Decision ID: 33fe53b5-115a-53ae-950c-d45480ec7469
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführerin reichte am 11. Juli 2018 bei der Gemeinde Muri bei Bern ein
Baugesuch ein (datiert vom 9. Mai 2019) für die Demontage des bestehenden
unbeleuchteten F12 Soleil Werbemittelträgers an der C._strasse 188 und die
Erstellung eines beleuchteten, F12 Scroller Werbemittelträgers. Es handelt sich um eine
einseitige, freistehende Reklamestelle. Grösse, Standort und Ausrichtung des
Werbemittelträgers bleiben mit dem Bauvorhaben unverändert. Die Parzelle Muri bei Bern
Gbbl. Nr. D._ liegt in der Zone mit besonderer baurechtlicher Ordnung (ZÜO)
Eichholz.
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2. Das kantonale Tiefbauamt, Oberingenieurkreis II (OIK II), hielt in seinem Amtsbericht
vom 31. Juli 2018 zunächst fest, das Vorhaben sei aus Gründen der Verkehrssicherheit
nicht bewilligungsfähig. Nach der Stellungnahme der Beschwerdeführerin nahm der OIK II
eine Neubeurteilung vor und stimmte dem Bauvorhaben mit Amtsbericht vom 28. März
2019 unter Auflagen zu.
3. Mit Bauentscheid vom 11. April 2019 erteilte die Gemeinde der Beschwerdeführerin
die Baubewilligung mit folgenden Auflagen:
«3.2.1 Die Auflagen und Bedingungen folgender Amts- und Fachberichte bilden integrierenden
Bestandteil dieses Bauentscheides und sind zwingend einzuhalten:
- Amtsbericht Strassenbaupolizei OIK II vom 28. März 2019.
 Die Oberfläche der Reklameelemente darf nicht reflektierend wirken, weder bei
Sonneneinstrahlung tags noch bei Scheinwerferlicht nachts.
 Die Reklamebeleuchtung darf für die Verkehrsteilnehmenden nicht störend wirken.
 Es dürfen keine Filmsequenzen, Animationen, bewegte Bilder oder ähnliches gezeigt werden,
weil dadurch der Verkehr abgelenkt werden könnte.
 Die zeitlichen Intervalle dürfen eine Minute nicht unterschreiten (Standzeit).
 Die vorgelegten Einschaltzeiten sind strikte einzuhalten.
 Der Abschluss der Arbeiten ist dem Strasseninspektorat mitzuteilen.
3.2.2 Weitere Auflagen der Gemeinde-Baupolizeibehörde Muri bei Bern:
 Der Wechsel der Werbesujets hat nachts zu erfolgen.
 Die Beleuchtung des Werbeelements muss zwischen 22:00 und 06:00 Uhr ausgeschaltet
werden.»
4. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 13. Mai 2019 Beschwerde bei der Bau-,
Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt die Aufhebung
des Bauentscheids vom 11. April 2019 und Erteilung der Baubewilligung. Eventualiter
seien folgende Auflagen des Entscheids wie folgt anzupassen bzw. aufzuheben:
«Ziffer 3.2.1, vierter Punkt: Die zeitlichen Intervalle dürfen 10 Sekunden nicht unterschreiten.
Ziffer 3.2.2, erster Punkt: aufheben.»
Eventualiter sei das Baugesuch zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
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5. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten sowie eine Stellungnahme des OIK II ein.
Der OIK II äusserte sich mit Stellungnahme vom 4. Juni 2019. Die Gemeinde beantragt in
ihrer Stellungnahme vom 12. Juni 2019, die Beschwerde sei teilweise gutzuheissen
(Aufhebung der Auflage von Ziff. 3.2.2, erster Punkt) und im Übrigen abzuweisen.
6. Mit Verfügung vom 16. August 2019 teilte das Rechtsamt den Beteiligten mit, dass
das Baugesuch nicht publiziert worden sei. Das Rechtsamt beabsichtige deshalb, die
angefochtene Baubewilligung wegen dieses Verfahrensfehlers von Amtes wegen
aufzuheben. Zudem scheine das Bauvorhaben nicht auf die Vereinbarkeit mit Art. 12 Abs.
1 und 4 des kommunalen Reklamereglements geprüft worden zu sein. Mit Stellungnahme
vom 26. August 2019 bedauerte die Gemeinde, dass die BVE in diesem Fall nicht über die
Verkehrssicherheit der zeitlichen Intervalle der Sujetwechsel entscheiden werde. Ein
zeitnaher Entscheid darüber könnte Rechtssicherheit schaffen, da sich die gleiche Frage
auch in einem anderen Baubewilligungsverfahren stelle. Die Beschwerdeführerin erklärte
mit Schreiben vom 9. September 2019, aus ihrer Sicht sei eine Publikation des
Baugesuchs nicht notwendig. Die Aufhebung der Baubewilligung mangels Publikation führe
zu zusätzlichem prozessualen Aufwand.
7. Mit Verfügung vom 10. September 2019 beauftragte das Rechtsamt die Gemeinde,
das Bauvorhaben zu publizieren. Zudem teilte es seine Absicht mit, das Verfahren nach
erfolgter Publikation fortzusetzen, sofern keine Einsprachen erhoben werden.
8. Die Gemeinde teilte mit Überweisungsschreiben vom 22. Oktober 2019 mit, sie habe
das Bauvorhaben im amtlichen Anzeiger publiziert und die Baugesuchsakten öffentlich
aufgelegt. Gegen das Bauvorhaben sei fristgerecht eine Einsprache eingegangen. Die
Beurteilung der Einsprachelegitimation sei Sache der BVE. Da dem Anliegen der
Einsprecherin durch die Auflagen im Bauentscheid bereits Rechnung getragen werde, sei
die Einsprache abzuweisen. Die Kosten der Publikation seien der Beschwerdeführerin
aufzuerlegen.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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9. Mit Verfügung vom 25. Oktober 2019 wies das Rechtsamt darauf hin, dass die
Einsprache nicht im laufenden Rechtsmittelverfahren behandelt werden könne. Das
Rechtsamt beabsichtige daher, die Sache zur Fortsetzung des Verfahrens an die
Gemeinde zurückzuweisen. Mit Überweisungsschreiben vom 14. November 2019 teilte die
Gemeinde mit, dass die Einsprecherin ihre Einsprache am 12. November 2019
zurückgezogen habe. Am 15. November 2019 reichte die Gemeinde eine ergänzende
Stellungnahme ein.
10. Auf die Rechtsschriften und die Stellungnahme des OIK II wird, soweit für den
Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
a) Bauentscheide können nach Art. 40 BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig. Die Beschwerdeführerin ist als Baugesuchstellerin zur
Beschwerde befugt (Art. 40 Abs. 2 BauG2).
b) Entgegen dem Wortlaut ihres ersten Rechtsbegehrens beantragt die
Beschwerdeführerin in der Sache nicht die Aufhebung der Baubewilligung, sondern
lediglich die Änderung bzw. Aufhebung von zwei Auflagen. Die Beschwerdeführerin ist
durch die beanstandeten Auflagen des Bauentscheids beschwert. Auf die form- und
fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
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2. Rechtliches Gehör
a) Die Beschwerdeführerin bringt vor, im Bauentscheid seien die Auflagen betreffend
der Standzeit von einer Minute und dem Sujetwechsel nachts nicht begründet worden.
Damit werde ihr rechtliches Gehör verletzt.
b) Der Anspruch auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 Abs. 2 BV3 beinhaltet unter
anderem das Recht auf einen begründeten Entscheid, damit die Betroffenen die Verfügung
sachgerecht anfechten können (vgl. Art. 52 Abs. 1 Bst. b VRPG4). Eine Verfügung kann
dann ohne Begründung eröffnet werden, wenn dem unbestrittenen Begehren voll
entsprochen wird (Art. 52 Abs. 2 Bst. a VRPG). Ansonsten müssen wenigstens kurz die
Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die
sich ihr Entscheid stützt. Die Begründung eines Entscheids kann aus einem Verweis auf
ein anderes Dokument (z.B. Amts- oder Fachbericht) bestehen, sofern dieser eine
Begründung enthält.5
c) Im Bauentscheid verfügte die Gemeinde als Auflage (Ziff. 3.2.1, vierter Punkt), dass
die zeitlichen Intervalle der Reklamen eine Minute nicht unterschreiten dürfen (Standzeit).
Ausserdem verfügte die Gemeinde als Auflage, dass der Wechsel der Werbesujets nachts
erfolgen muss (Auflage Ziff. 3.2.2, erster Punkt). Auflagen sind Pflichten, die mit einer
Baubewilligung verbunden sind (Art. 29 Abs. 2 und Art. 38 Abs. 3 BauG).6 Die
Beschwerdeführerin hatte im Baugesuch den Intervallwechsel nicht definiert. Sie erhielt
somit keine unbelastete Baubewilligung. Die Gemeinde hätte die Auflagen somit im
Entscheid begründen sollen; dies ist nicht geschehen. In Ziff. 3.2.1 des Entscheids wird der
Amtsbericht des OIK II vom 28. März 2019 als verbindlich erklärt. Soweit ersichtlich erhielt
die Beschwerdeführerin jedoch im Baubewilligungsverfahren keine Kenntnis dieses
Amtsberichts und hatte daher auch keine Gelegenheit, sich vorgängig zu den Auflagen zu
äussern. Der Amtsbericht des OIK II vom 28. März 2019 wurde der Beschwerdeführerin
erst zusammen mit dem Bauentscheid eröffnet, der bereits einige Tage später, am 8. April
3 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) 4 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 5 BVR 2013 S. 443 E. 3.1.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 52 N. 5 ff. 6 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 29 N. 1
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2019 erging.7 Ausserdem hatte die Beschwerdeführerin keine Gelegenheit erhalten, sich
vorgängig zu den weiteren Auflagen der Gemeinde zu äussern. Das rechtliche Gehör der
Beschwerdeführerin wurde somit in Bezug auf das Recht zur Stellungnahme (Art. 21
VRPG) und die Begründungspflicht verletzt.
d) Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist ein formeller Anspruch, dessen Verletzung
grundsätzlich zur Aufhebung des angefochtenen Entscheids führt. Die Gehörsverletzung
kann aber geheilt werden, wenn die Rechtsmittelinstanz dieselbe Kognition hat wie die Vor-
instanz und der Beschwerdeführerin aus der Heilung kein Nachteil erwächst.8
Da die Verkehrssicherheit im Baubewilligungsverfahren Hauptthema war und die
Beschwerdeführerin zusammen mit dem Bauentscheid Kenntnis des Amtsberichts des OIK
II erhielt, war sie in der Lage, die Auflage zur Standzeit sachgerecht anzufechten. Im
Beschwerdeverfahren nahm der OIK II ausführlich Stellung zur Verkehrssicherheit und zur
erforderlichen Standzeit der einzelnen Reklamen. Die Gemeinde erklärte, nur wenn die
Standzeit mindestens eine Minute betrage, handle es sich um Standbilder und Art. 4 Abs. 3
des Reklamereglements9 sei eingehalten. Bei der Auflage gemäss Ziffer 3.2.2
(Sujetwechsel nachts) handle es sich um ein Missverständnis; diese Auflage sei zu
streichen. Der BVE kommt als Beschwerdeinstanz die volle Überprüfungsbefugnis zu (vgl.
Art. 40 Abs. 3 VRPG). Die Gehörsverletzung wiegt nicht allzu schwer und konnte im
Beschwerdeverfahren vor der BVE geheilt werden. Der Beschwerdeführerin ist dadurch
kein Nachteil erwachsen. Die Gehörsverletzung ist jedoch bei der Kostenverlegung zu
berücksichtigen.10
3. Publikation
Die Beschwerdeführerin macht geltend, es sei Sache der Gemeinde zu entscheiden, ob
auf die Publikation des Vorhabens verzichtet werde. Vorliegend ist unbestritten, dass der
Ersatz einer unbeleuchteten, statischen Plakatstelle durch einen beleuchteten Scroller-
7 Vgl. Vorakten, pag. 29 ff. 8 BVR 2012 S. 28 E. 2.3.5; Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 21 N. 16 9 Reklamereglement mit Plakatierungsplan der Gemeinde Muri bei Bern, genehmigt durch das Amt für Gemeinden und Raumordnung des Kantons Bern am 5. Januar 2017 (RR) 10 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 108 N. 9
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Werbemittelträger baubewilligungspflichtig ist, weil damit Auswirkungen auf die
Verkehrssicherheit, das Ortsbild und Lichtimmissionen verbunden sind (vgl. Art. 1a BauG).
Die Beschwerdeführerin hat dementsprechend ein Baugesuch eingereicht. Ist ein
Bauvorhaben baubewilligungspflichtig, so muss das Baugesuch nach den Art. 26 und 27
BewD11 veröffentlicht oder den Anstössern sowie weiteren Personen, die davon betroffen
sein könnten, mitgeteilt werden (Art. 35 Abs. 1 BauG). Ein Verzicht ist nicht möglich. Die
unterbliebene Publikation des Vorhabens wurde durch die Gemeinde während des
Beschwerdeverfahens nachgeholt. Der Verfahrensfehler wurde damit behoben.
4. Verkehrssicherheit
a) Der geplante F12 Scroller (Querformat) befindet sich auf der linken Strassenseite in
Fahrtrichtung Bern. Wie der bestehende Werbemittelträger ist er freistehend und quer zur
C._strasse ausgerichtet. Gemäss Baugesuch soll er mit maximal zwei Sujets
bestückt sein. Nach der unangefochtenen Auflage der Gemeinde (Ziffer 3.2.2, zweiter
Punkt) darf er von 06:00 bis 22:00 Uhr beleuchtet werden. Umstritten ist die Auflage, dass
die zeitlichen Intervalle der Werbesujets eine Minute nicht unterschreiten dürfen
(Standzeit).
b) Die Beschwerdeführerin beantragt eine Standzeit von 10 Sekunden. Sie macht
geltend, die Ablenkung der Verkehrsteilnehmenden durch den Scroller werde zu hoch
eingeschätzt. Es sei nicht nachvollziehbar, inwiefern die Auflage die Ablenkung reduziere.
Bereits heute befinde sich an dieser Stelle ein Werbemittelträger, der nun durch einen
moderneren ersetzt werden solle. Die Darstellungsart sei bei beiden Werbemittelträgern
dieselbe. Es handle sich um ein Standbild bzw. eine statische Anzeige, die beim Scroller
über ein analoges Rollensystem zeitgesteuert zwischen zwei Plakaten wechsle. Die
weichen Bildwechsel seien keine verkehrsrelevante Ablenkung. Die C._strasse sei
grosszügig ausgestaltet und weise keine komplexe Verkehrssituation auf. Die Sicht auf den
Werbemittelträger werde durch einen grossen Strauch verdeckt, so dass die
Wahrnehmungsdistanz nur 40 m betrage. Entlang dieser Strecke befänden sich zudem
Parkplätze. Die parkierten Fahrzeuge würden die Plakatstelle zusätzlich abdecken. Bei
einer Durchfahrtsgeschwindigkeit von 50 km/h sei die Strecke in weniger als 3 Sekunden
11 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
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passiert. Die Verkehrssicherheit sei bei einer Standzeit von 10 Sekunden nicht gefährdet.
Eine Intervallzeit von mehr als 10-15 Sekunden sei unverhältnismässig streng und nicht mit
überwiegenden öffentlichen Interessen gerechtfertigt.
Die Gemeinde erklärt, bei einer Unterschreitung des Zeitintervalls von mindestens einer
Minute würden die Verkehrsteilnehmenden mehrmals mit einem Sujetwechsel konfrontiert.
Ihren Tests zufolge wäre ein Fahrradfahrer bei einem Intervall von 10 Sekunden 3 bis 4
Sujetwechseln ausgesetzt. Dies könne die Verkehrssicherheit beeinträchtigen. Die
Verkehrssicherheit sei höher zu gewichten als die wirtschaftlichen Interessen der
Beschwerdeführerin.
c) Mit der Baubewilligung können Auflagen verbunden werden (vgl. Art. 38 Abs. 3
BauG). Die Auflagen müssen in einem engen sachlichen Zusammenhang zur erteilten
Bau- oder Ausnahmebewilligung stehen und verhältnismässig sein. Eine Auflage ist
verhältnismässig, wenn sie zum Erreichen des angestrebten Ziels erforderlich, geeignet
und für die Bauherrschaft zumutbar ist.12 Ein Gesuch für ein Bauvorhaben, das den
gesetzlichen Anforderungen entspricht, ist grundsätzlich unbefristet, bedingungslos und
unbelastet zu bewilligen. Wenn ein Bauvorhaben den gesetzlichen Anforderungen klar
nicht entspricht, kann der Mangel nicht mit Auflagen geheilt werden. Auflagen zu einer
Baubewilligung kommen daher nur bei Bauvorhaben in Betracht, die je nach ihrer
Gestaltung oder Einrichtung oder je nach Art der Nutzung oder Betriebsführung
gesetzeskonform oder gesetzwidrig sein können.13
d) Alle Werbeformen, die im Wahrnehmungsbereich der Fahrzeugführenden liegen,
während diese ihre Aufmerksamkeit dem Verkehr zuwenden, gelten als Strassenreklamen
(Art. 95 Abs. 1 SSV14). Gemäss Art. 6 Abs. 1 SVG15 sind im Bereich der für Motorfahrzeuge
oder Fahrräder offenen Strassen Reklamen untersagt, die zu Verwechslungen mit Signalen
oder Markierungen Anlass geben oder sonst, namentlich durch Ablenkung der
Strassenbenützer, die Verkehrssicherheit beeinträchtigen könnten. Art. 95 - 100 SSV
konkretisieren diese Vorschrift. Art. 96 Abs. 1 SSV wiederholt den Grundsatz, wonach
Strassenreklamen, welche die Verkehrssicherheit beeinträchtigen könnten, unzulässig sind
und nennt Situationen, die typischerweise zu einer Beeinträchtigung führen. Die
12 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 29 N. 2 13 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 38-39 N. 15a 14 Signalisationsverordnung des Bundesrates vom 5. September 1979 (SSV; SR 741.21) 15 Strassenverkehrsgesetz des Bundes vom 19. Dezember 1958 (SVG; SR 741.01)
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Aufzählung in Art. 96 SSV ist nicht abschliessend. Es ist daher im Einzelfall zu prüfen, ob
die Reklame die Verkehrssicherheit beeinträchtigen könnte. Die Bestimmung stellt auf die
"mögliche Beeinträchtigung der Verkehrssicherheit" ab. Bei der Anwendung von Art. 6 Abs.
1 SVG und Art. 96 SSV misst die Rechtsprechung dem Aspekt der Verkehrssicherheit im
Verhältnis zu wirtschaftlichen Interessen grosses Gewicht bei. Bei der Zulassung von
Reklamen sollen die Kantone einen strengen Massstab anwenden. Bereits eine potentielle
Beeinträchtigung oder eine entfernte, nicht einmal in der Regel eintretende, mittelbare
Gefährdung reicht aus, um die Verkehrssicherheit beeinträchtigen zu können.16 Ob die
Verkehrssicherheit gefährdet sein könnte, ist auf Grund der Umstände und der örtlichen
Gegebenheiten von Fall zu Fall zu prüfen. An verkehrstechnisch heiklen Orten können
Reklamen in aller Regel nicht bewilligt werden.17
e) Der OIK II beurteilte das Vorhaben in seinem ersten Amtsbericht als
verkehrsgefährdend. Er hielt fest, "Ablenkung bildet sicherheitsmässig eine der grössten
Gefahren, die durch Reklamen ausgelöst werden können. Sinn und Zweck einer Reklame
ist es ja, die Aufmerksamkeit einer möglichst grossen Anzahl von Personen in einem
möglichst hohen Masse auf sich zu ziehen. Dies bedeutet, dass diese Personen vom
eigentlichen Verkehrsgeschehen abgelenkt werden. Insbesondere Kreisel, Pförtner und
Fussgängerstreifen aber auch Zu- und Ausfahrten erfordern jedoch grösste Konzentration
auf das Verkehrsgeschehen. Die [vorliegende] Reklame steht unmittelbar vor oder neben
Strassenanschlüssen, Fussgängerstreifen, Haltestelle und diversen Verkehrssignalen bzw.
Strassenschildern. Sie befindet sich zudem an einer stark befahrenen und begangenen
Strasse mit vielfältigen Verkehrsbeziehungen."18 Bei der Neubeurteilung erklärte er das
Vorhaben mit der Auflage zur Standzeit (und weiteren Auflagen) als bewilligungsfähig.19
In seiner Stellungnahme zur Beschwerde führte der OIK II aus, der gewählte Standort
weise mittlere bis hohe Sicherheitsanforderungen auf. Er befinde sich in Fahrtrichtung Bern
kurz vor einem ungeregelten Fussgängerstreifen, am Ende eines Radstreifens und einer
linksseitigen Längsparkierung. Er stehe zudem direkt neben und gegenüber einer
Bushaltestelle und auch gegenüber einer kleinen Strasseneinmündung. Die
16 BGer 1C_4/2014 vom 2.5.2014 E. 3; BGer 2A.112/2007 vom 30.7.2007 E. 3.3 mit Hinweisen; BGer 2A.431/2004 vom 16.12.2004 E. 2.2; BGer 2A.377/2002 vom 29.1.2003 E. 3.1 in: ZBl 104/2003 S. 664 f.; VGE 2013/314 vom 4.12.2013 E. 3.4, VGE 2008/23439 vom 12.2.2009 jeweils mit Hinweisen 17 BSIG Nr. 7/725.1/8.1 "Reklamen" vom 20. Juli 2018, S. 7; BGer 2A.249/2000 vom 14.2.2001 E. 3a und 3c 18 Amtsbericht des OIK II vom 31. Juli 2018, Vorakten pag. 12 19 Amtsbericht des OIK II vom 28. März 2019, Vorakten pag. 30
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Fahrzeugdichte sei hoch, der Strassenquerschnitt recht breit. Sämtliche
Verkehrsteilnehmende müssten sich auf das Verkehrsgeschehen konzentrieren und
brauchten die volle Aufmerksamkeit. Zudem habe er anlässlich des Augenscheins vom 4.
Juni 2019 festgestellt, dass während der Morgenspitzenstunde bei Fussgängerquerungen
und während der Bushaltezeiten ein kleiner Rückstau entstehe und es teilweise zu brüsken
Stopps der Fahrzeuge komme. Einige Fahrzeuglenker seien etwas unkonzentriert
gewesen. Dies habe allerdings nicht mit der heute vorhandenen Werbung zu tun. Der
betroffene Standort liege nicht im unmittelbaren Nahbereich des Fussgängerstreifens,
sondern im Stauraum davor. Dort könne eine statische und beleuchtete Werbung
akzeptiert werden. Als statisch erachte er einen Bildwechsel von maximal einem Wechsel
pro Minute. Ein Intervall von 10-15 Sekunden für den Sujetwechsel werde aufgrund der
Anfahrtszeit von fast jedem Verkehrsteilnehmer als bewegliches Bild wahrgenommen. Die
Ablenkung werde an der betroffenen Stelle als deutlich zu stark erachtet. Mit einem
Wechsel im Minutentakt betreffe es nur jeden vierten bis sechsten Fahrzeuglenker. Als
Fazit und Empfehlung hielt der OIK II fest, die Verkehrssicherheit werde durch den
geplanten Werbeträger in mehrerer Hinsicht gefährdet. In diesem anspruchsvollen, stark
belasteten Strassenabschnitt mit einer Fussgängerquerung, einer Bushaltestelle, einem
untergeordneten Strassenanschluss und mehreren Parkplätzen stelle eine beleuchtete, im
Minutentakt wechselnde Werbefläche einen Kompromiss dar. Die Aufmerksamkeit sei dem
Verkehrsgeschehen zu widmen und dürfe nicht derart für Werbezwecke beansprucht
werden. Auf eine Verdichtung des Sujetwechselintervalls sei zu verzichten.
f) Die geplante Reklamestelle richtet sich an Verkehrsteilnehmende, es handelt sich um
eine Strassenreklame. Bei einem Scroller wechseln mehrere Plakate. Das Werbebild als
solches ist zwar unbewegt; mit dem Bildwechsel geht jedoch eine deutlich wahrnehmbare
Bewegung einher, welche die Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmenden ablenken kann,
zumal sich der Mensch dem Reiz von bewegten Elementen schlecht entziehen kann.20 Das
im Auftrag der Schweizerischen Vereinigung der Verkehrsingenieure und
Verkehrsexperten (SVI) durchgeführte Forschungsprojekt ergab, dass sowohl statische als
auch dynamische Werbung Automobilisten ablenkt, was sich durch Abweichen von der
idealen Fahrlinie äusserte. Dabei war die Spurabweichung bei dynamischer Werbung
signifikant höher als bei statischen Plakaten und bei statischer Werbung höher als in
Situationen ohne Werbung. Dynamische Werbung führte zu mehr und längeren Fixationen
20 Reklame im Strassenraum, Forschungsprojekt SVI 2010/001, Hrsg. Bundesamt für Strassen, Februar 2016, S. 20
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(gezieltes Betrachten von Objekten im Aussenraum) als statische Werbung, wobei die
Dauer der Fixation auch von der Verkehrssituation abhing.21 Nach den Empfehlungen der
SVI sind bei hohen Sicherheitsanforderungen weder statische noch dynamische
Werbemittel zulässig, die von der Fahrbahn aus sichtbar sind. Hohe
Sicherheitsanforderungen gelten im Nahbereich von Querungen und Verflechtungsstellen
mit dem Fuss- und Veloverkehr. Mittlere Sicherheitsanforderungen gelten, wenn der
motorisierte Individualverkehr und der Veloverkehr im Längsverkehr auf derselben
Fahrbahn oder nur durch Markierung getrennt geführt werden. In solchen
Verkehrssituationen können dynamische Werbemittel mit einer minimalen Standzeit 25
Sekunden zugelassen werden, sofern die Verkehrsanlage von der Breite und Geometrie
her genügend Spielraum lässt, das heisst, wenn keine knappen Begegnungsfälle oder
grössere fahrdynamische Abweichungen zu erwarten sind. Kürzere Standzeiten als 25
Sekunden werden nicht zugelassen.22
g) Die C._strasse verläuft auf dem betroffenen Abschnitt gerade. Die zulässige
Fahrgeschwindigkeit beträgt 50 km/h. In Fahrtrichtung Bern befindet sich der
Werbemittelträger etwa 145 m nach dem Verkehrskreisel (Verkehrsknoten bei der
Autobahnauffahrt) und liegt auf der linken Strassenseite. Das Verkehrsaufkommen ist auf
der C._strasse unbestritten hoch. Die Werbestelle befindet sich etwa 20 m vor
einem ungeregelten Fussgängerstreifen.23 Kurz nach dem Fussgängerstreifen (in
Fahrtrichtung Bern) liegt eine Bushaltestelle. In der Gegenrichtung befindet sich die
Bushaltestelle nahe beim Werbemittelträger. Zwischen dem Verkehrskreisel und dem
Fussgängerstreifen (in Richtung Bern) weist die C._strasse eine leichte Steigung
auf, so dass die Verhältnisse beim Fussgängerstreifen und der Bushaltestelle von unten
her nicht vollständig überblickbar sind. Etwa auf der Höhe des Werbemittelträgers mündet
zudem von rechts eine nicht vortrittsberechtigte Seitenstrasse auf die C._strasse
ein. Hinzu kommt, dass die Fahrradstreifen kurz vor dem Standort des Werbemittelträgers
beidseitig aufgehoben werden und sich die Fahrbahn verengt. Die Strecke zwischen dem
Verkehrskreisel und der Bushaltestelle ist verkehrstechnisch komplex und erfordert von
den Verkehrsteilnehmenden die volle Aufmerksamkeit.
21 Reklame im Strassenraum, a.a.O., S. 61, 64, 51; SVI Merkblatt 2016/01 Reklame im Strassenraum, S. 1, 3 22 SVI Forschungsbericht, a.a.O., S. 65 f.; SVI-Merkblatt 2016/01 "Reklame im Strassenraum" 23 Gemessen auf der Karte des Geoportals des Kantons Bern
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Die Beurteilung des OIK II, dass bei diesen Gegebenheiten mittlere bis hohe
Sicherheitsanforderungen vorliegen, überzeugt. Die Spannweite liegt vorliegend somit
zwischen einer minimalen Standzeit von 25 Sekunden (bei mittleren
Sicherheitsanforderungen) und einem Verbot von Werbung (bei hohen
Sicherheitsanforderungen). Die von der Beschwerdeführerin beantragte Standzeit von 10
Sekunden fällt angesichts der vorliegend geltenden mittleren bis hohen
Sicherheitsanforderungen ausser Betracht.
h) Der geplante Werbemittelträger ist quer zur Verkehrsachse ausgerichtet und fällt
damit den Fahrzeugführenden stärker auf, als eine parallel zur Fahrbahn aufgestellte
Plakatstelle.24 Das Strassenbild zeichnet sich insgesamt durch eine ruhige Erscheinung mit
vielen Grünräumen aus, so dass eine Reklamestelle besser wahrgenommen wird als in
einer heterogenen Umgebung. Im Vergleich zu dem bis anhin unbeleuchteten
Werbemittelträger ist der Scroller sowohl tagsüber als auch in der Nacht beleuchtet und
wird insbesondere bei schlechten Witterungs- oder Lichtverhältnissen auffallen. Die
Beschwerdeführerin macht geltend, die Wahrnehmungsdistanz der Reklamestelle betrage
vorliegend nur 40 m und sei durch einen Strauch sowie parkierte Autos zusätzlich
beeinträchtigt. Diese Distanz entspricht jedoch der Wirkungsdistanz, welche die
Werbewirtschaft voraussetzt.25 Ein Strauch kann zudem jederzeit zurückgeschnitten oder
entfernt werden. Die parkierten Autos sind kein festes Hindernis und werden zudem durch
den Werbemittelträger überragt.
i) Wie viele Verkehrsteilnehmende einen Werbemittelträger als dynamisch
wahrnehmen, hängt vom gefahrenen Tempo und der Wechselfrequenz ab. Wenn die
Wahrnehmungsdistanz 40 m beträgt, mit einer Geschwindigkeit von 50 km/h gefahren wird
und der Bildwechsel alle 25 Sekunden erfolgt, nehmen rund 12% der
Verkehrsteilnehmenden eine Werbung als bewegt wahr.26 Vorliegend ist davon
auszugehen, dass auf der Strecke zwischen dem Kreisel und der Bushaltestelle
üblicherweise nicht mit Tempo 50 km/h gefahren wird, zumal die Verkehrsteilnehmenden in
der Regel beim Kreisel abbremsen und erst danach beschleunigen. Der Bildwechsel würde
von mehr als 12 % der Verkehrsteilnehmenden wahrgenommen. Wird die Werbung als
dynamisch wahrgenommen, besteht in der vorliegenden, anspruchsvollen
24 Vgl. BSIG-Information Reklamen, Anhang 3, BSIG-Nr. 7/725.1/8.1 25 SVI Forschungsbericht, a.a.O., S. 64 26 SVI Merkblatt 2016/01 "Reklame im Strassenraum", S. 2; SVI Forschungsbericht, a.a.O., S. 64
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Verkehrssituation eine grosse Ablenkungsgefahr. Die Aufmerksamkeit der
Verkehrsteilnehmenden würde auf die Reklame auf der linken Strassenseite gelenkt statt
auf das Verkehrsgeschehen vor dem Fahrzeug. Je mehr Verkehrsteilnehmende den
Bildwechsel wahrnehmen, desto mehr wird die Verkehrssicherheit beeinträchtigt. Dass die
Bildwechsel "weich" erfolgen, vermag daran nichts zu ändern. Bereits eine potentielle
Beeinträchtigung oder eine entfernte, nicht einmal in der Regel eintretende mittelbare
Gefährdung reicht nach der Rechtsprechung aus, um die Verkehrssicherheit
beeinträchtigen zu können. Es besteht somit kein Anlass, von der überzeugenden
Beurteilung des OIK II abzuweichen, dass maximal ein Bildwechsel pro Minute zugelassen
werden kann. Die Auflage, dass das Intervall der Reklamen eine Minute nicht
unterschreiten darf, erweist sich als erforderlich und geeignet, damit die Verkehrssicherheit
nicht beeinträchtigt wird. Das Interesse der Beschwerdeführerin an kürzeren Standzeiten
vermag das gewichtige öffentliche Interesse an der Verkehrssicherheit nicht zu
überwiegen.27 Die Auflage ist für die Beschwerdeführerin zumutbar und verhältnismässig.
5. Zulässigkeit des Vorhabens nach Reklamereglement
a) Die Gemeinden sind gemäss Art. 100 SSV befugt, für Strassenreklamen
Ästhetikvorschriften zum Schutz des Landschafts- und Ortsbildes zu erlassen. Sie können
Reklamen nur mit Einschränkungen zulassen oder gewisse Reklametypen welche
Emissionen wie Licht oder Lärm verursachen oder Bewegungen beinhalten
(Prismenwender, etc.) verbieten.28
Die Gemeinde Muri bei Bern hat ein Reklamereglement mit Plakatierungsplan erlassen. Auf
dem Plakatierungsplan ist die C._strasse als Strassenzug für Fremdreklamen
eingezeichnet. Das Reklamereglement bezweckt eine qualitativ gute Integration von
Reklame ins Quartier-, Strassen- und Landschaftsbild (Art. 1 Abs. 2 RR). Gemäss Art. 4
Abs. 3 RR sind Reklamen mit bewegten oder wechselnden Bild- oder Textinhalten wie
Filmprojektionen, Laufschriften, Prismenwender, Wechselautomaten und dergleichen
grundsätzlich nicht zulässig. Ausnahmen sind möglich, wenn aufgrund des Standortes oder
eines entsprechenden Betriebsregimes negative Auswirkungen auf die Umgebung
ausgeschlossen werden können (Art. 4 Abs. 3 RR zweiter Satz). Der Gemeinde steht
27 BGer 1C_4/2014 vom 2.5.2014 E. 5.2 28 BSIG Nr. 7/725.1/8.1 "Reklamen" vom 20. Juli 2018 S. 10
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aufgrund ihrer Gemeindeautonomie bei der Auslegung dieser Vorschrift ein gewisser
Beurteilungsspielraum zu (vgl. Art. 65 BauG). Legt die Gemeinde die Norm rechtlich
vertretbar aus, so darf sie von der Rechtsmittelinstanz nicht anders ausgelegt werden.29
b) Die Gemeinde erklärt, es bedürfe eines längeren Intervalls, damit es sich um
reglementskonforme Standbilder handle. Mit der Standzeit der Bilder von mindestens einer
Minute werde dem Anliegen der Gemeinde Rechnung getragen. Die Gemeinde strebe eine
gute Integration der Reklame in das Quartier-, Strassen- und Landschaftsbild an (Art. 1
Abs. 2 RR). In Gebieten mit überwiegender Wohnnutzung sei auf die Bewohnerinnen und
Bewohner Rücksicht zu nehmen (Art. 5 Abs. 2 RR).
c) Nach dem Wortlaut von Art. 4 Abs. 3 RR ist ein Werbeträger mit Scroller-Funktion
nicht zulässig bzw. bedürfte einer Ausnahmebewilligung. Die Gemeinde legt ihre
Bestimmung dahingehend aus, dass es sich nicht um eine unzulässige, bewegte Werbung
handelt, wenn die Standzeit des einzelnen Plakats mindestens eine Minute beträgt. Diese
Auslegung ist rechtlich vertretbar. Eine Standzeit von einer Minute ist somit Voraussetzung
dafür, dass das Bauvorhaben dem Reglement entspricht. Das Quartier entlang der
C._strasse ist durch Wohngebäude geprägt und macht trotz der Nähe zur
Autobahnausfahrt einen gepflegten, ruhigen Eindruck. Eine lange Standzeit ist somit auch
für die Integration der Reklame in das Ortsbild erforderlich. Ohne die verfügte Auflage wäre
der geplante Scroller nicht bewilligungsfähig.
6. Rechtsgleichheit
a) Die Beschwerdeführerin zählt einige Standorte an Kantons- und Gemeindestrassen
in der Stadt Bern und Umgebung auf, an denen gleichartige Werbemittelträger ohne
Auflage zur Standzeit bewilligt worden seien.30 In der Stadt Bern seien 8-10 Sekunden
Standzeit üblich, die durchschnittliche Standzeit bei Scrollern in Schweizer Städten betrage
10-15 Sekunden. Es bedürfe einer einheitlichen Praxis.
29 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 5 30 Beschwerde Ziff. 16
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b) Das Gebot rechtsgleicher Behandlung (Art. 8 Abs. 1 BV31) ist verletzt, wenn die
gleiche Behörde zwei gleiche tatsächliche Situationen ohne sachlichen Grund
unterschiedlich beurteilt.32 Auch besteht nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung
grundsätzlich kein Anspruch darauf, ebenfalls abweichend vom Gesetz behandelt zu
werden, wenn dieses in anderen Fällen nicht oder nicht richtig angewendet worden ist.33
c) Wie in Erwägung 4 dargelegt, wird die Verkehrssicherheit eines Werbemittelträgers
im Einzelfall anhand der konkreten Gegebenheiten beurteilt. Selbst wenn die kurzen
Standzeiten der Scrollerwerbung andernorts (im hypothetischen Fall) zu Unrecht bewilligt
worden wären, hätte die Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf Gleichbehandlung im
Unrecht, weil vorliegend das öffentliche Interesse der Verkehrssicherheit tangiert ist.34 Die
Rechtsgleichheit kann zudem nicht angerufen werden, wenn verschiedene Gemeinden
Spielräume bei der Anwendung von Bundesrecht unterschiedlich nutzen und im Rahmen
ihrer Rechtsetzungszuständigkeiten gleiche Sachverhalte unterschiedlich regeln.35 Im
vorliegenden Fall hat die Gemeinde im Reklamereglement einschränkende Bestimmungen
für dynamische Werbung erlassen. Es liegt keine rechtsungleiche Behandlung vor.
7. Auflage betreffend Wechsel der Werbesujets nachts
Die Beschwerdeführerin bringt vor, es sei nicht nachvollziehbar, weshalb die für den
Sujetwechsel notwendigen Arbeiten nachts erfolgen müssten. Die Gemeinde erklärt, es
handle sich um ein Missverständnis. Sie beantrage deshalb die ersatzlose Aufhebung der
Auflage in Ziffer 3.2.2, Punkt 1.
Die Aufhebung der Auflage betreffend Wechsel der Werbesujets nachts ist demzufolge
nicht umstritten. Die Auflage gemäss Ziffer. 3.2.2, Punkt 1 des Bauentscheides vom
11. April 2019 ist daher aufzuheben.
31 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) 32 Statt vieler BGE 136 I 345 E. 5 mit Hinweisen; VGE 2016/242 vom 8.6.2017 E. 5.3; Tschannen/Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Auflage 2014, § 23 N. 11 f. 33 Kiener/Kälin/Wyttenbach, Grundrechte, 2. Auflage Bern 2018, S. 426 34 BGer 1C_400/2014 vom 04.12.2014 E. 2.3.; VGE 2017/199 vom 13.08.2018 E. 5.3; BGE 139 II 49 E. 7.1 (Pra 102/2013 Nr. 33) 35 Kiener/Kälin/Wyttenbach, Grundrechte, 3. Aufl., Bern 2018, S. 426 S. 426 und 394 f.
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8. Kosten
a) Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr
von Fr. 200.– bis Fr. 4'000.– (Art. 103 Abs. 1 und 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 und Art. 20
Abs. 1 GebV36). Die Kosten des Beschwerdeverfahrens werden auf Fr. 1'600.– festgelegt.
b) Die Verfahrenskosten werden der unterliegenden Partei auferlegt, es sei denn, das
prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen
Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG).
Die Verletzung des rechtlichen Gehörs durch die Gemeinde ist bei den Kosten als
besondere Verhältnisse zu berücksichtigen. Zudem gilt die Gemeinde insofern als
unterliegend, als sie selber die Aufhebung der Auflage zum Sujetwechsel nachts beantragt.
Dafür werden 1/4 der Verfahrenskosten, ausmachend Fr. 400.‒ ausgeschieden. Die
Gemeinde ist nicht in eigenen Vermögensinteressen betroffen; ihre Verfahrenskosten trägt
demnach der Kanton (vgl. Art. 108 Abs. 2 VRPG). Im Übrigen unterliegt die
Beschwerdeführerin und hat die restlichen Verfahrenskosten von Fr. 1'200.‒.zu tragen.
c) Nach den gleichen Grundsätzen hat die Gemeinde der Beschwerdeführerin 1⁄4 der
Parteikosten zu ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Kostennote des Rechtsvertreters der
Beschwerdeführerin beläuft sich auf Fr. 2'206.15 (inkl. Auslagen und Entschädigung) und
gibt zu keinen Bemerkungen Anlass. Die Gemeinde hat der Beschwerdeführerin somit
einen Parteikostenersatz von Fr. 551.55 zu leisten.
d) Die Baugesuchstellerin hat die amtlichen Kosten des Baubewilligungsverfahrens zu
tragen (Art. 52 Abs. 1 BewD). Hierzu gehören unter anderem die Publikationskosten.
Gemäss Rechnung des Gemeindeverbands Anzeiger Region Bern vom 24. September
2019 belaufen sich die Kosten für die nachträgliche Publikation auf Fr. 952.60. Die
Rechnung ist durch die Gemeinde zu begleichen. Die Beschwerdeführerin hat der
Gemeinde den Betrag von Fr. 952.60 zu ersetzen. Das Inkasso erfolgt durch die
Gemeinde.
36 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
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