Decision ID: f6633b42-8609-4632-b028-6575b50bbe99
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Regula Schmid, Engelgasse 2, 9004 St. Gallen,
gegen
Zürich Versicherungs-Gesellschaft AG, Postfach, 8085 Zürich,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Versicherungsleistungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a A._, Jahrgang 1965, war bei der B._ als Sprachlehrerin angestellt und
dadurch bei der Zürich Versicherungs-Gesellschaft AG (nachfolgend: Zürich)
obligatorisch gegen Unfälle versichert (UV-act. Z1). Daneben war sie bei weiteren
Arbeitgebern und zu einem kleinen Teil selbständig als Sprachlehrerin, Übersetzerin
und Prüfungsexpertin tätig, insgesamt mindestens im Rahmen eines 100%-Pensums
(UV-act. Z8, Z53; teilweise bis zu einem 120%-Pensum). Am Abend des 22. September
2008 stand sie als Lenkerin des zweiten Motorfahrzeugs an einer Kreuzung. Als das vor
ihr stehende Fahrzeug weiterfuhr, wartete sie noch einen Moment. Dies bemerkte der
Lenker des nachfolgenden Personenwagens zu spät und fuhr auf ihr Heck auf (vgl.
Polizeirapport vom 7. Oktober 2008 [amtliche Akten der Zürich], UV-act. Z1, Z8). Die
Versicherte war kurz benommen und klagte sofort über Nacken- und Kopfschmerzen.
Am Kantonsspital C._ wurde ein kraniozervikales Beschleunigungstrauma
diagnostiziert, jedoch keine ossären Läsionen erhoben. Das empfohlene
Computertomogramm (CT) hatte die Versicherte verweigert (UV-act. ZM1 f., ZM17).
Vom Hausarzt, PD Dr. med. D._, Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin, wurde
die Versicherte vom Unfalltag bis 2. Oktober 2008 100% arbeitsunfähig geschrieben
(UV-act. ZM14). Danach schwankten die Arbeitsunfähigkeiten zwischen 40 und 80%;
ab 1. Dezember 2008 bis 25. Juni 2009 wurden 50% eingetragen, im Sommer 2009
vorübergehend 40% (UV-act. ZM14 f., ZM20). Die Zürich erbrachte die gesetzlichen
Leistungen (Heilungskosten und Taggelder). Die Behandlung einer ebenfalls auf den
Unfall vom 22. September 2008 zurückgeführten Distorsion mit Kapselbandläsion am
linken Ringfinger (PIP D4 links) konnte am 5. März 2009 eingestellt werden (UV-act.
ZM5 f.).
A.b Die Beschwerden gingen trotz verschiedenen, auch alternativmedizinischen
Therapien (Physiotherapie, Osteopathie, Craniosacral-Therapie, Akupunktur,
medizinische Massage) nicht zurück. Insbesondere die Sehstörungen und
Lichtüberempfindlichkeit sowie die Konzentrations- und Orientierungsstörungen
persistierten (UV-act. Z8, Z27). Am 9. März 2009 wurde die Versicherte
neuropsychologisch untersucht. Dabei wurden leichte bis mittelschwere kognitive und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
emotionale Störungen diagnostiziert (UV-act. ZM3). Das Magnetresonanztomogramm
(MRI) der Halswirbelsäule (HWS) vom 9. September 2009 zeigte vom Niveau C3/C4 bis
C6/C7 subligamentäre Hernierungen, bei der Bandscheibe C4/C5 linksbetont mit
bilateraler recessaler Einengung mässigen Ausmasses und vermuteter intermittierender
Nervenwurzelirritation, bei derjenigen C5/C6 rechtsbetont mit rechts recessaler
Einengung und Nervenwurzelirritation (UV-act. ZM9 bzw. ZM16). Vom 19. Oktober bis
27. November 2009 weilte die Versicherte auf Kosten der Haftpflichtversicherung zur
psychosomatischen Rehabilitation in der Klinik E._ (UV-act. ZM10, ZM20, Z53,
Z59 f.). Ab 11. Mai 2010 wurde an der Klinik für Neurologie des Kantonsspitals C._
eine ambulante neuropsychologische Therapie durchgeführt (UV-act. ZM21).
A.c Am 23. September 2009 hatte die Zürich eine interdisziplinäre Begutachtung beim
Medizinischen Zentrum F._, in Auftrag gegeben (UV-act. Z54 ff. besonders Z57). Die
Untersuchungen der Versicherten erfolgten am 26. August 2010 durch Dr. med. G._,
Facharzt FMH für Innere Medizin, als Hauptgutachter, durch Dr. med. H._, Facharzt
FMH für Rheumatologie und Manuelle Medizin, sowie durch med. pract. I._,
deutsche Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Am 6. September 2010
folgten die Untersuchungen durch Prof. Dr. med. J._, deutscher Facharzt für
Neurologie, und durch Diplompsychologin Dr. sc. hum. K._ (UV-act. ZM19, Z108,
Z113, Z116). Das Gutachten wurde am 31. Oktober 2010 erstattet. Es führt keine
Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit an. Ohne Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit wird als Erstes eine nicht näher spezifizierbare, chronifizierte
Weichteilschmerzsymptomatik links parazervikal und obere Extremität links mit
Einschluss vor allem des Fingers IV links mit/bei inkonstanten und zum Teil
diskrepanten klinischen Untersuchungsbefunden, Hinweisen für eine subjektive
Schmerzbetonung, beginnenden Diskopathien mehrsegmental, ohne Kontakt zur
Nervenwurzel und ohne sekundäre spondylophytäre resp. spondylarthrotische
Veränderungen sowie ohne Hinweise weder für eine myofasziale Dysbalance,
Facettengelenks- oder radikuläre Reiz- oder Ausfallsymptomatik genannt. Als zweite
Diagnose ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit wird eine Migräne angeführt,
Differentialdiagnose anteiliger Analgetikakopfschmerz (UV-act. ZM19 S. 39). In ihrer
Beurteilung bzw. Beantwortung der gestellten Fragen kommen die Begutachtenden
zum Schluss, die Versicherte sei aus interdisziplinärer Sicht unter Berücksichtigung
aller Gegebenheiten und Befunde voll arbeitsfähig. Das gelte sowohl in ihrer zuletzt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausgeübten Tätigkeit als Sprachlehrerin als auch für alle Verweistätigkeiten ihrem
allgemeinen Leistungsspektrum entsprechend. Unfallbedingt könne von einer
vorübergehenden Einschränkung der Arbeitsfähigkeit ausgegangen werden.
Spätestens nach Abschluss der stationären Rehabilitation in der Klinik E._ Ende
November 2009 sei wieder von einer vollen Arbeitsfähigkeit auszugehen (UV-act. ZM19
S. 41 ff.). Das Gutachten wurde der Rechtsvertreterin der Versicherten, Rechtsanwältin
lic. iur. LL.M. Regula Schmid, St. Gallen, am 4. November 2010 zur allfälligen
Stellungnahme zugestellt (UV-act. Z139). Diese hielt am 20. Dezember 2010
verschiedene Unzulänglichkeiten (des Gutachtens) fest, reichte den Zwischenbericht
der Klinik für Neurologie am Kantonsspital C._ über die neuropsychologische
Therapie der Versicherten ein und forderte die Einholung eines Obergutachtens (UV-
act. Z152 mit Beilagen bzw. ZM21). Mit Verfügung vom 4. Januar 2011 verneinte die
Zürich gestützt auf das F._-Gutachten einen natürlichen Kausalzusammenhang der
weiterhin bestehenden Gesundheitsbeeinträchtigungen der Versicherten über den
Austritt aus der Klinik E._ am 29. November 2009 hinaus und ebenfalls die Adäquanz
des Kausalzusammenhangs und gestützt darauf eine weitere Leistungspflicht (UV-act.
Z158).
B.
B.a Dagegen erhob die Swica Krankenversicherung AG am 24. Januar 2011
Einsprache, zog diese aber am 27. Januar 2011 wieder zurück (UV-act. Z168, Z170).
Mit Einsprache vom 7. Februar 2011 liess die Versicherte insbesondere das
unfallanalytische Kurzgutachten und Widersprüche des F._-Gutachtens zu den
Berichten der behandelnden Ärztinnen und Ärzten bzw. medizinischen Fachpersonen
rügen (UV-act. Z171). Am 15. März und 6. April 2011 nahm der Unfallanalytiker der
Zürich, dipl. Ing. HTL N._, zu den aufgeworfenen Fragen betreffend das
unfallanalytische Kurzgutachten der Haftpflichtversicherung Stellung (UV-act. Z45,
Z176, Z179). Mit Entscheid vom 28. Juli 2011 wurde die Einsprache abgewiesen.
B.b In den medizinischen Akten der Zürich findet sich der Bericht von Dr. med. L._,
Facharzt FMH für allgemeine innere Medizin und Oberarzt an der Rehaklinik M._,
vom 14. März 2011 über die Untersuchung der Versicherten vom 1. März 2011, die er
zusammen mit Prof. Dr. med. O._, Facharzt FMH für Neurologie sowie physikalische
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Medizin und Rehabilitation und Chefarzt der Rehaklinik M._, durchgeführt hatte (UV-
act. ZM25). Die Diagnose lautet auf Status nach Verkehrsunfall (Heckauffahrkollision)
am 22. September 2008 mit HWS-Distorsion und Commotio cerebri, persistierendes
zervikozephales Syndrom, vegetative Dysregulation und neuropsychologische
Funktionsstörungen. Dr. L._ und Prof. O._ erhoben zum Teil vom F._-Gutachten
abweichende Befunde.
C.
C.a Gegen den Einspracheentscheid der Zürich richtet sich die Beschwerde vom
13. September 2011 mit dem Antrag, die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom
4. Januar 2011 sowie der Einspracheentscheid vom 28. Juli 2011 seien aufzuheben
und der Beschwerdeführerin seien ab 29. November 2009 weiterhin Leistungen der
Unfallversicherung zu erbringen, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Zur
Begründung wird angeführt, der Unfall vom 22. September 2008 sei mittelschwer
gewesen und verschiedene Sachverhaltselemente seien unberücksichtigt geblieben,
wie die Tatsache dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt des Aufpralls gebremst
und den Kopf nach links gedreht gehabt habe. Weiter werden verschiedene Punkte
genannt bezüglich derer das F._-Gutachten nachlässig erstellt oder nicht schlüssig
sei bzw. im Widerspruch zu den Berichten der behandelnden Ärztinnen und Ärzte,
besonders psychiatrischer und neuropsychologischer Fachrichtung, stehe.
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 30. September 2011 lässt die Zürich die
vollumfängliche Abweisung der Beschwerde beantragen. Zur Begründung verweist sie
zur Hauptsache auf den angefochtenen Einspracheentscheid. Sie kritisiert die
Argumentation durch die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin als ungenau. Das
Vorliegen abweichender Arztmeinungen wird verneint und das F._-Gutachten als
schlüssig dargestellt. Da die Beschwerde allein wegen der fehlenden Adäquanz (des
Kausalzusammenhangs) abgewiesen werden müsse, entfalle eine Neubegutachtung
von vornherein.
C.c Die Beschwerdeführerin hat die Frist zur Einreichung einer Replik unbenützt
verstreichen lassen, worauf der Schriftenwechsel abgeschlossen worden ist (act.
G 4 f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
D.
Im Rahmen der interdisziplinären Begutachtung waren vom F._ die Berichte von
Dr. P._, Chiropraktor, vom 12. November 2009, von Dr. med. Q._, Facharzt FMH
für Ophthalmologie, vom 16. Dezember 2009 sowie von Dr. med. R._, Facharzt FMH
für Psychiatrie und Psychotherapie, und S._, Psychotherapeut, Austrittsbericht der
Klinik E._ vom 15. Februar 2010, eingeholt worden. Da sie jedoch nicht bei den Akten
lagen, wurde das F._ am 18. April 2012 vom Versicherungsgericht aufgefordert, diese
Unterlagen nachzureichen (act. G 6; Eingang 24. April 2012). Die Zürich nutzte die
Möglichkeit nicht, zu diesen medizinischen Akten Stellung zu nehmen. Die
Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin hielt mit Eingabe vom 14. Mai 2012 fest, es
seien keine Bemerkungen zu diesen Akten zu machen. Hingegen verwies sie - unter
Beilage des entsprechenden Tages-Anzeiger-Artikels - auf das Strafrechtsverfahren
gegen den früheren Leiter des F._ und die Tatsache, dass ihn das zuständige
Bezirksgericht im noch nicht rechtkräftigen Urteil vom 10. April 2012 zwar vom Vorwurf
der Urkundenfälschung freigesprochen aber dennoch festgestellt habe, er habe seine
gutachterliche Sorgfaltspflicht verletzt. Gestützt darauf wurde beantragt, nicht auf das
unter der Ägide von Dr. G._ erstellte F._-Gutachten abzustellen und eine neue
interdisziplinäre Begutachtung durch eine neutrale Gutachterstelle zu veranlassen (act.
G 9). Unter Nachreichung eines Artikels aus der Zeitschrift Saldo vom 23. Mai 2012
verwies die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin am 24. Mai 2012 auf die
Tatsache, dass das Bundesamt für Sozialversicherungen Dr. G._ mittlerweile
angewiesen habe, die Gutachtertätigkeit für die IV zu unterlassen (act. G 11).
E.
Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften, sowie den Inhalt der übrigen

Akten wird, soweit für den Entscheid erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen
näher eingegangen.
Erwägungen:
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht nach dem
29. November 2009 eine weitere Leistungspflicht aus der obligatorischen
Unfallversicherung für die Folgen des Unfalls vom 22. September 2008 verneint hat.
2.
2.1 Die Beschwerdegegnerin hat die rechtlichen Grundlagen ihrer Leistungspflicht
und die Rechtsprechung zur adäquaten Kausalität bei Schleudertraumen der
Halswirbelsäule in der Verfügung vom 4. November 2011 richtig dargestellt (vgl. UV-
act. 158, bestätigt im angefochtenen Einspracheentscheid). Darauf kann verwiesen
werden.
2.2 Hervorzuheben ist, dass die anerkannte Leistungspflicht des Unfallversicherers
erst entfällt, wenn der Unfall nicht mehr die natürliche und adäquate Ursache des
Gesundheitsschadens darstellt, wenn also Letzterer nur noch und ausschliesslich auf
unfallfremden Ursachen beruht. Dies trifft dann zu, wenn entweder der (krankhafte)
Gesundheitszustand, wie er unmittelbar vor dem Unfall bestanden hat (Status quo
ante) oder aber derjenige Zustand, wie er sich nach dem schicksalsmässigen Verlauf
eines krankhaften Vorzustandes auch ohne Unfall früher oder später eingestellt hätte
(Status quo sine), erreicht ist. Ebenso wie der leistungsbegründende natürliche
Kausalzusammenhang muss das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von
unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens mit dem im
Sozialversicherungsrecht allgemein üblichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sein. Die blosse Möglichkeit, dass sich der Unfall
nicht mehr ursächlich auswirkt, genügt nicht. Da es sich hierbei um eine
anspruchsaufhebende Tatfrage handelt, liegt die entsprechende Beweislast - anders
als bei der Frage, ob ein leistungsbegründender natürlicher Kausalzusammenhang
gegeben ist - nicht beim Versicherten, sondern beim Unfallversicherer. Bevor sich aber
überhaupt die Frage der Beweislast stellt, ist der Sachverhalt im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes richtig und vollständig zu klären (Art. 43 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG;
SR 830.1]; SVR 2009 UV Nr. 3 E. 2.2 mit Hinweis).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3 Hervorzuheben ist weiter, dass hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts
entscheidend ist, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis
der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen des Experten oder der Expertin begründet sind.
Ausschlaggebend für den Beweiswert eines ärztlichen Gutachtens ist grundsätzlich
weder dessen Herkunft noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag
gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 125 V 352 E. 3a mit
Hinweisen). Den Berichten versicherungsinterner Ärzte kann rechtsprechungsgemäss
gleichfalls Beweiswert beigemessen werden, sofern sie schlüssig erscheinen,
nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien
gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (RKUV 1991 Nr. U 133 S. 311). Soll ein
Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so
sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur
geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen
ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen mittels unabhängiger
Begutachtung vorzunehmen (BGE 135 V 470 E. 4.4 in fine mit Hinweis; in Plädoyer
2/2010 S. 54 zusammengefasstes Urteil 8C_439/2009 vom 25. November 2009 E. 4.4).
3.
3.1 Da sich der angefochtene Einspracheentscheid bezüglich Sachverhalt und
natürlicher Kausalität hauptsächlich auf das F._-Gutachten vom 31. Oktober 2010
und die zugehörigen Teilgutachten stützt, ist vorab dessen bzw. deren
Beweistauglichkeit zu prüfen.
3.2
3.2.1 Im Hauptgutachten vom 31. Oktober 2010 führt Dr. G._ aus, die
Schlussfolgerungen seien gemeinsam mit den beteiligten Spezialärzten erarbeitet
worden und diese würden sich ausdrücklich damit einverstanden erklären (UV-act.
ZM19, S. 39). Er gibt jedoch weder ein Datum an, an dem diese gemeinsame
Erarbeitung der Schlussfolgerungen stattgefunden haben soll, noch finden sich auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dem Hauptgutachten die Unterschriften der übrigen begutachtenden Personen. Der
geltend gemachte Konsens der begutachtenden Personen ist damit nicht dargetan.
3.2.2 Obwohl der Titel 7.3 des Hauptgutachtens ("Stellungnahme zur aktuellen
Situation, Begründung der eigenen Diagnosen und Diskussion über evtl. abweichende
Beurteilung in den Akten"; UV-act. ZM19, S. 41) vorgibt, es folge auch eine kritische
Auseinandersetzung mit abweichenden Vorakten, findet keine solche statt. Weder
werden die Ergebnisse der neuropsychologischen Abklärung vom 9. März 2009 (UV-
act. ZM3) der neuropsychologischen Begutachtung vom 6. September 2010
gegenübergestellt, noch wird klar dargelegt, weshalb die psychiatrische Diagnose einer
Anpassungsstörung jetzt weggefallen sei und per wann das der Fall war. Eine
Diskussion der abweichenden Vorakten fehlt damit im F._-Gutachten.
3.2.3 Auch bezüglich Arbeitsunfähigkeit ist das F._-Gutachten nicht schlüssig.
Es geht davon aus, die vorübergehende unfallbedingte Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit sei spätestens nach Abschluss der Rehabilitation in der Klinik E._
Ende November 2009 beendet gewesen. Die Tatsache, dass Dr. R._ und S._ der
Versicherten bei Austritt eine Arbeitsfähigkeit von lediglich 50% attestiert hatten (act.
G 7.3), wird nicht diskutiert. Auch das Arbeitsunfähigkeitsattest von Dr. D._ vom
25. Februar 2010 (UV-act. ZM11), das bis 31. März 2010 von einer Arbeitsunfähigkeit
von 50% ausgeht, wird von den begutachtenden Personen nicht in ihre Beurteilung
einbezogen. Das Dahinfallen einer unfallbedingten Arbeitsunfähigkeit per Ende
November 2009 ist somit nicht schlüssig erstellt. - Die begutachtenden Personen
widersprechen sich auch selbst, indem sie bei fehlenden objektivierbaren post
traumatischen Veränderungen davon ausgehen, eine Arbeitsunfähigkeit sollte eine
Dauer von sechs Wochen (d.h. die übliche Heilungsdauer von unkomplizierten
Distorsionsverletzungen) nicht überschreiten (UV-act. ZM19, Antwort auf Frage 5.2.3
S. 46). Wie vorstehend dargelegt, dehnen sie die Dauer der unfallbedingten
Arbeitsunfähigkeit vorliegend aber ohne nähere Erläuterung bis längstens Ende
November 2009 und damit auf etwas mehr als 14 Monate aus.
3.2.4 Bei der Beantwortung der Fragen der Beschwerdegegnerin zum
Kausalzusammenhang (UV-act. ZM19 S. 45 f.) erwähnen die begutachtenden Personen
die degenerativen Veränderungen an der HWS, gehen aber in keiner Weise auf diese
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ein. Obwohl aufgrund des MRI-Berichts vom 9. September 2009 (UV-act. ZM9)
Bandscheibenhernien der HWS (C3/C4 bis C6/C7) beschrieben und auf Höhe C4/C5
eine Nervenwurzelirritation vermutet und auf Höhe C5/C6 dokumentiert wird, diskutiert
Prof. J._ im neurologischen Teilgutachten vom 6. Oktober 2010 weder deren
Bestand, noch deren neurologische Auswirkungen oder gar deren Zusammenhang mit
den Unfallfolgen. Dr. H._ führt im rheumatologischen Teilgutachten vom 6. Oktober
2010 die Bandscheibenhernien als degenerativen Vorzustand an, übersieht aber die
laut MRI-Bericht ausgewiesene Nervenwurzelirritation auf Höhe C5/C6 (UV-act. ZM19,
rheumatologisches Teilgutachten S. 2 und S. 4 jeweils oben). Auch er geht nicht weiter
auf die allfälligen Auswirkungen dieses Vorzustands ein. Mit diesen Angaben nimmt
weder Prof. J._ noch Dr. H._ zur aufgeworfenen Frage Stellung, ob sich dieser
Vorzustand auf die Unfallfolgen ausgewirkt habe und, falls ja, in welcher Art und ob
sein Einfluss allenfalls später und per wann weggefallen sei. Auch die
Fragenbeantwortung durch Dr. G._ im Hauptgutachten enthält keine entsprechenden
Ausführungen (UV-act. ZM19 S. 45 f.)
3.2.5 Nicht nachvollziehbar ist die Diagnose einer Migräne der
Beschwerdeführerin durch Prof. J._. Weder erklärt er deren Auftreten bei einer
Patientin, die glaubhaft darlegt (vgl. UV-act. Z8), früher nie unter Kopfschmerzen
gelitten zu haben, noch führt er aus, wie er diese Diagnose als unfallfremden
Vorzustand deutet. Weiter stellt er seine Diagnose schmerzmittelinduzierter
Kopfschmerzen nicht dem geringen Schmerzmittelkonsum von 1 bis 2g Dafalgan pro
Woche gegenüber oder führt Untersuchungsergebnisse an, die diesen Zusammenhang
erklären würden.
3.3 Zusammengefasst enthält das F._-Gutachten verschiedene Unzulänglichkeiten,
die es für den Beweis untauglich machen, die natürliche Kausalität der andauernd
geklagten Gesundheitsbeeinträchtigungen der Beschwerdeführerin sei (überwiegend
wahrscheinlich) spätestens per Ende November 2009 dahingefallen.
3.4
3.4.1 Mit der Stellungnahme zum F._-Gutachten liess die Beschwerdeführerin
am 20. Dezember 2010 den Zwischenbericht vom 16. Dezember 2010 des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kantonsspitals C._ über die neuropsychologische Therapie einreichen (UV-act.
ZM21). Darin werden anlässlich der Zwischenuntersuchung vom 7. Dezember 2010
stark schwankende Aufmerksamkeitsleistungen, deutliche Konzentrationseinbrüche bei
längeren Anforderungen, eine durchschnittliche Lernleistung bei einem verbalen Lern-
und Gedächtnistest, jedoch für das längerfristige Behalten eine unter dem Durchschnitt
der Alters- und Bildungsgruppe liegende Leistung sowie Einbrüche in der
Aufmerksamkeitskontrolle bei einer komplexen Problemlöseaufgabe dokumentiert. Die
berichtenden Neuropsychologinnen Dr. phil. T._ und dipl. Psych. U._ forderten
gestützt darauf weitere sechs bis zwölf Therapiesitzungen. Die Beschwerdegegnerin
legte diesen Bericht zu den Akten, ging aber nicht darauf ein oder stellte aufgrund der
Stellungnahme der Beschwerdeführerin oder des genannten Zwischenberichts
Zusatzfragen an die begutachtenden Personen des F._.
3.4.2 Am 22. Juni 2011 nahm die Beschwerdegegnerin den Bericht von
Dr. med. L._, Facharzt FMH für allgemeine innere Medizin, vom 14. März 2011 zu
den Akten über die Untersuchung vom 1. März 2011, die er an der dortigen Rehaklinik
zusammen mit Prof. Dr. med. O._, Facharzt FMH für Neurologie sowie physikalische
Medizin und Rehabilitation, durchgeführt hatte (UV-act. ZM25; Z186 mit
Eingangsstempel). Obwohl darin myofasziale Tonisierung mit Triggerpunkten an
verschiedenen Muskeln und damit vom F._-Gutachten abweichende Befunde
beschrieben werden (Dr. H._ verneint auf S. 3 des rheumatologischen Teilgutachtens
vom 6. Oktober 2010 myofasziale Dysbalancen oder Triggerpunkte [UV-act. ZM19]),
wird im angefochtenen Einspracheentscheid postuliert, abweichende ärztliche
Stellungnahmen lägen nicht vor. Das dazu zitierte Urteil des Bundesgerichts 137 V 245
E. 3.3.1, wonach die Einholung von Zweitgutachten im Sinn einer "Second opinion"
nicht beliebig erfolgen dürfe, verweist allerdings bei offenen Fragen oder Zweifeln an
den gutachterlichen Schlussfolgerungen, in erster Linie auf Rückfragen bei den
Verfassern des betreffenden Gutachtens.
3.4.3 Zusammengefasst hat die Beschwerdegegnerin nicht nur die fehlende
Beweiskraft des F._-Gutachtens übersehen, sondern auch die Abweichungen und
Widersprüche v.a. zum Bericht über die nachträgliche Untersuchung an der Rehaklinik
M._ (UV-act. ZM25). Wie bereits in der vorstehenden E. 3.3 vermerkt, ist das
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dahinfallen des natürlichen Kausalzusammenhangs per 29. November 2009 vorliegend
nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt.
3.5 Die Tatsache, dass sich das interdisziplinäre F._-Gutachten auf keine
orthopädische Untersuchung und auf kein entsprechendes Teilgutachten abstützt,
macht es nicht per se beweisuntauglich. Grundsätzlich ist es Sache der
Gutachterstelle, die Fachrichtungen zu bezeichnen, die aufgrund der Vorakten mit der
Begutachtung zu beauftragen sind (vgl. BGE 134 V 125 f. E. 9.5 mit Hinweisen). Das
von der Beschwerdeführerin zitierte Urteil des Bundesgerichts vom 10. August 2010,
9C_548/2010, postuliert keine allgemeine Pflicht, eine orthopädische Begutachtung
durchführen zu lassen, sondern lediglich, dass sich die Verwaltung an die Vorgaben in
einem Rückweisungsentscheid zu halten und die darin angeordnete
(wirbelsäulen-)orthopädische Begutachtung durchzuführen habe (E. 4).
3.6 Bei dieser Ausgangslage sind weitere Abklärungen durch eine erneute
interdisziplinäre Begutachtung der Beschwerdeführerin vorzunehmen. Da für die
Abklärungen in erster Linie der Versicherungsträger zuständig ist, ist die Streitsache zur
erneuten Begutachtung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen (vgl. Art. 43 f.
ATSG und Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Aufl. Zürich 2009, N 9 zu Art. 43 und N 3
zu Art. 44). Dies gilt trotz dem Postulat des Bundesgerichts im Entscheid 137 V 263 ff.
E. 4.4.1, die kantonalen Sozialversicherungsgerichte sollten Rückweisungen an die
Verwaltung zur Durchführung von Begutachtungen zurückhaltend vornehmen. Wie das
Bundesgericht im Entscheid 138 V 320 ff. E. 6 festhält, gelten die Feststellungen in
BGE 137 V 210 bezüglich Fairnessgebot und prozessuale Chancengleichheit im
Verfahren der obligatorischen Unfallversicherung gleichermassen. Nach der Erfahrung
des urteilenden Gerichts erweisen sich Verfahren zur Einholung von Gerichtsgutachten
in der Regel als aufwändiger und die Gutachten als kostspieliger gegenüber solchen,
die von der Verwaltung in Auftrag gegeben werden; letzteres nicht zuletzt weil die
Sozialversicherungstarife für Gerichtsgutachten keine Gültigkeit haben. Weiter steht
den versicherten Personen nur bei Begutachtungen im Auftrag der Verwaltung eine
unabhängige gerichtliche Überprüfung offen. Dies insbesondere, weil gegen
Zwischenverfügungen über die Anordnung von Gutachten nur dann der Rechtsweg ans
Bundesgericht offen steht, wenn formelle Ausstandsgründe beurteilt worden sind (vgl.
BGE 138 V 271 und Urteil des Bundesgerichts vom 3. September 2012, 8C_131/2012,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
E. 1.2). Dies rechtfertigt im vorliegenden Verfahren die Rückweisung an die
Beschwerdegegnerin zur erneuten interdisziplinären Begutachtung. Dabei hat sie die in
BGE 137 V 210 festgelegten bzw. präzisierten Verfahrensrechte der Beschwerde
führerin zu wahren und eine andere Begutachtungsstelle zu wählen.
3.7 Da mit der erneuten Begutachtung auch der Zeitpunkt, an dem von einer weiteren
ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustands mehr
erwartet werden kann, bestimmt werden muss, kann der Zeitpunkt für die Prüfung des
adäquaten Kausalzusammenhangs noch nicht festgelegt und Letztere noch nicht
durchgeführt werden (vgl. BGE 134 V 112 ff. E. 3 f. und Urteil des Bundesgerichts vom
9. Juni 2010, 8C_146/2010, E. 4.2). Die Adäquanzprüfung im angefochtenen
Einspracheentscheid ist daher vorliegend nicht zu überprüfen.
4.
4.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde insoweit
gutzuheissen, als die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen wird, damit
sie eine erneute interdisziplinäre Begutachtung der Beschwerdeführerin durchführe und
dabei gemäss BGE 137 V 210 vorgehe. Der angefochtene Einspracheentscheid vom
28. Juli 2011 wird aufgehoben. Die Beschwerdegegnerin hat über den Anspruch der
Beschwerdeführerin auf Versicherungsleistungen aus der obligatorischen
Unfallversicherung zu gegebener Zeit neu zu verfügen.
4.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
4.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschwerde führende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Als Obsiegen gilt auch die Rückweisung der
Sache an die Verwaltung zwecks ergänzender Abklärungen (BGE 127 V 234 E. 2b/bb).
Die Parteientschädigung ist pauschal auf Fr. 4'000.--, einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer, festzulegen
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP