Decision ID: 8573a9de-2956-430d-b5d7-617dcfbf51f2
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
versuchte Tötung und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 3. Abteilung, vom 29. Juni 2017 (DG170019)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 12. Januar
2017 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 20/3).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 49 S. 67 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig der versuchten
Tötung im Sinne von Art. 111 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 5 1⁄2 Jahren Freiheitsstrafe, wovon 111 Tage
durch Haft erstanden sind.
3. Die Freiheitsstrafe ist zu vollziehen.
4. Der bedingte Vollzug bezüglich der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-
Limmat vom 29. Januar 2015 ausgefällten Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu
CHF 30.00 wird widerrufen, wovon 2 Tage durch Haft erstanden sind.
5. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Unfallversicherung Stadt Zürich anstelle des
Geschädigten B._ CHF 15'257.80 zu bezahlen.
6. Auf die Begehren des Geschädigten B._ wird nicht eingetreten.
7. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
CHF 5'000.00 ; die weiteren Kosten betragen:
CHF 5'000.00 Gebühr Anklagebehörde
CHF 4'450.00 Kosten Kantonspolizei
CHF 403.05 Auslagen Untersuchung
CHF 1'944.05 Gutachten/Expertisen etc.
CHF 160.00 Zeugenentschädigung
CHF 7'635.00 amtliche Verteidigung (bereits ausbezahlt)
CHF 10'445.40 amtliche Verteidigung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
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8. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen
diejenigen der amtlichen Verteidigung, werden dem Beschuldigten auferlegt.
9. Der amtliche Verteidiger wird mit CHF 18'080.40 (inkl. MwSt.; wovon CHF 7'635.00
bereits ausbezahlt wurden) aus der Gerichtskasse entschädigt. Vorbehalten bleibt
eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
10. (Mitteilungen)
11. (Rechtsmittel)
12. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge:
a) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 68 S. 1 i.V.m. Urk. 51 S. 2)
1. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 8 Jahren zu bestrafen un-
ter Anrechnung der erstandenen Haft von 111 Tagen.
2. Im Übrigen sei das Urteil der Vorinstanz vom 29. Juni 2017 zu bestätigen.
3. Die Berufung von A._ gegen das Urteil der Vorinstanz vom 29. Juni
2017 sei abzuweisen.
4. Gegen den Beschuldigten sei im Sinne von Art. 229 ff. StPO Sicherheitshaft
anzuordnen.
5. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien dem Beschuldigten aufzuer-
legen.
b) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 53 S. 1 ff. i.V.m. Urk. 69 S. 1 ff.).
1. Es seien die Ziffern 1, 2, 3, 4, 5 und 8 des Urteils vom 29. Juni 2017 auf-
zuheben.
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2. Es sei der Beschuldigte vom Vorwurf der versuchten Tötung, eventualiter
der schweren Körperverletzung, in Anwendung von Art. 16 Abs. 2 StGB
freizusprechen.
Eventualiter:
Es sei der Beschuldigte der schweren Körperverletzung im Sinne von
Art. 122 StGB i.V.m. Art. 16 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen und mit einer
unbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten zu bestrafen.
3. Es sei die Zivilforderung der Unfallversicherung der Stadt Zürich abzuwei-
sen.
Eventualiter (im Falle einer Verurteilung gemäss Eventualantrag Ziff. 2):
Es sei vorzumerken, dass der Beschuldigte die Zivilforderung der Stadt
Zürich dem Grundsatze nach anerkennt.
4. Von einem Widerruf der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-
Limmat vom 29. Januar 2015 ausgesprochenen, bedingten Geldstrafe von
120 Tagessätzen sei abzusehen.
5. Der Beschuldigte sei für die zu Unrecht erstandene Haft zu entschädigen.
6. Es sei die selbständig erhobene Berufung der Anklägerin vom 27. Oktober
2017 abzuweisen.
7. Es sei von der Anordnung von Sicherheitshaft abzusehen.
Kosten und Entschädigungsfolgen des erst- und zweitinstanzlichen Verfahrens
ausgangsgemäss.
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Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. Zum Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann in Anwendung
von Art. 82 Abs. 4 StPO zwecks Vermeidung von unnötigen Wiederholungen auf
die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz im angefochtenen Entscheid verwie-
sen werden (Urk. 49 S. 5 f.).
1.2. Mit Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 3. Abteilung, vom 29. Juni 2017 wur-
de der Beschuldigte A._ der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig ge-
sprochen und mit einer Freiheitsstrafe von 5.5 Jahren bestraft (Urk. 39). Gegen
dieses Urteil, welches den Parteien im Anschluss an die Hauptverhandlung münd-
lich im Dispositiv eröffnet wurde (Prot. I S. 13 ff.), meldete sowohl die Staatsan-
waltschaft mit Schreiben vom 30. Juni 2017 als auch der Beschuldigte mit Schrei-
ben vom 7. Juli 2017 innert Frist Berufung an (Urk. 41 und 42). Das begründete
Urteil (Urk. 44) wurde sowohl der Staatsanwaltschaft als auch dem Verteidiger
des Beschuldigten am 13. Oktober 2017 zugestellt (Urk. 48/1-2), woraufhin die
Staatsanwaltschaft mit Eingabe vom 27. Oktober 2017 und der Verteidiger mit
Eingabe vom 31. Oktober 2017 fristgerecht die Berufungserklärungen beim hiesi-
gen Gericht einreichten (Urk. 51 und Urk. 53). Die Verteidigung beantragte aus-
serdem, das vorliegende Berufungsverfahren mit dem Berufungsverfahren gegen
den B._ zu vereinigen und gemeinsam zu verhandeln, eventualiter sei
B._ anlässlich der Berufungsverhandlung als Auskunftsperson einzuverneh-
men (Urk. 53 S. 3).
1.3. Mit Präsidialverfügung vom 2. November 2017 wurde den Parteien Frist
angesetzt, um Anschlussberufung zu erheben oder begründet ein Nichteintreten
auf die Berufungen zu beantragen sowie um zu den Anträgen des Beschuldigten
auf Verfahrensvereinigung sowie auf Einvernahme des Geschädigten Stellung zu
nehmen (Urk. 55). Daraufhin teilte die Anklagebehörde mit Eingabe vom
27. November 2017 mit, sie verzichte auf die Erhebung einer Anschlussberufung
und beantrage die Abweisung des Antrages auf Verfahrensvereinigung sowie des
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Beweisantrages (Urk. 57). Der Beschuldigte teilte mit Eingabe vom 27. November
2017 mit, angesichts seiner eigenen Berufung erübrige sich die Erhebung einer
Anschlussberufung (Urk. 59). Die Privatklägerin liess sich innert Frist nicht ver-
nehmen. In der Folge wurden der Antrag auf Vereinigung der Berufungsverfahren
sowie der Beweisantrag des Beschuldigten mit Präsidialverfügung vom
14. Dezember 2017 abgewiesen, wobei den Parteien aber gleichzeitig angezeigt
wurde, dass das vorliegende Verfahren gemeinsam mit dem Verfahren SB170351
(Strafverfahren gegen den Geschädigten B._) zu verhandeln sei, um der Ge-
fahr sich widersprechender Urteile zu begegnen (Urk. 61).
1.4. Am 23. Mai 2018 fand zunächst die Berufungsverhandlung im Verfahren
SB170351 statt. Anschliessend fand die Berufungsverhandlung im vorliegenden
Verfahren statt, zu welcher der Beschuldigte in Begleitung seines amtlichen Ver-
teidigers RA lic. iur. X._ sowie der stellvertretende Leitende Staatsanwalt lic.
iur. P. Gossner erschienen sind (Prot. II. S. 5).
2. Umfang der Berufung
2.1. Während die Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich ihre Berufung auf
die Bemessung der Strafe sowie den Vollzug bzw. den bedingten Vollzug der
Strafe beschränkte (Dispositiv Ziffer 2; Urk. 51), richtete der Beschuldigte seine
Berufung gegen Dispositiv Ziffer 1 (Schuldspruch vorsätzliche Tötung), Ziffer 2
und 3 (Strafe und Vollzug), Ziffer 4 (Widerruf), Ziffer 5 (Zivilforderung der Privat-
klägerin) und Ziffer 8 (Kostenauflage).
2.2. Dementsprechend ist das vorinstanzliche Urteil in Dispositiv Ziffer 6 (Nicht-
eintreten auf das Begehren des Geschädigten), Ziffer 7 (Kostenfestsetzung) und
9 (Entschädigung der amtlichen Verteidigung) nicht angefochten und damit in
Rechtskraft erwachsen (vgl. Prot. II S. 8), was vorab mittels Beschluss festzu-
stellen ist (Art. 404 Abs. 1 StPO).
2.3. Im übrigen Umfang steht das vorinstanzliche Urteil zwecks Überprüfung
zur Disposition.
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II. Sachverhalt
1. Anklagevorwurf
Dem Beschuldigten wird in der Anklageschrift vom 12. Januar 2017 im Wesent-
lichen vorgeworfen, eine Bierflasche zerbrochen zu haben und mit dieser im
Rahmen einer tätlichen Auseinandersetzung mit dem Geschädigten B._ be-
wusst und gewollt auf dessen Oberkörper eingeschlagen und -gestochen zu ha-
ben. Durch diese Schläge und Stiche habe der Geschädigte eine Schnittverlet-
zung am linken Ohr erlitten, mit Durchtrennung der oberflächlichen Schläfenarte-
rie und der querverlaufenden Schlagader des Gesichts. Das Ohr inklusive Knorpel
sei an mehreren Stellen vollständig durchtrennt gewesen. Ausserdem habe er ei-
ne 4 cm lange oberflächliche Schnittverletzung über der linken Schulter sowie
3 cm lange bis ca. 5 cm tief in die Muskulatur reichende Schnittverletzungen ne-
ben der Wirbelsäule am Rücken erlitten. Infolge der Stich-/Schnittverletzung im
Gesicht am linken Ohr sei das Blut spritzend aus der Wunde ausgetreten, so dass
nur eine sofortige ärztliche Versorgung einen lebensbedrohlichen Blutverlust habe
verhindern können. Ohne ärztliche Betreuung wäre der Geschädigte verblutet,
weshalb die nahe Wahrscheinlichkeit des Todeseintritts bestanden habe. Der Be-
schuldigte habe dem Geschädigten lebensgefährliche Verletzungen zufügen wol-
len, als er mit dem gefährlichen Gegenstand derart auf ihn eingestochen habe. Er
habe ihn Kauf genommen, dem Geschädigten ein
Auge auszustechen oder sogar dessen Tod (Urk. 20/3 S. 2 f.).
2. Ausgangslage
2.1. Der Beschuldigte anerkennt, eine Bierflasche zerbrochen und damit dem
Geschädigten die Schnittverletzungen am Ohr und an der Schulter zugefügt zu
haben. Er bestreitet jedoch, den Geschädigten am Rücken verletzt zu haben.
Ausserdem macht er eine Notwehrsituation geltend. Er sei vom Geschädigten mit
einem Glas angegriffen worden, weshalb er sich mit der zerbrochenen Flasche
habe verteidigen müssen. Auch bestreitet er, in Verletzungs- oder Tötungsabsicht
gehandelt zu haben.
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2.2. Die Vorinstanz kam zum Schluss, es sei erstellt, dass es an jenem Abend
bereits vor dem C._ zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen dem
Beschuldigten und dem Geschädigten gekommen sei, wobei der Geschädigte
deutlich aufgebracht und genervt gewesen sei. Danach habe sich der Beschuldig-
te mit seiner Freundin in Richtung D._ entfernt, wobei der Geschädigte wei-
terhin geschimpft und dem Beschuldigten Schimpfwörter hinterher geschrien ha-
be. Als der Beschuldigte den aufgebrachten Geschädigten habe kommen sehen,
habe er eine Bierflasche gefunden und diese zerschlagen. Der Beschuldigte habe
seiner Freundin gesagt, dass der Geschädigte ein Problem haben werde, sollte er
ihn schlagen. Obwohl seine Freundin ihn aufgefordert habe zu gehen, habe der
Beschuldigte mit der Bierflasche hinter dem Rücken auf den Geschädigten gewar-
tet. Der Geschädigte sei daraufhin zusammen mit E._, F._ und G._
beim D._ angekommen. Daraufhin seien der Beschuldigte und der Geschä-
digte bewusst aufeinander losgegangen und es sei zu einer tätlichen Auseinan-
dersetzung von rund zehn Sekunden gekommen, welche zu den in der Anklage-
schrift umschriebenen Verletzungen geführt hätten, wobei nicht klar sei, wer zu-
erst geschlagen habe. Nach Würdigung sämtlicher vorhandenen Beweismittel
würden keine ernsthaften und unüberwindbaren Zweifel verbleiben, dass sich der
Geschehensablauf so zugetragen habe, wie er in der Anklageschrift umschrieben
worden sei (Urk. 49 S. 50 f.).
2.3. Die Verteidigung wendet demgegenüber im Berufungsverfahren im We-
sentlichen ein, der Beschuldigte könne aufgrund seines Intellektes, seiner Fremd-
sprachigkeit sowie seiner Erinnerungslücken infolge eines Unfalls in der Jugend-
zeit das Vergangene nur in groben Zügen schildern, sich jedoch nicht an alle De-
tails erinnern und deren Reihenfolge richtig wiedergeben. Dennoch dürften seine
Aussagen nicht insgesamt als sehr unglaubhaft taxiert werden, zumal er von Be-
ginn an geständig gewesen sei und in den Grundzügen gleichbleibend ausgesagt
habe. Die Vorinstanz schildere die Auseinandersetzung beim C._ zutreffend,
wie auch, dass der Beschuldigte mit H._ zum D._ gegangen sei, wobei
der Geschädigte weiterhin geschimpft habe und dem Beschuldigten Schimpfwör-
ter hinterhergerufen habe. Dann stelle sie aber auf die Aussagen der Zeugin
H._ ab, wonach der Beschuldigte beim Erblicken des herannahenden Ge-
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schädigten ausser dessen Sichtweite eine Bierflasche gefunden, diese zerschla-
gen und zu H._ gesagt habe, der Geschädigte werde ein Problem haben,
wenn er ihn schlage. Allerdings werde nur äusserst selektiv auf deren Aussagen
abgestellt, da diese auch geschildert habe, dass der Geschädigte ein Glas in der
Hand gehabt habe. Insgesamt würden die Aussagen von H._ aber ohnehin
wenig Sinn ergeben und sich zeitlich nicht in das Video einordnen lassen. Auch
sei sie an jenem Abend stark alkoholisiert gewesen. Es lasse sich daher nicht er-
stellen, dass der Beschuldigte noch in der Anwesenheit der Zeugin eine Bier-
flasche aufgehoben, zerbrochen und hinter seinem Rücken versteckt habe. Die
Vorinstanz komme sodann zum Schluss, es könne nicht gänzlich ausgeschlossen
werden, dass der Geschädigte ein Glas in der Hand gehalten habe. Auch auf der
Videoaufnahme sei ersichtlich, dass der Geschädigte etwas Glänzendes in der
Hand gehalten habe. Es sei daher sehr wahrscheinlich, dass der Geschädigte mit
einem Glas auf den Beschuldigten losgegangen sei. Es sei nämlich auch unbe-
stritten, dass der Beschuldigte seine Verletzungen während dieser Auseinan-
dersetzung erlitten habe. Dass sich der Beschuldigte in diverse Widersprüche
verstricke, sei damit erklärbar, dass er sich in einer Notwehrsituation befunden
habe, wo es regelmässig schwer falle, sich nachträglich an die Details zu erin-
nern. Mithin würden ernsthafte und unüberwindbare Zweifel daran bestehen, dass
sich der Geschehensablauf in der Art zugetragen habe, wie es die Vorinstanz an-
nehme (Urk. 69 S. 3 ff.).
3. Beweiswürdigung
3.1. Die Vorinstanz hat die Grundsätze der Beweiswürdigung korrekt wieder-
gegeben, worauf zwecks Vermeidung unnötiger Wiederholungen zu verweisen ist
(vgl. Urk. 49 S. 7 und S. 33 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Da vorliegend insbesondere
Aussagen zu würdigen sind, ist ergänzend festzuhalten, dass bei der Würdigung
von Aussagen nicht einfach auf die Persönlichkeit oder die allgemeine Glaubwür-
digkeit des Aussagenden abgestellt werden darf. Weitaus bedeutender für die
Wahrheitsfindung als die allgemeine Glaubwürdigkeit ist die Glaubhaftigkeit der
konkreten Aussagen, welche durch eine methodische Analyse ihres Inhaltes da-
rauf zu überprüfen sind, ob die auf ein bestimmtes Geschehen bezogenen Anga-
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ben einem tatsächlichen Erleben des Befragten entspringen. Damit eine Aussage
als zuverlässig gewürdigt werden kann, ist sie insbesondere auf das Vorhanden-
sein von Realitätskriterien und umgekehrt auf das Fehlen von Phantasiesignalen
zu überprüfen. Dabei wird zunächst davon ausgegangen, dass die Aussage gera-
de nicht realitätsbegründet ist, und erst wenn sich diese Annahme (Nullhypothe-
se) aufgrund der festgestellten Realitätskriterien nicht mehr halten lässt, wird ge-
schlossen, dass die Aussage wirklich Erlebtem entspricht und wahr ist (BGE 133
I 33, E. 4.3; BGE 128 I 81, E. 2). Die wichtigsten Realitätskriterien sind dabei die
"innere Geschlossenheit" und "Folgerichtigkeit in der Darstellung des Geschehen-
sablaufes", "konkrete und anschauliche Wiedergabe des Erlebnisses" sowie die
"Schilderung des Vorfalles in so charakteristischer Weise, wie sie nur von demje-
nigen zu erwarten ist, der den Vorfall selber miterlebt hat", die "Kenntlichmachung
der psychischen Situation von Täter und Zeuge bzw. unter Mittätern", die "Selbst-
belastung oder unvorteilhafte Darstellung der eigenen Rolle", "Entlastungsbemer-
kungen zugunsten des Beschuldigten", die "Konstanz der Aussage bei verschie-
denen Befragungen, wobei sich aber sowohl Formulierungen als auch Angaben
über Nebenumstände verändern können". Als Phantasie- oder Lügensignale gel-
ten gemeinhin "Unstimmigkeiten oder grobe Widersprüche in den eigenen Aus-
sagen", "Zurücknahme" oder "erhebliche Abschwächungen in den ursprünglichen
Anschuldigungen", "Übersteigerungen in den Beschuldigungen im Verlaufe von
mehreren Einvernahmen", "unklare, verschwommene oder ausweichende Antwor-
ten" sowie "gleichförmig, eingeübt und stereotyp wirkende Aussagen". Fehlen
Realitätskriterien oder finden sich Lügensignale, so gilt dies als Indiz für eine
Falschaussage (vgl. zum Ganzen: Bender/Nack/Treuer, Tatsachenfeststellungen
vor Gericht, 4. Aufl., 2014, Rz. 313 ff.; Bender, Die häufigsten Fehler bei der Beur-
teilung von Zeugenaussagen, SJZ 1985, S. 53 ff.; Dittmann, Zur Glaubhaftigkeit
von Zeugenaussagen, Plädoyer 2/97, S. 28 ff.; Hauser, Der Zeugenbeweis im
Strafprozessrecht mit Berücksichtigung des Zivilprozesses, 1974, S. 316).
3.2. Auch in Bezug auf die vorliegenden Beweismittel kann in Anwendung von
Art. 82 Abs. 4 StPO auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden
(Urk. 49 S. 7). Die Vorinstanz hat die Aussagen des Beschuldigten, des Geschä-
digten sowie der Zeugen detailliert zusammengefasst und wiedergegeben sowie
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im Anschluss ausführlich, überzeugend, objektiv und sehr gründlich gewürdigt
(Urk. 49 S. 8 ff.). Die nachfolgenden Erwägungen sind namentlich Ergänzungen
bzw. Verdeutlichungen.
3.2.1. Die Vorinstanz hat den Sachverhalt insbesondere gestützt auf die Aus-
sagen von H._ als erstellt erachtet. Vorab ist deshalb in Bezug auf die Vor-
wurf der Verteidigung, die Aussage der Zeugin H._ seien durch die Vo-
rinstanz selektiv gewürdigt worden, festzuhalten, dass die Aussagen der Zeugin
H._ nicht ohne Weiteres gesamthaft als glaubhaft übernommen werden kön-
nen und gesamthaft auf diese abgestellt werden kann oder nicht, zumal diese
teilweise widersprüchlich sind. Vielmehr sind die einzelnen relevanten Aussagen
auf ihre Überzeugungskraft sowie ihre Übereinstimmung mit den übrigen Be-
weismitteln zu überprüfen, wie dies bereits die Vorinstanz machte. In Bezug auf
die Aussagen des Beschuldigten bzw. dessen allgemeines Aussageverhalten
lässt sich sodann entgegen der Verteidigung nicht sagen, dass dieser jeweils ein-
gestehe, wenn er etwas tatsächlich gemacht habe. Dass er sich im laufenden
Verfahren wegen Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz geständig
zeigt, nachdem bei ihm Kokain sichergestellt werden konnte, ist naheliegend, da
jegliches Abstreiten sinnlos wäre (vgl. Urk. 67b). Im vorliegenden Verfahren flüch-
tete er jedoch zunächst und versteckte sich vor der Polizei. Anschliessend zeigte
er sich zwar geständig, dem Geschädigten zumindest einen Teil der Verletzungen
zugefügt zu haben. Dabei sagte er zwar nicht durchwegs widersprüchlich aus.
Was aber das Kerngeschehen, nämlich die tätliche Auseinandersetzung auf dem
D._, betrifft, sind seine Aussagen äusserst inkonstant und widersprüchlich,
was letztlich auch die Verteidigung eingestehen muss (vgl. Urk. 69 S. 3 u. 12).
Dies lässt sich auch nicht einfach mit seinem – tiefen – Intellekt oder fehlenden
Sprachkenntnissen erklären. Vielmehr fällt auf, dass der Beschuldigte seine Aus-
sagen immer wieder an die Fragen anpasste. Schliesslich können diese Wider-
sprüche auch nicht mit dem Vorliegen einer angeblichen Notwehrsituation erklärt
werden. Entgegen der Verteidigung und mit der Anklagebehörde ist nämlich da-
von auszugehen, dass eine solche Ausnahmesituation besonders einprägsam ist,
so dass man sich im Nachhinein noch gut an die Details erinnern kann.
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3.2.2. In Bezug auf den in der Anklageschrift geschilderten Sachverhalt ist zu-
nächst erstellt, dass es zwischen dem Beschuldigten und dem Geschädigten be-
reits vor dem C._ zu einer verbalen Auseinandersetzung gekommen ist, wo-
bei der Geschädigte deutlich aufgebracht und genervt war. Dass der Beschuldigte
dabei vom Geschädigten eine Ohrfeige oder einen Schlag ins Gesicht erhalten
hatte, hat hingegen – mit Ausnahme von H._ – niemand beobachtet, obwohl
der Beschuldigte ausführte, ein Kollege des Geschädigten habe diesen zurückge-
zogen (Urk. 2/1 S. 3). Die diesbezüglichen Aussagen des Beschuldigten sind wi-
dersprüchlich. Während er zu Beginn der Untersuchung von einem plötzlichen
Schlag ins Gesicht bzw. einer Ohrfeige sprach, war vor Vorinstanz auf einmal von
zwei Schlägen ins Gesicht die Rede (vgl. Urk. 2/1 S. 3; Urk. 2/2 S. 3 und Urk. 35
S. 4). H._ erwähnte in der ersten Einvernahme zwar die verbale Auseinan-
dersetzung zwischen dem Beschuldigten und dem Geschädigten (Urk. 4/4 S. 2),
dass dieser den Beschuldigten mit der Hand ins Gesicht geschlagen habe, brach-
te sie allerdings erst anlässlich der Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft vor
(Urk. 4/11 S. 3). Diese Aussage widerspricht denn auch der Aussage bei der Poli-
zei, wonach sie – nachdem der betrunkene Geschädigte den Beschuldigten nach
dem Geld gefragt habe – zum Beschuldigten gesagt habe, "gehen wir" und sich
auf den Weg gemacht habe, woraufhin sie einen Anruf von ihrem Ehemann erhal-
ten habe (Urk. 4/4 S. 2). Insgesamt erscheint es fraglich, ob der Geschädigte dem
Beschuldigten bei der Auseinandersetzung vor dem Pub tatsächlich eine Ohrfeige
oder einen Schlag ins Gesicht verpasste. Letztlich kann dies mit der Vorinstanz
aber offen gelassen werden (vgl. zum Ganzen Urk. 49 S. 37 f.), selbst wenn nach
dem Grundsatz in dubio pro reo im Zweifelsfall von dem für den Beschuldigten
günstigeren Sachverhalt auszugehen ist (Art. 10 Abs. 3 StPO), da eine Ohrfeige
in diesem Zeitpunkt den nachfolgenden Angriff des Beschuldigten im Rahmen der
tätlichen Auseinandersetzung keineswegs zu rechtfertigen vermag.
3.2.3. In Bezug darauf, was sich nach dem Verlassen des Pubs und vor dem Auf-
einandertreffen des Beschuldigten sowie des Geschädigten auf dem D._ ab-
spielte, insbesondere wann der Beschuldigte sich der Flasche behändigte, sagte
die Zeugin H._ bei der polizeilichen Einvernahme aus, der Geschädigte sei
hinter ihr und dem Beschuldigten gegangen und am Schreien und Schimpfen ge-
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wesen. Sie habe sich kurz umgedreht und gesehen, dass der Geschädigte mit ei-
nem Glas in der Hand auf den Beschuldigten zugekommen sei. Der Beschuldigte
habe in diesem Moment eine Flasche gefunden und kaputt gemacht, um sich zu
verteidigen. Genau deswegen habe sie zu ihm gesagt "komm, wir gehen nach
Hause" (Urk. 4/4 S. 3). Auch anlässlich der Einvernahme durch die Staatsanwalt-
schaft führte sie aus, der Geschädigte sei schreiend hinter ihnen her gegangen.
Der Beschuldigte sei sehr, sehr ruhig gewesen. Der Geschädigte habe ein Glas in
der Hand gehalten und der Beschuldigte habe ihn angeschaut. Der Beschuldigte
habe dann eine Flasche genommen, diese an der Treppe zerschlagen und die
Hände hinter den Rücken gelegt. Sie habe ihm gesagt "Schwarzer komm, lass
uns gehen und lass uns keine Probleme haben". Er habe nein gesagt und sei
stumm geblieben (Urk. 4/11 S. 4). Auf Nachfrage erklärte sie, der Beschuldigte
habe beim Eingang vom Platz eine Glasflasche gefunden. Dort habe es eine
Treppe, wo er die Flasche zerschlagen habe. Sie habe ihm in diesem Moment
gesagt, er solle keine Probleme machen, sie sollten in die nächste Bar gehen. Der
Geschädigte habe ihm die ganze Zeit hinterher geschrien und sei betrunken ge-
wesen. Er sei sehr aggressiv gewesen an diesem Tag. Sie habe zum Beschuldig-
ten gesagt, dass sie gehen sollten, aber er habe das nicht gewollt. Er habe ge-
sagt, sollte der Geschädigte sie schlagen, werde er ein Problem haben (Urk. 4/11
S. 7).
Zwar liegen für diesen in der Anklageschrift geschilderten Zeitabschnitt aus-
schliesslich die Aussagen von H._ vor. Jedoch hat die Vorinstanz zutreffend
festgehalten, dass H._ diese Szene äusserst dicht und detailreich beschreibt.
Ihre Ausführungen weisen keine Widersprüche aus, sind sehr konkret und über-
aus realitätsnah. Auch konnte sie ohne Weiteres auf einem Plan aufzeichnen,
was wo geschehen war (vgl. Urk. 4/12). Der Vorinstanz ist vollumfänglich beizu-
pflichten, wenn sie festhält, es gebe überhaupt keinen Grund, diese Schilderun-
gen in Zweifel zu ziehen, zumal H._ als Freundin des Beschuldigten durch-
aus versucht sein könnte, diesen in Schutz zu nehmen (vgl. Urk. 49 S. 39 ff.;
Art. 82 Abs. 4 StPO). Zudem lassen sich ihre Aussagen zumindest was die Chro-
nologie sowie das Telefonieren mit Ihrem Ehemann angeht auch durch die Video-
aufnahmen der VBZ verifizieren. Schliesslich vermögen auch die Ausführungen
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der Verteidigung, wonach der von H._ geschilderte Ablauf in zeitlicher Hin-
sicht nicht aufgehe, nicht zu überzeugen. So schilderte die Zeugin nämlich nicht,
dass der Beschuldigte rund 25 Meter von ihr entfernt eine Bierflasche gefunden
habe (vgl. Urk. 69 S. 6 und Urk. 37 S. 9 ff.), sondern dass er die Bierflasche ge-
funden habe, als sie sich gemeinsam beim Coop Gebäude unterhalten hätten
(Urk. 4/4 S. 3 und 4; Urk. 11 S. 4 und S. 7). Entsprechend hat sie auf dem Plan
auch eingezeichnet, dass der Beschuldigte die Flasche neben ihrem Standpunkt
gefunden (ausgemalter Kreis auf dem Plan neben Nr. 1) und dann etwas weiter
entfernt an der Treppe (Kreuz auf dem Plan) zerschlagen habe (Urk. 4/12).
Der Beschuldigte verstrickt sich demgegenüber in Bezug auf das Auffinden der
Flasche in diverse Widersprüche. So sagte er während der ersten Einvernahme
durch die Polizei aus, der Geschädigte habe sich ihm mit einem Glas in der Hand
bedrohlich genährt. Er sei ihm sehr nahe gekommen mit dem Glas in der Hand.
Das sei für ihn eine bedrohliche Situation gewesen und er habe eine Glasflasche
in die Hand genommen. Es habe ein Handgemenge gegeben und er habe die
Flasche gebrochen, wie wisse er nicht mehr (Urk. 2/1 S. 3). Er habe die Flache
am Boden zerschlagen (Urk. 2/1 S. 8). Anlässlich der Hafteinvernahme führte er
aus, der Geschädigte sei mit Kollegen auf ihn zugekommen. Er habe Angst ge-
habt und der Geschädigte habe ständig seine Drohungen wiederholt. Er habe in
diesem Moment gedacht, er brauche etwas zur Verteidigung. So habe er eine
Flasche genommen und zerbrochen. Diese habe er dann in der Hand gehalten.
Der Geschädigte sei auf ihn zugekommen und habe ihn weiter beleidigt (Urk. 2/2
S. 3). Auf die Frage, woher er die Flasche gehabt habe, führte der Beschuldigte
aus, er habe gesehen, wie der Geschädigte mit seinen Kollegen am D._ an-
gekommen sei und am Reden gewesen sei. Als er gesehen habe, dass der Ge-
schädigte auf ihn zukomme, habe er sich umgedreht und eine Flasche gesehen.
Der Geschädigte habe ihm gedroht, dass er ihn umbringen werde. Aus Angst ha-
be er die Flasche zerbrochen (Urk. 2/2 S. 5). Mit den Aussagen von H._ kon-
frontiert bestätigte der Beschuldigte seine Aussage, dass der Geschädigte Prob-
leme bekomme, wenn er ihn schlage. Er habe das aber einfach in der Hitze des
Gefechtes gesagt. Er habe nur seine Hände hinter dem Rücken gelegt, als er al-
leine gewesen sei, aber das Flaschenstück nicht in den Händen gehabt. H._
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habe nicht sehen können, ob er etwas aufgenommen habe. Er habe nichts aufge-
nommen. Im Übrigen erklärte er, keine zerbrochene Flasche in der Hand gehabt
zu haben, als er mit dem Geschädigten diskutiert habe (Urk. 2/5 S. 1 ff.). Anläss-
lich der Tatrekonstruktion vom 24. August 2016 schilderte der Beschuldigte wie-
derum eine völlig neue Version: Der Geschädigte sei auf ihn zu und viel zu nahe
an ihn rangekommen, da habe er ihn geschubst. Dann habe der Geschädigte ihn
zweimal geschlagen, weshalb er ihm auch eine habe rein schlagen wollen. Dann
sei der Geschädigte nochmals auf ihn zugekommen und habe ein Glas in der
rechten Hand gehabt. Er habe das Glas von einer Hand in die andere genommen.
Dann habe er ihn noch zwei Mal mit der rechten Hand geschlagen. Nach diesen
Schlägen sei ihm schwindlig gewesen und er habe sich nicht wohl gefühlt. Er ha-
be ein Geräusch gehört, wie wenn ein Glas kaputt ging. Er habe gemerkt, dass er
nicht mehr könne und den Arm gehoben. Er habe die linke Hand empor gehoben
und mit der rechten Hand dazwischen gehalten, als der Geschädigte ihn mit dem
Glas habe schlagen wollen. Er habe mit dem Glas gegen ihn geschlagen und ihn
geschnitten. Er – der Beschuldigte – habe sehr viel Blut auf seiner Hand gesehen
und auch aus dem Mund geblutet. Er habe sich nach hinten bewegt, dort habe es
einen Veloständer gehabt. Da habe er die Bierfalsche gesehen. Auch habe er ge-
sehen, dass der Geschädigte ihn weiterschlagen wolle. Er habe die Bierflasche
genommen und gegen den Veloständer geschlagen, um zu sehen, ob er auswei-
chen würde. Trotzdem sei der Geschädigte weiter auf ihn zugekommen (Urk.2/7
S. 4 ff.). Auch vor Vorinstanz hielt der Beschuldigte daran fest, dass er die Fla-
sche erst gesehen habe, nachdem der Geschädigte ihm zwei Faustschläge ins
Gesicht verpasst und ihm ein Glas angeworfen habe. Er habe die Falsche kaputt
gemacht und ihn angegriffen, weil er sich habe verteidigen müssen (Urk. 35 S. 5).
Sie seien bis zu den Velos gerannt. Als der Geschädigte ihn geschlagen und er –
der Beschuldigte – sich umgedreht habe, habe er die Flasche gesehen. Der Ge-
schädigte habe ihn weitergeschlagen. Er habe die Flasche zerbrochen und wis-
sen wollen, ob der Geschädigte ihn weiterschlage. Dann habe er ihn mit der Fla-
sche geschlagen (Urk. 35 S. 7). Er habe die Flasche nicht absichtlich zerbrochen,
er habe bloss gewollt, dass der Geschädigte ihn in Ruhe lasse. Die Flasche sei im
Streit zerbrochen, das sei keine Absicht gewesen. Er habe die Falsche zerbro-
- 16 -
chen, weil er die Schläge nicht mehr habe aushalten können, nicht um den Ge-
schädigten zu verletzen (Urk. 35 S. 14). Anlässlich der Berufungsverhandlung
führte er schliesslich aus, der Geschädigte habe das Glas kaputt gemacht und ihn
damit beworfen, als sie miteinander gestritten hätten. Er habe seine Hand dazwi-
schen gehalten und sei dabei geschnitten worden. Er sei einige Schritte zurück-
gegangen und habe eine Flasche kaputt gemacht, damit er ihn in Ruhe lasse. Er
habe ihn aber nicht in Ruhe gelassen, weshalb er ihn mit dem Stück Flasche,
welches in seiner Hand noch übrig gewesen sei, geschlagen habe (Urk. 67 S. 12)
.
Zusammenfassend machte der Beschuldigte ursprünglich geltend, die Bierflasche
behändigt zu haben, als der Geschädigte sich ihm bedrohlich genähert habe. An-
lässlich der Tatrekonstruktion änderte er dann seine Darstellung dahingehend,
dass er die Bierflasche erst während laufender Auseinandersetzung, nachdem
ihm der Geschädigte bereits zwei Faustschläge verpasst hatte, gefunden haben
und anschliessend zerbrochen haben will, wobei er zwischendurch auch ausführ-
te, die Flasche sei unabsichtlich im Streit zerbrochen. Schon die Vorinstanz hat
darauf hingewiesen, dass dieser Ablauf bereits aufgrund der Dauer der Aus-
einandersetzung nicht möglich ist. Durch die Aufzeichnungen der Überwachungs-
kameras der VBZ beim D._ ist nämlich belegt, dass die tätliche Auseinan-
dersetzung bloss rund zehn Sekunden dauerte (Urk. 1/8). Dass der Beschuldigte
in dieser Zeit zunächst Schläge durch den Geschädigten einsteckte, dann – zufäl-
ligerweise genau am Ort der Auseinandersetzung – eine Flasche auffand, diese
zerbrach und diese gegen den Geschädigten einsetzte, ist nicht vorstellbar. Hinzu
kommt, dass der Ort der Auseinandersetzung anschliessend durch die Polizei un-
tersucht wurde, wobei keine Glasscherben aufgefunden werden konnten (vgl.
Urk. 9/6). Hätte der Beschuldigte die Glasflasche an diesem Ort zerschlagen, wie
er es geltend macht, hätten dort nicht nur Blutspuren, sondern auch Glasscherben
aufgefunden werden müssen. Ohnehin sind die Aussagen des Beschuldigten zum
Auffinden sowie Zerbrechen dieser Flasche aber derart widersprüchlich, dass sie
absolut unglaubhaft wirken.
- 17 -
3.2.4. Dass der Beschuldigte die Flasche hinter seinem Rücken versteckte, ergibt
sich nicht nur aus den Aussagen von H._ (Urk. 4/11 S. 4). Auch der Be-
schuldigte bestritt mit diesen Aussagen konfrontiert nicht, die Hände hinter den
Rücken gelegt zu haben, sondern bloss, dabei eine Flasche in den Händen gehal-
ten zu haben (vgl. Urk. 2/5 S. 2). Ferner sagte auch der Zeuge F._ aus, der
Beschuldigte sei am Warten gewesen und habe die Hände hinter dem Rücken
verschränkt gehabt (Urk. 4/9 S. 6). Schliesslich sagte auch der Geschädigte sel-
ber aus, der Beschuldigte habe die rechte Hand seitlich am Körper gehabt, so-
dass man nicht habe sehen können, ob er etwas in der Hand halte (act. 3/4
S. 10). Wenn B._ nun anlässlich der Berufungsverhandlung im gegen ihn ge-
führten Parallelverfahren SB170351 ausführte, der Beschuldigte habe die Hand
auf Höhe Hüfte/Gesäss hinter seinem Rücken gehabt (Verfahren SB170351
Urk. 59 S. 10 f.), so macht das seine Aussage in Anbetracht der inzwischen ver-
flossenen Zeit entgegen der Verteidigung (Prot. II S. 9) nicht unglaubhaft, zumal
er wiederum erklärte, keinen Gegenstand gesehen zu haben (Verfahren
SB170351 Urk. 59 S. 10). Mit der Vorinstanz ist daher gestützt auf diese überein-
stimmenden, stimmigen Aussagen davon auszugehen, dass der Beschuldigte die
abgebrochene Bierflasche hinter seinem Rücken bzw. so versteckt hielt, dass der
Geschädigte diese nicht sehen konnte, und beim D._ auf den Geschädigten
wartete (vgl. Urk. 49 S. 42). Hätte der Beschuldigte die Flasche bloss zu Warn-
zwecken, damit der Geschädigte ihn in Ruhe lasse, kaputt gemacht, wie er es an-
lässlich der Berufungsverhandlung geltend machte (Urk. 67 S. 12), hätte er kei-
nen Grund gehabt, diese Flasche zu verstecken, sondern diese vielmehr dem
Geschädigten zeigen müssen.
3.2.5. Offengelassen werden muss demgegenüber mit der Vorinstanz, wie die
beiden Männer genau aufeinandertrafen und wer wen zuerst schlug (Urk. 49
S. 43 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Festzuhalten ist zunächst, dass aufgrund der Zeu-
genaussagen der Begleitpersonen des Geschädigten sowie der Aufnahmen der
Überwachungskameras keine Anhaltspunkte vorliegen, dass der Geschädigte den
Beschuldigten vom C._ in Richtung D._ verfolgte. Demgegenüber ist er-
kennbar, wie der Geschädigte auf den Beschuldigten zugeht, wobei jedoch unklar
ist, ob der Beschuldigte ihn dazu aufgefordert hat oder der Geschädigte dies von
- 18 -
sich aus tat. In Anwendung des Grundsatzes in dubio pro reo (Art. 10 Abs. 3
StPO) ist deshalb zugunsten des Beschuldigten davon auszugehen, dass der Ge-
schädigte auf den Beschuldigten losging, als diese auf dem D._ aufeinander
trafen. Nichtsdestotrotz ist wie nachfolgend gleich zu zeigen sein wird aber ohne-
hin nicht von einer Notwehrsituation auszugehen.
3.2.6. Umstritten ist schliesslich, ob der Geschädigte den Beschuldigten mit einem
Glas angriff sowie an der Hand verletzte, so dass der Beschuldigte sich mit der
angebrochenen Flasche bloss zur Wehr setzte.
3.2.6.1. Gestützt auf die Arztberichte der Permanence Hauptbahnhof vom 31. Mai
2016 bzw. 9. Juni 2016 ist erstellt, dass der Beschuldigte eine ca. 2 cm lange
Schnittwunde am Handrücken der linken Hand, am Übergang zum Kleinfinger, er-
litten hat (Urk. 5/1 und Urk. 5/4). Des Weiteren kann gestützt auf die durch
das FOR dokumentierte Blutspur zum Zufluchtsort des Beschuldigten an der ...-
strasse ... in Zürich-I._ als erstellt angesehen werden, dass der Beschuldigte
diese Verletzung im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem Geschädigten er-
litten hat (vgl. Urk. 9 S. 15 ff.). Allerdings erweckt bereits der Arztbericht gewisse
Zweifel, ob der Geschädigte dem Beschuldigten diese Schnittverletzung zugefügt
hat. So schilderte der Beschuldigte gemäss dem Arztbericht vom 31. Mai 2016
dem behandelnden Arzt, er habe eine Auseinandersetzung mit einer ihm bekann-
ten Person gehabt. Im Rahmen dieser Streitigkeit sei ein Glas des Gegners zer-
brochen und der Beschuldigte habe sich daran geschnitten (Urk. 5/1). Er schilder-
te folglich nicht, der Geschädigte habe ihn (absichtlich) mit dem Glas geschnitten,
sondern er habe sich selber am zerbrochenen Glas geschnitten. Der behandelnde
Arzt beurteilt diese Schilderung als nachvollziehbar, wobei auch eine Selbstbei-
bringung durchaus möglich sei (Urk. 5/4 S. 1). Weitere Verletzungen wurden nicht
festgestellt, obwohl der Beschuldigte anlässlich der Berufungsverhandlung be-
hauptete, aufgrund des Faustschlages des Geschädigten, welcher dem Einsatz
der Bierflasche vorgegangen sei, ein blaues und geschwollenes Gesicht gehabt
zu haben, so dass der Arzt eine Radiographie gemacht habe (Urk. 67 S. 11 f.).
3.2.6.2. Die Aussagen des Beschuldigten zur Zufügung dieser Schnittverletzung
sind in den verschiedenen Einvernahmen in wesentlichen Punkten äusserst wi-
- 19 -
dersprüchlich. Es fällt insbesondere auch auf, dass er seine Aussagen immer
wieder an die Fragen anpasste und auch teilweise die Fragen wiederholte, um
Zeit zu gewinnen. So sagte er während der ersten Einvernahme durch die Polizei
aus, der Geschädigte habe sich ihm mit einem Glas in der Hand bedrohlich ge-
nährt. Er sei ihm sehr nahe gekommen mit dem Glas in der Hand. Das sei für ihn
eine bedrohliche Situation gewesen und er habe eine Glasflasche in die Hand ge-
nommen. Es habe ein Handgemenge gegeben und er habe die Flasche gebro-
chen. Der Beschuldigte habe ihn angegriffen und ihn in die Hand geschnitten
(Urk. 2/1 S. 3). Auf Nachfrage erklärte er sodann, es sei ein Eistee-Glas, ein gros-
ses Glas, gewesen. Er habe dieses glaublich aus der Bar, wo sie vorher alle ge-
wesen seien, gehabt (Urk. 2/1 S. 5). Auf die Frage, in welchem Zustand dieses
Glas gewesen sei, antwortete er, er wisse es nicht (Urk. 2/1 S. 8). Auffallend ist,
dass der Beschuldigte zwar erzählte, er selber habe die Flasche in seiner Hand
zerbrochen, jedoch mit keinem Wort erwähnt, dass das Glas in der Hand des Ge-
schädigten ebenfalls zerbrochen gewesen sei. Auch anlässlich der Hafteinver-
nahme erklärte er, der Geschädigte habe ihn mit einem Eistee-Glas geschnitten.
Auf Nachfrage, ob das Glas noch ganz gewesen sei, führte er nun aber plötzlich
aus, es sei zur Hälfte abgebrochen gewesen (Urk. 2/2 S. 4). Anlässlich der Tat-
rekonstruktion erklärte er zum Zustand des Glases sodann, er habe ein Geräusch
gehört, wie wenn ein Glas kaputt gehe (Urk. 2/7 S. 7). Auf Nachfrage, ob er
nochmals beschreiben könne, wie der Geschädigte das Glas zerbrochen habe,
führte der Beschuldigte aus, es gebe in I._ solche Eisen auf dem Platz, wo
man Plakate hinstelle. Sie seien in der Nähe eines solchen gewesen. Der Ge-
schädigte habe das Glas, welches er in der rechten Hand gehabt habe, an die-
sem Eisenstück angeschlagen, so dass es am Rand oben kaputt gegangen sei.
Er habe das Glas auf der Höhe von ca. einem Meter an dieses Eisenstück ge-
schlagen, er habe auch das Geräusch gehört. Auf Nachfrage erklärte er, er habe
das nicht nur gehört, sondern auch gesehen (Urk. 2/7 S. 10). Vor Vorinstanz er-
klärte er sodann, der Geschädigte habe ihm das Glas angeworfen, er habe es mit
der Hand abgewehrt und sich verletzt (Urk. 35 S. 5). Er habe das Glas erst gese-
hen, als der Geschädigte ihn geschlagen habe. Es sei ein Whiskeyglas gewesen,
welches halb zerbrochen gewesen sei, nicht ganz zerbrochen. Er habe eine
- 20 -
Baseballmütze getragen. Das Glas habe die Baseballmütze erwischt und seine
Hand berührt. Dann sei es zerbrochen. Auf Ergänzungsfrage, ob das Glas vorher
ganz oder kaputt gewesen sei, antwortete der Beschuldigte, es sei kaputt gewe-
sen. Er habe das gesehen, weil es geschnitten habe. Als das Glas seine Mütze
und seine Hand erwischt habe, habe es ihn an der Hand geschnitten. Er habe ge-
sehen, dass das Glas kaputt gewesen sei, als der Geschädigte es ihm angewor-
fen habe. Auf Nachfrage, ob er das während des Fluges gesehen habe, antworte-
te der Beschuldigte, das Glas sei während der Schlägerei ganz gewesen, aber
danach kaputt. Er wisse nicht, wie der Geschädigte es kaputt gemacht habe. Es
habe dort Eisen gehabt und er habe ein Geräusch gehört. Als Erklärung, weshalb
er nun im Gegensatz zu den polizeilichen Einvernahmen Angaben zum Zustand
des Glases machen könne, gab der Beschuldigte an, er könne sich jetzt gut daran
erinnern, wie es genau gewesen sei. Als er mit seinem Verteidiger gesprochen
habe, habe er ihm die Rekonstruktion gezeigt, wie es sich abgespielt habe. Und
da sei das Glas kaputt gewesen (Urk. 35 S. 10 f.).
Betrachtet man diese widersprüchlichen Aussagen fällt auf, dass der Beschuldigte
sich verzweifelt bemüht, seinen Angriff auf den Geschädigten mit der abge-
brochenen Bierflasche zu rechtfertigen. Zunächst ist von einem Eistee-Glas die
Rede, dann auf einmal von einem Whiskey-Glas. Insbesondere ist aber nicht
nachvollziehbar, weshalb der Beschuldigte bei der ersten Einvernahme – trotz
Nachfrage – unerwähnt liess, dass das Glas angebrochen gewesen sei, während
er schildert, dass er selber die Flasche angebrochen habe, um sich zu verteidi-
gen. Noch weniger nachvollziehbar erscheint dies, wenn er tatsächlich beobachtet
haben sollte, wie der Geschädigte das Glas an einem Eisenstück kaputt geschla-
gen hatte. Ein solches Detail, wäre es wahr, wäre zu einprägsam, als dass man
es in seiner Schilderung einfach weglassen würde. Vor Vorinstanz erzählte er
wiederum, das Glas sei während der Schlägerei ganz gewesen, aber danach ka-
putt, ohne dass er erklären konnte, wie es kaputt gegangen sei. Mithin wirkt die
Attacke mit dem abgebrochenen Glas konstruiert, um den eigenen Einsatz der
angebrochenen Bierflasche zu rechtfertigen. Dass der Beschuldigte verzweifelt
versucht, den Einsatz der abgebrochenen Bierflasche zu rechtfertigen, ergibt sich
ferner auch aus den – wiederum äusserst unsteten – Aussagen des Beschuldig-
- 21 -
ten zum Ablauf der eigentlichen Auseinandersetzung. Es fällt auf, dass der Be-
schuldigte die Auseinandersetzung und insbesondere die angeblichen Übergriffe
des Geschädigten auf ihn von Einvernahme zu Einvernahme drastischer darstellt,
während er seine eigenen Handlungen verharmlost.
3.2.6.3. Demgegenüber bestreitet der Geschädigte zwar, während der Auseinan-
dersetzung ein Glas in der Hand gehabt zu haben, nicht jedoch das Lokal mit ei-
nem Plastikbecher in der Hand verlassen zu haben. So antwortete er anlässlich
der ersten staatsanwaltschaftlichen Einvernahme auf die Frage, ob er ein Getränk
in der Hand gehabt habe, einen Becher Bier, weil man ja keine Biergläser aus
dem Pub nehmen dürfe (Urk. 3/2 S. 5). Diese Antwort erfolgte spontan, bevor der
Geschädigte mit den Anschuldigungen des Beschuldigten konfrontiert wurde,
weshalb sie besonders glaubhaft wirkt. Auf Vorhalt, dass auf den Aufzeichnungen
vom Tatort der Eindruck entstehe, er habe etwas in der Hand, antwortete der Ge-
schädigte: "Eben den Becher mit dem Bier. Sicherlich nichts um auf einen Men-
schen loszugehen" (Urk. 3/2 S. 7). Anlässlich der Tatrekonstruktion führte er aus,
er habe während der tätlichen Auseinandersetzung mit dem Beschuldigten nichts
in der Hand gehabt. Den Becher habe er vorgängig, als er aus dem Pub hinaus-
ging, gehabt. Der Chef vom Pub wisse, dass man kein Glas mithinausnehmen
dürfe (Urk. 3/4 S. 10).
3.2.6.4. Mit der Vorinstanz kann zwar nicht restlos ausgeschlossen werden, dass
der Geschädigte etwas in der Hand hielt, als er auf dem D._ eintraf (vgl.
Urk. 49 S. 44 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO). So sagte auch die Zeugin H._ aus,
der Geschädigte habe ein Glas in der Hand gehabt, als er ihnen gefolgt sei
(Urk. 4/4 S. 3). Auf Nachfrage erklärte sie, sie könne das Glas nicht beschreiben.
"Ganz ehrlich" wisse sie nicht, ob der Geschädigte das Glas dabei gehabt habe,
weil er davon getrunken habe, oder ob er damit jemanden habe schlagen wollen.
Sie habe nicht gesehen, ob das Glas ganz oder kaputt war (Urk. 44 S. 4). Gegen-
über der Staatsanwaltschaft sagte sie in Bezug auf das Glas aus, es sei wie ein
normales Bierglas gewesen. Sie könne nicht sagen, wie das Glas ausgesehen
habe. Sie wisse nicht, aus welchem Material das Glas gewesen sei, ob es ein
Bierglas gewesen sei oder ein anderes Glas. Er habe auf jeden Fall ein Glas in
- 22 -
der Hand gehabt und daraus getrunken. Auf Nachfrage, ob es sich auch um ein
Plastikglas gehandelt haben könnte, erklärte die Zeugin demgegenüber auf ein-
mal, dass es ein Kristallglas gewesen sei (Urk. 4/11 S. 6). Diese Spezifizierung
erweckt jedoch erhebliche Zweifel, nachdem die – mit dem Beschuldigten be-
freundete – Zeugin vorher konstant erklärt hatte, sie könne das Glas nicht näher
beschreiben. Die Zeugin scheint sich vor allem deshalb an das vermeintliche Glas
zu erinnern, weil sie gesehen habe, wie der Geschädigte daraus getrunken habe,
was sie überzeugend dartut. Daraus leitet sie wohl ab, dass es sich um ein Glas
gehandelt haben muss. Aufgrund der übereinstimmenden Zeugenaussagen des
Geschädigten, von E._, G._ und J._ sowie der Art, wie der Be-
schuldigte den Gegenstand in der Hand hält, erscheint es jedoch weit wahr-
scheinlicher, dass es sich dabei um einen Plastikbecher handelte, als um ein Glas
(vgl. Urk. 4/7 S. 6; Urk. 4/8 S. 5 und Urk. 4/9 S. 6). Schliesslich bestätigte der Be-
schuldigte selber anlässlich seiner Einvernahme durch das Berufungsgericht,
dass man in der Bar den Gästen Plastikbecher gebe, wenn sie betrunken seien
oder das Lokal geschlossen werde (Urk. 67 S. 10). Weshalb der – zumindest an-
getrunkene – Geschädigte ein Glas gehabt haben soll, erklärt er damit, dass die-
ser bereits vor der Schliessung das Pub mit dem Glas verlassen habe (Urk. 67
S. 16). Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass durch die Polizei
am Ort der Auseinandersetzung weder ein Glas noch Scherben vorgefunden
werden konnten. Zwar befindet sich dort tatsächlich wie vom Beschuldigten be-
schrieben eine Werbetafel mit Metallrahmen, an welcher der Geschädigte das
Glas in der einen Version zerschlagen haben soll, Scherben wurden aber
– wie bereits vorstehend erwogen – keine sichergestellt.
3.2.6.5. Insbesondere lässt sich aber nicht erstellen, dass der Geschädigte den
Beschuldigten mit einem Glas attackierte. Zwar ist erstellt, dass der Beschuldigte
eine Schnittverletzung davon trug, wobei jedoch nicht ausgeschlossen werden
kann, dass er sich diese selbst beibrachte, als er mit der zerbrochenen Flasche
auf den Geschädigten einschlug. Mit Ausnahme des Beschuldigten schilderte
niemand, dass der Geschädigte mit einem Glas oder Becher in der Hand auf den
Beschuldigten losging, obschon Zeugen bestätigten, dass der Privatkläger vor der
Auseinandersetzung aufgebracht und wütend gewesen sei. Selbst H._ sagte
- 23 -
lediglich aus, der Geschädigte habe ein Glas in der Hand gehabt, nicht aber dass
er mit diesem auf den Beschuldigten losging. Wie vorstehend ausgeführt sind die
Aussagen des Beschuldigten zu diesem angeblichen Angriff mit dem Glas viel zu
widersprüchlich und realitätsfremd und damit unglaubhaft. Sie erscheinen als
blosse Schutzbehauptungen, um den Einsatz der abgebrochenen Bierflasche zu
rechtfertigen.
3.3. Mit der Vorinstanz ist daher der in der Anklageschrift umschriebene Sach-
verhalt vollumfänglich erstellt (vgl. Urk. 49 S. 50 f.).
III. Rechtliche Würdigung
1. Ausgangslage
1.1. Die Vorinstanz würdigte das Verhalten des Beschuldigten in Überein-
stimmung mit der Anklagebehörde als versuchte Tötung im Sinne von Art. 111
i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB (Urk. 49 S. 52 ff.).
1.2. Die Verteidigung stellt sich demgegenüber auf den Standpunkt, der Be-
schuldigte habe aufgrund seines fehlenden Tötungsvorsatzes höchstens den Tat-
bestand der schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB erfüllt, wobei
er aufgrund einer rechtfertigenden Notwehrsituation im Sinne von Art. 15 StGB
oder einer entschuldbaren Notwehrsituation im Sinne von Art. 16 Abs. 2 StGB oh-
nehin freizusprechen, eventualiter die Strafe im Sinne von Art. 16 Abs. 1 StGB zu
mildern sei (Urk. 53 S. 2). Anlässlich der Berufungsverhandlung führte die Vertei-
digung aus, der Beschuldigte habe sich mitten in der nach auf sich allein gestellt
und umringt von unbekannten Personen in einer Ausnahmesituation befunden. Er
sei nicht bewusst auf Kopfhöhe vorgegangen, sondern habe sich recht ziellos in
der äusserst heftigen Auseinandersetzung gewehrt. Es sei daher nicht zutreffend,
dass der Beschuldigte den Tod des Geschädigten in Kauf genommen habe, zu-
mal es sich bei ihm um einen Freund gehandelt habe (Urk. 59 S. 16).
- 24 -
2. Objektiver Tatbestand
2.1. Der vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB macht sich strafbar,
wer vorsätzlich einen Menschen tötet, ohne dass eine der besonderen Voraus-
setzungen von Art. 112 bis 116 StGB vorliegt.
2.2. Gemäss dem erstellten Sachverhalt schlug bzw. stach der Beschuldigte
mehrfach mit einer abgebrochenen Glasflasche auf den Oberkörper und Kopf des
Geschädigten B._ ein, wobei er diesem die folgenden Verletzungen zufügte
(vgl. Urk. 7/9 S. 4 f.):
− 2 bis 3 cm tiefe Schnittverletzung des linken Ohrs und der linken Ohr-
muschel mit Durchtrennung der oberflächlichen Schläfenarterie und der
querverlaufenden Schlagader des Gesichts. Das Ohr inklusive Knorpel
wurde an mehreren Stellen vollständig durchtrennt
− 4 cm lange oberflächliche Schnittverletzung über der linken Schulter
− 3 cm lange bis 5 cm tief in die Muskulatur reichende Schnittverletzung
neben der Wirbelsäule am Rücken.
Gemäss dem Gutachten zur körperlichen Untersuchung des Instituts für Rechts-
medizin der Universität Zürich wurden insgesamt sieben Verletzungen, die infolge
scharfer Gewalteinwirkung entstanden sind, gefunden. Der Beschuldigte habe
durch die massiv nach aussen blutenden Verletzungen der Schlagader im Ge-
sichtsbereich einen relativen Blutverlust von ca. 1 Liter erlitten. Aus rechts-
medizinischer Sicht habe zum Ereigniszeitpunkt eine Lebensgefahr bestanden.
Weitere lebenswichtige Strukturen hätten z.T. in unmittelbarer Nähe gelegen, wie
z.B. die Halsgefässe und die linke Lunge. Beispielshaft zu nennen seien im Hin-
blick auf die Verletzungslokalisation im vorliegenden Fall u.a. auch die Möglichkeit
von Venenläsionen mit der Gefahr einer Luftembolie und Blutverlust, Verletz-
ungen des Rückenmarkes mit der Möglichkeit eines sog. spinalen Schocks oder
Blutungen in der Luftröhre, die zu einem Ersticken führen könnten (Urk. 7/9
S. 6 f.).
- 25 -
2.3. Folglich erlitt der Geschädigte durch die Schläge und Stiche des Beschul-
digten lebensgefährliche Verletzungen an der Schlagader im Gesichtsbereich.
Dass der Geschädigte nicht gestorben ist, ist dem rechtzeitigen Eingreifen der
Rettungssanitäter zu verdanken, welche die Gefahr eines Verblutens und damit
die Lebensgefahr durch das Ergreifen medizinischer Massnahmen abwenden
konnten (vgl. Urk. 7/9 S. 6). Mithin ist es lediglich dem raschen Eingreifen
der Rettungssanitäter zu verdanken, dass vorliegend der objektive Tatbestand der
versuchten Tötung – glücklicherweise – nicht erfüllt ist. Somit ist nachfolgend zu
prüfen, ob sich der Beschuldigte durch sein Verhalten der versuchten vorsätzli-
chen Tötung schuldig gemacht hat.
3. Subjektiver Tatbestand
3.1. Gemäss Art. 12 Abs. 2 StGB verübt ein Verbrechen oder Vergehen vor-
sätzlich, wer die Tat mit Wissen und Willen ausführt. Das Wissen bezieht sich auf
die Tatumstände, welche sich unter die objektiven Merkmale des Deliktstatbe-
standes subsumieren lassen, sowie bei Erfolgsdelikten auf den Geschehensver-
lauf, der zum Eintritt des Erfolges führt (Donatsch, in: Donatsch/Heimgartner/
Isenring/Weder [Hrsg.], StGB-Kommentar, 20. Aufl., Zürich 2018, Art. 12 N 4). Der
Vorsatz bezieht sich nicht nur auf Tatumstände, deren Vorhandensein oder Ein-
treten der Täter für sicher hält. Er kann sich auch auf solche erstrecken, deren
Vorhandensein oder Eintreten er nur für möglich hält (BGE 125 IV 242 E. 3c
S. 251; 103 IV 65 E. I.2 S. 67 f.; vgl. schon BGE 69 IV 75 E. 5 S. 79 f.; BSK StGB
I-Niggli/Maeder, Art. 12 N 26). Neben dem Wissen um die reale Möglichkeit der
Tatbestandserfüllung verlangt der Vorsatz auch den Willen, den Tatbestand zu
verwirklichen. Der Täter muss sich gegen das rechtlich geschützte Gut entschei-
den. Dieser Wille ist gegeben, wenn die Verwirklichung des Tatbestandes das ei-
gentliche Handlungsziel des Täters ist oder ihm als eine notwendige Voraus-
setzung zur Erreichung seines Zieles erscheint. Dasselbe gilt, wenn die Verwirk-
lichung des Tatbestandes für den Täter eine notwendige Nebenfolge darstellt,
mag sie ihm auch gleichgültig oder gar unerwünscht sein (BSK StGB I- Niggli/
Maeder, Art. 12 N 46 f.)
https://swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/564c189e-a29d-4671-9de2-ba95ae975807/5faf2c27-f161-46fc-81ee-1668643f2c87?source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/564c189e-a29d-4671-9de2-ba95ae975807/00000000-0000-0000-0000-000000000000?source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/564c189e-a29d-4671-9de2-ba95ae975807/00000000-0000-0000-0000-000000000000?source=document-link&SP=8|qkrbx5
- 26 -
3.1.1. Neben diesem direkten Vorsatz erfasst Art. 12 Abs. 2 StGB auch den Even-
tualvorsatz. Hier strebt der Täter den Erfolg nicht an, sondern weiss lediglich,
dass dieser möglicherweise mit der willentlich vollzogenen Handlung verbunden
ist. Die Rechtsprechung bejaht Eventualvorsatz, wenn der Täter den Eintritt des
Erfolgs bzw. die Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber dennoch han-
delt, weil er den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt, sich mit ihm ab-
findet, mag er ihm auch unerwünscht sein (BGE 130 IV 58 E. 8.2; BGE 125
IV 242 E. 3c S. 251; 121 IV 249 E. 3a/aa; 119 IV 1 E. 5a, je mit Hinweisen). Wer
den Erfolg derart in Kauf nimmt, "will" ihn im Sinne von Art. 12 Abs. 2 StGB. Nicht
erforderlich ist, dass der Täter den Erfolg "billigt" (eingehend BGE 96 IV 99
S. 101; 103 IV 65 E I.2 S. 68).
3.1.2. Ob der Täter die Tatbestandsverwirklichung in diesem Sinne in Kauf ge-
nommen hat, muss das Gericht – bei Fehlen eines Geständnisses des Beschul-
digten – aufgrund der Umstände entscheiden. Dazu gehören die Grösse des dem
Täter bekannten Risikos der Tatbestandsverwirklichung, die Schwere der Sorg-
faltspflichtverletzung, die Beweggründe des Täters und die Art der Tathandlung.
Je grösser die Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung ist und je
schwerer die Sorgfaltspflichtverletzung wiegt, desto näher liegt die Schlussfolge-
rung, der Täter habe die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen (BGE 135
IV 12 E. 2.3.2 S. 17 mit Hinweisen; BGE 134 IV 26 E. 3.2.2). Für den Nachweis
des Vorsatzes darf das Gericht vom Wissen des Täters auf den Willen schliessen,
wenn sich diesem die Verwirklichung der Gefahr als so wahrscheinlich aufdräng-
te, dass die Bereitschaft, sie als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise nur als
Inkaufnahme des Erfolgs ausgelegt werden kann (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3 S. 4 mit
Hinweis). Eventualvorsatz kann indessen auch vorliegen, wenn der Eintritt des
tatbestandsmässigen Erfolgs nicht in diesem Sinne sehr wahrscheinlich, sondern
bloss möglich war (Urteil 6B_222/2014 vom 15. Juli 2014 E. 1.3.2). Doch darf
nicht allein aus dem Wissen des Täters um die Möglichkeit des Erfolgseintritts auf
dessen Inkaufnahme geschlossen werden. Weitere Umstände müssen hinzu-
kommen (BGE 133 IV 9 E. 4.1 S. 17; Urteil 6B_148/2013 vom 19. Juli 2013
E. 4.3.1). Wesentlich ist, dass der Täter den Erfolg "in Kauf nimmt" (Art. 12 Abs. 2
StGB) und nicht, ob er ihm unerwünscht ist, ob er ihn billigt oder ob er ihn aus an-
https://swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/564c189e-a29d-4671-9de2-ba95ae975807/5faf2c27-f161-46fc-81ee-1668643f2c87?source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/5a1f06ce-1b0a-439e-8621-594e4476db22?citationId=4a829776-da08-45b7-bac9-2eaa4b91ec78&source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/564c189e-a29d-4671-9de2-ba95ae975807/5faf2c27-f161-46fc-81ee-1668643f2c87?source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/254f1de1-96a8-49d0-8b27-ce1f01b6b3ed?citationId=7ed28d43-ce30-491f-b557-61282c05e381&source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/254f1de1-96a8-49d0-8b27-ce1f01b6b3ed?citationId=7ed28d43-ce30-491f-b557-61282c05e381&source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/49a4235b-6917-4c66-adf4-49705784d59c?citationId=938c41f7-0952-4934-b701-49c6b2359efb&source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/d60fa585-af22-448d-80d6-1e817d7079fa?citationId=f03179d7-72be-4a0d-a557-be4fb010a7e5&source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/73dc9267-1c90-4985-953b-193a81ae5ab1?citationId=4a4afcd2-525b-4344-9280-404f109c3179&source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/e3ce7857-b1cc-4c12-bbe6-b946ce32b3ba?citationId=dfb22013-88bb-4264-96fd-44e48f3f6ca1&source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/5e4303e6-4678-4028-816e-d4c6491535dc?citationId=29730356-1557-40bc-9764-ec40e69a3122&source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/5e4303e6-4678-4028-816e-d4c6491535dc?citationId=29730356-1557-40bc-9764-ec40e69a3122&source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/564c189e-a29d-4671-9de2-ba95ae975807/5faf2c27-f161-46fc-81ee-1668643f2c87?source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/564c189e-a29d-4671-9de2-ba95ae975807/5faf2c27-f161-46fc-81ee-1668643f2c87?source=document-link&SP=8|qkrbx5
- 27 -
deren, nur ihm einsichtigen oder nicht einsichtigen, Gründen in Kauf nimmt. So
kommt es etwa auf die innere Ablehnung nicht an, wenn der Täter auf das Aus-
bleiben des Erfolges nicht mehr vertrauen, sondern es sich bloss noch erhoffen
konnte (BSK StGB I-Niggli/Maeder, Art. 12 N 56 m.w.H.). Welches die Beweg-
gründe der Tat waren, ist ohne Einfluss auf den Vorsatz (BGE 99 IV 266 E. I/5
S. 274). Der Beweggrund kann ausserhalb des Vorsatzes liegen (BGE 101 IV 62
E. 2c S. 66). Im Gegensatz zum Eventualvorsatz auf Tötung vertraut der Täter
beim Gefährdungsvorsatz darauf, der Tod des Opfers werde nicht eintreten. Das
setzt voraus, dass er annimmt, die drohende Gefahr werde durch sein eigenes
Verhalten oder durch eine Reaktion der gefährdeten Person abgewendet werden
(Urteil des Bundesgerichts 6B_352/2011 vom 20. Oktober 2011 E. 3.2. mit weite-
ren Verweisen).
3.2. Der Beschuldigte bestreitet, dass er den Geschädigten habe töten wollen,
als er mit der abgebrochenen Glasflasche auf diesen einschlug bzw. einstach.
Nachdem sich ein direkter Tötungsvorsatz aufgrund der Beweismittel nicht erstel-
len lässt, stellt sich die Frage, ob der Beschuldigten eventualvorsätzlich handelte.
Es ist folglich zu prüfen, ob der Beschuldigte willentlich mehrfach mit dem abge-
brochenen Teil der Glasflasche auf den Oberkörper und Kopf des Geschädigten
einstach bzw. einschlug und dabei um die Möglichkeit des Todeseintritts wusste
und diese in Kauf nahm.
3.2.1. Dass beim Einsatz einer abgebrochenen Glasflasche gegen den Hals eines
Opfers auf einen Tötungsvorsatz geschlossen werden kann, hat auch das Bun-
desgericht in seinem Entscheid 6B_1428/2017 vom 24. April 2018 erkannt
(E. 2.2.):
"Es ist erstellt, dass der Beschwerdeführer mit einer abgebrochenen, scharf-
kantigen Glasflasche gegen den Hals des Privatklägers stach und dass er um die
Todesgefahr für den Verletzten wusste, gab er doch an, dieser hätte sterben kön-
nen, zumal sich am Hals lebenswichtige Gefässe befänden. Die Vorinstanz bejaht
daher einen Tötungsvorsatz zu Recht. Ihr ist zuzustimmen, dass der Beschwerde-
führer die geschaffene Gefahr angesichts seines unvermittelten, gezielten Stichs
in die Halsregion nicht kontrollieren konnte und es daher vom Zufall abhing, ob er
https://swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/564c189e-a29d-4671-9de2-ba95ae975807/00000000-0000-0000-0000-000000000000?source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/17a5bf4b-6889-48b8-9d68-4b7c0443fbe4?citationId=8c5e0833-216f-40c3-b45c-37e1261bae7b&source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/fa84cf6c-e27d-4d06-bd3f-801965b15d3c?citationId=f664114a-fe4c-4075-8b4e-b68e45e4d6d8&source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/fa84cf6c-e27d-4d06-bd3f-801965b15d3c?citationId=f664114a-fe4c-4075-8b4e-b68e45e4d6d8&source=document-link&SP=8|qkrbx5 https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/8f632e2d-80c9-487e-b579-58af8769b61e?citationId=983a75e1-1525-4cf8-82aa-a0ae7556606b&source=document-link&SP=8|qkrbx5
- 28 -
lebenswichtige Strukturen verletzten würde. Auch hatte das Opfer keinerlei Ab-
wehrchance. Wie bereits dargelegt (vgl. oben E. 1.3.1), kommt es auf die exakte
Stichtiefe und die konkreten Verletzungen nicht an. Soweit der Beschwerdeführer
eine Notwehrlage und -handlung behauptet, stützt er sich auf einen anderen als
den für das Bundesgericht verbindlich festgestellten Sachverhalt (vgl. dazu oben
E. 1.3.2), ohne Willkür darzutun. Der vorinstanzliche Schuldspruch verletzt kein
Bundesrecht."
3.2.2. Gemäss dem erstellten Sachverhalt schlug bzw. stach der Beschuldigte
während einer tätlichen Auseinandersetzung mit dem abgebrochenen Teil einer
Glasflasche auf den Oberkörper und den Kopf des Geschädigten ein und durch-
trennte dabei unter anderem die oberflächliche Schläfenarterie und die querver-
laufende Schlagader des Gesichts. Die Vorinstanz gelangte in Würdigung der
Aussagen des Beschuldigten zum Schluss, der Beschuldigte habe die Flasche
absichtlich an der Treppe abgeschlagen, um diese gefährlicher zu machen, wes-
halb er sich nicht darauf berufen könne, von deren Gefährlichkeit nichts gewusst
zu haben (Urk. 49 S. 54 f.). Dieser überzeugenden Schlussfolgerung ist vollum-
fänglich zuzustimmen. Auch ohne Sicherstellung der Glasflasche kann gesagt
werden, dass die Gefährlichkeit einer abgeschlagenen Glasflasche ohne Weiteres
mit der Gefährlichkeit eines Messers mittlerer Grösse zu vergleichen ist, was sich
allein schon aufgrund der beim Geschädigten festgestellten lebensgefährlichen
Verletzungen ergibt. Mit der Vorinstanz gehört sodann zum Allgemeinwissen,
dass eine solche abgeschlagene Glasflasche geeignet ist, erhebliche Verletzun-
gen zuzufügen. Ferner gehört es nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts
zum Allgemeinwissen und bedarf keiner besonderen Intelligenz, dass Stichverlet-
zungen am Hals tödlich enden können (Urteil des Bundesgericht 6B_935/2017
vom 9. Februar 2018, E. 1.3.). Indem der Beschuldigte die abgeschlagene Glas-
flasche gegen den Oberkörper und insbesondere auch den Kopf- bzw. Halsbe-
reich des Geschädigten einsetzte, ging er das Risiko ein, diesem tödliche Schnitt-
verletzungen zuzufügen. Entgegen der Verteidigung kann aufgrund des festge-
stellten Verletzungsbildes ausgeschlossen werden, dass der Beschuldigte ziellos
vorging, um sich zu wehren. In diesem Fall wären sicherlich auch Verletzungen
an den Armen oder Händen des Geschädigten festgestellt worden. Die insgesamt
- 29 -
sieben Verletzungen im Gesichtsbereich und am Oberkörper weisen vielmehr auf
ein gezieltes Vorgehen hin. Hinzu kommt, dass die Schläge und Stiche gegen den
Geschädigten im Rahmen einer tätlichen Auseinandersetzung und damit eines
dynamischen Geschehens erfolgten, welches der Beschuldigte nur schlecht kon-
trollieren konnte, weshalb ihm auch eine Eindämmung der Gefahr nicht möglich
war. Folglich setzte der Beschuldigte den Geschädigten einem hohen und ihm
bekannten Risiko des Eintritts des Todes aus, wobei er dieses Risiko nicht kalku-
lieren konnte.
3.2.3. Die Vorinstanz hat zutreffend festgehalten, dass der Beschuldigte durch
diese Art seines Handelns eine äusserst schwere Sorgfaltspflichtverletzung
beging. Der Beschuldigte nahm bewusst eine Flasche und zerbrach diese
an einer Treppe. Sodann wartete er mit der extrem gefährlichen, abgeschlagenen
Flasche hinter dem Rücken auf den Geschädigten und machte sich auf die Kon-
frontation mit diesem bereit (vgl. Urk. 49 S. 56 f.). In der Folge stach bzw. schlug
er mit der abgeschlagenen Glasflasche auf den Oberkörper und Kopf des Ge-
schädigten ein. Nach dem Gesagten liegt bei einer Stich- bzw. Schnittverletzung
im Halsbereich eine Todesfolge im allgemein bekannten Rahmen des Kausal-
verlaufs und ist somit vom Vorsatz erfasst. Wenn der Beschuldigte anlässlich der
Berufungsverhandlung geltend machen will, dass er keine Ahnung habe, was eine
Schlagader sei, da er kein Arzt sei (Urk. 67 S. 13 f.) ist dies nicht überzeugend.
Diese Ausführungen sind blosse Schutzbehauptungen. Es darf als allgemein be-
kannt vorausgesetzt werden, dass angesichts der Empfindlichkeit der gesamten
Halsregion grundsätzlich Stiche mit einer abgeschlagenen Glasflasche gegen den
Hals bzw. Schnittverletzungen am Hals zu massiven Blutungen und zum Tod ei-
nes Menschen führen können. Demnach muss, wer entsprechende Gewalt gegen
den Kopf und insbesondere den sensiblen Halsbereich eines Menschen ausübt,
aufgrund der hohen Wahrscheinlichkeit von tödlichen Verletzungen mit solchen
Konsequenzen rechnen und nimmt sie damit zumindest in Kauf.
3.3. Zusammenfassend ist somit Eventualvorsatz gegeben, weil der Beschul-
digte in Kauf nahm, den Geschädigten durch die Schläge und Stiche mit der ab-
geschlagenen Glasflasche tödlich zu verletzen. Der Beschuldigte unternahm
- 30 -
nichts, um den drohenden Tod des Geschädigten zu verhindern. Dass dieser
nicht eintrat, ist allein dem rechtzeitigen Einschreiten der Rettungssanitäter zu
verdanken. Somit liegt ein vollendeter Versuch vor.
4. Notwehr
4.1. Der Beschuldigte macht geltend, er habe sich an jenem Abend gegen den
Angriff des Geschädigten zur Wehr gesetzt und in Notwehr gehandelt. Seine kör-
perliche Integrität sei auf dem Spiel gestanden, da er vom aggressiven und alko-
holisierten Geschädigten angegriffen worden sei, welcher überdies ein Glas, mit-
hin einen gefährlichen Gegenstand, verwendet habe. Somit sei unzweifelhaft eine
Notwehrsituation gegeben gewesen. Der Geschädigte habe nicht locker gelassen
und den Beschuldigten mit dem Glas verletzt, weshalb dieser keine andere Mög-
lichkeit gesehen habe, als sich mit der zufällig gefundenen Bierflasche zur Wehr
zu setzen. Dank dem Einsatz der Flasche habe er sich vom Geschädigten lösen
und davon rennen können, weshalb sein Handeln gerechtfertigt gewesen sei
(Urk. 37 S. 17 f.). Anlässlich der Berufungsverhandlung zeigte sich der Beschul-
digte einsichtig, dass keine Notwehrsituation im Sinne von Art. 15 StGB vorliege.
Jedoch liege ein entschuldbarer Notwehrexzess im Sinne von Art. 16 Abs. 2 StGB
vor, zumal der Beschuldigte aufgrund der vorhergehenden Auseinandersetzung
äusserst bestürzt und bloss darauf bedacht gewesen sei, heil aus der Situation
rauszukommen (Urk. 69 S. 15).
4.2. In Bezug auf die rechtlichen Voraussetzungen einer Notwehrlage kann in
Anwendung von Art. 82 Abs. 4 StPO auf die zutreffenden Erwägungen der Vor-
instanz verwiesen werden (Urk. 49 S. 58 f.).
4.3. Gestützt auf den erstellten Sachverhalt fällt eine Notwehrsituation ausser
Betracht. Zwar ist erstellt, dass der Geschädigte nach der ersten verbalen Ausei-
nandersetzung dem Beschuldigten aufgebracht war und diesem auf dem Weg
zum D._ Schimpfwörter hinterher geschrien hatte. Hingegen ist entgegen der
Verteidigung nicht erstellt, dass der Geschädigte den Beschuldigten mit einem
Glas in der Hand angegriffen hatte und sich dieser mit der Flasche bloss vertei-
digte. Vielmehr fand der Beschuldigte eine Glasflasche und zerbrach diese an ei-
- 31 -
ner Treppe, bevor der Geschädigte überhaupt bei ihm angekommen war. An-
schliessend versteckte er die angebrochene Flasche hinter seinem Rücken. Er
sagte daraufhin zu H._, dass der Geschädigte ein Problem haben werde,
wenn dieser ihn schlagen sollte. Obwohl diese ihn zum gehen aufforderte, wartete
der Beschuldigte im Wissen um die aufgeheizte Situation auf den Geschädigten.
Mithin fasste er den Vorsatz, die angebrochene Flasche gegen den Geschädigten
einzusetzen, bereits vor der Konfrontation mit dem Geschädigten auf dem
D._. Die Vorinstanz hat völlig zutreffend festgehalten, dass der Beschuldigte
folglich die Situation, welche später den Angriff des Geschädigten zur Folge hatte,
selbst herbeigeführt und den Angriff gezielt provoziert hatte, weshalb er sich nicht
auf Notwehr berufen kann (vgl. Urk. 49 S. 59). Dies zeigt sich überdies auch da-
rin, dass der Beschuldigte gemäss Aussagen von H._ sehr, sehr ruhig gewe-
sen sei, als der Geschädigte schreiend hinter ihnen hergegangen sei (Urk. 4/11
S. 4). Auch sie selber habe sich durch den Geschädigten nicht bedroht gefühlt
(Urk. 4/4 S. 5). Sie habe den Beschuldigten zum Weggehen aufgefordert, aber
dieser habe nein gesagt und sei stumm geblieben (Urk. 4/11 S. 4). Hätte sich der
Beschuldigte in diesem Moment vom Geschädigten derart bedroht gefühlt, wie er
geltend machen will, hätte er in diesem Moment weggehen können. Es kann des-
halb keine Rede davon sein, dass der Einsatz der abgebrochenen Glasflasche
notwendig gewesen sei, damit der Beschuldigte vor dem Geschädigten habe
wegrennen können.
4.4. Mit der Vorinstanz liegt folglich keine Notwehr im Sinne von Art. 15 StGB
vor. Überdies fällt auch eine entschuldbare Notwehr im Sinne von Art. 16 StGB,
bei welcher der Abwehrende die Grenze der Notwehr überschreitet, bei dieser
Ausgangslage ausser Betracht.
5. Fazit
Das Verhalten des Beschuldigten erfüllt den Tatbestand der versuchten vorsätz-
lichen Tötung im Sinne von Art. 111 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB, wes-
halb der Beschuldigte entsprechend schuldig zu sprechen ist, zumal weder Recht-
fertigungs- noch Schuldausschlussgründe vorliegen.
- 32 -
IV. Strafe und Vollzug
1. Grundsätze der Strafzumessung und Strafrahmen
1.1. Die Vorinstanz hat im Rahmen ihrer Strafzumessung einleitende Erwäg-
ungen zu den allgemeinen Grundsätzen der Strafzumessung gemacht. Auf diese
zutreffenden und mit der einschlägigen Lehre und Rechtsprechung im Einklang
stehenden Erwägungen kann zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen in An-
wendung von Art. 82 Abs. 4 StPO vorab verwiesen werden (Urk. 49 S. 60 f.).
1.2. Der Strafrahmen der vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB be-
trägt Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren, wobei die Obergrenze bei 20 Jahren
liegt (vgl. Art. 40 Abs. 2 StGB). Dieser ist mit der Vorinstanz nicht zu verlassen
(vgl. Urk. 49 S. 59 f.). Der Strafmilderungsgrund des Versuchs im Sinne von
Art. 22 Abs. 1 StGB ist innerhalb des ordentlichen Strafrahmens strafmindernd zu
berücksichtigen.
2. Ausgangslage
2.1. Die Vorinstanz erachtete eine Freiheitsstrafe von 5.5 Jahren dem Ver-
schulden des Beschuldigten, welches sie in objektiver und subjektiver Hinsicht als
leicht einstufte, als angemessen (Urk. 49 S. 63 f.).
2.2. Die Staatsanwaltschaft wendet demgegenüber ein, die Vorinstanz habe die
objektive Tatschwere als leicht gewertet. Dem könne keinesfalls gefolgt werden,
zumal eine abgebrochene Bierflasche eine massive Verletzungsgefahr berge, da
gleich mehrere scharfe Glasteile das Gesicht und den Hals des Geschädigten
hätten treffen können. Zu berücksichtigen sei auch, dass der Beschuldigte die
Flasche ergriffen, zerbrochen und hinter seinem Rücken versteckt sowie auf den
Geschädigten gewartet habe. Der Beschuldigte sei hinterrücks vorgegangen.
Auch die Qualifizierung der subjektiven Tatschwere als leicht sei keineswegs an-
gemessen, weshalb der Beschuldigte mit 8 Jahren Freiheitsstrafe zu bestrafen sei
(Urk. 51 S. 2). Anlässlich der Berufungsverhandlung führte sie ferner aus, das
Verschulden des Beschuldigten sei als mittelschwer festzulegen und die Einsatz-
strafe auf ca. 11 bis 12 Jahre festzulegen. Der Versuch könne sich nicht erheblich
- 33 -
strafmindernd auswirken, da es lediglich dem Zufall und der raschen ärztlichen In-
tervention zu verdanken sei, dass der Geschädigte nicht verblutet sei. Ange-
messen erscheine eine Reduktion von ca. einem Sechstel, also zwei Jahren. Das
Geständnis könne im Umfang von einem Jahr berücksichtig werden, zumal der
Beschuldigte keine Reue zeige. Sodann sei die Vorstrafe sowie die Tatbegehung
während laufender Probezeit als straferhöhend zu berücksichtigen, weshalb ins-
gesamt eine Freiheitsstrafe von 8 Jahren als angemessen erscheine (Urk. 68
S. 2 f.)
2.3. Die Verteidigung beantragt hingegen – ausgehend von einem Schuld-
spruch wegen schwerer Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB i.V.m.
Art. 16 Abs. 1 StGB – die Bestrafung des Beschuldigten mit einer Freiheitsstrafe
von 30 Monaten, welche im Umfang von 8 Monaten für vollziehbar zu erklären
und im Restumfang unter Anordnung einer Probezeit von drei Jahren aufzu-
schieben sei (Urk. 53 S. 2). An der Berufungsverhandlung führte die Verteidigung
ergänzend aus, sofern das vorinstanzliche Urteil bestätigt werde, sei die Strafe
auf maximal fünf Jahre festzusetzen. Eine zerbrochene Glasflasche sei zwar un-
bestritten gefährlich, aber es sei nicht bekannt, wie diese ausgesehen habe. Die
Anklägerin gehe zu unrecht davon aus, dass der Beschuldigte mit dieser Tatwaffe
gleich Hals und Gesicht hätte treffen können. Auch sei klar zu widersprechen,
dass der Beschuldigte hinterrücks gehandelt habe, sondern es sei viel mehr spon-
tan zur Tat gekommen, wie dies auch die Vorinstanz festgestellt habe (Urk. 69
S. 17 f. i.V.m. Prot. II S. 10).
3. Strafzumessung
3.1. Tatkomponente
3.1.1. Betreffend die objektive Tatschwere ist festzuhalten, dass der Beschuldigte
den Geschädigten im Rahmen einer tätlichen Auseinandersetzung, welche er
durch das Warten auf den Geschädigten mindestens mitprovozierte, völlig unver-
mittelt mit einer abgebrochenen Bierflasche am Oberkörper und Kopf attackierte
- 34 -
und diesem dabei unter anderem die oberflächliche Schläfenarterie und die quer-
verlaufende Schlagader des Gesichts durchtrennte. Auch das Ohr inklusive Knor-
pel wurde an mehreren Stellen vollständig durchtrennt (Urk. 9/7 S. 6 f.). Anhand
der vom Geschädigten erlittenen Verletzungen, insbesondere auch der Tiefe der
Schnittwunden, erhellt, dass der Beschuldigte mit einer beachtlichen Kraft sowie
Gewalt mit der abgebrochenen Bierflasche auf den Geschädigten einwirkte. Der
Geschädigte erlitt erhebliche Verletzungen, an welchen er ohne das rechtzeitige
Einschreiten der Sanität infolge Verblutens gestorben wäre. Zwar ist mit der Vor-
instanz zu Gunsten des Beschuldigten auch zu berücksichtigen, dass die Stim-
mung aufgeheizt war und der Geschädigte den Beschuldigten verbal massiv be-
schimpft hatte oder sogar gegen den Geschädigten tätlich wurde, er sich mithin
gegenüber dem Beschuldigten durchaus provokativ verhalten hatte, weshalb der
Geschädigte ein gewisses Mitverschulden an der Auseinandersetzung trägt.
Nichtsdestotrotz muss aber das Vorgehen des Beschuldigten bei objektiver Be-
trachtung als heimtückisch und rücksichtslos bezeichnet werden. Der Beschuldig-
te hatte sich nach der ersten Auseinandersetzung vor dem Pub bereits vom Ge-
schädigten entfernt und war auf dem Weg nach Hause bzw. in die nächste Bar.
Der Geschädigte war ein ehemaliger Kollege von ihm und er wusste, dass dieser
betrunken war. Statt seinen Weg weiter und damit der Konflikt-Situation aus dem
Weg zugehen, suchte er erneut die Konfrontation mit dem Geschädigten, in dem
er auf diesen wartete. Der Beschuldigte behändigte eine Glasflasche und zer-
brach diese absichtlich, um diese danach gegen den Geschädigten einzusetzen.
Mithin schuf er eine gefährliche Waffe, welche verschiedene scharfe Abbruch-
stellen aufwies, was sich bereits aus dem Verletzungsbild des Geschädigten
ergibt. Er versteckte diese anschliessend hinter seinem Rücken und wartete so
auf den Geschädigten. Mithin entschloss er sich – entgegen seinen eigenen Be-
hauptungen – nicht erst im Verlaufe dieser tätlichen Auseinandersetzung, mit der
abgebrochenen Glasflasche auf den Geschädigten einzuschlagen, sondern er
plante dies im Voraus, wenn auch spontan unmittelbar vor der Auseinander-
setzung. Dass die eigentliche tätliche Auseinandersetzung bloss zehn Sekunden
dauerte, ist entgegen der Vorinstanz nicht zu Gunsten des Beschuldigten zu be-
rücksichtigen, reichte diese kurze Zeit doch immerhin aus, dem Geschädigten
- 35 -
insgesamt sieben, teilweise lebensgefährliche, Schnittverletzungen zuzufügen.
Insgesamt wiegt daher das objektive Verschulden mittelschwer.
3.1.2. In subjektiver Hinsicht ist zugunsten des Beschuldigten zu berücksichtigen,
dass dieser eventualvorsätzlich handelte und sich aufgrund der vorhergehenden
Auseinandersetzung mit dem Geschädigten sowie dessen Beschimpfungen in ei-
ner aufgewühlten Verfassung befand. Nichtsdestotrotz erfolgte die Tat aus nichti-
gem Grund, zumal der Beschuldigte der Situation einfach hätte entgehen können,
indem er den Platz mit seiner Freundin verlassen hätte, wozu diese ihn sogar ex-
plizit aufgefordert hatte. Stattdessen wartete auf den Geschädigten, wodurch er
letztlich das erneute Aufeinandertreffen provozierte. Er wartete aber nicht bloss
und provozierte eine weitere (tätliche) Auseinandersetzung, sondern fertigte – oh-
ne entschuldbaren Grund – wissentlich und willentlich eine gefährliche Waffe an
und zögerte nicht, diese in der anschliessenden Auseinandersetzung umgehend
gezielt gegen den Oberkörper und Kopf des Geschädigten und somit gegen sen-
sible Körperstellen einzusetzen. Dabei nahm er folglich in Kauf, dem Geschädig-
ten tödliche Verletzungen zuzufügen. Dieses Verhalten ist zweifellos als rück-
sichtslos, verwerflich sowie hinterrücks zu qualifizieren und erweckt den Anschein
eines Racheakts. Insgesamt vermag das subjektive Verschulden das objektive
dennoch leicht zu relativieren, weshalb von einem nicht mehr leichten Verschul-
den auszugehen ist. Insgesamt erscheint daher eine hypothetische Einsatzstrafe
von 8 Jahren dem objektiven und subjektiven Verschulden des Beschuldigten an-
gemessen.
3.1.3. Bei einem Versuch gemäss Art. 22 Abs. 1 StGB kann das Gericht die Strafe
mildern. Das Mass der zulässigen Reduktion der Strafe bei einem vollendeten
Versuch hängt unter anderem von der Nähe des tatbestandsmässigen Erfolgs
und den tatsächlichen Folgen der Tat ab (BGE 121 IV 49 E. 1). Der Beschuldigte
stach bzw. schlug mit der abgebrochenen Bierflasche mehrfach gegen den Ober-
körper und den Kopf des Geschädigten ein, wobei er unter anderem die ober-
flächliche Schläfenarterie und die querverlaufende Schlagader des Gesichts
durchtrennte (Urk. 9/7 S. 6 f.). Dass die dadurch verursachten, schwerwiegenden
und lebensbedrohlichen Verletzungen letztlich nicht zum Tod des Geschädigten
- 36 -
führten, ist einzig der sofortigen medizinischen Versorgung und der anschliessen-
den spitalärztlichen Intervention zu verdanken. Zwar liess der Beschuldigte frei-
willig vom Geschädigten ab, jedoch rannte er davon und unternahm nichts, um
dem Geschädigten zu helfen. Wenn die Vorinstanz unter dem Titel "Versuch" eine
Strafminderung von 1.5 Jahren (mithin rund 21.5 %) vornimmt, erscheint dies da-
her als zu milde. Angemessen ist es, die hypothetische Einsatzstrafe aufgrund
des vollendeten Versuches um ein Jahr auf sieben Jahre zu senken.
3.2. Täterkomponente
3.2.1. Die Vorinstanz hat die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten und
seinen Werdegang in den wesentlichen Punkten korrekt zusammengefasst und
wiedergegeben. Darauf ist vorab zu verweisen (Urk.49 S. 62; Art. 82 Abs. 4
StPO). Anlässlich der Berufungsverhandlung ergänzte der Beschuldigte zudem,
inzwischen Vater geworden zu sein, wobei das Kind bei dessen Mutter in Spanien
lebe. Er unterstütze das Kind finanziell, wozu er allerdings nicht durch ein Gericht
verpflichtet worden sei. Ferner befindet sich der Beschuldigte seit Oktober 2017
aufgrund von Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz in Untersu-
chungshaft (Urk. 67 S. 2 ff.; Urk. 67a S. 1). Mit der Vorinstanz lässt sich aus dem
Vorleben und den persönlichen Verhältnissen nichts ableiten, was die Strafzu-
messung in massgeblicher Weise beeinflussen würde.
3.2.2. Lediglich marginal straferhöhend berücksichtigte die Vorinstanz, dass der
Beschuldigte – nicht einschlägig – vorbestraft ist (Urk. 49 S. 63). Dies ist allzu
wohlwollend. Auch nicht einschlägige Vorstrafen belegen eine gleichgültige Ein-
stellung des Delinquenten gegenüber der geltenden Rechtsordnung. Sodann ist
der Beschuldigte nicht nur vorbestraft, er beging die vorliegend zu beurteilende
Tat auch während laufender Probezeit (Urk. 50). Insgesamt resultiert mindestens
eine leichte Straferhöhung.
3.2.3. Bloss leicht strafmindernd ist demgegenüber das teilweise, jedoch dürftige
Geständnis des Beschuldigten zu berücksichtigen, zumal ein Abstreiten der Betei-
ligung angesichts der Zeugen sinnlos gewesen wäre und die Polizei bereits nach
dem Beschuldigten fahndete (vgl. Urk. 1/3). Aus dem Nachtatverhalten lässt sich
- 37 -
sodann nichts zugunsten des Beschuldigten ableiten. Auch anlässlich der Beru-
fungsverhandlung war beim Beschuldigten weder aufrichtige Reue noch Einsicht
in seine Tat spürbar (Urk. 67 S. 15 u. 17). Auf die diesbezüglichen zutreffenden
Erwägungen der Vorinstanz kann vollumfänglich verwiesen werden, weshalb sich
somit insgesamt die straferhöhenden und strafmindernden Faktoren neutralisieren
(Urk. 49 S. 63; Art. 82 Abs. 4 StPO).
3.3. Fazit
3.3.1. Unter Berücksichtigung sämtlicher massgebender Strafzumessungsgründe
erscheint eine Freiheitsstrafe von 7 Jahren dem Verschulden und den persön-
lichen Verhältnissen des Beschuldigten angemessen.
3.3.2. Der Beschuldigte befand sich vom 1. Juni 2016 bis 19. September 2016 in
Haft (Urk. 20/3 S. 1). Die erstandene Haft von 111 Tagen sind dem Beschuldigten
im Sinne von Art. 51 StGB auf die Freiheitsstrafe anzurechnen.
4. Vollzug
In Anbetracht der heute auszufällenden Freiheitstrafe von 7 Jahren fällt die Ge-
währung des bedingten oder teilbedingten Strafvollzuges bereits aus objektiven
Gründen ausser Betracht (vgl. Art. 42 Abs. 1 und Art. 43 Abs. 1 StGB).
V. Widerruf
1. Die Vorinstanz hat den bedingten Vollzug der mit Strafbefehl der Staatsan-
waltschaft Zürich-Limmat vom 29. Januar 2015 ausgefällten Geldstrafe von
120 Tagessätzen zu Fr. 30.00 widerrufen, weil der Beschuldigte die vorliegend zu
beurteilende Straftat während der Probezeit von drei Jahren begangen hat
(Urk. 49 S. 64 f.). Der Beschuldigte beantragt im Berufungsverfahren, es sei vom
Widerruf der bedingten Geldstrafe abzusehen (Urk. 53 S. 2), ohne dies im Beru-
fungsverfahren weiter zu begründen (Urk. 69 i.V.m. Prot. II S. 9 ff.).
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2.1. Der Beschuldigte wurde mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-
Limmat vom 29. Januar 2015 wegen Hehlerei, Vergehen bzw. Übertretung des
Betäubungsmittelgesetzes sowie Vergehen gegen das Waffengesetz mit einer
Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu Fr. 30.– sowie einer Busse von Fr. 300.– be-
straft. Die Geldstrafe wurde für bedingt vollziehbar erklärt, wobei die Probezeit auf
drei Jahre festgesetzt wurde (Urk. 15/2). Die vorliegend zu beurteilende Straftat
vom 28. Mai 2016 erfolgte folglich während laufender Probezeit.
2.2. Die Vorinstanz hat zutreffend ausgeführt, unter welchen Voraussetzungen
eine bedingte Strafe zu widerrufen ist bzw. wann auf einen Widerruf verzichtet
werden kann (Urk. 49 S. 64; Art. 82 Abs. 4 StPO). Wenn die Vorinstanz zum
Schluss kam, der Beschuldigte, welcher wegen unerlaubtem Waffenbesitz vorbe-
straft sei, habe einen waffenähnlichen, gefährlichen Gegenstand eingesetzt, einen
Angriff provoziert und eine Verhaltensweise an den Tag gelegt, welche zu massi-
ven Verletzungen von Personen führen könne, weshalb ihm keine günstige Prog-
nose gestellt werden könne, so ist ihr darin vollumfänglich zuzustimmen
(vgl. Urk. 49 S. 65). Zu berücksichtigen ist ferner neu, dass der Beschuldigte in-
zwischen – sowohl während der laufenden Strafuntersuchung im vorliegenden
Verfahren als auch nach Eröffnung des erstinstanzlichen Urteils – erneut delin-
quierte und deshalb ein Strafverfahren wegen Widerhandlungen gegen das Be-
täubungsmittelgesetz pendent ist, in welchem er geständig ist (Urk. 67B). Dies
spricht ebenfalls deutlich gegen eine günstige Prognose. Dementsprechend ist
der bedingte Vollzug der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat
vom 29. Januar 2015 ausgefällten Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu Fr. 30.00
zu widerrufen
3. Die Umwandlung dieser Geldstrafe in eine Freiheitsstrafe fällt schliesslich
bereits aufgrund des angepassten und per 1. Januar 2018 in Kraft getretenen
Wortlauts von Art. 46 Abs. 1 StGB ausser Betracht, wonach eine Gesamtstrafe
nur bei gleichartigen Strafen auszufällen ist.
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VI. Zivilansprüche
1. Die Vorinstanz verurteilte den Beschuldigten, der Privatklägerin Unfallversi-
cherung der Stadt Zürich Fr. 15'257.80 zu bezahlen (Urk. 49 S. 65 f.; S. 67). Der
Beschuldigte erklärte im Berufungsverfahren, im Falle einer Verurteilung die Zivil-
forderung der Unfallversicherung der Stadt Zürich im Grundsatze nach zu aner-
kennen (Urk. 53 S. 2).
2. Wie die Vorinstanz zutreffend ausführte, ergibt sich aus der Eingabe der Un-
fallversicherung Stadt Zürich vom 18. November 2016, dass diese dem Geschä-
digten B._ einerseits Heilungskosten von Fr. 14'214.10 sowie andererseits
UVG-Taggelder in der Höhe von Fr. 1'043.70, insgesamt also Fr. 15'257.80 aus-
bezahlt hat. Des Weiteren ist ersichtlich, dass die Taggelder für den Zeitraum vom
31. Mai 2016 bis 13. Juni 2016 ausbezahlt wurden und die Heilungskosten eben-
falls in den Zeitraum ab 28. Mai 2016 fallen (Urk. 10/1/10). Mithin ist erwiesen,
dass diese Kosten mit der versuchten Tötung im Zusammenhang stehen. Zudem
bringt die Verteidigung keine Argumente vor, weshalb die Höhe dieser Forderung
durch den Beschuldigten bestritten wird. Dass die Unfallversicherung Stadt Zürich
gestützt auf die Legalzession von Art. 72 ATSG berechtigt ist, ihre Schadener-
satzforderung im vorliegenden Strafverfahren adhäsionsweise geltend zu ma-
chen, hat die Vorinstanz bereits dargelegt (Urk. 49 S. 65 f.). Somit ist der Be-
schuldigte auch im Berufungsverfahren zu verpflichten, der Unfallversicherung
Stadt Zürich Fr. 15'257.80 zu bezahlen.
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Kosten
1.1. Nachdem der erstinstanzliche Schuldspruch heute zu bestätigen ist, ist
ausgangsgemäss auch die erstinstanzliche Kostenauflage (Urk. 49 Dispositiv Zif-
fer 8) zu bestätigen.
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1.2. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist praxisgemäss auf
Fr. 3'000.– festzusetzen.
1.3. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Die Staatsanwaltschaft
obsiegt mit ihrer Berufung in Bezug auf die Erhöhung des Strafmasses grössten-
teils, während der Beschuldigte mit seinen Anträgen auf Freispruch, eventualiter
Verurteilung wegen einer schweren Körperverletzung, vollumfänglich unterliegt.
Angesichts des bloss marginalen Unterliegens der Staatsanwaltschaft sowie des
vollumfänglichen Unterliegens des Beschuldigten rechtfertigt es sich, die Kosten,
mit Ausnahme der Kosten der amtlichen Verteidigung, dem Beschuldigten auf-
zuerlegen. Die Kosten für die amtliche Verteidigung sind einstweilen auf die Ge-
richtskasse zu nehmen, wobei eine Rückzahlungspflicht des Beschuldigten ge-
mäss Art. 135 Abs. 4 StPO vorzubehalten ist.
2. Entschädigung
Die amtliche Verteidigung des Beschuldigten, Rechtsanwalt lic. iur. X._,
reichte mit Eingabe vom 23. Mai 2018 seine Honorarnote ins Recht (Urk. 70). Die
geltend gemachten Aufwendungen und Auslagen sind ausgewiesen und erweisen
sich als angemessen. Zusätzlich ist dem Verteidiger der Aufwand für die Beru-
fungsverhandlung sowie ein Zuschlag für das Studium des Urteils und eine Nach-
besprechung zu entschädigen, weshalb der amtliche Verteidiger der Beschuldig-
ten, Rechtsanwalt lic. iur. X._, mit pauschal Fr. 5'300.– (inkl. MwSt.) aus der
Gerichtskasse zu entschädigen ist.