Decision ID: ee1e2bdf-f8d8-55ef-a667-d1e0589ca970
Year: 2005
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ G.K., geboren 1967, ist türkischer Staatsangehöriger. Er hatte 1991 seine Landsfrau
G.A. geheiratet. 1993 wurde ein Sohn geboren. Am 26. Juni 2001 wurde die Ehe
geschieden. Am 10. Januar 2002 gebar die Ex-Ehefrau einen zweiten Sohn.
Am 15. Dezember 2001 reiste G.K. mit einem Besuchervisum auf Einladung der in St.
Gallen wohnhaften Schweizer Staatsangehörigen N., geboren 1969, in die Schweiz ein.
Am 3. Januar 2002 beantragte N. eine Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung zwecks
Vorbereitung der Heirat. Am 22. April 2002 heirateten N. und G.K. in St. Gallen. In der
Folge wurde dem Ehemann eine Aufenthaltsbewilligung im Rahmen des
Familiennachzugs erteilt, welche am 20. Dezember 2002 bis 17. Januar 2004 verlängert
wurde.
Mit Verfügung vom 25. August 2004 wies das Ausländeramt das Begehren um
Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung ab mit der Begründung, es liege eine
Scheinehe vor.
B./ Gegen die Verfügung des Ausländeramts erhob G.K. durch seinen Rechtsvertreter
Rekurs, der vom Justiz- und Polizeidepartement mit Entscheid vom 13. Juni 2005
abgewiesen wurde.
C./ Mit Eingabe vom 20. Juni 2005 erhob G.K. Beschwerde beim Verwaltungsgericht
mit dem Antrag, der Rekursentscheid vom 13. Juni 2005 und die Verfügung des
Ausländeramts vom 25. August 2004 seien aufzuheben, die Ausweisung sei zu
sistieren, eventuell sei die Aufenthaltsbewilligung zu verlängern, unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen. Zur Begründung wird im wesentlichen vorgebracht, es liege
keine Scheinehe vor. Es sei einseitig nur auf die Aussagen der Ehefrau abgestellt
worden. Auf die weiteren Vorbringen des Beschwerdeführers wird, soweit wesentlich,
in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.
Die Vorinstanz schliesst in ihrer Vernehmlassung vom 18. Juli 2005 unter Hinweis auf
die Erwägungen des angefochtenen Entscheids auf Abweisung der Beschwerde.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1./ Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59bis Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Der
Beschwerdeführer ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeschrift vom 20. Juni 2005
entspricht zeitlich, formal und inhaltlich den gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1
in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
Soweit der Beschwerdeführer beantragt, seine Ausweisung zu sistieren, ist das
Begehren gegenstandslos. Der Beschwerdeführer wollte mit diesem Begehren
verhindern, dass ihm während des Beschwerdeverfahrens eine neue Ausreisefrist
angesetzt wird, wie dies in Ziff. 1b des Rekursentscheids angeordnet wurde. Bei
hängigen Beschwerdeverfahren wird nach der ständigen Praxis der Ausländerbehörden
in der Regel auf Vollstreckungsmassnahmen verzichtet, und der Beschwerdeführer
konnte daher das vorliegende Verfahren in der Schweiz abwarten.
2./ Nach Art. 4 des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer
(SR 142.20, abgekürzt ANAG) entscheidet die zuständige Behörde im Rahmen der
gesetzlichen Vorschriften und der Verträge mit dem Ausland nach freiem Ermessen
über die Bewilligung von Aufenthalt und Niederlassung.
a) Der Ausländer hat nach Art. 4 ANAG grundsätzlich keinen Anspruch auf Erteilung
einer Aufenthaltsbewilligung. Eine Ausnahme besteht, wenn er nahe Verwandte mit
gesichertem Anwesenheitsrecht in der Schweiz hat. In diesem Fall kann er sich auf den
in Art. 8 Ziff. 1 der Europäischen Menschenrechtskonvention (SR 0.101, abgekürzt
EMRK) verankerten Anspruch auf Schutz des Familienlebens berufen. Hinsichtlich
ausländischer Ehegatten von Schweizer Bürgern ist dieser Anspruch in Art. 7 Abs. 1
ANAG geregelt. Nach dieser Bestimmung hat der ausländische Ehegatte einer
Schweizer Bürgerin Anspruch auf Erteilung und Verlängerung der
Aufenthaltsbewilligung. Nach Art. 7 Abs. 2 ANAG besteht kein solcher Anspruch, wenn
die Ehe eingegangen worden ist, um die Vorschriften über Aufenthalt und
Niederlassung von Ausländern und namentlich jene über die Begrenzung der Zahl der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ausländer zu umgehen. Diese Bestimmung ist dem früheren Art. 120 Ziff. 4 ZGB
betreffend die sogenannte Bürger-rechtsehe nachgebildet, welcher mit der Revision
des Bürgerrechtsgesetzes (SR 141.0) vom 23. März 1990 seine Grundlage verloren hat
und aufgehoben wurde. Dem ausländischen Ehegatten eines Schweizer Bürgers wurde
im revidierten Art. 7 Abs. 1 ANAG ein Anspruch auf Erteilung und Verlängerung der
Aufenthaltsbewilligung eingeräumt. Da die Gefahr, diese Vorschrift könnte durch
Eingehung einer blossen Scheinehe umgangen werden, in gleicher Weise besteht wie
im Falle des früheren Bürgerrechtserwerbs durch Heirat, wurde für solche
"Aufenthalts-" bzw. "Niederlassungsehen" in Art. 7 Abs. 2 ANAG ein ähnlicher
Missbrauchstatbestand geschaffen, wie er in Art. 120 Ziff. 4 ZGB für die früheren
Bürgerrechtsehen vorgesehen war (BGE 122 II 294 mit Hinweisen).
b) Das Bundesgericht hat in verschiedenen Urteilen die Anforderungen an den
Nachweis einer Scheinehe bzw. Ausländerrechtsehe umschrieben. Es erwog, der
Nachweis, dass die Ehe zur Umgehung der Vorschriften über Aufenthalt und
Niederlassung der Ausländer geschlossen wurde und nicht der Begründung einer
Lebensgemeinschaft diene, sei in der Regel nicht direkt zu erbringen und könne nur
durch Indizien geführt werden. Solche Indizien seien etwa darin zu erblicken, dass dem
Ausländer die Wegweisung gedroht habe, etwa weil er ohne Heirat keine
Aufenthaltsbewilligung erhalten hätte oder sie ihm nicht verlängert worden wäre.
Sodann könnten die Umstände und die kurze Dauer der Bekanntschaft sowie die
Tatsache, dass die Ehegatten eine Wohngemeinschaft gar nie aufgenommen hätten,
für das Vorliegen einer Ausländerrechtsehe sprechen. Umgekehrt könne aus einer
gewissen Zeit des Zusammenlebens und des Unterhalts intimer Beziehungen nicht
ohne weiteres abgeleitet werden, es sei eine wirkliche Lebensgemeinschaft gewollt
gewesen. Ein solches Verhalten könne auch nur vorgespiegelt sein, um die Behörde zu
täuschen (BGE 122 II 295 mit Hinweisen auf Literatur und Judikatur). Wenn aber nicht
genügend Anhaltspunkte bestehen, die auf eine Scheinehe hindeuten, so dürfe nicht
einzig aufgrund dieser ungenügenden Anhaltspunkte die Berufung auf eine bestehende
Ehe als rechtsmissbräuchlich qualifiziert werden (BGE 123 II 49 ff.). Demgegenüber
handelt jedoch der Ausländer rechtsmissbräuchlich, welcher sich im
fremdenpolizeilichen Verfahren auf eine Ehe beruft, die nur noch formell besteht oder
aufrechterhalten wird mit dem alleinigen Ziel, dem Ausländer eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anwesenheitsbewilligung zu ermöglichen. Dies gilt auch dann, wenn die Ehe zu Beginn
nicht bloss zum Schein eingegangen wurde (BGE 127 II 56).
c) Zu prüfen ist im folgenden, ob die Vorinstanz zu Recht davon ausgegangen ist, der
Beschwerdeführer sei eine Scheinehe eingegangen.
Wie erwähnt, ist dabei in erster Linie auf objektive Indizien abzustellen. Im vorliegenden
Fall wurden die Eheleute im Verfahren vor dem Ausländeramt eingehend befragt. Auf
eine nochmalige Befragung kann daher verzichtet werden. Der Beschwerdeführer
macht im wesentlichen geltend, es sei zu Unrecht auf die Aussagen seiner Ehefrau
abgestellt worden.
aa) Fest steht, dass der Beschwerdeführer als türkischer Staatsangehöriger ohne die
Eheschliessung keinen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung in der
Schweiz erlangt hätte. Dies bildet ein Indiz für eine Scheinehe.
bb) Der Beschwerdeführers hat nach eigener Darstellung seine derzeitige Ehefrau im
Sommer 2000 in Antalya während eines Ferienaufenthalts kennen gelernt. In der Folge
will er nur noch brieflichen Kontakt mit ihr gehabt haben. Am 15. Dezember 2001 reiste
er in die Schweiz mit der Absicht, N. zu heiraten. Der Entschluss zur Heirat kam somit
nur nach wenigen gemeinsam verbrachten Tagen zustande. Zudem hatten die Eheleute
erhebliche Sprachschwierigkeiten. Die Ehefrau sagte aus, sie hätten nicht gut
telefonieren können, da der Ehemann die deutsche Sprache nicht verstanden habe.
Folglich hätten sie einander geschrieben, wobei ein Kollege des Ehemannes übersetzt
habe. Diese Umstände, insbesondere die kurze Bekanntschaftszeit vor der Heirat, sind
ebenfalls als Indizien für eine Scheinehe zu betrachten.
cc) Die Ehefrau äusserte gegenüber der Polizei, nach der Trauung hätten sie und die
bei der Hochzeit Anwesenden in der Wohnung einen Apéro eingenommen und Torte
gegessen. Der Ehemann hielt dagegen fest, sie hätten im Migros-Restaurant etwas
getrunken. Verwandte der Ehefrau waren bei der Hochzeit nicht anwesend.
Offensichtlich wurde auf grössere Festlichkeiten verzichtet. Hinzu kommt, dass keine
engeren Beziehungen zu Bekannten und Verwandten des anderen Ehegatten gepflegt
werden. Dies sind ebenfalls Indizien für eine Scheinehe.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dd) Während die Ehefrau festhielt, der Beschwerdeführer sei seit seiner Einreise in die
Schweiz im Dezember 2001 nicht mehr in der Türkei gewesen, sagte dieser aus, er sei
im Februar 2003 in Budru bei seinen Eltern gewesen. Bei der zweiten Einvernahme
erklärte er, er sei im August 2003 für vier Wochen in der Türkei gewesen. Dieser
Widerspruch ist ebenfalls ein gewichtiges Indiz dafür, dass die Eheleute keine
Gemeinschaft pflegen. Auffallend ist auch, dass der Beschwerdeführer bei der ersten
Befragung nicht angeben konnte, ob seine Ehefrau bereits einmal verheiratet war und
ob sie Kinder hat. Selbst wenn die Ehegatten am Vorleben des Partners wenig
Interesse haben, so ist das fehlende Wissen um solche Umstände ein starkes Indiz für
eine Scheinehe.
ee) Weiter steht fest, dass die Eheleute getrennte Wohnungen haben. Der
Beschwerdeführer arbeitet seit 1. Juni 2002 im Kanton Basel-Land und lebt dort in
einer eigenen Wohnung. Auch in finanzieller Hinsicht besteht keine
Gemeinschaftlichkeit.
Diese Indizien berechtigen zur Annahme, dass der Beschwerdeführer eine Scheinehe
eingegangen ist. Diese Feststellung ist unabhängig von den Angaben der Ehefrau
gegenüber dem Ausländeramt vom 28. Januar 2004, als die Ehefrau
unmissverständlich festhielt, sie habe für die Eheschliessung einen Betrag von Fr.
25'000.-- erhalten und es sei von Anfang an nie ein Familienleben geplant gewesen.
Aufgrund der zahlreichen Indizien ist es nicht zu beanstanden, dass das Ausländeramt
diese Aussagen der Ehefrau als glaubwürdig einstufte.
d) Nach Art. 9 Abs. 1 lit. a ANAG erlischt die Aufenthaltsbewilligung mit dem Ablauf der
Bewilligungsfrist. Nach Art. 9 Abs. 2 lit. a ANAG kann die Aufenthaltsbewilligung
widerrufen werden, wenn der Ausländer sie durch falsche Angaben oder wissentliches
Verschweigen wesentlicher Tatsachen erschlichen hat. Als Erschleichen und damit als
Widerrufsgrund gelten dabei auch Scheinehen (Spescha/ Sträuli, Handkommentar zum
Ausländerrecht, Zürich 2001, S. 42). Ist beim Vorliegen bestimmter Umstände ein
Widerruf der Aufenthaltsbewilligung zulässig, so ist umso mehr auch die Verweigerung
von deren Verlängerung gerechtfertigt (GVP 1998 Nr. 22). Bei Scheinehen wird nach
der ständigen Praxis eine Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung verweigert (vgl.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
VerwGE B 2004/165 vom 7. April 2005 i.S. U.P.M. und B 2004/136 vom 2. Dezember
2004 i.S. M.B., zurzeit publiziert in: www.gerichte.sg.ch).
e) Selbst wenn die Ehe nicht als Scheinehe qualifiziert würde, wäre die Verweigerung
der Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung rechtmässig.
Der Ehemann ist am 15. Dezember 2001 in die Schweiz eingereist und befindet sich
somit weniger als vier Jahre in der Schweiz. Eine eheliche Gemeinschaft besteht nicht
mehr. Der Beschwerdeführer hält selber fest, die Ehefrau sei aus der früheren Wohnung
ausgezogen; sie habe einen neuen Freund und sei zu diesem gezogen. Aufgrund der
Ausführungen in der Beschwerde unterliegt es keinem Zweifel, dass der Ehewille der
Ehefrau erloschen ist. Der Beschwerdeführer behauptet denn auch nicht, es bestünden
Anhaltspunkte für eine Wiederaufnahme der ehelichen Gemeinschaft. Er hält in der
Beschwerdeschrift denn auch fest, er sei mit einer neuen Freundin zusammen. In
objektiver Hinsicht ist daher die Berufung des Beschwerdeführers auf die nur noch
formell bestehende Ehe als rechtsmissbräuchlich zu qualifizieren.
Fest steht weiter, dass die Eheleute keine gemeinsamen Kinder haben. Der Ehemann
arbeitet im Kanton Baselland als Hilfsarbeiter in einer Metzgerei. Auch unter
wirtschaftlichen bzw. arbeitsmarktlichen Aspekten besteht daher kein Grund, der die
Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung rechtfertigt. Der Beschwerdeführer hat den
weitaus grössten Teil seines Lebens in der Heimat verbracht, und es liegen keine
Anhaltspunkte vor, inwiefern eine Rückkehr in die Heimat mit überdurchschnittlichen
Schwierigkeiten verbunden ist.
Unter diesen Umständen ist die Verweigerung der Verlängerung der
Aufenthaltsbewilligung nicht als Missbrauch oder Ueberschreitung des Ermessens zu
qualifizieren. Folglich ist die Beschwerde als unbegründet abzuweisen, soweit darauf
einzutreten ist.
3./ Dem Verfahrensausgang entsprechend gehen die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens zulasten des Beschwerdeführers (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 2'000.-- ist angemessen (Ziff. 382 Gerichtskostentarif; sGS
941.12). Der geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe ist zu verrechnen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen (Art. 98bis VRP).