Decision ID: 3793cd7e-f91a-5bd9-942f-dd6257328a5f
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
F._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Andreas Wiget, Rosenbergstrasse 42b,
9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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Rente
Sachverhalt:
A.
F._ (Jg. 1946) meldete sich am 15. Januar 2007 zum Bezug einer Invalidenrente an.
Sie gab an, sie sei seit dem 2. Juli 1999 geschieden. Ein Amtsvormund sei ihr Beistand
(effektiv Beirat). Von 1972 bis 1999 habe ihre Hauptbeschäftigung in der Führung des
Haushaltes bestanden. Daneben habe sie im Geschäft des Ehemannes mitgearbeitet.
Dr. med. A._ berichtete am 26. Februar 2007, die Versicherte leide an einer
vegetativen Dystonie bei depressiven Episoden und Hyperventilationen, ausserdem –
ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit – an einem Lumbovertebralsyndrom, an einer
Inguinalhernie und an einer Urticaria. Ausserdem bestehe ein St. n. Glaucom-
Lasertherapie 2002 und Beinvenenthrombose 1980 und 2003. Die Frage nach der
Arbeitsfähigkeit könne nicht beantwortet werden. Dr. med. B._ teilte der IV-Stelle am
22. April 2008 mit, dass er die Versicherte am 13. November 2006 amtsärztlich
untersucht habe. Er habe folgende Diagnosen erhoben: Störung in der
Realitätswahrnehmung, Verwahrlosung, Suizidalität. Dr. med. C._ berichtete am 17.
Mai 2008, er behandle die Versicherte seit dem 12. März 2008. Er habe folgende
Diagnosen erhoben: Störung der Persönlichkeitsentwicklung mit depressiven und
paranoiden Zügen (DD: schizotype Störung). Diese Gesundheitsstörung bestehe seit
vielen Jahren. Die Versicherte könne den Haushalt erledigen, aber eine Lohnarbeit sei
aus psychischen Gründen ausgeschlossen. Eine ärztliche Zweitmeinung sei sinnvoll.
Die Versicherte klage über Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen. Die
Intelligenz sei geschätzt im Durchschnitt. Es bestünden keine offensichtlichen
Orientierungs- und mnestische Störungen. Auch Wahrnehmungsstörungen
(Halluzinationen) seien verneint worden. Das Bewusstsein sei unauffällig, das Denken
formal logisch, aber ausschweifend und inhaltlich oft sehr unbestimmt und unklar. Im
Affekt wirke die Versicherte ambivalent, freundlich offen einerseits, vorsichtig,
ängstlich, misstrauisch andererseits. In der Psychomotorik falle ein ständiges Lächeln
auf, abrupt unterbrochen von Weinen. Dr. med. D._ vom RAD hielt am 23. Juni 2008
fest, zuerst müsse die Qualifikation der Versicherten als Hausfrau oder als
Erwerbstätige geklärt werden. Anschliessend sei entweder der Bericht über eine
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Abklärung an Ort und Stelle durch Dr. med. C._ zu plausibilisieren oder die
Arbeitsfähigkeit im Erwerb durch eine Begutachtung zu ermitteln. Dr. med. E._
berichtete am 3. September 2008, er kenne die Versicherte seit dem 7. Juli 2007, als er
sie wegen einer Knieproblematik behandelt habe. Ab April 2008 sei eine depressive
Entwicklung bei protrahierter Trauerreaktion um den verstorbenen Ehemann
aufgetreten. Diese Entwicklung habe sich unter Antidepressiva und nach wenigen
Gesprächen deutlich gebessert.
B.
Am 11. Dezember 2008 erfolgte eine Abklärung in der Wohnung der Versicherten.
Gemäss dem Abklärungsbericht vom 20. Januar 2009 gab die Versicherte dabei an, es
gehe ihr nicht gut. Sie habe immer Mühe mit Sprechen und Atmen, es komme öfters zu
Hyperventilationen. Auch psychisch gehe es ihr teilweise sehr schlecht. Die früheren
Erlebnisse beschäftigten sie immer noch stark. Sie sei oft antriebs- und energielos und
könne sich nicht aufraffen, den Haushalt zu machen. Sie versuche, regelmässig nach
draussen zu gehen, um den Kontakt zu anderen Leuten nicht ganz zu verlieren. Sie
schlafe teilweise sehr schlecht und sie sei von Träumen geplagt. Bis 2004 habe sie
ihren Lebenspartner gepflegt, bis dieser an seinen Herzproblemen gestorben sei. Die
Abklärungsperson verneinte im Bericht die Frage, ob die Versicherte heute ohne die
Behinderung einer Erwerbstätigkeit nachgehen würde, mit der Begründung, die
Versicherte sei seit 1999 Hausfrau. Da es keine finanziellen Probleme gebe, müsse die
Versicherte nicht zwingend einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Die Versicherte habe
angegeben, sie könne grundsätzlich alle anfallenden Hausarbeiten selber erledigen.
Reinigungsarbeiten könne sie seit längerem nicht mehr ausführen, weil die Wohnung
vollständig zugestellt sei. Die Abklärungsperson hielt dazu fest, die Wohnung sei so
vollgestellt, dass zuerst eine Gasse habe geschaffen werden müssen, um die Wohnung
überhaupt betreten zu können. Das Ganze grenze an die absolute Verwahrlosung. Seit
dem Tod des Lebenspartners im Jahr 2004 habe die Versicherte nicht mehr
aufgeräumt. Die Versicherte habe aber einen gepflegten Eindruck gemacht. Sie habe
sehr teure Kleider getragen. Grundsätzlich bestehe keine Einschränkung im Haushalt.
Inwieweit das Verhalten der Versicherten als Einschränkung zu beurteilen sei, müsse
der RAD entscheiden. Dr. med. D._ stellte der Abklärungsperson nachträglich
verschiedene Fragen. Die Abklärungsperson antwortete am 23. Januar 2009, die
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Versicherte sei sehr gepflegt gewesen. Bei der Kleidung habe es keine Auffälligkeiten
gegeben. Es habe auch keinen Hinweis darauf gegeben, dass die Versicherte den
Haushalt nicht mehr erledigen könne. Die Versicherte habe nicht den Eindruck
gemacht, unterernährt zu sein. Sie habe überhaupt keinen verwahrlosten Eindruck
gemacht. Sie habe sehr interessiert am Weltgeschehen, an der Politik usw. geschienen.
Dr. med. D._ hielt daraufhin fest, aus versicherungsmedizinischer Sicht gebe es
keinen Hinweis darauf, dass die Versicherte bei der Haushaltarbeit gesundheitsbedingt
eingeschränkt wäre. Es seien Auffälligkeiten vorhanden, aber diese beträfen keine IV-
relevanten Sachverhalte.
C.
Mit einem Vorbescheid vom 2. März 2009 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass
kein Rentenanspruch bestehe, weil bei der täglichen Arbeit als Hausfrau keine
Einschränkung bestehe. Die Versicherte liess am 25. März 2009 einwenden, sie habe
bis 1994 die Büroarbeiten im Geschäft des Ehemannes erledigt. Nach der Scheidung
habe sie den Beruf einer Ergotherapeutin erlernen wollen. Man habe ihr aber erklärt,
dass sie zu alt sei. Daraufhin habe sie eine zweieinhalbjährige Ausbildung als
Farbdesignerin begonnen. Sie hätte schulbegleitend zu 70% erwerbstätig sein müssen,
habe aber keine Stelle gefunden, weil ihr die körperliche und seelische Kraft dazu
gefehlt habe. Deshalb habe sie die Ausbildung abgebrochen. In der Folge habe sie
nicht mehr die Kraft gehabt, um den Einstieg in die Arbeitswelt zu kämpfen. Sie sei
nicht mehr fähig, ordentliche Beziehungen zu pflegen, weil sie ihre Emotionen nicht
mehr unter Kontrolle habe. Sie lebe isoliert und abseits der Gesellschaft, habe massive
Tag-Nacht-Rhythmusstörungen und leide an Übelkeit, Durchfall und mangelndem
Hungergefühl. Sie sei stark belastet, weil sie nicht mehr die Kraft habe, den Haushalt
aufzuräumen und in Ordnung zu halten. Eine psychiatrische Abklärung sei unbedingt
notwendig. Die Abklärungsperson hielt dazu am 28. April 2009 fest, die Behauptung
der Versicherten, sie habe nach der Scheidung 1999 aus gesundheitlichen Gründen
keine Arbeit annehmen können, sei nicht nachvollziehbar und entsprechend dem
Abklärungsbericht auch nicht glaubhaft. In einer internen Besprechungsnotiz vom 6.
Mai 2009 wurde festgehalten, die Versicherte sei im Haushalt eindeutig nicht
eingeschränkt. Es sei nicht klar, weshalb sich die Versicherte erst im Jahr 2007
angemeldet habe, obwohl sie behaupte, schon seit längerer Zeit krank zu sein. Mit
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einer Verfügung vom 6. Mai 2009 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der
Versicherten ab.
D.
Die Versicherte liess am 5. Juli 2009 Beschwerde erheben und sinngemäss die
Zusprache einer ganzen Rente beantragen. In der Beschwerdebegründung vom 7. Juli
2009 führte der Rechtsvertreter aus, die Versicherte wäre 1994 nach der Trennung in
eine ausserhäusliche Erwerbstätigkeit eingestiegen, wenn ihr dies nicht durch die
bereits damals aufgetretene psychische Krankheit verunmöglicht worden wäre. Da sie
ihr schweres psychisches Leiden selbst nicht habe erkennen können, habe sie die
Frage nach der Erwerbstätigkeit im hypothetischen Fall der völligen Gesundheit nicht
richtig beantworten können. Im übrigen habe die Abklärungsperson nicht protokolliert,
sondern eine eigene Beurteilung abgegeben. Bis zur Trennung sei sie im Betrieb des
Ehemannes zu 30-40% erwerbstätig gewesen. Bei der Scheidung habe sie aus
Güterrecht Fr. 1,7 Mio. erhalten. Dieses Geld liege auf einem Sparkonto. Der Zins
belaufe sich auf Fr. 700.- bis Fr. 1400.- monatlich. Ohne Erwerbseinkommen könne sie
damit nicht leben. Sie habe deshalb das Vermögen verzehrt. Nach der Scheidung habe
sie sich zur Ergotherapeutin ausbilden wollen. Es sei ihr aber angegeben worden, sie
sei zu alt. Tatsächlich dürfte man so das Unbehagen über die bereits während der Ehe
begonnenen und sich ständig verstärkenden psychischen Schwierigkeiten zum
Ausdruck gebracht haben. Sie habe die anschliessend begonnene Ausbildung zur
Farbdesignerin abbrechen müssen, weil sie der im Schulreglement geforderten
schulbegleitenden Anstellung zu 70% aufgrund der psychischen Belastung nicht
gewachsen gewesen sei. Der damalige Psychiater Dr. med. G._ bestätige, dass sie in
jener Zeit schon unter einer massiven Persönlichkeitsstörung mit paranoiden Zügen
gelitten habe. Es sei ein entsprechender Bericht bei Dr. med. G._ anzufordern. Nach
der objektiven Betrachtungsweise wäre es ihr im hypothetischen Gesundheitsfall
zumutbar gewesen, erwerbstätig zu sein, u.a. auch weil sie bei der Scheidung keine
Pensionskassenguthaben übertragen erhalten habe. Im Erwerb betrage die
Arbeitsunfähigkeit 100%. Eventualiter für den Fall der Anwendung der gemischten
Methode liess die Versicherte ausführen, es sei durchaus mit der Krankheit vereinbar,
dass sie für spezielle Anlässe ihr Äusseres herrichten und so auf den Gesprächspartner
eingehen könne, dass sich keine signifikanten Auffälligkeiten zeigten. Im Alltag sehe es
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anders aus, wenn sie untertauche und von ihrem Beirat gesucht werden müsse oder
wenn sie sich monatelang nur von Äpfeln ernähre. Der Beirat habe als absolute
Ausnahme in seiner Berufskarriere drei Jahre gebraucht, um eine vertrauensvolle
Beziehung aufzubauen. Die Vorgehensweise des RAD stelle eine grobe Verletzung der
Untersuchungspflicht dar. Der Abklärungsbericht zeige nur, wie der Haushalt in den
Augen der Versicherten zu führen wäre, nicht wie er effektiv geführt werde. Dr. med.
C._ habe darauf hingewiesen, dass die Versicherte sich schäme, ihre Unfähigkeit bei
der Haushaltführung einzugestehen. Da sowohl im erwerblichen wie im
Haushaltbereich eine Arbeitsunfähigkeit von 100% bestehe, resultiere auch bei einer
Anwendung der gemischten Methode ein Invaliditätsgrad von 100%. Der
Beschwerdebegründung lag ein Bericht von Dr. med. C._ vom 28. Juni 2009 an den
Rechtsvertreter der Versicherten bei. Laut diesem Bericht hatte sich die am 17. Mai
2008 der IV-Stelle mitgeteilte Vermutung, dass eine langjährige, schwere psychische
Erkrankung vorliege, bestätigt. Die Versicherte war nach der Ansicht von Dr. med.
C._ seit vielen Jahren in einer Lohnarbeit vollständig arbeitsunfähig. Unterdessen
habe sich auch gezeigt, dass die Versicherte sich schäme einzugestehen, dass sie die
grösste Mühe mit der Erledigung des Haushalts habe. Von einer regulären
Haushaltsführung könne nicht die Rede sein. Die Versicherte könne sich zwar ernähren,
aber sie sei aufgrund ihrer psychischen Krankheit nicht in der Lage, den Haushalt in
Ordnung zu halten.
E.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 3. November 2009 beantragte die IV-Stelle die
Abweisung der Beschwerde. Sie machte sinngemäss geltend, die Versicherte hätte
vom Ertrag ihres Vermögens leben können, wenn sie es entsprechend angelegt hätte.
Deshalb habe objektiv betrachtet keine Notwendigkeit bestanden, einer
Erwerbstätigkeit nachzugehen. Da im fiktiven Gesundheitsfall IV-fremde Gründe eine
Erwerbsaufnahme verhindert hätten, sei die Versicherte als Hausfrau zu qualifizieren.
Wenn die Wohnung einmal aufgeräumt sei, könne die Versicherte sie mit wenig fremder
Hilfe in einem ordentlichen Zustand halten. Das Defizit, das so imposante
Auswirkungen gehabt habe, stelle nur einen kleinen Prozentanteil dar, der keinen
Rentenanspruch zu begründen vermöge.
F.
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Der Rechtsvertreter der Versicherten führte in seiner Replik aus, die Aktenführung und
-einsichtsgewährung der IV-Stelle sei rechtswidrig. Die fehlende Aktennummerierung
erlaube es der IV-Stelle, Akten nach Belieben wegzulassen. Das Aktenverzeichnis sei
unbrauchbar. Das Gericht dürfe die Digitalisierung der Akten nicht länger tolerieren. In
materieller Hinsicht machte der Rechtsvertreter geltend, die Versicherte habe die
Liegenschaft nicht schuldenfrei erhalten. Das liquide Vermögen sei immer auf
Bankkonten geblieben und habe deshalb keine hohe Rendite geliefert. Ende 2008 habe
das Vermögen noch Fr. 200'000.- betragen. Allein der effektive Ertrag sei relevant. Die
Beziehung zu einem Mann habe Ende 2001, also zweieinhalb Jahre nach der
Scheidung begonnen. Sie sei nicht geeignet gewesen, die Berufspläne der Versicherten
durcheinander zu bringen. Selbst wenn die Validenkarriere diejenige der
Haushalttätigkeit wäre, bestünde eine vollständige Arbeitsunfähigkeit, wie sich bei
richtiger Auslegung des Abklärungsberichts und der Arztberichte zeige.
G.
Die IV-Stelle beantragte in ihrer Duplik vom 15. Januar 2010 die Abweisung der
Beschwerde und neu eventualiter die Rückweisung zur weiteren Abklärung. Sie wies
darauf hin, dass die elektronische Datenhaltung durchaus auch positive Aspekte habe.
Im übrigen existierten die physischen Akten gar nicht mehr. Dass der angeschlagene
Gesundheitszustand eine weitsichtige Vermögensanlage verhindert habe, sei für die
hypothetische Validenkarriere irrelevant. Der RAD habe am 8. Januar 2010 eine weitere
Abklärung empfohlen. Tatsächlich hatte Dr. med. H._ ein psychiatrisches Gutachten
zur Klärung der psychiatrischen Diagnose und zu deren Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit befürwortet.

Erwägungen:
1.
Gemäss Art. 46 ATSG sind für jedes Sozialversicherungsverfahren alle Unterlagen
systematisch zu erfassen, die massgeblich sein können. Die systematische
Aktenführung setzt eine sachgerechte und zweckmässige Ordnung der Akten voraus
(vgl. Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2.A., N. 13 zu Art. 46 ATSG). Kriterien sind die
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Effektivität der Akteneinsicht und die Sicherstellung der Vollständigkeit der Akten.
Beide Kriterien können auch mit einer rein elektronischen Aktenführung erfüllt werden.
Diese Art der Aktenführung ist also nicht per se eine Verletzung der Pflicht zur
systematischen Aktenführung. Dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin ist aber
darin beizupflichten, dass das üblicherweise von der Beschwerdegegnerin erstellte
Aktenverzeichnis nahezu unbrauchbar ist, da es den Inhalt des einzelnen Aktenstücks
nicht oder nur ungenügend angibt. Ebenfalls problematisch ist die Tatsache, dass die
elektronische Aktenführung offenbar nicht in der Lage ist, jedem Aktenstück bei der
Erfassung eine bestimmte Nummer oder andere Kennzeichnung zuzuordnen, die
dieses Aktenstück für immer identifiziert, so dass die Gefahr besteht, dass die
Aktennummerierung bei jeder Einsichtnahme eine andere ist. Auf die Rechtmässigkeit
der angefochtenen Verfügung kann sich dies aber nicht ausgewirkt haben. Es gibt auch
keinen Hinweis darauf, dass die Beschwerdegegnerin nicht alle Akten herausgegeben
hätte. Einer Beurteilung der materiellen Rechtsfrage steht nichts im Weg.
2.
2.1 Gemäss Art. 8 Abs. 3 ATSG i.V.m. Art. 5 Abs. 1 IVG bestimmt sich die Invalidität
einer erwachsenen Person nach der Unmöglichkeit, sich im bisherigen
Aufgabenbereich zu betätigen, wenn dieser Person nicht zugemutet werden kann, einer
Erwerbstätigkeit nachzugehen. Dies gilt auch für Personen, die nur zum Teil
erwerbstätig und daneben in einem Aufgabenbereich tätig sind (Art. 28a Abs. 3 IVG).
Gemäss Art. 27bis IVV erfolgt nur ein Einkommensvergleich, wenn anzunehmen ist,
dass die teilerwerbstätige Person ohne den Gesundheitsschaden ganztägig
erwerbstätig wäre. In ständiger Rechtsprechung prüft das Bundesgericht die Frage, ob
und gegebenenfalls in welchem Ausmass eine versicherte Person auch ohne den
Gesundheitsschaden im Aufgabenbereich tätig wäre, anhand der hypothetischen
Verhaltensweise der versicherten Person. Nach Ansicht des Bundesgerichts ist dabei
abzuklären, ob die versicherte Person ohne den Gesundheitsschaden mit Rücksicht
auf die gesamte Umstände (persönlicher, familiärer, sozialer und erwerblicher Art)
erwerbstätig oder im Aufgabenbereich tätig wäre. Dabei sollen die finanzielle
Notwendigkeit der Aufnahme oder der Ausdehnung einer Erwerbstätigkeit, allfällige
Erziehungs- und Betreuungsaufgaben, das Alter der versicherten Person, deren
berufliche Fähigkeiten, Neigungen und Begabungen ausschlaggebend sein.
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Abzustellen sei auf die hypothetischen Verhältnisse in tatsächlicher Hinsicht, wie sie
sich bis zum massgebenden Zeitpunkt entwickelt haben würden (vgl. etwa BGE 125 V
150). Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hält sich seit dem
Bundesgerichtsurteil vom 6. August 2007 (I 126/07) – entgegen seiner eigenen
Rechtsauffassung - an diese Methode, dies entgegen einer früheren Praxis, die auf
eine objektive Zumutbarkeit im fiktiven "Gesundheitsfall" abstellte (vgl. statt vieler das
Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 26. November 2008, IV
2007/332).
2.2 Die Beschwerdegegnerin hat die Beschwerdeführerin als "Nur-Hausfrau"
qualifiziert. Gemäss den Ausführungen im Abklärungsbericht vom 20. Januar 2009
beruht das auf zwei Beweggründen, zum einen auf der Tatsache, dass die
Beschwerdeführerin auch ab 1999 effektiv keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen ist,
und zum anderen auf den Vermögensverhältnissen der Beschwerdeführerin, die nach
der Ansicht der Abklärungsperson so günstig waren, dass die Beschwerdeführerin
ihren Lebensunterhalt auch ohne ein Erwerbseinkommen hätte bestreiten können. Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die
Abklärungsperson mit diesen Ausführungen keine Aussage der Beschwerdeführerin
protokolliert, sondern nur ihre eigene subjektive Einschätzung wiedergegeben hat. Das
Kreuz im Ja-Kästchen des Berichtsformulars kann unter diesen Umständen auch nicht
als Wiedergabe bzw. Protokoll einer Aussage der Beschwerdeführerin interpretiert
werden. Vielmehr gehört es als Fazit zur subjektiven Einschätzung durch die
Abklärungsperson. Da weder die entsprechende Frage noch eine Antwort der
Beschwerdeführerin protokolliert worden sind, liegt keine "Aussage der ersten Stunde"
vor, deren (angeblich) überragende Überzeugungskraft spätere, abweichende
Aussagen der Beschwerdeführerin widerlegen müsste. In der Stellungnahme vom 25.
März 2009 zum Vorbescheid hat die Beschwerdeführerin erklären lassen, sie hätte
nach der Scheidung eine (vollzeitliche) Erwerbstätigkeit aufgenommen, wenn sie
gesundheitlich dazu in der Lage gewesen wäre. An dieser Aussage hat die
Beschwerdeführerin im anschliessenden Beschwerdeverfahren festgehalten. Da sich
sowohl der Beirat als auch der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin über die
möglichen nachteiligen Folgen der Qualifikation als Hausfrau bewusst gewesen sind,
kann auch dieser Aussage der Beschwerdeführerin keine ausreichende
Überzeugungskraft beigemessen werden.
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2.3 Damit bleibt nur die Möglichkeit, anhand der Umstände während und nach dem
Scheidungsverfahren - allerdings unter Ausblendung der gesundheitlichen Probleme -
die plausibelste Variante zu ermitteln. Diese komplizierte Vorgehensweise resultiert aus
der Anwendung der bundesgerichtlichen Rechtsprechung, denn nach der früheren
Praxis des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen wäre die Frage nach der
Qualifikation eindeutig zu beantworten: Es wäre der Beschwerdeführerin offensichtlich
objektiv zumutbar gewesen, eine vollzeitliche Erwerbstätigkeit aufzunehmen, so dass
sie als "nur-erwerbstätig" zu qualifizieren wäre. Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung hängt die qualitative Validenkarriere der Beschwerdeführerin, also die
Art der Verwertung der Arbeitskraft unter der Fiktion einer vollumfänglich erhaltenen
Gesundheit, nur von einer Entscheidung der Beschwerdeführerin ab, die so nie gefasst
worden ist, die also – rückwirkend – fingiert werden muss. Da die subjektiven Elemente
dieser fiktiven Entscheidung allein schon deswegen nicht erhoben werden können, weil
die Beschwerdeführerin sich effektiv gar nie in der Situation befunden hat, bei
vollumfänglich erhaltener Gesundheit über die Zukunft zu entscheiden, bleibt nur die
Möglichkeit, die äusseren Umstände als Indizien für die plausibelste Entscheidung
heranzuziehen. Bei der Würdigung dieser Indizien kommt als einziges sinnvolles
Kriterium die objektiv vernünftigste Entscheidung in Frage.
2.4 Da die beiden Kinder längst keiner Betreuung mehr bedurften und da auch kein
grosser Haushalt mehr zu besorgen war, hätte der Beschwerdeführerin im fiktiven
"Gesundheitsfall" die gesamte Arbeitskraft zur Nutzung in einer Erwerbstätigkeit zur
Verfügung gestanden. Die Beschwerdeführerin wäre also durch nichts daran gehindert
gewesen, einer vollzeitlichen Erwerbstätigkeit nachzugehen. Das wäre die vernünftigste
Vorgehensweise gewesen, denn ein sicher angelegtes Vermögen lieferte bereits
damals keinen Ertrag, welcher der Beschwerdeführerin die Finanzierung ihres
Lebensstandards ermöglicht hätte. Ein Verzehr des Vermögens wäre nicht sinnvoll
gewesen, denn beim Vermögen handelte es sich um die wichtigste Altersvorsorge, die
durch eine noch etwa zehn Jahre währende Erwerbstätigkeit nicht hätte entscheidend
verbessert werden können. Die vernünftigste Validenkarriere hätte also darin
bestanden, vollzeitlich einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Dazu hätte auch gehört,
sich qualifizierte Berufskenntnisse anzueignen. Dass die Beschwerdeführerin versucht
hat, einen Beruf zu erlernen, ist angesichts der Aktenlage wahrscheinlich. Ebenso
wahrscheinlich ist aufgrund der Angaben von Dr. med. C._, dass diese Ausbildung
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an den gesundheitlichen Problemen gescheitert ist. Die Vermutung der
Beschwerdegegnerin, die Beschwerdeführerin habe gar nicht ernsthaft versucht, einen
Beruf zu erlernen, da es viel zu bequem gewesen sei, vom Vermögen zu leben und
dieses zu verzehren, ist nicht plausibel. Dazu müsste aber feststehen, dass die
Beschwerdeführerin die Ausbildung auch bei voller Gesundheit abgebrochen hätte.
Dafür fehlt jedes Indiz. Angesichts der objektiv fehlenden Möglichkeit, die
gesundheitliche Situation der Beschwerdeführerin insbesondere in psychischer
Hinsicht ab 1999 zu ermitteln, ist von weiteren Abklärungsmassnahmen kein weiterer
Aufschluss zu erwarten. Es ist deshalb als plausibel zu betrachten, dass die
Beschwerdeführerin bei voller Gesundheit einen Beruf erlernt und dann vollzeitlich
ausgeübt hätte. Die Invalidität der Beschwerdeführerin ist also anhand eines
Einkommensvergleiches zu ermitteln.
3.
Gemäss Art. 16 ATSG ist das Einkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt
der Invalidität und nach der Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung zu setzen zum
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Valideneinkommen). Die (notwendigerweise fiktive) Validenkarriere,
also die berufliche und erwerbliche Karriere ohne eine Gesundheitsbeeinträchtigung,
lässt sich nicht mit ausreichender Genauigkeit bestimmen, da die Beschwerdeführerin
vor dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung keiner qualifizierten und vollzeitlichen
Erwerbstätigkeit nachgegangen ist. Die beiden Berufswünsche der Beschwerdeführerin
(Ergotherapeutin und Farbendesignerin) reichen nicht aus, um die Validenkarriere zu
bestimmen, denn es ist durchaus plausibel, dass das Alter der Beschwerdeführerin
wenn nicht den erfolgreichen Abschluss einer dieser beiden qualifizierten
Berufsausbildungen, so doch die erfolgreiche Umsetzung der erworbenen
Berufskenntnisse verunmöglicht hätte. Weitaus wahrscheinlicher ist, dass die
Beschwerdeführerin auf ihrer Erfahrung im Betrieb des Ehemannes aufgebaut und
erfolgreich eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich absolviert und dann auch in
diesem Bereich gearbeitet hätte. Zur Einschränkung der Arbeitsfähigkeit liegt zwar eine
ärztliche Meinungsäusserung vor. Dr. med. C._ hat nämlich am 28. Juni 2009 seine
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Arbeitsfähigkeitsschätzung vom 17. Mai 2008 (100%ige Arbeitsunfähigkeit) bestätigt.
Dabei ist aber zu beachten, dass es sich nicht um die Meinungsäusserung eines
unabhängigen medizinischen Sachverständigen, sondern um diejenige eines
behandelnden Arztes handelt. Erfahrungsgemäss ist bei behandelnden Ärzten von
einer Befangenheit zugunsten des Patienten auszugehen, da die Beurteilung aus
therapeutischer Sicht abgegeben wird. Distanziert sich ein behandelnder Arzt in seiner
Berichterstattung an die IV-Stelle nicht konsequent von seiner Stellung als Therapeut
und zeigen seine Ausführungen nicht eindeutig eine objektive, unbefangene Einstellung
gegenüber dem Patienten, so kann seine Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht als
überwiegend wahrscheinlich richtig qualifiziert werden. Mit den beiden Berichten von
Dr. med. C._ ist der Arbeitsfähigkeitsgrad der Beschwerdeführerin in einer
qualifizierten Erwerbstätigkeit also nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit belegt.
Das verunmöglicht die Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens und damit die
Invaliditätsbemessung.
4.
Gemäss den vorstehenden Ausführungen ist die als Folge der Verletzung der
Untersuchungspflicht rechtswidrige Verfügung vom 6. Mai 2009 aufzuheben und die
Sache ist zur weiteren Abklärung in der Form einer medizinischen Begutachtung
insbesondere psychiatrischer Art an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Dieser
Verfahrensausgang ist praxisgemäss in bezug auf die Verfahrenskosten als
vollumfängliches Obsiegen der Beschwerdeführerin zu qualifizieren. Die
Beschwerdeführerin hat deshalb einen Anspruch auf eine Parteientschädigung. Diese
bemisst sich gemäss Art. 61 lit. g ATSG nach der Bedeutung der Streitsache und nach
der Schwierigkeit des Prozesses. Das vorliegende Verfahren ist unter Berücksichtigung
dieser beiden Kriterien als durchschnittlich zu werten. Dass die teilweise gegen Art. 46
ATSG verstossende Aktenführung einen relevanten zusätzlichen Vertretungsaufwand
bewirkt hätte, ist nicht wahrscheinlich und vom Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin auch nicht geltend gemacht worden. Somit erweist sich
praxisgemäss eine Parteientschädigung von Fr. 3500.- (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer) als angemessen. Die vollumfänglich unterliegende
Beschwerdegegnerin trägt die Gerichtskosten. Diese bemessen sich gemäss Art. 69
Abs. 1 IVG nach dem Verfahrensaufwand. Auch dieser erscheint als durchschnittlich, bis
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was praxisgemäss eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.- rechtfertigt. Die
Beschwerdegegnerin wird somit eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.- zu bezahlen. Der
von der Beschwerdeführerin in gleicher Höhe geleistete Kostenvorschuss wird
zurückerstattet.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG