Decision ID: df88c124-0deb-4d8c-bf19-112d0996ca04
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am 7. September 2022 in die Schweiz ein und
trug dabei eine Verfahrenskarte der Republik Österreich (Bundesamt für
Fremdwesen und Asyl) mit sich. Am 9. September 2022 suchte er unter
Angabe eines Geburtsdatums vom (...) in der Schweiz um Asyl nach (Vor-
habens-Nr. [...]; nachfolgend: SEM-Akten [A]).
B.
Die Pflege des Bundesasylzentrums (BAZ) Region B._ behandelte
am 12. September 2022 einen starken Juckreiz des Beschwerdeführers,
welcher vermutlich auf verheilte Wunden zurückzuführen sei.
C.
Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der Europäischen Fingerabdruck-
Datenbank (Eurodac) vom 12. September 2022 ergab, dass er am (...)
2022 in Österreich bereits ein Asylgesuch gestellt hatte.
D.
Am 15. September 2022 unterzeichnete der Beschwerdeführer eine Voll-
macht zugunsten des Rechtsschutzes für Asylsuchende des Bundesasyl-
zentrums (BAZ) Region B._.
E.
Am 17. Oktober 2022 führte das SEM eine Erstbefragung für unbegleitete
minderjährige Asylsuchende durch (Protokoll EB UMA [A12]). Dabei führte
der aus C._ (Distrikt D._/Provinz Kabul) stammende Be-
schwerdeführer aus, er sei am (...) 2022 von Afghanistan nach Pakistan
ausgereist und ungefähr (...) 2022 über Ungarn nach Österreich gelangt,
wo seine Fingerabdrücke gegen seinen Willen registriert worden seien. Da-
raufhin wurde ihm das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintreten-
sentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Österreich ge-
währt, welches gemäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (Dub-
lin-III-VO), grundsätzlich für die Behandlung seines Asylgesuchs zuständig
sei. Die grundsätzliche Zuständigkeit dieses Mitgliedstaates wurde vom
Beschwerdeführer nicht bestritten. Jedoch machte er geltend, nicht nach
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Österreich zurückkehren zu wollen, da Minderjährige in der Schweiz bes-
ser behandelt würden. Hinsichtlich seines Gesundheitszustandes infor-
mierte er, dass er gesund sei.
F.
F.a Am 17. Oktober 2022 stellte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer
spezifische Fragen bezüglich der bevorstehenden medizinischen Altersab-
klärung.
F.b Mit Bericht vom 4. November 2022 stellte das Institut für Rechtsmedi-
zin der Universität C._ der Vorinstanz das Gutachten zur Altersein-
schätzung zu. Dieses hält fest, dass das zu berücksichtigende Mindestalter
mit 19 Jahren zu benennen sei (Volljährigkeit bestätigt), das angegebene
Alter von (...) erscheine daher ausgeschlossen.
F.c Am 4. November 2022 stellte das SEM der Rechtsvertretung elektro-
nisch das Gutachten zur Alterseinschätzung zu. Mit E-Mail vom 8. Novem-
ber 2022 forderte das SEM die Rechtsvertretung auf, hierzu Stellung zu
nehmen und führte gleichzeitig aus, aufgrund dieser Erkenntnisse beab-
sichtige es, das Geburtsdatum im Zentralen Migrationsinformationssystem
(ZEMIS) auf den 1. Januar 2003 – unter Anbringung eines Bestreitungs-
vermerks – anzupassen.
F.d Mit Eingabe vom 10. November 2022 nahm der Beschwerdeführer
Stellung zum Altersgutachten und erklärte, er sei mit der beabsichtigten
Altersanpassung nicht einverstanden, weshalb im ZEMIS zwingend ein Be-
streitungsvermerk anzubringen sei. Ferner habe die Vorinstanz eine dies-
bezügliche Verfügung zu erlassen.
G.
Am 9. November 2022 ersuchte das SEM die österreichischen Behörden
gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO um Wiederaufnahme des
Beschwerdeführers. Dieses Gesuch blieb innert der vorgesehenen Frist
von Art. 25 Dublin-III-VO unbeantwortet.
H.
Mit Eingabe vom 21. November 2022 reichte der Beschwerdeführer jeweils
eine Kopie einer Tazkira, eines Impfbüchleins und eines Auszugs "Civil Re-
gistration" des Islamischen Emirats von Afghanistan (ohne Übersetzungen)
beim SEM ein. Aus diesen Unterlagen gehe eindeutig hervor, dass er min-
derjährig und die Altersanpassung nicht rechtens sei.
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I.
Mit Verfügung vom 25. November 2022 (eröffnet am 28. November 2022)
trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine Weg-
weisung nach Österreich und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
Gleichzeitig händigte es die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenver-
zeichnis aus und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Ent-
scheid komme keine aufschiebende Wirkung zu. Schliesslich hielt es fest,
das Geburtsdatum im ZEMIS laute auf den 1. Januar 2003 (mit Bestrei-
tungsvermerk).
J.
Am 28. November 2022 beendete die Rechtsvertretung das Mandatsver-
hältnis.
K.
Mit Beschwerde vom 2. Dezember 2022 (Poststempel) an das Bundesver-
waltungsgericht beantragt der Beschwerdeführer, die Verfügung vom
25. November 2022 sei aufzuheben und auf sein Asylgesuch sei einzutre-
ten. In prozessualer Hinsicht sei die aufschiebende Wirkung sowie die un-
entgeltliche Prozessführung zu gewähren und auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses sei zu verzichten.
L.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 5. Dezember 2022 setzte die In-
struktionsrichterin den Vollzug der Überstellung des Beschwerdeführers
gestützt auf Art. 56 VwVG per sofort einstweilen aus.
M.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
5. Dezember 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG und Art. 31 ff. VGG). Die
übrigen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG],
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Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG], und Form [Art. 52 Abs. 1 VwVG]) sind offen-
sichtlich erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Beschwerde richtet sich sowohl gegen den Nichteintretensentscheid
gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG als auch implizit gegen die ZEMIS-
Eintragung betreffend das Geburtsdatum des Beschwerdeführers. Das
Verfahren betreffend ZEMIS-Datenbereinigung wird praxisgemäss vom
vorliegend zu behandelnden Dublin-Verfahren getrennt und separat unter
der Verfahrensnummer E-5613/2022 geführt. Das sinngemässe Begehren
auf Änderung des im ZEMIS vermerkten Geburtsdatums (Dispositivziffer 6
der angefochtenen Verfügung) bildet somit nicht Gegenstand des vorlie-
genden Verfahrens.
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
Die Beschwerde erweist sich – wie im Folgenden zu erläutern ist – als of-
fensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin, ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit
summarischer Begründung zu behandeln ist (Art. 111 Bst. e und Art. 111a
Abs. 1 und Abs. 2 AsylG).
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
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Im Falle eines Nichteintretens verfügt das SEM in der Regel die Wegwei-
sung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8
bis Art. 15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23 bis Art. 25 Dublin-III-VO) findet grund-
sätzlich keine (erneue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO
mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Aus einem entsprechenden Eintrag in der Eurodac-Datenbank ist zu
schliessen, dass der Beschwerdeführer am (...) 2022 in Österreich ein ers-
tes Asylgesuch gestellt hat. Gestützt auf seine Aussagen und auf die ös-
terreichische Verfahrenskarte ist davon auszugehen, dass das Verfahren
in Österreich noch nicht beendet ist. Die österreichischen Behörden haben
innert festgelegter Frist (Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO) dem Übernahmeer-
suchen der Vorinstanz keine Antwort erteilt, weshalb davon auszugehen
ist, dass sie dem Gesuch stattgegeben haben (Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-
VO). Die Zuständigkeit Österreichs gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst b Dublin-
III-VO ist somit grundsätzlich gegeben. Das Vorbringen des Beschwerde-
führers, er habe in Österreich kein Asylgesuch stellen wollen, vermag da-
ran nichts zu ändern. Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden näm-
lich kein Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen
(vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3).
5.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund
dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden
kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
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5.4 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch "aus hu-
manitären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
6.
6.1 Im Falle einer unbegleiteten minderjährigen Person ohne familiäre An-
knüpfungspunkte (zu einem anderen Mitgliedstaat) ist gemäss Art. 8 Abs. 4
Dublin-III-VO der Staat zuständig, in welchem der Antrag auf internationa-
len Schutz gestellt wird, wobei von der Situation zum Zeitpunkt der ersten
Antragstellung in einem Mitgliedstaat ausgegangen wird (vgl. Art. 7 Abs. 2
Dublin-III-VO). Als Minderjähriger gilt ein Drittstaatsangehöriger unter 18
Jahren (Art. 2 Bst. i Dublin-III-VO; Art. 1a Bst. d AsylV 1). Unbegleitete Min-
derjährige sind vom Wiederaufnahmeverfahren ausgenommen (vgl.
FILZWIESER/SPRUNG, Dublin-III-VO, Wien 2014, Kap. 15 f. zu Art. 8,
m.w.H.).
6.2 Vorliegend bestünde deshalb bei Glaubhaftigkeit der Minderjährigkeit
des Beschwerdeführers eine der grundsätzlichen Wiederaufnahmezustän-
digkeit Österreichs entgegenstehende vorrangige Zuständigkeit der
Schweiz (vgl. statt vieler etwa die Urteile des BVGer F-6213/2020 vom
5. Januar 2021 E. 3.4; F-5625/2020 vom 18. November 2020; F-
3255/2020 vom 2. Juli 2020 E. 5.2). Vor diesem Hintergrund ist zunächst
zu prüfen, ob der Beschwerdeführer minderjährig ist und mithin die
Schweiz für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens zu-
ständig wäre.
6.2.1. Die Minderjährigkeit ist von der beschwerdeführenden Person zu-
mindest glaubhaft zu machen (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der
Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 31 E. 5, 6.2 und 7.3; 2004 Nr. 30
E. 5 f.; 2001 Nr. 23 E. 6c; 2000 Nr. 19 E. 8b).
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6.2.2. Zur Begründung seines Nichteintretensentscheides qualifizierte das
SEM die Angaben des Beschwerdeführers hinsichtlich seines Alters – und
damit auch hinsichtlich der vorgebrachten Minderjährigkeit – als unglaub-
haft, da diese insgesamt ungenau und vage ausgefallen seien. Ferner be-
stätige das Gutachten zur Altersbestimmung, welches auf einem 3-Säule-
Modell (radiologische Untersuchung der linken Hand sowie der Schlüssel-
beine und eine zahnärztliche Untersuchung) basiere, die Volljährigkeit des
Beschwerdeführers. Die eingereichten Dokumente würden weder über Si-
cherheitsmerkmale verfügen noch im Original vorliegen. Weiter seien sol-
che Dokumente in Afghanistan leicht käuflich erhältlich respektive leicht
fälschbar.
Für die detaillierte Begründung wird auf die Akten verwiesen.
6.2.3. Demgegenüber besteht der Beschwerdeführer in seiner Be-
schwerde darauf, dass er am (...) geboren und daher minderjährig sei. Die-
ses Datum sei auch auf der beigelegten Kopie seiner Tazkira vermerkt,
welche echt sei und ein Onkel in Afghanistan beschafft habe. Das Original
der Tazkira und des Impfbüchleins seien beim Beschwerdeführer.
6.2.4. Nach Durchsicht der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht
zum Schluss, dass die Erwägungen des SEM nicht zu beanstanden sind.
Abgesehen von der jeweils korrekten Angabe des angeblichen Geburtsda-
tums im afghanischen sowie im gregorianischen Kalender sind die weite-
ren Aussagen – mit Blick auf seine relativ langjährige Schulbildung – unge-
nau (vgl. z.B. die Aussage, er sei heute "[...] Jahre und ein paar Monate"
alt [A12 Ziff. 1.06]) und pauschal (vgl. die Umschreibung, wie er seine
Tazkira erhalten habe [A12 Ziff. 1.06]). Ausserdem hält das Gutachten zur
Altersschätzung relativ klar fest, dass das angegebene Alter ausgeschlos-
sen und von der Volljährigkeit des Beschwerdeführers ausgegangen wer-
den könne. Ein solches Altersgutachten ist im Übrigen als deutliches Indiz
für die Volljährigkeit des Beschwerdeführers zu werten (vgl. Urteil des
BVGer D-5307/2022 vom 28. November 2022 E. 5.2.3 m.w.H.).
Der Beschwerdeführer hatte sodann angegeben, die ursprüngliche Tazkira
sei durch (...) Polizisten auf der Flucht verbrannt worden (A12 Ziff. 1.06)
und eine Kopie dieses ursprünglichen Dokuments existiere nicht (A12
Ziff. 4.03). Demnach müsste die im November 2022 eingereichte Tazkira
neu ausgestellt worden sein. Vor diesem Hintergrund sind verschiedene
Ungereimtheiten erkennbar. Zunächst fällt auf, dass die Tazkira sowie das
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Impfbüchlein nur in Kopie eingereicht wurden, obwohl – wie in der Be-
schwerde ausgeführt – die Originale vorhanden wären. Dies ist nur schwer-
lich mit der Mitwirkungspflicht des Beschwerdeführers (Art. 8 Abs. 1 Bst. b
und Bst. d AsylG) vereinbar. Ferner scheint sonderbar, dass die neue
Tazkira in äusserst kurzer Zeit nach der Erstellung des Altersgutachtens im
Ausland beschafft worden sei. Ausserdem ist gemäss Kenntnissen des
Bundesverwaltungsgerichts erforderlich, dass für die Ausstellung einer
Tazkira die betroffene Person persönlich zu erscheinen habe – dies im ei-
genen Bezirk oder Provinzbüro als auch in der Zentrale der zuständigen
Behörde in Kabul (vgl. Lifos/Migrationsverket, Landinformation: Afghanis-
tan – Medborgarskap, folkbokföring och identitetshandlingar [Version 2.1],
22. September 2020 [200922700.pdf]). Schliesslich bleibt zu bemerken,
dass auch wenn die Tazkira im Original vorhanden wäre, diese – wenn
auch nicht gar keinen – nur einen reduzierten Beweiswert aufweist (vgl.
BVGE 2019 I/6 E. 6.2).
6.3 In Würdigung der gesamten Umstände ist es dem Beschwerdeführer
nicht gelungen, seine angebliche Minderjährigkeit glaubhaft zu machen.
Demzufolge fällt eine Zuständigkeit der Schweiz gestützt auf Art. 8 Abs. 4
Dublin-III-VO ausser Betracht.
7.
7.1 Nach Gesagten geht das SEM zu Recht unter Anwendung von Art. 18
Abs. 1 Bst. b und Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO von der Zuständigkeit Öster-
reichs aus. Der Beschwerdeführer hat bezüglich seiner Überstellung in die-
ses Land lediglich angeführt, dass Minderjährige in der Schweiz besser
behandelt würden. Davon ausgehend, dass der Beschwerdeführer nicht
minderjährig ist, läuft dieses Kriterium ins Leere.
7.2 Österreich kommt sodann seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen
aus der EMRK dem Übereinkommen vom 10. Dezember 1984 gegen Fol-
ter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung
oder Strafe (FoK, SR 0.105) und dem Abkommen vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie dem Zusatz-
protokoll der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) grundsätzlich nach.
Im Weiteren darf davon ausgegangen werden, Österreich kenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
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26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben.
7.3 Systemische Mängel liegen in Österreich offenkundig nicht vor; eine
Übernahme der Zuständigkeit zur Behandlung des Asylgesuchs durch die
Schweiz in Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO fällt somit nicht in
Betracht.
8.
8.1 Es bleibt zu prüfen, ob die Vorinstanz trotz der grundsätzlichen Zustän-
digkeit Österreichs das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz
Dublin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 AsylV 1, hätte ausüben müs-
sen. Zwar kann die Vermutung, Österreich halte seine völkerrechtlichen
Verpflichtungen nicht ein, im Einzelfall widerlegt werden. Dafür bedarf es
aber konkreter und ernsthafter Hinweise, die gegebenenfalls vom Betroffe-
nen glaubhaft darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.).
8.2 Der Beschwerdeführer konnte kein konkretes und ernsthaftes Risiko –
auch nicht aus medizinischer Sicht – dartun, wonach seine Wegweisung
nach Österreich die Verletzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge
hätte. Es ist auch kein Ermessensmissbrauch des SEM hinsichtlich allfälli-
ger humanitärer Gründe ersichtlich. Es besteht demnach kein Grund für die
Anwendung von Art. 17 Dublin-III-VO. Somit bleibt Österreich der für die
Behandlung des Asylgesuchs des Beschwerdeführers zuständige Mitglied-
staat gemäss der Dublin-III-VO.
9.
Der Beschwerdeführer bringt auf Rechtsmittelebene vor, er habe in die
Schweiz kommen wollen, weil hier sein Onkel namens E._ (N [...]
[Anmerkung des Gerichts]) im Kanton F._ und ein minderjähriger
Cousin im Kanton G._ leben würden. Mit seinem Cousin
H._ sei er in die Schweiz gereist; dieser sei minderjährig und dürfe
in der Schweiz bleiben. Dabei handelt es sich nicht um Familienangehörige
gemäss Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO. Auch findet im Rahmen des Wiederauf-
nahmeverfahrens, wie an anderer Stelle bereits erwähnt, keine erneute
Prüfung der Zuständigkeitskriterien statt. Sodann kann sich der Beschwer-
deführer offensichtlich auch nicht auf ein Abhängigkeitsverhältnis gemäss
Art. 16 Dublin-III-VO berufen, zumal ein solches von Vornherein nur zwi-
schen dem Antragsteller und seinen Kindern, Geschwistern oder Elterntei-
len begründet werden kann und eine bereits im Herkunftsland bestandene
familiäre Bindung voraussetzt.
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10.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und
hat in Anwendung von Art. 44 AsylG die Überstellung nach Österreich an-
geordnet. Die angefochtene Verfügung erweist sich als rechtmässig und
die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 5. Dezember 2022 angeord-
nete Vollzugsstopp dahin und die Gesuche um Erteilung der aufschieben-
den Wirkung der Beschwerde und um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses sind gegenstandslos geworden.
11.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind, womit die kumulativen
Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind. Die Verfah-
renskosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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