Decision ID: 5d6803d2-fcc6-4490-a27c-aa0f4d37fbe4
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Advokat lic. iur. Werner Rufi, Schmiedengasse 7, Postfach,
4104 Oberwil BL,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ erlitt am 19. August 2004 einen Autounfall. Die die Notfallbehandlung
vornehmende chirurgische Klinik des Spitals Wil diagnostizierte eine Sternumkontusion
sowie eine Metacarpale-I-Kontusion links und äusserte den Verdacht auf ein HWS-
Schleudertrauma (IV-act. 6-14). Ein erster Unfall mit HWS-Distorsion hatte sich bereits
am 23. Februar 1999 ereignet (vgl. UV-act. M 24).
A.b Im Februar 2006 meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf Schleudertrauma
und Sternumkontusion zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung (IV) an.
Sie beantragte Umschulung, Wiedereinschulung in die bisherige Tätigkeit und
Arbeitsvermittlung (IV-act. 1). Ihr Hausarzt Dr. med. B._, Facharzt FMH für
Allgemeinmedizin, berichtete der IV-Stelle am 4. Februar 2006 (IV-act. 6-1 bis 6-4) von
einem HWS-Beschleunigungstrauma und einer HWS-Distorsion, Nacken-Kopfschmerz,
Schwindel, Konzentrationsstörungen und verminderter Belastbarkeit. Seit dem Unfall
vom 19. August 2004 sei die Versicherte voll arbeitsunfähig geschrieben. Ohne Zeit-
und Leistungsdruck, ohne intellektuelle Belastung sowie ohne körperliche Belastung im
Bereich des Nacken-Schultergürtels sei mindestens initial ein zeitlich reduziertes
Pensum von maximal vier bis fünf Stunden täglich zumutbar. Im
Arbeitgeberfragebogen vom 22. Februar 2006 (IV-act. 17) hielt die Firma C._ fest, die
Versicherte sei vom 1. August 2003 bis 30. April 2006 bei ihr als Gesundheitsberaterin
und Masseurin mit einem Pensum von 75% angestellt gewesen, wobei der 19. August
2004 der letzte effektive Arbeitstag gewesen sei.
A.c Die IV-Stelle gab am 4. September 2006 (IV-act. 23) ein polydisziplinäres
medizinisches Gutachten in Auftrag. Diesen Auftrag widerrief sie am 25. September
2006 (IV-act. 24), nachdem sie erfahren hatte, dass die Unfallversicherung bei einem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anderen Begutachtungsinstitut bereits ein Gutachten in Auftrag gegeben hatte. Sie
stellte der UV ihren Fragenkatalog zur Unterbreitung an die Gutachter zu (IV-act. 26).
A.d Am 28. November 2006 führte die IV-Stelle eine Abklärung im Haushalt der Ver-
sicherten durch. Die Abklärungsperson berücksichtigte, dass die Versicherte neben
ihrem 75%-Pensum bei der Firma C._ selbständigerwerbend gewesen war, zudem
Hauswarttätigkeit ausgeübt und eine berufsbegleitende Ausbildung absolviert hatte.
Daher kam sie im Abklärungsbericht vom 29. November 2006 (IV-act. 34-4) zum
Schluss, dass die Versicherte als Vollerwerbstätige einzustufen sei.
A.e Am 1. März 2007 nahm die Versicherte bei der Klinik D._ eine Tätigkeit als
Stationshilfe auf, anfänglich mit einem Pensum von 25%, offenbar mit anschliessender
sukzessiver Steigerung auf zuletzt vier Stunden täglich ab Ende Oktober 2008 (UV-
act. A 104; UV-act. A 102/D).
A.f Die Academy of Swiss Insurance Medicine des Universitätsspitals Basel (asim)
untersuchte die Versicherte im Juni 2007 internistisch, rheumatologisch, neurologisch,
neuropsychologisch und psychiatrisch. Im Gutachten vom 31. Dezember 2007 (UV-act.
M 24) werden mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit folgende Hauptdiagnosen genannt:
panvertebrales Schmerzsyndrom, chronisches Zervikozephalsyndrom und nicht genau
quantifizierbare, maximal leichte neuropsychologische Funktionsstörungen. Ohne
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit bestünden vor allem eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung und eine Panikstörung. Für körperlich leichte, optimal adaptierte
Tätigkeiten bestehe eine mindestens 50%-ige Arbeitsfähigkeit. Infolge der geplanten
Rekonditionierung sollte es innerhalb der nächsten drei bis sechs Monate möglich sein,
eine Arbeitsfähigkeit von 70% für leichte Tätigkeiten zu erreichen. Eine
Resteinschränkung der Arbeitsfähigkeit ergebe sich schmerzbedingt.
A.g Der zuständige Arzt des IV-internen Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD)
würdigte das asim-Gutachten und hielt am 18. Februar 2009 (IV-act. 53-3) fest, es sei
zwar umfassend, berücksichtige aber die aktuelle Rechtsprechung zu Fibromyalgie und
Dekonditionierung nicht. Das generalisierte Schmerzsyndrom bzw. die Fibromyalgie
der Versicherten hätten keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit, weil keine Kriterien
vorlägen, die eine willentliche Schmerzüberwindung und einen Wiedereinstig in den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsprozess unzumutbar machen würden. Eine schmerzbedingte
Resteinschränkung der Arbeitsfähigkeit bestehe nicht. Weitere medizinische
Abklärungen seien nicht angezeigt.
A.h Am 18. März 2009 (UV-act. A 109) verfügte die Unfallversicherung die
Leistungseinstellung rückwirkend per 31. Oktober 2008. Sie beurteilte das asim-
Gutachten als nicht schlüssig und verneinte sowohl das Vorliegen des natürlichen als
auch des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfall vom 19. August
2004 und den geklagten Beschwerden.
A.i Mit Verfügung vom 18. März 2009 (IV-act. 58) verneinte die IV-Stelle einen
Anspruch der Versicherten auf berufliche Massnahmen. Solche seien nicht notwendig,
weil die Versicherte angemessen eingegliedert sei. Mit Vorbescheid selben Datums (IV-
act. 60) stellte die IV-Stelle zudem die Abweisung des Rentenanspruchs in Aussicht.
Der Versicherten sei eine volle Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit zumutbar.
Dagegen erhob Advokat lic. iur. Werner Rufi in Vertretung der Versicherten am 5. Mai
2009 Einwände (IV-act. 61). Er beantragte die Zusprache einer angemessenen Rente
ab September 2005. Für die umfassende Beurteilung der diversen gesundheitlichen
Beschwerden sei durch ausgewiesene Fachexperten ein Fachgutachten zu erstellen. Er
reichte mehrere ärztliche Berichte ein (IV-act. 63). Nach Einholung einer erneuten
Stellungnahme des RAD (IV-act. 64) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 14. Mai
2009 einen Anspruch auf eine Invalidenrente (IV-act. 65).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die vom Rechtsvertreter der Versicherten am
15. Juni 2009 erhobene Beschwerde. Er beantragt unter Kosten- und
Entschädigungsfolge die Aufhebung der Verfügung. Der Invaliditätsgrad der
Beschwerdeführerin sei ab August 2005 neu auf mindestens 40% festzusetzen.
Eventualiter sei für eine umfassende Beurteilung der diversen gesundheitlichen
Beschwerden ein Fachgutachten zu erstellen. Die Validität des asim-Gutachtens werde
bestritten. Einerseits sei es nicht mehr aktuell, andererseits seien nicht sämtliche
Symptome der Beschwerdeführerin einlässlich untersucht worden. So sei über
Ohrensausen/Tinnitus und den Schwindel nicht berichtet worden. Entgegen der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ansicht der Beschwerdegegnerin entspreche das gesamte Beschwerdebild nicht der
Diagnose der somatoformen Schmerzstörung. Selbst wenn von einer derartigen
Erkrankung auszugehen wäre, wäre der Beschwerdeführerin die Überwindung der
Schmerzen nicht zumutbar. Der Rechtsvertreter beantragte im Weiteren eine
Fristerstreckung zur Einreichung weiterer medizinischer Unterlagen. Die
Beschwerdeführerin sei zudem von ihrer Hausärztin, Dr. med. E._, an Prof. Dr. med.
F._, Reha Rheinfelden, zur Standortbeurteilung überwiesen worden (act. G 1).
B.b Innert erstreckter Frist ersuchte der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin am
17. August 2009 um Sistierung des Verfahrens bis Ende 2009. Der Termin für die
Standortbestimmung in der Reha Rheinfelden finde erst im Oktober 2009 statt. Zudem
würden am Universitätsspital Basel ab anfangs September 2009 zusätzliche
Abklärungen zu Schwindel und Tinnitus vorgenommen (act. G 5). Der zuständige
Verfahrensleiter sistierte das Verfahren bis 31. Januar 2010 (act. G 7). Auf Antrag
(act. G 8) wurde die Sistierung bis 30. Juni 2010 verlängert (act. G 9). Mit Eingabe vom
30. Juni 2010 liess die Beschwerdeführerin geltend machen, es habe sich gezeigt, dass
das ursprünglich angestrebte Arbeitspensum von 50% als zu hoch einzustufen sei. Die
körperliche Belastung der Beschwerdeführerin in der aktuellen Arbeitstätigkeit sei zu
hoch gewesen. Sie habe am 9. März 2010 bei der Arbeit einen körperlichen
Zusammenbruch erlitten und sei während mehrerer Wochen ganz arbeitsunfähig
gewesen. Im Juni 2010 habe sie bei der Klinik D._ mit einem Pensum von 30% einen
neuen Arbeitsversuch begonnen. Zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung wurde
eine Nachfrist beantragt (act. G 11). Der Eingabe beigelegt wurde insbesondere ein
Schreiben von Dr. E._ vom 23. März 2010, wonach sich der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin in den Tagen zuvor bedenklich verschlechtert habe (act. G 11.1),
sowie ein Schreiben von Dr. E._ vom 15. April 2010, das von einer vollen
Arbeitsunfähigkeit berichtete (act. G 11.2).
B.c In der Beschwerdeergänzung vom 30. November 2010 wiederholte der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin die in der Beschwerde gestellten
Rechtsbegehren. Die Beschwerdeführerin habe bis zu einem psycho-physischen
Zusammenbruch im März 2010 mit einem Pensum von 50% in der Klinik D._
gearbeitet. In der Folge sei sie voll arbeitsunfähig gewesen und habe erst am 7. Juni
2010 ihre Arbeit an vier Tagen wöchentlich während 3.5 Stunden täglich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wiederaufnehmen können. Aufgrund eines Vorfalls vom 30. August 2010 (plötzlicher
starker Schmerz im Nacken und Rückenbereich) habe sich die bestehende Problematik
noch verstärkt. Die bisherige Leistungsfähigkeit von 30% sei nochmals reduziert. Im
Bericht der Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Universitätsspitals Basel vom 9. Dezember
2010 werde ein posttraumatischer episodischer Schwindel und Tinnitus diagnostiziert.
Im Oktober 2009 sei in der Reha Rheinfelden ein Therapieplan erarbeitet worden. Der
Rechtsvertreter wiederholt, dass das asim-Gutachten vom 31. Dezember 2007 nicht
Grundlage einer Rentenverfügung bilden könne. Es sei nicht mehr aktuell. Der Zustand
der Beschwerdeführerin habe sich seit der Begutachtung erheblich verschlechtert.
Zudem seien nicht sämtliche Beschwerden der Beschwerdeführerin diskutiert worden.
Sollte das Gericht von einer Fibromyalgie resp. somatoformen Schmerzstörung
ausgehen, müsse deren Überwindung als nicht zumutbar gelten (act. G 21). Im
beigelegten Bericht vom 21. September 2010 hielt Dr. E._ unter anderem fest, nach
Wiederaufnahme der körperlichen Arbeit im Juni 2010 habe sich eine deutliche
Verschlechterung der Symptomatik gezeigt (act. G 21.1). Dr. G._ schliesst im Bericht
vom 16. Oktober 2009 unter Hinweis auf die anamnestischen Angaben, die
Beschwerdeschilderung und die klinischen Symptomatologie auf eine Chronifizierung,
wobei auch eine somatoforme Komponente nicht auszuschliessen sei. Er zog zudem

eine Analgetika-induzierte Kopfschmerzkomponente in Erwägung (act. G 21.4). Im
Bericht der Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Universitätsspitals Basel vom 9. Dezember
2009 findet sich neben der Diagnose eines posttraumatischen episodischen
Schwindels und Tinnitus die Differentialdiagnose Otolithenfunktionsstörung, induziert
durch zervikales Beschleunigungstrauma, und benigner paroxysmaler
Lagerungsschwindel (act. G 21.3).
B.d Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 24. Januar
2011 die Abweisung der Beschwerde. Die nachträglich eingereichten Arztberichte
seien nach Erlass der angefochtenen Verfügung datiert. Aus dem Bericht des
Universitätsspitals Basel vom 9. Dezember 2009 lasse sich aufgrund des Schwindels
und des Tinnitus keine Arbeitsunfähigkeit ableiten. Des Weiteren sei der Schwindel den
asim-Gutachtern bereits bekannt gewesen und sie hätten diesen in der Beurteilung
berücksichtigen können. Die in der Reha Rheinfelden angegebenen Beschwerden
seien ebenfalls grösstenteils identisch mit der Beurteilung der asim. Insgesamt zeigten
die Berichte keine Veränderung des Gesundheitszustands auf. Der gemäss den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Angaben von Dr. E._ erlittene Zusammenbruch sei im März 2010 erfolgt. Dies könne
im vorliegenden Verfahren nicht mehr berücksichtigt werden, da nur der Sachverhalt
bis zum Verfügungserlass relevant sei. Allerdings bestehe die Möglichkeit, die Berichte
im Sinn eines Revisionsgesuchs entgegenzunehmen und die geltend gemachte
Verschlechterung des Gesundheitszustands im Revisionsverfahren zu prüfen. Die
eingereichten Berichte vermöchten die asim-Beurteilung nicht umzustossen. Nach den
vorhandenen medizinischen Unterlagen könne von einer willentlichen
Schmerzüberwindung ausgegangen werden (act. G 23).
B.e In der Replik vom 30. Juni 2011 lässt die Beschwerdeführerin an den Anträgen
gemäss Beschwerde festhalten. Die im Rahmen der Haushaltabklärung im November
2006 von der Abklärungsperson vorgenommene Einstufung der Beschwerdeführerin
als Vollerwerbstätige in dieser Phase sei unzutreffend. Dabei könne auf die
aktenkundigen ärztlichen Unterlagen abgestellt werden. Wegen der oft langen Dauer
des kantonalen Gerichtsverfahrens könne in besonderen Fällen die nachträgliche
Abklärung des massgebenden Sachverhalts Schwierigkeiten mit sich bringen. Aus
prozessökonomischen Gründen seien die nachträglich eingereichten Berichte im
Beschwerdeverfahren zu berücksichtigen. Sollte dies nicht erfolgen, so sei die
Beschwerdegegnerin mittels Rückweisung anzuweisen, die rechtserhebliche Sachlage
zufriedenstellend abzuklären. Im Weiteren wehrt sich der Rechtsvertreter dagegen,
dass die nachträglich eingereichten Berichte als Revisionsgesuch entgegen genommen
werden sollten. In diesem Zusammenhang verweist er auf Art. 53 Abs. 1 ATSG. Nach
Hinweisen auf die Grundsätze der freien Beweiswürdigung und auf die Beweiskraft von
Arztberichten und Gutachten stellt sich der Rechtsvertreter auf den Standpunkt, die
nachträglich eingereichten Berichte vermöchten die asim-Beurteilung umzustossen.
Erneut betont er seine Auffassung, wonach eine willentliche Schmerzüberwindung der
Beschwerdeführerin unzumutbar sei. Seit dem schweren Unfall vom August 2004 seien
die Behandlungsergebnisse trotz konsequent durchgeführter
Behandlungsbemühungen unbefriedigend geblieben und hätten sich noch
verschlechtert. Chronische körperliche Begleiterkrankungen seien im Weiteren nicht
von der Hand zu weisen: Seit dem Unfall leide die Beschwerdeführerin an Schmerzen
im Bereich der Wirbelsäulenmuskulatur und am Residualzustand. Täglich nehme die
Beschwerdeführerin die Höchstdosis NSAR zur Schmerzbekämpfung. Der
Krankheitsverlauf sei mehrjährig bei relativ unveränderter Symptomatik sowie ohne
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
längerfristige Remission. Aufgrund der starken Schmerzen lebe die Beschwerdeführerin
sehr zurückgezogen in vielen Belangen des Lebens. Ebenso sei in den entsprechenden
ärztlichen Berichten auch der primäre Krankheitsgewinn erstellt. Zusammenfassend
stehe der Beschwerdeführerin ab August 2005 eine angemessene Invalidenrente zu
(act. G 36).
B.f Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 2. August 2011 auf weitere
Ausführungen (act. G 37).
Erwägungen:
1.
Angefochten ist eine Verfügung, die nach Inkrafttreten der 5. IV-Revision am 1. Januar
2008 ergangen ist. Grundsätzlich sind für die Zeit bis 31. Dezember 2007 die damals
geltenden Bestimmungen und ab 1. Januar 2008 die neuen Normen der 5. IV-Revision
anzuwenden (BGE 132 V 215 E. 3.1.1; vgl. auch Urteil 8C_520/2010 vom 9. Juli 2010,
E. 2). Die 5. IV-Revision hat hinsichtlich des Begriffs und der Bemessung der Invalidität
keine substantiellen Änderungen gegenüber der bis Ende 2007 gültig gewesenen
Rechtslage gebracht. Neu normiert wurde demgegenüber der Zeitpunkt des
Rentenbeginns, der, sofern die entsprechenden Anspruchsvoraussetzungen gegeben
sind (Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG;
SR 831.20]), gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG frühestens 6 Monate nach Geltendmachung
des Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) entsteht. Da ein
allfälliger Rentenanspruch im vorliegenden Fall möglicherweise auf einen Zeitpunkt vor
dem 1. Januar 2008 festzusetzen wäre (Unfall im August 2004, IV-Anmeldung im
Januar 2006), wirkt sich diese Neuerung auf den hier zu prüfenden Fall jedoch nicht
aus (vgl. Urteil 8C_373/08 des Bundesgerichts vom 28. August 2008, E. 2.1 mit
Hinweis).
2.
2.1 Unter Invalidität wird bei als Gesunden voll erwerbstätigen Personen die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=01.01.2009&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=soz&query_words=%22124+V+94%22+antizipierte+Beweisw%FCrdigung&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F132-V-215%3Ade&number_of_ranks=0#page215
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist dabei der
durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit verursachte
und nach zumut-barer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder
teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG). Der Grad der für einen allfälligen
Rentenanspruch massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16 ATSG durch einen
Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die versicherte Person
nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der notwendigen und
zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen
könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Einkommen,
das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn der Versicherte mindestens zu 70%, derjenige auf eine
Dreiviertelsrente, wenn er wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von
mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-Grad
von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
2.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von
Amtes wegen festzustellen und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel
eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Hinsichtlich
des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a).
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin schliesst aus den nachträglich
eingereichten Berichten von Dr. E._ vom 23. März 2010, 15. April 2010 und
21. September 2010 sowie dem Bericht der Reha Rheinfelden vom 16. Oktober 2009
und der Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Universitätsspitals Basel vom 9. Dezember 2009,
dass die angefochtene Verfügung vom 14. Mai 2009 rechtsfehlerhaft gewesen sei.
Soweit er die Beschwerdegegnerin für ihre Bereitschaft kritisiert, diese Berichte als
"Revisionsgesuch" (vgl. act. G 23) entgegenzunehmen, verkennt er, dass nicht etwa
eine prozessuale Revision gemäss dem von ihm zitierten Art. 53 Abs. 1 ATSG im Raum
steht, sondern die Beschwerdegegnerin offensichtlich an die Revision im Sinn von Art.
17 ATSG (Anpassung wegen Sachverhaltsveränderung) dachte. Da in der
angefochtenen Verfügung eine Invalidenrente verweigert wurde, könnten die Berichte
hingegen kein Revisionsgesuch, sondern lediglich eine Neuanmeldung darstellen. Die
Hürde der Glaubhaftmachung der Sachverhaltsveränderung gemäss Art. 87 Abs. 3 IVV
besteht aufgrund des Verweises in Art. 87 Abs. 4 IVV jedoch ebenso.
3.2 Der Beschwerdegegnerin ist zuzustimmen, dass zur Beurteilung, ob die
Verfügung vom 14. Mai 2009 rechtmässig ist, nur der Sachverhalt relevant sein kann,
wie er sich bis zu ihrem Erlass zugetragen hat (BGE 121 V 362 E. 1b; bestätigt u.a. in
BGE 129 V 1 E. 1.2; 167 E. 1). Tatsachen, die sich erst später verwirklichen, sind soweit
zu berücksichtigen, als sie mit dem Streitgegenstand in engem Sachzusammenhang
stehen und geeignet sind, die Beurteilung bezogen auf jenen Zeitpunkt zu beeinflussen
(siehe auch den Bundesgerichtsentscheid 8C_278/2011 vom 26. Juli 2011, E. 5.5). Die
nach Verfügungserlass erstellten Berichte können im vorliegenden Verfahren folglich
nur unter diesen Voraussetzungen Beachtung finden.
4.
4.1 Dr. med. H._, Fachärztin FMH für Neurologie, untersuchte die
Beschwerdeführerin am 20. Dezember 2005 und hielt in einem Bericht vom selben Tag
(IV-act. 6-8) fest, klinisch-neurologisch habe sie abgesehen von einer Einschränkung
der HWS-Beweglichkeit keinen pathologischen Befund erheben können und sie glaube
nicht, dass es zu wesentlichen organischen Unfallfolgen gekommen sei. Die aktuell
beklagten Beschwerden resp. die fehlende Besserung führte sie zu einem wesentlichen
Teil auf psychosoziale Folgen des Unfalls zurück. Einerseits scheine die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin den Unfall noch nicht vollständig verarbeitet zu haben,
andererseits bestünden mittlerweile auch erhebliche Probleme im sozialen Umfeld mit
Inakzeptanz und drohendem Verlust des Arbeitsplatzes. Eine
Arbeitsfähigkeitsschätzung gab Dr. H._ nicht ab.
4.2 Die Beschwerdeführerin war vom Unfallzeitpunkt an von ihrem Hausarzt Dr. B._
bis zur Erstattung des ersten IV-Arztberichts vom 4. Februar 2006 durchgehend voll
arbeitsunfähig geschrieben worden. Auf die Frage, wie sich die gesundheitliche
Störung bei der bisherigen Tätigkeit auswirke, gab er "verminderte Konzentration,
verliert bereits in kurzem Gespräch den 'Faden' " an. Der Patientin sei die bisherige
Tätigkeit noch zumutbar, den Kunden nicht. Die Leistungsfähigkeit sei "gegen 100%"
vermindert. Eine Tätigkeit ohne Zeit- und Leistungsdruck und ohne intellektuelle
Belastung sowie ohne körperliche Belastung im Bereich des Nackens und
Schultergürtels sei mit mindestens initial zeitlich reduziertem Pensum von maximal vier
bis fünf Stunden täglich möglich. Diese Ausführungen sind nicht hinreichend
verständlich. Dr. B._ begründet nicht, weshalb (und in welchem Ausmass) die
angestammte Tätigkeit als Masseurin und Gesundheitsberaterin der
Beschwerdeführerin zwar noch möglich sein, sie den Kunden aber nicht mehr
zumutbar sein soll. Betrachtet er die Leistungsfähigkeit wie angegeben als fast
vollständig aufgehoben, so ist nicht einsichtig, weshalb ihr die angestammte Tätigkeit
noch zumutbar sein soll. Bei vollständig aufgehobener Leistungsfähigkeit in der
angestammten Tätigkeit wäre nicht hinreichend erklärt, weshalb eine adaptierte
Tätigkeit doch noch im Ausmass von ca. 50% zumutbar sein sollte; immerhin ist
anzunehmen, dass auch die angestammte Tätigkeit insbesondere als
Gesundheitsberaterin und Masseurin Elemente enthält, die den von Dr. B._
genannten Anforderungen an eine adaptierte Tätigkeit entsprechen würden. Den nicht
begründeten Angaben zur Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin fehlt es insgesamt
an Beweiskraft.
4.3 Im Rahmen der asim-Begutachtung berichtete die Beschwerdeführerin, sie leide
nach wie vor unter Nackenschmerzen, die in beide Schulterblätter ausstrahlten, oft
unter Kopfschmerzen, Schwindel, auch Anfällen von Gangunsicherheit und einer Art
Ohnmachtsanfällen sowie Ohrensausen (S. 10). Die rheumatologischen Teilgutachter
bescheinigten einem panvertebralen Schmerzsyndrom Auswirkungen auf die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit. Sie äusserten den Verdacht auf eine Schmerzverarbeitungsstörung bei
Fibromyalgiesymptomatik. Sie erwähnten eine funktionelle und vegetative
Begleitsymptomatik, eine ligamentäre Hypermobilität und eine leichte Skoliose der
BWS und LWS (S. 12). Die bis zum Unfall ausgeführte Arbeit als Kundenbetreuerin und
Masseurin sei körperlich anstrengend und könne nicht mehr durchgeführt werden. Dies
hätten auch zahlreiche Arbeitsversuche bestätigt. Für körperlich leichte Tätigkeiten
attestierten die rheumatologischen Gutachter eine Arbeitsfähigkeit von mindestens
50%, wobei Arbeiten in Zwangshaltungen ohne die Möglichkeit des häufigen
Positionswechsels und häufiger Pausen ebenso zu vermeiden seien wie
Überkopfarbeiten oder solche mit dauerhaft über die Horizontale angehobenen Armen.
Auch häufiges Bücken oder repetitives Heben von Lasten über 5 kg bis Bauchhöhe
und über 2 kg bis Brusthöhe seien zu vermeiden (S. 14). Die begutachtenden
Neurologen nannten insbesondere die Diagnose chronisches Zervikozephalsyndrom.
Klinisch konnten sie keine objektivierbaren neurologischen Ausfälle erheben. Aus rein
neurologischer Sicht wurde eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 20%
"schmerzbedingt" attestiert (S. 16). Die beigezogenen Neuropsychologinnen konnten
insgesamt keine hinreichend validen Untersuchungsergebnisse erheben, sodass sie zur
Quantifizierung der Arbeitsfähigkeit auf den interdisziplinären Konsens verwiesen
(S. 21). Die begutachtenden Psychiater diagnostizierten eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung und eine Panikstörung, billigten beiden Diagnosen jedoch keinen
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit zu (S. 21 f.). In der zusammenfassenden Beurteilung
der Experten der verschiedenen Fachrichtungen wurde das so genannt "typische
Beschwerdebild" nach Schleudertrauma als erfüllt bezeichnet. Zudem könne eine
Fibromyalgiesymptomatik im Sinn einer Schmerzgeneralisierung objektiviert werden.
Diese sei, zusammen mit der myostatischen Dysbalance und Dekonditionierung,
massgebend für das Beschwerdebild. Weiter verwiesen sie auf das chronische
Zervikozephalsyndrom. Die Arbeitsfähigkeit wurde interdisziplinär auf mindestens 50%
für körperlich leichte Tätigkeiten in der Grössenordnung von 2x2 Stunden täglich
festgelegt. Infolge der geplanten Rekonditionierung sollte es innerhalb der nächsten
drei bis sechs Monate möglich sein, eine Arbeitsfähigkeit von 70% für leichte
Tätigkeiten zu erreichen. Die Resteinschränkung der Arbeitsfähigkeit ergebe sich
schmerzbedingt (S. 24 f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.4 Die Ausführungen im asim-Gutachten erscheinen grundsätzlich plausibel. Die
Schlussfolgerungen der Gutachter beruhen auf umfassenden Untersuchungen in den
relevanten Sachgebieten. Eine eingehende Anamneseerhebung und eine
Berücksichtigung der Vorakten fanden statt. Wie zuvor die behandelnden Ärzte fanden
auch die Gutachter keine objektivierbare organische Erklärung für die geklagten
Beschwerden. Aus den vom Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin im
Beschwerdeverfahren eingereichten medizinischen Unterlagen ergeben sich keine
konkreten Hinweise auf Erkenntnisse, die den asim-Gutachtern verborgen geblieben
wären, bzw. auf Tatsachen, die sie übersehen hätten.
4.4.1 Dem Bericht der Reha Rheinfelden vom 16. Oktober 2009 (act. G 21.4)
lässt sich entnehmen, dass die Beschwerdeführerin seit zweieinhalb Jahren mit
Pensum von 50% bei der Klinik D._ als Stationshilfe angestellt sei und zusätzlich auf
privater Ebene einer Betreuungsaufgabe mit Pensum von 5-10% nachgehe. Ab dem
13. Oktober 2009 sei eine Ausbildung als Pflegehilfe geplant. Eine
Arbeitsfähigkeitsschätzung enthält der Bericht nicht. Er lässt jedenfalls den
Rückschluss nicht zu, dass die asim-Beurteilung zu optimistisch gewesen wäre.
4.4.2 Die Ärzte der Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Universitätsspitals Basel
nannten im ebenfalls nach Verfügungserlass datierenden Bericht vom 9. Dezember
2009 (act. G 21.3) die Diagnosen posttraumatischer episodischer Schwindel und
Tinnitus sowie die Differentialdiagnose Otolithenfunktionsstörung, induziert durch
zervikales Beschleunigungstrauma, benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel. Im
Bericht werden die Angaben der Beschwerdeführerin wiedergegeben. Danach leidet sie
seit dem Unfall vom August 2004 unter einem rezidivierenden, leisen, kurz dauernden,
hochfrequenten Tinnitus, vor allem linksseitig, der aber "in letzter Zeit" deutlich
abgenommen habe. Seit der gleichen Zeit komme auch praktisch täglich ein Minuten
bis Stunden dauerndes "Trümmeligkeitsgefühl" vor. Dieses habe unter den bisherigen
Therapien abgenommen, sei jedoch in den drei Wochen zuvor wieder vermehrt
aufgetreten. Die Schwindelbeschwerden wurden bereits im asim-Gutachten
berücksichtigt. Eine allfällig anhaltende Verschlimmerung in den drei Wochen vor der
Erstattung des Berichts vom 9. Dezember 2009 fällt nicht in den im vorliegenden
Verfahren relevanten Zeitraum. Konkrete Hinweise dafür, dass die asim-Gutachter den
von der Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Universitätsspitals Basel erwähnten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerden zu wenig Beachtung geschenkt hätten, liegen nicht vor. Übrigens hatte
die Beschwerdeführerin gegenüber den Ärzten der Reha Rheinfelden gemäss Bericht
vom 16. Oktober 2009 angegeben, Schwindel trete selten auf und der initial
vorhandene linksbetonte Tinnitus sei inzwischen abgeklungen.
4.4.3 Was die vom Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin mehrfach erwähnten
Berichte von Dr. E._ betrifft, so ist festzuhalten, dass die Allgemeinmedizinerin in den
Berichten vom 23. März und 15. April 2010 (act. G 11.1, 11.2) lediglich auf eine
Verschlechterung des Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin ab März 2010 und
damit über ein Dreivierteljahr nach Verfügungserlass hinweist. Im Bericht vom
21. September 2010 (act. G 21.1) wird zudem ein Vorfall vom 30. August 2010 erwähnt,
der zusätzliche Schmerzen ausgelöst habe. Eine rückwirkende Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit gibt Dr. E._ nicht ab. Im Übrigen stützt sie sich offensichtlich
ausschliesslich auf die subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin ab und nennt
keine objektivierten Befunde, die rückblickend Zweifel an der Zuverlässigkeit der
Einschätzung der asim-Gutachter aufkommen lassen würden.
4.5
4.5.1 In der angefochtenen Verfügung stellt sich die Beschwerdegegnerin auf
den Standpunkt, das asim-Gutachten sei zwar umfassend, berücksichtige die aktuelle
Rechtsprechung zur Fibromyalgie und Dekonditionierung aber nicht. Sie verweist auf
die in BGE 132 V 352 begründete Praxis, wonach eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung als solche in der Regel keine lang dauernde, zu einer Invalidität
führende Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zu bewirken vermag. Ein Abweichen von
diesem Grundsatz fällt nach jener seither konsequent fortgeführten Rechtsprechung
nur in Fällen in Betracht, in denen die festgestellte somatoforme Schmerzstörung nach
Einschätzung des Arztes eine derartige Schwere aufweist, dass der versicherten
Person die Verwertung ihrer verbleibenden Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt bei
objektiver Betrachtung sozial-praktisch nicht mehr zumutbar oder dies für die
Gesellschaft gar untragbar ist. Die – nur in Ausnahmefällen anzunehmende –
Unzumutbarkeit einer willentlichen Schmerzüberwindung und eines Wiedereinstiegs in
den Arbeitsprozess setzt jedenfalls das Vorliegen einer mitwirkenden, psychisch
ausgewiesenen Komorbidität von erheblicher Schwere, Intensität, Ausprägung und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dauer oder aber das Vorhandensein anderer qualifizierter, mit gewisser Intensität und
Konstanz erfüllter Kriterien voraus. So sprechen unter Umständen chronische
körperliche Begleiterkrankungen und mehrjähriger Krankheitsverlauf bei unveränderter
oder progredienter Symptomatik ohne längerfristige Remission, ein ausgewiesener
sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens, ein verfestigter, therapeutisch nicht
mehr angehbarer innerseelischer Verlauf einer an sich missglückten, psychisch aber
entlastenden Konfliktbewältigung (primärer Krankheitsgewinn) oder schliesslich
unbefriedigende Behandlungsergebnisse trotz konsequent durchgeführter ambulanter
und/oder stationärer Behandlungsbemühungen (auch mit unterschiedlichem
therapeutischem Ansatz) und gescheiterte Rehabilitationsmassnahmen bei
vorhandener Motivation und Eigenanstrengung der versicherten Person für die
ausnahmsweise Unüberwindlichkeit der somatoformen Schmerzstörung (m.w.H.
E. 2.2.3; siehe auch BGE 137 V 199 E. 2.2). In BGE 132 V 65 hat das damalige Eidg.
Versicherungsgericht (EVG; seit 1. Januar 2008: sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts) festgehalten, dass die Fibromyalgie zahlreiche mit den somatoformen
Schmerzstörungen gemeinsame Aspekte aufweise, sodass es sich beim aktuellen
Kenntnisstand aus juristischer Sicht rechtfertige, die von der Rechtsprechung im
Bereich der somatoformen Schmerzstörungen entwickelten Grundsätze bei der
Würdigung des invalidisierenden Charakters einer Fibromyalgie analog anzuwenden
(E. 4).
4.5.2 Das asim-Gutachten wurde am 31. Dezember 2007 fertiggestellt. BGE 130
V 352 erging am 12. März 2004, BGE 132 V 65 am 8. Februar 2006. Ab dem Jahr 2004
wurde die sog. Überwindbarkeitspraxis in der juristischen wie medizinischen Lehre
eingehend diskutiert. Auch die kontinuierlich erfolgte explizite Ausdehnung dieser
Praxis auf vergleichbare pathogenetisch (ätiologisch) unklare syndromale Zustände
(vgl. mit Hinweisen auf Urteile betreffend Chronic Fatigue Syndrom, Neurasthenie,
dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen sowie Bewegungsstörungen
BGE 136 V 279 E. 3.2.1 und betreffend nichtorganische Hypersomnie BGE 137 V 64)
fand in der Lehre Beachtung. Vor diesem Hintergrund ist nicht leichtfertig anzunehmen,
dass die erfahrenen Gutachter der asim, einer MEDAS, bei der Erstellung des
Gutachtens über die Beschwerdeführerin im Jahr 2007 keine Kenntnis von dieser
Entwicklung gehabt haben. Entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin kann daher
nicht ohne weiteres angenommen werden, die Gutachter hätten keine Beurteilung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
darüber vorgenommen, ob die von der Beschwerdeführerin geklagten Schmerzen bei
der ihr objektiv zumutbaren Willensanstrengung überwindbar seien. Festgehalten
werden kann bei der vorliegenden Aktenlage lediglich, dass eine Beurteilung der
Zumutbarkeit der Schmerzüberwindung nicht klar erkennbar ist. Ein Hinweis darauf,
dass eine solche implizit dennoch erfolgt ist, könnte etwa darin liegen, dass der
diagnostizierten anhaltenden somatoformen Schmerzstörung kein Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit zugebilligt wurde. Nicht auszuschliessen ist, dass die
Beschwerdeführerin aus rheumatologischer Sicht trotz der mangelnden
Objektivierbarkeit der Schmerzen diese nur teilweise und nicht vollständig überwinden
kann. Auch bei der festgestellten Fibromyalgiesymptomatik ist grundsätzlich nicht
ausgeschlossen, dass der Beschwerdeführerin selbst bei Aufbietung allen guten
Willens nur eine teilweise Überwindung der subjektiv empfundenen Schmerzen gelingt.
Auch betreffend das panvertebrale Schmerzsyndrom und das Zervikozephalsyndrom
wäre diesbezüglich eine Stellungnahme der begutachtenden Mediziner angezeigt.
Indem die Beschwerdegegnerin eine entsprechende Rückfrage bei den Gutachtern des
asim unterlassen hat, hat sie die ihr obliegende Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1
ATSG) verletzt.
4.6 Bei diesem Sachverhalt rechtfertigt es sich, die Sache zur weiteren Abklärung an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Sie wird selbst zu entscheiden haben, ob
eine Rückfrage bei der asim betreffend Beachtung der Überwindbarkeitspraxis
ausreicht oder ob – auch in Berücksichtigung der Tatsache, dass seit der
Begutachtung offenbar gesundheitliche Veränderungen eingetreten sind – eine
Verlaufsbegutachtung angezeigt ist. Auch im Nachgang zu BGE 137 V 210 ist die
Veranlassung eines Gerichtsgutachtens beim vorliegenden Sachverhalt nicht
angezeigt. Einerseits lässt sich der relevante Sachverhalt möglicherweise bereits durch
eine einfache Rückfrage bei den Gutachtern hinreichend erheben (vgl. BGE 137 V 210).
Andererseits liess die Beschwerdeführerin in der Replik selbst die Rückweisung an die
Verwaltung beantragen für den Fall, dass ein materieller Entscheid in der Sache vom
Gericht als nicht möglich erachtet würde. Ihr ist also nicht an der Veranlassung eines
Gerichtsgutachtens gelegen.
5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.1 Gemäss den obenstehenden Erwägungen ist die angefochtene Verfügung
aufzuheben und die Beschwerde teilweise gutzuheissen. Die Sache ist an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese im Sinn der Erwägungen weitere
Abklärungen vornehme und anschliessend über den Rentenanspruch der
Beschwerdeführerin erneut verfüge.
5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als
volles Obsiegen (BGE 132 V 235 E. 6). Die unterliegende Beschwerdegegnerin hat
deshalb die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen. Der von der
Beschwerdeführerin geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihr
zurückzuerstatten.
5.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Diese ist vom Gericht ermessensweise festzusetzen, wobei
insbesondere der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand Rechnung zu tragen
ist (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Der Bedeutung und
dem Aufwand der Streitsache angemessen erscheint eine Parteientschädigung von
pauschal Fr. 3'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP