Decision ID: ae29beef-73fa-4574-a54a-4c667d77ddab
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Die 1972 geborene
X._
war in den Jahren 2000 bi
s 2002 als Zimmermädchen (Urk. 10
/2 Ziff. 1.1-1.3 und 6.3.1), von 2004 bis 2005 als Etagen-Aushilfe (Urk.
10/23/1, Urk. 10
/91/2)
und vom 11. August bis zum 31.
Dezember 2006 als
Küchenhilfe
tätig (Urk.
10
/52 Ziff. 6.3.1). Zwischen und nach diesen Tätigkeiten bezog sie verschiedentlich Taggelder der Arbeitslosen
versicherung (Urk.
10
/91/2). Am 4. Mai 2004 meldete sich die Versicherte bei der Invalidenversicherung zum
Leistungsbezug (Rente) an (Urk. 10
/2 Ziff. 7.8). Nach durchgeführtem Abklärungsverfahren wies die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, mit
Einspracheentscheid
vom 29. April 2005 das Ren
tenbegehren ab (Urk.
10
/37). Dieser Entscheid wurde mit Urteil des hiesigen Gerichts v
om 8. Mai 2006 bestätigt (Urk. 10
/47).
1.2
Am 9. Mai 2007 meldete sich die Versicherte erneut zum Leistungsbezug (Berufs
beratung, Arbeitsvermittlung, Rente; Urk.
10
/52 Ziff. 7.8) an.
Die IV-Stelle tätigte erwerbliche und medizinische Abklärungen und liess insbesondere ein psychi
at
risches
Gutachten erstellen (Urk.
10
/80
; Expertise vom 15. März 2008
)
.
Mit Ver
fü
gung vom 22. Juli 2009 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren ausgehend von einem Invaliditätsgrad von 30 % ab (Urk.
10
/111).
Das hiesige Gericht wies die dagegen erhobene Beschwerde mit Urteil v
om 10. Mai 2011 ab (Prozess Nr.
IV.2009.00859; Urk.
10/128
).
1.
3
Am 18. Juli 201
7
meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf eine post
trau
matische Belastungsstörung, eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung, eine rezidivierende depressive Störung sowie eine Agoraphobie erneut zum Leistungsbezug an (Urk. 10/134).
Die IV-Stelle tätigte medizinische Abklärungen und veranlasste
eine psy
chiatrische Begutachtung (Urk. 10/170 und Urk. 10/175), welche
– unter Berücksichtigung des von der Versicherten im Eini
gungsverfahren erhobenen Einwandes (Urk. 10/171)
-
durch
eine weibliche Gut
achterin des
Zentrums Y._
durch
geführt wurde (vgl. Expertise vom 14. Juni 2019; Urk. 10/187
).
Am
16. Juli 2019 (Urk. 10/188) liess die Beschwerdegegnerin die Gutachter
in
sodann Rückfragen beantworten (vgl. Stellungnahme vom 20. August 2019; Urk. 10/189).
Daraufhin verneinte die IV-Stelle nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 10/194, Urk. 10/195, Urk. 10/198) mit Verfügung vom 6. März 2020 einen Leistungsanspruch (Urk. 2).
2.
Dagegen erhob die Versicherte mit E
ingabe vom 14. April 2020 (Urk.
1) Beschwerde und beantragte,
die Verfügung vom 6. März 2020 sei aufzuheben und der Beschwerdeführerin sei eine Rente auszurichten (S. 2). In verfahrens
rechtlicher Hinsicht beantragte sie
die Durchführung eines zweiten Schriften
wechsels und
die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie die Bestellung eines unentgeltlichen
Rechtsbeistandes.
Am 8. Mai 2020 reichte die Beschwerdeführerin das Formular zur Abklärung der prozessualen Bedürftigkeit (Urk. 7) unter Einreichung zusätzlicher Unterlagen ein (Urk. 8/1-3). Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 20. Mai 2020 (Urk. 9) die Abweisung der Beschwerde, was der Beschwerdeführerin mit Ver
fügung vom 3. Juni 2020 zur Kenntnis
gebracht
wurde. Mit Eingabe vom 6. November 2020 (Urk. 14) reichte die Beschwerdeführerin einen weiteren Arzt
bericht ein (Urk. 15), welcher der Beschwerdegegnerin zur Kenntnisnahme zuge
stellt wurde (Urk. 16).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6
des
Bun
desgesetz
es
über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts [ATSG]
) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.2
War eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert worden und ist die Verwaltung auf eine Neuanmeldung eingetreten (Art. 87 Abs. 3
der
Verordnung
über die Invalidenversicherung [
IVV
]
), so ist im Beschwerde
verfahren
zu prüfe
n, ob im Sinne von Art.
17 ATSG eine für den Rentenanspruch relevante Änderung des Invaliditätsgrades eingetreten ist (BGE 117 V 198 E. 3a mit Hinweis).
1.3
Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, her
abgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen seit Zusprechung der Rente, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen Änderung des Gesundheitszustandes revidierbar. Weiter sind, auch bei an sich gleich geblie
benem Gesundheitszustand, veränderte Auswirkungen auf den Erwerbs- oder Aufgabenbereich von Bedeutung (BGE 141 V 9 E. 2.3, 134 V 131 E. 3). Ferner kann ein Revisionsgrund unter Umständen auch in einer wesentlichen Änderung hinsichtlich des für die Methodenwahl massgeblichen (hypothetischen) Sach
verhalts bestehen (BGE 144 I 28 E. 2.2, 130 V 343 E. 3.5, 117 V 198 E. 3b, je mit Hinweisen). Hingegen ist die lediglich unterschiedliche Beurteilung eines im Wesentlichen gleich gebliebenen Sachverhalts im revisionsrechtlichen Kontext unbeachtlich (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
Liegt in diesem Sinne ein Revisionsgrund vor, ist der Rentenanspruch in recht
licher und tatsächlicher Hinsicht umfassend («allseitig») zu prüfen, wobei keine Bindung an frühere Beurteilungen besteht (BGE
141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
1.4
Ein Revisionsgrund im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG betrifft Änderungen in den persönlichen Verhältnissen der versicherten Person (BGE 133 V 454 E. 7.1). Dazu gehört namentlich der Gesundheitszustand. Dabei ist nicht die Diagnose massgebend, sondern in erster Linie der psychopathologische Befund und der Schweregrad der Symptomatik. Aus einer anderen Diagnose oder einer unter
schiedlichen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit aus medizinischer Sicht allein kann somit nicht auf eine für den Invaliditätsgrad erhebliche Tatsachenänderung geschlossen werden (Urteil des Bundesgerichts 9C_602/2016 vom 14. Dezember 2016 E. 5.1 mit weiteren Hinweisen).
Das Hinzutreten einer neuen Diagnose stellt nicht per se einen Revisionsgrund dar, weil damit das quantitative Element der (erheblichen) Gesundheits
verschlechterung nicht zwingend ausgewiesen ist (BGE 141 V 9 E. 5.2 mit Hin
weisen). Massgebend ist einzig, ob bzw. in welchem Ausmass – unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie – den medizinischen Akten eine Verschlechterung der Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit im relevanten Zeitraum entnommen werden kann (vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_664/2017 vom
25. Januar 2018 E. 9 und 9C_799/2016 vom 21. März 2017 E. 5.2.1 mit weiteren Hinweisen).
1.
5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene leistungsabweisende Ver
fügung vom 6. März 2020 (Urk. 2) damit, dass seit der letzten Verfügung keine Veränderung
der gesundheitlichen Situation
vorliege. Die Arbeitsunfähigkeit soll
e
bereits im Januar 2008 vorgelegen haben, womit diese bereits im Zeitpunkt der letzten rechtskräftigen Verfügung bestanden habe.
Es handle sich um eine andere Beurteilung eines unveränderten Sachverhaltes. Es liege kein Revisions
grund vor und das Hinzukommen einer neuen Diagnose begründe für sich noch keine Verschlechterung der gesundheitlichen Situation.
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1),
anhand des neuen Gutachtens aus dem Jahr 2019 würden sich im Vergleich zum Gutachten aus dem Jahr 2008 neue Diagnosen ergeben, wonach ausgewiesen sei, dass sich die gesundheitliche Situation verschlechtert habe (S. 5 f.).
Im aktuellen Gutachten werde zudem ausgeführt, dass
die Beschwerdeführerin
einen wichtigen Symptomkomplex mit jahrelanger körperlicher Misshandlung durch den Ex-Ehe
mann lange Zeit, das heisst bis vor etwa vier Jahren, verschwiegen habe. Dieser Symptomkomplex sei also 2009 noch gar nicht bekannt gewesen, wodurch die adäquate
traumaspezifische
Behandlung erst vor vier Jahren überhaupt habe begonnen werden können. Es sei dadurch von einer Chronifizierung und Begüns
tigung weiterer Symptome auszugehen. Insbesondere sei deshalb die Ansicht, es handle sich um eine andere Einschätzung des medizinisch gleichen Sachverhalts
,
falsch.
Denn d
ie Traumatisierung und deren Folgen hätten gar keinen Eingang in das Gutachten im Jahr 2008 finden können
(S. 6 f.).
Gemäss Gutachten sei es zudem im Jahr 2017 aufgrund der erstmals begonnenen Traumatherapie zu einer Verbesserung und anschliessend wieder zu einer Verschlechterung der Symptome gekommen, was aber folglich auch bedeute, dass nicht von einem unveränderten Sachverhalt ausgegangen werde könne (S. 7).
Falls keine Revision nach Art. 17 ATSG
geprüft werde, müsse eine solche nach Art. 53 Abs. 1 ATSG geprüft werden, da der Gutachter im Jahr 2008 gar kein vollständiges Gutachten habe erstellen können, da die Beschwerdeführerin noch gar nicht über ihre Traumatisierungen habe sprechen können. Insbesondere auch, da es sich damals um einen männ
lichen Gutachter gehandelt habe. Würde der Fall umgekehrt liegen und sie bereits eine Rente beziehen, würde die Beschwerdegegnerin auf jeden Fall eine Revision
beziehungsweise
Wiedererwägung prüfen (S. 7 f.).
2.3
Strittig und zu prüfen ist, ob sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin im Zeitraum zwischen dem Erlass der Verfügung vom 22. Juli 2009 (Urk.
10/111
) bis zum Erlass der vorliegend angefochtenen V
erfügung vom 6. März 2020 (Urk.
2) in einer für den Rentenanspruch relevanten Weise verschlechtert hat.
3.
3.1
3.1.1
Das
Urteil vom 10. Mai 2011 (Urk. 10/128)
, in welchem
das hiesige Gericht die
leistungsabweisende V
erfügung vom 22. Juli 2009 (Urk. 10/111)
bestätigte, stellte im Wesentlichen auf das
als beweiskräftig erachtete Gutachten von
Dr. med.
Z._
, FMH Psychiatrie und Psychotherapie,
vom 15. März 2008
(Urk. 10/80)
und die ergänzende Stellungnahme vom 18. Dezember 2009
ab.
Gestützt darauf ging es vo
m Vorliegen
einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung
(F
60.31)
, einer rezidivierenden depressiven Störung
(F 33.00)
bei gegenwärtig leich
ter Episode ohne somatisches Syndrom und einer daraus resultierenden Arbeits
unfähigkeit von 30 % aus (E. 5.5).
Dr. med.
Z._
hielt i
m Befund
weiter
fest, dass die Beschwerdeführerin in der Interaktion abweisend, unkooperativ, unfreundlich, misstrauisch und angespannt sei. Im Bewusstsein sei sie wach und allseits orientiert, im formalen Denken logisch und kohärent. Es bestünden keine Hinweise auf inhaltliche Denk
störungen, und Intelligenz, Auffassung, Merkfähigkeit und Konzentration seien in der Exploration in der Norm, das Gedächtnis intakt. Im Affekt sei die Beschwerdeführerin sehr gut moduliert. Hinweise auf Wahrnehmungs- oder Ich-Störungen fänden sich keine, und Mimik, Gestik, Antrieb und Psychomotorik seien unauffällig. Von Suizidalität sei sie aktuell distanziert. Bei der Testunter
suchung habe sie nur unvollständig, desinteressiert und „genervt“ mitgearbeitet (S. 9). In seiner Beurteilung hielt Dr.
Z._
fest, dass die Eingangskriterien für die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung nur knapp und nicht eindeutig erfüllt seien. Der beschwerliche Lebensweg der Beschwerdeführerin, den diese trotzdem mit gutem Erfolg habe bewältigen können,
und ihre aktuelle Situation stellten keine Kriterien für diese Diagnose dar. Die sich hieraus ergebende Arbeitsun
fähigkeit betrage maximal 30 % wegen der Persönlichkeitszüge (misstrauisch, abweisend, emotional instabil, narzisstisch, histrionisch) und Verhaltensweisen (Impulsdurchbrüche, absichtliche Selbstverletzung; S. 12). Die Kriterien einer leichten bis mittelschweren depressiven Episode seien formal erfüllt, es bestehe jedoch ein Widerspruch zum Psychostatus und zur Montgomery
Asberg
Depres
sion
Scale
(MADRS), wo beide Male eine objektiv aus klinischer Sicht nur leichte Ausprägung zu erkennen sei. Die subjektiv geklagten Defizite seien nur teilweise objektiv erkennbar beziehungsweise nachvollziehbar (S. 13 f.). Die Minderung der Arbeitsfähigkeit aufgrund der depressiven Störung betrage 30 %, wobei die Defizite eine depressive Stimmung, reduzierte emotionale Belastbarkeit, geringe Leistungsmotivation und ein Gefühl der Gleichgültigkeit umfassten (S. 14). Die Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung könne nicht bestätigt werden, und eine Minderung der Leistungsfähigkeit ergebe sich daraus nicht. Der Kopfschmerz habe die Exploration nicht gestört; neben einer von Anfang an bestehenden mangelhaften Motivation der Beschwerdeführerin könnte er dazu beigetragen haben, dass sie eine vollständige Bearbeitung der Tests abgelehnt habe, doch als qualvoll habe der Schmerz nicht objektiviert werden können. Die Migration, die „Zwangsehe“ und die negative und gescheiterte Ehe könnten Erklärungen für das hartnäckige Kopfschmerzsyndrom sein (S. 15 f.). Mögliche Kriterien, welche eine Schmerzüberwindung unzumutbar machten, wie eine psy
chische Komorbidität erheblicher Schwere, ein sozialer Rückzug oder ein thera
peutisch nicht mehr angehbarer innerseelischer Verlauf lägen nicht vor (S. 17 f.).
Bei der Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit habe er auch invaliditätsfremde Gesichtspunkte mit bedacht und von invaliditätsbedingten, objektivierbaren Befunden abgegrenzt. Da sich die beiden festgestellten Krankheitsbilder der leich
ten depressiven Episode und einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung in der Symptomatik und den damit verbundenen Defiziten praktisch vollständig überlappten, gehe er gesamthaft von einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 30 % aus (S. 18 f.).
Neben einer störungsspezifischen Psychotherapie mit dem Fokus einer beruf
lichen Reintegration empfehle er auch eine Anpassung der Medikamen
te (S.
19). Eine spezifische stationäre Behandlung sei zu evaluieren; eine berufliche Umstel
lung sei nicht notwendig, doch sollten Tätigkeiten bevorzugt werden, die die besonderen Persönlichkeitszüge und Verhaltensweisen der Beschwerdeführerin berücksichtigten, um eine volle Leistungsfähigkeit zu erreichen. Berufliche Mass
nahmen seien im jetzigen Zeitpunkt nicht indiziert, zumal die Beschwerde
führerin
anlässlich der Untersuchung weder für die Intensivierung der Therapie noch für eine berufliche Rehabilitation motivierbar gewesen sei (S. 21).
3.1.2
In der durch das Gericht eingeholten
Stellungnahme vom 18. Dezember 2009
(Urk. 10/
123/4-8
)
vermerkte Dr.
Z._
, dass die von den Ärzten der
A._
gestellte Diagnose einer andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung nicht nachvollziehbar sei
, zumal im Bericht
ausdrücklich offen
gelassen werde, ob es sich um eine tiefgreifende Persönlichkeitsänderung handeln könnte
.
Die Angaben im Bericht der
A._
, wonach die Ehe der Beschwerdeführerin vergleich
bar sei mit andauerndem
Ausgesetztsein
lebensbedrohlicher Situationen, seien nicht objektivierbar, und anlässlich seiner gutachterlichen Untersuchung seien von der Beschwerdeführerin – trotz einfühlsamer Befragung ohne Zeitdruck in Anwesenheit einer Dolmetscherin aus dem Kulturraum - hierzu abweichende und teilweise widersprüchliche Beschreibungen und Wertungen genannt worden.
Zudem sei die diagnostizierte leichte bis mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom für den Gutachtenszeitpunkt eindeutig zu bestreiten
(S.
1
f. Ziff. 1)
.
3.2
Dr. med.
B._
von den psychiatrischen Diensten des Spitals
C._
hielt in ihrem Bericht vom 28. Dezember 2017 (Urk. 10/150) anlässlich der Neuan
meldung der Beschwerdeführerin folgende
Hauptd
iagnosen
fest (S. 2):
-
ICD-10: F33.2 Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome
-
ICD-10: F43.1 Posttraumatische Belastungsstörung
-
ICD-10: F40.0 Agoraphobie
Sie führte sodann aus, dass im Jahr 2003 erstmals in leichter Ausprägung eine Depression diagnostiziert worden sei. Aufgrund der Anamnese, der im Verlauf festgestellten Symptomatik sowie suizidaler Äusserungen sei von einer Chroni
fizierung des Zustandsbildes mit Verschlimmerung - mittelschwere bis aktuell schwere Episoden - auszugehen. Im Vordergrund stünden Antriebsschwäche, Strukturlosigkeit, Unsicherheit, ausgeprägte Ängste, Ruhelosigkeit und Schlaf
losigkeit. Die Stimmung sei immer wieder traurig und
angespannt
. Das Selbstbild sei negativ geprägt mit Insuffizienzerleben, Sch
uldgefühlen, mit negativer Sicht
von sich selbst und der Zukunft. Es sei, vor allem seit 2011, mehr und mehr zu einem sozialen Rückzug gekommen, einhergehend mit Gefühlen der Leere und Hoffnungslosigkeit, einem chronischen Gefühl von Nervosität wie bei einem ständigen Bedroht-Sein sowie plötzlich aufkommenden Bildern der erlittenen Gewalt. Die entsprechende Symptomatik lasse sich im psychischen Befund objektivieren. Die Beschwerdeführerin erfülle aktuell alle Kriterien einer posttrauma
tischen Belastungsstörung
(S.
1)
. Das Ausmass der schweren psychischen
Erkran
kung sei
durch die Abwehrmechanismen - Vermeidung und Selbstverletzung - zu verstehen. Sie habe jahrelang versucht
,
aufkommende Erinnerungen durch Selbstverletzungen zu unterdrücken. Diese speziell bei schwer traumatisierten Frauen bekannte Verhaltensweise sei in der Vergangenheit Störungen oder Änderungen der Persönlichkeit zugeschrieben worden. Die Diagnosestellung sei durch die Vermeidungsstrategie der Beschwerdeführerin (Weigerung über erlit
tene Traumata zu reden) erschwert worden
. Unbekannten gegenüber habe ihr Verhalten schroff und ablehnend gewirkt und es sei der Eindruck entstanden, sie sei wenig kooperativ
(S. 1 f.).
Für die zu diagnostischen Zwecken im Oktober 2017 nochmals erhobene Anamnese seien aufgrund des sehr beeinträchtigten psychi
schen Zustands mehrere Sitzungen mit einem Zeitaufwand von insgesamt drei Stunden notwendig gewesen, wobei immer wieder habe n
achgefragt werden müs
sen. Spezie
ll Angaben zur erlittenen
G
ewalt durch den Ex-Ehemann hätten mehr
facher Nachfrage bedurft, von sich aus habe
sie
nur selten etwas berichtet
. In der psychiatrischen Anamnese habe sie über traumatische Ereignisse in Kindh
eit und Jugend (kurdischer Aufsta
nd, Flucht in die Türkei) und
in der über zehnjährigen Ehe mit einem äusserst gewalttätigen suchtkranken Landsmann berichtet, die bei der Exploration glaubhaft gewesen seien
(S. 2)
.
Zum Therapieverlauf hielt Dr.
B._
fest, dass die seit 2003 erfolgte psychiatrische Behandlung durch zahlreiche Therapeutenwechsel gekennzeichnet sei und keine Vertrauensbasis habe aufgebaut werden können. Zudem erlebe sie und habe sie Männer aufgrund der über mehr als zehn Jahre erlittenen ehelichen Gewalt als besonders bedrohlich erlebt. Eine psychotherapeutische Arbeit sei in der gesamten Zeit kaum möglich gewesen. 2016 sei erstmals ein besserer Zugang gelungen, und mit viel Geduld und dem Einsatz
traumatherapeutischer
Stabilisierungstechniken sei der Aufbau einer tragenden therapeutischen Beziehung gelungen (S. 4).
Zur Arbeitsfähigkeit gab Dr.
B._
an, die Beschwerdeführerin sei in fol
genden Fähigkeiten vollständig beeinträchtigt: Fähigkeit zur Anpassung an Regeln und Routinen, Fähigkeit zur Planung und Strukturierung von Aufgaben, Flexibilität und Umstellungsfähigkeit, Fähigkeit zur Anwendung fachlicher Kom
petenzen, Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit, Durchhaltefähigkeit, Gruppen
fähigkeit, Fähigkeit zu familiären bzw. intimen Beziehungen und Fähigkeit zu Spontanaktivitäten. In den Bereichen der Selbstbehauptungsfähigkeit, Kontakt
fähigkeit zu Dritten und der Verkehrsfähigkeit bestehe eine mittelgradige Beein
trächtigung
, und
in der Fähigkeit zur Selbstpflege bestehe eine leichte bis mittel
gradige Beeinträchtigung (S. 3 f.).
In Beantwortung von Rückfragen der Be
schwerdegegnerin führte Dr.
B._
am 28. Dezember 2018 (Urk. 10/168)
in Bestätigung ihrer Angaben vom 9. März 2018 (Urk.
10/158/1-6)
aus, es bestehe nach wie vor eine voll aufgehobene Arbeits
fähigkeit, ihrer Ansicht nach seit Oktober 2016
, was auch für eine ange
passte Tätigkeit gelte
.
Retrospektiv bestehe seit 2007 eine aufgehobene Arbeits
fähigkeit.
Hinsichtlich der Diagnosen und des Befundes gebe es keine Veränderungen
(S. 1 f.)
. Es werde nach wi
e
vor davon ausgegangen, dass eine Besse
rungsfähigkeit sowohl des Gesundheitszustandes als auch der
Arbeits
fähigkeit
möglich sei. Das Erreichen eines für Tätigkeiten im ersten Arbeitsmarkt
ausrei
chenden Leistungsniveaus
sei jedoch sehr unwahrscheinlich (S. 2 f.).
3.3
Die für das
Y._
-Gutachten vom 14. Juni 2019 (Urk. 10/187) zuständigen Fach
ärzte hielten folgende Diagnosen mit Auswirkung au
f die Arbeitsfähigkeit fest (S.
16):
-
Posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1)
-
Rezidivierende depressive Störung von mittelgradigem Ausmass mit somatischem Syndrom (ICD-10: F33.11)
-
Anhaltende somatoforme Schmerzstörung mit körperlichen und psychi
schen Anteilen (ICD-10: F45.41)
-
Andauernde Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung (ICD-10: F62.0)
Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannten
sie eine emo
tional instabile Persönlichkeitsstörung vom
Borderlinetyp
(ICD-10: F60.31) sowie eine Agoraphobie (ICD-10: F40.0).
Des Weiteren führten sie aus, die Beschwerdeführerin sei über viele Jahre von ihrem Ex-Ehemann massiv geschlagen, bedroht, verletzt und vergewaltigt wor
den.
Im Rahmen der wiederholten heftigen körperlichen Misshandlungen habe sie reale körperliche Schmerzen erlebt, die im Verlauf eine somatoforme Schmerz
störung hätte
n
entwickeln lassen (S. 17).
Auf Druck von ihm
, welcher auch gedroht habe, Familienangehörige zu ermorden,
habe sie nicht über diese Erleb
nisse berichtet, als Ausdruck ihrer seelischen Not aber eine anhaltende somato
forme Schmerzstörung mit körperlichen und psychischen Anteilen
-
begünstigt durch von Misshandlungen erlebte Schmerzen
-
entwickelt. Es erfolge zwar sei
t
10-15 Jahren eine ambulante Psychotherapie mit auch Psychopharmakologie, sie sei aber erst vor etwa vier Jahren in der Lage gewesen
,
über ihre traumatischen Erlebnisse zu sprechen, sodass bereits von einer Chronifizierung bis hin zu einer anhaltenden Persönlichkeitsveränderung nach langjähriger Belastung ausge
gangen werde. Zudem habe sie komorbid affektive Schwankungen im Sinne einer mittelgradigen Depression, eine emotionale instabile Persönlichkeitsstörung vom
Borderlinetyp
sowie agoraphobische Symptome entwickelt. Bei den geschilderten Symptomen, welche lange Zeit nicht adäquat behandelt worden seien, sei es kon
tinuierlich zu
einem starken sozialen Rückzug, eingeschränkter Arbeitsfähigkeit, Bewältigungsfähigkeit und Durchhaltefähigkeit für Alltagsverrichtungen gekom
men, was
prognostisch ungünstig sei. Auch
stationäre Behandlungen hätten nur kurzfristige Symptomverbesserungen bewirkt, da die Symptomatik zu ausgeprägt und chronifiziert sei und zudem zu der Persönlichkeitsveränderung geführt habe. Nichtsdestotrotz seien noch nicht alle therapeutischen Möglichkeiten, insbeson
dere auf psychopharmakologischer Ebene
,
ausgeschöpft. Allerdings seien
Symp
tome im Rahmen einer Persönlichkeitsstörung oftmals therapieresistent im Hin
blick auf Psychopharmaka und auch für eine posttraumatische Belastungsstörung gebe es keinen ausreichend nachgewiesenen Leitfaden für eine wirks
ame Behand
lung mit Psychopharmak
a, sodass auch die
Prognose eher ungünstig sei (S. 19
f.).
Zur Arbeitsfähigkeit hielten die Gutachter fest, aus psychiatrischer Sicht sei eine Arbeit in der bisherigen Tätigkeit aufgrund der erheblich verminderten Belastbar
keit und Durchhaltefähigkeit sowie der Ablenkung durch
traumabedingte
Ängste mit
Hypervigilanz
, Schreckhaftigkeit, Konzentrationsminderung und der psycho
nahen Symptomatik wie akustische und optische Halluzinationen nicht mehr möglich (S. 20).
Laut Aktenlage bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit seit dem 1. Januar 2008 bis 31. Dezember 2018, wobei im Gutachten von Dr.
Z._
vom April 2008 die Arbeitsfähigkeit auf 70 % geschätzt worden sei. Damals seien aber nicht alle Symptome und Erlebnisse bekannt gewesen, sodass diese Einschätzung nicht bestätigt werden könne. Eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % seit Januar 2008 sei hingegen nachvollziehbar, wobei eine kurzfristige Symptomverbesse
rung Ende 2017 nicht ausreichend gewesen sei, um eine Arbeitsfähigkeit lang
fristig herzustellen
(S. 21).
Das Belastungsprofil für eine mögliche Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit beschrieben die Fachpersonen folgendermassen: Eine sehr wertschätzende und kooperative Atmosphäre ohne ausgeprägte Stressoren wie rasche Flexibilität und Umstellungsfähigkeit. Die Beschwerdeführerin müsste grosses Vertrauen in die Arbeitsumgebung haben, engmaschig unterstützt werden, wiederholt Pausen machen können und individuell intrapsychischen Schwankungen entsprechend handeln können. Bei einer solchen Tätigkeit betrage die maximale Präsenz zw
ei Stunden am Tag, womit die Arbeitsfähigkeit 25 % betrage (S. 21).
3.4
In Beantwortung
von
Rückfragen der Beschwerdegegnerin gab Dr.
D._
von der
Y._
-Begutachtungsstelle in ihrem Schreiben vom 20. August 2019
(Urk. 10/189)
an,
die von Dr.
Z._
beschrieben
e
Arbeitsunfähigkeit von 30 % könne einerseits damit erklärt werden, dass die Beschwerdeführerin damals noch nicht in der Lage gewesen sei
,
über ihre traumatischen Erlebnisse zu berichten. Dies sei ihr erst viele
Jahre später gegenüber einer weiblichen Therapeutin gelun
gen. Andererseits könnten die Symptome einer posttraumatischen Belastungs
störung erst Jahre oder Jahrzehnte nach dem Trauma auftreten. Da Dr.
Z._
diese erheblichen Informationen nicht vorgelegen
hätten
, habe er auch Symptome im Rahmen der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung sowie einer somato
formen Schmerzstörung nicht ausreichend einordnen können
(S. 2)
.
Zur Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung könne festgehalten werden, dass diese in zwei Dimensionen eingeteilt werden könne, als akzidentiell zufällig oder kurzdauernd und einmalig versus langdauernd und/oder mehrfach (Typ II-Trauma). Bei der Beschwerdeführerin handle es sich um Letzteres. Eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10: F62.0) beschreibe die psychischen Folgen von Geiselhaft, Kriegsgefangenschaft, aber auch dem Ausgeliefertsein bei sexueller und häuslicher Gewaltausübung, psychi
sche
m
und sexuelle
m
Missbrauch in der Kindheit oder organisierter sexueller Ausbeutung. Bei der Beschwerdeführerin bestehe ein solcher Zustand nach jah
relanger sexueller und häuslicher Gewaltausübung. Zu den Reaktionen auf schwere, länger anhaltende Traumatisierungen würden auch dissoziative Störun
gen bis hin zu dissoziativen Identitätsstörungen gehören, welche von der Beschwerdeführerin im Sinne von
Derealisationsphänomenen
angegeben
wür
den
. Eine PTBS könne eindeutig durch die Symptome wie traumaassoziierte Intrusionen, Flashback oder Albträume von der Depression unterschieden werden, was bei der Beschwerdeführerin eindeutig der Fall sei. Es gebe chronische post
traumatische Belastungsstörungen, bei denen es im Verlauf in 60 bis 80 % der Fälle zu einer chronischen Depression kommen könne (S. 3).
Eine PTBS sei zudem häufig bei zahlreichen Schmerzzuständen zu finden. Es bestehe dabei eine wechselseitige Beeinflussung, die sich darin zeige, dass bis zu 3/4 der PTBS-Patienten auch über chronische Schmerzen berichte
te
n und bis zu 1/3 der Patienten mit chronischen Schmerzen auch eine PTBS
hätten
. Chronischer Schmerz und PTBS würden zu negativer gegenseitiger Beeinflussung führen, das heiss
e
zu mehr Schmerz, affektiver Belastung sowie Behinderung, was ein
schliesse, dass Schmerzen die Erinnerungen an ein Trauma hervorrufen und neue Schmerzerfahrung intensivieren könnten.
Dies treffe auch bei der Beschwerde
führerin zu und erkläre zudem den sich verschlechternden Verlauf bei nicht adä
quater Behandlung ihrer schweren psychiatrischen Erkrankung.
Langfristig führe ein Vermeidungsverhalten zu einer Aufrechterhaltung der PTBS-Symptomatik, da neue Lernerfahrungen verhindert würden. Auch dies treffe auf die Beschwer
deführerin zu. Sie habe sich ab 2011 zunehmend zurückgezogen, was ungünstig für den Verlauf gewertet werden könne. Zu diesem Zeitpunkt sei es wiederholt zu
Therapeutenwech
seln gekommen, so dass sie nicht
ausreichend habe Vertrauen zu einem Therapeuten fassen können.
Hoch emotionalisierte traumatische Erin
nerungen
tendierten
dazu
, in der Folge häufig und lebendig wiedererlebt zu wer
den, zum Beispiel in Form von eindringlichen schwer wegschiebbaren Erinnerun
gen (Intrusionen) oder als Flashbacks. Dies sei das von der Beschwerdeführerin beschriebene Phänomen
,
immer wieder die Bilder des Ex-Ehemannes mit einem Messer auf sie zukommen zu sehen, zudem auch seine Stimme zu hören und ihn immer in ihrer Nähe zu wähnen. Eine mangelnde soziale Unterstützung sei der wichtigste Risikofaktor für die Ausbildung einer anhaltenden PTBS, was bei der Beschwerdeführerin ebenfalls zutreffe. Neben den geschilderten Symptomen im Rahmen der PTBS würden auch wiederholt impulsive Symptome beschrieben, die ebenso bei der Beschwerdeführerin zutr
ä
fen, jedoch erst nach der Hochzeit mit ihrem Ehemann aufgetreten seien (S. 4).
Die im Gutachten geschilderten Symptome
wie erhebliche Ängste, eine Verun
sicherung, Anspannung, Flashback
s
, Intrusionen, ein
Hyperarousal
, das Meiden von
Triggerorten
, Albträume, eine
Hypervigilanz
und Schreckhaftigkeit
ständen
aus den geschilderten Darstellungen eindeutig symptomatisch für eine post
traumatische Belastungsstörung. Die Symptomatik der Beschwerdeführerin, wie sie sich bei der Untersuchung gezeigt habe, sei sehr stark vorhanden und ein
deutig dem in der Literatur beschriebenen Krankheitsbild zuzuordnen und zeige das Vollbild dieser Diagnose (S. 5).
Komorbid
hätten
sich eine depressive Grundstimmung, eine auffallende Antriebs
minderung, Interesse- und Lustlosigkeit, ein ausgewiesener Rückzug, auch von sozialen Kontakten, Insuffizienzgefühle, Konzentrationsstörungen mit Vergess
lichkeit, verminderter Belastbarkeit und Durchhaltefähigkeit, Schlafstörungen, Appetitminderung und Suizidalität
ge
zeig
t
, was nicht vollkommen der post
traumatischen Belastungsstörung mit andauernder Persönlichkeitsveränderung und somit einer rezidivierenden depressiven Störung zugeordnet werde. Da starke Ängste
als
im Vordergrund stehend geschilde
r
t worden seien, die überwiegend als posttraumatische Ängste zu verstehen seien, aber auch
Alltagsbewältigungen
be
hindern würden, könne ebenso komorbid von einer Agoraphobie ausgegangen werden (S. 5).
4.
Das eingeholte Gutachten und die
Beantwortung der
Rückfragen (E. 3.3 und E.
3.4 hiervor) beruhen auf den erforderlichen Untersuchungen, sind für die streitigen Belange umfassend und wurden in Kenntnis der und in Auseinander
setzung mit den fallrelevanten
Vorakten
erstellt
. Die Gutachter legten die medi
zinischen
Zusammenhänge einleuchtend dar, beurteilten die medizinische Situation über
zeugend und setzten sich mit den geklagten Beschwerden und dem Ver
halten der Beschwerdeführerin auseinander.
Namentlich zeigten sie nachvoll
ziehbar auf, dass die Beschwerdeführerin den wichtigen Symptomkomplex mit jahrelanger körperlicher Misshandlung durch den Ex-Ehemann
(Vergewalti
gungen, Schläge, dokumentierte und zu mehrtägiger Hospitalisation führende Messer
stich
verletzung, Urk. 10/189 S. 1)
bis vor etwa vier Jahren verschwiegen hatte
, eine
traumaspezifische
Behandlung bis zu diesem Zeitpunkt nicht
hat
statt
finden
kön
nen
und mangels Kenntnis dessen Dr.
Z._
zu einer anderen Ein
schätzung gelangt war (E. 3.1).
Sie gelangten sodann zum ausführlich begründe
ten Schluss, dass aus psychiatrischer Sicht in der angestammten Tätigkeit keine Arbeits
fähigkeit besteht (S. 20). Auch die Feststellung einer lediglich im Umfang von noch 25 % verbleibenden Arbeitsfähigkeit in einer optimal angepassten Tätigkeit erscheint schlüssig, dies namentlich aufgrund der gutachterlich fest
gehaltenen mannigfaltigen und als erheblich einschränkend imponierenden Befunde. Das psychiatrische Gutachten entspricht damit den rechtsprechungs
gemässen Anfor
derungen an eine beweis
kräftige medizinische Ent
scheidungs
grundlage (vgl. E.
1.5
hiervor)
. Davon ging
im Übrigen auch der RAD
-Arzt
der Beschwerde
führerin in seiner Beurteilung vom 8. Oktober 2019 aus (Urk. 10/193
S. 8 f.)
.
E
ntgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin
kann
nicht bloss von einer unterschiedlichen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit des unveränderten Gesund
heitszustands aus medizinischer Sicht ausgegangen werden. Vielmehr eröffnete die Etablierung eine
r
stabilen therapeutischen
Beziehung
im Jahre 2016 erstmals die Möglichkeit einer
traumaspezifischen
und den Gesundheitszustand beein
flussenden Behandlung, welche zu einer
– allerdings nur
vorübergehenden
-
Ver
besserung
geführt hatte
(Urk. 10/187/19 oben). Im weiteren Therapieverlauf trat eine
Verschlechterung
ein und
es
liessen sich
in der Folge
eine sich
auf die Arbeitsfähigkeit
auswirkende
PTBS
,
eine
depressive Störung mittelgradigen Aus
masses mit somatischem Syndrom
und eine andauernde Persönlichkeitsverände
rung diagnostizieren. Damit ist
das Vorliegen
eines Revisionsgrundes
zu bejahen, was zu einer in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht umfassenden Prüfung des Rentenanspruchs führt
(vorstehend E. 1.3-1.4)
.
Zu prüfen
ist
, ob die aufgrund der psychischen Beschwerden attestierte Ein
schränkung der Arbeits
fähigkeit rechtlich relevant ist.
5.
5.1
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
5.2
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15
.
Februar 2018 E.
5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Inva
liditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medi
zinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) über
wiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweis
losigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_
580/2017 vom 16. Januar 2018 E.
3.1 mit Hinweisen).
5.3
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 15. März 2018 E. 7.4).
5.4
5.4.1
Was den Komplex «Gesundheitsschädigung» respektive den Indikator der «Aus
prägung der diagnoserelevanten Befunde» angeht, ist festzuhalten, dass nur dort, wo bereits in den Diagnosekriterien ein Bezug zum Schweregrad gefordert wird, ein solcher nicht erreichter Schweregrad gegebenenfalls bereits den Ausschluss einer krankheitswertigen Störung erlauben würde. Verallgemeinert auf sämtliche psychiatrischen Diagnosen angewendet, greift diese Auffassung jedoch zu kurz. Fehlt in der Diagnose die Schweregradbezogenheit, zeigt sich die Schwere der Störung in ihrer rechtlichen Relevanz erst bei deren funktionellen Auswirkungen (vorgenannter BGE 143 V 418 E. 5.2.2).
Diesbezüglich ist festzuhalten,
dass Dr.
D._
im Rahmen des Gutachtens (E. 3.3 hiervor) und der beantworteten Rückfragen (E. 3.4 hiervor) ausführlich beschrieb, in welchem Mass die diagno
serelevanten Befunde ausgeprägt sind. Sie
gab insbesondere an,
dass
die Beschwerdeführerin an Symptomen wie erhebliche
n
Ängste
n
, Verunsicherung, Anspannung, Flashbacks, Intrusionen,
Hyperarousal
, Meiden von
Triggerorten
, Albträumen,
Hypervigilanz
und Schreckhaftigkeit
leidet
, was eindeutig sympto
matisch für eine posttraumatische
Belastungsstörung steh
t
(Urk. 10/189
S. 5). Die Symptomatik der Beschwerdeführerin, wie sie sich bei der Untersuchung gezeigt ha
t
,
ist
zudem sehr stark vorhanden. Des Weiteren besteh
t
eine depressive Grund
stimmung, eine auffallende Antriebsminderung, Interesse- und Lustlosigkeit, ein ausgewiesener Rückzug, auch von sozialen Kontakten, Insuffizienzgefühle, Kon
zentrationsstörungen mit Vergesslichkeit, verminderter Belastbarkeit und Durch
haltefähigkeit, Schlafstörungen, Appetitminderung und Suizidalität, was einer rezidivierenden depressiven Störung zugeordnet w
i
rd (Urk. 10/187/15).
Seit Jah
ren
leidet die Beschwerdeführerin an einer diffusen Schmerzproblematik mit wechselndem Ganzkörperschmerz. Sie ist dadurch oftmals müde, erschöpft und
hat
Angst vor einer Verschlechterung. Diesbezüglich wurde die Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung mit insbesondere psychischen aber auch körper
lichen Anteilen gestellt. Zudem besteht die Diagnose einer andauernden Persön
lichkeitsänderung nach Extrembelastung, die sich bei einer
,
lange Zeit unbehan
delten, posttraumatische
n
Belastungsstörung entwickelt hat (Urk. 10/187/16). Die Beschwerdeführerin zeigt eine feindliche oder misstrauische Haltung der Welt gegenüber, einen sozialen Rückzug, Gefühle der Leere oder Hoffnungslosigkeit sowie ein chronisches Gefühl von Nervosität, ständigem
Bedrohtsein
und einer Entfremdung. Diese Symptome
sind
gemäss Dr.
D._
tief verwurzelt und
haben
zu anhaltenden Verhaltensmustern geführt (Urk. 10/187/16).
Insgesamt betrachtet ist d
er Komplex «Gesundheitsschädigung» als schwer zu betrachten und ist damit mit der gutachterlich geltend gemachten Arbeitsun
fähigkeit von 100 % vereinbar.
5.4.2
Bezüglich des Indikators «Behandlungs- und
Eingliederungserfolg oder –
resi
ste
nz
»
ist festzuhalten
,
dass sich die Beschwerdeführerin seit etwa 2003/2004 kontinu
ierlich in einer ambulanten Psychotherapie mit psychopharmakologischer Behandlung befand. Da sie einen wichtigen Symptomkomplex mit jahrelanger körperlicher Misshandlung durch den Ex-Ehemann lange Zeit (bis vor etwa vier Jahren) versch
w
ieg
en hatte
, konnte bis zu diesem Zeitpunkt keine adäquate
trau
maspezifische
Behandlung durchgeführt werden. Es ist somit von einer Chroni
fi
zierung und Begünstigung weiterer Symptome auszugehen. Auch stationäre Auf
enthalte haben nur kurzfristige Symptomverbesserungen bewirkt, da die Symptomatik zu ausgeprägt und chronifiziert ist und
zudem
zur Persönlichkeits
veränderung geführt hat (Urk. 10/187/20). Gemäss Dr.
D._
sind die Behand
lungsmöglichkeiten aber noch nicht ausgeschöpft, da im Rahmen der
psychosenahen
Symptomatik keine adäquate medikamentöse Behandlung erfolgt (Urk.
10/187/18).
Allerdings sind Symptome im Rahmen einer Persönlichkeits
störung oftmals therapieresistent im Hinblick auf Psychopharmaka. Auch für eine post
traumatische Belastungsstörung
gibt
es keinen ausreichend nachgewiesenen Leit
faden für eine wirksame Behandlung mit Psychopharmaka, sodass die Prognose eher ungünstig
ist
(Urk. 10/187/20).
5.4.3
Störungen fallen unabhängig von ihrer Diagnos
e bereits dann als rechtlich be
deutsame Komorbiditäten in Betracht, wenn ihnen im konkreten Fall ressourcen
hemmende Wirkung beizumessen ist (BGE 143 V 418 E. 8.1).
Die Beschwerde
führerin leidet primär an einer posttraumatischen Belastungsstörung mit andau
ernder Persönlichkeitsveränderung. Komorbid komm
en
eine depressive Störung
mittelgradigen Ausmasses
sowie eine
somatoforme
Schmerzstörung hinzu. Dr.
D._
führte zudem aus, komorbid könne auch von einer Agoraphobie ausge
gangen werden.
Als «Komorbiditäten» zu berücksichtigende krankheitswerte Stö
rungen sind damit ausgewiesen.
5.4.4
Bei den Komplexen «Persönlichkeit» und «sozialer Kontext» ergibt sich Folgendes:
Die Beschwerdeführerin ist geschieden und kinderlos. Sie ist im Irak aufge
wachsen und
musste
aufgrund des
Giftgasangriffes 1988
mit einem Teil ihrer
kurdischen
Familie in die Türkei flüchten. Durch eine befreundete Familie aus der Schweiz ist sie schliesslich, unter der Bedingung
,
ihren Ex-Ehemann zu heiraten, in die Schweiz gekommen
(Urk. 10/187/9).
Hier hat sie schliesslich verschiedene Putztätigkeiten
ausgeführt
, war an einem Buffet, in Fabriken und in einem Res
taurant tätig.
Eine Partnerschaft hat die Beschwerdeführerin aktuell nicht und kann sich eine solche auch nicht mehr vorstellen
(Urk. 10/187/7)
. Sie verfügt zudem kaum über soziale Kontakte, hat sich sozial stark zurückgezogen und ist in ihrem Alltag im Rahmen der Symptome eingeschränkt (Urk. 10/187/17-19).
Von ihrer Persönlichkeit her ist die Beschwerdeführerin gemäss Gutachten
grund
sätzlich leistungsorientiert und arbeitswillig,
krankheitsbedingt
aber
verunsichert, nervös, unruhig, misstrauisch und vergesslich. Sie hat wenig Geduld, ist wenig belastbar, reizbar, wütend und soll zu zerstörerischen Tende
n
zen neigen (Urk.
10/187/19). Der soziale Lebenskontext und die Persönlichkeit enthalten somit keine bestätigenden, sich potenziell günstig auf die Ressourcen auswirkenden Faktoren.
5.4.5
In der Kategorie «Konsistenz» zielt der Indikator «gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen» auf die Frage ab, ob die diskutierte Einschränkung in Beruf und Erwerb (beziehungsweise bei Nichterwerbstätigen im Aufgabenbereich) einerseits und in den sonstigen Lebens
bereichen (z.B. Freizeitgestaltung) anderseits gleich ausgeprägt ist, wobei das Aktivitätsniveau der versicherten Person stets im Verhältnis zur geltend ge
mach
ten Arbeitsunfähigkeit zu sehen ist (BGE 141 V 281 E. 4.4.1; vgl. Urteil des Bun
desgerichts 9C_296/2016 vom 29. Juni 2016 E. 4.1.1).
Bei der Beschwerdeführerin liegen gleichmässige Einschränkungen des Aktivitätenniveaus in vergleichbaren Lebensbereichen vor. Gemäss Dr.
D._
sind die geklagten Symptome und Funk
tionseinbussen konsistent und plausibel, die Untersuchungsergebnisse valide und nachvollziehbar. Die Beschwerdeführerin ha
t
eindrücklich ihre Symptomatik geschildet, welche sich auf alle Lebensbereiche wie Arbeit, Soziales und Alltag auswirk
t
.
E
ine
traumabedingte
Angst mit Schreckhaftigkeit und Misstrauen
ist
auch
während der aktuellen Untersuchung deutlich geworden, so dass es keinen Anhalt für eine Simulation oder Aggravation gegeben
hat
(Urk. 10/187/18).
5.4.6
Im Rahmen des Indikators „behandlungs- und eingliederungsanamnestisch aus
gewiesener Leidensdruck“ (zur Abgrenzung vom Indikator „Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz“ vgl. Michael E. Meier, Ein Jahr Schmerz
rechtsprechung S. 25
Rz
60) weist
die Inanspruchnahme von therapeu
tischen Optionen, das
heisst
das
Ausmass
, in welchem Behandlungen wahrgenommen oder eben vernachlässigt werden (ergänzend zum Gesichtspunkt Behandlungs- und Eingliede
rungserfolg oder -resistenz unter dem Komplex „Gesundheits
schä
digung") auf
den tatsächlichen Leidensdruck hin. In ähnlicher Weise zu berück
sichtigen ist das Verhalten der versicherten Person im Rahmen der beruflichen (Selbst-) Eingliederung. Inkonsistentes Verhalten ist auch hier ein Indiz dafür, die geltend gemachte Einschränkung sei anders begründet als durch eine versicherte Gesundheitsbeeinträchtigung (BGE 141 V 281 E. 4.4.2; vgl. Urteil des Bundes
gerichts 9C_296/2016 vom 29. Juni 2016 E. 4.1.2).
Die Beschwerdeführerin ist seit etwa 10-15 Jahren in psychotherapeutischer Behandlung, wobei sie erst vor vier Jahren in der Lage war
,
über ihre traumatischen Erlebnisse zu sprechen.
Bei ihren Symptomen kam es kontinuierlich zu einem starken sozialen Rückzug
und zu einer
eingeschränkte
n
Arbeitsfähigkeit, Bewältigungsfähigkeit und Durch
haltefähigkeit für Alltagsverrichtungen. Stationäre Behandlungen konnten nur kurzfristig eine Symptomverbesserung bewirken, da die Symptomatik zu ausge
prägt und chronifiziert ist und zudem zur Persönlichkeitsveränderung geführt hat (Urk. 10/187/20). In Anbetracht der mehrjährigen intensiven Behandlung ist von einem ausgewiesenen Leidensdruck auszugehen.
5.5
Im Lichte der obigen Erwägungen sind sowohl eine gesundheitliche Beeinträch
tigung von erheblichem Schweregrad als auch deren funktionelle Auswirkungen in erwerblicher Sicht objektiv kohärent und widerspruchsfrei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ausgewiesen. Mithin kann der gutachterlichen Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit aufgrund der psychischen Leiden im Umfang von 25 % in angepasster und 100 % in angestammter Tätigkeit gefolgt werden. Die gutachter
liche Arbeitsunfähig
keitseinschätzung leuchtet ein.
6.
Die Beschwerdeführerin war zuletzt im Jahre 2005 erwerbstätig (Urk. 10/138) und hatte
als Zimmermädchen, Etagen-Aushilfe und Küchenhilfe
gearbeitet
(vgl. Sachverhalt E. 1.1)
. In angepasster Tätigkeit ist vo
n einer Arbeitsfähigkeit von 25
% unter Berücksichtigung eines
stark
eingeschränkten Belastungsprofils
auszu
gehen
(vgl. E. 3.3)
.
Angesichts dessen und de
r eindeutigen Überschreitung des Grenzwerts
von 70%
rechtfertigt sich
die Durchführung
ein
es
Prozentvergleich
s
(
vgl.
Urteil des Bundesgerichts 9C_492/2018 vom 24. Januar 2019 E. 4.3.2)
, woraus ein Anspruch auf eine ganze Rente
resultiert
.
Dem Bericht der Psychia
terin Dr.
B._
vom 28. Dezember 2017 (E. 3.2) ist eine im Zeitpunkt der Therapieaufnahme im Oktober 2016 bestehende volle Arbeitsunfähigkeit zu ent
nehmen, welche laut gutachterlicher Beurteilung indessen nur zu einer vorüber
gehenden Besserung führte (E. 3.3). Unter Berücksichtigung der am 18. Juli 2017 erfolgten Neuanmeldung (Urk. 10/134) besteht damit ab 1. Januar 2018 ein Anspruch auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 1
lit
. b,
Art. 29 Abs. 1 IVG
).
7
.
7
.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind unabhängig vom Streit
wert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 800.-- anzusetzen. Ent
spre
chend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden Beschwer
de
gegnerin aufzuerlegen.
Damit erweist sich das Gesuch der Beschwerdeführerin um unentgeltliche Pro
zessführung (Urk. 1 S. 2) als gegenstandslos.
7
.2
Dem Verfahrensausgang entsprechend ist die Beschwerdegegnerin zu verpflich
ten, eine Prozessentschädigung zu bezahlen. Nach § 34 Abs. 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) bemisst sich die Höhe der gerichtlich festzusetzenden Entschädigung nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwie
rigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens, jedoch ohne Rücksicht auf den Streitwert.
Mit Honorarnote vom 12. September 2018 (Urk. 10) machte die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin für das vorliegende Verfahren einen Aufwand von
9
Stunden
und 55 Minuten
und Fr.
65.45
Barauslagen geltend, was angemessen erscheint. Daraus resultiert eine von der Beschwerdegegnerin zu
entrichtende
Entsc
hädigung von insgesamt
Fr. 2'420
.15
(inklusive Mehrwertsteuer und Bar
auslagen).