Decision ID: d5e266b9-40bd-48ea-a0e3-5d572fbd6675
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_005
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt:
1. Die C._ hatte der Gemeinde B._ bereits anfangs 2019
ein Baugesuch unterbreitet, gemäss dem das auf der Parzelle E._
bestehende Mehrfamilienhaus F._ abgebrochen und durch einen
Neubau ersetzt werden sollte. Im Erdgeschoss war eine grosse
Erstwohnung mit Gartenanlage vorgesehen, in den Obergeschossen drei
Zweitwohnungen. Für dieses Bauvorhaben hatte der Gemeindevorstand
am 7. Oktober 2019 die Baubewilligung erteilt und die dagegen erhobenen
Einsprachen abgewiesen, worauf die Einsprecher die Sache an das
Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden weiterzogen. Im Laufe
dieses Verfahrens zog die C._ das Baugesuch zurück, weil das
Bundesgericht inzwischen in einem ähnlich gelagerten Fall festgestellt
hatte, dass eine Erweiterung der vorbestandenen Hauptnutzfläche bei
einem Abbruch und Wiederaufbau nicht zulässig ist.
2. Nach entsprechender Überarbeitung des Projekts reichte die C._
anfangs 2021 ein neues Baugesuch ein. Dieses sieht zwar wiederum
einen Abbruch der F._ und den Ersatz durch einen modern
gestalteten Kubus vor, im Erdgeschoss und in den Obergeschossen ist
indessen die Erstellung von jeweils zwei Erstwohnungen und zwei
Zweitwohnungen geplant, und zwar ohne Erweiterung der bestehenden
Zweitwohnungs-Hauptnutzflächen.
3. Mit Bau- und Einspracheentscheid vom 27. Juli 2021 erteilte der
Gemeindevorstand der C._ die Baubewilligung und wies die von
A._, Eigentümerin einer Wohnung in der benachbarten
G._, dagegen erhobene Einsprache ab.
4. Dagegen reichte A._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 11.
Oktober 2021 Beschwerde beim Verwaltungsgericht ein mit den Anträgen,
es sei die Nichtigkeit des angefochtenen Entscheids festzustellen;
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eventualiter sei der angefochtene Entscheid aufzuheben und das
Baugesuch abzuweisen; alles unter solidarischer Kosten- und
Entschädigungsfolge zulasten der Gemeinde und der C._. In
prozessualer Hinsicht beantragte die Beschwerdeführerin, es sei unter
Strafandrohung gemäss Art. 81 VRG die aufschiebende Wirkung zu
gewähren; des Weiteren sei ein Gutachten von einem unabhängigen
Gutachter einzuholen, um die Sicherheit und die Konformität des Projekts
zu beurteilen; alles unter solidarischer Kosten- und Entschädigungsfolge
zulasten der Gemeinde und der C._.
5. Am 18. Oktober 2021 teilte die Gemeinde B._ (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin 1) dem Verwaltungsgericht mit, dass sie gegen die
Gewährung der aufschiebenden Wirkung nichts einzuwenden habe.
6. Am 25. Oktober 2021 beantragte die C._ (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin 2) die Abweisung des Antrags auf Erteilung der
aufschiebenden Wirkung.
7. Mit prozessleitender Verfügung vom 26. Oktober 2021 verweigerte der
Instruktionsrichter im Hauptverfahren die Zuerkennung der
aufschiebenden Wirkung der Beschwerde.
8. Dagegen erhob die Beschwerdeführerin am 8. November 2021
Prozessbeschwerde mit den Anträgen, die angefochtene Verfügung vom
26. Oktober 2021 sei abzuweisen; dem Bau- und Einspracheentscheid
vom 27. Juli 2021 sei unter Strafandrohung gemäss Art. 81 VRG die
aufschiebende Wirkung zuzuerkennen; alles unter solidarischer Kosten-
und Entschädigungsfolge zulasten der Beschwerdegegnerinnen. Zur
Begründung führte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen aus, die
Verweigerung der aufschiebenden Wirkung des Entscheids verursache ihr
einen schweren, nicht wiedergutzumachenden Nachteil. Das
Verwaltungsgericht habe den Fall unerklärlicherweise nicht von Amtes
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wegen untersuchen wollen, obschon die Durchführung von
Augenscheinen verlangt worden sei, die gerade auch darauf abzielten,
den nicht wiedergutzumachenden Nachteil, welcher der
Beschwerdeführerin verursacht werde, zu konkretisieren.
9. Mit Schreiben vom 11. November 2021 verzichtete die
Beschwerdegegnerin 1 auf eine Stellungnahme bezüglich der Gewährung
der aufschiebenden Wirkung, da diese Frage sie nicht direkt tangiere.
10. In der Vernehmlassung vom 25. November 2021 beantragte die
Beschwerdegegnerin 2 die Abweisung der Prozessbeschwerde unter
gesetzlicher Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten der
Beschwerdeführerin. Sie trug zusammengefasst vor, dass der
Instruktionsrichter nicht gehalten gewesen sei, weitere Beweiserhebungen
zu treffen, zumal die Beurteilung von Gesuchen um aufschiebende
Wirkung gestützt auf den vorhandenen Akten erfolge und die
Beschwerdeführerin ihr Gesuch um aufschiebende Wirkung nicht
begründet habe. Dass ihr ein nicht leicht wiedergutzumachender Nachteil
aus der Nichtgewährung der aufschiebenden Wirkung erwächst, habe sie
nicht ansatzweise glaubhaft gemacht. Zudem fehle ihr jegliches Interesse
an der aufschiebenden Wirkung. Wenn nämlich mit der Bauausführung
begonnen und die Beschwerde gutgeheissen wird, müsste die
Beschwerdegegnerin 2 den ursprünglichen Zustand herstellen.
11. In der Replik vom 8. Dezember 2021 hielt die Beschwerdeführerin an ihren
Anträgen der Prozessbeschwerde fest. Sie legte die schutzwürdigen
Interessen dar, die ihrer Ansicht nach zur Zuerkennung der
aufschiebenden Wirkung führen müssten.
12. Am 21. Dezember 2021 bekräftigte die Beschwerdegegnerin 1, auf eine
Stellungnahme zur Prozessbeschwerde verzichten zu wollen.
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13. Im Schreiben vom 12. Januar 2022 teilte die Beschwerdegegnerin 2 mit,
auf die Einreichung einer Duplik zu verzichten.

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1.1. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens ist die prozessleitende
Verfügung des Vorderrichters vom 26. Oktober 2021, mit welcher dieser
der Beschwerde R 21 96 die nachgesuchte aufschiebende Wirkung nicht
zuerkannte. Gemäss Art. 42 und Art. 52 Abs. 2 i.V.m. Art. 50 des Gesetzes
über die Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR 370.100) können die Parteien
solche prozessleitenden Verfügungen innert zehn Tagen beim
Verwaltungsgericht anfechten, sofern diese durch den angefochtenen
Entscheid berührt sind und ein schutzwürdiges Interesse an seiner
Aufhebung oder Änderung haben. Die Eintretensvoraussetzungen geben
vorliegend zu keinen Bemerkungen Anlass, weshalb auf die form- und
fristgerecht eingereichte Prozessbeschwerde einzutreten ist.
1.2. Dieser Entscheid ergeht gestützt auf die Regel in Art. 8 Abs. 2 des
Sprachengesetzes des Kantons Graubünden (SpG; BR 492.100) in
deutscher Sprache, zumal diese die Sprache der angefochtenen
Verfügung und des angefochtenen Entscheids im Hauptverfahren ist.
2. Strittig ist, ob der Vorderrichter der Beschwerde R 21 96 zu Recht die
beantragte aufschiebende Wirkung nicht zuerkannt hat.
3.1. Gemäss Art. 91 Abs. 1 des Raumplanungsgesetzes für den Kanton
Graubünden (KRG; BR 801.100) kann mit der schriftlichen Erteilung der
Baubewilligung unmittelbar mit dem Bau begonnen werden. Vorbehalten
bleiben indessen anderslautende Anordnungen in einem
Rechtsmittelverfahren. Gemäss Art. 53 des Gesetzes über das
Verwaltungsverfahren (VRG; BR 370.100) kommt einer Beschwerde
grundsätzlich keine aufschiebende Wirkung zu (Abs. 1). Der
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Instruktionsrichter kann aber der Beschwerde im Einzelfall von Amtes
wegen oder auf Antrag aufschiebende Wirkung erteilen (Abs. 2). Die
aufschiebende Wirkung dient in der Regel dazu, den Status quo in einem
Rechtsstreit zu erhalten und zu verhindern, dass durch einen vorzeitigen
Vollzug der angefochtenen Verfügung vollendete Tatsachen geschaffen
werden, die nur noch erschwert oder gar nicht mehr rückgängig gemacht
werden können (Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Graubünden
[VGU] R 20 86 vom 8. Dezember 2020 E. 2).
3.2. Bei der Frage der Erteilung der aufschiebenden Wirkung einer
Beschwerde hat der Instruktionsrichter – wie bei den anderen
vorsorglichen Massnahmen – die Hauptsachenprognose, das Bestehen
eines Anordnungsgrundes sowie die Verhältnismässigkeit zu prüfen. Der
prozessleitende Entscheid über die Rechtmässigkeit und den Umfang der
aufschiebenden Wirkung beruht auf einer bloss summarischen Prüfung
der aktuellen Sach- und Rechtslage. Der zuständige Instruktionsrichter
stützt sich auf den Sachverhalt, wie er aus den vorhandenen Akten
hervorgeht und trifft keine weiteren Beweiserhebungen. Ausserdem
genügt es, wenn die entscheidungserheblichen Tatsachen glaubhaft
gemacht werden. Mit anderen Worten handelt es sich dabei um einen
prima facie-Entscheid (vgl. VGU R 17 57 vom 16. Januar 2018 E. 3b m.H.;
BGE 130 II 149 E. 2; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und
Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3 Aufl. 2013, Rz. 564 ff.; SEILER, in:
Waldmann/Weissenberger, Praxiskommentar VwVG, 2 Aufl. 2016, Art. 55
N 92 ff.; KIENER, in: Auer/Müller/Schindler, Kommentar VwVG, 2. Aufl.
2019, Art. 55 N 15 ff.; DORMANN, in: BSK-BGG, 3. Aufl. 2018, Art. 103 N
33 ff.).
4. Vorliegend hat es die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerde vom 11.
Oktober 2021 unterlassen, ihren Antrag auf aufschiebende Wirkung der
Beschwerde zu begründen. Eine Begründung hat sie nun mit der
vorliegenden Prozessbeschwerde nachgeliefert, was ihr nicht schadet,
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denn grundsätzlich kann jederzeit während des hängigen
verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahrens ein Gesuch um
Gewährung der aufschiebenden Wirkung gestellt werden.
5. Nachfolgend wird auf die Kriterien zur Gewährung der aufschiebenden
Wirkung eingegangen.
5.1. Vorab ist darauf hinzuweisen, dass der Vorderrichter – entgegen der
Meinung der Beschwerdeführerin – nicht dazu gehalten war, weitere
Beweiserhebungen, namentlich den in der Beschwerde verlangten
Augenschein, vorzunehmen, da er seine Entscheidung gestützt auf die
vorhandenen Akten in einer summarischen Überprüfung der Sach- und
Rechtslage zu treffen hatte.
5.2.1. Als Erstes wird die Entscheidprognose geprüft. Deren Einbezug soll
verhindern, dass eine dem Endergebnis entgegengesetzte
Zwischenlösung getroffen wird. Der potentielle Ausgang des
Hauptverfahrens ist aber nur zu berücksichtigen, wenn er eindeutig ist. Bei
tatsächlichen oder rechtlichen Unklarheiten drängt sich hingegen
Zurückhaltung auf, weil in diesem Fall die erforderlichen
Entscheidungsgrundlagen im Hauptverfahren erst noch beschafft werden
müssen. Je zweifelhafter der Ausgang des Hauptverfahrens erscheint,
desto höhere Anforderungen sind an die aufschiebende Wirkung einer
Beschwerde zu stellen (VGU R 17 57 vom 16. Januar 2018 E. 4a m.H.).
5.2.2. Die Beschwerdegegnerin 2 trägt vor, die Beschwerdeführerin werde mit
ihrer Argumentation, der geplante Neubau schränke aufgrund seiner Höhe
ihre Aussicht ein, was einen Wertverlust ihrer Wohnung bewirke, keinen
Erfolg haben, da keinen Anspruch auf Aussichtsschutz bestehe.
Angesichts der ungünstigen Entscheidprognose rechtfertige sich die
Erteilung der aufschiebenden Wirkung somit nicht. Dem ist aber
entgegenzuhalten, dass die Beschwerdeführerin im Hauptverfahren die
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Verletzung verschiedener Rechtsvorschriften rügt, weshalb im
vorliegenden Fall nicht eindeutig gesagt werden kann, dass die
Beschwerde aussichtslos wäre.
5.3.1. Des Weiteren ist zu klären, ob für die Gewährung der aufschiebenden
Wirkung überzeugende Gründe, mithin ein Anordnungsgrund besteht.
Dies ist zu bejahen, wenn ein nicht leicht wiedergutzumachender Nachteil
für das bedrohte öffentliche oder private Interesse droht, würde die
Massnahme nicht angeordnet (vgl. VGU R 2016 48 vom 18. August 2016
E. 4a).
5.3.2. Bauliche Massnahmen können zwar grundsätzlich rückgängig gemacht
werden; indessen sind erfahrungsgemäss die Anordnung und
insbesondere die Durchsetzung der Rückgängigmachung bereits
getroffener baulicher Massnahmen – insbesondere von Abbrucharbeiten,
wo eine Rückgängigmachung fast immer praktisch ausgeschlossen ist –
mit erheblichen Schwierigkeiten und Aufwand für die Beteiligten
verbunden. Bei einem Abbruch und Wiederaufbau, wie hier die
Beschwerdegegnerin 2 beabsichtigt, ist der nicht wiedergutzumachende
Nachteil deshalb bereits in der irreversiblen Zustandsveränderung, die ein
Abbruch und die darauffolgenden Arbeiten für die Erstellung des Neubaus
bewirkten, zu erblicken. Es kann somit davon ausgegangen werden, dass
der Beschwerdeführerin ohne Gewährung der aufschiebenden Wirkung
der Beschwerde ein nicht leicht wiedergutzumachender Nachteil droht.
5.4.1. Aus dem Verhältnismässigkeitsprinzip ergibt sich schliesslich das
Erfordernis einer Interessenabwägung. Dabei ist der festgestellte und
bewertete potentielle Nachteil mit den entgegenstehenden öffentlichen
und privaten Interessen abzuwägen (vgl. VGU R 2016 48 vom 18. August
2016 E. 5a).
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5.4.2. Das bei Konstellationen wie der vorliegenden regelmässig gegebene
Interesse von Beschwerdeführern an der Beibehaltung des Status quo
wird in der Regel vom Gericht höher gewichtet als das Interesse einer
Bauherrschaft an einem sofortigen Baubeginn. Im vorliegenden Fall
besteht kein Anlass, von dieser Grundregel abzuweichen.
6. Damit ist die verfahrensleitende Verfügung vom 27. Juli 2021 aufzuheben
und der Beschwerde R 21 96 ist die aufschiebende Wirkung
zuzuerkennen.
7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens gehen die Gerichtskosten bestehend
aus einer auf CHF 1'000.00 festgelegten Staatsgebühr und
Kanzleiauslagen zulasten der unterliegenden Beschwerdegegnerin 2 (Art.
73 Abs. 1 VRG). Da sich die Beschwerdegegnerin 1 am
Prozessbeschwerdeverfahren nicht beteiligt hat, werden ihr keine
Gerichtskosten auferlegt. Die Beschwerdegegnerin 2 hat der
Beschwerdeführerin zudem eine Parteientschädigung auszurichten (Art.
78 Abs. 1 VRG). In der Honorarnote vom 8. Dezember 2021 macht der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin einen Aufwand von
CHF 4'599.70 geltend, was überrissen erscheint. Das Gericht hält für den
vorliegenden Fall eine Parteientschädigung von pauschal CHF 1'500.00
für angemessen.