Decision ID: 0e5c2c60-58cd-51df-a207-fa4f93f999c8
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden ersuchten am 20. September 2011 zum ersten
Mal in der Schweiz um Asyl.
Zur Begründung machten sie im Wesentlichen geltend, dass A._
(nachfolgend: Beschwerdeführer) anlässlich einer Demonstration vom (...)
von den Behörden zusammen mit anderen Personen festgenommen und
ins Gefängnis F._ in G._ gebracht worden sei. Er sei dann
mit Hilfe eines Angestellten im Gefängnis und weil er (...) syrische Lira be-
zahlt habe freigekommen. B._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin)
habe in Syrien keine Probleme gehabt und ihre Heimat wegen der Prob-
leme ihres Ehemannes verlassen.
B.
Mit Verfügung vom 19. Februar 2014 verneinte das damalige Bundesamt
für Migration (BFM; heute: SEM) die Flüchtlingseigenschaft der Beschwer-
deführenden, lehnte ihre Asylgesuche ab und ordnete ihre Wegweisung
aus der Schweiz an. Gleichzeitig nahm es sie wegen Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz auf.
Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
C.
C.a Mit Eingabe vom 11. Juni 2014 (Datum Poststempel) ersuchten die Be-
schwerdeführenden das BFM um wiedererwägungsweise Aufhebung der
Verfügung vom 19. Februar 2014 und Gewährung von Asyl.
Zur Begründung machten sie geltend, dem BFM am 15. April 2014 einen
Strafregisterauszug des Beschwerdeführers zu den Akten gereicht zu ha-
ben. Dieser zeige auf, dass dieser bei einer allfälligen Rückkehr nach Sy-
rien gefährdet sei, da das Risiko bestünde, dass er von den syrischen Be-
hörden verhaftet werde.
Ergänzend führte der Beschwerdeführer in einer Eingabe vom 25. Juni
2014 aus, seit (...) Jahren eine politische Internetseite zu haben. Als Be-
weismittel reichte er einen Ausdruck seines Facebook-Profils ein.
C.b Das BFM wies das als qualifizierte Wiedererwägung entgegengenom-
mene Gesuch mit Verfügung vom 7. Juli 2014 ab, soweit es darauf eintrat.
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Es führte in seinem Entscheid aus, das eingereichte Beweismittel (syri-
scher Strafregisterauszug des Beschwerdeführers) vermöge die Zweifel an
der Glaubhaftigkeit einer Verfolgung durch die syrischen Behörden nicht
auszuräumen. Das Vorbringen der exilpolitischen Aktivitäten hätte ausser-
dem schon im ersten Verfahren geltend gemacht werden müssen.
C.c Das Bundesverwaltungsgericht trat mit Urteil D-5026/2014 vom 9. Ok-
tober 2014 auf die gegen die Verfügung des SEM vom 7. Juli 2014 erho-
bene Beschwerde nicht ein.
D.
Mit als «neues Asylgesuch» betitelter Eingabe vom 1. Dezember 2016 er-
suchten die Beschwerdeführenden das SEM erneut um Feststellung ihrer
Flüchtlingseigenschaft und um Gewährung von Asyl.
Zur Begründung wurde vorgebracht, dass im Laufe der letzten Zeit meh-
rere Verwandte des Beschwerdeführers durch das syrische Regime ver-
schleppt worden seien. So sei am (...) H._, ein (...), von der syri-
schen Armee verhaftet worden und kurz darauf I._, der jüngste (...),
nachdem dieser einem Militäraufgebot keine Folge geleistet habe. Von bei-
den Verwandten fehle seither jegliche Spur. In der gleichen Zeit sei der
Beschwerdeführer mit einem Aufgebot vom (...), welches seinem (...),
J._, am (...) eröffnet worden sei, zum Militärdienst einberufen wor-
den. Zudem habe der Beschwerdeführer, nachdem er seine oppositionelle
Gesinnung und seine strikte Ablehnung der syrischen Regierung auf Face-
book geäussert habe, Drohnachrichten erhalten. Im Lichte dieser neuen
Ereignisse dränge es sich auf, die bereits vorgebrachten mehrfachen De-
monstrationsteilnahmen gegen das Assad-Regime als glaubhaft zu beur-
teilen.
Der Eingabe waren ein Aufgebot zwecks Wehrpflicht/Reservistenbestel-
lung vom (...) an den Beschwerdeführer im Original mit eingereichter deut-
scher Übersetzung, zwei undatierte Drohnachrichten via Messenger, ein
undatiertes Schreiben von K._, ein Facebookpost vom (...), je in
Kopie und deutscher Übersetzung, beigelegt (vgl. SEM act. B2 Beweismit-
tel [BM] 1–4).
E.
Das SEM qualifizierte diese Eingabe als Mehrfachgesuch und hörte den
Beschwerdeführer und die Beschwerdeführerin am 25. September 2017 zu
ihren neu dargelegten Asylgründen an.
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Der Beschwerdeführer machte dabei im Wesentlichen geltend, dass ihn
sein (...) angerufen habe, an das genaue Datum «im (...). Monat» könne
er sich nicht mehr erinnern. Dieser habe ihm mitgeteilt, einen Beleg bezüg-
lich seiner (Beschwerdeführer) Aufforderung zum Militärdienst in
L._ erhalten zu haben. Er, seine Frau und die Kinder hätten in
G._ gewohnt. Er sei seit (...) Jahren – seit sein (...), seine (...) und
sein (...) G._ verlassen hätten und sich in der M._ befänden
– auf Facebook aktiv. Davor habe er es nicht gewagt, weil er Angst um
seine Familie gehabt habe. Er poste immer Neues und habe viele Freunde,
darunter drei gut bekannte (...) in Syrien. Des Öfteren erhalte er auf Face-
book Nachrichten, welche ihn und seine Familie stark beleidigen würden
(vgl. SEM act. B5).
Die Beschwerdeführerin bestätigte im Wesentlichen, dass der Name des
Beschwerdeführers für den Militärdienst «aufgerufen» worden sei. Er er-
halte auch Nachrichten auf Facebook, die manchmal Beleidigungen, teil-
weise Bedrohungen beinhalteten (vgl. SEM act. B6).
F.
Im Verlaufe des weiteren vorinstanzlichen Verfahrens reichten die Be-
schwerdeführenden folgende Dokumente beim SEM ein:
- eine Drohnachricht via Messenger vom (...) mit deutscher Übersetzung
(BM-5)
- ihr Familienbüchlein im Original mit deutscher Übersetzung (BM-6)
- zwei syrische Identitätskarten im Original mit deutscher Übersetzung
(BM-7)
- das Militärdienstbüchlein des Beschwerdeführers im Original (BM-8).
G.
Mit Verfügung vom 10. Dezember 2018 stellte das SEM fest, die Beschwer-
deführenden würden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen (Dispositiv-
Ziffer 1), lehnte ihr Asylgesuch ab (Dispositiv-Ziffer 2) und wies sie aus der
Schweiz weg (Dispositiv-Ziffer 3). Gleichzeitig stellte es fest, die am
19. Februar 2014 angerordnete vorläufige Aufnahme in der Schweiz be-
stehe weiterhin bis zu deren Aufhebung oder Erlöschen (Dispositiv-Ziffer 4)
und erhob eine Gebühr in der Höhe von Fr. 600.– (Dispositiv-Ziffer 5).
H.
Die Beschwerdeführenden erhoben gegen diesen Entscheid mit Eingabe
vom 10. Januar 2019 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sie
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Seite 5
beantragten, es seien die Dispositiv-Ziffern 1–3 der angefochtenen Verfü-
gung aufzuheben und das SEM anzuweisen, sie als Flüchtlinge anzuer-
kennen und ihnen Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Sache zur voll-
ständigen und richtigen Feststellung des Sachverhalts und zu neuem Ent-
scheid an das SEM zurückzuweisen. Zudem sei Dispositiv-Ziffer 5 der an-
gefochtenen Verfügung aufzuheben und auf eine Gebühr zu verzichten.
In prozessualer Hinsicht ersuchten die Beschwerdeführenden um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung samt Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses und um Beiordnung des rubrizierten Rechtsver-
treters als amtlichen Rechtsbeistand.
Weiter sei ihnen gegenüber allfälligen Stellungnahmen des SEM das Rep-
likrecht einzuräumen.
Der Beschwerde waren Auskünfte der Schweizerischen Flüchtlingshilfe
(SFH)-Länderanalyse vom 18. Januar 2018 und 23. März 2017 beigelegt.
I.
I.a Die Instruktionsrichterin wies mit Zwischenverfügung vom 16. Januar
2019 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeistän-
dung ab. Gleichzeitig forderte sie die Beschwerdeführenden auf, eine Für-
sorgebestätigung einzureichen. Diese ging am 28. Januar 2019 beim Ge-
richt ein.
I.b Mit Zwischenverfügung vom 6. Februar 2019 hiess die Instruktionsrich-
terin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut
und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
J.
Das SEM nahm mit Vernehmlassung vom 21. Februar 2019 zur Be-
schwerde Stellung.
K.
Die Beschwerdeführenden replizierten mit Eingabe vom 11. März 2019.
L.
Mit Eingabe vom 17. Januar 2020 reichten die Beschwerdeführenden fünf
Fotobilder einer am (...) in N._ stattgefundenen Protestaktion ge-
gen das Assad-Regime, an welcher sie teilgenommen hätten, zu den Ak-
ten.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015 [SR 142.31]).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerde-
führenden sind als Verfügungsadressaten zur Beschwerdeführung legiti-
miert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.3 Die Instruktionsrichterin hat den Beschwerdeführenden mit Zwischen-
verfügung vom 25. Februar 2019 zur Vernehmlassung des SEM das Rep-
likrecht eingeräumt, weshalb ihr entsprechender Verfahrensantrag gegen-
standslos geworden ist.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Die vorinstanzlichen Akten der Eltern des Beschwerdeführers (N (...)) und
seines Bruders O._ (N ...) wurden von Amtes wegen beigezogen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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Seite 7
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m. Verw.).
5.
5.1 Das SEM begründete die angefochtene Verfügung damit, es sei dem
Beschwerdeführer nicht gelungen, die Einberufung in den aktiven Reser-
vedienst im Sinne von Art. 7 AsylG glaubhaft zu machen. Es liessen sich
den Angaben keine Hinweise darauf entnehmen, dass der Beschwerdefüh-
rer nach dem Abschluss des Militärdienstes weiteren Kontakt zu den Mili-
tärbehörden gehabt habe. Zwischen der Ausreise aus Syrien und dem gel-
tend gemachten Aufgebot für den Reservedienst seien ausserdem rund
(...) Jahre vergangen. Dass der Beschwerdeführer zu diesem Zeitpunkt, in
dem er bereits mehrere Jahre an seiner Wohnadresse nicht mehr auffind-
bar gewesen sei, für den Reservedienst aufgeboten worden wäre, er-
scheine wenig plausibel. Im Übrigen seien die Angaben zum Erhalt des
Aufgebots durch den (...) des Beschwerdeführers stereotyp ausgefallen.
Die Angabe, dass dieser von den syrischen Behörden nach der Ausreise
des Beschwerdeführers bezüglich dessen Dienstpflicht kontaktiert worden
sei, lasse sich nicht überprüfen und vermöge alleine keine begründete
Furcht vor zukünftiger Verfolgung zu belegen. Das gleiche gelte für die An-
gabe, der Vater des Beschwerdeführers sei ein- oder zweimal von den Mi-
litärbehörden aufgesucht worden. Nachdem diesem angegebenermassen
lediglich das «Nafir» (Aufruf Ausnahmezustand) gegeben worden sei, sei
ohnehin nicht nachvollziehbar, inwiefern diese Besuche mit einem Aufge-
bot für den Beschwerdeführer zusammenhängen sollten. Auch die Anga-
ben, dass einer der (...) sowie der jüngste (...) des Beschwerdeführers von
der syrischen Armee aufgegriffen und in den Militärdienst eingezogen wor-
den seien, liessen sich nicht überprüfen und würden zudem kein ausrei-
chendes Indiz dafür darstellen, dass auch der Beschwerdeführer hätte ein-
gezogen werden sollen. Damit fehle es den Ausführungen an konkreten
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und substanziierten Hinweisen darauf, dass der Beschwerdeführer im Zeit-
punkt seiner Ausreise in den aktiven Reservedienst aufgeboten worden
wäre. An dieser Feststellung vermöge auch das eingereichte militärische
Aufgebot nichts zu ändern. Das Dokument weise keinerlei fälschungssi-
chere Merkmale auf. Die Authentizität des Schreibens sei ausserdem er-
heblich in Zweifel zu ziehen, da die darin vermerkte Rekrutennummer
(arab. Raqm Al-Taquid [phon.]) «(...)» nicht mit dem entsprechenden Ein-
trag «(...)» im Militärbüchlein des Beschwerdeführers übereinstimme. Zu-
dem sei die Beweiskraft solcher Dokumente (inklusive Reisepässe, Militär-
büchlein und militärische Aufgebote) als gering einzustufen.
Die vom Beschwerdeführer geltend gemachten exilpolitischen Aktivitäten –
namentlich das Posten von kleinen Beiträgen und Bildern auf Facebook –
seien nicht geeignet, den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft ge-
mäss Art. 3 AsylG standzuhalten. An dieser Einschätzung vermöchten
auch die eingereichten Screenshots mit Drohnachrichten nichts zu ändern.
Zum einen könne diesen lediglich ein eingeschränkter Beweiswert beige-
messen werden, da sie leicht selber verfasst oder als Gefälligkeit von Drit-
ten zugesendet werden könnten. Zum anderen seien den eingereichten
Nachrichten keine Hinweise darauf zu entnehmen, dass die syrischen Be-
hörden auf die Aktivitäten des Beschwerdeführers auf Facebook aufmerk-
sam geworden wären oder er deswegen das Interesse der syrischen Be-
hörden auf sich gezogen hätte.
Soweit geltend gemacht werde, dass es sich im Lichte der neuen Ereig-
nisse (Verhaftung (...) und (...), Inhaftierung des (...), nach wie vor Gefähr-
dung der gesamten Familie) aufdränge, die früheren Vorbringen als glaub-
haft zu erachten, seien die (neu) geltend gemachten Tatsachen und einge-
reichten Beweismittel, nicht als erheblich zu beurteilen. Wie bereits darge-
legt lasse sich eine allfällige Inhaftierung der Angehörigen des Beschwer-
deführers nicht überprüfen. Zudem sei ein kausaler Zusammenhang mit
den im ersten Asylverfahren geltend gemachten Demonstrationsteilnah-
men nicht ersichtlich und werde auch nicht geltend gemacht. Auch liessen
sich weder aus den Angaben im ersten Asylverfahren noch aus denen an-
lässlich des Mehrfachgesuchs Hinweise auf ein besonderes politisches
Profil der Familie des Beschwerdeführers ableiten. Dessen (...) sei ledig-
lich mit einem Mann (P._) befreundet gewesen, der für die syrische
Opposition arbeite, und habe in dessen Abwesenheit auf dessen Haus auf-
gepasst. Selber sei sein (...) nicht politisch aktiv gewesen. An dieser Ein-
schätzung vermöge auch das eingereichte Schreiben von P._
nichts zu ändern. Es handle sich dabei lediglich um eine Kopie und die
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darin enthaltenen Angaben zur Gefährdung der Familie des Beschwerde-
führers seien äusserst pauschal ausgefallen. Der Brief weise den Charak-
ter eines Gefälligkeitsschreibens auf, dem kein Beweiswert beigemessen
werden könne. Auch hier sei kein kausaler Zusammenhang zwischen der
Verhaftung des (...) und der vom Beschwerdeführer vorgebrachten De-
monstrationsteilnahmen beziehungsweise der daraus angeblich resultie-
renden Verhaftung zu entnehmen. So sei der (...) des Beschwerdeführers
erst (...) nach der angeblichen Flucht des Beschwerdeführers aus dem Ge-
fängnis wegen seiner Freundschaft zu P._ ein erstes Mal verhaftet
worden.
5.2 In der Rechtsmitteleingabe wurde eingewendet, das SEM verkenne,
dass noch immer intensive Rekrutierungen vom syrischen Regime durch-
geführt würden. Gerade weil sich Syrien seit Jahren im Kriegszustand be-
finde, sei es sehr wohl plausibel, dass der Beschwerdeführer zum Reser-
vedienst aufgeboten worden sei, auch wenn seit seiner Ausreise mehrere
Jahre vergangen seien. Er sei immer noch im wehrdienstfähigen Alter, das
syrische Wehrpflichtsystem behalte sich vor, männliche Personen zwi-
schen 18 und 42 Jahren, die ihren Wehrdienst abgeleistet hätten, als Re-
servisten wieder einzuberufen. Das Aufgebot für den Beschwerdeführer sei
seinem (...) am (...) eröffnet worden, somit angesichts der noch immer es-
kalierenden Situation in Syrien zu einem realistischen Zeitpunkt. Soweit
das SEM ausführe, die Angaben des Beschwerdeführers zum Erhalt des
Aufgebots durch den (...) seien stereotyp ausgefallen, werde nicht näher
darauf eingegangen. «Stereotyp» sei keine rechtsgenügliche Begründung.
Es handle sich beim Aufgebot um eine Urkunde mit Stempel und Unter-
schrift. Weshalb diese weitere fälschungssichere Merkmale aufweisen
sollte, sei rätselhaft.
Die Beschwerdeführenden hätten in Syrien asylrelevante Verfolgung zu
befürchten, und zwar insbesondere, weil der Beschwerdeführer an ver-
schiedenen Demonstrationen in Syrien gegen das Assad-Regime teilge-
nommen habe, inhaftiert worden sei und infolgedessen geflüchtet, sowie,
als er sich bereits in der Schweiz befunden habe, mit Aufgebot vom (...)
zum Militärdienst einberufen worden sei. Es bestehe eine begründete
Furcht vor Verfolgung, weil sich der Beschwerdeführer durch seinen Aus-
landaufenthalt dem Militärdienst entzogen habe. Die begründete Furcht vor
Verfolgung werde untermauert durch den Umstand, dass auch andere Fa-
milienmitglieder verhaftet worden seien. So seien insbesondere sein (...)
und sein jüngster (...) vom syrischen Regime verschleppt worden, nach-
dem sie dem Aufgebot zum Militärdienst nicht Folge geleistet hätten. Schon
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kurz nach der Ausreise der Beschwerdeführenden sei sodann sein (...) un-
ter dem Vorhalt, mit der syrischen Opposition zusammenzuarbeiten, fest-
genommen worden. Auch das dem SEM eingereichte Schreiben des be-
kannten syrischen Oppositionellen K._ unterstreiche, dass die
ganze Familie der Bedrohung durch das Regime ausgesetzt sei. Weshalb
das SEM dieses Schreiben als pauschales Gefälligkeitsschreiben werte,
sei nicht nachvollziehbar.
Hinzu kämen die exilpolitischen Tätigkeiten des Beschwerdeführers. Er
äussere seine oppositionelle Gesinnung und seine strikte Ablehnung der
Regierung von Baschar Assad regelmässig auf Facebook. Die dem SEM
eingereichten Screenshots betreffend seine öffentlichen Äusserungen auf
Facebook, welche mehrfache Drohnachrichten nach sich gezogen hätten,
würden eine erforderliche öffentliche Exponierung belegen. Der Beschwer-
deführer stehe in der Optik der syrischen Behörden schon als ethnischer
Kurde im Verdacht, mit einer Gegenpartei des Bürgerkrieges zu kollabie-
ren. Insbesondere aber sei er durch seine Teilnahme an Demonstrationen,
durch seine regimekritischen Internetaktivitäten und durch die Zugehörig-
keit zu einer Familie, die bereits wiederholt Ziel von Repressalien gewor-
den sei, stark exponiert. Seine Ausreise und seine Verweigerung des syri-
schen Militärdienstes würden vor diesem Hintergrund dazu führen, dass er
von den syrischen Behörden als Regimegegner betrachtet werde.
5.3 In seiner Vernehmlassung verwies das SEM auf seine Erwägungen in
der angefochtenen Verfügung, an denen es vollumfänglich festhielt. Aus-
serdem hielt es fest, dass der Beschwerdeführer gemäss Angabe in seiner
Befragung zur Person (BzP) von Geburt an bis zu seiner Ausreise aus Sy-
rien in G._ wohnhaft gewesen sei. Selbst wenn seine Familie ur-
sprünglich aus L._ stamme, so sei es dennoch nicht nachvollzieh-
bar, warum die Vorladung zum Reservedienst an die Adresse seines (...)
in L._ gelangt sein sollte.
5.4 In der Replik wurde ausgeführt, die Familie des Beschwerdeführers
stamme zwar ursprünglich aus L._, wo der (...) des Beschwerde-
führers lebe. Es sei aber davon auszugehen, dass zunächst eine Vorla-
dung in G._ hätte ergehen sollen. Weil der Beschwerdeführer und
seine Familie dort nicht mehr auffindbar gewesen seien, dürften sich die
syrischen Behörden an die nächsten Verwandten väterlicherseits gehalten
haben, was erkläre, weshalb die Vorladung an die Adresse des (...) gelangt
sei.
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Seite 11
6.
6.1 Die Beschwerdeführenden rügen, das SEM habe den Sachverhalt un-
richtig und unvollständig abgeklärt. Diese formelle Rüge ist vorab zu prü-
fen.
6.2 Das SEM hat einerseits die Pflicht, den rechtserheblichen Sachverhalt
richtig und vollständig abzuklären (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG) und
hierzu alle für das Verfahren rechtlich relevanten Umstände abzuklären so-
wie ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Dabei hat es alle sach-
und entscheidwesentlichen Tatsachen und Ereignisse in den Akten festzu-
halten (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1 m.w.H.). Andererseits ergibt sich aus dem
Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 20 Abs. 2 BV) das Recht der Parteien
auf vorgängige Äusserung und Anhörung, welches den Betroffenen Ein-
fluss auf die Ermittlung des wesentlichen Sachverhalts sichert, sowie die
Pflicht der Behörde, die Vorbringen sorgfältig und ernsthaft zu prüfen sowie
in der Entscheidfindung zu berücksichtigen. Unerlässliches Gegenstück
dazu bildet die Pflicht der Parteien, an der Feststellung des Sachverhalts
mitzuwirken (Art. 8 AsylG).
6.3 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an das SEM zurück. Eine Kassation und Rückweisung an das
SEM ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festgestellt wer-
den müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist. Die
in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar
auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies
im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie
muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5).
6.4
6.4.1 Der Beschwerdeführer bringt vor, dass auch andere Familienmitglie-
der verhaftet worden und in der Folge geflohen seien. Er macht namentlich
geltend, dass kurz nach seiner Ausreise sein (...) unter dem Vorhalt, mit
der syrischen Opposition zusammenzuarbeiten, festgenommen worden
sei. Er (Beschwerdeführer) habe in diesem Zusammenhang schlüssig zu
Protokoll gegeben, dass sein (...) einerseits wegen dessen Freundschaft
zu K._ verhaftet worden sei, und andrerseits, weil auch ihm (Be-
schwerdeführer) und seinen (...) vorgeworfen worden sei, für die Opposi-
tion tätig zu sein. Auch seine (...) seien zur Ausreise gezwungen gewesen
(vgl. Beschwerde, Ziff. 12, S. 7).
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Seite 12
6.4.2 Der Beschwerdeführer erwähnte bereits anlässlich seiner Anhörung
vom (...) die freundschaftliche Beziehung seines (...) zu K._, einem
syrischen Oppositionellen. Er führte aus, Q._ sei oft auf Reisen
nach R._ gegangen und habe jeweils seinen (...) gebeten, sich
während der Abwesenheit um sein Haus zu kümmern; Q._ habe
seinem (...) hierfür einen Hausschlüssel gegeben. Bei der Verhaftung sei-
nes (...) sei auch nach ihm (Beschwerdeführer) und seinen (...) gefragt
worden. Sein (...) sei zwar persönlich nicht politisch aktiv gewesen, aber
wegen des Kontakts zu Q._ erstmals etwa (...) Monate nach seiner
(Beschwerdeführer) Ausreise festgenommen und (...) Tage lang in Haft ge-
wesen. «Seit (...) Monaten» – somit seit anfangs (...) – befinde sich sein
(...) erneut wegen des Kontakts zu Q._ in Haft (vgl. SEM act. A29
F105, F107 und F110). Vor dem zeitlichen Hintergrund dieser Darlegungen
erscheint es durchaus nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer an-
lässlich der BzP vom 13. Oktober 2011 noch keine Vorbringen im Zusam-
menhang mit Q._ geltend machte.
6.4.3 Aus den vom Bundesverwaltungsgericht beigezogenen SEM-Akten
der Mutter des Beschwerdeführers – diese war zusammen mit dem Vater
des Beschwerdeführers am (...) in die Schweiz eingereist – und des Bru-
ders O._ – dieser war am (...) in die Schweiz eingereist – ergibt
sich, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers betreffend die Bezie-
hung des (...) zu Q._ und die Inhaftierung des (...) wegen dieser
Beziehung bestätigt werden (vgl. N ... SEM act. A22 F37, F49; N ... SEM
act. A11 F41), auch wenn sich gewisse Abweichungen in den Äusserungen
des Beschwerdeführers, seiner Mutter und seines Bruders bezüglich der
Anzahl der Verhaftungen des (...) und deren Dauer ergeben. Der (...)
konnte nach seiner Einreise in die Schweiz aus gesundheitlichen Gründen
nicht mehr befragt werden; er verstarb am (...).
6.4.4 Das SEM äusserte sich im – unangefochten in Rechtskraft erwach-
senen – Asylentscheid vom 19. Februar 2014 (betreffend den Beschwer-
deführer) nicht zur vorgebrachten Beziehung des (...) zum Oppositionellen
Q._, den angeblich damit zusammenhängenden Verhaftungen des
(...) und in der Folge auch nicht zu einer allfälligen Reflexverfolgung des
Beschwerdeführers (vgl. SEM act. A32) – gleiches gilt beim Bruder
O._ (vgl. N ... SEM act. A17). Im Asylentscheid der Mutter vom (...)
(vgl. N ... SEM act. A24) liess es die Glaubhaftigkeit der entsprechenden
Ausführungen infolge fehlender Asylrelevanz offen.
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6.4.5 Aufgrund der Aktenlage und angesichts der aktuellen Lage in Syrien
ist es durchaus möglich, dass für den Beschwerdeführer eine Reflexverfol-
gung vorliegen könnte. Es handelt sich dabei um wesentliche Vorbringen,
die nähere Abklärungen durch das SEM erfordert hätten. Ein Beizug der
Asyldossiers der Eltern und seines Bruders O._ geht aus den vor-
instanzlichen Akten indes nicht hervor. Auch im Rahmen seiner Vernehm-
lassung nahm das SEM zum Vorbringen, der Beschwerdeführer stamme
aus einer politisch verfolgten Familie und es bestehe – mit Hinweis auf die
Verhaftung des (...) – eine begründete Furcht vor Verfolgung (vgl. Rechts-
mittelschrift Ziff. 12), nicht Stellung.
6.5 Nach dem Gesagten liegen eine mangelhafte Sachverhaltsfeststellung
und eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör in Form eines
fehlenden beziehungsweise nicht nachvollziehbaren Aktenbeizuges vor,
die angesichts der geltend gemachten Reflexverfolgung von zentraler Be-
deutung sind.
6.6 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass die Entscheidreife im
vorliegenden Verfahren sich nicht mit geringem Aufwand herstellen lässt,
weshalb es angezeigt ist, die angefochtene Verfügung gestützt auf Art. 61
Abs. 1 in fine VwVG aufzuheben und die Sache zwecks vollständiger Ab-
klärung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung an
das SEM zurückzuweisen. Vorliegend liegt der Mangel in einer unvollstän-
digen Sachverhaltsfeststellung, weshalb sich eine Kassation der angefoch-
tenen Verfügung rechtfertigt. Im Übrigen bleibt auf diese Weise der Instan-
zenzug erhalten, was umso wichtiger ist, als das Bundesverwaltungsge-
richt letztinstanzlich entscheidet.
Das SEM ist anzuweisen, die Asylverfahrensakten der Verwandten des Be-
schwerdeführers – namentlich seiner (...) und seines Bruders O._
– beizuziehen, den Beschwerdeführenden diesbezüglich korrekt das recht-
liche Gehör im Sinne von Art. 30 VwVG zu gewähren und zu prüfen, ob
gegebenenfalls weitere Abklärungen erforderlich sind. Sodann ist unter
Prüfung, ob die Beschwerdeführenden einer politischen Familie angehö-
ren, mithin allenfalls einer drohenden Reflexverfolgung, erneut zu entschei-
den, wobei sich das SEM mit sämtlichen Beschwerdevorbringen auseinan-
derzusetzen haben wird.
7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde in ihrem Hauptantrag (Ziffer 2 der
D-185/2019
Seite 14
Rechtsbegehren), die Ziffern 1–3 der angefochtenen Verfügung seien auf-
zuheben und die Sache an das SEM zur vollständigen und richtigen Abklä-
rung und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neube-
urteilung zurückzuweisen, gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung ist
aufzuheben, und das Verfahren im Sinne der Erwägungen an das SEM
zurückzuweisen.
Angesichts der Rückweisung der Sache erübrigt sich eine Auseinanderset-
zung mit den weiteren Einwänden in der Beschwerde.
Die Beschwerdeakten D-185/2019 sind dem SEM zur kurzen Einsicht-
nahme in die Ausführungen der Beschwerdeführenden sowie in die einge-
reichten Beweisunterlagen zuzustellen. Es wird um anschliessende zeit-
nahe Retournierung der Akten an das Gericht ersucht.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten aufzuer-
legen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
9.
Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Partei-
kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE).
Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13
VGKE) ist den Beschwerdeführenden zulasten des SEM eine Parteient-
schädigung von insgesamt Fr. 1’400.– (inklusive Auslagen und Mehrwert-
steuerzuschlag) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-185/2019
Seite 15