Decision ID: ec321378-e28b-4f2e-9d1d-894e80163885
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1963, reiste im Jahr 1987 in die Schw
eiz ein und war – nebst längeren
Perioden der Arbeitslosigkeit und Nichterwerbstätigkeit – in der Reisebranche
,
im Marketing
und als Journalist
tätig (
Urk.
8/1/4,
Urk.
8/4/1 und
Urk.
8/14). Am 1
0.
Oktober 2012 (
Urk.
8/5) meldete er sich unter Hinweis auf eine Depression bei
der
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungsbezug an. Die IV-Stelle tätigte medizinische und berufliche Abklärungen und wies das Rentenbegehren – nach durchgeführtem Vorbe
scheidverfahren (
Urk.
8/32) – mit Verfügung vom 2
2.
Juli 2014 (
Urk.
2) ab.
2.
Hiergegen erhob der Versicherte am 1
2.
September 2014 (
Urk.
1) Beschwerde und
beantragte die Ausrichtung einer Dreiviertelsrente mit Wirkung ab März 2013, eventualiter ergänzende Abklärungen durch das Gericht. In prozessu
aler Hin
sicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (S. 2). Die IV-Stelle beantragte am 1
7.
Oktober 2014 (
Urk.
7) Abweisung der Be
schwerde,
was dem Versicherten am 2
0.
Oktober 2014
(Urk. 9)
zur Kenntnis gebracht wurde
.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze
oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den All
g
emeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG).
Sie kann Folge von Ge
burtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung,
IVG).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beein
träch
ti
gung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur
sachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teil
wei
se
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommen
den ausge
glichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesund
heitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Alkoholismus (wie auch Drogensucht und Medikamentenabhängigkeit) begrün
det für sich allein keine Invalidität im Sinne des Gesetzes. Vielmehr wird er
invalidenversicherungsrechtlich erst relevant, wenn er eine Krankheit oder einen
Unfall bewirkt hat, in deren Folge ein körperlicher, geistiger oder psychischer,
die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender Gesundheitsschaden eingetreten ist, oder wenn er selber Folge eines körperlichen, geistigen oder psychischen Ge
sund
heitsschadens ist, dem Krankheitswert zukommt (Urteil des Bundesgerichts 8C_694/2008
vom 5. März 2009 E. 2). Dabei ist das ganze für die Alkoholsucht massgebende Ursachen- und Folgespektrum in eine Gesamtwürdigung einzube
ziehen, was impliziert, dass einer allfälligen Wechselwirkung zwischen Sucht
mittelabhängigkeit und psychischer Begleiterkrankung Rechnung zu tragen ist
(Urteile des Bundesgerichts I 758/01 vom 5. November 2002 E. 3.2, und I 390/01
vom 19. Juni 2002 E. 2b). Was die krankheitsbedingten Ursachen der Alkohol
sucht betrifft, ist für die invalidenversicherungsrechtliche Relevanz der Abhäng
igkeit erforderlich, dass dem Alkoholismus eine ausreichend schwere und ihrer Natur nach für die Entwicklung einer Suchtkrankheit geeignete Ge
sundheits
störung zugrunde liegt, welche zumindest eine erhebliche Teilursache der Alko
holsucht darstellt (Urteil des Bundesgerichts I 192/02 vom 23. Oktober 2002 E.
1.2.2 mit Hinweis); es genügt nicht, wenn es sich nur um eine ganz unter
geordnete Teilursache handelt (nicht veröffentlichtes Urteil des Bundesge
richts I 130/93 vom 29. August 1994). Mit dem Erfordernis des Krankheitswerts einer all
fälligen verursachenden psychischen Krankheit wird verlangt, dass diese die
Arbeits- und Erwerbsfähigkeit einschränkt (BGE 99 V 28 E. 2; Urteil des Bun
des
gerichts I 940/05 vom 10. März 2006 E. 2.2; erwähntes Urteil I 758/01 E. 3.1).
Wenn der erforderliche Kausalzusammenhang zwischen Alko
holsucht und krank
heitswertigem psychischem Gesundheitsschaden besteht, sind für die Frage der
noch zumutbaren Erwerbstätigkeit die psychischen und die suchtbedingten Be
ein
trächtigungen gesamthaft zu berücksichtigen. Um diese Frage beantworten zu können, sind Verwaltung und Gericht auf möglichst detaillierte medizinische Auskünfte über die Verhältnisse zur Zeit der Entste
hung der Alkoholsucht auf der einen und der allfälligen psychiatrischen Komorbidität auf der andern Seite sowie über den allfälligen ursächlichen Zu
sammenhang zwischen den beiden Aspek
ten angewiesen (vgl. zur Bedeutung medizinischer Auskünfte zur Be
stimmung der Invalidität BGE 115 V 133 E.
2; BGE 124 V 265 E.
3c mit Hin
weis, 99 V 28 E. 2; SVR 2001 IV Nr. 3 S. 7 E. 2b; AHI 2002 S. 30 E. 2a, 2001 S. 228 f. E.
2b mit Hinweisen; Urteile des Bundes
gerichts I 169/06 vom
8. August 2006 E.
2.2 und 4.2 mit Hinweisen und 8C_672/2010 vom 27. Septem
ber 2010 E. 2).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min
des
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertels
rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihre leistungsabweisende Verfügung damit, es bestünden eine mittelgradige depressive Episode, leichtere körperliche Beein
trächtigungen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit sowie ein Suchtge
schehen, welches indes nicht IV-relevant sei. Bei der mittelgradigen depressiven
Episode handle es sich definitionsgemäss um ein vorübergehendes Leiden, dem es
an Krankheitswert im Sinne des IVG fehle. Die Beschwerden seien behandel
bar und die Arbeitsfähigkeit sei nicht dauerhaft eingeschränkt. Eine diagnosti
zierte (gegenwärtig) schwere depressive Episode sei nicht nachvollziehbar (
Urk.
2).
2.2
Der Beschwerdeführer brachte dagegen vor, es sei
en
mit Auswirkung auf die Ar
beitsfähigkeit eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere
Epi
sode ohne psychotische Symptome, psychische und Verhaltensstörungen durch
Alkohol (Abhängigkeitssyndrom) sowie akzentuierte Persönlichkeitszüge mit ängstlichen (vermeidenden) und paranoiden Anteilen diagnostiziert worden.
Seit 2011 habe es keine Phase mehr gegeben, in welcher er arbeitsfähig gewe
sen
sei. Vielmehr werde seit Jahren eine rezidivierende depressive Störung mit Zu
stand nach mehreren schweren Episoden ohne vollständige Remission diag
nos
tiziert. Somit könne inzwischen von einer Chronifizierung der Depression aus
ge
gangen werden, womit ein IV-relevanter Gesundheitsschaden mit Krank
heits
wert samt 60%iger Arbeitsfähigkeit ausgewiesen sei und ein Rentenan
spruch bestehe (
Urk.
1 S. 8 f.).
3.
3.1
Im Austrittsbericht der
Y._
vom 1
4.
Februar 2011 (
Urk.
8/23/7-10) über den stationären Aufenthalt vom 2
3.
Januar bis 1
4.
Februar 2011 (Zuweisung per fürsorgerischem Freiheits
ent
zug bei akuter Selbst- und Fremdgefährdung nach Autounfall in alkoholi
sier
tem Zustand und Angriff auf Polizei) diagnostizierten die Ärzte in psychiat
rischer Hinsicht eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgra
dige Episode, akzentuierte Persönlichkeitszüge mit ängstlich
en
(vermeidenden) und paranoiden Anteilen, Störung durch Alkohol (schädlicher Gebrauch), Prob
le
me in der Beziehung zum Ehepartner sowie Probleme in Verbindung mit Ar
beits
losigkeit.
Sie hielten fest, eigen- und fremdanamnestisch habe eruiert werden können, dass beim Beschwerdeführer seit mehreren Jahren Probleme im Sinne einer de
pressiven Stimmungsl
age, Schuldgefühle bezüglich des
Suizid
s
seiner Schwes
ter,
eine problematische Beziehung zu seiner getrennt lebenden Ehefrau, soziale Pho
bien mit paranoiden Verfolgungsideen und konsekutivem sozialem Rückzug so
wie Arbeitslosigkeit bestünden. Es sei mehrfach die Selbstgefährdung im Rahmen
des schädlichen Alkoholgebrauchs besprochen
u
nd eine lang
fristige psycho
the
rapeutische Behandlung empfohlen worden. Der Beschwerde
führer sei nur be
dingt krankheitseinsichtig sowie wenig introspektionsfähig ge
wesen und habe nicht zu einer stationären Psychotherapie auf der hauseigenen Station motiviert werden können. So sei er im
Z._
der
A._
angemeldet worden.
3.2
Die Ärzte der
A._
, wo der Beschwer
deführer vom 2
1.
November bis 2
7.
Dezember 2012 hospitalisiert gewesen war (freiwillig auf Zuweisung des Hausarztes wegen zunehmender Verschlechterung
der depressiven Symptomatik und vorhandenen Suizidgedanken vor dem Hin
ter
grund einer bekannten depressiven Symptomatik und Alkoholabhängigkeit), diag
nostizierten mit Bericht vom 3
0.
Mai 2013 (
Urk.
8/22; vgl. auch Austritts
b
richt vom
8.
Februar 2013,
Urk.
8/19/3-7) eine rezidivierende depressive Stö
rung,
bestehend seit 2003, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Sympto
me
, weiter psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol (Abhän
gigkeits
syn
drom) sowie akzentuierte Persönlichkeitszüge mit ängstlichen (ver
meidenden) un
d
paranoiden Anteilen (
Ziff.
1.1).
In anamnestischer Hinsicht schilderten sie (
Ziff.
1.4) eine im Jahr 2003 einge
setzte Zustandsverschlechterung mit depressiver Symptomatik und ausgepräg
tem
sozialem Rückzug aufgrund von Konflikten mit der Ehefrau, anschliessen
dem Ver
lust der Arbeit und zunehmendem Alkoholkonsum samt Suizidversuch (2004,
Sprung von der Brücke in die
B._
, damals stationär in der
C._
). Seit Februar 2011 bis zum stationären Aufenthalt habe der Beschwerde
führer zwei
mal wöchentlich das Halbtagesprogramm im
Z._
be
sucht (Thera
pie
programm mit Training sozialer Kompetenzen, sozialer Integra
tion und All
tags
bewältigung).
Bei Eintritt habe er von innerer Unruhe, Gefühlen der Leere sowie Traurigkeit, die aufgrund der psychosozialen Belastung (Trennung von der Ehefrau, Einsam
keit, zu seltener Kontakt zu seinen Kindern [15 und 17 Jahre], Arbeitslosigkeit) allmählich zunähmen, berichtet. Er leide unter sozialem Rückzug (verlasse teil
weise das Haus nicht mehr), Antriebsmangel, rascher Erschöpfung, Verlust von Freude und Interessen, ständigem Grübeln, Schlafstörungen und Appetitverlust
(er esse nur einmal am Tag). Daneben habe er manchmal Angstanfälle, er beru
hige
sich dann aber wieder. Lebensmüde Gedanken seien seit längerem vorhan
den. Der Alkoholkonsum sei unregelmässig ohne Entzugssymptome.
Die Ärzte schilderten einen wachen, bewusstseinsklaren, allseits orientierten Be
schwerdeführer, welcher im Kontakt freundlich und kooperativ sei bei her
stell
barem affektivem Rapport. Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis im Gespräch seien vermindert. Formalgedanklich sei er unauffällig, gebe Grü
beln
und Gedankenkreisen an. Die Ärzte erkannten keine inhaltlichen Denk
stö
rung
en,
indes leichte paranoide Züge (immer leichtes Bedrohungsgefühl seit Paketbom
beneingang bei einer politischen Zeitungsredaktion während des Krie
ges, wo er
als Journalist gearbeitet habe, samt Attentat auf Kollegen, die um
ge
k
om
men
seien
). Sinnestäuschungen und Ich-Störungen seien verneint worden. Die Stim
mung beschrieben sie als traurig und etwas unruhig, affektiv schwin
gungsfähig. Er habe Angst vor der Zukunft. Antrieb und Psychomotorik seien unauffällig, das Krankheitsgefühl ausgeprägt, es bestünden Ein- und Durch
schlafstörungen sowie verminderter Appetit, keine Aggressivität, er habe seit längerem lebens
müde Gedanken ohne konkreten Suizidplan.
Der Beschwerdeführer habe sich auf der Station stets freundlich und angepasst
verhalten. Im Verlauf habe
er
sich unter regelmässiger Medikation und Teil
nahme
am multidisziplinären Therapieprogramm langsam weitgehend stabili
sieren können.
Er habe sich im Verhalten kooperativ, krankheitseinsichtig und gegen
über der Behandlung positiv eingestellt gezeigt.
In prognostischer Hinsicht verwiesen die Ärzte auf die chronisch-rezidivierende depressive Störung mit latenten
Suizidgedanken bei akzentuierten
Persönlich
keitszügen mit vor allem ängstlich-vermeidenden Anteilen, die eine verringerte Belastbarkeit verursachten. Der Beschwerdeführer verfüge kaum über geeignete Copingstrategien zum Umgang mit Belastungssituationen. Durch eine psychiat
risch-psychotherapeutische Behandlung könne eine bessere Selbstwahrneh
mung/
-
einschätzung, Bedürfniserkennung sowie ein adäquater Umgang mit
be
zieh
ungsweise
Vorbeugen von Überforderungssituationen erreicht werden. Die Prognose in Bezug auf die Funktionsfähigkeit und das Arbeitsniveau könne da
mit ver
bessert werden.
Die Ärzte attestierten – bei verringerter Frustrationstoleranz und Stabilität, inne
rer Unruhe mit mangelnder Konzentrationsfähigkeit und Belastbarkeit so
wie schneller Überforderung (S. 5)
-
eine vollumfängliche Arbeitsunfähigkeit für die
Zeitspanne der stationären Behandlung und stellten eine zurückhaltende
Prognose unter Hinweis auf die unzureichende Zustandsverbesserung trotz re
gel
mässiger Teilnahme am Therapieprogramm seit Februar 201
1.
Der Beschwer
de
führer sei zur weiteren stationären Behandlung auf die Abteilung für abhän
giges Verhalten der Klinik
D._
übergetreten, somit habe weiterhin eine voll
um
fängliche Arbeitsunfähigkeit bestanden. Jedoch sei die langfristige Ar
beits
fähig
keit nicht abschliessend beurteilbar (S.
1). Sie erachteten jedoch ein Arbeits
pensum von 50
%
an einem geschützten Arbeitsplatz zunächst für ziel
führend und realistisch; je nach Verlauf erscheine eine phasenweise Erhöhung möglich (S. 5).
3.3
Die Ärzte der
A._
,
E._
,
F._
, hatten am
2
1.
Februar 2013 (
Urk.
8/29) über die erfolgreiche und ohne Komplikationen
ver
laufene stationäre freiwillige Entzugsbehandlung vom 2
7.
Dezember 2012 bis
2
2.
Januar 2013 berichtet und die von der zuweisenden Klinik gestellte Di
ag
nose bestätigt. Sie fügten an, aus Sicht des Beschwerdeführer
s
sei Alkohol nicht so das Problem (S. 2).
In anamnestischer Hinsicht erwähnten sie (S. 2) einen Erstkonsum mit 24 Jah
ren
sowie einen zunehmenden seit der Scheidung mit Verlust des Führerscheins im Jahr 2006, zwischendurch sei er vier Jahre ohne Konsum gewesen. Er habe bis sechs Flaschen Wein innerhalb von 24 Stunden konsumiert, meistens abends. Der letzte Konsum datiere vom 1
5.
Dezember 2012 mit zwei Flaschen Wein.
Den Psychostatus bei Eintritt schilderten sie wie folgt: „Bei wacher Bewusst
seinslage zu allen 4 Qualitäten ausreichend orientiert. Im Verhalten situations
adäquat. Im Kontakt freundlich und zugewandt. Aufmerksamkeit, Konzentration ungestört. Kritikfähigkeit leicht reduziert. Leichte mnestische und kognitive De
fi
zite eruierbar. Formales Denken grob orientierend intakt. Kein Hinweis auf
inhaltliche Denkstörungen, Halluzinationen oder Ich-Störungen. Affektiv schwin
g
ungsfähig bei depressiver Stimmungslage. Unauffällige Psychomotorik bei ver
mindertem Antrieb. Kein Anhalt für akute
Selbst- oder Fremdgefährdung.“
Sie hielten fest, der Beschwerdeführer sei im stationären Alltag gut integriert und
gegenüber den Mitpatienten und Therapeuten stets freundlich und höflich gewe
sen. Er habe sich motiviert gezeigt und am therapeutischen Angebot regel
mässig
teilgenommen. Er habe in ausreichend stabilisiertem Zu
stand ohne Hinweise auf akute Selbst- oder Fremdgefährdung austreten können (S. 3).
3.4
Hausarzt
Dr.
med.
G._
, Arzt für Allgemeine Medizin FMH, beschrieb in seinem Bericht vom
5.
Juni 2013 (
Urk.
8/21/1-5) – bei bekannter Diagnose – eine zunehmende Alkoholabhängigkeit seit 2003, welche 2004 zu einer ersten psychiatrischen Hospitalisation geführt habe. Körperlich befinde sich der Be
schwerdeführer in gutem Allgemeinzustand, psychisch träten immer wieder ängst
liche Züge mit paranoiden Anteilen hervor (Verfolgungswahn). Er leide auch
unter schweren depressiven Phasen mit Suizidgedanken.
Dr.
G._
be
stätigte eine Abstinenz seit Dezember 2012 und verwies auf schwere Phasen von Depression, Lebensunlust mit Suizidgedanken, Konzentrations- und Schlaf
störungen sowie eine ausgedehnte Medikation. Er erachtete die bisherige Tätig
keit als nicht mehr zumutbar und eine behinderungsangepasste im Umfang von 20 bis 30
%
(seit März 2011) unter dem Hinweis, dass gegenwärtig eine Einglie
de
rung nicht möglich sei.
3.5
Med. prakt.
H._
, Psychiatrie und Psychotherapie, vom
r
egional
en
ärztlichen
Dienst (RAD) der
Beschwerdegegnerin
, befand (
Urk.
8/31/4-5) die Diagnose ei
ner
gegenwärtig schweren Episode einer depressiven Störung als nicht nach
voll
ziehbar, da der Beschwerdeführer als freundlich und zugewandt sowie af
fektiv schwingungsfähig beschrieben worden sei. Am 2
9.
Oktober 2013 ergänzte er, die Rücksprache mit dem Stationsarzt der Klinik
D._
habe ergeben, dass die Diagnose der schweren depressiven Episode der Eintrittsdiagnose der
I._
entstamme. Der Zustand habe sich in der stationären Behand
lung wes
entlich gebessert und bei Austritt sei er noch leicht bis mittelgradig de
pressiv gewesen.
Med. prakt.
H._
ersah ein offensichtlich primäres Alkohol-Suchtgeschehen,
dessen Schwere der Beschwerdeführer wohl nicht einsehe, wie seine Äusserun
gen
in
F._
(„nicht so das Problem“) belege. In seinen Alkoholexzessen zeigten sich
auch depressive Symptome, die unter Abstinenz abklängen, wie die Klar
stellung aus
F._
darlege. Gravierende körperliche Folgeschäden seien bis
her
nicht beschrieben.
3.6
Dr.
med.
J._
, Oberarzt
K._
,
diagnostizierte am 1
6.
April 2014 (
Urk.
8/45) in seiner Stellungnahme
zum Vorbescheid aus seinem Fachbereich eine rezidivierende depressive Stö
rung
mit Zustand nach mehreren schweren Episoden ohne vollständige Remis
sion, gegenwärtig mittelschwere Symptomatik mit Panikattacken und Vermei
dungs
verhalten, eine Störung durch Alkohol mit Abhängigkeitssyndrom, ge
genwärtig abstinent sowie akzentuierte Persönlichkeitszüge mit ängstlichen, vermeidenden und paranoiden Anteilen. In organischer Hinsicht verwies er auf ein Aneurysma der Sinusportion, eine leichte Aortendilatation, eine Hypocho
lesterinämie sowie eine Cluster Headache Migräne.
Er schilderte krankheitsbedingte Einschränkungen der Konzentration, Merk
fähig
keit, Belastbarkeit, Flexibilität, Durchhaltefähigkeit, Gruppenfähigkeit und bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Das Vorliegen eines IV-relevan
ten
Gesundheitsschadens auf längere Sicht konnte er nur schwer beurteilen und hielt
fest, ohne psychotherapeutische und strukturgebende Unterstützung sehe er keine
Hinweise, die eine Besserung begünstigen könnten.
Zur Arbeitsfähigkeit führte er aus, in seinem erlernten Beruf als Betriebsökonom (Ausbildung im Heimatland)
beziehungsweise
in seinem angestammten Beruf als Journalist sehe er gegenwärtig aufgrund schwankender und tagesabhängiger
Symptomatik eine Arbeitsfähigkeit von ca. 20
%
. In geschütztem Rahmen
be
zieh
ungsweise
bei angepass
ter Tätigkeit (Arbeitseinsätze zur Erhaltung der Tages
struktur) sehe er gegen
wärtig eine Arbeitsfähigkeit von 30 bis 40
%
. Er empfahl eine Begutachtung zur Klärung der Fragen.
Dr.
J._
ergänzte, bei familiärer Vorbelastung (u
nter anderem
Suizid der Schwes
ter) und schwach ausgebildeten Bindungsstrukturen bestehe beim Be
schwer
deführer seit seiner Kindheit eine erhöhte Vulnerabilität für eine endo
gene Depression. Nach einer ersten depressiven Episode in seiner Jugend sei der Beschwerdeführer ab dem Erwachsenenalter, begünstigt durch zahlreiche Live-Events, mehrmals an schweren depressiven Episoden mit wiederholten Suizid
plänen erkrankt, so dass er die Kriterien einer rezidivierenden depressiven Stö
rung erfülle. Da es in den letzten Jahren zu keiner vollständigen Remission gekommen sei, handle es sich trotz den gegenwärtig mittelgradigen depressiven Symptomen definitionsge
mäss weiterhin um eine schwere depressive Episode
beziehungsweise
eine Major Depression. Aufgrund unzureichender Strategien se
i seine Alkoholsucht von 2003 bis 2012 als ungünstiger Lösungsversuch zu ver
stehen, welcher zu weiteren beruflichen und sozialen Problemen geführt habe.
Zur weiteren Aufrechterhaltung seines inneren Konfliktes und der Depression hab
e beigetragen, dass ein schuld- und schambesetztes Krankheitsverständnis
vor
herrsche und er trotz hohem Leidens
druck gegen aussen eine gesunde Fassa
de
aufrecht zu erhalten versuche. Seine bisherigen Erfahrungen mit der Psychiatrie und seine paranoide, ängstliche und vermeidende Persönlichkeitsstruktur hätten ihn daran gehindert, sich auf eine Psychotherapie im engeren Sinne einzu
lassen. Der Beschwerdeführer habe sich aber im Rahmen der psychiatrischen Sprechstunde motiviert für eine ambulante Psychotherapie gezeigt. Aufgrund feh
lender Kapazitäten sei diese in der
K._
zurzeit nicht möglich, er werde aber bei der Suche nach einem geeigneten Therapieplatz unterstützt.
4.
4.1
Aufgrund der medizinischen Aktenlage steht fest, dass der Beschwerdeführer an einer psychischen Störung sowie einer Alkoholproblematik leidet. In diagnosti
scher Hinsicht sind sich sämtliche beteiligten Ärzte darin einig, dass der Be
schwerdeführer an einer rezidivierenden depressiven Störung, an einer Störung durch Alkohol mit Abhängigkeitssyndrom sowie an akzentuierten Persönlich
keitszügen mit ängstlichen, vermeidenden und paranoiden Anteilen leidet.
4.2
4.2.1
Zur invalidenversicherungsrechtlichen Relevanz der Leiden ist vorwegzuschi
cken
, dass sich die medizinischen Berichte nicht detailliert über den Zusam
menhang zwischen der Alkoholerkrankung und der depressiven Störung
beziehungsweise
den akzentuierten Persönlichkeitszügen aussprechen. So ist nicht bekannt, ob die psychische Störung zur Alkoholsucht geführt hat, was angesichts der Schil
de
rung des Beginns im Rahmen der Trennung von der Ehefrau immerhin zu be
zweifeln ist, liegt doch hier ein Zusammenhang zu einer psychosozialen Belas
tungssituation näher, ohne dass eine relevante psychopathologische Ursache indes ausgeschlossen wäre. Die geschilderte Vulnerabilität reicht für eine solche Annahme jedenfalls nicht aus.
Den ärztlichen Berichten ist sodann nicht zu entnehmen, ob der übermässige Alkoholgebrauch zur Ausbildung der zuweilen auch schweren depressiven Stö
rung und zu den Auffälligkeiten der Persönlichkeit geführt hat, oder ob diese unabhängig davon vorliegen.
4.2.2
Damit kann der Einfluss der Alkoholerkrankung auf die Gesundheitssituation
und die Arbeitsfähigkeit nicht schlüssig bestimmt werden. So ist es möglich, dass
sich die depressiven Episoden sowie das auffällige Verhalten des Be
schwerde
füh
rers bei längerdauernder Abstinenz zurückbilden und wieder ein Zustand erreicht
werden kann, wie
er
vor Beginn des übermässigen Alkohol
konsums bestanden hat. Anderseits ist nicht ausgeschlossen, dass die psychische Problematik unab
hängig von der Alkoholerkrankung vorliegt und ihr eigen
ständiger Krankheits
wert zukommt.
Insoweit kann den Ausführungen des RAD-Arztes med. prakt.
H._
nicht un
besehen gefolgt werden, wenn er von einem offensichtlich primären Alkohol-Suchtgeschehen ausgeht, obwohl sich einige Gründe für eine solche Annahme finden (E.
3.4) und
sich
namentlich während der Behandlung in der Klinik
D._
unter Abstinenz massgebende Verbesserungen einstellten (E.
3.3 und E.
3.4). Indessen zeigte sich auch nach mehrmonatiger Abstinenz (wobei eine sol
che offenbar nicht fachmedizinisch kontrolliert wurde) weiterhin eine mass
ge
bende psychische Pathologie im Sinne einer mittelschweren depressiven Symp
to
matik (E. 3.5).
4.3
4.3.1
Zur vorliegenden rezidivierenden depressiven Störung ist sodann zu bemerken,
dass
eine (schwere) depressive Episode im Sinne von ICD-10 F32.2 grundsätz
lich
eine vorübergehende Störung bezeichnet (Urteil des Bundesgerichts
9C_947/2012
vom 1
9.
Juni 2013 E. 3.2.1). Sodann werden nach der
Rechtspre
chung selbst mittelgradige depressive Episoden regelmässig als keine von de
pressiven Ver
stim
mungs
zuständen klar unterscheidbare andauernde Depression betrachtet, weshalb sie in Bezug auf die versicherungsrechtliche Beurteilung nicht mass
ge
bend sind. Leichte bis höchstens mittelschwere psychische Störun
gen depressi
ver
Natur gelten grundsätzlich als therapeutisch angehbar (Urteile des Bundes
ge
richts 8C_68/2013 vom 14. Mai 2013 E.
3.5 und 9C_736/2011 vom 7. Februar 2012
E. 4.2.2.1, je mit weiteren Hinweisen). Daran ändert nichts, wenn die de
pres
sive Episode mittleren Grades vor dem Hintergrund einer re
zidivierenden depressiven Störung diagnostiziert worden ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_213/2012 vom 13. April 2012 E. 3.2).
4.3.2
Vorliegend wurden depressive Episoden nicht bloss mittelschwerer, sondern auch
schwerer Ausprägung diagnostiziert, weshalb nicht unbesehen von einer The
ra
pierbarkeit ausgegangen werden kann. Sodann
kann
die Annahme, die vorlie
gen
den depressiven Episoden seien definitionsgemäss keine anhaltenden Stö
rung
en
, in dieser absoluten Form nicht bestätigt werden. Vorweg wurden nicht
bloss de
pressive Episoden diagnostiziert, sondern eine mittlerweile meh
rere Jahr
e
anhal
tende depressive Störung unterschiedlicher Ausprägung. So
dann ist den Akten zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer seit Februar 2011 in psychia
trischer Behandlung stand (nach Angaben des Hausarztes auch wei
terhin
,
Urk.
8/21/2
)
und durchwegs erheblich in der Arbeitsfähigkeit einge
schränkt war (zumindest nach den Angaben des Hausarztes, E. 3.4).
Bei dieser Sachlage kann der depressiven Erkrankung nicht von vornherein vo
r
übergehender Charakter zugeschrieben werden.
Der Verlauf zeigt keine vo
r
über
gehende, sondern eine im Verfügungszeitpunkt über drei Jahre dauernde Stö
rung. Allerdings ist zu bemerken, dass sich der Beschwerdeführer anfänglich nur
wenig einschränkenden Therapiebemühungen beugte und beispielsweise eine
stationäre Psychotherapie ablehnte (E.
3.1). Immerhin besuchte er in der Folge während eineinhalb Jahren zweimal wöchentlich das Halbtagesprogramm im
Z._
(E.
3.2), bevor er wieder hospitalisiert werden musste. Nach Angaben des Hausarztes finden diese Sitzungen immer noch statt (
Urk.
8/21/2
Ziff.
1.5), nach jenen des
Dr.
J._
(implizit) nicht mehr (E. 3.6). Erst Ende 2012 entschloss er sich zu einer stationären Behandlung (E.
3.2). In
wieweit Therapie
bemühungen Aussicht auf Erfolg haben und die Arbeitsfähig
keit – auch mit entsprechenden zumutbaren Anstrengungen des Beschwerde
führers – gesteigert werden kann, ist den medizinischen Einschätzungen nicht zu entnehmen.
4.3.3
In Bezug auf die konkreten Einschränkungen sind die Akten ebenfalls nicht ergiebig. So beschrieben die
A._
-Ärzte lediglich eine verringerte Frustrations
to
leranz und Stabilität, innere Unruhe mit mangelnder Konzentrationsfähigkeit und Belastbarkeit sowie schnelle Überforderung bei ansonsten diskreten Be
fund
schilderungen, welche sich im Wesentlichen in einer traurigen Stimmung sowie verminderter Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnisleistungen erschöpften. Anderseits wurde der Beschwerdeführer als freundlich und ange
passt beschrieben, welcher sich gut eingegliedert habe (E. 3.2). Auch die Ärzte der Klinik
D._
schilderten – ausser eine
r
depressiven Stimmungslage – un
auffällige Befunde mit mittlerweile gebesserter Aufmerksamkeit und Konzentra
tion und hoben das freundliche Verhalten des Beschwerdeführers hervor (E. 3.3)
.
Dr.
J._
verwies sodann wiederum auf Einschränkungen der Konzentra
tion und Merkfähigkeit, weiter der Belastbarkeit, Flexibilität, Durchhaltefähig
keit, Gruppenfähigkeit und bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel (E. 3.6).
Inwieweit sich diese Einschränkungen effektiv auf eine optimal leidensange
passte Tätigkeit auswirken, ist nicht auszumachen. Immerhin fällt auf, dass die Befunde nicht derart
gravierend
sind, dass keinerlei Tätigkeit mehr
als
zumutbar
erscheint
, namentlich nicht in einer Routinetätigkeit ohne grössere kognitive An
forderungen. So begründete Hausarzt
Dr.
G._
seine Annahme einer 20 bis 30%igen Arbeitsfähigkeit (bei aktueller vollständiger Arbeitsunfähigkeit) nicht weiter (E.
3.4) und liess auch
Dr.
J._
eine nachvollziehbare Begründung für sein Attest (30 bis 40%ige Arbeitsfähigkeit) vermissen. Vielmehr verwies er auf
die Notwendigkeit einer Arbeitstätigkeit zur Erhaltung der Tagesstruktur und nahm keine medizinisch-theoretische Einschätzung vor (E.
3.6). Darauf kann nicht
abgestellt werden, zumal er zur Klärung dieser Frage selber eine Be
gut
achtung empfahl.
4.4
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die vorliegenden ärztlichen Einschät
zun
g
en weder verlässliche
Schlüsse zulassen, ob eine rechtsprechungsgemäss zu beachtende Alkoholproblematik vorliegt, noch ob eine relevante und recht
lich zu beachtende andauernde psychische Pathologie besteht sowie in welchem Umfang der Beschwerdeführer allenfalls in seiner Arbeitsfähigkeit in einer op
ti
mal angepassten Verweistätigkeit eingeschränkt ist.
Angesichts dessen, dass die
entscheidrelevanten Fragen bisher gar nicht beziehungsweise lediglich durch Ein
holung von wenig aussagekräftigen Berichten zu erhellen versucht wurde
n
, rech
t
fertigt es sich nicht, bereits zu diesem Zeitpunkt der Abklärungen ein Ge
richtsgutachten einzuholen (
Urk.
1 S.
2). Diese Vorgehensweise steht im Ein
klang
mit der höchstrichterlichen Praxis (BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4), da es sich um
eine notwendige Erhebung von bisher gutachterlich ungeklärten Frage
n
handel
t
.
Demgemäss ist die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache an die Beschwerdege
gnerin zurückzuweisen,
damit diese zur Klärung der
relevanten Fragen eine psychiatrische Begutachtung veranlasse und hernach
über
einen Leistungsanspruch des Beschwerdeführers neu verfüge.
5.
Die Kosten des Verfahrens gemäss
Art. 69 Abs. 1
bis
IVG
sind auf
Fr.
600.-- fest
zu
legen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Das Ge
such
um unentgeltliche Prozessführung wird damit gegenstandslos.