Decision ID: ed203a6f-4b54-4624-9546-b4531f9d8b53
Year: 2009
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 28.07.2009 Art. 16 ATSG. Ermittlung der Invalidität durch Einkommensvergleich. Der Grad der Arbeitsunfähigkeit muss für die gesamte Dauer der rückwirkenden Rentenzusprache mit überwiegender Wahrscheinlichkeit feststehen. Es genügt nicht, wenn nur für die Zeit bei und unmittelbar nach der Entstehung eines Rentenanspruchs ausreichende Kenntnis über den Arbeitsfähigkeitsgrad – und damit den Invaliditätsgrad - besteht. Art. 43 ATSG. Untersuchungsgrundsatz: Es liegt nicht im Belieben der Verwaltung, den Sacherhalt entweder selbst abzuklären oder stattdessen die versicherte Person dazu zu verpflichten, den Sachverhalt selbst zu belegen (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 28. Juli 2009, IV 2008/88).
Vizepräsidentin Karin Huber-Studerus, Versicherungsrichterin Lisbeth Mattle Frei,
Versicherungsrichter Franz Schlauri; Gerichtsschreiber Ralph Jöhl
Entscheid vom 28. Juli 2009
in Sachen
S._,
Beschwerdeführer,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
Der 1949 geborene S._ meldete sich am 28. Februar 2006 zum Bezug von IV-
Leistungen an. Er gab an, er sei Schreinermeister und bis 31. März 2006 habe er auf
seinem Beruf gearbeitet. Dr. med. A._ berichtete der IV-Stelle am 22. März 2006, der
Versicherte leide an einer schweren chronisch obstruktiven Lungenkrankheit. Aufgrund
der bei der letzten Untersuchung am 8. November 2004 ermittelten funktionellen
Lungenreserven habe für eine körperlich leichte Tätigkeit unter akzeptablen
lufthygienischen Bedingungen eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit bestanden. Dr.
med. B._ berichtete der IV-Stelle am 20. März 2006, von 1. bis 3. Februar 2006 sei
der Versicherte als Schreinermeister zu 50% arbeitsunfähig gewesen. Seither bestehe
eine Arbeitsunfähigkeit von 100%. Ursache der Arbeitsunfähigkeit sei eine
fortgeschrittene chronisch obstruktive Lungenkrankheit. Die therapeutischen
Möglichkeiten seien ausgeschöpft. Der Versicherte sei in seiner Leistungsfähigkeit
deutlich eingeschränkt (schnelle Ermüdbarkeit, Anstrengungsatemnot). Als
Schreinermeister könnte der Versicherte nur noch stundenweise in einer geschützten
Werkstätte tätig sein. Eine Lungenfunktionsprüfung vom 3. Februar 2006 habe eine
progrediente Verschlechterung der Lungenfunktion gezeigt. Die C._ AG, die den
Versicherten bis 31. März 2006 beschäftigt hatte, gab am 29. März 2006 an, der Lohn
würde Fr. 72'995.- betragen.
B.
B.a Am 30. November und am 14. Dezember 2006 erfolgte eine interdisziplinäre
internistische und psychiatrische Abklärung durch den RAD Ostschweiz. Im Bericht
vom 4. Januar 2007 über die internistische Abklärung wurde im Rahmen der Anamnese
u.a. angegeben, es träten Herzrhythmusstörungen mit Episoden von Herzrasen bei
Anstrengung oder Ärger auf. Der Facharzt stellte folgende Diagnosen: chronisch-
obstruktive Atemwegserkrankung, am ehesten ein obstruktives Lungenemphysem,
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chronisch persistierende Hepatitis B und arterielle Hypertonie. Er führte dazu aus, der
Versicherte klage über Belastungsatemnot z.B. beim Überwinden von
Höhendifferenzen oder beim Singen. Bis 2001 habe der Versicherte exzessiv inhalativ
geraucht. Lungenfunktionell bestehe eine mittelschwere bis schwere obstruktive
Ventilationsstörung mit teilweiser Reversibilität unter Bronchospasmolyse und mit
ausgeprägten Zeichen einer Lungenüberblähung im Sinne eines obstruktiven
Lungenemphysems. Bei der Belastungsuntersuchung sei bei 68 Watt eine
supraventrikuläre Tachykardie aufgetreten, weshalb die Untersuchung habe
abgebrochen werden müssen. Bereits bei dieser Leistungsstufe seien die
Atemreserven aufgebraucht gewesen. Insgesamt lasse sich aus den
Funktionsuntersuchungen eine mittelgradige Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit
aus kardiopulmonalen Gründen ableiten. Die Laborwerte deuteten auf eine chronisch
persistierende Hepatitis B-Infektion hin. Diese wirke sich aber nicht auf die
Arbeitsfähigkeit aus. In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit sei der Versicherte Hektik und
starken Temperaturschwankungen ausgesetzt gewesen. In dieser Tätigkeit bestehe
eine volle Arbeitsunfähigkeit. Früher habe der Versicherte als Schreinermeister
Tätigkeiten im Bereich Kontrolle, Ausbildung, Arbeitsvorbereitung und Berechnung
ausgeführt. Zusätzlich sei er mit der Herstellung von Mustern und Bodenbelägen
befasst gewesen. Dabei habe es sich also wohl um eine körperlich leichte Arbeit
gehandelt. Hinsichtlich einer leidensadaptierten Tätigkeit (körperlich leicht in
Wechselhaltung mit überwiegendem Sitzen in ausreichend temperierten,
geschlossenen Räumen mit ausreichender Frischluftzufuhr, ohne Exposition gegen
Nässe, Kälte und Zugluft, ohne Notwendigkeit, grössere Gehstrecken oder
Höhendifferenzen zu überwinden, ohne Kontakt mit atemwegsreizendem Staub, Dampf
oder Rauch) bestehe eine Arbeitsfähigkeit von höchstens 50%.
B.b Der Psychiater des RAD Ostschweiz führte aus, der Versicherte habe angegeben,
er habe sich nach dem Tod des ersten Sohnes in die Arbeit geflüchtet. Das sei ihm erst
in der Psychotherapie klar geworden, die er 1999 nach dem Tod des zweiten Sohnes
absolviert habe. Während seiner beruflichen Tätigkeit sei er ständig "unter Strom
gestanden" und er habe eine Leistung von 120% erbracht. Seit etwa einem Jahr leide
er an Erschöpfungszuständen mit Luftnot, Konzentrations- und Merkschwierigkeiten.
Er habe beim Arbeitgeber angefragt, ob er auf 50% reduzieren könne. Daraufhin sei er
ohne Vorwarnung gekündigt worden. Damals habe er sich völlig nutzlos gefühlt und er
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sei in eine suizidale Krise geraten. Der Psychiater hielt dazu fest, der Versicherte habe
die körperlichen Leistungseinbussen betont und die psychische Komponente
bagatellisiert. Nach belastenden Lebensereignissen seien beim Versicherten immer
suizidale Krisen aufgetreten. Diese seien als depressive Symptome interpretierbar. Seit
etwa einem Jahr bestehe ein gravierendes Erschöpfungssyndrom mit
Stimmungsschwankungen, traurigen Verstimmungen, Selbstvorwürfen,
Schuldgefühlen, Antriebsstörungen, Abendtiefs und leichten Durchschlafstörungen.
Insbesondere nach dem als kränkend empfundenen Arbeitsplatzverlust sei eine reaktiv
depressive Problematik im Sinne einer Anpassungsstörung festzustellen. Der
Versicherte habe vorher durch die Flucht in die Arbeit die schwerwiegenden
Verlusterlebnisse weitgehend kompensieren und sich vor den damit verbundenen
negativen Gefühlen ablenken können. Retrospektiv sei es nicht unwahrscheinlich, dass
er dadurch schwerwiegende depressive Zustände unterdrückt und vermieden habe.
Nach dem Wegfall des stabilisierenden Faktors Arbeit sei der Versicherte seit
mindestens März 2006 in ein seelisches Tief geraten, das er vorwiegend durch
körperliche Beschwerden wahrnehme. In den alltäglichen Verrichtungen und in den
sozialen Kontakten sei der Versicherte nicht stark eingeschränkt. Bei zielgerichteten
Tätigkeiten und Zeitvorgaben erlebe sich der Versicherte aber rasch als
leistungsunfähig durch Erschöpfungsgefühle, Atemprobleme und kognitive Störungen
wie Konzentrationsstörungen und Merkfähigkeitsstörungen. Als leitender Angestellter
sei der Versicherte somit vollständig arbeitsunfähig. Auch in einer adaptierten Tätigkeit
mit geringer kognitiver Beanspruchung und der Möglichkeit zu betriebsunüblichen und
verlängerten Pausen sei der Versicherte nur eingeschränkt leistungsfähig. Bei voller
Präsenzzeit sei der Versicherte zu ca. 30% arbeitsunfähig. Aufgrund der subjektiven
Wahrnehmung werde sich der Versicherte allerdings nicht in der Lage sehen, seine
Restarbeitsfähigkeit umzusetzen. Es sei davon auszugehen, dass sich das psychische
Stimmungsbild bessern werde.
C.
Dr. med. B._ teilte am 7. Februar 2007 mit, er habe nie den Eindruck gehabt, dass
der Versicherte an einer schweren Depression leide. Ganz sicher im Vordergrund
stünden die Beschwerden von Seiten der schweren obstruktiven Lungenerkrankung.
Der Berufsberater hielt am 14. August 2007 fest, im Verlauf der Beratungsgespräche
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habe sich herauskristallisiert, dass sich der Versicherte subjektiv gar nicht in der Lage
fühle, sich in den Arbeitsprozess einzugliedern. Daher habe er sich nicht auf die Suche
nach möglichen Alternativen einlassen können. Die engen Vorgaben betreffend
leidensadaptierte Tätigkeiten seien so eng, dass der Versicherte in der freien Wirtschaft
gar nicht mehr einsetzbar sei. Mit einer Mitteilung vom 3. Oktober 2007 schloss die IV-
Stelle die Arbeitsvermittlung ab. Mit einem Vorbescheid vom 3. Oktober 2007 teilte sie
dem Versicherten mit, dass sie beabsichtige, ihm ab 1. Februar 2007 bei einem
Invaliditätsgrad von 62% eine Dreiviertelsrente zuzusprechen. Der Versicherte wandte
am 31. Oktober 2007 ein, nach seiner letzten Kontrolle bei Dr. med. A._ sei davon
auszugehen, dass sich seine Werte verschlechtert hätten. Er sei zu 70% invalid. Die IV-
Stelle räumte ihm am 6. November 2007 eine Frist bis 22. November 2007 ein, um
aktuelle medizinische Akten einzureichen. Der Versicherte antwortete am 12. November
2007, er habe nicht die Abklärung durch den Arzt des RAD in Frage stellen, sondern
nur auf die spür- und messbare Verschlechterung seines Gesundheitszustandes laut
der Untersuchung durch Dr. med. A._ vom 29. Oktober 2007 hinweisen wollen. Die
IV-Stelle nahm keine weiteren Abklärungen vor. Mit einer Verfügung vom 12. Dezember
2007 und 15. Januar 2008 sprach die IV-Stelle dem Versicherten rückwirkend ab
Februar 2007 eine Dreiviertelsrente bei einem Invaliditätsgrad von 62% zu.
D.
Der Versicherte erhob am 13. Februar 2008 Beschwerde gegen die Verfügung vom
15. Januar 2008. Er beantragte die Zusprache einer ganzen Rente bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 70%. Zur Begründung machte er geltend, seit der
Antragstellung habe sich sein Gesundheitszustand stetig verschlechtert. Dies sei durch
die Abklärungen von Dr. med. A._ festgestellt worden. Dr. med. D._ habe
zusätzlich Herzprobleme festgestellt. Die Verschlechterung zeige sich neben den
Problemen mit der Lunge durch Probleme beim Stehen und durch ein Engegefühl in
der Brust und durch einen Druck im Kopf. Der Versicherte legte eine Bestätigung von
Dr. med. B._ vom 12. Februar 2008 bei, laut der neue medizinische Probleme eine
Neubeurteilung der Berentung erforderten. Gemäss einem an Dr. med. B._
gerichteten Bericht von Dr. med. D._ vom 8. Februar 2008 litt der Versicherte an
einer beginnenden hypertensiven Kardiopathie mit diastolischer Funktionsstörung,
intermittierenden supraventrikulären Tachykardien und möglicherweise Vorhofflimmern,
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an arterieller Hypertonie und an mittelschwerer COPD. Die seit längerem bestehenden
Tachykardien träten häufiger auf. Dabei verspüre der Versicherte ein thorakales
Engegefühl und einen Druck, teilweise auch einen Druck im Kopf, gelegentlich auch
Schwindel. Es seien bisher keine Synkopen aufgetreten. Die Störungen dauerten
teilweise einige Stunden. Bezüglich der Arbeitsfähigkeit sei zu bemerken, dass nebst
allen anderen Problemen nun auch noch das hinzugekommen sei. Es sei jedoch zu
erwarten, dass die Probleme medikamentös unter Kontrolle gebracht werden könnten.
E.
Die IV-Stelle beantragte am 10. April 2008 die Abweisung der Beschwerde. Sie machte
geltend, die Verfügung vom 12. Dezember 2007 und diejenige vom 15. Januar 2008
bildeten eine Einheit, so dass sei beide als angefochten zu gelten hätten. Massgebend
für die Beurteilung seien die Gesetzesbestimmungen, die bis 31. Dezember 2007 in
Geltung gestanden hätten. Dem Gutachten des RAD sei volle Beweiskraft
zuzuerkennen. Dr. med. A._ habe am 30. November 2007 ebenfalls eine
Arbeitsunfähigkeit von 50% attestiert. Es sei deshalb nicht davon auszugehen, dass
sich das Lungenleiden seit der RAD-Begutachtung deutlich verschlechtert habe. Dr.
med. D._ habe angegeben, dass die Herzkrankheit medikamentös behandelt werden
könne. Demnach könne nicht davon ausgegangen werden, dass die Arbeitsfähigkeit
durch die Herzkrankheit weiter vermindert worden sei. Bei der Bemessung des
zumutbaren Invalideneinkommens sei es irrelevant, ob der Versicherte eine
Arbeitsstelle finde oder nicht. Der allgemeine und ausgeglichene Arbeitsmarkt biete
nämlich ausreichend Stellen, welche den behinderungsbedingten Anforderungen des
Versicherten gerecht würden.
F.
Dr. med. B._ berichtete am 15. April 2008, die Tachykardien träten nun fast täglich
auf. Die Erwartung von Dr. med. D._, dass die Problematik medikamentös unter
Kontrolle zu bringen sei, habe sich nicht erfüllt. Der Versicherte erleide täglich Episoden
mit Palpitationen und Pulsanstiegen. Eine 50%ige Restarbeitsfähigkeit sei unrealistisch.
In seiner Replik vom 26. April 2008 machte der Versicherte u.a. geltend, seine
Einwände dürften nicht ohne Rücksprache mit seinen Ärzten abgewiesen werden.
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G.
Die IV-Stelle verzichtete am 8. Mai 2008 auf eine Duplik.

Erwägungen:
1.
Die rückwirkende Zusprache einer Invalidenrente kann nicht willkürlich in einzelne
zeitliche Abschnitte aufgeteilt werden, da es sich um ein einziges Rechtsverhältnis
handelt. Würde man die von der Beschwerdegegnerin formal vorgenommene
Aufteilung auf zwei Verfügungen ernst nehmen und nur die zweite Verfügung als
angefochten, die erste Verfügung also als formell rechtskräftig betrachten, drohte für
den Fall einer Korrektur des Rentenanspruchs für die Periode vom 1. Februar bis 31.
Dezember 2007 ein unerträglicher Widerspruch zu der dann formell rechtskräftig für die
Zeit ab 1. Januar 2008 auf unbestimmte Zeit zugesprochenen Dreiviertelsrente.
Praxisgemäss ist deshalb in einem solchen Fall davon auszugehen, dass es sich um
eine einzige Verfügung handelt, die erst mit der Zustellung des zweiten
Verfügungsformulars vom 15. Januar 2008 eröffnet worden ist (vgl. etwa das Urteil des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 22. April 2008, IV 2007/10 und
2007/110. Erw. 1).
2.
Der Beschwerdeführer ist seit dem 1. Februar 2006 arbeitsunfähig gewesen, d.h. er hat
das sogenannte Wartejahr (Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG bzw. Art. 29 Abs. 1 lit. b aIVG) am
31. Januar 2007 erfüllt. Er kann deshalb frühestens ab 1. Februar 2007 einen Anspruch
auf eine Invalidenrente haben. Da er sich bereits im Februar 2006 zum Leistungsbezug
angemeldet hat, hat er nach der geltenden wie nach der aufgehobenen Fassung des
Art. 29 IVG ab Februar 2007 einen Anspruch auf die Invalidenrente. Es kann deshalb
offen bleiben, ob intertemporalrechtlich die Anwendung des geltenden oder die
Anwendung des aufgehobenen Rechts die richtige Lösung wäre.
3.
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Der Einkommensvergleich zur Ermittlung der Invalidität (Art. 16 ATSG) kann erst
erfolgen, wenn allfällige Eingliederungsmassnahmen durchgeführt worden sind oder
wenn feststeht, dass keine Eingliederung nötig oder möglich ist. Es gilt der Grundsatz
der 'Eingliederung vor Rente' (vgl. etwa Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. A.,
Vorbemerkungen Rz 47). Das Versicherungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung
davon aus, dass jede Rentenzusprache einen konkludenten Entscheid über die
Eingliederungspflicht beinhalte. Es begründet diese Rechtsprechung damit, dass die
Rentenzusprache sonst als rechtswidrig, weil die Eingliederungspflicht missachtend zu
qualifizieren und deshalb ohne weiteres aufzuheben wäre. Somit ist im vorliegenden
Fall davon auszugehen, dass die Beschwerdegegnerin mit der angefochtenen
Verfügung konkludent entschieden hat, es sei keine berufliche Eingliederung des
Beschwerdeführers möglich. Dieser Teil der angefochtenen Verfügung gehört ebenfalls
zum Streitgegenstand des Beschwerdeverfahrens. Bei der Anmeldung zum
Leistungsbezug im Jahr 2006 war der Beschwerdeführer 57-jährig. Eine seinem
erlernten Beruf qualitativ gleichwertige Erwerbstätigkeit hätte eine Umschulung in der
Form einer neuen Berufslehre oder einer anderen qualifizierten Ausbildung
vorausgesetzt, die sich über drei oder sogar über vier Jahre erstreckt hätte. Die nach
einer solchen Umschulung verbleibende erwerbliche Aktivitätsdauer wäre zu kurz
gewesen, zumal der Beschwerdeführer auch noch den Nachteil des Berufsanfängers,
nämlich die fehlende Erfahrung, zu tragen gehabt hätte. Eine Umschulung wäre also im
Vergleich zum bestenfalls erreichbaren Eingliederungserfolg (bzw. zur Summe der
damit vermiedenen Rentenzahlungen) nicht verhältnismässig gewesen. Hinzu kommt,
dass der Beschwerdeführer aufgrund der Folgen seiner psychischen Erkrankung kaum
in der Lage gewesen wäre, eine qualifizierte Berufsausbildung in der normalen Zeit zu
absolvieren. Die kognitiven Störungen hätten es ihm nämlich erheblich erschwert,
Neues aufzunehmen, zu verarbeiten und dann umzusetzen, selbst wenn die übrigen
Symptome der Depression nicht generell jede berufliche Ausbildung verhindert hätten.
Die Beschwerdegegnerin hat deshalb zu Recht jede berufliche
Eingliederungsmöglichkeit verneint und als hypothetische Invalidenkarriere diejenige
eines Hilfsarbeiters angenommen. Die Ausübung einer leidensadaptierten Hilfsarbeit
wäre dem Beschwerdeführer zumutbar, denn zum einen wäre die qualitative Differenz
zu der früher ausgeübten, handwerklichen Tätigkeit nicht prohibitiv gross und zum
anderen wäre der Beschwerdeführer damit wenigstens in der Lage, seinen Alltag
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wieder nach einer regelmässigen Erwerbstätigkeit auszurichten und dabei aus dem
Arbeitserfolg eine gewisse Befriedigung zu holen, denn auch eine Hilfsarbeit kann gut
oder schlecht verrichtet werden.
4.
4.1 Der Grad der für den Rentenanspruch massgebenden Invalidität ist gemäss Art. 16
ATSG durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln, bei dem das Einkommen, das
der Beschwerdeführer nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihm
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Erwerbseinkommen, das er
erzielen könnte, wenn er nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
Ausschlaggebendes Element der Bemessung des Invalideneinkommens bildet in aller
Regel die Arbeitsfähigkeitsschätzung. Zur Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers
liegen abweichende Angaben vor. Bis zur Untersuchung durch die beiden Fachärzte
des RAD hat nur der Hausarzt Dr. med. B._ eine Arbeitsfähigkeitsschätzung
abgegeben. Diese Schätzung hat sich aber auf die frühere Tätigkeit des
Beschwerdeführers im erlernten Beruf als Schreinermeister und nicht auf eine
körperlich leichte, behinderungsadaptierte Tätigkeit bezogen. Sie ist deshalb nicht
geeignet gewesen, die Grundlage der Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens
zu bilden. Die beiden Fachärzte des RAD haben sich somit als erste zur
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in einer adaptierten Erwerbstätigkeit
geäussert. Ihre Einschätzung ist von der Beschwerdegegnerin zu Recht als
überzeugend qualifiziert worden, belegt also die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit. Die beiden Fachärzte des RAD haben in ihrem Bericht darauf
hingewiesen, dass der Beschwerdeführer die psychische (Teil-) Ursache der
Einschränkung in der Arbeitsfähigkeit nicht akzeptieren könne, weshalb er die
körperliche Ursache überbetone. Der Hausarzt Dr. med. B._ scheint diese
Selbsteinschätzung des Beschwerdeführers grundsätzlich zu teilen, denn auch er hat in
einem Schreiben an den RAD vom 9. Februar 2007 die psychische
Gesundheitsbeeinträchtigung als praktisch irrelevant für die Arbeitsunfähigkeit
bezeichnet und dafür die Folgen der Lungenerkrankung als alleinige Ursache der
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Arbeitsunfähigkeit betrachtet. Seine Arbeitsfähigkeitsschätzung weist deshalb eine weit
geringere Überzeugungskraft auf als diejenige der Ärzte des RAD. Sie vermag keine
erheblichen Zweifel an der Richtigkeit der Arbeitsfähigkeitsschätzung im Bericht des
RAD vom 4. Januar 2007 zu wecken, zumal auch der Pneumologe Dr. med. A._ am
30. November 2007 ausgehend von den Folgen nur der Lungenkrankheit eine
Arbeitsunfähigkeit von 50% bestätigt hat. Für die Zeit der Entstehung des
Rentenanspruchs (Februar 2007) ist somit eine Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers
von 50% in einer leidensadaptierten Erwerbstätigkeit nachgewiesen.
4.2 Obwohl die obgenannte Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. med. A._ vom
November 2007 stammt, vermag sie doch nicht zu belegen, dass auch im Zeitpunkt
des Verfügungserlasses (Januar 2008) noch eine Arbeitsfähigkeit von 50% bestanden
hat. Zwar ist davon auszugehen, dass die Lungenkrankheit sich nicht verschlimmert
hat. Aber Dr. med. D._ hat am 8. Februar 2008 darauf hingewiesen, dass seit langer
Zeit eine Herzkrankheit bestehe, deren Auswirkungen in letzter Zeit stärker geworden
seien. Es ist davon auszugehen, dass diese Verstärkung bereits vor dem Erlass der
angefochtenen Verfügung begonnen hat. Seit der interdisziplinären Abklärung durch
die Fachärzte des RAD ist bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung mehr als ein
Jahr vergangen, in der die Beschwerdegegnerin keine medizinischen Abklärungen
mehr angeordnet hat. Es besteht also durchaus die Möglichkeit, dass eine
Verschlimmerung insbesondere der Herzkrankheit auch die Arbeitsunfähigkeit erhöht
haben könnte. Dr. med. D._ hat zwar keine präzise Arbeitsfähigkeitsschätzung
abgegeben, die von ihm verwendete Formulierung deutet aber darauf hin, dass er von
einer weiteren Reduktion der Arbeitsfähigkeit als Folge der Verstärkung des
kardiologischen Problems ausgegangen ist, dass er aber gleichzeitig einen Erfolg der
medikamentösen Behandlung erwartet hat. Im Zeitpunkt des Verfügungserlasses ist
dieser Erfolg also jedenfalls noch nicht eingetreten gewesen. Entgegen der Auffassung
der Beschwerdegegnerin kann mit dieser Prognose allein nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit belegt sein, dass die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers trotz
der Zunahme der Auswirkungen der Herzkrankheit unverändert geblieben sei. Die
Beschwerdegegnerin hat es aber unterlassen, vor dem Erlass der Rentenverfügung
einen ärztlichen Verlaufsbericht einzuholen, um ihre Annahme eines unveränderten
Gesundheitszustandes und damit einer Arbeitsfähigkeit von durchgehend 50%
während mehr als eines Jahres zu verifizieren. Dazu wäre sie insbesondere aufgrund
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der Angaben des Beschwerdeführers in dessen Stellungnahme zum Vorbescheid
verpflichtet gewesen. Es war nicht zulässig, den Beschwerdeführer unter Verweis auf
dessen Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung aufzufordern, eine allfällige
Verschlechterung seines Gesundheitszustandes seit der RAD-Abklärung zu belegen,
denn es liegt nicht im Belieben der Verwaltung, den Sachverhalt entweder selbst
abzuklären oder dann die versicherte Person dazu zu verpflichten, den relevanten
Sachverhalt selbst zu belegen. Die Mitwirkungspflicht der Versicherten bei der
Sachverhaltsabklärung ist beschränkt auf jene Situationen, in denen nur die versicherte
Person die notwendigen Informationen liefern kann, in denen die Verwaltung also durch
eigene Abklärungsmassnahmen nicht zum Ziel kommen kann, oder auf jene
– seltenen – Fälle, in denen die versicherte Person ausnahmsweise eine
Beweisführungs- oder Glaubhaftmachungslast trägt. Das war im
Vorbescheidsverfahren zur angefochtenen Verfügung nicht der Fall. Die
Beschwerdegegnerin wäre verpflichtet gewesen, vor dem Erlass der angefochtenen
Verfügung die aktuelle Entwicklung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers -
beispielsweise durch einen Verlaufsbericht des Hausarztes - selbst abzuklären. Da dies
unterblieben ist, hat die Beschwerdegegnerin gestützt auf einen nicht mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegten
Arbeitsfähigkeitsgrad das zumutbare Invalideneinkommen und damit auch den
Invaliditätsgrad des Beschwerdeführers ermittelt. Da der Untersuchungsgrundsatz
verletzt worden ist, kann die sich auf den so ermittelten Invaliditätsgrad abzustützende
angefochtene Verfügung nicht rechtmässig sein. Die Beschwerdegegnerin wird die
fehlenden Sachverhaltsabklärungen nachzuholen und den Verlauf der Arbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers zu ermitteln haben. Erst damit wird feststehen, ob und
gegebenenfalls ab wann dem Beschwerdeführer statt der Dreiviertelsrente eine ganze
oder allenfalls auch eine tiefere Rente zusteht.
5.
Im Sinne der vorstehenden Ausführungen ist die angefochtene Verfügung vom 12.
Dezember 2007/15. Januar 2008 aufzuheben und die Sache ist zur weiteren
Sachverhaltsabklärung und zur anschliessenden neuen Verfügung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Bei diesem Verfahrensausgang trägt nicht der
Beschwerdeführer, sondern die Beschwerdegegnerin die Kosten des Verfahrens (Art.
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69 Abs. 1 IVG). Der leicht unterdurchschnittliche Verfahrensaufwand rechtfertigt eine
Gerichtsgebühr von Fr. 500.-. Das Gericht wird dem Beschwerdeführer den bezahlten
Kostenvorschuss von Fr. 600.- zurückerstatten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG