Decision ID: 6082dd66-1414-5c01-9b74-5a0b63277f98
Year: 2014
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
IV-Leistungen
Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.
A.a A._ meldete sich wegen eines Burn-out am 10. Juli 2007 zum Bezug von IV-
Leistungen an (IV-act. 2). Am 6. August 2007 erhielt die IV-Stelle einen Bericht der
Klinik Gais vom 12. März 2007 betreffend den stationären Rehabilitationsaufenthalt
vom 1. bis 21. Februar 2007. Die dort behandelnden medizinischen Fachpersonen
gaben an, der Versicherte leide an einem Burn-out-Syndrom (ICD-10: Z73.0; IV-
act. 22). RAD-Arzt Dr. med. B._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
vertrat in der Stellungnahme vom 6. September 2007 den Standpunkt, es sei aktuell
kein Gesundheitsschaden mit dauerhafter Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
ausgewiesen. In der angestammten Tätigkeit als Geschäftsleiter einer Tankstelle be
stehe aus medizinischer Sicht keine Einschränkung (IV-act. 29). Die behandelnde
Dr. med. C._, Psychiatrie + Psychotherapie, berichtete am 3. Oktober 2007, sie habe
eine Depression mittleren Grades (ICD-10: F32.1) diagnostiziert, die seit 2006 bestehe.
Sie bescheinigte eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für die angestammte Tätigkeit. Es sei
eine Wiedereingliederung anzustreben mit schrittweisem Aufbau der Tätigkeit und
enger Führung. "Zu Beginn vorzugsweise 50%" (IV-act. 32). Im Bericht vom
27. November 2007 erwähnt der behandelnde Dr. med. D._, Facharzt für Innere
Medizin, als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine Depression
mittleren Grades und ein Burn-out-Syndrom. Er hielt den Versicherten für 100%
arbeitsunfähig (IV-act. 37). RAD-Ärztin Dr. med. E._, Fachärztin für Arbeitsmedizin
FMH, stellte die Einschätzung der behandelnden Psychiaterin nicht in Frage
(Stellungnahme vom 8. Januar "2007" [richtig: 2008], IV-act. 40-2).
A.b Im Auftrag der Schweizerischen Mobiliar Lebensversicherungs-Gesellschaft
(nachfolgend: die Mobiliar) wurde der Versicherte am 4. Juni 2008 durch Dr. med.
F._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, begutachtet. Da aktuell beim
Versicherten keine depressiven Symptome zu eruieren seien, müsse man sich auf seine
Angaben und die Akten abstützen, die insgesamt das Bild eines allenfalls leicht
Depressiven vermitteln würden. Wegen des engen zeitlichen Zusammenhangs
zwischen dem Erschöpfungszustand, bzw. der depressiven Symptomatik, und einer
Überlastungssituation bei der Arbeit dürfte am ehesten eine Anpassungsstörung im
Sinn einer längeren depressiven Reaktion (ICD-10: F43.21) vorliegen. Daher könne
derzeit von einer gut hälftigen Arbeitsfähigkeit in einer Tätigkeit ohne
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Führungsaufgaben ausgegangen werden. Es seien dringend berufliche Massnahmen
angezeigt. Für die angestammte Tätigkeit bestehe eine 80%ige Arbeitsunfähigkeit
(Gutachten vom 19. August 2008, Fremdakten).
A.c Die IV-Stelle erteilte am 1. Oktober 2008 eine Kostengutsprache für eine berufliche
Abklärung bei der G._ GmbH für die Dauer vom 2. Juni bis 15. Juli 2008 (IV-act. 59;
zur Taggeldverfügung vom 13. Januar 2009 siehe IV-act. 65 und zum Inhalt der
Abklärungsmassnahme IV-act. 51-2 ff.). Im von der IV-Stelle in Auftrag gegebenen
Verlaufsgutachten vom 25. Mai 2009 führte Dr. F._ aus, der Gesundheitszustand des
Versicherten habe sich verschlechtert. Es bestehe eine mittelgradige depressive
Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11). Dabei handle es sich um ein
eigenständiges Krankheitsbild (IV-act. 81-8 f.). Für eine leidensangepasste Tätigkeit
verfüge der Versicherte lediglich über eine 25 bis 30%ige Arbeitsfähigkeit (IV-
act. 81-12). Der seit 28. März 2007 behandelnde Psychotherapeut lic. phil. H._
stimmte im Bericht vom 7. Januar 2010 mit der Einschätzung von Dr. F._ überein (IV-
act. 91). RAD-Arzt Dr. B._ hielt eine derart schwere Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit für nicht nachvollziehbar und empfahl die Einholung einer
Zweitmeinung (Stellungnahme vom 20. Mai 2010, IV-act. 94).
A.d Am 20. Mai 2010 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, sie gewähre Beratung
und Unterstützung bei der beruflichen Eingliederung (IV-act. 96). Am 25. Mai 2010 teilte
sie dem Versicherten sodann mit, dass eine weitere medizinische Abklärung notwendig
sei (IV-act. 98).
A.e Die IV-Stelle erhielt am 8. Juni 2010 im Rahmen eines Erstgesprächs betreffend
berufliche Eingliederung Kenntnis des von der Mobiliar bei Dr. med. I._, Psychiatrie
und Psychotherapie FMH, in Auftrag gegebenen Gutachtens vom 12. April 2010 (IV-
act. 102-1). Der Experte gelangte darin zum Schluss, zusammenfassend sei weiterhin
von einer mittelgradigen depressiven Episode (ICD-10: F32.11) mit somatischem
Syndrom auszugehen. Zusätzlich bestehe eine abhängige (asthenische)
Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.7). Es sei davon auszugehen, dass seit August
2006 eine Arbeitsfähigkeit unter marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht mehr
gegeben sei. Unter einer Behandlungsoptimierung könne zumindest eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit für eine angepasste Tätigkeit realisiert werden. Doch sei frühestens in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einem Jahr damit zu rechnen. Invaliditätsfremde Faktoren lägen keine vor (IV-
act. 100-2 ff.). Vom 4. Oktober 2010 bis 14. Januar 2011 war der Versicherte - auf
Aufforderung der IV-Stelle hin (Schreiben vom 19. August 2010, IV-act. 103) - in
Behandlung in der J._ für Erwachsene des Psychiatrischen Zentrums K._. Die dort
behandelnden psychologischen Fachpersonen erhoben die Diagnose einer mittelgradig
depressiven Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11), teilremittiert. Bei
Austritt bescheinigten sie eine 50%ige Arbeitsfähigkeit (Austrittsbericht vom 25. Januar
2011, IV-act. 111; siehe auch den Arztbericht des Psychiatrischen Zentrums K._ vom
10./16. März 2011, IV-act. 114).
A.f Am 26. und 27. September 2011 wurde der Versicherte im Auftrag der IV-Stelle
von Dr. med. L._, Eidg. Facharzt für Psychiatrie u. Psychotherapie, untersucht. Im
Gutachten vom 7. März 2012 gab der Experte an, der Versicherte leide - ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit - an einem Status nach Burn-out-Syndrom (ICD-10:
Z73.0), nach Anpassungsstörung im Sinn einer längeren depressiven Reaktion (ICD-10:
F43.21) und nach mittelgradiger depressiver Störung (ICD-10: F32). Weder aus der
anamnestischen Erhebung noch aus dem klinischen Befund ergäben sich Hinweise auf
eine psychische Erkrankung von erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer.
Dementsprechend bestehe beim Versicherten seit dem Zeitpunkt dieser Begutachtung
(September 2011) keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Die an den Tag gelegte
Adynamie seitens des Versicherten werde als Depression missdeutet. Dieses Verhalten
sei reaktiver Natur und deute auf einen sekundären Krankheitsgewinn hin. Auch die
psychosozialen Belastungen, die damit verbunden seien, seien IV-fremd. Die Förster-
Kriterien seien nicht erfüllt. Die Willensanstrengung zur adäquaten Überwindung seines
syndromalen Zustands (chronische Müdigkeit bei anhaltender psychosozialer
Belastung, psychophysisches Erschöpfungssyndrom) sei dem Versicherten aus
psychiatrischer Sicht voll zumutbar (IV-act. 124). Gestützt auf das Gutachten von
Dr. L._ ging RAD-Arzt Dr. B._ in der Stellungnahme vom 13. April 2012 davon aus,
es habe vom 1. Februar bis 11. März 2007 eine volle Arbeitsunfähigkeit angestammt
und adaptiert (stationärer Aufenthalt in der Klinik Gais), ab März 2007 eine 30%ige
Arbeitsunfähigkeit angestammt und volle Arbeitsfähigkeit adaptiert sowie vom
4. Oktober 2010 bis 14. Januar 2011 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (tagesklinische
Behandlung) bestanden. Für die übrigen Zeiten könne rückblickend, aufgrund eines
fehlenden, anhaltenden Gesundheitsschadens von ausreichender Schwere und der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
deutlichen Tendenz zur Aggravation mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
ausgegangen werden, dass keine relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
vorgelegen habe (IV-act. 126-3).
A.g Ausgehend von einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit stellte die IV-Stelle dem
Versicherten in den Vorbescheiden vom 4. Juli 2012 in Aussicht, sein Gesuch um
Rentenleistungen (IV-act. 132) sowie berufliche Massnahmen (IV-act. 134) abzuweisen.
Dagegen erhob der Versicherte am 7. September 2012 Einwand und reichte einen
Bericht von Dr. C._ und dem behandelnden Psychotherapeuten H._ vom
4. September 2012 ein. Darin teilten sie ihre Meinung mit, dass es notwendig und
sinnvoll wäre, den Anspruch auf berufliche Massnahmen bzw. Wiedereingliederung zu
bejahen (IV-act. 140). Mit Verfügungen vom 6. November 2012 (betreffend Rente) und
7. November 2012 (betreffend berufliche Massnahmen) wies die IV-Stelle die
Leistungsbegehren ab (IV-act. 144 und 145).
B.
B.a Gegen die Verfügungen vom 6. und 7. November 2012 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 5. Dezember 2012. Der Beschwerdeführer beantragt darin
sinngemäss deren Aufhebung und die Ausrichtung der gesetzlichen Leistungen. Im
Wesentlichen macht er geltend, dass die Einschätzung von Dr. L._ nicht
beweiskräftig und mit der übrigen medizinischen Aktenlage nicht vereinbar sei (act.
G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 18. Februar
2013 die Abweisung der Beschwerde. Gestützt auf das psychiatrische Gutachten von
Dr. L._ könne davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer nicht
relevant in der Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt sei. Der Beschwerdeführer sei nicht
invalid im Sinn des Gesetzes (act. G 4).
B.c In der Replik vom 2. Mai 2013 hält der Beschwerdeführer unverändert an der
Beschwerde fest (act. G 6).
B.d Die Beschwerdegegnerin hat auf eine Duplik verzichtet (act. G 8).

Erwägungen:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.
Zwischen den Parteien ist der Anspruch auf Rentenleistungen und berufliche Mass
nahmen umstritten.
1.1 Allgemeine Voraussetzung für invalidenversicherungsrechtliche Leistungen ist das
Vorliegen einer Invalidität (Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Invalidität ist die voraussichtlich bleibende
oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG;
SR 830.1]). Sie kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4
Abs. 1 IVG). Die Invalidität gilt als eingetreten, sobald sie die für die Begründung des
Anspruchs auf die jeweilige Leistung erforderliche Art und Schwere erreicht hat (Art. 4
Abs. 2 IVG).
1.2 Zur Annahme einer Invalidität braucht es in jedem Fall ein medizinisches Substrat,
das (fach)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und nachgewiesenermassen die
Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt. Je stärker psychosoziale oder
soziokulturelle Faktoren im Einzelfall in den Vordergrund treten und das
Beschwerdebild mitbestimmen, desto ausgeprägter muss eine fachärztlich festgestellte
psychische Störung von Krankheitswert vorhanden sein. Das bedeutet, dass das
klinische Beschwerdebild nicht einzig in Beeinträchtigungen, welche von den
belastenden soziokulturellen und psychosozialen Faktoren herrühren, bestehen darf,
sondern davon psychiatrisch zu unterscheidende Befunde zu umfassen hat, zum
Beispiel eine von depressiven Verstimmungszuständen klar unterscheidbare
andauernde Depression im fachmedizinischen Sinn oder einen damit vergleichbaren
psychischen Leidenszustand. Solche von der soziokulturellen oder psychosozialen
Belastungssituation zu unterscheidende und in diesem Sinn verselbständigte
psychische Störungen mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit sind
unabdingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann. Wo der
Gutachter dagegen im Wesentlichen nur Befunde erhebt, welche in den
psychosozialen und soziokulturellen Umständen ihre hinreichende Erklärung finden,
gleichsam in ihnen aufgehen, ist kein invalidisierender psychischer
Gesundheitsschaden gegeben. Ist anderseits eine psychische Störung von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Krankheitswert schlüssig erstellt, kommt der Frage zentrale Bedeutung zu, ob und
inwiefern, allenfalls bei geeigneter therapeutischer Behandlung, von der versicherten
Person trotz des Leidens willensmässig erwartet werden kann, zu arbeiten (eventuell in
einem geschützten Rahmen) und einem Erwerb nachzugehen. Indes ist zu
differenzieren: Soweit psychosoziale und soziokulturelle Faktoren selbstständig und
insofern direkte Ursachen der Einschränkung der Arbeitsfähigkeit sind, liegt keine
Krankheit im Sinn der Invalidenversicherung vor. Wenn und soweit solche Umstände zu
einer eigentlichen Beeinträchtigung der psychischen Integrität führen, indem sie einen
verselbstständigten Gesundheitsschaden aufrechterhalten oder den Wirkungsgrad
seiner - unabhängig von den invaliditätsfremden Elementen bestehenden - Folgen
verschlimmern, können sie sich mittelbar invaliditätsbegründend auswirken (Urteil des
Bundesgerichts vom 28. Juni 2012, 9C_537/2011, E. 3.2 mit Hinweisen).
1.3 Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und damit
invalidenversicherungsrechtlich nicht als relevant gelten Einschränkungen der
Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Aufbietung allen guten Willens, die
verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, abwenden könnte; das Mass des
Forderbaren wird dabei weitgehend objektiv bestimmt (BGE 131 V 50 E. 1.2). Des
Weiteren ist von Bedeutung, dass regelmässig keine versicherte
Gesundheitsschädigung vorliegt, falls die Leistungseinschränkung auf Aggravation
oder einer ähnlichen Konstellation beruht (Urteil des Bundesgerichts vom
22. November 2010, 9C_408/2010 E. 4.2). Festzuhalten ist weiter, dass die rein
subjektive Einschätzung der versicherten Person betreffend ihre Arbeitsfähigkeit nicht
massgebend ist. Vielmehr ist es primär ärztliche Aufgabe, anhand der objektiven
Befunderhebung die sich daraus ergebenden Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit
zu bestimmen (Urteil des Bundesgericht vom 3. April 2014, 8C_101/2014, E. 5.1 mit
Hinweisen).
1.4 Ein Burn-out kann bei Personen mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen in
psychosozialen Belastungssituationen auftreten. "Burn-out" wird zwar unter dem
Diagnose-Code ICD-10 Z73.0 aufgeführt, es entspricht aber keiner Erkrankung im Sinn
der anerkannten internationalen Klassifikationssysteme. Bei den Z-Kodierungen
handelt es sich um Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur
Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen. Die Kategorien Z00-Z999 sind für
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fälle vorgesehen, in denen Sachverhalte als "Diagnosen" oder "Probleme" angegeben
sind, die nicht als Krankheit, Verletzung oder äussere Ursache unter den Kategorien
A00-Y89 klassifizierbar sind. "Burn-out" als solches fällt somit nicht unter den Begriff
der invaliditätsrechtlich erheblichen Gesundheitsbeeinträchtigung; es stellt
grundsätzlich keinen invalidisierenden Gesundheitsschaden dar (Urteil des
Bundesgerichts vom 28. Juni 2012, 9C_537/2011, E. 3.1 mit Hinweisen auf die
Rechtsprechung und medizinische Literatur).
2.
Zu prüfen ist vorab, ob die medizinische Aktenlage eine Beurteilung der Leistungs
ansprüche des Beschwerdeführers erlaubt. Die Beschwerdegegnerin stützte ihre
Entscheide auf das Gutachten von Dr. L._ vom 7. März 2012 (IV-act. 144 f.). Der
Beschwerdeführer hält dieses für nicht beweiskräftig und bringt vor, es sei auf die
gutachterliche Beurteilung von Dr. F._ und Dr. I._ abzustellen (act. G 1, S. 5).
2.1 Dr. L._ führte im Gutachten vom 7. März 2012 aus, der Beschwerdeführer leide -
ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit - an einem Status nach Burn-out-Syndrom
(ICD-10: Z73.0), einem Status nach Anpassungsstörung im Sinn einer längeren
depressiven Reaktion (ICD-10: F43.21) und einem Status nach mittelgradiger
depressiver Störung (ICD-10: F32). Es bestünden derzeit keine Beeinträchtigungen der
Arbeitsfähigkeit (IV-act. 124). Bei der Würdigung des ausführlich begründeten
Gutachtens von Dr. L._ fällt ins Gewicht, dass es auf eigenständigen Abklärungen
sowie schriftlichen Testverfahren beruht und für die streitigen Belange umfassend ist.
Die medizinischen Vorakten wurden verwertet und die vom Beschwerdeführer
geklagten Beschwerden gewürdigt. Dabei unterschied Dr. L._ nachvollziehbar
zwischen medizinisch objektivierbarem Leiden und den subjektiv empfundenen
Beeinträchtigungen (IV-act. 124-29 oben). Die - unter Berücksichtigung eines
demonstrativen Verhaltens sowie einer Aggravation psychischer Symptome erfolgte
(IV-act. 124-26 und -29 oben) - Bescheinigung einer 100%igen Arbeitsfähigkeit im
Zeitpunkt der Begutachtung (September 2011) leuchtet in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein,
zumal Dr. L._ die davon abweichenden Einschätzungen eingehend diskutierte (IV-
act. 124). Weiter bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass objektiv wesentliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tatsachen nicht berücksichtigt worden wären. Solche ergeben sich insbesondere auch
nicht aus dem Schreiben von Dr. C._ und dem behandelnden Psychotherapeuten
vom 4. September 2012 (IV-act. 140-8). Vor diesem Hintergrund ist mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer (spätestens) seit
der Begutachtung durch Dr. L._ (26./27. September 2011) nicht in seiner
Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt ist.
2.2 Zu prüfen bleibt die medizinische Situation vor September 2011.
2.2.1 Im Gutachten vom 19. August 2008 diagnostizierte Dr. F._ eine
Anpassungsstörung im Sinn einer längeren depressiven Reaktion (ICD-10: F43.21). Er
bescheinigte dem Beschwerdeführer eine 80%ige Arbeitsunfähigkeit für die zuletzt
ausgeübte Tätigkeit und eine - steigerbare - 50%ige Arbeitsfähigkeit für eine
leidensangepasste Tätigkeit (Fremdakten). Angesichts dessen, dass Dr. F._ angab,
"psychische Beschwerden sind grundsätzlich in einem strengen Sinn nicht
objektivierbar", er bei der Bescheinigung der Arbeitsfähigkeit im Wesentlichen auf die
von ihm nicht angezweifelte Selbsteinschätzung des Beschwerdeführers abstellte
(S. 16 des Gutachtens, Fremdakten; siehe auch S. 14 des Gutachtens, Fremdakten:
"Da auch aktuell beim Versicherten keine depressiven Symptome zu eruieren sind [...]")
und damit keine eigenständig medizinische Ressourcenprüfung vornahm, fehlt der
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung von Dr. F._ die Beweiskraft.
2.2.2 Anlässlich der Verlaufsbegutachtung vom 1. April 2009 diagnostizierte
Dr. F._ eine ca. im Oktober 2008 aufgetretene mittelgradige depressive Episode mit
somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11). Für eine leidensangepasste Tätigkeit
bescheinigte er eine 25%ige Arbeitsfähigkeit (Verlaufsgutachten vom 25. Mai 2009, IV-
act. 81). Diese Einschätzung leuchtet angesichts der beschriebenen Befunde nicht ein
(IV-act. 81-7). Die Affektivität wurde als subdepressiv bis depressiv und etwas
verlangsamt beschrieben. Das gefühlsmässige Mitschwingen bewege sich in recht
engen Grenzen. Dennoch habe ein relativ warmer gemütlicher Rapport erstellt und
auch erhalten werden können. Zwar seien Antrieb und Psychomotorik verlangsamt
gewesen bei adäquater Mimik, aber praktisch fehlender Gestik (IV-act. 81-8). Die
Bescheinigung einer 75%igen Arbeitsunfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten
kann damit nicht schlüssig erklärt werden. Ferner enthält die verlaufsgutachterliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beurteilung Widersprüche, hielt doch Dr. F._ im Rahmen der Befunderhebung fest,
gesprächsweise hätten sich keine Störungen der Aufmerksamkeit oder des
Gedächtnisses ergeben (IV-act. 81-7). An anderer Stelle wiederum führt Dr. F._ u.a.
Konzentrations- und Auffassungsstörungen als Grund für die Beeinträchtigung der
Arbeitsfähigkeit ins Feld (IV-act. 81-12).
2.2.3 Dr. I._ führte im von der Mobiliar eingeholten Gutachten vom 12. April 2010
aus, der Beschwerdeführer leide mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit an einer
mittelgradigen depressiven Episode (ICD-10: F32.11) mit somatischem Syndrom, seit
spätestens Sommer 2006, und an einer abhängigen (asthenischen)
Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.7), seit der Adoleszenz. Er gelangte zum Schluss,
dass seit August 2006 eine Arbeitsfähigkeit unter marktwirtschaftlichen Bedingungen
nicht mehr gegeben sein dürfte. Unter den von ihm genannten
Behandlungsoptimierungen dürfte zumindest eine 50%ige Arbeitsfähigkeit für eine
angepasste Tätigkeit (einfache handwerkliche oder Bürotätigkeit) realisiert werden
können. Doch sei frühestens in einem Jahr damit zu rechnen. Die Beeinträchtigung der
Arbeitsfähigkeit sei durch die Pathologie bedingt. "Invaliditätsfremde Faktoren, die hier
eine Rolle spielen dürften, liegen keine vor" (IV-act. 100, insbesondere IV-
act. 100-19 f.). Angesichts der beschriebenen Alltagsaktivitäten (IV-act. 100-9)
erscheint die Verneinung jeglicher Arbeitsfähigkeit im Zeitpunkt der Begutachtung nicht
nachvollziehbar. Ferner kann der nicht näher begründeten Auffassung von Dr. I._,
dass keine relevanten invaliditätsfremden Faktoren vorliegen (IV-act. 100-20), im Licht
der von ihm dargestellten psychosozialen Situation (IV-act. 100-9) und der
Voraktenlage ("eingeengt auf seine psychosoziale Belastung", Bericht Dr. C._ vom
3. Oktober 2007, IV-act. 32-2; "Ängste, insbesondere bezüglich des wirtschaftlichen
Fortkommens", Verlaufsgutachten Dr. F._ vom 25. Mai 2009, IV-act. 81-7) nicht
gefolgt werden. Ergänzend kann auf die Würdigung von Dr. L._ hingewiesen werden,
der mehrere invaliditätsfremde Belastungen beschreibt, die eine Rolle bei der
Verursachung und Fortdauer des psychopathologischen Zustands spielen würden, und
der die Diagnose einer abhängigen, asthenischen Persönlichkeitsstörung - wie auch die
behandelnden medizinischen Fachpersonen des Psychiatrischen Zentrums (IV-
act. 114-2: "[...] als Ausdruck einer persönlichkeitsbedingten Schwierigkeit zu sehen
sein, welche jedoch nicht die Schwere einer abhängigen Persönlichkeitsstörung im
klinischen Sinne erfüllt.") - begründet in Zweifel zieht (IV-act. 124-24). Die gemäss
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dr. I._ seit spätestens Sommer 2006 bestehende mittelgradige depressive Episode
(ICD-10: F32.11; IV-act. 100-19) wirft insoweit Fragen auf, als es sich bei diesem
Leiden definitionsgemäss um ein vorübergehendes handelt, indem solche Episoden im
Mittel etwa sechs Monate, selten länger als ein Jahr dauern und länger dauernde
Störungen unter F33 (rezidivierende depressive Störung) oder F34 (anhaltend affektive
Störung) zu subsumieren sind (Urteil des Bundesgerichts vom 26. Januar 2007,
I 510/06, E. 6.3 mit Hinweis auf die medizinische Literatur; vgl. auch Urteil des
Bundesgerichts vom 29. Juni 2011, 9C_176/2011, E. 4.3). Insgesamt bestehen damit
erhebliche Zweifel am Gutachten von Dr. I._, zumal die darin vorgenommene
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung wesentlich durch die Selbstangaben des
Beschwerdeführers und die konkrete psychosoziale Belastungssituation geprägt
erscheint.
2.2.4 Hinsichtlich des Berichts des Psychiatrischen Zentrums vom 25. Januar
2011 (IV-act. 111) führte Dr. L._ aus, der Psychostatus des Beschwerdeführers sei
bei Austritt als beinahe psychopathologisch unauffällig beschrieben worden. Die
bescheinigte Arbeitsunfähigkeit von 50% lasse sich durch den psychopathologischen
Zustand des Beschwerdeführers nicht begründen. Dieser habe seine Arbeitsfähigkeit
bei Austritt noch tiefer eingeschätzt, und zwar auf 20% (IV-act. 124-26). Diesen
schlüssigen Ausführungen von Dr. L._ ist mit Blick auf den Psychostatus bei Austritt
zu folgen: "bewusstseinsklarer und allseits orientierter Patient. Im Gespräch sind keine
Aufmerksamkeits-, Konzentrations- oder Gedächtnisstörungen feststellbar, wobei die
mnestischen Funktionen nicht explizit geprüft wurden und der Pat. von Störungen des
Kurzzeitgedächtnisses berichtet. Das formale Denken ist geordnet. Keine Hinweise auf
Befürchtungen, Zwänge, Wahn, Sinnestäuschungen oder Ich-Störungen. Affektiv leicht
eingeschränkte Schwingungsfähigkeit bei leicht deprimierter Stimmungslage. Im
Antrieb unauffällig erscheinend. Keine Hinweise auf Suizidalität" (IV-act. 111-3).
Nachdem die behandelnden medizinischen Fachpersonen im Bericht vom 10. März
2011 erneut - sowohl im Rahmen des Psychostatus bei Eintritt als auch Austritt -
angaben, im Gespräch seien keine Aufmerksamkeits-, Konzentrations- oder
Gedächtnisstörungen feststellbar (IV-act. 114-2), und sie keine weiteren
diesbezüglichen Abklärungen vorgenommen haben, wirft die Bescheinigung einer
leicht- bis mittelgradigen Einschränkung des Konzentrationsvermögens und eines -
aufgrund des eingeschränkten Konzentrationsvermögens - leicht eingeschränkten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auffassungsvermögens (IV-act. 114-5) zusätzliche Fragen auf. Insgesamt fehlt sowohl
dem Bericht vom 10. März 2011 als auch demjenigen vom 25. Januar 2011 eine von
den subjektiven Angaben des Beschwerdeführers unabhängige objektiv medizinische
Beurteilung von dessen Arbeitsfähigkeit.
2.2.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die vorstehend genannte
medizinische Aktenlage (vgl. vorstehende E. 2.2.1 ff.) weder eine beweiskräftige
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung gestützt auf medizinisch objektivierbare Leiden im Sinn
von psychiatrisch klinischen Untersuchungsergebnissen noch eine Einordnung der
aktenkundigen psychosozialen Belastungen (IV-act. 100-9, IV-act. 32-2 und IV-
act. 81-7) enthält. Vielmehr liegen den erwähnten Einschätzungen hauptsächlich nicht
hinterfragte, - für sich allein - nicht relevante subjektiv empfundene Beeinträchtigungen
zugrunde. Dabei ist entscheidend, dass Dr. L._ hinsichtlich der retrospektiven
Beurteilung nachvollziehbar zur Auffassung gelangte, eine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit habe nicht überzeugend genug dargestellt werden können. Die
angenommene Einschränkung der Arbeitsfähigkeit basiere auf begleitenden
depressiven Symptomen, die jedoch nicht als eigenständiges Krankheitsbild im Sinn
einer Komorbidität zu werten wären. Zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit seien nicht
invalidisierende Faktoren miteinbezogen worden (IV-act. 124-28). Im Licht dieser
Umstände ist auch für die Zeit vor der Begutachtung durch Dr. L._ eine
rentenrelevante Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit für die angestammte Tätigkeit
nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit dargetan. Daran
ändert der Bericht der behandelnden Dr. C._ und des behandelnden
Psychotherapeuten vom 4. September 2012, der sich hauptsächlich auf eine
Zusammenfassung der Vorgeschichte beschränkt (IV-act. 140-8 f.), nichts. Von
weiteren Abklärungen des inzwischen mehrere Jahre zurückliegenden Sachverhalts
sind keine neuen Erkenntnisse zu erwarten (antizipierte Beweiswürdigung, Urteil des
Bundesgerichts vom 7. Mai 2012, 8C_929/2011, E. 2.2).
3.
Da sowohl vor der Begutachtung durch Dr. L._ (26./27. September 2011, IV-act. 124)
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit von keiner rentenrelevanten Beeinträchtigung
der Arbeitsfähigkeit (vgl. auch die einleuchtenden Ausführungen des RAD-Arztes
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dr. B._; IV-act. 126) als auch spätestens seit der Begutachtung von keiner
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit für die angestammte Tätigkeit auszugehen ist, ist
die Abweisung der Leistungsgesuche durch die IV-Stelle nicht zu beanstanden. Vor
diesem Hintergrund kann - mit Blick auf den Anspruch auf berufliche Massnahmen -
die Frage nach der Eingliederungsbereitschaft des Beschwerdeführers offen gelassen
werden.
4.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem
Ausgang des Verfahrens entsprechend sind sie vollumfänglich dem Beschwerdeführer
aufzuerlegen. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihm daran
anzurechnen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP