Decision ID: 5e3603d2-cba7-4deb-908e-08fe5d9df783
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. A.Y. und B.Y. wurden am 13. August 2014 nach mehrmaliger erfolgloser
Aufforderung zur Einreichung der Steuererklärung für die Kantons- und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gemeindesteuern 2011 sowie die direkte Bundessteuer 2011 nach Ermessen
veranlagt. Nachdem sie die mit eingeschriebenem Brief versandten Verfügungen
innerhalb der siebentägigen Abholfrist nicht entgegen genommen hatten, wurden ihnen
am 28. August 2014 mit gewöhnlicher Post Kopien zugestellt (act. 10/B16). Auf die
gegen die Veranlagungen am 11. Oktober 2014 erhobene Einsprache (act. 10/A1) trat
das kantonale Steueramt am 17. Oktober 2014 wegen Verspätung nicht ein (act. 10/A2
f.). Die Entscheide wurden gleichentags mit eingeschriebener Post versandt (act. 10/
A5). Die Steuerpflichtigen nahmen den Brief innert der bis 27. Oktober 2014 laufenden
siebentägigen Abholfrist nicht entgegen. Das nicht abgeholte Couvert ging am 10.
November 2014 wieder beim kantonalen Steueramt ein. Nach Rückkehr des
Steuerkommissärs aus den Ferien wurden am 26. November 2014 Kopien mit A-Post
an die Steuerpflichtigen zur Kenntnisnahme versandt. Gemäss ihren eigenen Angaben
wurde ihnen der Brief am 28. November 2014 zugestellt (act. 10/A5 und A7).
B. Mit Schreiben vom 8. Dezember 2014 beschwerte sich A.Y. beim Steuerkommissär
über die Nichteintretensentscheide (act. 10/A7). Die Eingabe wurde am 12. Januar
2015 zur Behandlung als Rekurs und Beschwerde an die
Verwaltungsrekurskommission übermittelt. A.Y. ergänzte das Rechtsmittel innert
erstreckter Frist am 12. März 2015 unter anderem mit Ausführungen zur Einhaltung der
Rechtsmittelfrist und einer Vollmacht der Ehefrau (act. 10/2 und 10). Weil sie beide
arbeitstätig seien, komme es vor, dass sie einen eingeschriebenen Brief nicht entgegen
nehmen könnten. Bei Nichtabholung müsste der Brief spätestens nach 14 Tagen
wieder beim Steueramt sein. Die Nichteintretensentscheide seien ihnen am 26.
November 2014 per Post zugestellt worden und die Rechtsmittelfrist sei damit
eingehalten. Die Verwaltungsrekurskommission trat am 30. Juni 2015 (Versand: 17. Juli
2015) wegen Verspätung auf die Rechtsmittel nicht ein.
C. A.Y. (Beschwerdeführer) erhob gegen den am 21. Juli 2015 zugestellten Entscheid
der Verwaltungsrekurskommission (Vorinstanz) mit Eingabe vom 25. August 2015
Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem – sinngemässen – Begehren, den
angefochtenen Entscheid aufzuheben. Am 14. September 2015 reichte er die
Zustimmung seiner Ehefrau zur Beschwerdeerhebung nach und nahm zur Verspätung
der Beschwerde betreffend direkte Bundessteuer Stellung. Er macht geltend, die Post
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe den eingeschriebenen Brief am 21. Juli 2015 einer nicht berechtigten Person
abgegeben.
Die Vorinstanz beantragte am 17. September 2015, das kantonale Steueramt
(Beschwerdegegner) am 29. September 2015 die Abweisung der Beschwerden. Die
Eidgenössische Steuerverwaltung (Beschwerdebeteiligte) verzichtete stillschweigend
auf eine Vernehmlassung. Auf die Ausführungen der Beschwerdeführer zur

Begründung ihrer Anträge und die Akten wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen
eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Angefochten ist der Nichteintretensentscheid vom 30. Juni 2015 zu der Beschwerde
betreffend direkte Bundessteuer 2011 sowie den Rekurs betreffend Kantons- und
Gemeindesteuern 2011. Die Vorinstanz durfte die beiden Rechtsmittel im gleichen
Urteil mit getrennten Dispositivziffern erledigen. Sofern aus der Beschwerdeschrift
hervorgeht, dass sich diese auf beide Steuern bezieht, ist es deshalb auch den
Beschwerdeführern gestattet, die Beschwerden an das Verwaltungsgericht in einer
gemeinsamen Rechtsschrift zu erheben (BGE 135 II 260 = Pra 2010 Nr. 37 E. 1.3).
Ebenso darf das Verwaltungsgericht in einem Dokument darüber entscheiden (vgl.
BGer 2C_440 und 441/2014 vom 10. Oktober 2014 E. 1.2; VerwGE B 2014/222 und
223 vom 25. Februar 2016 E. 1, www.gerichte.sg.ch).
2.
2.1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 145 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die direkte Bundessteuer, SR 642.11, DBG; Art. 1 Abs. 3
und Art. 7 Abs. 2 der Verordnung zum Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer,
sGS 815.1; Art. 196 Abs. 1 des Steuergesetzes, sGS 811.1, StG; Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, VRP). Die Beschwerdeführer
sind als Steuerpflichtige zur Erhebung der Beschwerde legitimiert, und ihre Eingabe
entspricht zusammen mit der Ergänzung vom 14. September 2015 formal und inhaltlich
den gesetzlichen Anforderungen (Art. 145 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 140 Abs. 1 und
http://www.gerichte.sg.ch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2 DBG; Art. 64 in Verbindung mit Art. 48 Abs. 1 und 2 VRP). Zu prüfen bleibt, ob dies
auch in zeitlicher Hinsicht der Fall ist.
2.2. Gegen den Entscheid der Vorinstanz konnte innert 30 Tagen nach Eröffnung beim
Verwaltungsgericht Beschwerde erhoben werden (Art. 145 Abs. 2 in Verbindung mit
Art. 140 Abs. 1 DBG; Art. 196 Abs. 1 StG). Dabei handelt es sich um eine gesetzliche
Frist, die nicht erstreckt werden kann (Art. 119 Abs. 1 DBG; Art. 161 StG in Verbindung
mit Art. 30 Abs. 1 VRP und Art. 144 Abs. 1 der Schweizerischen Zivilprozessordnung,
SR 272, ZPO). Sie hat bei Nichtbeachtung Verwirkungsfolge, wenn das Gesetz nichts
anderes bestimmt (vgl. U. Cavelti, in: Zweifel/Athanas [Hrsg.], Kommentar zum
Schweizerischen Steuerrecht, Band I/2b, 2. Aufl. 2008, N 7a zu Art. 140 DBG; Art. 30
VRP).
2.2.1. Die Eröffnung einer Verfügung ist eine empfangsbedürftige, nicht aber
annahmebedürftige, einseitige Rechtshandlung. Der Beginn des Fristenlaufs richtet
sich deshalb nach dem Zeitpunkt der ordnungsgemässen Zustellung. Dass der
Empfänger von der Verfügung tatsächlich Kenntnis nimmt, ist nicht erforderlich (vgl.
BGer 5A_547/2015 vom 4. Juli 2016 E. 2.4.1 mit Hinweisen unter anderem auf BGE
122 I 139 E. 1 und BGer 2C_430/2009 vom 14. Januar 2010 E. 2.4; Rhinow/
Krähenmann, Schweizerische Verwaltungsrechtsprechung, Ergänzungsband, Basel/
Frankfurt a.M. 1990, Nr. 84 B Ia, S. 280 mit Hinweisen).
In welcher Art die Steuerbehörde die Zustellung vornehmen will, ist ihr freigestellt (Art.
116 DBG; Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, Handkommentar DBG, 3. Aufl. 2016, N 28
zu Art. 116 DBG; Art. 161 StG in Verbindung mit Art. 25 Abs. 2 VRP). Als zugestellt gilt
eine mittels Einschreiben versandte Verfügung grundsätzlich vom Zeitpunkt an, in dem
sie durch den Adressaten tatsächlich in Empfang genommen wird. Wird der Adressat
nicht angetroffen, wird eine Abholeinladung in seinen Briefkasten oder sein Postfach
gelegt. Die Sendung gilt als zugestellt, sobald sie vom Adressaten auf der Post
abgeholt wird, spätestens jedoch mit Ablauf der siebentägigen Abholfrist (Art. 30 VRP
in Verbindung mit Art. 138 Abs. 3 lit. a ZPO).
2.2.2. Die 30-tägige Beschwerdefrist beginnt mit dem auf die Eröffnung folgenden Tag
zu laufen und gilt als eingehalten, wenn die Beschwerde spätestens am letzten Tag der
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Frist beim Gericht eingereicht oder zuhanden des Gerichts der Schweizerischen Post
übergeben wird (Art. 145 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 140 Abs. 4 und Art. 133 Abs. 1
DBG; Art. 30 Abs. 1 VRP in Verbindung mit Art. 142 Abs. 1 und Art. 143 Abs. 1 ZPO).
Art. 145 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 140 Abs. 4 und Art. 133 DBG sieht keinen
Fristenstillstand wegen Gerichtsferien vor. Da der Fristenlauf im Bundesgesetz über die
direkte Bundessteuer abschliessend geregelt ist, gelten vom kantonalen Recht
vorgesehene Gerichtsferien im Bereich der direkten Bundessteuer nicht (BGer
2C_331/2008 vom 27. Juni 2008 E. 1 mit Hinweisen; 2A.248/2003 vom 8. August