Decision ID: dfbe9169-1bfd-46ad-9466-f9cca675a83e
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Rekurrent,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Vorinstanz,
betreffend
individuelle Prämienverbilligung 2012
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Sachverhalt:
A.
A._ meldete sich am 20. Februar 2012 zum Bezug einer individuellen
Prämienverbilligung (IPV) für 2012 bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons St.
Gallen (SVA) an. Am 9. März 2012 bestätigte die Wohnsitzgemeinde das
Reineinkommen aufgrund der definitiven Steuerveranlagung 2010 mit Fr. 31'200.-- (act.
G 3.2). Mit Verfügung vom 4. Mai 2012 gab die SVA dem Versicherten bekannt, auf der
Basis eines anrechenbaren Einkommens von Fr. 31'200.--, einer Referenzprämie von
Fr. 3'258.-- und eines Selbstbehalts von Fr. 4'087.20 (13.1% des Reineinkommens
2010) habe er keinen Anspruch auf IPV (act. G 3.3). Die gegen diese Verfügung
erhobene Einsprache vom 18. Mai 2012, mit welcher die Mutter des Versicherte
geltend machte, ihr Sohn habe im Jahr 2010 kein Einkommen gehabt (act. G 3.4), wies
die SVA nach Anforderung von weiteren Unterlagen (act. G 3.6) mit
Einspracheentscheid vom 4. Juni 2012 (act. G 3.7) ab.
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid erhob der Versicherte am 11. Juni 2012
Beschwerde mit dem Antrag, die Prämienverbilligung sei zu bewilligen. Zur
Begründung legte er dar, seine Lebenssituation sei in den letzten Jahren - und sei es
noch immer - sehr schwierig gewesen. Vor zehn Jahren habe er die Schule
geschmissen und sei danach wegen Alkohol- und Drogenabhängigkeit "abgestürzt". In
all den Jahren habe er dank der Unterstützung seiner Eltern auf Auslandreisen und mit
Teilzeittätigkeiten wieder etwas Fuss fassen können. Im Sommer 2010 sei er früher als
geplant von einer Auslandreise zurückgekehrt, habe Sozialhilfe bekommen, den
Kontakt zu den Eltern abgebrochen und sei wiederum "abgestürzt". Er sei nicht mehr in
der Lage gewesen, seine Angelegenheiten - so auch die Steuererklärung - zu erledigen.
Er sei daher steuerlich eingeschätzt worden, obwohl er kein Einkommen erzielt habe.
Zur Zeit sei er krank und versuche, mit einem Therapeuten den Weg zurück zu finden
aus einem Teufelskreis ohne Einkommen, Schulden und offenen Rechnungen. Für das
Lebensnotwendige würden ihm die Eltern jede Woche Geld überweisen. Er versuche,
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Ordnung in sein Leben zu bringen und mit Hilfe des Therapeuten wieder gesund zu
werden.
B.b In der Beschwerdeantwort vom 14. August 2012 beantragte die
Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde. Für die IPV 2012 seien vorliegend
die Steuerdaten 2010 massgebend. Mangels einer quantitativen und qualitativen
Veränderung des Einkommens in den letzten Jahren sei die Berücksichtigung neuerer
Steuerdaten nicht zulässig. Auf die nach Ermessen ergangene Steuerveranlagung 2010
habe der Beschwerdeführer keine Einsprache erhoben. Die Unterlassung beim
Steueramt wirke sich unweigerlich auf die Berechnung der Prämienverbilligung aus.

Erwägungen:
1.
1.1 Nach Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG; SR.
832.10) gewähren die Kantone den Versicherten in bescheidenen wirtschaftlichen
Verhältnissen Prämienverbilligungen. Die Kantone sorgen dafür, dass bei der
Überprüfung der Anspruchsvoraussetzungen, insbesondere auf Antrag der versicherten
Person, die aktuellsten Einkommens- und Familienverhältnisse berücksichtigt werden
(Art. 65. Abs. 3 KVG). Die Kantone haben nach Art. 97 Abs. 1 KVG
Ausführungsbestimmungen zu Art. 65 KVG zu erlassen. Der Kanton St. Gallen ist dieser
Verpflichtung durch die Art. 9-16 des Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung
über die Krankenversicherung (EG-KVG; sGS 331.11) und die dazugehörigen
Vollzugsvorschriften in Art. 9-38 der Verordnung zum Einführungsgesetz zur
Bundesgesetzgebung über die Krankenversicherung (Vo-EG; sGS 331.111)
nachgekommen.
1.2 Eine Prämienverbilligung wird nach Art. 10 Abs. 1 EG-KVG Personen gewährt, die
im Kanton St. Gallen steuerrechtlichen Wohnsitz haben (lit. a) und ein die
Prämienverbilligung auslösendes Einkommen erzielen (lit. b). In Bezug auf die
einkommensmässigen Voraussetzungen bestimmt Art. 11 EG-KVG, dass das die
Prämienverbilligung auslösende Einkommen unter teilweiser Berücksichtigung des
steuerbaren Vermögens von der Regierung durch Verordnung festgesetzt wird (Abs. 1).
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Grundlage des die Prämienverbilligung auslösenden Einkommens bildet in der Regel
die letzte definitive Steuerveranlagung (Abs. 2). Liegt bei der Anmeldung auf IPV bereits
die definitive Veranlagung des vorangehenden Jahres vor, so ist diese Veranlagung der
Anspruchsprüfung zu Grunde zu legen. Auf die Steuerdaten der vorletzten
Steuerperiode kann lediglich dann abgestellt werden, wenn die definitive Veranlagung
des vorangehenden Jahres im Zeitpunkt der Anspruchsprüfung noch nicht vorliegt (vgl.
dazu Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 11. Dezember 2012, B
2011/223, E. 4.2). Entspricht das ermittelte Einkommen offensichtlich nicht der
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, wird auf diese abgestellt (Abs. 3). Mit der
Verwendung des Begriffs "offensichtlich" in Art. 11 Abs. 3 EG-KVG wird zum Ausdruck
gebracht, dass nicht jede Veränderung der wirtschaftlichen Verhältnisse massgebend
sein kann, um von den Steuerdaten abzuweichen. Die Diskrepanz zwischen der
früheren und der aktuellen wirtschaftlichen Lage, welche sowohl vom Einkommen als
auch vom Vermögen beeinflusst wird, muss rechtserheblich sein. Praxisgemäss
rechtfertigen nur grundlegende und tiefgreifende Änderungen der Verhältnisse ein
Abweichen von der letzten definitiven Steuerveranlagung. Anders wäre der Vollzug der
Prämienverbilligung in einem einfachen und raschen Verfahren gar nicht zu
bewerkstelligen (Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 10. Mai
2005, B 2005/23, Erw. 2c).
2.
Laut Veranlagungsverfügung vom 14. März 2012 wurde für das Jahr 2011 ein
steuerbares Einkommen von Fr. 0.-- zugrunde gelegt (act. G 3.4 Beilage). Mit Blick auf
die vorstehend geschilderte Rechtslage bildet diese Veranlagungsverfügung
Bemessungsgrundlage für die IPV für 2012. Die Frage, ob beim Rekurrenten,
ausgehend von den Verhältnissen am 1. Januar 2012, seit 2010 eine dauerhafte
Veränderung des Einkommens zu bejahen war, kann damit grundsätzlich offenbleiben,
da es an Anhaltspunkten für eine (erneute) dauerhafte Veränderung im Jahr 2012 fehlt.
Lediglich im Sinn einer Stellungnahme zu den Darlegungen in der Beschwerdeantwort
ist festzuhalten, dass gemäss der Veranlagungsverfügung für die direkte Bundessteuer
2009 vom 25. August 2010 das steuerbare Einkommen des Rekurrenten für dieses Jahr
Fr. 4'700.-- (act. G 3.4 Beilage) betrug. Gemäss Veranlagungsverfügung für die Staats-
und Gemeindesteuern 2010 vom 25. August 2010 wurde er für den Zeitraum vom 1. bis
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18. Januar 2010 mit einem Einkommen von Fr. 200.-- veranlagt, wobei ein Betrag von
Fr. 5'400.-- satzbestimmend war. Danach hielt sich der Beschwerdeführer bis zum 6.
August 2010 im Ausland auf (vgl. act. G 3.4 Beilage). Für den Zeitraum vom 6. August
bis 31. Dezember 2010 erfolgte die Veranlagung nach Ermessen mit einem steuerbaren
Einkommen von Fr. 12'500.-- (satzbestimmend Fr. 31'200.--), weil der Rekurrent trotz
Mahnung und Hinweis auf Säumnisfolgen keine Steuererklärung einreichte (act. G 3.6
Beilag). Die vorstehend geschilderte Aktenlage zeigt auf, dass die steuerbaren
Einkommen des Rekurrenten in den Jahren 2011 (Fr. 0.--) und wohl auch 2012 (ohne
Einkommen durch die Eltern unterstützt; vgl. act. G 1) im Vergleich zu 2010 (Fr. 5'400.--
Jahreseinkommen bezogen auf den Zeitraum vom 1. bis 18. Januar und
Ermessensveranlagung für die Zeit vom 6. August bis 31. Dezember) gesunken bzw.
gänzlich weggefallen waren. Der Tatsache allein, dass für einen Teil des Jahres 2010
(6. August bis 31. Dezember) eine steuerliche Ermessensveranlagung vorgenommen
wurde, kommt dabei kein Aussagewert bezüglich der Frage der wirtschaftlichen
Leistungsfähigkeit zu. Die Ermessensveranlagung geht vielmehr auf eine unterlassene
Mitwirkung im Steuerverfahren zurück. Diese Tatsache vermag aber zur Klärung der
Frage der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit nichts beizutragen, zumal die
Ermessensveranlagung nur einen Teil des Jahres 2010 betraf und für den restlichen Teil
auf der Basis eines Jahreseinkommens von Fr. 5'400.-- veranlagt wurde. Die
gesunkene wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zeigt sich - neben den vorerwähnten
Zahlenwerten - darin, dass der Rekurrent nach seiner Rückkehr aus dem Ausland im
August 2010 vom Sozialamt und von den Eltern unterstützt werden musste. Dass dies
ein andauernder Zustand war, ergibt sich aus den diesbezüglich bis ins Jahr 2012
gleichgebliebenen Verhältnissen, soweit diese aus den Akten ersichtlich sind (vgl. die
im vorliegenden Verfahren unbestritten gebliebenen Darlegungen in act. G 1). Ein
Tatbestand, welcher auf eine massgebende Einkommensverminderung seit 2010 mit
Dauercharakter schliessen lässt, ist damit dargetan. Für die Berechnung der IPV 2012
kann somit auch vor diesem Hintergrund nicht von der Ermessensveranlagung 2010
ausgegangen werden. Nachdem die Steuerveranlagung 2011 im Zeitpunkt des
angefochtenen Einspracheentscheids bereits vorlag, ist wie erwähnt auf diese
abzustellen.
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Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist der Rekurs unter Aufhebung des
Einspracheentscheids vom 4. Juni 2012 dahingehend gutzuheissen, dass die
Angelegenheit zur Prüfung der individuellen Prämienverbilligung für 2012 an die
Vorinstanz zurückzuweisen ist. Gemäss Art. 95 Abs. 1 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege (VRP; sGS 951.1) hat in Streitigkeiten grundsätzlich jener
Beteiligte die Kosten zu tragen, dessen Begehren ganz oder zum Teil abgewiesen
werden. Beim vorliegenden Verfahrensausgang hat demnach die Vorinstanz die
Gerichtsgebühr zu bezahlen. Diese ist in Anwendung von Art. 7 Ziff. 122 der
Gerichtskostenverordnung (sGS 941.12), der einen Rahmen von Fr. 500.-- bis Fr.
15'000.-- vorsieht, wie in gleichartigen Fällen üblich, auf Fr. 1'000.-- festzusetzen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39