Decision ID: 320f954d-a1bc-5af7-9936-ce42afcdd015
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1976 geborene
X._
, welcher über keine Berufsausbildung verfügt, arbeitete ab 2007 als Staplerfahrer
/Hilfsarbeiter
bei
der
Y._
AG
und meldete sich
auf Veranlassung
der Arbeitgeberin
am 24. September 2013 (Eingangsdatum) unter Hinweis auf ein Suchtgeschehen bei der Sozialver
sicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (Urk. 7/3 und Urk. 7/4).
Die IV-Stelle klärte die erwerblichen und medizinischen Verhältnisse ab und gewährte dem Versicher
ten mit Mitteilung vom 14. April 2014 Frühinterventionsmassnahmen
zur Erhaltung des Arbeitsplatzes
(Urk. 7/17).
Am 6. Januar 2015
schloss sie
diese
ab
, unter dem Hinweis, dass der Versicherte betreffend Rente später eine separate Verfügung erhalten werde
(Urk. 7/30).
In der Folge
informierte die
IV-Stelle den Versicherten
d
arüber, dass zur
Klärung der Leistungsansprüche
eine medizinische Untersuchung (Psychiatrie inklusive neurologische Testung) not
wendig
sei, und ordnete diese mit Mitteilung vom 28. Januar 2015 an (Urk. 7/34)
.
Nach Weigerung des Versicherten, an der Untersuchung teilzuneh
men (vgl. Urk. 7/42 f.), verneinte die IV-Stelle nach durchgeführtem
Vorbe
scheidverfahren
(Vorbescheid vom 30. März 2015; Urk. 7/45) mit Verfügung vom 22. Mai 2015 einen Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung (Urk. 2 [= Urk. 7/47]).
2.
Dagegen erhob
der
Versicherte mit Eingabe vom
9. Juni 2015
Beschwerde und beantragte
,
die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, und es sei die Sache zur Durchführung
der angekündigten Untersuchung
an die Beschwerdegegn
erin zurückzuweisen (Urk. 1
). Mit Beschwerdeantwort vom
30. Juli 2015
(Urk. 6) schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Besch
werde. Am 25. August 2015 nahm der Beschwerdeführer
replicando
dazu
Stellung (Urk. 10). Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 4. September 2015 auf eine Duplik (Urk. 13), was dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 9. September 2015 a
ngezeigt wurde
(Urk. 14
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Wer Versicherungsleistungen beansprucht, muss unentgeltlich alle Auskünfte erteilen, die zur Abklärung des Anspruchs und zur Festsetzung der Versiche
rungsleistungen erforderlich sind (
Art.
28
Abs.
2 ATSG). Soweit ärztliche oder fachliche Untersuchungen für die Beurteilung notwendig und zumutbar sind,
hat sich die versicherte Person diesen zu unterziehen (
Art.
43
Abs.
2 ATSG). Kommen die versicherte Person oder andere Personen, die Leistungen beanspru
chen, den Auskunfts- oder Mitwirkungspflichten in unentschuldbarer Weise nicht nach, so kann der Versicherungsträger auf Grund der Akten verfügen oder die Erhebungen einstellen und Nichteintreten beschliessen. Er muss diese Perso
nen vorher schriftlich mahnen und auf die Rechtsfolgen hinweisen; ihnen ist eine angemessene Bedenkzeit einzuräumen. Gegebenenfalls kann der Versiche
rungsträger das von der versicherten Person eingereichte Gesuch mit der Begründung abweisen, der Sachverhalt, aus dem diese ihre Rechte ableiten wolle, sei nicht erwies
en (vgl. BGE 117 V 261 E. 3b S.
264; SVR 2010 IV Nr.
30 S. 94,
Urteil
9C_961/2008
des Bundesgerichts vom 30. November 2009
E. 3.1).
2.
2.1
In der angefochtenen Verfügung erwog die Beschwerdegegnerin
, in
folge Verwei
gerung der Mitwirkungspflicht werde aufgrund der Akten entschieden. Gestützt auf diese könne nicht abschliessend beurteilt werden, ob die Ein
schränkung der Leistungsfähigkeit durch dauerhafte gesundheitliche Einschrän
kungen bedingt sei oder andere Faktoren eine Rolle spielten (Urk. 2 S. 2).
2.2
Demgegenüber machte der Beschwerdeführer geltend, er habe
die Mitteilung der Beschwerdegegnerin vom 6. Januar 2015 über den Abschluss der Eingliede
rungsmassnahmen missverstanden und daraus geschlossen,
es
seien
sämtliche
Untersuchungen abgeschlossen. Er habe sich den Sinn einer Begutachtung des
halb nicht erklären können und sich
aus diesem Grund
geweigert
,
an einer sol
chen teilzunehmen
. Da er nun aber verstehe, worum es gehe, erkläre er sich bereit, sich begutachten zu lassen (Urk. 1).
In der Replik vom 25. August 2015, von der Arbeitgeberin des Beschwerdefüh
rers
verfasst
und
vom Beschwerdeführer
mitunterzeichnet (Urk. 10), wurde im Wesentlichen vorgebracht, die Arbeitgeberin habe den Beschwerdeführer, nach
dem die Einladungen zur ärztlichen Untersuchung lediglich ih
m allein zugestellt worden seien
, nicht unterstützen können. Er habe die Arbeitgeberin erst nach Erhalt der ablehnenden Verfügung informiert. Der Beschwerdeführer habe den Sinn und Zweck der ärztlichen Untersuchung
ohne Unterstützung nicht verste
hen können.
3.
3.1
3.1.1
Im Bericht der
Z._
AG vom 2. März 2011 (Urk. 7/8/2-8) wurden die Diagnosen
(1) psychische
und Verhaltensstörung
en
durch Alkohol (ICD-10 F10.1)
: schädlicher Gebrauch und (2)
einfache Aktivitäts- und
Aufmerksam
keitsstörung
(ICD-10 F90.0) aufgeführt.
3.1.2
Im Bericht der
A._
vom 14. Oktober 2011, wo der Beschwerdeführer vom
4.
bis 14. Oktober 2011 stationär behandelt wor
den war, wurden die folgenden Diagnosen aufgeführt
(Urk. 7/39/1)
:
Störung durch Alkohol, A
bhängigkeitssyndrom, gegenwärtig abstinent, aber in beschützender Umgebung (ICD-10 F10.21)
Störung durch
Cannabinoide
, schädlicher Gebrauch (ICD -10 F12.1)
einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10 F 90.0), ED 2011
Arterielle Hypertonie, ED 10/2011
In der Zusammenfassung des Berichts wurde im Wesentlichen festgehalten, im stationären Rahmen seien eine Impulskontrollstörung mit raschem Aufbrausen und verbalen Wutausbrüchen (für die sich der Beschwerdeführer im
Anschluss jeweils entschuldigt habe
), eine stark verminderte Stressresistenz, Defizite im Sozialverhalten mit Mangel an Sozialkontakten und fehlender Freizeitgestaltung sowie eine starke Divergenz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung aufge
fallen. Es
bestehe sodann der Verdacht auf
eine verminderte kognitive Leis
tungsfähigkeit sowie ein geringe Introspektionsfähigkeit mit konsekutiv fehlen
der Krankheitseinsicht (Urk. 7/39/3).
3.1.3
Im Bericht
der
B._
Klinik vom 23. Mai 2012, wo sich der Beschwerdeführer vom 1
2.
Januar bis 1
6.
Mai 2012 in stationärer B
ehandlung befunden hatte, wurde
nebst den bekannten Diagnosen
eines Alkohol- und
Cannabisabhängig
keitssyndroms
auch ein Tabakabhängigkeitssyndrom, ständiger
S
ubstanzge
brauch
(ICD-10 F17.25),
genannt (Urk. 7/40/1). Sodann wurde im Bericht aus
geführt, die Untersuchungen hätten zwar deutliche Hinweise auf ein kindliches ADHS ergeben, aber keine Hinweise auf ein noch bestehendes ADHS im Erwachsenenalter. Die neuropsychologische Untersuchung habe Einschränkun
gen hinsichtlich der Lern- und Gedächtnisleistung sowie der
Exekutivfunktio
nen
objektiviert. Der Beschwerdeführer habe deutliche Schwierigkeiten bei der Erstellung eines Handlungsplans und bei dessen praktischer Umsetzung gezeigt. Zudem sei die kognitive Flexibilität bzw. Fähigkeit zur
Interferenzunterdrü
ckung
reduziert. Die Aufmerksamkeitsleistungen hingegen seien weitgehend
intakt. Vor dem Hintergrund eines eher geringen Bildungsniveaus handle es sich insgesamt um leichte bis mittelgradige Beeinträchtigungen, wobei die Handlungsorganisation deutlich reduziert sei (Urk. 7/40/2-3).
3.1.4
Im Bericht der
A._
vom 13. Februar 2014 wurde
nebst den bekannten Diagno
sen
die
Verdacht
sdiagnose einer
Persönlichkeitsstörung mit emotional-instabi
len und impulsiven Züge
n
(ICD-10 F60.3)
gestellt und d
em Beschwerdeführer eine Arbeitsfähigkeit von 50 % attestiert (Urk. 7/
16
)
.
3.1.5
Dr.
med.
C._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, wel
cher den Beschwerdeführer im Rahmen der Abklärungen von Eingliederungs
massnahmen untersucht hatte, attestierte dem Beschwerdeführer in seinem Bericht vom 10. November 2014 eine 100%ige Arbeitsfähigkeit für Hilfsarbeiten im geschützten Rahmen (Urk. 7/28).
3.
2
Hinsichtlich des Bestehens eines ADHS im Erwachsenenalter herrscht
zwischen den behandelnden Ärzten
Uneinigkeit, ohne dass die eine oder die andere Beurteilung überzeugender wäre. Die Verdachtsdiagnose einer
Persönlichkeits
störung
mit emotional-instabilen und impulsiven Zügen (E. 3.1.4) reicht sodann nicht aus, um eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zu begründen.
Vor
die
sem Hintergrund
ist
es
ohne w
eiteres
nachvollziehbar, dass
der Regionale Ärzt
liche Dienst die medizinische Situation für unklar hielt und deshalb eine Begut
achtung anregte (Stel
lungnahme vom 20. November 2014 [
Urk. 7/31/7
] und vom 16. Dezember 2014 [Urk. 7/46/4-5]
)
.
Damit ist auch nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer am 28. Januar 2015 mit
teilte, eine medizinische Abklärung (Psychiatrie inklusive neurologische Tes
tung) sei notwendig. Der Beschwerdeführer wurde
sodann
auf seine
Mitwir
kungspflicht
hingewiesen (Urk. 7/34). Nachdem sich der Beschwerdeführer geweigert hatte, den Termin für die Untersuchung wahrzunehmen, forderte ihn die Beschwerdegegnerin m
it Schreiben vom 25. März 2015 letztmalig auf, die Bereitschaftserklärung für die Untersuchung auszufüllen und bis spätestens am 7. April 2015 zurückzu
senden und sich umgehend mit dem Gutachter
in Ver
bindung zu setze
n
, um den Termin vom 28. April 2015 zu bestätigen. Sollte er dieser Aufforderung nicht nachkommen, werde dies als Verweigerung der Begutachtung aufgefasst und aufgrund der Akten entschieden (Urk. 7/42).
Die Beschwerdegegnerin mahnte den Beschwerdeführer
somit
korrekt
unter Hinweis auf die Säumnisfolgen und unter Einräumung einer Bedenkzeit
, wie dies von der Rechtsprechung verlangt wird (BGE 122 V 218)
.
Am 26. März 2015 teilte der
Beschwerdeführer der Beschwerdegegnerin telefonisch
mit, er würde auf keinen Fall an der Untersuchung teilnehmen. Dies habe er auch
Prof.
D._
mitgeteilt (Urk. 7/43).
In Anbetracht dieser deutlich und absolut geäusserten
Ver
weigerung der Mitwirkung
durfte
die Beschwerdegegnerin
den Vorbescheid erlassen, ohne
die
eingeräumte
Bedenkzeit ab
zuwarten
.
In der Folge nutzte der
Beschwerdeführer
jedoch
auch
das
Vorbescheidverfahren
nicht, um
auf seinen Entscheid zurückzukommen
. Die angefochtene Verfügung wurde
danach weit
nach Ablauf d
er Bedenkzeit erlassen, womit keine verfahrensrechtlichen Vor
schriften verletzt wurden.
3.3
3.3.1
Der Beschwerdeführer
bestritt
zwar nicht, seine
Mitwirkungspflicht
verletzt zu haben,
macht
e
jedoch
sinngemäss
geltend,
er habe dies nicht verschuldet
(Urk. 1 und Urk. 10)
.
A
ufgrund
eines Missverständnisses
habe er nicht verstan
den
, weshalb er sich einer Begutachtung unterziehen
müsse
(Urk. 1)
. Die Arbeit
geberin
führte
in der Replik vom 25. August 2015
dazu
Folgendes
aus
: Schrift
liche Aufträge seien für den Beschwerdeführer nur nach ausführlicher
mündli
cher Erklärung umsetzbar.
Würden in Mitarbeitergesprächen nicht einfachste Ausdrücke und Sätze benutzt, könne der Beschwerdeführer den Ausführungen nicht folgen. Er könne nur einen Auftrag auf einmal entgegennehmen. Kämen mehrere Aufträge zusammen oder gebe man ihm gar Aufträge auf Zuruf, rea
giere er gereizt und könne handlungsunfähig werden, weil er nicht mehr ein
ordnen könne, was zu tun sei. Kämen neue Aufgaben auf ihn zu, führe er diese erst aus, wenn der Vorgesetzte mit ihm die Arbeitsschritte minutiös angeschaut bzw. mit ihm zusammen erledigt habe (Urk. 10 S. 2).
Die Einladungen zur ärzt
lichen Untersuchung und auch die folgenden Mahnungen seien nur an den Beschwerdeführer versandt worden, ohne Kopie an die Arbeitgeberin (Urk. 10 S. 1).
3.3.2
Dass
der Kontakt zur Arbeitgeberin
im
Zusammenhang mit den
Frühinterventi
onsmassnahmen
zur Erhaltung des Arbeitsplatzes
notwendig
war,
liegt in der Natur der Sache
.
Daraus kann
jedoch
nicht abgeleitet werden, die
Beschwerde
gegnerin
wäre im gesamten Verwaltungsverfahren zur Zustellung sämtlicher Korrespondenzen und Entscheide an die Arbeitgeberin verpflichtet gewesen, zumal sich diese auch nicht als Vertreterin des Beschwerdeführers ausgewiesen hatte.
3.3.3
Es bestehen weder Anhaltspunkte dafür, dass die Urteils- beziehungsweise Hand
lungsfähigkeit des Beschwerdeführers eingeschränkt wäre, noch liegen entsprechende Belege vor (beispielsweise Verfügungen
der
Erwachsenenschutz
behörde
)
.
Zwar wurde die
Verdacht
sdiagnose
eine
r
verminderte
n
kognitive
n
Leistungsfähigkeit
gestellt (E.
3.1.2).
Es
wurden allerdings bloss leichte bis mit
telgradige Beeinträchtigungen festgestellt (Urk. 7/40/2-3).
Damit
ist nicht aus
gewiesen
,
dass es dem Beschwerdeführer an der Fähigkeit
gemangelt
hätte
,
die
an ihn gerichteten Mitteilungen
der Beschwerdegegnerin
vom 28. Januar 2015 (Urk. 7/34) und vom 25. März 2015 (Urk. 7/42)
zu verstehen
und dementspre
chend
zu handeln.
Sodann ist nicht nachvollziehbar, weshalb er sich bei Unklarheiten hinsichtlich der Notwendigkeit einer solchen Untersuchung nach Abschluss der
Massnahmen zur Erhaltung des Arbeitsplatzes
(vgl. das Vorbrin
gen in Urk. 1) nicht bei der Beschwerdegegnerin
oder den behandelnden Ärzten
nach Sinn und Zweck der Begutachtung erkundigte
; schliesslich war er auch in der Lage, sich telefonisch bei der Beschwerdegegnerin zu melden, um mitzutei
len, dass er bei der Untersuchung nicht mitwirken werde.
3.4
Nach dem Gesagten
ist nicht
zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin ei
nen Leistungsanspruch verneinte. D
ie Aktenlage
liess beziehungsweise lässt
eine Beurteilung der mediz
inischen Situation nicht zu
. Der Nachweis der Invali
dität
vermag somit
nicht zu gelingen, weshalb der Beschwerdeführer aufgrund der verschuldeten Verletzung der Mitwirkungspflicht die Folgen der
Beweislo
sigkeit
zu tragen hat (vgl. E. 1).
Damit ist die
Beschwerde abzuweisen.
4.
Die Kosten des Verfahrens sind auf Fr. 600.-- festzulegen und ausgangsgemäss vom Beschwerdeführer zu tragen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG).