Decision ID: 1c7add47-dad1-559c-8180-2f27658f5d8e
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein Perser mit letztem Wohnsitz in C._
(Provinz D._), verliess den Iran eigenen Angaben gemäss Ende
September 2015 respektive Mitte Oktober 2014 und gelangte am 18. Ok-
tober 2015 in die Schweiz, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte.
A.b Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) im Empfangs- und Verfah-
renszentrum E._ vom 26. Oktober 2015 wurden die Personalien
des Beschwerdeführers aufgenommen und sein Reiseweg erfragt. Die
Frage, ob er gesundheitliche Probleme habe, verneinte er.
A.c Das SEM hörte den Beschwerdeführer am 11. Oktober 2016 zu seinen
Asylgründen an. Dabei erklärte er einleitend, dass es bei der BzP Verstän-
digungsschwierigkeiten mit dem eingesetzten Dolmetscher gegeben habe.
Ferner gab er zu Protokoll, die SEPAH (Iranische Revolutionsgarde; An-
merkung des Gerichts) habe bei ihm zu Hause alle Dokumente und Pa-
piere mitgenommen, so dass er ausser seinem Führerschein nichts abge-
ben könne.
Zur Begründung des Asylgesuches machte er schliesslich geltend, er habe
die meiste Zeit seines Lebens in C._ verbracht. Sein Vater habe
dort ein grosses Haus mit mehreren Appartements gebaut, in denen die
ganze Familie gewohnt habe. Als in den Jahren 2009/2010 seine Probleme
begonnen hätten, habe er nicht mehr dort leben können. Während seiner
Schulzeit (Gymnasium) habe er an einer Veranstaltung teilgenommen, an
der die Teilnehmer sich für die Rückkehr des Shahs ausgesprochen hätten.
Deshalb habe er die Schule nicht mehr besuchen dürfen. Es sei ihm aber
erlaubt worden, die Prüfungen abzulegen. Als er sich beruflich mit Vermie-
tungen beschäftigt habe, habe er Räumlichkeiten an Christen und Bahais
vermietet. Er habe aus Sicherheitsgründen auch an deren Versammlungen
teilgenommen. Bei einem solchen Meeting hätten sich seine religiösen An-
sichten verändert. Er habe viel gelesen und für sich Notizen gemacht über
das, was er gesehen habe. Im Jahr 1387 (nach iranischem Kalender; ent-
spricht dem Jahr 2008 nach abendländischem Kalender / Anm. des Ge-
richts) sei er mit dem Hund eines Freundes unterwegs gewesen. Der Hund
sei von Beamten angeschossen und getötet worden. Es habe einen Kon-
flikt mit diesen gegeben und er sei ins Gefängnis gebracht worden, wo er
zirka 15 Tage festgehalten worden sei. Er habe anlässlich seiner Moschee-
Besuche dem Imam viele Fragen gestellt. Als er gefragt habe, weshalb Gott
für die Moslems verschiedene Bücher geschrieben habe, sei er von der
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SEPAH verprügelt und mitgenommen worden. Man habe ihn etwa eine
Woche lang festgehalten. Nachdem im Frühjahr 1388 (bzw. 2008) sein Va-
ter verstorben sei, habe er sich zurückgezogen. Alle die genannten Vorfälle
hätten zur Folge gehabt, dass er unter Beobachtung gestanden sei. Vor
den Wahlen im Jahr 1388 (bzw. 2008) hätten sich einige Christen zu Ge-
sprächen zusammengefunden. Bei diesem Treffen sei die SEPAH erschie-
nen und habe Leute festgenommen. Dabei seien Schüsse gefallen und er
sei verletzt worden. Es sei ihm die Flucht gelungen und er habe anschlies-
send während dreier Jahre in einem Versteck in den Bergen gelebt. Einer
seiner Freunde, der Veterinär sei, habe ihn operiert und sich um ihn ge-
kümmert. Die SEPAH habe seine Notizen mitgenommen, die er über reli-
giöse Fragen gemacht habe. Als er im fünften Monat 1392 (bzw. 2013)
festgenommen worden sei, habe man ihn mit Elektroschocks misshandelt
und ihm anschliessend viele Fragen gestellt. Er sei etwa ein halbes Jahr
lang im Gefängnis von F._ in Einzelhaft festgehalten worden. Da-
nach habe man ihn in die allgemeine Abteilung gebracht, wo er weitere
acht Monate gewesen sei. Man habe ihn ständig gefragt, mit welchen
Gruppen und Personen er zusammenarbeite. Er sei nie vor Gericht gestellt
worden. Über einen Soldaten und den Gefangenenvertreter habe er dem
(...), mit dem er befreundet gewesen sei, eine Nachricht zukommen lassen.
Im Gefängnis habe er Probleme mit seinen Nieren gehabt. Zirka 45 Tage
nachdem er seinen Freund informiert habe, sei dieser gekommen. Sie hät-
ten im Büro des Gefängnisdirektors sprechen können. Später sei der
Freund nochmals gekommen und habe gesagt, er habe organisiert, dass
er (der Beschwerdeführer) für eine Operation der Nierensteine ins Spital
gebracht werde. Der Freund habe ein Dokument des Gerichts organisiert
und erreicht, dass er gegen eine Kaution das Gefängnis habe verlassen
können. Man habe ihn im siebten Monat 1393 (bzw. 2014) in ein Spital
gebracht und ihn mit Handschellen ans Bett gefesselt. Sein Freund habe
ihn besucht, die Handschellen geöffnet und gesagt, er könne durch das
Fenster fliehen. Sein Freund habe bereits die Flucht organisiert und einen
Schlepper kontaktiert gehabt, der in der Nähe von Teheran gewartet habe.
Aus zeitlichen Gründen wurde die Anhörung unterbrochen und eine Rück-
übersetzung der bisherigen Aussagen vorgenommen.
A.d Am 14. November 2016 wurde die Anhörung fortgesetzt. Dabei führte
der Beschwerdeführer aus, er sei mehrmals für einige Tage inhaftiert wor-
den, weil er beispielsweise Alkohol getrunken habe. Weil er an einem Mee-
ting teilgenommen habe, sei er einmal für zwei Wochen festgehalten wor-
den. Er habe oft zu Befragungen erscheinen und viele Schläge einstecken
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müssen. Ab dem fünften Monat 1392 (bzw. 2009) sei er 14 Monate lang in
Haft gewesen. Nachdem er beim Freitagsgebet viele Fragen gestellt habe,
sei er von der SEPAH abgeführt und in deren Gebäude in eine Zelle ge-
steckt worden. Bevor er freigelassen worden sei, habe er eine Verpflich-
tungserklärung unterschreiben müssen, dass er «solche Dinge nicht mehr
tun werde». In seinem Strafregisterauszug seien verschiedene «Verge-
hen» (Alkoholkonsum, Begleitung von Mädchen, Konflikte mit Beamten)
aufgeführt, sodass die Behörden über ihn Bescheid gewusst hätten. Nach-
dem er Ende 1389 (bzw. 2010) angeschossen worden sei, habe er sich
während dreier Jahre versteckt. Er sei im fünften Monat 1392 (bzw. 2010)
am Ort seines Verstecks festgenommen worden. Nach dem Tod seines Va-
ters habe er sich zurückgezogen, seine Hauptbeschäftigung sei das Ver-
mieten von Häusern gewesen, in denen Feiern, aber auch religiöse Ver-
sammlungen abgehalten worden seien. Nachdem er angeschossen wor-
den sei, habe er sich versteckt; während dieser Zeit seien die Behörden oft
zu seinen Angehörigen gegangen, um nach ihm zu fragen. Sie hätten ge-
sagt, er solle mit ihnen zusammenarbeiten, und hätten von seiner Familie
seine Adresse gewollt. Die Behörden hätten alle Unterlagen mitgenom-
men, die er in seiner Suite im Appartement-Haus seines Vaters aufbewahrt
habe. Gegen Ende der Zeit, während der er im Versteck gelebt habe, habe
er seiner jüngeren Schwester gesagt, wo er sich aufhalte, da er einen Weg
gesucht habe, den Iran zu verlassen. An einem Morgen habe er Stimmen
gehört. Als er nach draussen gegangen sei, habe man auf ihn eingeschla-
gen und ihm zwei Stromschläge versetzt, als er sich gewehrt habe. Danach
habe er das Bewusstsein verloren und als er wieder zu sich gekommen
sei, sei er in einem Zimmer gewesen. Man habe ihm eine Mütze über den
Kopf gezogen, er könne sich an zwei Stimmen erinnern. Man habe ihn ge-
fragt, mit wem er zusammengearbeitet habe. Man habe gut Bescheid ge-
wusst über seine Aktivitäten. Sie hätten ihm gesagt, er sei Mitglied der
Gruppe, an die er Räumlichkeiten vermietet habe. Bei den Verhören habe
man ihm die SMS vorgelesen, die er in den zwei Jahren, bevor er unterge-
taucht sei, geschrieben habe. Er habe auch Beamten SMS geschrieben,
an die er sich bei Problemen gewandt oder denen er bei geschäftlichen
Vorgängen geholfen habe. Einige dieser Geschäfte seien nicht gänzlich le-
gal gewesen.
B.
Mit Verfügung vom 4. April 2017 – eröffnet am folgenden Tag – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
und lehnte sein Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es seine Wegweisung
aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
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C.
Gegen diesen Entscheid liess der Beschwerdeführer mit Eingabe seiner
Rechtsvertreterin vom 27. April 2017 beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde erheben. In dieser wurde beantragt, die Verfügung des SEM sei
aufzuheben, dieses sei anzuhalten, die Glaubwürdigkeitsprüfung mit aller
Sorgfalt durchzuführen und dabei die prekäre Menschenrechtssituation so-
wie die Menschenrechtsverletzungen im Iran mit einzubeziehen. Die
Flüchtlingseigenschaft sei anzuerkennen und es sei Asyl zu gewähren. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege ersucht (vgl. Beschwerde S. 13). Der Beschwerde lagen
mehrere Beweismittel bei (vgl. S. 14 Beilagenübersicht, ärztlicher Bericht
von Dr. med. G._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, vom
27. April 2017).
D.
Der Instruktionsrichter hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfü-
gung vom 3. Mai 2017 gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses. Die Akten übermittelte er zur Vernehmlassung an das SEM.
E.
In seiner Vernehmlassung vom 12. Mai 2017 nahm das SEM zur Be-
schwerde Stellung.
F.
Der Beschwerdeführer hielt in der Replik seiner Rechtsvertreterin vom
21. Mai 2017 am Inhalt der Beschwerde und den darin formulierten Rechts-
begehren fest und reichte zwei Berichte der an den Anhörungen anwesen-
den Hilfswerkvertreterinnen ein.
G.
Am 4. Juli 2018 informierte der Beschwerdeführer das Gericht über seine
momentane Situation in der Schweiz. Der Eingabe lagen Unterlagen zu
seinen Arbeitsbemühungen, sein Lebenslauf, zwei Bewerbungsschreiben
und drei Referenzschreiben bei.
H.
Mit Schreiben vom 16. Oktober 2020 erkundigte sich der Beschwerdefüh-
rer nach dem Stand des Beschwerdeverfahrens und wies auf die Situation
in seinem Heimatland hin. Der Instruktionsrichter beantwortete die Anfrage
am 21. Oktober 2020.
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I.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 11. Februar 2021 liess der Be-
schwerdeführer dem Gericht Ergänzungen zu seiner Replik vom 21. Mai
2017 – den Zeitraum von Mai 2017 bis Februar 2021 betreffend – zukom-
men.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge-
setzesartikel sind unverändert vom AuG ins AIG übernommen worden,
weshalb nachfolgend die neue Gesetzesbezeichnung verwendet wird.
1.4 Der Beschwerdeführer hat am vorinstanzlichen Verfahren teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führt zur Begründung seines Entscheides aus, der Beschwer-
deführer habe den schweizerischen Asylbehörden keine Identitätspapiere
oder Dokumente abgegeben, die seine Aussagen bestätigen könnten. We-
der seine Identität noch die Reisedaten und die Reiseroute stünden fest.
Er habe unterschiedliche Angaben dazu gemacht, wann er den Iran verlas-
sen habe, und einen Führerschein eingereicht, der am 10. Februar 2015
ausgestellt worden sei. Dies werfe die Frage auf, weshalb ihm nach der
Ausreise noch ein Führerschein ausgestellt worden sein sollte.
Das SEM schliesse nicht aus, dass der Beschwerdeführer im Iran mit den
Behörden Schwierigkeiten gehabt habe und mehrmals inhaftiert worden
sei. Möglicherweise drohe ihm eine längere Haftstrafe, auch wenn dazu
Beweismittel fehlten. Selbst bei angenommener Richtigkeit sei festzustel-
len, dass es sich bei den Problemen und Nachteilen nicht um eine Verfol-
gung im Sinne von Art. 3 AsylG handle. Gemäss seinen Aussagen habe er
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körperliche Gewalt gegen Beamte angewandt und es sei ihm bewusst ge-
wesen, dass er sich strafbar gemacht und dubiose Geschäfte getätigt
habe. Er habe jedoch nur an sein Einkommen gedacht. Den Akten lasse
sich nicht entnehmen, dass seine gesetzeswidrigen Aktivitäten einen poli-
tischen oder religiösen Hintergrund gehabt hätten oder dass diese als
staatsfeindlich eingestuft worden seien. Der Beschwerdeführer sei weder
politisch noch religiös aktiv gewesen. Den Akten sei auch nicht zu entneh-
men, dass seine Angehörigen ernsthafte Nachteile erlitten hätten, oder
dass ihnen solche drohten. In Kenntnis der realen Gegebenheiten im Iran
sei davon auszugehen, dass die Fahndungsbehörden alles darangesetzt
hätten, etwas über seinen Verbleib in Erfahrung zu bringen. Bei entspre-
chendem Verdacht hätten sie auch die Familienangehörigen in die Ermitt-
lungen einbezogen, was aber nicht der Fall gewesen sei. Die Vorbringen
hielten den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft somit nicht Stand.
4.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, die Tätigkeiten des Be-
schwerdeführers, das Vermieten von Häusern für religiöse Versammlun-
gen von Bahais und Christen, führten unabhängig von seinen Motiven zur
Feststellung der Flüchtlingseigenschaft. Wer Bahais und Christen religiöse
Aktivitäten ermögliche, werde hart bestraft. Hinsichtlich der allgemeinen
Menschenrechtslage, der Hinrichtungen und der Situation religiöser Min-
derheiten sei auf zahlreiche Berichte und Zeitungsartikel zu verweisen. Im
Iran sei es verboten, den Religionsgemeinschaften der Bahais und Chris-
ten anzugehören und Partys durchzuführen. Auch Feiern, bei denen Män-
ner und Frauen gemeinsam feierten, seien verboten. Der Beschwerdefüh-
rer sei dabei behilflich gewesen, in dem er Häuser und Wohnungen für sol-
che Aktivitäten vermietet habe. Schon die Vermietung von Lokalen an reli-
giöse Gruppen könne zu einer hohen Geldstrafe und im Wiederholungsfall
zu Freiheitsstrafen und zur Hinrichtung führen. Seine Tätigkeiten seien il-
legal gewesen; er habe bei Vermietungen an gemischte Gruppen die lokale
Polizei informiert und Geld bezahlt, damit die Polizisten weggeschaut hät-
ten. Wenn er Räumlichkeiten an religiöse Gruppen vermietet habe, habe
er Sicherheitspersonal eingestellt, welches das Versammlungsareal be-
wacht habe. Bei all diesen Anlässen habe er zudem anwesend sein müs-
sen, damit sich die Mieter sicher gefühlt hätten. Der Beschwerdeführer
habe für den Sohn eines Mullahs auf eigene Rechnung Zement eingekauft,
der für mehr als das Doppelte weiterverkauft worden sei. Er habe den Na-
men des Auftraggebers nicht nennen dürfen. Im Auftrag eines Mullahs
habe er Land gekauft, auf dem eine Strasse geplant gewesen sei, was die-
ser bereits gewusst habe. Als der Landpreis erheblich gestiegen sei, habe
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er das Land weiterverkauft und eine Provision erhalten. Er sei von den Auf-
traggebern ausgesucht worden, weil sein Vater eine bekannte und ehren-
hafte Persönlichkeit gewesen sei und für die Abwicklung dieser Geschäfte
ihn vorgeschlagen habe. Er habe diese Aufgaben gerne übernommen und
sich am erzielten Gewinn erfreut. Damit habe er aber auch fünf arme Fa-
milien unterstützt. Erst später habe sich bei ihm die Erkenntnis durchge-
setzt, dass seine Auftraggeber korrupt und die Geschäfte dubios gewesen
seien. Als er eine Villa für eine religiöse Versammlung vermietet habe,
seien die Teilnehmer trotz Sicherheitspersonal zu wenig geschützt gewe-
sen. Nach dem Ende der Versammlung sei die SEPAH tätig geworden. Der
Beschwerdeführer habe sich noch in der Villa aufgehalten, als er Schüsse
gehört habe. Er sei nach draussen gegangen und habe Polizisten gesehen,
die die beiden Hunde des Wächters erschossen hätten. Er habe durch den
Garten fliehen wollen und habe so etwas wie einen Peitschenschlag ge-
spürt. Zirka zwei Stunden später, er sei im Auto seiner Freundin gesessen,
habe er am Rücken etwas Nasses gespürt und in den Beinen ein komi-
sches Gefühl gehabt. Seine Freundin, die Tierärztin sei, habe ihn ins Spital
bringen wollen, was er abgelehnt habe, da dieses der SEPAH gehöre. Sie
habe sich bereit erklärt, ihn in ihrem Ferienhäuschen zu verarzten. Wäh-
rend der Operation habe er gewaltige Schmerzen gehabt. Die Genesungs-
zeit habe drei Monate betragen, während derer er nur auf dem Bauch habe
liegen können. Er habe nur zuckerhaltige Säfte getrunken und nichts ge-
gessen. Nach drei Monaten habe er wieder zu Gehen gelernt. Seine Fami-
lie habe nicht gewusst, wo er sich aufgehalten habe. Seine Freundin habe
aber seine jüngere Schwester besucht, um ihr vom Stand der Genesung
zu berichten. Dabei habe sie erfahren, dass die SEPAH in sein Apparte-
ment eingedrungen sei und alles beschlagnahmt habe. Die SEPAH sei
mehrmals zu den Angehörigen und zu Nachbarn gegangen, um über sei-
nen Verbleib nachzuforschen. Seine Familie sei beauftragt worden, ihm
mitzuteilen, dass er mit der SEPAH zusammenarbeiten und Informationen
über die religiöse Versammlung geben müsse. Nachdem er dies erfahren
habe, habe er sich in ein kleines Waldhäuschen in den Bergen zurückge-
zogen. Nur seine Freundin habe davon gewusst. Da er sich vor Entde-
ckung gefürchtet habe, habe er kein Mobiltelefon gehabt; mit seiner Freun-
din habe er von einer entfernt gelegenen Telefonkabine aus Kontakt auf-
genommen, damit er sie um Medikamente, Lebensmittel und weitere Sa-
chen habe bitten können. Nach drei Jahren sei er entdeckt worden, weil
seine Schwester die SEPAH auf seine Spur gebracht habe. Eines Morgens
sei die SEPAH gekommen und habe ihn gepackt, misshandelt und mit
Elektroschocks traktiert. Er habe das Bewusstsein verloren und sei in ei-
nem kleinen Zimmer wieder zu sich gekommen. Erst Monate später habe
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er erfahren, dass er sich im Gefängnis von F._ befinde. Zu Beginn
der Haftzeit sei er in Isolationshaft gesetzt worden. In den ersten beiden
Wochen habe er viele Tritte und Schläge in den Unterleib und ins Gesicht
erhalten, wobei ihm mehrere Zähne ausgeschlagen worden seien. Er sei
immer wieder mit verbundenen Augen in ein Verhörzimmer geführt worden,
in dem er über die Bahai- und Christengruppen ausgefragt worden sei, de-
nen er die Versammlungen ermöglicht habe. Um ihn gefügig zu machen,
habe man mit Plastikrohren seine Füsse blutig geschlagen und ihn ge-
zwungen, aufrecht zu gehen. Man habe ihn gefesselt und stundenlang lie-
gen lassen. Monatlich habe man ihm eine Flüssigkeit in die Ader der rech-
ten Handoberseite gespritzt. Danach habe sich ein Schmerz in seinem Kör-
per ausgebreitet und er habe erbrechen müssen. Nach sechs Monaten
Einzelhaft sei er in den oberen Teil des Gefängnisses verlegt worden. Er
habe während der ganzen Haft Schmerzen im Unterleib verspürt. Der Ge-
fängnisarzt habe ihm Tabletten gegeben, die alle Gefangenen, die sich
krank gefühlt hätten, erhalten hätten. Andere Medikamente habe es nicht
gegeben. Ihn habe es nervös gemacht und die Schmerzen seien stärker
geworden. Als sein Urin rot geworden sei, habe er realisiert, dass er mit
den Nieren Probleme habe. Nachdem ein Freund des Beschwerdeführers,
der (...) sei, sich für ihn eingesetzt habe, sei der Gefängnisanwalt bereit
gewesen, ihn in ein Spital überweisen zu lassen. Die Familie des Be-
schwerdeführers habe eine Kaution und die Papiere der Familien-Woh-
nung hinterlegen und den Gefängnisanwalt «entlohnen» müssen. Sein
Freund habe danach freie Hand gehabt, er habe sowohl die Verlegung ins
Spital, als auch die Flucht organisiert. Nach seiner Flucht habe die Familie
des Beschwerdeführers dem Anwalt nochmals Geld bezahlen müssen, das
dieser für die im Zusammenhang mit der Flucht Ungemach erhalten habe.
Er habe auch die Kaution einbehalten und das Haus der Familie verkauft.
Der Beschwerdeführer sei somit aus religiösen Gründen verfolgt worden;
die SEPAH habe mit den Folterungen gegen die Menschenrechte verstos-
sen.
Der Beschwerdeführer habe beim SEM nur den Führerschein abgeben
können. Während der Zeit, in der er sich versteckt habe, sei sein Führer-
schein abgelaufen. Seinem älteren Bruder sei der Führerschein entzogen
worden; dieser hätte sich unter einschneidenden Massnahmen um einen
neuen Führerschein bemühen können. Er habe indessen den Führer-
schein des Beschwerdeführers benutzt und ihn erneuern lassen. Mittler-
weile seien sein Geburtsschein und eine Kopie des internationalen Aus-
weises eingetroffen.
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Der liberal denkende Beschwerdeführer habe gegen zahlreiche Vorschrif-
ten verstossen und sei deshalb mit kurzen Freiheitsentzügen, mit Geldbus-
sen, Schlägen und mit 30 Peitschenhieben bestraft worden. Für die Hilfe
bei dubiosen Aktivitäten sei er von den Mullahs ausgesucht worden. Be-
reits das Vermieten von Räumen für religiöse Versammlungen sei illegal,
man müsse nicht einmal mit den Gruppen sympathisieren. Er sei 14 Mo-
nate im Gefängnis von F._ gewesen, ohne dass er vor Gericht ge-
stellt worden sei. Gemäss Mitteilung seiner Schwester sei er mittlerweile
verurteilt worden und stehe auf einer «schwarzen Liste». Der Gefängnis-
anwalt sei bereit, für 7500 Euro Kopien der Dokumente zuzustellen.
Im Weiteren werden die Flucht des Beschwerdeführers in die Türkei und
sein dortiger Aufenthalt beschrieben. Nach sieben Monaten illegalen Auf-
enthalts habe er sich beim UNHCR registrieren lassen. Auch der weitere
Fluchtweg in die Schweiz wird in der Folge geschildert.
Der Beschwerdeführer sei im Iran aus dem Gefängnis geflohen und in Ab-
wesenheit verurteilt worden, was bedeute, dass er zumindest lange Jahre
im Gefängnis verbringen müsse. Er stehe auf der schwarzen Liste und
seine Familie fürchte sich vor der SEPAH und wolle möglichst wenig Kon-
takt zu ihm. Sein psychischer Gesundheitszustand sei alarmierend, da er
traumatisiert sei.
4.3 Das SEM führt in seiner Vernehmlassung aus, die Rüge, der Sachver-
halt entspreche weder in der Chronologie noch in den Zusammenhängen
den Tatsachen, könne nicht gehört werden. In der Beschwerde würden le-
diglich (zusätzliche) Erläuterungen und Angaben gemacht. Es werde nicht
dargelegt, welche entscheidrelevanten Vorbringen in der Verfügung nicht
berücksichtigt worden, informationsverfälschend oder tatsachenwidrig
seien. Es seien keine sachdienlichen Beweismittel eingereicht worden, die
die Aussagen des Beschwerdeführers bestätigten. Dies wiege umso
schwerer, als in der Zwischenzeit ein Urteil gefällt worden sein solle. Es sei
nicht glaubhaft, dass der Beschwerdeführer dieses nur gegen Bezahlung
einer hohen Summe erhalten könnte. Das blosse Vorhandensein einer psy-
chischen Erkrankung gebe keine Anhaltspunkte hinsichtlich deren Ursa-
che. Dass der behandelnde Arzt die Vorbringen des Beschwerdeführers für
glaubhaft halte, erstaune nicht, suche doch ein Mediziner nicht in erster
Linie nach Widersprüchen und Ungereimtheiten in den Aussagen des Pa-
tienten. Der ärztliche Bericht von Dr. med. G._, vom 27. April 2017
enthalte keine Angaben über die zur Diagnose der posttraumatischen Be-
lastungsstörung (PTBS) eingesetzten Untersuchungsmassnahmen, womit
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es ihm in diesem Punkt an der erforderlichen Transparenz und Wissen-
schaftlichkeit fehle. Zudem könne allein aus Narben und kariösen Zähnen
nicht auf den Zeitpunkt und die Ursachen deren Entstehung geschlossen
werden. Die psychischen Probleme des Beschwerdeführers könnten im
Iran behandelt werden, sollte dies nötig sein.
4.4 In der Stellungnahme wird entgegnet, der Hausarzt und Psychosoma-
tiker habe beim Beschwerdeführer klarerweise eine PTBS diagnostiziert,
die auf die glaubhaft geschilderten Folterungen zurückzuführen sei. Herr
Dr. G._ sei seit 25 Jahren Ansprechpartner für Asylsuchende, habe
vielfältige Erfahrungen, einen grossen Erfahrungsschatz und äussere fun-
dierte Einschätzungen. Dass die PTBS nicht auf die Flucht oder die Ent-
wurzelung des Beschwerdeführers zurückzuführen sei, zeige sich daran,
dass er immer dann charakteristische Körperreaktionen zeige, wenn er
Nachrichten aus dem Iran erhalte. Informationen über die alltägliche Ge-
walt versetzten ihn in einen grossen Stresszustand. Nach solchen Nach-
richten beginne er von selbst Erlebtem zu berichten und sei während Tagen
in einem depressiven Zustand. Hinsichtlich der Argumentation des SEM,
er könne seine psychischen Probleme im Iran behandeln lassen, sei nicht
bedacht worden, dass die Situation im Iran zu seinen persönlichen Proble-
men geführt habe. Es sei praktisch auszuschliessen, dass seine gesund-
heitlichen Probleme im Iran geheilt werden könnten. Dass für Kopien von
Beweismitteln 7500 Euro verlangt würden, könne nicht bewiesen werden.
Es seien aber bereits früher hohe Geldforderungen an die Familie des Be-
schwerdeführers gestellt worden. Seine Angehörigen hätten Angst, beim
Gefängnis oder beim Gericht nachzufragen, ob man ihnen Dokumente
aushändigen könne. Abgesehen von der Höhe der Summe, könne man
auch nicht sicher sein, ob die «Kopien» echte oder gefälschte Informatio-
nen enthielten. Der Freund des Beschwerdeführers, der ihm die Flucht er-
möglicht habe, sei nicht bereit, die Vorgänge um dieselbe zu bestätigen,
da er sich davor fürchte, die Aufmerksamkeit der SEPAH auf sich zu zie-
hen. Dass dem Beschwerdeführer Zähne ausgeschlagen worden seien,
könne mit den Röntgenaufnahmen belegt werden. Zudem könnten die
durch Giftinjektionen verödete Handoberflächen-Ader und die verheilte
Schusswunde gezeigt werden. Alle in der Beschwerde genannten Namen
könnten überprüft werden.
4.5 In der Eingabe vom 16. Oktober 2020 wird auf die unbefriedigende Si-
tuation des Beschwerdeführers in der Schweiz hingewiesen. Seine Rechts-
vertreterin sei im Oktober 2017 in den Iran geflogen und habe seine Familie
kennengelernt. Sie habe leider keine Dokumente erhalten können. Nach
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ihrer Rückkehr in die Schweiz, sei die Religionspolizei wieder vermehrt bei
seiner Familie vorstellig geworden. Seine Familienangehörigen würden
überwacht und eingeschüchtert. Die Religionspolizei erscheine immer wie-
der im Geschäft seines Bruders und nehme diesen oder die ältere Schwes-
ter zur Befragung mit. Im Iran würden immer noch Menschen wegen gerin-
ger Vergehen gegen den «islamischen Staat» gehängt. Zwischen 2017
und 2020 seien acht Bekannte des Beschwerdeführers gehängt worden.
4.6 Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers teilte mit Eingabe vom
11. Februar 2021 mit, sie habe sich Ende Oktober 2017 in den Iran bege-
ben, um den Hund des Beschwerdeführers, den die Polizei habe töten wol-
len, in die Schweiz zu holen. Sie habe bei ihrer Ankunft auf dem Teheraner
Flughafen ein Einreisevisum erhalten. Die erste Nacht habe sie im gebuch-
ten Hotel verbracht, danach sei sie zur Mutter des Beschwerdeführers ge-
gangen, bei der sie gewohnt habe. Sie habe seine Angehörigen und
Freunde von ihm kennengelernt. Diese hätten ihr zu verstehen gegeben,
dass der Beschwerdeführer nie mehr in den Iran zurückkehren dürfe, da er
sonst erhängt werde. Seine Schwestern hätten ihr das Haus gezeigt, das
ihnen gehört habe und von der SEPAH beschlagnahmt worden sei. Seine
Familie habe darauf geachtet, den Nachbarn nicht aufzufallen und die An-
wesenheit der Rechtsvertreterin zu verbergen. Trotz aller Vorsichtsmass-
nahmen müsse die SEPAH mitbekommen haben, dass ausländischer Be-
such in C._ gewesen sei. Das Geschäft des Bruders des Beschwer-
deführers sei wieder häufiger besucht und die Familie sei nach ihm gefragt
worden. Seine Lieblingsschwester und sein Bruder seien mehrmals
zwecks Befragung mitgenommen und kurzzeitig festgehalten worden. Bei
der Familie existierten ausser Fotoalben keine Dokumente des Beschwer-
deführers. Die Rechtsvertreterin sei zum Gefängnis von F._ gefah-
ren worden und habe aus dem Auto heraus Fotografien von diesem ma-
chen können.
Der Beschwerdeführer leide nach wie vor unter Schlafstörungen und Flash-
backs, die vor allem während der Nacht aufträten. Man sehe ihm in der
Folge an, dass es ihm nicht gutgehe. Über Dr. G._ sei eine Psycho-
therapie für ihn organisiert worden. Er sei dreimal zur Psychiaterin gegan-
gen und sehr verwirrt und in schlechter Verfassung zurückgekommen, wes-
halb er nicht mehr zur Therapie habe gehen wollen. Dr. G._ sei um
eine Anmeldung im (...) gebeten worden. Seither sei zur Traumabewälti-
gung nichts mehr unternommen worden. Der Beschwerdeführer habe nicht
den Mut, einen neuen Anlauf zu nehmen. Gegenüber der Rechtsvertreterin
erwähne er einige Details seiner schlimmen Erfahrungen mit den Mullahs
D-2486/2017
Seite 14
und der Religionspolizei, die er während der Gefangenschaft in F._
gemacht habe.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
5.2 Den Aussagen des Beschwerdeführers ist zu entnehmen, dass er seit
seiner Jugendzeit über die Jahre hinweg immer wieder mit den heimatli-
chen Sicherheitsbehörden in Konflikt geriet (wegen Teilnahme an einer
Kundgebung, bei der skandiert worden sei, der Shah solle zurückkehren /
wegen Alkoholkonsums / weil er in Begleitung von einem Mädchen gese-
hen worden sei / weil er mit Beamten gestritten habe, die den Hund seines
Freundes erschossen hätten / weil er während des Freitagsgebets «unbot-
mässige» Fragen gestellt habe / weil er einen Beamten tätlich angegriffen
habe). Dabei sei er auf Dienststellen mitgenommen, dort befragt und einige
Male während einiger Stunden beziehungsweise einiger Tage und einmal
während zweier Wochen festgehalten worden. Da sein Vater in C._
eine bekannte und respektierte Person gewesen sei, habe er die Angele-
genheiten dank seines Ansehens und/oder durch Bezahlung von Geldbe-
trägen regeln können (vgl. SEM-act. A18/20 S. 11 ff., A21/25 S. 3 ff. und
S. 6). Der Beschwerdeführer räumte mehrfach ein, dass er sich bei seinen
geschäftlichen Tätigkeiten immer wieder in rechtlichen Grauzonen bewegt
und auch illegale Geschäfte betrieben habe (vgl. SEM-act. A18/20 S. 10,
A21/25 S. 13). Er betonte mehrfach, er sei im Iran weder politisch noch
religiös aktiv gewesen (vgl. SEM-act. A18/20 S. 13 f., A21/25 S. 12 und
S. 20) und habe nur an sein Einkommen gedacht (vgl. SEM-act. A21/25
S. 7). Trotz gewisser Abweichungen in den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers und der Tatsache, dass er teilweise Mühe bekundete, die Ereignisse
in einen chronologischen Zusammenhang zu bringen (vgl. Bstn. A.c und
A.d), erachtet das Bundesverwaltungsgericht seine Schilderungen der
Probleme, die er mit heimatlichen Behördenvertretern hatte, als überwie-
gend wahrscheinlich und damit als glaubhaft. Seine Ausführungen lassen
darauf schliessen, dass er in seinen Jugendjahren und seiner Zeit als jun-
ger Erwachsener, der aus einem liberalen Elternhaus stammte, immer wie-
der durch seine aus Sicht der Behörden unkonventionelle Lebensweise an-
eckte und durch unbeherrschtes Verhalten in Konflikt mit Vertretern der
Staatsmacht geriet. Obwohl der Beschwerdeführer einige Male mehrere
D-2486/2017
Seite 15
Tage lang inhaftiert und auch geschlagen worden sei, wertete er die be-
hördlichen Interventionen teilweise als lachhaft und in ihrer Gesamtheit als
nicht derart bedeutsam, dass er sein Verhalten den im Iran geltenden Nor-
men angepasst hätte.
5.3 Nicht zu überzeugen vermag jedoch das Vorbringen des Beschwerde-
führers, er habe sich, nachdem er von Agenten des SEPAH angeschossen
worden sei, während dreier Jahre in einem abgelegenen Dörfchen ver-
steckt (vgl. SEM-act. A21/25 S. 9). Seinen Aussagen ist zu entnehmen,
dass er zwar daran gedacht habe, den Iran zu verlassen, diesen Gedanken
indessen nicht weiterverfolgt und die «Sache» vor sich hergeschoben habe
(vgl. SEM-act. A21/25 S. 9). Da er gemäss eigenen Angaben Kontakte zu
einflussreichen Persönlichkeiten hatte (vgl. SEM-act. A21/25 S. 13), ist
nicht nachvollziehbar, dass er diese nicht dazu nutzte, um aus seinem Hei-
matland ausreisen zu können, zumal er aufgrund der von seinen Angehö-
rigen über eine Freundin erhaltenen Informationen gewusst habe, dass er
von den Behörden gesucht werde. Weshalb der Beschwerdeführer, nach-
dem er drei Jahre lang versteckt gelebt habe, seiner Schwester seinen Auf-
enthaltsort habe mitteilen lassen (vgl. SEM-act. A21/25 S. 11), erschliesst
sich nicht, führte er doch zuvor aus, er habe seinen Familienangehörigen
seinen Aufenthaltsort nicht angeben wollen, weil er gewusst habe, dass
diese eine solche Information nicht für sich hätten behalten können (vgl.
SEM-act. A21/25 S. 8). In der Beschwerde wird diesbezüglich erklärt, seine
Schwester habe nicht gewusst, wo er sich aufhalte, habe jedoch gegen-
über den Leuten des SEPAH Vermutungen angestellt, wo er sein könnte
(vgl. S. 6). Zudem sagte der Beschwerdeführer, er sei für eine gewisse Zeit
bei seiner Tante in C._ gewesen und habe sich erst danach in ei-
nem Waldhaus in der Nähe der Berge versteckt (vgl. SEM-act. A18/20
S. 7), was im Widerspruch zu seinen anderslautenden Angaben steht, wo-
nach er nach dem Vorfall, bei dem er angeschossen worden sei, in ein
Versteck gebracht worden sei. In der Beschwerde wird in diesem Zusam-
menhang dargelegt, der Beschwerdeführer sei nach dem erwähnten Vorfall
zum Ferienhäuschen seiner Freundin gebracht und dort von ihr verarztet
worden (vgl. S. 5). Im Verlauf der Anhörung sagte er, er habe sich zirka drei
Jahre in den Bergen von H._ versteckt, nachdem er angeschossen
und von einem Freund operiert worden sei. Dieser habe ihn einmal in der
Woche oder alle zehn Tage besucht. Da es in der kalten Jahreszeit schwie-
rig gewesen sei zu duschen, habe ihn der Freund etwa einmal im Monat in
das Haus seiner Tante gebracht (vgl. SEM-act. A18/20 S. 14). Auch diese
Angabe lässt sich mit der Aussage des Beschwerdeführers, er habe nicht
D-2486/2017
Seite 16
mehr in die Stadt gehen können (vgl. SEM-act. A18/20 S. 14), nicht verein-
baren, habe seine Tante doch in C._ gelebt (vgl. SEM-act. A18/20
S. 7). Ferner brachte er vor, sein Hauptversteck sei in einem entlegenen
Dörfchen gelegen, wo die Leute Vieh gehalten hätten (vgl. SEM-act.
A212/25 S. 9). Der Beschwerdeführer führte aus, dass es keinen fahrbaren
Weg zum Haus, in dem er sich versteckt habe, gegeben habe. Um zum
Haus zu gelangen, müsse man einen zweistündigen Fussmarsch zurück-
legen (vgl. SEM-act. A21/25 S. 12). Gefragt, wie er sich in den drei Jahren
im Versteck beschäftigt habe, war er nicht in der Lage, substanziierte kon-
krete Angaben dazu zu machen (vgl. SEM-act. A21/25 S. 9). Hinsichtlich
seiner Festnahme führte der Beschwerdeführer aus, er habe an einem frü-
hen Morgen Stimmen vor dem Haus gehört, in dem er sich versteckt ge-
halten habe. Als er rausgegangen sei, sei er geschlagen worden. Er habe
zwei Stromschläge von einem Elektroschocker und einen Schlag auf den
Kopf gespürt (vgl. SEM-act. A21/25 S. 11 f.). In der Beschwerde wird aus-
geführt, er habe an einem Morgen laute Stimmen vor seiner Hütte gehört.
Er sei gepackt, geschlagen und getreten worden und habe vier Elektro-
schocks bekommen (vgl. S. 6). Abgesehen davon, dass der Beschwerde-
führer hinsichtlich der Anzahl der erlittenen Elektroschocks voneinander
abweichende Angaben macht, erscheint das von ihm geschilderte Verhal-
ten der SEPAH-Leute überaus dilettantisch. Angehörige von Sicherheits-
kräften, die einen versteckten Gesuchten festnehmen wollen, von dem sie
nicht wissen, ob er im Besitz von Waffen ist, würden wohl kaum das Über-
raschungsmoment, das ihre Aktion begünstigen würde, durch lautes Ge-
rede zunichtemachen.
5.4 Im Rahmen der Anhörung gab der Beschwerdeführer an, man habe
ihm eine Art Mütze über den Kopf gezogen, bevor er im Gefängnis wieder
zu sich gekommen sei; es sei keine Augenbinde gewesen (vgl. SEM-act.
A21/25 S. 12). Im Widerspruch dazu wird in der Beschwerde ausgeführt,
eine dunkle Augenbinde habe ihn am Sehen gehindert, als er in einem klei-
nen und kahlen Zimmer aufgewacht sei (vgl. S. 6). Während der Anhörung
sagte er, er sei in der ersten Woche, während der er in Einzelhaft gewesen
sei, geschlagen worden, danach nicht mehr (vgl. SEM-act. A18/20 S. 15).
Diese Aussage widerspricht den Ausführungen in der Beschwerde, er sei
es (als er bereits nicht mehr in Einzelhaft gewesen sei; Anmerkung des
Gerichts) leid gewesen, immer in Angst vor neuen Tritten und Schlägen zu
leben (vgl. S. 7).
5.5 Der Beschwerdeführer brachte bei der Anhörung vor, er habe nach un-
gefähr 14-monatiger Haft bewirken können, dass ein Gefangenenvertreter
D-2486/2017
Seite 17
einen seiner einflussreichen Freunde angerufen habe. Dieser habe ihn un-
gefähr 45 bis 50 Tage nach dem Telefonat im Gefängnis besucht. Sie hät-
ten im Büro des Gefängnisleiters miteinander sprechen können. Sein
Freund habe gesagt, er müsse abklären, wie er ihm helfen könne. Zehn
oder zwölf Tage vor seiner Ausreise in die Türkei sei der Freund nochmals
ins Gefängnis gekommen und habe gesagt, dass er gegen Leistung einer
Kaution in ein Spital gebracht werden könne. Schliesslich habe man ihn ins
Spital gebracht, wo er in einem Quarantäne-Zimmer untergebracht worden
sei, vor dem ein Beamter gestanden sei. Nach einem halben Tag Spitalau-
fenthalt sei sein Freund gekommen, habe ihm die Handschellen geöffnet,
mit denen er ans Bett gefesselt gewesen sei, und gesagt, er könne aus
dem Fenster fliehen (vgl. SEM-act. A18/20 S. 16 f.). Im weiteren Verlauf
der Anhörung schilderte er, sein Freund sei zwei Wochen, nachdem er ihn
kontaktiert habe, ins Gefängnis gekommen. Er habe ihm alles erzählt, was
geschehen sei. Der Freund habe gesagt, er werde das Problem lösen. 45
Tage später sei sein Freund zum zweiten Treffen gekommen. Er (der Be-
schwerdeführer) habe eine Kaution hinterlegen müssen. Er sei ins Spital
gebracht und mit einer Hand ans Bett gefesselt worden; vor der Türe sei
ein Wachmann gewesen. Gegen Abend sei sein Freund gekommen und
habe gesagt, er werde ihn befreien und er solle schnell fliehen (vgl. SEM-
act. A21/25 S. 16 ff.). Der Beschwerdeführer erklärte auf Nachfrage, sein
Freund sei eine wichtige Person gewesen, weshalb niemand ihn verdäch-
tigt hätte, ihm zur Flucht verholfen zu haben (vgl. SEM-act. A21/25 S. 19).
Das Bundesverwaltungsgericht schliesst nicht aus, dass der Beschwerde-
führer im Gefängnis von F._ inhaftiert war, da seine diesbezügli-
chen Schilderungen substanziiert und detailliert waren. Angesichts der Un-
glaubhaftigkeit seines dreijährigen Aufenthalts in den Bergen von
H._ muss der allfällige Gefängnisaufenthalt jedoch einen anderen
Hintergrund als den von ihm angegebenen haben. Da er im Rahmen der
Anhörung erklärte, er habe immer wieder Geschäfte getätigt, die sich in
rechtlichen Grauzonen bewegt hätten oder illegal gewesen seien – in der
Beschwerde wird dies bestätigt und die Geschäfte werden ausführlicher
geschildert (vgl. S. 2 ff.) –, geht das Bundesverwaltungsgericht davon aus,
dass er möglicherweise in einem gemeinstrafrechtlichen Verfahren in Un-
tersuchungshaft genommen oder verurteilt worden war. Das Gericht
schliesst nicht aus, dass der Beschwerdeführer, möglicherweise aufgrund
gesundheitlicher Probleme, auf Kaution freigelassen oder vorzeitig aus der
Haft entlassen wurde. Da er zum zeitlichen Ablauf der Geschehnisse nach
der telefonischen Kontaktaufnahme mit einem einflussreichen Freund nicht
D-2486/2017
Seite 18
übereinstimmende Angaben machte, bestehen allerdings Zweifel an sei-
nen diesbezüglichen Ausführungen. Es ist dennoch nicht auszuschliessen,
dass der Beschwerdeführer durch Vermittlung einer einflussreichen Person
seine Freilassung auf Kaution oder eine vorzeitige Haftentlassung errei-
chen konnte. Die geschilderte Flucht aus dem Spital erachtet das Gericht
indessen als unglaubhaft. Wäre der Beschwerdeführer von derart grossem
Interesse für die SEPAH gewesen, wie er angab, hätte sein Freund es nicht
gewagt, ihm zur Flucht zu verhelfen. Da er angab, er sei mit Handschellen
an das Bett gefesselt gewesen und habe sich allein im Krankenzimmer be-
funden, vor dem ein Wachmann postiert gewesen sei, wäre der Verdacht,
sein «Besucher» habe ihm zur Flucht verholfen, trotz dessen gesellschaft-
licher Position auf der Hand gelegen, und hätte für diesen selbst ernsthafte
Konsequenzen nach sich gezogen. Dergleichen hat der Beschwerdeführer
jedoch nicht geltend gemacht.
5.6 Die Tatsache, dass der Beschwerdeführer keinerlei Beweismittel be-
schaffen konnte, die zumindest Teile seiner Vorbringen belegen könnten,
ist nicht nachvollziehbar. Erfahrungsgemäss sind iranische Asylsuchende
durchaus in der Lage, Dokumente, die im Zusammenhang mit gegen sie
eingeleiteten Strafverfahren stehen, beispielsweise durch Bevollmächti-
gung von Rechtsanwälten, die sie in ihrem Namen bei den zuständigen
Behörden beantragen, erhältlich zu machen, ohne dass sie dafür Beste-
chungsgelder bezahlen müssen. Gemäss Angaben des Beschwerdefüh-
rers hätten die iranischen Behörden das Appartement seiner Mutter und
seiner Schwester beschlagnahmt und verwertet. Auch diesbezüglich müss-
ten Beweismittel existieren, die er über seine Angehörigen oder über einen
Rechtsanwalt hätte beschaffen können. Das Bundesverwaltungsgericht
geht davon aus, dass die Dokumente, die existieren müssen, nicht mit den
Schilderungen des Beschwerdeführers in Einklang stehen und von ihm
deshalb bis heute nicht zu den Akten gereicht wurden.
5.7 Dem mit der Beschwerde eingereichten Schreiben der (...) vom 25. Ap-
ril 2017 kann entnommen werden, dass am Gebiss des Beschwerdefüh-
rers multiple kariöse Läsionen und diverse Wurzelreste festgestellt worden
seien. Das beigelegte Röntgenbild des Gebisses scheint zu belegen, dass
es durch Gewalteinwirkung beschädigt wurde. Bei welcher Gelegenheit
dies geschah, konnte der das Schreiben unterzeichnende Zahnarzt natur-
gemäss nicht bestätigen, da er diesbezüglich allein auf die Angaben des
Beschwerdeführers angewiesen war. Dr. med. G._, Facharzt für All-
gemeine Innere Medizin, führt in seinem ärztlichen Bericht vom 27. April
2017 aus, der Beschwerdeführer leide an einer schweren PTBS, die auf
D-2486/2017
Seite 19
von ihm erlittene Misshandlungen zurückzuführen sei. Auf seinem Rücken
seien Spuren einer Schussverletzung festzustellen. Aufgrund seiner Qua-
lifikation als Psychosomatiker (Fähigkeitsausweis Psychosomatische und
psychosoziale Medizin SGPPM) könne er bestätigen, dass die vom Be-
schwerdeführer gemachten Angaben äusserst glaubwürdig erschienen.
Die Prüfung der Glaubhaftigkeit von Asylgründen (Art. 7 AsylG) obliegt den
Asylbehörden, da es sich bei der Frage, ob die Vorbringen einer asylsu-
chenden Person glaubhaft sind oder nicht, um eine Rechtsfrage handelt.
Aus einer ärztlichen beziehungsweise psychiatrischen Diagnose kann
grundsätzlich nicht auf die Ursache einer gesundheitlichen Störung ge-
schlossen werden. Fachärztliche Berichte können zwar im Rahmen einer
Gesamtwürdigung der für und gegen die Glaubhaftigkeit einer geltend ge-
machten Verfolgung sprechenden Elemente mitberücksichtigt werden (vgl.
BVGE 2015/11 E. 7.2.2; 2007/31 E. 5.1), sie sind indessen für die Beurtei-
lung der Glaubhaftigkeit von Verfolgungsvorbringen für die zuständigen
Behörden hinsichtlich der Ursachen für die gesundheitlichen Probleme
nicht verbindlich (vgl. BVGE 2015/11 E. 7.2.1 und 7.2.2). Vorliegend ergibt
sich, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers in wesentlichen Punkten
(dreijähriges Leben in einem Versteck, Festnahme durch die SEPAH,
Flucht aus dem Spital) nicht glaubhaft sind.
6.
6.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind respektive zugefügt zu
werden drohen. Eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3
Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, die
Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder
werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit
in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen demnach hinreichende
Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem
Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Ent-
schluss zur Flucht hervorrufen würden. Die erlittene Verfolgung oder die
begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung muss zudem sachlich und
zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und
grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein. An-
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Seite 20
spruch auf Asyl nach schweizerischem Recht hat somit nur, wer im Zeit-
punkt der Ausreise ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG aus-
gesetzt war (Vorfluchtgründe) oder aufgrund von äusseren, nach der Aus-
reise eingetretenen Umständen, auf die er keinen Einfluss nehmen konnte,
bei einer Rückkehr ins Heimatland solche ernsthaften Nachteile befürchten
müsste (sogenannte objektive Nachfluchtgründe [vgl. zum Ganzen BVGE
2011/51 E. 6, 2011/50 E. 3.1.1 und 3.1.2, 2010/57 E. 2, 2008/34 E. 7.1,
2008/12 E. 5.2 und 2008/4 E. 5.2, jeweils m.w.H.; WALTER STÖCKLI, Asyl,
in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., 2009,
Rz. 11.17 und 11.18]).
6.2 Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Aussagen des
Beschwerdeführers, wonach er mit den heimatlichen Behörden aus ver-
schiedenen Gründen in Konflikt geraten und wiederholt kurzzeitig festge-
nommen, befragt und auch geschlagen worden sei, als überwiegend wahr-
scheinlich erscheinen und damit glaubhaft sind (vgl. E. 5.2). Diese Vor-
kommnisse erreichten in ihrer Gesamtheit indessen nicht die hinsichtlich
der Feststellung der Flüchtlingseigenschaft notwendige Intensität und führ-
ten auch nicht zur Ausreise des Beschwerdeführers aus dem Iran. Da es
ihm nicht gelungen ist, seinen dreijährigen Aufenthalt in einem Versteck
und die Festnahme durch die SEPAH sowie die Flucht aus dem Gefängnis
glaubhaft zu machen, ist nicht davon auszugehen, dass er zum Zeitpunkt
seiner Ausreise aus dem Iran gesucht wurde und sich deshalb vor den hei-
matlichen Behörden verstecken musste. Wie bereits festgehalten (vgl.
E. 5.5) schliesst das Bundesverwaltungsgericht nicht aus, dass der Be-
schwerdeführer in der Vergangenheit – aus anderen als den von ihm ge-
nannten Gründen – im Gefängnis von F._ inhaftiert war und mög-
licherweise durch Vermittlung eines einflussreichen Freundes aufgrund
seiner angeschlagenen Gesundheit gegen Kaution freigelassen wurde.
Hingegen geht das Gericht nicht davon aus, er sei zum Ausreisezeitpunkt
verfolgt gewesen oder habe begründete Furcht vor Verfolgung hegen müs-
sen. Angesichts der Unglaubhaftigkeit der von ihm geltend gemachten
Flucht aus dem Spital und mangels glaubhaft gemachten asylrechtlich re-
levanten Hintergrunds seiner Vorbringen, kann ihm auch im heutigen Zeit-
punkt keine objektiv begründete Furcht vor ihm nach einer Rückkehr in den
Iran drohender asylrechtlich relevanter Verfolgung zuerkannt werden. Er-
gänzend ist festzuhalten, dass die Asylgewährung nicht der Genugtuung
für in der Vergangenheit erlittenes Unrecht, sondern dem Schutz vor künf-
tiger Verfolgung dient.
D-2486/2017
Seite 21
6.3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer
nicht gelungen ist, die von ihm vorgebrachten Fluchtgründe nachzuweisen
oder glaubhaft zu machen, da an deren Wahrheitsgehalt insgesamt über-
wiegende Zweifel bestehen. Das SEM hat demnach zu Recht seine Flücht-
lingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt. Es erübrigt sich,
auf die weiteren Ausführungen in den Beschwerdeeingaben einzugehen,
da sie an der Würdigung des vorliegenden Sachverhalts nichts zu ändern
vermögen.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab, so verfügt es in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt da-
bei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
D-2486/2017
Seite 22
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.3
8.3.1 Das SEM wies in der angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin,
dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen
schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwerde-
führer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nach-
zuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte
Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine An-
wendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den Iran ist
demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.3.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Iran dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste
er eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen,
dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behand-
lung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar
2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). In Anbetracht der
vorstehenden Ausführungen zur Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Be-
schwerdeführers und deren asylrechtlicher Relevanz, ist ihm dies nicht ge-
lungen. Angesichts der Unglaubhaftigkeit von erheblichen Teilen seiner
Vorbringen kann nicht geschlossen werden, er sei von den iranischen Si-
cherheitsbehörden zum Zeitpunkt seiner Ausreise gesucht worden oder
werde heute gesucht. Das Bundesverwaltungsgericht geht davon aus, der
Beschwerdeführer werde von den heimatlichen Behörden weder verdäch-
tigt, regimekritisch aktiv gewesen zu sein, noch werde er gesucht. Praxis-
gemäss lässt auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Iran den
Wegweisungsvollzug nicht als unzulässig erscheinen.
8.3.3 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Eine vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwer-
D-2486/2017
Seite 23
kranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener medizini-
scher Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert wür-
den, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ih-
res Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden
oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer 41738/10, §§ 180-193 m.w.H.). Von einem derart gravie-
renden Krankheitsbild kann bezüglich des Beschwerdeführers nicht aus-
gegangen werden. Zudem ist die medizinische Versorgungslage im Iran
auf einem relativ hohen Niveau (vgl. Urteil des BVGer E-4597/2020 vom
20. Oktober 2020 E. 11.2.3) und es kann davon ausgegangen werden, der
Beschwerdeführer habe Zugang zu der von ihm benötigten ärztlichen und
psychiatrischen Begleitung zur Behandlung der diagnostizierten PTBS
(vgl. E. 8.3.4), weshalb dem Vollzug der Wegweisung Art. 3 EMRK nicht
entgegensteht.
8.3.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.4.1 Im Iran herrscht im heutigen Zeitpunkt weder Krieg, Bürgerkrieg noch
eine Situation allgemeiner Gewalt. Selbst unter Berücksichtigung dessen,
dass die Staatsordnung als totalitär zu bezeichnen ist und die allgemeine
Situation in verschiedener Hinsicht problematisch sein kann, ist der Vollzug
der Wegweisung in den Iran gemäss konstanter Praxis grundsätzlich als
zumutbar zu erachten (vgl. statt vieler Urteile des BVGer E-1901/ 2018 vom
11. Februar 2021 E. 8.2 und E-2387/2018 vom 26. Januar 2021 E. 8.5.1).
8.4.2 Individuelle Gründe, die gegen die Zumutbarkeit des Vollzugs der
Wegweisung sprechen könnten, liegen nicht vor. Der Beschwerdeführer ist
ein Mann mittleren Alters, der über eine gute Schulbildung, ein abgeschlos-
senes Studium, reichlich Berufserfahrung und ein verwandtschaftliches
Beziehungsnetz verfügt (vgl. SEM-act. A7/12 S. 5). Ohne die wirtschaftli-
chen Schwierigkeiten, die ihn angesichts der allgemeinen ökonomischen
Lage im Iran erwarten, verkennen zu wollen, ist davon auszugehen, dass
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er sich im Verband seiner Familie reintegrieren und für seinen Lebensun-
terhalt aufkommen können wird. Seinen Angaben zufolge hatte er im Iran
ein funktionierendes soziales Beziehungsnetz, das ihm bei der Reintegra-
tion in seinem Heimatland behilflich sein kann. Es darf davon ausgegangen
werden, dass seine Angehörigen ihn nach seiner Rückkehr anfänglich un-
terstützen können und werden. Zudem dürfte der Beschwerdeführer im
Iran nach wir vor über finanzielle Mittel verfügen, was ihm vor allem in der
ersten Zeit nach der Rückkehr dienlich sein wird (vgl. SEM-act. A18/20
S. 8 ff.).
8.4.3 In Bezug auf die geltend gemachten medizinischen Probleme des
Beschwerdeführers ist festzuhalten, dass nur dann auf Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs geschlossen werden kann, wenn eine notwen-
dige medizinische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfügung steht
und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchti-
gung des Gesundheitszustandes führen würde. Dabei wird als wesentlich
die allgemeine und dringende medizinische Behandlung erachtet, welche
zur Gewährleistung einer menschenwürdigen Existenz notwendig ist. Un-
zumutbarkeit liegt jedenfalls nicht vor, wenn im Heimat- oder Herkunfts-
staat eine nicht dem schweizerischen Standard entsprechende medizini-
sche Behandlung möglich ist (vgl. BVGE 2009/2 E. 9.3.2, m.w.H.; Urteil
des BVGer E-3954/2018 vom 24. Juli 2018 E. 9.4.2).
Hinsichtlich der beim Beschwerdeführer diagnostizierten gesundheitlichen
Beschwerden (schwere PTBS) ist davon auszugehen, dass diese für ihn
mit Sicherheit belastend sind. Bei einer Rückkehr in den Iran wird er mög-
licherweise nicht von einer gleichwertigen psychotherapeutischen Unter-
stützung profitieren können wie dies in der Schweiz möglich wäre. Den Ak-
ten kann entnommen werden, dass er die in der Schweiz begonnene Psy-
chotherapie abbrach. Das Gesundheitssystem im Iran weist ein relativ ho-
hes Niveau auf, was auch für die Behandlung psychischer Probleme gilt.
Im Iran praktizieren 1'800 Psychiater und es gibt über 200 psychiatrische
Kliniken respektive psychiatrische Spitalabteilungen (vgl. Behzad Damari
et al., Transition of Mental Health to a More Responsible Service in Iran, in:
Iranian Journal of Psychiatry 2017 Vol. 12/1, S. 36 ff.). Vor diesem Hinter-
grund ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer im Iran zumin-
dest eine elementare medizinische und psychotherapeutische Behandlung
erhalten kann. Allfälligen spezifischen Bedürfnissen des Beschwerdefüh-
rers könnte im Rahmen der medizinischen Rückkehrhilfe Rechnung getra-
gen werden (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG, Art. 75 der Asylverordnung 2
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vom 11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]). Einer nicht auszuschliessen-
den vorübergehenden Verschlechterung des Gesundheitszustandes kann
im Rahmen der Ausgestaltung der Vollzugsmodalitäten Rechnung getra-
gen werden, indem eine sorgfältige Vorbereitung erfolgt und geeignete me-
dizinische Massnahmen getroffen werden sowie eine adäquate Betreuung
(beispielsweise durch medizinisches Fachpersonal) sichergestellt wird. Es
ist deshalb nicht anzunehmen, dass eine Rückkehr in den Iran zu einer
raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesundheitszu-
standes des Beschwerdeführers führen würde.
8.4.4 Bezüglich der sich derzeit in zahlreichen Ländern ausbreitenden
Corona-Pandemie ist festzuhalten, dass Iran gemäss öffentlich zugängli-
chen Quellen in erheblichem Masse von der Krankheit Covid-19 betroffen
ist. Die Tatsache, dass auch der Iran von Covid-19-Erkrankungen betroffen
ist, führt indessen nicht zur Annahme der Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs.
8.4.5 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung nicht
als unzumutbar.
8.5
8.5.1 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5.2 Hinsichtlich der allfälligen, aufgrund der Corona-Pandemie derzeit
gegebenen Unmöglichkeit des Vollzugs ist Folgendes festzuhalten: Ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts, ist die Unmöglichkeit des
Vollzugs dann festzustellen, wenn sich eine freiwillige Ausreise klarerweise
und aller Wahrscheinlichkeit nach für die Dauer von mindestens einem
Jahr als undurchführbar erweist (vgl. Urteil des BVGer E-7575/2016 vom
28. Juli 2017 E. 6.2). Dies ist in Anbetracht der derzeitigen Entwicklung der
Pandemie nicht anzunehmen. Der aktuellen Situation kann indessen im
Rahmen der Ansetzung der Ausreisefrist Rechnung getragen werden.
8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
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Seite 26
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm mit Zwi-
schenverfügung vom 3. Mai 2017 die unentgeltliche Rechtspflege gemäss
Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, sind indessen keine Verfahrenskos-
ten aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
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