Decision ID: c114ebff-bf1d-5d1a-904b-782471d5aa6b
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 12. Mai 2017 über seinen Krankentaggeldversicherer
wegen einer mittel- bis schwergradigen Depression mit Entwicklung eines
Erschöpfungssyndroms zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1 und 4). Die
behandelnde Dr. med. B._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, berichtete
am 29. Juli 2017, der Versicherte leide an einer reaktiven Depressivität (ICD-10: F32.1)
und sei aktuell zu 100% arbeitsunfähig (IV-act. 14). Im Bericht vom 24. August 2017
gab der behandelnde Dr. med. C._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, an, der
Versicherte leide mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zusätzlich an einer
grossvolumigen breitbasigen Diskushernie L5/S1 links (IV-act. 19). Dr. med. D._,
Oberarzt an der Klinik für Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen (KSSG),
berichtete der IV-Stelle am 3. Januar 2019, der Versicherte leide mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit an einer lumbalen Diskushernie L5/S1 links mit: radikulärer
Reizsymptomatik S1 links ohne sensomotorische Ausfälle; Status nach Diskushernien-
Operation L5/S1 am 5. September 2017 und Status nach PRT der Nervenwurzel S1
A.a.
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B.
links am 8. August 2017. Da der Versicherte zuletzt im Oktober 2017 in der ambulanten
Sprechstunde gewesen sei, könne er keine Stellung nehmen zur Höhe der
Arbeitsfähigkeit bezogen auf eine leidensangepasste Tätigkeit (IV-act. 72).
In ihrer Stellungnahme vom 30. April 2019 empfahl die RAD-Ärztin Dr. med. E._,
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, eine psychiatrische Begutachtung des
Versicherten. Anhand der vorliegenden Aktenlage seien aus somatischer Sicht in
rückenadaptierter Tätigkeit keine Einschränkungen zu erwarten (IV-act. 117). Daraufhin
teilte die IV-Stelle dem Versicherten am 8. Mai 2019 die Anordnung einer
psychiatrischen Begutachtung durch Prof. Dr. med. F._, Facharzt u.a. für Psychiatrie
und Psychotherapie, mit (IV-act. 118). In seinem gegen den Vorbescheid betreffend
Umschulung vom 29. März 2019 (siehe hierzu IV-act. 110) gerichteten Einwand vom
10. Mai 2019 brachte der Versicherte vor, er könne nicht zu Prof. F._ zur
Begutachtung, weil er diesen schon als Therapeuten ausgesucht habe (IV-act. 121-4
oben). Auf Anfrage der IV-Stelle gab Prof. F._ am 25. Mai 2019 an, dass der
Versicherte um einen Termin in seiner Praxis zur psychiatrischen Behandlung angefragt
habe. In der zweiten Aprilhälfte «2010» (richtig wohl: 2019) habe der Versicherte
bezüglich einer Terminvereinbarung angerufen. Er (Prof. F._) habe um eine
konsiliarische Zuweisung seines Hausarztes mit Angabe der Krankenvorgeschichte und
den Gründen für den Behandlungswunsch gebeten, wie das routinemässig der Fall sei.
Der Versicherte sei bisher nie in seiner Praxis vorstellig geworden, weshalb er ihn nicht
persönlich kenne. Der Versicherte sei von ihm bisher auch nie als Patient exploriert
oder therapiert worden. Zu einer Aufnahme in der Praxis sei es bisher nicht gekommen
(IV-act. 129). Nach einem weiteren Schriftenwechsel zwischen der IV-Stelle und dem
Versicherten (IV-act. 134 ff.) ordnete jene am 11. Juli 2019 eine psychiatrische
Begutachtung durch Prof. F._ an (IV-act. 139).
A.b.
Gegen die Zwischenverfügung vom 11. Juli 2019 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 13. September 2019. Der Beschwerdeführer beantragt darin unter
Kosten- und Entschädigungsfolge deren Aufhebung und die Ersetzung von Prof. F._
durch einen unbefangenen, neutralen psychiatrischen Gutachter. Zur Begründung
bringt der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, Prof. F._ erscheine aufgrund
B.a.
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist die Rechtmässigkeit
der von der Beschwerdegegnerin angeordneten psychiatrischen Begutachtung durch
Prof. F._.
seiner wirtschaftlichen Verflechtung mit der Beschwerdegegnerin und der Ablehnung
der Behandlung durch den nach der Anbahnung des Behandlungsvertrags erteilten
Gutachtensauftrag als befangen (act. G 1).
Die Beschwerdegegnerin beantragt die Abweisung der Beschwerde, da
Prof. F._ unbefangen und unvoreingenommen sei (act. G 6).
B.b.
Mit Schreiben vom 9. Januar 2020 nimmt der Beschwerdeführer nochmals
Stellung (act. G 10).
B.c.
Bei der Anordnung eines Gutachtens handelt es sich um eine Zwischenverfügung
(Art. 55 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG] in Verbindung mit Art. 5 Abs. 2 und Art. 46 des
Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren [VwVG; SR 172.021]). Eine solche
kann unter anderem dann angefochten werden, wenn ein nicht wieder gutzumachender
Nachteil droht (Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 15. April
2010, B 2009/197, E. 2.5; vgl. auch BGE 138 V 275 E. 1.2.1). Für die Beurteilung des
nicht wieder gutzumachenden Nachteils im Kontext des sozialversicherungsrechtlichen
Abklärungsverfahrens mit seinen spezifischen Gegebenheiten ist zu beachten, dass
das medizinische Administrativgutachten in der Regel die wichtigste medizinische
Entscheidgrundlage im Beschwerdeverfahren bildet. Die Mitwirkungsrechte der
versicherten Personen müssen daher bereits vor der Begutachtung durchgesetzt
werden können, bevor präjudizierende Effekte eintreten. Mit Blick auf das begrenzte
Überprüfungsvermögen der rechtsanwendenden Behörden genügt es daher nicht, die
Mitwirkungsrechte erst nachträglich, bei der Beweiswürdigung im Verwaltungs- und
Beschwerdeverfahren, einzuräumen (vgl. BGE 138 V 276 E. 1.2.2). Des Weiteren darf
auch nicht ausser Acht gelassen werden, dass die Anordnung medizinischer
Untersuchungen an einer Person «zweifellos» einen Eingriff in das Grundrecht der
persönlichen Freiheit (Art. 10 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft [BV; SR 101]) darstellt (BGE 136 V 126 E. 4.2.2.1 mit Hinweisen).
Als solcher muss die Anordnung einer Begutachtung die Voraussetzungen von Art. 36
1.1.
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2.
Vorliegend kann die Frage nach der Unvoreingenommenheit von Prof. F._
offenbleiben. Denn wie sich aus nachfolgenden Ausführungen ergibt, ist die
angeordnete monodisziplinäre Abklärungsmassnahme bereits aus anderen Gründen
aufzuheben.
BV erfüllen, was im Bestreitungsfall gerichtlich überprüfbar sein muss. Auf die
Beschwerde ist daher einzutreten, was von den Parteien auch nicht bestritten wird.
Art. 43 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) statuiert die Sachverhaltsabklärung von
Amtes wegen, wobei es im Ermessen des Versicherungsträgers liegt, darüber zu
befinden, mit welchen Mitteln diese zu erfolgen hat. Im Rahmen der Verfahrensleitung
kommt ihm ein grosser Ermessensspielraum bezüglich der Notwendigkeit, des
Umfangs und der Zweckmässigkeit von medizinischen Erhebungen zu. Was zu
beweisen ist, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den
Untersuchungsgrundsatz hat der Sozialversicherer den Sachverhalt soweit zu ermitteln,
dass er über den Leistungsanspruch zumindest mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit entscheiden kann. Der Untersuchungsgrundsatz
wird ergänzt durch die Mitwirkungspflichten der versicherten Person. Danach hat sich
diese den ärztlichen oder fachlichen Untersuchungen zu unterziehen, wenn sie
zumutbar sind. Nach dem Wortlaut von Art. 43 Abs. 1 und Abs. 2 ATSG müssen diese
aber auch notwendig und somit von entscheidender Bedeutung für die Erstellung des
rechtserheblichen Sachverhalts sein (Urteil des Bundesgerichts vom 29. Mai 2007,
U 571/2006, E. 4.1 mit Hinweisen). Diese Grundsätze ergeben sich zwingend aus der
im Rahmen der Prüfung der Rechtmässigkeit eines Grundrechtseingriffs
vorzunehmenden Verhältnismässigkeitsprüfung (Art. 36 Abs. 3 BV). Zu ergänzen bleibt,
dass die konkret angeordnete Abklärungsmassnahme demnach auch geeignet bzw.
tauglich sein muss, ein aussagekräftiges Beweisergebnis zu liefern.
1.2.
Die umfassende administrative Erstbegutachtung ist regelmässig polydisziplinär
anzulegen. Eine polydisziplinäre Expertise ist namentlich auch dann einzuholen, wenn
der Gesundheitsschaden zwar bloss als auf eine oder zwei medizinische Disziplinen
fokussiert erscheint, die Beschaffenheit der Gesundheitsproblematik aber noch nicht
vollends gesichert ist. In begründeten Fällen kann von einer polydisziplinären
Begutachtung abgesehen und eine mono- oder bidisziplinäre durchgeführt werden,
sofern die medizinische Situation offenkundig ausschliesslich ein oder zwei
Fachgebiete beschlägt; weder dürfen weitere interdisziplinäre Bezüge (z.B.
2.1.
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internistischer Art) notwendig sein noch darf ein besonderer arbeitsmedizinischer bzw.
eingliederungsbezogener Klärungsbedarf bestehen (BGE 139 V 352 E. 3.2).
Aus den Akten ergeben sich deutliche Hinweise darauf, dass nicht bloss das
depressive Leiden des Beschwerdeführers eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
hat. Dr. Mock mass der lumbalen Diskushernie L5/S1 im Bericht vom 3. Januar 2019
eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zu. Betreffend einer rückenadaptierten
Tätigkeit sehe er «keine wesentlichen Einschränkungen». Aktuell könne er dazu
allerdings kaum Stellung nehmen, da der Beschwerdeführer zuletzt am 6. Oktober
2017 (IV-act. 72-2) in der ambulanten Sprechstunde gewesen sei (IV-act. 72-3). Die
Frage, welche Funktionseinschränkungen bestünden, könne er nicht beantworten (IV-
act. 72-4). Jedenfalls enthalten die vagen Ausführungen von Dr. D._ keine
überzeugende Beurteilung der qualitativen und quantitativen Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers. Aus dem Sprechstundenbericht vom 19. Oktober 2017 geht
zudem hervor, dass nach der Operation vom 5. September 2017 die Schmerzen
komplett verschwunden waren, jedoch schon wenige Wochen später wieder
Schmerzen links über dem Gesäss sowie dem unteren Schienbein auftraten (IV-
act. 72-7). Gegenüber der Beschwerdegegnerin berichtete der Beschwerdeführer am
19. Dezember 2018, dass die Schmerzsymptomatik aufgrund des Rückens im
Vordergrund stehe. Deshalb sei er auch bei der Psychiaterin und nehme Medikamente
ein (IV-act. 112-9). In der Stellungnahme vom 4. Februar 2019 (Datum Akteneingang)
äusserte er, dass er auch an physischen Belastungen leide. Die Schmerzen nach der
LWS-Operation seien erwartet worden und seien bis heute vorhanden. Die Schmerz-
Belastung sei mit erhöhter Disziplin und Zeitaufwand ohne Analgetikum «hoch aber
handelbar» (IV-act. 82-3 f.). In damit zu vereinbarender Weise ging auch Dr. B._ am
23. Oktober 2018 davon aus, dass die «Schmerzen nach LWS-OP» als objektivierbare
Funktionsausfälle geeignet seien, eine Arbeitsunfähigkeit in ideal leidensangepasster
Tätigkeit zu begründen (IV-act. 61-3 oben). Der weitere Gesundheitsverlauf sei zudem
vom Schmerzsyndrom abhängig (IV-act. 61-3 Mitte). Vor diesem Hintergrund erweist
sich das gesundheitliche Leiden nicht bloss aus psychiatrischer, sondern mit Blick auf
das Rückenleiden bzw. die dadurch verursachte Schmerzsituation auch aus
somatischer Sicht als abklärungsbedürftig. Daran ändert nichts, dass die RAD-Ärztin
Dr. E._, die weder über eine rheumatologisch/orthopädische Facharztausbildung
verfügt noch den Beschwerdeführer persönlich untersuchte, in der Stellungnahme vom
30. April 2019 ohne nähere Begründung bezüglich der somatischen Leiden ausführte,
anhand der vorliegenden Aktenlage seien aus somatischer Sicht in rückenadaptierter
Tätigkeit keine Einschränkungen zu erwarten (IV-act. 117-2 oben). Diese Einschätzung
steht ausserdem im Widerspruch zu ihrer früheren Einschätzung vom 3. Dezember
2.2.
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3.
2018, worin sie «aus rein somatischer Sicht» bezogen auf leidensangepasste
Tätigkeiten noch von einer bloss ca. 50%igen Arbeitsfähigkeit ausging (IV-act. 64-3
oben). Ein Abklärungsbedarf ist ferner umso mehr ausgewiesen, als gerade unklar ist,
welche qualitativen Anforderungen aufgrund der somatischen Leiden konkret und
detailliert zu beachten sind und Dr. E._ diesbezüglich in der Stellungnahme vom
3. Dezember 2018 ebenfalls noch von einem Abklärungsbedarf ausging, da der Einfluss
der bestehenden Rückenproblematik auf die Arbeitsfähigkeit weitgehend unklar sei (IV-
act. 64-3 unten).
Nach dem Gesagten bestehen sowohl aus somatischer als auch psychiatrischer
Sicht abklärungsbedürftige Gesundheitsschäden, wobei zusätzlich Hinweise auf
Wechselwirkungen aktenkundig sind (zum Schmerzsyndrom siehe etwa IV-act. 61-3
Mitte). Im Rahmen der am 6. Dezember 2016 vom Krankentaggeldversicherer
durchgeführten Erstabklärung wurde denn auch ausdrücklich von psychosomatischen
Anteilen ausgegangen (fremd-act. 1-3; zur Somatisierung siehe IV-act. 13-1). Hinzu
kommt, dass die bislang vom Beschwerdeführer geklagten Kopfschmerzen und das
aktenkundige Zittern (fremd-act. 1-3 Mitte; IV-act. 14-2 unten und IV-act. 117-2) soweit
ersichtlich bislang noch nicht abgeklärt wurden. Aufgrund der geklagten kognitiven
Defizite (siehe etwa IV-act. 14-5, IV-act. 19-2 unten, IV-act. 61-2 Mitte), die bei der
RAD-Ärztin Dr. E._ Zweifel an einer stabilen Ausbildungsfähigkeit des
Beschwerdeführers mitbegründeten (IV-act. 64-3 Mitte), ist zudem ein
neuropsychologischer Abklärungsbedarf ausgewiesen. Angesichts dieser
Vielschichtigkeit des Leidensbilds und der damit allenfalls verbundenen
Wechselwirkungen erweist sich die Anordnung einer monodisziplinären Begutachtung
als klar ungenügend. Stattdessen ist eine polydisziplinäre (zumindest psychiatrisch,
orthopädisch, allgemein-/internistisch und neuropsychologische) Begutachtung des
Beschwerdeführers erforderlich (vgl. BGE 139 V 352 E. 3.2). Es wird Sache der/des
allgemeininternistischen bzw. internistischen Gutachterin/Gutachters sein, über den
Beizug weiterer Fachdisziplinen (wie etwa der Neurologie) zu befinden.
2.3.
Nach dem Gesagten ist die angefochtene Zwischenverfügung vom 11. Juli 2019
aufzuheben und die Sache zur umfassenden polydisziplinären Erstbegutachtung des
Beschwerdeführers an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die zu beauftragende
Gutachterstelle ist im Rahmen von Art. 72 der Verordnung über die
Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) zu bestimmen.
3.1.
bis
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