Decision ID: 8fd0cc64-c331-58ea-86bd-7639a64049d0
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführer ersuchten am 6. August 2021 in der Schweiz um
Asyl. Ein Abgleich mit der Fingerabdruck-Datenbank Eurodac ergab, dass
sie am 28. Februar 2020 in Griechenland Asyl beantragt hatten. Am
12. August 2021 nahm die Vorinstanz die Personalien der Beschwerdefüh-
rer auf.
B.
Abklärungen durch die Vorinstanz ergaben, dass den Beschwerdeführern
in Griechenland der Flüchtlingsstatus gewährt worden ist. Am 17. August
2021 ersuchte die Vorinstanz die griechischen Behörden gestützt auf das
Abkommen vom 28. August 2006 zwischen dem Schweizerischen Bundes-
rat und der Regierung der Hellenischen Republik über die Rückübernahme
von Personen mit irregulärem Aufenthalt (SR 0.142.113.729) um Rück-
übernahme der Beschwerdeführer.
C.
Am 18. August 2021 führte die Vorinstanz ein persönliches Gespräch mit
den Beschwerdeführern durch. In diesem Rahmen wurde ihnen das recht-
liche Gehör zum Gesundheitszustand sowie zur Zuständigkeit Griechen-
lands gewährt.
D.
Am 20. August 2021 stimmten die griechischen Behörden dem Rücküber-
nahmeersuchen zu.
E.
In den Akten der Vorinstanz befinden sich folgende medizinische Doku-
mente:
- betreffend A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer 1) Arztberichte
von Dr. med. D._ vom 20. August 2021, einen Covid-19 Erst-
impfnachweis vom 9. November 2021, ein Aufgebot zur Ultraschallun-
tersuchung vom E._ und F._ vom 9. November 2021,
- betreffend B._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) drei Arztbe-
richte vom F._ vom 27. August 2021, 13. September 2021 und
vom 18. Oktober 2021, einen Arztbericht von G._ vom 19. Ok-
tober 2021, zwei Zuweisungen zur medizinischen Abklärung vom
https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20052211/index.html https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20052211/index.html https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20052211/index.html
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20. August 2021 und vom 14. September 2021, eine Meldung ihrer
Mutterschaft bei der Krankenkasse vom 19. Oktober 2021,
- betreffend C._ (nachfolgend: Beschwerdeführer 2) Arztberichte
vom H._ vom 26. August 2021, vom I._ vom 31. Oktober
2021 und von Dr. med. J._ vom 4. November 2021 und vom
12. November 2021 (inklusive Auszug des Impfausweises) sowie drei
Zuweisungen zur medizinischen Abklärung vom 26. August 2021,
27. Oktober 2021 und vom 31. Oktober 2021.
Weiter befindet sich betreffend alle Beschwerdeführer eine E-Mail der
Pflege vom 23. November 2021 in den Akten. Zudem reichten sie ihre Hei-
ratsurkunde und einen Auszug des Zivilstandsregisters (beides in Kopie)
ins Recht.
F.
Am 29. November 2021 gab die Vorinstanz den Beschwerdeführern Gele-
genheit, sich zum Entscheidentwurf zu äussern. Am 30. November 2021
reichten sie eine Stellungnahme ein. Darin führen sie aus, sie seien vul-
nerable Personen. Sie würden in Griechenland nicht mehr leben können,
da die Umstände unzumutbar seien und sie keine Unterstützung erhalten
hätten. Der medizinische Sachverhalt sei unvollständig abgeklärt. Der Be-
schwerdeführer 1 habe anlässlich des persönlichen Gesprächs geltend ge-
macht, er habe Schmerzen am ganzen Körper. Obwohl er sich bei der
Pflege gemeldet habe, habe er kein Ergebnis der Untersuchung erhalten.
Es habe bisher lediglich eine medizinische Behandlung stattgefunden, wel-
che nicht geholfen habe. Für den 6. Dezember 2021 sei ein Termin beim
E._ und F._ vereinbart. Die Beschwerdeführerin habe an-
lässlich des persönlichen Gesprächs angegeben, dass sie psychologische
Probleme habe. Sie habe sich bereits mehrfach bei der Pflege gemeldet,
jedoch keinen Termin für eine psychologische Untersuchung erhalten.
G.
Mit Verfügung vom 1. Dezember 2021 (gleichentags eröffnet) trat die Vor-
instanz auf das Asylgesuch der Beschwerdeführer nicht ein, verfügte die
Wegweisung nach Griechenland und ordnete deren Vollzug an.
H.
Mit Eingabe vom 8. Dezember 2021 erhoben die Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie beantragen, die angefoch-
tene Verfügung der Vorinstanz vom 1. Dezember 2021 sei aufzuheben und
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die Vorinstanz sei anzuweisen, auf ihr Asylgesuch einzutreten. Eventualiter
sei die angefochtene Verfügung zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklä-
rung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Im Sinne ei-
ner vorsorglichen Massnahme sei der vorliegenden Beschwerde die auf-
schiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörde sei unverzüglich
anzuweisen, von einer Überstellung der Beschwerdeführer nach Griechen-
land abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die Erteilung der
aufschiebenden Wirkung entschieden habe. Es sei die unentgeltliche Pro-
zessführung zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
zu verzichten.
Der Beschwerde lag betreffend die Beschwerdeführerin 1 ein Arztbericht
vom F._ vom 23. November 2021 bei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Die
Beschwerdeführer sind als Verfügungsadressaten zur Beschwerdeführung
legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht sowie
die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Bereich des Aus-
länderrechts richtet sich die Kognition nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
2.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die
Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 31a Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Be-
schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz
zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (BVGE 2011/9 E. 5).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
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Richters (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Weiterungen und mit summarischer
Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Die Beschwerdeführer rügen eine unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts. Dabei handelt es sich um eine formelle
Rüge, welche vorab zu beurteilen ist, da sie allenfalls geeignet wäre, eine
Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
3.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
3.3 Die Beschwerdeführer monieren, die Vorinstanz habe den rechtserheb-
lichen Sachverhalt nicht rechtsgenüglich abgeklärt. Die psychologischen
Probleme der Beschwerdeführerin 1 seien nicht untersucht worden, wes-
halb keine rechtsgenügliche Einschätzung ihres tatsächlichen Gesund-
heitszustandes gemacht werden könne. Gleiches gelte für den Beschwer-
deführer 1, er leide an Hepatitis B, Schwächen und einer psychischen Er-
krankung. Seine Beschwerden würden erst am 6. Dezember 2021 vertieft
untersucht werden. Bei fehlender Diagnose könne nicht abschliessend be-
stimmt werden, welche medizinischen respektive psychologischen Be-
handlungsmöglichkeiten erforderlich seien. Somit könne nicht mit Gewiss-
heit festgestellt werden, ob eine entsprechende Behandlung in Griechen-
land möglich sei.
Die Beschwerdeführerin gab bereits im persönlichen Gespräch an, sie
leide an psychologischen Problemen. In den Akten befindet sich zudem
eine Zuweisung zur medizinischen Abklärung vom 20. August 2021 bezüg-
lich ihrer depressiven Stimmung. Die Vorinstanz hat es jedoch unterlassen,
eine psychologische Untersuchung zu veranlassen. Im Übrigen wurde
auch der Arztbericht des Beschwerdeführers 1 nicht abgewartet. Ohne Ab-
klärungen geht die Vorinstanz in allgemeiner Weise von der Behandelbar-
keit ihrer gesundheitlichen Probleme in Griechenland aus. Es wäre ange-
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bracht gewesen, ihren Gesundheitszustand und die Verfügbarkeit der al-
lenfalls nötigen medizinischen Behandlung für die Beschwerdeführer in
Griechenland abzuklären. Insgesamt wurde der Sachverhalt von der Vor-
instanz ungenügend erstellt.
3.4 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der Regel reformato-
risch. Nur ausnahmsweise wird eine angefochtene Verfügung kassiert und
an die Vorinstanz zurückgewiesen. In Anbetracht der vorhergehenden Aus-
führungen liegt eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes bezie-
hungsweise eine unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts vor. Eine Kassation der angefochtenen Verfügung ist daher ge-
rechtfertigt. Die Beschwerde ist gutzuheissen. Die Verfügung vom 1. De-
zember 2021 ist aufzuheben und die Sache ist im Sinne der Erwägungen
zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung sowie zu neuer Entscheidung
an die Vorinstanz zurückzuweisen.
4.
Mit vorliegendem Urteil ist der Antrag auf aufschiebende Wirkung gegen-
standlos geworden, zumal der Beschwerde ohnehin von Gesetzes wegen
aufschiebenden Wirkung zukommt (Art. 55 Abs. 1 VwVG).
5.
5.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
5.2 Den vertretenen Beschwerdeführern ist keine Parteientschädigung
auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche
Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen
vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl.
auch Art. 111ater AsylG).
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