Decision ID: 37f33fd8-2bfc-5913-a2d6-b370d2d05275
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat seinen Angaben zu-
folge im (...) 2016. Von B._ aus sei er über Erbil illegal in die Türkei
gereist. Mit Hilfe eines Schleppers sei er über Bulgarien, Serbien, Ungarn
und Österreich am 29. Mai 2016 in die Schweiz eingereist. Gleichentags
stellte er im damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ)
C._ ein Asylgesuch.
B.
Am 13. Juni 2016 fand die Befragung zur Person (BzP) und am 3. Oktober
2018 die Anhörung zu den Asylgründen statt. Dabei machte er im Wesent-
lichen folgenden Sachverhalt geltend:
Er sei in B._ geboren und aufgewachsen. Ein Onkel mütterlicher-
seits namens D._ habe seine Eltern umgebracht, als er etwa fünf
Jahre alt gewesen sei. Er sei danach mit seinem Bruder und den beiden
Schwestern bei seinen Grosseltern aufgewachsen, wo auch der Onkel
D._ gewohnt habe. Die Lebensumstände seien schwierig gewesen.
Er habe die Schule nur bis zur fünften Klasse besuchen können, da sein
Onkel von ihm verlangt habe, dass er arbeite. Er sei daraufhin ab dem Jahr
2003 während etwa sieben Jahren als (...) tätig gewesen. Ab dem Jahr
2011 habe er mit seinem Bruder und dessen Ehefrau zusammengelebt.
Etwa im Jahr 2012 habe er begonnen, in einem (...)geschäft zu arbeiten,
später habe er auch in einer (...) gearbeitet. In dem (...)geschäft habe er
Ende 2012 einen Mann christlichen Glaubens kennengelernt, mit welchem
er eine Beziehung eingegangen sei. Dieser sei Ende 2013 bei einem Bom-
benanschlag gestorben. Nur der Chef des (...)geschäfts habe von seiner
Homosexualität gewusst. Sein Onkel habe es jedoch ebenfalls vermutet
und dies nicht gebilligt. Deshalb hätten die Grosseltern und der Onkel von
ihm verlangt, dass er die Tochter von D._ heirate. Er sei auch ge-
schlagen worden und die Beziehung zu seinem Onkel sei insgesamt sehr
schwierig gewesen. Da er nicht habe heiraten wollen und homosexuell sei,
habe er schliesslich im (...) 2016 den Irak verlassen. Zudem sei er kurz vor
seiner Ausreise von Mitgliedern der Partei beziehungsweise Miliz Al Asa’eb
aufgefordert worden, sich ihnen anzuschliessen, was er abgelehnt habe.
Der Onkel sei inzwischen Mitglied der Partei Al Asa’eb. Nach seiner Aus-
reise habe der Onkel seinen Bruder unter Drohungen aufgefordert, dafür
zu sorgen, dass er (der Beschwerdeführer) zurückkomme.
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Der Beschwerdeführer reichte seinen irakischen Pass und seine Identitäts-
karte, beide im Original, einen irakischen Wahlausweis im Original, Todes-
bescheinigungen seiner Eltern in Kopie, eine irakische Lebensmittelkarte
und einen Ausweis seines Bruders in Kopie ein. Daneben reichte er einen
Sprechstundenbericht der Universitätsklinik E._ vom 21. Juni 2017,
aus welchem (...)probleme hervorgehen, und ein ärztliches Zeugnis eines
Psychotherapeuten vom 25. Oktober 2017 zu den Akten. In dem ärztlichen
Zeugnis wird festgehalten, dass der Beschwerdeführer seit etwa Mai 2016
in psychotherapeutischer Behandlung sei.
C.
Mit Verfügung vom 8. Juli 2019 – eröffnet am 12. Juli 2019 – lehnte das
SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete seine Weg-
weisung aus der Schweiz an. Der Vollzug der Wegweisung wurde infolge
Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben. Die
Vorinstanz begründete die Verfügung im Wesentlichen mit der fehlenden
Asylrelevanz der Vorbringen.
D.
Mit Beschwerde vom 12. August 2019 (Poststempel) beantragte der Be-
schwerdeführer, die Verfügung des SEM sei in den Dispositivziffern 1 bis 3
aufzuheben, es sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl
zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses zu verzichten und die unentgeltliche Rechtspflege zu
gewähren.
E.
Am 13. August 2019 reichte der Beschwerdeführer eine Fürsorgebestäti-
gung nach.
F.
Mit Verfügung vom 15. August 2019 bestätigte die Instruktionsrichterin den
Eingang der Beschwerde und hielt fest, der Beschwerdeführer könne den
Entscheid in der Schweiz abwarten, zumal er ohnehin über den Status der
vorläufigen Aufnahme verfüge.
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 20. August 2019 hiess die Instruktionsrich-
terin das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gut, verzichtete auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses und setze Frau MLaw Sonja Comte
E-4046/2019
Seite 4
als amtliche Rechtsbeiständin ein. Gleichzeitig wurde das SEM eingela-
den, sich zur Beschwerde vernehmen zu lassen.
H.
In seiner Vernehmlassung vom 23. August 2019 hielt das SEM im Wesent-
lichen fest, die Beschwerdeschrift enthalte keine erheblichen Tatsachen
oder Beweismittel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtferti-
gen könnte.
I.
Mit Replik vom 10. September 2019 hielt der Beschwerdeführer an seinen
Vorbringen und deren Asylrelevanz fest.
J.
Am 12. November 2019 ersuchte die als amtliche Rechtsbeiständin einge-
setzte Sonja Comte um Entlassung aus ihrem Mandat, da sie ihre Arbeit
bei der Caritas Schweiz niederlegen werde. Unter Beilegung einer Voll-
macht ersuchte Frau MLaw Eliane Schmid, Rechtsanwältin, um Einset-
zung als amtliche Rechtsbeiständin.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 14. November 2019 entliess die Instruktions-
richterin Frau MLaw Sonja Comte aus ihren Verpflichtungen als amtliche
Rechtsbeiständin und Frau MLaw Eliane Schmid, Rechtsanwältin, wurde
antragsgemäss als neue amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel, so auch vorliegend, endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
E-4046/2019
Seite 5
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG).
3.2 Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes,
des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Nach Lehre und Recht-
sprechung erfüllt eine asylsuchende Person die Flüchtlingseigenschaft im
Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlit-
ten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und
in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nachteile müssen der asylsu-
chenden Person gezielt und aufgrund der in Art. 3 Abs. 1 AsylG aufgezähl-
ten Verfolgungsmotive drohen oder zugefügt worden sein. Eine Verfol-
gungshandlung im Sinne von Art. 3 AsylG kann von staatlichen oder nicht-
staatlichen Akteuren ausgehen. Die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft setzt zudem voraus, dass die betroffene Person einer landesweiten
Verfolgung ausgesetzt ist und sich nicht in einem anderen Teil ihres Hei-
matstaates in Schutz bringen kann. Ausgangspunkt für die Beurteilung der
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Seite 6
Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise be-
stehenden Verfolgung oder begründeten Furcht vor einer solchen. Die Si-
tuation zum Zeitpunkt des Asylentscheides ist jedoch im Rahmen der Prü-
fung nach der Aktualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Verän-
derungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und
Asylentscheid sind deshalb zugunsten und zulasten der ein Asylgesuch
stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1.1,
2010/28 E. 3.3.1.1, 2010/57 E. 2, 2008/12 E. 5, jeweils mit weiteren Hin-
weisen).
3.3 Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt
vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich –
aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlich-
keit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger
Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirk-
lichen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Be-
drohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage
Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen
würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer objektivierten
Betrachtungsweise zu erfolgen, und sie ist andererseits durch das von der
betroffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in
vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungs-
massnahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere
(subjektive) Furcht (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5 mit weiteren Hinweisen).
3.4 Personen, die erst wegen ihrer Ausreise oder ihres Verhaltens danach
solchen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind respektive begründete
Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, sind nach Art. 54
AsylG zwar als Flüchtlinge vorläufig aufzunehmen, indes wegen soge-
nannter subjektiver Nachfluchtgründe von der Asylgewährung auszu-
schliessen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). Anspruch auf Asyl nach schweize-
rischem Recht hat demnach nur, wer im Zeitpunkt der Ausreise ernsthaften
Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt war (Vorfluchtgründe)
oder aufgrund von äusseren, nach der Ausreise eingetretenen Umständen,
auf die er keinen Einfluss nehmen konnte, bei einer Rückkehr ins Heimat-
land solche ernsthaften Nachteile befürchten müsste (sogenannte objek-
tive Nachfluchtgründe, vgl. BVGE 2010/44 E. 3.5 m.w.H.).
3.5 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Seite 7
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz gelangte in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
dass sich aus der geltend gemachten Tötung seiner Eltern und den späte-
ren schwierigen Lebensumständen keine gegen den Beschwerdeführer
gerichtete Verfolgung ableiten lasse. Er habe vorgebracht, dass er von sei-
ner Verwandtschaft geschlagen worden sei. Diese Umstände würden je-
doch in ihrer Art und Intensität keine asylrelevante Verfolgung darstellen.
Zu den Umständen des Todes seiner Eltern habe er nichts Genaues be-
richten können und habe infolge der Tötung seiner Eltern auch keine Ge-
fährdung seiner Person erwähnt. In Bezug auf seine Homosexualität sei
festzustellen, dass seinen Ausführungen keine Hinweise zu entnehmen
seien, wonach ihm deswegen asylrelevante Massnahmen gedroht hätten.
Sein Chef im (...)geschäft habe als Einziger von seiner Homosexualität ge-
wusst. Der Onkel D._ habe es gemäss seinen Aussagen wohl ver-
mutet. Ernsthafte Probleme habe er deswegen jedoch nicht geltend ge-
macht. Es sei somit nicht davon auszugehen, dass ihm aufgrund seiner
Homosexualität bei einer Rückkehr in den Irak ernsthafte, asylrelevante
Nachteile drohen würden. Das Vorbringen, er habe seine Homosexualität
im Irak nicht öffentlich leben können, sei auf die allgemeinen sozialen und
gesellschaftlichen Lebensbedingungen in seinem Heimatstaat zurückzu-
führen und stelle keine gezielte und intensive Verfolgung im Sinne des
Art. 3 AsylG dar. Auch seinen Aussagen, der Onkel habe ihn mit seiner
Tochter verheiraten wollen und er befürchte aufgrund seiner Weigerung
Nachteile, liessen sich keine hinreichenden Indizien für eine asylrelevante
Verfolgung entnehmen. Er sei möglicherweise unter einem sozialen Druck
gestanden, substantiierte Angaben zu allfälligen ernsthaften Konsequen-
zen seien indessen ausgeblieben. Ferner habe er vorgebracht, dass Mili-
zen ihn hätten rekrutieren wollen. Er habe aufgrund seiner Weigerung, sich
einer Miliz anzuschliessen, jedoch keine asylrelevanten Nachteile geltend
gemacht, weshalb auch dieses Vorbringen asylrechtlich nicht relevant sei.
Insgesamt würden seine Vorbringen den Anforderungen an die Flüchtlings-
eigenschaft im Sinne des Art. 3 AsylG nicht standhalten.
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Seite 8
4.2 In der Beschwerde wurde an der Asylrelevanz der Vorbringen festge-
halten und im Wesentlichen auf das Referenzurteil des Bundesverwal-
tungsgericht D-6539/2018 vom 2. April 2019 hingewiesen, in welchem fest-
gestellt worden sei, dass es im Irak nicht möglich sei, offen als homosexu-
elle Person zu leben. Bei einem Outing würden sowohl von Seiten der Fa-
milie als auch der Behörden ernsthafte Nachteile drohen. Eine Verheimli-
chung der Homosexualität könne hingegen in einem unerträglichen psychi-
schen Druck münden. Der Druck, unter welchem auch der Beschwerde-
führer gelitten habe, lasse sich anhand diverser Aussagen aus dem Anhö-
rungsprotokoll erahnen. Er habe beispielsweise gesagt, dass er im Gehei-
men Geschlechtsverkehr mit Männern hätte haben müssen, da solche Ta-
ten mit dem Tod bestraft würden. Auch habe der Onkel von ihm verlangt,
dass er seinen Kleidungsstil ändere und nicht mehr ausgehe. Zudem sei
der Druck auch daran zu erkennen, dass er mit einer Frau hätte verheiratet
werden sollen. Die allgegenwärtige Angst des Beschwerdeführers vor sei-
nem Onkel zeige sich aus dem Anhörungsprotokoll. Er habe beispielsweise
gesagt, dass der Onkel ihn bei einer Rückkehr in den Irak möglicherweise
umbringen werde. Auch seinem Bruder habe der Onkel gesagt, er werde
ihm etwas antun, da er den Beschwerdeführer finanziell unterstützt habe.
Er habe seit Kindesalter im Irak viel Leid und Gewalt von seiner Familie
erfahren. Inzwischen habe sich der Beschwerdeführer nach mehreren
Druckversuchen seines Bruders und des Onkels in den Irak zurückzukeh-
ren, geoutet. Sein Bruder habe ihn ausgelacht und versuche weiterhin, ihn
zu einer Rückkehr in den Irak zu bewegen. Hinzukommend sei auch die
drohende Zwangsverheiratung als asylrelevant zu qualifizieren. Diese sei
im Kontext der ganzen Ereignisse zu betrachten. Es gehe aus den Aussa-
gen des Beschwerdeführers klar hervor, dass der Onkel der Meinung sei,
er könne über den Beschwerdeführer bestimmen, nötigenfalls mit extensi-
ver Gewalt. Die Ausreise des Beschwerdeführers dürfte beim Onkel noch
vermehrt das Motiv gestärkt haben, den Beschwerdeführer durch eine Ver-
heiratung wieder in die irakische Gesellschaft und seinen Machtbereich
einzubinden, umso mehr, als der Beschwerdeführer sich nun geoutet habe.
Der psychische Druck, unter welchem der Beschwerdeführer gelebt habe,
und im Falle einer Rückkehr in den Irak erneut leben müsste, sei als genug
intensiv und somit als asylrelevant einzustufen. Ausserdem habe sich die
Situation geändert, da sich der Beschwerdeführer nun seiner Familie ge-
genüber geoutet habe. Er habe bei einer Rückkehr mit einer asylrelevanten
Verfolgung durch die Familie zu rechnen, wobei kein Schutzwille der iraki-
schen Behörden bestehe.
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Seite 9
4.3 Die Vorinstanz führte in ihrer Vernehmlassung aus, dass sich aus den
Akten keine Hinweise entnehmen liessen, dass er im Irak unter einem un-
erträglichen psychischen Druck gelitten habe. Es sei zwar davon auszuge-
hen, dass es homosexuellen Personen im Irak nicht möglich sei, offen ho-
mosexuell zu leben. Dies allein stelle aber noch keinen unerträglichen psy-
chischen Druck dar. Die vorgebrachte Verfolgungssituation, namentlich
durch die drohende Zwangsverheiratung durch den Onkel, sei als unglaub-
haft einzustufen. Aufgrund der unglaubhaften Aussagen zur geltend ge-
machten Verfolgungssituation vermöge der Beschwerdeführer auch keinen
unerträglichen psychischen Druck glaubhaft zu machen.
4.4 In der Replik wurde darauf hingewiesen, dass sich die Vorinstanz nicht
einzelfallspezifisch und detailliert mit der Frage auseinandergesetzt habe,
ob der Beschwerdeführer unter einem entsprechenden psychischen Druck
leide. Aufgrund der äusserst knappen respektive fehlenden Begründung
sei es dem Beschwerdeführer nicht möglich, sich mit der Einschätzung der
Vorinstanz, es fehle an einem psychischen Druck gemäss Art. 3 AsylG,
auseinanderzusetzen. Auch in Bezug auf die Verfolgungssituation durch
den Onkel aufgrund der drohenden Zwangsverheiratung habe sich die Vor-
instanz in der Vernehmlassung auf eine pauschale Begründung, weshalb
diese unglaubhaft sei, bezogen. Aus der Verfügung der Vorinstanz lasse
sich nicht entnehmen, dass diese ihm eine drohende Zwangsverheiratung
nicht geglaubt habe. Auch hier fehle somit eine nachvollziehbare Begrün-
dung. In einer Gesamtbetrachtung sei durchaus von einer über die Ver-
heimlichung der Homosexualität hinausgehenden zusätzlichen Drucksitu-
ation auszugehen. Die steten Kontrollen und Einflussnahmen durch den
sehr gewaltbereiten Onkel seien als zusätzlicher Druck zu betrachten, wo-
bei auch die drohende Zwangsverheiratung als Mittel der Unterbindung der
Homosexualität und die damit verbundenen massiven Eingriffe in die per-
sönliche Freiheit zu berücksichtigen seien. Die drohende Zwangsverheira-
tung sei entgegen den Ausführungen in der Vernehmlassung von der Vor-
instanz in der ablehnenden Verfügung als sozialer Druck betrachtet wor-
den. Vorliegend sei somit von einem auf den Beschwerdeführer ausgeüb-
ten psychischen Druck im Sinne des Art. 3 AsylG auszugehen.
5.
5.1 Vorab ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer aus der Tötung sei-
ner Eltern, als er noch ein Kind war, an sich keine persönliche Verfolgung
ableiten kann. Zwar handelt es sich dabei um ein tragisches Ereignis und
es wird nicht in Abrede gestellt, dass er sich dadurch in schwierigen Le-
bensumständen im Irak befunden hat; die konkreten Umstände der Tötung
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Seite 10
der Eltern werden aber nicht klar. Vorliegend ist jedoch vor dem Hinter-
grund seiner sexuellen Orientierung bedeutsam, in was für einem familiä-
ren Umfeld er sich befunden hat.
5.2 Die Ausführungen des SEM zum Vorbringen, Milizen hätten den Be-
schwerdeführer rekrutieren wollen (SEM Akten A5, Ziff. 7.02; A20, F108ff.),
sind ebenfalls zu bestätigen (Verfügung des SEM vom 8. Juli 2019, E. II.4).
Aus der Weigerung, sich der Miliz anzuschliessen, sind ihm keine konkre-
ten Nachteile erwachsen. Hierzu wurde sodann in der Beschwerde auch
nichts weiter vorgetragen.
5.3
5.3.1 Der Beschwerdeführer führt zur Begründung seines Asylgesuchs fer-
ner aus, dass er den Irak verlassen habe, da er sich zu Männern hingezo-
gen gefühlt habe (SEM Akte A20, F72). Das SEM hat seine Homosexualität
nicht in Frage gestellt. Auch das Gericht erachtet die vorgebrachte Homo-
sexualität des Beschwerdeführers als glaubhaft. Als Verfolgungsmotiv lässt
sich die Homosexualität in ständiger Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts unter der in Art. 3 AsylG erwähnten „bestimmten sozialen
Gruppe“ erfassen (vgl. Urteile des BVGer D-6539/2018 E. 7.2; E-
1284/2015 vom 17. Mai 2017 E. 5.4.1).
5.3.2 In seinem Referenzurteil D-6539/2018 vom 2. April 2019 gelangte
das Bundesverwaltungsgericht nach einer eingehenden Lageanalyse zur
Situation von homosexuellen Personen im Irak zum Schluss, dass es im
gesamten Irak nicht möglich sei, offen als homosexuelle Person zu leben.
Bei einem Outing der Homosexualität würden sowohl von Seiten der Fami-
lie als auch der Behörden ernsthafte Nachteile drohen, welche sich sowohl
in direkter Gewalt, gar einer Tötung als auch in diversen ausgeprägten Dis-
kriminierungen ausgestalten könnten (a.a.O., E. 7.6). Es liege dennoch
keine Kollektivverfolgung von homosexuellen Personen im Irak vor. Es sei
im Einzelfall zu prüfen, ob es der beschwerdeführenden Person zugemutet
werden könne, sich einer Gefährdung durch diskretes Verhalten zu entzie-
hen, indem sie ihre sexuelle Identität verheimliche beziehungsweise unter-
drücke und sich entgegen dieser gemäss den landesüblichen, einschliess-
lich der religiösen, Sitten und Gebräuchen verhalte, oder ob ein solches
Verhalten für sie persönlich zu einem unerträglichen psychischen Druck im
Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG führen würde. Die Annahme, das Verheimli-
chen einer persönlichen Überzeugung beziehungsweise einer mit der Per-
sönlichkeit untrennbar verknüpften Eigenschaft – wie dies die sexuelle Ori-
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Seite 11
entierung ist – bewirke einen unerträglichen psychischen Druck, setze vo-
raus, dass die betroffene Person in einem Umfeld zu leben gezwungen sei,
in welchem sie Gefahr laufe, dass eben diese Überzeugung oder Eigen-
schaft entdeckt, denunziert und sanktioniert werde. Je grösser die Gefahr
sei, durch eine unbedachte Geste oder Äusserung entdeckt zu werden,
und je gravierender die staatliche oder private Sanktionierung im Falle der
Entdeckung ausfalle, desto eher sei davon auszugehen, die betroffene
Person stehe unter einem psychisch unerträglichen Druck, weil sie ge-
zwungen wäre, ihre Persönlichkeit zu verleugnen und ein Doppelleben zu
führen, um nicht entdeckt zu werden. Die Tatsache, dass eine Person da-
rauf angewiesen sei, durch diskretes Verhalten einer Verfolgung auszuwei-
chen, spreche dafür, dass eine begründete Furcht vorliege. Die Verheimli-
chung der Homosexualität könne somit im Irak aufgrund der ständigen Ge-
fahr der Denunziation oder unfreiwilligen Entdeckung, der gesellschaftli-
chen Repressionen und Marginalisierung, der fehlenden Unterstützung
des Familienverbandes sowie der Angst vor Diskriminierung in Polizeige-
wahrsam oder im Strafvollzug unter Umständen einen unerträglichen psy-
chischen Druck im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG verursachen (vgl. dazu
das Referenzurteil D-6539/2018 vom 2. April 2019, E. 8.2 und E. 8.3).
5.3.3 Nach Durchsicht der Akten ist die Einschätzung der Vorinstanz, dass
der Beschwerdeführer bei seiner definitiven Ausreise aus dem Irak im Jahr
2016 keinen asylrelevanten Benachteiligungen aufgrund seiner sexuellen
Orientierung ausgesetzt gewesen ist, zu bestätigen. Er schilderte in der
Anhörung, dass er sich im Versteckten mit Männern habe treffen müssen
und sich nicht habe dazu äussern dürfen, da Geschlechtsverkehr mit an-
deren Männern mit dem Tode bestraft werde. Bevor er im Jahr 2012 seinen
Freund F._ kennengelernt habe, habe er sich bereits mit Männern
in Shishabars getroffen, jedoch im Geheimen (SEM Akte A20, F87f.). Er
führte ferner aus, dass nur der Chef des (...)geschäfts, in welchem er ge-
arbeitet habe, von seiner Homosexualität gewusst habe. Aufgrund seiner
Kleidung, seiner Haare und seinem Aussehen habe der Onkel jedoch
ebenfalls vermutet, dass er homosexuell sei (a.a.O., F91ff.). Auch wenn
der Beschwerdeführer sich vor seiner Ausreise aus dem Irak vorsichtig ver-
halten hat, damit abgesehen von seinem Chef niemand von seiner Homo-
sexualität erfahre, lässt sich seinen Aussagen nicht entnehmen, dass er
aufgrund dessen unter einem unerträglichen psychischen Druck gestan-
den hätte. Der Beschwerdeführer brachte in seinen Befragungen auch
nicht konkret vor, dass seine Situation im Irak aufgrund seiner Homosexu-
alität unerträglich gewesen wäre oder er erheblichen Nachteilen ausge-
E-4046/2019
Seite 12
setzt gewesen sei. Vielmehr wies er mehrfach darauf hin, dass seine Le-
bensumstände wegen der Tötung seiner Eltern durch den Onkel schwierig
und belastend gewesen seien, insbesondere da er mit jenem Onkel aufge-
wachsen sei (a.a.O., F73, F76, SEM Akte A5, Ziff. 7.01). In der Replik wird
hierzu angemerkt, dass die steten Kontrollen und Einflussnahmen durch
den sehr gewaltbereiten Onkel als zusätzlicher Druck zu betrachten seien.
Ab dem Jahr 2011 lebte der Beschwerdeführer jedoch nicht mehr mit dem
Onkel zusammen, sondern wohnte bei seinem Bruder (SEM Akte A20,
F62). Es kann angenommen werden, dass er sich als erwachsener Mann
somit ein Stück weit den Kontrollen des Onkels hat entziehen können. Auch
die beabsichtigte Verheiratung mit seiner Cousine lässt sich nicht als uner-
träglicher psychischer Druck qualifizieren. Seinen Angaben zufolge brachte
der Onkel eine beabsichtigte Verheiratung zwar zur Sprache, nachdem er
im Jahr 2013 vermutet habe, dass der Beschwerdeführer eine Beziehung
zu F._ habe (SEM Akte A20, F82). Bis zu seiner Ausreise im Jahr
2016 ist diesbezüglich aber nichts mehr weiter vorgefallen.
Der Umstand, dass der Beschwerdeführer im Jahr 2014 und 2015 zwei Mal
in die Türkei reiste, nach einigen Monaten jedoch wieder in den Irak zu-
rückkehrte, bestätigt die Einschätzung, dass er keinem unerträglichen
Druck ausgesetzt gewesen ist. Der Beschwerdeführer gab hierzu an, er sei
im Jahr 2014 nach einem Aufenthalt von einem Monat in der Türkei wieder
in den Irak zurückgekehrt, da er kein Geld mehr gehabt habe. Im Jahr 2015
sei er erneut in die Türkei gereist und habe eigentlich vorgehabt, nach Eu-
ropa zu gehen. Da er vor der Reise über das Meer Angst gehabt habe, sei
er wieder in den Irak zurückgekehrt (SEM Akte A20, F65ff., F115f.). Wäre
die Situation im Irak für ihn damals unhaltbar gewesen, wäre zu erwarten
gewesen, dass er nicht mehr in den Irak zurückgekehrt wäre.
Den Akten lässt sich somit – entgegen den Ausführungen in der Be-
schwerde – insgesamt nicht entnehmen, dass der Beschwerdeführer vor
seiner Ausreise im Sinne von Vorfluchtgründen unter einem unerträglichen
psychischen Druck gestanden sei. Das SEM hat zu Recht festgestellt, dass
er bis zu seiner Ausreise im April 2016 keine ernsthaften Nachteile wegen
seiner Homosexualität erlebt hat; ein unerträglicher psychischer Druck wird
für den damaligen Zeitpunkt letztlich nicht erkennbar.
5.3.4 Es stellt sich im Weiteren die Frage, ob der Beschwerdeführer nun-
mehr bei einer (hypothetischen) Rückkehr in den Irak einem unerträglichen
psychischen Druck im Sinne des zitierten Referenzurteils D-6539/2018
ausgesetzt wäre. Der Beschwerdeführer hat hierzu ausgeführt, dass sich
E-4046/2019
Seite 13
seine Situation insofern geändert habe, als er sich in der Schweiz nun ge-
genüber seinem Bruder und Onkel geoutet habe, da sie Druck auf ihn aus-
geübt hätten, in den Irak zurückzukehren. Der Bruder habe ihn ausgelacht
und versuche weiterhin, ihn zu einer Rückkehr zu bewegen (Beschwerde-
schrift Ziff. 3.9). Er gab zudem an, dass er sich nun nach seinem Outing
erst recht vor einer Zwangsheirat fürchte (Beschwerdeschrift Ziff. 3.10).
Wie oben erwähnt, war der Beschwerdeführer im Irak keinen traumati-
schen Erlebnissen aufgrund seiner Homosexualität ausgesetzt und er hat
auch keine konkreten Nachteile erlitten. Obschon gemäss seinen Aussa-
gen der Onkel im Jahr 2013 vermutet habe, dass er mit F._ eine
Beziehung führe (SEM Akte A20, F82, F91, F96), war er deswegen keinen
Benachteiligungen durch den Onkel oder andere Familienmitglieder aus-
gesetzt. Dass er sich nun gegenüber dem Onkel und dem Bruder «offiziell»
geoutet habe, dürfte an seiner Situation nichts ändern, da zumindest der
Onkel seine Homosexualität bereits vermutet habe. Zudem bleibt das vor-
gebrachte Outing eine Parteiaussage, welche nicht weiter ausgeführt
wurde. Auch machte der Beschwerdeführer keine deswegen erfolgten kon-
kreten Drohungen geltend. Vielmehr gab er an, der Bruder versuche wei-
terhin ihn zu überzeugen, in den Irak zurückzukehren (Beschwerdeschrift
Ziff. 3.9), was dafür spricht, dass es ihm trotz des Outings möglich sein
dürfte, in den Kreis der Familie zurückzukehren. Zudem war es dem Be-
schwerdeführer bereits vor seiner Ausreise aus dem Irak möglich, eine Be-
ziehung zu führen und sich mit Männern zu treffen (SEM Akte A20, F87-
F89). Aus seinen Aussagen geht insgesamt nicht hervor, dass er deswegen
in einer Situation eines unerträglichen Drucks gestanden wäre (siehe oben
E.5.3.3), weshalb angenommen werden kann, dass er in sein Umfeld zu-
rückkehren könnte. Zudem war auch sein Vorgesetzter über seine sexuelle
Orientierung informiert (SEM Akte A20, F84, F91), was ebenfalls nicht zu
Problemen geführt habe. Es gab in seiner Vergangenheit somit kein Ereig-
nis, welches zu einer konkreten Gefahr der Entdeckung oder zu einem un-
freiwilligen Outing gegenüber anderen Personen geführt habe. Es kann so-
mit insgesamt nicht darauf geschlossen werden, dass der Beschwerdefüh-
rer sich bei einer Rückkehr nunmehr in einer Situation eines unerträglichen
psychischen Drucks wiederfinden würde. Schliesslich ergeben sich aus
den Akten auch keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass dem Beschwer-
deführer nun tatsächlich eine Zwangsheirat aufgrund seines vorgebrachten
Outings drohen würde. Wie oben erwähnt (vgl. E.5.3.3), ist, nachdem er
eine Heirat entgegen dem Anraten des Onkels abgelehnt hat, nichts weiter
vorgefallen (SEM Akte A20, F102 f.). Da der Onkel bereits damals vermutet
habe, dass der Beschwerdeführer homosexuell sei, aber dennoch nichts
weiter bezüglich einer Zwangsheirat unternommen habe, ist nicht davon
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auszugehen, dass sich eine solche nun bei einer Rückkehr verwirklichen
würde.
Es bestehen somit insgesamt keine konkreten Hinweise dafür, dass der
Beschwerdeführer bei einer (hypothetischen) Rückkehr mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft Opfer zukünftiger Verfol-
gung werde. Eine lediglich abstrakte Gefahr der Entdeckung und Verfol-
gung genügt zur Annahme eines unerträglichen psychischen Drucks jeden-
falls nicht. Dies entspricht auch der bisherigen Rechtsprechung des Bun-
desverwaltungsgerichts, wonach gewisse Einschränkungen im öffentlichen
Auftreten und im Privatleben für sich noch keinen ernsthaften Nachteil im
Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG darstellen und namentlich nicht per se zu
einem unerträglichen psychischen Druck führen (vgl. Urteile des BVGer E-
2109/2019 vom 28. August 2020 E. 10.2 m.w.H.; D-5961/2017 vom
27. Februar 2018 E. 6.3).
5.4 Zusammenfassend kommt das Gericht zum Schluss, dass aus den Ak-
ten weder hinreichende Anhaltspunkte für asylrelevante Vorfluchtgründe
erkennbar sind, noch davon auszugehen ist, dass der Beschwerdeführer
bei einer Rückkehr in den Irak aufgrund seiner sexuellen Orientierung be-
gründete Furcht hat, einem unerträglichen psychischen Druck im Sinne des
Art. 3 AsylG ausgesetzt zu sein. Das SEM hat die Flüchtlingseigenschaft
des Beschwerdeführers zu Recht verneint und das Asylgesuch zu Recht
abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]).
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7.2 Nachdem der Beschwerdeführer wegen der generellen Gefährdung
aufgrund der aktuellen Situation im Irak vom SEM infolge Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufgenommen wurde,
stellt sich die Frage nach dem Vorliegen der weiteren Voraussetzungen für
einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung – Unzulässigkeit und Un-
möglichkeit – heute nicht, da diese Vollzugshindernisse alternativer Natur
sind: Ist eines erfüllt, gilt der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar
(vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da jedoch sein
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege mit Zwischen-
verfügung vom 20. August 2019 gutgeheissen wurde und keine Verände-
rung in den finanziellen Verhältnissen ersichtlich ist, sind ihm vorliegend
trotz Unterliegens keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
9.2 Infolge Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist der eingesetz-
ten Rechtsvertretung ein amtliches Honorar zu entrichten. Die damalige
Rechtsbeiständin MLaw Sonja Comte legte am 10. September 2019 eine
Kostennote vor, in der ein zeitlicher Aufwand von 385 Minuten zu Fr. 193.85
(inkl. MWST) zuzüglich Auslagen in der Höhe von Fr. 54.– geltend gemacht
werden. Das Gericht geht bei amtlicher Vertretung praxisgemäss von ei-
nem Stundenansatz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Ver-
treterinnen und Vertreter und von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für anwaltliche
Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE).
Dieser Stundenansatz wurde der damaligen Rechtsbeiständin im Rahmen
der amtlichen Verbeiständung mitgeteilt (Zwischenverfügung vom 20. Au-
gust 2019). Der in der Kostennote angegebene Stundenansatz von Fr.
193.85 (inkl. MWST) ist für die Aufwendungen von MLaw Sonja Comte ent-
sprechend auf Fr. 150.– (zuzüglich MWST) zu reduzieren. Der geltend ge-
machte zeitliche Aufwand erscheint angemessen. Die verlangte Entschä-
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digung einer zusätzlichen Stunde Aufwand für die Kenntnisnahme und Er-
öffnung des Urteils pro futuro ist hingegen nicht zu gewähren. Die ange-
führte Auslagenpauschale ist zudem praxisgemäss nicht zu vergüten; das
Gericht erachtet Auslagen in Höhe von Fr. 20.– als angemessen. Für den
Aufwand der ehemaligen Rechtsbeiständin, Frau MLaw Sonja Comte,
ergibt sich demnach ein zu Lasten der Gerichtskasse festzusetzendes amt-
liches Honorar in Höhe von Fr. 1058.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteu-
erzuschlag). Da die ehemalige Rechtsbeiständin die Verbeiständung des
Beschwerdeführers im Rahmen ihrer Anstellung bei der gleichen Rechts-
beratungsstelle (Caritas Schweiz) wie die aktuelle Rechtsbeiständin wahr-
nahm, geht das Gericht mangels anderer Hinweise davon aus, dass sie
ihren Honorar-Anspruch an die Caritas Schweiz abtrat. Das amtliche Ho-
norar ist entsprechend der Caritas Schweiz auszurichten.
9.3 Die am 14. November 2019 neu eingesetzte Rechtsbeiständin MLaw
Eliane Schmid hat keinen zusätzlichen Aufwand geltend gemacht und auch
keine Verfahrenshandlungen vorgenommen, weshalb ihr kein zusätzliches
amtliches Honorar zuzusprechen ist.
(Dispositiv nächste Seite)
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