Decision ID: b207122a-7126-544f-b41d-936406f0b58e
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben
zufolge am (...) und reiste am 29. März 2017 im Rahmen eines sogenann-
ten Relocation-Verfahrens von Italien herkommend in die Schweiz ein.
Gleichentags suchte er im damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum
(EVZ) B._ um Asyl nach und wurde dort am 10. April 2017 zu seiner
Identität, zum Reiseweg sowie summarisch zu den Gesuchsgründen be-
fragt (Befragung zur Person; BzP). Ausserdem wurde er nach allfälligen
gesundheitlichen Beeinträchtigungen gefragt. Die ausführliche Anhörung
zu den Asylgründen fand am 18. Dezember 2017 statt.
A.b Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, er stamme aus dem Dorf C._ (Region
D._). Im Jahr (...) sei er für den Militärdienst aufgeboten und für die
Grundausbildung in ein Ausbildungszentrum nach E._ gebracht
worden. Nach ungefähr drei Monaten habe er sich beim Sport verletzt und
in Spitalpflege begeben müssen. Anschliessend sei er auf Geheiss des
Arztes zur Erholung nach Hause gegangen. Da sich das Militär in der Folge
nicht bei ihm gemeldet habe, sei er auch nach seiner vollständigen Gene-
sung nicht in den Militärdienst zurückgekehrt, sondern habe zuhause seine
Plantagen bewirtschaftet und die Erzeugnisse auf dem Markt in F._
(Vorort von G._) verkauft. Dort sei er dann Ende (...) seinem militä-
rischen Vorgesetzten begegnet, welcher ihn ebenfalls wiedererkannt habe.
Daraufhin sei er zuhause von zwei Soldaten aufgesucht und mitgenommen
worden. Sie hätten ihn ins Gefängnis H._ gebracht. Nach einem
Monat sei ihm mitgeteilt worden, er werde zu seiner Einheit nach I._
verlegt. Vor der Abfahrt sei ihm sowie einigen Mithäftlingen erlaubt worden,
in Begleitung von Soldaten in der Stadt Kleider einzukaufen. Bei dieser
Gelegenheit sei ihm die Flucht gelungen. Er sei zunächst ins Heimatdorf
zurückgekehrt, dann aber aus Angst vor einer erneuten Verhaftung – in
Begleitung seines ebenfalls ausreisewilligen Freundes F. – umgehend zu
Fuss in Richtung Äthiopien aus dem Heimatland ausgereist.
A.c Der Beschwerdeführer reichte im Rahmen des vorinstanzlichen Ver-
fahrens folgende Unterlagen zu den Akten: zwei Dokumente betreffend sei-
nen Aufenthalt im Sudan (Aufenthaltstitel sowie Arbeitserlaubnis; inkl.
Übersetzung), ein italienisches Reisedokument («Lasciapassare») sowie
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Kopien (inkl. Übersetzungen) der Identitätskarte des Vaters, der vorläufi-
gen Identitätskarte der Mutter und je einer Wohnsitzbestätigung von ihm
und seiner Mutter.
B.
Das SEM stellte mit Verfügung vom 7. Oktober 2019 fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab,
verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der
Wegweisung an.
C.
Der Beschwerdeführer focht diesen Entscheid mit Beschwerde vom
31. Oktober 2019 (Poststempel) beim Bundesverwaltungsgericht an. Er
beantragte die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung, die Anerken-
nung als Flüchtling, die Gewährung von Asyl sowie eventualiter die Anord-
nung der vorläufigen Aufnahme infolge Unzulässigkeit und/oder Unzumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie um unentgeltliche
Verbeiständung.
Der Beschwerde lagen eine Kopie der angefochtenen Verfügung, eine Voll-
macht vom 14. Oktober 2019, ein ärztliches Schreiben vom 16. Oktober
2016, eine Auskunft der Länderanalyse der Schweizerischen Flüchtlings-
hilfe (SFH) vom 3. Juli 2019 («Eritrea: Gesundheitsversorgung») sowie
eine Bestätigung betreffend Sozialhilfebezug vom 21. Oktober 2019 bei.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 7. November 2019 hielt die Instruktionsrichte-
rin fest, der Beschwerdeführer könne den Abschluss des Verfahrens in der
Schweiz abwarten. Sie forderte ihn ausserdem auf, bis zum 22. November
2019 einen Arztbericht nachzureichen.
E.
Mit Eingabe vom 13. November 2019 reichte der Beschwerdeführer einen
ärztlichen Bericht von Dr. med. R. R. vom 12. November 2019, eine Ter-
minmitteilung des Kantonsspitals (...) vom 16. Oktober 2019 sowie eine
Aufstellung der Aufwendungen der Rechtsvertreterin vom 13. November
2019 zu den Akten.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 20. November 2019 hiess die Instruktionsrich-
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terin die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und amtliche Verbei-
ständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und
ordnete dem Beschwerdeführer antragsgemäss seine Rechtsvertreterin
als amtliche Rechtsbeiständin zu.
G.
Der Beschwerdeführer reichte mit Eingabe vom 14. Januar 2020 weitere
Unterlagen (in Kopie) zu den Akten: ein Schreiben des Kantonsspitals (...)
vom 9. Dezember 2019, einen histologischen Diagnosebericht des (...)
Kantonsspitals vom 12. Dezember 2019, einen mikrobiologischen Labor-
bericht vom 31. Dezember 2019 sowie ein ärztliches Schreiben von
Dr. med. R. R. vom 3. Januar 2020.
H.
Mit Eingabe vom 16. Dezember 2020 reichte der Beschwerdeführer eine
E-Mail-Korrespondenz zwischen seiner Rechtsvertreterin und Dr. med.
R. R. vom 4. Dezember 2020 nach und erkundigte sich nach dem Stand
des Beschwerdeverfahrens.
I.
Die Instruktionsrichterin beantwortete die Verfahrensstandsanfrage mit
Schreiben vom 21. Dezember 2020.
J.
Auf entsprechende Aufforderung hin (vgl. Verfügung vom 26. Januar 2021)
reichte der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 3. Februar 2021 weitere
ärztliche Unterlagen (in Kopie) zu den Akten: einen ärztlichen Bericht von
Dr. med. R. R. vom 1. Februar 2021, einen ärztlichen Bericht von Dr. med.
R. D. vom 23. Januar 2020 (inkl. Laborblatt und Sonographiebericht), eine
E-Mail von Dr. med. T. v. B. vom 17. Februar 2020 sowie einen ärztlichen
Bericht von Dr. med. T. v. B. vom 7. Januar 2020. Der Eingabe lag ausser-
dem eine aktualisierte Aufstellung der Aufwendungen der Rechtsvertreterin
vom 3. Februar 2021 bei.
K.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 11. März 2021 vollumfäng-
lich an seiner Verfügung fest.
L.
Der Beschwerdeführer replizierte mit Eingabe vom 29. März 2021, hielt da-
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bei sinngemäss an den gestellten Rechtsbegehren fest, stellte die Einrei-
chung eines weiteren Beweismittels in Aussicht und ersuchte das Gericht,
mit dem Entscheid zuzuwarten.
M.
Mit Eingabe vom 6. April 2021 reichte der Beschwerdeführer eine aktuali-
sierte Aufstellung der Aufwendungen der Rechtsvertreterin selben Datums
sowie eine E-Mail-Korrespondenz zwischen der Rechtsvertreterin und
Dr. med. M. J. vom März/April 2021 zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gestützt auf Art. 31 VGG Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer
Vorinstanz im Sinne von Art. 33 VGG erlassen wurden, sofern keine das
Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG vorliegt.
Demnach ist das Bundesverwaltungsgericht zuständig für die Beurteilung
von Beschwerden gegen Entscheide des SEM auf dem Gebiet des Asyls,
und entscheidet in diesem Bereich in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt indes das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
demnach einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
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richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres Entscheids im Wesentli-
chen aus, der Beschwerdeführer habe sich bei der Darlegung seiner Asyl-
gründe mehrfach widersprochen, und zwar bezüglich der Dauer der Be-
handlung im Krankenhaus, des Zeitpunkts der Festnahme sowie der
Frage, ob ihm der Aufenthalt zuhause lediglich für eine beschränkte Zeit-
dauer bewilligt worden sei oder ob er ein zeitlich unbeschränktes Arztzeug-
nis erhalten habe. Auf Vorhalt der Widersprüche habe er diese nicht plau-
sibel auflösen können. Ausserdem habe er seine Asylgründe trotz der
mehrfachen Aufforderung, das Erlebte detailliert zu schildern, mehrheitlich
nur knapp, oberflächlich und wenig anschaulich dargelegt. Die substanzar-
men Ausführungen könnten nicht durch den Erinnerungsverlust aufgrund
des Zeitablaufs oder durch Konzentrationsschwäche erklärt werden; denn
die ausführliche und anschauliche Schilderung der Ausreise zeige, dass
der Beschwerdeführer durchaus in der Lage sei, länger zurückliegende Er-
eignisse detailliert und mit Realkennzeichen versehen zu erzählen. Insge-
samt seien die Vorbringen betreffend den Militärdienst, die Haft sowie die
Flucht nicht glaubhaft. Die geltend gemachte illegale Ausreise vermöge so-
dann keine Furcht vor einer zukünftigen asylrelevanten Verfolgung zu be-
gründen, da – angesichts der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen zum Mili-
tärdienst, zur Haft und zur Flucht – im Falle des Beschwerdeführers keine
weiteren Faktoren bestünden, welche ihn in den Augen der eritreischen
Behörden als missliebige Person erscheinen lassen würden (Verweis auf
das Referenzurteil des BVGer D-7898/2015 vom 30. Januar 2017). Die
Asylvorbringen seien damit teils unglaubhaft, teils nicht asylrelevant, wes-
halb die Flüchtlingseigenschaft zu verneinen und das Asylgesuch abzu-
lehnen sei. Den Vollzug der Wegweisung erachtete das SEM als zulässig,
zumutbar und möglich. Hinsichtlich der Zumutbarkeit des Vollzugs stellte
es insbesondere fest, der Beschwerdeführer sei jung und gesund und ver-
füge am Herkunftsort über ein tragfähiges familiäres Beziehungsnetz.
3.2 In der Beschwerde wird entgegnet, es treffe nicht zu, dass der Be-
schwerdeführer seine Vorbringen nicht konkret und glaubhaft geschildert
habe. Es sei zu berücksichtigen, dass die BzP lediglich summarischen
Charakter aufweise und meist nicht wortwörtlich protokolliert und übersetzt
werde, weshalb ihr nur ein beschränkter Beweiswert zukomme. Gemäss
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts dürften daher Widersprü-
che zwischen den Angaben in BzP und der Anhörung für die Beurteilung
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der Glaubhaftigkeit nur in bestimmten, klar definierten Fällen herangezo-
gen werden. Im vorliegenden Fall habe der Beschwerdeführer in allen we-
sentlichen Punkten übereinstimmende Angaben gemacht. Die Hilfswerk-
vertretung habe auf ihrem Unterschriftenblatt sodann festgehalten, der Be-
schwerdeführer habe Konzentrationsschwierigkeiten gehabt, sei wohl mit
der Anhörungssituation überfordert gewesen, habe sich leicht ablenken
lassen und die gestellten Fragen teilweise inhaltlich falsch beantwortet res-
pektive nicht verstanden. Ausserdem stehe der Beschwerdeführer in ärzt-
licher Behandlung und sei bei seiner Ankunft in einem schlechten Allge-
meinzustand gewesen. Das SEM habe die Beobachtungen der Hilfswerk-
vertretung nicht in seine Erwägungen betreffend die Frage der Glaubhaf-
tigkeit miteinbezogen; der Entscheid sei diesbezüglich mangelhaft begrün-
det. Zu den vom SEM genannten Widersprüchen hinsichtlich der Dauer
des Spitalaufenthalts und des Arztzeugnisses habe der Beschwerdeführer
der Rechtsvertreterin gegenüber erklärt, er habe vom Arzt ein Zeugnis er-
halten, und es sei ihm gesagt worden, er solle zwei Monate zuhause blei-
ben, anschliessend müsse er zu seiner Einheit zurückkehren. Dies habe er
aber nicht gemacht, sondern stattdessen zuhause auf eine Nachricht sei-
ner Einheit gewartet. Er sei davon ausgegangen, dass sich das Militär bei
ihm melden würde. Der Widerspruch hinsichtlich des Zeitpunkts der Fest-
nahme betreffe einen Zeitunterschied von weniger als 24 Stunden und sei
daher nicht gravierend. Bezüglich des Vorwurfs, der Beschwerdeführer
habe knappe, vage und oberflächliche Aussagen gemacht, sei auf die er-
wähnten Beobachtungen der Hilfswerkvertretung zu verweisen. Der Be-
schwerdeführer habe die ihm gestellten Fragen bestmöglich zu beantwor-
ten versucht. Ferner würden seine Ausführungen zum Einzug in den Mili-
tärdienst mit den Erkenntnissen im Country of Origin Information Report
des European Asylum Support Office (EASO) vom September 2019 («Erit-
rea, National service, exit and return») übereinstimmen. Eine Gesamtwür-
digung der Aussagen ergebe nach dem Gesagten, dass diese überwie-
gend glaubhaft seien. Die Vorbringen seien ausserdem asylrelevant. Da
der Beschwerdeführer nach seiner Genesung nicht freiwillig zu seiner Ein-
heit zurückgekehrt, danach aus der Haft geflüchtet sei und sich ins Ausland
abgesetzt habe, gelte er als Wehrdienstverweigerer und Landesverräter
und müsse deswegen mit einer unverhältnismässig schweren Bestrafung
und damit einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung rechnen. Somit
sei ihm Asyl zu gewähren. Hinsichtlich des Eventualantrags auf Gewäh-
rung der vorläufigen Aufnahme wird geltend gemacht, der Vollzug der Weg-
weisung verstosse gegen das Refoulement-Verbot sowie gegen Art. 3 und
4 EMRK und sei daher unzulässig. Ausserdem sei der Wegweisungsvoll-
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zug unzumutbar; denn der Beschwerdeführer stamme aus einem ärmli-
chen Milieu und verfüge über eine geringe Bildung. Bei einer Rückkehr
würde er daher in eine existenzbedrohende Situation geraten. Ausserdem
leide der Beschwerdeführer an mehreren gesundheitlichen Problemen
([...]). Es seien weitere Abklärungen hängig. Die Datenlage zum Zustand
des Gesundheitswesens in Eritrea sei dürftig und unzuverlässig. Gemäss
einem Bericht der Länderanalyse der Schweizerischen Flüchtlingshilfe
(SFH) vom 3. Juli 2019 sei jedenfalls der Zugang zu medizinischen Ein-
richtungen erschwert und Medikamente sowie spezifische Behandlungen
für die Betroffenen meist unerschwinglich. Ferner sei darauf hinzuweisen,
dass der Friedensschluss zwischen Eritrea und Äthiopien weder zu einer
verbesserten Menschenrechtslage noch zu Reformen im Wehrdienst ge-
führt hätten und die unsichere Datenlage zur Situation von Deserteuren,
Refraktären, illegal Ausgereisten und Rückkehrern keine zuverlässigen
Aussagen erlaubten.
3.3 In der Eingabe vom 16. Dezember 2020 wird ausgeführt, der Be-
schwerdeführer befinde sich nach wie vor in Behandlung. Er leide weiterhin
an (...) und einer (...). Auch das (...) sei nicht normal. Hinzu komme eine
(...) unter Beteiligung von resistenten Bakterien (MRSA [Methicillin-resis-
tente Staphylococcus aureus]). Es sei eine Weiterbehandlung für die Dauer
von 6-12 Monaten indiziert, ein Behandlungsabbruch würde zu einer Ver-
schlechterung des Gesundheitszustandes führen. Die Situation sei für den
Beschwerdeführer psychisch belastend. In der Eingabe vom 3. Februar
2021 wird vorgebracht, der Beschwerdeführer leide nach wie vor an (...),
die entsprechenden Behandlungen würden weitergeführt. Auch sein (...)
sei nach wie vor zu niedrig. Der behandelnde Arzt erachte eine Behandlung
im Heimatland nicht als gesichert. Ohne adäquate Behandlung sei von ei-
ner lebenslänglichen Infektion auszugehen, welche schlimmstenfalls einen
frühen Tod zur Folge haben könne. Aufgrund der Untersuchungsmaxime
würden Abklärungen zum medizinischen Sachverhalt, namentlich der Be-
handelbarkeit der diagnostizierten Krankheiten, den Asylbehörden oblie-
gen. Angesichts der medizinischen Versorgungslage in Eritrea sei der Voll-
zug der Wegweisung wohl unzumutbar.
3.4 Das SEM gibt in seiner Vernehmlassung zu bedenken, es sei nur dann
die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus medizinischen Grün-
den anzunehmen, wenn eine absolut notwendige medizinische Behand-
lung im Heimatland nicht zur Verfügung stehe und die Rückkehr zu einer
raschen und lebensgefährlichen Beeinträchtigung des Gesundheitszustan-
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des führen würde (Verweis auf die Rechtsprechung des BVGer). Der Arzt-
bericht vom 1. Februar 2021 lasse nicht den Schluss zu, dass dies vorlie-
gend der Fall sei. Die (...) seien behandelt worden, und die (...) sei offenbar
nicht erneut aufgetreten. Die (...) sei zwar nicht heilbar und die Prognose
schlecht, jedoch fänden sich im Arztbericht und den darin erwähnten Quel-
len keine Anhaltspunkte dafür, dass eine Nichtbehandlung zu einer ra-
schen und lebensbedrohlichen Verschlechterung des Gesundheitszu-
stands führen würde. Bei der Prüfung von medizinischen Vollzugshinder-
nissen gelte jedoch eine Kurzzeitperspektive. Die gemäss Arztbericht wei-
terhin anormalen (...) seien ebenfalls nicht als besorgniserregend zu er-
achten.
3.5 In der Replik wird kritisiert, die Einschätzungen des SEM zum medizi-
nischen Sachverhalt seien nicht begründet respektive unqualifiziert. Der
behandelnde Hausarzt erachte insbesondere die Behauptung des SEM,
das massive (...), die erhöhten (...) sowie die (...) seien nicht besorgniser-
regend, als falsch. Zudem habe sich das SEM weder zur Frage der Behan-
delbarkeit noch zur Frage des Zugangs zur medizinischen Versorgung ge-
äussert, obwohl ihm eine Abklärungspflicht obliege. Laut Angaben des Ver-
eins «Medcare for People in Eritrea» (www.medcare-eritrea.de) gebe es in
ganz Eritrea lediglich zwei Hals-Nasen-Ohren-Fachärzte. Viele notwendige
Leistungen könnten nicht erbracht werden. Dr. med. M. J., Chefarzt einer
HNO-Klinik in Potsdam und Mitinitiant einer HNO-Klinik in Eritrea, sei der
Auffassung, dass eine Versorgung der (...) in Eritrea nur möglich sei, wenn
der Patient in Asmara lebe, da es nur dort zwei HNO-Ärzte gebe, welche
die (...) regelmässig reinigen könnten. Werde dies nicht gemacht, könne
es zu einer Sepsis kommen. Der Beschwerdeführer stamme aus einem
Dorf, und seine Familie gehöre zur ärmeren Landbevölkerung. Er habe nie
in Asmara gelebt. Obwohl der Beschwerdeführer nun schon seit vier Jah-
ren in der Schweiz lebe und hier medizinisch behandelt werde, hätten sich
seine (...) nicht normalisiert und sein (...) sei weiterhin zu niedrig. Bei einer
Rückkehr nach Eritrea hätte er eine rasche Verschlechterung seines Ge-
sundheitszustandes zu befürchten. Der Vollzug der Wegweisung sei daher
unzumutbar.
3.6 In der Eingabe vom 6. April 2021 wird angefügt, gemäss dem beigeleg-
ten Schreiben von Dr. med. M. J. könne eine (...) in Eritrea nicht diagnos-
tiziert und behandelt werden. Demnach sei eine schnelle Verschlechterung
des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers mit lebensbedrohlichen
Folgen im Falle eines Wegweisungsvollzugs wahrscheinlich. Auch im
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Seite 10
Sinne der vom SEM erwähnten Kurzzeitperspektive müsse der Wegwei-
sungsvollzug daher als unzumutbar bezeichnet werden.
4.
4.1 Auf Beschwerdeebene wird unter anderem gerügt, das SEM habe den
rechtserheblichen Sachverhalt nicht korrekt festgestellt und den Entscheid
ungenügend begründet. Diese formellen Rügen sind vorab zu prüfen.
4.2 Gemäss Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG stellen die Asylbehörden den
Sachverhalt von Amtes wegen fest (Untersuchungsgrundsatz). Dabei
muss die Behörde die für das Verfahren erforderlichen Sachverhaltsunter-
lagen beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abklären und darüber
ordnungsgemäss Beweis führen (vgl. auch Art. 30–33 VwVG). Unrichtig ist
die Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und
aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt
wurde. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn die Behörde
trotz Untersuchungsmaxime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen ab-
geklärt hat, oder wenn nicht alle für den Entscheid wesentlichen Sachum-
stände berücksichtigt wurden. Allerdings findet der Untersuchungsgrund-
satz seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8
AsylG; Art. 13 VwVG). Ausserdem ist die Behörde nicht verpflichtet, zu je-
dem Sachverhaltselement umfangreiche Nachforschungen anzustellen.
Zusätzliche Abklärungen sind vielmehr nur dann vorzunehmen, wenn sie
aufgrund der Aktenlage als angezeigt erscheinen (vgl. dazu ALFRED KÖLZ/I-
SABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwal-
tungsrechtspflege des Bundes; 3. Aufl. 2013, Rz. 629 ff.; CHRISTOPH AUER,
in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren, 2. Aufl., 2019, Rz. 17 zu Art. 12; BENJAMIN SCHIND-
LER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], a.a.O., Rz. 29 ff. zu Art. 49). Aus dem
Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29 VwVG) folgt
sodann, dass alle erheblichen Parteivorbringen zu prüfen und zu würdigen
und Entscheide zu begründen sind (vgl. Art. 32 Abs. 1 sowie Art. 35 Abs. 1
VwVG; BVGE 2016/9 E. 5.1 m.w.H.).
4.3 Auf Beschwerdeebene wird sinngemäss gerügt, das SEM habe den
rechtserheblichen Sachverhalt unvollständig festgestellt, weil es trotz der
geltenden Untersuchungsmaxime keine Abklärungen zum medizinischen
Sachverhalt, namentlich zur Frage, ob die diagnostizierten Krankheiten be-
handelbar und der Zugang zu allfälligen Behandlungsmöglichkeiten gesi-
chert sei, getätigt habe (vgl. die Eingabe vom 3. Februar 2021 sowie die
Replik vom 29. März 2021). Dieser Auffassung kann nicht gefolgt werden.
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Der Beschwerdeführer machte im Verlauf des vorinstanzlichen Verfahrens
keinerlei gesundheitlichen Probleme geltend, weshalb für das SEM auch
keine Veranlassung bestand, diesbezüglich Abklärungen zu tätigen. Die
Rüge, das SEM habe den medizinischen Sachverhalt ungenügend festge-
stellt, ist daher als unbegründet zu erachten. Die gesundheitlichen Prob-
leme des Beschwerdeführers wurden erst auf Beschwerdeebene akten-
kundig gemacht, und der Beschwerdeführer hatte im Verlauf des Instrukti-
onsverfahrens Gelegenheit, diese zu substanziieren und zu belegen. Wie
auch die nachfolgenden Ausführungen (vgl. E. 10.2.3) zeigen, ist der
rechtserhebliche medizinische Sachverhalt im heutigen Zeitpunkt als aus-
reichend erstellt und spruchreif zu erachten.
4.4 In der Beschwerde wird ferner gerügt, der Asylentscheid sei mangelhaft
begründet, weil das SEM dabei nicht berücksichtigt habe, dass der Be-
schwerdeführer bei seiner Ankunft in einem schlechten Allgemeinzustand
gewesen sei und – den Feststellungen der Hilfswerkvertretung zufolge –
Schwierigkeiten gehabt habe, auf die ihm gestellten Fragen angemessen
zu antworten. Dazu ist Folgendes zu bemerken: Der Beschwerdeführer
wurde in der BzP nach allfälligen gesundheitlichen Problemen gefragt und
machte dabei keine geltend (vgl. A4 Ziff. 8.02). Zudem ergeben sich weder
aus dem Protokoll der Anhörung noch aus den Bemerkungen der Hilfs-
werkvertretung konkrete Hinweise darauf, dass der Beschwerdeführer im
damaligen Zeitpunkt gesundheitlich beeinträchtigt war und deswegen der
Befragung nicht hätte folgen können. Ferner trifft es zwar zu, dass er häufig
Rückfragen stellte und teilweise desinteressiert wirkte; die Befragerin wie-
derholte in diesen Fällen jedoch die Fragen respektive hakte in der Regel
nach. Zudem machte der Beschwerdeführer teilweise durchaus konkrete
und detaillierte Aussagen (namentlich zu seiner Ausreise aus Eritrea; vgl.
A13 F228 ff.), was gegen das Vorbringen spricht, er habe generell unter
Konzentrationsschwierigkeiten respektive an Überforderung gelitten. Im
Übrigen nahm das SEM in seiner Verfügung implizit durchaus Bezug auf
die Feststellungen der Hilfswerkvertretung, indem es erwog, die substanz-
armen Ausführungen des Beschwerdeführers liessen sich nicht durch Er-
innerungsverluste aufgrund des Zeitablaufs oder Konzentrationsschwä-
chen erklären (vgl. S. 5 der angefochtenen Verfügung). Insgesamt ergeben
sich demnach keine Hinweise auf eine mangelhafte Begründung der vor-
instanzlichen Verfügung.
4.5 Die formellen Rügen erweisen sich nach dem Gesagten als unbegrün-
det.
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Seite 12
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder ihrer politi-
schen Anschauungen wegen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder
begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in ver-
schiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf
kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 mit Verweisen).
5.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst ge-
schaffen worden ist, macht subjektive Nachfluchtgründe geltend (vgl.
Art. 54 AsylG). Subjektive Nachfluchtgründe können zwar die Flüchtlings-
eigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG begründen, führen jedoch nach
Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie miss-
bräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden
Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft
machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. dazu
BVGE 2009/28 E. 7.1 S. 352, m.w.H.).
6.
6.1 Wie das SEM zu Recht bemerkt hat, enthalten die vom Beschwerde-
führer geltend gemachten Vorfluchtgründe mehrere Widersprüche, und
seine Aussagen zur Grundausbildung, zur Haft sowie zur Flucht sind in
weiten Teilen vage und unsubstanziiert ausgefallen:
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Seite 13
6.1.1 Der Beschwerdeführer brachte vor, er sei im Jahr (...) für den Militär-
dienst aufgeboten worden und habe daraufhin bis zu seiner Sportverlet-
zung drei Monate lang eine militärische Grundausbildung erhalten. Obwohl
er angeblich ein schriftliches Aufgebot erhalten hatte, konnte er jedoch
nicht genau angeben, wann er habe einrücken müssen, sondern erklärte
lediglich, es sei im Jahr (...) gewesen (vgl. A13 F68 ff.). Zur angeblich er-
haltenen Ausbildung und dem Tagesablauf in der Kaserne äusserte er sich
trotz mehrmaligen Nachfragens durch die Befragerin nur vage und detail-
arm, wobei er im Sinne von konkreten Aktivitäten lediglich das Marschieren
mit einer Holzwaffe sowie das Fussballspielen erwähnte (vgl. A13 F88, F95
ff.). Seine Schilderung der Kaserne und deren Umgebung (vgl. A13 F107
ff.; F164) muss im eritreischen Kontext als beliebig bezeichnet werden und
könnte in derselben Art und Weise auch von jemandem erzählt werden, der
nicht selber vor Ort war. Im Weiteren ist davon auszugehen, dass die meis-
ten jungen Eritreer mit dem Rekrutierungsablauf vertraut sind, insbeson-
dere, wenn sie, wie der Beschwerdeführer, ältere Geschwister haben. Der
in der Beschwerde hervorgehobene Umstand, dass die – rudimentären –
Schilderungen des Beschwerdeführers zu seiner Rekrutierung im Wesent-
lichen mit den Ausführungen im EASO-Report 2019 übereinstimmen, stellt
daher kein überzeugendes Glaubhaftigkeitsindiz dar.
6.1.2 Hinsichtlich des anschliessenden Aufenthalts im Krankenhaus
machte der Beschwerdeführer sodann zunächst geltend, er habe einen
Monat dort verbracht (vgl. A4 Ziff. 1.17.05 und Ziff. 7.01). In der Anhörung
sprach er dagegen von zwei Monaten (vgl. A13 F126). Die Frage, unter
welchen Bedingungen er nach Hause entlassen worden sei, beantwortete
er ebenfalls unterschiedlich: In der BzP gab er an, ihm sei ein Schreiben
ausgehändigt worden, wonach er nach zwei Monaten Erholungszeit wieder
nach E._ hätte zurückkehren müssen, er habe jedoch beschlossen,
dies nicht zu tun (vgl. A4 Ziff. 7.02 und 7.01). Im Widerspruch dazu erklärte
er in der Anhörung, der Arzt habe ihm einen unbegrenzten Krankenurlaub
gewährt, daher habe er zuhause auf eine Nachricht von seiner Einheit ge-
wartet (vgl. A13 F130 und F133). Eine weitere Ungereimtheit betrifft den
Zeitpunkt der angeblichen Verhaftung. Diesbezüglich gab der Beschwer-
deführer in der BzP an, nachdem er zufällig seinen Vorgesetzten getroffen
habe, sei er noch am selben Abend verhaftet worden (vgl. A4 Ziff 7.01). In
der Anhörung führte er dagegen aus, die Verhaftung sei am folgenden Tag
erfolgt (vgl. A13 F88). Dem Beschwerdeführer wurde in der Anhörung Ge-
legenheit gegeben, sich zu diesen Widersprüchen zu äussern; er war je-
doch nicht in der Lage, diese in plausibler Weise aufzulösen (vgl. dazu A13
D-5722/2019
Seite 14
F54 ff.). Auch die diesbezüglichen Vorbringen in der Beschwerde (der Wi-
derspruch betreffend den Verhaftungszeitpunkt sei nicht gravierend; der
Arzt habe dem Beschwerdeführer gesagt, er solle nach zwei Monaten zu
seiner Einheit zurückkehren, er sei jedoch davon ausgegangen, das Militär
werde sich bei ihm melden) vermögen die Ungereimtheiten nicht zu relati-
vieren. Im Übrigen betreffen die genannten Widersprüche zentrale Punkte
der Asylbegründung, und die unterschiedlichen Aussagen sind offensicht-
lich unvereinbar, weshalb es trotz des summarischen Charakters der BzP
zulässig ist, diese Widersprüche für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit
heranzuziehen (vgl. dazu statt vieler das Urteil des BVGer E-319/2019 vom
11. November 2020 E. 5.2).
6.1.3 Der Beschwerdeführer wurde ferner gebeten, das Gefängnis und die
Haftbedingungen zu beschreiben. Seine diesbezüglichen Aussagen er-
schöpfen sich in allgemeingültigen Phrasen und stereotypen Beschreibun-
gen, die nicht erlebnisbegründet wirken (vgl. A13 F175 ff.). Zudem wider-
sprach er sich hinsichtlich der Behandlung im Gefängnis, indem er erst vor-
brachte, es habe dort keine Misshandlungen gegeben (vgl. A4 Ziff. 7.02),
später jedoch geltend machte, die Soldaten hätten ihn und seine Mithäft-
linge geschlagen und brutal behandelt (vgl. A13 F190). Weitere Ungereimt-
heiten finden sich in seinen Aussagen zur Flucht. Dazu sagte der Be-
schwerdeführer zunächst aus, er hätte zusammen mit sechs bis sieben
weiteren Häftlingen nach G._ verlegt werden sollen, aber zuvor
habe man ihnen erlaubt, in Begleitung von sechs bis sieben Soldaten ein-
kaufen zu gehen (vgl. A4 Ziff. 7.01). In der Anhörung legte er indessen dar,
sie seien auf der Einkaufstour ungefähr zehn Personen gewesen, davon
ungefähr sechs Häftlinge und der Rest (d.h. vier) Soldaten (vgl. A13 F203
f.). Diese Darstellung der Ereignisse ist widersprüchlich.
6.2 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen sind die vom Beschwerdefüh-
rer geschilderten Vorfluchtgründe insgesamt als unglaubhaft zu erachten.
Diese Einschätzung wird bestärkt durch die Tatsache, dass die Angehöri-
gen des Beschwerdeführers nach dessen Ausreise offensichtlich in keiner
Art und Weise von den Behörden, namentlich dem Militär, behelligt worden
sind und nach dem Beschwerdeführer – trotz seiner angeblichen Flucht
aus der Haft – offenbar nicht gesucht wurden beziehungsweise werden
(vgl. dazu A13 F27 und F242 f.).
7.
7.1 Der Beschwerdeführer macht im Weiteren subjektive Nachfluchtgründe
geltend, indem er vorbringt, er müsse aufgrund seiner illegalen Ausreise
D-5722/2019
Seite 15
aus Eritrea im Falle seiner Rückkehr mit flüchtlingsrechtlich relevanter Ver-
folgung rechnen.
7.2 In seinem Referenzurteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 gelangte
das Bundesverwaltungsgericht unter Berücksichtigung von Berichten un-
terschiedlicher Organisationen und in Würdigung der Erkenntnisse aus
verschiedenen Fact-Finding-Missionen in Eritrea zum Schluss, die Furcht
vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG allein aufgrund einer
illegalen Ausreise aus Eritrea erscheine nicht als objektiv begründet. Ins-
besondere könne die früher vertretene Auffassung, wonach illegal ausge-
reiste Personen von den eritreischen Behörden generell als Verräter be-
trachtet würden, nicht mehr als zutreffend erachtet werden. Auch das Ri-
siko, nach der Rückkehr in den Nationaldienst eingezogen zu werden, sei
flüchtlingsrechtlich nicht relevant, da es sich dabei grundsätzlich nicht um
eine Massnahme handle, welche aus flüchtlingsrechtlich relevanten Moti-
ven erfolge. Im Kontext von Eritrea reiche somit die illegale Ausreise allein
zur Begründung der Flüchtlingseigenschaft nicht aus. Es sei nur dann von
einem erheblichen Bestrafungsrisiko im Falle der Rückkehr auszugehen,
wenn nebst der illegalen Ausreise weitere Faktoren hinzuträten, welche die
asylsuchende Person in den Augen der eritreischen Behörden als misslie-
bige Person erscheinen lassen würden (vgl. ebenda, E. 5.1 und E. 2).
7.3 Derartige zusätzliche Anknüpfungspunkte, welche zu einer Schärfung
des Profils des Beschwerdeführers führen könnten, bestehen im vorliegen-
den Fall nicht. Die geltend gemachten Vorfluchtgründe, namentlich die an-
gebliche Desertion aus dem Nationaldienst, sind, wie vorstehend ausge-
führt wurde, als unglaubhaft zu qualifizieren. Es sind auch keine anderwei-
tigen Faktoren ersichtlich, die den Beschwerdeführer in den Augen des erit-
reischen Regimes als missliebige Person erscheinen lassen können. Die
geltend gemachte illegale Ausreise führt daher – ungeachtet der Frage ih-
rer Glaubhaftigkeit – nicht zur Bejahung der Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers.
8.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die geltend gemachten Asyl-
gründe nicht geeignet sind, eine asyl- respektive flüchtlingsrechtlich rele-
vante Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG beziehungsweise eine entspre-
chende Verfolgungsfurcht glaubhaft zu machen. Demnach hat die
Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylge-
such abgelehnt.
D-5722/2019
Seite 16
9.
9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an (Art. 44 Abs. 1 AsylG).
9.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
Abs. 1 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.
Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht
möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetz-
lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83
Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
In Bezug auf die Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt ge-
mäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Be-
weisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu
beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
11.
11.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
11.1.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Das flüchtlingsrecht-
liche Refoulement-Verbot schützt nur Personen, welche die Flüchtlingsei-
genschaft erfüllen. Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine
flüchtlingsrechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft
zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrück-
schiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rück-
kehr in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG
rechtmässig.
D-5722/2019
Seite 17
11.1.2 Sodann ist das Bundesverwaltungsgericht im Grundsatzurteil
BVGE 2018 VI/4 zum Schluss gelangt, der Wegweisungsvollzug nach Erit-
rea sei auch angesichts einer (allfälligen) drohenden Einziehung in den Na-
tionaldienst als zulässig im Sinne von Art. 83 Abs. 3 AuG in Verbindung mit
Art. 4 EMRK zu qualifizieren. Dabei wurde erwogen, es handle sich beim
eritreischen Nationaldienst nicht um Sklaverei oder Leibeigenschaft (vgl.
ebenda, E. 6.1.4). Ferner müsse der Nationaldienst zwar grundsätzlich als
Zwangsarbeit (Art. 4 Abs. 2 EMRK) qualifiziert werden; allerdings könne im
Falle von Eritrea nicht mit hinreichender Wahrscheinlichkeit davon ausge-
gangen werden, dass während der Leistung des Nationaldienstes generell
das ernsthafte Risiko einer krassen Verletzung des Verbots der Zwangs-
und Pflichtarbeit bestehe (vgl. ebenda, E. 6.1.5). Die in der Beschwerde
zitierte Passage aus dem Bericht der UN-Sonderberichterstatterin zu Erit-
rea vom Juni/Juli 2018 vermag an dieser Einschätzung nichts zu ändern,
zumal sich der fragliche Text nicht zur Auslegung von Art. 4 EMRK äussert.
11.1.3 Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Gemäss Praxis des
Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des
UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete
Gefahr («real risk») nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall
einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen
würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom
28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, m.w.H.).
Im vorstehend erwähnten Grundsatzurteil BVGE 2018 VI/4 führte das Bun-
desverwaltungsgericht diesbezüglich aus, es existierten keine hinreichen-
den Belege dafür, dass Misshandlungen und sexuelle Übergriffe im Natio-
naldienst derart flächendeckend stattfänden, dass jede Dienstleistende
und jeder Dienstleistende dem ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre, selbst
solche Übergriffe zu erleiden (vgl. ebenda, E. 6.1.6). Somit besteht selbst
bei einer allfälligen erneuten Einziehung des Beschwerdeführers in den
eritreischen Nationaldienst kein ernsthaftes Risiko einer Verletzung von
Art. 3 EMRK. Den Akten sind ferner auch keine anderweitigen, konkreten
und glaubhaften Anhaltspunkte dafür zu entnehmen, dass der Beschwer-
deführer im Falle einer Rückkehr nach Eritrea dort mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe
oder Behandlung ausgesetzt wäre. Schliesslich lässt auch die allgemeine
D-5722/2019
Seite 18
Menschenrechtssituation in Eritrea den Wegweisungsvollzug im heutigen
Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen.
11.1.4 Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers nach Eritrea
erweist sich nach dem Gesagten insgesamt als zulässig.
11.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
11.2.1 Gemäss BVGE 2018 IV/4 vermag eine bevorstehende Einziehung
in den eritreischen Nationaldienst allein nicht zur Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs zu führen (vgl. a.a.O. E. 6.2.3–6.2.5). Im Sinn der obigen
Ausführungen erübrigt es sich zudem, auf den Umgang der eritreischen
Behörden mit Deserteuren einzugehen, da der Beschwerdeführer nicht
glaubhaft machen konnte, er habe sich im Zeitpunkt seiner Ausreise seiner
Dienstpflicht entzogen.
11.2.2 Laut geltender Rechtsprechung kann in Eritrea sodann nicht von ei-
nem Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt bezie-
hungsweise einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
ausgegangen werden. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor
schwierig. Die medizinische Grundversorgung, die Ernährungssituation,
der Zugang zu Wasser und zur Bildung haben sich aber stabilisiert. Der
Krieg ist seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse Kon-
flikte sich nicht zu verzeichnen. Angesichts der schwierigen allgemeinen
Lage des Landes muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Exis-
tenzbedrohung ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorlie-
gen. Anders als noch unter der früheren Rechtsprechung sind begünsti-
gende individuelle Faktoren jedoch nicht mehr zwingende Voraussetzung
für die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des
BVGer D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 16 f.).
11.2.3 Es handelt sich beim Beschwerdeführer um einen heute (...)-jähri-
gen Mann mit durchschnittlicher Schulbildung, welcher am Herkunftsort in
der (familieneigenen) Landwirtschaft tätig war, wobei er die Erzeugnisse
teilweise auf dem Markt verkaufte. Es ist davon auszugehen, dass er bei
D-5722/2019
Seite 19
einer Rückkehr nach Eritrea erneut auf diese Weise seinen Lebensunter-
halt bestreiten könnte. Seinen Angaben zufolge leben sowohl seine Eltern
als auch mehrere Geschwister sowie ein Onkel nach wie vor in Eritrea.
Seine Eltern besitzen ein eigenes Haus und betreiben Landwirtschaft. Da-
mit verfügt der Beschwerdeführer am Herkunftsort über eine gesicherte
Wohnmöglichkeit und ein soziales Beziehungsnetz, welches ihn bei Bedarf
unterstützen könnte.
11.2.4 Hinsichtlich der geltend gemachten medizinischen Probleme ist so-
dann Folgendes festzustellen: Beim Beschwerdeführer wurden Ende 2019
eine durch (...) hervorgerufene (...) sowie eine (...) diagnostiziert. Gemäss
den aktenkundigen ärztlichen Unterlagen (vgl. die E-Mail von Dr. med. R.
R. an die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers vom 4. Dezember
2020, den Arztbericht von R. R. vom 1. Februar 2021 sowie den Arztbericht
von Dr. med. R. D. vom 23. Januar 2020 [Beschwerdeakten Nr. 7 S. 3 so-
wie Nr. 10 S. 3, 5 und 6]) wurden diese Erkrankungen umgehend behan-
delt. Es ist davon auszugehen, dass auch die bei (...) angezeigten Nach-
kontrollen (drei und sechs Monate nach der [einmaligen] Verabreichung
von Praziquantel; vgl. dazu die Bemerkungen im Arztbericht von Dr. med.
R. D. vom 23. Januar 2020) durchgeführt worden sind. Die eingereichten
Arztberichte enthalten keine Hinweise auf ein Therapieversagen respektive
eine weiterhin bestehende Infektion mit (...), woraus zu schliessen ist, dass
die entsprechende Therapie erfolgreich war. Im Weiteren leidet der Be-
schwerdeführer an einer (...), unter Beteiligung von MRSA (Methicillin-re-
sistenter Staphylococcus aureus). Der zuständige Hals-Nasen-Ohrenarzt
leitete eine Langzeitbehandlung mit Bactrim ein und erklärte, er werde
beim Beschwerdeführer regelmässig eine (...) vornehmen (vgl. die E-Mail
von Dr. med. T. v.B. vom 17. Februar 2020 sowie seinen Arztbericht vom 7.
Januar 2020 [Beschwerdeakten Nr. 10 S. 11 und 12). Dem Arztbericht von
Dr. med. R. R. vom 1. Februar 2021 ist zu entnehmen, dass die Behand-
lung mit Bactrim nach wie vor andauert. Der Hausarzt R. R. führt im er-
wähnten Arztbericht unter anderem aus, es bestehe die Möglichkeit, dass
der Beschwerdeführer an der (...) sterben könnte. R. R. verweist dabei auf
den Wikipedia-Eintrag zu (...) ([...]). Auch der von der Rechtsvertreterin
kontaktierte HNO-Facharzt M. J. erklärt in seiner E-Mail vom 6. April 2021
(allerdings ohne dies näher auszuführen oder zu dokumentieren), die (...)
stelle in Eritrea eine lebensbedrohliche Erkrankung dar (vgl. Beschwerde-
akte Nr. 15 S. 3). Die Lektüre des von R. R. erwähnten Wikipedia-Eintrags
sowie weiterer Quellen (vgl. beispielsweise [...]) bestätigt indes die von R.
R. und M. J. geäusserte Auffassung, wonach es sich bei der (...) um eine
D-5722/2019
Seite 20
lebensbedrohliche Krankheit handle, nicht. Die Problematik der (...) be-
steht grundsätzlich [...]. Als Folge der (...) kann es zu (...) kommen. In
schweren Fällen kann sich auch die (...) zurückbilden. Diese Symptome
sind jedoch per se allesamt nicht lebensbedrohlich. Gewiss kann nicht
gänzlich ausgeschlossen werden, dass es bei einer unsachgemässen Ab-
tragung der (...) zu häufigem (...) und in der Folge – namentlich unter un-
günstigen hygienischen Verhältnissen – möglicherweise zu einer Blutver-
giftung mit Todesfolge kommen kann. Diese Komplikation dürfte indessen
nur in seltenen, extremen Fällen eintreten. Es ist daher davon auszugehen,
dass die bestehende (...) bei einer Rückkehr des Beschwerdeführers nach
Eritrea selbst ohne adäquate Behandlung nicht zu einer raschen und le-
bensgefährlichen Verschlechterung seines Gesundheitszustandes führen
würde. Im Weiteren ist festzustellen, dass die Behandlung der (...) primär
in einer gründlichen und andauernden (...) besteht, namentlich mit (...)
(vgl. dazu beispielsweise den bereits erwähnten Wikipedia-Eintrag). Es ist
davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer diesbezüglich von seinem
Hausarzt hinreichend instruiert wurde. Im vorliegenden Fall ist den Akten
zufolge ausserdem eine regelmässige Entfernung der (...) angezeigt.
Diese erfolgt vorzugsweise durch eine fachkundige Person (auch wenn der
Beschwerdeführer dies – nach entsprechender, fachkundiger Einweisung
– theoretisch wohl auch selber vornehmen könnte). Aus der E-Mail von Dr.
med. M. J. vom 30. März 2021 (vgl. Beschwerdeakte Nr. 15 S. 4) geht dies-
bezüglich hervor, dass es in Asmara zwei HNO-Ärzte gibt, welche eine pro-
fessionelle (...) durchführen können (vgl. dazu auch die vom britischen Fo-
reign, Commonwealth & Development Office [FCDO] publizierte Liste von
medizinischen Einrichtungen und Spezialisten vom März 2021,
https://www.gov.uk/government/publications/eritrea-doctors/eritrea-list-of-
medical-facilities). Der Beschwerdeführer stammt zwar nicht aus Asmara,
jedoch dauert die Fahrt von seinem Herkunftsort nach Asmara seinen An-
gaben zufolge lediglich (...) Minuten (vgl. A13 F19). Ferner war er in der
Vergangenheit offenbar ohne weiteres in der Lage, zwecks Verkaufs seines
Gemüses auf dem Markt regelmässig nach (...) zu fahren (vgl. A13 F137).
Bei einer Rückkehr nach Eritrea ist es ihm daher zuzumuten, sich bei Be-
darf zu einem HNO-Arzt nach Asmara zu begeben. Es ist ferner davon
auszugehen, dass er die Langzeitbehandlung mit Bactrim auch in Eritrea
weiterführen könnte, zumal dieses Medikament (beziehungsweise die
Fixkombination Trimethoprim und Sulfamethoxazol) dort grundsätzlich er-
hältlich ist (vgl. die Eritrean National List of Medicines [2010], S. 36;
https://www.who.int/selection_medicines/country_lists/eri_eml_2010.pdf).
Um eine lückenlose medikamentöse Weiterbehandlung sicherzustellen,
D-5722/2019
Seite 21
hat der Beschwerdeführer überdies die Möglichkeit, medizinische Rück-
kehrhilfe zu beantragen (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG i.V.m. Art. 75 der
Asylverordnung 2 vom 11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]). Soweit er
darauf hinweist, er sei nach wie vor untergewichtig und seine (...) hätten
sich noch nicht normalisiert, ist festzustellen, dass die Ursache für diese
Anomalien offenbar trotz der bisher erfolgten Untersuchungen und Be-
handlungen unklar sind. Diese unspezifischen Befunde lassen jedoch für
sich genommen nicht darauf schliessen, dass der Beschwerdeführer bei
einer Rückkehr nach Eritrea mit einer raschen und lebensbedrohlichen Ver-
schlechterung seines Gesundheitszustandes rechnen müsste.
11.2.5 Insgesamt ist nach dem Gesagten nicht davon auszugehen, dass
der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Eritrea aus wirtschaftli-
chen, sozialen oder medizinischen Gründen in eine existenzielle Notlage
geraten würde. Der Vollzug der Wegweisung ist daher auch in individueller
Hinsicht als zumutbar zu erachten.
11.3 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12 S. 513–515), weshalb der Vollzug der Wegweisung
auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
Die aktuelle Corona-Pandemie steht dem Wegweisungsvollzug ebenfalls
nicht entgegen; denn es handelt sich dabei – wenn überhaupt – um ein
bloss temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im Rahmen der Voll-
zugsmodalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist,
indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatland ange-
passt wird.
11.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorinstanz den Wegwei-
sungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet hat.
Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt damit ausser Betracht
(Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und
vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist demnach abzuweisen.
13.
D-5722/2019
Seite 22
13.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch das
mit der Beschwerde gestellte Gesuch um unentgeltliche Prozessführung
mit Zwischenverfügung vom 20. November 2019 gutgeheissen worden ist,
werden keine Verfahrenskosten erhoben.
13.2 Mit derselben Verfügung wurde ferner auch das Gesuch um amtliche
Verbeiständung gutgeheissen. Die Festsetzung des amtlichen Honorars
erfolgt in Anwendung der Art. 8–11 sowie Art. 12 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2). In der aktualisierten Kosten-
note vom 6. April 2021 wird ein Aufwand von total 13 Stunden und 5 Minu-
ten ausgewiesen, was angemessen erscheint. Gemäss der bereits in der
Zwischenverfügung vom 20. November 2019 dargelegten Praxis des Ge-
richts bei amtlicher Vertretung (vgl. auch Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE)
ist der geltend gemachte Stundenansatz von Fr. 180.– auf Fr. 150.– zu
kürzen. Spesen sind aufgrund der tatsächlichen Kosten auszuzahlen (vgl.
Art. 11 Abs. 1 VGKE). Die ohne nähere Angaben geltend gemachte Spe-
senpauschale von Fr. 50.– ist demnach nicht zu vergüten, zumal keine be-
sonderen Verhältnisse vorliegen, welche die Auszahlung eines Pauschal-
betrags rechtfertigen würden (vgl. Art. 11 Abs. 3 VGKE). Der amtlichen Ver-
treterin ist demnach zu Lasten des Bundesverwaltungsgerichts ein Hono-
rar von insgesamt Fr. 2’114.– (inkl. Mehrwertsteueranteil) zuzusprechen.
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