Decision ID: 80c39817-f9a6-5212-ad00-8e1b52c6007f
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
I.
A.
A.a Der Beschwerdeführer verliess gemäss seinen eigenen Angaben Erit-
rea im Juni 2006 und gelangte im August 2007 nach Italien. Von dort aus
reiste er am 24. Oktober 2017 in die Schweiz ein, wo er am 31. Okto-
ber 2017 im Empfangs- und Verfahrenszentrum C._ ein Asylgesuch
stellte. Am 6. November 2017 wurde er vom SEM zu seiner Person befragt
(BzP, Dokument in den SEM-Akten: A5/12).
A.b Bei der BzP gab er unter anderem an, in der Schweiz lebten seine
Partnerin, B._ (N [...]; seit dem 22. Juli 2015 als Flüchtling vorläufig
in der Schweiz aufgenommen) und ihr gemeinsames Kind, D._, ge-
boren am (...) (gestützt auf Art. 51 Abs. 3 AsylG [SR 142.31] in die Flücht-
lingseigenschaft und die vorläufige Aufnahme ihrer Mutter eingeschlos-
sen). In Italien habe er als Obdachloser auf der Strasse gelebt. Er wolle in
der Schweiz mit seiner Familie zusammenleben.
B.
B.a Am 28. November 2017 ersuchte das SEM bei den zuständigen italie-
nischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf die
Verordnung Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim-
mung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats-
angehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags
auf internationalen Schutz zuständig ist (Dublin-III-Verordnung).
B.b Mit Antwortschreiben vom 21. Dezember 2017 wiesen die italienischen
Behörden darauf hin, dass der Beschwerdeführer in Italien aufgrund seines
subsidiären Schutzstatus über eine Aufenthaltsbewilligung mit Gültigkeit
bis am (...) 2019 verfüge. Entsprechend sei die Dublin-III-Verordnung nicht
anwendbar.
C.
C.a Nachdem das SEM das Dublin-Verfahren beendet hatte, gewährte es
dem Beschwerdeführer am 27. Dezember 2017 das rechtliche Gehör zu
einem allfälligen Nichteintreten auf sein Asylgesuch und einer Wegweisung
nach Italien.
C.b Der Beschwerdeführer nahm am 5. Januar 2018 Stellung.
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Seite 3
C.c Ebenfalls am 5. Januar 2018 ersuchte das SEM bei den zuständigen
italienischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt
auf die Richtlinie 2008/115/EG des europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 16. Dezember 2008 sowie das Abkommen zwischen der Schwei-
zerischen Eidgenossenschaft und der Italienischen Republik über die
Rückübernahme von Personen mit unbefugtem Aufenthalt vom 10. Sep-
tember 1998.
C.d Mit Zuweisungsentscheid vom 24. Januar 2018 wies das SEM den Be-
schwerdeführer dem Kanton E._ zu. In diesem Kanton wohnen
auch B._ und deren Kind.
C.e Am 30. Januar 2018 stimmten die italienischen Behörden dem Über-
nahmeersuchen des SEM vom 5. Januar 2018 zu.
D.
Mit Verfügung vom 12. Februar 2018 trat das SEM auf das Asylgesuch des
Beschwerdeführers gemäss Art. 31 a Abs. 1 Bst. a AsylG nicht ein und ord-
nete die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an.
Dieser Entscheid ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen.
E.
E.a Am (...) wurde F._, die zweite Tochter des Beschwerdeführers
und seiner Partnerin B._, geboren (gestützt auf Art. 51 Abs. 3 AsylG
in die Flüchtlingseigenschaft und die vorläufige Aufnahme ihrer Mutter ein-
geschlossen).
E.b Gemäss Zivilstandregisterausdruck ist der Beschwerdeführer seit dem
30. Oktober 2018 als Vater von D._ und F._ eingetragen.
II.
F.
F.a Mit als «Wiedererwägungsgesuch» betitelter und vom Beschwerdefüh-
rer und B._ unterzeichneter Eingabe vom 6. Dezember 2018 wurde
das SEM sinngemäss um Wiedererwägung der Verfügung vom 19. Feb-
ruar 2018 sowie um Einbezug des Beschwerdeführers in die Flüchtlingsei-
genschaft von B._ und Erteilung einer vorläufigen Aufnahme er-
sucht.
E-2321/2019
Seite 4
F.b Mit Schreiben vom 19. Dezember 2018 forderte das SEM den Be-
schwerdeführer auf, seinen Aufenthaltsort bekannt zu geben.
F.c Mit Antwortschreiben vom 8. Januar 2019 führte der Beschwerdeführer
aus, er sei nach dem negativen Entscheid des SEM vom 19. Februar 2018
nach Italien zurückgekehrt. Seither habe er seine Familie mehrmals in der
Schweiz besucht und seit dem 21. Oktober 2018 halte er sich dauerhaft in
der Schweiz auf.
F.d Mit Schreiben vom 7. Februar 2019 führte das SEM aus, nachdem der
Beschwerdeführer die Schweiz nach seinem Entscheid verlassen habe, sei
die ursprüngliche Verfügung konsumiert worden, weshalb seine Eingabe
vom 6. Dezember 2018 als Mehrfachgesuch gemäss Art. 111c Asyl entge-
genzunehmen sei. Gleichzeitig gewährte die Vorinstanz dem Beschwerde-
führer das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Wegweisung nach Italien
sowie zur Abweisung des Gesuchs um Einbezug in die Flüchtlingseigen-
schaft von B._.
F.e Mit Eingabe vom 22. Februar 2019 nahm der Beschwerdeführer Stel-
lung.
G.
Mit Verfügung vom 1. Mai 2019 – eröffnet am 7. Mai 2019 – trat das SEM
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers vom 6. Dezember 2018 nicht
ein, lehnte das Gesuch um Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft von
B._ ab und ordnete seine Wegweisung aus der Schweiz sowie den
Vollzug an.
Im seiner Rechtsmittelbelehrung hielt das SEM fest, es gelte eine fünftä-
gige Rechtsmittelfrist.
H.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 14. Mai 2019 an das Bundesverwaltungsge-
richt beantragt der Beschwerdeführer, auf sein Asylgesuch sei einzutreten,
eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache sei
zur weiteren Abklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen.
In prozessualer Hinsicht beantragte er unter anderem die unentgeltliche
Rechtspflege, inklusive Beiordnung einer amtlichen Rechtsvertretung, so-
wie den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
E-2321/2019
Seite 5
I.
Mit Zwischenverfügung vom 21. Mai 2019 forderte das Bundesverwal-
tungsgericht den Beschwerdeführer zur Beschwerdeverbesserung auf, da
sich aus den Begehren einerseits und der Begründung andererseits Un-
klarheiten ergäben. Des Weiteren habe er entweder seine Bedürftigkeit
nachzuweisen oder einen Kostenvorschuss einzubezahlen.
J.
Mit Eingabe vom 3. Juni 2019 verbesserte der Beschwerdeführer seine
Beschwerde, indem er erklärte, auch die Aufhebung der Dispositivziffer 4
der angefochtenen Verfügung sei von seiner Rechtsmitteleingabe umfasst
und er sei in die Flüchtlingseigenschaft von B._ einzubeziehen. Des
Weiteren reichte er eine Fürsorgebestätigung der Stadt G._ vom
28. Mai 2019 ein.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 12. Juni 2019 hiess das Bundesverwaltungs-
gericht das Gesuch um Erlass der Verfahrenskosten im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG – unter Vorbehalt einer nachträglichen Veränderung der fi-
nanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers – gut und verzichtete auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig setzte es den man-
datierten Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand ein.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 8. Januar 2020 lud das Bundesverwaltungs-
gericht das SEM zur Vernehmlassung ein.
Mit Vernehmlassung vom 23. Januar 2020 hielt das SEM mit ergänzenden
Erwägungen an der angefochtenen Verfügung fest. Der Beschwerdeführer
nahm die mit Zwischenverfügung vom 27. Januar 2020 gewährte Gelegen-
heit zur Replik nicht wahr.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsyG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
E-2321/2019
Seite 6
1.3 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des AsylG in Kraft
getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl.
Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Der Beschwerdeführer hat die vom SEM angesetzte 5-tägige Frist zur
Beschwerdeerhebung – unabhängig von der sogleich zu beantwortenden
Frage, ob diese korrekt angesetzt wurde – eingehalten; des Weiteren hat
er seine Beschwerde fristgerecht verbessert und insgesamt formgerecht
eingereicht (Art. 52 Abs. 1 VwVG). Er hat sodann am Verfahren vor der
Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung beson-
ders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung be-
ziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde le-
gitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist demnach einzutre-
ten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die
Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 31a Abs.1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Be-
schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz
zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2
m.w.H.).
3.2 Bezüglich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs
hat die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb das
Bundesverwaltungsgericht diese Punkte gegebenenfalls uneingeschränkt
prüft.
4.
In der Rechtsmitteleingabe wird zu Recht gerügt, dass aufgrund der mate-
riellen Behandlung des Gesuchs um Einbezug in die Flüchtlingseigen-
schaft eine ordentliche Beschwerdefrist von dreissig Tagen hätte angesetzt
werden müssen (aArt. 108 Abs. 1 AsylG). Dem Beschwerdeführer ist aller-
dings durch die falsche Rechtsmittelfrist kein Nachteil erwachsen (Art. 38
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Seite 7
VwVG). Zum einen konnte er die Beschwerde offensichtlich form- und frist-
gerecht innert der angesetzten Frist einreichen; hinsichtlich der Unklarheit
zwischen Begehren und Begründung wurde ihm Gelegenheit zur Be-
schwerdeverbesserung gegeben, die er auch wahrgenommen hat.
Schliesslich wurde ihm das Replikrecht zur Vernehmlassung des SEM ein-
geräumt. Insgesamt hatte er hinreichend Gelegenheit, seine Rechte wahr-
zunehmen. Ein allfälliger verfahrensrechtlicher Mangel ist damit spätestens
auf Beschwerdeebene geheilt worden und der Antrag auf separate Eröff-
nung der angefochtenen Verfügung hinsichtlich Einbezug des Beschwer-
deführers in die Flüchtlingseigenschaft seiner Partnerin ist abzuweisen.
5.
5.1 Das SEM führt zur Begründung des Nichteintretens auf das Asylgesuch
aus, es würden zwar Anzeichen bestehen, dass der Beschwerdeführer die
Bedingungen für eine vorläufige Aufnahme nach Art. 83 des Ausländer-
und Integrationsgesetzes (AIG, SR 142.20) erfüllen würde, da er in Italien
subsidiären Schutz erhalten habe. Für ein allfälliges Ersuchen um Wieder-
erwägung seines Asylentscheides sei aber nicht die Schweiz, sondern Ita-
lien zuständig. Da der Beschwerdeführer in Italien über einen subsidiären
Schutzstatus verfüge, bestehe in Bezug auf sein Begehren um Feststel-
lung der Flüchtlingseigenschaft kein Rechtsschutzinteresse. Aufgrund des
in Italien gewährten Schutzstatus könne er auch dorthin zurückkehren,
ohne eine Rückschiebung in Verletzung des Non-Refoulement-Prinzips zu
befürchten.
Die Abweisung des Gesuches um Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft
von B._ begründete das SEM damit, dass die mit der Gewährung
des subsidiären Schutzes verbundene gültige Aufenthaltsbewilligung in Ita-
lien einen besonderen Umstand darstelle, welcher gegen einen Einbezug
in die Flüchtlingseigenschaft von B._ spreche. Seine Aufenthalts-
bewilligung berechtige sodann ihrerseits zum Familiennachzug, wobei da-
rauf hinzuweisen sei, dass er seinen Schutzstatus in Italien bereits einige
Jahre vor der vorläufigen Aufnahme von B._ in der Schweiz erhal-
ten habe.
Wenn die Voraussetzungen von Art. 51 Abs. 1 AsylG nicht erfüllt seien,
könnten die Bestimmungen von Art. 8 EMRK nicht ergänzend zur Anwen-
dung gelangen. Die Frage nach einem allfälligen Anspruch auf Regelung
des Aufenthalts in der Schweiz als Partner beziehungsweise Vater hier vor-
läufig aufgenommener Personen sei von den zuständigen kantonalen Mig-
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Seite 8
rationsbehörden zu beurteilen. Dem Beschwerdeführer bleibe es unbe-
nommen, ein Gesuch um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung respektive
um Familienzusammenführung bei den dafür zuständigen Behörden ein-
zureichen.
Der Beschwerdeführer befinde sich schliesslich erst seit rund fünf Monaten
in der Schweiz, wobei seine Anwesenheit lediglich zwecks Prüfung seines
Asylgesuchs erlaubt gewesen sei. Es sei für ihn von Anfang an ersichtlich
gewesen, dass ein allfällig aufgenommenes Familienleben nur von vo-
rübergehender Dauer sei, zumal er bereits im Jahr 2018 nach Italien weg-
gewiesen worden sei und er sich daher im Klaren darüber habe sein müs-
sen, dass die Schweiz nicht für die (erneute) Prüfung seines Asylgesuchs
zuständig sei. Es sei nicht davon auszugehen, dass aufgrund des geringen
Alters seiner Kinder von einer besonders engen Bindung zu ihm gespro-
chen werden könne. Zudem sei auch nicht davon auszugehen, dass der
Aufenthalt im Nachbarland Italien so gravierende Konsequenzen hätte,
dass das Kindeswohl ernsthaft gefährdet wäre. Daran ändere weder die
Geburt seiner Tochter F._ in der Schweiz etwas noch die im Zivil-
standsregister eingetragenen Vaterschaftsanerkennungen. Selbst wenn
die Beziehung zu seiner Partnerin und den Kindern unter den Schutzbe-
reich von Art. 8 EMRK subsumiert würde, wäre der mit einer Wegweisung
verbundene Eingriff gerechtfertigt. Sein hauptsächliches Anliegen liege
nämlich – wie bereits festgestellt – in einer Familienzusammenführung
nach den ausländerrechtlichen Bestimmungen, und es könne von ihm be-
ziehungsweise von seiner Partnerin gefordert werden, ein solches Verfah-
ren bei den zuständigen Behörden einzuleiten. Er sei bereits im Nichtein-
tretensentscheid vom 19. Februar 2018 explizit auf dieses Vorgehen hin-
gewiesen worden. Seine Vermutung, dass ein solches Ersuchen abgelehnt
würde, vermöge nichts daran zu ändern.
Art. 8 EMRK gewährleiste den Schutz des Familienlebens. Die EMRK ver-
schaffe aber nicht per se und ohne Einschränkung ein Recht auf Einreise
oder Aufenthalt in einem bestimmten Konventionsstaat. Aufgrund der ge-
nannten Umstände stelle seine Wegweisung nach Italien keinen unzuläs-
sigen Eingriff in die Familieneinheit gemäss Art. 8 EMKR dar. Es sei ihm
zuzumuten, den Kontakt zu seiner Partnerin und den Kindern in Zukunft
mit Besuchen von Italien aus aufrechtzuerhalten.
Der Vollzug der Wegweisung erweise sich schliesslich als zulässig, zumut-
bar und möglich. In Bezug auf sein Vorbringen, wonach er in Italien keine
Unterkunft gehabt habe, die Lebensbedingungen schlecht seien und sich
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Seite 9
diese seit dem Salvini-Dekret noch einmal verschlechtert hätten, sei fest-
zustellen, dass Italien an die Richtlinie 2011/95/EU des Europäischen Par-
laments und des Rates vom 13. Dezember 2011 (sogenannte Qualifikati-
onsrichtlinie), welche unter anderem die Ansprüche von Personen mit
Schutzstatus hinsichtlich Sozialleistungen bestimme und deren Zugang zu
Wohnraum regle, gebunden sei. Da er in Italien subsidiären Schutz erhal-
ten habe, sei er gehalten, die ihm zustehenden Ansprüche hinsichtlich Un-
terstützung bei den italienischen Behörden einzufordern. Auch mit dem von
ihm erwähnten Salvini-Dekret habe er darauf Anspruch. Zudem bestünden
neben den staatlichen Strukturen private Hilfsorganisationen, an die sich
Drittstaatsangehörige in Italien wenden könnten. Im Übrigen sei festzuhal-
ten, dass in keinem Staat eine Garantie auf eine bezahlte Arbeitsstelle be-
stehe.
5.2 Der Beschwerdeführer stellt sich in seiner Rechtsmitteleingabe insbe-
sondere auf den Standpunkt, dass die Vorinstanz den aktuellen Verände-
rungen in Italien (insb. Salvini-Dekret) und der Tatsache, dass er auf der
Strasse gelebt habe, nicht genügend Rechnung getragen habe. Sie habe
lediglich in allgemeiner Form auf die Bestimmungen der Qualifikationsricht-
linie hingewiesen. Dieser Umstand rechtfertige bereits eine Rückweisung
an die Vorinstanz, damit der Sachverhalt vollständig und sorgfältig abklärt
werden könne. Das Vorliegen eines besonderen Umstandes im Sinne von
Art. 51 Abs. 1 AsylG werde bestritten.
Die Verneinung der Anwendbarkeit von Art. 8 EMRK sei sodann nicht nach-
vollziehbar. Es handle sich vorliegend um eine tatsächlich gelebte Famili-
enbeziehung. Die Unterbrüche im Zusammenleben seien lediglich durch
die verfügten Wegweisungen bedingt und beruhten nicht auf einem Ent-
scheid aus freien Stücken.
6.
6.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch nicht ein-
getreten, wenn die asylsuchende Person in einen nach Art. 6a Abs. 2
Bst. b AsylG als sicher bezeichneten Drittstaat zurückkehren kann, in wel-
chem sie sich vorher aufgehalten hat.
6.2 Den Akten zufolge ist dem Beschwerdeführer in Italien der subsidiäre
Schutzstatus sowie ein Aufenthaltstitel bis (...) 2019 gewährt worden. Ita-
lien ist ein verfolgungssicherer Drittstaat im Sinn von Art. 6a Abs. 2 Bst. b
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Seite 10
AsylG (vgl. Beschluss des Bundesrates vom 14. Dezember 2007, in wel-
chem sämtliche Länder der EU und der EFTA als sichere Drittstaaten be-
zeichnet wurden). Die italienischen Behörden haben am 30. Januar 2018
der Rückübernahme des Beschwerdeführers zugestimmt.
Beim Beschwerdeführer handelt es sich damit um eine Person mit interna-
tionalem Schutz, deren rechtliche Situation sich durch die Einführung des
Einwanderungsgesetzes unter dem ehemaligen Innenminister Matteo Sal-
vini (Salvini-Dekret), insbesondere was den Aufenthaltsstatus betrifft – und
anders als für Personen mit humanitärem Schutz oder asylsuchende Per-
sonen – nicht wesentlich verändert hat. Auch ist davon auszugehen, es sei
ihm möglich, sich aufgrund seines Schutzstatus um eine Verlängerung sei-
ner inzwischen abgelaufenen Aufenthaltsbewilligung zu bemühen (vgl.
Asylum Information Database, Country Report: Italy, Update 2019,
S. 145 f.). Die Ausführungen auf Beschwerdeebene sind nicht geeignet,
aufzuzeigen, dass es dem Beschwerdeführer nicht möglich sein sollte,
nach Italien zurückkehren respektive inwiefern für ihn dort keine Sicherheit
vor Verfolgung bestehen sollte. Dass ihm in Italien die Rückschiebung in
seinen Heimatstaat unter Verletzung des Refoulement-Verbots drohen
würde, macht er – zu Recht – gar nicht geltend.
6.3 Das SEM ist damit zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten.
7.
7.1 Die Parteien haben gemäss Art. 29 Abs. 2 BV und Art. 29 VwVG An-
spruch auf rechtliches Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der
Sachaufklärung, anderseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwir-
kungsrecht beim Erlass eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstel-
lung des Einzelnen eingreift. Dazu gehört insbesondere das Recht der Be-
troffenen, sich vor Erlass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern,
erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit er-
heblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesent-
licher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweiser-
gebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflus-
sen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht so-
mit alle Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem
Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE
135 II 286 E. 5.1 S. 293; BVGE 2009/35 E. 6.4.1, m.w.H.).
E-2321/2019
Seite 11
Eng damit zusammen hängt auch die Pflicht der Behörde, ihren Entscheid
zu begründen (Art. 35 Abs. 1 VwVG). Denn, ob sich die Behörde tatsächlich
mit allen erheblichen Vorbringen der Parteien befasst und auseinanderge-
setzt hat, lässt sich erst aufgrund der Begründung erkennen. Insgesamt
muss der Entscheid so abgefasst sein, dass ihn der Betroffene gegebe-
nenfalls sachgerecht anfechten kann, was nur möglich ist, wenn sich so-
wohl der Betroffene als auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite
des Entscheides ein Bild machen können. Dabei kann sich die Behörde in
ihrer Argumentation zwar auf die für den Entscheid wesentlichen Gesichts-
punkte beschränken; sie darf aber nur diejenigen Argumente stillschwei-
gend übergehen, die für den Entscheid erkennbarerweise unbehelflich
sind. In diesem Sinne müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt
werden, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sich ihr
Entscheid stützt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
8.
8.1 Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden Ehegatten von asylberechtigten
Flüchtlingen und deren minderjährige Kinder ihrerseits als Flüchtlinge an-
erkannt und erhalten Asyl, sofern keine besonderen Umstände dagegen
sprechen.
Art. 51 Abs. 1 AsylG gelangt gemäss Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts auch zur Anwendung in Konstellationen, wo das in der
Schweiz anwesenheitsberechtigte Familienmitglied nicht den Asylstatus
besitzt, sondern hier vorläufig aufgenommen ist (vgl. BVGE 2017 VII/8
E. 5.3 und Urteil E-5669/2016 vom 18. Januar 2019 E. 4.1).
8.2
8.2.1 Das SEM hat das Gesuch des Beschwerdeführers um Einbezug in
die Flüchtlingseigenschaft seiner in der Schweiz vorläufig aufgenommenen
Partnerin im Wesentlichen mit der Begründung abgewiesen, dass er in Ita-
lien über einen subsidiären Schutzstatus und damit über ein Aufenthalts-
recht verfüge, was ein besonderer Umstand darstelle, und gegen den Ein-
bezug nach Art. 51 Abs. 1 AsylG spreche.
8.2.2 Das Bundesverwaltungsgericht klärte kürzlich in BVGE 2019 VI/3
E. 5.1 ff. die Frage, ob besondere Umstände im Sinne von Art. 51 Abs. 1
AsylG anzunehmen seien, falls die einzubeziehende Person in einem si-
cheren Drittstaat schon als Flüchtling anerkannt worden sei und daher dort
bereits Schutz geniesst. Es bejahte dies und hielt fest, auch wenn die Ge-
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Seite 12
währung desselben Rechtsstatus an die Mitglieder der Kernfamilie ein vor-
rangiges Ziel sei, könne dieses nicht völlig vom Schutzgedanken abgekop-
pelt werden (vgl. ebd. E. 5.6). Vorliegend ist festzustellen, dass das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers den Akten zufolge in Italien geprüft und
ihm durch die italienischen Behörden der auf EU-Recht basierende sub-
sidiäre Schutz gewährt wurde. Dadurch steht auch fest, dass der Be-
schwerdeführer nicht als Flüchtling in einem europäischen Staat des
Schengen-Raums anerkannt worden ist. Dem Status des subsidiären
Schutzes liegt gerade nicht der gleiche Schutzgedanke wie dem Flücht-
lingsstatus gestützt auf das Abkommen vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) zugrunde. Der dem Beschwer-
deführer von Italien gewährte subsidiäre Schutz stellt somit kein einem Ein-
bezug in die Flüchtlingseigenschaft entgegenstehender besonderer Um-
stand dar (vgl. auch Urteile des BVGer D-2976/2018 vom 31. Januar 2020
E. 5.3.1 und D-3094/2019 vom 7. Februar 2020 E. 4.2.1).
Damit steht fest, dass die Hauptbegründung des SEM zur Abweisung des
Gesuches des Beschwerdeführers um Einbezug in die Flüchtlingseigen-
schaft seiner Partnerin einer Überprüfung nicht standhält, indem sie auf
einer falschen Rechtsanwendung beruht. Der vom SEM angenommene
besondere Umstand kann keine Grundlage zur Abweisung seines Gesu-
ches sein.
8.2.3 Die Erwägungen des SEM zu Art. 8 EMRK im Rahmen der Prüfung
der Wegweisung vermögen den Mangel nicht aufzuwiegen. Nachdem es
die Anwendbarkeit von Art. 8 EMRK dort zunächst verneint, hält es hypo-
thetisch fest, weshalb eine Wegweisung Art. 8 EMRK standhalten würde.
Allerdings geht aus dieser Begründung nicht hervor, ob das SEM im Falle
des Beschwerdeführers, seiner Partnerin und deren beiden Kindern von
einer schützenswerten Familie ausgeht und den mit der Wegweisung ver-
bundenen Eingriff als zulässig erachtet, oder ob es in dieser Beziehung gar
keine schützenswerte Familienbeziehung, die unter Art. 51 Abs. 1 AsylG zu
subsumieren wäre, sieht. Klar ist jedenfalls, dass diese als obiter dictum
verfassten Ausführungen zu Art. 8 EMRK die Begründung, weshalb die Vo-
raussetzungen von Art. 51 Abs. 1 AsylG vorliegend nicht erfüllt seien, nicht
ersetzen können.
8.3 Zusammenfassend vermag die Begründung der angefochtenen Verfü-
gung – betreffend die Frage des Einbezugs des Beschwerdeführers in die
Flüchtlingseigenschaft seiner Partnerin, aber auch hinsichtlich der Weg-
weisung – den Anforderungen von Art. 35 VwVG nicht zu genügen. Ein
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Seite 13
reformatorischer Entscheid fällt nicht in Betracht, sondern die Verfügung
ist, hinsichtlich der Dispositivziffern 2-5 aufzuheben und zu neuem Ent-
scheid an die Vorinstanz zurückzuweisen (Art. 61 Abs. 1 VwVG). Das SEM
hat insbesondere erneut zu prüfen, inwiefern die Anspruchsvoraussetzun-
gen von Art. 51 Abs. 1 AsylG gegeben sind. Nachdem die Partnerin des
Beschwerdeführers unbestrittenermassen als Flüchtling in der Schweiz
vorläufig aufgenommen worden ist, betrifft dies in erster Linie die Frage, ob
eine Familienbeziehung im Sinne dieser Bestimmung vorliegt. Dabei wird
das SEM seinem neuen Entscheid den aktuellen, richtig und vollständig
abgeklärten Sachverhalt zu Grunde zu legen haben, zumal der Untersu-
chungsgrundsatz auch bei der Beurteilung von Familiennachzugsgesu-
chen sowie Ansprüchen, welche sich aus dem Familienleben ergeben, zu
beachten ist (vgl. dazu näher Urteil des BVGer E-273/2018 vom 22. Juli
2020 E. 10.1.1). Seinen Entscheid hat das SEM dann so zu begründen,
dass dem rechtlichen Gehör des Beschwerdeführers genüge getan wird.
9.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde betreffend die Dispositivziffer 1
(Nichteintreten auf Asylgesuch) abzuweisen. Betreffend die Dispositivzif-
fern 2-5 (Verweigerung des Einbezugs in die Flüchtlingseigenschaft, Weg-
weisung und deren Vollzug) verletzt die angefochtene Verfügung Bundes-
recht und die Beschwerde ist gutzuheissen. Die Angelegenheit ist entspre-
chend den Erwägungen an das SEM zu neuem Entscheid zurückzuweisen.
Es erübrigt sich, auf weitere Ausführungen in der Beschwerde einzugehen,
da diese zum integralen Bestandteil des neu aufzunehmenden erstinstanz-
lichen Verfahrens wird.
10.
10.1 Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt die Verfahrenskosten in der
Regel der unterliegenden Partei (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerde-
führer ist mit seinem Begehren um Aufhebung der Verfügung und Rück-
weisung der Sache an die Vorinstanz durchgedrungen. Mit dem Begehren,
auf sein Asylgesuch sei einzutreten, ist er unterlegen. Damit ist er im Er-
gebnis als zu zwei Dritteln obsiegend und einem Drittel unterliegend zu
betrachten. Dem Beschwerdeführer sind aber auch für den Teil seines Un-
terliegens keine Verfahrenskosten aufzuerlegen, weil das Bundesverwal-
tungsgericht sein Gesuch um Erlass der Verfahrenskosten mit Zwischen-
verfügung vom 12. Juni 2019 gutgeheissen hat und aufgrund der Akten
keine Änderungen seiner finanziellen Verhältnisse ersichtlich sind.
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Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens zu
zwei Dritteln in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) im entsprechenden
Umfang eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen
Parteikosten zuzusprechen. Es wurde keine Kostennote zu den Akten
gereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten aufgrund der Akten zu
bestimmen sind (Art. 8 Abs. 2 und Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt
auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE)
ist die Parteientschädigung auf insgesamt Fr. 400.– (inkl. Auslagen und
Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen und dem Beschwerdeführer vom
SEM auszurichten. Der restliche Vertretungsaufwand im Umfang von
Fr. 200.– ist dem als amtlicher Rechtsbeistand beigeordneten
Rechtsvertreter als Honorar aus der Gerichtskasse zu entrichten.
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E-2321/2019
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