Decision ID: 41603c15-fe2c-487b-b3a9-cb130b24f634
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend fahrlässige schwere Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur, Einzelgericht Strafsachen, vom 9. September 2011 (GG110016)
- 2 -
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 24. März
2011 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 24).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte B._ ist nicht schuldig und wird vollumfänglich freige-
sprochen.
2. Auf das Schadenersatzbegehren des Privatklägers wird nicht eingetreten.
3. Auf das Genugtuungsbegehren des Privatklägers wird nicht eingetreten.
4. Die Entscheidgebühr wird auf Fr. 2'400.– festgesetzt und wird auf die Ge-
richtskasse genommen. Ebenso werden die Kosten der unentgeltlichen Ge-
schädigtenvertretung im vollen Umfang auf die Gerichtskasse genommen.
5. Dem Beschuldigten wird eine Prozessentschädigung aus der Gerichtskasse
zugesprochen. Über deren Höhe wird in einer separaten Verfügung ent-
schieden.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 77 und 75)
1. Die Berufung des Privatklägers sei abzuweisen und das erstinstanzli-
che Urteil zu bestätigen.
2. Die Kosten- und Entschädigungsfolgen seien zulasten des Privatklä-
gers zu regeln.
- 3 -
Eventualantrag:
Es sei von einem geeigneten Baufachexperten ein Gutachten einzuho-
len über die Frage, ob der Beschuldigte
– Bauplanung und -ausführung korrekt geplant bzw. angeordnet hat,
– die Sicherheitsvorschriften beachtet hat,
und ob
– in der konkreten Situation eine Pflicht des Beschuldigten zur Über-
wachung und Kontrolle der Befolgung angeordneter Sicherheits-
vorkehren bei einem qualifizierten Vorarbeiter mit 20-jähriger Erfah-
rung im Rückbau besteht.
b) Der Staatsanwaltschaft:
Keine Anträge
c) Der Privatklägerschaft :
(Urk. 76)
1. Der Beschuldigte sei im Sinne der Anklage der Staatsanwaltschaft
Winterthur/Unterland vom 24.03.2011 schuldig zu sprechen.
2. Es sei ein Sachverständigengutachten in Auftrag zu geben, das sich
zum Verhalten des Beschuldigten, insbesondere zu folgenden Fragen
zu äussern hat:
a) Waren die Arbeitsvorbereitungen (Statik des Vordaches, Prüfung
der Einsenarmierung, Bestimmung der Länge der abzutrennen-
den Betonelemente, Entscheid über die Abrisstechnik) durch den
Beschuldigten auf der Baustelle ausreichend und üblich?
b) Für welche Abrisstechnik hat sich der Beschuldigte entschieden?
c) Waren die Instruktionen des Beschuldigten an die Mitarbeiter
C._ und D._ aufgrund der gewählten Abrisstechnik rich-
tig und ausreichend?
- 4 -
d) Hätte insbesondere bei der gewählten Abrisstechnik durch den
Beschuldigten und mit Rücksicht auf die sehr unterschiedliche Ei-
senarmierung jedes abzutrennende Betonelement, zumindest
aber jene Betonelemente ohne Unterzug und mit Dilatationsfuge
sowie das letzte Betonelement gespriesst werden müssen?
e) Falls generell oder partiell hätte gespriesst werden müssen, wäre es
Aufgabe des Beschuldigten gewesen, das Spriessmaterial im
Rahmen der Arbeitsvorbereitung zu bestellen?
3. Der Beschuldigte sei dem Grundsatz nach zur Bezahlung von Scha-
denersatz und Genugtuung inkl. Schadenszins an den Privatkläger zu
verpflichten.
4. Die Kosten der Straffuntersuchung sowie des erst- und zweitinstanzli-
chen Verfahrens inkl. der unentgeltlichen Rechtsvertretung seien dem
Beschuldigten aufzuerlegen.

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte und Umfang der Berufung
1. Mit Datum vom 24. März 2011 erhob die Staatsanwaltschaft Winterthur/Un-
terland bei der Vorinstanz gegen den Beschuldigten Anklage wegen fahrlässiger
schwerer Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB sowie fahrlässiger
Gefährdung durch Verletzung der Regeln der Baukunde im Sinne von Art. 229
Abs. 2 StGB (Urk. 24). Am 9. September 2011 fand die vorinstanzliche Hauptver-
handlung statt (Prot. I S. 5 ff.). Die Vorderrichterin sprach den Beschuldigten mit
dem eingangs im Dispositiv wiedergegebenen Urteil vollumfänglich frei. Das Urteil
wurde dem Beschuldigten und dem Privatkläger im Anschluss an die Parteiver-
handlung mündlich eröffnet und im Dispositiv übergeben (Prot. I S. 15 ff.).
- 5 -
2. Gegen dieses Urteil liess der Privatkläger noch gleichentags und somit
rechtzeitig Berufung anmelden (Urk. 50). Auch die Staatsanwaltschaft meldete mit
Eingabe vom 15. September 2011 innert Frist Berufung an (Urk. 56), zog diese
jedoch wieder zurück, nachdem sie am 11. November 2011 das begründete Urteil
erhalten hatte (Urk. 60/2). Mit Verfügung vom 18. November 2011 orientiert die
Vorinstanz die Parteien hierüber und überwies die Akten in der Folge zur Behand-
lung der Berufung dem Obergericht des Kantons Zürich (Urk. 62). Der Privatklä-
ger liess, nachdem ihm das begründete Urteil am 17. November 2011 zugestellt
worden war (Urk. 60/3), mit Eingabe vom 6. Dezember 2011 fristgerecht die Beru-
fungserklärung einreichen. Seine Berufung richtet sich gegen den Freispruch des
Beschuldigten von den Vorwürfen der Anklage und damit gegen das ganze vor-
instanzliche Urteil, soweit er dadurch beschwert ist (Urk. 67). Mit Präsidialverfü-
gung vom 12. Dezember 2011 wurden die Parteien darüber in Kenntnis gesetzt
(Urk. 68). Der Beschuldigte verzichtete in der Folge mit Eingabe vom 3. Januar
2012 auf eine Anschlussberufung und reichte gleichzeitig das Formular zu seinen
wirtschaftlichen Verhältnissen samt Beilagen ein (Urk. 70 und 71/1-5). Die Staats-
anwaltschaft liess sich dazu nicht mehr vernehmen. Am 15. Mai 2012 fand die Be-
rufungsverhandlung statt (Prot. II S. 4 ff.). Anlässlich dieser wurde beschlossen,
dass über gewisse baufachlichen Fragen ein Gutachten einzuholen sei (Prot. II
S. 12). Die Parteien erklärten sich mit einer schriftlichen Fortsetzung des Verfah-
rens nach Eingang des Gutachtens einverstanden (Prot. II S. 13).
3. Mit Beschluss vom 11. Juli 2012 wurde in der Folge ein Gutachten in Auftrag
gegeben und als Gutachter Dr. sc. techn. ETH / dipl. Bauingenieur ETH SIA
E._ bestellt. Den Parteien wurde Frist angesetzt, um sich zur Person des
Gutachters sowie zu den gestellten Fragen zu äussern und dazu eigene Anträge
zu stellen (Urk. 79 i.V.m. Urk. 80). Mit Eingabe vom 16. August 2012 liess sich der
Beschuldigte innert einmal erstreckter Frist (Urk. 81/1 und 83) vernehmen. Er er-
klärte sich mit dem vorgeschlagenen Gutachter einverstanden und stellte zahlrei-
che Ergänzungsanträge mit Bezug auf den Fragenkatalog (Urk. 84). Mit Eingabe
vom 3. Januar 2013 liess sodann der Privatkläger innert achtfach erstreckter Frist
(Urk. 82; 85-88; 90-92) seine Stellungnahme einreichen. Er erklärte sich mit dem
Gutachter ebenfalls einverstanden, stellte ebenfalls zahlreiche Ergänzungsanträ-
- 6 -
ge und äusserte sich gleichzeitig unaufgefordert zu den Anträgen des Beschuldig-
ten (Urk. 93). Mit Verfügung vom 20. Februar 2013 wurde die privatklägerische
Eingabe vom 3. Januar 2013 dem Beschuldigten zur Kenntnisnahme zugestellt
(Urk. 94). Die beantragten Änderungen und Ergänzungen beider Parteien wurden
weitgehend berücksichtigt und in den aktualisierten Fragenkatalog vom 15. März
2013 eingearbeitet (vgl. Urk. 96/1 unten). In der Folge wurde Dr. E._ mit dem
Gutachten beauftragt und ersucht, dieses nach Möglichkeit bis Mitte 2013 zu er-
statten (Urk.96/1-2).
4. Das Gutachten ging am 28. Juni 2013 beim Obergericht ein (Urk. 98 und
99). Es wurde den Parteien mit Verfügung vom 8. Juli 2013 zur Stellungnahme
zugestellt (Urk. 101). Die Staatsanwaltschaft verzichtete mit Eingabe vom 15. Juli
2013 auf Stellungnahme (Urk. 103); Privatkläger und Beschuldigter reichten ihre
Stellungnahmen innert mehrfach erstreckter Fristen am 12. September 2013
(Urk. 108) und am 24. September 2013 (Urk. 109 f.) ein. Sie wurden den jeweils
anderen Parteien mit Verfügung vom 1. Oktober 2013 zugestellt (Urk. 111).
5. Nicht angefochten ist die vorinstanzliche Kostenfestsetzung in Dispositivzif-
fer 4 erster Satzteil, weshalb sie in Rechtskraft erwachsen ist. Dies ist vorab mit
Beschluss festzustellen.
II. Schuldpunkt
1. Allgemeines
1.1. a) Einleitend sind die zutreffenden Erläuterungen der Vorinstanz zu den
Bauarbeiten am Unfallort und zum Unfallhergang nochmals festzuhalten: Anläss-
lich einer Gesamtsanierung des Werkgebäudes F._ war geplant, unter ande-
rem dessen zwei Meter vorstehendes Betondach abzubrechen bzw. zu entfernen.
Unter dem Vordach befanden sich in regelmässigen Abständen stützende Unter-
züge, d.h. quer zum Vordach verlaufende Betonstreben (vgl. z.B. Übersichtsauf-
nahme mit bereits teilweise entferntem Vordach in Urk. 8/10 und Aufnahme der
Unterzüge in Urk. 8/9).
- 7 -
b) Um das Vordach abtragen zu können, wurden in einem ersten Schritt einzelne
Elemente von rund drei Metern Länge bzw. rund drei Tonnen Gewicht markiert,
wobei eines dieser so markierten Betonelemente – das 8. Element von rechts –
nicht über einen stützenden Unterzug (Querverstrebung) verfügte. Hernach wurde
das Vordach in die vorgezeichneten Betonelemente quer zum Dachkörper hin
eingeschnitten (Querschnitte). Daraufhin folgten die jeweiligen Längsschnitte
(Schnitte entlang des Gebäudekörpers), so dass das Vordach Stück für Stück ab-
getragen werden konnte. Damit ein abzutragendes Betonelement während des
Schneidevorgangs nicht zu Boden fiel, wurde es von einem Stapler gestützt und
schliesslich wegtransportiert (vgl. Aufnahme in Urk. 8/1 mit stützendem Stapler
unter dem 7. Betonelement).
c) Bei den am Morgen des Unfalltags (12. Juni 2008) mit der Abtragung des Vor-
dachs beschäftigten Bauarbeitern handelte es sich um den Privatkläger A._,
welcher die Betonfräse auf dem Dach bediente, und C._, welcher den Stap-
ler am Boden bediente und lenkte. Letzterer wurde infolge eines Arbeitsunfalls um
ca. 12.00 Uhr, bei welchem er sich am Finger verletzte (vgl. Urk. 12/1 S. 7), aus-
gewechselt und durch G._ ersetzt. Als der mit Absägen des
7. Betonelements (unter diesem Element befand sich wie gesagt der Stapler als
Stütze) beschäftigte Privatkläger um ca. 15.15 Uhr das nicht durch den Stapler
gestützte und über keinen Unterzug verfügende benachbarte 8. Betonelement be-
trat, stürzte er mitsamt diesem Betonelement rund 4.40 Meter in die Tiefe und zog
sich dabei schwere Verletzungen zu (Urk. 64 S. 5 f.; vgl. wiederum Aufnahme in
Urk. 8/1, das abgebrochene 8. Element ist mit der roten Zahl 2c bezeichnet).
1.2. a) Dem Beschuldigten wird gemäss Anklageschrift vom 24. März 2011
(Urk. 24) aufgrund dieses Unfalls zum Vorwurf gemacht, er habe in seiner Funkti-
on als angestellter Bauführer der H._ AG die anerkannten Regeln der Bau-
kunde missachtet, indem er ohne ausreichende Berücksichtigung der Statik und
ohne Prüfung der vorhandenen Armierung bzw. ohne Armierungsplan festgelegt
habe, dass das Vordach in einzelnen Betonelementen zu jeweils rund drei Metern
Länge bzw. rund drei Tonnen Gewicht nacheinander abzutragen sei und dass die
einzelnen Betonelemente während des Sägens mittels eines Staplers zu stützen
- 8 -
und dann abzutransportieren seien. Dabei habe er die mit dem Abbruch beschäf-
tigten Bauarbeiter A._ (Privatkläger) und G._ bezüglich allfälliger stati-
scher Probleme und Gefahren lediglich rudimentär instruiert, obwohl zu seinen
Aufgaben namentlich die konkrete Planung der Abbrucharbeiten sowie die In-
struktion und Überwachung der vor Ort eingesetzten Mitarbeiter der Firma
H._ AG gehört hätten. Insbesondere habe er nicht bzw. nicht hinreichend
verbindlich angeordnet, dass mindestens die Betonelemente ohne stützenden Un-
terzug während des Sägevorgangs zu stützen bzw. zu spriessen seien. Sodann
habe er bis zum 12. Juni 2008 nicht kontrolliert bzw. nicht verbindlich durchge-
setzt, dass zumindest das Betonelement ohne stützenden Unterzug abgestützt
bzw. gespriesst worden sei, obwohl er sich noch vor der Mittagszeit des 12. Juni
2008 auf die Baustelle begeben habe und die Entfernung des Vordachs zu die-
sem Zeitpunkt bereits fortgeschritten gewesen sei. Vielmehr habe er gegenüber
A._ das Erfordernis einer Spriessung dieser fraglichen Elemente ausdrück-
lich verneint, als er von diesem auf ein noch nicht entferntes Element ohne stüt-
zenden Unterzug sowie auf eine unterschiedliche Armierungsstärke aufmerksam
gemacht worden sei. In der Folge sei der mit dem Zersägen des Vordachs betrau-
te A._ am 12. Juni 2008 um ca. 15.15 Uhr, als er das nicht durch einen Un-
terzug gestützte 8. Vordachelement betreten habe, um den Staplerfahrer zu sei-
ner Unterstützung auf das Dach zu rufen, mitsamt dem Vordachelement rund 4.40
Meter in die Tiefe gestürzt, weil dieses Element an der Verbindung zum Gebäu-
dekörper abgebrochen und von unten nicht abgestützt bzw. gespriesst gewesen
sei. Dadurch habe sich A._ schwere Verletzungen insbesondere an der Wir-
belsäule zugezogen, so dass er auch noch Ende 2009 feststellbare Lähmungen,
Gefühlsstörungen sowie Störungen vegetativer Funktionen gehabt habe und im
Juli 2010 noch andauernd arbeitsunfähig gewesen sei.
b) Zudem sei dabei der unmittelbar neben der Absturzstelle als Staplerfahrer be-
schäftigte G._ der Gefahr ausgesetzt gewesen, vom herunterstürzenden
Vordachelement getroffen und gravierend verletzt zu werden.
c) Für den Beschuldigten sei es aufgrund seiner Ausbildung und seiner rund 12-
jährigen Berufserfahrung als Bauführer vorhersehbar gewesen, dass es bei nicht
- 9 -
hinreichend verbindlicher Anordnung, Kontrolle und Durchsetzung einer Abstüt-
zung bzw. Spriessung – jedenfalls zumindest von Betonelementen ohne stützen-
den Unterzug – zu einem ungewollten Absturz von Vordachbetonelementen und
damit zu einer Gefahr und schweren Verletzungen von Mitarbeitern kommen
könnte. Dabei hätte der Beschuldigte mit hoher Wahrscheinlichkeit das Einstürzen
des Betonelements und die schweren Verletzungen von A._ sowie die Ge-
fährdung von G._ bei sachgemässer Planung, Instruktion und Kontrolle des
Abbruchvorhabens vermeiden können, namentlich indem er die Abstützung bzw.
Spriessung jedenfalls zumindest der Betonelemente ohne stützenden Unterzug
verbindlich angeordnet und kontrolliert bzw. durchgesetzt hätte.
1.3. Die Vorinstanz befand den Beschuldigten für nicht schuldig und sprach ihn
vollumfänglich frei mit der Begründung, der eingeklagte Sachverhalt lasse sich
aufgrund der vorhandenen Aussagen nicht mit rechtsgenügender Sicherheit er-
stellen. Insbesondere lasse die vom Privatkläger zunächst gemachte Aussage,
wonach er im Bereich der Dilatationsfuge nicht vorgeschnitten habe, die Vermu-
tung zu, dass er um diesen heiklen Bereich gewusst habe und es ein diesbezügli-
ches Gespräch gegeben haben müsse. Ausserdem sei aufgrund der langjährigen
Berufserfahrung des Beschuldigten schlicht nicht nachvollziehbar, dass dieser die
explizite Frage des Privatklägers nach der Spriessung des unsicheren Elements
verneint haben sollte. Ausserdem hätte der Privatkläger als langjähriger Fräsear-
beiter, der gemäss seinen eigenen Aussagen stets auf die Arbeitssicherheit be-
dacht gewesen sei, auch von sich aus das fragliche Element spriessen können,
so wie dies sein Berufskollege I._ getan hätte. Letztlich dürfe auch nicht aus-
ser Acht gelassen werden, dass der Privatkläger im Zuge seiner Fräsearbeit reali-
siert habe, dass sich das abzutrennende Betonelement senkte. Spätestens in die-
sem Augenblick hätte er eine Spriessung in Betracht ziehen müssen, zumal kein
Zeitdruck bestanden habe. Zudem sei zu erwähnen, dass sich der Privatkläger
auch im Hinblick auf die Länge der abzutrennenden Elemente gegenüber dem
Beschuldigten getraut habe, eine andere Meinung zu vertreten. Was die Arbeits-
kontrolle durch den Beschuldigten betreffe, so würden dessen Aussagen, wonach
eine Kontrolle deshalb nicht möglich gewesen sei, weil der Privatkläger mit den
Arbeiten noch nicht so weit fortgeschritten gewesen sei, durchaus überzeugend
- 10 -
erscheinen. Auch erscheine es plausibel, wenn der Beschuldigte geltend mache,
dass es ohnehin nicht üblich und notwendig gewesen sei, einen langjährigen Mit-
arbeiter engmaschig zu kontrollieren, zumal dies auf dem Bau weder üblich noch
praktikabel sei (Urk. 64 S. 18 f.).
1.4. a) In der Berufungserklärung liess der Privatkläger dagegen einwenden,
die Vorinstanz habe die Sorgfalts- und Kontrollpflichten des Beschuldigten in sei-
ner Eigenschaft als verantwortlicher Bauführer unrichtig dargestellt, zu wenig klar
herausgearbeitet und die falschen Schlussfolgerungen daraus gezogen. Ausser-
dem dränge sich vorliegend die Einholung eines Gutachtens eines Bausachver-
ständigen auf, da es für Laien in Bausachen schwierig sei, die allgemein üblichen
Gepflogenheiten auf Baustellen und die davon oftmals losgelöste, abstrakte Ver-
antwortlichkeit eines Bauführers im konkreten Einzelfall genau zu erkennen und
gegeneinander abzuwägen (Urk. 67 S. 2).
b) Anlässlich der Berufungsverhandlung vom 15. Mai 2012 liess der Privatkläger
erneut geltend machen, dass die Einholung eines Sachverständigengutachtens
unumgänglich sei (Urk. 76 S. 2 f.). Der Beschuldigte habe als einziger auf der
Baustelle über eine spezialisierte Ausbildung als Bauführer mit entsprechender
langjähriger Erfahrung verfügt. Diese Ausbildung habe auch die Beurteilung stati-
scher Probleme und die Wahl angemessener Abrisstechniken beinhaltet. Die an-
deren Arbeiter auf der Baustelle – wie C._ oder der Privatkläger D._ –
seien zwar langjährige Vorarbeiter im Bereich Betonbohren/Betonfräsen gewe-
sen, hätten jedoch über keinerlei solide Berufsausbildung, z.B. als Maurer, ver-
fügt. Beide Genannten seien ursprünglich ungelernte Bauarbeiter gewesen, die in
die Spezialarbeiten als Betonbohrer und -fräser nach der Methode "learning by
doing" eingearbeitet worden seien. Über die praktische Tätigkeit hinaus habe
ihnen jegliche Bildung über grundlegende Fragen der Statik, beispielsweise beim
Abreissen eines Betondaches, gefehlt. Die nicht schulisch ausgebildeten Arbeiter
könnten nur praktische Arbeitsabläufe schildern. Es fehle ihnen das Sachwissen
und die intellektuelle Bildung, Zusammenhänge zwischen bautechnischen Grund-
satzfragen und der konkreten Vorgehensweise herzustellen, geschweige denn
Aussagen des Beschuldigten sachkundig und kritisch zu würdigen (Urk. 76
- 11 -
S. 3 f.). Er – der Privatkläger – bestreite, dass der Beschuldigte die Spriessung
von drei Elementen – nämlich dem Element ohne Unterzug, demjenigen mit der
Dilatationsfuge und dem letzten Element – angeordnet habe (Urk. 76 S. 6 f.).
1.5. Wie bereits in der Untersuchung und vor Vorinstanz anerkannte der Be-
schuldigte auch in der Berufungsverhandlung den eingangs dargestellten äusse-
ren Ablauf des Unfallhergangs und die von A._ erlittenen Verletzungen (Urk.
12/2 S. 9 u. 11; Urk. 47/2 S. 4; Urk. 74 S. 3). Er hatte indes von Beginn weg be-
stritten, für den Unfall des Privatklägers verantwortlich zu sein, und stellte damit
die ihm in der Anklageschrift zur Last gelegte pflichtwidrige Missachtung der ihm
als Bauführer obliegenden Instruktions- und Überprüfungspflichten in Abrede
(Urk. 12/1 S. 6 ff.; Urk. 12/2 S. 11 ff.; Urk. 12/3 S. 9 ff.; Urk. 47/2 S. 4; Urk. 74
S. 3). Insbesondere machte er geltend, er habe eine Abstützung bzw. Spriessung
des Betonelements ohne Unterzug mit dem Privatkläger besprochen und ange-
ordnet (Urk. 12/2 S. 8 f.; Urk. 12/3 S. 2 u. 4; Urk. 74 S. 4; Urk. 77 S. 3, 8). Zur
Überwachung oder Kontrolle der Arbeitsausführung des Privatklägers habe für
ihn, den Beschuldigten, weder Anlass noch Pflicht bestanden. Der Privatkläger sei
als Vorarbeiter nicht nur genau instruiert, sondern für die baufachlich korrekte
Ausführung auch bestens ausgebildet und berufserfahren gewesen (Urk. 77 S. 3).
Zudem sei eine Kontrolle bzw. Durchsetzung der Abstützung bzw. Spriessung des
besagten Betonelementes kurz vor Mittag des 12. Juni 2008 vor Ort auch nicht
möglich gewesen, da der Privatkläger mit der Arbeit noch nicht so weit fortge-
schritten gewesen sei (Urk. 12/3 S. 4; Urk. 47/2 S. 3; Urk. 74 S. 4). Der Privatklä-
ger habe den Unfall selber verschuldet, da er wissentlich auf ein Betonelement
ohne Unterzug und ohne Abstützung gestanden sei, welches zudem hinten zum
Gebäudekörper bereits ein wenig eingeschnitten gewesen sei (Urk. 12/2 S. 9;
Urk. 12/3 S. 4).
1.6. Da bei Fahrlässigkeitsdelikten Tat- und Rechtsfragen sehr eng miteinander
verbunden sind und der äussere Ablauf des Unfallhergangs an sich unbestritten
und somit erstellt ist, sind die weiteren Vorbringen der Parteien, auch soweit sie
den Sachverhalt betreffen, nachfolgend im Rahmen der rechtlichen Würdigung zu
- 12 -
prüfen. Auch auf die Antworten des Gutachters wird dabei an passender Stelle
einzugehen sein.
2. Fahrlässige Körperverletzung i.S.v. Art. 125 Abs. 2 StGB
2.1. Gemäss Art. 125 Abs. 2 StGB macht sich der fahrlässigen schweren Kör-
perverletzung strafbar, wer jemanden aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit schwer
am Körper oder an der Gesundheit schädigt. Da der Beschuldigte gemäss Ankla-
geschrift die Verletzungen des Privatklägers nicht durch ein aktives Tun herbeige-
führt haben soll, ist nachfolgend eine fahrlässige Körperverletzung im Sinne von
Art. 125 Abs. 2 StGB durch Unterlassen zu prüfen.
2.2. Garantenstellung
2.2.1. Nach der Rechtsprechung kann ein fahrlässiges Erfolgsdelikt wie die fahr-
lässige schwere Körperverletzung auch durch Unterlassen verübt werden. Ein
solches unechtes Unterlassungsdelikt ist gegeben, wenn im Gesetz wenigstens
die Herbeiführung des Erfolges durch Tun ausdrücklich mit Strafe bedroht wird,
der Beschuldigte durch sein Tun den Erfolg tatsächlich hätte abwenden können
und er infolge seiner besonderen Rechtsstellung dazu auch so sehr verpflichtet
war, dass die Unterlassung der Erfolgsherbeiführung durch aktives Handeln
gleichwertig erscheint. Erst wenn feststeht, dass sich der Täter in einer derartigen
Garantenstellung befand, lässt sich in einem weiteren Schritt ermitteln, welche
Handlungen er aufgrund der ihm obliegenden Sorgfaltspflicht im Einzelnen vorzu-
nehmen verpflichtet gewesen wäre (BGE 117 IV 130, Erw. 2a). Zwischen der Un-
terlassung und dem Erfolg ist der erforderliche Kausalzusammenhang zu beja-
hen, wenn bei Vornahme der gebotenen Handlung der Erfolg mit einem hohen
Grad der Wahrscheinlichkeit nicht eingetreten wäre. Allerdings reicht die blosse
Möglichkeit des Nichteintritts des Erfolgs bei Vornahme der gebotenen Handlung
zur Bejahung dieses hypothetischen Kausalzusammenhanges nicht aus (BGE
121 IV 286, Erw. 3). Die Frage nach der hypothetischen Kausalität beim Unterlas-
sungsdelikt gleicht derjenigen nach der Relevanz der Sorgfaltswidrigkeit (vgl.
nachfolgend Ziffer II.2.5.) und wird dieser nach der neueren Rechtsprechung
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=fahrl%E4ssiges+unterlassungsdelikt&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F117-IV-130%3Ade&number_of_ranks=0#page130 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=fahrl%E4ssiges+unterlassungsdelikt&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F121-IV-286%3Ade&number_of_ranks=0#page286 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=fahrl%E4ssiges+unterlassungsdelikt&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F121-IV-286%3Ade&number_of_ranks=0#page286
- 13 -
gleichgesetzt (Trechsel/Jean-Richard, StGB Praxiskommentar, 2. Auflage, Zü-
rich/St. Gallen 2013, Art. 12 N 40).
2.2.2. Es ist demnach als Erstes zu prüfen, ob für den Beschuldigten mit Bezug
auf den Privatkläger eine Garantenstellung bestand. Ein Arbeitgeber ist gemäss
Art. 328 Abs. 2 OR sowie Art. 82 Abs. 1 UVG verpflichtet, Massnahmen zur Ver-
hütung von Berufsunfällen zu ergreifen, weshalb diesem gegenüber seinen Ange-
stellten grundsätzlich Garantenstellung zukommt. Auch Mitarbeitern des Arbeit-
gebers kommt eine Garantenstellung zu, allerdings nur im Rahmen ihres Aufga-
benbereichs und nur insoweit, als ihnen auch die entsprechenden Kompetenzen
delegiert sind (BGE 6S.447/2003 vom 1. April 2004, Erw. 3.1. f. m.w.H.; vgl. auch
Art. 11 Abs. 2 lit. a StGB). In grösseren Bauunternehmen wie der vorliegenden
H._ AG wird der Arbeitgeber bzw. die Bauunternehmung auf der Baustelle
vom Bauführer vertreten (Roelli/Fleischanderl, BSK Strafrecht II, 3. Aufl., Basel
2013, Art. 229 N 31). Unbestritten ist, dass der Beschuldigte für die Firma
H._ AG der verantwortliche – und entsprechend ausgebildete und jahrelang
erfahrene (vgl. Urk. 99 S. 6) – Bauführer für die Sanierung des Werkgebäudes
F._ war und dass er den Privatkläger zusammen mit C._ bzw. G._
mit der Abtragung des Vordachs des Werkgebäudes beauftragte. Damit war der
Beschuldigte nach den vorstehenden Ausführungen verpflichtet, für die Sicherheit
und die Unfallverhütung auf der Baustelle zu sorgen, was vom Beschuldigten
grundsätzlich auch nicht in Abrede gestellt wird (Urk. 12/1 S. 2 f.; Urk. 12/2 S. 2).
Die Garantenstellung des Beschuldigten gegenüber dem Privatkläger ist somit
gegeben.
2.3. Verletzung einer Sorgfaltspflicht
2.3.1. a) Ein Schuldspruch wegen fahrlässiger Körperverletzung setzt voraus,
dass der Beschuldigte den Erfolg durch Verletzung einer Sorgfaltspflicht verur-
sacht hat. Sorgfaltswidrig ist ein Verhalten, wenn der Beschuldigte zum Zeitpunkt
der Tat aufgrund der Umstände sowie seiner Kenntnisse und Fähigkeiten die da-
mit bewirkte Gefährdung der Rechtsgüter des Opfers hätte erkennen können und
müssen und wenn er zugleich die Grenzen des erlaubten Risikos überschritten
hat. Wo besondere Normen ein bestimmtes Verhalten gebieten, bestimmt sich
- 14 -
das Mass der zu beachtenden Sorgfalt in erster Linie nach diesen Vorschriften.
Vorliegend kann auf die Bestimmungen zurückgegriffen werden, die der Unfall-
verhütung und der Sicherheit auf Baustellen dienen. Einschlägig sind insoweit die
Verordnung über die Unfallverhütung (VUV) und die Verordnung über die Sicher-
heit und den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei
Bauarbeiten (BauAV). Auch kann auf analoge Regeln privater oder halbprivater
Vereinigungen abgestellt werden, sofern diese allgemein anerkannt sind (BGE
127 IV 65, Erw. 2.a). Das gilt vorliegend für die SIA-Normen 118 (Allgemeine Be-
dingungen für Bauarbeiten) und 465 (Sicherheit von Bauten und Anlagen) sowie
für die SUVA-Richtlinien zur Verhütung von Unfällen bei der Ausführung von Ab-
brucharbeiten (vgl. Urk. 99 [Gutachten] S. 3 ff.). Dies schliesst indes nicht aus,
dass der Vorwurf der Fahrlässigkeit auch auf allgemeine Rechtsgrundsätze wie
etwa den allgemeinen Gefahrensatz gestützt werden kann. Letztlich wird die Vor-
sicht, zu der ein Täter verpflichtet ist, durch die konkreten Umstände und seine
persönlichen Verhältnisse bestimmt, weil naturgemäss nicht alle tatsächlichen
Gegebenheiten in Vorschriften gefasst werden können (BGE 135 IV 64, Erw. 2.1).
b) Das Mass der gebotenen Sorgfalt hängt auch davon ab, inwieweit die Möglich-
keit riskanten Fehlverhaltens Dritter in Rechnung zu stellen ist. Dies ist unter dem
Gesichtspunkt des aus Art. 26 Abs. 1 SVG entwickelten, allgemein geltenden Ver-
trauensgrundsatzes zu beurteilen (Niggli/Maeder, BSK Strafrecht I, 3. Aufl., Basel
2013, Art. 12 N 113). Von besonderer Bedeutung ist er bei arbeitsteiligem Zu-
sammenwirken oder Zusammentreffen mehrerer Personen, weil und soweit jeder
sich auf den anderen verlässt und verlassen können muss (Donatsch/Tag, Straf-
recht I – Verbrechenslehre, 9. Aufl., Zürich 2013, S. 355 f.). Der Vertrauensgrund-
satz unterliegt allerdings einer Reihe von Einschränkungen. So greift er von vor-
neherein dort nicht, wo und soweit Sorgfaltspflichten auf die Überwachung, Kon-
trolle oder Beaufsichtigung des Verhaltens anderer gerichtet sind, die gerade de-
ren Fehlverhalten entgegenwirken sollen. Auf fremde Sorgfalt darf sodann dort
nicht mehr vertraut werden, wo konkrete Anzeichen auf das Gegenteil hinweisen
(Niggli/Maeder, a.a.O., Art. 12 N 115; Donatsch/Tag, a.a.O., S. 356).
- 15 -
2.3.2. Die Anklageschrift vom 24. März 2011 wirft dem Beschuldigten vor, er habe
gegenüber den beiden vor Ort mit dem Abbruch des Vordaches betrauten und in
statischen Problemstellungen nicht bzw. jedenfalls nicht ausreichend fachkundi-
gen Mitarbeitern A._ (Privatkläger) und G._ lediglich rudimentäre In-
struktionen erteilt, insbesondere ohne die beiden auf allfällige statische Probleme
bzw. Gefahren bei abzusägenden Elementen des Vordaches ohne stützenden
Unterzug hinzuweisen. Zudem habe er bis zum 12. Juni 2008 (Unfalltag) nicht
bzw. nicht verbindlich angeordnet und auch nicht durchgesetzt bzw. kontrolliert,
dass zumindest Betonelemente ohne stützenden Unterzug abgestützt bzw. ge-
spriesst worden seien (Urk. 4 S. 2 f.).
2.3.3. Nach Art. 3 Abs. 1 BauAV müssen Bauarbeiten so geplant werden, dass
das Risiko von Berufsunfällen (...) möglichst klein ist und die notwendigen Si-
cherheitsmassnahmen, namentlich bei der Verwendung von Arbeitsmitteln, ein-
gehalten werden können. Sodann müssen nach Art. 60 Abs. 1 und 2 lit. a und b
BauAV bei Rückbau- und Abbrucharbeiten vor Arbeitsbeginn die Sicherheitsrisi-
ken abgeklärt und Massnahmen getroffen werden, damit Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer nicht abstürzen und Bauteile nicht unbeabsichtigt einstürzen. Nach
Art. 60 Abs. 4 BauAV dürfen Rückbau- und Abbrucharbeiten nur unter ständiger
fachlicher Aufsicht durchgeführt werden. Gemäss Art. 8 Abs. 1 Satz 2 VUV muss
der Arbeitgeber den Arbeitnehmer, welcher eine gefährliche Arbeit alleine aus-
führt, überwachen lassen. Laut der SUVA-Checkliste "Rückbau- und Abbruchar-
beiten", Ziffer 20, müssen die Mitarbeitenden über die objektspezifischen Gefah-
ren und über die erforderlichen Schutzmassnahmen instruiert werden (vgl.
http://www.suva.ch/startseite-suva/praevention-suva/arbeit-suva.htm  Gefahren
 Waswo  Bau, Installationsgewerbe  Rückbau- und Abbrucharbeiten 
PDF "Checkliste: Rückbau- und Abbrucharbeiten").
2.3.4. Gemäss den vorstehend zitierten gesetzlichen und privaten Vorschriften
und nach den Ausführungen im Gutachten (Urk. 99) hatte der Beschuldigte wie
folgt vorzugehen:
a) Er hatte als Bauführer vor Beginn der Arbeiten die geeignete Vorgehensweise
festzulegen und die dabei notwendigen Sicherheitsmassnahmen abzuklären (Pla-
- 16 -
nung). Dazu gehörten der Einsatz der geeigneten Arbeitsmittel (hier Fräsen und
Hubstapler) sowie die notwendigen Sicherheitsmassnahmen (hier Abschrankung
auf dem Vordach, Absperrung des Vorplatzbereiches, allfällige Spriessungen
etc.). Dann hatte er das geeignete und sichere Arbeitsvorgehen festzulegen, na-
mentlich das maximale Gewicht und die Grösse der abzutrennenden Teile, den
Verlauf der Trennschnitte und das Vorgehen beim Schneiden der Teile: Schnitte
quer zur Fassade, Schnitte längs zur Fassade bei unterstelltem Hubstapler etc.
Dabei hatte er die Tragwirkung der Unterzüge und der Vordachplatten (von Un-
terzug zu Unterzug) zu berücksichtigen. Die Standsicherheit der verbleibenden,
noch nicht abgetrennten Teile hatte er zu beurteilen und zu gewährleisten
(Urk. 99 S. 6).
b) Hernach hatte er dem Privatkläger die bauspezifischen Angaben klar zu kom-
munizieren (Instruktion). In diesem Fall waren dies die prinzipielle Lage der
Schnitte und eine allfällige Spriessung. Dabei konnte nach Einschätzung des
Gutachters beim Privatkläger als angelerntem Betonfräser, der im Ausland
Schlosser gelernt und später dort eine dreimonatige Maureranlehre gemacht hat-
te, das dazu notwendige Wissen nicht vorausgesetzt werden. Der Bauführer sei
für die Sicherheit auf der Baustelle verantwortlich und habe derart sicherheitsrele-
vante Entscheide wie die Festlegung der Schnitte grundsätzlich selber zu über-
prüfen, wenn er sie nicht selbst festlege. Er habe auch die anderen Sicherheits-
massnahmen wie Absperrungen, Absturzsicherungen etc. anzuordnen und zu
überprüfen (Urk. 99 S. 10).
c) Hernach sei das notwendige Material zu bestellen gewesen, und zwar von der-
jenigen Person, die mit der Arbeitsvorbereitung betraut und dafür entsprechend
ausgebildet sei. Im Normalfall sei dies die Aufgabe des Poliers. Bei der vorliegen-
den Baustelle habe jedoch (gemäss Aussagen in den Protokollen Urk. 11 und 12)
der Bauführer die Arbeitsvorbereitung gemacht und den Privatkläger instruiert,
d.h. er habe die Funktion des Poliers wahrgenommen, weshalb – so der Gutach-
ter konkludent – die Materialbestellung dessen Aufgabe gewesen sei (Urk. 99
S. 10).
- 17 -
d) aa) Schliesslich habe der Beschuldigte sicherstellen müssen, dass der Abbau-
vorgang in der von ihm instruierten Art und Weise sicher durchgeführt wurde
(Überprüfung). Er sei als Bauführer für die Sicherheit auf der Baustelle verant-
wortlich gewesen. Auf einer Baustelle dieser Art – speziell, wenn kein Polier vor-
handen sei – sei es deshalb notwendig gewesen, dass der Beschuldigte bei sei-
ner Anwesenheit das Vorgehen und die Implementation der Sicherheitsvorkeh-
rungen kontrollierte (insb. Vorgehen beim Abbau etc.). Eine Delegation der Ver-
antwortung für die Arbeitsausführung an den Privatkläger war vorliegend nach
(konkludenter) Einschätzung des Gutachters nicht zulässig: Zum einen sei eine
Weiterbildung des Privatklägers – eines Betonfräsers bzw. Schlossers – zum
Vorarbeiter in den Akten nicht erwähnt. Bei einem angelernten Betonfräser könne
das notwendige Wissen bezüglich der Tragwirkung eines derartigen Stahlbeton-
vordaches nicht vorausgesetzt werden, auch wenn er eine grosse Fräserfahrung
besitze (Urk. 99 S. 12).
bb) Der Beschuldigte lässt eine Überwachungs- und Kontrollpflicht bestreiten und
begründet dies damit, dass der Privatkläger ein fachlich ausgewiesener Vorarbei-
ter gewesen sei. Nicht nur das Personalblatt und seine entsprechende Entlöh-
nung, sondern auch seine Fähigkeiten, statische Berechnungen vorzunehmen,
festzustellen, dass es Elemente ohne Unterzug gab, und zu erkennen, dass dort
eine Spriessung nötig war, zeigten auf, dass er als Vorarbeiter von der zu erledi-
genden Arbeit mindestens soviel wie der Beschuldigte verstand und imstande
war, den Abbruchauftrag ohne weitere Anweisungen des Beschuldigten und Kon-
trollen selbständig durchzuführen. Der Privatkläger habe zudem aus seiner Be-
rufserfahrung und den Weiterbildungen offensichtlich gewusst, dass beim Ab-
bruch nicht gesicherte Bauteile nicht betreten werden dürften (Urk. 109 S. 7 f.).
cc) Diesen Einwänden des Beschuldigten kann nicht gefolgt werden. Der Gutach-
ter hat entgegen der Verteidigung (Urk. 109 S. 8 f.) nicht ausgeschlossen, dass
der Privatkläger bei der Firma H._ als "Vorarbeiter Betonbohren Fräsabtei-
lung" (Urk. 11/1 S. 3) angestellt war. Er hat nur – zu Recht – festgestellt, dass ei-
ne Weiterbildung des Privatklägers zum Vorarbeiter in den Akten nicht erwähnt
sei. Er hat ebenfalls zu Recht darauf hingewiesen, dass der Privatkläger in Ex-
- 18 -
Jugoslawien Schlosser gelernt hatte und dann von der Firma H._ AG noch in
eine dreimonatige Maurerlehre – wobei angesichts der kurzen Dauer mit dem
Gutachter der Begriff Anlehre treffender ist – nach Ex-Jugoslawien geschickt wor-
den war. Richtig ist auch, dass der Privatkläger nur angelernter Betonfräser war
(Urk. 99 S. 10), auch wenn er schon viele Jahre als solcher gearbeitet hatte. Er
hatte selber ausgeführt, dass er das Betonfräsen einfach zirka drei Monate lang
von einem Arbeitskollegen gelernt habe; danach habe er gleich selbständig gear-
beitet (Urk. 11/1 S. 3). Der Schluss des Gutachters, dass der Bauführer dem Be-
tonfräser deshalb bauspezifische Angaben klar hätte kommunizieren müssen und
bei diesem das dazu notwendige Wissen nicht habe vorausgesetzt werden kön-
nen (Urk. 99 S. 10), ist daher nicht zu beanstanden. Dasselbe gilt für die gut-
achterliche Folgerung, dass der Beschuldigte sicherzustellen gehabt hätte, dass
der Abbauvorgang in der von ihm instruierten Art und Weise sicher durchgeführt
wurde (Urk. 99 S. 12). Die Verteidigung spricht schliesslich allzu beschönigend
von angeblichen Fähigkeiten des Privatklägers, statische Berechnungen vorzu-
nehmen. Dass es damit allerdings nicht weit her ist, hat auch der Beschuldigte er-
kannt (Urk. 12/2 S. 6: "eine statische Ausbildung hatte er, denke ich, nicht";
Urk. 12/3 S. 4: "Ich sehe auch, dass sie keine statischen Berechnungen machen
können"). Im Gegenteil hatte A._ nur eine äusserst rudimentäre Ahnung von
Statik, was sich z.B. daran zeigte, dass er den Begriff "Statik" auf Aufforderung
wie folgt definierte: "Wenn es Risse in der Decke gibt, muss ich unterstellen"
(Urk. 11/1 S. 3). Es versteht sich von selbst, dass, wer eine derartige Auffassung
von Statik hat, irgendwann einmal zu spät kommt.
2.3.5. Es ist damit nunmehr zu prüfen, ob der Beschuldigte seinen derart ermittel-
ten Sorgfaltspflichten in Bezug auf Planung, Instruktion und Überwachung nach-
gekommen ist.
a) Planung und Instruktion
aa) Hierzu führt der Gutachter aus, dass das Tragprinzip eines Bauwerks zur
Planung von Abbrucharbeiten unbedingt einbezogen werden müsse. Die Beweh-
rung (d.h. die Armierung) müsse dazu jedoch nicht im Detail bekannt sein (Urk. 99
S. 8). Jedem Baufachmann (Maurer, Eisenleger, Polier, Bauführer etc.) müsse
- 19 -
klar sein, dass eine Stahlbetonkragplatte wie das Vordach des Werkgebäudes
F._ primär von den Unterzügen bzw. den Unterzugsbereichen getragen wer-
de und die Tragwirkung der Platte vor allem von Unterzug zu Unterzug erbracht
werde. Hinten im Unterzug liege deshalb oben eine kräftige Bewehrung. Diese sei
in Urk. 2 S. 8 unten klar erkennbar. In der Platte selbst liege eine vergleichsweise
schwache Bewehrung vor allem unten, quer zu den Unterzügen, d.h. parallel zur
Fassade. Dazu komme allenfalls eine obere Bewehrung hinten in der Platte, quer
zur Fassade, dort, wo entlang der Fassade geschnitten worden sei. Damit sei
klar, dass ein auskragender Plattenteil ohne einen Unterzug im mittleren Bereich
des Teiles nicht als tragsicher zu betrachten sei. Die logische Folge für den Ab-
bau bei diesem Tragsystem wären Trennschnitte jeweils in der Mitte zwischen
den Unterzügen gewesen (vgl. Abbildung 1a in Urk. 99 S. 7). Wenn nun aber die
Unterzüge so weit auseinanderlägen, dass die einzelnen Elemente bei dieser Ab-
bauart vom Gewicht her zu schwer würden, so könnten jeweils zuerst Zwischen-
teile ohne Unterzug mit dem Hubstapler unterstützt und entfernt werden, und erst
danach die Teile mit den Unterzügen (vgl. Abbildung 1b in Urk. 99 S. 7). Die
Fräsarbeiten für die Trennschnitte würden damit allerdings wesentlich aufwendi-
ger, weil Zwischenschnitte gemacht werden müssten (Urk. 99 S. 7).
bb) Im vorliegenden Fall nun seien die Trennschnitte offensichtlich nach einem
fest vorgegebenen Abstand von rund 3,3 m und ohne spezielle Rücksicht auf die
Unterzüge festgelegt worden. Die in Kragrichtung vorgeschnittenen Plattenteile
hätten dabei je einen Unterzug im mittleren Bereich benötigt, um tragsicher zu
bleiben – entsprechend sei ein rechtwinklig zur Fassade gefräster Plattenteil ohne
Unterzug schon gar nicht tragsicher. Analog zum Vorgehen nach Abbildung 1b
hätte beim vorliegend gewählten Abbauvorgang das Element 8 – also dasjenige
ohne Unterzug – zuerst, beim Einschneiden rechtwinklig zur Fassade und vor
dem auf den Fotos rechts davon liegenden Element 7, unterstützt und sicher ab-
gebaut werden können – indessen mit dem erhöhten Aufwand der mehrfachen
Umstellung der Fräse. Die Unterstützung der abzubauenden Stahlbetonteile mit
dem Hubstapler sei vorliegend mit Bezug auf die Länge (vgl. insb. Urk. 99 S. 8
oben) und das Gewicht (vgl. insb. Urk. 99 S. 9 unten) der einzelnen Teile durch-
aus möglich gewesen (Urk. 99 S. 7 f.).
- 20 -
cc) Zusammenfassend hält der Gutachter somit fest, dass ein grundsätzlich
taugliches Abbauvorgehen geplant gewesen sei – dass dabei aber diejenigen
Elemente, bei denen der Unterzug nur seitlich gelegen sei, und insbesondere das
Element 8, bei dem gar kein Unterzug vorhanden gewesen sei, nicht mehr tragsi-
cher gewesen seien. Diese Elemente, so der Gutachter, hätten somit entweder
"zuerst" (vgl. Urk. 99 S. 7 achtunterste Zeile) – gemeint: vor und während des je
seitlichen Einschneidens rechtwinklig zur Fassade – mit dem Hubstapler unter-
stützt und so abgebaut werden müssen (gemäss Abbildung 1b in Urk. 99 S. 7),
oder sie hätten gespriesst werden müssen, und zwar ebenfalls vor Vornahme der
beiden seitlichen Einschnitte rechtwinklig zur Fassade. Diese zeitliche Reihenfol-
ge – zuerst mit dem Hubstapler unterstützen oder spriessen, dann rechtwinklig
einschneiden und erst dann der Dachkante entlang abschneiden (und dann ab-
tragen) – ergibt sich zwingend daraus, dass nach Ansicht des Gutachters zumin-
dest Elemente ohne Unterzug eben nicht tragsicher waren. Diese Ansicht teilt im
Übrigen auch der Beschuldigte (vgl. Urk. 109 S. 3: "Der Bauführer hat ... klar er-
kannt, dass ein Plattenteil ohne Unterzug nicht tragsicher ist."). Ob ein solches si-
cheres Abbauvorgehen – mit der genannten zeitlichen Reihenfolge der Ablauf-
schritte – geplant war, ist nun im Folgenden anhand der Aussagen der Beteiligten
zu überprüfen. Unerheblich kann im Übrigen bleiben, dass der Beschuldigte ent-
gegen dem Gutachter der Ansicht ist, Elemente mit seitlichen Unterzügen seien –
offensichtlich – absturzsicher gewesen (Urk. 109 S. 2 unten).
dd) Der Beschuldigte gab anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 19. Juni 2008 an, er habe das Vorgehen mit A._ und C._ besprochen.
Er habe A._ gesagt, dass er bei dem Element ohne Unterzug sowie bei der
Dilatationsfuge aufpassen müsse und dass er eventuell eine Spriesswinde benüt-
zen müsse (Urk. 12/1 S. 5 f.). Pläne aus der Erstellungszeit mit Angaben über die
Armierung habe es nicht gegeben. Nachdem das erste Betonelement abgenom-
men worden war, sei ersichtlich gewesen, wie viel Armierung im Beton enthalten
war (Urk. 12/1 S. 3 f., S. 5). Auf Frage, was seiner Meinung nach der Grund für
das Abbrechen des 8. Betonelements war, führte der Beschuldigte aus, dass sich
erstens A._ auf dem Element befunden habe, dass zweitens problematisch
gewesen sei, dass beide Querschnitte bereits gemacht worden seien, dass das
- 21 -
Element drittens keinen Unterzug gehabt habe, dass es viertens nicht mit einem
Spriess gestützt gewesen sei und es fünftens eine andere Armierung gehabt habe
als die anderen Elemente. Er denke, dass der fünfte Grund der Hauptgrund ge-
wesen sei nebst dem, dass A._ selber auf dem Element war (Urk. 12/1
S. 6 f.). Bei der Staatsanwaltschaft am 15. März 2010 erklärte der Beschuldigte,
dass sie – er und A._ – bei der Festlegung der Grösse der Elemente festge-
stellt hätten, dass der Abstand der Unterzüge teilweise grösser gewesen sei als
die berechneten Elemente. Sie hätten gesehen, dass es an einem Ort keinen Un-
terzug gehabt habe, und dass man beim letzten Element nicht habe schneiden
können, weil man sonst in den benachbarten Gebäudekörper geschnitten hätte.
Er habe A._ gesagt, dass er bei der Dilatationsfuge und bei dem Element
ohne Unterzug aufpassen müsse sowie beim letzten Element, welches man mit-
tels eines Bohrgerätes von unten habe abtrennen müssen. Er habe gesagt, dass
man bei diesen drei Elementen unterspriessen müsse (Urk. 12/2 S. 7). Anlässlich
der Einvernahme vom 24. März 2011 erklärte der Beschuldigte, dass er A._
gesagt habe, dass er das Element ohne Unterzug spriessen oder mit dem Stapler
unterstellen müsse. Warum das niemand gehört habe, wisse er nicht (Urk. 12/3
S. 2 und 4). Vor Vorinstanz bestätigte der Beschuldigte wiederum, dass er
A._ gesagt habe, bei drei Elementen "zu spriessen, d.h. stützen". Auf die
Frage, ob er, als er am Morgen des 12. Juni 2008 vor Ort und Stelle gewesen sei,
seine Anordnungen kontrolliert habe, antwortete der Beschuldigte: "Er war noch
nicht so weit mit der Arbeit". Er habe eine Spriessung sicher nicht verneint. Er ha-
be A._ sogar explizit gesagt, dass er spriessen müsse. Er habe es ja noch
nicht kontrollieren können, weil der Geschädigte mit der Arbeit noch nicht so weit
gewesen sei (Urk. 47/2 S. 2 ff.). Anlässlich der Berufungsverhandlung führte der
Beschuldigte auf Frage, ob eine Unterspriessung vorhanden gewesen sei, als er
das letzte Mal auf der Baustelle gewesen sei, aus: "Da war er dort gar noch nicht
am Arbeiten, er war noch weiter vorne am Arbeiten". Er habe sich darauf verlas-
sen, dass er eine Unterspriessung machen werde. A._ sei ein erfahrener
Bauarbeiter, der das auch mache, ohne dass er etwas sage. Er habe es aber
auch gesagt (Urk. 74 S. 4 f.).
- 22 -
ee) Der Privatkläger A._ erklärte anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 25. Juli 2008 auf die Frage, wieso es zum Sturz gekommen sei, sein Chef,
Herr B._ (der Beschuldigte), habe gesagt, der Beton habe zu wenig Eisen
enthalten. Er selber wisse nicht, warum der Beton gerissen sei. Auf Frage, wes-
halb die Betonelemente keine Stützen gehabt hätten, sagte er, das sei anschei-
nend nicht gebraucht worden. Sein Chef habe gemeint, dass dies nicht nötig sei,
da der Beton genügend Eisen habe (Urk. 10 S. 3 f.). Als Zeuge führte der Privat-
kläger am 13. Juli 2010 bei der Staatsanwaltschaft aus, am 11. Juni 2008 (dem
Tag vor dem Unfall) habe er die Elementabschnitte mit Spickschnur eingezeich-
net, so wie er sie habe einschneiden wollen. Am 12. Juni 2008 sei er um 6.30 Uhr
zum Magazin gefahren und habe dort Herrn B._ gesagt, dass ein Betonele-
ment ohne Unterzug sei. Seine Antwort sei gewesen: "Ja, was, A._". Er habe
zu B._ gesagt, es habe zu viel Eisen in der Nähe des Unterzugs, worauf die-
ser gesagt habe, dass dies ganz normal sei. Als B._ um 11.30 Uhr auf die
Baustelle gekommen sei, sei er mit ihm aufs Dach gegangen, um zu schauen. Er
habe seinem Chef dort gezeigt, dass es Fugen und ein Betonelement ohne Un-
terzug habe. Er habe gefragt, ob er unterstellen müsse, worauf B._ gesagt
habe, nein, das müsse er nicht tun (Urk. 11/1 S. 5). Ursprünglich habe B._
die Elemente auf 4 Meter berechnet, dann hätte jedes Element zwei Unterzüge
gehabt. Als man auf 3,5 Meter gewechselt habe, sei ihm aufgefallen, dass ein
Element keinen Unterzug gehabt habe. Deshalb habe er dies Herrn B._ mit-
geteilt (Urk. 11/1 S. 11). Bis dahin habe B._ keine Ahnung von einem Ele-
ment ohne Unterzug gehabt (Urk. 11/1 S. 15). Es sei ihm (dem Privatkläger) nicht
bewusst gewesen, dass es gefährlich gewesen sei, ein Element zu betreten, das
schon an zwei Seiten vor- und hinten schon zu einem Viertel angesägt war. Herr
B._ habe ihm ja auch gesagt, er müsse nicht unterstellen. Am ersten Tag sei
besprochen worden, dass es wie immer gemacht würde, indem man den Stapler
unterstelle (Urk. 11/1 S. 14 f.). Auf Frage, wo er die Ursache bzw. den Fehler für
seinen Sturz sehe, sagte der Privatkläger, er habe mit Herrn B._ viel darüber
gesprochen. Seiner Meinung nach sei in diesem Element zu wenig Eisen gewe-
sen. Auf Vorhalt, dass der Beschuldigte den Fehler bei ihm (dem Privatkläger)
sehe, erklärte der Privatkläger, der Beschuldigte habe ihm nichts von Unterstellen
- 23 -
gesagt. Als er B._ berichtet habe, dass ein Element keinen Unterzug habe,
habe dieser das Element mit ihm zusammen angeschaut und sei drauf gestanden
(Urk. 11/1 S. 16 f.).
ff) C._, welcher bis kurz vor Mittag des Unfalltags ebenfalls auf der  mit dem Abbruch des Vordachs beschäftigt und dem Privatkläger beim Be-
tonfräsen und mit dem Stapler behilflich war (Urk. 11/3 S. 2), gab als Zeuge auf
die Frage, ob der Beschuldigte ihm damals gesagt habe, dass es problematisch
sein könne, wenn ein Element des Vordaches keinen Unterzug habe, an, über
das sei nie gesprochen worden. Er höre dies zum ersten Mal. Jedenfalls sei mit
ihm nie darüber gesprochen worden (Urk. 11/3 S. 7 f.). Weiter antwortete er, über
Spriessung habe niemand gesprochen. B._ habe nichts von Spriessung ge-
sagt, zumindest ihm gegenüber nicht. Dass man nicht auf noch nicht abgesägte
Elemente, insbesondere ohne Unterzug, gehen dürfe, habe B._ nicht gesagt.
Bis zum Unfall seien sie den ganzen Tag über diese Elemente gegangen
(Urk. 11/3 S. 8).
gg) Die übrigen befragten Personen konnten keine sachdienlichen Aussagen
machen. Es kann auf die zutreffende Wiedergabe dieser Aussagen durch die Vo-
rinstanz verwiesen werden (Urk. 64 S. 16 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
hh) Bezüglich der Glaubwürdigkeit der beteiligten Personen kann ebenfalls
grundsätzlich auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen wer-
den (Urk. 64 S. 11, 14, 15 u. 17). Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass
sowohl der Beschuldigte als auch der Privatkläger ein persönliches Interesse am
Ausgang des vorliegenden Verfahrens haben. Dies macht ihre Depositionen an
sich nicht per se unglaubhaft, es ist aber bei der Würdigung ihrer Aussagen zu
berücksichtigen. Bei der Würdigung von Aussagen ist allerdings in erster Linie die
Glaubhaftigkeit der konkreten, im Prozess relevanten Aussagen massgebend.
ii) aaa) Was die konkreten Aussagen der Beteiligten anbelangt, ist festzuhal-
ten, dass sich die Aussagen des Beschuldigten und des Privatklägers insofern
decken, als beide angaben, man habe festgestellt, dass ein Betonelement des
Vordaches keinen Unterzug gehabt habe. Ob der Beschuldigte jedoch aufgrund
- 24 -
dieser Feststellung eine Unterstellung dieses 8. Elements mittels Spriessung in
seine Planung aufnahm und diese auch anordnete, ist fraglich. Bereits die ersten
Aussagen des Beschuldigten bei der Polizei am 19. Juni 2008 lassen hieran Zwei-
fel aufkommen. Damals gab er an, dem Privatkläger gesagt zu haben, dass er
beim Element ohne Unterzug aufpassen und eventuell eine Spriesswinde benüt-
zen müsse (Urk. 12/1 S. 5). Eine verbindliche Instruktion tönt indes anders. Erst
bei der Staatsanwaltschaft am 15. März 2010 – fast zwei Jahre später – will er
ganz klar gesagt haben, dass man unterspriessen müsse (Urk. 12/2 S. 7). Ein
weiteres Jahr später, am 24. März 2011, war das Spriessen dann wiederum nur-
mehr eine von zwei Möglichkeiten: Der Beschuldigte sprach dort davon, dass er
A._ gesagt habe, dass er dieses Element spriessen oder mit dem Stapler un-
terstellen müsse; "man hätte auch mit einem Stapler direkt unterstellen und dann
schneiden können" (Urk. 12/3 S. 2).
bbb) Weiter ist auffällig, dass sowohl der Beschuldigte als auch der Privatkläger in
ihren ersten Aussagen – welchen aufgrund der zeitlichen Nähe zum Ereignis ge-
meinhin erhöhte Bedeutung beizumessen ist – mehrfach auf die angeblich man-
gelnde Bewehrung bzw. Armierung des abgebrochenen 8. Elements hinwiesen.
Der Beschuldigte erklärte, nach der Abnahme des ersten Elements sei ersichtlich
gewesen, wie viel Armierung darin enthalten war. Man habe nicht ahnen können,
dass ein Element weniger Armierungen aufweisen würde. Er nannte in der Folge
als Hauptgrund für das Abbrechen die "andere Armierung" des 8. Elements; "an-
hand von den ersten Elementen hätte dies nicht passieren dürfen" (Urk. 12/1 S. 4
und 6 f.). Diese Aussagen lassen es zumindest als möglich erscheinen, dass der
Beschuldigte aufgrund der Armierung des ersten Elements auf die Armierung der
übrigen schloss, was angesichts des Fehlens eines Armierungsplanes zweifellos
ein nicht ganz risikoloses Vorgehen war, und dass er darüber hinaus die Armie-
rung für ausreichend taxierte und ein Spriessen entsprechend für unnötig hielt
(was nicht den Regeln der Baukunst entsprach, nachdem der Gutachter festge-
stellt hat, dass die Tragwirkung hier vor allem von Unterzug zu Unterzug erbracht
wurde, was der Beschuldigte nunmehr wiederum anerkannt hat; Urk. 77 S. 5,
Urk. 109 S. 3 Abs. 3). Übereinstimmend erklärte denn auch der Privatkläger, sein
Chef habe gemeint, dass ein Abstützen der Elemente nicht nötig gewesen sei, da
- 25 -
der Beton genügend Eisen habe. Herr B._ habe ihm im Spital gesagt, es ha-
be nur sieben Eisen gehabt mit 6 oder 8 mm Durchmesser (Urk. 11/1 S. 16). Da-
rauf, dass möglicherweise tatsächlich ein Abbauverfahren ohne Spriessung ge-
plant war, deutet ferner auch die Tatsache hin, dass keiner der Beteiligten je Aus-
sagen betreffend Typ und Anzahl der notwendigen Spriesse machte und auch
von einer Spriessmaterial-Bereitstellung nirgends konkret die Rede war.
ccc) Schliesslich lässt sich aber aus der chronologischen Abfolge der Ereignisse
klar ableiten, dass der Beschuldigte ein Spriessen des 8. Elements weder geplant
noch A._ entsprechend instruiert hatte. Der Beschuldigte führte aus, er habe
mit A._ und C._ das Vorgehen besprochen, dass man die Elemente mit
dem Stapler abtransportiere (Urk. 12/1 S. 6). Auch die nötigen Sicherheitsvorkeh-
ren seien "im Detail" besprochen worden (Urk. 77 S. 8). A._ führte aus, sein
Chef habe ihm keine Anweisungen gegeben, in welcher Reihenfolge er die Ele-
mente zu schneiden hatte. Das Vorwegeinschneiden quer zum Dachverlauf wür-
den sie immer so machen. Er habe das so gelernt und mache das seit 15 Jahren
so (Urk. 11/1 S. 8 und 13). Am Morgen des 12. Juni 2008 habe er das Vordach in
Elemente geschnitten. Sie hätten aber immer so gearbeitet, dass sie nur so viel
Beton eingeschnitten hätten, wie sie an diesem Tag hätten entfernen können,
wegen der Sicherheit (Urk. 10 S. 3 f.). Dass aber auch der Beschuldigte den übli-
chen Arbeitsablauf des Privatklägers bei solchen Fräsarbeiten kannte, obwohl er
ihm hinsichtlich der Reihenfolge keine Anweisungen gegeben hatte, erhellt aus
seiner polizeilichen Aussage, wonach A._ Quer- oder auch Einschnitte in das
Betonvordach gemacht habe. Dann habe er mit den Längsschnitten begonnen
und ein Element nach dem anderen weggefräst (Urk. 12/1 S. 6). Damit ist schon
an dieser Stelle festzuhalten, dass Aussagen des Beschuldigten, in welchen er
diese von ihm selbst abgesegnete Vorgehensreihenfolge in Frage stellte, nicht
überzeugen können. Es hilft ihm nicht weiter (im Gegenteil), es nachträglich als
"problematisch" zu bezeichnen, dass beim 8. Element beide Querschnitte schon
gemacht worden waren (Urk. 12/1 S. 6) – wenn dies doch von ihm so geplant war.
Es bringt nichts mehr, darauf hinzuweisen, dass man auch mit einem Stapler di-
rekt hätte unterstellen und (erst) dann hätte schneiden können (Urk. 12/3 S. 2) –
es war von ihm anders geplant. Er handelte in der Berufungsverhandlung eine
- 26 -
reine Hypothese ab, als er ausführte, dass es, wenn man den Querschnitt noch
nicht gemacht hätte, "schon gehalten" hätte, da man ja "zwei Seiten tragend" ge-
habt hätte (Urk. 74 S. 5 f.): Das von ihm selbst geplante und gebilligte Vorgehen
sah vor, dass zuerst beide Querschnitte gemacht wurden und die Elemente dann
nur noch an der Hinterseite mit der Dachkante verbunden waren – mit dem Resul-
tat, dass damit zumindest das 8. Element ohne Unterzug eben nicht mehr tragsi-
cher war (Urk. 99 S. 8). Zu klären bleibt die Frage, wie viele Elemente der Privat-
kläger an diesem Tag des 12. Juni 2008 bereits quer vorgesägt hatte, wenn er
immer nur so viel Beton einschnitt, wie er an diesem Tag entfernen konnte. Wenn
auch reichlich vage, so behauptete der Beschuldigte doch anlässlich der Beru-
fungsverhandlung immerhin, er glaube, es seien noch nicht alle Querschnitte ge-
macht gewesen, als er am Unfalltag um die Mittagszeit auf der Baustelle gewesen
sei – wobei er es "nicht genau" sagen könne, da er es "nicht so genau" gesehen
habe (Urk. 74 S. 8). Die Antwort auf die Frage geben die polizeilichen Fotos in
Urk. 2 S. 10: Darauf sind mindestens zwei weitere schon vorgenommene Quer-
schnitte deutlich zu erkennen (vgl. auch die Bildlegende der Polizistin: "wurde be-
reits eingesägt"). Daraus folgt, dass die Querschnitte bis zum 10. Element schon
gemacht waren, als der Beschuldigte am Unfalltag nochmals auf der Baustelle
war – wovon er ja aber auch ausging und ausgehen musste, da dies dem von ihm
angeordneten Vorgehen entsprach (vgl. Urk. 12/1 S. 6 Antwort 29). Hieraus ergibt
sich nun, dass die mehrfach (vgl. Urk. 47/2 S. 3 f.; Urk. 74 S. 4) und zuletzt in der
Stellungnahme zum Gutachten geäusserten Thesen des Beschuldigten und der
Verteidigung, dass die Überprüfung der Spriessung nicht möglich war, weil die
Abbrucharbeiten über Mittag noch nicht so weit fortgeschritten waren, dass sie
bereits hätten ausgeführt sein müssen (Urk. 109 S. 3), und dass er bei seinem
letzten Besuch auf der Baustelle "selbstverständlich" gesehen habe, dass das
8. Element noch nicht gespriesst gewesen sei, dass er aber davon habe ausge-
hen dürfen, dass "wie üblich nach Baufortschritt von Element zu Element" die
notwendigen Arbeiten ausgeführt worden wären (Urk. 109 S. 7), ins Leere zielen
und sich als blosse Schutzbehauptungen entpuppen. Die Spriessung oder Unter-
stellung zumindest des 8. Elements hätte – wie vom Gutachter nachvollziehbar
ausgeführt (vgl. oben Erw. II.2.3.5. a) cc)) – vor Ausführen der beiden Querschnit-
- 27 -
te erfolgen müssen und nicht erst bei dessen Abtrennung vom Gebäude, zumal
es dann ohnehin durch den Stapler gestützt und in der Folge von diesem ab-
transportiert worden wäre. Hätte der Beschuldigte dies lege artis so geplant, dann
hätte er spätestens am Unfalltag, als er "selbstverständlich" erkannte, dass das
8. Element nicht gespriesst war, umgehend veranlasst, dass dies sofort nachge-
holt worden wäre, zumal er gemäss den Angaben von D._ und C._ so-
gar wusste, dass beide oft bzw. zwangsläufig über die angesägten Elemente ge-
hen mussten (Urk. 11/1 S. 17; Urk. 11/3 S. 8). Dass er dies aber nicht veranlass-
te, bedeutet, dass er es auch nicht so geplant (und auch nicht so kommuniziert)
hatte. Damit hat der Beschuldigte nachweislich seine vorgeschriebenen Pla-
nungspflichten verletzt.
jj) Bei dieser Beweislage kommt den Aussagen der weiteren Beteiligten unterge-
ordnete Bedeutung zu, insbesondere der zugegebenermassen etwas wider-
sprüchlichen Passage in den Aussagen des Privatklägers in der staatsanwalt-
schaftlichen Einvernahme vom 13. Juli 2010, als er glauben machen wollte, nicht
gewusst zu haben, welchem Zweck Unterzüge dienen, und gar nicht auf die Idee
gekommen sei, dass Elemente ohne Unterzüge schlechter abgestützt seien
(Urk. 11/1 S. 10 f.). Ob er dabei sein Verhalten, das an zweieinviertel Seiten ab-
oder angesägte 8. Element ohne Unterzug betreten zu haben, in ein besseres
Licht rücken wollte, weil er befürchtete, dadurch vielleicht Nachteile zu erleiden,
kann aber wie gesagt offen bleiben. Dies auch, weil die übrigen Aussagen des
Privatklägers keinen Anlass zu Bemerkungen geben. Sie sind konstant, indem er
etwa immer wieder unmissverständlich ausführte, B._ habe ihm gesagt, er
müsse nicht unterstellen. Sie sind auch anschaulich und authentisch, etwa die
mehrfach geäusserte Bemerkung, B._ habe auf seinen Hinweis, dass ein
Element ohne Unterzug sei, geantwortet: "Ja was, A._" (Urk. 11/1 S. 5 und
11). Auch die Zeugenaussagen von C._ lassen Zweifel an einer pflichtge-
mässen Planung und Instruktion durch den Beschuldigten aufkommen, indem
dieser die Aussagen des Privatklägers insofern bestätigte, als er klar in Abrede
stellte, dass jemals über eine Unterstellung bzw. Spriessung von Elementen ge-
sprochen worden sei (Urk. 11/3 S. 8).
- 28 -
c) Überwachung
Ausführungen zur Überwachungspflicht des Beschuldigten (vgl. oben
Erw. II.2.3.4. d) erübrigen sich daher grundsätzlich. Der Klarheit halber ist Fol-
gendes zu ergänzen: Selbst wenn davon auszugehen gewesen wäre, dass der
Beschuldigte seinen Planungs- und Instruktionspflichten nachgekommen wäre, so
hätte er sich immer noch den Vorwurf der Verletzung seiner Überwachungspflich-
ten gefallen lassen müssen. Um diesen nachzukommen, wäre es insbesondere
seine Pflicht gewesen, spätestens am Unfalltag, als er um ca. 11.30 Uhr auf der
Baustelle war, zu kontrollieren, ob die Spriessung der besagten Vordachelemente
erfolgt war. Wie vorstehend ausgeführt (vgl. oben Erw. II.2.3.5. a) ii) ccc)), hätte
die Spriessung zu diesem Zeitpunkt notwendigerweise stehen müssen. Indem der
Beschuldigte zu diesem Zeitpunkt die umgehende Spriessung nicht anordnete,
wäre er auch seinen vorgeschriebenen Kontrollpflichten nicht nachgekommen.
2.3.6. Fazit
Dem Beschuldigten ist demnach vorzuwerfen, dass er es unter Missachtung sei-
ner gesetzlichen und privaten Planungspflichten unterliess, ein Abbauvorgehen
mit der notwendigen Spriessung zumindest des 8. Vordachelements ohne Unter-
zug vorzusehen.
2.4. Vorhersehbarkeit / Adäquanz
2.4.1. Grundvoraussetzung für das Bestehen einer Sorgfaltspflichtverletzung bil-
det überdies die Vorhersehbarkeit des Erfolgs. Der Vorwurf mangelnder Planung
ist demnach erst dann weiter in Betracht zu ziehen, wenn davon ausgegangen
werden muss, dass die unterlassene Planung für den Unfall des Privatklägers
auch adäquat kausal war. Die zum Erfolg führenden Geschehensabläufe müssen
für den konkreten Täter mindestens in ihren wesentlichen Zügen voraussehbar
gewesen sein, was wiederum nach seinen persönlichen Verhältnissen und den
Umständen des konkreten Einzelfalls zu beurteilen ist. Daher ist zu fragen, ob der
Täter damals im Zeitpunkt des Handelns bzw. Unterlassens (ex ante) eine Ge-
fährdung der Rechtsgüter des Privatklägers hätte erkennen können und müssen.
Für die Beantwortung dieser Frage gilt der Massstab der Adäquanz. Danach
- 29 -
muss das Verhalten geeignet sein, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und
den Erfahrungen des Lebens einen Erfolg wie den eingetretenen herbeizuführen
oder mindestens zu begünstigen (BGE 135 IV 64, Erw. 2.1). Das Verhalten des
Täters braucht daher nicht die einzige oder unmittelbare Ursache der Schädigung
zu sein. Unerheblich ist auch, ob der Täter hätte bedenken können und sollen,
dass sich die Ereignisse gerade so abspielen würden, wie sie sich dann zugetra-
gen haben (Donatsch/Flachsmann/Hug/Weder, StGB Kommentar, 19. Aufl., Zü-
rich 2013, Art. 12 N 22). Die Vorhersehbarkeit ist nur zu verneinen, "wenn ganz
aussergewöhnliche Umstände, wie das Mitverschulden eines Dritten beziehungs-
weise eines Dritten oder Material- oder Konstruktionsfehler, als Mitursache hinzu-
treten, mit denen schlechthin nicht gerechnet werden musste und die derart
schwer wiegen, dass sie als wahrscheinlichste und unmittelbarste Ursache des
Erfolgs erscheinen und so alle anderen mitverursachenden Faktoren – namentlich
das Verhalten des Beschuldigten – in den Hintergrund drängen" (BGE 135 IV 64,
Erw. 2.1). Das Verhalten eines Geschädigten oder eines Dritten vermag im Nor-
malfall den adäquaten Kausalzusammenhang zwischen Schaden und Verhalten
(bzw. Unterlassen) des Schädigers selbst dann nicht zu beseitigen, wenn das
Verschulden des Geschädigten oder des Dritten dasjenige des Schädigers über-
steigt (BGE 116 II 519, Erw. 4b).
2.4.2. Vom Beschuldigten wird in diesem Zusammenhang eingewendet, der Pri-
vatkläger habe den Unfall selber verschuldet, da er wissentlich auf ein Betonele-
ment ohne Unterzug und ohne Abstützung gestanden sei, welches zudem hinten
zum Gebäudekörper bereits ein wenig eingeschnitten gewesen sei (Urk. 12/2 S.
9; Urk. 12/3 S. 4; vgl. Urk. 109 S. 8).
2.4.3. Der Beschuldigte hätte als ausgebildeter Bauführer zum damaligen Zeit-
punkt erkennen können und müssen, dass ein beidseitig (und hier zudem hinten
teilweise) abgesägtes Betonelement ohne Unterzug nicht tragsicher war und da-
her eine Gefährdung für Leib und Leben des Privatklägers und seines Kollegen
darstellte. Dies gilt umso mehr, als er auch wusste, dass bei der vorgesehenen
Abbaumethode der Überschnitt Teil des Arbeitsablaufs und erforderlich war, um
- 30 -
den angrenzenden dickeren Unterzug des vorangehenden Vordachelementes
durchfräsen zu können (Urk. 11/1 S. 8; vgl. Urk. 8/1-3 2d).
2.4.4. Was den Einwand des Beschuldigten angeht, so ist diesbezüglich noch-
mals (vgl. bereits oben Erw. II.2.3.4. d) cc)) festzuhalten, dass es sich beim Pri-
vatkläger zwar um einen erfahrenen, als Vorarbeiter angestellten Mitarbeiter auf
dem Gebiet Beton-Bohrer-Fräse handelte, der seit 1988 für die H._ AG auf
dem Bau arbeitete. Der Privatkläger verfügte jedoch weder über eine fachspezifi-
sche Ausbildung noch über Kenntnisse betreffend Statik, was der Beschuldigte
wusste (Urk. 10 S. 1 f.; Urk. 12/2 S. 6). Es war daher nicht Aufgabe des Privatklä-
gers, das Risiko des Betretens eines nicht unterzogenen Vordachelementes ohne
Unterstellung und bereits mit einem Einschnitt hinten zum Gebäudekörper einzu-
schätzen. Vielmehr war es alleine die Sache des Arbeitgebers bzw. des Baufüh-
rers, die Sicherheitsrisiken abzuklären und die entsprechenden Massnahmen zur
Sicherheit der Arbeitnehmer zu treffen. Es wäre somit die Pflicht des Beschuldig-
ten gewesen, Vorkehren zu treffen, damit auch das 8. Element tragfähig geblie-
ben wäre. Wenn er dem Privatkläger aber sagte, dass eine Spriessung nicht not-
wendig sei, so durfte sich dieser auf diese Einschätzung des Fachmanns verlas-
sen. Damit hätte es für den vielleicht 80 kg schweren Privatkläger kein Problem
darstellen sollen, auf das auf zweieinviertel Seiten an- bzw. durchgesägte
8. Element zu stehen: War das rund 3 Tonnen schwere Element nach Angaben
des Beschuldigten tragsicher, so hätte sich bei einer generellen Tragsicherheit im
Stahlbetonbau von mindestens 1,8 – entsprechend 180 % des Gewichts – eine
unwesentliche Zusatzlast von weniger als 3 % des Gewichts ergeben (vgl. Urk. 99
S. 13). Und selbst wenn der Privatkläger die Gefahr des nicht unterzogenen Vor-
dachelementes gekannt hätte und trotzdem während der Arbeit wissentlich auf
dieses Betonelement gestanden wäre, wäre dies nicht ein derart aussergewöhnli-
ches Fehlverhalten, dass es die Pflichtverletzung des Beschuldigten in den Hin-
tergrund drängen würde.
2.4.5. Die vom Beschuldigten unterlassene Planung der Spriessung des 8. Vor-
dachelements ohne Unterzug ist somit adäquat kausal für dessen Abbruch und
damit auch für die dem Privatkläger durch den Sturz entstandenen Verletzungen.
- 31 -
2.5. Vermeidbarkeit / Relevanz
2.5.1. Damit der Eintritt des Erfolgs auf das pflichtwidrige Verhalten des Täters zu-
rückzuführen ist, genügt allerdings seine blosse Vorhersehbarkeit nicht. Vielmehr
muss der Erfolg für den Täter auch vermeidbar gewesen sein. Dabei wird ein hy-
pothetischer Kausalverlauf untersucht, und es wird geprüft, ob der Erfolg aufgrund
aller im jetzigen Zeitpunkt (ex post) bekannten Umstände bei pflichtgemässem
Verhalten des Täters ausgeblieben wäre. Dabei genügt es für die Zurechnung des
Erfolgs, wenn das Verhalten des Täters mindestens mit einem hohen Grad der
Wahrscheinlichkeit die Ursache des Erfolges bildete (BGE 135 IV 65, Erw. 2.1
und 2.2; Donatsch/Flachsmann/Hug/Weder, a.a.O., Art. 12 N 26).
2.5.2. Sowohl im Gutachten wie auch durch den Beschuldigten selber wurde aus-
geführt, dass der Unfall des Privatklägers mit Unterstellen bzw. Spriessen des Be-
tonelementes ohne Unterzug hätte verhindert werden können (Urk. 12/1 S. 6;
Urk. 12/2 S. 10; Urk. 99 passim). Es ist somit unbestritten und lässt sich nicht von
der Hand weisen, dass der Unfall und damit die Verletzungen des Privatklägers
durch die Planung und Durchführung der Spriessung vermeidbar gewesen wäre.
2.6. Erfolg
Der Privatkläger zog sich beim Sturz vom Vordach aus 4.40 Metern Höhe schwer-
wiegende Verletzungen insbesondere an der Wirbelsäule und am Rückenmark
zu, welche bleibende körperliche Beeinträchtigungen zur Folge haben, wie insbe-
sondere eine Fuss- und Zehenheberschwäche rechts, Gefühlsstörungen im Ver-
sorgungsgebiet des rechten Beins und eine gestörte Kontinenz sowie eine voll-
ständige Impotenz. Auch dürfte der Privatkläger nie mehr arbeitsfähig sein
(Urk. 46 S. 8 f.). Angesichts dieser irreversiblen körperlichen Beeinträchtigungen
und der bleibenden Arbeitsunfähigkeit des Privatklägers sind seine durch den
Sturz erlittenen Verletzungen ohne Weiteres als schwer im Sinne von Art. 125
Abs. 2 StGB zu qualifizieren.
- 32 -
2.7. Ergebnis
Der Beschuldigte hat sich demnach, indem er es pflichtwidrig unterliess, eine
Spriessung des nicht unterzogenen 8. Vordachelements in seine Planung einzu-
beziehen, der fahrlässigen schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 125
Abs. 2 StGB schuldig gemacht.
3. Fahrlässige Gefährdung durch Verletzung der Regeln der Baukunde i.S.v. Art. 229 Abs. 2 StGB
3.1. Gemäss Art. 229 Abs. 2 StGB macht sich eine an einem Bauwerk beteiligte
Person der Gefährdung durch Verletzung der Regeln der Baukunde strafbar,
wenn sie durch eine Handlung oder Unterlassung pflichtwidrig anerkannte Regeln
der Baukunde ausser Acht lässt und dadurch jemanden einer Todes- oder Verlet-
zungsgefahr aussetzt. Dabei handelt auch fahrlässig, wer die Gefahr trotz gebo-
tener Sorgfalt nicht erkennt (BGE 90 IV 246, Erw. 4).
3.2. Der Beschuldigte war damals wie bereits dargelegt für die Firma H._
AG der verantwortliche Bauführer für die Sanierung des Werkgebäudes F._,
weshalb er als Täter dieses Sonderdeliktes in Frage kommt. Zudem kam dem Be-
schuldigten als Bauführer auch gegenüber dem Bauarbeiter G._ eine Garan-
tenstellung zu. Es kann diesbezüglich auf die vorangehenden Ausführungen unter
Erw. II.2.2.2. verwiesen werden. Nach Art. 60 Abs. 1 und 2 lit. d BauAV müssen
bei Rückbau- und Abbrucharbeiten die Sicherheitsrisiken abgeklärt und Mass-
nahmen getroffen werden, um zu verhindern, dass Arbeitnehmerinnen und Ar-
beitnehmer durch herumfliegendes, herunter- und einstürzendes Material getrof-
fen werden. Auch diese Regel der Baukunde wurde vorliegend vom Beschuldig-
ten nicht eingehalten, indem er es pflichtwidrig unterliess, eine Spriessung des
nicht unterzogenen 8. Vordachelements in seine Planung aufzunehmen. Es kann
diesbezüglich auf die Ausführungen unter Erw. II.2.3.4. und II.2.3.5. oben verwie-
sen werden. Da der ebenfalls mit dem Abbruch des Vordachs beschäftigte Bau-
arbeiter G._ im Unfallzeitpunkt als Staplerfahrer unmittelbar neben der Ab-
sturzstelle beschäftigt war und vom herunterstürzenden Vordachelement hätte ge-
troffen und gravierend verletzt werden können, brachte die durch den Beschuldig-
- 33 -
ten nicht pflichtgemäss vorgenommene Planung der Spriessung diesen in erheb-
liche Gefahr. Diese Gefährdung von G._ war zudem für den Beschuldigten
ohne Weiteres voraussehbar, nachdem er wusste bzw. hätte wissen müssen,
dass die Bauarbeiter während der Arbeit zwangsläufig über die quer zum Vordach
eingeschnittenen Betonelemente gehen mussten und dass G._ im Unfall-
zeitpunkt als Staplerfahrer unmittelbar neben dem nicht unterzogenen Vorda-
chelement beschäftigt war. Dass die Gefährdung von G._ durch die Planung
der Spriessung des abgebrochenen nichtunterzogenen Vordachelementes am
Unfalltag vermeidbar gewesen wäre, liegt auf der Hand. Da demnach neben der
verletzten Person eine weitere Person gefährdet wurde, steht Art. 229 Abs. 2
StGB vorliegend in echter Konkurrenz mit Art. 125 Abs. 2 StGB.
3.3. Der Beschuldigte hat sich somit zudem der fahrlässigen Gefährdung durch
Verletzung der Regeln der Baukunde im Sinne von Art. 229 Abs. 2 StGB schuldig
gemacht.
III. Strafe
1. Strafrahmen
1.1. a) Bei der Strafzumessung ist zunächst der abstrakte Strafrahmen zu be-
stimmen. Für die Festlegung des Strafrahmens bei mehreren Straftatbeständen
ist auf die Strafe der schwersten Tat abzustellen (Art. 49 Abs. 1 StGB).
b) Die vorliegend erfüllten Straftatbestände der fahrlässigen schweren Kör-
perverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB und der fahrlässigen Gefähr-
dung durch Verletzung der Regeln der Baukunde im Sinne von Art. 229 Abs. 2
StGB werden beide als Vergehen mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder
Geldstrafe bestraft. Der ordentliche Strafrahmen für diese Vergehen, von wel-
chem vorliegend auszugehen ist, reicht demnach von einem Tagessatz Geldstra-
fe bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe (Art. 34 Abs. 1 und 2 StGB und Art. 40 StGB).
1.2. Die vorliegende Deliktsmehrheit kann sich grundsätzlich strafschärfend
auswirken und gemäss Art. 49 Abs. 1 StGB den oberen Strafrahmen auf bis zu
- 34 -
4 1⁄2 Jahre Freiheitsstrafe öffnen. Da sich die Strafe vorliegend nicht am oberen
Rand des ordentlichen Strafrahmens bewegt, besteht jedoch kein Anlass, den or-
dentlichen Strafrahmen zu verlassen (vgl. BGE 136 IV 55 E. 5.8). Die Delikts-
mehrheit ist daher im Rahmen der Tatkomponente straferhöhend zu berücksichti-
gen (Donatsch/Flachsmann/Hug/Weder, a.a.O., N 4 zu Art. 48a). Strafmilde-
rungsgründe sind keine ersichtlich.
1.3. Aus dem Prinzip der Verhältnismässigkeit ergibt sich, dass bei alternativ
zur Verfügung stehenden Sanktionen (Freiheitsstrafe/Geldstrafe) im Regelfall die-
jenige gewählt werden soll, die weniger stark in die persönliche Freiheit des Be-
troffenen eingreift bzw. die ihn am wenigsten hart trifft. Bei der Wahl der Sankti-
onsart ist als wichtiges Kriterium die Zweckmässigkeit einer bestimmten Sanktion,
ihre Auswirkungen auf den Täter und sein soziales Umfeld sowie ihre präventive
Effizienz zu berücksichtigen (BGE 134 IV 82 E. 4.1.). Vorliegend ist die Geldstrafe
angesichts der nachfolgend auszufällenden Strafhöhe die zweckmässigere Sank-
tionsart. Der Beschuldigte ist daher mit einer Geldstrafe zu bestrafen.
2. Strafzumessung
2.1. Innerhalb des massgebenden Strafrahmens ist die Strafe nach dem Ver-
schulden des Täters zu bemessen, wobei insbesondere auch das Vorleben und
die persönlichen Verhältnisse, die Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters
sowie sein Verhalten nach der Tat und im Strafverfahren zu berücksichtigen sind
(Art. 47 Abs. 1 StGB).
2.2. Tatkomponente
2.2.1. a) Vorerst ist die objektive Tatschwere als Ausgangskriterium für die Ver-
schuldensbewertung festzulegen. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass sich der
Privatkläger durch den Sturz vom Vordach aus rund 4.40 Meter Höhe diverse
Frakturen der Lendenwirbelkörper 2 - 5 sowie des Steissbeins, eine wenig dislo-
zierte Fraktur am rechten Fuss und eine Kontusion der rechten Hand zuzog. Zu-
dem erlitt er dabei im neurologischen Bereich eine Schädigung der 5. lumbalen
Wurzel rechts mit entsprechender Lähmung der Fussheberfunktion, eine leichte
- 35 -
Verletzung der 1. sakralen Wurzel mit Gefühlsstörungen im dazugehörenden Ver-
sorgungsgebiet des rechten Beins und Verletzungen am unteren Ende des Rü-
ckenmarks auf Höhe des 1. und 2. Lendenwirbels mit der Folge einer gestörten
Stuhl- und Urinentleerung sowie vollständiger Impotenz (Urk. 15/9 S. 1 f.). Diese
Verletzungen waren für den Privatkläger mit starken Rücken- und Kopfschmerzen
verbunden (Urk. 15/9 S. 2). Eine unmittelbare Lebensgefahr für den Privatkläger
bestand jedoch nicht, allerdings war eine rasche medizinische Versorgung erfor-
derlich (Urk. 15/9 S. 3). Der Heilverlauf nahm über drei Jahre in Anspruch, wobei
erhebliche körperliche Beeinträchtigungen blieben, wie insbesondere eine Fuss-
und Zehenheberschwäche rechts und Gefühlsstörungen im Versorgungsgebiet
des rechten Beins, eine zwar verbesserte, aber nach wie vor gestörte Kontinenz
sowie eine vollständige Impotenz. Auch dürfte der Privatkläger nie mehr arbeits-
fähig sein (Urk. 46 S. 8 f.). Zudem ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte in
seiner Funktion als Bauführer mit langjähriger Erfahrung eine wesentliche Sorg-
faltspflicht verletzte; sollte doch die Sicherheit seiner Bauarbeiter oberste Priorität
haben. Sein Vorgehen war nachlässig, wenn nicht gar achtlos; hätte doch nach
Einschätzung des Gutachters (welche der Beschuldigte nunmehr teilt; Urk. 109
S. 3) jedem Baufachmann, z.B. einem Maurer, Eisenleger, Polier und somit erst
recht einem Bauführer wie dem Beschuldigten, klar sein müssen, dass eine
Stahlbetonkragplatte wie diejenige des Werkgebäudes F._ primär von den
Unterzügen bzw. den Unterzugsbereichen getragen wird, und dass die Tragwir-
kung der Platte vor allem von Unterzug zu Unterzug erbracht wird (Urk. 99 S. 7).
Dass er die notwendige Spriessung insbesondere des 8. Elements dennoch nicht
in seine Planung einbezog, wiegt demnach erheblich.
b) Straferhöhend ist wie bereits erwähnt die Deliktsmehrheit zu berücksichti-
gen. Die pflichtwidrige Unterlassung des Beschuldigten führte nicht nur dazu,
dass sich der Privatkläger schwer verletzte, sondern brachte auch den ebenfalls
mit dem Abbruch des Vordachs beschäftigten Bauarbeiter G._ in erhebliche
Gefahr, da dieser im Unfallzeitpunkt als Staplerfahrer unmittelbar neben der Ab-
sturzstelle beschäftigt war und vom herunterstürzenden Vordachelement hätte ge-
troffen und gravierend verletzt werden können.
- 36 -
c) Aufgrund dieser Erwägungen ist die objektive Tatschwere innerhalb des
für den Tatbestand der fahrlässigen schweren Körperverletzung zur Verfügung
stehenden Strafrahmens (ein Tagessatz Geldstrafe bis drei Jahre Freiheitsstrafe)
und damit auch im Vergleich mit anderen derartigen Delikten als keineswegs
leicht einzustufen.
2.2.2. Hinsichtlich der subjektiven Tatschwere ist festzuhalten, dass der Beschul-
digte nicht bewusst fahrlässig handelte.
2.2.3. In Würdigung der objektiven und subjektiven Tatschwere ist eine hypotheti-
sche Einsatzstrafe von rund 90 Tagessätzen Geldstrafe angemessen.
2.3. Täterkomponente
2.3.1. Die Täterkomponente umfasst das Vorleben des Beschuldigten, seine per-
sönlichen Verhältnisse sowie sein Verhalten nach der Tat und im Strafverfahren
(Art. 47 Abs. 1 Satz 2 StGB).
2.3.2. a) Was das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten
betrifft, lässt sich den Akten sowie seinen Ausführungen anlässlich der Haupt-
und Berufungsverhandlung im Wesentlichen Folgendes entnehmen: Der Be-
schuldigte wurde am tt. Juni 1965 in ... geboren und wuchs bei seinen Eltern in
der Region Winterthur bzw. F._ auf. Er besuchte die Primar- und Sekundar-
schule und machte anschliessend eine Hochbauzeichnerlehre. Daneben absol-
vierte er die Berufsmittelschule. Anschliessend begann er ein Architekturstudium
am Technikum, brach dieses jedoch nach einem Dreivierteljahr ab. 1986 bis 1988
machte er eine Maurerzusatzlehre bei der H._ AG und absolvierte anschlies-
send die Bauführerschule in Aarau. Nachdem er zunächst im Hochbaubereich als
Bauführer tätig war, trat er 1995/96 die Stelle als Bauführer bei der H._ AG
an (Urk. 12/1 S. 2 f.; Urk. 12/3 S. 10 f.; Urk. 74 S. 1 ff.).
b) Der Beschuldigte ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von heute 17 und
19 Jahren. Sein jährliches Nettoeinkommen beträgt Fr. 130'000.–. Daneben ver-
dient er bei der Feuerwehr rund Fr. 2'000.– pro Jahr. Seine Frau arbeitet als Aus-
hilfe im Service und verdiente damit im Jahr 2010 rund Fr. 6'000.– pro Jahr. Der
- 37 -
Beschuldigte wohnt mit seiner Familie in einem Eigenheim. Abgesehen von den
Hypothekarschulden von rund Fr. 340'000.– hat er keine Schulden. Sein Vermö-
gen beläuft sich auf ca. Fr. 120'000.– (Urk. 12/3 S. 10 f., Urk. 71/3; Urk. 74
S. 1 ff.).
c) Der Beschuldigte ist gemäss Strafregisterauszug vom 2. Dezember 2011 nicht
vorbestraft (Urk. 66), was jedoch nach neuerer bundesgerichtlicher Rechtspre-
chung als normal anzusehen und daher nicht strafreduzierend zu berücksichtigen
ist (BGE 136 IV 1, Erw. 2.6).
d) Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich aus dem Werdegang, den per-
sönlichen Verhältnissen sowie aus dem Vorleben des Beschuldigten keine straf-
zumessungsrelevanten Faktoren ableiten lassen.
2.3.3. Da der Beschuldigte weder geständig ist noch sich einsichtig zeigt, ist ihm
hinsichtlich des Nachtatverhaltens nichts zu seinen Gunsten anzurechnen.
2.3.4. Auch eine besondere Strafempfindlichkeit, welche zu einer Strafminderung
führen würde, ist beim Beschuldigten nicht auszumachen.
2.3.5. Im Rahmen der Täterkomponente ergeben sich demnach für die Strafzu-
messung keine relevanten Faktoren.
2.4. Gesamtwürdigung
Unter Berücksichtigung sämtlicher relevanter Strafzumessungsfaktoren erscheint
eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen als angemessen. Ein Grund für die zusätzli-
che Ausfällung einer Busse ist vorliegend nicht auszumachen, zumal es sich im
vorliegenden Fall nicht um ein Delikt handelt, bei welchem die sogenannte
Schnittstellenproblematik zu berücksichtigen wäre.
3. Höhe des Tagessatzes
3.1. Das Gericht bestimmt die Höhe des Tagessatzes nach den persönlichen
Verhältnissen des Täters im Zeitpunkt des Urteils, namentlich nach Einkommen
und Vermögen, Lebensaufwand, allfällige Familien- oder Unterhaltspflichten so-
- 38 -
wie nach dem Existenzminimum. Dabei beträgt ein Tagessatz Geldstrafe höchs-
tens Fr. 3'000.– (Art. 34 Abs. 2 StGB).
3.2. Der Bemessung des Tagessatzes ist demnach das monatliche Nettoein-
kommen von rund Fr. 10'000.– (inkl. 13. Monatslohn, Kinderzulagen und Neben-
erwerb) zu Grunde zu legen (Urk. 71/3-4). Davon in Abzug zu bringen sind die zu
erwartende Steuerbelastung des Beschuldigten von schätzungsweise rund
Fr. 1'000.– pro Monat und der minimale Grundbetrag für die Lebenshaltungskos-
ten einer Familie mit zwei Kindern von Fr. 2'900.– (gemäss Kreisschreiben betr.
Richtlinien für die Berechnung des betreibungsrechtlichen Existenzminimums vom
16. September 2009). Überdies sind ihm die zu erwartenden Kosten der Kranken-
kasse (Grundversicherung) der Familie zu belassen, welche schätzungsweise
knapp Fr. 1'000.– pro Monat betragen. Gestützt auf diese Eckwerte ist der Tages-
satz im vorliegenden Fall auf Fr. 160.– festzusetzen.
4. Ergebnis
Im Ergebnis ist eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu Fr. 160.– auszufällen.
IV. Vollzug
1. Das Gericht schiebt den Vollzug einer Geldstrafe, von gemeinnütziger Arbeit
oder einer Freiheitsstrafe von mindestens sechs Monaten und höchstens zwei
Jahren in der Regel auf, wenn eine unbedingte Strafe nicht notwendig erscheint,
um den Täter von der Begehung weiterer Verbrechen oder Vergehen abzuhalten
(Art. 42 Abs. 1 StGB). Gemäss Art. 42 Abs. 1 StGB ist für die Gewährung des be-
dingten Strafvollzugs das Fehlen einer ungünstigen Prognose vorausgesetzt. Die
günstige Prognose wird demnach vermutet, sie kann aber widerlegt werden (Do-
natsch/Flachsmann/Hug/Weder, a.a.O., Art. 42 N 6; BGE 134 IV 97, Erw. 7.3;
BGE 6B_214/2007 vom 13.11.2007, Erw. 5.3.1) Besonders günstige Umstände
sind nur erforderlich, wenn der Täter innerhalb der letzten fünf Jahre vor der Tat
zu einer bedingten oder unbedingten Freiheitsstrafe von mindestens sechs Mona-
- 39 -
ten oder zu einer Geldstrafe von mindestens 180 Tagessätzen verurteilt wurde
(Art. 42 Abs. 2 StGB), was beim Beschuldigten nicht der Fall ist.
2. Der Beschuldigte weist keine Vorstrafen auf und lebt in stabilen persönlichen
Verhältnissen. Es sind keine Anhaltspunkte ersichtlich, welche eine Bewährung
bzw. Legalprognose des Beschuldigten in Frage stellen würden. Vielmehr kann
davon ausgegangen werden, dass es sich beim vorliegend zu beurteilenden Vor-
fall um einen einmaligen Vorfall handelt. Der Vollzug der auszusprechenden
Geldstrafe ist daher aufzuschieben, und es rechtfertigt sich, die Probezeit auf die
minimale Dauer von zwei Jahren festzusetzen (Art. 44 Abs. 1 StGB).
V. Zivilansprüche
1. Schadenersatz
1.1. Der Privatkläger liess anlässlich der Berufungsverhandlung beantragen,
dass der Beschuldigte ihm gegenüber dem Grundsatze nach zu Schadenersatz
inkl. Schadenszins zu verpflichten sei (Urk. 76 S. 2 und 11).
1.2. Wäre die vollständige Beurteilung des Zivilanspruchs unverhältnismässig
aufwändig, so kann das Gericht die Zivilklage nur dem Grundsatz nach entschei-
den und sie im Übrigen auf den Zivilweg verweisen (Art. 126 Abs. 3 StPO). Dies
ist insbesondere bei Delikten gegen Leib und Leben sinnvoll, wenn wegen lange
dauernden Behandlungen und Therapien sehr viel Zeit verstreichen kann, bis die
effektiven finanziellen Folgen, wie vorliegend bei einer (Teil-)Invalidität, feststehen
(Riklin, StPO Kommentar, Zürich 2010, N 6 zu Art. 126 StGB).
1.3. Dass dem Privatkläger im Sinne von Art. 41 und 46 OR Schaden erwach-
sen ist und dieser Schaden in einem adäquaten Kausalzusammenhang zu einem
widerrechtlichen und schuldhaften Verhalten des Beschuldigten steht, wurde be-
reits dargelegt. Es ist daher festzuhalten, dass der Beschuldigte dem Privatkläger
gegenüber grundsätzlich haftbar ist. Die Höhe der gesamten Kosten für Heilung,
Pflege, Betreuung etc. kann im gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch nicht abgeschätzt
- 40 -
werden. Zudem stehen auch die anzurechnenden Leistungen der Sozialversiche-
rungen noch nicht abschliessend fest. Aus diesen Gründen ist festzustellen, dass
der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger A._ aus dem Unfall vom
12. Juni 2008 dem Grundsatz nach zur Leistung von Schadenersatz verpflichtet
ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadenersatzanspruches ist
der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen.
2. Genugtuung
2.1. Des Weiteren liess der Privatkläger anlässlich der Berufungsverhandlung
beantragen, dass der Beschuldigte ihm gegenüber dem Grundsatz nach zur Be-
zahlung von Genugtuung inkl. Zins zu verpflichten sei (Urk. 76 S. 2 und 11).
2.2. Gemäss Art. 47 OR kann das Gericht bei Körperverletzung unter Würdi-
gung der besonderen Umstände dem Verletzten eine angemessene Geldsumme
als Genugtuung zusprechen. Mit der Zusprechung einer Genugtuung sollen die
immateriellen Beeinträchtigungen ausgeglichen werden. Bei einer Körperverlet-
zung ist eine Genugtuung zuzusprechen, wenn der Verletzte eine solche immate-
rielle Unbill erfährt, sei es, dass er unter starken Schmerzen leidet, aber auch,
wenn er infolge seiner Verletzung längere Zeit im Krankenhaus zu verbringen hat
oder sich mehreren Operationen unterziehen muss. Auch bleibende körperliche
Beeinträchtigungen sowie der seelische Druck wegen dauernder Arbeitsunfähig-
keit können als immaterielle Unbill qualifiziert werden, die eine Genugtuungsleis-
tung rechtfertigen (Rey, Ausservertragliches Haftpflichtrecht, 4. Aufl., Zürich 2008,
N 456). Bei der Festlegung der Höhe der Genugtuung sind verschiedene Fakto-
ren zu berücksichtigen. Im Vordergrund steht dabei die Schwere der immateriel-
len Unbill. Bei Körperverletzungen ist dabei vorab auf die Art und Schwere der
Verletzung, die Intensität und Dauer der Auswirkungen auf die Persönlichkeit der
betroffenen Person sowie auf den Grad des Verschuldens abzustellen, welches
den Schädiger am Schadensereignis trifft (BGE 116 II 733; BGE 112 II 133; BGE
108 II 432).
2.3. Unter Würdigung der Verletzungen, die sich der Privatkläger beim Sturz
zuzog, deren Folgen und der Krankengeschichte (vgl. Urk. 15/9, 15/11, 15/12 und
- 41 -
15/14, 15/17, 15/18 und 15/21; Urk. 24 S. 3 f.; Urk. 16; Urk. 47/1 S. 2) besteht
kein Zweifel am Vorliegen eines Genugtuungsanspruchs. Allerdings können auch
Genugtuungsansprüche im Sinne von Art. 126 Abs. 3 auf den Zivilweg verwiesen
werden, wie es der Privatkläger beantragt. Es besteht kein Anlass, vorliegend
über diesen Antrag hinaus zu gehen, zumal anlässlich der Berufungsverhandlung
auch keinerlei Angaben über den aktuellen körperlichen und seelischen Zustand
des Privatklägers gemacht wurden (vgl. Urk. 76 S. 11). Folglich ist festzustellen,
dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger A._ aus dem Unfall vom
12. Juni 2008 dem Grundsatz nach zur Leistung von Genugtuung verpflichtet ist.
Zur genauen Feststellung des Umfanges des Genugtuungsanspruches ist der
Privatkläger auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen.
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Untersuchung im
Betrag von insgesamt Fr. 3'395.50 (Auslagen Vorverfahren Fr. 245.50, Kosten der
Kantonspolizei Zürich Fr. 1'150.– und Gebühr für die Führung der Strafuntersu-
chung Fr. 2'000.–; vgl. Urk. 23) sowie die nicht angefochtenen und damit recht-
kräftig festgelegten Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens von Fr. 2'400.– dem
Beschuldigten aufzuerlegen (Art. 426 Abs. 1 Satz 1 StPO).
2. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist in Anwendung der Ge-
bührenverordnung des Obergerichts vom 8. September 2010 (GebV OG) auf
Fr. 4'000.– zu veranschlagen (§ 16 Abs. 1 i.V.m. § 14 Abs. 1 lit. a GebV OG). Hin-
zu kommen die Kosten des Gutachtens in Höhe von Fr. 7'840.80 (vgl. Urk. 100;
Art. 422 Abs. 1 und Abs. 2 lit. c).
3. Im Berufungsverfahren erfolgt die Auflage der Kosten in der Regel im Ver-
hältnis von Obsiegen und Unterliegen (Art. 428 Abs. 1 StPO). Da der Privatkläger
mit seinen Anträgen im Berufungsverfahren hauptsächlich durchdringt und der
Beschuldigte mit den seinen vollständig unterliegt, sind dem Beschuldigten die
Kosten des Berufungsverfahrens vollständig aufzuerlegen.
- 42 -
4. Angesichts der bereits dargelegten günstigen wirtschaftlichen Verhältnisse
des Beschuldigten (vgl. oben Erw. III.2.3.2. und III.3.2.) sind ihm ausgangsge-
mäss in Anwendung von Art. 426 Abs. 4 StPO zudem die Kosten für die unent-
geltliche Vertretung des Privatklägers A._ (vgl. Urk. 19/4) im erst- und zweit-
instanzlichen Verfahren aufzuerlegen. Vor Vorinstanz beantragte der Vertreter
des Privatklägers für das erstinstanzliche Verfahren Fr. 14'185.45 inkl. MwSt.
(Urk. 118); ausbezahlt wurden ihm von der Gerichtskasse der Vorinstanz
Fr. 14'160.95 inkl. MwSt. (Urk. 120). Für das Berufungsverfahren beantragte der
Vertreter des Privatklägers Fr. 7'715.80 inkl. MwSt. (Urk. 114 und 115). Dieser
Betrag ist auf Fr. 7'481.80 zu kürzen, da die geltend gemachten 40 Minuten für
die Rechnungsstellung nicht zu entschädigen sind (§ 22 der Verordnung über die
Anwaltsgebühren [AnwGebV] vom 8. September 2010).
5. Der von der Vorinstanz ausbezahlte und der für das Berufungsverfahren ge-
forderte, um das Gesagte gekürzte Betrag erscheinen angemessen und sind dem
Beschuldigten in dieser Höhe aufzuerlegen.