Decision ID: 2a684f97-a38a-4966-a7d4-1c83f87672e4
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
D._ wurde in der Schweiz geboren (act. Vorinstanz 30.5) und ist österreichischer
Staatsangehöriger (act. Vorinstanz 30.3). Er wuchs in Österreich auf und reiste am
25. Juli 2002 in die Schweiz ein, um einer unselbständigen Erwerbstätigkeit im Betrieb
der P._ AG nachzugehen (act. Migrationsamt [nachfolgend: MA] 4 ff.). Daraufhin
wurde ihm eine Aufenthaltsbewilligung EU/EFTA erteilt. Seit dem 25. Juli 2007 verfügt
D._ über eine Niederlassungsbewilligung EU/EFTA.
A.a.
Im Dezember 2012 machte sich D._ selbständig und gründete das Einzelunternehmen
C._. Am 6. Oktober 2015 wurde über das Unternehmen Konkurs eröffnet. Das
Konkursverfahren wurde am 27. Oktober 2015 mangels Aktiven eingestellt und die C._
am 16. Februar 2016 im Handelsregister gelöscht (act. MA 46, 76 f. und Vorinstanz 7;
Handelsregisterauszug, www.zefix.ch). Am 9. Januar 2014 gründete D._ ein neues
Unternehmen, die B._ GmbH, bei welcher er alleiniger Gesellschafter und
Geschäftsführer ist (act. MA 78 f., Vorinstanz 8, Handelsregisterauszug).
A.b.
Nach Einreichung des Gesuchs des Beschwerdeführers um Verlängerung seiner
Niederlassungsbewilligung vom 18. Juli 2017 (act. MA 60) holte das Migrationsamt des
Kantons St. Gallen einen Auszug aus dem Betreibungsregister ein. Gemäss diesem
A.c.
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B.
Auszug bestanden per 18. Juli 2017 40 Verlustscheine in der Höhe von
CHF 198'644.70 und offene Betreibungen von CHF 122'254.60 (act. MA 51 ff.). Zudem
war ein Pfändungsverfahren gegen D._ hängig (act. 69 ff.). Aufgrund der erheblichen
Schulden verwarnte das Migrationsamt D._ mit Mitteilung vom 26. Januar 2017 (recte:
4. September 2016, siehe Sachverhalt der Verfügung vom 24. Oktober 2018 und act.
MA 93). Es forderte ihn auf, sich künftig in jeder Beziehung klaglos zu verhalten und
sich um die Schulden zu kümmern (act. MA 80 f.). Die Niederlassungsbewilligung
wurde unter diesem Vorbehalt bis zur Kontrollfrist vom 24. Juli 2022 verlängert (act. MA
82).
Das Migrationsamt forderte D._ mit Schreiben vom 12. April und 7. Mai 2018 auf,
diverse Unterlagen über seine finanzielle Situation einzureichen, damit die mit
Mitteilung vom 4. September 2016 gestellten Bedingungen überprüft werden könnten
(act. MA 94). Nachdem D._ diesen Aufforderungen nicht nachkam, holte das
Migrationsamt selbst einen Betreibungsregisterauszug beim Betreibungsamt K._ ein.
Gemäss diesem Auszug vom 20. Juni 2018 war D._ mit 49 Verlustscheinen in der
Höhe von CHF 237'888.50 und offenen Betreibungen von CHF 90'217.50 verzeichnet
(act. MA 94 ff., 99 ff.). Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs widerrief das
Migrationsamt mit Verfügung vom 24. Oktober 2018 die Niederlassungsbewilligung von
D._ und wies ihn an, die Schweiz zu verlassen. Dieser Entscheid wurde im
Wesentlichen damit begründet, dass die Schulden von D._ trotz Verwarnung weiter
zugenommen hätten. Durch das Nichterfüllen von öffentlich- und privatrechtlichen
Verpflichtungen verstosse er gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung. Auf das
Freizügigkeitsrecht könne er sich nicht mehr berufen, da die Voraussetzungen für eine
Bewilligung fehlen würden. Die Rückkehr in sein Heimatland sei ihm zumutbar (act. MA
120 ff.). Den gegen diese Verfügung erhobenen Rekurs wies das Sicherheits- und
Justizdepartement mit Entscheid vom 8. Mai 2020 ab.
A.d.
D._ (Beschwerdeführer) reichte am 22. Mai 2020 beim Sicherheits- und
Justizdepartement (Vorinstanz) per E-Mail Beschwerde gegen den Entscheid vom
8. Mai 2020 ein. Zuständigkeitshalber wurde diese E-Mail an das Verwaltungsgericht
weitergeleitet. Innerhalb der gesetzlichen Beschwerdefrist liess der Rechtsvertreter am
25. Mai 2020 Beschwerde beim Verwaltungsgericht erheben. Er stellte den Antrag auf
Aufhebung des Entscheids der Vorinstanz; unter Kosten- und Entschädigungsfolge
zuzüglich Mehrwertsteuer.
B.a.
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Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Als Adressat des
angefochtenen Entscheids ist der im Rekursverfahren unterlegene Beschwerdeführer
zur Ergreifung des Rechtsmittels berechtigt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1
VRP). Die Beschwerde wurde rechtzeitig erhoben und erfüllt formal wie inhaltlich die
gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1
und 2 VRP). Auf die Beschwerde ist daher einzutreten.
2.
Die Vorinstanz beantragte in der Vernehmlassung vom 18. Juli 2020 die Abweisung der
Beschwerde und verwies zur Begründung auf die Erwägungen des angefochtenen
Entscheids. Mit Eingabe vom 17. August 2020 nahm der Rechtsvertreter zur
Vernehmlassung der Vorinstanz Stellung. Die Vorinstanz verzichtete am 20. August
2020 erneut auf weitere Ausführungen.
Auf die Erwägungen des angefochtenen Entscheids und die Ausführungen der
Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge sowie die Akten wird, soweit für
den Entscheid relevant, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.
B.b.
bis
Nach Art. 2 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer (AuG;
seit 1. Januar 2019 AIG; SR 142.20; zur intertemporalrechtlichen Massgeblichkeit des
AuG vgl. Art. 126 Abs. 1 AIG; im Folgenden ist die altrechtliche Fassung
[Verfügungserlass am 24. Oktober 2018] massgeblich: AuG) gilt dieses Gesetz für
Staatsangehörige der Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) und ihre
Familienangehörigen nur so weit, als das Abkommen zwischen der Schweizerischen
Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Gemeinschaft und ihren
Mitgliedstaaten andererseits über die Freizügigkeit (SR 0.142.112.681, FZA) keine
abweichenden Bestimmungen enthält oder dieses Gesetz günstigere Bestimmungen
vorsieht. Das Freizügigkeitsrecht kennt den Status der Niedergelassenen nicht;
vielmehr handelt es sich bei der Niederlassungsbewilligung um eine grundsätzlich
einzig auf nationalem Recht beruhende Bewilligung (BGer 2C_938/2018 vom 24. Juni
2019 E. 4.1). In Bezug auf das Erlöschen der Niederlassungsbewilligung kann indes
das FZA nicht gänzlich vernachlässigt werden (BGer 2C_400/2015 vom 31. Mai 2015 E.
2.1.
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2.2), weil die landesrechtlichen Voraussetzungen des Erlöschens der
Aufenthaltsbewilligung nicht so ausgestaltet sein dürfen, dass sie einen
staatsvertraglich gewährleisteten Anspruch auf Aufenthalt vereiteln.
Strittig ist vorab, ob sich der Beschwerdeführer für den Anspruch auf eine Bewilligung
auf das FZA berufen kann.
Die Beschwerdegegnerin hält dem Beschwerdeführer vor, dass er mit seinem
Einkommen aus selbständiger Erwerbstätigkeit nicht in der Lage sei, seinen
Lebensunterhalt sowie andere Auslagen zu finanzieren. Das Einzelunternehmen C._
sei Konkurs gegangen. Seit Januar 2014 führe er den Betrieb B._ GmbH. Er habe
offene Verlustscheine in der Höhe von CHF 237'888.50 sowie Betreibungen von
CHF 90'217.50. Offensichtlich sei er seit längerer Zeit nicht in der Lage, mit dem
Einkommen aus seiner selbständigen Erwerbstätigkeit seinen Lebensunterhalt sowie
andere Auslagen zu finanzieren. Er komme seinen privaten sowie öffentlich-rechtlichen
Verpflichtungen nicht nach. Damit würde er die Voraussetzungen für eine Bewilligung
gestützt auf das FZA nicht mehr erfüllen und könne sich damit nicht auf das FZA
berufen.
Die Vorinstanz geht davon aus, dass der Beschwerdeführer mit der Kündigung seines
Angestelltenverhältnisses bei der P._ AG und der Gründung der C._ bzw. später der
B._ GmbH seinen Arbeitnehmerstatus nach FZA freiwillig aufgegeben habe. Vielmehr
sei von einer selbstständigen Erwerbstätigkeit auszugehen. Damit sei das FZA nicht
mehr anwendbar.
Dagegen wendet der Beschwerdeführer ein, dass er einer unselbständigen
Erwerbstätigkeit nachgehe und er sich damit auf die Arbeitnehmereigenschaften
gemäss dem FZA berufen könne. Er erfülle die vom Bundesgericht geforderten drei
Kriterien des Arbeitnehmerbegriffs. Er führe unselbständige Arbeiten, nach Weisung
seiner Arbeitgeberin gegen Entgelt aus. Daran ändere seine Stellung als Gesellschafter
bei der B._ GmbH nichts. Folglich könne er sich auf das FZA berufen, womit Art. 5
Anhang I FZA zu beachten sei. Das alleinige Anhäufen von Schulden begründe im
Gegensatz zu strafbarem Verhalten keine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und
Ordnung. Eine Wegweisung sei unter Beachtung von Art. 5 Anhang I FZA nicht
möglich.
2.2.
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Gemäss Art. 4 FZA in Verbindung mit Art. 6 Abs. 1 Anhang I FZA hat ein
Staatsangehöriger einer Vertragspartei, der mit einem Arbeitgeber des
Aufnahmestaates ein Arbeitsverhältnis mit einer Dauer von mindestens einem Jahr
eingegangen ist, Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis mit einer
Gültigkeitsdauer von mindestens fünf Jahren. Art. 4 FZA in Verbindung mit Art. 12 Abs.
1 Anhang I FZA gewährt selbstständig Erwerbstätigen eine Aufenthaltsberechtigung mit
einer Gültigkeitsdauer von mindestens fünf Jahren, wenn sich diese zum Zweck der
Ausübung einer selbstständigen Erwerbstätigkeit in der Schweiz niederlassen. Nach
der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) steht der Arbeitnehmer
bzw. der unselbstständig Erwerbende in einem weisungsgebundenen
Abhängigkeitsverhältnis, wobei er eine (tatsächliche und echte) Tätigkeit für einen
anderen für eine bestimmte Zeit verrichtet und dafür ein Entgelt bezieht.
Demgegenüber sind Anhaltspunkte für eine selbstständige Erwerbstätigkeit die
Beteiligung an den geschäftlichen Risiken, die freie Bestimmung der Arbeitszeit, die
Weisungsfreiheit und die Auswahl der Mitarbeiter. Auf ähnliche Kriterien zur
Bestimmung der Art der (selbstständigen oder unselbstständigen) Tätigkeit stützt sich
auch das nationale Recht: Als unselbstständige Erwerbstätigkeit gilt jede Tätigkeit für
einen Arbeitgeber mit Sitz in der Schweiz oder im Ausland, wobei es ohne Belang ist,
ob der Lohn im In- oder Ausland ausbezahlt wird und eine Beschäftigung nur stunden-
oder tageweise oder vorübergehend ausgeübt wird (Art. 1a Abs. 1 der Verordnung über
Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit [SR 142.201, VZAE]).
Als selbstständige Erwerbstätigkeit gilt demgegenüber die Ausübung einer Tätigkeit im
Rahmen einer eigenen, frei gewählten Organisation, die auf die Einkommenserzielung
ausgerichtet ist, wobei der Erwerbende unter eigener Weisungsgewalt steht und das
unternehmerische Risiko selbst trägt. Diese frei gewählte Organisation tritt nach aussen
in Erscheinung, indem beispielsweise ein Handels-, Fabrikations-, Dienstleistungs-,
Gewerbe- oder anderer Geschäftsbetrieb geführt wird (Art. 2 Abs. 1 VZAE; BGE 140 II
460 E. 4.1.1 und 4.1.3).
Als Nachweis einer selbständigen Tätigkeit genügt etwa die Errichtung eines
Unternehmens oder einer Betriebsstätte mit einer effektiven und möglichst
existenzsichernden Geschäftstätigkeit. Dies ist gegebenenfalls durch Businesspläne,
Geschäftsbücher, Aufträge, Kundenverzeichnisse usw. zu belegen. Der betroffene EU/
EFTA-Bürger hat die Ausübung einer selbständigen Erwerbstätigkeit zu belegen, nicht
deren Rentabilität. Allerdings soll die betroffene Person grundsätzlich ein Einkommen
erzielen, welches ihr erlaubt, ihr Leben und dasjenige der Familie zu fristen und nicht
dauerhaft bzw. umfassend sozialhilfeabhängig zu werden. Die entsprechenden
2.3.
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Voraussetzungen (nachhaltig und möglichst existenzsichernd) ergeben sich aus Sinn
und Zweck von Art. 12 Abs. 1 und 2 Anhang I FZA: Hintergrund dieses Erfordernisses
bildet der Umstand, dass die Aufnahme einer selbständigen Erwerbstätigkeit nicht nur
für den gesuchstellenden Ausländer mit finanziellen und sozialen Risiken verbunden ist;
da Selbständigerwerbende im Gegensatz zu Arbeitnehmern nicht obligatorisch gegen
Arbeits- bzw. Verdienstlosigkeit versichert sind, stellen sie im Falle eines schlechten
Geschäftsgangs und bei Fehlen ausreichender finanzieller Reserven ein Risiko für das
staatliche Fürsorgesystem dar. Wie beim Arbeitnehmenden wird auch vom
Selbständigerwerbenden kein bestimmtes Mindesteinkommen verlangt, sondern
lediglich eine "möglichst existenzsichernde Geschäftstätigkeit" (BGer 2C_430/2020
vom 13. Juli 2020 E. 4.2.1, 2C_451/2019 vom 6. Februar 2020 E.3.2 ff., M. Spescha, in:
Spescha/Thür/Zünd/Bolzli/Hruschka/de Weck [Hrsg.], Kommentar Migrationsrecht, 5.
Aufl. 2019, N 1 und 4 zu Art. 12 Anhang I FZA). Bei ernsthaften Zweifeln an der
tatsächlichen und nachhaltigen Ausübung der selbständigen Erwerbstätigkeit in der
Schweiz sowie an einem regelmässigen, möglichst existenzsichernden Einkommen
können die zuständigen Kantonsbehörden während der Gültigkeitsdauer der
Bewilligung jederzeit neue Beweismittel für die Selbständigkeit verlangen oder die
Bewilligung widerrufen, falls die Bedingungen für den entsprechenden Rechtsanspruch
nach dem Freizügigkeitsabkommen nicht mehr bestehen, weshalb die deklaratorisch
wirkende Bewilligung dahinfällt. Dasselbe gilt für eine
"Scheinselbständigkeit" (Staatssekretariat für Migration [SEM], Weisungen
VEP-04/2020 Ziff. 4.3.1, BGer 2C_451/2019 vom 6. Februar 2020 E. 5.4.3).
Der Beschwerdeführer ist österreichischer Staatsangehöriger und erhielt zum Zwecke
der Ausübung einer unselbständigen Erwerbstätigkeit bei der P._ AG erst eine
Aufenthaltsbewilligung EU/EFTA und ab Juli 2007 eine Niederlassungsbewilligung EU/
EFTA. Im Dezember 2012 gründete der Beschwerdeführer das Einzelunternehmen C._
und machte sich selbständig (Angabe des Beschwerdeführers zum Aufenthaltszweck
bei der Verlängerung der Kontrollfrist der Niederlassungsbewilligung vom 7. Juli 2012,
act. MA 13). Nachdem dieses Unternehmen Konkurs ging, gründete der
Beschwerdeführer am 9. Januar 2014 ein neues Unternehmen, die B._ GmbH.
2.4.
Nicht strittig ist, dass der Beschwerdeführer für die B._ GmbH arbeitet, wo er als
Gesellschafter und Geschäftsführer eingetragen ist (act. MA 78 f.,
Handelsregisterauszug). Die vorliegende Konstellation, gemäss welcher der
Beschwerdeführer einziger Gesellschafter der GmbH und gleichzeitig Geschäftsführer
2.5.
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mit Einzelunterschrift ist, deutet auf eine selbständige Erwerbstätigkeit hin, wie der
Beschwerdeführer jeweils auch selbst in den Gesuchen um Verlängerung der
Kontrollfrist der Niederlassungsbewilligung angegeben (act. MA 13 und 61) und auch
das Migrationsamt angenommen hat (unter anderem Verfügung vom 26. Januar 2016,
act. MA 80). Der Beschwerdeführer stellt sich in der Beschwerdeschrift zwar auf den
Standpunkt, dass er unselbständige Arbeiten nach Weisungen seiner Arbeitgeberin
ausführe und ihm daher die Arbeitnehmereigenschaft zukomme. Diese Behauptung
belegt er allerdings mit keinem einzigen Beweismittel. Grundsätzlich ist es unerheblich,
ob der Beschwerdeführer unselbständig oder selbständig erwerbstätig ist. Denn
sowohl als Arbeitnehmer (Art. 6 Anhang I FZA) als auch als Selbständiger (Art. 12
Anhang I FZA) könnte er sich auf das FZA berufen. Ein selbständig Erwerbstätiger
verliert sein freizügigkeitsrechtliches Aufenthaltsrecht höchstens, wenn er dauerhaft,
umfassend und wegen vorwerfbaren Verschuldens auf Sozialhilfeleistungen
angewiesen ist (vgl. BGer 2C_430/2020 vom 13. Juli 2020 E. 4.2.1, Spescha, a.a.O., N
4 zu Art. 12 Anhang I FZA). Ob der Beschwerdeführer je auf Sozialhilfeleistungen
angewiesen war/ist, ist im vorliegenden Fall nicht aus den Akten ersichtlich. Wie dem
Schreiben des Beschwerdeführers vom 4. September 2017 zu entnehmen ist, war er
nach einem schweren Arbeitsunfall für sieben Monate nicht in der Lage, einer
Erwerbstätigkeit nachzugehen. Zum Unfallzeitpunkt bestand laut seinen eigenen
Angaben kein Versicherungsschutz. Gemäss dem Auszug aus dem Betreibungsregister
häufte der Beschwerdeführer seit dem Jahr 2013 hohe Schulden an. Das
Migrationsamt stellte dem Beschwerdeführer somit zu Recht die Frage, wie er seinen
Lebensunterhalt finanziert (Schreiben vom 27. Juli 2017, act. MA 62). Im vorliegenden
Fall ist der Sachverhalt bezüglich einer unselbständigen oder selbständigen
Erwerbstätigkeit des Beschwerdeführers (allfällige Scheinselbständigkeit) oder eines
andauernden oder ergänzenden Sozialhilfebezugs (vgl. ausführlicher: Spescha, a.a.O.,
N 4 zu Art. 12 Anhang I FZA) nicht liquid. Folglich kann die Frage, ob ein Verbleiberecht
entstanden ist, nicht beantwortet werden. Das Migrationsamt hat die Tatsachen,
welche im Zusammenhang mit der Erwerbstätigkeit des Beschwerdeführers stehen
(z.B. Abklärung Sozialhilfeabhängigkeit, Einholung der Steuerveranlagungen,
Geschäftsbücher, Aufträge, Kundenverzeichnisse, Verfügung der Ausgleichskasse über
die sozialversicherungsrechtliche Stellung bzw. den Beitragsstatus oder die
Beitragsrechnungen) zusammenzutragen und das Dossier nachzuführen bzw. zu
vervollständigen, wie sie das bereits mit Schreiben vom 27. Juli 2017 versuchte (unter
anderem Nachfrage nach der Finanzierung des Lebensunterhalts, act. MA 64). In
diesem Zusammenhang ist der Beschwerdeführer ausdrücklich auf seine
Mitwirkungspflicht (Art. 90 AIG) hinzuweisen, welcher er in der Vergangenheit nur
ungenügend nachkam. Gestützt auf den ergänzten Sachverhalt ist zunächst zu prüfen,
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3.
ob ein Verbleiberecht nach Art. 4 FZA in Verbindung mit Art. 6 Abs. 1 oder Art. 12 Abs.
1 Anhang I FZA entstanden ist und anschliessend, ob ein Widerrufsgrund vorliegt –
strittig ist vorliegend der Widerrufsgrund der mutwilligen Schuldenwirtschaft nach Art.
63 Abs. 1 lit. b AuG.
Selbst wenn einer der in Art. 63 AuG aufgezählten Widerrufsgründe erfüllt und die
Massnahme verhältnismässig im Sinn von Art. 96 Abs. 1 AuG und Art. 8 Ziff. 2 der
Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR
0.101, EMRK) wäre, wäre aber in einem nächsten Schritt zu prüfen, inwiefern das FZA
zusätzliche Schranken auferlegt (BGer 2C_483/2018 vom 23. April 2019 E. 5.1,
2C_1148/2013 vom 8. Juli 2014 E. 3.3). Sofern sich der Beschwerdeführer auf das FZA
berufen kann, kann das Recht, sich in der Schweiz aufzuhalten, nur eingeschränkt
werden, wenn eine solche Massnahme zum Schutz der öffentlichen Ordnung,
Sicherheit und Gesundheit gerechtfertigt ist (Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA). Wenn es um
die Begrenzung des freien Personenverkehrs im Sinne von Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA
geht, ist diese rechtsprechungsgemäss bloss im Zusammenhang mit Straftaten
zulässig, wenn aus den gesamten Umständen des Falls zu schliessen ist, dass der
Betroffene eine gegenwärtige und hinreichend schwere reelle Gefährdung der
öffentlichen Ordnung der Schweiz darstellt (BGer 2C_479/2018 vom 15. Februar 2019
E 3.4 mit weiteren Hinweisen in: Pra 108 (2019) Nr. 130). Wer seine finanziellen
Verhältnisse nicht beherrscht und hohe Schulden hat, stellt keine hinreichend schwere
und gegenwärtige Gefährdung der grundlegenden Interessen der Gesellschaft dar. In
diesem Fall wäre ein Widerruf der Niederlassungsbewilliung EU/EFTA unter
Berücksichtigung von Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA nicht zulässig (BGer 2C_479/2018
vom 15. Februar 2019 E 3.4, Spescha, a.a.O., N 14 zu Art. 5 Anhang I FZA).
Die Beschwerde ist damit teilweise gutzuheissen, der angefochtene Entscheid der
Vorinstanz vom 8. Mai 2020 aufzuheben und die Sache zu weiteren Abklärungen im
Sinne von E. 2.5 an das Migrationsamt zurückzuweisen.
2.6.
In Streitigkeiten hat jener Beteiligte die Kosten zu tragen, dessen Begehren ganz oder
teilweise abgewiesen werden (Art. 95 Abs. 1 VRP). Gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung und Praxis des Verwaltungsgerichts gilt die Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz mit offenem Ausgang für die Frage der Auferlegung der
Gerichtskosten wie auch der Parteientschädigung als vollständiges Obsiegen,
3.1.
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unabhängig davon, ob sie beantragt oder ob das entsprechende Begehren im Haupt-
oder im Eventualantrag gestellt wird (vgl. BGer 5A_845/2016 vom 2. März 2018 E. 3.2
mit Hinweisen, VerwGE B 2019/273 vom 9. August 2020 E. 2.3 und B 2019/38 vom
19. August 2019 E. 3.2). Die amtlichen Kosten des Beschwerdeverfahrens sind somit
dem Staat aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von CHF 2‘000 ist
angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12, GKV). Auf die
Erhebung ist gestützt auf Art. 95 Abs. 3 VRP zu verzichten. Dem Beschwerdeführer ist
der geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von CHF 2‘000 zurückzuerstatten.
Bei (teilweiser) Gutheissung eines Rechtsmittels ist zugleich von Amtes wegen über die
amtlichen Kosten des vorinstanzlichen Verfahrens zu entscheiden. In der Regel erfolgt
die entsprechende Kostenverlegung in Bezug auf die Beteiligten und deren Anteile
analog dem Rechtsmittelentscheid (R. Hirt, Die Regelung der Kosten nach st.
gallischem Verwaltungsrechtspflegegesetz, St. Gallen 2004, S. 103). Die amtlichen
Kosten für das Rekursverfahren vor der Vorinstanz von CHF 1‘000 sind somit ebenfalls
dem Staat aufzuerlegen. Auf die Erhebung der Kosten ist zu verzichten (Art. 95 Abs. 3
VRP). Die Vorinstanz ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer den geleisteten
Kostenvorschuss von CHF 1‘000 zurückzuerstatten.
3.2.
Bei diesem Verfahrensausgang ist der Beschwerdeführer für das Rekurs- und
Beschwerdeverfahren ausseramtlich zu entschädigen (Art. 98 Abs. 1 und Art. 98
VRP). Sein Rechtsvertreter hat keine Kostennote eingereicht. In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar pauschal CHF 500 bis CHF 6‘000 vor
Verwaltungsbehörden und CHF 1‘500 bis CHF 15‘000 vor Verwaltungsgericht (Art. 22
Abs. 1 lit. a und b der Honorarordnung; sGS 963.75, HonO). Innerhalb dieses Rahmens
wird das Grundhonorar nach den besonderen Umständen, namentlich nach Art und
Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeit des Falles und den wirtschaftlichen
Verhältnissen der Beteiligten bemessen (Art. 19 HonO). Die Pauschale in
ausländerrechtlichen Verfahren, in denen über das Anwesenheitsrecht zu befinden ist,
bewegt sich für das Rekursverfahren in der Regel in der Grössenordnung von
CHF 1‘000 bis CHF 2‘500 und für das Beschwerdeverfahren in der Grössenordnung
von CHF 2‘500. Mit diesen Pauschalansätzen wird der Art und dem Umfang der
üblicherweise erforderlichen Bemühungen Rechnung getragen. Gründe, um vorliegend
von diesen Pauschalansätzen abzuweichen, sind nicht ersichtlich. Entsprechend sind
für das Rekursverfahren vor der Vorinstanz CHF 2‘000 zuzüglich CHF 80 Pauschale
Barauslagen (vier Prozent von CHF 2‘000, Art. 28 Abs. 1 HonO) und 7,7%
3.3.
bis
bis
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