Decision ID: 9bf68691-4d3f-5120-a07a-2ad37a4d99d6
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin stellte am 29. Oktober 2021 in der Schweiz ein
Asylgesuch.
B.
Am 5. November 2021 wurden die Personalien der Beschwerdeführerin
aufgenommen.
C.
Am 15. November 2021 führte das SEM das sogenannte Dublin-Gespräch
mit der Beschwerdeführerin durch.
C.a Sie gab dabei an, sie habe im Jahr 2016 ein Stipendium für ein Stu-
dium der (...) in der Türkei erhalten und in der Folge wahrgenommen, wo-
bei sie nach Abschluss der Ausbildung wieder hätte nach Afghanistan zu-
rückkehren müssen. Im letzten Ausbildungsjahr habe sie von Ungarn ein
Angebot für ein Erasmus-Praktikum erhalten. Dieser Staat habe ihr dann
ein vom 22. September 2021 bis zum 21. Dezember 2021 gültiges Einrei-
sevisum ausgestellt. Sie sei am (...) September 2021 von der Türkei nach
Wien und danach direkt in die Schweiz gereist, weil sie eigentlich lieber in
der Schweiz ein Ausbildungsprogramm habe absolvieren wollen. Sie habe
zwar nicht das Ziel gehabt, in Europa um Asyl nachzusuchen, nachdem sie
aber wegen der Ereignisse in Afghanistan Probleme bekommen habe,
habe sie sich schliesslich doch dafür entschieden, in der Schweiz ein Asyl-
gesuch zu stellen.
C.b Im Rahmen der Gewährung des rechtlichen Gehörs zu einer Zustän-
digkeit Ungarns für die Behandlung des Asylgesuchs gab sie Beschwerde-
führerin an, sie hätte im Zusammenhang mit ihrem Praktikum nur für (...)
Monate in Ungarn bleiben dürfen und danach in die Türkei zurückkehren
müssen (wo sie ebenfalls nicht länger hätte bleiben dürfen und demzufolge
nach Afghanistan hätte zurückkehren müssen). Sie benötige die Unterstüt-
zung der Schweiz, weil Ungarn keine Flüchtlinge aufnehme und sie nicht
unterstützen werde.
C.c Schliesslich gab die Beschwerdeführerin zu Protokoll, sie sei gesund.
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D.
D.a Am 15. November 2021 ersuchte das SEM Ungarn unter Hinweis auf
das durch diesen Staat erteilte Besuchervisum um Aufnahme der Be-
schwerdeführerin und stützte diese Anfrage auf Art. 12 Abs. 2 der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (Dublin-III-VO) ab.
D.b Am 22. November 2021 verweigerten die ungarischen Dublin-
Behörden die Aufnahme der Beschwerdeführerin unter Hinweis auf
fehlende Belege im Gesuch des SEM.
D.c Nachdem ihnen das SEM am 30. November 2021 ein Remonstrations-
gesuch gestellt hatte, erklärten die ungarischen Behörden am 3. Dezember
2021 ihre Zustimmung zur Aufnahme der Beschwerdeführerin.
E.
Mit Verfügung vom 7. Februar 2022 – eröffnet am 9. Februar 2022 – trat
das SEM gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch nicht eine und ordnete ihre Überstellung nach Ungarn an. Die
Beschwerdeführerin wurde aufgefordert, die Schweiz am Tag nach Ablauf
der Beschwerdefrist zu verlassen, ansonsten sie in Haft gesetzt und unter
Zwang nach Ungarn zurückgeführt werde. Weiter verpflichtete die Vor-
instanz den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Überstellung, hän-
digte der Beschwerdeführerin die editionspflichtigen Akten gemäss Akten-
verzeichnis aus und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen die
Verfügung komme keine aufschiebende Wirkung zu.
F.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters an das Bundesverwaltungsgericht vom
16. Februar 2022 liess die Beschwerdeführerin Beschwerde gegen den
Nichteintretensentscheid des SEM erheben. Sie beantragte, die angefoch-
tene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf ihr
Asylgesuch einzutreten und ein materielles Asylverfahren in der Schweiz
durchzuführen; eventualiter sei die Verfügung der Vorinstanz zur rechts-
genüglichen Begründung, zur vollständigen Sachverhaltsabklärung und
zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht
wurde die Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde, der
Erlass vollzugshemmender vorsorglicher Massnahmen, die Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und die Befreiung von der Kostenvor-
schusspflicht beantragt.
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Seite 4
G.
Der Instruktionsrichter setzte den Vollzug der Überstellung der Beschwer-
deführerin am 17. Februar 2022 mit einer superprovisorischen vorsorgli-
chen Massnahme einstweilen aus.
H.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
17. Februar 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).
1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Hier handelt es
sich um ein solches Rechtsmittel, weshalb das Urteil nur summarisch zu
begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
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2.2 Im Verfahren der Beschwerdeführerin, in welchem das Bundesverwal-
tungsgericht innerhalb von fünf Arbeitstagen zu entscheiden hat (Art. 109
Abs. 3 AsylG), wird in Anwendung von Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen
Schriftenwechsel verzichtet.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
3.3 Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge)
– wie das vorliegende Verfahren eines ist – sind die in Kapitel III (Art. 8–15
Dublin-III-VO) genannten Kriterien anzuwenden (Art. 7 Abs. 1 und 2
Dublin-III-VO; vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
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3.4 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinn von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.5 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen,
einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell-
ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht).
4.
4.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihrer Verfügung im Wesentlichen
aus, die ungarischen Behörden hätten das Übernahmeersuchen des SEM
angesichts des von ihrem Land erteilten Visums gutgeheissen, womit die
Zuständigkeit für die Behandlung des Asylgesuchs bei Ungarn liege. Daran
vermöge auch die Tatsache nichts zu ändern, dass die Beschwerdeführerin
in Ungarn bisher kein Asylgesuch eingereicht habe; sie werde nach ihrer
Rückführung die Möglichkeit haben, bei den ungarischen Behörden ein
Asylgesuch einzureichen. Es gebe keine Hinweise dafür, dass Ungarn das
Asyl- und Wegweisungsverfahren nicht korrekt durchführen und der Be-
schwerdeführerin keinen effektiven Schutz vor Rückschiebung gewähren
würde. Es gebe auch keine wesentlichen Gründe für eine Annahme ge-
mäss Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO, dass nämlich das Asylverfahren und die
Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Ungarn Schwachstellen auf-
weisen würden, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigen-
den Behandlung im Sinn von Art. 4 EU-Grundrechtecharta oder Art. 3
EMRK mit sich bringen würden. Ungarn sei durch die einschlägigen EU-
Richtlinien (Verfahrens-, Qualifikations- und Aufnahmerichtlinie) gebunden
und Signatarstaat der Flüchtlingskonvention sowie der EMRK. Es gebe
keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass sich Ungarn nicht an diese
völkerrechtlichen Verpflichtungen haIte. Das ungarische Asyl- und Aufnah-
mesystem weise keine systemischen Mängel auf. Schliesslich gebe es im
Verfahren der Beschwerdeführerin keine Veranlassung aus humanitären
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Gründen die Souveränitätsklausel anwenden, zumal keine begründeten
Anhaltspunkte für die Annahme ersichtlich seien, wonach die Beschwerde-
führerin "nach einer Rückkehr nach Ungarn" in eine existenzielle Notlage
geraten könnte.
4.2 Die Beschwerde wird im Wesentlichen mit einer Verletzung der vor-
instanzlichen Begründungspflicht, des Untersuchungsgrundsatzes und
des rechtlichen Gehörs der Beschwerdeführerin begründet. Im Fall von
Ungarn bestünden, entgegen der Darstellung des SEM, deutliche Hinweise
auf systematische Schwachstellen bei den Aufnahmebedingungen von
Asylsuchenden; es sei davon auszugehen, dass es bei einer Überstellung
der Beschwerdeführerin in dieses Land zu einer entwürdigenden Behand-
lung im Sinn von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta und Art. 3 EMRK kom-
men könnte. Das Bundesverwaltungsgericht habe bereits im Jahr 2017 in
einem Referenzurteil auf zahlreiche Unzulänglichkeiten im ungarischen
Asylwesen hingewiesen, welche namentlich den Zugang zum Asylverfah-
ren sowie die Aufnahmebedingungen der Asylsuchenden betroffen hätten.
Das Gericht habe sich mit einer Verschärfung der ungarischen Gesetz-
gebung befasst und festgestellt, dass diese zahlreiche Unsicherheiten und
ungeklärte Fragen nach sich ziehe, die es dem Gericht verunmögliche, das
Vorliegen systemischer Schwachstellen im Sinn von Art. 3 Abs. 2 der
Dublin-III-VO und die sich aufdrängenden Fragen im Zusammenhang mit
der Gefahr drohender Menschenrechtsverletzungen abschliessend zu be-
urteilen. Das Bundesverwaltungsgericht habe in diesem Referenzurteil die
angefochtene Verfügung aufgehoben und die Sache für weitere Sachver-
haltsabklärungen sowie zur Neubeurteilung an das SEM zurückgewiesen.
Der angefochtenen Verfügung lasse sich nicht entnehmen, ob das SEM
entsprechende Abklärungen vorgenommen habe, um das Vorliegen von
Schwachstellen im Sinn von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO auszuschliessen.
Zudem habe das SEM in seiner Begründung nicht erläutert, wieso es von
der etablierten Rechtsprechung hinsichtlich Überstellungen nach Ungarn
im Rahmen des Dublin-Verfahrens abweiche; im Nichteintretensentscheid
werde das Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts nicht einmal
erwähnt. Schliesslich habe sich das SEM auch nicht hinreichend mit den
Vorbehalten der Beschwerdeführerin im Rahmen des rechtlichen Gehörs
auseinandergesetzt; sie habe damals geltend gemacht, dass sie nicht nach
Ungarn gehen möchte, weil Flüchtlinge dort nicht aufgenommen würden
und sie dort keine Unterstützung erhalten würde. Für die Beschwerde-
führerin sei es nach dem Gesagten nicht möglich, die angefochtene Ver-
fügung nachzuvollziehen und sachgerecht anfechten zu können.
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5.
5.1 Nach Durchsicht der Akten stellt das Bundesverwaltungsgericht fest,
dass die formellen Rügen der Beschwerdeführerin begründet sind. Es kann
vorab auf die überzeugende Argumentation in der Beschwerdeschrift ver-
wiesen werden.
5.2
5.2.1 Das Verwaltungs- und das Asylverfahren werden vom Unter-
suchungsgrundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG, Art. 6 AsylG). Als Ver-
fahrensmaxime besagt dieser, dass die Verwaltungsbehörden für die
Beschaffung des die Urteilsgrundlage bildenden Tatsachenmaterials zu-
ständig sind. Er auferlegt der Behörde die Pflicht, von Amtes wegen den
rechtserheblichen Sachverhalt vollständig und richtig zu ermitteln und be-
inhaltet gewissermassen eine Art "behördliche Beweisführungspflicht" (vgl.
KRAUSKOPF/EMMENEGGER/BABEY, in: Praxiskommentar VwVG, Waldmann/
Weissenberger [Hrsg.], 2. Auflage 2016, Art. 12 N. 16; BVGE 2012/21 E. 5
m.w.H.). Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der gesetz-
lichen Mitwirkungspflicht der Parteien (Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG).
5.2.2 Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29 und
Art. 32 Abs. 1 VwVG) verlangt, dass die verfügende Behörde die Vorbrin-
gen des Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in
der Entscheidungsfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in der
Entscheidbegründung niederschlagen muss (vgl. Art. 35 Abs. 1 VwVG).
Die Begründung eines Entscheids muss so abgefasst sein, dass der Be-
troffene ihn gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann, was nur der Fall
ist, wenn sich sowohl der von der Verfügung Betroffene als auch die
Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheids ein Bild machen
können (vgl. KNEUBÜHLER/PEDRETTI, in: Kommentar zum VwVG, Auer/
Müller/Schindler [Hrsg.], 2. Auflage 2019, Art. 35 Rz. 7 ff.; BGE 136 I 184
E. 2.2.1, BVGE 2013/34 E. 4.1, 2008/47 E. 3.2 und 2007/30 E. 5.6 je
m.w.H.).
5.3
5.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil D-7853/2015
vom 31. Mai 2017 in der Tat die Entwicklung der Situation für Asylsuchende
in Ungarn eingehend analysiert, dies insbesondere mit Blick auf jene Per-
sonen, die in Anwendung der Dublin-III-VO nach Ungarn überstellt werden
(vgl. a.a.O. E. 6 ff.). Dabei stellte das Gericht das Vorhandensein zahlrei-
cher Unzulänglichkeiten im ungarischen System fest, welche namentlich
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den Zugang zum Asylverfahren sowie die Unterbringung der Asylsuchen-
den (in den sogenannten Transitzonen) betrafen. Das Gericht kam zum
Schluss, dass die ungarische Gesetzgebung – respektive deren Anwen-
dung im Rechtsalltag – zahlreiche Unsicherheiten und Fragen nach sich
ziehe und insbesondere der Zugang zu einem korrekten Asylverfahren und
die Aufnahmebedingungen nicht mit Sicherheit ermittelt werden könne; un-
ter diesen Umständen sei es nicht möglich, das Vorliegen systemischer
Schwachstellen im Sinn von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-Verordnung sowie die
Fragen im Zusammenhang mit der Gefahr einer Verletzung von Art. 3
EMRK abschliessend zu beurteilen (vgl. a.a.O. E. 9.2 und 10). Die in jenem
Verfahren angefochtene Verfügung wurde aufgehoben und die Sache zur
vollständigen Sachverhaltsermittlung und zur neuen Entscheidung an die
Vorinstanz zurückgewiesen.
5.3.2 Soweit aus der gerichtlichen Geschäftskontrolle ersichtlich, wurde
– neben dem vorliegend zu behandelnden Verfahren – im Ungarn-Dublin-
Kontext seit Anfang des Jahres 2018 bisher nur ein einziger Nicht-
eintretensentscheid des SEM beim Bundesverwaltungsgericht angefoch-
ten. Jene Verfügung wurde mit Urteil des BVGer E-1881/2018 vom 22. Mai
2018 aufgehoben und die Sache wurde dem SEM zur vollständigen Sach-
verhaltsabklärung rücküberwiesen.
5.3.3 In einem später ergangenen Urteil, BVGer E-1018/2019 vom 8. April
2021, befasste sich das Bundesverwaltungsgericht mit den Aufnahme-
bedingungen, welchen Personen, die in Ungarn einen subsidiären Schutz-
status zugesprochen erhalten hatten, bei einer Rückkehr in dieses Land
ausgesetzt sind. Es analysierte die asylrechtlichen und -politischen Ent-
wicklungen in Ungarn – namentlich auch seit Erlass des Referenzurteils
aus dem Jahr 2017 – und kam zum Schluss, dass nicht feststehe, ob der
Beschwerdeführer in Ungarn die europarechtlich vorgegebenen Garantien
für Schutzberechtigte (namentlich gemäss der Richtlinie 2011/95/EU des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. Dezember 2011;
sog. Qualifikationsrichtlinie) in Anspruch werde nehmen können (vgl.
a.a.O. E. 3.4 ff. und 4.2). Auch diese Verfügung wurde vom Bundesverwal-
tungsgericht kassiert.
5.4 Unter diesen Umständen überrascht die vom SEM in seiner Verfügung
bloss textbausteinartig vertretene Auffassung, es gebe keine Hinweise
auf systemische Mängel im Sinn von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO oder
darauf, dass sich dieser Staat bei der Behandlung von Asylverfahren nicht
an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen haIte. Die Erwägungen in der
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angefochtenen Verfügung weisen keinerlei Bezug zur konkreten länder-
spezifischen Situation – und zur oben beschriebenen Praxis des Gerichts
– auf. Diese "Begründung" der angefochtenen Verfügung ist nicht nur für
die Beschwerdeführerin, sondern auch für das Bundesverwaltungsgericht
nicht nachvollziehbar.
5.5 Das SEM hat im vorliegenden Verfahren seine Begründungspflicht
– und damit das rechtliche Gehör der Beschwerdeführerin – verletzt und
den rechtserheblichen Sachverhalt unvollständig (eventuell auch unzutref-
fend) festgestellt.
5.6 Die Beschwerde ist gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung ist auf-
zuheben. Die Sache ist zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung und
(gegebenenfalls) zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen (Art. 61 Abs. 1 VwVG).
6.
Die Anträge auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde
und auf Befreiung von der Kostenvorschusspflicht werden mit dem Ent-
scheid in der Sache gegenstandslos.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG). Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG wird damit ebenfalls gegen-
standslos.
8.
Der Beschwerdeführerin ist keine Parteientschädigung auszurichten, weil
es sich bei ihrem Rechtsvertreter um einen zugewiesenen unentgeltlichen
Rechtsbeistand im Sinn von Art. 102h AsylG handelt, dessen Leistungen
vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden
(vgl. auch Art. 111ater AsylG).
(Dispositiv nächste Seite)
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