Decision ID: d96c874d-7185-51ad-a2f0-e6dc399ef663
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die A._ GmbH (nachfolgend: Steuerpflichtige) erbringt unter ande-
rem Beratungsdienstleistungen. Seit dem (...) ist sie bei der Eidgenössi-
schen Steuerverwaltung (nachfolgend: ESTV) im Register der Mehrwert-
steuerpflichtigen eingetragen. Sie rechnet die Mehrwertsteuer nach der
Saldosteuersatzmethode, semesterweise und nach vereinnahmten Entgel-
ten ab.
B.
Im Oktober 2018 führte die ESTV bei der Steuerpflichtigen eine Mehrwert-
steuerkontrolle betreffend die Steuerperioden 2014 bis 2017 durch. Diese
resultierte in Aufrechnungen von Fr. (...) für Umsatzdifferenzen im Zusam-
menhang mit Kostenvorschüssen, von Fr. (...) für nicht abgerechnete
Akontozahlungen/Vorauszahlungen sowie von Fr. (...) für nicht abgerech-
nete Privatanteile Fahrzeug. Mit Einschätzungsmitteilung Nr. (...) vom
29. November 2018 (nachfolgend: EM) forderte die ESTV von der Steuer-
pflichtigen entsprechend für die Steuerperioden 2014 bis 2017 einen Be-
trag von Fr. (...) zuzüglich Verzugszins nach.
C.
Am 22. Dezember 2018 bestritt die Steuerpflichtige die Aufrechnung im Be-
trag von Fr. (...) für angeblich nicht abgerechnete Akontozahlungen/
Vorauszahlungen und ersuchte diesbezüglich um den Erlass einer ein-
sprachefähigen Verfügung. Mit Verfügung vom 12. November 2020 kam
die ESTV diesem Ersuchen nach und bestätigte die Steuerforderung ge-
mäss EM, d.h. im Betrag von Fr. (...), vollumfänglich.
D.
Gegen diese Verfügung erhob die Steuerpflichtige am 1. Dezember 2020
Einsprache bei der ESTV. Sie beantragt sinngemäss, es sei festzustellen,
dass die Positionen Umsatzdifferenzen und Privatanteile Fahrzeug nicht
Gegenstand des Verfahrens bzw. der Verfügung vom 12. November 2020
seien. Weiter sei die angefochtene Verfügung hinsichtlich der Position
Vorauszahlungen/Akontozahlungen im Betrag von Fr. (...) zuzüglich Ver-
zugszinsen vollumfänglich unter entsprechender Kosten- und Entschädi-
gungsfolge aufzuheben. Des Weiteren stimmte sie einer allfälligen Weiter-
leitung der Einsprache an das Bundesverwaltungsgericht zur Behandlung
als Sprungbeschwerde ausdrücklich zu.
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Seite 3
E.
Am 22. Dezember 2020 übermittelte die ESTV dem Bundesverwaltungs-
gericht die Einsprache der Steuerpflichtigen (nachfolgend: Beschwerde-
führerin) entsprechend zur weiteren Behandlung als Sprungbeschwerde.
F.
Die ESTV (nachfolgend auch: Vorinstanz) beantragt in ihrer Vernehmlas-
sung vom 8. Februar 2021, die Sprungbeschwerde sei kostenpflichtig ab-
zuweisen.
Auf die Begründungen der Verfahrensbeteiligten und die Akten wird – so-
weit dies für den Entscheid wesentlich ist – in den folgenden Erwägungen
eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gemäss Art. 31 des Verwal-
tungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) Beschwerden
gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom
20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021), sofern keine Ausnahme nach
Art. 32 VGG gegeben ist. Eine solche Ausnahme liegt hier nicht vor. Die
Vorinstanz ist eine Behörde im Sinne von Art. 33 VGG. Das Bundesverwal-
tungsgericht ist demnach für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde
sachlich zuständig.
1.2 Angefochten ist vorliegend die Verfügung der Vorinstanz vom 12. No-
vember 2020 (vgl. Sachverhalt Bst. C). Diese ist einlässlich begründet und
die dagegen gerichtete Einsprache vom 1. Dezember 2020 wurde – mit
Einwilligung der Beschwerdeführerin – als Sprungbeschwerde (nachfol-
gend: Beschwerde) im Sinne von Art. 83 Abs. 4 des Mehrwertsteuergeset-
zes vom 12. Juni 2009 (MWSTG, SR 641.20) an das Bundesverwaltungs-
gericht weitergeleitet (vgl. Sachverhalt Bst. E). Letzteres ist somit für die
Beurteilung der vorliegenden Beschwerde auch funktionell zuständig (vgl.
statt vieler: Urteile des BVGer A-5601/2019 vom 6. Mai 2020 E. 1.2,
A-5368/2018 vom 23. Juli 2019 E. 1.2).
1.3 Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach
dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG). Die
Beschwerdeführerin ist als Adressatin des angefochtenen Entscheids
A-6454/2020
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grundsätzlich zur Beschwerdeführung berechtigt (Art. 48 Abs. 1 VwVG).
Auf die im Übrigen frist- und formgerecht (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1
VwVG) eingereichte Beschwerde ist demnach – unter Vorbehalt des nach-
folgend in E. 1.4 Dargelegten – einzutreten.
1.4
1.4.1 Die Beschwerdeführerin stellt unter anderem das Begehren, es sei
festzustellen, dass die Positionen Umsatzdifferenzen [...] und Privatanteile
Fahrzeuge [...] kein Gegenstand des Verfahrens und damit der Verfügung
vom 12. November 2020 seien.
1.4.2 Auch wenn aus dem Rechtsbegehren nicht klar hervorgeht, ob es
sich vorliegend um ein Begehren auf Erlass einer Feststellungsverfügung
oder um Korrektur der angefochtenen Verfügung hinsichtlich der genann-
ten Positionen handelt, ergibt sich daraus, dass die Beschwerdeführerin
die genannten Positionen materiell nicht vom Bundesverwaltungsgericht
geprüft haben will. Unabhängig davon, ob der Erlass einer Feststellungs-
verfügung oder die Korrektur einer Verfügung verlangt wird, kann auf ein
Rechtsbegehren nur eingetreten werden, wenn die Beschwerdeführerin
ein schutzwürdiges Interesse an dessen Behandlung hat (vgl. Art. 48
Abs. 1 Bst. c VwVG und Art. 25 Abs. 2 VwVG). Ein schutzwürdiges Inte-
resse besteht im praktischen Nutzen, der sich ergibt, wenn die Beschwer-
deführerin mit ihrem Anliegen obsiegt und dadurch ihre tatsächliche oder
rechtliche Situation unmittelbar beeinflusst werden kann (statt vieler: BGE
141 II 14 E. 4.4, 139 II 279 E. 2.2 mit Hinweisen).Vorliegend hat die Be-
schwerdeführerin sämtliche Positionen der EM mit Ausnahme der ange-
fochtenen Position «Vorauszahlungen/Akontozahlungen» anerkannt und
die entsprechenden Steuerforderungen angeblich beglichen. Die Be-
schwerdeführerin verlangt denn vom Bundesverwaltungsgericht auch
– wie erwähnt – keine materielle Überprüfung der Positionen «Umsatzdif-
ferenzen» und «Privatanteile Fahrzeuge», sondern stört sich lediglich am
Umstand, dass diese Positionen Gegenstand der angefochtenen Verfü-
gung bildeten. Es ist jedoch weder ersichtlich noch wird von der Beschwer-
deführerin dargelegt, inwiefern die verfügungsweise Festsetzung der un-
bestrittenen Steuerforderungen ihr zum Nachteil gereichen resp. dass ihr
aus der Behandlung ihres Rechtsbegehrens ein praktischer Nutzen zu-
kommen könnte. Denn durch die verfügungsweise Festsetzung der Positi-
onen «Umsatzdifferenzen» und «Privatanteile Fahrzeuge» wird vorliegend
lediglich erreicht, dass auch diese unbestrittenen Teile der Steuerforderun-
gen in Rechtskraft erwachsen (vgl. Art. 43 Abs. 1 Bst. b MWSTG), zumal
eine EM für sich alleine noch keine Verfügung darstellt (vgl. dazu BGE 140
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Seite 5
II 202 E. 5). Indem die Beschwerdeführerin die Positionen «Umsatzdiffe-
renzen» und «Privatanteile Fahrzeuge» nach eigenen Angaben anerkannt
und die entsprechende Steuerforderung beglichen hat, fehlt ihr insofern ein
schutzwürdiges Interesse an der Feststellung, dass diese Positionen nicht
Teil des Verfahrens und damit der Verfügung vom 12. November 2018 sein
durften. Entsprechend ist auf dieses Rechtsbegehren nicht einzutreten.
1.5 Die vorliegend zu beurteilende Sache betrifft die Steuerperioden 2014
bis 2017. Somit ist in casu das MWSTG mitsamt der zugehörigen Mehr-
wertsteuerverordnung vom 27. November 2009 (MWSTV, SR 641.201) in
den in den Jahren 2014 bis 2017 gültigen Fassungen massgebend. Soweit
nachfolgend auch auf die Rechtsprechung zum früheren Mehrwertsteuer-
gesetz vom 2. September 1999 (aMWSTG, AS 2000 1300) bzw. zur Ver-
ordnung vom 22. Juni 1994 über die Mehrwertsteuer (aMWSTV, AS 1994
1464) verwiesen wird, liegt der Grund darin, dass diese sich auf Vorschrif-
ten bezieht, die im neuen Recht inhaltlich nicht geändert haben.
2.
2.1 Der Mehrwertsteuer unterliegen unter anderem die im Inland von steu-
erpflichtigen Personen gegen Entgelt erbrachten Leistungen, soweit das
MWSTG keine Ausnahme vorsieht (Inlandsteuer; Art. 18 Abs. 1 MWSTG).
Steuerobjekt der Inlandsteuer bildet mithin ein mehrwertsteuerliches Leis-
tungsverhältnis. Ein Leistungsverhältnis ist charakterisiert durch folgende
Tatbestandsmerkmale, die kumulativ erfüllt sein müssen (vgl. statt vieler:
Urteile des BVGer A-2587/2021 vom 10. August 2021 E. 2.2.2, A-
5934/2018 und A-5937/2018 vom 4. Februar 2020 E. 2.2, je mit Hinwei-
sen):
 Es bedarf einer Leistung zwischen Leistungserbringer und Leistungs-
empfänger. Namentlich zählen als Leistungen Lieferungen und Dienst-
leistungen (vgl. Art. 3 Bst. d und e MWSTG).
 Der erbrachten Leistung muss ein Entgelt als Gegenleistung gegen-
überstehen. Es handelt sich dabei um den Vermögenswert, den der
Empfänger oder die Empfängerin oder an seiner oder ihrer Stelle eine
Drittperson für den Erhalt einer Leistung aufwendet (vgl. Art. 3 Bst. f
MWSTG).
 Die Leistung und das Entgelt müssen miteinander innerlich wirtschaft-
lich verknüpft sein (dazu nachfolgende E. 2.2).
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Seite 6
2.2 Die Annahme eines Leistungsverhältnisses setzt voraus, dass zwi-
schen Leistung und Entgelt ein hinreichender Konnex besteht (statt vieler:
BGE 140 II 80 E. 2.1 mit Hinweisen). Dabei genügt es, dass Leistung und
Entgelt innerlich derart verknüpft sind, dass die Leistung das Entgelt aus-
löst. Zwischen Leistung und Entgelt muss damit ein kausaler, wirtschaftli-
cher Zusammenhang gegeben sein (BGE 141 II 182 E. 3.3; Urteil des
BVGer A-7028/2018 vom 18. September 2020 E. 2.2.3). Für die Beantwor-
tung der Frage, ob zwischen Leistung und Entgelt ein wirtschaftlicher Zu-
sammenhang besteht, ist primär auf die Sicht des Leistungsempfängers
abzustellen. Dies entspricht namentlich der Konzeption der Mehrwert-
steuer als Verbrauchsteuer (BVGE 2009/34 E. 2.2.1; Urteile des BVGer
A-5556/2019 vom 28. Mai 2020 E. 2.2.2, A-5934/2018 und A-5937/2018
vom 4. Februar 2020 E. 2.2.3 mit Hinweisen).
2.3 Die mehrwertsteuerliche Qualifikation von Vorgängen – und namentlich
die Frage nach der inneren wirtschaftlichen Verknüpfung – hat nach wirt-
schaftlichen, tatsächlichen Kriterien zu erfolgen (sog. wirtschaftliche Be-
trachtungsweise). Die zivil- bzw. vertragsrechtliche Sicht ist demnach nicht
ausschlaggebend, kann aber als Indiz für die wirtschaftliche Realität be-
rücksichtigt werden (statt vieler: Urteil des BGer 2C_891/2020 vom 5. Ok-
tober 2021 E. 3.1.3 mit Hinweisen; BVGE 2007/23 E. 2.3.2 mit Hinweisen;
Urteil des BVGer A-2587/2020 vom 10. August 2021 E. 2.3).
2.4
2.4.1 Art. 40 MWSTG regelt den Zeitpunkt der Entstehung der Steuerfor-
derung. Im Falle der Abrechnung nach vereinnahmten Entgelten entsteht
die Umsatzsteuerschuld mit der Vereinnahmung des Entgelts (Art. 40
Abs. 2 MWSTG).
2.4.2 Die Verwirklichung eines Steuertatbestandes ist von der Entstehung
der Steuerforderung auseinanderzuhalten. Die zeitliche Entstehung der
Forderung und ihre Fälligkeit hängen von der gewählten Erhebungs- bzw.
Abrechnungsmethode ab. Dies kann in Einzelfällen zu einer Situation füh-
ren, bei der die Steuerforderung entsteht, bevor ein steuerbarer Vorgang
abgeschlossen ist, was nicht zu beanstanden ist. Verwirklicht sich der Steu-
ertatbestand in einer solchen Konstellation im Nachhinein doch nicht, weil
etwa die Leistung nicht erbracht wird, fällt die Bedingung für die Entstehung
der Steuerforderung nachträglich weg und das Steuerobjekt bleibt unver-
wirklicht. In diesen Fällen besteht eine Korrekturmöglichkeit gemäss Art. 41
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Seite 7
MWSTG (zum Ganzen: Urteil des BVGer A-2587/2020 vom 10. August
2021 E. 2.4.2 mit Hinweisen).
2.5 Ein Kostenvorschuss liegt vor, wenn sich ein Leistungserbringer zur Er-
bringung einer bestimmten Leistung verpflichtet und hierfür eine Zahlung
erhält, welche den Anspruch des Leistungserbringers auf Honorar dadurch
sicherstellt, dass der Leistungserbringer seinen Anspruch nach Abrech-
nung bzw. Stellung der Schlussrechnung durch Verrechnung tilgen kann
(vgl. auch CLAUDIO FISCHER/CLAUDE GROSJEAN, Der Leistungsbegriff,
in: Archiv für Schweizerisches Abgaberecht [ASA] 78 S. 701 ff., S. 707,
WALTER FELLMANN, Berner Kommentar, Band VI, 2. Abteilung, Das Obliga-
tionenrecht, Die einzelnen Vertragsverhältnisse, Der einfache Auftrag, Art.
319–362 OR, 1992, Art. 394 N 476).
Bereits in BGE 126 II 249 hat das Bundesgericht Kostenvorschüsse, die
von Klienten an einen Anwalt geleistet wurden, als mehrwertsteuerliche
Gegenleistung (d.h. nach neurechtlicher Terminologie als mehrwertsteuer-
liches Entgelt) qualifiziert. Es erwog sinngemäss, dass solche Kostenvor-
schüsse – auch wenn ihnen wirtschaftlich eine Sicherungsfunktion zu-
komme – keine eigentliche Real- oder Personalsicherheit (wie etwa ein
Pfandrecht, eine Hinterlage, eine Sicherungsübertragung von Eigentum,
eine Bürgschaft oder eine Schuldübernahme) darstellen. Der Kostenvor-
schuss stelle die Gegenleistung für die Leistungen des Beauftragten dar,
denn dadurch erfülle der Auftraggeber seine Verpflichtungen. Letzterer be-
zahle den Betrag in der Erwartung der Dienstleistungen des Anwalts, der
diese nur gegen Bezahlung erbringe (BGE 126 II 249 E. 4c). Weiter hielt
das Bundesgericht fest, dass solche Kostenvorschüsse Vorauszahlungen
im Sinne der Mehrwertsteuerordnung darstellen und damit ab ihrer Verein-
nahmung grundsätzlich der Mehrwertsteuer unterliegen (BGE 126 II 249
E. 4). Unter Vorauszahlungen in diesem Sinne sind Zahlungen zu verste-
hen, welche als Entgelt für eine bestimmte oder zumindest bestimmbare
künftige Leistung geleistet werden (vgl. Urteil des BVGer A-2587/2020 vom
10. August 2021 E. 2.4.3 mit Hinweisen).
2.6 Der grundrechtliche Anspruch auf Vertrauensschutz ist in Art. 9 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April
1999 (BV, SR 101) verankert und leitet sich aus dem allgemeinen Rechts-
grundsatz von Treu und Glauben (Art. 5 Abs. 3 BV) ab. Er verleiht einer
Person Anspruch auf Schutz des berechtigten Vertrauens in behördliche
Zusicherungen oder sonstiges, bestimmte Erwartungen begründendes
Verhalten der Behörden. Dies kann zur Folge haben, dass eine gesetzliche
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Seite 8
Regelung im Einzelfall nicht angewendet und stattdessen eine im Wider-
spruch zur gesetzlichen Ordnung stehende Anordnung angewendet wird.
Dieser Schutz setzt voraus, dass eine Behörde dem Betroffenen eine kon-
krete Auskunft oder Zusicherung unrichtig erteilt hat, dass sie dafür zustän-
dig war, dass der Adressat die Unrichtigkeit der Angabe nicht erkennen
konnte und dass er im Vertrauen auf die erhaltene Auskunft nicht wieder
rückgängig zu machende Dispositionen getroffen hat. Schliesslich scheitert
die Berufung auf Treu und Glauben dann, wenn ihr überwiegende öffentli-
che Interessen gegenüberstehen (vgl. BGE 143 V 341 E. 5.2.1, 131 II 627
E. 6.1; HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 8. Aufl.
2020, Rz. 624 ff. mit Hinweisen).
3.
Im vorliegenden Fall ist unbestritten, dass die Beschwerdeführerin entgelt-
liche Beratungsleistungen an ihre Kunden erbringt und sie insofern eine
grundsätzlich mehrwertsteuerpflichtige Tätigkeit ausübt. Strittig und zu prü-
fen ist, ob die von der Vorinstanz unter dem Titel «Akontozahlungen/
Vorauszahlungen» aufgerechneten Zahlungen von Klienten als mehrwert-
steuerliches Entgelt (so die Ansicht der Vorinstanz) oder als mehrwertsteu-
erlich zumindest vorerst unbeachtliche Sicherheitsleistung/Kautionszah-
lung (so die Beschwerdeführerin) zu qualifizieren sind. Entscheidend für
die Beantwortung dieser Frage ist, ob die streitbetroffenen Zahlungen ei-
nen inneren wirtschaftlichen Zusammenhang zu den Beratungsleistungen
aufweisen.
3.1
3.1.1 Die Beschwerdeführerin bringt sinngemäss vor, dass es sich bei den
streitbetroffenen Zahlungen nicht um Vorauszahlungen, sondern um als
Kostenvorschuss bezeichnete Kautionszahlungen handle, welche ihre Be-
gründung nur in der Sicherstellung des Honorars bei Auflösung/Abschluss
eines Mandates fänden. Die streitbetroffenen Zahlungen seien in ihrer Bi-
lanz als Kostenvorschüsse unter den Passiven aufgeführt worden. Diese
Verbuchung sei von den Steuerbehörden, die für die Veranlagung der di-
rekten Steuern zuständig sind, als richtig bestätigt worden. Es sei kein
Grund ersichtlich, weshalb die ESTV die Einschätzung der direktsteuerli-
chen Behörden nicht übernehmen sollte. Die von der Vorinstanz gemach-
ten Ausführungen zu Kostenvorschüssen und anvertrauten Gelder sei nur
auf Anwälte anwendbar. Da weder sie (die Beschwerdeführerin) noch eine
ihrer Angestellten über eine Zulassung als Rechtsanwalt/Fürspre-
cher/Notar verfügten, seien die gemachten Ausführungen nicht beachtlich.
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Seite 9
3.1.2 Die Vorinstanz bringt dagegen sinngemäss vor, dass den streitbe-
troffenen Zahlungen an die Beschwerdeführerin der Charakter von Kosten-
vorschüssen analog der Ziff. 5 der MWST-Branchen-Info 18 «Rechtsan-
wälte und Notare» zukomme, da sie als Anzahlung zur Ausführung eines
Auftrages zu verstehen seien. Aus den Geschäftsbüchern ergebe sich,
dass es sich bei den streitbetroffenen Zahlungen nicht um anvertraute Kun-
dengelder handeln könne: Die als Kostenvorschüsse bezeichneten Zah-
lungen seien weder in buchhalterischer Hinsicht (kein separates Bank-
konto bzw. andere Flüssige-Mittel-Konto) noch im Hinblick auf die Rech-
nungsstellung (Debitorenfakturen) als Mandatsgelder oder analog einem
Mietzinsdepot behandelt worden. Vielmehr seien die streitbetroffenen Zah-
lungen auf das Geschäftskonto gebucht und zur Deckung laufender Aus-
gaben verwendet worden. Die Beschwerdeführerin müsse sich gestützt auf
das Prinzip der Massgeblichkeit der Handelsbilanz auf ihre ordnungsge-
mäss geführte Buchhaltung behaften lassen.
3.2
3.2.1 Um zu bestimmen, ob zwischen den streitbetroffenen Zahlungen der
Kunden und den Beratungsleistungen der Beschwerdeführerin ein innerer
wirtschaftlicher Zusammenhang besteht, ist primär auf die Sicht des Leis-
tungsempfängers resp. hier der Kunden abzustellen (vgl. dazu vorne
E. 2.2). Dafür ist vorliegend der zu den Akten gereichte Muster-Mandats-
vertrag der Beschwerdeführerin beizuziehen. Auch wenn die vertragsrecht-
liche Ausgestaltung für sich allein nicht verbindlich ist, stellt sie als Indiz
einen geeigneten Ausgangspunkt für die Bestimmung der wirtschaftlichen
Verknüpfung zwischen Zahlung und Beratungsleistung dar (vgl. vorne
E. 2.3). Gemäss Muster-Mandatsvertrag vereinbaren die Vertragsparteien
hinsichtlich der Abrechnung und Bezahlung Folgendes:
«Das Honorar wird detailliert vierteljährlich abgerechnet und ist innert 30 Ta-
gen zur Zahlung fällig. Dieses Honorar versteht sich ohne allfällige Mehrwert-
steuer. Es ist üblicherweise die Hinterlegung eines Kostenvorschuss im Um-
fang eines vermuteten Quartalhonorares und evtl. anteilsmässigem Willens-
vollstreckerhonorar [...] zu leisten. Der Kostenvorschuss wird bei Vertrags-
ende, bei einem allfälligen Willensvollstreckermandat nach Abschluss des
Mandats oder der Erbteilung mit der letzten Rechnung abgerechnet.»
Aus der Muster-Beilage zum Mandatsvertrag ergibt sich des Weiteren Fol-
gendes hinsichtlich des zu leistenden Kostenvorschusses:
«Wir erheben einen einmaligen Kostenvorschuss, welcher im Sinne einer Hin-
terlegung geleistet wird. Sie wird zu Beginn des Mandates festgelegt, kann
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Seite 10
aber während dem Mandat angepasst werden. Die Höhe wird unter Berück-
sichtigung des Mandatsumfangs (inkl. allfälliger Willensvollstreckung) festge-
setzt. Die Verrechnung des Kostenvorschusses erfolgt mit der letzten Hono-
rarrechnung. Ein Saldo wird umgehend an Sie zurückerstattet.»
Der von der Beschwerdeführerin benutzte Muster-Vertrag und dessen Bei-
lage sehen explizit vor, dass eine Verrechnung des Kostenvorschusses mit
der Honorarnote erfolgt, wenn die entsprechenden Beratungsleistungen
erbracht wurden. D.h. der Kunde als Auftraggeber erfüllt bereits mit Bezah-
lung des Kostenvorschusses seine Verpflichtung aus dem Auftragsverhält-
nis. Aus der hier relevanten Sicht der Kunden ist bei dieser vertraglichen
Ausgestaltung unmissverständlich, dass sie den Kostenvorschuss im Ge-
genzug für künftige Beratungsleistungen der Beschwerdeführerin bezah-
len. Daran ändert auch der Hinweis nichts, dass der Kostenvorschuss «im
Sinn einer Hinterlegung» geleistet werde, denn Kostenvorschüsse erfüllen
naturgemäss auch eine Sicherungsfunktion (vgl. vorne E. 2.5). Die innere
wirtschaftliche Verknüpfung von Kostenvorschuss und den entgeltlichen
Beratungsleistungen ist damit vorliegend klar gegeben und ein mehrwert-
steuerliches Leistungsverhältnis zu bejahen. Dadurch, dass die Beschwer-
deführerin einen Kostenvorschuss vertraglich grundsätzlich mit jeder Ho-
norarrechnung verrechnen kann, steht ihr die wirtschaftliche Verfügungs-
macht über diesen Betrag zu, weshalb dieser mit der Überweisung als ver-
einnahmt gilt. Dass die Beschwerdeführerin die Kostenvorschüsse offen-
bar passivseitig verbucht hat, vermag an diesem Ergebnis nichts zu än-
dern. Entsprechend hat die Vorinstanz die streitbetroffenen Kostenvor-
schüsse zu Recht als Vorauszahlungen behandelt, welche im Zeitpunkt ih-
rer Vereinnahmung der Mehrwertsteuer unterliegen (vgl. vorne E. 2.4.1).
3.2.2 Die von der Beschwerdeführerin vorgebrachten Einwände ändern an
der vorstehenden Würdigung nichts:
Von vornherein nichts zu ihren Gunsten abzuleiten vermag die Beschwer-
deführerin aus dem Vorbringen, dass die Kostenvorschüsse im Eigentum
der Kunden blieben. Wie sich aus den nicht bestrittenen Feststellungen der
Vorinstanz ergibt, wurden die von den Kunden geleisteten Kostenvor-
schüsse gemäss Buchhaltung mit dem Geschäftsvermögen der Beschwer-
deführerin vermengt und zur Deckung laufender Ausgaben verwendet.
Nicht ersichtlich ist, inwiefern die Dauer der Mandatsverhältnisse vorlie-
gend die mehrwertsteuerliche Qualifikation der Kostenvorschüsse beein-
flussen könnte. Selbst wenn bei länger dauernden Mandaten der Siche-
rungsfunktion der Kostenvorschüsse grösseres Gewicht zukommen sollte,
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Seite 11
bleibt die innere wirtschaftliche Verknüpfung der Kostenvorschüsse mit den
Beratungsleistungen von der Mandatsdauer dennoch unberührt. Aufgrund
der jederzeitigen Auflösbarkeit eines Auftragsverhältnisses und der quar-
talsmässigen Honorarabrechnung ist die tatsächliche Dauer des Auftrags-
verhältnisses vorliegend nicht von Belang. Dem Argument, dass mit den
streitbetroffenen Zahlungen Leistungen sichergestellt werden, welche erst
viel später oder gar nie erfolgen werden, ist entgegenzuhalten, dass dies
in der Natur eines Entschädigungsmodels liegt, welches sich wie vorlie-
gend nach dem Aufwand richtet. Sodann wird diesem Umstand mit der in
E. 2.4.2 erwähnten Korrekturmöglichkeit Rechnung getragen.
Soweit die Beschwerdeführerin vorbringt, dass sie nicht den für Anwälte
geltenden gesetzlichen und reglementarischen Vorschriften unterstehe
und deshalb nicht wie diese zu behandeln sei, verkennt sie, dass sich ihre
Leistungspflicht vorliegend nicht aus anwaltlichen Sondervorschriften her-
leitet, sondern vielmehr auf die allgemeinen Bestimmungen des Mehrwert-
steuergesetzes stützt. Denn aus mehrwertsteuerlicher Sicht ist irrelevant,
ob die Dienstleistungen anwaltlicher oder anderer Natur sind. Entschei-
dend ist, ob zwischen Kostenvorschüssen und Dienstleistungen eine in-
nere wirtschaftliche Verknüpfung besteht (vgl. vorne E. 2.1 f.; ferner na-
mentlich für die Freizeitbranche Urteil des BVGer A-2587/2020 vom
10. August 2021 E. 2.4.3 mit Hinweisen). Nur der Vollständigkeit halber ist
anzufügen, dass vorliegend auch nicht dargetan wird, inwiefern sich das
Kostenvorschussmodell der Beschwerdeführerin vom in der anwaltlichen
Praxis üblichen Umgang mit Kostenvorschüssen unterscheiden soll.
Auch mit dem Verweis auf die direktsteuerliche Beurteilung der streitbe-
troffenen Zahlungen durch die kantonalen Steuerbehörden kann die Be-
schwerdeführerin nichts zu ihren Gunsten ableiten: Für die mehrwertsteu-
erliche Betrachtung ist die Beurteilung im Bereich der direkten Steuern
grundsätzlich nicht massgebend. Es handelt sich um verschieden geartete
Steuersysteme und den beiden Steuerarten liegen unterschiedliche Be-
steuerungsziele zugrunde (vgl. dazu BGE 123 II 295 E. 6b; Urteil des BGer
2C_206/2012 vom 6. September 2012 E. 3.2; BVGE 2007/23 E. 2.3.3; Ur-
teile des BVGer A-5892/2018 vom 4. Juli 2019 E. 3.4.4.2, A-689/2012 vom
31. Mai 2012 E. 3.1.2 mit Hinweisen). Entsprechend ist den diesbezügli-
chen Ausführungen der Beschwerdeführerin nicht zu folgen.
3.3 Abschliessend ist festzuhalten, dass den Ausführungen der Beschwer-
deführerin, wonach die Vorinstanz durch die Entgegennahme der ersten
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Seite 12
Mehrwertsteuerabrechnung für das 2. Semester 2018 ihre Auffassung an-
erkannt habe und deswegen auf dieses Verhalten zu behaften sei, nicht zu
folgen ist. Weder in der Entgegennahme der Abrechnung (inkl. Begleit-
schreiben) noch in der blossen Wiedergabe der Argumentation der Be-
schwerdeführerin liegt eine Anerkennung deren Auffassung, geschweige
denn eine behördliche Zusicherung, die eine hinreichende Vertrauens-
grundlage für den angerufenen Vertrauensschutz darstellt (vgl. vorne
E. 2.6), vor. Dies gilt umso mehr, als die Beschwerdeführerin einen rück-
wirkenden Vertrauensschutz geltend machen will.
3.4 Die streitbetroffenen Zahlungen qualifizieren als steuerbare Voraus-
zahlungen, welche gemäss Art. 40 Abs. 2 MWSTG im Zeitpunkt der Ver-
einnahmung der Mehrwertsteuer unterliegen. In rechnerischer Hinsicht
wird die Nachforderung samt Verzugszinsen nicht bestritten. Es ergeben
sich aus den Akten auch keine Anhaltspunkte, die an der Berechnung oder
den Verzugszinsfolgen Zweifel aufkommen lassen. Nach dem Gesagten
erweist sich der angefochtene Entscheid als rechtmässig. Die Beschwerde
ist entsprechend als unbegründet abzuweisen, soweit darauf einzutreten
ist.
4.
Ausgangsgemäss sind die Verfahrenskosten in Höhe von Fr. 1’500.– der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG und Art. 1 ff. des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) und dem ge-
leisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe zu entnehmen.
Eine Parteientschädigung ist nicht zuzusprechen (vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG
e contrario).
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