Decision ID: 0f9a9ac3-b290-4862-ae98-3a1a16c21038
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) meldete sich im Oktober 2005 erstmals zum
Bezug von Leistungen (Berufsberatung und Umschulung auf eine neue Tätigkeit) bei
der Invalidenversicherung an. Seit August 2004 befasse sich die Suva St. Gallen
(nachfolgend: Suva) mit seiner gesundheitlichen Beeinträchtigung (IV-act. 1). Am
15. August 2004 hatte der Versicherte als Mofafahrer eine Kollision mit einem Auto
erlitten (Fremdakten 1-139 ff.). Zur Steigerung der Arbeitsfähigkeit für die Tätigkeit im
bisherigen Betrieb wurde der Versicherte vom 30. August 2006 bis 16. Februar 2007
stationär in der Rehaklinik B._ behandelt (IV-act. 25). Mit Verfügung vom 15. April
2008 schloss die IV-Stelle die Eingliederungsberatung ab. Der Versicherte sei beim
bisherigen Arbeitgeber angemessen eingegliedert und die Tätigkeit
behinderungsbedingt angepasst. Die Suva begleite den Versicherten bei der
Eingliederung aktiv, weshalb eine zusätzliche Unterstützung durch die IV-Stelle nicht
notwendig sei (IV-act. 44). Mit Verfügung vom 13. August 2008 sprach die Suva dem
Versicherten eine Invalidenrente bei einer Erwerbsunfähigkeit von 25 % und eine
Integritätsentschädigung zu (Fremdakten 4).
A.a.
Am 2. Februar 2016 meldete sich der Versicherte bei seit 1. Januar 2016
bestehender Arbeitsunfähigkeit von 50 % bei einem Pensum von 75 % infolge der
unfallbedingten Gesundheitsbeeinträchtigung erneut zum Leistungsbezug bei der IV-
Stelle an (IV-act. 47).
A.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Der Versicherte war vom 5. Oktober bis 20. November 2015 in den Kliniken C._
in stationärer Behandlung gewesen (IV-act. 56-3 ff). Er war wegen
Schmerzexazerbation der neuropathischen Beschwerden distal des rechten
Kniegelenks, Gehbehinderung bei Fallfuss rechts und Hypästhesie, hohem Sturz- und
Verletzungsrisiko, Überlastung der kompensatorischen Ausgleichsmechanismen der
linken Körperhälfte sowie hoher psychischer Belastung zur muskuloskelettalen
Rehabilitation überwiesen worden (vgl. Überweisungsbericht des Kantonsspitals St.
Gallen, IV-act. 56-31 und 56-4) Im Austrittsbericht vom 26. November 2015 hatten die
zuständigen Ärzte der Kliniken C._ festgehalten, dass für den Wiedereinstieg ein
therapeutischer Arbeitsversuch für einen Zeitraum von vier Wochen in der bisherigen
Tätigkeit geplant sei. Der Versicherte sei bei einer Präsenzzeit von 50 % zu 40 %
leistungsfähig, wobei ein vermehrter Pausenbedarf von einer Stunde pro halbem Tag
bestehe. Aufgrund der Vorgeschichte und aus psychiatrischen Überlegungen solle eine
Überforderung am Arbeitsplatz vermieden werden (IV-act. 56-3 f.). Mit Arztbericht vom
25. Januar 2016 hatte PD Dr. med. D._, Facharzt physikalische Medizin und
Rehabilitation, Rheumatologie sowie Allgemeine Innere Medizin, festgehalten, dass
betreffend die Arbeitsfähigkeit das aktuell geleistete Pensum von 50 % des zuletzt
ausgeübten 75%igen Pensums (37.5 % = dreieinhalb Stunden pro Tag) sinnvoll sei und
künftig beibehalten werden solle. Aus rein somatischer Sicht sei eine höhere
Arbeitsleistung am bisherigen Arbeitsplatz nicht gegeben (IV-act. 56-1 f.). Im weiteren
Verlauf erachtete Dr. D._ mit Bericht vom 18. März 2016 weiterhin eine
Arbeitsfähigkeit von 37 % als angemessen (IV-act. 59).
A.c.
Am 3. Juni 2016 hielt die Suva im Fragebogen zur Klärung des
Leistungsanspruchs fest, dass dem Versicherten seit dem 5. Oktober 2015 ein Taggeld
und seit dem 1. September 2008 bei einem Invaliditätsgrad von 25 % eine Rente
ausgerichtet werde. Vom 5. Oktober 2015 bis 7. Januar 2016 habe eine
Arbeitsunfähigkeit von 100 % bestanden und ab dem 8. Januar 2016 sei er zu 50 %
arbeitsunfähig gewesen (IV-act. 88).
A.d.
Im Auftrag der IV-Stelle (vgl. RAD-Stellungnahme vom 13. Juni 2016, IV-act. 95)
wurde der Versicherte durch die PMEDA AG am 21., 28. und 29. Oktober sowie 3. No
vember 2016 medizinisch untersucht (IV-act. 104). Der Konsensbeurteilung des poly
disziplinären (internistisch, neurologisch, orthopädisch, psychiatrisch und
A.e.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
neuropsychologisch) Gutachtens vom 9. Januar 2017 lässt sich entnehmen, dass die
Arbeitsfähigkeit des Versicherten in der derzeit ausgeübten sowie allen vergleichbaren
Tätigkeiten, zumindest aber in einer anderen körperlich leichten, wechselbelastend
oder überwiegend sitzend ausgeübten Tätigkeit des allgemeinen Arbeitsmarktes, mit
100 % (Pensum und Rendement) einzuschätzen sei (IV-act. 104-62). Die erfolgte
Symptomvalidierung in der neuropsychologischen Testung belege ein
bewusstseinsnah verfälschtes Antwortverhalten, was Zweifel am gesamten
Beschwerdevortrag, zumindest hinsichtlich des Ausmasses von Einschränkungen und
Beschwerden begründen würde. Die langfristige und hochdosierte Opiatmedikation
spreche für eine Abhängigkeit. Es sei eine kontrollierte Opiatentgiftung und –
entwöhnung erforderlich (IV-act. 104-63).
Mit Stellungnahme vom 13. Januar 2017 hielt der RAD fest, dass es seit der
Referenzsituation zu einer wesentlichen Änderung des Gesundheitszustandes
gekommen sei. Die damals von der Suva eingeschätzte 75%ige Arbeitsfähigkeit
adaptiert könne aufgrund der Begutachtung nicht aufrechterhalten werden. Zudem
würden verschiedene Hinweise auf suboptimales Leistungsverhalten bzw. relevante
Inkonsistenzen bestehen (IV-act. 105).
A.f.
Mit Vorbescheid vom 16. Januar 2017 kündigte die IV-Stelle die Abweisung des
Gesuches um berufliche Massnahmen an (IV-act. 109).
A.g.
Mit Stellungnahme vom 16. März 2017 zweifelte die Suva Versicherungsärztin
Dr. med. E._, Fachärztin Neurologie, das neurologische Gutachten der PMEDA an,
da nicht alle Vorberichte berücksichtigt worden seien. Es sei weiterhin von einer
Schädigung des Nervus peroneus und des Nervus tibialis rechts auszugehen
(Fremdakten 12).
A.h.
Am 7. April 2017 liess der durch Rechtsanwältin lic. iur. T. Strauch vertretene Ver
sicherte Einwand erheben und beantragen, es seien ihm berufliche Massnahmen zu
zusprechen, das Gutachten der PMEDA aus dem Recht zu weisen und eventualiter ein
neues Gutachten mit einer Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL) in
Auftrag zu geben. Das PMEDA Gutachten sei in formeller und materieller Sicht
mangelhaft (IV-act. 116).
A.i.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die IV-Stelle ersuchte die PMEDA (vgl. dazu die RAD-Stellungnahme vom 19. April
2017, IV-act. 119) um Stellungnahme betreffend die von der Suva und vom
Versicherten geäusserte Kritik (IV-act. 120, 124). Die PMEDA nahm am 12. Juni und
24. Juli 2017 Stellung und hielt an ihrer Einschätzung fest (IV-act. 121, 125). Der RAD
sah keine Veranlassung, von der gutachterlich geäusserten Einschätzung abzuweichen
(IV-act. 127).
A.j.
Mit erneutem Vorbescheid vom 24. August 2017 stellte die IV-Stelle wiederum die
geplante Abweisung des Begehrens um berufliche Massnahmen in Aussicht (IV-act.
130). Der Versicherte hielt mit Einwand vom 25. September 2017 an den bereits mit
Einwand vom 7. April 2017 geltend gemachten Anträgen und der Begründung fest (IV-
act. 131). Mit Verfügung vom 3. Oktober 2017 wies die IV-Stelle das Begehren um
berufliche Massnahmen wie angekündigt ab (IV-act. 134).
A.k.
Die IV-Stelle kündigte mit Vorbescheid vom 23. Oktober 2017 die Abweisung des
Rentenbegehrens an (IV-act. 138). Dagegen liess der Versicherte durch seine
Rechtsvertreterin am 28. November 2017 Einwand erheben und beantragen, dass eine
Dreiviertelsrente zuzusprechen, das Gutachten der PMEDA aus dem Recht zu weisen
und eventualiter eine neue Begutachtung anzuordnen sei (IV-act. 139). Zudem reichte
der Versicherte den Arztbericht seines behandelnden Arztes der Kliniken C._ vom
8. November 2017 ein (IV-act. 140). Die IV-Stelle stellte der PMEDA die
Einwandschreiben und den Arztbericht vom 8. November 2017 zur Stellungnahme zu
(IV-act. 144). Die PMEDA nahm am 11. Januar 2018 dazu Stellung und hielt weiterhin
an ihrer Einschätzung fest (IV-act. 145). Mit Verfügung vom 15. Januar 2018 wies die
IV-Stelle das Rentenbegehren wie angekündigt ab (IV-act. 147).
A.l.
Gegen diese Verfügung liess der weiterhin anwaltlich vertretene Versicherte am
19. Februar 2018 Beschwerde beim hiesigen Gericht erheben (IV-act. 151). Mit
Verfügung vom 11. April 2018 widerrief die IV-Stelle die Verfügung vom 15. Januar
2018 (IV-act. 163). Das hiesige Gericht schrieb am 27. April 2018 das Verfahren IV
2018/78 infolge Gegenstandslosigkeit ab (IV-act. 167).
A.m.
Der Versicherte war vom 26. Februar bis 21. April 2018 erneut in den Kliniken
C._ hospitalisiert. Die behandelnden Ärzte diagnostizierten ein chronifiziertes
A.n.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
neuropathisches Schmerzsyndrom, eine affektive Störung und eine Schlafapnoe. Es sei
eine stationäre Rehabilitation zur Verbesserung der funktionellen Kraft und
Kraftausdauer sowie Muskulatur und zur Optimierung der hochdosierten
Opiatmedikation durchgeführt worden (IV-act. 172).
Mit Verfügung vom 22. Juni 2018 erhöhte die Unfallversicherung die Invalidenrente
per 1. August 2018 auf 30 % infolge einer erheblichen Verschlimmerung der Unfallrest
folgen. Mit Blick auf die verbleibenden Unfallrestfolgen sei der Versicherte nicht optimal
eingegliedert. Zudem ergebe sich eine Verschlimmerung der Integritätseinbusse von
5 % auf 30 % (Fremdakten 15). Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte am
17. August 2018 Einsprache (Fremdakten 17).
A.o.
Im Auftrag der IV-Stelle (IV-act. 179) wurde der Versicherte durch die medexperts
AG am 16. und 19. Juli sowie 22. August 2018 polydisziplinär (internistisch,
neurologisch, neuropsychologisch, orthopädisch und psychiatrisch) untersucht (IV-act.
189). Dem interdisziplinären Gutachten vom 14. September 2018 ist zu entnehmen,
dass in der aktuellen Tätigkeit aufgrund der Schmerzsymptomatik und der vorwiegend
stehenden Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 50 % gegeben sei. In einer
leidensangepassten Tätigkeit sei der Versicherte aus orthopädischer und
psychiatrischer Sicht zu 80 % arbeitsfähig (IV-act. 189-8). Die Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit in der angestammten und adaptierten Tätigkeit gelte ab August 2018
(IV-act. 189-11).
A.p.
Am 30. August 2018 ging bei der IV-Stelle ein Schreiben der Rechtsvertreterin des
Versicherten ein. Die neuropsychologische Begutachtung hätte ohne Unterbruch
zweieinhalb Stunden gedauert. Da der Versicherte aufgrund des neuropathischen
Schmerzsyndroms auf sehr starke Schmerzmittel angewiesen sei, welche zu einer
schnelleren Ermüdbarkeit und einer massiven Einschränkung der Konzentration sowie
Aufmerksamkeit führen würden, habe er sich nicht die ganze Untersuchungsdauer
vollständig konzentrieren können. Ein allfälliges inkonsistentes Antwortverhalten sei auf
die unangepasste Untersuchungsdauer zurückzuführen und sei bei der Würdigung des
Gutachtens zu berücksichtigen. Er habe sich nicht zur Schmerzintensität geäussert, da
er sehr hohe Schmerzmitteldosen nehme und deshalb keine valablen Angaben dazu
machen könne (IV-act. 187).
A.q.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 19. September 2018 notierte der RAD-Arzt, das Gutachten erfülle die
versicherungsmedizinischen Anforderungen (IV-act. 192).
A.r.
Mit Vorbescheid vom 20. September 2018 stellte die IV-Stelle die Abweisung des
Rentenbegehrens bei einem Invaliditätsgrad von 20 % in Aussicht (IV-act. 196).
Dagegen liess der Versicherte durch seine Rechtsvertreterin am 21. November 2018
Einwand erheben. Das polydisziplinäre Gutachten sei unvollständig und nicht oder nur
beschränkt beweistauglich. Zudem sei ein Berufswechsel unzumutbar (IV-act. 202).
A.s.
Mit Schreiben vom 6. Dezember 2018 wurde die medexperts ersucht, zu den
Einwänden des Versicherten Stellung zu nehmen (IV-act. 204). Die medexperts nahm
am 8. Januar 2019 dazu Stellung und hielt an der gutachterlichen Gesamtbeurteilung
fest (IV-act. 206).
A.t.
Vom 8. bis 15. Januar 2019 war der Versicherte infolge einer bilateralen, zentralen
Lungenembolie bei Thrombose der V. Poplitea rechts, provoziert bei Fallfuss rechts, im
Spital P._ und im Kantonsspital St. Gallen hospitalisiert (IV-act. 209 und 213). Die
Rechtsvertreterin teilte der IV-Stelle am 12. März 2019 mit, dass der Versicherte seit
dem 29. Januar 2019 wieder dreieinhalb Stunden pro Tag arbeite (IV-act. 212).
Zwischen dem 8. April und 18. Mai 2019 war er zur muskuloskelettalen stationären
Rehabilitation in den Kliniken C._ infolge muskulärer und kardiopulmonaler
Dekonditionierung. Die behandelnden Ärzte attestierten ihm eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit vom 8. April bis 26. Mai 2019, ab dem 27. Mai 2019 sei er wieder im
ursprünglichen Pensum von 37.5 % arbeitsfähig (IV-act. 220).
A.u.
Im Auftrag der IV-Stelle (vgl. RAD-Stellungnahme vom 19. Dezember 2019, IV-act.
243; zur zeitlichen Verzögerung der Begutachtung vgl. IV-act. 254) wurde der
Versicherte am 11. August 2020 durch die SMAB AG bidisziplinär (pneumologisch und
kardiologisch) untersucht (IV-act. 259). In der Konsensbeurteilung konnten die
Gutachter keine Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit stellen und
attestierten eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit (IV-act. 259-7 ff.). Die
Verhaltensbeobachtungen und die Resultate der Messungen würden klar eine stark
verminderte Mitarbeit durch den Versicherten zeigen. Dementsprechend müsse das
A.v.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Ausmass der Anstrengungsdyspnoe bzw. die damit verbundene Einschränkung der
Leistungsfähigkeit in Zweifel gezogen werden (IV-act. 259-10).
Der RAD kam in seiner Stellungnahme vom 21. September 2020 zum Schluss,
dass auf das bidisziplinäre und das polydisziplinäre Gutachten abgestellt werden
könne. Im bidisziplinären Gutachten der SMAB werde eine Aggravation einer Dyspnoe
und eine Diskrepanz zwischen den Beschwerden und den Aktivitäten beschrieben (IV-
act. 261).
A.w.
Mit Vorbescheid vom 30. September 2020 stellte die IV-Stelle erneut die
Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht. Unter Berücksichtigung des
polydisziplinären Gutachtens der medexperts und des bidisziplinären Gutachtens der
SMAB bestehe ein rentenausschliessender Invaliditätsgrad von 31 % bei einer
Arbeitsfähigkeit von 80 % in leidensangepasster Tätigkeit (IV-act. 265). Am
3. November 2020 erhob der weiterhin anwaltlich vertretene Versicherte Einwand
gegen den Vorbescheid. Die gutachterlich attestierte Arbeitsfähigkeit von 80 % in
leidensangepasster Tätigkeit werde weiterhin bestritten. Nicht berücksichtigt worden
sei zudem, welcher konkrete Arbeitsmarkt für den Versicherten in Frage komme (IV-act.
270).
A.x.
Am 1. Dezember 2020 verfügte die IV-Stelle entsprechend dem Vorbescheid die
Abweisung des Rentenbegehrens. Eine allfällige berufliche Neuausrichtung und die
allenfalls dazu erforderliche Stellensuche seien dem Versicherten zumutbar (IV-act.
271).
A.y.
Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 18. Januar
2021. Der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer) lässt durch seine
Rechtsvertreterin, Rechtsanwältin lic. iur. T. Strauch, beantragen, die Verfügung sei
aufzuheben und ihm eine halbe Rente zuzusprechen, eventualiter beantragt er die
Rückweisung der Angelegenheit zur weiteren Abklärung des Sachverhalts und
Neuverfügung; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Zur Begründung wird
insbesondere vorgetragen, dass der Beschwerdeführer in einer leidensangepassten
Tätigkeit nicht zu 80 % arbeitsfähig sei. Die leidensangepasste Erwerbstätigkeit werde
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
weder von den Gutachtern noch der Beschwerdegegnerin genügend umschrieben. Ein
Stellenwechsel sei dem Beschwerdeführer nicht zumutbar (act. G 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 25. März 2021 beantragt die Beschwerdegegnerin
die teilweise Gutheissung der Beschwerde. Für die Zeiträume vom 1. November 2006
bis 31. Mai 2007 sowie vom 1. April bis 30. September 2019 sei eine ganze befristete
Rente zuzusprechen. Im Übrigen sei die Beschwerde abzuweisen (act. G 4).
B.b.
Mit Replik vom 6. Mai 2021 hält der Beschwerdeführer an seinen Anträgen fest
(act. G 7).
B.c.
Die Beschwerdegegnerin hält in der Duplik vom 2. Juni 2021 an den Anträgen und
Ausführungen in der Beschwerdeantwort fest (act. G 9).
B.d.
Strittig und zu prüfen ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Rente der
Invalidenversicherung.
1.1.
Am 1. Januar 2022 sind mit der Revision zur Weiterentwicklung der
Invalidenversicherung verschiedene Änderungen des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) und der dazugehörenden Verordnung (IVV; SR
831.20) in Kraft getreten. Weil in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen
Rechtssätze massgebend sind, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden
Tatbestands Geltung haben, und weil ferner das Sozialversicherungsgericht bei der
Beurteilung eines Falles grundsätzlich auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der
streitigen Verfügung (hier: 1. Dezember 2020) eingetretenen Sachverhalt abstellt, sind
im vorliegenden Fall die bis zum 31. Dezember 2021 gültig gewesenen materiellen
Bestimmungen anwendbar (BGE 132 V 215 E. 3.1.1 mit weiteren Hinweisen).
1.2.
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1] umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
1.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Nach Art. 28 Abs. 1 IVG haben Versicherte Anspruch auf eine Rente, wenn sie ihre
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern
können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres
mindestens 40 % invalid sind (lit. c). Bei einem Invaliditätsgrad von 40 % besteht
Anspruch auf eine Viertelsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf
eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente und ab einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze
Invalidenrente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.4.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen; BGE 141 V 14 E. 6.3.1). Im Sinne einer Richtlinie
ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen
Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft
zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/bb).
1.5.
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz. Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
1.6.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a). Im Sozialversicherungsrecht hat
das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht,
nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V
360 E. 5b; BGE 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen).
Zunächst ist zu prüfen, ob der medizinische Sachverhalt spruchreif abgeklärt
wurde und eine verlässliche Grundlage für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit besteht.
Der angefochtenen Verfügung liegen das polydisziplinäre (psychiatrisch, orthopädisch,
neurologisch, internistisch und neuropsychologisch) Gutachten der medexperts vom
14. September 2018 (IV-act. 189) und das bidisziplinäre (kardiologisch und
pneumologisch) Gutachten der SMAB vom 14. September 2020 (IV-act. 259) zugrunde.
Der Beschwerdeführer hält das Gutachten der medexperts für nicht beweiskräftig.
2.1.
Der Konsensbeurteilung des medexperts Gutachtens lässt sich entnehmen, dass
sich beim Beschwerdeführer eine langjährige chronische Schmerzsymptomatik zeige
und eine Gangstörung des rechten Beins im Vordergrund stehe, die überwiegend als
Unfallfolge angesehen werden könne. Funktionell zeige sich eine Gang- bzw.
Bewegungsstörung in der rechten unteren Extremität, die im Verlauf zu einer
Überbelastung des linken Beines geführt hätte, sodass von einer reduzierten
körperlichen Belastbarkeit insbesondere für stehende Aktivitäten ausgegangen werde.
Die leichtgradige Rotationsfehlstellung des Mittelfingers werde vom Beschwerdeführer
in der bisherigen Tätigkeit als störend empfunden und stelle somit eine leichtgradige
Funktionseinschränkung der rechten Hand dar. Zudem bestünden langjährige
chronifizierte Schmerzen, die sich auch psychisch als Belastung zeigen und mit einer
mässigen bis erheblichen Beeinträchtigung der Widerstands- und Durchhaltefähigkeit
sowie der Proaktivität und Spontanität, einer mässigen Beeinträchtigung der Flexibilität
und Umstellungsfähigkeit und einer leicht bis mässigen Beeinträchtigung der
Mobilitäts- und Verkehrsfähigkeit einhergehen würden. Kognitive
Funktionseinschränkungen hätten sich nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
plausibel zur aktuellen beruflichen Tätigkeit bzw. abschliessend beurteilbar gezeigt (IV-
act. 186-6 f.). Im Rahmen der aktuellen Begutachtung hätten sich beim
Beschwerdeführer Aspekte für eine nichtauthentische Beschwerdeschilderung sowie
für eine teils eingeschränkte Kooperation bzw. Motivation aus psychiatrischer Sicht
und insbesondere während der neuropsychologischen Begutachtung gezeigt, die aus
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gutachterlicher Sicht bewusstseinsnah imponierten und teilweise im Rahmen der
Begutachtung überwunden hätte werden können (IV-act. 189-7). In der bisherigen
Tätigkeit sei von einer Arbeitsfähigkeit von 50 % auszugehen infolge der
Schmerzsymptomatik und der vorwiegend stehenden Tätigkeit (IV-act. 189-8). In einer
leidensangepassten Tätigkeit bestehe aus orthopädischer und psychiatrischer Sicht
eine Arbeitsfähigkeit von 80 % (ohne zeitliche Einschränkung) aufgrund der
eingeschränkten Belastbarkeit der rechten unteren Extremität infolge der
posttraumatischen Läsionen und den chronifizierten Schmerzen. Die Gutachter wiesen
darauf hin, dass die unfallabhängigen Schädigungen von 30 % als Suva-Leistungen
verbleiben würden, und bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht berücksichtigt
worden seien (IV-act. 189-8).
Aus der Konsensbeurteilung des bidisziplinären Gutachtens der SMAB geht
hervor, dass die Gutachter keine Diagnose mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
stellen konnten. Es bestehe aktuell keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Die
Leistungsfähigkeit sei durch nicht kardiale Leiden, konstitutionelle Aspekte und
Dekonditionierung sowie aus mangelnder Compliance beeinträchtigt. Die
Einschränkungen der Leistungsfähigkeit und die langsame Gehgeschwindigkeit seien
aus pneumologischer Sicht mit den erhobenen Befunden und im Langzeitverlauf (bei
Angabe von regelmässigem Training) diskrepant. Die angegebene
Anstrengungsdyspnoe hätte in den Untersuchungen nicht wirklich abgebildet werden
können. Es fände sich zwar eine alveoläre Hyperventilation (auch unter Belastung), dies
habe aber wahrscheinlich messtechnische Gründe. Die Verhaltensbeobachtung und
die Resultate der Messung würden eine stark verminderte Mitarbeit zeigen. Mit
Abschluss der Rehabilitation im Mai 2019 und der Beendigung der Sauerstofftherapie
sei der Vorzustand wieder erreicht worden. Spätestens seit der pneumologischen
Untersuchung und Echokardiographie im Oktober 2019 sei wieder von der bisherigen
Arbeitsfähigkeit auszugehen (IV-act. 259-9 f.). Die kardiologische
Belastungsuntersuchung sei bei vorzeitigem Abbruch durch den Beschwerdeführer
nicht verwertbar, objektivierbar seien eine Belastungsdyspnoe und sichtliche Bein- und
Rückenschmerzen (IV-act. 259-61). Die Mitarbeit bei der Lungenfunktionstestung und
beim Belastungsversuch sei ungenügend gewesen (IV-act. 259-81). Es bestehe keine
Leistungsbegrenzung durch kardiale, pulmonale Ursachen bei fehlender Ausschöpfung
der Atemreserven (IV-act. 259-83). Die fehlende Mitarbeit bei den Untersuchungen sei
schwierig zu interpretieren. Die sehr schwankenden Untersuchungswerte würden
aufzeigen, dass mehr möglich wäre und nicht einfach medikamentöse oder somatische
Veränderungen als Gründe vorliegen würden (IV-act. 259-84).
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Der Beschwerdeführer macht geltend, dass die Einnahme der zahlreichen
Schmerzmedikamente bei der Schätzung der Arbeitsfähigkeit zu berücksichtigen sei.
Die Konzentrationsfähigkeit und die Aufmerksamkeit seien deswegen und infolge der
neuropathischen Schmerzen erheblich herabgesetzt (act. G 1, Kap. III Rz. 11).
Bestritten werde zudem, dass keine ausgeprägten kognitiven Defizite vorliegen würden
(act. G 7, Kap. III Rz. 4).
2.4.
Den Gutachtern lag jeweils der aktuelle Medikamentenplan des
Beschwerdeführers vor und fand Eingang in die jeweiligen Gutachten (vgl. IV-act.
189-15, 189-33, 189-44, 189-60, 259-61 f.). Der psychiatrische Gutachter hielt fest,
dass aktuell und im Gegensatz zum früheren PMEDA Gutachten nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit von einer Opioidabhängigkeit ausgegangen werden
könne. Gegenwärtig sei von einer Störung durch Opioide in Form eines schädlichen
Gebrauchs auszugehen, da kognitive Defizite durch den Opioid-Gebrauch mitbedingt
erschienen. Dies obwohl der Medikamentenspiegel mit dem aktuell in der
neuropsychologischen Testung gezeigten Ausmass nicht korreliere, da der Spiegel
bzw. die Dosierung im niedrigen therapeutischen Rahmen lägen, sodass ausgeprägte
kognitive Störungen nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erwartet werden
können (IV-act. 189-23). Der Störung mass der Gutachter keinen Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit bei (IV-act. 189). Er hielt weiter fest, dass sich in der Untersuchung
objektiv keine Anhaltspunkte für eine Konzentrationsstörung und eine reduzierte
Konzentrationsleistung, Gedächtnisstörung oder Merkfähigkeitsprobleme ergeben
hätten (IV-act. 189-19). Die aktuell gezeigte Leistungsfähigkeit in der Untersuchung
entspreche einer mittelgradigen neuropsychologischen Störung (IV-act. 189-20).
Gemäss der neuropsychologischen Gutachterin, verhalte sich der Beschwerdeführer
insgesamt im Kommunikationsverhalten extrem auffallend und
situationsunangemessen (IV-act. 190-4). Bei der Anamnese und in der Kommunikation
während der Testung habe sich der Beschwerdeführer nur sehr begrenzt kooperativ
gezeigt, während der Testung hingegen habe er kooperativ mitgearbeitet. Aus
neuropsychologischer Sicht werde nach einer Symptomvalidierung davon
ausgegangen, dass die Testbefunde die aktuelle Leistungsfähigkeit des Versicherten
wiedergeben würden (IV-act. 190-5). Die Testergebnisse seien aber nicht
abschliessend bewertbar infolge der verminderten Kooperation in der Kommunikation.
Vor dem Hintergrund des in der Begutachtung präsentierten Verhaltens sei es aus
neuropsychologischer Sicht nicht zu erklären, wie der Beschwerdeführer dennoch in
der Lage sei, seit Jahren in der freien Wirtschaft zu arbeiten (IV-act. 190-6). Der
psychiatrische Gutachter erachtete die neuropsychologischen Testbefunde
2.4.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zusammenfassend als die aktuelle Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers nicht
vollumfänglich wiedergebend, da diese eine Diskrepanz zum Alltag bzw. zur aktuellen
beruflichen Tätigkeiten aufweisen würde (IV-act. 189-22). Im neurologischen Gutachten
gab der Beschwerdeführer an, dass es manchmal zu zwei bis drei Tage dauernden
Zuständen komme, in denen er ins Grübeln gerate und dann nichts mehr gehe,
ansonsten sei die Konzentration allgemein wieder gut (IV-act. 189-32). In der späteren
Exploration äusserte er betreffend das arbeitsbezogene Beschwerdebild, dass er nach
der Arbeit jeweils sehr erschöpft sei und wenn er länger arbeiten würde, käme es zu
Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen. Auch in der Freizeit würden solche
Konzentrationsstörungen auftreten (IV-act. 189-34). Während der neurologischen
Begutachtung hätten sich keine Hinweise für Müdigkeit, rasche Ermüdbarkeit und
keine Fluktuation der Vigilanz beobachten lassen. Die Aufmerksamkeit und
Konzentration habe klinisch der nach dem biografischen Hintergrund zu erwartenden
Kapazität entsprochen (IV-act. 189-36). In der neurologischen Untersuchung hätten
sich auch keine Hinweise betreffend eine Konzentrationsstörung oder anderweitige
mnestische Problematik gezeigt. Möglicherweise bestehe eine medikamentöse
Komponente bei Opiateinnahme (IV-act. 189-38). Der orthopädische Gutachter hielt
fest, dass die Leistungsminderung mit beklagter Konzentrationsstörung und schneller
Erschöpfbarkeit bei der bisherigen Akkordarbeit nachvollziehbar sei (IV-act. 189-54).
Die Medikamenteneinnahme aufgrund der Schmerzsymptomatik und die
beklagte Einschränkung der Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit sind nach
dem Gesagten bei der Schätzung der Arbeitsfähigkeit berücksichtigt worden. So wurde
der chronischen Schmerzstörung Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit beigemessen und
festgehalten, dass kognitive Einschränkungen bei einer Opioid-Medikation und der
Schmerzsymptomatik als möglich erachtet würden. Während der Exploration konnten
die Gutachter keine Einschränkungen der Konzentration und Aufmerksamkeit
feststellen (vgl. E. 2.4.1 vorstehend). Das Gutachten bezieht sich entgegen den
Ausführungen des Beschwerdeführers in der Replik (unter Hinweis auf Ziff. 4.3 zweiter
Absatz des Gutachtens der medexperts, IV-act. 189-7) betreffend die kognitiven
Funktionseinbussen nicht nur auf den aktuellen Arbeitsplatz. Die Gutachter hielten
lediglich fest, dass die kognitiven Funktionseinschränkungen nicht abschliessend
hätten beurteilt werden können und anhand der aktuellen beruflichen Tätigkeit nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit als plausibel erscheinen würden (vgl. IV-act. 189-7).
Unter der Konsistenzprüfung hielten die Gutachter weiter fest, dass sich beim
Beschwerdeführer Aspekte für eine nicht-authentische Beschwerdeschilderung sowie
eine teils eingeschränkte Kooperation bzw. Motivation gezeigt hätten, die aus
2.4.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gutachterlicher Sicht bewusstseinsnahe imponierten und im Rahmen der Begutachtung
teilweise hätten überwunden werden können (IV-act. 189-7). Die vom
Beschwerdeführer nach der Begutachtung beklagten Konzentrationseinschränkungen
(vgl. IV-act. 187) waren durch die Gutachter nach dem Gesagten nicht objektivierbar.
Der Beschwerdeführer bringt weiter vor, dass das Gutachten der medexperts keine
taugliche Grundlage für die Beurteilung bilde, welche Tätigkeiten ihm noch zumutbar
seien (act. G 1, Kap. III Rz. 9).
2.5.
Aufgabe der Arztperson ist es, den Gesundheitszustand festzustellen und sich
dazu zu äussern, in welchem Umfang sowie bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsunfähig ist und welche Arbeitsleistungen ihr noch zugemutet
werden können (vgl. E. 1.5 vorstehend). Die Arztperson soll mithin Aussagen treffen,
inwiefern die versicherte Person in ihren körperlichen oder geistigen Funktionen durch
das Leiden eingeschränkt ist, wobei sie sich vor allem zu jenen Funktionen äussert,
welche für die nach ihrer Lebenserfahrung im Vordergrund stehende Arbeitsmöglichkeit
wesentlich sind. Aufgrund dieses Anforderungsprofils hat anschliessend die
Berufsberatung zu sagen, welche konkreten beruflichen Tätigkeiten aufgrund der
ärztlichen Angaben und unter Berücksichtigung der übrigen Fähigkeiten des
Versicherten in Frage kommen, wobei unter Umständen entsprechende Rückfragen
beim Arzt erforderlich sind (BGE 140 V 193 E. 3.2, Urteil des Bundesgerichts vom
25. Januar 2013, 8C_545/2012, E. 3.2.1). Ein medizinisches Anforderungsprofil trägt
naturgemäss nur den funktionellen Beeinträchtigungen Rechnung; die weiterführende
Frage nach der berufspraktischen Umsetzbarkeit wird hierdurch nicht berührt (Urteil
des Bundesgerichts vom 5. Oktober 2009, 9C_141/2009, E. 2.3.1).
2.5.1.
Gemäss der Konsensbeurteilung der medexperts-Gutachter komme als
adaptierte Tätigkeit eine wechselbelastende Tätigkeit ohne längeres Gehen, ohne
regelhaftes Arbeiten auf Leitern, Gerüsten oder unebenem Gelände sowie mit
Möglichkeiten für eine niederschwellige Pausengestaltung während der Arbeitszeit,
sowie mit wenig zeitlichem Druck und in einem geduldigen, wertschätzenden Umfeld
ohne emotional sehr fordernde Kommunikationsaufgaben in Frage (IV-act. 189-8). Aus
orthopädischer Sicht sei der Beschwerdeführer in einer adaptierten überwiegend
sitzenden Tätigkeit ohne regelmässige lange Gehstrecken, ohne Besteigen von
Treppen, Leitern oder Gerüsten ausgehend von einem Vollpensum aufgrund der
chronifizierten Schmerzen und unter Berücksichtigung des Leistungsprofils zu 80 %
arbeitsfähig (IV-act. 189-51). Es werde dabei von einer Verlangsamung und einem
2.5.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vermehrten Pausenbedarf von ca. 1 Stunde pro Tag aufgrund der chronifizierten
Schmerzen ausgegangen (IV-act. 189-55).
Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers ist für die Evaluation von konkret
geeigneten, leidensangepassten Tätigkeiten die Beschwerdegegnerin zuständig, die
dazu allenfalls Fachpersonen wie Berufsberater beizuziehen hat, und nicht die
Gutachterstelle, welche in erster Linie die Bestimmung der körperlich-funktionellen
Belastbarkeitsgrenze obliegt (vgl. E. 2.5.1 vorstehend). Die Ausführungen im
polydisziplinären Gutachten und das durch die medexperts Gutachter definierte
Anforderungsprofil ermöglichen es, die Frage nach zumutbaren Verweistätigkeiten zu
beantworten. So lässt sich den verschiedenen Gutachten entnehmen, dass der
Beschwerdeführer aktuell im Akkord arbeitet (vgl. IV-act. 189-16, 189-45, 189-52,
189-54). Aus orthopädischer Sicht bestehe eine Verlangsamung und ein vermehrter
Pausenbedarf aufgrund der chronifizierten Schmerzen (IV-act. 189-55). Vor diesem
Hintergrund ist die im Anforderungsprofil festgehaltene Tätigkeit ohne zeitlichen Druck
so zu verstehen, dass eine Akkordarbeit nicht leidensangepasst wäre und dem
Beschwerdeführer für die Erledigung der Arbeit genügend Zeit zur Verfügung stehen
sollte. Betreffend die Anforderung "ohne emotional sehr fordernde
Kommunikationsaufgaben" lässt sich dem Gutachten entnehmen, dass im Rahmen der
neuropsychologischen Testung Verhaltensauffälligkeiten in Form einer sehr deutlich
verminderten Kommunikation aufgetreten seien (IV-act. 189-19, 190-4). Der psy
chiatrische Gutachter hielt fest, dass sich das schwankende affektive Zustandsbild des
Versicherten von euthym bis dysphor gereizt, sowie verbittert und enttäuscht als
auffällig zeige (IV-act. 189-22). Daraus lässt sich schliessen, dass dem
Beschwerdeführer Tätigkeiten, welche ein hohes Mass an Kommunikation abverlangen,
nicht zumutbar sind.
2.5.3.
Da das Leistungsbegehren berufliche Massnahmen mit Verfügung vom
3. Oktober 2017 (IV-act. 134) abgewiesen worden war, hatte die Beschwerdegegnerin
einzig den Rentenanspruch zu beurteilen, ohne dass sie noch Abklärungen treffen
musste, ob und wie die medizinisch ausgewiesene Arbeitsfähigkeit erwerblich
umgesetzt werden kann (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 31. Juli 2012,
8C_438/2011, E. 4.3). Nach der Rechtsprechung kann über den Rentenanspruch
befunden werden, wenn er unabhängig von einer allfälligen Eingliederungsberechtigung
mangels eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades abzulehnen ist (Urteil des
Bundesgerichts vom 14. Februar 2018, 8C_682/2014, E. 2 mit Hinweis). Entgegen den
Ausführungen des Beschwerdeführers (vgl. act. G 7, Kap. III Rz. 3) hat sich die
Beschwerdegegnerin sowohl in der Verfügung (IV-act. 276) als auch in der
2.5.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 17/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeantwort (act. G 4, Rz. 10) zur Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit
geäussert und die Bemessung des Invaliditätsgrads nicht einzig auf die gutachterliche
Arbeitsfähigkeitsschätzung beschränkt. Auf die Verwertbarkeit ist in den nachfolgenden
Erwägungen (siehe E. 3) einzugehen. Es bleibt dem Beschwerdeführer unbenommen,
erneut ein Gesuch um berufliche Massnahmen zu stellen.
Der Beschwerdeführer bestreitet zudem, dass der psychiatrische Gutachter keine
Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit stellte.
2.6.
Der psychiatrische Gutachter führt an, dass die im Bericht vom 2. März 2007 (IV-
act. 25-7) gestellte Diagnose der dissoziativen Bewegungsstörung aus gutachterlicher
Sicht nicht hergeleitet imponiere und somit retrospektiv und auch aktuell aufgrund der
pathophysiologischen (somatischen) Unfallfolgen nicht vollumfänglich nachvollzogen
werden könne. Die mit Bericht vom 15. Juli 2015 der Klinik für Psychosomatik KSSG
(IV-act. 56-43) angeführte Anpassungsstörung (Verbitterungsstörung), die
posttraumatische Belastungsstörung und eine schwere chronifizierte depressive
Störung sowie ein chronifiziertes multifokales Schmerzsyndrom seien aus
gutachterlicher Sicht nicht genügend hergeleitet und nicht vollumfänglich
nachvollziehbar. Insbesondere betreffend die posttraumatische Belastungsstörung sei
das zeitliche Element klar überschritten, da Symptome, die für eine solche Störung
sprechen würden, in der Regel innert sechs Monaten nach dem Ereignis auftreten
würden. Die in früheren Berichten beschriebene Verbitterung sei anhand der aktuellen
Begutachtung nachvollziehbar. Die Diagnose einer posttraumatischen
Verbitterungsstörung sei aktuell in der Fachwelt kontrovers diskutiert und nicht explizit
im ICD-10 Diagnosesystem aufgeführt, sodass ihr versicherungsmedizinisch keine
Relevanz zukomme. Bei der Diagnose der schweren chronifizierten depressiven
Störung beeindrucke aus gutachterlicher Sicht das hohe Funktionsniveau des
Beschwerdeführers, welches das Vorliegen einer solch schweren Störung ausschliesse.
Die Diagnose werde in einem vier Monate später erstellten Bericht der Kliniken C._
(vgl. IV-act. 56-3) nicht mehr aufgeführt (IV-act. 189-21). Bei der von den Ärzten der
Psychosomatik C._ im Bericht vom 23. November 2015 (vgl. IV-act. 237) gestellten
Diagnose der anhaltenden affektiven Störung handle es sich um eine Diagnose ohne
operationalisierte Diagnosekriterien, sodass die Diagnosestellung gutachterlich nicht
nachvollzogen werden könne, insbesondere auch nicht im Vergleich zu Vordiagnosen
anderer Behandler. Zudem fänden sich in diesem Bericht auch Hinweise auf schwer
traumatische Erfahrungen während des geleisteten Militärdienstes, welche aber in der
hiesigen sowie der PMEDA Begutachtung auf Nachfrage nicht bestätigt worden seien
(IV-act. 189-22). Bei der aktuellen Begutachtung lasse sich kein klinisch /
2.6.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 18/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychopathologisch ausgeprägtes depressives Zustandsbild bzw. eine Symptomatik
für die Diagnose einer depressiven Störung oder Episode finden unter einer
antidepressiven Medikation mit aktuell laborchemisch nachgewiesenem
therapeutischem Spiegel. Auffällig zeige sich jedoch das schwankende Zustandsbild
von euthym bis dysphor gereizt, sowie verbittert und enttäuscht, das sich auch in
anderen aktuellen Begutachtungssituationen ähnlich zeige. Dies lasse sich durch den
bisherigen Krankheitsverlauf mit Kränkungen, Enttäuschungen und der
Schmerzsituation erklären (IV-act. 189-22). Die Aspekte für eine chronische
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren seien erfüllt (IV-act.
189-23). Hinsichtlich der Persönlichkeit zeigten sich anhand der Lebensgeschichte
keine Indizien für eine spezifische oder kombinierte Persönlichkeitsstörung, auch eine
sonstige andauernde Persönlichkeitsänderung bei chronischem Schmerzsyndrom
zeige sich nicht (IV-act. 189-23). Für eine hirnorganische Erkrankung würden sich
ebenfalls keine objektivierbaren Anhaltspunkte feststellen lassen (IV-act. 189-23 f.). Der
Gutachter mass der chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen
Faktoren Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit bei. Aus psychiatrischer Sicht hätten sich mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit zahlreiche Aspekte ergeben, die für eine nicht-
authentische Beschwerdeschilderung beim Beschwerdeführer sprechen würden (IV-
act. 189-27).
Der psychiatrische Gutachter legt begründet und nachvollziehbar dar, weshalb er
die von den behandelnden Ärzten gestellten Diagnosen nicht bestätigen konnte. Er
zeigte klar auf, dass die vom Beschwerdeführer ausgeübte Tätigkeit beim bisherigen
Arbeitgeber auch eine gewisse Belastung darstellt, da diese nicht optimal
leidensadaptiert sei (vgl. IV-act. 189-25). Der Beschwerdeführer konnte keine konkreten
Indizien aufzeigen, welche gegen die Zuverlässigkeit des psychiatrischen Gutachtens
sprechen. Vielmehr geht aus dem Bericht des behandelnden Psychiaters der Kliniken
C._ vom 24. September 2019 hervor, dass bis anhin aus psychiatrischer Sicht keine
Arbeitsunfähigkeit attestiert worden ist und bei der letzten Kontrolle am 12. September
2019 eigen- und fremdanamnetisch eine unveränderte bzw. stabile psychische
Verfassung festgestellt worden sei. Aus psychiatrischer Sicht (unter Ausblendung der
somatischen Probleme) bestehe eine marginal eingeschränkte Leistungsfähigkeit
respektive Arbeitsfähigkeit (IV-act. 237-17 ff.). Dieser Einschränkung wurde im
Gutachten der medexperts im Anforderungsprofil Rechnung getragen (vgl. E. 2.5.2
vorstehend).
2.6.2.
Weiter bemängelt der Beschwerdeführer, dass die Gutachter der medexperts die
unfallabhängige Schädigung von 30 % bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht
2.7.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 19/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
berücksichtigt hätten. Die Beschwerdegegnerin hätte die Einschränkungen aufgrund
der unfallabhängigen Schädigung von 30 % und jene aufgrund der 20%igen
krankheitsbedingten Schädigung addieren müssen, sodass von einem Invaliditätsgrad
von 50 % auszugehen sei (act. G 1, Kap. III Rz. 14).
Grundsätzlich besteht keine Bindungswirkung der Invaliditätsschätzung der
Unfallversicherung für die Invalidenversicherung (BGE 133 V 549 E. 6; Urteil des
Bundesgerichts vom 16. April 2021, 8C_729/2020, E. 7.1).
2.7.1.
Wie sich der Verfügung der Unfallversicherung vom 22. Juni 2018 entnehmen
lässt, anerkennt diese eine Erwerbsunfähigkeit sowie eine Integritätseinbusse in der
Höhe von jeweils 30 %. Die Erwerbseinbusse berechnete die Suva unter Einbezug des
ohne erlittenen Unfall erzielten Erwerbseinkommens beim bisherigen Arbeitgeber und
anhand der Tabellenlöhne im Kompetenzniveau 1 unter Berücksichtigung eines
Leidensabzuges von 15 % (Fremdakten 15). Die Gutachter erklärten in ihrer
Stellungnahme vom 8. Januar 2019 demnach zutreffend, dass die "unfallabhängige
Schädigung von 30 %" keine ärztliche oder versicherungsmedizinische
Arbeitsunfähigkeitsschätzung darstelle (vgl. IV-act. 206-1), weshalb die
Berücksichtigung dieses Wertes ohnehin ausser Betracht fällt. Eine Addition der
Prozentwerte steht jedoch auch deshalb ausser Frage, weil die Ermittlung der
invalidenrechtlichen Einschränkung durch die IV-Stelle die aktuell verbleibende bzw.
andauernde unfallbedingte Einschränkung ohnehin notwendigerweise mitumfasst.
2.7.2.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Gutachten der medexperts und der
SMAB auf allseitigen Untersuchungen beruhen, die beklagten Leiden berücksichtigen,
in Kenntnis der Vorakten abgegeben wurden, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und Situation einleuchtend sind sowie überzeugende
Schlussfolgerungen enthalten. Der Beschwerdeführer bringt keine objektiven
Gegebenheiten vor, welche im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt
geblieben sind. Somit kann auf das polydisziplinäre Gutachten der medexperts und
das bidisziplinäre Gutachten der SMAB abgestellt werden und die darin festgehaltene
80%ige Arbeitsfähigkeit in leidensangepasster Tätigkeit Grundlage der Rentenprüfung
bilden.
2.8.
Zwischen den Parteien umstritten und zu prüfen ist die Verwertbarkeit der
verbleibenden medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit von 80 %. Der
Beschwerdeführer bringt vor, dass seine Restarbeitsfähigkeit auf dem konkreten
Arbeitsmarkt aufgrund tätigkeitsbedingter Einschränkungen, der langjährigen Tätigkeit
3.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 20/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
am bisherigen Sonderarbeitsplatz und des fortgeschrittenen Alters nicht mehr
verwertbar sei.
Nach dem im Gebiet des Sozialversicherungsrechts allgemein geltenden
Grundsatz der Schadenminderungspflicht hat die versicherte Person, bevor sie
Leistungen verlangt, alles ihr Zumutbare selber vorzukehren, um die Folgen der
Invalidität bestmöglich zu mindern. Ein Rentenanspruch ist zu verneinen, wenn sie
selbst ohne Eingliederungsmassnahmen, nötigenfalls mit einem Berufswechsel,
zumutbarerweise in der Lage ist, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkommen zu
erzielen. Für die Auslegung des unbestimmten Rechtsbegriffs der zumutbaren Tätigkeit
im Allgemeinen sind die gesamten subjektiven und objektiven Gegebenheiten des
Einzelfalles zu berücksichtigen. Im Vordergrund stehen bei den subjektiven Umständen
die verbliebene Leistungsfähigkeit sowie die weiteren persönlichen Verhältnisse, wie
Alter, berufliche Stellung, Verwurzelung am Wohnort etc. Bei den objektiven
Umständen sind insbesondere der ausgeglichene Arbeitsmarkt und die noch zu
erwartende Aktivitätsdauer massgeblich (Urteil des Bundesgerichts vom 30. Juni 2019,
9C_305/2019, E. 5.2.1 mit Hinweisen).
3.2.
Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers ist das trotz der
gesundheitlichen Beeinträchtigung zumutbarerweise erzielbare Einkommen bezogen
auf einen ausgeglichenen Arbeitsmarkt (vgl. Art. 16 ATSG) zu ermitteln. Der
ausgeglichene Arbeitsmarkt ist ein theoretischer und abstrakter Begriff, welcher die
konkrete Arbeitsmarktlage nicht berücksichtigt (BGE 134 V 64 E. 4.2.1). Er ist
gekennzeichnet durch ein gewisses Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage
nach Arbeitskräften und weist einen Fächer verschiedenster Tätigkeiten auf (BGE 110 V
273 E. 4b). Das gilt sowohl bezüglich der dafür verlangten beruflichen und
intellektuellen Voraussetzungen wie auch hinsichtlich des körperlichen Einsatzes. Dabei
ist nicht von realitätsfremden Einsatzmöglichkeiten auszugehen. Es können nur
Vorkehren verlangt werden, die unter Berücksichtigung der gesamten objektiven und
subjektiven Gegebenheiten des Einzelfalls zumutbar sind (Urteil des Bundesgerichts
vom 30. März 2012, 9C_910/2011, E. 3.1). An die Konkretisierung von
Arbeitsgelegenheiten und Verdienstaussichten sind jedoch keine übermässigen
Anforderungen zu stellen (BGE 138 V 457 E. 3.1). Je restriktiver das medizinische
Anforderungsprofil umschrieben ist, desto eingehender ist in der Regel die
Verwertbarkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt abzuklären und nachzuweisen (Urteil
des Bundesgerichts vom 23. Oktober 2006, U 42/06, E. 3.2.3 am Ende). Der
ausgeglichene Arbeitsmarkt umfasst auch sogenannte Nischenarbeitsplätze, also
Stellen- und Arbeitsangebote, bei denen Behinderte mit einem sozialen
3.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 21/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers rechnen können (Urteil des
Bundesgerichts vom 15. Oktober 2020, 8C_433/2020, E. 7.2 mit Hinweis). Von einer
Arbeitsgelegenheit kann jedoch dann nicht mehr gesprochen werden, wenn die
zumutbare Tätigkeit nur noch in so eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der
ausgeglichene Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem
Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden
einer entsprechenden Stelle daher von vornherein als ausgeschlossen erscheint (Urteile
des Bundesgerichts vom 6. Juli 2017, 9C_253/2017, E. 2.2.1 mit Hinweis, und 26. Juni
2018, 8C_133/2018, E. 2.2.1).
Sofern der Beschwerdeführer geltend macht, ein Stellenwechsel sei ihm aufgrund
der langjährigen Tätigkeit beim bisherigen Arbeitgeber, des eigens für ihn
eingerichteten Sonderarbeitsplatzes sowie aufgrund der Nähe des Wohnortes zu
seinem Arbeitsort nicht zumutbar, kann ihm nicht gefolgt werden. Eine Beschränkung
der zumutbaren Erwerbsangelegenheit auf den bisher oder am bisherigen Wohnsitz
ausgeübten Berufs verträgt sich nicht mit dem Begriff des ausgeglichenen
Arbeitsmarktes nach Art. 16 ATSG (vgl. Ulrich Meyer/Marco Reichmuth, in: Hans-Ulrich
Stauffer/Basile Cardinaux (Hrsg.), Bundesgesetz über die Invalidenversicherung,
3. Aufl. 2014, Art. 28a N 137). Es geht nicht darum, das verbliebene
Leistungsvermögen an einer konkreten Stelle zu verwerten, sondern auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt, auf dem ein breiter Fächer an verschiedenen Arbeitsstellen
zur Verfügung steht. Wie sich aus den Akten ergibt, hat sich der Arbeitsplatz des
Beschwerdeführers seit der Eingliederung nach dem Unfall ungefähr im Jahr 2015
zudem geändert. So könne er nur noch zu 10 % sitzen (vorher ca. 50 %) und die
wöchentliche Arbeitszeit habe sich von 41.3 auf 45 Stunden erhöht (IV-act. 56-40,
56-48). Nach eigenen Angaben sei die Arbeit strenger geworden, da sein Pensum von
acht auf zwölf Z._ pro Zeiteinheit gesteigert worden sei (IV-act. 186-16). Es ist somit
aufgrund der Aktenlage fraglich, ob am bisherigen Arbeitsplatz überhaupt noch ein
eigens für ihn eingerichteter Sonderarbeitsplatz besteht, wie der Beschwerdeführer in
der Beschwerde geltend macht (act. G 1, Kap. III. Rz. II). Entsprechend halten auch die
Gutachter fest, dass die vorwiegend stehende Tätigkeit am angestammten Arbeitsplatz
nicht optimal leidensadaptiert erscheine und somit eine zusätzliche Belastung darstelle
(IV-act. 189-7, 189-25). Auch mit dem Hinweis auf einen wesentlichen
Ressourcenverlust bei Aufgabe der bisherigen Tätigkeit kann der Beschwerdeführer
nichts zu seinen Gunsten ableiten. Die gutachterlich als Ressource genannte Tätigkeit
am bisherigen Arbeitsplatz bezieht sich auf die persönlichen Ressourcen, welche der
Beschwerdeführer trotz seiner gesundheitlichen Einschränkung besitzt und der
Auswirkung auf die Schätzung des tatsächlich erreichbaren Leistungsvermögens
3.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 22/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beigemessen wird. Es geht mithin um die Fähigkeit, sich weiterhin in einem
Arbeitsverhältnis zu behaupten und nicht, wie vom Beschwerdeführer angenommen,
um die konkrete Tätigkeit bei diesem Arbeitgeber. Der Beschwerdeführer ist in
quantitativer Hinsicht bei einer Arbeitsfähigkeit von 80 % in leidensangepasster
Tätigkeit nur leicht eingeschränkt. In qualitativer Hinsicht kann er wechselbelastende
Tätigkeiten ohne längeres Gehen, ohne regelhaftes Arbeiten auf Leitern, Gerüsten oder
unebenem Gelände ausführen, wobei die Möglichkeit einer niederschwelligen
Pausengestaltung während der Arbeitszeit, wenig zeitlicher Druck und ein geduldiges,
wertschätzendes Umfeld ohne emotional sehr fordernde Kommunikationsaufgaben
bestehen sollen (vgl. E. 2.5.2 vorstehend). Entgegen der Behauptung des
Beschwerdeführers ist er weder in der Konzentrationsfähigkeit noch der
Aufmerksamkeit eingeschränkt (vgl. act. 189-19 ff, 189-36 f.). Dem Beschwerdeführer
steht aufgrund dieses Zumutbarkeitsprofils ein zwar eingeschränktes, aber dennoch
genügend weites Betätigungsfeld auf dem ausgeglichenen Hilfsarbeiter-Arbeitsmarkt
zur Verfügung.
Das fortgeschrittene Alter, auf das sich der Beschwerdeführer beruft, wird in der
Rechtsprechung, obgleich an sich ein invaliditätsfremder Faktor, als Kriterium
anerkannt, das zusammen mit weiteren persönlichen und beruflichen Gegebenheiten
dazu führen kann, dass die einer versicherten Person verbliebene Resterwerbsfähigkeit
auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt realistischerweise nicht mehr nachgefragt wird
und dass ihr deren Verwertung auch gestützt auf die Selbsteingliederungslast nicht
mehr zumutbar ist. Fehlt es an einer wirtschaftlich verwertbaren Resterwerbsfähigkeit,
liegt eine vollständige Erwerbsunfähigkeit vor, die einen Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente begründet (BGE 138 V 457 E. 3.1 S 460; Urteil des Bundesgerichts vom
20. Februar 2019, 9C_549/2018, E. 3.1.1). Der Einfluss des Lebensalters auf die
Möglichkeit, das verbliebene Leistungsvermögen auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
zu verwerten, lässt sich nicht nach einer allgemeinen Regel bemessen, sondern hängt
von den Umständen des Einzelfalls ab. Massgebend können die Art und
Beschaffenheit des Gesundheitsschadens und seiner Folgen, der absehbare
Umstellungs- und Einarbeitungsaufwand und in diesem Zusammenhang auch
Persönlichkeitsstruktur, vorhandene Begabungen und Fertigkeiten, Ausbildung,
beruflicher Werdegang oder Anwendbarkeit von Berufserfahrung aus dem
angestammten Bereich sein (BGE 138 V 457 E. 3.1 S. 459 f.; 107 V 17 E. 2c S. 21).
Grundsätzlich richtet sich der Zeitpunkt, in dem die Frage nach der Verwertbarkeit der
(Rest-) Arbeitsfähigkeit bei vorgerücktem Alter beantwortet wird, nach dem Feststehen
der medizinischen Zumutbarkeit einer (Teil-) Erwerbstätigkeit. Diese gilt als
3.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 23/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausgewiesen, sobald die medizinischen Unterlagen diesbezüglich eine zuverlässige
Sachverhaltsfeststellung erlauben (BGE 138 V 457 E. 3.3 S. 461 f.).
Die Suva hielt bereits mit Verfügung vom 22. Juni 2018 fest, dass der
Beschwerdeführer mit Blick auf die verbleibenden Unfallrestfolgen nicht optimal
eingegliedert sei. Eine Einschränkung von 63 % bezogen auf ein 100 % Pensum lasse
sich vom unfallbedingten medizinischen Befund nicht begründen (Fremdakten 15-2).
Spätestens mit Einschätzung der Gutachter der medexperts vom 14. September 2018
(IV-act. 189) ist von einer Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in einer angepassten
Tätigkeit in einem Pensum von 80 % auszugehen (vgl. E. 2.2 vorstehend). In diesem
Zeitpunkt war der Beschwerdeführer 57-jährig. Bis zum Erreichen des AHV-
Pensionsalters verblieb ihm somit eine Aktivitätsdauer von acht Jahren. Aus der
Erwerbsbiographie geht hervor, dass der Beschwerdeführer eine Y._ abgeschlossen
hat, welche viereinhalb Jahre gedauert haben soll (vgl. IV-act. 1-4). Betreffend die
Arbeitstätigkeit und geleistetem Militärdienst für den Zeitraum zwischen 198_ und 199_
finden sich widersprüchliche Angaben in den Akten. So sei er drei oder fünf Jahre beim
Militär und in dieser Zeit auch auf einer oder mehreren UNO-Missionen gewesen (IV-
act. 189-16, 189-33, 189-61; Fremdakten 3-4). Vor oder nach dem Militäreinsatz habe
er nach der Aktenlage an verschiedenen Stellen in der F._ gearbeitet (IV-act. 189-16,
189-61). Aus den Akten der Suva hingegen geht hervor, dass er nach der Lehre
zwischen 198_ und 198_ im Militärdienst gewesen sei, zwischen 198_ und 198_ als
Mitarbeiter im G._ und ab 199_ bis 199_ in der H._ gearbeitet habe, bevor er seine
Stelle bei der I._ AG angetreten habe (Fremdakten 1-59). Dem Auszug aus dem
individuellen Konto des Beschwerdeführers lässt sich entnehmen, dass er ab März
1996 kurzfristig Arbeitslosenentschädigung in der Schweiz bezogen hat. Zwischen
Januar 199_ und Juli 199_ war er für die I._ AG tätig, ab August bis Dezember 199_
für die J._ und zwischen Januar 199_ und Dezember 200_ für die K._ AG. Seit
Januar 200_ ist er bei seinem aktuellen Arbeitgeber L._ AG tätig (IV-act. 54). Auch
wenn die Angaben des Beschwerdeführers betreffend seine Erwerbsbiographie aus der
Aktenlage nicht konsistent erscheinen, kann geschlossen werden, dass er von seinem
gelernten Beruf in der F._ zu einer Tätigkeit als M._ gewechselt hat und für die
aktuelle Tätigkeit als N._ Ausbildungen und Seminare in O._ absolviert habe (IV-
act. 189-16). Unter Berücksichtigung der Erwerbsbiographie in der Schweiz ist mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass er von einer langjährigen
beruflichen Erfahrung als Hilfsarbeiter profitieren konnte und somit der Umstellungs-
und Einarbeitungsaufwand in eine andere Hilfstätigkeit minimal gehalten werden kann.
Insbesondere auch die berufliche Neuausrichtung zeugt von einer vorhandenen
Umstellungsfähigkeit des Beschwerdeführers. Zudem geht aus der gutachterlichen
3.6.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 24/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Einschätzung nicht hervor, dass er in seiner Anpassungs- und Umstellungsfähigkeit
massgeblich beeinträchtigt ist (vgl. IV-act. 189-27). Rechtsprechungsgemäss ziehen
Hilfstätigkeiten ferner nur kurze Umstellungs- und Einarbeitungsaufwände nach sich.
Die Anstellungschancen des Beschwerdeführers in einer leidensangepassten Tätigkeit
sind in Würdigung der gesamten Umstände und der restriktiven Rechtsprechung zur
Unverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit bei älteren Arbeitnehmern (vgl. E. 3.5
vorstehend) intakt. Zudem kennt der ausgeglichene Arbeitsmarkt auch
Nischenarbeitsplätze (vgl. E. 3.3 vorstehend).
Auch wenn es durchaus nachvollziehbar ist, dass der Beschwerdeführer sich nach
jahrelanger Tätigkeit beim bisherigen Arbeitgeber wünscht, im aktuellen Pensum am
gleichen Arbeitsplatz und in unmittelbarer Nähe des Wohnsitzes tätig zu bleiben,
begründet dies nach dem Gesagten noch keine Unzumutbarkeit eines Stellenwechsels.
Da zusammenfassend keine weiteren invaliditätsbedingten Gründe ersichtlich sind,
welche eine berufliche Neuausrichtung und die dazu erforderliche Stellensuche als
unzumutbar erscheinen lassen, ist mit der Beschwerdegegnerin darauf abzustellen,
dass dem Beschwerdeführer die ihm verbleibende Restarbeitsfähigkeit verwertbar ist
und er diese an der aktuellen Stelle nicht voll ausschöpft.
3.7.
Ausgehend von der gutachterlichen Arbeitsfähigkeitsschätzung und der
Zumutbarkeit der Verwertung der Restarbeitsfähigkeit bleiben die erwerblichen
Auswirkungen der Leistungsbeeinträchtigung zu prüfen. Die Beschwerdegegnerin
setzte in ihrer Beschwerdeantwort den Beginn des frühestmöglichen Rentenanspruchs
auf den 1. April 2006 an und gestand dem Beschwerdeführer eine zweimalig kurze
befristete Rente zu (act. G 4, Rz. 9).
4.1.
Die Anmeldung des Beschwerdeführers für eine Invalidenrente ist bei der
Beschwerdegegnerin am 3. Februar 2016 eingegangen (IV-act. 47). In der erstmaligen
Anmeldung vom 27. Oktober 2005 wurde zum einen lediglich die Berufsberatung und
berufliche Umschulung beantragt (IV-act. 1-6). Zum anderen wurde der Anspruch auf
berufliche Massnahmen bei einer damals bestehenden 75%igen Arbeitsfähigkeit in
seiner effektiven Tätigkeit im selben Umfang abgewiesen und standen
Rentenleistungen gar nicht im Raum. Der Anspruch wurde rechtskräftig beurteilt (IV-
act. 44; vgl. auch IV-act. 43). Der früheste Beginn eines allfälligen Rentenanspruchs im
Sinne von Art. 29 Abs. 1 und 3 IVG i.V.m. Art. 29 ATSG fällt somit – entgegen der
Annahme der Beschwerdegegnerin (vgl. act. G 4, Rz. 9) – aufgrund der vorliegend zu
behandelnden Anmeldung vom 2. Februar 2016 auf den 1. August 2016. Die Gutachter
4.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 25/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der medexperts konnten die retrospektive Arbeitsunfähigkeit nicht mit Sicherheit
beantworten (vgl. IV-act. 189-9, 189-11). Eine das Wartejahr auslösende
Arbeitsunfähigkeit im Sinne von Art. 28 Abs. 2 lit. b IVG wurde mit Bericht der
behandelnden Ärzte der Kliniken C._ vom 26. November 2015 mit einer 100%igen
Arbeitsunfähigkeit ab 5. Oktober 2015 erstmals attestiert (IV-act. 56-3 f.). Der RAD
notierte in seiner Stellungnahme vom 17. Mai 2016 nach Würdigung der verschiedenen
Arztberichte, dass die von der Suva akzeptierte Arbeitsunfähigkeit grundsätzlich auch
für die Invalidenversicherung gelten solle (IV-act. 80). Gemäss den Angaben der Suva
habe vom 5. Oktober 2015 bis 7. Januar 2016 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
bestanden und seit dem 8. Januar 2016 eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % (IV-act.
88-1). Ein Rentenanspruch kann somit frühestens ab 1. November 2016 bestehen. Dies
hat zur Folge, dass der mit der Beschwerdeantwort zugestandene befristete
Rentenanspruch vom 1. November 2006 bis 31. Mai 2007 nicht bestätigt werden kann.
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen
könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen, Art. 16 ATSG i.V.m.
Art. 28a Abs. 1 IVG). Für den Einkommensvergleich sind die Verhältnisse im Zeitpunkt
des Beginns des Rentenanspruchs massgebend, wobei Validen- und
Invalideneinkommen auf zeitidentischer Grundlage zu erheben und allfällige
rentenwirksame Änderungen der Vergleichseinkommen bis zum Verfügungserlass zu
berücksichtigen sind (BGE 129 V 222 E. 4.1 f. mit Hinweisen). Für die Bestimmung des
Invalideneinkommens ist nach der Rechtsprechung primär von der beruflich-
erwerblichen Situation auszugehen, in welcher eine versicherte Person konkret steht.
Übt sie nach Eintritt der Invalidität eine Erwerbstätigkeit aus, bei der – kumulativ –
besonders stabile Arbeitsverhältnisse gegeben sind und anzunehmen ist, dass sie die
ihr verbleibende Arbeitsfähigkeit in zumutbarer Weise voll ausschöpft und erscheint
zudem das Einkommen aus der Arbeitsleistung als angemessen und nicht als
Soziallohn, gilt grundsätzlich der tatsächlich erzielte Verdienst als Invalidenlohn. Ist kein
solches tatsächlich erzieltes Erwerbseinkommen gegeben, namentlich weil die
versicherte Person nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine
ihr an sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat, so können
insbesondere Tabellenlöhne gemäss den vom Bundesamt für Statistik periodisch
herausgegebenen Lohnstrukturerhebungen (LSE) herangezogen werden (BGE 139 V
592 E. 2.3 mit Hinweis).
4.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 26/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerdegegnerin stellt für das Valideneinkommen auf das Einkommen des
Beschwerdeführers aus dem 2016 ab. Damals hatte der Beschwerdeführer Fr.
66'040.-- verdient (IV-act. 84-6; 13 x Fr. 5'080.--). Für das Invalideneinkommen zog die
Beschwerdegegnerin die Tabellenlöhne für das Jahr 2016 bei. Vorliegend ist von
ausschlaggebender Bedeutung, dass der Beschwerdeführer in einem langjährigen
Arbeitsverhältnis (bestehend seit 2001) steht und dieses Arbeitsverhältnis unter
Anpassung der Arbeitstätigkeit nach dem Unfall im Jahre 2004 und der
gesundheitlichen Verschlechterung ab 2015 beibehalten werden konnte. Der
ursprünglich für den Beschwerdeführer eingerichteten Arbeitsplatz hat sich um das
Jahr 2015 nach der Aktenlage von einer zumindest hälftig sitzenden Tätigkeit auf eine
mehrheitlich stehende Tätigkeit verändert (IV-act. 56-40, 56-48). Gemäss Angaben des
Arbeitgebers sei der Beschwerdeführer seit Januar 2016 bei einem Arbeitspensum von
75 % (6.6 Stunden pro Tag) nur noch zu 50 % arbeitsfähig (vgl. IV-act. 84). Wie sich
aus der gutachterlichen Einschätzung der medexperts ergibt, ist der Beschwerdeführer
in der angestammten Tätigkeit noch 50 % arbeitsfähig und in einer anderen,
angepassten Tätigkeit besteht eine Arbeitsfähigkeit von 80 % (vgl. E. 2.2 vorstehend).
Nach dem Gesagten steht fest, dass der Beschwerdeführer seine zumutbare
Restarbeitsfähigkeit an der derzeitigen Stelle nicht voll ausschöpft. Somit ist nicht zu
beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin für die Bestimmung des
Invalideneinkommens die Tabellenlöhne der LSE herbeigezogen hat. Die
Beschwerdegegnerin gewährte vorliegend einen Leidensabzug von 15 % (IV-act. 263).
Mit dem Abzug vom LSE-Tabellenlohn soll der Tatsache Rechnung getragen werden,
dass persönliche und berufliche Merkmale, wie Art und Ausmass der Behinderung,
Lebensalter, Dienstjahre, Nationalität oder Aufenthaltskategorie und
Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die Lohnhöhe haben können und je nach
Ausprägung die versicherte Person deswegen die verbliebene Arbeitsfähigkeit auch auf
einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichen
Erfolg verwerten kann (BGE 126 V 75). Eine genaue Bestimmung des
Tabellenlohnabzuges kann offen bleiben. Selbst wenn ein Tabellenlohnabzug von 20 %
vorgenommen würde, der Maximalabzug von 25 % (vgl. BGE 135 V 297 E. 5.2, BGE
126 V 75 E. 5b/bb-cc) kommt vorliegend offenkundig nicht in Frage, würde kein
rentenbegründender Invaliditätsgrad resultieren. Das Invalideneinkommen würde sich
dann auf Fr. 42'754.-- belaufen (Fr. 66'804.-- x 80 % x 80 %; vgl. Anhang 2 der von der
Informationsstelle AHV/IV herausgegebenen Textausgabe zum IVG, Ausgabe 2022) und
der Invaliditätsgrad rund 36 % betragen. Weil die versicherte Person erst Anspruch auf
eine Viertelsrente hat, wenn sie mindestens 40 % invalid ist (vgl. Art. 28 Abs. 2 IVG),
besteht vorliegend grundsätzlich kein Anspruch auf eine Rente der
Invalidenversicherung.
4.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 27/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zu prüfen bleibt, ob der Beschwerdeführer in der Zeit zwischen November 2016
(nach Ablauf des Wartejahrs und der Karenzfrist, vgl. E. 4.2 vorstehend) und Dezember
2020 (Zeitpunkt der Verfügung) allenfalls Anspruch auf Rentenleistungen hatte. Die
Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort die Zusprache einer ganzen
befristeten Rente vom 1. April 2019 bis 30. September 2019 (act. G4). Die Gutachter
der SMAB (vgl. E. 2.3) und der RAD (vgl. RAD-Stellungnahme vom 21. September
2020, IV-act. 261-2) kamen übereinstimmend zum Schluss, dass die im Januar 2019
infolge der Lungenembolie eingetretene Verschlechterung des Gesundheitszustandes,
im Mai 2019 wieder remittiert gewesen sei.
4.5.
Liegt für die bisherige Tätigkeit eine Arbeitsunfähigkeit von erheblicher Dauer und
Ausprägung vor, während vorerst mit der verbliebenen Arbeitsfähigkeit in angepassten
Tätigkeiten ein rentenausschliessendes Einkommen erzielt werden kann respektive
könnte, so entsteht - unter Vorbehalt anderer Voraussetzungen (vgl. insbesondere Art.
29 Abs. 1 IVG) - bei Verschlechterung des Gesundheitszustandes ein Rentenanspruch,
sobald die Invalidität mindestens 40 % beträgt (in diesem Sinne bereits BGE 121 V 264
E. 5b, 6b/bb mit Verweis auf BGE 105 V 156). In einer solchen Konstellation gelangt die
Wartezeit gemäss Art. 88a Abs. 2 IVV nicht zur Anwendung (zum Ganzen: Urteile des
Bundesgerichts vom 28. September 2020, 9C_352/2020, E. 4.1; und 19. Februar 2018,
9C_878/2017 E. 5.3 mit Hinweisen).
4.5.1.
Das Wartejahr ist im Oktober 2016 abgelaufen (vgl. E. 4.2 vorstehend). Wie in
Erwägung 4.2 dargelegt, ist der Beschwerdeführer seit dem 8. Januar 2016 in der
angestammten Arbeitstätigkeit zu 50 % arbeitsunfähig, wobei diese Arbeitsunfähigkeit
auch im Januar 2019 noch gegeben war. Somit ist die Anspruchsvoraussetzung im
Sinne von Art. 28 Abs. 2 lit. b IVG gegeben. Zwischen Januar und Mai 2019 ist nach
der gutachterlichen Einschätzung (IV-act. 259-11) vorübergehend eine
Arbeitsunfähigkeit von 100 % in jeglicher Tätigkeit ausgewiesen (IV-act. 259-11: "nach
der akuten Lungenembolie im Januar 2019 bestand passager eine aufgehobene
Arbeitsfähigkeit"). Danach bestanden aus pneumologischer Sicht noch gewisse
Einschränkungen, welche jedoch nicht über jene aus orthopädischer sowie
psychiatrischer Sicht von 2019 hinausgingen und spätestens seit Oktober 2019
vollständig abgeklungen sind (IV-act. 189-8: "ab Oktober 2019 ist von einer
Arbeitsfähigkeit wie vorher auszugehen, das heisst, das Ereignis der Lungenembolie
hatte keine zusätzliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit mehr zu Folge"). Dies wurde
auch durch den RAD bestätigt (IV-act. 261-2). Übereinstimmend damit hatten auch die
behandelnden Ärzte ab dem 27. Mai 2019 wieder eine Arbeitsfähigkeit für das
ursprüngliche Pensum bestätigt (IV-act. 220). Von Januar bis Mai 2019 war der
4.5.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 28/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.