Decision ID: bd6c2b4f-2bb0-5d0f-8ef0-ecff70f93c82
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1981 geborene
X._
ist gelernte
Coiffeuse
und
Coiffeurmeisterin
(Urk. 10/5/5).
Sie arbeitete zuletzt ab dem 1
5.
August 2018 in einem Vollzeit
pen
sum als
Coiffeuse
im Y._ in Z._
(Urk. 10/5/6). Am 14. Okto
ber
2019 gebar sie eine Tochter (Urk. 10/5/3). Nachdem
ihr
vom
10. Januar 2020
bis am 3
0.
April
2020 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert worden war (Urk. 10/1/1-5), meldete sie sich am 2
5.
Mai 2020 unter Hinweis auf seit einem Fahrradunfall vom 2
2.
April 2015 bestehende sehr starke Schmerzen an der lin
ken Schulter (Urk. 10/5/6) bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 10/5).
Die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
zog daraufhin die Akten des Krankentaggeldversicherers Helsana
AG
bei (Urk. 10/6), an welche auch eine Schadenmeldung UVG mit Rück
falldatum vom 1
0.
Januar 2020 erfolgt war (Urk. 10/6/1), und tätigte erwerbliche sowie medizinische Abklärungen (Urk. 10/11 ff.).
Namentlich nahm sie das von der Krankentaggeldversicherung eingeholte Gutachten
von
Dr.
med. A._
, Facharzt
für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewe
gungsapparates, vom 2
8.
September 2020
zu den Akten (Urk. 10/22
/4 ff.
). Nach Rücksprache mit
Dr.
med. B._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie, Regionaler Ärztlicher Dienst
(RAD), am 12.
November
2020 (
Urk.
10/34)
stellte die IV-Stelle der Versicherten mit Vorbescheid vom
8.
Januar 2021
die Abweisung ihres Leistungsbegehrens in Aussicht (Urk. 10/36). Dagegen erhob die Versicherte am
8.
Januar 2021 Einwand (Urk. 10/40). Daraufhin nahm die IV-Stelle weitere Arztberichte (Urk. 10/42) sowie Unterlagen des
Krankentag
geld
versicherers (Urk. 10/
43 und
Urk.
10/45
-46
) zu den Akten.
Am
8.
Februar 2021 ergänzte die Versicherte ihren Einwand und ersuchte um Fristverlängerung für eine weitere Ergänzung nach Akteneinsicht (Urk. 10/47). Am 1
1.
Februar 2021 gewährte die IV-Stelle der Versicherten Akteneinsicht und wies darauf hin, dass die nun gesetzliche Frist nicht verlängert werden könne
(Urk. 10/48). Mit Verfügung vom 1
1.
Februar 2021 wies sie das Leistungsbegehren wie angekün
digt ab (Urk. 10/49 =
Urk.
2).
2.
Gegen die Verfügung vom 1
1.
Februar 2021 erhob die Versicherte am 1
0.
März 2021 Beschwerde mit dem Antrag, es seien ihr Leistungen der Invalidenversiche
rung zu gewähren (
Urk.
1 S. 1). In prozessualer Hinsicht ersuchte sie zudem um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (
Urk.
1 S. 3).
Die Beschwerde
gegnerin schloss in ihrer Beschwerdeantwort vom 2
8.
April 2021 auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
9), was der Beschwerdeführerin mit Gerichtsverfügung vom
4.
Mai 2021 mitgeteilt wurde. Zugleich wurde ihr die unentgeltliche Prozessfüh
rung für das vorliegende Verfahren gewährt (
Urk.
11).
Auf die Ausführungen der Parteien und die
eingereicht
en Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den
nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Tei
l des Sozialversicherungsrechts;
ATSG)
. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 ATSG) bedrohte Versicherte haben ge
mäss Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
An
spruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit:
a.
diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
wieder herzustellen
, zu erhalten oder zu verbessern; und
b.
die Voraussetzungen
für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind.
Die Eingliederungsmassnahmen bestehen gemäss Abs. 3 in medizinischen Mass
nahmen (
lit
. a), Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Ein
gliederung (
lit
.
a
bis
), Massnahmen beruflicher Art (Berufsberatung, erstmalige be
rufliche Ausbildung, Umschulung, Arbeitsvermittlung, Kapitalhilfe;
lit
. b) und in der Abgabe von Hilfsmitteln (
lit
. d).
1.3
Gemäss
Art.
17 IVG hat die versicherte Person Anspruch auf Umschulung auf eine neue Erwerbstätigkeit, wenn die Umschulung infolge Invalidität notwendig ist und dadurch die Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erhalten oder verbessert
werden kann (
Abs.
1). Der Umschulung auf eine neue Erwerbstätigkeit ist die Wiedereinschulung in den bisherigen Beruf gleichgestellt (
Abs.
2). Als Umschu
lung gelten gemäss
Art.
6
Abs.
1
der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV)
Ausbildungsmassnahmen, die Versicherte nach Abschluss einer erstmaligen beruflichen Ausbildung oder nach Aufnahme einer Erwerbstätigkeit ohne vor
gängige berufliche Ausbildung wegen ihrer Invalidität zur Erhaltung oder Ver
besserung der Erwerbsfähigkeit benötigen.
Der Anspruch auf Umschulung setzt voraus, dass die versicherte Person wegen der Art und Schwere des Gesundheitsschadens im bisher ausgeübten Beruf und in den für sie ohne zusätzliche berufliche Ausbildung offen stehenden zumutba
ren Erwerbstätigkeiten eine bleibende oder längere Zeit dauernde Erwerbsein
busse von etwa 20 % erleidet, wobei es sich um einen blossen Richtwert handelt (BGE 124 V 108 E. 2a und b mit Hinweisen; vgl. auch BGE 130 V 488 E. 4.2; AHI
2000 S. 27 E. 2b und S. 62 E. 1 je mit Hinweisen).
1.4
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrelevante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September
2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin stellte sich in der angefochtenen Verfügung vom 11. Feb
ruar
2021 auf den Standpunkt, soweit
die
geringe Körpergrösse
der Be
schwerdeführerin
bei der Ausübung des angestammten Berufes zu ungünstigen Armhaltungen mit Schmerzen führe, sei festzuhalten, dass Kleinwuchs keine Diagnose sei, welche Leistungen der Invalidenversicherung zu begründen ver
möge. Aus orthopädischer Sicht habe keine bleibende gesundheitliche Schädi
gung nachgewiesen werden können, welche auf den Unfall vom Jahr
2015 zu
rückzuführen wäre. Insgesamt liege keine invalidenversicherungsrechtlich rele
van
te Diagnose vor (
Urk.
2 S. 1).
2.2
Die Beschwerdeführerin machte in ihrer Beschwerde vom 1
0.
März
2021 unter nähe
rer Begründung geltend, das Gutachten von
Dr.
A._
weise viele Un
stimmigkeiten und Fehler auf (
Urk.
1 S. 1 ff.). Namentlich seien die aktuellen MRI-Bilder nicht berücksichtigt worden (
Urk.
1 S.
1). Zusammengefasst postu
lier
te sie, wegen ihrer Schulterschmerzen sei sie als
Coiffeuse
nicht mehr arbeits
fähig, weshalb sie berufliche Massnahmen respektive Eingliederungs
massnahmen der Invalidenversicherung benötige (
Urk.
1).
3.
3.1
Dr.
med. C._
, Assistenzarzt Manuelle Medizin der
Klinik D._
, berichtete am 1
3.
Februar
2020, die Beschwerdeführerin habe im April 2015 in
folge eines Fahrradunfalls eine
Tuberculum
majus
-Fraktur links erlitten. Nach dem Ausheilen der Fraktur hätten weiterhin linksseitige Schulterschmerzen in unterschiedlicher Intensität bestanden, wofür gemäss Beurteilung durch
Dr.
med. E._
, Stellvertretender Chefarzt Schulter- und Ellbogenchirurgie der
Klinik D._
,
vom 2
8.
Oktober 2016
(vgl.
Urk.
10/22/15-16)
keine
ossäre
,
artikuläre
oder
ligamentäre
Ursache zu finden gewesen sei. Deshalb sei die Be
schwerdeführerin zu ihnen auf die Abteilung für manuelle Medizin überwiesen worden, wo es indes nicht gelungen sei, eine klare Ursache für die Schmerzen zu eruieren.
Auch die verschiedenen Behandlungsversuche seien erfolglos geblieben. Aufgrund der Schmerzen sei die Beschwerdeführerin zu 100
%
arbeitsunfähig geschrieben (Urk. 10/26/1 f.). Da klinisch neben den
myofaszialen
Befunden der Schultermuskulatur auch
ein Hypästhesie-Areal im
ulnaren
Oberarm links und e
i
n Nervendehnschmerz mit Ausstrahlung in das sensorische Areal des
Nervus
medianus
und des
Nervus
ulnaris
als Hinweis für eine mögliche
Plexusirritation
zu finden seien,
bat er
Dr.
med. F._
um eine neurologische Beurtei
lung (Urk. 10/26/2).
Dr.
med. G._
, Assistenzarzt Manuelle Medizin der
Klinik D._
,
hielt
am
1.
Juli 2020
seinerseits
fest
, eine klare Ursache für die Schmerzen
habe nicht eruiert werden können und d
ie verschiedenen Behandlungsversuche seien
weiterhin
erfolglos geblieben (Urk. 10/19/1-2).
Dr.
G._
führte weiter aus
, an
gesichts der chronisch unveränderten Schmerzsymptomatik sähen sie prognos
tisch eine längerdauernde Arbeitsunfähigkeit. Die Beschwerdeführerin spreche nur schlecht auf die bisherigen Therapien an und die Schmerzsymptomatik habe nicht
verbessert werden können. Als
Coiffeuse
müsse die Beschwerdeführerin re
petitiv über Kopf arbeiten mit Armelevation und -abduktion, was zu einer Schmerz
verstärkung führe. Sie könne sowohl die Anteversion als auch die Ab
duktion des Armes nicht schmerzfrei ausführen, was sie in der Arbeit als
Coiffeuse
stark behindere (Urk. 10/19/3). Die Beschwerdeführerin sei motiviert für eine Wiedereingliederung. Geeignet sei eine Tätigkeit mit geringer körperlicher Belas
tung. Zur genauen Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sei eine
Evaluation der funk
tionellen Leistungsfähigkeit in einem arbeitsmedizinischen Institut nötig
(Urk. 10/19/4).
3.2
Dr.
med. H._
, Facharzt
für
Oto
-
Rhino
-Laryngologie
,
führte in seinem Bericht betreffend die Konsultation vom
2.
Juli 2020 aus
,
die Beschwerdeführerin habe über einen seit zwei Wochen bestehenden Tinnitus
rechts
geklagt. Therapiert werde mittels
Councelling
, Elektrokoagulation rechts sowie Nasensalbe und sie könne sich bei Bedarf wieder vorstellen (Urk. 10/29).
Der unter ICD-10 H93 klas
sifizierten Krankheit des Ohrs mass er in seinem Bericht vom 2
8.
Juli 2020 keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zu (Urk. 10/30/1).
3.3
Der Hausarzt
Dr.
med. I._
, Facharzt für Allgemeine Medizin,
äus
serte in seinem Bericht vom 1
6.
Juli
2020 den Verdacht auf eine Störung der Gefühle und des Sozialverhaltens im Rahmen einer Anpassungsstörung (ICD-10 F43.25) in psychosozialer Belastungssituation und nannte zudem die Diagnose einer
Periarthritis
humeroscapularis
(PHS) links bei Status nach Unfall vor weni
gen Jahren. Beiden Diagnosen mass er Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zu
. Er beschrieb die Beschwerdeführerin als sehr depressiv wirkend. Sie sei sehr trau
rig und ängstlich, berichte von Konzentrationsschwierigkeiten, innerer Unruhe und Angstzuständen sowie ausgeprägten Schlafstörungen. Sie verspüre Miss
trauen gegenüber allen Menschen. Ihr Antrieb sei deutlich vermindert. Es fänden stützende ärztliche Gespräche statt
(Urk. 10/28/3).
Eine psychiatrische Behand
lung habe sie initial abgelehnt, sei nun jedoch bereit für eine Psychotherapie. Sie habe Probleme in der Partnerschaft beziehungsweise Beziehung, sei alleinerzie
hende Mutter von einem Baby und es bestünden Konflikte am Arbeitsplatz (Urk. 10/28/4).
Am 2
0.
Juli 2020 verordnete Dr.
I._
unter Angabe der Diagnose eines
Panvertebralsyndroms
, lumbal betont, eine Serie Physiotherapie (Urk. 10/32/5).
3.
4
Laut dem Bericht des Medizinischen Radiologischen
Instituts (MRI) fand am 13.
August 2020 eine MR
Arthrographie
der linken Schulter statt. Dabei sei eine leichte
Ansatztendinopathie
der
Supraspinatussehne
und
Infraspinatussehne
mit kleiner Verkalkung am zentralen
Footprint
der
Infraspinatussehne
ersichtlich ge
wesen, am ehesten degenerativer Genese, Differentialdiagnose Tendinitis
cal
carea
. Zudem sei eine stark aktivierte mässige
A
rthrose
des
Acromio
-
Clavicular
-Gelenks (AC-Gelenk)
mit leichter Einengung des
Subakromialraumes
ersichtlich gewesen (
Urk.
3/1 S. 1).
Dr.
med. J._
, Chefarzt Manuelle Medizin,
Klinik D._
, berichtete am 2
0.
August
2020 über die Besprechung des
Arthro
-MRI der linken Schulter. Er hielt fest, es
hätten
sich eine deutlich akti
vierte AC-Gelenksarthrose links sowie eine mögliche leichtgradige Tendinitis im Bereich des
Supraspinatus
-Ansatzes bei sonst unauffälligen Befunden gezeigt (Urk. 10/42/3).
3.5
Der Physiotherapeut K._
gab in seinem Bericht vom
8.
September
2020 an, die Beschwerdeführerin sei schmerzbedingt in seiner Praxis behandelt wor
den, durch ihre persönlichen Umstände sei jedoch kaum eine deutliche Besserung zu erzielen gewesen (Urk. 10/31).
3.
6
Dr.
A._
diagnostizierte in seinem Gutachten vom 2
8.
September 2020
na
mentlich
eine chronische Schmerzsymptomatik unklarer Ätiologie an der
adomi
nanten
linken Schulter bei asymptomatischer
A
rthropathie
des AC-Gelenk
s
und Partialruptur der
Supraspinatussehne
(PASTA) sowie bei Status nach
undislozier
ter
Tuberculum
majus
-Fraktur am 22.
April 201
5.
Sodan
n
nannte er den Zustand nach diversen Kontusionen links vom 2
2.
April 2015 (Urk. 10/22/33).
Dr.
A._
gelangte in Würdigung der
Vorakten
sowie gestützt auf die durch
geführ
te
sonographisch
gesteuerte Inf
iltration des AC-Gelenkes
und des
gleno
humeralen
Gelenks
und in Anbetracht der klinischen Befunde zum Schluss, dass die Schmerzsymptomatik an der Schulter nicht mit
patho
-anatomischen Ver
än
derungen der Schulter korreliert werden könne. Die Partialruptur des
Supraspi
natus
und die AC-
Gelenksarthropathie
würden nicht zur Schmerz
sympto
matik beitragen. Ferner hielt er fest, neurologische und vaskuläre Ursa
chen seien eben
falls ausgeschlossen worden. Daher bestehe aus orthopä
discher Sicht keine Ein
schränkung der Schulter und somatisch auch keine Einschränkung der Arbeits
tätigkeit als
Coiffeuse
und Lehrmeisterin. Da die Beschwerdeführerin Schmer
zen aufweise, die nicht klar verifiziert werden könn
t
en, empfehle er ein neuro-psy
chiatrisches
Konsil
, um eine mögliche Ursache zu eruieren (Urk. 10/22/34-36
und
Urk.
10/22/38 ff.
).
3.
7
RAD-Arzt
Dr.
B._
wies in seiner Stellungnahme vom 1
2.
November
2020 darauf hin, dass gemäss dem orthopädischen Gutachten von
Dr.
A._
vom 28. September 2020 die bisherige Tätigkeit weiterhin uneingeschränkt möglich sei (Urk. 10/34/1).
3.8
Dr.
J._
,
Klinik D._
, führte am 2
8.
Dezember 2020 aus, die Be
schwerdeführerin leide an chronischen invalidisierenden Schmerzen in der linken
Schulter. Das Hauptproblem stellten die Beschwerden dar, eigentlich der Beweg
lichkeitsverlust der Schulter. Die Beschwerden verunmöglichten jegliche Bewe
gung aus der linken Schulter und auch
das
Tragen von Gegenständen über zwei Kilogramm. Schon nur das kurzzeitige He
b
en des Armes werde durch die Schmer
zen verunmöglicht. Es handle sich um Schmerzen, die eine
n
neuropathischen Charakter zeigten, jedoch momentan noch auf keine spezifische Struktur zurück
zuführen seien. Auch in der Tätigkeit als Hausfrau und Mutter sei die Beschwer
deführerin aufgrund dessen sehr stark eingeschränkt (
Urk.
3/2 S. 6).
3.9
Dr.
med. L._
, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, gab am 15. Janu
ar
2021 ihre vertrauensärztliche Beurteilung zuhanden der Krankentag
geld
versicherung
Helsana
ab
(Urk. 10/46).
Sie hielt fest, die Helsana habe psy
chiatri
sche Abklärungen veranlasst, welche keine Einschränkung der Arbeits
fähigkeit aus psychiatrischer Sicht ergeben
hätten
(Urk. 10/46/1). Unter Hinweis auf Un
klarheiten empfahl sie ein weiteres orthopädisches Gutachten (Urk. 10/46/2).
4.
4.1
Das orthopädische Gutachten von
Dr.
A._
vom 2
8.
September
2020 (Urk. 10/22/4-42) beruht auf
umfassenden klinischen
und diagnostischen
Unter
suchungen (
Urk.
10/22/4, 10/22/26-32), der Erhebung der Anamnese (Urk. 10/22/5-10),
berücksichtigt die geklagten Beschwerden
(
Urk.
10/22/5-6, 10/22/8
)
und
ist in Kenntnis der
bei der Auftragserteilung vorhandenen
Vorakten
abgegeben worden (
Urk.
10/22/11-25
). Damit erfüllt es
die
formellen höchstrich
terlichen Anforde
rungen an beweiskräftige medizinische Entscheidungsgrundla
gen
(BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a).
Dr.
A._
erläuterte in
seiner Zusammenfassung und Beurteilung in
nach
vollziehbarer Weise, dass
die am 2
7.
April 2015 diagnostizierte
undislozierte
Tuberculum
majus
-Fraktur bereits im Zeitpunkt
der MRI-Untersuchung vom 23.
Juli 2015 konsolidiert gewesen sei
. Im Jahr 2016 sei zwar neu eine kleine Partialruptur der
Supraspinatussehne
zu sehen gewesen, jedoch trage diese - wie auch die AC-
Gelenksarthropathie
- nicht zur Schmerzsymptomatik bei. Dies habe sich anhand der klinischen Befunde sowie durch den Umstand gezeigt, dass die Infiltrationen mit einem Lokalanästhetikum nicht zu einer Besserung der Schmer
zen geführt hätten
(Urk. 10/22/34-36)
.
Daher bezeichnete er die
AC-Gelenks
arthropathie
und die PASTA als
asymptomatisch (Urk. 10/22/33),
was
nach dem Gesagten
plausibel ist.
Zudem hielt er fest, dass die Ärzte der
Klinik D._
eine relevante
gl
e
nohumerale
oder
subacromiale
Pathologie ausgeschlos
sen und die Beschwerden als
myofaszialer
Natur eingeordnet hatten
(Urk. 10/22/34
). Dies
trifft zu, fanden sich doch ein Jahr nach dem Unfall keine Hinweise für eine
ossäre
,
artikuläre
oder
ligamentäre
Ursache für die Schulter
schmerzen und hatten die Ärzte der
Klinik D._
auch im Zeitpunkt der Be
richterstattung vom 1
3.
Februar 2020
sowie jener vom
1.
Juli 2020
keine klare Ursache für die Schmerzen gefunden (
Urk.
10/1/6 =
Urk.
10/26/1
, Urk.
10/19/1-2
)
.
Z
war
wurde am 13. Februar
2020
eine
Plexusirritation
für möglich gehalten (Urk. 10/1/7),
doch wurde eine solche mittels am 2
2.
Mai 2020 durchgeführter elektro
phy
sio
logischer Untersuchung, welche eine normale Neurographie ergab, ausge
schlos
sen
(vgl. Urk. 10/22/
23
, Urk. 10/22/34
)
.
Die neurologische Untersu
chung fiel al
ters
entsprechend normal aus
,
ohne Hinweise für eine periphere Neu
ropathie oder eine Plexus- respektive
myeläre
/
z
ervikoradikuläre
Affektion (Urk. 10/22/24).
Eben
so zeigte sich die arterielle Durchblutungssituation des lin
ken Arms anläss
lich der
angiologischen
Untersuchung, über welche am 1
2.
Dezember
2017 be
rich
tet wurde, als unauffällig (
Urk.
10/22/19-20,
Urk.
10/22/34). Vor diesem Hinter
grund der in diversen Fachgebieten getätigten Abklärungen und deren weit
gehend unauffällige Ergebnisse überzeugt es, dass
Dr.
A._
bei seinem Kenntnisstand der
Vorakten
zum Schluss gelangte,
die chronische Schmerz
symptomatik der linken Schulter sei unklarer Ätiologie, und
er
eine Einschrän
kung der Schulter aus orthopädischer Sicht gestützt auf seine Untersuchungen sowie die diagnostischen Infiltrationen vom 1
1.
und 17. Sep
tember
2020 (vgl.
Urk.
10/22/30) verneinte (
Urk.
10/22/36).
4.2
Die Beschwerdeführerin wendet gegen das Gutachten ein,
Dr.
A._
habe die MRI-Bilder vom 1
3.
August 2020 nicht berücksichtigt, auf welchen eine deut
liche Aktivierung ihrer A
C
-Gelenkarthrose zu sehen sei (
Urk.
1 S. 1).
Es trifft zu, dass anlässlich der MR
Arthrographie
der linken Schulter vom 1
3.
August
2020 eine stark aktivierte mässige AC-Gelenksarthrose mit leichter Einengung des
Subakro
mialraumes
vorgefunden wurde (MRI-Bericht vom 13. August
2020,
Urk.
3/1) und dass
Dr.
A._
davon
keine Kenntnis hatte (vgl. Urk.
10/22/
31-32). Dass eine AC-Gelenksarthrose vorliegt respektive bereits im April 2015 vorlag, war ihm
hingegen
bekannt (Urk. 10/22/31). Er stufte sie indes als asymptomatisch ein (Urk. 10/22/33),
da die Beschwerdeführerin nicht auf die Infiltration des AC-Gelenkes mit
Lidocain
ansprach (Urk. 10/22/30), was nach
vollziehbar ist. Dies unabhängig von den exakten bildgebenden Befunde
n
, wes
halb
fraglich
ist,
ob
deren Bekanntsein etwas an seiner Beurteilung geändert hätte.
4.3
Als weiteren Fehler im Gutachten erwähnt die Beschwerdeführerin
in der Be
schwerdeschrift
, sie habe ab September
2015 wieder gearbeitet (
Urk.
1 S. 2). Bei der Stelle im Gutachten, auf welche sie hinweist, handelt es sich um Angaben
ihrerseits
im Rahmen der Anamneseerhebung (
Urk.
10/22/5).
Soweit diesbezüg
lich ein Missverständnis vorlag, ist ihm keine Relevanz beizumessen, zumal Dr.
A._
diesen Umstand nicht zur Begründung der Beurteilung verwen
dete. Gleiches gilt für das Geburtsdatum des Kindes, welches mit 4. Oktober statt 1
4.
Oktober
2019 angegeben wurde (
Urk.
1 S. 2 und Urk. 10/22/8), wobei es sich vermutlich um einen Tippfehler handelt, welcher nichts zur Sache tut.
Dass sie nach 2019 arbeitslos wurde, stimmt
,
auch wenn dies erst im September 2020 der Fall war (vgl. den Einwand in
Urk.
1 S. 2). Dies gilt umso mehr, als die Beschwer
deführerin nach 2019 nicht mehr arbeitete, wobei ihr Mutterschaftsurlaub im Januar
2020 endete
(Urk. 10/2/1,
Urk.
10/6/4)
und die Kündigung des Arbeits
verhältnisses erstmals
im April 2020
e
rfolgte (Urk.
10/
3/2, Urk. 10/17/7
).
4.4
Des Weiteren macht die Beschwerdeführerin geltend, sie könne wegen erheblicher Schmerzen nicht mehr als
Coiffeuse
arbeiten (
Urk.
1 S. 2).
Subjektive Schmerz
angaben der versicherten Person genügen indes für die Begründung einer (teil
weisen) Invalidität allein nicht (BGE
130 V 352
E. 2.2.2 mit Hinweisen).
Objektive Befunde, welche mit den Schmerzangaben korrelieren würden, sind nur im Um
fang von
myofaszialen
Schmerzquellen vorhanden. So gingen die behandelnden Ärzte der
Klinik D._
primär von einer
myofaszialen
Genese der Schmerzen aus (Urk. 10/22/22,
Urk.
10/
26/2).
E
ine psychische Erkrankung, welche zu Schmerzen führen könnte, wurde anlässlich einer
psychiatrischen Abklärung durch die Helsana offenbar verneint (vgl. E. 3.9 vorstehend), jedoch befindet sich der Bericht über die entsprechende Abklärung nicht bei den Akten. Einerseits wurde
keine psychische Erkrankung
fachärztlich diagnostiziert
, andererseits hielt
Dr.
A._
, auf dessen Gutachten die IV-Stelle abgestellt hat,
ein neuro-psy
chiatrisches
Konsil
für erforderlich (E. 3.6 vorstehend).
Da
Dr.
A._
die Äti
ologie der Schmerzen für ungeklärt hielt (
Urk.
10/22/33) und
da
die psychiatri
sche Beurteilung
nicht vorliegt und dementsprechend
nicht nachvollzogen wer
den kann, bleibt die Genese der Schmerzsymptomatik an der linken Schulter ein Stück weit unklar.
Dabei ist im Blick zu behalten, dass d
ie umfassende administrative Erstbegutach
tung regelmässig polydisziplinär und damit zufallsbasiert anzulegen
ist
; eine direkte Auftragserteilung soll die Ausnahme bleiben. Eine polydisziplinäre Exper
tise ist auch dann einzuholen, wenn der Gesundheitsschaden zwar bloss als auf eine oder zwei medizinische Disziplinen fokussiert erscheint, die Beschaffenheit der Gesundheitsproblematik aber no
ch nicht vollends gesichert ist
(BGE 139 V 349 E. 3.2 mit Hinweis).
Demnach wäre im vorliegenden Fall eine polydisziplinäre Abklärung ange
zeigt
gewesen. Dies gilt umso mehr, als sich auch der
RAD nur aus orthopädischer
Sicht
äusserte
und dabei ohne nähere Begründung auf das Gutachten von D
r.
A._
ab
stellte
(Urk. 10/34/1). Aufgrund der damaligen Aktenlage ist davon auszugehen, dass
auch
er weder vom Inhalt der psychiatrischen Abklärung noch von den bildgebenden Befunden vom 13. August 2020
Kenntnis hatte (vgl. U
rk.
10/14/1).
Letztere wurden nämlich
erst im
Einwand
verfahren
(Urk. 10/42/3), ergänzt im Gerichtsverfahren (
Urk.
3/1-2),
eingereicht.
4.5
Hinzu kommt, dass die
Begründung der
angefochtene
n
Verfügung vom 1
1.
Feb
ru
ar 2021 (
Urk.
2)
insofern nicht überzeugt
,
als darin
in erster Linie
auf den Kleinwuchs eingegangen wurde
.
Trotz ihrer geringen Körpergrösse
hatte
die Be
schwerdeführerin
aber dennoch
mehrere Jahre
lang
als
Coiffeuse
gearbeitet (
Urk. 10/
3/3 ff.,
Urk. 10/22/7).
Die
Kleinwüchsigkeit
allein scheint
also
kein Problem zu sein
.
Die Beschwerdeführerin hatte bei ihrer Anmeldung zum Leis
tungsbezug sehr starke Schmerzen an der linken Schulter seit einem Fahrrad
unfall vom 22. April
2015 als gesundheitliche Beeinträchtigung angegeben (Urk. 10/5/6).
Die Be
schwerdegegnerin ging darauf in der angefochtenen Ver
fügung insoweit ein, als sie festhielt, aus orthopädischer Sicht habe keine blei
bende gesundheitliche Schä
digung, welche auf den Unfall von 2015 zurückzu
führen wäre, nachgewiesen werden können (
Urk.
2 S. 1), und verkennt damit, dass die Unfallkausalität im Bereich der Invalidenversicherung keine Leis
tungsvoraussetzung darstellt.
4.6
Überdies ist festzuhalten, dass
die
Krankentaggeldversicherung
Helsana schluss
endlich von einer
vollumfänglichen
Arbeitsfähigkeit lediglich in einer ange
pass
ten Tätigkeit
respektive von einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit als
Coiffeu
se
aus
ging
(Urk. 10/
43/1 ff.
,
Urk.
3/5 S. 3
f.
),
wobei
der Grund dafür
aus den
Akten nicht ersichtlich ist
.
4.7
Zusammenfassend ist festzuhalten,
dass die Ätiologie der Schmerzen nicht voll
ständig geklärt ist, dass
sich
das vom Gutachter
Dr.
A._
für nötig gehal
tene neuropsychiatrische
Konsil
(
Urk.
10/22/38, Urk. 10/22/41)
nicht bei den A
kten befindet und
dass Dr.
A._
von der Aktivierung der AC-Gelenks
arthrose keine Kenntnis hatte
.
Sodann ist zu berücksichtigen,
dass Erstab
klä
rungen in der Regel polydisziplinär zu erfolgen haben,
dass sich die IV-Stelle selber - wie
mit Blick auf die
angefochtene Verfügung ersichtlich wird - nur sehr rudimentär mit dem F
all befasst hat.
Dazu kommt
, dass
mit der
AC-Gelenks
arthropathie
respektive der im August
2020 deutlich aktivierten AC-Gelenks
arthrose
und der PASTA (
Urk.
10/22/33
, Urk. 10/42/3
)
grundsätzlich ge
wisse
somatische Befunde vorhanden sind
, wobei am Anfang
d
er
geklagten
Be
schwer
den ein Unfall mit Fraktur stand
(
Urk.
10/22/33)
.
I
n Anbetracht dessen, dass die Krankentaggeldversicherung, auf deren Akten sich die IV-Stelle bei ih
rem
Entscheid stützte, letztendlich von einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in
der angestammten
Tätigkeit ausging
(
Urk.
10/43/1)
,
führt all dies zum Schluss, dass die IV-Stelle den Sachverhalt ungenügend abgeklärt hat.
Die Aktenlage zeigt
vielmehr
ein widersprüchliches un
d unvollständiges Bild der medi
zinischen Situa
tion.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten in dem Sinne gutzuheissen, dass die an
gefochtene Verfügung vom 1
1.
Februar 2021 aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist (vgl. vorstehende E. 1.4), damit diese die notwendigen medizinischen Abklärungen vornehme und danach unter Würdi
gung der gesamten Aktenlage neu über den Anspruch der Beschwerdeführerin auf Leistungen der Invalidenversicherungen
, namentlich Eingliederungsmass
nahmen,
entscheide.
5.
Der Streitgegenstand des Verfahrens betrifft die Bewilligung oder Verweigerung von
L
eistungen
der Invalidenversicherung
. Das Verfahren ist daher kosten
pflich
tig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhän
gig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und ermessensweise auf
Fr. 7
00.
--
anzusetzen. Ausgangsgemäss sind die Gerichtskosten
der Beschwer
degegnerin
aufzuerlegen.