Decision ID: 452351ba-8477-5d93-afff-1776709bb89a
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein aserbaidschanischer Staatsangehöriger
kurdischer Ethnie mit letztem Wohnsitz in B._, verliess sein Heimat-
land eigenen Angaben gemäss am 17. Dezember 2015 und gelangte am
folgenden Tag in die Schweiz, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte.
A.b Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 5. Januar 2016 er-
klärte der Beschwerdeführer, er habe im Jahr 2012 eine Frau geheiratet,
deren nationalistisch eingestellte Familie nicht gewusst habe, dass er
Kurde sei. Als seine Frau dies herausgefunden habe, habe sie ihm Vor-
würfe gemacht. Ihr Bruder, der Mitglied einer Verbrecherbande sei, die mit
der Polizei zusammenarbeite, habe ihn zusammen mit einem Kollegen zu-
sammengeschlagen. Sie hätten den Leuten erzählt, dass er Kurde sei, wo-
rauf er Ende Oktober 2015 seine Arbeit verloren habe. Der Schwager sei
mit seinem Freund in ein Restaurant gekommen, wo er von ihm habe Geld
erpressen wollen. Sie hätten gesagt, er müsse jeden Monat bezahlen, an-
sonsten sie ihn umbringen würden. Jeden Tag habe man ihn angerufen
und ihm gesagt, er müsse bezahlen – bei einer der Nummern, von denen
er angerufen worden sei, handle es sich um eine „Polizeinummer“. Am
17. Dezember 2015 habe er einen Anruf von einem Polizeioffizier erhalten,
der ihn am folgenden Tag habe treffen wollen. 2013 habe er an einer De-
monstration gegen eine Erhöhung der Ladenmieten teilgenommen. Er sei
festgenommen und auf einen Polizeiposten gebracht worden. Sein Vater
habe 500 Dollar bezahlt und er sei freigelassen worden.
A.c Das SEM hörte den Beschwerdeführer am 6. Februar 2018 zu seinen
Asylgründen an. Er machte im Wesentlichen geltend, er sei unberechtig-
terweise beschuldigt worden, Schulden zu haben, womit eine Festnahme
gerechtfertigt werden solle. Seine Eltern seien mehrmals von der Polizei
vorgeladen und belästigt worden. Am 12. Mai 2017 habe die Polizei das
Haus seiner Eltern überfallen. Seine Eltern, die kurdischer Abstammung
seien, hätten bis im Jahr 1988 in Armenien gelebt und seien damals nach
B._ gezogen. 2012 habe er seine Ex-Frau geheiratet, 2013 sei sein
Sohn geboren worden. Als seine Schwiegerfamilie erfahren habe, dass er
Kurde sei, hätten die Probleme begonnen. Sein Schwager habe ihn von
seinem Arbeitsplatz geholt und draussen geschlagen und allen Leuten er-
zählt, dass er Kurde sei. Sein Schwager habe bei einer Metrostation vor
seinen Augen einen türkischen Staatsangehörigen zusammengeschlagen.
Später habe er (der Beschwerdeführer) erfahren, dass dieser Mann nicht
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mehr lebe. Sein Schwager sei festgenommen worden und er habe als
Zeuge aussagen müssen. Weil jemand sich für seinen Schwager einge-
setzt habe, sei dieser freigelassen worden. Danach sei er (der Beschwer-
deführer) bedroht worden, man werde ihn vernichten, weil er alles gesehen
habe. Im Oktober 2015 habe man ihn mitgenommen und in ein Restaurant
gebracht. Danach habe man ihn auf der Strasse bedroht und misshandelt.
Während eines Monats habe er das Haus nicht mehr verlassen. Ein Cousin
der Schwiegerfamilie sei Offizier bei einer Polizeiabteilung – dieser habe
ihn angerufen und ihm gesagt, er dürfe nicht über den Vorfall bei der Met-
rostation sprechen und solle das Land verlassen. Ein einflussreicher Ge-
schäftsmann aus Russland – ein Onkel seiner Ex-Frau – habe ihn mehr-
mals angerufen und bedroht. Er sei von Mitarbeitern zweier Polizeiabtei-
lungen telefonisch mit dem Tod bedroht worden. Der letzte Anruf sei von
einem Polizeihauptmann gekommen, der ihm gesagt habe, er müsse un-
bedingt vorbeikommen. Nach seiner Ausreise sei seine Familie mehrmals
vorgeladen worden. Sie seien auf der Polizeistation von C._ be-
droht worden; der Cousin seiner Ex-Frau sei zugegen gewesen. Bei der
letzten Festnahme seien die Eltern zur Polizeihauptabteilung in B._
gebracht worden. Auf Anweisung des Chefs dieser Abteilung seien sie be-
leidigt und misshandelt worden. Man habe seinen Eltern gedroht, dass man
sie vernichten werde. Er (der Beschwerdeführer) habe sich in Facebook zu
diesen Vorfällen geäussert – die Behörden hätten sein Facebookprofil
überwacht. Eine Tante seiner Ex-Frau und zwei ihrer Söhne seien Salafis-
ten, die zusammen mit dem Bruder seiner Ex-Frau Menschen anwerben
würden, die zum Kämpfen nach Syrien reisten. Sie hätten auch ihm ein
entsprechendes Angebot unterbreitet. Diese Tante habe ihn angerufen und
ihm gesagt, sie würden ihn umbringen. Mehrere der Polizisten, von denen
er erzähle, seien kriminell und sähen dem Drogenhandel zu.
A.d Am 26. März 2018 hörte das SEM den Beschwerdeführer ergänzend
an. Er sagte aus, er habe seiner Frau nach der Geburt ihres gemeinsamen
Sohnes gesagt, dass seine Familie aus Armenien gekommen und kurdi-
scher Ethnie sei. Sie habe es ihrer Familie gesagt, die danach Probleme
verursacht habe. Nachdem sein Schwager bei einer Metrostation einen tür-
kischen Staatsangehörigen niedergeschlagen habe, hätten die Behörden
ihn (den Beschwerdeführer) befragen wollen. Sein Schwager sei festge-
nommen worden; er nehme an, dieser habe den Behörden gesagt, dass er
in dem Wagen gesessen habe, als es zu dem Vorfall bei der Metrostation
gekommen sei. Da der Schwager nach wenigen Tagen freigelassen wor-
den sei, habe er realisiert, dass er selbst in Gefahr sei. In der Folge habe
er viele Telefonanrufe erhalten, in denen er bedroht worden sei. Im Januar
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2013 habe er an einer Demonstration teilgenommen, weil von der Regie-
rung von Ladenbesitzern Bestechungsgelder verlangt worden seien. Da-
raufhin habe man ihm seinen Laden weggenommen. Er habe im Oktober
2015 die Schweiz besucht und sei anschliessend wieder in die Heimat zu-
rückgekehrt. Ende Oktober 2015 habe man ihm irgendetwas, das er nicht
getan habe, angehängt und einen Suchbefehl gegen ihn ausgestellt.
A.e Der Beschwerdeführer reichte während des vorinstanzlichen Verfah-
rens zahlreiche Beweismittel zu den Akten (vgl. act. A10 Ziff. 1 bis 15).
B.
Mit am folgenden Tag eröffneter Verfügung vom 12. März 2019 stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es seine Wegweisung
aus der Schweiz und ordnete den Vollzug derselben an.
C.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 12. April 2019 liess der Be-
schwerdeführer gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde erheben. In dieser wird beantragt, der Entscheid des SEM sei
aufzuheben, der Beschwerdeführer sei als Flüchtling anzuerkennen und
ihm sei Asyl zu gewähren. Eventualiter seien die Ziffern 3 bis 5 des Dispo-
sitivs des angefochtenen Entscheides aufzuheben und dem Beschwerde-
führer sei aufgrund der Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs die vorläufige Aufnahme zu erteilen. In verfahrensrechtlicher
Hinsicht wird weiter beantragt, dem Beschwerdeführer sein die unentgelt-
liche Rechtspflege zu gewähren und die Unterzeichnende als amtliche
Rechtsbeiständin beizuordnen.
Der Eingabe lagen eine E-Mail von D._ vom 25. März 2019 und
mehrere Beweismittel zur finanziellen Lage des Beschwerdeführers bei.
D.
Mit Instruktionsverfügung vom 23. April 2019 hiess der Instruktionsrichter
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und
ordnete dem Beschwerdeführer Rechtsanwältin Melanie Aebli als amtliche
Rechtsbeiständin bei. Die Akten übermittelte er zur Vernehmlassung an
das SEM.
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E.
Das SEM beantragte in seiner Vernehmlassung vom 30. April 2019 die Ab-
weisung der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht setzte den Be-
schwerdeführer am 6. Mai 2019 von der Vernehmlassung in Kenntnis.
F.
Mit Eingabe vom 18. Dezember 2019 informierte die Rechtsvertreterin das
Gericht über exilpolitische Aktivitäten des Beschwerdeführers. Beigelegt
waren Fotografien, die ihn mit E._ zeigten, Screenshots von Posts
auf seinem Facebookprofil und eine Kostennote der Rechtsvertreterin vom
11. November 2019.
G.
Der Instruktionsrichter teilte dem Beschwerdeführer mit Zwischenverfü-
gung vom 6. März 2020 mit, das Gericht erwäge eine Motivsubstitution, da
es mehrere seiner Aussagen als nicht glaubhaft erachte. Er setzte ihm Frist
zur Einreichung einer schriftlichen Stellungnahme.
H.
Am 23. April 2020 reichte der Beschwerdeführer seine Stellungnahme ein.
Dieser lagen ein Kurzbericht der Hilfswerkvertretung vom 2. April 2018,
eine Übersetzung eines Telefongesprächs des Beschwerdeführers mit sei-
nem Vater und eine ergänzte Kostennote vom 23. April 2020 bei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor.
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1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die we-
gen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Aus-
druck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat be-
stehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei die Einhaltung des
Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 4 AsylG).
3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führt zur Begründung seiner Verfügung aus, der Beschwer-
deführer habe geltend gemacht, seine Ex-Frau und deren Familie hätten
erst drei Jahre nach der Heirat herausgefunden, dass er kurdischer Ethnie
sei. Die Familie seiner Ex-Frau habe sich während längerer Zeit nicht für
seine Ethnie interessiert. Dies erscheine vor dem Hintergrund, dass er auf-
grund seiner ethnischen Zugehörigkeit an Leib und Leben bedroht sei,
nicht nachvollziehbar. Es erstaune, dass er erst drei Jahre nach der Heirat
mitbekommen habe, dass die Familie seiner Ex-Frau türkisch-nationalis-
tisch eingestellt gewesen sei. Es könne somit nicht geglaubt werden, dass
er aufgrund seiner Ethnie bedroht worden sei und seine Heimat deshalb
verlassen habe.
Übergriffe oder erlittene Nachteile stellten keine Verfolgung im Sinne des
Asylgesetzes dar, soweit sie nicht auf der Absicht beruhten, einen Men-
schen aus einem der in Art. 3 AsylG erwähnten Gründe zu treffen. Über-
griffe durch Dritte seien nur dann asylrelevant, wenn der Staat seiner
Schutzpflicht nicht nachkomme oder nicht in der Lage sei, Schutz zu ge-
währen. Aufgrund der vorhergehenden Erwägungen sei davon auszuge-
hen, dass dem Konflikt mit der Schwiegerfamilie kein Verfolgungsmotiv aus
den in Art. 3 AsylG erwähnten Gründen zugrunde gelegen habe. Es be-
stehe kein Anlass zur Annahme, dass er aufgrund des Streits und seiner
ethnischen Zugehörigkeit von Seiten der Familie seiner Ex-Frau Verfol-
gungsmassnahmen im Sinne des AsylG zu befürchten habe. Seinen Aus-
sagen sei zu entnehmen, dass die Justiz nach dem Vorfall mit seinem
Schwager Ermittlungen aufgenommen habe und damit schutzfähig sei.
Trotz der Probleme habe er ab Februar 2015 im Kontakt mit seinem
Schwager gestanden und sei im Oktober 2015 in den Vorfall geraten. Wei-
ter habe er angegeben, dass die Probleme mit der Familie der Ex-Frau vor
allem aus Drohungen und Beschimpfungen bestanden hätten. Objektive
Anhaltspunkte, dass ihm bei einer Rückkehr ernsthafte Verfolgungsmass-
nahmen drohten, seien nicht zu erkennen. Es erstaune, dass er sein Asyl-
gesuch erst nach der zweiten Einreise in die Schweiz im Dezember 2015
eingereicht habe. Im Fall einer tatsächlichen Gefährdung im Heimatland
wäre davon auszugehen, dass er das Asylgesuch bei der ersten sich bie-
tenden Möglichkeit eingereicht hätte. Gemäss seinen Aussagen hätten die
Probleme mit der Familie bereits seit Februar 2015 bestanden. Schliesslich
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sei festzuhalten, dass es sich bei den Vorfällen um Übergriffe von Drittper-
sonen handle, die vom Staat weder unterstützt noch gebilligt würden. Sol-
che Ereignisse würden von den Strafverfolgungsbehörden verfolgt und ge-
ahndet. Betroffenen sei es möglich und zumutbar, mit rechtlichen Mitteln
und gegebenenfalls mit Hilfe eines Anwalts gegen die geltend gemachten
Übergriffe vorzugehen. Sollte sich die Polizei weigern, entsprechende
Schritte einzuleiten, bestehe die Möglichkeit, sich bei einer höheren In-
stanz zu beschweren. Aus der Argumentation des Beschwerdeführers
gehe nicht hervor, dass für ihn der Zugang zu den Behörden nicht gewähr-
leistet gewesen sei. Die Verhaftung des Schwagers deute darauf hin, dass
der aserbaidschanische Staat gewillt sei, kriminelle Handlungen zu unter-
suchen. Bei den Angehörigen seiner Schwiegerfamilie handle es sich zwar
um Kriminelle, nicht aber um einflussreiche Politiker oder Behördenvertre-
ter. Er habe die Möglichkeit, sich nach einer Rückkehr an die zuständigen
Polizeibehörden zu wenden und um Schutz zu ersuchen.
Bei den eingereichten Dokumenten handle es sich um offizielle Doku-
mente, die keine asylrelevante Verfolgung dokumentierten. Auch die zahl-
reichen Ausdrucke von Internetartikeln, Fotografien und die Auszüge aus
Facebook könnten die geltend gemachte Bedrohung durch die Familie sei-
ner Ex-Frau aufgrund seiner Ethnie nicht glaubhaft machen.
Hinsichtlich des Vorfalls, der sich 2013 zugetragen habe, sei festzustellen,
dass kein Kausalzusammenhang mit der erst zwei Jahre später erfolgten
Ausreise bestehe. Den Akten sei auch nicht zu entnehmen, dass ihm des-
halb zum Zeitpunkt der Ausreise Verfolgungsmassnahmen gedroht hätten.
Bei den eingereichten Vorladungen der Polizeieinheiten F._ und
C._ handle es sich um offizielle Schreiben der Behörden. Darin sei
festgehalten, dass er wegen eines Streits im Oktober 2015 „die öffentliche
Ordnung“ gestört habe und sich auf der Polizeiwache melden solle. Bei der
strafrechtlichen Ahndung eines Streits handle es sich um eine rechtsstaat-
lich legitime Massnahme. Der Inhalt des Strafbefehls stütze sich auf das
Strafgesetz; bei der Verfolgung eines gemeinrechtlichen Delikts handle es
sich jedoch nicht um eine Verfolgung aus einer der in Art. 3 AsylG genann-
ten Motive. Zur geltend gemachten Festnahme der Eltern des Beschwer-
deführers sei anzumerken, dass es im Ermessen eines Staats liege, ge-
wisse Personen kurzzeitig festzunehmen – sollten sich die Eltern unge-
recht behandelt fühlen, hätten sie die Möglichkeit, sich an eine übergeord-
nete Instanz zu wenden. Verfehlungen von Behördenvertretern würden
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vom aserbaidschanischen Staat weder unterstützt noch gebilligt. Der Be-
schwerdeführer habe keine Anhaltspunkte geltend machen können, dass
seine Familie tatsächlich auf einer „schwarzen Liste“ stehe.
4.2 In der Beschwerde wird einleitend der Sachverhalt geschildert und gel-
tend gemacht, der Beschwerdeführer sei zwischen dem 8. und dem
13. Oktober 2015 erstmals in die Schweiz gekommen, um seinen Freund
D._ zu besuchen. Nach seiner Rückkehr sei er am Abend des
30. Oktober 2015 von seinem Schwager abgeholt worden. Dabei sei er
Zeuge geworden, wie sein Schwager einen Mann mit dem Griff einer Pis-
tole niedergeschlagen habe. Der Schwager sei von der Polizei festgenom-
men, aber schnell wieder freigelassen worden, was der Beschwerdeführer
auf dessen Beziehungen zur Polizei und zur Justiz zurückführe. Seither
werde er (der Beschwerdeführer) von verschiedenen Seiten bedroht. Er sei
als Zeuge vorgeladen worden, aber es sei nie zu einer Aussage gekom-
men, da man gewollt habe, dass er schweige. Man habe ihm gesagt, er
werde vernichtet, weil er alles gesehen habe. Er sei auch von H._,
einem Cousin des Schwagers und Hauptleutnant der Polizeiabteilung in
C._ bedroht worden, der ihm geraten habe, das Land zu verlassen.
Auch von anderen Familienmitgliedern seiner Ex-Frau und von Mitarbei-
tenden der Polizei habe er Drohanrufe erhalten. Nach dem Vorfall an der
Metrostation sei er von seinem Schwager aufgefordert worden, in ein Res-
taurant zu kommen, wo er bedroht worden sei, damit er keine Aussagen
mache. Sein Schwager und möglicherweise weitere Mitglieder dessen Fa-
milie seien im Drogenhandel tätig und hätten Kontakte zu Polizeibeamten
und -behörden, die sie gewähren liessen.
Der Beschwerdeführer habe herausgefunden, dass er wegen einer Straftat
gesucht werde, die er nicht begangen habe. Aus Furcht habe er einen Mo-
nat lang sein Haus nicht verlassen. Kurz vor der zweiten Ausreise habe er
telefonisch ein Aufgebot von einem Polizisten namens I._ erhalten,
ohne dass dieser ihm den Grund genannt habe.
Von der Schweiz aus habe er über Facebook Berichte über die aserbaid-
schanische Polizei verbreitet; er habe den Justizapparat und die Regierung
kritisiert und über seine Erfahrungen mit der Polizei und die Korruption be-
richtet. An seine Wohnadresse sei ein auf den 16. Januar 2016 datiertes
Schreiben vom Bezirkspolizeiamt G._ geschickt worden, wonach er
zur Fahndung ausgeschrieben sei, weil er einer polizeilichen Vorladung
nicht gefolgt sei. Die erwähnten Gesetzesartikel wiesen darauf hin, dass er
wegen Störung der öffentlichen Ordnung, Rowdytum und Verleumdung des
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Staats gesucht werde. Am 28. Oktober 2016 habe die Polizeibehörde
C._ seinem Anwalt mitgeteilt, dass gegen ihn eine Fahndung laufe.
Im März 2017 habe seine Ex-Frau ihm eine Erklärung zukommen lassen,
in der sie einen Monat nach der Scheidung vom 14. August 2015 bestätigt
habe, keine Zivilforderungen gegen ihn stellen zu wollen – ihre Familie
wisse nichts davon. Dieses Dokument sei wichtig, da der Beschwerdefüh-
rer fälschlicherweise beschuldigt worden sei, die Unterhaltszahlungen
nicht geleistet zu haben. Im Frühling 2017 seien seine Eltern mehrmals von
der Polizei mitgenommen und verhört worden – auch vom Cousin seines
Schwagers. Am 12. Mai 2017 seien die Eltern auf die Polizeistation von
B._ gebracht worden, wo sie geschlagen worden seien. Der Be-
schwerdeführer habe eine Fotografie seines Vaters eingereicht, als dieser
nach dem Vorfall im Spital gewesen sei, und auch eine Fotografie seiner
Mutter, welche diese mit geschwollenem Gesicht zeige. Er habe das Tele-
fongespräch mit seinem Vater aufgenommen, das dieser aus dem Polizei-
gewahrsam heraus mit ihm geführt habe. Mit Schreiben vom 25. Septem-
ber 2017 habe die Polizei von C._ dem Anwalt des Beschwerdefüh-
rers mitgeteilt, dass gegen ihn eine Fahndung aufgrund zivilrechtlicher Ver-
pflichtungen eingeleitet worden sei und er auch international gesucht
werde.
Zusammenfassend sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer Zeuge ei-
nes Gewaltverbrechens geworden sei, das von einem mächtigen, im Dro-
genhandel tätigen Mann begangen worden sei. Wegen der Korruption und
den Verbindungen der Drogenhändler zum Justizapparat, sei er ins Visier
des Systems geraten. Er werde gesucht und es würden ihm Straftaten an-
gelastet, die er nicht begangen habe. Erschwerend komme hinzu, dass er
jesidischer Kurde sei und deshalb schon Drohungen, Schläge und Ernied-
rigungen erlitten habe.
Der Beschwerdeführer habe ausgesagt, dass seine Ex-Frau sich lange Zeit
nicht für seine Herkunft interessiert habe. Sie und ihre Familie hätten ge-
wusst, dass seine Eltern armenische Einwanderer seien, weshalb sie an-
genommen hätten, er sei türkischer Herkunft. Sein Name lasse weder auf
eine kurdische noch auf eine jesidische Herkunft schliessen. Er habe ge-
wusst, dass es jesidische Kurden in Aserbaidschan nicht einfach hätten,
weshalb er nicht als erstes seine Herkunft angesprochen habe. Die Ehe-
leute hätten eine eigene Wohnung genommen und sich zu Beginn kaum
mit ihren Familien getroffen. Regelmässige Besuche seien erst mit der Zeit
erfolgt. Die Aussagen des Beschwerdeführers enthielten zahlreiche Real-
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kennzeichen, die keine Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit zuliessen. Er be-
richte nicht immer chronologisch, sondern erwähne die Ereignisse, die ihn
am meisten ängstigten. Es falle auf, dass er Angst habe, ohne das System
genau zu durchschauen und seine Schilderungen seien nicht gesteigert
wiedergegeben. Er nenne die Namen derer, die ihn bedroht hätten, und
habe an der Anhörung die Telefonnummern der Anrufer gezeigt, die ihn
bedroht hätten. Er nenne immer wieder die gleichen Details und aus den
Protokollen werde ersichtlich, dass er grosse Angst vor dem mächtigen
korrupten Apparat habe.
Aufgrund des Gesagten sei erstellt, dass seine kurdische Ethnie massge-
blich mit den Übergriffen und Drohungen der Familie seiner Ex-Frau zu-
sammenhänge. Für die Familie sei dies ein Motiv, ihn zu bedrohen. Flücht-
lingsrechtlich relevant werde dies, wenn er nicht auf staatlichen Schutz
zählen könne. Vorliegend sei es das Zusammenspiel verschiedener Um-
stände, das die ernsthaften Nachteile ausmache. Der Hauptgrund für die
Drohungen bestehe darin, dass er zum Schweigen gebracht werden solle,
da er nicht über ein Gewaltverbrechen berichten solle. Weil Polizeiangehö-
rige offenbar vom Drogenhandel profitierten und die Akteure stützten, hätte
er eine Bedrohung für dieses System werden können. Der Schwager sei
kurz nach seiner Festnahme freigelassen worden und es sei keine Straf-
verfolgung gegen ihn eingeleitet worden. Die staatliche Verfolgung bestehe
darin, dass der Beschwerdeführer als Zeuge verbrecherischer Handlungen
von kriminellen Banden und der Polizei und als Zeuge eines korrupten Sys-
tems bedroht werde, zum Schweigen gebracht und selbst als Straftäter
hingestellt werden solle. Dazu könnten zahlreiche Berichte über Aserbaid-
schan beigezogen werden. Dass er ein korruptes System gefährde, be-
gründe seine Furcht vor der Verfolgung durch die darin involvierten Ak-
teure. Die aserbaidschanischen Behörden gingen mit Härte gegen Men-
schen vor, die sich kritisch gegen die Regierung äusserten. Sie würden aus
politischen Gründen angeklagt und nach unfairen Verfahren inhaftiert. Der
Beschwerdeführer habe nach seiner Flucht ausführlich das korrupte Sys-
tem angeprangert und einen Internetartikel verfasst. In der Folge sei er we-
gen Rowdytums gesucht worden. Die Festnahmen, Bedrohungen und
Misshandlungen seiner Eltern stünden damit im Zusammenhang. Bei einer
Rückkehr habe er mit ernsthaften Verfolgungsmassnahmen zu rechnen.
Polizei und Staatsanwaltschaft seien in die Drohungen gegen und die Su-
che nach ihm involviert, weshalb er nicht gewusst habe, welcher Behörde
er noch vertrauen könne. Er habe keinen Sinn gesehen, sich an die Polizei
zu wenden, da es Polizeibehörden verschiedener Regionen gewesen
seien, die ihn gesucht oder bedroht hätten. Zu erwähnen sei, dass er nach
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der Teilnahme an einer Demonstration im Jahr 2013 schlechte Erfahrungen
mit der Polizei gemacht habe. Es sei ihm deshalb nicht zuzumuten gewe-
sen, bei den Strafverfolgungsbehörden um Schutz zu bitten. Die Lage sei
für ihn nach seinem ersten Besuch in der Schweiz noch nicht so ernst ge-
wesen, da sich der Vorfall an der Metrostation erst nach seiner Rückkehr
in die Heimat ereignet habe.
4.3 In der Eingabe vom 18. November 2019 wird ausgeführt, dass der Be-
schwerdeführer aufgrund seiner Erlebnisse in Aserbaidschan politisch aktiv
geworden sei. Er sei mit vielen Aserbaidschanern, die im Ausland lebten
vernetzt, unter ihnen J._, Journalist und Vorsitzender des (...). Über
Social Media sei er in Kontakt mit Mitgliedern der Volksfront Partei Aser-
baidschans (AXCP), einer der grössten Oppositionsparteien, und mit
E._, einem der bekanntesten (...) Aserbaidschans. Dieser sei im
(...) aufgrund einer konstruierten Anklage zu einer (...)jährigen Haftstrafe
verurteilt worden, nachdem er über Korruptionsvorwürfen gegen hohe
aserbaidschanische Amtsträger recherchiert habe. Er sei am (...) nur des-
halb aus dem Gefängnis entlassen worden, weil im In- und Ausland gegen
seine Inhaftierung protestiert worden sei und sich grosse Organisationen
für ihn eingesetzt hätten. Im Juni 2019 sei E._ in die Schweiz ge-
reist, wo er auch den Beschwerdeführer besucht habe. Der Beschwerde-
führer habe in Facebook mehrmals über seine Erlebnisse berichtet und
Berichte über Menschenrechtsverletzungen und die Korruption in Aser-
baidschan veröffentlicht. Aufgrund der Festnahmen seiner Eltern im Früh-
ling 2017 habe er sein Facebook-Profil mehrmals gewechselt. Er habe über
Demonstrationen und die Festnahme des Vorsitzenden der AXCP berichtet
und die Ereignisse teils mit scharfen Worten kritisiert. Zwei Tage nach der
der letzten Demonstration sei sein Bruder, K._, vor dem Haus der
Eltern verhaftet worden. Er sei verhört und eine Nacht lang in Polizeige-
wahrsam genommen worden. Man habe ihn über die politischen Tätigkei-
ten des Beschwerdeführers ausgefragt und ihm die Facebook-Messenger-
Kommunikation des Beschwerdeführers mit E._ und L._, ei-
nem Funktionär der AXCP, vorgelegt. Sein Bruder habe ihm dies am
23. Oktober 2019 mitgeteilt und ihn gebeten, nichts mehr zu posten und
vorübergehend keinen Kontakt mehr mit ihm aufzunehmen. Dieser Zwi-
schenfall zeige, dass der Beschwerdeführer in der Heimat von staatlicher
Seite unter Beobachtung stehe und bei einer Wiedereinreise nach Aser-
baidschan mit schwerwiegenden Konsequenzen rechnen müsse.
4.4 In der Stellungnahme vom 23. April 2020 wird darauf hingewiesen, der
Vater des Beschwerdeführers habe ihn am 5. Dezember 2019 angerufen.
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Während des Telefonats seien die politischen Aktivitäten des Beschwerde-
führers und sein Beitritt zur AXCP zur Sprache gekommen. Sein Vater sei
in diesem Zusammenhang erneut von der Polizei befragt und seinem Bru-
der sei auf Betreiben des Innenministeriums seine Stelle als Sicherheits-
mann bei einer Privatfirma gekündigt worden. Aus Angst um seine Familie
habe der Beschwerdeführer seine Mitgliedschaft bei der AXCP aufgege-
ben.
5.
5.1 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und ak-
tenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird, etwa weil die Rechtserheb-
lichkeit einer Tatsache zu Unrecht verneint wird und folglich nicht alle ent-
scheidwesentlichen Gesichtspunkte des Sachverhalts geprüft werden,
oder weil Beweise falsch gewürdigt wurden. Unvollständig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn nicht alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sach-
umstände berücksichtigt wurden. Gemäss Art. 8 AsylG hat die asylsu-
chende Person demgegenüber die Pflicht, an der Feststellung des Sach-
verhalts mitzuwirken (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.2).
5.2 Im Beschwerdeverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht dürfen im
Rahmen des Streitgegenstandes bisher noch nicht gewürdigte, bekannte
wie auch bis anhin unbekannte neue Sachverhaltsumstände, die sich zeit-
lich vor (sog. unechte Noven) oder erst im Laufe des Rechtsmittelverfah-
rens (sog. echte Noven) zugetragen haben, vorgebracht werden. Gleiches
gilt für neue Beweismittel. Die Behörde muss mithin jederzeit Vorbringen
zum Sachverhalt entgegennehmen und berücksichtigen, falls sie diese für
rechtserheblich hält (vgl. Art. 32 Abs. 2 VwVG). Dem Entscheid des Bun-
desverwaltungsgerichts ist derjenige Sachverhalt zugrunde zu legen, wie
er sich im Urteilszeitpunkt verwirklicht hat. Für den Beschwerdeentscheid
ist die im Zeitpunkt seiner Ausfällung bestehende Aktenlage massgeblich.
Die angefochtene Verfügung des SEM hat sich mithin auch gegenüber den
im Verlauf des Beschwerdeverfahrens dazugekommenen Tatsachen und
Beweismitteln zu bewähren (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1).
D-1765/2019
Seite 14
5.3 In den Eingaben an das Bundesverwaltungsgericht wird erstmals gel-
tend gemacht, der Beschwerdeführer habe sich in den sozialen Medien
mehrfach kritisch gegen den aserbaidschanischen Staat und dessen Re-
präsentanten geäussert. Er habe sich mit Oppositionellen vernetzt und
pflege persönlich Kontakte mit mehreren, aus Sicht der heimatlichen Be-
hörden unliebsamen Personen. Zudem habe er Mitglied der AXCP werden
wollen und sich bei dieser Partei mittels seines Smartphones eingeschrie-
ben. Aufgrund seiner (exil)politischen Aktivitäten seien sowohl seine Eltern,
als auch sein Bruder von den aserbaidschanischen Behörden befragt und
unter Druck gesetzt worden. Zum Beleg wurden Auszüge aus seinem Fa-
cebook-Profil, eine Fotografie, die ihn mit E._ zeige, und das Pro-
tokoll eines mit seinem Vater geführten Telefongesprächs eingereicht ge-
reicht, dem zu entnehmen ist, dass dieser von den aserbaidschanischen
Behörden (auch) aufgrund des Beitritts des Beschwerdeführers zur AXCP
aufgesucht und unter Druck gesetzt worden sei. Diese Sachverhaltsele-
mente bezüglich der (exil)politischen Aktivitäten des Beschwerdeführers
und der sich für seine Angehörigen daraus ergebenden Folgen war nicht
Gegenstand des vorinstanzlichen Verfahrens. Die von ihm geltend ge-
machten Vorbringen und die dazu eingereichten Beweismittel deuten da-
rauf hin, dass er sich in den sozialen Medien mehrfach kritisch gegen die
Behörden seines Heimatlandes geäussert hat. Dass seine Aktivitäten den-
selben nicht entgangen sein dürften, kann den Angaben, die zur Situation
der Angehörigen des Beschwerdeführers gemacht werden, entnommen
werden. Das Telefongespräch mit dem Vater, während dem dieser dem Be-
schwerdeführer mitteilt, dass er von den heimatlichen Behörden unter
Druck gesetzt wird, erweckt aufgrund der eingereichten Übersetzung prima
vista einen authentischen Eindruck.
5.4 Gemäss einer bereits beim SEM eingereichten «Vorladung zur Polizei»
des Bezirkspolizeiamts G._, hat diese Polizeidienststelle am
18. Januar 2016 gestützt auf Art. 220.2, 281.1, 148, 323.1 und 323.2 des
aserbaidschanischen Strafgesetzbuches gegen den Beschwerdeführer ein
Strafverfahren eingeleitet. Er hätte am 29. Januar 2016 auf der Polizeiwa-
che von G._ erscheinen müssen. Gemäss einem vom Bezirkspoli-
zeiamt G._ am 21. Januar 2016 ausgestellten Haftbefehl, habe er
am Abend des 30. Oktober 2015 in B._, Bezirk M._, Strasse
des (...), mit einer Gruppe von Leuten gestritten und die öffentliche Ord-
nung gestört. Da er am 18. Januar 2016 nicht auf der Polizeiwache erschie-
nen sei, wurde er zur Fahndung ausgeschrieben.
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Seite 15
Die in den beiden amtlichen Dokumenten erwähnten Artikel des aserbaid-
schanischen Strafgesetzbuches beschlagen die Straftatbestände des Auf-
rufs zu Gewalt, der Beleidigung des Staates, der Beschimpfung und der
Beleidigung des Präsidenten. Zwei der genannten Straftatbestände könn-
ten darauf hindeuten, dass das gegen den Beschwerdeführer eingeleitete
Verfahren einen politischen Hintergrund hat. Das SEM hat an der Authen-
tizität der eingereichten Dokumente keine Zweifel gehegt. Die Dokumente
stehen grundsätzlich miteinander in Übereinstimmung, hinsichtlich der ge-
nannten Daten besteht jedoch eine Ungereimtheit. Gemäss der Vorladung
vom 18. Januar 2016 hätte der Beschwerdeführer sich am 29. Januar 2016
bei der Polizeiwache von G._ melden müssen. Dem Haftbefehl vom
21. Januar 2016 ist zu entnehmen, dass er sich am 18. Januar 2016 nicht
auf der Polizeiwache gemeldet habe und deshalb zur Fahndung ausge-
schrieben werde.
Ferner wird geltend gemacht, die Eltern des Beschwerdeführers seien
nach seiner Ausreise aus dem Heimatland vorgeladen und misshandelt
worden. Dazu wurden einerseits die Aufnahme eines Telefongesprächs mit
dem Vater, anderseits Fotografien eingereicht, mit denen der Beschwerde-
führer zu belegen versucht, dass sein Vater während der Einvernahme
durch die Polizei misshandelt worden sei, und seine Mutter deshalb einen
Schlaganfall erlitten habe.
Das SEM geht von der Glaubhaftigkeit dieser Vorbringen aus und stellt sich
auf den Standpunkt, sowohl das eingeleitete Strafverfahren, als auch die
Vorladung der Eltern seien legitim. Den Eltern des Beschwerdeführers
stehe es frei, sich bei einer vorgesetzten Stelle zu beschweren, sollten sie
sich von der Polizei nicht korrekt behandelt fühlen. Das Vorgehen der aser-
baidschanischen Behörden gegen die Eltern des Beschwerdeführers deu-
tet indessen darauf hin, dass das gegen ihn eingeleitete Strafverfahren
nicht ausschliesslich einen gemeinstrafrechtlichen Hintergrund hat. Die
vom Beschwerdeführer geschilderte Behandlung seiner Eltern durch die
Polizei kann sodann klarerweise nicht als rechtsstaatlich legitim bezeichnet
werden.
5.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der rechtserhebliche Sach-
verhalt hinsichtlich der (exil)politischen Aktivitäten des Beschwerdeführers
und des gegen ihn von der Polizeidienststelle G._ eingeleiteten
Strafverfahrens nicht als rechtsgenüglich erstellt erachtet werden kann.
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Seite 16
6.
6.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist (vgl. PHILIPPE WEISSENBERGER, ASTRID HIRZEL, in: Praxiskommentar
VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 61 N. 16). Die in diesen Fällen fehlende Entschei-
dungsreife kann grundsätzlich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz
selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomi-
schen Gründen angebracht erscheint; sie muss dies aber nicht.
6.2
6.2.1 Im vorliegenden Fall ist die Sache an das SEM zurückzuweisen, da
die Erstellung des Sachverhalts weiterer Abklärungen bedarf und diese
den Rahmen des Beschwerdeverfahrens sprengen würden. Das SEM wird
sich in einem ersten Schritt in sachverhaltlicher Hinsicht mit den vom Be-
schwerdeführer geltend gemachten (exil)politischen Aktivitäten und den
sich daraus ergebenden Folgen für seine Familie zu beschäftigen haben.
Dazu ist der Beschwerdeführer vom SEM erneut anzuhören, da die Sach-
verhaltsabklärung allein aufgrund der schriftlichen Angaben und der einge-
reichten Beweismittel kaum möglich sein dürfte. Allenfalls hat das SEM die
vom Beschwerdeführer gemachte Aufnahme des Telefongesprächs mit
seinem Vater, während dessen der Vater ihm mitteilt, er sei auch wegen
des vom Beschwerdeführer beabsichtigten Beitritts zur AXCP von den hei-
matlichen Behörden aufgesucht und unter Druck gesetzt worden, beim Be-
schwerdeführer anzufordern und dieses auszuwerten haben. In einem
zweiten Schritt wird nach abgeschlossener Sachverhaltsermittlung die
flüchtlingsrechtliche Relevanz der geltend gemachten (exil)politischen Ak-
tivitäten zu prüfen sein.
6.2.2 Weiter wird das SEM allenfalls auch die Echtheit der vom Bezirkspo-
lizeiamt von G._ ausgestellten Vorladung und des Haftbefehls zu
prüfen und im Falle der Authentizität derselben den Hintergrund des gegen
den Beschwerdeführer geführten Strafverfahrens, bei welchem gegen ihn
auch aufgrund der Begehung relativ politischer Delikte ermittelt wird, ge-
nauer auszuleuchten haben. Hinsichtlich der nach der Ausreise des Be-
schwerdeführers von der Polizei durchgeführten Einvernahme des Vaters
des Beschwerdeführers besteht offenbar ebenfalls die Aufnahme eines Te-
lefongesprächs, das der Vater mit dem Beschwerdeführer von der Polizei-
wache aus geführt habe. Diese Aufnahme wurde vom SEM bislang nicht
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Seite 17
ausgewertet, was allenfalls nachzuholen sein wird, da sich auch daraus
Hinweise auf den Hintergrund der polizeilichen Ermittlungen gegen den
Beschwerdeführer ergeben könnten.
7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, soweit die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung beantragt wird. Die angefoch-
tene Verfügung ist demnach aufzuheben und die Sache zur Vornahme wei-
terer Abklärungen und zur erneuten Beurteilung im Sinne der Erwägungen
an das SEM zurückzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
9.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts des Obsiegens in An-
wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm not-
wendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Seitens der Rechtsvertreterin wurde mit der Stellungnahme vom 23. April
2020 eine Honorarnote eingereicht, in der ein zeitlicher Aufwand von 18
Stunden und 15 Minuten (à Fr. 250.–), Spesen von Fr. 44.40, Kosten für
Übersetzungsarbeiten von Fr. 814.20 und ein Mehrwertsteueranteil in der
Höhe von Fr. 417.40 geltend gemacht werden. Der veranschlagte Zeitauf-
wand und die geltend gemachten Ausgaben erscheinen angesichts der Ak-
tenlage als angemessen. Unter Berücksichtigung der massgeblichen Be-
messungsfaktoren (vgl. Art. 7 ff. VGKE) ist die Parteientschädigung auf
Fr. 5'838.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen.
Das SEM ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer eine Parteientschädi-
gung in dieser Höhe auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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