Decision ID: 053958f4-2c8a-4c89-866e-0dce04a33e4c
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) war seit dem 13. Dezember 2016 als
Montageelektriker bei der C._ AG tätig und dadurch bei der Schweizerischen
Unfallversicherungsanstalt (Suva) gegen die Folgen von Unfällen und Berufskrankheiten
versichert (Suva-act. 3).
A.a.
Am 11. Januar 2017 stürzte der Versicherte bei der Arbeit von einer Leiter und
begab sich gleichentags notfallmässig ins Spital Z._. Die Ärzte diagnostizierten nach
einer CT-Untersuchung der rechten Schulter eine Glenoidfraktur sowie eine Fraktur des
Processus coracoideus Schulter rechts. Weiter zog sich der Versicherte eine
Metacarpale V Schaftfraktur links, eine Ellenbogenkontusion rechts sowie eine
Thoraxkontusion rechts zu (Suva-act. 3, 8, 13). Die Verletzungen wurden konservativ
behandelt und dem Versicherten wurde Physiotherapie verordnet (Suva-act. 11, 13).
Die Suva anerkannte mit Schreiben vom 26. Januar 2017 ihre Leistungspflicht, kam für
die erforderlichen Behandlungsmassnahmen auf und entrichtete Taggelder (Suva-act.
4).
A.b.
Per 28. Februar 2017 wurde dem Versicherten von der C._ AG gekündigt (Suva-
act. 17-2).
A.c.
Dr. med. D._, Leitender Arzt Orthopädie, Spital Z._, attestierte dem
Versicherten mit Sprechstundenbericht vom 16. März 2017 eine 100%-ige
Arbeitsunfähigkeit bis 16. April 2017, danach im Sinne eines Arbeitsversuchs eine
50%-ige Arbeitsfähigkeit (Suva-act. 16).
A.d.
Anlässlich einer Besprechung vom 24. März 2017 mit einem
Aussendienstmitarbeiter der Suva gab der Versicherte an, dass die rechte Schulter nur
A.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sehr langsam heile. Bei jeder Bewegung habe er Schmerzen. In Ruhe gehe es leicht
besser und die Schmerzen seien dann geringer. Das Hauptproblem sei, dass er den
rechten Arm schlecht nach oben, nicht mal auf die Horizontale, bewegen könne. Dieser
blockiere sofort. Auch nach hinten sei die Beweglichkeit enorm eingeschränkt. Er
komme mit dem Arm knapp an die Hosentasche. In der Nacht habe er grosse Mühe
und erwache mehrmals. Dem rechten Ellbogen gehe es viel besser. Er könne diesen
bei leichten Schmerzen wieder normal strecken und beugen. Mit der linken Hand sei
wieder eine normale Faust möglich. Auch diesbezüglich sei der Zustand wieder
ziemlich gut (Suva-act. 15).
Am 4. Mai 2017 wurde an der Radiologie Nordost eine MRT-Untersuchung des
rechten Schultergelenks des Versicherten durchgeführt (Suva-act. 30). Gemäss
Untersuchungsbericht von Dr. D._ vom 9. Mai 2017 zeigte die Rotatorenmanschette
keine Komplettrupturen, allerdings sei die lange Bizepssehne luxiert. Es werde eine
Arthroskopie mit Tenotomie der Sehne empfohlen, welche der Versicherte aber nicht
wünsche. Weiterhin bestehe eine 50%-ige Arbeitsunfähigkeit, vorläufig bis zum 3. Juni
2017 (Suva-act. 31, 33). Mit Bericht vom 12. Juni 2017 wurde dem Versicherten bis 25.
Juni 2017 weiterhin eine 50%-ige, danach eine 30%-ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt
(Suva-act. 36 f.).
A.f.
Mit Beurteilung vom 4. Juli 2017 erachtete der Kreisarzt Dr. med. E._, Facharzt
für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates den
Versicherten ab dem 12. Juni 2017 für 100% arbeitsfähig in leidensadaptierten
Tätigkeiten (Suva-act. 39).
A.g.
Mit Verfügung vom 7. Juli 2017 stellte die Suva die Taggeldleistungen per 17. Juli
2017 ein (Suva-act. 40). Diese Verfügung blieb unangefochten.
A.h.
Bei anhaltenden Beschwerden der rechten Schulter (Suva-act. 52) übernahm die
Suva für zwei weitere Serien die Kosten der Physiotherapie (Suva-act. 53 f.). Mit
Arztbericht vom 24. April 2018 teilte der Hausarzt des Versicherten, Dr. med. F._,
Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, der Suva mit, dass nach längerer Zeit der
Physiotherapie eine ordentliche Verbesserung habe erzielt werden können. Die
Situation sei im Vergleich zum Dezember 2017 in etwa unverändert, jedoch hätten sich
A.i.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Am 7. Januar 2019 wies die Suva die Einsprache ab. Es könne auf das anhand von
DAP-Zahlen ermittelte hypothetische Invalideneinkommen von Fr. 59'301.-- abgestellt
werden, womit bei einem Valideneinkommen von Fr. 65'130.-- ein nicht
rentenbegründender Invaliditätsgrad von 8.95% resultiere. Auch die kreisärztliche
die Ruheschmerzen vollständig gebessert. Leichte Arbeiten in der Horizontalen könne
der Versicherte relativ mühelos durchführen. Überkopfarbeiten seien nicht mehr
möglich. Die Physiotherapie habe zu keinen Verbesserungen geführt, weshalb sie
beendet werde. Im Moment seien keine Therapien indiziert oder erfolgsversprechend
und der Versicherte habe sich mit der Situation abgefunden. Es bestehe dennoch ein
relevanter Gesundheitsschaden (Suva-act. 56).
Am 2. Mai 2018 schätzte Dr. E._ den Integritätsschaden in Bezug auf das rechte
Schultergelenk auf 15% (Suva-act. 58). Mit Beurteilung vom 7. Juni 2018 führte er aus,
dass der Versicherte beim Unfall vom 11. Januar 2017 eine schwere knöcherne
Verletzung des Schultergelenks erlitten habe, die letztendlich zu einer mittelgradig
schmerzhaften Funktionsbeeinträchtigung mit Bewegungslimitierung ab 90 Grad
Abduktion und Elevation sowie zu einer Einschränkung der Rotationsbewegungen
geführt habe. Aufgrund der Unfallfolgen seien dem Versicherten nur noch
leidensadaptierte Tätigkeiten zuzumuten (Suva-act. 61).
A.j.
Mit Verfügung vom 3. Juli 2018 lehnte die Suva bei einem Invaliditätsgrad von
8.95% einen Rentenanspruch ab und sprach dem Versicherten bei einer
Integritätseinbusse von 15% eine Integritätsentschädigung von Fr. 22'230.-- zu (Suva-
act. 66).
A.k.
Gegen diese Verfügung liess der Versicherte, vertreten durch B._, mit Eingabe
vom 24. Juli 2018 Einsprache erheben. Er beantragte darin die Aufhebung der
Verfügung und die Zusprache einer Rente sowie einer höheren
Integritätsentschädigung. Insbesondere bemängelte er bezüglich Rentenanspruch die
Berechnung des Invalideneinkommens bzw. ein Überschreiten des Ermessens der
Suva in Bezug auf dessen Berechnung gestützt auf die Dokumentation von
Arbeitsplätzen (DAP). Bezüglich Integritätsschaden sei die Luxation der Bizepssehne
nicht berücksichtigt worden (Suva-act. 70).
A.l.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schätzung des Integritätsschadens sei in allen Punkten nachvollziehbar, zumal sich die
in der Tabelle aufgeführten Luxationsvarianten auf die gesamte Schulter (Ausrenkung
des Schultergelenks) und nicht auf die Bizepssehne beziehen würden (Suva-act. 91).
C.

Erwägungen
1.
Anfechtungsgegenstand der vorliegenden Beschwerde bildet der Einspracheentscheid
vom 7. Januar 2019 (Suva-act. 91), welchem die Verfügung vom 3. Juli 2018 (Suva-act.
Gegen den Einspracheentscheid liess der Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführer), weiterhin vertreten durch B._ (act. G 3), am 2. Februar 2019
Beschwerde erheben. Der Einspracheentscheid vom 7. Januar 2019 und die Verfügung
vom 3. Juli 2018 seien bezüglich Invalidenrente aufzuheben und der Anspruch auf
Basis des Durchschnitts der Minimallöhne der fünf in der Verfügung ausgewählten DAP
zu berechnen. Eventualiter seien der Einspracheentscheid und die Verfügung
aufzuheben und der Rentenanspruch gestützt auf die Schweizerische
Lohnstrukturerhebung (LSE) festzustellen. Subeventualiter sei der Rentenanspruch neu
durch Auswahl von zwei anderen als der DAP Nr. 637143 und Nr. 7468 aus der Liste
"Gesamtes Suchresultat" mit einer geringeren Lohnspannbreite und auf Basis der sich
ergebenden Durchschnittslöhne zu überprüfen (act. G 1).
C.a.
In der Beschwerdeantwort vom 7. März 2019 beantragte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde (act. G 4).
C.b.
Mit Replik vom 26. März 2019 hielt der Beschwerdeführer unverändert an seinen
Anträgen fest (act. G 6).
C.c.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine umfassende Duplik und reichte am
14. Mai 2019 eine kurze Stellungnahme ein. Am Antrag auf Beschwerdeabweisung hielt
sie unverändert fest (act. G 8).
C.d.
Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie die Ausführungen in
den medizinischen Akten wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.
C.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
66) zugrunde liegt. Mit Einsprache vom 24. Juli 2018 beantragte der Beschwerdeführer
die Ausrichtung einer Invalidenrente sowie eine Erhöhung der Integritätsentschädigung.
Mit Beschwerde ans Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen vom 2. Februar 2019
beantragte der Beschwerdeführer keine höhere Integritätsentschädigung mehr, weder
explizit in den Anträgen (act. G 1 S. 2) noch im Rahmen der Begründung. Damit ist der
Einspracheentscheid, soweit er den verfügten Integritätsschaden von 15% bestätigte,
unangefochten in Rechtskraft erwachsen und bildet nicht Gegenstand des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens. Zwischen den Parteien streitig und zu prüfen ist
damit einzig ein Anspruch auf eine Rente.
2.
Ist die versicherte Person infolge eines Unfalles zu mindestens 10% invalid (Art. 8
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG;
SR 830.1]), hat sie Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Unfallversicherung [UVG; SR 832.20]). Invalidität ist die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads
wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität
und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(sog. Valideneinkommen; Art. 16 ATSG).
2.1.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Für das gesamte Verwaltungs- und
Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der Grundsatz der freien
Beweiswürdigung. Danach haben die Versicherungsträger und das
Sozialversicherungsgericht die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche
Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
In medizinischer Hinsicht ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer beim
Unfallereignis vom 11. Januar 2017 eine schwere knöcherne Verletzung des rechten
Schultergelenks (Glenoidfraktur und Fraktur des Prozessus coracoideus) erlitten hat.
Als Unfallrestfolgen verblieben unbestrittenermassen Funktionsbeeinträchtigungen mit
Bewegungslimitierung ab 90 Grad Abduktion und Elevation sowie eine Einschränkung
der Rotationsbewegungen (Suva-act. 58, 61). Die weiteren erlittenen Verletzungen (an
der Hand links, am Ellbogen rechts, am Thorax rechts; vgl. dazu im Sachverhalt lit. A.b
und A.e) führten zu keinen andauernden Beeinträchtigungen. Nicht in Frage gestellt
wird im Weiteren, dass der kreisärztlichen Beurteilung vom 7. Juni 2018 zu folgen ist,
wonach dem Beschwerdeführer vollzeitig nur noch leichte körperliche, das rechte
Schultergelenk entlastende leidensadaptierte Arbeiten mit einer Gewichtsbelastung bis
zur Horizontalen zuzumuten sind, wobei die körperferne Gewichtsbelastung des
rechten Schultergelenks über Hüfthöhe nur noch gelegentlich bis fünf Kilogramm
betragen darf. Gewichtsbelastungen auf Hüfthöhe dürfen zehn Kilogramm nicht
überschreiten. Nicht mehr zumutbar ist im Weiteren das Steigen und Arbeiten auf
Leitern und Gerüsten aufgrund der eingeschränkten Haltesicherungsfunktion des
rechten Arms, das Arbeiten an vibrierenden Maschinen und Tätigkeiten mit
Stossbelastungen des rechten Schultergelenks (Suva-act. 61). Die kreisärztliche
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung und das kreisärztliche Zumutbarkeitsprofil leuchten beim
vorliegenden Beschwerdebild des Beschwerdeführers ein und es sind den Akten keine
Anhaltspunkte zu entnehmen, aufgrund derer sie in Zweifel zu ziehen wären.
4.
Ausgehend von einer 100%-igen Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit ist im
Rahmen eines Einkommensvergleichs der Invaliditätsgrad zu ermitteln (vgl.
vorstehende E. 2.1). Diesbezüglich ist einzig die Höhe des Invalideneinkommens
umstritten. Unbestritten ist das Valideneinkommen, welches für den relevanten
Zeitpunkt im Jahr 2018 (allfälliger Rentenbeginn) Fr. 65'130.-- beträgt (13 x Fr. 5'010.--;
Suva-act. 62).
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten oder
der Expertin begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen).
Für die Bestimmung des Invalideneinkommens ist primär von der beruflich-
erwerblichen Situation auszugehen, in der die versicherte Person konkret steht. Ist kein
solches tatsächlich erzieltes Erwerbseinkommen gegeben, namentlich, weil die
4.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
versicherte Person nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine
ihr an sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat, so können nach der
Rechtsprechung die LSE-Tabellenlöhne oder die bis 2019 von der Suva erhobenen
sogenannten DAP-Zahlen herangezogen werden (BGE 135 V 297 E. 5.2 mit Hinweisen).
Der Beschwerdeführer erzielte nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses mit der
C._ AG per 28. Februar 2017 (Suva-act. 17-2) – soweit ersichtlich – kein
Erwerbseinkommen mehr. Es ist damit grundsätzlich nicht zu beanstanden, dass die
Beschwerdegegnerin zur Festsetzung des Invalidenlohns DAP-Daten beigezogen hat.
4.2.
Die Ermittlung des Invalideneinkommens gestützt auf DAP-Profile hat sich auf
mindestens fünf zumutbare Arbeitsplätze zu stützen. Zusätzlich sind Angaben zu
machen über die Gesamtzahl der aufgrund der gegebenen Behinderung in Frage
kommenden dokumentierten Arbeitsplätze, über den Höchst- und Tiefstlohn sowie
über den Durchschnittslohn der dem jeweils verwendeten Behinderungsprofil
entsprechenden Gruppe. Damit soll die Überprüfung des Auswahlermessens
ermöglicht werden, und zwar in dem Sinne, dass die Kenntnis der Gesamtzahl der dem
verwendeten Behinderungsprofil entsprechenden Arbeitsplätze sowie des Höchst-,
Tiefst- und Durchschnittslohnes im Bereich des Suchergebnisses eine zuverlässige
Beurteilung der von der Suva verwendeten DAP-Löhne hinsichtlich ihrer
Repräsentativität erlaubt. Das rechtliche Gehör ist dadurch zu wahren, dass die Suva
die für die Invaliditätsbemessung im konkreten Fall herangezogenen DAP-Profile mit
den erwähnten zusätzlichen Angaben auflegt und die versicherte Person Gelegenheit
hat, sich dazu zu äussern. Allfällige Einwendungen der versicherten Person bezüglich
des Auswahlermessens und der Repräsentativität der DAP-Blätter im Einzelfall sind
grundsätzlich im Einspracheverfahren zu erheben, damit sich die Suva im
Einspracheentscheid damit auseinandersetzen kann. Ist die Suva nicht in der Lage, im
Einzelfall den erwähnten Anforderungen zu genügen, kann im Bestreitungsfall nicht auf
den DAP-Lohnvergleich abgestellt werden; die Suva hat diesfalls im
Einspracheentscheid die Invalidität aufgrund der LSE-Löhne zu ermitteln. Im
Beschwerdeverfahren ist es Sache des angerufenen Gerichts, die Rechtskonformität
der DAP-Invaliditätsbemessung zu prüfen, gegebenenfalls die Sache an den
Versicherer zurückzuweisen oder an Stelle des DAP-Lohnvergleichs einen
Tabellenlohnvergleich gestützt auf die LSE vorzunehmen (BGE 139 V 595 f. E. 6.3; vgl.
ferner BGE 129 V 472).
4.3.
Die Beschwerdegegnerin legte das Invalideneinkommen gestützt auf die
geforderten fünf Arbeitsplätze (Nrn. 380783, 4786, 637143, 7468 und 462585; Suva-
act. 63-1) auf Fr. 59'301.-- (durchschnittlicher Lohn dieser fünf DAP-Profile) fest. Die
4.4.
http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2017&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F129-V-472%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page472
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesamtzahl der aufgrund der gegebenen Behinderung in Frage kommenden
dokumentierten Arbeitsplätze beträgt 48 mit einem Durchschnittslohn von Fr. 57'002.--
(Suva-act. 63-1). Der nach Rechtsprechung geforderten Repräsentativität mit 48 DAP-
Profilen ist somit Genüge getan (vgl. Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts
[EVG] vom 19. Juni 2006, U 405/05, E. 4.2).
Der Beschwerdeführer wendet ein, dass die verwendeten DAP-Profile Nrn. 637143
und 7468 nicht dem Zumutbarkeitsprofil entsprechen würden. Bei Nr. 637143 (Suva-
act. 63-12 ff.) werde das Heben und Tragen bis fünf Kilogramm mit "oft" angegeben
und unter "Besonderen Anforderungen" vermerkt "Hände und Arme werden viel
beansprucht". Die starke Beanspruchung der Arme sei keine "das rechte
Schultergelenk entlastende Arbeit" im Sinne des kreisärztlichen Profils. Das Gleiche
gelte für Nr. 7468 (Suva-act. 63-16 ff.). Hier werde das Heben und Tragen bis fünf
Kilogramm mit "sehr oft" angegeben, wobei nicht das Gewicht an sich, sondern die
Intensität und Art der Tätigkeit bedenklich seien. Eine ganztägige, hauptsächlich die
Arme beanspruchende Tätigkeit sei jedenfalls keine das "rechte Schultergelenk
entlastende Arbeit". Entgegen diesen Vorbringen erscheinen jedoch auch die
Arbeitsplätze Nrn. 637143 und 7468 als leidensadaptiert. Sie überschreiten die von Dr.
E._ aufgeführten Gewichtslimiten (Gewichtsbelastung nur bis zur Horizontalen,
körperferne Gewichtsbelastung des rechten Schultergelenks über Hüfthöhe nur noch
gelegentlich bis fünf Kilogramm, Gewichtsbelastungen auf Hüfthöhe nicht über zehn
Kilogramm) nicht. Bei beidhändiger Tätigkeit kann im Weiteren zumindest zeitweise die
rechte obere Extremität durch die linke Seite entlastet werden, nachdem nicht davon
auszugehen ist, dass über den gesamten Tag Beidhändigkeit gefordert ist. Auch wird
bei gleichzeitigem beidhändigem Heben/Tragen der tiefen zur Diskussion stehenden
Gewichte die rechte Seite zusätzlich entlastet (vgl. dazu die plausiblen Ausführungen in
der Beschwerdeantwort vom 7. März 2019, Ziff. 4.5 [act. G 4 S. 5]). Entsprechend
handelt es sich auch bei diesen DAP-Profilen nicht um das rechte Schultergelenk zu
stark belastende Tätigkeiten. Damit sind alle fünf von der Beschwerdegegnerin
ausgewählten DAP-Profile dem Beschwerdeführer zumutbar.
4.5.
4.6.
Zu prüfen bleibt, ob die Beschwerdegegnerin mit der Auswahl gerade dieser fünf
DAP-Profile ihr Ermessen überschritten hat, so dass nicht darauf abgestellt werden
könnte. Es ist unbestritten, dass der Lohndurchschnitt der ausgewählten DAP-Profile
(Fr. 59'301.--) rund 4% über dem Durchschnitt der Durchschnittslöhne (Fr. 57'002.--)
liegt (Suva-act. 63-1).
4.6.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Grundsätzlich erscheint dieses Überschreiten von rund 4% bzw. rund 6% (bei
Wegfall der Lohnausreisser nach oben [DAP-Nrn. 519009 und 7372 mit
Durchschnittslöhnen von Fr. 80'600.-- und Fr. 81'250.--; Suva-act. 63-3]) als noch
vertretbar bzw. noch im Ermessen der Beschwerdegegnerin liegend (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 14. März 2007, U 486/06, E. 4.2). Die vier über dem Durchschnitt
liegenden DAP-Profile überschreiten Fr. 57'002.-- denn auch nur wenig und die
Durchschnittslöhne der ausgewählten DAP liegen nahe beieinander (tiefster
Durchschnittslohn bei Nr. 380783: Fr. 56'225.--, höchster Durchschnittslohn bei Nr.
462585: Fr. 61'530.--), so dass sämtliche DAP-Profile bzw. die damit erzielbaren
Durchschnittslöhne, wenn auch leicht über dem Durchschnitt der Durchschnittslöhne
liegend, für den Beschwerdeführer realistisch und zumutbar erscheinen, selbst wenn
die Begründung für die Überschreitung des Durchschnittslohns (vgl. act. G 4 S. 3) nicht
vollends zu überzeugen vermag. Keinesfalls handelt es sich bei den ausgewählten
DAP-Profilen bzw. den damit erzielbaren Einkommen, wie es der Beschwerdeführer
geltend macht (act. G 1 S. 9), um auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht realisierbare
(Lohn-)Ausreisser nach oben. Es kommt hinzu, dass der Beschwerdeführer auch als
ungelernter Montageelektriker in der angestammten Tätigkeit ein zumindest
durchschnittliches Einkommen erzielen konnte und davon auch in adaptierter Tätigkeit
auszugehen ist. Er hätte bei der C._ AG im Jahr 2018 ein Einkommen von monatlich
brutto Fr. 5'010.-- erzielt, was in Beachtung des Gesamtarbeitsvertrags des
Schweizerischen Elektro- und Telekommunikations-Installationsgewerbes als
Ungelernter bei langjähriger Tätigkeit als nicht unterdurchschnittlich zu qualifizieren ist.
So beträgt der Minimallohn für fünf Jahre Berufserfahrung ohne Berufsabschluss in der
Branche Fr. 4'520.-(https://www.seco.admin.ch/seco/de/home/Arbeit/
Personenfreizugigkeit_Arbeitsbeziehungen/
Gesamtarbeitsvertraege_Normalarbeitsvertraege/Gesamtarbeitsver traege_Bund/
Allgemeinverbindlich_erklaerte_Gesamtarbeitsvertraege/
Elektro_Telekommunikations_Installationsgewerbes.html; eingesehen am 5. August
2020). Es sind gestützt auf das Gesagte letztlich keine triftigen Gründe ersichtlich, um
in den Ermessenspielraum der Beschwerdegegnerin einzugreifen. Damit ist aber auch
gesagt, dass sich im konkreten Fall ein Abstellen auf die Minimallöhne der
ausgewählten DAP-Profile (vgl. dazu den Antrag des Beschwerdeführers in act. G 1 S.
2) nicht rechtfertigt.
4.6.2.
Zusammengefasst ist festzuhalten, dass eine rechtsfehlerhafte
Ermessensausübung seitens der Beschwerdegegnerin mit den leicht über dem
Durchschnitt der Durchschnittslöhne liegenden verwendeten DAP-Profilen nicht
4.6.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
erkennbar ist. Es kann auf das Invalideneinkommen von Fr. 59'301.-- abgestellt
werden. Abzüge, wie sie bei der Bemessung des Invalideneinkommens mit LSE-
Löhnen zur Anwendung kommen, sind bei der Bemessung anhand von DAP-Löhnen
nicht statthaft (BGE 129 V 472).
Aus dem Einkommensvergleich, d.h. der Gegenüberstellung des
Invalideneinkommens von Fr. 59'301.-- mit dem Valideneinkommen von Fr. 65'130.--,
ergibt sich ein nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad von 8.95% (Art. 18 Abs. 1
UVG).
4.7.
Selbst bei der Annahme, dass die Beschwerdegegnerin ihr Ermessen
rechtsfehlerhaft ausgeübt hätte bzw. ihre Begründung, weshalb sie gerade diese fünf
DAP-Profile ausgewählt hat, als mangelhaft qualifiziert würde mit der Folge, dass nicht
auf sie abgestellt werden könnte, resultierte in Anwendung der LSE kein
rentenbegründender Invaliditätsgrad.
5.1.
Die Bemessung anhand der statistischen Löhne der LSE führt nämlich zu einem
vergleichbaren, tendenziell eher höheren Invalideneinkommen. Der LSE-
Hilfsarbeiterlohn (Kompetenzniveau 1 [einfache Tätigkeiten körperlicher oder
handwerklicher Art]) hat im Jahr 2016 Fr. 67'022.-- betragen (vgl. Anhang 2 der IVG-
Gesetzesausgabe der Informationsstelle AHV/IV, Ausgabe 2018). Nominallohnindexiert
bis 2018 (Nominallohnindex 2016-2019, Männer, 2016: 100.7, 2018: 101.6, Basis 2015
= 100) resultiert ein Jahreseinkommen von Fr. 67'621.-- (Fr. 67'022.-- / 100.7 x 101.6).
Verglichen mit dem Valideneinkommen von 2018 von Fr. 65'130.-- liegt eine
Unterdurchschnittlichkeit von aufgerundet 4% vor, weshalb keine Parallelisierung
vorzunehmen ist (zum Erheblichkeitsgrenzwert von 5% vgl. BGE 135 V 297 E. 6.2).
5.2.
Zu prüfen bleibt, ob von diesem Tabellenlohn ein Abzug vorzunehmen ist. Mit dem
Tabellenlohnabzug ist zu berücksichtigen, dass gesundheitlich beeinträchtigte
Personen, die selbst bei leichten Hilfsarbeitertätigkeiten behindert sind, im Vergleich zu
voll leistungsfähigen und entsprechend einsetzbaren arbeitnehmenden Personen
lohnmässig benachteiligt sind und deshalb mit unterdurchschnittlichen Lohnansätzen
rechnen müssen. Sodann wird dem Umstand Rechnung getragen, dass weitere
persönliche und berufliche Merkmale einer versicherten Person wie Alter, Dauer der
Betriebszugehörigkeit, Nationalität oder Aufenthaltskategorie sowie
Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die Lohnhöhe haben können (BGE 129 V 481
E. 4.2.3). Wie in E. 3 ausgeführt, hat der Beschwerdeführer gewisse qualitative
Einschränkungen. Er ist im Vergleich zu voll leistungsfähigen Arbeitnehmern damit
5.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.