Decision ID: 6352d89d-e757-5d23-9479-5e2011a42f21
Year: 2008
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
F._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Thomas Hubatka, Tiefenackerstrasse 49,
Postfach 240, 9450 Altstätten,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a F._, Jahrgang 1947, meldete sich am 19. Dezember 2005 zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung (IV) an. Er leide an diffuser idiopathischer
skelettaler Hyperostose, Skoliose, thorakaler Hyperkyphose und an Morbus
Scheuermann (IV-act. 1). Dr. med. A._, Facharzt FMH für Allgemeine Medizin, nannte
im Arztbericht vom 12. Januar 2006 die Diagnose chronisches thorakales
Schmerzsyndrom bei Kyphose der Brustwirbelsäule (BWS). Im angestammten Beruf als
Offsetdrucker sei der Versicherte seit 24. August 2005 voll arbeitsunfähig (IV-act. 7-1).
In einem von Dr. A._ eingereichten Arztbericht vom 3. November 2005 äusserte
Dr. med. B._, Facharzt FMH für Rheumatologie, seine Ansicht, aus
rheumatologischer Sicht bestehe in körperlich leichten, wechselbelastenden
Tätigkeiten unter Vermeidung von Tätigkeiten in Wirbelsäulenzwangshaltungen bzw.
von Heben/Tragen von Lasten über 15 kg keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (IV-
act. 7-6). Dr. med. C._, Facharzt FMH für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates, hielt am 26. April 2006 fest, der Versicherte
könne seine Tätigkeit als Offsetdrucker nicht mehr ausüben. In einer optimal
adaptierten Tätigkeit wäre der Versicherte rein theoretisch zumindest teilweise
arbeitsfähig (IV-act. 17-3).
A.b Im Auftrag der IV-Stelle erstattete Dr. med. D._, Facharzt FMH für Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, am 25. Januar 2007 ein
Gutachten. Er nannte insbesondere die Diagnosen fixierte thorakale Hyperkyphose bei
diffuser idiopathischer skelettaler Hyperostose, Impingement der linken Schulter mit
Degeneration des Labrum glenoidale und Chondropathie Grad II, generalisierte
Ellbogengelenksarthrose links mit Extensionsdefizit bei Status nach Debridement
04/84, Osteochondrose der Halswirbelsäule, Adipositas und Psoriasis. Körperlich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
leichte Tätigkeiten in temperierten Räumen, die abwechslungsweise sitzend und
stehend durchgeführt werden könnten, ohne dass dabei regelmässig Gegenstände
über zehn kg gehoben oder getragen werden müssten, die nicht mit häufigen Arbeiten
über der Horizontalen sowie regelmässiger Kraftanwendung des linken Arms
insbesondere bei Rotationsbewegungen verbunden seien und bei denen nicht
längerdauernde inklinierte oder reklinierte Kopfhaltungen eingenommen werden
müssten, seien dem Versicherten bei voller Stundenpräsenz zu ca. 80% zumutbar. Als
Offsetdrucker bestehe eine zumutbare Arbeitsfähigkeit bei voller Stundenpräsenz von
ca. 35% (IV-act. 27).
A.c Mit Vorbescheid vom 1. März 2007 kündigte die IV-Stelle dem Versicherten an, sie
gedenke, den Anspruch auf berufliche Massnahmen zu verneinen (IV-act. 34). Am
2. März 2007 teilte sie dem Versicherten mit einem weiteren Vorbescheid mit, sie plane,
ihm bei einem Invaliditätsgrad von 40% eine Viertelsrente zuzusprechen (IV-act. 36). In
Vertretung des Versicherten nahm Rechtsanwalt lic. iur. Thomas Hubatka, Altstätten,
am 23. März 2007 Stellung zum Rentenvorbescheid. Er beantragte die Zusprache einer
ganzen, eventualiter einer halben Rente (IV-act. 41). Die IV-Stelle wies den Anspruch
auf berufliche Massnahmen mit Verfügung vom 7. Mai 2007 ab. Aufgrund des
fortgeschrittenen Alters des Versicherten sei von einer Umschulung abzusehen, da die
Vermittelbarkeit nach absolvierten beruflichen Massnahmen objektiv gesehen nicht
gegeben wäre (IV-act. 44). Mit zwei Verfügungen vom 31. Mai 2007 und 5. Juni 2007
wurde dem Versicherten rückwirkend ab 1. August 2006 bei einem Invaliditätsgrad von
40% eine Viertelsrente zugesprochen (act. G 1.1.1, 1.1.2).
B.
B.a Gegen die Rentenverfügungen liess der Versicherte am 18. Juni 2007 Beschwerde
erheben. Sein Rechtsvertreter beantragt die Aufhebung der Verfügungen und die
Zusprache einer ganzen Invalidenrente ab August 2006. Eventualiter sei dem
Beschwerdeführer eine halbe oder eine Dreiviertelsrente zuzusprechen, unter Kosten-
und Entschädigungsfolge. Die Beschwerdegegnerin habe die Einschätzung von
Dr. D._ ohne Konkretisierung von Verweistätigkeiten übernommen. Dies wäre jedoch
umso nötiger gewesen, als Dr. D._ eine ungewöhnlich hohe Anzahl an
Einschränkungen von Rumpf, Arm, Kopf, Bewegungen und Kraft feststelle, die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
geradezu eine "massgeschneiderte" Arbeitsstelle für eine 80%-ige Arbeitsfähigkeit
bedingen würden. Zur Festsetzung des Invalideneinkommens wäre zudem eine
Berufserprobung oder ein Arbeitsversuch geradezu unabdingbare Voraussetzung. Die
Beschwerdegegnerin komme selber zum Schluss, dass die Vermittelbarkeit auch nach
absolvierten beruflichen Massnahmen objektiv gesehen nicht gegeben wäre, weshalb
sie solche Massnahmen ablehne. Unter diesen Umständen sei es unzulässig, den
Verzicht auf berufliche Massnahmen als ein den Beschwerdeführer belastendes
Element zu werten. Im Rahmen eines Einsatzprogramms des Regionalen
Arbeitsvermittlungszentrums (RAV) habe der Beschwerdeführer eine leichte,
leidensadaptierte Tätigkeit versucht, habe diese aber nach zwei Tagen wegen starker
Schmerzen wieder aufgeben müssen. Mit Sicherheit könne ihm dabei keine
Selbstlimitierung oder fehlende Motivation vorgeworfen werden. Dem Gutachten D._
mangle jegliche Abstützung auf praktische Grundlagen wie Benennung von
Verweistätigkeiten, Arbeitsplatzerprobung, praktische Abklärung und Erprobung der
von den Einschränkungen her noch als theoretisch möglich erachteten Tätigkeiten.
Unter diesen Umständen sei auch die Schlussfolgerung von Dr. D._, es sei dem
Beschwerdeführer bei voller Stundenpräsenz zu 80% eine leidensadaptierte Arbeit
zumutbar, sachlich kaum nachvollziehbar bzw. als medizinisch-theoretische
Spekulation des Gutachters "ex catedra" zu bezeichnen. Die Beschwerdegegnerin
habe unzulässigerweise unbesehen auf die Zumutbarkeitsbeurteilung des Arztes
abgestellt, ohne diese Zumutbarkeit selber zu definieren und zu begründen. Selbst
wenn die Zumutbarkeit zu bejahen wäre, sei bei der Ermittlung des
Invalideneinkommens der Maximalabzug von 25% anzuerkennen, wodurch sich ein
Invaliditätsgrad von 50.15% und damit ein Anspruch auf eine halbe Rente ergebe
(act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 15. August
2006 die Abweisung der Beschwerde. Obwohl die Verfügung betreffend berufliche
Massnahmen vom 7. Mai 2007 unangefochten in Rechtskraft erwachsen sei, gelte es
gemäss dem Grundsatz "Eingliederung vor Rente" vor der Rentenfrage in jedem Fall zu
prüfen, ob keine Eingliederungsmassnahmen in Betracht fielen. Nach dem Grundsatz
der Verhältnismässigkeit komme eine Umschulung im vorliegenden Fall nicht in Frage,
selbst wenn der Beschwerdeführer über die dafür erforderlichen Ressourcen verfügen
würde. Nach Absolvierung einer Berufsausbildung stünde der Beschwerdeführer kurz
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vor dem ordentlichen Rentenalter. Zur Rentenfrage führt die Beschwerdegegnerin aus,
die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sei Sache des Arztes, weshalb dem RAV-Bericht
von Vornherein kein Beweiswert zukomme. Demnach würden keine konkreten Indizien
gegen die Zuverlässigkeit des orthopädischen Gutachtens sprechen. Auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt sei durchaus eine ausreichende Zahl geeigneter Arbeiten
vorhanden, sowohl in der Industrie als auch im Dienstleistungssektor. An die
Konkretisierung von Arbeitsgelegenheiten und Verdienstaussichten seien praxisgemäss
keine übermässigen Anforderungen zu stellen. Bei der Bemessung des
Invalideneinkommens sei ein Abzug von 25% nicht gerechtfertigt. Der Faktor Alter
wirke sich nicht lohnsenkend aus. Angemessen sei ein Abzug von 10%, sodass sich
der Invaliditätsgrad auf 40% belaufe (act. G 4).
B.c In der Replik vom 5. September 2007 lässt der Beschwerdeführer an seinen
Anträgen festhalten. Erneut rügt sein Rechtsvertreter, dass die tatsächliche
Belastbarkeit des Beschwerdeführers nicht überprüft worden sei. Mit dem
gescheiterten RAV-Arbeitsversuch würden konkrete Indizien der praktischen
Arbeitserprobung gegen die Zuverlässigkeit der medizinisch-theoretischen Schätzung
sprechen. Im konkreten Fall hätte sich eine Dokumentation von Arbeitsplätzen (DAP)
aufgedrängt, einerseits zur Abklärung, ob Arbeitsplätze mit dem vom Gutachter
festgestellten Anforderungsprofil überhaupt vorhanden seien, und weil andererseits der
Lohn für solch massgeschneiderte Arbeitsplätze erfahrungsgemäss erheblich unter den
statistischen Werten der LSE-Tabellenlöhne liegen dürfte (act. G 6).
B.d In der Duplik vom 12. September 2007 hält die Beschwerdegegnerin an ihrem
Abweisungsantrag fest. Das Alter des Beschwerdeführers von im Verfügungszeitpunkt
59 Jahren verunmögliche dass Finden einer Arbeitsstelle auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt nicht. Man sei demnach zu Recht davon ausgegangen, dass er die
zumutbare Restarbeitsfähigkeit verwerten könne (act. G 8).
B.e Auf weitere Vorbringen der Parteien wird, sofern wesentlich, im Rahmen der
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 1. Januar 2008 sind mit der 5. IVG-Revision verschiedene Änderungen des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) in Kraft getreten. Weil
in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei
der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 127 V
467 Erw. 1), und weil bei der Beurteilung ferner auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses
der angefochtenen Verfügungen eingetretenen Sachverhalt abzustellen ist (BGE 121 V
366 Erw. 1b), sind die bis zum 31. Dezember 2007 geltenden materiellen
Bestimmungen anzuwenden.
2.
2.1 Mit den angefochtenen Verfügungen hat die Beschwerdegegnerin dem
Beschwerdeführer eine Viertelsrente zugesprochen. Zum Streitgegenstand gehört unter
diesen Umständen notwendigerweise auch die Frage, ob die Verwaltung den
Grundsatz "Eingliederung vor Rente" beachtet und der Beschwerdeführer zu allfälligen
geeigneten und zumutbaren Eingliederungsmassnahmen angehalten habe. Denn wie
sich aus Art. 16 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) ergibt, ist der Einkommensvergleich zur
Bemessung des Invaliditätsgrads erst nach Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen vorzunehmen und hat die
versicherte Person, wenn ohne berufliche Massnahmen ein Rentenanspruch droht, die
Pflicht, sich geeigneten und zumutbaren Eingliederungsmassnahmen zu unterziehen.
Die Verwaltung ihrerseits hat die Pflicht, vor dem Entscheid über die Rentenfrage von
Amtes wegen alle Eingliederungsmöglichkeiten zu prüfen und hierüber zu entscheiden
(vgl. das Urteil IV 2006/111 des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom
7. Juni 2007, Erw. 2). Dieser Pflicht ist sie vorliegend nachgekommen und hat einen
Anspruch auf berufliche Massnahmen mit Verfügung vom 7. Mai 2007 (IV-act. 44)
verneint. Obwohl diese Verfügung unangefochten in Rechtskraft erwachsen ist, ist die
Frage, ob Eingliederungsmassnahmen in Betracht fallen, aufgrund des Vorrangs von
Eingliederungsmassnahmen gleichwohl zu prüfen. Die Beschwerdegegnerin hat von
beruflichen Massnahmen abgesehen, weil der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der
Rentenprüfung bereits 59 Jahre alt war. Die Kosten und die Dauer allfälliger
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Umschulungsmassnahmen seien nicht verhältnismässig im Vergleich mit der noch
verbleibenden Erwerbszeit bis zum ordentlichen Pensionsalter (act. G 1.1.1). Nach der
Durchführung von Umschulungsmassnahmen wäre die Vermittelbarkeit objektiv nicht
gegeben (IV-act. 44). Allein das Kriterium der fehlenden Verhältnismässigkeit reicht zur
Verneinung eines Umschulungsanspruchs aus. Im Übrigen ist zu beachten, dass der
Beschwerdeführer gegenüber der IV-Berufsberaterin offenbar ausführte, eine Rente zu
wünschen und sich nicht im Stand zu sehen, in seinem Alter noch eine Umschulung zu
machen. Das Angebot einer Berufsberatung resp. einer beruflichen Abklärung lehne er
ab, da er seine Arbeitsmarktchancen auch nach einer Umschulung (berechtigterweise)
als sehr gering einschätze (IV-act. 19-1). Dass der Beschwerdeführer keine
Umschulung wünschte, zeigt auch die Tatsache, dass er gegen die abweisende
Verfügung betreffend berufliche Massnahmen kein Rechtsmittel ergriff. Das von der
Beschwerdegegnerin genannte Argument, nach erfolgter Umschulung sei die
Vermittelbarkeit objektiv nicht gegeben, ist für die Abweisung des Anspruchs nicht
zentral. Zudem ist es zu absolut formuliert; aufgrund des Alters des Beschwerdeführers
wäre die Vermittelbarkeit nach erfolgreicher Umschulung sicherlich erschwert, jedoch
nicht gänzlich ausgeschlossen.
2.2 Dass dem Beschwerdeführer nach seinen persönlichen Verhältnissen eine
adaptierte Tätigkeit zugemutet werden kann, auch wenn nurmehr eine
Hilfsarbeiterstelle bekleidet werden könnte, ist mit der Beschwerdegegnerin
grundsätzlich zu bejahen. Obwohl gelernter Berufsmann, muss er, da eine berufliche
Neuausbildung aus Altersgründen entfällt, auch eine Hilfsarbeit annehmen oder sich im
Verweigerungsfall anrechnen lassen (Ueli Kieser, Der praktische Nachweis des
rechtserheblichen Invalideneinkommens, in: Schaffhauser/Schlauri, Rechtsfragen der
Invalidität in der Sozialversicherung, St. Gallen, 1999, 54 ff.; zum zumutbaren
Berufswechsel vgl. Urteil I 11/00 des Bundesgerichts vom 22. August 2001; Urteil IV
2006/208 des Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen vom 27. Februar 2008,
Erw. 4). Bei der Tätigkeit als Offsetdrucker handelte es sich zudem nicht um eine derart
gehobene Tätigkeit, dass die Aufnahme einer Hilfsarbeit von Vornherein als
unzumutbar zu betrachten wäre (vgl. Urteil IV 2006/253 vom 19. März 2008, Erw. 4.2.1).
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 Unter Invalidität wird bei als Gesunden voll erwerbstätigen Personen die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist dabei der
durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG). Der Grad der für einen allfälligen Rentenanspruch
massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16 ATSG durch einen
Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die versicherte Person
nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der notwendigen und
zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen
könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Einkommen,
das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Nach Art. 28 Abs. 2 IVG (bzw. Art. 28 Abs. 1 IVG in der bis Ende
2007 gültigen Fassung) besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn der
Versicherte mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn er
wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 50% vor, so
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-Grad von mindestens 40%
auf eine Viertelsrente.
3.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 Erw. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von
Amtes wegen festzustellen und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel
eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Leistungsanspruches gestatten.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für
die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden
ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 Erw. 3a). Was Parteigutachten anbelangt, rechtfertigt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Umstand allein, dass eine ärztliche Stellungnahme von einer Partei eingeholt und in
das Verfahren eingebracht wird, nicht Zweifel an ihrem Beweiswert (ZAK 1986 S. 189
Erw. 2a in fine, BGE 122 V 161 Erw. 1c).
3.3 Vorab ist die medizinische Aktenlage zu würdigen.
3.3.1 Am 3. November 2005 wies Dr. B._ auf eine ausgeprägte Wirbelsäulenfehlstatik
und eine Einschränkung der zerviko-thorakalen Beweglichkeit mit Druckdolenz über
der gesamten BWS über den Processus spinosi und interartikulär beidseits hin. Die
massive Bewegungseinschränkung der BWS korreliere mit den radiologisch
überbrückenden, rechtsbetonten spondylophytären Veränderungen, die vereinbar seien
mit einer diffusen idiopathischen skelettalen Hyperostose. Zudem bestehe radiologisch
der Verdacht auf einen Status nach Morbus Scheuermann mit Keildeformation
einzelner Brustwirbelkörper und unregelmässiger Struktur der Boden- und Deckplatten.
Leichte wechselbelastende Tätigkeiten unter Vermeidung von
Wirbelsäulenzwangshaltungen erachtete Dr. B._ als vollumfänglich zumutbar (IV-
act. 7-5 f.).
3.3.2 Dr. C._ berichtete am 26. April 2006 von einem thorakovertebralen Syndrom bei
muskulärer Überlastung durch Hyperkyphose der BWS. Die vom Beschwerdeführer
geklagten Beschwerden seien auf die Fehlform der BWS zurückzuführen. Es komme zu
einer muskulären Überlastung, die der Beschwerdeführer über erstaunlich viele Jahre
habe kompensieren können. Inzwischen würden seine Kompensationsmöglichkeiten
nicht mehr ausreichen und er könne die bisher ausgeübte Tätigkeit als Offsetdrucker
nicht mehr ausüben. Für eine körperlich weniger anstrengende Tätigkeit mit
Wechselbelastung zwischen Sitzen, Stehen und Gehen, eingeschränkter Belastung mit
Gewichten und Vermeiden von vorgeneigter Tätigkeit wäre der Beschwerdeführer rein
theoretisch zumindest teilweise arbeitsfähig. Es sei aber illusorisch anzunehmen, dass
er mit Ende 50 noch eine derartige Stelle finden könne (IV-act. 17-3).
3.3.3 In seinem Gutachten vom 12. Januar 2007 hielt Dr. D._ fest, die Schmerzen
zwischen den Schulterblättern könnten auf die klinisch vorliegende fixierte
Hyperkyphose und die radiologisch diagnostizierte diffuse ideopathische skelettale
Hyperstose der Brustwirbelsäule zurückgeführt werden. Die Prognose sei bei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gleichzeitiger Adipositas ungünstig. Die Schmerzen in der linken Schulter und die
abnormen objektiven Befunde derselben seien durch das im MRI nachgewiesene
Impingement, der Chondropathie als auch der Degeneration des Labrum glenoidale
erklärt. Die Prognose sei nicht schlecht, aber durch das Vorliegen einer gleichzeitigen
Chondropathie des Schultergelenks und einer Degeneration des Labrums weniger
günstig als bei einem reinen Impingement der Schulter. Obwohl der Beschwerdeführer
keine Beschwerden im Bereich des linken Ellbogens angegeben habe, sei er doch in
der Belastbarkeit desselben durch das Extensionsdefizit und durch die radiologisch
sichtbare fortgeschrittene generalisierte Arthrose limitiert. Die Prognose sei ungünstig.
Aufgrund pathologischer Untersuchungsbefunde der Halswirbelsäule habe in den
Röntgenbildern schliesslich eine Osteochondrose der unteren Halswirbelsäule
festgestellt werden können, obwohl der Beschwerdeführer nicht explizit
Nackenbeschwerden angegeben habe. Die Prognose sei bei mehretagigem Befall der
Halswirbelsäule ebenfalls nicht sehr günstig. Körperlich leichte Tätigkeiten in
temperierten Räumen, die abwechslungsweise sitzend und stehend durchgeführt
werden könnten, ohne dass regelmässig Gegenstände über zehn kg gehoben oder
getragen werden müssten, die nicht mit häufigen Arbeiten über der Horizontalen sowie
regelmässiger Kraftanwendung des linken Arms, insbesondere bei
Rotationsbewegungen, verbunden seien und bei denen nicht längerdauernde inklinierte
oder reklinierte Kopfhaltungen eingenommen werden müssten, seien dem
Beschwerdeführer bei voller Stundenpräsenz zu 80% zumutbar (IV-act. 27-6 ff.).
3.3.4 Die Beurteilung von Dr. D._ erscheint als sorgfältig und umfassend. Er
berücksichtigte die vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden und erklärte diese
im Einzelnen unter Hinweis auf seine Untersuchungsergebnisse einschliesslich der
bildgebenden Verfahren. Im Weiteren würdigte er die Vorakten. Die Einschätzung von
Dr. C._ widerspricht jener von Dr. D._ nicht, ist jedoch weniger umfassend und
weniger präzise als die des Gutachters. Die Beurteilung von Dr. B._ erscheint
ebenfalls als weniger umfassend. Die Untersuchungen von Dr. D._ sind zudem neuer,
seine Einschätzungen beruhen auf aktuelleren Bildern und berücksichtigen die
verschiedenen Aspekte der somatischen Auffälligkeiten detailliert. Auch der angefragte
RAD-Arzt Dr. med. E._ hielt in seiner Stellungnahme vom 2. Februar 2007 das
Gutachten D._ samt Beurteilung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers für
zuverlässig (IV-act. 28). Insgesamt kann darauf abgestellt werden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.4 Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers wirft der Beschwerdegegnerin vor, die
konkrete Verwertbarkeit der attestierten medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit
nicht überprüft und getestet zu haben. Aufgrund der gesundheitlichen, aber auch der
ausbildungsmässigen und altersmässigen Situation sei die attestierte
Restarbeitsfähigkeit nicht mehr realisierbar. Entgegen dieser Ansicht erscheint das
Finden einer zumutbaren Stelle auf dem (hypothetischen) ausgeglichenen Arbeitsmarkt
nicht zum Vornherein als ausgeschlossen. Das Bundesgericht hat im jüngst
ergangenen Urteil 9C_236/2008 vom 4. August 2008 seine konstante Rechtsprechung
bestätigt, wonach in Industrie und Gewerbe Arbeiten, die physische Kraft erfordern, in
zunehmendem Mass durch Maschinen verrichtet würden, während den körperlich
weniger belastenden Bedienungs- und Überwachungsfunktionen eine stetig
wachsende Bedeutung zukomme. Auch im Dienstleistungssektor gebe es
entsprechende Stellen. Ausserdem seien an die Konkretisierung von
Arbeitsgelegenheiten und Verdienstaussichten praxisgemäss nicht übermässige
Anforderungen zu stellen (Erw. 4.2); vielmehr habe die Sachverhaltsabklärung nur
soweit zu gehen, dass im Einzelfall eine zuverlässige Ermittlung des Invaliditätsgrads
gewährleistet sei (Urteil I 349/01 vom 3. Dezember 2003, Erw. 6.1 mit Hinweis auf
SVR 2003 IV Nr. 11 S. 33 Erw. 2.5). Bei der verwertbaren Restarbeitsfähigkeit darf nach
der Rechtsprechung allerdings nicht von realitätsfremden Einsatzmöglichkeiten
ausgegangen werden. Insbesondere kann von einer Arbeitsgelegenheit im Sinn von Art.
28 Abs. 2 IVG dort nicht gesprochen werden, wo die zumutbare Tätigkeit in nur so
eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der allgemeine Arbeitsmarkt praktisch nicht
kennt oder dass sie nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines
durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden einer entsprechenden
Stelle deshalb zum Vornherein als ausgeschlossen erscheint. Ferner beinhaltet der
Begriff des ausgeglichenen Arbeitsmarkts nicht nur ein gewisses Gleichgewicht
zwischen dem Angebot an und der Nachfrage nach Stellen, sondern bezeichnet einen
Arbeitsmarkt, der von seiner Struktur her einen Fächer verschiedenartiger Stellen offen
hält, und zwar sowohl bezüglich der dafür verlangten beruflichen und intellektuellen
Voraussetzungen wie auch hinsichtlich des körperlichen Einsatzes (I 349/01, Erw. 6.1,
u.a. mit Hinweis auf BGE 110 V 276 neues Fenster Erw. 4b).
3.5 Die von Dr. D._ beschriebenen Einschränkungen des Beschwerdeführers sind
nicht derart gravierend, dass geeignete Stellen auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=I+349%2F01&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F110-V-273%3Ade&number_of_ranks=0#page276
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gar nicht mehr denkbar wären. Zentral ist gemäss Dr. D._, dass der
Beschwerdeführer nur noch leichte, wechselbelastende Tätigkeiten ausführen kann.
Solche Einschränkungen sind gerade bei Versicherten mit Rückenleiden nicht nur
häufig, sondern die Regel. Weiter sollen häufige Arbeiten über der Horizontalen sowie
regelmässige Kraftanwendung des linken Arms insbesondere bei
Rotationsbewegungen vermieden werden. Da ohnehin nur noch leichte Tätigkeiten in
Frage kommen, stellt das Erfordernis der Vermeidung von regelmässige
Kraftanwendungen des linken Arms keine bedeutende zusätzliche Einschränkung dar.
Weiter weist Dr. D._ darauf hin, längerdauernde inklinierte oder reklinierte
Kopfhaltungen sollten vermieden werden. Auch dieses Erfordernis reduziert die in
Frage kommenden Arbeitsstellen – auch in der Gesamtschau betrachtet – nicht auf ein
derart minimales Ausmass, dass realistischerweise von einer Unverwertbarkeit der
Restarbeitsfähigkeit auszugehen wäre. Insbesondere das Vermeiden von
längerfristigem Rückwärtsbeugen des Kopfes schränkt das Spektrum der die übrigen
Einschränkungen berücksichtigenden verfügbaren Stellen kaum zusätzlich ein. Auch
Stellen, in denen ein regelmässiges und andauerndes Vorneigen des Kopfs nicht
notwendig ist, sind durchaus vorhanden. Dies hat das Bundesgericht bereits mehrfach
unter Hinweis auf körperlich wenig belastende Maschinenbedienungs- und
Überwachungsarbeiten sowie Tätigkeiten im Dienstleistungssektor bestätigt (I 349/01,
Erw. 6.1). Konkret zu denken wäre beispielsweise an leichte Büroarbeit wie die Eingabe
von Daten in ein Datenverarbeitungssystem, telefonische Auskunfts-, Bestellungs- oder
Umfragedienste, Kurierdienste in grösseren Unternehmungen, Kontrolle von Waren in
der maschinellen Herstellung, Überwachung von voll- oder halbautomatischen
Maschinen, eventuell Front- und Beratungsarbeit in einem Copyshop, leichte
Verkaufstätigkeiten und dergleichen.
3.6 Grundsätzlich übersieht der Beschwerdeführer, dass die ärztliche Umschreibung
einer behinderungsgerechten Erwerbstätigkeit nicht seine Arbeitsfähigkeit einschränkt,
sondern nur die Zahl der für ihn noch in Frage kommenden Arbeitsstellen. Es ist klar,
dass die Zahl der Stellen für Hilfskräfte z.B. in der Metallindustrie, die nicht
vornübergeneigt arbeiten können, die keine Gewichte über 15 kg tragen können etc.,
deutlich geringer ist als für diejenigen Hilfskräfte, die körperlich nicht eingeschränkt
sind. Der (hypothetische) allgemeine und ausgeglichene Arbeitsmarkt weist aber auch
unter Berücksichtigung dieser Einschränkungen noch ausreichend Stellen auf. IV-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rechtlich ist es unerheblich, dass die für den Beschwerdeführer in Frage kommenden
Stellen möglicherweise alle besetzt sind, denn dieses Risiko der Arbeitslosigkeit ist
allein durch die Arbeitslosenversicherung abgedeckt (vgl. auch das Urteil IV 2000/175
des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 24. April 2001, Erw. 2). Somit
kann die Argumentation des Beschwerdeführers, die ihm attestierte
Restarbeitsfähigkeit sei auch aufgrund seiner ausbildungs- und altersmässigen
Situation nicht mehr realisierbar (act. G 1, S. 8, 3. Absatz), keine grössere Invalidität
begründen.
3.7 Der Beschwerdeführer lässt vorbringen, er habe einen im Rahmen eines
Einsatzprogramms des RAV durchgeführten Arbeitsversuch aus gesundheitlichen
Gründen bereits nach zwei Tagen abbrechen müssen. Dies beweise, dass seine
Arbeitsfähigkeit nicht mehr verwertbar sei. Das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum
G._ bestätigte im Schreiben vom 14. März 2007, der Beschwerdeführer habe im
Verzahnungsprogramm SOHOMET, St. Margrethen, eine leichte, leidensadaptierte
Tätigkeit zu 100% versucht. Diesen Arbeitsversuch habe er infolge starker Schmerzen
bereits nach zwei Tagen abbrechen müssen (act. G 1.1.3). Der Begriff "SOHOMET"
steht für Soziales (SO), Holzbearbeitung (HO) und Metallbearbeitung (MET; vgl. die
Beschreibung unter dem Link "Arbeitslosenprojekte" auf der Website
www.businesshouse.ch). Das Verzahnungsprogramm richtet sich gemäss Information
des Amts für Arbeit an unqualifizierte und qualifizierte Personen, die im handwerklichen
Bereich (Holz-, Metall- und Textilarbeit) neue Erfahrungen und Qualifikationen
gewinnen wollen. Zwar werden bei der Zielgruppe auch Teilnehmer mit leichten
körperlichen Behinderungen erwähnt (Information unter www.afa.ch, "Arbeitsmarktliche
Massnahmen", "Einsatzprogramme"). Dennoch erscheint der Grossteil der im
Informationsblatt des Einsatzprogramms genannten Inhalte der Metall- und
Holzbearbeitung wie löten, sägen, feilen, bohren, senken, Gewinde schneiden, messen,
Oberflächenbehandlung, Montagearbeiten, sägen, leimen, zinken, fälzen etc. für den
Beschwerdeführer nicht als optimal adaptierte Tätigkeiten. Dass der Einsatz scheiterte,
kann also nicht als taugliches Indiz dafür gewertet werden, dass der Beschwerdeführer
die ihm von Dr. D._ überzeugend attestierte Restarbeitsfähigkeit nicht mehr soll
verwerten können. Im Übrigen würde ein einziger gescheiterter Arbeitsversuch einen
solchen Rückschluss wohl ohnehin nicht zulassen. Zu denken ist insbesondere auch an
geeignete Schmerzbekämpfungsstrategien unter ärztlicher Betreuung, welche leichtere
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeiten trotz gewissen Beschwerden zumutbar machen. Es ist also davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer in einer optimal seinem Leiden angepassten
Tätigkeit eine verwertbare Restarbeitsfähigkeit von 80% aufweist.
4.
4.1 Auf der Basis einer Arbeitsfähigkeit von 80% für leichte, leidensadaptierte
Tätigkeiten ist im Folgenden der Invaliditätsgrad zu bemessen. Das Valideneinkommen
beläuft sich für das Jahr 2006 auf Fr. 70'200.- (Fr. 5'400.- x 13; vgl. IV-act. 12-2,
Ziff. 16), was unbestritten ist.
4.2 Weil der Beschwerdeführer in der Zeit des Erlasses der angefochtenen
Verfügungen nicht arbeitete, hat die Beschwerdegegnerin sein Invalideneinkommen zu
Recht gestützt auf die Tabellenlöhne der vom Bundesamt für Statistik
herausgegebenen schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) bemessen (vgl. etwa
das Urteil 8C_119/2007 des Bundesgerichts vom 10. März 2008, Erw. 5.2). Entgegen
der vom Rechtsvertreter des Beschwerdeführers in der Replik geäusserten Ansicht ist
es weder notwendig noch mit verhältnismässigem Aufwand realisierbar, zusätzlich zur
LSE noch die Dokumentation von Arbeitsplätzen (DAP) beizuziehen. Das Bundesgericht
hat zwar nicht ausgeschlossen, dass die DAP-Zahlen auch für die
Invaliditätsbemessung der Invalidenversicherung teilweise verwendet werden können.
Weil es sich bei den DAP-Zahlen um eine nicht veröffentlichte SUVA-interne Erhebung
handelt – die zudem aufgrund verschiedener Angriffspunkte nicht den Vorrang vor der
LSE verdient, vgl. BGE 129 V 472, Erw. 4.2.1 – und weil die Tabellenlöhne der LSE
gemäss konstanter Rechtsprechung in Fällen wie dem vorliegenden zur
Invaliditätsbemessung geeignet sind, haben die DAP-Zahlen für die
Invalidenversicherung in der Praxis kaum Bedeutung erlangt. Im vorliegenden Fall kann
die Bemessung des Invalideneinkommens allein gestützt auf die LSE erfolgen.
4.3 Da der Beschwerdeführer seine angestammte Berufstätigkeit als Offsetdrucker nur
noch in deutlich eingeschränktem Ausmass ausführen könnte, ging die
Beschwerdegegnerin zu Recht vom LSE-Durchschnittseinkommen eines Mannes im
tiefsten Anforderungsniveau (einfache und repetitive Tätigkeiten) aus. Im Jahr 2006
belief sich dessen durchschnittliches Monatseinkommen bei einer wöchentlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche auf Fr. 4'732.- (Tabelle TA1 der LSE 2006,
S. 25). Aufgerechnet auf die im Jahr 2006 vorherrschende betriebsübliche
Wochenarbeitszeit von 41.7 Stunden ergibt sich ein Jahreseinkommen von
Fr. 59'197.-. Dieser Betrag ist um 20% zu kürzen, weil der Beschwerdeführer nur noch
zu 80% arbeitsfähig ist, was Fr. 47'358.- ergibt.
4.3.1 Die Beschwerdegegnerin hat zusätzlich einen Abzug von 10% anerkannt, weil der
Beschwerdeführer auch in einer leichten Hilfsarbeit eingeschränkt und deshalb im
Vergleich zu voll leistungsfähigen und entsprechend einsatzfähigen Arbeitnehmern
lohnmässig benachteiligt sei. Der Beschwerdeführer erachtet demgegenüber den
Maximalabzug von 25% als angemessen.
4.3.2 Der oftmals als "Leidensabzug" bezeichnete Abzug hat nichts mit dem Leiden zu
tun. Vielmehr sollen damit jene Nachteile ausgeglichen werden, welche die versicherte
Person bei der statischen Erhebung des Invalideneinkommens erleidet. Diese bewirkt –
neben der Arbeitsunfähigkeit – auf den realen Arbeitsmarkt bezogen eine zusätzliche
Lohneinbusse. Denn die statistischen Invalidenlöhne werden bei gesunden
Arbeitskräften erhoben. In BGE 126 V 75 neues Fenster hat das Bundesgericht
festgestellt, dass die Frage, ob und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen
sind, von sämtlichen persönlichen und beruflichen Umständen des konkreten
Einzelfalls (leidensbedingte Einschränkung, Alter, Dienstjahre, Nationalität/Aufenthalts
kategorie und Beschäftigungsgrad) abhängig ist. Der Einfluss sämtlicher Merkmale auf
das Invalideneinkommen ist nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen,
d.h. dass nicht für jedes Merkmal der entsprechende Abzug zu quantifizieren ist und
die einzelnen Abzüge zusammenzuzählen sind. Schliesslich ist der Abzug auf
höchstens 25% zu begrenzen. Bei der Überprüfung des gesamthaft vorzunehmenden
Abzugs darf das Sozialversicherungsgericht sein Ermessen nicht ohne triftigen Grund
an die Stelle desjenigen der Verwaltung setzen; es muss sich somit auf Gegebenheiten
abstützen können, die seine abweichende Ermessensausübung als nahe liegender
erscheinen lassen.
4.3.3 Vorliegend fällt ins Gewicht, dass der Beschwerdeführer gegenüber einem
gesunden Konkurrenten für einen bestimmten Arbeitsplatz ein deutlich höheres
Krankheitsrisiko hat. Aus der Sicht eines ökonomisch denkenden Arbeitgebers senkt
https://swisslex.westlaw.com/search/Document.asp?DocService=DocLink&D=BGEx126xVx75_82&AnchorTarget=BGEx126xVx75
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dieses Risiko, dessen Verwirklichung die Gesamtlohnkosten des Betriebes erhöhen
würde, den "Wert" des Beschwerdeführers als Arbeitnehmer. Um dies zu
kompensieren und konkurrenzfähig zu bleiben, müsste er mit einem entsprechend
tieferen Lohn rechnen. Der Beschwerdeführer ist körperlich gegenüber einem
gesunden Konkurrenten mit gleichem Teilpensum klar benachteiligt, sodass er eine
Lohneinbusse wird in Kauf nehmen müssen.
4.3.4 Bei Männern im tiefsten Anforderungsniveau ist Teilzeitarbeit statistisch gesehen
hochgerechnet auf ein Vollpensum schlechter entlöhnt als Vollzeitarbeit (Tabelle T2* auf
S. 16 der LSE 2006). Wie bereits in RKUV 1999 S. 412 ff. anerkannte das
Bundesgericht im Entscheid 9C_603/07 vom 8. Januar 2008, dass nicht nur
Teilzeitarbeit als solche, sondern auch ein ganztätiger Einsatz bei reduzierter
Leistungsfähigkeit die Vornahme eines Abzugs rechtfertige. Es hielt fest, ein rund
hälftiges Arbeitspensum, das lediglich über einen ganzen Arbeitstag verteilt erbracht
werden könne und nicht etwa nur vormittags oder nachmittags, sei aus
betriebswirtschaftlicher Sicht (Auslastung des Arbeitsplatzes) als lohnmässig relevante
Erschwernis für die erwerbliche Verwertung der verbleibenden Arbeitsfähigkeit
anzuerkennen (Erw. 4.2.3). Obwohl das Bundesgericht in einigen Entscheiden
gegenteilig argumentiert (vgl. etwa I 69/07 vom 2. November 2007), erscheint es als
gerechtfertigt, den sogenannten Teilzeitabzug auch bei ganztägiger Anwesenheit mit
reduzierter Leistungsfähigkeit anzuerkennen. Wird ein Versicherter für Arbeit im
Ausmass von z.B. 50% eines Vollpensums angestellt, so wird er gewiss keinen
höheren Lohn erwarten können, wenn er für diese 50% Leistung 100% der
betriebsüblichen Arbeitszeit benötigt. Somit ist dem Bundesgericht in seiner
Argumentation gemäss dem Entscheid 9C_603/07 zu folgen. Im davon abweichenden
Entscheid I 69/07 nannte das Bundesgericht als Beispiel eines Faktors, der eine
Vollzeittätigkeit mit eingeschränktem Leistungsvermögen für einen Arbeitgeber
attraktiver erscheinen lasse als eine Teilzeittätigkeit, grössere Flexibilität bei der
Einsatzplanung bei vollzeitlicher Anwesenheit (Erw. 5.2). Dieses Beispiel vermag
insofern nicht zu überzeugen, als dass gerade bei der Einsatzplanung stets darauf
Rücksicht genommen werden muss, dass der invalide Arbeitnehmer nur 50% Leistung
erbringen kann, auch wenn er physisch ganztags anwesend ist. Der reduzierten
Leistung müsste durch zusätzliches Personal oder durch Mehrarbeit der
Arbeitskollegen Rechnung getragen werden. Kein Arbeitgeber wird bereit sein, dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ganztägig anwesenden Arbeitnehmer für eine Leistung von 80% einen höheren Lohn zu
bezahlen als dem zeitlich nur 80% Anwesenden ohne Leistungseinbusse; tendenziell
dürfte eher das Gegenteil der Fall sein. Da dies jedoch statistisch nicht belegbar ist,
erscheint es als angezeigt, den statistisch ausgewiesenen Teilzeitnachteil sowohl bei
teilzeitlich mit voller Leistung als auch bei vollzeitlich mit eingeschränkter Leistung
arbeitsfähigen Versicherten anzuwenden. Der Teilzeitnachteil hat nach dem Gesagten
also auch im vorliegenden Fall der ganztägigen Anwesenheit bei reduzierter
Leistungsfähigkeit zum Tragen zu kommen. Männer im tiefsten Anforderungsniveau
erzielten im Jahr 2006 mit einem zwischen 75% und 89% liegenden Arbeitspensum ein
aufgerechnet auf ein Vollpensum um 6.14% tieferes Einkommen (LSE 2006, Tabelle
T2*).
4.3.5 Der Beschwerdeführer will sein fortgeschrittenes Alter (Jahrgang 1947) beim
Abzug mitberücksichtigt wissen. Dies erscheint jedoch nicht als gerechtfertigt. Das
Alter des Beschwerdeführers hätte zwar bei der Frage der (medizinischen)
Zumutbarkeit einer zu erbringenden Arbeitsleistung von Bedeutung sein können, ist
aber darüber hinaus kein Umstand, der das Ausmass der Invalidität beeinflusst, auch
wenn er das Finden einer Stelle und die Verwertung der verbliebenen
Restarbeitsfähigkeit erschwert oder verunmöglicht. In einem in AHI 1999 S. 237
veröffentlichten Urteil vom 28. Juli 1999 hat das Bundesgericht einen Abzug wegen des
fortgeschrittenen Alters des Versicherten – von im Zeitpunkt des Verfügungserlasses
53 Jahren – nicht zugelassen, da mit zunehmendem Alter die Lohnzuwachskurve zwar
flacher verläuft, der Faktor Alter sich aber statistisch nicht lohnsenkend auswirke (vgl.
auch in Bezug auf 57-jährige Versicherte die Urteile 9C_610/2007 vom 23. Oktober
2007, Erw. 4.3, und I 39/04 vom 20. Juli 2004, Erw. 2.4, und in Bezug auf 60-jährige
Versicherte die Urteile I 304/06 vom 22. Januar 2007, Erw. 4.2, und I 376/05 vom 5.
August 2005, Erw. 4.2). Wenn das Bundesgericht trotzdem gelegentlich einen Abzug
unter anderem mit fortgeschrittenem Alter begründet (etwa Entscheide I 100/01 vom
11. April 2002 und I 813/02 vom 7. Mai 2003), so kann darauf nicht abgestellt werden.
Es ist von einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage auszugehen. Hier ist die
Neuanstellung auch älterer Arbeitskräfte nicht notwendigerweise mit einer
Lohnsenkung verbunden. Aus dem Umstand, dass ältere Arbeitnehmer in wirtschaftlich
schwierigen Zeiten seltener eine Anstellung finden als jüngere, ist für das hypothetische
Invalideneinkommen nichts abzuleiten. Wiederum liegt primär ein Aspekt des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitslosigkeitsrisikos vor. Bei Anwendung des untersten Anforderungsniveaus ist
auch nicht mit einem wesentlichen Einfluss des Dienstalters auf das Einkommen zu
rechnen, nimmt dessen Bedeutung doch im privaten Sektor ab, je niedriger das
Anforderungsprofil ist (vgl. AHI 1999 S. 181; auch BGE 126 V 75 Erw. 5a/cc), so dass
nur eine bescheidene zusätzliche Herabsetzung des statistischen
Invalideneinkommens gerechtfertigt ist (vgl. auch den Entscheid IV 2003/76 des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 3. Mai 2004, Erw. 4f).
4.3.6 Insgesamt erscheint unter Berücksichtigung sämtlicher Faktoren ein Abzug von
15% als gerechtfertigt. Der vom Beschwerdeführer beantragte Maximalabzug von 25%
ist klarerweise nicht angebracht. Das Invalideneinkommen beläuft sich demnach auf
Fr. 40'254.- (Fr. 47'358.- x 0.85).
4.4 Bei einem Valideneinkommen von Fr. 70'200.- und einem Invalideneinkommen von
Fr. 40'254.- ergibt sich ein Invaliditätsgrad von 42.6% bzw. gerundet 43%. Der
Beschwerdeführer hat somit seit 1. August 2006 Anspruch auf eine Viertelsrente. Am
Rande sei bemerkt, dass selbst bei Gewährung des Maximalabzugs von 25% kein
Anspruch auf eine halbe Rente resultieren würde. Das Invalideneinkommen beliefe sich
diesfalls auf Fr. 35'519.- (Fr. 47'358.- x 0.75). Der Invaliditätsgrad läge demnach bei
49.4%, was abzurunden wäre, sodass die Grenze von 50% zur Begründung des
Anspruchs auf eine halbe Rente auch diesfalls nicht überschritten würde.
5.
5.1 Die angefochtenen Verfügungen vom 31. Mai 2007 und 5. Juni 2007 sind im
Ergebnis nicht zu beanstanden, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.
5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis
Fr. 1'000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-
erscheint als angemessen. Sie ist dem unterliegenden Beschwerdeführer aufzuerlegen.
Der von ihm geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe ist anzurechnen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte