Decision ID: be10375b-c3bb-48fa-9bf1-a2fa65103381
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hilflosenentschädigung/Assistenzbeitrag
Sachverhalt:
A.
A._, geboren 1988, leidet seit Geburt an einer beinbetonten spastischen Tetraparese,
einer zentralen Sehstörung sowie an einer Skoliose (vgl. IV-act. 190). Er bezieht
deshalb von der Invalidenversicherung unter anderem seit dem 1. Oktober 2006 eine
ganze Rente (IV-act. 175) und eine Hilflosenentschädigung entsprechend einer
Hilflosigkeit mittleren Grades (IV-act. 228).
B.
B.a Am 11. Januar 2007 meldete sich der Versicherte für den Pilotversuch
„Assistenzbudget“ an (IV-act. 201). Er gab im entsprechenden Fragebogen, der der IV-
Stelle am 26. Januar 2007 zuging, unter anderem an, an einer Lähmung in beiden
Beinen, Zittern der Hände bei Nervosität oder Überforderung, einer Spastik und einer
sehr starken Sehbehinderung zu leiden und deshalb täglich auf Assistenz während 20
Minuten beim Aus- und Ankleiden, 20 Minuten beim Aufstehen/Absitzen/Abliegen und
der Fortbewegung in der Wohnung, 15 Minuten beim Essen, 58 Minuten bei der
Körperpflege, 15 Minuten bei der Verrichtung der Notdurft, 15 Minuten bei der
Haushaltsführung, 15 Minuten bei der Essenszubereitung und -versorgung, 7,32
Minuten bei der Wohnungspflege, 3,33 Minuten beim Einkauf und weiteren
Besorgungen, 47,98 Minuten bei der Wäsche- und Kleiderpflege und 13,62 Minuten bei
der gesellschaftlichen Teilhabe und Freizeitgestaltung angewiesen zu sein, insgesamt
230,25 Minuten pro Tag (IV-act. 211).
B.b Mit Vorbescheid vom 6. Februar 2007 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit,
dass vorgesehen sei, ein Assistenzgeld von Fr. 2’115.-- pro Monat zuzusprechen, das
sich aus einer Pauschale von Fr. 600.-- und einem Budget von Fr. 1’515.--
zusammensetze (IV-act. 214). Einer Notiz vom selben Tag lässt sich entnehmen, dass
für das Aufstehen/Absitzen/Abliegen nur ein Bedarf von fünf Minuten, für die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Körperpflege nur ein solcher von 15 Minuten und für die Verrichtung der Notdurft sowie
das Essen kein Bedarf berücksichtigt wurden, ansonsten aber auf die deklarierten
Zeitangaben des Versicherten abgestellt wurde (offenbar anerkannter Bedarf pro Tag:
142,25 Minuten; IV-act. 215).
B.c Am 19. Februar 2007 teilte der Versicherte mit, dass er mit der Zusprache eines
Assistenzbudgets von Fr. 1’515.-- pro Monat einverstanden sei, solange er bei seinem
Patenonkel wohne. Sollte er später in eine eigene Wohnung ziehen, müsse die Höhe
des Assistenzbudgets neu beurteilt werden (IV-act. 216).
B.d Am 16. April 2007 ging der IV-Stelle eine Bestätigung des B._ zu, wonach der
Versicherte seinen Wohnvertrag per 30. April 2007 gekündigt habe und ab 1. Mai 2007
von Montag bis Freitag (als externer Besucher) die Tagesstätte benutzen werde (IV-
act. 234).
B.e Mit Verfügung vom 17. April 2007 wurde dem Versicherten ein Assistenzgeld von
maximal Fr. 2’115.-- pro Monat mit Wirkung ab dem 1. Mai 2007 zugesprochen (IV-
act. 230). Gleichentags wurde die Sistierung der Hilflosenentschädigung mit Wirkung
ab dem 1. Mai 2007 verfügt (IV-act. 231).
B.f In der Folge reichte der Versicherte monatlich Rechnungen für das Assistenzgeld
ein. Gemäss diesen beliefen sich die belegbaren Ausgaben für direkte
Assistenzleistungen im Mai 2007 auf Fr. 668.40 (IV-act. 239), im Juni 2007 auf
Fr. 731.10 (IV-act. 242), im Juli auf Fr. 739.25 (IV-act. 243) plus Fr. 232.-- für
(ausnahmsweise in Anspruch genommene) Spitex-Dienstleistungen (vgl. IV-act. 247 f.),
im August 2007 auf Fr. 1’221.-- (IV-act. 250), im September 2007 auf Fr. 1’878.40 (IV-
act. 256), im Oktober 2007 auf Fr. 2’430.75 (IV-act. 265), im November 2007 auf
Fr. 1’458.30 (IV-act. 267) und im Dezember 2007 auf Fr. 1’715.-- (IV-act. 270),
insgesamt in den Monaten Mai bis und mit Dezember 2007 auf Fr. 11’074.20.
B.g Am 9. Januar 2008 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass der Pilotversuch
um ein Jahr (bis Ende 2009) verlängert worden sei. Es werde zu einem späteren
Zeitpunkt entschieden, ob nach Ablauf des Pilotversuchs ein Assistenzbudget
eingeführt werde. Aufgrund der Evaluationsergebnisse sei aber damit zu rechnen, dass
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
für ein künftiges Assistenzbudget Anpassungen bei den Leistungen vorgenommen
würden. Auch sei noch unklar, ob sämtliche Personen, die am Pilotversuch teilnehmen
würden, bei einem künftigen Assistenzbudget berücksichtigt werden könnten (IV-
act. 271).
B.h Die belegbaren Ausgaben beliefen sich im Januar 2008 auf Fr. 1’497.10 (IV-
act. 272), im Februar 2008 auf Fr. 1’466.15 (IV-act. 278), im März 2008 auf Fr. 1’459.50
(IV-act. 281), im April 2008 auf Fr. 1’768.05 (IV-act. 283), im Mai 2008 auf Fr. 1’239.50
(IV-act. 286), im Juni 2008 auf Fr. 1’622.95 (IV-act. 288), im Juli 2008 auf Fr. 1’830.85
(IV-act. 290), im August 2008 auf Fr. 1’031.50 (IV-act. 293), im September 2008 auf
Fr. 1’031.55 (IV-act. 294), im Oktober 2008 auf Fr. 2’227.60 (IV-act. 295), im November
2008 auf Fr. 1’031.45 (IV-act. 296) und im Dezember 2008 auf Fr. 1’021.70 (IV-
act. 297), insgesamt im Jahr 2008 auf Fr. 17’227.90.
B.i Mit Schreiben vom 5. Januar 2009 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass
die Rechnungskontrolle ergeben habe, dass er bis Ende 2008 Fr. 2’570.70 Reserven
habe bilden können. Da die angesparte Reserve den Betrag des verfügten monatlichen
Assistenzbudgets nicht übersteigen dürfe, werde für die beiden nächsten Monate je nur
die Pauschale ausgerichtet (IV-act. 298).
B.j Die belegbaren Ausgaben beliefen sich im Januar 2009 auf Fr. 1’564.10 (IV-
act. 301), im Februar 2009 auf Fr. 1’031.50 (IV-act. 302), im März 2009 auf Fr. 931.70
(IV-act. 303), im April 2009 auf Fr. 1’812.95 (IV-act. 305), im Mai 2009 auf Fr. 1’250.70
(IV-act. 306), im Juni 2009 auf Fr. 1’031.50 (IV-act. 307), im Juli 2009 auf Fr. 1’491.80
(IV-act. 308), im August 2009 auf Fr. 1’031.45 (IV-act. 310), im September 2009 auf
Fr. 1’031.45 (IV-act. 318), im Oktober 2009 auf Fr. 2’728.80 (IV-act. 323), im November
2009 auf Fr. 1’031.45 (IV-act. 325) und im Dezember 2009 auf Fr. 998.20 (IV-act. 331),
insgesamt im Jahr 2009 auf Fr. 15’935.60.
B.k Am 30. März 2009 war der IV-Stelle ein Arbeitsvertrag des C._ zugegangen,
gemäss welchem der Versicherte per 1. April 2009 eine Arbeitsstelle als
Industriearbeiter mit einem Pensum von 90 % (36 Stunden pro Woche) und einem Lohn
von Fr. 180.-- brutto pro Monat angetreten hatte (IV-act. 304).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.l Die belegbaren Ausgaben beliefen sich im Januar 2010 auf Fr. 1’525.05 (IV-
act. 332), im Februar 2010 auf Fr. 1’108.95 (IV-act. 333), im März 2010 auf Fr. 931.65
(IV-act. 334), im April 2010 auf Fr. 1’542.75 (IV-act. 335), im Mai 2010 auf Fr. 998.20
(IV-act. 337), im Juni 2010 auf Fr. 1’031.45 (IV-act. 338), im Juli 2010 auf Fr. 3’249.55
(IV-act. 340), im August 2010 auf Fr. 2’025.80 (IV-act. 341), im September 2010 auf
Fr. 1’284.-- (IV-act. 342), im Oktober 2010 auf Fr. 2’030.90 (IV-act. 344), im November
2010 auf Fr. 1’276.05 (IV-act. 345) und im Dezember 2010 auf Fr. 1’237.30 (IV-
act. 346), insgesamt im Jahr 2010 auf Fr. 18’241.65. Für die Monate Juni und Juli 2010
wurde dem Versicherten wiederum aufgrund zu hoher Reserve nur je die Pauschale
ausgerichtet (IV-act. 336).
B.m Am 15. Oktober 2010 war der IV-Stelle ein Arbeitsvertrag zugegangen, wonach
der Versicherte per 1. Oktober 2010 sein Pensum von 90 % auf 50 % (20 Stunden pro
Woche) und der Bruttolohn sich entsprechend auf Fr. 100.-- reduziert hatten (IV-
act. 343).
B.n Die belegbaren Ausgaben beliefen sich im Januar 2011 auf Fr. 1’691.70 (IV-
act. 347), im Februar 2011 auf Fr. 1’163.80 (IV-act. 348), im März 2011 auf Fr. 1’043.60
(IV-act. 352), im April 2011 auf Fr. 1’669.45 (IV-act. 353), im Mai 2011 auf Fr. 1’050.--
(IV-act. 358), im Juni 2011 auf Fr. 1’118.30 (IV-act. 359), im Juli 2011 auf Fr. 4’843.30
(IV-act. 360), im August 2011 auf Fr. 925.50 (IV-act. 361), im September 2011 auf
Fr. 1’330.70 (IV-act. 367), im Oktober 2011 auf Fr. 1’973.20 (IV-act. 373), im November
2011 auf Fr. 1’130.50 (IV-act. 382) und im Dezember 2011 auf Fr. 1’657.90 (IV-
act. 390), insgesamt im Jahr 2011 auf Fr. 19’597.95.
C.
C.a Am 26. Oktober 2011 hatte die IV-Stelle dem Versicherten mitgeteilt, dass die
Hilflosenentschädigung ab dem 1. Januar 2012 wieder ausbezahlt und der
Assistenzbeitrag neu festgesetzt werde. Die Höhe des Assistenzbeitrages betrage neu
Fr. 380.60. Obwohl der Versicherte ab 1. Januar 2012 alleine wohnen werde, sei der
Betrag gesamthaft tiefer, unter anderem auch, weil neu Aufenthalte in einer Institution
tagsüber einen bestimmten Abzug des pflegerischen Aufwandes zur Folge hätten (IV-
act. 369).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.b Mit Vorbescheid vom 9. Januar 2012 teilte die IV-Stelle mit, dass per 1. Juli 2012
die Zusprache eines Assistenzgeldes von monatlich Fr. 380.60 und die
Wiederausrichtung der Hilflosenentschädigung von Fr. 1’160.-- vorgesehen sei (IV-
act. 396).
C.c Am 27. Januar 2012 reichte der Versicherte eine Rechnung für das Assistenzgeld
für den Monat „Februar“ 2012 ein, gemäss welcher sich die belegbaren Ausgaben auf
Fr. 1’303.45 beliefen (IV-act. 399).
C.d Am 12. Februar 2012 erhob der Versicherte Einwand gegen den Vorbescheid vom
9. Januar 2012. Mit dem in Aussicht gestellten Betrag könne er eine Hilfsperson nur für
etwas mehr als eineinhalb Stunden pro Tag anstellen. Von Montag bis Freitag benötige
er aber während je drei Stunden Assistenz, nämlich morgens eine Stunde (aufstehen,
duschen, ankleiden, sonstige Pflege, essen und trinken sowie Jacke anziehen) und
abends zwei Stunden (kochen, gründliche Reinigung der Küche, Tisch putzen,
Elektrorollstuhl an den Strom anschliessen, Getränke im Keller holen und in den
Kühlschrank stellen sowie Grundpflege). Am Samstagmorgen benötige er eine
Hilfsperson während zweieinhalb Stunden, da dann auch noch Wäsche gewaschen
werden müsse. Am Samstagmittag und Samstagabend sowie Sonntagmittag und
Sonntagabend benötige er während sechs Stunden Assistenz; dieser Bedarf werde
zurzeit kostenlos von seinem Onkel gedeckt. Zusätzlich benötige er pro Woche
während zwei Stunden eine Hilfsperson für die Wohnungspflege. Der vorgeschlagene
Beitrag reiche dafür bei Weitem nicht aus, weshalb mit der entsprechenden Reduktion
des Assistenzbeitrages eine Rückkehr ins Heim notwendig werden würde (IV-act. 400).
C.e Am 25. Februar 2012 reichte der Versicherte eine Rechnung für das Assistenzgeld
für den Monat „März“ 2012 ein, gemäss welcher sich die belegbaren Ausgaben auf
Fr. 1’767.30 beliefen (IV-act. 402).
C.f Mit Vorbescheid vom 5. März 2012 stellte die IV-Stelle die Zusprache eines
Assistenzbeitrages von Fr. 627.60 pro Monat in Aussicht. Zwischenzeitlich sei das Ab
klärungssystem „FAKT“ fertiggestellt worden, was zu Korrekturen mit Einfluss auf die
Höhe des Assistenzbeitrages geführt habe (IV-act. 403). Dem Vorbescheid lag ein
Auszug der Abklärungen mittels „FAKT“ bei, wonach sich der anerkannte Hilfsbedarf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auf 55 Stunden pro Monat belief, wovon 35,69 Stunden als durch die
Hilflosenentschädigung abgegolten in Abzug gebracht wurden. Im anerkannten
Hilfsbedarf von 55 Stunden waren 10,39 Stunden bei den alltäglichen
Lebensverrichtungen und im Haushalt wegen Aufenthalts in einer Institution bereits in
Abzug gebracht worden (IV-act. 405 f.).
C.g Gegen diesen Vorbescheid erhob der Versicherte am 11. März 2012 Einwand. Die
Differenz zur Realität sei nach wie vor enorm. Er ersuche deshalb um Festlegung des
Assistenzbeitrages anhand des effektiven Bedarfs, den er auf insgesamt 28,5 Stunden
pro Woche bezifferte (IV-act. 408).
C.h Am 22. März 2012 verfügte die IV-Stelle gemäss Vorbescheid vom 5. März 2012.
Es könne nicht der gesamte Aufwand berücksichtigt werden, da dem Versicherten
zumutbar sei, Teilbereiche der Verrichtungen und Haushaltstätigkeiten selber
vorzunehmen. Zudem werde in den Verwaltungsweisungen ein Höchstbetrag
festgelegt, der sich aus dem Grad der Hilflosigkeit und der Anzahl zu
berücksichtigender alltäglicher Lebensverrichtungen ergebe. Dieser betrage bei
mittlerer Hilflosigkeit 30 Stunden pro Verrichtung. Beim Versicherten würden vier
Verrichtungen berücksichtigt, mithin ein Höchstbetrag von 120 Stunden. Wegen des
Aufenthalts in der C._ werde dieser Betrag um 50 % auf 60 Stunden gekürzt. Die
Abklärung habe einen Aufwand von 55 Stunden pro Monat ergeben (IV-act. 409).
C.i Am 5. April 2012 reichte der Versicherte eine Rechnung für das Assistenzgeld für
den Monat „April“ 2012 ein, gemäss welcher sich die belegbaren Ausgaben auf
Fr. 1’968.05 beliefen (IV-act. 414). Am 5. Mai 2012 reichte der Versicherte eine
entsprechende Rechnung für den Folgemonat ein, gemäss welcher sich „das
Assistenzbudget gemäss Verfügung“ auf Fr. 1’472.85 belief (IV-act. 417).
D.
D.a Gegen die Verfügung vom 22. März 2012 richtet sich die am 16. April 2012
(Postaufgabe) erhobene Beschwerde, mit der die Zusprache eines höheren
Assistenzbeitrages entsprechend dem effektiven Bedarf an Assistenz beantragt wird
(act. G 1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
D.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde. In ihrer
Beschwerdeantwort vom 22. Juni 2012 führte sie zur Begründung aus, das Bundesamt
für Sozialversicherungen habe im Kreisschreiben über den Assistenzbeitrag (KSAB)
Verwaltungsanweisungen für die Bemessung des Assistenzbedarfs im Einzelfall
getroffen, die verbindlich seien. Der Hilfebedarf werde mit Hilfe eines standardisierten
Abklärungsinstrumentes („FAKT“) sowohl für direkte als auch für indirekte
Hilfeleistungen ermittelt. Die beantragte Ermittlung des Assistenzbeitrages aufgrund
der effektiv benötigten bzw. vom Beschwerdeführer angegebenen Stunden komme
daher von vorneherein nicht in Frage. Die im Oktober 2011 durchgeführte Abklärung
habe bei den Alltagsverrichtungen einen Bedarf von 38 Minuten pro Tag ergeben. Darin
inbegriffen seien Abzüge aufgrund der auswärtigen Tätigkeit im geschützten Rahmen.
Im Bereich „Haushalt/gesellschaftliche Teilhabe/Freizeit“ hätten 71 Minuten pro Tag
berücksichtigt werden können. Auch da seien Abzüge aufgrund der Abwesenheit
tagsüber notwendig. Der gesamte Hilfebedarf belaufe sich auf 109 Minuten pro Tag
oder 55 Stunden im Monat. Nach Abzug des Gegenwertes der Hilflosenentschädigung
(35,69 Stunden) verbleibe ein Hilfebedarf von 19,31 Stunden pro Monat. Der
festgelegte Assistenzbeitrag sei daher nicht zu beanstanden (act. G 4).
D.c Mit Replik vom 21. August 2012 hielt der Beschwerdeführer an seinem mit
Beschwerde vom 16. April 2012 gestellten Antrag fest (act. G 6).
D.d Mit Duplik vom 10. September 2012 hielt auch die Beschwerdegegnerin an ihrem
Antrag gemäss Beschwerdeantwort vom 22. Juni 2012 fest (act. G 8).

Erwägungen:
1.
1.1 Am 1. Januar 2012 sind im Zuge des ersten Massnahmenpaketes der 6. IV-
Revision unter anderem Bestimmungen über den Assistenzbeitrag ins Bundesgesetz
über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) aufgenommen worden. Diese lösten
einen während der Jahre davor durchgeführten Pilotversuch über den Assistenzbeitrag
ab. Der im vorliegenden Verfahren Streitgegenstand bildende Anspruch des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführers auf einen Assistenzbeitrag richtet sich daher – nach Ablauf der
Übergangsfrist gemäss den Schlussbestimmungen zum IVG vom 18. März 2011 (in
fine) bzw. ab dem 1. Juli 2012 – nach neuem Recht, d.h. nach Art. 42 ff. IVG und
nicht mehr nach der ausser Kraft gesetzten Verordnung über den Pilotversuch
Assistenzbeitrag.
1.2 Die Anspruchsvoraussetzungen sind vorliegend unbestrittenermassen erfüllt.
Strittig ist der Umfang des Assistenzbeitrages. Gemäss Art. 42 Abs. 1 IVG bildet
die für die Hilfeleistungen benötigte Zeit Grundlage für die Berechnung des
Assistenzbeitrages. Davon abzuziehen ist die Zeit, die der Hilflosenentschädigung, den
Beiträgen für Dienstleistungen Dritter anstelle eines Hilfsmittels und dem für
Grundpflege ausgerichteten Beitrag der obligatorischen Krankenpflegeversicherung an
Pflegeleistungen entspricht. Bei einem Aufenthalt in stationären und teilstationären
Institutionen wird der für Hilfeleistungen im Rahmen des Assistenzbeitrages
anrechenbare Zeitbedarf entsprechend reduziert (Art. 42 Abs. 2 IVG). Unter
anderem hinsichtlich der einzelnen Bereiche und der minimalen und maximalen Anzahl
Stunden, für die ein Assistenzbeitrag ausgerichtet wird, sowie der Pauschalen für
Hilfeleistungen pro Zeiteinheit ist die Regelung auf dem Verordnungsweg vorgesehen
(Art. 42 Abs. 4 IVG).
1.3 Gemäss Art. 39c der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201)
kann in folgenden Bereichen ein Hilfebedarf anerkannt werden: alltägliche
Lebensverrichtungen, Haushaltsführung, gesellschaftliche Teilhabe und
Freizeitgestaltung, Erziehung und Kinderbetreuung, Ausübung einer gemeinnützigen
oder ehrenamtlichen Tätigkeit, berufliche Aus- und Weiterbildung, Ausübung einer
Erwerbstätigkeit auf dem regulären Arbeitsmarkt, Überwachung während des Tages
und Nachtdienst. Die Bestimmung des anerkannten Hilfebedarfs wird in Art. 39e IVV
geregelt. Gemäss Art. 39e Abs. 2 lit. a IVV kann pro Monat höchstens ein Bedarf von
30 Stunden pro alltägliche Lebensverrichtung, die bei der Festsetzung der
Hilflosenentschädigung mittleren Grades festgehalten wurde, für Assistenz bei
alltäglichen Lebensverrichtungen, Haushaltsführung, gesellschaftlicher Teilhabe und
Freizeitgestaltung berücksichtigt werden. Für die Bereiche nach Art. 39c lit. d–g
(Erziehung und Kinderbetreuung, Ausübung einer ehrenamtlichen Tätigkeit, berufliche
Aus- und Weiterbildung, Ausübung einer Erwerbstätigkeit auf dem allgemeinen
quater
sexies
sexies
sexies
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsmarkt) werden monatlich insgesamt höchstens 60 Stunden berücksichtigt.
Gemäss Art. 39e Abs. 4 IVV werden die Höchstansätze für jeden Tag und jede Nacht,
die die versicherte Person pro Woche in einer Institution verbringt, um zehn Prozent
gekürzt.
1.4 Gestützt auf diese Gesetzes- und Verordnungsbestimmungen hat das Bundesamt
für Sozialversicherungen das Kreisschreiben über den Assistenzbeitrag (KSAB) er
lassen. Darin sind Unterteilungen der in Art. 39c IVV genannten Bereiche in Teilbereiche
(KSAB, Rz 4002), dieser Teilbereiche in verschiedene Tätigkeiten (KSAB, Rz 4003) und
jeder Tätigkeit in verschiedene Verrichtungen (Teilhandlungen; KSAB, Rz 4004)
enthalten. Sodann sieht das KSAB ein Stufensystem für die einzelnen Bereiche bzw.
Teilbereiche vor. Gemäss diesem System ist für jeden Teilbereich festzulegen, ob die
versicherte Person nicht (Stufe 0), unwesentlich oder sporadisch (Stufe 1), in mehreren
Teilhandlungen regelmässig (Stufe 2), weitgehend (Stufe 3) oder vollständig (Stufe 4)
auf direkte oder indirekte Dritthilfe angewiesen ist (KSAB, Rz 4009 ff.). Jeder
Kombination von Teilhandlung und Stufe wird schliesslich ein Minutenwert zugeordnet
(KSAB, Rz 4015). Ein im KSAB enthaltenes Beispiel illustriert die Bemessung des
Assistenzbedarfs: Der Bereich der alltäglichen Lebensverrichtungen enthält unter
anderem den Teilbereich des An- und Auskleidens, der seinerseits unter anderem die
Teilhandlung des Zusammenstellens der Kleider enthält. Kann eine versicherte Person
lediglich noch kleinere Kleidungsstücke aus der Schublade nehmen, ist für diese
Teilhandlung Stufe 3 festzulegen (vgl. KSAB, Rz 4013), womit der Hilfebedarf für diese
Teilhandlung auf drei Minuten pro Tag festgesetzt wird (vgl. KSAB, Rz 4015). Ermittelt
wird der Hilfebedarf in der Praxis mithilfe eines standardisierten elektronischen
Abklärungssystems, dem so genannten FAKT (vgl. KSAB, Rz 4005).
2.
2.1 In Bezug auf das KSAB gilt, was allgemein für Verwaltungsweisungen,
Kreisschreiben und dergleichen zu beachten ist: Es handelt sich dabei nicht um
Rechtsnormen; sie sind für das Gericht nicht verbindlich. Allerdings berücksichtigt das
Gericht die Lösung gemäss Verwaltungsweisung, wenn sie eine überzeugende
Interpretation des Gesetzes durch die Aufsichtsbehörde zum Zweck der rechtsgleichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anwendung des Gesetzes darstellt (vgl. etwa BGE 122 V 249 E. 3d S. 253 mit
zahlreichen Hinweisen).
2.2 Das Bundesamt für Sozialversicherungen hat bei der Ausarbeitung des KSAB
offenbar einen erheblichen Aufwand betrieben, indem es sämtliche für die Ermittlung
eines Assistenzbedarfs massgebenden Bereiche systematisch in Teilbereiche,
Tätigkeiten und Teilhandlungen aufgegliedert, ein einheitliches Stufensystem für die
Ermittlung des Hilfebedarfs für die einzelnen Teilhandlungen eingeführt und für
sämtliche sich daraus ergebenden Kombinationen von Teilhandlungen und Stufen
Minutenwerte festgelegt hat. Die Intention war offenbar, damit ein systematisches,
standardisiertes und damit möglichst rechtsgleiches Vorgehen der Verwaltung im
Einzelfall zu forcieren, nicht zuletzt auch mittels Bereitstellung eines elektronischen
Abklärungssystems mit entsprechenden Vorgaben. Diese Vorgaben und Hilfsmittel
bergen allerdings die Gefahr einer zu weit gehenden Abstrahierung von den
tatsächlichen Verhältnissen. Die Rechtsanwender werden damit tendenziell dazu
angehalten, abstrakt anhand der vorgegebenen Erläuterungen und Beispiele einen
Assistenzbedarf zu ermitteln, was gleichzeitig bedeuten kann, dass den Umständen
des Einzelfalles nicht genügend Rechnung getragen wird. Das KSAB kennt zwar
diverse Ausnahmebestimmungen. So heisst es etwa in KSAB, Rz 4016, dass in jedem
Bereich ein Zusatzaufwand gewährt werden könne, wenn der Bedarf der betroffenen
Person im entsprechenden Bereich über dem verfügbaren Zeitrahmen liege. Das KSAB
lässt also die Möglichkeit zu, sich unter gewissen Voraussetzungen von den Richtlinien
zu lösen und eine dem Einzelfall angemessenere Lösung zu wählen. Solche
Ausnahmebestimmungen sind notwendig, denn nicht nur die Ungleichbehandlung von
Gleichem verletzt das Rechtsgleichheitsgebot, sondern auch die Gleichbehandlung von
Ungleichem.
2.3 Das Argument der Beschwerdegegnerin, die Anwendung des KSAB bzw. des
elektronischen Abklärungssystems lasse von vorneherein keine Berücksichtigung des
effektiven Bedarfs im Einzelfall zu, überzeugt daher nicht. Wenn aber das KSAB den
Ermessensspielraum der Verwaltung – ohne entsprechende gesetzliche Grundlage –
derart einschränken würde, wäre es als gesetzwidrig und daher für das Gericht insofern
als unverbindlich zu qualifizieren. Aufgabe von Verwaltung und Gericht ist es nämlich in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erster Linie, das Gesetz unter Berücksichtigung sämtlicher massgebender Umstände
des Einzelfalles anzuwenden.
3.
3.1 Offenbar fand die Ermittlung des Assistenzbedarfs vorliegend im Rahmen einer
Abklärung vor Ort am 11. bzw. 12. Oktober 2011 statt (vgl. IV-act. 368, 391 und 405).
Ein entsprechender Abklärungsbericht liegt in Form eines (schlecht lesbaren)
Ausdrucks aus dem elektronischen Abklärungssystem vor (vgl. IV-act. 391 ff. und 405).
Die Abklärungsbeauftragte hielt im Bericht vom 12. Oktober 2011 unter anderem fest,
der Beschwerdeführer könne seine Kleidung grundsätzlich selbständig
zusammenstellen (einzelne Kleidungsstücke müssten gereicht werden), sei beim An-
und Ausziehen hinsichtlich des Oberkörpers weitgehend selbständig, benötige aber
mehrheitlich Unterstützung hinsichtlich des Unterkörpers, sei bei den Transfers
mehrheitlich selbständig, benötige Unterstützung beim Einschenken, Schöpfen und
Zerkleinern fester Speisen, könne aber ansonsten selbst essen, brauche Unterstützung
bei der Wäsche des Unterkörpers und beim Transfer in die und aus der Badewanne,
ebenso beim Haare waschen und der Nagelpflege, benötige Anleitung beim Rasieren
und Unterstützung beim Eincremen und Frisieren, könne Telefongespräche selbständig
führen, benötige aber Unterstützung bei schriftlicher Korrespondenz, könne kleinere
Mahlzeiten bereiten und beim Rüsten mithelfen, den Tisch decken, Sachen auf den
Tisch stellen, eine Spülmaschine ein- und ausräumen und die Küche oberflächlich
reinigen, ebenso das Badzimmer, benötige aber Unterstützung beim Bett machen,
könne leichtere Arbeiten wie Staub wischen auf Sitzhöhe ausführen, eine Einkaufsliste
erstellen, wenige kleinere Dinge einkaufen, sei in der Fortbewegung weitgehend
selbständig, könne Teilhandlungen der Kleiderwäsche übernehmen und Aktivitäten
nachgehen, die keiner grösseren körperlichen Anstrengung bedürften. Die
Abklärungsbeauftragte ermittelte einen durch die festgehaltenen Einschränkungen
bedingten Assistenzbedarf von 65,4 Stunden pro Monat. Davon zog sie wegen der
täglichen Arbeit in der C._ bei den alltäglichen Lebensverrichtungen (Mobilität
drinnen, Essen und Trinken, An- und Auskleiden) insgesamt 5,5 Minuten pro Tag bzw.
2,79 Stunden pro Monat (5,5 Minuten/Tag × 30,4 Tage/Monat ÷ 60 Minuten/Stunde)
sowie im Bereich „Haushalt/Gesellschaftliche Teilhabe/Freizeit“ wegen der auswärtigen
Ernährung 15 Minuten pro Tag bzw. 7,6 Stunden pro Monat (15 Minuten/Tag × 30,4
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tage/Monat ÷ 60 Minuten/Stunde) ab. Damit reduzierte sich der Assistenzbedarf auf
55 Stunden pro Monat (65,4 – 2,79 – 7,6 = 55,01 Stunden). Nach Abzug des Gegen
wertes der Hilflosenentschädigung (35,69 Stunden pro Monat) ergab sich ein
Assistenzbedarf von 19,31 Stunden pro Monat (vgl. IV-act. 406–1).
3.2 Der Beschwerdeführer stellt sich in seinen Eingaben auf den Standpunkt, er
benötige während mehr als 55 bzw. 65,4 Stunden Assistenz, nämlich während rund
123,5 Stunden pro Monat (vgl. IV-act. 408). Zur Begründung führte er unter anderem
an, dass die Beschwerdegegnerin teilweise zu Unrecht Selbständigkeit hinsichtlich
bestimmter Verrichtungen angenommen habe. Er könne das Badezimmer und die
Küche nicht alleine reinigen, nicht kochen und nicht rüsten. Ausserdem habe die
Beschwerdegegnerin nicht berücksichtigt, dass er Hilfspersonen auch während
bestimmter Wartezeiten entschädigen müsse. Er könne beispielsweise die Hilfsperson
nicht während der zehn Minuten, in denen er seinen Oberkörper abtrockne und
gewisse Kleidungsstücke anziehe, nach Hause schicken bzw. nur jene Zeiten
entschädigen, in denen die Hilfspersonen ihm effektiv helfen (vgl. act. G 6).
3.3 Die Frage, wie hoch der benötigte Assistenzbedarf ist, kann aufgrund der Akten
nicht beantwortet werden, weil die Beschwerdegegnerin den massgebenden
Sachverhalt nicht genügend abgeklärt hat. Die Abklärung im Haushalt des
Beschwerdeführers fand am 10./11. Oktober 2011 statt. Damals wohnte der
Beschwerdeführer noch bei seinem Patenonkel. Rund zwei Wochen später, am
27. Oktober 2011, meldete der Beschwerdeführer, er werde ab dem 1. Januar 2012
alleine wohnen (IV-act. 368 und 370). Damit war klar, dass die im Rahmen der
Abklärung vom 10./11. Oktober 2011 festgestellten tatsächlichen Verhältnisse im
massgebenden Zeitpunkt – der Übergang vom Pilotprojekt zur definitiven Regelung
erfolgte ebenfalls per 1. Januar 2012 – nicht mehr aktuell sein würden. Trotzdem führte
die Beschwerdegegnerin keine weitere Abklärung mehr durch, weshalb die
angefochtene Verfügung auf veralteten, nicht mehr relevanten Abklärungen beruht bzw.
sich der massgebende Sachverhalt als ungenügend abgeklärt erweist. Bevor über den
Anspruch auf einen Assistenzbeitrag ab dem 1. Januar 2012 verfügt werden kann, ist
zwingend eine weitere Abklärung im (neuen, eigenen) Haushalt des Beschwerdeführers
durchzuführen. Die angefochtene Verfügung ist bereits aus diesem Grund aufzuheben
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und die Angelegenheit ist an die Beschwerdegegnerin zur Durchführung einer solchen
Abklärung und anschliessenden Neuverfügung zurückzuweisen.
4.
4.1 Der Wechsel vom Pilotprojekt zur definitiven Regelung des Assistenzbeitrages ist
mit bestimmten Modifikationen der Leistungen verbunden. Eine wesentliche Änderung
stellt die Reduktion des anrechenbaren Zeitbedarfs bei einem Aufenthalt in stationären
und teilstationären Institutionen (Art. 42 Abs. 2 IVG) dar. Eine solche Reduktion
war im Rahmen des Pilotprojekts nicht vorgesehen. In seiner Botschaft zum ersten
Massnahmenpaket der 6. IV-Revision vom 24. Februar 2010 führte der Bundesrat
diesbezüglich aus, die Leistungen bei Aufenthalt in solchen Institutionen (stationär:
Heime, Spitäler und psychiatrische Kliniken; teilstationär: Werkstätten, Tagesstätten,
Sonderschulen und berufliche Eingliederungsstätten) seien durch die Kantone bzw. im
Rahmen der beruflichen Eingliederungsstätten durch die Invalidenversicherung bereits
geregelt. Der Aufenthalt in stationären Einrichtungen schliesse den Anspruch auf einen
Assistenzbeitrag aus. Bei einem Aufenthalt in einer teilstationären Institution (ohne
Übernachtung) würden nur Hilfeleistungen vor und nach der Inanspruchnahme des
institutionellen Angebots berücksichtigt, wie etwa beim Aufstehen und Waschen am
Morgen (BBl 2010, 1903 und 1948). Weder der vorgesehene Text von
Art. 42 Abs. 2 IVG noch die Ausführungen des Bundesrates dazu gaben im
Parlament Anlass zu Diskussionen; der Text wurde lediglich – ohne Begründung –
leicht modifiziert (Amtl. Bull. StR 2010, 660; Amtl. Bull. NR 2010, 2103 ff.). Der
Grundgedanke von Art. 42 Abs. 2 IVG ist, den Umfang des Assistenzbeitrages
näher zu spezifizieren. Sinn und Zweck des Assistenzbeitrages ist es, den Betroffenen
ein selbständiges Leben ausserhalb stationärer Institutionen zu ermöglichen. Halten sie
sich dennoch zeitweise in stationären oder teilstationären Institutionen auf, soll der
Assistenzbeitrag entsprechend gekürzt werden. Für die Leistungen, welche durch die
Institutionen erbracht und entsprechend von den Kantonen oder im Rahmen der
beruflichen Eingliederungsstätten von der Invalidenversicherung vergütet werden,
sollen die Versicherten nicht zusätzlich Anspruch auf Vergütung im Rahmen des
Assistenzbeitrages haben. Insofern kann Art. 42 Abs. 2 IVG auch als
Koordinationsnorm verstanden werden. Die Kürzung stellt zudem einen negativen
Anreiz dar, der verhindern soll, dass der Zweck des Assistenzbeitrages teilweise
sexies
sexies
sexies
sexies
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vereitelt wird. Zur Art und Weise, wie dieser Zweck erreicht werden soll, enthält
Art. 42 Abs. 2 IVG keine Anordnungen. Gemäss Wortlaut ist der anrechenbare
Zeitbedarf „entsprechend“ dem Aufenthalt in der Institution zu kürzen. Konkretisiert
wird Art. 42 Abs. 2 IVG durch Art. 39e Abs. 4 IVV. Dort wird festgehalten, dass für
jeden Tag und für jede Nacht, die die versicherte Person in einer Institution verbringt,
die Höchstansätze um 10 % gekürzt werden. Anstelle einer konkreten Kürzung soll also
eine pauschale Kürzung erfolgen. Überdies soll nicht der ermittelte Bedarf gekürzt
werden, sondern der Höchstansatz, wobei damit nur die in Art. 39e Abs. 2 IVV
genannten Höchstansätze gemeint sein können. Diese Konkretisierung ist zwar nicht
naheliegend, aber mit dem Wortlaut und dem Sinn und Zweck von Art. 42 Abs. 2
IVG letztlich vereinbar. Die Kürzung um je 10% pro Tag und Nacht führt dazu, dass bei
einem Aufenthalt in einer Institution während der Woche (Montag bis Freitag) kein
Anspruch auf Assistenzbeitrag mehr verbleibt. Er lässt vertreten, in einem solchen Fall
davon auszugehen, dass die betroffene Person nicht mehr selbständig wohnt, wenn sie
nur die Wochenenden ausserhalb der Institution verbringt.
4.2 Problematisch ist allerdings, dass das Bundesamt für Sozialversicherung in
Rz 4099 KSAB explizit vorgesehen hat, dass halbe Tage wie ganze Tage „verrechnet“
werden. Dadurch wird nämlich weder der Dauer des Aufenthaltes in einer stationären
oder teilstationären Institution noch dem Umfang der in dieser Zeit erbrachten Assi
stenzleistungen Rechnung getragen. Versicherte, die in einem Teilpensum in einer
geschützten Werkstätte arbeiten und dieses Teilpensum auf fünf Tage pro Woche
verteilen (wie etwa der Beschwerdeführer), werden gleich behandelt wie Versicherte,
die vollzeitig in einer geschützten Werkstätte arbeiten. Diese rechtsungleiche
Behandlung findet keine Stütze im Gesetz und lässt sich nicht rechtfertigen. Würde der
in Art. 39e Abs. 4 IVV vorgesehene Raster im Sinne von Rz 4099 KSAB verstanden,
erwiese er sich deshalb als gesetzwidrig. Wird allerdings der Raster in dem Sinne
verfeinert, als nur eine Kürzung um 5 % erfolgt, wenn sich eine versicherte Person nur
maximal einen halben Tag in einer teilstationären Institution aufhält, werden stossende
Rechtsungleichheiten vermieden. So spielt es keine Rolle, ob eine versicherte Person
ein halbes Pensum auf zweieinhalb aufeinanderfolgende Tage oder auf fünf Halbtage
verteilt – in beiden Fällen beläuft sich die Kürzung auf 25 %, während sich gemäss
Rz 4099 KSAB die Kürzung im einen Fall auf 50 % und im andern auf 30 % belaufen
würde.
sexies
sexies
sexies
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.3 Aus diesem Grund ist Rz 4099 KSAB als gesetzeswidrig zu qualifizieren. Hält sich
eine versicherte Person an einem bestimmten Tag höchstens während eines Halbtages
in einer teilstationären Einrichtung auf, ist der Höchstansatz nur um 5 % zu kürzen.
4.4 Da der Beschwerdeführer an fünf Halbtagen pro Woche in der C._ arbeitet, ist
der Höchstansatz von 120 Stunden entsprechend der oben festgelegten Regel um
25 % zu kürzen (5 × 5 %). Der massgebende Höchstansatz beträgt demnach 90
Stunden (75 % × 120 Stunden). Die Beschwerdegegnerin hat ihrer neuen Verfügung
(vgl. E. 3.3) diesen Höchstansatz zugrunde zu legen.
5.
5.1 Die Beschwerdegegnerin hat nebst dem Höchstansatz auch den effektiven Bedarf
teilweise – nämlich bei den alltäglichen Lebensverrichtungen und im Haushalt –
pauschal um 50 % gekürzt. Diese Kürzung von 5,5 plus 15 Minuten pro Tag hat sie für
jeden Tag im Monat vorgenommen, indem sie die Kürzung mit 30,4 Tagen/Monat
multipliziert hat. Dieses Vorgehen ist als gesetzwidrig zu qualifizieren. Erstens ist
gemäss Art. 42 Abs. 2 IVG und Art. 39e Abs. 4 IVV einzig eine pauschale Kürzung
des Höchstansatzes zulässig; eine doppelte Kürzung – nämlich des Höchstansatzes
und des effektiven Bedarfs – ist unzulässig. Zweitens ist es unzulässig, die Kürzung für
jeden Tag im Monat vorzunehmen. Auch wenn eine Doppelkürzung zulässig wäre,
dürfte die Kürzung des effektiven Bedarfs nur für die Tage erfolgen, an denen sich die
versicherte Person effektiv in der teilstationären Institution aufhält.
5.2 Da ohnehin in jedem Fall eine eingehende Abklärung vor Ort zur Ermittlung des
effektiven Assistenzbedarfs erforderlich ist, rechtfertigt sich eine pauschale Kürzung
des effektiven Bedarfs sowieso nicht. Kürzungen sind nur insoweit vorzunehmen, als
ein Anteil des Assistenzbedarfs effektiv durch die fragliche Institution gedeckt wird. Es
ist mit anderen Worten im Einzelfall konkret zu ermitteln, für welche im Rahmen der
(konkreten) im Assistenzbedarf enthaltenen Tätigkeiten die versicherte Person effektiv
Hilfe durch die Mitarbeiter der Institution erhält. Diese aus dem Assistenzbedarf
auszuklammernden Hilfeleistungen sind sodann nur für die Tage zu berücksichtigen, an
denen sie effektiv durch die Mitarbeiter der Institution erbracht werden. Die
Beschwerdegegnerin hat entsprechend bei der Ermittlung des Assistenzbedarfs dafür
sexies
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zu sorgen, dass keine pauschalen Kürzungen des Bedarfs erfolgen. Andererseits hat
sie die Hilfeleistungen, die effektiv durch die C._ erbracht werden, vom Bedarf
auszunehmen – und zwar für die Tage, an denen diese Hilfeleistungen effektiv erbracht
werden, das sind die Wochentage, ohne Ferien.
6.
6.1 In grundsätzlicher Hinsicht ist zuletzt darauf hinzuweisen, dass die Zusprache
eines ungenügenden Assistenzbeitrages sich im Ergebnis wie die Abweisung eines
Gesuchs um einen Assistenzbeitrag auswirken wird. Wenn die betroffene Person
längerfristig nicht in der Lage ist, die für die Deckung des Assistenzbedarfs effektiv –
unter Berücksichtigung der zumutbaren Schadenminderungspflicht – benötigte
Dritthilfe zu entschädigen, wird sie faktisch gezwungen sein, sich (wieder) in ein Heim
zu begeben, weil die selbständige Lebensführung nicht mehr gewährleistet ist. Der
Sinn und Zweck des Instruments des Assistenzbeitrages würde dadurch vereitelt.
Gerade auch deshalb ist es zwingend notwendig, den Assistenzbeitrag soweit als
möglich anhand der tatsächlichen Verhältnisse im Einzelfall festzulegen.
6.2 Das bedeutet insbesondere auch, dass die IV-Stelle das ihr vom Gesetz
eingeräumte Ermessen pflichtgemäss ausüben muss. Sie hat – bei Verwendung des
elektronischen Abklärungssystems FAKT – Gebrauch zu machen von den
Möglichkeiten, allfälligen besonderen Verhältnissen Rechnung zu tragen, um so den im
konkreten Einzelfall unter Berücksichtigung sämtlicher Umstände benötigten
Assistenzbedarf zu ermitteln. Kann etwa eine versicherte Person eine bestimmte
Teilhandlung selbst ausführen, darf nicht ohne Weiteres davon ausgegangen werden,
eine Hilfsperson müsse entsprechend weniger lang anwesend sein. Entscheidend ist
letztlich nämlich, wie lange eine Hilfsperson anwesend sein und entschädigt werden
muss. Selbstverständlich kann dies auch „Leerzeiten“ umfassen, während derer eine
versicherte Person Teilhandlungen selbst vornimmt, denn es wäre unrealistisch, eine
Hilfsperson beispielsweise für zehn Minuten aus dem Haus zu schicken und diese Zeit
nicht zu entschädigen. Bei der Ermittlung des Assistenzbedarf ist diesen Umständen
hinreichend Rechnung zu tragen. Die Abklärungsperson wird entsprechend mit der
versicherten Person die typischen Tagesabläufe, etwa für Werktage, Wochenendtage
und Tage mit vermehrten Haushaltsarbeiten (Waschtag, Putztag etc.), durchzugehen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
haben. Danach wird sie unter Berücksichtigung der zumutbaren
Schadenminderungspflicht zu beurteilen haben, wofür im konkreten Einzelfall welcher
Zeitbedarf – unter Berücksichtigung der erwähnten „Leerzeiten“ – anzurechnen ist. Den
vom Bundesamt für Sozialversicherungen festgelegten Minutenwerten kann dabei
Richtwertcharakter zukommen, massgebend sind letztlich aber die Verhältnisse im
konkreten Einzelfall.
6.3 Zusammenfassend ist die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Ange
legenheit zur Durchführung weiterer Abklärungen und anschliessender Neuverfügung
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Sie hat namentlich eine erneute
Abklärung an Ort und Stelle durchzuführen. Dabei hat sie den Assistenzbedarf in
Ausübung ihres Ermessens bedarfsgerecht zu ermitteln, das heisst beispielsweise
Leerzeiten zu berücksichtigen und Kürzungen aufgrund des Aufenthaltes in der
teilstationären Einrichtung nur insoweit vorzunehmen, als ein entsprechender Bedarf
tatsächlich durch die Institution gedeckt wird. Der massgebende Höchstansatz von 120
Stunden ist sodann lediglich um 25 % bzw. 30 Stunden auf 90 Stunden zu kürzen, weil
sich der Beschwerdeführer bloss an fünf Halbtagen in der geschützten Werkstätte
aufhält.
6.4 Die gemäss Art. 69 Abs. 1 IVG zu erhebenden und angesichts des durchschnitt
lichen Aufwands auf Fr. 600.-- festzusetzenden Gerichtskosten sind ausgangsgemäss
der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Dem Beschwerdeführer wird der von ihm
geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe zurückerstattet.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht