Decision ID: 1b07c890-d820-4a44-95cc-9c5ca2485702
Year: 2021
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Kantonsgericht, 17.02.2021 Art. 398 Abs. 1 und 2 i.V.m. Art. 101 Abs. 1 OR (SR 220): Anwaltshaftung; Verletzung der anwaltlichen Pflicht zur Abklärung des Sachverhalts im Zusammenhang mit der Geltendmachung von Schadenersatz wegen Nichterfüllung (E. 3.b). Art. 75 CISG (SR 0.221.211.1): Voraussetzung für die vereinfachte Berechnung des Nichterfüllungsschadens nach Massgabe von Art. 75 CISG ist – neben der tatsächlichen Vornahme eines Deckungsgeschäfts, der (vorgängigen) Aufhebung des Kaufvertrags sowie der Angemessenheit in sachlicher und preislicher Hinsicht – insbesondere, dass das Deckungsgeschäft innerhalb angemessener Frist vorgenommen wird, wobei deren Dauer von den Umständen des Einzelfalles abhängt. Für den Beginn der Frist ist der Zeitpunkt der Vertragsaufhebung massgeblich (E. 5). (Kantonsgericht, III. Zivilkammer, 17. Februar 2021, BO.2019.5). Hinweis: Gegen diesen Entscheid wurde Beschwerde an das Bundesgericht erhoben. Das Verfahren ist noch hängig.

Aus den Erwägungen:
III.
[...]
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
[...]
b) Erstmals im Berufungsverfahren bringt der Beklagte vor, beim Kläger handle es
sich um einen geschäfts- und prozesserfahrenen Klienten, weshalb diesem gegenüber
die anwaltliche Pflicht zu ergänzender Sachabklärung herabgesetzt sei und von ihm
hätte erwartet werden können, dass er seinen Anwalt über einen geplanten (teureren)
Deckungskauf informiere. Dem hält der Kläger entgegen, es handle sich hierbei um
unzulässige neue bzw. – soweit sie erstinstanzlich teilweise bereits vorgebacht wurden
– bestrittene Tatsachenbehauptungen, welche zudem, was die Behauptung der
Geschäftserfahrenheit betreffe, im Widerspruch zu den früheren Vorbringen des
Beklagten stünden. Dazu fällt in Betracht, dass zumindest in Bezug darauf, dass der
Kläger bereits verschiedentlich (auch) an zivilrechtlichen Verfahren vor Vorinstanz
beteiligt (und dabei vom Beklagten vertreten worden) war, von einer gerichtsno
torischen und im Verhältnis der Parteien unter dem Aspekt des Anwaltsgeheimnisses
unproblematischen Tatsache ausgegangen werden kann (Art. 151 ZPO) und jedenfalls
grundsätzlich auch übereinstimmende Parteivorbringen dazu vorliegen, dass der Kläger
im Bereich des Chicorée-Anbaus über geschäftliche Kenntnisse verfügt (wenngleich,
wie der Kläger zu Recht einwendet, der Beklagte seine [klägerischen] Fähigkeiten in
"administrativen Belangen" vor Vorinstanz relativierte). Wie es sich mit der
novenrechtlichen Zulässigkeit dieser beklagtischen Vorbringen im Berufungsverfahren
im Einzelnen verhält, kann aber letztlich offenbleiben; denn selbst wenn von einer
gewissen Geschäfts- und/oder Prozesserfahrenheit des Klägers auszugehen wäre,
könnte der Beklagte sich daraus im vorliegenden Fall aus folgenden Gründen nichts zu
seinen Gunsten ableiten:
aa) Zu den Sorgfaltspflichten des Anwalts gehört insbesondere die Abklärung des
Sachverhalts. Anwalt und Klient haben die massgebenden Fakten gemeinsam
zusammenzutragen, wobei den Klienten die Pflicht zur vollständigen Information trifft
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und der Anwalt mit Blick auf die Tatbestandsvoraussetzungen der massgebenden
Rechtsnormen die notwendigen Fragen zu stellen hat. Soweit erforderlich hat der
Anwalt den Sachverhalt mittels Studiums der ihm übergebenen Akten und Beizugs der
verfügbaren Beweisstücke zu klären. Erscheinen diese Unterlagen lückenhaft oder
ungenügend, muss er bei seinem Klienten weitere Informationen verlangen.
Nötigenfalls hat der Anwalt den Mandanten zielgerichtet zu befragen, da er als
Rechtskundiger weiss, welche Tatsache für die Beurteilung der sich stellenden
Rechtsfragen von Bedeutung sind, während Letzterer i.d.R. nicht über diese
Kenntnisse verfügt. Dabei hat er den Klienten auch auf die drohenden Nachteile einer
unvollständigen Anspruchsgrundlage aufmerksam zu machen. Grundsätzlich darf der
Anwalt sodann auf die Richtigkeit der Ausführungen seines Klienten vertrauen.
Zumindest bei ungenauen Angaben des Mandanten oder bei begründetem Anlass zu
Zweifeln an deren Wahrheitsgehalt ist eine Überprüfung jedoch geboten und hat der
Anwalt auf die Unstimmigkeiten hinzuweisen und zur Klärung der Sachlage
aufzufordern (Fellmann, Anwaltsrecht, 2. Aufl., N 1498 ff. mit Hinweisen; Walter/ 
Schmid, Unsorgfältige Führung eines Anwaltsmandats – Anwaltshaftung, in: Weber/
Münch, Haftung und Versicherung, 2. Aufl., N 20.30). Ferner hat der Anwalt den
Klienten umfassend zu beraten und diesem die Schritte zu empfehlen, die geeignet
sind, das angestrebte Ziel zu erreichen. Er hat dafür Sorge zu tragen, dass alle
voraussehbaren und somit vermeidbaren Nachteile für den Klienten auch tatsächlich
vermieden werden. Im Rahmen der Prozessführung muss er die tatsächliche Situation
gewissenhaft prüfen und mit Blick auf die gewünschte rechtliche Subsumtion in seinen
Rechtsschriften sorgfältig darstellen. Er hat den Klienten daher auf die verschiedenen
möglichen Anspruchsgrundlagen hinzuweisen und ihm Gelegenheit zu geben, alle
sachdienlichen Informationen bekannt zu geben und mögliche Beweismittel vorzulegen
(Fellmann, a.a.O., N 1517 und 1529 mit Hinweisen).
bb) Vorliegend erhielt Rechtsanwältin B._ unbestrittenermassen am 16. Dezember
2011, mithin drei Tage vor Einreichung der Replik am 19. Dezember 2011, vom Kläger
die Mitteilung, dass er die ursprünglich bei der Z._ bestellte Maschine nicht mehr
wolle. Vor diesem Hintergrund hätte sich gemäss den Erwägungen der Vorinstanz
spätestens dann ein allfälliger Deckungskauf als in der Replik zu nennende
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schadensposition – gegebenenfalls unter dem Vorbehalt der späteren Bezifferung –
geradezu angeboten bzw. hätte sich Rechtsanwältin B._ zumindest die Frage
stellen müssen, ob der Kläger bereits eine andere Maschine im Auge hatte. Jedenfalls
aber hätte Rechtsanwältin B._ – sollte nicht davon ausgegangen werden, dass die
Schadensposition des Deckungskaufs im Grundsatz bereits in der Replik zu nennen
gewesen wäre – dem Kläger frühzeitig, spätestens jedoch am 16. Dezember 2011,
mitteilen bzw. diesen auffordern müssen, ihr sofort Bescheid zu geben, wenn er eine
andere Erntemaschine kaufe, damit sie diese Tatsache anschliessend rechtzeitig als
Novum in den Prozess hätten einbringen können. Diesen Erwägungen ist unter
Berücksichtigung der vorstehend erwähnten Pflichten des Anwalts zuzustimmen. In
Anbetracht dessen, dass im Verfahren OV.2011.4-RH3ZK-REU neben dem auf
Leistungserfüllung lautenden Hauptbegehren von Beginn weg auch ein Eventual
begehren auf Schadenersatz wegen Nichterfüllung gestellt worden war und damit
zumindest grundsätzlich auch die allfällige Geltendmachung von Schadenersatz
aufgrund eines späteren Deckungsgeschäfts i.S.v. Art. 75 CISG im Raum stand (dass
dies der Fall sein könnte, ergibt sich aus der damaligen Klageschrift, in der u.a. auf die
Bestimmungen von Art. 74 ff. CISG verwiesen wurde), wäre der Beklagte bzw.
Rechtsanwältin B._ schon im Grundsatz gehalten gewesen, dafür besorgt zu sein,
dass (auch) diesbezüglich bereits innerhalb des zweifachen Schriftenwechsels (vor
Aktenschluss) soweit möglich entsprechende Tatsachenbehauptungen und
Beweismittelanträge vorgebracht würden. Insofern hätte seinerseits bzw. ihrerseits
durchaus Anlass bestanden und hätte es an ihm bzw. ihr gelegen, frühzeitig, jedenfalls
aber im Rahmen der Ausarbeitung der Replik bzw. vor deren Einreichung mit dem
Kläger Rücksprache in Bezug auf eine allenfalls (inzwischen) vorhandene Absicht, eine
andere (Neu-)Maschine anzuschaffen, zu halten. Spätestens aber, als Rechtsanwältin
B._ vom Kläger (als Reaktion auf den ihm zugesandten Replikentwurf) vor
Einreichung der Replik am 16. Dezember 2011 benachrichtigt worden war, dass er die
Lieferung der ursprünglich bestellten Maschine nicht mehr wünsche, hätte sich die
Frage nach der Bedeutung dieses Umstands für das laufende Verfahren gestellt und
hätten sich die Frage einer anderweitigen Beschaffung einer (gleichwertigen)
Erntemaschine und weitere Abklärungen im Hinblick auf eine sich aus dem
Deckungskauf allfällig ergebende Schadenersatzforderung (z.B. zum Preis der
Ersatzmaschine und zum Stand der diesbezüglich gegebenenfalls schon
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aufgenommenen Verhandlungen) aufgedrängt. In dieser Situation wäre es ihre Sache
gewesen, den Sachverhalt durch tatbestandsgerechte Befragung des Klägers soweit
abzuklären, dass sie (auch) die Schadensposition des Deckungskaufs in den
Grundzügen – vorbehältlich allenfalls der späteren Bezifferung – in der Replik hätte
aufführen können, bzw. zumindest den Kläger anzuhalten, sie über den Kauf einer
Ersatzmaschine unverzüglich zu informieren, um diese Tatsache rechtzeitig mittels
Noveneingabe ins Verfahren einführen zu können. Da aber weder für das eine noch das
andere ein Nachweis besteht, muss sich Rechtsanwältin B._, auch was die
Schadensposition des Deckungskaufs anbelangt, vorwerfen lassen, die Pflicht zur
Abklärung des Sachverhalts in unvertretbarer Weise verletzt zu haben.
cc) Daran vermag die vom Beklagten zitierte Literatur, wonach die anwaltliche Pflicht
zu ergänzender Sachabklärung auch ihre Grenzen habe und insbesondere gegenüber
einem rechtskundigen Mandanten herabgesetzt sei sowie im Grundsatz weder dazu
verpflichte, ohne besondere Anzeichen die vom Mandanten gegebenen Informationen
auf deren Richtigkeit hin zu überprüfen, noch, den Sachverhalt durch eigene
Nachforschungen zu vervollständigen (Walter/Schmid, a.a.O., N 20.31), nichts zu
ändern. Zum einen liesse sich selbst dann, wenn man von einer gewissen
Prozesserfahrung des Klägers in Zivilsachen ausginge, daraus noch lange nicht darauf
schliessen, dass dieser in Bezug auf den fraglichen Rechtsstreit (d.h. hinsichtlich der
Geltendmachung von Ansprüchen wegen Vertragsverletzung nach UN-Kaufrecht) als
rechtskundig zu gelten hätte. Rechtskundigkeit kann – entgegen dem Beklagten – nicht
unbesehen mit durch einen Laien allenfalls erworbenen verfahrensrechtlichen
Kenntnissen aus früheren (Zivil-)Prozessen (z.B. bezüglich der Leistung von
Kostenvorschüssen oder der Verlegung der Prozesskosten) gleichgesetzt werden.
Sodann ist auch nicht ersichtlich, weshalb die angebliche Geschäftserfahrung des
Klägers den Beklagten bzw. dessen angestellte Hilfsperson (partiell) von ihrer Pflicht
entbunden haben sollte, den relevanten Sachverhalt abzuklären und insbesondere dem
Kläger hinsichtlich des für die (rechtzeitige) Geltendmachung der eingeklagten
Ansprüche erheblichen Tatsachenstoffs die notwendigen Fragen zu stellen.
Wohlgemerkt geht es im vorliegenden, den Deckungskauf betreffenden
Zusammenhang nicht um die Frage, ob und inwieweit der Anwalt sich ohne weitere
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Überprüfung auf die Richtigkeit der vom Klienten erhaltenen Informationen und
Unterlagen verlassen kann (wo die Geschäftserfahrung des Letzteren allenfalls eine
Rolle spielen könnte). Vielmehr geht es darum, dass die hinsichtlich eines
Schadenersatzes aus Deckungskauf massgeblichen Tatsachen überhaupt erst hätten
zusammengetragen werden müssen, wofür der Beklagte bzw. Rechtsanwältin B._
spätestens aufgrund der Mitteilung des Klägers vom 16. Dezember 2011 jedenfalls
insofern verantwortlich gewesen wäre, als er bzw. sie den Kläger zumindest zur
Beibringung sachdienlicher Informationen und möglicher Beweismittel hätte anhalten
müssen. Nur nebenbei bemerkt sei überdies, dass es doch ziemlich widersprüchlich
erscheint und wohl prozesstaktisch begründet ist, wenn der Beklagte, der den Kläger
im erstinstanzlichen Verfahren noch als einen in administrativen Belangen Mühe
bekundenden "Gemüsebauer" darstellte, welcher verschiedentlich eine "sehr
eigensinnige Rechtsauffassung" gehabt habe und "beratungsresistent" gewesen sei,
ebendiesen nun aber als derart rechtskundig und geschäftserfahren gesehen haben
will, dass an seine, des Beklagten, Sorgfaltspflicht geringere Anforderungen gestellt
werden dürften.
dd) Fehl geht schliesslich der Einwand des Beklagten, für ihn habe es nicht evident
sein können, dass der Preis für die Beschaffung einer Ersatzmaschine deutlich höher
sein würde als jener für die ursprünglich bei der Z._ bestellte Maschine. Abgesehen
davon, dass der Beklagte im vorliegenden Fall, in dem es – was ihm bekannt war – um
die Anschaffung einer kostspieligen Erntemaschine ging, an welche der Kläger
spezifische Anforderungen stellte und in diesem Zusammenhang ausgedehnte
Vertragsverhandlungen geführt hatte, viel eher damit hätte rechnen müssen, dass der
Kauf einer Ersatzmaschine teurer ausfallen könnte, wäre es gerade seine Aufgabe
gewesen, gemeinsam mit dem Kläger im Hinblick auf die (allfällige) Geltendmachung
von Schadenersatz im Sinne des Eventualbegehrens die Alternative und den Preis
eines allfälligen Deckungsgeschäfts soweit möglich abzuklären, wobei sich zumindest
tendenziell ergeben hätte, ob die Preisdifferenz "deutlich" oder eben geringer
ausgefallen wäre (oder eine Ersatzmaschine sogar zu einem günstigeren Preis hätte
erstanden werden können). Im Übrigen stellte sich, wenn der Beklagte davon
ausgegangen sein sollte, dass die Beschaffung einer Ersatzmaschine nicht deutlich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
teurer sein könne, die Frage, weshalb das Eventualbegehren mit einem (im Vergleich
zum Hauptbegehren) erheblich höheren Mindeststreitwert von Fr. 800'000.00 beziffert
wurde.
[...]
5.a) Ist der Vertrag aufgehoben und hat der Käufer einen Deckungskauf oder der
Verkäufer einen Deckungsverkauf in angemessener Weise und innerhalb eines
angemessenen Zeitraums nach der Aufhebung vorgenommen, kann die Partei, die
Schadenersatz verlangt, den Unterschied zwischen dem im Vertrag vereinbarten Preis
und dem Preis des Deckungskaufs oder des Deckungsverkaufs sowie jeden weiteren
Schadenersatz nach Artikel 74 verlangen (Art. 75 CISG). Voraussetzung für die
vereinfachte Berechnung des Nichterfüllungsschadens nach Massgabe von Art. 75
CISG ist – neben der tatsächlichen Vornahme eines Deckungsgeschäfts, der
(vorgängigen) Aufhebung des Kaufvertrags (s. dazu sogleich lit. c) sowie der
Angemessenheit in sachlicher und preislicher Hinsicht – insbesondere, dass das
Deckungsgeschäft innerhalb angemessener Frist vorgenommen wird, wobei deren
Dauer von den Umständen des Einzelfalles abhängt. Dem Gläubiger soll genügend Zeit
eingeräumt werden, sein Vorgehen zu überlegen und den Abschluss des
Deckungsgeschäfts vorzubereiten, ohne ihm aber Raum für Spekulationen zu eröffnen
(Schwenzer, in: Schlechtriem/ Schwenzer/Schroeter, Kommentar zum UN-Kaufrecht
[CISG], 7. Aufl., Art. 75 N 2 ff.; SHK-Brunner/Schmidt-Ahrendts/ Czarneki, 2. Aufl.,
Art. 75 CISG N 3 ff.).
b) Der vom Beklagten erstinstanzlich noch erhobene Einwand, der Kauf der
Occasionsmaschine Verstraete Construct von Dewulf (und nicht der spätere Kauf der
Maschine Kwatro desselben Herstellers) sei der eigentliche Deckungskauf i.S.v. Art. 75
CISG gewesen, wurde von der Vorinstanz verworfen. Darauf ist mangels (begründeter)
Beanstandung in der Berufung nicht mehr einzugehen. Gleiches gilt für die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorinstanzliche Feststellung, dass der vom Kläger vorgenommene Kauf der
Erntemaschine Kwatro in sachlicher Hinsicht nicht zu beanstanden bzw. hinsichtlich
Art, Qualität und Preis – obwohl Letzterer deutlich über dem vereinbarten Kaufpreis der
bei der Z._ bestellten Erntemaschine gelegen habe – als angemessen zu
bezeichnen sei. Strittig ist einzig noch die Frage der Angemessenheit in zeitlicher
Hinsicht. Dazu erwog die Vorinstanz, der Kläger habe den Vertrag mit Dewulf am 7.
Februar 2012 unterschrieben, allerdings unter dem Vorbehalt der Finanzierung. Letztere
sei am 16. Mai 2012 gesichert gewesen und damit (endgültig) zustande gekommen. Die
Z._ wiederum habe bereits am 6. September 2010 und damit mehr als eineinhalb
Jahre vorher die Vertragsaufhebung erklärt. Dazu sei sie jedoch, wie im Entscheid vom
6. November 2012 festgehalten worden sei, nicht berechtigt gewesen, weshalb für die
Beurteilung der zeitlichen Angemessenheit des Deckungskaufs nicht darauf abgestellt
werden könne. Der Kläger selber habe frühestens am 4./5. Juni 2012, als
Rechtsanwältin B._ dem Gericht die Beschränkung auf das Eventualbegehren
mitteilte, gegenüber der Z._ die Vertragsaufhebung erklärt. Dies sei nach der
Tätigung des Deckungskaufs gewesen, was dem Kläger nach herrschender Auffassung
jedoch nicht schade, nachdem er (erst) aufgrund der Ausführungen in den
Rechtsschriften der Z._ vom 7. Oktober 2011 und vom 2. März 2012 endgültig
damit habe rechnen müssen, dass diese die bestellte Maschine nicht von sich aus, d.h.
ohne gerichtliches Urteil, herstellen und liefern würde. Doch auch dann, wenn man mit
der Minderheitsmeinung davon ausginge, dass Art. 75 CISG bei einem vorzeitigen
Deckungsgeschäft nicht anwendbar sei, würde sich im Ergebnis nichts ändern, weil der
Kläger diesfalls die Mehranschaffungskosten gestützt auf Art. 74 CISG als
Nichterfüllungsschaden geltend mache könnte.
c) Der Beklagte wendet berufungsweise ein, die Vorinstanz habe zu Unrecht die
Voraussetzungen des Deckungskaufs i.S.v. Art. 75 CISG bejaht. Es sei von einem
antizipierten Vertragsbruch seitens der Z._ auszugehen, weshalb für die Beurteilung
der zeitlichen Angemessenheit des Deckungsgeschäfts nicht der Zeitpunkt der
Vertragsaufhebung, sondern der ursprüngliche Lieferzeitpunkt massgebend sei.
Letzterer sei im August 2010 gewesen, während der Deckungskauf frühestens am 7.
Februar 2012 erfolgt sei. Dazwischen liege ein Zeitraum von rund 17 Monaten, welcher
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
weit über dem liege, was in Rechtsprechung und Lehre als zulässig erachtet werde,
und daher klar als unangemessen einzustufen sei. Aufgrund des übermässig langen
Zuwartens hätte dem Kläger demnach auch im Erstprozess kein Schadenersatz für den
Deckungskauf zugesprochen werden können, womit auch im vorliegenden Verfahren
kein solcher Anspruch bestehe.
d) Der Auffassung des Beklagten kann nicht gefolgt werden. Das in der Berufung
angeführte Zitat von Schwenzer (CISG Komm., Art. 75 N 7), wonach im Falle der
Vertragsaufhebung bei antizipiertem Vertragsbruch "für die Beurteilung der
Angemessenheit abweichend auf den ursprünglichen Lieferzeitpunkt abzustellen" sei,
bezieht sich auf die Regelung in Art. 72 CISG, welche der anderen Vertragspartei das
Recht zur vorzeitigen Vertragsaufhebung verleiht, wenn vor Fälligkeit offensichtlich ist,
dass ihre Vertragspartnerin eine wesentliche Vertragsverletzung begehen wird (Abs. 1).
Ginge man mit dem Beklagten davon aus, dass seitens der Z._ ein antizipierter
Vertragsbruch (i.S. der Erfüllungsverweigerung) vorlag, wäre gemäss dieser
Bestimmung somit der Kläger berechtigt gewesen, seinerseits den Vertrag aufzuheben,
ohne dessen Fälligkeit abwarten zu müssen. Dies tat der Kläger hier jedoch gerade
nicht, sondern er hielt (zunächst) am Vertrag fest und leitete Klage zur Durchsetzung
seines Erfüllungsanspruchs ein. Erst später, frühestens am 4./5. Juni 2012 mit der
Mitteilung von Rechtsanwältin B._ und damit lange nach Fälligkeit, erklärte er dann
(gegenüber der Z._) die Aufhebung des Vertrags. Eine vorzeitig vom Kläger erklärte
Aufhebung des Vertrags vom 8./10. Mai 2010 betreffend Kauf der
Endivienerntemaschine behauptete auch der Beklagte nie. Entgegen seiner Ansicht
liegt somit kein "Fall der Vertragsaufhebung bei antizipiertem Vertragsbruch vor",
weshalb für die zeitliche Angemessenheit des Deckungskaufs auch nicht
(ausnahmsweise) der ursprüngliche Lieferzeitpunkt massgeblich sein kann. Dieser vom
Beklagten geltend gemachte abweichende (Anfangs )Zeitpunkt für die Beurteilung der
angemessenen Frist für das Deckungsgeschäft käme nur dann zum Tragen, wenn die
"andere Partei" – hier der Kläger – vorzeitig, d.h. vor Fälligkeit, die Vertragsaufhebung
erklärt hätte, wozu allerdings grundsätzlich keine Pflicht besteht (Schwenzer, CISG
Komm., Art. 72 N 23 mit Hinweisen). Dass die Z._ ihrerseits bereits am
6. September 2010 (bzw. implizit mit E-Mail vom 5. Juli 2010) die Aufhebung des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Vertrags erklärt hatte, kann – wie die Vorinstanz zu Recht festhielt – für die Beurteilung
der zeitlichen Angemessenheit nicht ausschlaggebend sein, stand ihr doch kein Recht
zur (vorzeitigen) Vertragsaufhebung (nach Art. 64 oder Art. 72 CISG) zu und war sie –
und nicht der Kläger – es, die sich vertragsbrüchig verhielt. Demzufolge bleibt es dabei,
dass für den Beginn der Frist auf den Zeitpunkt der Vertragsaufhebung durch den
Kläger abzustellen ist, womit sich die Kritik am Entscheid der Vorinstanz – deren
Ausführungen zur Zulässigkeit eines vorzeitigen Deckungsgeschäfts vom Beklagten im
Übrigen nicht beanstandet wurden – als unbegründet erweist und die Erfüllung der
Voraussetzungen von Art. 75 CISG (auch) bezüglich der Angemessenheit in zeitlicher
Hinsicht zu bejahen ist. Nur nebenbei bemerkt erschiene es mit Blick auf den hier zu
beurteilenden Fall, in dem es sich beim Kaufgegenstand um eine spezielle
Erntemaschine von doch beträchtlichem Wert handelt, welche in vergleichbarer Art nur
von wenigen Anbietern hergestellt wird, auch angemessen, dem Kläger eine eher
längere Frist für die Vornahme des Deckungskaufs zuzugestehen; deren konkrete
Dauer kann indes im Lichte der vorstehenden Erwägungen ebenso offengelassen
werden wie der wohl zutreffende (prozessuale) Einwand des Klägers, der Beklagte
hätte sich mit der Alternativbegründung der Vorinstanz betreffend Art. 75 CISG als
Rechtsgrundlage für die Schadenersatzforderung aus Nichterfüllung des Kaufvertrags
nicht auseinandergesetzt, weshalb die Berufung in diesem Punkt schon mangels
ausreichender Begründung abzuweisen sei.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Kantonsgericht, 17.02.2021 Art. 398 Abs. 1 und 2 i.V.m. Art. 101 Abs. 1 OR (SR 220): Anwaltshaftung; Verletzung der anwaltlichen Pflicht zur Abklärung des Sachverhalts im Zusammenhang mit der Geltendmachung von Schadenersatz wegen Nichterfüllung (E. 3.b). Art. 75 CISG (SR 0.221.211.1): Voraussetzung für die vereinfachte Berechnung des Nichterfüllungsschadens nach Massgabe von Art. 75 CISG ist – neben der tatsächlichen Vornahme eines Deckungsgeschäfts, der (vorgängigen) Aufhebung des Kaufvertrags sowie der Angemessenheit in sachlicher und preislicher Hinsicht – insbesondere, dass das Deckungsgeschäft innerhalb angemessener Frist vorgenommen wird, wobei deren Dauer von den Umständen des Einzelfalles abhängt. Für den Beginn der Frist ist der Zeitpunkt der Vertragsaufhebung massgeblich (E. 5). (Kantonsgericht, III. Zivilkammer, 17. Februar 2021, BO.2019.5). Hinweis: Gegen diesen Entscheid wurde Beschwerde an das Bundesgericht erhoben. Das Verfahren ist noch hängig.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte