Decision ID: b75d84a7-d7b3-42df-9b9d-7be2dd6e1db2
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a B._ meldete sich im November 2014 bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen zur
beruflichen Integration/Rente an (IV-act. 215 f.). Sie gab an, dass sie wegen einer
Beinprothese nicht voll arbeitsfähig sei; aktuell sei sie in einem Pensum von 60 % als
Detailhandelsangestellte bei der C._ AG tätig. Wegen eines Osteosarkoms am
distalen Femur rechts hatte sich die Versicherte im Oktober 2003 einer partiellen
Oberschenkelresektion rechts und einer Umkehrplastik mit dem rechten Unterschenkel
unterziehen müssen. Seither war sie auf eine Knie-Exartikulations-Prothese
angewiesen (IV-act. 5, 9). Im Juni 2013 hatte sie eine zweijährige Ausbildung zur
Detailhandelsassistentin EBA (Eidgenössisches Berufsattest) Textil abgeschlossen (IV-
act. 218).
A.b Gestützt auf eine BEFAS-Abklärung kam der Eingliederungsverantwortliche der IV-
Stelle zum Schluss, dass die Versicherte in der jetzigen Funktion (50 %-Pensum bei
der C._ AG) als eingegliedert zu betrachten sei. Eine Stellensuche-Odyssee wäre
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
kontraproduktiv und würde desintegrieren (Schlussbericht vom 12. November 2015, IV-
act. 263). Der Eingliederungsverantwortliche empfahl die Rentenprüfung.
A.c Mit Mitteilung vom 12. Januar 2016 (IV-act. 269) wies die IV-Stelle das Gesuch um
berufliche Massnahmen mit der Begründung, die Versicherte sei angemessen
eingegliedert, ab.
A.d Mit Vorbescheid vom 14. Januar 2016 kündigte die IV-Stelle der Versicherten an,
dass sie bei einem IV-Grad von 51 % ab dem 1. Oktober 2014 Anspruch auf eine halbe
Rente habe; aufgrund der verspäteten Anmeldung erfolge die erste Rentenzahlung per
1. Mai 2015 (IV-act. 273). Dagegen erhob die Pensionskasse A._ am 24. März 2016
einen Einwand (IV-act. 281). Zusammengefasst machte sie geltend, dass die
Versicherte keinen Anspruch auf eine IV-Rente habe.
A.e Nach weiteren Abklärungen bestätigte die IV-Stelle ihren ersten Vorbescheid mit
einem zweiten Vorbescheid vom 9. Mai 2016 (IV-act. 287). Der einzige Unterschied lag
darin, dass sie den Beginn der Arbeitsunfähigkeit neu auf September 2013 festlegte,
wes¬halb sich der Rentenbeginn auf den 1. September 2014 vorverschob; infolge der
verspäteten Anmeldung sollte die erste Rentenzahlung aber weiterhin erst per 1. Mai
2015 erfolgen.
A.f Mit Verfügung vom 2. August 2016 sprach die IV-Stelle der Versicherten wie
angekündigt ab dem 1. Mai 2015 eine halbe (ausserordentliche) IV-Rente zu (IV-act.
291).
B.
B.a Gegen diese Verfügung erhob die Pensionskasse A._ (nachfolgend:
Beschwerdeführerin) am 1. September 2016 Beschwerde (act. G 1). Sie beantragte die
Aufhebung der Verfügung und die Feststellung, dass die Versicherte keinen Anspruch
auf eine IV-Rente habe; eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die IV-Stelle
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) zurückzuweisen.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 28. September 2016 die Gutheissung der
Beschwerde (act. G 4). Eventualiter seien weitere medizinische Abklärungen
durchzuführen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.c Die Beschwerdeführerin verzichtete auf eine Replik (act. G 7).
B.d Am 15. November 2016 räumte das Versicherungsgericht der Versicherten die
Gelegenheit ein, zur Beschwerde Stellung zu nehmen und ihre Parteirechte als
Beigeladene wahrzunehmen (act. G 8). Die Rechtsvertreterin der Versicherten
beantragte am 19. Januar 2017 die Abweisung der Beschwerde (act. G 11); in
Abänderung der Verfügung sei der Versicherten rückwirkend ab 1. November 2015 eine
Viertelsrente und ab 1. Februar 2016 eine halbe Rente zuzusprechen; eventualiter sei
die Angelegenheit zu weiteren Abklärungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Die Rechtsvertreterin stellte zudem ein Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege und Rechtsverbeiständung.
B.e Die Beschwerdeführerin nahm am 17. Februar 2017 Stellung zur Vernehmlassung
der beigeladenen Versicherten (act. G 15).
B.f Am 27. Februar 2017 bewilligte das Gericht das Gesuch der beigeladenen
Versicherten um unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und
Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung) für das Verfahren vor dem
Versicherungsgericht (act. G 16).
B.g Am 25. Juni 2018 teilte das Gericht den Parteien und der beigeladenen
Versicherten mit (act. G 18), dass es in drei aktuellen Entscheiden eine
Bindungswirkung der Entscheide der Invalidenversicherung für berufliche
Vorsorgeeinrichtungen entgegen der bundesgerichtlichen Rechtsprechung verneint
und mangels Beschwerdelegitimation der Vorsorgeeinrichtungen nicht auf die
Beschwerden eingetreten sei. Das Gericht bat die Angeschriebenen, zur
Beschwerdelegitimation der Beschwerdeführerin im vorliegenden Verfahren Stellung zu
nehmen.
B.h Die Beschwerdegegnerin bezeichnete die dargelegte kantonale Praxis als
überzeugend und beantragte, mangels Legitimation der Beschwerdeführerin nicht auf
die Beschwerde einzutreten (act. G 19).
B.i Die Rechtsvertreterin der beigeladenen Versicherten führte in ihrer Stellungnahme
vom 26. Juli 2018 aus (act. G 20), dass die Rechtsprechung des Versicherungsgerichts
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Hinblick auf eine allfällige Praxisänderung des Bundesgerichts interessant und
prüfenswert sei.
B.j Die Beschwerdeführerin hingegen erklärte am 16. August 2018 (act. G 21), dass die
Ausführungen des Gerichts nicht nachvollziehbar seien, zumal die kantonale Praxis
nicht der bundesgerichtlichen Rechtsprechung entspreche. Das Gericht habe in den
zitierten Entscheiden nicht substantiiert dargelegt, aus welchem Grund die
Bindungswirkung nicht gegeben sein sollte: In der Praxis hätten die meisten
Vorsorgeeinrichtungen keinen eigenen (von der Invalidenversicherung abweichenden)
Invaliditätsbegriff gewählt. Auch der Rentenbeginn sei in den meisten Fällen der
Gleiche wie in der Invalidenversicherung. Bei der Anwendbarkeit der gemischten
Methode sei die Bindungswirkung ausgeschlossen. Ausserdem habe das Gericht
vergessen, dass das Akteneinsichtsrecht nur vor der Rechtskraft des Entscheides der
Invalidenversicherung und damit vor der Bindung an den Entscheid der IV Sinn mache.
Die Beschwerdelegitimation der Vorsorgeeinrichtung ergebe sich schliesslich direkt aus
dem Gesetz: Der Wortlaut des Art. 49 Abs. 4 ATSG zeige, dass die Vorsorgeeinrichtung
vom Entscheid der Invalidenversicherung tangiert sei, sodass ein schutzwürdiges
Interesse und damit auch die Beschwerdelegitimation zu bejahen seien. In Art. 73bis
Abs. 2 lit. f IVV sei festgehalten, dass der Vorbescheid insbesondere der zuständigen
Einrichtung der beruflichen Vorsorge, sofern die Verfügung deren Leistungspflicht nach
Art. 66 Abs. 2 und 70 ATSG berühre, zuzustellen sei. Und in Art. 73ter IVV werde klar
festgehalten, dass die in Art. 73bis Abs. 2 aufgezählten Parteien Einwände zum
Vorbescheid vorbringen könnten. Damit stehe fest, dass eine Bindungswirkung
bestehe. Im Übrigen sei aus verfahrensrechtlicher Sicht nicht nachvollziehbar, aus
welchem Grund vorliegend zwei Schriftenwechsel durchgeführt worden seien und nun
ein Nichteintreten in Aussicht gestellt werde. Auch sei dem Umstand Rechnung zu
tragen, dass die Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort die Anträge und
Ausführungen der Beschwerdeführerin anerkannt habe. Ein Nichteintreten hätte zur
Folge, dass das Verfahren unnötig in die Länge gezogen werden würde.

Erwägungen
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.1 Zur Erhebung einer Beschwerde gegen eine Verfügung einer IV-Stelle ist laut dem
Art. 59 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG, SR 830.1) berechtigt, wer durch die angefochtene Verfügung berührt ist und ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat. Praxisgemäss wird
die Beschwerdelegitimation bejaht, wenn ein praktisches oder rechtliches Interesse an
der Aufhebung oder Änderung der Verfügung geltend gemacht werden kann. Ein
solches Interesse ist gegeben, wenn die (allfällige) Gutheissung der Beschwerde einen
Nachteil wirtschaftlicher, ideeller, materieller oder anderweitiger Natur vermeidet, wobei
die beschwerdeführende Partei durch die angefochtene Verfügung stärker als
jedermann betroffen sein und in einer besonderen, beachtenswerten, nahen Beziehung
zur Streitsache stehen muss (vgl. etwa UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Auflage,
Zürich 2015, N 9 f. zu Art. 59 mit Hinweisen).
1.2 Entgegen der anderslautenden Praxis des Bundesgerichtes (vgl. etwa BGE 132 V 1
oder das Urteil vom 9. Juni 2015, 9C_66/2015 E. 1.3) geht das Versicherungsgericht
des Kantons St. Gallen davon aus, dass keine gesetzliche Grundlage für eine Bindung
der beruflichen Vorsorgeeinrichtung an eine Verfügung der IV-Stelle existiert. Zwar
heisst es in den Art. 23 f. BVG, dass der Invaliditätsgrad „im Sinne der
Invalidenversicherung“ massgebend sei, und in Art. 26 BVG, dass sich der
Rentenbeginn nach den Bestimmungen des IVG richte, aber damit lässt sich jene
strikte Bindungswirkung, wie sie das Bundesgericht postuliert, nicht begründen. Aus
der Botschaft des Bundesrates zum BVG vom 19. Dezember 1975 (BBl 1976 I 149 ff.)
geht hervor, dass der Gesetzgeber mit den erwähnten Formulierungen nur eine
Reduktion des Sachverhaltsabklärungsaufwandes der beruflichen
Vorsorgeeinrichtungen angestrebt hat. Zwar hat er festgehalten, dass der Begriff der
Invalidität in der beruflichen Vorsorge und in der IV der Gleiche sei (BBl 1976 I 149 ff.,
232). Ihm ist aber bewusst gewesen, dass die Invaliditätsdefinition sowie der
Rentenbeginn in der beruflichen Vorsorge in zahlreichen Fallkonstellationen von der
Invaliditätsdefinition und dem Rentenbeginn in der Invalidenversicherung abweichen
können (reglementarische, vom Gesetz abweichende Invaliditätsdefinitionen,
Teilerwerbstätigkeit, Aufschub der Rente bei Vorhandensein einer
Krankentaggeldversicherung, verspätete Anmeldung etc.; vgl. BBl 1976 I 232). Der
Gesetzgeber hat also gar keine einheitliche Sachverhaltswürdigung angestrebt (die eine
Bindungswirkung erfordert hätte), sondern nur die Sachverhaltsabklärung erleichtern
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wollen. Diese Erleichterung wird bereits erreicht, wenn die berufliche
Vorsorgeeinrichtung die Akten der Invalidenversicherung einsehen kann. Dafür braucht
es keine Bindungswirkung. In der Lehre ist deshalb schon vor zehn Jahren die Ansicht
vertreten worden, die angebliche positiv-rechtliche Verankerung der Bindungswirkung
könne „offensichtlich“ nicht aus den Art. 23 ff. BVG abgeleitet werden (UELI KIESER,
Zur Bindungswirkung der Invaliditätsschätzungen unter den
Sozialversicherungszweigen, in: Sozialversicherungsrechtstagung 2008, S. 74 f.); die
Praxis des Bundesgerichtes sei von Beginn weg unausgegoren gewesen und führe nur
zu Konfusionen im Bereich des koordinationsrechtlichen Beschwerderechtes (FRANZ
SCHLAURI, Koordinationsfragen in der Unfallversicherung – de lege lata und ferenda,
in: SZS 2008, S. 234 f.).
1.3 Zudem ist die Annahme, der BV-Gesetzgeber habe im BVG den IV-Stellen
irgendwelche Pflichten auferlegen wollen, unhaltbar. Wenn der Gesetzgeber die IV-
Stellen hätte in die Pflicht nehmen wollen, hätte er entsprechende Bestimmungen ins
IVG eingefügt, wie er dies beispielsweise bezüglich den Ergänzungsleistungen getan
hat (vgl. Art. 57 Abs. 2 IVG i.V.m. Art. 41 Abs. 1 lit. k IVV). Eine gesetzliche Grundlage
für die vom Bundesgericht postulierte Bindungswirkung kann auch nicht im Art. 49
Abs. 4 ATSG erblickt werden, der die IV-Stellen verpflichtet, ihre Verfügungen auch
jenen anderen Sozialversicherungsträgern zu eröffnen, deren Leistungspflicht von der
IV-Verfügung tangiert wird, denn diese Pflicht bezieht sich augenscheinlich auf die
intersystemische Leistungskoordination (Art. 64 ff. ATSG); sie enthält keinen Hinweis
auf eine Bindungswirkung zwischen den Sozialversicherungsträgern (dasselbe gilt für
den von der Beschwerdegegnerin erwähnten Art. 73bis Abs. 2 lit. f IVV bezüglich der
Zustellung des IV-Vorbescheids, der sich sogar ausdrücklich auf Art. 66 Abs. 2 und Art.
70 ATSG bezieht). Im Übrigen erklärt das BVG das ATSG nicht als anwendbar (vgl. Art.
2 ATSG). Wenn es selbst zwischen zwei dem ATSG unterstellten
Sozialversicherungsträgern keine Bindungswirkung gibt (vgl. BGE 131 V 362 und BGE
133 V 549 betreffend das Verhältnis zwischen der Invaliden- und der
Unfallversicherung), kann es erst recht keine Bindungswirkung zwischen einem dem
ATSG unterstellten und einem nicht dem ATSG unterstellten Sozialversicherungsträger
geben. Daran ändert das Streben nach einem einheitlichen Invaliditätsbegriff nichts,
das vom Bundesgericht für das Verhältnis zwischen der Invalidenversicherung und der
beruflichen Vorsorge nach wie vor als Begründung für eine angebliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bindungswirkung angeführt wird, obwohl die Art. 7 f. und 16 ATSG im
Anwendungsbereich des BVG nicht massgebend sind. Die Einheitlichkeit des
Invaliditätsbegriffs kann nicht über eine Bindungswirkung und damit einhergehend über
ein Beschwerderecht der beruflichen Vorsorge im Invalidenversicherungsverfahren
erreicht werden, sondern muss auf einem anderen Weg gewährleistet werden.
Naheliegend wäre beispielsweise die Harmonisierung mittels administrativer
Weisungen betreffend die Zusammenarbeit der Unfall-, der Invaliden-, der Militär- und
der beruflichen Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung. Offensichtlich ist
aber kein Sozialversicherungszweig von Gesetzes wegen verpflichtet, auf die
Invaliditätsschätzung eines anderen Sozialversicherungszweigs Rücksicht zu nehmen
(vgl. dazu den Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 20.
November 2007, IV 2006/68 E. 1h).
1.4 Wenn es eine Bindungswirkung gäbe, wie das Bundesgericht annimmt, müsste
auch eine generelle Regel betreffend das verfahrensrechtliche Vorgehen der IV-Stellen
und der beruflichen Vorsorgeeinrichtungen existieren. Augenscheinlich kann eine
Vorsorgeeinrichtung nämlich nicht auf das Dispositiv einer (rechtsgestaltenden)
Rentenverfügung einer IV-Stelle abstellen, denn dieses lautet auf einen bestimmten
Frankenbetrag, der ab einem bestimmten Datum monatlich geschuldet ist. Nur in der
Verfügungsbegründung kann eine Vorsorgeeinrichtung Angaben zum Invaliditätsgrad
und zum Eintritt der relevanten Arbeitsunfähigkeit finden. Eine Verfügungsbegründung
wird aber rechtsprechungsgemäss nie formell rechtskräftig und damit auch nie direkt
verbindlich. Folglich kann eine Verfügungsbegründung per se keine Bindungswirkung
entfalten. Gäbe es eine Bindungswirkung zwischen der Invalidenversicherung und der
beruflichen Vorsorge, dann müssten einzelne Teile der Begründung einer IV-
Rentenverfügung – nämlich der Invaliditätsgrad und der Beginn der relevanten
Arbeitsunfähigkeit – verbindlich werden können. Das wäre verfahrensrechtlich nur in
Form von entsprechenden Feststellungsverfügungen (vgl. Art. 49 Abs. 2 ATSG)
möglich. An diesen Feststellungsverfügungen könnten nur die beruflichen
Vorsorgeeinrichtungen und die beruflich vorsorgeversicherten Personen ein
schützenswertes Interesse haben, da diese einen massgeblichen Einfluss auf die
Invalidenleistungen der beruflichen Vorsorge hätten; im IV-Verfahren bestünde dagegen
kein schützenswertes Interesse an solchen Feststellungen, da für die versicherte
Person und die IV-Stelle natürlich nur das rechtsgestaltende Dispositiv der Verfügung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend die Leistungen der Invalidenversicherung massgebend ist. Die Existenz einer
Bindungswirkung würde also zwingend eine Pflicht der Invalidenversicherung
voraussetzen, Feststellungsverfügungen über den Invaliditätsgrad und über den Beginn
der relevanten Arbeitsunfähigkeit ausschliesslich zuhanden der möglicherweise
leistungspflichtigen beruflichen Vorsorgeeinrichtungen und der beruflich
vorsorgeversicherten Personen zu erlassen. Diese Feststellungsverfügungen würden es
den beruflichen Vorsorgeeinrichtungen und den beruflich vorsorgeversicherten
Personen erlauben, in einem IV-Verfahren respektive in einem IV-Beschwerdeverfahren
über Sachverhaltswürdigungen zu streiten, die nur für das Verhältnis zwischen der
beruflichen Vorsorgeeinrichtung und der beruflich vorsorgeversicherten Person
massgebend wären. Hätte der Gesetzgeber dies tatsächlich gewollt, hätte er eine
generelle Pflicht der IV-Stellen zum Erlass solcher Feststellungsverfügungen
vorgesehen. Nur solche Feststellungsverfügungen könnten es nämlich der versicherten
Person und der beruflichen Vorsorgeeinrichtung ermöglichen, im IV-
Beschwerdeverfahren über jene Tatbestandselemente zu streiten, die dann später im
Verfahren betreffend die berufsvorsorgerechtlichen Leistungen massgebend wären. Im
BVG-Verfahren wäre es dagegen nicht mehr zulässig, über jene Tatbestandselemente
zu streiten. Worin der Vorteil einer solchen verfahrensrechtlich verworrenen Lösung
liegen sollte, ist nicht ersichtlich. Obwohl das Bundesgericht die Beibehaltung
respektive die Aufgabe seiner Praxis zur angeblichen Bindungswirkung wiederholt
geprüft hat, hat es sich bislang – soweit überblickbar – noch nicht eingehend mit den
verfahrensrechtlichen Konsequenzen seiner Rechtsprechung auseinandergesetzt. Es
handelt sich dabei um neue Gesichtspunkte und damit um eine bessere Erkenntnis des
geltenden Rechts, womit die Voraussetzungen für eine Rechtsprechungsänderung (vgl.
BGE 137 V 282 E. 4.2 mit zahlreichen Hinweisen) erfüllt sind. Das Versicherungsgericht
des Kantons St. Gallen hat deshalb in seinem (formell rechtskräftigen) Urteil IV
2015/154 vom 23. August 2017 (SVR 2018 IV Nr. 40 S. 126 ff.) die Existenz der vom
Bundesgericht postulierten Bindungswirkung zwischen der Invalidenversicherung und
der beruflichen Vorsorgeeinrichtung verneint (zum Ganzen: Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 27. April 2018, IV 2016/ 52 E. 1.2
ff.). Diesen Entscheid hat es in seinen Urteilen vom 27. April 2018 IV 2016/46
(rechtskräftig) und IV 2016/52 (beim Bundesgericht angefochten) bestätigt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.5 Die Beschwerdeführerin hat grundsätzlich zu Recht eingewendet, es sei aus
verfahrensrechtlicher Sicht nicht nachvollziehbar, dass zwei Schriftenwechsel
durchgeführt und dann ein Nichteintreten in Aussicht gestellt worden sei. Der Grund
dafür liegt darin, dass das Versicherungsgericht seine Praxis mit dem Entscheid IV
2015/154 vom 23. August 2017 geändert hat. Der Schriftenwechsel im vorliegenden
Verfahren ist bereits im Februar 2017 und somit noch vor der Einführung der
Praxisänderung abgeschlossen worden. Die Verfahrensleitung hat die zukünftige
Praxisänderung zum damaligen Zeitpunkt nicht vorhersehen können. Dass die
Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort die Gutheissung der Beschwerde
beantragt hat, ändert nichts daran, dass die bundesgerichtliche Rechtsprechung zur
Bindungswirkung aufgrund der besseren Erkenntnis des geltenden Rechts nicht länger
haltbar ist. Das Gericht ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. d
ATSG). Auch eine allfällige längere Verfahrensdauer muss akzeptiert werden, wenn es,
wie im vorliegenden Fall, gute Gründe für eine Änderung der Rechtsprechung gibt.
2.
Das Begehren der Beschwerdeführerin scheint sich vorliegend nur auf den ersten Blick
gegen die Verfügung vom 2. August 2016 zu richten. Die Beschwerdeführerin kann
nämlich gar kein schützenswertes Interesse in Bezug auf das allein massgebende
Dispositiv jener Verfügung − die Zusprache einer monatlichen Rente von Fr. 784.-- mit
Wirkung ab dem 1. Mai 2015 − haben, denn ihre Leistungspflicht wird von den
monatlichen Rentenzahlungen der Invalidenversicherung nicht berührt. Die vorliegende
Beschwerde zielt bei näherer Betrachtung vielmehr auf eine Feststellung im Sinne des
Art. 49 Abs. 2 ATSG respektive um eine Korrektur der in der rechtsgestaltenden
Verfügung vom 2. August 2016 enthaltenen, aber nicht Teil ihres Dispositivs bildenden
Feststellung bezüglich des Invaliditätsgrades der Beigeladenen ab. Mit anderen Worten
will die Beschwerdeführerin mit ihrer Beschwerde nur erreichen, dass die
Beschwerdegegnerin eine Feststellungsverfügung mit einem tieferen Invaliditätsgrad
erlässt. Damit will sie nämlich in Anwendung der bundesgerichtlichen Praxis zur
Bindungswirkung ihre eigene Leistungspflicht ausschliessen. Die Beseitigung der
angefochtenen Verfügung vom 2. August 2016 ist lediglich ein verfahrensrechtlich
notwendiger Zwischenschritt zur Erreichung dieses Ziels. Da es aber gemäss den
obigen Ausführungen gar nicht möglich ist, eine solche bindende Feststellung zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erwirken, kann die Beschwerdeführerin keinerlei schützenswertes Interesse an der
Aufhebung der angefochtenen Verfügung vom 2. August 2016 haben, weshalb nicht
auf ihre Beschwerde eingetreten werden kann (siehe Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 27. April 2018, IV 2016/52 E. 2.1).
3.
3.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
vorliegend als angemessen. Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend ist sie
vollumfänglich der Beschwerdeführerin aufzuerlegen. Die Kosten sind durch den von
ihr geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 600.-- gedeckt.
3.2 Die anwaltlich vertretene Beigeladene hat einen Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Die Rechtsvertreterin der Beigeladenen hat zwei Stellungnahmen
verfasst, eine zum materiellen Anspruch der Beigeladenen auf eine Invalidenrente der
IV und eine(kurze) zur Eintretensfrage. Der Vertretungsaufwand ist somit kleiner
gewesen als in einem durchschnittlichen IV-Rentenfall. Die Parteientschädigung wird
deshalb ermessensweise auf Fr. 2'000.-- zulasten der unterliegenden
Beschwerdeführerin festgesetzt (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer).