Decision ID: 19ad1aa2-764a-5de4-b079-0ac36d147921
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – eine aus B._, Kumanovo, stammende
Staatsangehörige aus Nordmazedonien (vormals Mazedonien; neue Lan-
desbezeichnung seit 12. Februar 2019) albanischer Ethnie – suchte am
13. August 2018 in der Schweiz um Asyl nach. Dabei machte sie geltend,
sie habe seit 2014 in Gjilan, Kosovo, gelebt und sei im Sommer 2018 von
dort mit einem Bus direkt in die Schweiz eingereist. Am 24. August 2018
fand die Befragung zur Person (BzP) statt. Am 14. September 2018 wurde
sie ausführlich zu ihren Asylgründen angehört.
Die Beschwerdeführerin begründete ihr Asylgesuch im Wesentlichen da-
mit, sie sei bei ihrem Vater und ihrer Stiefmutter aufgewachsen, nachdem
ihre Mutter sie im Kleinkindalter verlassen habe. Ihre Stiefmutter habe sie
malträtiert und geschlagen. Im Alter von 14 oder 15 Jahren sei sie zum
ersten Mal gegen ihren Willen mit einem Mann verheiratet worden, mit dem
sie in der Folge während sieben Jahren in Kumanovo zusammengelebt
habe. Weil sie keine Kinder zur Welt gebracht habe, habe ihr Mann sie
verlassen. In der Folge sei sie zu ihrem Vater zurückgekehrt und habe im
Jahre 2014 während drei Monaten in der Schweiz in der (...) gearbeitet.
Nach ihrer Rückkehr zum Vater habe dieser sie mit einem Kosovaren ver-
heiratet, mit dem sie in Gijlan gelebt habe. Sie habe diesen wegen dessen
Spielsucht, und weil er sie geschlagen habe, verlassen. Ihr Vater habe sie
deshalb mit dem Tod bedroht. Sie habe sich nie an die Behörden gewandt.
Aus diesen Gründen habe sie sich zur Ausreise entschlossen.
Für den Inhalt der weiteren Aussagen wird auf die Akten verwiesen.
Die Beschwerdeführerin reichte einen Nationalitätenausweis zu den Akten,
der im Juni 2018 in Kumanovo ausgestellt und angeblich von einem Onkel
mütterlicherseits beschafft wurde.
Schliesslich kann dem in den Akten liegenden ärztlichen Bericht vom (...)
2018 der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) entnommen wer-
den, dass die Beschwerdeführerin wegen einer posttraumatischen Belas-
tungsstörung und weiterer psychischen Leiden stationär behandelt worden
war. Zudem wurden ihr Remeron, Truxal und Dafalgan verschrieben.
B.
Mit Verfügung vom 5. Dezember 2018 stellte das SEM fest, die Beschwer-
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deführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylge-
such ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete den Vollzug an. Es begründete seine Verfügung im Wesentlichen
damit, die Vorbringen der Beschwerdeführerin würden den Anforderungen
an die Flüchtlingseigenschaft nicht standhalten.
C.
Mit Eingabe vom 14. Dezember 2018 erhob die Beschwerdeführerin durch
ihren Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht dagegen Be-
schwerde und beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung
und die Gewährung von Asyl, eventualiter die Feststellung von Vollzugs-
hindernissen und die Anordnung der vorläufigen Aufnahme, subeventuali-
ter die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zwecks Neubeurteilung.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung und um Beiordnung von Rechtsanwältin Laura Rossi als
amtliche Rechtsbeiständin ersucht.
Gleichzeitig wurden unter anderem eine Bestätigung der Fürsorgeabhän-
gigkeit vom 10. Dezember 2018, ein ärztliches Zeugnis UPK C._
vom (...) 2018 und ein Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH;
Schnellrecherche vom 29. Juli 2016 zu Mazedonien: Schutzmöglichkeiten
für Opfer häuslicher Gewalt) zu den Akten gereicht.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 21. Dezember 2018 wies die zuständige In-
struktionsrichterin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege ab und forderte die Beschwerdeführerin zur Bezahlung eines
Kostenvorschusses in der Höhe von Fr. 750.– auf.
Dieser wurde am 7. Januar 2019 fristgerecht einbezahlt.
E.
Mit Eingabe vom 20. Februar 2019 wurden verschiedene Beweismittel (ein
ärztlicher Bericht von Dr. med. D._, Psychiatrie und Psychothera-
pie, vom (...) 2019 sowie verschiedene Berichte von Nichtregierungsorga-
nisationen zu häuslicher Gewalt in Nordmazedonien) sowie eine Stellung-
nahme dazu eingereicht.
F.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 11. März 2019 die
Abweisung der Beschwerde.
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G.
Die Beschwerdeführerin nahm dazu in ihrer Replik vom 20. Februar 2019
(Eingang Bundesverwaltungsgericht: 1. April 2019) Stellung und reichte ei-
nen Bericht der Hilfswerksvertretung zur Anhörung vom 14. September
2018 ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1-7 und Art. 84) sind unverändert vom AuG ins
AIG übernommen worden. Das Gericht verwendet nachfolgend die neue
Gesetzesbezeichnung.
1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
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schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz begründete ihren Entscheid im Wesentlichen damit, der
Bundesrat habe Nordmazedonien mit Beschluss vom 1. August 2003 als
verfolgungssicheren Staat im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG be-
zeichnet. Damit bestehe die gesetzliche Regelvermutung, dass asylrele-
vante staatliche Verfolgung nicht stattfinde und Schutz vor nichtstaatlicher
Verfolgung gewährleistet sei. Die Beschwerdeführerin habe sich mit ihren
Problemen an niemanden – weder an die Polizei noch an ein Frauenhaus
– gewendet. Angesichts des Umstandes, dass sie selber nie Probleme mit
den Behörden gehabt habe und ein Onkel bei der Polizei tätig sei, sei es
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ihr zuzumuten, bei den nordmazedonischen Behörden um Schutz nachzu-
suchen. Die nordmazedonischen Behörden seien schutzwillig und weitge-
hend schutzfähig. Zudem existierten sowohl staatliche als auch NGO-
Schutzinfrastrukturen, welche den Angehörigen aller Ethnien offenstehen
würden. Daher sei die geltend gemachte Bedrohung durch ihren Vater asyl-
rechtlich nicht relevant. Folglich könne darauf verzichtet werden, auf allfäl-
lige Unglaubhaftigkeitselemente in ihren Aussagen einzugehen.
4.2 Die Beschwerdeführerin macht demgegenüber geltend, sie habe an-
lässlich der Anhörung nicht alle Asylgründe genannt. Die Vorinstanz habe
den Sachverhalt nicht vollständig erstellt und damit die Untersuchungs-
pflicht verletzt. Insbesondere moniert sie, der Befragerin sei es anlässlich
der Anhörung nicht gelungen, eine Atmosphäre des Vertrauens herzustel-
len. Zudem kritisiert sie die Fragetechnik der Befragerin und deren Reak-
tion auf ihre Antworten (der Beschwerdeführerin). Sie habe sich deshalb
nicht zu allen Ungereimtheiten und Unklarheiten äussern können. Sie habe
einen längeren Lebensabschnitt anlässlich der Anhörung nicht erwähnt.
Sie sei über einen längeren Zeitraum Opfer häuslicher Gewalt gewesen.
Entgegen ihren Aussagen in der BzP habe sie ihren Onkel, der Polizist ge-
wesen sei, gar nicht gekannt. Dieser habe für sie den Nationalitätenaus-
weis ausgestellt, den ihr eine Bekannte dann übermittelt habe. Sie habe –
entgegen ihren Aussagen anlässlich der Anhörung – im Zeitraum zwischen
ihrer Trennung (vom zweiten Ehemann) und ihrem Asylgesuch im August
2018 – noch anderes erlebt. Nachdem sie ihrem Vater erklärt habe, dass
sie sich von ihrem zweiten Ehemann trennen wolle, habe er sie mit dem
Tod bedroht. Sie sei zu ihrem Ehemann zurückgekehrt, der sie ebenfalls
weggeschickt habe. Daraufhin sei sie mit ihrem Reisepass nach
Presevo/Serbien gegangen, wo sie ein Taxi bestiegen habe, in dem vier
Männer offenbar bereits auf sie gewartet hätten. Diese hätten sie an einen
ihr unbekannten Ort – wohl im Kosovo – gefahren und sie in der Folge in
einem alten Haus über einen Zeitraum von zwei bis drei Wochen festge-
halten. Sie sei schweren sexuellen, physischen und psychischen Übergrif-
fen ausgesetzt gewesen und auch vergewaltigt worden. Nachdem ihr die
Flucht gelungen sei, indem sie den Männern Schlafmittel ins Wasser ge-
mischt habe, sei sie zu ihrer Kollegin in E._/Serbien gegangen, die
ihr zur Ausreise verholfen habe. Sie sei vermutlich anfangs 2016 in
F._ angekommen, wo sie einen Jungen – G._ – kennenge-
lernt habe und bis im August 2018 bei dessen Eltern gewohnt habe. Da es
keine Lösung für sie gegeben habe, habe sie im August 2018 ein Asylge-
such gestellt.
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4.3 Die Vorinstanz nahm in ihrer Vernehmlassung dazu Stellung und führte
dabei aus, die Beschwerdeführerin habe neue Argumente nachgeschoben.
Zudem habe sich der erstmals erwähnte sexuelle Übergriff in Kosovo nicht
in Nordmazedonien ereignet, weshalb er asylrechtlich nicht zu prüfen sei.
Die eingereichten Beweismittel würden am Asylentscheid nichts ändern.
4.4 In der Replik wendete die Beschwerdeführerin dazu ein, der Umstand,
dass es in ihrer Verwandtschaft einen Polizisten gebe, bedeute nicht, dass
dieser gegen häusliche Gewalt tätig werde. Vielmehr entspreche es der
Mentalität von Polizisten in Nordmazedonien, derartigen Taten nicht nach-
zugehen, wenn sie sich in der eigenen Verwandtschaft zutragen würden.
Weiter sei es der Vorinstanz bezüglich der von ihr (der Beschwerdeführe-
rin) vorgetragenen erlittenen Gewalt in Kosovo nicht gelungen, den Sach-
verhalt vollständig abzuklären. Bekanntlich würden traumatisierte Asylsu-
chende von sexueller Gewalt nicht von Anfang an über das Erlebte berich-
ten. Die Beschwerdeführerin sei offensichtlich nicht in der Lage gewesen,
in Nordmazedonien um Schutz vor der immer wieder erlebten Gewalt durch
Männer zu suchen. Die Vorinstanz habe zudem keine Organisationen in
Nordmazedonien nennen können, die ihr tatsächlich und für einen gewis-
sen Zeitraum Unterstützung und Aufnahme hätten bieten können. Überdies
könne dem Bericht der Hilfswerksvertretung entnommen werden, dass sie
(die Beschwerdeführerin) die Geschehnisse detailliert und erlebnisbasiert
habe beschreiben können und geweint habe. Sie habe zudem keinen Beruf
erlernt, verfüge über kein soziales Netz in ihrem Heimatstaat und wäre auf
sich alleine gestellt. Ihr Gesundheitszustand spreche ebenfalls gegen die
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs.
5.
5.1 Vorab ist auf die von der Beschwerdeführerin gerügte Verletzung der
Untersuchungspflicht und den diesbezüglichen Eventualantrag um Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung und Rückweisung an die Vorinstanz
zwecks Neubeurteilung einzugehen. Diese formelle Rüge ist vorab zu prü-
fen, da sie allenfalls geeignet wäre, eine Kassation der vorinstanzlichen
Verfügung zu bewirken.
5.2 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufge-
listeten Beweismittel. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an
der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
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Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Ver-
waltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., Zü-
rich/Basel/Genf 2013, Rz. 1043).
5.3 Die Beschwerdeführerin kritisiert vorab die Umstände der Anhörung,
welche es ihr nicht erlaubt hätten, Ungereimtheiten und Unklarheiten in ih-
ren Vorbringen zu klären. Insbesondere moniert sie, es sei der Befragerin
anlässlich der Anhörung nicht gelungen, eine Atmosphäre des Vertrauens
herzustellen. Zudem kritisiert sie die Fragetechnik der Befragerin und de-
ren Reaktion auf ihre Antworten. Sie habe einen längeren Lebensabschnitt
nicht erwähnt. Zudem verweist sie auf den Bericht der Hilfswerksvertre-
tung, der zur Anhörung angefertigt worden sei.
5.4 Dazu ist festzuhalten, dass dem Protokoll der Anhörung vom 14. Sep-
tember 2018 keine Anhaltspunkte dafür entnommen werden können, dass
die Umstände der Beschwerdeführerin nicht ermöglicht hätten, ihre Asyl-
gründe umfassend zu schildern. Die Befragerin ging sehr wohl auf ihre Be-
dürfnisse ein, fragte sie zu Beginn nach ihrem Befinden und ihrem gesund-
heitlichen Zustand und gab ihr Gelegenheit, sich näher dazu zu äussern,
was zu einer guten Atmosphäre beigetragen haben dürfte (vgl. A11 F3 ff.).
Auf die anschliessenden Fragen zu den Aufenthaltsorten der Beschwerde-
führerin gab diese mehrmals keine Antwort, sondern konzentrierte sich be-
reits auf ihre Asylgründe. Dass die Befragerin sie deshalb mehrmals dazu
aufforderte, eine Antwort auf ihre Fragen (nach den bisherigen Aufenthalts-
orten) zu geben, war daher berechtigt und lässt nicht auf eine ungeduldige
und bereits vorgefasste Haltung schliessen. Es kann auch gestützt auf den
weiteren Verlauf der Anhörung davon ausgegangen werden, dass die Be-
schwerdeführerin sämtliche Asylgründe hätte vortragen können. Überdies
erhielt sie mehrmals Gelegenheit, sich in freier Weise dazu zu äussern res-
pektive ihre Vorbringen zu konkretisieren (vgl. F43, F56 ff.). Ferner machte
sie zu den Umständen ihrer Ausreise (Zeitpunkt, Ankunft, etc.) sehr genaue
Angaben (vgl. F61 ff.), welche betreffend Zeitpunkt anders ausgefallen sind
als in der BzP (vgl. A7 Ziff. 5.01) und ebenfalls anders als auf Beschwer-
deebene, was nicht auf die Befragungsumstände zurückgeführt werden
kann. Auch die Bemerkungen der Hilfswerksvertretung im Anschluss an die
Anhörung sowie in ihrem Bericht lassen nicht den Schluss zu, dass die
Beschwerdeführerin nicht in der Lage gewesen wäre, ihre Asylvorbringen
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umfassend und korrekt vorzutragen (vgl. A11 und Anhang zur Replik). Da-
bei wäre es der Beschwerdeführerin auch möglich gewesen, die erstmals
auf Beschwerdeebene vorgebrachte Gewalt in Kosovo bereits damals vor-
zutragen. Der in der Replik erhobene Vorwurf, die Vorinstanz habe diesbe-
züglich den Sachverhalt nicht vollständig abgeklärt, geht daher fehl. Insge-
samt ist die Anhörung vom 14. September 2018 nicht zu beanstanden,
weshalb diese eine ausreichende Grundlage für den vorinstanzlichen Ent-
scheid dargestellt hat. Es besteht somit kein Grund für die Rückweisung
der Sache an die Vorinstanz zwecks Neubeurteilung. Der diesbezügliche
Eventualantrag ist folglich abzuweisen.
6.
6.1 In materieller Hinsicht ist vorab darauf hinzuweisen, dass die erstmals
auf Beschwerdeebene erwähnte Verfolgungssituation unbesehen ihrer
Glaubhaftigkeit die Kriterien der im Gesetz definierten Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfüllt, da sich die geltend gemachten Nachteile – die Festhal-
tung der Beschwerdeführerin und die sexuellen, physischen und psychi-
schen Übergriffe durch vier Männer in Kosovo – nicht in ihrem Heimatstaat
Nordmazedonien – betreffend welchen die Verfolgungssituation bei allfälli-
ger Rückkehr dorthin zu prüfen ist – abgespielt haben. Zudem ist – bezüg-
lich der geltend gemachten, in Nordmazedonien erlittenen Nachteile – vor-
liegend festzustellen, dass das Flüchtlingsrecht subsidiär ausgestaltet ist.
Demnach wird eine Bedürftigkeit nach internationalem Schutz dann aner-
kannt, wenn der Heimatstaat den Betroffenen keinen Schutz bieten will o-
der kann (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asyl-
rekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 18 E. 10.1 S. 201). Der Schutz gilt
als ausreichend, wenn im Heimatstaat eine funktionierende und effiziente
Schutzinfrastruktur zur Verfügung steht, also in erster Linie polizeiliche Auf-
gaben wahrnehmende Organe und ein Rechts- und Justizsystem, das eine
effektive Strafverfolgung ermöglicht; diese Struktur muss dem Betroffenen
darüber hinaus zugänglich sein (vgl. zu dieser sogenannten Schutztheorie
BVGE 2011/51 E. 7.1 – 7.4 m.w.H.; zudem beispielsweise Urteil des BVGer
D-3064/2019 vom 11. Juli 2019).
6.2 Der Bundesrat hat Nordmazedonien per 1. August 2003 als verfol-
gungssicheren Staat ("Safe Country") im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. a
AsylG bezeichnet. Damit besteht die gesetzliche Regelvermutung, dass
asylrelevante staatliche Verfolgung nicht stattfindet und Schutz vor nicht-
staatlicher Verfolgung gewährleistet ist. Die Regelvermutung kann im Ein-
zelfall widerlegt werden.
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Seite 10
6.3
6.3.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, sie sei im Alter von 14 Jah-
ren gegen ihren Willen verheiratet worden und seitens ihrer Ehemänner,
ihres Vaters sowie ihrer Stiefmutter immer wieder Übergriffen und Drohun-
gen ausgesetzt gewesen.
6.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht verkennt nicht, dass häusliche Ge-
walt in Nordmazedonien, von der besonders Frauen betroffen sind, weit
verbreitet ist. Nordmazedonien hat in den letzten Jahren Anstrengungen
unternommen, Gewaltopfern Schutzmöglichkeiten, Hilfe und Beratung zu
bieten. Im Jahr 2008 ist eine Nationale Strategie zum Schutz vor häuslicher
Gewalt verabschiedet worden. Zudem wurde im Herbst 2014 ein neues
Gesetz zu häuslicher Gewalt verabschiedet. Ferner gibt es mehrere
Schutzeinrichtungen für Opfer familiärer Gewalt in Nordmazedonien, die
gesetzlich zur Hilfe verpflichtet sind. Darüber hinaus finden sich weitere
Anlauf- und Rechtsberatungsstellen, welche unter anderem kostenlose
Rechts- und psychische Beratung für Opfer häuslicher Gewalt anbieten.
Zwar wird das bestehende Gesetz durch Polizeibeamte in Polizeistationen,
Angestellte in Social Work Centers und Mitarbeitende in Gerichten oftmals
nur ungenügend umgesetzt. Die betreffenden Behördenvertreterinnen und
-vertreter verfügen oft über nur ungenügende oder keinerlei Kenntnisse
des Gesetzes. Oft benötigen die Gerichte für Schutzmassnahmen äusserst
lange Bearbeitungszeiten (vgl. SFH, Schnellrecherche vom 29. Juli 2016
zu Mazedonien). Obwohl die vorhandenen Gesetze längst nicht alle Opfer
häuslicher Gewalt schützen können und die bestehenden Schutzmassnah-
men nicht genügen, um den tatsächlichen Schutzbedarf zu decken, ist
doch zu berücksichtigen, dass dies selbst für Staaten wie etwa die Schweiz
nicht vollumfänglich gewährleistet werden kann. Im vorliegenden Fall
machte die Beschwerdeführerin überdies geltend, sie habe sich wegen der
geltend gemachten Übergriffe und Drohungen nie an die Behörden gewen-
det und die Schutzmöglichkeiten in Nordmazedonien gar nicht in Anspruch
genommen, weshalb sie auch nicht Schutz erhalten konnte. Dies entspricht
weder dem Verhalten einer Person, die sich von asylrelevanter Verfolgung
bedroht fühlt, noch ist dies dem nordmazedonischen Staat anzulasten. Es
kann der Beschwerdeführerin daher zugemutet werden, bei den in Nord-
mazedonien bestehenden Strukturen um Hilfe zu ersuchen, sollte sie er-
neut von Gewalt betroffen sein. Dabei kann von ihr erwartet werden, dass
sie bei Bedarf Bekannte, beispielsweise diejenigen, die sie bei der Be-
schaffung eines Nationalitätenausweises unterstützt haben (vgl. A11), oder
ihren Onkel, der bei der Polizei arbeite, um Unterstützung ersucht. Entge-
gen ihren auf Beschwerdeebene gemachten Angaben ist nämlich davon
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Seite 11
auszugehen, dass sie mit diesem Onkel persönlich Kontakt gehabt hat, gab
sie doch in der BzP an, diesen (offenbar selber) nach ihrer Mutter gefragt
zu haben (vgl. A7 S. 7).
Schliesslich ist zu beachten, dass kein Staat eine faktische Garantie für
langfristigen individuellen Schutz gewährleistet, weil es keinem Staat ge-
lingen kann, die absolute Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger jeder-
zeit und überall zu garantieren. Insofern ist vom bestehenden Schutzwillen
und von der weitgehenden Schutzfähigkeit der nordmazedonischen Si-
cherheitsbehörden auszugehen.
6.3.3 Nach dem Gesagten ist es der Beschwerdeführerin nicht gelungen,
die Regelvermutung zugunsten der Schutzbereitschaft und -fähigkeit des
nordmazedonischen Staates gegenüber Gewalt an ihrer Person umzustos-
sen.
6.4 Im Übrigen ist vorliegend nicht ersichtlich, weshalb die Beschwerdefüh-
rerin, welche gemäss ihren Angaben auf Beschwerdeebene bereits an-
fangs 2016 in die Schweiz eingereist sein will, bis am 13. August 2018 und
damit zweieinhalb Jahre mit dem Stellen eines Asylgesuchs zugewartet
hat, obwohl sie sich seither bei einer Familie aufgehalten habe, die ihr
schliesslich dazu geraten habe.
6.5 Zusammenfassend hat die Beschwerdeführerin nichts vorgebracht,
was geeignet wäre, ihre Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumin-
dest glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat ihr Asylgesuch daher zu
Recht abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
E-7115/2018
Seite 12
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der
Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in
den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmäs-
sig.
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Seite 13
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Dies ist ihr unter Hinweis auf die vorangehenden Erwägungen
(vgl. insbesondere E. 6.3.3) nicht gelungen. Auch die allgemeine Men-
schenrechtssituation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum
heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Betreffend die Todes-
drohung seitens ihres Vaters kann sie sich an die Behörden wenden bezie-
hungsweise eine innerstaatliche Wohnsitzalternative suchen. Nach dem
Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als
auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug der Wegweisung für Aus-
länderinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder
Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemei-
ner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Art. 83
Abs. 4 AIG findet insbesondere Anwendung auf Personen, die nach ihrer
Rückkehr einer konkreten Gefahr ausgesetzt wären, weil sie aus objektiver
Sicht wegen der vorherrschenden Verhältnisse mit grosser Wahrschein-
lichkeit in völlige und andauernde Armut gestossen würden, dem Hunger
und somit einer ernsthaften Verschlechterung ihres Gesundheitszustan-
des, der Invalidität oder sogar dem Tod ausgeliefert wären (BVGE 2014/26
E. 7.5, 2011/24 E. 11.1 m.w.H.). Aus medizinischen Gründen kann nur
dann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs geschlossen werden,
wenn eine notwendige Behandlung im Heimatland nicht zur Verfügung
steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beein-
trächtigung des Gesundheitszustandes der betroffenen Person führt. Da-
bei wird diejenige allgemeine und dringende medizinische Behandlung als
relevant erachtet, die zur Gewährleistung einer menschenwürdigen Exis-
tenz absolut notwendig ist. Unzumutbarkeit liegt jedenfalls nicht bereits
dann vor, wenn im Heimat- oder Herkunftsstaat nicht eine dem hohen
schweizerischen Standard entsprechende medizinische Behandlung mög-
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lich ist (vgl. BVGE 2009/2 E. 9.3.2). Wird eine konkrete Gefährdung fest-
gestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren.
8.4.1 In Nordmazedonien herrscht aktuell weder Krieg noch eine Situation
allgemeiner Gewalt.
8.4.2
8.4.2.1 Auch lassen keine individuellen Gründe auf eine konkrete Gefähr-
dung der Beschwerdeführerin im Falle einer Rückkehr schliessen. Die Be-
schwerdeführerin machte zwar geltend, sie habe acht Jahre die Schule be-
sucht und nie gearbeitet, und sei mit 15 Jahren verheiratet worden. Immer-
hin gab sie an, im Jahre 2014 einmal für drei Monate in der Schweiz in der
(...) gearbeitet zu haben (vgl. A7 S. 4 f., A11 F26 ff., F41). Auch ist davon
auszugehen, dass sie in Nordmazedonien über Angehörige sowie Be-
kannte und damit soziale Anknüpfungspunkte verfügt (A7 S. 6), die ihr bei
der Reintegration in Nordmazedonien behilflich sein können. Ferner ist sie
bei fehlender Unterstützung durch diese Angehörigen und Bekannten auf
die Möglichkeit der staatlichen Sozialhilfe zu verweisen. Diese kann es ihr
ermöglichen, – wenngleich in allenfalls bescheidenen Verhältnissen – für
sich zu sorgen (vgl. SFH, Sorgerecht und Sozialhilfe in Mazedonien, vom
21. Mai 2013). An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass die Unterstüt-
zung für schutzbedürftige Personen und Gruppen in den Zuständigkeitsbe-
reich des Ministeriums für Arbeit und Sozialpolitik fällt. Zusammen mit den
Zentren für Sozialarbeit und anderen öffentlichen Einrichtungen werden
zahlreiche Programme für besonders vulnerable Gruppen angeboten. Bür-
ger und Bürgerinnen können sich für Sozialhilfe an ein solches Zentrum für
Sozialarbeit wenden, welches in jeder grösseren Gemeinde zu finden ist.
Dort werden allgemein soziale Anliegen und soziale Probleme ermittelt und
geprüft. Schutzbedürftige Personen können nach einer Prüfung finanzielle
und andere Formen von Unterstützung bekommen. Verschiedene Nichtre-
gierungsorganisationen (NGO) engagieren sich ebenfalls in verschiedenen
Bereichen, darunter zum Beispiel betreffend kostenfreie Rechtshilfe, Un-
terkünfte für Opfer von Menschenhandel, grundlegende Direkthilfe, psy-
chosoziale Beratung sowie kostenfreie medizinische Grundversorgung für
vulnerable Personen (vgl. International Organization for Migration [IOM],
Länderinformationsblatt Republik Nordmazedonien, 2019, <https://files.re-
turningfromgermany.de/files/CFS%202019
%20Nordmazedonien%20DE.pdf>, abgerufen am 18. Juni 2020).
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8.4.2.2 Schliesslich spricht auch aus medizinischer Sicht nichts gegen eine
Rückkehr der Beschwerdeführerin. Gemäss den ärztlichen Berichten der
UPK C._ vom (...) 2018 und (...) 2018 sowie von Dr. med.
D._, Psychiatrie und Psychotherapie, vom (...) 2019, wurden ihr
eine Posttraumatische Belastungsstörung und andere psychische Leiden
attestiert. Deshalb sei sie während neun Tagen in der UPK hospitalisiert
gewesen. Seit dem 13. November 2018 sei sie in einer ambulanten psy-
chiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung. Die Beschwerdefüh-
rerin wies in der Anhörung darauf hin, dass ihr bereits in ihrem Heimatstaat
durch einen Arzt respektive im Spital Medikamente verschrieben und Infu-
sionen verabreicht worden waren (A11 F11 ff., F85).
Das Gesundheitssystem in Nordmazedonien ist dreistufig aufgebaut. Ne-
ben dem Netz der primären Gesundheitsversorgung sind ambulant spezi-
alisierte Dienstleistungen mit umfassender Reichweite vorhanden. Die am-
bulante Grundversorgung wird hauptsächlich von privaten Trägern und
34 öffentlichen Gesundheitszentren sowie einigen privaten Zentren, die
ambulanten Fachdienste auf sekundärer Stufe werden im Wesentlichen
von staatlichen Gesundheitsdienstleistern erbracht. Im Bereich der tertiä-
ren Gesundheitsversorgung werden Leistungen des Universitätsklinikums
in Skopje angeboten. Wie IOM schreibt, werden medizinische Leistungen
für krankenversicherte Patienten und Patientinnen von der Krankenkasse
(HIF) übernommen. Die Krankenkasse übernimmt Leistungen der Gesund-
heitsfürsorge auf der primären und der fachärztlichen Ebene, sowie die Be-
handlung im Krankenhaus. Medikamente, die nicht in der festgelegten
Liste der Krankenversicherung aufgeführt sind, werden jedoch nicht über-
nommen. Die Versicherten sind zudem verpflichtet, sich an den Behand-
lungskosten zu beteiligen, wobei der Maximalbetrag von 20 Prozent in der
Praxis kaum erreicht wird. Gewisse Bevölkerungsgruppen, abhängig vom
sozialen oder gesundheitlichen Status, sind von einer Kostenbeteiligung
vollständig befreit (IOM, Länderinformationsblatt Republik Nordmazedo-
nien 2019; Parnardjieva, Maja et al. [Finance Think], Policy study 10: Uni-
versal Health Insurance in the Republic of Macedonia and Effects from the
Implementation of the Project "Health Insurance for All", 10.2017,
<http://www.financethink.mk/wp-content/uploads/2018/01/Universal-
health-coverage_Final_EN.pdf>, abgerufen am 18. Juni 2020).
Hinsichtlich der Behandlungsmöglichkeiten psychischer Erkrankungen hat
die Regierung der Republik Nordmazedonien 2019 ein Programm zum
Schutz der Gesundheit von Menschen mit psychischen Störungen verab-
schiedet. Zuvor war im September 2018 vom Gesundheitsministerium eine
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nationale "Strategie für psychische Gesundheit 2018 – 2025" vorgestellt
worden. Die Strategie basiert auf der Verfassung Nordmazedoniens, die
das Recht aller Bürger/innen auf Gesundheitsversorgung garantiert (vgl.
Education and Youth Policy Analysis Unit [European Commission (EC)],
Republic of North Macedonia – Mental Health, letzte Aktualisierung am
29.12.2019, <https://eacea.ec.europa.eu/national-policies/en/content/y-
outhwiki/75-mental-health-former-yugoslav-republic-macedonia>, abgeru-
fen am 18. Juni 2020). Jedoch sind bezüglich der psychiatrischen Versor-
gung in gewissen Bereichen substanzielle Anstrengungen notwendig (vgl.
European Commission (EC), North Macedonia 2019 Report, 29.05.2019,
<https://ec.europa.eu/neighbourhood-enlargement/sites/near/files/
20190529-north-macedonia-report.pdf>, abgerufen am 18. Juni 2020).
Nordmazedonien verfügt über verschiedene psychiatrische Behandlungs-
möglichkeiten, sei es an der Universitätsklinik in der Hauptstadt Skopje o-
der im Herkunftsort der Beschwerdeführerin Kumanovo. Das Regionalspi-
tal von Kumanovo hat eine Abteilung Psychiatrie, wo eine Medikamenten-
therapie und stützende Gespräche durchgeführt werden können. Das von
der Beschwerdeführerin benötigte Medikament Remeron ist vorhanden.
Weitere Medikamente müssten allenfalls durch andere in Nordmazedonien
verfügbare ersetzt werden (vgl. Akte A18 und A19).
Insgesamt spricht somit nichts dagegen, dass die Beschwerdeführerin für
die Behandlung ihrer psychischen Beschwerden die in Nordmazedonien
vorhandene Versorgung in Anspruch nehmen kann. Dass diese möglicher-
weise nicht in gleicher Qualität wie in der Schweiz möglich sein könnte, ist
für die Frage der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs unerheblich.
Damit ist die notwendige medizinische Versorgung der Beschwerdeführe-
rin in Nordmazedonien (weiterhin) gesichert.
Aufgrund dieser Feststellungen kann vorliegend nicht auf eine konkrete
Gefährdung in Form einer medizinischen Notlage im Sinne von Art. 83 Abs.
4 AIG geschlossen werden. Für eine medizinische Weiterbehandlung der
Beschwerdeführerin ist ferner auf die Möglichkeit einer individuellen medi-
zinischen Rückkehrhilfe, die nicht nur in der Form der Mitgabe von Medi-
kamenten, sondern beispielsweise auch in der Organisation und Über-
nahme von Kosten für notwendige Therapien bestehen kann, zu verweisen
(Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG, Art. 75 der Asylverordnung 2 vom 11. August
1999 über Finanzierungsfragen [AsylV 2, SR 142.312]).
8.4.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung somit
auch als zumutbar.
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8.5 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge-
samt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der am 7. Januar 2019 einbezahlte Kos-
tenvorschuss ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden.
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