Decision ID: 40e1d912-88fe-5d6c-b6e1-a66dc512885b
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 14. Oktober 2015 beim Empfangs-
und Verfahrenszentrum (EVZ) B._ um Asyl nach.
A.b Im Personalienblatt gab er an, am (...) geboren und damit minderjährig
zu sein, woraufhin das SEM am 19. Oktober 2015 eine Handknochenana-
lyse zur Alterstbestimmung im C._ anordnete. Die forensische
Schätzung des Skelettalters vom 20. Oktober 2015 ergab ein Knochenalter
von (...) Jahren. In der Folge wurde der Beschwerdeführer für die Fortset-
zung des Verfahrens als volljährig erfasst und sein Geburtsdatum im Zent-
ralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) fiktiv auf den 1. Januar des
18. Altersjahres ([...]) festgelegt.
A.c Am 30. Oktober 2015 fand die summarische Befragung zur Person
(BzP) statt, wobei ihm auch das rechtliche Gehör zum Ergebnis der durch-
geführten Handknochenanalyse zur Bestimmung seines Alters gewährt
wurde. Am 27. Juli 2017 hörte ihn das SEM eingehend zu seinen Asylgrün-
den an.
Anlässlich dieser Befragungen machte er zu seiner Identität und seinem
persönlichen Hintergrund geltend, er sei eritreischer Staatsangehöriger,
ethnischer Saho und stamme aus D._ in E._, wo er am (...)
geboren und bis zu seiner Ausreise gelebt habe. Sein Vater sei im Jahr (...)
in den Militärdienst eingezogen und seither nicht mehr gesehen worden.
Im Jahr (...) sei er eingeschult worden und habe bis (...) die Schule be-
sucht.
Zur Begründung seines Asylgesuchs führte er aus, er habe am (...) 2015
ein Aufgebot zum Militärdienst erhalten. Da er jedoch nicht habe einrücken
wollen, weil er sonst keine Zukunft mehr gehabt hätte, habe er D._
nach Erhalt der Vorladung verlassen und sei zu Fuss illegal in den Sudan
gereist. Von dort aus sei er via Libyen und Italien schliesslich am 14. Okto-
ber 2015 illegal in die Schweiz gelangt.
A.d Im Rahmen des vorinstanzlichen Verfahrens reichte der Beschwerde-
führer Fotoaufnahmen der Identitätskarten seiner Eltern zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 8. April 2019 – eröffnet am 10. April 2019 – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
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lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
sowie den Vollzug an.
C.
Gegen diese Verfügung erhob der – damals rechtlich nicht vertretene – Be-
schwerdeführer mit Eingabe vom 3. Mai 2019 Beschwerde und beantragte
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Anerkennung der Flücht-
lingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Weiter sei festzustellen,
dass der Vollzug der Wegweisung unzulässig, unzumutbar und unmöglich
sei und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In formeller Hinsicht ersuchte
er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, unter Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung eines amtli-
chen Rechtsbeistands. Weiter beantragte er, es sei die aufschiebende Wir-
kung wiederherzustellen.
Der Beschwerde lagen eine Kopie der vorinstanzlichen Verfügung, eine
Bestätigung der Fürsorgeabhängigkeit der Gemeindeverwaltung
F._ vom 30. April 2019, eine Kopie seines Schülerausweises, eine
Kopie des Unterschriftenblatts der Hilfswerksvertretung (HWV) gemäss
Art. 30 Abs. 4 AsylG von der Anhörung vom 27. Juli 2017 sowie eine Kopie
der Vorladung in den Militärdienst bei.
D.
Mit Schreiben vom 8. Mai 2019 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht
den Eingang der Beschwerde.
E.
E.a Mit Zwischenverfügung vom 28. Mai 2019 wurde auf den Antrag, es sei
die aufschiebende Wirkung wiederherzustellen, nicht eingetreten. Weiter
hielt die Instruktionsrichterin fest, der Beschwerdeführer dürfe den Aus-
gang des Verfahrens in der Schweiz abwarten, hiess die Gesuche um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und Prozessverbeiständung
im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG und aArt. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG gut
und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Ferner wurde
er aufgefordert, innert Frist eine amtliche Rechtsvertretung zu bezeichnen.
E.b Mit Eingabe vom 11. Juni 2019 zeigte Rechtsanwalt Roman Schuler
(substituiert durch MLaw Laura Zilio) dem Bundesverwaltungsgericht seine
Mandatierung durch den Beschwerdeführer unter Beilage der erforderli-
chen Vollmacht (sowie Substitutionsvollmacht) an.
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E.c Mit Zwischenverfügung vom 17. Juni 2019 wurde Rechtsanwalt MLaw
Roman Schuler als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet. Sein Gesuch
um Gewährung einer Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung
wurde abgewiesen. Sodann wurde der Vorinstanz Gelegenheit zur Einrei-
chung einer Vernehmlassung gegeben.
F.
Mit Eingabe vom 19. Juni 2019 reichte das SEM eine Vernehmlassung zu
den Akten.
Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer – zwecks Gelegenheit
zur Replik – am 9. Juli 2019 zur Kenntnis gebracht.
G.
Mit einer als "Replik und Beschwerdeergänzung" bezeichneten Eingabe
vom 6. August 2019 nahm der Beschwerdeführer zur Vernehmlassung
Stellung.
Mit dem Schreiben wurden ein Bericht des German Institute of Global and
Area Studies (GIGA) vom 15. April 2018 sowie eine Honorarnote zu den
Akten gereicht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des Asylgesetzes (AsylG) vom
26. Juni 1998 in Kraft getreten (AS 2016 3101). Für das vorliegende Ver-
fahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen
zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes [AsylG, SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d
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Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgül-
tig entscheidet.
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG; Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/25 E. 5).
3.
3.1 Auf Beschwerdeebene wurden formelle Rügen erhoben, welche vorab
zu beurteilen sind, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine Kassation der
erstinstanzlichen Verfügung zu bewirken. Der Beschwerdeführer rügte, die
Vorinstanz habe zu Unrecht seine Minderjährigkeit verneint und dabei den
rechtserheblichen Sachverhalt nicht festgestellt sowie sein rechtliches Ge-
hör verletzt. Die Sache sei deshalb zur rechtsgenüglichen Feststellung des
Sachverhalts und erneuten Durchführung einer Anhörung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Ferner machte er anlässlich der Anhörung
Verständigungs- und Übersetzungsprobleme geltend.
3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3;
BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der
Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in
ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich
ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich aus-
einandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt
(vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
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Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
3.3
3.3.1 Der Beschwerdeführer gab auf dem Personalienblatt den (...) als Ge-
burtsdatum an (vgl. SEM-Akten A/1). Aus der von der Vorinstanz angeord-
neten Handknochenanalyse resultierte dagegen gemäss Greulich und Pyle
ein Alter von (...) Jahren, wobei die zuständigen Ärzte in ihrem Bericht ex-
plizit festhielten, dass ein gesunder (...)-jähriger Knabe durchaus ein Kno-
chenalter von (...) Jahren aufweisen könne (vgl. SEM-Akten A/9). Als der
Beschwerdeführer im Rahmen der BzP erneut nach seinem Alter gefragt
wurde, gab er wiederum an, am (...) geboren und (...) Jahre alt zu sein
(vgl. SEM-Akte A/13, Ziff. 1.03), wobei er auf eine Geburtsurkunde ver-
wies, welche sich noch bei seiner Mutter in D._ befinde (vgl. SEM-
Akte A/13, Ziff. 1.06 und 4.04). Auch die weiteren diesbezüglichen Fragen
beantwortete er konsistent (vgl. SEM-Akte A/13, Ziff. 1.17.04 und 3.01).
Demgegenüber kannte er die Geburtsdaten seiner Brüder nicht und ver-
mochte auch die zeitlichen Abstände zu ihnen nicht zu nennen (vgl. SEM-
Akte A/13, Ziff. 3.02 und 3.03). Konfrontiert mit dem sich aus der Untersu-
chung ergebenden Skelettalter von (...) Jahren hielt er daran fest, erst
(...) Jahre alt zu sein. Der Festlegung des Geburtsdatums auf den (...)
brachte er dennoch nichts weiter entgegen (vgl. SEM-Akte A/13,
Ziff. 8.01). Anlässlich der Anhörung behauptete der Beschwerdeführer wei-
terhin, am (...) geboren zu sein (vgl. SEM-Akte A/113). Hinsichtlich seiner
Geburtsurkunde machte er geltend, diese sei in der Zwischenzeit bei einem
Brand zerstört worden (vgl. SEM-Akte A/13, Ziff. 6 ff.).
3.3.2 Gegenüber den Asylbehörden reichte der Beschwerdeführer keine
beweistauglichen Identitätsdokumente ein, welche die von ihm behauptete
Minderjährigkeit im Zeitpunkt der Einreichung des Asylgesuchs belegen
könnten. Hinsichtlich der im Rahmen des Beschwerdeverfahrens einge-
reichten Kopie seines Schülerausweises geht das Bundesverwaltungsge-
richt davon aus, dass es sich dabei nicht um einen authentischen Schüler-
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ausweis handelt, sondern vielmehr um eine provisorische eritreische Iden-
titätskarte, welche eritreische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger bei Voll-
jährigkeit erhalten. Deren Einreichung erstaunt auch deshalb, weil der Be-
schwerdeführer sowohl anlässlich der BzP als auch der Anhörung behaup-
tete, nie eine Identitätskarte besessen zu haben (vgl. SEM-Akte A/13,
Ziff. 1.06 und 4.03 sowie A/24, F 4). Beim Vergleich mit Vergleichsmaterial
fallen zudem objektive Fälschungsmerkmale auf. So ist der ID-Hintergrund
schwarzweiss und weist keine farblichen Echtheitsmerkmale eines Origi-
nals auf, wohingegen das Lichtbild darauf farbig ist. Entgegen seinen Be-
hauptungen in der Replik sind seine Aussagen zu seinem Alter auch nicht
mit denjenigen seiner Brüder vereinbar. Sein Bruder G._ (N [...])
sagte in der BzP vom (...) 2014 zwar aus, der Beschwerdeführer sei das
jüngste der drei Geschwister und zu diesem Zeitpunkt (...) Jahre alt
(vgl. SEM-Akte A/3, Ziff. 3.01), demgegenüber meinte er in der Anhörung
dieser sei der ältere seiner beiden jüngeren Brüder (vgl. SEM-Akte A/10,
F 100). Der Bruder H._ (N [...]) behauptete dagegen in der BzP
vom (...) 2014, der Beschwerdeführer sei ein Jahr älter als er und damit in
diesem Zeitpunkt (...) Jahre alt (vgl. SEM-Akte A/4, Ziff. 3.01).
3.3.3 Wiewohl die Vorinstanz die Aussagen der Brüder des Beschwerde-
führers nicht zur Abklärung hinzuzog, ist sie im Ergebnis dennoch zu Recht
davon ausgegangen, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist,
die von ihm geltend gemachte Minderjährigkeit glaubhaft zu machen. Die
Vorinstanz war folglich nicht gehalten, weitere Untersuchungsmassnah-
men vorzunehmen oder dem Beschwerdeführer eine Vertrauensperson
beizordnen. Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass er im Zeitpunkt
der nächsten bedeutsamen Verfahrenshandlung – der Anhörung – auch
gemäss des von ihm geltend gemachten Alters bereits volljährig war
(vgl. das Urteil des BVGer D-7132/2016 vom 24. Mai 2017 E. 5.2 zur ge-
setzeskonformen Auslegung des damals gerade neu eingeführten Art. 7
Abs. 2bis AsylV1 i.V.m. Art. 17 Abs. 3 AsylG). Entsprechend sind ihm ohne-
hin keine ersichtlichen Nachteile entstanden, welche verfahrensrechtliche
Konsequenzen nach sich zu ziehen vermochten.
3.4 Soweit der Beschwerdeführer (erst) auf Beschwerdeebene vorbrachte,
die Anhörung sei äusserst schwierig und mühsam gewesen, weil diese
nicht in seiner Muttersprache, sondern auf Arabisch durchgeführt worden
sei, ist zunächst darauf hinzuweisen, dass auf dem Personalienblatt, wel-
ches er nicht selber ausgefüllt hatte, Tigrinya als Muttersprache aufgeführt
wurde (vgl. SEM-Akte A1). Gemäss Aktennotiz vom 26. Oktober 2015
wurde die erste BzP abgebrochen, da er dabei angegeben habe, nur Saho
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und Arabisch zu sprechen (vgl. SEM-Akte A/12). In der Folge wurde die
Befragung mit einer arabisch sprechenden Dolmetscherin durchgeführt
(vgl. SEM-Akte A/13, S. 2, Bst. b). Während der BzP bestätigte er zweimal,
die Dolmetscherin gut zu verstehen (vgl. SEM-Akte A/13, Bst. h und
Ziff. 9.02). Weiter bestätigte er mit seiner Unterschrift, dass das ihm rück-
übersetzte Protokoll seinen Aussagen sowie der Wahrheit entspreche
(vgl. SEM-Akte A/13, S. 12). Auch anlässlich der Anhörung gab er an, den
Übersetzer zu verstehen (vgl. SEM-Akte A/24, F 1). An der Befragung er-
klärte er sodann, Saho und Arabisch zu sprechen (vgl. SEM-Akte A/24,
F 40). Weiter bejahte er die Nachfrage der Hilfswerksvertretung (HWV), ob
er den Dolmetscher verstanden habe und nickte dabei (vgl. SEM-
Akte A/24, F 209). Nach der Rückübersetzung bestätigte er wiederum un-
terschriftlich, dass das Protokoll in eine ihm verständliche Sprache rück-
übersetzt wurde, es vollständig und korrekt sei und seinen freien Ausfüh-
rungen entsprechen würde (vgl. SEM-Akte A/24, S. 20). Die während der
Anhörung anwesende HWV wies zwar auf dem Unterschriftenblatt darauf
hin, dass es zu einigen sprachlichen Schwierigkeiten gekommen sei
(vgl. SEM-Akte A/14, Unterschriftenblatt der HWV gemäss Art. 30
Abs. 4 AsylG). Wie in der Beschwerdeschrift näher ausgeführt wurde,
fragte der Beschwerdeführer auch mehrmals nach, was genau die Frage
beziehungsweise die vom Befrager verwendeten Begrifflichkeiten bedeu-
ten würden (vgl. SEM-Akte A/24, F 3, F 6, F 73 und F 81). Die Befragerin
erklärte ihm diese jedoch und formulierte ihre Fragen um (vgl. SEM-
Akte A/24, F 4, F 6, F 74 und F 81). Des Weiteren gab es während der An-
hörung Fragen, auf die er zunächst unklare oder ausweichende Antworten
gab (vgl. SEM-Akte A/24, F 37, F 70 und F 156). Diese Unklarheiten klärte
die Befragerin indes durch gezieltes Nachfragen auf (vgl. SEM-Akte A/24,
F 38, F 71 und F 157). Zudem stellte der Beschwerdeführer zwischendurch
Rückfragen, aus denen ersichtlich ist, dass er der Befragung folgen konnte
(vgl. SEM-Akte A/24, F 10, F 57, F 138, F 157, F 190 und F 202). Abgese-
hen von dem gelegentlichen Nachfragen zur Klärung der Antworten sind
dem Anhörungsprotokoll denn auch keine Unstimmigkeiten zu entnehmen.
Seine Asylvorbringen gehen daraus klar hervor und es besteht damit kein
Zweifel an der Verwertbarkeit des Inhalts des Befragungsprotokolls. Der
Beschwerdeführer muss sich folglich auf seine Aussagen an der BzP und
der Anhörung und daraus allenfalls resultierende Unstimmigkeiten behaf-
ten lassen.
3.5 Insgesamt liegt weder eine ungenügende Sachverhaltsfeststellung
noch eine Verletzung des rechtlichen Gehörs vor. Es besteht demnach
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keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung aus formellen Gründen
aufzuheben und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder
Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht
haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung
des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7
Abs. 3 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. beispiels-
weise BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.2
und 2.3, jeweils m.w.H.).
4.3 Wer sich darauf beruft, dass durch seine Ausreise aus dem Heimat-
oder Herkunftsstaat oder wegen seines Verhaltens nach der Ausreise eine
Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht subjektive Nach-
fluchtgründe geltend (Art. 54 AsylG). Subjektive Nachfluchtgründe begrün-
den zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen je-
doch nach Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob
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sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen
werden Personen, die subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder
glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen
(vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
5.
5.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids führte die Vorinstanz
im Wesentlichen aus, die Ausführungen des Beschwerdeführers zum mili-
tärischen Aufgebot seien durchwegs substanzlos, undifferenziert und nicht
konsistent. Seine Schilderungen zum Erhalt der Vorladung und zum Ablauf
des entsprechenden Tages seien knapp und oberflächlich ausgefallen. Sei-
nen diesbezüglichen Darlegungen könnten nicht einmal ansatzweise Hin-
weise auf persönliche Betroffenheit entnommen werden, was angesichts
des Umstandes, dass er plötzlich mit der Situation konfrontiert gewesen
sei, noch am selben Tag seine Familie zu verlassen, keineswegs überzeu-
gend sei. Er habe denn auch nur eine stereotype Vermutung geliefert, was
ihn bei einer allfälligen Einrückung in den Militärdienst erwartet hätte. Über-
dies sei es nicht üblich, dass Schüler der (...) Klasse nach Sawa einberu-
fen werden beziehungsweise erst nach Sawa geschickt werden würden,
bevor sie an andere Orte verteilt werden würden, wie dies vom Beschwer-
deführer behauptet worden sei. Auch die allgemeinen Angaben betreffend
seine Mitschüler und Kameraden würden nicht auf einen tatsächlich vor-
handenen Informationshintergrund schliessen lassen. Zudem habe er sich
insofern widersprüchlich geäussert, indem er in der BzP vorgebracht habe,
dass er zwei Tage nach Erhalt der Vorladung von Militärangehörigen abge-
holt werden würde, wohingegen er in der Anhörung vorgebracht habe, dass
sie ihn bei Nichterscheinen noch in derselben Nacht holen würden. Sodann
sei die geltend gemachte überstürzte Ausreise ohne jegliche Vorbereitung
realitätsfremd. In der BzP habe er ausserdem zu Protokoll gegeben, dass
seine Mutter mit ihm in den Sudan gereist sei, was sich jedoch nicht mit
seinen Angaben in der Anhörung vereinbaren lasse, wonach er mit einem
Freund und dessen Bekannten geflüchtet sei. Schliesslich habe er auch
die vorgebrachte illegale Reise von I._ nach K._ nicht über-
zeugend dargelegt. Seine Schilderungen seien bezüglich Substanz nicht
über das hinausgegangen, was auch eine Person aufgrund von Erzählun-
gen von Dritten zu berichten gehabt hätte und seine oberflächlichen Darle-
gungen würden jeglichen Eindruck persönlichen Erlebens vermissen las-
sen. Insgesamt würden die Vorbringen des Beschwerdeführers den Anfor-
derungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten, so
dass deren Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse.
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5.2 Der Beschwerdeführer machte demgegenüber in seiner Beschwerde-
schrift geltend, soweit die Vorinstanz in ihrer Verfügung die Ansicht vertrete,
dass seine Aussagen eintönig und emotionslos wirken würden, sei dies
eine subjektive Wahrnehmung. Ausserdem hätten die strapaziöse Flucht in
die Schweiz, die verschiedenen Befragungen, das Warten auf den Asylent-
scheid und die Angst vor einem negativen Bescheid Spuren bei ihm hinter-
lassen. Weiter wies er daraufhin, dass ihm beziehungsweise seiner Mutter
am (...) 2015 das Schreiben mit der Aufforderung für die Erfassung zum
Militärdienst übergeben worden sei. Das entsprechende Dokument habe
er in den vergangenen Tagen ebenfalls beschaffen können. Das eritreische
Militärsystem habe bis dato eigene Regeln, die äusserst repressiv gehand-
habt würden. So müsse auch davon ausgegangen werden, dass der Mili-
tärdienst eine Dauer von über 10 Jahren betrage, wobei man persönlich
keinen Einfluss darauf habe und dem System ausgeliefert sei. Die Angst
vor dem Verlust der Familie – wie dies bei seinem Vater geschehen sei –
und der für ihn zu erwartende psychische Druck durch das System habe
ihn schliesslich veranlasst, mittels Flucht seine Mutter und seinen Heima-
tort zu verlassen.
5.3 In ihrer Vernehmlassung qualifizierte die Vorinstanz die mit der Be-
schwerdeschrift eingereichte Kopie der militärischen Vorladung als nicht
beweistauglich. Bezeichnend sei sodann, dass er das Dokument erst mehr
als drei Jahren nach der Einreichung seines Asylgesuchs habe erhältlich
machen können, wobei eine Erklärung für das verspätete Einreichen aus-
geblieben sei. Im Übrigen hielt das SEM vollumfänglich an seinen Erwä-
gungen fest.
5.4 In der Replik wurde in Bezug auf das militärische Aufgebot zunächst
festgehalten, die Übersetzungsprobleme hätten grosse Auswirkungen auf
das Aussage- und Antwortverhalten des Beschwerdeführers gehabt. So sei
es absolut plausibel, dass er die Vorladung mit "Papier" bezeichnet respek-
tive diese so beschrieben habe. Während der gesamten Anhörung habe er
konstant von "Papier" gesprochen und dabei erklärt von wem er dieses
erhalten habe, was darauf gestanden habe und was seine Reaktion darauf
gewesen sei. Soweit die Vorinstanz bemängelt habe, seinen Aussagen
könnten keine persönliche Betroffenheit entnommen werden, sei entgegen
zu halten, dass er bereits seine Brüder wegen desselben Grundes habe
verabschieden müssen, wodurch er auf den Tag als er die Vorladung er-
halten habe, vorbereitet gewesen sei. Er habe zwar knappe, aber vollstän-
dige und konsistente Antworten zu den ihm gestellten Fragen gegeben,
habe den Sachverhalt nicht künstlich aufgebaut oder erfunden, sondern
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Seite 12
sich auf das für ihn Wesentliche beschränkt. Es sei vollkommen absurd bei
Minderjährigen oder jungen Erwachsenen den gleichen Massstab von De-
tailliertheit von Schilderungen wie bei Erwachsenen anzuwenden. Weiter
sei dem unterschiedlichen Aussageverhalten von asylsuchenden Perso-
nen gebührend Rechnung zu tragen. Der Beschwerdeführer sei denn auch
nervös, angespannt und gestresst gewesen, was unter den gegebenen
Umständen (ohne Vertrauensperson und mit Übersetzungsschwierigkei-
ten) nachvollziehbar sei. Weiter kenne er den Militärdienst nur vom Hören-
sagen, weshalb die Aussagen des SEM, wonach er diese hätte konkreti-
sieren müssen, klar zurückzuweisen seien. Soweit die Vorinstanz zur ein-
gereichten Kopie der Vorladung zum Militär pauschal festhalte, diese sei
nicht beweistauglich, verletze sie sein rechtliches Gehör. Hinsichtlich sei-
ner illegalen Ausreise hab er mehrmals übereinstimmend beschrieben von
D._ um 4 Uhr morgens los gelaufen zu sein und um 6 Uhr abends
in I._ angekommen zu sein. Von dort aus sei er nach K._
gelaufen, wobei er sich für die Flucht einer Gruppe von Eritreern ange-
schlossen habe. Insgesamt habe glaubhaft erklären können, dass er nach
Erhalt einer Militärvorladung aus Eritrea ausgereist und sich somit dem erit-
reischen Militärdienst entzogen habe. Aufgrund seiner Wehrdienstverwei-
gerung gelte er als Staatsfeind und Verräter, weshalb er bei seiner Rück-
kehr sofort inhaftiert und bestraft werden würde. Die Bestrafung von Wehr-
dienstverweigerern und Deserteuren werde – wie bereits von der vormali-
gen Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) festgestellt und in ver-
schiedenen Urteilen des Bundesverwaltungsgerichts bestätigt – in Eritrea
unverhältnismässig streng und als politisch motiviert eingestuft und be-
straft. Damit erfülle der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft und
es sei ihm Asyl zu gewähren.
Die neue Rechtsprechung im Grundsatzurteil D-7898/2015 hinsichtlich der
illegalen Ausreise aus Eritrea sei vor dem Hintergrund der in diesem Urteil
genannten Länderinformationen nicht nachvollziehbar. Namentlich unter
Hinweis auf das Gutachten der Eritrea-Expertin L._ vom GIGA-
Institut sei weiterhin davon auszugehen, dass illegal aus Eritrea ausge-
reiste Personen, die unter Zwang nach Eritrea zurückgeschafft würden,
willkürliche Bestrafung erwarten würde. Der Beschwerdeführer habe sich,
bei seiner Ausreise im dienstpflichtigen Alter befunden, weshalb er nun von
den eritreischen Behörden als regierungsfeindlich eingestuft werden würde
und seine illegale Ausreise als flüchtlingsrelevant erachtet werden müsse.
Damit wäre er jedenfalls zufolge Erfüllens subjektiver Nachfluchtgründe als
Flüchtling vorläufig aufzunehmen.
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Seite 13
6.
6.1 Der Beschwerdeführer stellte sich als Wehrdienstverweigerer dar und
verlangte vor diesem Hintergrund die Feststellung der Flüchtlingseigen-
schaft und die Gewährung von Asyl, eventualiter die Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft aufgrund seiner illegalen Ausreise und seines Pro-
fils. Es besteht jedoch – wie nachfolgend aufgezeigt wird – weder Anlass
zur Annahme er habe im Zeitpunkt seiner eigenen Angaben zufolge im
(...) 2015 erfolgten Ausreise in direktem Kontakt mit den heimatlichen Mili-
tärbehörden gestanden, noch ist der geltend gemachten illegalen Ausreise
aus Eritrea flüchtlingsrechtliche Relevanz zuzumessen.
6.2 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des
Beschwerdeführers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit
der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen o-
der nicht. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Ge-
samtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentli-
chen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, per-
sönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller bzw.
die Gesuchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung,
wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht
es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist,
aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende
Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen
(vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
6.3 Das Bundesverwaltungsgericht schliesst sich nach Sichtung der Akten
der Einschätzung der Vorinstanz an, wonach die Ausführungen des Be-
schwerdeführers in ihrer Gesamtheit überwiegend oberflächlich, vage und
teilweise widersprüchlich ausgefallen sind. Zur Vermeidung von Wiederho-
lungen kann auf die zutreffenden Erwägungen des SEM verwiesen werden
(vgl. erstinstanzliche Verfügung E. II, Ziff. 2). Als wesentlich erachtet das
Bundesverwaltungsgericht Folgendes:
6.3.1 Die Vorbringen des Beschwerdeführers sind insgesamt sehr allge-
mein und unsubstantiiert ausgefallen, womit kein klares Bild der Erlebnisse
entstand. Die freie Erzählung seiner Fluchtgründe an der Anhörung nahm
lediglich einen Satz ein und erschöpfte sich auch nach wiederholten Nach-
fragen nur in wenigen kurzen, stereotypen Sätzen (vgl. SEM-Akte A/24,
F 95-98). Auf Beschwerdeebene wird zwar zu Recht der Einwand erhoben,
D-2089/2019
Seite 14
dass er auf jegliche Fragen kurz und knapp geantwortet habe, dennoch
erwecken seine Schilderungen, die kaum Details oder Realitätskennzei-
chen enthalten, nicht den Eindruck, als hätte er von eigenen Erlebnissen
berichtet. Obwohl er während der Befragung immer wieder angehalten
wurde, ausführlicher zu erzählen, blieben seine Antworten dennoch ober-
flächlich und wenig konkret (vgl. SEM-Akte A/24, F 95‒97, F 100, F 178 f.
und F 188). Auch die Erklärung in der Replik für die ihm von der Vorinstanz
vorgeworfene mangelnde persönliche Betroffenheit, wonach er sich durch
die Einberufungen seiner Brüder in den Militärdienst und deren Ausreisen
auf den Tag seiner Aushebung habe vorbereiten können und gerade nicht
plötzlich von dieser Situation konfrontiert worden sei, vermag dabei nicht
zu überzeugen.
6.3.2 Weitere Ungereimtheiten ergeben sich im Zusammenhang mit den
Angaben des Beschwerdeführers zur Einberufung in den Militärdienst. In
der BZP machte er geltend, im Aufgebot sei gestanden, dass er – wenn er
sich nicht melde – nach zwei Tagen abgeholt werden würde (vgl. SEM-
Akte A/13, Ziff. 7.02). Demgegenüber führte er in der Anhörung aus, dass
er noch in der Nacht des Erhalts der Vorladung von Angehörigen des Mili-
tärs aufgesucht werden würde (vgl. SEM-Akte A/24, F 99 f. und F 124–
128). Als er auf den Wiederspruch angesprochen wurde, vermochte er die-
sen nicht überzeugend aufzulösen (vgl. SEM-Akte A/24, F 141 f.). In der
Beschwerdeschrift werden diesbezüglich ebenfalls keine substantiellen
Einwände entgegengehalten. Auch die mit der Beschwerde eingereichte
militärische Vorladung vermag das Einrückungsaufgebot nicht zu bestätig-
ten, da es sich dabei einerseits – wie von der Vorinstanz zutreffend festge-
stellt wurde – lediglich um eine Kopie handelt und andererseits um ein
leicht fälschbares oder käuflich erwerbbares Dokument, sodass – wenn
überhaupt – nur von einem sehr geringen Beweiswert auszugehen ist. Die
Rüge des Beschwerdeführers, wonach die Vorinstanz sein rechtliches Ge-
hör verletze, indem sie der Vorladung die Beweistauglichkeit absprach,
geht damit fehl. Ergänzend ist in diesem Zusammenhang festzuhalten,
dass ein Anspruch auf rechtliches Gehör nur zu Beweiserhebungen, nicht
aber zur Beweiswürdigung besteht (vgl. PATRICK SUTTER, in: Christoph
Auer/Markus Müller/Benjamin Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundes-
gesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2008, Art. 29 N 12). Im Üb-
rigen lieferte der Beschwerdeführer keine plausible Erklärung dafür, wes-
halb er das Original nicht einreichen konnte. Ohnehin erstaunt es, dass er
eine solche einreichen konnte, gab er während der Anhörung noch zu Pro-
tokoll, diese sei seit drei Jahren sicherlich verbrannt (vgl. SEM-Akte A/24,
F 128). Da die Angaben des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit
D-2089/2019
Seite 15
dem Aufgebot für den Militärdienst nicht konsistent sind, wird die Glaubh-
haftigkeit der gesamten Fluchtgeschichte in Zweifel gezogen, handelt es
sich doch um ein einschneidendes Erlebnis beziehungsweise ein zentrales
Kernvorbringen.
6.3.3 Weitere Zweifel an den Angaben des Beschwerdeführers ergeben
sich aus dessen widersprüchlichen Angaben zur illegalen Ausreise. Wäh-
rend er in der Erstbefragung vorbrachte, am (...) 2015 aus Eritrea ausge-
reist zu sein (vgl. SEM-Akte A/13, Ziff. 2.01), machte er in der Anhörung
geltend, er sei noch am selben Tag als er die Vorladung erhalten habe –
und damit am (...) 2015 – ausgereist (vgl. SEM-Akte A/24, F 99 und
F 138). Weiter behauptete er in der BzP, mit seiner Mutter von D._
mit einem Schlepper in den Sudan gereist zu sein (vgl. SEM-Akte A/13,
Ziff. 4.04 und 5.01). Hingegen brachte er anlässlich der Anhörung vor, er
sei mit einem Bekannten und dessen Freund von D._ via I._
und anschliessend nach K._ geflüchtet (vgl. SEM-Akte A/24,
F 176 f. und F 183–186). Auf Nachfrage hielt er explizit fest ohne Hilfe aus
Eritrea ausgereist zu sein (vgl. SEM-Akte A/24, F 211), sondern lediglich
von K._ nach M._ und von dort aus nach Libyen geführt
worden zu sein (vgl. SEM-Akte A/24, F 212 f.). Schliesslich fielen – wie be-
reits die Vorinstanz in ihrer Verfügung erwog – seine Darstellungen des
Reisewegs auffallend substanzarm aus. Als er bei der Anhörung gefragt
wurde, wie er den Weg in den Sudan beschreiben würde, wie er diesen
gefunden habe und was für Erlebnisse, Begegnungen und Schwierigkeiten
er dabei gehabt habe, antwortete er ausweichend und nicht erlebnisnah
(vgl. SEM-Akte A/24, F 196 f., F 198, F 199–204).
6.3.4 In einer Gesamtabwägung kommt das Bundesverwaltungsgericht da-
her mit der Vorinstanz zum Schluss, dass die zentralen Vorbringen des Be-
schwerdeführers den Anforderungen an die Glaubhaftmachung nicht ge-
nügen.
6.4 Dem Beschwerdeführer ist es somit nicht gelungen, eine konkret be-
vorstehende Einberufung in den Militärdienst glaubhaft darzutun. Folglich
ist nicht davon auszugehen, er habe in einem spezifischen Kontakt zu den
Militärbehörden im Zusammenhang mit einer Rekrutierung gestanden. Es
ist damit auch nicht davon auszugehen, er sei wegen Regimefeindlichkeit
(Refraktion) in den Fokus der eritreischen Behörden geraten und habe des-
wegen begründete Furcht, einer flüchtlingsrechtlich relevanten Bestrafung
zu unterliegen. Die blosse Möglichkeit, in Zukunft eingezogen zu werden,
ist indessen flüchtlingsrechtlich schon deshalb nicht relevant, weil es sich
D-2089/2019
Seite 16
dabei nach Lehre und Praxis nicht um eine Massnahme handeln würde,
die in einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG erwähnten Motive begründet wäre
(vgl. bereits Entscheidungen und Mitteilungen der ARK [EMARK] 2006
Nr. 3 E. 4.7 und E. 4.10; Urteile des BVGer D-7898/2015 vom 30. Ja-
nuar 2017 [als Referenzurteil publiziert] E. 5.1 S. 42 und D-246/2018 vom
11. September 2018 E. 6.3).
6.5
6.5.1 Es bleibt zu prüfen, ob der Beschwerdeführer illegal aus Eritrea aus-
gereist ist und gegebenenfalls aus diesem Grund die Flüchtlingseigen-
schaft erfüllt.
6.5.2 Das Bundesverwaltungsgericht ging bis im Januar 2017 davon aus,
dass eine illegale Ausreise aus Eritrea als subjektiver Nachfluchtgrund an-
zusehen war, weil illegal Ausgereiste bei einer Rückkehr nach Eritrea mit
erheblichen Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG rechnen mussten
(vgl. Urteil des BVGer D-3892/2008 vom 6. April 2010 E. 5.3.3). Diese
Rechtsprechung ist in der Folge jedoch aufgegeben worden. Im Referenz-
urteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 kam das Bundesverwaltungsge-
richt nach einer eingehenden quellengestützten Lageanalyse (E. 4.6–4.11)
zum Schluss, dass die bisherige Praxis, wonach eine illegale Ausreise per
se zur Flüchtlingseigenschaft führte, nicht mehr aufrechterhalten werden
könne (E. 5.1). Es sei nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund ihrer illegalen Ausreise
aus Eritrea eine asylrelevante Verfolgung drohe (a.a.O.). Nicht asylrelevant
sei auch die Möglichkeit, dass jemand nach der Rückkehr in den National-
dienst eingezogen werde; ob eine drohende Einziehung in den National-
dienst unter dem Blickwinkel von Art. 3 und 4 EMRK relevant sein könnte,
betreffe die Frage der Zulässigkeit bzw. Zumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs. Für die Begründung der Flüchtlingseigenschaft im eritreischen
Kontext bedürfe es neben der illegalen Ausreise zusätzlicher Anknüpfungs-
punkte, welche zu einer Verschärfung des Profils und dadurch zu einer
flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen könnten (E. 5.2).
6.5.3 Die Frage der Glaubhaftigkeit der vom Beschwerdeführer geltend ge-
machten illegalen Ausreise aus Eritrea kann – aufgrund der mit Ur-
teil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 geänderten Praxis – letztlich offen-
bleiben, womit sich eine Auseinandersetzung mit den Vorbringen zur ille-
galen Ausreise erübrigt. Liegen nämlich keine zusätzlichen Anknüpfungs-
punkte vor, welche die asylsuchende Person in den Augen der eritreischen
Behörden als missliebige Person erscheinen lassen, vermag die illegale
D-2089/2019
Seite 17
Ausreise per se die Flüchtlingseigenschaft nicht zu begründen. Das Vorlie-
gen solcher zusätzlicher Faktoren ist im Falle des Beschwerdeführers zu
verneinen, wobei zunächst auf die Ausführungen zur Glaubhaftigkeit der
Vorfluchtgründe verwiesen werden kann (vgl. oben E. 6.3). Sodann sind
aus den Akten auch keine anderen zusätzlichen Anknüpfungspunkte, wel-
che ihn in den Augen der eritreischen Behörden als missliebige Person er-
scheinen liessen, ersichtlich. So gab er bei der BzP an, in seiner Heimat
bis zur Ausreise mit Armee, Polizei oder Behörden keine Probleme gehabt
zu haben (vgl. SEM-Akte A/13, Ziff. 7.02). Im Übrigen halten sich zwar
auch die beiden Brüder des Beschwerdeführers in Europa auf, daraus
ergibt sich jedoch kein ernsthaftes Alleinstellungsmerkmal, welches ihn von
anderen eritreischen Asylsuchenden konkret unterscheiden würde.
6.5.4 Soweit in der Beschwerde Kritik an der Praxis des Bundesverwal-
tungsgerichts geübt wird, ist diese zur Kenntnis zu nehmen. Diese Ausfüh-
rungen vermögen die gefestigte und koordinierte Rechtsprechung jedoch
nicht in Frage zu stellen. Das Gleiche gilt für das zur Untermauerung der
allgemeinen Kritikpunkte eingereichte GIGA-Gutachten, das vom Rechts-
vertreter des Beschwerdeführers schon mit vielen anderen Rechtsschriften
zu den Akten des Bundesverwaltungsgerichts gereicht und von jenem in
diesem Sinn gewürdigt worden ist (vgl. statt vieler die Urteile E-3704/2018
vom 13. August 2018 E. 7.4; D-4617/2018 vom 9. August 2019 E. 8.2.6;
D-6674/2019 vom 2. März 2020 E. 6.3; D-6811/2019 vom 22. Juni 2020
E. 9.6).
6.6 Zusammenfassend ergibt sich, dass sowohl das Vorliegen von Vor-
fluchtgründen im Sinne von Art. 3 AsylG als auch dasjenige von subjekti-
ven Nachfluchtgründen gemäss Art. 54 AsylG zu verneinen ist. Es erübrigt
sich, auf die weiteren Ausführungen in der Beschwerde im Einzelnen ein-
zugehen, da sie an der vorgenommenen Würdigung des Sachverhalts
nichts zu ändern vermögen. Das SEM hat zu Recht die Flüchtlingseigen-
schaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
D-2089/2019
Seite 18
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Die Vorinstanz beurteilte den Wegweisungsvollzug in ihrer angefochte-
nen Verfügung als zulässig, zumutbar und möglich. In diesem Zusammen-
hang äusserte sie sich namentlich zur Frage der Zulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzuges im Lichte der Bestimmungen von Art. 3 und 4 EMRK, wel-
che sie bejahte.
8.2 Der Beschwerdeführer führte in seinen Rechtsmittelschriften im We-
sentlichen aus, der Wegweisungsvollzug sei angesichts der ihm in Eritrea
drohenden Einziehung in den Nationaldienst unzulässig und der von der
Vorinstanz angeordnete Vollzug verletzte Art. 3 und 4 EMRK. Ausserdem
sei der Wegweisungsvollzug nicht zumutbar, weil er im Falle einer Rück-
kehr nach Eritrea einer konkreten Gefährdung ausgesetzt wäre, da er sich
in einer persönlichen Notlage befinden würde.
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Auslän-
der und über die Integration [AIG; SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2
9.2.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
D-2089/2019
Seite 19
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen.
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Art. 4 EMRK beinhal-
tet die Verbote der Sklaverei und Leibeigenschaft (Abs. 1) sowie der
Zwangs- oder Pflichtarbeit (Abs. 2 und 3).
9.2.2 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich
erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann das
flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 FK und
Art. 5 AsylG im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Seine
Rückschaffung in den Heimatstaat ist demnach rechtmässig. Die Zulässig-
keit des Vollzugs beurteilt sich im Weiteren nach den allgemeinen verfas-
sungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV;
Art. 3 FoK; Art. 3 und 4 EMRK).
9.2.3 Aufgrund des heutigen Alters des Beschwerdeführers kann ein allfäl-
liger Einzug in den Nationaldienst bei seiner Rückkehr nicht ausgeschlos-
sen werden (vgl. zur eritreischen Musterungspraxis auch das Referenzur-
teil des BVGer D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 13.2–13.4 [als Refe-
renzurteil publiziert]). Die Frage kann aber mit Verweis auf die nachfolgen-
den Erwägungen offenbleiben.
9.2.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Grundsatzurteil
BVGE 2018 VI/4 vom 10. Juli 2018 die Frage der Zulässigkeit des Weg-
weisungsvollzugs bei drohender Einziehung in den eritreischen National-
dienst unter den Aspekten des Zwangsarbeitsverbots (Art. 4
Abs. 2 EMRK), des Folterverbots und der unmenschlichen und erniedri-
genden Behandlung (Art. 3 EMRK) geklärt. Nach eingehender Quellen-
analyse kam es zum Schluss, die Bedingungen im Nationaldienst seien
D-2089/2019
Seite 20
grundsätzlich als Zwangsarbeit im Sinn von Art. 4 Abs. 2 EMRK zu qualifi-
zieren; durch die Einziehung in den eritreischen Nationaldienst bestünde
gleichwohl nicht das ernsthafte Risiko einer schwerwiegenden Verletzung
von Art. 4 Abs. 2 EMRK. Zudem sei nicht erstellt, dass die berichteten
Misshandlungen und sexuellen Übergriffe derart systematisch stattfänden,
dass jede Nationaldienstleistende und jeder Nationaldienstleistende dem
ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre, selbst solche Übergriffe zu erleiden
(vgl. BVGE 2018 IV/4 E. 6.1, insbesondere E. 6.1.5). Weiter verneinte es
das ernsthafte Risiko einer Verletzung von Art. 3 EMRK im Falle einer Ein-
ziehung in den eritreischen Nationaldienst (vgl. BVGE 2018 IV/4 E. 6.1.6),
da keine hinreichenden Belege dafür existierten, wonach Misshandlungen
und sexuelle Übergriffe im Nationaldienst derart flächendeckend stattfin-
den würden, so dass jede Dienstleistende und jeder Dienstleistende dem
ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre, selbst solche Übergriffe zu erleiden.
9.2.3.2 Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den
Akten ergeben sich – selbst bei einem Einzug in den Nationaldienst – An-
haltspunkte für die Annahme, er müsste bei einer freiwilligen Rückkehr in
den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine nach
Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotene Strafe oder Behandlung befürch-
ten. Auch die problematische allgemeine Menschenrechtssituation in Erit-
rea lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt praxisgemäss
nicht als unzulässig erscheinen.
9.2.4 Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers erweist sich
damit – sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestim-
mungen – als zulässig.
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.2 Im bereits zitierten Grundsatzentscheid BVGE 2018 IV/4 kam das
Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die drohende Einziehung in
den Nationaldienst nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
D-2089/2019
Seite 21
führe (a.a.O., E. 6.2.3–6.2.5). Eine allfällige Einziehung des Beschwerde-
führers in den Nationaldienst bei einer (freiwilligen) Rückkehr nach Eritrea
führt damit nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs.
Gemäss aktueller Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von einem Krieg,
Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungsweise ei-
ner generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen
werden. In jüngster Zeit haben sich die Lebensbedingungen in einigen Be-
reichen verbessert. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor schwie-
rig; die medizinische Grundversorgung, die Ernährungssituation, der Zu-
gang zu Wasser und zur Bildung haben sich aber stabilisiert. Der Krieg ist
seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse Konflikte sind
nicht zu verzeichnen. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch die umfang-
reichen Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil der Bevöl-
kerung profitiere. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage des Lan-
des muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenzbedrohung
ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorliegen. Anders als
noch unter der früheren Rechtsprechung sind begünstigende individuelle
Faktoren nicht mehr zwingende Voraussetzung für die Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des BVGer D-2311/2016 vom
17. August 2017 E. 16 f.).
9.3.3 Beim Beschwerdeführer handelt es sich um einen jungen und ar-
beitsfähigen Mann mit (...)-jähriger Schulbildung. In seiner Heimat leben
gemäss seinen eigenen Angaben seine Mutter sowie sein Onkel mütterli-
cherseits und dessen Familie (vgl. SEM-Akten A/13, Ziff. 3.01 und A/24,
F 19 f. und F 147 ff.). Vor seiner Ausreise lebte er bei seiner Mutter
(vgl. SEM-Akten A/13, Ziff. 2.01 und A/24, F 61). Es ist davon auszugehen,
dass er bei einer Rückkehr wieder bei ihr wohnen kann und seine Familie
und Freunde ihn bei seiner sozialen und wirtschaftlichen Wiedereingliede-
rung unterstützen werden. Schliesslich könnten ihn auch seine beiden Brü-
der, welche sich in der Schweiz und in Deutschland aufhalten, jedenfalls
vorübergehend finanziell unterstützen. Vor diesem Hintergrund ist zusam-
men mit der Vorinstanz davon auszugehen, dass sich der Beschwerdefüh-
rer in Eritrea wieder zurechtfinden wird und sich eine Existenzgrundlage
wird schaffen können. Medizinische Probleme, die den Wegweisungsvoll-
zug unter Umständen als unzumutbar erscheinen lassen könnten, macht
er keine geltend und ergeben sich auch nicht aus den Akten. Weiter bleibt
festzustellen, dass er inzwischen – auch nach eigenen Angaben – volljäh-
rig ist, weshalb sich im Urteilszeitpunkt spezifische Abklärungen zu seiner
persönlichen Situation unter dem Blickwinkel des Kindeswohls erübrigen.
D-2089/2019
Seite 22
Nach dem Gesagten stehen somit der Zumutbarkeit keine individuellen
Gründe entgegen.
9.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung so-
wohl allgemein als auch in individueller Hinsicht als zumutbar im Sinne von
Art. 83 Abs. 4 AIG.
9.4 Zwar ist darauf hinzuweisen, dass derzeit die zwangsweise Rückfüh-
rung abgewiesener Asylsuchender nach Eritrea zurzeit generell nicht mög-
lich ist. Die Möglichkeit der freiwilligen Rückkehr steht jedoch praxisge-
mäss der Feststellung der Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs ent-
gegen. Es obliegt daher dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen
Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reise-
dokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und BVGE 2008/34
E. 12). Der Vollzug der Wegweisung ist folglich auch als möglich zu be-
zeichnen (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.5 Schliesslich ist festzuhalten, dass die aktuelle Lage im Zusammenhang
mit der Coronavirus-Pandemie (COVID-19) grundsätzlich nicht geeignet
ist, die Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Frage zu stellen. Bei
der Coronavirus-Pandemie handelt es sich, soweit derzeit feststellbar, al-
lenfalls um ein temporäres Vollzugshindernis. Es obliegt somit den kanto-
nalen Behörden, der Entwicklung der Situation bei der Wahl des Zeitpunkts
des Vollzugs in angemessener Weise Rechnung zu tragen (vgl. statt vieler:
Urteil des BVGer D-139/2020 vom 19. Juni 2020 E. 9.6 m.w.H.).
9.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die die Vorinstanz den Weg-
weisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet
hat. Die Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht
(Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem mit
D-2089/2019
Seite 23
Zwischenverfügung vom 28. Mai 2019 das Gesuch um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutge-
heissen worden ist und weiterhin von seiner Bedürftigkeit auszugehen ist,
sind ihm keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
11.2 Nachdem der rubrizierte Rechtsvertreter des Beschwerdeführers mit
Verfügung vom 17. Juni 2019 als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet
worden ist, ist er für seinen Aufwand unbesehen des Ausgangs des Ver-
fahrens zu entschädigen, soweit dieser sachlich notwendig war
(vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Der Rechtsvertreter hat mit Ein-
gabe vom 6. August 2019 eine aktualisierte Kostennote eingereicht; darin
wurden die Parteikosten mit total Fr. 1'429.85 beziffert, wobei von einem
Stundenansatz von Fr. 200.– ausgegangen wurde. Zudem wurde ein zeit-
licher Aufwand von 6.50 Stunden, Auslagen im Betrag von Fr. 27.60 sowie
ein Mehrwertsteuerzuschlag von Fr. 102.25 geltend gemacht. Der ver-
langte Stundensatz von Fr. 200.– ist reglementskonform (Art. 12 i.V.m.
Art. 10 Abs. 2 VGKE). Der zeitliche Aufwand von insgesamt 6.50 Stunden
ist um die pro futuro verrechnete 0.50 Stunde zu kürzen, im Übrigen aber
angemessen. Nach dem Gesagten ist das Honorar insgesamt auf gerundet
Fr. 1'322.– (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzuset-
zen.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 24