Decision ID: 5f67748c-7caa-4f94-8839-749904b1c924
Year: 2008
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
D._,
Beschwerdeführer,
gegen
Amt für Arbeit, Unterstrasse 22, 9001 St. Gallen,
Beschwerdegegner,
betreffend
Erlass (guter Glaube)
Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.
A.a D._, Jahrgang 1958, war bei der Arbeitslosenversicherung zum Leistungsbezug
gemeldet. Auf dem Formular "Angaben der versicherten Person" für den Monat Juni
2007 gab der Versicherte an, vom 1. bis 30. Juni beim A._ gearbeitet zu haben (act.
G 5.1; C 5). In den beiden Folgemonaten konnte der Versicherte wiederum einem
Zwischenverdienst bei demselben Arbeitgeber nachgehen. Dies vermerkte D._ auf
dem monatlich der Arbeitslosenkasse UNIA einzureichenden Formular "Angaben der
versicherten Person" nicht (act. 5.1; C 5). Aufgrund dessen richtete die
Arbeitslosenkasse UNIA für die beiden Kontrollperioden die vollen Taggelder aus
(act. G 5.1; A 5). Jeweils nach erfolgter Abrechnung bescheinigte der Arbeitgeber des
Versicherten der Arbeitslosenkasse UNIA den Zwischenverdienst (act. G 5.1; C 4). Die
Arbeitslosenkasse berechnete in der Folge die Arbeitslosenentschädigung für die
Monate Juli und August 2007 neu unter Berücksichtigung der erzielten
Zwischenverdienste. Mit Verfügung vom 14. September 2007 forderte sie den Betrag
von Fr. 2'995.10 für zuviel ausbezahlte Taggeldleistungen vom Versicherten zurück
(act. G 5.1; A 1).
A.b Am 16. November 2007 reichte die CAP Rechtsschutz-Versicherungsgesellschaft
AG im Namen des Versicherten ein Gesuch um Erlass der Rückforderung ein. Zur
Begründung führte sie aus, der Versicherte habe die Leistungen der Arbeitslosenkasse
UNIA in gutem Glauben empfangen. Er habe sich im Zeitpunkt der Überweisungen in
den Ferien befunden und sei daher nicht in der Lage gewesen, die entsprechenden
Abrechnungen auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Er sei davon ausgegangen, dass
er die überwiesenen Beträge auch zugute habe, weshalb er sie in den Ferien
ausgegeben habe. Es sei ihm nicht bewusst gewesen, dass er die Leistungen zu
Unrecht bezogen habe. Ebenso sei ihm nicht bewusst gewesen, dass der
Arbeitslosenkasse UNIA sein Zwischenverdienst nicht bekannt gewesen sei. Sofort
habe er sich bei ihr gemeldet, als ihm dies bewusst geworden sei. Somit könne nur von
einem sehr leichten Verstoss gegen die Meldepflichten ausgegangen werden, was den
guten Glauben nicht ausschliesse. Des Weitern würde die Rückzahlung eine grosse
Härte für den Versicherten bedeuten. Dies sei daraus ersichtlich, dass er mit seinem
Einkommen seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten könne und die Gemeinde jeweils
seine Krankenkassenkosten übernehmen müsse (act. G 5.1; A 2).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.c Mit Verfügung vom 23. Januar 2008 wies das Amt für Arbeit das Erlassgesuch ab.
Die Voraussetzung des gutgläubigen Empfangs der zurückgeforderten Leistung sei
nicht gegeben (act. G 5.1; A 6). Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte am
11. Februar 2008 Einsprache und beantragte sinngemäss die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und die Gutheissung des Erlassgesuchs (act. G 5.1; A 7). Mit
Einspracheentscheid vom 27. Februar 2008 wies das Amt für Arbeit die Einsprache ab.
Zur Begründung führte es aus, der Versicherte habe es unterlassen, die Abrechnungen
der Arbeitslosenkasse UNIA auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Dadurch habe er die
Meldepflicht verletzt, weshalb die Annahme des guten Glaubens verneint werden
müsse. Der gute Glaube müsse auch deswegen verneint werden, weil der Versicherte –
wie er selber zugebe – auf dem Formular "Angaben der versicherten Person" für die
Monate Juli 2007 und August 2007 falsche Angaben gemacht habe. Dadurch habe er
die Auskunftspflicht verletzt. Die Erlassvoraussetzungen des guten Glaubens seien
nicht gegeben. Somit erübrige sich die Prüfung der grossen Härte (act. G 3).
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die Beschwerde vom 28. März
2008. Sinngemäss beantragt der Beschwerdeführer die Aufhebung des
Einspracheentscheids und die Gutheissung des Erlassgesuchs. Zur Begründung führt
er aus, er habe keine Täuschungsabsicht gehabt, er habe lediglich in Unkenntnis
gehandelt. Des Weitern verweist er auf seine sehr angespannte finanzielle Lage. Zudem
treffe die Arbeitslosenkasse UNIA eine Mitschuld, da sie ihn nicht auf seine falschen
Angaben aufmerksam gemacht habe (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 9. Mai 2008 beantragt der Beschwerdegegner
Abweisung der Beschwerde. Er führt insbesondere aus, dass der Einwand des
Beschwerdeführers, er habe die Abrechnungen der Arbeitslosenkasse UNIA aufgrund
seiner Ferienabwesenheit nicht kontrollieren können, nicht greife. Die
Auszahlungstermine seien nachweislich nicht in seine Ferienzeit gefallen (act. G 5).
B.c Der Beschwerdeführer verzichtet auf die Einreichung einer Replik (act. G 7).

Erwägungen:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.
1.1 Nach Art. 95 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) in
Verbindung mit Art. 25 Abs. 1 Satz 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) muss die Kasse
Versicherungsleistungen, auf die der Empfänger keinen Anspruch hatte, zurückfordern.
War der Leistungsempfänger beim Bezug gutgläubig und würde die Rückerstattung
eine grosse Härte bedeuten, so wird sie auf Gesuch hin ganz oder teilweise erlassen
(vgl. Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG). Die Voraussetzungen des guten Glaubens und der
grossen Härte müssen kumulativ erfüllt sein.
1.2 Die Rechtsordnung geht zwar grundsätzlich von der Vermutung des guten
Glaubens aus (vgl. Art. 3 Abs. 1 ZGB). Ob er vorliegt, muss dennoch im Einzelfall
aufgrund der Umstände geprüft werden. Der gute Glaube liegt nicht schon bei
Unkenntnis des Rechtsmangels (Unrechtmässigkeit des Leistungsbezugs) vor.
Vielmehr darf sich die Person, welche unrechtmässige Leistungen bezogen hat, nicht
nur keiner böswilligen Absicht, sondern auch keiner groben Nachlässigkeit schuldig
gemacht haben. Der gute Glaube entfällt somit, wenn die zu Unrecht erfolgte
Leistungsausrichtung auf ein arglistiges oder grobfahrlässiges Verhalten
zurückzuführen ist (vgl. BGE 110 V 180 f. Erw. 3c; Kreisschreiben des seco über
Rückforderung, Verrechnung, Erlass und Inkasso vom April 2008, C 2). Grobe
Fahrlässigkeit ist gegeben, wenn jemand bei der Anmeldung, bei der Abklärung der
Verhältnisse, bei der Erfüllung der Meldepflicht oder bei der Entgegennahme der
unrechtmässigen Leistung ausser Acht gelassen hat, was jedem verständigen
Menschen in gleicher Lage und unter gleichen Umständen als beachtlich hätte
einleuchten müssen. Beim Verhalten, das den guten Glauben ausschliesst, genügt
auch bereits die Unterlassung, sich bei entsprechenden Umständen und gebotener
Sorgfalt bei der Verwaltung zu erkundigen (ARV 1998 Nr. 41 S. 239). Hingegen kann
sich die rückerstattungspflichtige Person auf den guten Glauben berufen, wenn ihre
fehlerhafte Handlung oder Unterlassung nur eine leichte Verletzung der Auskunfts- oder
Meldepflicht darstellt (BGE 112 V 103 Erw. 2c mit Hinweisen; ARV 1992 Nr. 7 S. 103
Erw. 2b).
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Streitig ist, ob die Voraussetzungen für den Erlass der Rückforderung gegeben sind.
Nicht mehr zu prüfen ist die in Rechtskraft erwachsene Rückforderungsverfügung vom
14. September 2007.
3.
3.1 In der Einsprache räumt der Beschwerdeführer selber ein, die Verneinung der
Frage nach der Ausübung einer Erwerbstätigkeit im Formular "Angaben der
versicherten Person" sei klar ein Fehler gewesen, den er sich anrechnen lassen müsse,
den er aber nicht absichtlich begangen habe (act. G 5.1; A 7). Wie oben dargelegt, darf
er sich als Bezüger einer unrechtmässigen Leistung nicht nur keiner böswilligen
Absicht, sondern auch keiner groben Nachlässigkeit schuldig gemacht haben.
Vorliegend hat der Beschwerdeführer grobfahrlässig gehandelt, wie nachfolgend zu
zeigen sein wird.
3.2 Zum einen ist nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer beim
Ausfüllen des besagten Formulars "in Unkenntnis" gehandelt hat, wie in der
Beschwerde behauptet (act. G 1). Das Formular "Angaben der versicherten Person"
war dem Beschwerdeführer bekannt und die Frage, ob er gearbeitet habe, klar
formuliert. Bereits im Vormonat, im Juni 2007, hat er beim A._ gearbeitet und den
Zwischenverdienst auf dem Formular korrekt deklariert (act. G 5.1; C 5). Es ist daher
nicht nachvollziehbar, warum er das Formular in den beiden Folgemonaten mangels
Kenntnis nicht hätte richtig ausfüllen können. Die Verneinung des Zwischenverdiensts
ist daher als grobfahrlässige Verletzung der Auskunftspflicht zu qualifizieren. Im
Übrigen kann der Beschwerdeführer aus seinem Vorwurf, die Arbeitslosenkasse UNIA
trage eine Mitschuld, nichts ableiten. Sie darf darauf vertrauen, dass die gemachten
Angaben korrekt sind, soweit keine gegenteiligen Anhaltspunkte vorliegen. Aus dem
Umstand allein, dass der Beschwerdeführer im Juli 2007 entgegen seiner
ursprünglichen Deklaration im Zwischenverdienst gearbeitet hat, konnte die
Arbeitslosenkasse UNIA den erneuten Zwischenverdienst im August 2007 nicht
ableiten.
3.3 Zum andern vermag die Behauptung des Beschwerdeführers, er habe infolge
Ferienabwesenheit die Taggeldabrechnungen der beiden Monate nicht kontrollieren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
können, nicht zu überzeugen. Aus dem Schreiben des A._ (act. G 5.1; A 7) und aus
der "Bescheinigung über den Zwischenverdienst" für die Monate Juli 2007 und August
2007 (act. G 5.1; C 4) geht hervor, dass der Beschwerdeführer vom 30. Juli 2007 bis
10. August 2007 Ferien hatte. Fest steht auch, dass die Arbeitslosenkassen UNIA die
Arbeitslosenentschädigung am 23. Juli 2007 resp. 24. August 2007 abgerechnet hat
(act. G 5.1; A 5). Es ist zwar möglich, dass der Beschwerdeführer die Juli-Abrechnung
vor Ferienantritt nicht mehr hat kontrollieren können, da nicht aktenkundig ist, wann die
Abrechnung dem Beschwerdeführer zugegangen ist und an welchem Tag er in die
Ferien abgereist ist. Nicht nachvollziehbar ist hingegen, wenn der Beschwerdeführer
geltend macht, er sei von der Rechtmässigkeit des auf seinem Konto gutgeschriebenen
Betrags ausgegangen. Da er bereits im Vormonat Juni 2007 im selben Umfang im
Zwischenverdienst gearbeitet hat und ihm demzufolge bekannt war, in welcher Höhe
sich die Summe aus Lohn und Taggeld bewegt, wäre es ihm angesichts der
augenscheinlichen Differenz zwischen den zu erwartenden und tatsächlich erfolgten
Auszahlungen selbst bei Geldbezügen am Bancomat-Schalter im Ausland zumutbar
gewesen, einen Mehrbetrag gegenüber dem Vormonat von nahezu Fr. 1'700.--,
konkret: Fr. 1'680.60 (act. G 5.1; B 5), zu erkennen. Spätestens nach seiner Rückkehr
hätte er seine Falschdeklaration beim Vorliegen der Taggeld- und Lohnabrechnung
endgültig bemerken und der Arbeitslosenkasse UNIA melden müssen, dass sein
Zwischenverdienst vom Juli 2007 nicht berücksichtigt worden war. Zudem wäre es
dem Beschwerdeführer mit dem Wissen um den begangenen Fehler zumutbar
gewesen, dass er am 21. August 2007 auf dem Formular "Angaben für die versicherte
Person" für den Monat August 2007 seinen Zwischenverdienst nicht ein weiteres Mal
verneint hätte (act. G 5.1; C 5). Dadurch hätte er immerhin die Ausrichtung der vollen
Taggeldentschädigung im August 2007 verhindern können. Da er all dies unterlassen
hat, hat der Beschwerdeführer seine Meldepflicht grobfahrlässig verletzt.
4.
Nach dem Gesagten hat der Beschwerdeführer bei der Auskunftspflicht, bei der
Erfüllung der Meldepflicht und bei der Entgegennahme der unrechtmässigen
Leistungen nicht das ihm zumutbare Mindestmass an Aufmerksamkeit und Sorgfalt
aufgewendet. Er hat grobfahrlässig gehandelt, was eine Berufung auf den guten
Glauben ausschliesst. Damit fehlt es an einer der zwei kumulativ erforderlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erlassvoraussetzungen und der Beschwerdegegner hat das Erlassgesuch zu Recht
abgewiesen. Unter diesen Umständen ist das Vorliegen einer grossen Härte nicht mehr
zu prüfen.
5.
Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG