Decision ID: 24336b43-b86d-41a7-a2fd-a88659c0521e
Year: 2021
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_001
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt:
1. Am 8. April 2021 liess A._ dem Verwaltungsgericht des Kantons
Graubünden (nachfolgend Verwaltungsgericht) eine E-Mail mit diversen
Anträgen zugehen. Das Verwaltungsgericht wies diese Eingabe am
9. April 2021 wegen Formmängeln und (mutmasslich) mangelnder
Zuständigkeit ebenfalls per E-Mail zurück. Gleichentags antwortete
A._ erneut mit einer E-Mail, welche das Verwaltungsgericht
unbeantwortet liess.
2. A._ (nachfolgend Kläger) reichte am 21. April 2021 beim
Verwaltungsgericht eine Staatshaftungsklage ein und verlangte
Schadenersatz für seine (angeblich) rechtswidrig erfolgte fürsorgerische
Unterbringung (FU) in der Höhe von "50'000" pro Tag für die Dauer vom
6. bis 12. April 2021 mit Nachklagevorbehalt, alles unter Kosten- und
Entschädigungsfolge. Zur Begründung verwies er auf die beigelegte
Anordnung des Arztes des Kantonsspitals D._ und seine (mittlerweile
unterzeichnete) Eingabe vom 8. April 2021; dort verlangte der Kläger
neben dem Schadenersatz die unverzügliche Auflösung des
fürsorgerischen Freiheitsentzugs und die Wiederherstellung seiner
Bewegungsfreiheit. Aus der ärztlichen Anordnung vom 6. April 2021 geht
hervor, dass der Patient am 28. März 2021 per FU in die Klinik B._
zugewiesen wurde, von wo aus er vor der geplanten Verlegung nach
C._ entflohen sei, angeblich, weil er in der Klinik B._ keine
Medikamente und kein Essen erhalten habe sowie auf dem Boden habe
schlafen müssen. Beim Patienten wurde nach seiner Aufgreifung im
Kantonsspital D._ eine (bekannte) paranoide Schizophrenie
festgestellt, aktuell mit Wahnvorstellungen, Renitenz und geringer
Nahrungszuführung sowie damit einhergehender Selbstgefährdung, so
dass die FU in die Psychiatrischen Dienste Graubünden (PDGR), Klinik
E._ in C._, verfügt wurde.
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3. Am 8. April 2021 stellte A._ bei den PDGR das Gesuch um
Entlassung. Mit Schreiben vom 9. April 2021 lehnte diese das
Entlassungsgesuch von A._ aufgrund medizinisch indizierter
Fortsetzung der stationären psychiatrischen Behandlung ab. Gegen den
ablehnenden Entscheid der PDGR reichte A._ in der Folge beim
Verwaltungsgericht des Kantons D._ Beschwerde ein.
4. Wie im Nachfolgenden zu zeigen ist, erübrigte es sich im vorliegenden
Verfahren, die Klage den PDGR (nachfolgend Beklagte) zur
Stellungnahme zugehen zu lassen.

II. Der Einzelrichter zieht in Erwägung:
1. Gemäss Art. 1 Abs. 1 lit. a – c i.V.m. Art. 2 des Gesetzes über die
Staatshaftung (Staatshaftungsgesetz, SHG; BR 170.050), unterstehen der
Kanton, die Regionen und Gemeinden sowie die übrigen öffentlich-
rechtlichen Körperschaften und deren selbstständige Anstalten
(Gemeinwesen), die Organe der Gemeinwesen resp. Behörden und die in
ihrem Dienst stehenden Personen bei der Ausübung einer dienstlichen
Tätigkeit dem SHG. Nach Art. 6 Abs. 1 SHG i.V.m. Art. 63 Abs. 1 lit. c des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR 370.100) beurteilt
das Verwaltungsgericht im Klageverfahren Entschädigungsansprüche aus
dem Staatshaftungsgesetz. Die PDGR sind eine selbständige Anstalt des
kantonalen öffentlichen Rechts mit Sitz in C._ und die Klinik E._
der PDGR gilt als öffentliches psychiatrisches Spital (Art. 6 Abs. 2 Gesetz
über die Förderung der Krankenpflege und der Betreuung von betagten
und pflegebedürftigen Personen [Krankenpflegegesetz, KPG; BR
506.000]). Damit sind die PDGR nach Auffassung des streitberufenen
Verwaltungsgerichts in haftungsrechtlicher Hinsicht als selbständige
Anstalt (Gemeinwesen) i.S.v. Art. 1 Abs. 1 lit. a SHG von der
Staatshaftung erfasst. Das angerufene Verwaltungsgericht ist daher örtlich
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und sachlich zuständig für die Beurteilung der vorliegend geltend
gemachten Schadenersatzansprüche des Klägers gegenüber der
Beklagten. Gemäss Art. 64 VRG wird die Klage durch Einreichung beim
Verwaltungsgericht rechtshängig. Nach Art. 65 Abs. 1 VRG sind dabei
vorrangig die Bestimmungen über das Beschwerdeverfahren vor
Verwaltungsgericht (und somit auch Art. 38 VRG bezüglich der
Formerfordernisse an Rechtsschriften; vgl. aber auch Art. 221 Abs. 1 lit. b,
d und e der Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO; SR 272] i.V.m.
Art. 65 Abs. 2 VRG) anwendbar. Die Staatshaftungsklage vom 21. April
2021 erfüllt diese Formerfordernisse: Die Klageschrift beinhaltet klare
Rechtsbegehren (ausser der Währung des Schadenersatzes), so dass
daraus hervorgeht, was der Kläger anbegehrt. Die übrigen
Prozessvoraussetzungen geben keinen Anlass zu weiteren Bemerkungen
(vgl. Art. 50 VRG i.V.m. Art. 65 Abs. 1 VRG bzw. Art. 59 Abs. 2 ZPO i.V.m.
Art. 65 Abs. 2 VRG). Auf die Klage ist somit, soweit sie die Staatshaftung
betrifft, grundsätzlich einzutreten. Soweit der Kläger jedoch die Aufhebung
der fürsorgerischen Unterbringung verlangt, kann darauf mangels
Zuständigkeit nicht eingetreten werden (vgl. Art. 439 Abs. 1 Ziff. 1 und 4
Schweizerisches Zivilgesetzbuch [ZGB; SR 210] i.V.m. Art. 60 Abs. 1
Einführungsgesetz zum Schweizerischen Zivilgesetzbuch [EGzZGB; BR
210.100]).
2. Nach Art. 18 Abs. 3 des Gerichtsorganisationsgesetzes (GOG;
BR 173.000) sowie Art. 43 Abs. 3 lit. b VRG entscheidet das
Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden in einzelrichterlicher
Kompetenz, wenn ein Rechtsmittel offensichtlich unzulässig oder
offensichtlich begründet
oder unbegründet ist. Der vorliegende Entscheid wird in einzelrichterlicher
Kompetenz erlassen, da die Beschwerde – wie nachfolgend aufgezeigt
wird – offensichtlich unbegründet ist.
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3. Nach Art. 6 Abs. 2 SHG haben die Parteien dem Gericht den Sachverhalt
des Rechtsstreits darzulegen, womit im vorliegenden
verwaltungsgerichtlichen Klageverfahren betreffend eine Staatshaftung im
Ergebnis die Verhandlungsmaxime gemäss Art. 55 Abs. 1 ZPO zur
Anwendung gelangt, wonach die Parteien dem Gericht die Tatsachen, auf
die sie ihre Begehren stützen, darzulegen und die Beweismittel
anzugeben haben (vgl. dazu Urteil des Verwaltungsgerichts [VGU] U 16
11 vom 15. März 2019 E.2; VGU U 15 91 vom 13. Juni 2017 E.1g;
Botschaft der Regierung an den Grossen Rat zur Totalrevision des
Gesetzes über die Verantwortlichkeit der Behörden und Beamten und die
Haftung der öffentlich-rechtlichen Körperschaften vom 29. Oktober 1944;
Heft Nr. 11/2006-2007, S. 1368 f.). Denn als lex specialis geht Art. 6
Abs. 2 SHG den (allgemeinen) Verfahrensvorschriften für ein Verfahren
vor Verwaltungsgericht, insbesondere dem Untersuchungsgrundsatz nach
Art. 11 VRG bzw. den auf das Verfahren der verwaltungsgerichtlichen
Beschwerde anwendbaren Vorschriften nach Art. 38 ff. i.V.m. Art. 65
Abs. 1 VRG, vor. Im Klageverfahren gilt damit die Dispositionsmaxime,
d.h. es obliegt in erster Linie dem Kläger, seine Ansprüche darzulegen und
aufzuzeigen, gestützt auf welche Haftungsgrundlagen ihm diese zustehen;
weiter hat er die Widerrechtlichkeit sowie den Bestand und den Umfang
des behaupteten Schadens nachzuweisen. Die Parteien trifft demnach im
Sinne einer Mitwirkungspflicht eine Begründungs- und
Substantiierungspflicht (vgl. PLÜSS in: GRIFFEL [Hrsg.], Kommentar zum
Verwaltungsrechtspflegegesetz des Kantons Zürich, 3. Aufl., Zürich 2014,
§ 7 Rz. 33 f.). Entsprechende Tatsachenbehauptungen sind zudem auch
rechtzeitig geltend zu machen (vgl. Art. 6 Abs. 2 in fine SHG; Art. 229 ZPO
i.V.m. Art. 65 Abs. 2 VRG). Es liegt somit nicht am Gericht, den
Sachverhalt zu erforschen (vgl. dazu auch JAAG, in: GRIFFEL [Hrsg.],
a.a.O., Vorbemerkungen zu §§ 81 – 86 Rz. 20 ff.; MERKER, Die
verwaltungsrechtliche Klage, in: HÄNER/WALDMANN [Hrsg.], Brennpunkte
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im Verwaltungsprozess, Zürich/Basel/Genf 2013, S. 104). Die Beweislast
für haftungsbegründende Tatsachen liegt beim Kläger (siehe dazu PLÜSS,
in: GRIFFEL [Hrsg.], a.a.O., § 7 Rz. 158 f.; BGE 128 III 271 E.2a/aa). Dem
Beklagten steht der Gegenbeweis sowie die üblichen Einreden (z.B.
Verjährungseinrede) offen.
4. Vorliegend beantragt der Kläger mit Eingabe vom 21. April 2021
Schadenersatz von täglich "50'000" für die (angeblich) unrechtmässige
fürsorgerische Unterbringung in den PDGR vom 6. bis 12. April 2021. Der
Kläger weist dabei die Haftungsvoraussetzungen, auf welche er seine
Klage stützt, nicht nach, er adressiert sie nicht einmal. Er legt weder seine
Ansprüche dar noch zeigt er auf, gestützt auf welche Haftungsgrundlagen
ihm diese zustünden. Im Weiteren weist er auch die (angebliche)
Widerrechtlichkeit sowie den Bestand und den Umfang des behaupteten
Schadens nicht nach. Den mangelhaften Nachweis der
Haftungsgrundlagen hat vorliegend alleine der Kläger zu vertreten (s.
Verhandlungsmaxime nach Art. 55 Abs. 1 ZPO und Dispositionsmaxime
nach Art. 58 Abs. 1 ZPO), weshalb er auch die Folgen der Beweislosigkeit
nach Art. 8 ZGB zu tragen hat. Da das Fehlen der Haftungsgrundlagen
bereits zur Abweisung der Klage führt, kann auf weitere Ausführungen
verzichtet werden. Somit erübrigte sich auch das Einholen einer
Klageantwort.
5. Gemäss Art. 29 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft (BV; SR 101) hat jede Person Anspruch auf
unentgeltliche Rechtspflege, wenn ihr Rechtsbegehren nicht aussichtslos
erscheint (BGE 143 I 330 E.3, 122 I 271 E.2a). Der Kläger hat keinen
Antrag um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gestellt. Selbst
wenn ein solcher gestellt worden wäre, müsste dieser jedoch aufgrund der
offensichtlichen Aussichtslosigkeit der Klage abgewiesen werden.
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6.1. Im Rechtsmittelverfahren hat in der Regel die unterliegende Partei die
Kosten zu tragen (Art. 73 Abs. 1 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege [VRG; BR 370.100]). Die Verfahrenskosten
bestehen aus der Staatsgebühr, den Gebühren für die Ausfertigungen und
Mitteilungen des Entscheids sowie den Barauslagen (Art. 75 Abs. 1 VRG).
Die Staatsgebühr beträgt höchstens CHF 20'000.--, sie richtet sich nach
dem Umfang und der Schwierigkeit der Sache sowie nach dem Interesse
und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Kostenpflichtigen (Art. 75
Abs. 2 VRG). Die Spruchgebühr wird im Sinne von Art. 75 Abs. 2 VRG auf
CHF 500.-- festgesetzt und zusammen mit den Kanzleiausgaben dem
Ausgang des Verfahrens entsprechend dem Kläger auferlegt.
6.2. Gemäss Art. 78 Abs. 2 VRG wird Bund, Kanton und Gemeinden sowie mit
öffentlich-rechtlichen Aufgaben betrauten Organisationen in der Regel
keine Parteientschädigung zugesprochen, wenn sie in ihrem amtlichen
Wirkungskreis obsiegen. Davon abzuweichen besteht, da die Beklagte
überdies im vorliegenden Verfahren keine Aufwendungen hatte,
vorliegend kein Anlass, weshalb ihr keine Parteientschädigung
zuzusprechen ist (vgl. zur Qualifikation einer Staatshaftung als amtlicher
Wirkungskreis des Gemeinwesens in einem Verfahren vor Bundesgericht:
Urteil des Bundesgerichts 2C_816/2017 vom 8. Juni 2018 E.5.3).