Decision ID: 2ed56f94-fbb6-5b33-9cdd-314472b3dc9c
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Peter Sutter, Haus Eden, Paradiesweg 2,
Postfach, 9410 Heiden,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
IV-Leistungen (Wiedererwägung)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 15. März 1999 zum Bezug von Leistungen bei der IV-Stelle
des Kantons St. Gallen an (IV-act. 1-1 ff.). Mit Vorbescheid vom 23. Februar 2000
stellte die IV-Stelle dem Versicherten die Ausrichtung einer ganzen Rente basierend auf
einem Invaliditätsgrad von 100 % in Aussicht, da er an einer langdauernden Krankheit
leide und seit August 1998 zu 100 % arbeitsunfähig sei (IV-act. 18-1 f.). Mit Verfügung
vom 25. Mai 2000 sprach die IV-Stelle dem Versicherten eine ganze Rente ab 1. August
1999 zu (IV-act. 26-1 ff.).
A.b Anlässlich einer Rentenrevision gab der Versicherte am 29. Juni 2002 an, es seien
neue psychische Beschwerden und Rückenschmerzen aufgetreten (IV-act. 33-1 ff.).
Am 15. Oktober 2002 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, die Überprüfung des
Invaliditätsgrads habe keine Änderung ergeben (IV-act. 36-1 f.). Im Rahmen einer
weiteren Rentenrevision erstattete das Medizinische Gutachtenzentrum B._ am
6. Mai 2007 ein Gutachten zu Handen der IV-Stelle. Die Gutachter führten in der ge
meinsamen Beurteilung aus, insgesamt betrage die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen
Tätigkeit 35 % und in einer adaptierten Tätigkeit 70 % (IV-act. 63-1 ff.). Mit
Vorbescheid vom 29. August 2007 stellte die IV-Stelle die Wiedererwägung/Aufhebung
der Verfügung vom 25. Mai 2000 in Aussicht. Der Versicherte habe für die Zukunft
Anspruch auf eine Viertelsrente bei einem Invaliditätsgrad von 43 % (IV-act. 70-1 ff.).
Mit Verfügung vom 25. Oktober 2007 sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit
Wirkung ab 1. Dezember 2007 eine Viertelsrente sowie eine Zusatzrente für die Ehefrau
und drei Kinderrenten zu (IV-act. 80-2 f.). Am 12. Juni 2008 verfügte die IV-Stelle –
unter Widerruf der Verfügung vom 25. Oktober 2007, der Versicherte habe für den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Monat Dezember 2007 Anspruch auf eine Viertelsrente, auf eine Zusatzrente für die
Ehefrau und auf drei Kinderrenten. Ab 1. Januar 2008 sprach die IV-Stelle dem
Versicherten eine Viertelsrente und drei Kinderrenten zu, jedoch keine Zusatzrente
mehr für die Ehefrau (IV-act. 86-1 ff.). Die IV-Stelle teilte dem Versicherten am 4. Juli
2008 sodann den Abschluss der Arbeitsvermittlungsmassnahmen mit, da letzterer sich
entschieden habe, "nichts mehr aktiv bei der Arbeitsvermittlung zu unternehmen" (IV-
act. 91-1 f.). Gegen die Verfügungen vom 12. Juni 2008 erhob der Versicherte am
13. August 2008 Beschwerde beim Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen (IV-
act. 93-2 ff.). In der Folge hiess das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen die
Beschwerde mit Entscheid vom 11. März 2010 gut und wies die Sache zur erneuten
Begutachtung an die IV-Stelle zurück (IV 2008/334). Der Entscheid erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
A.c Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die Medizinische Abklärungsstelle (MEDAS)
Zentralschweiz am 4. Februar 2011 ein polydisziplinäres (orthopädisches, psychiatri
sches und internistisches) Gutachten mit Untersuchungsdatum vom 20. Oktober 2010.
Die Gutachter stellten folgende Hauptdiagnosen (mit wesentlicher Einschränkung der
zumutbaren Arbeitsfähigkeit): ein Status nach Pyarthros des linken Hüftgelenkes im
September 1998 und eine leichte bis mittelgradige depressive Episode ohne soma
tisches Syndrom (ICD-10 F23.10). Die Gutachter führten aus, der Versicherte könne
eine körperlich leichte, kurzzeitig auch eine mittelschwere Tätigkeit zu 70 % ausüben
(IV-act. 121-1 ff.)
A.d Dr. med. C._ vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) der IV-Stelle hielt am
14. Februar 2011 in einer internen Stellungnahme fest, dass auf die Begutachtung
MEDAS Zentralschweiz vollumfänglich abgestellt werden könne. Sie sei umfassend,
nachvollziehbar, konsistent und in sich widerspruchsfrei (IV-act. 122-1 f.).
A.e Mit Vorbescheid vom 2. März 2011 stellte die IV-Stelle dem Versicherten in
Aussicht, die Verfügung vom 25. Mai 2000 in Wiedererwägung zu ziehen und
aufzuheben, ihm weiterhin eine Viertelsrente bei einem Invaliditätsgrad von 42 %
auszurichten und ausnahmsweise auf eine Rückforderung der zu Unrecht bezogenen
Rentenleistungen zu verzichten. Zudem sei einer Beschwerde gegen diese Verfügung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die aufschiebende Wirkung zu entziehen (IV-act. 127-1 ff.). Am 31. Mai 2011 verfügte
die IV-Stelle gemäss Vorbescheid (IV-act. 131-1 ff., 128-1 ff.).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die am 1. Juli 2011 erhobene Beschwerde, in
der beantragt wird, die Verfügung vom 31. Mai 2011 sei aufzuheben, es sei dem
Beschwerdeführer weiterhin eine ganze IV-Rente auf der Basis eines IV-Grads von
100 % zuzusprechen. Eventualiter sei die Verfügung vom 31. Mai 2011 aufzuheben und
es sei die Angelegenheit zur Durchführung von beruflichen Massnahmen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Schliesslich wird beantragt, es sei die
Beschwerdegegnerin anzuweisen, dem Beschwerdeführer die ganze Rente weiterhin
zu bezahlen, bis allfällige berufliche Massnahmen rentenausschliessend abgeschlossen
seien. Auch wird ein Gesuch um unentgeltliche Prozessführung bzw. Verbeiständung
gestellt. Zur Begründung wird im Wesentlichen ausgeführt, Dr. D._ habe die 50 %ige
Arbeitsunfähigkeit lediglich für einen Arbeitsversuch attestiert. Das habe der
Beschwerdeführer wie auch Dr. D._ gegenüber der Beschwerdegegnerin bereits
mehrfach erklärt. Dessen ungeachtet gehe die Beschwerdegegnerin gebetsmühlenartig
von dieser Arbeitsunfähigkeit aus, obwohl der Arbeitsversuch gescheitert sei und die
Arbeitsunfähigkeit wieder mit 100 % habe bestätigt werden müssen. Zudem hätten die
Gutachter zum Beginn der mutmasslichen Arbeitsfähigkeit festgehalten, über die
Arbeitsunfähigkeit vor 2006 könne nur spekuliert werden. Vor diesem Hintergrund sei
die Behauptung der Beschwerdegegnerin, die im Jahr 2000 angenommene
Arbeitsfähigkeit erweise sich als offensichtlich falsch, unhaltbar, mithin seien die
Voraussetzungen für eine Abänderung der damaligen rechtskräftigen Verfügung nicht
gegeben. Schwer verständlich sei schliesslich der Umstand, dass die
Beschwerdegegnerin die Vorgabe des Versicherungsgerichts unter entsprechender
Bestätigung durch die Gutachterstelle, vor einer neuen Rentenverfügung berufliche
Massnahmen durchzuführen, vollständig in den Wind schlage. Die angefochtene
Verfügung sei auch in diesem Licht nicht haltbar (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 8. August 2011 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt sie im Wesentlichen aus, in der
Verfügung vom 25. Mai 2000 sei die Arbeitsfähigkeit in einer ihm nach Art. 16 ATSG
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zumutbaren Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage nicht geprüft worden.
Zudem seien keine medizinischen Berichte eingeholt worden, die für solche Tätigkeiten
eine Arbeitsfähigkeitsschätzung umfassten. Sodann hätte die Beschwerdegegnerin die
ursprüngliche Verfügung erlassen, bevor die Ergebnisse der ab Mai 2000 begonnenen
beruflichen Abklärung festgestanden hätten. Demnach beruhe die Verfügung vom
25. Mai 2000 auf einem rechtswidrigen Einkommensvergleich sowie ungenügenden
medizinischen Unterlagen und sei im Sinn von Art. 53 Abs. 3 ATSG zweifellos unrichtig.
Diese Verfügung könne somit mittels Wiedererwägung aufgehoben werden. Zudem
könne nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts bereits eine zweifellose
Unrichtigkeit im Sinn von Art. 53 Abs. 2 ATSG vorliegen, wenn der relevante
Sachverhalt nicht richtig festgestellt worden sei. Dies spreche nicht gegen eine
zumindest formelle Rechtswidrigkeit der ursprünglichen Verfügung. Diese könne daher
auf jeden Fall mittels Wiedererwägung aufgehoben werden. Der Beschwerdeführer
habe vor seinen invalidisierenden Beschwerden vom August 1998 ein monatliches
Einkommen von Fr. 4'526.-- erzielt, was ein Jahreseinkommen von Fr. 58'838.--
ergebe. Dieser Betrag entspreche dem Valideneinkommen. Das Invalideneinkommen
sei, da der Beschwerdeführer nicht mehr arbeite, anhand der Lohnstrukturerhebungen
des Bundesamtes für Statistik zu berechnen. Der entsprechende Wert für 1998 betrage
Fr. 53'649.--. Der Beschwerdeführer könne vorwiegend nur noch leichte Hilfstätigkeiten
ausführen, demnach sei ein sogenannter Leidensabzug von 10 % vorzunehmen. Das
Invalideneinkommen betrage unter Berücksichtigung einer 70 %igen Arbeitsfähigkeit
somit Fr. 33'799.--, woraus ein Invaliditätsgrad von 43 % resultiere. Demnach habe der
Beschwerdeführer Anspruch auf eine Viertelsrente. Die angefochtene Verfügung sei
rechtmässig. Gemäss Rechtsprechung des Bundesgerichts sei schliesslich das auf
dem gebesserten Gesundheitszustand beruhende Invalideneinkommen unmittelbar an
rechenbar, wenn keine oder lediglich eine Hilfestellung in Form einer Arbeitsvermittlung
nötig erscheine. In einem solchen Fall sei es einer versicherten Person aufgrund der
Selbsteingliederungspflicht zumutbar, ohne weitere Eingliederungsmassnahmen unter
Ausklammerung einer allfälligen Arbeitsvermittlung eine Arbeitsstelle anzunehmen. Ge
mäss MEDAS-Gutachten seien dem Beschwerdeführer körperlich leichte wechsel
belastende Tätigkeiten ohne Zwangshaltung zu 70 % zumutbar. Solche Arbeiten seien
auf dem nach Art. 16 ATSG vorausgesetzten Arbeitsmarkt für Hilfsarbeiter vorhanden.
Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers habe die Beschwerdegegnerin somit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seine IV-Rente zu recht ohne vorherige Durchführung von Eingliederungsmassnahmen
herabgesetzt (act. G 5).
B.c Am 24. August 2011 wurde dem Gesuch des Beschwerdeführers um Bewilligung
der unentgeltlichen Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung
der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung) entsprochen (act. G 7).
B.d In der Replik vom 13. September 2011 hält der Beschwerdeführer an seinen An
trägen fest. Er lässt im Wesentlichen ausführen, es hätten - entgegen den
Ausführungen der Beschwerdegegnerin – medizinische Berichte von Dr. D._ und
dem Kantonalen Spital E._ vorgelegen. Die Verfügung sei im Übrigen zumindest im
Ergebnis richtig gewesen, so dass nicht von einer offensichtlichen Unrichtigkeit
ausgegangen werden könne. Die gutachterlich festgestellte Arbeitsfähigkeit in
adaptierter Tätigkeit stehe einerseits unter der Voraussetzung verschiedenster sehr
differenzierter Kautelen. Andererseits könne die medizinisch-theoretische
Leistungsfähigkeit tatsächlich gar nicht erbracht werden, ohne dass gemäss Gutachter
intensive medizinische und berufliche Massnahmen durchgeführt würden. Die
Beschwerdegegnerin trage überdies bei der Bemessung des Invalideneinkommens den
von den Gutachtern vorgeschriebenen Kautelen zu wenig Rechnung; auch sei der
Leidensabzug zu gering. Schliesslich sei zu sagen, dass es nach wie vor völlig
unverständlich sei, weshalb die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer keine
Eingliederungsmassnahmen zuerkenne, nachdem das Versicherungsgericht
ausdrücklich darauf hingewiesen habe, aus den Akten seien keine ausreichenden
Eingliederungsmassnahmen ersichtlich. Im MEDAS-Gutachten würde zudem auch
ausdrücklich darauf hingewiesen, dass berufliche Massnahmen notwendig und wichtig
seien (act. G 8).
B.e In der Folge verzichtete die Beschwerdegegnerin mit Schreiben vom
19. September 2011 auf eine Duplik (act. G 10).

Erwägungen:
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 1. Januar 2012 ist die IV-Revision 6a in Kraft getreten. Die Beschwerdegegnerin hat
die angefochtene Verfügung am 31. Mai 2011, also noch vor dem Inkrafttreten des
revidierten Rechts erlassen. Zu beurteilen ist der Sachverhalt, wie er sich bis zum Zeit
punkt des Erlasses dieser Verfügung entwickelt hat. Dieser Sachverhalt reicht, da die
Beschwerdegegnerin eine Verfügung aus dem Jahr 2000 aufhob, in eine Zeit vor
Inkrafttreten der 4. IV-Revision zurück. Für die Beurteilung der Verhältnisse vor dem
1. Januar 2012 sind die jeweils gültig gewesenen Bestimmungen (im Folgenden ange
führt) anzuwenden.
2.
2.1 Nach Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung ([IVG;
SR 831.20], in der bis 31. Dezember 2003 gültig gewesenen Fassung) besteht der An
spruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu zwei
Dritteln, derjenige auf eine halbe Rente, wenn sie wenigstens zur Hälfte invalid ist. Liegt
ein Invaliditätsgrad von mindestens 40 % vor, so besteht Anspruch auf eine Viertels
rente oder, sofern ein Härtefall gegeben ist, auf eine halbe Rente (Art. 28 Abs. 1 IVG).
Nach Art. 28 Abs. 1 IVG (in der ab 1. Januar 2004 gültigen Fassung) besteht der An
spruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu
70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei
einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % besteht Anspruch auf eine halbe Rente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die der Arzt oder die Ärztin
und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe
des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beschreiben und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die ver
sicherte Person arbeitsunfähig ist. Die ärztlichen Auskünfte sind eine wichtige
Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten
Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 261 E. 4, mit Hinweisen; Rz 3047 f
des vom Bundesamt für Sozialversicherung erlassenen Kreisschreibens über die
Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung = KSIH).
3.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Streitig und zu prüfen ist die Herabsetzung der seit 1. August 1999 laufenden ganzen
Rente auf eine Viertelsrente ab 1. August 2011.
3.1 Mit der in formelle Rechtskraft erwachsenen Verfügung vom 25. Mai 2000 hatte
die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer ab 1. August 1999 eine ganze Rente
bei einem Invaliditätsgrad von 100 % (IV-act. 26-1 ff., 18-3) zugesprochen. Sie war
dabei von einer Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers in der bisherigen Tätigkeit
als Maschinist Tiefbau von 100 % ausgegangen (IV-act. 17-1). – Mit der angefochtenen
Verfügung vom 31. Mai 2011 zog die Beschwerdegegnerin die Verfügung vom 25. Mai
2000 in Wiedererwägung und hob sie auf. Einer Beschwerde entzog sie die auf
schiebende Wirkung; eine Viertelsrente bei einem Invaliditätsgrad von 42 % wurde
weiterhin bewilligt. Die strittige Herabsetzung der Rente wird damit begründet, dass
aufgrund des MEDAS-Gutachtens eine 70 %ige Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten
Tätigkeit ausgewiesen sei. Gestützt auf einen Einkommensvergleich 2009 (Validen
einkommen: Fr. 65'039.--, Invalideneinkommen: Fr. 37'787.--) erleide der Beschwerde
führer eine rentenbegründende Erwerbseinbusse von 27'252.--, der Invaliditätsgrad be
trage somit 41.90 % (IV-act. 124, 128-2).
3.2 Die Zusprechung einer ganzen Invalidenrente gemäss Verfügung vom 25. Mai
2000 stützte sich allein auf die in den Berichten des Hausarztes Dr. D._ vom 7. April
1999 (IV-act. 8-1 f.) und 3. Januar 2000 (IV-act. 14) attestierte 100%igen
Arbeitsunfähigkeit aus somatischen Gründen ab 20. August 1998 (Diagnosen des
ärztlichen Zwischenberichts vom 3. Januar 2000: Status nach Coxitis mit
rezidivierender Hüftrevision sowie Implantation einer Hüft-Teilprothese links bei
Femurkopfnekrose). Die sich in den Akten befindenden Berichte des Kantonalen Spitals
E._ vom 29. September 1998, 20. Oktober 1998 sowie 25. Januar 1999 gaben jeweils
keine Arbeitsfähigkeitsschätzung ab (IV-act. 5-1 f., 4-1 ff, 3-1 ff.). Die von Dr. D._ im
ärztlichen Zwischenbericht vom 3. Januar 2000 attestierte ab 1. Februar 2000
bestehende bis zu 50 %ige Arbeitsunfähigkeit im Rahmen eines Arbeitsversuchs wurde
durch ihn bereits am 29. Februar 2000 telefonisch und ohne weitere Begründung
wieder zurückgenommen bzw. der Hausarzt postulierte am 29. Februar 2000 erneut
eine 100 %ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 20-3). Es ist daher zum einen festzustellen,
dass Dr. D._ seine Arbeitsunfähigkeitsschätzungen kaum begründete, was Zweifel an
deren Richtigkeit aufkommen liess. Zum andern bezieht sich die fragliche Einschätzung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Arbeitsfähigkeit einzig auf die angestammte Arbeit und nicht auf eine
leidensangepasste Verweisungstätigkeit, wie sie für die Bestimmung des
Invaliditätsgrades massgebend wäre. Nachdem berufliche Massnahmen im Jahr 2000
nicht durchgeführt werden konnten, hätte die "Arbeitsfähigkeitsrente" nicht bestätigt
werden dürfen; der Rentenanspruch hätte vielmehr aufgrund eines
Einkommensvergleichs nach Art. 28 Abs. 2 IVG (in der bis 31. Dezember 2002 gültig
gewesenen Fassung) ermittelt werden müssen. Die Beschwerdegegnerin unterliess
dies jedoch bis zur Einleitung eines Revisionsverfahrens im Jahr 2006 - und schloss
von der attestierten vollen Arbeitsunfähigkeit ohne Weiteres auf eine 100%ige
Invalidität. Die ursprüngliche Zusprechung einer ganzen Rente erfolgte damit nicht nur
in offenkundiger Verletzung des im Sozialversicherungsrecht allgemein geltenden
Untersuchungsgrundsatzes im Sinne mangelhafter Sachverhaltsabklärung (vgl. BGE
115 V 314 E. 4a/cc), sondern auch in unrichtiger Anwendung (vgl. dazu ARV 1997 Nr.
28 S. 158 Erw. 3c) der für die konkrete Invaliditätsbemessung einschlägigen
Rechtsregeln; namentlich bewegte sich die damalige Bejahung einer vollen Invalidität
nicht mehr im Bereich vertretbarer Ermessensausübung (welche die Annahme
zweifelloser Unrichtigkeit ausscheiden liesse; Urteil des EVG vom 19. Dezember 2002, I
222/02, Erw. 3.2 mit Hinweis auf RKUV 1998 Nr. K 990 S. 251; ARV 1982 Nr. 11 S. 74 f.
Erw. 2c; ZAK 1980 S. 496, 1965 S. 60). Die Zusprechung einer ganzen Rente gemäss
ursprünglicher Verfügung vom 25. Mai 2000 ist damit als zweifellos unrichtig
einzustufen (vgl. zum Ganzen auch SVR 2006 IV Nr. 21 S. 75 f. Erw. 1; Urteil des EVG
vom 17. August 2005, I 545/02). Da deren Berichtigung angesichts des geldwerten
Charakters der Leistung von erheblicher Bedeutung ist (vgl. BGE 119 V 475 E. 1c mit
Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts vom 4. Januar 2008, 9C_655/2007, E. 2), war die
Beschwerdegegnerin jedenfalls unter dem Blickwinkel der Wiedererwägung befugt,
darauf zurückzukommen.
4.
Die Beschwerdegegnerin stützt die angefochtene Verfügung in erster Linie auf das
polydisziplinäre MEDAS-Gutachten vom 4. Februar 2011 (IV-act. 121-1 ff.). Dieses
Gutachten beruht auf eigenständigen interdisziplinären Abklärungen, mithin auf
allseitigen Untersuchungen und ist damit für die streitigen Belange umfassend. Es
wurden die gesamte Krankheitsanamese aufgenommen und alle relevanten Vorakten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gesichtet sowie die vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden berücksichtigt.
Das Gutachten leuchtet in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in
der Beurteilung der medizinischen Situation ein. Vor diesem Hintergrund vermögen
auch die darin enthaltenen Schlussfolgerungen, namentlich die Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit, zu überzeugen. Das Gutachten erfüllt
mithin alle praxisgemässen Kriterien für beweiskräftige Gutachten (vgl. BGE 125 V 352
E. 3a), so dass darauf abzustellen ist. Ausschlaggebend ist, wie es sich mit der
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit verhält; dazu sind dem MEDAS-
Gutachten plausible Angaben zu entnehmen. Aufgrund der durchgeführten
Untersuchungen ergab sich, dass dem Beschwerdeführer eine körperlich leichte,
kurzzeitig auch mittelschwere Tätigkeit mit folgenden Einschränkungen zumutbar ist:
Die Tätigkeit sollte zu mindestens 2/3 sitzend ausgeübt werden können, insgesamt im
Idealfall wechselbelastend sein mit grösserem Sitzanteil als stehend-gehendem Anteil;
das Sitzen darf nicht mit ergonomisch ungünstigen Zwangshaltungen verbunden sein,
die Tätigkeit kann auch mit 100 %iger Präsenzzeit bei um 30 % reduzierter Leistung
ausgeübt werden, nur kurzfristig ist auch eine mittelschwere Leistung möglich, z.B. das
Heben einer Last von 10-15 kg (IV-act. 121-33). Diese Einschätzung ist nachvollziehbar
und überzeugend, zumal sie grundsätzlich mit dem Inhalt des orthopädischen
Teilgutachtens vom 5. Dezember 2006 des B._ übereinstimmt (IV-act. 63-16, Ziff. 3).
Auch sind ausreichend klare Aussagen der MEDAS-Gutachter vorhanden, dass der
Beschwerdeführer die medizinisch-theoretische Leistungsfähigkeit tatsächlich
erbringen kann (vgl. Ausführungen in der gutachterlichen Konsensbeurteilung, Ziffer 5.2
und 5.5, IV-act. 121-33 f.). Zusammenfassend ergibt sich somit, dass auf das MEDAS-
Gutachten abgestellt werden kann. Der Beweiswert des Gutachtens wird durch den
Beschwerdeführer denn auch nicht in Zweifel gezogen. Demnach ist er in einer
adaptierten Tätigkeit ganztags arbeitsfähig, wobei er eine um 30 % reduzierte Leistung
zu erbringen vermag. Dies entspricht einer 70 %igen Arbeitsfähigkeit.
5.
5.1 Im Rahmen des für die Bestimmung des Invaliditätsgrades massgebenden
Einkommensvergleichs ist folgendes auszuführen: Nach Lage der Akten wurde das
letzte, siebenjährige Arbeitsverhältnis des Beschwerdeführers mit der Firma F._ AG
per August 1998 allein aus gesundheitlichen Gründen aufgelöst und es deutet nichts
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
darauf hin, dass der Versicherte diese Stelle als Gesunder freiwillig aufgegeben hätte;
dies gilt umso mehr, als das dort erreichte Lohnniveau (1997: Fr. 58'750.20, IV-act. 9-2)
nicht als unterdurchschnittlich bezeichnet werden kann. Auch spricht nichts für einen
Stellenverlust aus strukturell-wirtschaftlichen Gründen. Es ist daher überwiegend
wahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer auch im Jahre 2011 (angefochtene
Verfügung) weiterhin für denselben Arbeitgeber tätig gewesen wäre, weshalb auf
dessen aussagekräftige Angaben zum vor der Gesundheitsschädigung tatsächlich
erzielten Lohn abzustellen ist (BGE 129 V 224 Erw. 4.3.1 mit Hinweis). Ausgehend vom
Bruttojahresverdienst von Fr. 58'750.20 im Jahre 1997 (Fragebogen Arbeitgeber vom
23. April 1999) ergibt dies unter Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung
(Männer) aufgerechnet auf das Jahr 2011 ein Valideneinkommen von Fr. 70'157.70
(Fr. 58'750.20 x 1.194).
5.2 Nach Eintritt der gesundheitlichen Beeinträchtigung stehen dem
Beschwerdeführer gemäss dem Begutachtungsergebnis noch verschiedene
Hilfstätigkeiten offen. Für die Bestimmung des Invalideneinkommens ist primär von der
beruflich-erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret
steht. Hat sie nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine ihr an
sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen (vgl. IV-act. 122-11), so können
nach der Rechtsprechung statistische Werte (Tabellenlöhne) beigezogen werden (BGE
129 V 472 E. 4.2.1, Bundesgerichtsentscheid i/S C. vom 19. Juni 2008, 9C_81/2008).
Im Jahr 2010 machte der statistische Durchschnittslohn für einfache und repetitive
Tätigkeiten von Männern Fr. 61'414.-- aus (vgl. Anhang 2 der vom Bundesamt für
Sozialversicherungen herausgegebenen Textausgabe 2012, S. 234, basierend auf der
Schweizerischen Lohnstrukturerhebung LSE des Bundesamtes für Statistik). Wird
dieser Betrag auf das Jahr 2011 aufgerechnet, ergibt sich ein Invalideneinkommen von
Fr. 62'013.85 (Fr. 61'414.-- x 1.009).
5.3 Bestehen im Einzelfall Anhaltspunkte dafür, dass die versicherte Person ihre ge
sundheitlich bedingte (Rest-) Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit
unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg verwerten kann, ist ein Abzug von den
Tabellenlöhnen zu machen. Mit dem behinderungsbedingten Abzug wird in der Praxis
dem Umstand Rechnung getragen, dass versicherte Personen, die in ihrer letzten
Tätigkeit körperliche Schwerarbeit verrichteten, nach Eintritt des Gesundheitsschadens
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auch für leichtere Arbeiten nur beschränkt einsatzfähig sind, dass sie – unabhängig von
der früher ausgeübten Tätigkeit – als gesundheitlich Beeinträchtigte im Rahmen leichter
Hilfsarbeitertätigkeiten nicht mehr voll leistungsfähig sind oder dass weitere
persönliche und berufliche Merkmale wie Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit,
Nationalität oder Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die
Höhe des Lohnes haben können. Bei der Bestimmung der Höhe des Abzugs ist der
Einfluss aller in Betracht fallenden Merkmale auf das Invalideneinkommen unter
Würdigung der Umstände im Einzelfall gesamthaft zu schätzen und insgesamt auf
höchstens 25 % des Tabellenlohnes zu begrenzen. (vgl. zum Ganzen: BGE 134 V 322
E. 5.2 und BGE 126 V 75). Gemäss MEDAS-Gutachten ist der Beschwerdeführer nur
für leichte bis maximal mittelschwere Tätigkeiten arbeitsfähig, idealerweise
wechselbelastend mit grösserem Sitzanteil als stehend-gehendem Anteil, unter
Vermeidung von ergonomisch ungünstigen Zwangshaltungen sowie mit nur kurzfristig
auszuübender mittelschwerer Leistung z.B. das Heben einer Last von 10 bis 15 kg (IV-
act. 121-33). Vorliegend erscheint angesichts der Einschränkungen des
Beschwerdeführers, die erhöhte Anforderungen an einen adaptierten Arbeitsplatz
stellen und eine entsprechende Rücksichtnahme des betreffenden Arbeitgebers
verlangen, ein Abzug als angemessen. Insgesamt ist damit zu rechnen, dass der
Beschwerdeführer im Vergleich mit Mitbewerbern einen gewissen Lohnnachteil in Kauf
zu nehmen hat. Es rechtfertigt sich daher, einen Abzug von insgesamt 10 %
vorzunehmen. Somit reduziert sich das Invalideneinkommen um 10 % von
Fr. 62'013.85 auf Fr. 55'812.45. Bei einer Arbeitsfähigkeit von 70 % ergibt sich ein
zumutbares Invalideneinkommen von Fr. 39'068.75.
5.4 Bei einem Valideneinkommen von Fr. 70'157.70 und einem zumutbaren Invaliden
einkommen von Fr. 39'068.75 beträgt der Invaliditätsgrad rund 44 %. Selbst bei einem
Tabellenlohnabzug von 15 % beliefe er sich auf lediglich 47 % und würde keinen An
spruch auf eine halbe Invalidenrente begründen. Damit hat der Beschwerdeführer An
spruch auf eine Viertelsrente der Invalidenversicherung.
5.5 Somit ist die Herabsetzung des Rentenanspruchs auf eine Viertelsrente zu
bestätigen, was im Lichte des gemäss Rz 5036 KSIH analog anwendbaren
Art. 88 Abs. 2 lit. a der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201)
auch hinsichtlich des Herabsetzungszeitpunkts (1. August 2011) gilt.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
Gemäss höchstrichterlicher Rechtsprechung muss sich die Verwaltung vor
Herabsetzung einer Invalidenrente vergewissern, ob sich ein medizinisch-theoretisch
wiedergewonnenes Leistungsvermögen ohne Weiteres in einem entsprechend tiefen
Invaliditätsgrad niederschlägt oder ob dafür – ausnahmsweise – im Einzelfall eine
erwerbsbezogene Abklärung (der Eignung, Belastungsfähigkeit usw.) und/oder die
Durchführung von Eingliederungsmassnahmen im Rechtssinne vorausgesetzt ist.
Dieser Prüfungsschritt zeitigt dort keine administrativen Weiterungen, wo die
gegenüber der Eingliederung vorrangige Selbsteingliederung direkt zur
rentenherabsetzenden arbeitsmarktlichen Verwertbarkeit des (wiedergewonnenen)
funktionellen Leistungsvermögens führt (Urteil des Bundesgerichts vom 26. April 2011,
9C_228/2010, E. 3.1.2). Zu prüfen bleibt daher, ob vor Erlass der angefochtenen
Verfügung hinreichende Eingliederungsbemühungen bzw. erwerbsbezogene
Abklärungen der Beschwerdegegnerin erfolgt sind.
6.1 Nach Art. 8 Abs. 1 IVG haben Invalide oder von einer Invalidität unmittelbar
bedrohte Versicherte Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese
notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im
Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern.
Dabei ist die gesamte noch zu erwartende Arbeitsdauer zu berücksichtigen. Die
Eingliederungsmassnahmen bestehen unter anderem in Massnahmen beruflicher Art
(Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung und
Arbeitsvermittlung; Art. 8 Abs. 3 lit. b IVG).
6.2 Ein Anspruch auf Umschulung (Art. 17 Abs. 1 IVG) stand unter Berücksichtigung
des Verhältnismässigkeitsgrundsatzes mit Blick auf den Ausbildungsstand des
Beschwerdeführers nicht im Raum: Der Beschwerdeführer kann keine in der Schweiz
anerkannte Berufsausbildung vorweisen. Seit seiner Einreise in die Schweiz war er als
Tiefbauarbeiter/Maschinist tätig (IV-act. 15-1). Auch wenn die letzte Beschäftigung im
Tiefbaubereich darauf schliessen lässt, dass der Beschwerdeführer sich eine gewisse
Kompetenz erarbeitet hat (absolvierte Fachkurse als Tiefbauspezialist), handelte es sich
jedoch nicht um eine Arbeit, die einen Lehrabschluss erforderte oder anderweitig der
jenigen einer mehrjährig ausgebildeten Fachperson gleichwertig ist (Urteil IV 2004/111
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 21. April 2005, Erw. 6c). Der
Beschwerdeführer ist somit als Hilfsarbeiter zu betrachten. Es muss der
voraussichtliche Erfolg einer Eingliederungsmassnahme in einem vernünftigen
Verhältnis zu ihren Kosten stehen (BGE 121 V 260 Erw. 2c mit Hinweisen), womit auch
unangemessen teure Ausbildungen vom Anspruch ausgeschlossen sind. Vorliegend
hätte eine Umschulung das Ergänzen der erforderlichen Kompetenz in der deutschen
Sprache (schriftliche Deutschkenntnisse sind offenbar bescheiden, IV-act. 15-1,
121-37) sowie eine erstmalige berufliche Ausbildung auf Kosten der IV vorausgesetzt.
Dies aber würde nicht nur dem Gleichwertigkeitsprinzip zuwider laufen, sondern
müsste ausserdem als unverhältnismässig gelten. Ein Umschulungsanspruch war und
ist somit zu verneinen. Damit entfiel auch ein Anspruch auf Berufsberatung (Art. 15
IVG).
6.3
6.3.1 Ein Anspruch auf Arbeitsvermittlung nach Art. 18 Abs. 1 IVG besteht, wenn
die allgemeinen Voraussetzungen für Leistungen der IV gemäss Art. 4 ff. und Art. 8 IVG
gegeben sind, d.h. insbesondere eine leistungsspezifische Invalidität (Art. 4 Abs. 2 IVG)
gegeben ist, die im Rahmen von Art. 18 Abs. 1 Satz 1 IVG schon bei relativ geringen
gesundheitlich bedingten Schwierigkeiten in der Suche nach einer Arbeitsstelle erfüllt
ist (BGE 116 V 81 E. 6a; AHI 2000 S. 70 E. 1a).
6.3.2 In den Akten finden sich keine Hinweise darauf, dass sich der
Beschwerdeführer bis zum Verfügungszeitpunkt am 31. Mai 2011 motiviert zur
Durchführung von Eingliederungsmassnahmen bzw. beruflichen Abklärungen gezeigt
hätte. So führte etwa die Eingliederungsverantwortliche der Beschwerdegegnerin im
"Verlaufsprotokoll" aus, dass der Beschwerdeführer in einem Gespräch vom 31. März
2008 mitgeteilt habe, sich bereits rund zwei Monate nach Anmeldung wieder beim
Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) abgemeldet zu haben. Dies, da das RAV
für ihn eine Demütigung sei. Er tätige keine Bewerbungen, könne gemäss eigener
Aussage nicht arbeiten, da er schwer krank sei. Ein zwischen RAV und
Eingliederungsberatung der IV-Stelle geplantes Einsatzprogramm als Vorbereitung für
eine künftige Stellensuche habe der Versicherte ausgeschlagen. Gemäss Eintrag "Tel.
Rückruf Frau H._ am 15. April 2008" habe sich der Beschwerdeführer auf nichts
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einlassen wollen (IV-act. 84-1 f.). In der Folge setzte die Beschwerdegegnerin den
Beschwerdeführer durch die an seinen Rechtsvertreter Dr. iur. Peter Sutter adressierte
Mitteilung vom 4. Juli 2008 ausdrücklich darüber in Kenntnis, dass sich der
Beschwerdeführer dazu entschieden habe, nichts mehr aktiv bei der Arbeitsvermittlung
zu unternehmen. Da seitens der Eingliederungsberatung der IV keine weiteren
Eingliederungsmassnahmen vorgenommen werden könnten, hätte die
Beschwerdegegnerin den Fall aus berufsberaterischer Sicht abgeschlossen. Sollte der
Beschwerdeführer sich aktiv an der Stellensuche beteiligen und sich dazu auch in der
Lage fühlen, könne er sich melden für weitere Eingliederungsmassnahmen. Im Übrigen
könne schriftlich eine beschwerdefähige Verfügung verlangt werden (IV-act. 91-1 f.).
Eine solche forderte jedoch weder der Beschwerdeführer noch sein Rechtsvertreter in
der Folge an. Im MEDAS-Gutachten vom 4. Februar 2011 wird sodann ausgeführt, der
Beschwerdeführer sei durch die Beschwerdegegnerin zur beruflichen Abklärung in die
Institution G._ geschickt worden. Er habe es dort nur einen halben Tag ausgehalten
(IV-act. 121-24). Mit der Verweigerung der aktiven Mitwirkung an Ein
gliederungsmassnahmen fehlte es mithin an einer wesentlichen Voraussetzung für
diese Massnahmen. Unter diesen Umständen war die Beschwerdegegnerin nicht ge
halten, weitere Eingliederungsmassnahmen bzw. berufliche Abklärungen zu tätigen.
Vor dem Hintergrund, dass beim Beschwerdeführer zumindest bis zum Erlass der
angefochtenen Verfügung der feste Wille zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit fehlte,
war Arbeitsvermittlung nicht sinnvoll durchführbar. Daher war der Anspruch auf
Arbeitsvermittlung bis zum Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung nicht gegeben.
6.4 Versicherte, die seit mindestens sechs Monaten zu mindestens 50 %
arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) sind, haben gemäss Art. 14a Abs. 1 IVG Anspruch auf
Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf berufliche Eingliederung, sofern dadurch
die Voraussetzungen für die Durchführung von Massnahmen beruflicher Art geschaffen
werden können. Als Integrationsmassnahmen gelten nach Abs. 2 gezielte auf die
berufliche Eingliederung gerichtete Massnahmen zur sozialberuflichen Rehabilitation
und Beschäftigungsmassnahmen. Gemäss der Botschaft des Bundesrats vom 22. Juni
2005 zur Änderung der IVG (5. Revision) sollen die Eingliederungsinstrumente
insbesondere für die Gruppe von psychisch kranken Personen durch die Schaffung von
Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung verbessert
werden. Mit den Integrationsmassnahmen sollen dort, wo sich dies im Rahmen eines
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
konkreten Eingliederungsplans als notwendig erweist, die Voraussetzungen für
weitergehende Massnahmen beruflicher Art geschaffen werden (BBl 2005 4523). Art.
14a Abs. 1 IVG trat im Rahmen der 5. IV-Revision erst am 1. Januar 2008 in Kraft.
Gemäss den im Recht liegenden Akten wurde der Anspruch auf
Integrationsmassnahmen bislang nicht geprüft. Da jedoch bis zum Erlass des MEDAS-
Gutachtens im Februar 2011 noch nicht rechtsgenüglich feststand, ob der
Beschwerdeführer die Voraussetzungen für diese Eingliederungsmassnahmen erfüllte,
kam die Prüfung von Integrationsmassnahmen bis zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht in
Frage. Dies, zumal bereits das B._-Gutachten vom 6. Mai 2007, welchem jedoch zu
einem späteren Zeitpunkt durch das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen der
Beweiswert abgesprochen wurde (IV-act. 111-1 ff.), dem Beschwerdeführer eine
70 %ige Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit attestierte (IV-act. 63-10). Damit wären
die Voraussetzungen für Integrationsmassnahmen (mindestens 50 %ige
Arbeitsunfähigkeit gemäss Art. 14a Abs. 1 IVG) nicht erfüllt gewesen, denn für die
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit ist bei langer Dauer, welche vorliegend ohne Weiteres
zu bejahen ist, auch die Arbeitsfähigkeit in angepassten Tätigkeiten mit zu
berücksichtigen (Art. 6 Satz 2 ATSG). Mit Erlass des MEDAS-Gutachtens 2011 war
dann zweifellos erstellt, dass das Erfordernis einer mindestens 50 %igen
Arbeitsunfähigkeit gemäss Art. 14a Abs. 1 IVG nicht gegeben war. Die Prüfung eines
Anspruchs auf Integrationsmassnahmen bis zum Zeitpunkt der angefochtenen
Verfügung entfiel somit ebenfalls zu Recht.
6.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass hinreichende Eingliederungs- bzw.
erwerbsbezogene Abklärungsbemühungen seitens der Beschwerdegegnerin vor Erlass
der angefochtenen Verfügung erfolgt sind. Jedoch konnte die bestehende Erwerbsun
fähigkeit nicht durch entsprechende Massnahmen rentenausschliessend verringert
werden, da u.a. der feste Wille des Beschwerdeführers zur Aufnahme einer Erwerbs
tätigkeit fehlte. Aktenmässig ist erstellt, dass die berufliche Integration vorliegend über
wiegend durch fehlende Eigenanstrengung des Beschwerdeführers behindert wurde.
So kann den Akten denn nicht entnommen werden und wird auch im
Beschwerdeverfahren nicht vorgebracht, dass der Beschwerdeführer in den nahezu
vier Jahren seit dem Vorbescheid vom 29. August 2007 (IV-act. 70-1 ff.), welcher ihn
erstmals mit einer Rentensenkung konfrontierte, mit Ausnahme von drei wohl
ausschliesslich auf Anweisung des RAV hin getätigte Bewerbungen (IV-act. 84-1)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
jemals eine Anstrengung zur Selbsteingliederung unternommen hat. Da der
Beschwerdeführer im Übrigen noch nicht 55-jährig ist und noch nicht 15 Jahre eine
Rente bezieht, zählt er zur Gruppe der Versicherten, denen im Regelfall zumutbar ist,
eine medizinisch attestierte Verbesserung der Arbeitsfähigkeit auf dem Weg der
Selbsteingliederung zu verwerten. Anhaltspunkte dafür, warum ihm dies objektiv nicht
möglich sein sollte, sind nicht ersichtlich (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 26. April
2011, 9C_228/2010, E. 3.6).
6.6 Sollte unterdessen ein ernsthaftes Interesse des Beschwerdeführers an
Arbeitsvermittlung bzw. an der Durchführung eines Arbeitsversuchs gemäss Art. 18a
IVG bestehen, steht es dem Beschwerdeführer frei, sich dafür wieder bei der
Beschwerdegegnerin zu melden.
7.
7.1 Nach dem Ausgeführten ist die Beschwerde abzuweisen.
7.2 Dem Beschwerdeführer wurde am 24. August 2011 die unentgeltliche
Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung) bewilligt. Wenn es seine wirtschaftlichen Verhältnisse gestatten,
kann er jedoch zur Nachzahlung der Gerichtskosten und der Auslagen für die
Vertretung verpflichtet werden (Art. 123 der Schweizerischen Zivilprozessordnung
[ZPO; SR 272] i.V.m. Art. 99 Abs. 2 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege
[VRP; sGS 951.1]).
7.3 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1’000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Dem unterliegenden Beschwerdeführer
sind die Gerichtskosten in der Höhe von Fr. 600.-- aufzuerlegen. Zufolge
unentgeltlicher Rechtspflege ist er von der Bezahlung zu befreien.
7.4 Der anwaltlich vertretene Beschwerdeführer hat aufgrund der bewilligten
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung sodann grundsätzlich Anspruch auf Ersatz der
Parteikosten, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung
der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen werden (Art. 61
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP). In einem Fall mit mittlerem Aufwand und
Schwierigkeitsgrad wird praxisgemäss eine Pauschalentschädigung von Fr. 3’500.--
ausgerichtet. Da der vorliegende Fall nicht als überdurchschnittlich aufwendig zu
qualifizieren ist, rechtfertigt sich in der vorliegenden Sache, die Entschädigung auf
pauschal Fr. 3’500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzulegen.
7.5 Der Staat ist zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung zu verpflichten, für die
Kosten der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers aufzukommen. Die
entsprechende Entschädigung ist gemäss Art. 31 Abs. 3 des Anwaltsgesetzes (AnwG;
sGS 963.70) um einen Fünftel zu kürzen. Somit hat der Staat den Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers mit Fr. 2’800.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer)
zu entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP