Decision ID: 538605d6-2504-5e48-bf21-6275ada8023e
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ist iranischer Staatsangehöriger persischer Ethnie
und stammt aus der Stadt B._ (Provinz C._). Gemäss eige-
nen Angaben verliess er den Iran im Dezember 2015 in Richtung Türkei.
Am 11. Januar 2016 reiste er unkontrolliert in die Schweiz ein und stellte
am 13. Januar 2016 beim damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum
Kreuzlingen ein Asylgesuch. Am 20. Januar 2016 wurde er durch das
Staatssekretariat für Migration (SEM) summarisch befragt und am 17. April
2018 sowie am 15. Mai 2018 eingehend zu den Gründen seines Asylge-
suchs angehört. Für die Dauer des Asylverfahrens wurde er dem Kanton
Graubünden zugewiesen.
B.
Anlässlich seiner Befragungen machte der Beschwerdeführer im Wesent-
lichen geltend, er akzeptiere weder den Islam als Religion noch das islami-
sche Regime im Iran. Während seiner Schulzeit am Gymnasium habe er
sich gegenüber Mitschülern regelmässig negativ über den Koran und das
iranische Regime geäussert. Davon habe die Schulleitung erfahren, und er
sei deshalb vom Schulbesuch suspendiert worden. Während zweier Som-
mer habe er mit anderen Jugendlichen, die sich kleine Vergehen gegen die
islamische Moral hätten zuschulden kommen lassen, jeweils einen dreimo-
natigen moralisch-religiösen Unterricht besuchen müssen. Danach habe
man ihm erlaubt, die Schule im Fernstudium abzuschliessen. Während des
zweiten jener Moralkurse, im Sommer 2015, habe sich ihm eines Abends
ein Nachbar, der zugleich Angehöriger der Miliz der sogenannten Basij (Ba-
sij-e Mostaz'afin; "Mobilisierte der Unterdrückten") gewesen sei, unter ei-
nem Vorwand genähert. Dieser habe ihn sexuell missbraucht und in der
folgenden Zeit immer wieder bedroht. Die genannte Person habe ihn auf-
gefordert, den Basij beizutreten und sich nicht mehr islamkritisch zu äus-
sern. Auch habe ihm jener damit gedroht, eine Videoaufnahme des Vorfalls
zu veröffentlichen. Ob es eine solche Aufnahme wirklich gegeben habe,
wisse er aber nicht. Als Jugendlicher sei er zudem einmal verhaftet und
während dreier Tage festgehalten worden, weil er mit Freunden beim Trin-
ken von Alkohol erwischt worden sei. Man habe sie einem Richter vorge-
führt, und zwei seiner Freunde seien mit Schlägen bestraft worden. Er
selbst habe die Tat aber nicht zugegeben und sei ohne Strafe wieder frei-
gelassen worden. Einige Monate nach dem Vorfall mit dem Angehörigen
der Basij sei sein Vater durch einen Freund, der bei einer polizeilichen Be-
hörde gearbeitet habe, darüber informiert worden, dass Sicherheitsbeamte
D-5947/2019
Seite 3
nach ihm, dem Beschwerdeführer, suchen würden. Er sei deswegen nach
D._ gereist, und in diesem Zeitraum sei das Haus seiner Familie
durchsucht worden. Auf Anraten seines Vaters sei er in der Folge aus dem
Iran ausgereist. Nach seiner Ausreise habe er ab und zu an Diskussionen
auf "Instagram" seine religiöse Meinung kundgetan. In der Schweiz habe
er unter anderem an Kundgebungen mit vielen Iranern gesprochen, wobei
er auch Einladungen von politischen Organisationen erhalten habe. Im Üb-
rigen gab er zu Protokoll, er sei äusserst vergesslich und könne sich nur
schwer konzentrieren, sei bereits in seiner Kindheit im Iran wegen einer
starken Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) behandelt
worden und habe deswegen auch in der Schweiz einen Arzt aufgesucht.
Im Verlauf des vorinstanzlichen Verfahrens wurden unter anderem ärztli-
che Zeugnisse in Bezug auf die ADHS-Problematik sowie eine handschrift-
liche Notiz des Beschwerdeführers zu den Akten genommen.
C.
Mit Verfügung vom 11. Oktober 2019 (Datum der Eröffnung: 14. Oktober
2019) lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ord-
nete dessen Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Zur Be-
gründung der Ablehnung des Asylgesuchs führte das Staatssekretariat im
Wesentlichen aus, die betreffenden Vorbringen des Beschwerdeführers
seien nicht glaubhaft.
D.
Diese Verfügung focht der Beschwerdeführer mit Eingabe seines Rechts-
vertreters vom 11. November 2019 beim Bundesverwaltungsgericht an.
Dabei beantragte er hauptsächlich die Aufhebung der angefochtenen Ver-
fügung sowie die Rückweisung der Sache zur vollständigen Abklärung des
Sachverhalts und zur erneuten Beurteilung an das SEM. Eventualiter be-
antragte er die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung
des Asyls, subeventualiter die Anerkennung als Flüchtling verbunden mit
der vorläufigen Aufnahme beziehungsweise die Feststellung der Undurch-
führbarkeit des Vollzugs der Wegweisung verbunden mit der vorläufigen
Aufnahme. In prozessualer Hinsicht beantragte der Beschwerdeführer, es
sei ihm vollständige Einsicht in die Akten des erstinstanzlichen Asylverfah-
rens zu gewähren, verbunden mit der Ansetzung einer Frist zur Ergänzung
der Beschwerde. Auf die Begründung der Beschwerde wird, soweit für den
Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
D-5947/2019
Seite 4
E.
Mit Zwischenverfügung der zuständigen Instruktionsrichterin vom 19. No-
vember 2019 wurde der Antrag auf Akteneinsicht gutgeheissen und das
SEM angewiesen, diese dem Beschwerdeführer zu gewähren.
F.
Mit Schreiben an den Rechtsvertreter des Beschwerdeführers vom 21. No-
vember 2019 kam das SEM der Aufforderung zur Gewährung der Akten-
einsicht nach.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 25. November 2019 wurde dem Beschwerde-
führer mit Frist bis zum 10. Dezember 2019 die Gelegenheit zur Ergänzung
der Beschwerde gegeben.
H.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 10. Dezember 2019 reichte der
Beschwerdeführer eine Beschwerdeergänzung ein. Dabei übermittelte er
als Beweismittel eine Kopie eines Schreibens im Zusammenhang mit sei-
ner ADHS-Problematik.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 13. Dezember 2019 wurde der Beschwerde-
führer zur Leistung eines Kostenvorschusses von Fr. 750.‒ mit Frist bis
zum 30. Dezember 2019 aufgefordert.
Mit Einzahlung vom 24. Dezember 2019 wurde der verlangte Kostenvor-
schuss fristgereicht geleistet.
J.
Mit Vernehmlassung vom 13. Januar 2020 hielt das SEM vollumfänglich an
seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
K.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 4. Februar 2020 gab der Be-
schwerdeführer eine Replik ab, wobei er zwei Belege im Zusammenhang
mit seiner ADHS-Problematik übermittelte.
L.
Mit Eingaben seines Rechtsvertreters vom 2. März, 6. April und 8. April
2020 reichte der Beschwerdeführer weitere Beweismittel in Bezug auf
seine ADHS-Problematik ein.
D-5947/2019
Seite 5
M.
Mit Eingaben des Rechtsvertreters vom 26. Mai und 22. Dezember 2020
wurden zahlreiche Ausdrucke aus digitalen Kommunikationsplattformen in
Bezug auf exilpolitische Aktivitäten des Beschwerdeführers eingereicht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge-
gen Verfügungen, die gestützt auf das Asylgesetz (AsylG, SR 142.31)
durch das SEM erlassen worden sind, entscheidet das Bundesverwal-
tungsgericht grundsätzlich (mit Ausnahme von Verfahren betreffend Perso-
nen, gegen die ein Auslieferungsersuchen des Staates vorliegt, vor wel-
chem sie Schutz suchen) endgültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG;
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Für das vorliegende Verfahren gilt nach der am 1. März 2019 in Kraft
getretenen Änderung des AsylG das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Über-
gangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen-
dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Bereich des Ausländerrechts richtet sich
die Kognition des Gerichts nach Art. 49 VwVG (BVGE 2014/26 E. 5).
2.
Der Beschwerdeführer ist legitimiert; auf seine frist- und formgerecht ein-
gereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
3.1 Im vorliegenden Fall wird zunächst vorgebracht, der Anspruch des Be-
schwerdeführers auf rechtliches Gehör sei durch die Vorinstanz in ver-
schiedener Hinsicht verletzt worden.
D-5947/2019
Seite 6
3.2 In der Beschwerdeschrift (S. 3 f.) wird geltend gemacht, das rechtliche
Gehör des Beschwerdeführers sei verletzt worden, indem dem Rechtsver-
treter durch das SEM bezüglich des Beweismittelcouverts und der enthal-
tenen Beweismittel keine Akteneinsicht gewährt worden sei. Nachdem die
Vorinstanz mit Zwischenverfügung vom 19. November 2019 angewiesen
worden war, dem Beschwerdeführer vollständige Einsicht in die Verfahren-
sakten zu gewähren, übermittelte sie dem Rechtsvertreter mit Schreiben
vom 21. November 2019 auch Kopien der genannten Aktenstücke. Die er-
wähnte Rüge wurde damit gegenstandslos.
3.3 In der Beschwerdeergänzung vom 10. Dezember 2019 wird vorge-
bracht, das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers sei verletzt worden,
weil das SEM in der angefochtenen Verfügung nicht alle im vorinstanzli-
chen Verfahren abgegebenen Beweismittel gewürdigt habe. Dies betreffe
zum einen die als Beweismittel eingereichten Krankenakten aus dem Iran
mit Bezug zur geltend gemachten ADHS-Problematik, zum anderen eine
handschriftliche Notiz des Beschwerdeführers zu seinen Asylgründen. Die-
sen Aktenstücken kommt – wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen –
keinerlei Beweistauglichkeit für die Asylvorbringen des Beschwerdeführers
oder die Frage der Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu. Wie
das SEM im Rahmen der Vernehmlassung zutreffenderweise ausgeführt
hat, ist es nicht gehalten, ungeachtet jeglicher Entscheidwesentlichkeit auf
jede Einzelheit des Sachverhalts und jedes Beweismittel konkret einzuge-
hen. Es liegt somit keine Gehörsverletzung vor, welche eine Aufhebung
der angefochtenen Verfügung rechtfertigen könnte.
3.4 Ferner wird mit der Beschwerdeschrift (S. 4 ff.) behauptet, das SEM
habe eine Verletzung des rechtlichen Gehörs begangen, indem es ver-
schiedene Vorbringen des Beschwerdeführers in der angefochtenen Ver-
fügung nicht erwähnt oder ausreichend gewürdigt habe. So habe das
Staatssekretariat die ADHS-Problematik zwar erwähnt, es aber unterlas-
sen, diese konkret zu würdigen. Weiter betreffe dies die Vorbringen, der
Beschwerdeführer habe in der Schule mit deren Direktor Probleme gehabt,
und er habe im Iran zwei Personen gekannt, welche Angehörige der Reli-
gionsgemeinschaft der Bahaʼi gewesen seien und sein Denken beeinflusst
hätten. Auch diesen Elementen des Sachverhalts kommt, wie die nachfol-
genden Erwägungen zeigen, keine entscheidwesentliche Bedeutung zu.
Der Behauptung, die Vorinstanz hätte auf diese Aspekte bei der Beurtei-
lung des Asylgesuchs ausführlicher eingehen müssen, als sie dies tatsäch-
lich getan hat, kann daher nicht gefolgt werden.
D-5947/2019
Seite 7
3.5 In einem weiteren Punkt wird mit der Beschwerdeschrift (S. 6 f.) be-
hauptet, das SEM habe seine Abklärungspflicht verletzt, indem es die An-
hörungen erst mehr als zwei Jahre nach der Einreichung des Asylgesuchs
durchgeführt habe und danach bis zum Entscheid weitere eineinhalb Jahre
ungenutzt habe verstreichen lassen. Es wird allerdings weder erläutert,
noch ist anderweitig nachvollziehbar, weshalb die zeitlichen Umstände des
Verfahrensverlaufs einer Verletzung der Abklärungspflicht der Vorinstanz
gleichkommen sollen.
3.6 Schliesslich wird mit der Beschwerdeschrift (S. 7 ff.) unter dem Aspekt
der Abklärungspflicht geltend gemacht, das SEM habe den Grundsatz ei-
nes fairen Verfahrens verletzt, indem die beiden Anhörungen des Be-
schwerdeführers beim ersten Mal acht Stunden und zehn Minuten, beim
zweiten Mal sieben Stunden und zwanzig Minuten gedauert hätten. Ange-
sichts der schweren ADHS-Problematik des Beschwerdeführers sei eine
dermassen lange Anhörungsdauer nicht zumutbar, wobei das SEM dieser
gesundheitlichen Problematik jedoch nicht Rechnung getragen habe. Aus-
serdem habe der Beschwerdeführer anlässlich der zweiten Anhörung zu
Protokoll gegeben, dass er an Schlafstörungen leide, was ebenfalls nicht
berücksichtigt worden sei. Es seien nur wenige Pausen gemacht worden,
wobei deren Länge teilweise in den Protokollen nicht vermerkt worden sei.
Die Anhörungen seien in weiterer Hinsicht mangelhaft durchgeführt wor-
den. So gehe aus den Protokollen hervor, dass der Beschwerdeführer
durch den Befrager mehrfach auf seine Mitwirkungspflicht hingewiesen
worden sei, was auf eine angespannte Anhörungssituation schliessen
lasse. An anderer Stelle habe der Befrager dem Beschwerdeführer das
Wort abgeschnitten. Es sei offensichtlich, dass die Anhörungen schwer-
wiegende Mängel aufweisen würden. Diesen Behauptungen des Rechts-
vertreters kann nicht gefolgt werden. Vielmehr ist festzustellen, dass die
relativ lange – aber nicht übermässig lange – Dauer der beiden Anhörun-
gen hauptsächlich darauf zurückzuführen ist, dass der zuständige Befrager
dem Beschwerdeführer auch einfache Fragen erklärte und diese teilweise
mehrfach wiederholte, was offensichtlich einer Rücksichtnahme auf die ge-
sundheitliche Verfassung des Beschwerdeführers entsprang. Es entbehrt
jeder Grundlage, darin eine Verletzung der behördlichen Abklärungspflicht
zu sehen. Auch in sonstiger Hinsicht ist den Protokollen der beiden Anhö-
rungen nichts zu entnehmen, was auf eine Verletzung der Abklärungs-
pflicht schliessen liesse.
3.7 In der Beschwerdeschrift (S. 14 ff.) wird in weiteren, nur geringfügig
variierenden Zusammenhängen mehrfach wiederholt, es liege seitens des
D-5947/2019
Seite 8
SEM eine schwerwiegende Verletzung des rechtlichen Gehörs, der Abklä-
rungspflicht wie auch des Willkürverbots im Zusammenhang mit der ADHS-
Problematik des Beschwerdeführers vor. Es erübrigt sich, auf diese sich
wiederholenden und offensichtlich unbegründeten Vorhaltungen im Einzel-
nen einzugehen.
3.8 Zusammenfassend erweist sich, dass die Rüge des Beschwerdefüh-
rers, sein Anspruch auf rechtliches Gehör sei durch die Vorinstanz verletzt
worden, nicht gerechtfertigt ist. Gleiches gilt auch für die unter dem Titel
einer Gehörsverletzung vorgebrachte Rüge, der Sachverhalt sei ungenü-
gend abgeklärt worden.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in ihrem
Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Re-
ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen aus-
gesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von
Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlings-
eigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM begründete die Ablehnung des Asylgesuchs in der angefoch-
tenen Verfügung im Wesentlichen damit, die Vorbringen des Beschwerde-
führers würden nicht den für die Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7
AsylG erforderlichen Grad an Substantiierung und Detaillierung aufweisen.
So habe er während allen Befragungen nicht die Daten von wichtigen Er-
eignissen nennen oder diese eigenständig zeitlich einordnen können. Auch
seien seine Angaben, etwa zu den angeblichen Drohungen seitens eines
Angehörigen der Basij, sehr unsubstantiiert und stereotyp ausgefallen. Die-
D-5947/2019
Seite 9
ser Begründung wird im vorliegenden Verfahren im Wesentlichen entge-
gengehalten, die ADHS-Problematik des Beschwerdeführers und die damit
verbundene Gedächtnisschwäche seien durch die Vorinstanz nicht berück-
sichtigt worden.
5.2 Wie sich allerdings erweist, erübrigt sich die Beurteilung der Glaubhaf-
tigkeit der Asylvorbringen, weil diesen ohnehin die erforderliche asylrecht-
liche Relevanz nicht zukommt. Dabei ist festzuhalten, dass das Bundes-
verwaltungsgericht nicht an die Begründung der Vorinstanz gebunden ist
(Art. 62 Abs. 4 VwVG); es kann die Beschwerde auch aus anderen Über-
legungen als jenen der Vorinstanz abweisen (sog. Motivsubstitution; vgl.
MADELEINE CAMPRUBI, in: Christoph Auer/Markus Müller/Benjamin Schind-
ler [Hrsg.], Kommentar zum VwVG, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2019, Art. 62,
N 16; ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwaltungsver-
fahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., Zürich 2013,
S. 398).
5.3 Die Probleme, welche der Beschwerdeführer im Iran aufgrund seiner
Kritik an der islamischen Religion und am iranischen Regime gehabt haben
will, erreichen nicht die Schwelle ernsthafter Nachteile im Sinne von Art. 3
AsylG. Wie er im vorinstanzlichen Verfahren zu Protokoll gab, führten seine
religions- und regimekritischen Äusserungen gegenüber Mitschülern am
Gymnasium lediglich dazu, dass er eine Weile vom Unterricht suspendiert
wurde und zweimal einen dreimonatigen moralisch-religiösen Kurs besu-
chen musste. Seinen Aussagen ist zu entnehmen, dass es sich dabei um
eine blosse erzieherische Massnahme handelte, die für Jugendliche galt,
die sich kleine Vergehen gegen die islamische Moral zuschulden kommen
liessen. Irgendwelche sonstige konkrete Folgen hatte sein moralisches
"Fehlverhalten" nicht. Gleiches gilt auch für das Vorbringen, er sei als Ju-
gendlicher einmal verhaftet, während dreier Tage festgehalten und einem
Richter vorgeführt worden. Auch dieser Vorfall hatte für ihn keinerlei wei-
tere Folgen. Angesichts dessen ist es als offensichtlich zu erachten, dass
die iranischen Behörden die kritischen Äusserungen und sonstigen Verhal-
tensweisen des Beschwerdeführers nicht zum Anlass nahmen, gegen ihn
Verfolgungsmassnahmen zu ergreifen, denen eine asylrechtliche Bedeu-
tung zukommen könnte.
5.4 Der Beschwerdeführer macht ausserdem geltend, er sei einige Monate
vor der Ausreise aus dem Iran durch einen Bekannten, der zugleich Ange-
höriger der Miliz der Basij gewesen sei, sexuell missbraucht und anschlies-
send wiederholt bedroht worden. Ungeachtet der von der Vorinstanz in
D-5947/2019
Seite 10
Zweifel gezogenen Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens ist festzustellen,
dass auch dieser einmalige Vorfall asylrechtlich nicht relevant ist. Der Be-
schwerdeführer macht nicht in nachvollziehbarer Weise geltend, aus die-
sem Vorfall lasse sich auf eine Verfolgung aus einem der in Art. 3 Abs. 1
AsylG genannten Gründe schliessen. Auch besteht keinerlei konkreter
Grund zur Annahme, mit diesem Delikt sei eine Gefährdung verbunden,
welcher der Beschwerdeführer nicht durch eine Anzeige bei den zuständi-
gen iranischen Behörden oder die Wahl eines anderen Aufenthaltsortes im
Iran hätte entgehen können.
5.5 Soweit mit der Beschwerdeschrift (S. 5) und im Rahmen der Replik be-
hauptet wird, es sei bei der Beurteilung des Asylgesuchs nicht berücksich-
tigt worden, dass der Beschwerdeführer im Iran zwei Personen gekannt
habe, welche Angehörige der Religionsgemeinschaft der Bahaʼi gewesen
seien, so ist festzustellen, dass den vorinstanzlichen Akten nicht entnom-
men werden kann, er habe aus dem genannten Grund asylrechtlich rele-
vante Nachteile erlitten oder auch nur befürchtet. Auf diesen Gesichtspunkt
ist somit nicht weiter einzugehen.
5.6 Des Weiteren besteht nach dem Gesagten auch für die Behauptung
des Beschwerdeführers kein nachvollziehbarer Grund, unmittelbar vor sei-
ner Ausreise aus dem Iran sei sein Vater durch einen Freund, der bei einer
polizeilichen Behörde gearbeitet habe, darüber informiert worden, dass er
von Sicherheitsbeamten gesucht werde. Der Einschätzung der Vorinstanz,
dieses Vorbringen sei als unglaubhaft zu bewerten, ist deshalb ungeachtet
der diesbezüglich in der angefochtenen Verfügung erwähnten Widersprü-
che – welche der Beschwerdeführer im vorliegenden Verfahren mit seiner
ADHS-Problematik begründet – vollumfänglich zuzustimmen.
5.7 Mit der Beschwerdeschrift (S. 30) wird schliesslich behauptet, aus der
Verschlechterung der allgemeinen politischen Situation im Iran seit dem
Jahr 2017 würden sich für den Beschwerdeführer objektive Nachflucht-
gründe ergeben, wodurch sich seine Gefährdung noch verstärke. Auch die-
sem Argument kann angesichts des Fehlens eines konkreten politischen
Profils des Beschwerdeführers nicht gefolgt werden.
5.8 Der Vollständigkeit halber ist sodann festzuhalten, dass die sowohl ge-
genüber der Vorinstanz als auch im vorliegenden Verfahren unter Einrei-
chung von ärztlichen Zeugnissen und weiteren Dokumenten geltend ge-
machte ADHS-Problematik und die damit verbundenen kognitiven Schwie-
rigkeiten keine Auswirkungen darauf haben, wie die Asylvorbringen des
D-5947/2019
Seite 11
Beschwerdeführers, welchen die erforderliche asylrechtliche Relevanz of-
fensichtlich nicht zukommt, im Einzelnen zu beurteilen sind.
5.9 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass das SEM im Ergebnis zutreffen-
derweise zur Einschätzung gelangt ist, der Beschwerdeführer habe keine
asylrechtlich relevante Gefährdung glaubhaft gemacht. Die Vorinstanz hat
folglich das Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
6.
6.1 In einem nächsten Schritt ist auf die subjektiven Nachfluchtgründe ein-
zugehen, welche der Beschwerdeführer sinngemäss mit dem Vorbringen
geltend macht, er habe sich seit seiner Einreise in die Schweiz exilpolitisch
betätigt.
6.2 Subjektive Nachfluchtgründe sind dann anzunehmen, wenn eine asyl-
suchende Person erst durch die Flucht aus dem Heimat- oder Herkunfts-
staat oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise eine Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Personen mit subjektiven Nach-
fluchtgründen erhalten zwar kein Asyl, werden jedoch als Flüchtlinge vor-
läufig aufgenommen (Art. 54 AsylG; vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1 sowie Ent-
scheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 2006 Nr. 1 E. 6.1, EMARK 2000 Nr. 16 E. 5a, jeweils m.w.N.).
6.3
6.3.1 In diesem Zusammenhang gab der Beschwerdeführer im vorinstanz-
lichen Verfahren an (Protokoll der Anhörung vom 17. April 2018, S. 19), er
habe nach seiner Ausreise aus dem Iran gelegentlich an Diskussionen auf
"Instagram" seine religiöse Meinung kundgetan. In der Schweiz habe er
unter anderem an Kundgebungen mit vielen Iranern gesprochen, wobei er
auch Einladungen von politischen Organisationen erhalten habe. Aller-
dings habe er auf keiner Webseite irgendetwas geschrieben. Er sei der
Meinung, dass die Wirkung beinahe null sei, wenn man ausserhalb des
Landes etwas unternehme.
6.3.2 Mit der Beschwerdeschrift wird dazu vorgebracht, das iranische Re-
gime gehe davon aus, dass die iranische Opposition aus dem Ausland or-
ganisiert werde, und verfolge deshalb die angeblichen Anstifter – wie den
Beschwerdeführer – äusserst intensiv. Das "Instagram"-Profil des Be-
schwerdeführers weise beinahe achthundert Abonnenten auf, und bei einer
derart hohen Anzahl könne er offensichtlich nicht alle Personen kennen
D-5947/2019
Seite 12
beziehungsweise garantieren, dass sich darunter keine Spitzel und Infor-
manten des Regimes befänden.
Im Beschwerdeverfahren wurden des Weiteren mit Eingaben vom 26. Mai
und 22. Dezember 2020 zahlreiche Ausdrucke aus digitalen Kommunikati-
onsplattformen eingereicht, welche die exilpolitischen Aktivitäten des Be-
schwerdeführers belegen sollen. Dabei wurde in der Eingabe vom 26. Mai
2020 ausgeführt, der Beschwerdeführer habe am [...] 2019 bei einer Aktion
von Exiliranern mitgewirkt, bei welcher Photographien des Revolutionsfüh-
rers und ehemaligen iranischen Staatsoberhaupts Ruhollah Khomeini und
des derzeitigen iranischen religiösen Oberhaupts Ali Khamenei verbrannt
worden seien. Eine Filmaufnahme dieser Aktion sei auf verschiedenen di-
gitalen Kommunikationskanälen wie "Telegram" verbreitet worden. Es sei
zu erkennen, dass die Gruppe der Demonstranten zum Sturz des irani-
schen Regimes aufrufe. Auf "Instagram" sei des Weiteren eine Photogra-
phie verbreitet worden, welche den Beschwerdeführer bei einer Demonst-
ration vom [...] 2019 zeige. Im [...] 2020 habe er ausserdem an einer De-
monstration von zwanzig Personen [...] teilgenommen, und auch davon sei
eine Videoaufnahme mittels "Telegram" verbreitet worden. In der Eingabe
vom 22. Dezember 2020 wurde weiter ausgeführt, der Beschwerdeführer
habe sich auf "Instagram" sehr stark exponiert, was dazu geführt habe,
dass er von unbekannter Seite als lästiger User bezeichnet und blockiert
worden sei.
6.4 Aufgrund der vorhandenen Beweismittel ist einzig darauf zu schlies-
sen, dass sich der Beschwerdeführer zwischen [...] 2019 und [...] 2020 ins-
gesamt dreimal an Aktionen beteiligte, die als gegen das iranische Regime
gerichtet bezeichnet werden können. Jedoch werden weder für den ge-
samten Zeitraum zuvor – seit der Stellung des Asylgesuchs am 13. Januar
2016 – noch für jenen danach sonstige entsprechende Auftritte geltend ge-
macht und dokumentiert. Über die blosse dreimalige, auf einen Zeitraum
von drei Monaten beschränkte Teilnahme an regimekritischen Aktionen
hinaus wird nichts vorgebracht, das darauf schliessen liesse, beim Be-
schwerdeführer handle es sich um einen nachhaltig engagierten politi-
schen Aktivisten. Eine konkrete Rolle in der regimekritischen iranischen
Exilgemeinschaft, etwa in einer Partei oder sonstigen Organisation, wird
nicht geltend gemacht. Soweit die angebliche Gefährdung aufgrund exilpo-
litischer Aktivitäten damit begründet werden soll, der Beschwerdeführer
teile auf digitalen Kommunikationskanälen wie "Instagram" oder "Tele-
gram" regelmässig regimekritische Inhalte, so wird aus den eingereichten
Beweismitteln in keiner Weise ersichtlich, worum es sich bei diesen Mittei-
lungen im Einzelnen handelte, durch wen diese verfasst wurden und an
D-5947/2019
Seite 13
welche Adressaten sie gerichtet waren. Gemäss Erkenntnissen des Bun-
desverwaltungsgerichts trifft es zwar zu, dass sich die iranischen Behörden
für die exilpolitischen Aktivitäten ihrer Staatsangehörigen interessieren. Je-
doch ist davon auszugehen, dass die iranischen Behörden in der Regel nur
an der namentlichen Identifizierung von Personen interessiert sind, deren
Aktivitäten über den Rahmen exilpolitischer Proteste mit lediglich geringem
Profil und Wirkungsgrad hinausgehen, und die Funktionen oder Aktivitäten
entwickeln, welche Asylsuchende als ernsthafte und potentiell gefährliche
Regimegegner erscheinen lassen. Erheblich ist eine exilpolitische Betäti-
gung dann, wenn die betreffende Person nach aussen erkennbar, persön-
lich exponiert und regimefeindlich aktiv wird, oder wenn sich ihre politi-
schen Aktionen als Fortführung einer bereits im Heimatland betätigten fes-
ten Überzeugung darstellen und eine gewisse Intensität erreichen. Die Vo-
raussetzungen für ein persönliches Exponieren können auch bei weniger
bekannten Personen gegeben sein; massgeblich hierfür ist aber, dass auf-
grund der politischen Überzeugung, Art, Dauer und Intensität der politi-
schen Betätigung eine Identifizierung möglich ist und die Betroffenen in den
Augen der iranischen Behörden mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als
ernsthafte Regimegegner erscheinen. Im Falle des Beschwerdeführers
sind diese Voraussetzungen nicht gegeben. Vielmehr liegen keine ausrei-
chenden Anhaltspunkte dafür vor, dass er im Iran wegen der Beteiligung
an exilpolitischen Aktivitäten einer spezifischen Gefährdung im Sinne von
Art. 3 AsylG ausgesetzt sein könnte.
6.5 Somit erweist sich, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen-
schaft auch nicht aufgrund subjektiver Nachfluchtgründe erfüllt.
7.
Die Ablehnung eines Asylgesuchs oder das Nichteintreten auf ein Asylge-
such hat in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz zur Folge (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die verfügte
Wegweisung steht daher im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen
und wurde von der Vorinstanz zu Recht angeordnet.
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach
den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Aus-
D-5947/2019
Seite 14
länderinnen und Ausländern (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesge-
setzes über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration
[AIG, SR 142.20]).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder in einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
8.2.2 Der Vollzug der Wegweisung durch Rückschaffung in den Iran ist un-
ter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig, weil der Beschwerdeführer –
wie zuvor dargelegt – dort keinen Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG
ausgesetzt wäre. Aus den Vorbringen des Beschwerdeführers ergeben
sich ausserdem auch keine konkreten und gewichtigen Anhaltspunkte für
die Annahme, dass er im Falle einer Ausschaffung in den Iran mit beacht-
licher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK verbotenen Strafe oder
Behandlung ausgesetzt wäre (vgl. aus der Praxis des Europäischen Ge-
richtshofs für Menschenrechte etwa die Urteile i.S. Bensaid, Rep. 2001-I,
S. 303, sowie i.S. Saadi vom 28. Februar 2008 [Grosse Kammer], Be-
schwerde Nr. 37201/06, Ziff. 124 ff., jeweils m.w.N.). Auch die allgemeine
Menschenrechtssituation im Iran bietet zum heutigen Zeitpunkt keinen kon-
kreten Anlass zur Annahme, dem Beschwerdeführer drohe eine entspre-
chende Gefährdung. Der Vollzug der Wegweisung ist somit sowohl im
Sinne der asylgesetzlichen als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen
zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
D-5947/2019
Seite 15
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Die allgemeine Lage im Iran ist weder von Bürgerkrieg noch von all-
gemeiner Gewalt gekennzeichnet, so dass der Vollzug der Wegweisung
dorthin grundsätzlich zumutbar erscheint. Es bestehen auch sonst keine
Anhaltspunkte, die darauf schliessen liessen, der Beschwerdeführer sei bei
einer Rückkehr in den Iran einer konkreten Gefährdung im Sinne von
Art. 83 Abs. 4 AIG ausgesetzt. Bei der mit ärztlichen Zeugnissen belegten
ADHS-Problematik des Beschwerdeführers handelt es sich offensichtlich
nicht um ein medizinisches Leiden, das die Zumutbarkeit des Vollzugs der
Wegweisung in Frage stellen könnte. Des Weiteren ist auch nicht davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei seiner Rückkehr in den Hei-
matstaat in wirtschaftlicher Hinsicht in eine existenzbedrohende Situation
gelangen wird. Gemäss seinen Angaben hinterliess sein verstorbener Va-
ter, der eine grosse und bekannte Firma besessen habe, ein beträchtliches
Erbe, das seiner Mutter und unter anderen auch ihm selbst zustehe. Seine
Mutter wohnt mittlerweile in der Stadt D._, wo er selbst sich im Zeit-
raum unmittelbar vor seiner Ausreise ebenfalls aufhielt. Zudem lebt in der
Umgebung der Stadt B._, dem Heimatort des Beschwerdeführers,
unter anderen ein Onkel, der eine sehr grosse, erfolgreiche Landwirtschaft
besitze. Der Beschwerdeführer verfügt somit über ein ausgedehntes fami-
liäres Netz, das ihm Unterstützung wird gewähren können. Zwar wird in der
Beschwerdeschrift durch den Rechtsvertreter behauptet, wegen der mit
der ADHS-Problematik verbundenen Verhaltensauffälligkeit und der religi-
ösen Einstellung des Beschwerdeführers sei seine Familie nicht mehr be-
reit, ihn bei sich aufzunehmen. Anlässlich der Befragungen im vorinstanz-
lichen Verfahren machte der Beschwerdeführer jedoch keinerlei entspre-
chende Aussagen, während er demgegenüber mehrfach erwähnte, wie gut
es seiner Familie in materieller Hinsicht gehe. Die Behauptung in der Be-
schwerdeschrift ist somit als haltlos zu bezeichnen.
8.4 Des Weiteren ist festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung
mangels aktenkundiger objektiver Hindernisse auch möglich im Sinne von
Art. 83 Abs. 2 AIG ist.
8.5 Schliesslich ist festzuhalten, dass die aktuelle Lage im Zusammenhang
mit der Coronavirus-Pandemie (COVID-19) grundsätzlich nicht geeignet
ist, die Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Frage zu stellen. Die
D-5947/2019
Seite 16
Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt voraus, dass ein Vollzugshin-
dernis nicht nur vorübergehender Natur ist, sondern voraussichtlich eine
gewisse Dauer – in der Regel mindestens zwölf Monate – bestehen bleibt.
Ist dies nicht der Fall, so ist dem temporären Hindernis im Rahmen der
Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl. EMARK 1995 Nr. 14
E. 8d f.). Bei der Coronavirus-Pandemie handelt es sich, soweit derzeit
feststellbar, allenfalls um ein temporäres Vollzugshindernis. Es obliegt so-
mit den kantonalen Behörden, der Entwicklung der Situation bei der Wahl
des Zeitpunkts des Vollzugs in angemessener Weise Rechnung zu tragen.
8.6 Die durch die Vorinstanz verfügte Wegweisung und deren Vollzug ste-
hen somit in Übereinstimmung mit den zu beachtenden Bestimmungen und
sind zu bestätigen. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnung der vorläufi-
gen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus den angestellten Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Ver-
fügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt rich-
tig und vollständig feststellt und – soweit diesbezüglich überprüfbar – an-
gemessen ist (Art. 106 AsylG; Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist folglich
abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dessen Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Die Kosten sind auf
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2] i.V.m. Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG). Dabei ist zur Be-
gleichung der Verfahrenskosten der in selber Höhe geleistete Kostenvor-
schuss zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
D-5947/2019
Seite 17