Decision ID: 0f7c1bf4-5685-5b66-ae24-5dd6cd002871
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reichte am 12. September 2021 ein Asylgesuch in
der Schweiz ein. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Daten-
bank Eurodac ergab, dass er am 26. Juni 2020 in Griechenland und am
11. August 2021 in Slowenien um Asyl ersucht hatte. Anlässlich des Dub-
lin-Gesprächs vom 24. September 2021 gab er an, nach seinem zweiten
negativen Asylentscheid in Griechenland sei er nach Slowenien gereist. In
Slowenien sei er gezwungen worden, Fingerabdrücke abzugeben. Wäh-
rend der Quarantäne habe er auf Kartons schlafen müssen. Danach sei er
in einem Zimmer voller Müll untergebracht und schliesslich nach Kroatien
zurückgeschickt worden. Via Italien sei er in die Schweiz gelangt. Er habe
Nierensteine. Aus Sorge um seine Familie gehe es ihm psychisch schlecht.
Die Vorinstanz gewährte ihm das rechtliche Gehör zur möglichen Zustän-
digkeit Sloweniens sowie zur Wegweisung dorthin.
B.
Gestützt auf den Eurodac-Abgleich und die Angaben des Beschwerdefüh-
rers ersuchte die Vorinstanz am 24. September 2021 die slowenischen Be-
hörden um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1
Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO). Die slowenischen Behörden hiessen das Übernahmeersu-
chen am 5. Oktober 2021 gut.
C.
Mit Verfügung vom 6. Oktober 2021 (eröffnet am 7. Oktober 2021) trat die
Vorinstanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete
dessen Wegweisung nach Slowenien an und beauftragte den zuständigen
Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. Zudem stellte sie fest, einer all-
fälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende
Wirkung zu.
D.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 14. Oktober 2021 (Postaufgabe) gelangte
der Beschwerdeführer ans Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen,
die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und das Verfahren zwecks
vollständiger Abklärung des Sachverhalts und Neubeurteilung an die
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Vorinstanz zurückzuweisen. Der Beschwerde sei die aufschiebende Wir-
kung zu gewähren und die Vollzugsbehörden seien im Rahmen von vor-
sorglichen Massnahmen unverzüglich anzuweisen, bis zum Entscheid
über das vorliegende Rechtsmittel von jeglichen Vollzugsmassnahmen ab-
zusehen. Ferner ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege.
Als Beweismittel reichte er die migrationsmedizinische Abklärung (MEK)
vom 15. September 2021 und einen Konsultationsbericht des MedZent-
rums B._ vom 8. Oktober 2021 ein.
E.
Am 18. Oktober 2021 setzte die zuständige Instruktionsrichterin den Voll-
zug der Wegweisung des Beschwerdeführers einstweilen aus. Mit Zwi-
schenverfügung vom 19. Oktober 2021 wurde der Beschwerde aufschie-
bende Wirkung zuerkannt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur
Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
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AsylG) ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summarischer
Begründung zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Die slowenischen Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen der Vor-
instanz innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist zu. Die
Zuständigkeit Sloweniens ist somit grundsätzlich gegeben.
3.3 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
4.
Das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen in Slowenien weisen
nach konstanter Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts keine
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systemischen Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 zweiter Satz Dub-
lin-III-VO auf (vgl. Urteile des BVGer D-715/2021 vom 19. Februar 2021,
F-4659/2020 vom 24. September 2020 E. 4.1 und F-3660/2020 vom
22. Juli 2020 E. 4.1). Der Beschwerdeführer beruft sich zu Recht nicht auf
diese Bestimmung.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer bringt vor, die Vorinstanz habe den entscheid-
wesentlichen medizinischen Sachverhalt nicht vollständig abgeklärt und
den Entscheid nicht ausreichend begründet. Sie habe es ferner unterlas-
sen, in nachvollziehbarer Weise zu prüfen, ob die Ausübung der Souverä-
nitätsklausel aus humanitären Gründen angezeigt sei.
Durch die Verlegung des Beschwerdeführers am 30. September 2021 vom
BAZ Zürich in das BAZ Embrach habe es einen Wechsel im ärztlichen Ver-
sorgungssystem gegeben. Dabei seien Informationen betreffend die erho-
benen gesundheitlichen Beschwerden und geplanten Termine weiterer Un-
tersuchungen offensichtlich nicht oder zumindest nicht rechtzeitig übermit-
telt worden. Nur so lasse sich die folgenschwere Auskunft des BAZ Emb-
rach vom 6. Oktober 2021 erklären, wonach der Beschwerdeführer nur
Schmerztabletten benötige und kein Arzttermin vereinbart worden sei (vgl.
Aktennotiz des SEM vom 6. Oktober 2021). Bei der Information über die
bevorstehende Verlegung habe er sich im BAZ Zürich nach medizinischen
Abklärungen erkundigt, wobei ihm mitgeteilt worden sei, dass er vom BAZ
Embrach automatisch zu einem Arzt geschickt werde. Die zuständige ad-
ministrative Person des BAZ Embrach, welche der Vorinstanz am 6. Okto-
ber 2021 telefonisch Auskunft erteilt habe, habe gegenüber der Rechtsver-
tretung am 7. Oktober 2021 ausgeführt, die Informationen aus dem BAZ
Zürich zum Zeitpunkt der Auskunft nicht berücksichtigt zu haben. Inzwi-
schen seien die Informationen berücksichtigt worden, weswegen eine Erst-
konsultation im MedZentrum B._ geplant sei. Mit der kurzzeitigen
Arzttermindisposition auf den 8. Oktober 2021 stehe zweifelsfrei fest, dass
im Zeitpunkt des Erlassens der Verfügung Behandlungsbedarf bestanden
und sich die Vorinstanz in ihrer Begründung auf unvollständige bzw. falsche
Angaben abgestützt habe.
5.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts kann nach Art. 49 Bst. b VwVG gerügt werden. Unrichtig ist
die Sachverhaltsfeststellung beispielsweise dann, wenn der Verfügung ein
aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt
wurde. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn die Behörde
trotz der geltenden Untersuchungsmaxime (Art. 12 ff. VwVG i.V.m. Art. 37
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VGG) den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt, oder nicht alle
für den Entscheid wesentlichen Sachumstände berücksichtigt hat
(vgl. BENJAMIN SCHINDLER, in: Kommentar zum VwVG, 2. Aufl. 2019,
Art. 49 N. 29).
5.3 Entgegen den Ausführungen in der Rechtsmitteleingabe bezog sich die
Vorinstanz in ihrer Begründung zum medizinischen Sachverhalt nicht nur
auf die Aktennotiz vom 6. Oktober 2021, sondern auch auf die Angaben
des Beschwerdeführers anlässlich des Dublin-Gesprächs (Nierensteine,
schlechter psychischer Zustand, Zittern des Körpers). Ferner enthält die
Aktennotiz auch keine falschen Angaben, zumal in jenem Zeitpunkt tat-
sächlich noch gar keine Konsultation mit dem Beschwerdeführer vereinbart
war. Aufgrund der Angaben des Beschwerdeführers sowie der migrations-
medizinischen Abklärung vom 15. September 2021 ist die Vorinstanz zu
Recht nicht von einer schwerwiegenden gesundheitlichen Beeinträchti-
gung ausgegangen, welche gegen die Zulässigkeit einer Überstellung
nach Slowenien spreche würde. Eine zwangsweise Rückweisung von Per-
sonen mit gesundheitlichen Problemen kann nur ausnahmsweise einen
Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Dies trifft auf Schwerkranke zu, die
durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behand-
lung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernst-
haften, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesund-
heitszustandes ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer
erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kam-
mer 41738/10, §§ 180-193 m.w.H.). Eine solche Konstellation liegt in casu
– selbst unter Berücksichtigung des Konsultationsberichts vom 8. Oktober
2021 (posttraumatische Belastungsstörung; Indizierung einer dringenden
psychologischen Betreuung und Abwarten weiterer Laborfunde bezüglich
Nieren sowie erneute Zuweisung zur Sonographie) – nicht vor. Anzumer-
ken ist in diesem Zusammenhang, dass der Beschwerdeführer die geschil-
derten Leiden offenbar schon seit längerer Zeit hat, ohne dass dies bei-
spielsweise seine Reisetätigkeit beeinträchtigt hätte oder er deswegen auf
eine spezielle und lückenlose medizinische Behandlung angewiesen ge-
wesen wäre. Es ist deshalb nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz den
Sachverhalt medizinisch nicht weiter abgeklärt bzw. allfällige weitere Un-
tersuchungen nicht abgewartet hat. Es liegt somit weder eine Verletzung
des Untersuchungsgrundsatzes noch der Begründungspflicht vor.
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5.4 Im Übrigen verfügt Slowenien über eine ausreichende medizinische
Infrastruktur für allfällige weitere notwendigen Untersuchungen und Be-
handlungen des Beschwerdeführers. Vulnerable Personen haben insbe-
sondere Zugang zu einer psychotherapeutischen Betreuung (AIDA,
Country Report: Slovenia [2019 update], < https://asylumineurope.org/wp-
content/uploads/2020/03/report-download_aida_si_2019update.pdf >, ab-
gerufen am 26.10.2021, S. 58), weshalb auch die diagnostizierte PTBS in
Slowenien einer Behandlung zugänglich sein dürfte. Es liegen ferner keine
Hinweise vor, wonach Slowenien dem Beschwerdeführer eine adäquate
medizinische Behandlung verweigern würde.
5.5 Die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen
Verfügung beauftragt sind, werden den medizinischen Umständen bei der
Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung des Beschwerde-
führers Rechnung tragen und die slowenischen Behörden vorgängig in ge-
eigneter Weise über die spezifischen medizinischen Umstände informieren
(vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO).
5.6 Zusammenfassend liegt kein Grund vor für die Anwendung der Ermes-
sensklausel von Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise Art. 29a Abs. 3
AsylV 1. Weder ist die Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf das Asylge-
such einzutreten, noch liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbst-
eintritt nahelegen würden. Die Vorinstanz ist daher zu Recht gestützt auf
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers
nicht eingetreten und hat die Überstellung nach Slowenien angeordnet.
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt die mit Zwischenverfügung vom 19. Oktober 2021 angeord-
nete aufschiebende Wirkung dahin.
7.
7.1 Die Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ungeachtet einer allfälli-
gen prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
7.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
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Das Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).