Decision ID: bb175c7f-e2d2-5386-b594-d3712dd2b70c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerinnen sind Schwestern und stammen aus
C._, Syrien; sie gehören der Gemeinschaft der Alewiten an. Ab Mai
2016 standen sie mit den Schweizer Behörden im Austausch betreffend die
Erteilung eines Visums für die Schweiz (vgl. N [...] act. A7/13 F1.17.04,
S. 4, Visaunterlagen A19/74 sowie Korrespondenz in A34/10). Mit einem
humanitären Visum, welches ihnen die Schweizer Botschaft in Beirut am
28. Juni 2017 erteilt hatte, reisten sie am 30. Juni 2017 gemeinsam in die
Schweiz ein. Am 4. Juli 2017 beantragten sie im Empfangs- und Verfah-
renszentrum D._ Asyl, wo sie am 10. Juli 2017 zur Person und zum
Reiseweg sowie summarisch zu ihren Fluchtgründen befragt wurden. Sie
reichten ihre syrischen Reisepässe zu den Akten, die Beschwerdeführerin
1 zudem ihre syrische Identitätskarte.
B.
Zur Begründung ihres Gesuchs erklärte die Beschwerdeführerin 1, sie
werde von der Familie väterlicherseits sowie den Leuten von E._
mit dem Tode bedroht. Sie stamme aus einer Familie Assad-treuer Alewi-
ten, ihr Vater sowie ihre Onkel bekleideten hohe Posten im Assad-Regime.
Sie dagegen habe während des Studiums ein Praktikum bei einem Publi-
zisten namens F._ absolviert; dieser sei nach der Revolution als
Regimekritiker liquidiert worden. Er sei im August 2012 verhaftet worden,
weil er sich auf seiner Website für die Anliegen der Opposition eingesetzt
habe. Mitarbeitende der Redaktion seien verhaftet worden. Viele Ange-
stellte von F._ seien nach seiner Verhaftung und Ermordung geflo-
hen. Ihr Vater sei informiert worden, dass sie für F._ gearbeitet
habe. Der Vater habe dies verurteilt und ihr den Tod gewünscht, da sie
Schande über die Familie gebracht habe. Der Vater und die Onkel hätten
sie verprügelt und eingesperrt.
Die Beschwerdeführerin 2 brachte im Wesentlichen vor, sie habe bereits
im Jahr 2012 Probleme mit den politischen Sicherheitsdiensten gehabt, da
sie auf ihrem Facebook-Account regimekritische Meinungen geäussert
habe. Sie habe auch an Demonstrationen teilgenommen. Sie habe für die
Uni-Gruppe den Account geführt, weshalb sie vom Sicherheitsdienst vor-
geladen worden und für mehrere Stunden festgehalten worden sei. Sie
habe eine Erklärung unterzeichnen müssen, wonach sie von weiteren Po-
lit-Aktionen in der Universität und auch darüber hinaus Abstand nehme,
ansonsten sie sofort verhaftet werde. Ihr Vater und ihr Onkel hätten sie
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nach diesem Vorfall geschlagen, weil sie ihr Verhalten nicht hätten billigen
können und es sich für eine alewitische Frau nicht gehöre. Deshalb habe
sie gemeinsam mit ihrer Schwester Syrien verlassen.
C.
Die Beschwerdeführerinnen stellten einen Antrag auf Privatunterkunft bei
einem Bekannten im Kanton G._, der auch für ihre Visa gebürgt
hatte, und ersuchten darum, beide dem gleichen Kanton zugeteilt zu wer-
den. Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs zur geplanten Kantonszu-
teilung am 13. Juli 2017 teilte das SEM sie mit Entscheid vom gleichen Tag
dem Kanton H._ zu.
D.
Mit Schreiben vom 24. Juli 2017 teilte das SEM den Beschwerdeführerin-
nen mit, dass ihr Schreiben vom 19. Juli 2017 (nicht paginiert) betreffend
den Zuweisungsentscheid an das Bundesverwaltungsgericht weitergeleitet
worden sei, da die Beschwerdefrist noch laufe (vgl. N [...] act. A20/2). Am
12. Dezember 2012 schrieb das Bundesverwaltungsgericht in den verei-
nigten Verfahren F-4158/2017, F-4160/2017 das Beschwerdeverfahren be-
treffend Kantonswechsel nach Rückzug der Beschwerden durch die Be-
schwerdeführerinnen wegen Gegenstandslosigkeit ab.
E.
Mit Schreiben vom 14. August 2017 wandten sich die Beschwerdeführerin-
nen an das SEM und äusserten ihre Besorgnis, dass sie keine weiteren
Belege für die in Syrien erlittene Verfolgung vorlegen könnten, da sie alle
Unterlagen bereits der Schweizer Botschaft in Beirut abgegeben hätten.
F.
In einem weiteren Schreiben vom 23. November 2017 wandten sich die
Beschwerdeführerinnen erneut an den Sachbearbeiter des SEM und be-
kräftigten, dass sie in Syrien verfolgt würden und nun bereits 146 Tage in
der Schweiz seien, ohne dass über ihr Asylgesuch entschieden worden sei.
Mit der Eingabe reichten sie weitere Beweismittel ein, diese befinden sich
in den Verfahrensakten N (...) (Beweismittelcouvert A39) sowie N (...) (Be-
weismittelcouvert, nicht paginiert, mit Dokumenten in arabischer und eng-
lischer Sprache, teils versehen mit einer kurzen Inhaltszusammenfassung
der Beschwerdeführerinnen).
G.
Am 28. November 2017 informierte das SEM die Beschwerdeführerinnen,
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dass alle Dokumente des Visa-Verfahrens auch im Asylverfahren berück-
sichtigt würden und bat um Verständnis, dass aufgrund der hohen Ge-
schäftslast keine Zusage zur Dauer des Verfahrens gemacht werden
könne.
H.
Am 18. Juli 2018 teilten die Beschwerdeführerinnen dem SEM mit, sie ver-
suchten sich schnell in der Schweiz zu integrieren und die Sprache zu ler-
nen und seien dabei, ihre Abschlüsse in der Schweiz anerkennen zu las-
sen. Die bereits lange Verfahrensdauer belaste sie sehr, weshalb sie er-
neut um einen baldigen Entscheid ersuchten.
I.
Am 28. August 2018 wurde die Beschwerdeführerin 1 vom SEM angehört.
Aus den Akten geht hervor, dass die zuständige Sachbearbeiterin erwog,
eine zweite Anhörung anzusetzen, da aus ihrer Sicht noch weitere Abklä-
rungen nötig waren.
J.
Mit Eingabe vom 3. Oktober 2018 wandten sich die Beschwerdeführerin-
nen an die Vizedirektorin des SEM. Sie legten ihre Prozessgeschichte dar
und ersuchten um Unterstützung für einen baldigen Entscheid ihrer Asyl-
gesuche, da sie ansonsten in ihrer Integration behindert würden.
K.
In ihrem Antwortschreiben vom 16. Oktober 2018 zeigte die Vizedirektorin
Verständnis für das Anliegen, bat aber unter Hinweis auf die Prioritätenord-
nung des SEM um Geduld.
L.
Am 21. Dezember 2018 erkundigte sich die Verantwortliche in der Wohn-
gemeinde beim SEM nach dem Stand der Asylverfahren. Das SEM beant-
wortete dieses Schreiben am 8. Februar 2019 (vgl. N [...] act. 33/2). Ein
weiteres Antwortschreiben des SEM ging am 25. März 2019 an die Be-
schwerdeführerin 2 (vgl. N [...] act. 31/2).
M.
Am 15. Februar 2019 teilte das SEM auf erneute Anfrage per E-Mail vom
12. Februar 2019 hin mit, dass die Beschwerdeführerinnen zu gegebenem
Zeitpunkt ein Aufgebot für die Anhörung beziehungsweise eine erneute An-
hörung erhalten würden.
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Seite 5
N.
Am 8. Mai 2019 wurde die Beschwerdeführerin 2 einlässlich zu ihren Asyl-
gründen angehört.
O.
Am 9. August 2019 (Poststempel) wandten sich die Beschwerdeführerin-
nen erneut an die Vizedirektorin des SEM. Sie legten dar, dass sie bereits
im Visaverfahren und dem darauffolgenden Einspracheverfahren, welches
zu ihren Gunsten ausgegangen sei, ihre Asylgründe dargelegt hätten. Die
Erteilung des Visums belege, dass ihre Fälle begründet seien und prioritär
behandelt werden müssten. Sie hätten stets mit der Behörde kooperiert
und vom ersten Tag an Nachweise für ihre Flüchtlingseigenschaft erbracht.
Dennoch habe das SEM nicht entschieden, was für sie psychisch schwer
zu verkraften sei; sie warteten nun schon 770 Tage auf einen Entscheid.
P.
Das SEM beantwortete diese Anfrage am 23. August 2019 und teilte mit,
für die Erteilung eines humanitären Visums würden andere Kriterien gelten
als für den Entscheid über die Asylgewährung. Erneut wurde unter Hinweis
auf die Prioritätenordnung festgehalten, dass das SEM um einen baldigen
Entscheid bemüht sei.
Q.
Nach Aktenlage unterzog das SEM am 25. November 2019 die Reisepa-
piere der Beschwerdeführerinnen einer Dokumentenprüfung.
R.
Am 2. April 2020 erkundigte sich eine Mitarbeiterin der Einwohnerge-
meinde der Beschwerdeführerinnen, ob ihnen ein F-Ausweis ausgestellt
werden könne, da sie dann leichter Arbeit finden könnten.
Diese Anfrage blieb gemäss Aktenlage unbeantwortet.
S.
Am 29. April 2020 reichten die Beschwerdeführerinnen Rechtsverzöge-
rungsbeschwerden beim Bundesverwaltungsgericht ein. Der Rechtsdienst
der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) habe ihnen zu diesem Schritt
geraten. Sie ersuchten um Anweisung an das SEM, umgehend einen Ent-
scheid zu fällen. Prozessual ersuchten sie um die unentgeltliche Prozess-
führung sowie den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
E-2288/2020, E-2332/2020
Seite 6
T.
In ihren gleichlautenden Zwischenverfügungen vom 11. Mai 2020 hiess die
Instruktionsrichterin die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung gut,
verzichtete auf einen Kostenvorschuss und lud das SEM zur Vernehmlas-
sung ein.
U.
In seinen Stellungnahmen vom 20. Mai 2020 verwies das SEM auf seine
hohe Geschäftslast in den Jahren 2015 und 2016 und personelle Eng-
pässe, weshalb viele Gesuche mit Eingang vor dem 1. März 2019 noch
nicht entschieden worden seien. Vorliegend seien keine Hinweise auf eine
Rechtsverzögerung zu erkennen. Die Beschwerdeführerin 1 sei am 8. Mai
2019 (recte: am 28. August 2018), die Beschwerdeführerin 2 am 8. Mai
2019 angehört worden, am 19. November 2019 seien weitere interne Ab-
klärungen angeregt worden, die am 25. November 2019 vorgenommen
worden seien; ferner habe man den Beschwerdeführerinnen unter Hinweis
auf die Prioritätenordnung des SEM bereits wiederholt dargelegt, weshalb
ihr Asylgesuch noch nicht entschieden worden sei.
V.
Am 13. Juli 2020 ersuchten die Beschwerdeführerinnen beim SEM um Ak-
teneinsicht. Am 21. Juli 2020 übermittelte das SEM Kopien der Aktenver-
zeichnisse und gewährte Akteneinsicht.
W.
Am 13. Juli 2020 teilten die Beschwerdeführerinnen dem Bundesverwal-
tungsgericht mit, sie hätten auf telefonische Nachfrage hin erfahren, dass
das SEM bereits Stellung genommen habe. Sie ersuchten um ein soforti-
ges Urteil, da sie seit drei Jahren und zwei Wochen auf einen Asylentscheid
warteten.
X.
Mit Schreiben vom 4. September 2020 (Eingang beim Gericht per Telefax
am 7. September 2020) teilte die Beschwerdeführerin 2 mit, sie bevoll-
mächtige Frau Angela Stettler, zur Einsichtnahme in die Akten ihres Asyl-
verfahrens und ihres Verfahrens betreffend Rechtsverzögerung vor dem
Bundesverwaltungsgericht, und sei damit einverstanden, dass Frau Stett-
ler über den Verfahrensstand informiert werde (Beschwerdeakten
E-2332/2020 act. 6).
E-2288/2020, E-2332/2020
Seite 7

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
1.2 Gegen das unrechtmässige Verweigern oder Verzögern einer anfecht-
baren Verfügung kann bei der Beschwerdeinstanz, die für die Behandlung
einer Beschwerde gegen eine ordnungsgemäss ergangene Verfügung zu-
ständig wäre, Beschwerde geführt werden (Art. 46a VwVG; vgl. dazu auch
MARKUS MÜLLER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bun-
desgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2018, Rz. 3 zu
Art. 46a).
Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zur Beurteilung der vorliegenden
Rechtsverzögerungsbeschwerde zuständig.
1.3 Rechtsverzögerungsbeschwerden richten sich gegen den Nichterlass
einer anfechtbaren Verfügung. Die Beschwerdelegitimation setzt voraus,
dass bei der zuständigen Behörde zuvor ein Begehren um Erlass einer
Verfügung gestellt wurde und Anspruch darauf besteht. Ein Anspruch ist
anzunehmen, wenn die Behörde verpflichtet ist, in Verfügungsform zu han-
deln, und der ansprechenden Person nach Art. 6 i.V.m. Art. 48 Abs. 1
VwVG Parteistellung zukommt (vgl. BVGE 2008/15 E. 3.2 m.w.H.).
Die Beschwerdeführerinnen suchten am 4. Juli 2017 in der Schweiz um
Asyl nach. Über ihre Gesuche hat das SEM in Form einer anfechtbaren
Verfügung zu befinden, solche sind bis anhin nicht ergangen. Die Be-
schwerdeführerinnen sind daher zur Beschwerdeführung betreffend
Rechtsverzögerung legitimiert.
1.4 Gegen das unrechtmässige Verzögern einer Verfügung kann grund-
sätzlich jederzeit Beschwerde geführt werden (Art. 50 Abs. 2 VwVG). Den-
noch steht der Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung nicht völlig im Belieben
der beschwerdeführenden Person. Der Grundsatz von Treu und Glauben
bildet hier eine Grenze.
Der Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung ist vorliegend nicht zu beanstan-
den. Die Beschwerdeführerinnen befinden sich seit mehr als drei Jahren
http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/15
E-2288/2020, E-2332/2020
Seite 8
im Schweizer Asylverfahren, sie haben sich auch wiederholt beim SEM ge-
meldet und sich nach dem Verfahrensstand erkundigt, sie waren um Ko-
operation bemüht, mit ihrer Eingabe vom 23. November 2017 an das SEM
legten sie weitere Dokumente und Beweismittel vor (vgl. Bst. F). Nach
Durchsicht der Akten kann festgehalten werden, dass die Beschwerdefüh-
rerinnen ihrer Mitwirkungspflicht zuverlässig nachgekommen sind.
1.5 Die Beschwerdeführerinnen legen auch dar, dass sie zur Zeit der Be-
schwerdeerhebung ein schutzwürdiges – mithin aktuelles und praktisches
– Interesse an der Vornahme der verzögerten Amtshandlung respektive
der Feststellung einer entsprechenden Rechtsverzögerung haben (vgl.
MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungs-
gericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 5.23). Ihr schutzwürdiges Interesse an der Vor-
nahme der allenfalls verzögerten Amtshandlung manifestiert sich vorlie-
gend einerseits in den bei den Akten liegenden wiederholten Eingaben, mit
denen sie um beförderliche Verfahrenserledigung gebeten haben. Ande-
rerseits ergibt es sich aus der Tatsache, dass das SEM bis anhin noch nicht
in der Sache entschieden hat.
1.6 Gestützt auf die vorstehenden Erwägungen ist auf die formgerecht ein-
gereichten (Art. 52 Abs. 1 VwVG) Rechtsverzögerungsbeschwerden ein-
zutreten.
1.7 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts
anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
1.8 Die Beschwerdeverfahren E-2288/2020 sowie E-2332/2020 sind auf-
grund der engen personellen und sachlichen Verknüpfung aus prozessöko-
nomischen Gründen zu vereinigen.
1.9 Die Stellungnahmen des SEM vom 20. Mai 2020 sind den Beschwer-
deführerinnen noch nicht zur Kenntnis gebracht worden. Angesichts des
vorliegenden Verfahrensausgangs kann auf eine Anhörung diesbezüglich
verzichtet werden (vgl. Art. 30 Abs. 2 Bst. c VwVG). Eine Kopie wird ihnen
mit dem Urteil zugestellt.
Ferner hat das Bundesverwaltungsgericht bisher das Gesuch der Be-
schwerdeführerin 2 vom 4. September 2020 um Akteneinsicht respektive
um Informierung der bevollmächtigten Frau Angela Stettler über den Stand
des Beschwerdeverfahrens (vgl. oben Bst. X) noch nicht behandelt. Eine
E-2288/2020, E-2332/2020
Seite 9
Kopie des vorliegenden Urteils sowie Kopien der Beschwerdeakten
E-2332/2020 sind antragsgemäss Frau Stettler zuzustellen.
2.
Die Prüfungsbefugnis des Bundesverwaltungsgerichts beschränkt sich
vorliegend auf die Frage, ob die Vorinstanz das Rechtsverzögerungsverbot
verletzt hat. Im Falle einer Gutheissung der Beschwerden weist es die Sa-
che mit verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück (Art. 61
Abs. 1 VwVG). Hingegen ist das Gericht nicht dazu befugt, sich dazu zu
äussern, wie gegebenenfalls ein unrechtmässig verzögerter Entscheid in-
haltlich hätte ausfallen sollen, da es – Spezialkonstellationen vorbehalten –
nicht anstelle der untätig gebliebenen Behörde entscheiden darf, andern-
falls der Instanzenzug verkürzt und möglicherweise Rechte der Verfah-
rensbeteiligten verletzt würden (vgl. BVGE 2008/15 E. 3.1.2, m.w.H.).
3.
3.1 Das Verbot der Rechtsverzögerung ergibt sich als Teilgehalt aus der
allgemeinen Verfahrensgarantie von Art. 29 Abs. 1 BV. Danach hat jede
Person Anspruch auf eine Beurteilung ihrer Sache innert angemessener
Frist (sog. Beschleunigungsgebot). Diese Verfassungsgarantie gilt für alle
Sachbereiche und alle Akte der Rechtsanwendung (vgl. BGE 130 I 174
E. 2.2 m.w.H.).
3.2 Von einer Rechtsverzögerung im Sinne des Gesetzes ist nach Lehre
und Praxis auszugehen, wenn behördliches Handeln zwar nicht (wie bei
einer formellen Rechtsverweigerung) grundsätzlich infrage steht, aber die
Behörde nicht innert der Frist handelt, die nach der Natur der Sache objek-
tiv noch als angemessen erscheint. Die Angemessenheit der Dauer eines
Verfahrens ist im Einzelfall unter Berücksichtigung der gesamten Um-
stände zu beurteilen. In Betracht zu ziehen sind dabei namentlich die Kom-
plexität der Sache, das Verhalten der betroffenen Beteiligten und der Be-
hörden, die Bedeutung des Verfahrens für die betroffene Partei sowie ein-
zelfallspezifische Entscheidungsabläufe (vgl. zum Ganzen BGE 130 I 312
E. 5.1 und 5.2 m.w.H.).
3.3 Ein Verschulden der Behörde an der Verzögerung wird nicht vorausge-
setzt, weshalb sie das Rechtsverzögerungsverbot auch dann verletzt,
wenn sie wegen Personalmangels oder Überlastung nicht innert angemes-
sener Frist handelt (vgl. BGE 138 II 513 E. 6.4; 107 Ib 160 E. 3c;
103 V 190 E. 5c). Spezialgesetzliche Behandlungsfristen sind bei der Be-
urteilung der Angemessenheit der Verfahrensdauer zu berücksichtigen
http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/15 http://links.weblaw.ch/BGE-130-I-174 http://links.weblaw.ch/BGE-130-I-312 http://links.weblaw.ch/BGE-107-IB-160 http://links.weblaw.ch/BGE-103-V-190
E-2288/2020, E-2332/2020
Seite 10
(vgl. zum Ganzen etwa das Urteil des BVGer E-1438/2018 vom 5. Ap-
ril 2018 E. 3.2 m.w.H.).
4.
4.1 Die Beschwerdeführerinnen haben in ihrer Eingabe an das Bundesver-
waltungsgericht vom 29. April 2020 dargetan, dass sie seit ihrer Einreise in
die Schweiz Ende Juni 2017 seit nunmehr fast drei Jahren auf einen Ent-
scheid über ihre Asylgesuche warten. Die Behandlungsfristen von aArt. 29
Abs. 1 Bst. b Asylgesetz (AsylG, SR 142.31) und aArt. 37Abs. 2 AsylG
seien längst überschritten. Sie legten in den verschiedenen, dieser Be-
schwerde vorangegangenen Schreiben an das SEM dar, dass der Nicht-
entscheid über ihr Gesuch sie in ihren Integrationsbemühungen behindere,
wobei das Verbleiben im Asylsuchenden-Status N insbesondere ihre Su-
che nach einer Anstellung erschwere. Es sei völlig unverständlich, weshalb
das SEM nicht schon längst entschieden habe, da ihre Asylgründe schon
bei Einreichung der Asylgesuche weitgehend bekannt gewesen seien, sie
hätten sie bereits im Verfahren betreffend die Erteilung eines humanitären
Visums dargelegt.
4.2 Das SEM beruft sich in seiner Stellungnahme vom 20. Mai 2020 auf die
erdrückend hohe Arbeitslast, hervorgerufen durch die hohe Zahl neuer
Asylgesuche in den Jahren 2015 und 2016 und durch personelle Eng-
pässe. In der Folge seien viele der vor dem 1. März 2019 eingereichten
Gesuche noch nicht entschieden worden. Konkret erachtete das SEM die
Verfahrensdauer als zulässig; die Anhörungen der Beschwerdeführerinnen
hätten am (recte) 28. August 2018 sowie am 8. Mai 2019 stattgefunden,
zudem habe man am 19. November 2019 noch eine Abklärung angeord-
net, die am 25. November 2019 vorgenommen worden sei. Schliesslich
seien die Beschwerdeführerinnen wiederholt auf die Prioritätenordnung
hingewiesen worden und man habe erklärt, weshalb keine Zusagen zum
Erledigungszeitpunkt möglich seien.
4.3 Vorab ist festzuhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht Kenntnis
von der nach wie vor hohen Pendenzenzahl beim SEM und den Umstän-
den hat, welche die Einführung der neuen Asylgesetzesbestimmungen im
März 2019 mit sich gebracht haben. Das Gericht erachtet es nicht nur als
nachvollziehbar, sondern als unvermeidbar, dass nicht alle (altrechtlichen)
Verfahren innerhalb der gesetzlich vorgesehenen Behandlungsfristen von
aArt. 37 Abs. 2 AsylG abgeschlossen werden können, sondern länger dau-
ern; dies insbesondere, wenn sich noch Abklärungs- oder Instruktions-
massnahmen aufdrängen. Dennoch kann nicht schon aus diesem Grund
http://links.weblaw.ch/BVGer-E-1438/2018
E-2288/2020, E-2332/2020
Seite 11
von einer gerechtfertigten Verfahrensverzögerung ausgegangen werden,
zumal Personalmangel eine Verzögerung gerade nicht zu rechtfertigen ver-
mag (vgl. BGE 138 II 513, E 6.4).
4.4 Nach Ansicht des Bundesverwaltungsgerichts erscheint die Verfah-
rensdauer vorliegend jedoch zu lange. Aus den folgenden Erwägungen
liegt aus Sicht des Bundesverwaltungsgerichts der Schluss nahe, dass die
Vorinstanz die Verfahren der Beschwerdeführerinnen bisher nicht mit der
nötigen Effizienz und Nachhaltigkeit durchgeführt hat, so dass ein baldiger
Abschluss absehbar wäre.
Als verhältnismässig lange ist zunächst schon die Zeitspanne zwischen
den Befragungen zur Person am 10. Juli 2017 und den einlässlichen An-
hörungen der Beschwerdeführerin 1 vom 28. August 2018 sowie der Be-
schwerdeführerin 2 vom 8. Mai 2019 zu bezeichnen.
Beachtlich ist sodann, dass die Akten der Beschwerdeführerin 1 den
Schluss nahelegen, dass die zuständige Sachbearbeiterin zwar die Durch-
führung einer ergänzenden Anhörung erwogen hat, weil sie den Sachver-
halt als nicht genügend erstellt erachtete (vgl. N [...] act. A28/1, sowie
act. A27/26 F95-98, und Bemerkung der Hilfswerksvertretung auf dem Un-
terschriftenblatt), eine solche jedoch seit dem 28. August 2018 nicht anbe-
raumt hat.
Im Hinblick auf eine effiziente Verfahrensgestaltung erstaunt überdies,
dass die Beschwerdeführerin 2 erst mehr als acht Monate später als ihre
Schwester (Beschwerdeführerin 1) angehört wurde, zumal die Schwestern
sich in ihren Aussagen stets auch aufeinander bezogen haben (vgl. statt
vieler: N [...] act. A27/26 F24-28, F32; N [...] act. A33/21 F41, 42, 50).
Festzuhalten ist des Weiteren, dass auf die von den Beschwerdeführenden
vorgelegten Beweismittel (vgl. Beweiscouverts in beiden Vorakten) zwar im
Rahmen der Anhörung der Beschwerdeführerin 1 kurz eingegangen wurde
(vgl. N [...] act. A27/26 F5-22), bisher jedoch keine der vorgelegten Unter-
lagen übersetzt wurde.
Schliesslich ist festzustellen, dass die von der Vorinstanz am 19. Novem-
ber 2019 in Auftrag gegebene und am 25. November 2019 durchgeführte
Dokumentenanalyse betreffend die Authentizität der Reisepässe der Be-
schwerdeführerinnen sowie der Identitätskarte der Beschwerdeführerin 1,
auf welche sich das SEM in seiner Vernehmlassung als letzten internen
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Seite 12
Verfahrensschritt bezieht, sich nicht als zwingender Verfahrensschritt in
Hinblick auf eine speditive Erledigung der beiden hängigen Asylverfahre-
nen aufzudrängen vermag. In diesem Zusammenhang erscheint die Ertei-
lung der humanitären Visa der Schweizer Botschaft in Beirut beachtlich. Es
kann davon ausgegangen werden, dass im Rahmen des Visa-Verfahrens
sowie des folgenden Einspracheverfahrens bereits eine Prüfung der Rei-
sepapiere erfolgte. Jedenfalls begründete die Botschaft in Beirut zunächst
ihre Ablehnung des Visaantrags nicht mit dem Umstand, dass die Reise-
dokumente gefälscht wären, sondern berief sich auf ganz andere Beweg-
gründe (vgl. N [...] act. A19/74, «Refusal/Annulment/Revocation of Visa»).
Die Prüfung der Reisepapiere auf ihre Echtheit hin scheint bei dieser Aus-
gangslage nicht der nächste notwendige Verfahrensschritt zu sein, um die
Verfahren einem baldigen Abschluss näherzubringen.
Das Bundesverwaltungsgericht kommt zum Schluss, dass seit der Anhö-
rung der Beschwerdeführerin 2 am 8. Mai 2019 keine wesentlichen verfah-
rensrelevanten Schritte unternommen wurden, um die Verfahren abzu-
schliessen; weder fanden ergänzende Anhörungen der Beschwerdeführe-
rinnen statt, noch wurden die eingereichten Beweisunterlagen übersetzt
oder anderweitige Massnahmen zur Erhellung des Sachverhalts eingelei-
tet.
Bei der Beurteilung des Vorliegens einer Rechtsverzögerung ist nach Pra-
xis nicht allein auf die Gesamtdauer des Verfahrens abzustellen, sondern
auf die gesamten Umstände. Zwar ist der Vorinstanz zuzustimmen, dass
die Abklärungen in einem Visaverfahren eine andere Qualität aufweisen
als jene im Rahmen der Prüfung eines Asylgesuchs, weshalb sich die Be-
schwerdeführerinnen nicht darauf berufen können, dass ihre Asylgründe
bereits als längst bekannt gelten müssen. Nachvollziehen kann das Gericht
auch, dass sich angesichts der Vielzahl der Eingaben der Beschwerdefüh-
rerinnen gewisse Verzögerungen ergeben konnten. Dennoch ist an dieser
Stelle festzuhalten, dass die beiden Asylgesuche bereits bei nur kursori-
scher Prüfung einen hohen Grad an Begründungsdichte aufweisen und es
daher verständlich erscheint, wenn die Beschwerdeführerinnen nun nach
Jahren der Unsicherheit und eines Lebens in der Ungewissheit möglichst
schnell Klarheit über ihren Status in der Schweiz erhalten wollen.
In einer Gesamtwürdigung aller Umstände gelangt das Bundesverwal-
tungsgericht zum Ergebnis, dass die Asylverfahren der Beschwerdeführe-
rinnen bisher nur sehr schleppend und wenig effizient geführt wurden und
die teils jahrelange Untätigkeit der Verantwortlichen in der Summe das
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Mass der zulässigen und zu tolerierenden Verfahrensdauer überschreitet.
Das SEM hat seine Verpflichtung zur Einhaltung des Beschleunigungsge-
bots im vorliegenden Fall verletzt.
5.
Aufgrund des Gesagten erweist sich die Rüge der Rechtsverzögerung im
Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung am 29. April 2020 als begründet, wes-
halb die Beschwerde gutzuheissen ist und das SEM aufgefordert wird, das
Asylverfahren der Beschwerdeführerinnen umgehend zu einem Abschluss
zu bringen. Für die Beschwerdeführerin 1 ist unverzüglich eine ergänzende
Anhörung anzuberaumen, sollte eine solche als notwendig erachtet wer-
den. Zu diesem Zweck gehen die vorinstanzlichen Akten zurück an das
SEM.
6.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten aufzuer-
legen (Art. 63 VwVG). Die Anträge auf Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung, die mit Verfügungen vom 11. Mai 2020 gutgeheissen worden
sind, werden damit nachträglich gegenstandslos.
7.
Auf die Entschädigung von Parteikosten kann verzichtet werden, da solche
den nicht vertretenen Beschwerdeführerinnen nicht entstanden sind.
(Dispositiv nächste Seite)
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