Decision ID: 60ca0f4d-1e23-41bd-86a4-463ca229992f
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Der 1951 geborene
X._
war seit dem 1. Juli 1995 bei der
Y._
angestellt und bei der
Personalvorsor
ge
stiftung
für die Angestellten der
Y._
vorsorgeversichert (Urk. 2/2
3).
Noch während seiner Anstellung bei der
Y._
wurde der Versicherte teilweise invalid. Ab dem 20. Mai 2008 wurde ihm deshalb eine auf einem
Invaliditäts
grad
von 50 % basierende Invalidenrente der beruflichen Vorsorge
sowie ein Invaliditätskapital
im Umfang von Fr. 50‘388.--
entsprechend einer
Teilinvali
di
tät
von 50 %
ausgerichtet (vgl. Urk. 8/3).
1.2
Schliesslich verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Versicherten, wes
halb ihm die Personalvorsorgestiftung für die Angestellten der
Y._
ab dem 1. November 2011 eine 100%ige Invalidenrente der beruflichen Vorsorge gewährte, jedoch die Ausrichtung eines Invaliditätskapitals
im Betrag von
Fr.
50‘388.--
bei einer Erhöhung des Invaliditätsgrades ablehnte (Urk. 2/5). Der Versicherte machte hingegen geltend, dass er Anspruch auf die Ausbezahlung des ganzen Invaliditätskapitals habe. Der entsprechende Briefwechsel zwischen den Parteien führte nicht zu einer Einigung (vgl. Urk. 2/6-12).
2.
Mit Eingabe vom 4. September 2012 erhob der Versicherte Klage gegen die
Personalvorsorgestiftung für die Angestellten der
Y._
mit dem Rechts
be
gehren
, es sei die Beklagte zu verpflichten, ihm den Betrag von Fr. 50‘338.
--
nebst 5 % Zins seit dem 1. November 2011 zu bezahlen (Urk. 1). Die Beklagte schloss in ihrer Klageantwort vom 23. November 2012 auf Ab
weisung der Klage (Urk. 7). Mit Verfügung vom 27. November 2012 wurden die Akten der Eidgenös
sischen Invalidenversicherung in Sachen des Klägers beige
zogen (Urk. 12/1-91).
Replicando
und
duplicando
hielten die Parteien an ihren Anträ
gen fest (Urk. 15, Urk. 18).
3.
Auf die Ausführungen der Parteien sowie die Akten ist, soweit für die
Ent
scheidfindung
erforderlich, in den Erwägungen einzugehen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss Art. 49 Abs. 1 BVG sind die Vorsorgeeinrichtungen im Rahmen dieses Gesetzes in der Gestaltung ihrer Leistungen, in deren Finanzierung und Orga
nisation frei. Gewährt eine Vorsorgeeinrichtung mehr als die Mindestleistungen, so f
inden gemäss Art. 49 Abs. 2 BVG
für die weitergehe
nde Vorsorge lediglich gewisse -
vorliegend nicht relevante - Gesetzesbestimmungen Anwendung.
1.2
Während das Rechtsverhältnis zwischen Vorsorgeeinrichtung und versicherter Person im obligatorischen Bereich unmittelbar durch die gesetzlichen Normen insbesondere des BVG bestimmt ist, handelt es sich beim Vorsorgeverhältnis im überobligatorischen Bereich um einen
Innominatvertrag
(eigener Art) zwischen der Vorsorgeeinrichtung und der versicherten Person (BGE 122 V 145 E
.
4b mit Hinweisen).
Innominatverträge
sind Verträge, die gesetzlich nicht besonders geregelt und auf die daher in erster Linie die Vorschriften des Allgemeinen Teils des Obligationenrechts (OR) anzuwenden sind. Im Gegensatz zu anderen
Innominatverträgen
, die Elemente gesetzlich besonders geregelter Verträge oder Institute enthalten, schliesst Art. 49 Abs. 2 BVG die Anwendung zwingender ma
terieller Bestimmungen dieser gesetzlich geregelten Rechtsverhältnisse auf den Vorsorgevertrag aus.
Dies bedeutet aber nicht, dass die Vorsorgeeinrichtungen bei der Durchführung der überobligatorischen Versicherungen nur die in Art. 49 Abs. 2 BVG aus
drücklich vorbehaltenen Vorschriften zu beachten hätten. Vielmehr sind die Vorsorgeeinrichtungen bei der materiellen Gestaltung und Durchführung der überobligatorischen Versicherung von Verfassung wegen insbesondere an die allgemeinen Rechtsgrundsätze der Rechtsgleichheit, des Willkürverbots, der Ver
hältnismässigkeit und an den Grundsatz des Handelns nach Treu und Glau
ben gebunden (vgl. Hermann Walser, Weitergehende berufliche Vorsorge, in SBVR/Soziale Sicherheit, Basel/Genf/München 1998, N 142 mit Hinweisen).
1.3
Die Auslegung des Reglements einer Vorsorgeeinrichtung als vorformulierter Inhalt des Vorsorgevertrages geschieht nach dem Vertrauensprin
zip (vgl. dazu BGE 122 V 146 E
. 4c). Dabei sind auch die den Allgemeinen Bedingungen innewohnenden Besonderheiten zu beachten, namentlich die sogenannten Unklarheits- und Ungewöhnlichkeitsregeln (BGE 116 V
222 E
. 2; SZ
S 1995 S. 51 und 1994 S. 205 E
. 3c; zu den Auslegungsregeln vgl. ferner Alfred Koller, Schweizerisches Obligationenrecht, Allgemeiner Teil, Bd. I, Bern 1996, Nr. 1580 ff., 1605 ff). Nach diesen Auslegungsgrundsätzen gilt es ausgehend vom Wortlaut und unter Berücksichtigung des Zusammenhanges, in dem eine streitige Bestimmung innerhalb des Reglements als Ganzem steht, den objekti
ven Vertragswillen zu ermitteln, den die Parteien mutmasslich gehabt haben.
Dabei hat das Gericht zu berücksichtigen, was sachgerecht ist, weil nicht ange
nommen werden kann, dass die Parteien eine unvernünftige Lösung gewollt haben (Kramer, Berner Kommentar, Bd. VI/1, N. 42 zu Art. 18 OR). Sodann sind nach konstanter Rechtsprechung mehrdeutige Wendungen in vorformulierten Vertragsbedingungen im Zweifel zu Lasten ihres Verfasse
rs auszulegen (BGE 120 V 452 E. 5a, 119 II 373 E
. 4b mit Hinweisen;
Jäggi
/
Gauch
, Zür
cher Kommentar, Bd. V/1b, N 451 ff. zu Art. 18 OR).
2
.
2
.1
Der Kläger führte zur Klagebegründung
zusammengefasst
aus, aufgrund der Verschlechterung seines Gesundheitszustandes werde ihm von der Eidgenössi
schen Invalidenversicherung seit dem 1. November 2011 eine ganze Rente bei einem Invaliditätsgrad von 100 % ausbezahlt, weshalb er nicht nur Anspruch auf eine 100%ige Invalidenrente der beruflichen Vorsorge, sondern auch auf
die
verbleibenden 50 % seines Invaliditätskapitals von gesamthaft Fr. 100‘776.
-- habe (Urk. 1).
2
.2
Dem hielt die Beklagte im Wesentlichen entgegen, es handle sich beim regle
mentarisch vorgesehenen Invaliditätskapital um eine überobligatorische Leis
tung. Es sei im Gegensatz zu Rentenleistungen kein Dauerschuldverhältnis, welches revisionsweise dem neuen Sachverhalt angepasst werde, sondern eine einmalige Zahlung, welche sich auf einen bestimmten, zu einem gewissen Zeit
punkt gegebenen Sachverhalt stütze und einer späteren Abänderung nicht zugänglich sei. Zweck eines Invaliditätskapitals sei nebst einer materiellen Kom
ponente vor allem, das erfahrene Leid monetär zu lindern. Es habe indes nicht den Zweck, künftige Erwerbseinkommensverluste zu entschädigen, an
sons
ten es im Rahmen der Koordinationsberechnung bei Überentschädigung zu kürzen wäre (Urk. 7 S. 4). Massgebend sei einzig der Zeitpunkt der erstmaligen
Invali
ditätsanerkennung
durch die Invalidenversicherung. Fällig werde die Aus
zah
lung des Invaliditätskapitals mit der ersten Zahlung der Invalidenrente der Pen
sionskasse (Urk. 7 S. 5).
3
.
3
.1
Strittig und zu prüfen ist, ob die Beklagte verpflichtet ist, dem Kläger, nachdem sich sein Invaliditätsgrad per 1. November 2011
auf 100 % erhöht hatte (vgl. Urk. 8/4), im Rahmen der weitergehenden beruflichen Vorsorge die ver
bleibenden 50 % seines Invaliditätskapitals von gesamthaft Fr. 100‘776.-- aus
zurichten. Zwischen den Parteien ist – nach der herrschenden Aktenlage zu
Recht – unbestritten, dass der Kläger seit dem 3. August 2011 zu 100 % erwerbs
unfähig und die Beklagte im Rahmen des
Obligatoriums
insoweit
leis
tungspflichtig
ist. Die Beklagte anerkannte
diesbezüglich
ihre Leistungspflicht und richtet dem Kläger eine entsprechend erhöhte Invalidenrente aus (vgl. Urk. 2/5). Einziger Streitpunkt bleibt damit, ob der Kläger zufolge Erhö
hung des Invaliditätsgrades nicht nur Anspruch auf Erhöhung der obligatori
schen Invalidenrente, sondern
im Rahmen des
Überobligatoriums
auch auf Leistung des restlichen Invaliditätskapitals von Fr. 50‘388.-- hat.
3
.2
Dem Reglement lassen sich unter anderem folgende Bestimmungen entnehmen (Urk. 2/4 S. 8):
„1.5.2
Invalidenleistungen
Art. 22
Invalidenrente
Der Versicherte, der von der IV als invalid anerkannt wird, gilt auch bei der Pensionskasse ab demselben Datum und im selben Ausmass als invalid. Der Stiftungsrat entscheidet im überobligatorischen Be
reich bei Bedarf aufgrund eines vertrauensärztlichen Gutachtens über das Vorliegen von Invalidität und über die Höhe des
Invaliditätsgra
des
. Wegleitend für die Festsetzung des Invaliditätsgrades ist die durch die Invalidität bedingte Lohneinbusse, gemessen am bisherigen Einkommen.
(...)
Der Anspruch auf eine Invalidenrente der Pensionskasse entsteht mit dem Anspruch auf eine Rente der IV. Die Pensionskasse beginnt die Rentenzahlung jedoch frühestens nach Beendigung des Anspruchs auf Lohnfortzahlung oder nach Erschöpfung des Anspruches auf Taggel
der aus der Kranken- oder Unfallversicherung. (...)
(...)
(...)
Art. 23
Invaliditätskapital
Der Anspruch auf ein Invaliditätskapital besteht bei Invalidität ge
mäss Definition von Art. 22 Abs. 1.
Ein Invaliditätsgrad unter 40 % ergibt in keine
m Fall Anspruch auf ein Kapital. Bei einer Invalidität von mindestens 40 % wird ein Viertel des Kapitals, bei einer Invalidität von mindestens 50 % ein halbes Kapital und bei einer Invalidität von mindestens 60 % Drei
viertel des Kapitals gewährt. Ab einer Invalidität von mindestens 70 % wird das volle Kapital gewährt.
Das Invaliditätskapital beträgt bei voller Invalidität 100 % des bei Ein
tritt der Arbeitsunfähigkeit versicherten Jahreslohns. Die Aus
zahlung wird mit der ersten Zahlung der Invalidenrente der Pensi
onskasse fällig.“
3
.3
Wie der Kläger zu Recht vortrug, lässt sich aus den oben wiedergegebenen Passagen des Reglements wie auch seinen anderen Teilen keine Bestimmung entnehmen, wonach es sich beim Invaliditätskapital um eine einmalige
, unteil
bare
Leistung
handelt.
Die Auslegung nach dem Wortlaut ergibt jedenfalls
nicht
eindeutig
, dass das gesamte Invaliditätskapital nur geschuldet ist, wenn die versicherte Person auf einen Schlag zu 100 % invalid wird, und
es
nicht auch entsprechend dem jeweiligen Invaliditätsgrad und der
in
i
nvalidenversiche
rungsrechtlich
er
Hinsicht geschuldeten Invalidenrente gemäss dem
Krankheits
verlauf
zeitlich abgestuft ausbezahlt
werden könnte
.
Dies stellte
auch
die Beklagte nicht in Abrede.
Entgegen ihrem Vorbringen deutet aber auch der Zweck des Invaliditätskapitals nicht
auf eine einmalige Zahlung hin, ist doch nicht zu sehen, weshalb eine spätere Verschlechterung des Gesundheitszustan
des nicht wiederum eine monetäre
L
inderung des erli
ttenen Leids erforderlich machen sollte.
Dieser Auslegung steht auch d
ie Formulierung in
Ziff.
3
Satz 2
von
Art.
2
3 des Reglements nicht entgegen.
So lässt sich nach Treu und Glau
ben unter „erste Zahlung der Invalidenrente“ auch die erste Zahlung der erhöh
ten Invalidenrente subsumieren.
Auch a
us dem Gesamtzusammenhang
geht nichts anderes hervor. Art. 23
betreffend das
Invaliditätskapitel wie auch Art. 22
betreffend die
Invalidenrente stehen unter dem Titel 1.5.2
Invaliden
leistungen
und knüpfen an die Invalidität gemäss Invalidenversicherung an. Dies bedeutet, dass bei einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes und daraus resultierendem erhöhten Invaliditätsgrad die Invalidenleistungen anzu
passen sind. Nicht ersichtlich ist, weshalb nur die Rente, nicht jedoch auch das
Invaliditätskapital zu erhöhen wäre
.
Eine betragsmässige Begrenzung erfährt das Invaliditätskapital bereits durch die in Ziff. 3 von Art. 23 des Reglements statuierte Beschränkung auf 100 % des versicherten Jahreslohnes. Auf jeden Fall durfte der Kläger gestützt auf das Reglement darauf vertrauen, dass ihm bei sich nachträglich verschlechter
ndem
Gesundheitszustand das restliche
Invalidi
tätskapital
ausbezahlt wird.
Dies führt zur Gutheissung der Klage. Die Beklagte ist somit zu verpflichten, dem Kläger
die restlichen 50 % bzw. Fr. 50‘338.-- seines Invaliditätskapitals von gesamthaft
Fr.
100‘776.-- auszubezahlen.
4
.
Auf Invalidenleistungen sind Verzugszinsen geschuldet, wobei grundsätzlich Art.
102 ff.
des Obligationenrechts (OR) anwendbar ist (BGE 119 V 131 ff.).
Die Rechtsprechung differenziert - bei fehlender stat
utarischer
Verzugszinsrege
lung
zwischen Rentenleistungen und anderen reglementarischen
Leistungs
ansprüchen
. Letztere gelten als Forderungen mit einem bestimmten Verfalltag, weshalb die Vorsorgeeinrichtung grundsätzlich in Verzug gerät, ohne dass eine Mahnung des Versicherten nötig wäre (Urteil des Bundesgerichts 9C_66/2012 vom 2
5.
Juni 2012 E. 3.2).
Da die Auszahlung des Invaliditätskapitals mit der ersten Zahlung der erhöhten Invalidenrente der Beklagten fällig wurde (vgl. E. 3.2), sind dem Kläger ab dem 1. November 2011 Verzugszinsen von 5 %
zuzusprechen
(Art. 102 Abs. 2
OR in Verbindung mit Art. 104 Abs. 1 OR).
5
.
Nach § 34 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der
Partei
kosten
. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens be
messen (§ 34 Abs. 3
GSVGer
).
Demzufolge ist die Beklagte ausgangsgemäss zu verpflichten, dem Kläger eine angemessene Prozessentschädigung von Fr.
1‘300.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen.