Decision ID: 401cdbee-6842-5532-a7d4-a744aa52acbf
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ war beim B._ mit einem Beschäftigungsgrad von 60% als Z._ angestellt
und dadurch bei der SWICA Versicherungen AG (nachfolgend: die SWICA)
obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen und Berufskrankheiten versichert, als sie
am 21. November 2011 Opfer häuslicher Gewalt wurde. Ihr damaliger Ehegatte habe
versucht sie umzubringen (Unfallmeldung vom 28. November 2011, UV-act. 2). Die
SWICA übernahm die Kosten der Heilbehandlung und erbrachte Taggeldleistungen
(siehe etwa UV-act. 4). Der behandelnde Dr. med. C._, Facharzt für
Allgemeinmedizin, diagnostizierte multiple Kontusionen und eine reaktive depressive
Entwicklung nach häuslicher Gewalt (Tötungsversuch). Bis auf weiteres sei die
Versicherte zu 100% arbeitsunfähig (Bericht vom 7. Dezember 2011, UV-act. 9). Am
9. März 2012 berichtete er, die Versicherte habe ihre Arbeit wieder aufnehmen können,
was ihr guttue. Weiterhin würden Psyche und Schlaf medikamentös unterstützt.
Psychologische Beratungen fänden wöchentlich und hausärztliche Konsultationen
zweiwöchentlich statt (UV-act. 23). Mit Verfügung vom 2. Juli 2012 ordnete die SWICA
die Einstellung der Heilbehandlungen und Kostenvergütungen per 30. Juni 2012 an. Sie
vertrat den Standpunkt, dass der Vorfall vom 21. November 2011 zwar eine
Traumatisierung hervorgerufen habe, das Ereignis aber nicht die vom Bundesgericht
geforderte Intensität erreicht habe, um einen dauerhaften, erheblichen psychischen
Gesundheitsschaden hervorzurufen. Es müsse davon ausgegangen werden, dass
7 Monate nach dem Ereignis die Traumatisierung überwunden sei (UV-act. 46).
Dagegen erhob die Versicherte am 25. Juli 2012 Einsprache (UV-act. 48; zur
A.a.
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ergänzenden Begründung vom 28. September 2012 siehe UV-act. 56). Das
Einspracheverfahren wurde bis zum Abschluss des Strafverfahrens sistiert (UV-act. 61).
Mit Entscheid vom 15. Februar 2013 sprach das Kreisgericht D._ den Ehegatten
der Versicherten der versuchten vorsätzlichen Tötung und der sexuellen Nötigung
schuldig (UV-act. 64). Das Kantonsgericht St. Gallen, bei dem im Berufungsverfahren
der Schuldspruch der sexuellen Nötigung nicht angefochten war (E. 4 des Entscheids,
UV-act. 65-5), bestätigte den Schuldspruch der versuchten vorsätzlichen Tötung
(Entscheid vom 12. November 2014, ST.2013.62-SK3, UV-act. 65). Dieser Entscheid
erwuchs in Rechtskraft (E. 3 des Entscheids, UV-act. 65-5).
A.b.
Dr. C._ reichte der SWICA am 25. März 2015 eine Übersicht über die in der Zeit
nach 1. Juli 2012 jeweils vorübergehend bescheinigten teilweisen und vollständigen
Arbeitsunfähigkeiten ein (UV-act. 81). Im Austrittsbericht vom 27. März 2015
berichteten die medizinischen Fachpersonen der Klinik E._ über die vom 3. Februar
bis 4. März 2015 erfolgte stationäre psychosomatische Rehabilitation der Versicherten.
Sie diagnostizierten eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F32.1) und eine
posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1). Es hätten eine Verbesserung der
Konzentration und Merkfähigkeit, eine Remission der Flashbacks und der
generalisierten Angst sowie eine starke Remission der depressiven Symptomatik erzielt
werden können. Die medizinischen Fachpersonen der Klinik E._ empfahlen einen
langsamen, schonenden beruflichen Wiedereinstieg mit einem Belastungspensum von
40% Wochenarbeitszeit anstelle des aktuell vereinbarten 80%igen
Beschäftigungsgrads (UV-act. 83; zum 80%igen Arbeitspensum siehe die
Arbeitsplatzbestätigung vom 22. April 2015, UV-act. 87-8).
A.c.
Am 24. April 2015 widerrief die SWICA die Verfügung vom 2. Juli 2012 und
erbrachte rückwirkend ab 1. Juli 2012 weitere Leistungen (Übernahme
Heilbehandlungskosten und Taggelder, UV-act. 85 und UV-act. 94). Die in der Praxis
von Dr. med. F._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, behandelnde G._,
Psychotherapeutin, gab im Bericht vom 31. August/15. September 2015 an, die
Versicherte leide aktuell an einer leichten depressiven Episode (ICD-10: F32.0) und
einer posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10: F43.1). Im Vordergrund stehe die
depressive Symptomatik, die sich langsam verbessere. Trotz der offiziellen
A.d.
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Ehescheidung und des oberflächlichen ersten Eindrucks von Erleichterung habe die
Versicherte noch starke Verfolgungsangst gegenüber ihrem Ex-Ehegatten. Sie habe
eine starke Schreckhaftigkeit entwickelt, was sie bedrücke und verhindere, im Alltag
normal zu funktionieren. Es könne bloss noch mit einer kleinen, nicht jedoch namhaften
Besserung der Gesundheitsschädigung gerechnet werden (UV-act. 115).
Im Auftrag der SWICA wurde die Versicherte am 4. und 18. Januar 2016 von med.
pract. H._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, begutachtet. Die
Gutachterin diagnostizierte: eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig
leichte Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F33.01); eine posttraumatische
Belastungsstörung, Teilsymptome erfüllt (ICD-10: F43.1), und eine
Persönlichkeitsakzentuierung mit abhängigen und emotional instabilen Zügen (ICD-10:
Z73.1). Die Persönlichkeitsakzentuierung habe bereits vor dem Unfallereignis
bestanden. Eine zumindest vorübergehende unfallbedingte Intensivierung sei nicht mit
hinreichend hoher Wahrscheinlichkeit belegt. Medizinisch-theoretisch erscheine es
überwiegend wahrscheinlich, dass das Unfallereignis Ursache für die Verschlimmerung
der depressiven Störung gewesen sei, auch wenn in der Folge psychosoziale
Belastungen die Erkrankung negativ beeinflusst und aufrechterhalten hätten. Unter
Berücksichtigung der Schwere des Trauma-Ereignisses, des Störungsverlaufs mit der
typischen Symptomlatenz und der aktuell vorhandenen Symptome sei aus
psychiatrischer Sicht davon auszugehen, dass die posttraumatische
Belastungsstörung mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in kausalem Zusammenhang mit
dem Gewaltdelikt stehe. Wegen des rezidivierenden Krankheitsverlaufs der
depressiven Störung sei nicht mit ausreichender Sicherheit prognostizierbar, wann eine
durch das Ereignis vom 21. November 2011 verursachte Verschlimmerung abgeheilt
sein werde bzw. wann der Status quo mit dauerhaft anhaltender Stabilisierung
eintreten werde. Das bisherige psychiatrische, psychopharmakologische und
psychotherapeutische Behandlungssetting solle langfristig fortgesetzt werden, da die
Prognose für eine weitere Stabilisierung angesichts des bisherigen
Behandlungsverlaufs und der rein theoretisch guten Behandelbarkeit der depressiven
und posttraumatischen Störung trotz der Persönlichkeitsakzentuierung der
Versicherten günstig sei (Gutachten vom 31. März 2016, UV-act. 134, insbesondere
S. 10 ff.).
A.e.
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Die behandelnde Psychotherapeutin und Dr. F._ bescheinigten der Versicherten
in der Folgezeit eine 50%ige Arbeitsfähigkeit (siehe etwa die Berichte vom 21./28. März
2017, UV-act. 154, und vom 9./15. Mai 2017, UV-act. 158).
A.f.
Am 28. November 2017 erstattete Dr. med. I._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, der SWICA ein Gutachten über den Gesundheitszustand und die
Arbeitsfähigkeit der Versicherten. Die persönliche Untersuchung der Versicherten hatte
am 15. September 2017 stattgefunden. Dr. I._ diagnostizierte eine rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10:
F33.00). Diese führe zu einer Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit. Die weiteren von
ihm gestellten Diagnosen (kombinierte akzentuierte Persönlichkeitszüge mit
abhängigen und emotional instabilen Anteilen [ICD-10: Z73.1] und Status nach
posttraumatischer Belastungsstörung [ICD-10: F43.1]) würden die Arbeitsfähigkeit nicht
beeinträchtigen. Das Ereignis vom 21. November 2011 sei überwiegend wahrscheinlich
die Mitursache der Gesundheitsstörung einer posttraumatischen Belastungsstörung,
allerdings nicht einer Depression. Der Status quo sine vel ante sei erreicht. Bis zum
Ereignis vom 21. November 2011 sei die Versicherte trotz grosser Belastung im
privaten und beruflichen Leben nie ernsthaft psychisch oder körperlich krank gewesen.
Seit Sommer 2016 habe sich die depressive Symptomatik von mittelgradig auf
leichtgradig vermindert. Die Symptome der Traumatisierung seien nicht mehr
ausgeprägt. In den Akten werde die Schwere der Depression in unterschiedlichem
Ausmass beschrieben, wobei die Entwicklung einer depressiven Episode nicht
eindeutig auf das Ereignis vom 21. November 2011 zurückgeführt werden könne, da
sich in der Folge erhebliche psychosoziale Belastungen ergeben hätten, die in der
Gesamtheit die Entwicklung einer depressiven Episode begünstigt hätten. Die
depressive Episode sei zwischenzeitlich auch remittiert, weswegen von einer
rezidivierenden depressiven Störung auszugehen sei. Die gegenwärtige leichtgradig
ausgeprägte depressive Episode sei also nicht eindeutig auf das Ereignis vom
21. November 2011 zurückzuführen. Die Symptome einer posttraumatischen
Belastungsstörung seien mittlerweile abgeklungen. Die von der Versicherten
angegebenen Beschwerden über ihre Ängste, dass sie von ihrem Ex-Ehemann
überfallen werden könnte, könnten bei aktuell fehlender Angabe von Albträumen und
fehlenden Flashbacks auch im Rahmen einer normalen psychologischen Reaktion
A.g.
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interpretiert werden. Der Status quo sine vel ante sei spätestens seit der Untersuchung
vom 15. September 2017 erreicht. Es bestünden seit dem 15. September 2017 in
Bezug auf ein 100%iges Arbeitspensum keine unfallbedingten Einschränkungen der
Arbeitsfähigkeit mehr. Aus krankheitsbedingten Gründen (leichtgradige depressive
Episode) bestehe bezogen auf ein 100%iges Arbeitspensum eine Einschränkung von
höchstens 20% (UV-act. 166).
Mit Schreiben vom 6. April 2018 zeigte die SWICA der Versicherten die Einstellung
der Kostenübernahme für die Heilbehandlung und der Taggeldleistungen auf den
16. September 2017 an (UV-act. 169). In der Stellungnahme vom 8. Juni 2018 machte
die Versicherte geltend, es bestehe weiterhin ein Anspruch auf
unfallversicherungsrechtliche Leistungen (UV-act. 178). Zudem reichte sie das von der
IV-Stelle des Kantons St. Gallen in Auftrag gegebene psychiatrische Gutachten von
Dr. med. J._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 8. Januar 2018 ein.
Darin hatte die Gutachterin folgende Diagnosen gestellt, denen sie eine Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit beigemessen hatte: 1. eine rezidivierende depressive Störung,
derzeit leicht- bis mittelgradig depressive Episode (ICD-10: F33.0/F33.1); 2. eine
posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) und 3. akzentuierte
Persönlichkeitszüge mit ängstlich abhängigen Anteilen (ICD-10: Z73.1). Die
Entwicklung einer depressiven Störung könne nicht losgelöst von dem Ereignis vom
21. November 2011 gesehen werden. Sie sei als Komorbidität der bestehenden
posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) zu betrachten. Die Entwicklung
einer posttraumatischen Belastungsstörung mit protrahiertem Verlauf werde durch
prämorbide Persönlichkeitsfaktoren im Sinn von akzentuierten Persönlichkeitszügen
mit ängstlich abhängigen Anteilen (ICD-10: Z73.1) verstärkt. Psychosoziale oder sozio-
kulturelle Belastungsfaktoren seien nicht Ursache der Gesundheitsschädigung und
würden deren Schwere nicht bestimmen. Es handle sich vorliegend um eine
tiefgreifende psychische Erkrankung, die schon vor den aktuellen psychosozialen
Problemen (finanzielle Situation) bestanden habe. Die rezidivierende depressive
Störung stehe im Zusammenhang einerseits mit den akzentuierten
Persönlichkeitszügen, andererseits mit der posttraumatischen Belastungsstörung. Der
Eintritt der Gesundheitsschädigung müsse mit der Traumatisierung am 21. November
2011 festgelegt werden. Im Rahmen der therapeutischen Fortschritte gelinge es der
A.h.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
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B.
Versicherten, ihr Aktivitätsniveau wieder auf- und auszubauen, wobei dieses nicht als
stabil erachtet werden könne, da sie weiterhin Schwankungen unterliege, bedingt
durch ihren schwankenden affektiven Zustand. Für die als angepasst zu betrachtende
angestammte Tätigkeit als Z._ verfüge die Versicherte über eine 60%ige
Arbeitsfähigkeit. Die Fortführung der integrierten psychiatrisch-psychotherapeutischen
und psychopharmakotherapeutischen sowie störungsspezifischen
psychotherapeutischen Behandlungen sei dringend weiter indiziert. Sie diene der
weiteren Stabilisierung und Prophylaxe einer erneuten schweren psychischen
Dekompensation (UV-act. 177).
Mit Verfügung vom 13. August 2018 sprach der Kanton St. Gallen der Versicherten
eine Genugtuung nach Opferhilfegesetz in der Höhe von Fr. 15'000.-- zu (vgl. UV-
act. 182).
A.i.
Am 19. November 2018 verfügte die SWICA die Einstellung ihrer Leistungspflicht.
Es bestehe kein Leistungsanspruch mehr für Heilbehandlung, Kostenvergütungen und
Taggeld. Gemäss Beurteilung von Dr. I._ sei anzunehmen, dass die Versicherte auch
ohne das Unfallereignis die depressive Störung im aktuellen Ausmass entwickelt haben
würde und dass der Status quo sine vel ante spätestens seit der Untersuchung vom
15. September 2017 erreicht worden sei. Die Symptome einer posttraumatischen
Belastungsstörung seien abgeklungen (UV-act. 183).
A.j.
Dagegen erhob die Versicherte am 21. Dezember 2018 Einsprache. Sie ersuchte
die Einsprachegegnerin, die Leistungspflicht über den 16. September 2017 hinaus
anzuerkennen. Im Wesentlichen machte sie geltend, es sei in keiner Art und Weise mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt, dass die
fortbestehenden psychischen Beeinträchtigungen nicht mehr auf den Unfall
zurückzuführen seien (UV-act. 190; zur ergänzenden Begründung vom 21. Januar 2019
siehe UV-act. 195).
B.a.
Die Einsprachegegnerin wies die Einsprache ab. Sie verneinte sowohl eine
natürliche als auch eine adäquate Kausalität zwischen dem Unfallereignis und den
weiterhin von der Einsprecherin geklagten gesundheitlichen Einschränkungen, weshalb
B.b.
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C.
diese keine unfallversicherungsrechtlichen Leistungsansprüche mehr begründen
würden (Einspracheentscheid vom 31. Juli 2019, UV-act. 202).
Gegen den Einspracheentscheid vom 31. Juli 2019 erhob die Beschwerdeführerin
am 16. September 2019 Beschwerde. Sie beantragte dessen Aufhebung und es sei die
Beschwerdegegnerin zu verpflichten, aufgrund des Unfallereignisses vom
21. November 2011 weiterhin Leistungen gemäss UVG zu erbringen; unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen. Im Wesentlichen brachte sie zur Begründung vor, dass die
fortbestehenden psychischen Beeinträchtigungen im natürlichen und adäquaten
Kausalzusammenhang mit dem Unfallereignis stünden. Diese Betrachtungsweise
decke sich mit den gutachterlichen Beurteilungen von med. pract. H._ und Dr. J._.
Die davon abweichende gutachterliche Einschätzung von Dr. I._ sei nicht
beweiskräftig (act. G 1).
C.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte in der Beschwerdeantwort vom 16. Oktober
2019 die Abweisung der Beschwerde; unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Sie
hielt an ihrer bisherigen Sichtweise fest (act. G 4).
C.b.
Am 29. Oktober 2019 entsprach das Versicherungsgericht dem Gesuch der
Beschwerdeführerin um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das
Beschwerdeverfahren (act. G 6).
C.c.
In der Replik vom 4. Februar 2020 hielt die Beschwerdeführerin unverändert an
der Beschwerde fest (act. G 12).
C.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 3. März 2020 auf eine Duplik (act. G 14).C.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen sind die
Leistungsansprüche der Beschwerdeführerin nach dem Bundesgesetz über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.20).
Anspruchsvoraussetzung für jegliche Leistungen der Unfallversicherung bildet der
Kausalzusammenhang zwischen dem geltend gemachten Schaden und einem UVG-
versicherten Ereignis (Unfall nach Art. 4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1] oder Berufskrankheit nach Art. 9
UVG, Art. 6 Abs. 1 UVG). Eine Leistungspflicht des Unfallversicherers besteht demnach
nur für Schäden, die natürlich und adäquat kausal mit einem versicherten Ereignis
zusammenhängen. Für die Beantwortung der Tatfrage nach dem Bestehen natürlicher
Kausalzusammenhänge im Bereich der Medizin ist das Gericht in der Regel auf
Angaben ärztlicher Experten oder Expertinnen angewiesen. Die Frage nach dem
adäquaten Kausalzusammenhang ist demgegenüber eine Rechtsfrage (Urteil des
Bundesgerichts vom 1. September 2008, 8C_522/2007, E. 4.3.2). Ob ein natürlicher
Kausalzusammenhang gegeben ist, beurteilt sich nach dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit;
die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines
Leistungsanspruchs nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1 mit Hinweisen).
1.1.
Ist die Unfallkausalität einmal mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt, so
entfällt die Leistungspflicht des Unfallversicherers erst dann, wenn der Unfall nicht
mehr eine natürliche und adäquate Ursache der weiterhin geklagten Beschwerden
darstellt, d.h. wenn die Beschwerden nur noch und ausschliesslich auf unfallfremden
Ursachen beruhen. Im Rahmen der Prüfung des Dahinfallens der Leistungspflicht des
Unfallversicherers genügt es mithin für die Bejahung des fortbestehenden natürlichen
Kausalzusammenhangs, wenn der Unfall für die fragliche gesundheitliche Störung
immer noch eine Teilursache darstellt. Ebenso wie der leistungsbegründende natürliche
Kausalzusammenhang muss das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von
unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens mit dem im
Sozialversicherungsrecht allgemein üblichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sein. Besteht ein krankhafter oder degenerativer
Vorzustand, entfällt die Leistungspflicht des Unfallversicherers erst, wenn entweder der
krankhafte Gesundheitszustand, wie er unmittelbar vor dem Unfall bestanden hat
1.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
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2.
Die Beschwerdegegnerin begründete die Einstellung der (vorübergehenden) Leistungen
und die Abweisung des Gesuchs weitergehender Leistungen für die Folgen der
posttraumatischen Belastungsstörung damit, dass deren Folgen mittlerweile
abgeklungen seien (UV-act. 202-6 f., Rz 3.7, und act. G 4, Rz 2.8).
(Status quo ante), oder aber derjenige Zustand, wie er sich nach dem
schicksalsmässigen Verlauf eines krankhaften oder degenerativen Vorzustands auch
ohne Unfall früher oder später eingestellt hätte (Status quo sine), erreicht ist (Urteil des
Bundesgerichts vom 9. Juli 2020, 8C_322/2020, E. 3).
Vorab ist zu bemerken, dass die natürliche Kausalität zwischen der
posttraumatischen Belastungsstörung und dem Ereignis vom 21. November 2011 in
den medizinischen Akten einhellig bejaht wird (UV-act. 134-12, UV-act. 166-42 und
UV-act. 177-21) und von der Beschwerdegegnerin auch nicht bestritten wurde.
2.1.
Entgegen der Sichtweise der Beschwerdegegnerin kann nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass im für die gerichtliche
Beurteilung massgebenden Zeitpunkt des angefochtenen Einspracheentscheids
(31. Juli 2019, UV-act. 202; BGE 138 V 535 f. E. 2.2) die posttraumatische
Belastungsstörung bzw. deren Symptomatik vollständig verschwunden waren.
2.2.
Aus dem im psychiatrischen Gutachten von Dr. J._ wiedergegebenen
Verlaufsbericht von Dr. F._ vom 14. November 2017 wurde ausgeführt, dass
«Symptome der Traumatisierung erneut leicht- bis mittelgradig ausgeprägt» (UV-
act. 177-9) und dass «Symptome der Re-Traumatisierung wieder mittelgradig
vorhanden» seien (UV-act. 177-10). Anlässlich der Begutachtung durch Dr. J._ am
12. Dezember 2017 berichtete die Beschwerdeführerin glaubhaft, an
Durchschlafstörungen mit Albträumen von Bedrohungssituationen zu leiden. Sie
schlafe bei Licht. Bei Durchschlafstörungen stehe sie auf, mache sich einen Tee, könne
häufig nicht wieder einschlafen, vor allem aus Angst vor erneuten Albträumen (UV-
act. 177-18). Die Beschwerdeführerin lebe bis heute in ständiger Alarmbereitschaft und
habe Mühe, Ruhe zu finden (UV-act. 177-21 Mitte). Die Beschwerdeführerin erlebe das
Trauma vom 21. November 2011 trotz durchgehender psychotherapeutischer
Behandlung und mehreren stationären Aufenthalten wiederholt in aufdrängenden
Erinnerungen (Nachhallerinnerungen, Flashbacks). «Sie vermeidet Aktivitäten und
Situationen, die entweder Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten, oder die
dazu mindestens in ihrer Fantasie, aber auch real nicht auszuschliessen, sie in eine
2.2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
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Situation bringen könnte, wo sie mit dem Aggressor (Täter)» zusammentreffen könne.
Es bestehe eine Furcht und sie vermeide alles, was sie an das ursprüngliche Trauma
erinnern könne. Es würden wiederholt Panikattacken auftreten. Die Beschwerdeführerin
leide weiterhin an einer Vigilanzsteigerung und ausgesprochenen Schlafstörungen,
insbesondere an Albträumen. Die posttraumatische Belastungsstörung habe einen
protrahierten Verlauf (UV-act. 177-22). Angesichts dieser Umstände und der
nachvollziehbaren Begründung von Dr. J._ (UV-act. 177-29) ist mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass im Zeitpunkt des angefochtenen
Einspracheentscheids eine posttraumatische Belastungsstörung fortbestand und deren
Symptomatik zu einer Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
führte.
Des Weiteren ergibt sich aus der überzeugend begründeten Einschätzung von
Dr. J._, dass der medizinische Endzustand der psychischen Störungen
(einschliesslich der posttraumatischen Belastungsstörung) noch nicht erreicht war. Das
Ziel der Fortführung von dringend weiter indizierten integrierten psychiatrisch-
psychotherapeutischen und psychopharmakotherapeutischen sowie
störungsspezifischen psychotherapeutischen Behandlungen sei weiterhin die
Verbesserung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit. Dabei schloss sie eine Steigerung
der Arbeits- und Leistungsfähigkeit auf 100% nicht aus (UV-act. 177-30 unten). Auch
aus den übrigen Akten ergibt sich nicht, dass der medizinische Endzustand der
posttraumatischen Belastungsstörung bzw. die darauf abzielende medizinische
Eingliederung bis zum Zeitpunkt des Erlasses des Einspracheentscheids (31. Juli 2019)
erreicht worden war. In Anbetracht dessen, dass die gesonderte Adäquanzprüfung -
insbesondere auch bei Schreckereignissen - erst im Zeitpunkt vorgenommen werden
darf, in dem von der Fortsetzung der Heilbehandlung keine namhafte Besserung des
(psychischen) Gesundheitszustands mehr zu erwarten war (Urteile des Bundesgerichts
vom 23. Mai 2016, 8C_167/2016, E. 3.1, vom 4. Juni 2013, 8C_266/2013, E. 3.1, und
vom 15. April 2014, 8C_840/2013, E. 3.1; diese Sichtweise wird auch von der
Beschwerdegegnerin vertreten, UV-act. 202-8, Rz 3.13, und UV-act. 202-9, Rz 3.14 am
Schluss), erweist sich die Einstellung der vorübergehenden Leistungen als verfrüht.
Ohnehin ist auch die adäquate Kausalität zwischen der posttraumatischen
Belastungsstörung und dem Ereignis vom 21. November 2011 zu bejahen, wie sich aus
nachfolgender Erwägung 2.3 ergibt.
2.2.2.
Die Beschwerdeführerin klagte auch anlässlich der Begutachtung durch Dr. I._,
«dass sie sich aktuell überfordert fühle und an Albträumen, Ängsten und
Panikzuständen leide. Am Tag der Untersuchung habe sie während der dreistündigen
2.2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
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Zugfahrt nach K._ Angst gehabt, dass ihr Ehemann sie verfolgt» (UV-act. 166-29
oben). Angesichts dieser Ausführungen und den Feststellungen anderer psychiatrischer
Fachpersonen (siehe vorstehende E. 2.2.1) leuchtet die Aussage von Dr. I._ nicht ein,
dass keine Zeichen von «Flashbacks» und «keine Träume» bestünden (UV-act. 166-39),
und es bestehen auch erhebliche Zweifel an dessen Einschätzung, wonach die
posttraumatische Belastungsstörung weitgehend remittiert sei (UV-act. 166-41).
Vorliegend ist offenkundig und unbestritten, dass der Vorfall vom 21. November
2011 den Unfallbegriff erfüllt und ein Schreckereignis darstellt (UV-act. 202-5, Rz 3.2,
und UV-act. 202-9, Rz 3.15; siehe auch nachstehende E. 2.3.4), der eine darauf
zugeschnittene Adäquanzprüfung erfordert.
2.3.
Die körperlichen Schäden, welche die Beschwerdeführerin am 21. November
2011 erlitt, waren oberflächlich (etwa Hämatome und Oberhautdefekte, UV-act. 60-4
Mitte). Diesen somatischen Folgen kommt vorliegend offensichtlich lediglich
untergeordnete Bedeutung zu. Im Vordergrund stehen die durch das Schreckereignis
verursachten psychischen Beeinträchtigungen, weshalb sich die Adäquanzprüfung
ausschliesslich nach der für Schreckereignisse massgebenden Formel «gewöhnlicher
Lauf der Dinge und allgemeine Lebenserfahrung» zu richten hat (Urteil des
Bundesgerichts vom 30. November 2016, 8C_298/2016, E. 4.3).
2.3.1.
Bei der Adäquanzprüfung ist gemäss Rechtsprechung nicht allein auf psychisch
gesunde Versicherte, sondern auf eine weite Bandbreite der Versicherten abzustellen.
In diesem Rahmen bilden auch solche Versicherte Bezugspersonen für die
Adäquanzbeurteilung, welche im Hinblick auf die erlebnismässige Verarbeitung eines
Unfalles zu einer Gruppe mit erhöhtem Risiko gehören, weil sie aus
versicherungsmässiger Sicht auf einen Unfall nicht «optimal» reagieren. Daraus ergibt
sich, dass für die Beurteilung der Frage, ob ein konkretes Unfallereignis zumindest als
Teilursache nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen
Lebenserfahrung geeignet ist, zu einer bestimmten psychischen Schädigung zu führen,
kein allzu strenger, sondern ein realitätsgerechter Massstab angelegt werden muss
(Urteil des Bundesgerichts vom 27. September 2018, 8C_847/2017, E. 2.2 mit
Hinweisen).
2.3.2.
Ob zwischen einem Schreckereignis und den psychischen Störungen ein
adäquater Kausalzusammenhang besteht, ist eine Wertungsgesichtspunkten
unterliegende Rechtsfrage. An einen adäquaten Kausalzusammenhang zwischen dem
Schreckereignis und den nachfolgenden psychischen Beschwerden werden hohe
Anforderungen gestellt. Dabei stehen insbesondere der Beweis der Tatsachen, die das
2.3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
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Schreckereignis ausgelöst haben, und die Aussergewöhnlichkeit des fraglichen
Ereignisses sowie der entsprechende psychische Schock im Vordergrund (Urteil des
Bundesgerichts vom 27. September 2018, 8C_847/2017, E. 2.3 mit Hinweisen).
Der damalige für die Beschwerdeführerin unerwartete gewalttätige Angriff des
erbarmungslos wütenden und jeglicher Beschwichtigung bzw. jeglichen
Deeskalationsversuchen unzugänglichen Ex-Ehegatten zielte auf die Vernichtung ihrer
körperlichen und psychischen Integrität ab und erfolgte zudem in einer das Opfer auf
das Gröbste verbal, körperlich und sexuell entwürdigenden Art und Weise. Die von der
Beschwerdeführerin durchlebte Todesangst, die zeitweise beinahe das Bewusstsein
verlor, war begründet und die Annahme des baldigen Ablebens naheliegend. Lediglich
unter Aufbietung letzter verbliebener Kräfte vermochte sich die Beschwerdeführerin in
höchster Not aus der ernsthaften, unmittelbaren, vom kräftemässig überlegenen Täter
ausgehenden Todesgefahr zu befreien (siehe etwa den Entscheid des Kantonsgerichts
vom 12. November 2014, ST.2013.62-SK3, UV-act. 65, insbesondere E. 5.b und E. 6.b;
siehe auch die Anklageschrift vom 4. Oktober 2012, UV-act. 60-3 f.; siehe auch die
glaubhaften Ausführungen der Beschwerdeführerin in UV-act. 11-29 oben). Der Täter
war zudem ihr damaliger Ehegatte und folglich eine ihr bis dahin vertraute, nahe
Bezugsperson, was bei der Verarbeitung des schwer traumatisierenden Gewaltdelikts
erschwerend ins Gewicht fällt, zumal dieser Gewaltausbruch auch nicht vorhersehbar
war (vgl. UV-act. 11-28 Mitte; zum bis dahin trotz bestehender Alkoholsucht
grundsätzlich ruhigen und hilfsbereiten Charakter des Ex-Ehegatten siehe UV-
act. 11-29 oben). Es ist offenkundig, dass die Beschwerdeführerin durch das beim
vorsätzlichen Tötungsversuch und der sexuellen Nötigung Erlittene in grösste Angst
und Schrecken versetzt wurde und die brutale Tat geeignet war, ihre psychische
Gesundheit mit nachhaltiger Wirkung schwer zu verletzen. Der adäquate
Kausalzusammenhang zwischen den psychischen Beschwerden der
Beschwerdeführerin und dem Ereignis vom 21. November 2011 ist daher nach der
allgemeinen Adäquanzformel - entgegen der sich nicht mit den konkreten Umständen
auseinandersetzenden Auffassung der Beschwerdegegnerin (UV-act. 202-9, Rz 3.16) -
zu bejahen. Die Beschwerdegegnerin trifft folglich über den 15. September 2017 hinaus
eine Leistungspflicht für die psychischen Folgen des Ereignisses vom 21. November
2011 (vgl. zum Ganzen das Urteil des Bundesgerichts vom 27. September 2018,
8C_847/2017, E. 5.2).
2.3.4.
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3.
Zu prüfen bleibt, ob die Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin auch das depressive
Leiden der Beschwerdeführerin umfasst.
Die Beschwerdegegnerin verneint, dass das depressive Leiden der
Beschwerdeführerin über den 15. September 2017 hinaus in einem natürlich kausalen
Zusammenhang mit dem Ereignis vom 21. November 2011 steht (siehe etwa UV-
act. 202-6, Rz 3.7).
3.1.
Die «depressive Entwicklung» erfolgte unmittelbar als Reaktion auf das Ereignis
vom 21. November 2011 und führte zur Bescheinigung einer 100%igen
Arbeitsunfähigkeit (Bericht Dr. C._ vom 7. Dezember 2011, UV-act. 9-2; Bericht L._
vom 29. Mai 2012, UV-act. 38). Aus den seit 1997 ergangenen hausärztlichen Akten
gingen keine Hinweise auf ein vor dem Ereignis vom 21. November 2011 bestehendes
psychisches, insbesondere depressives Leiden hervor (UV-act. 30-1; zur Krankheits-
und Behandlungsanamnese siehe auch die Angaben von med. pract. H._ in UV-
act. 134-2 unten sowie die medizinische Anamnese in UV-act. 166-27 Mitte). Auch den
übrigen Akten können keine entsprechenden Hinweise entnommen werden. Die
Ausführung von med. pract. H._, es bestehe «rein theoretisch die Möglichkeit», dass
eine depressive Störung bereits vor dem Unfallereignis vorgelegen habe (UV-
act. 134-10 unten), stellt - wie die Formulierung auch deutlich macht - eine reine
Spekulation dar. Ein depressiver Vorzustand ist damit jedenfalls nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit dargetan. Daran ändern die vorbestehenden
psychosozialen Umstände (finanzielle Schwierigkeiten, gesundheitliche Probleme der
Kinder, Alkoholsucht des damaligen Ehegatten) nichts, ist doch nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit dargetan, dass diese vor dem Unfallereignis zu
depressiven Symptomen, geschweige denn zu einer selbstständigen depressiven
Krankheit geführt haben. Im Übrigen wurde die damalige Ehe trotz der Alkoholsucht
des Ehegatten von der Beschwerdeführerin als erträglich wahrgenommen (UV-
act. 11-29). Die Beschwerdeführerin war denn auch ohne weiteres in der Lage den
Haushalt zu erledigen (UV-act. 11-29 Mitte), an Vereinstätigkeiten teilzunehmen (UV-
act. 11-31 oben) und zudem einer Erwerbstätigkeit mit einem Beschäftigungsrad von
60% nachzugehen (UV-act. 11-30; zu den damaligen Ressourcen siehe auch UV-
act. 166-27 Mitte). Von Bedeutung ist ausserdem, dass sie von ihrer jüngeren Tochter
bezogen auf die Zeit vor dem Ereignis vom 21. November 2011 glaubhaft als
«eigenständige Person, welche so viel Kraft hat und Lebensfreude ausstrahlt»,
beschrieben wurde (UV-act. 11-37). Mit diesen Gesichtspunkten setzten sich weder
3.1.1.
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med. pract. H._ noch Dr. I._ (siehe hierzu nachstehende E. 3.1.2) im Rahmen ihrer
Mutmassungen über einen Vorzustand auseinander. Da die Annahme eines
depressiven Vorzustands keine Stütze in den Akten findet bzw. mit dieser nicht zu
vereinbaren ist, bloss «rein theoretisch möglich» ist und damit spekulativen Charakter
hat, kann der gestützt darauf von med. pract. H._ gezogene Schluss, dass das
Unfallereignis (bloss) zu dessen Verschlimmerung beigetragen habe (UV-act. 134-11),
zwangsläufig ebenso wenig überzeugen.
Die retrospektive Beurteilung von Dr. I._ vermag schon deshalb nicht zu
überzeugen, da sie auf einer teilweise aktenwidrigen «Ausgangslage» beruht. So ging
er davon aus, dass die Beschwerdeführerin während der Ehe und bereits vor dem
Ereignis vom 21. November 2011 unter dem «gewalttätigen» Verhalten des damaligen
Ehegatten gelitten habe (UV-act. 166-2). Diese Annahme lässt sich weder mit dem
vorstehend Gesagten (E. 2.3.4; UV-act. 11-28 Mitte) noch mit den Angaben der
Beschwerdeführerin anlässlich der Exploration vom 15. September 2017 (UV-
act. 166-27 f. und UV-act. 166-34 f.) vereinbaren. Die aktenwidrige Annahme, dass die
Beschwerdeführerin «jahrelang unter dem gewalttätigen Verhalten ihres Ehemannes
gelitten hat», bildet die Grundlage für den Standpunkt von Dr. I._, dass das Ereignis
vom 21. November 2011 nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine Mitursache
der Depression sei (UV-act. 166-42). Im Übrigen sind die Ausführungen von Dr. I._ in
sich widersprüchlich und erwecken den Eindruck, dass er sich über den
massgebenden Beurteilungsmassstab nicht im Klaren war. Während er an einer Stelle
seines Gutachtens lediglich davon spricht, dass die depressive Episode «nicht
zwingend» natürlich unfallkausal sei, verneint er wenige Zeilen später jegliche
Teilkausalität mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (UV-
act. 166-42). In UV-act. 166-43 berichtet er hingegen, «die gegenwärtige leicht
ausgeprägte depressive Episode ist also nicht eindeutig und zweifelsfrei auf das
Ereignis vom 21.11.2011 zurückzuführen». Dabei scheint er zu verkennen, dass der
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit gerade keine Eindeutigkeit und
Zweifelsfreiheit erfordert. Nicht beweiskräftig ist auch die nicht näher begründete
Behauptung von Dr. I._, dass die depressive Episode zwischenzeitlich (vollständig)
remittiert sei (UV-act. 166-43). So kann insbesondere den Berichten der behandelnden
medizinischen Fachpersonen nicht entnommen werden, dass das depressive Leiden
bzw. die dadurch verursachten Beeinträchtigungen vollständig abgeklungen waren. In
damit zu vereinbarender Weise legte Dr. J._ einlässlich begründet in Bezug auf das
depressive Leiden dar, dass auch retrospektiv von einem psychisch instabilen
Gesundheitszustand und einer Teilarbeitsunfähigkeit auszugehen sei (UV-
3.1.2.
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act. 177-29 f.). Entscheidend ist weiter, dass auch anhand des Gutachtens von
Dr. I._ nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ein Vorzustand und ein Wegfall
der natürlichen Kausalität aufgrund Erreichens des Status quo sine vel ante
angenommen werden kann.
Zu ergänzen bleibt, dass Dr. J._ im Rahmen ihrer umfassenden Beurteilung
überzeugend darlegte, dass keine sozialen Belastungen bestehen würden, die direkt
negative funktionale Folgen zeitigten. Psychosoziale oder sozio-kulturelle
Belastungsfaktoren seien nicht Ursache der Gesundheitsschädigung und würden nicht
deren Schwere bestimmen. Es liege eine tiefgreifende psychische Erkrankung vor, die
schon vor den aktuellen psychosozialen Problemen bestanden habe (UV-act. 177-25
Mitte).
3.1.3.
Demnach ist auch mit Blick auf das depressive Leiden davon auszugehen, dass
es über den 15. September 2017 fortbestand und das Ereignis vom 21. November
2011 weiterhin eine natürlich kausale Teilursache dafür bildet. Da auch bezüglich des
depressiven Leidens von weiteren ärztlichen Massnahmen eine namhafte Besserung
des Gesundheitszustands erwartet werden kann (UV-act. 177-30; siehe auch
vorstehende E. 2.2.2), erfolgte die gesonderte Adäquanzprüfung verfrüht. Der
Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass das depressive Leiden nicht Folge einer
Fehlentwicklung somatischer Unfallfolgen, sondern - wie die posttraumatische
Belastungsstörung - eine unmittelbar durch das Schreckereignis vom 21. November
2011 verursachte psychische Störung ist. Die Adäquanzprüfung bestimmt sich daher
nach BGE 129 V 177 und nicht nach den Grundsätzen von BGE 115 V 133 (Urteil des
Bundesgerichts vom 30. November 2016, 8C_298/2016, E. 4.3) und ist vorliegend -
entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin (UV-act. 202-8 ff., Rz 3.12 ff.) - zu
bejahen (siehe vorstehende E. 2.3.4). Selbst wenn, wovon die Beschwerdegegnerin
ausgeht (UV-act. 202-9, Rz 3.17), die Adäquanzformel nach BGE 115 V 133
Anwendung fände, vermag sie daraus nichts zu ihren Gunsten abzuleiten. Entgegen
ihrer nicht näher begründeten Auffassung (UV-act. 202-9, Rz 3.17) stellt das brutale
Gewaltdelikt vom 21. November 2011 (siehe zur Eindrücklichkeit, Grausamkeit und der
Todesgefahr vorstehende E. 2.3.4) offenkundig ein schweres und nicht bloss ein
mittelschweres Ereignis dar. Bei schweren Unfällen ist der adäquate
Kausalzusammenhang zwischen Unfall und psychisch bedingter Erwerbsunfähigkeit in
der Regel zu bejahen. Denn nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der
allgemeinen Lebenserfahrung sind solche Unfälle geeignet, invalidisierende psychische
Gesundheitsschäden zu bewirken (BGE 115 V 140 E. 6b).
3.1.4.
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4.
Nach dem Gesagten erweist sich die Einstellung der vorübergehenden Leistungen auf
den 15. September 2017 samt Abweisung des Gesuchs um Leistungen für
Dauerschäden als verfrüht und unrechtmässig. Da die Beschwerdegegnerin die
Leistungseinstellung und -abweisung mit der fehlenden bzw. weggefallenen
Unfallkausalität begründete, nahm sie keine weiteren Abklärungen bezüglich ihrer
Leistungspflicht - namentlich bezüglich Heilbehandlungskosten und genauer Dauer
sowie Umfang von Arbeitsunfähigkeiten - über den 15. September 2017 hinaus vor.
Diese Abklärungen wird sie nunmehr nachzuholen haben und erneut über die
Ansprüche auf Heilbehandlung und Taggeld sowie - bei Erreichen eines allfälligen
medizinischen Endzustands - über die Ansprüche auf Rente, Nachbehandlung (Art. 21
UVG) und Integritätsentschädigung zu befinden haben.
5.