Decision ID: 763433fa-93ef-4616-b9f1-ec0dee55334b
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ erlitt am ._ 2002 als Fahrzeuglenker mit seiner Familie einen schweren
Verkehrsunfall bei dem sein jüngster, fünfjähriger Sohn verstarb (siehe hierzu die
Situationsanalyse vom 10. März 2004, UV-act. 13, den Medienbericht vom ._ 2002,
UV-act. 190-477 f., und den Rapport der Verkehrsabteilung-Aussenstelle vom ._
2002, UV-act. 190-498 ff.). Der Versicherte zog sich beim Unfall eine leichte
traumatische Hirnverletzung, eine HWS-, BWS- sowie LWS-Kontusion, eine
Gesichtskontusion und eine vollständige VKB-Ruptur Knie links im mittleren Drittel zu
(siehe den Austrittsbericht der Rehaklinik Bellikon vom 27. Mai 2004, wo sich der
Versicherte vom 5. bis 26. Mai 2004 zur stationären Behandlung befand, UV-
act. 190-332; zu einer weiteren stationären Rehabilitation in der Rehaklinik Bellikon
vom 20. Oktober bis 17. November 2004 siehe den Austrittsbericht vom 17. November
2004, UV-act. 190-275 ff.). Aufgrund seiner unselbstständigen Erwerbstätigkeit als
B._ war er gegen die Folgen des Unfalls vom ._ 2002 bei der Suva versichert (zur
Unfallmeldung vom 14. Januar 2003 siehe UV-act. 190-506). Diese übernahm die
Kosten der Heilbehandlung und erbrachte Taggeldleistungen. Am 16. März 2006
erstattete Dr. med. C._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der Suva im
Rahmen einer interdisziplinären Begutachtung ein Teilgutachten über den Versicherten.
Er diagnostizierte im Wesentlichen eine mittelgradige depressive Episode mit
somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11). Aus psychiatrischer Sicht sei der Versicherte
sowohl in seinem angestammten Beruf als auch für jede andere berufliche Tätigkeit
nicht arbeitsfähig (UV-act. 46). Im interdisziplinären Gesamtgutachten der AEH Zentrum
A.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
für Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene AG, Zürich, vom 19. Mai 2006 wurden
zusätzlich als Unfallfolgen ein HWS-Distorsionstrauma mit im Vordergrund stehenden
persistierenden zervikovertebralen Beschwerden, eine leichte traumatische
Hirnverletzung, Gesichtskontusionen und eine vollständige vordere Kreuzbandruptur
links im mittleren Drittel, mit/bei posttraumatischem Knochenmarksödem und leicht
verdicktem medialem Seitenband diagnostiziert. Aus rheumatologischer Sicht wurde
für die Tätigkeit als B._ eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt. Eine
leidensangepasste Tätigkeit wurde bei einem vermehrten Pausenbedarf von täglich
2 Stunden aus rheumatologischer Sicht als zumutbar erachtet. Interdisziplinär wurde
sowohl für die angestammte als auch für eine leidensangepasste Tätigkeit eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt (UV-act. 52). Der im Psychiatrischen Zentrum
D._ behandelnde Oberarzt Dr. med. E._ berichtete am 1. Februar 2007, der
Versicherte leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung mit zusätzlich
schweren depressiven Symptomen (ICD-10: F43.1) und sei deswegen vollständig
arbeitsunfähig (UV-act. 56). Auf der Grundlage der mit dem Versicherten am 23. April
2007 geschlossenen Vereinbarung (UV-act. 70) sprach die Suva dem Versicherten mit
Wirkung ab 1. Mai 2007 eine Invalidenrente für eine 80%ige Erwerbsunfähigkeit zu
(Verfügung vom 22. Mai 2007, UV-act. 72).
Dr. E._ führte im Bericht vom 29. Mai 2008 aus, der Behandlungsverlauf sei
recht erfreulich. Aufgrund der langsamen Besserung hätten die Konsultationen
ausgedünnt werden können. Derzeit zeige sich eine Tendenz zu einer andauernden
Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10: F62; UV-act. 101).
A.b.
Zwecks Beurteilung des Integritätsschadens wurde der Versicherte am 27. August
2008 von Dr. med. F._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
Versicherungspsychiatrischer Dienst der Suva, untersucht. Dieser gelangte zur
Einschätzung, dass der Versicherte an einer Reaktion auf schwere Belastung (ICD-10:
F43.8) leide und der Integritätsschaden 40 % betrage (UV-act. 109). Gestützt auf diese
Beurteilung sprach die Suva dem Versicherten mit Verfügung vom 23. Dezember 2008
eine entsprechende Integritätsentschädigung zu (UV-act. 110).
A.c.
Im Zwischenbericht vom 8. Oktober 2013 gab der behandelnde Dr. med. G._,
Facharzt für Allgemeinmedizin, an, beim Versicherten bestehe ein Zustand nach
A.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
«Trauma – Autounfall», «dadurch generalisierte Neuro-Myalgie» «psycho-emotionale
Kränkung». Der Verlauf sei stabil und die Prognose gut. Es fänden alle 4 bis 6 Monate
Konsultationen statt (UV-act. 144). In der Folge leitete die Suva von Amtes wegen eine
Revision ein (siehe das Arbeitsblatt vom 7. November 2013, UV-act. 145), welche sie
allerdings ohne weitere medizinische Abklärungen abschloss, da «der dazu noch
zusätzlich notwendige Aufwand nach administrativer Einschätzung unverhältnismässig
hoch» sei und auch «nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, ob ein valides Ergebnis
durch weitere Abklärungen vorgelegt werden könnte» (UV-act. 148).
Im Rahmen eines nächsten von Amtes wegen eingeleiteten Revisionsverfahrens
beauftragte die Suva Dr. med. H._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, mit
einer Verlaufsbegutachtung des Versicherten. Eine erste Untersuchung fand am
12. Dezember 2018 statt (UV-act. 260-2). Der Rechtsvertreter des Versicherten schrieb
am 13. Dezember 2018 der Suva, seine Klientschaft habe ihm mitgeteilt, dass diese
von Dr. H._ um Haar- und Urinproben gebeten worden sei. Wie ihm der Versicherte
und seine Ehefrau mitgeteilt hätten, seien sie – nicht zuletzt auch wegen eines
bestehenden Sprachproblems – damit überfordert gewesen und hätten die Proben
offenbar verweigert, was er sehr bedaure. Seine Klientschaft habe sich den Haar- und
Urinproben keinesfalls entziehen wollen. Er bitte daher die Suva, einen neuen Termin
anzuberaumen (UV-act. 200). Am 25. Januar 2019 fanden die Laboruntersuchung und
eine neuropsychologische Untersuchung durch lic. phil. I._, Fachpsychologe für
Neuropsychologie FSP, statt. Eine weitere Besprechung mit Dr. H._ erfolgte am
26. April 2019 (UV-act. 260-1; siehe zum neuropsychologischen Bericht vom 21. Juni
2019 UV-act. 265). Die am 25. März 2019 durchgeführte bildgebende Abklärung (MRI
Neurocranium nativ) ergab eine regelrechte Darstellung des Zerebrums (UV-act. 262).
Dr. H._ gelangte zur Einschätzung, dass sich aus rein psychiatrischer und
neuropsychologischer Sicht keine unfallkausalen Einschränkungen begründen liessen.
Er beschrieb eine nicht authentische Beschwerden- und Leistungspräsentation bei
objektiv fehlenden Hinweisen auf Einschränkungen. Zum Gesundheitsverlauf führte er
aus, dass bereits im Bericht des Psychiatrischen Zentrums D._ ein hohes
Funktionsniveau beschrieben werde. Des Weiteren führe Dr. G._ in einem Bericht
vom 8. Oktober 2013 einen stabilen Verlauf mit guter Prognose auf. Spätestens mit
A.e.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Dagegen erhob der Versicherte am 18. Mai 2020 Einsprache (UV-act. 288), welche die
Suva am 12. September 2020 abwies. Einer allfälligen Beschwerde entzog sie die
aufschiebende Wirkung (UV-act. 293).
C.
dem Bericht vom 29. Mai 2008 sei nochmals von einer Besserung auszugehen, die in
etwa dem aktuellen Zustand entsprechen würde (UV-act. 260).
Gestützt auf die gutachterliche Beurteilung, wonach keine psychische Störung
mehr vorliegen würde, verfügte die Suva am 15. April 2020 die Herabsetzung der
Invalidenrente auf 14 % ab 1. Mai 2020. Dem Invaliditätsgrad legte die Suva die
unfallbedingten somatischen Beeinträchtigungen zugrunde, die zu einer 100%igen
Arbeitsunfähigkeit bezogen auf die angestammte Tätigkeit als B._, jedoch zu keiner
quantitativen Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten
führen würden (UV-act. 282).
A.f.
Gegen den Einspracheentscheid vom 12. September 2020 erhob der
Beschwerdeführer am 12. Oktober 2020 Beschwerde. Er beantragte dessen Aufhebung
und es sei ihm «weiterhin» eine «ganze IV-Rente» zuzusprechen (richtig wohl: weiterhin
eine Invalidenrente entsprechend einer 80%igen Invalidität). Eventualiter sei eine zweite
versicherungsexterne psychiatrisch-neuropsychologische Begutachtung mit
einwandfreier Übersetzung in Auftrag zu geben. Subeventualiter seien ihm die
gesetzlichen Leistungen zuzusprechen. Der Beschwerde sei die aufschiebende
Wirkung zu erteilen; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Im Wesentlichen
machte der Beschwerdeführer geltend, das Gutachten von Dr. H._ beruhe auf
zahlreichen Übersetzungsmängeln und sei daher nicht beweiskräftig. Des Weiteren
bestritt er das Vorliegen einer für eine Rentenanpassung erforderlichen
Sachverhaltsänderung und hielt der Rentenherabsetzung die
invalidenversicherungsrechtliche bundesgerichtliche Rechtsprechung betreffend die
Unzumutbarkeit einer Selbsteingliederung bei mindestens 15-jährigem Rentenbezug
entgegen. Eine Rentenherabsetzung dürfe deshalb erst nach der Durchführung von
Wiedereingliederungsmassnahmen erfolgen (act. G 1).
C.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Gegenstand des angefochtenen Einspracheentscheids bildet ausschliesslich die
Herabsetzung der (definitiven) Invalidenrente auf den 1. Mai 2020. Nebst dem
Rentenantrag ersucht der Beschwerdeführer subeventualiter um Zusprache der
gesetzlichen Leistungen (act. G 1, S. 2, Rechtsbegehren Ziff. 4). Nachdem dieser
Subeventualantrag nicht näher begründet wurde, bleibt unklar, auf welche Leistungen
er – nebst dem Anspruch auf eine (definitive) Rente – genau abzielt. Weiterungen hierzu
erübrigen sich, da auf die entsprechenden Leistungsanträge mangels
Anfechtungsgegenstands ohnehin nicht einzutreten ist. Nachfolgend zu prüfen ist
ausschliesslich die von der Beschwerdegegnerin auf den 1. Mai 2020 angeordnete
Rentenherabsetzung.
Die Beschwerdegegnerin beantragte in der Beschwerdeantwort vom 4. November
2020 die Abweisung der Beschwerde und brachte vor, die Voraussetzungen für eine
Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde seien nicht erfüllt. Die
vom Beschwerdeführer ins Feld geführte Rechtsprechung des Bundesgerichts zur
Unzumutbarkeit der Selbsteingliederung bei langjährigem Rentenbezug finde im
Unfallversicherungsrecht keine Anwendung (act. G 3).
C.b.
In der Replik vom 21. Januar 2021 hielt der Beschwerdeführer unverändert an den
Beschwerdeanträgen fest (act. G 7).
C.c.
Mit Zwischenentscheid vom 25. Januar 2021, UV 2020/80 Z, wies das
Versicherungsgericht das Gesuch des Beschwerdeführers um Wiederherstellung der
aufschiebenden Wirkung ab (act. G 8).
C.d.
Die Beschwerdegegnerin hielt in der Duplik vom 25. Februar 2021 an der von ihr
beantragten Beschwerdeabweisung fest (act. G 10).
C.e.
Ist die versicherte Person infolge des Unfalls zu mindestens 10 % invalid (Art. 8
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG;
SR 830.1]), so hat sie Anspruch auf eine Invalidenrente.
1.1.
Gemäss Art. 17 Abs. 1 ATSG wird, wenn sich der Invaliditätsgrad einer
Rentenbezügerin oder eines Rentenbezügers erheblich ändert, die Rente von Amtes
1.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Zunächst ist die zwischen den Parteien umstrittene Frage zu prüfen, ob der
Sachverhalt in medizinischer Hinsicht mit dem Gutachten von Dr. H._ vom
11. Dezember 2019 (UV-act. 260, einschliesslich der zusätzlichen
neuropsychologischen Beurteilung vom 21. Juni 2019, UV-act. 265) spruchreif
abgeklärt worden ist. Demgegenüber ist der von der Beschwerdegegnerin
berücksichtigte somatische Gesundheitszustand vom Beschwerdeführer unbestritten
geblieben und es ergeben sich aus den Akten auch keine Hinweise auf einen
somatischen Abklärungsbedarf.
wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder
aufgehoben. Anlass zur Revision einer Invalidenrente im Sinn von Art. 17 Abs. 1 ATSG
gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die geeignet ist,
den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Zeitlicher
Ausgangspunkt für die Beurteilung einer anspruchserheblichen Änderung des
Invaliditätsgrades ist die letzte rechtskräftige Verfügung, welche auf einer materiellen
Prüfung des Rentenanspruchs beruht (BGE 134 V 132 E. 3 mit Hinweisen). Nach der
Rechtsprechung des Bundesgerichts ist der Rentenanspruch in rechtlicher und
tatsächlicher Hinsicht umfassend («allseitig») zu prüfen, sobald ein einzelner
Revisionsgrund vorliegt, wobei keine Bindung an frühere Beurteilungen besteht. Dabei
kann unter Umständen auch eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes Anlass
für eine Aufhebung der Rente sein (Urteil des Bundesgerichts vom 26. Februar 2021,
9C_361/2020, E. 3.2). Unter Umständen kann auch ein früher nicht gezeigtes Verhalten
eine im Sinn von Art. 17 Abs. 1 ATSG relevante Tatsachenänderung darstellen, wenn
es sich auf den Invaliditätsgrad und damit auf den Umfang des Rentenanspruchs
auswirken kann. Dies trifft etwa zu bei Versicherten mit einem Beschwerdebild, auf das
die Rechtsprechung gemäss BGE 141 V 281 anwendbar ist, wenn ein Ausschlussgrund
vorliegt, d.h. die Leistungseinschränkung auf Aggravation oder einer ähnlichen
Konstellation beruht, die eindeutig über die blosse (unbewusste) Tendenz zur
Schmerzausweitung und -verdeutlichung hinausgeht (Urteil des Bundesgerichts vom
11. November 2021, 9C_302/2021, E. 4.2 betreffend die revisionsweise Anpassung
einer Rente der Invalidenversicherung; zum Ausschluss eines Rentenanspruchs bei
aggravatorischem Verhalten auch im Unfallversicherungsrecht siehe Urteil des
Bundesgerichts vom 13. Oktober 2015, 8C_438/2015, E. 6).
Hinsichtlich des Beweiswerts eines medizinischen Berichts ist entscheidend, ob er
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch
2.1.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=9C_302%2F2021&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F141-V-281%3Ade&number_of_ranks=0#page281
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die beklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen des Experten oder der Expertin begründet sind (BGE 125 V
352 E. 3a).
Der Beschwerdeführer führt gegen die Beweiskraft des Gutachtens von Dr. H._
ins Feld, dass die Übersetzung «absolut ungenügend» gewesen sei. Die Dolmetscherin
stamme nicht aus derselben Region wie er. Er stamme aus J._ und spreche K._,
wohingegen die Dolmetscherin aus dem L._ stamme und einen anderen Dialekt
spreche. Er habe mehrfach darauf hingewiesen, dass die Übersetzung nicht richtig sei.
Ausserdem habe die Dolmetscherin ihm mitgeteilt, dass sie wegen der Krankheit ihrer
Tochter während zweier Nächte kaum geschlafen hätte. Dieser Umstand habe sich
«extrem» auf die Übersetzungssituation ausgewirkt, da sich die Dolmetscherin nur
schwer habe konzentrieren können (act. G 1, IV. Rz 3). Die mangelhafte Übersetzung
zeige sich in verschiedenen Unkorrektheiten im Gutachten (act. G 1, IV. Rz 3.1 ff.).
2.2.
Bei der zur Begutachtung herangezogenen Dolmetscherin handelt es sich um die
gleiche Person, die ebenfalls mit der Übersetzung während der Begutachtung der
Ehegattin des Beschwerdeführers betraut war (UV-act. 260-26 oben). Bezüglich ihrer
Qualifikation und der Qualität ihrer konkreten Übersetzungsarbeit kann deshalb auf die
Erwägungen des Versicherungsgerichts im Entscheid vom 31. März 2022, UV 2020/77,
E. 2.2.1, verwiesen werden. Insbesondere liess sich Dr. H._ ebenfalls wiederholt die
gute Verständigung zwischen dem Beschwerdeführer und der Dolmetscherin
versichern (UV-act. 260-31 f.). Hinzu kommt im Fall des Beschwerdeführers, dass er oft
die Fragen des Gutachters direkt in gebrochenem Schweizerdeutsch zu beantworten
vermochte (UV-act. 260-26 oben; zum guten Verständnis des Schweizerdeutschen
siehe u.a. auch den Austrittsbericht der Rehaklinik Bellikon vom 17. November 2004,
UV-act. 190-279 Mitte), was zusätzlich gegen relevante Verständnisschwierigkeiten
spricht.
2.2.1.
In den vom Beschwerdeführer bemängelten einzelnen Textpassagen (act. G 1,
IV. Rz 3.1 ff.) sind keine Übersetzungsfehler zu erblicken, die den Beweiswert des
Gutachtens zu erschüttern vermögen. Betreffend die Beteiligung des
Beschwerdeführers bei der Betreuung der Kinder und des Haushalts (vgl. die Kritik des
Beschwerdeführers in act. G 1, IV. Rz 3.1 f.) geht aus dem Gutachten bereits
hinreichend hervor, dass diese Aufgaben vom Beschwerdeführer bloss teilweise erfüllt
werden und «vor allem» seine älteste Tochter und die Schwiegertochter «dies machen»
würden (UV-act. 260-16). Das Vorbringen des Beschwerdeführers, er kenne die
2.2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bedeutung des im Gutachten zitierten Wortes «Regie» nicht (act. G 1, IV. Rz 3.2),
erscheint wenig plausibel, handelt es sich doch bei der «Regiearbeit» gerichtsnotorisch
um ein im Bau- und insbesondere auch B._gewerbe bedeutsames Wort, das ein von
der Bauleitung ausdrücklich angeordnetes Arbeiten beschreibt (im Gegensatz zur
Akkordarbeit; vgl. eingehend hierzu <https://www.architektenrecht.ch/
architekturvertrag/exkurs-architekt-als-bauleiter/bl-taetigkeitsgegenstand/bauleitung-i-
e-s>, abgerufen am 31. März 2022). Das Gesagte gilt umso mehr, als der
Beschwerdeführer über ein gutes Verständnis des Schweizerdeutschen verfügt (siehe
hierzu vorstehende E. 2.2.1 am Schluss). Zu ergänzen bleibt, dass der
Beschwerdeführer früher angab, für die Versorgung der Familie «zum grossen Teil»
zuständig zu sein (Bericht von Dr. E._ vom 29. Mai 2008, UV-act. 101-2). Insofern
erscheint eine leitend-koordinierende Funktion des Beschwerdeführers als
Familienoberhaupt als überwiegend wahrscheinlich. Auch die weitere in Abweichung
zum Gutachten erfolgte Darstellung der Aussagen des Beschwerdeführers (act. G 1,
IV. Rz 3.3 ff.), soweit sie überhaupt für die Beurteilung des Gesundheitsschadens und
der Arbeitsfähigkeit von Bedeutung sind (was jedenfalls bezüglich des Beginns des
Nikotinkonsums, act. G 1, IV. Rz 3.4, der «Flugphobie» sowie «Spritzenphobie», act.
G 1, IV. Rz 3.9, oder der genauen Distanz der Begleitung durch die Tochter, act. G 1,
IV. Rz 3.6, nicht zutrifft), erscheinen primär von versicherungsrechtlichen Motiven im
Rahmen des Einsprache- und Beschwerdeverfahrens geprägt zu sein. Ohnehin
ergeben sich daraus keine objektiven, nicht bloss der Selbsteinschätzung des
Beschwerdeführers entspringenden Gesichtspunkte, die Dr. H._ übersehen hätte.
Das vom Beschwerdeführer behauptete aggressive Verhalten seitens Dr. H._ bei
der erstmaligen Diskussion über die Durchführung von Laboruntersuchungen findet in
den Akten keine Stütze. Gegen die Glaubwürdigkeit dieses Vorwurfs spricht
ausserdem, dass der Beschwerdeführer diesen erstmals mit der Einsprache vorbrachte
(UV-act. 288). In der im Rahmen der Begutachtung ergangenen Korrespondenz von
dessen Rechtsvertreter fehlt denn auch eine entsprechende Kritik (siehe insbesondere
das Schreiben vom 13. Dezember 2018, UV-act. 200). Für eine mangelhafte
sprachliche Verständigung bei der Aufklärung über den Zweck der
Laboruntersuchungen fehlt es des Weiteren an Anhaltspunkten, zumal der
Beschwerdeführer, wie bereits erwähnt (siehe vorstehende E. 2.2.1 am Schluss und
E. 2.2.2), über ein gutes Verständnis des Schweizerdeutschen verfügt und die
detaillierte sowie plausibel erscheinende Schilderung des Gutachters (UV-
act. 260-22 f.) keine solche erkennen lässt. Des Weiteren war Dr. H._ trotz der damit
verbundenen organisatorischen Mehraufwände und Schwierigkeiten in
zuvorkommender Weise bereit, die weiteren Begutachtungstermine nach den
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Nachfolgend bleibt zu prüfen, ob mit dem Gutachten von Dr. H._ eine seit der
ursprünglichen Rentenzusprache vom 22. Mai 2007 (UV-act. 72) rentenrelevante
Verbesserung des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers nachgewiesen ist und
damit ein Revisionsgrund vorliegt.
Wünschen des Beschwerdeführers zu richten (wofür sich der Rechtsvertreter im
Namen des Beschwerdeführers denn auch, wiederum ohne jegliche Kritik zu äussern,
bedankt hatte, UV-act. 213). Während der Begutachtung zeigte sich Dr. H._
wiederholt einfühlsam, was sich etwa im Trinkangebot (UV-act. 260-22 oben und UV-
act. 260-26 Mitte) oder der gewährten Rauchpause zeigte (UV-act. 260-22). Jedenfalls
sind keine Hinweise auf ein unangemessenes Verhalten von Dr. H._ oder auf ein von
Übersetzungsdefiziten überschattetes Gutachten erkennbar. Wie bereits im die Ehefrau
betreffenden Verfahren festgestellt wurde und worauf ergänzend verwiesen wird
(Entscheid des Versicherungsgerichts vom 31. März 2022, UV 2020/77, E. 2.3),
erscheinen die auf die Herabsetzung der persönlichen Integrität von Dr. H._
abzielenden Vorwürfe im Übrigen als reine Schutzbehauptung.
Weitere Mängel an der gutachterlichen Beurteilung bringt der Beschwerdeführer
nicht vor. Solche sind auch nicht erkennbar. Bei der Würdigung der Beurteilung von
Dr. H._ fällt zudem ins Gewicht, dass darin sämtliche vom Beschwerdeführer
geklagten psychischen und psychosomatischen Leiden berücksichtigt und den
Vorakten umfassend Rechnung getragen wurde. Es beruht auf ausführlichen
psychiatrischen und neuropsychologischen Untersuchungen samt überzeugender
Ressourcen- und Konsistenzprüfung. Die gezogenen Schlüsse von Dr. H._ leuchten
ein. Weder aus den Akten noch den Ausführungen des Beschwerdeführers ergeben
sich Hinweise auf eine seit der Begutachtung eingetretene gesundheitliche
Verschlechterung.
2.4.
Gestützt auf das Gutachten von Dr. H._ (insbesondere UV-act. 256-38 ff.) ist mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass sich der
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers seit der ursprünglichen Rentenverfügung
vom 22. Mai 2007 (UV-act. 72) verbesserte und aus objektiver Sicht spätestens seit der
Begutachtung durch Dr. H._ keine auf das Unfallereignis zurückzuführende
psychische Gesundheitsbeeinträchtigung mehr besteht, die Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit hat. Wie der Beschwerdeführer selbst wiederholt und glaubwürdig
einräumte, kann er den von Dr. H._ sorgfältig abgeklärten Alkoholkonsum
kontrollieren und sistieren (UV-act. 260-19 f. und UV-act. 260-44 f.), womit
3.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Der Beschwerdeführer bringt keine Einwände gegen die von der Beschwerdegegnerin
überzeugend ein psychisch relevantes Suchtleiden ausgeschlossen wurde. Es sind
denn auch keine auf den Alkoholkonsum zurückzuführenden Beeinträchtigungen der
Arbeitsfähigkeit erkennbar. Im Übrigen brachte der Beschwerdeführer weder vor noch
ist ersichtlich, dass in somatischer Hinsicht ein medizinischer Abklärungsbedarf
bestehen würde (zur regelrechten Darstellung des Zerebrums siehe den Bericht vom
27. März 2019 über die MRI-Untersuchung vom 25. März 2019, UV-act. 262).
Dem Vorbringen des Beschwerdeführers, es fehle an einer Sachverhaltsänderung
für eine Revision im Sinn von Art. 17 Abs. 1 ATSG (act. G 1, IV. Rz 5), kann ebenfalls
nicht gefolgt werden. In medizinischer Hinsicht lag der ursprünglichen
Rentenzusprache die psychiatrische Einschätzung von Dr. C._ vom 16. März 2006
zugrunde (UV-act. 46). Darin wurden u.a. deutlich beeinträchtigte kognitive Funktionen
beschrieben (UV-act. 46-5 oben und unten; siehe auch die Ergebnisse der
psychologischen Abklärung vom 9. Februar 2004 im Kantonsspital St. Gallen, UV-
act. 190-76). Demgegenüber konnten solche weder von Dr. H._ (UV-act. 260-23
und -26 f.) noch vom im Rahmen der Begutachtung beigezogenen
neuropsychologischen Sachverständigen (UV-act. 265, insbesondere UV-act. 265-13)
festgestellt werden. Allein schon der Wegfall der kognitiven Beeinträchtigungen stellt
eine für die Arbeitsfähigkeit relevante Verbesserung seit der ursprünglichen
Rentenzusprache und damit einen Revisionsgrund dar. Auch aus anderen Akten
ergeben sich Hinweise auf eine gesundheitliche Verbesserung seit der ursprünglichen
Rentenzusprache. So beschrieb bereits Dr. G._ im Bericht vom 8. Oktober 2013 im
Wesentlichen bloss noch eine «psycho-emotionale Kränkung» und bezeichnete die
Prognose als «gut» (UV-act. 144; siehe auch die ausführliche Aktenwürdigung von
Dr. H._, die eine nachvollziehbare positive Gesundheitsentwicklung ab Mai 2008
beschreibt, UV-act. 260-48 f.). Die Annahme einer Verbesserung wird auch durch die
lediglich noch sporadische Inanspruchnahme medizinischer Behandlungen (siehe
hierzu die schlüssigen Ausführungen von Dr. H._ in UV-act. 260-40 und UV-
act. 260-44 unten) bekräftigt, die auf einen inzwischen abgenommenen Leidensdruck
hinweist. Schliesslich räumte der Beschwerdeführer selbst ein, es gehe ihm immerhin
seit der Geburt seines Enkels «ein kleines bisschen besser» (UV-act. 260-19 oben). An
der Zulässigkeit der von der Beschwerdegegnerin vorgenommenen Revision der
Verfügung vom 22. Mai 2007 ändert nichts, dass diese auf einem Vergleich vom
18. April 2007 (UV-act. 70-2) beruhte (Urteil des Bundesgerichts vom 25. April 2018,
8C_581/2017, E. 5).
3.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beim Einkommensvergleich berücksichtigten Bemessungsfaktoren vor. Deshalb und da
keine Mängel ersichtlich sind, kann auf die von der Beschwerdegegnerin
vorgenommene Ermittlung des Invaliditätsgrads verwiesen werden (UV-act. 282-2 f.).
5.
Schliesslich wendet der Beschwerdeführer gegen die Rentenherabsetzung ein, sie
lasse sich mit der Rechtsprechung des Bundesgerichts zur Unzumutbarkeit der
Selbsteingliederung bei mehr als 15-jährigen Rentenbezugs nicht in Einklang bringen
(act. G 1, IV. Rz 6 mit Hinweis u.a. auf das Urteil des Bundesgerichts vom 20. Februar
2014, 9C_816/2013, E. 2.1, und act. G 7, III. Rz 2). Wie die Beschwerdegegnerin
zutreffend ausführte (act. G 3, S. 2), findet die in der Invalidenversicherung etablierte
bundesgerichtliche Rechtsprechung keine Anwendung auf Aufhebungen oder
Herabsetzungen von definitiven Invalidenrenten der Unfallversicherung (siehe hierzu
das Urteil des Bundesgerichts vom 6. Januar 2021, 8C_573/2020, E. 5.2.2). Die
angefochtene Herabsetzung der Invalidenrente auf den 1. Mai 2020 ist daher auch
unter diesem Aspekt nicht zu beanstanden. Im Übrigen dauerte der Bezug der
unfallversicherungsrechtlichen 80%igen Invalidenrente, die mit Wirkung ab 1. Mai 2007
zugesprochen worden war (UV-act. 72), im Zeitpunkt der Herabsetzung (1. Mai 2020)
noch keine 15 Jahre. Der Beschwerdeführer hatte zu diesem Zeitpunkt auch das
55igste Altersjahr noch nicht zurückgelegt. Schliesslich verkennt der
Beschwerdeführer, dass intersystemische koordinationsrechtliche Überlegungen zu
Leistungsansprüchen ohnehin nicht geeignet sind, eine im Einzelgesetz fehlende
Anspruchsgrundlage zu ersetzen.
6.
Gemäss vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf
einzutreten ist. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. f ATSG).
Ausgangsgemäss hat der vollständig unterliegende Beschwerdeführer keinen Anspruch
auf eine Parteientschädigung.