Decision ID: 14b6088f-5bce-593d-9ca5-162d06e05766
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 18. Juni 2016 in der Schweiz um
Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 1. Juli 2016 und
der Anhörung vom 22. Dezember 2017 machte er im Wesentlichen Folgen-
des geltend:
Er stamme aus B._, Subzoba C._, Zoba D._. Die
Schule habe er im Jahr 2006 mit (...) Jahren in der (...) Klasse abgebro-
chen und fortan als Hirte und Viehzüchter mit eigenem Vieh gearbeitet. Er
habe sich zumeist in der Einöde aufgehalten, da die Soldaten im Ort stets
hinter ihm her gewesen seien. Im (...) 2010 habe er geheiratet. Am (...)
2013 sei er anlässlich einer Razzia mitgenommen und nach E._ zur
militärischen Ausbildung gebracht worden. Dort habe er auf Feldern der
Vorgesetzten arbeiten müssen und gelernt, wie man eine Waffe auseinan-
dernehme und wieder zusammensetze. Am Ende der Ausbildung habe er
auch geschossen (Anhörung) respektive sei er nicht an der Waffe ausge-
bildet worden (BzP). Nach der Ausbildung sei er als Wächter von Gefan-
genen eingesetzt worden.
An der BzP machte er geltend, nach einem Jahr und einem Monat Urlaub
beantrag zu haben, wobei man ihn um zwei Monate vertröstet habe. Nach
zwei Monaten sei er ohne ersichtlichen Grund (...) Monate lang inhaftiert
worden; am (...) August 2014 sei er aus der Haft entlassen worden. Nach-
dem er zwei Monate bei seiner Einheit geblieben sei, sei er ohne Erlaubnis
nach Hause gegangen und habe in der Folge zwei Monate bei der Familie
verbracht, ehe er im (...) 2014 festgenommen und inhaftiert worden sei. Im
(...) 2015 sei er freigelassen worden und man habe ihm die Erlaubnis er-
teilt, vier Wochen lang seine Familie zu besuchen. Im (...) 2015 sei er zu
seiner Einheit zurückgekehrt und nach vier Wochen im (...) 2015 wiederum
desertiert. In der Folge sei er vier Wochen bei seiner Frau beziehungs-
weise mit dem Vieh unterwegs gewesen. Seine Frau habe ihm später er-
zählt, dass sie seinetwegen im (...) 2015 inhaftiert worden sei. Sie sei erst
freigelassen worden, nachdem er sich gestellt habe. Er sei daraufhin für
weitere (...) Monate inhaftiert worden. Gleich nach seiner Freilassung sei
er im (...) 2015 ausgereist.
An der Anhörung machte er geltend, nach seiner Entlassung aus der Haft
im (...) 2014 nach einer Woche wiederum bis (...) 2014 inhaftiert worden
zu sein. Danach sei er nach Hause geschickt worden respektive sei er im
(...) 2015 unerlaubt nach Hause gegangen. Anlässlich seiner Entlassung
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habe man ihm nicht gesagt, was er falsch gemacht habe respektive habe
man ihm gesagt, dass er der Anführer eines Aufstandes gewesen sei, da
nach ihm zwei weitere Personen nach Urlaub gefragt hätten. Im (...) 2015
sei seine Frau mitsamt den Kindern inhaftiert worden, da er nicht zu seiner
Einheit zurückgekehrt sei. Dies habe ihm sein Vater nach einer Woche er-
zählt, da er zu diesem Zeitpunkt in der Einöde gewesen sei. Drei Wochen
später habe er sich gestellt, worauf er im (...) 2015 wiederum für (...) Mo-
nate inhaftiert worden sei. Am (...) 2015 sei er freigelassen worden und
zwei Tage später von dort geflohen, indem er vorgetäuscht habe, auf die
Toilette zu müssen. In der Folge habe er zunächst einen Monat bei seiner
Frau verbracht und sei danach bis zur Ausreise in der Einöde geblieben.
Er habe gewusst, dass er nach einem Monat gesucht würde. Im (...) 2015
sei er wie befürchtet einmal zuhause gesucht worden, danach habe sich
seine Frau bei ihrer Familie versteckt. Dort habe er sich am (...) 2015 auch
von ihr verabschiedet und gleichentags das Land verlassen.
Von B._ aus sei er via F._ und G._ illegal nach Äthi-
opien gegangen. Von dort sei er über den Sudan, Libyen und Italien in die
Schweiz gelangt.
Der Beschwerdeführer reichte die Taufscheine seiner Kinder und seiner
Frau, einen Eheschein sowie Fotos von seiner Hochzeit zu den Akten.
A.b Ein Instruktionsschreiben der Vorinstanz vom 29. August 2019 betref-
fend die aktuelle Situation seiner Familie in Eritrea beantwortete der Be-
schwerdeführer mit Schreiben vom 11. September 2019 und 25. Septem-
ber 2019. Darin führte er aus, dass sich seine Frau mit den Kindern gegen-
wärtig in einem Flüchtlingslager in Äthiopien befinde. Seine Geschwister
und Eltern lebten aktuell noch in Eritrea, wobei er nicht wisse, wie sie den
Lebensunterhalt bestreiten würden. Die Reisekosten von 4'500 US Dollar
habe sein Vater finanziert. Nach seiner Desertion habe er sein Vieh einfach
laufen lassen und nehme an, dass die Tiere vermutlich tot seien.
B.
Mit Verfügung vom 8. Oktober 2019 – eröffnet tags darauf – verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und lehnte sein
Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es seine Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete den Vollzug an. Auf die Begründung wird – soweit
wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
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C.
Mit Beschwerde vom 8. November 2019 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte der Beschwerdeführer die vollumfängliche Aufhebung der vo-
rinstanzlichen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und
die Gewährung von Asyl, eventualiter die Feststellung der Flüchtlingsei-
genschaft und die Anordnung der vorläufigen Aufnahme, subeventualiter
die Anweisung an die Vorinstanz, die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In
prozessualer Hinsicht beantragte er den Beizug der vorinstanzlichen Akten
betreffend H._, die Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung
unter Kostenvorschussverzicht sowie die Bestellung des rubrizierten
Rechtsvertreters als unentgeltlicher Rechtsbeistand. Auf die Begründung
wird – soweit wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegan-
gen.
D.
Mit Schreiben vom 14. November 2019 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht dem Beschwerdeführer den Eingang der Beschwerde.
E.
Mit Eingabe vom 20. Januar 2020 gelangte der Beschwerdeführer an das
Bundesverwaltungsgericht und reichte ergänzende Unterlagen ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül-
tig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
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(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung im Asylpunkt mit der Un-
glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 7
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AsylG aufgrund der unsubstantiiert geschilderten Flucht und der zahlrei-
chen Widersprüche, welche selbst bei Vernachlässigung der unterschied-
lichen Zeitangaben zu seinen Inhaftierungen nicht erklärt werden könnten.
An der BzP habe er gesagt, dass er im (...) 2015 für vier Wochen zu seiner
Familie habe gehen dürfen und danach im (...) zu seiner Einheit zurückge-
kehrt sei. Demgegenüber habe er an der Anhörung ausgesagt, im (...)
2015 von seiner Einheit geflohen zu sein und dass man ihn nicht nach
Hause geschickt habe. Auch habe er an der BzP gesagt, dass seine Frau
ihm später erzählt habe, dass sie im (...) 2015 seinetwegen inhaftiert wor-
den sei. An der Anhörung habe er hingegen gesagt, dass seine Frau im
(...) 2015 verhaftet worden sei, was er von seinem Vater erfahren habe. Im
Weiteren habe er gemäss der Anhörung im (...) 2015 einen Monat bei sei-
ner Frau und danach einen Monat in der Einöde verbracht, bevor er am
(...) 2015 ausgereist sei. An der BzP sagte er diesbezüglich aber, seine
Frau sei im (...) 2015 inhaftiert gewesen, weshalb er sich gestellt habe und
bis im (...) 2015 – also bis zu seiner Ausreise – inhaftiert worden sei. Dem-
nach habe er komplett unterschiedliche Aussagen über seinen Aufenthalt
in den letzten Monaten vor seiner Ausreise gemacht, welche unerklärt ge-
blieben seien. Im Übrigen seien seine Ausführungen zur Flucht aus dem
Militär im (...) 2015 auffallend knapp, oberflächlich und stereotyp ausgefal-
len. Vertiefende Fragen dazu habe er ausweichend beantwortet. Somit sei
nicht glaubhaft, dass er vor seiner Ausreise aus dem Militär desertiert sei.
Andere Anknüpfungspunkte, welche ihn in den Augen des eritreischen Re-
gimes als missliebige Person erscheinen lassen könnten, seien nicht er-
sichtlich, womit die geltend gemachte illegale Ausreise alleine keine Asyl-
relevanz zu entfalten vermöge.
5.2 Dem hielt der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitteleingabe zu-
nächst entgegen, dass die vom SEM angeführten Widersprüche letztlich
unwesentliche Details beträfen. Zunächst sei aufgrund der vergangenen
Zeit seit den geschilderten Ereignissen und seiner rudimentären Schulbil-
dung nur mit äusserster Vorsicht von Widersprüchen auszugehen. Sodann
entsprächen seine Aussagen anlässlich der BzP in den Grundzügen den-
jenigen der Anhörung. Er habe übereinstimmend den (...) 2013 als Datum
seiner Verhaftung und Verbringung nach E._ genannt. Ebenso
habe er identisch ausgeführt, in der (...) gedient, erstmals im (...) 2014
nach einem Jahr um Urlaub gefragt zu haben, mehrfach vertröstet und
schliesslich nach zwei Monaten verhaftet und bis (...) eingesperrt worden
zu sein. Ferner habe er übereinstimmend geschildert, dass er insgesamt
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drei Mal für jeweils (...) Monate in Haft gewesen sei sowie dass wegen
seiner Desertion einmal auch seine Frau verhaftet worden sei. Zum Wider-
spruch betreffend die Schilderung, im (...) 2015 die Erlaubnis bekommen
zu haben seine Familie zu besuchen respektive aus seiner Einheit geflo-
hen zu sein, führte er aus, dass dies aus seiner Sicht wohl auf ein Missver-
ständnis bei der Protokollierung anlässlich der BzP zurückzuführen sei. Im
Weiteren sei zumindest nicht grundsätzlich auszuschliessen, dass sowohl
seine Frau als auch sein Vater ihm von ihrer Verhaftung erzählt hätten, zu-
mal er bereits an der BzP ausgeführt habe, dass seine Frau ihm «später»
– also nach ihrer Verhaftung – davon erzählt habe, was noch nichts darüber
aussage, wie er im Zeitpunkt ihrer Inhaftierung davon erfahren habe – näm-
lich durch seinen Vater. Sonstige Widersprüche seien auf die gesamten
Umstände der Erstbefragung zurückzuführen. So habe der wenig gebildete
Beschwerdeführer eine lange und strapaziöse Flucht hinter sich gehabt,
weshalb er nicht gänzlich in der Lage gewesen sei, seine Geschichte ko-
härent wiederzugeben. Hinzu komme, dass er die Bedeutung der BzP ver-
mutlich einfach nicht richtig habe einordnen können.
Im Übrigen habe er Details zu seiner Desertion nennen können, was – un-
ter Berücksichtigung seines geringen Bildungsstands – auch darauf hin-
deute, dass er das Gesagte selbst erlebt habe. Auch Nachfragen habe er
weitgehend klar beantworten können. Die Zeit in E._ habe er aus-
führlich und nachvollziehbar geschildert. Der ebenfalls in der Schweiz le-
bende Eritreer H._, welcher im Jahr 2014 in E._ in Haft ge-
wesen sei, bestätige, dass der Beschwerdeführer im Jahr 2014 dort gewe-
sen sei. Auch habe er anschaulich geschildert, wie sich die Bedingungen
in Haft gestaltet hätten. Im Weiteren habe er seine Haftentlassungen, sein
Bemühen um eine Urlaubsbewilligung, seine Rekrutierung und die Ausbil-
dung lebensnah ausgeführt.
Seiner Auffassung zufolge habe er somit glaubhaft machen können, dass
er aus dem Nationaldienst desertiert sei. Nachdem sowohl er als auch
seine Frau (mehrmals) inhaftiert worden seien, habe er bei einer Rückkehr
mit asylrelevanten Nachteilen zu rechnen. Da er zudem bereits während
seiner Dienstzeit negativ aufgefallen und bestraft worden sei, lägen bei ihm
Anknüpfungspunkte vor, welche ihn im Zusammenhang mit seiner illegalen
Ausreise als missliebige Person erscheinen liessen. Damit sei er im Sinne
subjektiver Nachfluchtgründe als Flüchtling vorläufig aufzunehmen.
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6.
6.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie ge-
nügend substantiiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich
nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht
widersprüchlich sein, nicht der inneren Logik entbehren oder den Tatsa-
chen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Vorbringen sind sub-
stantiiert, wenn sie sich auf detaillierte, präzise und konkrete Schilderun-
gen stützen. Als schlüssig gelten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer An-
hörung, zwischen Anhörungen oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine
Widersprüche aufweisen. Allerdings sollten kleine, marginale Widersprü-
che sowie solche, die nicht die zentralen Asylvorbringen betreffen, zwar in
die Gesamtbetrachtung einfliessen, jedoch nicht die alleinige Begründung
für die Verneinung der Glaubhaftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die
gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbe-
sondere dann nicht der Fall ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt
oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen aus-
wechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt oder die nötige Mitwir-
kung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der
gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, welche für die
Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht.
Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2012/5
E. 2.2, BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.; ANNE KNEER und LINUS SONDEREG-
GER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asylverfahren – Ein Überblick über die
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, Asyl 2/2015 S. 5).
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten in
Übereinstimmung mit der Vorinstanz zum Schluss, dass es dem Beschwer-
deführer nicht gelungen ist, eine asylbeachtliche Verfolgung im Sinne von
Art. 7 AsylG glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat die Akten sorgfältig
geprüft und zu Recht festgestellt, dass die Ausführungen des Beschwerde-
führers in wesentlichen Punkten widersprüchlich und substanzarm ausge-
fallen sind. Das Gericht schliesst sich somit den obenstehenden, vor-
instanzlichen Ausführungen an (vgl. E. 5.1), welche weder in tatsächlicher
noch in rechtlicher Hinsicht zu beanstanden sind. Die Rechtsmitteleingabe
hält dem nichts Stichhaltiges entgegen und die Erklärungsversuche hin-
sichtlich der von der Vorinstanz festgestellten (mehrerer) Widersprüche
vermag das Gericht nicht zu überzeugen.
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6.3 Zunächst sind sämtliche, vom SEM in seiner Verfügung festgestellten
Widersprüche zu bestätigen.
6.3.1 Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb der Beschwerdeführer an der
BzP zunächst davon sprach, im (...) 2015 vier Wochen Urlaub bekommen
zu haben (vgl. A11, Ziff. 7.01), an der Anhörung jedoch ausführte, nach
Hause geflohen zu sein (vgl. A24, F174 f.) respektive dass es dort so was
wie Urlaub nicht gebe (vgl. A24, F89). Die in seiner Beschwerdeeingabe
vorgebrachten Erklärungsversuche, dass es sich wohl um ein Missver-
ständnis anlässlich der BzP handle, ist nicht überzeugend und als reine
Schutzbehauptung zu qualifizieren; dies zumal dem Beschwerdeführer das
Protokoll der BzP rückübersetzt wurde und er die Richtigkeit der Angaben
unterschriftlich bestätigte. Wäre es anlässlich der BzP tatsächlich zu einem
solch gewichtigen Missverständnis gekommen, wäre es ihm problemlos
möglich gewesen, dieses sogleich zu berichtigen. Zusätzlich ist darauf hin-
zuweisen, dass es diesbezüglich sogar innerhalb der Anhörung selbst zu
einem Widerspruch mit der oben erwähnten Sachverhaltsschilderung ge-
kommen ist. So gab der Beschwerdeführer an anderer Stelle an, dass sie
ihn nach der Haft im (...) 2015 nach Hause geschickt hätten (vgl. A24, F86
in offenem Widerspruch zu F174 f.).
6.3.2 Auch die Widersprüche betreffend den Zeitpunkt der Inhaftierung sei-
ner Frau und die Zeit kurz vor seiner Ausreise vermag er auf Beschwerde-
ebene nicht auszuräumen. Seine Erklärungsversuche beziehen sich ent-
sprechend bloss auf den Widerspruch, wer ihm von der Inhaftierung seiner
Frau berichtet habe; zu den Unterschieden in der Schilderung betreffend
den Zeitpunkt ihrer Inhaftierung ([...] [Anhörung, vgl. A24, F86 und F172]
respektive [...] [BzP, vgl. A11, Ziff. 7.01] 2015) und den Ablauf der Gescheh-
nisse vor seiner Ausreise (Verhaftung seiner Frau im (...) 2015 und darauf-
folgende Stellung bei den Behörden sowie anschliessender Haft bis zur
Ausreise im (...) 2015 [BzP, vgl. A11, Ziff. 7.01] respektive Rückkehr zu
seiner Einheit nach Verhaftung seiner Frau im (...) 2015, Haft bis (...) 2015,
erneute Flucht nach Hause zu seiner Frau, mit der einen Monat und da-
nach einen weiteren Monat bis zur Ausreise alleine in der Einöde verbracht
habe [Anhörung, vgl. A24, F86-94]) äussert er sich nicht.
6.3.3 Weiter blieb auch der Widerspruch betreffend die Geschehnisse im
Jahr 2014 ungeklärt. An der BzP erklärte der Beschwerdeführer, nach der
Entlassung aus der ersten Haft am (...) 2014 noch zwei Monate bei seiner
Einheit geblieben und danach ohne Erlaubnis nach Hause gegangen zu
sein. Nachdem er zwei Monate bei seiner Familie verbracht habe, seien
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sie im (...) 2014 gekommen und hätten ihn festgenommen (vgl. A11, Ziff.
7.01). An der Anhörung schilderte er diesen Sachverhalt gänzlich anders
und gab zu Protokoll, nach der ersten Haft nach einer Woche, welche er
bei der Einheit verbracht habe, wiederum für (...) Monate bis (...) 2014 in-
haftiert worden zu sein (vgl. A24, F165 ff.). Danach sei er noch (...) Monate
bei seiner Einheit geblieben, bevor er im (...) 2015 unerlaubt nach Hause
gegangen sei (vgl. A24, F172). Die angebliche Festnahme im (...) 2014
erwähnte er nicht mehr. Diesen Widerspruch konnte er auf Vorhalt nicht
erklären und hielt an der Version fest, welche er an der Anhörung erzählte
(vgl. A24, F286 f.).
6.3.4 Auch seine Erklärung auf die Frage, weshalb er sich einfach einen
Monat bei seiner Frau aufgehalten und nicht versteckt habe respektive
weshalb er danach trotzdem plötzlich Angst bekommen und sich in der Ein-
öde versteckt habe, überzeugt nicht. So gab er zunächst an, dass er es
einfach riskiert habe («Wenn sie kommen, dann kommen sie und dann
nehmen sie mich mit. Und wenn nicht, dann ist das auch gut.», vgl. A24,
F93). Er habe dann jedoch plötzlich Angst bekommen, da er gewusst habe,
dass sie nach einem Monat kommen würden; es sei ihm danach plötzlich
bewusst geworden, dass die nächste Haftzeit länger ausfallen würde und
sie ihn nicht so einfach wieder gehen lassen würden (vgl. A24, F94 f.).
Diese beiden Protokollstellen, obwohl direkt aufeinanderfolgend, kontras-
tieren sich stark in der Schilderung der von ihm subjektiv empfundenen
Bedrohungssituation. Weshalb er die subjektiv empfundene Bedrohung auf
Nachfrage diametral anders beschrieb, ist nicht nachvollziehbar.
6.3.5 Somit vermochte der Beschwerdeführer diese gewichtigen Wider-
sprüche weder auf Vorhalt anlässlich der Anhörung noch auf Beschwerde-
ebene auszuräumen.
6.4 Weiter ist mit der Vorinstanz festzustellen, dass die Schilderung der
Flucht des Beschwerdeführers aus dem Militär im (...) 2015 substanzlos
ausfiel. Hierzu führte er im Wesentlichen lapidar aus, dass er um ein Uhr
nachts aufgestanden sei, so getan habe, als ob er wasserlassen müsse
und sich dann einfach problemlos entfernt habe (vgl. A24, F234). Nachfra-
gen hierzu – insbesondere wie es ihm möglich gewesen sei, so einfach
wegzugehen – beantwortete er auffallend ausweichend (vgl. A24, F240 ff.).
Die Frage, auf welchem Weg er nach Hause gegangen sei, beantwortete
er sodann überhaupt nicht und wiederholte stattdessen, dass er um ein Uhr
in der Nacht los sei, so getan habe, als ob er wasserlassen müsse und
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dann immer weitergelaufen sei (vgl. A24, F247). Weiter erscheint auch we-
nig lebensnah, dass er, der angeblich bereits zuvor ihm Dienst negativ auf-
gefallen und zusätzlich behauptungsweise auch schon mindestens einmal
desertiert sei, lediglich zwei Tage nach seiner Haftentlassung gänzlich un-
beobachtet war und es ihm hierdurch ohne jegliche Schwierigkeiten mög-
lich war, erneut zu desertieren.
6.5 Schliesslich ist festzustellen, dass auch am Vorbringen des Beschwer-
deführers, überhaupt je Militärdienst geleistet zu haben, nicht unerhebliche
Zweifel anzubringen sind. Die entsprechende Frage anlässlich der BzP, ob
er je an einer Waffe ausgebildet worden sei, verneinte er hierbei ausdrück-
lich (vgl. A11, Ziff. 7.01). In offenem Widerspruch hierzu brachte er an der
Anhörung vor, dass man sehr wohl an der Waffe ausgebildet worden sei
und er auch gelernt habe, wie man die Waffe auseinandernehme, wieder
zusammenstecke und damit schiesse (vgl. A24, F138 und F141 ff.). Auf
Vorhalt dieses gewichtigen Widerspruchs an der Anhörung führte er aus,
dass es schon so sei, dass man anfangs nun halt einfach erstmal ohne
Waffe und erst am Ende an der Waffe ausgebildet werde (vgl. A24, F278).
Diese Antwort vermag indes den klaren Widerspruch nicht zu erklären und
ist ebenfalls als reine Schutzbehauptung zu qualifizieren. Im Übrigen sind
seine Schilderungen hierzu – entgegen der in der Beschwerdeeingabe ver-
tretenen Ansicht – weitgehend substanzarm ausgefallen und erwecken
nicht den Eindruck, dass er das Geschilderte selbst erlebt hätte (vgl. A24,
F137-151). Zusätzlich erscheint auch nicht nachvollziehbar, dass er nicht
einmal in der Lage war, seine militärische Einteilung genauer zu benennen
(bspw. sein Haili, seine Ganta oder Mesre) und lediglich seine «Einheit»
beziffern konnte (vgl. A24, F145). Hierbei handelt es sich indes um militä-
risches Basiswissen, dass von jedem Dienstleistenden ohne Weiteres er-
wartet werden muss. Auch die Frage nach einem aussergewöhnlichen Er-
eignis aus seiner Militärzeit beantwortete er augenfällig ausweichend und
berichtete stattdessen lediglich von seinen Verletzungen (vgl. A24, F269).
Auch in chronologischer Hinsicht sind seine Schilderungen nur schwer
nachvollziehbar. So habe er im Jahr 2006 im Alter von etwa (...) Jahren die
Schule in der (...) Klasse abgebrochen und fortan sieben ganze Jahre lang
bis zu seiner Verhaftung im Jahr 2013 ein verstecktes und äusserst ent-
behrungsreiches Leben in der Einöde geführt. Dies weil die Soldaten stets
hinter ihm her gewesen seien (vgl. A24, F52 ff.). Wenn er ins Dorf zurück-
gekehrt sei, dann jeweils nur ganz kurz nachts (vgl. A24, F61). Trotzdem
war es ihm aber scheinbar problemlos möglich, am (...) 2010 offiziell in
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einer öffentlichen Kirche zu heiraten (vgl. A24, F11 sowie BM 5 «marriage
certificate»).
Vor dem aufgezeigten Hintergrund erscheint plausibel, dass der Beschwer-
deführer – sollte er effektiv wie behauptet Militärdienst geleistet haben –
viel früher als angegeben rekrutiert wurde, was mit Blick auf die festge-
stellte Unglaubhaftigkeit seiner Desertion eine anderweitige reguläre Ent-
lassung aus dem Nationaldienst noch wahrscheinlicher erscheinen lässt.
6.6 Letztlich sind die ins Recht gelegten schriftlichen Bezeugungen von
H._ und I._, welche angeblich zur selben Zeit wie der Be-
schwerdeführer in E._ gewesen sein wollen, als reine Gefälligkeits-
schreiben zu qualifizieren. Zusätzlich wären diese aber ohnehin ungeeig-
net, die behauptete Desertion im Jahr 2015 respektive eine Verfolgung
durch die eritreischen Behörden zu belegen.
Vor diesem Hintergrund vermögen auch die wenigen Aspekte, die zu Guns-
ten des Beschwerdeführers erkannt werden können (bspw. die Verwen-
dung der direkten Rede [vgl. A24, F163 und F165], gefühlsbezogene Schil-
derungen [vgl. A24, F213 f.] oder das Eingestehen von Wissenslücken [vgl.
A24, F217]) die festgestellte Unglaubhaftigkeit der Vorbringen in den Kern-
punkten bei weitem nicht aufzuwiegen. Es ist deshalb davon auszugehen,
dass er den allfälligen Militärdienst anderweitig verliess respektive (vermut-
lich) regulär entlassen wurde.
6.7 Auch die illegale Ausreise des Beschwerdeführers führt vorliegend
nicht zur Bejahung der Flüchtlingseigenschaft. Das Bundesverwaltungsge-
richt kam im Referenzurteil D-7898/2015 nach eingehender Lageanalyse
zum Schluss, die bisherige Praxis, wonach eine illegale Ausreise per se
zur Flüchtlingseigenschaft führte, könne nicht mehr aufrechterhalten wer-
den. Es sei nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszuge-
hen, einer Person drohe einzig aufgrund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea
eine asylrelevante Verfolgung. Nicht asylrelevant sei auch die Möglichkeit,
jemand werde nach der Rückkehr in den Nationaldienst eingezogen; ob
eine drohende Einziehung in den Nationaldienst unter dem Blickwinkel von
Art. 3 EMRK und Art. 4 EMRK relevant sein könnte, betreffe die Frage der
Zulässigkeit respektive Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Für die
Begründung der Flüchtlingseigenschaft im eritreischen Kontext bedürfe es
neben der illegalen Ausreise zusätzlicher Anknüpfungspunkte, welche zu
einer Verschärfung des Profils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich re-
levanten Verfolgungsgefahr führen könnten (vgl. E. 5.1 f.).
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Die Vorbringen des Beschwerdeführers betreffend seine angebliche Inhaf-
tierungen während des Militärdienstes und seine Desertion sind – wie be-
reits dargestellt – nicht glaubhaft. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass
er – sofern er überhaupt Dienst geleistet hat – anderweitig aus dem allfällig
geleisteten Militärdienst entlassen worden ist. Demnach ergeben sich aus
den Akten keine zusätzlichen Anknüpfungspunkte, welche ihn in den Au-
gen des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen liessen.
Damit erübrigt sich eine Prüfung der Glaubhaftigkeit der illegalen Ausreise.
Es ist nicht davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr Sanktionen zu
befürchten hätte, welche ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG
darstellen würden.
6.8 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, asyl-
relevante Fluchtgründe nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Die Vor-
instanz hat folglich zu Recht seine Flüchtlingseigenschaft verneint und sein
Asylgesuch abgelehnt.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die
Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
E-5902/2019
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8.2 Der Vollzug ist unzulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Hei-
mat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.4 Der Beschwerdeführer macht geltend, dass ihm im Falle einer Rück-
kehr der erneute Einzug in den Nationaldienst drohe, was eine Verletzung
der EMRK (Art. 3 und Art. 4 EMRK) zur Folge habe, weshalb der Vollzug
der Wegweisung unzulässig sei.
8.4.1 Ob die Gefahr einer (erneuten) Rekrutierung in den Nationaldienst
und einer darauf beruhenden Verletzung von Art. 3 und Art. 4 EMRK tat-
sächlich besteht, kann aufgrund nachfolgender Erwägungen offengelassen
werden.
8.4.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich mit dem Koordinations-
entscheid BVGE 2018 VI/4 mit der Frage befasst, ob der Vollzug der
Wegweisung auch angesichts einer drohenden Einziehung in den
eritreischen Nationaldienst als zulässig (Art. 83 Abs. 3 AIG) und zumutbar
(Art. 83 Abs. 4 AIG) qualifiziert werden könne. Beides hat das Gericht mit
den folgenden Erwägungen bejaht:
E-5902/2019
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Die Verpflichtung eritreischer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, Natio-
naldienst zu leisten, kann nach Auffassung des Gerichts nicht als Aus-
übung quasi-eigentumsrechtlicher Befugnisse gegenüber der betreffenden
Person durch den eritreischen Staat bezeichnet werden. Zudem kann,
auch wenn der Nationaldienst formal nicht befristet ist und sich teilweise
über Jahre erstreckt, nicht von jenem dauerhaften Zustand ausgegangen
werden, der für die Annahme von Leibeigenschaft vorausgesetzt wäre.
Beim eritreischen Nationaldienst handelt es sich demnach weder um Skla-
verei noch um Leibeigenschaft im Sinne von Art. 4 Abs. 1 EMRK (vgl.
BVGE 2018 VI/4 E. 6.1 insbes. 6.1.4).
In seiner heutigen Ausgestaltung (namentlich angesichts seiner Zweckent-
fremdung als Mittel zur Arbeitskraftbeschaffung für das gesamte Wirt-
schaftssystem und der unabsehbaren Dauer) kann der eritreische Natio-
naldienst nach Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts zwar nicht als
"übliche Bürgerpflicht" im Sinn von Art. 4 Abs. 3 Bst. d EMRK verstanden
werden. Die Bedingungen im Nationaldienst sind folglich grundsätzlich als
Zwangsarbeit im Sinn von Art. 4 Abs. 2 EMRK zu qualifizieren. Für die An-
nahme der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs reicht diese Ein-
schätzung jedoch nicht aus. Vielmehr wäre hierfür erforderlich, dass durch
die Einziehung das ernsthafte Risiko einer flagranten Verletzung von Art. 4
Abs. 2 EMRK bestünde, der eritreische Nationaldienst mithin diese Bestim-
mung ihres essenziellen Inhalts berauben würde. Eine solche Situation
liegt indessen – auch unter Berücksichtigung der Dienstdauer, der niedri-
gen Besoldung und der Berichte über Misshandlungen und Übergriffe wäh-
rend der Dienstzeit – nach Auffassung des Gerichts nicht vor (vgl. a.a.O.
E. 6.1 insbes. 6.1.5).
In der Folge befasste sich das Bundesverwaltungsgericht in seinem Koor-
dinationsentscheid mit der Frage, ob bei einer Rückkehr nach Eritrea auf-
grund der Verhältnisse im Nationaldienst oder im Zusammenhang mit einer
allfälligen Inhaftierung – beispielsweise aufgrund einer illegalen Ausreise –
eine Verletzung des konventionsrechtlichen Verbots von Folter oder un-
menschlicher Behandlung (Art. 3 EMRK) drohen könnte. Auch in diesem
Zusammenhang ging das Gericht davon aus, dass in Eritrea Misshandlun-
gen und sexuelle Übergriffe während der Dienstzeit oder im Fall einer In-
haftierung nicht derart flächendeckend sind, dass jede nach Eritrea zurück-
kehrende dienstpflichtige Person dem ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre,
selbst solche Übergriffe zu erleiden. Es besteht daher auch insoweit kein
ernsthaftes Risiko von Folter oder einer unmenschlichen Behandlung (vgl.
a.a.O. E. 6.1 insbes. 6.1.6 und E. 6.1.8).
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Seite 16
8.4.3 Es ergeben sich sodann weder aus den Aussagen des Beschwer-
deführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall
einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be-
handlung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Ge-
richtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folter-
ausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real
risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rück-
schiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Ur-
teil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Dies gelingt ihm nicht. Ein „real risk“ einer
unmenschlichen Behandlung besteht vorliegend auch dann nicht, wenn
von einer illegalen Ausreise auszugehen wäre, weil – bei einer freiwilligen
Rückkehr – deswegen nicht mit hinreichender Wahrscheinlichkeit eine da-
mit zusammenhängende Verhaftung droht (vgl. oben E. 8). Auch die allge-
meine Menschenrechtssituation in Eritrea lässt den Wegweisungsvollzug
zum heutigen Zeitpunkt klarerweise nicht als unzulässig erscheinen.
8.5 Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwaltungs-
gericht die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges – aufgrund des Feh-
lens eines Rückübernahmeabkommens zwischen der Schweiz und Eritrea
– lediglich für freiwillige Rückkehrer beurteilte und die Zulässigkeit zwangs-
weiser Rückführungen ausdrücklich offenliess (vgl. BVGE 2018 VI/4
E. 6.1.7).
8.6 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne
der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.7 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.7.1 Nach Ansicht des Beschwerdeführers ist der Wegweisungsvollzug
nach Eritrea nicht zumutbar. Er verfüge nur über geringe Schulbildung, we-
nig Berufserfahrung und sei längere Zeit auf der Flucht gewesen. Unter
solchen Umständen werde es ihm kaum möglich sein, ohne Unterstützung
ein genügendes Auskommen zu erzielen. Zudem befänden sich seine Frau
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Seite 17
und Kinder nun in Äthiopien. Seine in Eritrea lebenden Eltern seien mittler-
weile wohl zu alt, um noch zu arbeiten. Seine Brüder seien im Militärdienst
oder verletzt und kaum in der Lage, ein Einkommen zu generieren. Damit
würde er bei einer Rückkehr in eine existenzielle Notlage geraten.
8.7.2 Im Urteil D-2311/2016 vom 17. August 2017 (als Referenzurteil publi-
ziert) hatte sich das Bundesverwaltungsgericht ausführlich mit der Zumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs nach Eritrea beschäftigt. Dabei kam es
zum Schluss, angesichts der dokumentierten Verbesserungen in der Nah-
rungsmittel- und Wasserversorgung, im Bildungswesen sowie im Gesund-
heitssystem Eritreas sei die frühere Praxis, wonach eine Rückkehr nur bei
begünstigenden individuellen Umständen zumutbar sei, nicht länger be-
rechtigt. Der kriegerische Konflikt mit dem Nachbarland Äthiopien ist seit
vielen Jahren beendet, und auch im Inneren sind keine ernsthaften ethni-
schen oder religiösen Konflikte zu verzeichnen. Angesichts der schwieri-
gen allgemeinen – und insbesondere wirtschaftlichen – Lage des Landes
müsse bei Vorliegen besonderer individueller Umstände aber nach wie vor
von einer Existenzbedrohung ausgegangen werden. Die Frage der Zumut-
barkeit bleibe daher im Einzelfall zu prüfen.
8.7.3 Die Vorinstanz stellte zu Recht fest, dass der Vater des Beschwerde-
führers anscheinend problemlos dazu bereit und in der Lage war, den für
eritreische Verhältnisse sehr beträchtlichen Betrag von 4'500 Dollar für die
Reise des Beschwerdeführers zu bezahlen (vgl. A26). Bereits hieraus geht
hervor, dass die Familie des Beschwerdeführers über erhebliche finanzielle
Mittel verfügen muss. Betreffend das behauptete Schicksal des angeblich
verstorbenen Viehs führte die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung
zu Recht aus, dass es diesbezüglich zu Widersprüchen gekommen sei,
mithin davon ausgegangen werden müsse, dass sich das Vieh immer noch
im Besitz seiner Familie befinde, womit ihm auch ein Auskommen möglich
sei (vgl. dort E. III, Ziff. 2). Zudem haben gemäss seinen Aussagen sowohl
er als auch seine Frau nach seiner Ausreise in Eritrea sowohl von seiner
Familie als auch von der seiner Ehefrau regelmässig Unterstützung erfah-
ren (vgl. A24, F63 und F72). Es ist davon auszugehen, dass er bei einer
allfälligen Rückkehr nach Eritrea wiederum von seiner als auch der Familie
seiner Ehefrau unterstützt werden wird. Vor dem aufgezeigten Hintergrund
besteht kein Grund zu der Annahme, der Beschwerdeführer könnte nach
einer Rückkehr in eine existenzielle Notlage geraten.
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Seite 18
8.7.4 Der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs stehen nach dem Aus-
geführten auch keine individuellen Gründe entgegen. An dieser Feststel-
lung vermögen auch die geltend gemachten Integrationsbemühungen des
Beschwerdeführers in der Schweiz nichts zu ändern. Bei der Beurteilung
der vorliegenden Beschwerde ist durch das Bundesverwaltungsgericht le-
diglich die Frage einer konkreten Gefährdung des Beschwerdeführers im
Heimatland zu prüfen. Eine fortgeschrittene Integration könnte nur im Rah-
men eines Verfahrens der kantonalen Migrationsbehörde gemäss Art. 14
Abs. 2 AsylG berücksichtigt werden.
8.8 Im oben erwähnten Koordinationsentscheid BVGE 2018 VI/4
(vgl. E. 8.4.2) stellte das Bundesverwaltungsgericht überdies fest, dass die
drohende Einziehung in den eritreischen Nationaldienst mangels einer hin-
reichend konkreten Gefährdung auch nicht generell zur Feststellung der
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG
führt (vgl. a.a.O. E. 6.2). Im vorliegenden Fall liegen beim Beschwerdefüh-
rer keine Umstände vor, die zu einem anderen Schluss führen.
8.9 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
9.
Die zwangsweise Rückführung abgewiesener Asylsuchender nach Eritrea
ist zurzeit generell nicht möglich. Die Möglichkeit der freiwilligen Rückkehr
steht jedoch praxisgemäss der Feststellung der Unmöglichkeit des Weg-
weisungsvollzugs entgegen. Es obliegt daher dem Beschwerdeführer, bei
der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr not-
wendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und
dazu auch BVGE 2008/34 E. 12). Der Vollzug der Wegweisung ist deshalb
auch als möglich zu bezeichnen (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.
Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht
als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vor-
läufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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Seite 19
12.
Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend wären die Kosten dem mit
seinen Begehren unterlegenen Beschwerdeführer zu überbinden (Art. 63
Abs. 1 und 5 VwVG). Da er jedoch ausgewiesenermassen bedürftig ist und
sich die Beschwerde zum Zeitpunkt der Einreichung nicht als aussichtslos
präsentierte, ist das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheissen und auf die Erhebung
von Verfahrenskosten zu verzichten.
13.
Nachdem der Antrag auf unentgeltliche Prozessführung gutgeheissen
wurde und das Bundesverwaltungsgericht nach aArt. 110a Abs. 1 Bst. a
AsylG der asylsuchenden Person, welche von der Bezahlung der Verfah-
renskosten befreit wurde, auf Antrag eine amtliche Rechtsbeiständin oder
einen amtlichen Rechtsbeistand bestellt, ist auch das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gutzuheissen und antrags-
gemäss Tarig Hassan als amtlicher Rechtsbeistand des Beschwerdefüh-
rers einzusetzen. Ihm ist ein amtliches Honorar zu entrichten.
Bei amtlicher Vertretung geht das Bundesverwaltungsgericht in der Regel
von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für anwaltliche Ver-
treterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Der
Rechtsvertreter hat keine Kostennote eingereicht. Auf eine entsprechende
Nachforderung kann indes verzichtet werden, da der notwendige Vertre-
tungsaufwand aufgrund der Akten zuverlässig abgeschätzt werden kann
(Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Unter Berücksichtigung der massgebenden
Berechnungsfaktoren ist ein amtliches Honorar von insgesamt Fr. 1’900.–
(inklusive Auslagen) als angemessen zu veranschlagen.
(Dispositiv nächste Seite)
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