Decision ID: 541bfd0d-0307-5e63-883b-9a8015c6a278
Year: 2015
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführerin reichte am 30. Oktober 2014 bei der Gemeinde Spiez ein
Baugesuch ein für den Neubau von zwei freistehenden, doppelseitigen, unbeleuchteten
Plakatwerbeträgern F12 für Fremdreklamen auf der Parzelle Spiez Gbbl. Nr. A._
(B._Strasse 34). Die Parzelle liegt in der Mischzone 3. Gegen das Bauvorhaben
gingen keine Einsprachen ein. Die C._ AG erhob Rechtsverwahrung. Am
28. Januar 2015 erteilte die Gemeinde Spiez dem Bauvorhaben den Bauabschlag.
2. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 2. März 2015 Beschwerde bei der Bau-,
Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt die Aufhebung
des Bauabschlags vom 28. Januar 2015 und die Erteilung der Baubewilligung. Sie macht
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insbesondere geltend, dass das Reklamevorhaben mit den massgebenden Vorschriften
über die Einordnung in das Ortsbild und über die Ästhetik vereinbar sei.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet,1 führte den
Schriftenwechsel durch und holte bei der Gemeinde die Akten ein. In ihrer Stellungnahme
vom 30. März 2015 beantragte die Gemeinde sinngemäss die Abweisung der Beschwerde
vom 2. März 2015. Auf die Rechtsschriften und die Vorakten wird, soweit für den Entscheid
wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Der angefochtene Bauabschlag der Gemeinde ist ein Bauentscheid im Sinne von Art. 32 ff.
BauG2. Dieser kann gestützt auf Art. 40 Abs. 1 BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Zur Beschwerde befugt sind die
Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen ihrer Einsprachegründe und die zuständige
Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführerin, deren Baugesuch
abgewiesen wurde, ist durch den vorinstanzlichen Bauentscheid formell und materiell
beschwert und daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Zulässigkeit von freistehenden Plakatwerbeträgern
a) Die Planungs-, Umwelt- und Baukommission der Gemeinde Spiez hat an der Sitzung
vom 13. Januar 2015 beschlossen, dass verhindert werden soll, dass in der Gemeinde
Spiez freistehende Plakatwände aufgestellt werden. Begründet wird dieses Verbot mit dem
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191). 2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721).
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Schutz des Ortsbildes.3 Als Begründung für den Bauabschlag verweist die Gemeinde im
angefochtenen Entscheid und in ihrer Stellungnahme auf diesen Kommissionsbeschluss.
Die Beschwerdeführerin rügt, die Gemeinde kenne kein generelles Verbot für freistehende
Plakatwerbeträger. Ein solches, falls überhaupt rechtlich zulässig, könne auch nicht
gestützt auf einen Beschluss der Planungs-, Umwelt- und Baukommission eingeführt
werden.
b) Die Gemeinde Spiez verfügt nicht über ein separates Reklamereglement. Eine
Vorschrift, die sich spezifisch mit Reklamen und mit der Plakatierung befasst, ist im
Baureglement (GBR4) in Art. 417 enthalten. Diese Vorschrift lautet wie folgt: „Reklamen und Plakatierung 1 Reklamen sind so anzuordnen, dass sie das Landschafts-, Orts- und Strassenbild,
schützens- und erhaltenswerte Objekte und deren Umgebung, die Wohn- und
Aufenthaltsqualität sowie die Verkehrssicherheit nicht beeinträchtigen. 2 Für Reklameeinrichtungen kann die Bewilligungsbehörde zum Schutz der Wohnbevölkerung
Auflagen wie z.B. Einschränkung der Beleuchtungszeiten verfügen. 3 Reklamen auf Dachflächen sind nicht gestattet. Im Ortsbilderhaltungsgebiet sowie bei
Baudenkmälern dürfen an Fassaden nur auf das jeweilige Gewerbe bezogene Reklamen
(sog. Eigenreklamen) angebracht werden. Sie müssen sich gut ins Fassadenbild einordnen.‟
c) Aus Art. 417 GBR ergibt sich kein Verbot von freistehenden Plakatwerbeträgern. Es
werden einzig Reklamen auf Dachflächen untersagt (Art. 417 Abs. 3 Satz 1 GBR). Im
Ortsbilderhaltungsgebiet und bei Baudenkmälern gelten zudem gewisse Einschränkungen
für Reklamen an Fassaden (Art. 417 Abs. 3 Satz 2 GBR).
d) Ein Verbot von freistehenden Plakatwerbeträgern lässt sich auch nicht auf den
Beschluss der Planungs-, Umwelt- und Baukommission vom 13. Januar 2015 stützen. Mit
einem Beschluss der Planungs-, Umwelt- und Baukommission kann nicht das GBR
geändert werden. Wenn die Gemeinde befürchtet, dass durch freistehende
Plakatwerbeträger das Ortsbild beeinträchtigt wird, so muss sie dieses Problem planerisch
angehen und grundeigentümerverbindliche Vorschriften aufstellen. Denkbar ist etwa, dass
3 Protokollauszug der Sitzung der Planungs-, Umwelt- und Baukommission vom 13. Januar 2015, Vorakten Gemeinde, p. 15. 4 Baureglement der Gemeinde Spiez vom 24. November 2013, genehmigt durch das Amt für Gemeinden und Raumordnung am 25. April 2014.
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freistehende Plakatwerbeträger in bestimmten Gebieten untersagt werden. Dies kann
entweder mit der Aufnahme entsprechender Bestimmungen im Gemeindebaureglement
erfolgen oder mit dem Erlass eines separaten Reklamereglements. Dabei sind die
Verfahrensvorschriften von Art. 58 ff. BauG zu beachten.5
3. Ästhetik
a) Die Beschwerdeführerin macht geltend, die beiden geplanten Plakatwerbeträger
würden sich vor dem hohen und langen Gebäude der D._ ohne weiteres
einordnen und zu keiner Beeinträchtigung des Orts- und Strassenbildes führen. Am
vorgesehenen Standort weise das Ortsbild zudem keinen besonderen Wert auf. Die
Gemeinde führt aus, die Reklamen am geplanten Standort würden als eine
Beeinträchtigung des Ortsbildes wahrgenommen und es entstünde in der Umgebung kein
guter Gesamteindruck im Sinne von Art. 417 GBR.
b) Nach Art. 417 Abs. 1 GBR sind Reklamen so anzuordnen, dass sie das Landschafts-,
Orts- und Strassenbild, schützens- und erhaltenswerte Objekte und deren Umgebung, die
Wohn- und Aufenthaltsqualität sowie die Verkehrssicherheit nicht beeinträchtigen. Die
Auslegung der Gemeinde, es müsse ein "guter Gesamteindruck" entstehen, widerspricht
dem Wortlaut von Art. 417 Abs. 1 GBR; verlangt wird bloss, dass Reklamen die Umgebung
nicht beinträchtigen.
c) Geplant ist der Bau von zwei freistehenden, doppelseitigen, unbeleuchteten
Plakatwerbeträgern F12 entlang der B._Strasse in einem Strassenabstand von
5 m vor dem Gebäude B._Strasse 34. Das Baugrundstück liegt in der Mischzone
M3. In der Mischzone sind folgende Nutzungen zulässig: Wohnen (mit Ausnahme von
freistehenden Einfamilienhäusern), Gastgewerbe, Kleingewerbe und Dienstleistungen (Art.
211 Abs. 3 GBR). Das Baugrundstück befindet sich weder im Ortsbilderhaltungsgebiet
noch in der Nähe von Baudenkmälern. Die Plakatwerbeträger sollen vor dem modernen,
wuchtig wirkenden Gebäude der D._ erstellt werden. Entlang der
B._Strasse befinden sich auf der Seite des Baugrundstücks Gebäude mit sehr
unterschiedlichem Baustil. Gegenüber dem Baugrundstück verläuft das erhöhte
5 Vgl. dazu BSIG Nr. 7/722.51/1.1, Information Reklamen vom 17. März 2014, Ziff. 7.5.
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Bahntrassee.6 Nach der Darstellung in der Beschwerde weist das Ortsbild in der
Umgebung des Bauvorhabens keinen besonderen Wert auf. Diese Einschätzung wird
durch die Fotodokumentation in den Baugesuchsunterlagen und den Ansichten von Google
Maps bestätigt. Die Gemeinde widerspricht dieser Darstellung der Umgebung des
Baugrundstücks auch nicht. Sie begründet ihre Meinung, dass die Plakatwerbeträger als
eine Beeinträchtigung des Ortsbildes wahrgenommen würden, nicht. Eine Beeinträchtigung
ist auch nicht ersichtlich. Die zwei freistehenden, doppelseitigen, unbeleuchteten
Plakatwerbeträger F12 wirken in der vom grossen D._ Gebäude und dem
erhöhten, massiven Bahntrassee geprägten Umgebung ästhetisch völlig unproblematisch.
Sie entsprechen damit den Anforderungen von Art. 417 Abs. 1 GBR.
4. Verkehrssicherheit
a) Nach Art. 58 Abs. 1 SV7 haben Strassenreklamen, die parallel zur Strassenachse
gestellt sind, einen Abstand von einem Meter zum Fahrbahnrand einzuhalten und solche,
die in einem anderem Winkel zur Strassenachse stehen, einen Abstand von drei Metern.
Nach dem Situationsplan vom 25. September 2014 weisen die beiden umstrittenen
Plakatwerbeträger einen Abstand von fünf Meter zum Fahrbahnrand der
B._Strasse auf. Das Bauvorhaben hält damit den vorgeschriebenen
Strassenabstand ein.
b) Der Oberingenieurkreis I des Tiefbauamtes des Kantons Bern (OIK I) hat im
Fachbericht vom 19. Dezember 2014 festgehalten, die Plakatwerbeträger würden die
Verkehrssicherheit nicht gefährden. Der OIK I verlangt aber, dass die Oberfläche der
Reklame nicht reflektierend wirken dürfe, weder bei Sonneneinstrahlung tags noch bei
Scheinwerferlicht nachts. Die Beschwerdeführerin wendet nichts gegen diese Auflage ein.
Die Auflage ist geeignet, eine allfällige Beeinträchtigung der Verkehrssicherheit durch die
Plakatwerbeträger zu vermeiden. Das Bauvorhaben ist somit mit dieser Auflage zu
bewilligen.
c) Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die geplanten Plakatwerbeträger
bewilligungsfähig sind. Entsprechend wird die Beschwerde gutgeheissen und der
6 Fotodokumentation D_, Beilage zu Baugesuch in den Vorakten 7 Strassenverordnung vom 29. Oktober 2008 ( BSG 732.111.1).
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Bauabschlag der Gemeinde Spiez vom 28. Januar 2015 aufgehoben. Das Baugesuch der
Beschwerdeführerin vom 30. Oktober 2014 wird bewilligt. In der Baubewilligung ist auf die
Rechtsverwahrung der C._ AG hinzuweisen (Art. 36 Abs. 3 BewD8).
5. Kosten
a) Die oberinstanzlichen Verfahrenskosten werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr
von Fr. 600.00. Gemäss Art. 108 Abs. 1 VRPG9 werden sie der unterliegenden Partei
auferlegt, es sei denn, das prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere
Verlegung oder die besonderen Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu
erheben. Der Gemeinde Spiez können keine Verfahrenskosten auferlegt werden, da sie
nicht in ihren Vermögensinteressen betroffen ist (Art. 108 Abs. 2 i.V. mit Art. 2 VRPG).
Daher trägt der Kanton die Verfahrenskosten.
b) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder die Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen
als gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Beschwerdeführerin obsiegt und
hat Anspruch auf Parteikostenersatz. Die Gemeinde Spiez hat somit der
Beschwerdeführerin eine Parteikostenentschädigung zu bezahlen.
Die Parteikosten umfassen den durch die berufsmässige Parteivertretung anfallenden
Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Die Kostennote des Anwalts der Beschwerdeführerin
beläuft sich auf Fr. 3'564.00 (Honorar Fr. 3'250.00, Auslagen Fr. 50.00, Mehrwertsteuer
Fr. 264.00). Diese gibt bezüglich der Höhe des Honorars zu keinen Bemerkungen Anlass.
Allerdings ist zu beachten, dass die Beschwerdeführerin mehrwertsteuerpflichtig10 ist und
somit die von ihrem Rechtsvertreter auf sie überwälzte Mehrwertsteuer in ihrer eigenen
Mehrwertsteuerabrechnung als Vorsteuer abziehen kann. Ihr fällt daher betreffend
Mehrwertsteuer kein Aufwand an und eine Abgeltung der Mehrwertsteuer käme einer mit
Art. 108 Abs. 3 i.V.m. Art. 104 Abs. 1 VRPG unvereinbaren Überentschädigung gleich.
Nach neuer Praxis des Verwaltungsgerichts ist deshalb die in der Kostennote des
8 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 9 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21). 10 Siehe Unternehmens-Identifikationsnummer-Register, einsehbar unter: <https://www.uid.admin.ch>.
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Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin aufgeführte Mehrwerteuer bei der Bestimmung
des Parteikostenersatzes nicht zu berücksichtigen.11 Der Parteikostenbeitrag an die
Beschwerdeführerin wird daher festgesetzt auf Fr. 3'300.00 (Honorar Fr. 3'250.00,
Auslagen Fr. 50.00).
c) Die amtlichen Kosten für das erstinstanzliche Baubewilligungsverfahren hat in jedem
Fall die Gesuchstellerin zu tragen (Art. 52 Abs. 1 BewD). Die amtlichen Kosten belaufen
sich gemäss Ziff. 3 des Entscheids der Gemeinde Spiez vom 28. Januar 2015 auf
Fr. 573.00 und bleiben der Beschwerdeführerin zur Bezahlung auferlegt. Für das Inkasso
dieser Kosten ist die Gemeinde Spiez zuständig.