Decision ID: d9ec56a4-db04-5f07-91f1-af139fb83481
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 29. September 2017 zur Arbeitsvermittlung beim
Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (nachfolgend: RAV) und zum Bezug von
Arbeitslosenentschädigung bei der Unia Arbeitslosenkasse (nachfolgend: Kasse) an
(act. G3.1/1 und 3). Die Kasse eröffnete dem Versicherten eine Rahmenfrist für den
Leistungsbezug ab 1. Januar 2018 (act. G3.1/13) und richtete ihm entsprechend ab
Januar 2018 Arbeitslosentaggelder aus (act. G3.1/63).
A.a.
Anlässlich des Erstgesprächs mit dem RAV-Berater am 10. Oktober 2017 äusserte
der Versicherte, aufgrund seines Alters und seiner beruflichen Spezialisierung rechne er
nicht damit, noch eine Anstellung zu finden. Aus diesem Grund überlege er sich die
Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit im Bereich Z._ (act. G3.1/4).
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 1. April 2019 erhielt der Versicherte unter dem Betreff [...] eine Gutschrift über
Fr. 13'830.37 (€ 12'540.--) auf sein Bankkonto (act. G3.1/43). Während des
Beratungsgesprächs mit dem Versicherten vom 12. Juli 2019 informierte der RAV-
Berater die Kasse telefonisch über die erfolgte Provisionszahlung (vgl. act. G1.6).
A.c.
Die Kasse forderte den Versicherten deshalb im Juli 2019 auf, Angaben zu seiner
selbständigen Erwerbstätigkeit zu machen (act. G3.1/32). Mit Schreiben vom 8. August
2019 informierte sie ihn insbesondere über seine Pflicht, die für einen
Zwischenverdienst aufgewendeten Stunden pro Tag aufzuführen (act. G3.1/34).
A.d.
Mit E-Mail vom 13. August 2019 teilte der Versicherte mit, er habe versucht, ein
Geschäft zwischen einem Maschinenhersteller und einem Kunden zu vermitteln. Er
habe für das erfolgte Geschäft nach vollständiger Bezahlung durch den Kunden an den
Maschinenhersteller von diesem eine einmalige Provision erhalten, welche sich nach
dem erzielten Verkaufspreis gerichtet habe. Das sei bis heute das einzige getätigte
Geschäft. Meist dauere es zwei bis drei Jahre vom ersten Kontakt bis zum Eingang der
Zahlung. Es sei für ihn schwierig, Arbeitsstunden im Detail anzugeben (act. G3.1/35).
A.e.
Mit dem Formular "Bescheinigung über Zwischenverdienst", das bei der Kasse am
27. August 2019 einging, gab der Versicherte an, er habe ein Bruttoeinkommen von
€ 12'540.-- erzielt, dem Spesen von Fr. 15'063.-- gegenüberstehen würden
(act. G3.1/39). Mit Schreiben vom 29. August 2019 wies die Kasse den Versicherten
darauf hin, dass seine Angaben zu spezifizieren und zu belegen seien (act. G3.1/40).
A.f.
Mit E-Mail vom 17. September 2019 teilte der Versicherte mit, der Provisionsanteil
betrage je nach Projekt 10 bis 15% und gelte alle Unkosten (Fahrten, Telefonate,
Arbeitszeiten, auswärtige Verpflegung, Einladungen usw.) ab (act. G3.1/41).
Gleichzeitig reichte er eine von ihm angefertigte Aufstellung seiner Unkosten
(nachfolgend: Excel-Aufstellung) ein. Demnach war er im Jahr 2018 für seine Tätigkeit
auf Provisionsbasis 2'560 km gefahren und hatte Fr. 4'265.-- für Büro-Anschaffungen,
Fr. 150.-- für Verpflegung und Fr. 2'083.-- für "Diverses" ausgegeben. Im Jahr 2019
war er 5'170 km gefahren und hatte Fr. 55.-- für Verpflegung sowie Fr. 100.-- für
"Diverses" verbucht. Arbeitsstunden hatte er in der Excel-Aufstellung nicht erfasst
(act. G3.1/42; siehe auch die detaillierte Aufstellung nach Monaten und Positionen
A.g.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ebd.). Er begründete dies damit, die Arbeitsstunden nicht korrekt rekonstruieren zu
können (vgl. act. G3.1/41 i.V.m. act. G3.1/58, S. 2).
Mit Verfügung vom 14. November 2019 forderte die Kasse Fr. 7'177.05 vom
Versicherten zurück. Zur Begründung führte sie aus, sie habe ihm für die
Kontrollperioden Juni bis Juli 2018, September bis Oktober 2018 und Dezember 2018
bis März 2019 Arbeitslosenentschädigung im Betrag von Fr. 40'150.15 ausgerichtet.
Der Versicherte sei in dieser Zeit selbständig tätig gewesen, ohne die Kasse darüber
informiert zu haben. Am 1. April 2019 habe er eine Provision in Höhe von Fr. 13'830.37
erhalten. Dieser Betrag müsse dem Versicherten als Zwischenverdiensteinkommen
angerechnet werden. Die Kasse habe daher Fr. 7'177.05 zu viel an Leistungen
ausbezahlt und fordere diesen Betrag zurück (act. G3.1/50).
A.h.
Mit Schreiben vom 14. November 2019 forderte die Kasse den Versicherten
sodann auf, darzulegen, warum er auf dem Formular "Angaben der versicherten
Person" für den Monat August nicht angegeben habe, dass er im August eine
selbständige Erwerbstätigkeit ausgeübt habe (act. G3.1/51).
A.i.
Mit E-Mail vom 15. November 2019 gab der Versicherte an, er habe im August für
niemanden gearbeitet. Er sei auf dem Weg zu Verwandten an den B._
vorbeigefahren. Der Besuch dort habe maximal eine 3⁄4 Stunde gedauert. Diesen
geringen Zeitaufwand für einen Monat habe er als nicht nennenswert betrachtet und
darum nicht aufgeführt. Er habe den Besuch schon früher in der Excel-Aufstellung
angegeben und somit nichts verheimlicht (act. G3.1/53). Mit E-Mail vom 18. November
2019 antwortete die Kasse dem Versicherten, in der Excel-Aufstellung gebe er für den
August 2019 an, rund 600 km gefahren zu sein. Das Formular "Angaben der
versicherten Person" für den Monat August 2019 sei am 27. August 2019 bei ihr
eingegangen, die Excel-Aufstellung am 18. September 2019 (act. G3.1/53).
A.j.
Mit Schreiben vom 25. November 2019 führte der Versicherte aus, er habe im
Rahmen eines Besuchs bei seinem Sohn in C._ auf der Hinfahrt einen möglichen
Kunden besucht. Er hätte den Ort so oder so passiert. Der Besuch sei eine reine
Vorstellung seinerseits gewesen, aus der kein weiteres Geschäft resultiert sei. Ihm sei
nicht bewusst gewesen, dass 45 Minuten schon als "Arbeit" gelten würden. Er habe
A.k.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den Besuch in der Excel-Aufstellung aufgeführt, damit alle bis dahin getätigten
Aufwendungen aufgelistet gewesen seien (act. G3.1/54).
Gegen die Verfügung vom 14. November 2019 betreffend Rückforderung erhob der
Versicherte am 27. November 2019 Einsprache. Er habe seinen RAV-Berater jederzeit
über seine Tätigkeit auf dem Laufenden gehalten. Seine Aufwendungen hätten sich vor
allem auf E-Mails und gelegentliche Telefonate beschränkt. Kundenbesuche habe er
nur gemacht, wenn es zwingend erforderlich oder er sowieso in der Nähe gewesen sei.
Er sei jederzeit zu 100% vermittelbar gewesen. Durch persönliche Beziehungen zum
Endkunden habe er eine Prozessanlage vermitteln können. Die Abnahme der Anlage
habe beim Kunden Ende März 2019 stattgefunden. Die Provisionszahlung von
€ 12'540.-- sei ihm am 1. April 2019 überwiesen worden. Damit seien seine gesamten
Aufwendungen abgegolten gewesen. Es liege in der Natur der Sache, dass der Ertrag
des ersten Geschäfts den Aufwand nicht abzudecken vermöge. Den Eingang der
Provisionszahlung habe der Versicherte dem RAV-Berater beim nächsten Gespräch am
12. Juli 2019 gemeldet, welcher sich gleichentags mit der Kasse besprochen habe. Er
habe seine Tätigkeit von Anfang an offen deklariert und den Eingang der
Provisionszahlung aus eigenem Antrieb gemeldet. Müsste er die verlangte
Rückforderung bezahlen, würde er einen massiven Verlust erleiden (act. G3.1/55).
A.l.
Mit Verfügung vom 29. November 2019 stellte die Kasse den Versicherten für fünf
Tage in der Anspruchsberechtigung ein. Zur Begründung führte sie aus, er habe am
24. August 2019 auf dem Formular "Angaben der versicherten Person" für den Monat
August 2019 angegeben, nicht gearbeitet zu haben. Aus der am 17. September 2019
eingegangenen Excel-Aufstellung sei hingegen ein Arbeitsaufwand ersichtlich, sodass
er die Frage nach einer selbständigen Tätigkeit hätte bejahen müssen. Somit sei eine
Sanktion im Rahmen des leichten Verschuldens zu verfügen (act. G3.1/56).
A.m.
Gegen diese Verfügung vom 29. November 2019 erhob der Versicherte am
6. Dezember 2019 Einsprache. Er habe den Besuch bei den B._ nicht verheimlicht. Er
habe gänzlich als Privatperson gehandelt und sie einzig besucht, weil er auf dem Weg
zu seinem Sohn gewesen sei und der Betrieb an der Strecke gelegen habe. Die
Kontaktperson habe er von früher gekannt. Der eigentliche Besuch habe maximal 45
A.n.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Minuten gedauert. Er habe das nicht als "Arbeit" erachtet und demzufolge nicht im
Fragebogen angegeben (act. G3.1/58).
Mit Entscheid vom 14. April 2020 wies die Kasse die Einsprache vom 6. Dezember
2019 gegen die Verfügung vom 29. November 2019 ab. Zur Begründung führte sie aus,
aufgrund seiner Berufserfahrung und dem von ihm beabsichtigten Projekt hätte der
Versicherte davon ausgehen müssen, dass sämtliche Vermittlungsbestrebungen eine
selbständige Erwerbstätigkeit darstellten und zu deklarieren seien, auch wenn im
konkreten Fall nur wenig Zeit dafür aufgewendet worden sei. Nachdem die Kasse ihn
im Schreiben vom 8. August 2019 über das Prozedere bei einer selbständigen
Erwerbstätigkeit und insbesondere über das Entstehungsprinzip, wonach Einkommen
in jenem Kalendermonat angegeben werden müsse, in welchem die Arbeitsleistung
erbracht worden sei, eingehend informiert habe, hätte er wahrheitsgetreu angeben
müssen, dass er am 25. August 2019 einen möglichen Kunden besucht habe (act.
G1/1).
A.o.
Mit Entscheid vom 21. April 2020 wies die Kasse auch die Einsprache vom
27. November 2019 gegen die Verfügung vom 14. November 2019 ab. Der Versicherte
habe die Möglichkeit der selbständigen Tätigkeit im Bereich Z._ vorangetrieben. Aus
der Excel-Aufstellung sei ersichtlich, dass er seit dem 1. Juni 2018 zahlreiche Fahrten
zu möglichen Kunden unternommen habe. Neben dem Ertrag von € 12'450.-- habe er
einen Gesamtaufwand von Fr. 14'383.-- aufgeführt, ohne die Unkosten zu belegen. Er
habe damit während des Leistungsbezugs eine selbständige Erwerbstätigkeit
ausgeübt, aus der ein Zwischenverdienst resultiert habe. Mit dem Formular "Angaben
der versicherten Person" würde jeden Monat nach der Ausübung einer selbständigen
Erwerbstätigkeit gefragt. Die entsprechende Frage lasse nur eine klare Antwort zu. Weil
der Versicherte die geleisteten Arbeitsstunden im Nachhinein nicht mehr mit den
genauen Stundenangaben habe belegen können, habe sich die Kasse gezwungen
gesehen, eine Aufteilung der Provisionszahlung auf die einzelnen Kontrollperioden Juni
2018 bis März 2019 anhand der Reisetätigkeit vorzunehmen und den so berechneten
Verdienst um die Pauschalspesen von 20% zu kürzen. Die Kasse habe in den Monaten
Juni 2018, Juli 2018, September 2018, Oktober 2018 sowie Dezember 2018 bis März
2019 zweifellos zu viel Taggeld ausbezahlt. Die unrechtmässig bezogenen Leistungen
im Betrag von Fr. 7'177.05 seien zurückzuerstatten (act. G1/1).
A.p.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Gegen die Einspracheentscheide vom 14. und 21. April 2020 erhebt A._ am
8. Mai 2020 (Postaufgabe) Beschwerde. Er beantragt, die angefochtenen Entscheide
seien aufzuheben und er sei von einer Rückzahlung zu befreien. Die Anschuldigung, er
habe unwahre Angaben gemacht, sei richtigzustellen und zu ahnden. Für die ihm
erwachsenen Umtriebe sei ihm eine angemessene Entschädigung zuzusprechen. Den
Besuch in B._ habe er in der Excel-Aufstellung aufgeführt und der
Beschwerdegegnerin damit bekanntgegeben. Er habe ihn aus eigenem Antrieb und in
seiner offiziellen Ferienzeit gemacht, da er den Betriebsleiter gekannt habe. Es hätten
weder ein Projekt noch irgendwelche Geschäftsabsichten bestanden. Im August 2019
habe er bereits keine Geschäfte mehr getätigt. Die Bestrafung mit fünf Tagessätzen
erachte er als unverhältnismässig. Er sei aus Eigeninitiative aktiv geworden und habe
sich um Schadenminderung bemüht. Er habe seine Tätigkeit von Anfang an offen
deklariert und seinen RAV-Berater fortlaufend über sein Projekt informiert. Er habe den
Eingang der Provisionszahlung aus eigenem Antrieb und ohne Aufforderung als
Zwischenverdienst angemeldet. Man habe ihm zu Unrecht Betrugsabsichten
vorgeworfen. Die Rückforderungsverfügung sei ungerecht. Sein erster und einziger
Provisionseingang habe die Aufwendungen, welche er gehabt habe, bei weitem nicht
gedeckt. Die Anrechnung der Fahrzeiten sei willkürlich. Er habe seine Kundenbesuche
wann immer möglich in die Ferienzeit gelegt und seine auf Provision im Erfolgsfall
basierende Arbeit zumeist an Randzeiten und Wochenenden ausgeübt. Er habe nie die
Absicht gehabt, die Beschwerdegegnerin zu hintergehen. Er habe seinen Beitrag zur
Schadenminderung leisten und aktiv tätig sein wollen. Durch die Reduktion der
Taggeldleistungen schon beim ersten Geschäft würde ein Verlust resultieren und jede
Bemühung, auf eigenen Füssen zu stehen, im Keim erstickt (act. G1).
B.a.
Mit Beschwerdeantwort vom 27. Mai 2020 beantragt die Beschwerdegegnerin
unter Verweis auf die Begründung in den Einspracheentscheiden die Abweisung der
Beschwerde (act. G3).
B.b.
Am 19. Juni 2020 ergänzt der Beschwerdeführer seine Beschwerde nach
Einsichtnahme in die Akten dahingehend, eine Anstellung bei der Unternehmung,
welche ihm die Provision bezahlt habe, sei zu keiner Zeit realistisch gewesen. Es sei
B.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
ungewiss gewesen, ob und wann Geschäfte zustande kommen würden.
Provisionsgeschäfte seien Einzelgeschäfte. Ein einziger Geschäftsfall sei zum
Abschluss gekommen. Ihm sei schleierhaft, wie die Beschwerdegegnerin daraus eine
"Selbständigkeit" habe konstruieren können. Er sei nie selbständig gewesen, sondern
habe ein Provisionsgeschäft vermittelt, welches zwischen Kunde und Lieferfirma direkt
abgewickelt worden sei. Auch sei ihm unerklärlich, wie man einen fiktiven
Arbeitsverdienst aufrechnen könne, basierend allein auf der ausgewiesenen Fahrzeit zu
möglichen Interessenten. Die Beschwerdegegnerin beschuldige ihn des Betrugs. Das
sei aus seiner Sicht eine Verleumdung. Im August 2019 habe er keine Aufträge
ausgeführt und seine Provisionstätigkeit bereits eingestellt (act. G5).
Die Beschwerdegegnerin verzichtet am 14. Juli 2020 (Postaufgabe) auf eine Duplik
(act. G7).
B.d.
Vorliegend sind zwei Entscheide zu überprüfen. Als erstes ist zu beurteilen, ob die
Rückforderung der Beschwerdegegnerin für den Zeitraum Juni 2018 bis März 2019
rechtens ist. Sodann wird zu prüfen sein, ob die Beschwerdegegnerin den
Beschwerdeführer zu Recht wegen einer Meldepflichtverletzung für die Kontrollperiode
August 2019 in der Anspruchsberechtigung eingestellt hat. Eine strafbare Handlung
steht vorliegend nicht zur Diskussion. Soweit der Beschwerdeführer geltend macht,
ihm werde Betrug vorgeworfen, was eine Verleumdung darstelle (vgl. act. G1), ist
klarzustellen, dass die Beschwerdegegnerin ihm kein vorsätzliches Erschleichen von
Leistungen unterstellt.
1.1.
Der Beschwerdeführer hat gegenüber der Beschwerdegegnerin nicht angegeben,
dass er selbständig erwerbstätig war. Auf den Formularen "Angaben der versicherten
Person" für die einzelnen Kontrollperioden hat er die Frage 2 "Haben Sie eine
selbständige Erwerbstätigkeit ausgeübt?" jeweils mit "Nein" beantwortet (siehe
act. G3.1/62). Demgegenüber ergibt sich aus der Excel-Aufstellung, dass er spätestens
seit Juni 2018 berufsbedingte Auslagen hatte (act. G3.1/42; die detaillierte Tabelle für
den Monat Juni 2018 ist fälschlich mit "01.06.2019" bis "30.06.2019" datiert, siehe
auch handschriftliche Korrektur oben links auf der Tabelle). Die Beschwerdegegnerin
hat daraus und aus den Äusserungen des Beschwerdeführers geschlossen, dass
1.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dieser seit Juni 2018 selbständig erwerbstätig war. Der Beschwerdeführer macht
hiergegen geltend, die Beschwerdegegnerin habe die Natur seiner Tätigkeit nicht
verstanden. Teilweise macht er implizit oder explizit geltend, er sei nicht selbständig
erwerbstätig gewesen (vgl. beispielhaft act. G3.1/41, G3.1/43 und act. G5). Es ist
deshalb vorab festzuhalten, was unter einer Erwerbstätigkeit im Allgemeinen und unter
einer selbständigen Erwerbstätigkeit im Besonderen zu verstehen ist.
Eine Erwerbstätigkeit charakterisiert sich dadurch, dass eine zur nachhaltigen
Gewinnerzielung geeignete Tätigkeit mit der Absicht, einen solchen Gewinn zu erzielen,
ausgeführt wird. Durch diese Gewinnstrebigkeit unterscheidet sich die Erwerbstätigkeit
von einem Hobby bzw. einer blossen Liebhaberei (vgl. BGE 143 V 177 E. 4.2.2).
Selbständige Erwerbstätigkeit liegt vor, wenn die beitragspflichtige Person durch
Einsatz von Arbeit und Kapital in frei bestimmter Selbstorganisation und nach aussen
sichtbar am wirtschaftlichen Verkehr teilnimmt mit dem Ziel, Dienstleistungen zu
erbringen oder Produkte zu schaffen, deren Inanspruchnahme oder Erwerb durch
finanzielle oder geldwerte Gegenleistungen abgegolten wird. Besonderes Gewicht
kommt dabei dem Unternehmerrisiko (Inkasso- und Delkredere-Risiko) zu. Unter
anderem folgende Elemente deuten auf das Vorliegen einer selbständigen
Erwerbstätigkeit hin: Tragen von Geschäftskosten; erfolgsgebundene Entschädigung;
freie Einteilung der Arbeitszeit, Erledigung der Arbeit zu Hause, keine
Weisungsgebundenheit; Heranziehen der betreffenden Personen von Fall zu Fall (Ueli
Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl., Bern/St. Gallen/Zürich 2020, Art. 12 N 6 und N 9).
1.3.
Der Beschwerdeführer gab selbst an, er habe mit "Provisionsgeschäften" einen
Zwischenverdienst generieren und damit aktiv zur Schadensminderung beitragen
wollen (vgl. act. G3.1/55). Es sei für ihn unverständlich, dass man seine Bemühungen,
ein Einkommen zu generieren, im Keim ersticke (vgl. act. G3.1/46). Ziel seiner Tätigkeit
war somit das Erwirtschaften eines Gewinns. Die Vermittlung von Kunden an eine
Herstellerin bzw. Lieferantin eignet sich zur nachhaltigen Erzielung eines solchen
Gewinns. Bei den vom Beschwerdeführer betriebenen "Provisionsgeschäften" handelt
es sich somit um eine Erwerbstätigkeit. Dabei ist nicht von Bedeutung, ob durch die
Tätigkeit des Beschwerdeführers nach Abzug der Kosten zeitnah ein Einkommen erzielt
wurde. Wesentlich ist vielmehr, dass der Beschwerdeführer sie mit dem Ziel ausübte,
einen Gewinn zu erwirtschaften (und nicht einfach zur Gestaltung seiner Freizeit einer
Liebhaberei frönte). Selbst wenn daraus ein Verlust resultierte – womit der
Beschwerdeführer in einer Anfangsphase von zwei bis drei Jahren auch selbst rechnete
(vgl. act. G3.1/35) –, ist die Tätigkeit als Erwerbstätigkeit zu qualifizieren.
1.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Die Tätigkeit des Beschwerdeführers gleicht jener eines Handelsreisenden im
Sinne von Art. 347 ff. des Bundegesetzes betreffend die Ergänzung des
Schweizerischen Zivilgesetzbuches (Fünfter Teil: Obligationenrecht; OR; SR 220).
Dabei verpflichtet sich der Handelsreisende, für einen Dritten Geschäfte zu vermitteln
oder abzuschliessen. Unter bestimmten Umständen kann ein Handelsreisender oder
ein Arbeitnehmer in ähnlicher Funktion ausschliesslich mit einer Provision entschädigt
werden, sofern diese ein angemessenes Entgelt für seine Tätigkeit darstellt (vgl.
Art. 347 Abs. 1 i.V.m. Art. 349a Abs. 2 OR, BGE 139 III 214 E. 5.1 und Urteile des
Bundesgerichts vom 29. Januar 2020, 4A_458/2018, E. 4.4.2 sowie vom 14. Januar
2016, 4A_435/2015, E. 2.1). Vorliegend bestand zwischen dem Beschwerdeführer und
der Lieferantin indes kein Arbeitsvertrag, sondern offenbar nur eine lose mündliche
Abmachung (vgl. etwa act. G3.1/55). Der Beschwerdeführer war gegenüber der
Lieferantin nicht weisungsgebunden oder in deren Organisation eingebunden. Er war
zudem in der Zeiteinteilung frei und konnte so zu Randzeiten oder in seinen Ferien tätig
sein. Auf diese Weise blieb er, wie mit seinem RAV-Berater besprochen, zu 100%
vermittlungsfähig (vgl. Art. 15 des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIG; SR 837.0] und
act. G3.1/55). Seine Vermittlungsfähigkeit wurde denn auch nie angezweifelt (vgl.
hierzu auch E-Mail des RAV-Beraters vom 5. Mai 2020, act. G1.6, wonach der
Beschwerdeführer wie vereinbart stets eine 100% Anstellung gesucht habe und für den
RAV-Berater immer sofort verfügbar gewesen sei). Das finanzielle Risiko trug der
Beschwerdeführer selbst, zumal die Lieferantin ihm nur bei Abschluss eines Vertrages
mit einem vermittelten Kunden eine Provision bezahlte. Er investierte denn nach
eigenen Angaben auch tatsächlich Zeit (z.B. für Kundenbesuche) und Geld (z.B. für
Visitenkarten) in diese Tätigkeit (siehe act. G3.1/42). Die erhaltene Provision orientierte
sich nicht an seinen Aufwendungen, namentlich dem Zeitaufwand, sondern am
zwischen dem Kunden und der Lieferantin vereinbarten Kaufpreis (vgl. act. G3.1/41). Es
liegt demnach eine selbständige Tätigkeit vor.
1.5.
Nach dem Gesagten war der Beschwerdeführer spätestens ab Juni 2018 (der
Beschwerdeführer gibt einen Besuch bei der D._ am 1. Juni 2019 [richtig: 1. Juni
2018] an, siehe Excel-Aufstellung, act. G3.1/42) selbständig erwerbstätig.
1.6.
Nachdem festgestellt wurde, dass der Beschwerdeführer selbständig erwerbstätig
war, sind die rechtlichen Folgen dieser Erwerbstätigkeit zu erörtern.
2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Ist die versicherte Person lediglich vorübergehend selbständig erwerbstätig, kann
sie diese Tätigkeit leicht wieder aufgeben und bemüht sie sich intensiv um eine
unselbständige Arbeit, gilt ein daraus resultierendes Einkommen, sofern es geringer ist
als die ihr zustehende Arbeitslosentschädigung, als Zwischenverdienst. Als
selbständiger Zwischenverdienst kommt nur eine zeitlich beschränkte und
investitionsarme Tätigkeit in Frage, die allein der Schadenminderung wegen
aufgenommen wird (vgl. Art. 24 Abs. 1 Satz 1 AVIG i.V.m. Art. 41a Abs. 1 der
Verordnung über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die
Insolvenzentschädigung [AVIV; SR 837.02]; Kreisschreiben des Seco über die
Arbeitslosenentschädigung [nachfolgend: AVIG-Praxis ALE] B34a und B235 ff.; siehe
auch Thomas Nussbaumer, Arbeitslosenversicherung, in SBVR, Bd. XIV, 3. Aufl.,
Rz 418).
2.2.
Der Beschwerdeführer machte geltend, hauptsächlich an Randzeiten, bzw. an
Wochenenden oder in den Ferien gearbeitet zu haben und die selbständige Tätigkeit
zur Schadenminderung betrieben zu haben (vgl. beispielhaft act. G3.1/55 und act. G1).
In seinem E-Mail vom 13. August 2019 beschrieb der Beschwerdeführer noch, sein
Arbeitsaufwand sei relativ gering gewesen und eigentlich erst eingetreten, wenn ein
Interessent konkret Bedarf gehabt habe (act. G3.1/35). Unstreitig bemühte er sich
nebst seiner selbständigen Tätigkeit stets um eine 100%-Anstellung (vgl. hierzu
act. G1.6). Damit handelte es sich bei seiner selbständigen Erwerbstätigkeit um einen
Zwischenverdienst.
2.3.
Der Berechnung des Zwischenverdienstes ist grundsätzlich der gesamte während
einer Kontrollperiode erzielte Verdienst zu Grunde zu legen (vgl. AVIG-Praxis ALE/
C125). Als Einkommen aus selbständiger Erwerbstätigkeit gelten alle in selbständiger
Stellung erzielten Einkünfte aus einem Handels-, Industrie-, Gewerbe-, Land- und
Forstwirtschaftsbetrieb, aus einem freien Beruf, sowie aus jeder anderen selbständigen
Erwerbstätigkeit (vgl. Art. 9 Abs. 1 AHVG i.V.m. Art. 17 AHVV).
2.4.
Bei der als "Provision" bezeichneten Gutschrift über Fr. 13'830.37 (€ 12'540.--;
act. G3.1/43) handelt es sich unstreitig um Einkommen, das aus der oben
beschriebenen selbständigen Erwerbstätigkeit des Beschwerdeführers resultierte. Es
ist dem Beschwerdeführer deshalb als Zwischenverdienst anzurechnen.
2.5.
Das Einkommen aus selbständiger Erwerbstätigkeit wird in derjenigen
Kontrollperiode angerechnet, in der die Arbeitsleistung erbracht worden ist.
Unerheblich ist somit, zu welchem Zeitpunkt die versicherte Person die Forderung
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
realisiert. Das anrechenbare Einkommen wird ermittelt, indem vom Bruttoeinkommen
die nachgewiesenen Material- und Warenkosten abgezogen werden und der
verbleibende Betrag um 20% als Pauschale für die übrigen berufsbedingten Auslagen
gekürzt wird (Art. 41a Abs. 5 AVIV; AIVG-Praxis ALE/C145).
Selbst wenn in den ersten Monaten noch kein Einkommen erzielt wird, ist bereits
ab Beginn einer Zwischenverdiensttätigkeit ein berufs- und ortsüblicher Lohn
anzurechnen. Keine berufs- oder ortsübliche Entlöhnung liegt vor, wenn die versicherte
Person einen Verdienst erzielt, der nicht annähernd der Arbeitsleistung entspricht
(AVIG-Praxis ALE/C134 und C146; siehe auch Nussbaumer, a.a.O., Rz 423).
3.2.
Als Material- und Warenkosten gelten diejenigen Auslagen, die sich proportional
zum Bruttoeinkommen verändern wie z. B. Aufwendungen für Farbe des
Malereibetriebes oder für den Kleidereinkauf der Modeboutique. Es dürfen nur jene
Material- und Warenkosten abgezogen werden, die für die Erzielung des
Bruttoeinkommens in der einzelnen Kontrollperiode angefallen sind. Der
Pauschalabzug von 20% wird unabhängig von den tatsächlichen berufsbedingten
Auslagen und ohne Nachweis gewährt. Investitionskosten wie z. B. die Ausgaben für
die Anschaffung von Geräten, Fahrzeugen, Mobilien und Immobilien können nicht
abgezogen werden (AVIG-Praxis ALE/C 145 und 147). Gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist es bundesrechtswidrig, bei der Ermittlung
eines Zwischenverdienstes von den realisierten Bruttoeinkünften aus selbständiger
Erwerbstätigkeit über die in Art. 41a Abs. 5 Satz 2 AVIV (nebst dem 20%igen
Pauschalabzug) abschliessend vorgesehenen Material- und Warenkosten
hinausgehende Auslagen in Abzug zu bringen (BGE 142 V 162).
3.3.
Wie vorstehend ausgeführt, ist der Zwischenverdienst nicht in jener Kontrollperiode
anzurechnen, in welcher er der versicherten Person zugeflossen ist, sondern in jener, in
welcher die versicherte Person die Arbeitsleistung erbracht hat, aus welcher das
Einkommen resultierte. Vorliegend sah sich der Beschwerdeführer nicht in der Lage
aufzuführen, wie viele Stunden er in den Monaten Juni 2018 bis März 2019 jeweils
gearbeitet hat. Der Zwischenverdienst muss deshalb gestützt auf die vorhandenen
Akten den einzelnen Kontrollperioden zugeordnet werden. Die Beschwerdegegnerin
stellte diesbezüglich auf die Angaben des Beschwerdeführers betreffend die in den
jeweiligen Monaten gefahrenen Strecken ab (vgl. die auf die jeweiligen Kontrollperioden
aufgeteilten Abrechnungen/Rückforderungen, act. G3.1/63). Zwar handelt es sich dabei
um eine abstrakte Annahme. Die zurückgelegten Strecken standen wahrscheinlich
nicht immer in Relation zur aufgewandten Arbeitszeit des jeweiligen Monats. Eine der
Realität besser entsprechende Aufteilung des Zwischenverdiensts ist mangels
3.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Rekonstruierbarkeit der tatsächlich geleisteten Arbeitszeiten indes nicht mehr möglich.
Gründe, welche die Berechnungsweise der Beschwerdegegnerin als für den
Beschwerdeführer besonders ungünstig erscheinen liessen, sind weder aus den Akten
ersichtlich noch von diesem geltend gemacht worden. Mangels anderweitiger
Nachweise ist es daher vertretbar, den Arbeitsaufwand anhand dieses Kriteriums auf
die betroffenen Kontrollperioden aufzuteilen. Entgegen der Meinung des
Beschwerdeführers wurde ihm kein fiktiver Arbeitsverdienst aufgerechnet. Es wurde
zugunsten des Beschwerdeführers lediglich die Provisionszahlung nach dem
Entstehungsprinzip auf die Monate verteilt, in denen er gearbeitet hat.
Material- und Warenkosten im Sinne der voranstehenden Ausführungen hatte der
Beschwerdeführer offenbar keine und dementsprechend auch nicht geltend gemacht.
Die Beschwerdegegnerin hat ihm den Pauschalabzug von 20% gewährt. Die vom
Beschwerdeführer angeführten weiteren Gewinnungskosten können nicht
berücksichtigt werden. Anzumerken ist, dass die vom Beschwerdeführer getätigten
Investitionskosten, z.B. für die Anschaffung eines Laptops oder Druckers, generell nicht
abgezogen werden könnten.
3.5.
Als Zwischenfazit ist nach dem Gesagten festzuhalten, dass der Beschwerdeführer
mit seiner selbständigen Erwerbstätigkeit einen Zwischenverdienst erzielt hat. Selbst
wenn er kein Einkommen generiert hätte, wäre ihm bereits ab Beginn seiner
selbständigen Erwerbstätigkeit ein berufs- und ortsüblicher Lohn anzurechnen
gewesen, sodass er sich einen hypothetischen Zwischenverdienst hätte anrechnen
lassen müssen.
3.6.
Die Beschwerdegegnerin macht geltend, dass sie dem Beschwerdeführer zu viel
Arbeitslosenentschädigung ausbezahlt habe, da sie keine Kenntnis über seine
selbständige Erwerbstätigkeit gehabt habe. Sie fordert den entsprechenden Betrag
deshalb von ihm zurück.
4.1.
Nach Art. 95 Abs. 1 AVIG in Verbindung mit Art. 25 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) sind
unrechtmässig bezogene Leistungen zurückzuerstatten. Eine Leistung in der
Sozialversicherung ist nach ständiger bundesgerichtlicher Rechtsprechung nur
zurückzuerstatten, wenn in verfahrensrechtlicher Hinsicht entweder die für die
(prozessuale) Revision oder die für die Wiedererwägung erforderlichen
Voraussetzungen erfüllt sind. Gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG müssen formell
rechtskräftige Verfügungen und Einspracheentscheide in Revision gezogen werden,
4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wenn die versicherte Person oder der Versicherungsträger nach deren Erlass
erhebliche neue Tatsachen entdeckt oder Beweismittel auffindet, deren Beibringung
zuvor nicht möglich war. Nach Art. 53 Abs. 2 ATSG kann der Versicherungsträger
wiedererwägungsweise auf formell rechtskräftige Verfügungen zurückkommen, wenn
diese zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung
ist.
Den formell rechtskräftigen Verfügungen gleichgestellt sind auch die im formlosen
Verfahren ergangenen Entscheide, soweit sie eine mit dem Ablauf der Beschwerdefrist
bei formellen Verfügungen vergleichbare Rechtsbeständigkeit erreicht haben.
Taggeldabrechnungen der Arbeitslosenversicherung, die nicht in die Form einer
formellen Verfügung gekleidet werden, weisen materiell Verfügungscharakter auf (Urteil
des Bundesgerichts vom 14. Juli 2003, C 7/02, E. 3.1; BGE 125 V 475 E. 1 mit
Hinweis). Sind formell oder formlos zugesprochene Leistungen noch nicht rechtskräftig
geworden, kann die Verwaltung innert der Rechtsmittelfrist (30 Tage) darauf
zurückkommen, ohne dass – wie dies im Falle des Zurückkommens auf rechtskräftige
Verfügungen verlangt wird – die Voraussetzungen für eine Wiedererwägung oder
Revision erfüllt sein müssen. Zu einem späteren Zeitpunkt bedarf demnach das
Zurückkommen auf eine faktische Verfügung, z.B. auf eine Taggeldabrechnung, eines
Rückkommenstitels in Form einer Wiedererwägung oder einer prozessualen Revision
(Urteil C 7/02 E. 3.1; BGE 129 V 110 E. 1.2.1). Die Frist von 30 Tagen läuft ab Erlass der
zu berichtigenden Verfügung oder ab Leistungsausrichtung (vgl. Kreisschreiben des
Seco über Rückforderung, Verrechnung, Erlass und Inkasso [AVIG-Praxis RVEI], Januar
2020, Rz A3).
4.3.
Nachdem die Rückerstattung am 14. November 2019 verfügt wurde (act. G3.1/50),
ist die Beschwerdegegnerin offenkundig nicht innerhalb von 30 Tagen nach deren
jeweiliger Auszahlung auf die Leistungsabrechnungen zurückgekommen. Demnach
muss ein Rückkommenstitel gemäss Art. 53 ATSG gegeben sein.
4.4.
Ob die Unrichtigkeit im Sinne von Art. 53 Abs. 2 ATSG zweifellos ist und eine
Wiedererwägung rechtfertigt, beurteilt sich nicht nach der Grobheit des Fehlers.
Massgebend muss vielmehr das Ausmass der Überzeugung sein, dass die bisherige
Entscheidung unrichtig war. Es darf kein vernünftiger Zweifel daran möglich sein, dass
eine Unrichtigkeit vorliegt (Kieser, a.a.O., Art. 53 N 59). Eine Wiedererwägung kann des
Weiteren nur dann vorgenommen werden, wenn die infrage stehende Korrektur
erheblich ist. Eine erhebliche Bedeutung ist nach der Rechtsprechung dann
anzunehmen, wenn ein Betrag von mehr als einigen Hundert Franken auf dem Spiel
steht (Kieser, a.a.O., Art. 53 N 65 f.).
4.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Vorliegend waren aufgrund der Tatsache, dass der Beschwerdeführer spätestens
ab Juni 2018 selbständig erwerbstätig war (siehe vorstehende Erwägungen) und ihm
demnach ab diesem Zeitpunkt zumindest ein hypothetisches (branchen- und
ortsübliches) Einkommen anzurechnen gewesen wäre, die ausgerichteten Leistungen
zweifellos zu hoch und damit unrichtig. Die Differenz zwischen den Leistungen an den
Beschwerdeführer und dessen tatsächlicher Ansprüche ist angesichts des
Rückforderungsbetrags von Fr. 7'177.05 ohne Weiteres als erheblich anzusehen. Damit
sind die Voraussetzungen für eine Wiedererwägung erfüllt. Die zu viel ausbezahlten
Leistungen sind somit zurückzuerstatten.
4.6.
Es bleibt zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin den Beschwerdeführer zu Recht
wegen einer Meldepflichtverletzung für die Kontrollperiode August 2019 in der
Anspruchsberechtigung eingestellt hat.
5.1.
Nach Art. 30 Abs. 1 lit. e AVIG ist die versicherte Person in der
Anspruchsberechtigung einzustellen, wenn sie unwahre oder unvollständige Angaben
gemacht oder in anderer Weise die Auskunfts- oder Meldepflicht verletzt hat. Der
Einstellungstatbestand von Art. 30 Abs. 1 lit. e AVIG ist stets erfüllt, wenn eine
versicherte Person die der Kasse, dem RAV oder der kantonalen Behörde
einzureichenden Formulare nicht wahrheitsgetreu oder unvollständig ausfüllt. Der
Einstellungsgrund von Art. 30 Abs. 1 lit. e AVIG umfasst somit jede Verletzung der
Pflicht der versicherten Person zu wahrheitsgemässer und vollständiger Auskunft sowie
zur Meldung aller leistungsrelevanten Tatsachen. Unerheblich ist, ob die falschen oder
unvollständigen Angaben für die Ausrichtung der Versicherungsleistungen oder deren
Bemessung kausal sind (BGE 123 V 150 E. 1b mit Hinweis). Auch eine fahrlässige
Meldepflichtverletzung erfüllt den Tatbestand von Art. 30 Abs. 1 lit. e AVIG; Absicht ist
nicht vorausgesetzt (vgl. dazu Jacqueline Chopard, Die Einstellung in der
Anspruchsberechtigung, Diss. Zürich 1998, S. 53). Die Einstellung in der
Anspruchsberechtigung gemäss Art. 30 AVIG hat nicht den Charakter einer Strafe im
Sinne des Strafrechts, sondern denjenigen einer verwaltungsrechtlichen Sanktion mit
dem Zweck, der Gefahr missbräuchlicher Inanspruchnahme der
Arbeitslosenversicherung zu begegnen (ARV 1993/1994 Nr. 1 S. 22 E. 3d).
5.2.
Der Beschwerdeführer hat die Frage, ob er eine selbständige Erwerbstätigkeit
ausgeübt habe, auf dem Formular "Angaben der versicherten Person" für die
Kontrollperiode August 2019 verneint. Dieses Formular ist auf den 24. August 2019
datiert (act. G3.1/62). Auf der Excel-Aufstellung für den Monat August 2019 hatte der
5.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer indes für den 26. August 2019 vermerkt: "B._" und dazu unter
"Auto km" 600 und unter "Verpflegung" 15 angegeben (act. G3.1/42). Die Excel-
Aufstellung reichte er der Beschwerdegegnerin im September 2019 ein (vgl.
act. G3.1/41 und G3.1/53), nachdem diese ihn aufgefordert hatte, detailliert Auskunft
über seine Geschäftstätigkeit zu erteilen und entsprechende Belege einzureichen (vgl.
act. G3.1/40). Mit der von ihm selbst erstellten Excel-Aufstellung wies der
Beschwerdeführer somit entgegen seinen Angaben auf dem Formular eine
selbständige Erwerbstätigkeit im August 2019 aus. Die Angaben auf dem Formular
erweisen sich somit als unzutreffend.
Zwar macht der Beschwerdeführer später geltend, er sei ohnehin auf dem Weg zu
seinem Sohn an den B._ vorbeigekommen, habe Ferien gehabt, die Kontaktperson
von früher gekannt und der eigentliche Besuch habe maximal 45 Minuten gedauert. Er
habe das nicht als Arbeit erachtet und demzufolge nicht im Fragebogen angegeben
(act. G3.1/58). Diese und ähnliche Äusserungen des Beschwerdeführers stehen indes
im Widerspruch zu seiner Excel-Aufstellung, in welcher er nicht nur eine beachtliche
Fahrstrecke von 600 km angegeben, sondern auch Kosten für die Verpflegung von
Fr. 15.-- eingesetzt hat. Hätte er, wie er im Nachhinein geltend macht, als Privatperson
gehandelt und ohne Geschäftsinteresse nur einen Zwischenstopp bei einem Bekannten
eingelegt, so hätte er weder einen Fahrtweg noch Verpflegung für einen nicht einmal
eine Stunde dauernden Besuch in die Aufstellung seiner Aufwendungen aufnehmen
dürfen. Einen blossen Privatbesuch bei einem Bekannten hätte er auch nicht unter dem
Namen der GmbH beschrieben, bei der dieser tätig ist. Es handelte sich also nicht um
eine Freizeitaktivität, sondern um einen geschäftlichen Besuch im Rahmen einer
selbständigen Erwerbstätigkeit im voranstehend definierten Sinne (siehe E. 1.3
vorstehend). Es ist daher festzustellen, dass der Beschwerdeführer im August 2019
eine selbständige Erwerbstätigkeit ausgeübt hat.
5.4.
Daran ändert nichts, dass der Beschwerdeführer diesen Besuch in einem Zeitraum
machte, für den er beim RAV Ferien angemeldet hatte (vgl. act. G3.1/31). Bei solchen
Ferien handelt es sich um kontrollfreie Bezugstage. Die vorangemeldeten kontrollfreien
Tage gelten auch dann als bezogen, wenn sie ohne entschuldbaren Grund nicht
angetreten worden sind (Art. 27 Abs. 3 AVIV). Vorliegend hat der Beschwerdeführer den
Besuch bei den B._ am 26. August 2019 aber mit dem Besuch bei Verwandten in
C._ verbunden und stand der Arbeitsvermittlung an jenem Tag nicht zur Verfügung.
Er musste daher für diesen Tag Ferien eingeben und hat folglich einen kontrollfreien
Tag bezogen. Die versicherte Person muss während kontrollfreier Tage nicht
vermittlungsfähig sein, jedoch die übrigen Anspruchsvoraussetzungen weiterhin
5.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erfüllen (Art. 27 Abs. 1 AVIV). Ist sie, wie vorliegend der Beschwerdeführer, während
der kontrollfreien Tage erwerbstätig, so muss sie dies also gegenüber der Kasse
deklarieren. Unerheblich ist, wieviel Zeit der Beschwerdeführer auf seine
Erwerbstätigkeit verwandt hat. Die Frage im Formular "Angaben der versicherten
Person" ist klar formuliert und lässt keine Abstufung aufgrund zeitlicher Kriterien oder
der aufgewendeten Mittel (Spesen) zu.
Der Beschwerdeführer macht geltend, er habe seinen Besuch in den B._ in der
Excel-Aufstellung angegeben und somit nichts verheimlicht (act. G3.1/53). Auch eine
fahrlässige Auskunfts- und Meldepflichtverletzung erfüllt indes den Tatbestand von
Art. 30 Abs. 1 lit. e AVIG. Eine Grobfahrlässigkeit wird nicht vorausgesetzt; bereits eine
leichte Fahrlässigkeit hat eine Einstellung in der Anspruchsberechtigung zur Folge (vgl.
BGE 124 V 225 E. 4d). Eine leichte Fahrlässigkeit ist schon bei einer geringfügigen
Verletzung der Sorgfaltspflicht gegeben. Eine solche geringfügige Verletzung liegt vor,
wenn die versicherte Person vom Sorgfaltsmassstab, den eine gewissenhafte Person in
einer vergleichbaren Lage bei der Erfüllung ihrer Aufgaben beachten würde, abweicht
(vgl. zur Abgrenzung zwischen Vorsatz und Fahrlässigkeit Chopard, a.a.O., S. 50 mit
Hinweisen).
5.6.
Vorliegend gab der Beschwerdeführer seinen Besuch bei den B._ in seiner
Excel-Aufstellung an. Diese Aufstellung erstellte er eigens, um die für seine
Vermittlertätigkeit angefallenen Kosten für die Beschwerdegegnerin zu dokumentieren.
Ihm hätte daher bei pflichtgemässer Aufmerksamkeit klar sein müssen, dass er
dementsprechend auch auf dem Formular "Angaben der versicherten Person" für den
August 2019 hätte angeben müssen, dass er selbständig erwerbstätig war. Der
Beschwerdeführer hätte diese Frage umso sorgfältiger beantworten müssen, als im
August 2019 bereits das Verfahren betreffend Rückforderung der zu viel bezahlten
Leistungen im Gange war. Die Beschwerdegegnerin hatte ihn insbesondere mit
Schreiben vom 8. August 2019 im Zusammenhang mit dem Formular "Bescheinigung
über Zwischenverdienst" darüber informiert, dass er die für die selbständige Tätigkeit
aufgewendeten Stunden pro Tag ausweisen müsse, unabhängig davon, ob er für die
Arbeitsleistung bereits eine Bezahlung erhalten habe (act. G3.1/34). Der
Beschwerdeführer hätte deshalb erkennen müssen, dass er die selbständige
Erwerbstätigkeit gegenüber der Beschwerdeführerin schon im Formular "Angaben der
versicherten Person" hätte deklarieren müssen, auch wenn diese zeitlich auf 45
Minuten begrenzt war und daraus kein Geschäftsabschluss oder auch nur weitere
Geschäftsbeziehungen resultierten. Indem er den Besuch in der Excel-Aufstellung über
seine beruflichen Aufwendungen notierte, zeigte der Beschwerdeführer schliesslich
5.7.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
auch, dass er sich darüber im Klaren war, dass es sich hierbei um eine Aufwendung im
Zusammenhang mit seiner selbständigen Erwerbstätigkeit handelte. Unter Anwendung
der gebotenen Sorgfalt hätte er also auch im Formular "Angaben der versicherten
Person" korrekt angeben können und müssen, dass er im August 2019 selbständig
erwerbstätig war. Nachdem er die entsprechende Frage zumindest leichtfahrlässig
unrichtig beantwortete, hat die Beschwerdegegnerin zu Recht eine Einstellung in der
Anspruchsberechtigung verfügt.
Schliesslich ist zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin die Meldepflichtverletzung
zu Recht mit fünf Einstelltagen sanktioniert hat. Die Dauer der Einstellung bemisst sich
nach dem Grad des Verschuldens (Art. 30 Abs. 3 AVIG) und beträgt je
Einstellungsgrund ein bis 15 Tage bei leichtem, 16 bis 30 Tage bei mittelschwerem und
31 bis 60 Tage bei schwerem Verschulden (Art. 45 Abs. 3 AVIV).
6.1.
Zu Gunsten des Beschwerdeführers ist anzuführen, dass er den Besuch bei den
B._ zwar nicht zum Vornherein auf dem Formular "Angaben der versicherten
Person", indes im Nachhinein in seiner Excel-Aufstellung gegenüber der
Beschwerdegegnerin angegeben hat. Insofern sind seine Ausführungen, wonach er
diesen Besuch nicht absichtlich verheimlichen wollte, glaubhaft. Dies lässt eine
Einordnung des Verschuldens als leicht im Sinne von Art. 45 Abs. 3 lit. a AVIV zu. Der
Beschwerdeführer muss sich jedoch entgegenhalten lassen, dass er die Frage nach
seiner selbständigen Erwerbtätigkeit aufgrund der laufenden Abklärungen über seinen
Zwischenverdienst besonders sorgfältig hätte beantworten müssen. Zudem musste
ihm klar sein, dass auf die Richtigkeit der Angaben auf dem Formular "Angaben der
versicherten Person" grossen Wert gelegt wird. Einerseits findet sich auf jedem
Formular der Hinweis, dass unwahre oder unvollständige Angaben zum
Leistungsentzug und zu einer Strafanzeige führen können (vgl. act. G3.1/62).
Andererseits hatte der Beschwerdeführer bereits für die Kontrollperioden Juni und
Oktober 2018 versehentlich unrichtige Angaben auf den jeweiligen Formularen
gemacht, wurde jeweils von der Beschwerdegegnerin damit konfrontiert und musste
diese richtigstellen, auch wenn er dem RAV gegenüber bereits korrekte Angaben
gemacht hatte (vgl. act. G3.1/24 und G3.1/27 f.) Auch deshalb hätte ihm bewusst sein
müssen, dass er nicht von der richtigen und vollständigen Ausfüllung des Formulars
entbunden ist. Auch dann nicht, wenn er das RAV bereits informiert hatte. Die verfügte
Einstellung von fünf Tagen liegt im unteren Bereich des in der Verordnung
vorgesehenen Sanktionsrahmens von bis zu 15 Tagen und ist somit nach dem
Gesagten nicht zu beanstanden.
6.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.