Decision ID: 1aa13812-ff36-51e6-894d-a6672a787416
Year: 2018
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Gemeinde Roggwil eröffnete im Jahr 2017 ein baupolizeiliches Verfahren
betreffend das Abstellen nicht immatrikulierter Personenwagen auf Parzelle Roggwil
Grundbuchblatt Nr. D._. Im Anschluss an eine Begehung gab sie dem
Beschwerdeführer mit Verfügung vom 19. Februar 2018 Gelegenheit zur Einreichung eines
nachträglichen Baugesuchs betreffend Umnutzung der Liegenschaft. Der
Beschwerdeführer beantragte mit Baugesuch vom 16. März 2018 die Bewilligung folgender
Umnutzung: "Reparaturwerkstatt für Oldtimer + Youngtimer jeglicher Art (2+4 Rad); Fz-
Verkauf; Fz-Aufbereitung; Teilebeschaffung jeglicher Art im Kundenauftrag". Die Gemeinde
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teilte ihm mit, dass das Gesuch unvollständig sei; insbesondere fehle die Unterschrift der
Grundeigentümerin. Mit Verfügung vom 25. April 2018 setzte sie dem Beschwerdeführer
eine letzte Frist zur Verbesserung des Baugesuchs. Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass
das Gesuch als zurückgezogen gelte, sofern es nicht innert Frist verbessert werde. Der
Beschwerdeführer reichte innert Frist kein verbessertes Baugesuch ein. Er informierte die
Gemeinde, dass die Unterschrift der Grundeigentümerin nicht beigebracht werden könne.
Mit Verfügung vom 4. Juni 2018 schrieb die Gemeinde das Baugesuchsverfahren ab. Sie
ordnete an, die umgenutzten Räumlichkeiten seien in den ursprünglichen Zustand
zurückzuführen. Nicht immatrikulierte Fahrzeuge seien zu entfernen. Die Erledigung habe
innert 60 Tagen ab Erhalt der Verfügung zu erfolgen, ansonsten ein
Wiederherstellungsverfahren eröffnet werde. Der Gemeinde sei unaufgefordert eine
Erledigungsmeldung zuzustellen. Die Verfahrenskosten von Fr. 667.50 habe der
Beschwerdeführer zu tragen.
2. Gegen diese Verfügung reichte der Beschwerdeführer am 6. Juni 2018 Beschwerde
bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt
sinngemäss die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, insbesondere im Kostenpunkt.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die Vorakten
ein und führte den Schriftenwechsel durch. Es beteiligte die C._ als
Grundeigentümerin von Amtes wegen am Verfahren. Die Gemeinde beantragt mit
Stellungnahme vom 16. Juli 2018 die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf
einzutreten sei. Die von Amtes wegen am Verfahren Beteiligte hat keine
Beschwerdeantwort eingereicht.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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II. Erwägungen
1. Eintreten
Mit der angefochtenen Verfügung wird zunächst das Baubewilligungsverfahren
abgeschrieben. Dieser Entscheid kann nach Art. 40 BauG2 innert 30 Tagen seit Eröffnung
mit Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Mit der angefochtenen Verfügung
wird gleichzeitig die Wiederherstellung angeordnet. Gemäss Art. 49 Abs. 1 BauG können
baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 45 bis 48 BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Beschwerde bei der BVE angefochten werden. Der Beschwerdeführer ist als Adressat der
angefochtenen Verfügung durch diese beschwert und daher zur Beschwerde legitimiert.
Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Rechtsschutzinteresse im Baubewilligungsverfahren
a) Die Gemeinde begründet die Abschreibung des Baubewilligungsverfahrens mit der
Unvollständigkeit der eingereichten Unterlagen. Insbesondere fehle die Unterschrift der
Grundeigentümerin.
Den Vorakten lässt sich entnehmen, dass das Baugesuch des Beschwerdeführers am
16. März 2018 bei der Gemeinde einging, wobei der Beschwerdeführer mitteilte, dass die
Unterschrift des Grundeigentümers noch fehle und baldmöglichst beigebracht werde. Die
Gemeinde sandte dem Beschwerdeführer die eingereichten Gesuchsunterlagen am
23. März 2018 zurück. Im Begleitschreiben teilte sie mit: "Sie erhalten als Beilage(n) ohne
Brief: Gesuchsunterlagen". Zudem waren auf dem Begleitschreiben folgende Punkte
angekreuzt: "zur direkten Erledigung"; "zur Unterschrift und Retournierung" sowie "bitte
weiterleiten an Grundeigentümer". Den Vorakten lässt sich nicht entnehmen, dass die
Gemeinde dem Beschwerdeführer weitere Mitteilungen betreffend formelle Mängel des
Baugesuches machte. Mit Verfügung vom 25. April 2018 hielt die Gemeinde fest, es seien
keine revidierten bzw. ergänzten Unterlagen bei der Gemeinde eingegangen, und setzte
eine letzte Frist an zur Verbesserung. Andernfalls gelte das Gesuch als zurückgezogen.
Nachdem der Beschwerdeführer mitgeteilt hatte, dass die Unterschrift der
2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
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Grundeigentümerin nicht beigebracht werden könne, erliess die Gemeinde die
angefochtene Verfügung.
Demnach hat die Gemeinde dem Beschwerdeführer keine anderen formellen Mängel
mitgeteilt als die fehlende Unterschrift der Grundeigentümerin, und er wurde auch nur
diesbezüglich zur Verbesserung aufgefordert. Es ist daher zu prüfen, ob das Baugesuch
aufgrund des Fehlens der Unterschrift der Grundeigentümerschaft auf dem
Baugesuchsformular als unvollständig bzw. formell mangelhaft gilt.
b) Art. 10 Abs. 2 BewD3 verlangt, dass bei Bauvorhaben auf fremdem Boden die
unterschriftliche Zustimmung der Grundeigentümerschaft auf dem amtlichen
Gesuchsformular beigebracht wird. Es handelt sich dabei um eine reine Ordnungsvorschrift
mit dem Zweck, unnötigen Verwaltungsaufwand und Verfahrensleerlauf zu vermeiden. Sie
soll verhindern, dass sich die Behörden mit Baugesuchen befassen müssen, die aus
zivilrechtlichen Gründen nie verwirklicht werden könnten, weil ihnen die
Grundeigentümerschaft nicht zustimmt.4 Massgebend ist also nicht die Unterschrift bzw.
die Zustimmung als solche, sondern das Rechtsschutzinteresse der Bauherrschaft. Fehlt
ein solches Interesse, muss die Behörde nicht auf das Baugesuch eintreten. Hat die
Bauherrschaft dagegen ein eigenes schutzwürdiges Interesse an der Behandlung des
Baugesuchs, so ist die Zustimmung bzw. Unterschrift der Grundeigentümerschaft nicht
erforderlich,5 d.h. deren Fehlen auf dem Baugesuchsformular stellt keinen formellen
Mangel dar. In Zweifelsfällen ist auf das Baugesuch einzutreten.6
c) Vorliegend handelt es sich um ein nachträgliches Baugesuch. Der Beschwerdeführer
übt die streitige Nutzung bereits aus. Der Mietbeginn war gemäss dem mit der damaligen
Grundeigentümerschaft geschlossenen Mietvertrag am 1. Dezember 2015.7 Im Mietvertrag
wird "Benützungsart: Gewerbe" festgehalten. Aus den vom Beschwerdeführer
eingereichten Unterlagen geht hervor, dass die von Amtes wegen am Verfahren beteiligte
3 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 4 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 34 N. 10 5 Monika Hintz, Zivilrechtliche Vorfragen im Baubewilligungsverfahren, KPG-Bulletin 2/2014, S. 61 ff., S. 71 f., mit Hinweisen auf die Praxis des Verwaltungsgerichts 6 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 34 N. 10, mit Hinweisen auf die Praxis 7 Mietvertrag vom 20. November 2015, bei den Beilagen zur Eingabe des Beschwerdeführers vom 26. August 2018
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Grundeigentümerin ihn am 8. November 2017 unter Hinweis auf das Baupolizeiverfahren
der Gemeinde aufforderte, die nicht immatrikulierten Fahrzeuge zu räumen.8 Am 6. April
2018 kündigte sie dem Beschwerdeführer das Mietverhältnis per 31. Oktober 2018.9 Im
Rahmen eines vom Beschwerdeführer eingeleiteten Schlichtungsverfahrens wurde jedoch
das Mietverhältnis rechtskräftig bis zum 31. Oktober 2019 erstreckt.10 Der
Beschwerdeführer hat demnach gegenüber der Grundeigentümerin den zivilrechtlichen
Anspruch, bis 31. Oktober 2019 in den bisherigen Geschäftsräumlichkeiten gewerblich tätig
zu sein. Unter diesen Umständen ist ein Rechtsschutzinteresse des Beschwerdeführers an
der Behandlung seines Baugesuches zu bejahen.
Da dem Beschwerdeführer somit unabhängig von der schriftlichen Zustimmung der
Grundeigentümerin auf dem Baugesuchsformular ein schützenswertes Interesse am
Baubewilligungsverfahren zukommt, stellt das Fehlen dieser Unterschrift keinen Mangel
dar, der das Eintreten auf das Baugesuch hindert. Unter diesen Umständen rechtfertigte es
sich auch nicht, bei fehlender Nachreichung der grundeigentümerschaftlichen Unterschrift
vom Rückzug des Baugesuchs auszugehen. Die Abschreibung des
Baubewilligungsverfahrens erfolgte zu Unrecht. Sie ist aufzuheben, ebenso die
Wiederherstellungsanordnungen. Die Gemeinde hat das Baugesuch noch nicht
abschliessend formell und materiell geprüft. Es ist nicht Sache der BVE als
Beschwerdeinstanz, diese erstmalige Beurteilung vorzunehmen. Die Sache ist daher zur
Durchführung des Baubewilligungsverfahrens und zur Entscheidung über das Baugesuch
sowie gegebenenfalls über Wiederherstellungsmassnahmen an die Gemeinde
zurückzuweisen.
3. Kosten
8 Schreiben der von Amtes wegen am Verfahren Beteiligten vom 8. November 2017, bei den Beilagen zur Eingabe des Beschwerdeführers vom 26. August 2018 9 Kündigung vom 6. April 2018, bei den Beilagen zur Eingabe des Beschwerdeführers vom 26. August 2018 10 Urteilsvorschlag der Schlichtungsbehörde Emmental-Oberaargau vom 3. Juli 2018, Ziffer 2, bei den Beilagen zur Eingabe des Beschwerdeführers vom 26. August 2018; Verfügung der Schlichtungsbehörde  vom 20. September 2018, Beilage zum Schreiben des Beschwerdeführers vom 27. September 2018 sowie Beilage zum Schreiben der von Amtes wegen am Verfahren Beteiligten vom 28. September 2018.
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Die Verfahrenskosten des Beschwerdeverfahrens werden festgesetzt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 1'000.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV11).
Gemäss Art. 108 Abs. 1 VRPG12 sind die Verfahrenskosten der unterliegenden Partei
aufzuerlegen, es sei denn, das prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere
Verlegung oder die besonderen Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu
erheben. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens gilt der Beschwerdeführer als
obsiegende Partei. Die von Amtes wegen Beteiligte hat auf die Einreichung einer
Beschwerdeantwort mit Anträgen zum Verfahrensgegenstand verzichtet. Die Gemeinde
unterliegt mit ihren Anträgen. Unterliegenden Gemeindebehörden sind Verfahrenskosten
nur dann aufzuerlegen, wenn sie in ihren Vermögensinteressen betroffen sind (Art. 108
Abs. 2 VRPG). Dies trifft vorliegend nicht zu. Die Verfahrenskosten werden daher vom
Kanton getragen. Parteikosten sind nicht angefallen.