Decision ID: 638513be-c9aa-5eef-9a98-681b6d987a0c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (geb. 1989) stammt aus dem Kosovo und ist serbi-
scher Staatsangehöriger. Am 5. November 1990 reiste er im Familiennach-
zug in die Schweiz ein und erhielt zunächst die Aufenthaltsbewilligung und
später die Niederlassungsbewilligung. Am 29. Dezember 2011 heiratete
der Beschwerdeführer eine kosovarische Staatsangehörige, worauf diese
in die Schweiz einreiste. Die Ehegatten trennten sich am 18. Mai 2013 und
am 30. Oktober 2015 wurde die kinderlos gebliebene Ehe geschieden.
B.
Während seines Aufenthaltes in der Schweiz musste der Beschwerdefüh-
rer wiederholt strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden:
– Das Amtsstatthalteramt Luzern bestrafte den Beschwerdeführer am
24. Juni 2008 mit einer Busse von Fr. 300.– wegen Tätlichkeiten, be-
gangen am 4. April 2008 (Akten der Migrationsbehörde des Kantons
Luzern [LU-act.] 7/43).
– Die Staatsanwaltschaft Abteilung 2 Emmen verurteilte den Beschwer-
deführer am 4. Juli 2013 zu einer bedingt aufgeschobenen Geldstrafe
von 30 Tagessätzen zu Fr. 70.– und einer Busse von Fr. 300.– wegen
Tätlichkeiten und Drohung, begangen am 28. Dezember 2012 zum
Nachteil seiner damaligen Ehefrau (LU-act. 47/170).
– Ebenfalls die Staatsanwaltschaft Abteilung 2 Emmen bestrafte den Be-
schwerdeführer am 31. März 2014 wegen Tätlichkeiten, begangen am
2. März 2014, zu einer Busse von Fr. 100.– (LU-act. 52/208).
– Am 3. Februar 2015 sprach das Kantonsgericht Luzern den Beschwer-
deführer der sexuellen Nötigung und der Vergewaltigung, begangen
am 16. Januar 2009 zum Nachteil eines damals 17-jährigen Mädchens,
jeweils in gemeinsamer Tatbegehung mit einem befreundeten Lands-
mann, schuldig und verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren,
davon 24 Monate bedingt aufgeschoben wurden bei einer Probezeit
von 2 Jahren (Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 6/10).
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C.
Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs widerrief die Migrationsbehörde
des Kantons Luzern am 16. November 2015 die Niederlassungsbewilli-
gung des Beschwerdeführers und wies ihn aus der Schweiz weg (SEM-
act. 13/130).
Die dagegen erhobene Beschwerde wies das Justiz- und Sicherheitsde-
partement des Kantons Luzern am 2. März 2016 ab (SEM-act. 13/138).
Das Verwaltungsgericht, an das der Beschwerdeführer anschliessend ge-
langte, hiess seine Beschwerde mit Urteil vom 22. November 2016 gut, hob
den Entscheid des Justiz- und Sicherheitsdepartements auf und ersetzte
ihn durch eine Verwarnung des Beschwerdeführers (SEM-act. 13/120).
Gegen den vorgenannten Entscheid erhob das SEM Behördenbeschwerde
beim Bundesgericht. Mit Urteil 2C_50/2017 vom 22. August 2018 hiess das
Bundesgericht die Beschwerde gut, hob das Urteil des kantonalen Verwal-
tungsgerichts auf und bestätigte den Entscheid des Justiz- und Sicher-
heitsdepartements des Kantons Luzern (SEM-act. 11/42).
D.
Mit Schreiben vom 5. September 2018 setzte die kantonale Migrationsbe-
hörde dem Beschwerdeführer eine Frist zur Ausreise bis zum 28. Oktober
2018 und gewährte ihm bei gleicher Gelegenheit das rechtliche Gehör zu
ihrer Absicht, bei der Vorinstanz den Erlass eines Einreiseverbots zu bean-
tragen (SEM-act. 9/37). Hierzu reichte der Beschwerdeführer am 14. Sep-
tember 2018 eine Stellungnahme ein. Er hielt dafür, auf die Beantragung
eines Einreiseverbots zu verzichten (SEM-act. 8/33).
E.
Der Beschwerdeführer reiste innert gesetzter Frist am 28. Oktober 2018
aus der Schweiz aus (LU-act. 126/472).
F.
Mit Verfügung vom 20. September 2018 verhängte die Vorinstanz gegen
den Beschwerdeführer ein vom 29. Oktober 2018 bis 28. Oktober 2023
wirksames Einreiseverbot. Gleichzeitig ordnete sie die Ausschreibung des
Beschwerdeführers zur Einreiseverweigerung im Schengener Informati-
onssystem (SIS II) an (SEM-act. 7/30).
Noch während der laufenden Rechtsmittelfrist kam die Vorinstanz am
28. September 2018 auf die vorgenannte Verfügung zurück und ersetzte
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sie durch ein vom 29. Oktober 2018 bis 28. April 2028 wirksames Einreise-
verbot. Auch diesmal ordnete die Vorinstanz die Ausschreibung des Be-
schwerdeführers zur Einreiseverweigerung im SIS II an (SEM-act. 2/2).
G.
Mit Eingabe vom 31. Oktober 2018 legte der Beschwerdeführer gegen die
vorgenannte Verfügung Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein.
Er beantragt die ersatzlose Aufhebung des Einreiseverbots, eventualiter
dessen Begrenzung auf höchstens 3 Jahre (Akten des BVGer [Rek-act.] 1)
H.
Die Vorinstanz schliesst in ihrer Vernehmlassung vom 11. November 2019
auf Abweisung der Beschwerde (Rek-act. 8).
I.
Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit rechtserheblich, in den Erwägun-
gen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Mit der am 16. Dezember 2016 beschlossenen und auf den 1. Januar 2019
abschliessend in Kraft gesetzten Teilrevision (AS 2017 6521, 2018 3171)
wurde das Ausländergesetz (AuG, SR 142.20) in das Ausländer- und In-
tegrationsgesetz (AIG) umbenannt. Nachfolgend wird auf den Erlass unter
seiner neuen Bezeichnung Bezug genommen.
2.
2.1 Verfügungen des SEM, die ein Einreiseverbot im Sinne von Art. 67 AIG
zum Gegenstand haben, unterliegen der Beschwerde an das Bundesver-
waltungsgericht (Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
2.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
2.3 Der Beschwerdeführer ist zur Erhebung des Rechtsmittels legitimiert
(Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist daher einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG).
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Seite 5
3.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und – soweit nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht
von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begrün-
dung der Begehren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch aus
anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen.
Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent-
scheides (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.).
4.
4.1 Der Beschwerdeführer beanstandet, dass eine mehr als 5-jährige Fern-
haltemassnahme eine qualifizierte Gefährdungslage erforderte, die darzu-
tun wäre, was in casu in keiner Weise geschehen sei. Tatsächlich lasse
sich eine entsprechende Gefährdungslage rational nicht begründen. Die
privaten Interessen würden von der Vorinstanz praktisch gar nicht thema-
tisiert, geschweige denn werde plausibel begründet, weshalb das öffentli-
che Fernhalteinteresse dieselben zu überwiegen vermöchte. Mithin sei
festzustellen, dass die Begründung des Einreiseverbots den rechtspre-
chungsgemässen Anforderungen in keiner Weise genüge.
4.2 Der verfassungsrechtliche Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst
eine Reihe persönlichkeitsbezogener Mitwirkungsrechte der Partei eines
Gerichts- oder Verwaltungsverfahrens. Im Zentrum steht das Recht, vor
dem Erlass einer belastenden Verfügung angehört zu werden (Art. 30
VwVG). Die Behörde hat die Partei jedoch nicht nur anzuhören, sondern
sie hat das Geäusserte sorgfältig zu prüfen, zu würdigen und bei der Ent-
scheidfindung zu berücksichtigen (Prüfungs- und Berücksichtigungspflicht;
vgl. Art. 32 VwVG). In einer engen Verbindung dazu steht die Pflicht der
Behörde, ihren Entscheid zu begründen (Art. 35 VwVG). Die Begründungs-
pflicht dient der rationalen und transparenten Entscheidfindung und soll die
Partei in die Lage versetzen, den Entscheid sachgerecht anzufechten. Das
setzt voraus, dass die Behörde die Überlegungen nennt, von denen sie
sich beim Entscheid leiten liess. Dabei ist sie nicht gehalten, zu jedem Ar-
gument der Partei explizit Stellung zu nehmen. Es genügt, wenn aus der
Gesamtheit der Begründung implizit hervorgeht, weshalb das Vorge-
brachte als unrichtig oder unwesentlich übergangen wird (vgl. BGE 137 II
266 E. 3.2 m.H.; BVGE 2012/24 E. 3.2).
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Seite 6
4.3 Was die Rüge des Beschwerdeführers angeht, so ist darauf hinzuwei-
sen, dass die Begründungspflicht nicht die materielle Richtigkeit eines Ent-
scheides sicherstellen will, sondern die Transparenz der Entscheidungs-
gründe. Ob die Entscheidungsgründe den Entscheid rechtfertigen, ist eine
nachgeordnete Frage der materiellen Richtigkeit des Entscheids. Vor die-
sem Hintergrund ist festzustellen, dass die Vorinstanz ausreichend darge-
legt hat, warum sie der Auffassung ist, dass vom Beschwerdeführer eine
schwerwiegende Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit aus-
geht, und warum sie der Auffassung ist, dass die privaten Interessen des
Beschwerdeführers zurückzustehen haben. Dabei ist auch in Betracht zu
ziehen, dass kurz zuvor im Rahmen des ausländerrechtlichen Bewilli-
gungsverfahrens eine sehr ähnliche Interessensabwägung vorgenommen
wurde. Der Beschwerdeführer war denn auch ohne weiteres in der Lage,
den Entscheid der Vorinstanz sachgerecht anzufechten. Die Rüge des Be-
schwerdeführers ist daher als unbegründet zurückzuweisen.
5.
5.1 Das SEM kann ein Einreiseverbot gegenüber Ausländerinnen und Aus-
ländern verfügen, die gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der
Schweiz oder im Ausland verstossen haben oder diese gefährden (Art. 67
Abs. 2 Bst. a AIG). Das Einreiseverbot wird für eine Dauer von höchstens
fünf Jahren verhängt (Art. 67 Abs. 3 erster Satz AIG). Die Anordnung eines
Einreiseverbots von mehr als fünf Jahren Dauer ist zulässig, wenn von der
ausländischen Person eine schwerwiegende Gefahr für die öffentliche Si-
cherheit und Ordnung ausgeht (Art. 67 Abs. 3 zweiter Satz AIG). Das Bun-
desverwaltungsgericht hat in einem Grundsatzurteil vom 26. August 2014
(BVGE 2014/20) entschieden, dass Einreiseverbote, die auf der Grundlage
von Art. 67 Abs. 1 oder 2 AIG ergehen, zwingend auf eine bestimmte Dauer
zu befristen sind. Die Verbotsdauer kann dabei bis maximal 15 Jahre, im
Wiederholungsfall 20 Jahre betragen. Aus humanitären oder anderen wich-
tigen Gründen kann die zuständige Behörde von der Verhängung eines
Einreiseverbots absehen oder ein Einreiseverbot vollständig oder vorüber-
gehend aufheben (Art. 67 Abs. 5 AIG).
5.2 Das Einreiseverbot dient der Abwendung künftiger Störungen der öf-
fentlichen Sicherheit und Ordnung (BBl 2002 3709, 3813). Soweit Art. 67
Abs. 2 Bst. a AIG mit dem Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und
Ordnung unmittelbar an vergangenes Verhalten des Betroffenen anknüpft,
steht die Gefahrenabwehr durch Generalprävention im Sinne der Einwir-
kung auf das Verhalten anderer Rechtsgenossen im Vordergrund (zur Ge-
neralprävention im Ausländerrecht vgl. etwa Urteil des Bundesgerichts
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2C_282/2012 vom 31. Juli 2012 E. 2.5 mit Hinweisen). Die Spezialpräven-
tion im Sinne der Einwirkung auf das Verhalten des Betroffenen selbst
kommt zum Tragen, soweit Art. 67 Abs. 2 Bst. a AIG als alternativen Fern-
haltegrund die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung durch
den Betroffenen selbst nennt. Ob eine solche Gefährdung vorliegt, ist ge-
stützt auf die gesamten Umstände des Einzelfalles im Sinne einer Prog-
nose zu beurteilen, die sich in erster Linie auf das vergangene Verhalten
des Betroffenen abstützen muss.
5.3 Die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 67 Abs. 2
Bst. a AIG bildet den Oberbegriff für die Gesamtheit der polizeilichen
Schutzgüter. Sie umfasst unter anderem die Unverletzlichkeit der objekti-
ven Rechtsordnung und der Rechtsgüter Einzelner (vgl. BBl 2002 3709,
3813). Ein Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung liegt un-
ter anderem vor, wenn gesetzliche Vorschriften oder behördliche Verfügun-
gen missachtet werden (Art. 77a Abs. 1 Bst. a der Verordnung vom 24. Ok-
tober 2007 über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit [VZAE, SR
142.201], inhaltlich identisch mit Art. 80 Abs. 1 Bst. a VZAE in der bis zum
31. Dezember 2018 geltenden Fassung). Die Annahme einer Gefährdung
der öffentlichen Sicherheit und Ordnung setzt konkrete Anhaltspunkte da-
für voraus, dass der Aufenthalt des Betroffenen in der Schweiz mit erheb-
licher Wahrscheinlichkeit zu einem Verstoss gegen die öffentliche Sicher-
heit und Ordnung führen wird (Art. 77a Abs. 2 VZAE; inhaltlich identisch mit
Art. 80 Abs. 2 VZAE in der bis 31. Dezember 2018 geltenden Fassung).
5.4 Eine schwerwiegende Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ord-
nung im Sinne von Art. 67 Abs. 3 zweiter Satz AIG setzt mehr voraus als
eine einfache Gefährdung nach Art. 67 Abs. 2 Bst. a zweiter Halbsatz AIG.
Verlangt wird eine qualifizierte Gefahr, über deren Vorliegen gestützt auf
alle Umstände des Einzelfalles zu befinden ist. Eine solche Gefahr darf
nicht leichthin angenommen werden. Nach der Rechtsprechung kann sie
sich etwa aus der Hochwertigkeit des deliktisch bedrohten Rechtsguts er-
geben (z.B. Leib und Leben, körperliche und sexuelle Integrität, Gesund-
heit), aber auch aus der Zugehörigkeit des drohenden Delikts zur beson-
ders schweren Kriminalität mit grenzüberschreitender Dimension (z.B. Ter-
rorismus, Menschen- und Drogenhandel, organisierte Kriminalität), aus der
wiederholten Delinquenz und ihrer zunehmenden Schwere oder aus dem
Fehlen einer günstigen Prognose (vgl. BGE 139 II 121 E. 6.3; Urteil des
BGer 2C_270/2015 vom 6. August 2015 E. 4.2; BVGE 2013/4 E. 7.2.4;
Urteil des BVGer F-5350/2016 vom 6. März 2017 E. 6.2 m.H.).
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6.
Anlass für das gegen den Beschwerdeführer verhängte Einreiseverbot bil-
den diverse Straftaten. Strittig ist, ob sie den Schluss auf eine vom Be-
schwerdeführer ausgehende schwerwiegende Gefahr für die öffentliche Si-
cherheit und Ordnung nach Art. 67 Abs. 3 AIG zulassen.
6.1 Soweit bekannt, kam der Beschwerdeführer ein erstes Mal am 4. April
2008 als 19-Jähriger wegen eines Gewaltdelikts mit dem Gesetz in Konflikt.
Am 24. Juni 2008 wurde er vom Amtsstatthalteramt Luzern wegen an die-
sem Datum begangenen Tätlichkeiten – der Beschwerdeführer hatte einen
Gleichaltrigen zu Boden gestossen und dort mit Fusstritten traktiert – mit
einer Busse von Fr. 300.– bestraft. Knapp ein halbes Jahr später, am
16. Januar 2009, verging er sich zusammen mit einem befreundeten
Landsmann sexuell schwer an einem 17-jährigen Mädchen. Deswegen
wurden sie am 3. Februar 2015 vom Kantonsgericht Luzern der Vergewal-
tigung und der sexuellen Nötigung, jeweils gemeinsam begangen, schuldig
gesprochen und zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 3 Jahren verur-
teilt. Noch während des laufenden Strafverfahrens beging der Beschwer-
deführer zwei weitere Delikte gegen die körperliche Integrität und Freiheit.
Am 28. Dezember 2012 schlug und bedrohte er seine damalige Ehefrau
mit dem Tod – diese erhielt wegen der Übergriffe als Opfer ehelicher Ge-
walt gestützt auf Art. 50 Abs. 1 Bst. b und Abs. 2 AIG eine Aufenthaltsbe-
willigung –, und am 2. März 2014 beging er eine Tätlichkeit zum Nachteil
einer Cousine. Der Vorfall vom 28. Dezember 2012 führte am 4. Juli 2013
zu einer Verurteilung wegen Tätlichkeiten und Drohung zu einer bedingten
Geldstrafe von 30 Tagessätzen und einer Busse von Fr. 300.– und der Vor-
fall vom 2. März 2014 am 31. März 2014 zu einer Verurteilung wegen Tät-
lichkeit zu einer Busse von Fr. 100.–.
6.2 Der Verurteilung wegen gemeinschaftlich begangener Vergewaltigung
und sexueller Nötigung durch das Kantonsgericht Luzern liegt der folgende
Sachverhalt zugrunde: Der Beschwerdeführer und sein Freund hatten am
16. Januar 2009 der Geschädigten, einer damals 17 Jahre jungen Frau, in
einem MSN-Chat ein Treffen vorgeschlagen, bei dem gemeinsame sexu-
elle Handlungen vorzunehmen sein sollten. Die Geschädigte erteilte die-
sem Ansinnen eine Absage. Daraufhin drohten die Täter der Geschädigten,
ein vermeintlich existierenden Video, das sie beim Oralverkehr mit dem
Beschwerdeführer zeige, im Internet zu veröffentlichen und allen ihren Be-
kannten zugänglich zu machen, falls sie nicht bis zu einem bestimmten
Zeitpunkt an einen ihr genannten Ort komme und mit ihnen, den Tätern,
Geschlechtsverkehr habe. Unter dem Druck dieser Drohung, der während
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Seite 9
mehrerer Stunden aufrechterhalten wurde, fuhr die Geschädigte schliess-
lich an den ihr genannten Ort. Zuvor hatte sie vergeblich die Frauenzent-
rale Zug um Hilfe ersucht, da diese ausserhalb der Bürozeiten nicht besetzt
war. Am Bestimmungsort angekommen wurde sie vom Beschwerdeführer
und seinem Freund, dem sie zuvor noch nie begegnet war, und der sich für
die Geschädigte nicht erkennbar an dem vorausgegangenen Chat beteiligt
hatte, mehrmals zu Oral- und Vaginalverkehr genötigt.
6.3 Das Kantonsgericht Luzern wertete das Tatverschulden des Beschwer-
deführers und seines Komplizen unter dem Aspekt des strengeren Tatbe-
stands der Vergewaltigung und mit Blick auf dessen breiteres Spektrum als
mittelschwer. Die Geschädigte wurde gemäss Feststellungen des Kantons-
gerichts mehrfach vergewaltigt und zusätzlich auch zu Oralverkehr ge-
zwungen, wobei die Übergriffe verhältnismässig lange gedauert und die
Täter das Opfer gemeinsam bzw. nacheinander missbraucht hatten. Beim
Opfer hinterliess der sexuelle Übergriff, so das Kantonsgericht, massive
psychische Schäden. Es habe sich in psychotherapeutische Behandlung
begeben müssen und werde erfahrungsgemäss erhebliche seelische Nar-
ben davontragen. Zum Verhalten des Beschwerdeführers und seines Kom-
plizen fand das Kantonsgericht deutliche Worte. Es sei äusserst egoistisch,
gefühlskalt und rücksichtslos und der Umgang mit der Geschädigten als
von kaum zu überbietender Perfidität, Respektlosigkeit und fehlender Op-
ferempathie geprägt gewesen. Ausgehend von einer Einsatzstrafe von 3 1⁄2
Jahren erachtete das Kantonsgericht gleichwohl eine Reduktion von 6 Mo-
naten auf 3 Jahre Freiheitsstrafe als gerechtfertigt. In diesem Zusammen-
hang verwies es auf das jugendliche Alter des Beschwerdeführers zum
Zeitpunkt der Tatbegehung und den einmaligen Charakter der Tat, vor al-
lem aber auf den Zeitablauf zwischen der Tatbegehung und dem kantons-
gerichtlichen Urteil.
6.4 Der vom Kantonsgericht Luzern festgestellte Sachverhalt, seine recht-
liche Würdigung und die verhängte Freiheitsstrafe von 3 Jahren implizieren
aus ausländerrechtlicher Sicht eine sehr schwere Rechtsverletzung und
ein ebensolches Verschulden. Diese auf der Hand liegende Einschätzung
wird durch die Tatsache akzentuiert, dass die abgeurteilten Delikte schwere
Straftaten darstellen, die rechtsprechungsgemäss wegen der Hochwertig-
keit des verletzten Rechtsguts zum Schutz der Öffentlichkeit selbst ein ge-
ringes Restrisiko nicht zulassen (vgl. das in der Sache des Beschwerde-
führers ergangene Urteil des BGer 2C_50/2017 vom 22. August 2018
E. 6.1 m.H.). Vergewaltigung und sexuelle Nötigung gehören zudem zu
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denjenigen Anlasstaten, die vom Verfassungsgeber als besonders verwerf-
lich betrachtet werden und zum Verlust eines jeden Aufenthaltsrechts so-
wie zu einem obligatorischen Einreiseverbot von 5 bis 15 Jahren Dauer
führen sollen (Art. 121 Abs. 3 Bst. a und Abs. 4 BV; vgl. auch Art. 66a Abs. 1
Bst. h StGB, der in Konkretisierung der genannten Verfassungsbestim-
mung auf den 1.Oktober 2016 in Kraft gesetzt wurde). Ganz erheblich ins
Gewicht fällt, dass es der Beschwerdeführer selbst während des laufenden
Sexualstrafverfahrens nicht zustande brachte, sich gesetzeskonform zu
verhalten, er vielmehr zwei weitere gegen die körperliche Integrität und die
Freiheit gerichtete Delikte beging, von denen sich namentlich die Gewalt
gegen seine damalige Ehefrau sehr stark zu seinen Lasten auswirkt
(vgl. dazu das bereits genannte, in der Sache des Beschwerdeführers er-
gangene Urteil des BGer 2C_50/2017 E. 6.2, 7.2 und 7.2.1 m.H.).
6.5 Unter den gegebenen Umständen steht für das Bundesverwaltungsge-
richt fest, dass vom Beschwerdeführer zumindest zum Zeitpunkt des Ur-
teils des Kantonsgerichts Luzern vom 3. Februar 2015 nicht nur eine Ge-
fahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit nach Art. 67 Abs. 2 Bst. a
zweiter Halbsatz AIG ausging, sondern dass diese Gefahr im Sinne von
Art. 67 Abs. 3 zweiter Satz AIG eine qualifizierte war. Daran vermag ange-
sichts der Art der Delikte und der fortgesetzten Straffälligkeit des Be-
schwerdeführers grundsätzlich nichts zu ändern, dass er zum Zeitpunkt der
Haupttat erst 19 Jahre alt war (Urteil des BGer 2C_50/2017 vom 22. August
2018 E. 6.3 m.H.). Dass das Kantonsgericht Luzern dem Beschwerdefüh-
rer im Urteil vom 3. Februar 2015 in strafrechtlicher Hinsicht eine gute Le-
galprognose bescheinigte, ist zwar bei der Beurteilung des Risikos weiterer
Straftaten zu berücksichtigen. Eine ausschlaggebende Bedeutung kommt
dieser strafrichterlichen Beurteilung jedoch nicht zu, denn im ausländer-
rechtlichen Massnahmenrecht gilt angesichts seiner anderen Zielsetzung
ein strengerer und umfassenderer Massstab als im Strafrecht (vgl. dazu
BGE 137 II 233 E. 5.2.2 m.H.). In casu zeigt sich der unterschiedliche
Massstab an der Tatsache, dass das Kantonsgericht Luzern ohne Begrün-
dung erklärte, es habe keinen Anlass, von der guten Legalprognose seiner
Vorinstanz, des Kriminalgerichts Luzern, abzuweichen, obwohl sich zwi-
schenzeitlich die Rahmenbedingungen – Scheitern der Ehe wegen Gewalt-
tätigkeit des Beschwerdeführers, weitere Straftaten gegen die körperliche
Integrität – zum Nachteil des Beschwerdeführers verändert hatten.
6.6 Der Beschwerdeführer macht geltend, er habe einen nachhaltigen
Bruch mit seiner deliktischen Vergangenheit vollzogen. Das werde durch
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Seite 11
seine langjährige berufliche Stabilität belegt. Bis zur erzwungenen Aus-
reise aus der Schweiz (am 28. Oktober 2018) sei er seit dem 1. Februar
2011 beim selben Arbeitgeber zu dessen vollster Zufriedenheit als Maschi-
nenführer tätig gewesen. Vom Geschäftsführer der Arbeitgeberfirma werde
er als zuverlässig und hilfsbereit qualifiziert und auch in verhaltensmässi-
ger Hinsicht werde ihm ein korrektes und angenehmes Verhalten gegen-
über Kollegen und Kolleginnen attestiert. Ergänzend halte der Geschäfts-
führer fest, er, der Beschwerdeführer, sei von allen Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern sehr geschätzt worden und habe sich im Team sehr gut inte-
griert. Die hohe Wertschätzung, die er am Arbeitsplatz erfahren habe,
komme auch im grossen Bedauern des Arbeitgebers über den Verlust als
Mitarbeiter zum Ausdruck. Im Lichte der von seinen engsten Angehörigen
aus eigenem Antrieb formulierten und ins Verfahren eingebrachten Stel-
lungnahmen und der objektivierten Fakten – mehrjähriges tadelloses Ver-
halten, ausgezeichnete berufliche Integration – sei die Annahme einer bio-
graphischen Kehrtwende als begründet anzusehen.
6.7 Des Weiteren beruft sich der Beschwerdeführer auf die aktuelle Ein-
schätzung der Rückfallgefahr durch seine behandelnde Ärztin, Dr. med.
B._, FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, spez. Forensische
Psychiatrie und Psychotherapie, SGFP, in ihrem Bericht vom 28. Oktober
2018. Danach sei die Annahme einer aktuellen Rückfallgefahr kaum mehr
zu begründen. Gestützt auf eine anhaltende Behandlung schätze Dr.
B._ die Rückfallgefahr heute noch geringer ein als in ihrem letzten
Bericht vom 29. September 2016, der seinerzeit vom Kantonsgericht zu-
handen des Bewilligungsverfahrens eingeholt wurde. Sie sei aufgrund der
Entwicklung seiner Persönlichkeit und seines Lebensstils praktisch ver-
nachlässigbar. Für den Fall, dass dieser Bericht angezweifelt werde, bean-
tragt der Beschwerdeführer seine mündliche Anhörung, zumal für die Prog-
nosestellung die Persönlichkeit, die Vertrauenswürdigkeit und die Integrität
des Betroffenen zentral seien und daher nicht in Missachtung des Berichts
von Dr. B._ zu seinen Ungunsten von einer nach wie vor bestehen-
den, relevanten Rückfallgefahr ausgegangen werden dürfe, ohne dass sich
das Gericht selbst ein erschöpfendes Bild von ihm gemacht habe. Der sei-
nerzeitige Bericht von Frau Dr. B._, der für die in casu relevante
Frage der Rückfallgefahr durchaus von Belang sei, finde keinerlei Beach-
tung. Wenngleich ein solcher Bericht – immerhin vom Kantonsgericht ein-
geholt – nicht den gleichen Rang wie ein vom Gericht nach dem vorgege-
benen Verfahrensrecht eingeholtes Gutachten habe, verpflichte es den
Richter dennoch, den von der Rechtsprechung aufgestellten Richtlinien für
die Beweisführung folgend, seine Beweiskraft zu prüfen.
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Seite 12
6.8 Es wurde bereits ausgeführt, dass zum Zeitpunkt des Strafurteils des
Kantonsgerichts Luzern vom 3. Februar 2015 eine im Sinne von Art. 67
Abs. 3 AIG qualifizierte Gefährdungslage bestand. Grundsätzlich hat in ei-
ner solchen Situation der Betroffene den Tatbeweis dafür zu erbringen,
dass er in der Lage ist, sich rechtskonform zu verhalten. Dazu gehört in
erster Linie, dass er im Alltag während längerer Zeit ein einwandfreies Ver-
halten an den Tag legt. Dazu kann auch gehören, wie es vorliegend ge-
schehen ist, dass er Persönlichkeitsdefizite durch Inanspruchnahme psy-
chiatrischer Hilfe angeht und seine deliktische Vergangenheit aufarbeitet.
Der Beschwerdeführer hat sich seit seiner letzten Straftat am 2. März 2014
soweit bekannt wohlverhalten, was zu seinen Gunsten spricht. Seine be-
rufliche Integration, seine familiäre Verankerung und die Inanspruchnahme
fachkundiger psychiatrischer Hilfe sind weitere positive Elemente. Gleich-
wohl vermögen sie die vom Beschwerdeführer ausgehende Gefahr nicht
unter die Schwelle des Art. 67 Abs. 3 AIG zu drücken oder sie gar ganz zu
bannen. Sie werden einerseits dadurch relativiert, dass der Beschwerde-
führer seit dem Jahr 2009 zunächst unter dem Druck des Strafverfahrens,
dann des engmaschig kontrollierten Strafvollzugs, später des bedingt aus-
gesprochenen Strafrests und – parallel dazu – des ausländerrechtlichen
Widerrufsverfahrens stand (Urteil des BGer 2C_432/2016 vom 26. Januar
2018 E. 4.3.2 m.H.). Andererseits lebte der Beschwerdeführer zum Zeit-
punkt der Haupttat nicht in merkbar ungünstigeren Verhältnissen. Er war
innerhalb seiner Familie aufgehoben und stand kurz vor dem erfolgreichen
Abschluss seiner Berufslehre. Anzufügen bleibt, dass der Beschwerdefüh-
rer am 28. Oktober 2018, d.h. kurz nach dem Abschluss des ausländer-
rechtlichen Widerrufsverfahrens die Schweiz verlassen musste. Somit sind
die positiven Beurteilungselemente ohnehin in Frage gestellt.
6.9 Zu untersuchen ist, inwiefern die Berichte Dr. B._s, der behan-
delnden Psychiaterin des Beschwerdeführers, diese spezifisch ausländer-
rechtliche Risikobewertung zu beeinflussen vermag.
6.9.1 Dazu ist vorweg zu bemerken, dass den Berichten die Beweiseig-
nung nicht schon deswegen abgesprochen werden kann, weil sie vom Be-
schwerdeführer in das Verfahren eingebracht bzw. von der behandelnden
Psychiaterin verfasst wurden. Sie stellen insoweit keine blossen Parteibe-
hauptungen dar (wie etwa im Zivilprozess, vgl. BGE 141 III 433 E. 2.6),
sondern sind im Verwaltungsverfahrensrecht als Äusserungen einer sach-
verständigen Person zulässige, der freien Beweiswürdigung unterliegende
Beweismittel (BGE 137 II 266 E. 3.2; 125 V 351; je m.H.). Zwar haben sol-
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Seite 13
che Beweismittel nicht dieselbe Beweiskraft, wie ein von der Behörde ein-
geholtes Sachverständigengutachten (Urteil des BGer 8C_909/2017 vom
26. Juni 2017 E. 4 m.H.). Wenn sie jedoch von einer qualifizierten Fach-
person stammen, auf umfassender Sachkenntnis beruhen, in sich schlüs-
sig und nachvollziehbar begründet sind, keine Widersprüche enthalten und
auch keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen, sind sie in die
Beweiswürdigung einzubeziehen (BGE 125 V 351 E. 3.a m.H.; BERNHARD
WALDMANN, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar
VwVG, 2. Aufl. 2016, N. 15 f. zu Art. 19 VwVG). Das schliesst nicht aus,
dass Berichte behandelnder Haus- und Spezialärzte aufgrund derer auf-
tragsrechtlicher Vertrauensstellung zu Patientinnen und Patienten zurück-
haltend zu gewichten sind (BGE 125 V 351 E. 3b/cc S. 353; Urteil
8C_787/2013 vom 14. Februar 2014 E. 3.3.2 m.H.; vgl. auch BGE 135 V
465 E. 4.5).
6.9.2 In ihrem Verlaufsbericht vom 27. September 2016, der vom Kantons-
gericht Luzern zuhanden des vor ihm hängigen ausländerrechtlichen Be-
willigungsverfahrens angefordert war, stellt Dr. B._ unter Bezug-
nahme auf ihren früheren Bericht vom 22. März 2016 fest, dass die Rück-
fallgefahr im Kontext des gesamten Verlaufs gering sei bzw. dass es da-
mals wie heute keine Hinweise auf eine vom Beschwerdeführer ausge-
hende abstrakte oder konkrete Gefahr für die öffentliche Sicherheit und
Ordnung gebe. Sie begründet ihre Einschätzung mit einer Gegenüberstel-
lung und Abwägung protektiver und Risikofaktoren sowie dem Fehlen von
Kriterien, welche die Lehre für die Beurteilung des Rückfallrisikos beson-
ders gefährlicher Straftäter entwickelt hat (vgl. Beilage zur Eingabe des
Beschwerdeführers vom 25. Februar 2020, Rek-act. 17). In einem weiteren
Bericht vom 28. Oktober 2018 hält Dr. B._ fest, dass vieles in ihrem
Bericht vom September 2016 immer noch Gültigkeit habe und das Rück-
fallrisiko sowohl aufgrund der persönlichen Entwicklung des Beschwerde-
führers als auch aufgrund der langen deliktsfrei vergangenen Zeit noch
massiver gesunken sei. Von einem Restrisiko könne man nur deshalb spre-
chen, weil die Vergangenheit nicht gelöscht werden könne, aber dieses sei
äusserst gering (vgl. Beilage 9 zur Beschwerde, Rek-act. 1).
6.9.3 Den Berichten Dr. B._s ist jedoch in grundsätzlicher Weise
entgegenzuhalten, dass sie ganz offensichtlich eine strafrechtliche Legal-
prognose zum Inhalt haben, die sich von der spezifisch ausländerrechtli-
chen Risikobewertung massgeblich unterscheidet. Darauf wurde bereits
weiter oben eigegangen. Ferner ist festzustellen, dass die Therapie, der
F-6211/2018
Seite 14
sich der Beschwerdeführer bei Dr. B._ unterzog, mit seiner erzwun-
genen Ausreise Ende Oktober 2018 ein Ende fand. Über die weitere Le-
bensgestaltung des Beschwerdeführers ist nichts bekannt. Namentlich ist
nicht bekannt, ob und wenn ja, welcher Therapie sich der Beschwerdefüh-
rer gegenwärtig unterzieht. Schon von daher ist die Beweiskraft der Be-
richte im Hinblick auf die gegenwärtige, spezifisch ausländerrechtliche Ge-
fährdungslage sehr begrenzt. Es tritt hinzu, dass Dr. B._ nicht eine
unabhängige Expertin ist, sondern die behandelnde Ärztin, die zuallererst
ihrem Patienten verpflichtet ist. Dieser Umstand kann und muss in die Be-
weiswürdigung einbezogen werden.
6.9.4 Unbeschadet der vorstehenden Ausführungen sind die Schlussfolge-
rungen des Verlaufsberichts Dr. B._s vom 27. September 2016, die
auf denjenigen im Bericht vom 22. März 2016 aufbauen, nur sehr begrenzt
nachvollziehbar.
6.9.4.1 Im September 2015, d.h. kurz vor der Abfassung des ersten Be-
richts Dr. B._s, scheiterte nämlich mangels Kooperation des Be-
schwerdeführers eine erste Therapie bei C._, Facharzt für Psychi-
atrie und Psychotherapie FMH. Aus den Behandlungsunterlagen des Psy-
chiaters geht hervor, dass der Beschwerdeführer die Therapie am 27. Ja-
nuar 2015 auf Drängen seiner Angehörigen aufnahm und insgesamt vier
Konsultationen abgehalten wurden. Die letzte datierte vom 2. März 2015.
Weitere Termine nahm der Beschwerdeführer nicht wahr. Das erlahmte In-
teresse des Beschwerdeführers lebte bezeichnenderweise erst wieder auf,
als er für das kantonale Bewilligungsverfahren – das rechtliche Gehör zum
erwogenen Widerruf der Niederlassungsbewilligung wurde ihm am 20. Juli
2015 gewährt – einen ärztlichen Bericht benötigte und er sowie sein Vater
zu diesem Zweck am 18. September 2015 an den Psychiater gelangten.
Der Psychiater ging zu diesem Zeitpunkt noch davon aus, es gehe um ei-
nen Streit mit dem Arbeitgeber. Vom wahren Grund, dem deliktischen Vor-
leben des Beschwerdeführers und der deshalb drohenden Ausschaffung,
erfuhr er erst am 28. September 2015 durch ein Schreiben des Anwalts
des Beschwerdeführers. Daraufhin teilte er den Beteiligten mit, dass er die
Behandlung des Beschwerdeführers nicht wiederaufnehme, weil er eine
vertrauensvolle Zusammenarbeit wegen des Verschweigens dieser wichti-
gen Angelegenheit nicht mehr für möglich halte (vgl. Behandlungsunterla-
gen C._, LU-act. 74/301). Dennoch wird dem Beschwerdeführer
bereits im März 2016, d.h. kurz nach Aufnahme der Behandlung bei Dr.
B._, und trotz des schwer belasteten Vorlebens nur noch ein mini-
males Rückfallrisiko attestiert.
F-6211/2018
Seite 15
Die günstige Legalprognose beruht auf einer Gegenüberstellung von pro-
tektiven und Risikofaktoren sowie einer Auflistung von Kriterien, denen ge-
mäss Literatur für die Beurteilung der Rückfallgefahr von Sexualstraftätern
besondere Bedeutung zukommt und die beim Beschwerdeführer nicht vor-
handen seien. Als Risikofaktoren nennt die Psychiaterin gewisse Persön-
lichkeitszüge des Beschwerdeführers (emotionale Labilität auf einem de-
pressiven Hintergrund, Impulsivität, schnelle Reizbarkeit, reduzierte Frust-
rationstoleranz). Als protektive Faktoren werden eine Reihe von Elementen
aufgelistet, wie Fehlen einer paraphilen Störung oder einer sexualen Funk-
tionsstörung, abgeschlossene Lehre und Erwerbstätigkeit, keine Bean-
spruchung von Leistungen der IV/SUVA, obwohl solche in Frage kämen,
kein kriminelles Umfeld, gute Integration innerhalb der Familie, gute In-
tegration in der schweizerischen Gesellschaft, Einsicht in die Persönlich-
keitsproblematik, Therapie- und Veränderungswilligkeit sowie ernsthafte
Arbeit bei der Deliktverarbeitung. Dazu ist jedoch festzustellen, dass ein
Grossteil der protektiven Faktoren schon immer vorhanden war und die
restlichen Elemente subjektiver Natur sind, deren Existenz und Ernsthaf-
tigkeit mit Blick auf das stark belastete Vorleben des Beschwerdeführers,
den ausländerrechtlichen Kontext und die vergleichsweise kurze Behand-
lungsdauer zum Zeitpunkt der Berichte mit Grund angezweifelt werden
kann.
6.9.4.2 Im Bericht vom 28. Oktober 2018 schätzt Dr. B._ ein vom
Beschwerdeführer ausgehendes Restrisiko, das gegenüber dem Vorzu-
stand sowohl aufgrund seiner persönlichen Entwicklung als auch aufgrund
der langen, deliktfreien Zeit «noch massiver» zurückgegangen sei und von
dem nur gesprochen werden könne, weil die Vergangenheit nicht «ge-
löscht» werden könne, aufgrund der weiteren Entwicklung und des Le-
bensstils des Beschwerdeführers als äusserst gering ein. Er sei auf seine
Arbeit konzentriert und ihm sei sehr wichtig, ein normales Leben zu gestal-
ten, seine Steuern zu bezahlen und an seiner Selbständigkeit zu arbeiten.
Auch in diesem Punkt sind Zweifel angebracht. Zum einen erscheint es als
fraglich, wie ein Risiko, das bereits im Jahr 2016 nach Einschätzung der
behandelnden Psychiaterin kaum mehr vorhanden war, «noch massiver»
gesunken sein kann. Zum anderen ist festzustellen, dass auch bei
Dr. B._ die persönlichen Termine sehr grosse zeitliche Lücken auf-
weisen. Darauf angesprochen, ob die Behandlung seit dem Urteilszeit-
punkt fortgesetzt worden sei und falls ja, bis wann, in welcher Form und in
welchem Rhythmus, antwortete sie nämlich, dass von Oktober 2016 bis
Februar 2017, d.h. währen rund vier Monaten, 1 bis 3 Sitzungen pro Monat
stattgefunden hätten. Ab 2017 bis September 2018, also während mehr als
F-6211/2018
Seite 16
anderthalb Jahren habe es aus verschiedenen, nicht besonders überzeu-
genden Gründen (Erkrankung des Beschwerdeführers, Absenzen der be-
handelnden Psychiaterin) nur telefonische Kontakte gegeben. Im Septem-
ber und Oktober 2018 habe dann jeweils eine Sitzung stattgefunden. Da-
neben seien in diesem Zeitraum 4 bis 5 kurze Telefonate geführt worden.
Mithin ist die Behandlung im Rahmen persönlicher Treffen nach einem län-
geren Unterbruch unmittelbar vor Abfassung des Berichts vom 28. Oktober
2018 wieder aufgenommen worden. Am gleichen Datum verliess der Be-
schwerdeführer die Schweiz. Auch diesmal korreliert die Wiederaufnahme
der Behandlung durch persönliche Treffen in auffälliger Weise mit einem
behördlichen Vorgang, nämlich dem Schreiben der kantonalen Migrations-
behörde vom 5. September 2018, mit welchem dem Beschwerdeführer
eine Frist zur Ausreise aus der Schweiz gesetzt und ihm das rechtliche
Gehör zum erwogenen Einreiseverbot gewährt wurde (SEM-act. 8/33).
6.9.5 Unter den gegebenen Umständen kommt den Berichten Dr.
B._s im Rahmen der spezifisch ausländerrechtlichen Risikobewer-
tung keine ausschlaggebende Bedeutung zu. Für eine persönliche Befra-
gung des Beschwerdeführers, wie von ihm für den Fall beantragt, falls dem
Bericht nicht gefolgt wird, besteht angesichts der Klarheit der Beweislage
und dem beschränkten Beweiswert einer solchen Massnahme kein Anlass.
Auf sie kann daher in antizipierter Beweiswürdigung ohne Verletzung des
rechtlichen Gehörs willkürfrei verzichtet werden (vgl. BGE 141 I 60 E. 3.3
m.H.).
6.10 Als Zwischenergebnis ist festzuhalten, dass im Falle des Beschwer-
deführers auch zum heutigen Zeitpunkt noch eine schwerwiegende Gefahr
für die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 67 Abs. 3 zwei-
ter Satz AIG anzunehmen ist. Ein gegen ihn verhängtes Einreiseverbot darf
daher ohne Verletzung von Art. 67 Abs. 3 erster Satz AIG die Regelmaxi-
maldauer von fünf Jahren übersteigen.
7.
7.1 Den Entscheid darüber, ob ein Einreiseverbot anzuordnen und wie es
zeitlich auszugestalten ist, legen Art. 67 Abs. 2 und 3 AIG in das pflichtge-
mässe Ermessen der Behörde. Zentrale Bedeutung kommt dabei dem
Grundsatz der Verhältnismässigkeit zu, der eine wertende Abwägung zwi-
schen den berührten öffentlichen und privaten Interessen verlangt. Aus-
gangspunkt der Überlegungen bilden die Stellung der verletzten oder ge-
fährdeten Rechtsgüter, die Besonderheiten des ordnungswidrigen Verhal-
F-6211/2018
Seite 17
tens und die persönlichen Verhältnisse der betroffenen ausländischen Per-
son (Art. 96 AIG; ferner statt vieler HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, Allgemeines
Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016, Rz. 555 ff.).
7.2 Vom Beschwerdeführer geht eine schwerwiegende Gefahr für die öf-
fentliche Sicherheit und Ordnung aus. Darauf wurde unter dem Gesichts-
punkt der Eingriffsvoraussetzungen ausführlich eingegangen, sodass an
dieser Stelle auf Wiederholungen verzichtet werden kann. Ergänzend ist
darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer mit seinem Verhalten eine
erschreckende Rücksichtslosigkeit anderen Menschen gegenüber unter
Beweis stellte. Jenes Mass an Gefährlichkeit, das die volle Ausschöpfung
der rechtsprechungsgemässen Maximaldauer eines Einreiseverbots recht-
fertigen könnte, offenbarte sein Verhalten jedoch gleichwohl nicht. Das
zeigt sich nicht zuletzt daran, dass das Kantonsgericht Luzern mit 3 Jahren
Freiheitsstrafe weit unter der möglichen Maximalstrafe von 15 Jahren blieb.
Zugunsten des Beschwerdeführers spricht, dass er das Hauptdelikt als jun-
ger Erwachsener beging und dass er seit der letzten Straftat, einer Tätlich-
keit, rund sechs Jahre deliktsfrei verbrachte, wobei das Alter des Be-
schwerdeführers zum Zeitpunkt des Hauptdelikts sowie die Zeitspanne
zwischen diesem und dem rechtskräftigen Strafurteil bereits in die Strafzu-
messung eingeflossen sind. Ferner sind das Wohlverhalten des Beschwer-
deführers seit seiner letzten Straftat am 2. März 2014, seine berufliche In-
tegration und familiäre Verankerung sowie die Inanspruchnahme fachkun-
diger psychiatrischer Hilfe zwecks Aufarbeitung der Straftaten und Behand-
lung seiner Persönlichkeitsdefizite zu erwähnen. Diese Elemente drücken
die vom Beschwerdeführer ausgehende Gefahr zwar nicht unter die
Schwelle des Art. 67 Abs. 2 AIG – darauf wurde bereits eingegangen –, für
die Gewichtung des öffentlichen Fernhalteinteresses im Rahmen der Ver-
hältnismässigkeitsprüfung sind sie jedoch gleichwohl von Bedeutung. Alles
in allem besteht ein zwar erhebliches öffentliches Interesse an einer lang-
fristigen Fernhaltung des Beschwerdeführers. Dieses ist jedoch nicht so
dominant, dass sich ihm jedes private Interesse unterordnen müsste.
7.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, als Angehörigen der zweiten
Ausländergeneration treffe ihn das Einreiseverbot besonders schwer. Er
habe sein bisheriges Leben vollumfänglich in der Schweiz verbracht. Er
habe hier alle engsten Verwandten, d.h. drei Schwestern und die Eltern, zu
denen er in einem sehr engen Abhängigkeitsverhältnis stehe. In seinem
Herkunftsland habe er zwar entfernte Verwandte und er kenne dieses auch
von einzelnen Besuchsaufenthalten, er sei ihm indessen weit weniger ver-
F-6211/2018
Seite 18
bunden als der Schweiz. Aufgrund der hier bestehenden sozialen, kulturel-
len und familiären Bindungen ergebe sich jedenfalls ein ausgeprägtes In-
teresse, mit seinen hier lebenden Angehörigen mindestens besuchsweise
in einem möglichst intensiven Kontakt stehen zu können. Er sei zwar nicht
psychisch krank, stehe indessen trotz seiner bald 30 Jahre in einem aus-
gesprochen engen Abhängigkeitsverhältnis zu seinen nächsten Familien-
angehörigen und namentlich seiner Mutter. Obwohl er hier wirtschaftlich
gut integriert sei, sei er in lebenspraktischen Belangen nicht besonders
tüchtig und bisher auf die Begleitung seiner Schwestern und seiner Eltern
angewiesen gewesen. Der Verlust der Präsenz seiner ursprünglichen
Kernfamilie wäre für ihn sehr schwerwiegend und die Fernhaltemass-
nahme träfe ihn weit stärker als eine durchschnittlich eigenständige Per-
son.
Dies erhelle auch aus dem aktuellen Bericht Dr. B._s. Sie hebe da-
rin die anhaltende Bedeutung der familiären Stütze für seine Persönlich-
keitsentwicklung hervor. Der Unterbruch realer Life-Kontakte zu seinen El-
tern und Geschwistern könnten im schlimmsten Fall zum Fördern der be-
stehenden latenten Suizidalität führen, während periodische Kontakte ihm
viel helfen könnten, sein Leben in einem für ihn fremden Land neu zu ge-
stalten. Insbesondere aufgrund des fehlenden sozialen Netzes im Her-
kunftsland und sprachlicher Beeinträchtigungen erachte Dr. B._ die
Familie in der Schweiz als einzige Quelle für moralische Kraft, Energie und
Optimismus und erachte regelmässige Besuche alle drei bis vier Monate
als sinnvoll. Ein Besuchsrhythmus, wie ihn die Psychiaterin empfehle, sei
aber nur möglich, wenn auf den Erlass eines Einreiseverbotes verzichtet
werde, so dass er, der Beschwerdeführer, seine Angehörigen im Rahmen
des Schengenrechts besuchen könne, das bekanntlich im Sechsmonats-
zeitraum insgesamt 3-monatige Aufenthalte ermögliche.
7.4 Vorweg ist festzuhalten, dass Einschränkungen des Privat- und Fami-
lienlebens aufgrund sachlicher und funktioneller Unzuständigkeit des Bun-
desverwaltungsgerichts nicht Verfahrensgegenstand sein können, soweit
sie auf das Fehlen eines dauerhaften Aufenthaltsrechts in der Schweiz zu-
rückzuführen sind. Denn die Niederlassungsbewilligung wurde dem Be-
schwerdeführer als Folge seiner Straftaten rechtskräftig entzogen, und er
musste die Schweiz in Nachachtung der gleichzeitig angeordneten Weg-
weisung verlassen. Eine erneute Wohnsitznahme in der Schweiz wie auch
die Pflege regelmässiger Kontakte zu in der Schweiz wohnhaften Perso-
nen scheitert daher bereits am fehlenden Aufenthaltsrecht hierzulande.
Eine allfällige neue Bewilligung im Rahmen des Familiennachzugs ist aber
F-6211/2018
Seite 19
nicht Gegenstand dieses Verfahrens. Hierfür ist der Kanton zuständig, wo-
bei das Einreiseverbot im Falle einer Bewilligungserteilung aufzuheben
wäre (vgl. BVGE 2013/4 E. 7.4.1 m.H.).
Nach dem Gesagten stellt sich im Folgenden einzig die Frage, ob die über
die Verweigerung des Aufenthaltsrechts hinausgehende, durch das Einrei-
severbot zusätzlich bewirkte Beeinträchtigung des Familien- und Privatle-
bens einer rechtlichen Prüfung standhält. Als ausländische Person ohne
Aufenthaltsbewilligung dürfte sich der Beschwerdeführer ohne Einreisever-
bot nur im Rahmen von bewilligungsfreien Kurzaufenthalten in der Schweiz
aufhalten, wofür er als serbischer Staatsangehöriger grundsätzlich visums-
befreit ist, wenn er bestimmte Voraussetzungen erfüllt (Art. 8 Abs. 3 und 4
der Verordnung vom 22. Oktober 2008 über die Einreise und die Visumer-
teilung [VEV, SR 142.204] i.V.m. Art. 4 Abs. 1 der Verordnung [EU]
2018/1806 vom 14. November 2018 [kodifizierter Text] [ABl. L 303/39 vom
28.11.2018] i.V.m. ihrem Anhang II Ziff. 1). Der mit dem Einreiseverbot ver-
bundene zusätzliche Malus besteht nicht darin, dass dem Beschwerdefüh-
rer jede Einreise in die Schweiz schlichtweg untersagt ist, sondern darin,
dass er für bewilligungsfreie Kurzaufenthalte eine Suspension des Einrei-
severbots einholen muss. Eine solche Suspension kann auf Gesuch hin für
kurze, klar begrenzte Zeit ausnahmsweise gewährt werden, wenn wichtige
Gründe vorliegen (Art. 67 Abs. 5 AIG). In diesem – wenn auch stark einge-
schränkten – Rahmen hat der Beschwerdeführer grundsätzlich weiterhin
die Möglichkeit, Beziehungen zu Personen in der Schweiz auf schweizeri-
schem Hoheitsgebiet zu pflegen. Kontakte ausserhalb des Schengen-
raums bzw. auf andere Weise als durch persönliche Treffen werden durch
die Massnahme nicht beeinträchtigt (vgl. zum Ganzen BVGE 2014/20 E.
8.3.4 m.H.).
7.5 Das Zentrum der Lebensinteressen des Beschwerdeführers liegt ein-
deutig in der Schweiz. Seit seiner frühesten Kindheit – im Alter von 1 1⁄2
Jahren gelangte er im Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz – bis
zu seiner erzwungenen Ausreise im Oktober 2018 hat er während 28 Jah-
ren ununterbrochen hier gelebt, hat hier seine schulische Ausbildung und
Lehre durchlaufen und eine Erwerbstätigkeit aufgenommen. Hier lebt seine
gesamte Familie und hier befinden sich seine sozialen Wurzeln. Dass der
Beschwerdeführer eine Landessprache beherrscht, ist nicht zu bezweifeln.
Ebenso ist nicht zweifelhaft, dass er in der Schweiz einen Freundes- und
Bekanntenkreis unterhält und dass er hier bis zu seiner erzwungenen Aus-
reise beruflich bestens integriert war. Soweit spricht alles zu Gunsten des
Beschwerdeführers. Allerdings ist sein Legalverhalten, ein wesentliches
F-6211/2018
Seite 20
Element der Integration, alles andere als zufriedenstellend. Darauf wurde
bereits weiter oben ausführlich eingegangen. Ein eigentliches Abhängig-
keitsverhältnis des zwischenzeitlich 30-jährigen Beschwerdeführers zu den
Eltern und den Geschwistern besteht jedoch nicht. Das wurde bereits im
Rahmen des ausländerrechtlichen Verfahrens auf Widerruf der Niederlas-
sungsbewilligung und Wegweisung aus der Schweiz rechtskräftig festge-
stellt und es besteht kein Anlass, im rechtlichen Kontext eines Einreisever-
bots auf diese Beurteilung zurückzukommen. Sodann trifft es sicherlich zu,
dass seine Verbundenheit zur Schweiz stärker ist, als zu seinem Heimat-
land Serbien beziehungsweise Kosovo. So stark, dass er sich um eine Ein-
bürgerung bemüht hätte, ist die Verbundenheit zur Schweiz aber auch
nicht. Zudem sind aus der Zeit des ausländerrechtlichen Widerrufsverfah-
rens zahlreiche Rückreisevisa des Beschwerdeführers aktenkundig, die
praktisch durchwegs für Aufenthalte in Kosovo ausgestellt wurden.
7.6 Trotz der vorerwähnten Einschränkungen und Relativierungen ver-
kennt das Bundesverwaltungsgericht nicht, dass das dem Einreiseverbot
eigene besondere Kontrollregime den mit der Schweiz vielfach verbunde-
nen Beschwerdeführer erheblich trifft. Auf der anderen Seite wurde weiter
oben dargelegt, dass der Beschwerdeführer nicht eine Gefährlichkeit an
den Tag legt, welche die Ausschöpfung der rechtsprechungsgemässen
Maximaldauer eines Einreiseverbots rechtfertigen könnte. In Berücksichti-
gung aller relevanter Faktoren und im Rahmen einer wertenden Gewich-
tung der sich entgegenstehenden öffentlichen und privaten Interessen ge-
langt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass das gegen den
Beschwerdeführer verhängte Einreiseverbot dem Grundsatz nach zwar
nicht beanstandet werden kann. Die Dauer des Einreiseverbots von 9 1⁄2
Jahren erscheint jedoch als nicht verhältnismässig. Angesichts der gesam-
ten Umstände und mit Blick auf seine Rechtsprechung (vgl. etwa Urteile
des BVGer F-3664/2017 vom 17. Dezember 2018, F-7593/2015 vom
24. November 2017, F-4029/2016 vom 22. März 2017) erachtet es das
Bundesverwaltungsgericht als verhältnismässig und angemessen, das
Einreiseverbot auf 7 Jahre zu befristen. Damit wird den auf dem Spiel ste-
henden öffentlichen und privaten Interessen ausreichend Rechnung getra-
gen. Insbesondere ist die mit dem Einreiseverbot einhergehende Erschwe-
rung der familiären und privaten Kontakte zur Schweiz, soweit diese über-
haupt unter den Schutz von Art. 8 Ziff. 1 EMRK bzw. Art. 13 Abs. 1 BV
fallen, im Sinne von Art. 8 Ziff. 2 EMRK bzw. Art. 36 BV gerechtfertigt.
F-6211/2018
Seite 21
8.
Zu prüfen bleibt die von der Vorinstanz angeordnete Ausschreibung des
Einreiseverbots im SIS II.
8.1 Ein Einreiseverbot gilt für die Schweiz und im Regelfall für das Fürsten-
tum Liechtenstein (vgl. Art. 10 Abs. 1 des Rahmenvertrags vom 3. Dezem-
ber 2008 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und dem
Fürstentum Liechtenstein über die Zusammenarbeit im Bereich des Visum-
verfahrens, der Einreise und des Aufenthalts sowie über die polizeiliche
Zusammenarbeit im Grenzraum, SR 0.360.514.2). Erfolgt, wie vorliegend
geschehen, gestützt auf das Einreiseverbot eine Ausschreibung der be-
troffenen Person im SIS II zur Einreise- und Aufenthaltsverweigerung, so
werden die Wirkungen der Massnahme auf alle Schengen-Mitgliedstaaten
ausgedehnt (vgl. Art. 6 Abs. 1 Bst. d sowie Art. 14 Abs. 1 der Verordnung
[EG] Nr. 2016/399 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
9. März 2016 über einen Gemeinschaftskodex für das Überschreiten der
Grenzen durch Personen [Kodifizierter Text] [Schengener Grenzkodex,
SGK, Abl. L 77/1 vom 23.03.2016).
8.2 Die Ausschreibung eines Einreiseverbots im SIS II hindert die Schen-
gen-Mitgliedstaaten jedoch nicht, der betroffenen Person aus humanitären
Gründen oder Gründen des nationalen Interesses oder aufgrund internati-
onaler Verpflichtungen die Einreise in das eigene Hoheitsgebiet zu gestat-
ten (vgl. Art. 14 Abs. 1 i.V.m. Art. 6 Abs. 5 Bst. c SGK) bzw. ihr ein Schen-
gen-Visum mit räumlich beschränkter Gültigkeit auszustellen (vgl. Art. 25
Abs. 1 Bst. a [ii] der Verordnung [EG] Nr. 810/2009 des Europäischen Par-
laments und des Rates vom 13. Juli 2009 über einen Visakodex der Ge-
meinschaft [Visakodex, Abl. L 243/1 vom 15.09.2009]). Sie können ihr fer-
ner nach Konsultation des ausschreibenden Staates aus wichtigen Grün-
den, insbesondere aus humanitären Gründen oder aufgrund internationa-
ler Verpflichtungen, eine Aufenthaltsbewilligung erteilen, worauf die Aus-
schreibung zurückgenommen wird (Art. 25 Abs. 1 des Übereinkommens
vom 19. Juni 1990 zur Durchführung des Übereinkommens betreffend den
schrittweisen Abbau der Kontrollen an den gemeinsamen Grenzen [Schen-
gener Durchführungsübereinkommen, SDÜ, Abl. L 239/19 vom
22.09.2000] in der Fassung Verordnung [EU] Nr. 265/2010 des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 25.03.2010 [ABl. L 85/1 vom
31.03.2010]).
8.3 Eine Person, die nicht die Staatsangehörigkeit eines Mitgliedstaates
der EU oder der EFTA besitzt (Drittstaatsangehörige), kann im SIS II zur
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Seite 22
Einreise- und Aufenthaltsverweigerung ausgeschrieben werden, wenn die
"Angemessenheit, Relevanz und Bedeutung des Falles" eine solche Mass-
nahme rechtfertigen (Art. 2 und 21 der Verordnung [EG] Nr. 1987/2006 des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Dezember 2006 über die
Einrichtung, den Betrieb und die Nutzung des Schengener Informations-
systems der zweiten Generation [SIS-II-Verordnung, Abl. L 381/4 vom
28.12.2006]). Voraussetzung der Ausschreibung im SIS ist eine nationale
Ausschreibung, die gestützt auf eine Entscheidung der zuständigen natio-
nalen Instanzen ergeht (Art. 24 Ziff. 1 SIS-II-Verordnung). Die Ausschrei-
bung erfolgt, wenn die nationale Entscheidung mit der Gefahr für die öf-
fentliche Sicherheit und Ordnung oder die nationale Sicherheit begründet
wird, die die Anwesenheit der betreffenden Person in einem Mitgliedstaat
darstellt. Das ist insbesondere der Fall, wenn die betreffende Person in
einem Mitgliedstaat wegen einer Straftat verurteilt wurde, die mit einer Frei-
heitsstrafe von mindestens einem Jahr bedroht ist (Art. 24 Ziff. 2 Bst. a SIS-
II-Verordnung), oder wenn gegen sie der begründete Verdacht besteht,
dass sie schwere Straftaten begangen hat, oder wenn konkrete Hinweise
dafür bestehen, dass sie solche Taten im Hoheitsgebiet eines Mitglied-
staats plant (Art. 24 Ziff. 2 Bst. b SIS-II-Verordnung).
8.4 Der Beschwerdeführer kann als Drittstaatsangehöriger grundsätzlich
zur Einreise- bzw. Aufenthaltsverweigerung im SIS II ausgeschrieben wer-
den. Die vom Beschwerdeführer zu verantwortenden Straftaten erfüllen
ferner den von Art. 24 Ziff. 2 Bst. a SIS-II-Verordnung verlangten Schwere-
grad bei Weitem. Die Schweiz ist sodann als Folge des Grundsatzes der
loyalen Zusammenarbeit bei der Administration des gemeinsamen Raums
der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts, auf dem das Schengen-Sys-
tem beruht, zur getreuen Wahrung der Interessen der Gesamtheit der
Schengen-Staaten verpflichtet (BVGE 2011/48 E. 6.1). Hinzu tritt, dass we-
gen des Wegfalls systematischer Personenkontrollen an den Schengen-
Innengrenzen Einreiseverbote und ähnliche Massnahmen ihre volle Wirk-
samkeit nur entfalten können, wenn sich ihre Geltung und ihre Durchsetz-
barkeit nicht auf einzelne Schengen-Mitgliedstaaten beschränken. Ange-
sichts der festgestellten, vom Beschwerdeführer ausgehenden qualifizier-
ten Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung, die sich zudem nicht
zum vornherein auf das Territorium der Schweiz beschränkt, liegt die Aus-
schreibung des Einreiseverbots im zwingenden gemeinsamen Interesse
der Schweiz und der übrigen Schengen-Staaten. Eine mit der Ausschrei-
bung des Einreiseverbots einhergehende, zusätzliche Beeinträchtigung
hat der Beschwerdeführer in Kauf zu nehmen.
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Seite 23
9.
Aus diesen Erwägungen folgt, dass das auf 9 1/2 Jahre befristete Einrei-
severbot Bundesrecht verletzt (vgl. Art. 49 VwVG). Es ist hinsichtlich seiner
Dauer aufzuheben und auf 7 Jahre, d.h. bis zum 28. Oktober 2025 zu be-
fristen. In diesem Sinne ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen.
10.
10.1 Entsprechend dem Ausgang des vorliegenden Verfahrens sind dem
Beschwerdeführer im Umfang des Unterliegens (ermässigte) Verfahrens-
kosten aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG). Diese sind in Anwendung
von Art. 1, 2 und 3 Bst. b des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE,
SR 173.320.2) auf Fr. 900.– festzusetzen.
10.2 Für die notwendigen Kosten der Rechtsvertretung ist dem Beschwer-
deführer im Umfang des Obsiegens eine (gekürzte) Parteientschädigung
zuzusprechen. Diese geht zulasten der Vorinstanz (vgl. Art. 64 Abs. 1 und
Abs. 2 VwVG). Mangels einer Kostennote setzt das Gericht die Parteient-
schädigung nach pflichtgemässem Ermessen fest (Art. 14 Abs. 2 VGKE).
Die Höhe der anwaltlichen Gesamtkosten ist mit Blick auf den aktenkundi-
gen Aufwand, die Komplexität und Bedeutung der Sache sowie in Anwen-
dung der gesetzlichen Bemessungskriterien von Art. 8 ff. VGKE auf
Fr. 1'800.– festzulegen. Diese sind nach Massgabe des teilweisen Obsie-
gens auf Fr. 500.– zu kürzen.
11.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
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F-6211/2018
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