Decision ID: cb98b8d9-5532-479f-8ebb-60bde64c1c73
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im März 2011 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er gab an, er habe keine berufliche Ausbildung
absolviert und er sei in den letzten Jahren nicht erwerbstätig gewesen, nachdem er bei
früheren Anstellungen „immer wieder die Kündigung bekommen“ habe. Der
Allgemeinmediziner Dr. med. B._ gab gegenüber Dr. med. C._ vom IV-internen
regionalen ärztlichen Dienst (RAD) am 21. März 2011 telefonisch an (IV-act. 9), der
Versicherte leide an einer Depression und an einer Angststörung. Er lebe sozial isoliert.
Er lehne die Einnahme von Psychopharmaka ab. Seine Arbeitsfähigkeit sei nicht
eingeschränkt. Er habe immer wieder versucht zu arbeiten, die Arbeitsstellen aber
jeweils schon nach kurzer Zeit wieder verloren. Mit einer Verfügung vom 20. Juni 2011
wies die IV-Stelle das Begehren um berufliche Massnahmen und das Rentenbegehren
ab (IV-act. 17).
A.a.
Am 29. September 2011 wurde der nun anwaltlich vertretene Versicherte unter
Hinweis auf Verletzungen, die er sich bei einer Auseinandersetzung Ende August 2011
zugezogen habe, erneut zum Leistungsbezug angemeldet (IV-act. 21 und 26). Im
Auftrag der IV-Stelle erstattete Dr. med. D._ am 19. Dezember 2012 ein
psychiatrisches Gutachten (IV-act. 74–1 ff.). Er hielt fest, diagnostisch bestehe nur ein
Verdacht auf eine die Arbeitsfähigkeit des Versicherten nicht beeinträchtigende
Dysthymia. Im Rahmen der Untersuchung hätten keinerlei Hinweise auf eine
organische psychische Störung, auf eine Schizophrenie, auf eine schizotype oder auf
eine wahnhafte Störung festgestellt werden können. Die behandelnden Ärzte hätten
teilweise nächtliche Halluzinationen erwähnt, aber der Versicherte habe in der aktuellen
Untersuchung angegeben, dass er nur im Schlaf eine Stimme höre, die zu ihm spreche.
A.b.
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Wenn er wach sei, höre er diese Stimme nicht mehr. Aus psychiatrischer Sicht handle
es sich bei diesem Phänomen nicht um eine Halluzination. Im Rahmen der aktuellen
Untersuchung sei die Grundstimmung euthym gewesen. Die affektive
Modulationsfähigkeit sei nicht eingeschränkt gewesen. Selbst unter Berücksichtigung
der subjektiven Angaben des Versicherten zu depressionstypischen Symptomen seien
die Kriterien für die Diagnose einer depressiven Episode nicht erfüllt. Hinweise auf eine
neurotische Störung, auf eine Belastungsstörung oder auf eine somatoforme Störung
hätten nicht festgestellt werden können. Insbesondere habe der Versicherte auch keine
Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung geklagt, die von den
behandelnden Ärzten teilweise diagnostiziert worden sei. Aus psychiatrischer Sicht sei
der Versicherte zusammenfassend uneingeschränkt arbeitsfähig. Der Neuropsychologe
Dr. phil. E._ hatte in einer „Beurteilung der Motivation zur
sozialversicherungsrechtlichen Abklärung“ vom 12. Dezember 2012 zuhanden von Dr.
D._ ausgeführt, aufgrund der erzielten Ergebnisse in den neuropsychologischen
Tests bestehe ein hinreichender Verdacht auf eine Simulation von geltend gemachten
neurokognitiven Einschränkungen (IV-act. 74–35 ff.). Nachdem die IV-Stelle dem
Versicherten die Abweisung des Leistungsbegehrens angekündigt hatte (IV-act. 93),
liess dieser einen Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik F._ vom 6. August 2013
einreichen (IV-act. 105), laut dem er im Juli 2013 für zwei Tage stationär behandelt
worden war. Die Ärzte hatten eine rezidivierende depressive Störung mit einer
gegenwärtig mittelgradigen Episode diagnostiziert. Die RAD-Ärztin Dr. C._ notierte im
Oktober 2013, der Austrittsbericht wecke keine Zweifel am Gutachten von Dr. D._
(IV-act. 106). Mit einer Verfügung vom 8. Oktober 2013 wies die IV-Stelle das
Leistungsbegehren des Versicherten ab (IV-act. 107). Die gegen diese Verfügung
erhobene Beschwerde des Versicherten wurde vom Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen mit einem Entscheid vom 23. März 2015 abgewiesen (IV 2013/564; vgl. IV-
act. 119). Zur Begründung führte es im Wesentlichen an, das Gutachten von Dr. D._
sei überzeugend, weshalb auf es abzustellen sei; die abweichenden Beurteilungen der
behandelnden Ärzte weckten keine Zweifel an der Zuverlässigkeit des Gutachtens von
Dr. D._. Folglich sei der Versicherte uneingeschränkt arbeitsfähig, weshalb er nicht
invalid sein könne. Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in formelle Rechtskraft.
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Im Januar 2016 meldete sich der Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-
act. 124). Die IV-Stelle forderte ihn auf, eine relevante Veränderung des Sachverhaltes
glaubhaft zu machen (IV-act. 125). Im März 2016 liess der Versicherte einen Bericht des
Allgemeinmediziners med. pract. G._ einreichen (IV-act. 137). Dieser respektive der
unter seiner Supervision behandelnde Psychotherapeut hatte festgehalten, der
Versicherte leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die RAD-Ärztin Dr.
C._ notierte im März 2016 (IV-act. 139), der Bericht sei nicht überzeugend und er
vermöge keine relevante Veränderung des Gesundheitszustandes glaubhaft zu
machen. Mit einer Verfügung vom 3. Juni 2016 trat die IV-Stelle nicht auf die
Neuanmeldung ein (IV-act. 144). Diese Verfügung erwuchs unangefochten in formelle
Rechtskraft.
A.c.
Im Oktober 2016 meldete sich der Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-
act. 152). Dem Anmeldeformular lag ein Schreiben der Psychiaterin Dr. med. H._ vom
27. September 2016 bei (IV-act. 147). Diese hatte festgehalten, dass der Versicherte an
einer gegenwärtig schwer ausgeprägten rezidivierenden depressiven Störung leide und
zudem Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung beschreibe. In einem
Bericht vom 2. November 2016 führte sie aus (IV-act. 159), der Versicherte leide an
einer rezidivierenden depressiven Störung mit einem somatischen Syndrom und einer
gegenwärtig mittelschweren Ausprägung, an einer ängstlichen Persönlichkeitsstörung,
an einer posttraumatischen Belastungsstörung, an isolierten Phobien sowie
(verdachtsweise) an einer Intelligenzminderung mit einer Verhaltensstörung. Die
Arbeitsfähigkeit seit weitestgehend aufgehoben. Vielleicht könne der Versicherte vier
Stunden pro Woche in einem geschützten Rahmen arbeiten. Der RAD-Arzt Dr. med.
I._ notierte im Dezember 2016, Dr. H._ habe keine neuen medizinischen Tatsachen
erwähnt (IV-act. 162). Mit einem Vorbescheid vom 14. Dezember 2016 teilte die IV-
Stelle dem Versicherten mit, dass sie vorsehe, nicht auf seine Neuanmeldung
einzutreten (IV-act. 164). Im März 2017 liess der Versicherte der IV-Stelle einen Bericht
der Psychiatrischen Klinik F._ vom 14. Dezember 2016 betreffend eine
testpsychologische Untersuchung vom 12. Dezember 2016 zugehen (IV-act. 170). Die
Neuropsychologin hatte festgehalten, aufgrund der Untersuchungsergebnisse sei mit
einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent von einem IQ von 52–58 auszugehen. Eine
Überlagerung durch eine aktuelle depressive Symptomatik könne allerdings nicht
A.d.
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ausgeschlossen werden. Der RAD-Arzt Dr. I._ notierte im März 2017, eine relevante
Sachverhaltsveränderung sei nicht glaubhaft gemacht worden (IV-act. 176). Mit einer
Verfügung vom 24. März 2017 trat die IV-Stelle nicht auf die Neuanmeldung ein (IV-act.
178). Die dagegen erhobene Beschwerde wurde vom Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen mit einem Entscheid vom 25. September 2017 abgewiesen (IV
2017/144; vgl. IV-act. 186). Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in formelle
Rechtskraft.
Im März 2018 meldete sich der Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-
act. 188). Die IV-Stelle forderte ihn auf, eine relevante Sachverhaltsveränderung seit
dem 8. Oktober 2013 glaubhaft zu machen (IV-act. 189). Im April 2018 gingen der IV-
Stelle zwei medizinische Berichte zu: Die Allgemeinmedizinerin Dr. med. J._ hatte am
5. April 2018 berichtet (IV-act. 194), der Versicherte leide an einer paranoiden
Schizophrenie sowie an einer starken Depression mit einer intermittierenden
Suizidalität. Er habe „in seinem Krankheitswahn“ eine Straftat begangen, für die er eine
Gefängnisstrafe von 69 Tagen habe verbüssen müssen. Bestenfalls könne er in einem
geschützten Rahmen zu 50 Prozent erwerbstätig sein. Die Psychiaterin Dr. med. K._
hatte am 14. April 2018 berichtet (IV-act. 195), der Versicherte leide an einer komplexen
posttraumatischen Belastungsstörung, an einer rezidivierenden depressiven Störung
mit einer gegenwärtig mittelgradigen Episode, (verdachtsweise) an einer
Somatisierungsstörung, an psychischen und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide,
an einer frühkindlichen Entwicklungsstörung sowie an einem Status nach einer
traumatischen Hirnblutung im Alter von sechs Jahren. Er lebe seit vielen Jahren sozial
isoliert, leide unter massiven Schlafstörungen, an einer depressiven Stimmung mit
Suizidgedanken, an Angst und an einem ausgeprägten Vermeidungsverhalten. Er sei
vollständig arbeitsunfähig. Die RAD-Ärztin Dr. med. L._ notierte im Mai 2018, mit den
beiden eingereichten Berichten sei eine relevante Sachverhaltsveränderung nicht
glaubhaft gemacht (IV-act. 196). Mit einem Vorbescheid vom 4. Juni 2018 teilte die IV-
Stelle dem Versicherten mit, dass sie vorsehe, nicht auf sein Leistungsbegehren
einzutreten (IV-act. 199). Im Juni 2018 liess der Versicherte einen Bericht der I
Psychiatrie M._ vom 22. Mai 2018 einreichen (IV-act. 200–2 ff.). Deren therapeutische
Leiterin lic. phil. N._ hatte darin festgehalten, der Versicherte leide an einer
komplexen posttraumatischen Belastungsstörung, die bislang aufgrund von
A.e.
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Therapeutenwechseln und Therapieunterbrüchen nicht behandelt worden sei. Zudem
liess der Versicherte einen Bericht der Psychiatrischen Klinik O._ vom 30. Mai 2017
einreichen (IV-act. 200–7 ff.). Die Klinik hatte ausgeführt, der Versicherte sei direkt aus
der Untersuchungshaft in eine stationäre psychiatrische Behandlung überwiesen
worden, nachdem er über ein vermehrtes Stimmenhören und Schattensehen geklagt
habe. Innerhalb von fünf Tagen sei die Krise unproblematisch abgeklungen, sodass der
Versicherte wieder in die Haft habe zurückverlegt werden können. Als Diagnosen
hätten die Ärzte eine Anpassungsstörung und eine paranoide Schizophrenie angeführt,
die jedoch nur anamnestisch beschrieben worden sei; in der stationären Behandlung
hätten sich nur dezente Hinweise auf ein psychotisches Geschehen gezeigt. Der
Versicherte habe selbst angegeben, dass er die Symptome nur vorgespiegelt habe, um
aus der Haft in eine psychiatrische Behandlung verlegt zu werden. Im Rahmen der
stationären Behandlung hätten die Ärzte ein appellativ-demonstratives, histrionisch
gefärbtes Verhalten beobachtet. Die RAD-Ärztin Dr. L._ hielt am 2. Juli 2018 fest (IV-
act. 201), insbesondere wegen der neu diagnostizierten dissoziativen Störung seien
weitere medizinische Abklärungen erforderlich. Am 13. September 2018 teilte die IV-
Stelle dem Versicherten mit, dass sie ihren Vorbescheid „widerrufe“ und weitere
Abklärungen tätigen werde (IV-act. 206).
Auf eine Anfrage der IV-Stelle hin teilte der Psychiater Dr. med. P._ am
30. Oktober 2018 mit (IV-act. 216–2), dass er den Versicherten nur wenige Male
gesehen habe. Eine ambulante Behandlung sei nicht eingeleitet worden, weil der
Versicherte dafür keine Motivation aufgebracht habe. Er, Dr. P._, habe versucht, die
auf Psychotraumatologie spezialisierte Institution Q._ miteinzubeziehen, aber auch
dort habe der Versicherte keine Motivation für eine Behandlung gezeigt (vgl. IV-act.
216–3). Am 8. März 2019 berichtete der Psychiater Dr. med. R._ (IV-act. 228), der
Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven Störung mit einer gegenwärtig
schweren Episode, an psychotischen Symptomen, an einer komplexen
posttraumatischen Belastungsstörung und an einer Intelligenzminderung. Zudem
bestehe der Verdacht auf eine Somatisierungsstörung. Das Zustandsbild des
Versicherten sei resignativ-depressiv und von sozialen Ängsten geprägt. Der
Versicherte zeige ein Vermeidungsverhalten und unterschiedlich stark ausgeprägte
psychotische Symptome. Er sei erheblich traumatisiert, ertrage kaum oder nur kurze
A.f.
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Zeit soziale Situationen (auch stationäre oder teilstationäre Therapien) und keinerlei
Stress. Er habe keine Lebensfreude und er lebe zurückgezogen bis isoliert. Eine
Erwerbstätigkeit sei ihm nicht zumutbar, nicht einmal in einem geschützten Rahmen. Im
Auftrag der IV-Stelle wurde der Versicherte von der Neuropsychologin S._ und vom
Psychiater Prof. Dr. med. T._ begutachtet (IV-act. 236). Die Neuropsychologin hielt
fest, im Rahmen der zweistündigen Testung habe der Versicherte ein überwiegend
schwer verlangsamtes Verhalten mit einer verminderten Fehlerkontrolle gezeigt. Nach
dem Ende der Testung habe er angegeben, er sei sehr müde; auf die
Neuropsychologin habe er aber nicht ermüdet gewirkt. In sämtlichen Testverfahren
habe der Versicherte ausgeprägte Minderleistungen gezeigt. Seine Leistungen hätten
überwiegend über zwei Standardabweichungsstufen unterhalb des Mittelwertes der
Altersgruppe gelegen. In keinem der durchgeführten Testverfahren habe er eine
altersnormgerechte Leistung gezeigt. Die Ergebnisse in der formalisierten
Beschwerdevalidierung sowie in den eingebetteten Parametern hätten konvergent auf
ein suboptimales Leistungsverhalten und auf eine übertriebene Beschwerdedarstellung
hingewiesen. Wären die Ergebnisse authentisch, müsste der Versicherte an einem
kompletten amnestischen Syndrom oder an einer anderen schwersten kognitiven
Störung leiden. Eine derart schwere Hirnstörung könne aber klar ausgeschlossen
werden. Der Versicherte habe unter anderem angegeben, dass er keine Mühe damit
habe, einen Personenwagen zu lenken. Das Testprofil sei insgesamt nicht gültig und
könne sogar auf eine bewusste Aggravation oder Simulation von kognitiven
Beeinträchtigungen hinweisen. Der psychiatrische Sachverständige Prof. Dr. T._
führte aus, der Versicherte sei zwar auskunftswillig gewesen, aber bei vertiefenden
Nachfragen habe er ausweichende Antworten gegeben. Bezüglich des in den Akten
enthaltenen Hinweises, er habe Symptome vorgespiegelt, um aus dem Gefängnis in
eine Psychiatrie verlegt zu werden, habe er sich auf den Standpunkt gestellt, der
„Gefängnisarzt“ habe einen wahrheitswidrigen Bericht verfasst. Die Überprüfung des
Medikamentenspiegels habe gezeigt, dass keines der angeblich regelmässig
eingenommenen Medikamente in der verschriebenen Dosis eingenommen worden sei,
was Zweifel am Leidensdruck wecke. In der neuropsychologischen Testung habe der
Versicherte ein suboptimales Leistungsverhalten und eine übertriebene
Beschwerdedarstellung gezeigt. In der psychiatrischen Untersuchung hätten die
Beschwerdeschilderungen theatralisch und histrioniform angemutet. Als der
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Versicherte über das Stimmenhören berichtet habe, sei keine affektive Beteiligung
festzustellen gewesen. Die Aufmerksamkeit und die Konzentration seien, wenn
überhaupt, nur „minimst“ herabgesetzt gewesen. Die kognitiven Fähigkeiten hätten im
Verlauf der Untersuchung nicht abgenommen. Das Denken respektive der
Gedankengang sei kohärent gewesen. Der Versicherte habe über eine leichte innere
Unruhe, eine Anspannung und ein Gedankenkreisen beziehungsweise ein
Gedankendrängen im Sinne einer „Nervosität“ geklagt. Die Fragen nach Intrusionen,
flash backs oder ein Vermeidungsverhalten seien vom Versicherten verneint worden.
Der Versicherte habe über gelegentliche Albträume geklagt. Hinweise auf ein
hyperarousal seien nicht ersichtlich gewesen. Ein Anhalt auf einen Wahn oder eine Ich-
Störung habe nicht festgestellt werden können. Der Versicherte habe zwar über ein
vereinzeltes imperatives Stimmenhören berichtet, aber Zwänge oder Rituale seien nicht
festzustellen gewesen und auch nicht angegeben worden. Die kognitive Begabung
liege im unteren Normbereich. In der Untersuchung sei der Versicherte befriedigend
spürbar gewesen. Die Grundstimmung sei resignativ, ratlos bis hoffnungslos – bei einer
„Lebensverleiderstimmung“ – und klagsam-bedrückt bei sozialen Zukunftsängsten
gewesen. Die Schwingungsfähigkeit sei verflacht, aber nicht starr gewesen. Eine
Affektinkontinenz habe nicht vorgelegen. Die Freudfähigkeit und die Interessen seien
als leicht eingeschränkt angegeben worden, aber die Vitalgefühle seien nicht als
gemindert geschildert worden. Die Psychomotorik sei gedämpft, der Antrieb aber
weitgehend erhalten gewesen. Das Selbstwertempfinden sei deutlich gemindert
gewesen. Der Versicherte habe ein soziales Rückzugsverhalten beschrieben. Ein
Leidensdruck sei nicht bezüglich der geschilderten Symptomatik, sondern
ausschliesslich gegenüber der psychosozialen Situation zu erkennen gewesen.
Bezüglich des Vorgutachtens von Dr. D._ sei zu bemängeln, dass dieser das vom
Versicherten angegebene Stimmenhören nicht diskutiert habe. Im Austrittsbericht der
Psychiatrischen Klinik F._ vom Juli 2013 fehle eine Dokumentation des Psychostatus.
Zudem seien die diagnostischen Kriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung
nicht diskutiert worden, weshalb die Diagnosestellung im Austrittsbericht nicht
nachvollziehbar sei. Auch die Psychiaterin Dr. H._ habe in ihrem Bericht vom
September 2016 keinen Psychostatus dokumentiert, weshalb auch ihre
Diagnosestellung nicht nachvollzogen werden könne. In ihrem Bericht vom November
2016 habe sie zwar einen Psychostatus dokumentiert, aber sie habe keinerlei
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Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung genannt, weshalb die
entsprechende Diagnose nicht nachvollziehbar sei. Die in einem neuropsychologischen
Testbericht beschriebene massive Intelligenzminderung (IQ 52–58) sei nicht plausibel,
da der Versicherte sein Leben ohne wesentliche Einschränkungen im Alltag meistere.
Er könne lesen und schreiben und er habe die deutsche Sprache erlernt. Zu kritisieren
sei, dass bei jener Testung keine Symptomvalidierung durchgeführt worden sei. Die
von der Hausärztin Dr. J._ gestellten Diagnosen einer paranoiden Schizophrenie und
einer starken Depression seien nicht einmal ansatzweise begründet worden. Auch die
Berichte von Dr. K._ und lic. phil. N._ überzeugten mangels einer ausreichenden
Dokumentation des Psychostatus nicht. Die von Dr. R._ beschriebenen Symptome –
intrusive Erlebnisse, Schreckhaftigkeit und Hypervigilanz – hätten bei der aktuellen
Untersuchung nicht festgestellt werden können. Der objektive klinische Befund sei
weitgehend identisch mit jenem gewesen, den Dr. D._ in seinem Gutachten
beschrieben habe. Die Kriterien für die Diagnose einer posttraumatischen
Belastungsstörung seien ebenso wenig erfüllt gewesen wie jene für die Diagnose einer
Schizophrenie. Das im Vordergrund stehende Störungsbild bei einer resignativ-
negativistischen Haltung mit vorwiegend sozialen Ängsten und einer
„Lebensverleiderstimmung“ mit leicht bis allfällig mittelgradiger Schwere im
Ausprägungsgrad und zusätzlichen Klagen über vereinzelte imperative Stimmen sei als
eine chronifizierte, nicht näher bezeichnete anhaltende affektive Störung zu
qualifizieren. Der Depressionsgrad sei für die Diagnose einer Dysthymia zu hoch.
Allerdings seien die diagnostischen Kriterien einer rezidivierenden depressiven Störung
nicht erfüllt. Im Vergleich zum Vorgutachten von Dr. D._ habe sich der
Gesundheitszustand nicht verschlechtert; es handle sich bloss um eine leicht
anderslautende Beurteilung eines unverändert gebliebenen Gesundheitszustandes.
Weder in der psychiatrischen Untersuchung noch in der neuropsychologischen
Testung hätten sich Fähigkeitsstörungen objektivieren lassen, die die Arbeitsfähigkeit
des Versicherten einschränken würden. Aus psychiatrischer Sicht könne der
Versicherte kognitiv einfache Tätigkeiten ohne Einschränkungen ausführen. Die RAD-
Ärztin Dr. L._ qualifizierte das Gutachten als überzeugend (IV-act. 237).
Mit einem Vorbescheid vom 24. September 2019 kündigte die IV-Stelle dem
Versicherten an, dass sie die Abweisung seines Begehrens um berufliche Massnahmen
A.g.
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B.
und seines Rentenbegehrens vorsehe (IV-act. 241). Nachdem der Versicherte innert der
(mehrfach erstreckten) Frist keine Einwände erhoben hatte, wies die IV-Stelle dessen
Begehren um berufliche Massnahmen und dessen Rentenbegehren mit einer
Verfügung vom 3. Januar 2020 ab (IV-act. 251). Erst nach dem Versand der Verfügung
traf dann doch noch eine Stellungnahme ein (IV-act. 252). Da der Versicherte aber
bereits eine Beschwerde erhoben hatte, beschloss die IV-Stelle, sich nicht direkt
gegenüber dem Versicherten, sondern im Rahmen der Beschwerdeantwort zu dieser
Eingabe zu äussern (IV-act. 256).
Der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) hatte am 6. Januar 2020
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 3. Januar 2020 erheben lassen (act. G 1).
Sein Rechtsvertreter hatte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Zusprache
einer ganzen Rente „ab wann rechtens“, spätestens ab September 2018, und
eventualiter die Rückweisung der Sache an die IV-Stelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin) beantragen lassen. Zur Begründung hatte er ausgeführt, das
Gutachten von Prof. Dr. T._ sei nicht beweiskräftig. Der behandelnde Psychiater Dr.
R._ habe eingehend Stellung zum Gutachten genommen und überzeugend
aufgezeigt, weshalb dieses nicht überzeuge. Der Beschwerde lag eine Stellungnahme
von Dr. R._ vom 23. Dezember 2019 bei (act. G 1.2). Dieser hatte festgehalten,
mehrere qualifizierte Berufskollegen hätten im Längsschnitt über viele Jahre hinweg
unabhängig voneinander immer wieder ganz ähnliche Einsichten über den
Gesundheitszustand gewonnen. Niemand ausser den Ärzten der Psychiatrischen Klinik
O._, die den Beschwerdeführer in einer Ausnahmesituation zu Gesicht bekommen
hätten, habe je den Verdacht geäussert, der Beschwerdeführer simuliere. Das
Gutachten von Prof. Dr. T._ entspreche nicht den Qualitätsleitlinien der SGPP: Es
enthalte weder eine ergebnisoffene Würdigung noch eine substantielle Diskussion der
eigenen Befunde und der Vorberichte, schon die Befunderhebung sei in einer
voreingenommenen Haltung erfolgt und in der Argumentation des Sachverständigen
werde kein Bemühen sichtbar, die vorliegende komplexe Situation in einer anderen
Weise nachvollziehbar und glaubwürdig im Sinne eines verständlichen Gesamtbildes
zu interpretieren. In seinem Gutachten habe sich Prof. Dr. T._ weder mit den von ihm
B.a.
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erhobenen Befunden noch mit den in den Akten beschriebenen Befunden hinreichend
auseinandergesetzt.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 3. Februar 2020 die Abweisung der
Beschwerde und eventualiter die Einholung eines Gerichtsgutachtens (act. G 5). Zur
Begründung führte sie an, Dr. R._ habe in seiner Stellungnahme keine neuen
objektiven Gesichtspunkte genannt, die wesentliche Zweifel an der Überzeugungskraft
des Gutachtens von Prof. Dr. T._ wecken würden. Sollte das Gericht wider Erwarten
anderer Ansicht sein, müsse es nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ein
Gerichtsgutachten in Auftrag geben. Die RAD-Ärztin Dr. L._ hatte am 20. Januar
2020 notiert (IV-act. 257), Dr. R._ habe sich in seiner Stellungnahme hauptsächlich
auf die Beurteilungen der früheren Behandler gestützt. Tatsächlich habe sich der
Beschwerdeführer bislang aber noch nie in einer konsequenten, längerdauernden und
adäquaten Behandlung befunden. Die längste Behandlungsdauer habe gemäss den
Akten ein halbes Jahr gedauert, was etwa zwölf Sitzungen entsprochen habe. Bei jener
Behandlung habe es sich um eine psychosoziale Gesprächstherapie und nicht um eine
Traumatherapie gehandelt. Die meisten Ärzte hätten den Beschwerdeführer nur wenige
Male gesehen. Die angeblichen Suizidversuche seien aktenmässig ebenso wenig
dokumentiert wie die angebliche stationäre Behandlung, während der sich der
Beschwerdeführer nach seinen Schilderungen habe das Leben nehmen wollen. Die
Behauptung von Dr. R._, die Neuopsychologin S._ habe einen vorschnellen
Schluss gezogen, stehe im Widerspruch zur Tatsache, dass die „auf Zufallsniveau“
liegenden Testergebnisse eine wesentliche Diskrepanz zum Verhalten des
Beschwerdeführers im Alltag zeigten.
B.b.
Am 11. Februar 2020 wurde dem Beschwerdeführer die unentgeltliche
Rechtspflege bewilligt (act. G 6).
B.c.
Der Beschwerdeführer liess am 5. März 2020 an seinen Anträgen festhalten
(act. G 8). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 9 f.).
B.d.
Am 17. August 2021 teilte das Versicherungsgericht den Parteien mit, dass es
beabsichtige, Dr. med. U._ mit der Erstellung eines psychiatrischen
Gerichtsgutachtens (einschliesslich einer neuropsychologischen Testung) zu
B.e.
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beauftragen (act. G 12). Der Beschwerdeführer liess am 19. August 2021 geltend
machen, er sei mit der Einholung eines Gerichtsgutachtens sowie mit dem
Fragenkatalog einverstanden, erhebe aber Einwände gegen die Person des
Sachverständigen, da dieser offenbar von den St. Galler Strafbehörden mangels
„Geeignetheit“ generell nicht mehr als Sachverständiger beigezogen werde (act. G 13).
Das Versicherungsgericht wies den Beschwerdeführer am 9. September 2021 darauf
hin (act. G 14), dass die Frage der „Geeignetheit“ nach der bundesgerichtlichen
Auffassung erst im Rahmen der Würdigung des Gutachtens zu beantworten sei. Da das
Versicherungsgericht keine Veranlassung habe, an der fachlichen Kompetenz von Dr.
U._ zu zweifeln, werde es ihn wie geplant mit der Begutachtung beauftragen. Die
Beschwerdegegnerin nahm keine Stellung.
Am 23. September 2021 beauftragte das Versicherungsgericht Dr. U._ mit der
Erstellung eines psychiatrischen Gerichtsgutachtens einschliesslich einer
neuropsychologischen Testung (act. G 17). Das Gutachten wurde am 22. Juli 2022
erstattet (act. G 21). Der Sachverständige hatte festgehalten, der Beschwerdeführer sei
pünktlich und gepflegt zu den Untersuchungen (sowohl zur psychiatrischen Exploration
als auch zu den beiden Terminen für die neuropsychologische Testung) erschienen. Er
sei kooperativ gewesen und habe zu keinem Zeitpunkt ängstlich oder unsicher gewirkt.
Er habe keinerlei psychovegetative Symptome gezeigt. Hinweise für ein seltsames oder
bizarres Verhalten seien nicht aufgefallen. Im Gespräch sei er bei der Sache und
konzentriert gewesen. Er habe alle Fragen verstanden und korrekte Antworten
gegeben. In der drei Stunden dauernden Exploration seien keine
Ermüdungserscheinungen festzustellen gewesen. Hinweise für Aufmerksamkeits- oder
Gedächtnisstörungen hätten nicht festgestellt werden können. Das formale Denken sei
geordnet gewesen. Affektiv habe der Beschwerdeführer ausgeglichen gewirkt. Der
Antrieb und die Psychomotorik seien unauffällig gewesen. Circadiane Besonderheiten
hätten nicht ausgemacht werden können. Die Laborergebnisse hätten einen deutlich
unterhalb des therapeutischen Bereichs liegenden Spiegel des angeblich regelmässig
eingenommenen Hauptmedikamentes gezeigt. Der Spiegel des zusätzlich
eingenommenen Antidepressivums habe dagegen im therapeutischen Bereich gelegen.
Bei der neuropsychologischen Testung sei der Beschwerdeführer nur teilweise
kooperativ gewesen. Nach einer Übung zu einem Test habe er sofort aufgeben wollen
B.f.
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und geltend gemacht, dass er Mühe habe und das nicht könne. Nach einer
Ermutigung, es weiter zu versuchen und nicht sofort aufzugeben, habe er nach einer
weiteren Übung wieder dasselbe gesagt. Nach einer erneuten Aufforderung, sein
Bestes zu geben, habe er mit wenig Motivation mitgearbeitet. Er habe jeden Test
extrem langsam erledigt. Auf Nachfragen, weshalb er so langsam arbeite, habe er
geltend gemacht, er habe wenig Motivation. Die Übungen zu den Tests habe er jeweils
begriffen und fehlerlos lösen können. Er habe angegeben, dass er alles gut verstehe.
Nach der Untersuchung habe er behauptet, er habe es nicht verstanden. Die
Nachfrage, was er denn konkret nicht verstanden und weshalb er trotz wiederholter
Nachfragen der Untersucherin nicht Bescheid gegeben habe, habe er nicht
beantwortet. Die Testresultate seien derart unterschiedlich ausgefallen, dass sie nicht
anders als durch ein manipulatives Verhalten entstanden erklärt werden könnten, was
bedeute, dass der Beschwerdeführer meistens, aber nicht durchwegs, bewusst
schlechte Leistungen gezeigt habe. Beispielsweise habe er beim Uhrentest und bei der
Mini Mental State Examination Normwerte erzielt, was eine Demenz ausschliesse, dann
aber behauptet, er könne die drei Merkwörter nicht wiedergeben, was nicht glaubhaft
gewesen sei, zumal er bei einem späteren Test dann doch wieder in der Lage gewesen
sei, die drei Merkwörter wiederzugeben. Besonders auffällig sei gewesen, dass er bei
den Testübungsbeispielen normale Leistungen, in den Tests selbst dann aber (meist)
einen massiven Leistungsabfall gezeigt habe. Überwiegend seien die Testergebnisse
so schlecht gewesen, dass sie mit jenen eines mittelgradig dementen oder schwer
hirngeschädigten Patienten verglichen werden müssten, was sich nicht mit den im
Alltag gezeigten Fähigkeiten – Autofahren, Termine über E-Mail vereinbaren, den Zug
benutzen, pünktlich zur Untersuchung zu erscheinen etc. – vereinbaren lasse. Mit
Sicherheit liege keine Minderintelligenz vor. Trotz des demotivierten Verhaltens habe
der Beschwerdeführer einen über dem Rahmen einer Intelligenzminderung (IQ 50–69)
liegenden IQ von 76 erreicht. Schätzungsweise liege der IQ bei etwa 85, aber auch
nicht viel höher. Ein erfolgreiches Manipulieren bei psychologischen Tests setze eine
hohe Intelligenz voraus, die beim Beschwerdeführer aber eher nicht vorzuliegen
scheine. Zusammenfassend hätten sich keine Anhaltspunkte für eine hirnorganische
Dysfunktion ergeben. Das Resultat bestätige jene der früheren Untersuchungen der
Neuropsychologen S._ und E._ und widerlege jenes der – ohne
Symptomvalidierung durchgeführten – neuropsychologischen Testung in der
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psychiatrischen Klinik F._ vom 12. Dezember 2016. In psychiatrisch-diagnostischer
Hinsicht sei folglich das Vorliegen einer hirnorganischen Störung zu verneinen. Aus
psychiatrischer Sicht sei angesichts des Cannabiskonsums in der Vergangenheit ein
Status nach einem schädlichen Gebrauch von Cannabis mit einem konsekutiven
amotivationalen Syndrom zu diagnostizieren. Die in einzelnen Berichten angeführte
Diagnose einer paranoiden Schizophrenie oder einer sonstigen schizophreniformen
Störung sei zu verwerfen. Ausschlaggebend für diese Diagnose sei wohl das vom
Beschwerdeführer angegebene Hören von Stimmen gewesen, das für sich allein diese
Diagnose aber nicht rechtfertige. Zudem habe der Beschwerdeführer diesbezüglich
sehr stark divergierende und auch für Schizophrene sehr untypische Angaben
gemacht. Sehr auffällig sei, dass er das Hören von Stimmen im Jahr 2017
zugegebenermassen nur vorgegeben habe, um vom Gefängnis in die Klinik verlegt zu
werden. Menschen, die unter einem Stimmenhören litten, fielen ganz anders auf als der
Beschwerdeführer, der sehr redegewandt, fast redselig, fordernd, forsch und eher
selbstsicher aufgetreten sei. Sinnestäuschungen führten zu einer Verunsicherung in der
reellen Welt und einer Flucht „in die Wahnwelt“. In den meisten Berichten der
behandelnden Ärzte sei eine depressive Störung diagnostiziert worden. Zwar habe
Prof. Dr. T._ grundsätzlich zutreffend bemängelt, dass in jenen Berichten ein
Psychostatus fehle, der diese Diagnose begründen könnte, aber in Therapieberichten
könne natürlich nicht derselbe Aufwand wie in einem Gutachten betrieben werden. Wer
allerdings eine neue Diagnose in den Raum stelle und damit eine Arbeitsunfähigkeit
begründe, müsse diese herleiten oder begründen. Die im Gutachten von Dr. D._
gestellte Diagnose einer Dysthymia überzeuge nicht, weil sie im Widerspruch zum in
jenem Gutachten beschriebenen Auftreten des Beschwerdeführers stehe. Auch die von
Prof. Dr. T._ gestellte Diagnose einer nicht näher bezeichneten anhaltenden
affektiven Störung passe nicht zum von ihm beschriebenen Auftreten des
Beschwerdeführers, den Prof. Dr. T._ als appellativ-demonstrativ berichtend, schnell
Zutrauen gewinnend und gesprächig beschrieben habe. Bei keiner der drei
Untersuchungen im Rahmen der aktuellen Begutachtung habe der Beschwerdeführer
depressive Symptome gezeigt, obwohl er ständig von solchen Symptomen berichtet
und auch das entsprechende psychiatrische Vokabular gekannt habe. Entscheidend
sei, dass der Beschwerdeführer keinen verminderten Antrieb, keine depressive
Stimmung, keinen objektivierbaren Interessenverlust, keine unbegründeten
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Selbstvorwürfe oder Schuldgefühle (sondern im Gegenteil Vorwürfe und
Schuldzuweisungen an die Umgebung) und keinen Verlust des Selbstvertrauens
(sondern vielmehr ein sehr selbstbewusstes, forsches und forderndes Auftreten)
gezeigt habe. Zusammenfassend lasse sich deshalb weder eine depressive noch eine
sonstige affektive Störung diagnostizieren. Objektiv hätten sich keinerlei Hinweise auf
eine Angststörung oder auf eine Zwangsstörung gezeigt. Sowohl Dr. D._ als auch
Prof. Dr. T._ hätten die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung genau
analysiert, geprüft und verworfen. Diesbezüglich sei darauf hinzuweisen, dass ein
Trauma (das in den Berichten der behandelnden Ärzte nicht genau spezifiziert und
beschrieben worden sei) nicht automatisch zu einer posttraumatischen
Belastungsstörung führe. Zudem seien posttraumatische Belastungsstörungen
vorübergehender Natur. Die Symptome flachten mit der Zeit ab. Aus fachärztlicher
Sicht sei es unzulässig, eine Arbeitsunfähigkeit infolge einer posttraumatischen
Belastungsstörung mit einem angeblichen viele Jahre zurückliegenden Trauma zu
begründen, wenn der Betroffene zwischenzeitlich mehrere Jahre lang gearbeitet habe.
Die von den „Traumaanhängern“ regelmässig diagnostizierte „komplexe
Traumafolgestörung“ lasse sich im ICD-10 nicht finden. In der aktuellen Untersuchung
habe der Beschwerdeführer keine Symptome einer posttraumatischen
Belastungsstörung – dissoziative Zustände, Fugue-Zustände, Depersonalisation,
Derealisation, Abdriften, Zeitverlust, Amnesien etc. – gezeigt oder geschildert. Ausser
dem Psychiater Dr. R._ habe keiner der behandelnden und begutachtenden
Fachärzte eine solche Störung feststellen können. Bei echten posttraumatischen
Belastungsstörungen sei die Symptomatik in der Regel zeitlich begrenzt; die
Betroffenen profitierten sehr von Ablenkung, wie etwa einem Wiedereinstieg in die
Arbeitswelt; lange Krankschreibungen verschlechterten dagegen den Zustand.
Betroffene müssten ihr Trauma als etwas Vergangenes akzeptieren, die Opferrolle
ablegen und wieder Normalität in ihr Leben bringen. Bei „Traumatherapeuten“ und
„Traumakliniken“ fänden sich entsprechende Ansätze leider immer seltener. Bezüglich
der Persönlichkeit fänden sich in den Akten keine spezifischen Diagnosen. Das
Verhalten des Beschwerdeführers sei allerdings sehr auffällig. So zeige er
beispielsweise eine gewisse penetrante Weigerung, die ihm attestierte Arbeitsfähigkeit
zu akzeptieren. Wenn er dieselbe Energie für das Arbeiten einsetzen würde, wäre er
erfolgreich. Der Beschwerdeführer habe wiederholt zugegeben, dass er mit der
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Arbeitslosenentschädigung nicht zufrieden sei, weil er mit einer Rente mehr Geld hätte
und nicht mehr kontrolliert würde. Das müsse als eine deutlich und andauernd
verantwortungslose Haltung und Missachtung sozialer Normen, Regeln und
Verpflichtungen gewertet werden. Ein deutlich dissoziales Verhalten habe er gezeigt,
als er einem Kollegen zur Flucht aus dem Gefängnis verholfen habe. Auch das
vorgegebene Stimmenhören sei als ein dissoziales Verhalten zu werten. Dass der
Beschwerdeführer bei der psychologischen Testung mit einer grossen
Wahrscheinlichkeit bewusst schwache Leistungen gezeigt, also aggraviert oder
simuliert habe und dass er dieses Verhalten unbelehrbar fortgesetzt habe, sei schon
auffällig. Der Beschwerdeführer habe weiter eine deutliche Neigung gezeigt, andere zu
beschuldigen; er sei nicht fähig oder nicht willens, ein Fehlverhalten bei sich selbst zu
sehen und eine Verhaltensänderung einzuleiten. Zusammenfassend rechtfertige sich
angesichts dieses Verhaltens die Diagnose von akzentuierten dissozialen
Persönlichkeitszügen. Diese seien erheblich, aber nicht so stark ausgeprägt, dass sich
die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung rechtfertigen liesse. Die akzentuierten
dissozialen Persönlichkeitszüge schränkten die Arbeitsfähigkeit nicht ein. Da der
Beschwerdeführer auch nicht an anderen psychiatrischen Diagnosen mit Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit leide, sei aus psychiatrischer Sicht eine uneingeschränkte
Arbeitsfähigkeit zu attestieren. Diese Einschätzung entspreche jener der beiden
Vorgutachter.
Der Beschwerdeführer liess am 8. Oktober 2022 geltend machen (act. G 29), das
Gutachten bestätige in einer eindrücklichen Art und Weise, dass Dr. U._ sowohl
fachlich als auch persönlich für die Erstellung eines Gutachtens ungeeignet sei. Das
Ergebnis habe offensichtlich von Anfang an festgestanden. Die Staatsanwaltschaft des
Kantons St. Gallen betraue Dr. U._ schon seit einiger Zeit nicht mehr mit der
Erstellung von Gutachten. Das vorliegende Gutachten zeige exemplarisch, was die
Gründe dafür sein dürften. Auch auf der Liste der Gefängnisärzte sei Dr. U._ nicht
mehr angeführt. Er habe den Beschwerdeführer nicht nur vorverurteilt, sondern
teilweise geradezu süffisant beleidigt. Das Gutachten bestätige, was Dr. U._ in
anderen Zusammenhängen auch schon in der Öffentlichkeit zum Ausdruck gebracht
habe, nämlich dass alle falsch lägen, die seine Meinung nicht teilten. Immerhin müsse
man Dr. U._ zugute halten, dass er aus seiner Haltung keinen Hehl mache und diese
B.g.
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Erwägungen
1. Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen
Verfügung vom 3. Januar 2020 auf deren Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand
an sich jenem des vorangegangenen Verwaltungsverfahrens entsprechen müsste. Bei
einer sorgfältigen Interpretation der Verfügung vom 3. Januar 2020 zeigt sich
allerdings, dass diese zwei voneinander unabhängige Gegenstände enthält, nämlich
einerseits das Begehren des Beschwerdeführers um berufliche Massnahmen und
andererseits das Rentenbegehren des Beschwerdeführers. Die gemeinsame Eröffnung
auch einer breiten Öffentlichkeit zukommen lasse. Jüngst sei er wegen einer einfachen
Körperverletzung verurteilt worden, die er bei der Ausübung seiner Tätigkeit als
Amtsarzt begangen habe. Das Kantonsgericht des Kantons St. Gallen habe ihn auch
schon öffentlich als ungeeignet bezeichnet. Die Darstellung im Fall des
Beschwerdeführers, dessen Probleme vermeintlich gelöst würden, wenn er wieder
arbeiten würde, sei abwegig. Laut Dr. U._ sollen nicht nur das Verhalten und die
Persönlichkeit des Beschwerdeführers, sondern auch eine fehlerhafte Therapie und
juristische Beratung durch „Gratis-Anwälte“ Ursache des Problems sein. Die
Ausführungen zur „Traumatherapiewelt“ liessen jede Sachlichkeit vermissen. Die
Ausführungen zur Intelligenz des Beschwerdeführers zeigten nur, wie unbrauchbar das
Gutachten sei. Zudem sei es nicht dissozial, wenn man sage, dass man lieber eine
Rente als eine Arbeitslosenentschädigung erhalten würde.
Die Beschwerdegegnerin hielt am 18. Oktober 2022 fest (act. G 31), sowohl
Prof. Dr. T._ als auch Dr. U._ hätten überzeugend dargelegt, dass sich der
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers seit der ersten Begutachtung im
Dezember 2012 nicht verändert habe. Das Gutachten von Dr. U._ zeichne sich
lediglich durch einen pontierteren Sprachstil aus.
B.h.
Am 7. Dezember 2022 liess der Beschwerdeführer geltend machen (act. G 36), er
sei mit dem Auto dreimal von V._ nach W._ gefahren und habe jedes Mal für 130
Franken Benzin getankt. Belege existierten nicht. Er ersuche höflich um Vergütung der
hypothetischen Kosten für die Benützung des öffentlichen Verkehrs. Da er über kein
Halbtaxabonnement verfüge und da eine Tageskarte weniger als ein Billett für die
Strecke V._–W._ retour zum vollen Preis koste, beantrage er die Vergütung von
drei Tageskarten respektive von Fahrspesen von 3 × 75 = 225 Franken.
B.i.
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der beiden Entscheide betreffend diese zwei Gegenstände in der Verfügung vom 3.
Januar 2020 hat nicht zu einer „Verschmelzung“ der beiden Gegenstände geführt; sie
haben weiterhin ein unabhängiges rechtliches Schicksal gehabt. Das bedeutet, dass es
dem Beschwerdeführer frei gestanden hat, beide Entscheide oder nur einen der beiden
Entscheide mit einer Beschwerde anzufechten. Die Auslegung der Beschwerdeschrift
und der Replik zeigt, dass der Beschwerdeführer nur die Abweisung seines
Rentenbegehrens angefochten hat. Das bedeutet, dass die Verfügung vom 3. Januar
2020, soweit sie das Begehren des Beschwerdeführers um berufliche Massnahmen
betroffen hat, unangefochten in formelle Rechtskraft erwachsen ist und folglich nicht
Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens sein kann. Der Streitgegenstand des
Beschwerdeverfahrens ist deshalb beschränkt auf die Frage, ob der Beschwerdeführer
einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung hat.
2. Gemäss dem Art. 87 Abs. 3 IVV wird ein Rentenbegehren nach der Abweisung
eines früheren Rentenbegehrens mangels eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades
(sog. Neuanmeldung) nur geprüft, wenn die versicherte Person eine relevante
Sachverhaltsveränderung seit der Abweisung des früheren Rentenbegehrens glaubhaft
machen kann. Die Beschwerdegegnerin hat ein früheres Rentenbegehren des
Beschwerdeführers mit einer Verfügung vom 8. Oktober 2013 abgewiesen. Folglich hat
das Eintreten auf die Neuanmeldung im März 2018 das Glaubhaftmachen einer
relevanten Sachverhaltsveränderung seit dem 8. Oktober 2013 vorausgesetzt. Die
RAD-Ärztin Dr. L._ hat im Juli 2018 notiert, dass die vom Beschwerdeführer im Juni
2018 eingereichten medizinischen Berichte auf eine mögliche dissoziative Störung
hinwiesen, womit eine relevante Sachverhaltsveränderung glaubhaft gemacht sei.
Diese Schlussfolgerung überzeugt, weshalb die Beschwerdegegnerin zu Recht auf die
Neuanmeldung vom März 2018 eingetreten ist.
3.
Der Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung setzt nach Art. 28 Abs. 1
IVG voraus, dass eine versicherte Person ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern kann, dass sie
während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und dass sie nach dem Ablauf
dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist. Für die Bemessung der Invalidität
wird gemäss dem Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
3.1.
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Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben
wäre.
Der Beschwerdeführer hat keine Berufsausbildung absolviert, weshalb er als ein
Hilfsarbeiter zu qualifizieren ist. Das bedeutet, dass seine Erwerbsfähigkeit ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung jener eines typischen Hilfsarbeiters entsprechen würde
und dass das Valideneinkommen folglich praxisgemäss dem statistischen Zentralwert
der Hilfsarbeiterlöhne entspricht.
3.2.
Für die Bemessung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens ist
massgebend, welche Tätigkeiten der Beschwerdeführer aus medizinischer Sicht in
welchem Umfang verrichten kann. Somatische Erkrankungen, die die Arbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers einschränken würden, liegen überwiegend wahrscheinlich
nicht vor. Zur Diskussion steht ausschliesslich eine psychische
Gesundheitsbeeinträchtigung. Die Beschwerdegegnerin hat Prof. Dr. T._ beauftragt,
ein psychiatrisches Gutachten zur Beantwortung der Frage nach einer allfälligen
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers infolge einer psychischen
Erkrankung zu erstellen. Sowohl Prof. Dr. T._ als auch die Neuropsychologin S._
haben die Auffassung vertreten, dass die Testergebnisse im Rahmen der Begutachtung
auf eine bewusste Aggravation oder Simulation von kognitiven Beeinträchtigungen
hinweisen könnten. Trotzdem hat sich Prof. Dr. T._ in seinem Gutachten nicht
ausreichend zur Problematik geäussert, ob es ihm überhaupt möglich gewesen ist, den
objektiven klinischen Befund zu erheben. Für den medizinischen Laien ist nicht
ersichtlich, dass es Prof. Dr. T._ gelungen wäre, die Verfälschung des
Beschwerdebildes durch eine Aggravation oder Simulation konsequent vom wahren
objektiven klinischen Befund zu trennen, was es ihm erlaubt hätte, unter Ausblendung
der „Verzerrung“ eine überzeugende Diagnose zu stellen und eine überzeugende
Arbeitsfähigkeitsschätzung abzugeben. Es erscheint zwar nicht als ausgeschlossen,
dass dies Prof. Dr. T._ effektiv gelungen ist, aber sein Gutachten enthält keine
Ausführungen, die es dem medizinischen Laien erlauben würden, dies
nachzuvollziehen. Im „Privatgutachten“ von Dr. R._ wird eine unzureichende
Begründung der Diagnosestellung und insbesondere bemängelt, dass sich Prof. Dr.
T._ nicht eingehend genug mit der im Raum stehenden posttraumatischen
Belastungsstörung und mit der ebenfalls zur Diskussion stehenden Schizophrenie
auseinandergesetzt habe. Das „Privatgutachten“ enthält eine völlig andere
medizinische Beurteilung des Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers. Diese
andere medizinische Beurteilung hat durchaus einen objektiven Anschein erweckt und
3.3.
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kann deshalb nicht mit der juristischen Begründung abgetan werden, Dr. R._ sei
anscheinsbefangen und deshalb zum Vorneherein nicht in der Lage gewesen, eine
objektive Stellungnahme zu verfassen. Für einen medizinischen Laien ist es in dieser
Situation nicht möglich gewesen, die Frage zu beantworten, welche Beurteilung in
medizinischer Hinsicht überzeugender gewesen ist, weshalb das Einholen eines
Obergutachtens erforderlich gewesen ist. Aus diesem Grund hat das
Versicherungsgericht von einer Ergänzung des Gutachtens abgesehen und ein
Gerichtsgutachten in Auftrag gegeben, womit sich beide Parteien einverstanden erklärt
haben.
Für die Beantwortung der Frage, welche Tätigkeiten dem Beschwerdeführer aus
psychiatrischer Sicht in welchem Umfang zumutbar sind, kommt dem
Gerichtsgutachten von Dr. U._ nur schon deshalb eine entscheidende Bedeutung zu,
weil es sich dabei um ein „erstklassiges“ Beweismittel im Sinne der vom Bundesgericht
eingeführten „Beweiskaskade“ handelt. Das Bundesgericht unterscheidet nämlich vier
„Klassen“ von medizinischen Berichten: Berichte von behandelnden Ärzten („vierte
Klasse“) verfügen generell nur über einen sehr eingeschränkten Beweiswert, weil bei
der Würdigung der Erfahrungstatsache Rechnung getragen werden muss, dass
behandelnde Ärzte wegen ihrer auftragsrechtlichen Stellung in Zweifelsfällen eher
zugunsten ihrer Patienten berichten (BGE 125 V 351 E. 3b/cc S. 353 mit Hinweisen);
auf Berichte von versicherungsinternen medizinischen Sachverständigen („dritte
Klasse“) kann dagegen generell abgestellt werden, sofern nicht Zweifel an deren
Überzeugungskraft bestehen, wobei allerdings bereits geringe Zweifel genügen (BGE
135 V 465 E. 4.6 S. 471 mit Hinweisen); von einem Administrativgutachten eines
versicherungsexternen medizinischen Sachverständigen („zweite Klasse“) darf nach
der bundesgerichtlichen Auffassung nur abgewichen werden, wenn konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb S. 353 mit
Hinweisen); von einem Gerichtsgutachten („erste Klasse“) darf schliesslich nicht ohne
zwingende Gründe abgewichen werden (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020,
Art. 43 N 64, mit Hinweisen; Urteil IV 2018/409 des St. Galler Versicherungsgerichtes
vom 17. Juni 2020, E. 2.4 f.). Vom Gerichtsgutachten von Dr. U._ als einem
Beweismittel „erster Klasse“ darf also nicht ohne einen zwingenden Grund abgewichen
werden. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat sich in seiner sich an der
Grenze des Sachlichen bewegenden Stellungnahme vom 8. Oktober 2022 auf den
Standpunkt gestellt, ein solcher zwingender Grund liege vor, weil Dr. U._ „persönlich
und fachlich“ nicht qualifiziert sei, ein überzeugendes Gerichtsgutachten zu erstellen.
Dieser Vorwurf ist offensichtlich unbegründet. Der Umstand, dass das Kantonsgericht
des Kantons St. Gallen (und diesem folgend offenbar auch die Staatsanwaltschaft) ein
3.4.
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Gutachten von Dr. U._ als nicht überzeugend qualifiziert und deshalb offenbar – aus
nicht nachvollziehbaren Gründen – beschlossen hat, Dr. U._ generell nicht mehr als
Sachverständigen zu beauftragen, hat für dieses Verfahren keine Relevanz. An der
fachlichen Qualifikation von Dr. U._ bestehen keine Zweifel, da er über die für die
Erstellung eines psychiatrischen Gutachtens erforderliche Aus- und Weiterbildung
verfügt und da nicht ersichtlich ist, inwiefern ihn die psychiatrische Begutachtung des
Beschwerdeführers fachlich hätte überfordern sollen. Auch in persönlicher Hinsicht ist
entgegen der Auffassung des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers kein Grund
ersichtlich, der gegen die Kompetenz von Dr. U._ sprechen würde, ein
psychiatrisches Gerichtsgutachten zu erstellen. Dr. U._ mag mit gewissen
öffentlichen Äusserungen in der Vergangenheit „angeeckt“ haben, aber keine der vom
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers angeführten Äusserungen zwingt zum Schluss,
Dr. U._ sei generell nicht in der Lage, eine objektive Begutachtung durchzuführen.
Das hier zur Diskussion stehende Gutachten zeichnet sich zwar stellenweise durch
einen „pointierteren Sprachstil“ aus, aber es enthält keine Ausführungen, die auf eine
Voreingenommenheit von Dr. U._ schliessen liessen, und schon gar keine
„süffisanten Beleidigungen“ des Beschwerdeführers, wie der Rechtsvertreter behauptet
hat. Die Beurteilung von Dr. U._ zeigt vielmehr auf, dass er bemüht gewesen ist, sich
sorgfältig mit den zur Diskussion stehenden Diagnosen zu befassen. Jede seiner
Schlussfolgerungen ist eingehend begründet, weshalb von keiner Schlussfolgerung
behauptet werden kann, sie habe aus einer Voreingenommenheit von Dr. U._
resultiert. Von einem Anschein der Befangenheit oder von einer mangelhaften
fachlichen Qualifikation von Dr. U._ kann folglich nicht die Rede sein.
Der Sachverständige Dr. U._ und die von ihm consiliarisch beigezogene
Neuropsychologin MSc X._ haben den Beschwerdeführer eingehend befragt und in
insgesamt drei Sitzungen umfassend untersucht. Das Gutachten und der
neuropsychologische Bericht enthalten eine ausführliche Wiedergabe sowohl der
subjektiven Angaben des Beschwerdeführers als auch der von den Sachverständigen
erhobenen objektiven klinischen Befunden, wobei die beiden Sachverständigen
sorgfältig zwischen den subjektiven Angaben und den objektiven Befunden
unterschieden haben, was es medizinischen Laien wesentlich erleichtert, die
Schlussfolgerungen bezüglich der Diagnosestellung und der
Arbeitsfähigkeitsschätzung, die auf dem objektiven Befund beruhen müssen,
nachzuvollziehen. Der Sachverständige Dr. U._ hat die medizinischen Vorakten
eingehend gewürdigt. Zusammenfassend deutet nichts darauf hin, dass er eine
wesentliche Tatsache übersehen oder ignoriert hätte. In seiner Beurteilung hat sich Dr.
U._ akribisch mit den beiden Vorgutachten von Dr. D._ und Prof. Dr. T._ sowie
3.5.
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mit den Berichten der behandelnden Ärzte, insbesondere der ausführlichen
Stellungnahme von Dr. R._ zum Gutachten von Prof. Dr. T._, auseinandergesetzt.
Zudem ist er detailliert auf die zahlreichen Diskrepanzen und Inkonsistenzen
eingegangen, die er beim Studium der Vorakten sowie des Testberichtes der
Neuropsychologin X._ und während der Exploration des Beschwerdeführers
festgestellt hat. Anders als Prof. Dr. T._ ist es Dr. U._ gelungen, klar und für
medizinische Laien verständlich zwischen den vom Beschwerdeführer nur
vorgegebenen Beschwerden und dem „wahren“ objektiven Befund zu unterscheiden.
Er hat jede seiner Schlussfolgerungen bezüglich der Diagnosestellung und der
Arbeitsfähigkeitsschätzung eingehend begründet und in einer für medizinische Laien
verständlichen Sprache aufgezeigt, weshalb er die in den Vorakten genannten
Diagnosen verworfen und die als einzige verbleibende Diagnose akzentuierter
dissozialer Persönlichkeitszüge gestellt hat. Nichts deutet darauf hin, dass er sich von
unsachlichen Überlegungen hätte leiten lassen. Die Schlussfolgerungen sind
nachvollziehbar, einleuchtend und überzeugend. Im Ergebnis besteht – abgesehen von
geringfügigen diagnostischen Unterschieden – eine völlige Übereinstimmung zwischen
den drei Gutachten von Dr. U._, Prof. Dr. T._ und Dr. D._. Der Umstand, dass der
Beschwerdeführer bei der neuropsychologischen Testung nicht uneingeschränkt
kooperiert hat, schmälert den Beweiswert des Gutachtens nicht, da es der
neuropsychologischen Sachverständigen trotz der teilweise mangelhaften Mitarbeit
des Beschwerdeführers gelungen ist, das Vorliegen von die Arbeitsfähigkeit für ideal
leidensadaptierte Tätigkeiten einschränkenden neurokognitiven Defiziten mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit auszuschliessen.
Diese Schlussfolgerung hat die neuropsychologische Sachverständige überzeugend
anhand der – teilweise authentischen – Testergebnisse, der Beobachtung des
Beschwerdeführers, der Angaben des Beschwerdeführers zu seinem Alltag sowie der
Erkenntnisse aus dem eingehenden Aktenstudium begründet. Die mangelhafte
Kooperation des Beschwerdeführers hat es also nicht verunmöglicht, das Vorliegen
von Einschränkungen mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit auszuschliessen, die in einer neurokognitiv minimal
anforderungsreichen Hilfsarbeit eine relevante Arbeitsunfähigkeit bewirken würden. Ein
zwingender Grund, der gegen das Abstellen auf das – „erstklassige“ –
Gerichtsgutachten von Dr. U._ und der Neuropsychologin X._ sprechen würde, ist
nicht ersichtlich. Gestützt auf das in jeder Hinsicht überzeugende Gerichtsgutachten
von Dr. U._ steht folglich mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer im hier massgebenden Zeitraum
ab März 2018 respektive (vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG) ab dem 1. September 2018 (weiterhin)
uneingeschränkt arbeitsfähig gewesen ist. Das bedeutet, dass er ein dem statistischen
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4. Die angefochtene Verfügung vom 3. Januar 2020 erweist sich damit hinsichtlich
der Abweisung des Rentenbegehrens als rechtmässig, weshalb die dagegen gerichtete
Beschwerde abzuweisen ist. Die Gerichtskosten, die angesichts des deutlich
überdurchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 1’000 Franken festzusetzen sind,
wären an sich dem unterliegenden Beschwerdeführer aufzuerlegen. Zufolge der
Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung ist dieser aber von der Pflicht zur
Bezahlung der Gerichtskosten befreit. Die Kosten für das Gerichtsgutachten von
10’184.60 Franken und die Reisespesen des Beschwerdeführers von 225 Franken als
„Zusatzkosten“ der Begutachtung sind der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Diese
hat zwar ihre Untersuchungspflicht nicht schuldhaft verletzt, weil erst das nach dem
Abschluss des Verwaltungsverfahrens eingereichte „Privatgutachten“ von Dr. R._
wesentliche Zweifel an der Überzeugungskraft des Gutachtens von Prof. Dr. T._
geweckt hat. Aber das ist irrelevant, weil die Verlegung von Kosten zur Ermittlung des
massgebenden Sachverhaltes keine „haftpflichtrechtliche“ Anordnung ist, sondern sich
– rein objektiv – danach richten muss, welche Partei die Untersuchungspflicht trifft. Für
die Verlegung der Kosten einer Abklärungsmassnahme spielt es folglich keine Rolle, ob
der untersuchungspflichtigen Partei (subjektiv) ein „Verschulden“ im Zusammenhang
mit der Verletzung der Untersuchungspflicht vorzuwerfen ist. Entscheidend ist nur, ob
die Untersuchungspflicht objektiv verletzt worden ist. Muss diese Frage bejaht werden,
hat die untersuchungspflichtige Partei – hier die Beschwerdegegnerin – die Kosten für
jene Massnahmen zu tragen, die zur vollständigen Ermittlung des Sachverhaltes
notwendig gewesen sind. Der unterliegende Beschwerdeführer hat keinen Anspruch
auf eine Parteientschädigung. Infolge der Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung hat der Staat seinem Rechtsvertreter aber eine Entschädigung
auszurichten, die 80 Prozent des erforderlichen Vertretungsaufwandes abdeckt (Art. 31
Abs. 3 AnwG). Der erforderliche Vertretungsaufwand ist als für einen IV-Rentenfall weit
überdurchschnittlich zu qualifizieren, weshalb die Entschädigung auf 80 Prozent von
6’500 Franken, also auf 5’200 Franken festzusetzen ist. Sollten es seine
wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten, wird der Beschwerdeführer zur
Nachzahlung der Gerichtskosten und zur Rückerstattung der Entschädigung für die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2 VRP
i.V.m. Art. 123 ZPO).