Decision ID: 74b6d75d-bebc-4bed-8498-8384b4ddedaa
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich mit am 20. August 2009 unterzeichnetem und am 2. Februar
2010 bei der IV-Stelle des Kantons Y._ eingegangenem Formular wegen Wasch- und
Ordnungszwängen bei der Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (IV-act. 2;
IV-act. 9).
A.b Dr.med. B._, Oberarzt Erwachsenenpsychiatrie C._, hatte die Versicherte vom
23. Juli 2007 bis Anfang 2010 ambulant behandelt und eine Zwangsstörung,
vorwiegend Zwangshandlungen (ICD-10: F42.1), Beginn etwa 2003, ausgeprägt
mindestens seit 2007, diagnostiziert sowie den Verdacht auf eine paranoide
Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.0) erhoben. Bereits im November 2007 sei mittels
eines üblichen Erhebungsinstrumentes für Zwangsstörungen eine schwere Ausprägung
der Symptomatik dokumentiert worden. Die Versicherte habe deutlich erhöhte
Testergebnisse für Depression und leicht erhöhte für Ängste aufgewiesen. Während der
Konsultationen zwischen Mai und Oktober 2009 habe eine deutlich misstrauische
Haltung mit Ablehnung aller vorgeschlagenen therapeutischen Strategien imponiert.
Die Durchführung einer SKID-II-Befragung zur Objektivierung der vermuteten
Persönlichkeitsstörung sei an der mangelnden Kooperationsbereitschaft der
Versicherten gescheitert. Die Versicherte sei durch ausgeprägte Zwangshandlungen
und eine ausgeprägt misstrauische Haltung mit dem Gefühl, beobachtet und falsch
behandelt zu werden, eine deutliche Herabgestimmtheit und eine anhaltend leicht
reizbare Stimmung eingeschränkt. Durch die Zwangshandlungen sei bereits für
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einfache Handlungen ein grosser Zeitaufwand nötig. Die Teamfähigkeit sei stark
eingeschränkt und es bestünden Planungsschwierigkeiten. Als Köchin sei die
Versicherte seit Juli 2007 zu 100% arbeitsunfähig (Arztbericht vom 11. März 2010, IV-
act. 15).
A.c RAD-Ärztin Dr.med. D._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, nahm am
30. März 2010 Stellung, ein Gesundheitsschaden sei ausgewiesen. Die Versicherte sei
zu 100% arbeitsunfähig in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Köchin seit Juli 2007.
Dies gelte mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auch für angepasste Tätigkeiten. Es
seien keine weiteren Abklärungen nötig; eine neue Beurteilung solle im März 2011
vorgenommen werden (IV-act. 19-2 f.).
A.d Die IV-Stelle des Kantons Y._ erliess am 24. Juni 2010 die Mitteilung, aufgrund
des Gesundheitszustandes seien zurzeit keine beruflichen Eingliederungsmassnahmen
möglich (IV-act. 20), und stellte der Versicherten mit Vorbescheid die Zusprache einer
ganzen Rente ab Juli 2008 (richtig: 2010) in Aussicht (IV-act. 23). Am 14. Oktober 2010
erliess sie die entsprechende Verfügung (IV-act. 31).
A.e Am 14. Januar 2013 wurde das Dossier der Versicherten wegen
Wohnsitzwechsels an die IV-Stelle des Kantons St. Gallen überwiesen (IV-act. 37).
Diese eröffnete im Mai 2014 ein Revisionsverfahren. Im Fragebogen Revision gab die
Versicherte am 21. Mai 2014 an, ihr Gesundheitszustand sei gleich geblieben (IV-
act. 39). Telefonisch erklärte sie am 2. Juni 2014 ergänzend, sie sei nicht regelmässig
in Behandlung. Nötigenfalls gehe sie direkt zum Spezialisten. Dies sei in den letzten
Jahren eigentlich nicht vorgekommen (Telefonnotiz, IV-act. 42). In einem bei der IV-
Stelle am 5. August 2014 eingegangenen Schreiben gab sie an, die durchgeführte
Behandlung habe sie mehr belastet als ihr geholfen (IV-act. 45). Die Versicherte
konsultierte am 10. November 2014 Dr.med. E._. Diese konnte, weil nur ein einziger
Sprechstundenbesuch stattgefunden hatte, keinen Arztbericht erstellen (Aktennotiz
vom 27. Januar 2015, IV-act. 51). Auf eine Aufforderung der IV-Stelle, sich bei einem
Arzt anzumelden (IV-act. 52), nahm die Versicherte am 6. Februar 2015 Stellung. Sie
ertrage Behandlungen sehr schwer, denn die Gespräche machten ihr psychisch sehr
zu schaffen. Medikamente nehme sie nicht aus Angst, abhängig zu werden. Sie habe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vor ihrer Erkrankung Drogen genommen und könne nicht einmal eine Kopfwehtablette
einnehmen, da sie dies anwidere (IV-act. 54-2; vgl. auch IV-act. 59-6 f.).
A.f Am 9. Februar 2015 erschien F._ am Schalter der IV-Stelle und bezichtigte die
Versicherte im Wesentlichen, als Tabledancerin und Escortdame tätig (gewesen) zu
sein (IV-act. 53). Bereits am 9. und 11. Februar 2015 erklärte er allerdings, seine
gemachten Angaben würden nicht stimmen und man solle dies der Versicherten nicht
erzählen (IV-act. 56). Die IV-Stelle lud die Versicherte auf den 16. Februar 2015 zu
einem Standortgespräch ein. Dabei gab sie an, die Zwänge hätten sich nicht gebessert.
Sie sei in einem "Tief" gewesen. Sie habe versucht, aus dieser Situation
hinauszukommen. Sie sei früher Gogo-Tänzerin (Animationstänzerin in Discos)
gewesen (IV-act. 59-5). Sie habe das im Juni und Juli 2014 ein paarmal probiert, es sei
aber nicht gegangen. Sie habe nie auf die Toilette gekonnt, die Leute nicht anfassen
und sich nicht ausziehen können. Sie sei oft zu spät gekommen und habe immer früher
nach Hause gewollt - wegen der Hunde. Auch habe sie fast gar nichts verdient (IV-
act. 59-5). Wegen der Zwänge komme sie zu spät (IV-act. 59-8). Dr.med. G._,
Mitarbeiterin IV-Stelle, nahm am 27. Februar 2015 im Wesentlichen Stellung, die
Tätigkeit als Gogo-/Tabledancerin oder Escortdame sei mit den gestellten Diagnosen
nicht vereinbar und widerspreche dem Bericht der Erwachsenenpsychiatrie C._ vom
11. März 2010, wonach sich die Versicherte auf ein therapeutisches Vorgehen mit
Exposition nicht habe einlassen können und in welchem der Verdacht auf eine starke
soziale Isolierung im Zusammenhang mit Unsicherheiten im Sozialkontakt und einer
misstrauischen Haltung erwähnt worden sei (IV-act. 63-3).
A.g Im Auftrag der IV-Stelle wurde die Versicherte durch med.pract. H._, Psychiatrie
und Psychotherapie FMH, begutachtet (Gutachten vom 24. Oktober 2015,
Untersuchung am 21. September 2015; IV-act. 81). Die Gutachterin führte aus, es
hätten sich grosse bzw. deutliche Diskrepanzen ergeben zwischen den angegebenen
Beschwerden einerseits und den Angaben zur sozialen Anamnese und zum
Tagesablauf sowie zum aktuell weitestgehend unauffälligen psychischen Befund
andererseits (IV-act. 81-18). Insgesamt sei über Verdeutlichungstendenzen der
Beschwerden hinaus auch der Eindruck von Aggravationstendenzen entstanden.
Bewusste Täuschungstendenzen hätten nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden
können. Zudem sei auch der Eindruck von auffallenden manipulativen Tendenzen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entstanden (IV-act. 81-19). Die angegebenen Beschwerden (Putzzwang, Waschzwang,
Ordnungszwang, Zwangsgedanken mit der daraus resultierenden Langsamkeit der
alltäglichen Abläufe, Vermeiden von Aufenthalt in Menschenmengen, Schlafstörungen)
liessen sich nicht mit den gegenwärtigen privaten Aktivitäten vereinbaren. Sie hätten im
Rahmen der aktuellen Untersuchung so nicht festgestellt bzw. verifiziert werden
können. Bei einem weitestgehend unauffälligen psychischen Befund rückten vor allem
motivationale Faktoren und psychosoziale Belastungsfaktoren bei
persönlichkeitsstrukturellen Besonderheiten in den Vordergrund (IV-act. 81-24). Der
psychische Gesundheitszustand der Versicherten habe sich seit März 2010 wesentlich
gebessert. Die damals beschriebenen Zwangshandlungen und eine früher festgestellte
depressive Symptomatik und Agoraphobie liessen sich aktuell nicht mehr feststellen
(IV-act. 81-25, 27). Eine Persönlichkeitsstörung liege nicht vor. Es sei von akzentuierten
Persönlichkeitszügen mit histrionischen (infantilen) und emotional instabilen
(impulsiven) Anteilen auszugehen (IV-act. 81-25). Aus rein psychiatrischer Sicht
bestünden keine Einschränkungen der Arbeits- und Leistungsfähigkeit (IV-act. 81-27).
Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit bestehe spätestens seit Sommer 2014 in der
angestammten Tätigkeit als angelernte Mitarbeiterin im Aussendienst, in allen (anderen)
angelernten Tätigkeiten, welche Frauen ihres Alters ausüben könnten, sowie im
Haushalt aus psychiatrischer Sicht eine Arbeitsfähigkeit von 100 % (IV-act. 81-29 f.,
34). Dr. G._ nahm am 10. November 2015 Stellung, auf das Gutachten sei
vollumfänglich abzustellen. Es sei aus medizinischer Sicht nicht anfechtbar (IV-act. 82).
A.h Mit Vorbescheid vom 16. März 2016 gewährte die IV-Stelle der Versicherten das
rechtliche Gehör zur beabsichtigten Einstellung der Invalidenrente (IV-act. 85). Die
Versicherte liess am 27. April 2016 Einwand erheben (IV-act. 89-1 f.) und reichte am
28. April 2016 Fotos von Umzugskisten und Mobiliar ein, welches sie vollumfänglich
mit Klarsichtfolie umwickelt und verklebt habe, damit ja kein Schmutz an die
Gegenstände gelangen könne (IV-act. 93). Mit einem weiteren Einwand vom 1. Mai
2016 machte sie geltend, sie sei vor 20 Jahren als Gogo-Tänzerin tätig gewesen. Im
Frühling 2014 sei sie als Probetänzerin angestellt gewesen, um zu schauen, ob "es
gehen werde". Fast ein Jahr später habe sich F._ mit Unwahrheiten bei der IV
gemeldet, weil er wütend gewesen sei, da sie nach I._ ziehen und nicht bei ihm habe
bleiben wollen. Es treffe nicht zu, dass sie gegenüber med.pract. H._ aggressiv
gewesen sei. Diese habe sie hinausgeschickt, weil sie kritisiert habe, dass nicht über
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ihre Zwänge gesprochen werde. Sie sei bereit, alles zu machen, um ihre Zwänge zu
beweisen. Sie wünsche ein Gutachten von Experten und sei bereit, Arzttermine
wahrzunehmen. Auch den Nachbarn sei ihr Putzzwang aufgefallen, und ihre Wohnung
sei ihr Ende 2014 gekündigt worden, weil sie sich mit den Handwerkern gestritten
habe, da diese ihre Schuhe nicht hätten ausziehen wollen (IV-act. 89-3 f.). F._ hatte
den von der Versicherten geltend gemachten Sachverhalt am 8. April 2016 schriftlich
bestätigt und eingeräumt, dass die weiteren Aussagen (Escortservice etc.) falsch
gewesen seien (IV-act. 89-5). Am 12. Mai 2016 teilte die Versicherte der IV-Stelle mit,
sie sei aktuell in Behandlung bei Dr. J._, Psychiatrisches Zentrum K._ (IV-act. 95).
A.i Mit Verfügung vom 24. Mai 2016 stellte die IV-Stelle die Rente auf Ende des der
Zustellung der Verfügung folgenden Monats ein und entzog einer Beschwerde die
aufschiebenden Wirkung. Da sich der Einwand nicht substantiiert mit dem Vorbescheid
auseinandersetze und die Eingaben der Versicherten nichts an der bisherigen
Beurteilung zu ändern vermöchten, könne ohne Weiterungen in der Sache entschieden
werden (IV-act. 97).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 24. Mai 2016 lässt A._, vertreten durch Rechtsanwalt
lic.iur. M. Bivetti, am 29. Juni 2016 Beschwerde erheben (act. G 1) und diese am
5. September 2016 innert erstreckter Frist ergänzend begründen (act. G 3). Sie
beantragt, die angefochtene Verfügung sei unter Kosten- und Entschädigungsfolge
aufzuheben. Eventualiter sei eine Neubegutachtung ihres psychischen
Gesundheitszustandes und ihrer Arbeitsfähigkeit anzuordnen. Sodann ersucht sie um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und -verbeiständung. Gestützt auf
einen Bericht von Dr. med. J._, Leitender Arzt Psychiatrisches Zentrum K._, vom
11. Juli 2016 (beschwerdeführerisches act. 6) macht sie geltend, beim Gutachten von
med.pract. H._ vom 24. Oktober 2015 handle es sich lediglich um eine
Neubeurteilung der gleich gebliebenen medizinischen Situation. Statt ihr (anlässlich der
Untersuchung beschriebenes) Verhalten näher abzuklären, schliesse die Gutachterin
lediglich auf "mangelnde Kooperation" und "Auskunftbereitschaft". Gemäss Berichten
der Psychiatrischen Klinik L._ vom 11. März 2010 und von Dr. J._ sei dieses
Verhalten krankheitstypisch. Dr. J._ bestätige, dass sie weiterhin unter einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zwangsstörung und anamnestisch unter Persönlichkeitsstörungen vom paranoiden Typ
leide. Bei der Diagnose einer Persönlichkeitsstörung werde eine Fremdanamnese
zwingend empfohlen. Schliesslich gehe aus dem Gutachten nicht hervor, inwiefern sie
seit Sommer 2014 nicht mehr arbeitsunfähig gewesen sein soll und inwiefern eine
"wesentliche Besserung" ihres Gesundheitszustandes seit 14. Oktober 2014
festzustellen gewesen sei. Die Beurteilung der Gutachterin hinsichtlich der
Inkonsistenzen und Widersprüche sei unzutreffend. Der Grund für den Verzicht auf eine
psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung liege gerade in ihrer psychischen
Erkrankung. Schliesslich habe sie die Begutachtung als unprofessionell, diffamierend
und nicht auf die konkrete Lebenssituation eingehend empfunden. Die
Voraussetzungen für eine Anpassung der Invalidenrente seien nicht gegeben. Sie sei
weiterhin infolge ihrer psychischen Erkrankung zu 100% arbeitsunfähig. Die
Voraussetzungen für einen Anspruch auf eine ganze Invalidenrente seien gegeben
(act. G 5).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 26. Oktober 2016 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Die Gutachterin sei davon ausgegangen, dass die
seinerzeitige Beurteilung (von Dr. B._ vom 11. März 2010) nicht nachvollziehbar
gewesen sei. Dies schliesse eine zwischenzeitliche Verbesserung nicht aus. Dr. J._
stelle die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung sehr zurückhaltend formuliert. Er
stütze sich zudem nicht auf die IV-Akten, was die Beweiskraft seiner Einschätzung
wesentlich schmälere. Weiter lasse er offen, wie die diagnostizierten Zwangsstörungen
aussähen. Die Gutachterin habe, wie von der Rechtsprechung gefordert, Überlegungen
zur Konsistenz der geltend gemachten Beschwerden gemacht. Diese seien
überzeugend und stellten keinen Mangel des Gutachtens dar. Mit dem Gutachten sei
eine relevante Verbesserung des Gesundheitsschadens nachgewiesen (act. G 5).
B.c Die Abteilungspräsidentin bewilligt am 27. Oktober 2016 die unentgeltliche
Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten, unentgeltliche Rechtsvertretung;
act. G 6).
B.d Mit Replik vom 23. Januar 2017 reicht die Beschwerdeführerin einen Bericht des
Psychiatrischen Zentrums K._ vom 13. Januar 2017 ein, worin Dr. J._ seine
Einschätzung vom 11. Juli 2016 bestätigt und weiterhin eine Arbeitsunfähigkeit von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
100% attestiert (act. G 12.2). Weiter wird der (irrtümlicherweise mit der Beschwerde
nicht kopierte) Bericht des Psychiatrischen Zentrums K._ betreffend das
Erstgespräch vom 10. Mai 2016 nachgereicht (act. G 12.3). Die Beschwerdeführerin
trägt vor, mit dem Bericht vom 13. Januar 2017 könne weiterhin belegt werden, dass
die Einschätzungen der Gutachterin nicht zutreffend und nachvollziehbar seien und das
Gutachten lediglich eine unterschiedliche Beurteilung eines im Wesentlichen gleich
gebliebenen Sachverhalts darstelle. Die damalige Einschätzung von Dr. B._ stimme
im Wesentlichen mit der aktuellen Einschätzung von Dr. J._ überein. Es gebe keine
Hinweise darauf, dass die Einschätzung von Dr. B._ vom 11. März 2010 schlecht
abgestützt, schlecht begründet, nicht nachvollziehbar, inhaltlich nicht überzeugend
oder gar zu pessimistisch gewesen sei. Die Berichte von Dr. J._ belegten mehr als
deutlich, dass sich weder die Zwangsstörung noch das depressive Zustandsbild
verbessert habe. Mittlerweile lägen sogar eine mittelgradige depressive Episode mit
somatischem Syndrom sowie ein chronifiziertes psychisches Krankheitsbild vor. Die
Gutachterin stehe mit ihrer Einschätzung des psychischen Gesundheitszustandes und
der Arbeitsfähigkeit ganz alleine im Raum. Für die Begutachtung sei zudem keine
Fremdanamnese erhoben worden (act. G 12).
B.e Mit Duplik vom 28. Februar 2017 weist die Beschwerdegegnerin darauf hin, die im
Bericht vom 10. Mai 2016 erwähnte erneute Verstärkung der Zwangshandlungen sei
eine Reaktion auf den drohenden Rentenentzug. Diese Entwicklung sei
invalidenversicherungsrechtlich unerheblich. Weiter sei im Erstgespräch vom 10. Mai
2016 ein weitgehend unauffälliger Befund erhoben worden. Aus dem Bericht von
Dr. J._ vom 13. Januar 2017 ergebe sich, dass lediglich ein Verdacht auf eine
Persönlichkeitsstörung bestehe. Diesen Verdacht habe auch Dr. B._ im Bericht vom
11. März 2010 geäussert, woraus nicht abzuleiten sei, dass die gutachterliche
Beurteilung, es lägen nur akzentuierte Persönlichkeitszüge vor, falsch sei. Zu beachten
sei auch der unterschiedliche Ansatz von Behandler und Gutachter. Im Rahmen einer
Begutachtung seien nur gesicherte Diagnosen zu erheben. Die Gutachterin habe
einlässlich begründet, warum die von den behandelnden Ärzten in Betracht gezogene
Persönlichkeitsstörung nicht vorliege. Die neu aufgetretene depressive Entwicklung sei
nicht austherapiert, weshalb sie nicht invalidisierend sei (act. G 16).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.f Mit Eingabe vom 13. April 2017 führt die Beschwerdeführerin aus, dass der
Rentenanspruch nicht auf psychosozialen Belastungen fusse, sondern auf einer
ernsthaften, seit längerer Zeit bestehenden Erkrankung. Es lägen voneinander
unabhängige, auf fundierten Abklärungen und Untersuchungen beruhende Berichte
vor, welche von einer Persönlichkeitsstörung ausgingen. Die Frage des Vorhandenseins
einer Persönlichkeitsstörung sei eingehend zu prüfen (act. G 18).
C.
C.a Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs an die Parteien zur vorgesehenen
psychiatrischen Begutachtung durch Dr. med. M._, Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, einschliesslich Gutachterfragen (19. September 2018, act. G 21),
Stellungnahme der Beschwerdegegnerin vom 21. September 2018 mit
Ergänzungsfragen (act. G 22) und der Beschwerdeführerin vom 28. September 2018
(act. G 23) beauftragt das Versicherungsgericht Dr. M._ am 9. Oktober 2018 mit der
Erstattung eines psychiatrischen Gerichtsgutachtens (act. G 24).
C.b Gemäss Gerichtsgutachten vom 5. April 2019 (Untersuchung vom 25. März 2019,
act. G 28) diagnostiziert die Expertin eine Zwangsstörung mit Zwangsgedanken und -
handlungen (ICD-10: F42), eine anhaltende mittelschwere depressive Episode (ICD-10:
F32.1), DD: depressive Symptomatik im Rahmen der ausgeprägten Zwangsstörung,
sowie eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit zwanghaften, paranoiden,
schizoiden und emotional instabilen Anteilen (ICD-10: F61). Zudem erhebt sie den
Verdacht auf wahnhafte Störung (ICD-10: F22.0; act. G 28-41, 47 ff., 55 f.). Sie legt die
durch die diagnostizierten Beeinträchtigungen bewirkten Einschränkungen gemäss
Mini-ICF-APP dar (act. G 28-52 ff.) und kommt zum Schluss, aufgrund der gesamthaft
mittelschwer bis schweren Einschränkungen sei die Beschwerdeführerin nicht in der
Lage, einer Tätigkeit auf dem freien Arbeitsmarkt nachzugehen (act. G 28-56).
C.c Die Beschwerdeführerin nimmt am 16. Mai 2019 zum Gutachten Stellung, die
Gutachterin setze sich ausführlich mit Vordiagnosen, Konsistenz und Plausibilität der
Einschränkungen, ihren Aussagen und dem Vorgutachten von med. pract. H._
auseinander. Das Gutachten bestätige eine durchgehende Arbeitsunfähigkeit,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
insbesondere auch zum Zeitpunkt des Verfügungserlasses im Mai 2016, und danach
(act. G 33).
C.d Die Beschwerdegegnerin äussert sich am 4. Juni 2019 zum Gutachten, dieses
erscheine als gut kompatibel mit den Beurteilungen der behandelnden Ärzte und mit
den Darstellungen der Beschwerdeführerin. Die vom Bundesgericht geforderte
Konsistenzprüfung sei aber ungenügend. Sie beantrage die Abweisung der
Beschwerde (act. G 34).

Erwägungen
1.
Angesichts der Tatsache, dass die angefochtene Verfügung vom 24. Mai 2016 an die
ausdrücklich nicht vertretungsbevollmächtigte pro infirmis zugestellt wurde (IV-act. 90,
IV-act. 97) und dem Rechtsvertreter erst am 9. Juni 2016 Akteneinsicht gewährt wurde
(IV-act. 105), womit er Kenntnis von der Verfügung erhielt, ist von einer Wahrung der
Beschwerdefrist auszugehen.
2.
2.1 Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Rentenbezügers
erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft
entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR
830.1]). Zeitlicher Ausgangspunkt für die Beurteilung einer anspruchserheblichen
Änderung des Invaliditätsgrads ist bei der Prüfung eines Gesuchs um Erhöhung der
Rente wie auch bei der Prüfung einer Rentenanpassung von Amtes wegen die letzte
rechtskräftige Verfügung, welche auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs
mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Durchführung eines
Einkommensvergleichs beruht (BGE 133 V 108; BGE 130 V 71 E. 3.2.3; Urteil des
Bundesgerichts vom 26. März 2010, 9C_438/2009, E. 1). Eine Verschlechterung der
Erwerbsfähigkeit oder der Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, ist zu
berücksichtigen, sobald sie ohne wesentliche Unterbrechung drei Monate gedauert hat
(Art. 88a Abs. 2 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]). Bei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegebenem Revisionsgrund ist der Rentenanspruch gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung umfassend neu zu prüfen (BGE 141 V 9 E. 2.3 und E. 6.1; Urteil vom
5. Dezember 2012, 9C_427/2012, E. 3.4).
2.2 Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen
Verhältnissen, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Anspruch zu
beeinflussen. Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen Änderung des
Gesundheitszustandes oder der erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich
gebliebenen Gesundheitszustandes revidierbar. Dagegen stellt die unterschiedliche
Beurteilung der Auswirkungen eines im Wesentlichen unverändert gebliebenen
Gesundheitszustandes auf die Arbeitsfähigkeit allein keinen Revisionsgrund im Sinne
von Art. 17 Abs. 1 ATSG dar (Urteil des Bundesgerichts vom 17. Januar 2008,
9C_552/2007, E. 3.1.2, mit weiteren Hinweisen).
2.3 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen; BGE 141 V 14 E. 6.3.1).
2.4 Die Rechtsprechung hat es mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als
vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und
Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen. So weicht das Gericht bei
Gerichtsgutachten nach der Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der
Einschätzung des medizinischen Experten ab. Ein Grund zum Abweichen kann
vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist, wenn ein vom Gericht
eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu andern Schlussfolgerungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gelangt oder wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer Fachexperten dem
Gericht als triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage
zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung durch einen Oberexperten für angezeigt
hält, sei es, dass es ohne Oberexpertise vom Ergebnis des Gerichtsgutachtens
abweichende Schlussfolgerungen zieht (BGE 125 V 352 f. E. 3 b aa).
3.
Mit der angefochtenen Verfügung vom 24. Mai 2016 (IV-act. 97) hob die
Beschwerdegegnerin revisionsweise die der Beschwerdeführerin durch die IV-Stelle
des Kantons Zürich mit Verfügung vom 14. Oktober 2010 ab dem 1. Juli 2010 (act. 31)
zugesprochene ganze Rente gestützt auf die Schlussfolgerungen des Gutachtens von
med. pract. H._ unter Zugrundelegung einer Verbesserung des
Gesundheitszustandes sowie einer vollumfänglichen Arbeitsfähigkeit auf. Zunächst ist
zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin auf das fragliche Gutachten abstellen durfte.
3.1 Med. pract. H._ beschrieb das Verhalten der Versicherten als skeptisch-
ablehnend, unfreundlich, unhöflich und distanzgemindert. Die Versicherte habe
plötzlich lautstark gefordert, dass alles "richtig" aufgeschrieben und sie von einer für
Zwangserkrankungen spezialisierten Person begutachtet werde (IV-act. 81-13). Sie
habe die Rahmenbedingungen der Untersuchung zur Diskussion gestellt und die
Fragen meistens sehr kurz, einsilbig oder auch vage und ausweichend beantwortet. Auf
Konfrontation mit Inkonsistenzen in ihren Aussagen habe sie sehr aufbrausend bzw.
aggressiv reagiert, sei laut, ungehalten, distanzlos, provokativ und grenzwertig
unverschämt geworden, worauf eine Pause anberaumt worden sei. Es sei im weiteren
Verlauf zu einer weiteren Diskussion gekommen, weil die Versicherte ihre Beschwerden
nicht schildern, sondern vorlesen wollte und gegen Ende der Untersuchung sei es
wieder zu einem distanzlosen, provokativen, gar beleidigenden Verhalten von Seiten
der Versicherten gekommen. Sie habe vor allem bemängelt, dass "man" "zu wenig auf
ihre Zwänge" eingegangen sei (IV-act. 81-16 ff.). Dass es im Gespräch nach ihrer
Wahrnehmung mehr um Alltäglichkeiten als um ihre Zwänge gegangen sei, teilte die
Beschwerdeführerin zwei Tage nach der Untersuchung mit Schreiben vom
23. September 2015 auch der Beschwerdegegnerin mit (IV-act. 79). Während die
Gutachterin festhielt, die Beschwerdeführerin habe keine konkreten oder
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nachvollziehbaren Einschränkungen bei den geschilderten Aktivitäten im Tagesablauf
und insbesondere keine Zwangsrituale oder Stereotypien, die wiederholt werden
müssten, und keine Einschränkungen der Reisefähigkeit angegeben (IV-act. 81-22),
machte die Beschwerdeführerin vor Kenntnis des Ergebnisses der Begutachtung
sinngemäss geltend, dazu von der Gutachterin keine Gelegenheit erhalten zu haben.
3.2 Die Beschwerdeführerin hatte geschildert, sie habe zwei Stunden gebraucht, um
eine Tasse Tee zu trinken, sich zu waschen, Sachen parat zu machen und die
Wohnung zu verlassen (IV-act. 81-7). Die Katzen habe sie innert zwei Sekunden
gefüttert gehabt. Sie müsse Gegenstände, die auf den Boden gefallen seien, waschen
(IV-act. 81-7). Für das Packen nur einer Umzugskiste (die sie mit Klarsichtfolie
umwickle, vgl. IV-act. 93) benötige sie einen ganzen Nachmittag (IV-act. 81-13). Die
Zwänge seien im zweiten Jahr ihrer Tätigkeit im Aussendienst aufgetreten; ihre Mappe
habe nicht auf den Boden gelegt oder mit Schmutz in Berührung kommen dürfen (IV-
act. 81-8, 11). Sie habe mit der Hausverwaltung Probleme gehabt, da die Handwerker
nichts berühren und die Toilette nicht benutzen durften (IV-act. 81-10). Auch in den
Notizen, welche die Beschwerdeführerin nach eigener Aussage bei der Begutachtung
bei sich hatte (IV-act. 77-6 ff.), beschreibt die Beschwerdeführerin ausführlich, wie sie
ihre Zwänge erlebt. Aus dem Gutachten geht nicht hervor, dass die Gutachterin diese
Notizen zu ihren Akten genommen hätte. Med.pract. H._ hielt fest, die
Beschwerdeführerin habe keine konkreten oder nachvollziehbaren Einschränkungen
bei den geschilderten Aktivitäten im Tagesablauf, insbesondere keine Zwangsrituale
oder Stereotypien, die wiederholt werden müssten, angegeben (IV-act. 81-22). Dieses
Fazit erscheint in Anbetracht der Schilderungen der Beschwerdeführerin nicht
nachvollziehbar.
3.3 Med.pract. H._ erhob verschiedene Diskrepanzen und Inkonsistenzen (IV-act.
81-18). Sie führte aus, für einen Waschzwang typische Veränderungen der Haut der
Hände hätten nicht festgestellt werden können (IV-act. 81-19). Auch hätten während
der Begutachtung keine zwanghaften Verhaltensweisen oder durch die geltend
gemachte "gedankliche Beschäftigung mit jedem Vorgang" bewirkte gedankliche
Hemmungen oder Stockungen festgestellt werden können (IV-act. 81-19). Die dahinter
stehende Annahme, dass sich eine Zwangsstörung auch in der Begutachtungssituation
ausgewirkt hätte, begründet sie jedoch nicht weiter. Weiter hielt sie fest, bei einem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Waschzwang sei das problemlose Halten von fünf Haustieren (zwei Hunde, drei Katzen)
in der eigenen Wohnung nicht nachvollziehbar (IV-act. 81-34). In der Tat leuchtet nicht
ohne weiteres ein, dass sich die Beschwerdeführerin vor Menschen, nicht aber vor
Tieren ekelt (IV-act. 81-1) Andererseits ist aber vorstellbar, dass der von den Tieren
eingebrachte Schmutz sie zu vermehrtem Putzen "zwingt". Weiter führt die Gutachterin
aus, die Beschwerdeführerin habe sich ärztlich bescheinigen lassen, die Reinigung der
Wohnung (im Hinblick auf ihren Auszug) sei ihr psychisch und finanziell nicht zumutbar.
Dies lasse sich nicht mit einem Ordnungs-, Wasch- und Putzzwang vereinbaren (IV-
act. 81-24). Dieser Schluss ist nicht zwingend, da die Beschwerdeführerin nach
Abgabe der Wohnung nicht mehr dort lebt und sie aufgrund ihrer Zwänge die
Reinigung selber gar nicht in angemessener Zeit bewältigen könnte.
3.4 Dr. B._ hielt in seiner Anamnese vom 11. März 2010 unter anderem fest, die
Beschwerdeführerin sei im Juli 2000 "anlässlich ungewollter Schwangerschaft"
begutachtet worden (IV-act. 15-2). Ob bzw. inwieweit dies das besondere Verhalten
der Beschwerdeführerin (insbesondere die knappen und ausweichenden Antworten
bzw. die nahezu verweigerte Kooperation) und den Umstand, dass sie auf
psychiatrische Therapien "schlecht zu sprechen" ist zu erklären vermöchte, hätte
weiter abgeklärt werden müssen. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass sie in
ihrer Stellungnahme vom 6. Februar 2015 ausführte, sie ertrage Behandlungen sehr
schwer, denn die Gespräche machten ihr psychisch sehr zu schaffen (IV-act. 54-2).
Somit wäre zu diskutieren gewesen, inwieweit aufgrund des Umstandes, dass die
Beschwerdeführerin keine Psychotherapie beanspruchte, auf einen fehlenden
Leidensdruck geschlossen werden kann (so die Gutachterin, IV-act. 81-20, 23).
Schliesslich sind eine zweimalige psychologische Untersuchung während der Schulzeit
(Bericht Dr. B._, IV-act. 15-2) sowie eine Konsultation bei Dr.med. N._, Arzt für
Allgemeine Medizin FMH, wegen eines Streits mit dem Fahrlehrer aktenkundig (Notiz
vom 5. Februar 2010), worauf die Gutachterin insbesondere im Zusammenhang mit der
Frage nach einer Persönlichkeitsstörung nicht weiter einging.
3.5 Zusammenfassend war die Begutachtungssituation ungünstig, ohne dass dies mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit massgeblich auf ein bewusst verweigerndes
Verhalten der Beschwerdeführerin zurückgeführt werden konnte. Zwar waren
Inkonsistenzen vorhanden, doch bestanden Anhaltspunkte, dass die Gutachterin über
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gewisse Angaben der Beschwerdeführerin hinweg gegangen war, wie dies die
Beschwerdeführerin zeitnah bemängelte, und dass wesentliche Punkte nicht
ausreichend gewürdigt worden waren. Aus diesen Gründen wurde ein
Gerichtsgutachten in Auftrag gegeben.
4.
4.1 Die Beschwerdeführerin äusserte gegenüber der Gerichtsgutachterin Dr. M._, die
Zwänge bestünden unvermindert. Sie empfinde Ekel und Hass gegen Menschen sowie
eine sehr starke Lustlosigkeit. Hinsichtlich der Zwänge beschreibt sie Probleme mit der
auch durch weitere Mieter genutzten Waschmaschine (die Wäsche dürfe die Türe nicht
berühren), die Häufigkeit der Wasch- und Putzarbeiten (tägliches Putzen von Räumen,
zweimal wöchentliches Waschen des Bettinhalts u.ä.) sowie zählende und ordnende
Handlungen und Gedanken (act. G 28-20 ff.). Sie sei sehr erschöpft von den Zwängen
(act. G 28- 22). Verschiedentlich werden auch Konflikte mit Freunden, Verwandten,
Arbeitgebern, Behörden und in Mietverhältnissen (act. G 28-25, 26, 29, 30, 31, 42) und
häufige Arbeitsstellenwechsel angesprochen (act. G 28-28 f.). Im Befund erhob die
Gutachterin u.a. eine beeindruckende Einengung auf Beschwerden und auf ihr überaus
hohes Kontrollbedürfnis. Nach dem AMDP Modul zur Erfassung von
Zwangssymptomen bestünden schwer ausgeprägte Kontrollgedanken, mittelschwere
Kontaminationsängste, mittelschwere bis schwere Ordnungs-/Symmetriegedanken,
leichte aggressive Zwangsgedanken, leichtere Kontrollhandlungen, mittelschwere
Wasch- und Putzzwänge, leicht bis mittelschwere Ordnungszwänge,
Wiederholungszwänge und leichte Zählzwänge (act. G 28-34 f.). Bei der Untersuchung
zeigte sich die Beschwerdeführerin ausgesprochen misstrauisch und gereizt
(vgl. act. G 28-22, 24, 31, 35). Weiter hielt die Gutachterin fest, ein Wahn könne nicht
sicher verifiziert, aber auch nicht klar verneint werden. Wiederholt äussere die
Beschwerdeführerin Beziehungsideen. Sie berichte über gelegentliche leichte
Derealisation und Depersonalisation. Die Stimmung sei leicht depressiv verstimmt, vor
allem aber misstrauisch und angespannt. Die Beschwerdeführerin berichte von
Gereiztheit, eine ausgeprägte innere Unruhe und Schuldgefühle (v.a. wegen des
Konsums von Ecstasy). Die Vitalgefühle würden als erheblich reduziert angegeben. Der
Antrieb sei offensichtlich deutlich, mittelschwer, punktuell auch schwer, reduziert. Der
soziale Rückzug sei erheblich, wobei die Beschwerdeführerin schon seit langer Zeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
über die Primärfamilie hinaus nur wenig Sozialkontakte gepflegt habe. Die
Beschwerdeführerin bejahe eine hohe Anspannung mit Tendenz zur
Fremdaggressivität, die sie jedoch bislang von vereinzelten Ereignissen abgesehen
habe beherrschen können (act. G 28-35). Die testpsychologisch erhobenen
Aufmerksamkeits- und Sprachbeeinträchtigungen hätten im extrem erhöhten Bereich
gelegen und weitgehend dem Symptommuster aus Störungen der rezeptiven Sprache
und Konzentration entsprochen, die bei Erkrankungen aus dem schizophrenen
Formenkreis wiederholt bestätigt worden seien (act. G 28-37, 51). Die Gutachterin
beschreibt eine grosse Mühe der Beschwerdeführerin, sich zu entscheiden, sowie ein
grosses Kontrollbedürfnis hinsichtlich ihrer eigenen Aussagen. Sie müsse jeweils
nachprüfen, ob ihre Äusserungen richtig gewesen seien, ob sie alles gesagt habe, ob
sie allenfalls missinterpretiert werden könnte (act. G 28-33, 51 f.). Weiter erwähnt sie
Probleme mit dem Durchhaltevermögen (act. G 28-52). Im Vordergrund stehe nicht
mangelnde Motivation, sondern mangelnde Selbst- und Fremdwahrnehmung,
mangelnder Realitätsbezug und ausgeprägte Probleme in der Interaktion (Misstrauen,
Beziehungsideen, punktuell wahnhafte Unterstellungen, Probleme mit der
Impulskontrolle, Ambivalenz). Im Verlauf lasse sich ausmachen, dass die Zwänge
anlässlich des Auszugs aus der elterlichen Wohnung 2002 begonnen und sich
anlässlich der Trennung vom langjährigen Freund 2007 akzentuiert hätten (act. G 28-
52). Die Fremdanamnese der Mutter der Beschwerdeführerin ergab im Wesentlichen,
dass die Beschwerdeführerin schon als Kind oft wütend geworden sei. Es sei
schwierig, mit ihr zusammen zu leben. Alles müsse gewaschen werden und man
müsse duschen (act. G 28-39 f.). Der behandelnde Dr. J._ führte aus, die
Beschwerdeführerin lege sich mit jedem an. Die Themen kreisten stets um
Mitmenschen, Zwistigkeiten, Misstrauen (vorrangige Bedeutung gegenüber den in den
Akten immer wieder beschriebenen Zwängen). Differenzialdiagnostisch bestehe eine
manifeste Wahnhaftigkeit. Inzwischen denke er, die Beschwerdeführerin leide unter
einer paranoiden Persönlichkeitsstörung. Sie sei sozial sehr, sehr eingeschränkt. Auf
dieser Basis habe er sie krank geschrieben (act. G 28-40).
4.2 Die Gerichtsgutachterin evaluierte und beschrieb sehr ausführlich die Zwänge
(Zwangsgedanken und Zwangshandlungen) der Beschwerdeführerin (act. G 28-19 ff.).
Sie befand, die Kriterien einer Zwangsstörung (ICD-10: F42) seien klar erfüllt. Es gebe
eine Fülle von sowohl Zwangsgedanken als auch -handlungen, die die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin über mehrere Stunden pro Tag beschäftigten. Sie beschreibe die
Handlungen als episodisch quälend und Ich-synton. Andererseits beschreibe sie, dass
sie sich dadurch wie selbst gefangen fühle, sowie eine episodisch hohe innere
Anspannung (act. G 28-48 f.). Die Vorgutachterin hatte das Vorliegen einer
Zwangsstörung mangels Vorhandenseins der entsprechenden Kriterien verneint. Die
angegebenen Zwänge hätten im Rahmen der mehrstündigen Untersuchung nicht
verifiziert werden können. Die erforderlichen inneren Widerstände gegen die
Zwangshandlungen oder -gedanken hätten nicht festgestellt werden können bzw.
seien von der Beschwerdeführerin nicht beschrieben worden. Auch eine unangenehme
Wiederholung der (zwanghaften) Gedanken, Vorstellung oder Impulse habe aktuell
nicht identifiziert werden können (IV-act. 81-25). Die im März 2010 beschriebenen
Zwangshandlungen liessen sich aktuell nicht mehr feststellen (IV-act. 81-27). Zur von
ihr diagnostizierten Persönlichkeitsstörung führte die Gerichtsgutachterin aus, diese
Diagnose habe sich bisher nicht strukturiert erheben lassen. Aufgrund ihrer Mühe, sich
zu entscheiden, und der Ambivalenz im Verhalten sei es der Beschwerdeführerin sehr
schwer gefallen, den SKID-Screeningbogen auszufüllen und das strukturierte Interview
zu führen. Die Beschwerdeführerin habe die Kriterien einer sowohl zwanghaften als
auch einer paranoiden Persönlichkeitsstörung erreicht. Zudem würden die Kriterien
einer schizoiden und einer Borderline-Persönlichkeitsstörung erfüllt. Dies entspreche
einer kombinierten Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F61; act. G 28-51). Auch die
diagnostischen Leitlinien nach ICD-10 ergäben das Vorliegen einer
Persönlichkeitsstörung: In eindrücklicher Weise fänden sich Unausgeglichenheiten im
Verhalten (ständig Auseinandersetzungen mit anderen Leuten, auffälliger sozialer
Rückzug), in der Affektivität, im Antrieb und in der Impulskontrolle sowie im
Wahrnehmen und Denken (überwertige Ideen bis wahrscheinlich zumindest auch
punktuell Wahngedanken). Das Verhaltensmuster sei andauernd, ziehe sich seit
wahrscheinlich 2002, dokumentiert seit 2007 durch die Biografie der
Beschwerdeführerin. Es sei tiefgreifend und in vielen Situationen eindeutig unpassend.
Die Störung habe lange Vorläufer, die sich bis in die Schulzeit zurückverfolgen liessen.
Zu deutlichem subjektivem Leiden habe sie spätestens ab dem Auftreten der
Zwangssymptome ca. 2002 geführt. Zu deutlichen Einschränkungen der beruflichen
und sozialen Leistungsfähigkeit sei es anscheinend bereits während der Lehre
gekommen (act. G 28-50). Dem gegenüber hatte die Vorgutachterin ausgeführt, die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kriterien einer Persönlichkeitsstörung gemäss Leitlinien seien - im Längsschnitt
betrachtet - nicht erfüllt, zumal die Persönlichkeits- bzw. Verhaltensmerkmale - gemäss
der Aktenlage als verschieden (d.h. nicht gleichförmig) beurteilt worden seien. Bei der
Beschwerdeführerin sei von akzentuierten Persönlichkeitszügen mit histrionischen
(infantilen) und emotional instabilen (emotionalen) Anteilen auszugehen (IV-act. 81-25).
4.3 Die unterschiedliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch die Vorgutachterin und
die Gerichtsgutachterin erklärt sich im Wesentlichen durch die unterschiedliche
diagnostische Beurteilung hinsichtlich des Vorliegens einer Zwangs- und einer
Persönlichkeitsstörung (so nachvollziehbar die Gerichtsgutachterin, act. G 28-58).
Zudem hält die Gerichtsgutachterin fest, es sei in der aktuellen Untersuchung möglich
gewesen, die genannten Diagnosen zu verifizieren. Überdies habe die Vorgutachterin
das Verhalten der Beschwerdeführerin in der Untersuchung nicht als relevant in ihre
differenzialdiagnostischen Überlegungen einbezogen, sondern ausschliesslich als
Fehlverhalten interpretiert (act. G 28-58). In Anbetracht der Ausführungen der
Beschwerdeführerin anlässlich der Vorbegutachtung (IV-act. 81-7, 8, 11) und der
handschriftlichen Notizen (IV-act. 79-6 ff.) greift die Feststellung der Vorgutachterin, die
Beschwerdeführerin habe keine konkreten oder nachvollziehbaren Einschränkungen
bei den geschilderten Aktivitäten im Tagesablauf angegeben, insbesondere keine
Zwangsrituale oder Stereotypien, die wiederholt werden müssten (IV-act. 81-22), zu
kurz. Allerdings wies die Vorgutachterin auf verschiedene Diskrepanzen hin, so im
Wesentlichen auf die fragliche Vereinbarkeit der beschriebenen Zwänge mit dem
Halten mehrerer Haustiere (vgl. IV-act. 81-7), mit einer uneingeschränkten
Reisefähigkeit (IV-act. 81-22), mit dem weitgehend unauffälligen psychiatrischen
Befund und dem geschilderten Tagesablauf bzw. mit den privaten Aktivitäten (IV-
act. 81-18, 24) und mit dem Umstand, dass anlässlich der Untersuchung keine
Zwangshandlungen oder gedankliche Stockungen sowie keine Veränderungen der
Haut an den Händen feststellbar gewesen seien (IV-act. 81-19 f.) und ein Leidensdruck
nicht spürbar gewesen sei (IV-act. 81-23). Über Verdeutlichungstendenzen hinaus
ergebe sich auch der Eindruck von Aggravationstendenzen. Bewusste
Täuschungstendenzen könnten nicht ausgeschlossen werden. Drei von vier
entsprechenden Kriterien seien erfüllt (IV-act. 81-28, 32). Die Gerichtsgutachterin führte
dazu aus, im Gutachten von med.pract. H._ sei keine systematische Exploration von
Zwängen dokumentiert, keine spezifische Persönlichkeitsdiagnostik, keine Prüfung, ob
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
das Verhalten der Beschwerdeführerin nicht auch anders interpretiert werden könnte,
und was für welche Interpretation spreche (act. G 28-52, 57). Die Beschreibung der
Zwänge weise in sich keine Widersprüche auf. Bei der vertieften Erhebung in der
aktuellen Untersuchung sprächen die Details und die individuelle Beschreibung für die
Wiedergabe des Erlebten. Auch habe die Beschwerdeführerin klar differenziert
zwischen ihr vertrauten und unbekannten Zwängen. Auch ihre Reaktion auf die vertiefte
Erhebung, ihr Erstaunen, wenn sie bei sich Erfragtes habe bestätigen können, spreche
für eine authentische Wiedergabe. Die sich durch die ganze Biografie ziehenden
Auseinandersetzungen seien aktuell von der Mutter und von Dr. J._ bestätigt worden.
Die Kontrollskalen der eingesetzten Instrumente seien unauffällig gewesen; die
Schwerpunkte der Beeinträchtigung in der BSCL (Brief Symptom Checklist,
vgl. act. G 28-36) und in der klinischen Untersuchung hätten übereingestimmt. Auch
die von Dr. B._ und Dr. J._ aktuell beschriebenen Einschränkungen wiesen in
dieselbe Richtung (act. G 28-56 f.).
4.4 Die Beschwerdeführerin beschreibt die Zwänge und deren Auswirkungen
durchgehend, vor allem im Kontext der beiden Gutachten, ähnlich, auch wenn
unterschiedliche Beispiele verwendet werden (vgl. IV-act. 79-6 ff., IV-act. 81-7 ff., IV-
act. 93, act. G 28-19 ff.). Aus dem Vorgutachten von med. pract. H._ geht hervor,
dass ein konstruktiver Rapport anlässlich der Begutachtung kaum gelang (IV-
act. 81-13, 16, 18). Die Beschwerdeführerin beschwerte sich zeitnah nach der
Begutachtung bei der Beschwerdegegnerin, med.pract. H._ habe ihre Zwänge nicht
adäquat erhoben und sie ständig unterbrochen (vgl. IV-act. 77-1 ff.). Die
Gerichtsgutachterin wusste darum und um die hier wesentliche Problematik
hinsichtlich der Konsistenz. Sie hat ihre Untersuchung darauf abgestimmt und konnte
sie wie vorgesehen durchführen. Aus der Tatsache, dass sie die entsprechenden
Diagnosen stellte, ergibt sich, dass sie von der Konsistenz der Angaben und im
Gegensatz zur Vorgutachterin nicht von einem relevanten Malingering ausging.
Insgesamt erscheint dieser Schluss nachvollziehbar. Plausibel legt Dr. M._ dar, dass
sich med. pract. H._s Einschätzung der Leistungsfähigkeit auf ihre Verneinung beider
Störungen beziehe, ohne dass im Gutachten die entsprechende Diagnostik
dokumentiert sei (act. G 28-58, Ziff. 5).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.5 Die Beschwerdegegnerin erachtet die Konsistenzprüfung als ungenügend und die
Zusatzfrage 4 für unbeantwortet (act. G 34). Die Gerichtsgutachterin verweist auf den
einleitenden Abschnitt zur Leistungsfähigkeit auf S. 52 und auf die Antwort 2b. Dort
erläutert sie nachvollziehbar, dass und warum sie das Verhalten der
Beschwerdegegnerin als authentisch, plausibel und eben als krankheitswertig einstuft.
Dies nicht zuletzt deshalb, weil es sich auch durch die gesamte Berufsbiografie zieht.
Deshalb kommt sie nachvollziehbar zum Schluss, dass im Vordergrund nicht
mangelnde Motivation stehe, sondern mangelnde Selbst- und Fremdwahrnehmung,
mangelnder Realitätsbezug und ausgeprägte Probleme in der Interaktion
(act. G 28-52). In der Antwort zu Frage 2b äussert sich Dr. M._ zudem noch explizit
zur Konsistenz und Plausibilität. Es ist nicht ersichtlich, inwiefern betreffend die
Konsistenz noch Fragen offengeblieben sein sollen (vgl. die Ausführungen zur
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit vorstehend, E. 4.3).
4.6 Was die Aussagen von F._ anbelangt, hätte ihn die Beschwerdegegnerin im
erstinstanzlichen Abklärungsverfahren als Auskunftsperson befragen können. Indes
relativiert sich der Stellenwert seiner Aussage stark, da er seine Äusserungen noch am
selben Tag sowie am 11. Februar 2015 telefonisch als Falschangaben deklarierte (IV-
act. 56) und da die Beschwerdeführerin selber berichtete, im Juni/Juli 2014 die
Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit als Tänzerin versucht zu haben (Befragung vom 16.
Februar 2015, IV-act. 59-5). Zudem würde eine Befragung kaum zu zuverlässigen
weiter klärenden Aussagen führen. Eine aussagepsychologische Begutachtung wäre in
Anbetracht des im Sozialversicherungsrecht geringen Stellenwertes des
Zeugenbeweises (vgl. U. Kieser, Kommentar ATSG, 3. Aufl., Zürich 2015, Art. 43 Rz 42)
kaum verhältnismässig. Er muss aufgrund seiner Beziehung zur Beschwerdeführerin
zudem als befangen gelten. Insgesamt erscheint somit nachvollziehbar, dass eine
massgebliche Aggravation oder Simulation nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
ausgewiesen ist.
4.7 Das Gerichtsgutachten begründet die Arbeitsfähigkeitseinschätzung plausibel
gestützt auf die Mini-ICF-APP (act. G 28-52 ff.). Gesamthaft sei die Beschwerdeführerin
in für ihre beruflichen Tätigkeiten relevanten Fähigkeiten eingeschränkt: leicht in der
Kompetenz und Wissensanwendung und in der Selbstpflege und Selbstversorgung;
mittelschwer in der Anpassung an Regeln und Routinen, der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Selbstbehauptungsfähigkeit, der Konversation und Kontaktpflege zu Dritten, der
Gruppenfähigkeit und der Mobilität und Verkehrsfähigkeit; schwer in der Planung und
Strukturierung von Aufgaben, der Flexibilität und Umstellungsfähigkeit. der
Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit, der Proaktivität und Spontanaktivitäten und der
Widerstands- und Durchhaltefähigkeit. Die Einschränkungen beträfen auch den
privaten Bereich (act. G 28-55). Aufgrund der gesamthaft mittelschweren bis schweren
Einschränkungen sei die Beschwerdeführerin nicht in der Lage, einer Tätigkeit auf dem
freien Arbeitsmarkt nachzugehen (act. G 28-56). Triftige Gründe für ein
ausnahmsweises Abweichen vom Gerichtsgutachten liegen nicht vor. Somit ist darauf
abzustellen.
5.
Zum Verlauf führte die Gerichtsgutachterin aus, es liessen sich zwei Zeiträume
ausmachen: begonnen hätten die Zwänge im Jahr 2002 mit dem Auszug aus der
elterlichen Wohnung; akzentuiert hätten sie sich anlässlich der Trennung vom
langjährigen Freund 2007 (act. G 28-52). Gegenüber 2010 hätten sich die psychischen
Störungen nach den vorliegenden Informationen nicht wesentlich geändert. Bei den
Zwängen scheine es tendenziell zu einer Verschiebung zu mehr Zwangsgedanken
gegenüber den -handlungen gekommen zu sein. Gegenüber 2010 sei auch die
Bedeutung der Persönlichkeitsstruktur, allenfalls des Wahns, deutlicher zutage
getreten. Weiter legt die Gerichtsgutachterin dar, auch gegenüber dem Vorgutachten
vom 24. September 2015 habe sich das beschriebene Verhalten der
Beschwerdeführerin nicht wesentlich verändert, und weist auf die ihrer Ansicht nach
unvollständige Diagnostik der Vorgutachterin hin (act. G 28-57). Auch insofern ist die
von der Gerichtsgutachterin weiterhin angenommene 100%ige Arbeitsunfähigkeit im
ersten Arbeitsmarkt schlüssig begründet und die Beschwerdeführerin hat daher
gleichbleibend Anspruch auf eine ganze Invalidenrente.
6.
6.1 In Gutheissung der Beschwerde ist die Verfügung vom 24. Mai 2016 (IV-act. 97)
aufzuheben. Die Beschwerdeführerin hat weiterhin Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 1‘000.--
erscheint aufgrund der Einholung eines Gerichtsgutachtens und des damit
verbundenen Mehraufwands als angemessen. Die Beschwerdegegnerin hat
ausgangsgemäss die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 1'000.-- zu bezahlen.
6.3 Die Kosten des psychiatrischen Gerichtsgutachtens von Fr. 8'325.-- (act. G 29) hat
die Beschwerdegegnerin zu tragen (BGE 137 V 265 f. E. 4.4.2).
6.4 Bei diesem Verfahrensausgang hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Diese ist vom Gericht festzusetzen, wobei insbesondere der
Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand Rechnung zu tragen ist (Art. 61 lit. g
ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt
das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75)
pauschal Fr. 1'500.-- bis Fr. 15'000.--. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
machte am 13. April 2017 ein Honorar von Fr. 4'537.75 (inkl. Barauslagen und
Mehrwertsteuer) für seine Bemühungen seit dem 1. Juni 2016 geltend (act. G 18.1).
Dabei fällt auf, dass ein überdurchschnittlicher Anteil der Aufwendungen durch
Korrespondenz bzw. Telefonate mit der Beschwerdeführerin begründet ist. Nach
Vorliegen des Gerichtsgutachtens beziffert er seine Honorarforderung mit Fr. 6'500.--
zuzgl. Mehrwertsteuer und Spesen, ohne seine Tätigkeiten detailliert auszuweisen
(act. G 33). Der Aufwand im hier zu beurteilenden Fall erscheint insgesamt
umfangreicher als in üblichen Fällen, in denen ein Gerichtsgutachten eingeholt wird.
Indes rechtfertigt sich der geltend gemachte Aufwand im Zusammengang mit der
Einholung eines Gerichtsgutachtens von rund Fr. 2'000.-- nicht in vollem Umfang,
zumal der Rechtsvertreter die relevanten Akten bereits kannte und das
Gerichtsgutachten im Sinne des Antrags der Beschwerdeführerin ausgefallen ist. Unter
Berücksichtigung des durch die Einholung eines Gerichtsgutachtens entstandenen
zusätzlichen und insgesamt überdurchschnittlichen Aufwands ist eine pauschale
Parteientschädigung von Fr. 5‘500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer)
angemessen. Die Festlegung eines Honorars aus unentgeltlicher Rechtsverbeiständung
erübrigt sich aufgrund des Verfahrensausgangs.