Decision ID: 5bf848d8-b8a3-4cc6-9379-07fcfbddaa83
Year: 2015
Language: de
Court: BE_NAB
Chamber: BE_NAB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

Sachverhalt:
A.
Mit Gesuch vom 28. Mai 2014 beantragte .1 bei der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion des Kantons Bern (JGK) die Erteilung des
Rechts auf unentgeltliche Rechtspflege für die notarielle Beurkundung sei-
ner letztwilligen Verfügung unter Beiordnung von L als Notar. Aufgrund der rasch fortschreitenden Verschlechterung des Gesund-
heitszustands von .1 fand die Beurkundung von dessen letz-
tem Willen bereits am 8. Juni 2014 statt. Am 16. Juni 2014 verstarb
Mit Entscheid vom 25. August 2014 entsprach die JGK
dem Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und ordnete
als Notar bei. Die aus der Staatskasse zu entschädi-
gende Notariatsgebühr setzte sie auf Fr. 680.40 (inkl. Auslagen und MWSt)
fest.
B.
Hiergegen hat L am 23. September 2014 Verwaltungs- gerichtsbeschwerde mit folgendem Rechtsbegehren erhoben:
«Ziffer 2 des Entscheides der Vorinstanz vom 25. August 2014 sei  aufzuheben, als nicht alle Positionen in der Kostennote des  vom 22. September 2014 vollumfänglich genehmigt werden, und die genannte Kostennote sei zu genehmigen.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolge.»
Mit Vernehmlassung vom 23. Oktober 2014 beantragt die JKG, es sei L
eine um Fr. 200.-- erhöhte Gebühr zuzusprechen. Weiter-
gehend schliesst sie auf Abweisung der Beschwerde, soweit auf diese ein-
zutreten sei. Mit Eingaben vom 14. November und 10. Dezember 2014
sowie vom 5. Januar 2015 haben die Verfahrensbeteiligten an ihren Anträ-
gen festgehalten.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 28.08.2015, Nr. 100.2014.261U, Seite 3

Erwägungen:
1.
1.1 Die vorliegende Streitigkeit betrifft die amtliche Festsetzung von
Notariatsgebühren; das Verwaltungsgericht ist zur Beurteilung der Be-
schwerde als letzte kantonale Instanz gemäss Art. 74 Abs. 1 i.V.m. Art. 76
und 77 des Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege
(VRPG; BSG 155.21) zuständig (vgl. auch Art. 40 Abs. 2 des Notariats-
gesetzes vom 22. November 2005 [NG; BSG 169.11]). Der Beschwerde-
führer ist zur Verwaltungsgerichtsbeschwerde befugt (Art. 79 Abs. 2 i.V.m.
Art. 112 Abs. 4 VRPG analog sowie Art. 40 Abs. 2 NG). Da ihm eine gerin-
gere Entschädigung als gewünscht zugesprochen wurde, hat er auch ein
schutzwürdiges Interesse an der Änderung der angefochtenen Verfügung.
Nicht zu hören ist der Einwand der JGK, es könne mangels eines schutz-
würdigen Interesses bezüglich einzelner der geltend gemachten Positionen
teils nicht auf die Beschwerde eingetreten werden (Vernehmlassung, S. 4).
Bei diesen handelt es sich nicht um Anträge, sondern um Elemente der
Begründung, sodass über ihre Berechtigung im Rahmen der materiellen
Beurteilung der Streitfrage (Höhe der Notariatsgebühr) zu befinden ist.
Werden einzelne Positionen zu Unrecht geltend gemacht, ist die Be-
schwerde insoweit abzuweisen und nicht ein Nichteintretensentscheid zu
fällen (vgl. Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG,
1997, Art. 49 N. 4).
1.2 Der Beschwerdeführer beantragt, der angefochtene Entscheid sei
insoweit aufzuheben, als nicht alle Positionen seiner Kostennote vom
22. September 2014 vollumfänglich genehmigt worden seien bzw. es sei
die betreffende Kostennote zu genehmigen. Aus diesem Begehren ergibt
sich nicht, welchen Frankenbetrag er entschädigt erhalten möchte. Es fragt
sich daher, ob ein hinreichender Antrag im Sinn von Art. 32 Abs. 2 VRPG
vorliegt. Dies ist zu bejahen: Grundsätzlich muss das Rechtsbegehren zwar
so präzis gefasst sein, dass es unverändert ins Entscheiddispositiv über-
nommen werden kann. Die Praxis ist jedoch nicht streng. Dem Antrags-
erfordernis ist Genüge getan, wenn sich aus dem Zusammenhang und un-
ter Zuhilfenahme der Beschwerdebegründung sinngemäss ergibt, was an-
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 28.08.2015, Nr. 100.2014.261U, Seite 4
begehrt wird (Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 32 N. 13; BVR 1993
S. 394 E. lb). Die Höhe der vom Beschwerdeführer beantragten Entschädi-
gung ergibt sich zwar nicht aus dem gestellten Rechtsbegehren. Sie kann
aber: unter Zuhilfenahme der Kostennote vom 22. September 2014 ermittelt
werden, welche der Beschwerde beiliegt und aus der ersichtlich ist, dass
der Beschwerdeführer die Ausrichtung von insgesamt Fr. 1273.-- verlangt
(act. 1C/4). Damit liegt ein hinreichender Antrag im Sinn von Art. 32 Abs. 2
VRPG vor (vgl. VGE 2013/49 vom 14.4.2014, E. 2.1).
1.3 Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist daher
einzutreten. Das Verwaltungsgericht überprüft den angefochtenen Ent-
scheid auf Rechtsverletzungen hin (Art. 80 VRPG).
1.4 Der Entscheid über Beschwerden betreffend die unentgeltliche
Rechtspflege fällt in die einzelrichterliche Zuständigkeit (vgl. Art. 57 Abs. 2
Bst. b des Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichts-
behörden und der Staatsanwaltschaft [GSOG; BSG 161.1]).
2.
Die Vorinstanz hat einen Anspruch von J auf unentgeltliche
Rechtspflege für die notarielle Beurkundung seines letzten Willens aner-
kannt und ihm L als Notar beigeordnet. Vor Ver-
waltungsgericht umstritten ist allein die Höhe der dem Notar auszurichten-
den amtlichen Entschädigung. — Das Verwaltungsgericht wendet das Recht
innerhalb des Streitgegenstands von Amtes wegen an (Art. 20a Abs. 1
VRPG). Es ist nicht an die Rechtsauffassung der Vorinstanz gebunden und
kann deren Begründung durch seine eigene ersetzen (sog. Substitution der
Motive; vgl. statt vieler BVR 2015 S. 66 E. 2.3, 2013 S. 521 E. 2.4 mit Hin-
weisen). Damit ist demi Verwaltungsgericht auch unbenommen, den vor-
instanzlichen Entscheid aus anderen Gründen als den von der JGK ange-
führten zu bestätigen. Soweit es sich hierbei auf vom Beschwerdeführer
selber in das Verfahren eingebrachte Tatsachen stützt, braucht dieser nicht
vorgängig eigens noch angehört zu werden; anders verhielte es sich nur,
wenn das Gericht seinen Entscheid mit einem Rechtsgrund zu begründen
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 28.08.2015, Nr. 100.2014.261U, Seite 5
beabsichtigte, auf den sich die Verfahrensbeteiligten nicht berufen haben
und mit dessen Erheblichkeit sie vernünftigerweise nicht rechnen mussten
(BGE 130 Ill 35E. 5, 126 119 E. 2c/aa, 124 I 49 E. 3c).
3.
3.1 Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege haben — sind die entspre-
chenden Voraussetzungen erfüllt — ausschliesslich die Parteien des Haupt-
verfahrens, also desjenigen Verfahrens, für welches die betroffenen Perso-
nen von den Kosten-, Vorschuss- und Sicherstellungspflichten befreit wer-
den sollen bzw. in welchem ihnen eine amtliche Vertretung bestellt werden
soll (vgl. für das streitige Verfahren Art. 111 Abs, 1 und 2 VRPG; Merki/
Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 111 N. 3). Die unentgeltliche Rechts-
pflege wird nur auf Gesuch hin gewährt (vgl. für das streitige Verfahren
Art. 111 Abs. 1 VRPG; Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 111 N. 15).
Partei des Gesuchverfahrens betreffend unentgeltliche Rechtspflege ist
mithin die Partei des Hauptverfahrens und nicht etwa die Vertreterin oder
der Vertreter, welche bzw. welcher der betroffenen Person bei Gutheissung
des Gesuchs beigeordnet wird. Im Fall der Beiordnung entsteht allerdings
ein öffentlich-rechtliches Rechtsverhältnis zwischen dem Staat und der Ver-
treterin bzw. dem Vertreter, wobei Letzterer bzw. Letzterem für die
erbrachten Leistungen gegen das Gemeinwesen ein (öffentlich-rechtlicher)
Entschädigungsanspruch zusteht (vgl. für das streitige Verfahren Merkli/
Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 111 N. 23; VGE 21384 vom 19.7.2002,
E. 2b; BGE 140 V 116 E. 4, 132 I 201 E. 7.1).
3.2 J, ersuchte am 28. Mai 2014 bei der JGK um unent-
geltliche Rechtspflege und Beiordnung des Beschwerdeführers als Notar
im Verfahren auf notarielle Beurkundung seiner letztwilligen Verfügung. Er
war hierbei durch den Beschwerdeführer vertreten (Vorakten, pag. 85 ff.).
Parteistellung kam in diesem Verfahren nach dem Ausgeführten einzig
J, selber, nicht aber dem Beschwerdeführer zu. Am 16. Juni
2014 verstarb J ; (vgl. Beschwerde, S. 3 f.; amtliche Konkurs-
eröffnung vom 2.7.2014, Amtsblatt des Kantons Bern vom 30.7.2014
[Nr. 31], S. 656 [act. 1C13]). Damit erlosch das Interesse an einer Beurtei-
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 28.08.2015, Nr. 100.2014.261U, Seite 6
lung des von ihm geltend gemachten Anspruchs auf unentgeltliche Rechts-
pflege, der höchstpersönlicher Natur und nicht vererblich ist (vgl.
BGer 5P.164/2005 vom 29.7.2005, E. 1.3). Scheidet die berechtigte Person
aus irgendeinem Grund als Partei aus dem Verfahren aus, ohne dass über
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege entschieden
worden wäre, so erlischt das Rechtsschutzinteresse des Ansprechers an
einer Beurteilung (BGer 5P.220/2003 vom 23.12.2003, E. 3.1). Das ent-
sprechende Verfahren wurde folglich gegenstandslos und hätte in Anwen-
dung von Art. 39 Abs. 1 VRPG abgeschrieben werden müssen
(vgl. Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 39 N. 2; VGE 2014/102 vom
26.9.2014; vgl. auch Kiener/Rütsche/Kuhn, Öffentliches Verfahrensrecht,
2012, N. 578 und 774). Hieran ändert nichts, dass der Beschwerdeführer
seinerseits noch ein Interesse an der Behandlung des Gesuchs hatte, weil
er die Beurkundung, für welche die unentgeltliche Rechtspflege beantragt
worden war, bereits vorgenommen hatte und eine entsprechende Ent-
schädigungsforderung gegen J entstanden war, die aller
Voraussicht nach nicht einbringlich war (Vorakten, pag. 27). Dies vermag
seine Beschwerdelegitimation nicht zu begründen (vgl. auch
BGer 1B_705/2011 vom 9.5.2012, E. 2.2). Der Beschwerdeführer war noch
nicht als amtlicher Notar ernannt, sodass es ihm verwehrt war, das Verfah-
ren aus eigenem Recht fortzusetzen. Seine Beschwerdebefugnis vor Ver-
waltungsgericht ergibt sich denn auch allein aus der analogen Anwendung
der spezialgesetzlichen Regelung von Art. 112 Abs. 4 VRPG (vorne E. 1.1).
3.3 Nach dem Gesagten war es rechtsfehlerhaft, dass die Vorinstanz
das Verfahren auf Erteilung des Rechts auf unentgeltliche Rechtspflege
nach dem Versterben von J fortgesetzt hat, auch wenn sie
offenbar von dessen Hinscheiden keine Kenntnis hatte. Folglich hat sie
J zu Unrecht den Beschwerdeführer als Notar beigeordnet
und hat diesem zu Unrecht eine amtliche Entschädigung für die erbrachten
notariellen Leistungen zugesprochen. Der angefochtene Entscheid erweist
sich damit als rechtswidrig, wobei der festgestellte Rechtsfehler allerdings
nicht derart schwer wiegt, dass der Entscheid geradezu nichtig wäre (vgl.
zur Nichtigkeit statt vieler BVR 2014 S. 297 E. 4.3.3, 2012 S. 481 E. 2.4).
Weiter ist das Verwaltungsgericht an den Streitgegenstand gebunden (vgl.
hierzu BVR 2011 S. 391 E. 2.1) und ist es ihm verwehrt, den angefochte-
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 28.08.2015, Nr, 100.2014.261U, Seite 7
nen Entscheid im Sinn einer Reformatio in Peius zu Ungunsten des
Beschwerdeführers abzuändern und diesem die amtliche Entschädigung zu
verweigern, wie es die richtige Rechtsanwendung gebieten würde (vgl.
Art. 84 Abs. 1 VRPG). Unter den gegebenen Umständen besteht aber auch
kein Anlass, den angefochtenen Entscheid zugunsten des Beschwerde-
führers zu korrigieren, selbst wenn die Vorinstanz vor Verwaltungsgericht
die Zusprechung einer etwas höheren Gebühr beantragt hat, um dem
Umstand Rechnung zu tragen, dass die Verurkundung «notfallmässig an
einem Sonntag» erfolgt sei. Die Beschwerde erweist sich im Ergebnis als
unbegründet und ist abzuweisen.
4.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird der Beschwerdeführer kosten-
pflichtig (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Parteikosten sind keine zu sprechen
(Art. 108 Abs. 3 sowie Art 104 Abs. 1 und 3 VRPG).
Demnach entscheidet der Einzelrichter:
1. Die Beschwerde wird abgewiesen.
2. Die Kosten des Verfahrens vor dem Verwaltungsgericht, bestimmt auf
eine Pauschalgebühr von Fr. 1000.--, werden dem Beschwerdeführer
auferlegt.
3. Es werden keine Parteikosten gesprochen.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 28.08.2015, Nr. 100.2014.261U, Seite 8
4. Zu eröffnen:
- dem Beschwerdeführer
- der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion des Kantons Bern
Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber:
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