Decision ID: 2a19730d-f463-45d7-9ab0-196700b5d22d
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Mai 2013 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sie gab an, sie habe keine Berufsausbildung
absolviert. Sie unterstütze in einem Pensum von etwa 25 Prozent ihren Ehemann bei
dessen Hauswarttätigkeit. Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die MGSG GmbH am 30.
Juli 2015 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 95). Die Sachverständigen hielten
fest, die Versicherte leide an einer Pseudocervicobrachialgie rechts, an einem
Lumbovertebralsyndrom, an einer chronischen depressiven Verstimmung (Dysthymia)
bei einem Status nach Anpassungsstörungen sowie – ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit – an einer Adipositas, an akzentuierten narzisstisch-kränkbaren
Persönlichkeitszügen und an einer vorwiegend axonalen, gemischt motorisch-
sensiblen Neuropathie des rechten Armes ungeklärter Ätiologie. Die angestammte
Tätigkeit als Hauswart sei ihr aus orthopädischer Sicht lediglich noch zu 40 Prozent
zumutbar. Arbeiten ohne eine erhöhte emotionale Belastung, ohne eine
Stressbelastung, ohne hohe Ansprüche an die geistige Flexibilität, ohne vermehrte
Kundenkontakte und ohne eine überdurchschnittliche Dauerbelastung, die körperlich
leicht seien, in temperierten Räumen verrichtet werden könnten, die
abwechslungsweise sitzend und stehend ausgeübt werden könnten, ohne häufig
inklinierte, reklinierte oder rotierte Körperhaltungen seien uneingeschränkt zumutbar.
Im Oktober 2015 notierte Dr. med. B._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst
(RAD), das Gutachten der MGSG GmbH sei überzeugend, weshalb auf es abgestellt
werden könne (IV-act. 103). Die IV-Stelle verglich den zuletzt erzielten Lohn als
Valideneinkommen mit dem statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne als
Invalideneinkommen und errechnete so einen Invaliditätsgrad von 13 Prozent (IV-act.
A.a.
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104). Mit einer Verfügung vom 15. November 2015 wies sie das Rentenbegehren
mangels eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ab (IV-act. 107).
Im Januar 2018 meldete sich die Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-
act. 108). Die IV-Stelle forderte sie am 26. Januar 2018 auf, eine relevante
Sachverhaltsveränderung seit dem 15. November 2015 glaubhaft zu machen (IV-act.
113). Da die Versicherte nicht auf dieses Schreiben reagierte, teilte die IV-Stelle ihr mit
einem Vorbescheid vom 19. Februar 2018 mit, dass sie vorsehe, nicht auf die
Neuanmeldung einzutreten (IV-act. 119). Am 5. März 2018 liess die Versicherte
verschiedene medizinische Berichte einreichen (IV-act. 122): Dr. med. C._ hatte am
2. März 2018 über eine schwere Depression mit einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit
berichtet (IV-act. 123); die Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen hatte am
13. Juli 2017 festgehalten, hinsichtlich der immunologischen Neuropathie sei die
Situation anamnestisch, klinisch-neurologisch sowie neurosonographisch stabil, aber
leider habe sich die psychische Verfassung aufgrund familiärer Probleme
verschlechtert (IV-act. 124). Die RAD-Ärztin Dr. med. D._ hielt am 9. März 2018 fest,
mit den eingereichten Berichten sei eine relevante Veränderung des
Gesundheitszustandes nicht glaubhaft gemacht (IV-act. 128). Mit einem Vorbescheid
vom 14. März 2018 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie nach wie vor einen
Nichteintretensentscheid vorsehe (IV-act. 131). Dagegen liess die Versicherte am 25.
April 2018 einwenden (IV-act. 132), sie sei von ihrem Ehemann jahrelang physisch,
psychisch und finanziell schwer ausgebeutet und erniedrigt worden. Im November
2017 habe sie dem Druck nicht mehr standhalten können, weshalb sie Hilfe gesucht
habe und in der Folge in einem Frauenhaus untergebracht worden sei. Seit Dezember
2017 lebe sie alleine in einer kleinen Wohnung. Damit habe sich ihre soziale Situation
geändert. Sie müsste als Gesunde zu 100 Prozent erwerbstätig sein. Zudem hätten ihre
gesundheitlichen Beschwerden stark zugenommen. Ein Sachbearbeiter der IV-Stelle
notierte im Mai 2018 (IV-act. 139), die Qualifikation habe sich geändert, weshalb die
Versicherte zumindest einen Anspruch auf eine Arbeitsvermittlung habe. Mit einer
Mitteilung vom 26. September 2018 gewährte die IV-Stelle der Versicherten eine
Arbeitsvermittlung (IV-act. 140).
A.b.
Am 21. Januar 2019 erteilte die IV-Stelle eine Kostengutsprache für eine
dreimonatige berufliche Abklärung (IV-act. 151). Am 24. Januar 2019 erging eine
A.c.
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entsprechende Taggeldverfügung (IV-act. 153). Die berufliche Abklärung wurde am 1.
Mai 2019 um drei Monate verlängert (IV-act. 165). Der Einsatzbetrieb berichtete am 19.
Juli 2019 (IV-act. 179), die Versicherte habe keine ausreichend konstante und keine
qualitativ genügende Leistung erbracht. Mit der Präsenzzeit von dreimal vier Stunden
pro Woche sei sie zunächst überfordert gewesen. Sie habe ab Ende Mai 2019 aber
fünfmal vier Stunden pro Woche arbeiten können. Die Leistung habe jedoch nur 15–20
Prozent betragen. Eine Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt sei ausgeschlossen.
Während eines Schnuppereinsatzes in einem anderen Einsatzbetrieb habe sie eine
Leistung von 55–65 Prozent erbracht, weshalb davon auszugehen sei, dass ihr
industrielle Tätigkeiten eher besser liegen würden. Aber auch die dort erbrachte
Leistung erlaube keine Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt.
Vom 22. August 2019 bis zum 7. November 2019 befand sich die Versicherte in
einer stationären psychiatrischen Behandlung. Die psychiatrische Klinik E._ hielt in
ihrem Austrittsbericht vom 18. November 2019 fest (IV-act. 197), die Versicherte leide
an einer rezidivierenden depressiven Störung mit einer gegenwärtig schweren Episode
ohne psychotische Symptome sowie an einer chronischen Schmerzstörung mit
somatischen und psychischen Faktoren. Sie sei vom Schmerzzentrum F._
zugewiesen worden, da die dort stattfindende Behandlung der chronischen Schmerzen
wegen neurokognitiver und psychischer Auffälligkeiten nicht länger habe fortgesetzt
werden können. Das Gespräch mit der Versicherten habe sich wegen ihrer „sehr
depressiven“ Stimmung sowie wegen Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sehr
schwierig gestaltet. Die Versicherte habe ständig geweint und selbst einfache Fragen
kaum beantworten können. Im Verlauf der stationären Behandlung habe sich die
kognitive Symptomatik allmählich gebessert. Ein Cranio-MRT habe eine initiale
mikroangiopathische Leukencephalopathie und ansonsten einen unauffälligen Befund
gezeigt. Die Schmerzen hätten schrittweise abgeklungen, obwohl keine
Schmerztherapie durchgeführt worden sei. Für die Zeit nach der stationären
Behandlung sei eine Wiedereingliederung in einem geschützten Rahmen bei einem
Pensum von 50 Prozent geplant. Bereits am 2. Mai 2019 hatte die Klinik für Neurologie
des Kantonsspitals St. Gallen berichtet (IV-act. 171), am 18. April 2019 sei eine
neuropsychologische Testung durchgeführt worden, die zwei Stunden gedauert habe.
Die Versicherte habe „lustlos wirkend“ mitgearbeitet. Sie sei mehrmals in Tränen
A.d.
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ausgebrochen und habe immer wieder angegeben, dass es nicht gehe und dass sie
sich nicht konzentrieren könne. Im klinischen Eindruck seien die Aufmerksamkeit gut
und das Arbeitstempo verlangsamt gewesen. Die Versicherte habe die Instruktionen
träge umgesetzt. Bemerkte Fehler habe sie nicht zu korrigieren vermocht. In der
Untersuchung habe sie kooperativ, jedoch auch besorgt, eher passiv und
desinteressiert gewirkt. In den Symptomvalidierungsverfahren hätten sich „hoch
auffällige“ Befunde gezeigt. In den meisten geprüften kognitiven Funktionsbereichen
hätten „hoch auffällige und bis schwer verminderte Leistungen“ resultiert. Diese
Befunde seien aber nicht authentisch. Gesamthaft sei zwar denkbar, dass die
Versicherte an authentischen kognitiven Defiziten leide, aber diese könnten aufgrund
der fraglichen Validität nicht abgegrenzt und beurteilt werden. Am 20. Februar 2020
berichtete die Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen (IV-act. 205), die
Versicherte sei vom Hausarzt zu einer „Gedächtnissprechstunde“ zugewiesen worden,
da sich die Frage nach der Einordnung der präsentierten kognitiven Störungen gestellt
habe. Eine klare Alltagsrelevanz der angegebenen Konzentrations- und
Gedächtnisstörungen habe nicht objektiviert werden können. Der klinische Befund sei
deutlich diskrepant zum Screeningtest gewesen. Wenn dessen Resultat zuverlässig
wäre, hätte die Versicherte weder alleine zur Untersuchung anreisen noch sich
weiterhin selbständig zuhause versorgen können; sie wäre vielmehr fortgeschritten
dement. Die im September 2019 durchgeführte Bildgebung des Neurocraniums habe
keinen Hinweis für eine fokale Atrophie und bloss nebenbefundlich eine leichtgradige
Leukencephalopathie gezeigt. In der letzten neuropsychologischen Testung sei die
Symptomvalidierung deutlich auffällig gewesen. Insgesamt scheine nach wie vor die
psychische Problematik im Vordergrund zu stehen, wobei gewisse kognitive
Einschränkungen im Rahmen der Schmerzproblematik und der psychischen
Beeinträchtigung plausibel seien. Hinweise für eine neurodegenerative Erkrankung
hätten jedenfalls nicht festgestellt werden können.
Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die estimed AG am 20. Oktober 2020 ein
polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 222). Der orthopädische Sachverständige hielt fest,
die Versicherte leide an einem Lumbovertebralsyndrom, an einem cervico-brachialen
Schmerzsyndrom links sowie an einer Coxalgie rechts. In der klinischen Untersuchung
habe sie erhebliche Einschränkungen bezüglich der Funktionsgriffe der rechten Hand
A.e.
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gezeigt, die aber nicht auf eine orthopädische Ursache zurückzuführen seien. Trotz
sorgfältiger Beobachtung seien keine Inkonsistenzen oder Hinweise auf eine
Verdeutlichungstendenz oder gar Aggravation aufgefallen. Aus rein orthopädischer
Sicht seien der Versicherten sowohl die angestammte als auch andere körperlich
belastende Tätigkeiten nicht mehr zumutbar. Leichte Tätigkeiten seien ihr vollschichtig
zumutbar. Wegen der Wirbelsäulenerkrankung benötige sie aber zusätzliche Pausen,
weshalb der Arbeitsfähigkeitsgrad 80 Prozent betrage. Der internistische
Sachverständige führte aus, aus allgemein-internistischer Sicht leide die Versicherte
nicht an einer Gesundheitsbeeinträchtigung, die ihre Arbeitsfähigkeit einschränken
würde. Inkonsistenzen seien bei der Untersuchung nicht aufgefallen. Die Versicherte
habe kooperativ mitgearbeitet. Der neurologische Sachverständige hielt fest, die
Versicherte leide an einer immunvermittelten Neuropathie des rechten Armes sowie –
ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an einer beginnenden cerebralen
Mikroangiopathie. Die neurogenen Paresen an der rechten Hand seien erstmals im Jahr
2006 aufgefallen. Sie hätten im Verlauf kontinuierlich leicht zugenommen, aber gut auf
intravenöse Immunglobuline angesprochen, weshalb die Versicherte bis dato in
vierwöchentlichen Abständen entsprechende Injektionen erhalte. Klinisch seien
sämtliche Daumenfunktionen sowie – geringer – auch die Beugung, Spreizung und
Streckung der Langfinger geschwächt. Zudem bestehe eine leichte Gefühlsstörung an
der Aussenseite der rechten Hand. Zusätzlich bestehe ein etwas irregulärer Haltetremor
des rechten Armes. Für die angestammte Tätigkeit sei eine Leistungsminderung um 30
Prozent zu attestieren. Eine leidensadaptierte Tätigkeit sei der Versicherten
uneingeschränkt zumutbar. Inkonsistenzen, eine Verdeutlichungstendenz oder eine
Aggravation hätten nicht festgestellt werden können. Die neuropsychologische
Sachverständige führte aus, die Versicherte habe sich im Verhalten psychisch belastet
präsentiert. Die Kooperation bei der Testung sei nicht vorhanden gewesen. Bereits die
Leistung in der Durchführung des Vortestes zur Beschwerdevalidierung sei
demonstrativ beeinträchtigt dargestellt worden. Der Vortest habe viermal durchgeführt
werden müssen. Die Versicherte habe in allen vier Übungsdurchgängen immer
dieselben falschen Antworten gewählt. Die Beispiele im ersten („echten“) Test habe sie
richtig gelöst. Bei Beginn des Testes habe sie aber wiederum ein demonstratives
Verhalten gezeigt. Sie habe im Testheft geblättert, statt sich auf die Aufgaben zu
konzentrieren. Trotz einer entsprechenden Aufforderung habe sie nicht in das Testheft
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schreiben wollen. Auf eine Ermahnung hin habe sie sogleich mit einem klagenden,
überzeichneten Verhalten ihre Schwierigkeiten in umständlicher und übertriebener
Weise dargestellt. Der Test sei aufgrund der nicht vorhandenen Kooperation und
wegen der fehlenden Anstrengungsbemühung nicht durchgeführt worden. Die
verzögerten Abrufleistungen eines weiteren Testes seien demonstrativ gewesen. Damit
konfrontiert, dass eine glaubhafte und nachvollziehbare Beschwerdedarstellung wichtig
sei, sei die Versicherte psychisch eingebrochen und habe wiederholt begonnen,
appellativ zu klagen. Sie habe sich passiv und aspontan präsentiert. Bei der
Beschwerdevalidierung am Computer habe die Versicherte keine Reaktion gezeigt,
obwohl sie davor den Vortest korrekt durchgeführt habe. Auf die Nachfrage, was die
Schwierigkeit sei, habe sie hilflos und verwirrt ausweichend reagiert. Erneut sei sie auf
ihre Mitwirkungspflicht hingewiesen worden. Die Sachverständige habe sie auch
wiederholt darauf hingewiesen, dass sie ihr am Ende jedes Durchganges am Computer
eine Rückmeldung geben solle. Trotzdem habe die Versicherte jeweils so lange
gewartet, bis die Sachverständige nachgefragt habe. Der Aufforderung, sie solle ihrer
Tochter telefonisch Bescheid geben, dass die Untersuchung etwa eine halbe Stunde
länger dauere, sei sie nicht nachgekommen. Darauf angesprochen habe sie die
Aufforderung wiederholt, aber nichts weiter unternommen. Erst als sie erneut
aufgefordert worden sei, sich bei ihrer Tochter zu melden, sei sie tätig geworden. Die
gesamte Untersuchung habe dreieinhalb Stunden gedauert. Aufgrund der nicht
vorhandenen Kooperation und Leistungsbereitschaft bei einem demonstrativ
dargestellten Beschwerdebild sei eine valide neuropsychologische Befunderhebung
nicht möglich gewesen. Der psychiatrische Sachverständige hielt fest, die Versicherte
sei zu Beginn der Untersuchung deutlich unruhig und angespannt gewesen, das habe
sich im Verlauf dann aber weitgehend gelegt. Sie habe sich während der gesamten
Exploration kooperativ verhalten und sie sei bemüht gewesen, zu ihrer Problematik
ausführlich Stellung zu nehmen. Ein ausgeprägtes verbales oder nonverbales
Schmerzgebaren habe sich nicht gezeigt. Die Aufmerksamkeit sei während der Dauer
des Gesprächs durchgehend erhalten gewesen. Die Konzentration sei leicht
eingeschränkt gewesen. Die Auffassung sei ungestört gewesen. Die Versicherte habe
leichte Merkfähigkeitsstörungen gezeigt. Das Langzeitgedächtnis habe sich klinisch als
unauffällig erwiesen. Der Redefluss sei leicht viskös-stockend gewesen. Der formale
Gedankengang sei geordnet, aber leicht verlangsamt, leicht grübelnd und deutlich auf
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die erlebten körperlichen Beschwerden und Insuffizienzgefühle eingeengt gewesen. Die
Grundstimmung sei gedrückt, aber nicht tief depressiv, sondern vor allem besorgt-
ängstlich und deutlich labil, aber nicht dysphorisch gewesen. Die affektive
Modulationsfähigkeit sei leicht gemindert gewesen. Im Verlauf hätten aber mehrfach
zaghafte situative Aufhellungen beobachtet werden können. Der Antrieb sei leicht
vermindert gewesen. Die Versicherte leide an einer anhaltenden leicht- bis
mittelgradigen depressiven Episode im Rahmen einer rezidivierenden depressiven
Störung, an einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen
Faktoren sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an akzentuierten,
ängstlich-vermeidenden und dependenten Persönlichkeitszügen. Abgesehen von der
verzerrenden respektive verdeutlichenden Darbietung von kognitiven Symptomen in
der neuropsychologischen Testung, die nicht mit der aktuellen, nur noch mässiggradig
ausgeprägten depressiven Symptomatik erklärt werden könnten, seien keine
Inkonsistenzen aufgefallen. Zwischen den angegebenen Beschwerden respektive der
Beschreibung der Krankheitsentwicklung und den aktuellen Arztberichten sowie den
Untersuchungsbefunden bestünden keine relevanten Diskrepanzen. Die Schilderung
des Tagesablaufes und des Aktivitätsniveaus stimme mit den aktuell beschriebenen
Beschwerden überein. Das psychometrische Testergebnis stehe in Einklang mit dem
psychopathologischen Befund. Die geschilderten Beschwerden stimmten in ihrem
Ausmass mit der Inanspruchnahme der therapeutischen Massnahmen überein, das
Ergebnis der Medikamentenspiegelbestimmung habe allerdings auf eine
unregelmässige Einnahme der verordneten Antidepressiva hingewiesen. Eine
spezifische Gegenübertragungsreaktion (Empfindung des Unechten, des Zornes oder
des Gekränktseins) habe nicht vorgelegen. Insgesamt sei von einer „noch
ausreichenden“ Konsistenz auszugehen. Aus psychiatrischer Sicht sei eine
Arbeitsunfähigkeit von 30 Prozent für sämtliche Tätigkeiten zu attestieren. Nach der
Konsensbesprechung führten die Sachverständigen aus, in orthopädischer und
neurologischer Hinsicht stünden die deutliche Verminderung der Handkraft rechts, die
deutliche Störung der Feinmotorik der rechten Hand sowie die
Bewegungseinschränkung der Wirbelsäule im Vordergrund. Die angestammte Tätigkeit
als Reinigungsmitarbeiterin sei der Versicherten nicht mehr zumutbar. Für
leidensadaptierte Tätigkeiten sei ein Arbeitsunfähigkeitsgrad von 30 Prozent zu
attestieren; die aus orthopädischer Sicht zu attestierende Arbeitsunfähigkeit von 20
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Prozent gehe in der vom psychiatrischen Sachverständigen attestierten
Arbeitsunfähigkeit von 30 Prozent auf. Die vollständige Arbeitsunfähigkeit für die
angestammte Tätigkeit sei retrospektiv für die Zeit ab November 2017 zu attestieren.
Aus psychiatrischer Sicht sei von einer relevanten Verschlechterung des
Gesundheitszustandes ab Mai 2019 auszugehen. Die vom behandelnden Psychiater
attestierte vollständige Arbeitsunfähigkeit sei nicht nachvollziehbar, weshalb nicht auf
dessen aktuelle Einschätzung abgestellt werden könne. Eine Arbeitsfähigkeit von 70
Prozent könne deshalb erst für die Zeit ab der Begutachtung mit hinreichender
Sicherheit attestiert werden. Die RAD-Ärztinnen Dr. D._ und med. pract. G._
qualifizierten das Gutachten als überzeugend (IV-act. 223).
Mit einer Mitteilung vom 15. Dezember 2020 wies die IV-Stelle das Begehren um
(weitere) berufliche Massnahmen ab (IV-act. 226). Mit einem Vorbescheid vom 2. März
2021 teilte sie der Versicherten mit, dass sie die Abweisung des Rentenbegehrens
mangels eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades vorsehe (IV-act. 229). Dagegen
liess die Versicherte am 25. Mai 2021 einwenden (IV-act. 235), die Sachverständigen
der estimed AG hätten den Einschränkungen an der rechten Hand bei der
Arbeitsfähigkeitsschätzung für adaptierte Tätigkeiten keine Rechnung getragen. Bei der
Bemessung des Invalideneinkommens müsse ein „leidensbedingter Abzug“ von 25
Prozent berücksichtigt werden. Das neuropsychologische Teilgutachten der estimed
AG überzeuge nicht, da die angeblich willentlich verweigerte Mitwirkung von keinem
anderen Sachverständigen und auch nicht beim aktuellen Einsatz im geschützten
Rahmen beobachtet worden sei. Die Versicherte leide möglicherweise an einer
psychoorganischen Leistungsstörung. Die berufliche Abklärung im Jahr 2019 habe
gezeigt, dass die Versicherte über keine auf dem ersten Arbeitsmarkt verwertbare
Arbeitsfähigkeit verfüge. Der aktuelle Einsatzbetrieb habe das bestätigt. Die
Arbeitsfähigkeitsschätzung der estimed AG sei deshalb realitätsfremd. Die RAD-Ärztin
Dr. D._ notierte im Juni 2021, dass nach wie vor kein Zweifel an der
Überzeugungskraft des Gutachtens der estimed AG bestehe (IV-act. 236). Mit einer
Verfügung vom 17. Juni 2021 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der Versicherten
mangels eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ab (IV-act. 237).
A.f.
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B.
Am 18. August 2021 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 17. Juni 2021 erheben (act. G 1). Ihre
Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die
Zusprache einer ganzen Rente, eventualiter die Einholung eines neuropsychologischen
Gerichtsgutachtens und subeventualiter die Rückweisung der Sache an die IV-Stelle
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zur Einholung eines neuropsychologischen
Administrativgutachtens. Zur Begründung führte sie aus, das neuropsychologische
Teilgutachten der estimed AG überzeuge nicht. Der Schluss, weil die Testung habe
abgebrochen werden müssen, könnten keine relevanten neuropsychologischen
Beeinträchtigungen vorliegen, sei unzulässig. Die Sachverständigen hätten im Übrigen
fremdanamnestische Auskünfte einholen müssen. Zudem hätten sie sich mit
Ausschlussdiagnosen (Multiple Sklerose oder andere neurodegenerative Prozesse)
befassen müssen. Die Berichte der Einsatzbetriebe belegten erhebliche
Einschränkungen trotz guter Motivation.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 12. November 2021 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 8). Zur Begründung führte sie an, die neuropsychologische
Sachverständige der estimed AG habe ihre Schlussfolgerung, die von der
Beschwerdeführerin präsentierten neurokognitiven Beeinträchtigungen seien nicht
authentisch, ausführlich und überzeugend begründet. Auch die übrigen Teilgutachten
überzeugten. Die Ausführungen der Beschwerdeführerin weckten keine Zweifel am
Beweiswert des Gutachtens der estimed AG. Ein sogenannter Prozentvergleich ergebe
einen Invaliditätsgrad von 30 Prozent. In der Vergangenheit sei die Beschwerdeführerin
nie länger dauernd mindestens 40 Prozent erwerbsunfähig gewesen.
B.b.
Die Beschwerdeführerin liess am 31. Januar 2022 an ihren Anträgen festhalten
(act. G 16). Der Eingabe lag ein Bericht des behandelnden Psychiaters Dr. med. H._
vom 27. Januar 2022 bei (act. G 16.1). Dieser hatte festgehalten, die
Beschwerdeführerin zeige im Alltag seit Jahren eine unveränderte schwere und nicht
simulierte Beeinträchtigung. Sie leide an einer primären degenerativen Demenz, an
einer leichten organischen kognitiven Störung sowie an einer organischen
B.c.
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Erwägungen
1.
Da dieses Beschwerdeverfahren die Überprüfung der angefochtenen Verfügung auf
deren Rechtmässigkeit bezweckt, muss sein Gegenstand jenem des vorangegangenen
Verwaltungsverfahrens entsprechen. Dieses hat sich nach dem Abschluss der
beruflichen Eingliederungsmassnahmen am 15. Dezember 2020 auf die Frage nach
einem allfälligen Rentenanspruch beschränkt, weshalb auch in diesem
Beschwerdeverfahren ausschliesslich zu prüfen ist, ob die Beschwerdeführerin in der
Zeit nach der Anmeldung zum Leistungsbezug im Januar 2018 respektive in der Zeit ab
dem 1. Juli 2018 (vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG) einen Anspruch auf eine Rente der
Invalidenversicherung gehabt hat. Die Beschwerdegegnerin hat das Rentenbegehren,
bei dem es sich um eine sogenannte Neuanmeldung gehandelt hat, zu Recht materiell
geprüft, weil die Beschwerdeführerin mit dem Bericht von Dr. C._ vom 2. März 2018
eine relevante Verschlechterung ihres psychischen Gesundheitszustandes glaubhaft
gemacht hatte, womit die Eintretenshürde des Art. 87 Abs. 3 IVV gemeistert worden
war.
2.
Gemäss dem Art. 28 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit
Persönlichkeitsstörung. Die Beschwerdeführerin müsse zwingend nochmals
neuropsychologisch untersucht werden.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 18).B.d.
Die Beschwerdeführerin liess am 29. April 2022 einen radiologischen Bericht vom
29. März 2022 einreichen (act. G 21), laut dem eine deutliche mediale
Temporallappenatrophie, eine Aufweitung der frontalen und parietalen Sulci sowie eine
vasculäre Leukencephalopathie festgestellt worden waren, was differentialdiagnostisch
als verdächtig auf das Vorliegen einer Demenz vom Alzheimer-Typ gewertet worden
war (act. G 21.1.1). Die Beschwerdegegnerin machte am 6. Mai 2022 geltend, der
Bericht sei für dieses Beschwerdeverfahren irrelevant (act. G 23).
B.e.
Am 12. Mai 2022 liess die Beschwerdeführerin ihren Antrag auf eine öffentliche
Verhandlung zurückziehen (act. G 25).
B.f.
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nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder
verbessern kann, die während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem
Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, einen Anspruch auf eine
Rente der Invalidenversicherung. Für die Bemessung der Invalidität wird gemäss dem
Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das
die versicherte Person nach dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung und nach
der Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Erwerbstätigkeit bei einer
ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu jenem
Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben wäre.
3.
Die Beschwerdeführerin hat keine Berufsausbildung absolviert. Nach ihrer Einreise in
die Schweiz hat sie typische Hilfsarbeiten verrichtet, weshalb ihre Validenkarriere jene
einer Hilfsarbeiterin gewesen ist. Das bedeutet, dass das Valideneinkommen dem
statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne entspricht.
4.
Für die Bestimmung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens ist
massgebend, welche Tätigkeiten der Beschwerdeführerin trotz ihrer
Gesundheitsbeeinträchtigung in welchem Umfang noch zugemutet werden können. Die
Beschwerdegegnerin hat zur Beantwortung dieser Frage die estimed AG mit einer
polydisziplinären Begutachtung der Beschwerdeführerin beauftragt. Die
Sachverständigen der estimed AG haben die Beschwerdeführerin umfassend
untersucht und befragt. Zudem haben sie die massgebenden medizinischen Akten
eingehend studiert. Die Beschwerdeführerin hat ausführlich Stellung zu ihren
Beschwerden genommen und sie hat bei allen ausser bei der neuropsychologischen
Untersuchung kooperativ mitgewirkt, sodass alle Sachverständigen mit Ausnahme der
neuropsychologischen Sachverständigen über eine umfassende Kenntnis vom für ihre
Beurteilung massgebenden Sachverhalt verfügt haben. Die neuropsychologische
Sachverständige hat eingehend dargestellt, welche Probleme eine valide
neuropsychologische Testung erschwert haben: Die Beschwerdeführerin hat bereits in
den Vortests, dann aber auch in sämtlichen Symptomvalidierungstests geradezu
absurde Leistungen gezeigt, die in einem krassen Widerspruch zu ihren während der
Testung gezeigten und bezüglich ihres Alltags beschriebenen Fähigkeiten gestanden
haben. Dem neuropsychologischen Teilgutachten lässt sich entnehmen, dass die
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neuropsychologische Sachverständige das nicht authentische Verhalten der
Beschwerdeführerin nicht einfach hingenommen, sondern diese wiederholt mit den
offenkundigen Inkonsistenzen konfrontiert und zu einer kooperativen Mitarbeit
angehalten hat. Die Verweigerungshaltung der Beschwerdeführerin hat es letztlich –
wie bereits bei der neuropsychologischen Testung im April 2019 durch die Klinik für
Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen – dennoch verunmöglicht, ein valides
Leistungsprofil zu erheben. Entgegen der von der Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführerin und auch vom behandelnden Psychiater Dr. H._ vertretenen
Auffassung hat die neuropsychologische Sachverständige nicht etwa den Schluss
gezogen, es lägen keine neurokognitiven Funktionseinschränkungen vor, sondern sie
hat vielmehr das Fazit gezogen, dass sie keine validen Aussagen zur neurokognitiven
Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin machen könne. Damit fehlt also eine
neuropsychologische Beurteilung des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin.
Bei einer neuropsychologischen Testung handelt es sich zwar nicht um eine
medizinische Abklärung im eigentlichen Sinne, weil sie nicht von einem Mediziner
durchgeführt wird und weil sie einzig dazu dient, dem psychiatrischen und allenfalls
auch dem neurologischen Sachverständigen zusätzliche Informationen für dessen
fachärztliche Beurteilung zu liefern (vgl. etwa das Urteil des Bundesgerichtes
8C_578/2014 vom 17. Oktober 2014, E. 4.2.7 in fine, mit weiteren Hinweisen:
„Testverfahren [kommt] im Rahmen psychiatrischer Begutachtungen höchstens
ergänzende Funktion zu, während die klinische Untersuchung mit Anamneseerhebung,
Symptomerfassung und Verhaltensbeobachtung entscheidend bleibt; letztlich haben
die ärztlichen Gutachter die Arbeitsfähigkeit zu bestimmen“). Aber daraus kann nicht
abgeleitet werden, dass eine neuropsychologische Testung generell überflüssig wäre.
Wenn es so wäre, müsste ja nie eine neuropsychologische Testung durchgeführt
werden. Erteilt eine IV-Stelle in einem konkreten Einzelfall einen Auftrag für eine
neuropsychologische Testung, weil sie diese als notwendig erachtet, liefert diese dann
in der Folge aber keine validen Ergebnisse, kann die IV-Stelle natürlich nicht einfach
behaupten, bei der Neuropsychologie handle es sich nur um eine „Hilfswissenschaft“,
weshalb auf eine erneute neuropsychologische Testung verzichtet werden könne. Der
Umstand, dass eine neuropsychologische Testung keine validen Ergebnisse geliefert
hat, ändert ja nichts an der Notwendigkeit der neuropsychologischen Testung. Die IV-
Stelle muss deshalb in einem solchen Fall eine weitere neuropsychologische Testung in
Auftrag geben und die versicherte Person in Anwendung des Art. 43 Abs. 3 ATSG zur
uneingeschränkten Kooperation bei dieser Testung anhalten. Wohl weil die
Sachverständigen der estimed AG eine vorbehaltlose Arbeitsfähigkeitsschätzung aus
polydisziplinärer Sicht abgegeben haben, die die Unsicherheit bezüglich des
neuropsychologischen Sachverhaltes ignoriert hat, hat die Beschwerdegegnerin keine
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/15
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St.Galler Gerichte
Veranlassung gesehen, eine weitere neuropsychologische Testung in die Wege zu
leiten. Damit hat sie aber das Recht auf einen offenkundig unvollständig ermittelten
Sachverhalt angewendet, was unzulässig gewesen ist. Die angefochtene Verfügung ist
damit nämlich in Verletzung der Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) ergangen,
weshalb sie als rechtswidrig aufgehoben werden muss. Die Sache ist zur Fortsetzung
des Verwaltungsverfahrens an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Diese wird
eine weitere neuropsychologische Testung in Auftrag geben und die
Beschwerdeführerin in Anwendung des Art. 43 Abs. 3 ATSG zur uneingeschränkten
Kooperation bei dieser Testung mahnen. Anhand der Ergebnisse dieser erneuten
Testung wird die von Dr. H._ in dessen Stellungnahme vom 17. August 2021 (act. G
1.1.6) aufgeworfene Frage nach allfälligen hirnorganischen Veränderungen oder
neurologischen Erkrankungen zu beantworten sein. Nach der bundesgerichtlichen
Auffassung stünde es dem Versicherungsgericht frei, die entsprechenden Abklärungen
gleich selbst vorzunehmen. Davon ist aber aus den folgenden beiden Gründen
abzusehen: Erstens enthalten weder das ATSG noch das VRP eine dem Art. 43 Abs. 3
ATSG entsprechende Regelung für das Beschwerde- respektive (kantonalrechtlich) das
Rekursverfahren, weshalb dem Versicherungsgericht kein Druckmittel zur Verfügung
stünde, mit dem es die Beschwerdeführerin zur uneingeschränkten Kooperation bei der
neuropsychologischen Testung anhalten könnte; zweitens geht es nicht darum, ein
(gerichtliches) Obergutachten einzuholen, weil das Administrativgutachten der estimed
AG als nicht überzeugend qualifiziert würde, sondern lediglich darum, ein lückenhaftes,
aber ansonsten überzeugendes Gutachten zu vervollständigen. Für eine solche
Ergänzung eines Administrativgutachtens bietet sich nach der bundesgerichtlichen
Auffassung die Rückweisung an die Verwaltung an (BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4 S. 264 f.).
5.
Die Rückweisung einer Sache gilt hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen
rechtsprechungsgemäss als ein vollständiges Obsiegen der beschwerdeführenden
Partei. Die angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600 Franken
festzusetzenden Gerichtskosten sind folglich der unterliegenden Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin eine
Parteientschädigung auszurichten, die angesichts des als durchschnittlich zu
qualifizierenden erforderlichen Vertretungsaufwandes auf 4’000 Franken
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.