Decision ID: caea6b07-5eba-53ed-916f-598bf88ee414
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. Mit Urteil des Kreisgerichts T._ vom 20. November 2013 wurde die Ehe von A._
mit Wohnsitz in B._ und C._ mit Wohnsitz in D._ geschieden und festgehalten, die
2000 geborene Tochter E._ wohne bei der Mutter, die sie in der Regel betreue; zum
Sorge- und Obhutsrecht äusserte sich der Entscheid nicht (act. 7-7/18). Am 13. März
2014 zog E._ mit dem Einverständnis der Mutter zum Vater nach B._.
Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde der Region T._ (KESB T._) entzog der
Mutter am 16. April 2014 die Obhut und wies E._ ins Jugendheim "K._" in der
Politischen Gemeinde Q._ ein. Die fürsorgerische Unterbringung wurde am 26. Juni
2014 aufgehoben und E._ am 16. Juli 2014 in die Obhut des Vaters entlassen
(act. 7-7/19). Am 1. Oktober 2014 zogen Vater und Tochter in die Stadt X._
(act. 7-7/21). Am 11. Februar/5. März 2015 ordnete die KESB T._ erneut die
Unterbringung von E._ im "K._" zur sozialpädagogischen Betreuung, Beschulung und
Abklärung sowie zur Planung der weiteren Betreuung und Beschulung allenfalls
Ausbildung an und entzog dem Vater das Aufenthaltsbestimmungsrecht (act. 7-7/19).
Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde der Region X._ (KESB X._) übernahm
am 2. April 2015 die von der KESB T._ angeordneten Kindesschutzmassnahmen (act.
7-7/19). Gestützt auf den Beschluss der KESB X._ vom 9. Juli 2015 (act. 7-7/14)
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wurde E._ am 27. Juli 2015 ins Wohnheim "S._" in der Stadt X._ umplatziert. Am
10./17. November 2015 wurde erneut ihre Unterbringung für eine Abklärungsdauer von
maximal sechs Wochen im "K._" angeordnet (nicht in den Akten). Am 15. Dezember
2015 erhielten die Eltern das Aufenthaltsbestimmungsrecht zurück, und E._ wurde in
die Obhut ihrer Mutter entlassen (act. 7-7/5).
Das Sozialamt der Politischen Gemeinde X._ wies die Gesuche um
Kostenübernahmegarantie für die Aufenthalte im "K._" von E._ ab 11. Februar 2015
(act. 7-7/20, SG-A-1_) und ab 11. November 2015 (act. 7-7/8, SG-A-2_) am 22. Juni
2015 (act. 7-7/16+17) und am 8. März 2016 (act. 7-7/3) mangels örtlicher Zuständigkeit
ab.
B. Das kantonale Amt für Soziales stellte mit Verfügung vom 17. März 2016 die Pflicht
der Politischen Gemeinde X._ zur Tragung der Kosten des Aufenthalts von E._ im
"K._" in der Zeit vom 14. Februar bis 26. Juli 2015 und vom 11. November bis
15. Dezember 2015 fest (Ziffer 1). Zur Begründung wurde ausgeführt, die Eltern von
E._ seien gemeinsam sorgeberechtigt und hätten einvernehmlich am 8. März 2014
dem Umzug von E._ zum Vater nach B._ zugestimmt. Seit dem – mit Zustimmung
der Mutter erfolgten – Umzug von Vater und Tochter nach X._ am 1. Oktober 2014 sei
sie am Wohnsitz ihres Vaters in der Politischen Gemeinde X._ wohnhaft und
angemeldet. Zwar habe der Vater im Zeitpunkt des Eintritts von E._ im "K._" die
Obhut verloren, jedoch habe sie sich dort ausschliesslich zum Sonderzweck der
Unterbringung, Betreuung und Beschulung aufgehalten. Selbst wenn E._ aber in der
Politischen Gemeinde Q._ zivilrechtlichen Wohnsitz begründete hätte, bliebe die
Politische Gemeinde X._ zur Leistung der Kostenübernahmegarantie zuständig, weil
andernfalls ein Fehlanreiz geschaffen würde, die Aufnahme nicht bereits in der
Standortgemeinde wohnhafter Personen zu beschränken. Die Pflicht zur
Kostenübernahme müsse deshalb wieder die letzte vorherige Wohnsitzgemeinde,
mithin die Politische Gemeinde X._ treffen.
Das Departement des Innern wies den dagegen von der Politischen Gemeinde X._
erhobenen Rekurs am 6. Februar 2017 ab im Wesentlichen mit der Begründung, E._
habe vor der Einweisung in den "K._" am 11. Februar 2015 und erneut am
10. November 2015 über einen vom obhutsberechtigten Vater abgeleiteten Wohnsitz in
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der Politischen Gemeinde X._ verfügt, der mangels Begründung eines neuen bestehen
geblieben sei. Der Zweck der Interkantonalen Vereinbarung für soziale Einrichtungen
verlange, dass der bisherige Wohnsitz Minderjähriger am Wohnsitz des bis zum Eintritt
in eine Einrichtung obhutsberechtigten Elternteils weiterbestehe. Der fiktive Wohnsitz in
der Politischen Gemeinde X._ sei bestehen geblieben, bis E._ am 15. Dezember 2015
zu ihrer Mutter nach D._ gezogen sei.
C. Die Sozialen Dienste X._ erhoben für die Politische Gemeinde X._
(Beschwerdeführerin) gegen den Rekursentscheid des Departements des Innern
(Vorinstanz) vom 6. Februar 2017 mit Eingabe vom 17. Februar 2017 Beschwerde beim
Verwaltungsgericht mit den Anträgen, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen seien
der angefochtene Entscheid und die Verfügung des Amtes für Soziales vom 17. März
2016 aufzuheben und es sei festzustellen, dass E._ während ihrer Aufenthalte im
"K._" vom 14. Februar bis 26. Juli 2015 und vom 11. November bis 15. Dezember
2015 Wohnsitz in der Politischen Gemeinde Q._ (Beschwerdegegnerin) gehabt habe
und somit die Gemeinde Q._ für die Kostenübernahmegarantien SG-A-1_ und SG-
A-2_ zuständig sei.
Die Vorinstanz beantragte mit Vernehmlassung vom 22. März 2017, die Beschwerde
sei abzuweisen. Die Beschwerdegegnerin schloss sich mit Eingabe vom 28. März 2017
vollumfänglich der vorinstanzlichen Vernehmlassung an.
Auf die Ausführungen der Beschwerdeführerin und der Vorinstanz zur Begründung ihrer
Anträge sowie die Akten wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Die Politische
Gemeinde X._, deren Rekurs gegen die von der Verbindungsstelle nach der
Interkantonalen Vereinbarung für soziale Einrichtungen (sGS 381.31, IVSE) festgestellte
Verpflichtung zur Tragung der Kosten für den Aufenthalt von E._ vom 14. Februar bis
26. Juli 2015 und vom 11. November bis 15. Dezember 2015 im Jugendheim "K._" mit
dem angefochtenen Entscheid der Vorinstanz vom 6. Februar 2017 abgewiesen
bis
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worden war, ist zur Erhebung der Beschwerde durch ihre Sozialen Dienste befugt
(Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP; Art. 5 Abs. 1 des Sozialhilfegesetzes,
sGS 381.1, SHG; Art. 25 Abs. 1 des Geschäftsreglements des Stadtrats, sRS 173.1,
Beschluss des Stadtrates X._ vom 3. Oktober 2000; Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz. 446). Da der
angefochtene Rekursentscheid an die Stelle der ihm zugrundeliegenden Verfügung des
kantonalen Amtes für Soziales vom 17. März 2016 getreten ist ("Devolutiveffekt", BGE
134 II 142 E. 1.4; BGer 1C_166/2013 vom 27. Juni 2013 E. 1.1 und 2C_204/2015 vom
21. Juli 2015 E. 1.2), kann auf die Beschwerde, soweit damit die Aufhebung der
Verfügung beantragt wird, nicht eingetreten werden. Die weiteren
Eintretensvoraussetzungen sind erfüllt: Die Beschwerde wurde mit Eingabe vom
17. Februar 2017 rechtzeitig erhoben und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht
die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48
Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist deshalb unter dem genannten Vorbehalt
einzutreten.
2. Die Beschwerdeführerin ist der Auffassung, der für die Leistungsabgeltung
massgebliche zivilrechtliche Wohnsitz von E._ habe sich während ihrer Aufenthalte im
Jugendheim "K._" im Jahr 2015 am Standort der Einrichtung in der Politischen
Gemeinde Q._ befunden.
2.1. Gemäss Art. 41 lit. b Ziff. 2 SHG erhalten Heime und Einrichtungen im Kanton für
st. gallische Betreuungsbedürftige in sachgemässer Anwendung der Bestimmungen
der Interkantonalen Vereinbarung für soziale Einrichtungen (sGS 381.31, IVSE)
Beiträge. Entsprechend Art. 19 Abs. 1 IVSE sichert deshalb die Wohngemeinde der
Einrichtung der Standortgemeinde mittels der Kostenübernahmegarantie die
Leistungsabgeltung zugunsten der Person für die zu garantierende Periode zu.
Wohngemeinde ist entsprechend Art. 4 lit. d IVSE diejenige Gemeinde, in der die
Person, welche die Leistungen beansprucht, ihren zivilrechtlichen Wohnsitz hat.
Der Wohnsitz einer Person befindet sich gemäss Art. 23 Abs. 1 Halbsatz 1 des
Schweizerischen Zivilgesetzbuches (SR 210, ZGB) an dem Orte, wo sie sich mit der
Absicht dauernden Verbleibens aufhält. Nach Art. 23 Abs. 1 Halbsatz 2 ZGB begründet
der Aufenthalt zum Zweck der Ausbildung oder die Unterbringung einer Person in einer
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Erziehungs- oder Pflegeeinrichtung, einem Spital oder einer Strafanstalt für sich allein
keinen Wohnsitz. Diese Bestimmung wurde im Zuge der Revision des
Vormundschaftsrechts mit Wirkung ab 1. Januar 2013 eingefügt. Zuvor war der
Aufenthalt zu Sonderzwecken unter dem Randtitel "Aufenthalt in Anstalten" in aArt. 26
ZGB geregelt. Dessen Inhalt ist nun – systematisch richtig – unmittelbar im Anschluss
an die Definition des Wohnsitzes eingereiht. Eine materielle Änderung des geltenden
Rechts wurde nicht vorgenommen, lediglich eine redaktionelle Überarbeitung. Mit der
Formulierung "für sich allein" wird klargestellt, dass die Begründung eines neuen
Wohnsitzes am Ort der Anstalt (heute vorab Einrichtung) nicht per se ausgeschlossen
ist, wenn der dortige Aufenthalt nicht nur dem Sonderzweck dient (vgl. BGE 141 V 255
E. 4.1 mit Hinweisen). Als Wohnsitz des Kindes unter elterlicher Sorge gilt gemäss
Art. 25 Abs. 1 ZGB der Wohnsitz der Eltern oder, wenn die Eltern keinen gemeinsamen
Wohnsitz haben, der Wohnsitz des Elternteils, unter dessen Obhut das Kind steht; in
den übrigen Fällen gilt sein Aufenthaltsort als Wohnsitz. Der einmal begründete
Wohnsitz bleibt gemäss Art. 24 Abs. 1 ZGB bis zum Erwerbe eines neuen Wohnsitzes
bestehen. Diese Regel gilt auch für den abhängigen Wohnsitz nach Art. 25 ZGB (BGE
61 II 65; Hausheer/ Aebi-Müller, Das Personenrecht des Schweizerischen
Zivilgesetzbuches, 4. Aufl. 2016, Rz. 09.46). Grundsätzlich nicht bestehen bleibt der am
Aufenthaltsort anknüpfende und damit dem wechselnden Aufenthaltsort folgende
Wohnsitz gemäss Art. 25 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB (vgl. D. Staehelin, in: Basler
Kommentar, ZGB I, 5. Aufl. 2014, N 8 zu Art. 25 ZGB).
2.2. Die Beschwerdeführerin anerkennt, dass E._ mit der Entlassung aus der
fürsorgerischen Unterbringung am 26. Juni 2014 in die Obhut des sorgeberechtigten
Vaters an dessen Wohnsitz einen abgeleiteten Wohnsitz nach Art. 25 Abs. 1 Satzteil 1
ZBG begründete, der sich mit dem Zuzug der beiden am 1. Dezember 2014 in der
Politischen Gemeinde X._ befand. Damit bleibt einzig zu prüfen, ob die von der KESB
T._ am 11. Februar 2015 und von der KESB X._ am 10. November 2015
angeordneten fürsorgerischen Unterbringungen von E._ im Jugendheim K._ und ihr –
zumindest zeitweiliger – Aufenthalt in dieser Einrichtung einen – eigenständigen –
zivilrechtlichen Wohnsitz begründet haben. Davon ist mit Blick auf den Grundsatz von
Art. 23 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB und die Fortführung des abgeleiteten Wohnsitzes am
Wohnsitz des sorge- und bis zum Eintritt in die Einrichtung obhutsberechtigten
Elternteils gemäss Art. 24 Abs. 1 ZGB nicht auszugehen.
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Die behördlich angeordneten, unfreiwilligen Aufenthalte von E._ im "K._" sollten
einzig der Erreichung des mit der Massnahme angestrebten Sonderzweckes, nämlich
der sozialpädagogischen Betreuung, Beschulung und Abklärung, sowie Planung der
weiteren Unterbringung, Betreuung, Beschulung und allenfalls Ausbildung
(superprovisorische Verfügung vom 11. Februar 2015, Verfügung vom 5. März 2015)
beziehungsweise entsprechenden Abklärungen während maximal sechs Wochen
(superprovisorische Verfügung vom 10. November 2015, Verfügung vom 17. November
2015; nicht in den Akten), dienen. Die Unterbringung war deshalb offenkundig nicht auf
ein dauerndes Verbleiben ausgerichtet. Von einer solchen Absicht kann insbesondere
bei E._ nicht ausgegangen werden. Insoweit besteht kein Anlass, von einer Ausnahme
– wie sie mit der Wendung „für sich allein“ zugelassen werden soll – vom Grundsatz,
wonach der Aufenthalt in einer Einrichtung gemäss Art. 23 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB keinen
zivilrechtlichen Wohnsitz schafft, auszugehen.
2.3. Am Ergebnis ändert sich im Übrigen nichts, auch wenn davon auszugehen wäre,
E._ habe einen selbständigen Wohnsitz im Sinn von Art. 25 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB
begründet. Auch in diesem Fall ist ihr befristeter, ausschliesslich auf den Zweck der
Einrichtung gerichteter Aufenthalt im Jugendheim "K._" nicht geeignet, einen neuen
Wohnsitz zu schaffen. Art. 23 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB sieht vor, dass der Aufenthalt in
einer der genannten Einrichtungen grundsätzlich keinen Wohnsitz begründet. Insoweit
ist Art. 23 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB, der gleichermassen wie Art. 25 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB
auf den Ort des Aufenthalts Bezug nimmt, auch eine Ausnahme von Art. 25 Abs. 1
Satzteil 2 ZGB.
2.4. Unter diesen Umständen kann offenbleiben, ob ein anderes Ergebnis der
Auslegung und Anwendung der zivilrechtlichen Wohnsitzregeln unter Berufung auf den
Zweck der sachgemäss anwendbaren Interkantonalen Vereinbarung über die sozialen
Einrichtungen, nämlich mit der Regelung der Kostenübernahme die Angebotsoffenheit
zu sichern (vgl. Präambel der Vereinbarung), im Sinn einer funktionalisierenden
Auslegung des Wohnsitzbegriffs zu korrigieren wäre.
3. Zusammenfassend erweist sich die Beschwerde als unbegründet. Sie ist
dementsprechend, soweit auf sie einzutreten ist, abzuweisen.
4. (...).
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