Decision ID: 5782d718-f233-4542-96de-7f9b382f8d38
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 09.03.2018 Art. 21 IVG. Art. 17 Abs. 2 ATSG. Hilfsmittel. Kommunikationsgerät. Revision. Stand der Technik. Ein technischer Fortschritt bei Hilfsmitteln kann als eine revisionsrechtlich relevante Sachverhaltsveränderung qualifiziert werden, die die Abgabe eines neuen, dem aktuellen Stand der Technik entsprechenden Hilfsmittels rechtfertigen kann (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 9. März 2918, IV 2017/49). Entscheid vom 9. März 2018
Besetzung
Präsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und Karin Huber-
Studerus; Gerichtsschreiber Tobias Bolt
Geschäftsnr.
IV 2017/49
Parteien
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Advokat lic. iur. Martin Boltshauser, c/o Procap Schweiz,
Frohburgstrasse 4, Postfach, 4601 Olten,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
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Beschwerdegegnerin,
Gegenstand
Hilfsmittel (Kommunikationsgerät)
Sachverhalt
A.
A.a Im Januar 2007 beantragten die Eltern des im Jahr 2003 geborenen und an einer
Trisomie 21 leidenden (vgl. IV-act. 8) A._ die Abgabe eines Kommunikationsgerätes
„Go Talk 20+“ (IV-act. 42). Sie führten an, ihr Sohn befinde sich seit April 2006 in einer
Frühförderung mit dem Schwerpunkt „unterstützte Kommunikation“. Aufgrund eines
allgemeinen Sprachentwicklungsrückstandes und einer verzögerten, expressiven
Spracherwerbsstörung könne er nur zwei, drei Wörter verbalisieren. Sein passiver
Wortschatz sei um einiges grösser, aber er könne diesen ohne ein Hilfsmittel nicht
nutzen. Der Versicherte lerne bereits die Verständigung mittels Gebärden und Gesten.
Um mit seiner Umwelt in Kontakt treten zu können, sei er aber auf eine zusätzliche
Kommunikationshilfe angewiesen. Mit einer Mitteilung vom 19. Februar 2007 sprach
die IV-Stelle dem Versicherten unter der Bedingung eines erfolgreichen
Gebrauchstrainings leihweise ein Kommunikationsgerät vom Typ „Go Talk 20+“ zu (IV-
act. 43). Im August 2007 notierte eine Sachbearbeiterin der IV-Stelle (IV-act. 46), der
Versicherte könne gut mit dem Gerät umgehen. Er setze es hauptsächlich beim
Einkaufen und dazu ein, um mitzuteilen, was er spielen möchte.
A.b Im April 2009 beantragte die Mutter des Versicherten die Abgabe eines
Kommunikationsgerätes vom Typ „Dynavox“ (IV-act. 51). Zur Begründung führte sie an,
bei ihrem Sohn bestehe eine Diskrepanz zwischen der kognitiven Entwicklung und der
verzögerten Sprachkommunikation. Die eingeschränkten Kommunikationsfähigkeiten
führten zu Frustrationen und Resignation. Mit entsprechenden Hilfsmitteln könne der
Versicherte aber ausdauernd und konzentriert arbeiten. Er sei motorisch und kognitiv in
der Lage, mit Bildern und Piktogrammen umzugehen. Angesichts seines grossen
passiven Wortschatzes könnte er von einem „Dynavox“ erheblich profitieren. Im Mai
2009 forderte die IV-Stelle den Hersteller des „Dynavox“ auf, verschiedene Fragen zum
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vorgesehenen Einsatz des Gerätes zu beantworten (IV-act. 53). Dieser gab in der Folge
an (IV-act. 54), der Versicherte habe das Kommunikationsgerät „Go Talk 20+“ intensiv
genutzt. Angesichts der erfreulichen Entwicklung in den letzten zwei Jahren genüge
dieses Gerät aber nicht mehr den aktuellen Anforderungen des Versicherten. Das Ziel
sei ein Einsatz des Kommunikationsgerätes in der Freizeit, in der Schule und zuhause.
Der vorgesehene Einsatz sei mit der Kindergärtnerin abgesprochen. Diese werde sich
hinsichtlich der unterstützten Kommunikation professionell beraten lassen. Mit einer
Mitteilung vom 3. Juni 2009 sprach die IV-Stelle dem Versicherten unter der Bedingung
eines erfolgreichen Gebrauchstrainings leihweise ein Kommunikationsgerät „Dynavox“
zu (IV-act. 55). Am 1. Februar 2010 berichtete ein Berater für elektronische Hilfsmittel
(IV-act. 63), das Gebrauchstraining sei erfolgreich abgeschlossen worden. Es habe sich
gezeigt, dass der Versicherte die für die Bedienung des Systems erforderlichen
Fähigkeiten besitze und das Kommunikationsgerät effektiv für den täglichen Kontakt
mit der Umwelt, in der Schule und im Alltag, einsetze. Am 9. Februar 2010 forderte die
IV-Stelle den Berater auf, einen detaillierten Bericht zu verfassen (IV-act. 65). Die Mutter
des Versicherten teilte am 8. März 2010 mit (IV-act. 66), dieser habe das Gerät ständig
bei sich, obwohl jeweils eine andere Person das Gerät für ihn tragen müsse, da es ihm
zu schwer sei. Er benutze es im Kindergarten („Gspänli“ benennen, Spiele auswählen,
an Spielen teilnehmen, basteln) und zuhause (Spiele auswählen, Zielorte benennen,
Wegbegleitung wählen, Telefongespräche führen, Essenswünsche angeben, backen).
Ohne die Kommunikationshilfe könnte er nur über das Hier und Jetzt und nur mit
körpereigenen Formen und wenigen Worten sprechen. Mit dem „Dynavox“ könne er
auch über Distanz differenziert kommunizieren und komplexe Aussagen tätigen. Die IV-
Stelle könne den Versicherten gerne einige Stunden begleiten, um sich ein eigenes Bild
vom Einsatz des Gerätes zu machen. Am 27. April 2010 teilte die IV-Stelle dem
Gerätehersteller mit (IV-act. 67), dass sie nur ein Kommunikationsgerät mit dem
notwendigsten Zubehör abgeben werde. Sie ersuche um eine entsprechend korrigierte
Offerte, damit sie das Hilfsmittel dem Versicherten definitiv abgeben könne (vgl. auch
IV-act. 69). Das Verfahren betreffend das Gerät „Dynavox“ wurde offenbar am 2. Juli
2010 mit einer Vergütung der Kosten dieses Kommunikationsgerätes durch die IV-
Stelle abgeschlossen (IV-act. 72).
A.c Am 1. April 2012 beantragten die Eltern des Versicherten die Abgabe eines
Kommunikationsgerätes vom Typ „Dynavox Maestro“ (IV-act. 83). Zur Begründung
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führten sie aus, ihr Sohn benutze den „Dynavox“ zwar sehr intensiv, aber das Gerät sei
zu schwer für ihn. Er benötige ein Gerät mit einem vergleichbaren Funktionsumfang,
das leichter und damit auch portabler sei. Ein Fachmitarbeiter der IV-Stelle notierte am
16. Mai 2012 (IV-act. 85), der „Dynavox“ sei vor der definitiven Abgabe als Hilfsmittel
eingehend evaluiert worden. Das Gewicht sei damals bereits ein Thema gewesen, aber
am Ende seien alle Beteiligten vom Gerät überzeugt gewesen. Der Funktionsumfang
sei so gross, dass der Versicherte diesen wohl kaum je werde ausschöpfen können.
Wahrscheinlich komme er mit dem Gerät nun doch nicht so gut zurecht wie
angenommen. Wenn nicht das neue Gerät „Maestro“ erschienen wäre, wäre niemand
(bereits nach zwei Jahren) auf die Idee gekommen, die Abgabe eines neuen
Kommunikationsgerätes zu beantragen. Der Antrag müsse abgewiesen werden. Mit
einem Vorbescheid vom 7. Juni 2012 teilte die IV-Stelle den Eltern des Versicherten
mit, dass sie das Leistungsbegehren abweisen werde (IV-act. 87). Dagegen wandten
diese am 26. Juni 2012 ein (IV-act. 89), der vernachlässigbare Gewichtsunterschied
zwischen den Geräten und die nur gering besser erscheinende Handlichkeit des
„Maestro“ wirkten sich für den Versicherten entscheidend aus. Mit dem leichteren,
handlicheren Gerät habe er wesentlich bessere Möglichkeiten, im Alltag ständig
differenziert zu kommunizieren. Mit einer Verfügung vom 13. August 2012 wies die IV-
Stelle das Begehren ab (IV-act. 91).
A.d Am 13. Oktober 2016 beantragten die Eltern des Versicherten die Abgabe eines
neuen Kommunikationsgerätes (IV-act. 141). Am 21. Oktober 2016 notierte ein
Fachbearbeiter der IV-Stelle (IV-act. 142), bei einer Abklärung der Hilflosigkeit des
Versicherten in der Wohnung der Eltern im Frühjahr 2016 sei festgestellt worden (vgl.
IV-act. 133), dass dieser sich im Alltag mit Zwei- bis Drei-Wort-Sätzen mitteilen könne.
„Interessanterweise, aber nicht überraschend“ werde der „Dynavox“ ausschliesslich in
der Schule zu therapeutischen Zwecken benutzt. Für den normalen Schulalltag werde
das Gerät kaum als Kommunikationsbehelf eingesetzt, da der Versicherte ja
unterdessen gelernt habe, sich in Zwei- bis Drei-Wort-Sätzen mitzuteilen. Zuhause
würden zu Unterstützungszwecken noch ganz gewöhnliche Piktogramme eingesetzt.
Das erwähnte iPad werde wohl eher für Beschäftigungszwecke (Spiele) eingesetzt, da
der Einsatz von zwei verschiedenen Sprachsystemen (gemeint wohl: „Dynavox“ versus
iPad-App) kontraproduktiv wäre. Die Aussendienstmitarbeiterin der IV-Stelle habe mit
dem Versicherten in einem bescheidenen Rahmen ein Gespräch führen können. Im
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Alltag kommuniziere der Versicherte also „nach so langen sprachfördernden
Massnahmen unter Einsatz eines teuren, komplexen Kommunikationsgerätes“ ohne
dieses elektronische Gerät mit Gestik und Lautsprache. Das Gerät werde nur für
sprachfördernde therapeutische Zwecke eingesetzt, was ohne Frage nutzbringend,
aber nicht von der Invalidenversicherung zu finanzieren sei. Vor der Abweisung des
Leistungsbegehrens seien jedoch noch die sonderpädagogischen Schulberichte der
letzten zwei Jahre einzuholen und zu würdigen. Laut dem Bericht für das Schuljahr
2015/2016 (IV-act. 148) hatte der Versicherte in jenem Schuljahr Fortschritte bezüglich
seiner kommunikativen Fähigkeiten gemacht. Er hatte Zwei- und Drei-Element-Sätze
gebildet, seinen Wortschatz erweitert und eine deutlichere Aussprache als im Vorjahr
gezeigt. Für direkte Kommunikationssituationen innerhalb des Schulhauses hatte er
weiter den „Dynavox“ eingesetzt. Als Förderziele waren im Bericht die angepasste
Kontaktaufnahme mit den Mitschülern, eine Förderung des Verständnisses für
verschiedene Präpositionen, das Erlernen von weiteren Lauten und eine Vertiefung der
Auseinandersetzung mit der unterstützten Kommunikation genannt worden. Im Bericht
betreffend das Schuljahr 2014/2015 war unter anderem beschrieben worden, wie der
Versicherte den „Dynavox“ im Schulalltag eingesetzt hatte (IV-act. 149). Der
Fachmitarbeiter der IV-Stelle notierte am 8. November 2016 (IV-act. 150), die
Schulberichte bestätigten den Verdacht, dass der Versicherte den „Dynavox“ im Alltag
kaum verwende. Das entspreche auch der allgemeinen Erfahrung bezüglich Kindern,
die an einer Trisomie 21 litten, denn für diese stelle die Verwendung eines
elektronischen Kommunikationsgerätes eine ein hohes Mass an Wille und Ausdauer
erforderliche Anstrengung dar. Sofern sie sich einigermassen verständlich ausdrücken
könnten (was beim Versicherten der Fall sei), bedienten sie sich einfacherer
Kommunikationsmittel, nämlich der Gestik und der Lautsprache. Der Versicherte sei
also nicht mehr auf ein elektronisches Kommunikationsgerät angewiesen, weshalb das
Leistungsbegehren abgewiesen werden müsse. Noch am selben Tag teilte die IV-Stelle
den Eltern des Versicherten mit einem Vorbescheid mit, dass sie das
Leistungsbegehren abweisen werde (IV-act. 151). Dagegen liessen diese am 9.
Dezember 2016 einwenden (IV-act. 154), der Versicherte benötige das elektronische
Kommunikationsgerät trotz der zwischenzeitlich erzielten Fortschritte nach wie vor in
der Schule und im Alltag. Die Akten belegten, dass er sich ohne den „Dynavox“ nur in
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einem sehr bescheidenen Rahmen mitteilen könne. Mit einer Verfügung vom 13.
Dezember 2016 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab (IV-act. 155).
B.
B.a Dagegen liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) am 1. Februar
2017 eine Beschwerde erheben (act. G 1). Sein Rechtsvertreter beantragte die
Aufhebung der Verfügung und die „Weiterausrichtung“ eines elektronischen
Kommunikationsgerätes. Zur Begründung führte er an (act. G 3), der behandelnde
Kinderarzt Dr. med. B._ habe in einem Bericht vom 14. Dezember 2016 bestätigt (vgl.
act. G 3.1), dass der Beschwerdeführer trotz der erzielten Fortschritte weiterhin auf ein
elektronisches Kommunikationsgerät angewiesen sei. Dieses müsse schnell arbeiten
und dürfe für den Transport nicht zu schwer sein. Da der Beschwerdeführer mittlerweile
allein mit dem Bus zur Schule fahre, komme es immer wieder zu Situationen, in denen
er sich mitteilen müsse. Er sei dann jeweils rasch überfordert, finde die Wörter nicht
oder könne diese nicht abrufen, weshalb er auf einen Sprachcomputer müsse
zurückgreifen können. Auch die heilpädagogische Schule habe angegeben (vgl. act. G
3.2), dass der Beschwerdeführer nur ganz einfache Wortäusserungen machen könne,
die lediglich verständlich seien, wenn das Gegenüber den geschilderten Kontext gut
kenne. Ohne einen Sprachcomputer könne der Beschwerdeführer deshalb nur einen
kleinen Kreis von Kommunikationspartnern erreichen und auch mit diesen nur sehr
limitiert kommunizieren.
B.b Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 6. April 2017
die Abweisung der Beschwerde (act. G 6). Zur Begründung führte sie an, aus den
Akten gehe hervor, dass der Beschwerdeführer sich verbal verständigen könne. So
könne er beispielsweise mit den Mitschülern angepasst Kontakt aufnehmen. Den
„Dynavox“ verwende er nur für direkte Kommunikationssituationen innerhalb des
Schulhauses. Zuhause würden ein iPad und Piktogramme eingesetzt. Das
elektronische Kommunikationsgerät werde also gar nicht für den Alltag benötigt.
B.c Der Beschwerdeführer liess am 20. Juni 2017 an seinen Anträgen festhalten (act.
G 10). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 12).

Erwägungen
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1.
1.1 Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer mit einer Mitteilung vom 3.
Juni 2009 ein Kommunikationsgerät zugesprochen. Diese Mitteilung ist bei der
Eröffnung jenes Verwaltungsverfahrens, das mit der angefochtenen Verfügung vom 13.
Dezember 2016 abgeschlossen worden ist, längst verbindlich gewesen. Eine erneute
Prüfung eines Anspruchs auf ein Kommunikationsgerät ist deshalb nur noch unter den
Voraussetzungen des Art. 17 Abs. 2 ATSG (Revision), des Art. 53 Abs. 1 ATSG (sog.
prozessuale Revision) oder des Art. 53 Abs. 2 ATSG (Wiedererwägung) zulässig
gewesen. Auf den ersten Blick scheint vorliegend keine dieser Voraussetzungen erfüllt
zu sein, denn in den Akten findet sich weder ein Hinweis auf eine erhebliche
Veränderung des Hilfsmittelbedarfs des Beschwerdeführers in Bezug auf die
Kommunikation (die eine Revision im Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG erlauben würde)
noch ein Anhaltspunkt dafür, dass die ursprüngliche leistungszusprechende Mitteilung
vom 3. Juni 2009 von Beginn weg an einem qualifizierten Mangel gelitten hätte, der zu
einer sogenannt prozessualen Revision (Art. 53 Abs. 1 ATSG) oder zu einer
Wiedererwägung (Art. 53 Abs. 2 ATSG) zwingen würde. Allerdings hat sich in der Zeit
zwischen der Eröffnung der ursprünglichen leistungszusprechenden Mitteilung vom 3.
Juni 2009 und dem Einreichen des neuen Leistungsbegehrens am 13. Oktober 2016
der technische Stand der Kommunikationsgeräte verändert. Namentlich sind neue
Geräte auf dem Markt erschienen, die – bei einem im Wesentlichen identischen
Funktionsumfang – leichter und handlicher sind. Das neue Begehren vom 13. Oktober
2016 hat auf einen Ersatz des bisherigen Kommunikationsgerätes durch ein
aktuelleres, handlicheres Kommunikationsgerät ex nunc et pro futuro abgezielt. Es
muss sich dabei also um ein Revisionsbegehren im Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG
gehandelt haben. Dieses ist mit der „atypischen“ Begründung versehen gewesen, nicht
der leistungsbegründende Hilfsmittelbedarf, sondern die Versorgungsmöglichkeiten auf
dem Kommunikationsgerätemarkt hätten sich nach der ursprünglichen
Leistungszusprache gestützt auf die Mitteilung vom 3. Juni 2009 erheblich verändert.
Nun erlaubt der Art. 17 Abs. 2 ATSG eine Revision einer Dauerleistung nicht nur bei
einer in der Person des Versicherten liegenden Sachverhaltsveränderung, sondern
vielmehr bei jeder Veränderung des für den Anspruch relevanten Sachverhaltes.
Darunter fallen auch Veränderungen bezüglich der
Hilfsmittelversorgungsmöglichkeiten. Trotz der „atypischen“ Begründung des
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veränderten Standes der Technik bezüglich der Kommunikationsgeräte hat es sich also
beim Begehren vom 13. Oktober 2016 um ein „gewöhnliches“ Revisionsbegehren im
Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG gehandelt. Im Zuge der Sachverhaltsabklärung haben
sich dann allerdings auch Hinweise auf eine Verbesserung der
Kommunikationsfähigkeit des Beschwerdeführers (Möglichkeit, Zwei- und Drei-Wort-
Sätze zu bilden) ergeben. Dadurch, dass die Beschwerdegegnerin diesen Hinweisen
nachgegangen ist, hat sich das Wesen des Verwaltungsverfahrens nicht geändert,
denn es ist nach wie vor ein Revisionsverfahren gewesen, das jedoch die Frage nach
einer erheblichen Veränderung von zwei Sachverhaltselementen (nämlich nach dem
Stand der Technik und nach der Kommunikationsfähigkeit des Beschwerdeführers)
zum Gegenstand gehabt hat.
1.2 Das in der Folge eröffnete Verwaltungsverfahren ist also auf die beiden Fragen
beschränkt gewesen, ob sich der Stand der Technik bezüglich der
Kommunikationsgeräte oder die Kommunikationsfähigkeit des Beschwerdeführers seit
der ursprünglichen Leistungszusprache mit der Mitteilung vom 3. Juni 2009 in einer für
den Anspruch relevanten Weise verändert hatte. Entgegen einer anderslautenden
bundesgerichtlichen Rechtsprechung (vgl. statt vieler BGE 141 V 9) haben die
unverändert gebliebenen Sachverhaltselemente nicht neu geprüft werden dürfen. Der
Wortlaut des Art. 17 ATSG verlangt nämlich einen Zusammenhang zwischen einer
Leistungsanpassung und einer Sachverhaltsveränderung; gemäss dem Art. 17 Abs. 1
ATSG ist eine Rente „entsprechend“ der Sachverhaltsveränderung anzupassen. In
systematischer Hinsicht ist massgebend, dass dem
Sozialversicherungsverfahrensrecht – wie auch dem allgemeinen
Verwaltungsverfahrensrecht – der Grundsatz zugrunde liegt, dass eine formell
rechtskräftige Verfügung verbindlich ist beziehungsweise nicht ohne weiteres
modifiziert werden kann. Diese Bindungswirkung entfaltet eine Verfügung nicht nur
gegenüber dem Verfügungsadressaten, sondern auch gegenüber der verfügenden
Behörde und sogar gegenüber einem Gericht. Die verfahrensrechtlichen Möglichkeiten
zur Modifikation einer formell rechtskräftigen Verfügung werden im ATSG
abschliessend genannt. Sofern nicht die engen Voraussetzungen für die Anwendung
eines dieser Korrekturinstrumente (Art. 17 ATSG, Art. 53 Abs. 1 ATSG, Art. 53 Abs. 2
ATSG) erfüllt sind, kommt eine Modifikation einer formellen Verfügung nicht in Frage.
Nur die sogenannt prozessuale Revision und die Wiedererwägung zielen dabei auf die
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Korrektur eines Fehlers ab, der von Beginn weg bestanden hat. Das Ziel eines
entsprechenden Verfahrens ist eine die unrichtige Verfügung ex tunc ersetzende neue
Verfügung, die nun in allen Belangen richtig ist. Die Revision (Art. 17 ATSG) zielt
dagegen nicht auf die Korrektur einer von Beginn weg unrichtigen Verfügung ab,
sondern dient einem völlig anderen Zweck: Wenn eine ursprünglich richtige Verfügung
betreffend eine Dauerleistung infolge einer unerwarteten nachträglichen
Sachverhaltsveränderung für die Zukunft unrichtig wird, soll sie mittels einer Revision
an die Sachverhaltsveränderung angepasst werden, damit sie auch für die Zukunft
richtig bleibt. Erweist sich eine formell rechtskräftige Verfügung hinsichtlich eines
Sachverhaltselements als unrichtig, das sich nach der Verfügungseröffnung nicht
verändert hat, muss sie diesbezüglich logischerweise von Beginn weg unrichtig
gewesen sein. Würde die Verwaltung einen solchen Fehler im Zuge einer Revision (Art.
17 ATSG) korrigieren, würde sie eine Modifikation vornehmen, für die eines der beiden
Verfahrensinstrumente zur Behebung einer ursprünglichen Unrichtigkeit – sogenannt
prozessuale Revision oder Wiedererwägung – angewendet werden müsste. Entgegen
der bundesgerichtlichen Rechtsprechung dient die Revision (Art. 17 ATSG) also gerade
nicht dazu, eine in sämtlichen Belangen richtige Verfügung zu kreieren. Ihr Sinn und
Zweck beschränkt sich nur darauf, eine Dauerleistung an eine nachträgliche
Sachverhaltsveränderung anzupassen. Die Behebung von ursprünglich begangenen
Fehlern ist die Aufgabe der sogenannt prozessualen Revision oder der
Wiedererwägung. Diese Unterscheidung ist deshalb von elementarer Wichtigkeit, weil
eine Vermengung im Sinne der bundesgerichtlichen Rechtsprechung dazu führen
würde, dass im Revisionsverfahren eine „verkappte“ Wiedererwägung durchgeführt
werden könnte, ohne dass die Voraussetzungen des Art. 53 Abs. 2 ATSG erfüllt wären.
Das liefe augenscheinlich auf eine Untergrabung des Grundsatzes der allseitigen
Verbindlichkeit einer formell rechtskräftigen Verfügung hinaus (vgl. zum Ganzen auch
Ralph Jöhl, Die Revision nach Art. 17 ATSG, in: JaSo 2012, S. 153 ff.), weshalb sich der
Gegenstand eines Revisionsverfahrens nach der ständigen Praxis des
Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen nur auf jene Sachverhaltselemente
beschränkt, die sich wesentlich verändert haben (vgl. etwa den Entscheid EL 2016/31
des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 20. Oktober 2017, E. 1.1).
2.
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2.1 Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer gestützt auf die Mitteilung
vom 3. Juni 2009 einen „Dynavox VMax“ abgegeben (vgl. IV-act. 68–1), der 3,1 kg
wiegt und 32cm × 25cm × 7,6cm gross ist (vgl. IV-act. 64–2). Den vorliegenden Akten
lässt sich nicht entnehmen, wie schwer und gross ein aktuelles Kommunikationsgerät
mit einem identischen Funktionsumfang im Zeitpunkt der Eröffnung der angefochtenen
Verfügung gewesen ist. Die Beschwerdegegnerin hat es also versäumt, Abklärungen zu
einem der beiden allein massgebenden Sachverhaltselemente zu tätigen. Auch
bezüglich der Kommunikationsfähigkeit des Beschwerdeführers erweist sich der
massgebende Sachverhalt aber als ungenügend abgeklärt. Den Berichten der Schule
lassen sich zwar Hinweise auf eine mögliche Verbesserung der
Kommunikationsfähigkeit seit der ursprünglichen Leistungszusprache entnehmen. So
soll der Beschwerdeführer mittlerweile fähig sein, einfache Zwei- und Drei-Wort-Sätze
zu bilden und sich mittels der Lautsprache zu verständigen. In den Akten finden sich
aber auch Hinweise, die gegen eine wesentliche Verbesserung der
Kommunikationsfähigkeit des Beschwerdeführers sprechen. Gemäss den
Ausführungen der Pädagogen sind die Aussagen des Beschwerdeführers auf
einfachste Inhalte beschränkt und nur verständlich, wenn der Kontext genau bekannt
ist. Zudem kann sich der Beschwerdeführer offenbar nur dann selbst verständigen,
wenn er sich in einer vertrauten Situation mit einem vertrauten Gesprächspartner
befindet. Die Beschwerdegegnerin hat die Kommunikationsfähigkeit des
Beschwerdeführers offenbar auch deshalb überschätzt, weil sie die im Bericht zum
Schuljahr 2015/2016 erwähnten Förderziele versehentlich als bereits erzielte
Fortschritte missverstanden hat. Jedenfalls lässt sich die relevante Frage, ob der
Beschwerdeführer noch auf ein Kommunikationsgerät angewiesen ist, anhand der
Akten nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
beantworten. Auch diesbezüglich hat die Beschwerdegegnerin also ihre
Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) verletzt. Die angefochtene
Revisionsverfügung vom 13. Dezember 2016 erweist sich damit als rechtswidrig,
weshalb sie aufgehoben werden muss. Die Sache ist zur weiteren Abklärung bezüglich
des aktuellen Standes der Technik bezüglich der Kommunikationsgeräte sowie der
aktuellen Kommunikationsfähigkeiten des Beschwerdeführers und zur anschliessenden
neuen Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
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2.2 Mit Blick auf die weitere Sachverhaltsabklärung ist darauf hinzuweisen, dass
angesichts der aktuellen Bedürfnisse des Beschwerdeführers hinsichtlich eines
Kommunikationsgerätes möglicherweise eine Versorgung mit einem handelsüblichen
„Tablet“ und einer entsprechenden Software-Applikation ausreichend sein könnte. Ein
„iPad“ wiegt beispielsweise – je nach Version – nur gerade 477g beziehungsweise 692g
und ist auch wesentlich schmaler und etwas kleiner als der „Dynavox VMax“: 25,1cm ×
17,4cm × 0,6cm respektive 30,6cm × 22,1cm × 0,7cm (vgl. die Website des Herstellers
„Apple“; <https://www.apple.com/chde/ipad-pro/specs/>, aufgerufen am 7. Februar
2018). Die in Frage kommenden Konkurrenzprodukte dürften wohl nur unwesentlich
grösser, dicker oder schwerer sein. Die Versorgung des Beschwerdeführers mit einem
geeigneten „Tablet“ und einer entsprechenden Applikation könnte folglich die
kostengünstigste und zugleich auch die handlichste Lösung zur Befriedigung des
Hilfsmittelbedarfs des Beschwerdeführers sein. Die Beschwerdegegnerin wird zur
Beantwortung der Frage, welche Versorgungsmöglichkeit zu wählen ist, zunächst den
aktuellen Hilfsmittelbedarf des Beschwerdeführers (in der Schule – ausserhalb der
eigentlichen Beschulung – und zuhause beziehungsweise auf dem Schulweg) ermitteln
und definieren, welche dem aktuellen Stand der Technik entsprechenden
Kommunikationsgeräte über einen Funktionsumfang verfügen, der diesen und den in
der nahen Zukunft zu erwartenden Bedarf abdeckt. Aus den in Frage kommenden
Geräten wird sie jenes wählen, das möglichst handlich und leicht, aber auch möglichst
kostengünstig ist. Bei der Abwägung zwischen der Handlichkeit und dem Kaufpreis
wird sie sich vom allgemeinen Verhältnismässigkeitsgrundsatz im Verwaltungsrecht
leiten lassen.
3.
Die Rückweisung einer Sache zur weiteren Abklärung gilt hinsichtlich der Kosten- und
Entschädigungsfolgen rechtsprechungsgemäss als ein vollständiges Obsiegen der
beschwerdeführenden Partei. Die Gerichtskosten von Fr. 600.-- sind deshalb der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen; dem Beschwerdeführer wird der von ihm geleistete
Kostenvorschuss zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer
eine Parteientschädigung auszurichten. Da für das vorliegende Verfahren nur wenige
Akten massgebend gewesen sind und da sich das Verfahren auf eine abgegrenzte
Rechtsfrage beschränkt hat, ist von einem deutlich unterdurchschnittlichen
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erforderlichen Vertretungsaufwand auszugehen. Die Parteientschädigung wird deshalb
auf Fr. 1'800.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt.