Decision ID: bf2914c2-4580-4a66-8861-8c55b438304b
Year: 2011
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Drohung etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Dietikon, Einzelrichter in Strafsachen, vom 30. November 2010 (GG100044)
- 2 -
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Limmattal / Albis vom 6. Juli 2010 (Urk.
17) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Angeklagte ist schuldig
− der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 2 StGB
− der Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 2 StGB
− des Ungehorsams gegen eine amtliche Verfügung im Sinne von
Art. 292 StGB.
2. Der Angeklagte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu
Fr. 30.–, wovon 2 Tage durch Haft erstanden sind, sowie mit einer Busse
von Fr. 300.–.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 3 Jahre
festgesetzt. Die Busse ist zu bezahlen.
4. Bezahlt der Angeklagte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 3 Tagen.
5. Der Angeklagte wird verpflichtet, der Geschädigten B._ Fr. 800.– als
Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren
abgewiesen.
- 3 -
6. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'500.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 48.00 Kanzleigebühren Untersuchung
Fr. 47.10 Publikationskosten
Fr. 152.40 Auslagen Untersuchung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
7. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, einschliess-
lich derjenigen der amtlichen Verteidigung, werden dem Angeklagten aufer-
legt, aber sofort und definitiv abgeschrieben.
Verfügung der Vorinstanz:
Der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 25. Mai 2007 gewähr-
te bedingte Vollzug bezüglich einer Geldstrafe von 14 Tagessätzen zu Fr. 100.–
wird widerrufen; die Geldstrafe wird demnach vollzogen.
Berufungsanträge:
a) Des Verteidigers des Angeklagten:
(Urk. 50)
1. Der Beschuldigte sei vom Vorwurf der Drohung und Tätlichkeiten frei-
zusprechen.
2. Auf die Zivilforderungen der Geschädigten sei nicht einzutreten.
3. Die Kosten des Verfahrens, inkl. der amtlichen Verteidigung, seien auf
die Staatskasse zu nehmen, und dem Appellanten sei eine angemes-
sene Entschädigung zu entrichten.
b) Der Vertreterin der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 42; schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
- 4 -

Das Gericht erwägt:
I.
1. a) Gegen das eingangs im Dispositiv wiedergegebene Urteil des Bezirks-
gerichtes Dietikon vom 30. November 2010 liess der Angeklagte mit Eingabe vom
10. Dezember 2010 rechtzeitig Berufung anmelden. Er liess den Schuldspruch
wegen Drohung und Tätlichkeiten im Sinne von Art. 180 Abs. 2 lit. a StGB bezie-
hungsweise Art. 126 Abs. 2 lit. b StGB sowie die Verpflichtung zur Bezahlung ei-
ner Genugtuung an die Geschädigte anfechten. Ebenso wurde der Widerruf des
bedingten Vollzuges einer mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom
25. Mai 2007 ausgefällten Geldstrafe von 14 Tagessätzen zu Fr. 100.-- angefoch-
ten (Urk. 36). Die Beanstandungen gingen am 1. April 2011 beim Gericht ein (Urk.
39). Die Staatsanwaltschaft beantragte mit Eingabe vom 6. April 2011 die Bestäti-
gung des vorinstanzlichen Urteils (Urk. 42). Beweisanträge wurden keine gestellt.
b) Nicht angefochten blieb der Schuldspruch wegen Ungehorsams gegen
eine amtliche Verfügung im Sinne von Art. 192 StGB und die vorinstanzliche Kos-
tenaufstellung. Diese Elemente des vorinstanzlichen Urteils sind somit in Rechts-
kraft erwachsen, was vorab mit Beschluss festzustellen ist.
2. Der Angeklagte war zur vorinstanzlichen Hauptverhandlung unentschul-
digt nicht erschienen, weshalb die Vorinstanz das Urteil gestützt auf § 195 Abs. 1
ZH-StPO aufgrund der Akten sowie der Vorbringen der amtlichen Verteidigung
fällte (Prot. I S. 3 f.; Urk. 44 S. 3).
3. Von der Teilnahme an der Berufungsverhandlung wurde der Angeklagte
auf sein Ersuchen hin aufgrund gesundheitlicher Probleme dispensiert (Urk. 49).
4. Seit 1. Januar 2011 stehen die Schweizerische Strafprozessordnung und
als entsprechendes Ausführungsgesetz das kantonale Gesetz über die Gerichts-
und Behördenorganisation im Zivil- und Strafprozess (GOG) in Kraft. Gemäss Art.
453 Abs. 1 der Schweizerischen Strafprozessordnung werden Rechtsmittel gegen
Entscheide, die vor Inkrafttreten dieses Gesetzes gefällt worden sind, nach bishe-
- 5 -
rigem Recht beurteilt. Im vorliegenden Berufungsprozess gelangen somit die
Normen der bisherigen kantonalen Strafprozessordnung (ZH-StPO) und des kan-
tonalen Gerichtsverfassungsgesetzes (GVG) zur Anwendung.
II.
1. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, zu nicht mehr genauer eruierbaren
Zeitpunkten zwischen dem 21. und 24. Februar 2009 seine Ehefrau B._
(nachfolgend Geschädigte) in der gemeinsamen Wohnung am :::::.weg Nr.... in
C._ mehrfach mit den Worten, er werde sie umbringen, auf der Stelle töten
und ihren Körper auseinandernehmen, bedroht zu haben. Dadurch habe die Ge-
schädigte zu zittern begonnen und Angst bekommen, was der Angeklagte auch
gewusst und gewollt habe. In der Folge habe der Angeklagte die Geschädigte mit
den Händen an den Oberarmen gepackt und ihr insgesamt zweimal mit der Faust
an den Kopf geschlagen, wodurch er ihr Schmerzen im Bereich beider Oberarme
und Schultern sowie am Kopf zufügte, was der Angeklagte zumindest in Kauf ge-
nommen habe (Urk. 17 S. 2).
2. Der Angeklagte bestritt während des gesamten Untersuchungsverfahrens
den ihm vorgeworfenen Sachverhalt (Urk. 9 S. 3). Als Beweismittel liegen im We-
sentlichen die Aussagen der Geschädigten und des Zeugen D._ (Urk. 2 bis
9) sowie der Bericht des Spitals L:_ über die ärztliche Behandlung der Ge-
schädigten vom 27. Februar 2009 (Urk. 10/2) bei den Akten. Nachfolgend ist zu
prüfen, ob sich der Sachverhalt erstellen lässt.
3. Die Vorinstanz hat die Aussagen der Geschädigten, des Angeklagten und
des Zeugen D._ zutreffend wiedergegeben beziehungsweise zusammenge-
fasst. Auf die entsprechenden Ausführungen in den vorinstanzlichen Erwägungen
kann vorab verwiesen werden (Urk. 44 S. 4 bis 7; § 161 GVG).
a) Zusammengefasst machte die Geschädigte in der polizeilichen Befragung
vom 25. Februar 2009 geltend, sie sei am betreffenden Tag direkt von der Schule
(Sprachkurs) nach Hause gekommen. Ihr Mann wisse, dass sie immer gleich von
- 6 -
der Schule nach Hause komme. Er habe den Vorwurf, sie habe kein Brot einge-
kauft, nur deshalb vorgebracht, weil er sie damit habe provozieren wollen. Wegen
diesem Brot hätten sie verbal gestritten. Dabei habe er ihr unerwartet die Faust
auf den Kopf geschlagen (Urk. 2 S. 2). Er habe sie von hinten und von vorne ganz
fest mit beiden Armen umklammert, weil er nicht gewollt habe, dass sie flüchte.
Dabei habe er ihr mit voller Wucht zweimal mit der Faust auf den Kopf geschla-
gen. Diese Schläge hätten bei ihr Angst ausgelöst und sie habe gezittert. Irgend-
wie habe sie ihn mit dem Bein auf die Seite stossen können. Der Angeklagte leide
unter Multiple Sklerose und brauche jeden Tag einen neuen Katheter, weshalb er
an seiner Blase sehr empfindlich sei. Er habe sie insgesamt dreimal mit dem Tod
bedroht. Einmal am Montag und zweimal am Dienstag, bevor sie in die Schule
gegangen sei. Er habe ihr gesagt, dass er sie umbringen werde, wenn sie sich
von ihm trennen sollte. Am Dienstag, 24. Februar 2009, ungefähr um 18.30 Uhr,
habe der Angeklagte sie im Schlafzimmer festgehalten, indem er sich vor die
Schlafzimmertüre gesetzt habe. Sie habe aus dem Fenster um Hilfe gerufen,
weshalb der Nachbar auf sie aufmerksam worden sei. Sie habe dem Nachbarn
gegenüber Zeichen gemacht, dass er die Polizei anrufen solle, was er jedoch zu-
nächst nicht verstanden habe. Als der Angeklagte dann kurz aus dem Zimmer
gegangen sei, habe sie die Gelegenheit genutzt, um dem Nachbarn zu sagen,
dass er die Polizei kontaktieren solle (Urk. 2 S. 3 ff.).
Im Rahmen der Zeugeneinvernahme vom 7. September 2009 bestätigte die
Geschädigte ihre bei der Polizei zu Protokoll gegebene Schilderung der Vorfälle
vom 23./24. Februar 2009 teilweise, machte jedoch auch neue Aussagen. Sie sei
am betreffenden Abend von der Sprachschule gekommen, wo sie einen Deutsch-
kurs besuche. Der Angeklagte sei aufgeregt und aggressiv gewesen. Sie habe
nicht einmal Zeit gehabt, Mantel und Schuhe auszuziehen. Er habe ihr mit der
Faust zweimal gegen den Kopf geschlagen. Er habe so stark geschlagen, dass
sie das Gefühl gehabt habe, sie werde bewusstlos. Nach ein paar Tagen habe sie
immer noch Kopfschmerzen gehabt. Sie habe sich in der Schule nicht mehr kon-
zentrieren können. Sie sei deshalb ins Spital gegangen, wo man sie "in der Röh-
re" untersucht habe (Urk.5 S. 3). Der Angeklagte habe sie geschlagen, weil sie
kein Brot eingekauft habe. Ausserdem habe der Angeklagte Drohungen ausge-
- 7 -
sprochen. Er würde sie töten, wenn sie ihn verlassen würde. Er habe gesagt, er
würde ihren ganzen Körper auseinandernehmen. Sie habe vor Angst gezittert und
ihre Muskeln seien ganz angespannt gewesen. Mit seinen Gehstöcken und einem
Seil habe er ausserdem die Wohnungseingangstüre versperrt. Sie sei dann in den
Korridor und anschliessend ins Schlafzimmer geflohen, doch der Angeklagte sei
immer wieder "wie ein Stier, wie ein Wahnsinniger" auf sie losgegangen. Sie habe
am ganzen Körper blaue Flecken davongetragen, dies sei zudem auch im ärztli-
chen Zeugnis ersichtlich. Später habe sie dann den Nachbarn D._ um Hilfe
gerufen. Auf Frage ergänzte die Geschädigte, dass sämtliche Vorfälle am Mon-
tag, 23. Februar 2009 und nicht am 24. Februar 2009 stattgefunden hätten (Urk. 5
S. 4 ff.).
b) Der Nachbar D._ wurde von der Staatsanwaltschaft am 2. Juni 2010
als Zeuge einvernommen. In Anwesenheit des Angeklagten gab er folgendes zu
Protokoll: Er sei ehemaliger Nachbar des Angeklagten. Die Geschädigte wohne
nach wie vor nebenan. Er führe weder zum Angeklagten noch zur Geschädigten
ein freundschaftliches Verhältnis, habe jedoch keinen Streit mit den beiden. Zum
Tatgeschehen führte der Zeuge aus, am 24. Februar 2009 nach dem Abendessen
sämtliche Fenster in seiner Wohnung geöffnet zu haben. Als er aus dem Kinder-
zimmerfenster Richtung Bahngleise geschaut habe, habe er einen schwachen Hil-
feschrei vernommen. Er habe dann die Geschädigte entdeckt, welche ihrerseits
aus ihrem Schlafzimmerfenster geblickt habe. Sie habe verzweifelt und ernst ge-
wirkt und um Hilfe gerufen. Auf seine Frage, was los sei, habe sie die Hand ans
Ohr gehalten. Er habe sich darauf hin erkundigt, ob er die Polizei rufen solle, was
sie bejaht und er dann auch getan habe. Die Geschädigte, vielleicht sei es auch
die Polizei gewesen, habe ihm dann nachträglich erzählt, dass der Angeklagte die
Geschädigte bedroht und im Schlafzimmer festgehalten habe. Gesehen habe er
dies jedoch nicht (Urk. 8 S. 1 ff.).
c) Der Angeklagte sagte in der polizeilichen Einvernahme vom 25. Februar
2009, die Geschädigte sei eine Lügnerin. Kaum mache sie den Mund auf, fange
sie an zu lügen. Er habe sie nicht angefasst. Als sie noch in der Schule gewesen
sei, habe er sie telefonisch aufgefordert, Brot und Panadol nach Hause zu brin-
- 8 -
gen. Das habe sie aber nicht getan. Als sie nach Hause gekommen sei, hätten sie
wegen dem Brot und wegen der Frage, ob er schon gekocht habe, eine verbale
Auseinandersetzung gehabt. Er habe sich vom Sofa erhoben und sie habe ihn in
die Genitalien treten wollen. Er habe sie jedoch abwehren können. Daraufhin ha-
be er seine Lekistöcke an die Türe gestellt. Er habe überhaupt gar nichts getan
(Urk. 3). In der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 24. April 2009 sagte
der Angeklagte im Wesentlichen aus, dass er sich nicht erklären könne, weshalb
die Polizei am 24. Februar 2009 in seine Wohnung ausgerückt sei. Es habe nie
einen Streit und schon gar keine Handgreiflichkeiten mit der Geschädigten gege-
ben. Er, der Angeklagte, habe lediglich seine zwei Gehstöcke neben der Woh-
nungseingangstüre gestellt, um einen Spaziergang zu machen. Die Geschädigte
sei darob nervös geworden. Er wisse aber nicht weshalb. Auf Frage, ob der An-
geklagte die Geschädigte mit dem Tode bedroht habe, erklärte dieser, er habe ihr
lediglich "ciao" gesagt, sonst sei es zu keinem Gespräch gekommen. Die Ge-
schädigte sei dann zum Fenster gelaufen. Später sei die Polizei erschienen. Auf
die Frage, wie er reagieren würde, wenn seine Frau die Scheidung verlangen
würde, antwortete der Angeklagte: "Dann gibt es Krieg!" (Urk. 4 S. 1 ff.).
Am 7. September 2009 fand eine weitere staatsanwaltschaftliche Einver-
nahme des Angeklagten statt, anlässlich derer die Stellungnahme des Angeklag-
ten zu den Aussagen der Geschädigten erfolgte. Dabei führte der Angeklagte aus,
es stimme überhaupt nicht, was seine Frau gesagt habe. Es sei lachhaft (Urk. 6
S. 1 f.). Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Schlusseinvernahme vom 2. Juni
2010 blieb der Angeklagte bei seinen Bestreitungen (Urk. 9 S. 1 ff.).
4. Im ärztlichen Befund von Dr. med. Z._ vom 27. November 2009 wur-
de festgehalten, dass die Geschädigte am 27. Februar 2009 wegen starker Kopf-
schmerzen die Notfallstation des Spitals L:_ aufsuchte. Gegenüber dem un-
tersuchenden Arzt habe sie angegeben, dass sie vom Angeklagten am 24. Feb-
ruar 2009 mehrfach, davon zwei Mal am Kopf, geschlagen worden sei. Die Ge-
schädigte habe anlässlich der ärztlichen Untersuchung grosse Angst vor ihrem
Mann gezeigt und sei sehr niedergeschlagen gewesen. Bei der ärztlichen Unter-
suchung seien Druckpunkte im Bereich beider Oberarme und Schultern sowie des
- 9 -
Schädelskeletts festgestellt worden. Es seien jedoch keine Blutergüsse sichtbar
gewesen. Der von der Geschädigten geschilderte Unfallhergang klinge kausal
(Urk. 10/2).
5. Die Vorinstanz hat die allgemeinen Grundsätze und Regeln der Beweis-
würdigung, insbesondere der Würdigung von Aussagen, zutreffend dargelegt.
Ebenso hat sie die Glaubwürdigkeit der Geschädigten, des Angeklagten und des
Zeugen D._ richtig eingestuft. Auf die entsprechenden Ausführungen kann
vollumfänglich verwiesen werden (Urk. 44 S. 7 bis 9; § 161 GVG).
6. a) Bei den Aussagen der Geschädigten fällt auf, dass sie bezüglich des
Zeitpunkts, an welchem die Todesdrohungen stattgefunden haben sollen, zwei
verschiedene Aussagen machte. In der polizeilichen Einvernahme sagte sie, der
Angeklagte habe sie dreimal mit dem Tode bedroht, einmal am Montag und
zweimal am Dienstag (Urk. 2 S. 3). Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Ein-
vernahme meinte sie dann, der Angeklagte habe sie nur am Montag und nicht am
Dienstag bedroht (Urk. 5 S. 6). Zwar liegt zwischen den beiden Einvernahmen ein
Zeitraum von einem halben Jahr (25. Februar 2009 und 7. September 2009). Da
es bei diesen Todesdrohungen jedoch um einen Teil des Kerngeschehens geht,
wäre zu erwarten gewesen, dass sich die Geschädigte daran noch hätte erinnern
können und konstant ausgesagt hätte.
Was das Tatvorgehen anbelangt, so sagte die Geschädigte in der polizeili-
chen Einvernahme, der Angeklagte hätte sie im Zimmer festgehalten, indem er im
selben Zimmer am Boden vor der Türe gesessen sei (Urk. 2 S. 4). In der Staats-
anwaltschaftlichen Einvernahme meinte sie dann, der Angeklagte habe mit seinen
Stöcken und einem Seil die Haustüre und auch das Schlafzimmer versperrt
(Urk. 5 S. 3). Die Geschädigte hat folglich auch betreffend diesen Sachverhaltsteil
zwei verschiedene Versionen geschildert, wie sie vom Angeklagten am Verlassen
des Schlafzimmers gehindert worden sein soll. Erstaunlich ist, dass der Angeklag-
te ein Seil zum Absperren der Zimmertüre gehabt haben soll. So wie die Geschä-
digte schilderte, eskalierte der Streit spontan nachdem sie von der Sprachschule
nach Hause gekommen war und kein Brot mitgebracht hatte (Urk. 5 S. 3). Dass
der Angeklagte zufällig ein Seil griffbereit gehabt haben soll, verwundert.
- 10 -
Gemäss der Geschädigten, hatte sie am ganzen Körper blaue Flecken
(Urk. 5 S. 3 f.). Diese Aussage deckt sich so nicht mit dem Arztbericht, in wel-
chem lediglich festgehalten wurde, die Geschädigte habe Schmerzen im Bereich
beider Oberarme und der Schultern gehabt. Überdies habe sie an Kopfschmerzen
gelitten. Im Bereich des Schädelskelettes, der Oberarme und der Schultern hätten
Druckpunkte bestanden. Es seien jedoch keine Blutergüsse sichtbar gewesen
(Urk. 10/2). Laut dem Ärztlichen Leiter der Notfallstation des ...spitals, klinge der
von der Geschädigten geschilderte Unfallhergang kausal. Das heisst aber auch,
dass ein anderer Tat- bzw. Unfallhergang ebenfalls hätte kausal sein können. Es
ist ausserdem zu beachten, dass der ärztliche Befund (Kopf- und Druckschmer-
zen) praktisch ausschliesslich auf der Schilderung durch die Geschädigte basiert,
da offenbar keine optisch wahrnehmbaren Spuren vorhanden waren. Aufgrund
des ärztlichen Zeugnisses lässt sich somit nicht beweisen, dass die Geschädigte
geschlagen worden war.
Es fällt auf, dass die Geschädigte die Auseinandersetzung mit dem Ange-
klagten, in deren Folge es zu den Drohungen und Tätlichkeiten gekommen sein
soll, in der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 7. September 2009
(Urk. 5) dramatischer darstellte als in der unmittelbar nach dem Vorfall stattgefun-
denen polizeilichen Einvernahme vom 25. Februar 2009 (Urk. 2). Während sie in
der polizeilichen Einvernahme noch sagte, die Schläge des Angeklagten hätten
bei ihr Angst ausgelöst und sie habe gezittert (Urk. 2 S. 3), sagte sie in der
staatsanwaltschaftlichen Einvernahme, die Schläge seien so stark gewesen, dass
sie befürchtet hätte, ohnmächtig zu werden (Urk. 5 S. 3). In der staatsanwalt-
schaftlichen Einvernahme sagte sie auch zum ersten Mal, der Angeklagte habe
ihr gedroht, ihren Körper auseinander zu nehmen (Urk. 5 S. 3 und S. 6). Zu erwar-
ten gewesen wäre, dass die Geschädigte in der unmittelbar auf das Ereignis fol-
genden polizeilichen Einvernahme, als sie noch stark unter dem Eindruck des
soeben Vorgefallenen stand, eher drastischere Schilderungen zu Protokoll gege-
ben hätte, als in der ein halbes Jahr später erfolgten staatsanwaltschaftlichen
Einvernahme. Das Aussageverhalten der Geschädigten war jedoch gerade um-
gekehrt, was gewisse Zweifel weckt.
- 11 -
Wie sich aus der Aussage des einvernehmenden Polizeibeamten ergab,
wurde die Polizei schon verschiedentlich zur Wohnung des Angeklagten und der
Geschädigten gerufen (Urk. 2 S. 1). Anscheinend gab es mehrfach zumindest
verbale Auseinandersetzungen, in deren Folge die Polizei alarmiert wurde. Trotz-
dem hat sich die Geschädigte bis zum vorliegend zu beurteilenden Vorfall nicht
definitiv vom Angeklagten getrennt (heute befindet sie sich anscheinend in der
Scheidung; Prot. II S. 4). Dass die Geschädigte trotz der gemäss ihren Aussagen
unerträglichen Umstände so lange beim Angeklagten blieb, mag verschiedene
Gründe habe, weckt jedoch gleichzeitig auch Zweifel daran, ob die Situation zu
Hause tatsächlich so schlimm war, wie sie sie darzustellen versuchte. Überdies
hat die Geschädigte bestätigt, dass es teilweise auch ihr Mann war, welcher die
Polizei gerufen hatte. Sie verneinte zwar, dass er sich dazu gezwungen gesehen
habe, weil sie ihn angegriffen habe (Urk. 5 S. 4). Allerdings muss der Angeklagte
einen Grund gehabt habe, wieso er die Polizei alarmierte. Hätte sich die Geschä-
digte nicht in irgendeiner Art und Weis, zumindest verbal aggressiv geäussert,
wäre es wohl kaum dazu gekommen.
Bemerkenswert ist auch, dass die Geschädigte am Tag nach dem Vorfall in
der Sprachschule, wo sie Deutsch lernte, ihrer Lehrerin erzählte, was am Abend
zuvor bei ihr zu Hause passiert war, anschliessend aber wieder zum Angeklagten
zurückkehrte, da sie der Meinung war, die Situation hätte sich wieder beruhigt
(Urk. 2 S. 4). Dieses Verhalten wirft die Frage auf, ob sich die Geschädigte tat-
sächlich bedroht fühlte.
Der Angeklagte litt bereits im Zeitpunkt des vorliegend zu beurteilenden Vor-
falls an MS. Auch wenn seine Krankheit damals noch nicht so weit fortgeschritten
war, wie heute, erscheint es doch erstaunlich, dass er in der Lage gewesen sein
soll, die Geschädigte in einem Zimmer festzuhalten (Urk. 2 S. 4). Wie die Ge-
schädigte ausführte, musste der Angeklagte bereits damals einen Katheter tragen
und war deshalb insbesondere im Bereich der Blase sehr empfindlich (Urk. 2
S. 3). Dass er in diesem Zustand wie die Geschädigte sagte "wie ein Wahnsinni-
ger" auf sie losging (Urk. 5 S. 3), erscheint eher unwahrscheinlich. Es fragt sich
auch, wie der Angeklagte die Geschädigte von hinten hätte packen und festhalten
- 12 -
können (Urk. 5 S. 3). Das Risiko, dass die Geschädigte dabei an seinen Katheter
gekommen wäre und sich dieser verschoben hätte, wäre doch beachtlich gewe-
sen.
Insgesamt betrachtet, sind die Aussagen der Geschädigten mit verschiede-
nen Widersprüchen behaftet und erscheinen teilweise wenig plausibel. Die
Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen ist entsprechend reduziert.
b) Die Aussagen des Angeklagten beschränkten sich im Wesentlichen auf
das Bestreiten der ihm vorgeworfenen Handlungen. Teilweise verstrickte auch er
sich in Widersprüche. So führte er beispielsweise anlässlich der polizeilichen Ein-
vernahme vom 25. Februar 2009 aus, er habe sich am massgeblichen Abend mit
der Geschädigten zunächst verbal gestritten, worauf diese ihm in die Genitalien
habe treten wollen, was er mit der Hand habe abwehren können. Überhaupt sei
die Geschädigte ihm gegenüber immer wieder gewalttätig geworden und nicht
umgekehrt (Urk. 3 S. 1 ff.). Bei der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom
24. April 2009 gab der Angeklagte hingegen zu Protokoll, die Geschädigte und er
hätten an dem fraglichen Abend gar nicht gestritten, sie hätten nicht einmal viel
gesprochen (Urk. 4 S. 2). In den folgenden Einvernahmen beschränkte sich der
Angeklagte dann im Wesentlichen darauf, die Aussagen der Geschädigten als
unwahr zu bestreiten (Urk. 6 und 9).
Aufgrund der Widersprüche und auch der Einsilbigkeit, mit welcher der An-
geklagte Auskunft gab, muss die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen als gering ein-
gestuft werden. Es erweckt den Eindruck, als hätte er dadurch, dass er den Streit
kategorisch abstritt respektive die Aussagen der Geschädigten pauschal als un-
wahr bezeichnete, jegliche Schuld von sich weisen wollen.
c) Der als Zeuge einvernommene Nachbar D._ hat den zu beurteilen-
den Vorfall nicht selber beobachtet. Er habe lediglich gesehen, dass die Geschä-
digte am Fenster gestanden und halblaut um Hilfe geschrien habe (Urk. 8 S. 2),
wobei er zu Beginn nicht verstanden habe, dass die Geschädigte ihn aufgefordert
habe, die Polizei zu alarmieren. Wäre die Geschädigte tatsächlich so in Angst und
Schrecken versetzt worden, wäre anzunehmen, dass sich dies entsprechend in
- 13 -
ihrer Körpersprache ausgedrückt hätte. Von sich aus angefügt hat der Zeuge
überdies, dass er aufgrund früherer Situationen um die Probleme im Haushalt der
Geschädigten und des Angeklagten gewusst habe (Urk. 8 S. 3).
7. Die Würdigung der Aussagen des Angeklagten und der Geschädigten hat
ergeben, dass sich beide teilweise in Widersprüche verstrickten. Die Glaubhaf-
tigkeit der Aussagen beider Parteien ist entsprechend reduziert. Ausser ihren
Ausführungen existieren keine weitern aussagekräftigen Beweismittel. Der Zeuge
D._ konnte den Vorgang nicht beobachten und der Arztbericht basiert auf
den Aussagen der Geschädigten bzw. deren Schilderungen gegenüber dem Arzt.
Somit lässt sich der in Ziffer 1 der Anklageschrift geschilderte Sachverhalt nicht
rechtsgenügend erstellen. Der Angeklagte ist infolgedessen vom Vorwurf der
Drohung und der Tätlichkeiten freizusprechen.
III.
Bereits in Rechtskraft erwachsen ist der Schuldspruch betreffend Ungehor-
sam gegen eine amtliche Verfügung im Sinne von Art. 292 StGB. Was die dies-
bezügliche Strafzumessung anbelangt, so kann auf die vorinstanzlichen Erwä-
gungen verwiesen werden (Urk. 44 S. 13; § 161 GVG). Das Verschulden des An-
geklagten bezüglich dieses Delikts wiegt leicht, kam es doch durch den von ihm
begangenen Verstoss gegen das Rayonverbot zu keiner Konfrontation mit der
Geschädigten. Die von der Vorinstanz ausgesprochene Busse von Fr. 300.– ist in
dieser Höhe - trotz des Freispruchs von der Tätlichkeit im Sinne von Art. 126
StGB - zu bestätigen, erscheint sie doch dem Verschulden des Angeklagten an-
gemessen und trägt sie auch seinen finanziellen Verhältnissen gebührend Rech-
nung. Die Ersatzfreiheitsstrafe für den Fall schuldhafter Nichtbezahlung der Busse
ist gestützt auf Art. 106 Abs. 2 ZH-StPO auf drei Tage festzusetzen. Davon sind
zwei Tage Untersuchungshaft anzurechnen, wodurch sich die Busse auf Fr. 100.–
reduziert.
- 14 -
IV.
Aufgrund des Freispruchs betreffend Drohung (Art. 180 Abs. 2 StGB), ist auf
den Antrag der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl betreffend Widerruf des bedingten
Vollzugs der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl ausgefällten Geld-
strafe (Nr....., Urk. 22) nicht einzutreten (vgl. Art. 46 Abs. 1 StGB).
V.
Da der Angeklagte vom Vorwurf der Drohung und der Tätlichkeit freigespro-
chen wird, ist auf die Zivilforderungen der Geschädigten (Urk. 32) nicht einzutre-
ten (Schmid in: Donatsch/Schmid [Hrsg.], Kommentar zur Strafprozessordnung
des Kantons Zürich, Bd. II, Zürich 2007, N 62 zu § 192 StPO).
VI.
1. Die vorinstanzliche Kostenauflage wie auch die Abschreibung der Kosten
(Dispositivziffer 7) ist zu bestätigen.
2. Im Berufungsverfahren erfolgt die Auflage der Kosten und die Zuspre-
chung einer Entschädigung in der Regel im Verhältnis von Obsiegen und Unter-
liegen der Verfahrensbeteiligten (§ 396a ZH-StPO). Der Angeklagte obsiegt mit
seinen Anträgen vollumfänglich, weshalb die Kosten des Berufungsverfahrens,
einschliesslich derjenigen der amtlichen Verteidigung, auf die Gerichtskasse zu
nehmen sind.
3. Antragsgemäss ist dem Angeklagten für die Untersuchung eine Umtriebs-
entschädigung von Fr. 300.-- zuzusprechen.
- 15 -