Decision ID: c97899ac-8cdd-4bce-980b-d9990f1bf35f
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Am 4. April 2018 reichte die Beschwerdeführerin in der Schweiz – nach
durchgeführtem Resettlement-Verfahren – für sich und ihr Kind C._
ein Asylgesuch ein.
A.b Mit Verfügung vom 24. Mai 2018 hiess das SEM das Asylgesuch der
Beschwerdeführerin gut, anerkannte sie und ihr Kind als Flüchtlinge und
gewährte ihnen in der Schweiz Asyl.
B.
B.a Am 5. März 2019 ersuchte die Beschwerdeführerin das SEM um Fa-
milienzusammenführung mit ihrem Partner B._, geboren am (...)
(nachfolgend B._ genannt).
B.b Das SEM lehnte das Gesuch um Familienzusammenführung mit Ver-
fügung vom 9. April 2019 beziehungsweise 2. Mai 2019 ab. Zur Begrün-
dung führte es im Wesentlichen aus, es bestehe keine schützenswerte Be-
ziehung zwischen der Beschwerdeführerin und B._ Sie sei mit ihm
nicht verheiratet und habe mit ihm auch nicht in einer eheähnlichen Ge-
meinschaft gelebt. Zudem handle es sich nicht um den Vater ihres Kindes
C._.
Diese Verfügung blieb unangefochten.
C.
C.a Mit Eingabe vom 20. Mai 2021 ersuchte die Beschwerdeführerin das
SEM erneut um Familienzusammenführung mit ihrem in Addis Abeba le-
benden Partner B._ Zur Untermauerung ihres Gesuchs reichte sie
die bereits mit dem ersten Gesuch vorgelegten Dokumente von B._
(eine Studentenkarte sowie eine "Child Health Card", je in Kopie) sowie
neu eine Kopie der Taufurkunde ihres Kindes und zwei Fotos, welche sie
gemeinsam mit B._ zeigten, zu den Akten.
C.b Das SEM stellte der Beschwerdeführerin am 19. November 2021 ei-
nen Fragenkatalog (rechtliches Gehör) zu ihrer Beziehung mit B._
zu. In ihrem Antwortschreiben vom 30. November 2021 führte die Be-
schwerdeführerin aus, sie habe B._ im Jahr (...) in D._ ken-
nengelernt und von 2012 bis (...) mit ihm in D._ gelebt. Im Jahr (...)
sei B._ in den E._ geflohen und sie (die Beschwerdeführe-
rin) im (...) nach F._ gereist. Im Jahr (...) hätten sie sich im
D-679/2022
Seite 3
E._ wieder getroffen und bis (...) dort gelebt. Anschliessend hätten
sie bis (...) in G._ gelebt. Im (...) sei sie in die Schweiz gereist und
B._ sei in F._ geblieben. Den Kontakt mit B._ halte
sie via Telefon und soziale Medien aufrecht. Dem Schreiben lag ein Brief
der Beschwerdeführerin an das Zivilstandsamt Bern-Mittelland betreffend
Kindesanerkennungs- sowie Ehevorbereitungsverfahren bei.
D.
Mit Verfügung vom 10. Januar 2021 (recte: 10. Januar 2022) – eröffnet am
11. Januar 2022 – verweigerte das SEM dem Partner der Beschwerdefüh-
rerin die Einreise in die Schweiz und lehnte das Gesuch um Familienzu-
sammenführung ab.
E.
Mit Eingabe vom 10. Februar 2022 erhob die Beschwerdeführerin beim
Bundesverwaltungsgericht gegen den Entscheid des SEM vom 10. Januar
2022 Beschwerde. Sie beantragte die Aufhebung des angefochtenen Ent-
scheides sowie die Bewilligung der Einreise von B._ zwecks Durch-
führung des Asylverfahrens. Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen,
weitere Instruktionsmassnahmen durchzuführen. In prozessualer Hinsicht
beantragte die Beschwerdeführerin die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege, die Beiordnung der Rechtsvertreterin als amtliche Rechts-
beiständin und den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
F.
Am 11. Februar 2022 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht der Be-
schwerdeführerin den Eingang der Beschwerde.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 20. April 2022 forderte die Instruktionsrichterin
die Beschwerdeführerin auf, bis zum 5. Mai 2022 eine Fürsorgebestätigung
nachzureichen. Gleichzeitig wies sie das Gesuch um Gewährung der un-
entgeltlichen Rechtsvertretung ab.
H.
Mit Eingabe vom 11. Mai 2022 reichte die Beschwerdeführerin innert er-
streckter Frist eine Fürsorgebestätigung der Stadt H._ (datiert vom
10. Mai 2022) zu den Akten.
D-679/2022
Seite 4

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde-
führung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG)
ist einzutreten.
2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
2.2 Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden in der
Regel in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen (Art. 21 Abs. 1
VGG). Das Gericht kann – wie vorliegend – auch in solchen Fällen auf die
Durchführung eines Schriftenwechsels verzichten (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
3.
Im Sinne einer Vorbemerkung ist festzuhalten, dass hinsichtlich der im Zeit-
punkt der Beschwerdeerhebung offenbar noch nicht gewährten Aktenein-
sicht (vgl. Beschwerde S. 4) keine Weiterungen angezeigt sind. Aus den
vorinstanzlichen Akten ergibt sich, dass die verlangte Akteneinsicht durch
die Vorinstanz am 16. Februar 2022 gewährt wurde. Es wäre der Be-
schwerdeführerin somit ohne Weiteres möglich gewesen, ihre Beschwer-
debegründung zu ergänzen, hätte sie dies als notwendig erachtet.
4.
4.1 Ehegatten, eingetragene Partnerinnen oder Partner von Flüchtlingen
und ihre minderjährigen Kinder werden als Flüchtlinge anerkannt und er-
halten Asyl, wenn keine besonderen Umstände dagegen sprechen (Art. 51
Abs. 1 AsylG). Diese Bestimmung zielt auf die Mitglieder der Kernfamilie
ab, welche mit einem Flüchtling in die Schweiz eingereist sind, ihrerseits
aber keine eigenen Asylgründe im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG geltend
machen können, sondern sich auf der Basis ihrer Familienbande ebenfalls
auf die Gesuchsgründe des Flüchtlings abstützen.
D-679/2022
Seite 5
4.2 Von diesem Anspruch auf derivative Anerkennung als Flüchtling ist je-
ner auf Erteilung einer Einreisebewilligung für die genannten Familienmit-
glieder im Sinne von Art. 51 Abs. 4 AsylG zu unterscheiden. Diese Norm
bestimmt, dass jenen Personen, welche aufgrund ihrer persönlichen Be-
ziehung (im Sinne von Art. 51 Abs. 1 AsylG) einen Anspruch auf Einbezug
in die Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl haben, auf Ge-
such hin die Einreise in die Schweiz zu bewilligen ist, wenn sie sich noch
im Ausland befinden und sie durch die Flucht getrennt wurden. Diese Be-
stimmung zielt damit auf Mitglieder der Kernfamilie ab, welche aufgrund
der Umstände der Flucht von der in der Schweiz als Flüchtling anerkannten
Person getrennt wurden. Diesen ist – im Sinne eines asylrechtlichen Fami-
liennachzuges respektive der Familienzusammenführung – die Einreise in
die Schweiz zu bewilligen, jedoch ebenfalls nur dann, wenn eine Trennung
durch die Fluchtumstände stattgefunden hat. Zweck von Art. 51 Abs. 4
AsylG ist somit alleine die Wiedervereinigung von vorbestandenen Famili-
engemeinschaften (vgl. BVGE 2012/32 E. 5).
5.
5.1 Das SEM wies in angefochtenen Entscheid zunächst darauf hin, es
habe im Rahmen des ersten Familienzusammenführungsverfahrens be-
reits festgehalten, dass keine schützenswerte Beziehung zwischen der Be-
schwerdeführerin und B._ bestehe und es sich bei ihm auch nicht
um den Vater von C._ handle. Weiter führte es zur Begründung sei-
nes ablehnenden Entscheids aus, den Akten sei zu entnehmen, dass sie
auf ihrer Flucht vergewaltigt worden und aufgrund dessen schwanger ge-
worden sei. Diesem Kind habe sie den Namen ihres (...) gegeben.
Schliesslich habe sie angegeben, weder verlobt zu sein, noch Heiratsab-
sichten zu haben. Angesichts der von der Beschwerdeführerin geschilderte
und den Akten zu entnehmenden Fluchtgeschichte könne nicht von einer
Trennung durch Flucht gemäss Art. 51 Abs. 4 AsylG gesprochen werden.
Die geltend gemachten, hängigen (...)- und (...) seien nicht geeignet, die
festgestellte fehlende Voraussetzung – Trennung durch Flucht – wett zu
machen. Das Gesuch um Familiennachzug sei deshalb abzulehnen und
B._ die Einreise in die Schweiz nicht zu bewilligen.
5.2 In der Beschwerde wird vorab der Sachverhalt wiederholt und im We-
sentlichen geltend gemacht, die Vorinstanz habe in Verletzung der Begrün-
dungspflicht ihren Entscheid lediglich damit begründet, dass die Trennung
nicht durch die Flucht erfolgt sei. Es sei lediglich auf die Fluchtgeschichte
der Beschwerdeführerin verwiesen worden, indessen bleibe unklar, wel-
D-679/2022
Seite 6
cher Aspekt der Fluchtgeschichte ausschlaggebend dafür sei, dass die Vo-
raussetzung der Trennung durch Flucht gemäss Art. 51 Abs. 4 AsylG als
nicht erfüllt erachtet werde. Die Beschwerdeführerin und ihr Partner hätten
bereits ab dem Jahr (...) in D._ eine Familieneinheit gebildet. Dass
diese dann getrennt, wiedervereinigt und schliesslich wiederum getrennt
worden sei, sei unerheblich, da die örtlichen Trennungen einzig aufgrund
von äusseren Umständen geschehen seien. Die alleinige Weiterreise der
Beschwerdeführerin mit ihrem Kind in die Schweiz sei nicht auf die Auflö-
sung der Familiengemeinschaft gerichtet gewesen, sondern sei aus objek-
tiven, aus den Fluchtumständen resultierenden, Gründen erfolgt, zumal
auch der Wille zur Wiedervereinigung der Familie zu bejahen sei. Insge-
samt würden keine besonderen Umstände vorliegen, die gegen das Fami-
lienasyl sprechen würden.
6.
6.1 Die formellen Rüge der Verletzung der Begründungspflicht (und damit
des Anspruches auf rechtliches Gehör) ist vorab zu beurteilen, da sie al-
lenfalls geeignet sein könnte, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfü-
gung zu bewirken (vgl. BGE 142 II 218 E. 2.8.1).
6.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt
(vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
6.3 Der Beschwerdeführerin ist insofern zuzustimmen, als dass eine kla-
rere Formulierung der angefochtenen Verfügung möglich und wünschens-
wert gewesen wäre. Das SEM hat aber die von der Beschwerdeführerin
gemachten Ausführungen zum Beziehungsstatus sowie die zeitlichen und
geografischen Angaben bezüglich des geltend gemachten Familienlebens
aufgeführt und es lässt sich der angefochtenen Verfügung entnehmen,
dass angesichts ihrer Angaben, nie (...) gewesen zu sein, keine (...) gehegt
zu haben und B._ nicht der Vater ihres (...) C._ sei, davon
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
D-679/2022
Seite 7
auszugehen sei, im Zeitpunkt des Resettlement-Verfahrens habe keine Be-
ziehung mehr bestanden, so dass die Voraussetzung (Trennung durch
Flucht) nicht gegeben sei.
Wie die eingereichte Beschwerde zeigt, war es der Beschwerdeführerin
möglich, die vorinstanzliche Verfügung sachgerecht anzufechten. Dass
das SEM den Sachverhalt rechtlich anders würdigte, als von der Beschwer-
deführerin gewünscht, stellt keine Begründungspflichtverletzung dar.
6.4 Die formelle Rüge erweist sich angesichts dieser Sachlage als unbe-
gründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen
Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen.
7.
7.1 Auch in materieller Hinsicht vermag die Kritik der Beschwerdeführerin
nicht zu überzeugen. Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung zu
Recht die Voraussetzungen für eine Familienzusammenführung als nicht
erfüllt erachtet. Die Ausführungen in der Beschwerdeeingabe vermögen zu
keiner anderen Beurteilung zu führen.
7.2 Die Einreisebewilligung zwecks Gewährung des Familienasyls wird
denjenigen Familienmitgliedern erteilt, die mit dem in der Schweiz als
Flüchtling anerkannten und asylberechtigten Mitglied in einer Familienge-
meinschaft gelebt haben, welche durch die Flucht desselben getrennt
wurde. Die Einreisebewilligung dient demnach der Wiederherstellung von
Familiengemeinschaften, die durch die Flucht getrennt wurden, hingegen
nicht der Aufnahme von neuen oder der Wiederaufnahme von beendeten
Beziehungen (vgl. BVGE 2018 VI/6 E. 5.1 mit Hinweis auf BVGE 2012/32).
7.3 Vorab ist festzuhalten, dass es der Beschwerdeführerin nach wie vor –
die Vorinstanz hatte bereits in ihrem ersten Entscheid vom 9. April 2019
(beziehungsweise 2. Mai 2019) festgehalten, es habe weder in Eritrea noch
in einem Drittstaat eine schützenswerte Beziehung bestanden – nicht ge-
lungen sein dürfte, eine vorbestandene Familiengemeinschaft im Sinne
von Art. 51 AsylG glaubhaft zu machen. Dies braucht jedoch nicht ab-
schliessend beurteilt zu werden. Die Beschwerdeführerin muss sich ihre
Aussagen im Rahmen des Resettlement-Verfahrens, weder verlobt zu sein
noch Heiratsabsichten zu haben, entgegenhalten lassen. Diese Aussagen
lassen nur den Schluss zu, sie habe die (allfällige) Beziehung mit
B._ als beendet betrachtet. Vor diesem Hintergrund ist der An-
D-679/2022
Seite 8
nahme, die Beschwerdeführerin selber sei in jenem Zeitpunkt vom Beste-
hen einer Familiengemeinschaft ausgegangen, welche hernach durch die
Weiterreise nach Europa getrennt worden sei, die Grundlage entzogen.
Damit fehlt es an einer unfreiwilligen Trennung durch Flucht. Dass die Be-
schwerdeführerin und B._ nunmehr eine (Fern-)Beziehung pflegen
beziehungsweise eine allenfalls früher einmal bestandene Beziehung wie-
der aufgenommen haben, führt zu keinem anderen Ergebnis.
7.4 Nach dem Gesagten sind die Voraussetzungen der asylrechtlichen Fa-
milienzusammenführung nicht erfüllt und die Vorinstanz hat zu Recht auch
das zweite Gesuch um Einreisebewilligung zugunsten B._ gestützt
auf Art. 51 Abs. 4 AsylG abgelehnt.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
Mit vorliegendem Urteil ist das Beschwerdeverfahren abgeschlossen, wes-
halb sich der Antrag auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses als gegenstandslos erweist.
10.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist gutzu-
heissen, da die (formellen) Begehren nicht als aussichtslos zu bezeichnen
waren. Es sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-679/2022
Seite 9