Decision ID: 00d4a431-d30e-41bc-ae51-18d8f58d96fc
Year: 2011
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Vergewaltigung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung, vom
24. Mai 2011 (DG110066)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich - Sihl vom 7. März 2011 ist die-
sem Urteil beigeheftet (Urk. 44).
Beschluss der Vorinstanz:
Der Antrag des amtlichen Verteidigers auf Zweiteilung der Hauptverhandlung wird
abgewiesen.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− der Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB
− der sexuellen Nötigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 3 1⁄4 Jahren Freiheitsstrafe, wovon
171 Tage durch Haft erstanden sind.
3. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin Fr. 8'500.– zuzüglich
5 % Zins ab 5. Dezember 2010 als Genugtuung zu bezahlen.
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4. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf
Fr. 4'500.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. Kosten Kantonspolizei
Fr. Gebühr Anklagebehörde
Fr. Kanzleikosten
Fr. 340.10 Auslagen Untersuchung
Fr. 5'019.85 amtliche Verteidigung Untersuchung
Fr. 12'755.30 amtliche Verteidigung
Fr. 6'520.80 Rechtsvertreterin der Privatklägerin
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
5. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens sowie der
unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerin werden dem Beschuldigten
auferlegt. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichts-
kasse genommen; vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135
Abs. 4 StPO. Die Dolmetscherkosten werden ebenfalls auf die Gerichtskas-
se genommen.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 135 S. 1 ff.)
1. Die Ziffern 1 bis 5 des Urteils der 10. Abteilung des Bezirksgerichts Zü-
rich vom 24. Mai 2011 seien aufzuheben.
2. Sämtliche offerierten Beweise gemäss meinem Antrag vom 21. April
2011 (act. 52) seien vor Obergericht abzunehmen.
3. Sofern nicht bereits nach durchgeführter Verhandlung vor Obergericht
aufgrund dieses Beweisergebnisses definitiv ein Freispruch erfolgen
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sollte, sei ein aussagepsychologisches Gutachten zur Prüfung der
Glaubhaftigkeit der Aussagen der Privatklägerin in Auftrag zu geben.
4. Der Beschuldigte sei in materieller Hinsicht ohnehin vom Vorwurf der
Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB sowie vom Vorwurf
der sexuellen Nötigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB freizuspre-
chen.
5. Auf die Zivilforderungen der Geschädigten sei daher nicht einzutreten.
6. Es seien ausgangsgemäss die gesamten Verfahrenskosten, inklusive
derjenigen der amtlichen Verteidigung und der Geschädigtenvertre-
tung, der Staatskasse zu überbinden.
7. Es sei dem Beschuldigten ebenfalls ausgangsgemäss Schadenersatz
und eine Genugtuung aus der Staatskasse im Sinne meiner Ausfüh-
rungen auszurichten, nebst Zins ab heute.
8. Sollte gänzlich wider Erwarten der Schuldspruch bestätigt werden, so
sei der Beschuldigte mit maximal 21 Monaten Freiheitsstrafe zu bestra-
fen, wobei der Vollzug mit einer Probezeit von zwei Jahren auf Bewäh-
rung auszusetzen sei.
b) Der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl:
(Urk. 84, schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
c) Der Vertreterin der Privatklägerin:
(Prot. II. S. 23)
1. Der Antrag des Verteidigers auf nochmalige Einvernahme der Privat-
klägerin sei abzuweisen.
2. Der Antrag des Verteidigers auf Erstellung eines Glaubwürdigkeitsgut-
achtens über die Privatklägerin sei ebenfalls abzuweisen.
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Erwägungen:
I.
1. Am 7. März 2011 erhob die Staatsanwaltschaft Zürich - Sihl Anklage gegen
den Beschuldigten wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung. Im Anschluss
an die Hauptverhandlung sprach die 10. Abteilung des Bezirksgerichts Zürich den
Beschuldigten am 24. Mai 2011 im Sinne der Anklage schuldig und verurteilte ihn
zu einer Freiheitsstrafe von 3 1⁄4 Jahren und zur Zahlung einer Genugtuung von
Fr. 8'500.– zuzüglich 5 % Zins ab 5. Dezember 2010 an die Privatklägerin. Dieses
Urteil wurde den Parteien mündlich eröffnet, worauf der Beschuldigte Berufung
erklären liess (Prot. I S. 32).
2. Aus der Berufungserklärung vom 11. August 2011 geht hervor, dass der Be-
schuldigte seine Berufung nicht einschränkt (Urk. 80). Die Staatsanwaltschaft und
die Privatklägerin verzichteten auf Erhebung einer Anschlussberufung (Urk. 84
und Urk. 85).
3. Mit seiner Berufungserklärung erneuerte der Beschuldigte die vor Vorinstanz
gestellten Beweisanträge und verlangte namentlich die Einvernahme der Privat-
klägerin und von C._ als Zeugen sowie die Einholung eines aussagepsycho-
logischen Gutachtens (Urk. 80 i.V.m. Urk. 52). Auch anlässlich der Berufungsver-
handlung beantragte der Beschuldigte die Abnahme sämtlicher bereits vor Vo-
rinstanz offerierter Beweise (Urk. 135 S. 1 und 3). Die Privatklägerin beantragte,
es sei auf ihre Einvernahme als Zeugin und auf die Erstellung eines Glaubwürdig-
keitsgutachtens zu verzichten (Urk. 85; Prot. II S. 15 und 23 f.). Da der Beschul-
digte aufgrund der Akten und des Ergebnisses der Berufungsverhandlung freizu-
sprechen ist und nicht davon auszugehen ist, dass die beantragten Beweisergän-
zungen daran etwas ändern würden, können diese unterbleiben.
4. Da der Beschuldigte seinen vor Vorinstanz gestellten Antrag auf eine Zwei-
teilung der Hauptverhandlung im Berufungsverfahren nicht erneuerte, erübrigt es
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sich, auf seine diesbezüglichen Ausführungen in der Berufungsbegründung ein-
zugehen (Urk. 135 S. 3 f.).
II.
1. Die Privatklägerin und der Beschuldigte berichten übereinstimmend, dass
sie am frühen Morgen des 5. Dezember 2010 im Trocknungsraum im Keller der
Liegenschaft ...strasse ... in Zürich - W._ Geschlechtsverkehr hatten. Beide
sagen aus, dass der Beschuldigte ohne Kondom zuerst vaginal und später anal in
die Privatklägerin eingedrungen sei. In rechtlicher Hinsicht kommt es in Bezug auf
die erhobenen Vorwürfe der Vergewaltigung und der sexuellen Nötigung darauf
an, ob diese Handlungen - wie die Anklage behauptet - gegen den für den Be-
schuldigten erkennbaren Willen der Privatklägerin geschahen und ob der Be-
schuldigte dies wollte oder zumindest in Kauf nahm.
2. Die Darstellung des Ablaufs des Geschlechtsakts in der Anklageschrift
(Urk 44 S. 3) beruht auf der Schilderung der Privatklägerin in der ersten polizeili-
chen Einvernahme am Morgen nach dem Ereignis am 5. Dezember 2010 (Urk. 6
S. 3 A. 8). Während sie bei der nächsten polizeilichen Befragung am 22. Dezem-
ber 2010 zu Protokoll gab, dass sie sich "an diesen Teil" nicht mehr erinnern kön-
ne (Urk. 13 S. 5 A. 39), bestätigte sie in der Einvernahme durch den Staatsanwalt
vom 6. Januar 2011 ihre erste Darstellung im Wesentlichen (Urk. 14 S. 6).
Der Beschuldigte schilderte den Ablauf des Geschlechtsverkehrs in der ersten po-
lizeilichen Befragung am 6. Dezember 2010 wie folgt: Zuerst habe er sich auf den
Rand eines Tischs gesetzt - den auch die Privatklägerin beschreibt (Urk. 6 S. 3 A.
12) - und die Privatklägerin habe sich auf ihn gesetzt. Ihre Beine seien bei dieser
Stellung auf dem Tisch gewesen, so dass er sie habe festhalten müssen. Danach
habe sie sich mit dem Rücken auf den Boden gelegt, und er habe sich auf sie ge-
legt und mit ihr den Geschlechtsverkehr vollzogen. Daraufhin habe sie sich um-
gedreht und sei auf allen Vieren vor ihn hingekniet, worauf er anal in sie einge-
drungen sei (Urk. 8 S. 4 f. A. 22).
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Versucht man sich den Ablauf des Geschlechtsverkehrs, wie er in der Anklage-
schrift geschildert wird, bildlich zu vergegenwärtigen, kommt man zum Schluss,
dass sich die Dinge nicht so zugetragen haben können bzw. dass diese Schilde-
rung zumindest lückenhaft ist. So ist nicht nachvollziehbar, wie der Beschuldigte
aus einer Position, in der die Privatklägerin mit auf dem Rücken fixierten Händen
auf ihm lag, die Privatklägerin nach vorn drückte, bis sie mit dem Oberkörper und
der Brust auf dem Boden lag. Die Privatklägerin räumt denn auch selbst ein, dass
sie nicht mehr wisse, wie sie in die zuletzt erwähnte Stellung gekommen sei (Urk.
14 S. 6). Die Schilderung der Stellungswechsel in der Anklageschrift ist demnach
zumindest unvollständig. Die Aussagen der Privatklägerin, die in der zweiten Be-
fragung vom 22. Dezember 2010 einräumte, dass sie sich nicht mehr "an diesen
Teil" erinnere (Urk. 13 S. 5 A. 39), erlauben keine genauere Rekonstruktion. Zur
Schilderung des Beschuldigten ist anzumerken, dass die erste von ihm beschrie-
bene Stellung - als die Privatklägerin mit den Beinen auf dem Tisch auf ihm ge-
sessen sei und er sie vor sich festgehalten habe - wegen des damit verbundenen
Kraftaufwandes wenig realistisch erscheint (vgl. Urk. 8 S. 4 f. A. 22; Urk. 134 S.
10). Seine Darstellung hat jedoch immerhin den Vorzug, dass die Übergänge zwi-
schen den einzelnen Stellungen nachvollziehbar sind.
Der in der Anklageschrift geschilderte Ablauf fordert nicht nur das Vorstellungs-
vermögen heraus, sondern stellt auch Schwierigkeiten in der praktischen Umset-
zung. So erscheint es nur schwer möglich, diese Abfolge von Stellungen gegen
den physischen Widerstand einer Frau zu vollziehen. Das gilt insbesondere für
die Stellung, als die Privatklägerin oben war. Die Privatklägerin räumt denn auch
ein, dass sie sich ausser am Anfang, als sie versucht habe, den Beschuldigten mit
den Füssen und dann noch mit den Armen wegzustossen (Urk. 6 S. 2 A. 7 und
S. 4 A. 15; dazu sogleich), nicht physisch gewehrt habe (Urk. 14 S. 9 und S. 12).
3. Die Einleitung der sexuellen Handlungen wird in der Anklageschrift wie folgt
geschildert: Bevor er am Boden in sie eingedrungen sei, habe der Beschuldigte
die Privatklägerin zu Boden gestossen und ihr trotz ihrer Versuche, ihn mit den
Füssen wegzuschlagen, die Jeans und Unterhosen über die von ihr getragenen
Stiefel vom Körper gerissen (Urk. 44 S. 2 f.). Die Anklageschrift verwendet zur
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Beschreibung dieser Vorgänge mehrmals das Beiwort "gewaltsam". Ob ein be-
stimmtes Verhalten als gewaltsam zu bezeichnen ist, stellt jedoch eine Wertungs-
frage dar und ist Gegenstand der rechtlichen Würdigung.
Die Privatklägerin sagte in der ersten polizeilichen Befragung vom 5. Dezember
2010 aus, der Beschuldigte habe sie auf den Boden gedrückt und ihr die Hose
und den Slip ganz ausgezogen. Die Schuhe habe sie noch angehabt. Die Kleider
habe er auf den Tisch geworfen (Urk. 6 S. 5 A. 27; Urk. 14 S. 11 f.). Ob sie am
Oberkörper noch bekleidet war, wusste sie nicht mehr (Urk. 6 S. 6 A. 31; Urk. 14
S. 6 f.). Sie habe ihn mit den Füssen wegzuschlagen versucht und dann noch mit
den Armen, aber da sei er schon auf ihr gelegen (Urk 6 S. 2 A. 7 und S. 4 A. 15).
Hinterher habe er ihr die Kleider gegeben, worauf sie diese wieder angezogen
habe (Urk. 6 S. 3 A. 8).
Der Beschuldigte sagte in der polizeilichen Befragung vom 6. Dezember 2010
aus, sie habe sich oben bis auf einen Schal ausgezogen, dann habe sie die Jeans
und den Slip über die hohen Schuhe gerollt, wobei sie ihn um Hilfe gebeten habe.
Zuerst sei sie gestanden, dann habe sie sich auf den Tisch gesetzt, damit er die
Hose habe ausziehen können (Urk. 8 S. 5 A. 24).
Eine fotografisch dokumentierte Rekonstruktion ergab, dass es grundsätzlich
möglich war, die Hosen der Privatklägerin über die Stiefel auszuziehen (vgl. Urk.
18 S. 5 f.). Darin stimmen die Aussagen der Beteiligten auch überein. Dies wäre
sicher leichter gegangen, wenn sich die Privatklägerin mit heruntergelassener
Hose auf einen Tisch gesetzt hätte, wie der Beschuldigte geltend macht, doch es
war auch möglich, wenn sie auf dem Rücken lag und sich der Beschuldigte über
sie beugte, wobei er die Hose zuerst herunterziehen musste, um sie dann über
die Füsse zu rollen. In diesem Moment konnte er allerdings nicht auf ihr liegen.
Trotz dem weiten, nicht anliegenden Schnitt der Hosenbeine erscheint es zudem
schwer vorstellbar, dass es ihm gelungen sein soll, der Privatklägerin ein Hosen-
bein über die Schuhe zu ziehen, ohne ihre zumindest passive Unterstützung und
ohne die zweite Hand zu Hilfe zu nehmen und damit das andere Bein loszulas-
sen, was der Privatklägerin die Möglichkeit eröffnet hätte, sich mit Fusstritten zur
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Wehr zu setzen (vgl. Urk. 18 S. 10). Geht man davon aus, dass sich die Privat-
klägerin physisch gegen den Beschuldigten zur Wehr zu setzen versuchte, ist
nicht verständlich, weshalb sie ihn nicht daran zu hindern versuchte, ihr die Hosen
auszuziehen, sondern sich erst dann mit Fusstritten zur Wehr setzte, als er be-
reits auf ihr lag und sie nicht mehr viel ausrichten konnte (Urk. 6 S. 2 A. 7).
4. Auf die Frage, ob sie dem Beschuldigten zu verstehen gegeben habe, dass
sie mit seinen Handlungen nicht einverstanden war, sagte die Privatklägerin, sie
habe ihm mehrmals gesagt, dass sie das nicht wolle, sie wolle nach Hause, er
solle ihr nichts tun und sie gehen lassen (Urk. 14 S. 8 und S. 11). Während der
sexuellen Handlungen habe sie geschrien und geweint und gesagt, er solle aufhö-
ren, sie wolle gehen (Urk. 6 S. 6 A. 34; Urk. 14 S. 12).
Die Privatklägerin begegnete dem Beschuldigten zwischen zwei und drei Uhr
morgens auf der Strasse in der Nähe des D._ in der Innenstadt von Zürich
und stieg mit ihm in ein Taxi ein, das sie nach W._ zur Liegenschaft
...strasse ... brachte, wo sich der Trocknungsraum befindet, in dem es zu den
oben dargestellten sexuellen Handlungen kam. Nach der Darstellung der Privat-
klägerin (zur Darstellung des Beschuldigten später) versuchte der Beschuldigte
während dieser Vorgeschichte mehrmals, sie zu küssen, so namentlich während
der Taxifahrt, worauf sie ihm gesagt habe, dass sie das nicht wolle, was er akzep-
tiert habe (Urk. 6 S. 2 A. 3 f. und S. 3 A. 10; Urk. 13 S. 3 A. 16 f.; Urk. 14 S. 8).
Nach dem Aussteigen aus dem Taxi habe die Stimmung gekehrt (Urk. 13 S. 3 A.
23). Als er sie gegen ein Garagentor gedrückt und wieder geküsst habe, habe sie
ihm abermals gesagt, dass sie das nicht wolle (Urk. 14 S. 5 unten). Sie habe an-
gefangen zu weinen und gesagt, sie wolle nach Hause, worauf er gesagt habe,
nein, sie komme nun mit. Da habe sie Angst bekommen. Als er sie beim Gara-
gentor geküsst habe, habe die Angst eingesetzt (Urk. 13 S. 5 A. 37).
Die Privatklägerin bejahte zwar auf entsprechende Fragen des Staatsanwalts, sie
habe dem Beschuldigten mitgeteilt, dass sie "mit seinen Handlungen nicht einver-
standen" war (vgl. Urk. 14 S. 8 und S. 11). Aufgrund der allgemein gehaltenen
Formulierung der entsprechenden Fragen und Antworten und insbesondere vor
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dem Hintergrund des oben dargestellten Ablaufs, kann jedoch nicht erstellt wer-
den, zu welchem Zeitpunkt die Privatklägerin Nein sagte und auf welche Hand-
lungen sich dieses Nein bezog. Anscheinend wies die Privatklägerin den Be-
schuldigten mindestens zweimal zurück, als er sie zu küssen versuchte (nämlich
während der Fahrt im Taxi und nach dem Aussteigen beim Garagentor). Es ist
davon auszugehen, dass sich ihre Antwort auf die entsprechende Frage des
Staatsanwalts auf diese Mitteilungen bezog.
Die Privatklägerin hatte den Kontakt nach diesem ersten Annäherungsversuch im
Taxi nicht bei der ersten Gelegenheit abgebrochen, sondern war in W._ zu-
sammen mit dem Beschuldigten ausgestiegen, anstatt sitzen zu bleiben und sich
woanders hinfahren zu lassen. Zur Erläuterung führte sie an, sie habe erst nach
dem Aussteigen realisiert, dass sie sich nicht am gewünschten Zielort befunden
habe (Urk. 6 S. 2 A. 6; Urk. 13 S. 3 A. 24 und S. 4 A. 33; Urk. 14 S. 5 und 16),
was für den Beschuldigten aber nicht erkennbar war. Nach dem Aussteigen hielt
sie seine Hand, wobei sie allerdings Wert auf die Feststellung legt, dass er ihre
Hand gehalten habe, womit sie wohl zum Ausdruck bringen will, dass die Initiative
von ihm ausgegangen sei (Urk. 13 S. 5 A. 36).
Die Haltung der Privatklägerin war somit von aussen betrachtet nicht eindeutig.
Unter diesen Umständen konnte der Beschuldigte nach dem Aussteigen aus dem
Taxi einen weiteren Annäherungsversuch unternehmen, um festzustellen, ob sie
ihre Meinung geändert hatte, und sie anschliessend auffordern, mit ihm in den
Trocknungsraum mitzukommen, ohne dass er von vornherein damit rechnen
musste, dass sie nicht damit einverstanden war. Hinzu kommt, dass die Privatklä-
gerin nach eigenem Bekunden erst auf dem Weg in den Trocknungsraum reali-
sierte, was der Beschuldigte von ihr wollte (vgl. Urk. 14 S. 11), so dass sie ihm ih-
re Haltung dazu vorher gar nicht mitteilen konnte. Das ändert allerdings nichts da-
ran, dass der Beschuldigte eine ablehnende Antwort der Privatklägerin zu respek-
tieren hatte und sich nicht mit Gewalt oder anderen Mitteln darüber hinweg setzen
durfte.
Die Privatklägerin macht weiter geltend, sie habe während des Geschlechtsver-
kehrs geschrien und geweint und den Beschuldigten gebeten, er solle aufhören
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(Urk. 6 S. 6 A. 34; Urk. 14 S. 12). Der Beschuldigte stellt bei der ersten polizeili-
chen Befragung am 6. Dezember 2010 nicht in Abrede, dass die Privatklägerin
geschrien habe, allerdings erst zuletzt beim Analverkehr, da habe sie ein biss-
chen geschrien und über Schmerzen geklagt, worauf er von ihr abgelassen habe
(Urk. 8 S. 5 A. 25; Urk. 9 S. 2; Urk. 60 S. 8). Er bestreitet hingegen, dass sie ge-
schrien habe, als er vaginal in sie eingedrungen sei (Urk. 8 S. 6 A. 32).
Aufgrund der wenig präzisen Aussagen der Privatklägerin, die sich an die Ereig-
nisse im Trocknungsraum nach eigenem Bekunden in der zweiten polizeilichen
Befragung am 22. Dezember 2010 nicht mehr genauer erinnern kann (Urk. 13
S. 5 A. 39), lässt sich die Darstellung des Beschuldigten nicht widerlegen, wonach
die Privatklägerin erst beim Analverkehr geschrien habe, was er als Schmerzens-
laute interpretiert habe, worauf er mit den sexuellen Handlungen sogleich aufge-
hört habe.
5. Der Beschuldigte stellt die Darstellung der Anklage, wonach die Privatkläge-
rin mit den ausgeführten sexuellen Handlungen nicht einverstanden gewesen sei,
grundsätzlich in Abrede und macht geltend, sie habe ein sexuelles Abenteuer ge-
sucht, was sie nun wegen ihres schlechten Gewissens abstreite. Dies begründet
er namentlich mit dem Verhalten der Privatklägerin, bevor sie mit ihm in den Kel-
ler ging, das er als sehr aufreizend und provokativ (die Vorinstanz verwendet zur
Charakterisierung das Wort nymphomanisch; Urk. 78 S. 19) beschreibt.
a) Bei der ersten polizeilichen Befragung vom 6. Dezember 2010 schilderte der
Beschuldigte, die Privatklägerin sei ihm wegen ihres "lächelnden Blicks" aufgefal-
len, als er nach halb drei Uhr morgens von der E._-Bar her kommend durch
die Innenstadt spaziert sei und die Leute beobachtet habe. Er habe sie nach der
Haltestelle des Nachtbusses gefragt, den er in jener Nacht wegen einer Erkältung
zum ersten Mal benötigt habe. Daraufhin seien sie ins Gespräch gekommen, und
er habe von sich erzählt. Dann sei sie zu ihm getreten und habe ihn auf den Mund
geküsst (Urk. 8 S. 1 f. A. 4).
Danach seien sie Hand in Hand weitergegangen, bis sie sich in einer Ecke zu-
rückgezogen hätten. Die Privatklägerin, die sehr erregt gewesen sei, habe mit der
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Hand in seine Hose gefasst, und sie habe ihn oral befriedigen wollen, was er je-
doch wegen möglicher Zeugen nicht gewollt habe (Urk. 8 S. 2 A. 8). Sie habe ihn
nach seinem Wohnort gefragt und gesagt, dass er ihr gefalle, dass sie aber nicht
viel Zeit habe. Währenddessen habe sie ihn ständig geküsst, und er habe ihre
Küsse erwidert. Dann hätten sie ein vorbeifahrendes Taxi angehalten. Sie sei mit
ihm eingestiegen, wobei sie gesagt habe, sie könne nicht lange bleiben, weil sie
einen Freund habe (Urk. 8 S. 2 f. A. 10).
Die Privatklägerin beschreibt die erste Begegnung demgegenüber wie folgt: Sie
sei mit einem Kollegen im D._ gewesen, bei dem sie anschliessend (wie
schon öfter) übernachten wollte, weil sie nicht in Q._ wohne. Sie hätten sich
jedoch im D._ aus den Augen verloren, und weil ihr Kollege kein Mobiltelefon
gehabt habe, habe sie ihn nicht mehr gefunden. Da habe sie sich zum Gehen
entschieden und an der Garderobe ihre Jacken geholt, da sie die Marke für beide
Jacken gehabt habe. Mit der Jacke ihres Kollegen über dem Arm habe sie sich
auf den Weg zur seiner Wohnung an der F._strasse in der Nähe des
Z._bahnhofs gemacht (Urk. 6 S. 1 A. 3).
Aus ihrer Ortsbeschreibung geht hervor, dass sie zu Fuss vom G._platz der
H._strasse entlang in Richtung ... ging, als sie vom Beschuldigten angespro-
chen wurde. Dieser habe sie gefragt, wohin sie gehe, worauf sie geantwortet ha-
be, sie suche ihren Freund, sie habe dessen Jacke und wolle nach Hause. Der
Beschuldigte habe nach ihrem Ziel gefragt und, als sie dieses genannt habe, er-
klärt, es sei einfacher, mit einem Taxi zu fahren. Daraufhin habe er ein Taxi ange-
halten, und sie seien eingestiegen (Urk. 6 S. 2 A. 3).
Ausser in Bezug auf verschiedene Einzelheiten unterscheiden sich die beiden
Darstellungen in Bezug darauf, von wem die Initiative ausgegangen sein soll:
Zwar berichten beide übereinstimmend, dass der Beschuldigte die Privatklägerin
zuerst angesprochen habe, doch dann gehen ihre Schilderungen auseinander:
Während die Privatklägerin beschreibt, dass die Initiative weiterhin vom Beschul-
digten ausgegangen sei, der sie nach ihrem Ziel gefragt und vorgeschlagen habe,
zusammen ein Taxi zu nehmen, beschreibt der Beschuldigte, dass ihn die Privat-
klägerin unvermittelt geküsst habe.
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Ein solches Verhalten ist unter Fremden, die sich auf der Strasse begegnen, un-
abhängig von Örtlichkeit und Tageszeit grundsätzlich unüblich und damit erklä-
rungsbedürftig, wie auch die entsprechende Frage des befragenden Polizeibeam-
ten zeigt, auf die der Beschuldigte diese Handlung auf einen spontanen Entscheid
der Privatklägerin zurückführte und ansonsten auf seine gute Kleidung und sein
freundliches Auftreten verwies (Urk. 8 S. 2 A. 5). Dem Beschuldigten zufolge soll
es zu weiteren Küssen gekommen sein, bis sie in das Taxi einstiegen. Dazu gibt
es keine Entsprechung in der Schilderung der Privatklägerin.
Der Beschuldigte führt in einem anderen Zusammenhang den Umstand, dass die
Privatklägerin angetrunken war, zur Begründung für ihr freizügiges Verhalten an
(Urk. 8 S. 4 A. 19). Dass der Alkoholkonsum, den die Privatklägerin nicht abstrei-
tet (Urk. 6 S. 2 A. 3; Urk. 14 S. 4), ihre Wahrnehmung und ihr Verhalten beein-
flusste, ist plausibel. Die Wirkung des Alkohols passt allerdings besser zum pas-
siven Verhalten, das sie selber schildert - wie sie nachts mit einer Zufallsbekannt-
schaft in ein Taxi stieg, ohne sich darum zu kümmern, wohin dieses fuhr (vgl. Urk.
13 S. 2 A. 11) - als zum Verhalten, das der Beschuldigte beschreibt, wonach sie
sogleich die Initiative ergriffen und jederzeit die Kontrolle über die Situation behal-
ten habe.
Der Einbezug der Vorgeschichte ihrer Begegnung bestätigt diesen Befund. Laut
eigenen Aussagen spazierte der Beschuldigte auf der Suche nach einer Haltestel-
le für das Tram bzw. den Nachtbus durch die Strassen und beobachtete die Leute
(Urk. 8 S. 1 A. 4 und S. 2 A. 9; Urk. 60 S. 5; Urk. 134 S. 5 f.), während die Privat-
klägerin ihren Kollegen verloren hatte und zu diesem nach Hause wollte (Urk. 6
S. 1 f. A. 3; Urk. 14 S. 4 f.). Die Geschichte, die der Beschuldigte erzählt, passt
damit nicht zusammen, sondern bildet einen Bruch. Es erscheint vor diesem Hin-
tergrund unwahrscheinlich, dass die Privatklägerin spontan an ein Abenteuer
dachte, als sie auf der Strasse vom Beschuldigten angesprochen wurde. Viel eher
ist damit zu rechnen, dass sie so sehr mit ihrem Problem beschäftigt war, dass sie
nicht auf die Idee kam, dass der Beschuldigte vielleicht andere Absichten hatte,
sondern ihm vertraute, dass er ihr Problem lösen würde, und mit ihm in ein Taxi
einstieg, ohne sich darum zu kümmern, wohin dieses fuhr.
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Die Jacke auf dem Arm, die auch der Zeuge C._ beschreibt (Urk. 16 S. 6),
unterstützt diese Deutung: Anscheinend hatte die Privatklägerin die Garderoben-
marke für beide Jacken aufbewahrt (Urk. 6 S. 1 A. 3), so dass sie zusammen mit
ihrem Mantel auch die Jacke ihres Kollegen erhielt, was bedeutete, dass dieser in
einer Dezembernacht ohne Jacke nach Hause gehen musste. Das liess sich zwar
unter diesen Umständen nicht vermeiden, doch waren zusätzliche Komplikationen
vorprogrammiert, sollte sie nicht anwesend sein, wenn ihr Kollege später ohne
Jacke nach Hause kam. Es ist davon auszugehen, dass die Privatklägerin mit der
Jacke ihres Kollegen in der Hand auf direktem Weg zu ihrem Kollegen nach Hau-
se wollte, ohne zuerst einen Abstecher zum Beschuldigten zu machen.
b) Erstmals in der Einvernahme vom 10. Februar 2011 berief sich der Beschul-
digte zur Unterstützung seiner Darstellung auf das Zeugnis seines Freundes und
Logisgebers C._ (Urk. 15 S. 7 f.), nachdem dieser in der ersten Befragung
unmittelbar nach den Ereignissen noch nichts davon gesagt hatte, dass er die
Begegnung zwischen dem Beschuldigten und der Privatklägerin - wenn auch aus
der Distanz (Urk. 60 S. 4) - mitverfolgt habe (Urk. 7). C._ bestätigte am
7. März 2011 als Zeuge insbesondere, dass der Beschuldigte und die Privatkläge-
rin vor dem Einsteigen in das Taxi ein Stück weit gegangen seien und sich zu-
sammen in den Eingangsbereich eines Gebäudes zurückgezogen hätten, bevor
sie in ein Taxi eingestiegen seien (Urk. 16 S. 4), zu welcher Episode es in den
Aussagen der Privatklägerin keine Entsprechung gibt.
Die Vorinstanz hat überzeugend begründet, dass auf diese Zeugenaussage nicht
abgestellt werden kann (Urk. 78 S. 23 f.). Wie die Vertreterin der Privatklägerin
aufzeigte, muss die auffällige Nennung von Details ohne Aufforderung nicht auf
einen Erlebnishintergrund hindeuten, sondern kann ebenso gut auf Instruktion zu-
rückzuführen sein (vgl. Prot. I S. 12 i.V.m. Urk. 16 S. 4). Die präzise Beantwortung
der Ergänzungsfragen der Geschädigtenvertretung, worauf die Verteidigung ver-
weist (Prot. I S. 17), wirft weitere Fragen auf: So berichtet der Zeuge, die Privat-
klägerin habe die Jacke in der Hand gehalten, was ein bekanntes Detail auf-
nimmt, aber unvollständig ist, da davon auszugehen ist, dass die Privatklägerin in
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dieser Dezembernacht ihre eigene Jacke oder ihren Mantel angezogen hatte und
die Jacke ihres Kollegen in der Hand hielt.
Die Vorinstanz schloss, es bestehe der begründete Verdacht, dass der Zeuge mit
seiner Aussage versuche, den Beschuldigten zu schützen bzw. die Strafuntersu-
chung zu seinen Gunsten zu beeinflussen (Urk. 78 S. 26). Da die Würdigung die-
ser Zeugenaussage auf das Ergebnis keine Auswirkungen hat, kann eine neuerli-
che Einvernahme des Zeugen im Berufungsverfahren unterbleiben. Die Verteidi-
gung weist allerdings zurecht darauf hin, dass die Staatsanwaltschaft es nicht bei
der Feststellung bewenden lassen durfte, die Zeugenaussage wirke auswendig
gelernt und beruhe offensichtlich auf einer Absprache (Urk. 61 5 f.), sondern ge-
halten gewesen wäre, diesen Verdachtsmomenten nachzugehen und ein Verfah-
ren wegen falschem Zeugnis einzuleiten (vgl. Prot. I S. 17 f.).
c) Die Taxifahrt schliesst in der Darstellung des Beschuldigten nahtlos an die
Ereignisse zuvor an: "im Taxi küsste sie mich weiter und machte die Beine breit".
Er habe ihre Küsse und Berührungen erwidert, doch sei er zurückhaltender als sie
gewesen, weil er sich vor dem Taxifahrer geschämt habe (Urk. 8 S. 3 A. 12 ff.).
Auch die Privatklägerin berichtet, wie bereits erwähnt, von Küssen im Taxi, die al-
lerdings vom Beschuldigten ausgegangen seien. Es sei ihr jedoch gelungen, ihn
abzuwehren (Urk. 6 S. 2 A. 3 und S. 3 A. 10; Urk. 13 S. 3 A. 22; Urk. 14 S. 5).
Der Taxifahrer konnte trotz entsprechender Bemühungen der Staatsanwaltschaft
(vgl. Urk. 19-21) nicht ausfindig gemacht werden, bzw. von den von der Polizei
befragten Taxichauffeuren konnte sich keiner an eine solche Fahrt erinnern (vgl.
Urk. 4 und 10). Da die Zeugenaussage des Taxifahrers somit nicht zur Verfügung
steht - wobei unsicher ist, wie viel der Taxifahrer von den Ereignissen auf der
Rückbank mitbekam (vgl. Urk. 6 S. 3 A. 10) -, und die Aussagen der Beteiligten
für eine aussagenanalytische Würdigung zu wenig hergeben, lassen sich keine
Feststellungen über die Vorgänge im Taxi treffen, die allenfalls Rückschlüsse auf
die Glaubhaftigkeit der restlichen Darstellung des Beschuldigten zuliessen.
6. Die Darstellung des Beschuldigten, die Privatklägerin sei provokativ und auf-
reizend aufgetreten und habe ihn von Beginn ihres Zusammentreffens an bei na-
- 16 -
hezu jeder Gelegenheit zu verführen versucht, erscheint unglaubhaft. Demgegen-
über erscheint die Schilderung dieser Vorgänge durch die Privatklägerin grund-
sätzlich glaubhaft. Dazu tragen insbesondere die Zwischentöne und Unsicherhei-
ten bei, die sie nicht verschweigt, so etwa in der staatsanwaltschaftlichen Einver-
nahme vom 6. Januar 2011, als sie nicht nur Erinnerungslücken einräumt, son-
dern auch nicht in Abrede stellt, dass sie nicht flüchtete, obwohl sie die Möglich-
keit dazu gehabt hätte (Urk. 14 S. 10). Dieses offene Eingeständnis eigener
Schwäche - das ihr nicht leicht gefallen ist, wie aus den begleitenden Protokollno-
tizen hervorgeht (Urk. 14 S. 8 und 10) - ist ein starkes Indiz dafür, dass ihre Dar-
stellung der Wahrheit entspricht. Solche Aussagen wären nicht zu erwarten, wenn
die These der Verteidigung zutreffen würde, wonach die Privatklägerin nach voll-
endetem Geschlechtsverkehr die Reue gepackt habe - sei es weil sie ihren
Freund betrogen hatte, wie der Beschuldigte glaubt (Urk. 60 S. 8), oder weil sie
ihrer gleichgeschlechtlichen sexuellen Orientierung (vgl. Urk. 33/1 S. 2 a.E.;
Urk. 14 S. 14) untreu geworden war, wie die Privatgutachterin der Verteidigung
meint (Urk. 81/2 S. 16). Wollte sie sich mit einer Falschaussage von der Verant-
wortung für das im Alkoholrausch Geschehene reinwaschen - sei es vor sich
selbst oder vor einer Partnerin oder einem Partner -, hätte sie diese Darstellung
nicht sogleich selbst wieder derart relativiert und in Frage gestellt.
Einzelne Aussagen der Privatklägerin erwecken jedoch Zweifel. Zum einen ist
schwer nachvollziehbar, dass die Privatklägerin ihrer Darstellung zufolge erst
nach dem Aussteigen aus dem Taxi bemerkt hat, dass dieses nach W._ und
nicht zum Z._bahnhof gefahren war. Die beiden Orte befinden sich vom
Ausgangsort aus gesehen in entgegengesetzten Richtungen und die Fahrzeit
nach W._ dauert um einiges länger, was der Privatklägerin hätte auffallen
müssen, zumal sie sich häufiger in Q._ aufhält (Urk. 13 S. 2 A. 13). Gemäss
den Angaben der Privatklägerin versuchte der Beschuldigte sodann bereits im
Taxi, sie zu küssen. Unter diesen Umständen wäre grundsätzlich zu erwarten,
dass sie umso mehr darauf achtet, wohin das Taxi fährt, oder sich zumindest ver-
gewissert, dass sie sich am gewünschten Ort befindet, bevor sie mit einem frem-
den Mann mitten in der Nacht aussteigt und das Taxi wegfahren lässt. Anhand
der Aussagen der Privatklägerin lässt sich auch der Ablauf der sexuellen Hand-
- 17 -
lungen im Trocknungsraum nur schwer nachvollziehen. Wie bereits dargelegt (vgl.
II.2) sind ihre diesbezüglichen Ausführungen wenig präzis und ist ihre Darstellung
in vielen Punkten lückenhaft. Einige der Angaben der Privatklägerin, darunter die
von ihr geschilderte Abfolge der Stellungen, sind zudem wenig plausibel.
Die teilweise vorhandenen Ungereimtheiten in den Aussagen der Privatklägerin
bedeuten nicht, dass sie bewusst falsche Angaben gemacht und den Beschuldig-
ten absichtlich und wider besseren Wissens belastet hat. Es ist in diesem Zu-
sammenhang erneut darauf hinzuweisen, dass die Privatklägerin zum Zeitpunkt
der Geschehnisse angetrunken war, was ihre teilweise ungenauen Wahrnehmun-
gen und Erinnerungen erklärt und gewisse Verhaltensweisen, beispielsweise dass
sie mitten in der Nacht mit einem unbekannten Mann in ein Taxi steigt, ohne sich
zu vergewissern, wohin dieses fährt, verständlich erscheinen lässt. Dass die An-
gaben der Privatklägerin zum Geschehensablauf teilweise nicht nachvollziehbar
sind, vermag die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen somit nicht zu zerstören, sondern
ist als Zeichen zu werten, dass sie das Geschehen so geschildert hat, wie sie es
erlebt, registriert und noch in Erinnerung hat. Im Übrigen spricht auch das Verhal-
ten der Privatklägerin nach dem eingeklagten Vorfall gegen eine falsche Anschul-
digung, wie die Vorinstanz zu Recht festgehalten hat (Urk. 78 S. 22).
Diese Ungereimtheiten tragen jedoch zusammen mit der Ungenauigkeit und Un-
vollständigkeit ihrer Darstellung des Kerngeschehens dazu bei, dass sich die An-
klage nicht oder zumindest nicht in einem für eine Verurteilung genügenden Um-
fang erstellen lässt. Der Umstand, dass die Darstellung des Beschuldigten in wei-
ten Teilen ebenfalls nicht zu überzeugen vermag, ändert nichts daran.
7. Abschliessend ist festzuhalten, dass sich anhand der vorhandenen Beweis-
mittel nicht mit hinreichender Sicherheit feststellen lässt, wie sich die Geschehnis-
se im Trocknungsraum und auf dem Weg dorthin im Einzelnen abgespielt haben.
Auf dieser Grundlage lässt sich nicht zweifelsfrei erstellen, ob und ab welchem
Zeitpunkt sich die Privatklägerin gegen den Beschuldigten zur Wehr setzte und
wie dieser ihren allfälligen Widerstand überwand. Auch wenn die Aussagen der
Privatklägerin grundsätzlich glaubhaft erscheinen, muss zudem offen bleiben, ob
- 18 -
sie zum Zeitpunkt der Ereignisse mit den sexuellen Handlungen nicht einverstan-
den war, und ob sie dies dem Beschuldigten zu erkennen gab.
Weitere Beweismittel, welche zur Klärung beitragen würden, liegen dem Gericht
nicht vor. Es ist auch nicht anzunehmen, dass die Abnahme weiterer Beweise am
gesamten Beweisbild etwas ändern würde. Auf den Antrag der Verteidigung auf
eine neuerliche Einvernahme des Zeugen C._ wurde oben bereits eingegan-
gen (vgl. II.5.b). Was die Einvernahme des Taxifahrers und den Beizug der Auf-
zeichnung allfälliger Videoüberwachungen betrifft, kann auf die zutreffenden Er-
wägungen der Vorinstanz (Urk. 78 S. 26 ff.) verwiesen werden. Nicht zu erwarten
ist schliesslich, dass die erneute Einvernahme der Privatklägerin am Beweiser-
gebnis etwas ändern würde. Wie bereits dargelegt konnte die Privatklägerin in der
Untersuchung zu den vom Beschuldigten vorgenommenen Nötigungshandlungen
und dem von ihr geleisteten Widerstand keine präzise Angaben machen. Infolge
des Zeitablaufs wäre es ungewöhnlich und im Übrigen auch wenig glaubhaft,
wenn die im Rahmen einer erneuten Befragung gemachten Aussagen der Privat-
klägerin in diesem Punkt ausführlicher und eindeutiger wären als diejenigen, wel-
che sie kurze Zeit nach dem Vorfall machte. Von der Abnahme weiterer Beweis-
mittel sind somit keine neuen Erkenntnisse zu erwarten, welche am gesamten
Beweisbild etwas ändern würden.
Nach dem Gesagten verbleiben demnach erhebliche und unüberwindbare Zweifel
daran, dass sich der Sachverhalt so zugetragen hat, wie er in der Anklageschrift
geschildert wird. Der Beschuldigte ist deshalb von den Vorwürfen der Vergewalti-
gung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB und der sexuellen Nötigung im Sinne von
Art. 189 Abs. 1 StGB freizusprechen.
III.
1. Wie oben ausgeführt, lässt sich der Anklagesachverhalt in wesentlichen
Kernelementen nicht erstellen, was nach dem Grundsatz in dubio pro reo zu ei-
nem Freispruch führt. Insbesondere lässt sich nicht nachweisen, dass die Privat-
klägerin physischen Widerstand leistete, der vom Beschuldigten gebrochen wur-
- 19 -
de. Noch eher vorstellbar ist, dass die Privatklägerin mit den vom Beschuldigten
ausgeführten sexuellen Handlungen nicht einverstanden war, dies aber dem Be-
schuldigten aus Angst nicht zu erkennen gab und die sexuellen Handlungen über
sich ergehen liess. Dabei handelt es sich jedoch lediglich um eine Vermutung, die
sich nicht mit der nach den Regeln des Strafprozessrechts für einen Schuldspruch
notwendigen Sicherheit beweisen lässt. Und selbst wenn es so gewesen wäre,
würde sich dadurch nichts am Resultat eines Freispruchs ändern, da diese Sach-
verhaltsvariante den Tatbestand der Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1
StGB bzw. der sexuellen Nötigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB nicht erfüllt,
wie nachstehend der Vollständigkeit halber gezeigt wird.
2. Auf Befragen definierte die Privatklägerin in der ersten polizeilichen Befra-
gung am 5. Dezember 2010 eine Vergewaltigung als erzwungenen Geschlechts-
verkehr mit Gewalt ohne ihr Einverständnis (Urk. 6 S. 4 A. 20). Diese Umschrei-
bung gibt das im Tatbestand der Vergewaltigung i.S. von Art. 190 StGB (und
ebenso im ebenfalls angeklagten Tatbestand der sexuellen Nötigung gemäss
Art. 189 StGB) enthaltene Element der Nötigung wieder. Das Gesetz zählt als Nö-
tigungsmittel Drohung, Gewalt oder psychischen Druck auf. Die nachfolgende
Prüfung konzentriert sich auf die Tatbestandsvariante des psychischen Drucks,
die am besten mit der von der Privatklägerin als Grund für die Duldung der sexu-
ellen Handlungen angeführten Angst korrespondiert (vgl. Urk. 13 S. 5 A. 37; Urk.
14 S. 5 a.E.).
3. Psychischer Druck wird im Strafgesetzbuch nur bei den Tatbeständen der
sexuellen Nötigung i.S. von Art. 189 StGB und der Vergewaltigung i.S. von
Art. 190 StGB als Nötigungsmittel erwähnt, und zwar seit der Revision des Sexu-
alstrafrechts von 1992, nicht jedoch beim Grundtatbestand der Nötigung i.S. von
Art. 181 StGB. Wegen der Unschärfe dieses Merkmals und der Schwierigkeit der
Abgrenzung gegenüber den anderen Nötigungsmitteln (Gewalt oder Drohung)
wird dieses Tatmittel im Schrifttum als "Weichstelle" dieser Bestimmungen be-
zeichnet, die nach herrschender Auffassung zurückhaltend auszulegen ist. Die
aufgrund der Materialien vertretene Meinung, dass eine Ausweitung der Strafbar-
keit und eine Angleichung an die Praxis zur Nötigung vom historischen Gesetzge-
- 20 -
ber beabsichtigt war, wird namentlich mit Blick auf die Mindeststrafdrohung für
Vergewaltigung von einem Jahr mehrheitlich abgelehnt (Maier, Basler Kommen-
tar, Art. 189 StGB N 4 f.; Trechsel /Bertossa, Art. 189 StGB N 6; Maier, Das Tat-
bestandsmerkmal des Unter-psychischen-Druck-Setzens im Schweizerischen
StGB, ZStR 1999, 402 f.).
a) Psychischer Druck i.S. von Art. 189 und Art. 190 StGB liegt vor, wenn der
Täter tatsituativ - d.h. kurz vor oder während der sexuellen Handlung - ohne An-
wendung von Gewalt eine psychische Zwangssituation schafft, in der das sexuelle
Selbstbestimmungsrecht des Opfers gefährdet ist und die dem Opfer keine zu-
mutbaren Selbstschutzmöglichkeiten bietet. Die Beurteilung der Zwangswirkung
erfolgt nach einem objektiv-individuellen Massstab, was bedeutet, dass die vom
Täter ausgeübte Zwangsintensität einen gewissen objektiven Grad erreichen
muss, während bei der Frage der zumutbaren Selbstschutzmöglichkeiten die Per-
sönlichkeit des Opfers einbezogen wird (Maier, Basler Kommentar, Art. 189 StGB
N 18 und 20 f.; Jenny, Kommentar, Art. 189 StGB N 27).
b) Für die Phase im Trocknungsraum, während der die sexuellen Handlungen
geschahen, die Gegenstand der Anklage sind, kann eine Zwangssituation bejaht
werden, wenn man davon ausgeht, dass die Privatklägerin nur aus Angst in den
Trocknungsraum mitgegangen war und diese Handlungen duldete. Die Türe, die
vom an den Trocknungsraum angrenzenden Fahrradraum zum Treppenhaus und
damit nach draussen führte, war laut Aussagen der Privatklägerin zwar nicht ab-
geschlossen (Urk. 14 S. 7). Ausserdem befürchtete der Beschuldigte anschei-
nend, dass andere Hausbewohner durch Lärm oder Schreie auf die Geschehnis-
se im Trocknungsraum aufmerksam werden könnten. Doch befand sich die Pri-
vatklägerin nachts an einem fremden Ort, während dem Beschuldigten die Ört-
lichkeiten vertraut waren. Es ist daher nachvollziehbar, dass sie ihre Situation für
ausweglos hielt und dem Beschuldigten keinen Widerstand leistete.
Das gilt allerdings nicht für die Situation zuvor auf der Strasse, nach dem Ausstei-
gen aus dem Taxi, von wo sich die Privatklägerin vom Beschuldigten an der Hand
in den Trocknungsraum führen liess. Wie die Privatklägerin einräumen musste,
wäre eine Flucht in dieser Phase grundsätzlich möglich gewesen (Urk. 14 S. 10).
- 21 -
Indem sich die Privatklägerin trotz der grundsätzlich gegebenen alternativen
Handlungsmöglichkeiten mit dem Beschuldigten in den Trocknungsraum begab,
war sie für die Schaffung der dort bestehenden Zwangssituation mitverantwortlich.
Hinzu kommt, dass der Beschuldigte mit der Sorge, dass sie in der Wohnung die
Frau seines Freundes und Logisgebers C._ stören würden (vgl. Urk. 14 S. 6
und Urk. 15 S. 4 f.; Urk. 134 S. 9 f.), eine nachvollziehbar Begründung dafür liefer-
te, weshalb er sich mit der Privatklägerin in den Trocknungsraum begab, was da-
gegen spricht, dass er nur deshalb mit ihr in den Keller ging, weil er sie dort unter
Druck setzen wollte.
Daran ändert sich nichts, wenn man die weitere Vorgeschichte einbezieht: Laut
eigener Darstellung stieg die Privatklägerin mit dem Beschuldigten in ein Taxi ein
im Glauben, dieses bringe sie zur Wohnung ihres Kollegen an der F._strasse
(Urk. 6 S. 2 A. 3), und merkte erst nach dem Aussteigen, dass sie woanders war
(Urk. 6 S. 2 A. 6; Urk. 13 S. 3 A. 24 und S. 4 A. 33; Urk. 14 S. 5 und 16). Die Pri-
vatklägerin überliess es dem Beschuldigten, dem Taxifahrer das Ziel mitzuteilen,
sie hörte jedoch, was diese - in gebrochenem Deutsch - miteinander besprachen,
auch wenn sie anscheinend nicht zuhörte (Urk. 13 S. 2 A. 11; Urk. 14 S. 5 und S.
7) und sich heute nicht mehr daran erinnern kann, dass sie das Wort "W._"
im Taxi hörte (vgl. Urk. 14 S. 8 und S. 17; Urk. 6 S. 2 A. 3). Der Zielort war somit
für sie zumindest erkennbar. Die Privatklägerin gab weiter an, der Beschuldigte
habe im Taxi einen ersten Annäherungsversuch unternommen (Urk. 6 S. 2 A. 3
und S. 3 A. 10), so dass auch seine Absichten nicht verborgen waren. List oder
Überraschung sind somit zu verneinen.
Im Trocknungsraum bestand demnach allenfalls eine Zwangssituation, die der
Beschuldigte - ob bewusst oder unbewusst (diese Unterscheidung beschlägt den
Vorsatz) - ausnutzte, deren Entstehung ihm jedoch nicht zugerechnet werden
kann. Nutzt der Täter eine vorbestehende, nicht von ihm selber geschaffene Ab-
hängigkeit oder Notlage aus, genügt dies nicht für die Annahme des Tatbe-
standsmerkmals des psychischen Drucks i.S. von Art. 189 und Art. 190 StGB
(Maier, Basler Kommentar, Art. 189 StGB N 20). Damit wäre der Beschuldigte
auch unter der - nicht erstellten - Annahme, dass die Privatklägerin mit den aus-
- 22 -
geführten sexuellen Handlungen nicht einverstanden war und sie diese lediglich
aus Angst duldete, von den Vorwürfen der Vergewaltigung im Sinne von Art. 190
Abs. 1 StGB und der sexuellen Nötigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB frei-
zusprechen. Wie es sich mit dem Vorsatz verhält, kann offen bleiben.
IV.
Der Beschuldigte wird freigesprochen, weil sich der eingeklagte Sachverhalt nicht
erstellen lässt (vgl. oben II.7.). Der Sachverhalt ist somit in Bezug auf die Zivilkla-
ge nicht spruchreif. Die Genugtuungsforderung der Privatklägerin ist demnach
gemäss Art. 126 Abs. 1 lit. d StPO auf den Zivilweg zu verweisen.
V.
1. Der Beschuldigte ist seit dem Tag nach den Ereignissen in der Nacht des
5. Dezember 2010 in Haft und wird heute vollumfänglich freigesprochen. Er hat
gemäss Art. 429 StPO grundsätzlich Anspruch auf eine Entschädigung für mit
seiner notwendigen Beteiligung am Strafverfahren verbundene wirtschaftliche
Einbussen sowie auf eine Genugtuung für besonders schwere Verletzungen sei-
ner persönlichen Verhältnisse, insbesondere bei Freiheitsentzug.
2. Der Beschuldigte verlangt Schadenersatz für Erwerbsausfall in der Höhe
von Fr. 32'600.–. Der Beschuldigte beziffert diesen Schaden ausgehend vom
Lohn, den er vor seiner Inhaftierung in I._ erzielte (Urk. 62 S. 13; Urk. 135
S. 12). Wie sich anlässlich der Einvernahme des Beschuldigten herausstellte, hat-
te er zum Zeitpunkt seiner Inhaftierung keine Beschäftigung und war auf Stellen-
suche (Urk. 134 S. 3 und 4). Der Schaden ist demnach zu schätzen (Art. 42 Abs.
2 OR), wobei den entgangenen Einnahmen die mit der Inhaftierung verbundenen
Einsparungen namentlich für Kost und Logis (vgl. Urk. 60 S. 3) gegenüberzustel-
len sind. Unter diesen Umständen ist die Höhe des Schadens auf Fr. 5'000.– fest-
zusetzen.
- 23 -
Was die als weitere Schadensposition geltend gemachten Anwaltskosten betrifft
(sog. Consultingauftrag von Rechtsanwalt J._; vgl. Urk. 135 S. 13 m.H. auf
Urk. 136/1-2), so ist festzuhalten, dass der Beschuldigte seit Beginn des Verfah-
rens einen amtlichen Verteidiger hatte, der ihn effektiv und zuletzt auch erfolg-
reich vertrat. Zwar handelt es sich bei diesen zusätzlichen Anwaltshonoraren um
Folgekosten der Inhaftierung des Beschuldigten. Angesichts des gesetzlichen An-
spruchs auf eine amtliche Verteidigung stellen diese jedoch keine notwendige
Folge der Strafuntersuchung dar, so dass in diesem Umfang kein Anspruch auf
eine Entschädigung besteht. Da diese Aufwendungen von den Brüdern des Be-
schuldigten aufgebracht wurden (Urk. 135 S. 13), steht überdies nicht fest, ob und
in welcher Höhe dem Beschuldigten in diesem Zusammenhang ein Schaden ent-
standen ist, so dass seine Aktivlegitimation fraglich ist.
3. Für die mit der 373 Tage dauernden Inhaftierung verbundene schwere Ver-
letzung in seinen persönlichen Verhältnissen verlangt der Beschuldigte eine Ge-
nugtuung in Höhe von Fr. 100'000.– (Urk. 135 S. 12 f.). Dass ein solcher An-
spruch besteht, ist grundsätzlich unbestritten. Neben dem gravierenden Tatvor-
wurf trägt zur Verletzung in den persönlichen Verhältnissen erschwerend bei,
dass der Beschuldigte im Ausland in Haft war, was den persönlichen Kontakt zu
Familie und Freunden erschwerte. Angesichts der Dauer der Haft von über einem
Jahr kann nicht von einem Tagessatz von Fr. 300.– ausgegangen werden, son-
dern ist die Höhe der Genugtuung gegenüber dem Antrag des Beschuldigten
stärker zu reduzieren. Angemessen erscheint eine Genugtuung von Fr. 60'000.–.
4. Dem Beschuldigten ist demnach Schadenersatz in Höhe von Fr. 5'000.– und
eine Genugtuung in Höhe von Fr. 60'000.–, je zuzüglich Zins, zuzusprechen. Im
Mehrbetrag ist seine Schadenersatz- und Genugtuungsforderung abzuweisen.
VI.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens trägt der Beschuldigte keine Kosten. Die Pri-
vatklägerin unterliegt mit ihrer Zivilklage. Da ihre Anträge keinen Zusatzaufwand
verursachten, sind ihr dennoch keine Kosten aufzuerlegen. Demnach sind sämtli-
- 24 -
che Kosten (Untersuchungskosten und Kosten beider Gerichtsinstanzen, ein-
schliesslich der Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Ver-
beiständung der Privatklägerin) auf die Gerichtskasse zu nehmen. Über die Höhe
der Anwaltsentschädigung (vgl. Urk. 135 S. 15 f.) ist nicht in diesem Erkenntnis zu
befinden.