Decision ID: e72b0d1b-56e6-53f9-9016-1ea89a774b8c
Year: 2014
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Andrea Cantieni, Bahnhofstrasse 8, 7000 Chur,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 28. April 2010 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 7). Der
behandelnde Rheumatologe der Versicherten, Dr. med. B._, Rheumatologie FMH,
nannte gemäss einem Gesprächsprotokoll vom 26. Mai 2010 als Diagnose eine
polyartikulär aktive rheumatoide Arthritis, bestehend seit Sommer 2008. Er gab an, die
Erkrankung führe zu einer eingeschränkten Belastbarkeit der meisten Gelenke der
Versicherten. Aktuell sei die Versicherte nicht arbeitsfähig. Der Gesundheitszustand sei
jedoch noch instabil. Vor zwei Monaten sei eine Behandlung mit Orenica-Infusionen
begonnen worden, deren Wirkung sich erst in ca. 3 Monaten zeige (IV-act. 19).
A.b Die Arbeitgeberin der Versicherten, die C._ AG, berichtete am 25. Mai 2010,
dass die Versicherte seit dem 1. August 2002 als Hausdienstmitarbeiterin mit einem
Pensum von 19 Stunden pro Woche tätig gewesen sei. Seit dem 30. Oktober 2009 sei
die Versicherte zu 100% krank geschrieben (IV-act. 23-3).
A.c Am 31. August 2010 erklärte Dr. B._ telefonisch, die rheumatoide Arthritis sei
immer noch polyartikulär aktiv. Die Behandlung mit dem Medikament Orencia sei
wegen Wirkungslosigkeit gestoppt worden. Es sei ein Wechsel auf einen TNF-Alpha-
Hemmer geplant. Mit einer signifikanten Verbesserung in den nächsten 6 Monaten sei
nicht zu rechnen. Der Regionale Ärztliche Dienst der IV-Stelle (RAD) bemerkte dazu,
dass medizinisch-theoretisch in einer adaptierten Tätigkeit mindestens eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit erwartet werden dürfte. Inwieweit dies auf die bisherige Tätigkeit zu
treffe, sei aufgrund des unklaren Leistungsprofils unsicher (IV-act. 25).
A.d Am 28. Oktober 2010 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass die
Eingliederungsbemühungen abgeschlossen würden, da die Versicherte sich
behinderungsbedingt nicht in der Lage sehe, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen (IV-
act. 34).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.e Dr. B._ gab in seinem Verlaufsbericht vom 19. November 2010 an, dass der
Gesundheitszustand der Versicherten stationär sei. Es bestehe unverändert eine starke
polyartikuläre Aktivität der rheumatoiden Arthritis, welche medikamentös
behandeltwerde. Die Prognose bezüglich des Gesundheitszustandes und der
Arbeitsfähigkeit sei unsicher. Aktuelle bestehe sicher weiterhin eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 35).
A.f Am 11. Januar 2011 wurde die Versicherte durch den RAD-Arzt Dr. med. D._,
Facharzt für Innere Medizin, Rheumatologie, Physikalische Medizin und Rehabilitation,
untersucht. In seinem Bericht vom 18. Januar 2011 nannte er als Diagnosen eine
Fibromyalgie, eine anamnestisch seronegative Polyarthritis mit ausgedehnter
Basistherapie sowie den Status nach Mamma-Ca links 02/2008 mit Brust erhaltender
Operation. In der Beurteilung hielt Dr. D._ fest, dass aufgrund der bei der
Untersuchung beschriebenen Symptomatik und der erhobenen Befunde mit 18
positiven Tenderpoints bei negativen Kontrollpunkten bei der Versicherten die
Diagnose einer Fibromyalgie gestellt werden könne. 2008 sei eine seronegative
Polyarthritis mit symmetrischem Befall grosser und kleiner Gelenke festgestellt worden,
welche zunächst als parinfektiös und später als seronegative rheumatoide Arthritis
eingestuft worden sei. Diese werde aktuell u.a. mit den Basistherapeutika Methotrexat
und Humira behandelt, eine vorgängige Therapie mit Orenica und Salazopyrin sei
wegen fehlender Wirksamkeit abgesetzt worden. Eine synovitische Aktivität habe bei
der heutigen Untersuchung klinisch nicht festgestellt werden können. Bezüglich der
Arbeitsfähigkeit führte Dr. D._ aus, die Versicherte sei in ihrer bisherigen Tätigkeit in
der Hausdienstleitung, bei welcher sie zum Teil schwere körperliche Arbeit verrichten
müsse, seit dem 1. November 2010 zu 100% arbeitsunfähig. Aufgrund der heutigen
Befunde dürfte in einer adaptierten Tätigkeit (leichte körperliche Tätigkeiten unter
Einhaltung von Gelenkschutzmassnahmen und ohne speziell anfordernde grob- bzw.
feinmotorische Belastung der Hände) eine volle Arbeitsfähigkeit erwartet werden (IV-
act. 39).
A.g Im Fragebogen der IV-Stelle betreffend Erwerbstätigkeit/Haushalt gab die Ver
sicherte am 10. März 2011 an, dass sie im hypothetischen Gesundheitsfall eine
Erwerbstätigkeit im Umfang von ca. 19 Stunden ausüben würde (IV-act. 45). Am 30.
Juni 2011 liess die IV-Stelle eine Haushaltabklärung vor Ort durchführen. Gemäss dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abklärungsbericht gab die Versicherte gegenüber der Abklärungsverantwortlichen an,
dass sie im hypothetischen Gesundheitsfall im gleichen Umfang wie vor der
Erkrankung und zwar zu 45% erwerbstätig wäre. Vor der Unterzeichnung des Berichts
ergänzte die Versicherte diese Angabe handschriftlich und gab ein Pensum von "45 -
80% oder mehr" an. Als Begründung hielt die Versicherte Folgendes fest: "niemand zu
Hause, noch Kochen in der C._". Die Abklärungsverantwortliche führte aus, dass die
Versicherte sowohl im Haushaltfragebogen als auch mündlich anlässlich der Abklärung
vor Ort ein Arbeitspensum von 45% für den hypothetischen Gesundheitsfall angegeben
habe. Die von der Versicherten gemachte nachträgliche Ergänzung, wonach sie bis zu
80% erwerbstätig wäre, sei nicht glaubwürdig. Es sei deshalb an der Qualifikation 45%
Erwerb und 55% Haushalt festzuhalten. Für den Haushaltsbereich habe sie unter
Berücksichtigung der Schadenminderungspflicht eine Einschränkung von rund 11%
ermittelt (IV-act. 51). Der RAD hielt diesbezüglich am 1. September 2011 fest, dass die
ermittelte Einschränkung von 11% im Haushaltsbereich unter Berücksichtigung des
letzten ärztlichen Befundberichtes (RAD-Untersuchung) nachvollziehbar sei. Mangels
anderslautender Arztberichte nach der RAD-Untersuchung vom 11. Januar 2011 sei
davon auszugehen, dass keine relevante Änderung des Gesundheitszustandes der
Versicherten eingetreten sei. Die Arbeitsfähigkeit in einer leidensadaptierten Tätigkeit
betrage somit 100% (IV-act. 52).
A.h Der Gesamtleiter der C._ hielt in seinem Schreiben vom 6. Oktober 2011 fest,
dass die Versicherte wegen der erforderlichen Betreuung ihrer Kinder nur zu 45%
erwerbstätig gewesen sei. Kurz nach dem Eintritt der Erkrankung der Versicherten sei
das Essenskonzept umgestellt worden, weshalb eine Köchin habe eingestellt werden
müssen. Wäre die Versicherte körperlich in der Lage gewesen, diese Arbeit zu
übernehmen, wäre sie damals zu 100% angestellt worden, da sie schon zuvor bei
verschiedenen Anlässen gekocht habe (IV-act. 59-1).
A.i Mit einem Vorbescheid vom 20. September 2011 stellte die IV-Stelle der
Versicherten die Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 57). Dagegen
wendete die Versicherte am 3. Oktober 2011 ein, dass sich ihre gesundheitliche
Situation seit der Anmeldung nicht verbessert, sondern eher noch verschlechtert habe.
Zudem lägen neue Untersuchungsergebnisse vor (IV-act. 58). Der RAD hielt am
4. November 2011 zu den von der Versicherten eingereichten medizinischen Berichten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
fest, dass sich bis auf eine wohl erfolgreich erfolgte Gallenblasenentfernung im Spital
E._ mit einem stationären Aufenthalt vom 20. bis 23. Mai 2011 keine neuen
medizinischen Tatsachen seit der RAD-Abklärung vom 11. Januar 2011 fänden.
Nachweise für eine plausible, IV-relevante Änderung des Gesundheitszustandes seit
der RAD-Abklärung seien nicht ersichtlich. Ergänzend seien aber noch Berichte des
Hausarztes und der behandelnden Ärzte einzuholen (IV-act. 64). Dr. med. F._,
Augenkrankheiten FMH, nannte in ihrem Bericht vom 21. November 2011 als
Diagnosen eine Myopie, eine beginnende Presbyopie sowie eine ambulante
Behandlung der Sicca. Sie hielt fest, aus ophtalmologischer Sicht bestehe keine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (IV-act. 66). Dr. med. G._, Spezialarzt FMH für
Innere Medizin, speziell Pneumologie, hat am 21. November 2011 erklärt, dass er die
Versicherte lediglich einmal am 30. Juni 2011 gesehen und anschliessend an den
Hausarzt verwiesen habe mit der Empfehlung, die Versicherte eingehend im
Schlafzentrum des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) abklären zu lassen. Eine
Rückmeldung habe er nie erhalten (IV-act. 67). Der Hausarzt Dr. med. H._, Facharzt
FMH für Allgemeinmedizin, nannte in seinem Bericht vom 17. Dezember 2011 als
Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit eine rheumatoide Arthritis, bestehend
seit März 2008, sowie den Verdacht auf Narkolepsie, bestehend seit November 2007
(IV-act. 68). Der RAD hielt am 30. Dezember 2011 fest, dass die bis jetzt vorliegenden
Berichte nicht für eine plausible wesentliche Veränderung des Gesundheitszustandes
mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit sprächen. Es sei noch ein Bericht des
Schlafzentrums am KSSG anzufordern (IV-act. 69). Im jüngsten Bericht des
Interdisziplinären Zentrums für Schlafmedizin am KSSG vom 13. März 2012 wurden
folgende Diagnosen genannt: hochgradiger Verdacht auf Narkolepsie mit fraglichen
Kataplexien, rheumatoide Arthritis, Status nach Mamma-Ca CIS links 02/2008 sowie
Anstrengungsdyspnoe bei körperlicher Belastung ohne bronchiale Hyperreagibilität.
Die untersuchenden Ärzte hielten fest, dass sich bei der Untersuchung eine sehr
regelmässige Aktigraphie gezeigt habe, so dass ein Schlafmangel und verschobene
Bettgehzeiten als Ursache einer erhöhten Tagesmüdigkeit und Einschlafneigung
ausgeschlossen werden könnten. Aufgrund der Vorgeschichte mit deutlich verkürzter
Einschlaflatenz im MSLT, einer pathologischen Somnographie mit fragmentiertem
Nachtschlaf sowie der langen Vorgeschichte (die Versicherte gebe an, die erhöhte
Einschlafneigung liege bereits seit mehr als 10 Jahren vor) sei das Vorliegen einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Narkolepsie ohne Kataplexien durchaus wahrscheinlich. Fraglich seien auch
Kataplexien geschildert worden, die seit einer antidepressiven Therapie weniger
aufgetreten seien. Eine Verlaufsuntersuchung werde in zwei Monaten stattfinden.
Aktuell sei die Versicherte sicher eingeschränkt in ihrer körperlichen und zeitlichen
Belastbarkeit, wobei ein grosser Teil dieser Störung sicher rheumatologisch bedingt sei
(IV-act. 81). Dr. B._ berichtete am 20. April 2012, dass bei der Versicherten anhaltend
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestehe. Trotz einer sehr intensiven medikamentösen
Behandlung der rheumatoiden Arthritis sei diese Krankheit anhaltend und deutlich
aktiv. Aus diesem Grund habe sich auch an der 100%igen Arbeitsunfähigkeit in der
angestammten Tätigkeit als Hausdienstmitarbeiterin nichts geändert. Auch für eine
andere optimal angepasste leichte körperliche Arbeit könne keine verwertbare
Arbeitsfähigkeit erzielt werden (IV-act. 82). Der RAD hielt am 9. Mai 2012 abschliessend
fest, dass die Berichte des KSSG und von Dr. B._ keine neuen medizinischen
Erkenntnisse, die zu einer Änderung der bisherigen Einschätzung führen könnten,
gebracht hätten. Die von Dr. B._ angegebene "Nichtverwertbarkeit" der
Arbeitsfähigkeit interessiere aus versicherungsmedizinischer Sicht nicht. Es bestehe
wie schon im RAD-Bericht angegeben eine leidensadaptiert 100%ige Arbeitsfähigkeit
(IV-act. 83).
A.j Mit einer Verfügung vom 23. Mai 2012 wies die IV-Stelle das Rentengesuch der
Versicherten ab (IV-act. 84)
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 22. Juni
2012. Die Beschwerdeführerin beantragt sinngemäss die Aufhebung der Verfügung
vom 23. Mai 2012 sowie die Zusprache von Rentenleistungen. Zur Begründung führt
sie aus, der Hausarzt und der Rheumatologe sähen beide eher eine Verschlechterung
ihres Gesundheitszustandes. Die Untersuchungsergebnisse der Lumbalpunktion
stünden zudem noch aus (act. G 1). In Abänderung der Beschwerde beantragt die
Beschwerdeführerin, nunmehr vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Andrea Cantieni,
am 16. August 2012 die Aufhebung der Verfügung vom 23. Mai 2012 sowie die
Rückweisung der Sache an die Beschwerdegegnerin zur weiteren Abklärung. Der
Rechtsvertreter hält zur Begründung zunächst fest, dass die Einstufung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin in 45% Erwerb und 55% Haushalt nicht korrekt sei. Entsprechend
ihrer Anmerkung im Abklärungsbericht hätte die Beschwerdeführerin ohne Erkrankung
ihr Arbeitspensum auf 80% erhöht. Die Kinder seien in der Lehre und über Mittag nicht
mehr zu Hause. Zudem hätte der ehemalige Arbeitgeber der Beschwerdeführerin ihr
ohne Erkrankung die Möglichkeit geboten, sogar ein 100%-Pensum zu übernehmen.
Die Angabe der Beschwerdeführerin im Fragebogen Erwerb/Haushalt, wonach sie im
Gesundheitsfall nur zu ca. 19 Stunden pro Woche arbeiten würde, sei aufgrund eines
Missverständnisses erfolgt. Die Beschwerdeführerin habe fälschlicherweise
angegeben, welches Pensum sie im Zeitpunkt des Eintritts der Arbeitsunfähigkeit
gehabt habe. Die Beschwerdeführerin habe bis zur Geburt ihrer Kinder ein volles
Arbeitspensum ausgeübt und gemäss IK-Auszug ein Teilpensum aufgenommen,
nachdem die Kinder in die Schule gekommen seien. Aufgrund der finanziellen
Belastung durch das Einfamilienhaus und die Ausbildung der Kinder wäre die
Beschwerdeführerin auf ein höheres Einkommen angewiesen gewesen und hätte
deshalb ihr Pensum auf 80% erhöht. Zur Haushaltabklärung führt der Rechtsvertreter
aus, dass auf das Ergebnis nicht abgestellt werden könne. Die Abklärungsperson habe
im Bereich Einkaufen keine Einschränkung der Beschwerdeführerin akzeptiert, da eine
Mithilfe des Ehemannes und der Kinder zumutbar sei. Diese seien jedoch berufstätig
und in der Ausbildung und die zeitlichen Möglichkeiten deshalb eingeschränkt. Die
Beschwerdeführerin habe bei der geltend gemachten Einschränkung von 60% die
Mithilfe der Familie zudem bereits berücksichtigt. Dies sei auch im Bereich Wäsche und
Kleiderpflege der Fall, weshalb es sich nicht rechtfertige, die geltend gemachte
Einschränkung ohne nachvollziehbare Begründung von 40% auf 20% zu reduzieren.
Weiter sei der von der Beschwerdeführerin geltend gemachte Aufwand für die
Grossreinigung ihres Einfamilienhauses von 250 Stunden pro Jahr aus nicht
nachvollziehbaren Gründen auf 50 Stunden pro Jahr reduziert worden. Auch der
angegebene Aufwand für Besuche bei Amtsstellen und Ärzten von 104 Stunden pro
Jahr sei auf lediglich 6 Stunden pro Jahr gekürzt worden. Schliesslich sei auch bei der
Kleiderpflege der Aufwand für Flicken und Schuhe putzen auf 10 Minuten pro Woche
reduziert worden. Bei der Hausfrauentätigkeit handle es sich unbestrittenermassen um
eine vornehmlich manuelle Tätigkeit. Eine Einschränkung von 11% im Haushalt könne
angesichts der Erkrankung, der Wohnverhältnisse und der Berücksichtigung der
Mithilfe der Familie von vornherein nichtkorrekt sein. Hinzu komme, dass der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abklärungsperson die Diagnose Narkolepsie nicht bekannt gewesen und diese
Erkrankung deshalb nicht berücksichtigt worden sei. Aufgrund der Tagesschläfrigkeit
und der täglichen Einschlafattacken nehme der zeitliche Aufwand für die
Hausfrauentätigkeit deutlich zu. Betreffend die Arbeitsfähigkeit im Erwerbsbereich hält
der Rechtsvertreter fest, der behandelnde Rheumatologe habe in all seinen Berichten
bestätigt, dass Polyarthralgien persistieren würden und die Polyarthritis anhaltend
deutlich aktiv sei. Der DAS28-Wert habe im Mai 2012 trotz mehrjähriger
Medikamentenbehandlung immer noch 4,58 betragen, was einem mittleren bis hohen
Krankheitswert entspreche. Ungeachtet der persistierenden Beschwerden habe der
RAD aus nicht nachvollziehbaren Gründen seit der Untersuchung vom 11. Januar 2011
an einer 100%igen Arbeitsfähigkeit für adaptierte Tätigkeiten festgehalten. Die
Formulierung des RAD betreffend die Arbeitsfähigkeit sei allerdings sehr vage. Zudem
falle auf, dass der RAD den DAS28-Wert nicht bestimmt habe, obwohl es sich um ein
von der EULAR (The European League Against Rheumatism) entwickeltes und
validiertes System zur quantitativen Beurteilung des Krankheitszustandes und -
fortschritts einer rheumatoiden Arthritis handle. Weiter habe der RAD die Krankheit der
Narkolepsie bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht berücksichtigt, obwohl die
abklärenden Neurologen darauf hingewiesen hätten, dass die Beschwerdeführerin in
ihrer körperlichen und zeitlichen Belastbarkeit eingeschränkt sei. Der RAD habe zudem
die aktuellen Berichte des KSSG ab März 2012 nicht mehr berücksichtigt. Es ergebe
sich somit, dass die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch den RAD nicht auf
sämtlichen relevanten Akten beruhe und insbesondere aufgrund des
Krankheitsverlaufes nicht schlüssig und nachvollziehbar begründet sei. Zu Beginn der
Krankheit sei eine generelle volle Arbeitsunfähigkeit vom RAD akzeptiert worden. Trotz
medikamentöser Behandlung sei keine Besserung erreicht worden. Es sei deshalb
nicht nachvollziehbar, weshalb dann plötzlich eine volle Arbeitsfähigkeit gegeben sein
sollte (act. G 3).
B.b Am 5. Oktober 2012 beantragt die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde. Sie führt zur Begründung im Wesentlichen aus, dass der RAD – entgegen
der Behauptung der Beschwerdeführerin – die Narkolepsie berücksichtigt und auch die
Berichte des KSSG gewürdigt habe. Dies gehe ohne Weiteres aus der Stellungnahme
vom 9. Mai 2012 hervor. Insofern drängten sich keine neuen Untersuchungen auf. Der
Sachverhalt sei genügend abgeklärt. Es sei weiter auch nicht ersichtlich, inwiefern der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Haushaltsabklärungsbericht fehlerhaft sein solle. Es werde nicht vertieft darauf
eingegangen, da es im Ergebnis ohnehin keine Rolle spiele, ob die Beschwerdeführerin
im Haushalt höher arbeitsunfähig sein sollte. Ein IV-Grad von mindestens 40% könne
bei Weitem nicht erreicht werden. Selbst wenn man von einer 80%igen
Erwerbstätigkeit der Beschwerdeführerin im hypothetischen Gesundheitsfall ausginge,
entstünde kein Rentenanspruch. Selbst bei einer 100%igen Erwerbstätigkeit ergäbe
sich ein Invaliditätsgrad von lediglich 21,61% (act. G 6).
B.c Die Beschwerdeführerin verzichtet auf die Einreichung einer Replik (act. G 8).
B.d Mit einer Eingabe vom 25. März 2013 reicht der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin im Nachgang zur Beschwerde einen Bericht des Interdisziplinären
Zentrums für Schlafmedizin am KSSG vom 22. August 2012 ein (act. G 10). Darin
wurden folgende Diagnosen genannt: Narkolepsie mit Kataplexien, rheumatoide
Arthritis, Status nach Mamma-Ca CIS links 02/2008 sowie Anstrengungsdyspnoe bei
körperlicher Belastung ohne bronchiale Hyperreagibilität. Die behandelnden Ärzte
hielten fest, dass aufgrund der Orexin-Spiegel-Bestimmung im Liquor tatsächlich von
einer Narkolepsie mit Kataplexien ausgegangen werden könne. Möglicherweise stehe
diese im Zusammenhang mit der rheumatoiden Arthritis, bzw. im Sinne einer
zusätzlichen Autoimmunerkrankung. Aufgrund dieses eindeutigen Befundes werde die
Behandlung mit Xyrem, das den Nachtschlaf vertiefen solle, empfohlen. Eine
Verlaufsuntersuchung sei einen Monat nach Therapiebeginn angezeigt (act. G 10.1)

Erwägungen:
1.
1.1 Streitig und zu prüfen ist der Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine Rente der
Invalidenversicherung.
1.2 Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte
Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens
zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% ein
Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.3 Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit, es sei denn, eine versicherte Person sei vor dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung nicht erwerbstätig gewesen, und es habe ihr auch nicht
zugemutet werden können, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. In diesem Fall gilt
gemäss Art. 8 Abs. 3 ATSG die Unmöglichkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
als Invalidität. Die Invalidität gemäss Art. 8 Abs. 1 ATSG wird durch einen
Einkommensvergleich ermittelt (Art. 16 ATSG). Die Methode zur Bemessung der
konkreten Unmöglichkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wird vom ATSG nicht
geregelt. Diese Lücke füllt Art. 28a IVG: Es ist darauf abzustellen, in welchem Mass die
betreffende Person behindert ist, sich im Aufgabenbereich zu betätigen. Art. 28a Abs. 3
IVG regelt die sogenannte gemischte Methode der Invaliditätsbemessung bei
Personen, die zum Teil erwerbstätig und zum Teil im Aufgabenbereich tätig sind. In
einem solchen "gemischten" Fall sind der Anteil der Erwerbstätigkeit und der Anteil der
Tätigkeit im Aufgabenbereich festzulegen und der Invaliditätsgrad ist entsprechend der
Behinderung in beiden Bereichen zu bemessen.
2.
2.1 Die Beschwerdeführerin ist anerkanntermassen als Teilzeiterwerbstätige zu quali
fizieren, weshalb zur Bemessung ihrer Invalidität die gemischte Methode anzuwenden
ist. Umstritten ist hingegen der Umfang der Erwerbstätigkeit bei der im Rahmen der
Invaliditätsbemessung vorgenommenen Aufteilung in Erwerb und Haushalt.
2.2 Der Umfang der Erwerbstätigkeit einer versicherten Person im hypothetischen
Gesundheitsfall ergibt sich aus der Prüfung, was sie bei im Übrigen unveränderten
Umständen täte, wenn keine gesundheitliche Beeinträchtigung bestünde (BGE 125 V
150 E. 2c). Die Frage beurteilt sich praxisgemäss nach den Verhältnissen, wie sie sich
bis zum Erlass der Verfügung entwickelt hätten, wobei für die hypothetische Annahme
einer im Gesundheitsfall ausgeübten Erwerbstätigkeit der im Sozialversicherungsrecht
übliche Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erforderlich ist (BGE 125 V
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
150 E. 2c; BGE 117 V 194 f. E. 3b; Urteil des Bundesgerichts I 266/05 vom 11. April
2006 E. 4.2; AHI 1997 S. 288 ff. E. 2b je mit Hinweisen). Nebst dem früheren
Arbeitsverhalten sind im Wesentlichen die Absicht der versicherten Person und ihre
Vorstellungen und Pläne zum Alltag ohne Gesundheitsschaden zu berücksichtigen (vgl.
Urteil des EVG vom 20. Juni 2003 i.S. A., I 635/02, E. 3.3). Die konkrete Situation und
die Vorbringen der Versicherten sind nach Massgabe der allgemeinen Lebenserfahrung
zu würdigen (BGE 117 V 194 E. 3b mit Hinweis). Zu beachten ist allerdings, dass die
Frage über den Umfang der Erwerbstätigkeit immer ein solcher über eine Hypothese
bleibt, da sie sich erst stellt, wenn in Wirklichkeit eine gesundheitliche Beeinträchtigung
(schon seit längerer oder kürzerer Zeit) eingetreten ist.
2.3 Anlässlich der Haushaltabklärung vor Ort am 30. Juni 2011 hat die Beschwerde
führerin gemäss dem Abklärungsbericht erklärt, dass sie im hypothetischen
Gesundheitsfall zu 45% erwerbstätig wäre. Vor der Unterzeichnung des Berichts hat
sie die Angabe handschriftlich ergänzt und ein Pensum von "45 - 80% oder mehr"
angegeben (vgl. IV-act. 51-3). Die Abklärungsverantwortliche hat die nachträglich
ergänzte Angabe als nicht glaubwürdig erachtet, da die Beschwerdeführerin sowohl im
Fragebogen Erwerbstätigkeit/Haushalt als auch anlässlich der Befragung im Rahmen
der Haushaltabklärung ein Pensum von lediglich 45% für den hypothetischen
Gesundheitsfall angegeben habe (vgl. IV-act. 51-11). In Anbetracht der gesamten
Umstände erscheint es jedoch entgegen der Ansicht der Abklärungsverantwortlichen
durchaus glaubhaft, dass die Beschwerdeführerin ohne die Erkrankung ihr Pensum in
der C._ erhöht hätte. Die Beschwerdeführerin war vor Eintritt der Arbeitsunfähigkeit
insbesondere aufgrund der Betreuung ihrer drei Kinder nur teilzeitlich tätig. Dies geht
auch aus dem Schreiben des Gesamtleiters der C._ vom 6. Oktober 2011 hervor (vgl.
IV-act. 59-1). Gemäss dem Haushaltabklärungsbericht hatte der Sohn der
Beschwerdeführerin (Jahrgang 19_) in jenem Zeitpunkt bereits eine Ausbildung
beendet. Die beiden Töchter sind beide seit August 2010 in der Lehre und über Mittag
nicht mehr zu Hause (vgl. IV-act. 51-5, 12-4 ff.). Die Beschwerdeführerin hat gegenüber
der Abklärungsverantwortlichen angegeben, dass die Kinder mittlerweile selbständig
seien (vgl. IV-act. 51-7). Es ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin mit
dem Wegfall der Betreuungsaufgaben ihr Arbeitspensum im hypothetischen
Gesundheitsfall erhöht hätte. Wie aus dem Schreiben des Gesamtleiters der C._
hervorgeht, wäre der Beschwerdeführerin im Gesundheitsfall eine Vollzeitstelle als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Köchin angeboten worden (vgl. IV-act. 59-1). Somit hätte die Beschwerdeführerin auch
tatsächlich die Möglichkeit gehabt, bei ihrem bisherigen Arbeitgeber ein höheres
Arbeitspensum auszuüben. Die beiden Umstände, welche in erster Linie für eine
Erhöhung des Pensums im hypothetischen Gesundheitsfall sprechen, namentlich der
Wegfall der Kinderbetreuung sowie die Möglichkeit eines höheren Arbeitspensums bei
ihrem Arbeitgeber, hat die Beschwerdeführerin in ihrer handschriftlichen Ergänzung im
Abklärungsbericht als Begründung ausdrücklich erwähnt (vgl. IV-act. 51-3), was ihre
Angaben als glaubwürdig erscheinen lässt. Hinzu kommt der Umstand, dass die
Familie auch aufgrund der finanziellen Belastungen durch das Einfamilienhaus (vgl. IV-
act. 45-3) sowie durch die Ausbildung der Kinder auf ein höheres Einkommen der
Beschwerdeführerin angewiesen gewesen wäre. Die Angaben der Beschwerdeführerin
im Fragebogen Haushalt/Erwerbstätigkeit vom 10. März 2011 (vgl. IV-act. 45-2) sowie
anlässlich der Abklärung vor Ort vom 30. Juni 2011, wonach sie im Gesundheitsfall wie
vor dem Eintritt der Arbeitsunfähigkeit mit einem Pensum von 45% tätig gewesen wäre,
sind wohl auf den Zeitpunkt des Eintritts der Arbeitsunfähigkeit im Oktober 2009 (vgl.
IV-act. 23-3) bezogen und nicht unter Berücksichtigung sämtlicher Verhältnisse, wie sie
sich seit diesem Zeitpunkt entwickelt haben (z.B. Lehrbeginn der beiden Töchter im
August 2010) erfolgt. Es ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin sich diese
Gedanken erst gemacht hat, als ihr der Abklärungsbericht zur Durchsicht und
Unterzeichnung unterbreitet worden ist. Ihre nachträgliche handschriftliche Ergänzung
eines höheren Arbeitspensums im Gesundheitsfall mit der entsprechenden
Begründung ist vor diesem Hintergrund nachvollziehbar. In Anbetracht sämtlicher
Umstände, wie sie bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung vorliegen, besteht die
plausibelste Annahme für den hypothetischen Gesundheitsfall darin, dass die
Beschwerdeführerin ihr Arbeitspensum bei der C._ auf 80% erhöht hätte. Hingegen
lässt sich die Annahme eines noch höheren Pensums als 80% bis hin zu einer
vollzeitlichen Erwerbstätigkeit aufgrund der Angaben der Beschwerdeführerin, die auch
in der Beschwerde nochmals ein Pensum von 80% im hypothetischen Gesundheitsfall
bestätigt hat (vgl. act. G 1), nicht begründen. Somit ergibt sich, dass die
Beschwerdeführerin bei der Bemessung der Invalidität mittels der gemischten Methode
zu 80% als Erwerbstätige und zu 20% als Hausfrau einzustufen ist.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 In medizinischer Hinsicht macht die Beschwerdeführerin geltend, dass der
Sachverhalt ungenügend abgeklärt worden sei.
3.2 Die Höhe der behinderungsbedingten Erwerbseinbusse hängt vor allem vom Grad
der
medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit der versicherten Person ab. Um diesen
bestimmen zu können, sind Verwaltung und Gericht auf Unterlagen angewiesen, die
ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben.
Aufgabe der ärztlichen Sachverständigen ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen
und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten
die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen).
Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die
streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden
ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a).
3.3 Der behandelnde Rheumatologe Dr. B._ hat am 26. Mai 2010 erstmals die
Diagnose einer polyartikulär aktiven rheumatoiden Arthritis, bestehend seit Sommer
2008, genannt. Er hat festgehalten, dass die Beschwerdeführerin momentan in jeder
Tätigkeit zu 100% arbeitsunfähig sei (vgl. IV-act. 19). Am 31. August 2010 hat Dr. B._
berichtet, dass der Gesundheitszustand unverändert sei. Die Behandlung mit dem
Medikament Orenica sei wegen Wirkungslosigkeit gestoppt worden. Es sei ein Wechsel
der Medikation geplant. Mit einer signifikanten Verbesserung in den nächsten sechs
Monaten sei jedoch nicht zu rechnen (vgl. IV-act. 25). Der RAD hat dazu wohl im Sinne
einer abweichenden Prognose festgehalten, dass in einer adaptierten Tätigkeit eine
mindestens 50%ige Arbeitsfähigkeit erwartet werden dürfte (vgl. IV-act. 25). Dr. B._
hat im Verlaufsbericht vom 19. November 2010 angegeben, dass bei der
Beschwerdeführerin trotz medikamentöser Behandlung unverändert eine starke
polyartikuläre Aktivität der rheumatoiden Arthritis bestehe. Die Prognose sei unsicher.
Aktuell sei die Beschwerdeführerin sicher weiterhin zu 100% arbeitsunfähig (vgl. IV-act.
35-2). Der untersuchende Rheumatologe des RAD, Dr. D._, hat in seinem Bericht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 18. Januar 2011 neben der anamnestisch seronegativen Polyarthritis mit
ausgedehnter Basistherapie neu die Diagnose einer Fibromyalgie angegeben. In der
Beurteilung hat er festgehalten, dass diese Diagnose aufgrund der bei der
Untersuchung beschriebenen Symptomatik und der erhobenen Befunde mit 18
positiven Tenderpoints bei negativen Kontrollpunkten gestellt werden könne. Weiter hat
er ausgeführt, dass die 2008 festgestellte Polyarthritis mit symmetrischem Befall
grosser und kleiner Gelenke als seronegative rheumatoide Arthritis eingestuft worden
sei und aktuell medikamentös behandelt werde. Eine synovitische Aktivität habe er bei
der Untersuchung klinisch nicht feststellen können (vgl. IV-act. 39-2). In der bisherigen
Tätigkeit als Mitarbeiterin im Hausdienst mit zum Teil schwerer körperlicher Arbeit
bestehe seit dem 1. November 2010 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. In einer
adaptierten Tätigkeit dürfte aufgrund der heutigen Befunde eine volle Arbeitsfähigkeit
erwartet werden (vgl. IV-act. 39-3). Die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. D._ ist
gemäss der Formulierung eher als Prognose, denn als eine zum Zeitpunkt der
Untersuchung bereits feststehende Beurteilung zu verstehen. Aus der Einschätzung
geht zudem nicht hervor, welche der gestellten Diagnosen sich konkret auf die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin auswirken und die beschriebenen qualitativen
Einschränkungen verursachen. Im Weiteren hat sich Dr. D._ nicht zur Einschätzung
des behandelnden Rheumatologen Dr. B._ geäussert. Insgesamt erscheint die von
Dr. D._ vorgenommene Beurteilung der Arbeitsfähigkeit vage und noch nicht
abschliessend. Dies geht auch aus dem von ihm im Bericht eingangs erwähnten Zweck
der Abklärung hervor, wonach lediglich eine erste Abschätzung der medizinisch
zumutbaren Arbeitsfähigkeit vorzunehmen sei (vgl. IV-act. 39-1). In seiner folgenden
Stellungnahme vom 1. September 2011 hat der RAD (Dr. I._ FMHChirurgie)
festgehalten, dass mangels anderslautender ärztlicher Dokumentationen seit der RAD-
Untersuchung vom 11. Januar 2011 von einem seitdem unveränderten
Gesundheitszustand auszugehen sei, womit in einer adaptierten Tätigkeit eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit bestehen dürfte (vgl. IV-act. 52-2). Nachdem die Beschwerdeführerin
Einwand gegen den Vorbescheid vom 20. September 2011 erhoben hatte, hat der RAD
die Einholung von Berichten des Hausarztes und der behandelnden Ärzte veranlasst
(vgl. IV-act. 64). Dr. B._ hat am 20. April 2012 berichtet, dass die rheumatoide
Arthritis trotz einer sehr intensiven medikamentösen Behandlung anhaltend und
deutlich aktiv sei. Damit widerspricht er diametral der Beurteilung von Dr. D._, der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
keine synovitische Aktivität hatte feststellen können. Unklar ist, ob sich der
Gesundheitszustand seit der Untersuchung durch Dr. D._ wieder verschlechtert hat
oder ob lediglich eine unterschiedliche ärztliche Beurteilung des im Wesentlichen
gleichen Gesundheitszustandes vorliegt. Auf die von Dr. D._ gestellte Diagnose einer
Fibromyalgie ist Dr. B._ nicht eingegangen, falls er davon überhaupt Kenntnis gehabt
hat. Bezüglich der Arbeitsfähigkeit hat Dr. B._ festgehalten, dass sich an der
100%igen Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als
Hausdienstmitarbeiterin nichts geändert habe. Auch für eine andere optimal
angepasste leichte körperliche Tätigkeit könne keine verwertbare Arbeitsfähigkeit
erzielt werden (vgl. IV-act. 82-2). Der RAD hat diese Aussage am 9. Mai 2012
dahingehend interpretiert, dass in einer leidensadaptierten Tätigkeit eine volle
Arbeitsfähigkeit bestehe, diese gemäss Dr. B._ aber im wirtschaftlichen Sinn nicht
verwertbar sei, was jedoch aus versicherungsmedizinischer Sicht nicht interessiere (vgl.
IV-act. 83). Ob Dr. B._ tatsächlich eine Nichtverwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit im
wirtschaftlichen Sinn gemeint hat, ist zu bezweifeln. Bei seinem ersten Bericht am 26.
Mai 2010 hat er ausdrücklich angegeben, dass die Beschwerdeführerin in jeder
Tätigkeit zu 100% arbeitsunfähig sei (vgl. IV-act. 19-1). Seitdem hat er in all seinen
Berichten von einem unveränderten Gesundheitszustand bei gleichbleibender
Diagnose berichtet. Es ist daher davon auszugehen, dass Dr. B._ der
Beschwerdeführerin auch im Bericht vom 20. April 2012 weiterhin eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit in einer leidensadaptierten Tätigkeit bescheinigen wollte. Somit
liegen in rheumatologischer Hinsicht zwei sich widersprechende ärztliche Beurteilungen
vor. Weder auf die von Dr. D._ noch auf jene von Dr. B._ kann mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit abgestellt werden. Somit hätte die Beschwerdegegnerin vor Erlass
der angefochtenen Verfügung weitere medizinische Abklärungen durchführen müssen.
3.4 Auf Veranlassung des RAD sind im Vorbescheidverfahren auch Berichte des
Interdisziplinären Zentrums für Schlafmedizin am KSSG eingeholt worden. Am 13. März
2012 haben die behandelnden Neurologen als Diagnose insbesondere den
hochgradigen Verdacht auf Narkolepsie mit fraglichen Kataplexien genannt. Sie haben
festgehalten, dass diese Diagnose aufgrund der durchgeführten Untersuchungen, der
Befunde sowie der Vorgeschichte als durchaus wahrscheinlich anzusehen sei. Aktuell
sei die Beschwerdeführerin sicher eingeschränkt in ihrer körperlichen und zeitlichen
Belastbarkeit, wobei ein grosser Teil dieser Störung sicher rheumatologisch bedingt sei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(vgl. IV-act. 81-2). Der RAD ist in seiner abschliessenden Stellungnahme vom 9. Mai
2012 davon ausgegangen, dass der Bericht des KSSG keine neuen medizinischen
Erkenntnisse enthalte, welche zu einer Änderung der bisherigen
Arbeitsfähigkeitsschätzungführen könne (vgl. IV-act. 83). Dieser Ansicht kann nicht
gefolgt werden. Zwar hat Dr. B._ bereits in Berichten aus dem Jahr 2008 den seit
2007 bestehenden Verdacht auf Narkolepsie als Diagnose aufgeführt (vgl. IV-act. 40,
41), jedoch ist die Beschwerdeführerin erst im Jahr 2011 an das KSSG zu einer
eingehenden Abklärung überwiesen worden (vgl. IV-act. 67). Durch die
Untersuchungen im KSSG Anfang 2012 ist der Verdacht auf Narkolepsie bestätigt und
das Vorliegen der Diagnose als durchaus wahrscheinlich betrachtet worden. Die
behandelnden Neurologen haben auch eine Einschränkung der körperlichen und
zeitlichen Belastbarkeit attestiert, welche zwar zum grossen Teil – aber nicht
ausschliesslich – rheumatologisch bedingt sei. Eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführerin aus neurologischer Sicht kann vor diesem Hintergrund nicht
ohne Weiteres verneint werden. Der RAD hätte diesbezüglich weitere Abklärungen
veranlassen bzw. die weiteren Untersuchungen abwarten müssen. Aus dem von der
Beschwerdeführerin im Beschwerdeverfahren eingereichten Bericht des KSSG vom
22. August 2012 geht hervor, dass aufgrund der Orexin-Spiegel-Bestimmung im Liquor
tatsächlich eine Narkolepsie mit Kataplexien hatte diagnostiziert werden können. Die
behandelnden Neurologen haben erklärt, dass diese Diagnose möglicherweise sogar
im Zusammenhang mit der rheumatoiden Arthritis, bzw. im Sinne einer zusätzlichen
Autoimmunerkrankung zu sehen sei (vgl. act. G 10.1). Eine Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit findet sich in diesem Bericht nicht. Nachdem nun die Diagnose der
Narkolepsie gegeben ist, sind auch diesbezüglich weitere Abklärungen zum
Gesundheitszustand und zur Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin angezeigt.
3.5 Angesichts der im Raum stehenden Diagnosen hat die Abklärung am ehesten in
Form einer polydisziplinären Begutachtung der Beschwerdeführerin in den
Fachrichtungen Rheumatologie, Neurologie und Psychiatrie zu erfolgen. Sollte sich die
von Dr. D._ gestellte Diagnose einer Fibromyalgie bestätigen oder eine andere
Diagnose vorliegen, bei welcher die bundesgerichtliche Rechtsprechung zur
somatoformen Schmerzstörung zur Anwendung kommt (vgl. BGE 136 V 279 E 3.2.3),
so wäre aus psychiatrischer Sicht mittels der Förster-Kriterien zudem auch eine
Beurteilung vorzunehmen, ob und inwiefern der Beschwerdeführerin eine willentliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schmerzüberwindung zumutbar ist. Die Angelegenheit ist folglich zur weiteren
medizinischen Abklärung im Sinne der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
4.
Nach dem Vorliegen des Ergebnisses der medizinischen Abklärung wird die
Beschwerdegegnerin auch nochmals die Einschränkung der Beschwerdeführerin im
Haushaltsbereich prüfen müssen.
5.
5.1 Gestützt auf die vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung
der angefochtenen Verfügung vom 23. Mai 2012 teilweise gutzuheissen und die An
gelegenheit zur weiteren medizinischen Abklärung im Sinne der Erwägungen und
entsprechender neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
5.2 Nach Art. 69 Abs. 1 IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die
Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versiche
rungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und
unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt. Eine
Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegen
heit angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als volles
Obsiegen (BGE 132 V 235 E. 6). Die unterliegende Beschwerdegegnerin hat deshalb
die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen. Der von der
Beschwerdeführerin geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihr
zurückzuerstatten.
5.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei An
spruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom Versicherungs
gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der
Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22
Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Unter
Berücksichtigung des Vertretungsaufwands erscheint eine praxisgemäss pauschale
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Parteientschädigung von Fr. 2'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als
angemessen. Die Beschwerdegegnerin hat somit der Beschwerdeführerin eine
Parteientschädigung von Fr. 2'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu
bezahlen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP