Decision ID: 3a685654-41c6-5430-9f90-60e1d46edc11
Year: 2017
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 11. September 2015 um Asyl in der
Schweiz nach. Ein Abgleich mit der Fingerabdruck-Datenbank Eurodac
ergab, dass er am 9. September 2015 bereits in Ungarn Asyl beantragt
hatte. Anlässlich der Befragung zur Person vom 23. September 2015
wurde ihm das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Ungarns und der Weg-
weisung dorthin gewährt.
B.
Am 2. Oktober 2015 ersuchte die Vorinstanz die ungarischen Behörden um
Übernahme des Beschwerdeführers. Die ungarischen Behörden antworte-
ten innert der anwendbaren Fristen der Dublin-III-VO nicht auf das Über-
nahmeersuchen, weshalb die Vorinstanz ihnen am 21. Oktober 2015 mit-
teilte, dass sie Ungarn als zuständigen Dublin-Staat betrachte.
C.
Mit Verfügung vom 19. Oktober 2015 (eröffnet am 27. Oktober 2015) trat
die Vorinstanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ver-
fügte die Wegweisung aus der Schweiz nach Ungarn und beauftragte den
zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung.
D.
Mit Eingabe vom 3. November 2015 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragte, der Entscheid der
Vorinstanz vom 19. Oktober 2015 sei aufzuheben und die Vorinstanz sei
anzuweisen, ihr Recht zum Selbsteintritt auszuüben und sich für das vor-
liegende Asylgesuch zuständig zu erachten. Eventualiter sei die Verfügung
der Vorinstanz vom 19. Oktober 2015 aufzuheben und die Sache zur Neu-
beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Im Sinne einer superprovi-
sorischen Massnahme sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu
gewähren und die Vollzugsbehörden seien anzuweisen, bis zum Entscheid
des Bundesverwaltungsgerichts über den Suspensiveffekt von einer Über-
stellung des Beschwerdeführers nach Ungarn abzusehen. Dem Beschwer-
deführer sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und es sei auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
E.
Mit superprovisorischer Verfügung vom 5. November 2015 setzte der In-
struktionsrichter den Vollzug der Wegweisung einstweilen aus.
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F.
Mit Schreiben vom 5. November 2015 reichte das Departement Gesund-
heit und Soziales des Kantons Aargau eine Fürsorgebestätigung ein.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 12. Juli 2016 hiess der Instruktionsrichter das
Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gut, verzichtete auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses, ordnete dem Beschwerdeführer MLaw Ruedy
Bollack als amtlichen Rechtsbeistand bei und erlaubte dem Beschwerde-
führer das Verfahren in der Schweiz abzuwarten. Zudem forderte er die
Vorinstanz zur Vernehmlassung auf.
H.
In der Vernehmlassung vom 26. Juli 2016 äusserte sich die Vorinstanz zur
Beschwerde, worauf der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 10. Au-
gust 2016 replizierte.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Der
Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung le-
gitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Ausländerrecht richtet sich die Kogni-
tion nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die
Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 31a Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Be-
schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz
zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (BVGE 2011/9 E. 5).
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2.3 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich begründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Weite-
rungen und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art. 111a AsylG).
3.
3.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG tritt die Vorinstanz auf ein Asylge-
such in der Regel nicht ein, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat ausrei-
sen können, welcher für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsver-
fahrens staatsvertraglich zuständig ist. Jeder Antrag wird von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zustän-
diger Staat bestimmt wird (Art. 3 Abs. 1, Satz 2 Dublin-III-VO). Gemäss
Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO ist der Mitgliedstaat verpflichtet, einen
Antragsteller, der während der Prüfung eines Antrags in einem anderen
Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet eines
anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der
Art. 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen.
3.2 Erweist es sich als unmöglich, eine antragstellende Person in den ei-
gentlich zuständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragstellende in jenem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grund-
rechte der Europäischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grund-
rechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien
ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein
anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zustän-
digkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2
Dublin-III-VO).
3.3 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintritts-
recht).
E-7075/2015
Seite 5
4.
Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der Eurodac-
Datenbank ergab, dass dieser am 9. September 2015 in Ungarn ein Asyl-
gesuch eingereicht hatte. Die ungarischen Behörden liessen das Übernah-
meersuchen der Vorinstanz innert der in Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO vor-
gesehenen Frist unbeantwortet, womit sie die Zuständigkeit Ungarns im-
plizit anerkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO). Die Zuständigkeit Ungarns
ist somit grundsätzlich gegeben.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer bringt vor, eine Überstellung nach Ungarn
verstosse wegen der drohenden Inhaftierung und der Haftbedingungen ge-
gen Art. 5 Abs. 1 AsylG und infolgedessen gegen das Non-Refoulement
Prinzip. Der Zugang zum ungarischen Asylverfahren würde ihm verwehrt
bleiben. Zudem weise das ungarische Asylwesen systemische Mängel auf.
Dies spreche für eine Selbsteintrittspflicht der Schweiz.
5.2 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli-
che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Asylsuchende in Ungarn würden systemische Schwachstel-
len aufweisen, welche eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdi-
genden Behandlung im Sinne des Art. 4 der EU-Grundrechtecharta mit
sich bringen und folglich die grundsätzliche Zuständigkeit Ungarns im
Sinne von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO durchbrechen würden.
5.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Urteil D-7853/2015 vom
31. Mai 2017 (vorgesehen zur Publikation als Referenzurteil) eingehend
die Entwicklung der Situation für Asylsuchende in Ungarn, insbesondere
für jene, die in Anwendung der Dublin-III-VO nach Ungarn überstellt wer-
den, analysiert, unter Berücksichtigung des bedeutenden Migrations-
stroms, welchen das Land im Sommer 2015 zu gewärtigen hatte. Es hat
das Vorhandensein zahlreicher Unzulänglichkeiten im ungarischen System
festgestellt, welche namentlich den Zugang zum Asylverfahren sowie die
Unterbringung der Asylsuchenden in den Transitzonen betreffen. Das Ge-
richt hat sich insbesondere mit dem am 28. März 2017 in Kraft getretenen
ungarischen Rechtsakt T/13976 über „die Änderung mehrerer Gesetze zur
Verschärfung des Asylverfahrens in der Überwachungszone der ungari-
schen Grenze“ befasst. Es hat festgestellt, dass die Umsetzung dieses Ak-
tes, welcher rückwirkend auf sämtliche laufenden Asylverfahren anwend-
bar ist und eine wesentliche Verschärfung der ungarischen Gesetzgebung
mit sich bringt, zahlreiche Unsicherheiten und Fragen nach sich zieht. Es
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Seite 6
könne daher namentlich nicht mit Sicherheit ermittelt werden, ob Asylsu-
chende, die nach Ungarn überstellt werden, als nicht aufenthaltsberech-
tigte Personen angesehen und deshalb in sogenannte „Prätransit“-Zonen
abgeschoben werden, oder ob sie als asylsuchende Personen betrachtet
werden, deren Gesuche in den Transitzonen zu behandeln sind. Ange-
sichts der zahlreichen Unsicherheiten, die diese neue Gesetzesänderung
hinsichtlich des Verfahrenszugangs und der Aufnahmebedingungen mit
sich gebracht hat, sei es dem Bundesverwaltungsgericht gemäss dem der-
zeitigen Stand der Dinge nicht möglich, das Vorliegen systemischer
Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 der Dublin-III-Verordnung sowie
die Fragen im Zusammenhang mit tatsächlichen Gefahren („real risk“), de-
nen Asylsuchende bei einer Überstellung nach Ungarn ausgesetzt sein
könnten, abschliessend zu beurteilen. Folglich hat es die angefochtene
Verfügung aufgehoben und die Sache zur neuen Entscheidung an das
Staatssekretariat für Migration zurückgewiesen. Es obliege der erstinstanz-
lichen Behörde, sämtliche Sachverhaltselemente zusammenzutragen, die
zur Beurteilung dieser wesentlichen Fragen erforderlich seien, und es sei
nicht die Aufgabe der Beschwerdeinstanz, komplexe ergänzende Abklä-
rungen vorzunehmen. Das Bundesverwaltungsgericht würde sonst mit ei-
nem Sachentscheid seine Zuständigkeit überschreiten und die betroffene
Partei um den gesetzlich vorgesehenen Instanzenzug bringen (vgl. insbe-
sondere Erwägung 13 des Urteils).
5.4 Mit derselben Begründung, wie sie vorstehend dargelegt wurde, ist es
dem Gericht vorliegend nicht möglich, die Vorbringen in der Beschwerde
zu beurteilen. Die angefochtene Verfügung ist folglich aufzuheben und die
Sache zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung sowie zu neuer Entschei-
dung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die Beschwerde ist somit gutzu-
heissen, ohne dass auf die weiteren Beschwerdevorbringen eingegangen
werden müsste.
6.
6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
6.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG kann der obsiegenden Partei von Amtes
wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für die ihr erwachsenen not-
wendigen und verhältnismässig hohen Kosten zugesprochen werden
(vgl. Art. 7 ff. des Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE,
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SR 173.320.2]). Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat eine Kos-
tennote eingereicht. Er macht einen Aufwand von Fr. 672.00 (inkl. Baraus-
lagen) geltend. Der Stundenaufwand erscheint angemessen, indes ist der
Stundenansatz unter Berücksichtigung, dass der Rechtsvertreter MLaw ist
und im Rahmen einer Rechtsberatungsstelle arbeitet, auf Fr. 150.– zu kür-
zen (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Insgesamt ergibt sich ein Be-
trag von Fr. 405.30 (inkl. Barauslagen). Die Vorinstanz ist anzuweisen, dem
Beschwerdeführer diesen Betrag als Parteientschädigung zu entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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