Decision ID: 0309bcdd-bbab-5f4a-80c4-ea86c1a66d87
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (Staatsangehöriger von Jordanien, geb. [...]) er-
suchte am 19. Januar 2021 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich mit der
europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab,
dass er am 26. November 2019 in Deutschland und am 10. September
2020 in den Niederlanden um Asyl ersucht hatte. Zudem wurde festgestellt,
dass er für den Zeitraum vom 3. Oktober 2019 bis zum 17. November 2019
ein niederländisches Schengenvisum erhalten hatte.
B.
Die Vorinstanz gewährte dem Beschwerdeführer am 1. Februar 2021 das
rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der
Möglichkeit einer Überstellung in die Niederlande. Er erklärte, er wolle nicht
in die Niederlande zurückkehren. Seine Frau lebe in B._ und er
wolle bei ihr bleiben. Bereits anlässlich der Personalienaufnahme hatte er
diesbezüglich vor der Vorinstanz ausgeführt, dass er am 5. September
2020 eine in B._ lebende Frau religiös geheiratet habe. Derzeit sei
beim Zivilstandsamt in B._ ein Verfahren betreffend Anerkennung
der Ehe in der Schweiz hängig.
In Bezug auf seinen Gesundheitszustand gab er an, er leide an nervlich
verursachten Migräneanfällen. Bei einem Migräneanfall habe er jeweils ei-
nen Schleier vor den Augen, könne praktisch nichts mehr sehen und es
würden sich Blutgerinnsel an seiner Stirn bilden. Solche Migräneanfälle
habe er fast jeden zweiten Tag. Der Arzt habe ihm gesagt, die Krankheit
sei weit fortgeschritten. Die Medikamente, die er bisher erhalten habe, hät-
ten nicht geholfen. Am 3. Februar 2021 habe er einen erneuten Arzttermin
und werde voraussichtlich ein neues Medikament erhalten.
C.
Die niederländischen Behörden hiessen das Gesuch der Vorinstanz um
Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be-
stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO),
am 12. Februar 2021 gut.
D.
Mit Verfügung vom 15. Februar 2021 (eröffnet am 16. Februar 2021) trat
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die Vorinstanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ord-
nete dessen Wegweisung in die Niederlande an und forderte ihn auf, die
Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzei-
tig verfügte sie die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte
fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine auf-
schiebende Wirkung zu.
E.
Mit unfrankierter Eingabe gelangte der Beschwerdeführer an die Vor-
instanz (Eingang bei der Vorinstanz: 24. Februar 2021) und beantragte die
Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung.
F.
Mit Schreiben vom 3. März 2021 leitete die Vorinstanz die Beschwerde an
das Bundesverwaltungsgericht weiter.
G.
Am 4. März 2021 ordnete die zuständige Instruktionsrichterin einen super-
provisorischen Vollzugsstopp an.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur Be-
schwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Da die Beschwerde am
24. Februar 2021 beim SEM eingegangen ist, ist davon auszugehen, dass
sie spätestens am 23. Februar 2021 der Post übergeben wurde. Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist dementsprechend ein-
zutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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2.2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
3.3. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert
und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre.
3.4. Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in den Niederlanden ein Asyl-
gesuch eingereicht zu haben. Nachdem die niederländischen Behörden in-
nert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist dem Wiederauf-
nahmegesuch der Vorinstanz zugestimmt haben, ist die Zuständigkeit der
Niederlande grundsätzlich gegeben. Daran vermag auch die Tatsache
nichts zu ändern, dass der Beschwerdeführer angeblich mit einer in der
Schweiz wohnhaften Frau verheiratet ist. So hat der Beschwerdeführer vor
der Vorinstanz selber dargelegt, dass er erst zwei Tage mit seiner Ehefrau
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zusammengelebt habe. Da im Wiederaufnahmeverfahren – wie hier –
grundsätzlich (d.h. vorbehältlich der in Art. 7 Abs. 3 Dublin-III-VO genann-
ten Ausnahmen) keine neue Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-
III-VO stattfindet (vgl. E. 3.2 hiervor), kann bzw. könnte sich der Beschwer-
deführer nicht auf die Zuständigkeit der Schweiz gestützt auf Art. 9 i.V.m.
Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO berufen.
4.
4.1. Der Beschwerdeführer bringt im Rechtsmittelverfahren sinngemäss
vor, dass sich seine Situation kürzlich geändert habe und deshalb auf sein
Asylgesuch einzutreten sei. Er bittet darum, ihm Zeit einzuräumen, um
seine veränderten Umstände darzulegen.
4.2. Im Rahmen Dublin-Gesprächs vom 1. Februar 2021 hat der Beschwer-
deführer angegeben, er sei in den Niederlanden schlecht behandelt wor-
den. Man habe ihm gesagt, dass er ohne Aufenthaltsbewilligung keine Me-
dikamente erhalte, und ihm nur Schmerzmittel gegeben. Zudem habe ihm
seine Anwältin in den Niederlanden gesagt, sie wolle mit der UNRWA (Hilfs-
werk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten)
Kontakt aufnehmen. Dies würde sowohl ihn als auch seine Familie in Ge-
fahr bringen, da die Jordanier so von seinem Asylantrag in Europa erfahren
würden.
4.3. Wie die Vorinstanz zutreffend festgehalten hat, gibt es keine wesentli-
chen Gründe für die Annahme, das Asylverfahren und die Aufnahmebedin-
gungen für asylsuchende Personen in den Niederlanden hätten Schwach-
stellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 zweiter und dritter Satz Dublin-III-VO, die
eine Gefahr einer unmenschlichen Behandlung im Sinne des Artikels 4 der
EU-Grundrechtcharta und Art. 3 EMRK mit sich bringen würden. Was das
niederländische Anwaltsmandat betrifft, ist darauf hinzuweisen, dass der
Beschwerdeführer seine Anwältin ohne weiteres anweisen kann, keinen
Kontakt mit der UNRWA aufzunehmen.
4.4. Die Vorinstanz hat sodann die Anwendung des Selbsteintrittsrechts im
Sinne von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu
Recht verneint. Die Ehe des Beschwerdeführers (sofern sie denn aner-
kannt würde) wurde am 5. September 2020 in Deutschland geschlossen;
ein Zusammenleben hat nicht stattgefunden. Es kann folglich nicht von ei-
ner dauerhaften Beziehung ausgegangen werden (zur gelebten Beziehung
im Sinne von Art. 8 EMRK vgl. Urteil des BVGer D-4076/2011 vom 25. Juli
2011), was eine Berufung auf Art. 8 Ziff. 1 EMRK von vornherein aus-
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-4076/2011
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schliesst. Auch die Migräneanfälle des Beschwerdeführers stellen kein Hin-
dernis für seine Überstellung in die Niederlande dar. Es gibt keinen Grund
zur Annahme, dass ihm in den Niederlanden die notwendige medizinische
Behandlung verweigert werden würde. Wie die Vorinstanz in der angefoch-
tenen Verfügung bereits aufgezeigt hat, werden die schweizerischen Be-
hörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind,
den medizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modali-
täten der Überstellung Rechnung tragen und die niederländischen Behör-
den vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen Gegebenheiten
informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO). Ein Selbsteintritt aus humanitären
Gründen ist bei dieser Sachlage nicht angezeigt. Die Vorinstanz ist dem-
nach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch
des Beschwerdeführers nicht eingetreten und hat die Wegweisung in die
Niederlande angeordnet.
5.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt der am 4. März 2021 angeordnete Vollzugsstopp dahin.
6.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]).
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