von einer Arbeitsausbeutung des
Beschwerdeführers durch F. und W. auszugehen ist. Diesbezüglich hat sie
richtig festgestellt, dass der Beschwerdeführer nicht aufgrund von falschen
Versprechungen seine Heimat verlassen habe und die Wohnung, unter Be-
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rücksichtigung der Pflege von W., unter anderem selbständig habe verlas-
sen können. Es ist vorliegend von einer freien und ungezwungenen Abma-
chung zwischen ihm und F. auszugehen. Um Wiederholungen zu vermei-
den, ist auf die ausführlichen Erwägungen in der angefochtenen Verfügung
zu verweisen. Auch hinsichtlich der Vorbringen des Beschwerdeführers, er
sei in der Schweiz Opfer von Menschenhandel im Sinne der sexuellen Aus-
beutung geworden, kann vollumfänglich auf die vorinstanzlichen Erwägun-
gen verwiesen werden. Hinsichtlich der Strafanzeige ist nicht nachvollzieh-
bar, weshalb der Beschwerdeführer sich zirka ein halbes Jahr in der Woh-
nung von F. und W. aufgehalten hat, ohne eine solche einzureichen. Da
sich die Wohnung im Kanton Waadt, einem Kanton mit französischer Amts-
sprache, befand, wäre ein Dolmetscher für die Einreichung einer solchen
nicht notwendig gewesen. Ebenfalls unverständlich ist der Versuch des
rechtlich vertretenen Beschwerdeführers, in einem deutschsprachigen
Kanton in französischer Sprache eine Strafanzeige einreichen zu wollen
und auf Beschwerdeebene zu monieren, die Polizei in D._
([deutschsprachiger Kanton], Anmerkung BVGer) habe die «Bedingung»
gestellt, dass ein Dolmetscher zugegen sein müsse. Im Weiteren ist, unter
Verweis auf die angefochtene Verfügung, festzustellen, dass der Be-
schwerdeführer den Termin zur Anzeigeerstattung absagte, obwohl die
Vorinstanz ihm genügend Zeit einräumte, um den Termin zu verschieben
oder einen Dolmetscher zu organisieren. Zudem führt der Beschwerdefüh-
rer nicht aus, weshalb er seit dem ersten Versuch zur Anzeigeerstattung
vom 23. Juni 2022 bis dato keine Anzeige eingereicht hat und stattdessen
in der Beschwerde eine Anzeigeerstattung in einem westschweizer Kanton
für den 26. August 2022 in Aussicht stellt. Das rechtsmissbräuchliche Zu-
warten der Einreichung einer Strafanzeige, lediglich zum Zweck, die Weg-
weisung nach Frankreich zu verzögern oder zu verhindern, wird von der
Rechtsordnung nicht geschützt. Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass
insbesondere aufgrund der fehlenden Ernsthaftigkeit seines Bemühens um
Einreichung einer Strafanzeige und aufgrund der Aktenlage sowie unter
Verweis auf die angefochtene Verfügung nicht davon auszugehen ist, der
Beschwerdeführer sei Opfer von Menschenhandel im Sinne der sexuellen
Ausbeutung geworden. Aufgrund dessen ist mit der Vorinstanz einherzu-
gehen, dass das Nichtgewähren von Erholungs- und Bedenkzeit rechtmäs-
sig war. Nach dem Gesagten hat die Vorinstanz Art. 4 EMRK offensichtlich
nicht verletzt.
7.4 Der Beschwerdeführer hat auch keine konkreten Hinweise für die An-
nahme dargetan, Frankreich würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Aufnah-
merichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei
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einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnte er sich im Übri-
gen nötigenfalls an die französischen Behörden wenden und die ihr zu-
stehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl.
Art. 26 Aufnahmerichtlinie).
7.5 Der Beschwerdeführer beruft sich darauf, sein Gesundheitszustand
stehe einer Überstellung entgegen; gemäss dem aktuellen ärztlichen Be-
richt, dem Austrittsbericht vom (...) 2022, wurde bei ihm im Rahmen einer
Hauptdiagnose eine (...) diagnostiziert. Bei Austritt aus den (...) Spitals
E._ stellten die medizinischen Fachpersonen fest, beim Beschwer-
deführer lägen keine Anhaltspunkte für (...) vor. (...). Zudem geht aus den
Akten hervor, dass er in Frankreich aufgrund einer (...) operativ behandelt
worden ist. Die diesbezüglichen Vorbringen in der Beschwerdeschrift, es
gehe aus den Akten unbestrittenermassen hervor, dass der Beschwerde-
führer aufgrund seines psychischen Zustandes hochvulnerabel sei, sind
demnach nicht nachvollziehbar.
Im Weiteren erreichen die geltend gemachten medizinischen Probleme
nicht die in Übereinstimmung mit der Rechtsprechung des EGMR erforder-
liche Schwere, bei der die Schweiz zu einem Selbsteintritt verpflichtet wäre.
Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Prob-
lemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK
darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene Person
sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium befindet
oder bei einer Überstellung mit einem realen Risiko einer ernsten, raschen
und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands
konfrontiert ist (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Pra-
xis des EGMR). Eine solche Konstellation liegt beim Beschwerdeführer
nicht vor. Sollte er auf ärztliche Behandlung angewiesen sein, muss er
diese in Frankreich einfordern. Dieses verfügt über eine ausreichende me-
dizinische Infrastruktur und ist aufgrund der Aufnahmerichtlinie verpflichtet,
ihm die erforderliche Behandlung zukommen zu lassen. Dasselbe gilt für
die befürchtete Obdachlosigkeit, die der Beschwerdeführer nicht konkret
belegt, sondern generell rügt (vgl. die Hinweise auf fehlende Unterbringung
Asylsuchender und weggewiesener Personen im AIDA Country Report,
S. 87 ff.). Sollte er bei seiner Rückkehr in Frankreich als abgewiesener
Asylsuchender nicht grundrechtskonform, d.h. insbesondere unter Ge-
währleistung einer menschenwürdigen Notversorgung, untergebracht wer-
den, hat er dies nötigenfalls auf dem Rechtsweg einzufordern (vgl. Urteil
des BVGer F-4865/2020 vom 8. Oktober 2020 E. 5.1). Ein Selbsteintritt aus
humanitären Gründen ist bei dieser Sachlage nicht angezeigt. Den Akten
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sind keine Hinweise auf einen vorinstanzlichen Ermessensmissbrauch
oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen,
weshalb die Vorinstanz zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten ist und die
Überstellung nach Frankreich angeordnet hat.
Ferner ist es aufgrund des derzeitigen Erkenntnisstandes nicht angezeigt,
das SEM dazu zu verpflichten, bei den französischen Behörden Garantien
dafür einzuholen, dass diese sich an die von ihnen eingegangenen völker-
rechtlichen Verpflichtungen inklusive die adäquate und nahtlose psycho-
therapeutische medizinische Versorgung sowie eine nahtlose Unterbrin-
gung in den Strukturen für vulnerable Personen halten.
7.6 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messenklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist
festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3).
8.
Somit bleibt Frankreich der für die Behandlung des Asylgesuchs des Be-
schwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO. Frank-
reich ist verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 21, 22 und 29 aufzu-
nehmen, sofern der Beschwerdeführer bei den französischen Behörden
um Asyl nachsucht. Es erübrigt sich, auf die weiteren Ausführungen in den
Beschwerdeeingaben und die eingereichten Beweismittel im Einzelnen
einzugehen, da sie an der vorgenommenen Würdigung des vorliegenden
Sachverhalts nichts zu ändern vermögen.
9.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Frankreich in An-
wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
10.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
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unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
11.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
12.
Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes-
halb sich der Antrag auf Erlass vorsorglicher Massnahmen und auf Gewäh-
rung der aufschiebenden Wirkung als gegenstandslos erweist.
13.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist abzu-
weisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Mit dem Entscheid in der
Hauptsache ist das Begehren um Erlass des Kostenvorschusses gegen-
standslos geworden.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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