Decision ID: bd097bb8-293d-565f-b322-214f12ebd6c6
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am 9. April 2015 in die Schweiz ein und
suchte tags darauf um Asyl nach. Am 20. Mai 2015 wurde er im Empfangs-
und Verfahrenszentrum zur Person befragt (BzP). Die Vorinstanz hörte ihn
am 2. Mai 2016 zu seinen Asylgründen an.
Im Wesentlichen machte der Beschwerdeführer geltend, er stamme aus
B._ (kurdisch: C._), Provinz D._, wo er zusammen
mit seinen Eltern und drei seiner Geschwister gelebt habe. Er habe die
Schule nicht abschliessen können und sei keiner Erwerbstätigkeit nachge-
gangen. Die Familie habe Probleme mit der Regierung sowie den "Apoci-
Leuten" beziehungsweise den (...) bekommen. Sein Vater habe (...) in der
(...) Partei ([...]; auch bekannt unter dem Kürzel [...]) innegehabt. Er selbst
und seine Geschwister hätten sich bereits im Kindes- beziehungsweise Ju-
gendalter für die Partei engagiert, indem sie zum Beispiel an Demonstrati-
onen gegen die syrische Regierung teilgenommen oder die Parteizeitung
verteilt hätten. Der Vater sei in den Fokus der syrischen Regierung geraten.
Er wisse nicht genau, ob der Vater deshalb verhaftet worden sei, er wisse
jedoch, dass er in eine Fahndungsliste aufgenommen worden sei. Sodann
habe der Vater auch Probleme mit den "Apoci-Leuten" beziehungsweise
der (...) gehabt. Er selbst sei damals noch jung gewesen, weshalb er nicht
genau wisse, welche konkreten Nachteile dem Vater von dieser Seite zu-
gefügt worden seien, er habe aber gehört, der Vater sei Opfer von Tätlich-
keiten geworden. Sein Vater habe den Heimatort bereits vor ihm verlassen,
sei jedoch sporadisch zu Besuchen zurückgekehrt.
Einer seiner Brüder sei als Märtyrer im Krieg gefallen und die "Apoci" hät-
ten gewollt, dass er anstelle dieses Bruders weiterkämpfe. Ein weiterer sei-
ner Brüder, E._, habe – unter anderem deshalb – ebenfalls Prob-
leme gehabt und sei einige Zeit vor ihm in die Schweiz geflüchtet. Die
"Apoci" hätten jeweils mit der Mutter gesprochen, er selber sei nur einmal
persönlich bei einem Rekrutierungsgespräch unmittelbar anwesend gewe-
sen. Nachdem die Rekrutierungsbemühungen nicht gefruchtet hätten, hät-
ten die "Apoci" damit gedroht, ihn zwangsweise mitzunehmen. Wegen sei-
ner eigenen Parteinähe habe er nie unmittelbare Probleme gehabt. So-
lange in Syrien jedoch die aktuelle Regierung sowie die "Apoci" an der
Macht seien, könne er nicht dorthin zurück.
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Als Beweismittel gab der Beschwerdeführer unter anderem seine Identi-
tätskarte im Original, eine Fahndungsliste sowie diverse Fotos betreffend
die Parteitätigkeit der Familie zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 6. Juli 2018 stellte die Vorinstanz fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab
und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz, schob den Vollzug jedoch
wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
C.
Der Beschwerdeführer reichte mit Eingabe vom 8. August 2018 gegen den
Entscheid der Vorinstanz Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht
ein. Er beantragt, der Entscheid der Vorinstanz sei aufzuheben, es sei
seine Flüchtlingseigenschaft zu anerkennen und ihm Asyl in der Schweiz
zu gewähren. Eventualiter sei er als Flüchtling vorläufig aufzunehmen.
Schliesslich sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 17. September 2018 hiess die Instruktions-
richterin die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung, inklusive Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, sowie die unentgeltliche Ver-
beiständung gut und lud die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlas-
sung ein.
E.
Der Beschwerdeführer teilte dem Gericht mit Eingabe vom 18. September
2018 mit, seinen Eltern und drei minderjährigen Geschwistern sei am
20. August 2018 Asyl in der Schweiz gewährt worden. Ferner hätten auch
zwei seiner volljährigen Geschwister Asyl in der Schweiz erhalten. Dadurch
erhöhe sich für ihn die Gefahr, bei einer Rückkehr in sein Heimatland in
den Fokus der Behörden zu geraten.
F.
Die Vorinstanz beantragt in ihrer Vernehmlassung vom 2. Oktober 2018
sinngemäss die Abweisung der Beschwerde. Im Einzelnen äusserte sie
sich zu den Voraussetzungen des Familienasyls sowie zur geltend ge-
machten Reflexverfolgung.
E-4545/2018
Seite 4
G.
Mit Eingabe vom 16. Oktober 2018 ersuchte der Beschwerdeführer um
Fristerstreckung zur Einreichung der Replik. Zudem teilte er mit, zwei wei-
tere seiner Geschwister seien in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt
worden.
H.
Nach gewährter Fristerstreckung stellte der Beschwerdeführer mit Eingabe
vom 7. November 2018 dem Gericht seine Replik sowie die Kostennote
seines Rechtsvertreters zu.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS
2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren
gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än-
derung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwer-
deführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bilden die Flüchtlingseigen-
schaft, der Asylpunkt sowie die Wegweisung. Der Wegweisungsvollzug ist
nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Beschwerdeführer zu-
folge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufgenommen
hat.
3.
Der Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft eines Angehörigen nach Art. 51
Abs. 1 AsylG erfolgt erst, wenn festgestellt wurde, dass die einzubeziehen-
de Person die Flüchtlingseigenschaft nicht selbständig nach Art. 3 AsylG
erfüllt (Art. 37 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1,
SR 142.311]).
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Seite 5
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken.
4.2 Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffe-
nen Person auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexver-
folgung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Re-
flexverfolgung betroffene Person ernsthaften Nachteilen im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet
befürchten muss (zum Begriff der Reflexverfolgung: BVGE 2007/19 E. 3.3
S. 225, unter Hinweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der Schweize-
rischen Asylrekurskommission [EMARK] 1994 Nr. 5 E. 3h; vgl. ausserdem
EMARK 1994 Nr. 17).
4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1 sowie 2012/5 E. 2.2).
5.
Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen des Beschwerdeführers hielten weder den Anforderungen an
das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die Flücht-
lingseigenschaft nach Art. 3 AsylG stand.
http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/19 http://links.weblaw.ch/EMARK-1994/5 http://links.weblaw.ch/EMARK-1994/17
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Zur Begründung führt die Vorinstanz aus, im Zusammenhang mit den Rek-
rutierungsversuchen durch die (...) würden die Schilderungen des Be-
schwerdeführers anlässlich der BzP nicht mit seinen Angaben im Rahmen
der Anhörung übereinstimmen. Ferner seien seine diesbezüglichen Vor-
bringen vage und vertiefenden Fragen sei er systematisch ausgewichen.
Bezüglich der geltend gemachten Reflexverfolgung im Zusammenhang mit
den Aktivitäten des Vaters habe er keine konkrete Gefährdung dargelegt,
sondern hypothetische Verfolgungsszenarien vorgebracht. Auf vertiefte
Nachfragen habe er seine Behauptungen nicht konkretisieren können be-
ziehungsweise stütze er sich bezüglich der Probleme des Vaters auf Hö-
rensagen. Den in diesem Zusammenhang vorgelegten Beweismitteln sei
die Beweiskraft beziehungsweise die Beweistauglichkeit abzusprechen.
Ferner sei nicht davon auszugehen, er sei wegen seiner eigenen, als nie-
derschwellig zu qualifizierenden politischen Tätigkeit, in irgendeiner Form
gefährdet. Insgesamt sei nicht erkennbar, dass er in flüchtlingsrechtlich re-
levanter Weise im Blickfeld der syrischen Regierung oder anderen politi-
schen Gruppierungen stehe. Etwas anderes ergebe sich auch nicht aus
den Asylakten seiner Angehörigen.
6.
In der Rechtsmitteleingabe vom 8. August 2018 bringt der Beschwerdefüh-
rer vor, der angefochtene Entscheid äussere sich nicht zum Familienasyl.
Sein Vater, welcher sich ebenfalls in der Schweiz aufhalte, werde aufgrund
seines politischen Profils aller Wahrscheinlichkeit nach als Flüchtling aner-
kannt werden. Dass er bei der Einreise des Vaters bereits volljährig gewe-
sen sei, stehe einem vom Vater abgeleiteten Asylstatus nicht entgegen.
Der angefochtene Entscheid sei deshalb zum Zwecke eines koordinierten
Vorgehens aufzuheben.
Ferner rügt er, die Vorinstanz habe den Massstab des Glaubhaftmachens
gemäss Art. 7 AsylG nicht richtig angewendet und ihn zu Unrecht nicht als
Flüchtling anerkannt, mithin Bundesrecht verletzt. Insbesondere sei nicht
berücksichtigt worden, dass Aussagen anlässlich der BzP angesichts ihres
summarischen Charakters nur ein beschränkter Beweiswert zukommen
könne. Das entsprechende Protokoll dürfe gerade nicht dazu verwendet
werden, um Widersprüche zu konstruieren. Sodann habe die Vorinstanz im
Zusammenhang mit den Rekrutierungsversuchen durch die (...) nicht be-
rücksichtigt, dass seine Mutter die Gespräche geführt habe und er selber
selten direkt daran beteiligt gewesen sei. Des Weiteren sei es im Zusam-
menhang mit den von ihm gemachten Aussagen betreffend die Frequenz
der Besuche vermutlich zu einem Übersetzungsfehler gekommen, was
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auch die Hilfswerkvertretung festgehalten habe. Sodann sei zu berücksich-
tigen, dass die Drohbriefe nicht ausgehändigt, sondern vorgelesen worden
seien. Bei der Frage, ob er aufgrund des politischen Profils des Vaters einer
Reflexverfolgung ausgesetzt sein könnte, stelle die Vorinstanz fälschlicher-
weise zur Hauptsache auf seine Angaben ab, welche aufgrund seines da-
maligen Alters und der häufigen Abwesenheit des Vaters nur unvollständig
seien. Vielmehr sei in diesem Zusammenhang auf den Ausgang des Asyl-
verfahrens des Vaters abzustützen. Dieses sei jedoch noch nicht abge-
schlossen und das von der Vorinstanz konsultierte Dossier deshalb inso-
weit nicht komplett. Sollte dem Vater Asyl gewährt werden, müsste die
Vorinstanz die Möglichkeit, ob er – der Beschwerdeführer – einer Re-
flexverfolgung ausgesetzt sein könnte, nochmals prüfen. In diesem Zusam-
menhang sei auch zu berücksichtigen, dass den syrischen Behörden mitt-
lerweile bekannt sein dürfte, dass er sich mit seinem Vater zusammen in
der Schweiz aufhalte.
7.
In der Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, die Gewährung des Fami-
lienasyls setze gemäss konstanter Rechtsprechung voraus, dass die be-
antragende Person im Zeitpunkt des Gesuches minderjährig sei. Der Be-
schwerdeführer habe jedoch im Zeitpunkt, als seine Eltern ein Asylgesuch
in der Schweiz gestellt hätten, die Volljährigkeit bereits erreicht. Seinem
Vater sei erst zirka zwei Jahre später Asyl gewährt worden. Der vom Be-
schwerdeführer vorgebrachte Umstand, er sei im Zeitpunkt der Stellung
seines eigenen Asylgesuches noch minderjährig gewesen und sein Vater
noch vor Ergehen des erstinstanzlichen Asylentscheides eingereist, könne
daran nichts ändern. Sodann wird sinngemäss ausgeführt, der Umstand,
dass der Vater inzwischen als Flüchtling anerkannt worden sei und Asyl
erhalten habe, könne an der im Asylentscheid des Beschwerdeführers ge-
troffenen Einschätzung betreffend die Reflexverfolgung nichts ändern. Fer-
ner werde in der Beschwerdeeingabe auch nicht dargelegt, weshalb sich
diesbezüglich eine andere Einschätzung aufdränge und eine erneute Kon-
sultation der Asylakten führe ebenfalls zu keinem anderen Ergebnis.
8.
Der Beschwerdeführer macht in der Replik geltend, die Vorinstanz ver-
kenne, dass sich der vorliegend massgebliche Sachverhalt nicht mit dem-
jenigen der zitierten Rechtsprechung zum Familienasyl decke, da er im
Zeitpunkt seiner Gesuchstellung noch minderjährig gewesen sei. Da die
Vorinstanz im Rahmen des Visumsverfahrens der Eltern Einfluss auf deren
Einreisezeitpunkt habe nehmen können, habe sie sich noch zur Dauer des
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Verfahrens zu äussern. Wenn die Vorinstanz sodann in ihrer Vernehmlas-
sung erkläre, dass sich auch bei erneuter Prüfung der Asylakten im Zusam-
menhang mit der Reflexverfolgung keine neue Einschätzung aufdränge,
verkenne sie abermals, dass bei dieser Frage gerade nicht auf sein lücken-
haftes Wissen, sondern auf den Flüchtlingsstatus seines Vaters und seiner
übrigen Angehörigen abzustellen sei. Sodann zeige ein Vergleich der Asyl-
dossiers, dass sowohl der Vater als auch er die Demonstrationsteilnahme,
welche durch Fotos belegt sei, erwähnen würden. Die Gefahr vor Re-
flexverfolgung ergebe sich unter anderem auch aus dem Umstand, dass
den heimatlichen Behörden inzwischen bekannt sein dürfte, dass er sich in
der Schweiz zusammen mit seinen nächsten Angehörigen, welche alle als
Flüchtlinge anerkannt seien, aufhalte.
9.
9.1 Soweit der Beschwerdeführer im Zusammenhang mit einem möglichen
Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft des Vaters gestützt auf
Art. 51 AsylG sowie einer möglichen Reflexverfolgung im Wesentlichen
vorbringt, das SEM habe seinen Asylentscheid zu früh gefällt, weshalb die
Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen sei, ist dieses Vorbringen vorab
zu behandeln.
Es trifft zu, dass bereits während des Asylverfahrens des Beschwerdefüh-
rers erkennbar war, dass der Ausgang des Asylverfahrens seiner Eltern,
namentlich seines Vaters, einen Einfluss auf seinen Entscheid haben
könnte. Jedoch ist festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer offensteht,
auch noch nach Abschluss seines eigenen Asylverfahrens um Einbezug in
die Flüchtlingseigenschaft seiner Angehörigen – unabhängig davon, ob die
Voraussetzungen dafür letztendlich erfüllt wären – zu ersuchen. Mit Blick
auf einen möglichen Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft der Angehöri-
gen sowie auf die Beurteilung einer allfälligen Reflexverfolgung hätte ein
Zuwarten aus verfahrensökonomischer Sicht allenfalls Sinn gemacht, eine
eigentliche Rechtsverletzung durch die Vorinstanz, welche eine Rückwei-
sung rechtfertigen könnte, kann darin jedoch nicht erblickt werden.
9.2 Im Referenzurteil D-5329/2014 vom 23. Juni 2015 hielt das Bundesver-
waltungsgericht fest, dass weder einer drohenden Rekrutierung durch die
(...) noch einer allfälligen Sanktionierung von Dienstverweigerungen flücht-
lingsrechtliche Relevanz zusprechen sei. Insbesondere könne in den
Sanktionen kein flüchtlingsrelevantes Motiv erblickt werden.
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Seite 9
Aufgrund des Ausgeführten ist auf die in der Rechtsmitteleingabe enthalte-
nen Vorbringen zu einer möglichen Zwangsrekrutierung des Beschwerde-
führers durch die (...) nicht näher einzugehen.
9.3
9.3.1 Im Zusammenhang mit der geltend gemachten Reflexverfolgung ist
festzuhalten, dass die in Syrien herrschende politische und menschen-
rechtliche Lage durch das Bundesverwaltungsgericht gewürdigt wurde
(vgl. BVGE 2015/3 E. 6.2 sowie Referenzurteil des BVGer D-5779/2013
vom 25. Februar 2015 E. 5.3 und 5.7.2). Es ist durch eine Vielzahl von
Berichten belegt, dass die staatlichen syrischen Sicherheitskräfte seit dem
Ausbruch des Konflikts im März 2011 gegen tatsächliche oder vermeintli-
che Regimegegner mit grösster Brutalität und Rücksichtslosigkeit vorge-
hen. Personen, die sich regimekritisch betätigt haben, sind in grosser Zahl
von Verhaftung, Folter und willkürlicher Tötung betroffen. Mit anderen Wor-
ten haben Personen, die durch die staatlichen syrischen Sicherheitskräfte
als Gegner des Regimes identifiziert werden, eine Behandlung zu erwar-
ten, die einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung im Sinne von
Art. 3 AsylG gleichkommt. Diese Feststellung gilt auch heute noch.
Die Verfolgung von Angehörigen vermeintlicher oder wirklicher politischer
Oppositioneller durch die syrischen Behörden ist durch diverse Quellen do-
kumentiert und es sind unterschiedliche Motive für eine solche Verfolgung
erkennbar. So werden Angehörige verhaftet und misshandelt, um eine Per-
son für ihre oppositionelle Gesinnung oder ihre Desertion zu bestrafen, um
Informationen über ihren Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen, um eine
Person zu zwingen, sich den Behörden zu stellen, um ein Geständnis zu
erzwingen, um weitere Personen abzuschrecken oder um direkt Angehö-
rige für eine unterstellte oppositionelle Haltung zu bestrafen, die ihnen auf-
grund ihrer Nähe zu vermeintlichen oder wirklichen oppositionellen Perso-
nen zugeschrieben wird. Die Bürgerkriegsparteien (darunter die syrische
Armee und Milizen) setzen dabei die Strategie der Reflexverfolgung gezielt
ein (vgl. Urteil des BVGer E-734/2016 vom 14. Januar 2019 E. 7.2
ff. sowie u.a. UNHCR, International Protection Considerations with regard
to people fleeing the Syrian Arab Republic, Update III, vom 27.10.2014
und entsprechendes Update V vom 03.11.2017, <https://www.
refworld.org/pdfid/59f365034.pdf>, abgerufen am 21.10.2020).
9.3.2 Der Vater des Beschwerdeführers machte im Rahmen seines Asyl-
verfahrens (N [...]) geltend, er sei seit 19(...) für die (...) tätig gewesen,
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später auch (...). Er sei mehrere Male von der syrischen Regierung verhaf-
tet und zu seiner Parteitätigkeit verhört worden. Ab 20(...) sei er aus Furcht
vor weiteren Problemen zwischen dem F._ und Syrien hin und her
gependelt und habe abwechselnd bei Freunden oder Angehörigen seiner
Frau gelebt. Im Jahre 20(...) sei er auf eine Fahndungsliste gesetzt wor-
den. Ferner sei er von der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) dazu aufgefor-
dert worden, die Seiten zu wechseln. Da er um seine Sicherheit gefürchtet
habe, habe er Syrien im August 20(...) endgültig verlassen. Die Mutter des
Beschwerdeführers brachte anlässlich des Asylverfahrens vor, der Vater
habe die Familie nicht in sämtliche Belange seiner Parteitätigkeit einge-
weiht. Mit zunehmender Verantwortung innerhalb der Partei habe er auch
immer weniger Zeit für die Familie gehabt. Sie hätten zu Hause bedeu-
tende Parteiexponenten empfangen. Sie selber sei ebenfalls von den syri-
schen Behörden behelligt und verhört worden. Ferner sei sie auch von Mit-
gliedern der PKK aufgesucht worden.
Am 20. August 2018 anerkannte die Vorinstanz die Eltern des Beschwer-
deführers als Flüchtlinge und gewährte ihnen Asyl.
9.3.3 Die Vorinstanz hält dem Beschwerdeführer vor, er habe im Zusam-
menhang mit einer möglichen Reflexverfolgung keine konkrete Gefähr-
dungssituation dargelegt. Insbesondere habe er sich nicht substantiiert zu
den Problemen des Vaters geäussert.
Aufgrund des bereits Ausgeführten ist davon auszugehen, dass der Vater
des Beschwerdeführers die Familie nicht über sämtliche Belange im Zu-
sammenhang mit seiner Tätigkeit als Parteifunktionär ins Bild setzte. Zu-
dem erscheint es plausibel, dass der Beschwerdeführer angesichts seines
damaligen Alters die Bedeutung der Ereignisse – sollte er darüber unter-
richtet gewesen sein – allenfalls nicht immer einordnen konnte. Darüber
hinaus scheint sich der Vater ab dem Jahre 20(...) auch nur noch spora-
disch zu Hause aufgehalten zu haben. Insofern ist erklärbar, dass der Be-
schwerdeführer über die Situation des Vaters nur bruchstückhafte Angaben
machen konnte. Auch scheint die durch die Vorinstanz vorgenommene Be-
weiswürdigung, betrachtet man den später ergangenen Asylentscheid der
Eltern, im Nachhinein als unzutreffend, insbesondere in Bezug auf die
Fahndung nach dem Vater. Zudem fand im angefochtenen Entscheid keine
eingehende Auseinandersetzung mit den verfügbaren Länderinformatio-
nen zur Reflexverfolgung in Syrien statt.
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Angesichts der bekannten Lage greift die Begründung der Vorinstanz des-
halb zu kurz. Dies umso mehr, als bereits in den Jahren 20(...) sowie 20(...)
bei zwei älteren Geschwister des Beschwerdeführers, G._ und
H._, die originäre Flüchtlingseigenschaft bejaht wurde (vgl. Verfü-
gung des SEM vom 7. Juni 2011 betreffend die Schwester G._ und
ihre Familie [N (...)] sowie Urteil des BVGer E-4241/2014 vom 26. Februar
2015 betreffend die Schwester H._ und ihre Familie). Betreffend die
Schwester G._ war deren Ehemann ebenfalls in die Tätigkeit der
Partei eingebunden und deshalb diverse Male in Haft genommen worden.
In der Schweiz war er darüber hinaus exilpolitisch aktiv (vgl. SEM-Akten
A16/18 Q55 ff des Verfahrens N [...]). In Bezug auf die Schwester
H._ hielt das Bundesverwaltungsgericht fest, dass diese – neben
ihrer eigenen politischen Tätigkeit – den Behörden unter anderem aufgrund
der Parteitätigkeit des Vaters bekannt gewesen sei (vgl. Urteil E-4241/2014
E. 5.5.). Sodann wurde – entgegen den Ausführungen in der Vernehmlas-
sung der Vorinstanz – bei dem rund zwei Jahre älteren Bruder des Be-
schwerdeführers, E._, ebenfalls die originäre Flüchtlingseigen-
schaft anerkannt (vgl. Verfügung des SEM vom 16. September 2015 [N
(...)]). Auch dieser brachte vor, es sei von ihm gefordert worden, anstelle
seines im Krieg gefallenen Bruders für die kurdische Sache zu kämpfen,
und dass er sich schon früh für die Partei des Vaters engagiert habe. Fer-
ner erwähnten sowohl die Schwester H._, der Bruder E._
sowie der Beschwerdeführer übereinstimmend, sie hätten im Jahre 20(...)
an regimekritischen Demonstrationen teilgenommen (vgl. SEM-Akten
B22/20 F185), was zumindest für die Schwester zu unmittelbarer Verfol-
gung führte (vgl. Urteil E-4241/2014 Bst. A.e sowie E. 5.5). Schliesslich
wurde am 29. August 2017 bei einer weiteren Schwester des Beschwerde-
führers, I._, die originäre Flüchtlingseigenschaft anerkannt. Sie
machte geltend, sie habe sich für die kurdische Sache engagiert und sei
Tochter eines bedeutenden kurdischen Parteiführers (vgl. Verfügung des
SEM vom 29. August 2017 des Verfahrens N [...]).
Insbesondere in Anbetracht der Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft
des politisch aktiven Vaters, jedoch auch mit Blick auf sein weiteres famili-
äres Umfeld, erscheint die Gefahr einer Reflexverfolgung für den Be-
schwerdeführer erheblich. Namentlich mit Erreichen seiner Volljährigkeit ist
in erhöhten Masse davon auszugehen, er könnte in flüchtlingsrechtlich re-
levanter Weise in den Fokus der politischen Feinde seines Vaters und der
Familie, insbesondere des syrischen Regimes, geraten.
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Seite 12
10.
Aufgrund des vorstehend Ausgeführten ist festzuhalten, dass der Be-
schwerdeführer die Voraussetzungen der Flüchtlingseigenschaft nach
Art. 3 AsylG erfüllt. Die Vorinstanz hat demnach zu Unrecht die Flüchtlings-
eigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abge-
lehnt, mithin Bundesrecht verletzt. Die Beschwerde ist gutzuheissen, die
angefochtene Verfügung vom 6. Juli 2018 aufzuheben, der Beschwerde-
führer als Flüchtling anzuerkennen und die Vorinstanz anzuweisen, ihm
Asyl zu gewähren. Bei dieser Ausgangslage ist auf die weiteren Vorbringen
in der Rechtsmitteleingabe – insbesondere im Zusammenhang mit dem
Familienasyl – nicht mehr näher einzugehen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu auferlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit ist die mit Zwischenverfügung vom
17. September 2018 gewährte unentgeltliche Rechtspflege gegenstandlos
geworden.
11.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers reichte mit Schreiben vom
7. November 2018 eine Kostennote ein. Darin macht er einen Aufwand von
8.167 Stunden zu einem Stundensatz von Fr. 230.– sowie Auslagen von
Fr. 49.20 geltend. Der ausgewiesene Aufwand scheint angemessen (vgl.
für die Grundsätze der Bemessung der Parteientschädigung Art. 7 ff. des
Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesver-
waltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). Die
Vorinstanz ist deshalb anzuweisen, dem Beschwerdeführer eine Parteient-
schädigung in der Höhe von Fr. 2'076.– (inklusive Mehrwertsteuer) auszu-
richten.
(Dispositiv nächste Seite)
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