Decision ID: 9290e8f2-cdba-53c0-b283-bc2bf990034d
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Evelyne Angehrn, Oberer Graben 44,
9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.aS._ meldete sich am 16. Februar 2005 zum Bezug von IV-Leistungen
(Berufsberatung, Umschulung auf eine neue Tätigkeit, Arbeitsvermittlung) an, da er an
Rückenschmerzen leide (act. G 5.1). Nach Einholung medizinischer Berichte (vgl. act. G
5.8) lehnte die IV-Stelle die Leistungsbegehren des Versicherten mit Verfügung vom 15.
August 2005 ab (act. G 5.16). Auf Einsprache hin (act. G 5.19 und 5.27) widerrief sie
diese Verfügung am 12. Dezember 2005 und stellte die Durchführung weiterer
Abklärungen in Aussicht (act. G 5.33). Am 20. April 2006 erteilte die IV-Stelle dem
Versicherten Kostengutsprache für eine Umschulung und verfügte die Übernahme der
Mehrkosten für die schulische Vorbereitung auf eine Umschulung im Rahmen eines
Vollzeit-Vorkurses in einer Kleinklasse im A._ Bildungszentrum vom 28. April bis
7. Juli 2006 (act. G 5.50). Diesen Kurs brach der Versicherte infolge Schmerzen und
psychischer Überlastung vorzeitig ab (vgl. act. G 5.56 und 5.58). Nach Einholung
weiterer Arztberichte (act. G 5.59 und 5.66) veranlasste die IV-Stelle auf Empfehlung
des Regionalen Ärztlichen Diensts der Invalidenversicherung (RAD; act. G 5.67) ein
bidisziplinäres (orthopädisch und psychiatrisch) Gutachten. Darin gelangten Dr. med.
C._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, sowie Dr. med. B._, Spezialarzt
Orthopädische Chirurgie FMH, Sportmedizin (SGMS), im Juli 2007 zum Ergebnis, in der
angestammten Tätigkeit als Chauffeur und Lagerist bestehe eine 40%ige
Arbeitsfähigkeit; bei der Angabe einer 40%igen Arbeitsunfähigkeit in act. G 5.80-30
muss es sich um einen Verschrieb handeln, da Dr. B._ an anderer Stelle klar festhält,
in der bisherigen Tätigkeit sei noch eine Arbeitsfähigkeit von 40% gegeben (act. G
5.80-9 und 80-29). In einer adaptierten Tätigkeit schätzten die Gutachter den
Versicherten zu 75% arbeitsfähig (act. G 5.80).
A.b Nachdem die IV-Stelle dem Versicherten am 14. Dezember 2007 den Abschluss
der Arbeitsvermittlung mitgeteilt hatte, da er sich gemäss eigenen Angaben keine
Anstellung im ersten Arbeitsmarkt vorstellen könne (act. G 5.98), stellte sie ihm mittels
Vorbescheid gleichentags die Ablehnung eines Rentenanspruchs in Aussicht (act. G
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.100). Hiergegen liess der Versicherte am 29. Januar 2008 Einwand erheben (act. G
5.104). Am 10. April 2008 liess er der IV-Stelle mitteilen, er befinde sich derzeit in
stationärer Behandlung in der Psychiatrischen Klinik Wil (act. G 5.109). In der Folge
holte die IV-Stelle weitere (psychiatrische) Arztberichte ein (act. G 5.110, 5.115 und
5.123 bis 5.125). In Würdigung dieser Berichte hielt der RAD in seiner Stellungnahme
vom 10. Dezember 2008 fest, invalidenversicherungsrechtlich ausgewiesen sei eine
Verschlechterung des Gesundheitszustands seit März 2008 (Einweisung in der
Psychiatrische Klinik Wil). Seither und zur Zeit nachvollziehbar andauernd bestehe eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit für alle Tätigkeiten (act. G 5.126). Daraufhin erliess die IV-
Stelle am 21. Januar 2009 einen neuen Vorbescheid, worin sie dem Versicherten in
Aussicht stellte, ihm vom 1. Mai bis 31. Juli 2008 eine Viertels- und ab 1. August 2008
eine ganze Rente auszurichten (act. G 5.132). Mit Schreiben vom 23. Februar 2009
gelangte der Versicherte, vertreten durch Rechtsanwältin Evelyne Angehrn, an die IV-
Stelle und bat sie, bei der Psychiatrischen Klinik Wil abzuklären, ab wann die von
dieser gestellte Diagnose bestehe und ab wann dadurch die Arbeitsfähigkeit des
Versicherten beeinträchtigt werde (act. G 5.135). Die IV-Stelle legte dieses Schreiben
dem RAD zur Stellungnahme vor. Dieser kam in einer nochmaligen Würdigung der
Aktenlage zum Schluss, es sei eine erneute polydisziplinäre Begutachtung notwendig
(act. G 5.136). Diese Begutachtung (orthopädisch und psychiatrisch) erfolgte am 1.
September 2009 in der Aerztliches Begutachtungsinstitut GmbH (ABI). Im Gutachten
vom 12. Oktober 2009 hielten die Experten fest, die angestammte Tätigkeit sei dem
Versicherten nicht mehr zumutbar. Für adaptierte Tätigkeiten bestehe eine ganztägige
Arbeitsfähigkeit mit um 30% reduzierter Leistungsfähigkeit (act. G 5.148).
B.
B.a Mit Vorbescheid vom 2. November 2009 stellte die IV-Stelle dem Versicherten in
Aussicht, dass er keinen Anspruch auf eine Invalidenrente habe. Hiergegen erhob
dessen Vertreterin am 3. Dezember 2009 Einwand. Sie machte im Wesentlichen
geltend, der Versicherte sei spätestens seit der Hospitalisierung in der Psychiatrischen
Klinik Wil zu 100% arbeitsunfähig (act. G 5.156).
B.b Mit Verfügung vom 4. Januar 2010 entschied die IV-Stelle gemäss Vorbescheid
und verneinte einen Rentenanspruch des Versicherten, wobei sie einen Invaliditätsgrad
von 37% ermittelte (act. G 5.160).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
C.a Mit Eingabe vom 4. Februar 2010 erhebt die Vertreterin des Versicherten
Beschwerde und beantragt, die Verfügung vom 4. Januar 2010 sei aufzuheben. Dem
Beschwerdeführer sei eine ganze Invalidenrente zuzusprechen; eventualiter sei eine
Teilrente zuzusprechen. Zudem beantragt sie die unentgeltliche Prozessführung. Zur
Begründung bringt sie im Wesentlichen vor, das ABI-Gutachten vermöge nicht zu
überzeugen; insbesondere die psychiatrische Beurteilung weiche von den Vorakten ab
und lasse eine entsprechende Auseinandersetzung vermissen. Zudem sei im Rahmen
des Einkommensvergleichs ein Leidensabzug von 25% vorzunehmen (act. G 1).
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 13. April 2010 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt sie im Wesentlichen aus, es könne
auf das ABI-Gutachten abgestellt werden. Ein Leidensabzug sei nicht angezeigt (act. G
5).
C.c Am 16. April 2010 wird dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Prozessführung
bewilligt (act. G 6).
C.d Mit Replik vom 27. Mai 2010 hält die Vertreterin des Beschwerdeführers an ihren
Anträgen fest (act. G 11).
C.e Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf das Einreichen einer Duplik (act. G 13).

Erwägungen:
1.
Am 1. Januar 2008 sind die im Zuge der 5. IV-Revision revidierten Bestimmungen des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20), der Verordnung über
die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in Kraft getreten. In
materiellrechtlicher Hinsicht gilt jedoch der allgemeine übergangsrechtliche Grundsatz,
dass der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen sind, die bei Erlass des
angefochtenen Entscheids respektive im Zeitpunkt gegolten haben, als sich der zu den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklicht hat (vgl. BGE 127 V 467 E.
1, 126 V 136 E. 4b, je mit Hinweisen). Die angefochtene Verfügung erging am 4. Januar
2010, wobei ein Sachverhalt zu beurteilen ist, der vor dem Inkrafttreten der revidierten
Bestimmungen der 5. IV-Revision am 1. Januar 2008 begonnen hat. Daher und
aufgrund dessen, dass der Rechtsstreit eine Dauerleistung betrifft, über welche noch
nicht rechtskräftig verfügt wurde, ist entsprechend den allgemeinen
intertemporalrechtlichen Regeln für die Zeit bis 31. Dezember 2007 auf die damals
geltenden Bestimmungen und ab diesem Zeitpunkt auf die neuen Normen der 5. IV-
Revision abzustellen (vgl. zur 4. IV-Revision: BGE 130 V 445 ff.; Urteil des
Bundesgerichts vom 7. Juni 2006, I 428/04, E. 1). Nachfolgend werden, soweit nicht
anders angegeben, die seit 1. Januar 2008 gültigen Bestimmungen des ATSG, des IVG
und der IVV wiedergegeben.
2.
2.1 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 ATSG). Erwerbsunfähigkeit
ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Der Grad der
für einen allfälligen Rentenanspruch massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16
ATSG durch einen Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die
versicherte Person nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der
notwendigen und zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt wird zum Einkommen, das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie
nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht
Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu
70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein
Invaliditätsgrad von mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente
und bei einem IV-Grad von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.2 Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und
demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine zuverlässige Beurteilung
des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Die Rechtsprechung hat es mit dem
Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte
Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung
aufzustellen (BGE 125 V 351 E. 3b). Das im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
eingeholte Gutachten von externen Spezialärzten, welche aufgrund eingehender
Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht
erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen,
besitzt bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft, solange nicht konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb).
3.
3.1 In medizinischer Hinsicht ist vorliegend in erster Linie umstritten, in welchem
Umfang der Beschwerdeführer aus psychischen Gründen in seiner Arbeitsfähigkeit
eingeschränkt ist. Während die Beschwerdegegnerin diesbezüglich auf das ABI-
Gutachten vom 12. Oktober 2009 (act. G 5.148) abstellt, wonach eine 30%ige
Arbeitsunfähigkeit bestehe, macht der Beschwerdeführer geltend, er sei (in der freien
Wirtschaft) gar nicht arbeitsfähig. Er begründet dies im Wesentlichen damit, dass sich
sein psychischer Gesundheitszustand sei der Begutachtung durch Dr. C._
nachweislich wesentlich verschlechtert habe und spätestens seit der Hospitalisierung
in der Psychiatrischen Klinik Wil eine volle Arbeitsunfähigkeit vorliege. Trotz einer
viermonatigen intensiven Therapie sei es nicht gelungen, eine Verbesserung der
Arbeitsfähigkeit zu erzielen. Auch die weitere Therapie bei Dr. med. D._, Fachärztin
für Psychiatrie und Psychotherapie, habe zu keiner wesentlichen Verbesserung geführt.
Die Ärzte gingen nach wie vor von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit aus. Im Übrigen
seien die gestellten Diagnosen und Einschätzungen zur Arbeitsfähigkeit auch in der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
RAD-Stellungnahme vom 10. Dezember 2008 nicht in Frage gestellt worden. Es sei
davon ausgegangen worden, dass ab der Hospitalisierung in der Psychiatrischen Klinik
Wil eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit gegeben sei; offen gewesen sei lediglich der
Beginn der Verschlechterung, da die Psychiatrische Klinik Wil sowie Dr. D._ eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit seit 2004 festgestellt hätten. Dem ABI-Gutachten mangle
es nicht nur an einer genügenden Anamnese, sondern auch an einer zureichenden
Auseinandersetzung mit den Vorakten und den Diagnosen der vorbehandelnden Ärzte.
Insbesondere sei die Aberkennung einer Persönlichkeitsstörung durch das ABI aus
Sicht von Dr. D._ fachlich nicht akzeptabel.
3.2 Gemäss Akten berichtete erstmals Dr. med. F._, Facharzt FMH für Innere
Medizin, über psychische Beschwerden des Beschwerdeführers, indem er in seinem
Bericht vom 12. Juni 2006 festhielt, neu sei eine mittelschwere depressive Episode
aufgetreten, die zu Konzentrationsverlust, chronischen Kopfschmerzen und
Schlaflosigkeit geführt habe. Er habe den Versicherten an Dr. med. E._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie, überwiesen (act. G 5.59). Dieser stellte in seinem
Bericht vom 19. August 2006 in psychiatrischer Hinsicht die Diagnose einer
depressiven Entwicklung leichten bis mittleren Grads (ICD-10: F32.0/32.1). Zur Frage
nach der Zumutbarkeit einer adaptierten Tätigkeit hielt er fest, eine weitgehend
sitzende, wechselbelastende Tätigkeit könnte dem Beschwerdeführer zumutbar sein.
Sie sollte ihn intellektuell nicht überfordern, könnte seinen psychischen Zustand aber
eher verbessern, da sich damit das Selbstvertrauen wieder stärken liesse. Jedenfalls
sollte in einem geschützten Rahmen ein entsprechender Arbeitsversuch gestartet
werden (act. G 5.66). Dr. C._ diagnostizierte anlässlich der psychiatrischen
Begutachtung vom 1. Mai 2007 eine leichte bis mittelschwere depressive Episode mit
zum Zeitpunkt der Exploration leichter depressiver Ausprägung (ICD-10: F32.00)
bestehend seit 2005 sowie eine akzentuierte Persönlichkeit mit anankastischen und
ängstlich-vermeidenden Zügen seit dem frühen Erwachsenenalter. Aus psychiatrischer
Sicht bestehe für adaptierte Tätigkeiten eine 75%ige Arbeitsfähigkeit; es bestehe eine
leichte Einschränkung der Leistungsfähigkeit im Sinn der Notwendigkeit häufiger kurzer
Pausen (act. G 5.80).
Vom 26. März bis 15. Mai 2008 hielt sich der Beschwerdeführer stationär in der
Psychiatrischen Klinik Wil auf. Im entsprechenden Bericht vom 25. August 2008 wurde
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aus psychiatrischer Sicht eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem
Syndrom (ICD-10: F33.11) bei Akzentuierung von zwanghaften bzw. perfektionistischen
Persönlichkeitszügen, DD: Angst und depressive Störung gemischt (ICD-10: F.41.3)
diagnostiziert. Die Frage, ob dem Beschwerdeführer andere (als die angestammte)
Tätigkeiten zumutbar seien, wurde mit ja beantwortet, wobei ausgeführt wurde,
berufliche Massnahmen, d.h. eine einfache Tätigkeit auf niedrigem Leistungsniveau,
dürften sich auch günstig auf den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers
auswirken. Ob sich dadurch auch eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit ergeben könnte,
bleibe abzuwarten, sei aber durchaus nicht auszuschliessen. Wichtig scheine beim
Beschwerdeführer eine möglichst kontinuierliche Absprache mit einem etwaigen
Arbeitgeber zur stetigen Überprüfung der Leistungsgrenzen, um gegebenenfalls
frühzeitig Leistungsanpassungen vornehmen zu können. Regelmässige und genügend
Pausen auch aufgrund der Rückenschmerzen mit Möglichkeiten, öfter von einer
sitzenden in eine stehende Position wechseln zu können, könnten sich als günstig
erweisen. Derartige Tätigkeiten seien dem Beschwerdeführer während sechs Stunden
pro Tag zumutbar. Es könne im Rahmen der rezidivierenden depressiven Episoden, der
fluktuierenden Angstsymptomatik nebst bestehender chronischer
Schmerzsymptomatik immer wieder zu einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit kommen
(act. G 5.114-7).
Vom 6. Mai bis 19. September 2008 begab sich der Beschwerdeführer in die
Behandlung der Psychiatrischen Tagesklinik St. Gallen. Diese diagnostizierte in ihrem
Bericht vom 6. November 2008 eine rezidivierende depressive Störung, zurzeit
mittelgradige Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F33.1), eine akzentuierte
Persönlichkeit mit anankastischen und depressiven Störungen, eine posttraumatische
Belastungsstörung subsyndromal bei mehrfacher Traumatisierung sowie Probleme im
Zusammenhang mit der Erziehung der Kinder, Überforderungsgefühle. Zum aktuellen
Zeitpunkt seien Tätigkeiten vor allem im geschützten Rahmen zumutbar. Zum Zeitpunkt
der Entlassung sei keine Tätigkeit auf dem "geregelten Arbeitsmarkt" zumutbar
gewesen. Der Beschwerdeführer sei am 19. September 2008 aus der Psychiatrischen
Tagesklinik St. Gallen entlassen worden. Sein Zustand habe sich deutlich gebessert.
Um den Verlauf adäquat beurteilen zu können, werde das Einholen eines Berichts bei
der aktuellen ambulanten Behandlerin Dr. D._ empfohlen (act. G 5.124). Diese
diagnostizierte in ihrem Bericht vom 15. November 2008 Angst und dep. St. gemischt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(ICD-10: F41.2) sowie eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit ängstlichen und
anankastischen Anteilen (ICD-10: F61.0). Unter Prognose hielt sie fest: "Gute
Prognose, zurzeit jedoch in einem geschützten Rahmen" (act. G 5.125).
3.3 Zwar weist der Beschwerdeführer zu Recht darauf hin, dass der RAD in seiner
Stellungnahme vom 10. Dezember 2008 in Würdigung der vorstehend geschilderten
Aktenlage zum Ergebnis gelangt war, es bestehe seit der Anmeldung in der
Psychiatrischen Klinik Wil "z.Z. nachvollziehbar andauernd" eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit (act. G 5.126), doch vermag diese Einschätzung nicht zu
überzeugen. Abgesehen davon, dass besagte RAD-Stellungnahme von einem Facharzt
für Allgemeinmedizin stammt, sind die Arbeitsfähigkeitsbeurteilungen in den
verschiedenen Berichten, soweit sie überhaupt auf eine adaptierte Tätigkeit Bezug
nehmen, sehr vage und nicht weiter begründet. Insbesondere wird nicht
nachvollziehbar dargelegt, warum der Beschwerdeführer nur in geschütztem Rahmen
tätig sein könnte. Zwar erscheint es nachvollziehbar, dass im Zeitraum der stationären
Behandlung in der Psychiatrischen Klinik Wil vom 26. März bis 15. Mai 2008 eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit für jegliche Tätigkeiten bestanden hat. In verschiedene
Beurteilungen sind aber offenbar auch psychosoziale (und damit invaliditätsfremde)
Probleme miteingeflossen. So sprach beispielsweise die Psychiatrische Klinik Wil von
einer zunehmenden depressiven Stimmung auf dem Hintergrund einer psychosozialen
Belastungssituation (act. G 5.114-4), während die Psychiatrische Tagesklinik St. Gallen
Probleme im Zusammenhang mit der Erziehung der Kinder und Überforderungsgefühle
als Diagnosen nannte (act. G 5.124-1). Hinzu kommt, dass die Psychiatrische Klinik Wil
im Verlauf von einer insgesamt guten Verbesserung der depressiven Symptomatik
berichtet. Der Austritt in die alten Verhältnisse sei nach sehr positivem
Krankheitsverlauf erfolgt (act. G 5.114-4). Auch die Psychiatrische Tagesklinik St.
Gallen berichtete von einer Verbesserung des Gesundheitszustands seit Eintritt; zudem
nahm der Beschwerdeführer wegen der familiären Umstände nur halbtags am
Behandlungsprogramm teil (act. G 5.124-6 und 9). Schliesslich stellte Dr. D._ eine
gute Prognose (act. G 5.125-2). Vor diesem Hintergrund ist nicht nachvollziehbar, dass
der Beschwerdeführer in einer adaptierten Tätigkeit auch nach Austritt aus der
Psychiatrischen Klinik Wil anhaltend aus psychischen Gründen zu 100% arbeitsunfähig
geblieben sein soll, zumal die Ärzte der Psychiatrischen Klinik Wil eine adaptierte
Tätigkeit im Umfang von sechs Stunden pro Tag für zumutbar erachteten (act. G
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.114-7). Entsprechend ist nicht zu beanstanden, dass in der RAD-Stellungnahme vom
11. März 2009 (die allerdings wieder nicht durch einen Psychiater bzw. eine
Psychiaterin, sondern diesmal durch einen Facharzt der Orthopädischen Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparats erfolgte) eine erneute polydisziplinäre
Untersuchung empfohlen (act. G 5.136) und in der Folge auch durchgeführt wurde (act.
G 5.148). Das mit der Begutachtung betraute ABI stellte im Gutachten vom 12. Oktober
2009 folgende psychiatrische Diagnosen: 1. eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig leichte bis mittelgradige Episode (ICD-10: F33.0/F33.1) sowie 2. eine
anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4). Aus psychiatrischer Sicht
bestehe eine Einschränkung in der Arbeitsfähigkeit von 30% (act. G 5.148-18 f.). Der
Beschwerdeführer weist an sich zutreffend darauf hin, dass diese Diagnose von jener
durch Dr. C._ insofern abweicht, als letztere eine somatoforme Schmerzstörung in
der interdisziplinären Beurteilung ausdrücklich ausgeschlossen hatte (act. G 5.80-30).
Nachdem der ABI-Orthopäde die vom Beschwerdeführer angegebenen Beschwerden
aufgrund der Bilddokumente als gut begründet erachtete (act. G 5.1.148-24), erscheint
die Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung wenig plausibel. Wie es sich damit
verhält, kann insoweit offen bleiben, als es weniger auf die exakte Diagnosestellung als
vielmehr auf die Auswirkungen des psychiatrischen Krankheitsbilds auf die
Arbeitsfähigkeit ankommt. In dieser Hinsicht kann dem ABI-Gutachten entnommen
werden, dass die körperlichen Beschwerden etwas in den Hintergrund gerückt sind,
während die psychischen Beschwerden klar dominieren. Letztere schränken die
Arbeitsfähigkeit nach Einschätzung des ABI-Psychiaters um 30% ein. Diese
Einschätzung wird nachfolgend gewürdigt (E. 3.5).
3.4 Was der Beschwerdeführer im Weiteren gegen das ABI-Gutachten vorbringt -
insbesondere die Vorwürfe der ungenügenden (Fremd)Anamnese und Testpsychologie
sowie der unzureichenden Auseinandersetzung mit den Vorakten und der mangelnden
Begründung der attestierten Arbeitsunfähigkeit -, vermag nicht zu überzeugen. So ist
das ABI-Gutachten in Kenntnis und unter Einbezug der umfangreichen Vorakten
ergangen und gibt auch die vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden wieder, so
dass nicht von einer unzureichenden Anamnese gesprochen werden kann. Es mag
sein, dass für eine gesicherte Diagnose einer Persönlichkeitsstörung im Allgemeinen
die Beobachtungsperiode von grosser Bedeutung, eine Testpsychologie unerlässlich
und auch fremdanamnestische Auskünfte wichtig sind. Indessen verkennt der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer, dass einzig Dr. D._ eine solche in Form einer kombinierten
Persönlichkeitsstörung mit ängstlichen und anankastischen Anteilen diagnostiziert hat
(vgl. act. G 5.125-1). Die Psychiatrische Klinik Wil, in der sich der Beschwerdeführer
immerhin während mehreren Wochen stationär aufgehalten hatte, sprach
demgegenüber "lediglich" von einer Akzentuierung von zwanghaften bzw.
perfektionistischen Persönlichkeitszügen (act. G 5.114-1), während die Psychiatrische
Tagesklinik St. Gallen nach einer testpsychologischen Untersuchung festhielt, die
Tendenzen seien nicht genügend ausgeprägt, so dass eher von einer
Persönlichkeitsakzentuierung als von einer Persönlichkeitsstörung im eigentlichen Sinn
auszugehen sei (act. G 5.124-6). Vor diesem Hintergrund ist mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der ABI-Psychiater in der Lage war, die
Frage nach dem Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung aufgrund seiner Untersuchung
und in Kenntnis der divergierenden Auffassungen der vorbehandelnden Fachpersonen
zuverlässig zu beantworten. Darüber hinaus hat der RAD-Psychiater in seiner
Stellungnahme vom 19. März 2010 zu Recht darauf hingewiesen, dass selbst bei der
Diagnose einer Persönlichkeitsstörung eine die Arbeitsfähigkeit tangierende
Auswirkung nur dann gegeben wäre, wenn es hierdurch zu bestimmten
Funktionseinschränkungen kommen würde; derartiges habe Dr. D._ wie auch die
ICD-Begründung für ihre Diagnose nicht vorgelegt (act. G 5.163-2).
3.5 Zwar ist die Stellungnahme des ABI zu den früheren ärztlichen Einschätzungen
relativ knapp ausgefallen, doch kann den Ausführungen des psychiatrischen
Gutachters entnommen werden, dass die in den Vorakten vorhandenen
Arbeitsfähigkeitsschätzungen (mit Ausnahme derjenigen von Dr. C._) in erster Linie
deswegen als nicht nachvollziehbar beurteilt werden, weil eine mittelgradige
Depression (falls eine solche intermittierend vorgelegen habe) nur eine teilweise
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, nicht aber eine vollständige Arbeitsunfähigkeit
begründen könne, wie dies teilweise durch die vorbehandelnden Ärzte attestiert
worden sei (vgl. act. G 5.148-20). Zudem wurde bereits oben (E. 3.3) dargelegt, dass
die vorbehandelnden Ärzte offenbar auch psychosoziale Begebenheiten in ihre
Arbeitsfähigkeitsschätzungen haben einfliessen lassen, was in
invalidenversicherungsrechtlicher Hinsicht nicht statthaft ist. Demgegenüber hat der
ABI-Psychiater ausgeführt, der Beschwerdeführer fühle sich derzeit nicht fähig, zu
arbeiten. Diese Selbsteinschätzung könne durch die psychiatrischen Befunde nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hinreichend objektiviert werden. Der Beschwerdeführer habe seine frühere Arbeit auch
als anstrengend erlebt und sei infolge Schmerzen arbeitsunfähig geworden. Die
psychosozialen Belastungen mit Verlust von Strukturen und Lebensinhalten wie auch
angespannter finanzieller Situation hätten zu einer Manifestation der aktuellen
depressiven Episode geführt. Möglicherweise seien auch lebensgeschichtliche
Belastungen reaktiviert worden. Die psychosozialen Faktoren seien aber als solche
krankheitsfremd, was bei der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit berücksichtigt werden
müsse. Aus psychiatrischer Sicht bestehe eine Einschränkung in der Arbeitsfähigkeit
von 30%. Die Arbeitsfähigkeit sei durch die leichte bis mittelgradige depressive
Episode bei einer rezidivierenden depressiven Störung und die anhaltende
somatoforme Schmerzstörung eingeschränkt. Eine schwere psychische Störung liege
nicht vor. Der Beschwerdeführer sei nicht suizidal und leide nicht unter schweren
Konzentrationsstörungen. Hinweise auf einen sogenannten therapeutisch nicht mehr
beeinflussbaren, verfestigten innerseelischen Verlauf (primärer Krankheitsgewinn) seien
nicht vorhanden. Die komplexen Ich-Funktionen seien nicht schwer gestört. Deutliche
auffällige Persönlichkeitszüge, aufgrund derer die Diagnose einer
Persönlichkeitsstörung gestellt werden könne, bestünden nicht; gegen die Diagnose
einer Persönlichkeitsstörung spreche auch die Biografie mit vor der Erkrankung
normaler beruflicher und familiärer Sozialisation. Daher könne es dem
Beschwerdeführer trotz der geklagten Beschwerden aus psychiatrischer Sicht
zugemutet werden, einer seinen körperlichen Einschränkungen angepassten Tätigkeit
zu 70% nachzugehen (act. G 5.148-19). Diese Einschätzung ist nachvollziehbar und
vermag im Ergebnis zu überzeugen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass eine
psychiatrische Exploration von der Natur der Sache her nicht ermessensfrei erfolgen
kann. Innerhalb eines Ermessensspielraums sind unterschiedliche Einschätzungen zu
respektieren und geben nicht Anlass für Beweisergänzungen. Immerhin haben auch die
Ärzte der Psychiatrischen Klinik Wil eine adaptierte Tätigkeit im Umfang von sechs
Stunden pro Tag für zumutbar erachtet, auch wenn sie eine zusätzliche
Leistungsminderung attestierten, weil es im Rahmen der rezidivierenden depressiven
Episoden immer wieder zu einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit kommen könne.
3.6 Der Beschwerdeführer macht weiter geltend, was den somatischen Befund
betreffe, seien die Diagnose sowie die bleibende volle Arbeitsunfähigkeit in der
angestammten Tätigkeit als Chauffeur und Lagerist unbestritten. Während Dr. B._
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
jedoch von einer um 10% reduzierten Leistung in einer körperlich leichten Tätigkeit
ausgehe, stelle das ABI davon abweichend eine vollzeitliche Arbeitsfähigkeit ohne
Leistungseinbusse in einer körperlich leichten Tätigkeit fest.
Wie es sich damit genau verhält, braucht vorliegend nicht abschliessend geklärt zu
werden. Dr. B._ und das ABI beschreiben die Anforderungen an eine den
somatischen Beschwerden angepasste Tätigkeit in etwa gleich (vgl. act. G 5.80-8 und
5.148-24 f.). Unabhängig davon, ob dem Beschwerdeführer eine solche Tätigkeit aus
körperlicher Sicht nun zu 100% oder zu 90% zumutbar ist, besteht aus psychiatrischer
bzw. interdisziplinärer Sicht für entsprechend adaptierte Tätigkeiten eine
Einschränkung von 30%. Diese 30%ige Einschränkung ist vorliegend für die
Berechnung des Invaliditätsgrads massgebend.
3.7 Zusammengefasst bleibt damit festzuhalten, dass für die Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers auf das ABI-Gutachten vom 12. Oktober 2009
abgestellt werden kann. Demnach ist der Beschwerdeführer für adaptierte Tätigkeiten
zu 70% arbeitsfähig.
Was den Beginn der 30%igen Arbeitsunfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit
anbelangt, hielten die ABI-Gutachter fest, gemäss den ihnen zur Verfügung stehenden
Unterlagen sei am 24. Mai 2006 eine fachärztliche Behandlung aufgrund einer
depressiven Symptomatik aufgenommen worden. Diesbezüglich seien retrospektive
Beurteilungen immer mit einer gewissen Unsicherheit behaftet, da der Verlauf
naturgemäss schwankend sein könne. Aus den vorliegenden Dokumenten sei für sie
(die Gutachter) allerdings nicht erkennbar, dass in der Vergangenheit jemals über eine
längere Zeit ein wesentlich anderes psychisches Zustandsbild vorgelegen hätte, als es
sich heute präsentiere. Zwar werde wiederholt eine etwas stärkere Ausprägung der
depressiven Störung beschrieben, doch hätten die entsprechenden Behandlungen
offenbar innert nützlicher Frist eine deutliche Verbesserung gebracht, so dass wohl nie
eine anhaltende höher-gradige Depression vorgelegen habe. Unter diesem Aspekt
könne davon ausgegangen werden, dass die heutige psychiatrische Beurteilung auch
für die Vergangenheit im Wesentlichen Gültigkeit habe (act. G 5.148-28). Diese
Einschätzung erscheint überzeugend, zumal nach dem oben Gesagten (E. 3.3) den
Vorakten lediglich für die Zeit des stationären Aufenthalts in der Psychiatrischen Klinik
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wil nachvollziehbar eine (vorübergehende) Verschlechterung des Gesundheitszustands
des Beschwerdeführers entnommen werden kann.
4.
4.1 Zu prüfen bleibt, wie sich die Einschränkungen des Beschwerdeführers auf seine
erwerbliche Situation auswirken. In diesem Zusammenhang unbestritten geblieben sind
die von der Beschwerdegegnerin für den Einkommensvergleich beigezogenen
Bemessungsgrundlagen, nämlich das zuletzt erzielte Einkommen als
Valideneinkommen und die LSE-Tabellenlöhne, Anforderungsniveau 4, für das
Invalideneinkommen. Dies ist denn auch nicht zu beanstanden. Der Beschwerdeführer
macht in diesem Zusammenhang einzig geltend, beim Invalideneinkommen sei ein
Leidensabzug von 25% vorzunehmen.
4.2 Nach der Rechtsprechung können die statistischen Löhne um bis zu 25% gekürzt
werden, um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass versicherte Personen mit einer
gesundheitlichen Beeinträchtigung in der Regel das durchschnittliche Lohnniveau nicht
erreichen (RKUV 1999 Nr. U242 S. 412 E. 4b/bb) bzw. ihre Restarbeitsfähigkeit auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg zu
verwerten in der Lage sind. Dabei handelt es sich um einen allgemeinen
behinderungsbedingten Abzug (BGE 126 V 78 E. 5a/bb). Nach der Rechtsprechung
hängt die Frage, ob und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von
sämtlichen persönlichen und beruflichen Umständen – auch von invaliditätsfremden
Faktoren – des konkreten Einzelfalls ab (namentlich leidensbedingte Einschränkung,
Alter, Dienstjahre, Nationalität/Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad (BGE 129
V 481 E. 4.2.3, mit Hinweisen).
4.3 Vorliegend fällt ins Gewicht, dass der Beschwerdeführer, wie er zu Recht geltend
macht, nur noch leichte Tätigkeiten ausüben kann, wobei auch hier eine
gesundheitliche Einschränkung besteht. Zwar wird im ABI-Gutachten ausgeführt, dem
Beschwerdeführer seien leichte bis mittelschwere Tätigkeiten zumutbar (vgl. act. G
5.148-28), doch ermittelten sowohl das ABI als zuvor auch Dr. B._ eine Hebe- und
Traglimite von 10 kg (vgl. act. G 5.80-7 und 5.148-20). Eine solche Limite entspricht
gemäss der Broschüre "Zumutbare Arbeitstätigkeit nach Unfall und bei Krankheit" der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Swiss Insurance Medicine, S. 8 (abrufbar unter http://www.swiss-insurance-
medicine.ch/users/1/content/ 2008_zumutbare_d.pdf) einer leichten und nicht einer
mittelschweren Tätigkeit. Bereits dieser Umstand rechtfertigt einen Abzug vom
Tabellenlohn (vgl. BGE 126 V 78 E. 5a/aa). Hinzu kommt, dass der Beschwerdeführer
zwar ganztägig einer adaptierten Tätigkeit nachgehen kann, dabei jedoch nur eine
verminderte Leistung zu erbringen vermag, was ebenfalls lohnmindernd zu
berücksichtigen ist (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 21. September 2010,
9C_728/09, E. 4.3.2 sowie vom 15. November 2010, 9C_721/2010, E. 4.2.2.1, mit
Hinweisen). Insgesamt erscheint ein Leidensabzug von 10% den vorliegenden
Umständen angemessen. Damit reduziert sich das in der angefochtenen Verfügung
ermittelte Invalideneinkommen von Fr. 43'028.-- auf Fr. 38'725.--. Stellt man dieses
Invalideneinkommen dem Valideneinkommen von Fr. 68'381.-- gegenüber, resultiert
ein Invaliditätsgrad von (gerundet) 43%. Damit hat der Beschwerdeführer Anspruch auf
eine Viertelsrente.
Wie oben (E. 3.7) dargelegt, ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer seit Aufnahme der psychiatrischen
Behandlung am 24. Mai 2006 (vgl. act. G 5.66-5) zu 30% arbeitsunfähig ist. Zu jenem
Zeitpunkt war das Wartejahr im Sinn von aArt. 29 Abs. 1 lit. b IVG bereits abgelaufen,
ist der Beschwerdeführer in seiner angestammten Tätigkeit doch seit 30. August 2004
nicht mehr arbeitsfähig (vgl. act. G 5.8-3, durch das ABI bestätigt in act. G 5.148-27).
Folglich hat der Beschwerdeführer mit Wirkung ab 1. Mai 2006 Anspruch auf eine
Viertelsrente (aArt. 29 Abs. 2 IVG).
5.
5.1 Im Sinn der obigen Erwägungen ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen. Die
angefochtene Verfügung vom 4. Januar 2010 ist aufzuheben. Dem Beschwerdeführer
ist mit Wirkung ab 1. Mai 2006 eine Viertelsrente zuzusprechen, und die Sache ist zur
Festsetzung und Ausrichtung der geschuldeten Leistungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
5.2 Dem Beschwerdeführer wurde die unentgeltliche Prozessführung am 16. April 2010
bewilligt (act. G 6). Wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse des Beschwerdeführers es
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gestatten, kann er jedoch zur Nachzahlung der Gerichtskosten, der Auslagen für die
Vertretung und der vom Staat entschädigten Parteikosten verpflichtet werden (Art. 288
Abs. 1 ZPO/SG i.V.m. Art. 99 Abs. 2 VRP/SG).
5.3 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Der Beschwerdeführer hat vorliegend teilweise obsiegt. Es
rechtfertigt sich daher, die Gerichtskosten den Parteien je hälftig aufzuerlegen.
Entsprechend hat die Beschwerdegegnerin die Gerichtsgebühr von total Fr. 600.-- im
Umfang von Fr. 300.-- zu bezahlen. Dem unterliegenden Beschwerdeführer sind die
Gerichtskosten ebenfalls im Umfang von Fr. 300.-- aufzuerlegen. Zufolge
unentgeltlicher Rechtspflege ist er von der Bezahlung zu befreien.
5.4 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die teilweise obsiegende beschwerdeführende
Partei Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen
(Art. 61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.--
bis Fr. 12'000.--. Im vorliegenden Fall erscheint im Umfang des teilweisen Obsiegens
eine Parteientschädigung von Fr. 1'750.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer)
als angemessen. Aufgrund der Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung
ist überdies der Entschädigungsanspruch der unentgeltlichen Rechtsvertreterin
gegenüber dem Staat festzulegen. Die vom Staat geschuldete Entschädigung beläuft
sich auf Fr. 2'800.-- (reduziertes Honorar nach Art. 31 Abs. 3 des Anwaltsgesetzes
[sGS 963.70]). Soweit die Gegenpartei kostenpflichtig ist, kann der Staat auf sie
Rückgriff nehmen (Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m. Art. 282 lit. c ZPO/SG). Entsprechend ist
dem Staat im Betrag von Fr. 1'750.-- das Rückgriffsrecht auf die Beschwerdegegnerin
einzuräumen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53
GerG entschieden:
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1. In teilweiser Gutheissung der Beschwerde wird die Verfügung vom 4. Januar 2010
aufgehoben, und es wird dem Beschwerdeführer mit Wirkung ab 1. Mai 2006 eine
Viertelsrente zugesprochen. Die Sache wird zur Festsetzung und Ausrichtung der
geschuldeten Leistungen an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen.
2. Die Beschwerdegegnerin bezahlt eine Gerichtsgebühr von Fr. 300.--. Der
Beschwerdeführer wird von der Bezahlung seines Kostenanteils von Fr. 300.-- befreit.
3. Der Staat entschädigt die unentgeltliche Rechtsbeiständin mit Fr. 2'800.--. Er nimmt
im Betrag von Fr. 1'750.-- Rückgriff auf die Beschwerdegegnerin.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 16.12.2010 Art. 28 IVG. Invaliditätsbemessung, Leidensabzug. Da der Beschwerdeführer auch bei der Ausübung leichter Tätigkeiten eingeschränkt ist und er bei ganztägiger Arbeitszeit nur eine reduzierte Leistung erbringen kann, erscheint ein Leidensabzug von 10% angemessen (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 16. Dezember 2010, IV 2010/51).
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
2021-09-19T16:53:13+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen