Decision ID: e991afb0-4f9a-4493-bf96-d887c673c7cc
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_999
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Justizgericht entnimmt den Akten:
1.
Der Präsident des Bezirksgerichts Zofingen schrieb mit Entscheid vom 30. April
2021 das zwischen A. als Klägerin und der B. als Beklagte geführte mietrechtliche
Verfahren VZ.2020.25 als durch Vereinbarung erledigt ab (Dispositiv-Ziffer 1),
wies die Gerichtskasse Zofingen zur Auszahlung der bei ihr im Rahmen des Ver-
fahrens MI.2020.50 hinterlegten Mietzinse an die Beklagte an (Dispositiv-Ziffer 2),
verteilte die Kosten hälftig zulasten der Parteien (Dispositiv-Ziffer 3) und schlug
die Parteikosten wett (Dispositiv-Ziffer 4).
2.
Am 6. Mai 2021 überbrachte A. dem Bezirksgericht Zofingen ein zunächst unbe-
gründetes Revisionsgesuch, das sie – nach Erhalt des Protokolls der Verhandlung
vom 30. April 2021 – mit am 20. Mai 2021 überbrachter Eingabe begründete. Mit
ebenfalls am 20. Mai 2021 überbrachter Eingabe vom 19. Mai 2021 beantragte
sie den Ausstand von Gerichtspräsident C. sowie von Gerichtsschreiberin D.. Ge-
richtspräsident C. leitete in der Folge das Ausstandsgesuch mitsamt einer ableh-
nenden Stellungnahme am 28. Juni 2021 an das Obergericht des Kantons Aargau
weiter.
3.
Mit Entscheid ZVE.2021.24 vom 27. August 2021 wies das Obergericht des Kan-
tons Aargau das gegen Gerichtspräsident C. gerichtete Ausstandsgesuch ab. Auf
das gegen Gerichtsschreiberin D. gerichtete Ausstandsgesuch trat es mangels
Zuständigkeit nicht ein.
4.
4.1.
Mit Eingabe vom 9. September 2021 (versandt an diesem Datum) erhob A. beim
Justizgericht Beschwerde gegen den Entscheid des Obergerichts des Kantons
Aargau vom 27. August 2021. Sie beantragt, es sei dieser Entscheid aufzuheben
und dem Ausstandsgesuch stattzugeben. Zudem «sei eine unabhängige Gerichts-
person zu benennen, welche zur Fortsetzung des Verfahrens die nötigen rechtli-
chen Anforderungen aufweist», und in der Sache neu zu entscheiden. Eventualiter
«sei die Sache an die Vorinstanz zur Entscheidung zurückzuweisen mit weiteren
Vorgaben zur Behandlung der Sache» (Ziff. 1). Des Weiteren wird beantragt, der
«Entscheid sei durch grobe Mängel und Gefährdung der Rechtssicherheit aufzu-
heben, weil die Verfahrenserledigung angefochten wird» (Ziff. 2). Sodann seien
die Kosten des Beschwerdeverfahrens «der Beschwerdegegnerin
oder dem Kanton/Staat aufzuerlegen» (Ziff. 3). Schliessich «sei eine Fristwieder-
herstellung oder eine angemessene Nachfrist zur Vervollständigung zu gewäh-
ren». Im Falle der Zuständigkeit der Vorinstanz «sei das Gesuch an diese weiter-
zuleiten und das Verfahren bis zum Entscheid über die Wiederherstellung der Frist
zu sistieren». Bei Abweisung des Fristwiederherstellungsgesuchs sei die Be-
schwerde «so zu behandeln wie vorliegend unter der angemessenen Beachtung
der Fristfehler der Vorinstanz» (Ziff. 4).
4.2.
Mit weiterer Eingabe vom 13. September 2021 (versandt am 14. September 2021)
reichte A. verschiedene Ergänzungen zur Beschwerde vom 9. September 2021
ein. Darin weist sie zum einen auf den Tippfehler in ihrer Absenderadresse hin.
Zum anderen ergänzt sie ihre Beschwerdeschrift mit der Nennung einer Reihe von
- 3 -
kantonal-, bundes- sowie menschenrechtlichen Bestimmungen, die ihrer Ansicht
nach missachtet worden seien. Darüber hinaus erweitert sie verschiedene Teile
der Beschwerdebegründung, insbesondere bezüglich der Akteneinsicht in das
Protokoll, der Stellungnahme des Gerichtspräsidenten im vorinstanzlichen Verfah-
ren sowie der vorinstanzlichen Auskunft zur Rechtsmittelfrist.
5.
Die verfahrensleitende Justizrichterin stellte die Beschwerde vom 9. September
2021 sowie die Ergänzung vom 13. September 2021 am 27. September 2021 der
Vorinstanz sowie Gerichtspräsident C. zur Stellungnahme sowie zur Einreichung
der Vorakten zu. Mit Verfügung vom 29. September 2021 übermittelte die Vo-
rinstanz die Verfahrensakten. Auf die Erstattung einer Stellungnahme verzichtete
sie explizit und unter Hinweis auf die Erwägungen zum angefochtenen Entscheid.
Gerichtspräsident C. reichte das Dossier VZ.2021.32 mit Schreiben vom 30. Sep-
tember 2021 ein. Unter Hinweis auf seine Stellungnahme im vorinstanzlichen Ver-
fahren verzichtete er ebenfalls ausdrücklich auf eine Vernehmlassung.
Die beiden vom 29. sowie vom 30. September 2021 datierenden Schreiben wur-
den der Beschwerdeführerin am 25. Oktober 2021 zugestellt.
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Das Justizgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Nach § 38 Abs. 1 lit. e des Gerichtsorganisationsgesetzes (GOG) vom 6. Dezem-
ber 2011 (SAR 155.200) entscheidet das Justizgericht über Beschwerden gegen
Entscheide des Obergerichts betreffend Ausstandsbegehren, soweit der Weiter-
zug an das Bundesgericht einen Entscheid einer kantonalen Rechtsmittelinstanz
voraussetzt.
Eine solche Konstellation liegt hier vor. Das Bundesgericht kann im vorliegenden
Kontext mittels Beschwerde in Zivilsachen (Art. 72 ff. des Bundesgesetzes über
das Bundesgericht [Bundesgerichtsgesetz, BGG] vom 17. Juni 2005
[SR 173.100]) angerufen werden. Gemäss Art. 75 Abs. 2 BGG setzen die Kantone
als letzte kantonale Instanzen obere Gerichte ein. Diese entscheiden – vorbehält-
lich der in lit. a–c genannten Konstellationen, die vorliegend nicht einschlägig sind
– als Rechtsmittelinstanzen. Beschwerden in Zivilsachen an das Bundesgericht
sind daher – vorliegend nicht einschlägige Ausnahmen vorbehalten – nur zulässig,
wenn auf kantonaler Ebene mindestens zwei Instanzen über eine Sache entschie-
den haben. In casu hat das Obergericht als erste Instanz entschieden. Aufgrund
des Prinzips des doppelten Instanzenzugs muss daher zwingend das Justizgericht
als kantonale Rechtsmittelinstanz agieren (siehe auch die Botschaft des Regie-
rungsrats des Kantons Aargau an den Grossen Rat betreffend Änderung des Ge-
richtsorganisationsgesetzes [GOG] vom 20. Februar 2019 [Bericht und Entwurf
zur 1. Beratung], S. 47 f.; zum Erfordernis des doppelten Instanzenzugs auch Ur-
teil des Bundesgerichts 4A_263/2018 vom 9. Juli 2018, E. 1).
Somit ist das Justizgericht zur Beurteilung der Beschwerde vom 9. September
2021 zuständig.
1.2.
Das Justizgericht entscheidet letztinstanzlich und mit voller Kognition. Im Übrigen
gelten die Bestimmungen über die Verwaltungsrechtspflege sinngemäss (§ 38
Abs. 3 GOG).
Die Vorinstanz verweist in ihrer Rechtsmittelbelehrung auf Art. 321 Abs. 2 der
Schweizerischen Zivilprozessordnung (Zivilprozessordnung, ZPO) vom 19. De-
zember 2008 (SR 272), wonach bei der Anfechtung von im summarischen Ver-
fahren ergangenen Entscheiden sowie von prozessleitenden Verfügungen die Be-
schwerdefrist zehn Tage beträgt, sofern das Gesetz nichts anderes bestimmt.
Es stellt sich daher zunächst die Frage, ob aufgrund des Verweises in § 38 Abs. 3
GOG die dreissigtägige Frist von § 44 Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungs-
rechtspflege (Verwaltungsrechtspflegegesetz, VRPG) vom 4. Dezember 2007
(SAR 271.200) zum Tragen kommt oder ob die Rechtsmittelbelehrung der Vo-
rinstanz zutreffend ist. Gemäss Art. 50 Abs. 2 ZPO ist der gerichtliche Entscheid
über geltend gemachte Ausstandsgründe mittels Beschwerde anfechtbar. Diese
Bestimmung verlangt somit nicht nur eine Anfechtungsmöglichkeit, sondern nennt
auch das einschlägige Rechtsmittel, nämlich die Beschwerde. Daran anknüpfend
spricht auch § 38 Abs.1 lit. e GOG explizit von der Beschwerde. Daraus resultiert,
dass in den Konstellationen von § 38 Abs. 1 lit. e GOG aufgrund des Grundsatzes
der derogatorischen Kraft des Bundesrechts Abs. 3 Satz 2 nicht zur Anwendung
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gelangt, sondern die Verfahrensbestimmungen der zivilprozessualen Beschwerde
(Art. 319 ff. ZPO) zu beachten sind.
Da bei Streitigkeiten über Ausstandsgründe das summarische Verfahren zum Tra-
gen kommt (statt vieler STEPHAN WULLSCHLEGER, in: Thomas Sutter-Somm/Franz
Hasenböhler/Christoph Leuenberger [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Zi-
vilprozessordnung (ZPO), Zürich/Basel/Genf 2016, Art. 50 Rz. 5), beträgt die Be-
schwerdefrist somit 10 Tage (Art. 321 Abs. 2 ZPO).
Der angefochtene Entscheid wurde der Beschwerdeführerin am 30. August 2021
zugestellt. Die Beschwerde vom 9. September 2021 ist daher innert Frist erhoben
worden. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist somit einzu-
treten.
Der vorliegende Entscheid ist auf dem Zirkularweg ergangen.
2.
2.1.
Die Beschwerdeführerin beantragt in formeller Hinsicht, es «sei eine Fristwieder-
herstellung oder eine angemessene Nachfrist zur Vervollständigung zu gewäh-
ren». Im Falle der Abweisung des Fristwiederherstellungsgesuchs sei ihre Be-
schwerde «so zu behandeln wie vorliegend unter der angemessenen Beachtung
der Fristfehler der Vorinstanz» (Ziff. 4). In der Begründung führt sie diesbezüglich
aus, die «Rechtsmittelfrist des Entscheides und Angaben der Instanz» seien «wi-
dersprüchlich» (S. 12).
Unbestritten und auch von der Beschwerdeführerin anerkannt ist in diesem Kon-
text, dass die Rechtsmittelfrist im angefochtenen Entscheid auf zehn Tage festge-
legt ist. Die Beschwerdeführerin hat im angefochtenen Entscheid somit eine kor-
rekte Rechtsmittelbelehrung erhalten.
In der Begründung führt sie allerdings aus, sie habe «mehrmals mit dem Oberge-
richt telefoniert und jedes Mal die Auskunft bekommen, dass die Rechtsmittelfrist
am 29. September 2021 enden würde mit 30 Tagen Rechtsmittelfrist». Die Vo-
rinstanz habe «durch die Falscheingabe der Rechtsmittelfrist mehrmals eine fal-
sche telefonische Auskunft gegeben» nach der sie sich gerichtete habe (S. 12).
2.2.
Der angefochtene Entscheid enthält eine korrekte Rechtsmittelbelehrung unter
Angabe der zutreffenden Rechtsmittelfrist. Diese Frist war der Beschwerdeführe-
rin vom Moment der Zustellung an bekannt. Abgesehen davon, dass es sich bei
den Hinweisen auf die mehrmaligen Telefonate mit dem Obergericht um reine Be-
hauptungen handelt, die nicht weiter belegt oder konkretisiert werden, wäre die
Beschwerdeführerin in ihrem Vertrauen darauf auch nicht zu schützen (zu den
Voraussetzungen des Vertrauensschutzes statt vieler ULRICH HÄFELIN/GEORG
MÜLLER/FELIX UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 8. Aufl., Zürich/St. Gallen
2020, Rz. 627 ff.). Es muss auch einem juristischen Laien klar sein, dass die