Decision ID: f1d66609-671a-4a74-8658-2e58878d72bb
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden A._ und B._ suchten in der
Schweiz am 12. Juni 2015 um Asyl nach.
B.
Mit Verfügung vom 7. Juli 2017 lehnte das SEM dieses Asylgesuch ab und
ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Diese
Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
Das SEM begründete diese Verfügung damit, dass es den Beschwerde-
führenden nicht gelungen sei, ihre Fluchtgründe sowie ihre Herkunft glaub-
haft zu machen.
C.
Mit Eingabe vom 5. Juli 2018 ersuchten die Beschwerdeführenden um Wie-
dererwägung des ablehnenden Asylentscheids und begründeten dies da-
mit, dass neue Beweismittel ihre Herkunft aus Somalia belegen würden.
Ferner brachten sie als neuen Asylgrund vor, dass ihren zwei in der
Schweiz geborenen Kindern C._ und D._ bei einer Rück-
kehr eine Genitalverstümmelung drohe.
D.
Mit Verfügung vom 31. Juli 2020 änderte das SEM die Staatsangehörigkeit
der Beschwerdeführenden im Zentralen Migrationsinformationssystem
(ZEMIS) auf Somalia, lehnte das Wiedererwägungsgesuch im Asyl- und
Wegweisungspunkt ab, während es im Wegweisungsvollzugspunkt unter
Anordnung einer vorläufigen Aufnahme gutgeheissen wurde. Gleichzeitig
wurde eine Gebühr von Fr. 300.– erhoben.
E.
Diese Verfügung fochten die Beschwerdeführenden mit Eingabe ihres
Rechtsvertreters vom 3. März 2021 beim Bundesverwaltungsgericht an.
Sie beantragten sinngemäss die Aufhebung der Dispositivziffern zwei und
sieben der angefochtenen Verfügung, verbunden mit der Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft und der Gewährung von Asyl. Eventualiter sei die
Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und Rechtsverbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 1 und 2
VwVG ersucht.
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F.
Mit Zwischenverfügung vom 19. März 2021 wies das Bundesverwaltungs-
gericht die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
und amtlichen Rechtsverbeiständung ab und forderte die Beschwerdefüh-
renden zur Leistung eines Kostenvorschusses auf.
G.
Mit Eingabe vom 8. April 2021 ergänzten die Beschwerdeführenden ihre
Beschwerde, reichten einen Bericht zur Situation betreffend Genitalver-
stümmelung in Somaliland/Somalia ein und ersuchten um wiedererwä-
gungsweise Aufhebung der Zwischenverfügung vom 19. März 2021 sowie
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und amtlichen Rechts-
verbeiständung.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bis zu diesem Zeit-
punkt gültige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Ände-
rung des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Die angefochtene Verfügung wurde vom SEM am 30. Juli 2020 ver-
sandt, in der Folge aber mit dem Vermerk retourniert, dass der Empfänger
unter angegebener Adresse ([...]) nicht habe ermittelt werden können (vgl.
act. B26). Gemäss Angaben in der Beschwerdeschrift seien die Beschwer-
deführenden jedoch bereits Monate zuvor in eine Kollektiveinrichtung in
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E._ transferiert worden. Dies sei dem SEM insofern mitgeteilt wor-
den, da die Beschwerdeführenden in ihrer Eingabe beim SEM vom 21. Juli
2020 ihre neue Adresse im Briefkopf angegeben hätten. Gemäss ZEMIS
waren die Beschwerdeführenden bis zum 31. August 2020 an der Adresse
in F._ wohnhaft. Dies dürfte jedoch kaum den Tatsachen entspre-
chen, zumal die Beschwerdeführenden im Briefkopf der Eingabe vom
21. Juli 2020 tatsächlich die Kollektivunterkunft in E._ angegeben
haben. Es ist daher anzunehmen, dass die Beschwerdeführenden im Zeit-
punkt des Zustellungsversuchs der Verfügung bereits in E._ ge-
wohnt haben und der Zustellungsversuch somit an die falsche Adresse er-
folgte. Es ist daher davon auszugehen, dass die Verfügung den Beschwer-
deführenden erst mit Zustellung vom 3. Februar 2021 eröffnet worden ist.
Die Beschwerde wurde folglich fristgerecht eingereicht.
Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und
haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise
Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
(Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Schliesslich wurde der Kostenvorschuss fristgerecht beglichen.
Auf die auch formgerecht eingereichte Beschwerde ist daher einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Die Beschwerdeführenden machen geltend, die Begründung der ange-
fochtenen Verfügung sei vage, gehe nicht auf den Einzelfall ein und sei
somit ungenügend.
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4.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Aus der Begründungs-
pflicht als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs, ergibt sich ferner, dass die
Abfassung der Begründung dem Betroffenen ermöglichen soll, den Ent-
scheid sachgerecht anzufechten. Nicht erforderlich ist, dass sich die Be-
gründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65
E. 5.2).
4.3 Das SEM geht in seiner Verfügung sowohl auf die konkrete Situation
der Beschwerdeführenden als auch auf die allgemeine Lage in Somaliland
ein. Die Vorinstanz nennt damit die Elemente, welche sie ihrem Entscheid
zugrunde legte und ermöglicht den Beschwerdeführenden eine sachge-
rechte Anfechtung. Dass die Beschwerdeführenden die Ansicht des SEM
inhaltlich nicht teilen, beschlägt die Frage der Begründungspflicht nicht.
Eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör liegt folglich nicht
vor.
4.4 Mit Eingabe vom 8. April 2021 machten die Beschwerdeführenden gel-
tend, das SEM hätte die Asylgründe der beiden Beschwerdeführenden
C._ und D._ (nachfolgend: Kinder) losgelöst von denjenigen
ihrer Eltern (Beschwerdeführende A._ und B._) prüfen müs-
sen.
Vorliegend ist eine separate Betrachtung der Asylgründe der Kinder einer-
seits und derjenigen der Eltern andererseits bereits deshalb nicht zielfüh-
rend, da sich das vorliegende Asylgesuch gerade in der die Kinder betref-
fenden drohenden Genitalverstümmelung erschöpft. Der Antrag einer se-
paraten Prüfung respektive einer Abtrennung der Verfahren betreffend die
Kinder ist somit abzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.3 Die Beschwerdeführenden begründeten ihr Asylgesuch mit einer dro-
henden Genitalverstümmelung der Kinder.
5.4 Das SEM argumentierte in seiner Verfügung im Wesentlichen damit,
dass niemand im Umfeld der Beschwerdeführenden auf einer Genitalver-
stümmelung der Kinder beharren würde. Dagegen wurde in der Be-
schwerde eingewendet, dass damit verkannt werde, dass gemäss Studien
98% der Frauen zwischen 15 und 49 genitalverstümmelt seien, aber nur
65% der Frauen aus derselben Altersgruppe die Genitalverstümmelung
auch befürworten würden, woraus sich ergebe, dass viele Mädchen be-
schnitten würden, selbst wenn ihre Mütter dies nicht zwingend befürworten
würden.
5.5 Dieser Einwand verfängt nicht. So führte das SEM zutreffend aus, dass
Genitalverstümmelungen in Somalia trotz eines gewissen sozialen Drucks
im Wesentlichen eine Familienangelegenheit darstellen (vgl. Danish Im-
migration Service [DIS], Somalia, Female Genital Mutiliation [FGM], Feb-
ruar 2021, Ziff. 4.2; Migrationsverket [Lifos], Lifos report: Somalia - Female
Genital Mutilation [version 1.0], 16.04.2019, S. 26 ff.) und sich vorliegend
beide Elternteile dagegen aussprechen.
Ferner weist das SEM zu Recht darauf hin, dass in Somaliland religiöse
Führer die schlimmste Form der Genitalverstümmelung verurteilen (vgl.
DIS, a.a.O. Ziff. 6) und sich NGOs der Thematik angenommen haben (vgl.
UN Human Rights Council, Report of the Independent Expert on the Situ-
ation of Human Rights in Somalia, Ziff. 70), weshalb Eltern, welche sich
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dieser Praxis widersetzen würden, wohl eine gewisse Unterstützung erfah-
ren. Somit wäre es den Beschwerdeführenden auch möglich, dem sozialen
Druck standzuhalten.
Das SEM führte weiter aus, dass von Seiten der in Somalia lebenden Fa-
milienangehörigen der Beschwerdeführenden keine Zwangssituation be-
treffend die Beschneidung ausgehe. So sei der Beschwerdeführer
A._ gemäss eigenen Angaben grösstenteils in einem Waisenhaus
aufgewachsen, habe kaum Kontakt zu seiner Mutter gehabt und würde sei-
nen Vater nicht kennen. Zu seinem Stiefvater und seinem Onkel habe er
seit seiner Ausreise keinen Kontakt. Die Beschwerdeführerin B._
habe den Kontakt zu ihrer Familie mit der Ausreise abgebrochen.
Auf Beschwerdeebene wurde erstmals vorgebracht, die Familie der Be-
schwerdeführerin B._ würde auf einer Beschneidung beharren und
die geplante Beschneidung bei einer Rückkehr sei ihr von einer Nachbarin
bestätigt worden, mit der sie per Telefon und Textnachrichten in Kontakt
stehe. Der Vater der Beschwerdeführerin sei ein ehemaliger Militär, der
über eine gewisse Bekanntheit und Einfluss verfüge.
Diese Behauptungen sind in Anbetracht des erst sehr späten Vorbringens,
der mangelnden Dokumentation des Austauschs mit der Nachbarin sowie
der widersprüchlichen Angaben zur Familie (vgl. dazu Verfügung des SEM
vom 7. Juli 2017 Ziff. 2) für nachgeschoben und nicht glaubhaft zu befin-
den.
5.6 In diesem Zusammenhang ist ferner zu berücksichtigen, dass die Be-
schwerdeführenden die Furcht vor einer Genitalverstümmelung der Kinder
im ordentlichen Asylverfahren überhaupt nicht und im Wiedererwägungs-
gesuch erst mit einer ergänzenden Eingabe einbrachten, was an der Be-
gründetheit dieser Furcht weitere Zweifel aufkommen lässt.
5.7 Das SEM hat somit zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und
das Asylgesuch abgelehnt. Die Erhebung einer reduzierten Gebühr erweist
sich ebenfalls als rechtmässig.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
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6.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzu-
weisen.
8.
Gründe, auf die Nichtgewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
amtlichen Rechtsverbeiständung zurückzukommen, sind keine ersichtlich.
Der entsprechende Antrag ist abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und praxisgemäss auf ins-
gesamt Fr. 1'500.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Für die Begleichung ist der bereits in
gleicher Höhe geleistete Kostenvorschuss zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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