Decision ID: cb7915fd-feb2-4c7e-ada7-eaab6bd02d35
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
war vom
4.
März 2013
bis zum 1
7.
Juli 2014 Gesellschafter und
Geschäftsführer
mit Einzelunterschrift der
Y._
GmbH
(vormals:
Z._
; www.zefix.ch
)
, welche
der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse,
als beitragspflichti
ge
Arbeitgeberin ange
schlos
sen war.
Nachdem die Ausgleichskasse auf Betreibung der Firma am 2
3.
Dezember 2014 vier Pfändungsverlustscheine erwirkt hatte (
Urk.
6/702-705), forderte sie m
it Verfügung vom 1
2.
Januar 2015 von
X._
für entgan
gene
Lohnbeiträge der Jahre 2013, 2014 und 2015, Verwaltungskosten, Verzugs
zinsen und Inkassokosten Schadenersatz
i
n der Höhe von
Fr.
475'114.75 (
Urk.
6/710
).
Mit
Urteil vom 14.
Januar 2015 eröffnete der Konkursrichter des Bezirksgerichts Dietikon über die
Y._
GmbH
mit Wirkung ab dem 14.
Januar 2015, 10.00 Uhr, den Konkurs.
Am
7.
Februar 2015 erhob
X._
gegen die Verfügung der Ausgleichskasse vom 1
2.
Januar 2015
Einspra
che
(
Urk.
6/757). Mit Urteil des
Konkursrichters vom 1
3.
Februar 2015 wurde das Konkursverfahr
en
der
Y._
GmbH
mangels Aktiven eingest
ellt.
Mit Ent
scheid vom 2
3.
März 2015
hiess die Ausgleichskasse die Einsprache vom
7.
Feb
ruar 2015
teilweise gut, hob die angefochtene Verfügung auf und reduz
ierte die Schadenersatzf
orderung auf
Fr.
257'103.
--
.
Die
Ausgleichskasse begründete dies damit, dass Be
i
träge in der Höhe von
Fr.
202'983.75 zuzüglich
Fr.
15'028.-- erst nach dem Rücktritt von
X._
als
formelles Organ
der
Y._
GmbH per 1
7.
Juli 2014
in Rechnung gestellt worden seien. Hierfür könne
X._
nicht haftbar gemacht werden
(
Urk.
6/782)
.
Dieser Entscheid erwuch
s unan
gefochten in Rechtskraft.
1.2
Am 2
3.
März 2017 ging bei der Ausgleichskasse eine
anonyme
Meldung mit Lohn
ausweisen
der
Z._
für die Steuerperiode 2013
(Urk.
6/89
0,
Urk.
6/891, Urk.
6/89
2
)
und
die Steuerperiode 2014 (
Urk.
6/894)
ein
.
Die daraufhin getätigte Arbeitgeberkontrolle ergab, dass die im Handelsregister
am 2
0.
Mai 2015
gelöschte Firma
über eine Lohnsumme von
Fr.
1'459'867.
-- bzw.
Fr.
1'682'721.--
, welche sie von Januar bis Juli
2014
ausbezahlt hatte, nicht
abgerechnet hatte (
Urk.
6/895).
Mit Nachzahlungsverfügung vom 3
1.
März 2017, adressiert an
X._
, setzte die Ausgleichskasse die darauf entfallenden Lohnbeiträge zuzüglich Verzugszinsen fest (
Urk.
6/899 f.), wogegen dieser Ein
sprache erhob (
Urk.
6/904 ff.)
.
Mit Verfügung vom 1
2.
Februar 2018 forderte die
Ausgleichskasse von
X._
für entgangene
Lohnbeiträge des Jahres
2014, Verwaltungskosten und Verzugszinsen Schadenersatz
in der Höhe vo
n Fr.
230'866.05 (
Urk.
6/945
/6-8
). Die dagegen von
X._
am 1
2.
März
20
18 erhobene Einsprache (
Urk.
6/946
; vgl.
auch
Einspracheergä
nzung
vom 18.
Mai 2018,
Urk.
6/958
) wies die Ausgle
ichskasse mit Entscheid vom 13.
Dezember 2019 (
Urk.
2) ab.
2.
Dagegen erhob
X._
am
3.
Februar 2020 Beschwerde und beantragte, der Entscheid der Ausgleichskasse vom 1
3.
Dezember 2019 sowie deren Verfü
gung vom 1
2.
Februar 2018 seien vollumfänglich aufzuheben (
Urk.
1 S. 2). Die Beschwerdegegnerin beantragte mit Beschwerdeantwort vom 2
5.
Februar 2020 die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
5),
was dem Beschwerdeführer am 27.
Feb
ruar 2020 angezeigt wurde (
Urk.
7).
Mit Verfügung vom
9.
August 2021 hielt das Gericht fest, dass eine vorläufige Durchsicht der
Einlegerakten
im Zusammen
hang mit der von der Beschwerdegegnerin geltend gemachten Schadensumme verschiedene Unklarheiten bzw. Fragen ergeben habe.
Der Beschwerdegegnerin wurde
F
rist an
gesetzt
, um zu den betreffenden
Fragen Ste
llung zu nehmen (
Urk.
8
).
Die Beschwerdegegnerin liess sich mit Eingabe vom
9.
September 2021 vernehmen (
Urk.
10). Mit Verfügung vom 1
0.
September 2021 setzte das Gericht dem Beschwerdeführer Frist an, um hierzu Stellung zu nehmen (
Urk.
12). Mit Eingabe vom
4.
Oktober 2021 teilte
dieser
mit, dass er auf eine Stellungnahme verzichte (
Urk.
14).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Die Beschwerdegegnerin begründete den angefochtenen Entscheid da
mit, dass der Beschwerdeführer als Geschäfts
führer der
Y._
GmbH
den
gesetz
lichen
Abrechnungs- und Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen sei.
Der
Beschwerdegegnerin sei
ein
Schaden in der Höhe von
Fr.
230'866.05
ent
standen.
Von der nun
strittige
n
Forderung hab
e
die Beschwerdegegnerin erst mit
Eingang der Lohnausweise am 2
3.
März 2017 Kenntnis erhalten. Die Verfügun
g vom 1
2.
Februar 2018 sei
innert der zweijährigen Frist nach Kenntnis des Schadens erlassen worden.
Die Überschuldung bzw. Zahlungsunfähigkeit der Firma sei auf eine schwerwiegende Fehleinschätzung der tatsächlichen Finanz
lage zurück
zuführen gewesen. Der Beschwerdeführer
habe ein Unternehmen fort
geführt, dessen Finanzierung teilweise auf Kosten der Sozialversicherung erfolgt
sei.
Sein Verhalten
sei adäquat kausal
für den entstandenen Schaden
. Es liege eine grobfahrlässige Missachtung von AHV
-Vorschriften vor (
Urk.
2
).
1.2
Der Beschwerdeführer machte demgegenüber geltend, dass
die
Y._
GmbH bei der Beschwerdegegnerin für das Jahr 2013 e
ine effektive Lohnsumme von Fr.
6'151'762.50 abgerechnet habe. Di
e Beschwerdegegnerin
hätte die
zuvor
gemel
dete
monatliche
Lohnsumme von
Fr.
10
0'000.
-- daher
nicht
unkritisch und unverändert
übernehmen dürfen. S
ie habe die monatlichen
Akontob
eiträge
der
Y._
GmbH
grobfahrlässig
viel zu niedrig in Rechnung gestellt.
Da es der Beschwerdegegnerin bekannt gewesen sei, dass viele Mitarbeiter der
Y._
GmbH quellensteuerpflichtig gewesen seien, hätte sie beim Kantonalen Steueramt auf einfache und rasche Weise eine Liste der im Jahr 2014 gemeldeten Arbeit
nehmer beschaffen können.
Dadurch
wäre es ihr möglich gewesen, rechtzeitig zu erfahren, dass die
Y._
GmbH auch von Januar bis Juli 2014 Mitarbeiter beschäftigt habe.
Den Beschwerdeführer treffe lediglich für die von
der Buch
halterin der
Y._
GmbH anlässlich des Gesprächs
mit der Beschwerde
gegnerin
vom 2
4.
März 2014 gemachte Aussage, wonach im Jahr 2014 eine gerin
gere Lohnsumme zu erwarten sei, eine Mitverantwortung.
Zudem sei zu rügen, dass die Beschwerdegegnerin die von ihr in Betreibung gesetzten
Akonto
-Rechnungen im Konkurs der
Y._
GmbH nicht angemeldet habe.
Den
von einer anonymen Person im März 2017 eingereichten, nicht unterzeichneten Lohnausweisen, welche Grundlage der vorliegende
n
Schadenersatzforderung bilden würden,
komme
keine Beweiskraft zu. Dass die
in den
Lohnausweise
n auf
geführten
Löhne
für das Jahr 2013
jenen
in der Lohndeklaration 2013
entspre
chen würden
, werde bestritten.
Nachdem die Beschwerdegegnerin bei einer kriti
schen Prüfung der von
A._
für das Geschäftsjahr 2014 einge
reichten Lohndeklaration und bei Einhaltung der ihr von Gesetzes wegen oblie
genden Sorgfaltspflichten spätestens Ende 2015 vom
Schaden hätte Kenntnis nehmen müssen, sei die gegenüber dem Beschwerdeführer erhobene
Schaden
ersatzfor
derung
überdies
verjährt. Schlies
slich sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer
nicht für die Einreichung der Lohndeklaration 2014 verant
wortlich gewesen sei. Die Verantwortung habe bei
A._
gelegen, der ab dem 1
7.
Juli 2014
einziger
Gesellschafter und Geschäftsführer der
Y._
Gm
bH gewesen sei (
Urk.
1 S. 4 ff.
).
1.3
Die Beschwerdegegnerin legte in der Stellungnahme vom
9.
September 2021 dar, dass sie für das Jahr 2014 von einer Lohnsumme von
Fr.
1'781'081.-- ausgegan
gen sei.
Diese setze sich
zusammen
aus der
Lohnsumme gemäss den eingereichten Lohnabrechnungen
in der Höhe von
Fr.
1'682'721.--
,
den L
öhne
n
von
sieben Mitarbeiter
n
von
Fr.
97'394.-- (
Re
vision bei der Konkurseröffnung)
und dem von einem Arbeitnehmer gemeldeten,
nicht gebuc
hten Einkommen von
Fr.
966.--
.
Am 3
1.
März 2017 habe die
Beschwerdegegnerin lediglich über eine Lohnsumme von
Fr.
1'459'867.-- verfügt. Am
5.
April 2017 sei
eine Korrekturmeldung erfolgt. Die am selben Tag ausgestellte Rechnung beziehe sich aber auch nur auf die Lohnsumme von
Fr.
1'459'867.--. Am
6.
September 2
017 habe die Beschwerde
gegnerin
die Lohnsumme
im Individuellen Konto
für da
s Jahr 2014 von
Fr.
1'781'081.--
mit dem Nachtrag von
Fr.
1'
682'721.-- anstatt von
Fr.
1'459'867.-- korrigiert.
Die Differenz von
Fr.
137.35
zwischen den Lohn
beiträgen für das Jahr 2014 von
Fr.
221'276.25 gemäss Beitragsübersicht vom
8.
Februar 2018 und der Summe der mit Rechnungen vom 2
9.
April 2016 und 3
1.
März 2017 erfassten Lohnbeiträge 2014 von
Fr.
221
'138.90 (Fr.
207'520.05 +
Fr.
13'618.85)
ergebe sich aus der Nachtragsmeldung des Arbeitnehmers, der einen nicht deklarierten Lohn von
Fr.
966.-- gemeldet habe.
Mit Nachzahlungs
verfügung vom 2
3.
September 2016 seien die darauf geschuldeten Beiträge von
Fr.
137.35 geltend gemacht wor
den. Gemäss Kontoauszug vom
8.
Februar 2018
seien
die Posten 2014 0001 (Januar 2014), 2014 0002 (Februar 2014) und 2014 0003 (März 2014) mit den entsprechenden Gutschriften gedeckt worden. Die Posten seien ausgeglichen. Die von der
Y._
GmbH für die Monate Januar bis März 2014 geleisteten
Akonto
-Zahlungen von jeweils
Fr.
15'138.-- seien
bei
der vorliegend geltend gemachten Schadensumme
folglich berücksichtigt worden. D
ie Posten
für die Monate
April bis Juni 2014 (Posten 2014 0005, 2014 0009, 2014 0010)
in der Höhe von Fr.
42'392.60
seien
ebenfalls
ausgeglichen. Für die Berechnung des Schadens im vorliegenden Prozess seien diese Positionen nicht berücksichtigt worden. Mit
Einsprach
eentscheid
vom 2
4.
März 2015 habe die Beschwerdegegnerin
die ursprüngliche Forderung aufgrund einer
teilweisen Gutheissung von Fr.
475'114.75 auf
Fr.
257'103
.-- reduziert
(erstes
Verfahren). In der Verfügung vom 1
2.
Februar 2018 (zweites
Verfahren)
habe sie ausgeführt
, dass von jenem Schadenersatzverfahren noch
Fr.
182'728.05 offen seien.
D
er Schaden
aus dem ersten Verfahren
setze sich
aus
folgenden
Posten zusammen:
Fr.
12'126.60 (2014 0013),
Fr.
15'261.30 (2014 0014),
Fr.
15'261.30 (2014 0015),
Fr.
69'990.75 (2014 0016),
Fr.
69'970.75 (2014 0017) und
Fr.
177.35 (2016 0003). Infolge der Revision seien die Lohnsummen für die Jahre
2014 und 2015 ange
passt worden, weshalb
sich eine Reduktion bzw. eine virtuelle Gutschrift von
Fr.
307'758.65 (2016 0001) ergeben
habe
. Der Schaden
von
Fr.
230'866.05
aus dem zweiten
Verfahren könne dem Posten 2017 0001 entnommen werden (
Urk.
10).
2.
2.1
Nach Art. 52 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenen
versicherung
(AHVG) hat ein Arbeitgeber, der durch absichtliche oder grobfahr
lässige Missachtung von Vorschriften der Versicherung einen Schaden zufügt, diesen zu ersetzen. Handelt es sich beim Arbeitgeber um eine juristische Person, so haften subsidiär die Mitglieder der Verwaltung und alle mit der Geschäfts
führung oder Liquidation befassten Personen. Sind mehrere Personen für den gleichen Schaden verantwortlich, so haften sie für den ganzen Schaden solida
risch (Art. 52 Abs. 2 AHVG).
2.2
Die Vorschriften über die Arbeitgeberhaftung nach Art. 52 AHVG sowie die dazu entwickelte Rechtsprechung des Bundesgerichts finden mangels eigener Bestim
mungen sinngemäss Anwendung auf die Invalidenversicherungs- (Art. 66 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung), Erwerbsersatz- (Art. 21 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Erwerbsersatz für Dienstleistende und bei Mutter
schaft) und Arbeitslosenversicherungsbeiträge (Art. 6 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung) sowie auf jene an die Familienausgleichskassen (FAK) gemäss dem Bundesgesetz über die Familienzulagen (Art. 25
lit
. c).
3
.
3
.1
Voraussetzung für eine Haftung nach Art. 52 AHVG ist zunächst das Vorliegen eines Schadens. Dieser besteht darin, dass der AHV ein ihr gesetzlich geschuldeter Beitrag entgeht. Die Höhe des Schadens entspricht dabei dem Betrag, dessen die Kasse verlustig geht (Thomas Nussbaumer, Die Ausgleichskasse als Partei im Scha
denersatzprozess nach Artikel 52 AHVG, ZAK 1991 S. 383 ff. und 433 ff.). Verwaltungs- und Betreibungskosten, Veranlagungs- und Mahngebühren sowie die Verzugszinsen bilden Bestandteil des Schadens, welcher der Ausgleichskasse zu ersetzen ist (BGE 121 III 382 E. 3bb; vgl. auch BGE 109 V 95 oben, 108 V 189 E. 5). Im Hinblick auf die in Art. 14 Abs. 1 AHVG normierte Beitrags- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers gehören auch die Arbeitgeberbeiträge zum massgeblichen Schaden (BGE 98 V 26 E. 5).
3
.2
Der Schaden gilt als eingetreten, sobald anzunehmen ist, dass die geschuldeten Beiträge aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht mehr erhoben werden können (BGE 126 V 443 E. 3a, 121 III 382 E. 3bb, 388 E. 3a, je mit Hinweisen). Dies trifft dann zu, wenn die Beiträge im Sinne von Art. 16 Abs. 1 AHVG ver
wirkt sind (vgl. beispielsweise BGE 112 V 156, 98 V 26) oder wenn ihre Entrich
tung wegen Zahlungsunfähigkeit des beitrags
pflichtigen Arbeitgebers nicht mehr
möglich ist (vgl. beispielsweise BGE 121 V 234, 240). Im ersten Fall gilt der Schaden als eingetreten, sobald die Beiträge verwirkt sind (BGE 123 V 12 E. 5b, 170 E. 2a, 112 V 156 E. 2, 108 V 189 E. 2d, je mit Hinweisen). Im zweiten Fall gilt der Scha
denseintritt als erfolgt, sobald die Beiträge wegen der Zahlungs
unfähigkeit des Arbeitgebers nicht mehr im ordent
lichen Verfahren nach Art. 14 ff. AHVG erhoben werden kön
nen (BGE 123 V 12 E. 5b, 170 E. 2a, 121 III 382 E. 3bb, 113 V 256, 112 V 156 E. 2).
3.3
Der Schadenersatzanspruch verjährt zwei Jahre, nachdem die zuständige Aus
gleichs
kasse vom Schaden Kenntnis erhalten hat, spätestens aber fünf Jahre nach Eintritt des Schadens. Diese Fristen können unterbrochen werden. Der Arbeit
geber kann auf die Einrede der Verjäh
rung verzichten. Sieht das Strafrecht eine längere Frist vor, so gilt diese (Art. 52 Abs. 3 AHVG in der bis 31. Dezember 2019 gültig gewesenen Fassung).
3.4
Die von der Beschwerdegegnerin geltend
gemachte Schadenersatzforderung
von
Fr.
230'866.05
setzt sich wie folgt zusammen
(vgl.
Urk.
6/945/19
und
Urk.
6/899
)
:
AHV-
Lohn
beitrag
Jan
.
– Juli
2014:
Fr.
150'366.30
ALV-Lohnbeitrag Jan
.
– Juli 2014:
Fr.
32'117.05
FAK-Lohnbeitrag Jan
.
– Juli 2014:
Fr.
17'518.40
Verwa
ltungskosten auf Lohnbeiträge:
Fr.
7'518.30
Verzugszinsen
(vgl.
Urk.
6/900)
:
Fr.
23'346.--
Total:
Fr.
230'866.05
Dieser von der Beschwerdegegnerin geltend gemachte Schaden ist anhand der
Kassenakten, insbesondere
der
im
März 2017
e
ingereichten Lohnausweise (Urk.
6/894),
des B
erichts
der
Arbeitgeberkontrolle vom 2
2.
März 2017
(
Urk. 6/895
)
und des Kontoauszug
s vom
8.
Februar 2018 (Urk. 6/945/9-19
)
,
hin
reichend substantiiert dargelegt.
Diese Schadenssumme beinhaltet die Beiträge auf
nicht abgerechneten Lohnzahlungen, die
nachträglich a
ufgrund einer Mel
dung entdeckt wurden
(vgl.
Urk.
2 Ziffer 4).
Die
Y._
GmbH
hat offen
sichtlich
keine ordnungsgemässe Buchhaltung geführt.
Im Rahmen der am
8.
April 2016 nach dem Konkurs vom 1
4.
Januar 2015 durchgeführten Arbeit
geberkontrolle konnten für das Jahr 2014 lediglich
Löhne in der Höhe von
Fr.
97'3
94.-- ermittelt werden (
Urk.
6/861
).
Anhaltspunkte dafür, dass die Anga
ben in den von einer anonymen Person
im März
2017 eingereichten
110
Lohn
ausweisen
falsch sein könn
t
en
, liegen
nicht vor. Die
darin aufgeführten
Löhne konnten von der Beschwerdegegnerin einzelnen
Personen
zugeordn
et werden. Es handelt sich demnach
nicht um fiktive
Personen. Zudem entsprechen die Namen der
Mitarbeiter und die
Löhne
in den im März 2017
ebenfalls eingereichten 88 Lohnausweise
n
des Jahres 2013 (
Urk.
6/892) – abgesehen von einigen minimen Abweichungen – denjen
igen in der Lohndeklaration 2013
vom 1
7.
Februar 2014 (
Urk.
6/294).
Die
Lohnausweise
tragen allesamt d
en Stempel «
Z._
»
, sind datiert und
damit formgültig
.
V
ollautomatisch erstellte
Lohnweise wie die vorliegenden
der
Z._
müssen nicht handsc
hriftlich
unterzeichnet sein
(
vgl
.
https://www.steuerkonferenz.ch/downloads/la_faq_ 2010.pdf
)
.
Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdegegnerin mit Erlass der Verfügung vom 1
2.
Februar 2018 (
Urk.
6/945/6-8)
die zweijährige Verjährungs
frist seit
Erhalt der Lohnausweise im
März 2017 (Urk. 6/894
)
– und damit
seit
Kenntnis des Schadens
–
eingehalten hat.
Wie die
Beschwerdegegnerin
bereits Ende 2015 vom
Schaden hätte Kenntnis
nehmen können bzw. müssen, erschliesst sich nicht.
Die streitgegenständliche Forderung ist demnach nicht verjährt.
4.
4.1
Art. 14 Abs. 1 AHVG und die Art. 34 ff.
der Verordnung über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung
(
AHVV
)
schreiben vor, dass der Arbeitgeber bei jeder Lohnzahlung die Arbeitnehmerbeiträge in Abzug zu bringen und zusammen mit den Arbeitgeberbeiträgen der Ausgleichskasse zu entrichten hat. Die Arbeitgeber haben den Ausgleichskassen periodisch Abrechnungsunterlagen über die von ihnen an ihre Arbeitnehmer ausbezahlten Löhne zuzustellen, damit die ent
sprechenden paritätischen Beiträge ermittelt und verfügt werden können. Die Beitragszahlungs- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers ist eine gesetzlich vor
geschriebene
öffentlichrechtliche
Aufgabe. Die Nichterfüllung dieser
öffent
lich
rechtlichen
Aufgabe bedeutet eine Missachtung von Vorschriften im Sinne von Art. 52 Abs. 1 AHVG und zieht die volle Schadendeckung nach sich (BGE 118 V 193 E. 2a; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.6).
4.2
Im laufenden Jahr haben die Arbeitgeber periodisch
Akontobeiträge
zu entrichten. Diese werden von der Aus
gleichskasse aufgrund der voraussichtlichen Lohnsumme festgesetzt (
Art.
35 Abs. 1 AHVV). Die Arbeitgeber haben die Beiträge monatlich oder, wenn die jährliche Lohnsumme Fr. 200‘000.-- nicht übersteigt, vierteljährlich zu bezahlen (Art. 34 A
bs. 1
lit
. a AHVV). Gemäss Art.
35 Abs. 2 AHVV haben die Arbeitgeber der Ausgleichskasse wesentliche Änderungen der Lohnsumme während des laufenden Jahres zu melden. Laut Randziffer 2048 der Wegleitung über den Bezug der Beiträge in de
r AHV, IV und EO (WBB; Stand:
1. Januar 2014) gilt eine Abweichung der jährlichen Lohn
summe um mindestens 10 % von der ursprüng
lichen voraussichtlichen Lohn
summe als wesentlich im Sinne von
Art.
35 Abs. 2 AHVV (vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 9C_355/2010 vom 17. August 2010 E. 5.1). Nach der bundes
gerichtlichen Rechtsprechung verhält sich ein Arbeit
geber widerrechtlich und schuld
haft im Sinne von Art. 52 Abs. 1 AHVG, wenn er in Verletzung der Melde
pflicht nach
Art.
35
Abs.
2 AHVV zu tiefe
Akonto
beiträge
leistet ohne sicher
zustellen, etwa durch Bildung von Rückstellungen, dass unter Berücksichtigung der zu erwartenden wirtschaftlichen Entwicklung genügend Mittel für die Beglei
chung der entsprechend höheren Schlussabrech
nung innert nützlicher Frist zur Verfügung stehen (Urteil des Bundesgerichts 9C_247/2016 vom 10. August 2016 E. 5.1.1 mit Hinweis auf Urteil des Bundes
gerichts 9C_335/2010 vom 17. August 2010 E. 5.2.1).
4.3
Fest steht
, dass
die Beschwerdegegnerin
von der
Y._
GmbH
aufgrund der Angaben
im
Fragebogen für juristische Personen (AHV-Beitragspflicht) vom 14
.
F
ebruar 2013
(
Urk.
6/14
)
mit Rechnun
gen vom
8.
Januar und
1
1.
Februar 2014 für die Monate Januar und Februar 2014
Akontobeiträge
basierend auf einer monatlichen Lohn
summe von
Fr.
110'000.-- erhob (
Urk.
6
/262 und Urk.
6/288).
Mit Lohndekla
ration 2013 vom 1
7.
Februar 2014 meldete die
Y._
GmbH der Beschwer
degegnerin
jedoch für die Abrechnungsperiode
2013
effektiv die weit höhere
AHV-pflichtige
Lohnsumme
von
Fr.
6'151'762.05 (Urk.
6/294).
Mit Rechnung vom
7.
März 2014 erhob die Beschwerdegegnerin für den Monat März 2014 erneut einen
Akontobeitrag
basierend auf einer monat
lichen Lohnsumme von
Fr.
110'000.-- (
Urk.
6/308).
Anlässlich eines Telefonge
sprächs vom 2
4.
März 2014 wurde
der Beschwerdegegnerin
seitens der
Y._
GmbH mitgeteilt, dass dieses Jahr
(2014)
eine ger
ingere Lohnsumme
ausbezahlt
werde
.
Diese Aus
kunft der
Konkursitin
wird vom Beschwerdeführer nicht bestritten (
Urk.
1 S. 6).
Die Beschwerdegegnerin notierte damals, dass des
halb keine Lohnsummenanpas
sung
für 2014
(entsprechend den effektiv im Vorjahr 2013 ausbezahlten Löhnen)
vorgenommen werde
(
vgl.
Aktennotiz vom 2
4.
März 2014,
Urk.
6/369).
Mit Rechnungen vom
7.
Apr
il,
7.
Mai, 1
0.
Juni und
7.
Juli 2014 erhob die Beschwer
degegnerin von der
Y._
GmbH für die Monate April bis Juli 2014
daher
wiederum
Akontobeiträge
basierend auf
einer monatlichen Lohnsumme von
Fr.
110'000.
--
(
Urk.
6/387, Urk.
6/
420,
Urk.
6/435
und
Urk.
6/461).
Wie sich nach Einreichen der Lohnausweise des Jahres 2014
im
März 2017 herausstellte
(
Urk.
6/894),
betrug die in den Monaten Januar bis Juli 2014 tatsächl
ich aus
gerichtete Lohnsumme
Fr.
1'781’081
.--
(
vgl.
Urk.
6/895
, Urk.
6/894, 6/881; vgl.
Urk.
10 sowie
Urk.
11/A
)
, wobei zu vermerken ist, dass die am
3
1.
März 2017 mittels «Nachzahlungsverfügung» berechneten Beiträge
versehentlich auf einer zu tiefen Lohnsumme von
Fr.
1'459'867.-- basieren und die hier strittige Scha
denersatzforderung hierauf abstellte (vgl. E.
3.4)
.
Diese Lohnsumme
wich damit
–
so oder so
–
deutlich mehr als 10
%
von der ursprünglich g
emeldeten
voraussichtlichen
Lohnsumme von
Fr.
11
0'000.--
pro Monat
bzw. Fr.
1'320'000.-- pro Jahr
ab
. Die Abweichung
hätte von
der
Y._
GmbH
d
eshalb
nicht erst mit der
(ebenfalls unterlassenen)
Lohndekla
ration des Jahres 2014, sondern
bereits während des laufenden Jahres
gemeldet werden müssen
.
Da die
Y._
GmbH eine entsprechende Meldung unter
liess, konnte die Beschwerdegegnerin die
Akontobeiträge
nicht anpassen. Dies
führte
dazu
, dass die
Lohnbeiträge, die
erst nach
dem Konkurs der
Y._
GmbH bekannt
wurden, nicht mehr erhoben werden konnten.
Die
Y._
GmbH ist ihrer Abrechnungs- und Beitragszahlungspflicht damit nicht nachge
kommen.
Zu prüfen bleibt, inwieweit diese Missachtung
öffentlichrechtlicher
Arbeitgeber
pflichten auf grobfahrlässiges oder vorsätzliches Verhalten des Beschwerde
führers zurückzuführen ist.
5.
5.1
Die wesentliche Voraussetzung für die Schadenersatzpflicht besteht nach dem Wortlaut des Art. 52 AHVG darin, dass der Arbeitgeber absichtlich oder grob
fahrlässig Vorschriften verletzt hat und dass durch diese Missachtung ein Schaden verursacht worden ist (BGE
108 V 183 E.
1a). Absicht beziehungsweise Vorsatz und Fahrlässigkeit sind verschiedene Formen des Verschuldens. Art. 52 AHVG statuiert demnach eine Verschuldenshaftung, und zwar handelt es sich um eine Verschuldenshaftung aus öffentlichem Recht. Die Schadenersatzpflicht ist im konkreten Fall nur dann begründet, wenn nicht Umstände gegeben sind, welche das fehlerhafte Verhalten des Arbeitgebers als gerechtfertigt erscheinen lassen oder sein Verschulden im Sinne von Absicht oder grober Fahrlässigkeit ausschliessen. In diesem Sinne ist es denkbar, dass ein Arbeitgeber zwar in vor
sätzlicher Missachtung der AHV-Vorschriften der Ausgleichskasse einen Schaden zufügt, aber trotzdem nicht schadenersatzpflichtig wird, wenn besondere Umstände die Nichtbefolgung der einschlägigen Vorschriften als erlaubt oder nicht schuldhaft erscheinen lassen (BGE 108 V 183 E. 1b; ZAK 1985 S. 576 E. 2 und S. 619 E. 3a).
5.2
Grobe Fahrlässigkeit liegt praxisgemäss vor, wenn ein Arbeitgeber das ausser Acht lässt, was jedem verständigen Menschen in gleicher Lage und unter gleichen Umständen als beachtlich hätte einleuchten müssen. Das Mass der zu ver
langen
den Sorgfalt ist abzustufen entsprechend der Sorg
faltspflicht, die in den kauf
männischen Belangen jener Arbeitgeberkategorie, welcher die betreffende Person angehört, üblicherweise erwartet werden kann und muss (BGE 112 V 156 E. 4 mit Hinweisen; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.6).
Formell eingesetzte Geschäfts
führer einer GmbH wie auch Personen, die faktisch die Funktion eines Geschäfts
führers ausüben, haften für den der Ausgleichs
kasse
zufolge nicht bezahlter Bundessozialversicherungsbeiträge entstandenen
Schaden nach den gleichen Grundsätzen wie Organe einer Aktiengesellschaft. Dagegen besteht für den blossen Gesellschafter einer GmbH vorbehältlich einer abweichenden statuta
rischen Regelung keine Pflicht zur Kontrolle oder Überwa
chung der Geschäfts
führung, weshalb ihm das Fehlverhalten der Gesellschaft auch nicht angerechnet werden darf (BGE 126 V 237 ff.).
Gemäss Art. 812 Abs. 1
des Obligationenrechts (
OR
)
sind die Geschäftsführer einer GmbH sowie Dritte, die mit der Geschäftsfüh
rung befasst sind, verpflichtet, ihre Aufgabe mit aller Sorgfalt zu erfüllen und die Interessen der Gesellschaft in guten Treuen zu wahren. Art. 810 Abs. 2 OR enthält einen – im Wesentlichem der aktienrechtlichen Bestimmung von Art. 716a Abs. 1 OR entsprechenden
–
Katalog unübertragbarer und
unentziehbarer
Aufgaben. So obliegt den Geschäfts
führern insbesondere die Oberleitung der Gesellschaft und die Erteilung der nötigen Weisungen (Ziffer 1), die Ausgestaltung des Rech
nungswesens, der Finanzkontrolle sowie der Finanzplanung (Ziffer 3) und die Oberaufsicht über die Personen, denen Teile der Geschäftsführung übertragen sind, namentlich im Hinblick auf die Befolgung der Gesetze, Statuten, Regle
mente und Weisungen (Ziffer 5). Das Gesetz verbietet zwar die Vornahme einer bestimmten Arbeits- und Kompetenzaufteilung nicht, die Überwachungs- und Kontrollpflichten verbleiben jedoch bei sämtlichen Geschäftsführern. Kernstück der nicht delegierbaren Sorg
faltspflichten bildet die Überwachungspflicht. Dazu gehört, dass sich jedes Mit
glied der Geschäftsführung laufend über den Geschäftsgang informiert, Rapporte verlangt, sie sorgfältig studiert, nötigenfalls ergänzende Auskünfte einzieht und Irrtümer abzuklären versucht. Die Rechtslage ist insoweit nicht anders als bei einer Aktiengesellschaft (vgl. BGE 114 V 219 E. 4a).
5.3
Da der Beschwerdeführer vom
4.
März 2013 bis zum 1
7.
Juli 2014 Gesellschafter und Geschäftsführer mit Einzelunterschrift der
Y._
GmbH war (www.zefix.ch), kam ihm formelle Organeigenschaft zu.
Als einziger Geschäfts
führer
hätte er
dafür besorgt sein müssen, dass
die Gesellschaft
die gesetzlichen Vorschriften,
wozu auch das Beitragswesen gehört,
eingehalten hätte.
Die im Ver
gleich zu den voraussichtlichen Lohnsummen gemäss den
Akontorechnungen
wesentlich höhere tatsächliche
Lohnsumme
in den Monaten Januar bis Juli 2014
musste für
den Beschwerdeführer
bei der vorliegenden Grössenordn
ung klar erkenn
bar gewesen sein
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_355/2010 vom 17. August 2010 E. 5.4.1). Die unterbliebene Meldung
der tatsächlichen Lohn
summe
stellt eine Pflichtverletzung dar, die während der Zeit erfo
lgte, als der Beschwerdeführer bei
der
Y._
GmbH
tätig
und für das
Abrechnungs- und Beitragswesen
zuständig war.
Nach der Rechtsprechung zu Art. 52 AHVG
ist
es – allenfalls abgesehen von kurzfristigen Ausständen – grobfahrlässig, Löhne zu bezahlen, wenn wie vorliegend die darauf geschuldeten AHV-Beiträge nicht gedeckt waren. Ein solches Verhalten ist den verantwortlichen Organen grund
sätzlich als qualifiziertes Verschulden zuzurechnen, was die volle Schadenersatz
pflicht nach sich zieht, sofern die übrigen Haftungsvoraussetzungen ebenfalls erfüllt sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_311/
2015 vom 9. Juli 2015 E.
4.2.2).
Daran ändert nichts, dass der Beschwerdeführer sämtliche von ihm gehaltenen Stammanteile mit Kaufvertrag vom 2
0.
Juni 2014 an
A._
, nach dem 1
7.
Juli 2014 einziger Gesellschafter und Geschäftsführer der
Y._
GmbH, übertrug (
Urk.
6/756) und anfangs des Folgejahres
, als
die
Lohn
deklaration
2014
hätte eingereicht werden müssen,
nicht mehr formelles Organ gewesen ist. Zu den Pflichten des O
rgans zählt
ausserdem auch
, für
eine vollständige und geord
nete Buchhaltung
zu sorgen
, die eine rechtzeitige und ordnungsgemäss
e
Abrech
nung mit den Sozialversicherungsträgern
–
auch nach einem allfälligen Austritt aus der Organstellung
–
erlaubt.
5.4
5.4.1
Ausgeschlossen ist jedoch eine Haftung des Beschwerdeführers für die mit
Ein
spracheentscheid
vom 1
3.
Dezember 2019 geltend gemachten, entgangenen Ver
zugszinsen auf der Nachforderungsverfügung für die Periode 2014, zumal
Art.
209
Abs.
1 des Bundesgesetzes über Schuldbetreibung und Konkurs (SchKG) vorsieht, dass der Zinsenlauf gegenüber dem Schuldner mit Konkurseröffnung, hier am
1
4.
Januar
2015, aufhört. Im Zeitpunkt des Beginns der Verzugszinsen nach
Art.
41
bis
Abs.
1
lit
. b AHVV (
1.
Januar 2015) war der Beschwerdeführer nicht mehr Organ der
Konkursitin
.
5.4.2
Zu beachten gilt es vorliegend, dass der Beschwerdeführer bereits mit
Einsprache
entscheid
vom 2
3.
März 2015 (
Urk.
6/782) verpflichtet wurde, auf entgangenen Lohnbeiträge
n
2013 und 2014 Schadenersatz zu bezahlen. Dieser Entscheid
erwuchs unangefochten in Rechtskraft und kann vom Gericht nicht in Wiederer
wägung gezogen werden.
Zu prüfen bleibt
daher
von Amtes wegen
, ob mit der vorliegenden Schadenersatzverfügung, welche ebenfalls entgangene Beiträge 2014 umfasst, (nochmals) derselbe Schaden wie bereits mit
Einspracheentscheid
vom 2
3.
März 2015 fest
gesetzt,
gefordert wird.
Über die Zusammensetzung des mit Entscheid vom 2
3.
März 2015 geforderten Schaden
s
gibt der handschriftlich bereinigte Kontoauszug vom
7.
Januar 2015 Auskunft (
Urk.
6/781). Der Schaden setzte sich aus entgangenen Beiträgen gemäss Schlussrechnung für die Periode 2013 (
Restanz
) sowie d
en
Akontobei
träge
n
April, Mai und Juni 2014 zusammen, jeweils ohne die dazugehörigen Inkas
sokosten, welche nach dem Austritt des Beschwerdeführers
anfielen
. Die
Akontorechnung
vom
7.
April 2014 für
April 2014 belief sich auf Fr. 12'897.50
(Position 2014 0005)
, diejenige
vom
7.
Mai 2014 für
Mai 2014 auf
Fr.
15'615.55
(Position 2014 0009) und diej
e
nige vom
1
0.
Juni 2014 für
Juni 2014 auf
Fr.
15'720.05
(Position 2014 0010)
. Aus der Schadenersatzforderung ausge
nom
men wurden die Inkassokosten für die
Akontobeiträge
April
2014
von
Fr.
618.10, Mai 2014 von
Fr.
640.35 und Juni 2014 von
Fr.
582.0
5.
Demzufolge wurde der Beschwerdeführer mit
Einspracheentscheid
vom 2
3.
März 2015 ver
pflichtet, für entgangene Beiträge de
s Jahres 2014 im Umfang von Fr.
42'39
2
.60 Schaden
ersatz zu bezahlen.
Die von der Beschwerdegegnerin mit der Eingabe vom
9.
September 2021
(Urk.
10) in einzelne Posten aufgeliste
te
Schadenssumme entspricht dagegen nicht diesem
Einspracheentscheid
, sondern basiert auf nachträglich vorgenom
menen «Umbuchungen», welche
–
da nach
rechtskräftiger Festsetzung der Scha
denersatzforderung
–
für
die Beurteilung des neu hinzukommenden Scha
dens aus entgangenen Beiträge
n
2014 für
das Gericht irrelevant bleiben müssen.
Nachdem der Kassenrev
isor
anlässlich der Arbeitgeberkontrolle vom
8.
April 2016 di
e Lohndeklaration 2014 erstellt hatte
, konnte er (
wie sich im Nach
hinein
herausstellte
fälschlicherweise) lediglich eine Lohnsumme
2014
von
Fr.
97'394.-
eruieren (vgl.
Urk.
6/861). Die effektiv geschuldeten B
eiträge 2014 der
erste
n
Schlussrechnung
beliefen sich damit vorerst auf
Fr.
13'618.85
(
Urk.
6/872)
. Die bereits
bezahlten
Akontobeiträge
2014 (Januar, Februar und März 2014
; vgl. Urk.
6/945 Posten 2014 0001, 2014 0002 und 2014 0003
), die
in Rechnung gestellten
Akontobeiträge
ab April
2014 (
vgl.
Urk.
6/945 Posten 2014 0005, 2014 0009
ff.
) sowie die
Restanz
aus der Schlussrechnung
2013
(vgl.
Urk.
945 Posten
2014 0004
) summierten sich in einer «Gutschrift» für die
Konkursitin
(vgl. Abrechnung vom
2
9.
April 2016,
Urk.
6/862
; im Kontoauszug vom
8.
Februar 2018 [
Urk.
6/945]
soweit nicht effektiv bezahlt
als «HABENHER»
verbucht
)
. Diese
n
Umstand hat die Beschwerdegegnerin berücksichtigt
und
–
wie im vorlie
gend angefochtenen
Eins
p
racheentscheid
ausgeführt (
Urk.
2 S. 1; vgl. auch
Urk.
10)
–
die mit
Einspracheentscheid
vom 2
3.
März 2015 fes
tgesetzte Schadens
summe auf Fr.
182
'728.05 reduziert
bzw.
in diesem Umfang
«als
noch
offen» deklariert
(
Urk.
2 S. 1). Darauf ist abzustellen und die Beschwerdegegnerin zu behaften, weshalb ausgeschlossen werden kann, dass mit der vorliegend zu beurteilenden Schad
enersatzforderung im Umfang von
Fr.
230'866.05
dieselben verlustig gegangenen Lohnbeiträge 2014 als Schaden geltend gemacht werden.
5.4.3
Zusammenfassend reduziert sich daher die Haftungssumme auf
Fr.
207'520.05
(
Fr.
230'866.05 -
Fr.
23'346.-- [Verzugszinsen]
)
.
In diesem Umfang jedoch steht
n
ach dem Gesagten fest, dass dem Beschwerdeführer die Nichtbegleichung von Sozialversicherungsbeiträgen als grobfahrlässige Unterlassung anzurechnen ist. Exkulpationsgründe sind nicht ersichtlich.
5.
5
Z
u prüfen bleibt eine Herabsetzung des Schadenersatzes wegen Mitverschulden
s
der Beschwerdegegnerin.
Liegt ein Selbst- oder Mitverschulden der Ausgleichskasse vor, kann dies in sinn
gemässer Anwendung von
Art.
44
Abs.
1
OR
zu einer Herabsetzung der geltend gemachten Forderung führen. Voraussetzung dafür ist, dass sich die Verwaltung einer groben Pflichtverletzung schuldig gemacht hat, was namentl
ich dann der Fall ist, wenn sie
elementare Vorschriften der Beitragsveranlagung und des Beitragsbezugs missachtet hat. Eine Herabsetzung kann nur erfolgen, wenn und soweit das pflichtwidrige Verhalten der Verwaltung für die Entstehung oder Ver
schlimmerung des Schadens adäquat kausal gewesen ist.
Die Ausgleichskassen dürfen
grundsätzlich davon ausgehen, dass die Angaben in den
Fragebögen für juristische Personen (AHV-Beitragspflicht)
betreffend die voraussichtlichen Lohnsummen sowie die Angaben
in den Lohndeklarationen den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen.
E
s liegt nicht in deren
Aufgaben
bereich,
etwa
beim Steueramt Auskünfte zu
den erzielten Löhnen
einzuholen. I
ndem die Beschwerdegegnerin
diesbezüglich
keine
Obliegenheit oder gar Pflicht trifft
,
ist
ihr
daher
kein Mitverschulden anzulasten.
Im Weiteren ist es zwar korrekt, dass eine Ausgleichskasse gehalten ist, die
Akontobeiträge
von sich aus anzupassen, wenn die deklarierte Lohnsumme
erheblich von der
voraussicht
lichen
Pauschallohnsumme
abweicht
(vgl. WBB
Rz
. 2040 und
2050).
Nachdem die voraussichtliche
jährliche Lohnsumme
Fr.
1’320'000.-- betragen hatte
und
sich
die
Lohnsumme gemäss Lohndeklaration 2013 vom 1
7.
Februar 2014
dann auf
Fr.
6'151'762.05
belief
(
Urk.
6/294),
war
eine derartige erhebliche Abwei
chung
zweifellos gegeben. Da
der Beschwerdegegnerin anlässlich des Telefon
gesprächs vom 2
4.
März 2014
vonseiten der
Y._
GmbH
mitgeteilt wurde, dass für 2014 eine geringere Lohnsumme erzielt werde (
Urk.
6/369), ist indes nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin die
Akontobeiträge
nicht anpasste.
Ein Mitverschulden der Beschwerdegegnerin ist damit nicht ausgewie
sen.
Daran vermag auch der Umstand, dass der Rechtsdienst der Beschwerde
gegnerin
gemäss Aktennotiz
vom 1
5.
September 2014 darauf hinwies, dass bei Personalverleih-Firmen von Anfang an hohe Pauschalen anzustreben und die Pauschalen rasch anzupassen seien, um Ausstände zu vermeiden (
Urk.
6/499), nichts zu ändern.
6.
6.1
Schliesslich setzt die Schadenersatzpflicht des Arbeitgebers nach Art. 52 Abs. 1 AHVG voraus, dass zwischen der absichtlichen oder grobfahrlässigen Missach
tung von Vorschriften und dem eingetretenen Schaden ein adäquater Kausal
zusammenhang gegeben ist (BGE 119 V 401 E. 4a mit Hinweisen auf die Lehre, 103 V 120 E. 4).
Nach der Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als adäquate Ursache eines Erfolges zu gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des ein
getretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolges also durch das Ereignis allge
mein als begünstigt erscheint (BGE 119 V 401 E. 4a mit Hinweisen; vgl. auch BGE 122 V 189 sowie 119
Ib
334 E. 3c).
6.2
Hätte die
Y._
GmbH
nur soweit Löhne ausbezahlt, als sie die darauf geschul
deten Beiträge bei Fälligkeit ebenfalls hätte begleichen können
bzw. hätte sie in äquivalenter Weise die Beiträge auf den Lohnsummen monatlich
akonto
abgeführt
, wäre der Schaden der Beschwerdegegnerin nicht eingetreten. Zwi
schen dem widerrechtlichen Ver
halten des
für das Handeln der Arbeitgeber
firma verantwortliche
n
Beschwerde
führers und dem eingetretenen Schaden ist ein adä
quater Kausalzusammenhang demnach zu bejahen.
7.
In teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist der
Einspracheentscheid
der Beschwer
degegnerin vom
1
3.
Dezember
2019 (Urk. 2) demnach dahingehend abzuändern, dass der Beschwerdeführer zu verpflichten ist, Schadenersatz in der Höhe von
Fr.
207'520.05
zu bezahlen. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen.
8.
Gemäss § 34 Abs. 1 und 3
des Gesetzes über das S
ozialversicherungsgericht
(
GSVGer
)
haben die Parteien nach Massgabe ihres Obsiegens Anspruch auf den vom Gericht festzusetzenden Ersatz der Parteikosten. Dieser wird ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierig
keit des Prozesses bemessen. Unter Berücksichtigung der massgeblichen Kriterien erscheint die
Zusprache
einer reduzierten Prozessentschädigung für den anwalt
lich vertrete
nen Beschwerdeführer von Fr. 500
.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) als angemessen.
Das Gericht
erkennt:
1.
In teilweiser Gutheissung der Beschwerde wird der
Einspracheentscheid
der
Beschwer
degegnerin vom 1
3.
Dezember
2019 dahingehend abgeändert, dass der Beschwerde
führer verpflichtet wird, Schadenersa
tz in der Höhe von
207'520.05
zu bezahlen. Im Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen.
2.
Das Verfahren ist kostenlos.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird
verpflichtet,
dem Beschwerdeführer
eine Prozessent
schädigung von
Fr.
500
.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) zu bezahlen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Bruno Bauer
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse
, unter Beilage des Doppels von
Urk.
14
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
5.
Da der Streitwert Fr. 30'000.-- übersteigt, kann gegen diesen Entscheid innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff., insbesondere Art. 85, in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundesgesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDer Gerichtsschreiber
HurstKreyenbühl