Decision ID: 1acb6cd6-497e-49d5-b120-2933106faa06
Year: 2011
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_002
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

hier dargestellten Sachverhalt. Das Kriterium des „ausserhalb des Körpers
liegenden, objektiv feststellbaren, sinnfälligen, unfallähnlichen Ereignisses“
sei zu bejahen (Bsp. BGE 116 V 148, 116 V 149, 123 V 43, 129 V 466), wie
auch bei anderen Vorfällen (Aufzählung: Verschieben eines schweren
Wäschekorbes mit dem linken Fuss; Ausführung ruckartiger Bewegung und
Verdrehung des rechten Knies bei Sprung aus Verpackungskiste;
Ausrutschen auf unebenem Gelände mit Knieverdrehung; unkoordinierte
Ausweichbewegung [Stolpern] mit Anschlagen Knie an Wagenanhänger;
Misstritt bei Volleyballspiel mit Kniezwick; beim Fussballspiel
Adduktorenmuskeln gezerrt; brüske Umdrehung beim Kochen mit
anschliessenden Knieschmerzen). Eine gesteigerte Gefahrenlage habe
ebenfalls bestanden. Das Losrennen um einen Zug oder Bus zu erreichen,
oder um jemandem zu Hilfe zu kommen, genüge für die Bejahung einer
körperähnlichen Unfallschädigung (U 398/06). Er (Beschwerdeführer) sei
nicht unsportlich; vielmehr sei er trainiert und regelmässiger Teilnehmer des
Swiss Alpine Marathon. Es liege auch keine Krankheits- oder degenerative
Gesundheitsschädigung vor, wofür auf den medizinischen Bericht des
Heilungsverlaufs verwiesen werde. Ein ungewöhnlicher äusserer Faktor sei
ebenso anzunehmen. Die Vorinstanz (Unfallversicherer) habe bisher weder
die medizinischen Unterlagen beim Spital Davos oder dem behandelnden Arzt
verlangt noch andere Ärzte zur Stellungnahme aufgefordert. Bei einem Abriss
der Achillessehne liege medizinisch und definitionsgemäss immer ein Unfall
oder eine unfallähnliche Körperschädigung gemäss UVG vor.
3. In ihrer Vernehmlassung beantragte die Vorinstanz (Unfallversicherer) die
vollumfängliche Abweisung der Beschwerde. Die Sachverhaltsdarstellung
des Beschwerdeführers sei nicht korrekt. Es sei auf die „Aussage der ersten
Stunde“ abzustellen. Der dargestellte Sachverhalt im Schreiben vom
17.06.2010 und in der Einsprache vom 16.07.2010 sei von nachträglichen
Überlegungen versicherungsrechtlicher Art beeinflusst und weiche daher vom
zuerst geschilderten Unfallhergang vom 26./30.04.2010 ab. Die nachträgliche
Sachverhaltsdarstellung sei deshalb unglaubwürdig und es könne nicht
darauf abgestellt werden. Der Fall des Beschwerdeführers sei nicht mit dem
plötzlichen Aufstehen aus der Hocke gleichzusetzen. Der Achillessehnenriss
sei offenkundig nicht bereits beim Aufstehen und Losrennen passiert, denn
dann hätte der Beschwerdeführer nicht noch weiter rennen, die Mauer
überspringen und den Bus erreichen können. Die individuellen Fähigkeiten
des Versicherten stellten kein massgebliches Kriterium dar (BGE 134 V 72
Erw. 4.2.3). Die regelmässige sportliche Betätigung des Beschwerdeführers
lasse auf eine hohe körperliche Belastung und daher auf krankheitsbedingte
Erscheinungen schliessen. Mangels einer Programmwidrigkeit im
Bewegungsablauf sei ein ungewöhnlicher äusserer Faktor und damit auch ein
Unfall im Sinne des UVG zu verneinen.
4. Am 11.01.2011 verzichtete der Beschwerdeführer auf eine Replik.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1. a) Nach der Legaldefinition gemäss Art. 4 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechtes (ATSG) versteht man unter
einem „Unfall“, die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung
eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die
eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit oder den
Tod zur Folge hat. Laut Art. 9 Abs. 2 der Unfallversicherungsverordnung
(UVV; SR 832.202) werden die als „unfallähnliche Körperschädigungen“ unter
lit. a-h abschliessend aufgezählten Schäden (auch ohne ungewöhnliche
äussere Einwirkung) versicherungsrechtlich den Unfällen gleichgestellt.
Darunter fallen gemäss Art. 9 Abs. 2 lit. f UVV ausdrücklich auch Sehnenrisse.
Vorliegend ist strittig, ob die am 22.04.2010 erlittene Ruptur an der
Achillessehne links – anlässlich des Rennens des Beschwerdeführers auf
einen Autobus – als unfallähnliche Körperschädigung zu werten gewesen
wäre und somit die Leistungspflicht des Unfallversicherers (... AG) ausgelöst
hätte.
b) Nach der gefestigten Rechtsprechung des Bundesgerichts kann der
Auslösungsfaktor für Leistungen aus der Unfallversicherung (UVG; UVV)
alltäglich und diskret sein. Es muss sich jedoch um ein plötzliches Ereignis
handeln, wie eine heftige Bewegung oder z.B. das plötzliche Aufstehen aus
der Hocke (BGE 116 V 148 E. 2c), ein Fehlschlag beim Fussballspiel (RKUV
1990 Nr. U 112 S. 375 E. 3), ein Stemmen/Abstellen von Lasten von 40 bis
50 kg (BGE 116 V 149 E. 4), das Umplatzieren eines Heizkörpers von über 5
m Länge und einem Gewicht von über 100 kg von einem Wagen auf einen
Arbeitsbock (nicht publizierte E. 3b von BGE 123 V 43), das Verschieben
eines schweren Wäschekorbes mit dem linken Fuss, das Ausführen einer
ruckartigen Bewegung und Verdrehung des rechten Knies (RKUV 2000 Nr. U
385 S. 267), der Sprung aus einer Verpackungskiste (RKUV 2001 Nr. U 435
S. 332), das Bemühen, balgende Hunde zu trennen, worauf die versicherte
Person auf unebenem Gelände ausrutschte und das Knie verdrehte
(Bundesgerichtsurteil U 127/00 vom 27.06.2001), ein Stolpern bzw. eine
unkoordinierte Ausweichbewegung des Beines mit Anschlagen des linken
Knies an einem Wagenanhänger (BG-Urteil U 158/00 vom 27.06.2001), ein
Sprung aus einer Höhe von 60 cm aus einem Bahngepäckwagen (BG-Urteil
U 266/00 vom 21.09.2001), Erleiden einer Zerrung der Adduktorenmuskeln
im Zuge eines Fussballtrainings (BG-Urteil U 20/00 vom 10.12.2001), ein
Misstritt beim Volleyballspiel mit einschiessendem Zwick ins linke Knie (BG-
Urteil U 92/00 vom 27.06.2001), Verstauchung des linken Knöchels als Folge
einer Rotationsbewegung (BG-Urteil U 287/00 vom 22.02.2002; vgl.
Aufzählung in BGE 129 V 468 E. 4.1). Dabei kommt es beim Begriffsmerkmal
der Plötzlichkeit im Rahmen einer unfallähnlichen Körperschädigung nicht in
erster Linie auf die Dauer der schädigenden Einwirkung an, sondern vielmehr
auf deren Einmaligkeit. Keine unfallähnliche Körperschädigung liegt
demzufolge vor, falls eine der in Art. 9 Abs. 2 lit. a-h abschliessend
aufgezählten Verletzungen ausschliesslich auf wiederholte, im täglichen
Leben laufend auftretende Mikrotraumata zurückzuführen wäre, welche eine
allmähliche Abnützung bewirken und am Ende zu einem
behandlungsbedürftigen Gesundheitsschaden führen würde. Umgekehrt
bejahte das Bundesgericht eine unfallähnliche Körperschädigung jedoch stets
dann, falls die versicherte Person eine unkoordinierte (eigene)
Körperbewegung machte, so dass ihr Bewegungsablauf durch etwas
Programmwidriges oder etwas Sinnfälliges (wie namentlich ein Ausgleiten, ein
Stolpern oder ein reflexartiges Abwehren eines Sturzes) gestört wurde.
c) Auch nicht erfüllt ist das Erfordernis des äusseren schädigenden Faktors, falls
das (erstmalige) Auftreten von Schmerzen mit einer blossen
Lebensverrichtung einhergeht, welche die versicherte Person zu beschreiben
in der Lage ist. Vielmehr zeigen die Urteile unter Ziff. 2b hievor, dass für die
Bejahung eines äusseren auf den menschlichen Körper schädigend
einwirkender Faktors immer ein Geschehen verlangt wird, dem ein gewisses
gesteigertes Gefährdungspotential innewohnt. Das ist zu bejahen, wenn die
zum einschiessenden Schmerz führende Tätigkeit im Rahmen einer allgemein
gesteigerten Gefahrenlage vorgenommen wird, wie dies etwa für viele
sportliche Betätigungen zutreffen kann. Der äussere Faktor mit erheblichem
Schädigungspotential ist sodann auch zu bejahen, wenn die in Frage
stehende Lebensverrichtung einer mehr als physiologisch normalen und
psychologisch beherrschten Beanspruchung des Körpers, insbesondere
seiner Gliedmassen, gleichkommt. Deshalb fallen einschiessende Schmerzen
als Symptome einer Schädigung laut Art. 9 Abs. 2 UVV ausser Betracht, falls
sie allein bei der Vornahme einer allfälligen Lebensverrichtung auftreten, ohne
dass hiezu ein davon unterscheidbares äusseres Moment hineinspielt. Wer
also lediglich beim Aufstehen, Absitzen, Abliegen, der Bewegung im Raum,
Handreichungen usw. einen einschiessenden Schmerz erleidet, welcher sich
als Symptom einer Schädigung nach Art. 9 Abs. 2 UVV herausstellt, kann sich
nicht auf das Vorliegen einer unfallähnlichen Körperschädigung berufen. Die
physiologische Beanspruchung des Skelettes, der Gelenke, Muskeln, Sehnen
und Bänder stellt keinen äusseren Faktor dar, dem ein zwar nicht
ungewöhnliches, jedoch gegenüber dem normalen Gebrauch der Körperteile
gesteigertes Gefährdungspotential innewohnen muss (BGE 129 V 470 E.
4.2.2; BG-Urteile U 223/05 vom 27.10.2005 E. 4.1, U 398/06 vom 21.11.2006
E. 2 sowie 8C_822/2007 vom 05.08.2008 E. 3.1; vgl. Urteile
Verwaltungsgericht Graubünden [VGU] S 08 60 vom 28.08.2008 E. 2a und S
07 149 vom 13.11.2007 E. 2a; sowie zum Ganzen auch: Alfred Bühler, die
unfallähnliche Körperschädigung, in SZS 1996 S. 88).
2. a) Aufgrund dieser Vorgaben (Art. 4 ATSG; Art. 9 UVV; höchstrichterlicher
Rechtsprechung) ist das Gericht im konkreten Fall zur Überzeugung gelangt,
dass ursächlich vom Sachverhalt bzw. der Schilderung der
Bewegungsabläufe laut Unfallmeldung vom 26.04.2010 und den
Eigenangaben des Beschwerdeführers vom 30.04.2010 auszugehen ist,
wonach die linke Achillessehne beim Springen auf den Bus plötzlich (Knall)
gerissen sei. Etwas Ungewöhnliches im Bewegungsablauf (wie ein Stolpern,
ein Fehltritt oder ein Ausrutschen und dgl.) wurde vom Beschwerdeführer
damals im Sinne einer „Aussage der ersten Stunde“ explizit verneint, indem
er auf die Frage, ob sich etwas Ungewöhnliches ereignet habe,
unmissverständlich und klar antwortete: „Nein, mitten im Laufen plötzlich
gerissen“. Eine Programmwidrigkeit im Bewegungsablauf ist folgerichtig nicht
erkennbar, womit auch das Vorliegen eines ungewöhnlichen äusseren
Faktors (d.h. eines ausserhalb des eigenen Körpers liegenden, objektiv
feststellbaren, sinnfälligen Vorfalls) und somit auch das Vorliegen eines
Unfalls eindeutig zu verneinen ist. Im Gegensatz zur zeitnahen, glaubhaften
und daher beweiskräftigen (ersten) Unfalldarstellung vom April 2010 sind die
späteren, davon abweichenden Unfallschilderungen im Schreiben vom
17.06.2010 – ebenso wie danach auch noch in der Einsprache vom
16.07.2010 sowie in der Beschwerde vom 30.11.2010 – mit weit grösserer
Zurückhaltung zu würdigen, da sie bewusst oder unbewusst von
nachträglichen versicherungsrechtlichen Überlegungen beeinflusst bzw.
geprägt sein können, zumal sie auch erst nach dem ablehnenden Schreiben
der Vorinstanz vom 27.05.2010 erfolgt sind. Die Beweismaxime der Aussage
der ersten Stunde, welche eine im Rahmen der freien Beweiswürdigung zu
berücksichtigende Entscheidungshilfe darstellt (so BGE 121 V 45 E. 2a S. 47;
RKUV 2004 Nr. U 524 S. 546, U 236/03 und U 515 S. 418 E. 1.2; BG-Urteil U
71/07 und 72/07 vom 15.06.2007 E. 4.1), kommt somit auch hier
vollumfänglich und fallrelevant zum Tragen. Im Übrigen wäre aber auch aus
der von der ursprünglichen Hergangsschilderung abweichenden
Sachdarstellung des Unfallgeschehnisses keine Programmwidrigkeit im
Bewegungsablauf „beim Rennen auf den Bus“ erkennbar gewesen. Was die
vom Beschwerdeführer für seinen Standpunkt geltend gemachten,
regelmässigen sportlichen Betätigen betrifft (23-fache Teilnahme an
Bergausdauerläufen [Alpine-Marathon Davos] im Zeitraum zwischen 1986
und 2009), sind die Ausführungen der Vorinstanz dazu keineswegs abwegig,
wonach eine derart hohe körperliche und intensive Belastung über eine solche
lange Zeitspanne von über zwei Jahrzehnten ihre gesundheitlichen Spuren
hinterlassen kann, und es sich daher beim plötzlichen Abriss der linken
Achillessehne viel eher um eine krankheitsbedingte bzw. degenerative (alters-
und abnützungsbedingte) Erscheinung als um einen Unfall gehandelt haben
kann.
b) Sodann ist auch eine unfallähnliche Körperschädigung (Art. 9 Abs. 2 lit. f UVV)
zu verneinen. Im konkreten Fall lag keine gesteigerte Gefahrenlage vor, da
allein „das Rennen auf einen Bus“ – von vielen Menschen nahezu als tägliche
Verrichtung praktiziert – für sich noch keine besondere Gefahrensituation (wie
z.B. bei vielen Kampfsportarten oder sportlichen Aktivitäten auf
Gegenseitigkeit zwischen Dritten/Mannschaften) darstellt. Aus der
ursprünglichen Sachverhaltsschilderung ergeben sich auch keine Indizien auf
eine unkontrollierte, plötzliche oder ruckartige Körperbewegung. Der
Beschwerdeführer ist chronologisch – nach Erblicken des herannahenden
Busses – sofort vom Terrassenstuhl aufgestanden, über eine Mauer
gesprungen und danach in Richtung Bus gerannt. Erst in der letzten Phase
dieses Ereignisses ereignete sich der Sehnenriss, womit weder das
Aufspringen vom Sitzen, das plötzliche Losrennen auf der Terrasse, die
Landung nach dem Mauersprung, noch ein Stolpern oder ein Verdrehen oder
gar ein Abknicken des Fusses dafür verantwortlich gewesen sein können.
Auch von speziellen Unebenheiten des Terraingeländes auf der Wegstrecke
zur Bushaltestelle war nie die Rede. Das Springen bzw. Rennen auf den Bus
stellt für sich betrachtet aber weder eine sportliche Betätigung noch eine
gesteigerte Gefahrenlage dar.
c) Zusammengefasst ergibt sich damit, dass der Unfallversicherer aufgrund des
geschilderten Geschehensablaufs zu Recht weder das Vorliegen eines
Unfalls (Art. 4 ATSG) noch einer unfallähnlichen Körperschädigung (Art. 9
Abs. 2 UVV) bejahte und somit jede Leistungspflicht verweigerte.
3. a) Der angefochtene Entscheid vom 29.10.2010 ist demnach rechtens, was zu
seiner Bestätigung und zur Abweisung der Beschwerde führt.
b) Gerichtskosten werden nicht erhoben, da das kantonale
Beschwerdeverfahren nach Art. 61 lit. a ATSG kostenlos ist. Auf die
Zusprechung einer aussergerichtlichen Entschädigung an die
Beschwerdegegnerin wird praxisgemäss verzichtet, weil sie als
Unfallversicherer eindeutig eine öffentlich-rechtliche Aufgabe wahrnahm, was
eine gesonderte Parteientschädigung zum voraus ausschliesst
(Umkehrschluss aus Art. 61 lit. g ATSG).