Decision ID: 048c6dae-103a-4bca-913d-ef89367a9f3f
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend einfache Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Dielsdorf, Strafsachen, vom 17. November 2017 (GG170027)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 4. Septem-
ber 2017 (Urk. 52) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Das Verfahren gegen den Beschuldigten B._ wird in Bezug auf die an-
geklagten Tätlichkeiten definitiv eingestellt.
2. Der Beschuldigte B._ wird vom Vorwurf der einfachen Körperverletzung
freigesprochen.
3. Die Genugtuungsforderung der Privatklägerschaft wird auf den Zivilweg
verwiesen.
4. Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz; die übrigen Kosten werden auf die
Gerichtskasse genommen.
5. Dem Beschuldigten wird eine Prozessentschädigung für Verteidigerkosten
von Fr. 1'544.40 aus der Gerichtskasse zugesprochen.
6. Der unentgeltliche Rechtsvertreter der Privatklägerschaft wird aus der Ge-
richtskasse mit Fr. 5'043.30 entschädigt.
Berufungsanträge:
a) Der unentgeltliche Rechtsvertreter der Privatklägerin:
(Urk. 94)
1. Der Beschuldigte sei wegen Tätlichkeit in Anwendung von Art. 126 StGB
schuldig zu sprechen.
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2. Der Beschuldigte sei überdies wegen einfacher Körperverletzung in Anwen-
dung von Art. 123 StGB schuldig zu sprechen.
3. Der Beschuldigte sei zu einer Leistung einer angemessenen Genugtuung
von mindestens CHF 1'000.00 zu verpflichten.
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Staatskasse.
b) Die Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 95)
1. Die Berufung sei abzuweisen und das Urteil des Bezirksgerichts Dielsdorf
vom 17. November 2017 sei in allen Punkten zu bestätigen.
2. Die Kosten des Berufungsverfahrens inkl. der Verteidigung seien auf die
Staatskasse zu nehmen.
_

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte / Gegenstand des Berufungsverfahrens
1. Mit Urteil des Bezirksgerichtes Dielsdorf vom 17. November 2017 wurde das
Verfahren gegen den Beschuldigten in Bezug auf die angeklagten Tätlichkeiten
definitiv eingestellt und er wurde vom Vorwurf der einfachen Körperverletzung
freigesprochen. Die Genugtuungsforderung der Privatklägerschaft wurde auf den
Zivilweg verwiesen (Urk. 74).
2. Gegen das Urteil meldeten die Staatsanwaltschaft mit Eingabe vom 21. No-
vember 2017 (Urk. 68) und die Privatklägerin mit Eingabe vom 27. November
2017 (Urk. 69) fristgerecht Berufung an. Während die Staatsanwaltschaft ihre Be-
rufung nach Erhalt des begründeten Urteils mit Eingabe vom 12. März 2018 zu-
rückzog (Urk. 75), erfolgte die Berufungserklärung der Privatklägerin fristwahrend
mit Eingabe vom 27. März 2018 (Urk. 77). Sie beantragte die Aufhebung von Dis-
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positivziffern 1 bis 5 des vorinstanzlichen Urteils, Schuldigsprechung der einfa-
chen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 StGB und Verpflichtung des Be-
schuldigten zur Leistung einer Genugtuung von mindestens Fr. 1'000.–.
3. Die Privatklägerin liess für das Berufungsverfahren ein Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtspflege stellen (Urk. 77 S. 2). Dem Gesuch wurde
mit Verfügung vom 5. April 2018 entsprochen und es wurde ihr in der Person von
Rechtsanwalt lic. iur. X._ mit Wirkung ab dem 27. März 2018 ein unentgeltli-
cher Rechtsbeistand bestellt (Urk. 79).
4. Weder die Staatsanwaltschaft noch der Beschuldigte haben Anschlussberu-
fung erhoben (Urk. 81). Vorweg ist daher festzuhalten, dass das vorinstanzliche
Urteil bezüglich Dispositivziffer 6 (Entschädigung des unentgeltlichen Rechtsver-
treters der Privatklägerschaft) in Rechtskraft erwachsen ist. Alle weiteren Punkte
sind im Berufungsverfahren neu zu beurteilen.
5. Dem Beweisantrag der Privatklägerin auf Einvernahme als Auskunftsperson
in der Berufungsverhandlung wurde mit Verfügung vom 12. Juni 2018 stattgege-
ben, dagegen wurde der Antrag auf Beizug der Patientenakte von Dr. med.
C._ einstweilen abgewiesen (Urk. 87).
6. Am 19. Oktober 2018 erschienen der Beschuldigte persönlich in Begleitung
seiner Verteidigung sowie die Privatklägerin persönlich in Begleitung ihrer
Rechtsvertretung zur Berufungsverhandlung (Prot. II. S. 6). Das Verfahren erweist
sich heute als spruchreif.
II. Strafantrag
1. Die Vorinstanz hat vorab zutreffend dargelegt, dass Tätlichkeiten zwischen
Ehegatten lediglich bei wiederholter Begehung von Amtes wegen verfolgt werden
(vgl. Art. 126 Abs. 2 lit. b StGB). Vorliegend handelt es sich um einen einzelnen
Vorfall vom 1. August 2015, weshalb eine Bestrafung nur auf Antrag hin erfolgen
kann (Art. 126 Abs. 1 StGB).
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2. Mit Formular vom 1. August 2015 verzichtete die Privatklägerin ausdrücklich
auf das Stellen eines Strafantrags gegen den Beschuldigten wegen Tätlichkeiten,
die sich am gleichen Datum ereignet haben sollen. Dabei bestätigte sie unter-
schriftlich, zur Kenntnis zu nehmen, dass ihr Verzicht endgültig ist (Urk. 4). Am
25. August 2015 wandte sich die Privatklägerin erneut an die Polizei und erklärte,
wegen des Vorfalls vom 1. August 2015 eine Gehirnerschütterung erlitten zu ha-
ben, was sich erst im Nachhinein gezeigt habe, weshalb sie nun doch Strafantrag
gegen den Beschuldigten stellen wolle (vgl. Urk. 3 S. 3; Urk. 6).
3. Der Strafantrag nach Art. 30 Abs. 1 StGB ist die Willenserklärung der ver-
letzten Person, dass gegen den Verdächtigen wegen eines bestimmten Sachver-
halts eine Strafverfolgung stattfinden soll. Hat eine antragsberechtigte Person
ausdrücklich auf den Antrag verzichtet, so ist ihr Verzicht gemäss Art. 30 Abs. 5
StGB endgültig. Als Rechtsfolge beutetet dies: Wer rechtsgültig auf ein Recht ver-
zichtet hat, ist nicht mehr dessen Träger. Wer nicht mehr Träger eines Rechts ist,
kann es auch nicht mehr ausüben. Die gesetzliche Formulierung macht dabei
deutlich, dass ein Zurückkommen auf die Verzichtserklärung (auch bei geänder-
ten Umständen) ausgeschlossen ist (vgl. RIEDO in: Niggli/Wiprächtiger [Hrsg.],
Basler Kommentar StGB I, 3. Auflage, Basel 2013, N 47 und 127 zu Art. 30).
4. Die Privatklägerin macht sinngemäss geltend, damals beim Unterzeichnen
der Verzichtserklärung unter Schock gestanden zu haben (vgl. Urk. 3 S. 3, sie
habe nicht klar denken können), weshalb der Verzicht nicht gelten könne (vgl.
Urk. 77 S. 4). Aus dem Polizeirapport geht zwar hervor, dass die Privatklägerin
beim Eintreffen der Polizei verängstigt und aufgelöst gewirkt habe, doch ist nicht
ersichtlich, dass sie (während der rund zwei Stunden, in denen sich die Polizei in
der Wohnung aufhielt, vgl. Prot. II S. 30, 32) nicht in der Lage gewesen wäre, das
Wesen des Strafantrags und die Folgen eines Verzichts zu verstehen. Diesbezüg-
lich wurde sie von der Polizei denn auch ausführlich aufgeklärt. Zudem begründe-
te sie ihren Verzicht ausdrücklich damit, sie wolle den Beschuldigten, ihren ge-
trennt lebenden Ehegatten, den sie bis vor zwei Wochen noch geliebt habe, we-
gen des entsprechenden Vorfalls gerade nicht der Strafverfolgung aussetzen (vgl.
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Urk. 1 S. 3). Der Verzicht erfolgte demnach bewusst sowie in Kenntnis der
Rechtslage.
5. Angesichts dieser Umstände konnte die Privatklägerin nicht auf ihren ur-
sprünglichen Verzicht zurückkommen, indem sie wegen desselben Sachverhalts
geraume Zeit später (am 25. August 2015) letztlich doch noch Strafantrag stellte
(vgl. Urk. 6). Dies gilt unabhängig davon, ob die Einwirkungen in der Folge nicht
nur Tätlichkeiten darstellten, sondern allenfalls als einfache Körperverletzung zu
qualifizieren waren. Die antragsstellende Person hat lediglich den Sachverhalt zu
bezeichnen. Allfällige Ausführungen ihrerseits zur rechtlichen Würdigung sind un-
erheblich, denn dies ist Sache der Strafbehörden (vgl. BGer 6B_65/2015 E. 2.4).
Zeitlich und sachlich handelt es sich um den gleichen Vorfall, nämlich denjenigen
der häuslichen Gewalt am Abend des 1. August 2015, in Bezug auf welchen die
Privatklägerin einst endgültig auf das Stellen eines Strafantrags verzichtet hat
(vgl. Urk. 4 und 6). Hinsichtlich der zur Anklage gebrachten Tätlichkeiten − als
solche gelten die Überdehnung des rechten Zeigfingers sowie die Prellungen
beidseits der Arme − fehlt es folglich an der Prozessvoraussetzung des Strafan-
trags, weshalb das Verfahren diesbezüglich definitiv einzustellen ist. Zu diesem
Schluss ist zutreffend auch die Vorinstanz gelangt (Urk. 74 S. 7).
6. Hinsichtlich des Vorwurfs der einfachen Körperverletzung (Prellung des
Schädels mit Gehirnerschütterung) ist festzuhalten, dass es sich um ein Offizial-
delikt handelt, wenn der Täter − wie vorliegend − Ehegatte des Opfers ist und die
Tat während der Ehe oder bis zu einem Jahr nach der Scheidung begangen wur-
de (Art. 123 Ziff. 2 Abs. 3 StGB). Die Strafverfolgung erfolgt dabei von Amtes we-
gen und ein Strafantrag ist nicht erforderlich (in diesem Sinne erübrigen sich die
Ausführungen der Vorinstanz gemäss Urk. 74 S. 7 f.).
III. Sachverhaltserstellung
1. Der Beschuldigte bestreitet, die Privatklägerin am 1. August 2015 ca. 19 Uhr
an der D._-Strasse ... in E._ (in der dort gelegenen Wohnung) ins Ge-
sicht geschlagen und dabei verletzt zu haben. Sie hätten einander gestossen, das
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heisse, sie habe ihn gepackt und daraufhin habe er sie gestossen. Er habe sie je-
doch nicht geschlagen und im Gesicht nie angefasst, sondern sich nur befreit. Auf
dem Foto (Urk. 11) könne er nichts Auffälliges an ihr erkennen, sie sehe nicht
aus, als wäre sie ins Gesicht geschlagen worden. Er halte es für möglich, dass
sich die Privatklägerin die geltend gemachten Verletzungen im Nachhinein selbst
zugefügt habe (Urk. 61 S. 6 f. und 9). Auch anlässlich der Berufungsverhandlung
verneinte der Beschuldigte, die Privatklägerin je ins Gesicht geschlagen zu haben
oder dass diese bei der Auseinandersetzung den Kopf angeschlagen hätte. Das
blaue Auge oder eine allfällige Gehirnerschütterung könnte sie sich zu einem spä-
teren Zeitpunkt (d.h. nach dem eigentlichen Vorfall) zugezogen oder selbst zuge-
fügt haben (vgl. Prot. II S. 31 f.).
Der Beschuldigte hat damit lediglich die Rangelei an sich (das Wegstossen,
um sich von der Privatklägerin zu befreien) anerkannt. Gegenstand der Sachver-
haltserstellung ist folglich, ob der Beschuldigte die Privatklägerin bei der fragli-
chen Auseinandersetzung (mehrmals) ins Gesicht geschlagen und ihr dabei die in
der Anklage genannte Prellung des Schädels mit einer Gehirnerschütterung zuge-
fügt hat oder nicht. Inwiefern es sich hierbei allenfalls um Tätlichkeiten des Be-
schuldigten gegenüber der Privatklägerin handeln könnte (sollte sich eine Körper-
verletzung nicht rechtsgenügend erstellen lassen), ist mangels gültigen Strafan-
trags nicht weiter zu klären.
2. Gemäss Polizeirapport äusserte sich die Privatklägerin gleich nach dem Vor-
fall am 1. August 2015 und noch vor Ort sinngemäss dahin, dass sie am Vortag
schriftlich die Trennung beim Gericht eingereicht habe. Nun sei der Beschuldigte
unerwartet und unangemeldet vorbeigekommen, um angeblich einige seiner Sa-
chen abzuholen. Als sie diese vor der Wohnungstüre habe deponieren wollen,
habe er sich mit körperlichem Druck resp. durch Stossen Zugang zur Wohnung
verschafft. Anschliessend habe er sie mehrmals gestossen und sie einmal mit der
rechten flachen Hand an die rechte Wange geschlagen, wobei sie nun leichte
Schmerzen am Auge und Kinn verspüre (auf das Stellen eines Strafantrags ver-
zichte sie jedoch, Urk. 1 S. 3).
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Am 25. August 2015 sagte die Privatklägerin bei der Polizei aus, sie habe
damals den Beschuldigten aufgefordert, die Wohnung zu verlassen, ansonsten
sie die Polizei rufe. Darauf habe er sie mit schätzungsweise drei, höchstens vier
Schlägen geschlagen, soweit sie sich erinnere. Ob er mit der Faust oder dem
Handrücken geschlagen habe, könne sie nicht sagen. Eine Ohrfeige sei es be-
stimmt nicht gewesen. Am rechten Auge habe sie eine Prellung erlitten. Nachdem
die Polizei gegangen sei, habe sie sich mehrmals übergeben und starke Kopf-
schmerzen gehabt (weshalb sie nun doch Strafantrag stellen wolle, Urk. 3 S. 2 f.).
Bei der Staatsanwaltschaft erklärte die Privatklägerin am 21. August 2017 im
Wesentlichen, dass die Situation in der Wohnung nach und nach ausser Kontrolle
geraten sei. Sie habe die Polizei gerufen, worauf der Beschuldigte richtig böse
geworden und alles ganz schnell gegangen sei. Sie habe ein paar Mal Blitze vor
den Augen gesehen. Sie habe mehrere Schläge − sicherlich zwei, wenn nicht drei
oder vier − gegen ihren Kopf gespürt. Ob es das rechte oder linke Auge gewesen
sei, wisse sie nicht mehr genau. Wegen Erbrechen und starken Schmerzen habe
sie in der Folge das Spital aufgesucht (Urk. 42 S. 5 und 12).
Anlässlich der Berufungsverhandlung sagte die Privatklägerin aus, der Be-
schuldigte sei nach seinem Auszug jeweils in der Wohnung unangemeldet aufge-
taucht, so auch am 1. August 2015. Es sei zum Streit gekommen, als er in die
Wohnung hineinwollte, worauf sie die Polizei gerufen habe. Er habe sie den Flur
entlang in das Zimmer von F._ (seinem Sohn) gestossen, es habe eine Ran-
gelei gegeben und sie habe plötzlich einen Schlag im Gesicht verspürt. Sie könne
(auch heute) nicht mehr sagen, ob es zwei, drei oder vier Schläge gewesen seien.
Die Tochter G._ sei zwar in der Wohnung, aber nicht im gleichen Zimmer
gewesen; deshalb habe sie die Schläge an sich nicht mit eigenen Augen gese-
hen. Die Tochter habe die Polizei angerufen und im Nachhinein erkannt, dass sie
(die Privatklägerin) rot im Gesicht gewesen sei. Ob der Schlag mit der Faust oder
mit der flachen Hand erfolgt sei, konnte die Privatklägerin nicht mehr sagen. Auch
präzisierte sie von sich aus nicht weiter, auf welcher Seite und welcher Stelle im
Gesicht sie getroffen worden sei. Die geltend gemachten Kopfschmerzen seien im
Nachhinein gekommen; sie habe "lange" (ohne von sich aus die Dauer näher zu
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umschreiben) Schmerzmittel genommen und "die ganze Zeit" Kopfschmerzen ge-
habt. Zu Beginn (gleich nach dem Vorfall) seien die Schmerzen aber nicht uner-
träglich gewesen. Die Privatklägerin wiederholte zudem, aus Angst vor den Kos-
ten und wegen der zu Hause wartenden Kinder das Krankenhaus früher verlas-
sen und eine eingehende Untersuchung im Spital (mittels CT) abgelehnt zu ha-
ben. Auf die Frage hin, weshalb sie wegen der später geltend gemachten Seh-
schwierigkeiten keinen Augenarzt aufgesucht habe (was naheliegend gewesen
wäre), meinte die Beschuldigte, sie sei zu keinem Augenarzt überwiesen worden
(Prot. II S. 9 ff.).
Die Schilderungen der Privatklägerin variieren hinsichtlich Anzahl, Art und
Intensität der Schläge. So sprach sie anfänglich von einem Schlag mit der flachen
Hand gegen die rechte Wange, was zu leichten Schmerzen geführt habe. Sodann
ist von mehreren Schlägen (zwei, drei oder vier) und starken Schmerzen die Re-
de, wobei sie nicht mehr genau sagen konnte, ob es das rechte oder linke Auge
war. Auch konnte sie nicht sagen, ob es Schläge mit der Faust oder dem Handrü-
cken waren. An der Rangelei an sich bestehen zwar keine Zweifel, auch ist davon
auszugehen, dass es zu Handgreiflichkeiten des Beschuldigten gegenüber der
Privatklägerin kam. Ein Faustschlag ist damit aber nicht erwiesen (und auch nicht
angeklagt). Anhand der Aussagen der Privatklägerin lassen sich keine Schläge
von einer Art und Intensität erstellen, welche geeignet wären, eine Schädelprel-
lung oder Gehirnerschütterung zu bewirken. Die Art und Intensität der Schläge
wird denn in der Anklage auch offen gelassen. Dem Beschuldigten wird einzig
vorgeworfen, er habe die Privatklägerin ca. 3 Mal ins Gesicht geschlagen. Die
Aussagen der Privatklägerin bezüglich der Rangelei und den Schlägen sind pau-
schal und an Details konnte sie sich meist nicht mehr erinnern. Auch der von ihr
dargelegte Ablauf des Kerngeschehens erscheint nicht folgerichtig; so ist nicht
nachvollziehbar, wie es ohne Anlass "plötzlich" (vgl. Prot. II S. 12) zu mehreren
Schlägen ins Gesicht gekommen sein soll. Eine eigentliche Erklärung, wie es zur
Eskalation kam, fehlt. Die zu Tage tretende Tendenz, von einer Aussage zur an-
deren zu aggravieren (zunehmende Anzahl und Schwere der Schläge sowie Ver-
schlimmerung der Schmerzen, später Auftreten von Sehstörungen), spricht eben-
falls nicht für die Glaubhaftigkeit ihrer Darstellung. Ein einheitliches Bild des zur
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Anklage gebrachten Vorfalls ergibt sich anhand der Aussagen der Privatklägerin
jedenfalls nicht.
3. Bei den Akten liegen des Weiteren ein ambulanter Kurzbericht des Spitals
Bülach vom 2. August 2015 (Urk. 45/2 S. 3 f.) sowie je ein von der Staatsanwalt-
schaft eingeholter ärztlicher Befund einmal des Spitals Bülach vom 15. März 2017
und einmal von Dr. med. C._, Facharzt FMH für allgemeine und innere Medi-
zin, vom 10. März 2017 (Urk. 45/2 S. 1 f. und Urk. 45/4).
Noch am Abend des 1. August 2015 suchte die Privatklägerin (ein erstes
Mal) das Spital Bülach auf und wurde dort auf der ... Notfallstation behandelt.
Dem am 2. August 2015 erstellten ärztlichen Kurzbericht des Spitals kann im We-
sentlichen entnommen werden, dass bei der Patientin auf der rechten Seite des
Schädels Hämatome in der Umgebung der Augenhöhle festgestellt werden konn-
ten. Vermerkt wurden zudem starke Schmerzen mit Überempfindlichkeit für Be-
rührungsreize über der gesamten Schädeldecke und am Gesichtsschädel auf
Druck hin. Die Patientin habe das Spital jedoch frühzeitig verlassen, um sich um
ihre Kinder zu kümmern. Seitens der Ärzteschaft habe man der Patientin klar ge-
sagt, es bestünde die absolute Indikation zur radiologischen Diagnostik, um eine
Verletzung innerhalb des Schädels oder am Schädel auszuschliessen. Die Pati-
entin habe dies entschieden abgelehnt und bei allseitiger Orientierung die Ver-
zichtserklärung entgegen ärztlichen Rates unterschrieben. Sie habe versprochen,
sich in einer halben Stunde wieder auf der Notfallstation vorzustellen, sei jedoch
ferngeblieben. Die geplante computertomographische Untersuchung sowie die
Fotodokumentation der Verletzungen und eine gründliche Untersuchung in voll-
ständiger Entkleidung konnten deshalb nicht durchgeführt werden (Urk. 45/2 S. 3
f.).
Der Kurzbericht des Spitals Bülach beruht massgeblich auf den Anga-
ben der Privatklägerin selbst (vgl. auch Urk. 74 S. 13 f.). Die Diagnose der Kopf-
prellung mit Gehirnerschütterung (Contusio capitis, Commotio cerebri) ergibt sich
anhand der äusserlichen Untersuchung sowie der Schilderung der Vorgeschichte
durch die Patientin und die von ihr geklagten Beschwerden (Anamnese Urk. 45/2
S. 3).
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Sowohl der von der Staatsanwaltschaft eingeholte ärztliche Bericht des Spi-
tals Bülach als auch der ärztliche Befund von Dr. med. C._ halten fest, dass
die Privatklägerin Hämatome im Bereich des rechten Auges und mental rechts
bzw. im Bereich der Lippe/Kinn rechts aufwies (Urk. 45/2 S. 4 und Urk. 45/4). Auf-
fallend ist, dass Dr. med. C._ in seinem ärztlichen Bericht lediglich diese
Blutergüsse erwähnt, jedoch keine Gehirnerschütterung diagnostiziert.
4. Die Vorinstanz hat die Aussagen der Zeugin G._, es handelt sich um
die damals 17-jährige Tochter der Privatklägerin, welche sich am 1. August 2015
beim fraglichen Vorfall ebenfalls in der Wohnung aufhielt, zutreffend wiedergege-
ben (Urk. 74 S. 10). Diese konnte zwar eine hangreifliche Auseinandersetzung
beobachten, allfällige Schläge des Beschuldigten ins Gesicht der Privatklägerin
waren für die Zeugin jedoch nicht (zumindest nicht direkt) wahrnehmbar ("ich ha-
be nicht mehr gesehen, was passiert ist"), da sie sich im entsprechenden Zeit-
punkt in einem anderen Raum der Wohnung aufhielt, um von dort aus die Polizei
zu alarmieren (Urk. 43 S. 3 f.). Sie sagte jedoch aus, sie habe, als sie wieder in
den Flur gegangen sei, einen roten Fleck im Gesicht ihrer Mutter gesehen, wel-
cher sich im Verlauf der Tage/Wochen blau und später grün/gelb verfärbt habe
(Urk. 43 S 4 und S. 6; ein blaues Auge an sich ist von der Anklage jedoch nicht
erfasst). Diese Zeugenaussage stimmt mit den Aussagen der Privatklägerin ge-
mäss Polizeirapport überein, wonach sie leichte Schmerzen am Auge verspüre.
Ferner wird sie gestützt durch die auf der polizeilichen Fotografie sichtbare Rö-
tung im Gesicht der Privatklägerin (Urk. 11) und die in den ärztlichen Berichten
diagnostizierten Blutergüsse. Gestützt auf diese Beweismittel, welche ein stimmi-
ges Bild ergeben, ist erstellt, dass sich die Privatklägerin anlässlich der tätlichen
Auseinandersetzung mit dem Beschuldigten ein Hämatom am rechten Auge zu-
zog. Vor diesem Hintergrund erscheint die Darstellung der Privatklägerin glaub-
haft, wonach der Beschuldigte ihr einen Schlag gegen das Auge versetzt hat. Da
die Privatklägerin sich jedoch widersprüchlich über die Art des Schlages/der
Schläge (Ohrfeige, Faustschlag oder Schlag mit dem Handrücken) äusserte, und
die Zeugin sich dazu nicht äussern konnte, da sie die Schläge selber nicht gese-
hen hat, bestehen keine Anhaltspunkte für die Verursachung einer Schädelprel-
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lung oder Gehirnerschütterung aufgrund einer besonderen Art oder Intensität des
Schlages/der Schläge.
5. Zusammengefasst ergeben sich damit zwar durchaus Hinweise darauf, dass
die Privatklägerin vom Beschuldigten gegen die rechte Gesichtshälfte geschlagen
wurde. Beim Eintreffen der Polizei klagte die Privatklägerin nicht über starke
Kopfschmerzen und Erbrechen, vielmehr rief sie erst mehrere Stunden nach dem
angeklagten Vorfall um ca. 22.30 Uhr im Spital an und begab sich dann mit dem
Taxi ins Spital, wo sie über starke Kopfschmerzen und mehrmaliges Erbrechen
nach dem Vorfall berichtete und über starke Druckdolenz mit Hyperästhesie
(Überempfindlichkeit für Berührungsreize) über der gesamten Schädelkalotte und
dem Gesichtsschädel. Dass es sich dabei tatsächlich um die Symptome einer
Gehirnerschütterung als Folge von Schlägen des Beschuldigten handelt, lässt
sich jedoch aufgrund fehlender konsistenter Angaben der Privatklägerin betref-
fend die Art und Intensität der erlittenen Schläge nicht mit rechtsgenüglicher Si-
cherheit erstellen. Heftige Kopfschmerzen und Erbrechen sowie Hyperästhesie
können auch bei anderen Erkrankungen auftreten. Zu beachten ist auch der Um-
stand, dass eine Gehirnerschütterung und Schädelprellung von Dr. med.
C._, der die Privatklägerin am 5.08.15, 08.08.15, 14.08.15 und 29.08.15 un-
tersuchte, nicht diagnostiziert wurde. Auch die Tatsache, dass die Privatklägerin
trotz entsprechender ärztlicher Empfehlung nicht in den Spital zurückkehrte,
nachdem sie ihre Kinder versorgt hatte, und erst am 5. August 2015 den Hausarzt
Dr. C._ aufsuchte, weist darauf hin, dass sie die Beschwerden nach dem
Aufsuchen des Spitals nicht als derart schwer erlebte.
Es lässt sich somit nicht rechtsgenügend erstellen, dass die Privatklägerin
als Folge von Schlägen des Beschuldigten eine Schädelprellung und Gehirner-
schütterung erlitt.
Der Beschuldigte ist folglich in Übereinstimmung mit der Vorinstanz unter
Anwendung des Grundsatzes in dubio pro reo von der angeklagten einfachen
Körperverletzung freizusprechen (vgl. auch Urk. 74 S. 14).
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IV. Genugtuungsbegehren
Es kann auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 74 S.15);
die Genugtuungsforderung der Privatklägerin ist folglich abzuweisen.
V. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Die erstinstanzliche Kostenregelung ist bei diesem Ausgang des Verfahrens
hinsichtlich der Dispositivziffern 4 und 5 zu bestätigen.
2. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Wird die gegen ein
freisprechendes Urteil einzig von der Privatklägerschaft erhobene Berufung (mit
dem Antrag auf Verurteilung) abgewiesen, hat jene gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung auch die Verteidigungskosten der beschuldigten Person zu tra-
gen (BGE 139 IV 45).
Allein die Privatklägerin hat Berufung erhoben und dabei u.a. die Verurtei-
lung des Beschuldigten verlangt. Sie unterliegt mit ihren Anträgen. Folglich sind
ihr die Kosten des Berufungsverfahrens grundsätzlich aufzuerlegen. Infolge der
ihr gewährten unentgeltlichen Rechtspflege sind die Verfahrenskosten, welche
auch diejenigen der unentgeltlichen Verbeiständung umfassen (Art. 422 Abs. 2
lit. a StPO), jedoch einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen (Art. 136 Abs. 2
lit. b StPO). Gestützt auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung (BGE 143 IV
154) bleibt die Rückforderung gegenüber der Privatklägerin bei verbesserten wirt-
schaftlichen Verhältnissen vorbehalten.
Gemäss Art. 432 Abs. 1 StPO hat die beschuldigte Person gegenüber der Privat-
klägerschaft Anspruch auf angemessene Entschädigung für die durch die Anträge
zum Zivilpunkt verursachten Aufwendungen. Eine Kostentragungspflicht der Pri-
vatklägerschaft im Schuldpunkt kommt gemäss Art. 432 Abs. 2 StPO nur bei An-
tragsdelikten in Frage. Im Rechtsmittelverfahren greift die Entschädigungspflicht
der Privatklägerschaft gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung auch bei Offi-
zialdelikten, wenn die Privatklägerschaft als einzige das Rechtsmittel eingelegt
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hat (BGE 139 IV 45 E. 1.2). Dies trifft vorliegend zu, da die Berufung der Staats-
anwaltschaft zurückgezogen wurde. Gestützt auf die bundesgerichtliche Recht-
sprechung ist grundsätzlich eine Entschädigungspflicht der Privatklägerin gegen-
über dem Beschuldigten für die Kosten seiner Verteidigung im Berufungsverfah-
ren begründet. Angesichts der finanziellen Verhältnisse der Privatklägerin ist je-
doch davon auszugehen, dass eine Entschädigung nicht einbringlich ist. Unter
den gegebenen Umständen ist auf den Grundsatz der Entschädigungspflicht des
Staates gegenüber dem freigesprochenen Beschuldigten gemäss Art. 429 StPO
zurückzugreifen (vgl. dazu WEHRENBERG/FRANK in: Niggli/Heer/Wiprächtiger
[Hrsg.], Basler Kommentar StPO, 2. Auflage, Basel 2014, N 15b zu Art. 432).
Dem Beschuldigten ist daher für die Kosten seiner anwaltlichen Vertretung im Be-
rufungsverfahren eine angemessene Entschädigung zuzusprechen. Diese ist
nach Einsicht in die Honorarnote von Rechtsanwältin lic. iur. Y._ auf
Fr. 2'600.– festzulegen (vgl. Urk. 96).
3. Rechtsanwalt X._ hat als unentgeltlicher Rechtsvertreter der Privatklä-
gerin eine Entschädigung von Fr. 3'975.65.– (ohne Berufungsverhandlung) für
seinen Aufwand im Rechtsmittelverfahren geltend gemacht (vorab Urk. 93, so-
dann Urk. 94/4); dies erscheint angemessen. Folglich ist er mit Fr. 5'000.–
(gerechnet inkl. Aufwand für die Berufungsverhandlung) aus der Gerichtskasse zu
entschädigen.