Decision ID: df9b4069-2e62-5f51-b45a-2e705804acbe
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X und Y heirateten am 20. Mai 2011 und wohnen in E. Die Ehefrau hatte zuvor bis
Ende März 2011 ein Café als Einzelunternehmung geführt, welche im Handelsregister
eingetragen war. Per Ende März 2011 wurde diese aufgelöst und der Eintrag im
Handelsregister am 16. Mai 2011 gelöscht. Die Eheleute X und Y wurden für die
Kantons- und Gemeindesteuer 2011 mit einem steuerbaren Einkommen von
Fr. 192'000.--, ohne steuerbares Vermögen, und für die direkte Bundessteuer 2011 mit
einem steuerbaren Einkommen von Fr. 175'600.-- veranlagt. Bei der Veranlagung der
Einkünfte wurde ein Forderungsverzicht einer Bank gegenüber der Ehefrau, welche im
Zusammenhang mit deren selbständiger Erwerbstätigkeit stand, im Betrag von
Fr. 190'632.-- dem steuerbaren Einkommen zugerechnet. Gegen die Veranlagungen
vom 1. Mai 2012 erhoben die Eheleute X und Y erfolglos Einsprache. Die
Einspracheentscheide vom 15. August 2012 erwuchsen unangefochten in Rechtskraft.
B.- Mit Schreiben vom 31. Mai 2012 ersuchten X und Y um Aufhebung der
Solidarhaftung des Ehemannes mit der Begründung, die Heirat sei nach der Liquidation
des maroden Unternehmens der Ehefrau erfolgt. Mit Verfügung vom 13. November
2012 wies das Gemeindesteueramt E. dieses Begehren ab mit der Begründung, die
Voraussetzungen nach Art. 13 Abs. 1 DBG bzw. Art. 25 Abs. 1 StG seien derzeit nicht
gegeben. Es seien keine aktuellen Verlustscheine vorhanden und es sei kein Konkurs
eröffnet worden. Die Ehefrau generiere derzeit zwar kein Einkommen; es wäre ihr aber
zuzumuten, eine Anstellung zu suchen. Gegen die Haftungsverfügungen erhob X
Einsprache, die vom kantonalen Steueramt mit Entscheiden vom 2. Mai 2013
abgewiesen wurde.
C.- Mit Eingabe ihres Vertreters vom 3. Juni 2013 erhoben X und Y Rekurs und
Beschwerde bei der Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, die
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Haftungsentscheide seien aufzuheben und X sei aus der Solidarhaftung für die direkte
Bundessteuer 2011 und die Kantons- und Gemeindesteuern 2011 zu entlassen.
Die Vorinstanz teilte am 15. August 2013 mit, sie verzichte auf eine Stellungnahme zum
Rekurs und zur Beschwerde.
Die Eidgenössische Steuerverwaltung hat stillschweigend auf eine Vernehmlassung zur
Beschwerde verzichtet.
Auf die Erwägungen der angefochtenen Entscheide sowie die Vorbringen der
Rekurrenten bzw. Beschwerdeführer wird, soweit wesentlich, in den nachstehenden
Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Angefochten sind die Einspracheentscheide hinsichtlich der Haftung des
Ehemannes X für die Kantons- und Gemeindesteuern 2011 sowie der direkten
Bundessteuer 2011. Zwar müssen für Rekurs und Beschwerde verschiedene
Entscheide ergehen; sie können indessen in einem einzigen Dokument mit
Verweisungen und einem gemeinsamen Dispositiv, das die beiden Steuern allerdings
ausdrücklich ausein-anderhält, enthalten sein (vgl. BGE 130 II 509 = Pra 2005 Nr. 114
E. 8.3; BGE 135 II 260 = Pra 2010 Nr. 37 E. 1.3.1).
Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Angefochten sind
Einspracheentscheide über die Haftung für Steuern des Ehegatten. Diese Entscheide
sind dem Bereich des Vollzugs des Steuergesetzes zuzurechnen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig (Art. 41 lit. h Ziff. 2 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Die Befugnis
zur Rekurs- bzw. zur Beschwerdeerhebung ist zumindest für X gegeben. Ob auch die
Legitimation der Ehefrau zu bejahen ist, erscheint fraglich, kann aber offen bleiben. Der
Rekurs und die Beschwerde vom 3. Juni 2013 sind rechtzeitig eingereicht worden und
können in formeller und inhaltlicher Hinsicht als den gesetzlichen Anforderungen
genügend betrachtet werden (Art. 194 Abs. 1 des St. Galler Steuergesetzes, sGS
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811.1, abgekürzt: StG; Art. 140 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die direkte
Bundessteuer, SR 642.11, abgekürzt: DBG; Art. 7 der Verordnung zum Bundesgesetz
über die direkte Bundessteuer, sGS 815.1; Art. 48 VRP). Auf den Rekurs und die
Beschwerde ist einzutreten.
2.- Nach Art. 25 Abs. 1 StG haften gemeinsam steuerpflichtige Ehegatten solidarisch.
Bei ausgewiesener Zahlungsunfähigkeit des einen Ehegatten haftet der andere für den
Steueranteil, der auf sein Einkommen und sein Vermögen entfällt. Art. 13 Abs. 1 DBG
enthält eine ähnlich lautende Bestimmung. Danach haften Ehegatten, die in rechtlich
und tatsächlich ungetrennter Ehe leben, solidarisch für die Gesamtsteuer. Jeder Gatte
haftet jedoch nur für seinen Anteil an der Gesamtsteuer, wenn einer von beiden
zahlungsunfähig ist. Die Bestimmungen unterscheiden sich somit nur dadurch, dass
das kantonale Recht eine ausgewiesene Zahlungsunfähigkeit verlangt, während beim
Bundesrecht eine solche Qualifizierung fehlt.
a) Zahlungsunfähigkeit liegt vorab dann vor, wenn Verlustscheine bestehen, der
Konkurs eröffnet ist oder ein Nachlassvertrag mit Vermögensabtretung abgeschlossen
wurde (Greminger/Bärtschi, in: Zweifel/Athanas (Hrsg.), Kommentar zum
Schweizerischen Steuerrecht, Bd. I/2a, 2. Aufl. 2008, N 3 zu Art. 13; Weidmann/
Grossmann/Ziger-lig, Wegweiser durch das st. gallische Steuerrecht, 6. Aufl. 1999, S.
413). Die genannten Kriterien sind zwar die offenkundigsten, um die
Zahlungsunfähigkeit darzulegen, aber nicht die einzigen. Die Zahlungsunfähigkeit muss
auch dann anerkannt werden, wenn andere schlüssige Merkmale nachgewiesen
werden, die das dauernde Unvermögen des Schuldners belegen, seinen finanziellen
Verpflichtungen nachzukommen, so zum Beispiel die umfassende Überschuldung.
Dem Kriterium der Dauerhaftigkeit kommt dabei entscheidende Bedeutung zu, weshalb
ein bloss vorübergehendes Unvermögen des Schuldners, seine finanziellen
Verpflichtungen zu erfüllen, für die Annahme der Zahlungsunfähigkeit nicht genügt
(Greminger/Bärtschi, a.a.O., N 3 zu Art. 13 DBG; vgl. auch Eidgenössische
Steuerverwaltung, Kreisschreiben Nr. 30, Ehepaar- und Familienbesteuerung nach dem
DBG, 21. Dezember 2010, Ziff. 6.2.1).
b) Die Solidarhaftung der Ehegatten wurde von der Verwaltungsrekurskommission
bereits in einem früheren Entscheid kritisch beurteilt (vgl. VRKE I/1-1999/106 vom
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12. Juli 2000 in: SGE 2000 Nr. 16). Die Verwaltungsrekurskommission hielt in diesem
Urteil fest, die uneingeschränkte Solidarhaftung der Ehegatten widerspreche den
Wertvorstellungen des neuen Eherechts, das den Ehegatten unter anderem die
finanzielle Selbständigkeit gebracht habe (Art. 159 ff. ZGB). Danach hafte grundsätzlich
jeder Ehegatte für seine persönlichen Schulden (Art. 202, 234, 249 ZGB). Eine Haftung
für Schulden des Partners besteht nur in genau umschriebenen Fällen, zu denen
Steuerschulden nicht gehörten (Art. 166 ZGB; VRKE I/2 vom 16. Mai 2000 i.S. E.Z.).
Dennoch lasse das Bundesgericht die Solidarhaftung unter Berufung auf Art. 13 Abs. 1
DBG zu. Es führe dazu aus, mit dieser Bestimmung habe der Bundesgesetzgeber zum
Ausdruck gebracht, dass die vom Bundeszivilgesetzgeber vorgesehene, grundsätzlich
individuelle Haftung der Ehegatten den Steuergesetzgeber nicht binde (BGE 122 I 146).
Dies gelte seit jeher für den Bundesgesetzgeber, ändere aber nichts daran, dass der
kantonale Gesetzgeber ungeachtet des Vorbehalts von Art. 6 ZGB das
Bundeszivilrecht nicht verunmöglichen oder übermässig erschweren oder auch nur
seinem Sinn und Geist zuwiderhandeln dürfe (BGE 122 I 145 mit Hinweisen). Das
geschehe aber, wenn er die gesellschaftspolitisch verbrämte, in Wirklichkeit fiskalisch
motivierte Faktorenaddition auch noch ins Bezugsverfahren führe und jeden Ehegatten
für die gesamte Steuerforderung haften lasse. Namhafte Autoren lehnten daher die
steuerrechtliche Solidarhaftung ab (Thomas Müller, Die solidarische Mithaftung im
Bundessteuerrecht, Bern 1999, S. 207; Thomas Koller, Privatrecht und Steuerrecht,
Bern 1993, S. 426 ff. mit Hinweisen; Peter Böckli, Eintracht und Hader mit
Steuerfolgen, in: StR 46 1991, S. 223 ff., namentlich S. 246 ff.). Der
Haftungsbegrenzung von Art. 25 Abs. 1 Satz 2 StG liege der Gedanke zugrunde, dass
es dem Ehegatten, der die volle Steuerschuld bezahlt hat, nicht oder nur schwer
möglich sei, Regress auf einen zahlungsunfähigen Partner zu nehmen (Rolf Hartl, Die
verfahrensrechtliche Stellung der gemeinsam steuerpflichtigen Ehegatten und ihre
Haftung, Diss. Zürich 1989, S. 162; Müller, a.a.O., S. 211). Der Gesetzgeber habe sich
hier dem Gerechtigkeitsgefühl durchaus nicht verschlossen. Es dränge sich deshalb
auf, die Vorschrift über die Haftungsbeschränkung weitherzig auszulegen und auf den
Fall auszudehnen, dass ein Ehegatte faktisch nicht greifbar sei (Koller, a.a.O., S. 423
und 435 f.). Die Abwesenheit mit unbekanntem Aufenthalt sei mit andern Worten der
Zahlungsunfähigkeit gleichzusetzen. Dies folge aus dem Gebot der Gleichbehandlung,
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das nicht nur in der Rechtsetzung, sondern auch in der Rechtsanwendung zu beachten
sei (VRKE I/1-1999/106 vom 12. Juli 2000 in: SGE 2000 Nr. 16).
c) Gemäss Auszug aus dem Betreibungsregister sind gegen die Ehefrau keine offenen
Verlustscheine vorhanden. Einzelne Forderungen sind im Betreibungsregister
eingetragen. Ein Konkursverfahren fand offenbar nicht statt. Aktenkundig ist, dass eine
Bank auf ihre Forderung von Fr. 200'000.-- zuzüglich Zinsen verzichtete. Die Bank hielt
ausdrücklich fest, sie könnte sich dem Konkursverfahren anschliessen und ebenfalls
die Betreibung einleiten. Davon habe sie Abstand nehmen und es der Betroffenen
ermöglichen wollen, nach dem Konkurs und den damit verbundenen weiteren offenen
Lieferantenforderungen einen Neustart zu gestatten. Förmliche Forderungsverzichte
anderer Gläubiger sind nicht ausgewiesen. Aufgrund der vorliegenden Akten besteht
kein Zweifel, dass im Rahmen der Geschäftsaufgabe verschiedene Gläubiger der
Ehefrau zu Schaden kamen. Diese Forderungen haben immer noch Bestand, und es
rechtfertigt sich daher, die Ehefrau als dauerhaft zahlungsunfähig einzustufen. Es ist
davon auszugehen, dass sie sowohl unter Berücksichtigung des
betreibungsrechtlichen Existenzminiums als auch eines angemessenen Einkommens
nicht in der Lage ist, ihre Schulden umfassend zu tilgen (vgl. ASA 80 S. 659, 672).
Daher ist die solidarische Haftung des Ehemannes aufzuheben, zumal die
Überschuldung ausschliesslich auf der vor der Eheschliessung betriebenen
Geschäftstätigkeit der Ehefrau beruht und sie allein in deren Einflussbereich entstanden
ist. Dies rechtfertigt es nicht, den Ehemann für allfällige Steuerschulden der Ehefrau zu
belangen. Der Rekurs und die Beschwerde sind demnach gutzuheissen. Die
Einspracheentscheide des kantonalen Steueramtes vom 2. Mai 2013 sind aufzuheben
und es ist festzustellen, dass der Rekurrent und Beschwerdeführer für die
Steuerforderungen gegenüber seiner Ehefrau nicht haftet.
3.- Dem Verfahrensausgang entsprechend gehen die amtlichen Kosten der Verfahren
zu Lasten des Staates (Art. 95 Abs. 1 VRP; Art. 144 Abs. 1 DBG). Eine Entscheidgebühr
von Fr. 800.-- ist angemessen (Art. 144 Abs. 5 DBG i.V.m. Art. 7 Ziff. 122
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von Fr. 1'000.-- ist den
Rekurrenten und Beschwerdeführern zurückzuerstatten.
Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen, da kein Antrag gestellt wurde (Art.
98ter VRP i.V.m. Art. 105 Abs. 2 des Zivilprozessgesetzes, SR 272).
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