Decision ID: 083a736f-91f8-4f6c-8ea7-faa12efd9e98
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X erwarb den Führerausweis der Kategorien A, B und BE sowie der Unterkategorien
D1 und D1E am 22. Juli 1983. Am 6. Dezember 2002 entzog ihr das
Strassenverkehrsamt des Kantons St. Gallen den Führerausweis für die Dauer von drei
Monaten, nachdem sie am 12. März 2002 in Österreich ein Motorfahrzeug mit einer
Blutalkoholkonzentration (BAK) von mindestens 1,36 Gewichtspromille gelenkt hatte.
B.- Am 22. April 2019 wurde X von einer Patrouille des Grenzwachtkorps kontrolliert,
als sie von ihrem Grundstück weggefahren war. Die Atemalkoholmessung durch die
herbeigerufene Polizei ergab einen Wert von 0,87 mg/l, was einer BAK von
1,74 Gewichtspromille entspricht. X anerkannte den gemessenen Wert. Der
Führerausweis wurde ihr auf der Stelle abgenommen. Am 3. Mai 2019 stellte ihr das
Strassenverkehrsamt eine verkehrsmedizinische Untersuchung in Aussicht und verbot
ihr das Führen von Motorfahrzeugen vorsorglich ab sofort. Mit Strafbefehl vom 23. Mai
2019 wurde sie wegen Führens eines Personenwagens in nicht fahrfähigem Zustand
(qualifizierte Alkoholkonzentration) zu einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen
zu je Fr. 30.– und einer Busse von Fr. 450.– verurteilt.
Mit Verfügung vom 20. Mai 2019 ordnete das Strassenverkehrsamt eine
verkehrsmedizinische Untersuchung an, welcher sich X am 27. August 2019 beim
Fachzentrum Forensik Ostschweiz (FAFORO) unterzog. Im verkehrsmedizinischen
Gutachten vom 29. August 2019 wurden eine Alkoholabhängigkeit sowie ein
verkehrsrelevanter Alkoholmissbrauch verneint und die Fahreignung aus medizinischer
Sicht unter Auflagen (Alkoholabstinenz, fachtherapeutische Gespräche) bejaht. Mit
Verfügung vom 9. September 2019 hob das Strassenverkehrsamt den vorsorglichen
Führerausweisentzug auf (Ziffer 1), ordnete einen dreimonatigen Warnungsentzug an
(Ziff. 2) und verband den Führerausweis mit folgenden Auflagen (Ziff. 4):
"a) Sie haben unter fachlicher Betreuung (Suchtfachstelle) die vollständige,
kontrollierte
Alkoholabstinenz gemäss Info-Blatt einzuhalten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
b) Die Auflagenkontrolle inklusive Haaranalyse erfolgt alle sechs Monate am Institut
für Rechtsmedizin (IRM) in St. Gallen. Für die Haaranalyse müssen die Haare
kosmetisch unbehandelt sein, das heisst nicht gefärbt, nicht getönt oder
gebleicht.
Die Kosten dafür gehen zu Ihren Lasten.
Die Kontrollen haben im Februar und August zu erfolgen. Zur gegebenen Zeit wird
Ihnen durch das IRM St. Gallen ein Erinnerungsschreiben zugestellt, welches u.a.
über den zu leistenden Vorschuss orientiert. Der Verlaufsbericht der
Suchtfachstelle
ist jeweils zur Abstinenzkontrolle (Haaranalyse) in das IRM mitzubringen.
c) Diese Auflagen haben auf unbestimmte Zeit Gültigkeit und werden mit Code 101 in
Ihren Führerausweis eingetragen. Eine Aufhebung der Abstinenzkontrolle kann
frühestens in 1 Jahr geprüft werden.
d) Bei Missachten der Auflagen haben Sie in Anwendung von Art. 16 Abs. 1 SVG mit
dem Entzug des Führerausweises – allenfalls auf unbestimmte Zeit – zu rechnen."
Einem allfälligen Rekurs entzog das Strassenverkehrsamt die aufschiebende Wirkung
(Ziff. 5) und stellte eine Gebühr für die Verfügung von Fr. 480.– in Rechnung (Ziff. 6).
C.- Gegen die Verfügung des Strassenverkehrsamts vom 9. September 2019 erhob X
mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 18. September 2019 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK) und beantragte, die
Anordnung von Auflagen sei aufzuheben, der Code 101 im Führerausweis sei zu
löschen und die Kosten des vorinstanzlichen Verfahrens seien vom Staat zu tragen und
der Rekurrentin zurückzuerstatten, unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Mit
Vernehmlassung vom 18. Oktober 2019 beantragte das Strassenverkehrsamt die
kostenfällige Abweisung des Rekurses. Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden
Wirkung wies der Abteilungspräsident der VRK mit Verfügung vom 29. Oktober 2019
ab. Am 5. November 2019 reichte der Rechtsvertreter eine Honorarnote ein.
Auf die Ausführungen zur Begründung der Anträge wird, soweit erforderlich, in den

Erwägungen eingegangen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sach-entscheid zuständig. Die Befugnis zur Rechtsmittelerhebung ist gegeben. Der
Rekurs vom 18. September 2019 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in
formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45,
47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt:
VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Umstritten ist, ob die Vorinstanz den Führerausweis der Rekurrentin zu Recht mit
Auflagen versah.
a) Die Vorinstanz stützte sich bei der Anordnung von Auflagen auf das
verkehrsmedizinische Gutachten vom 29. August 2019. Darin wurde zusammengefasst
ausgeführt, dass in der Haarprobe, welche den Zeitraum von Mitte Februar bis Mitte
Juli 2019 abdecke, kein Ethylglucuronid (EtG, Abbauprodukt von Alkohol) habe
nachgewiesen werden können. Die Rekurrentin habe keinen bis sehr wenig Alkohol
konsumiert. Sie sei nicht derart von Alkohol abhängig, als dass sie mehr als jede
andere Person gefährdet wäre, sich erneut in fahrunfähigem Zustand ans Steuer eines
Fahrzeugs zu setzen. Es würden sich keine Hinweise auf einen verkehrsrelevanten
Alkoholmissbrauch finden. Damit sei die Fahreignung aus verkehrsmedizinischer Sicht
gegeben. Die Prognose im Sinn einer verkehrsrelevanten Alkoholgefährdung sei jedoch
deutlich getrübt; zum einen aufgrund des hohen BAK-Wertes im Ereigniszeitpunkt, zum
andern aufgrund der Tatsache, dass die Rekurrentin bereits einmal unter deutlichem
Alkoholeinfluss im Strassenverkehr auffällig geworden sei und sie davon nicht berichtet
habe. Aus diesem Grund werde empfohlen, die Wiedererteilung des Führerausweises
mit der Einhaltung einer Alkoholabstinenz und einer fachtherapeutischen
Gesprächstherapie zu verbinden (act. 11/55 f.). In der Vernehmlassung vom
18. Oktober 2019 hielt die Vorinstanz fest, obwohl bei der Rekurrentin eine
Atemalkoholkonzentration von 0,81 mg/l und 0,87 mg/l gemessen worden sei, sei sie
von der Polizei nach der Methode zur Erkennung der Fahrunfähigkeit als fahrfähig
beurteilt worden. Ein solch hoher Wert spreche regelmässig für eine erhöhte
Alkoholtoleranz und stehe im klaren Widerspruch zu den anlässlich der
verkehrsmedizinischen Begutachtung gemachten Aussagen zum Trinkverhalten. Es sei
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
deshalb lediglich von einer bedingten Fahreignung auszugehen. Nur mit einer
kontrollierten Alkoholtotalabstinenz könne das Risiko, dass die Rekurrentin erneut
alkoholisiert am Strassenverkehr teilnehme, auf ein Mindestmass reduziert werden
(act. 9).
Die Rekurrentin bringt demgegenüber vor, dass im Gutachten nur sehr rudimentär
ausgeführt werde, weshalb Auflagen notwendig sein sollen, obwohl sie nicht mehr als
jede andere Person gefährdet sei, sich erneut in fahrunfähigem Zustand ans Steuer
eines Fahrzeugs zu setzen, und die Fahreignung bejaht worden sei. Der blosse Hinweis
auf das Unterlassen der Erwähnung eines Vorfalls aus dem Jahr 2002, an den sie sich
nicht mehr erinnert habe, und den hohen BAK-Wert, reiche für die Anordnung von
Auflagen nicht aus. Die Auflagen seien unverhältnismässig. Beim Vorfall vom 22. April
2019 habe es sich um eine Ausnahmesituation gehandelt. Nach einer Streitigkeit mit
dem Ehemann habe sie sich von einer Freundin nach Hause fahren lassen. Nachdem
sie sich wieder fahrtüchtig gefühlt habe, habe sie zu ihrem Ehemann fahren wollen. Die
Blutwertuntersuchungen der letzten drei bis vier Jahre hätten ergeben, dass sie nahezu
als alkoholabstinent einzustufen sei. Von ihr gehe keine Gefährdung im
Strassenverkehr aus.
b) aa) Motorfahrzeugführer müssen über Fahreignung und Fahrkompetenz verfügen
(Art. 14 Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG). Über
Fahreignung verfügt, wer das Mindestalter erreicht hat (Abs. 2 lit. a), die erforderliche
körperliche und psychische Leistungsfähigkeit zum sicheren Führen von
Motorfahrzeugen hat (lit. b), frei von einer Sucht ist, die das sichere Führen von
Motorfahrzeugen beeinträchtigt (lit. c), und nach seinem bisherigen Verhalten Gewähr
bietet, als Motorfahrzeugführer die Vorschriften zu beachten und auf die Mitmenschen
Rücksicht zu nehmen (lit. d). Aus besonderen Gründen können Führerausweise
befristet, beschränkt oder mit Auflagen verbunden werden. Dies ist nicht nur bei der
Ausweiserteilung, sondern auch in einem späteren Zeitpunkt möglich, um Schwächen
hinsichtlich der Fahrtauglichkeit zu kompensieren. Solche Auflagen zur
Fahrberechtigung sind im Rahmen der Verhältnismässigkeit stets zulässig, wenn sie
der Verkehrssicherheit dienen und mit dem Wesen der Fahrerlaubnis im Einklang
stehen. Erforderlich ist, dass sich die Fahreignung nur mit dieser Massnahme
aufrechterhalten lässt (BGE 131 II 248 E. 6.2 mit Hinweisen; Urteil des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verwaltungsgerichts [VerwGE] B 2014/237 vom 28. Mai 2015 E. 3.1, im Internet
abrufbar unter: www.sg.ch/recht/gerichte und dort unter Rechtsprechung). Bei
Fahrzeuglenkern, die zum Alkoholmissbrauch neigen, kann die Wiedererteilung des
Führerausweises nach einem Sicherungsentzug je nach den konkreten Umständen für
mehrere Jahre an eine Abstinenzauflage geknüpft werden (Urteil des Bundesgerichts
[BGer] 1C_342/2009 vom 23. März 2010 E. 2.4). Denn die Fahreignung solcher Lenker
bedarf der besonderen Kontrolle, selbst wenn grundsätzlich keine Alkoholsucht im
medizinischen Sinn besteht (BGE 131 II 248 E. 6.3).
bb) Das verkehrsmedizinische Gutachten unterliegt der freien richterlichen
Beweiswürdigung (Art. 21 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 58 Abs. 1 VRP). Nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung kommt ärztlichen Gutachten Beweiswert zu,
sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich
widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 123
V 331 E. 1c). In Sachfragen weicht der Richter nur aus triftigen Gründen von einer
gerichtlichen Expertise ab. Er prüft, ob sich auf Grund der übrigen Beweismittel und
der Vorbringen der Parteien ernsthafte Einwände gegen die Schlüssigkeit der
gutachterlichen Darlegungen aufdrängen. Erscheint ihm die Schlüssigkeit eines
Gutachtens in wesentlichen Punkten zweifelhaft, hat er nötigenfalls ergänzende
Beweise zur Klärung dieser Zweifel zu erheben (vgl. BGE 133 III 385 mit weiteren
Hinweisen). Hinsichtlich des Beweiswertes eines verkehrsmedizinischen Gutachtens ist
entscheidend, ob es auf umfassenden verkehrsmedizinischen Abklärungen beruht, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben wurde, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob
die Schlussfolgerungen des Experten auf einer schlüssigen, nachvollziehbaren und in
sich geschlossenen Begründung beruhen (vgl. BGer 1C_7/2017 vom 10. Mai 2017
E. 3.5 mit Verweis auf BGE 125 V 351 E. 3a). Ob ein Gericht die in einem Gutachten
enthaltenen Erörterungen für überzeugend hält, ist eine Frage der Beweiswürdigung
(BGer 1C_320/2017 vom 9. Januar 2018 E. 2.3).
c) In tatsächlicher Hinsicht ist unbestritten, dass die Rekurrentin am 22. April 2019 ein
Motorfahrzeug mit einer BAK von 1,74 Gewichtspromille lenkte. Im Gutachten des
FAFORO vom 29. August 2019 wurden sowohl eine Alkoholabhängigkeit als auch ein
verkehrsrelevanter Alkoholmissbrauch explizit verneint. Der Gutachter schloss jedoch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Sinn einer Prognose aufgrund des hohen BAK-Wertes (1,74 Gewichtspromille) und
der Tatsache, dass die Rekurrentin bereits einmal unter deutlichem Alkoholeinfluss im
Strassenverkehr auffällig geworden sei und davon nicht berichtet habe, auf eine
verkehrsrelevante Alkoholgefährdung. Eine solche liegt vor, wenn zwar gerade noch
kein Alkoholmissbrauch oder schädlicher Alkoholgebrauch diagnostizierbar ist, aber
gleichwohl klare Anhaltspunkte vorhanden sind, die auf eine Entwicklung dazu
hinweisen (Philippe Weissenberger, Administrativrechtliche Massnahmen bei Alkohol-
und Drogengefährdung, in: René Schaffhauser [Hrsg.], Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2004, St. Gallen 2004, S. 105 ff., S. 117), wie etwa ein
episodenhaft überhöhter Alkoholkonsum mit besonderer Alkoholtoleranz (vgl. VerwGE
B 2014/237 vom 28. Mai 2015 E. 3.1, im Internet abrufbar unter: www.sg.ch/recht/
gerichte und dort unter Rechtsprechung). Zur Aufrechterhaltung der Fahreignung
empfahl der Gutachter deshalb die Einhaltung einer Alkoholabstinenz und eine
fachtherapeutische Gesprächstherapie. Zu prüfen ist, ob die Fahreignung der
Rekurrentin nur unter der von der Vorinstanz in der Folge verfügten Auflage der fachlich
betreuten Alkoholtotalabstinenz für ein Jahr gegeben ist. Gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung stellt die Neigung zum Alkoholmissbrauch einen Grund dar, der
Auflagen rechtfertigt. Die Fahreignung solcher Lenker bedarf der besonderen Kontrolle.
Daran vermag der Umstand nichts zu ändern, dass ein Lenker grundsätzlich über die
Fahreignung verfügt, weil keine Alkoholsucht im medizinischen Sinn besteht (vgl. BGer
6A.51/2004 vom 19. April 2005 E. 6.3).
Die Rekurrentin zeigte trotz der hohen Blutalkoholkonzentration keine weiteren
Ausfallerscheinungen. Gemäss den Beobachtungen der Polizei waren ihre Stimmung,
ihr Verhalten, die Orientierung, Reaktion, Aussprache, Ansprechbarkeit, die Augen, das
Aussteigen aus dem Fahrzeug und der Gang normal und unauffällig. Es konnten keine
körperlichen Auffälligkeiten festgestellt werden, einzig Alkoholgeruch (act. 11/15).
Erfahrungsgemäss lässt dies auf einen regelmässigen und fortwährenden Konsum
erheblicher Mengen Alkohol hindeuten und eine gewisse Missbrauchsproblematik
vermuten. Praxisgemäss ist nämlich bei Personen, die im Strassenverkehr mit einer
BAK von 1,6 Gewichtspromille und mehr auffällig werden, eine regelmässige häufig
schwere gesundheitliche Belastungen nach sich ziehende Alkoholaufnahme von
wesentlich mehr als 80 g Alkohol täglich über längere Zeiträume anzunehmen
(BGE 129 II 82 E. 5 mit Verweis auf Egon Stephan, Trunkenheitsdelikte im Verkehr:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Welche Massnahmen sind erforderlich?, in: AJP 1994, S. 445 ff., S. 453; vgl. Bruno
Liniger, a.a.O., S. 92 ff.; BGE 126 II 361 E. 3b). Zum Erreichen einer derart hohen BAK
muss ein durchschnittlicher Mann innert zwei Stunden rund 2,5 Liter Bier oder 1,0 Liter
Wein konsumieren, wobei eine Missbrauchsproblematik oder gar eine Suchterkrankung
– selbst bei Alkoholersttätern – naheliegt (vgl. Botschaft zu Via sicura,
Handlungsprogramm des Bundes für mehr Sicherheit im Strassenverkehr vom
20. Oktober 2010, BBl 2010 8447, S. 8500; René Schaffhauser, Zur Entwicklung von
Recht und Praxis des Sicherungsentzugs von Führerausweisen, in: AJP 1992, S. 17 ff.,
S. 34 f.). Entgegen diesen Erfahrungswerten wurden bei der Rekurrentin im Rahmen
der verkehrsmedizinischen Untersuchung aber weder eine Alkoholabhängigkeit noch
ein verkehrsrelevanter Alkoholmissbrauch, sondern lediglich eine Alkoholgefährdung
festgestellt. Nach dem Vorfall vom 22. April 2019 stellte die Rekurrentin den
Alkoholkonsum aus eigenem Antrieb ein und konnte gemäss eigenen Angaben
problemlos auf Alkohol verzichten, wie die anlässlich der Begutachtung untersuchte
Haarprobe, in der kein EtG nachgewiesen werden konnte, belegt. Die forensisch-
toxikologische Haaranalyse auf EtG ist eine in der verkehrsmedizinischen
Begutachtung eingesetzte, beweiskräftige Analysemethode, die vom Bundesgericht
anerkannt wird und direkten Aufschluss über den Alkoholkonsum gibt (vgl.
BGE 140 II 334 E. 3). Werte von unter 7 pg/mg liefern keinen Hinweis für einen
regelmässigen relevanten Alkoholkonsum (vgl. Schweizerische Gesellschaft für
Rechtsmedizin, Arbeitsgruppe Haaranalytik, Bestimmung von Ethylglucuronid [EtG] in
Haarproben, Version 2017, Ziff. 6.2; BGE 140 II 334 E. 7). Mit der Abstinenz zeigt die
Rekurrentin, dass sie den Alkoholkonsum kontrollieren kann. Die Verlaufskontrolle vom
13. Februar 2020 war hinsichtlich Alkoholkonsum ebenfalls unauffällig (vgl. act. 17).
Unter diesen Umständen erweist sich die umfassende und einschneidende Auflage der
Alkoholtotalabstinenz als unverhältnismässig.
Anders als im von der Rekurrentin erwähnten Entscheid der VRK (VRKE) IV-2019/2 vom
27. Juni 2019 und in IV-2017/48 vom 28. September 2017, in denen die VRK die
Auflagen gänzlich aufhob, liegt bei der Rekurrentin kein ungetrübter automobilistischer
Leumund vor. Sie lenkte am 12. März 2002 bereits einmal ein Motorfahrzeug mit einer
BAK von mindestens 1,36 Gewichtspromille. Da dieses Ereignis bereits mehrere Jahre
zurückliegt, kann es zusammen mit dem neuerlichen Vorfall nicht zum Schluss auf eine
Neigung zu episodenhaftem Alkoholmissbrauch hindeuten. Ungünstig ist indessen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dass die Rekurrentin von dieser Trunkenheitsfahrt während der Begutachtung nicht
berichtete. Dass sie sich daran nicht habe erinnern können, erscheint als
Schutzbehauptung; denn es handelte sich um ein einschneidendes Ergebnis, das
insbesondere im Zusammenhang mit einer neuerlichen Trunkenheitsfahrt nicht einfach
vergessen geht. Das Verschweigen lässt vielmehr an der Offenheit der Rekurrentin
zweifeln. Vor diesem Hintergrund lässt sich eine ersatzlose Aufhebung der
Alkoholtotalabstinenz nicht rechtfertigen. Vielmehr erscheint angebracht, dass für die
Rekurrentin statt einer Alkoholtotalabstinenz für mindestens ein Jahr eine Alkohol-
Fahrabstinenz (Fahrverbot unter Alkoholeinfluss) für ein Jahr gilt. Hält sie diese ein, ist
die Fahrabstinenz ohne weitere verkehrsmedizinische Untersuchung und Haaranalyse
aufzuheben.
d) Zusammenfassend erweist sich die von der Vorinstanz verfügte Auflage einer
vollständigen, kontrollierten Alkoholabstinenz für mindestens ein Jahr als
unverhältnismässig. Angesichts der nach dem Vorfall vom 22. April 2019 eingehaltenen
Alkoholabstinenz ist davon auszugehen, dass der dreimonatige Warnungsentzug
zusammen mit der Auflage einer Fahrabstinenz für die Dauer eines Jahres die
Rekurrentin künftig von weiteren Trunkenheitsfahrten abzuhalten vermag. Folglich ist
Ziff. 4 der Verfügung der Vorinstanz vom 9. September 2019 aufzuheben und die
Angelegenheit zur Anordnung einer Fahrabstinenz an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Der Code 101 ist im Führerausweis zu löschen und stattdessen der Code 05.08
einzutragen, und zwar zu Lasten des Staates. Die Auflage der Fahrabstinenz dauert ein
Jahr; sie gilt bis am 30. April 2021. Dies entspricht einer teilweisen Gutheissung des
Rekurses.
3.- Im Bericht der Verlaufskontrolle vom 13. Februar 2020 ist festgehalten, dass sich
die Rekurrentin im Dezember 2019 aufgrund einer schweren Rückenproblematik einer
Wirbelsäulenoperation habe unterziehen müssen und mit Opioiden medikamentös
behandelt werde. Die Angelegenheit ist deshalb auch zur allfälligen Ergänzung der
Auflagen hinsichtlich dieser Problematik an die Vorinstanz zurückzuweisen.
4.- Die Rekurrentin verlangt, die Kosten des vorinstanzlichen Verfahrens seien vom
Staat zu tragen. In Verfahren nach Art. 94 Abs. 1 VRP hat diejenige eine Gebühr zu
entrichten, die eine Amtshandlung zum eigenen Vorteil oder durch ihr Verhalten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
veranlasst hat. Als Verhaltensverursacherin gilt, wer unmittelbar durch sein Verhalten
eine Amtshandlung bewirkt. Ein Verschulden ist nicht erforderlich (PK VRP/St. Gallen-
von Rappard-Hirt, Art. 94 N 2). Aufgrund des Vorfalls vom 22. April 2019 ist die
Rekurrentin Verursacherin der vorinstanzlichen Verfügung. Vor der Vorinstanz richtet
sich die Gebühr für das Verfahren nach Ziff. 206 ff. des Verkehrsgebührentarifs
(sGS 718.1). Die mit der angefochtenen Verfügung der Vorinstanz vom 9. September
2019 angeordneten Auflagen (Ziff. 4) werden nicht aufgehoben, sondern abgeändert.
Im Übrigen bleibt die Verfügung bestehen. Die Gebühr des vorinstanzlichen Verfahrens
wurde deshalb zu Recht der Rekurrentin auferlegt. Die Höhe der Gebühr wurde von der
Rekurrentin nicht gerügt.
5.- Mit der Fahrabstinenzauflage soll sichergestellt werden, dass die Rekurrentin zum
Schutz der Sicherheit der übrigen Verkehrsteilnehmer nur in absolut alkoholfreiem
Zustand ein Motorfahrzeug lenkt. Dieser Zweck wäre gefährdet, müsste sie diese
Auflage während eines Beschwerdeverfahrens nicht einhalten. Einer allfälligen
Beschwerde ist deshalb die vom Gesetz vorgesehene aufschiebende Wirkung zu
entziehen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 51 VRP).
6.- a) In Streitigkeiten hat jene Beteiligte die Kosten zu tragen, deren Begehren ganz
oder teilweise abgewiesen werden (Art. 95 Abs. 1 VRP). Es gilt der Grundsatz der
Kostentragung nach Massgabe des Obsiegens und Unterliegens. Dem
Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten der Rekurrentin zu einem
Drittel und der Vorinstanz zu zwei Dritteln aufzuerlegen. Die Auflagen werden nicht
gänzlich aufgehoben, aber gelockert. Zu berücksichtigen ist auch, dass eine
Alkoholfahrabstinenzauflage weniger einschneidend ist als eine kontrollierte
Alkoholabstinenzauflage. Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.–, worunter die Kosten
der Zwischenverfügung vom 29. Oktober 2019 (Nichterteilung der aufschiebenden
Wirkung) von Fr. 200.–, erscheint angemessen (Art. 7 Ziffn. 111 und 122 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Davon hat die Rekurrentin einen Drittel, das
heisst Fr. 400.–, zu bezahlen. Die restlichen Fr. 800.– trägt der Staat. Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– wird mit dem Kostenanteil der Rekurrentin von
Fr. 400.– verrechnet und im Mehrbetrag von Fr. 800.– zurückerstattet.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
b) Gemäss Art. 98 Abs. 2 VRP werden im Rekursverfahren ausseramtliche Kosten
entschädigt, soweit sie aufgrund der Rechts- und Sachlage als notwendig und
angemessen erscheinen. Im Rekursverfahren war der Beizug eines Rechtsbeistandes
geboten. In Verfahren vor der VRK wird das Honorar als Pauschale ausgerichtet; der
Rahmen liegt zwischen Fr. 1'500.– und Fr. 15'000.– (Art. 22 Abs. 1 lit. b der
Honorarordnung, sGS 963.75, abgekürzt: HonO). Der Rechtsvertreter machte in der
Kostennote ein Honorar von Fr. 3'917.50 geltend (act. 15); darin ist auch der
anwaltliche Aufwand für das vorinstanzliche Verfahren enthalten. Zu entschädigen ist
jedoch nur der Aufwand für das Rekursverfahren (vgl. Art. 98 Abs. 3 lit. b VRP), das
heisst der ab 12. September 2019 angefallene Aufwand. Unter Berücksichtigung der
tarifkonformen Honorarnote erscheint für das Rekursverfahren ein Honorar von
Fr. 2'100.– als angemessen. Entsprechend der Verlegung der amtlichen Kosten hat die
Rekurrentin im Umfang eines Drittels Anspruch auf Ersatz der ausseramtlichen Kosten.
Zum Honorar von Fr. 700.– sind die Barauslagen von Fr. 28.– (4% von Fr. 700.–,
Art. 28 Abs. 1 HonO) und die Mehrwertsteuer von Fr. 56.05 (7,7% von Fr. 728.–,
Art. 29 HonO) hinzuzurechnen. Die ausseramtliche Entschädigung beträgt damit
insgesamt Fr. 784.05; kostenpflichtig ist der Staat (Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt).