Decision ID: 8c9ea881-1b53-5811-8612-69472f9b593c
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. A.Y., geboren 1988, von Rumänien, reiste am 1. Mai 2013 von Ungarn kommend in
die Schweiz ein und meldete sich am 14. Mai 2013 in X. an (Vorakten Migrationsamt,
nachfolgend Dossier, S. 6 ff.; act. 8). Bereits am 16. April 2013 hatte sie ein Gesuch um
Erteilung einer Bewilligung zur Erwerbstätigkeit gestellt und dabei angegeben,
ungarische Staatsangehörige zu sein. Das Migrationsamt erteilte ihr am 21. Mai 2013
eine Kurzaufenthaltsbewilligung EU/EFTA zur Erwerbstätigkeit. Am 1. Mai 2014 erhielt
A.Y. eine Aufenthaltsbewilligung EU/EFTA. Gegenüber dem Migrationsamt wies sie
sich jeweils mit einem ungarischen „Personalausweis“ aus.
B. Am 31. März 2015 verurteilte das Landesgericht Feldkirch A.Y. wegen
Suchtgifthandels, Vorbereitung von Suchtgifthandel und unerlaubten Umgangs mit
Suchtgiften zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten. Das Landeskriminalamt Vorarlberg
teilte am 2. Juli 2015 mit, dass es sich bei dem von A.Y. jeweils vorgewiesenen
„Personalausweis“ um eine in Ungarn ausgestellte Daueraufenthaltskarte für EU-Bürger
gültig bis 6. April 2020 handle. Gemäss maschinenlesbarer Zone sei A.Y. rumänische
Staatsangehörige. Sie trat den Strafvollzug in Österreich am 1. November 2014 an und
wurde am 1. November 2015 aus dem Strafvollzug entlassen.
C. Mit Verfügung vom 13. November 2015 stellte das Migrationsamt fest, dass die
Aufenthaltsbewilligung von A.Y. erloschen sei. Zur Begründung führte das Amt im
Wesentlichen an, es sei davon auszugehen, dass A.Y. während mehr als sechs
Monaten im Ausland gewesen sei. Ihre Aufenthaltsbewilligung sei somit von Gesetzes
wegen erloschen. Das Sicherheits- und Justizdepartement wies am 7. Dezember 2016
den von A.Y. gegen diese Verfügung erhobenen Rekurs ab und widerrief deren
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Aufenthaltsbewilligung EU/EFTA. Das Gesuch um Erlass vorsorglicher Massnahmen
wurde abgeschrieben.
D. A.Y. (Beschwerdeführerin) erhob gegen den am 8. Dezember 2016 versandten
Rekursentscheid des Sicherheits- und Justizdepartements (Vorinstanz) mit Eingabe
ihres im Fürstentum Liechtenstein praktizierenden Rechtsvertreters vom 5. Januar 2017
Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem Begehren, es sei der angefochtene
Entscheid aufzuheben und zu verfügen, die Beschwerdeführerin dürfe entsprechend
ihrer ordentlichen bis 30. April 2019 gültigen Aufenthaltsbewilligung EU/EFTA in der
Schweiz verweilen, eventualiter die Rechtssache zur Ergänzung des Verfahrens an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Zur beantragten aufschiebenden Wirkung wurde der
Rechtsvertreter auf den Grundsatz hingewiesen, nach welchem Beschwerden von
Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung zukommt. Als Zustelladresse bezeichnete der
Rechtsvertreter am 10. Januar 2017 die Wohnadresse der Beschwerdeführerin in der
Schweiz.
Mit Vernehmlassung vom 14. Februar 2017 verwies die Vorinstanz auf die Erwägungen
im angefochtenen Entscheid und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Mit Urteil
vom 7. September 2017 wurde die Beschwerdeführerin vom Regionalgericht Q. vom
Vorwurf der mehrfachen Förderung der Prostitution frei-, aber der mehrfachen
Verletzung des Betäubungsmittelgesetzes (Vergehen und Übertretungen) schuldig
gesprochen und zu einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je CHF 30 und
zu einer Busse von CHF 300 verurteilt.
Auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid und die Ausführungen der
Beschwerdeführerin zur Begründung ihrer Anträge sowie die Akten wird, soweit
wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Als Adressatin des
angefochtenen Entscheids ist die im Rekursverfahren unterlegene Beschwerdeführerin
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zur Ergreifung des Rechtsmittels berechtigt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1
VRP). Die Beschwerde gegen den am 8. Dezember 2016 versandten Rekursentscheid
wurde mit Eingabe vom 5. Januar 2017 unter Berücksichtigung des Fristenstillstandes
vom 18. Dezember 2016 bis 2. Januar 2017 rechtzeitig erhoben (Art. 47 Abs. 1 und
Art. 30 Abs. 1 VRP in Verbindung mit Art. 145 Abs. 1 Ingress und lit. c der
Schweizerischen Zivilprozessordnung, SR 272) und erfüllt formal wie inhaltlich die
gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die
Beschwerde ist deshalb einzutreten.
2. Die Aufenthalts- und Kurzaufenthaltsbewilligungen EU/EFTA erlöschen nach einem
ununterbrochenen Auslandaufenthalt von mehr als sechs Monaten, sofern der
Aufenthaltsunterbruch nicht wegen Militärdienst erfolgt ist (vgl. Art. 6 Abs. 5, Art. 12
Abs. 5, Art. 24 Abs. 6 Anhang I des Abkommens zwischen der Schweizerischen
Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Gemeinschaft und ihren
Mitgliedstaaten andererseits über die Freizügigkeit, Freizügigkeitsabkommen, FZA, SR
0.142.112.681; BGer 2C_52/2014 vom 23. Oktober 2014 E. 3.2.; Grossen/Däpp,
Sonderregelungen für Staatsangehörige der EU- und EFTA-Mitgliedstaaten, in:
Uebersax et al. [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl. 2009, Rz. 4.63). Entscheidend ist dabei
alleine die faktische Dauer des Auslandaufenthalts (vgl. M. Spescha, in: Spescha et al.
[Hrsg.], Kommentar Migrationsrecht, 4. Aufl. 2015, N 3 zu Art. 6 Anh. I FZA). Umstritten
ist, ob diese Vorgabe in Fällen unverschuldeter Rückkehrhindernisse zur Anwendung
kommt (Spescha, a.a.O.). Da nur unverschuldeter Freiheitsentzug ein unverschuldetes
Rückkehrhindernis darstellen würde (Spescha, a.a.O.), ist dies vorliegend irrelevant.
Kurzbesuche in der Schweiz zu Geschäfts- oder Besuchszwecken unterbrechen diese
Frist nicht (BGE 120 Ib 369 zur Vorgängerbestimmung von Art. 61 Abs. 2 AuG). Und
auch auf die Motive der Landesabwesenheit und die Absichten der Betroffenen kommt
es nicht an. Deshalb führt eine Inhaftierung für die Dauer von mehr als sechs Monaten
zum Erlöschen der Bewilligung (BGer 2C_461/2012 vom 7. November 2012 E. 2.4.1).
Bei einem Erlöschen der Aufenthaltsbewilligung kann diese entzogen werden (BGer
2C_52/2014 vom 23. Oktober 2014 E. 3.2 mit weiteren Hinweisen).
Vorliegend bestreitet selbst die Beschwerdeführerin nicht, dass sie grundsätzlich vom
1. November 2014 bis 1. November 2015 in Feldkirch inhaftiert gewesen sei (act. 1
S. 3), sie bringt jedoch vor, dass die Frist von sechs Monaten zuerst durch die
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strafprozessuale Einvernahme in Chur in der Zeit vom 3.-5. Dezember 2014 und dann
durch ihren 12-stündigen Hafturlaub in der Schweiz am 16. Mai 2015 unterbrochen
worden sei. Dem ist gemäss den obigen Ausführungen nicht so. Denn die Einvernahme
in Chur und der 12-stündige Hafturlaub stellen Kurzbesuche dar, im ersten Fall zur
Erfüllung einer strafprozessualen Pflicht, was mit Geschäftszwecken gleichgesetzt
werden kann, und im zweiten Fall zu Besuchszwecken. Selbst wenn man davon
ausgehen würde, dass nur die Einvernahme in Chur einen Kurzbesuch zu
Geschäftszwecken darstellt, welcher die 6-Monatsfrist nicht unterbricht, würde dies
bereits dazu führen, dass sich die Beschwerdeführerin von November 2014 bis Mitte
Mai 2015 und damit mehr als sechs Monate ununterbrochen im Ausland aufhielt.
Die Aufenthaltsbewilligung kann damit entzogen werden, sofern das private Interesse
der Beschwerdeführerin an einem Verbleib in der Schweiz das öffentliche Interesse an
der Verweigerung ihres weiteren Verbleibs nicht überwiegt.
3. Die Beschwerdeführerin reiste im Mai 2013 im Alter von beinahe 25 Jahren in die
Schweiz ein. Sie lebt, zieht man ihre in Feldkirch verbüsste Freiheitsstrafe von rund
einem Jahr ab, somit seit rund dreieinhalb Jahren in der Schweiz. In Anbetracht dieser
kurzen Aufenthaltsdauer kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Integration
der Beschwerdeführerin in der Schweiz einer Ausreise in ihr Herkunfts-/Heimatland
beziehungsweise allenfalls nach Ungarn entgegensteht. Sie hat keine
Familienangehörige in der Schweiz; den Kontakt zu ihrem Partner in der Schweiz kann
sie mittels Besuchen oder modernen Kommunikationsmitteln aufrechterhalten. In die
schweizerische Rechts- und Gesellschaftsordnung hat sie sich ebenfalls nicht
sonderlich integriert. Die Beschwerdeführerin ging bisher immer davon aus, ungarische
Staatsangehörige zu sein (act. 1 S. 2) und dürfte daher mit der ungarischen Sprache
und Kultur bestens vertraut sein, ansonsten eine solche Annahme keinen Sinn ergäbe.
Sie selbst führt aus, dass sie in Ungarn geboren und aufgewachsen sei (act. 1 S. 4). Da
die Beschwerdeführerin bei ihrer Einreise über eine Daueraufenthaltskarte von Ungarn
für EU-Bürger gültig bis 6. April 2020 verfügte und selbst davon ausging, Ungarin zu
sein, kann willkürfrei davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin nach
Ungarn ausreisen kann. Wollte die Beschwerdeführerin im Rahmen ihrer
Interessenabwägung geltend machen, dass ihre Ausreise nach Ungarn oder ein
allfälliges anderes Herkunfts-/Heimatland unzumutbar sei beziehungsweise ihr
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Interesse an einem Verbleib in der Schweiz überwiege, so läge es an ihr, diese
Umstände darzulegen. Eine Abklärung ihrer Staatsangehörigkeit ist aus Sicht der
Schweizer Behörden nicht angezeigt. Der Widerruf der Aufenthaltsbewilligung EU/EFTA
ist somit nicht nur recht-, sondern auch verhältnismässig. Alleine die Behauptung einer
nicht weiter spezifizierten sozialen Integration sowie allfällige sehr gute
Deutschkenntnisse (act. 1 S. 3) ändern an diesem Ergebnis nichts. Denn die
Beschwerdeführerin wird sich aufgrund ihrer Ungarisch-Kenntnisse sowie ihrer
Vertrautheit mit der ungarischen Kultur auch in Ungarn schnell wieder einleben. Eine
schwere Gefährdung der Schweizer Interessen ist beim Widerrufsgrund des Erlöschens
der Aufenthaltsbewilligung nicht erforderlich.
4. Dem Verfahrensausgang entsprechend hat die Beschwerdeführerin die amtlichen
Kosten des Beschwerdeverfahrens zu tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von CHF 2‘000 ist angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Sie ist mit dem von der Beschwerdeführerin
in gleicher Höhe geleisteten Kostenvorschuss zu verrechnen. Eine ausseramtliche
Entschädigung an die Beschwerdeführerin fällt bei diesem Verfahrensausgang –
abgesehen davon, dass sie auch nicht beantragt wurde – ausser Betracht (Art. 98
Abs. 1 und Art. 98 VRP).