Decision ID: 6cc21cf3-7d82-5f7f-914b-088d93e1104b
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden, georgische Staatsangehörige mit letztem
Wohnsitz in D._, verliessen ihren Heimatstaat eigenen Angaben zu-
folge mit ihrem damals (...)jährigen Kind C._ (nachfolgend K.) am
(...) 2019 auf dem Luftweg und gelangten am 31. Oktober 2019 von Italien
auf dem Landweg in die Schweiz, wo sie am 1. November 2019 um Asyl
nachsuchten. Die Personalienaufnahmen fanden am 13. November 2019
getrennt statt (PA; Protokolle in den SEM-Akten: 1055645 [nachfolgend
A]26/10 [Beschwerdeführer] und A27/9 [Beschwerdeführerin]). Am 27. De-
zember 2019 erfolgten, jeweils in Anwesenheit des Rechtsvertreters, die
Anhörungen (Anhörung; Protokolle in den SEM-Akten: A34/11 [Beschwer-
deführer] und A35/8 [Beschwerdeführerin]).
B.
B.a Die Beschwerdeführenden gaben im vorinstanzlichen Verfahren im
Wesentlichen an, sie hätten Georgien wegen den gesundheitlichen Prob-
lemen ihres Kindes verlassen. Diese hätten im Juli 2018 begonnen, als K.
(...) Jahre alt gewesen sei. Man habe bei ihm eine Hirnentzündung festge-
stellt und nachdem ihm Medikamente verabreicht worden seien, habe sich
sein gesundheitlicher Zustand verbessert. Da der Entzündungsprozess je-
doch trotz mehrerer Behandlungen nicht vollständig habe gestoppt werden
und die Ärzte keine genaue Diagnose hätten stellen können sowie die Be-
handlung in Georgien sehr teuer sei, hätten sie sich zur Ausreise aus Ge-
orgien entschlossen. Hinsichtlich einer allfälligen Rückkehr befürchteten
sie, dass K. sterben werde.
B.b Zu seinen Lebensumständen machte der Beschwerdeführer im We-
sentlichen geltend, er habe in D._ an der damaligen (...) im Studi-
engang «(...)» studiert und jenen 2004 mit einem Bachelordiplom abge-
schlossen. Um den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten, habe er bis
zur Ausreise als Leiter einer (...) am (...) in D._ gearbeitet. In
D._ habe er mit seiner Mutter, seiner Ehefrau und seinem Kind in
der Eigentumswohnung seiner Mutter gewohnt. Sein Bruder lebe in
E._.
Die Beschwerdeführerin gab in persönlicher Hinsicht insbesondere an, sie
habe von 2005 bis 2012 in F._ (...) studiert. Während dem Studium
sei sie für ein Jahr in einer (...) angestellt gewesen. Seit der Geburt von K.
habe sie nicht mehr gearbeitet. Ihre Eltern lebten im Dorf G._ und
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ihre Schwester, deren Beruf (...) sei, in F._. Bezüglich ihrer Gesund-
heit brachte sie vor, ihre Schilddrüse produziere nicht genügend Hormone
und sie habe einen Knoten in der Brust. Es handle sich nicht um einen
Tumor, sie müsse den Knoten jedoch beobachten.
B.c Im erstinstanzlichen Verfahren gaben die Beschwerdeführenden unter
anderem ihre Pässe, die Identitätskarte der Beschwerdeführerin im Origi-
nal sowie diverse Arztberichte aus Georgien und der Schweiz für den Zeit-
raum vom Juli 2018 bis Januar 2020 für ihr Kind K. zu den Akten.
C.
Am 7. Januar 2020 verfügte das SEM die Zuteilung ins erweiterte Verfah-
ren, zumal die medizinischen Abklärungen hinsichtlich K. zu diesem Zeit-
punkt noch nicht abgeschlossen waren.
D.
Mit Verfügung vom 15. Mai 2020 – eröffnet am 19. Mai 2020 – trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 3 AsylG (SR 142.31) auf die Asylge-
suche der Beschwerdeführenden vom 1. November 2019 nicht ein und ord-
nete die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an.
E.
Die Beschwerdeführenden gelangten mit Rechtsmitteleingabe ihrer
Rechtsvertreterin vom 26. Mai 2020 an das Bundesverwaltungsgericht
(nachfolgend: BVGer). Sie beantragen, die Verfügung des SEM vom
15. Mai 2020 sei aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, auf das Ge-
such einzutreten. Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben sowie die Un-
zulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen
und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Subeventualiter sei die Sache
zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung und zu neuer Entscheidung
an die Vorinstanz zurückzuweisen und den Beschwerdeführenden sei in
die Akte 52/1 Einsicht zu gewähren.
In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung, inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses, und um unentgeltliche Rechtsverbeiständung in der Person ihrer
Rechtsvertreterin. Ausserdem sei der Beschwerde die aufschiebende Wir-
kung zu erteilen.
Als Beilagen liessen sie die im separaten Verzeichnis aufgeführten Doku-
mente zu den Akten reichen.
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Seite 4
F.
Am 28. Mai 2020 bestätigte die zuständige Instruktionsrichterin den Ein-
gang der Beschwerde und stellte das einstweilige Anwesenheitsrecht der
Beschwerdeführenden in der Schweiz fest.
G.
Mit Schreiben vom 29. Mai 2020 (Poststempel) bestätigte der kantonale
Sozialdienst die Fürsorgeabhängigkeit der Beschwerdeführenden.
H.
H.a Mit Verfügung vom 29. Mai 2020 verzichtete die Instruktionsrichterin
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und lud die Vorinstanz unter
Hinweis auf die Erwägungen zum Schriftenwechsel ein.
H.b In ihrer Vernehmlassung vom 15. Juni 2020 hält die Vorinstanz mit er-
gänzenden Bemerkungen an ihrer Verfügung vom 15. Mai 2020 fest und
beantragt implizit die Abweisung der Beschwerde.
H.c Mit Zwischenverfügung vom 24. Juni 2020 hiess die Instruktionsrichte-
rin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
Einsetzung der mandatierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbei-
ständin gut. Ausserdem gewährte sie den Beschwerdeführenden antrags-
gemäss Einsicht in die Akte 52/1 und lud sie zur Einreichung einer Replik
und entsprechenden Beweismitteln ein.
H.d Am 9. Juli 2020 replizierten die Beschwerdeführenden. Sie beantragen
sinngemäss die Gutheissung ihrer Beschwerde und reichten einen Arztbe-
richt für K. des H._ vom 25. Mai 2020 zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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Seite 5
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Der Antrag um Gewährung der aufschiebenden Wirkung wird mit dem vor-
liegenden Urteil in der Sache gegenstandslos.
3.
Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Soweit das Ausländerrecht anzuwenden
ist, kann zudem die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 112 Abs. 1 AIG
[SR 142.20] i.V.m. Art. 49 VwVG).
4.
In der Zwischenverfügung vom 29. Mai 2020 wies die Instruktionsrichterin
die Beschwerdeführenden darauf hin, dass der Antrag, das SEM sei anzu-
weisen, auf ihre Asylgesuche einzutreten, in der Beschwerde nicht begrün-
det werde. Zudem stellte sie fest, dass die verfügte Wegweisung nicht an-
gefochten werde und auch diesbezüglich jegliche Begründung fehle. Sie
hielt daher fest, ohne Gegenbericht werde davon ausgegangen, dass nur
die Anordnung des Wegweisungsvollzugs Gegenstand des vorliegenden
Beschwerdeverfahrens bilde.
Nachdem die Beschwerdeführenden diesbezüglich in der Folge nichts ent-
gegneten, ist lediglich der vom SEM verfügte Wegweisungsvollzug streitig
und nachfolgend zu prüfen.
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Seite 6
5.
5.1 Die Beschwerdeführenden erheben unter anderem formelle Rügen.
Diese sind vorab zu prüfen, da deren Gutheissung geeignet wäre, eine
Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
5.2 Das Verwaltungs-, beziehungsweise Asylverfahren wird vom Untersu-
chungsgrundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Die Be-
hörde hat von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwendi-
gen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzuklä-
ren und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Unrichtig ist die Sach-
verhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger
Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden
sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesent-
lichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI,
Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl.
2013, Rz. 1043).
Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör,
welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei ein-
zuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur
Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin-
gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung
angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, dass sich die Be-
gründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65
E. 5.2).
Aus dem Akteinsichtsrecht als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs folgt, dass
grundsätzlich sämtliche beweiserheblichen Akten den Beteiligten offen zu
legen sind, sofern in der sie unmittelbar betreffenden Verfügung darauf ab-
gestellt wird (BGE 132 V 387 E. 3.1 f.).
5.3
5.3.1 Die Beschwerdeführenden rügen, der medizinische Sachverhalt hin-
sichtlich K. sei nicht vollständig erstellt, zumal noch keine definitive Diag-
nose vorliege. Entgegen der Ansicht der Vorinstanz handle es sich beim
medizinischen Bericht des H._ vom 7. Januar 2020 nicht um einen
finalisierten Arztbericht, sondern nur um eine erste Einschätzung der be-
handelnden Ärzte. Zudem seien die Ärzte vom SEM angewiesen worden,
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
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Seite 7
lediglich Abklärungen im vernünftigen Rahmen zu tätigen. Es könne des-
halb nicht beurteilt werden, welche medizinische Behandlung K. benötige,
und ob diese in Georgien verfügbar sei. Die Vorinstanz habe es demnach
unterlassen, vertieft auf die individuelle Situation von K. einzugehen.
5.3.2 In der Vernehmlassung hält die Vorinstanz dem entgegen, dass der
angefochtenen Verfügung der Arztbericht des H._ vom 7. Januar
2020 zugrunde liege, in welchem bei K. nach umfangreichen Abklärungen
(m.H.a. Arztbericht H._ vom 11. November 2019, S. 2, Procedere)
ein hochgradiger Verdacht auf Mitochondriopathie diagnostiziert worden
sei, womit eine (Verdachts-)Diagnose vorliege. Der rechtserhebliche Sach-
verhalt sei folglich im Zeitpunkt des Asylentscheides erstellt gewesen.
5.3.3 In der Replik halten die Beschwerdeführenden daran fest, dass der
rechtserhebliche medizinische Sachverhalt nicht erstellt sei. Denn aus dem
Arztbericht des H._ vom 7. Januar 2020 gehe lediglich eine
Verdachts-diagnose (Mitochondriopathie) hervor. Zudem sei bezüglich der
Phasen mit starrem und abwesendem Blick zeitnah eine erneute
Elektroenze-phalografie (EEG)-Ableitung bei K. geplant (vgl. ebd. S. 3).
Ebenso werde im Arztbericht des H._ vom 11. November 2019 –
auf den sich die Vorinstanz in der Vernehmlassung beziehe – festgehalten,
dass trotz der diversen Untersuchungen die Ursache des
Beschwerdebildes offen-gelassen werden müsse und es daher weiterer
Abklärung bedürfe, die rechtzeitig erfolgen solle, um mit einer allfälligen
Therapie Schaden zu verhindern. Der neuste Arztbericht des H._
vom 25. Mai 2020 halte weiterhin einen hochgradigen Verdacht auf eine
Mitochondriopathie fest. Die genetische Abklärung dieser Diagnose sei
gemäss Besprechung zwischen den Beschwerdeführenden und den
Ärzten des H._ zwingend notwendig, damit festgestellt werden
könne, wie weit die Krankheit von K. bereits fortgeschritten sei und welche
Behandlung er benötige. Im Weiteren teilen die Beschwerdeführenden die
Ansicht der Vorinstanz nicht, wonach umfangreiche Abklärungen
stattgefunden hätten. So seien die Ärzte des H._ von der Vorinstanz
angewiesen worden, keine solchen zu tätigen, zumal die Vorinstanz
offenbar bereits damals – vor einer eingehenden Anhörung zu den
Asylgründen und vor Abklärungen des Sachverhalts hinsichtlich K. durch
Fachpersonen – entschieden habe, die Beschwerdeführenden aus der
Schweiz wegzuweisen (m.H.a. Arztbericht H._ vom 11. November
2019, Gespräch mit I._). Bezeichnend diesbezüglich sei auch, dass
lediglich am 12. Dezember 2019 Untersuchungen durch die Ärzte des
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Seite 8
H._ durchgeführt worden seien und erneut erst am 25. Mai 2020.
Dazwischen hätten keine Untersuchungen von K. stattgefunden.
5.3.4 Den aktenkundigen ärztlichen Berichten lässt sich folgendes entneh-
men:
Im Arztbericht des H._ vom 7. Januar 2020 wird bei K. ein hochgra-
diger Verdacht auf Mitochondriopathie diagnostiziert. Die Ärzte führen da-
rin im Wesentlichen aus, dass es zur Sicherung dieser Verdachtsdiagnose
einer molekulargenetischen Untersuchung bedürfe, wobei Mitochondriopa-
thien in den allermeisten Fällen nicht kausal behandelbar, sondern lediglich
unterstützenden Massnahmen zugänglich seien. K. werden die Vitamine
beziehungsweise Nahrungsergänzungsmittel Thiamin, Riboflavin, Co-En-
zym Q10 und eventuell Carnitin verschrieben. Zudem wird eine regelmäs-
sige Physiotherapie und Früherziehung angeordnet. Zum weiteren Vorge-
hen wird festgehalten, dass eine EEG innerhalb der drauffolgenden Wo-
chen vorgesehen, der Antrag betreffend Kostengutsprache für die geneti-
sche Untersuchung pendent sei und eine ophthalmologische Evaluation
erfolgen werde.
Die Diagnose sowie die verschriebenen Vitamine und Nahrungsergän-
zungsmittel im neusten Arztbericht des H._ vom 25. Mai 2020 sind
identisch mit jenen des Arztberichts vom 7. Januar 2020. Es wird im We-
sentlichen festgehalten, dass der Zustand von K. vorwiegend stabil sei.
Eine Verschlechterung sei nur bei den Augenbewegungen festzustellen.
Laborchemisch sei der Befund weiterhin gut mit einer Mitochondriopathie
vereinbar. Weil die Diagnose genetisch nicht gesichert sei, sei eine Anfrage
zur genetischen Untersuchung im Rahmen eines Forschungsprojekts pen-
dent. Die Therapie einer Mitochondriopathie sei mehrheitlich symptoma-
tisch und beschränke sich auf die Supplementation von Vitaminen, respek-
tive auf die symptomatische Therapie auftretender Symptome. Es werde
eine kardiologische und ophthalmologische Kontrolle empfohlen, welche in
der Schweiz oder in Georgien durchführbar sei. Grundsätzlich sei K. reise-
fähig. Er dürfe aber nicht zu lange nüchtern bleiben und bei einer allfälligen
Infektion nicht reisen. Im Weiteren benötige K. regelmässige Physiothera-
pie und Früherziehung. Die Anbindung an eine neurometabolische Sprech-
stunde sei wünschenswert und gegebenenfalls werde eine EEG wieder-
holt. Sofern sich K. in drei Monaten noch in der Schweiz aufhalte, werde
eine Verlaufskontrolle durchgeführt.
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Seite 9
5.3.5 Das Bundesverwaltungsgericht teilt die Ansicht der Vorinstanz, wo-
nach der medizinische Sachverhalt von K. im Zeitpunkt des Asylentschei-
des vom 15. Mai 2020 rechtsgenüglich erstellt war.
So ist dem Arztbericht vom 7. Januar 2020 – entgegen der Meinung der
Beschwerdeführenden – genau zu entnehmen, welche Behandlungen so-
wie Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel für K. erforderlich sind. Dies,
obwohl die Verdachtsdiagnose genetisch nicht gesichert wurde. Die Argu-
mentation, wonach die Ärzte des H._ keine umfangreichen Abklä-
rungen hätten vornehmen können, weil die Vorinstanz sie davon abgehal-
ten habe, geht fehl. So verweist die Vorinstanz in der Vernehmlassung zu
Recht auf das im Arztbericht vom 11. November 2019 umfangreich be-
schriebene «Procedere» (vgl. dort S. 2). Sodann geht aus dem Arztbericht
vom 7. Januar 2020 hervor, dass am 12. und 30. Dezember 2019 sowie
am 7. Januar 2020 weitere Konsultationen im H._ stattgefunden
haben. Zusätzlich wurde am 17. Januar 2020 eine EEG-Ableitung durch-
geführt. Auch die Behauptung der Beschwerdeführenden, das SEM habe
bereits vor ihrer Anhörung über ihre Wegweisung entschieden, zielt ins
Leere. Vielmehr zeigt der Umstand der von der Vorinstanz am 7. Ja-
nuar 2020 ins erweiterte Verfahren verfügten Zuteilung (vgl. A39/2), dass
sie weitere medizinische Abklärungen hinsichtlich K. als erforderlich erach-
tete und demnach damals den Sachverhalt als noch nicht vollständig er-
stellt qualifiziert hatte, um über einen allfälligen Wegweisungsvollzug zu
befinden. Soweit die Beschwerdeführenden in der Replik geltend machen,
im Arztbericht vom 7. Januar 2020 sei festgehalten, dass zeitnah eine er-
neute EEG-Ableitung geplant sei, vermögen sie daraus ebenfalls nichts zu
ihren Gunsten abzuleiten, zumal eine solche am 17. Januar 2020 bei K.
bereits durchgeführt wurde. Gemäss dem entsprechenden Arztbericht des
H._ vom 17. Januar 2020 sei die EEG-Ableitung unauffällig verlau-
fen und habe keine epilepsietypischen Potentiale aufgewiesen. Schliess-
lich geht aus den Akten auch nicht hervor, dass das SEM eine molekular-
genetische Untersuchung von K. hätte abwarten müssen, bevor es den
Asylentscheid fällte. Dass eine solche Untersuchung zwingend notwendig
sei, wie dies die Beschwerdeführenden in der Replik behaupten, ist aus
den Arztberichten nicht ersichtlich. Vielmehr geht aus dem Arztbericht vom
7. Januar 2020 des H._ hervor, dass Mitochondriopathien in den
allermeisten Fällen ohnehin nicht kausal behandelbar, sondern lediglich
unterstützenden Massnahmen zugänglich seien (vgl. dort S. 2). Im Übrigen
stützt der neuste Arztbericht vom 25. Mai 2020 diese Feststellungen (vgl.
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Seite 10
oben E. 5.3.4). Das SEM durfte daher zum Schluss kommen, der medizi-
nische Sachverhalt sei unter dem Aspekt allfälliger Wegweisungsvollzugs-
hindernisse liquide.
5.4 Inwiefern das SEM sodann das Kindeswohl betreffend K., der von
seinen Eltern gemäss Aktenlage ausserordentlich gut umsorgt wird, nicht
berücksichtigt haben soll, wie dies die Beschwerdeführenden rügen, wird
nicht substantiiert begründet und ist auch nicht ersichtlich. Die
ausführlichen Erwägungen der Vorinstanz unter dem Aspekt der
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Verfügung Ziff. III E. 2 S. 4
ff.) veranschaulichen geradezu offensichtlich, dass die Vorinstanz dem
Kindeswohl genügend Rechnung trug.
5.5 Soweit die Beschwerdeführenden beanstanden, es sei ihnen kein
Entscheidentwurf zur Stellungnahme unterbreitet worden, ergibt sich auch
daraus kein formeller Mangel. Das SEM weist zutreffend darauf hin, dass
die Zustellung eines Entscheidentwurfs lediglich im Rahmen des
Rechtsschutzes in den Bundesasylzentren vorgesehen sei (vgl. Art. 102j
Abs. 3 AsyIG). Weil die Asylgesuche der Beschwerdeführenden im
erweiterten Verfahren behandelt wurden, hatte das SEM ihnen daher
keinen Entscheidentwurf zuzustellen.
5.6 Schliesslich liegt auch keine Verletzung formellen Rechts vor, indem
das SEM den Beschwerdeführenden in das mit «Anfrage und Antwort
H._: Arztbericht» und vom SEM als unwesentlich deklariertes Ak-
tenstück 52/1 mit dem Asylentscheid vom 15. Mai 2020 keine Akteneinsicht
gewährte. Denn entgegen der Vermutung der Beschwerdeführenden han-
delt es sich dabei gerade nicht um eine beweiserhebliche Akte. Es ist le-
diglich ein E-Mailverkehr zwischen dem SEM und dem H._ hinsicht-
lich des ausstehenden Arztberichts betreffend K., auf den in der angefoch-
tenen Verfügung nicht unmittelbar abgestellt wird. Im Übrigen haben die
Beschwerdeführenden inzwischen Einsicht in dieses Aktenstück genom-
men.
5.7 Nach dem Gesagten fällt eine Rückweisung der Angelegenheit auf-
grund formeller Mängel nicht in Betracht, weshalb der entsprechende An-
trag abzuweisen ist.
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Seite 11
6.
Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht
möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetz-
lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83
Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.
7.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
7.2 Die Vorinstanz weist in ihrer Verfügung zutreffend darauf hin, dass das
in Art. 5 AsylG verankerte Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoule-
ment im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finde, zumal sich keine
Hinweise auf die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden ergä-
ben. Sodann sind weder den Aussagen der Beschwerdeführenden noch
den Akten Anhaltspunkte zu entnehmen, dass sie für den Fall einer Rück-
kehr nach Georgien dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach
Art. 3 EMRK oder Art. 1 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984
gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende
Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wären. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtsho-
fes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschus-
ses müssten die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefahr nachweisen
oder glaubhaft machen.
7.3
7.3.1 Die Beschwerdeführenden machen geltend, dass bei einer Rückkehr
nach Georgien eine überlebensnotwendige Behandlung für K. nicht zur
Verfügung stehe und sich dadurch sein Gesundheitszustand drastisch und
lebensbedrohlich verschlechterte. Demnach stehe Art. 3 EMRK dem Voll-
zug der Wegweisung entgegen.
E-2725/2020
Seite 12
7.3.2 Eine zwangsweise Wegweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei-
tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch
die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H., und zum Ganzen auch BVGE 2017 VI/7
E. 6).
7.3.3 Zwar ist der gesundheitliche Zustand von K. bedauerlich. Allerdings
ist aus den Arztberichten des H._ (vgl. oben E. 5.3.4) nicht ersicht-
lich, dass er sich in Todesnähe befinden würde oder mangels medizini-
scher Behandlung in seinem Heimatstaat ein reales Risiko einer Ver-
schlechterung seines Gesundheitszustands mit intensivem Leiden oder ei-
ner erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung zu gewärtigen hätte, zu-
mal eine angemessene medizinische Behandlung in Georgien zugänglich
ist (vgl. nachfolgend E. 8.3.6). Die hohe Schwelle eines Verstosses gegen
Art. 3 EMRK ist demnach vorliegend nicht erreicht.
7.4 Der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführenden und ihres Kin-
des nach Georgien erweist sich somit als zulässig.
8.
8.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.2 Die allgemeine Situation in Georgien ist nicht von einer landesweiten
Situation von Krieg, Bürgerkrieg oder allgemeiner Gewalt geprägt. Es ist
E-2725/2020
Seite 13
demnach nicht von der generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs auszugehen (vgl. u.a. Urteile des BVGer D-2524/2020 vom
8. Juni 2020 E. 9.4 und D-2117/2020 vom 24. April 2020 E. 7.3.1 m.w.H.)
8.3
8.3.1 Auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus medizinischen
Gründen ist nach Lehre und konstanter Praxis nur dann zu schliessen,
wenn eine notwendige medizinische Behandlung im Heimatstaat nicht zur
Verfügung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährden-
den Beeinträchtigung des Gesundheitszustands der betroffenen Person
führen würde. Dabei wird als wesentlich die allgemeine und dringende me-
dizinische Behandlung erachtet, welche zur Gewährleistung einer men-
schenwürdigen Existenz absolut notwendig ist. Unzumutbarkeit liegt jeden-
falls dann noch nicht vor, wenn im Heimat- oder Herkunftsstaat eine nicht
dem schweizerischen Standard entsprechende medizinische Behandlung
möglich ist (vgl. etwa BVGE 2011/50 E. 8.3 und 2009/2 E. 9.3.1 je mit wei-
teren Hinweisen).
8.3.2 Die Vorinstanz verweist bezüglich der Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs zunächst auf die bundesverwaltungsrechtliche Rechtspre-
chung, wonach Georgien über ein funktionierendes Gesundheitssystem
verfüge, das in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht habe. Alle
Arten von Medikamenten des westeuropäischen Marktes stünden als Ori-
ginalpräparate oder Generika zur Verfügung. Sodann hält sie im Wesentli-
chen fest, den Aussagen der Beschwerdeführenden und den eingereichten
medizinischen Unterlagen aus Georgien sei zu entnehmen, dass ihnen der
Zugang zur medizinischen Versorgung in Georgien grundsätzlich gewähr-
leistet sei. Gemäss Arztbericht vom 7. Januar 2020 müsse mit grosser
Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass sich die Erkrankung
von K. nicht ursächlich behandeln lasse. Es sei folglich davon auszugehen,
dass die für die unterstützenden Massnahmen notwendigen Vitamine,
Nahrungsergänzungsmittel und Physiotherapien auch in Georgien verfüg-
bar seien, womit die symptomatische Behandlung der gesundheitlichen
Probleme von K. auch in Georgien möglich sei.
Georgien verfüge über eine Vielzahl von privaten Krankenhäusern und
Klinken, welche der staatlichen Krankenkasse angeschlossen seien, wes-
halb es den Beschwerdeführenden freistehe, die Behandlung von K. inklu-
sive gegebenenfalls notwenigen MRT/MRI in einer solchen der staatlichen
Krankenkasse angeschlossenen Institutionen durchzuführen (m.H.a.
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Focus Georgien, Reform im Gesundheitswesen: Staatliche Gesundheits-
programme und Krankenversicherung, 20. März 2018). Zudem gebe es in
Georgien seit 2013 eine staatliche Krankenversicherung, welche für Per-
sonen unter der Armutsgrenze bis zu 100% der Kosten übernehme (m.H.a.
Focus Georgien, a.a.O.). Somit wären die Kosten der Behandlung selbst
dann abgedeckt, wenn der Beschwerdeführer seine Arbeitsstelle infolge
Ausreise aus Georgien verloren hätte. Dementsprechend sei es den Be-
schwerdeführenden zumutbar, die gesundheitlichen Probleme von K. in
Georgien behandeln zu lassen.
8.3.3 Die Beschwerdeführenden machen in der Beschwerde im Wesentli-
chen geltend, die Behandlungsmöglichkeiten und die Diagnostik seien für
K. in Georgien offensichtlich nicht ausreichend und gesundheitsgefähr-
dend. Zudem seien die benötigten Behandlungen offenbar nicht von der
Krankenkasse gedeckt. Sie würden demnach in eine existenzielle Notlage
geraten, wenn sie die notwendige medizinische Behandlung selbst finan-
zieren müssten, sofern ihnen dies überhaupt gelingen sollte.
8.3.4 Das SEM entgegnet diesbezüglich in der Vernehmlassung, die Be-
schwerdeführerin habe anlässlich der Anhörung angegeben, dass sie die
kostenfreie Behandlung in Georgien in den staatlichen Polikliniken nicht in
Anspruch genommen hätten, da sie sich nicht getraut hätten, K. mit seinen
gesundheitlichen Problemen dorthin zu bringen.
8.3.5 In der Replik halten die Beschwerdeführenden dem entgegen, dass
in Georgien trotz anderthalb Jahren andauernder Behandlung keine ab-
schliessende Diagnose habe gestellt und K. nicht adäquat habe behandelt
werden können. Dies zeige sich vorliegend darin, dass nun in der Schweiz
eine Verdachtsdiagnose vorliege, die von den Ärzten in Georgien nicht
habe festgestellt werden können. Zudem hätten sie die Kosten für die drin-
genden notwendigen Untersuchungen in Georgien nicht selbst aufbringen
können.
8.3.6 Vorab ist in Erinnerung zu rufen, dass das Asylverfahren nicht dazu
dient, unabhängig von einer offensichtlich fehlenden Verfolgung im Sinne
der einschlägigen Normen ein Bleiberecht zur medizinischen Behandlung
zu erwirken, auch wenn das Bedürfnis der Beschwerdeführenden, ihrem
Kind K. in der Schweiz die bestmögliche medizinische Behandlung zu er-
möglichen, nachvollziehbar und menschlich verständlich ist. Letztere Fest-
stellung vermag nichts an der Tatsache zu ändern, dass klarerweise nicht
von einer akuten und existenziellen Gesundheitsgefährdung im Sinne von
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Art. 83 Abs. 4 AIG auszugehen ist. Das Bundesverwaltungsgericht
schliesst sich der Auffassung des SEM an, und zur Vermeidung unnötiger
Wiederholungen kann vollumfänglich auf die ausführlichen Erwägungen
der Vorinstanz verwiesen werden (vgl. oben E. 8.3.2 und E. 8.3.4). Ergän-
zend ist festzuhalten, dass auch der neuste Arztbericht vom 25. Mai 2020
an dieser Einschätzung nichts zu ändern vermag. Vielmehr steht darin un-
ter anderem, dass K. reisefähig sei und eine kardiologische und ophthal-
mologische Kontrolle auch in Georgien durchgeführt werden könne (vgl.
oben E. 5.3.4). Soweit die Beschwerdeführenden vorbringen, die Ärzte in
ihrem Heimatstaat hätten trotz der anderthalbjährigen Behandlung keine
abschliessende Diagnose feststellen können, ist dieses Vorbringen nicht
geeignet, zu einer anderen Einschätzung zu führen. So ist in den Arztbe-
richten vom 7. Januar und 25. Mai 2020 detailliert festgehalten, welche Vi-
tamine und Nahrungsergänzungsmittel sowie welche Behandlungen K. be-
nötigt. Zumal die akademisch ausgebildeten Beschwerdeführenden auf-
grund ihrer Aussagen finanziell besser situiert sind als die georgische
Durchschnittsbevölkerung (vgl. A34 F21, F25, F28 und F49; A35 F14), ist
ausserdem davon auszugehen, dass sie zumindest die für K. verschriebe-
nen Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel eigenständig bezahlen kön-
nen. So gab der Beschwerdeführer anlässlich seiner Anhörung immerhin
an, sie hätten die bereits achtmonatige andauernde Verabreichung von
Medikamenten an K. weiterführen können, wenn sie in Georgien geblieben
wären (vgl. A34 F39 und F43). Was im Weiteren die angeordnete regel-
mässe Physiotherapie betrifft (vgl. Arztbericht vom 25. Mai 2020, Proce-
dere, S. 3), so ist davon auszugehen, dass K. jährlich 80 Sitzungen in Tiflis
kostenlos beanspruchen kann (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH],
Länderanalyse, Géorgie: accès à divers soins et traitements médicaux,
Ziff. 4 S. 7 f. und Ziff. 6.3 S. 13, 30. Juni 2020). Schliesslich stehen auch
die gesundheitlichen Beschwerden der Beschwerdeführerin (vgl. Sachver-
halt Bst. B.b) dem Wegweisungsvollzug offensichtlich nicht entgegen und
es steht ihr frei, eine medizinische Behandlung in Georgien in Anspruch zu
nehmen, sollte eine solche notwendig sein. Im Übrigen hat das SEM die
Beschwerdeführenden zu Recht auf die Möglichkeit der medizinischen
Rückkehrhilfe hingewiesen (vgl. Art. 93 Abs.1 Bst. d AsylG).
8.4
8.4.1 Sind Kinder von einem Wegweisungsvollzug betroffen, bildet das Kin-
deswohl im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung einen Gesichtspunkt von
gewichtiger Bedeutung. Dies ergibt sich insbesondere aus einer völker-
rechtskonformen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AIG im Lichte von Art. 3
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Abs. 1 des Übereinkommens über die Rechte des Kindes vom 20. Novem-
ber 1989 (KRK, SR 0.107). Unter dem Aspekt des Kindswohls sind sämtli-
che Umstände zu würdigen, die im Hinblick auf eine Wegweisung wesent-
lich erscheinen, namentlich das Alter des Kindes, dessen Reife und Abhän-
gigkeit, die Art der Beziehung zu Bezugspersonen (Nähe, Intensität, Trag-
fähigkeit), die Eigenschaften der Bezugspersonen (insbesondere Unter-
stützungsbereitschaft und -fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich der
Entwicklung und Ausbildung des Kindes sowie der Grad der erfolgten In-
tegration bei einem längeren Aufenthalt in der Schweiz. Gerade die Dauer
des Aufenthaltes in der Schweiz ist im Hinblick auf die Prüfung der Chan-
cen und Hindernisse einer Reintegration im Heimatland bei einem Kind als
gewichtiger Faktor zu werten. Dabei ist aus entwicklungspsychologischer
Sicht nicht nur das unmittelbare persönliche Umfeld des Kindes (d.h. des-
sen Kernfamilie) zu berücksichtigen, sondern auch dessen übrige soziale
Einbettung. Die Verwurzelung in der Schweiz kann eine reziproke Wirkung
im Sinne einer Entwurzelung im Heimatland haben, die unter Umständen
die Rückkehr dorthin als unzumutbar erscheinen lässt (BVGE 2009/51
E. 5.6; 2009/28 E. 9.3.2 je m.w.H.).
8.4.2 K. ist noch ein Kleinkind, von seinen Eltern abhängig und weit davon
entfernt, sich in ein darüber hinausgehendes eigenes Umfeld eingelebt zu
haben. Die Eltern kümmern sich überaus gewissenhaft und liebevoll um K.
und sind dazu mit ihrem Hintergrund auch gut in der Lage. Weitere nahe
Verwandte leben überdies in Georgien, darunter auch solche, die offen-
sichtlich in der Lage sind, die Familie stützend zu begleiten, sollte dies not-
wendig sein. Hinsichtlich einer möglichst guten weiteren Entwicklung von
K. kann des weiteren darauf verwiesen werden, dass das Bildungssystem
Georgiens das System der "inclusive education" kennt, Kinder mit Beein-
trächtigungen also die regulären Schulen besuchen können und dort spe-
zielle Betreuung erhalten. Darüber hinaus gibt es auch Bildungsinstitutio-
nen und Projekte für Kinder mit besonderen Bedürfnissen, so etwa die Mi-
chael School in Tiflis (https://www.freunde-waldorf.de/en/waldorf-world-
wide/organisations-worldwide/europe/georgia/georgia-michael-school;
https://macgeorgia.org/en; beide abgerufen am 12. August 2020). Es gibt
keinen Grund anzunehmen, diese wären den Beschwerdeführenden nicht
grundsätzlich zugänglich.
8.5 Schliesslich sind auch keine anderen Gründe ersichtlich, die dem Weg-
weisungsvollzug der Beschwerdeführenden entgegenstehen würden. So
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kann auf die im Sachverhalt unter Buchstabe B.b umschriebenen Lebens-
verhältnisse verwiesen werden, die sich offensichtlich als im Vergleich zu
denjenigen zahlreicher Landsleute günstiger erweisen.
8.6 Somit ist festzuhalten, dass weder die allgemeine Lage in Georgien
noch individuelle Gründe auf eine konkrete Gefährdung der Beschwerde-
führenden und ihres Kindes in Georgien schliessen lassen. Der Vollzug der
Wegweisung erweist sich somit auch als zumutbar.
9.
Der Vollzug ist schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der
Ausländer weder in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen
Drittstaat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2
AuG).
Die Beschwerdeführenden haben ihre georgischen Pässe zu den Akten
gegeben. Demnach ist auch in technischer Hinsicht kein Wegweisungsvoll-
zugshindernis ersichtlich, wobei es ihnen ohnehin obliegen würde, sich bei
der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr not-
wendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG; BVGE
2008/34 E. 12).
10.
Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht
als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vor-
läufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist (Art. 49 Bst. c VwVG). Es erübrigt sich, auf
den weiteren Inhalt der Beschwerde und der Replik näher einzugehen. Die
Beschwerde ist abzuweisen.
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
den unterliegenden Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG). Da das Bundesverwaltungsgericht das Gesuch um Erlass der Ver-
fahrenskosten mit Zwischenverfügung vom 24. Juni 2020 gutgeheissen hat
und keine Veränderung ihrer finanziellen Verhältnisse ersichtlich ist, sind
indes keine Kosten zu erheben.
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Die amtliche Rechtsbeiständin hat keine Kostennote zu den Akten gereicht.
Auf die Nachforderung einer solchen kann indessen verzichtet werden,
weil der Vertretungsaufwand zuverlässig abgeschätzt werden kann (Art. 14
Abs. 2 in fine des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). In Anwendung der genannten Bestimmung und unter Berück-
sichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (Art. 8 ff. VGKE) ist der
Rechtsvertreterin ein Honorar im Umfang von Fr. 850.– (inkl. Auslagen) zu
entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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