Decision ID: 070b9d5d-21eb-40a2-8add-782774fb1aed
Year: 2017
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Die Eidgenössische Steuerverwaltung, Hauptabteilung Mehrwertsteuern
(nachfolgend "ESTV"), führt gegen B. und C. ein Strafverfahren wegen Ver-
dachts der Steuerhinterziehung (Art. 96 des Bundesgesetzes vom 12. Juni
2009 über die Mehrwertsteuer [Mehrwertsteuergesetz, MWSTG;
SR 641.20]), evtl. des Abgabebetrugs (Art. 14 Bundesgesetz vom 22. März
1974 über das Verwaltungsstrafrecht [VStrR; SR 313.0 ]) und der Verletzung
von Verfahrenspflichten (Art. 98 MWSTG), begangen als verantwortliche Or-
gane (Gesellschafter bzw. Geschäftsführerin) der D. GmbH. Ihnen wird vor-
geworfen, in den Geschäftsjahren 2009 bis 2015 nicht sämtliche Einnahmen
verbucht bzw. deklariert, Fragen im Rahmen einer Kontrolle nicht beantwor-
tet und Geschäftsbücher, Belege, Geschäftspapiere sowie sonstige Auf-
zeichnungen nicht ordnungsgemäss geführt, aufbewahrt oder vorgelegt zu
haben (act. 2.2).
B. Mit "Durchsuchungs- und Beschlagnahmebefehl" vom 30. Juni 2017 gab der
Direktor der ESTV den Auftrag, die Räumlichkeiten des Treuhänders bzw.
der Buchhaltungsstelle der D. GmbH, A., sowie alle weiteren Räumlichkeiten
und Fahrzeuge, zu welchen dieser Zutritt hat, zu durchsuchen. Weiter seien
Aufzeichnungen (namentlich Schriftstücke, Ton- und Bildaufzeichnungen,
Datenträger etc.) zu durchsuchen, soweit keine Siegelung verlangt werde.
Unterlagen und Gegenstände, die als Beweismittel im Strafverfahren von
Bedeutung sein können sowie Gegenstände und Vermögenswerte, welche
voraussichtlich der Einziehung im Sinne von Art. 46 VStrR unterliegen, seien
zu beschlagnahmen, insbesondere Geschäftsbücher, weitere Unterlagen
und Belege sowie elektronische Aufzeichnungsmedien (act. 2.2).
C. Die entsprechende Durchsuchung in den Räumlichkeiten von A. wurde am
5. Juli 2017 u.a. in Anwesenheit von A. durchgeführt (act. 2.3). Gemäss
Durchsuchungs- bzw. Sicherstellungsprotokoll vom 5. Juli 2017 wurden di-
verse Ordner, Mäppchen, Couverts und von einem Computer auf einem
Stick der ESTV gesicherte Daten sichergestellt (act. 2.3; act. 2.4).
D. Mit Faxeingabe vom 5. Juli 2017 verlangte A. "die Versiegelung der nicht
verfahrensrelevanten Akten durch die KAPO und sofortige Rückgabe 2016
und 2017 durch die ESTV" (BE.2017.15, act. 1.5).
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E. Mit Eingabe vom 7. Juli 2017 gelangte A. an die ESTV. Die Eingabe enthielt
offenbar vier separate Schreiben. Diese werden als "Beschwerde Nr. 1",
"Beschwerde Nr. 2", "Beschwerde Nr. 3" und "Beschwerde Nr. 4" bezeichnet
(act. 1):
Mit "Beschwerde Nr. 1" erklärt A. im Wesentlichen, dass er gegen den Durch-
suchungs- und Beschlagnahmebefehl des Direktors der ESTV vom 30. Juni
2017 nichts einzuwenden habe.
Hingegen können den "Beschwerden Nr. 2–4" im Wesentlichen die Anträge
entnommen werden, dass (a) die verfahrensgegenstandlosen Akten 2016/17
weder einzusehen, zu kopieren noch zu verwenden seien, und (b) die Akten
zu versiegeln oder sofort zurückzugeben seien.
Darüber hinaus verlangt A. in den "Beschwerden Nr. 1–4" zusammenge-
fasst, dass beim Untersuchungsleiter ein Polizei-Einsatz, wie er bei ihm er-
folgt sei, vorzunehmen sei; dieser straf- und zivilrechtlich ins Recht zu fassen
sei; dieser nie mehr einzusetzen bzw. fristlos zu entlassen oder sofort in Pen-
sion zu setzen sei; der Protokollführer wegen fehlerhafter Protokollierung ins
Recht zu fassen sei.
F. Mit Eingabe datierend vom 7. Juli 2017 (Aufgabe 10. Juli 2017, Eingang
11. Juli 2017) betreffend Beschwerdeergänzung und weitere Beweismittel
gelangte A. an die Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts. Diese Ein-
gabe wurde am 11. Juli 2017 zuständigkeitshalber an die ESTV weitergelei-
tet, worauf sie die ESTV im Verfahren BV.2017.36, D. GmbH gegen ESTV
betreffend Grundbuchsperre (Art. 46 f. VStrR), mit Stellungnahme vom
13. Juli 2017 als act. 6 einreichte (BV.2017.36, act. 6).
Mit der betreffenden Eingabe wiederholt A. sinngemäss seine Anträge, die
sichergestellten Daten und Unterlagen seien zu versiegeln, soweit sie nicht
herauszugeben seien (BV.2017.36, act. 6).
G. Mit Schreiben vom 12. Juli 2017 teilte die ESTV A. mit, dass sie sämtliche
bei ihm am 5. Juli 2017 sichergestellten Daten und Unterlagen versiegelt
habe (BE.2017.15, act. 1.6).
H. Mit Gesuch vom 12. Juli 2017 (Aufgabe 13. Juli 2017, Eingang 14. Juli 2017)
gelangte die ESTV an die Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts mit
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dem Antrag, es sei die Entsiegelung und Durchsuchung der Unterlagen und
Gegenstände zu bewilligen, welche anlässlich der Durchsuchung der Räum-
lichkeiten des Treuhänders A. am 5. Juli 2017 sichergestellt worden seien
(BE.2017.15, act. 1).
I. Mit Stellungnahme vom 13. Juli 2017 leitete die ESTV die Eingabe von A.
vom 7. Juli 2017 an die Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts weiter.
Sie beantragt, die Beschwerde sei abzuweisen, soweit darauf einzutreten
sei; die Verfahrenskosten seien dem unterliegenden Beschwerdeführer auf-
zuerlegen (act. 2).
J. Auf die Durchführung eines Schriftenwechsels wurde verzichtet. Die Stel-
lungnahme der ESTV vom 13. Juli 2017 wurde A. mit Schreiben vom 18. Juli
2017 zur Kenntnis gebracht (act. 4).
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit
erforderlich, in den folgenden Erwägungen Bezug genommen.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1. Gemäss Art. 103 Abs. 1 MWSTG ist auf die Strafverfolgung mit Ausnahme
der Art. 63 Abs. 1 und Abs. 2, Art. 69 Abs. 2, Art. 73 Abs. 1 letzter Satz sowie
Art. 77 Abs. 4 das VStrR anwendbar. Die Strafverfolgung obliegt bei der In-
landsteuer und bei der Bezugsteuer der ESTV (Art. 103 Abs. 2 MWSTG).
Soweit das VStrR einzelne Fragen nicht abschliessend regelt, sind die Best-
immungen der StPO grundsätzlich analog anwendbar (BGE 139 IV 246
E. 1.2; vgl. auch TPF 2016 55 E. 2.3).
2.
2.1 Gegen Zwangsmassnahmen im Sinne der Art. 45 ff. VStrR und damit zu-
sammenhängende Amtshandlungen und Säumnis kann bei der Beschwer-
dekammer des Bundesstrafgerichts Beschwerde geführt werden (Art. 26
Abs. 1 VStrR i.V.m. Art. 37 Abs. 2 lit. b StBOG).
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2.2 Zur Beschwerde ist berechtigt, wer durch die angefochtene Amtshandlung
berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Än-
derung hat (Art. 28 Abs. 1 VStrR).
Das zur Beschwerdeführung berechtigende Rechtsschutzinteresse im Sinne
von Art. 28 Abs. 1 VStrR muss grundsätzlich ein aktuelles und praktisches
sein (BGE 118 IV 67 E. 1c; Beschluss des Bundesstrafgerichts BV.2014.14
vom 16. Juni 2014, E. 1.3 und E. 1.4). Soweit sich die vorliegende Be-
schwerde gegen die Hausdurchsuchung und deren Modalitäten richtet, ist
festzuhalten, dass Letztere bereits abgeschlossen ist, weshalb es an einem
aktuellen und praktischen Interesse fehlt. Eine ausnahmsweise Überprüfung
der Hausdurchsuchung in dieser Phase drängt sich vorliegend nicht auf, da
die von der Rechtsprechung entwickelten Voraussetzungen offensichtlich
nicht erfüllt sind und selbst vom Beschwerdeführer nicht geltend gemacht
werden (vgl. BGE 118 IV 67 E. 1d; TPF 2004 34 E. 2.2). Die diesbezügliche
Rechtsweggarantie ist zudem gewahrt, da der Beschwerdeführer die vorlie-
gend zur Diskussion stehende Hausdurchsuchung betreffend die Siegelung
verlangte, worauf die Beschwerdegegnerin sämtliche sichergestellten Ge-
genstände versiegelte und ein Entsiegelungsgesuch bei diesem Gericht
stellte (vgl. vorn lit. D, lit. G, lit. H). Die Rechtmässigkeit der Hausdurchsu-
chung wird im Siegelungsverfahren zu prüfen sein (vgl. Beschluss des Bun-
desstrafgerichts BV.2014.14 vom 16. Juni 2014, E. 1.3 m.w.H.; vgl. auch
Beschluss des Bundesstrafgerichts BV.2015.22 vom 10. Mai 2016, E. 2.3).
Soweit sich die vorliegende Beschwerde gegen die Hausdurchsuchung und
deren Modalitäten richtet, ist auf sie mangels aktuellen praktischen Interes-
ses nicht einzutreten.
3. Soweit der Beschwerdeführer verlangt, es seien Polizeieinsätze anzuordnen
und an der Hausdurchsuchung beteiligte Personen seien straf- und zivil-
rechtlich ins Recht zu fassen sowie abzusetzen, ist darauf mangels Zustän-
digkeit nicht einzutreten.
4. Die Gerichtskosten sind bei diesem Ausgang des Verfahrens dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 66 Abs. 1 BGG analog; vgl. TPF 2011 25
E. 3). Die Gerichtsgebühr ist auf Fr. 500.– festzusetzen (Art. 25 Abs. 4 VStrR
i.V.m. Art. 73 StBOG und Art. 5 sowie Art. 8 Abs. 1 des Reglements des
Bundesstrafgerichts vom 31. August 2010 über die Kosten, Gebühren und
Entschädigungen in Bundesstrafverfahren [BStKR; SR 173.713.162]).
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