Decision ID: e8a11f16-3e10-43e8-ab08-f58d095ee868
Year: 2020
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_003
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

IV-Stelle den massgebenden (medizinischen) Sachverhalt ungenügend
abklärt und lasse unberücksichtigt, dass unabhängig vom Alkoholkonsum
massive Beeinträchtigungen der Arbeitsfähigkeit durch eine organische
Persönlichkeitsstörung und eine rezidivierende depressive Störung
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bestünden. Ausserdem zeitige der langjährige Alkoholkonsum deutliche
kognitive Einschränkungen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit,
wobei auch dies ungenügend abgeklärt worden sei. Im Ergebnis sei die
Sache im Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung nicht
spruchreif gewesen und die IV-Stelle habe keine Gesamtwürdigung des für
die Sucht massgebenden Ursachen- und Folgespektrums vorgenommen
oder entsprechende Wechselwirkungen miteinbezogen. Es sei eine
polydisziplinäre Begutachtung nötig.
9. Die IV-Stelle (nachfolgend Beschwerdegegnerin) liess sich zur
Beschwerde am 6. Mai 2019 vernehmen. Sie beantragte die
kostenpflichtige Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie
primär auf die Begründung in der Verfügung vom 21. Februar 2019.
Ergänzend hielt sie unter Berufung auf die Rechtsprechung fest, dass unter
dem Titel der – aus der Schadensminderungspflicht fliessenden –
Mitwirkungspflicht bereits im Abklärungsverfahren die Anordnung einer
Entzugsbehandlung und der Nachweis einer Abstinenz angezeigt sein
könnten, wenn es darum gehe, einen invaliditätsfremden Alkoholkonsum
bei der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit auszublenden. Die
Mitwirkungspflicht finde ihre Schranke im Grundsatz der
Verhältnismässigkeit. Vorliegend sei die auferlegte Suchtmittelabstinenz
geeignet und erforderlich gewesen, um den Einfluss der Suchterkrankung
auszuklammern. Ein Entzug bzw. eine Abstinenz sei dem
Beschwerdeführer sodann zumutbar, verliefen doch die bisherigen
stationären Aufenthalte allesamt zufriedenstellend und der
Beschwerdeführer habe sich jeweils schnell körperlich und psychisch
stabilisieren können. So sei im Austrittsbericht vom 3. Oktober 2017 von
Dr. med. B._ festgehalten worden, dass der Beschwerdeführer von
der IV-Stelle angehalten worden sei, eine drei- bis viermonatige Abstinenz
vorzuweisen, wobei er den Abstinenznachweis beim Hausarzt Dr. med.
D._ zu erbringen empfehle. Somit sei vorliegend die Abstinenz,
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entgegen der pauschalen Vorbringen des Beschwerdeführers, (auch) nach
Ansicht der behandelnden Ärzte klar geeignet, erforderlich und damit auch
verhältnismässig.
10. Am 22. Mai 2019 reichte der Beschwerdeführer die Stellungnahme von
20. Mai 2019 von Dr. med. F._ und Assistenzärztin G._ (PDGR)
ein. Diesem Bericht könne entnommen werden, dass bereits zum Zeitpunkt
des Erlasses der Verfügung eine dauerhafte Beeinträchtigung der
kognitiven Funktionen vorgelegen habe, welche seine Arbeits- bzw.
Erwerbsfähigkeit einschränke bzw. verunmögliche. Ob der Grund dafür in
einem Unfall liege oder Folge des Alkoholkonsums sei, dürfe nicht von
rechtlicher Relevanz sein. Ein Hinweis auf entsprechende
Einschränkungen der funktionellen Leistungsfähigkeit gebe auch der
Umstand, dass er zwischenzeitlich seine Arbeitsstelle in H._ auf
Grund von mehrfachen Rückfällen verloren habe.
11. In der Duplik vom 28. Mai 2019 hielt die Beschwerdegegnerin an ihrem
Antrag auf Abweisung der Beschwerde fest. Das Schreiben vom 20. Mai
2019 der PDGR beziehe sich vor allem auf die im Jahre 2017 durchgeführte
neuropsychologische Testung, welche bereits aktenkundig sei und in deren
Kenntnis die PDGR im Austrittsbericht vom 3. Oktober 2017 selbst
festgehalten habe, dass der Beschwerdeführer von der IV-Stelle
angehalten worden sei, eine drei- bis viermonatige Abstinenz vorzuweisen
und die Kontrolle durch den Hausarzt durchführen zu lassen. Das neue
Schreiben der PDGR ändere nichts an der Geeignetheit, der
Erforderlichkeit und der Verhältnismässigkeit der Abstinenzauflage. Denn
soweit die behandelnden Ärzte – gestützt auf den letzten Rückfall im Mai
2019 – zum Schluss kämen, dass eine vollständige Abstinenz im jetzigen
Zeitpunkt unrealistisch erscheine, äusserten sich diese nicht (explizit) zur
Zumutbarkeit und stützten sich darüber hinaus auf einen Sachverhalt,
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welcher sich erst nach dem Erlass der Verfügung ereignet habe und
vorliegend unberücksichtigt bleiben müsse.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien in den Rechtsschriften, die
angefochtene Verfügung vom 21. Februar 2019 sowie die weiteren Akten
wird, sofern erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Die vorliegende Beschwerde richtet sich gegen die Verfügung der IV-Stelle
des Kantons Graubünden vom 21. Februar 2019. Eine solche Anordnung,
die laut Bundesrecht der Beschwerde an das Versicherungsgericht am Ort
der verfügenden IV-Stelle unterliegt, kann beim Verwaltungsgericht des
Kantons Graubünden als das örtlich und sachlich zuständige
Versicherungsgericht angefochten werden (vgl. Art. 49 Abs. 2 lit. a des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRG; BR 370.100] i.V.m.
Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
[IVG; SR 831.20] sowie Art. 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Als formeller und
materieller Verfügungsadressat ist der Beschwerdeführer von der
angefochtenen Verfügung unmittelbar betroffen und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung. Er ist somit
zur Beschwerdeerhebung legitimiert (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 59
ATSG). Die Beschwerde wurde zudem frist- und formgerecht eingereicht
(Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 60 Abs. 1 und 2 ATSG, Art. 39 Abs. 1 ATSG
sowie Art. 61 lit. b ATSG). Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.
2. Vorliegend ist streitig, ob der Beschwerdeführer Anspruch auf Leistungen
der Invalidenversicherung hat.
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3.1. Der Beschwerdeführer erachtet die Abklärungen der Beschwerdegegnerin
als unzureichend und die (Alkohol-)Abstinenzauflage als unzumutbar.
Ausserdem blieben, unabhängig vom Alkoholkonsum, die massiven
Beeinträchtigungen der Arbeitsfähigkeit durch eine organische
Persönlichkeitsstörung und eine rezidivierende depressive Störung zu
Unrecht unberücksichtigt. Ferner zeitige der langjährige Alkoholkonsum
deutliche kognitive Einschränkungen mit Auswirkungen auf seine
Arbeitsfähigkeit, wobei auch dies ungenügend abgeklärt und gewürdigt
worden sei.
3.2. Die Beschwerdegegnerin hingegen stellt sich primär auf den Standpunkt,
dass für eine schlüssige Beurteilung des Gesundheitszustandes des
Beschwerdeführers zwingend eine (vorgängige) ärztlich kontrollierte
Alkohol- und generelle Substanzabstinenz erforderlich sei. Unter dem Titel
der – aus der Schadensminderungspflicht fliessenden – Mitwirkungspflicht
könne bereits im Abklärungsverfahren der Nachweis einer Abstinenz
angezeigt sein, wenn es darum gehe, einen invaliditätsfremden
Alkoholkonsum bei der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit auszublenden.
Vorliegend sei dieser Nachweis – trotz Aufforderung und Mahnung – nicht
erfolgt. Die Mitwirkungspflicht finde ihre Schranke im Grundsatz der
Verhältnismässigkeit. Vorliegend sei die auferlegte Suchtmittelabstinenz
geeignet und erforderlich, um den Einfluss der Suchterkrankung
auszuklammern. Ein Entzug bzw. eine Abstinenz sei dem
Beschwerdeführer sodann zumutbar, verliefen doch die bisherigen
stationären Aufenthalte allesamt zufriedenstellend und der
Beschwerdeführer habe sich jeweils schnell körperlich und psychisch
stabilisieren können.
3.3. Der Beschwerdeführer weist aktenkundig eine langjährige
Polytoxokomanie auf, wobei die fachärztlich nachvollziehbar und als
Hauptdiagnose diagnostizierte psychische und Verhaltungsstörung durch
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Alkohol: Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F10.2) im Vordergrund steht
(siehe dazu IV-act. 7 S. 2 f., IV-act. 16, IV-act. 18 S. 3, IV-act. 35 S. 3, IV-
act. 35 S. 18 und 24, IV-act. 44 S. 1 und IV-act. 48 S. 13). Davon geht denn
auch die Beschwerdegegnerin aus, bezog sie sich doch in der Aufforderung
zur Suchtmittelabstinenz vom 5. September 2017 (siehe IV-act. 19) selbst
auf die dannzumal gültige Rechtsprechung, wonach Erkrankungen wie
namentlich eine Alkohol- oder Drogenabhängigkeit für sich alleine keine
Arbeitsunfähigkeit im Sinne des IVG zu begründen vermögen; zur Prüfung
des Gesuches müsse vielmehr eine kontrollierte Suchtmittelabstinenz
nachgewiesen werden. Ausserdem sah auch Dr. med. E._ in seiner
Abschlussbeurteilung vom 25. Juli 2018 bei der festgestellten
Polytoxikomanie die Alkoholabhängigkeit im Vordergrund stehend (siehe
IV-act. 48 S. 13). Schliesslich wurde im Vorbescheid vom 3. Oktober 2018
sowie der angefochtenen Verfügung vom 21. Februar 2019 festgestellt,
dass die Arbeitsunfähigkeit ausschliesslich durch das Suchtleiden
begründet sei und somit der Leistungsanspruch (mangels kontrollierter
Suchtmittelabstinenz im Hinblick auf eine medizinische Abklärung) verneint
werden müsse. Vor diesem Hintergrund liegt es auf der Hand, dass sich
der leistungsverweigernde Entscheid vom 21. Februar 2019 insbesondere
auf die in diesem Zeitpunkt noch gültige Rechtsprechung abstützte,
wonach Suchterkrankungen als solche nicht zu einer Invalidität im Sinne
des Gesetzes führten. Sie wurden im Rahmen der Invalidenversicherung
erst relevant, wenn sie eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt hatten, in
deren Folge ein körperlicher oder geistiger, die Erwerbstätigkeit
beeinträchtigender, Gesundheitsschaden eingetreten war, oder wenn sie
selber Folge eines körperlichen oder geistigen Gesundheitsschadens
waren, dem Krankheitswert zukam. Ein invalidisierender psychischer
Gesundheitsschaden fehlte demgegenüber, wo in der Begutachtung im
Wesentlichen nur Befunde erhoben wurden, welche in der Sucht ihre
hinreichende Erklärung fanden (vgl. dazu BGE 124 V 265 E.3c und Urteil
des Bundesgerichts 9C_620/2017 vom 10. April 2018 E.2.2.1 f.).
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Die Auffassung der Beschwerdegegnerin, wonach ein ausschliesslich auf
ein Suchtleiden zurückzuführender Leistungsanspruch entfalle, verfängt
indes nicht (mehr): Nach der mit BGE 145 V 215 geänderten
Rechtsprechung kann einem fachärztlich einwandfrei und nachvollziehbar
diagnostizierten Abhängigkeitssyndrom bzw. einer
Substanzkonsumstörung (psychische Störung durch psychotrope
Substanzen) nicht zum vornherein jede invalidenversicherungsrechtlich
beachtliche Relevanz abgesprochen werden, sondern fallen auch sie als
invalidenversicherungsrechtlich beachtliche (psychische)
Gesundheitsschäden in Betracht. Damit sind grundsätzlich auch primäre
Abhängigkeitssyndrome einem strukturierten Beweisverfahren gemäss
BGE 141 V 281 zu unterziehen (siehe BGE 145 V 215 E.6). Dabei ist diese
neue Rechtsprechung auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht
erledigten Fälle und somit auch auf den vorliegenden Fall anzuwenden
(siehe Urteile des Bundesgerichts 8C_453/2019 vom 3. Februar 2020
E.3.3, 8C_259/2019 vom 14. Oktober 2019 E.5.1, 8C_756/2017 vom
7. März 2018 E.4 m.H.). Auf die Durchführung eines strukturierten
Beweisverfahrens bzw. eine Prüfung der Standardindikatoren gemäss
BGE 141 V 281 kann aus Gründen der Verhältnismässigkeit namentlich
dann verzichtet werden, wenn im Rahmen beweiswertiger fachärztlicher
Berichte (vgl. BGE 125 V 351 E.3) eine Arbeitsunfähigkeit in
nachvollziehbar begründeter Weise verneint wird und allfälligen
gegenteiligen Einschätzungen mangels fachärztlicher Qualifikation oder
aus anderen Gründen kein Beweiswert beigemessen werden kann (siehe
BGE 143 V 418 E.7.1).
3.4. Im hier zu beurteilenden Fall liegen die vorstehend erwähnten
Voraussetzungen für einen Verzicht auf eine Standardindikatorenprüfung
indes nicht vor. Vielmehr liegen, insbesondere durch Dr. med. B._,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, fachärztlich attestierte,
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längere Arbeitsunfähigkeiten während den jeweils mehrwöchigen
stationären Aufenthalten vor, anlässlich derer verschiedene
Abhängigkeitssyndrome, insbesondere eine psychische und
Verhaltensstörung durch Alkohol, diagnostiziert wurden (siehe IV-act. IV-
act. 16 S. 3, IV-act. 18 S. 4, IV-act. 35 S. 7 f., 11, 17, 19 und 24).
Demgegenüber schloss RAD-Arzt Dr. med. E._, Facharzt für
Allgemeine Innere Medizin, in seiner Abschlussbeurteilung vom 25. Juli
2018 infolge der nicht ärztlich kontrollierten Abstinenz, der Beweis für einen
invalidisierenden Gesundheitsschaden sei nicht erbracht worden.
Ausserdem sprach Dr. med. E._ den gering ausgeprägten
Symptomen der alkoholbedingten organischen Persönlichkeitsstörung und
den neurokognitiven Defiziten keine relevanten Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit, ohne dies jedoch zu begründen. Überdies führten seiner
Ansicht nach auch die vom Beschwerdeführer vorgebrachten somatischen
Rückenbeschwerden zu keiner Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
hinsichtlich mittelschweren, nicht akzentuiert rückenbelastenden Tätigkeit.
Dr. med. E._ begründete die Beweislosigkeit implizit mit der nicht
nachgewiesenen ärztlich kontrollierten Abstinenz, womit weitergehende
Abklärungen als nicht erforderlich erachtet wurden. Diese Vorgehensweise
hält im Lichte der neuen Rechtsprechung gemäss BGE 145 V 215 jedoch
nicht stand; auf eine Indikatorenprüfung gemäss BGE 141 V 281 kann nicht
verzichtet werden (siehe Urteil des Bundesgerichts 8C_453/2019 vom
3. Februar 2020 E.3.1 ff.).
3.5. Somit ist für den vorliegenden Fall festzustellen, dass insbesondere die
notwendige Prüfung der Einschränkungen der funktionellen
Leistungsfähigkeit bzw. Arbeitsfähigkeit beim Beschwerdeführer anhand
der massgebenden Indikatoren gemäss BGE 141 V 281 infolge eines
nachvollziehbar, fachärztlich diagnostizierten Abhängigkeitssyndroms bzw.
einer Substanzkonsumstörung zu Unrecht unterblieben ist. Hinzu kommt,
dass den in den Akten liegenden (fach-)ärztlichen Berichten keine
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schlüssige Beurteilung der Auswirkungen des (psychischen)
Gesundheitsschadens anhand der Standardindikatoren entnommen
werden kann (vgl. BGE 145 V 215 E.8.2). Vielmehr wurde, wie in der
vorstehenden Erwägung 3.3 bereits erwähnt, in der Aufforderung zur
Suchtmittelabstinenz vom 5. September 2017 (siehe IV-act. 19) auf die
dazumal gültige Rechtsprechung hingewiesen. Auch in der angefochtenen
Verfügung vom 21. Februar 2019 wurde gestützt auf die RAD-
Abschlussbeurteilung vom 25. Juli 2018 von Dr. med. E._
festgehalten, dass ohne die durchgeführte Suchtmittelabstinenz es nicht
möglich sei, den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers zu prüfen
und davon ausgegangen werden müsse, dass die Arbeitsunfähigkeit
ausschliesslich durch das (primäre) Suchtleiden begründet sei, womit ein
Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung entfalle. Zudem fand
sich in der Stellungnahme der Beschwerdegegnerin zum Einwand vom
24. Oktober 2018 die auf die damalige Rechtsprechung zu (primären)
Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen zurückzuführende Aussage,
wonach eine schlüssige Beurteilung des Gesundheitszustandes des
Beschwerdeführers nur vorgenommen werden könne, wenn (vorgängig)
die zwingend erforderliche ärztlich kontrollierte Alkohol- und generelle
Substanzabstinenz durchgeführt worden sei. Damit fand aber die von der
neuen Rechtsprechung geforderte, ergebnisoffene Prüfung nicht statt (vgl.
BGE 143 V 418 E.8.1 sowie 141 V 281 E.3.6 und 4.1.2), womit der
rechtserhebliche Sachverhalt ungenügend abklärt wurde. Mit Blick auf die
vorzunehmende Neubeurteilung drängt sich eine (fachärztliche)
Begutachtung auf. In diesem Zusammenhang wies bereits Dr. med.
E._ vom RAD am 16. Januar 2019 in seiner Stellungnahme zum
Einwand vom 24. Oktober 2018 zu Recht darauf hin, dass der
Beschwerdeführer in rheumatologischer und psychiatrischer Hinsicht
abzuklären sei (siehe IV-act. 48 S. 17).
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3.6. Soweit die Beschwerdegegnerin in ihrer Vernehmlassung unter Hinweis
auf das Urteil des Veraltungsgericht des Kantons Graubünden (VGU) S 16
130 vom 14. November 2017 E.5b und das Urteil des Bundesgerichts
9C_370/2013 vom 22. November 2013 E.4.2.1 vorbringt, dass unter dem
Titel der – aus der Schadensminderungspflicht fliessenden –
Mitwirkungspflicht bereits im Abklärungsverfahren die Anordnung einer
Entzugsbehandlung und der Nachweis einer Abstinenz angezeigt sein
könne, wenn es darum gehe, einen invaliditätsfremden Alkoholkonsum bei
der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit auszublenden, kann ihr in Anbetracht
der mit BGE 145 V 215 vorgenommenen bundesgerichtlichen
Rechtsprechungsänderung nicht (mehr) gefolgt werden (siehe Urteil des
Bundesgerichts 9C_309/2019 vom 7. November 2019 E.4.2.2). Weil nach
der mit BGE 145 V 215 geänderten Rechtsprechung nun grundsätzlich
auch primäre Abhängigkeitssyndrome bzw. Substanzkonsumstörungen als
invalidenversicherungsrechtlich beachtliche (psychische)
Gesundheitsschäden in Betracht kommen, sind deren Auswirkungen auf
die funktionelle Leistungsfähigkeit grundsätzlich in Anwendung des
strukturieren Beweisverfahrens nach BGE 141 V 281 zu beantworten
(siehe BGE 145 V 215 E.6 ff). Damit verbietet es sich, bei primären
Abhängigkeitssyndromen eine Entzugsbehandlung im Vorfeld einer
Begutachtung unter dem Titel der Mitwirkungspflicht anzuordnen. Denn
dadurch würde die Qualifikation des in Frage stehenden Suchtgeschehens
und seiner erwerblichen Auswirkungen als zum vornherein
invalidenversicherungsrechtlich irrelevant und deshalb auszuscheiden
vorweggenommen. Dies ist im Abklärungsverfahren aber gerade erst zu
untersuchen (siehe Urteil des Bundesgerichts 9C_309/2019 vom
7. November 2019 E.4.2.2). Da eine Abstinenzverpflichtung dieselbe
Wirkung wie eine Entzugsbehandlung zeigt, nämlich die Absetzung bzw.
Beendigung des Substanzkonsums, gilt das vorstehend Gesagte auch für
die Verpflichtung zum Nachweis einer Abstinenz. Der Vollständigkeit halber
ist noch anzumerken, dass eine Entzugsbehandlung als
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Behandlungsmassnahme (vgl. zur Qualifikation einer Massnahme zur
Leidensbehandlung: Urteil des Bundesgerichts 9C_218/2007 vom 19.
November 2007 E.2.4) – sofern im konkreten Fall zumutbar – selbstredend
(unverändert) jederzeit zur Schadenminderung angeordnet werden kann
(siehe BGE 145 V 215 E.5.3.1 und 8.2; Urteile des Bundesgerichts
9C_309/2019 vom 7. November 2019 E.4.2.2 in fine, 9C_370/2013 vom
22. November 2013 E.4.2.1 sowie 9C_914/2010 vom 2. Dezember 2010
E.3; ausserdem SEILER, Vom Umgang mit Leistungskürzungen - ein Blick
auf Art. 21 ATSG, in: SCHAFFHAUSER/KIESER [Hrsg.],
Sozialversicherungsrechtstagung 2010, S. 91 ff., 126). Demnach hält der
Schluss der Beschwerdegegnerin, infolge des fehlenden ärztlich
kontrollierten Abstinenznachweises insbesondere auf weitere medizinische
Abklärungen zur (primären) Abhängigkeitssymptomatik bzw. dessen
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit zu verzichten und von einer
Beweislosigkeit zu Lasten des Beschwerdeführers auszugehen, nicht vor
Bundesrecht stand.
4. Erachtet das zuständige Sozialversicherungsgericht eine Sache in
medizinischer Hinsicht als ungenügend abgeklärt und somit auch die
seitens der Verwaltung vorgenommene Beweiswürdigung als
unvollständig, verbleibt ihm auch nach der neuen bundesgerichtlichen
Rechtsprechung die Möglichkeit, die Sache an den zuständigen
Versicherungsträger zurückzuweisen, anstatt ein gerichtliches Gutachten
zur Klärung einer offenen Frage in Auftrag zu geben. In der Regel ist ein
Gerichtsgutachten einzuholen, wenn ein (im Verwaltungsverfahren
anderweitig) erhobener medizinischer Sachverhalt überhaupt für
"gutachterlich abklärungsbedürftig" gehalten wird oder eine
Administrativexpertise in rechtserheblichen Punkten nicht ausreichend
beweiswertig ist und dieser Mangel nicht alleine durch eine Klarstellung,
Präzisierung oder Gutachtensergänzung behoben werden kann (siehe
FURRER, Rechtliche und praktische Aspekte auf dem Weg zum
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Gerichtsgutachten in der Invalidenversicherung, in: SZS 1/2019 S. 3 ff. S. 4
f.; BGE 137 V 210 E.4.4.1.4 f.). Eine Rückweisung an den
Versicherungsträger steht dem Versicherungsgericht aber weiterhin offen,
wenn sie in der Erhebung einer bisher vollständig ungeklärten Frage
begründet ist oder wenn lediglich eine Klarstellung, Präzisierung oder
Ergänzung von gutachterlichen Ausführungen erforderlich ist (siehe
BGE 137 V 210 E.4.4.1.4; KIESER, ATSG-Kommentar, 4. Aufl.,
Zürich/Basel/Genf 2020, Art. 44 Rz. 71). Vorliegend liess die
Beschwerdegegnerin insbesondere die nach der neuen
bundesgerichtlichen Rechtsprechung relevante Frage zu allfälligen,
funktionellen Auswirkungen des (primären) Abhängigkeitssyndroms offen.
Demnach ist das streitberufene Gericht befugt, die Sache an die
Beschwerdegegnerin zu ergänzenden Abklärungen zurückzuweisen (vgl.
auch Urteile des Bundesgerichts 8C_453/2019 vom 3. Februar 2020 E.3.3
und 8C_245/2019 vom 16. September 2019 E.5.2.2, wonach in
entsprechenden Konstellationen eine Rückweisung an die
Verwaltungsbehörde erfolgte).
5. Zusammenfassend ist mithin festzuhalten, dass die Beschwerdegegnerin
vorliegend nicht auf weitere medizinische Abklärungen hätte verzichten
dürfen. Denn gemäss BGE 145 V 215 kommen – wie hier – nachvollziehbar
diagnostizierte (siehe dazu bereits vorstehende Erwägung 3.4)
Abhängigkeitssyndrome bzw. Substanzkonsumstörungen grundsätzlich
als invalidenversicherungsrechtlich beachtliche (psychische)
Gesundheitsschäden in Betracht. Deren Auswirkungen auf die funktionelle
Leistungsfähigkeit bzw. Arbeitsfähigkeit sind in der Regel nach Massgabe
eines strukturierten Beweisverfahrens nach BGE 141 V 281 zu
beantworten. Dabei ist zu beachten, dass auch bei
Abhängigkeitssyndromen – nicht anders als bei den meisten Erkrankungen
(siehe BGE 140 V 193 E.3.1) – kein direkter Zusammenhang besteht
zwischen Diagnose und Arbeits(un)fähigkeit bzw. Invalidität. Vielmehr sind
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die Auswirkungen des bestehenden Gesundheitsschadens auf die
funktionelle Leistungsfähigkeit im Einzelfall für die Rechtsanwendenden
nachvollziehbar ärztlich festzustellen. Im Rahmen des strukturierten
Beweisverfahrens kann und muss somit insbesondere dem Schweregrad
der Abhängigkeit im konkreten Einzelfall Rechnung getragen werden.
Psychosoziale und soziokulturelle Faktoren mit direkten negativen
funktionellen Folgen sind aber selbstverständlich auch bei
Abhängigkeitserkrankungen auszuklammern (siehe zum Ganzen BGE 145
V 215 E.6 ff., 143 V 409 E.4.2.1 und 4.5.2 sowie 142 V 106 E.4.4). Damit
ist die Beschwerde im Eventualantrag in dem Sinne gutzuheissen, als dass
die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist, damit diese nach ergänzenden
Abklärungen des medizinischen Sachverhalts (und unter Gewährung des
rechtlichen Gehörs) gestützt auf die dazumal vollständigen, auch das
primäre Abhängigkeitssyndrom berücksichtigenden, medizinischen
Unterlagen über den Leistungsanspruch des Beschwerdeführers neu
entscheidet. Bei diesem Ergebnis ist auf die weiteren Rügen des
Beschwerdeführers nicht weiter einzugehen.
6. Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Beschwerdeverfahren – in
Abweichung von Art. 61 lit. a ATSG – bei Streitigkeiten um die Bewilligung
oder Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung vor dem
kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach
dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von
Fr. 200.-- bis Fr. 1ꞌ000.-- festgelegt. Die Rückweisung zu weiteren
Abklärungen gilt praxisgemäss als vollständiges Obsiegen der
beschwerdeführenden Partei bezüglich der Verteilung der Gerichtskosten
und der Zusprache einer Parteientschädigung (vgl. BGE 141 V 281 E.11.1,
137 V 210 E.7.1 und 132 V 215 E.6.2). Infolge des Ausgangs des
Beschwerdeverfahrens, sind die Gerichtskosten von Fr. 700.-- demnach
der Beschwerdegegnerin zu überbinden (vgl. Art. 73 Abs. 1 VRG).
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7. Der Beschwerdeführer hat gestützt auf Art. 61 lit. g ATSG Anspruch auf
Ersatz der Parteikosten zu Lasten der unterliegenden
Beschwerdegegnerin. Die Bemessung der Entschädigung erfolgt ohne
Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach
der Schwierigkeit des Prozesses, wobei der zeitliche Aufwand der
Rechtsvertretung regelmässig durch die Schwierigkeit des Prozesses
mitbestimmt wird. Im Übrigen wird die Bemessung der Parteientschädigung
gemäss Art. 61 Satz 1 ATSG nach dem kantonalen Rechts bestimmt (siehe
Urteile des Bundesgerichts 9C_321/2018 vom 16. Oktober 2018 E.6.1 und
9C_688/2009 vom 19. November 2009 E.3.1.1 f.). Gemäss Art. 78 VRG
i.V.m. Art. 2 der Verordnung über die Bemessung des Honorars der
Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte (Honorarverordnung, HV;
BR 310.250) wird die Parteientschädigung nach Ermessen des Gerichts
festgesetzt, wobei es grundsätzlich von dem in der Honorarnote geltend
gemachten (und als angemessen zu betrachtenden) Aufwand sowie
(üblichen) Stundenansatz ausgeht. Der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers reichte weder eine Honorarvereinbarung noch eine
Kostennote ein. Vorliegend erweist sich eine pauschale
Parteienschädigung im Betrag von Fr. 2'000.-- (inkl. Barauslagen und
MWST) als angemessen und die Beschwerdegegnerin hat den
Beschwerdeführer in diesem Umfang aussergerichtlich zu entschädigen.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird das Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege und prozessuale Verbeiständung gegenstandslos.