Decision ID: 4f0afedc-7e52-4d59-ba48-65cbfc0c7d1b
Year: 2014
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Andreas Wiget, Rosenbergstrasse 42b,
9000 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 9./16. Mai 2011 wegen Epilepsie und Frakturen im
Brustwirbelbereich zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung (berufliche
Integration/Rente) an. Er sei als Gärtner angestellt. Seit dem 6. September 2010 sei er
arbeitsunfähig. Seit 2008 stehe er wegen einer Depression in Behandlung. - Die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen holte die Unfallver
sicherungsakten ein (IV-act. 7). Diesen war unter anderem zu entnehmen, dass der
Versicherte ab dem 6. September 2010 arbeitsunfähig geschrieben worden war. Vom
17. Februar bis 17. März 2011 hatte er sich stationär in der Klinik Valens aufgehalten.
Gemäss deren Austrittsbericht vom 1. April 2011 (Dokument 52 der technisch
nummerierten UV-Akten) bestand (aufgrund eines thorakovertebralen Syndroms und
einer Epilepsie mit einfach- und eventuell komplex-fokalen Anfällen und einmalig
sekundär generalisiertem epileptischem Anfall am 6. September 2010) eine volle
Arbeitsunfähigkeit bis 27. März 2011. Danach sei dem Versicherten die bisherige
(mittelschwere) Arbeit (mit Gewichtsbelastungen von 15 bis 25 kg) vorläufig
(sinngemäss wiedergegeben) für ca. 30 % zumutbar (entsprechend zwei bis drei
Stunden pro Tag; Arbeit halbtags mit reduzierter Leistung). Das repetitive Hantieren mit
Heckenscheren (ca. 9 kg Gewicht, zum Teil über Kopf) und generell mit Gewichten
über 10 kg sei zurzeit nicht zumutbar. Wechselbelastende leichte Tätigkeiten seien ab
Klinikaustritt mindestens zu 50 % (halbtags) zumutbar. Die weitere Steigerung der
Arbeitsfähigkeit sollte gestaffelt erfolgen. Der Kreisarzt-Stellvertreter hatte am 29. April
2011 (Dokument 56 der technisch nummerierten UV-Akten) befürwortet, die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit von 50 % zwei Monate nach deren Beginn sukzessiv von 75 % auf
100 % aufzustocken. Vom 3. bis 6. Mai 2011 war der Versicherte zur ergänzenden
Diagnostik und Anpassung der antikonvulsiven Therapie in der Klinik für Neurologie am
Kantonsspital St. Gallen hospitalisiert. - Gemäss einem Gesprächsprotokoll (IV-act. 9;
vgl. IV-act. 22) gab Dr. med. B._, Praktische Ärztin FMH, dem Regionalen Ärztlichen
Dienst (RAD) der Invalidenversicherung am 27. Mai 2011 bekannt, der Versicherte leide
an einer symptomatischen Epilepsie. Er habe am 6. September 2011 (recte: 2010)
einen erstmaligen Grand mal-Anfall und dabei Deckplattenimpressionsfrakturen BWK
5-9 und BWK 11 erlitten mit anhaltendem thorakovertebralem Syndrom. Ausserdem
bestünden eine nicht näher bezeichnete depressive Störung und seit längerer Zeit
akzentuierte Persönlichkeitszüge. Der Versicherte besitze keine Fahreignung und könne
keine Arbeiten an Maschinen mit Verletzungsgefahr ausüben und die Wirbelsäule sei
eingeschränkt belastbar. Bis zum 20. Mai 2011 habe sie (die Ärztin) eine
Arbeitsunfähigkeit von 50 % attestiert; danach sei diese vom neuerdings behandelnden
Hausarzt zu beurteilen. Die Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht sei bei der
diesbezüglich behandelnden Ärztin zu erfragen. Dr. med. C._, Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie, gab dem RAD am 27. Mai 2011 (IV-act. 11) an, es
bestünden aktuell keine psychiatrischen Funktionsausfälle, welche die Arbeitsfähigkeit
einschränken würden. Die Arbeitgeberin bescheinigte am 30. Mai 2011 (IV-act. 15), der
Versicherte sei seit dem 17. März 1997 als Gärtner angestellt und habe seit dem 9. Mai
2011 als Gärtner eine angepasste Tätigkeit in einem anderen Pflegekreis. - Am
8. August 2011 fand eine UV-kreisärztliche Untersuchung (Bericht vom 16. August
2011; Dokument 77, handnummeriert, bei den UV-Akten) statt. Die Untersuchung sei
durch Inkonsistenzen des Versicherten geprägt gewesen. Die geringfügigen
Infraktionen seien konsolidiert; die geklagten Beschwerden bei Skoliose mit
degenerativen Veränderungen im Bereich der oberen und mittleren BWS seien
krankheitsbedingt. Die Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit unter
Berücksichtigung der Unfallfolgen betrage ab dem Untersuchungsdatum 75 %. Ab
dem 3. Oktober 2011 sei mit einer Wiederaufnahme der vollen Tätigkeit zu rechnen. -
Am 15. Oktober 2011 (IV-act. 74) hielt Dr. C._ auf dem zurückzusendenden
Gesprächsprotokoll des RAD vom 27. Mai 2011 fest, eine "Aufstockung auf
75 %" [wohl: der Arbeitsfähigkeit] sei wegen Morgentiefs nicht möglich, deshalb
"Reduktion auf 50 %", bis die Depression abgeklungen sei, nämlich bis Ende
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
September. Der Versicherte werde einer Depression entsprechend behandelt, da ihn
das morgendliche Arbeiten extrem anstrenge und circadian erschöpfe. - In einem FI-
Ergebnis-Protokoll vom 25. Oktober 2011 nach Assessmentgespräch (unter Mitwirkung
des RAD, IV-act. 33) wurde festgehalten, die bisherige Tätigkeit sei so angepasst
worden, dass der Versicherte nicht mehr mit Maschinen arbeiten müsse. Die
Arbeitsfähigkeit für die Unfallversicherung betrage für die angestammte Arbeit und
adaptierte Tätigkeiten 100 % (betreffend die Frakturen), die Arbeitsfähigkeit für die IV
ebenso (mit einer vorübergehenden Leistungseinschränkung bezüglich
Maschinenbedienung und Fahrens). Bis spätestens Mai 2012 müsse der Versicherte
die Arbeit im Umfang von 50 % (nachmittags) auf 100 % steigern, sonst werde die
Kündigung erfolgen. Es wurde am 4. November 2011 eine Zielvereinbarung (unter
anderem: Arbeit zu 100 % ab spätestens 1. April 2012) getroffen (IV-act. 36). Mit
Schreiben vom 9. November 2011 (IV-act. 38) sprach die Sozialversicherungsanstalt/
IV-Stelle dem Versicherten als Arbeitsvermittlungsmassnahme Beratung und
Unterstützung beim Erhalt des Arbeitsplatzes zu. In einem Arztbericht vom 28. Januar
2012 (IV-act. 43) bescheinigte Dr. C._ ihm für die Zeit ab dem Anfall eine
Arbeitsunfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Landschaftsgärtner von 50 %
wegen eines ab 2010 aktualisierten (seit 2008 bestehenden) Zustands nach reaktiver
mittelgradiger depressiver Episode. Als Einschränkungen bestünden eine
Ungeeignetheit für Schichtarbeit, eine Kälte-Intoleranz und Schmerzen. Eine
angepasste Tätigkeit wäre bald zu 100 % möglich. Mit einer Wiederaufnahme der
Tätigkeit zu 60 % bzw. zu 100 % bei passender Tätigkeit könne sofort gerechnet
werden. Wie den UV-Akten zu entnehmen ist, hatte die Ärztin der Kranken-
Erwerbsausfallversicherung am 16. Januar 2012 (bei der psychiatrischen Diagnose
eines Zustands nach Angst- und Paniksyndrom bei depressiver Verstimmung) erklärt,
die bisherige Arbeit sei nicht mehr möglich (Heben, Tragen, Kälte), die Arbeitsfähigkeit
für eine angepasste Tätigkeit sei von 50 auf 100 % steigerbar. Dr. med. D._, Facharzt
FMH Innere Medizin, gab der betreffenden Versicherung am 20. Januar 2012 bekannt,
vom 6. September 2010 bis 29. September 2011 sei der Versicherte (bei den
Diagnosen der Epilepsie, der Fraktur und einer reaktiven Depression) voll
arbeitsunfähig gewesen, seither sei er zu 50 % arbeitsunfähig (im August 2011 war der
Arzt noch von einer Arbeitsfähigkeit des Versicherten seit dem 20. Mai 2011 von 50 %
und davon ausgegangen, dass in wenigen Wochen volle Arbeitsfähigkeit vorliegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
werde). Gemäss dem ärztlichen Zeugnis von Dr. D._ vom 19. Januar 2012 hatte
ausserdem am 17. und 18. Januar 2012 volle Arbeitsunfähigkeit bestanden und
gemäss dem Attest vom 13. Februar 2012 lag ferner für die Zeit vom 2. bis 19. Februar
2012 volle Arbeitsunfähigkeit vor.
A.b Mit Verfügung vom 3. April 2012 (IV-act. 56) lehnte die Sozialversicherungsanstalt/
IV-Stelle einen Anspruch auf berufliche Massnahmen ab. Der Versicherte fühle sich nur
beschränkt arbeitsfähig und gehe im Rahmen des 50 %-Pensums der adaptierten
Tätigkeit bei der bisherigen Arbeitgeberin nach.
A.c Die Arbeitgeberin teilte am 23. April 2012 (IV-act. 57) mit, auf den 30. September
2012 werde die Kündigung veranlasst.
A.d Mit Vorbescheid vom 10. Mai 2012 (IV-act. 61 f.) stellte die Sozialversicherungs
anstalt/IV-Stelle dem Versicherten eine Abweisung seines Gesuchs um eine Rente in
Aussicht. Der Invaliditätsgrad betrage 13 %. Der Versicherte wandte am 1. Juni 2012
(IV-act. 63) ein, es sei ihm eine Rente zuzusprechen, und zwar gestützt auf die
Arbeitsfähigkeit von 50 % in adaptierter Tätigkeit gemäss der Klinik Valens sowie unter
Berücksichtigung eines Tabellenlohnabzugs wegen reduzierten Beschäftigungsgrads,
Beschränkung auf leichte Arbeiten mit der Notwendigkeit hoher Medikation, Absenz
von Dienstjahren im neuen Beruf, geringer Schulbildung, begrenzter Sprachkenntnisse
und Notwendigkeit eines Wechsels in ein neues Tätigkeitsgebiet.
A.e Der RAD hielt am 6. August 2012 (IV-act. 65) dafür, der Bericht der Klinik Valens
vom 13. März 2011 sei durch die kreisärztliche Untersuchung vom 8. August 2011
überholt. Es seien noch ein Arztbericht der Klinik für Neurologie am Kantonsspital
St. Gallen und ein solcher von Dr. C._ einzuholen. - Dr. C._ hielt am 14. August
2012 (IV-act. 67) fest, die bisherige Tätigkeit sei dem Versicherten nicht mehr
zumutbar, denn Arbeiten in gebückter Stellung und in der Hocke, Tragen und Heben
seien nicht mehr möglich. Die Leistungsfähigkeit sei in jeder Tätigkeit vermindert
infolge des Anfallsleidens, der Schmerzen und der Depression. Für eine Tätigkeit im
Stehen oder in wechselnder Haltung im nicht zu kühlen Trockenen, ohne Lärm und
Flackerlicht betrage die Arbeitsfähigkeit ca. 50 %. In einer ideal adaptierten Tätigkeit
bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 50 bis 100 %. Diagnostisch sei von einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anhaltenden depressiven Verstimmung (gemäss Code: Dysthymie) auszugehen. - Die
Klinik für Neurologie am Kantonsspital St. Gallen gab am 18. Oktober 2012 (IV-act. 69)
an, es bestünden (verkürzt wiedergegeben) eine symptomatische Epilepsie (mit
erstmaligem Grand mal-Anfall am 06.09.2010 und rezidivierenden fokalen Anfällen mit
Déjà-vu-Erlebnissen, provoziert durch Schlafentzug und psychische Erregung, und mit
Volumenvermehrung des Corpus amygdaloideus links, ätiologisch DD
Differenzierungsstörung/DD niedergradiges Gliom, im Verlaufs-MRI von 08/2012 keine
Grössenzunahme, aktuell unter antikonvulsiver Therapie anfallsfrei seit Mai 2011), ein
thorakovertebrales Syndrom und rezidivierend depressive Episoden. Die bisherige
Tätigkeit sei dem Versicherten noch zumutbar. Schichtdienst könne er aber nicht
leisten. Aufgrund der Komorbiditäten sei eine gewisse Leistungseinschränkung
durchaus möglich; genau sei das nicht beurteilbar. Eine angepasste Tätigkeit zu ca.
50 % sei seit der Rehabilitationsbehandlung sicherlich möglich und zu empfehlen. Bei
ausreichender psychischer Stabilisierung, weiterer Anfallsfreiheit und Nachlassen der
Schmerzen könne langfristig von einer vollen Arbeitsfähigkeit ausgegangen werden. -
Nach einer Stellungnahme des RAD vom 7. November 2012 (IV-act. 70) gab die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle dem Versicherten am 8. November 2012 (IV-
act. 72) bekannt, welche neuen Unterlagen sie eingeholt habe. Sie halte an ihrem
Entscheid fest. - Der Versicherte hielt am 21. November 2012 (IV-act. 75) dafür, die
Abklärungen zeigten eine Arbeitsunfähigkeit von derzeit 50 % in angepasster Tätigkeit
auf. Ein solches Pensum vermöge er nur mit starken Schmerzmitteln einzuhalten,
weshalb es eigentlich nicht zumutbar wäre. Mit Verfügung vom 14. Dezember 2012 (IV-
act. 76) wies die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen das
Leistungsgesuch des Versicherten ab.
B.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwalt Dr. iur. Andreas Wiget für
den Betroffenen am 25. Januar 2013 erhobene Beschwerde mit dem Antrag, die
angefochtene Verfügung sei aufzuheben, die Akten seien der Beschwerdegegnerin zur
Verbesserung des Aktenverzeichnisses und festen Nummerierung der Akten
zurückzuschicken und dem Beschwerdeführer sei ab 1. September 2011 eine Rente
gemäss IVG zuzusprechen. An der Rücksendung zur fixen Nummerierung der Akten
bestehe deshalb ein Interesse, weil niemand wisse, ob der Rentenanspruch des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführers im Rahmen einer Revision oder Neuanmeldung wieder einmal zur
Diskussion stehen werde. Die diesbezügliche (anhaltende, vgl. 8C_319/2010 E. 2)
rechtswidrige Praxis der Beschwerdegegnerin widerspreche einem fairen Verfahren
nach EMRK. Der Beschwerdeführer habe bereits seit rund zwanzig Jahren unter
leichteren Anfällen gelitten, die damals aber nie diagnostiziert worden seien. Nach dem
Anfallsereignis vom 6. September 2010 sei er vollständig arbeitsunfähig gewesen, habe
die Arbeit mit der Zeit aber wieder halbtags aufgenommen. Die früher trotz der
depressiven Episode im Jahr 2008 und der leichten Anfälle bestehende
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit habe er aber nicht mehr erreicht. Im Frühjahr 2012
sei ihm deswegen auf den Zeitpunkt des Auslaufs der Krankentaggelder hin gekündigt
worden. Nun beziehe er Taggelder der Arbeitslosenversicherung. Die
Unfallversicherung habe das Ereignis vom 6. September 2010 als Unfall anerkannt und
Heilungskosten und Taggelder gezahlt. Am 3. Oktober 2011 habe sie die Leistungen
eingestellt, nachdem die Frakturen verheilt gewesen seien und die andauernde
Teilarbeitsunfähigkeit als krankheitsbedingt betrachtet worden sei. Die
Wirbelsäulenbrüche verhinderten schwere Tätigkeiten, wie sie der Beschwerdeführer
als Gärtner ausgeübt habe. Er leide an massiven Schmerzen, die er wegen der
antiepileptischen Medikation (nur mit Dafalgan und Novalgin, aber) nicht adäquat
behandeln könne. Er nehme abends zwei bis fünf Temesta und werde mit Cymbalta
und gesprächspsychotherapeutisch behandelt. Nach dem Bericht von Dr. C._ vom
28. Januar 2012 seien ihm aus somatischer Sicht nur noch wechselbelastende oder
vorwiegend im Gehen auszuübende Tätigkeiten zumutbar. Das
Konzentrationsvermögen, die Anpassungsfähigkeit und die Belastbarkeit seien
aufgrund der Schmerzen und des depressiven Zustands eingeschränkt. Zu einer
ähnlichen Beurteilung seien die Ärzte der Klinik Valens im Frühjahr 2011 nach einem
Reha-Aufenthalt des Beschwerdeführers gelangt. Damals hätten noch die thorakalen
Beschwerden im Vordergrund gestanden, während sich die psychischen Störungen
noch weniger stark ausgewirkt hätten als heute. Entgegen der Beurteilung von
Dr. C._ habe der RAD den Beschwerdeführer für voll arbeitsfähig gehalten und die
Einschränkung auf invaliditätsfremde Gründe zurückgeführt. Gemäss dem Bericht von
Dr. C._ vom 14. August 2012 bestehe weiterhin eine im Umfang von etwa 50 %
verminderte Leistungsfähigkeit, nach der Klinik für Neurologie am Kantonsspital
St. Gallen eine Arbeitsfähigkeit von wenigstens 50 %, die - allenfalls über Monate und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Jahre hinaus - gesteigert werden könne. Von Dr. D._ fänden sich Atteste über eine
Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers, die zwischen 50 % und 100 % liege. Nach
Auffassung des RAD wirke sich die Epilepsie nicht mehr auf die Arbeitsfähigkeit aus,
ebenso wenig führten die verheilten Brüche (oder die vorbestandene Skoliose) zu
Arbeitsunfähigkeit und die Dysthymia werde nicht als invalidisierend betrachtet. Der
RAD übersehe aber, dass die Klinik für Neurologie am Kantonsspital St. Gallen eine
Gesamtbeurteilung abgegeben und die Arbeitsfähigkeit nicht allein aus neurologischer
Sicht beurteilt habe, ausserdem, dass die Beschwerden auch nach erfolgter Heilung
der Wirbelbrüche somatisch erklärbar geblieben seien. Das Ereignis vom 6. September
2010 sei von einschneidender Wirkung gewesen und einem mittleren Unfall
gleichzusetzen, der geeignet sei, psychische Beschwerden auszulösen. Die frühere
depressive Störung sei dadurch wieder reaktiviert worden. Es dürfte eine bisher nicht
diagnostizierte Schmerzstörung vorliegen, die im Fall einer Komorbidität oder bei
Vorliegen von Foerster-Kriterien rechtlich bedeutsam sein könne. Von der Klinik Valens
sei eine Panikstörung (episodisch paroxysmale Angst), eventuell im Rahmen einer
generalisierten Angststörung, diagnostiziert worden. Dr. C._ habe festgestellt, die vor
Jahren aktiven depressiven Störungen seien wieder aufgelebt. Nach ihrer Meinung
wirkten sich die Störungen stark, nämlich zu 50 %, auf die Leistungsfähigkeit aus,
wofür eine Dysthymia nicht ausreichen würde. Die depressiven Störungen seien folglich
anderer Art und so stark, dass sie eine psychische Komorbidität begründeten. Die
psychische Erkrankung sei ausserdem von der Schmerzstörung insoweit unabhängig,
als sie bereits Jahre vor dem Unfall (teilweise latent) vorhanden gewesen sei.
Überwindbarkeit von Schmerzen bzw. der Teilarbeitsunfähigkeit sei allein deswegen zu
verneinen. Aber auch die Foerster-Kriterien würden den selben Schluss zulassen. Als
körperliche Begleiterkrankung sei die vorbestandene Skoliose zu betrachten. Schon
während der ungetrennten Ehe, erst recht aber seit der Trennung von seiner Frau und
dem Bezug einer eigenen Wohnung, habe beim Beschwerdeführer ein unaufhaltsam
sich verstärkender Verlust der sozialen Integration stattgefunden. Der Rückzug,
verbunden mit Suizidgedanken, sei praktisch vollständig. Als einzige Bande würden
ihm seine Kinder bleiben. In seine ursprüngliche Heimat zurückzukehren, sei keine
Alternative, da dort Krieg drohe und er mangels Ausbildung keine Aussichten auf
Beschäftigung habe. Mittlerweile sei von einem mehrjährigen Krankheitsverlauf zu
sprechen. Und schliesslich seien auch die Behandlungsergebnisse trotz
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entsprechender Therapien unbefriedigend. Die Schmerzen und die eingeschränkte
Arbeitsunfähigkeit müssten als nicht, zumindest nicht als vollständig überwindbar
bezeichnet werden. Der Beschwerdeführer habe gezeigt, dass er in der Lage sei, ein
Halbtagespensum zu erfüllen. Er habe Anspruch auf eine Teilrente der IV, jedenfalls für
eine gewisse Zeit. Zum Beweis sei eine polydisziplinäre (orthopädische/neurologische/
psychiatrische) Begutachtung durchzuführen. Diese sei vom Versicherungsgericht
anzuordnen, eventualiter sei die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Der Rentenbeginn sei auf den 1. November 2011 festzulegen. Im Jahr vor dem Unfall
und im Jahr, in welchem dieser passiert sei [2010], habe der Beschwerdeführer
unverändert Fr. 69'589.20 verdient, monatlich somit Fr. 5'799.10. Es sei anzunehmen,
dass sich der Lohn in den zwei Jahren um 1 % auf monatlich Fr. 5857.10 erhöht hätte.
Vom Grundlohn gemäss Lohnstrukturerhebung 2010 [bei 50 % Arbeit] von Fr. 2'554.65
seien Abzüge vorzunehmen. Der Beschwerdeführer habe nur nachmittags, also
teilzeitlich, gearbeitet. Seine Möglichkeiten seien auf leichte Arbeiten eingeschränkt.
Die depressiven Störungen erschwerten das Ausnützen der vollen Restarbeitsfähigkeit.
In Betracht fallen würden nur Hilfsarbeiten ohne Korrespondenz, da sich der
Beschwerdeführer schriftlich nicht ausreichend zu äussern vermöge. Es bestehe ferner
eine Erhöhung der Wahrscheinlichkeit für krankheitsbedingte Arbeitsausfälle.
Insgesamt sei ein Abzug von 20 % vorzunehmen, womit sich der anrechenbare Lohn
auf Fr. 2'043.70 und der Invaliditätsgrad auf 65.1 % belaufen würden. Der
Beschwerdeführer habe Anspruch auf eine Dreiviertelsrente.
C.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 7. März 2013 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Aus versicherungsmedizinischer Sicht sei keine
Einschränkung des Beschwerdeführers in der Arbeitsfähigkeit gegeben. Da ihm sowohl
die bisherige wie eine adaptierte Tätigkeit möglich sei, sei kein Leidensabzug
angezeigt. Bei voller Arbeitsfähigkeit könne auch kein Teilzeitabzug vorgenommen
werden.
D.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 13. März 2013 hat die Gerichtsleitung das Gesuch um Bewilligung der unentgelt
lichen Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgelt
lichen Rechtsverbeiständung) gutgeheissen.
E.
Mit Replik vom 22. März 2013 hält der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers dafür,
bezüglich der Ziff. 3 der Beschwerdeschrift (d.h. der Aktenführung) müsse das Gericht
nun ein autoritatives Zeichen setzen. Unter Vorbehalt der (anzuordnenden)
Rücksendung der Akten an die Beschwerdegegnerin bringt er vor, die
Beschwerdegegnerin begnüge sich hinsichtlich der Arbeitsunfähigkeit mit dem
Wiedergeben der RAD-Beurteilung. Der RAD begründe nicht, weshalb - im Unterschied
zu den vorhandenen Berichten - eine Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit
gegeben sein sollte. Diese Feststellung sei unbeachtlich; zu prüfen sei einzig die
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in einer leidensangepassten Tätigkeit. Die
Bedeutung der Berichte behandelnder Ärzte dürfe nicht vernachlässigt werden und es
liege nicht in der Kompetenz des RAD, ohne Untersuchung eine eigene Schätzung der
Arbeitsunfähigkeit abzugeben. Eine vollständige Arbeitsfähigkeit lasse sich nicht auf die
vorhandenen Arztberichte stützen. Insoweit sei es dem RAD verwehrt, davon
abzuweichen. Halte die Beschwerdegegnerin die vorhandenen Bericht nicht für
beweisend, sei ein Gutachten anzuordnen.
F.
Am 29. April 2013 hat die Beschwerdegegnerin am Antrag festgehalten und im Übrigen
auf die Erstattung einer Duplik verzichtet.

Erwägungen:
1.
1.1 Mit der angefochtenen Verfügung vom 14. Dezember 2012 hat die
Beschwerdegegnerin das Leistungsgesuch des Beschwerdeführers, namentlich seinen
Rentenanspruch, abgewiesen. Sowohl im Vorbescheids- wie im Gerichtsverfahren
werden einzig Rentenleistungen beantragt. Strittig ist demnach zunächst ein allfälliger
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anspruch auf eine Rente. Ergäbe sich allerdings, dass ohne
Eingliederungsmassnahmen ein Rentenanspruch in Frage steht, so gehörte zum
Streitgegenstand, auch wenn die Beschwerdegegnerin am 3. April 2012 einmal einen
Anspruch auf (weitere) berufliche Massnahmen abgewiesen hatte, notwendigerweise
auch die Frage, ob die Verwaltung den Grundsatz "Eingliederung vor Rente" beachtet
und eine allfällige Pflicht des Beschwerdeführers zu Massnahmen korrekt in Anspruch
genommen habe.
1.2 Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers beantragt eine Rücksendung der
Akten zur Verbesserung deren Verzeichnisses und zur festen Nummerierung. Das
Aktenverzeichnis verunmögliche eine Kontrolle darüber, ob Aktenstücke aufgenommen
oder entfernt worden seien, und sei ausserdem sinnlos, weil nicht ersichtlich werde,
welcher Art die Akten seien und von wem sie stammten. Ausserdem sei eine fixe
Nummerierung sicherzustellen, weil der Rentenanspruch des Beschwerdeführers
später wieder einmal zur Diskussion stehen könnte. Das angerufene Gericht dürfe die
rechtswidrige Praxis der Beschwerdegegnerin nicht länger tolerieren. - Nach Art. 46
ATSG sind für jedes Sozialversicherungsverfahren alle Unterlagen, die massgeblich
sein können, vom Versicherungsträger systematisch zu erfassen. Die
Aktenführungspflicht der Verwaltung stellt das Gegenstück zum Akteneinsichtsrecht
der versicherten Person dar, welches Bestandteil des Anspruchs auf rechtliches Gehör
gemäss Art. 42 ATSG (vgl. Art. 29 Abs. 2 BV) bildet. Dieses dient einerseits der
Sachaufklärung, andererseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht
beim Erlass eines Entscheids dar (vgl. BGE 132 V 368 E. 3.1). - Das Bundesgericht hat
in einem Urteil i/S F. vom 15. Dezember 2010 (8C_319/2010) festgestellt, die Kurztexte
des dortigen Aktenverzeichnisses erschöpften sich in weiten Teilen in allgemein
gehaltenen, den Inhalt der einzelnen Dokumente nur rudimentär wiedergebenden
Formulierungen und vermöchten daher kaum eine zweckdienliche Übersicht zu bieten.
Das vorliegende Aktenverzeichnis weist nebst genaueren Bezeichnungen ebenfalls
einige dieser (allzu) allgemeinen Kurztexte wie "IVS Korrespondenz", "IVS Anfrage an
Dritte/vP" oder "IVS Nicht formalis.med.Bericht" auf. Dadurch war das
Akteneinsichtsrecht des Beschwerdeführers - wie für das vom Bundesgericht beurteilte
Dossier von diesem gefolgert - zwar erschwert, aber nicht verunmöglicht. Das
Bundesgericht hat diesbezüglich Optimierungsbedarf bei der Beschwerdegegnerin
festgestellt. Darin eine nicht heilbare Verletzung des rechtlichen Gehörs zu erblicken,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
welche mit der Kassation der Verfügung zu ahnden wäre, hat es aber abgelehnt.
Präzisere Bezeichnungen würden es denn auch gewiss erleichtern, die Übersicht zu
gewinnen, sind aber nicht auf dem Weg eines formellen Ausgangs einer Beschwerde
wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs durchsetzbar. - Was die Fixierung der
Laufnummern angeht, ist das Bundesgericht davon ausgegangen, dass eine
versicherte Person oder ihre anwaltliche Vertretung auch bei mehrmaliger Zustellung
grundsätzlich stets das gleiche Set an Dokumenten mit den gleichen Laufnummern
erhalte, so dass neu beigefügte Aktenstücke relativ leicht erkennbar seien (E. 2.3.2).
Werden die Akten von Neuem gedruckt (z.B. für ein weiteres Verfahren oder für einen
anderen Empfänger) oder werden Akten irrtümlich einem falschen Dossier zugeordnet
(vgl. 8C_319/2010 E. 2.3.2), kann sich indessen eine andere Laufnummer ergeben. Es
fragt sich, ob das ausgeschlossen werden kann oder ob zu verlangen sei, dass solche
Vorgänge kenntlich gemacht werden. Zweck der Regeln über die Aktenführung ist es,
die Vollständigkeit der Akten sicherzustellen. Eine fixe Nummerierung würde der
leichteren Überprüfung der Vollständigkeit dienen. Diese ist aber auch ohne sie nicht
ausgeschlossen. Eine eindeutige Identifikation eines Dokuments ist gewährleistet, und
zwar durch die Dokumenten-ID, die stets dieselbe bleibt. Abgesehen davon, dass für
dieses Ansinnen lediglich ein mit möglichen künftigen Verfahren begründetes Interesse
geltend gemacht wird, kann es keine Aufhebung der angefochtenen Verfügung aus
formellem Grund rechtfertigen. Konkret besteht kein Anhaltspunkt und wird auch nicht
geltend gemacht, dass das Dossier unvollständig sei. - Soweit das Anliegen des
Beschwerdeführers aufsichtsrechtlicher Natur ist, wäre es an das Bundesamt für
Sozialversicherungen zu richten (vgl. Art. 76 ATSG und Art. 64a IVG).
2.
2.1 Für die Invaliditätsbemessung sind zunächst die medizinischen Vorbedingungen
von Bedeutung. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu
beschreiben und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher
Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Die ärztlichen Auskünfte sind in
der Folge eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V
261 E. 4; ZAK 1982 S. 34). Ob die versicherte Person eine ihr zumutbare Tätigkeit auch
tatsächlich ausübt, ist für die Invaliditätsbemessung hingegen unerheblich (Rz 3045
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des vom Bundesamt für Sozialversicherungen erlassenen, ab 1. Januar 2012 gültigen
Kreisschreibens über die Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung =
KSIH).
2.2 Zum Gesundheitszustand und der Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers
liegen verschiedene ärztliche Beurteilungen vor, die teilweise zwischen der
Arbeitsfähigkeit in der angestammten und jener in einer adaptierten Tätigkeit
unterscheiden. - Im IK-Auszug des Beschwerdeführers (IV-act. 16) sind ab 1994
Einträge verzeichnet. Wie dem Austrittsbericht der Klinik Valens (Dokument 51-1 der
technisch nummerierten UV-Akten) zu entnehmen ist, war er zuerst als Gipser tätig.
Seit März 1997 stand er zuletzt gemäss der entsprechenden Arbeitgeberbescheinigung
in einem Arbeitsverhältnis als Gärtner. Danach konnte ihm - nach Eintritt der
gesundheitlichen Beeinträchtigung (Frakturen) am 6. September 2010 - ab Mai 2011
eine angepasste Tätigkeit in einem anderen Pflegekreis gegeben werden. Der
Beschwerdeführer selber gab am 3. August 2011 an, es handle sich grundsätzlich um
dieselbe Arbeit wie er in der vorherigen Gruppe auszuüben gehabt habe, doch arbeite
er zurzeit nicht mit Maschinen (IV-act. 37-2).
2.3 Nach der Aktenlage erlitt der Beschwerdeführer eine geringgradige Deckplatten
impressionsfraktur mehrerer Brustwirbelkörper (Klinik für Orthopädische Chirurgie am
Kantonsspital St. Gallen, 16. Dezember 2010, Dokument 12-1 der technisch
nummerierten UV-Akten); seit jüngerer Zeit liegt ein thorakovertebrales Syndrom vor
(Klinik Valens, Klinik für Neurologie am Kantonsspital St. Gallen). Ausserdem bestehen
eine symptomatische Epilepsie (Klinik für Neurologie am Kantonsspital St. Gallen) und
eine anhaltende depressive Verstimmung (Dr. C._, IV-act. 67-3).
2.4 Was die Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers betrifft, wurde nach der ersten
Phase voller Arbeitsunfähigkeit im Anschluss an den Aufenthalt in der Klinik Valens (bis
27. März 2011) von dieser eine Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit von 30 %, in
adaptierter Tätigkeit von mindestens 50 % für zumutbar gehalten. Kreisärztlich wurde
am 29. April 2011 davon ausgegangen, dass eine Arbeitsfähigkeit von 50 % (wohl in
der bisherigen Tätigkeit) vorliege, welche sich sukzessiv auf 75 und auf 100 % steigern
lasse. Die Epilepsie wurde dabei als unfallfremd betrachtet. Eine Arbeitsunfähigkeit von
50 % hatte damals (bis 20. Mai 2011) auch Dr. B._ (aus somatischen Gründen)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bescheinigt. Psychiatrisch gesehen war die Arbeitsfähigkeit zu jener Zeit (27. Mai 2011)
gemäss Dr. C._ (bei stabilisiertem Gesundheitszustand nach durch den Anfall
bewirkter Stimmungsverschlechterung bei früherer reaktiver mittelgradiger depressiver
Episode, Stimmungsschwankungen, Hyperventilationszuständen und Panikattacken
sowie akzentuierten Persönlichkeitszügen) nicht eingeschränkt. - In der Folge (August
2011) war dafürgehalten worden, die UV-relevante (d.h. ohne Berücksichtigung
derSkoliose und degenerativen BWS-Veränderungen beurteilte, wohl auf die
bisherigeTätigkeit bezogene) Arbeitsunfähigkeit sei auf 25 % zurückgegangen und mit
der Wiedererlangung voller Arbeitsfähigkeit sei ab 3. Oktober 2011 zu rechnen. Aus
psychiatrischen Gründen (Depression mit Morgentief) attestierte Dr. C._ im Oktober
2011 eine Arbeitsunfähigkeit von 50 %. Die Fachärztin der Psychiatrie nannte am
28. Januar 2012 dann für die bisherige Tätigkeit Arbeitsfähigkeiten von 50 % und von
60 %, für eine adaptierte Tätigkeit von 100 % bzw. bald 100 %. Dabei schloss sie
gemäss der Begründung auch somatische Aspekte mit ein. Dr. D._ bescheinigte am
20. Januar 2012, der Beschwerdeführer sei seit dem 30. September 2011 zu 50 %
arbeitsunfähig. Am 14. August 2012 war nach der (wiederum nicht auf psychiatrische
Gründe beschränkten) Beurteilung von Dr. C._ eine Arbeitsfähigkeit in der bisherigen
Tätigkeit nicht mehr möglich, eine solche in adaptierter Tätigkeit im Rahmen von 50 bis
100 %. Allerdings hielt sie fest, die Arbeitsfähigkeit sei infolge des Anfallsleidens, von
Schmerzen und Depression in jeder Tätigkeit eingeschränkt. Die Klinik für Neurologie
am Kantonsspital St. Gallen schliesslich berichtete am 18. Oktober 2012, eine gewisse
Leistungseinschränkung sei durchaus möglich, lasse sich aber nicht genau festsetzen.
Eine Arbeitsfähigkeit von ca. 50 % in angepasster Tätigkeit sei seit der Rehabilitation
sicherlich möglich. Unter bezeichneten Voraussetzungen (ausreichende psychische
Stabilisierung, Anfallsfreiheit, Nachlassen der Schmerzen) könne langfristig volle
Arbeitsfähigkeit angenommen werden, wobei sich dieser Prozess über mehrere
Monate/Jahre hinziehen könne.
2.5 Diese medizinischen Beurteilungen der Arbeitsfähigkeit betreffen erst einen
bestimmten Zeitraum, sind unter einem einschränkenden (rechtlichen oder
disziplinären) Gesichtswinkel abgegeben worden, zeichnen sehr kurzfristige
Schwankungen nach oder haben eine bedeutende Frage als nicht beurteilbar
bezeichnet. Sie beschreiben gelegentlich erst erwartete Entwicklungen, welche bis zu
ihrem Eintritt für die Arbeitsfähigkeit nicht von Relevanz sind. Die wohl als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesamtschätzung verstandenen Beurteilungen durch die Psychiaterin im Einzelnen
sind teilweise unklar. Sie könnten im Übrigen als solche nur stichhaltig sein, wenn
erwiesen wäre, dass damit die orthopädischen und neurologischen Beschwerden
zutreffend gewürdigt worden sind. Die ärztlichen Einschätzungen sind somit
hinsichtlich der insgesamt zumutbaren Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers nicht
schlüssig genug.
2.6 Der RAD hielt bei diesen Gegebenheiten am 7. November 2012 (IV-act. 70) dafür,
die Epilepsie sei gut eingestellt und es lägen keine objektivierbaren neurologischen
Funktionseinschränkungen vor, welche die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen würden
(einzig sei Schichtarbeit zu vermeiden). Der Arbeitsfähigkeitsschätzung der Klinik für
Neurologie am Kantonsspital St. Gallen könne daher nicht gefolgt werden. Die
geringfügigen Impressionsfrakturen seien konsolidiert; unter diesem Aspekt bestehe
volle Arbeitsfähigkeit. Die Skoliose und die degenerativen Veränderungen hätten
bereits vor dem Unfall bestanden und den Beschwerdeführer nicht an einer
uneingeschränkten Tätigkeit als Gärtner gehindert. Hieran habe sich mit den Frakturen,
nachdem sie ja nun ausgeheilt seien, nichts geändert. Eine Dysthymie schliesslich
stelle nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts keinen invalidisierenden
Gesundheitsschaden dar. Die Arbeitsfähigkeit betrage für die angestammte wie für eine
adaptierte Tätigkeit 100 %.
2.7 Nach Art. 43 Abs. 1 ATSG prüft der Versicherungsträger die Begehren, nimmt die
notwendigen Abklärungen von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte
ein (Satz 1). Dem Durchführungsorgan kommt die Aufgabe zu, den rechtserheblichen
Sachverhalt nach dem Untersuchungsgrundsatz abzuklären. Die regionalen ärztlichen
Dienste setzen gemäss Art. 59 Abs. 2 IVG die für die Invalidenversicherung nach
Art. 6 ATSG massgebende funktionelle Leistungsfähigkeit der Versicherten fest, eine
zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Nach Art.
49 Abs. 1 IVV beurteilen sie die medizinischen Voraussetzungen des
Leistungsanspruchs. Die geeigneten Prüfmethoden können sie im Rahmen ihrer
medizinischen Fachkompetenz und der allgemeinen fachlichen Weisungen des
Bundesamtes frei wählen. Gemäss Art. 49 Abs. 2 IVV können sie bei Bedarf selber
ärztliche Untersuchungen von Versicherten durchführen. Sie halten die
Untersuchungsergebnisse schriftlich fest. Auch auf Stellungnahmen des RAD kann nur
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abgestellt werden, wenn sie den allgemeinen beweisrechtlichen Anforderungen an
einen ärztlichen Bericht genügen (vgl. Entscheid des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts i/S M. vom 15. Dezember 2006, I 694/05 E. 2).
2.8 Bei der RAD-Beurteilung vom 7. November 2012 handelt es sich lediglich um eine
Aktenbeurteilung. Das Absehen von eigenen Untersuchungen ist nach der
Rechtsprechung zwar nicht an sich ein Grund, um einen RAD-Bericht in Frage zu
stellen. Dies gilt insbesondere, wenn es im Wesentlichen um die Beurteilung eines
feststehenden medizinischen Sachverhalts geht und die direkte ärztliche Befassung mit
der versicherten Person in den Hintergrund rückt (vgl. Bundesgerichtsentscheid i/S A.
vom 25. März 2011, 9C_58/11; Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen i/S G. vom 10. März 2010, IV 2009/93; vgl. auch Entscheide des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen i/S G. vom 11. März 2010, IV 2008/427,
und i/S K. vom 17. Juni 2009, IV 2007/454). Von solchen Verhältnissen kann vorliegend
aber nach dem oben Dargelegten nicht ausgegangen werden. Mit der Einschätzung
voller Arbeitsfähigkeit hat sich der RAD nicht etwa der einen oder anderen von
mehreren (den Zustand gesamthaft umfassenden) Beurteilungen von Ärzten
anschliessen können, welche den Beschwerdeführer untersucht haben. Vielmehr hat er
jedes Leiden für sich betrachtet, hat eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
ausgeschlossen und ist, soweit deren Berichte eine solche Beurteilung zulassen, von
den vorhandenen ärztlichen Standpunkten abgewichen.
2.9 Zwar ist einzuräumen, dass einerseits in den Berichten jener Ärzte auch An
haltspunkte für die Annahme zu finden sind, die Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätig
keit könnte einen hohen Grad erreicht haben (namentlich in jenen der Psychiaterin
Dr. C._ vom Januar und vom August 2012), und dass anderseits die Ausführungen
des RAD als solche nicht unplausibel sind. Das genügt indessen für den erforderlichen
Beweisgrad nicht. Erforderlich ist eine zuverlässige Schätzung der Arbeitsfähigkeit
unter Einbezug aller gesundheitlichen Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers. Es
lässt sich nicht ignorieren, dass die Klinik für Neurologie am Kantonsspital St. Gallen
eine volle Arbeitsfähigkeit erst in Zukunft (möglicherweise erst nach Monaten oder
Jahren) erwartet hat, und zwar unter den Bedingungen, dass eine ausreichende
psychische Stabilisierung erreicht werden kann, dass weiter Anfallsfreiheit bestehen
bleibt und dass die Schmerzen nachlassen. Selbst für eine angepasste Tätigkeit wird
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einstweilen eine Arbeitsfähigkeit von (nur, aber immerhin) 50 % angegeben, wobei es
sich nach der Formulierung um ein Minimalmass zu handeln scheint. Inwieweit für die
Einschränkung neurologische Faktoren verantwortlich sind, wird nicht festgelegt (bzw.
im Zusammenhang mit der bisherigen Tätigkeit als nicht beurteilbar bezeichnet). Ein
gewisser Einfluss wurde offenbar dem psychischen Zustand zugeschrieben. Die Klinik
für Neurologie hat des Weiteren einen chronischen Rückenschmerz des
Beschwerdeführers (thorakolumbale Schmerzen) erwähnt, wozu sie (als neurologisch
qualifizierte Stelle) keine Beurteilung abgeben könne, und hat auf die hochdosierte
Schmerztherapie hingewiesen, bezüglich welcher sie - wenn irgendwie möglich - ein
Ausschleichen empfahl. Ausserdem hat sie den Umstand erwähnt, dass aufgrund der
Komorbiditäten eine gewisse Leistungseinschränkung möglich sei, was durchaus
denkbar ist. Aus diesem Grund lässt sich nicht ohne Weiteres annehmen, nach der
Ausheilung der Frakturen sei bezüglich des Rückenleidens wieder der Vorzustand
erreicht, der die Arbeitsfähigkeit nicht beeinträchtigt habe. Zu der schon vom Kreisarzt
beschriebenen belastungsabhängigen Schmerzsymptomatik im Sinn eines BWS-
Syndroms war im Übrigen am 8. August 2011 ein Röntgenbild (BWS ap/seitlich)
angefertigt worden, wonach unter anderem eine geringgradige rechtskonvexe
skoliotische Fehlhaltung der BWS und eine spondylotische Abstützreaktion in den
Segmenten Th5 bis 9 und Th11 auch ausserhalb des Scheitels der Kyphose
vorgefunden wurden. Der Kreisarzt hatte dafürgehalten, die Infraktionen seien
konsolidiert. Im Dezember 2010 hatte ein MRI der Klinik für Orthopädische Chirurgie
am Kantonsspital St. Gallen gemäss Bericht vom 20. Januar 2011 eine im Vergleich zur
computertomographischen Voruntersuchung vom 8. September 2010 unveränderte
geringe ventrale Höhenminderung von BWK5-9 und BWK11 bei jeweils progredienter
Impression der Deckplatte mit zunehmender intraspongiöser Hernierung, Punctum
maximum in BWK11 und noch geringem residuellen Knochenmarksödem bei noch
nicht abgeschlossener Frakturkonsolidation ergeben. Damals war keine radiologische
Nachkontrolle für erforderlich gehalten, bei Beschwerdepersistenz (wie offenbar
bestehend) hingegen eine Vorstellung in der Schmerzklinik empfohlen worden. Eine
Untersuchung (im Hinblick auf die zumutbare Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers)
des vom Kreisarzt aus der Beurteilung ausgeschlossenen orthopädischen Leidens war
in jüngerer Zeit nicht mehr erfolgt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.10Unter diesen Umständen ist festzuhalten, dass Anspruch auf eine ergänzende
medizinische Abklärung besteht. Eine Arbeitsfähigkeitsschätzung, welche - basierend
auf einer eigenen Untersuchung - alle geklagten Beschwerden (orthopädisch, neuro
logisch, eventuell psychiatrisch) und ihr allfälliges Zusammenwirken berücksichtigt, ist
bis anhin nicht eingeholt worden. Das ist nachzuholen. Ein Gerichtsgutachten ist bei
den erwähnten Gegebenheiten nicht erforderlich (vgl. BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4).
3.
3.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 14. Dezember 2012 teilweise zu schützen und die
Sache ist zu ergänzenden medizinischen Abklärungen im Sinn der Erwägungen und zu
entsprechender neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.2 Eine Rückweisung zur weiteren Abklärung der Streitsache und anschliessender
neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin stellt praxisgemäss aus prozessualer
Sicht in Bezug auf die Kosten ein vollständiges Obsiegen dar (vgl. SVR 1995 IV Nr. 51
S. 143; ZAK 1987 S. 266 E. 5a). Die Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung
(Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung) vom 13. März 2013 ist damit obsolet geworden.
3.3 Angesichts des Unterliegens der Beschwerdegegnerin rechtfertigt es sich, ihr die
Gerichtskosten, die nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert
festgelegt werden (Art. 69 Abs. 1 IVG), gesamthaft aufzuerlegen (vgl. Art. 95 Abs. 1
VRP/SG). Eine Entscheidgebühr von Fr. 600.-- erscheint angemessen.
3.4 Der Beschwerdeführer hat bei diesem Ausgang des Verfahrens gegenüber der
Beschwerdegegnerin Anspruch auf Ersatz der Parteikosten, die vom Gericht ohne
Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der
Schwierigkeit des Prozesses bemessen werden (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff.
VRP/SG, sGS 951.1). Der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand angemessen
erscheint eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP