Decision ID: 28c7bf75-99c2-58e6-9808-ff82f7625163
Year: 2020
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_002
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Übersicht
a) Am 12. Dezember 2018 meldete sich F. (heute und nachfolgend R., vgl. unten lit. e)
um 06.28 Uhr von seinem Mobiltelefon bei der Notrufzentrale der Stadtpolizei St.
Gallen und erklärte, sie sei am Arbeitsplatz bei der Firma N. AG. Sie habe ein
Messer dabei und ihr Vorgesetzter lebe heute Abend wahrscheinlich nicht mehr.
Anlässlich der umgehenden Intervention der Kantonspolizei Appenzell
Ausserrhoden wurde F. an ihrem Arbeitsplatz an der I.-strasse in H. festgenommen.
Bei der Festnahme wurde in der rechten Hosentasche ein Teppichmesser und links
unter dem Arbeitsmantel ein Küchenmesser fest- und sichergestellt. Auf Vorhalt
erklärte R., sie sei unter Druck geraten, da sie davon ausgegangen sei, dass ihr
Vorgesetzter ihr die Kompensationszeit nicht ermögliche, die sie für die operative
Geschlechtsumwandlung vorgesehen habe und auf die sie angewiesen gewesen
sei. Sie schloss auch nicht aus, dass sie dem Vorgesetzten das Messer „gezeigt“
hätte, wäre es mit ihm an diesem Tag zum Konflikt gekommen. Hingegen beteuerte
sie, sie habe das Messer nur zeigen wollen und habe zu keinem Zeitpunkt
beabsichtigt, ihrem Vorgesetzten damit etwas anzutun. Im Gegenteil, sie habe das
Messer zu ihrem eigenen Schutz mitgenommen (act. B 6/2.2.2 und B 6/10). Der
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betroffene Vorgesetzte, O., stellte am Folgetag Strafantrag wegen Drohung gegen
R. und konstituierte sich als Privatkläger (act. B 6/2.1.5).
b) R. wurde nach der Festnahme in Haft gesetzt (act. B 6/5.4.1) und der Haftrichter
ordnete in der Folge bis am 7. Januar 2019 Untersuchungshaft an (act. B 6/5.4.6).
Am 15. Januar 2019 wies der Haftrichter das Gesuch um Verlängerung der
Untersuchungshaft ab und ordnete an, die Beschuldigte sei unverzüglich aus der
Haft zu entlassen (act. B 6/5.4.10). Der dagegen erhobenen Beschwerde der
Staatsanwaltschaft wurde mit superprovisorischer Verfügung vom 16. Januar 2020
aufschiebende Wirkung erteilt und bestimmt, dass R. vorerst in Untersuchungshaft
zu bleiben habe (act. B 6/5.4.11). Am 22. Januar 2019 teilte die Staatsanwaltschaft
dem Obergericht mit, dass in der Zwischenzeit das in Auftrag gegebene Gutachten
eingegangen sei und die Beschuldigte aus der Untersuchungshaft entlassen worden
sei. Gleichzeitig wurde die Beschwerde zurückgezogen (act. B 6/5.4.14 und B
6/5.4.15). In der Folge wurde das Beschwerdeverfahren vor dem Einzelrichter des
Obergerichts als gegenstandslos abgeschrieben (act. B 6/5.4.17).
c) Der Gutachter, Dr. med. K., vom Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden
gelangte am 17. Januar 2019 zum Schluss, dass R. an einer maximal mittelgradigen
Persönlichkeitsstörung mit sensitiven, histrionischen und unreifen Anteilen leide
(act. B 6/6.9, S. 31). Aus psychiatrischer Sicht sei von einer maximal mittelgradigen
Verminderung der Schuldfähigkeit auszugehen (act. B 6/6.9, S. 32), wobei in
Spannungssituationen Aggressionsdelikte (vorab Drohungen irgendwelcher Art) mit
geringer bis moderater Wahrscheinlichkeit erneut auftreten könnten.
d) Mit Strafbefehl vom 10. September 2019 wurde R. wegen Drohung, unter
Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren, zu einer bedingten Geldstrafe von 90
Tagessätzen zu je CHF 90.00 und zu einer Busse von CHF 1‘000.00 verurteilt (act.
B 6/3.8). In der Folge liess sie gegen den Strafbefehl Einsprache erheben (act. B
6/3.9), worauf die zuständige Staatsanwältin den Parteien die Anklageerhebung an
das Kantonsgericht Appenzell Ausserrhoden mitteilte (act. B 6/3.12).
e) Am 23. September 2019 setzte der Berufsbeistand von R. die Staatsanwaltschaft
davon in Kenntnis, dass das Kreisgericht St. Gallen dieser eine Geschlechts- und
Vornamensänderung bewilligt habe. Der Entscheid sei am 14. September 2019
rechtskräftig geworden (act. B 6/3.11).
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f) Am 22. Oktober 2019 überwies die Staatsanwaltschaft den Strafbefehl an das Kan-
tonsgericht (act. B 6/10).
g) Anlässlich der Hauptverhandlung vom 19. Dezember 2019 zog O. den Strafantrag
zurück (act. B 6/20 und B 6/21), worauf der Einzelrichter des Kantonsgerichts das
Verfahren definitiv einstellte (act. B 23). Die Verfahrenskosten in Höhe von
insgesamt CHF 19‘888.20 wurden - abzüglich der Kosten für die amtliche
Verteidigung - im Umfang von einem Drittel R. auferlegt und im Umfang von zwei
Drittel auf die Staatskasse genommen. Der Beschuldigten wurde eine Genugtuung
für die Untersuchungshaft in Höhe von CHF 5‘486.65 zugesprochen und ihr
amtlicher Verteidiger - vorbehältlich einer Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4
StPO für einen Betrag von CHF 2‘286.05 - mit CHF 6‘858.20 aus der Staatskasse
entschädigt.
B. Prozessgeschichte
a) Gegen die Verfügung des Einzelrichters des Kantonsgerichts vom 19. Dezember
2019 erhob die Staatsanwaltschaft am 8. Januar 2020 Beschwerde und stellte die
eingangs erwähnten Anträge (act. B 1).
b) Mit Verfügung vom 13. Januar 2020 wurde der Beschwerdegegnerin sowie dem
Einzelrichter des Kantonsgerichts eine Kopie der Beschwerdeschrift zugestellt und
ihnen Gelegenheit zur Einreichung einer schriftlichen Stellungnahme gegeben (act.
B 3).
c) Am 10. Februar 2020 erklärte der Rechtsvertreter von R., er stelle gegen den
Vorsitzenden, welcher während des Untersuchungsverfahrens für die Behandlung
einer Haftbeschwerde zuständig gewesen wäre, diese zufolge Rückzugs jedoch
nicht materiell entscheiden musste (act. B 6/5.4.17), kein Ausstandsbegehren (act.
B 9 und B 10).
d) Der Einzelrichter des Kantonsgerichts verzichtete auf eine Stellungnahme (act. B 5),
die Vernehmlassung von RA Dr. A. ging am 10. März 2020 beim Obergericht ein
(act. B 13).
e) Mit Verfügung vom 11. März 2020 wurde der Beschwerdeführerin und dem Einzel-
richter des Kantonsgerichts die Beschwerdeantwort von R. zur Kenntnis gebracht
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und den Parteien mitgeteilt, dass kein zweiter Schriftenwechsel und keine
mündliche Verhandlung angeordnet werden; stattdessen wurde die Erledigung der
Beschwerde an einer nächsten Sitzung der 2. Abteilung angekündigt. Weiter erhielt
die Beschwerdegegnerin Gelegenheit zur Bezifferung resp. Belegung ihrer Ansprü-
che (act. B 14). RA Dr. A. reichte am 19. März 2020 eine Kostennote ein (act. B 16
und B 17).
f) Am 12. Juni 2020 gab das Obergericht den Parteien die neue Zusammensetzung
des Spruchkörpers bekannt (act. B 18).
Auf die Ausführungen in den vorstehend aufgeführten Eingaben kann verwiesen
werden; soweit für die Beurteilung der Beschwerde erforderlich, ist darauf im Rah-
men der nachfolgenden Erwägungen einzugehen.
C. Beschluss des Obergerichts
Das Obergericht führte seine Beratung am 18. August 2020 durch und eröffnete seinen
Beschluss anschliessend im Dispositv (act. B 19).

Erwägungen
1. Formelles
1.1 Zunächst kann festgehalten werden, dass die Ziffern 1, 2 und 4 der Verfügung des Einzel-
richters des Kantonsgerichts vom 19. Dezember 2019 in Sachen Staat und O. gegen R.
(SE1 19 10) mangels Beschwerde in Rechtskraft erwachsen sind.
1.2 Nach Art. 26 Justizgesetz (JG, bGS 145.31) ist im Kanton Appenzell Ausserrhoden das
Obergericht Berufungs- und Beschwerdeinstanz in der allgemeinen Strafrechtspflege,
unter Vorbehalt der Befugnisse des Einzelrichters (letztere beschränken sich laut Art. 27
JG auf den Bereich des Zwangsmassnahmerechts). Zuständig ist vorliegend somit eine
Abteilung des Obergerichts bzw. ein Kollegialgericht. Das Gesamtgericht hat strafrechtli-
che Beschwerdefälle der 2. Abteilung zur Beurteilung zugewiesen (publiziert etwa im
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Staatskalender Appenzell Ausserrhoden für das Amtsjahr 2019/2020, Stand 31. März
2020, S. 79), weshalb diese zur Beurteilung der Beschwerde zuständig ist.
1.3 Gegen Verfügungen und Beschlüsse sowie die Verfahrenshandlungen der erstinstanz-
lichen Gerichte - ausgenommen verfahrensleitende Entscheide - ist die Beschwerde
gegeben (Art. 393 Abs. 1 lit. b StPO). Eine Einstellung des Verfahrens durch den Einzel-
richter, wenn ein Urteil definitiv nicht ergehen kann, stellt eine solche Verfahrenshandlung
dar (Art. 393 Abs. 1 lit. b in Verbindung mit Art. 322 Abs. 2 StPO; PATRICK GUIDON, Basler
Kommentar, StPO, 2. Aufl. 2014, N. 12 zu Art. 393 StPO; ANDREAS J. KELLER, in:
Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessord-
nung, 2. Aufl. 2014, N. 20 zu Art. 393 StPO). Ausschlussgründe nach Art. 394 StPO
liegen keine vor.
1.4 Die Beschwerde gegen schriftlich oder mündlich eröffnete Entscheide ist innert 10 Tagen
schriftlich und begründet bei der Beschwerdeinstanz einzureichen (Art. 396 Abs. 1 StPO).
Vorliegend hat die Staatsanwaltschaft die Einstellungsverfügung des Einzelrichters des
Kantonsgerichts vom 19. Dezember 2019 frühestens am 8. Januar 2020 erhalten (act. B
2). Mit der Erhebung der Beschwerde am 8. Januar 2020 wurde die Beschwerdefrist,
gemäss Art. 396 Abs. 1 StPO somit gewahrt.
1.5 Die Staatsanwaltschaft kann jedes Rechtsmittel - und zwar zugunsten oder zuungunsten -
der beschuldigen oder verurteilten Person ergreifen (Art. 381 Abs. 1 StPO). Ihre Rechts-
mittellegitimation ist - im Unterschied zu derjenigen der privaten Parteien - nicht an den
Nachweis eines rechtlich geschützten Interesses gebunden, sondern leitet sich aus dem
staatlichen Strafanspruch ab, den sie zu vertreten hat. Sie gilt immer dann als beschwert,
wenn der Verdacht besteht, ein Entscheid verletze materielles oder formelles Strafrecht.
Die Rechtsmittellegitimation der Staatsanwaltschaft bezieht sich auf alle Punkte des von
ihr angefochtenen Entscheids, mit Ausnahme des Zivilpunkts, mithin auch auf die Rege-
lung der Kosten- und Entschädigungsfolgen. Dazu zählt insbesondere auch die Festset-
zung der Entschädigung für die amtliche Verteidigung oder die unentgeltliche Rechtsver-
beiständung (NIKLAUS OBERHOLZER, Grundzüge des Strafprozessrechts, 4. Aufl. 2020, Rz.
2035 mit weiteren Hinweisen).
Die Staatsanwaltschaft ist somit zur Erhebung der Beschwerde befugt.
1.6 Mit der Beschwerde können Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung und
Missbrauch des Ermessens, Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung (lit. a); die
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unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts (lit. b); Unangemessenheit
(lit. c) gerügt werden (Art. 393 Abs. 2 StPO). Die Beschwerde wird in einem schriftlichen
Verfahren behandelt (Art. 397 Abs. 1 StPO), weshalb eine mündliche Verhandlung ent-
fällt. Heisst die Behörde die Beschwerde gut, so fällt sie einen neuen Entscheid (= refor-
matorischer Entscheid) oder hebt den angefochtenen Entscheid auf (= kassatorischer
Entscheid) und weist ihn zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurück (Art. 397 Abs.
2 StPO; ANDREAS J. KELLER, a.a.O., N. 7 zu Art. 397 StPO). Reformatorische Entscheide
gemäss Art. 397 Abs. 2 StPO machen Sinn, wenn nach der konkreten Sach- und
Rechtslage im Zeitpunkt des Beschwerdeentscheids ein Entscheid in der Sache möglich
ist (derselbe, a.a.O., N. 7 zu Art. 397 StPO). Kassatorische Entscheide kommen nament-
lich infrage, wenn der Entscheid auf einer unvollständigen Sachverhaltsfeststellung
beruht, ungenügend begründet ist oder Widersprüche enthält, die nicht durch Auslegung
beseitigt werden können. Aufgrund der Natur der Sache ist immer nur kassatorisch zu
entscheiden, wenn eine Beschwerde gegen einen Entscheid auf Nichtanhandnahme, Ein-
stellung oder Sistierung des Verfahrens gutgeheissen wird (derselbe, a.a.O., N. 7 zu Art.
397 StPO).
In casu macht die Beschwerdeführerin eine Rechtsverletzung geltend, indem sie das Vor-
liegen der Grundlagen für die Zusprechung einer Genugtuung an die Beschwerdegegne-
rin bestreitet.
1.7 Auf die Beschwerde kann demzufolge eingetreten werden.
2. Materielles
2.1 Der Vorderrichter hat zunächst geprüft (act. B 2, E. 3, S. 2 f.), ob R. rechtswidrig und
schuldhaft die Einleitung des Verfahrens bewirkt oder dessen Durchführung erschwert
hat; das heisst, ob Art. 426 Abs. 2 StPO vorliegend Anwendung findet oder nicht. Dabei
hat er erwogen (act. B 2, E. 3, S. 3 f.), nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung sei
es zulässig, eine Kostenauflage an einen nicht verurteilten Beschuldigten wegen
zivilrechtlich schuldhaften Verhaltens auf Art. 28 ZGB zu stützen. Im Strafverfahren sei
erstellt worden, dass die Beschuldigte ihrem Vorgesetzten, dem Privatkläger, erhebliche
Nachteile in Aussicht gestellt habe, was eine widerrechtliche Persönlichkeitsverletzung im
Sinne von Art. 28 ZGB darstelle. Das psychiatrische Gutachten vom 17. Januar 2019
attestiere der Beschuldigten für jenen Zeitpunkt eine teilweise Schuldfähigkeit gemäss Art.
19 Abs. 2 StGB, da sie sich in einem aufgewühlten Gemütszustand befunden habe; dabei
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sei es um eine subakute Form einer Affekthandlung gegangen (act. B 2, E. 3, S. 4). Eine
völlige Aufhebung der Einsichtsfähigkeit habe aber nicht vorgelegen. Durch die
Gefühlsaufwallung bei fragiler Persönlichkeitsstruktur sei sie nur in reduziertem Ausmass
fähig gewesen, von ihren kurzschlüssigen und strafbaren Handlungen Abstand zu neh-
men, so dass von einer maximal mittelgradigen Verminderung der Steuerungsfähigkeit
gesprochen werden könne. Der Beschuldigten müsse somit ein teilweise schuldhaftes
Verhalten zur Last gelegt werden. Da sie im Sinne von Art. 426 Abs. 2 StPO nicht nur
eine zivilrechtlich vorwerfbare Persönlichkeitsverletzung begangen, sondern auch teil-
weise schuldhaft gehandelt habe, rechtfertige es sich ermessensweise, ihr einen Drittel
der Verfahrenskosten aufzuerlegen.
Insgesamt habe R. 41 Tage in Haft verbüsst, welche sich im Nachhinein -infolge der
Einstellung des Verfahrens - als Überhaft erweisen würden (act. B 2, E. 4, S. 5). Dafür sei
ihr nach Art. 431 StPO eine Genugtuung auszurichten. Deren Festlegung beruhe auf
richterlichem Ermessen. Praxisgemäss erscheine eine Genugtuung in Höhe von CHF
200.00 pro Tag als angemessen. Besondere Umstände, welche einen tieferen oder
höheren Betrag rechtfertigen würden, seien nicht ersichtlich. Jedoch habe gestützt auf Art.
430 Abs. 1 lit. a StPO eine Kürzung der Genugtuung zu erfolgen, da die Beschuldigte das
Verfahren rechtswidrig und teilweise schuldhaft verursacht habe. Es rechtfertige sich der
gleiche Kürzungssatz wie bei den Verfahrenskosten. Somit resultiere eine Genugtuung zu
Gunsten der Beschuldigten von insgesamt CHF 5‘466.65 (41 x 200.00 = 8‘200.00
abzüglich 1/3). Bei Genugtuungsansprüchen sei gemäss Gesetz und Praxis eine
Verrechnung der Forderungen der Strafbehörden aus Verfahrenskosten mit Entschädi-
gungsansprüchen der zahlungspflichtigen Partei nach Art. 442 Abs. 4 StPO nicht möglich.
2.2 Die Beschwerdeführerin führt aus (act. B 1, S. 2), es müsse mit Erstaunen zur Kenntnis
genommen werden, dass der Beschuldigten eine Genugtuung für angebliche Überhaft
zugesprochen worden sei, obwohl sie ihren Vorgesetzten ganz konkret mit dem Tod
bedroht, sich mit einem Messer bewaffnet auch am gemeinsamen Arbeitsort aufgehalten
habe und schlussendlich deswegen habe festgenommen und begutachtet werden müs-
sen. Der Einzelrichter des Kantonsgerichts habe nicht in Abrede gestellt, dass das Ver-
halten der Beschuldigten zivilrechtlich vorwerfbar und rechtswidrig gewesen sei. Aus den
Akten ergebe sich weiter, dass aufgrund der akuten Bedrohungssituation sowohl die
Anordnung der Untersuchungshaft als auch die Begutachtung nicht nur angemessen,
sondern notwendig gewesen seien. Dass schlussendlich die Privatklägerschaft - aus wel-
chen Gründen auch immer - ein Jahr später die Strafklage zurückgezogen habe, ändere
an dieser Beurteilung und an der damals relevanten Beurteilung der Persönlichkeit der
Beschuldigten nichts.
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Formell gesehen sei es zwar korrekt, wenn der Einzelrichter angesichts des Klagerück-
zugs von Überhaft spreche (act. B 1, S. 2), Indessen werde die von der Beschuldigten
selber verursachte Notwendigkeit dieser sichernden Massnahme nicht berücksichtigt. Art.
430 Abs. 1 StPO sehe vor, dass die Strafbehörden die Entschädigung oder Genugtuung
herabsetzen oder verweigern könnten, wenn die beschuldigte Person rechtswidrig und
schuldhaft die Einleitung des Verfahrens bewirkt oder dessen Durchführung erschwert
habe. Das Verhalten der Beschuldigten sei, selbst wenn man ihre Notsituation und die
damit verbundene verminderte Schuldfähigkeit berücksichtige, derart unberechenbar und
bedrohlich gewesen, damit aber auch in höchstem Masse rechtswidrig und vorwerfbar,
dass den Strafverfolgungsbehörden bei dieser Bedrohungssituation gar keine andere
Wahl geblieben sei, als die Festnahme und Begutachtung der Beschuldigten vorzuneh-
men. Zumal es sich nicht um ein Bagatelldelikt, sondern um eine klare Androhung eines
schweren Verbrechens gehandelt habe. Daran würden auch die beschönigenden Aussa-
gen der Beschuldigten nach der Festnahme nichts ändern. Ebenso wenig könne die
Dauer der Untersuchungshaft gestützt auf die gesamten Umstände und die eingeleiteten
Massnahmen als übermässig bezeichnet werden. Die Haftzeit sei benötigt worden, um
sich einerseits Klarheit über die Gefährlichkeit der Beschuldigten zu verschaffen, anderer-
seits aber auch ihre persönliche Situation soweit zu stabilisieren, dass derartige Gewalt-
ausbrüche mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätten ausgeschlossen wer-
den können. Nachdem das Gutachten eine konkrete Gefährdung verneint und andere
Betreuungsmassnahmen als möglich erachtet habe, sei die Untersuchungshaft aufgeho-
ben worden (act. B 1, S. 3). Angesichts der konkreten Bedrohungssituation sei es aus
Sicht der Staatsanwaltschaft nicht gerechtfertigt, der Beschuldigten eine Genugtuung
dafür zuzusprechen, dass sie ihren Vorgesetzten konkret mit dem Tod bedroht habe.
Ob die Höhe der Genugtuung korrekt sei, könne grundsätzlich offen bleiben (act. B 1, S.
3). Indessen erscheine es angebracht, bei der Festlegung einer Genugtuung die persön-
liche Situation der betroffenen Person zu berücksichtigen. Konkret habe die Beschuldigte
mit ihrem Verhalten die fristlose Kündigung provoziert und habe sich in einer psychischen
Ausnahmesituation befunden, welche mit grosser Wahrscheinlichkeit eine intensive
ambulante oder stationäre Betreuung erforderlich gemacht hätte. Dies sei bei der Fest-
legung resp. Reduktion der Genugtuung angemessen zu berücksichtigen.
2.3 Die Beschwerdegegnerin bestreitet (act. B 13, S. 2 f.), ihren Vorgesetzten „ganz konkret“
mit dem Tod bedroht zu haben. Sie habe ihn nie direkt bedroht, sondern lediglich der
Polizei telefonisch mitgeteilt, sie habe ein Messer dabei und ihr Vorgesetzter lebe wahr-
scheinlich am Abend nicht mehr. Dieser habe denn auch erst nach der Festnahme von
der Drohung erfahren. Dass die Untersuchungshaft, deren Dauer und die Begutachtung
angemessen und notwendig gewesen seien, werde bestritten (act. B 13, S. 3). Gemäss
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herrschender Lehre und Rechtsprechung sei allgemein anerkannt, dass die Entscheidung
über die Auflage der Kosten die Entscheidung über das Aussprechen einer Entschädi-
gung und einer Genugtuung präjudiziere (act. B 13, S. 4). Hier habe die Beschuldigte das
Verfahren rechtswidrig und teilweise schuldhaft verursacht. Die verminderte Schuldfähig-
keit werde seitens der Beschwerdeführerin nicht bestritten. Folglich seien ihr die Verfah-
renskosten teilweise auferlegt und entsprechend die Genugtuung im gleichen Ausmass
gekürzt worden. Die Vorinstanz habe gestützt auf die festgestellte teilweise Schuldfähig-
keit konsequent innerhalb ihres Ermessens entschieden. Sofern die Beschwerdeführerin
die reduzierte Schuldfähigkeit anerkenne und nicht bestreite, rechtfertige sich entspre-
chend auch nur eine teilweise Auflage der Kosten und subsidiär eine teilweise gekürzte
Entschädigung/Genugtuung. Die Beschwerde sei somit unzulässig. An der Verhandlung
der Vorinstanz habe die Beschwerdeführerin nicht teilgenommen (act. B 13, S. 5). Als der
Privatkläger den Strafantrag zurückgezogen habe, habe die Beschuldigte sich zu den
Kosten- und Entschädigungsfolgen äussern können. Dies sei der Staatsanwaltschaft,
welche die Anklage an Schranken nicht vertreten habe, nicht möglich gewesen. Es sei
nun rechtsmissbräuchlich, wenn diese im Nachhinein gegen die Entschädigungsfolgen
Beschwerde führe. Schliesslich habe die Beschwerdeführerin explizit einzig Ziffer 3 der
Verfügung vom 19. Dezember 2019 angefochten. Da sie die Auferlegung der Kosten nicht
rüge und die Auflage der Kosten mit der Zusprechung der Entschädigung und Genugtu-
ung korreliere, sei das beantragte Ergebnis überhaupt nicht möglich. Aber selbst wenn sie
die Kostenauflage gerügt hätte, wäre eine vollständige Kostenübernahme durch die
Beschuldigte angesichts der verminderten Schuldfähigkeit unangemessen und unzuläs-
sig.
2.4 R. wurde am 12. Dezember 2018 um 7.00 Uhr festgenommen (act. B 6/2.1.2) und befand
sich bis am 21. Januar 2019 in Untersuchungshaft (act. B 6/5.4.15).
Der Gutachter, Dr. med. K., vom Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden
gelangte am 17. Januar 2019 zum Schluss (act. B 6/6.9, S. 30), dass R. neben einem
aufgewühlten Gemütszustand unter einer psychischen Störung leide, welche ihre
langzeitliche persönliche Entwicklung betreffe. Der Störungsgrad habe zwar kein
Ausmass erreicht, in dem von einer völligen Aufhebung von Einsichts- und/oder
Steuerungsfähigkeit ausgegangen werden könnte (act. B 6/6.9, S. 31). Es sei anzuneh-
men, dass bei der Explorandin die Fähigkeit zur Unrechtseinsicht zwar im Wesentlichen
noch vorhanden gewesen sei, dass sie indessen durch die Gefühlsaufwallung bei fragiler
Persönlichkeitsstruktur nur in reduziertem Ausmass fähig gewesen sei, von ihren kurz-
schlüssigen und strafbaren Handlungsweisen Abstand zu nehmen, so dass man von einer
maximal mittelgradigen Verminderung der Steuerungsfähigkeit sprechen könne. Es sei
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deshalb von einer maximal mittelgradigen Verminderung der Schuldfähigkeit auszugehen
(act. B 6/6.9, S. 32),
2.5 Wird die beschuldigte Person ganz oder teilweise freigesprochen oder wird das Verfahren
gegen sie eingestellt, so hat sie nach Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO Anspruch auf Genug-
tuung bei besonders schweren Verletzungen der persönlichen Freiheit, insbesondere bei
Freiheitsentzug. Der Anspruch ist vom Betroffenen geltend zu machen (Art. 429 Abs. 2
StPO; SCHMID/JOSITSCH, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommentar, 3. Aufl.
2018, N. 14 zu Art. 429 StPO). Die Strafbehörde kann die Entschädigung oder Genug-
tuung herabsetzen oder verweigern, wenn die beschuldigte Person rechtswidrig und
schuldhaft die Einleitung des Verfahrens bewirkt oder dessen Durchführung erschwert hat
(Art. 430 Abs. 1 lit. a StPO). Im Rechtsmittelverfahren können Entschädigung und
Genugtuung zudem herabgesetzt werden, wenn die Voraussetzungen von Art. 428 Abs. 2
StPO erfüllt sind.
Der Anspruch nach Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO besteht primär bei rechtmässig angeord-
neten Verfahrenshandlungen, vorab Zwangsmassnahmen. Es ist dies mit anderen Worten
Freiheitsentzug, dessen gesetzliche Voraussetzungen im Zeitpunkt der Anordnung gege-
ben waren (SCHMID/JOSITSCH, Handbuch des Schweizerischen Strafprozessrechts,
3. Aufl. 2017, Rz. 1817 und 1825; SCHMID/JOSITSCH, a.a.O., Praxiskommentar, N. 10 zu
Art. 429 StPO). Art. 431 StPO gilt an sich ebenfalls für Fälle von Einstellung und
Freispruch, dehnt jedoch diese Haftungsregel auf Fälle aus, in denen eine Verurteilung
erfolgte (SCHMID/JOSITSCH, a.a.O., Praxiskommentar, N. 2 zu Art. 431 StPO). Wird also im
Nachhinein festgestellt, dass die Haft per se, d.h. die gesamte Haftdauer, ungerechtfertigt
war, weil eine inhaftierte Person freigesprochen oder das gegen sie geführte
Strafverfahren eingestellt wird, waren die Haftgründe im Zeitpunkt der Haft aber gegeben
(die Haft also nicht rechtswidrig), so kommt Art. 429 StPO zur Anwendung
(WEHRENBERG/FRANK, Basler Kommentar, StPO, 2. Auf. 2014, N. 3 zu Art. 431 StPO;
Urteil des Bundesgerichts 6B_1468/2017 vom 11. Mai 2018 E. 1.4).
2.6 Der Vorderrichter hat in seiner Verfügung vom 19. Dezember 2019 festgestellt, dass die
Beschwerdegegnerin im Sinne von Art. 426 Abs. 2 StPO nicht nur eine zivilrechtlich vor-
werfbare Persönlichkeitsverletzung begangen, sondern auch teilweise schuldhaft gehan-
delt habe. Mithin rechtfertige es sich ermessensweise, ihr einen Drittel der Verfahrens-
kosten aufzuerlegen (act. B 2 E. 3, S. 2 ff.).
Diesen Ausführungen kann das Obergericht sich vollumfänglich anschliessen und es kann
somit grundsätzlich auf die zutreffenden Erwägungen des Vorderrichters verwiesen wer-
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den (Art. 82 Abs. 4 StPO; SCHMID/JOSITSCH, a.a.O, Praxiskommentar, N. 15 zu Art. 82
StPO).
2.7 Weiter hat der Einzelrichter des Kantonsgerichts dargelegt, die Beschuldigte habe insge-
samt 41 Tage Haft verbüsst, welche sich im Nachhinein, infolge der Einstellung des Ver-
fahrens als Überhaft erweisen würden. Dafür sei ihr eine Genugtuung auszurichten.
Deren Festlegung beruhe auf richterlichem Ermessen. Praxisgemäss erscheine eine
Genugtuung in Höhe von CHF 200.00 pro Tag angemessen. Besondere Umstände, wel-
che einen tieferen oder höheren Betrag rechtfertigen würden, seien nicht ersichtlich.
Jedoch habe gestützt auf Art. 430 Abs. 1 lit. a StPO eine Kürzung der Genugtuung zu
erfolgen, da die Beschuldigte das Verfahren rechtswidrig und teilweise schuldhaft verur-
sacht habe. Dabei rechtfertige sich der gleiche Kürzungssatz wie bei den Verfahrens-
kosten. Somit resultiere eine Genugtuung zu Gunsten der Beschuldigten von insgesamt
CHF 5‘466.65 (41 x 200.00 = 8‘200.00 abzüglich 1/3). Schliesslich hat der Vorderrichter
ausgeführt, dass Genugtuungsansprüche nach herrschender Lehre und Rechtsprechung
nicht mit Forderungen des Staates aus Verfahrenskosten und Entschädigungsansprüchen
verrechnet werden können.
Auch diese schlüssigen Darlegungen überzeugen grundsätzlich und es kann integral auf
sie verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). Anzumerken ist einzig, dass von „Überhaft“
nur gesprochen wird, wenn die Untersuchungshaft rechtmässig angeordnet wurde, die
Haft aber länger dauert, als die im Entscheid tatsächlich ausgesprochene Sanktion. Auf
Konstellationen wie die vorliegende, wo zufolge Einstellung des Verfahrens überhaupt
keine Sanktion ausgesprochen wurde, trifft der Begriff hingegen nicht zu
(SCHMID/JOSITSCH, a.a.O., Praxiskommentar, N. 2 zu Art. 431 StPO; Urteil des Bundes-
gerichts 6B_1468/2017 vom 11. Mai 2018 E. 1.4 und 1.5; vgl. auch unten E. 2.8).
2.8 Im Folgenden ist auf die Vorbringen und Argumente der Parteien einzugehen (DANIELA
BRÜSCHWEILER, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen
Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 9 zu Art. 82 StPO; SCHMID/JOSITSCH, a.a.O., Pra-
xiskommentar, N. 15 zu Art. 82 StPO). Diesbezüglich sind aus Sicht des Obergerichts die
nachstehenden Ergänzungen anzubringen:
- Nach dem Rückzug des Strafantrages durch O. hat der Vorderrichter das
Strafverfahren gegen die Beschwerdegegnerin gestützt auf Art. 329 Abs. 1 lit. b in
Verbindung mit Art. 180 Abs. 1 StGB definitiv eingestellt (act. B 2 E. 1, S. 2). Gegen
diese ist keine Strafe ausgesprochen worden, womit Art. 431 Abs. 2 StPO nicht
einschlägig ist. Ein allfälliger Anspruch auf Genugtuung für die erstandene
Seite 13
Untersuchungshaft ist vielmehr unter Anwendung von Art. 429 Abs. Abs. 1 lit. c in
Verbindung mit Art. 430 Abs. 1 lit. a StPO zu beurteilen (Urteil des Bundesgerichts
6B_1468/2017 vom 11. Mai 2018 E. 1.4 und 1.5; BGE 145 IV 94 E. 1.3 = Pra. 108
[2019] Nr. 116).
- Nach Auffassung des Obergerichts war die 41-tägige Untersuchungshaft der
Beschwerdegegnerin angesichts der durch sie geschaffenen Bedrohungslage für die
Dauer der Anordnung ohne weiteres gerechtfertigt. Erst das ausführliche Gutachten
vom 17. Januar 2019 (act. B 6/6.9) schuf die Grundlage, um diese entlassen zu
können.
- Die Beschwerdeführerin übersieht, dass der Kostenentscheid die Entschädigungs-
frage präjudiziert. So hat die beschuldigte Person nach herrschender Lehre und
Rechtsprechung Anspruch auf volle oder teilweise Entschädigung, soweit die Kosten
ganz oder teilweise vom Staat übernommen werden (NIKLAUS OBERHOLZER, a.a.O.,
Rz. 2312 f.; SCHMID/Jositsch, a.a.O., Praxiskommentar, N. 4 zu Art. 429 StPO; YVONA
GRIESSER, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen
Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 2 und 7 zu Art. 430 StPO; BGE 137 IV 352 E.
2.4.2). Vor diesem Hintergrund hätte die Staatsanwaltschaft die Verlegung der Ver-
fahrenskosten sowie die Regelung der Entschädigungs- und Genugtuungsfrage
gesamthaft anfechten müssen. Hingegen erscheint es nicht als angemessen, einzig
die Frage der Genugtuung abweichend von der Kostenverlegung und Zusprechung
der Entschädigung zu regeln.
Zwar sind nach der Rechtsprechung theoretisch Gründe denkbar, welche allenfalls
ein ausnahmsweises Abweichen vom Grundsatz des Anspruchs auf eine Parteient-
schädigung bei Kostenauflage an den Staat sachlich rechtfertigen könnten (BGE 137
IV 352 E. 2.4.2). Solche Gründe könnten vorliegend darin erblickt werden, dass bei
einer maximal mittelgradigen Verminderung der Schuldfähigkeit (vgl. Gutachten, act.
B 6/6.9, S. 32) nicht bloss eine Kostenauflage von 1/3, sondern auch eine solche von
50 % oder gar von 2/3, d.h. 66.6 %, vertretbar gewesen wäre. Dies hätte dann eine
Entschädigung von lediglich noch CHF 4‘100.00 bei 50 % oder CHF 2‘730.60 bei
66.6 % und nicht CHF 5‘466.65 zur Folge. Nun ist die Strafe dem Grad der Verminde-
rung der Schuldfähigkeit entsprechend zu reduzieren, wobei der Richter aber nicht
gehalten ist, die Strafe linear herabzusetzen, zumal der Gutachter den Grad der Her-
absetzung nicht mit einem bestimmten Prozentsatz exakt festlegen kann (ANDREAS
DONATSCH, in: Donatsch [Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch, 20. Aufl. 2018, N.
12 zu Art. 19 StGB). Nach der neueren Praxis des Bundesgerichts (BGE 136 IV 62 f.)
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hat das Tatgericht zunächst das Ausmass der Einschränkung der Schuldfähigkeit
festzustellen; sodann ist dieser Umstand bei der Qualifizierung des Gesamtverschul-
dens in Anschlag zu bringen, bildet hierbei aber nur einen unter mehreren relevanten
Aspekten (WOLFGANG WOHLERS, in: Wohlers/Godenzi/Schlegel [Hrsg.], Schweizeri-
sches Strafgesetzbuch, Handkommentar, 4. Aufl. 2020, N. 9 zu Art. 19 StGB). Der
neuen Praxis des Bundesgerichts ist in der Lehre Kritik erwachsen
(JOSITSCH/EGE/SCHWARZENEGGER, in: Daniel Jositsch [Hrsg.], Strafrecht II, 9. Aufl.
2018, S. 110 mit weiteren Hinweisen). Weil den zuständigen Behörden bei der
Bestimmung der Höhe der Genugtuung ein grosses Ermessen zusteht und die Höhe
der Genugtuung nur auf die sachliche Vertretbarkeit im Sinne einer Missbrauchskon-
trolle überprüft wird (WEHRENBERG/FRANK, a.a.O., N. 30 zu Art. 429 StPO; Urteil des
Bundesgerichts 6B_111/2012 vom 15. Mai 2012 E. 4.2; BGE 137 V 71 E. 5.1), sind
nach Auffassung des Obergerichts Gründe, welche ein ausnahmsweises Abweichen
vom Grundsatz des Anspruchs auf eine Parteientschädigung oder Genugtuung bei
Kostenauflage an den Staat sachlich rechtfertigen könnten, nicht gegeben und es hat
beim umfangmässigen Gleichlauf von Entschädigung/Genugtuung und Kostenauflage
zu bleiben.
- Bei der Festlegung der Genugtuungssumme (vgl. act. B 2 E. 4, S. 5) hat der Vorder-
richter den von der Rechtsprechung und herrschenden Lehre als massgebend
bezeichneten Kriterien Rechnung getragen (NIKLAUS OBERHOLZER, a.a.O., Rz. 2341;
SCHMID/JOSITSCH, a.a.O., N. 10 zu Art. 429 StPO; WEHRENBERG/FRANK, a.a.O., N. 28
ff. zu Art. 429 StPO; Urteile des Bundesgerichts 6B_531/2019 vom 20. Juni 2019 E.
1.2.2 mit weiteren Hinweisen und 6B_111/2012 vom 15. Mai 2012 E. 4.2). Ob auch
ohne die Drohung und die daran anschliessende Inhaftierung eine intensive ambu-
lante oder stationäre Betreuung nötig gewesen wäre, wie die Beschwerdeführerin
geltend macht, ist spekulativ und damit nicht geeignet, den Anspruch auf Genugtuung
herabzusetzen.
- Die plakative Aussage der Staatsanwaltschaft, „der Beschwerdegegnerin werde eine
Genugtuung dafür zugesprochen, dass sie ihren Vorgesetzten konkret mit dem Tod
bedroht habe“, trifft - rein vom Ergebnis her gesehen - zwar zu. Sie blendet indessen
völlig aus, dass die Zusprechung der (reduzierten) Genugtuung darauf zurückzufüh-
ren ist, dass die Beschwerdegegnerin vermindert schuldfähig ist und der Privatkläger
den Strafantrag zurückgezogen hat, weshalb das Verfahren mangels Vorliegen einer
Prozessvoraussetzung definitiv einzustellen war (Art. 329 Abs. 1 lit. b StPO).
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- Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass die StPO keine Grundlage für das
Absehen von der Zusprechung einer reduzierten Genugtuung bietet. Art. 419 StPO ist
in casu nicht einschlägig, da er nur dann zur Anwendung gelangt, wenn die Schuld-
unfähigkeit den Grund für die Verfahrenseinstellung oder den Freispruch bildete;
wurde das Verfahren aus einem anderen Grund eingestellt oder die beschuldigte
Person freigesprochen, ist Art. 419 StPO nicht anwendbar (YVONA GRIESSER, a.a.O.,
N. 2 zu Art. 419 StPO).
2.9 Es bleibt anzufügen, dass das Obergericht unter den gegebenen Umständen ein gewis-
ses Verständnis für das „Erstaunen“ der Staatsanwaltschaft angesichts der Zusprechung
einer Genugtuung an die Beschwerdegegnerin hat. Die Schweizerische Strafprozessord-
nung bietet indessen keine gesetzliche Grundlage, um bei speziellen Umständen - wie sie
hier gegeben sind - von der Zusprechung einer Genugtuung absehen zu können und der
Vorderrichter hat die massgeblichen Bestimmungen im Einklang mit der herrschenden
Lehre und Rechtsprechung korrekt angewendet. Die Beschwerde gegen die Zusprechung
einer (reduzierten) Genugtuung an die Beschwerdegegnerin ist somit abzuweisen.
3. Kosten des Beschwerdeverfahrens
3.1 Verfahrenskosten
Art. 428 Abs. 1 StPO regelt die Kostentragungspflicht im Rechtsmittelverfahren. Gemäss
Absatz 1 tragen die Parteien die Kosten nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterlie-
gens. Dem Kanton bzw. dessen Strafbehörden wie beispielsweise der Staatsanwaltschaft
können keine Kosten auferlegt werden. (SCHMID/JOSITSCH, a.a.O., Praxiskommentar, N. 2
zu Art. 423 StPO).
Da die Beschwerde abgewiesen wird und die Beschwerdeführerin somit vollumfänglich
unterliegt, sind die Kosten des Beschwerdeverfahrens auf die Staatskasse zu nehmen.
Angemessen erscheint eine Gerichtsgebühr von CHF 800.00 (Art. 29 Abs. 1 lit. a Gebüh-
renordnung, bGS 233.3).
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3.2 Entschädigung
Auch wenn Art. 436 StPO diesbezüglich keine direkte Verweisungsnorm aufweist, richtet
sich die Norm hinsichtlich des Entschädigungsanspruches und der -pflicht nach dem
Grundsatz des Obsiegens bzw. Unterliegens, welcher in Art. 428 StPO Niederschlag
gefunden hat (WEHRENBERG/FRANK, a.a.O., N. 6 zu Art. 436 StPO; SCHMID/JOSITSCH,
a.a.O., Praxiskommentar, N. 1 zu Art. 436 StPO). Die Ansprüche sind für jede Prozess-
phase getrennt zu prüfen (YVONA GRIESSER, a.a.O., N. 2 zu Art. 436 StPO).
Die unterliegende Beschwerdeführerin bzw. der von ihr vertretene Kanton hat generell,
d.h. auch bei Obsiegen, keinen Anspruch auf Entschädigung (SCHMID/JOSITSCH, a.a.O.,
N. 2 zu Art. 423 StPO; PATRICK GUIDON, Die Beschwerde gemäss Schweizerischer Straf-
prozessordnung, 2011, Rz. 581).
Unterliegt die Staatsanwaltschaft mit ihrem Rechtsmittel, hat die beschuldigte Person in
der Regel Anspruch auf Entschädigung, selbst wenn hinsichtlich des erstinstanzlichen
Verfahrens die Voraussetzungen gemäss Art. 426 Abs. 2 StPO erfüllt waren (YVONA
GRIESSER, a.a.O., N. 2 zu Art. 436 StPO).
Die von RA Dr. A. eingereichte Kostennote (act. B 17) erweist sich als tarifgemäss.
Entsprechend ist der Beschwerdegegnerin für die Kosten ihrer Verteidigung im
Beschwerdeverfahren eine Entschädigung von CHF 2‘091.20 (inkl. Barauslagen und
Mehrwertsteuer) aus der Staatskasse zuzusprechen.
4. Rechtsmittel
Entscheide über die in Art. 429 StPO vorgesehenen Entschädigungsansprüche sind Ent-
scheide in Strafsachen im Sinne von Art. 78 Abs. 1 BGG, gegen welche die Beschwerde
in Strafsachen an das Bundesgericht zulässig ist (NIKLAUS OBERHOLZER, a.a.O., Rz. 2345;
BGE 139 IV 206 E. 1).
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