Decision ID: bd8fa28e-6e3d-5a01-a594-079118945fd3
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden verliessen den Irak eigenen Angaben zu-
folge am 25. November 2015 und seien über diverse Länder in Richtung
Europa gereist. Am 10. Dezember 2015 erreichten sie die Schweiz und
stellten im damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel
noch gleichentags ihr Asylgesuch.
Die älteste, bereits volljährige, Tochter der Beschwerdeführenden
(G._; N [...]) reiste ebenfalls mit ihren Eltern und jüngeren Ge-
schwistern in die Schweiz und ersuchte hier um Asyl. Ihr Verfahren wurde
vom SEM separat unter der Verfahrensnummer N [...] geführt.
Am 30. Dezember 2015 führte das SEM eine Befragung zur Person (BzP)
der Beschwerdeführenden (A._ und B._ und Tochter
C._) durch. Am 18. August 2016 (Beschwerdeführer) beziehungs-
weise am 7. November 2016 (Beschwerdeführerin und Tochter C._)
fand eine einlässliche Anhörung zu den Asylgründen statt.
Mit Verfügung vom 4. Januar 2016 wurde die Familie für die Dauer des
Verfahrens dem Kanton (...) zugewiesen.
A.b Die Beschwerdeführenden trugen im Wesentlichen folgenden Sach-
verhalt vor:
Sie seien türkische Staatsangehörige kurdischer Ethnie. Sie würden beide
aus dem Dorf H._ (kurdisch: [...]), Kreis I._, in der südöstli-
chen Provinz Sirnak stammen. Das gesamte Dorf habe damals vor ihrer
Ausreise aus der Türkei im Jahr 1993 die kurdische Arbeiterpartei (PKK)
unterstützt und auch der Beschwerdeführer habe als Jugendlicher die PKK
mit Lebensmitteln versorgt. Als Jugendlicher sei er von den türkischen Be-
hörden aufgefordert worden, Dorfschützer zu werden, was er abgelehnt
habe. Das Dorf sei vom türkischen Militär immer wieder angegriffen worden
und es seien viele Personen, welche sich der PKK angeschlossen hätten,
getötet worden, darunter auch sein Bruder und mehrere Cousins. Auch der
Beschwerdeführer sei damals zwei Mal festgehalten worden. Man habe
ihm und anderen Jugendlichen vorgeworfen, die PKK zu unterstützen. Der
Vater des Beschwerdeführers sei ebenfalls einmal für drei Tage festgenom-
men worden. Aufgrund der damals herrschenden Spannungslage in der
Südosttürkei habe die gesamte Einwohnerschaft des Dorfes im Jahr 1993
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die Türkei in Richtung Irak verlassen. Sie seien damals (...) (Beschwerde-
führer) beziehungsweise (...) (Beschwerdeführerin) Jahre alt gewesen und
hätten mit ihren Familien ihr Heimatdorf verlassen. Im Jahr 1995 hätten sie
im Irak geheiratet. Die Kinder seien alle im Irak zur Welt gekommen. Sie
hätten die Geburt der Kinder bei den türkischen Behörden nicht gemeldet,
sondern lediglich im Lager in Makhmur registrieren lassen.
Nach vorübergehenden längeren Aufenthalten in verschiedenen Ortschaf-
ten und Flüchtlingslagern im Nordirak, hätten sie sich mit ihren Familien-
angehörigen im Jahr 1998 im irakischen Flüchtlingslager Makhmur nieder-
gelassen. Dieses sei vom UNHCR betreut, jedoch faktisch durch das Um-
feld der PKK kontrolliert worden, mit welcher auch die Beschwerdeführen-
den sympathisiert hätten. Der Beschwerdeführer habe in Makhmur wäh-
rend etwa sechs Monaten für die PKK als Ambulanzfahrer verletzte Perso-
nen ins Krankenhaus transportiert. Er habe dafür das Ambulanzfahrzeug
des Lagers und sein eigenes Fahrzeug benutzt. Daneben habe er als (...)
gearbeitet. Die Kinder seien in Makhmur zur Schule gegangen und die Be-
schwerdeführerin sei zu Hause gewesen. Sie seien in Makhmur vom UN-
HCR als Flüchtlinge anerkannt worden und hätten auch über eine Aufent-
haltsbewilligung im Irak verfügt, die letzte sei bis zum Jahr 2016 gültig ge-
wesen.
Im Jahr 2015 sei der sogenannte Islamische Staat (IS) nach Makhmur ge-
kommen und die Beschwerdeführenden hätten das Lager kurzzeitig ver-
lassen müssen. Sie hätten sich während fast zwei Monaten in (...) aufge-
halten und seien dann wieder nach Makhmur zurückgekehrt. Nach der
Rückkehr hätten die Demokratische Partei Kurdistans (KDP) und die PKK
Waffen an die Bewohner des Lagers für die Selbstverteidigung verteilt.
Auch der Beschwerdeführer habe Wache gehalten und dabei eine Waffe
getragen.
Das Leben im Lager Makhmur und im Nordirak sei insgesamt beschwerlich
gewesen und es habe andauernd Krieg geherrscht, weshalb sie entschie-
den hätten, nach Europa zu reisen. Am 25. November 2015 hätten sie den
Irak verlassen und seien zunächst in die Türkei gelangt. Mit einem Bus
seien sie über Roboski und Sirnak nach Istanbul gefahren, wo sie sich ei-
nige Tage aufgehalten hätten, bevor sie nach Griechenland gereist seien.
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Über weitere Länder seien sie am 10. Dezember 2015 in die Schweiz ein-
gereist.
Der älteste Sohn der Familie und die Eltern und Geschwister der Be-
schwerdeführenden seien weiterhin in Makhmur wohnhaft.
A.c Zum Beleg ihrer Identität und zur Stützung ihrer Vorbringen reichten
die Beschwerdeführenden verschiedene Ausweise und Dokumente des
UNHCR und der irakischen Behörden zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 29. November 2016, eröffnet am 30. November 2016,
verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden
(Dispositiv-Ziffer 1), lehnte ihre Asylgesuche ab (Ziffer 2) und wies sie aus
der Schweiz weg (Ziffer 3). Dagegen schob es den Vollzug der Wegwei-
sung wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme der
Beschwerdeführenden auf (Ziffern 4 - 7).
Die Vorinstanz führte zur Begründung der ablehnenden Verfügung im We-
sentlichen aus, dass für die Bestimmung der Flüchtlingseigenschaft der
Zeitpunkt des Asylentscheids massgebend sei. Deshalb setze die Asylge-
währung voraus, dass eine Person zum Zeitpunkt des Asylentscheids von
asylrelevanter Verfolgung bedroht sei. Nachteile, welche auf die allgemei-
nen Lebensbedingungen in einem Staat zurückzuführen seien, würden zu-
dem keine asylbeachtlichen Nachteile im Sinne des Art. 3 AsylG darstellen.
Die damaligen Lebensumstände, welche die Familie und die gesamten
Dorfbewohner von H._ betroffen hätten, seien aus heutiger Sicht
asylrechtlich ohne Bedeutung. Selbst aus damaliger Sicht betrachtet, wä-
ren die geschilderten Lebensumstände in der Türkei wohl ohnehin asyl-
rechtlich nicht relevant, da sie damals nicht mit einer individuellen und
ernsthaften Verfolgung konfrontiert gewesen seien. Vielmehr habe die da-
mals herrschende allgemeine Spannungslage in der Südosttürkei den ge-
samten Dorfverband von H._ zur Ausreise in den nahegelegenen
Irak bewogen. Die Beweggründe für die Ausreise aus der Türkei in den Irak
im Jahr 1993 würden somit keine Asylrelevanz entfalten.
Die geltend gemachten Schwierigkeiten im Irak seien ebenfalls asylrecht-
lich unbeachtlich. Art. 3 AsylG bezwecke im Kern den Schutz vor Verfol-
gung im Heimatstaat und nicht in einem Drittstaat. Vorbehalten seien ledig-
lich bei staatenlosen Personen Verfolgungshandlungen im Land, in dem
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sie zuletzt gewohnt hätten. Da die Beschwerdeführenden türkische Staats-
angehörige seien und im Irak lediglich über eine Aufenthaltsbewilligung
verfügt hätten, seien die Vorbringen in Bezug auf den Irak nicht asylrele-
vant. Auch die im Irak geborenen Kinder hätten einen Anspruch auf Erhalt
der türkischen Staatsangehörigkeit, welchen sie jedoch offenbar nie gel-
tend gemacht hätten. Deshalb habe das SEM die Staatsangehörigkeit der
Kinder mit «Staat unbekannt» erfasst. Ausserdem würden die auf den Irak
bezogenen Vorbringen den materiellen Voraussetzungen von Art. 3 AslyG
nicht standhalten. Sie seien nämlich in den Anfangsjahren des Aufenthaltes
im Irak von den damaligen Spannungen im Nordirak betroffen gewesen.
Seit 1998 seien sie jedoch in Makhmur wohnhaft und nie mit wesentlichen
Erschwernissen konfrontiert gewesen. Zwar habe sich die Sicherheitslage
in der Gegend um Makhmur im Sommer 2014 aufgrund der Präsenz des
IS verschärft und sie hätten kurzzeitig ihr Haus verlassen müssen. Nach-
dem die Kämpfer des IS zurückgedrängt worden seien, hätten sie wieder
in das Haus zurückkehren können.
Auch ihre Befürchtung, im Falle einer Rückkehr in die Türkei einer asylre-
levanten Verfolgung ausgesetzt zu werden, erweise sich als unbegründet.
Die Beschwerdeführenden seien bei ihrer Ausreise aus der Türkei im Jahr
1993 (...) beziehungsweise (...) Jahre alt gewesen und seien keiner indivi-
duellen Verfolgung seitens der türkischen Behörden ausgesetzt gewesen.
In den letzten Jahrzehnten seien zehntausende von türkischen Staatsan-
gehörigen von der Türkei in den Irak gereist, hätten dort Wohnsitz genom-
men und seien mitunter auch wieder in die Türkei zurückgekehrt. Allein im
Jahr 1993 hätten sich 17'000 Personen verschiedener Ortschaften in der
Südosttürkei in den Irak abgesetzt. Auch in ihrem Fall sei den türkischen
Behörden bewusst, dass sie sich als Jugendliche mit der gesamten Ein-
wohnerschaft ihres Heimatdorfes, mithin nicht aufgrund einer individuellen
Verfolgung, in den Irak begeben hätten. Auch die Tatsache, dass sie jahre-
lang im Flüchtlingslager in Makhmur wohnhaft gewesen seien, könne keine
begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen begründen, insbesondere da
sie sich nie der PKK angeschlossen und diese auch nicht konkret unter-
stützt hätten. Der Beschwerdeführer habe als Fahrer mit einem Ambulanz-
fahrzeug des Flüchtlingslagers oder mit seinem privaten Wagen Verletzte
ins Krankenhaus transportiert. Darunter mögen sich verletzte PKK-Ange-
hörige aber auch Peshmerga-Kämpfer befunden haben. Diese Transporte
habe er jedoch nur bei Bedarf ausgeführt und sie würden schon länger
zurückliegen. In den letzten Jahren im Irak sei er mehrheitlich als (...) tätig
gewesen. Die Transporttätigkeiten vermöchten insgesamt keine begrün-
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dete Furcht vor Verfolgung auszulösen, insbesondere weil auch nicht er-
sichtlich sei, wie die türkischen Behörden davon hätten erfahren sollen. Es
sei auch nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer aufgrund
zweier seiner Brüder einer Reflexverfolgung ausgesetzt würde. Einer sei-
ner Brüder sei im Jahr 1995 in den Reihen der PKK gefallen. Der zweite
Bruder, welcher sich ebenfalls in der Schweiz aufhalte, habe gemäss des-
sen Aussagen ein weitaus geringeres Profil, als vom Beschwerdeführer an-
gegeben. Er habe sich im Jahr 2002 als (...)-jähriger von der PKK abge-
setzt und sei seither ebenfalls in Makhmur wohnhaft gewesen, wie dem
beigezogenen Dossier des Bruders (N [...]) zu entnehmen sei. Der Be-
schwerdeführer selbst habe sich nie politisch betätigt und sei bereits 1993
aus der Türkei ausgereist, weshalb er mit der Eskalation der Auseinander-
setzungen seit Sommer 2015 innerhalb der Südosttürkei nicht in Verbin-
dung gebracht würde. Die Befürchtung, im Falle einer Rückkehr in den Irak
erneut mit den im Zusammenhang mit dem IS stehenden Spannungen kon-
frontiert zu werden, entfalte ebenfalls keine Asylrelevanz.
Insgesamt sei ihre Furcht weder in Bezug auf die Türkei noch in Bezug auf
den Irak als begründet im Sinne des Asylgesetzes einzustufen. Es seien
keine Hinweise aktenkundig, welche erwarten liessen, dass die Beschwer-
deführenden aufgrund ihrer eigenen Exponierung oder wegen ihres famili-
ären Umfelds mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zu-
kunft einer Reflexverfolgung ernsthaften Ausmasses ausgesetzt wären.
Schliesslich sei darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführenden nach
der Ausreise aus dem Irak im November 2015 während mehrerer Tage die
Türkei durchquert hätten, was zeige, dass sie während der Durchreise
keine ernsthaften Nachteile in der Türkei befürchtet hätten. In diesem Zeit-
raum sei die Lage im Raum Uludere-Sirnak, wodurch die Beschwerdefüh-
renden gereist seien, bereits deutlich eskaliert und durch grosse Spannun-
gen zwischen den staatlichen Sicherheitskräften und der PKK gekenn-
zeichnet gewesen. Bei der Durchquerung der Türkei, insbesondere im
Südosten des Landes, hätten sie mit einer Anhaltung und Kontrolle der tür-
kischen Sicherheitskräfte zu rechnen gehabt. Hätten sie tatsächlich ernst-
hafte Nachteile befürchtet, wäre zu erwarten gewesen, dass sie das Risiko
der Einreise in die Türkei mit ihren fünf Kindern nicht auf sich genommen
hätten, sondern einen anderen Reiseweg gewählt hätten.
C.
Diesen Entscheid focht der damalige Rechtsvertreter der Beschwerdefüh-
renden, lic. iur. Serif Altunakar, mit Eingabe vom 30. Dezember 2016 an
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und beantragte die Aufhebung der Dispositiv-Ziffern 1 – 3 der Verfügung
des SEM vom 29. November 2016 sowie die Anerkennung der Flüchtlings-
eigenschaft der Beschwerdeführenden und die Gewährung von Asyl; even-
tualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde – unter Beilage einer Fürsor-
gebestätigung – um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
ersucht.
In der Beschwerde wurde im Wesentlichen vorgebracht, dass, auch wenn
die Ausreise aus der Türkei im Jahr 1993 zwar schon weit zurückliege, die
Gründe für die damalige Ausreise auch heute von Bedeutung seien. Der
Beschwerdeführer sei in der Türkei mindestens zwei Mal in Zusammen-
hang mit der PKK inhaftiert worden. Er sei einmal während fünf Tagen und
das zweite Mal während sieben Tagen festgehalten worden. Zudem hätten
die türkischen Behörden damals den Vater des Beschwerdeführers ge-
zwungen, in ein Minenfeld zu fahren und er sei seither behindert. Ausser-
dem hätten alle Dorfbewohner mit der PKK sympathisiert, was den türki-
schen Behörden bewusst gewesen sei, weshalb sie das gesamte Dorf hät-
ten vernichten wollen. Der Staat habe die Dorfbewohner gezielt unter
Druck gesetzt und sie aufgefordert, Dorfschützer zu werden oder das Dorf
zu verlassen. Es seien somit alle Dorfbewohner einzeln und individuell be-
troffen gewesen, weshalb die damalige Situation nicht als allgemeine
Spannungslage bezeichnet werden könne. Ausserdem hätten sich einige
Verwandte des Beschwerdeführers der PKK angeschlossen, weshalb ihm
im Falle einer Rückkehr in die Türkei eine Reflexverfolgung drohen würde.
In Bezug auf die Situation im Nordirak sei anzumerken, dass die Beschwer-
deführenden und ihre Kinder zwar über Aufenthaltsbewilligungen im Irak
verfügt hätten, dies jedoch nicht bedeute, dass sie dauerhaft im Irak hätten
leben dürfen. Die Bewohner des Lagers Makhmur seien Opfer der türki-
schen Vertreibungs- und Unterdrückungspolitik und sie würden durch den
irakischen Staat lediglich geduldet. Das Lager sei unter Kontrolle der kur-
dischen Regionalregierung und es seien bereits mehrere PKK-Anhänger
der Türkei übergeben worden. Im Nordirak seien ausserdem türkische
Truppen stationiert und das Lager sei bereits von türkischen Kriegsflugzeu-
gen bombardiert worden. Die Sicherheitslage habe sich infolge des Krie-
ges und der Angriffe des IS weiter verschlimmert.
In Bezug auf das Argument des SEM, die Beschwerdeführenden seien
durch die Türkei gereist und hätten somit in der Türkei nichts zu befürchten,
sei zu entgegnen, dass sie mit Hilfe eines Schleppers gereist seien. Sie
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seien zusammen mit mehreren Flüchtlingsfamilien aus dem Irak und aus
Syrien illegal durch die Türkei gereist, und hätten sich im Falle von Kontrol-
len als syrische Flüchtlinge ausgegeben.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 5. Januar 2017 verzichtete die zuständige In-
struktionsrichterin auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und lud das
SEM zur Vernehmlassung ein.
E.
Mit Vernehmlassung vom 9. Januar 2017 hielt die Vorinstanz fest, die Be-
schwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen und Beweis-
mittel, welche eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen könnten
und verwies auf ihre bisherigen Erwägungen, an welchen sie festhalte. Die
Vernehmlassung wurde den Beschwerdeführenden am 10. Januar 2017
zur Kenntnisnahme zugestellt.
F.
Mit Schreiben vom 3. August 2018 erkundigte sich der damalige Rechts-
vertreter lic. iur. Serif Altunakar nach dem Verfahrensstand. Ferner berich-
tete er über die politische Situation in der Türkei und im Nordirak unter Bei-
legung zweier Online-Artikel zum Flüchtlingslager Makhmur. Er wies im
Wesentlichen darauf hin, dass sich seit der Aufkündigung der Friedensver-
handlungen mit der PKK im Sommer 2015 und insbesondere seit dem ge-
scheiterten Putschversuch im Juli 2016 die Lage in der Türkei radikal ver-
ändert habe. Willkürliche Verhaftungen und Folter von Kurden mit angebli-
chen Verbindungen zur PKK seien an der Tagesordnung. Da die Beschwer-
deführenden den türkischen Behörden als eine «terroristenfreundliche Fa-
milie und Unterstützer des Terrorismus» bekannt seien, würden sie im Falle
einer Rückkehr mit Sicherheit verhaftet werden. Bereits vor ihrer Flucht in
den Nordirak seien die Beschwerdeführenden aufgrund ihrer Unterstüt-
zung für die PKK und des Todes des Bruders des Beschwerdeführers als
Guerilla ins Visier der türkischen Sicherheitskräfte geraten. Ihre Asylgründe
seien somit bereits in der Türkei entstanden. Hinzukommend betrachte der
türkische Staat alle Kurden, welche im Flüchtlingslager Makhmur Zuflucht
gefunden hätten, als Terroristen. Halte man sich die Beziehung zwischen
Masud Barzani und dem türkischen Staat vor Augen, sei festzustellen, dass
der türkische Staat alles über das Lager Makhmur wisse. Ausserdem gebe
es im Nordirak viele Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes und es
seien bereits mit Einverständnis von Barzani Kurden in die Türkei entführt
worden. Vor etwa drei Jahren habe zudem der IS das Flüchtlingslager
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Makhmur eingenommen und die Bewohner hätten fliehen müssen. Das Le-
ben der Beschwerdeführenden sei aus den genannten Gründen in Gefahr
gewesen und sie seien gezwungen gewesen, das Lager zu verlassen. Sie
könnten weder in den Irak noch in die Türkei zurückkehren und sie würden
die Voraussetzungen von Art. 3 AsylG erfüllen, weshalb ihnen Asyl zu ge-
währen sei.
G.
Die Instruktionsrichterin beantwortete die Anfrage nach dem Verfahrens-
stand mit Schreiben vom 8. August 2018.
H.
Mit Schreiben vom 29. Januar 2019 wies der Rechtsvertreter auf die Re-
gelung betreffend Zweitasyl gemäss Art. 50 AsylG hin und führte aus, die
Beschwerdeführenden würden die entsprechenden Voraussetzungen er-
füllen. Es werde daher erneut um Gutheissung der Beschwerde ersucht.
Gleichzeitig wurde eine Kostennote zu den Akten gereicht.
I.
I.a Mit Eingabe vom 1. April 2019 zeigte der rubrizierte Rechtsvertreter dem
Bundesverwaltungsgericht seine Mandatsführung im vorliegenden Verfah-
ren an und legte hierzu die am 20. Februar 2019 durch den Beschwerde-
führer A._ (nicht aber durch die Beschwerdeführerin) unterschrie-
bene Vertretungsvollmacht vor. Ferner ersuchte er um Zustellung von Ko-
pien des gesamten Dossiers der Beschwerdeführenden und um Ansetzung
einer Frist für allfällige Ergänzungen.
I.b Mit Zwischenverfügung vom 4. April 2019 wurden die Beschwerdefüh-
renden aufgefordert, das Gericht über die aktuellen Mandatsverhältnisse
zu informieren. Rechtsanwalt Yilmaz wurde betreffend sein Gesuch um Ak-
teneinsicht an den vormals bevollmächtigen Rechtsvertreter (lic. iur. Serif
Altunakar) verwiesen. Das Gesuch von Rechtsanwalt Yilmaz um Anset-
zung einer Frist zur Einreichung allfälliger Ergänzungen wurde abgewie-
sen.
I.c Rechtsanwalt Yilmaz teilte mit Eingabe vom 23. April 2019 mit, die Be-
schwerdeführenden würden wünschen, durch ihn vertreten zu sein, und die
entsprechende Vollmacht hebe alle bisherigen Mandate auf.
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I.d Der vormals bevollmächtigte Rechtsvertreter Altunakar teilte mit Ein-
gabe vom 23. April 2019 seinerseits mit, die Beschwerdeführenden wür-
den, wie bis anhin, weiterhin nur durch ihn vertreten.
I.e Mit Instruktionsverfügung vom 30. April 2019 forderte das Gericht die
Beschwerdeführenden auf, eine aktuelle, durch die Beschwerdeführerin
B._ unterzeichnete Vertretungsvollmacht zu Gunsten von Rechts-
anwalt Hüsnü Yilmaz sowie eine entsprechende Erklärung betreffend die
Beendigung des Mandatsverhältnisses zu lic. iur. Serif Altunakar einzu-
reichen. Bei ungenutzter Frist würde davon ausgegangen, die Beschwer-
deführerin B._ werde weiterhin vom bisherigen Rechtsvertreter lic.
iur. Altunakar vertreten. Das Gesuch um Ansetzung einer Frist zur Be-
schwerdeergänzung wurde erneut abgewiesen.
I.f Mit Eingabe vom 14. Mai 2019 führte der rubrizierte Rechtsvertreter aus,
die Beschwerdeführenden wollten im vorliegenden Verfahren nicht mehr
durch lic. iur. Altunakar vertreten sein. In den kommenden Tagen werde
vollständigkeitshalber eine Vollmacht der Beschwerdeführerin eingereicht.
I.g Mit Schreiben vom 16. Mai 2019 äusserte sich lic. iur. Altunakar.
I.h Mit Eingabe vom 23. Mai 2019 wurde eine von der Beschwerdeführerin
B._ signierte Vertretungsvollmacht vom 15. Mai 2019 zu Gunsten
des rubrizierten Rechtsvertreters zu den Akten gereicht, welche – wie die
bereits aktenkundige Vollmacht des Beschwerdeführers – den Passus «la
présente procuration révoque tout mandat précédemment confié à d’autres
mandataires» enthielt.
I.i Mit Instruktionsverfügung vom 29. Mai 2019 stellte das Gericht fest, die
Beschwerdeführenden würden im vorliegenden Verfahren neu durch den
rubrizierten Rechtsanwalt vertreten. Gleichzeitig gelte das Mandatsverhält-
nis der Beschwerdeführenden zu lic. iur. Serif Altunakar als widerrufen.
J.
Mit Eingabe vom 14. August 2019 machte der rubrizierte Rechtsvertreter
Ausführungen zur Heimatregion der Beschwerdeführenden sowie zum An-
griff des IS auf Makhmur und ersuchte das Gericht um Einsicht in die Ein-
gaben des früheren Rechtsvertreters. Daneben reichte er mehrere positive
Asylentscheide von Familienangehörigen der Beschwerdeführenden in der
Schweiz sowie von anderen Personen, welche aus dem selben Dorf in der
Türkei stammten und sich ebenfalls seit den 90er Jahren in Makhmur auf-
gehalten hätten, ein.
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K.
Mit Instruktionsverfügung vom 21. August 2019 wurden dem rubrizierten
Rechtsvertreter die entsprechenden Eingaben des früheren Rechtsvertre-
ters samt Aktenverzeichnis und Instruktionsverfügungen des Gerichts in
Kopie zugestellt. Es wurde keine Frist zur Beschwerdeergänzung ange-
setzt und dabei auf Art. 32 Abs. 2 VwWG verwiesen.
L.
Mit Eingaben vom 9. September 2019, 30. September 2019, 26. November
2019, 2. Dezember 2019, 9. Dezember 2019 und 14. Januar 2020 reichte
der rubrizierte Rechtsvertreter mehrere positive Asylentscheide des SEM,
welche vergleichbar seien mit dem vorliegenden Fall, zu den Akten.
M.
Mit Verfügung vom 10. Februar 2020 lud die Instruktionsrichterin mit Ver-
weis auf die Eingaben des Rechtsvertreters und die von ihm genannten
vorinstanzlichen Verfahren, welche seiner Ansicht nach mit dem Fall der
Beschwerdeführenden vergleichbar seien, die Vorinstanz ein, sich erneut
vernehmen zu lassen.
N.
Mit zweiter Vernehmlassung vom 13. Februar 2020 hielt die Vorinstanz
fest, dass sie auch aus heutiger Sicht an ihrem Asylentscheid vom 29. No-
vember 2016 festhalte. Der Hinweis auf ergangene positive Asylentscheide
sei zu unbestimmt, um Rückschlüsse auf die individuelle Verfolgungssitu-
ation der Beschwerdeführenden zu ermöglichen. Alleine die Herkunft der
Beschwerdeführenden aus dem Dorf H._ in der Provinz Sirnak so-
wie der mehrjährige Aufenthalt im irakischen Flüchtlingslager Makhmur rei-
che nicht aus, um die Flüchtlingseigenschaft zu begründen.
O.
Mit Replik vom 5. März 2020 hielten die Beschwerdeführenden an ihrer
Ansicht fest, dass es sich bei den genannten positiven Asylentscheiden um
vergleichbare Fälle handle, und wiesen noch auf zwei weitere in der Zwi-
schenzeit ergangene positive Entscheide hin. Des Weiteren verwiesen sie
auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-3603/2016 vom 9. Mai
2018. Im genannten Urteil sei das Gericht zum Schluss gekommen, dass
der Beschwerdeführer, welcher ebenfalls als Jugendlicher das Dorf
H._ verlassen habe und danach in Makhmur wohnhaft gewesen
sei, die Flüchtlingseigenschaft aufgrund seiner Herkunft, seines familiären,
PKK-nahen Hintergrundes, des Umfelds, in welchem er aufgewachsen sei,
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und insbesondere des Bilds der Türkei des Lagers Makhmur, erfülle. Es
handle sich um einen mit dem vorliegenden Verfahren vergleichbaren
Sachverhalt. Hinzukommend würden die Tätigkeiten des Beschwerdefüh-
rers für die PKK in Makhmur als terroristische Unterstützung angesehen
werden.
Als Beilage reichten die Beschwerdeführenden Fotos von Familienange-
hörigen, welche diese bei der PKK zeigen würden, sowie ein Foto des Be-
schwerdeführers und einen Zeitungsartikel über einen türkischen Luftan-
griff im Nordirak ein. Des Weiteren wurde eine ärztliche Bestätigung vom
28. Februar 2020, gemäss welcher der Beschwerdeführer zwei runde Me-
tallstücke im Kopfbereich unter der Haut habe, zu den Akten gereicht. Ge-
mäss der Aussage des Beschwerdeführers handle es sich um Metallstücke
einer Granate, was aus ärztlicher Sicht wahrscheinlich sei.
P.
Mit Schreiben vom 30. März 2020 informierten die Beschwerdeführenden
das Gericht, dass sie beabsichtigten ein weiteres Beweismittel einzu-
reichen und ersuchten es, bis zum 15. April 2020 mit dem Erlass eines
Urteils zuzuwarten.
Q.
Mit Eingabe vom 10. April 2020 reichten die Beschwerdeführenden eine
türkische Anklageschrift vom 12. Juli 2017 (inklusive französischer Über-
setzung) von drei Personen, welchen eine Mitgliedschaft bei der PKK vor-
geworfen werde und welche sich im Lager Makhmur aufgehalten hätten,
ein. Zwei der Personen würden sich inzwischen in der Schweiz aufhalten.
Aus der Anklageschrift gehe hervor, dass die türkischen Behörden über
Geschehnisse im Lager Makhmur informiert seien und die Bewohner des
Lagers als Anhänger der PKK betrachten würden.
R.
Der älteste Sohn der Familie, J._ (N [...]) hat inzwischen den Irak
ebenfalls verlassen und hat am 22. Dezember 2016 ein Asylgesuch in der
Schweiz gestellt. Mit Verfügung vom 19. Februar 2020 hat das SEM sein
Asylgesuch abgelehnt und seine Wegweisung aus der Schweiz verfügt, ihn
jedoch vorläufig in der Schweiz aufgenommen. Sein Beschwerdeverfahren
(E-1667/2020) und das Beschwerdeverfahren der ältesten Tochter
G._ (E-25/2017) sind derzeit beim Gericht hängig.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel, so auch vorliegend, endgültig,
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. 108 Abs. 1; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Das Bundesverwaltungsgericht hat die erstinstanzlichen Verfahrensakten
des Bruders des Beschwerdeführers, K._, beigezogen (N [...]).
K._ stellte am 17. September 2015 in der Schweiz ein Asylgesuch;
das SEM anerkannte ihn mit Verfügung vom 18. Mai 2016 als Flüchtling
und gewährte ihm Asyl. Den Beschwerdeführenden wurde bis anhin keine
Einsicht in diese Akten gewährt. Angesichts des vorliegenden Verfahrens-
ausgangs kann gestützt auf Art. 30 Abs. 2 Bst. c VwVG auf die vorgängige
Anhörung verzichtet werden.
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Seite 14
4.
Prozessgegenstand des vorliegenden Verfahrens – der sich durch die Dis-
positivziffern der vorinstanzlichen Verfügung bestimmt, soweit diese ange-
fochten sind – bilden die Fragen der Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft gemäss Art. 3 AsylG, der Asylgewährung und der Anordnung der
Wegweisung.
Ob den Beschwerdeführenden Zweitasyl im Sinne von Art. 50 AsylG zu
gewähren ist, ob die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt sind und wie
das diesbezüglich bestehende Ermessen auszuüben ist (vgl. hierzu BVGE
2019 VI/1 E. 5.3.1), sprengt demgegenüber den Prozessgegenstand des
vorliegenden Verfahrens, und die entsprechende Prüfung obliegt zunächst
erstinstanzlich dem SEM.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG ist
zu bejahen, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte
sich – im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und
in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht –
mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen.
Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung
vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor
Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Dabei
hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer objektivierten Betrachtungs-
weise zu erfolgen und ist andererseits durch das von der betroffenen Per-
son bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren
Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen aus-
gesetzt war, hat objektive Gründe für eine stärker ausgeprägte (subjektive)
Furcht (vgl. BVGE 2010/57, E. 2.5).
E-27/2017
Seite 15
5.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Vorab ist festzuhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht – wie auch
die Vorinstanz – von der Glaubhaftigkeit der Vorbringen ausgeht. Die Be-
schwerdeführenden haben in ihren Befragungen den selben Sachverhalt
vorgetragen (vgl. SEM Akten A20, A23 und A24) und ihren Aufenthalt in
Makhmur anhand der eingereichten Beweismittel (vgl. SEM Akte A19) be-
legt.
6.2 Es stellt sich vorliegend die Frage, ob die Beschwerdeführenden (El-
tern) bei einer Rückkehr in die Türkei aufgrund ihres Profils begründete
Furcht hätten, mit grosser Wahrscheinlichkeit einer asylrelevanten Verfol-
gung ausgesetzt zu sein. Das SEM verneinte dies im Wesentlichen mit der
Begründung, dass die Beschwerdeführenden damals bei Verlassen der
Türkei keiner individuellen Verfolgung ausgesetzt gewesen seien, und
dass allein die Tatsache, dass sie sich jahrelang im Flüchtlingslager
Makhmur aufgehalten hätten, keine begründete Furcht vor ernsthaften
Nachteilen bei einer Rückkehr in die Türkei begründen könne, insbeson-
dere da sie sich im Nordirak nie der PKK angeschlossen oder diese nam-
haft unterstützt hätten. Auch sei keine Reflexverfolgung aufgrund der Brü-
der des Beschwerdeführers, welche sich der PKK angeschlossen hatten,
zu erwarten.
6.3 Die Beschwerdeführenden stammen aus dem Dorf H._, wel-
ches sich in der Provinz Sirnak befindet. In den 90er Jahren war das Dorf
türkischen Militärinterventionen ausgesetzt und die Region galt als Hoch-
burg der PKK. Die Zerstörung Tausender kurdischer Dörfer sowie die töd-
lichen Zusammenstösse zwischen der PKK und der türkischen Armee führ-
ten im Allgemeinen zwischen 1984 und 1995 zum Tod von Zehntausenden
von Menschen und zur Vertreibung von 275.000 bis 2 Millionen Kurden
(vgl. D-6761/2018 vom 26. Februar 2020, E.5.2 m.w.H.). Auch viele Be-
wohner des Heimatdorfs der Beschwerdeführenden seien damals – wie
auch die Beschwerdeführenden – in den Irak geflohen.
E-27/2017
Seite 16
6.4 Die gesamte Einwohnerschaft von H._ habe damals, gemäss
den Aussagen des Beschwerdeführers, die PKK unterstützt. Auch der Be-
schwerdeführer habe die PKK mit Lebensmitteln versorgt. In den Jahren
1992 oder 1993 sei er zwei Mal – einmal für sieben Tage und einmal für
fünf Tage – gemeinsam mit anderen Jugendlichen des Dorfes festgenom-
men worden. Man habe ihm vorgeworfen, die PKK zu unterstützen und er
sei auch nach seinem Bruder, welcher sich der PKK angeschlossen hatte
und 1995 ums Leben gekommen sei, gefragt worden (vgl. SEM Akte A20,
F111ff.). Die männlichen Dorfbewohner seien damals zudem aufgefordert
worden, als Dorfschützer tätig zu sein, was der Beschwerdeführer abge-
lehnt habe. Auch die Beschwerdeführerin hat angegeben, dass ihre Familie
damals in der Türkei die PKK mit Lebensmitteln unterstützt habe (vgl. SEM
Akte A23 F63f.). Die eigenen politischen Tätigkeiten der Beschwerdefüh-
renden damals in der Türkei sind eher als geringfügig einzustufen. Der fa-
miliäre Hintergrund der Familie weist jedoch auf eine politisch engagierte
kurdische Familie hin. Mehrere Cousins und der Bruder des Beschwerde-
führers sind in der Türkei in den Reihen der PKK gefallen. Ein weiterer
Bruder sei gemäss den Aussagen des Beschwerdeführers über 20 Jahre
lang bei der PKK aktiv gewesen; er hat inzwischen in der Schweiz Asyl
erhalten (vgl. SEM Akte A20, F95-F99, F136ff.). Aus dessen beigezoge-
nem Dossier geht hervor, dass dieser Bruder, K._, von 1994 bis
2002 bei der PKK gewesen ist und sich danach ebenfalls in Makhmur auf-
gehalten habe (vgl. N [...], Akte A11). Auch der Vater des Beschwerdefüh-
rers sei einmal für drei Tage festgenommen worden (vgl. SEM Akte A20,
F120). Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden hat zudem im Laufe
des Verfahrens mehrfach darauf hingewiesen, dass weitere Familienmit-
glieder in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt wurden, und deren posi-
tive Asylentscheide eingereicht.
Der familiäre Hintergrund sowie die Herkunft aus dem Dorf H._, in
der Provinz Sirnak, dürften die Beschwerdeführenden in den Augen der
türkischen Behörden zumindest als Sympathisanten der PKK erscheinen
lassen.
6.5
6.5.1 In Makhmur hat die Familie weiterhin mit der PKK sympathisiert. Der
Beschwerdeführer sei für die PKK als Fahrer tätig gewesen und habe wäh-
rend sechs Monaten auch als Ambulanzfahrer gearbeitet (vgl. SEM Akte
A20, F152ff). Ansonsten gehen aus seinen Aussagen keine politischen Ak-
tivitäten hervor und auch die Beschwerdeführerin macht keine politischen
Tätigkeiten in Makhmur geltend. Der Umstand, dass die Familie knapp
E-27/2017
Seite 17
zwanzig Jahre lang in Makhmur gelebt hat, könnte indes ein weiteres Ele-
ment darstellen, welches die Beschwerdeführenden in den Augen des tür-
kischen Staates als missliebige Personen erscheinen lassen könnte.
Hierzu ist im Folgenden das Lager Makhmur und dessen Bild in der Türkei
näher zu beleuchten.
6.5.2 Beim Lager Makhmur handelt es sich um ein kurdisches Flüchtlings-
lager, welches sich im Distrikt Makhmur, inmitten des Dreiecks Mossul –
Kirkuk – Erbil befindet. Es dient seit Anfang der neunziger Jahre als Zu-
fluchtsort von kurdischen Flüchtlingen aus der türkischen Region Süd-
ostanatolien, die seit dem Jahr 1993 während der Kämpfe zwischen der
türkischen Armee und der kurdischen PKK aus ihren Heimatregionen, ins-
besondere aus den Regionen Mardin, Hakkari und Sirnak, geflohen sind
und sich zunächst in verschiedenen Flüchtlingslagern niedergelassen hat-
ten. Das Lager Makhmur stand seit dem Jahr 1998 offiziell unter dem
Schutz und der Kontrolle des UNHCR sowie der irakischen Regierung. UN-
HCR hat sich im Jahr 2003 aufgrund der herrschenden Sicherheitslage aus
dem Lager zurückgezogen. Es unterstützt die Bewohner aber nach wie vor
mit Hilfs- und Lebensmitteln und ist vor Ort präsent. Das Lager organisiert
sich inzwischen weitgehend autonom. Es wird geschätzt, dass etwa 12'000
Personen im Lager leben (vgl. Urteil des BVGer D-427/2011 vom 12. Juni
2014, E.6.2. m.w.H.; Office français de protection des réfugiés et apatrides
(OFPRA), Les Camps des réfugiés kurdes de Turquie au Kurdistan irakien,
10. Februar 2016, S.6, https://www.ofpra.gouv.fr/sites/default/files/atoms/fi-
les/8_didr_irak_les_camps_de_refugies_kurdes_de_turquie_au_kurdis-
tan_irakien_ofpra_10022016.pdf, abgerufen am 07.04.2020).
Nach Erkenntnissen des BVGer sind die Bewohner des Lagers stark von
der PKK beeinflusst, fast alle Bewohner von Makhmur sollen Sympathisan-
ten und Anhänger der PKK sein. Auch werden fast sämtliche höheren
Funktionen im Camp von PKK-Anhängern besetzt. Insbesondere verletzte
und behinderte ehemalige Kämpfer der PKK, die nicht mehr dem Bergka-
der angehören können, werden zumeist in der Lagerverwaltung, bei der
kulturellen und sozialen Arbeit und für Propagandatätigkeiten und Schulun-
gen eingesetzt. Es handelt sich beim Lager Makhmur nicht um ein Trai-
ningscamp der PKK. Die türkischen Behörden gehen gleichwohl davon
aus, dass die PKK in Makhmur aktiv ist. Im Jahr 2007 wurden bei einer auf
Druck der Türkei hin erfolgten Lagerdurchsuchung durch irakische Truppen
unter Aufsicht der USA und des UNHCR zwar keine Waffen sichergestellt,
es wird jedoch angenommen, dass man im Lager vorgängig über die Aktion
informiert war. Ausserhalb des Lagers soll ein Depot mit Mörsergranaten
E-27/2017
Seite 18
gefunden worden sein. Aufgrund des grossen Einflusses der PKK im Lager
schliesst sich ein Teil der jüngeren Lagerbewohner dem bewaffneten
Kampf der PKK an. Bei den im Lager wohnhaften Frauen soll es sich zum
Teil ebenfalls um PKK-Aktivistinnen handeln, welche bei Gefechten ver-
wundet wurden. Trotz wiederholten Bestrebungen gibt es im Moment nach
wie vor keine Lösung zum Status dieses Lagers und seiner Bewohner. Be-
strebungen, das Lager aufzulösen und die Bewohner bei der Rückkehr in
die Türkei zu unterstützen, scheiterten bisher (vgl. Urteile des BVGer D-
6761/2018 vom 26. Februar 2020, E. 5.3 m.w.H.; E-3603/2016 vom 9. Mai
2018, E.4.2; D-427/2011 vom 12. Juni 2014, E.6.2 m.w.H. und D-
3784/2006 vom 27. Januar 2009, E.3.3.1 m.w.H; Focus, Kurden im Irak –
Vergessen im Flüchtlingslager, 23.02.2007, http://www.focus.de/poli-
tik/ausland/kurden-im-irak_aid_124926.html, abgerufen am 08.04.2020).
Für die Türkei gilt, so schreiben verschiedene Quellen, das Lager Makhmur
als Basis der PKK. Der deutsche Spiegel schrieb 2009: "Die unverhohlenen
Sympathien für Öcalan haben dem Lager Makhmour den Ruf eingebracht,
eine Ausbildungsstätte für die PKK zu sein. Als Hort des Terrors bezeich-
nete es der türkische Geheimdienst MIT." (vgl. Der Spiegel, Türkei – Ver-
giftete Seelen, 17.08.2009, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-
66436870.html, abgerufen am 08.04.2020). In der regierungsnahen türki-
schen Zeitung Daily Sabah wurde das Flüchtlingslager Makhmur 2017 als
logistische Basis der PKK für ihre Stellungen im Kandil-Gebirge bezeichnet
und es sollte deshalb aufgehoben werden (vgl. Daily Sabah, Turkey to
ramp up efforts to clear terrorists from Makhmour camp, 26.12.2017,
https://www.dailysabah.com/war-on-terror/2017/12/26/turkey-to-ramp-up-
efforts-to-clear-terrorists-from-makhmour-camp, abgerufen am
03.04.2020). Die Türkei ist nicht nur militärisch, sondern auch geheim-
dienstlich vor Ort aktiv und es ist davon auszugehen, dass die türkischen
Behörden generell in Kenntnis über den Aufenthalt ihrer kurdischen Lands-
leute sind. Es wird über Verhaftungen beziehungsweise Verschleppungen
von mutmasslichen PKK-nahestehenden Personen aus Makhmur durch
Geheimdienste oder Sicherheitsdienste der Behörden der Region Kurdis-
tan-Irak, denen Verbindungen zum türkischen Geheimdienst nachgesagt
werden, berichtet. Im Dezember 2018 gab es einen Angriff der türkischen
Luftwaffe aus das Lager (vgl. Firatnews Agency (ANF), Zwei Personen aus
Mexmûr von PDK-Geheimdienst verschleppt, 17.06.2019, https://anf-
deutsch.com/kurdistan/zwei-personen-aus-mexmur-von-pdk-geheim-
dienst-verschleppt-12072, abgerufen am 28.10.2019; Firatnews Agency
(ANF), Turkish attack on Makhmur kills 4 self-defense fighters - UPDATED,
13.12.2018, https://anfenglish.com/features/turkish-attack-on-makhmur-
E-27/2017
Seite 19
kills-3-self-defense-fighters-31384, abgerufen am 07.04.2020). Als im
Sommer 2019 in Erbil ein türkischer Diplomat von mutmasslichen PKK-
Sympathisanten getötet wurde, erhöhte laut der Zeitung Independent Tur-
kish (türkischer Ableger der britischen Zeitung The Independent) die Türkei
den politischen Druck auf die lokalen kurdischen Behörden. Aus Sicht von
Präsident Recep Tayyip Erdoğan, hiess es im Artikel, sei das Lager ein
Rekrutierungsort für die PKK, zudem seien dort Kämpfer der PKK und Waf-
fen untergebracht. Seiner Meinung nach hätten die Mörder des Diplomaten
eine Verbindung zum Lager. Er sagte deshalb in einer Fernsehsendung,
dass er sich weiter bei der Regierung in Baghdad und den Vereinten Nati-
onen für die Schliessung des Lagers einsetzen werde. Die lokalen Behör-
den verhängten als Reaktion und als Sanktionsmassnahme eine Aus-
gangssperre für das Lager und es wurde ein Embargo über das Lager ver-
hängt, das weiter andauert (vgl. Independent Turkish, Mahmur Kampı'nın
kapatılması tekrar gündemde: Türkiye, Irak ve BM nezdinde girişimlerini
sürdürüyor [Schliessung des Makhmour Camps steht wieder auf der Ta-
gesordnung: Türkei bringt seine Initiative vor den Irak und die UNO],
17.12.2019, https://www.independentturkish.com/node/104876/d%C3%-
BCnya/mahmur-kamp%C4%B1n%C4%B1n-kapat%C4%B1lmas %C4%
B1-tekrar-g%C3%BCndemde-t%C3%BCrkiye-irak-ve-bm-nezdinde, abge-
rufen am 08.04.2020; Firatnews Agency (ANF), Medikamentenvorräte im
Flüchtlingslager Mexmûr aufgebraucht, 19.03.2020, https://anf-
deutsch.com/kurdistan/medikamentenvorraete-im-fluechtlingslager-
mexmur -aufgebraucht-17987, abgerufen am 09.04.2020).
6.6 Es stellt sich somit vorliegend die Frage, wie sich eine Rückkehr in die
Türkei von Personen, welche jahrelang in Makhmur gelebt haben, verhält.
Über eine mögliche Rückkehr von ehemaligen Bewohnern und Bewohne-
rinnen des Flüchtlingslagers Makhmur gibt es nur vereinzelte Informatio-
nen. Auch das SEM hat in vielen ähnlich gelagerten Fällen auf eine Anord-
nung der Rückkehr der Betroffenen in die Türkei verzichtet und einen po-
sitiven Asylentscheid erlassen – wie der Rechtsvertreter der Beschwerde-
führenden zu Recht festgestellt hat. Das Bundesverwaltungsgericht hielt
im Urteil D-427/2011 vom 12. Juni 2014 fest, dass gemäss Berichten nur
wenige Bewohner des Lagers Makhmur effektiv in die Türkei zurückgekehrt
seien. Ob die Rückkehr dabei freiwillig erfolgte und wie sich allenfalls straf-
rechtliche Konsequenzen für die Rückkehrenden ausnahmen, darüber
würden keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen (vgl. a.a.O., E.6.2
m.w.H.). Im Jahr 2009 berichteten verschiedene Quellen über Probleme
bei einer Rückkehr in die Türkei. Im Rahmen der "Demokratischen Öff-
E-27/2017
Seite 20
nung" der türkischen Regierung sei es damals zu verschiedenen Zuge-
ständnissen in den Bereichen Kultur, politische Partizipation und Strafjustiz
(inklusiv Amnestie) gegenüber den Kurden gekommen. In diesem Kontext
kam es auch zu einer medienwirksam inszenierten Rückkehr von einigen
Bewohnern des Lagers Makhmur und von PKK-Mitgliedern. Gemäss Be-
richten habe die PKK jedoch die Rückkehr der Gruppe für propagandisti-
sche Zwecke genutzt und es seien gegen die zurückgekehrten PKK-Kämp-
fer Verfahren mit Strafen bis zu zwanzig Jahren Haft und gegen die ehe-
maligen Makhmur-Bewohner und Bewohnerinnen bis zu fünfzehn Jahre
Haft eröffnet worden. 2011 sei es zu einer Verurteilung von sieben Kurden,
die zu dieser Gruppe gehörten, gekommen. Sie wurden beschuldigt, Mit-
glied einer illegalen Organisation zu sein und Propaganda für diese ver-
breitet zu haben, weswegen sie zu Haftstrafen von bis zu zehn Jahren ver-
urteilt wurden (vgl. International Crisis Group, Turkey: Ending the PKK In-
surgency, 20.09.2011, https://d2071andvip0wj.cloudfront.net/213-turkey-
ending-the-pkk-insurgency.pdf, abgerufen am 08.04.2020; Firatnews
Agency (ANF), A sentence of revenge, 12.10.2011, https://anfenglishmo-
bile.com/news/a-sentence-of-revenge-4257, abgerufen am 03.04.2020).
Auch seit dem genannten Urteil des Gerichts von 2014 lassen sich keine
verlässlichen Rückschlüsse über Rückkehrende von Makhmur in die Tür-
kei ziehen. Die Möglichkeit einer Rückkehr aus Makhmur wurde 2014 in
Zusammenhang mit der Offensive des IS von türkischer Seite erneut an-
geboten. Die türkische Regierung habe verlauten lassen, dass die Grenzen
für Flüchtlinge aus Makhmur geöffnet würden, um das Leben von tausen-
den von "Turkish citizens" zu retten (vgl. Hürriyet Daily News, Turkey says
doors open for Makhmour camp residents, 08.04.2014, https://www.hur-
riyetdailynews.com/turkey-says-doors-open-for-makhmour-camp-resi-
dents-70173, abgerufen am 08.04.2020). In einem Interview von Internati-
onal Crisis Group mit Vertretern der türkischen Sicherheitsorgane im Jahr
2014, äusserten sich diese dahingehend, dass der Staat für eine Rückkehr
von kurdischen Kämpfern bereit sei, wenn keine Waffen dabei seien. Ein
türkischer Regierungsvertreter hat jedoch darauf hingewiesen, dass die
Bewohner des Lagers von Makhmur nach einer Rückkehr in die Türkei ei-
ner Strafverfolgung ausgesetzt sein könnten (vgl. International Crisis
Group, Turkey and the PKK: Saving the Peace Process, 06.11.2014,
https://d2071andvip0wj.cloudfront.net/turkey-and-the-pkk-saving-the-
peace-process.pdf, abgerufen am 09.04.2020). Hürriyet Daily News be-
richtete ebenfalls 2014, dass eine Rückkehr für viele Lagerbewohner nicht
so einfach wäre, da gegen verschiedene Personen wegen ihrer Nähe zur
PKK Verfahren laufen würden und eine ganze Generation dort geborener
Personen keine türkischen Dokumente besitze (vgl. Hürriyet Daily News,
E-27/2017
Seite 21
Turkey says doors open for Makhmour camp residents, 08.04.2014,
https://www.hurriyetdailynews.com/turkey-says-doors-open-for-
makhmour-camp-residents-70173, abgerufen am 08.04.2020). Ende 2017
kamen von türkischer Seite wieder Vorschläge zur Auflösung des Lagers
und der Rückkehr der Bevölkerung in die Türkei. Es wurde eine Umsetzung
für 2019 in Betracht gezogen, falls das Lager von den rund 1100 "Terroris-
ten" gesäubert werden könne. Im Juni 2018 wurden von der türkischen Re-
gierung Pläne geäussert, wonach eine Militäraktion gegen die PKK im
Nordirak geplant sei, die sich bis nach Makhmur erstrecken könnte. Grund
dafür sei unter anderem der Missbrauch des Lagers zur Ausbildung von
Kindern zu PKK-Terroristen (vgl. The Daily Sabah, Turkey to ramp up ef-
forts to clear terrorists from Makhmour camp, 26.12.2017, https://www.dail-
ysabah.com/war-on-terror/2017/12/26/turkey-to-ramp-up-efforts-to-clear-
terrorists-from-makhmour-camp, abgerufen am 08.04.2020; The Daily Sa-
bah, Turkish offensive on Qandil may stretch to Sinjar, Makhmour in
northern Iraq, 09.06.2018, https://www.dailysabah.com/war-on-ter-
ror/2018/06/09/turkish-offensive-on-qandil-may-stretch-to-sinjar-
makhmour-in-northern-iraq, abgerufen am 09.04.2020).
6.7 Nach den obigen Ausführungen dürfte es den türkischen Behörden be-
kannt sein, dass sich die Beschwerdeführenden seit ihrer Flucht aus
H._, mithin über 20 Jahre lang, im Nordirak beziehungsweise in
Makhmur, aufgehalten haben. Bereits in dem von den Beschwerdeführen-
den zitierten Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-3603/2016 vom 9.
Mai 2018 ging des Gericht davon aus, dass nicht die eigenen konkreten
Tätigkeiten ausschlaggebend seien, sondern das Profil des Beschwerde-
führers, welches ihm von den türkischen Behörden zugeschrieben werden
dürfte. Dabei seien namentlich die Herkunft, der familiäre Hintergrund und
das Umfeld, in dem eine Person aufgewachsen ist, von Bedeutung (vgl.
a.a.O., E.4.2).
Nach dem Gesagten sind die Herkunft der Beschwerdeführenden, ihre Ab-
stammung aus einer politisch engagierten kurdischen Familie oder einer
Familie, die zumindest von den türkischen Behörden als eine solche ange-
sehen wird, sowie die Tatsache, dass die Beschwerdeführenden beinahe
20 Jahre lang im Lager von Makhmur gelebt haben und sich nach wie vor
Familienangehörige dort befinden, Elemente, die ihre Furcht vor ernsthaf-
ten Nachteilen aufgrund eines asylrelevanten Verfolgungsmotivs im Falle
einer Rückkehr in die Türkei objektiv begründen können. Mangels konkre-
ter, gesicherter Informationen, wie sich eine Rückkehr in die Türkei für Per-
sonen mit einem Profil, wie es die Beschwerdeführenden aufweisen, nach
E-27/2017
Seite 22
jahrelangem Aufenthalt in Makhmur tatsächlich gestalten würde, ist mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass diese mit er-
heblichen Konsequenzen für die Beschwerdeführenden verbunden wäre.
Auch das SEM ging in zahlreichen – gemäss Ansicht des Gerichts durch-
aus vergleichbaren – Fällen davon aus, dass eine begründete Furcht vor
asylrelevanter Verfolgung bei einer Rückkehr in die Türkei zu bejahen sei.
Diese Befürchtung erscheint nach der drastischen Verschlechterung der
politischen und menschenrechtlichen Lage in der Türkei seit den Parla-
mentswahlen vom Juni respektive November 2015 sowie dem gescheiter-
ten Putschversuch vom 15. Juli 2016 und vor dem Hintergrund des Wie-
deraufflackerns der bewaffneten Zusammenstösse zwischen der türki-
schen Armee und kurdischen PKK-Kämpfern im Südosten der Türkei umso
mehr gerechtfertigt. Seither ist es zu einer Verschärfung von Verhaftungen
und anderen Massnahmen gegen Politiker, Journalisten und andere pro-
kurdische Akteure der Zivilgesellschaft gekommen. Die Gefahr, von den
Behörden ins Visier genommen oder verhaftet zu werden, besteht auch für
Familienangehörige von mutmasslichen Mitgliedern der PKK oder der PKK
nahestehenden Gruppierungen. Die Operationen der türkischen Behörden
gegen kurdische Kräfte an der syrischen Grenze im Frühling 2018 haben
die Spannungen zudem weiter verschärft (vgl. E-3603/2016 vom 9. Mai
2018, E.4.2; D-6761/2018 vom 26. Februar 2020, E.5.4, m.w.H.).
In Abwägung aller Umstände kommt das Gericht zum Schluss, dass die
Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG der Beschwer-
deführenden (Eltern) sich aufgrund ihrer Vergangenheit in der Türkei, ihres
familiären Hintergrundes sowie ihres langjährigen Aufenthalts in Makhmur
objektiv rechtfertigen lässt.
6.8 Schliesslich ist anzumerken, dass das Gericht die Einschätzung des
SEM nicht teilt, wonach der Umstand, dass die Beschwerdeführenden über
die Türkei ausgereist seien, zeige, dass sie keine ernsthaften Nachteile in
der Türkei zu befürchten hätten. Die Beschwerdeführenden haben hierzu
nachvollziehbar angegeben, dass sie sich in einer Gruppe von Flüchtlingen
bestehend aus syrischen und irakischen Familien bewegt hätten und sich
im Zweifelsfall als syrische Flüchtlinge ausgegeben hätten (vgl. SEM Akten
A20, F265ff.; A23, F141; A24 F75). In diesem Zusammenhang ist daran zu
erinnern, dass die Türkei seit Ausbruch des Krieges in Syrien viele geflüch-
tete Personen aufgenommen hat und sich derzeit über 3.5 Millionen syri-
sche Flüchtlinge in der Türkei aufhalten (vgl. D-6761/2018, vom 26. Feb-
E-27/2017
Seite 23
ruar 2020, E.6.3). Vor diesem Hintergrund ist glaubhaft, dass die Be-
schwerdeführenden unbemerkt durch die Türkei reisen konnten. Allein aus
dem Aufenthalt von einigen wenigen Tagen in der Türkei kann noch nicht
angenommen werden, dass die Beschwerdeführenden in der Türkei nichts
zu befürchten hätten.
6.9 Es bestehen sodann auch keine Anhaltspunkte dafür, dass die Be-
schwerdeführenden in der Türkei oder danach während ihres Aufenthaltes
im Nordirak strafbare Handlungen begangen hätten, welche allenfalls im
Hinblick auf eine mögliche Asylunwürdigkeit gemäss Art. 53 AsylG zu prü-
fen wären. Der Beschwerdeführer hat zwar angegeben, dass nach der
Rückkehr aus (...) nach Makhmur die KDP und die PKK Waffen an die
Bevölkerung zur Selbstverteidigung gegen den IS verteilt hätten. Der Be-
schwerdeführer habe in diesem Zusammenhang eine Waffenausbildung
erhalten und während seines Wachdienstes eine Waffe getragen. Er habe
jedoch von dieser nie Gebrauch machen müssen (vgl. SEM Akte A20
F159ff.). Anhaltspunkte für eine verwerfliche Handlung im Sinne des Art.
53 AsylG ergeben sich daraus keine.
6.10 Nach dem Gesagten ist somit festzustellen, dass die Beschwerdefüh-
renden (Eltern) bei einer Rückkehr in die Türkei begründete Furcht haben,
ernsthaften Nachteilen im Sinne des Asylgesetzes ausgesetzt zu sein und
die Flüchtlingseigenschaft ist zu bejahen.
7.
Die im vorliegenden Beschwerdeverfahren eingeschlossenen Kinder sind
alle im Nordirak geboren. Die drei Kinder C._, D._ und
E._ haben bis zum Teenager-Alter in Makhmur gelebt und haben
dort (gemäss Aussagen von C._) ihre Schulbildung in einer von der
PKK geführten Schule in kurdischer Sprache erhalten (vgl. SEM Akte A24,
F11f, F42). Die begründete Furcht der Eltern bei einer Rückkehr in die Tür-
kei ernsthaften Nachteilen ausgesetzt zu werden, gilt auch für die Kinder,
welche Makhmur erst im Alter von (...), (...) und (...) Jahren verlassen ha-
ben. Ihnen ist somit die Flüchtlingseigenschaft originär nach Art. 3 AsylG
zuzugestehen. Der jüngste Sohn der Familie, F._, ist im Jahr (...)
geboren und war erst (...) Jahre alt, als die Familie Makhmur verlassen hat.
Dass er in den Augen der türkischen Behörden dabei bereits durch die PKK
infiltriert worden wäre oder Sympathisant derselben sei, ist aufgrund seines
jungen Altes unwahrscheinlich. Er ist in die Flüchtlingseigenschaft der El-
tern gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG einzubeziehen.
E-27/2017
Seite 24
8.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen und die angefochtene Verfü-
gung vom 29. November 2016 ist aufzuheben. Die Beschwerdeführenden
(Eltern und Kinder C._, D._ und E._) sind gestützt
auf Art. 3 AsylG, das jüngste Kind F._ ist gestützt auf Art. 51 Abs. 1
AsylG als Flüchtlinge anzuerkennen und das SEM ist anzuweisen, ihnen
in der Schweiz Asyl zu gewähren.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
9.2 Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Der vormalige Vertreter hat am 29. Januar 2019 eine Kostennote einge-
reicht und darin für die Einreichung der 7-seitigen Beschwerdeschrift und
der 5-seitigen Eingabe vom 3. August 2018 total 12 Stunden à 200.- (nicht
MWSt-pflichtig) ausgewiesen. Während der Stundenansatz reglements-
konform ist, scheint der zeitliche Aufwand dem Umfang und Komplexitäts-
grad des Verfahrens nicht vollumfänglich angemessen und ist auf 8 Stun-
den zu kürzen. Diesbezüglich ist eine Parteientschädigung von Fr. 1'600.-
festzusetzen.
Der heutige Rechtsvertreter hat für seine Bemühungen seit Übernahme
des Mandats keine Kostennote eingereicht. Der notwendige Vertretungs-
aufwand lässt sich aufgrund der Aktenlage zuverlässig abschätzen, wes-
halb auf die Einholung einer Honorarnote verzichtet werden kann (Art. 14
Abs. 2 in fine VGKE). Das Gericht geht diesbezüglich von einem zeitlichen
Aufwand von 9 Stunden und einem Stundenansatz von Fr. 220.- aus. Ge-
stützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren sowie die Ent-
schädigungspraxis in vergleichbaren Fällen (Art. 9–13 VGKE) ist die Par-
teientschädigung diesbezüglich auf Fr. 2'150.- (inkl. Auslagen und MWSt)
festzusetzen.
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Insgesamt ist den Beschwerdeführenden somit zulasten der Vorinstanz
eine Parteientschädigung von total Fr. 3'750.– (inkl. Auslagen und Mehr-
wertsteuerzuschlag) zuzusprechen. Das SEM ist anzuweisen, den Be-
schwerdeführenden diesen Betrag zu entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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