Decision ID: 4d8dc697-4c50-4fd7-a832-090f1375c318
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) meldete sich am 21. März 2008 wegen
Fibromyalgie und multipler Chemikaliensensitivität (nachfolgend: MCS) erstmals zum
Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 2). Mit Mitteilung vom
3. Dezember 2008 sprach die IV-Stelle ihr Beratung und Unterstützung bei der
Stellensuche zu (IV-act. 29). Am 21. Juli 2009 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit,
dass sie die Kosten für einen Fernkurs zur Ernährungsberatung im Rahmen der
Frühintervention übernehme. Ein Anspruch auf weitere berufliche Massnahmen
bestehe nicht (IV-act. 49 f.).
A.a.
Am 4. Dezember 2009 informierte der damalige Hausarzt der Versicherten,
Dr. med. B._, Facharzt für Allgemeinmedizin, die IV-Stelle über eine Verschlechterung
des Gesundheitszustands. Die Versicherte habe den Fernkurs deshalb abgebrochen.
Daher müsse eine neue Lösung gefunden werden (IV-act. 51). Mit Schreiben vom
18. Dezember 2009 teilte die Versicherte mit, sie müsse den Kurs aus gesundheitlichen
Gründen definitiv abbrechen. Sie betrachte die Frühintervention als abgeschlossen (IV-
act. 54).
A.b.
Am 2. Februar 2017 stellte die Versicherte erneut ein Gesuch um Leistungen der
Invalidenversicherung. Als gesundheitliche Beeinträchtigungen mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit attestierte ihr Dr. med. C._, Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie, mit Bericht vom 2. Februar 2017 ein chronisches depressives
A.c.
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Erschöpfungssyndrom, häufiges Fieber unbekannter Ursache und Verdacht auf
multiple Allergien (IV-act. 61 f.).
Am 18. Juli 2018 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie eine
polydisziplinäre Begutachtung (Rheumatologie, Neurologie, Psychiatrie, Allgemeine
Innere Medizin, Neuropsychologie) als nötig erachte. Mit der Begutachtung wurde die
medexperts AG beauftragt (vgl. IV-act. 113 ff.).
A.d.
Mit Gutachten vom 3. Dezember 2018 nannten die medexperts-Gutachter als
Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit eine nicht näher bezeichnete
somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.9). Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
diagnostizierten sie akzentuierte Persönlichkeitszüge mit histrionischen und
zwanghaften Anteilen (ICD-10 F.73.1), anamnestisch ein chronisches diffuses
muskuloskelletales Schmerzsyndrom (ICD-10 M79.0), episodische Kopfschmerzen
vom Spannungstyp (ICD-10 G44.2), einen Nikotinkonsum, WPW-Syndrom, St.n.
Herpes Zoster 1979 und aktenanamnestisch eine geringgradige Hypercholesterinämie
(IV-act. 124-7 f.). Da die subjektiv vordergründige Diagnose MCS allergologisch-
dermatologisch nie bestätigt worden sei, sei eine schlüssige Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit aus somatischer Sicht nicht möglich, zumal die Versicherte die
subjektive volle Arbeitsunfähigkeit mit Beschwerden im Rahmen der MCS begründe.
Gesamthaft sei aus interdisziplinärer allgemeininternistischer, rheumatologischer,
neurologischer, neuropsychologischer und psychiatrischer Sicht von einer
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit um 30 % angestammt und in adaptierten
Tätigkeiten mit regelmässigen Pausen und optimaler Adaption des Arbeitsplatzes
sowie ohne Arbeitsstress mit Kundenkontakt auszugehen. Aus somatischer Sicht seien
körperlich überwiegend mittelschwere und schwere berufliche Tätigkeiten zu
vermeiden (IV-act. 124-8).
A.e.
Mit Mitteilung vom 21. Dezember 2018 informierte die IV-Stelle die Versicherte,
zusätzlich sei eine dermatologische Begutachtung bei der medexperts notwendig (IV-
act. 131). Nachdem die Versicherte mitteilte, eine weitere Begutachtung würde für sie
eine Tortur bedeuten und nachfragte, ob sie trotz ihrer MCS-Erkrankung verpflichtet
sei, daran mitzuwirken (Schreiben vom 31. Dezember 2018, IV-act. 132), erliess die IV-
A.f.
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Stelle am 21. Januar 2019 eine Zwischenverfügung und hielt an der ergänzenden
Begutachtung fest (IV-act. 137).
Der dermatologische Gutachter Dr. med. D._, Facharzt für Dermatologie und
Venerologie, diagnostizierte in seinem Gutachten vom 23. Mai 2019 namentlich MCS
(ICD-10 T78). Die von der Versicherten geschilderten Symptome und Reaktionen nach
Kontakt mit Chemikalien oder Exposition gegenüber verschiedenen chemischen
Duftstoffen würden plausibel geschildert und korrelierten mit der in der Literatur
beschriebenen Klinik der MCS. Eine medizinisch fundierte Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit könne aus dermatologischer Sicht nicht abgegeben werden, da bei
MCS keine objektiven Untersuchungsbefunde erhoben würden und die bestehenden
Beschwerden nicht mit objektiven Messverfahren nachgewiesen werden könnten. Die
Einschätzung einer vollen Arbeitsunfähigkeit der Versicherten in der zuletzt ausgeübten
Tätigkeit als selbständige Immobilienmaklerin stütze sich auf die anamnestischen
Angaben der Versicherten. Als adaptierte berufliche Tätigkeit komme eine Arbeit
zuhause in Frage, welche auf einer telefonischen oder elektronischen Kommunikation
basiere und kein Verlassen der Wohnung erfordere. Praktisch werde es schwierig sein,
eine solche Stelle zu finden. Abgesehen von einer Vermeidung der anamnestisch
auslösenden Stoffe würden aus dermatologischer Sicht keine bekannten
Therapieoptionen bestehen. Die Diagnose MCS könne nicht mittels eines
laborchemischen oder physikalischen Tests bestätigt oder ausgeschlossen werden (IV-
act. 144-18 ff.).
A.g.
Mit Stellungnahme vom 3. Juli 2019 hielt die RAD-Ärztin E._, Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie, fest, bei MCS handle es sich nicht um eine ICD-10-
anerkannte Diagnose. Es könne nicht bewiesen werden, dass die Versicherte an MCS
leide, weshalb gestützt auf das psychiatrische Teilgutachten von einer 30%igen
Arbeitsunfähigkeit auszugehen sei (IV-act. 147).
A.h.
Mit Vorbescheid vom 29. Oktober 2019 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung ihres Leistungsbegehrens in Aussicht (IV-act. 152). Am 7. Januar 2020
erhob die Versicherte, vertreten durch Rechtsanwalt Michael Walder, Einwand gegen
den Vorbescheid (IV-act. 163).
A.i.
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B.
Mit Verfügung vom 22. April 2020 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab. Zur
Begründung führte sie im Wesentlichen aus, anlässlich der medexperts-Begutachtung
hätten alle "nachweisbaren" Erkrankungen ausgeschlossen werden können. Nur die
nicht nachweisbare Diagnose MCS, für welche die Gutachter sich lediglich auf die
anamnestischen Angaben der Versicherten gestützt hätten, sei übriggeblieben. Bei
MCS handle es sich nicht um eine ICD-10-anerkannte Diagnose. Die ICD-10-
Codierung T78.4 (Allergie, nicht näher bezeichnet) sei lediglich eine Hilfsdiagnose. MCS
werde mangels zuverlässiger medizinischer Feststellung eines Gesundheitsschadens
nicht als organische Krankheit klassifiziert. Deshalb liege keine Invalidität im Sinne des
Gesetzes vor. Die aktuell alle zwei Monate stattfindenden Telefonate mit Dr. C._
stellten keine ausreichende psychiatrische Behandlungsform dar. Es hätten sich etliche
Auffälligkeiten ergeben. Dr. D._ verfüge über genügend Fachwissen, um eine
angemessene Beurteilung vornehmen zu können. Eine allergologische Abklärung sei
nicht zielführend, da keine Tests zur Verfügung stünden, welche die Diagnose MCS
objektiv bestätigen oder ausschliessen könnten (IV-act. 165).
A.j.
Gegen diese Verfügung erhebt die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin),
weiterhin vertreten durch Rechtsanwalt Michael Walder, am 20. Mai 2020 Beschwerde.
Sie beantragt, die Verfügung vom 22. April 2020 sei aufzuheben und ihr seien die ihr
zustehenden Leistungen zuzusprechen. Eventualiter sei die Angelegenheit zur weiteren
Abklärung an die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) zurückzuweisen. Unter
Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Beschwerdegegnerin. Sie bringt im
Wesentlichen vor, dass MCS nicht unter die psychiatrischen Erkrankungen falle, aber
unter dem ICD-10-Code T78.4 klassifiziert werde. Diese Diagnose werde in
Deutschland anerkannt und zudem in verschiedenen bundesgerichtlichen und
kantonalen Urteilen erwähnt. Die von der Beschwerdegegnerin erwähnte
bundesrätliche Stellungnahme vom 14. Mai 2003 sei bezüglich ICD-10-Klassifikation
nicht verbindlich und ohnehin überholt. Entscheidend seien die funktionellen
Auswirkungen einer Störung. Für nicht objektivierbare Leiden aus dem psychiatrischen
Formenkreis sowie für Neurasthenie oder Chronic Fatigue Syndrom sei das
strukturierte Beweisverfahren anwendbar. Sie habe dargelegt, dass sie unter einem
hohen Leidensdruck stehe und im gesamten Bereich ihres Lebens massiv
B.a.
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eingeschränkt sei. Des Weiteren erachte sie das Gutachten für nicht beweistauglich. Es
setze sich nicht mit den Vorakten, insbesondere der MCS-Erkrankung, auseinander
und die Herleitung der Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht sei nicht
nachvollziehbar. Ausserdem sei die aus der leichten neuropsychologischen Störung
hergeleitete Arbeitsunfähigkeit nicht in die gesamtmedizinische Beurteilung
eingeflossen. Im Gutachten wie auch in der RAD-Stellungnahme vom 3. Juli 2019 seien
diverse falsche Tatsachenbehauptungen enthalten, welche sie – die
Beschwerdeführerin – in ein falsches Licht rücken und aus welchen falsche Schlüsse
gezogen würden. Die medexperts-Gutachter hätten trotz der bemängelten falschen
Tatsachenbehauptungen die Glaubhaftigkeit und Konsistenz ihrer Angaben klar bejaht.
Selbst wenn auf das psychiatrische medexperts-Gutachten abgestellt würde, würde
sich in Anbetracht der gesamten Umstände ein Tabellenlohnabzug von 20 %
rechtfertigen, sodass auch in diesem Fall Rentenleistungen geschuldet wären (act. G1).
Mit Beschwerdeantwort vom 10. September 2020 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt sie im
Wesentlichen aus, eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit könne nur
anspruchserheblich sein, wenn sie Folge einer Gesundheitsbeeinträchtigung sei, die
fachärztlich einwandfrei diagnostiziert worden sei. Die Rechtsfolgevoraussetzung einer
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit sei überhaupt erst zu prüfen, wenn ein
Gesundheitsschaden im Sinne des Gesetzes vorliege. MCS sei nicht objektiv
nachweisbar. Deshalb könne nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit vom
Vorliegen eines Gesundheitsschadens im Sinne des Gesetzes ausgegangen werden.
Die Beschwerdeführerin trage die Nachteile der objektiven Beweislosigkeit. Entgegen
der Ansicht der Beschwerdeführerin erfülle das psychiatrische medexperts-
Teilgutachten die Voraussetzungen an eine beweiskräftige medizinische
Entscheidungsgrundlage. Der psychiatrische Gutachter habe zu sämtlichen Indikatoren
Stellung genommen und zudem festgehalten, dass die Arbeitsfähigkeit von 70 % durch
eine Intensivierung der Psychotherapie weiter erhöht werden könne. Der aktuell
telefonische Kontakt stelle keine ausreichende psychiatrische Therapie dar. Es bestehe
demnach kein Grund, vom psychiatrischen Teilgutachten abzuweichen (act. G4).
B.b.
Mit Replik vom 14. Oktober 2020 macht die Beschwerdeführerin geltend,
entgegen den Ausführungen der Beschwerdegegnerin könne ein invalidisierender
B.c.
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Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge sowie die
Akten wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachstehenden Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen
1.
Gesundheitsschaden nicht alleine aus dem Grund verneint werden, dass dieser auf die
anamnestischen Angaben der versicherten Person abstelle. Glaubhafte anamnestische
Angaben seien gerade häufig (einzige) Basis für eine Diagnosestellung bei nicht
objektivierbaren Krankheitsbildern. Die Beschwerdeführerin habe im Vorfeld zu den
gutachterlichen Untersuchungen alle Auslöser gemieden, um die Termine in
"unbelastetem" Zustand antreten zu können. Aus diesem Grund habe sie die
Untersuchungstermine ohne starke körperliche Reaktionen überstehen können. Einzig
anlässlich der neuropsychologischen Begutachtung sei es gegen den Schluss zu
Schwindel, zunehmendem Brennen der Schleimhäute, Schmerzen und Müdigkeit
gekommen (act. G6).
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G8).B.d.
Anspruch auf eine Invalidenrente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern
können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40 % invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG;
SR 830.1) die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
1.1.
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Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.2.
Im Sozialversicherungsrecht gelten der Untersuchungsgrundsatz und der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Das Gericht hat seinen
Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 353 E. 5b;
BGE 125 V 193 E. 2, je mit Hinweisen).
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4).
1.4.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
des Experten begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a mit Hinweisen).
1.5.
Auf ein im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholtes Gutachten ist recht
sprechungsgemäss abzustellen, wenn nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit
der Expertise sprechen (BGE 137 V 210 E. 1.3.4, BGE 135 V 466 E. 4.4; Urteile des
Bundesgerichts vom 15. Juli 2020, 8C_335/2020, E. 4.1, und vom 13. Februar 2019,
8C_801/2018, E. 4.3). Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung entspricht es
einer Erfahrungstatsache, dass behandelnde Arztpersonen mitunter im Hinblick auf ihre
auftragsrechtliche Vertrauensstellung im Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer Patienten
aussagen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2021, 9C_683/2020,
E. 5.1.2, mit Hinweisen). Dasselbe hat auch für Spezialärzte zu gelten, die einen
Patienten über einen längeren Zeitraum regelmässig behandeln (Urteil des
Bundesgerichts vom 1. Mai 2006, I 854/05, E. 3.3.1 mit Hinweis). Dabei handelt es sich
1.6.
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um eine Richtlinie, die als solche mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung
(Art. 61 lit. c ATSG) vereinbar ist. Bei der Abschätzung des Beweiswertes im Rahmen
einer freien und umfassenden Beweiswürdigung dürfen allerdings auch die potentiellen
Stärken der Berichte behandelnder Ärzte beachtet werden. Die einen längeren
Zeitraum abdeckende und umfassende Betreuung durch behandelnde Ärzte bringt oft
wertvolle Erkenntnisse hervor. Auf der anderen Seite lässt es die unterschiedliche Natur
von Behandlungsauftrag des therapeutisch tätigen (Fach-)Arztes einerseits und
Begutachtungsauftrag des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten anderseits
nicht zu, ein Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum
Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Ärzte zu
anderslautenden Einschätzungen gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich
eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die behandelnden Ärzte wichtige – und
nicht rein subjektiver ärztlicher Interpretation entspringende – Aspekte benennen, die
im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (Urteile des
Bundesgerichts vom 17. Februar 2021, 8C_783/2020, E. 5.2, und vom 27. Mai 2008,
9C_24/2008, E. 2.3.2 mit Hinweisen). Zudem ist auch dem Umstand, dass die ärztliche
Beurteilung von der Natur der Sache her unausweichlich Ermessenszüge trägt,
Rechnung zu tragen (Urteil des Bundesgerichts vom 23. Januar 2019, 9C_804/2018,
E. 2.2 mit Hinweisen).
Ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden setzt eine auf
objektivierten Beschwerden beruhende fachärztlich gestellte Diagnose nach einem
wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus. Die Diagnose ist nicht
primär entscheidend, jedoch ist die Überprüfbarkeit der medizinischen Angaben
aufgrund einer allgemein anerkannten Terminologie (z.B. der internationalen
statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme
[ICD-10] der World Health Organization [WHO]) als notwendig zu erachten.
Massgebend ist nach Art. 7 Abs. 2 ATSG eine objektivierte Betrachtungsweise,
während es auf das subjektive Empfinden der versicherten Person nicht ankommen
kann. Medizinisch-psychiatrisch nicht begründbare Selbsteinschätzungen und -
limitierungen sind, auch wenn sie ärztlicherseits unterstützt werden, nicht vorbehaltlos
als invalidisierende Gesundheitsbeeinträchtigung anzuerkennen. Sachverständige
haben die Diagnose so zu begründen, dass die Rechtsanwender nachvollziehen
können, ob die klassifikatorischen Vorgaben tatsächlich eingehalten sind (BGE 141 V
281 E. 3.2; Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016, 8C_1/2016, E. 4.2 f.;
Thomas Locher/Thomas Gächter, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4., voll
ständig überarbeitete Auflage, Bern 2014, S. 97). Erforderlich ist zudem, dass die
geltend gemachten Beschwerden objektiviert werden können und sich auf die Arbeits-
1.7.
https://en.wikipedia.org/wiki/World_Health_Organization
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bzw. Erwerbsfähigkeit auswirken. Die Rechtsfolgevoraussetzung einer
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit ist erst zu prüfen, wenn ein Gesundheitsschaden
im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG gegeben ist (vgl. BGE 143 V 418 E. 6 und BGE 130 V
396 E. 5.3.2).
Für die Beurteilung des Leistungsanspruchs bleibt entscheidend, ob es gelingt, auf
objektivierter Grundlage den Nachweis einer rechtlich bedeutsamen Arbeits- und
Erwerbsunfähigkeit zu erbringen, wobei analog zur allgemeinen Beweislastregel von
Art. 8 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (ZGB; SR 210) die versicherte Person die
Folgen zu tragen hat, wenn sich dieser Nachweis nicht erbringen lässt (Urteil des
Bundesgerichts vom 13. Dezember 2018, 8C_154/2018, E. 4.2.2 mit Hinweisen).
Demnach obliegt es bei erstmaliger Rentenprüfung der versicherten Person, die
invalidisierenden Folgen einer gesundheitlichen Beeinträchtigung mit dem Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachzuweisen. Gelingt dieser Nachweis nicht,
verfügt sie über keinen Leistungsanspruch. Mit anderen Worten wird bei
Beweislosigkeit vermutet, dass sich der geklagte Gesundheitsschaden nicht
invalidisierend auswirkt (Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016, 8C_1/2016,
E. 2.2).
1.8.
Den medizinischen Experten kommt eine entscheidende Rolle zu. Diese haben im
Einzelnen zu begründen und mittels ihrer Feststellungen und Einschätzungen zu
Leidensdruck, psychischen Ressourcen oder funktionellen Defiziten darzulegen, in
welchem Ausmass die Arbeitsfähigkeit eingeschränkt ist, oder aber festzuhalten, dass
die Beantwortung dieser Frage trotz Ausschöpfung aller Möglichkeiten fachgerechter
Exploration nicht oder nicht sicher genug möglich ist. Bleiben die Auswirkungen eines
objektivierbaren wie auch eines nicht (bildgebend) fassbaren Leidens auf die
Arbeitsfähigkeit trotz in Nachachtung des Untersuchungsgrundsatzes sorgfältig
durchgeführter Abklärungen vage und unbestimmt, ist der Beweis für die
Anspruchsgrundlage nicht geleistet und nicht zu erbringen (Urteil des Bundesgerichts
vom 22. Februar 2016, 8C_1/2016, E. 2.2).
1.9.
Die Diagnostik für somatisch unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerz
störung und gleichgestellte Diagnosen) und psychische Erkrankungen wie namentlich
Depressionen und Abhängigkeitserkrankungen ist dem direkten Beweis einer
anspruchsbegründenden Arbeitsunfähigkeit in der Regel mangels objektivierbarem
Substrat nicht zugänglich. Dieser Beweis ist indirekt, behelfsweise, in einem
strukturierten Verfahren mittels Indikatoren zu führen. Die Anerkennung eines
rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen
Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im
1.10.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/27
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2.
Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es daran, hat die Folgen
der Beweislosigkeit die materiell beweisbelastete versicherte Person zu tragen.
Störungen fallen unabhängig von ihrer Diagnose bereits dann als rechtlich bedeutsame
Komorbidität in Betracht, wenn ihnen im konkreten Fall ressourcenhemmende Wirkung
beizumessen sind (vgl. dazu BGE 143 V 418 E. 7.1 f.; BGE 141 V 281 E. 3.5, E. 4.2 und
E. 6). Der Beweis für eine lang andauernde und erhebliche gesundheitsbedingte
Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als geleistet betrachtet werden, wenn die Prüfung der
massgeblichen Beweisthemen im Rahmen einer umfassenden Betrachtung ein
stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen Lebensbereichen (Konsistenz) für
die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143 V 418, E. 6 a.E.).
Die Beschwerdegegnerin hat zur Klärung des medizinischen Sachverhalts ein
umfassendes Gutachten bei der medexperts in Auftrag gegeben. Dabei wurde die
Beschwerdeführerin internistisch, rheumatologisch, neurologisch, dermatologisch,
psychiatrisch und neuropsychologisch abgeklärt. Als Diagnose mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit wurden eine nicht näher bezeichnete somatoforme Schmerzstörung
und MCS erhoben, ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit wurden fachärztlich
akzentuierte Persönlichkeitszüge mit histrionischen und zwanghaften Anteilen,
anamnestisch ein chronisches diffuses muskuloskelletales Schmerzsyndrom,
episodische Kopfschmerzen vom Spannungstyp, ein Nikotinkonsum, ein WPW-
Syndrom, St.n. Herpes Zoster 1979 und aktenanamnestisch eine geringgradige
Hypercholesterinämie diagnostiziert.
2.1.
Betreffend MCS weist der dermatologische Gutachter darauf hin, die Diagnose
eines MCS könne aus dermatologischer Sicht nicht mit Hilfe eines laborchemischen
oder physikalischen Tests bestätigt oder ausgeschlossen werden. Die von der
Beschwerdeführerin geschilderten Symptome und Reaktionen nach Exposition
gegenüber verschiedenen chemischen Duftstoffen oder den Kontakt mit Chemikalien
werde aus dermatologischer Sicht plausibel geschildert und korreliere mit der in der
Literatur beschriebenen Klinik des MCS. Eine medizinisch fundierte Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit könne aus dermatologischer Sicht nicht abgegeben werden, da bei
einem MCS keine objektiven Untersuchungsbefunde erhoben und auch die
bestehenden Beschwerden nicht mit objektiven Messverfahren nachgewiesen werden
könnten.
2.2.
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3.
Zwischen den Parteien ist in erster Linie streitig und nachfolgend zu prüfen, ob die
Beschwerdeführerin gestützt auf die Diagnose MCS bzw. die von ihr im
Zusammenhang damit geltend gemachten gesundheitlichen Beschwerden sowie
Einschränkungen im invalidenversicherungsrechtlichen Sinne in ihrer Arbeitsfähigkeit
eingeschränkt ist.
Das medexperts-Gutachten wurde in Kenntnis der vollständigen Akten und der
erhobenen Anamnese erstellt. Es beruht auf interdisziplinären fachärztlichen
Untersuchungen und setzt sich mit den Schilderungen der Beschwerdeführerin
auseinander. Es ist für die vorliegend streitigen Belange umfassend und in der
Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie der daraus gezogenen
Schlussfolgerungen einleuchtend. Weder aus den Ausführungen der
Beschwerdeführerin noch aus den übrigen Akten ergeben sich objektiv relevante
Gesichtspunkte, welche die Gutachter ausser Acht gelassen haben. Es entspricht
demnach den Anforderungen der Rechtsprechung und es kann darauf abgestellt
werden (betreffend psychiatrische Einschätzung siehe E. 7 nachfolgend). Mit den
Parteien ist einig zu gehen, dass weitere Abklärungen hinsichtlich MCS nicht
zielführend wären, da bis anhin kein laborchemischer oder physikalischer Test, welcher
die Diagnose MCS objektiv unterstützten könnte, besteht (vgl. dermatologisches
Gutachten, IV-act. 144-17).
2.3.
MCS ist gemäss der Definition von Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, die
Bezeichnung für rezidivierende Symptome mehrerer Organsysteme, bei denen ein
Zusammenhang zu Umweltnoxen angenommen wird, deren tatsächliche Ursache und/
oder Pathogenese aber unklar ist. Betroffene geben an, auf unterschiedliche alltägliche
und geringgradige Fremdstoffeinflüsse (z.B. Chemikalien aus Holz, Fussböden, Lacken,
Farben, Papier, Reinigungsmitteln, Lösungsmitteln, Kosmetika, Duftstoffen, Metallen
oder Treibstoffen) mit unspezifischen Symptomen oft im Bereich mehrerer
Organsysteme (u.a. Übelkeit, Kreislaufstörungen, vorzeitige Ermüdung, allergischen
Symptomen wie Asthma, Pollinosis und Hautausschläge) zu reagieren. Emotionale
Begleiterscheinungen wie innere Unruhe, Reizbarkeit, Angst- und Panikanfälle sowie
Störungen der Konzentration und Merkfähigkeit, Verlust der Rechts-Links-
Unterscheidung und Beeinträchtigungen der Arbeits- und Leistungsfähigkeit können
hinzutreten. Klinische Untersuchungen und allergologische Tests bleiben meist ohne
Befund (vgl. Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch online, www.pschyrembel.de,
abgerufen am 29. September 2021).
3.1.
http://www.pschyrembel.de
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Kernsymptome, die eindeutig MCS zuzuordnen sind, gibt es nicht. Ebenso wenig
ist ein einheitliches charakteristisches Beschwerdebild vorhanden, welches eine klare
Abgrenzung gegenüber anderen gesundheitlichen Störungen ermöglicht. Auch für die
immer wieder vermutete besondere genetische Disposition der MCS-Betroffenen gibt
es keine wissenschaftlich fundierten Nachweise. Eine diagnostisch verwertbare
Häufung bestimmter Genvarianten konnte in einer Studie aus dem Jahr 2005 nicht
festgestellt werden. Die in der Fachliteratur vorgeschlagenen Kriterien für die
Diagnostik variieren in verschiedenen Punkten und lassen in der praktischen
Anwendung einen beträchtlichen Ermessensspielraum zu. Bislang existieren keine
allgemein akzeptierten diagnostischen Tests hinsichtlich physiologischer oder
biochemischer Parameter, die mit den angegebenen Symptomen korrelieren. Das
Vorliegen von MCS wird in Ermangelung objektiver Parameter überwiegend aufgrund
diverser Symptome vermutet. Die Diagnose MCS erfolgt nach dem Prinzip der
Ausschlussdiagnostik. Zu prüfen sind jeweils auch verschiedene psychische
Erkrankungen (etwa Angststörungen/Depression), funktionelle Syndrome (z.B.
Reizdarm-/Fibromyalgiesyndrom) und somatische Gesundheitseinschränkungen
(namentlich Asthma/Allergien). Bei Patienten mit umweltbezogenen Beschwerden
können oftmals psychosomatische bzw. psychiatrische Erkrankungen diagnostiziert
werden. Ob MCS durch eine somatisch, psychiatrische oder psychosomatische
Störung verursacht wird, ist unklar (vgl. IV-act. 16-12; Dtsch. Arztebl 2002; 99: A
2474-2483 [Heft 38]; Webpage der deutschen Gesellschaft Multiple-Chemical-Sensivity
e.V., DGMCS, abgerufen am 29. September 2021, www.dgmcs.de/ unter: MCS-
Fallkriterien, und News/Science, u.a. mit Hinweis auf J. Brockmöller, Untersuchungen
zur Suszeptibilität bei MCS, Berlin 2005; M. Otto/S. Höppner, Multiple Chemical
Sensitivity [MCS, sMCS, IEI] mit Hinweisen auf Fachliteratur, online publiziert unter
www.allum.de/krankheiten, abgerufen am 29. September 2021; S. Rossi/A. Pitidis,
Multiple Chemical Sensitivity, Review of the State of the Art in Epidemiology,
Diagnosis, and Future Perspectives, in: Journal of Occupational and Environmental
Medicine, Bd. 60/2, 2018, S. 138 ff., online abgerufen am 29. September 2021 unter
https://journals.lww.com/joem/Fulltext/2018/02000/
Multiple_Chemical_Sensitivity_Review_of_the_State.5.aspx).
3.2.
Einige Staaten (z.B. Deutschland und Österreich) kennen für MCS einen nationalen
Diagnose-Code, andere (z.B. Finnland und Italien) nicht (vgl. hierzu Parliamentary
Questions for written answer E-005624/2011 und E-011169/2011, Subjects: Future of
patients suffering from multiple chemical sensitivity syndrome und Diagnosis code for
Multiple Chemical Sensitivity, an das Europaparlament vom 11. Juni 2011 und vom
30. November 2011). In Deutschland wird MCS behelfsweise unter die ICD-10-
3.3.
http://www.dgmcs.de/ http://www.allum.de/krankheiten
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4.
Codierung T78.4 gefasst (Allergie, nicht näher bezeichnet, genauer noch:
"Überempfindlichkeit o.n.A."). Diese Zuordnung wird sowohl von Umweltmedizinern als
auch von MCS-Selbsthilfeverbänden als unglücklich empfunden. Obwohl dies von
Betroffenenverbänden meist so interpretiert wird, bedeutet die Erwähnung von MCS im
ICD-10-Diagnosenthesaurus (ICD-10 German Modification [nachfolgend: ICD-10-GM])
nicht, dass MCS eine Anerkennung als durch Umweltnoxen bedingte Krankheit
erfahren hat. Daraus, dass sonstige Allergien ebenfalls mit der Kennung T78.4 zu
verschlüsseln sind, kann nicht geschlossen werden, bei MCS handle es sich um eine
Allergie oder Allergien gehörten zu MCS. Dabei handelt es sich mithin um eine
ungenaue, wissenschaftlich nicht allgemein anerkannte Diagnose aus dem nicht-
psychiatrischen Bereich. Das Fehlen eines Pathomechanismus macht eine Behandlung
schwierig. Da keine wissenschaftlichen Wirkungsnachweise für eine bestimmte
Therapieform vorliegen, erfolgt die Therapie vorwiegend bewältigungsorientiert. Eine
stützende psychiatrische oder psychologische Behandlung wird unabhängig vom
Krankheitskonzept als sinnvoll erachtet, wenn sie die Vermittlung von
Bewältigungsstrategien zum Ziel hat. Teilweise wird Vermeidung der Auslöser
empfohlen. Die Vermeidung als Therapieform wird teilweise aber auch kritisch als
unterhaltendes und verstärkendes Element der Beschwerden angesehen (vgl. Dtsch.
Arztebl 2002; 99: A 2474-2483 [Heft 38]; Webpage der deutschen Gesellschaft
Multiple-Chemical-Sensivity e.V., DGMCS, abgerufen am 29. September 2021,
www.dgmcs.de unter: MCS-Fallkriterien; M. Otto/S. Höppner, Multiple Chemical
Sensitivity [MCS, sMCS, IEI] mit Hinweisen auf Fachliteratur, online publiziert unter
www.allum.de/krankheiten, abgerufen am 29. September 2021).
Aufgrund einer Interpellation äusserte sich der Bundesrat im Jahre 2003 zu MCS.
Er hielt fest, Umweltbelastungen könnten auf vielfältige Weise die Gesundheit und das
Wohlbefinden beeinträchtigen. Neben klar definierbaren Umweltkrankheiten wie
Allergien würden auch diffuse Krankheitsbilder wie MCS mit Umweltbelastungen in
Verbindung gebracht. Für die Anerkennung als organische Krankheit seien weitere
hinreichend belegte und reproduzierbare wissenschaftliche Studien betreffend MCS
unabdingbar. Diese erst würden es erlauben, MCS als organische Krankheit zu
klassifizieren und in die ICD-10 aufzunehmen (Interpellation 03.3092, Umweltkrankheit
Multiple Chemical Sensitivity, Einreichungsdatum: 19. März 2003).
3.4.
Wie sich aus den voranstehenden Ausführungen ergibt, ist MCS auf internationaler
Ebene ebenso wenig einem ICD-10-Code zugeordnet wie in der Schweiz. Dass sie in
einigen Staaten unter einen solchen gefasst wird (T78.4 ICD-10-GM), vermag daran
4.1.
http://www.dgmcs.de http://www.allum.de/krankheiten
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nichts zu ändern. Daran hat die bundesrätliche Antwort auf die Interpellation 03.3092
keinen Zweifel gelassen (vgl. E. 3.4 vorstehend). Auch wenn seither mehr als 18 Jahre
vergangen sind, sind die vom Bundesrat genannten Voraussetzungen für die
Klassifikation als organische Krankheit und damit einer entsprechenden Aufnahme in
die ICD-10 als somatische Erkrankung noch immer nicht erfüllt. Der Bundesrat hat sich
seither nicht für eine Anpassung der Voraussetzungen bzw. eine Aufnahme von MCS in
ein allgemein anerkanntes Klassifikationssystem ausgesprochen. Seine Antwort auf die
Interpellation 03.3092 hat daher nach wie vor Gültigkeit.
Indem der dermatologische Gutachter bei der Beschwerdeführerin eine MCS
diagnostizierte, stellte er somit keine Diagnose nach einem wissenschaftlich
anerkannten Klassifikationssystem (vgl. E. 1.7 vorstehend). Daran ändert nichts, dass
die medexperts-Gutachter die ICD-10-Codierung T78 erwähnt haben (vgl. IV-
act. 124-49 und 144-19). Sie nahmen damit lediglich Bezug auf die Vorakten (wo MCS
diesem Diagnose-Code zugeordnet wurde) und die Angaben der Beschwerdeführerin,
welche MCS namentlich gestützt auf deutsche Literatur diesem Diagnose-Code
unterstellt und die Gutachtenspersonen anlässlich der persönlichen Begutachtung wie
auch schriftlich ausführlich über MCS informierte (vgl. beispielhaft IV-act. 124-7,
124-32 und 125-11 ff.). Der psychiatrische Gutachter hielt denn auch ausdrücklich fest,
die geschilderte Erkrankung MCS sei nicht vom ICD-10 in ihrer geschilderten Form
anerkannt (IV-act. 124-37). Wie bereits dargelegt enthält die Codierung T78 den Begriff
MCS nicht.
4.2.
Dass MCS nicht explizit als Diagnose in der ICD-10 klassifiziert ist, kann auch nicht
als blosses Versehen angesehen, sondern muss als bewusste Entscheidung der
Herausgeber gewertet werden. Denn MCS ist den entsprechenden Stellen durchaus
bekannt, zumal immer wieder Versuche von MCS-Betroffenen oder deren
Interessenvertretern unternommen wurden, MCS als eigenständiges Krankheitsbild
anerkennen zu lassen (vgl. beispielhaft die obenerwähnten Eingaben an das
Europaparlament und den Bundesrat, E. 3.4 f. vorstehend; vgl. zudem diverse
Vorschlagsformulare, insbesondere die Gesamtliste der ICD-10-GM-Vorschläge 2019,
mit denen u.a. beantragt wird, MCS unter ICD-10.T78.5 als eigenständige Diagnose
aufzunehmen, abrufbar unter www.dimdi.de unter: Klassifikationen/Downloads/ICD-10-
GM/Vorschläge/2019, abgerufen am 4. Oktober 2021). Dies ist umso bemerkenswerter,
als in der ICD-10 unter den Z-Diagnosen sogar Faktoren, welche den
Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens
führen, aber keine Krankheiten bzw. invalidisierenden Gesundheitsschäden darstellen,
klassifiziert werden können (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 12. November 2019,
4.3.
http://www.dimdi.de/
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5.
9C_542/2019, E. 3.2). Gegen die Aufnahme von MCS in die gängigen
Klassifikationssysteme wie etwa ICD-10 spricht, dass nach wie vor ausschliesslich das
Erleben der Betroffenen, also ihr subjektives Empfinden, für die Diagnose
ausschlaggebend ist. Körperliche Untersuchungsbefunde sind in der Regel unauffällig,
sodass sich die Diagnose nicht objektivieren lässt (vgl. Schulze-Robbecke et al.,
Interdisciplinary clinical assessment of patients with illness attributed to environmental
factors, Zentralblatt für Hygiene und Umweltmedizin 202 [1999], S. 173).
Es wird nicht in Abrede gestellt, dass die Beschwerdeführerin gemäss den Akten
ihr Leben umgestellt bzw. an die Unverträglichkeiten angepasst hat. Im vorliegenden
Verfahren geht es jedoch einzig darum abzugrenzen, ob eine Krankheit IV-rechtlich
versichert ist oder nicht. Nach dem vorstehend Gesagten stellt die Diagnose MCS
keinen invalidenversicherungsrechtlich relevanten Gesundheitsschaden dar, da sie
nicht gestützt auf ein wissenschaftlich anerkanntes Klassifikationssystem gestellt
werden kann (vgl. hierzu E. 1.7 vorstehend).
4.4.
Die Beschwerdeführerin zitiert verschiedene Gerichtsentscheide, aus denen sie
ableitet, MCS werde in der Schweizer Rechtsprechung selbstredend als
Gesundheitsschaden im invalidenversicherungsrechtlichen Sinne anerkannt.
5.1.
Sie bezieht sich unter anderem auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts und
macht sinngemäss geltend, in jenem Entscheid sei MCS als invalidisierende
Erkrankung gewertet worden. In jenem Fall vermutete die beschwerdeführende Person
bei sich MCS und gab gegenüber den Gutachtern an, nicht mehr aus dem Haus zu
gehen und sich dort entsprechend eingerichtet zu haben. Eine Untersuchung auf die
Diagnosekriterien von MCS oder ein Ausschluss derselben war jedoch nicht
aktenkundig. Das Bundesverwaltungsgericht hielt deshalb fest, den Akten liesse sich
nicht entnehmen, gegen welche Chemikalien allenfalls eine Sensitivität vorliege, ob bei
Aufnahme einer Erwerbstätigkeit eine Konfrontation mit diesen zu erwarten wäre und
welche funktionellen Einschränkungen daraus folgen würden. Es könne nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, dass die berichteten
Beschwerden nicht mindestens teilweise auf einer chronischen Intoxikation, die bisher
nie eingehend untersucht worden sei, beruhen würden. Auch bleibe unbeantwortet, ob
eine MCS vorliege und welche Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit daraus zu
gewärtigen seien. Der Sachverhalt sei vorinstanzlich namentlich in Bezug auf eine
allfällige Intoxikation und Chemikaliensensitivität nicht vollständig erhoben worden
(Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 11. Januar 2017, C-4329/2014, E. 8.3, 8.4
5.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 17/27
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und 10.1). Das Bundesverwaltungsgericht bemängelte in jenem Entscheid demnach in
erster Linie eine unvollständige Abklärung des Sachverhaltes und damit eine Verletzung
des Untersuchungsgrundsatzes und wies die Angelegenheit zu weiteren Abklärungen
zurück. Nebst einer allfälligen MCS standen auch Abklärungen über mögliche
Intoxikationen und Allergien im Raum. Zudem ging das Bundesverwaltungsgericht
davon aus, MCS könne medizinisch einwandfrei nachgewiesen werden, was unstreitig
nicht der Fall ist. Aus diesem Entscheid kann die Beschwerdeführerin deshalb nichts zu
ihren Gunsten ableiten.
Zwei von der Beschwerdeführerin ebenfalls herangezogenen Entscheide des
Sozialversicherungsgerichts des Kantons Zürich betrafen dieselbe versicherte Person.
Im ersten Entscheid wurde der Fall an die Vorinstanz zurückgewiesen, weil der
Sachverhalt nach der Aktenlage und bei Verdacht auf eine schwere Depression
ungenügend abgeklärt worden sei (Urteil des Sozialversicherungsgerichts des Kantons
Zürich vom 30. November 2005, IV.2004.00741, E. 4.5). Im zweiten Entscheid wurde
die Diagnose MCS von den Gutachtern nicht bestätigt, ebenso wenig die Diagnose
einer schweren Depression. Hingegen wurden multiple Allergien festgestellt, welche
jedoch lediglich ins Adaptionsprofil einflossen und keine Arbeitsunfähigkeit
begründeten (Urteil des Sozialversicherungsgerichts des Kantons Zürich vom
31. August 2009, IV.2007.01123, E. 3.4). Die Beschwerdeführerin kann deshalb aus
diesen Entscheiden nicht schlussfolgern, MCS werde als invalidisierende Diagnose in
der Rechtsprechung anerkannt.
5.3.
In einem weiteren von der Beschwerdeführerin angeführten Urteil des
Sozialversicherungsgerichts des Kantons Zürich vom 31. August 2012, IV.2011.00850,
E. 3.2, wurde MCS lediglich erwähnt, weil sie gemäss den begutachtenden
Arztpersonen in jenem Fall wie Chronic Fatigue Syndrom (CFS) oder Fibromyalgie im
weitesten Sinne zum Formenkreis der Psychosomatosen bzw. der Krankheiten ohne
objektivierbares Korrelat gehöre (Urteil des Sozialversicherungsgerichts des Kantons
Zürich vom 31. August 2012, IV.2011.00850, E. 3.2). MCS wurde in jenem Entscheid
aber nicht als eine Krankheit mit invalidisierender Wirkung gerichtlich anerkannt. Im
Gegensatz zu MCS sind sowohl CFS wie auch Fibromyalgie ausdrücklich ICD-10-
klassifiziert (G93.3 und M79.7; CFS wurde gestützt auf von der Fatigue-Coalition
definierte Diagnosekriterien analog zu ICD-10-Kriterien schon als eigenständiges
Krankheitsbild eingestuft, bevor es eine ICD-10-Klassifizierung erhielt, vgl. BGE 139 V
346 E. 3.4).
5.4.
Die Beschwerdeführerin verweist auf Urteile des Bundesgerichts, in welchen die
Beschwerden aus MCS anerkannt worden seien. In einem Entscheid wurde im Zu
5.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/27
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sammenhang mit einem beantragten Tabellenlohnabzug lediglich festgehalten, dass
die Gutachterin die mit der "behaupteten Chemikalienunverträglichkeit"
zusammenhängenden geklagten Beschwerden berücksichtigt habe und darauf
hingewiesen habe, dieses Leiden könne "wahlweise" u.a. als "multiple chemical
sensitivity syndrome (...) oder als Neurasthenie bezeichnet" werden. (Urteil des
Bundesgerichts vom 7. Mai 2012, 9C_206/2012, E. 3.4.2). Die begutachtende
Facharztperson hat die Diagnose MCS demnach gerade nicht als solche bestätigt,
geschweige denn objektiviert. Der beschwerdeführenden Person wurde noch nicht
einmal der von ihr wegen der MCS-Symptomatik beantrage Tabellenlohnabzug
gewährt und die Beschwerde wurde abgewiesen. In einem anderen Entscheid hat das
Bundesgericht eine schadstoffarme Diät, welche ärztlicherseits aufgrund von
Nahrungsmittelallergien als geboten angesehen wurde, anerkannt und der
beschwerdeführenden Person für die Diät einen Betrag von Fr. 2'100.-- jährlich
zugesprochen (Urteil des Bundesgerichts vom 4. August 2008, 8C_346/2007, E. 4 f.). In
jenem Fall sah das Gericht jedoch Nahrungsmittelallergien als erwiesen an. Vorliegend
macht die Beschwerdeführerin gestützt auf einen nicht mehr vorhandenen, in den
frühen Akten jedoch noch erwähnten Allergiepass vom 1. März 1994 geltend, sie leide
an folgenden Unverträglichkeiten: Fruchtsäure, Sorbit (D-Sorbitol), Glucose,
Acetylosalicylsäure
(vgl. IV-act. 15-4, 35-2, 76-1 und 161-23). Diese Unverträglichkeiten sind in den Akten
weder ausgewiesen noch begründen sie eine Arbeitsunfähigkeit. Sie würden lediglich
eine – von der Beschwerdeführerin im Rahmen ihres Krankheitskonzepts ohnehin
schon vorgenommene – Anpassung der Ernährung und eine entsprechende Beachtung
bei medikamentösen Behandlungen erfordern. Zwar macht die Beschwerdeführerin
geltend, sie leide gemäss einer Abklärung bei Dr. F._, G._, auch an einer Allergie
auf Beifussgewächse und die Inhaltsstoffen Linalool, Terpene, Kampfer, Limonen,
Thujol etc. Entsprechende Unterlagen konnte sie aber nicht beibringen (vgl. IV-
act. 161-23 und 161-45). Weder ihr früherer Hausarzt Dr. B._ noch ihre neue
Hausärztin scheinen sodann über einen entsprechenden Bericht zu verfügen. Diese
Behauptung der Beschwerdeführerin kann demnach nicht mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit als erstellt betrachtet werden.
Selbst bei Nachweis entsprechender Allergien könnte nicht zwingend eine
Arbeitsunfähigkeit daraus abgeleitet werden. Entscheidend wäre, wie stark eine
allergische Reaktion ausfallen würde und ob der Kontakt mit den Auslösern vermieden
bzw. eine allergische Reaktion abgewendet werden könnte.
Unter Bezugnahme auf einen Bundesgerichtsentscheid macht die Beschwerde
führerin geltend, entscheidend sei letztlich die Frage der funktionellen Auswirkungen
5.6.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 19/27
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einer Störung. In jenem Entscheid wird ausgeführt, ob es sich um eine Auffang- oder
Hilfsdiagnose handle, sei irrelevant. In Sonderfällen – wenn eine manifeste
Beeinträchtigung vorliege, für die nach dem aktuellen pathologischen Wissensstand
keine Diagnosestellung möglich sei – seien Ausnahmen von der Diagnosestellung
anhand einer anerkannten Klassifikation denkbar (BGE 130 V 396 E. 6.3 in fine). MCS
ist weder in der Klassifikation der ICD-10 noch in einer anderen in der Schweiz
anerkannten Klassifikation explizit enthalten. Sie ist einer zuverlässigen medizinischen
Feststellung und Überprüfung nicht zugänglich und kann auch keiner der offen
gefassten Auffangdiagnose nach ICD-10 zugeordnet werden. Einen Grund, MCS als
Ausnahme von der Diagnosestellung anhand einer anerkannten Klassifikation zu
behandeln, ist bei unklarer Pathogenese und fehlender Zuordnung zu einem oder
mehreren medizinischen Fachgebieten nicht ersichtlich. Kann kein
Gesundheitsschaden im invalidenversicherungsrechtlichen Sinne (vgl. E. 1.7
vorstehend) festgestellt werden, so geht es nicht an, funktionelle Auswirkungen zu
prüfen. Vielmehr muss zuerst ein Gesundheitsschaden festgestellt werden. Erst wenn
dieser medizinisch ausgewiesen ist, tritt die Diagnose in den Hintergrund und erlangen
die funktionellen Auswirkungen Bedeutung. Die Beschwerdeführerin kann demnach
aus dem erwähnten Bundesgerichtsentscheid nichts zu ihren Gunsten ableiten.
Die Beschwerdeführerin verweist unter anderem auf ein Merkblatt von Dr. med.
H._, Facharzt Dermatologie, des Deutschen Berufsverbandes Klinische
Umweltmediziner e.V. betreffend MCS (abrufbar unter www.dbu-online.de,
Umweltmedizin/Patienteninformationen, abgerufen am 4. Oktober 2021).
Bezugnehmend auf eine Studie am Robert Koch-Institut (Eis et al., Multizentrische
MCS-Studie: Untersuchungen zur Aufklärung der Ursachen des MCS-Syndroms
[Multiple Chemikalienüberempfindlichkeit] bzw. des IEI [Idiopathische umweltbezogene
Unverträglichkeiten] unter besonderer Berücksichtigung des Beitrages von
Umweltchemikalien, Berlin 2002, online abrufbar unter https://
www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/publikation/long/2231.pdf,
abgerufen am 4. Oktober 2021) wird MCS in diesem Merkblatt zu den schwersten
bekannten Krankheiten gezählt. Es gebe keine Arbeitsplatzbedingungen, die den An
sprüchen von MCS-Patientinnen gerecht werden könnten. Dies habe zur Konsequenz,
dass selbst leichte Formen von MCS wenigstens mit einem Grad der Behinderung von
50 % einzustufen seien, besonders schwere Verläufe mit einem solchen von bis zu
100 %.
5.7.
In der erwähnten Studie von Eis et al. finden sich jedoch keine entsprechenden
konkreten Ausführungen betreffend Behinderungsgrad. Vielmehr wird darin zusam
5.8.
http://www.dbu-online.de https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/publikation/long/2231.pdf https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/publikation/long/2231.pdf
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 20/27
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6.
menfassend festgehalten, dass es scheinbar nicht gelinge, bei dem so wenig
verstandenen und allenfalls auf einer phänomenologischen Ebene beschreibbaren
MCS-Beschwerdekomplex, für den nur relativ unbestimmte Fallkriterien angegeben
werden könnten, eine von Beurteiler zu Beurteiler (universitäre umweltmedizinische
Zentren Aachen, Berlin, Freiburg, Giessen und München sowie Umweltklinik Bredstedt)
hinreichend übereinstimmende diagnostische Einschätzung herbeizuführen. An dieser
Situation würde auch der Versuch einer Präzisierung der Fallkriterien wenig ändern, da
hierfür die theoretische ebenso wie die empirische Basis nicht in der erforderlichen
Weise vorhanden sei (vgl. Eis et al., a.a.O., S. 318). Auf die Angaben des von der
Beschwerdeführerin zitierten Merkblatts kann deshalb nicht abgestellt werden, soweit
darin ein Grad der Behinderung für MCS-Betroffene vorgegeben wird.
Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass die Diagnose MCS wie auch die
Auswirkungen, welche MCS zugeordnet werden, entgegen den Behauptungen der
Beschwerdeführerin von der Rechtsprechung nicht als invalidisierend anerkannt
werden. Sie sind daher bei der Beurteilung der Frage, ob bei der Beschwerdeführerin
eine Arbeitsunfähigkeit bzw. Erwerbsunfähigkeit vorliegt, ausser Acht zu lassen. Nichts
anderes ergibt sich auch aus dem umfassenden medexperts-Gutachten, in welchem
der dermatologische Gutachter zum Schluss kam, dass er keine medizinisch fundierte
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit abgeben könne.
5.9.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, schon die Arbeitsfähigkeitsschätzung des
dermatologischen Gutachters stimme nicht. Aufgrund ihrer massiven Einschränkungen
im Alltag, welche erhebliche Ressourcen benötigten, sei eine hohe Einbusse der
Arbeitsfähigkeit anzunehmen. Ohnehin sei ihre Arbeitsfähigkeit nur in so
eingeschränkter Form gegeben (kein Kontakt mit MCS-Auslösern), dass sie gar nicht
mehr verwertbar sei. Dem kann indes nicht gefolgt werden. Wie vorstehend ausführlich
dargelegt, kann MCS vorliegend nicht als Gesundheitsschaden berücksichtigt werden.
Folglich können auch die damit verbundenen geltend gemachten Einschränkungen bei
der Schätzung der Arbeitsfähigkeit grundsätzlich nicht berücksichtigt werden. Dass der
RAD in seiner Stellungnahme vom 14. September 2017 von einer tieferen
Arbeitsfähigkeit ausging (IV-act. 89-3), vermag daran nichts zu ändern, denn nachdem
in der Folge ein polydisziplinäres Gutachten erstellt wurde (IV-act. 124 und 144), ist auf
dieses abzustellen (vgl. E. 1.6 vorstehend).
5.10.
Im Übrigen lassen sich die Leiden der Beschwerdeführerin auch sonst nicht ob
jektivieren. Zwar beruft die Beschwerdeführerin sich darauf, sie habe einen Defekt des
6.1.
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"Entgiftungs-Gens". Ein Zusammenhang mit MCS werde allgemein angenommen
(act. G1, S. 9 f.). Sie verweist diesbezüglich auf Pschyrembel und Dr. J._ Bericht vom
4. Juni 2012 (IV-act. 80). In der Definition nach Pschyrembel wird ein Entgiftungsgen
indes nicht erwähnt. Dr. J._ hielt in seinem Bericht vom 4. Juni 2012 fest, die
Diagnose MCS basiere auf anamnestischen Angaben der Beschwerdeführerin. Leider
gebe es keine labor-chemischen Parameter, welche eindeutig einer MCS zuzuordnen
seien. Er habe eine Mutation im Entgiftungs-Gen (Glutathion-S-Transferase M1)
festgestellt, sodass das Entgiftungssystem der Beschwerdeführerin in starkem Masse
in seiner Effizienz beeinträchtigt sei. Allerdings beziehe sich diese Mutation nicht
ausschliesslich auf MCS-Erkrankte (IV-act. 80-2). Dr. J._ hat demnach nicht
behauptet, von der festgestellten Mutation könne auf MCS geschlossen werden (vgl.
hierzu auch E. 3.3 vorstehend).
Der dermatologische medexperts-Gutachter stützte sich für seine
Diagnosestellung ausschliesslich auf anamnestische Angaben der Beschwerdeführerin.
Dass er wie auch die anderen medexperts-Gutachter die Schilderungen der
Beschwerdeführerin als glaubwürdig bezeichnete, vermag daran nichts zu ändern. Die
von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Beschwerden wurden von den
Gutachtenspersonen nicht beobachtet. Insbesondere zeigte die Beschwerdeführerin
keine entsprechende Symptomatik anlässlich der Begutachtungen. Beispielsweise
äusserte die Beschwerdeführerin gegenüber dem rheumatologischen Gutachter, es
rieche im Untersuchungsraum sehr stark und sie müsse flüchten oder ans offene
Fenster stehen, wenn sie nach 10 bis 15 Minuten Herzrhythmusstörungen kriegen
würde. In der Folge zeigte sie weder ein Schmerz- oder Schonverhalten noch eine
allergische Reaktion und die Begutachtung konnte ohne Unterbrechung durchgeführt
werden. Anlässlich der psychiatrischen Untersuchung gab die Beschwerdeführerin an,
sie sei durch ein Parfum einer Passantin auf dem Weg von der Tiefgarage in die Praxis
kontaminiert worden. Ebenso rieche sie etwas im Raum, was ihr nicht gut tue und ein
Brennen der Schleimhäute hervorrufe. Der psychiatrische medexperts-Gutachter hielt
fest, die anfänglich gezeigte Symptomatik in Form des Halskratzens habe bei
Defokussierung im Verlauf des weiteren Gesprächs keine Bedeutung mehr gezeigt. Die
Gutachter stellten sodann fest, dass die Beschwerdeführerin Raucherin sei und
Nagellack trage. In der Konsensbeurteilung äusserten sie, die Beschwerdeführerin
messe ihren Symptomen grösseren Stellenwert zu als objektiv quantifizierbar sei. Die
sehr tiefe Selbsteinschätzung der körperlichen Leistungsfähigkeit könne aus
somatischer Sicht nicht begründet werden. Sie werteten die Verdeutlichungstendenzen
als Ausdruck des wahrgenommenen hohen Leidensdrucks und einer
Persönlichkeitsakzentuierung mit histrionischen und zwanghaften Anteilen (vgl. zum
6.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 22/27
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7.
Ganzen IV-act. 124-8 f., 124-12, 124-16, 124-29, 124-35 f., 124-39 und IV-act. 144-17
f.).
Auch in den Vorakten finden sich keine ärztlich objektivierten Beobachtungen der
von der Beschwerdeführerin beschriebenen Beschwerdenpalette (vgl. beispielhaft IV-
act. 82 und 83-2; keine im Zusammenhang mit der MCS-Symptomatik dokumentierten
Herzrhythmusstörungen und keine gastrointestinalen Alarmsymptome feststellbar).
Hinzu kommt, dass bei sämtlichen angegebenen Beschwerden (Schwindel, brennende
Schleimhäute etc.) nicht erkannt werden kann, weswegen diese zu einer vollständigen
Arbeitsunfähigkeit in sämtlichen Tätigkeiten führen sollten, wie dies die
Beschwerdeführerin geltend macht.
6.3.
Die medexperts-Gutachter konnten trotz sorgfältiger Abklärungen keine konkreten
gesundheitlichen Einschränkungen aufzeigen. Dementsprechend konnten mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit keine
invalidisierenden Folgen einer gesundheitlichen Beeinträchtigung nachgewiesen
werden. Die Beschwerdeführerin hat die Folgen dieser Beweislosigkeit zu tragen und
kann aus der von Dr. D._ gestellten Diagnose einer MCS keinen Leistungsanspruch
ableiten (vgl. E. 1.8 f. vorstehend).
6.4.
Zu prüfen bleibt, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht auf die
Arbeitsfähigkeitsschätzung aus der Konsensbeurteilung des medexperts-Gutachtens
unter Ausklammerung der vom dermatologischen Gutachter gestellten Diagnose MCS
abgestellt hat.
7.1.
Wie bereits dargetan (vgl. E. 2.3 vorstehend) erfüllt das medexperts-Gutachten die
Voraussetzungen für ein beweiskräftiges Gutachten. Die Beschwerdeführerin macht
indes im Wesentlichen geltend, die Schlussfolgerungen der Gutachter seien zu wenig
begründet und deren Beurteilung nicht nachvollziehbar. Namentlich habe der
psychiatrische Gutachter MCS in Zusammenhang mit einer psychiatrischen Diagnose
gebracht und angesichts dessen, dass sie unter MCS leide, sei die Diagnose von
histrionischen und zwanghaften Persönlichkeitszügen unangebracht.
7.2.
Der psychiatrische Gutachter hat sich jedoch entgegen der Ansicht der
Beschwerdeführerin durchaus differenziert geäussert. So hielt er fest, aus
psychiatrischer Sicht würden sich leicht histrionische und zwanghafte Symptome,
Somatisierungstendenzen sowie Verdeutlichungstendenzen zeigen (IV-act. 124-37).
Obschon die Diagnose MCS die gesamte Lebensweise der Beschwerdeführerin
7.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 23/27
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bestimmt, sie sich deswegen weitgehend von der Aussenwelt isoliert (z.B. völlige
Isolation von Januar bis März 2018, vgl. IV-act. 124-32) und ihre gesamte
Haushaltführung und Freizeitgestaltung danach ausrichtet (vgl. die Schilderungen in
ihrem Blog, https://(...), abgerufen am 8. Oktober 2021), sprach der psychiatrische
Gutachter lediglich von leicht akzentuierten Persönlichkeitszügen und begründete dies
namentlich damit, der aufgetragene Nagellack und der Nikotingebrauch würden
erahnen lassen, dass die Beschwerdeführerin ihren Symptomen grösseren Stellenwert
beimesse, als objektiv quantifizierbar sei (vgl. IV-act. 122-7 und 122-39). Er
berücksichtigte demnach die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten
Einschränkungen durch MCS bei seiner Einschätzung und gelangte dennoch zum
Schluss, es würden leicht akzentuierte Persönlichkeitszüge vorliegen. Ihm war zudem
bewusst, dass MCS nicht ICD-10-klassifiziert ist. Dass er die Symptomatik der
Beschwerdeführerin deshalb unter ICD-10 F45.9 (somatoforme Störung, nicht näher
bezeichnet) fasste (vgl. IV-act. 124-37), ist daher nicht zu beanstanden und zeugt auch
nicht, wie die Beschwerdeführerin geltend macht, von mangelnder Auseinandersetzung
mit dem Stand der Wissenschaft bezüglich MCS. Denn in der Medizin ist umstritten, ob
MCS eine somatische, psychische oder psychosomatische Pathogenese hat und wie
oft psychiatrische Komorbiditäten bestehen (vgl. E. 3 vorstehend). Auch seine
Ausführungen, wonach durch eine intensivere Psychotherapie die Arbeitsfähigkeit
allenfalls gesteigert werden könnte (vgl. IV-act. 124-38 f.), kann nicht als
Falscheinschätzung verworfen werden, denn Teile der medizinischen Fachliteratur
erachten eine Vermeidung als verstärkendes und unterhaltendes Element der
Symptomatik (vgl. E. 3.4 vorstehend), sodass eine intensivierte Psychotherapie zum
Abbau von Vermeidungsstrategien in der Medizin offenbar teilweise als
Behandlungsstrategie anerkannt wird.
Die Beschwerdeführerin bringt vor, die Arbeitsunfähigkeit von 30 % sei nicht
nachvollziehbar begründet. Die Herleitung der psychiatrischen Diagnosen sei
oberflächlich und der psychiatrische Gutachter setze sich nicht mit den Vorakten
auseinander, in welchen gänzlich andere Diagnosen gestellt würden. Insbesondere sei
unklar, inwieweit die Resultate der neuropsychologischen Begutachtung in diese
Einschätzung miteinbezogen worden seien.
7.4.
Dr. C._ war die einzige fachärztliche Vorbehandlerin, die für das vorliegende
Verfahren relevante psychiatrische Vordiagnosen gestellt hatte. Sie nannte ein
chronisches depressives Erschöpfungssyndrom (ICD-10 F32.9), Dysthymia (ICD-10
F34.1) und negative Kindheitserlebnisse (ICD-10 Z61; IV-act. 61; die übrigen von ihr
gestellten Diagnosen waren fachfremd und deshalb vom psychiatrischen Gutachter
7.5.
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nicht zu berücksichtigen). Diese Diagnosen wurden von ihr jedoch nicht weiter
begründet. Die Behandlungsintensität (stützende Psychotherapie durch telefonische
Konsultation ca. alle zwei Monate, vgl. IV-act. 61-2 und 124-35) spricht gegen eine
stark ausgeprägte behandlungsbedürftige psychiatrische Erkrankung. Die negativen
Kindheitserlebnisse und die Dysthymia sind grundsätzlich nicht invalidisierend und
wurden von der Beschwerdeführerin anlässlich der Begutachtung auch nicht als solche
thematisiert. Der psychiatrische medexperts-Gutachter hielt fest, es habe sich kein
Anhalt für eine depressive Symptomatik gezeigt. Die insbesondere bei der
neuropsychologischen Untersuchung gezeigten Symptome würden nicht reichen für
die Stellung einer Diagnose aus dem Formenkreis der affektiven Störungen (IV-
act. 124-36 f.). Auch wenn es wünschenswert gewesen wäre, dass der psychiatrische
Gutachter sich einlässlicher dazu geäussert hätte, fand demnach eine hinreichende
Auseinandersetzung mit den psychiatrischen Vorakten statt.
Dem psychiatrischen Gutachter kommt bei der ärztlichen Beurteilung von der
Natur der Sache her ein gewisses Ermessen zu (vgl. E. 1.6 vorstehend). Er hat die
Ergebnisse der neuropsychologischen Begutachtung in seine Einschätzung
miteinbezogen und insbesondere gestützt darauf im Sinne einer Differentialdiagnose
ein Chronique Fatigue Syndrom erwähnt (vgl. IV-act. 124-36 ff.). Unabhängig davon
erachtete er eine gewisse Beeinträchtigung der Beschwerdeführerin in ihrer
Arbeitsfähigkeit als erwiesen und bezifferte diese auf 30 %. Ob dafür eine somatoforme
Störung oder die differentialdiagnostisch erwähnten Diagnosen verantwortlich sind,
kann offenbleiben, da die funktionellen Auswirkungen vergleichbar sind. Seine
Arbeitsfähigkeitsschätzung steht auch nicht im Widerspruch zu den von der
Beschwerdeführerin angeführten Leitlinien der SVNP, zumal diese für eine leichte bis
mittelgradige neuropsychologische Störung eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
von 10 bis 50 % vorsehen. Zudem stellt eine neuropsychologische Untersuchung
lediglich eine Zusatzuntersuchung dar. Der psychiatrische Gutachter hat die
Arbeitsunfähigkeit zu schätzen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 12. April 2019,
9C_752/2018, E. 5.3).
7.6.
Nach dem Gesagten ist die Konsensbeurteilung der medexperts-Gutachter unter
Ausklammerung der vom dermatologischen Gutachter gestellten Diagnose MCS
nachvollziehbar und einleuchtend, sodass ihr Beweiskraft zukommt. Die
Beschwerdeführerin ist somit als zu 70 % arbeitsfähig in ihren früheren und jeglichen
weiteren adaptierten Tätigkeiten anzusehen. Dr. D._ erachtete die
Beschwerdeführerin für einen adaptierten Arbeitsplatz (namentlich bei ihr zuhause im
Homeoffice) als zu 100 % arbeitsfähig, womit insgesamt auch unter Einbezug der
7.7.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 25/27
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8.
ergänzenden dermatologischen Einschätzung von einer 30%igen Reduktion der
Arbeitsfähigkeit auszugehen ist.
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird grundsätzlich das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen; Art. 16 ATSG i.V.m. Art. 28a Abs. 1 IVG).
8.1.
Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die
beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt
und einander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der
Invaliditätsgrad bestimmen lässt. Insoweit die fraglichen Erwerbseinkommen
ziffernmässig nicht genau ermittelt werden können, sind sie nach Massgabe der im
Einzelfall bekannten Umstände zu schätzen und die so gewonnenen Annäherungswerte
miteinander zu vergleichen. Wird eine Schätzung vorgenommen, so muss diese nicht
unbedingt in einer ziffernmässigen Festlegung von Annäherungswerten bestehen.
Vielmehr kann auch eine Gegenüberstellung blosser Prozentzahlen genügen. Das ohne
Invalidität erzielbare hypothetische Erwerbseinkommen ist alsdann mit 100 % zu
bewerten, während das Invalideneinkommen auf einen entsprechend kleineren
Prozentsatz veranschlagt wird, so dass sich aus der Prozentdifferenz der
Invaliditätsgrad ergibt (sogenannter Prozentvergleich). Der Prozentvergleich bietet sich
somit namentlich an, wenn Validen- und Invalideneinkommen ausgehend vom gleichen
Tabellenlohn zu berechnen sind. Deren genaue Ermittlung erübrigt sich: Der
Invaliditätsgrad entspricht dem Grad der Arbeitsunfähigkeit unter Berücksichtigung
eines allfälligen Abzugs vom Tabellenlohn (Urteil des Bundesgerichts vom 23. Mai
2019, 9C_851/2018, E. 5.1, mit Hinweisen).
8.2.
Vorliegend ist die Beschwerdeführerin gestützt auf das medexperts-Gutachten
sowohl in den von ihr früher ausgeübten Tätigkeiten als auch in jeder anderen
adaptierten Tätigkeit (leichte bis maximal mittelschwere körperliche Tätigkeit,
regelmässige Pausen, Gestaltung des Arbeitsplatzes, kein Arbeitsstress mit
Kundenkontakt) zu 70 % arbeitsfähig (vgl. IV-act. 124-8). Da sie demnach frühere
Erwerbstätigkeiten wieder aufnehmen könnte, kann der Invaliditätsgrad mittels
Prozentvergleich ermittelt werden. Er beträgt folglich ohne Tabellenlohnabzug 30 %.
8.3.
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Die Beschwerdeführerin macht geltend, wenn auf das medexperts-Gutachten
abgestellt werde, würde sich in Anbetracht der gesamten Umstände ein
Tabellenlohnabzug von 20 % rechtfertigen, sodass auch in diesem Fall
Rentenleistungen geschuldet wären (act. G1). Mit dem Abzug vom Tabellenlohn soll
der Tatsache Rechnung getragen werden, dass persönliche und berufliche Merkmale,
wie Art und Ausmass der Behinderung, Lebensalter, Dienstjahre, Nationalität oder
Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die Lohnhöhe haben
können und je nach Ausprägung die versicherte Person deswegen die verbliebene
Arbeitsfähigkeit auch auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt nur mit
unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg verwerten kann. Der Abzug soll aber nicht
automatisch erfolgen. Er ist unter Würdigung der Umstände im Einzelfall nach
pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen und darf 25 % nicht übersteigen.
Die Rechtsprechung gewährt insbesondere dann einen Abzug auf dem
Invalideneinkommen, wenn eine versicherte Person selbst im Rahmen körperlich
leichter Hilfsarbeitertätigkeit in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist. Zu beachten
ist jedoch, dass allfällige bereits in der Beurteilung der medizinischen Arbeitsfähigkeit
enthaltene gesundheitliche Einschränkungen nicht zusätzlich in die Bemessung des
leidensbedingten Abzugs einfliessen und so zu einer doppelten Anrechnung desselben
Gesichtspunkts führen dürfen (BGE 146 V 16 E. 4.1 und Urteil des Bundesgerichts vom
10. August 2021, 8C_115/2021, E. 3.2.1, je mit Hinweisen).
8.4.
Die Beschwerdeführerin kann gestützt auf das medexperts-Gutachten wieder in
den von ihr bereits früher ausgeübten Tätigkeiten arbeiten. Sie verfügt über
hervorragende Arbeitszeugnisse (IV-act. 21-7 ff.). Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung gibt es keinen Anlass für einen Teilzeitabzug bei Frauen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 6. Dezember 2012, 8C_303/2012, E. 6.2). Vorliegend wird es der
Beschwerdeführerin nach einem über viele Jahre dauernden weitgehenden Rückzug
aus dem öffentlichen Leben bei offensichtlichem Leidensdruck schwer fallen, erneut
einer Berufstätigkeit nachzugehen, bei der unvermeidlich Kontakte mit den von ihr
aufgezählten Auslösern stattfinden werden. Da MCS aber, wie obenstehend ausführlich
dargelegt, nicht als Gesundheitsschaden im invalidenversicherungsrechtlichen Sinne
angesehen werden kann, darf die entsprechende Symptomatik auch bei der Frage
nach einem Tabellenlohnabzug nur zurückhaltend berücksichtigt werden. Das Alter der
Beschwerdeführerin führt entgegen ihrer Ansicht nicht zu einer Unverwertbarkeit der
Arbeitsfähigkeit (vgl. zur diesbezüglich strengen Rechtsprechung Urteil des
Bundesgerichts vom 23. August 2018, 8C_892/2017, E. 5). Es kann zwar im
Zusammenspiel mit weiteren Umständen einen Abzug vom Tabellenlohn rechtfertigen
(Urteil des Bundesgerichts vom 15. Juli 2020, 8C_151/2020, E. 6.3.3). Vorliegend sind
8.5.
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