Decision ID: 3de2782a-f426-4e43-8f6f-9e69e6f42098
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im Juli 2004 zum Bezug einer Rente der Invalidenversicherung
an (IV-act. 1). Im August 2004 berichtete Dr. med. B._ von der Klinik für
orthopädische Chirurgie des Kantonsspitals St. Gallen (IV-act. 7), die Versicherte leide
an einem Status nach einer Discushernienoperation mit einer mikroskopischen
Sequesterektomie L4/5 rechts bei einer grossen rechtsparamedianen Discushernie
L4/5 mit einer Kompression der Wurzel L5 rechts, an mehrsegmentalen
Spinalkanalstenosen und an einer linksbetonten Beinschwäche. Als Putzfrau sei sie
vollständig arbeitsunfähig. Prognostisch sollten ihr aber leichte Tätigkeiten in Zukunft
wieder in einem Pensum von etwa 30 Prozent zumutbar sein. Bereits im Juli 2004 hatte
die Klinik Valens über einen stationären Aufenthalt im Zeitraum vom 14. Juni bis zum 3.
Juli 2004 berichtet (IV-act. 18–5 ff.). Die Ärzte hatten ausgeführt, die Versicherte leide
an einem lumbospondylogenen Syndrom. Vorerst sei von einer vollständigen
Arbeitsunfähigkeit auszugehen. Nach der Ausheilung der Erkrankung sei aber ein
zeitlich gestaffelter Wiedereinstieg unter der Voraussetzung von ergonomischen
Instruktionen und einer maximalen Gewichtsbelastung von zehn Kilogramm denkbar.
Im Juli 2005 berichtete die Klinik Valens (IV-act. 24), der Gesundheitszustand der
Versicherten sei mehr oder weniger stationär. Eine körperlich leichte und
wechselbelastende Tätigkeit dürfte ihr in einem Pensum von 50 Prozent zumutbar sein.
Mit einer Verfügung vom 1. November 2005 sprach die IV-Stelle der Versicherten mit
Wirkung ab dem 1. Dezember 2004 eine halbe Rente bei einem Invaliditätsgrad von 50
Prozent zu (IV-act. 34). Die Versicherte liess dagegen eine Einsprache erheben (IV-act.
35), zog diese dann aber wieder zurück (IV-act. 41).
A.b Im August 2008 forderte die IV-Stelle die Versicherte auf, einen Fragebogen zur
Überprüfung des Rentenanspruchs auszufüllen (IV-act. 47). Diese gab an, ihr
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitszustand habe sich im Januar 2007 verschlechtert. Im Jahr 2008 sei sie nun
schon zweimal am Rücken operiert worden. Laut einem Bericht der Klinik für
orthopädische Chirurgie des Kantonsspitals St. Gallen vom 27. August 2008 (IV-act.
50–5 f.) waren am 2. April 2008 eine ventrale Dekompression C5/6 und C6/7 mit einer
ventralen Spondylodese C5–7 und am 5. Juni 2008 eine dorsale Spondylodese L3–S1
mit einer Laminektomie L3 und L4 und einer Hemilaminektomie L5 links durchgeführt
worden. Das Ergebnis wurde als soweit erfreulich bezeichnet. Für den Fall einer
allfälligen Wiederaufnahme einer Arbeitstätigkeit (drei Monate postoperativ) wurde auf
die Notwendigkeit häufiger Lagewechsel und auf eine Einschränkung der körperlichen
Leistungsfähigkeit für das Heben von Lasten über zehn Kilogramm hingewiesen.
Abschliessend wurde erwähnt, dass eine klinische und radiologische Kontrolle für den
Monat Juni 2009 vorgesehen sei. Der Hausarzt med. pract. C._ berichtete im
September 2008, die Versicherte sei infolge der Operation vorerst vollständig
arbeitsunfähig (IV-act. 50–1 ff.). Im Dezember 2009 berichtete die Klinik für
orthopädische Chirurgie des Kantonsspitals St. Gallen (IV-act. 68), 18 Monate nach der
Operation sei eine Verbesserung des Zustandes im Vergleich zu jenem vor der
Operation zu beobachten. Die Versicherte sei mit dem operativen Ergebnis allerdings
nicht zufrieden. Aktuell seien angesichts der schönen Implantatlage und der deutlichen
postoperativen Verbesserung keine weiteren Interventionen geplant. Für eine
leidensadaptierte Tätigkeit könne der Versicherten eine Arbeitsfähigkeit von etwa 30
Prozent attestiert werden. Am 14. Januar 2010 führte PD Dr. med. D._ von der Klinik
für orthopädische Chirurgie des Kantonsspitals St. Gallen auf eine entsprechende
Nachfrage der IV-Stelle hin ergänzend aus (IV-act. 71), bei der objektivierbaren
Untersuchung habe keine wesentliche Einschränkung mehr festgestellt werden können.
Die angegebene Einschränkung der Arbeitsfähigkeit finde ihre Begründung in der
subjektiven Schmerzhaftigkeit der Versicherten. Ein Arzt des IV-internen regionalen
Dienstes (RAD) notierte im Januar 2010, es sei von einer vorübergehenden
Verschlechterung im Zusammenhang mit den Operationen auszugehen (IV-act. 72). Am
22. Januar 2010 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass weiterhin ein
unveränderter Anspruch auf eine halbe Rente bestehe (IV-act. 74).
A.c Im September 2012 meldete sich die Versicherte erneut zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 86). Die IV-Stelle antwortete ihr (IV-
act. 87), dass sie das Gesuch als Revisionsgesuch behandeln werde. Die Versicherte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
müsse aber eine relevante Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes glaubhaft
machen. Andernfalls werde nicht auf das Gesuch eingetreten. Am 3. Oktober 2012
berichtete Hausarzt C._ (IV-act. 90), er könne aus seiner Sicht bestätigen, dass sich
der Gesundheitszustand der Versicherten in den letzten Monaten doch deutlich
verschlechtert habe. Wiederholt sei es zu depressiven Situationen gekommen.
Zusätzlich seien vermehrt kardiale Probleme aufgetreten. Am 8. Oktober 2012
berichtete der Psychiater Dr. med. E._ (IV-act. 92), die Versicherte leide an einer
mittelgradigen bis schweren depressiven Episode sowie an einer
Persönlichkeitsveränderung bei einem chronischen Schmerzsyndrom. Am 4. Dezember
2012 notierte die RAD-Ärztin Dr. med. F._, eine relevante Veränderung des
Gesundheitszustandes sei glaubhaft (IV-act. 95). Am 8. März 2013 berichtete Dr. E._
(IV-act. 99), aus psychiatrischer Sicht erscheine eine Tätigkeit in der freien Wirtschaft
als ungeeignet. Längerfristig liege eine Arbeitsunfähigkeit von etwa 60–70 Prozent vor.
Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die medizinische Abklärungsstelle (MEDAS) Bern am
25. November 2013 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 108). Die Sachverständigen
hielten fest, die Versicherte leide an einer Belastungsdyspnoe, an einem chronischen
cervico-spondylogenen und lumbalen Schmerzsyndrom, an einer muskulären
Dysbalance sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an einer chronischen
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren, an einer
Hypercholesterinämie, an einer Hypertriglyceridämie, an einem
Spannungskopfschmerz, an Schulterschmerzen rechts, an Knick-/Senkfüssen
beidseits und an einer Adipositas. Die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Zimmermädchen
und Putzfrau sei ihr im Umfang von 80 Prozent zumutbar. Eine ideal adaptierte
Tätigkeit sei uneingeschränkt zumutbar. Der Gesundheitszustand der Versicherten
entspreche jenem, der im Untersuchungsbericht der Klinik Valens vom Dezember 2004
beschrieben worden sei. Retrospektiv könne eine Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent für
leidensadaptierte Tätigkeiten aber für die Jahre 2004–2009 als überwiegend
wahrscheinlich richtig qualifiziert werden. Spätestens seit der Verlaufskontrolle im
Kantonsspital St. Gallen im Juni 2009 gelte aber die aktuelle Arbeits-
fähigkeitsschätzung. Die RAD-Ärztin Dr. F._ erachtete das Gutachten als
überzeugend (IV-act. 109).
A.d Mit einem Vorbescheid vom 15. Januar 2014 teilte die IV-Stelle der Versicherten
mit (IV-act. 113), dass sie die Aufhebung der Rente auf das Ende des der Zustellung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Verfügung folgenden Monats vorsehe. Zur Begründung führte sie aus, gestützt auf
das Gutachten der MEDAS Bern sei eine relevante Verbesserung der Arbeitsfähigkeit
nach dem Abschluss der Rehabilitation im Jahr 2009 anzunehmen. Ausgehend von
einer Arbeitsfähigkeit von 80 Prozent in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit resultiere ein
nicht mehr rentenbegründender Invaliditätsgrad von 16 Prozent. Dagegen liess die nun
anwaltlich vertretene Versicherte am 2. April 2014 einwenden (IV-act. 122), es liege kein
Revisionsgrund vor. Im Januar 2010 sei ein erstes Revisionsverfahren abgeschlossen
worden, in dem der massgebende Sachverhalt umfassend abgeklärt worden sei und
das einen unveränderten Rentenanspruch ergeben habe. Die Sachverständigen der
MEDAS Bern hätten den damals massgebenden Sachverhalt nun lediglich anders
beurteilt, was keinen Revisionsgrund darstelle. Der Versicherten wäre es zudem nicht
zumutbar, sich wieder selbst einzugliedern. Eine Rentenaufhebung würde jedenfalls
zwingend die Durchführung von beruflichen Massnahmen voraussetzen. Mit einer
Verfügung vom 14. April 2014 hob die IV-Stelle die laufende Rente auf das Ende des
der Zustellung der Verfügung folgenden Monats auf (IV-act. 124). Bezugnehmend auf
die Einwände der Versicherten führte sie aus, den massgebenden Referenzzeitpunkt
bilde die rentenzusprechende Verfügung vom 1. November 2005.
B.
B.a Dagegen liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) am 14. Mai
2014 eine Beschwerde erheben (act. G 1). Ihre Rechtsvertreterin beantragte die
ersatzlose Aufhebung der angefochtenen Verfügung und eventualiter die Rückweisung
der Sache zur Prüfung von beruflichen Wiedereingliederungsmassnahmen. Zur
Begründung führte sie aus, der massgebende Referenzzeitpunkt für die Beantwortung
der Frage nach einem Revisionsgrund sei nicht der 1. November 2005, sondern der 22.
Januar 2010. Ein Vergleich der in den medizinischen Berichten genannten Diagnosen
zeige, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin seit der
Rentenzusprache verschlechtert habe. Selbst wenn also die rentenzusprechende
Verfügung vom 1. November 2005 als Vergleichsgrundlage herangezogen würde,
resultierte keine Verbesserung. Die Sachverständigen der MEDAS Bern hätten einen
unverändert gebliebenen Gesundheitszustand lediglich anders beurteilt, was keine
Revision rechtfertige. Da die Beschwerdeführerin _ Jahre alt sei und seit elf Jahren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine Rente beziehe, dürfe die Rente ohnehin nicht ohne vorgängige berufliche
Eingliederungsmassnahmen aufgehoben werden.
B.b Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 7. August
2014 die Abweisung der Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie aus, in den
Jahren 2008 und 2009 sei der Rentenanspruch nicht umfassend materiell überprüft
worden. Man habe nur einige Berichte des Kantonsspitals St. Gallen zu den beiden
Operationen im Jahr 2008 und einen Bericht beim Hausarzt eingeholt und diese von
einem RAD-Arzt würdigen lassen. Im überzeugenden Gutachten der MEDAS Bern sei
eine Verbesserung des Gesundheitszustandes infolge der Operationen im Jahr 2008
angegeben worden, womit sich der Sachverhalt also im Vergleich zu jenem aus dem
Jahr 2005 wesentlich verändert habe. Ein Anspruch auf berufliche Massnahmen
bestehe nicht, da die Beschwerdeführerin nie Anstrengungen unternommen habe, ihre
verbliebene Restarbeitsfähigkeit zu verwerten.
B.c Die Beschwerdeführerin liess am 29. August 2014 an ihren Anträgen festhalten
(act. G 6). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 8).

Erwägungen
1.
1.1 Ein Rentenbezüger kann mit einem Gesuch eine Rentenrevision beantragen. Ein
solches Gesuch hat aber nicht direkt die Eröffnung eines Revisionsverfahrens zur
Folge. Vielmehr muss der Rentenbezüger zuerst – in einer Art Vorverfahren – glaubhaft
machen, dass seit der Rentenzusprache respektive seit der letzten Rentenrevision eine
relevante Sachverhaltsveränderung eingetreten ist (Art. 87 Abs. 2 IVV). Nur wenn ihm
dies gelingt, wird ein Revisionsverfahren im Sinne des Art. 17 Abs. 1 ATSG eröffnet. Ein
Revisionsverfahren kann aber auch von Amtes wegen eröffnet werden. Ebenso wie die
Eröffnung eines Revisionsverfahrens auf ein Gesuch hin setzt die Eröffnung eines
Revisionsverfahrens von Amtes wegen jedoch Anhaltspunkte dafür voraus, dass sich
der massgebende Sachverhalt in einer für den Anspruch relevanten Weise verändert
haben könnte. Ein Revisionsverfahren von Amtes wegen wird deshalb in der Regel erst
eröffnet, wenn die IV-Stelle Kenntnis von einer relevanten Sachverhaltsveränderung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erhalten hat (Art. 87 Abs. 1 lit. b IVV). Da die Möglichkeit besteht, dass sie nicht über
jede Sachverhaltsveränderung in Kenntnis gesetzt wird, besteht zwar auch die
Möglichkeit, dass sie periodische Revisionen durchführt (Art. 87 Abs. 1 lit. a IVV). Das
bedeutet aber nicht, dass sie – völlig anders als bei der Anwendung des Art. 87 Abs. 1
lit. b IVV oder des Art. 87 Abs. 2 IVV – ohne weiteres beziehungsweise unabhängig von
der Verwirklichung einer allfälligen Sachverhaltsveränderung stets zu einem im Voraus
bestimmten Zeitpunkt ein „richtiges“ Revisionsverfahren eröffnen könnte. Vielmehr ist
damit gemeint, dass sie sich periodisch bei der versicherten Person nach allfälligen
Sachverhaltsveränderungen erkundigt und so periodisch prüft, ob allenfalls ein
Revisionsverfahren zu eröffnen sei. Ergibt eine solche Vorprüfung, dass sich aller
Wahrscheinlichkeit nach nichts geändert hat, wird kein Revisionsverfahren eröffnet (vgl.
Art. 58 IVG und Art. 74ter lit. f IVV), was mit dem Nichteintreten auf ein
Revisionsgesuch mangels Glaubhaftmachung einer Sachverhaltsveränderung zu
vergleichen ist. Führt das Ergebnis der Vorprüfung aber zur Annahme, dass ein
Revisionsgrund vorliegen könnte, muss zwingend ein Revisionsverfahren eröffnet
werden (Art. 87 Abs. 1 lit. b IVV). Von ihrem Wesen her ist diese Vorprüfung also mit
dem Vorverfahren zur Prüfung des Eintretens auf ein Revisionsgesuch zu vergleichen.
In der Regel geht die IV-Stelle in der Praxis dabei wie folgt vor: Sie fordert die
versicherte Person auf, einen Fragebogen auszufüllen, in dem nach den häufigsten
möglichen Revisionsgründen gefragt wird. Dann fordert sie den Hausarzt und
gegebenenfalls die behandelnden Fachärzte auf, je einen formalisierten Verlaufsbericht
zu erstatten. Diese Berichte lässt sie von einem Arzt ihres RAD daraufhin würdigen, ob
ausreichende Indizien für eine versicherungsrechtlich relevante
Sachverhaltsveränderung vorliegen. Gestützt auf die Ergebnisse dieser minimalen
Sachverhaltsabklärung im Vorverfahren eröffnet die IV-Stelle entweder ein
Revisionsverfahren von Amtes wegen oder sie teilt der versicherten Person im Sinne
der Art. 58 IVG und Art. 74ter lit. f IVV ohne eine Verfügung mit, dass sie kein
Revisionsverfahren eröffnen werde.
1.2 Die Beschwerdegegnerin ist zu Recht auf das Revisionsgesuch der
Beschwerdeführerin vom September 2012 eingetreten, nachdem diese mithilfe eines
Berichtes ihres Hausarztes und eines Berichtes des neu behandelnden Psychiaters
eine relevante Sachverhaltsveränderung – nämlich eine Verschlechterung ihres
Gesundheitszustandes – glaubhaft gemacht hatte (vgl. IV-act. 95). Damit hat die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin allerdings nicht das erste Revisionsverfahren seit der
Rentenzusprache im November 2005 eröffnet. Bereits im August 2008 hatte sie
nämlich die Beschwerdeführerin im Sinne des Art. 87 Abs. 1 lit. a IVV aufgefordert,
einen Fragebogen betreffend eine mögliche Rentenrevision auszufüllen. Schon mit der
– von der Klinik für orthopädische Chirurgie des Kantonsspitals St. Gallen im Bericht
vom 27. August 2012 bestätigten – Angabe der Beschwerdeführerin in jenem
Fragebogen, sie sei im Jahr 2008 erneut zweimal am Rücken operiert worden, war eine
relevante Sachverhaltsveränderung glaubhaft gemacht, weshalb die
Beschwerdegegnerin gezwungen gewesen war, ein Revisionsverfahren von Amtes
wegen zu eröffnen. Völlig zu Recht hatte die Beschwerdegegnerin deshalb in der Folge
beschlossen, den Bericht zur für den Juni 2009 geplanten Verlaufskontrolle
abzuwarten, die im Bericht vom 27. August 2008 erwähnt worden war. Damit hatte sie
bereits ein Revisionsverfahren eröffnet, denn andernfalls hätte sie den Bericht vom 27.
August 2008 ihrem RAD vorlegen und dann das Vorverfahren abschliessen müssen,
was aber angesichts der relevanten Sachverhaltsveränderung (zwei Operationen im
Jahr 2008) rechtswidrig gewesen wäre. Wider Erwarten war der in Aussicht gestellte
Bericht dann allerdings nicht eingetroffen, weil die Beschwerdeführerin unentschuldigt
nicht zur Kontrolluntersuchung erschienen war. Im Dezember 2009 hatten die
behandelnden Ärzte der Beschwerdegegnerin auf eine entsprechende Nachfrage hin
mitgeteilt, dass sie im Rahmen ihres Behandlungsauftrages keine Notwendigkeit
sähen, doch noch eine Verlaufsuntersuchung durchzuführen. Daraufhin hatte die
Beschwerdegegnerin – in Erfüllung ihrer Untersuchungspflicht – die behandelnden
Ärzte aufgefordert, die Beschwerdeführerin doch nochmals zu untersuchen und
anschliessend zu berichten. Die schliesslich gegen Ende des Jahres 2009
durchgeführte Verlaufskontrolle hatte also nicht mehr zur notwendigen Behandlung
gehört, sondern nur noch der Erfüllung der Untersuchungspflicht der
Beschwerdegegnerin gedient. Weil die Angaben des behandelnden Arztes Dr. D._ im
entsprechenden Bericht nicht ohne weiteres nachvollziehbar gewesen waren, hatte die
Beschwerdegegnerin diesen in der Folge – wiederum in Erfüllung ihrer
Untersuchungspflicht – aufgefordert, spezifische Fragen zu beantworten. Vor diesem
Hintergrund kann nicht die Rede davon sein, die Beschwerdegegnerin hätte kein
Revisionsverfahren (gemäss der Terminologie des Bundesgerichtes: mit einer
„materiellen Prüfung“) durchgeführt. Die nachträgliche Uminterpretation ihres Handelns
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
in der Beschwerdeantwort vermag nicht zu überzeugen. Auch der Umstand, dass
angesichts der von Dr. D._ abgegebenen Arbeitsfähigkeitsschätzung augenscheinlich
weitere Abklärungen notwendig gewesen wären und nicht auf die nicht überzeugende
Schlussfolgerung des RAD-Arztes hätte abgestellt werden dürfen, ändert nichts daran,
dass sich die Beschwerdegegnerin damals längst in einem eigentlichen
Revisionsverfahren befunden hatte. Ob in dieser Situation die Voraussetzungen der Art.
58 IVG und Art. 74ter lit. f IVV ihrem Sinn und Zweck oder nur noch ihrem Wortlaut
nach erfüllt gewesen sind, ist unerheblich, denn die entsprechende Mitteilung vom 20.
Januar 2010 ist jedenfalls mangels eines Begehrens um den Erlass einer anfechtbaren
Verfügung verbindlich geworden. Entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin hat
das mit der nun angefochtenen Verfügung abgeschlossene Revisionsverfahren folglich
die Frage zum Gegenstand gehabt, ob sich der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin seit dem Abschluss des ersten Revisionsverfahrens im Januar
2010 verändert hatte.
2.
Die Sachverständigen der MEDAS Bern haben die Beschwerdeführerin umfassend
persönlich untersucht und sich eingehend mit den Berichten der behandelnden Ärzte
auseinandergesetzt. Sie haben die geklagten Beschwerden und die von ihnen selbst
erhobenen objektiven klinischen Befunde sowie die in den Berichten der behandelnden
Ärzte beschriebenen klinischen Befunde ausführlich gewürdigt und ihre Diagnosen
sowie ihre Arbeitsfähigkeitsschätzung überzeugend begründet. Weder in ihrem
Gutachten selbst noch in den übrigen (insb. medizinischen) Akten finden sich Hinweise,
die Zweifel an der Zuverlässigkeit der Schlussfolgerungen der Sachverständigen der
MEDAS Bern wecken würden. Nur die Angabe zum Verlauf der Arbeitsfähigkeit
erscheint als teilweise widersprüchlich, denn die Sachverständigen haben einerseits
festgehalten, dass sie gestützt auf die Aktenlage von einer Verbesserung des
Gesundheitszustandes im Jahr 2009 ausgingen, was an sich überzeugend wäre, zumal
auch Dr. D._ eine Verbesserung des objektiven Befundes infolge der beiden
Operationen im Jahr 2008 beschrieben hatte; andererseits legen ihre Ausführungen
aber den Schluss nahe, dass sie keine relevante Veränderung im Vergleich zum im
Bericht der Klinik Valens beschriebenen Befund im Jahr 2004 haben feststellen können.
Diese Widersprüchlichkeit hätte wohl mittels einer Nachfrage an die Sachverständigen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beseitigt werden können. Für das vorliegende Verfahren, in dem es nur um den
Vergleich des Sachverhaltes im Zeitpunkt der Eröffnung der hier angefochtenen
Verfügung mit jenem im Januar 2010 geht, muss die Frage, ob es nun im Jahr 2009 zu
einer Verbesserung des Gesundheitszustandes gekommen ist oder nicht, nicht
beantwortet werden. Mit anderen Worten kann die hier massgebende Frage, ob sich
der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin seit Januar 2010 wesentlich
verändert hat, mit dem überzeugend begründeten Gutachten der MEDAS Bern mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit verneint werden.
Folglich liegt kein Revisionsgrund vor, weshalb sich die angefochtene Verfügung als
rechtswidrig erweist.
3.
In Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung folglich aufzuheben;
die Beschwerdeführerin hat weiterhin einen Anspruch auf eine halbe Rente. Die
Gerichtskosten, die angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600
Franken festzusetzen sind, sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Der Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete Kostenvorschuss von 600 Franken
selbstverständlich zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat der
Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung auszurichten, die angesichts des
durchschnittlichen Vertretungsaufwandes auf 3'500 Franken (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.