Decision ID: 62872257-d3d7-5f50-b62a-93ec9facc4d5
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin gelangte eigenen Angaben zufolge am 11. August
2018 in die Schweiz, wo sie am 21. August 2018 um Asyl nachsuchte. Am
gleichen Tag wurde sie per Zufallsprinzip dem Verfahrenszentrum (VZ)
B._ zugewiesen und in der Folge ihr Gesuch im Rahmen der Test-
phase des Bundes behandelt. Es wurde ihr im Rahmen des Testverfahrens
eine Rechtsvertretung beigeordnet. Am 24. August 2018 wurde sie im EVZ
des VZ B._ zu ihren Personalien befragt (MIDES Personalienauf-
nahme) und am 1. Oktober 2018 fand – im Beisein ihrer Rechtsvertreterin
– ein persönliches Gespräch (Dublin und medizinischer Sachverhalt) statt.
Am 7. November 2018 folgte eine Erstbefragung gemäss Art. 16 Abs. 3 der
Testphasenverordnung vom 4. September 2013 (TestV, SR 142.318.1) und
am 15. Januar 2019 eine vertiefte Anhörung nach Art. 17 Abs. 2 Bst. b
TestV – dies jeweils im Beisein ihrer Rechtsvertreterin. Am 22. Januar 2019
überwies das SEM ihr Asylgesuch ins erweiterte Verfahren. Am gleichen
Tag wurde das damalige Mandatsverhältnis beendet. Am 24. Januar 2019
wurde die Beschwerdeführerin dem Kanton C._ zugewiesen. Am
9. April 2019 folgte eine ergänzende Anhörung durch das SEM.
Die Beschwerdeführerin begründete ihr Asylgesuch im Wesentlichen da-
mit, am (...) 2009 sei sie in eine Demonstration geraten, als sie ihre Freun-
din von dort habe wegbringen wollen. Nach einigen Stunden, während de-
nen sie sich ungewollt in der Menschenmenge aufgehalten habe, sei die
Demonstration von der Basij aufgelöst worden. Dabei sei sie von diesen
mitgenommen und in ein Haus gebracht worden, wo sie Basij-Angehörige
geschlagen und vergewaltigt hätten. Sie habe ihrem Vergewaltiger – ein
E._ – mitgeteilt, dass sie noch Jungfrau sei. Später sei ihr von einer
älteren Frau ihr Jungfernhäutchen wieder zugenäht worden. Von diesem
Eingriff sei ein Video gedreht worden, wobei ihr grosses Muttermal auf dem
Knie deutlich zu erkennen sei. Im Laufe der Festhaltung sei sie von einem
jungen Mann – F._ – erneut vergewaltigt worden. Im (...) sei sie
schliesslich – ohne erkenntlichen Grund – freigelassen worden. Nach ihrer
Rückkehr in das elterliche Haus habe ihr Bruder sie wegen ihrer Abwesen-
heit behelligt, da er davon ausgegangen sei, sie sei von zu Hause wegge-
gangen. Er habe sie mehrmals verprügelt. Sie habe befürchtet, dass das
sie betreffende Video öffentlich werde. F._ habe sie zudem obser-
viert und verfolgt, indem er sie zwei bis drei Mal pro Woche zu sich bestellt,
sie vergewaltigt und mit dem Video erpresst habe. Nachdem er im Jahre
(...) geheiratet habe, habe er sie in Ruhe gelassen. Am (...) 2018 sei sie
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von der Sittenpolizei angehalten worden, da ihr Hijab nach hinten geglitten
sei. Sie habe den im Auto der Sittenpolizei sitzenden E._ als den
Mann erkannt, der sie ihm Jahre 2009 vergewaltigt habe. Sie habe ge-
schrien, worauf sich eine Menschenmenge angesammelt habe. Die Leute
hätten verhindert, dass sie ins Auto der Sittenpolizei habe einsteigen müs-
sen. Ein ihr unbekannter Mann habe sie mit seinem Motorrad zu einer
Freundin gebracht, wo sie eine Woche geblieben sei, bevor sie wieder
nach Hause zurückgekehrt sei. Ihr Bruder habe sie wegen ihrer Abwesen-
heit von zu Hause geschlagen und gewürgt. Aus diesen Gründen habe sie
sich zur Ausreise entschlossen. Sie habe über einen früheren Arbeitskolle-
gen ihres verstorbenen Vaters gefälschte Reisedokumente erhalten. Im
Übrigen machte die Beschwerdeführerin geltend, ihr Vater sei anfangs der
Revolution, als sie noch ein kleines Kind gewesen sei, hingerichtet worden.
Deshalb sei sie in der Schule immer wieder aus der Klasse herausgeholt
und behelligt worden. Sie habe unter ständiger Angst gelebt. Mögliche Hei-
ratsbewerber hätten sich wegen der Hinrichtung ihres Vaters jeweils von
ihr abgewendet.
Für den Inhalt der weiteren Aussagen wird auf die Akten verwiesen.
Die Beschwerdeführerin reichte im Verlauf des vorinstanzlichen Verfahrens
verschiedene Beweismittel (Karte Melli im Original und Shenasname in Ko-
pie; medizinische Informationen), eine Korrektur der Personalienaufnahme
sowie Kopien der Shenasnameh ihrer Eltern ein.
B.
Mit Verfügung vom 11. Juli 2019 stellte das SEM fest, die Beschwerdefüh-
rerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab.
Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den
Vollzug an. Es begründete seine Verfügung im Wesentlichen damit, die
Vorbringen der Beschwerdeführerin würden den Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit nicht standhalten.
C.
Mit Eingabe vom 14. August 2019 erhob die Beschwerdeführerin beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und die Gewährung von Asyl, eventualiter die
Feststellung der Unzulässigkeit beziehungsweise der Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs sowie die Anordnung der vorläufigen Aufnahme,
subeventualiter die Rückweisung an die Vorinstanz zwecks Neubeurtei-
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lung. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der un-
entgeltlichen Rechtspflege inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses und Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes ihrer
Wahl.
Gleichzeitig reichte sie ärztliche Berichte der psychiatrischen Dienste der
(...) Spitäler vom (...) 2019 und von Dr. med. G._ vom (...) 2019
ein. In diesen wurden bei der Beschwerdeführerin eine depressive Episode
mittelgradig mit somatischem Syndrom und eine PTBS sowie weitere ge-
sundheitliche Beschwerden diagnostiziert. Sie erhielt das Medikament
Remeron. Es wurden weitere Gespräche, Untersuchungen und Abklärun-
gen in Aussicht gestellt.
Zudem wurde eine Bestätigung von Human Rights & Democracy for Iran
eingereicht, gemäss welcher der Vater der Beschwerdeführerin am (...)
1980 hingerichtet worden sei.
D.
Am 16. August 2019 reichte die Beschwerdeführerin eine Fürsorgebestäti-
gung vom 12. August 2019 mit Beilage (Auslagen für Krankenkassenprä-
mie) zu den Akten.
E.
Mit Verfügung vom 27. August 2019 hiess die Instruktionsrichterin die Ge-
suche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, um Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses und um amtliche Rechtsverbei-
ständung gut. Gleichzeitig forderte sie die Beschwerdeführerin dazu auf,
dem Gericht einen Rechtsvertreter oder eine Rechtsvertreterin zu nennen,
der oder die als amtlicher Beistand eingesetzt werden soll, und eine ent-
sprechende Vollmacht einzureichen. Zudem habe die Beschwerdeführerin
eine Entbindungserklärung sowie weitere Berichte über ihren Gesundheits-
zustand zu den Akten zu reichen.
F.
Am 2. September 2019 wurde eine Entbindungserklärung der Beschwer-
deführerin, in welcher sie die behandelnden Ärzte von der ärztlichen
Schweigepflicht entband, eingereicht.
G.
Mit Eingabe vom 11. September 2019 wurde eine Vollmacht der von der
Beschwerdeführerin bevollmächtigten Rechtsvertreterin eingereicht und
um Einsetzung derselben als amtliche Rechtsbeiständin ersucht.
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H.
Mit Verfügung vom 19. September 2019 ordnete die Instruktionsrichterin
der Beschwerdeführerin MLaw Sophia Delgado als amtliche Rechtsbei-
ständin bei.
I.
Mit Eingabe vom 19. September 2019 wurden ein ärztlicher Bericht der
H._ , vom (...) 2019, und eine Terminbestätigung für zwei Untersu-
chungen in der H._ , für den (...) 2019, eingereicht.
Dabei wurde der Beschwerdeführerin eine tumorverdächtige Läsion im Be-
reich des Zervikalmarks ZWK 3 mit langstreckiger Syringomyelie sowie
Diskusprotrusionen HWK 5/6 und 6/7 attestiert.
J.
Am 24. September 2019 wurde eine Kopie der bereits eingereichten Ent-
bindungserklärung von der ärztlichen Schweigepflicht eingereicht.
K.
Mit Eingabe vom 5. November 2019 wurden weitere ärztliche Unterlagen
der I._ (Befund des MRI und ärztliche Berichte vom [...] 2019 und
[...] 2019 sowie ein Sprechstundenaufgebot vom [...] für den [...] 2019),
eingereicht. Dabei wurden der Beschwerdeführerin eine entzündliche Lä-
sion im Bereich des Zervikalmarks in Höhe Densspitze und HWK 3, ein
erweiterter Canalis centralis und eine C7-Radikulopathie rechts bei Fora-
menstenose HWK 6/7 diagnostiziert. Weiter wurde ausgeführt, es würden
multiple Marklagerläsionen supratentoriell und der Verdacht auf eine infra-
tentorielle Läsion, jeweils ohne Aktivitätszeichen vorliegen. Diese Läsionen
seien nicht, wie zuvor erwähnt, am ehesten tumorös sondern entzündlich
bedingt (vgl. Bst. I oben).
Gleichzeitig wurde ein aktualisierter ärztlicher Bericht von Dr. med.
J._ , bei der die Beschwerdeführerin in psychiatrischer Behandlung
sei, in Aussicht gestellt.
L.
Mit Verfügung vom 21. Januar 2021 forderte die Instruktionsrichterin die
Beschwerdeführerin zur Aktualisierung ihrer Arzt- und Therapieberichte
auf. Gleichzeitig erhielt diese Gelegenheit, eine Stellungnahme einzu-
reichen sowie allfällige Ergänzungen zu machen.
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M.
Mit Eingabe vom 26. Februar 2021 wurden nebst den bereits früher einge-
reichten ärztlichen Unterlagen der H._ , vom (...) 2019 (Befund des
MRI und ärztlicher Bericht), zwei weitere ärztliche Berichte der H._
, vom (...) 2020 und (...) 2020, eingereicht. Dabei wurden die Diagnosen
Radiologisch isoliertes Syndrom, ED 01/20 (Okuda-Kriterien erfüllt) und
eine C7 Radikulopathie rechts bei neuroforaminaler Stenose (Therapie:
konservativ) diagnostiziert respektive bestätigt.
Ferner wurde auf ein in der Schweiz hängiges Strafverfahren hingewiesen,
in dem die Beschwerdeführerin als Opfer wegen sexueller Nötigung betrof-
fen sei.
N.
Mit Eingabe vom 24. März 2021 wurden weitere ärztliche Unterlagen (Be-
richt von Dr. med. K._ , vom [...] 2021, Bericht des D._ vom
[...] 2020 und Therapiebericht von L._ , Psychologin, vom [...]
2021) zu den Akten gereicht. Nebst den bereits gestellten Diagnosen
wurde eine Vitamin-D-Unterversorgung und Acne festgestellt. Im Therapie-
bericht ging es um die Beurteilung einer Kostengutsprache durch die kan-
tonale Opferhilfebehörde.
O.
Am 8. April 2021 reichte die Rechtsbeiständin eine Kostennote für ihre Auf-
wendungen und Auslagen ein.
P.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 6. Mai 2021 die
Abweisung der Beschwerde.
Q.
Die Beschwerdeführerin nahm dazu in ihrer Replik vom 10. Juni 2021 Stel-
lung.
R.
Mit Eingabe vom 18. Juni 2021 wurde ein ärztlicher Bericht der psychiatri-
schen Dienste der (...) Spitäler vom (...) 2021 eingereicht. Darin wurden
die aktenkundigen (psychiatrischen) Diagnosen der Beschwerdeführerin
erwähnt. Aktuell sei sie in der Opferhilfe in ambulanter Behandlung und
erhalte das Medikament Sertralin.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Intergrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom-
men worden. Das Gericht verwendet nachfolgend die neue Gesetzesbe-
zeichnung.
1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
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richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (...) (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
3.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1 sowie BVGE 2013/11 E. 5.1).
4.
4.1 Die Vorinstanz bezeichnete die Vorbringen der Beschwerdeführerin,
wonach sie von Basij-Angehörigen mehrere Monate in einem Haus festge-
halten und vergewaltigt worden sei und von ihrer Hymenrekonstruktion ein
Video existiere, mit dem sie erpresst worden sei und wegen dem ihr Bruder
sie umbringen wolle, als unglaubhaft. Sie begründete dies damit, die frei
geschilderten Aussagen der Beschwerdeführerin zu den verschiedenen Er-
eignissen wie ihre Teilnahme an der Demonstration, ihre Verhaftung und
Festhaltung sowie das erneute Zusammentreffen mit dem E._ wür-
den nicht die Qualität aufweisen, welche zu erwarten wäre, wenn sie sol-
ches erlebt hätte. Es sei ihr trotz mehrfacher Nachfragen nicht gelungen,
die Situation der Demonstration aus dem Jahre 2009 und die dabei erfolgte
Verhaftung durch die Basij-Angehörigen detailliert zu schildern. Die dies-
bezüglichen Aussagen sowie diejenigen zur fünfmonatigen Festhaltung
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Seite 9
durch Basij-Angehörige seien substanzarm, stereotyp und ohne Realkenn-
zeichen ausgefallen. Weiter habe sie zu den anderen Personen, die sich
im Haus aufgehalten hätten, widersprüchliche Angaben gemacht, die sie
nicht überzeugend hätte erklären können. Auch habe sie zum Video, das
von ihr aufgenommen worden sein soll, widersprüchliche Angaben ge-
macht. Einmal habe sie von einem deutlichen Erkennen ihres Muttermals
gesprochen, später nur vom Erkennen ihres Kopfs respektive ihrer Stimme.
Dies habe sie nicht zu erklären vermocht. Ferner seien ihre Schilderungen
zu der sechs Jahre anhaltenden erzwungenen Beziehung zu F._
gehaltlos ausgefallen. Ihre Aussagen, wonach er sie ständig überwacht,
zum Geschlechtsverkehr gezwungen, geschlagen und mit dem Video von
ihr erpresst habe, seien stereotyp ausgefallen und würden keinerlei per-
sönliche Note aufweisen. Auch habe sie nicht plausibel erklären können,
wie sie die erzwungene Beziehung zu F._ über fünf Jahre lang vor
ihrem Bruder, der sie ständig kontrolliert habe, habe verstecken können.
Zudem seien ihre Angaben zur diesbezüglichen jeweiligen Dauer ihrer Ab-
wesenheit widersprüchlich ausgefallen. Ihr Erklärungsversuch dazu sei
eine Schutzbehauptung. Im Weiteren seien die Angaben zur angeblich neu
aufgetretenen Verfolgung durch den E._ im Juni 2018 substanzarm
und ohne Realkennzeichen. Ihre Angaben auf Nachfragen seien auswei-
chend. Ihre Aussage, der E._ sei nach ihrer Ausreise zu ihr nach
Hause gegangen und habe sich nach ihr erkundigt, wirke konstruiert. Sie
habe nicht erklären können, woher sie dies gewusst habe. Die Vorinstanz
hielt weiter fest, aufgrund der nicht glaubhaft gemachten mehrmonatigen
Verschleppung würden auch grosse Zweifel an dem von ihr dargestellten
Verhältnis zu ihrem Bruder und ihrer Mutter bestehen. So sollen die Behel-
ligungen durch ihren Bruder erst mit der längeren Abwesenheit im Jahre
2009 begonnen haben. Zudem seien ihre Angaben zur Mitteilung durch ih-
ren Bruder an ihre Mutter und deren Reaktion unklar und widersprüchlich
ausgefallen. Einerseits habe sie angegeben, ihre Mutter würde mit ihr we-
gen des Videos nicht mehr sprechen. Zuvor habe sie angegeben, ihre Mut-
ter wisse nichts über den Inhalt des Videos. Schliesslich habe sie auch
hinsichtlich ihrer Ausreise (Finanzierung durch ihre Mutter, Ausstellung ih-
res angeblich gefälschten Reisepasses und eines griechischen Visums so-
wie ihre beruflichen und finanziellen Verhältnisse) unglaubhafte Angaben
gemacht.
4.2 Die Beschwerdeführerin macht in ihrer Rechtsmitteleingabe demge-
genüber geltend, sie könne aufgrund der Erlebnisse im Heimatland, die sie
psychisch und physisch beeinträchtigt hätten, das Erlebte nicht völlig wi-
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derspruchsfrei und nachvollziehbar wiedergeben. Sie sei kurz vor der An-
hörung vom 9. April 2019 nach einem 21-tägigen Aufenthalt aus dem Spital
entlassen worden und wegen der Medikamente verwirrt und unkonzentriert
gewesen. Ihre schlechte Verfassung sei auch von der Hilfswerksvertreterin
wahrgenommen und schriftlich vermerkt worden. Zwar habe sie der Fort-
setzung der Anhörung zugestimmt. Aufgrund ihrer damaligen Verfassung
habe sie weder nachvollziehbare Aussagen machen noch vernünftige Ent-
scheidungen treffen können. Sie habe kein gutes Zeitgefühl gehabt. Es sei
bei ihr eine depressive Episode sowie eine Posttraumatische Belastungs-
störung (PTBS) diagnostiziert worden, weshalb sie weitere psychiatrische
Behandlungen dringend benötige. Entgegen der von der Vorinstanz geäus-
serten Ansicht habe sie zu den Umständen der Demonstration im Jahre
2009 und zur fünfmonatigen Gefangennahme – trotz ihres psychischen Zu-
standes und ihres fehlenden Zeitgefühls – mehrere Einzelheiten schildern
können. Weiter habe sie den von der Vorinstanz festgestellten Widerspruch
betreffend die anderen Mädchen im Haus, in welchem sie festgehalten
worden sei, auflösen können. Ferner könnten auch die von der Vorinstanz
festgestellten Widersprüche zum Inhalt des Videos, das von ihr gemacht
worden sei, erklärt werden. Hinsichtlich ihrer Angaben zu den Übergriffen
seitens F._ habe die Vorinstanz diese zu Unrecht als stereotyp be-
zeichnet. Diese hätten sich immer ähnlich abgespielt. Zudem habe sie den
erzwungenen Kontakt vor ihrem Bruder lange verbergen können, da dieser
im Glauben gewesen sei, dass sie ihre gemalten Sachen verkaufen gehe,
und sie ihn auch so gut wie möglich gemieden habe. Ihre ungefähren Zeit-
angaben zu den Abwesenheiten im Zusammenhang mit F._ hätten
sich auf den Weg bezogen, den sie jeweils zu ihm habe aufwenden müs-
sen. Was die von ihr vorgebrachte zweite Verfolgung von E._ im
Juni 2018 betreffe, habe sie grosse Angst vor Vergewaltigung und Gefan-
genschaft gehabt und sich bedroht gefühlt, da sie die grausamen Erleb-
nisse der Festnahme nicht verarbeitet habe. Aufgrund der Hinrichtung ihres
Vaters sei Angst vor der Polizei und ähnlichen Institutionen hinzugekom-
men. Im Übrigen habe ihr Bruder sie nicht erst nach ihrer fünfmonatigen
Festnahme zu behelligen begonnen. Er habe sie allgemein "strenger" be-
handelt und sie behelligt. Bezüglich der diesbezüglichen Angaben sei ihr
Gesundheitszustand zu berücksichtigen. Schliesslich vermute sie, dass
ihre Mutter vom Inhalt des Videos Kenntnis habe. Hinsichtlich ihres Reise-
passes habe es ein Missverständnis gegeben. Sie sei mit ihrem eigenen
Reisepass, den sie selber offiziell beantragt habe, ausgereist, während die
übrigen für den Visumsantrag benötigten Dokumente gefälscht gewesen
seien. Insgesamt habe sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten glaubhafte An-
gaben gemacht.
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4.3 In ihrer Eingabe vom 26. Februar 2021 teilte die Beschwerdeführerin
mit, dass sie als Opfer an einem Strafanzeigeverfahren wegen sexueller
Nötigung beteiligt sei. Dem am (...) 2021 eingereichten Therapiebericht
der Therapeutin vom (...) 2021 an das Amt für soziale Sicherheit des Kan-
tons C._ , Opferhilfe (Gesuchsformular an die Opferhilfebehörde
um Kostenbeiträge für Psychotherapie), ist zu entnehmen, dass die Be-
schwerdeführerin eine Anzeige wegen eines auf sie am (...) 2020 began-
genen sexuellen Übergriffs (sexuelle Nötigung) erhoben habe. Die Be-
schwerdeführerin befürchte, dass der Beschuldigte – ein Afghane – durch
seinen Anwalt von ihrem Asylgesuch erfahren habe, habe dieser doch im
Rahmen dieses Strafverfahrens Einsicht in die Asylverfahrensakten erhal-
ten, und ihre Familie im Iran über dessen Inhalt informiere. Die Aushändi-
gung dieser Informationen sei für sie retraumatisierend gewesen.
4.4 Die Vorinstanz hielt in ihrer Vernehmlassung vom 6. Mai 2021 an ihrem
Standpunkt fest. Dabei äusserte sie sich im Wesentlichen zur Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs und den diesbezüglich eingereichten ärztlichen
Berichten (vgl. E. 7.4.3).
4.5 Die Beschwerdeführerin wies in ihrer Replik vom 10. Juni 2021 darauf
hin, ihre psychischen Beschwerden seien auf die Erlebnisse im Iran und
die zuletzt erfahrene sexuelle Nötigung zurückzuführen. In diesem Zusam-
menhang seien weitere Therapiesitzungen geplant.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass die Vorinstanz das Asylgesuch der Beschwerdeführerin zu
Recht abgelehnt hat. Die Vorinstanz ist in ihren Erwägungen zur zutreffen-
den Erkenntnis gelangt, dass die Verfolgungsvorbringen der Beschwerde-
führerin den Anforderungen an die Glaubhaftmachung nicht genügen. Auf
die Erwägungen der vorinstanzlichen Verfügung und auf deren Wieder-
gabe unter E. 4.1 kann zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen
werden. Die Ausführungen auf Beschwerdeebene sind nicht geeignet, zu
einer anderen Schlussfolgerung zu führen.
Der Vorinstanz ist zunächst darin zu folgen, dass die Schilderungen der
Beschwerdeführerin zu den Ereignissen im Jahre 2009 (ihre Teilnahme an
der Demonstration und die dabei erfolgte Mitnahme und Festhaltung durch
Basij-Angehörige während fünf Monaten) unsubstanziiert und teilweise wi-
dersprüchlich ausgefallen sind. Insbesondere vermochte die Beschwerde-
führerin den von der Vorinstanz festgestellten Widerspruch hinsichtlich der
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Seite 12
Personen, die sich im Haus, in welchem sie während fünf Monaten festge-
halten worden sein will, aufgehalten hätten, nicht aufzulösen. Ihr Erklä-
rungsversuch zu diesen Unstimmigkeiten – eine psychische und physische
Beeinträchtigung sowie ein 21-tägiger Spitalaufenthalt und die Einnahme
von Medikamenten kurz vor der Anhörung vom 9. April 2019 –, weshalb sie
daran gehindert gewesen sei, das Erlebte widerspruchsfrei und nachvoll-
ziehbar zu schildern, überzeugt nicht. Zwar kann den Akten entnommen
werden, dass die Beschwerdeführerin im Spital gewesen ist (vgl. Akten
[102 9397] A33 F7 f. und A43 F5). Die Hospitalisierung ist jedoch nicht vor
der Anhörung vom 9. April 2019, sondern vor derjenigen vom 15. Januar
2019 gewesen (vgl. A37: Aufenthalt in der PUK vom [...] 2018 bis [...]
2019). Bei der Anhörung vom 15. Januar 2019 hat sie denn aber auf die
Frage, wie es ihr gehe, mit "gut" geantwortet. Zudem stand die Hospitali-
sation offenbar im Zusammenhang mit Hautproblemen im Gesicht (vgl. A33
F6 ff.). Die bei der Anhörung vom 9. April 2019 anwesende Rechtsvertre-
terin machte auch keine Bemerkungen dazu, dass die Beschwerdeführerin
aus gesundheitlichen Gründen – weder anlässlich der Anhörung vom
15. Januar noch jener vom 9. April 2019 – nicht in der Lage gewesen wäre,
ihre Erlebnisse frei zu schildern. Ferner erhielt sie (die Rechtsvertreterin)
am 15. Januar 2019 wiederholt Gelegenheit, ergänzende Fragen zu stellen
(vgl. A33 F10, F14, F28 ff., F107 f., F139 ff., F153 ff., F169, F174). Dage-
gen betrifft der Hinweis der Beschwerdeführerin, wegen der im Anschluss
an den Spitalaufenthalt eingenommene Medikamente verwirrt und unkon-
zentriert gewesen zu sein, wobei auch die Hilfswerksvertreterin auf ihre
schlechte psychische Verfassung hingewiesen habe, die Anhörung vom
9. April 2019. Auch das SEM merkte am Ende des Protokolls an, dass sie
während der ganzen Anhörung immer wieder zu weinen angefangen, sich
beruhigt und wieder zu weinen angefangen habe. Dazu führte die Be-
schwerdeführerin aus, seit sie aus dem Spital entlassen worden sei, gehe
es ihr "nur so". Sie habe ständig Angst vor dem Iran und fühle Unruhe und
Panik in sich (vgl. A43 F4). Den Akten sind aber keine weiteren Spitalau-
fenthalte zu entnehmen, die nach dem erwähnten stattgefunden hätten.
Die Vorinstanz legte ihren Erwägungen überdies – bis auf die bei jener An-
hörung gemachten Aussagen zu ihrer Mutter – ihre Angaben anlässlich der
Anhörungen vom 7. November 2018 und 15. Januar 2019 zu Grunde, nicht
jene vom 9. April 2019. Daher können die von ihr zu Recht festgestellten
Unstimmigkeiten nicht mit den Auswirkungen der damaligen Hospitalisa-
tion von Ende 2018/Anfang 2019 erklärt werden. Überdies fällt bei der
Durchsicht der Anhörungsprotokolle vom 7. November 2018 und 15. Ja-
nuar 2019 auf, dass die Beschwerdeführerin ihre Fluchtgründe in freier Er-
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Seite 13
zählweise darstellen konnte (vgl. Akte A27 F94 ff.) und bis auf wenige Stel-
len, an denen sie weinte (vgl. Akte A33 F135, F148, F155, F157), nicht den
Eindruck hinterliess, dass sie aus psychischen Gründen nicht in der Lage
gewesen wäre, die ihr gestellten Fragen zu beantworten. Der Hinweis in
der Beschwerdeschrift, wonach die Beschwerdeführerin zu den Umstän-
den der Demonstration und zur fünfmonatigen Gefangennahme immerhin
ein paar Einzelheiten habe wiedergeben können, mag zwar zutreffend
sein. Indes handelt es sich dabei um einzelne unbedeutende Angaben (Ort
der Festnahme, Automarke, etc.), welche die ansonsten gewichtigen Un-
stimmigkeiten und Substanzarmut nicht zu erklären vermögen.
Weiter erscheinen die Erklärungsversuche, weshalb ihr Bruder lange nichts
von ihren häufigen Abwesenheiten mitbekommen habe, nicht plausibel, zu-
mal sie geltend gemacht hat, dieser habe ihr einen schlechten Lebenswan-
del unterstellt, sie kontrolliert und immer wieder und beim kleinsten Anlass
jeweils geschlagen (vgl. A33 F102, F115, F132, F146). Zudem soll ihr Bru-
der wegen ihrer längeren Abwesenheit/Festhaltung von 2009/2010, bei der
er davon ausgegangen sei, dass sie das Haus habe verlassen wollen, seit-
her strenger geworden sein und sie mehr behelligt haben (vgl. A27 F94),
was gegen ein Vertrauensverhältnis ihr gegenüber spricht. Schon deshalb
kann nicht geglaubt werden, der Bruder hätte darauf vertraut, dass die Be-
schwerdeführerin lediglich für das Verkaufen von Bildern unterwegs gewe-
sen sei. Vielmehr erscheint dies konstruiert. Zudem habe F._ sie
oftmals spontan und kurzfristig treffen wollen, was das Geheimhalten die-
ser regelmässigen Treffen vor ihrem Bruder zusätzlich erschwert hätte.
Ebenfalls überzeugt der in diesem Zusammenhang gemachte Einwand der
Beschwerdeführerin, sich mit F._ jeweils nicht direkt vor dem Haus
getroffen zu haben, nicht, zumal dieses Vorgehen keine besondere Sicher-
heitsvorkehrung darstellt und sie auch sonst keine solchen getroffen zu ha-
ben scheint. Was die Dauer ihrer diesbezüglichen Abwesenheiten betrifft,
vermag die Beschwerdeführerin den diesbezüglich festgestellten Wider-
spruch auch nicht damit aufzulösen, es habe sich dabei um ungefähre An-
gaben gehandelt, welche sich auf den Weg bezogen hätten. So gab sie
doch anlässlich der Anhörung auf die Frage, wie sie die regelmässigen Ab-
wesenheiten über rund fünf Jahre vor ihrer Familie habe verbergen kön-
nen, an, sie sei jeweils 30 bis 60 Minuten weggewesen (vgl. A33 F111 ff.),
was den Weg somit miteinschliesst.
Im Weiteren vermögen auch die Erklärungsversuche der Beschwerdefüh-
rerin zu den von der Vorinstanz festgestellten Widersprüchen bezüglich
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Seite 14
des Inhalts des Videos (das Erkennen ihres Muttermals/ihres Kopfs res-
pektive ihrer Stimme sowie das Beschreiben des Videos durch F._),
das von ihrer Hymenrekonstruktion aufgenommen worden sein soll, nicht
zu überzeugen. So hat sie anlässlich der Anhörung vom 15. Januar 2019
klar ausgesagt, dass sie selber das Video gesehen und "sogar ein Mutter-
mal auf meinem Knie dort erkannt" habe (vgl. Akte A33 F50 f.).
Ferner hat die Vorinstanz die Angaben der Beschwerdeführerin, im (...)
2018 von E._ erneut verfolgt worden zu sein, zu Recht als sub-
stanzarm und ohne Realkennzeichen erkannt. Der diesbezügliche Ein-
wand der Beschwerdeführerin, aufgrund ihrer Erlebnisse anlässlich ihrer
Festnahme von 2009 Angst vor einer erneuten Vergewaltigung und Gefan-
gennahme gehabt zu haben, basiert zudem auf Erlebnissen, die als un-
glaubhaft erachtet worden sind. Für eine von E._ ausgehende Ver-
folgungsgefahr fehlen entsprechende konkrete und objektive Anhalts-
punkte. Schliesslich hat die Vorinstanz die Angaben der Beschwerdeführe-
rin zu ihrer Ausreise (Finanzierung, Datum der Reisepass-Ausstellung) zu
Recht als unglaubhaft erachtet.
Selbst wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Beschwerdefüh-
rerin in ihrem Heimatland wegen der – einige Jahre zurückliegenden – Hin-
richtung ihres Vaters gewissen Benachteiligungen ausgesetzt gewesen
sein könnte (Heiratswillige hätten sich deswegen von ihr abgewendet),
handelt es sich dabei um keine solchen, die ihr ein Leben in ihrem Heimat-
staat verunmöglicht hätten. Auch ist nicht auszuschliessen, dass sie sexu-
ell misshandelt worden ist. Indes sind die Umstände, wie erläutert, nicht
glaubhaft vorgetragen worden.
5.2 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin
keine Verfolgung oder begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG nachweisen oder glaubhaft machen konnte und
deshalb nicht als Flüchtling anerkannt werden kann. Das SEM hat ihr Asyl-
gesuch somit zu Recht abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
E-4108/2019
Seite 15
6.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2
7.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
7.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der
Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
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Seite 16
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in
den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmäs-
sig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Dies ist ihr unter Hinweis auf die vorangehenden Erwägungen
im Asylpunkt nicht gelungen. Auch die allgemeine Menschenrechtssitua-
tion im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt
nicht als unzulässig erscheinen. Zudem kann bei den gesundheitlichen
Problemen der Beschwerdeführerin nicht von einem derart gravierenden
Krankheitsbild ausgegangen werden, welches einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien
vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180-193 m.w.H.).
7.2.3 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
7.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug der Wegweisung für Aus-
länderinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder
Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemei-
ner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Art. 83
Abs. 4 AIG findet insbesondere Anwendung auf Personen, die nach ihrer
Rückkehr einer konkreten Gefahr ausgesetzt wären, weil sie aus objektiver
Sicht wegen der vorherrschenden Verhältnisse mit grosser Wahrschein-
lichkeit in völlige und andauernde Armut gestossen würden, dem Hunger
und somit einer ernsthaften Verschlechterung ihres Gesundheitszustan-
des, der Invalidität oder sogar dem Tod ausgeliefert wären (BVGE 2014/26
E. 7.5, 2011/24 E. 11.1 m.w.H.). Aus medizinischen Gründen kann nur
dann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs geschlossen werden,
wenn eine notwendige Behandlung im Heimatland nicht zur Verfügung
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steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beein-
trächtigung des Gesundheitszustandes der betroffenen Person führt. Da-
bei wird diejenige allgemeine und dringende medizinische Behandlung als
relevant erachtet, die zur Gewährleistung einer menschenwürdigen Exis-
tenz absolut notwendig ist. Unzumutbarkeit liegt jedenfalls dann nicht vor,
wenn im Heimat- oder Herkunftsstaat nicht eine dem schweizerischen
Standard entsprechende medizinische Behandlung möglich ist. Wenn die
notwendige Behandlung im Heimat- oder Herkunftsstaat sichergestellt ist,
so ist der Vollzug der Wegweisung als zumutbar zu beurteilen (vgl. BVGE
2009/2 E. 9.3.2 und 2011/50 E. 8.3). Wird eine konkrete Gefährdung fest-
gestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren.
7.3.1 Die Vorinstanz weist in der angefochtenen Verfügung darauf hin, die
Untersuchungspflicht der Behörden finde nach Treu und Glauben ihre
Grenzen an der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person, die auch die
Substanziierungspflicht trage. Es sei nicht Sache der Asylbehörden, bei
fehlenden Hinweisen seitens der asylsuchenden Person nach etwaigen
Wegweisungshindernissen zu forschen. Die Beschwerdeführerin habe die
Asylbehörden über die Beziehung zu ihren engsten Familienangehörigen
und über ihre beruflichen und finanziellen Verhältnisse getäuscht. Sie habe
die Folgen ihrer unglaubhaften Angaben zu tragen, indem vermutungs-
weise davon auszugehen sei, es stünden einer Wegweisung an ihren bis-
herigen Aufenthaltsort keine Vollzugshindernisse entgegen. Auch aus ge-
sundheitlicher Sicht spreche nichts gegen eine Wegweisung in den Iran.
Ihre psychiatrischen Probleme und Akne seien im Iran behandelbar.
7.3.2 Demgegenüber macht die Beschwerdeführerin geltend, ihre Familie
und ihr Bruder hätten sie verstossen, da sie ihre Ehre verletzt habe. Sie
habe grosse Angst vor ihrem Bruder, der sie oft geschlagen und mit dem
Tod bedroht habe. Zudem würden ihre psychische Verfassung und die feh-
lenden finanziellen Möglichkeiten (fehlende Einnahmemöglichkeiten und
Unterstützung ihrer Familie) gegen eine Rückkehr in den Iran sprechen. Im
Laufe des Beschwerdeverfahrens wurden zudem verschiedene ärztliche
Berichte eingereicht, in denen die sie behandelnden Ärztinnen und Ärzte
der I._ sowie Therapeutinnen und Therapeuten verschiedene Di-
agnosen gestellt haben (vgl. Sachverhalt C ff.; Beschwerdeakten Nrn. 1, 8,
10, 14, 15). Dabei wurden ihr verschiedene Medikamente (Magentabletten,
Schlaftabletten, Schmerztabletten, Remeron) verordnet.
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Seite 18
7.3.3 Die Vorinstanz führt in ihrer Vernehmlassung dazu aus, hinsichtlich
der bei der Beschwerdeführerin diagnostizierten gesundheitlichen Be-
schwerden (Neuroforamenstenose [Einengung Nervenkanal], Oesteo-
chondrose [degenerative Veränderung der Wirbelsäule], Diskusprotusion
[Bandscheibenvorfall], Sxringomyelie und Dyslipidämie [Fettstoffwechsel-
störung]) sei aktuell in der Schweiz keine Behandlung vorgesehen. Die
psychiatrische Diagnose sei aufgrund des Fehlens eines psychiatrischen
Berichts unklar. Der eingereichte Bericht sei nicht von einem Arzt erstellt
worden. Zudem würde in verschiedenen Urteilen des Bundesverwaltungs-
gerichts das Vorhandensein von medizinischer und psychotherapeutischer
Behandlung im Iran bestätigt. Aus diesen Gründen würden die gesundheit-
lichen Probleme der Beschwerdeführerin kein Wegweisungsvollzugshin-
dernis darstellen.
7.3.4 In der Replik wird dazu eingewendet, die psychiatrische Diagnose –
eine Anpassungsstörung sowie eine Folgestörung einer PTBS und eine
depressive Störung – sei von einer eidgenössisch anerkannten Psychothe-
rapeutin gestellt worden. Die Beschwerdeführerin befinde sich aufgrund ih-
rer Erlebnisse im Iran weiterhin in einem äusserst schlechten psychischen
Gesundheitszustand. Deshalb seien weitere Sitzungen bei Dr. L._
(Psychologin) geplant. Im Falle einer Wegweisung sei mit einer Ver-
schlechterung beziehungsweise einer Retraumatisierung zu rechnen. Im
Übrigen habe die Beschwerdeführerin einen neuen Kontrolltermin für ein
MRI am 22. Juni 2021, dessen Ergebnisse für die weitere Behandlung
massgebend seien. Schliesslich stütze sich die Vorinstanz bei der Frage
der Behandelbarkeit der medizinisch und psychotherapeutisch angezeig-
ten Behandlungsnotwendigkeiten im Iran auf eine veraltete Rechtspre-
chung. Die Corona-Pandemie sowie das geltende Embargo gegen den
Iran würden sich auf die medizinische Versorgung auswirken. Die diesbe-
zügliche Sachverhaltsabklärung der Vorinstanz erscheine ungenügend.
In dem am 18. Juni 2021 eingereichten ärztlichen Bericht der Psychiatri-
schen Dienste der (...) Spitäler vom 11. Juni 2011 wurden die bei der Be-
schwerdeführerin früher diagnostizierten Beschwerden bestätigt. Akten-
anamnestisch sei eine depressive Episode mittelgradig mit somatischem
Syndrom, "am ehesten" PTBS aufgrund erlittener Traumen ("nicht berich-
tet"), Ermordung ihres Vaters, erhebliche körperliche Gewalt durch den
Bruder, Diskriminierung ("konnte nicht studieren, ...") vorhanden. Seit Juli
2019 sei sie in ambulanter psychiatrischer Behandlung. Am (...) 2021 habe
in der Notfall- und Krisenambulanz M._ eine Sitzung stattgefunden.
Aktuell sei sie in der Opferhilfe in ambulanter Behandlung und erhalte das
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Medikament Sertralin 50 mg 1-0-0-0. Weiter wird darauf hingewiesen, dass
die zuständige Behördenstelle weitere 30 Sitzungen Psychotherapie bei
Dr. L._ gutgesprochen hat.
7.3.5 Vorab ist festzustellen, dass die im Iran herrschende allgemeine Lage
sich nicht durch eine Situation allgemeiner Gewalt auszeichnet, obwohl die
Staatsordnung als totalitär zu bezeichnen ist und die allgemeine Situation
in verschiedener Hinsicht problematisch sein kann. Selbst unter Berück-
sichtigung dieser Umstände wird der Vollzug von Wegweisungen in den
Iran nach konstanter Praxis als grundsätzlich zumutbar erachtet (vgl. u.a.
Urteile des BVGer E-5071/2018 vom 24. Oktober 2018 E. 11.3.1 sowie
E-623/2018 vom 28. Juni 2018 E. 8.3).
7.3.6 Ferner hat die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung zutreffend
ausgeführt, dass angesichts der unglaubhaften Aussagen der Beschwer-
deführerin in Bezug auf ihre Beziehung zu ihren engsten Familienangehö-
rigen und ihre finanziellen Verhältnisse davon auszugehen ist, dass einer
Wegweisung an ihren bisherigen Aufenthaltsort keine Vollzugshindernisse
entgegenstehen. Die diesbezüglichen Einwendungen auf Beschwerde-
ebene – ihr Verhältnis zum Bruder sowie der Umstand, dass ihre Mutter sie
abweise und ihr vorwerfe, (wegen des Videos) ihr Ansehen und ihre Ehre
verletzt zu haben – vermögen angesichts der als unglaubhaft erachteten
Vorbringen im Asylpunkt zu keiner anderen Beurteilung zu führen. Die Be-
schwerdeführerin verfügt eigenen Angaben zufolge über ein Abitur, einen
Abschluss als Lehrerin und diverse Weiterbildungen. Weiter hat sie Berufs-
erfahrungen in der (...), Erfahrung im (...) und im (...), womit sie sich den
Lebensunterhalt verdient habe. Aufgrund der erwähnten fehlenden Glaub-
haftigkeit ihrer Aussagen im Asylpunkt ist zudem davon auszugehen, dass
sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder, der nach seiner Scheidung ins El-
ternhaus zurückgekehrt sei, zwei verheirateten Schwestern sowie mehre-
ren Onkeln und Tanten auf ein grosses familiäres Netz in Shiraz wird zu-
rückgreifen können, zumal sie insbesondere mit ihrer Mutter und ihrer
Schwester N._ weiterhin in Kontakt stehen will. Überdies machte
die Beschwerdeführerin geltend, bei der Organisation ihrer Ausreise von
einem ehemaligen Arbeitskollegen ihres Vaters unterstützt worden zu sein.
Für die Ausreise soll ihr ihre Mutter Geld von ihrem Erbe gegeben haben
(vgl. Akten A27 F6 ff.). Wenn auch nicht ausgeschlossen werden kann,
dass ihr Bruder sie kontrolliert, geschlagen und bedroht hat, steht es ihr
offen, sich diesen Benachteiligungen durch einen Wohnsitzwechsel zu ent-
ziehen. Die hiervor wähnten Faktoren (Ausbildung und Arbeitserfahrungen,
soziale und finanzielle Unterstützung sowie Beziehungsnetz) werden ihr
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Seite 20
nach einer Rückkehr in den Iran beim Aufbau einer wirtschaftlichen Exis-
tenz von Vorteil sein. Es steht ihr zudem offen, bei Bedarf ein Gesuch um
Rückkehrhilfe zu stellen.
7.3.7 Hinsichtlich der hievor erwähnten gesundheitlichen Beschwerden ge-
langt das Gericht zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin bei einer
Rückkehr in den Iran eine ädäquate, wenn auch nicht gleichwertige Be-
handlung wie in der Schweiz, wird beanspruchen können. Das Gesund-
heitssystem im Iran weist ein hohes Niveau auf (vgl. WHO, Health profile
2015, Islamic Republic of Iran, S. 21 ff., <http://applications.emro.who.int/
dsaf/EMROPUB_2016_EN_19265.pdf?ua=1&ua=1>, abgerufen am
11. August 2021). Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass die
Beschwerdeführerin im Iran eine genügende medizinische Behandlung er-
halten kann. Dies gilt sowohl für eine allfällige Weiterbehandlung der Prob-
leme im Bereich des Rückens als auch für eine Behandlung ihrer psychi-
schen Probleme. So arbeiten im Iran 1'800 Psychiater und es gibt über 200
psychiatrische Kliniken respektive psychiatrische Spitalabteilungen (Beh-
zad Damari et al., Transition of Mental Health to a More Responsible Ser-
vice in Iran, in: Iranian Journal of Psychiatry 2017 Vol. 12/1, S. 36 ff.). Es
kann deshalb damit gerechnet werden, dass die Beschwerdeführerin im
Iran zumindest eine elementare medizinische und psychotherapeutische
Behandlung erhalten kann. Bei einer weiterhin bestehenden depressiven
Symptomatik oder im Falle einer Verschlechterung derselben könnten ihre
psychischen Probleme somit auch im Heimatstaat behandelt werden. All-
fälligen spezifischen Bedürfnissen der Beschwerdeführerin – beispiels-
weise in Bezug auf die ihr in der Schweiz verordneten Medikamente –
könnte im Rahmen der medizinischen Rückkehrhilfe Rechnung getragen
werden (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG, Art. 75 der Asylverordnung 2 vom
11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]). Sie hat die Möglichkeit, sich in
nächster Zeit allenfalls mit Unterstützung der sie betreuenden Fachleute
auf eine Rückkehr in den Heimatstaat vorzubereiten. Einer nicht auszu-
schliessenden vorübergehenden Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
standes kann im Rahmen der Ausgestaltung der Vollzugsmodalitäten
Rechnung getragen werden, indem eine sorgfältige Vorbereitung erfolgt
und geeignete medizinische Massnahmen getroffen werden sowie eine
adäquate Betreuung (beispielsweise durch medizinisches Fachpersonal)
sichergestellt wird. Ohne die psychischen Leiden der Beschwerdeführerin
und allfällige weitere persönliche Schwierigkeiten bei einer Rückkehr zu
verkennen, ist aufgrund der Aktenlage nicht davon auszugehen, sie gerate
bei einer Rückkehr in den Iran aus individuellen Gründen wirtschaftlicher,
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sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine ihre Existenz gefährdende Si-
tuation, die als konkrete Gefährdung im Sinne der zu beachtenden Bestim-
mung zu werten wäre (Art. 83 Abs. 4 AIG). Aus diesem Grund sind in anti-
zipierender Beweiswürdigung weitere ärztliche Unterlagen (insbesondere
betreffend allfälliger Ergebnisse hinsichtlich des angegebenen Kontrollter-
mins für ein MRI vom 22. Juni 2021) auch nicht abzuwarten.
7.3.8 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
7.4 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
Diesbezüglich ist ergänzend festzuhalten, dass die aktuelle Lage im Zu-
sammenhang mit der Coronavirus-Pandemie (COVID-19) grundsätzlich
nicht geeignet ist, die Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Frage
zu stellen. Es handelt sich bei der Coronavirus-Pandemie allenfalls um ein
temporäres Vollzugshindernis. Es obliegt somit den kantonalen Behörden,
der Entwicklung der Situation bei der Wahl des Zeitpunkts des Vollzugs in
angemessener Weise Rechnung zu tragen (vgl. statt vieler: Urteil des
BVGer D-139/2020 vom 19. Juni 2020 E. 9.6 m.w.H.).
7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihr jedoch mit Verfü-
gung vom 27. August 2019 die unentgeltliche Prozessführung gewährt
wurde und seither keine Veränderung der finanziellen Lage ersichtlich ist,
ist auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten.
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9.2 Ebenfalls mit Verfügung vom 27. August 2019 wurde das Gesuch um
Gewährung der amtlichen Verbeiständung gutgeheissen (aArt. 110a Abs.
1 AsylG) und der Beschwerdeführerin wurde am 19. September 2019 So-
phia Delgado als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet. Der in der Kos-
tennote vom 8. April 2021 ausgewiesene Zeitaufwand von 285 Minuten (4
3⁄4 Stunden) erscheint zu hoch. Der Aufwand für die Einreichung der Fris-
terstreckungsgesuche und die Kostennote ist nicht zu entschädigen, womit
unter Berücksichtigung der weiteren Eingaben nach dem 8. April 2021 von
einem solchen von 4 1⁄2 Stunden auszugehen ist. Indessen sind die Spesen
in Höhe von Fr. 55.– als angemessen zu bezeichnen. Vorliegend geht das
Bundesverwaltungsgericht für nicht-anwaltliche Vertreter praxisgemäss
von einem Ansatz von höchstens Fr. 150.– aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10
Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Demzufolge ist der amtlichen Rechtsbeiständin bei einem Stundenansatz
von Fr. 150.– ein Honorar von insgesamt Fr. 730.– (inkl. Auslagen) auszu-
richten.
(Dispositiv nächste Seite)
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