Decision ID: e002be38-67e3-57a0-a166-df3acf8947c2
Year: 2015
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdegegner 1 / Beschwerdeführer 4 (im Folgenden Beschwerdeführer 4)
betreibt seit Längerem eine mobile Schnapsbrennerei. Am 3. Juli 2006 bewilligte die
Gemeinde Reutigen ihm den Neubau eines Einstell-, Brenn- und Lagerraums auf Parzelle
Reutigen Grundbuchblatt Nr. J._.1 Die Parzelle lag damals in der Dorfkernzone,
heute ist sie der Mischzone zugeteilt.
Aufgrund von Reklamationen der Anwohner fand am 9. Juli 2012 eine Begehung vor Ort
statt, unter Anwesenheit von Gemeindevertretern, eines Vertreters des beco, des
Feueraufsehers sowie dem Beschwerdeführer 4 und seiner Ehefrau. Mittels Aktennotiz2
wurde festgelegt, dass die Kartoffeldämpfer vor dem Gebäude nicht mehr eingesetzt und
im Innern des Gebäudes erst wieder in Betrieb genommen werden dürfen, wenn eine vom
beco und vom Feueraufseher bewilligte Rauchabzugsanlage vorliegt. Weiter verpflichteten
sich der Beschwerdeführer 4 und seine Ehefrau, die Auffangwanne für die Schlempe ab 1.
August 2012 abzudecken sowie die Baugesuchsformulare 1.0 (Allgemeine Angaben), 3.3
(Brandschutz), 4.0 (Betreiben, Einrichten und Umgestalten von Betrieben und Anlagen),
einen Situationsplan und einen Ansichtsplan des neuen Kamins (sofern vorgesehen)
einzureichen. Schliesslich wurde festgelegt, dass die Gemeinde die Unterlagen an das
Regierungsstatthalteramt weiterleitet und dieses dann nach Rücksprache mit dem beco
und dem Feueraufseher entscheidet, ob für das Vorhaben eine neue Baubewilligung
benötigt wird oder ob die vorgesehenen Massnahmen in einem vereinfachten Verfahren als
Nachtrag zur Baubewilligung vom 3. Juli 2006 bewilligt werden können.
2. Am 4. September 2012 reichte der Beschwerdeführer 4 das geforderte Baugesuch
ein.3 In einer Beilage A zu diesem Baugesuch4 deklarierte er die vorgesehenen
Änderungen: Anstelle der bisherigen Kartoffeldämpfer seien zwei Elektro-Futterkocher
vorgesehen, wobei beabsichtigt sei, diese bei Bedarf auch im Freien vor dem Einstell-,
Brenn- und Lagerraum zu betreiben. Zudem würden die mobile Auffangwanne und der
Anhänger zur Zwischenlagerung der Schlempe mittels einer einfachen Holzkonstruktion
1 Vorakten pag. 51. 2 Vorakten pag. 48. 3 Vorakten pag. 24 ff. 4 Vorakten pag. 49.
3
und Wellbitumenplatten gedeckt. Auf dem Baugesuch führte der Beschwerdeführer 4 in der
Rubrik „Umschreibung des Bauvorhabens und der vorgesehenen Nutzung" aus, dass keine
Änderungen vorgesehen seien.
Das Regierungsstatthalteramt liess das Vorhaben am 27. September und 4. Oktober 2012
als "nachträgliches Baugesuch: Betreiben einer Schnapsbrennerei im 2006 bewilligten
Neubau" publizieren. Dagegen erhoben unter anderen die Beschwerdeführenden 1 und 2 /
Beschwerdegegner 2 und 3 (im Folgenden: Beschwerdeführende 1 und 2) sowie der
Beschwerdeführer 3 / Beschwerdegegner 4 (Im Folgenden: Beschwerdeführer 3)
Einsprache.
3. Mit verfahrensleitender Verfügung vom 25. Januar 2013 hielt das
Regierungsstatthalteramt – soweit hier interessierend – Folgendes fest: "1. Es wird festgestellt, dass die Schnapsbrennerei auf der Parzelle Nr. J._
baubewilligungspflichtig und anlagegenehmigungspflichtig ist.
2. Es wird festgestellt, dass die Baubewilligung vom 3. Juli 2006 von der unzuständigen Behörde
erteilt wurde und somit bezüglich des Brennereibetriebs nichtig ist.
3. Die Bauherrschaft wird angewiesen, die elektrisch betriebenen Kartoffeldämpfer im Innern der
Anlage zu betreiben und den Rauch über die Kamine abzuleiten sowie die mobile Auffangwanne
und den mobilen Anhänger für die Zwischenlagerung der Schlempe ausserhalb des Gebäudes
nach dem Brennvorgang abzudecken."
Gegen diese Verfügung reichte der Beschwerdeführer 4 am 20. Februar 2013 Beschwerde
bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er stellt
folgende Rechtsbegehren: "1. Es sei festzustellen, dass für den Einstell-, Brenn- und Lagerraum auf dem Grundstück Reutigen-
Gbbl. Nr. J._ eine rechtskräftige Baubewilligung besteht und dass der Betrieb der
Schnapsbrennerei im bisherigen Umfang keiner zusätzlichen Baubewilligung bedarf.
2. Das Verfahren sei zu sistieren bis zum Abschluss des derzeit beim Regierungsstatthalteramt
Thun hängigen nachträglichen Baubewilligungsverfahrens."
Dabei macht er geltend, der Betrieb der mobilen Schnapsbrennerei sei nicht anlage-
genehmigungspflichtig, die Baubewilligung vom 3. Juli 2006 sei nicht nichtig und die
vorgesehenen Anpassungen (eingereicht mit Baugesuch vom 4. September 2012) würden
nicht der Baubewilligungspflicht unterliegen.
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Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet5, sistierte das
Beschwerdeverfahren mit Verfügung vom 18. März 2013 im Einverständnis der
Verfahrensbeteiligten bis zu einem Entscheid des Regierungsstatthalteramts Thun über
das nachträgliche Baugesuch in der Sache.
4. Mit Gesamtentscheid vom 6. Juni 2014 erteilte das Regierungsstatthalteramt Thun
die Gesamtbaubewilligung, umfassend die Baubewilligung zum Betreiben einer
Schnapsbrennerei im 2006 bewilligten Neubau und die Anlagegenehmigung für den
stationären Betrieb der Schnapsbrennerei auf Reutigen Gbbl. Nr. J._, befristet
jeweils auf die Wintermonate November bis April. Zur Reduktion der Emissionen im Sinne
des Vorsorgeprinzips wurden folgende Auflagen verfügt (Ziff. 3.2.1): "a) dass die Kartoffeln nur im geschlossenen Gebäude und nur mit elektrischen Kochern gekocht
werden dürfen,
b) dass die mobile Auffangwanne wie auch der Anhänger für die Zwischenlagerung der Schlempe
in den Monaten November bis April nach dem Brennvorgang stets zugedeckt werden muss,
c) dass die mobile Auffangwanne und der Anhänger von Mai bis Oktober nur leer und gewaschen
im Freien stationiert werden darf,
d) dass die Mittagsruhe von 12.00 Uhr bis 13.30 Uhr und die Nachtruhe ab 22.00 Uhr einzuhalten
ist,
e) dass die bestehenden vier Parkplätze als solche markiert werden und darauf weder Fässer, noch
Holz noch anderes Verbrauchsmaterial gelagert werden darf,
f) dass Säge, Obsthäcksler und andere lärmige Maschinen nur im Innern des Gebäudes bei
geschlossener Tür betrieben werden dürfen."
5. Gegen diesen Entscheid gingen mehrere Beschwerden bei der BVE ein: Die
Beschwerdeführenden 1 und 2 reichten am 3. Juli 2014 eine Beschwerde ein. Sie
beantragen, die im Gesamtentscheid vom 6. Juni 2014 festgelegten Auflagen 3.2.1 b) und
c) seien wie folgt zu ersetzen: "dass die mobile Auffangwanne sowie auch der Anhänger
für die Zwischenlagerung der Schlempe im Sinne einer stationären geschlossenen Anlage
luftdicht und dauernd abzudecken sind." Dabei machen sie geltend, die gemäss Auflagen
5 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
5
vorgeschriebene Abdeckung sei mangels Dichtigkeit zur Verhinderung von
Geruchsemissionen ungeeignet.
Der Beschwerdeführer 3 gelang mit Beschwerde vom 9. Juli 2014 an die BVE. Er beantragt
Folgendes: "1. Der Bauentscheid Nr. 122/2012 des Regierungsstatthalters von Thun vom 6. Juni 2014 sei
aufzuheben und dem Beschwerdegegner [hier: Beschwerdeführer 4] sei der Bauabschlag zu
erteilen.;
2. Eventualiter sei die mit Bauentscheid Nr. 122/2012 erteilte Baubewilligung mit folgenden
zusätzlichen Auflagen zu versehen:
a. Der Beschwerdegegner [hier: Beschwerdeführer 4] hat die Schlempe in einem vollständig
geschlossenen System abzutragen;
b. Der Beschwerdegegner [hier: Beschwerdeführer 4] hat die Rauchemissionen mittels
geeigneten baulichen resp. betrieblichen Massnahmen auf das erlaubte Mass zu reduzieren;
3. Subeventualiter seien die Ziffern 3.1.2 sowie 3.2.1.c des Bauentscheids Nr. 122/2012
aufzuheben und neu wie folgt zu formulieren:
a. Ziffer. 3.1.2: Die Anlagegenehmigung für den stationären Betrieb der Schnapsbrennerei auf
Reutigen Gbbl. Nr. J._, befristet jeweils auf die Wintermonate November, Dezember
und Januar, gestützt auf den Amtsbericht zu den Arbeitsbedingungen sowie
Immissionsschutz des beco Berner Wirtschaft (BECO) vom 30. Oktober 2012.
b. Ziffer 3.2.1.c: dass die mobile Auffangwanne und der Anhänger vom Februar bis Oktober nur
leer und gewaschen im Freien stationiert werden dürfen."
Dabei macht er insbesondere geltend, das Vorhaben sei aufgrund übermässiger
Emissionen nicht zonenkonform.
Weiter reichte der Beschwerdeführer 4 am 8. Juli 2014 eine Beschwerde ein, in welcher er
Folgendes beantragt: "1. Die Befristung der Anlagegenehmigung für den stationären Betrieb der Schnapsbrennerei auf die
Wintermonate November bis April (Ziff. 3.1.2 des Gesamtbauentscheids) sei aufzuheben.
2. Die Auflage gemäss Ziff. 3.2.1 lit. e des Gesamtbauentscheids sei aufzuheben.
3. Die Auflage gemäss Ziff. 3.2.1 lit. f des Gesamtbauentscheids sei aufzuheben, soweit diese die
Kreissäge betrifft.
4. Die Auflage gemäss Ziff. 3.2.1 lit. c des Gesamtbauentscheids sei insofern zu ändern, als die
mobile Auffangwanne und der Anhänger während der Zeit, in welcher die Schnapsbrennerei
nicht betrieben wird, nur leer und gewaschen im Freien stationiert werden darf."
In formeller Hinsicht beantragt er die Vereinigung des Beschwerdeverfahrens mit dem
bereits bei der BVE hängigen und noch sistierten Beschwerdeverfahren gegen die
Verfügung vom 25. Juni 2013. Er macht mit Hinweis auf seine Beschwerde vom 20.
Februar 2014 erneut primär geltend, das Vorhaben sei weder baubewilligungs-, noch
6
anlagegenehmigungspflichtig. Weiter fehle es an einer gesetzlichen Grundlage für die von
der Vorinstanz angeordneten Auflagen sowie die Befristung der Anlagegenehmigung;
insbesondere die angeordnete Befristung erweise sich als rechtswidrig und verstosse
gegen die Eigentumsgarantie.
6. Das Rechtsamt nahm das sistierte Beschwerdeverfahren gegen die
verfahrensleitende Verfügung vom 25. Januar 2013 mit Verfügung vom 11. Juli 2014
wieder auf und vereinigte es mit dem Beschwerdeverfahren gegen den Gesamtentscheid
vom 6. Juni 2014. Zugleich führte es den Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten
ein. Mit Stellungnahme vom 25. Juli 2014 beantragt das Regierungsstatthalteramt die
Abweisung aller Beschwerden. Mit Stellungnahme vom 4. August 2014 bestreitet die
Gemeinde, dass sie für die Erteilung der Baubewilligung im Jahr 2006 nicht zuständig
gewesen sein soll. Im Zusammenhang mit den Beschwerden gegen den Entscheid des
Regierungsstatthalteramts vom 6. Juni 2014 verzichtet sie darauf, auf einzelne
Beschwerdepunkte einzugehen; das Gesuch sei jedoch in der vorliegenden Form aus Sicht
des Gemeinderates bewilligungsfähig. Das beco nahm mit Schreiben vom 5. August 2014
zu den Beschwerden Stellung. Der Beschwerdeführer 3 beantragt in seiner
Beschwerdeantwort vom 12. August 2014, die Beschwerden des Beschwerdeführers 4
vom 20. Februar 2013 und vom 8. Juli 2014 seien abzuweisen. Das Verfahren sei gemäss
seinen Rechtsbegehren in der Beschwerde vom 9. Juli 2014 zu entscheiden. Die
Beschwerdeführenden 1 und 2 beantragen mit Beschwerdeantwort vom 12. August 2014
die Abweisung der Beschwerde des Beschwerdeführers 4. Der Beschwerdeführer 4
beantragt mit Beschwerdeantwort vom 18. August 2014, die Beschwerden der
Beschwerdeführenden 1 und 2 sowie des Beschwerdeführers 3 seien abzuweisen.
7. Mit Schreiben vom 15. September 2014 beantwortete der Beschwerdeführer 4
verschiedene Fragen des Rechtsamts. Am 3. Dezember 2014 führte das Rechtsamt einen
Augenschein vor Ort durch. Mit Verfügung vom 16. Dezember 2014 erhielten die
Beteiligten Gelegenheit, sich zum Protokoll des Augenscheins zu äussern. Zudem konnten
sie sich zu den vom Rechtsamt für den Fall der grundsätzlichen Bestätigung des
vorinstanzlichen Entscheids vorgeschlagenen zusätzlichen Auflagen äussern. Schliesslich
erhielten die Parteien Gelegenheit, Schlussbemerkungen einzureichen. Dabei bestätigten
der Beschwerdeführer 3 und der Beschwerdeführer 4 ihre in den jeweiligen Beschwerden
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gestellten Rechtsbegehren. Die Beschwerdeführenden 1 und 2 passten ihr
Rechtsbegehren wie folgt an: "1. Die Gesamtbaubewilligung des Regierungsstatthalteramts Thun vom 6.6.2014 sei mit den in der
Verfügung des Rechtsamts der BVE vom 12.12.2014 in Aussicht gestellten Auflagen und für die
Monate Mai bis Oktober zusätzlich maximal 20 frei wählbaren Brenntagen, wobei letztere den
Nachbarn in geeigneter Form vorgängig anzuzeigen sind, zu bestätigen.
Eventualiter: Die Gesamtbaubewilligung des Regierungsstatthalteramts Thun vom 6.6.2014 sei,
unter Ersetzung der Auflagen 3.2.1 b) - c) durch "3.2.1 Zur Reduktion der Emissionen im Sinn
der Umweltschutzgesetzgebung gelten die Auflagen, b) dass die mobile Auffangwanne sowie
auch der Anhänger für die Zwischenlagerung der Schlempe im Sinne einer stationären
geschlossenen Anlage luftdicht und dauernd abzudecken sind", zu bestätigen.
2. Die Baubeschwerde von Herrn F._ sei abzuweisen."
8. Auf die Rechtsschriften sowie auf das Ergebnis des Augenscheins wird, soweit für
den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
a) Im vorliegenden Beschwerdeverfahren bestehen zwei Anfechtungsobjekte. Einerseits
hat der Beschwerdeführer 4 die verfahrensleitende Verfügung des
Regierungsstatthalteramts vom 25. Januar 2013 angefochten. Andererseits gingen drei
Beschwerden gegen den Entscheid des Regierungsstatthalteramts vom 6. Juni 2014 ein.
Die beiden Verfahren wurden mit Verfügung vom 11. Juli 2014 vereinigt.
b) Das Regierungsstatthalteramt ist gemäss Art. 48 Abs. 2 Bst. a BewD6 zuständig, im
Zweifelsfall darüber zu entscheiden, ob ein Bauvorhaben einer Baubewilligung bedarf und
welcher Art diese ist. Vorliegend hat die Gemeinde die Unterlagen an das
Regierungsstatthalteramt weitergeleitet, verbunden mit der Frage, ob das Bauvorhaben
6 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1).
8
eine neue Baubewilligung bedarf (vgl. Aktennotiz Begehung vom 9. Juli 20127). Von seiner
Kompetenz gemäss Art. 48 Abs. 2 Bst. a BewD hat das Regierungsstatthalteramt mit der
Verfügung vom 25. Januar 2013 Gebrauch gemacht. Auf Art. 48 BewD gestützte
Verfügungen des Regierungsstatthalteramts können wie baupolizeiliche Verfügungen auf
dem Rechtsweg von Art. 49 BauG8 bei der BVE angefochten werden.9 Der
Beschwerdeführer 4 ist als Adressat der angefochtenen Verfügung beschwert und zur
Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde
vom 20. Februar 2013 ist daher grundsätzlich einzutreten. Ob dies auch für die einzelnen
Rügen gilt, wird - sofern notwendig - im Rahmen der materiellen Erwägungen geprüft.
c) Der Entscheid des Regierungsstatthalteramts vom 6. Juni 2014 ist ein
Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG10. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann er – unabhängig von
den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel angefochten werden, das
für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im vorliegenden Fall das
Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide können nach Art. 40 Abs. 1
BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei der BVE angefochten
werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen den Gesamtentscheid
zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen
ihrer Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG in Verbindung
mit Art. 40 Abs. 2 BauG). Der Beschwerdeführer 4 ist als Baugesuchsteller, dessen
Baugesuch lediglich befristet und mit diversen Auflagen bewilligt wurde, durch den
vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert und daher zur Beschwerdeführung
legitimiert. Die Beschwerdeführenden 1 und 2 sowie der Beschwerdeführer 3 haben sich
am vorinstanzlichen Verfahren als Einsprecher beteiligt und den Bauabschlag gefordert.
Sie sind daher durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid ebenfalls beschwert und
daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Die Beschwerden sind innert der Rechtsmittelfrist
eingereicht worden (Art. 40 Abs. 1 BauG) und enthalten einen Antrag und eine Begründung
(Art. 32 Abs. 2 VRPG11). Auf die form- und fristgerecht eingereichten Beschwerden ist
7 Vorakten pag. 48. 8 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721). 9 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 1a N. 5. 10 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1). 11 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21).
9
damit grundsätzlich einzutreten. Ob dies auch für die einzelnen Rügen gilt, wird – sofern
notwendig – im Rahmen der materiellen Erwägungen geprüft.
d) Die Begründung einer Beschwerde muss sich wenigstens in minimaler Form mit dem
angefochtenen Entscheid auseinandersetzen und sinngemäss darauf schliessen lassen,
welche Rechtsnormen oder Grundsätze der Ermessensausübung verletzt oder inwiefern
Sachverhaltselemente unrichtig oder unvollständig festgestellt worden sind. Ein blosser
Verweis auf frühere Rechtsschriften stellt keine rechtsgenügliche Begründung dar. Es darf
indessen ergänzend auf früher Gesagtes verwiesen werden.12
Der Beschwerdeführer 3 verweist in den Vorbemerkungen seiner Beschwerde vom 9. Juli
2014 generell auf die Einsprache vom 18. Oktober 2012. Was die Rügen des mangelhaften
Baugesuchs und der fehlenden Anlagegenehmigung betrifft, so bleibt es beim blossen
Verweis ohne weitere Ausführungen in der Beschwerde. Dies stellt nach dem oben
Gesagten keine hinreichende Begründung dar, so dass auf diese Rügen des
Beschwerdeführers 3 nicht näher einzutreten ist.
2. Baubewilligungs- und Anlagegenehmigungspflicht
a) Die Vorinstanz kam in der Verfügung vom 25. Januar 2013 zum Schluss, dass das
Betreiben einer Schnapsbrennerei als stationäre Anlage eine Anlagegenehmigung gemäss
Art. 16 ABAG13 bedarf. Eine solche wäre gemäss Regierungsstatthalteramt bereits im
Zeitpunkt der Baubewilligung der Gemeinde vom 3. Juli 2006 erforderlich gewesen. Die
damalige Baubewilligung sei daher von der unzuständigen Behörde erteilt worden und
bezüglich der Schnapsbrennerei nichtig. Das Bauvorhaben bedürfe somit der
Baubewilligung durch das vorliegend zuständige Regierungsstatthalteramt Thun.
b) Der Beschwerdeführer 4 macht in seiner Beschwerde vom 20. Februar 2013 geltend,
die Rechtmässigkeit der Baute sowie der entsprechenden Einrichtung sei bereits im
Rahmen der Baubewilligung für den Neubau eines Einstell-, Brenn- und Lagerraums im
Jahr 2006 geprüft und rechtskräftig bejaht worden. Die konkrete Verwendung der
12 VGE 100.2012.36 vom 15.05.2012, E. 3.3; BVR 2007 S. 470 E. 2.4; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 32 N. 12 und 15. 13 Gesetz vom 4. November 1992 über die Arbeit, Betriebe und Anlagen (ABAG; BSG 832.01).
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Räumlichkeiten für den Betrieb der mobilen Brennerei sei in den Baugesuchsakten
offengelegt worden. Gegenstand der Baubewilligung sei somit auch der Betrieb der
Schnapsbrennerei gewesen. Eine erneute Baubewilligung sei für diesen Betrieb somit nicht
erforderlich; eine zeitliche Einschränkung sei der Bewilligung nicht zu entnehmen. Mit den
beantragten Anpassungen (Ersatz von vier mobilen Kartoffeldämpfern mit Holzfeuerung
durch zwei mobile Futterkocher mit Elektrobetrieb, Abdeckung der mobilen Auffangwanne
sowie des An-hängers) seien keine baulichen Änderungen notwendig und es sei damit
keine Zweckänderung verbunden. Die Anpassungen unterlägen daher nicht der
Baubewilligungspflicht. Eine Anlagegenehmigungspflicht sei ebenfalls zu verneinen, da die
Anlage nicht unter die Liste der genehmigungspflichtigen Anlagen gemäss Anhang 1 der
ABAV14 falle. Selbst wenn dies der Fall wäre und eine Anlagegenehmigungspflicht
bestehen würde, so sei die Bewilligung der Gemeinde vom 3. Juli 2006 nicht nichtig. Im
Erlass des Entscheids durch die unzuständige Behörde (Gemeinde statt
Regierungsstatthalteramt) sei hier kein besonders schwerer Verfahrensmangel zu
erblicken. Die Feststellung der Nichtigkeit sei daher zu Unrecht erfolgt.
c) Baubewilligungspflichtig sind gemäss Art. 1a Abs. 1 BauG alle künstlich
geschaffenen und auf Dauer angelegten Bauten, Anlagen und Einrichtungen
(Bauvorhaben), die in fester Beziehung zum Erdboden stehen und geeignet sind, die
Nutzungsordnung zu beeinflussen, indem sie zum Beispiel den Raum äusserlich erheblich
verändern, die Erschliessung belasten oder die Umwelt beeinträchtigen.
Baubewilligungspflichtig sind auch Zweckänderungen (Art. 1a Abs. 2 BauG). Massstab, ob
eine bauliche Massnahme erheblich genug ist, um sie dem Baubewilligungsverfahren zu
unterwerfen, ist die Frage, ob mit deren Realisierung nach dem gewöhnlichen Lauf der
Dinge so wichtige räumliche Folgen verbunden sind, dass ein Interesse der Öffentlichkeit
oder der Nachbarn an einer vorgängigen Kontrolle besteht. Dabei können gewisse
Vorhaben vor allem wegen ihres Betriebs und weniger wegen ihrer konstruktiven Anlage
baubewilligungspflichtig sein, z.B. aus Gründen des Umweltschutzes oder der
Verkehrssicherheit.15 Unter Umständen kann auch das blosse Ändern des
Betriebskonzepts zu baurechtlich relevanten zusätzlichen Auswirkungen auf die Umwelt
oder die Erschliessung führen, so dass eine Baubewilligung erforderlich ist.16 Das
Baubewilligungserfordernis gilt grundsätzlich auch für Fahrnisbauten, welche über nicht
14 Verordnung vom 19. Mai 1993 über die Arbeit, Betriebe und Anlagen (ABAV; BSG 832.011). 15 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 1a N 10 mit weiteren Hinweisen. 16 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 1a N 24 mit weiteren Hinweisen.
11
unerhebliche Zeiträume ortsfest verwendet werden.17 Nach Art. 2 Abs. 1 Bst. m BewD ist
das Aufstellen von Fahrnisbauten sowie das Lagern von Material während einer Dauer von
bis zu drei Monaten pro Kalenderjahr baubewilligungsfrei.
d) Mit Entscheid vom 3. Juli 2006 erteilte die Gemeinde dem Beschwerdeführer 4 die
Baubewilligung für den Neubau eines Gebäudes, umfassend einen Lagerraum im
Untergeschoss sowie einen Brenn- und einen Einstellraum im Erdgeschoss.18 Die genaue
Nutzung des Gebäudes geht aus der Baubewilligung nicht hervor. Im Baugesuch vom 8.
Mai 2005 wurde jedoch festgehalten, dass es sich bei der Tätigkeit des Betriebs um eine
Schnapsbrennerei handle19, nähere Angaben zu dieser Nutzung oder zu den benötigten
Apparaturen sowie deren Positionierung lassen sich aber weder dem Baugesuch noch den
dazugehörigen Plänen entnehmen. Im Rahmen der Einspracheverhandlung vom 21. Juni
2006 führte die Bauherrschaft aus, die Zu- und Wegfahrt werde sich in geringem Masse
halten, da nur im Winter stationär gebrannt werde. Es sei mit rund 5 Kunden pro Tag zu
rechnen. Durch das Brennen entstehe kein Lärm und die Geruchsemissionen seien
minimal. Das es vor allem die Wintermonate betreffe, sei mit einer sehr geringen Belastung
für die Anwohner zu rechnen.20
Wie aus den Akten (vorab Aktennotiz Begehung vom 9. Juli 2012) hervorgeht, setzte der
Beschwerdeführer 4 in der Folge für das Kochen von Kartoffeln vier mobile
Kartoffeldämpfer ein, welche vor dem Einstell-, Brenn- und Lagerraum positioniert wurden.
Auch eine mobile Auffangwanne und ein mobiler Anhänger für die Zwischenlagerung der
Schlempe wurden vor dem Gebäude platziert. Mit dem Baugesuch vom 4. September 2012
äusserte sich der Beschwerdeführer 4 dahingehend, dass anstelle der bisherigen
Kartoffeldämpfer zwei Elektro-Futterkocher vorgesehen seien, wobei diese auch im Freien
betrieben werden sollen. Zudem solle die mobile Auffangwanne und der Anhänger zur
Zwischenlagerung der Schlempe mittels einer einfachen Holzkonstruktion und
Wellbitumenplatten gedeckt werden. Der Betrieb dieser Apparaturen im Freien, egal ob vier
Kartoffeldämpfer oder zwei Elektro-Futterkocher, wurde weder im Baugesuch vom 8. Mai
2005 noch im Entscheid der Gemeinde vom 3. Juli 2006 erwähnt; sie sind damit nicht Teil
dieser Bewilligung. Es handelt sich um Einrichtungen, welche zu baurechtlich relevanten
17 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 1a N 17 mit weiteren Hinweisen. 18 Vorakten pag. 51. 19 Baugesuchsformular 4.1, Vorakten pag. 61. 20 Vorakten pag. 54.
12
zusätzlichen Auswirkungen auf die Umwelt (Lärm, Geruch) führen. Bereits aus diesem
Grund war eine neue (nachträgliche) Baubewilligung notwendig. Dazu kommt, dass sich
der stationäre Betrieb der Schnapsbrennerei auf der Parzelle Reutigen Grundbuchblatt Nr.
J._ mit dem Baugesuch vom 4. September 2012 offenbar nicht mehr auf die
Wintermonate beschränken soll, wie dies ursprünglich von der Bauherrschaft kommuniziert
wurde. So gab der Beschwerdeführer 4 im Baugesuchsformular 4.0 "Betreiben, Einrichten,
Umgestalten von Betrieben und Anlagen" 180 Arbeitstage pro Jahr an. Damit wird deutlich,
dass der Betrieb der stationären Schnapsbrennerei nicht auf die Wintermonate beschränkt
bleiben soll. Dies bestätigt der Beschwerdeführer 4 mit seinen Ausführungen in der
Beschwerde vom 8. Juli 2014, mit welcher er die im vorinstanzlichen Entscheid
vorgesehene Befristung des Betriebs (November bis April) bekämpft. So führt er darin aus
(S. 10 und 11), vor ca. 10 Jahren habe er einen Betrieb auf Stör während jeweils ca. 9
Monaten pro Jahr problemlos auslasten können. Dies verhalte sich heute anders. Sein
Betrieb sei ernsthaft wirtschaftlich gefährdet, wenn er jeweils ab Anfang Mai eines jeden
Jahres nicht mehr in Reutigen geführt werden dürfte. Der stationäre Betrieb soll sich damit
gemäss den eigenen Angaben des Beschwerdeführers 4 nicht mehr auf die Wintermonate
beschränken. Der Sachverhalt, wie er der Bewilligung aus dem Jahr 2006 zugrunde lag,
hat sich daher geändert. Die zeitliche Ausdehnung des stationären Betriebs der
Schnapsbrennerei und die damit verbundene Nutzungssteigerung sind nicht von der
Baubewilligung vom 3. Juli 2006 umfasst und unterliegen der Baubewilligungspflicht. Das
Regierungsstatthalteramt hat zu Recht ein nachträgliches Baugesuch gefordert. Die
Beschwerde des Beschwerdeführers 4 vom 20. Februar 2013 ist daher abzuweisen.
e) Gemäss Art. 16 Abs. 2 i.V.m. Art. 1 Abs. 2 Bst b ABAG ist für das Einrichten,
Umgestalten und Betreiben von Anlagen, bei deren Betreiben Massnahmen zum Schutz
der Sicherheit, Gesundheit und Umwelt notwendig sind, vorgängig eine
Anlagegenehmigung erforderlich. Die genehmigungspflichtigen Anlagen sind im Anhang I
der ABAV aufgeführt (Art. 4 ABAV).
Den Ausführungen des beco in der Stellungnahme vom 5. August 2014 folgend fällt der
stationäre Betrieb der Schnapsbrennerei unter Ziffer 3 des Anhangs I der ABAV. Danach
sind Anlagen mit erheblichem Potential zur Umweltgefährdung oder -belästigung
anlagegenehmigungspflichtig, wenn beim Ausfall der Abgasreinigung namhafte
Emissionen von Luftschadstoffen oder Gerüchen verursacht werden oder deren Standort
topografisch oder raumplanerisch ungünstig ist. Der Betrieb ist auf drei Seiten von
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Wohnhäusern umgeben; einzig nordöstlich grenzt die betroffene Parzelle Nr. J._
an die Landwirtschaftszone. Die Wohnhäuser befinden sich in unmittelbarer Nähe zum
Gebäude der Schnapsbrennerei. Damit ist der Standort als raumplanerisch ungünstig zu
bezeichnen. Zudem ist zu berücksichtigen, dass der Betrieb vor Ort nach dem oben
Ausgeführten und gemäss der Absicht des Beschwerdeführers 4 nicht bloss auf die
Wintermonate beschränkt werden soll und diverse Arbeitsvorgänge des Brennereibetriebs
draussen bzw. bei offenen Türen stattfinden sollen. Damit besteht ein Potential zur
Umweltbelästigung. Der stationäre Betrieb der Brennerei wurde daher zu Recht der
Anlagegenehmigungspflicht unterstellt.
f) Da der Betrieb der Schnapsbrennerei in der vom Beschwerdeführer 4 beabsichtigten
Form und zeitlichen Ausgestaltung sowieso einer neuen Baubewilligung und einer
Anlagegenehmigung bedarf, kann offen bleiben, ob bereits das im 2006 bewilligte
Vorhaben anlagegenehmigungspflichtig war und ob die Bewilligung der Gemeinde vom 3.
Juli 2006 bezüglich des Brennereibetriebs als nichtig zu bezeichnen ist, wie dies das
Regierungsstatthalteramt in der Verfügung vom 25. Januar 2013 feststellt. Auf die
diesbezüglichen Rügen des Beschwerdeführers 4 ist mangels eines
Rechtsschutzinteresses nicht näher einzutreten (Art. 40 Abs. 2 i.V.m Art. 35c Abs. 1
BauG).
3. Zonenkonformität
a) Der Beschwerdeführer 3 beantragt die Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheids
und die Erteilung des Bauabschlags wegen fehlender Zonenkonformität des
Bauvorhabens. Eine funktionelle Übereinstimmung mit dem Zonenbeschrieb gemäss
kommunalem Baureglement sei nur dann gegeben, wenn die Schnapsbrennerei
emissionsarm betrieben werden könne. Die Brennerei, welche praktisch durchgehend und
ganzjährig betrieben werde, könne ohne geschlossenes Brennsystem nicht als
emissionsarm gelten und sei daher als emissionslastiger Produktionsbetrieb in der
Mischzone Wohnen nicht zonenkonform. Die Ausführungen der Vorinstanz zur
Zonenkonformität seien praktisch inexistent; sie erkläre im Entscheid nicht, inwiefern die
Schnapsbrennerei funktionell mit dem Zonenbeschrieb gemäss kommunalem
Baureglement übereinstimme. Damit habe das Regierungsstatthalteramt die
Begründungspflicht verletzt. Die Feststellung der Vorinstanz, dass der Brennereibetrieb
14
einen geringen Mehrverkehr verursache, sei falsch. Neben den grossen
landwirtschaftlichen Fahrzeugen, welche Obst bzw. Kartoffeln abladen und dabei
zahlreiche Manöver auf der schmalen Zufahrt machen müssten, seien die Fahrten zur
Abführung der Schlempe und der Publikumsverkehr zu beachten. Täglich gebe es 20 bis
30 Zu- und Wegfahrten. Eine Verkaufs- resp. Betriebsstätte mit diesem
Verkehrsaufkommen sei in der Mischzone nicht zonenkonform.
Die Beschwerdeführenden 1 und 2 führen aus, die Brennereianlage könne nur
zonenkonform betrieben werden, wenn die Auflagen geeignet seien, übermässige
Emissionen zu beseitigen. Dies sei nur der Fall, wenn die mobile Auffangwanne und der
Anhänger luftdicht und dauernd abgedeckt würden.
b) Eine Verfügung muss die Tatsachen, Rechtssätze und Gründe enthalten, auf die sie
sich stützt (Art. 52 Abs. 1 Bst. b VRPG). Die Begründung muss so abgefasst sein, dass die
Betroffenen den Entscheid sachgerecht anfechten können. Deshalb muss die Behörde
mindestens kurz die Überlegungen nennen, von denen sie sich hat leiten lassen und auf
die sie ihren Entscheid stützt. Sie muss sich dabei nicht ausdrücklich mit jeder Behauptung
zum Sachverhalt und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen. Vielmehr kann sie
sich auf die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken.21
Die Vorinstanz führt im angefochtenen Entscheid aus, dass das umstrittene Vorhaben
unter Einhaltung der Auflagen als emissionsarm gelten könne und daher zonenkonform
sei. Sie geht auf die Rügen zu den Emissionen (Verkehr, Gerüche, Lärm) ein und führt
dabei aus, mit welchen Auflagen der Betrieb in der Mischzone aus ihrer Sicht zulässig ist.
Aus diesen Ausführungen ergeben sich die Überlegungen, von denen sich die Vorinstanz
bei der Beurteilung der Zonenkonformität hat leiten lassen. Damit waren die
Beschwerdeführenden in der Lage, die Baubewilligung sachgerecht anzufechten. Die
Vorinstanz ist deshalb ihrer Begründungspflicht nachgekommen und es liegt keine
Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör vor.
c) Art. 22 Abs. 2 Bst. a RPG22 setzt für die Erteilung einer Baubewilligung voraus, dass
die Bauten und Anlagen dem Zweck der Nutzungszone entsprechen. Die in einer Zone
21 BGE 134 I 83 E. 4.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 52 N. 6 ff. 22 Bundesgesetz vom 22. Juni 1979 über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz, RPG; SR 700).
15
zulässigen Nutzungen werden durch die baurechtliche Grundordnung der Gemeinde
bestimmt (Art. 4 Abs. 1 BauG).
Der Standort der Schnapsbrennerei befindet sich in der Mischzone. Gemäss Art. 1 GBR23
sind darin folgende Nutzungsarten zugelassen: Wohnen, stille bis mässig störende
Gewerbe, Gastgewerbe, Verkauf. Im Kommentar zum GBR wird das "mässig störende
Gewerbe" wie folgt umschrieben: "Mässig störende Gewerbe wie z.B. Verkaufsläden,
Dienstleistungsbetriebe, sowie emissionsarme Werkstätten und Produktionsbetriebe. Sie
dürfen das gesunde Wohnen nicht wesentlich beeinträchtigen." In der Mischzone gilt die
Lärmempfindlichkeitsstufe (ES) III nach Art. 43 LSV24.
Dabei ist zu beachten, dass dem kantonalen und kommunalen Immissionsschutzrecht
keine selbständige Bedeutung zukommt, soweit es sich mit dem USG und der
dazugehörigen Ausführungsgesetzgebung deckt. Ein selbständiger Gehalt kommt solchen
Bestimmungen jedoch zu, soweit sie die Frage regeln, ob eine Baute oder Anlage nach
den raumplanerischen Grundlagen am vorgesehenen Ort überhaupt erstellt werden darf.
Es steht die Frage im Vordergrund, welche Nutzungsstrukturen eine bestimmte Zone
aufweisen soll. In diesem Rahmen beruhen kantonale oder kommunale Normen auf
eigenständigen kantonalen oder kommunalen Rechtssetzungskompetenzen auf dem
Gebiet der Ortsplanung.25
In Bezug auf die Auslegung und Anwendung kommunaler Bestimmungen sind die
Gemeinden im Rahmen der gesetzlichen Regelung und der übergeordneten Planung
autonom (Art. 65 Abs. 1 BauG). Es ist somit vorab Sache der Gemeinde zu bestimmen,
wie sie eine kommunale Vorschrift ausgelegt und angewendet haben will. Wird eine solche
Bestimmung Streitgegenstand eines Beschwerdeverfahrens, haben die
Rechtsmittelinstanzen nur zu prüfen, ob die von der Gemeinde geltend gemachte
Auslegung und Anwendung rechtlich haltbar ist.26 Der Auffassung der Gemeinde Reutigen
kommt deshalb in der nachfolgenden Beurteilung eine besondere Bedeutung zu.
23 Baureglement der Gemeinde Reutigen vom 8. Juni 2009, genehmigt durch das AGR am 15. Februar 2010. 24 Lärmschutz-Verordnung des Bundesrates vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41). 25 Bernhard Waldmann/Peter Hänni, Handkommentar RPG 2006, Art. 22 N. 21; BGE 117 Ib 150 E. 3c und 3d; BVR 1994 S. 232 E. 2a. 26 BVR 2000 S. 105 E. 3a mit Hinweisen auf die entsprechende Rechtsprechung.
16
d) Im Gegensatz zu einer reinen Wohnzone, von welcher störende Gewerbe
fernzuhalten sind, dürfen in einer gemischten Zone Gewerbe errichtet werden, die zwar
gewisse Unannehmlichkeiten mit sich bringen, das gesunde Wohnen aber nicht
beeinträchtigen. Nicht störend sind Betriebe, die mit der Wohnnutzung ohne weiteres
vereinbar sind oder diese sogar begünstigen, das heisst zum Beispiel Bäckereien,
Coiffeursalons und dergleichen. Als mässig störend gelten Betriebe, welche die
Wohnnutzung in der Nacht und zur üblichen Freizeit nicht beeinträchtigen und deren
Störungen während der übrigen Zeit aus wohnhygienischer und gesundheitspolizeilicher
Sicht noch hingenommen werden können.27 So wurde in einer Mischzone etwa ein
Garagenbetrieb, eine Autoreparaturwerkstätte, eine mechanische Werkstatt, eine
Bauspenglerei, der Werkhof einer Bauunternehmung, ein Metzgerei- oder
Schlachtereibetrieb oder öffentliche Sportanlagen bis zu einer gewissen Grösse als
zulässig erklärt.28
Die vorliegend umstrittene Schnapsbrennerei kann mit ihrer bescheidenen Grösse und als
Einmannbetrieb (unter gelegentlicher Mithilfe der Ehefrau) in der Mischzone aus
raumplanerischer Sicht als grundsätzlich zulässig erachtet werden. Es ist zu
berücksichtigen, dass der Betrieb zeitlich beschränkt ist und damit nicht ganzjährlich vor
Ort in Reutigen gebrannt wird (vgl. E. 5). Nach den glaubhaften und unbestrittenen
Ausführungen des Beschwerdeführers 4 steht die Brennerei zudem an Brenntagen in der
Regel von ca. 8.15 Uhr bis 18.30 Uhr in Betrieb, am Samstagnachmittag sowie am
Sonntag jedoch nicht. Letzteres wird mit einer entsprechenden Auflage in den Entscheid
aufgenommen (vgl. E. 5e). Die vom Beschwerdeführer 4 angegebenen (und für die Jahre
2009 und 2012 näher aufgeführten29) maximal sechs durch den Betrieb verursachten
Fahrten pro Arbeitstag halten sich im Rahmen dessen, was für ein zulässiges Gewerbe in
der Mischzone toleriert werden kann. Die Schnapsbrennerei ist mit dem Zweck der
Mischzone vereinbar und daher grundsätzlich zonenkonform. Ob es sich um einen
"emissionsarmen Produktionsbetrieb" und damit um ein "mässig störendes Gewerbe" im
oben erwähnten Sinne handelt, hängt aber hauptsächlich von der immissionsrechtlichen
Beurteilung ab. Die Behandlung der umstrittenen Fragen im Zusammenhang mit dem
Geruch und Lärm, welche ebenfalls Teil der (konkreten, immissionsbezogenen)
Beurteilung der Zonenkonformität darstellen, erfolgt nachfolgend (E. 4 bis 8).
27 BVR 1986 S. 212 E. 4a 28 Waldmann/Hänni, a.a.O., Art. 22 N 37 mit weiteren Beispielen und Verweisen. 29 Stellungnahme vom 8. September 2014.
17
4. Geruchs- und Rauchemissionen: Standpunkte und Allgemeines
a) Die Vorinstanz kam im Entscheid vom 6. Juni 2014 zum Schluss, dass im
Zusammenhang mit den Geruchsemissionen weitere Massnahmen in Form von Auflagen
oder Einschränkungen des Betriebs notwendig seien. Die erfolgte Abdeckung der
Auffangwanne und des mobilen Anhängers habe diese Geruchsemissionen offensichtlich
nur wenig vermindert. Der Bauherr habe aber überzeugend dargelegt, dass eine luftdichte
und dauernde Abdichtung nicht praktikabel sei. Dazu kämen Rauchemissionen, welche die
Nachbarn offensichtlich stark belästigen würden. Da trotz weitestgehend regelkonformer
Kamine und trotz der Umstellung der Kartoffelkocher auf Elektrokocher eine starke
Beeinträchtigung der Wohnnutzung andauere, seien betriebliche Einschränkungen
angezeigt. Eine Beschränkung des Betriebs auf die Wintermonate sei verhältnismässig. Es
sei dadurch keine Existenzgefährdung ersichtlich. Entsprechend verfügte die Vorinstanz
eine Beschränkung der Anlagenbewilligung auf die Monate November bis April und
verschiedene Auflagen (vgl. Sachverhalt, Ziff. 4).
b) Die Beschwerdeführenden 1 und 2 sowie der Beschwerdeführer 3 bringen vor, die
durch die Brenntätigkeit verursachten Gerüche würden bei den Nachbargrundstücken zu
erheblichen Beeinträchtigungen führen, welche durch die im Entscheid festgelegten
Auflagen nicht wirksam behoben werden könnten. An Betriebstagen sei es den Anwohnern
nicht möglich, Fenster und Türen zu öffnen. Die Abdeckung der mobilen Auffangwanne
und des Anhängers mittels einfacher Holzkonstruktion und Wellbitumenplatten vermöge die
starken Geruchsemissionen nicht zu verhindern. Der Beschwerdeführer 3 fügt zudem an,
eine weitere lästige Emissionsquelle entstehe durch die Holzfeuerung der Brennerei. Die
Rauchentwicklung an Brenntagen sei immens. Die Konstruktion der Kamine sowie
Wärmekonstellationen je nach Wetterlage würden dazu führen, dass der Rauch über dem
Betrieb verbleibe und durch die Windbewegungen quer über seine Liegenschaft getragen
werde. Der Beschwerdeführer 3 kommt daher zum Schluss, das Vorhaben könne nicht
emissionsarm betrieben werden. Entsprechend stellt er den Hauptantrag, die
vorinstanzliche Baubewilligung sei aufzuheben und dem Vorhaben sei der Bauabschlag zu
erteilen. Die Beschwerdeführenden 1 und 2 beantragen eine Anpassung der Auflagen. Um
das Austreten der starken Gerüche effektiv verhindern zu können, sei eine luftdichte und
dauerhafte Abdeckung der mobilen Auffangwanne und des Anhängers zu verfügen. Auch
18
der Beschwerdeführer 3 verlangt dies in seinem Eventualantrag. Verschiedene
Brennereien mit vergleichbarer Grösse würden über geschlossene Brennereianlagen
verfügen. Diese Massnahme sei zumutbar bzw. technisch und betrieblich möglich und
wirtschaftlich tragbar. Das geschlossene System entspreche heute der Regel. Der
Beschwerdeführer 3 verlangt im Rahmen seines Eventualbegehrens zudem, der
Beschwerdeführer 4 sei zu verpflichten, die Rauchemissionen mittels geeigneten baulichen
resp. betrieblichen Massnahmen auf das erlaubte Mass zu reduzieren. Falls die
Rechtsmittelinstanz zum Schluss kommen sollte, die lästigen Emissionen könnten nicht
durch bauliche und betriebliche Massnahmen sinnvoll eingeschränkt werden, so sind nach
dem Beschwerdeführer 3 subeventualiter sämtliche Emissionen durch eine Einschränkung
der Brenntage soweit zu minimieren, dass in der Nachbarschaft gesundes Wohnen wieder
möglich sei. Die Brenntage seien daher auf die Monate November, Dezember und Januar
zu beschränken. Im Rahmen der Schlussbemerkungen hielt der Beschwerdeführer 3 an
seinen Anträgen fest, die Beschwerdeführenden 1 und 2 erklärten sich dagegen mit den
vom Rechtsamt der BVE für den Fall der Bestätigung des vorinstanzlichen Entscheids
vorgeschlagenen zusätzlichen Auflagen einverstanden.
c) Der Beschwerdeführer 4 und Betreiber der Schnapsbrennerei führt dagegen aus, da
das Bauvorhaben den gesetzlichen Grundlagen entspreche, habe er grundsätzlich
Anspruch auf eine unbefristete, unwiderrufliche, bedingungslose und unbelastete
Baubewilligung. Bezüglich der Frage, ob überhaupt rechtlich relevante Geruchsemissionen
vorlägen, habe die Vorinstanz keine eigentliche Beweiswürdigung vorgenommen, sondern
unkritisch die Parteibehauptungen der Einsprechenden übernommen. Anlässlich der
Augenscheine vor Ort bei laufender Brennerei seien keine rechtlich relevanten
Geruchsemissionen wahrnehmbar gewesen, welche das Ergreifen von Massnahmen
erforderlich machen würden. Einerseits fehle es an objektiv störenden Gerüchen.
Andererseits fühle sich auch kein wesentlicher Teil der betroffenen Bevölkerung gestört.
Die Befristung erweise sich daher als rechtswidrig. Zudem habe er bereits die
erforderlichen Massnahmen getroffen, soweit diese technisch und betrieblich möglich und
wirtschaftlich tragbar seien. Das konsequente Abdecken der Auffangwanne und des
Anhänger habe seine Wirkung nicht verfehlt. Ohne nähere Abklärungen getroffen zu
haben, sei die Vorinstanz weiter zum Schluss gekommen, dass ein Verbot des stationären
Betriebs für ein halbes Jahr verhältnismässig sei und diesen nicht in seiner Existenz
gefährde. Der Winterbetrieb werde wirtschaftlich immer wichtiger. Dürfe er den Betrieb ab
Ende April nicht mehr betreiben, so werde er gezwungen, das Verarbeiten von Kernobst
19
und somit ein wichtiges Standbein aufzugeben oder zumindest fast vollständig
einzuschränken. Sein Betrieb sei ernsthaft wirtschaftlich gefährdet, wenn er jeweils ab
Anfang Mai eines jeden Jahres nicht mehr in Reutigen geführt werden dürfte. Hinzu
komme, dass in einem Einmannbetrieb unvorhergesehene Ereignisse nicht planbar seien.
Die zeitliche Einschränkung erweise sich somit als unzulässig, weil sie nicht wirtschaftlich
tragbar und unverhältnismässig sei. Schliesslich übersehe die Vor-instanz, dass das beco
die notwendigen Auflagen formuliert und das Gesuch mit diesen Auflagen uneingeschränkt
positiv beurteilt habe, ohne eine zeitliche Befristung vorzusehen. Die Vorinstanz sei es
verwehrt, ohne Bereinigungsgespräch mit dem beco im Sinne von Art. 8 Abs. 1 KoG und
ohne vorgängige Mitteilung der Ergebnisse dieses Bereinigungsgesprächs weitergehende
Auflagen mit der Anlagegenehmigung zu verbinden, als diese im Fachbericht vom 30.
Oktober 2012 enthalten gewesen seien. Der Ausschluss des Betriebs der Brennerei
während dem halben Jahr sei somit in verschiedener Hinsicht rechtswidrig.
d) Gemäss Art. 11 Abs. 1 USG30 sind neben Lärm, Erschütterungen und Strahlen auch
Luftverunreinigungen (Luftschadstoffe und Geruchsstoffe) durch Massnahmen bei der
Quelle zu begrenzen. Das zweistufige Schutzkonzept verlangt zuerst, dass Emissionen
unabhängig von der bestehenden Umweltbelastung im Rahmen der Vorsorge so weit zu
begrenzen sind, als dies technisch und betrieblich möglich sowie wirtschaftlich tragbar ist
(Art. 11 Abs. 2 USG). Diese vorsorglichen Emissionsbegrenzungen sind in Form von
Emissionsgrenzwerten für stationäre Anlagen in der LRV31 konkretisiert. Für Emissionen,
für die in der LRV keine Emissionsbegrenzung festgelegt oder bestimmte Begrenzungen
als nicht anwendbar erklärt sind, sind die vorsorglichen Emissionsbegrenzungen direkt
gestützt auf Art. 4 LRV von der zuständigen Behörde anzuordnen. Danach sind diese
Emissionen vorsorglich so weit zu begrenzen, als dies technisch und betrieblich möglich
und wirtschaftlich tragbar ist.
Ist zu erwarten, dass eine einzelne geplante Anlage trotz der Einhaltung der vorsorglichen
Emissionsgrenzwerte übermässige Immissionen verursachen wird, so sind die zuständigen
Behörden dazu verpflichtet, verschärfte Emissionsbegrenzungen anzuordnen (Art. 5 LRV,
Art. 11 Abs. 3 USG). Sind in der LRV für einen Stoff keine Immissionsgrenzwerte
festgelegt, muss im Einzelfall beurteilt werden, ob die Immissionen übermässig sind. Dies
ist bei Gerüchen vorab dann der Fall, wenn aufgrund einer Erhebung feststeht, dass sie
30 Bundesgesetz vom 7. Oktober 1983 über den Umweltschutz (Umweltschutzgesetz, USG; SR 814.01). 31 Luftreinhalte-Verordnung des Bundesrates vom 16. Dezember 1985 (LRV; SR 814.318.142.1).
20
einen wesentlichen Teil der Bevölkerung in ihrem Wohlbefinden erheblich stören (Art. 2
Abs. 5 Bst. b LRV).
e) Baubewilligungen können mit Bedingungen oder Auflagen verknüpft werden (Art. 29
Abs. 2 und Art. 38 Abs. 3 BauG). Auflagen sind Pflichten, die mit einer Baubewilligung
verbunden sind. Die Nichterfüllung einer Auflage berührt die Geltung der Baubewilligung
nicht, kann aber baupolizeiliche Massnahmen – insbesondere die Ersatzvornahme – und
Bestrafung nach sich ziehen.32
Die Bedingungen und Auflagen müssen in einem engen sachlichen Zusammenhang zur
erteilten Bau- oder Ausnahmebewilligung stehen und verhältnismässig sein.
Verhältnismässig ist eine Nebenbestimmung nur dann, wenn sie zum Erreichen des
angestrebten Ziels erforderlich, geeignet und für den Bauherrn zumutbar ist. Der
Gesuchsteller, dessen Bauvorhaben den gesetzlichen Anforderungen entspricht, hat
grundsätzlich Anspruch auf eine unbefristete, unwiderrufliche, bedingungslose und
unbelastete Baubewilligung. Bedingungen und Auflagen zu einer Baubewilligung kommen
nur bei Bauvorhaben in Betracht, die je nach ihrer Gestaltung oder Einrichtung oder je
nach der Art der Nutzung oder Betriebsführung gesetzeskonform oder gesetzwidrig sein
können. Bedingungen und Auflagen sind in solchen Fällen das Mittel dazu, die
gesetzwidrigen Auswirkungen zu verhindern. Insoweit sind sie gegenüber der Alternative
des Bauabschlags das mildere Mittel.33
f) Gemäss Art. 8 Abs. 1 KoG führt die Leitbehörde mit den betroffenen Stellen ein
Bereinigungsgespräch durch, wenn sie die Beurteilung der Behörden und Fachstellen
aufgrund der Interessenabwägung oder aus andern rechtlichen Gründen nicht teilt oder sie
Widersprüche unter den Amtsberichten feststellt. Im vorliegenden Fall ist nicht ersichtlich,
dass die Vorinstanz die Beurteilung des beco oder andere Fachstellen nicht teilte oder sie
unter den Amtsberichten Widersprüche feststellte. Vielmehr bewilligte sie den Betrieb
unter Auflagen sowie einer zeitlichen Befristung, da sie diesen nur so als zonenkonform
einstufte. Diese Beschränkungen stützten sich daher auf eine Gesamtbeurteilung des
Betriebs und dessen Emissionen hinsichtlich der Zonenkonformität, währendem das beco
in seinem Amtsbericht vom 30. Oktober 2012 auf die Aspekte der Sicherheit und
Gesundheit am Arbeitsplatz und Luftreinhaltung beschränkte. Entgegen der Ansicht des
32 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 29 N. 1. 33 Aldo Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 38-39 N. 15a.
21
Beschwerdeführers 3 war somit ein Bereinigungsgespräch im Sinne von Art. 8 Abs. 1 KoG
nicht angezeigt.
5. Geruchsemissionen, zeitliche Beschränkung
a) Für Gerüche legt die LRV im Rahmen der Vorsorge keine Emissionsgrenzwerte fest.
Die vorsorglichen Emissionsbegrenzungen sind daher direkt gestützt auf Art. 4 LRV
anzuordnen. Danach sind diese Geruchsemissionen vorsorglich so weit zu begrenzen, als
dies technisch und betrieblich möglich und wirtschaftlich tragbar ist.
b) Was den Geruch betrifft, so stellt vorab die Lagerung und der Umgang mit den
Destillationsrückständen, der sog. Schlempe, ausserhalb des Gebäudes ein Problem dar.
Allfällige Gerüche, welche durch das Betreiben der Futterkocher entstehen, werden
dadurch genügend eingedämmt, dass letztere nur im Innern des geschlossenen Gebäudes
benutzt und nur elektrische Kocher eingesetzt werden dürfen (vgl. unbestritten gebliebene
Auflage 3.2.1 a des vorinstanzlichen Entscheids). Die Schlempe dagegen wird nach jedem
Brennvorgang zwecks Abkühlung in die Auffangwanne ausserhalb des Gebäudes geführt.
In der Auffangwanne werden die festen Rückstände mittels Sieb von den flüssigen
Rückständen getrennt. Die flüssigen Rückstände werden nach der Abkühlung via eine
Leitung in einen Tank im Keller gepumpt. Die festen Rückstände werden dagegen
regelmässig vom Sieb der Auffangwanne entfernt und manuell in den daneben stehenden
Anhänger überführt. Dieser wird nach Angaben des Beschwerdeführers 4 abtransportiert,
sobald er voll ist (was im Sommer weniger häufig der Fall ist). Die Auffangwanne verfügt
über eine bewegliche Abdeckungskonstruktion aus Holz und Wellblech, welche aber auch
in abgedecktem Zustand aufgrund der grösseren Lücken luftdurchlässig bleibt. Der
Anhänger wird vom Beschwerdeführer 4 jeweils mit einer losen Plastikblache überdeckt.34
Es kann als erwiesen gelten, dass die längere Aufbewahrung der Schlempe zu einer
unangenehmen Geruchsbildung führt. Dies lässt sich nicht nur den glaubhaften
Beanstandungen der verschiedenen Nachbarn entnehmen (neben den zwei
beschwerdeführenden Parteien haben sich im vor-instanzlichen Verfahren zwei weitere
Nachbarn über die Gerüche beschwert), sondern auch den Aussagen des Betreibers
selber. So führte er etwa aus, er sei den Geruchsemissionen begegnet, indem er die
34 Vgl. Ausführungen im Protokoll des Augenscheins vom 3. Dezember 2014 sowie die dazugehörige Fotodokumentation.
22
Schlempe konsequent abdecke.35 Den Feststellungen des anlässlich des Augenscheins
vom 4. Dezember 2014 beigezogenen Brennexperten der Fachstelle Obst und Beeren des
Inforama folgend ist diese Geruchsbildung stärker, wenn wärmere Aussentemperaturen
vorherrschen. Bei kalten Temperaturen dagegen ist die Geruchsbildung vernachlässigbar.
Dies bestätigte sich auch am Augenschein vom 4. Dezember 2014, war der Gestank an
diesem Tag doch kaum wahrnehmbar. Der Feststellung des Vorsitzenden, wonach das
Geruchsproblem vorab in den wärmeren Monaten bestehe36, widersprachen weder der
Betreiber noch die benachbarten Beschwerdeführenden.
c) Auch wenn die behelfsmässige Abdeckung der Auffangwanne und des Anhängers zu
einer gewissen Verbesserung der Geruchsproblematik geführt haben dürfte, so erachtet
die BVE diese Massnahmen im Rahmen der vorsorglichen Emissionsbegrenzung nach
Art. 4 LRV als unzureichend. Um den Geruch weiter einzudämmen, ist es nach
Einschätzung des Brennexperten des Inforama anlässlich des Augenscheins vom 4.
Dezember 2014 am sinnvollsten, die Leerungsintervalle der Auffangwanne und des
Anhängers in den wärmeren Monaten zu verkürzen, damit gar kein übler Geruch entstehen
kann.37 Dieser Vorschlag überzeugt, zumal er auch für den Betreiber mit
verhältnismässigem Aufwand verbunden ist und trotzdem sehr effektiv ist. Der Entscheid
wird daher mit der Auflage ergänzt, wonach die mobile Auffangwanne wie auch der
Anhänger für die Zwischenlagerung der Schlempe jeweils spätestens 24 Stunden nach
Zufuhr der ersten Schlempe in die Auffangwanne entleert (flüssige Stoffe) bzw.
abtransportiert (feste Stoffe) werden müssen. Da die Geruchsbildung bei kälteren
Temperaturen kein Problem darstellt, gilt diese Auflage nicht für die meteorologischen
Wintermonate Dezember, Januar und Februar. Eine unangenehme Geruchsbildung kann
auch dadurch entstehen, dass die Auffangwanne und der Anhänger nicht regelmässig
gereinigt werden und so Rückstände der Schlempe länger darin verbleiben. Neben der
bereits von der Vorinstanz verfügten Auflage, wonach die Auffangwanne und der Anhänger
in den Zeiten, in welchen der Brennbetrieb verboten ist (vgl. E. 5e), nur leer und
gewaschen im Freien stationiert werden darf, wird daher zusätzlich verlangt, dass diese zu
Betriebszeiten nach der letzten Leerung vor dem Wochenende ausgewaschen werden
müssen. Schliesslich hat sich anlässlich des Augenscheins gezeigt, dass der Anhänger
35 Stellungnahme vom 8. Januar 2013 zu den Einsprachen, S. 10, Vorakten pag. 179. 36 Protokoll des Augenscheins vom 3. Dezember 2014, S. 21 Mitte. 37 Protokoll des Augenscheins vom 3. Dezember 2014, S. 17 oben, S. 18 oben.
23
nicht dicht ist38 und daher nicht ausgeschlossen werden kann, dass flüssige Rückstände
der Schlempe in den darunter liegenden Kiesboden gelangen. Um dies (bzw. daraus
entstehende Geruchsbildungen) zu verhindern, hat der Beschwerdeführer 4 den Anhänger
mit einer wasserdichten Unterlage auszukleiden. Die Auflage, wonach die Auffangwanne
und der Anhänger abzudecken sind, wird daher um diese Vorgabe ergänzt. Es bedarf
keiner weiteren Erläuterungen, dass diese einfachen Massnahmen technisch und
betrieblich umsetzbar und für den Betreiber wirtschaftlich tragbar sind; ebenfalls sind die
entsprechenden Auflagen zum Erreichen des angestrebten Ziels der Geruchseindämmung
erforderlich, geeignet und für den Betreiber zumutbar.
d) Der Einbau eines geschlossenen Systems, wie es der Beschwerdeführer 3 verlangt
(und die Beschwerdeführenden 1 und 2 in ihrer Beschwerde auch noch verlangt haben),
wäre unstreitig die wirkungsvollste Massnahme im Sinne einer vorsorglichen
Emissionsbegrenzung, um die Ausbreitung des unangenehmen Geruchs einzudämmen
bzw. zu verhindern. Es dürfte auch unstreitig sein, dass solche geschlossenen Systeme bei
anderen (stationären) Schnapsbrennereien eingesetzt werden und damit technisch
umsetzbar wären. Allerdings gilt es vorliegend zu beachten, dass die Anlage des
Beschwerdeführers 4 immer noch als mobile Schnapsbrennerei konzipiert ist. So befinden
sich die drei Brennöfen auf Anhängern, das Brennen auf Stör stellt nach wie vor ein
Betriebszweig des Beschwerdeführers 4 dar. Auch wenn mit dieser mobilen Anlage eine
beträchtliche Zeit des Jahres stationär am Betriebsstandort in Reutigen gebrannt wird, so
handelt es sich trotzdem nicht um eine stationäre Brennerei im klassischen Sinn, welche
über fix installierte Apparaturen verfügt und stets am selben Ort brennt. Es wäre daher
vermessen, an den Betrieb des Beschwerdeführers 4 dieselben Anforderungen zu stellen
wie an einen ganzjährig stationären Brennereibetrieb. Ein geschlossenes System ist für die
vorliegend umstrittene mobile Brennerei aufgrund der mobilen Apparaturen betrieblich
kaum umsetzbar. Diese Meinung wird auch vom beco, der Gemeinde und der Vorinstanz
vertreten. Selbst wenn eine betriebliche Umsetzung möglich wäre, so dürfte der Einbau
eines geschlossenen Systems für diese Anlage so aufwändig sein, dass dies für den
Einmannbetrieb des Beschwerdeführers 4 wirtschaftlich nicht tragbar wäre. Unter diesen
Umständen kann auf die vom Beschwerdeführer 3 beantragten weiteren
Beweismassnahmen im Zusammenhang mit geschlossenen Systemen (Besichtigung
anderer Schnapsbrennereien, Beizug eines weiteren Brennexperten) verzichtet werden.
38 Vgl. Fotodokumentation zum Augenschein vom 3. Dezember 2014, Foto Nr. 12.
24
e) Allerdings hat sich der Beschwerdeführer 4 diese Schlussfolgerungen auch bei den
Betriebszeiten anzurechnen. So kann es nicht sein, dass seine mobile Schnapsbrennerei
für den stationären Betrieb in Reutigen auf der einen Seite nicht die gleichen
Anforderungen zu erfüllen hat wie eine eigentliche stationäre Brennerei, er dafür jedoch auf
der anderen Seite trotzdem eine Bewilligung für den ganzjährigen stationären Betrieb in
Anspruch nehmen kann. Letzteres wäre nur möglich, wenn seine Schnapsbrennerei am
Standort in Reutigen auch dem Stand der Technik einer stationären, ganzjährigen
Brennerei entsprechen würde (v.a. fix installierte Apparaturen und geschlossenes System
für die Schlempe). Da sein Betrieb jedoch nach wie vor als mobile Schnapsbrennerei
konzipiert ist, welche vorab hinsichtlich des Geruchs grössere Probleme aufwirft als eine
stationäre Brennerei mit geschlossenem System (und dies vorab im Sommer), hat er im
Rahmen der vorsorglichen Emissionsbegrenzung auch eine zeitliche Einschränkung seines
Betriebs in den Sommermonaten zu akzeptieren. Nur so – und in Kombination mit den
weiteren Auflagen – kann letztlich von einem emissionsarmen und damit zonenkonformen
Betrieb gesprochen werden. An der von der Vorinstanz verfügten Beschränkung des
stationären Betriebs auf die Monate November bis April wird daher grundsätzlich
festgehalten. Eine Einschränkung der Betriebsdauer auf die Monate November bis Januar,
wie es der Beschwerdeführer 3 in seinem Subeventualbegehren beantragt, führt allerdings
(und in Anbetracht der insgesamt verfügten weiteren Auflagen) zu weit und kann dem
Betreiber nicht zugemutet werden. Die Ausführungen des Beschwerdeführers 4, wonach er
auch in den Sommermonaten eine gewisse Flexibilität haben muss, um neben dem Betrieb
auf Stör auch einzelne Aufträge in Reutigen erfüllen zu können, ist dagegen
nachvollziehbar. Im Sinne der Wahrung einer gewissen Flexibilität, welche sich auch
existenzsichernd auswirken kann, wird dem Beschwerdeführer 4 daher zugestanden, seine
Schnapsbrennerei in Reutigen neben den Monaten November bis April zusätzlich an 20
frei wählbaren Tagen in den Monaten Mai bis Oktober zu betreiben. Eine weitere
Ausdehnung der Betriebstage, wie sie vom Beschwerdeführer 4 in seiner Stellungnahme
vom 7. Januar 2015 verlangt wird (zusätzlich ganzer Mai und 20 frei wählbare Tage in den
Monaten Juni bis Oktober) würde dagegen zu weit führen; die gewünschte Flexibilität und
auch eine eingeschränkte Fortsetzung des Betriebs im gemäss Ausführungen des
Beschwerdeführers 4 wichtigen Monat Mai wird mit den 20 frei wählbaren Tagen zwischen
Mai und Oktober erreicht. Diese frei wählbaren Tage hat er jedoch, dem Anliegen der
Beschwerdeführenden 1 und 2 in ihrer Stellungnahme vom 5. Januar 2015 entsprechend,
der Gemeinde und den beschwerdeführenden Nachbarn jeweils mindestens zwei Tage im
25
Voraus in geeigneter Form mitzuteilen. Dabei ist es ihm überlassen, in welcher Form dies
erfolgt; denkbar ist etwa, dass er diese Betriebstage mittels schriftlicher Mitteilung oder per
Ankündigung auf seiner Internetseite bekanntgibt.
In seiner Stellungnahme vom 16. September 2014 führte der Beschwerdeführer 4
schliesslich aus, die Brennerei sei am Sonntag und am Samstagnachmittag nie in Betrieb.
Diesen Aussagen folgend wird daher im Entscheid mittels Auflage ausdrücklich verankert,
dass samstagnachmittags und am Sonntag ganztäglich nicht gebrannt werden darf.
f) Was den vom Beschwerdeführer 4 mehrfach vorgeschlagenen Annexbau zur
Unterbringung der Auffangwanne und des Anhängers betrifft, so bleibt es ihm
unbenommen, dafür ein Baugesuch einzureichen und diesen im Falle der Baubewilligung
zu realisieren. In diesem Rahmen könnten dann auch die verfügten Auflagen neu überprüft
werden.
6. Rauchemissionen
a) Der Beschwerdeführer 3 ist der Ansicht, die umstrittene Schnapsbrennerei könne
auch aufgrund der übermässigen Rauchemissionen nicht als emissionsarm gelten.
b) Die Brennerei verfügt über drei mobile Brennkessel, deren Rauchemissionen beim
stationären Betrieb in Reutigen über drei Kamine auf dem Dach des Gebäudes abgeführt
werden. Nach den unwidersprochenen Ausführungen des beco in der Stellungnahme vom
5. August 2014 handelt es sich vorliegend um eine Holzfeuerungsanlage mit einer
Feuerungswärmeleistung von unter 70 kW. Im Rahmen der vorsorglichen
Emissionsbegrenzung sind daher die Emissionsgrenzwerte von Ziffer 522 des Anhangs 3
LRV einzuhalten, wonach der Kohlenmonoxid-Grenzwert (CO) von 4'000 mg/m3 nicht
überschritten werden darf. Nach Ziffer 524 Abs. 1 des Anhangs 3 LRV gilt der
Emissionsgrenzwert für Kohlenmonoxid in der Regel als eingehalten, wenn feststeht, dass
die Anlage fachgerecht betrieben und ausschliesslich naturbelassenes Holz verbrannt wird.
Steht fest oder ist zu erwarten, dass Rauchemissionen oder Geruchsimmissionen
auftreten, kann die Behörde Emissionsmessungen oder weitere Untersuchungen
veranlassen.
26
c) Das beco führte in seiner Stellungnahme vom 5. August 2014 aus, die Bildung von
Rauch hänge stark vom fachgerechten Betreiben der Anlage ab. Werde naturbelassenes
Holz in ausreichender Menge verwendet und erhalte das Feuer genügend Sauerstoff,
entstehe nur während der Anfeuerphase, d.h. bei kalter Anlage, sichtbarer Rauch. Da die
Anlage immer von derselben Person betrieben werde, welche die Eigenheiten der Anlage
kenne, sei von einer fachgerechten Handhabung auszugehen. Obwohl es sich um eine
mobile Anlage handle, würden die Rauchgase über die fest im Gebäude installierten
Kamine abgeleitet. Die mobile Brennerei erfülle somit bezüglich Rauch- und
Russemissionen die vorsorglichen Emissionsbegrenzungen der LRV.
d) Diesen Ausführungen der Fachbehörde kann gefolgt werden. Am Augenschein vom
3. Dezember 2014 konnte sich die BVE einen eigenen Eindruck des Betriebs verschaffen.
Anlässlich des vom Beschwerdeführer 4 demonstrierten Einfeuerungsprozesses der drei
Brennöfen ergaben sich keine Indizien, dass dieser die Anlage nicht fachgerecht betreiben
würde. Dies wird von den beschwerdeführenden Nachbarn auch nicht geltend gemacht.
Vielmehr hinterliess der Beschwerdeführer 4 bei diesem Prozess einen kompetenten
Eindruck; auch seine langjährige Erfahrung spricht für eine fachgerechte Einfeuerung.
Zudem bestätigte er am Augenschein erneut, ausschliesslich naturbelassenes Holz zu
verwenden.
Die am Augenschein beobachtete Rauchentwicklung anlässlich des
Einfeuerungsprozesses war denn auch sehr bescheiden und kaum erkennbar. Damit gilt
der Emissionsgrenzwert für Kohlenmonoxid als eingehalten und die Feuerungsanlage
erfüllt die vorsorglichen Emissionsbegrenzungen der LRV. Auf Emissionsmessungen oder
weitere Untersuchungen kann verzichtet werden. Daran ändern auch die vom
Beschwerdeführer 3 mit Stellungnahme vom 28. Januar 2015 eingereichten Aufnahmen
nichts. Lediglich auf zwei Aufnahmen ist eine etwas stärkere Rauchentwicklung erkennbar
(Aufnahmen vom 22. Mai und 25. Juni 2014), auf den restlichen acht Aufnahmen ist
entweder die Rauchentwicklung kaum bzw. in nur geringfügigem Mass erkennbar (die
ersten beiden Aufnahmen vom 5. Dezember 2014 und die Aufnahmen vom 16. Mai 2014)
oder es handelt sich nicht um Rauch aus den Kaminen, sondern um dampfende Schlempe
(dritte und vierte Aufnahme vom 5. Dezember 2014, Aufnahmen vom 13. Dezember 2014).
Damit ist von einer grundsätzlich fachgerechten Einfeuerung auszugehen.
e) Das Eventualbegehren des Beschwerdeführers 3, wonach der Beschwerdeführer 4
zu verpflichten sei, die Rauchemissionen mittels geeigneten baulichen resp. betrieblichen
27
Massnahmen auf das erlaubte Mass zu reduzieren, ist daher abzuweisen. Entsprechend
musste auch das von ihm verlangte Sanierungskonzept nicht eingeholt werden.
7. Kaminhöhe
a) Der Beschwerdeführer 3 bemängelt die vorgenommene Messung der Kaminhöhen.
Es seien von drei Kaminen nur zwei gemessen worden. Zudem sei die Höhe zum
Kaminhut gemessen worden und nicht die Höhe zum effektiven Austrittspunkt des Rauchs.
b) Emissionen sind möglichst nahe am Ort ihrer Entstehung möglichst vollständig zu
erfassen und so abzuleiten, dass keine übermässigen Immissionen entstehen; sie müssen
in der Regel durch Kamine oder Abluftkanäle über Dach ausgestossen werden (Art. 6 Abs.
1 und 2 LRV). Nach Art. 89 Abs. 3 BauV39 sind hinsichtlich der Mindesthöhe von Kaminen
die Empfehlungen des Bundes (Empfehlungen über die Mindesthöhe von Kaminen über
Dach, Version 2013) verbindlich.40 Danach müssen die Kaminmündungen bei
Holzfeuerungsanlagen, welche – wie vorliegend – gesamthaft eine
Feuerungswärmeleistung unter 70 kW haben, den höchsten Gebäudeteil (Dachfirst) um
mindestens 0.5 m überragen (Ziffer 3 der Empfehlungen).
c) Das Gebäude der Schnapsbrennerei verfügt über drei Kamine, welche allesamt in
Betrieb sind (pro Brennofen ein Kamin). Aus dem in den Vorakten befindlichen
Geometerplan41 ergibt sich jedoch, dass nur zwei Kamine gemessen wurden: Derjenige auf
der nördlichen Dachseite überragt die Dachfirst um 0.83 m und erfüllt die Vorgaben damit
problemlos. Derjenige auf der südlichen Dachseite überragt die Dachfirst um 0.49 m und
erfüllt die Anforderungen knapp nicht. Zusätzlich ist zu beachten, dass bei der Messung
gemäss Angaben auf dem Geometerplan von Oberkant des Kamins gemessen wurde.
Nach den Empfehlungen ist jedoch die Kaminmündung als relevante Messhöhe zu
betrachten; diese befindet sich bei den vorliegenden Kaminen mit Kaminhut wenige
Zentimeter weiter unten, so dass der Kamin auf der südlichen Dachseite die
Mindestvorgabe um etwas mehr als einen Zentimeter unterschreitet. Der dritte Kamin,
39 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1) 40 Seit 1. Januar 2015 in Art. 89 Abs. 3 BauV geregelt, vorher in Art. 16 LHV (Lufthygieneverordnung, LHV; BSG 823.111). 41 Vorakten pag. 23.
28
welcher sich auf der nördlichen Dachseite noch weiter aussen befindet, wurde schliesslich
gar nicht gemessen. Am Augenschein hat sich gezeigt, dass dieser den Dachfirst nur sehr
geringfügig überragt.42 Es ist von blossem Auge und ohne Messung erkennbar, dass die
Kaminmündung die geforderte Mehrhöhe vom 0.5 m bei weitem nicht erreicht.
d) Um den gesetzwidrigen Zustand zu beseitigen, ist der Beschwerdeführer 4 mittels
Auflage zu verpflichten, den nördlichsten Kamin soweit zu erhöhen, dass dessen
Kaminmündung den Dachfirst um mindestens 0.5 m überragt. Da dieser Kamin die
gesetzlichen Vorgaben derzeit deutlich unterschreitet, ist die Massnahme zum Erreichen
des angestrebten Ziels (genügend hoher Austritt des Rauchs, um die Gefahr von negativen
Auswirkungen auf die Nachbarschaft zu reduzieren) erforderlich und geeignet. Auch dürfte
eine solche Erhöhung mit einem verkraftbaren finanziellen Aufwand verbunden und damit
für den Beschwerdeführer 4 zumutbar sein. Für die Umsetzung erachtet die BVE eine Frist
von rund drei Monaten ab Datum des vorliegenden Entscheids als angemessen. Eine
Erhöhung des Kamins auf der südlichen Dachseite auf das geforderte Mass würde den
Austrittspunkt des Rauchs im Vergleich zum heutigen Zustand nur unwesentlich erhöhen,
da dieser die gesetzlichen Vorgaben nur ganz knapp unterschreitet. Unter diesen
Umständen ist die Verhältnismässigkeit einer Erhöhung zu verneinen, weshalb hinsichtlich
des Kamins auf der südlichen Dachseite auf eine entsprechende Auflage verzichtet wird.
8. Lärmemissionen
a) Das Regierungsstatthalteramt verfügte im vorinstanzlichen Entscheid vom 6. Juni
2014, dass die Mittagsruhe von 12.00 Uhr bis 13.30 Uhr und die Nachtruhe ab 22.00 Uhr
einzuhalten sei und dass Säge, Obsthäcksler und andere lärmige Maschinen nur im Innern
des Gebäudes bei geschlossener Türe betrieben werden dürfen. Bezüglich der Kreissäge
führte die Vorinstanz aus, diese werde vom Beschwerdeführer 4 alle 14 bis 24 Tage
mitgebracht und während maximal einem Tag eingesetzt. Selbst in der Wohnzone seien
gelegentliche lärmige Tätigkeiten hinzunehmen; dies gelte umso mehr für die Mischzone.
Gemäss Fachbericht beco würden die Grenzwerte in der ES III (65 db(A) bei Tag und 55
db(A) in der Nacht) eingehalten.
42 Vgl. Fotodokumentation zum Augenschein vom 3. Dezember 2014, Foto Nr. 4.
29
b) Der Beschwerdeführer 3 rügt, die Vorinstanz habe es unterlassen, die Lärmbelastung
des Mehrverkehrs vollständig abzuklären und entsprechende Auflagen zu verfügen.
Der Beschwerdeführer 4 bringt vor, die Auflage, wonach lärmige Maschinen nur im Innern
des Gebäudes bei geschlossener Türe betrieben werden dürfen, sei hinsichtlich der
Motorsäge rechtswidrig. Der Betrieb einer Motorsäge alle zwei bis drei Wochen während
einem Tag sei nicht bewilligungspflichtig. Es könne ihm daher in diesem Zusammenhang
von vornherein keine Auflage auferlegt werden. Zudem seien die Grenzwerte für die
anwendbare Lärmempfindlichkeitsstufe nicht überschritten. Der gelegentliche Betrieb der
Kreissäge entspreche daher den gesetzlichen Anforderungen. Auch sei die Auflage nicht
umsetzbar, da es für das Sägen im Innern an Platz fehle. Schliesslich habe er inzwischen
eine mobile Stellwand angeschafft, mit welcher er die in Betrieb stehende Säge jeweils
gegen das Nachbargrundstück abschirme.
c) Das zweistufige Schutzkonzept des Umweltschutzrechts gilt auch für die Begrenzung
des Lärms: Einwirkungen, die schädlich oder lästig werden könnten, sind im Sinne der
Vorsorge frühzeitig zu begrenzen (Art. 1 Abs. 2 USG). Dabei sind zunächst unabhängig
von der bestehenden Umweltbelastung die Emissionen soweit zu begrenzen, als dies
technisch und betrieblich möglich und wirtschaftlich tragbar ist (Art. 11 Abs. 2 USG). In
einem zweiten Schritt sind die Emissionsbeschränkungen zu verschärfen, wenn feststeht
oder zu erwarten ist, dass die Einwirkungen unter Berücksichtigung der bestehenden
Umweltbelastung schädlich oder lästig werden (Art. 11 Abs. 3 USG). Ob die
Voraussetzungen einer verschärften Emissionsbegrenzung gegeben sind, hat die Behörde
anhand der Belastungsgrenzwerte43 zu beurteilen. Bei der Beurteilung von
Lärmimmissionen sind alle einem Betrieb zurechenbaren Lärmemissionen zu
berücksichtigen, d.h. alle Geräusche, die durch die bestimmungsgemässe Nutzung der
Anlage verursacht werden, unabhängig davon, ob sie innerhalb oder ausserhalb des
Gebäudes entstehen.44 Auch der durch den Verkehr auf dem Betriebsareal verursachte
Lärm ist dabei zu berücksichtigen.
Während beim Betrieb von neuen Anlagen die Planungswerte zu beachten sind und diese
somit höchstens zu geringfügigen Störungen führen dürfen, sind bei einer bestehenden,
wesentlich geänderten Anlage die Immissionsgrenzwerte massgebend (Art. 7 und Art. 8
43 Immissionsgrenzwerte bzw. Planungswerte, vgl. die Art. 13, 15, 23 und 25 USG. 44 BGE 133 II 292 E. 3.1, 123 II 328 E. 4a bb; Robert Wolf, in Kommentar USG, 2000, Art. 25 N 36.
30
LSV). Als Stichtag für die Abgrenzung von Alt- und Neuanlagen gilt grundsätzlich das
Inkrafttreten des USG am 1. Januar 1985.45 Die hier umstrittene stationäre
Schnapsbrennerei entstand im Jahr 2006. Es handelt sich daher um eine neurechtliche
Anlage, so dass – entgegen den Ausführungen im vorinstanzlichen Entscheid – die
Planungswerte einzuhalten sind. Die entsprechenden Belastungsgrenzwerte für Industrie-
und Gewerbelärm ergeben sich aus dem Anhang 6 der LSV. Sie betragen in der ES III 60
dBA tagsüber und 50 dBA nachts.
Art. 36 Abs. 1 LSV bestimmt, dass die Vollzugsbehörde die Aussenlärmimmissionen
ortsfester Anlagen ermittelt oder deren Ermittlung anordnet, wenn sie Grund zur Annahme
hat, dass die massgebenden Belastungswerte überschritten sind oder ihre Überschreitung
zu erwarten ist. Massgebend ist, ob die Überschreitung der massgebenden Grenzwerte
möglich erscheint, d.h. beim aktuellen Kenntnisstand nicht ausgeschlossen werden kann.46
d) Gemäss Stellungnahme vom 5. August 2014 ging das beco bei der Beurteilung des
Vorhabens davon aus, dass ausser dem Betreiben der mobilen Kreissäge alle
lärmverursachenden Arbeiten im Gebäude verrichtet würden. Die Säge werde nur zweimal
pro Monat verwendet, weshalb man im Rahmen des Baubewilligungsverfahrens den Lärm
als nicht relevant beurteilt habe. Dies bestätigte der Vertreter des beco anlässlich des
Augenscheins vom 3. Dezember 2014.47
Grundsätzlich ist zu beachten, dass für die Lärmbeurteilung ein Mittelungswert relevant ist,
wobei sowohl Lärmspitzen als auch die durchschnittliche tägliche Dauer des Lärms
berücksichtigt werden. Unregelmässige oder nur selten auftretende Lärmereignisse fallen
aufgrund der zeitlichen Verdünnung, die sich aus der Formel zur Berechnung der
Teilbeurteilungspegel in Anhang 6 Ziff. 31 Abs. 2 LSV ergibt, weniger stark ins Gewicht.
Gemäss den unbestritten gebliebenen Aussagen des Beschwerdeführers 4 ist die
Kreissäge ca. zwei Mal pro Monat während maximal drei Stunden pro Einsatztag in Betrieb
(Stellungnahme vom 16. September 2014), was im vorliegenden Entscheid mittels Auflage
sichergestellt wird. Weitere lärmverursachende Maschinen wie etwa der Obsthäcksler
befinden sich im Innern des Gebäudes und stellen auch keine dauernde Lärmquelle dar.
Dazu kommt der Lärm durch den Kunden- und Betriebsverkehr, welcher aber mit rund
45 BGE 123 II 325 E. 4c/cc. 46 BGE 1C_114/2014 vom 13. November 2014, E. 2.5; BGE 137 II 30, E. 3.4; URP 2002 S. 688. 47 Protokoll des Augenscheins vom 3. Dezember 2014, S. 22 unten, Votum Herr X.
31
sechs Fahrten pro Arbeitstag (vgl. E. 3d) relativ bescheiden ist. Selbst wenn der Umstand
berücksichtigt wird, dass die Anzahl der Fahrten aufgrund des neu vorgeschriebenen
regelmässigeren Abtransports der Schlempe etwas ansteigen wird, ist insgesamt eine
Überschreitung der Belastungsgrenzwerte für Gewerbe- und Industrielärm in der ES III
durch den Betrieb des Beschwerdeführers 4 ausgeschlossen. Auf nähere lärmrechtliche
Ermittlungen konnte daher verzichtet werden.
e) Für bewegliche Geräte und Maschinen ist zudem Art. 4 Abs. 1 LSV zu beachten.
Danach müssen deren Aussenlärmemissionen so weit begrenzt werden, als dies technisch
und betrieblich möglich sowie wirtschaftlich tragbar ist (Bst. a) und die betroffene
Bevölkerung in ihrem Wohlbefinden nicht erheblich gestört wird (Bst. b). Hierzu ordnen die
Vollzugsbehörden betriebliche und bauliche Massnahmen sowie Massnahmen für den
fachgerechten Unterhalt an (Art. 4 Abs. 2 LSV).
Aus den vom Beschwerdeführer 4 gemachten Aussagen zur Einsatzzeit der Kreissäge (vgl.
E. 8d) lässt sich schliessen, dass ihm zwei Einsatztage pro Monat an je maximal drei
Stunden Einsatzdauer ausreichen, um das für den Betrieb der Brennerei notwendige Holz
zuzuschneiden. Auf einen Einsatz der Säge an Wochenenden kann er dabei verzichten,
wie er im vorinstanzlichen Verfahren selber ausführte.48 Die entsprechende Auflage lässt
sich auf Art. 4 Abs. 1 LSV stützen und ist verhältnismässig. Neben dieser Begrenzung der
Einsatzzeit der Kreissäge entsprechend den Angaben des Beschwerdeführers 4 ist im
Lichte dieser Bestimmung auch die von der Vorinstanz verfügte Auflage, wonach Säge,
Obsthäcksler und andere lärmige Maschinen nur im Innern des Gebäudes bei
geschlossener Türe betrieben werden dürfen, gerechtfertigt. Der Beschwerdeführer 4
vermag nicht überzeugend darzulegen, wieso diese Auflage betrieblich nicht umsetzbar
sein sollte. Der Augenschein vom 3. Dezember 2014 hat gezeigt, dass im sog. Kälteraum
grundsätzlich genug Platz vorhanden ist, um die Kreissäge ganz im Raum und bei
geschlossenem Tor zu betätigen. Auch wenn dies allenfalls ein gewisses Umdisponieren
der gelagerten Apparaturen und Gegenstände mit sich bringt, kann dies dem
Beschwerdeführer 4 zugemutet werden. Anlässlich des Augenscheins führte er aus, das
Tor werde beim Sagen aus logistischen Gründen nicht geschlossen. Es sei praktischer,
wenn die Kreissäge leicht aus dem Raum rage, die vereinfache und beschleunige den
Prozess.49 Reine Praktikabilitätsgründe vermögen jedoch nichts an der betrieblichen
48 Stellungnahme vom 8. Januar 2013, S. 10, Vorakten pag. 179. 49 Protokoll des Augenscheins vom 3. Dezember 2014, S. 22 oben, Votum Herr Y.
32
Umsetzbarkeit zu ändern. Selbst wenn der Prozess des Zuschneidens des Holzes dadurch
etwas länger dauern sollte, überwiegen die Vorteile des besseren Lärmschutzes bei
geschlossenen Türen; es bleibt eine geeignete und zumutbare Massnahme, um die
Lärmemissionen im Sinne von Art. 4 Abs. 1 LSV und des Vorsorgeprinzips so weit als
möglich zu begrenzen. Die Beschwerde des Beschwerdeführers 4 ist in diesem Punkt
abzuweisen.
9. Parkplätze
a) Die Vorinstanz nahm in den Entscheid vom 6. Juni 2014 eine Auflage auf, wonach
die bestehenden vier Parkplätze als solche markiert werden müssen und darauf weder
Fässer, noch Holz oder anderes Verbrauchsmaterial gelagert werden darf.
b) Der Beschwerdeführer 4 verlangt die Aufhebung dieser Auflage. Die Umsetzung der
Auflage, wonach die bestehenden vier Parkplätze als solche zu markieren seien, sei nicht
möglich, da es sich beim Parkplatz um einen Kiesplatz handle. Eine dauerhaft und örtlich
unveränderliche Markierung des Kiesplatzes sei nicht möglich. Sofern mit der Auflage eine
Asphaltierung verlangt werde, sei die Massnahme unverhältnismässig. Die Vorinstanz
verkenne zudem, dass die Parkplätze bereits durch ein entsprechendes, am Gebäude
angebrachtes Hinweissignal gekennzeichnet seien.
c) Mit der vom Regierungsstatthalteramt verfügten Auflage soll sichergestellt werden,
dass die für den Betrieb vorgesehenen vier Parkplätze auch als solche genutzt und nicht
vorübergehend oder dauernd als Lagerfläche zweckentfremdet werden. Wie die
Markierung erfolgt, ist letztlich dem Beschwerdeführer 4 überlassen, solange Besucher und
Lieferanten eindeutig erkennen können, welche Flächen Parkplätze darstellen. Eine
eindeutige Signalisation jedes Parkplatzes kann dabei ausreichen; eine unveränderliche
Bodenmarkierung ist nicht zwingend. Allerdings ist zu beachten, dass jeder einzelne
Parkplatz entsprechend zu kennzeichnen ist. Eine blosse Richtungstafel, wie sie derzeit
am Gebäude der Brennerei angebracht ist, reicht dagegen nicht aus. Die Beschwerde des
Beschwerdeführers 4 erweist sich in diesem Punkt als unbegründet.
10. Zusammenfassung und Kosten
33
a) Zusammenfassend ist die heutige Ausgestaltung des stationären Betriebs der
mobilen Schnapsbrennerei am Standort in Reutigen nicht von der ursprünglichen
Baubewilligung vom 3. Juli 2006 umfasst und unterliegt sowohl der Baubewilligungspflicht
als auch der Anlagegenehmigungspflicht. Die Beschwerde des Beschwerdeführers 4 vom
20. Februar 2013 gegen die Verfügung des Regierungsstatthalteramts vom 25. Januar
2013 wird daher abgewiesen. Weiter zeigt sich, dass der umstrittene Betrieb als
emissionsarm und damit zonenkonform gelten kann, allerdings nur mit einer Ergänzung der
von der Vor-instanz formulierten Auflagen und mit der Aufrechterhaltung der zeitlichen
Beschränkung auf die Monate November bis April. Die BVE erachtet es aber als zulässig,
dass der Beschwerdeführer 4 in den Monaten Mai bis Oktober an zusätzlich maximal 20
frei wählbaren Tagen brennen darf; auch mit dieser leichten Ausdehnung ist der Betrieb –
in Anbetracht der zusätzlich verfügten Auflagen – als emissionsarm und zonenkonform
einzustufen. Eine Aufhebung der zeitlichen Beschränkung dagegen würde zu weit führen,
da der vorliegende Betrieb nicht auf das ganzjährliche stationäre Brennen ausgelegt,
sondern nach wie vor als mobile Brennerei konzipiert ist. Aus diesem Grund kommt
allerdings auch ein geschlossenes System zur Aufbewahrung der Schlempe nicht in Frage.
In diesem Sinne werden die drei Beschwerden gegen den Gesamtentscheid des
Regierungsstatthalteramtes Thun vom 6. Juni 2014 alle teilweise gutgeheissen.
b) Die massgeblichen Sachverhaltselemente konnten anlässlich des Augenscheins und
anhand der zur Verfügung stehenden Akten genügend überprüft bzw. festgestellt werden.
Auf die weiteren, von den Parteien beantragten Beweismittel (Beschwerdeführer 3:
Befragung/Beizug eines zusätzlichen Brennexperten, Höhenmessung der Kamine durch
Vermessungsbüro, Sanierungskonzept Kamine, Zeugenbefragung, Augenschein bei
anderer Brennerei, Beschwerdeführer 4: Nachbarbefragung) kann daher verzichtet werden,
da von diesen Beweismitteln keine neuen relevanten Erkenntnisse zu erwarten waren.
c) Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr
(Art. 103 Abs. 1 VRPG50). Für Entscheide in einer Verwaltungsjustizsache wird eine
Pauschalgebühr von Fr. 200.-- bis Fr. 4'000.-- je Beschwerde erhoben (Art. 19 Abs. 1
i.V.m. Art. 4 Abs. 2 GebV51). Vorliegend wurden insgesamt vier Beschwerden eingereicht:
50 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 51 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21).
34
Der Beschwerdeführer 4 reichte sowohl gegen die Verfügung des
Regierungsstatthalteramts vom 25. Januar 2013 als auch gegen den Gesamtentscheid
vom 6. Juni 2014 je eine Beschwerde ein, von den Beschwerdeführenden 1 und 2 sowie
vom Beschwerdeführer 3 ging je eine Beschwerde gegen den Gesamtentscheid ein. In
Anwendung der erwähnten Be-stimmungen werden die Pauschalen für die Beschwerde
gegen die Verfügung auf Fr. 900.-- und für die drei Beschwerden in der Hauptsache auf je
Fr. 1’800.-- festgelegt. Werden in einem einzigen Entscheid mehrere Beschwerden
beurteilt, so kann die Pauschalgebühr für die einzelnen Beschwerdeführerinnen und
Beschwerdeführer angemessen reduziert werden (Art. 21 Abs. 3 GebV). Dementsprechend
werden die Pauschalen auf je zwei Drittel, d.h. auf 600.-- bzw. je Fr. 1’200.-- reduziert. Für
den Augenschein vom 3. Dezember 2014 wird in Anwendung von Art. 20 Abs. 1 GebV eine
zusätzliche Gebühr von Fr. 600.-- erhoben. Insgesamt betragen die oberinstanzlichen
Verfahrenskosten somit Fr. 4’800.--.
Die Verfahrenskosten werden der unterliegenden Partei auferlegt, es sei denn, das
prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen
Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Der
Beschwerdeführer 4 unterliegt mit seiner Beschwerde vom 20. Februar 2013 gegen die
Verfügung des Regierungsstatthalteramts vom 25. Januar 2013 vollumfänglich, so dass er
die dafür anfallenden Verfahrenskosten von Fr. 600.-- zu tragen hat.
Die Beschwerden gegen den Gesamtentscheid vom 6. Juni 2014 sind allesamt teilweise
gutzuheissen. Die Beschwerdeführenden 1 und 2 stellten einzig den Antrag auf
Realisierung eines geschlossenen Systems. Dieser Antrag wird zwar abgewiesen,
allerdings haben sie damit erreicht, dass die von der Vorinstanz verfügten Auflagen
ergänzt/verschärft wurden. Bezüglich dieser Beschwerde rechtfertigt es sich daher, die
Beschwerdeführenden 1 und 2 sowie den Beschwerdeführer 4 je hälftig als unterliegend zu
bezeichnen. Denselben Antrag auf ein geschlossenes System stellte auch der
Beschwerdeführer 3 in seiner Beschwerde, allerdings in einem Eventualbegehren. Sein
Hauptantrag auf Bauabschlag und seine weiteren Eventualanträge werden dagegen
vollumfänglich abgewiesen. Dies führt dazu, dass die BVE den Beschwerdeführer 3
hinsichtlich seiner Beschwerde zu drei Vierteln und entsprechend den Beschwerdeführer 4
zu einem Viertel als unterliegend erachtet. Der Beschwerdeführer 4 schliesslich obsiegt mit
seinem Hauptantrag auf unbeschränkten Betrieb teilweise, indem ihm in den
Sommermonaten zusätzlich 20 frei wählbare Betriebstage zugestanden werden. Zudem
35
unterliegt er mit zwei weiteren, untergeordneten Anträgen vollständig. Es rechtfertigt sich
daher, den Beschwerdeführer 4 hinsichtlich seiner Beschwerde zur Hälfte als unterliegend
zu bezeichnen, während dem die Beschwerdeführenden 1 und 2 sowie der
Beschwerdeführer 3 diesbezüglich zusammen ebenfalls zur Hälfte unterliegen. Im
Zusammenhang mit den Beschwerden gegen den Gesamtentscheid vom 6. Juni 2014
(wozu auch die Kosten des Augenscheins gehören) führt dies zusammenfassend dazu,
dass die Beschwerdeführenden 1 und 2 Fr. 1’050.--, der Beschwerdeführer 3 Fr. 1’400.--
und der Beschwerdeführer 4 Fr. 1’750.-- an Verfahrenskosten zu tragen haben.
Insgesamt haben damit die Beschwerdeführenden 1 und 2 Verfahrenskosten in der Höhe
von 1’050.--, der Beschwerdeführer 3 Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1’400.-- und
der Beschwerdeführer 4 Verfahrenskosten in der Höhe von 2'350.-- zu tragen.
d) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder die Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen
als gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Hinsichtlich der Beschwerde des
Beschwerdeführers 4 gegen die Verfügung des Regierungsstatthalteramts vom 25. Januar
2013 gilt dieser als vollumfänglich unterliegend, so dass er diesbezüglich die Parteikosten
der Beschwerdeführenden 1 und 2 sowie des Beschwerdeführers 3 ganz zu tragen hat.
Hinsichtlich der Beschwerden gegen den Gesamtentscheid vom 6. Juni 2014 gelten alle
Beschwerdeführenden als teilweise obsiegend. Analog zur Verteilung der
Verfahrenskosten erscheint es gerechtfertigt, dass die Beschwerdeführenden 1 und 2
bezüglich ihrer Beschwerde gegen den Gesamtentscheid vom 6. Juni 2014 zur Hälfte als
obsiegend gelten, der Beschwerdeführer 3 bezüglich seiner Beschwerde zu einem Viertel
und der Beschwerdeführer 4 bezüglich seiner Beschwerde zur Hälfte. Entsprechend der
Gewichtung bei den Verfahrenskosten ist schliesslich auch bei den jeweiligen Parteikosten
ein Drittel des Aufwands der Beschwerde gegen die Verfügung des
Regierungsstatthalteramts vom 25. Januar 2013 und zwei Drittel des Aufwands den
Beschwerden gegen den Gesamtentscheid vom 6. Juni 2014 zuzuordnen.
Die Parteikosten umfassen den durch die berufsmässige Parteivertretung anfallenden
Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Die Kostennote des Anwalts der Beschwerdeführenden
1 und 2 beläuft sich auf Fr. 6'489.95 (Honorar Fr. 5'812.50, Auslagen Fr. 196.70,
Mehrwertsteuer Fr. 480.75). Diejenige des Anwalts des Beschwerdeführers 3 beträgt
36
Fr. 11'152.85 (Honorar Fr. 9'750.--, Auslagen Fr. 576.70, Mehrwertsteuer Fr. 826.15). Der
Anwalt des Beschwerdeführers 4 schliesslich hat eine Kostennote in der Höhe von
Fr. 8'314.40 (Honorar Fr. 7’500.--, Auslagen Fr. 198.50, Mehrwertsteuer Fr. 615.90)
eingereicht.
Nach Art. 11 Abs. 1 PKV52 beträgt das Honorar in verwaltungsrechtlichen
Beschwerdeverfahren Fr. 400.00 bis Fr. 11'800.00 pro Instanz. Innerhalb des Rahmentarifs
bemisst sich der Parteikostenersatz nach dem in der Sache gebotenen Zeitaufwand sowie
der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 41 Abs. 3
KAG53). Im vorliegenden Fall ist der gebotene Zeitaufwand als überdurchschnittlich zu
werten, da neben dem Gesamtentscheid zusätzlich eine Verfügung der Vorinstanz
angefochten wurde, sich die Parteien sowohl als Beschwerdeführende als auch als
Beschwerdegegner zur Streitsache zu äussern hatten und das Rechtsamt der BVE diverse
Instruktionsschritte vornahm (schriftliche Fragen an Beschwerdeführer 4, Augenschein,
Vorschlag von Auflagen), zu welchen die Parteien Stellung zu nehmen hatten. Angesichts
des Streitgegenstands und den umstrittenen Rechtsfragen ist die Bedeutung der
Streitsache und die Schwierigkeit des Prozesses insgesamt als durchschnittlich
einzustufen.
Nach dem Gesagten erscheint ein Honorar von Fr. 7'500.-- als angemessen. Die
Kostennote des Anwalts des Beschwerdeführers 3 wird daher auf Fr. 8'722.85 (Honorar
Fr. 7'500.00, Auslagen Fr. 576.70, Mehrwertsteuer Fr. 646.15) gekürzt. Die Kostennote des
Anwalts der Beschwerdeführenden 1 und 2 sowie die Kostennote des Anwalts des
Beschwerdeführers 4 geben zu keinen Bemerkungen Anlass.
Insgesamt führt dies zum Ergebnis, dass der Beschwerdeführer 4 den
Beschwerdeführenden 1 und 2 Parteikosten in der Höhe von Fr. 4'326.60 und dem
Beschwerdeführer 3 Parteikosten in der Höhe von Fr. 4'361.40 zu ersetzen hat. Die
Beschwerdeführenden 1 und 2 sowie der Beschwerdeführer 3 haben dem
Beschwerdeführer 4 jeweils Parteikosten in der Höhe von 1'385.75 zu ersetzen.
52 Verordnung vom 17. Mai 2006 über die Bemessung des Parteikostenersatzes (Parteikostenverordnung; PKV; BSG 168.811) 53 Kantonales Anwaltsgesetz vom 28. März 2006 (KAG; BSG 168.11)
37