Decision ID: 94964b13-09cb-5e35-b419-33fe070c7ff3
Year: 2015
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführenden sind Eigentümer des Grundstücks Adelboden Grundbuch-
blatt-Nr. Z._. Ein Teil dieses Grundstücks befindet sich in der Wohnzone W2, ein
Teil in der Landwirtschaftszone und eine Teil im Wald. An der Nordgrenze des
Grundstücks verläuft das Gewässer "A._". Am 16. September 2014 stellte der
Bauinspektor der Gemeinde Adelboden fest, dass im Hang, der zum Gewässer hin abfällt,
kleinere Mengen Aushubmaterial eingebaut und mit Holzbrettern befestigt wurden. Die
Beschwerdeführerin erklärte ihm, sie sei dabei den erodierten Hang zu begrünen. Im
Dezember 2014 besichtigte ein Vertreter der Gemeinde das Grundstück erneut und stellte
fest, dass im Vergleich zum September 2014 deutlich mehr Material eingebaut bzw.
2
aufgeschüttet worden war. Die Beschwerdeführerin hielt dazu auf telefonische Anfrage der
Gemeinde fest, die Auffüllung betrage maximal 0.4 m. Der Materialeinbau sei noch nicht
fertig und das deponierte Erdmaterial werde im Frühling fertig verteilt.
2. Am 27. Februar 2015 erliess die Gemeinde eine Baueinstellungsverfügung und
forderte die Beschwerdeführenden auf, ab sofort kein weiteres Material in der Böschung
einzubringen und die angefangenen bzw. noch nicht fertig gestellten Arbeiten an der
Böschung vollständig einzustellen. Weiter setzte sie die Kosten der Verfügung auf Fr.
100.00 fest und wies darauf hin, dass sie im Frühling 2015 eine Besichtigung der Situation
mit den betroffenen Amts- und Fachstellen durchführen und danach das weitere Vorgehen
festlegen werde.
3. Gegen diese Verfügung reichten die Beschwerdeführenden am 27. März 2015
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie
stellen folgende Rechtsbegehren:
1. Die Verfügung, die angefangenen resp. noch nicht fertig gestellten Arbeiten an der Böschung vollständig einzustellen ist aufzuheben und die uns beigelegte Rechnung für die Verfügungskosten ist zu annullieren.
2. Für eine Besichtigung der Situation mit von der Gemeinde herbeigezogenen Amts- und Fachpersonen sind entsprechende Termine vorgängig gemeinsam mit uns abzusprechen. Allfällige Begutachtungskosten und Gebühren gehen zulasten der Gemeinde.
3. Der von uns geleistete Aufwand für die Rekultivierung des Böschungsbereichs A._ und der Erhalt des Wanderweges auf unserer Parzelle ist von der Gemeinde anzuerkennen und zu unterstützen (z.B. mit einem angemessenen Kostenbeitrag oder einer jährlichen Unterhaltspauschale).
Die Beschwerdeführenden führen als Begründung an, die von ihnen vorgenommenen
Arbeiten seien nicht baubewilligungspflichtig. Das Volumen der Terrainveränderung sei
geringer als 100 m3 und das Vorhaben tangiere weder das Schutzinteresse des Waldes
noch befinde es sich im geschützten Uferbereich. Einzig die unterste Holzbretterreihe
befinde sich in der Nähe des Gewässerraumes. Sie diene dem Erhalt des
Erosionsschutzes am Bach. Anlässlich des Augenscheins im September 2014 hätten sie
den Bauinspektor der Gemeinde vollständig über die angefangenen und geplanten
Arbeiten informiert. Damals seien alle Holzbretter schon eingebaut und der Einbau von
3
Material im östlichen Teil bereits fertig gestellt gewesen. Der Bauinspektor habe das
Vorhaben damals nicht als baubewilligungspflichtig eingestuft. Sie hätten ihn in diesem
Zeitpunkt auch darüber informiert, dass sie bachaufwärts noch zusätzlichen Aushub und
Humus zur späteren Verteilung deponieren würden. Daher sei im Dezember 2014
tatsächlich mehr Material vorhanden gewesen. Dessen Volumen habe aber nur etwa 20 m3
betragen. Weiter sei zu berücksichtigen, dass der Hang und der über ihr Grundstück
führende Wanderweg mehrmals von Hangrutschen betroffen gewesen sei, einerseits
verursacht durch Unwetter, andererseits durch Materialentnahmen für eine Bachverbauung
durch die Schwellenkorporation. Sie hätten daher in den letzten 15 Jahren viel Arbeit und
rund 20'000 Franken für die Sicherung und den Unterhalt des Hangs und des Wanderwegs
investiert, dies auch im Interesse der Gemeinde Adelboden. Dies verdiene Anerkennung
und nicht ein baupolizeiliches Verbot.
4. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte bei der
Gemeinde die Vorakten und eine Stellungnahme ein. Die Gemeinde beantragt die
Abweisung der Beschwerde und führt in ihrer Stellungnahme Folgendes aus: Die
Gemeinde gehe davon aus, dass die vorgenommenen Arbeiten baubewilligungspflichtig
seien. Die Bewilligungspflicht sei vorliegend unabhängig vom Volumen der
Terrainveränderungen, da sich das Bauvorhaben vollständig im Waldbereich befinde und
teilweise bis an das Bachbett reiche. Im September 2014 seien nur kleine Mengen an
Material in das bestehende Gelände eingebracht worden, um eine Bepflanzung zu
ermöglichen. Da dies als bewilligungsfreier Unterhalt qualifiziert worden sei, habe man
keine baupolizeiliche Massnahme getroffen. Im Dezember 2014 habe man dann
festgestellt, dass bachaufwärts deutlich mehr Material eingebaut worden sei, aber nur noch
wenige Bretter für die Hangsicherung vorhanden waren. Es sei vorsorglich eine
Baueinstellung verfügt worden, um im Frühling weitere Abklärungen betreffend
Naturgefahren, Gewässerunterhalt und Wald vornehmen zu können.
Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
Gemäss Art. 49 Abs. 1 BauG2 können baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 45 bis 48
BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE angefochten werden.
Die Beschwerdeführenden sind als Adressaten durch die angefochtene Verfügung
beschwert und daher zur Beschwerde legitimiert. Auf ihre form- und fristgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Baueinstellungsverfügung
a) Ist ein Bauvorhaben baubewilligungspflichtig und wird es ohne Baubewilligung oder
in Überschreitung einer Baubewilligung ausgeführt, so verfügt die zuständige
Baupolizeibehörde die Einstellung der Bauarbeiten (Art. 46 Abs. 1 BauG). Sind die
genannten Voraussetzungen erfüllt, liegt eine formelle Rechtswidrigkeit vor, die für den
Erlass der Baueinstellungsverfügung genügt. Ob das Bauvorhaben auch materiell
rechtswidrig ist oder ob es den Bauvorschriften entspricht und somit bewilligt werden kann,
ist erst in einem allfälligen späteren Baubewilligungsverfahren zu prüfen. Stellt die
Baupolizeibehörde eine formelle Rechtswidrigkeit fest, so ist sie verpflichtet, die
Bautätigkeit zu stoppen. Sie geniesst dabei keinen Beurteilungsspielraum und hat keine
Interessenabwägung vorzunehmen.3 Da die Baueinstellungsverfügung bloss eine
vorsorgliche Massnahme ist, kann sie bereits dann erlassen werden, wenn aufgrund einer
summarischen Prüfung die Rechtswidrigkeit der Bautätigkeit als wahrscheinlich erscheint.4
b) Die Beschwerdeführenden verfügen unbestrittenermassen über keine Baubewilligung
für die an der Böschung auf ihrem Grundstück vorgenommenen Arbeiten und die Lagerung
von Aushubmaterial und Humus. Sie machen jedoch geltend, beides sei nicht
baubewilligungspflichtig.
2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 3 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 46 N. 6 4 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 6a
5
c) Gemäss Art. 22 Abs. 1 RPG5 dürfen Bauten und Anlagen nur mit behördlicher
Bewilligung errichtet oder geändert werden. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts
sind als bewilligungspflichtige Bauten und Anlagen jedenfalls "jene künstlich geschaffenen
und auf Dauer angelegten Einrichtungen" zu verstehen, die in bestimmter fester Beziehung
zum Erdboden stehen und geeignet sind, die Vorstellung über die Nutzungsordnung zu
beeinflussen, sei es, dass sie den Raum äusserlich erheblich verändern, die Erschliessung
belasten oder die Umwelt beeinträchtigen".6 Die Baubewilligungspflicht soll der Behörde
ermöglichen, das Bauprojekt – in Bezug auf seine räumlichen Folgen – vor seiner
Ausführung auf die Übereinstimmung mit der raumplanerischen Nutzungsordnung und der
übrigen einschlägigen Gesetzgebung zu überprüfen.7 Art. 22 RPG ist eine
Minimalvorschrift und direkt anwendbar. Die Kantone dürfen über den bundesrechtlichen
Minimalstandard hinausgehen und weitere Vorgänge der Bewilligungspflicht unterstellen.
Andererseits dürfen sie Kleinstbauten und -anlagen von der Baubewilligungspflicht
ausnehmen, sofern diese keine nennenswerten Einflüsse auf Raum, Erschliessung und
Umwelt bewirken. Die Kantone dürfen jedoch nicht von der Bewilligungspflicht befreien,
was nach Art. 22 RPG einer Bewilligung bedarf.8 Der bernische Gesetzgeber hat die
baubewilligungspflichtigen und baubewilligungsfreien Vorhaben in den Art. 1a und Art. 1b
BauG in genereller Art und Weise definiert und im Bewilligungsdekret im Einzelnen
festgelegt, was keiner Baubewilligung bedarf. So zählen die Artikel 6 und 6a BewD
detailliert auf, welche Vorhaben baubewilligungsfrei sind. Art. 7 BewD enthält allerdings
den Vorbehalt, dass auch diese Bauvorhaben einer Baubewilligung benötigen, wenn sie
ausserhalb der Bauzone liegen und geeignet sind, die Nutzugsordnung zu beeinflussen,
indem sie beispielsweise den Raum äusserlich erheblich verändern, die Erschliessung
belasten oder die Umwelt beeinträchtigen oder wenn sie den geschützten Uferbereich, den
Wald, ein Naturschutz- oder Ortsbildschutzgebiet ein Naturschutzobjekt, ein Baudenkmal
oder dessen Umgebung betreffen und das entsprechende Schutzinteresse tangiert wird.
d) Die Beschwerdeführenden haben am Hang auf ihrem Grundstück
Terrainveränderungen vorgenommen, indem sie Holzbretter und Aushubmaterial eingebaut
haben, und sie haben (vorübergehend) Humus und Aushubmaterial abgelagert. Solche
Terrainveränderungen und Ablagerungen sind grundsätzlich baubewilligungspflichtig (Art.
5 Bundesgesetz vom 22. Juni 1979 über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz, RPG; SR 700) 6 Grundlegend BGE 113 Ib 314 E. 2b 7 BGE 123 II 256 E. 3 8 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 1a N. 10
6
1a Abs. 2 BauG).9 Von der Bewilligungspflicht ausgenommen sind nur
Terrainveränderungen, die lediglich als Massnahme der Umgebungsgestaltung dienen und
höchstens 100 m3 umfassen (Art. 6 Abs. 1 Bst. i BewD10), sowie das Lagern von Material
bis zu einer Dauer von maximal drei Monaten (Art. 6 Abs. 1 Bst. m BewD). Aus den Akten
ergibt sich nicht, ob das Volumen der vorgenommenen Terrainveränderungen mehr als
100 m3 beträgt und ob das abgelagerte Aushubmaterial im Zeitpunkt der Baueinstellung
bereits mehr als drei Monate deponiert war. Dies ist aber vorliegend auch nicht
entscheidend, da die Ausnahmen von Art. 6 BewD nicht zur Anwendung gelangen:
Einerseits nimmt das Bewilligungsdekret nämlich nur jene Terrainveränderungen von der
Baubewilligungspflicht aus, die der Umgebungsgestaltung dienen. Dazu zählen nur
Massnahmen in der Umgebung eines Gebäudes, die einen funktionellen Zusammenhang
zum Gebäude bzw. dessen Nutzung haben (Gartenanlage etc.).11 Hier erfolgten die
Terrainveränderungen jedoch nicht zur Umgebungsgestaltung des Hauses der
Beschwerdeführenden, sondern in einem Waldstück zur Sicherung eines Hangs.
Andererseits kommen die Vorbehalte von Art. 7 Abs. 1 und Abs. 2 BewD zum Tragen, da
die Terrainveränderungen und die Materialablagerung ausserhalb der Bauzone im Wald
und in der Nähe eines Gewässers erfolgten. Es besteht zumindest eine gewisse
Wahrscheinlichkeit, dass diese Veränderungen das Schutzinteresse des Waldes und des
geschützten Uferbereiches tangieren und den Räum äusserlich in relevanter Weise
verändern können. Aufgrund einer summarischen Prüfung ist daher von der
Baubewilligungspflicht der Terrainveränderungen und der Materialablagerung auszugehen.
Die Gemeinde Adelboden hat daher zu Recht eine formelle Rechtswidrigkeit festgestellt
und die Baueinstellung verfügt. Die Anordnung der Baueinstellung war auch
verhältnismässig, da zum Einen ein grosses öffentliches Interesse daran besteht, dass
baubewilligungspflichtige Bauten nicht ohne Baubewilligung erstellt werden.12 Andererseits
war die Anordnung erforderlich und geeignet, um bis zur Vornahme weiterer Abklärungen,
die aufgrund von Schneefällen nicht sofort möglich waren, zusätzliche Arbeiten und
Materialeinbringungen an der Böschung zu verhindern. Die vorläufige Baueinstellung ist für
die Beschwerdeführenden auch zumutbar, da damit kein dauerhaftes Verbot
ausgesprochen wurde. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Gemeinde Adelboden die
angefochtene Baueinstellungsverfügung zu Recht erlassen hat.
9 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 1a N. 18 Bst. d und N. 29 10 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret; BewD, BSG 725.1). 11 BVR 1990 S. 210 ff. E. 3 12 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9a
7
3. Künftige Abklärungen und Unterhaltskosten
a) Die Beschwerdeführenden beantragen zusätzlich zur Aufhebung der
Baueinstellungsverfügung, die Gemeinde müsse die in Aussicht gestellten Abklärungen
zeitlich mit ihnen koordinieren und deren allfällige Kosten selbst tragen. Die Gemeinde
habe zudem den Aufwand der Beschwerdeführenden für den Unterhalt der Böschung und
des Wanderwegs anzuerkennen und finanziell zu unterstützen.
b) Anfechtungsobjekt im vorliegenden Verfahren ist nur die Baueinstellungsverfügung
der Vorinstanz vom 27. Februar 2015. Die von den Beschwerdeführenden zusätzlich
genannten Themen bzw. allfällige künftige Kosten oder Entschädigungen sind nicht
Streitgegenstand dieses Beschwerdeverfahrens. Die Erklärung der Gemeinde, im Frühling
werde mit den betroffenen Amts- und Fachstellen eine Besichtigung der Situation
durchgeführt, ist bloss ein Hinweis zum weiteren Vorgehen. Dieser enthält weder
Aussagen zur Kostentragung noch stellt er eine Verfügung dar. Auf die Rechtsbegehren 2
und 3 der Beschwerdeführenden kann daher nicht eingetreten werden.
4. Verfahrenskosten
Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden. Sie haben die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 400.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1
GebV13). Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 und 4 VRPG).