Decision ID: 6fed1876-52c1-4f33-bdf7-1b9bdda39319
Year: 2012
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Diebstahl
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Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Dielsdorf, I. Abteilung, vom 6. Dezember 2010 (DG100050)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 24. Septem-
ber 2010 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 27).
Urteil der Vorinstanz:
1. Die Angeklagte ist des Diebstahls im Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB nicht schuldig und wird diesbezüglich freigesprochen.
2. Das Schadenersatzbegehren der Geschädigten 1 und 2 wird abgewiesen.
3. Die Gerichtsgebühr fällt ausser Ansatz und die übrigen Kosten des Gerichts-
sowie des Untersuchungsverfahrens (inklusive die Kosten für die amtliche
Verteidigerin) werden auf die Staatskasse genommen.
4. Der Angeklagten wird eine Entschädigung von Fr. 200.– aus der Staatskas-
se zugesprochen.
Berufungsanträge:
a) des Geschädigten A._:
(Urk. 21, 22, 42 und 58, sinngemäss)
1. Schuldspruch im Sinne der Anklage.
2. Verpflichtung der Angeklagten zur Leistung des beantragten Schaden-
ersatzes an die Geschädigten 1 und 2.
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b) des Vertreters der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland:
(Urk. 44, schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
c) der Verteidigerin der Angeklagten:
(Urk. 60 S. 1)
1. Es sei die Berufung vollumfänglich abzuweisen.
2. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge (zuzüglich 8% MwSt).
_

Das Gericht erwägt:
I.
Gemäss Art. 453 Abs. 1 der Schweizerischen Strafprozessordnung, welche
am 1. Januar 2011 in Kraft trat, werden Rechtsmittel gegen einen Entscheid, der
vor Inkrafttreten der Schweizerischen Strafprozessordnung gefällt wurde, nach
bisherigem Recht beurteilt. Da sich vorliegend die Berufung gegen einen Ent-
scheid richtet, der vor dem 1. Januar 2011 gefällt wurde, ist die bisherige Straf-
prozessordnung des Kantons Zürich (nachfolgend StPO/ZH) sowie das bisherige
Gerichtsverfassungsgesetz (GVG) anwendbar.
II.
1. Gegen das eingangs im Dispositiv wiedergegebene Urteil der I. Abteilung
des Bezirksgerichtes Dielsdorf vom 6. Dezember 2010 meldete der Geschädigte
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1 mit Eingabe vom 15. Dezember 2010 rechtzeitig die Berufung an und nannte
mit derselben Eingabe auch seine Beanstandungen (Urk. 62). Die Staatsanwalt-
schaft erklärte mit Schreiben vom 20. Dezember 2010 ebenfalls Berufung (HD
43), zog diese in der Folge aber wieder zurück (Urk. 44), was vorzumerken ist.
Anschlussberufungen wurden keine erhoben. Der Geschädigte 1 stellte mehrere
Beweisanträge (Urk. 50). Wie sich aus den nachstehenden Erwägungen ergibt,
erübrigt es sich indessen, diese beantragten Beweisergänzungen vorzunehmen.
Die Angeklagte reichte innert erstreckter Frist das Datenerfassungsblatt und wei-
tere Unterlagen zu ihren finanziellen Verhältnissen ein (Urk. 54/1-2).
2. Anlässlich der heutigen Berufungsverhandlung liessen die Parteien die
eingangs erwähnten Anträge stellen.
III.
1. Der Angeklagten wird im Wesentlichen vorgeworfen, sie habe an einem
nicht genau bekannten Tag zwischen dem 7. November 2006 und dem 10. No-
vember 2006 in der Wohnung des Geschädigten 1, bei welchem sie damals we-
gen Wohnungssuche temporär logiert habe, im Büro-Zimmer aus einem ab-
schliessbaren Schrank ein Couvert an sich genommen, welches € 85'000.– in bar
enthalten habe. Sie habe das Geld enthaltende Couvert heimlich an sich genom-
men, um es einer Eigentümerin gleich für eigene, nicht genau bekannte Zwecke
zu gebrauchen. Dadurch habe sie sich des Diebstahls i.S. von Art. 139 Ziff. 1
StGB schuldig gemacht.
2. Die Angeklagte bestritt den ihr vorgeworfenen Sachverhalt sowohl in der
Untersuchung, anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung und auch heu-
te. Der eingeklagte Sachverhalt ist deshalb zu erstellen.
3. Die Vorinstanz hat die Aussagen der Angeklagten, des Geschädigten 1
und des Zeugen C._ sehr ausführlich wiedergegeben und ist nach einer
sorgfältigen Beweiswürdigung zum Schluss gelangt, dass sich der eingeklagte
Sachverhalt nicht rechtsgenügend erstellen lässt. Zur Vermeidung unnötiger Wi-
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derholungen kann vorab auf diese zutreffenden vorinstanzlichen Erwägungen
verwiesen werden (§ 161 GVG; Urk. 45 S. 4 ff.).
4.1. Zusammenfassend und teilweise ergänzend kann Folgendes festge-
halten werden:
Der Geschädigte 1 hatte im Internet im Zusammenhang mit dem Vertrieb
von Nahrungsmittelergänzungsprodukten für seine Firma D._ Vertriebsinte-
ressierte in E._ [Land in Europa] gesucht, und die in F._ wohnhafte An-
geklagte hatte sich auf ein solches Inserat hin bei ihm gemeldet. Die beiden trafen
sich zunächst im Mai 2006, dann erneut anfangs August 2006 in G._. Die
Angeklagte wollte dann allerdings nicht in diese Firma eintreten, bekundete aber
ihr Interesse am Erwerb der H._ GmbH (nachfolgend H._ GmbH), einer
anderen Firma des Geschädigten 1, die im Baustoffhandel tätig war. Die H._
GmbH schloss mit der Angeklagten gleichentags einen Arbeitsvertrag (Urk. 5/8).
Gemäss der Darstellung des Geschädigten 1 stellte er diesen Arbeitsvertrag aus,
damit die Angeklagte eine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz erhalte. Der ver-
einbarte Lohn von Fr. 6'000.-- sei fiktiver Natur gewesen (Urk. 5/2 S. 7). Demge-
genüber stellt sich die Angeklagte auf den Standpunkt, dass sie bei Vertragsun-
terzeichnung davon ausgegangen sei, dass sie den vertraglich vereinbarten Lohn
von monatlich Fr. 6'000.-- erhalten werde (Urk. 5/4 S. 19). Fest steht jedenfalls,
dass die Angeklagte im Hinblick auf ihre Tätigkeit bei der H._ GmbH ihren
Wohnsitz in F._ aufgab und zusammen mit ihrer damals 8-jährigen Tochter
in die Schweiz zog. Bis zum Bezug einer eigenen Mietwohnung wohnte sie ab
September 2006 bis ca. Ende November 2006 beim Geschädigten 1 in I._.
Sie schlief im Wohnzimmer auf dem Sofa. Gemäss übereinstimmender Darstel-
lung unterhielten die beiden lediglich eine geschäftliche, aber keine private Bezie-
hung zueinander (Urk. 5/2 S. 5 f., 9; Urk. 5/3 S. 6, 8).
4.2. Der eingeklagte Sachverhalt beruht nun vorab auf der Schilderung des
Geschädigten 1: seine Mutter habe bei der J._ [Bank] € 85'000.– in eine
Geldanlage investiert und ihm aus diesem Grund eine Generalvollmacht erteilt. Er
habe sich in der Folge darüber enerviert, dass er auf den jährlichen Zinsen dieser
Anlage jeweils hohe Abgaben habe bezahlen müssen. Er habe dies einmal der
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Angeklagten, als sie bei ihm gewohnt habe, erzählt. Diese habe geantwortet, er
sei ja blöd, dieses Geld so anzulegen. Ihre Familie habe Geld bei der Bank
K._ angelegt und eine Rendite zwischen 25% und 30% erwirtschaftet. Er sei
hellhörig geworden und habe sich beim Mitarbeiter der J._ [Bank] erkundigt,
ob er über das Geld seiner Mutter (der Geschädigten 2) verfügen könne. Der Mit-
arbeiter habe ihm mitgeteilt, dies sei nicht möglich. Die Angeklagte sei bei diesem
Telefongespräch dabei gewesen, habe den Hörer an sich genommen und den
Bankangestellten "zur Sau" gemacht. Eine halbe Stunde später habe er von der
J._ [Bank] ein Angebot für ein Darlehen auf den angelegten Betrag erhalten.
Das Angebot habe auf € 85'000.– gelautet, bei einem Zins von 8,7%. Er habe mit
der Angeklagten schliesslich vereinbart, dass er ihr das Geld bar aushändige und
sie es bei der Bank K._ anlege, so dass er darauf ebenfalls eine Rendite
zwischen 20% und 25% erziele. Er sei dann am 6. November 2006 nach E._
gefahren, habe den Betrag von € 85'000.– bar entgegengenommen und in die
Schweiz gebracht. Seine Mutter sei bei der Geldübergabe dabei gewesen. Das
Geld sei ihm in Noten à je € 500.– in einem C-6 Couvert der J._ [in L._]
ausgehändigt worden. Das Couvert sei mit einem Gummiband gesichert gewe-
sen, ansonsten aber unversiegelt. Er habe anschliessend bei seiner Mutter über-
nachtet und sei am 7. November 2006 zwischen 14.00 Uhr und 15.00 Uhr zu
Hause angekommen. Er habe das Geld bei sich im Büro deponiert, und zwar in
einem abschliessbaren Büroschrank. Die Angeklagte habe sich in seiner Woh-
nung aufgehalten, als er zu Hause angekommen sei. Er habe ihr mitgeteilt, dass
er das Geld erhalten habe und dass sie nun einen Termin bei der Bank K._
vereinbaren müssten. Sie habe geantwortet, dass sie dies erledigen werde. Die
Angeklagte sei dabei gewesen, als er das Geld im Schrank deponiert habe. Sie
habe sich das Geld auch ansehen wollen, er habe ihr die Noten gezeigt. Der
Schrank, in dem er das Couvert deponiert habe, sei mit einem Schloss gesichert
gewesen. Die Angeklagte habe in dem Moment, als er das Geld im Schrank habe
einschliessen wollen, erwidert, es gebe in der Wohnung ja einen abschliessbaren
Schrank. Dann könne sie ja ihre Dokumente ebenfalls darin aufbewahren. Sie ha-
be diverse persönliche Papiere in den Schrank gelegt, und er habe diesen abge-
schlossen. Die Angeklagte habe ihn daraufhin um einen Schlüssel zum Schrank
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gebeten, er habe ihr einen solchen ausgehändigt. Es habe nur zwei Schlüssel zu
diesem Schrank gegeben. Den einen habe er selbst in Besitz gehabt, der andere
sei im Besitz der Angeklagten gewesen. Der Schrank sei im Übrigen immer abge-
schlossen gewesen. Zwischen dem Zeitpunkt, als er das Geld im Schrank depo-
niert habe, und dem Zeitpunkt, als er dessen Verschwinden festgestellt habe, hät-
ten sich nur die Angeklagte, deren Tochter und er in der Wohnung aufgehalten.
Dass das Geld sich nicht mehr im Schrank befand, habe er am 10. November
2006 erfahren. Er sei um ca. 17.00 Uhr nach Hause gekommen. Die Angeklagte
sei auf dem Sofa gesessen und habe ihm mitgeteilt, sie habe das Geld zur Bank
gebracht. Er habe sofort nach einer Quittung gefragt, aber sie habe geantwortet,
sie müsse erst mit ihrer Schwester reden. Sie würde ihm die Quittung am folgen-
den Tag aushändigen. Am darauffolgenden Tag habe sie ihm eröffnet, sie werde
ihm keine Quittung aushändigen. Sie habe das Geld in den Fonds ihrer Familie
einbezahlt. Dieser Fonds werde aus steuerlichen Gründen (Steuerhinterziehung)
bei der Bank K._ unterhalten. Ihre Schwester sei dagegen, dass diese Bank-
verbindung bekannt werde. Ausserdem dürfe sie aus diesem Grund auch keine
Informationen betreffend dieses Fonds an Dritte weitergeben. Er habe dagegen
protestiert, aber sie habe ihn abgewimmelt. Er habe die Angeklagte in der Folge
unter Druck gesetzt, ihm mitzuteilen, was sie mit dem Geld gemacht habe. Aber
sie habe sämtliche Auskünfte verweigert. Im Übrigen sei die Angeklagte am 10.
November 2006 dabei gewesen, als er die Wohnung um 08.30 Uhr verlassen ha-
be. Sie habe gewusst, dass er auf Kundenbesuche gehe, und er habe sie infor-
miert, dass er erst gegen Abend zurückkommen werde. Er habe die Angeklagte
immer wieder damit konfrontiert, dass er ihr nicht glaube und dass er der Meinung
sei, sie habe ihm das Geld gestohlen. Aber sie habe ihn jeweils nur angegrinst. Er
habe später einen Bekannten, der bei der Bank K._ arbeite, angefragt, ob die
Angeklagte je Geld einbezahlt habe. Der Bekannte habe dies verneint. Im Übrigen
sei der Schrank, wo er das Geld verwahrt habe, nie aufgebrochen worden. Das
Schloss und die Schranktür befänden sich immer noch im selben Zustand wie als
er den Schrank gekauft habe (Urk. 5/2 S. 10 ff., Urk.5/12 S. 5 ff.).
4.3. Diese Darstellung des Geschädigten wirkt keineswegs unglaubhaft.
Vielmehr handelt sich um eine sehr konkrete, anschauliche und detailreiche
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Schilderung, die absolut plausibel, lebensnah und realistisch wirkt. Auch hielt der
Geschädigte konstant an seiner Darstellung fest. Es steht ausser Zweifel, dass
die Angeklagte durch diese Aussagen des Geschädigten stark belastet wird.
Hinzu kommen weitere Indizien, die den Verdacht gegen die Angeklagte
erhärten: Diese hat, wie erwähnt, während des gesamten Verfahrens bestritten,
das Geld aus dem Schrank genommen zu haben. Sie führte aus, der Geschädigte
habe immer wieder erwähnt, wie er das Geld seiner Mutter gewinnbringender an-
legen möchte. Sie habe sich da aber nicht einmischen wollen, und der Geschä-
digte habe sie damit nur genervt. Auf entsprechende Fragen verneinte sie, dem
Geschädigten konkrete Vorschläge für eine Anlage mit höhere Rendite gemacht
zu haben. Sie habe nicht mitbekommen, dass der Geschädigte bei der J._ in
L._ ein Darlehen auf das Vermögen seiner Mutter aufgenommen und €
85'000.– bar dort geholt habe (Urk. 5/3 S. 9 ff.). Insbesondere stellte sie auch in
Abrede, dass sie sich ins Telefongespräch mit dem Bankangestellten in L._
eingemischt habe (Urk. 5/4 S. 13). Demgegenüber hat M._, der zuständige
Bankangestellte bei der J._ in L._ gegenüber dem polizeilichen Sach-
bearbeiter die Sachdarstellung des Geschädigten bestätigt und insbesondere
ausgeführt, dass anlässlich eines Telefongesprächs zwischen ihm und dem Ge-
schädigten im Oktober 2006 sich plötzlich eine Frauenstimme gemeldet habe,
den Hörer übernommen habe und sehr forsch und frech auf ihn eingeredet habe
(Urk. 1 S. 12 f.). M._ wurde freilich nicht formell als Zeuge befragt, weshalb
seine Aussagen nicht zum Nachteil der Angeklagten verwendet werden können.
Wie sich aus den nachstehenden Erwägungen ergibt, könnte der rechtsgenügen-
de Nachweis auch unter Einbezug der belastenden Aussagen von M._ nicht
erbracht werden.
Belastet wird die Angeklagte weiter durch den Umstand, dass anlässlich
der in der Wohnung der Angeklagten am 17. Dezember 2009 durchgeführten
Hausdurchsuchung eine E-Mail von M._ vom 25. Oktober 2006 an den Ge-
schädigten 1 sichergestellt wurde (Urk. 5/10; 16/4), die entgegen der Bestreitung
der Angeklagten (Urk. 5/6 S. 8) zumindest ein Indiz dafür ist, dass sie Kenntnis
von der Geldanlage der Mutter des Geschädigten hatte.
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Die Angeklagte wird durch weitere Umstände belastet: Der Geschädigte 1
führte aus, dass sich die Angeklagte ihm gegenüber als äusserst erfolgreiche Ge-
schäftsfrau präsentiert habe. Sie habe ihm das Angebot unterbreitet, seine
H._ GmbH für ihre Investorengruppe zu erwerben, da ihre Spezialität das In-
vestment am Hochbau sei. Ausserdem sei sie 50%-ige Teilhaberin einer Privat-
bank, der N._. Ebenfalls sei ihre Familie sehr wohlhabend, und ihr Vater sei
sehr gut mit dem CEO der K._, O._, befreundet (Urk. 4/2 S. 1 f.). Die
Angeklagte bestritt, gegenüber Drittpersonen (wahrheitswidrig) gesagt zu haben,
sie sei Teilhaberin der N._. Es sei vielmehr der Geschädigte gewesen, der
sie so gegenüber seinen Marketingfreunden vorgestellt habe. Er sei der Blender
gewesen (Urk. 5/3 S. 12). Grosspuriges Auftreten der Angeklagten ist jedoch ak-
tenkundig: Gemäss ihrem schriftlichen Lebenslauf machte sie 1987 das Abitur in
F._, studierte ab 1989 Betriebswirtschaft an der ... [Fachhochschule in
E._], gründete in der Folge mehrere Firmen, unter anderem die Firma
P._ Ltd und bezeichnete ihr dortiges Tätigkeitsfeld mit "Akquise und Finanz-
service" (Urk. 2/5). Bezüglich ihrer Ausbildung gab sie demgegenüber in einer po-
lizeilichen Befragung an, die Schulen bis zum Realabschluss gemacht zu habe. In
der Folge habe sie eine kaufmännische Fachschule besucht (Urk. 5/3 S. 2). An-
derseits bestätigte sie, dass sie Gesellschafterin in der Firma P._ gewesen
sei. Diese Firma sei gut gelaufen, sie hätten ein gutes Leben in F._ gehabt.
Sie sei aus der P._ Ltd ausgeschieden, weil der Geschädigte sie nach
G._ geholt habe (Urk. 5/3 S. 3). Diese Aussagen treffen offensichtlich nicht
zu: Polizeiliche Abklärungen ergaben vielmehr, dass - wie die Angeklagte dann
einräumen musste (Urk.5/4 S. 9) - die Firma P._ Ltd bereits im Dezember
2005/Januar 2006 aufgelöst worden war, dass ihr in der Folge die Mietwohnung in
F._ wegen Mietschulden fristlos gekündigt worden war und dass zahlreiche
an die Angeklagte gerichteten Mahnbescheide, Schreiben von Inkassobüros und
von Gerichten vorlagen. Die Angeklagte räumte auch ein, dass sie zeitweise So-
zialhilfe bezog (Urk. 5/4 S. 10 ff.). Die Angeklagte wird ferner - wie die Abklärun-
gen ergaben - in E._ gesucht im Zusammenhang mit einem nicht näher be-
kannten Strafverfahren und auch wegen Aufenthaltsermittlung (Urk. 20/3). Es ist
deshalb sehr naheliegend, dass sich die Angeklagte in einer schlechten finanziel-
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len Situation befand, als sie zusammen mit ihrer Tochter in die Schweiz kam. Als
Motiv für den ihr vorgeworfenen Diebstahl käme somit Geldnot durchaus in Frage.
Der Geschädigte hatte behauptet, der Angeklagten ein Darlehen in der Hö-
he von Fr. 30'000.-- gewährt zu haben (Urk. 5/2 S. 9). Dies hat die Angeklagte in
der ersten polizeilichen Einvernahme mit den Worten bestritten, sie habe vom
Geschädigten nie Geld erhalten (Urk. 5/3 S. 7 f.). In der zweiten Einvernahme gab
sie dann abweichend dazu an, als Beratungshonorar und für Spesen vom Ge-
schädigten in der Zeit vom November 2006 bis Februar 2007 € 30'000 erhalten zu
haben (Urk. 5/4 S. 5). Dieses widersprüchliche Aussageverhalten belastet die An-
geklagte. Schwerer noch wiegt der Umstand, dass die Angeklagte nach ihrer ei-
genen Darstellung Fr. 50'000.-- in die Firma H._ GmbH eingebracht hat (Urk.
5/3 S. 8). Tatsächlich steht fest, dass die Angeklagte vom 7. November 2006 bis
15.Februar 2007 Gesellschaftseinlagen tätigte und Auslagen für die Mietkaution
hatte, dies im Gesamtbetrag von Fr. 32'300.-- (Urk. 5/4 S. 4). Die Angeklagte be-
stätigte, dass sie ab August 2006 bis 2009 eigentlich über kein Einkommen ver-
fügte (Urk. 5/4 S. 5 f.), mit Ausnahme der von ihr selbst erwähnten € 30'000. Auf
den Vorhalt, wie sie die Zahlungen von Fr. 32'300.-- erbringen konnte und gleich-
zeitig den Lebensunterhalt für sich und ihre Tochter bestreiten musste, gab sie
an, dass sie von der Auflösung der P._ Ltd und aufgrund von Zuwendungen
ihres 2006 verstorbenen Vaters € 100'000 gehabt habe (Urk. 5/6 S. 3 f.). Sie sei
ausserdem von ihrem Lebenspartner Q._ unterstützt worden. Dieser war
nach ihren Angaben bei der Bundeswehr und verdiente bei Auslandseinsätzen
monatlich € 5'000.-- (Urk. 5/4 S. 6). Heute wohnen die beiden in R._.
Q._ arbeite bei einer Temporärfirma und verdiene Fr. 4'000.-- bis Fr. 5'000.--
(Urk. 5/3 S. 14). Der Umstand, dass ihr in F._ wegen Mietschulden die Woh-
nung fristlos gekündigt worden war, spricht ganz klar gegen ihre Behauptung,
dass sie damals ein liquides Vermögen in der Höhe von € 100'000 gehabt hat.
Die Glaubwürdigkeit der Angeklagten ist aus diesen Gründen massiv beeinträch-
tigt.
Aufgrund dieser Beweissituation - klare, authentisch wirkende Belastungen
seitens des Geschädigten, klar widersprüchliches Aussageverhalten der Ange-
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klagten, reichlich dubiose finanzielle Verhältnisse der Angeklagten - bestehen
sehr ernsthafte Anhaltspunkte dafür, dass der eingeklagte Vorwurf zutrifft.
4.4. Dennoch lässt sich der rechtsgenügende Nachweis für diesen behaup-
teten Diebstahl nicht erbringen. Zunächst ist schlechterdings nicht nachvollzieh-
bar, weshalb der Geschädigte erst am 7. Juli 2009 Strafanzeige gegen die Ange-
klagte erstattete (Urk. 3), also mehr als zweieinhalb Jahre damit zuwartete. Die-
ses Verhalten erscheint umso unverständlicher, als der Geschädigte nach eige-
nen Angaben im Januar 2007 Zweifel an der Darstellung der Angeklagten bekam,
weil er von ihr keine Zinsabrechnung erhalten habe (Urk. 5/2 S. 2). Er habe be-
reits damals ein Delikt gewittert. Seine Darstellung, er habe einfach gehofft, dass
irgendeines ihrer Projekte einmal klappe und er den Verlust dann ausgleichen
könne (Urk. 5/12 S. 6), vermag nicht recht zu überzeugen. zumal er an anderer
Stelle angab, die Angeklagte habe ab November 2006 mit den ersten Projekten
begonnen, die sich allesamt als Betrug herausgestellt hätten (Urk. 5/2 S. 7 f.). Der
Umstand, dass der Geschädigte während fast drei Jahren mit der Angeklagten
zusammenarbeitete und mit der Strafanzeige derart lange zuwartete, könnte auch
ein Hinweis dafür sein, dass er der Angeklagten das Altersguthaben seiner Mutter
einverständlich übergeben hatte, damit sie das Geld investiere und in der Folge
unter Druck seiner Angehörigen geriet, als die Rückzahlung ausblieb. Freilich
stellt sich die Angeklagte selbst nicht auf diesen Standpunkt, was aber nicht ver-
wundert, sähe sie sich dann allenfalls mit dem Vorwurf der Veruntreuung konfron-
tiert - was aber nicht Gegenstand der Anklage bildet - und müsste sie zumindest
zivilrechtlich mit einer Forderungsklage rechnen.
Hinzu kommt, dass die Glaubwürdigkeit des Geschädigten nicht vorbehalt-
los bejaht werden kann: Zunächst fällt auf, dass er mit einer gewissen Gleichgül-
tigkeit ausführte, der Arbeitsvertrag mit der Geschädigten sei simuliert gewesen,
damit diese eine Aufenthaltsbewilligung erhalte.
Viel schwerer wiegt sein Verhalten im Zusammenhang mit der Aussage des
Zeugen C._. So führte er aus, anlässlich einer Strategiebesprechung vom
21. November 2008 bezüglich der H._ GmbH habe er der Angeklagten in
Anwesenheit seines Buchhalters C._ die Frage gestellt, ob es nicht möglich
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sei, die € 85'000 für ein Projekt zu kreditieren. Die Angeklagte habe geantwortet,
dass dieser Betrag im Aktienfonds ihrer Familie wäre, dort noch bis 31.10.2010
verbleiben würde und nicht kreditiert werden könne (Urk. 4/2). Demgegenüber hat
C._ in der polizeilichen Einvernahme lediglich Folgendes bestätigt: Anläss-
lich einer Besprechung habe der Geschädigte die Angeklagte gefragt, ob sie nicht
das Geld seiner Mutter in die Firma einbringen könnten. Die Angeklagte habe er-
widert, dies sei kein Thema, das sie hier erörtern wolle und vor allem nicht vor
Herrn C._. Danach habe sie wütend das Büro verlassen (Urk. 5/1 S. 4). An-
lässlich der formellen Zeugeneinvernahme bestätigte C._ diese Darstellung
(Urk. 5/11 S. 3 f.). Der Zeuge bestätigte demnach eben gerade nicht, dass die
Angeklagte anlässlich dieser Besprechung zugegeben habe, dass sich die €
85'000 im Aktienfonds ihrer Familie befänden. Es wäre auch tatsächlich sehr selt-
sam, dass die Angeklagte gegenüber Drittpersonen ein solches Zugeständnis
gemacht haben soll. Aus diesem Grund vermag das Schreiben von C._ an
den früheren Rechtvertreter des Geschädigten, worin er im Widerspruch zu seiner
Zeugenaussage bestätigte, die Angeklagte habe anlässlich dieser erwähnten Be-
sprechung gesagt, dass der Betrag von € 85'000 im Aktienfonds ihrer Familie fest
angelegt sei (Urk. 51/2), an der Beweislage nichts zu ändern. C._ hat anläss-
lich der polizeilichen Einvernahme ausgeführt, der Geschädigte habe ihm dieses
Schreiben aufgesetzt. Ein früheres, vom Geschädigten aufgesetztes Schreiben
habe er zurückweisen müssen, weil darin Sachen aufgeführt gewesen seien, die
er nicht habe bestätigen können (Urk. 5/1 S. 5 f.). Aufgrund dieses Vorgangs wird
klar ersichtlich, dass der Geschädigte versucht, das Beweisergebnis zu beeinflus-
sen, was seine Glaubwürdigkeit erheblich beeinträchtigt. Selbstredend kann nicht
auf solche vom Angeklagten aufgesetzte Schreiben abgestellt werden. Vielmehr
ist zu wiederholen, dass C._ weder in der polizeilichen Befragung noch in der
formellen Zeugeneinvernahme bestätigte, dass die Angeklagte gesagt habe, der
Betrag von € 85'000 sei im Aktienfonds ihrer Familie fest angelegt.
Aus diesem Grund kann, entgegen dem Antrag des Geschädigten
(Urk. 50), auch füglich auf die Einvernahmen von S._, T._ und U._
verzichtet werden. Der Geschädigte hat schriftliche Erklärungen dieser Personen
eingereicht (vgl. Urk. 51/3-7). Es mag durchaus zutreffen, dass diese Personen
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bestätigen könnten, dass die Angeklagte sich ihnen gegenüber als erfolgreiche
Geschäftsfrau, insbesondere als 50%ige Inhaberin einer Privatbank präsentiert
habe, was aber hinsichtlich der Beweiswürdigung keine neuen Erkenntnisse brin-
gen würde: Die Glaubwürdigkeit der Angeklagten ist, wie bereits aufgrund des
bisherigen Beweisergebnisses feststeht, angeschlagen. Gemäss den Erklärungen
von S._ und T._ soll die Angeklagte ihnen gegenüber ausserdem mitge-
teilt haben, dass sie auch das Vermögen der Mutter des Geschädigten verwalte.
Wiederum erscheint fraglich, weshalb die Angeklagte gegenüber Drittpersonen
ein solches Zugeständnis gemacht haben soll. Auf entsprechende Aussagen die-
ser beiden Personen könnte aber deshalb nicht abgestellt werden, weil nicht aus-
zuschliessen ist, dass der Geschädigte diese Personen, wie den Zeugen
C._, beeinflusst und diese schriftlichen Erklärungen aufgesetzt haben könn-
te. Hinzu kommt, dass diese Personen ohnehin nur bestätigten, dass die Ange-
klagte das Vermögen der Mutter des Geschädigten 1 verwaltet habe, aber nicht,
dass es von der Angeklagten gestohlen worden sei. Auf die vom Geschädigten
weiter beantragte Einholung eines Untersuchungsberichtes über die Angeklagte,
die Aufschluss über das Geschäftsgebaren der Angeklagten geben soll (Urk. 50),
kann ebenfalls verzichtet werden, könnten doch daraus keine Erkenntnisse hin-
sichtlich des konkret nachzuweisenden Diebstahls gewonnen werden. Schliess-
lich wurde vom Geschädigten kritisiert, dass die Hausdurchsuchung bei der An-
geklagten unzulänglich gewesen sei (Urk. 50). Fest steht, dass ein Zweitschlüssel
für den Aktenschrank anlässlich dieser Hausdurchsuchung bei der Angeklagten
nicht gefunden wurde und sicher auch nicht mehr gefunden werden könnte.
4.5. Aus der Unschuldsvermutung ergibt sich, dass einem verurteilenden
Erkenntnis nur Sachverhalte zugrunde gelegt werden dürfen, die einem Angeklag-
ten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen wurden
(Schmid, Strafprozessrecht, 4. A. N 294). Vorliegend kann bei vernünftiger Be-
trachtungsweise der zweifelsfreie Schuldbeweis nicht erbracht werden. Zwar be-
steht aufgrund der Aussagen des Geschädigten eine erhebliche Wahrscheinlich-
keit dafür, dass die Angeklagte den ihr vorgeworfenen Diebstahl verübt hat. An-
derseits bestehen Ungereimtheiten, die es verbieten, unbesehen auf die Aussa-
gen des Geschädigten abzustellen. Andere geeignete Beweismittel stehen nicht
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zur Verfügung. Es bleiben unüberwindliche Zweifel am Tatbeweis, weshalb die
Angeklagte vom eingeklagten Vorwurf des Diebstahls im Sinne von Art. 139 Ziff. 1
StGB freizusprechen ist.
IV.
Ausgangsgemäss ist auf die Schadenersatzbegehren der Geschädigten 1 und 2 (Urk.21 und 22) nicht einzutreten.
V.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist das erstinstanzlichen Kosten- und Entschädigungsdispositiv zu bestätigen. Im Berufungsverfahren erfolgen die Auf-
lage der Kosten und die Zusprechung einer Entschädigung in der Regel im Ver-
hältnis von Obsiegen und Unterliegen der Verfahrensbeteiligten (§ 396a StPO).
Die Kosten des Berufungsverfahrens, einschliesslich derjenigen der amtlichen
Verteidigung, sind deshalb dem Geschädigten 1 aufzuerlegen.