Decision ID: 7c28e138-1c82-4bfd-bb68-59ad8656e196
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Mai 2017 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 3). Sie gab an, sie habe weder eine schulische noch
eine berufliche Ausbildung absolviert; sie sei eine Analphabetin. Der Psychiater Dr.
med. B._ hatte in einem Bericht vom 1. Dezember 2016 ausgeführt (IV-act. 12–3 f.),
er könne keine abschliessende Beurteilung abgeben, weil er die Versicherte nur einmal
gesehen habe und weil bei jener Untersuchung kein zertifizierter Dolmetscher
anwesend gewesen sei. Vorläufig seien eine leichte bis mittelgradige depressive
Störung, der Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung sowie
verschiedene psychosoziale Probleme zu diagnostizieren. Die Versicherte habe den
Krieg in ihrem Herkunftsland hautnah miterlebt. Von ihren fünf Brüdern seien drei im
Krieg getötet worden. Einer der beiden überlebenden Brüder habe im letzten Jahr
knapp einen Anschlag mit einer Autobombe überlebt. Die Versicherte habe berichtet,
dass sie mit den Kriegserlebnissen aufgewachsen sei, dass sie Massaker habe
mitansehen müssen und dass sie auch nach wie vor davon träume. Sie habe im Schlaf
Angst, stehe auf und habe immer wieder das Gefühl, dass jederzeit Bomben fallen
könnten. Vor 20 Jahren sei sie in die Schweiz eingereist. Ihr Ehemann sei im
Herkunftsland ein Freiheitskämpfer gewesen; er habe Kriegsverletzungen davon
getragen. Die vier Kinder im Alter von 19–24 Jahren seien gut integriert und studierten.
Der Ehemann beziehe wegen einer Rückenproblematik seit etwa zehn Jahren eine
Invalidenrente. In der aktuellen Untersuchung habe die Versicherte depressiv gewirkt.
Im Rahmen der depressiven Symptomatik sei sie wohl zu etwa 40 Prozent in ihrer
Arbeitsfähigkeit eingeschränkt. Daneben spielten Faktoren eine Rolle, die mit der
Krankheit nichts zu tun hätten, nämlich die fehlenden Deutschkenntnisse, die fehlende
Schulbildung und die schwierige finanzielle Situation. Aufgrund der geschilderten
A.a.
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Symptomatik sei eine tiefergehende Exploration durch eine Fachstelle unter Beizug
eines zertifizierten Dolmetschers dringend indiziert.
Da die Versicherte in einem „Fragebogen zur Rentenabklärung betreffend
Erwerbstätigkeit/Haushalt“ angegeben hatte, dass sie ohne eine
Gesundheitsbeeinträchtigung in einem Pensum von 40–50 Prozent erwerbstätig wäre
(IV-act. 15), wies die IV-Stelle das Begehren um berufliche Massnahmen mit einer
Verfügung vom 17. Oktober 2017 mit der Begründung ab, die von Dr. B._ attestierte
Arbeitsunfähigkeit stehe der Ausübung einer Erwerbstätigkeit im Wunschpensum nicht
entgegen (IV-act. 31). Diese Verfügung erwuchs unangefochten in formelle Rechtskraft.
A.b.
Im Auftrag der IV-Stelle erstatteten der Orthopäde Dr. med. C._ und der
Psychiater Prof. Dr. D._ am 29. Januar 2019 ein bidisziplinäres Gutachten (IV-act.
61). Der orthopädische Sachverständige Dr. C._ hielt fest, im Rahmen der
Untersuchung habe er keine Hinweise auf eine Verdeutlichungstendenz, auf eine
Aggravation oder auf eine Simulation festgestellt. Die Versicherte habe einen offenen
und authentischen Eindruck gemacht. Eine Selbstlimitierung habe nicht festgestellt
werden können. Allerdings habe die Laboranalyse des Blutes gezeigt, dass die
Versicherte die verschriebenen Medikamente nicht einnehme, was Zweifel am
Leidensdruck wecke. In der klinischen Untersuchung habe sich ein – im Gutachten
ausführlich wiedergegebener – weitgehend unauffälliger objektiver Befund ergeben.
Massgebliche Belastungs- oder Bewegungseinschränkungen hätten nicht objektiviert
werden können. Bezüglich der sprachlichen Verständigung während der Untersuchung
wies Dr. C._ darauf hin, dass der beauftragte Dolmetscher unentschuldigt nicht
aufgetaucht und dann auch telefonisch nicht erreichbar gewesen sei. Über die
Dolmetscheragentur habe eine Ersatz-Dolmetscherin organisiert werden können, womit
die Untersuchung dann mit lediglich 20 Minuten Verspätung doch noch habe
durchgeführt werden können. Die bei der Untersuchung anwesende jüngste Tochter
der Versicherten habe sich von den sprachlichen Fähigkeiten der Dolmetscherin
überzeugt. Während der Untersuchung habe es keine Sprachbarriere gegeben. Für
eine Befangenheit der Dolmetscherin habe sich kein Anhaltspunkt gezeigt. Der
psychiatrische Sachverständige Prof. Dr. D._ hielt fest, das Erscheinungsbild und das
Verhalten der Versicherten sei unauffällig gewesen. Gesamthaft habe ein
befriedigender rationaler und emotionaler Rapport hergestellt werden können. Die
A.c.
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Versicherte sei vollständig orientiert gewesen. Gedächtnisstörungen hätten nicht
objektiviert werden können. Die Konzentration und die Aufmerksamkeit seien
uneingeschränkt gewesen und hätten während der gesamten, etwa zwei Stunden
dauernden Untersuchung aufrecht erhalten werden können. Der formale
Gedankengang sei unauffällig gewesen. Ein erhöhtes Arousal habe nicht festgestellt
werden können. Die Versicherte habe nicht über Intrusionen oder flash backs, aber
über Albträume im Zusammenhang mit den Kriegserlebnissen im Herkunftsland
berichtet. In der Untersuchung hätten sich keine Hinweise auf einen Wahn, auf eine
Sinnestäuschung oder auf eine Ich-Störung ergeben. Die Intelligenz dürfte im
Normbereich liegen, aber die Versicherte sei eine Analphabetin und sie könne nicht
rechnen. Affektiv sei die Versicherte nur mässig spürbar gewesen. Es habe sich ein
dysthymer Schmerzaffekt gezeigt. Die Stimmung sei gedrückt gewesen. In der
Untersuchung habe sich wiederholt eine Affektinkontinenz im Zusammenhang mit das
Herkunftsland betreffenden Themen gezeigt. Bei Ablenkung habe sich das jeweils
sofort wieder verbessert. Die Schwingungsfähigkeit sei erhalten, aber leicht verflacht
gewesen. Die Psychomotorik sei leicht verlangsamt gewesen. Hinweise auf eine
nachhaltige Störung der Persönlichkeitsstrukturen hätten nicht vorgelegen. Die
Affektivität sei zum negativen Pol verschoben gewesen. Diagnostisch hätten eine
leichtgradig ausgeprägte, chronifizierte rezidivierende depressive Störung und
Restsymptome einer Stressfolgestörung vorgelegen. In psychosozialer Hinsicht
bestünden Probleme in Verbindung mit der Ausbildung und dem Beruf, Probleme in
Verbindung mit den ökonomischen Verhältnissen sowie Schwierigkeiten bei der
kulturellen Eingewöhnung. Das psychische Störungsbild der Versicherten sei derzeit
noch nicht ausreichend therapiert. Zudem sei die Versicherte nachweislich nicht
compliante bezüglich der Medikamenteneinnahme. Unter einer leitliniengerechten
Behandlung sei mit einer Rückbildung der Symptome des psychischen Störungsbildes
innerhalb von längstens sechs Monaten zu rechnen. Deshalb könnten aus
psychiatrischer Sicht derzeit keine handicapierenden Fähigkeitsstörungen mit einer
mittel- oder langfristigen Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit konzidiert werden. In ihrer
bidisziplinären Konsenbeurteilung führten die Sachverständigen aus, die Versicherte
leide an keiner Gesundheitsbeeinträchtigung mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit.
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In einer Aktennotiz vom 14. März 2019 qualifizierte Dr. med. E._ vom IV-internen
regionalen ärztlichen Dienst (RAD) das bidisziplinäre Gutachten als grundsätzlich
überzeugend (IV-act. 63). Sie hielt allerdings fest, die Arbeitsfähigkeitsschätzung des
psychiatrischen Sachverständigen Prof. Dr. D._ sei unklar, weshalb entsprechende
Rückfragen an den Sachverständigen zu richten seien. Am 2. April 2019 forderte die IV-
Stelle Prof. Dr. D._ auf, ausführlich zur Arbeitsfähigkeit der Versicherten Stellung zu
nehmen (IV-act. 64). Der Rechtsvertreter der Versicherten machte in einer Eingabe vom
25. April 2019 geltend (IV-act. 67), beim von Prof. Dr. D._ verfassten Dokument
handle es sich nicht um ein Gutachten. Der Sachverständige habe „einen völlig
inkompetenten Dolmetscher“ beigezogen. Überhaupt erstaune es, dass die IV-Stelle
nach wie vor Gutachtensaufträge an Prof. Dr. D._ vergebe. Dieser sei ein Angestellter
der IV-Stelle gewesen und er sei es immer noch, weil er wirtschaftlich von der IV-Stelle
abhängig sei. Das Gutachten sei nicht verwertbar. Am 24. Mai 2019 teilte Prof. Dr.
D._ der IV-Stelle mit (IV-act. 68), dass er die Rückfrage zur aktuellen Arbeitsfähigkeit
der Versicherten nicht beantworten könne, da er diese nur einmalig für die
Begutachtung gesehen habe, die mittlerweile schon viereinhalb Monate in der
Vergangenheit liege. Er empfehle, die Rückfrage an den behandelnden Psychiater zu
richten. Am 29. Mai 2019 ersuchte die IV-Stelle Prof. Dr. D._, die Rückfrage zur
Arbeitsfähigkeit für den Zeitpunkt der Untersuchung zu beantworten (IV-act. 69). Am 8.
Juli 2019 antwortete Prof. Dr. D._ (IV-act. 70), er könne nicht Stellung zur mittel- oder
langfristigen Arbeitsfähigkeit der Versicherten nehmen, da der Gesundheitszustand im
Zeitpunkt der Begutachtung instabil gewesen sei. Bezüglich der kurzfristigen
Arbeitsfähigkeit teile er die Einschätzung von Dr. B._.
A.d.
Mit einem Vorbescheid vom 23. August 2019 teilte die IV-Stelle der Versicherten
mit (IV-act. 74), dass sie die Abweisung ihres Rentenbegehrens vorsehe. Zur
Begründung führte sie an, die Versicherte wäre im hypothetischen „Gesundheitsfall“ zu
45 Prozent im Erwerb und zu 55 Prozent im Aufgabenbereich Haushalt tätig. Anlässlich
der Haushaltsabklärung vom 25. April 2018 (vgl. IV-act. 50) sei keine relevante
Einschränkung im Aufgabenbereich Haushalt festgestellt worden. Für den
Erwerbsbereich sei von einem Arbeitsunfähigkeitsgrad und damit – mittels eine
Prozentvergleichs – auch von einem Invaliditätsgrad von 40 Prozent auszugehen. Unter
Berücksichtigung der Gewichtung des Erwerbsbereichs mit 45 Prozent ergebe sich ein
A.e.
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Teilinvaliditätsgrad von 18 Prozent (= 45% × 40%). Im Aufgabenbereich ergebe sich ein
Teilinvaliditätsgrad von null Prozent (= 55% × 0%). Der Gesamtinvaliditätsgrad betrage
folglich 18 Prozent und damit weniger als 40 Prozent, weshalb kein Rentenanspruch
bestehe. Dagegen liess die Versicherte am 26. September 2019 einwenden (IV-act. 78),
Prof. Dr. D._ sei von der IV-Stelle wirtschaftlich abhängig und daher zum Vorneherein
nicht in der Lage, ein versicherungsexternes Gutachten zu erstellen. Der beigezogene
Dolmetscher sei „völlig inkompetent“ gewesen. Zudem habe Prof. Dr. D._ im
Zusammenhang mit dem unentschuldigten Fernbleiben des eigentlich beauftragten
Dolmetschers gesagt, dass er „diese Nation und deren Unzuverlässigkeit“ kenne, was
zeige, dass er generelle Vorbehalte gegenüber jenem Volk habe, dem auch die
Beschwerdeführerin angehöre. Das Gutachten von Prof. Dr. D._ sei aus all diesen
Gründen nicht verwertbar. Die IV-Stelle ersuchte Prof. Dr. D._ am 4. Oktober 2019,
Stellung zu den Vorwürfen des Rechtsvertreters zu nehmen (IV-act. 80). Am 10.
Oktober 2019 antwortete Prof. Dr. D._ (IV-act. 81), das Bundesgericht habe in
seinem Urteil 9C_704/2018 vom 29. Januar 2019 festgehalten, dass das Institut für
medizinische Expertisen, dem Prof. Dr. D._ als Chefarzt vorstehe, nicht wirtschaftlich
von der Invalidenversicherung abhängig sei. Das Institut erstelle auch zahlreiche
Gutachten für die Suva sowie für weitere Versicherungen und Krankenkassen in der
Schweiz und in Deutschland. Zudem bestehe noch eine „OKP-Praxis“. Die Aufträge der
IV-Stelle St. Gallen machten nur einen geringen Teil des Auftragsvolumens aus. Der
Dolmetscher sei tatsächlich nicht zur Begutachtung erschienen, weshalb unter grosser
Anstrengung ein Ersatz habe gefunden werden müssen. Er, Prof. Dr. D._, habe der
ersatzweise hinzugezogenen Dolmetscherin mitgeteilt, dass es nun das dritte Mal
hintereinander sei, dass ein F._isch sprechender Dolmetscher verspätet oder gar
nicht zum Untersuch erschienen sei, und er habe die Dolmetscherin ersucht, dies an
ihre Vorgesetzten bei der Agentur weiterzuleiten. Dass der Rechtsvertreter daraus eine
Diskriminierung konstruiere, sei „leicht als zweckintendiert zu durchschauen“. Das
Gutachten sei mit dem nötigen Respekt und mit Empathie gegenüber der Versicherten
erstellt worden. Mit einer Verfügung vom 16. Oktober 2019 wies die IV-Stelle das
Rentenbegehren der Versicherten ab (IV-act. 82).
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B.
Am 18. November 2019 liess die Versicherte (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 16. Oktober 2019
erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung, die Rückweisung der Sache an die IV-Stelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin) zur weiteren Sachverhaltsabklärung sowie die Anordnung einer
Begutachtung durch das Versicherungsgericht und die Bezeichnung des
Sachverständigen durch das Versicherungsgericht. Zur Begründung führte er aus, das
Versicherungsgericht habe in einem Entscheid vom 19. Januar 2019 festgehalten, dass
Prof. Dr. D._ wirtschaftlich von der Beschwerdegegnerin abhängig sei. Dieser
Umstand hätte die Beschwerdegegnerin veranlassen müssen, ihre
Gutachtensvergabepraxis zu überdenken. Jedenfalls könne Prof. Dr. D._ nicht als ein
unabhängiger Sachverständiger qualifiziert werden; sein Gutachten sei nicht
verwertbar. Die Tochter der Beschwerdeführerin könne bestätigen, dass die
ersatzweise beauftragte Dolmetscherin „zurückhaltend ausgedrückt“ die deutsche
Sprache nur „ganz ungenügend und gebrochen“ beherrscht habe, sodass die
Verständigung während der Untersuchung nicht gewährleistet gewesen sei. Wenn das
Versicherungsgericht die Sache zur weiteren Abklärung an die Beschwerdegegnerin
zurückweise, müsse es gleich selbst den Sachverständigen bestimmen, denn
ansonsten sei zu befürchten, dass die Beschwerdegegnerin wieder einen wirtschaftlich
abhängigen und damit befangenen Sachverständigen beauftragen werde.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 13. Januar 2020 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie an, die Rüge der
Beschwerdeführerin, die Dolmetscherin sei inkompetent gewesen, könne angesichts
der Ausführungen im Gutachten von Prof. Dr. D._ und Dr. C._ nicht nachvollzogen
werden. Das Versicherungsgericht habe im erwähnten Entscheid vom 9. Januar 2019
Prof. Dr. D._ weder die Unabhängigkeit abgesprochen noch seine Gutachten als
generell unverwertbar qualifiziert. Es habe sich lediglich auf den Standpunkt gestellt,
dass ein Gutachten von Prof. Dr. D._ in der „Beweiskaskade“ des Bundesgerichtes
eher mit einem RAD-Bericht als mit einem versicherungsexternen Gutachten
vergleichbar sei, wobei die Beschwerdegegnerin allerdings die Behauptung des
Versicherungsgerichtes, Prof. Dr. D._ sei von ihr wirtschaftlich abhängig, bestreite.
B.b.
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Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen Verfügung
vom 16. Oktober 2019 auf deren Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem
des vorangegangenen Verwaltungsverfahrens entsprechen muss. Nachdem die
Beschwerdegegnerin das Verfahren betreffend berufliche Eingliederungsmassnahmen
mit ihrer formell rechtskräftigen Verfügung vom 17. Oktober 2017 abgeschlossen hatte,
Wie in anderen Fällen auch habe Prof. Dr. D._ hier zudem ein qualitativ hochwertiges
Gutachten abgeliefert, auf das ohne Weiteres abgestellt werden könne.
Die Beschwerdeführerin liess am 13. Februar 2020 an ihren Anträgen festhalten
(act. G 8). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik.
B.c.
Am 7. Juni 2021 ersuchte das Versicherungsgericht Prof. Dr. D._ (act. G 14),
eine auch für einen medizinischen Laien nachvollziehbare und überzeugende
Begründung für sein Attest eines Arbeitsunfähigkeitsgrades von 40 Prozent
nachzuliefern. Am 15. Juli 2021 antwortete Prof. Dr. D._ (act. G 15), er habe in
seinem Gutachten ausdrücklich festgehalten, dass er aus psychiatrischer Sicht mittel-
und langfristig keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit habe attestieren können. Auf
eine Rückfrage der Beschwerdegegnerin hin, die sich augenscheinlich nur auf die
kurzfristige Arbeitsfähigkeitsschätzung habe beziehen können, habe er sich auf den
Standpunkt gestellt, dass er die Einschätzung von Dr. B._ teile. Zwar habe er
tatsächlich keine Fähigkeitsstörungen erwähnt, die diese Arbeitsfähigkeitsschätzung
begründen würde, aber diesbezüglich sei die Rückfrage nicht an ihn, sondern an Dr.
B._ zu richten.
B.d.
Die Beschwerdegegnerin nahm keine Stellung zum Schreiben von Prof. Dr. D._
vom 15. Juli 2021. Die Beschwerdeführerin liess am 12. Oktober 2021 geltend machen
(act. G 19), die ergänzende Stellungnahme von Prof. Dr. D._ sei wertlos, weil er die
Beschwerdeführerin nicht erneut untersucht, sondern bloss auf die aus der vor mehr
als zweieinhalb Jahren durchgeführten Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse
abgestellt habe. Eine „wirklich erhellende“ Antwort hätte eine erneute, vorgängige
Untersuchung vorausgesetzt.
B.e.
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hat das Verwaltungsverfahren lediglich noch die Frage nach einem Rentenanspruch der
Beschwerdeführerin zum Gegenstand gehabt. In diesem Beschwerdeverfahren ist
folglich ausschliesslich zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin das Rentenbegehren
der Beschwerdeführerin vom Mai 2017 zu Recht abgewiesen hat.
2.
Nachdem die Beschwerdeführerin Einwände gegen den Vorbescheid vom 23. August
2019 erhoben hatte, hat die Beschwerdegegnerin weitere Abklärungen getätigt. Sie hat
nämlich Prof. Dr. D._ aufgefordert, Stellung zu den Vorwürfen der
Beschwerdeführerin betreffend seine wirtschaftliche Abhängigkeit, betreffend die
Kompetenz der beigezogenen Dolmetscherin und betreffend die geltend gemachten
Vorbehalte gegenüber dem Herkunftsvolk der Beschwerdeführerin zu nehmen. Nach
dem Abschluss dieser zusätzlichen Sachverhaltsermittlung hat sie direkt die
angefochtene Verfügung erlassen, ohne der Beschwerdeführerin die Stellungnahme
von Prof. Dr. D._ zur Einsicht und Stellungnahme zuzustellen. Damit hat sie
offenkundig die gesetzliche Vorbescheidspflicht nach Art. 57a IVG verletzt. Die
angefochtene Verfügung müsste deshalb an sich aus formalen Gründen aufgehoben
und die Sache müsste zur korrekten Durchführung des „Vorbescheidsverfahrens“ an
die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen werden. Rechtsprechungsgemäss ist es
allerdings zulässig, eine Verfahrensrechtswidrigkeit wie etwa die Verletzung der
Vorbescheidspflicht zu „heilen“, womit aber nicht die eigentliche „Heilung“ (nämlich die
Behebung des formellen Mangels), sondern vielmehr ein „Ignorieren“ der
Verfahrensrechtswidrigkeit gemeint ist. Diese Möglichkeit ergibt sich aus der
„zudienenden“ Funktion des Verfahrensrechtes, das ja nur der Umsetzung des
objektiven materiellen Rechtes dient, und aus dem Umstand, dass es einer
beschwerdeführenden Person frei steht, einer raschen materiellen Erledigung einer
Streitsache eine höhere Priorität als einem formal in jeder Hinsicht korrekten Entscheid
einzuräumen. Beantragt die beschwerdeführende Person, dass die
Verfahrensrechtswidrigkeit ignoriert werden soll, oder geht aus ihren Eingaben
eindeutig hervor, dass sie eine rasche materielle Erledigung einem formal in jeder
Hinsicht korrekten Entscheid vorzieht, kann die Verfahrensrechtswidrigkeit ignoriert
werden. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat aufgrund seiner
gerichtsnotorischen Erfahrung im Sozialversicherungsrecht die Verletzung der
Vorbescheidspflicht erkennen müssen. Er hat diese aber mit keinem Wort gerügt,
weshalb davon auszugehen ist, dass die Beschwerdeführerin die
Verfahrensrechtswidrigkeit ignorieren will. Folglich ist die angefochtene Verfügung nicht
wegen der Verletzung der Vorbescheidspflicht aufzuheben.
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3.
Laut dem Art. 43 Abs. 1 ATSG hat der Versicherungsträger von Amtes wegen die
Begehren zu prüfen, die notwendigen Abklärungen vorzunehmen und die erforderlichen
Auskünfte einzuholen. Ihn trifft also eine gesetzliche Untersuchungspflicht, was
bedeutet, dass primär er verpflichtet ist, den massgebenden Sachverhalt umfassend
und sorgfältig zu ermitteln. Erst wenn der massgebende Sachverhalt vollständig
abgeklärt worden ist, kann das materielle Recht auf den – dann mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststehenden – Sachverhalt
angewendet werden. Ein Rechtsanwendungsakt respektive eine Verfügung, die sich
auf einen nicht vollständig ermittelten Sachverhalt stützt, ergeht also in Verletzung der
Untersuchungspflicht, weshalb eine solche Verfügung als rechtswidrig zu qualifizieren
ist und, sofern sie mit dem entsprechenden Rechtsmittel angefochten worden ist, von
der Rechtsmittelinstanz aufgehoben werden muss.
3.1.
Die Bemessung des für die Beantwortung der Frage nach einem Rentenanspruch
einer versicherten Person gegenüber der Invalidenversicherung massgebenden
Invaliditätsgrades (Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG) setzt voraus, dass sowohl
das sogenannte Valideneinkommen als auch das zumutbarerweise erzielbare
Invalideneinkommen feststehen. Die Bezifferung des zumutbarerweise erzielbaren
Invalideneinkommens ist nicht möglich, solange der relevante Arbeitsfähigkeitsgrad der
versicherten Person noch nicht feststeht. Dafür sind überzeugende Angaben eines
medizinischen Sachverständigen dazu erforderlich, welche Tätigkeiten der versicherten
Person in welchem Umfang trotz der Gesundheitsbeeinträchtigung noch zumutbar
sind. Von einer vollständigen Erfüllung der Untersuchungspflicht nach Art. 43 Abs. 1
ATSG könnte vorliegend also nur gesprochen werden, wenn Prof. Dr. D._
überzeugende Angaben zur Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin gemacht hätte,
die als überwiegend wahrscheinlich zutreffend qualifiziert werden könnten. Zwar hat
Prof. Dr. D._ Stellung zur Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin genommen, aber
seine Angaben sind nicht geeignet gewesen, den für die Bestimmung des
massgebenden Arbeitsfähigkeitsgrades relevanten Sachverhalt mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen. In seinem Gutachten
hat Prof. Dr. D._ nämlich ausdrücklich festgehalten, dass der Gesundheitszustand
der Beschwerdeführerin instabil sei, weshalb er keine Stellung zur mittel- oder
langfristigen Arbeitsfähigkeit nehmen könne. Diese Aussage hat er überzeugend mit
dem Umstand begründet, dass die Beschwerdeführerin trotz einer objektiv
nachgewiesenen psychischen Erkrankung weder die verschriebenen Psychopharmaka
eingenommen noch sich in eine psychotherapeutische Behandlung begeben hatte, die
3.2.
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bereits Dr. B._ als dringend indiziert bezeichnet hatte. In dieser Situation hat Prof. Dr.
D._ nur eine Prognose darüber abgeben können, wie sich der Gesundheitszustand
und damit auch die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin entwickeln könnte, wenn
die psychische Gesundheitsbeeinträchtigung lege artis behandelt würde. Diese
Arbeitsfähigkeitsschätzung hat sich also auf eine zukünftige Sachverhaltsentwicklung
bezogen und ist damit zum Vorneherein nicht geeignet gewesen, den massgebenden
Sachverhalt mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
zu belegen. Auf eine Rückfrage der Beschwerdegegnerin zum aktuellen
Arbeitsfähigkeitsgrad hin hat Prof. Dr. D._ in einer ergänzenden Stellungnahme vom
8. Juli 2019 lediglich festgehalten, er teile die – von jenem explizit als „vorläufig“
bezeichnete – Einschätzung von Dr. B._. Eine Begründung dafür hat er nicht geliefert.
Das Versicherungsgericht hat ihn deshalb am 7. Juni 2021 aufgefordert, eine
Begründung für diese Beurteilung nachzuliefern, wobei es ausdrücklich darauf
hingewiesen hat, dass sich die Begründung nicht an der Diagnose, sondern an den
objektiven klinischen Befunden und deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit (z.B.
erhöhter Pausenbedarf oder Verlangsamung) zu orientieren habe. In seiner Antwort an
das Versicherungsgericht vom 15. Juli 2021 hat Prof. Dr. D._ zwar eingeräumt, dass
er tatsächlich keine Begründung für diese (kurzfristige) Arbeitsfähigkeitsschätzung
anhand der konkreten Funktionsbeeinträchtigungen geliefert habe. Aus nicht
nachvollziehbaren Gründen hat er dieses Versäumnis aber nicht nachgeholt, sondern er
hat es bei dieser Feststellung bewenden lassen, obwohl das Versicherungsgericht ihm
erklärt hatte, dass es ohne eine solche Begründung nicht auf seine
Arbeitsfähigkeitsschätzung abstellen könne. Ebenso wenig nachvollziehbar ist der
Hinweis von Prof. Dr. D._, das Versicherungsgericht solle sich diesbezüglich doch an
Dr. B._ wenden. Erstens wäre es die Sache von Prof. Dr. D._ gewesen, die
Arbeitsfähigkeitsschätzung zu begründen, denn unabhängig davon, dass er sich der
Beurteilung von Dr. B._ angeschlossen hat, ist es seine Arbeitsfähigkeitsschätzung
gewesen, für die er eine Begründung geschuldet hat. Zweitens ist ihm bestens bekannt
gewesen, dass Dr. B._ die Beschwerdeführerin nur einmal konsiliarisch untersucht
hatte und dass diese Untersuchung durch erhebliche Verständigungsschwierigkeiten
geprägt gewesen war. Auch der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat aber
offenbar nicht verstanden, worauf die Rückfrage des Versicherungsgerichtes an Prof.
Dr. D._ abgezielt hatte, denn er hat geltend gemacht, dass der Sachverständige die
Frage nach der Begründung seiner Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht ohne eine erneute
Untersuchung beantworten könne. Offenbar hat er übersehen, dass das
Versicherungsgericht Prof. Dr. D._ ausschliesslich dazu aufgefordert hatte, die – aus
der bereits erfolgten Untersuchung gewonnenen – Gründe für seine
Arbeitsfähigkeitsschätzung noch schriftlich auszuformulieren. Dafür wäre
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selbstverständlich keine weitere Untersuchung erforderlich gewesen. Da sich Prof. Dr.
D._ geweigert hat, die Rückfrage des Versicherungsgerichtes zu beantworten, lässt
sich sein Attest eines Arbeitsunfähigkeitsgrades von 40 Prozent für einen
medizinischen Laien nicht nachvollziehen. Auch Dr. B._ hat seine
Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht überzeugend begründet. Zudem hat er ausdrücklich
darauf hingewiesen, dass es sich nur um eine vorläufige erste Einschätzung handle. In
den Akten fehlt also eine überzeugende Begründung für die
Arbeitsfähigkeitsschätzung. Die angefochtene Verfügung beruht damit auf einem
unvollständig abgeklärten Sachverhalt, was bedeutet, dass sie in Verletzung der
Untersuchungspflicht ergangen ist und deshalb als rechtswidrig aufgehoben werden
muss.
Die Sache ist zur Fortsetzung des Verwaltungsverfahrens an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, da die weitere Sachverhaltsabklärung auf eine
Ergänzung des Administrativgutachtens von Prof. Dr. D._ abzielt, nämlich auf eine
schriftliche Begründung für das Attest eines Arbeitsunfähigkeitsgrades von 40 Prozent.
Nach der bundesgerichtlichen Auffassung ist in einem solchen Fall kein
Gerichtsgutachten anzuordnen (BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4 S. 264 f.). Sollte sich die
Beschwerdeführerin auch nach der Eröffnung der angefochtenen Verfügung weiterhin
geweigert haben, sich in eine psychotherapeutische Behandlung zu begeben und die
verordneten Psychopharmaka einzunehmen, dürfte es sich bei der
Arbeitsfähigkeitsschätzung von Prof. Dr. D._ mittlerweile um eine „mittelfristige“ und
nicht nur um eine „kurzfristige“ Arbeitsfähigkeitsschätzung gehandelt haben, weshalb
es umso wichtiger ist, dass dieses Attest nachträglich mit einer für einen medizinischen
Laien verständlichen und überzeugenden Begründung versehen wird. Die Frage, ob ein
Anwendungsfall des Art. 21 Abs. 4 ATSG vorliegt, ist nicht in diesem
Beschwerdeverfahren, sondern im Zuge des weiterzuführenden Verwaltungsverfahrens
zu prüfen. Das weitere Vorgehen bezüglich der Ermittlung des medizinischen
Sachverhaltes muss dem RAD überlassen werden, der aus medizinischer Sicht
beurteilen kann, auf welche Weise eine möglichst überzeugende Antwort auf die
Ergänzungsfrage erhältlich gemacht werden kann. Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin hat beantragt, dass das Versicherungsgericht die
Beschwerdegegnerin verpflichte, ein neues Administrativgutachten einzuholen. Eine
solche Vorgabe rechtfertigt sich aber nicht, weil es nur um eine Ergänzung des
bestehenden Administrativgutachtens geht, sodass es grundsätzlich nahe liegt, Prof.
Dr. D._ um eine solche Ergänzung zu ersuchen. Selbstverständlich steht es der
Beschwerdegegnerin frei, ein neues Administrativgutachten einzuholen, aber es
besteht aus der Sicht des Versicherungsgerichtes keine Notwendigkeit, sie im jetzigen
3.3.
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4.
Die Rückweisung einer Sache zur weiteren Sachverhaltsabklärung gilt hinsichtlich der
Kosten- und Entschädigungsfolgen rechtsprechungsgemäss als ein vollständiges
Obsiegen der beschwerdeführenden Partei. Die angesichts des durchschnittlichen
Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten sind deshalb
der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Die Beschwerdegegnerin hat der
Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung auszurichten. Der erforderliche
Vertretungsaufwand ist als durchschnittlich zu qualifizieren, da der erforderliche
Aufwand für das Aktenstudium im Vergleich mit anderen IV-Rentenfällen zwar eher
Zeitpunkt verbindlich dazu zu verpflichten. Ebenso wenig ist es, wie der Rechtsvertreter
der Beschwerdeführerin beantragt hat, angezeigt, der Beschwerdegegnerin eine
verbindliche Vorgabe für die Wahl eines Sachverständigen im Hinblick auf eine allfällige
neue Begutachtung zu machen, denn damit wäre ein schwerer Eingriff in die
Verfahrenshoheit der Beschwerdegegnerin verbunden, der sich nicht rechtfertigen
liesse. Würde man nämlich der Argumentation des Rechtsvertreters des
Beschwerdeführers folgen und annehmen, Prof. Dr. D._ verfasse möglichst
versichertenfeindliche Gutachten, weil er wirtschaftlich von der Beschwerdegegnerin
abhängig sei, dann müsste man notwendigerweise auch unterstellen, dass die
Beschwerdegegnerin an möglichst versichertenfeindlichen Gutachten interessiert sei,
denn ansonsten könnte Prof. Dr. D._ mit solchen Gutachten ja kein Interesse der
Beschwerdegegnerin wecken, ihn mit möglichst vielen Begutachtungen zu
beauftragen. Das hiesse aber, dass nicht nur Prof. Dr. D._, sondern auch die
Beschwerdegegnerin befangen wäre. Wäre das der Fall, dürfte die
Beschwerdegegnerin überhaupt keine IV-Verfahren mehr durchführen und folglich
könnte auch nie eine Rückweisung der Sache an sie zur Fortsetzung des
Verwaltungsverfahrens in Frage kommen. Das liesse sich nur rechtfertigen, wenn
Anhaltspunkte für eine Befangenheit der Beschwerdegegnerin vorlägen, was aber nicht
der Fall ist. Da also kein Grund zur Annahme besteht, die Beschwerdegegnerin sei
selbst befangen, ist davon auszugehen, dass sie an einer objektiven Anwendung der
massgebenden gesetzlichen Normen interessiert ist, was das Interesse mit
einschliesst, möglichst beweiskräftige Gutachten einzuholen, um die
Untersuchungspflicht ohne einen unnötigen Aufwand erfüllen zu können. Sie wird
deshalb nicht versichertenfeindliche, sondern vielmehr solche Sachverständige mit
einer Begutachtung beauftragen, die Gewähr dafür bieten, möglichst gut begründete
Gutachten abzuliefern. Da ein solches Verhalten gesetzmässig ist, besteht keine
Veranlassung, in die Verfahrenshoheit der Beschwerdegegnerin einzugreifen.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unterdurchschnittlich gewesen ist, weil nur vergleichsweise wenige Akten zu studieren
gewesen sind, aber dafür im Beschwerdeverfahren wegen der Rückfrage des
Versicherungsgerichtes an Prof. Dr. D._ ein überdurchschnittlicher Aufwand für den
Schriftenwechsel angefallen ist. Die Versicherungsrichterinnen und
Versicherungsrichter haben in einer Plenarsitzung vom 21. Mai 2021 beschlossen, die
durchschnittliche Parteientschädigung generell um 500 Franken zu erhöhen. Aus
Praktikabilitätsüberlegungen haben sie sich für eine sofortige Umsetzung dieser
Praxisänderung auf alle noch hängigen Fälle entschieden, obwohl die
Beschwerdegegnerin damit einen Nachteil erleidet, weil sie nun ohne einen sachlichen
Grund immer dann eine um 500 Franken höhere Parteientschädigung ausrichten muss,
wenn ein Fall nach dem 21. Mai 2021 beurteilt worden ist. Nach dem Beschluss der
Versicherungsrichterinnen und Versicherungsrichter soll sie diesen Nachteil in Kauf
nehmen müssen. Die Beschwerdegegnerin hat deshalb die Beschwerdeführerin mit
4’000 Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.