Decision ID: 7c0870e1-abee-5bfa-86f9-fad5ca3fad36
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Januar 2015 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 7). Sie gab an, sie habe eine kaufmännische
Berufslehre im Bereich der öffentlichen Verwaltung absolviert und zuletzt mit einem
Pensum von insgesamt 70 Prozent als Sachbearbeiterin in zwei Treuhandbüros
gearbeitet. Der Allgemeinmediziner Dr. med. B._ berichtete im Januar 2015 (IV-
act. 13), die Versicherte leide an einer psychosomatischen Erschöpfung sowie an einer
chronisch persistierenden Keratoconjunctivitis rechts. Einerseits bestehe eine
ausgeprägte körperliche Müdigkeit und Erschöpfung, von der sich die Versicherte nach
einer stationären Rehabilitation nur teilweise erholt habe, andererseits leide die
Versicherte unter Schmerzen im rechten Auge. Zeitweise verschlechtere sich der Visus
auf zehn Prozent. Er, Dr. B._, gehe aber davon aus, dass die Versicherte sich zu
gegebener Zeit wieder voll ihrem alten Beruf und ihren alten Beschäftigungen werde
zuwenden können. Die Rehaklinik C._ hatte in einem Austrittsbericht vom 18.
Dezember 2014 betreffend die stationäre Behandlung der Versicherten in der Zeit vom
3. November 2014 bis zum 8. Dezember 2014 festgehalten (IV-act. 46), die Versicherte
sei wegen einer Erschöpfungsdepression zugewiesen worden. Offenbar handle es sich
um eine langjährige berufliche und familiäre Belastungssituation mit immer wieder
auftretenden depressiven Phasen. Die Problematik sei durch eine seit dem Sommer
2014 anhaltende Keratoconjunctivitis akzentuiert worden. Während der stationären
Behandlung habe die Versicherte rasch Fortschritte erzielt. Allerdings seien auch immer
wieder Rückfälle aufgetreten, die meist in Verbindung mit den immer wieder
aufflammenden entzündlichen infektiösen Problemen am rechten Augen gestanden
hätten. Die Augenklinik D._ berichtete im Juli 2015 (IV-act. 47), der
Gesundheitszustand der Versicherten habe sich verbessert. Ausserhalb „des
Gefahrenbereichs“ sei die Versicherte uneingeschränkt arbeitsfähig. In einem
„Fragebogen zur Rentenabklärung betreffend Erwerbstätigkeit und Haushalt“ gab die
A.a.
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Versicherte im September 2015 an (IV-act. 50), sie habe aus gesundheitlichen Gründen
seit dem 21. Oktober 2014 nicht mehr gearbeitet. Ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung wäre sie aktuell erwerbstätig, aber unter den gegebenen
Umständen sei es für sie schwierig zu beurteilen, in welchem Pensum sie arbeiten
würde, wenn sie gesund wäre. Ihr Ehemann habe aufgrund ihrer Erkrankung und
wegen einer Überlastung sein Arbeitsfeld verändert; sie könnte jederzeit in seinem
Treuhandbüro einsteigen und mithelfen. Im September 2015 berichtete die Psychologin
E._ (IV-act. 56), die Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven Störung
mit einer gegenwärtig mittelgradigen Episode sowie an einer psycho-physischen
Erschöpfung aufgrund einer langjährigen Mehrfachbelastung. Das Denken sei
perseverierend hinsichtlich der Verantwortung, so rasch wie möglich wieder
arbeitsfähig zu sein, und im Gefühl, dass die Versicherte ihren Ehemann und den
Betrieb im Stich lasse. Zudem bestünden beinahe andauernd Gefühle eines
Überfordertseins. Die Belastbarkeit sei stark reduziert. Der zeitliche Rahmen respektive
die prozentuale Arbeitsfähigkeit könne momentan noch nicht abgeschätzt werden. Im
November 2015 notierte Dr. med. F._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst
(RAD), die Gesundheitsbeeinträchtigung am rechten Auge schränke die Arbeitsfähigkeit
der Versicherten in einer adaptierten Tätigkeit nicht ein; aus psychiatrischer Sicht
belegten die Berichte der behandelnden Ärzte weder das Vorliegen einer
rezidivierenden depressiven Störung noch eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (IV-
act. 59). Mit einem Vorbescheid vom 2. Dezember 2015 teilte die IV-Stelle der
Versicherten mit, dass sie die Abweisung des Rentenbegehrens mangels eines
rentenbegründenden Invaliditätsgrades vorsehe (IV-act. 62). Dagegen liess die
Versicherte am 21. Januar 2016 einwenden, der medizinische Sachverhalt sei nicht
hinreichend abgeklärt worden (IV-act. 67). Die Psychologin E._ berichtete im März
2016 über eine leichte Verbesserung des Gesundheitszustandes und sie führte aus,
dass gegenwärtig nur noch eine leichte depressive Episode vorliege (IV-act. 70). Mit
einer Verfügung vom 28. April 2016 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der
Versicherten bei einem anhand der sogenannten „gemischten Methode“ – 70 Prozent
Erwerbspensum und 30 Prozent Haushaltstätigkeit – ermittelten Invaliditätsgrad von elf
Prozent ab (IV-act. 74).
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Nachdem die Versicherte am 27. Mai 2016 eine Beschwerde gegen die Verfügung
vom 28. April 2016 erhoben hatte (IV-act. 81), erliess die IV-Stelle am 6. Juli 2016 eine
Verfügung, mit der sie die beschwerdeweise angefochtene Verfügung vom 28. April
2016 widerrief, um weitere Abklärungen zu tätigen (IV-act. 93). Das
Beschwerdeverfahren wurde in der Folge als gegenstandslos abgeschrieben (vgl. IV-
act. 96). Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die Ärztliches Begutachtungsinstitut (ABI)
GmbH am 14. März 2014 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 114). Der
internistische Sachverständige hielt fest, aus allgemein-internistischer Sicht leide die
Versicherte an einem metabolischen Syndrom mit einer Adipositas, einer arteriellen
Hypertonie und einer Hyperurikämie sowie an einer Hypothyreose, die unter einer
medikamentösen Substitutionsbehandlung kompensiert sei. Diese Diagnosen
schränkten die Arbeitsfähigkeit der Versicherten nicht ein. Der psychiatrische
Sachverständige führte aus, diagnostisch liege eine rezidivierende depressive Störung
mit einer gegenwärtig leichten bis mittelgradigen Episode vor, die die Arbeitsfähigkeit
der Versicherten für sämtliche Tätigkeiten um 30 Prozent einschränke. Aus
psychiatrischer Sicht sei es unbedingt notwendig, dass die Versicherte antidepressiv
behandelt werde. Der ophthalmologische Sachverständige hielt fest, die Versicherte
leide an einer anlagebedingten Fehlsichtigkeit, an einer Alterssichtigkeit, an einer
Cataracta incipiens, an einer chronischen Benetzungsstörung, an einem latenten
Aussenschielen, an einer Hornhautdystrophie sowie an einer Hornhautnarbe im rechten
Auge. Die Arbeitsfähigkeit sei um zehn Prozent eingeschränkt, weil durch die
Kompensationsleistung respektive durch die erhöhte Anstrengung ein etwas erhöhter
Pausenbedarf bestehe. Aufgrund einer reduzierten Stereofunktion seien potentiell
gefährliche Arbeitsplätze nicht geeignet. Der neuropsychologische Sachverständige
führte aus, die neuropsychologischen Tests hätten eine im Bereich der Intelligenz
durchschnittliche Leistungsfähigkeit ergeben; neuropsychologische Defizite hätten sich
nicht feststellen lassen. Aus neuropsychologischer Sicht sei deshalb eine
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit zu attestieren. Nach der Konsensbesprechung
hielten die Sachverständigen fest, aus polydisziplinärer Sicht seien eine
Arbeitsunfähigkeit von 30 Prozent für sämtliche ausserhäusliche Erwerbstätigkeiten
und eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit um zehn Prozent im Aufgabenbereich
Haushalt zu attestieren. Die Arbeitsunfähigkeit sei im Mai 2014 eingetreten.
Retrospektiv könne keine längerdauernde vollständige Arbeitsunfähigkeit attestiert
A.b.
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werden. Über die Zeit gemittelt sei von einer Arbeitsunfähigkeit von 30 Prozent seit
Januar 2015 auszugehen. Der RAD-Arzt Dr. med. G._ qualifizierte das Gutachten der
ABI GmbH als überzeugend (IV-act. 115).
Mit einem Vorbescheid vom 24. Mai 2017 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit
(IV-act. 119), dass sie die Abweisung des Rentenbegehrens vorsehe. Zur Begründung
führte sie aus, dass für den Erwerbsbereich von einem Arbeitsunfähigkeitsgrad von 30
Prozent und für den Aufgabenbereich (Haushalt) von einem Arbeitsunfähigkeitsgrad
von zehn Prozent auszugehen sei. Das ergebe einen gewichteten Teilinvaliditätsgrad
von 21 Prozent für den Erwerbsbereich und einen solchen von drei Prozent für den
Aufgabenbereich. Der Gesamtinvaliditätsgrad betrage folglich 24 Prozent. Da erst ab
einem Invaliditätsgrad von 40 Prozent ein Anspruch auf eine Rente der
Invalidenversicherung bestehe, sei das Rentenbegehren abzuweisen. Der
Rechtsvertreter der Versicherten teilte der IV-Stelle am 28. Juni 2017 telefonisch mit
(IV-act. 120), dass die Versicherte nun regelmässig Psychopharmaka einnehme. Die
Wirkung der medikamentösen Therapie werde sich aber erst nach einigen Wochen bis
Monaten zeigen, weshalb er um eine Verfahrenssistierung für sechs Monate ersuche.
Die Sachbearbeiterin der IV-Stelle antwortete ihm, dass die medikamentöse Therapie
an sich zu einer Verbesserung der Arbeitsfähigkeit und damit zu einem insgesamt noch
tieferen Invaliditätsgrad führen sollte, weshalb kein Anlass für eine Verfahrenssistierung
zu erkennen sei. Noch am selben Tag liess die Versicherte ihre Anmeldung zum
Leistungsbezug vorbehaltlos zurückziehen (IV-act. 121). Die IV-Stelle forderte die
Versicherte am 11. Juli 2017 auf, eine Rückzugserklärung zu unterzeichnen (IV-act.
123). Am 10. August 2017 liess die Versicherte ihr Rückzugsbegehren widerrufen (IV-
act. 125). Ihr Rechtsvertreter teilte mit, dass der Erfolg der im Februar 2017
aufgenommen psychopharmakologischen Behandlung zwischenzeitlich überprüfbar
sein müsste. Er ersuche die IV-Stelle deshalb, einen Verlaufsbericht bei der
behandelnden Psychotherapeutin Dr. phil. H._ einzuholen. Er werde noch einen
Bericht eines Endokrinologen einreichen. Zwischenzeitlich sei zudem eine Abklärung
wegen einer Apnoe in die Wege geleitet worden. Am 20. September 2017 liess die
Versicherte darauf hinweisen (IV-act. 132), dass Dr. H._ die Arbeitsfähigkeit auf 30
Prozent schätze, was sich „wohl am oberen Limit“ bewegen dürfe, obwohl die
Versicherte seit dem 2. Februar 2017 Psychopharmaka einnehme und wöchentlich Dr.
A.c.
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B.
H._ aufsuche. Der Eingabe lag ein Bericht von Dr. H._ vom 18. September 2017
bei, laut dem sich der Gesundheitszustand der Versicherten seit Anfang des Jahres
2017 leicht gebessert hatte, sodass aktuell eine Arbeitsfähigkeit von 30 Prozent zu
bescheinigen war (IV-act. 133). Mit einer Verfügung vom 26. Oktober 2017 wies die IV-
Stelle das Rentenbegehren ab (IV-act. 134).
Am 29. November 2017 (Postaufgabe) liess die Versicherte (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 26. Oktober 2017
erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung und die Zusprache einer Rente sowie eventualiter die Rückweisung der
Sache zur weiteren Abklärung und zur neuen Verfügung an die IV-Stelle (nachfolgend:
die Beschwerdegegnerin). Zur Begründung führte er an, das Gutachten der ABI GmbH
sei nicht mehr aktuell, weil die Beschwerdeführerin zwischenzeitlich regelmässig
Psychopharmaka einnehme. Entgegen den Erwartungen des Sachverständigen habe
dies aber nicht zu einer wesentlichen Verbesserung des Gesundheitszustandes geführt.
Die Arbeitsfähigkeitsschätzung der ABI GmbH für den Aufgabenbereich Haushalt sei
nicht nachvollziehbar. Diesbezüglich hätte ohnehin eine Haushaltsabklärung erfolgen
müssen. Der Beschwerde lag ein Bericht der Psychologin Dr. H._ vom 11. Oktober
2017 bei (act. G 1.2). Diese hatte festgehalten, die Beschwerdeführerin leide an einer
rezidivierenden mittelgradigen depressiven Episode bei einer altruistisch-depressiven
und anankastischen Persönlichkeitsakzentuierung, an psychischen Faktoren und
Verhaltensfaktoren bei andernorts klassifizierten Krankheiten sowie an einer Map-Dot-
Fingerprint-Hornhautdystrophie. Die Prognose sei als vorsichtig optimistisch zu
beschreiben, wenn sich die Beschwerdeführerin auf die Behandlungsansätze einlassen
könne. Dafür arbeite man gerade an der therapeutischen Beziehungsgestaltung.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 18. Januar 2018 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie aus, es bestehe kein Grund, am
Beweiswert des Gutachtens der ABI GmbH zu zweifeln. Die Berichte von Dr. H._
enthielten keine Hinweise auf eine relevante Sachverhaltsveränderung nach der
Begutachtung durch die ABI GmbH. Eine Haushaltsabklärung sei nicht notwendig
gewesen.
B.b.
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Erwägungen
1.
Mit der angefochtenen Verfügung vom 26. Oktober 2017 hat die Beschwerdegegnerin
die Anmeldung der Beschwerdeführerin zum Bezug einer Rente vom Januar 2015
abgewiesen. Den Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens bildet folglich die Frage,
ob die Beschwerdeführerin im massgebenden Zeitraum nach Januar 2015 einen
Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung gehabt hat.
2.
Die Beschwerdeführerin liess am 19. März 2018 an ihren Anträgen festhalten (act.
G 10). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 13 f.).
B.c.
Laut dem Art. 28 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit
nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder
verbessern kann, die während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem
Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, einen Anspruch auf eine
Rente der Invalidenversicherung. In der Regel wird für die Bemessung der Invalidität in
Anwendung des Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Erwerbstätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in
Beziehung zu jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie
gesund geblieben wäre. Für Versicherte, die vor dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen sind und denen
die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit auch nicht zugemutet werden kann, sieht der Art.
28a Abs. 2 IVG die Bemessung der Invalidität anhand eines sogenannten
Betätigungsvergleichs im relevanten Aufgabenbereich – in aller Regel im Haushalt –
vor. Ist eine versicherte Person als teilweise erwerbstätig und teilweise im
Aufgabenbereich tätig zu qualifizieren, hat gemäss dem Art. 28a Abs. 3 IVG eine
„Mischrechnung“ zu erfolgen (sog. „gemischte Methode“).
2.1.
Die Beschwerdeführerin ist vor dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung
während vieler Jahre teilerwerbstätig gewesen. Im hier massgebenden Zeitraum nach
der Anmeldung zum Leistungsbezug sind ihre Kinder bereits erwachsen gewesen. Ihr
2.2.
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Ehemann hat sich beruflich neu ausgerichtet. Die familiäre und berufliche Situation der
Beschwerdeführerin hat sich also im Umbruch befunden. Infolge der
Gesundheitsbeeinträchtigung hat sich die Beschwerdeführerin auf diese neue Situation
nicht einstellen können, weshalb sie auch in einem Fragebogen angegeben hat, dass
sie nicht einschätzen könne, in welchem Pensum sie ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung erwerbstätig gewesen wäre. Die Beschwerdegegnerin ist
dieser Frage nicht weiter nachgegangen, sondern hat ohne jede Begründung
angenommen, dass die Beschwerdeführerin trotz der familiären und beruflichen
Veränderungen weiterhin in einem Pensum von 70 Prozent erwerbstätig gewesen wäre.
Diese Annahme kann nicht als die plausibelste Annahme bezüglich des
Erwerbspensums im sogenannten „hypothetischen Gesundheitsfall“ qualifiziert werden,
denn nach der beruflichen Umstellung des Ehemannes wäre es genauso plausibel ge
wesen, dass die Beschwerdeführerin mehr gearbeitet hätte, weil sie und ihr Ehemann
nun wieder auf sich allein gestellt gewesen wären, oder dass die Beschwerdeführerin
weniger gearbeitet hätte, weil sie und ihr Ehemann hätten kürzer treten wollen. Das
bedeutet, dass die sogenannte „Qualifikationsfrage“, also die Frage nach der
Gewichtung des Erwerbs- und des Aufgabenbereichs im Sinne der
bundesgerichtlichen Auffassung, wonach die plausibelste Verhaltensweise im
„hypothetischen Gesundheitsfall“ massgebend sei, nicht beantwortet werden kann,
weil nicht bestimmt werden kann, welches das plausibelste Verhalten der
Beschwerdeführerin gewesen wäre, wenn sie gesund geblieben wäre. Dieses Problem
stellt sich nicht, wenn man den Wortlaut und den Sinn und Zweck der massgebenden
Gesetzesbestimmungen ernst nimmt und darauf abstellt, ob der Beschwerdeführerin
die Aufnahme eines Vollpensums objektiv zumutbar gewesen wäre. Das ist nämlich
infolge der nicht mehr notwendigen Kinderbetreuung offensichtlich der Fall gewesen.
Bei richtiger Interpretation ist die Beschwerdeführerin folglich als vollerwerbstätig zu
qualifizieren, weshalb der Invaliditätsgrad anhand eines reinen Einkommensvergleichs
zu bestimmen ist. Wie sich aus den nachfolgenden Ausführungen ergeben wird, ist es
für das Ergebnis allerdings irrelevant, nach welcher Methode der Invaliditätsgrad
berechnet wird.
Bei der Bemessung der Invalidität kommt – unabhängig von der gewählten
Methode – der medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeitsschätzung eine
entscheidende Bedeutung zu. Die Beschwerdegegnerin hat zur Beantwortung der
Frage, welche Tätigkeiten der Beschwerdeführerin aus medizinischer Sicht in welchem
Umfang zumutbar sind, Berichte bei sämtlichen behandelnden Ärzten eingeholt und sie
hat der ABI GmbH den Auftrag erteilt, ein Gutachten zu erstellen. Die Sachverständigen
der ABI GmbH haben die Beschwerdeführerin umfassend persönlich untersucht und
2.3.
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sie haben die Berichte der behandelnden Ärzte eingehend gewürdigt. In ihrem
Gutachten haben sie nachvollziehbar dargelegt, über welche Beschwerden die
Beschwerdeführerin geklagt hatte und welche objektiven klinischen Befunde die
Sachverständigen erhoben hatten. Sie haben ihre Diagnosen und ihre
Arbeitsfähigkeitsschätzung überzeugend anhand der von ihnen erhobenen klinischen
Befunde begründet. Das Gutachten enthält keine Widersprüche. Abgesehen von der
Arbeitsfähigkeitsschätzung aus psychiatrischer Sicht besteht auch eine weitgehende
Übereinstimmung mit den Berichten der behandelnden Ärzte, was die Diagnosen und
die Arbeitsfähigkeitsschätzung anbelangt. In Bezug auf die Arbeitsfähigkeit aus
psychiatrischer Sicht ist zu beachten, dass sich die behandelnde Psychologin
Dr. H._, die ihre Behandlung nach der Begutachtung durch die ABI GmbH
aufgenommen hatte, nicht mit dem Gutachten der ABI GmbH auseinander gesetzt hat.
Ihre Befundschilderung enthält keinen Hinweis darauf, dass sich der psychische
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin nach der Begutachtung durch die ABI
GmbH wesentlich verschlechtert hätte; hinsichtlich der Diagnosen besteht ebenfalls
eine weitgehende Übereinstimmung mit dem psychiatrischen Teilgutachten der ABI
GmbH. Dennoch hat Dr. H._ zunächst eine vollständige Arbeitsunfähigkeit und –
wohl nach den ersten Erfolgen der psychopharmakologischen Therapie – später immer
noch eine Arbeitsunfähigkeit von 70 Prozent attestiert. Diese
Arbeitsfähigkeitsschätzung steht angesichts des weitgehend unveränderten Befundes
und der identischen Diagnosen im Widerspruch zum Gutachten der ABI GmbH, aber
Dr. H._ hat diese Diskrepanz nicht begründet. Die von Dr. H._ beschriebenen
objektiven Befunde vermögen den von ihr attestierten Arbeitsunfähigkeitsgrad, der auf
eine Vollinvalidität der Beschwerdeführerin hinausläuft, nicht zu begründen. Dr. H._
muss ohne eine objektive Prüfung auf die allzu pessimistischen Selbstangaben der
Beschwerdeführerin abgestellt haben, sodass ihre Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht auf
den objektiven klinischen Befunden, sondern auf den subjektiven Angaben der
Beschwerdeführerin beruht hat. Im Gegensatz zu Dr. H._ hat der psychiatrische
Sachverständige der ABI GmbH seine Arbeitsfähigkeitsschätzung eingehend und
überzeugend begründet. Er hat insbesondere auf das immer noch beachtliche
Aktivitätsniveau der Beschwerdeführerin hingewiesen, an dem sich trotz der Hinweise
des Rechtsvertreters auf entsprechende Reduktionen nach der Begutachtung nichts
Wesentliches geändert hat. Zusammenfassend überzeugen die Berichte von Dr. H._
nicht; sie vermögen auch keine ernsthaften Zweifel an der Überzeugungskraft des
Gutachtens der ABI GmbH zu wecken. Folglich steht gestützt auf das Gutachten der
ABI GmbH mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
fest, dass die Beschwerdeführerin für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten zu 70 Prozent
arbeitsfähig gewesen ist, wobei der von den Sachverständigen attestierte
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Arbeitsunfähigkeitsgrad von 30 Prozent sowohl den Einschränkungen aus
psychiatrischer Sicht als auch jenen aus ophthalmologischer Sicht Rechnung trägt, weil
der aus ophthalmologischer Sicht attestierte leicht erhöhte Pausenbedarf vom aus
psychiatrischer Sicht attestierten erhöhten Pausenbedarf vollständig abgedeckt wird.
Bei einem reinen Einkommensvergleich entspricht das Valideneinkommen dem
Ausgangswert des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens, da es der
Beschwerdeführerin zumutbar ist, ihre Restarbeitsfähigkeit im erlernten und zuletzt
ausgeübten Beruf zu verwerten. Der Betrag der Vergleichseinkommen kann folglich bei
der Berechnung des Invaliditätsgrades mathematisch keine Rolle spielen; der
Invaliditätsgrad ist anhand eines sogenannten Prozentvergleichs zu berechnen. Er
entspricht also dem Arbeitsunfähigkeitsgrad, korrigiert um einen allfälligen zusätzlichen
Lohnabzug. Mit diesem Abzug soll dem Umstand Rechnung getragen werden, dass es
einer an einer Gesundheitsbeeinträchtigung leidenden versicherten Person aus
betriebswirtschaftlich-ökonomischer Sicht unter Umständen nicht möglich sein wird,
mit ihrer Arbeitsleistung denselben ökonomischen Mehrwert wie eine gesunde, im
selben Pensum tätige Person zu generieren. Entsprechende Umstände liegen hier vor,
weil die Arbeitsleistung der Beschwerdeführerin Schwankungen unterliegen wird; die
Beschwerdeführerin wird ihre Arbeitsleistung also nicht konstant zuverlässig erbringen
können. Zudem muss ein potentieller Arbeitgeber das Risiko von vermehrten
krankheitsbedingten Ausfällen einkalkulieren. Auch muss ein strikt
betriebswirtschaftlich-ökonomisch denkender Arbeitgeber dem Umstand Rechnung
tragen, dass die Beschwerdeführerin keine Überstunden leisten kann. Vor diesem
Hintergrund erscheint es als ausgeschlossen, dass die Beschwerdeführerin einen
ökonomischen Mehrwert generieren könnte, der jenen von 50 Prozent aller im selben
Beruf (mit einem Pensum von 70 Prozent) tätigen Arbeitnehmerinnen übersteigen
würde. Der ökonomische Mehrwert der Arbeitsleistung der Beschwerdeführerin wird
vielmehr unter dem statistischen Zentralwert liegen, weshalb ein zusätzlicher
Lohnabzug zu erfolgen hat. Zwar würde die Beschwerdeführerin als Arbeitnehmerin
ihres Ehemannes wohl effektiv zumindest einen durchschnittlichen, allenfalls sogar
einen überdurchschnittlichen Lohn erhalten, aber dieser Lohn würde einen
Soziallohnanteil enthalten, der bei der Invaliditätsbemessung natürlich nicht
berücksichtigt werden dürfte. Ein zusätzlicher Lohnabzug von mehr als zehn Prozent
rechtfertigt sich hier allerdings nicht, denn einerseits kann die Beschwerdeführerin trotz
ihrer Gesundheitsbeeinträchtigung flexibel für unterschiedliche Arbeiten eingesetzt
werden und andererseits erlaubt es ihr Beruf, sich die Arbeit einzuteilen, weshalb die
allfälligen Leistungsschwankungen teilweise kompensiert werden können. Bei einem
2.4.
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3.
Im Ergebnis erweist sich die angefochtene Verfügung als rechtmässig, weshalb die
Beschwerde abzuweisen ist. Die angesichts des durchschnittlichen
Verfahrensaufwandes praxisgemäss auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten
sind der unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen. Sie sind durch den von der
Beschwerdeführerin geleisteten Kostenvorschuss von 600 Franken gedeckt. Die
unterliegende Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.