Decision ID: 2caa20f9-1994-45f0-88ac-67f4cabb840d
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 22.06.2017 Art. 17 Abs. 1 IVG. Art. 43 Abs. 1 ATSG. Anspruch auf eine Umschulung. Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes. Da nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht, dass der Versicherte in der angestammten Tätigkeit als Maurer voll arbeitsfähig ist, ist die Sache zur fachärztlichen Abklärung an die IV-Stelle zurückzuweisen. Teilweise Gutheissung der Beschwerde (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 22. Juni 2017, IV 2016/358). Entscheid vom 22. Juni 2017 Besetzung Präsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und Michaela Machleidt Lehmann; Gerichtsschreiberin Lea Hilzinger Geschäftsnr. IV 2016/358 Parteien A._, Beschwerdeführer, gegen IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen, Beschwerdegegnerin, Gegenstand IV-Leistungen Sachverhalt
Entscheid Versicherungsgericht, 22.06.2017
A.
A.a A._ meldete sich im April 2016 bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen zum
Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1). Er gab an, starke Schmerzen im Rücken,
besonders im Lendenbereich, zu haben, die ihn immer wieder zu Arbeitsunterbrüchen
zwängen. Die Schmerzen bestünden seit ca. zwei bis drei Jahren und seien von
steigender Intensität. Er habe eine Lehre als Maurer EFZ absolviert. Seit dem 25.
August 2014 arbeite er zu 100 % als Maurer für die B._ AG.
A.b Die B._ AG berichtete der IV-Stelle am 18. April 2016 (IV-act. 4), dass sie den
Versicherten seit dem 15. April 2016 in einem vollen Pensum beschäftige. Sie habe
keine Kenntnis von einem Gesundheitsschaden.
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A.c Dr. med. C._, Allg. Medizin FMH, berichtete der IV-Stelle am 1. Juli 2016 (IV-act.
11), dass der Versicherte an belastungsabhängigen lumbalen Rückenschmerzen leide.
Behandlungen fänden keine statt und seien auch nicht geplant. Wegen der
Rückenschmerzen komme es in den temporären Anstellungen zu Absenzen. Bei der
Untersuchung habe der Versicherte aktuell keine Beschwerden gehabt und das
Röntgenbild der LWS habe keine Anomalien, keine Spondylisthesis und keine
degenerativen Veränderungen gezeigt. Der Versicherte könne noch leichte bis
mittelschwere Arbeiten ausüben. Eine Umschulung erscheine ihm sehr sinnvoll, da für
den Versicherten die weitere Ausübung des Maurerberufes nicht möglich sei. Dem
beiliegenden Röntgenbefund vom 11. Mai 2016 der LWS ap/seitl. war folgendes zu
entnehmen: „Normales Alignement der Wirbelkörperhinterflächen. Minimale
linkskonvexe skoliotische Fehlhaltung der oberen LWS. Normale Struktur und Kontur
der einzelnen Wirbelkörper mit symmetrisch normalen Bogenwurzeln. Regelrechte
Weite der lumbalen Zwischenwirbelräume. Soweit beurteilbar symmetrisch normale
ISG.“
A.d RAD-Ärztin Dr. med. D._ notierte am 7. Juli 2016 (IV-act. 13), dass Dr. C._
gemäss telefonischer Rücksprache vom 7. Juli 2016 anlässlich der klinischen
Untersuchung keinerlei Pathologien habe erheben können. Der Versicherte habe
angegeben, wegen der Rückenschmerzen häufige Absenzen in temporären
Anstellungen gehabt zu haben. Arbeitsunfähigkeitsatteste seien jedoch keine
ausgestellt worden. Eine Behandlung der Rückenschmerzen habe bisher nicht
stattgefunden. Die RAD-Ärztin hielt abschliessend fest, dass weder klinische noch
radiologische pathologische Befunde hätten erhoben werden können. Es lägen
subjektive Beschwerden vor, die nicht hätten objektiviert werden können. Ein
objektivierbarer Gesundheitsschaden mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit liege
nicht vor.
A.e Mit Vorbescheid vom 7. Juli 2016 kündigte die IV-Stelle dem Versicherten die
Abweisung seiner Gesuche um berufliche Massnahmen und Rentenleistungen an (IV-
act. 16). Zur Begründung hielt sie fest, dass nach den ihr zur Verfügung stehenden
Unterlagen keine gesundheitliche Beeinträchtigung festgestellt worden sei, die zu
anhaltenden Funktionseinschränkungen führen und eine Arbeitsunfähigkeit begründen
könnte. Dagegen wendete der Versicherte am 8. August 2016 ein (IV-act. 17), dass er
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wegen der starken Beschwerden und Schmerzen im Rücken, insbesondere im Kreuz,
Arbeitseinsätze oft abgelehnt oder abgebrochen und dadurch Verdienstausfälle erlitten
habe. Seit einiger Zeit nehme er vor allem Arbeitseinsätze an, bei denen der Rücken
nicht in gleichem Ausmass belastet werde wie in seinem erlernten Beruf. Allerdings
erleide er auch dadurch grössere Verdienstausfälle. Er möchte sich daher zum
Informatiker Fachrichtung Applikationsentwicklung umschulen lassen. Der Versicherte
bat zudem darum, die Kosten für die medizinische Vorabklärung (Arztbesuch) zu
übernehmen. Am 31. August 2016 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit (IV-act. 18),
dass in Bezug auf die Rückenschmerzen keinerlei pathologischen Befunde hätten
erhoben werden können und dass keine Arbeitsunfähigkeitszeugnisse ausgestellt
worden seien. Es könne davon ausgegangen werden, dass eine angemessene
Behandlung stattfinde, wenn gesundheitliche Beschwerden vorlägen. Die Kosten für
den Arztbesuch würden durch die Krankenversicherung übernommen. Der Versicherte
verzichtete auf eine Stellungnahme hierzu.
A.f Mit Verfügung vom 27. September 2016 (IV-act. 19) wies die IV-Stelle die Gesuche
um berufliche Massnahmen und Rentenleistungen aus den im Vorbescheid
angegebenen Gründen ab. Zum Einwand hielt sie fest, dass der Versicherte keine
neuen medizinisch objektivierbaren wesentlichen Änderungen der Befunde oder
Symptome mitgeteilt habe, die nicht schon zum Zeitpunkt des Vorbescheids bekannt
gewesen seien.
B.
B.a Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer)
am 26. Oktober 2016 Beschwerde (act. G 1). Er beantragte sinngemäss die Aufhebung
der Verfügung und die nochmalige Prüfung eines Umschulungsanspruchs. Zur
Begründung machte er geltend, dass er bei der Arbeit auf dem Bau durch die
schweren Lasten zunehmend Schmerzen im unteren Rücken, im Kreuz und in den
hinteren Beinmuskeln bekommen habe. Zeitweise habe er nicht mehr schmerzfrei
gehen und sitzen können. Ein Arztbesuch habe keine Hinweise auf eine dauerhafte
körperliche Schädigung ergeben und er sei mit einer Salbe zur Selbsttherapie
vertröstet worden. Wegen der Kosten habe er auf weitere nutzlose Arztbesuche
verzichtet. Da ihm die Gesundheit wichtiger sei als viel Geld, habe er jeweils
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freigenommen, wenn die Schmerzen zu stark geworden seien. Sich krank melden sei
für ihn nicht in Frage gekommen. Dadurch habe er Lohneinbussen gehabt. Um flexibler
zu sein, habe er begonnen, temporär zu arbeiten. So habe er auch Arbeiten annehmen
können, die ihm weniger Schmerzen bereitet hätten. Dies sei allerdings ebenfalls mit
einer erheblichen Lohneinbusse einhergegangen. Eine Umschulung sei aus
medizinischer Sicht notwendig. Aus finanziellen Gründen habe er bisher auf eine
seriöse Abklärung der Herkunft der Schmerzen verzichtet. Dass er nun abgestraft
werden solle, weil er bisher auf eine Behandlung und auf Krankentaggelder verzichtet
habe, leuchte ihm nicht ein.
B.b Die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am 17. Januar 2017
die Abweisung der Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie
zusammengefasst aus, dass kein objektivierbarer Gesundheitsschaden mit Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit vorliege. Der Beschwerdeführer erreiche somit die 20 %ige
Erwerbseinbusse, die eine Voraussetzung zur Gewährung der Umschulung sei, nicht.
Das Leistungsgesuch sei daher zu Recht abgewiesen worden.
B.c In seiner Replik vom 18. Februar 2017 (act. G 6) machte der Beschwerdeführer
ergänzend geltend, er leide bereits seit 2013 an zunehmenden Beschwerden und
Schmerzen, die durch verschiedene Tätigkeiten auf den Baustellen ausgelöst würden.
Insbesondere bei Belastungen durch das Tragen und Stützen grosser Lasten habe er
oft tagelang Schmerzen beim Gehen, Bücken, Sitzen usw. Die Schmerzen schränkten
ihn bei der Arbeit, aber auch in der Mobilität stark ein und beeinträchtigten ihn auch
psychisch. Er sei einige Male bei einem Arzt und bei Therapeuten gewesen, die
allerdings keine direkte Diagnose hätten stellen können. Weitergehende Abklärungen
wären aufwändig und für ihn zu teuer gewesen. Der Verdienstausfall habe, verglichen
mit dem Jahr 2013, im Jahr 2014 rund 32.85 % und im Jahr 2015 42.85 % betragen.
Im ersten Halbjahr 2016 sei der Lohn sogar auf Fr. 14‘000.-- zurückgegangen. Wegen
der häufigen (schmerzbedingten) Absagen, möglicherweise aber auch wegen der
Anfrage der IV, habe er vom Temporärbüro weniger Aufträge erhalten. Auf dem
erlernten Beruf könne er höchstens noch Teilzeit arbeiten. In der Tätigkeit als
Informatiker wäre er nach einer Umschulung sehr wahrscheinlich voll arbeitsfähig.
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 8).
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Erwägungen
1.
Mit der Verfügung vom 27. September 2016 hat die Beschwerdegegnerin nicht nur
einen Anspruch auf berufliche Eingliederungsmassnahmen, sondern auch einen
Anspruch auf eine Invalidenrente verneint. Der Beschwerdeführer hat in seiner
Beschwerde vom 25. Oktober 2016 sinngemäss den Antrag gestellt, es sei ihm eine
Umschulung zu gewähren. In Bezug auf die Verneinung eines Rentenanspruchs ist die
Verfügung vom 27. September 2016 also nicht angefochten worden. Das bedeutet,
dass dieser Verfügungsteil in formelle Rechtskraft erwachsen ist. Die Frage nach einem
allfälligen Rentenanspruch des Beschwerdeführers bildet somit nicht Gegenstand des
vorliegenden Verfahrens.
2.
2.1 Eine versicherte Person hat Anspruch auf eine Umschulung auf eine neue
Erwerbstätigkeit, wenn die Umschulung infolge Invalidität notwendig ist und dadurch
die Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erhalten oder verbessert werden kann (Art. 17 Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG, SR 831.20). Gemäss der
höchstrichterlichen Rechtsprechung setzt der Anspruch auf eine Umschulung voraus,
dass die versicherte Person wegen der Art und Schwere des Gesundheitsschadens in
der bisher ausgeübten Tätigkeit und in den für sie ohne zusätzliche berufliche
Ausbildung offen stehenden zumutbaren Erwerbstätigkeiten eine bleibende oder länger
dauernde Erwerbseinbusse von etwa 20 Prozent erleidet (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 15. Oktober 2015, 9C_511/2015 E. 3 mit Hinweisen; Rz. 4011 des
Kreisschreibens über die Eingliederungsmassnahmen beruflicher Art, KSBE, Stand 1.
Mai 2017).
2.2 Ob eine versicherte Person einen Anspruch auf eine Umschulung hat, hängt somit
unter anderem von ihrer Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit ab. Die
Sachverhaltsermittlung − und damit auch die Ermittlung der Arbeitsfähigkeit einer
versicherten Person − obliegt der Beschwerdegegnerin. Sie ist gestützt auf den
Untersuchungsgrundsatz nach Art. 43 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
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Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) verpflichtet, den
Sachverhalt soweit zu ermitteln, dass über den Leistungsanspruch entschieden werden
kann. Als Nächstes ist daher zu prüfen, ob die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers
in der angestammten Tätigkeit als Maurer mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit feststeht.
2.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, die Tätigkeit als Maurer höchstens noch in
Teilzeit ausüben zu können, da insbesondere das Tragen und Stützen grosser Lasten
starke Schmerzen im unteren Rücken auslöse. Der Hausarzt Dr. C._ hat der IV-Stelle
am 1. Juli 2016 berichtet, dass der Beschwerdeführer an belastungsabhängigen
lumbalen Rückenschmerzen leide. Die weitere Ausübung des Maurerberufs sei dem
Beschwerdeführer nicht mehr möglich. Zwar hat der Hausarzt weder klinische noch
radiologische pathologische Befunde erheben können, aber er hat die
Beschwerdeschilderung des Beschwerdeführers trotzdem als glaubhaft eingestuft;
andernfalls hätte er die Tätigkeit als Maurer nicht als unzumutbar erachtet. Dies
bedeutet zwar nicht, dass auf seine Arbeitsfähigkeitsschätzung abgestellt werden
könnte. Arbeitsfähigkeitsschätzungen von behandelnden Ärzten weisen nämlich
insoweit eine generelle Schwäche auf, als diese aufgrund der auftragsrechtlichen
Vertrauensstellung und im Hinblick auf einen möglichen Ziel- und Interessenskonflikt im
Zweifel regelmässig eher zugunsten der Patienten aussagen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 25. Februar 2015, 8C_616/2014 E. 5.3.3.3 mit Hinweisen).
Trotzdem weckt der Umstand, dass der Hausarzt, obwohl er keine objektivierbaren
pathologischen Befunde hat erheben können, die geltend gemachten Beschwerden als
glaubhaft eingestuft hat, Zweifel daran, dass die geltend gemachten
Rückenbeschwerden soweit abgeklärt worden sind, dass über den Leistungsanspruch
entschieden werden kann. Namentlich liegt keine fachärztliche Einschätzung des
geltend gemachten Leidens im Recht. Aus dem Umstand, dass sich der
Beschwerdeführer bisher offenbar nicht fachärztlich hat behandeln lassen, kann nicht
mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
geschlossen werden, dass er in der angestammten Tätigkeit als Maurer voll
arbeitsfähig wäre. Demzufolge erweist sich eine fachärztliche Abklärung der
Rückenbeschwerden zur Beurteilung eines allfälligen Umschulungsanspruchs als
notwendig. Die Durchführung einer fachärztlichen Untersuchung ist zudem
verhältnismässig, da eine solche keine hohen Kosten verursacht.
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2.4 Demnach ist die angefochtene Verfügung vom 27. September 2016 wegen der
Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes nach Art. 43 Abs. 1 ATSG aufzuheben und
die Sache ist zur weiteren Abklärung und zur Entscheidung über einen allfälligen
Umschulungsanspruch des Beschwerdeführers an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
3.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Praxisgemäss ist die
Rückweisung der Sache zur ergänzenden Abklärung und neuen Beurteilung an die
Verwaltung als volles Obsiegen des Beschwerdeführers zu werten (BGE 132 V 215 E.
6.2). Dementsprechend ist die Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- vollumfänglich der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe ist
dem Beschwerdeführer zurückzuerstatten.