Decision ID: fe26778f-a247-42d7-813c-0b41ecf92223
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend grobe Verletzung der Verkehrsregeln
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Uster, Einzelgericht in Strafsachen, vom 11. Juni 2019 (GG180029)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft See/Oberland vom 13. September
2018 (Urk. 29) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Die Beschuldigte, A._, ist schuldig der groben Verletzung der
Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 27
Abs. 1 SVG, Art. 4a Abs. 1 lit. d und Abs. 5 VRV und Art. 22 Abs. 1 SSV.
2. Die Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu
Fr. 130.– (entsprechend Fr. 1'300.–) und einer Busse von Fr. 300.–.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre
festgesetzt. Die Busse ist zu bezahlen.
4. Bezahlt die Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 3 Tagen.
5. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf Fr. 2'100.–.
6. Die weiteren Kosten betragen:
Fr. 1'800.– Gebühr für das Vorverfahren Fr. 3'470.– Gutachten Fr. 90.– Entschädigung Zeugen Vorverfahren Fr. 500.– Entschädigung Zeugen Hauptverfahren
7. Die Entscheidgebühr und die weiteren Kosten werden der Beschuldigten
auferlegt.
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Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung der Beschuldigten:
(Urk. 86 S. 2)
1. In Gutheissung der Berufung sei das Urteil des Bezirksgerichts Uster,
Einzelgericht, vom 11. Juni 2019 (GG180029) aufzuheben und die Be-
schuldigte sei freizusprechen;
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen für das Haupt- und Beru-
fungsverfahren zzg. 7.7 % MWST zu Lasten des Staats.
b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft See/Oberland:
(Urk. 69, schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
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Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Das Einzelgericht in Strafsachen des Bezirksgerichts Uster sprach die
Beschuldigte am 11. Juni 2019 der groben Verletzung der Verkehrsregeln im Sin-
ne von Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 27 Abs. 1 SVG, Art. 4a Abs. 1
lit. d und Abs. 5 VRV und Art. 22 SSV schuldig. Es bestrafte sie mit einer beding-
ten Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu Fr. 130.– (entsprechend Fr. 1'300.–) unter
Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren sowie mit einer Busse von Fr. 300.–
unter ausgangsgemässer Regelung der Kosten- und Entschädigungsfolgen
(Urk. 62, S. 32 ff.). Gegen dieses Urteil meldete der erbetene Verteidiger der Be-
schuldigten für diese am 17. Juni 2019 fristgerecht Berufung an (Urk. 60). In sei-
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ner ebenfalls fristgerecht erfolgten Berufungserklärung vom 5. Dezember 2019
beantragte der erbetene Verteidiger die Freisprechung der Beschuldigten vom
Vorwurf der groben Verletzung der Verkehrsregeln unter Kosten- und Entschädi-
gungsfolgen zulasten des Staates. Der Verteidiger erklärte zudem namens der
Beschuldigten deren Einverständnis zur Durchführung des schriftlichen Beru-
fungsverfahrens im Sinne von Art. 406 Abs. 2 StPO (Urk. 66, S. 2).
2. Mit Präsidialverfügung vom 11. Dezember 2019 wurde der Staatsanwalt-
schaft See/Oberland Frist zur Anschlussberufung angesetzt (Urk. 67). Die Staats-
anwaltschaft See/Oberland verzichtete mit Schreiben vom 18. Dezember 2019
auf eine Anschlussberufung (Urk. 69).
3. Mit Präsidialverfügung vom 10. Januar 2020 wurde der Antrag der Vertei-
digung um Durchführung des schriftlichen Berufungsverfahrens unter Hinweis da-
rauf, dass die Beschuldigte einen Freispruch beantrage und sowohl die Sachver-
haltserstellung der Vorinstanz als auch die rechtliche Würdigung der Straftat be-
anstande, abgewiesen (Urk. 71).
4. Mit Schreiben vom 8. Mai 2020 wurde beim Forensischen Institut Zürich
das sich in den Akten des Gutachtens K170316-084 befindende Merkmalprotokoll
sowie der Film der 3D-Animationen beigezogen (Urk. 76) und den Parteien in Ko-
pie zugestellt (vgl. Urk. 80, 82, 84 f.).
5. Gemäss Art. 402 in Verbindung mit Art. 437 StPO hat die Berufung im
Umfang der Anfechtung aufschiebende Wirkung und wird die Rechtskraft des an-
gefochtenen Urteils dementsprechend gehemmt. Nachdem die Beschuldigte ei-
nen Freispruch und Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten des Staates ver-
langt, gilt das erstinstanzliche Urteil als vollumfänglich angefochten.
6. In der heutigen Berufungsverhandlung erschien die Beschuldigte mit ih-
rem Verteidiger und stellte die eingangs aufgeführten Anträge (Prot. II S. 4 ff.).
Die Staatsanwaltschaft hatte bereits vorweg schriftlich die Bestätigung des vor-
instanzlichen Urteils beantragt (Urk. 69). Das Verfahren ist spruchreif.
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II. Tatsächliches
1. Die Beschuldigte verlangt einen Freispruch vom Vorwurf der groben Ver-
letzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung mit
Art. 27 Abs. 1 SVG, Art. 4a Abs. 1 lit. d und Abs. 5 VRV und Art. 22 Abs. 1 SSV.
Der Anklagesachverhalt ist deshalb nachfolgend zu erstellen.
2. Die Beschuldigte bestreitet, am 10. September 2016 um 17:04 Uhr auf
der Autobahn A... in B._ den Personenwagen Porsche Cayenne, Kontroll-
schild ZG ..., gelenkt zu haben. Weitere massgebliche Sachverhaltselemente sind
nicht bestritten. Insbesondere gilt nicht als bestritten, dass der Personenwagen
Porsche Cayenne, Kontrollschild ZG ..., am 10. September 2016 um 17:04 Uhr
auf der Autobahn A... in B._ in Fahrtrichtung C._ (Höhe Autobahnkilo-
meter 19.900) die signalisierte Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h (nach Abzug
der Sicherheitsmarge von 4 km/h) um 36 km/h überschritten hat. Zu erstellen ist
demnach die in der Anklageschrift erhobene Behauptung, dass die Beschuldigte
das in Frage stehende Fahrzeug im Zeitpunkt der Geschwindigkeitsmessung
lenkte.
3. Die Erstellung dieses strittigen Sachverhaltselements erfolgte bereits
durch die Vorinstanz. Diese hat dabei sehr sorgfältig und ausführlich die massge-
benden Beweismittel, deren Verwertbarkeit, die Grundsätze der Beweiswürdi-
gung, insbesondere der Würdigung der Aussagen der Beschuldigten, der Aus-
kunftspersonen und des Zeugen, benannt, die Glaubwürdigkeit der aussagenden
Personen beleuchtet und die Glaubhaftigkeit der konkreten Aussagen entspre-
chend diesen Grundsätzen gewürdigt (Urk. 62, S. 5 ff.). Auf diese zutreffenden
Ausführungen ist zur Vermeidung von Wiederholungen vorab zu verweisen
(Art. 82 Abs. 4 StPO). Zu ergänzen und zu präzisieren ist lediglich das Folgende:
4.1. Der Verteidiger kritisiert insbesondere das morphologische Gutachten
des Forensischen Instituts Zürich (Urk. 13/6; Urk. 56, S. 4 ff.; Urk. 86, S. 4 ff.).
Zunächst führt er aus, dass das Gutachten von Dr. D._ vom Forensischen
Institut Zürich zum Ergebnis gelange, dass die vergleichende morphologische
Bewertung des Fahrzeuglenkers, dargestellt auf den Messbildern einer Ge-
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schwindigkeitsmessanlage vom 10. September 2016, mit einer Aufnahme der Be-
schuldigten mit dem Prädikat "eine Identität ist wahrscheinlich" beurteilt werde.
Befasse man sich aber eingehend mit dem Inhalt des Gutachtens, so sei nicht
nachvollziehbar, wie die Sachverständige zu einem solchen Ergebnis gelange.
Das Gutachten kranke nämlich an schwerwiegenden Mängeln und das Ergebnis
des Gutachtens stehe im Widerspruch zu dessen Inhalt.
4.2.1. Der Verteidiger macht in diesem Zusammenhang vor Vorinstanz zu-
nächst noch geltend, dass morphologische Gutachten keine anerkannte Verfah-
ren darstellen und in der Praxis deshalb selten angeordnet würden. Er verwies
dazu auf zwei Entscheide deutscher Gerichte, welche vor 21, resp. 12 Jahren
ergingen. Weiter wies er darauf hin, dass im Gutachten selbst stehe, dass "pro-
zentuale Zahlenwerte für eine morphologische Identitätsbewertung nicht genannt
werden können. Methodenbedingt werden ausschliesslich wahrscheinlichkeits-
theoretische Aussagen gemacht (act. 13/6 Ziffer 3.4. S. 8)". Daraus erhelle, dass
es sich bei einem solchen Gutachten bzw. Lichtbildvergleich tatsächlich um keine
anerkannte wissenschaftliche Methode handle. Insofern sei das Gutachten bereits
unter diesem Aspekt mit grosser Zurückhaltung zu würdigen (Urk. 56, S.6).
4.2.2. Dieser Einschätzung des Verteidigers der Beschuldigten kann nicht
gefolgt werden. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass morphologische Gutachten
durchaus anerkannte Verfahren darstellen und auch im Strassenverkehrsrecht
angeordnet werden. So bewertet auch das schweizerische Bundesgericht in aktu-
ellen Entscheiden morphologische Gutachten faktisch als taugliche wissenschaft-
liche Beweismittel (vgl. z.B. BGer 6B_440/2018, Urteil vom 4. Juli 2018, E. 2.1 ff.;
BGer 6B_796/2017, Urteil vom 20. November 2017 E. 1.2.ff.). Wenn die Gutach-
terin ausführt, dass methodenbedingt lediglich wahrscheinlichkeitstheoretische
Aussagen und keine Prozentzahlen (z.B. mit 99,97 % Wahrscheinlichkeit) ge-
nannt werden, so belegt das Mitnichten eine fehlende Wissenschaftlichkeit. Den
Ergebnissen morphologischer Gutachten kommt bei dieser Sachlage wohl weni-
ger Beweiskraft zu, als beispielsweise einem DNA-Gutachten, wo Aussagen wie
"die Vaterschaft des Beklagten ist mit 99,97% Wahrscheinlichkeit als erwiesen zu
betrachten" gemacht werden. Einer Zeugenaussage kommt aber auch eine höhe-
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re Beweiskraft zu als beispielsweise der Aussage einer Auskunftsperson. Gleich-
wohl ist auch die Aussage einer Auskunftsperson ein taugliches Beweismittel. Im
Ergebnis ist deshalb festzuhalten, dass morphologische Gutachten generell und
das vorliegende Gutachten speziell gültige wissenschaftliche Beweismittel darstel-
len.
4.3. Das Gutachten von Dr. D._ vom Forensischen Institut Zürich ist
schlüssig und leidet weder an Mängeln noch an Widersprüchen. Es beschreibt
zunächst das Untersuchungsmaterial (Bezugs- und Vergleichsmaterial) und erläu-
tert nachfolgend die Untersuchungsmethode (Urk. 13/6, S. 3 ff.). Es wird darge-
legt, dass, um die Identität einer Person auf Bilddokumenten zu klären, morpholo-
gische Bildvergleiche herangezogen werden, welche das Beweisdokument mit
Bilddokumenten der potentiell in Frage kommenden Person auf morphologische
Merkmalsübereinstimmungen vergleichen. Eine weitere Arbeitsmethode der mor-
phologischen Bildvergleiche sei die Analyse der Proportionen, welche einerseits
mittels Superprojektion und anderseits mittels Parallelprojektion erfolge
(Urk. 13/6, S. 4f.). Sie führt weiter aus, dass im Ergebnis des morphologischen
Bildvergleichs zwischen dem Identitätsausschluss und dem Identitätsnachweis
unterschieden werde. Auf den Seiten 6 ff. des Gutachtens werden die vorgenann-
ten Methoden der morphologischen Bildvergleiche dann einzeln und detailliert be-
schrieben. Es folgt die Darlegung und Erklärung der generellen Qualitätsbewer-
tungsskala von Bezugsmaterial und der Befundbewertungsskala. Hernach folgt
die konkrete gutachterliche Bewertung, beginnend mit der Qualitätsbewertung des
Bezugsbildes (Qualitätsstufe 5; mangelhaft; aber die Anforderungen für eine mor-
phologische Bewertung erfüllend), darauf folgend die Typendiagnose der Be-
zugsperson (weiblich, mittleres Erwachsenenalter, dunkle Haarfarbe, Haarlänge
nicht bestimmbar, ohne Gesichtsbehaarung; Urk. 13/6, S. 10 f.). Anschliessend
wird das Vergleichsmaterial besprochen (Vergleichsfotografie und 3D-
Vergleichsdaten), die Typendiagnose der Vergleichsperson erstellt (weiblich, mitt-
leres Erwachsenenalter, dunkle Haarfarbe, langes Haar, ohne Gesichtsbehaa-
rung). Schliesslich folgt die Darlegung der Untersuchungsergebnisse (von 38
morphognostischen Einzelmerkmalen waren alle 38 bei der Gegenüberstellung
von Bezugs- und Vergleichsperson gleichförmig; Gesichtsproportionen sowohl mit
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Superprojektion als auch Parallelprojektion gleichförmig) und anschliessend die
Diskussion der Befunde (Urk. 13/6, S. 12 ff.). Alle vergleichenden morphologi-
schen Untersuchungen ergaben Gleichförmigkeit, weshalb die Gutachterin den
Identitätsnachweis (und nicht den Identitätsausschluss) für erbracht hält. Nur we-
gen den Mängeln des Bezugsmaterials wurde der Identitätsnachweis mit dem
Prädikat "Identität ist wahrscheinlich" und nicht einem höheren Prädikat versehen,
obwohl sämtliche erfolgten Vergleiche völlige Übereinstimmung ergaben.
4.4.1 Der Verteidiger der Beschuldigten moniert, dass die Ausführungen im
Gutachten zur Eignung des Bildmaterials widersprüchlich seien. Einerseits bewer-
te die Gutachterin das Bezugsmaterial, d.h. das fragliche Radarfoto als mangel-
haft und bewerte es auf einer Skala von 6 (ungenügend) bis 1 (sehr gut) lediglich
mit einer 5 (mangelhaft). Anderseits führe die Gutachterin aus, dass das Bild trotz
deutlicher Mängel den Anforderungen einer morphologischen Bewertung genüge.
Das sei widersprüchlich, denn beides sei nicht möglich. Entweder sei das Foto
mangelhaft oder es sei für ein Gutachten tauglich (Urk. 56, S. 7; Urk. 86, S. 5 f.).
4.4.2 Hier ist zu entgegnen, dass die Gutachterin überhaupt nicht wider-
sprüchlich argumentiert. Die Gutachterin beschreibt das Bezugsbildmaterial ein-
gehend und kommt zum Schluss, dass die linke Ohrregion sowie die linke Kinn-
Unterkieferregion mit detailgebender Genauigkeit abgebildet seien. Alle weiteren
Gesichtsregionen seien infolge der ungenügenden Beleuchtung lediglich grossflä-
chig beschreibbar. Sodann bewertet sie die Bildqualität gemäss der im Gutachten
vorgenannten Skala mit der Qualitätsstufe 5, mangelhaft, und schliesst mit der
Bemerkung, dass die Aufnahmen trotz deutlicher Mängel den Anforderungen an
eine morphologische Bewertung genügen. Das ist einerseits nicht widersprüch-
lich, weil im Gutachten die Qualitätsskala der Bildqualität von Bezugsmaterial vor-
gängig besprochen wurde und die Qualitätsstufe 5, mangelhaft, per Definition ei-
ne Bildqualität beschreibt, die trotz deutlicher Mängel die Anforderungen für eine
morphologische Bewertung erfüllt (Urk. 13/6, S. 8). Es ist anderseits auch nach-
vollziehbar begründet, in dem die Gutachterin darauf verweist, dass grosse Teile
des Gesichts auf dem Foto aufgrund der ungenügenden Belichtung nur, aber im-
merhin, grossflächig beschreibbar seien, die linke Ohrregion und die linke Kinn-
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Unterkieferregion hingegen sogar mit detailgebender Genauigkeit. Mit dieser Be-
schreibung erhellt, dass nach Ansicht der Gutachterin eine morphologische Be-
trachtung und gestützt darauf Aussagen zur Identität möglich sind.
4.5.1. Der Verteidiger der Beschuldigten bemängelt weiter, dass die im Gut-
achten genannten 38 morphologischen Gesichtsmerkmale, welche als mit dem
Vergleichsfoto gleichförmig beschrieben werden, nicht genannt werden (Urk 56,
S. 8). Dieser Einwand des Verteidigers der Beschuldigten ist richtig. Auch wenn
im Gutachten nicht nur aufgeführt ist, dass von 38 geprüften Merkmalen der Be-
zugsperson 38 gleichförmig mit den Merkmalen der Vergleichsperson seien, son-
dern zusätzlich auch die Merkmalsregion und die Anzahl der Kriterien genannt
werden (Hals; Stirn/Kopf; Gesamtgesicht; Nase; Mund Kinn; Ohr), bleibt zu kon-
statieren, dass die effektiv verglichenen Merkmale im Gutachten nicht explizit be-
nannt werden, sondern auf ein Merkmalprotokoll verwiesen wird, welches "mit der
Fallakte archiviert" worden sei (Urk. 13/6, S. 6). Damit lassen sich die genannten
Übereinstimmungen aber nicht nachvollziehen und überprüfen. Aus diesem
Grunde wurde das Merkmalprotokoll von Amtes wegen beigezogen (Urk. 76), zu
den Akten genommen (Urk. 78) und den Parteien vorweg zur Kenntnisnahme in
Kopie zugestellt (Urk. 80, 82, 84 f.).
4.5.2. Aus dem Merkmalprotokoll ergibt sich, dass auf dem Bezugsbild (Ra-
darfoto) und dem Vergleichsbild (Fotoaufnahme der Beschuldigten) eine weibliche
Person mittleren Erwachsenenalters (Bezugsbild: junges oder mittleres Erwach-
senenalter) abgebildet ist. Der Kopf ist haarbedeckt (beim Vergleichsbild langes
Haar, beim Bezugsbild nicht beschreibbar); das Gesicht ist ohne Behaarung.
Beim Übergang von Kopf zu Hals ist der Hals bei beiden Personen deutlich
schmaler, der Kopfwender (Halsmuskel) nicht Kontur bildend, der hängende
Mundboden nicht markiert, das Unterkinn-Hals Profil hat einen Hautlappenverlauf
mit deutlichem Kehleinzug, die Halsform ist lang, dünn und mit nicht hervortreten-
dem Kehlkopf. Die Stirnhöhe ist bei beiden eher hoch, die Stirnneigung eher steil,
das Gesamtgesicht fein, das Gesichtsrelief weich, die Gesichtsfülle mittel, das
Gesichtsprofil gerade und nicht vorstehend, die Wangenkontur nicht eingesunken
und gefüllt (bei der Bezugsperson minimal fülliger), das Mittelgesicht flach und
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leicht eingesunken. Die Nasenrückenlänge ist bei beiden Personen eher mittel-
lang, die Nase eher vorstehend, der Nasenbogen eher ansteigend, das Nasen-
rückenprofil eher gerade, das Nasenspitzenprofil eher spitz-rund, die Nasenflü-
gelschweifung links eher gebogen. Bei beiden Personen ist sodann die Kinnhöhe
eher niedrig und flach, die Kinnvorstehung moderat und nicht fliehend, die Unter-
kieferwinkelform links winklig und verrundet, die Ränder des Unterkieferkörpers
(corpus mandibulae) links mässig ansteigend und gleichmässig gebogen, der
dorsale Rand des Unterkieferastes (ramus mandibulae) links gleichmässig gebo-
gen und mittel hoch. Schliesslich ist bei beiden Personen die Ohrhöhe links mittel
hoch, die Ohrbreite links ebenfalls mittel, während der grösste Flächenanteil am
Ohr links bei beiden sowohl oben als auch in der Mitte ist. Die Ohrspitze links ist
schmal gerundet, der hintere Teil der Helix / Ohraussenleiste links ist konvex und
aussengewölbt, der Verlauf des linken unteren Ohrläppchenrandes spitz, der
Leistenübergang zum Ohrläppchen links gerade, die Innenohrgrösse links breit /
grossflächig, der Höckereinschnitt / Einzug zwischen Tragus und Antitragus links
ist flach und schwach, die Höckerausprägung links insgesamt schwach, die Drei-
ecksgrube links schmal und flach, die obere Falte links hat bei beiden eine Verdi-
ckung und ist erhaben (Urk. 78).
4.5.3. Nach Ergänzung der Akten mit dem Merkmalprotokoll bleibt der Be-
fund der Gutachterin gleich, ist nun aber auch im Detail nachvollziehbar: Alle 38
untersuchten Merkmale sind bei der Person auf dem Bezugsbild und der Be-
schuldigten gleichförmig. Diese 38 übereinstimmenden Merkmale stellen eine in-
dividualtypische Merkmalkombination dar. Die Individualisierung ergibt sich insbe-
sondere durch die kleinflächig dargestellten Merkmale der linken Ohrregion
(Urk. 13/6, S. 14). Die vergleichende Analyse der Gesichtsproportionen mittels
Parallelprojektion und Superprojektion basierend auf einem Proportionslinien- und
Transparenzvergleich belegt, dass die Gesichtslängen- und Gesichtsbreitenpro-
portionen der Bezugsperson und der Beschuldigten gleichförmig verlaufen. Die-
ses Resultat wird mit den ebenfalls beigezogenen Videoanimationen der Parallel-
projektion und der Superprojektion eindrücklich dargestellt (Urk. 79). Alle verglei-
chenden morphologischen Untersuchungen ergeben Gleichförmigkeit, weshalb
der Identitätsnachweis gemäss Gutachten erbracht ist.
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4.6. Der Verteidiger adressiert weiter den von der Gutachterin angebrachten
Vorbehalt betreffend Blutsverwandte und führt aus, dies sei vorliegend von Rele-
vanz, da von der Beschuldigten geltend gemacht werde, dass gelegentlich auch
ihr Sohn und ihre Mutter das in Frage stehende Fahrzeug benutzen würden
(Urk. 56, S. 9; Urk. 86, S. 10 f.). Die Gutachterin führte unter dem Titel "Allgemei-
ne Vorbehalte" im Gutachten aus, dass die Ergebnisse eines morphologischen
Bildvergleichs unter dem Vorbehalt stünden, dass neben der Beschuldigten keine
engen Blutsverwandten in Frage kommen, die eine morphologische Ähnlichkeit
per se aufweisen (Urk.13/6, S. 14). Diese Aussage ist aber in Bezug zu setzen
zur Typendiagnose der ermittelten Bezugsperson (weiblich, junges bis mittleres
Erwachsenenalter, dunkle Haarfarbe, Haarlänge nicht bestimmbar, ohne Ge-
sichtsbehaarung; Urk. 13/6, S. 10 f.) und würde demnach für eine Schwester zu-
mindest ähnlichen Alters gelten. Das Foto der Geschwindigkeitsüberschreitung
vom 10. September 2016 zeigt aber jedenfalls keine männliche Person und auch
keine 70-jährige, ältere weibliche Person, weshalb sowohl der Sohn (Jahrgang
1996) wie auch die Mutter (Jahrgang 1946) der Beschuldigten als Fahrer/Fahrerin
ausscheiden, was bereits die Vorinstanz korrekt erwogen hat (Urk. 62, S. 13 f.).
5.1. Dass das morphologische Gutachten die Identität von Bezugsper-
son und Beschuldigter zwar bejahte, aber nur mit dem Prädikat Identität ist wahr-
scheinlich, führt dazu, dass der Beweis alleine mit diesem Gutachten nicht rechts-
genügend erbracht werden könnte. In casu liegt aber nicht nur dieses Beweismit-
tel vor, sondern zahlreiche andere, welche alle zusammen als Beweisgefüge be-
trachtet werden müssen. Die Vorinstanz hat dies sehr sorgfältig vorgenommen.
Ausgehend vom Radarfoto, über das morphologisch-anthropologische Gutachten
bis hin zu den Aussagen der Beschuldigten, der Auskunftspersonen und des
Zeugen hat die Vorinstanz die Beweiswürdigung sorgfältig und korrekt vorge-
nommen. Darauf ist zu verweisen (Urk. 62, S. 9 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Wenn
einzelne Punkte nachfolgend nochmals betrachtet werden, ist eine gewisse Re-
dundanz deshalb nicht zu verhindern.
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5.2.1. Bei der Würdigung der Beweismittel ist insbesondere auch der zeitli-
che Ablauf zu berücksichtigen. Die Geschwindigkeitsüberschreitung erfolgte am
10. September 2016. Das Rechtshilfegesuch der Kantonspolizei Zürich an die
Zuger Polizei zur Ermittlung einer Fahrzeuglenkerin oder eines Fahrzeuglenkers
datiert vom 22. September 2016 (Urk. 4). Am 26. September 2016 wurde die Be-
schuldigte zur polizeilichen Einvernahme vorgeladen. In der Vorladung wurde ex-
plizit aufgeführt, dass die Einvernahme im Rahmen eines Strafverfahrens wegen
einer Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften, konkret wegen ei-
ner Geschwindigkeitsüberschreitung am Samstag, 10. September 2016, um 17:04
Uhr, in B._, Autobahn A..., Fahrtrichtung C._, mit dem Personenwagen
ZG ... erfolge, wobei sie als mutmassliche Lenkerin betrachtet werde (Urk. 5, S.
3). An der anschliessenden Einvernahme bei der Zuger Polizei am 5. Oktober
2016 erklärte die Beschuldigte auf die Frage, ob sie dieses Fahrzeug zur fragli-
chen Zeit selber gelenkt habe, "Ich kann es nicht sagen. Ich kann mich nicht da-
ran erinnern." (Urk. 6, S. 2). Das Radarfoto wurde der Beschuldigten anlässlich
der Befragung vorgelegt. Sie konnte gemäss ihren Aussagen die Fahrerin nicht
identifizieren. Etwa fünf Monate später erfolgte die Einvernahme bei der fallfüh-
renden Assistenz-Staatsanwältin in E._. Hier führte die Beschuldigte aus,
dass sie sich im Moment, als ihr die Vorladung der Zuger Polizei zugestellt wor-
den sei, nicht habe daran erinnern können. Nun meine sie aber, sich daran erin-
nern zu können, dass sie am Wochenende des 10. Septembers 2016 mit einer
Nebenhöhlenentzündung und Fieber im Bett gelegen sei (Urk. 8, F/A 6). Auf Vor-
halt der Staatsanwältin, dass sich gemäss Bundesgerichtspraxis für die Halterin
eines Motorfahrzeugs gewisse Obliegenheiten ergäben, mit denen die Vermu-
tung, dass sie gefahren sei, entkräftet werden könne, erklärte die Beschuldigte,
dass ihr Bruder und ihr Vater Ärzte seien, und sie im Krankheitsfall einen der bei-
den telefonisch kontaktiere und die Symptome schildere. Einer der beiden sage
ihr dann, welche Medikamente sie nehmen solle. Falls diese nicht vorrätig seien,
würden der Vater oder der Bruder der Apotheke ein Rezept schicken. So sei sie
auch an jenem 10. September 2016 verfahren. Wen von diesen beiden sie konk-
ret telefonisch kontaktiert habe, wisse sie aber nicht mehr, zumal sie chronisch an
Sinusitis leide (Urk. 8, F/A 11). Wiederum sieben Monate später, am 8. Mai 2017,
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sandte die Beschuldigte der Anklägerin eine E-Mail, in welcher sie ausführte, dass
ihr Bruder sich daran erinnere, dass sie ihn damals wegen einer Nebenhöhlen-
entzündung kontaktiert habe. Er könne dies auch bestätigen. Es folgten die Ein-
vernahmen der Auskunftspersonen, die Erstellung des morphologischen Gutach-
tens und die Schlusseinvernahme. Mit Schreiben vom 23. Mai 2018 informierte
die Anklägerin über den geplanten Abschluss der Strafuntersuchung. In Bezug
auf die in Frage stehenden Geschwindigkeitsüberschreitung erklärte sie, Anklage
erheben zu wollen (Urk. 17). Der damalige Rechtsvertreter der Beschuldigten er-
klärte daraufhin, dass er den Bruder der Beschuldigten um eine Bestätigung ersu-
chen werde, dass die Beschuldigte ihn am 10. September 2016 wegen ihrer Er-
krankung kontaktiert habe (Urk. 18, S. 3). Die entsprechende schriftliche Bestäti-
gung erfolgte am 13. Juli 2018, wobei Dr. F._ nicht nur bestätigte, dass ihn
die Beschuldigte am 10. September 2016 wegen einer Erkrankung kontaktiert ha-
be, sondern dass er die Beschuldigte am Samstag, 10. September 2016, an ih-
rem Wohnort wegen ihrer Erkrankung besucht habe (Urk. 19). Die Einvernahme
von Dr. F._ als Zeuge erfolgte erst anlässlich der erstinstanzlichen Verhand-
lung. An dieser führte er aus, dass die Beschuldigte am 10. September 2016
krank gewesen und er deshalb bei ihr zu Hause vorbeigegangen sei (Urk. 55
S. 6). Sie habe starke Kopfschmerzen gehabt und sei nicht aus dem Bett gekom-
men, weshalb er kontaktiert worden sei. Er erklärte weiter, dass er nicht mehr
wisse, ob er von der Beschuldigten selbst oder durch seine Mutter kontaktiert
worden sei. Die später an ihn gestellte Frage nach dem Zeitpunkt des Anrufes
seiner Schwester, beantwortete er dahingehend, dass er nicht mehr wisse, wann
genau sie ihn angerufen habe. Er erinnere sich aber, dass sie sich wegen des
Ladenschlusses der Apotheke Sorgen gemacht habe (Urk. 55 S. 6 und S. 7). Wei-
ter schätzte er, zwischen 15.00 Uhr und 16.00 Uhr bei der Beschuldigten vorbei-
gegangen zu sein. Dieser Besuch hätte ungefähr 30 Minuten gedauert, wobei er
anschliessend in die Bahnhofsapotheke nach G._ gefahren sei, weil diese
längere Öffnungszeiten habe. Dort habe er NSAR, Antibiotikum und Nasentropfen
gekauft und dann der Schwester gebracht. Weiter gab er an, dass sein Besuch
eine Ausnahme dargestellt habe, es sei nicht üblich, dass er die Beschuldigte be-
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sucht habe, weshalb er sich auch Jahre später noch daran habe erinnern können
(Urk. 55 S. 7).
5.2.2. Das Aussageverhalten der Beschuldigten und ihres Bruders zeichnet
sich dadurch aus, dass ein Alibi der Beschuldigten zu Beginn nicht vorhanden
war, sich ein solches dann vage manifestierte und mit dem Fortschreiten der
Strafuntersuchung und des Strafverfahrens laufend erweiterte und verdichtete.
Dieser Verlauf macht die Aussagen der Beschuldigten und ihres Bruders wenig
glaubhaft. Der Zeuge berichtete am 11. Juni 2019, und damit fast drei Jahre nach
dem Vorfall, über den Krankenbesuch bei seiner Schwester. Er erklärte, dass ein
solcher Krankenbesuch eine Ausnahme darstelle, weshalb er sich noch genau an
diesen erinnern könne. Die Beschuldigte sei leidend gewesen, nicht aus dem Bett
gekommen. Er sei eine halbe Stunde bei ihr gewesen und dann in die Apotheke
gefahren, um ihr verschiedene Medikamente, u.a. ein Antibiotikum zu kaufen und
zu bringen. Angesichts dieser Schilderung erscheint es völlig abwegig, dass sich
die Beschuldigte gut zwei Wochen später nicht mehr daran erinnern können will,
dass sie an jenem Samstag, an welchem ihr Porsche Cayenne in B._ auf der
Autobahn geblitzt wurde, in H._ krank im Bett lag und es ihr so schlecht ging,
dass der Bruder vorbeikommen musste und ihr danach Antibiotikum und weitere
Medikamente brachte. Dies umso weniger, wenn man in Betracht zieht, dass der
Krankenbesuch des Bruders eine Ausnahme und darum eine Besonderheit dar-
stellte und, dass Antibiotika über einen längeren Zeitraum, in der Regel mindes-
tens zehn Tage, eingenommen werden muss, so dass die Beschuldigte im Zeit-
punkt des Erhalts der Vorladung zur Einvernahme bei der Zuger Polizei die Ein-
nahme kaum beendet hatte. Erst gut ein halbes Jahr später präsentiert die Be-
schuldigte dann erstmals ein Alibi. Dies tat sie aber noch äusserst vage. Die Be-
schuldigte führte aus, sie meine, sich daran erinnern zu können, dass sie an dem
betreffenden Wochenende mit einer Nebenhöhlenentzündung mit Fieber im Bett
gelegen habe (Urk. 8, F/A 6). Den Besuch ihres Bruders erwähnt sie nicht. Sie
führte stattdessen aus, dass sie jeweils ihren Bruder oder ihren Vater anrufe,
wenn sie krank sei und sie wisse nicht mehr, welchen der beiden sie dannzumal
bemüht habe (Urk. 8, F/A 11). Zwei Monate später erklärte die Beschuldigte ge-
genüber der Staatsanwaltschaft per E-Mail, dass ihr Bruder, der Arzt sei, sich er-
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innern könne, dass sie "ihn damals wegen Nebenhöhlenentzündung kontaktiert
habe" (Urk. 9/6). Er könne dies bestätigen. Kein Wort von einem Krankenbesuch
bei ihr zuhause oder einem Medikamentenkauf gegen Ladenschluss in der Apo-
theke. Es folgten die Einvernahmen der Auskunftspersonen sowie das Erstellen
des morphologischen Gutachtens. In der Stellungnahme zu letzterem führte der
damalige erbetene Verteidiger der Beschuldigten am 20. März 2018 aus, dass die
Beschuldigte "damals an einer Nebenhöhlenentzündung mit Fieber litt." Sie könne
zwar nicht mehr genau sagen, welche Tage sie tatsächlich im Bett verbrachte, die
Entzündung sei jedoch im Bereich des 10. Septembers 2016 gelegen. Sie habe
ihren Bruder, der Arzt sei, konsultiert, was dieser sicher bestätigen könne
(Urk. 13/10, S. 3). Am 14. Mai 2018 fand die Schlusseinvernahme statt (Urk. 16).
Mit Schreiben vom 23. Mai 2018 informierte die Staatsanwaltschaft die Beschul-
digte über den bevorstehenden Abschluss der Untersuchung mit dem Hinweis,
dass in Bezug auf die Geschwindigkeitsüberschreitung eine Anklageerhebung
ans zuständige Gericht beabsichtigt werde (Urk. 17). Als Reaktion darauf erfolgte
am 20. Juli 2018 das Schreiben des damaligen erbetenen Verteidigers der Be-
schuldigten, in welchem dieser beantragte, dass der Bruder der Beschuldigten als
Zeuge einvernommen werde. Dieser habe am 23. Juli 2018 per E-Mail bestätigt,
"in seiner Funktion als Arzt Frau A._ am Samstag, 10. September 2016, an
der I._-Strasse ... in H._ besucht" zu haben (Urk. 19). Hier, knapp zwei
Jahre später, erfolgte erstmals der Hinweis, dass die Beschuldigte ihren Bruder
am 10. September 2016 nicht nur telefonisch kontaktiert, sondern dass dieser die
Beschuldigte an deren Wohnort besucht habe. Wann genau dieser Besuch erfolgt
sei, wird nicht erwähnt, und auch nicht, dass überhaupt, und wenn ja, welche Me-
dikamente, wo, vom Bruder für die Beschuldigte besorgt wurden. Mit Verfügung
vom 5. September 2018 lehnte die Staatsanwaltschaft den Beweisantrag der Be-
schuldigten ab, wobei sie festhielt, dass der Verteidiger der Beschuldigten ausge-
führt habe, der Bruder der Beschuldigten habe "am Tattag" mit der Beschuldigten
Kontakt gehabt. Eine Einvernahme des Zeugen erscheine nun aber unnötig, da
die Beschuldigte selber ausführte, nur telefonischen Kontakt gehabt zu haben und
somit nicht bewiesen werden könne, dass die Beschuldigte "zur Tatzeit" nicht mit
dem Fahrzeug unterwegs gewesen sei (Urk. 24). In der Folge kreuzten sich das
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Widererwägungsgesuch des damaligen Verteidigers der Beschuldigten und die
Anklageerhebung (Urk. 29 und 32). Anschliessend mandatierte die Beschuldigte
Rechtsanwalt X._ als neuen Verteidiger, da der bisherige Verteidiger seine
Tätigkeit per Ende 2018 altershalber einzustellen beabsichtigte (Urk. 33-35). Am
20. Februar 2019 liess die Beschuldigte erneut beantragen, ihren Bruder als Zeu-
gen einzuvernehmen. Dieser könne "unter Wahrheitspflicht über den Gesund-
heitszustand der Beschuldigten am inkriminierten Tag Auskunft geben und, je
nach Zeitpunkt seines Hausbesuchs, auch über ein Alibi." (Urk. 42). Hier wird
erstmals ein Alibi für den Tatzeitpunkt erwähnt. In den Akten findet sich dann an-
schliessend das Schreiben von F._ vom 1. März 2019, in welchem dieser
ausführt, dass er sich erlaube "zu bestätigen, dass, Frau A._, geb. tt.9.1977,
am Samstag, den 10.9.2016 krank war." Er "habe sie nämlich am späten Nach-
mittag, den 10.09.16 bei ihr zu Hause in der Funktion als Arzt visitiert" und sei
"anschliessend für sie in der Apotheke Medikamente kaufen gegangen." (Urk. 47).
Es folgte die Einvernahme von Dr. F._ als Zeuge anlässlich der Hauptver-
handlung vom 11. Juni 2019, an welcher dieser die bereits vorstehend aufgeführ-
ten Aussagen machte und seiner Schwester ein Alibi nun auch für den ungefäh-
ren Tatzeitpunkt gab (Urk. 55).
5.3. Wie bereits eingangs erwähnt fällt auf, dass ein Alibi der Beschuldigten
zu Beginn nicht vorhanden war, sich ein solches dann vage manifestierte und mit
dem Fortschreiten der Strafuntersuchung und des Strafverfahrens laufend erwei-
terte und verdichtete. Der vorstehend dargelegte chronologische Ablauf und die
Tatsache, dass keine Belege (wie ein Eintrag in der Agenda, eine Chatnachricht,
eine Kopie des Kaufbelegs der Medikamente o.ä.) dafür vorliegen, dass der er-
wähnte Krankenbesuch tatsächlich genau an jenem Samstag, 10. September
2016, um ca. 16:00 Uhr, erfolgte, führt zur Einschätzung, dass die Aussagen der
Beschuldigten und ihres Bruders als wenig glaubhaft zu betrachten sind. Die Aus-
sagen der Beschuldigten sind als Schutzbehauptungen zu werten. Bei den Aus-
sagen des Bruders der Beschuldigten ist zu seinen Gunsten nicht von einer be-
wussten Falschaussage auszugehen. Vielmehr ist denkbar, angesichts der lan-
gen Zeitspanne sogar wahrscheinlich, dass sich der Bruder der Beschuldigten im
Datum geirrt hat.
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5.4. Der Verteidiger der Beschuldigten hält dafür, dass in casu auch morpho-
logische Gutachten in Bezug auf die Mutter, den Sohn und die beiden Mitarbeite-
rinnen der Beschuldigten zu erfolgen hätten (Urk. 55, S. 9; Urk. 86, Beweisergän-
zungsanträge S. 2), hinsichtlich welchen die Verteidigung anlässlich der Beru-
fungsverhandlung auch Fotos einreichte (Urk. 87/1-5). Im Lichte des gesamten
bisherigen Beweisergebnisses ist dies zu verneinen. Bereits vorstehend wurde
darauf hingewiesen, dass das Radarfoto im Einklang mit der Einschätzung der
Gutachterin im morphologischen Gutachten eine weibliche Fahrerin im jungen
oder mittleren Erwachsenenalter zeigt. Damit scheiden sowohl der Sohn als auch
die Mutter der Beschuldigten als Fahrer/Fahrerin aus. Die Auskunftsperson
J._ führte in ihrer Befragung aus, dass sie den Porsche Cayenne ihrer Chefin
nie gefahren sei (Urk. 12/4, S. 2). Die Auskunftsperson K._ trug anlässlich
der Einvernahme ein auffälliges Piercing und hatte – wie auch auf dem von der
Verteidigung anlässlich der Berufungsverhandlung eingereichten Foto (Urk. 87/5)
– helles Haar (Urk. 12/5, S. 2 f.). Wenn sie in der Folge einschränkend ausführte,
dass sie ihre Haarfarbe öfters wechsle und das Piercing früher kleiner gewesen
sei und sie es bei Geschäftsanlässen oder Entzündungen im Mund auch schon
weggelassen habe, ist wenig glaubhaft, dass sie genau an jenem Samstag im
September 2016 ausnahmsweise den Porsche ihrer Chefin gefahren, ihre Haare
schwarz gefärbt und – ganz ausnahmsweise – das Piercing nicht getragen hätte.
Darüber hinaus ist hinsichtlich der beiden Mitarbeiterinnen der Beschuldigten
auch erneut hervorzuheben, dass das Gutachten, das die Beschuldigte wie dar-
gelegt als die auf dem Radarbild abgelichtete Person identifizierte, den besagten
allgemeinen Vorbehalt zur angewandten Methode einzig mit Blick auf blutsver-
wandte Personen der Beschuldigte machte, die per se gewisse morphologische
Ähnlichkeit mit der Beschuldigten aufweisen würden (Urk. 13/6, S. 14). Es ist mit
anderen Worten schon aufgrund des bereits vorliegenden Gutachtens klar, dass
es höchst unwahrscheinlich ist, dass die beiden mit der Beschuldigten nicht bluts-
verwandten Mitarbeiterinnen J._ und K._ eine derart grosse morpholo-
gische Ähnlichkeit (38 übereinstimmende Merkmale, übereinstimmende Parallel-
und Superprojektion) mit der Beschuldigten und damit mit der auf dem Radarbild
abgebildeten Person aufweisen, sodass sie als Fahrerin überhaupt ernsthaft in
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Frage kämen. Auf morphologische Gutachten der vier vorgenannten Auskunfts-
personen kann bei dieser Sachlage und mit Blick auf das gesamte Beweisergeb-
nis verzichtet werden.
6.1. Vor der abschliessenden Würdigung ist noch einmal der Grundsatz "in
dubio pro reo" in Erinnerung zu rufen: Dieser Grundsatz besagt als Beweiswürdi-
gungsregel, dass sich das Strafgericht nicht von einem für die Angeklagte un-
günstigen Sachverhalt überzeugt erklären darf, wenn bei objektiver Betrachtung
erhebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel bestehen, ob sich der Sachverhalt
so verwirklicht hat. Bloss abstrakte und theoretische Zweifel genügen nicht, weil
solche immer möglich sind. Relevant sind mithin nur unüberwindliche Zweifel, d.h.
solche, die sich nach der objektiven Sachlage aufdrängen (vgl. Art. 10 Abs. 3
StPO; BGE 138 V 74 E. 7; 127 I 38 E. 2a; je mit Hinweisen). Der Grundsatz "in
dubio pro reo" verlangt nicht, dass bei sich widersprechenden Beweismitteln un-
besehen auf den für die Angeklagte günstigeren Beweis abzustellen ist. Die Ent-
scheidregel kommt nur zur Anwendung, wenn nach erfolgter Beweiswürdigung als
Ganzem relevante Zweifel verbleiben. Als Beweislastregel ist der Grundsatz ver-
letzt, wenn das Gericht die Angeklagte (einzig) mit der Begründung verurteilt, sie
habe ihre Unschuld nicht nachgewiesen (BGer 6B_839/2018 vom 1. Oktober
2019 E. 1.1 mit Hinweis).
6.2. Betrachtet man das Beweisgefüge in seiner Gesamtheit, bleiben vorlie-
gend keine erheblichen, nicht zu unterdrückenden Zweifel daran, dass die Be-
schuldigte am 10. September 2016 um 17.04 Uhr den Personenwagen Porsche
Cayenne mit dem Kontrollschild ZG ... auf der Oberlandautobahn A... mit einer
Geschwindigkeit von 116 km/h in Richtung C._ lenkte und auf Höhe Auto-
bahnkilometer 19.900 (Gemeindegebiet B._) die signalisierte Höchstge-
schwindigkeit von 80 km/h (nach Abzug der Sicherheitsmarge von 4 km/h) um
36 km/h überschritten hat. Die Beschuldigte ist Halterin des in Frage stehenden
Porsche Cayennes. Sie weist auch mit blossem Auge erkennbar eine grosse Ähn-
lichkeit mit der auf dem Radarfoto abgebildeten Person auf, was auf die übrigen
von ihr bezeichneten möglichen Lenker bzw. Auskunftspersonen teilweise offen-
kundig nicht zutrifft (vgl. Urk. 87/1-5). Das linke Ohr der Beschuldigten ist mit zahl-
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reichen Eigenheiten auf dem Radarfoto erkennbar. Diesen prima-facie Befund er-
härtet das morphologisch-anthropologische Gutachten: Alle 38 untersuchten
Merkmale sind bei der Person auf dem Bezugsbild und der Beschuldigten gleich-
förmig und stellen eine individualtypische Merkmalkombination dar. Die Analyse
der Gesichtsproportionen mittels Parallelprojektion und Superprojektion hatten als
Resultat ebenfalls vollständige Übereinstimmung, weshalb der Identitätsnachweis
gemäss Gutachten als erbracht gilt, zufolge der Mängel des Bezugsmaterials nur,
aber immerhin, mit dem Prädikat "Identität wahrscheinlich". Die Aussagen der Be-
schuldigten und ihres Bruders sind nicht glaubhaft, nachdem ein Alibi der Be-
schuldigten zu Beginn nicht vorhanden war, sich ein solches dann vage manifes-
tierte und sich erst mit dem Fortschreiten der Strafuntersuchung und des Strafver-
fahrens erweiterte und verdichtete.
6.3. Insgesamt ist der Anklagesachverhalt demgemäss als rechtsgenügend
erstellt zu betrachten.
III. Rechtliche Würdigung / Strafzumessung / Vollzug
1. Die Vorinstanz hat sich einlässlich zur rechtlichen Würdigung geäussert
und die Beschuldigte der groben Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von
Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 27 Abs. 1 SVG, Art. 4a Abs. 1 lit. d und
Abs. 5 VRV und Art. 22 Abs. 1 SSV schuldig gesprochen. Auf diese zutreffenden
Ausführungen ist zu verweisen (Urk. 62, S. 32 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Die recht-
liche Würdigung wurde denn auch weder von der Beschuldigten noch von der
Staatsanwaltschaft angefochten. Es liegen keine Rechtfertigungs- und Schuld-
ausschlussgründe vor. Dementsprechend ist die Beschuldigte der groben Verlet-
zung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung mit
Art. 27 Abs. 1 SVG, Art. 4a Abs. 1 lit. d und Abs. 5 VRV und Art. 22 Abs. 1 SSV
schuldig zu sprechen.
2. Die Vorinstanz hat auch die anwendbaren gesetzlichen Grundlagen zur
Strafzumessung richtig dargelegt, die Strafe lege artis zugemessen, die Höhe von
Tagessatz und Busse angemessen bestimmt und die Frage des Vollzugs korrekt
erwogen und beantwortet (Urk. 62, S. 26. ff.). Auf diese zutreffenden Ausführun-
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gen ist zu verweisen (Art. 82 Abs. 4 StPO). Einzig die aktuellen finanziellen Ver-
hältnisse haben sich seit dem vorinstanzlichen Urteil dahingehen verändert, dass
sich die Umsätze ihres Unternehmens aufgrund der Coronavirus-Krise jüngst ne-
gativ entwickelt haben (Prot. II S. 7). Wenngleich es sich dabei voraussichtlich
nicht um einen dauerhaften Zustand handeln dürfte, ist dennoch davon auszuge-
hen, dass die – mitunter wirtschaftlichen – Nachwirkungen der Covid-19-
Pandemie noch eine gewisse Zeit anhalten werden. In diesem Lichte erscheint es
als angemessen, den Tagessatz gegenüber dem vorinstanzlichen Urteil von
Fr. 130.– auf Fr. 90.– zu reduzieren. Im Übrigen ist die Strafe der Vorinstanz zu
bestätigen.
3. Im Ergebnis ist die Beschuldigte demnach zu einer bedingten Geldstrafe
von 10 Tagessätzen zu Fr. 90.– mit einer Probezeit von zwei Jahren sowie mit ei-
ner Busse von Fr. 300.– zu bestrafen.
IV. Kostenfolgen
Bei diesem Verfahrensausgang sind die Kosten der Untersuchung, des erst-
instanzlichen Verfahrens und des Berufungsverfahrens der Beschuldigten aufzu-
erlegen (Art. 428 Abs. 1 StPO).