Decision ID: 80e897d9-7552-5970-8d17-aa5950aebfe6
Year: 2017
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 27.03.2017 Art. 43 Abs. 1 ATSG. Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes. Da die Arbeitsfähigkeiten aus orthopädischer und psychiatrischer Sicht nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststehen, ist die Sache zur Neubegutachtung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Teilweise Gutheissung der Beschwerde (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 27. März 2017, IV 2014/268). Entscheid vom 27. März 2017 Besetzung Präsidentin Karin , Versicherungsrichterin Monika Gehrer-Hug, Versicherungsrichter Ralph Jöhl; Gerichtsschreiberin Lea Hilzinger Geschäftsnr. IV 2014/268 Parteien A._, Beschwerdeführerin, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Ronald Pedergnana, Rorschacher Strasse 21, Postfach 27, 9004 St. Gallen, gegen IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen, Beschwerdegegnerin, Gegenstand Rente Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 7. August 2006 wegen Rückenbeschwerden bei der IV-
Stelle des Kantons St. Gallen zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1). Sie gab an,
in B._ die Grundschule besucht zu haben. Einen Beruf habe sie nicht erlernt. Bis
2004 sei sie als Fabrikmitarbeiterin tätig gewesen. Seither sei sie arbeitslos. Gemäss
dem IK-Auszug hatte die Versicherte im Jahr 2004 ein Erwerbseinkommen von Fr.
37'490.-- erzielt (IV-act. 5).
A.b Dr. med. C._, Facharzt für Allgemeinmedizin, berichtete am 16. August 2006 (IV-
act. 10), dass die Versicherte an den folgenden Diagnosen mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit leide:
• Lumbospondylogenes Schmerzsyndrom und residuelles lumboradikuläres Syndrom
S1 rechts
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• Hemilaminektomie L5 und Foraminotomie L5/S1 und Interlaminektomie L4/5 und
Diskushernienausräumung L4/5 rechts am 22.11.2005 (fecit Prof. Dr. med. D._) bei
spondylotischer Einengung L5/S1 und Diskushernie L4/5 mediolateral rechts
• Parästhesien 4. und 5. Zehe, Parese der Zehenbeuger-Plantarflexion, chronische
Schmerzen laterale Oberschenkel und Unterschenkel, gluteale Verkürzungen mit
Anlaufschmerzen
• mittelgradige Depression mit Schlafstörungen
• arterielle Hypertonie
• chronische Kopfschmerzen vom Spannungstyp
• grosses Diskushernien-Rezidiv L4/5 (Juli 2006).
A.c Dr. C._ attestierte der Versicherten für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit vom 21.
November 2005 bis 2. Mai 2006 eine 100 %ige, vom 3. Mai bis 16. Juli 2006 eine 50
%ige und vom 17. Juli 2006 bis auf weiteres wieder eine 100 %ige Arbeitsunfähigkeit.
Die Klinik Valens hatte im vorläufigen Austrittsbericht vom 26. April 2006 ebenfalls
unter anderem die Diagnose einer mittelgradigen Depression genannt (Fremdakten,
nicht nummeriert).
A.d Die E._ AG berichtete am 24. August 2006 (IV-act. 14), dass sie die Versicherte
vom 14. Mai 1990 bis 31. Dezember 2004 als Nachseherin/Schifflifüllerin beschäftigt
habe. Die Kündigung sei aus wirtschaftlichen Gründen erfolgt. Die Versicherte habe bei
einem Vollpensum einen Jahreslohn von Fr. 36'790.-- erzielt (13 x Fr. 2'830.--; Stand
31.12.2004).
A.e Prof. Dr. med. D._, FMH Neurochirurgie, erklärte am 23. November 2006 (IV-act.
23), dass die Versicherte (Anfang Oktober) operiert worden sei. Sie sei wegen einer
Lumboischialgie rechts (Rezidiv) mindestens bis Ende Jahr zu 100 % arbeitsunfähig.
Dr. med. F._, leitende Ärztin der psychiatrischen Klinik G._, berichtete am 27.
Dezember 2006 (IV-act. 25), dass die Versicherte an einer schwergradigen depressiven
Störung und an einer Angststörung gemischt (ICD-10: F32.2, F41.2) leide. Die
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Versicherte sei in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit seit November 2005 und bis auf
weiteres voll arbeitsunfähig.
A.f Am 28. August 2007 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass eine
medizinische
Abklärung notwendig sei, die durch die ABI Aerztliches Begutachtungsinstitut GmbH
(nachfolgend: ABI) erfolgen werde (IV-act. 31). Da sich die Versicherte einer
Untersuchung durch diese Gutachterstelle verweigerte (IV-act. 34, 36 und 38), wies die
IV-Stelle das Gesuch um berufliche Massnahmen und das Rentengesuch mit
Verfügung vom 26. November 2007 ab (IV-act. 40). Das Versicherungsgericht hiess die
gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde mit Entscheid vom 25. September 2008
teilweise gut, hob die angefochtene Verfügung auf und wies die Sache zur
Entscheidung über das Ausstandsbegehren an die IV-Stelle zurück. Die IV-Stelle hielt
weiter an der Begutachtung durch das ABI fest (IV-act. 66), was die Versicherte
akzeptierte.
A.g Die polydisziplinäre (internistische, psychiatrische und rheumatologische)
Begutachtung durch das ABI erfolgte am 13. Mai 2009 (Gutachten vom 25. Juni 2009,
IV-act. 71). Die Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit lauteten:
• Chronisches residuelles, sensibles lumboradikuläres Ausfallsyndrom L5/S1 rechts
(M54.4)
- Status nach Totallaminektomie L5 und Ausräumung einer Rezidivdiskushernie L4/5
beidseits mit Befreiung der Nervenwurzel L5/S1 rechts bei Verwachsungen am
3.10.2006
- Status nach Diskushernienausräumung L4/5 rechts mit Hemilaminektomie und
Interlaminektomie L4/5 sowie Foraminotomie L5/S1 bei spondylotischer Einengung L5/
S1 am 22.11.2005 bei rezidivierenden Diskushernien L4/5 mediolateral rechts bei
klinischer Affektion der Nervenwurzel S1 rechts
- deutliche muskuläre Dekonditionierung mit Abschwächung der abdominellen und
rückenstabilisierenden Muskulatur
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- allgemeine Haltungsinsuffizienz (betonte Lendenlordose, betonte Kyphosierung im
zervikothorakalen Übergang)
• leichte depressive Episode (F32.0).
Als Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gaben die Gutachter ein
inkomplettes metabolisches Syndrom sowie anamnestisch ein paroxysmales
tachykardes Vorhofflimmern an. Der rheumatologische Gutachter Dr. med. H._ kam
zum Schluss, dass der Versicherten aus rheumatologischer Sicht die angestammte
Tätigkeit sowie jede andere mittelschwere bis schwerbelastende Tätigkeit wegen der
pathologischen Befunde im Bereich der lumbalen Wirbelsäule seit dem 21. November
2004 nicht mehr zumutbar seien. In einer körperlich leichten, wechselbelastenden
Tätigkeit bestehe aus rheumatologischer Sicht spätestens seit dem Zeitpunkt der
Begutachtung eine maximal 70 %ige Arbeitsfähigkeit (2 x 3 Stunden pro Tag mit
verlängerter Mittagspause zur Erholung). Die Versicherte müsse ihre Arbeitsposition
regelmässig wechseln können; Oberkörpervorneigepositionen und stereotype
Rotationsbewegungen der Wirbelsäule und das Ziehen, Stossen und Heben von Lasten
über 10 kg seien ihr nicht mehr zumutbar. Der psychiatrische Sachverständige Dr.
med. I._ schätzte die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht
auf 20 %. Eine mittelgradige oder gar schwere depressive Störung liege nicht vor. Die
Versicherte sei nicht suizidal und leide nicht an deutlichen Konzentrationsstörungen. Es
sei durchaus möglich, dass die Versicherte, wie die Klinik Valens und der Hausarzt
berichtet hätten, im Jahr 2006 an einer mittelgradigen Depression gelitten habe. Die
von Dr. F._ gestellten Diagnosen liessen sich demgegenüber nicht nachvollziehen.
Bei der Diagnose einer depressiven Episode könne gemäss der ICD-10 nicht
gleichzeitig eine Angst und depressive Störung, gemischt, diagnostiziert werden, da es
sich bei letzterer um eine leichtere Störung handle; wenn die Symptomatik genügend
deutlich ausgeprägt sei, müsse die Diagnose einer depressiven Episode gestellt
werden. Die Versicherte sei zwar in einer psychiatrisch-psychotherapeutischen
Behandlung, sie erhalte aber keine eigentliche antidepressive Medikation. Würde eine
deutliche depressive Störung vorliegen, würde die Versicherte eine antidepressive
Medikation erhalten. Zudem nehme die Versicherte ein Hypnotikum ein, das depressive
Symptome und insbesondere Schlafstörungen verstärken könne. Auch eine schlechte
Schlafhygiene könne zu verstärkten Schlafstörungen führen. Die Versicherte habe
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durchaus Kontakte zu ihren Kolleginnen. Innerhalb der Familie bestehe eine gute
Beziehungssituation. Ein sozialer Rückzug wäre bei einer mittelgradigen Depression
deutlicher ausgeprägt. Da die Versicherte im Haushalt durch die Familie unterstützt
werde, bestehe auch ein gewisser sekundärer Krankheitsgewinn. Aus polydisziplinärer
Sicht legten die Gutachter die Arbeitsfähigkeit mit der Begründung, dass die
Versicherte dieselben Zeitabschnitte zum Einlegen von Pausen und zur Erholung
nutzen könne, auf 70 % fest. RAD-Arzt Dr. med. J._ notierte am 10. Juli 2009, dass
das ABI-Gutachten umfassend, kohärent, nachvollziehbar und in sich widerspruchsfrei
sei, weshalb vollumfänglich auf es abgestellt werden könne (IV-act. 72).
A.h Mit Verfügung vom 8. September 2009 wies die IV-Stelle das Rentengesuch bei
einem Arbeitsunfähigkeits- und IV-Grad von 30 % ab (IV-act. 82). Gegen diese
Verfügung liess die Versicherte Beschwerde erheben (IV-act. 88). Im Rahmen des
Beschwerde¬verfahrens reichte ihr Rechtsvertreter zwei Berichte von Dr. med. K._,
Facharzt für Neurochirurgie, ein (IV-act. 106). Dieser hatte am 18. und 26. September
2009 berichtet, dass im Laufe der letzten Monate zu den gewohnten Schmerzen
plötzlich einsetzende, stechende und einschiessende Schmerzen im Kreuz
hinzugekommen seien, nach denen die Versicherte einige Tage stärkere
Kreuzschmerzen gehabt habe. RAD-Arzt Dr. J._ hielt am 22. Dezember 2009 fest,
dass weitere medizinische Abklärungen angezeigt seien (IV-act. 113). Am 24.
Dezember 2009 widerrief die IV-Stelle die Abweisungsverfügung vom 8. September
2009 (IV-act. 118), woraufhin das Beschwerdeverfahren abgeschrieben wurde (IV-act.
122).
A.i Dr. K._ berichtete am 28. Januar 2010 (IV-act. 126), dass die Versicherte nach
Facettenglenksinfiltrationen für eine gute Woche eine ca. 50 %ige Besserung erlebt
habe. Danach seien die Schmerzen im gewohnten Umfang wiedergekommen. Eine
Operationsindikation könne er angesichts der vorausgegangenen Operationen und des
lange bestehenden chronischen Schmerzsyndroms sowie der Depression nur mit
etwas Überwindung stellen. RAD-Arzt Dr. J._ erklärte am 26. März 2010, dass eine
Vergleichsbegutachtung notwendig sei (IV-act. 127).
A.j Dr. K._ informierte am 9. April 2010 darüber (IV-act. 131), dass sich die
Versicherte am 24. März 2010 einer dynamischen Spondylodese L4-L5-S1 bds.
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unterzogen habe. Die Arbeitsfähigkeit könne vier bis sechs Monate nach der Operation
festgelegt werden. Dr. F._ berichtete am 20. April 2010 (IV-act. 138), dass die
Versicherte seit 2006 an einer schwergradigen depressiven Erkrankung und an einer
komorbiden Angststörung leide. Sie sei voll arbeitsunfähig. Die chirurgischen Eingriffe
hätten zusätzliche Belastungen dargestellt. Der schwere medikamentöse Suizidversuch
vom 8. April 2010 nach dem letzten chirurgischen Eingriff könne in diesem Kontext
verstanden werden. Die Versicherte befinde sich zurzeit in stationärer psychiatrischer
Behandlung. RAD-Arzt Dr. J._ wies am 2. Mai 2010 darauf hin, dass eine
Begutachtung aktuell keinen Sinn mache (IV-act. 139).
A.k Die Psychiatrische Klinik L._ gab im Austrittsbericht vom 17. Mai 2010 an (IV-
act. 150), dass die Versicherte vom 9. April bis 3. Mai 2010 hospitalisiert gewesen sei.
Als Diagnosen nannten die Klinikärzte einen Status nach Suizidversuch durch
Tablettenintoxikation am 8. April 2010, eine rezidivierende schwere depressive Episode
ohne psychotische Symptome (F33.2), Störungen durch Sedativa oder Hypnotika,
Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig abstinent, aber in beschützender Umgebung
(F13.21), sowie eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (F45.4). Dr. F._ teilte
am 20. Juni 2010 mit (IV-act. 144), dass eine deutliche Verschlechterung der
rezidivierenden depressiven Störung aufgetreten sei. Die Versicherte sei aus
psychiatrischer Sicht voll arbeitsunfähig. Am 16. September 2010 bestätigte dieselbe
Ärztin, dass die Versicherte aus psychiatrischer Sicht weiterhin zu 100 %
arbeitsunfähig sei. Dr. K._ erklärte am 28. Oktober 2010 (IV-act. 154), dass der
Gesundheitszustand der Versicherten stationär sei. Nach der Spondylodese sei eine
partielle Besserung eingetreten. Es bestehe weiterhin eine belastungsabhängige
Lumboischialgie. Die Versicherte sei in jeglicher Tätigkeit voll arbeitsunfähig. RAD-Arzt
Dr. J._ notierte am 16. November 2010, dass die Vergleichsbegutachtung in Auftrag
gegeben werden könne (IV-act. 155).
A.l Die polydisziplinäre (internistische, psychiatrische und orthopädische) Begutachtung
fand am 10. Mai 2011 statt (Gutachten vom 16. August 2011, IV-act. 165). Die
Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit lauteten:
• Chronisches lumbovertebrales Schmerzsyndrom ohne eindeutige radikuläre
Symptomatik
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• rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode (F33.0).
Als Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gaben die Gutachter eine
Schmerzverarbeitungsstörung (F54), ängstliche Persönlichkeitszüge (Z73.0), ein
inkomplettes metabolisches Syndrom und anamnestisch ein paroxysmales
tachykardes Vorhofflimmern an. Die Einschätzung der Gutachter entsprach sowohl aus
psychiatrischer Sicht wie auch von Seiten des Bewegungsapparates jener der
Vorgutachter (Gutachten vom Juni 2009). Die Gutachter kamen zum Schluss, dass die
Arbeitsunfähigkeit lediglich im Jahr 2010 vorübergehend höher gewesen sei; ab dem
24. März 2010 (Operationstermin) habe für sechs Monate eine volle Arbeitsunfähigkeit
bestanden. Die von den behandelnden Ärzten diagnostizierte schwere depressive
Störung und deren Arbeitsfähigkeitsschätzung korrelierten nicht mit den
gutachterlichen Befunden. Auch anamnestisch bestünden keine Hinweise für eine
längerdauernde höhergradige depressive Episode. Die Versicherte sei daher in einer
körperlich leichten, wechselbelastenden Tätigkeit zu 70 % arbeitsfähig (ganztägiges
Pensum mit vermehrten Pausen). RAD-Arzt Dr. J._ bezeichnete das ABI-Gutachten
am 30. August 2011 als umfassend, konsistent, nachvollziehbar und in sich
widerspruchsfrei; auf das Gutachten könne vollumfänglich abgestellt werden (IV-act.
166).
A.m Mit Verfügung vom 26. März 2012 wies die IV-Stelle das Rentengesuch der
Versicherten bei einem Arbeitsunfähigkeits- und IV-Grad von 30 % erneut ab (IV-act.
177). Tags darauf reichte der Rechtsvertreter der Versicherten einen Bericht der Klinik
M._ vom 14. März 2012 über einen Rehabilitationsaufenthalt vom 30. Januar bis 24.
Februar 2012 ein (IV-act. 178). Dr. med. N._, Chefarzt, hatte darin als Diagnosen eine
schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome im Rahmen einer
rezidivierenden depressiven Störung (F33.2) sowie eine generalisierte Angststörung
(F41.1) genannt. Er hatte dargelegt, dass den therapeutischen Möglichkeiten aufgrund
der ausgeprägten alexythymen Züge enge Grenzen gesetzt gewesen seien. Die
Versicherte sei beim Austritt voll arbeitsunfähig gewesen. Am 9. Mai 2012 liess die
Versicherte Beschwerde gegen die Abweisungsverfügung erheben (IV-act. 185). Der
Beschwerde lag u.a. ein Operationsbericht von Dr. med. O._, Spezialarzt
Orthopädische Chirurgie (IV-act. 191-5 f.), bei. Dr. O._ hatte als Diagnosen eine
Chondropathie Grad III femoropatellär sowie des medialen Femurcondylus, eine
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mediale und laterale Meniskusläsion links sowie eine femoropatelläre Inkongruenz
angegeben. Die Versicherte habe sich einer Arthroskopie und einem Shaving, einer
Plicaresektion, einer medialen und lateralen Teilmeniskektomie und einer offenen
Patellazentrierung unterzogen. RAD-Arzt Dr. J._ erklärte am 20. April 2012, dass eine
erneute polydisziplinäre Begutachtung notwendig sei (IV-act. 180). Am 16. Mai 2012
widerrief die IV-Stelle die Abweisungsverfügung vom 26. März 2012 (IV-act. 181). Das
Beschwerdeverfahren wurde in der Folge abgeschrieben (IV-act. 201).
A.n Am 22. und 24. Oktober 2012 wurde die Versicherte polydisziplinär (internistisch,
psychiatrisch und orthopädisch) durch die medas Ostschweiz begutachtet (Gutachten
vom 15. Januar 2013, IV-act. 213). Die Gutachter gaben die folgenden Diagnosen mit
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit an:
• rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische
Symptome (F33.2)
• Spondylodese L4/S1 mit lumbalen Restbeschwerden nach Diskushernie und
Wurzelkompression L5 rechts, Osteochondrose L4 bis S1
• beginnende femoropatelläre und mediale Gonarthrose links
- mediale und laterale Teilmeniskektomie, lateralisierte Patella links.
Als Diagnosen ohne wesentliche Einschränkung nannten die Gutachter eine Adipositas,
eine Dyslipidämie, chronische Kopfschmerzen vom Spannungstyp, ein Asthma
bronchiale, einen Status nach tachykardem Vorhofflimmern, wahrscheinlich eine
unterwünschte Nebenwirkung der Antidepressiva, eine arterielle Hypertonie und einen
Verdacht auf eine medikamenteninduzierte Gastro-Oesophageale Refluxkrankheit. Der
psychiatrische Gutachter med. pract. P._ führte aus, dass er aufgrund der
Vorbefunde und dem Untersuchungsgespräch aktuell von einer rezidivierenden
depressiven Störung, gegenwärtig schwere Episode, ausgehe. Wie bereits im Bericht
der Klinik M._ beschrieben, habe die Versicherte eine deutliche Einschränkung der
Mimik und Gestik gezeigt und die Grundstimmung sei herabgesetzt und die
Schwingungsfähigkeit eingeschränkt gewesen. Daneben bestünden Schlafstörungen
mit Ein- und Durchschlafproblemen, ein eingeschränkter Antrieb sowie diffuse Ängste.
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Gemäss den Angaben der Versicherten hätten sich die Episoden zunehmend verstärkt;
im heutigen Ausmass seien sie seit ca. eineinhalb bis zwei Jahren vorhanden. Da sich
das Zustandsbild in der Klinik M._ über längere Zeit durchgezogen habe, gehe er
nicht davon aus, dass die Versicherte aggraviere. Auch im Untersuchungsgespräch
hätten sich hierfür keine Hinweise gefunden; der Befund habe sich unverändert durch
das ganze Gespräch durchgezogen. Die Schmerzproblematik sehe er zum Teil als
Ausdruck der depressiven Symptomatik. Zudem gebe es einen deutlichen sozialen
Rückzug ausserhalb der eigenen Familie. Bezüglich des Verlaufs sei es retrospektiv
schwierig, eine Beurteilung abzugeben. Da es sich um einen schwankenden Verlauf
handle, könne es zwischendurch auch bessere Episoden geben. Die Versicherte sei
aus psychiatrischer Sicht spätestens seit dem Aufenthalt in der Klinik M._ (Januar
2012) wegen einer deutlichen Verlangsamung und einer geringen Belastbarkeit in
jeglicher Tätigkeit zu mindestens 70 % arbeitsunfähig. Sie sei nur noch in der Lage,
kognitiv wenig anspruchsvolle Tätigkeiten zu verrichten. Er empfehle eine Optimierung
der medikamentösen Therapie mit Kontrolle des Blutspiegels sowie eine Intensivierung
der Therapie. Der orthopädische Gutachter Dr. med. Q._ erklärte, dass die
Versicherte bei der Untersuchung keine Ausstrahlungen mehr, sondern einen lokalen
lumbalen Dauerschmerz angegeben habe. Die aktuelle Untersuchung sei deutlich
beschwerdeärmer verlaufen und die Beweglichkeit der Wirbelsäule, namentlich die
Inklination, habe zugenommen. Die lumbalen Beschwerden hätten sich also gebessert.
In der zuletzt durchgeführten Aufnahme der LWS lägen im Vergleich zu postoperativ
nach wie vor regelrechte Verhältnisse vor; die Versicherte habe vom Eingriff profitiert.
Die Kernspintomographien beider Knie hätten keinen wesentlichen Seitenunterschied
gezeigt, allenfalls sei die Situation retropatellär links etwas schlechter. Es handle sich
aber durchaus um altersentsprechende Veränderungen. Die Kernspintomographie der
Hüftgelenke hätten beginnende arthrotische Veränderungen im linken Hüftgelenk, die
radiologisch kaum sichtbar seien, gezeigt. Die Belastbarkeit der lumbalen Wirbelsäule
sei nach drei Eingriffen an den zwei gleichen Etagen vermindert. Aufgrund der Befunde
am linken Knie bestünden eine geringere Steh- und Gehfähigkeit. Zwar habe sich die
Versicherte bei der Tätigkeit als Nachseherin/Schifflifüllerin in der Textilproduktion bei
gut laufender Maschine zwischenzeitlich hinsetzen können; die Arbeit habe sie aber auf
verschiedenen Höhen verrichten müssen, was der Versicherten wegen dem gehäuften
Bücken nicht mehr möglich sei. Ausserdem müssten bei dieser Tätigkeit auch die
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ebenfalls behinderten Knie belastet werden. Insgesamt sei der Versicherten die zuletzt
ausgeübte Tätigkeit daher aus orthopädischer Sicht nicht mehr zumutbar. Eine
adaptierte, d.h. körperlich leichte und wechselbelastende Tätigkeit könne sie im
Umfang von 60 % ausüben (Adaptionskriterien siehe Ziff. 6.6.4 des Gutachtens). Eine
solche Tätigkeit sei ihr ab Anfang März 2006, d.h. drei Monate nach dem ersten
Eingriff, zumutbar gewesen. Unterbrochen worden sei die Arbeitsfähigkeit durch einen
ebenfalls dreimonatigen, vollständigen Arbeitsausfall nach dem zweiten Eingriff im
Oktober 2006. Der Eingriff im Jahr 2010 habe eine sechsmonatige volle
Arbeitsunfähigkeit zur Folge gehabt. In polydisziplinärer Hinsicht schätzten die
Gutachter die Arbeitsunfähigkeit der Versicherten ab Januar 2012 (Eintritt in die M._)
auf mindestens 70 %.
A.o RAD-Arzt Dr. med. R._ notierte am 18. März 2013, dass das Gutachten der
medas Ostschweiz multiple Mängel aufweise (IV-act. 214). Erstens sei keine
Untersuchung und Begutachtung durch einen Facharzt für Innere Medizin erfolgt.
Zweitens seien in der „persönlichen Anamnese“ scheinbar Angaben der Versicherten
mit der Vorgeschichte aus der Aktenlage vermischt worden. Auch sei unklar, auf
welche Aktenstücke die erwähnte „probatorische Wurzelinfiltration“ an der Klinik
Balgrist zurückgehe. Ausserdem lägen weder zur erwähnten Gastroskopie noch zum
stationären Aufenthalt in der Psychiatrischen Klinik L._ Unterlagen vor. Drittens seien
Sachverhalte wiederholt geschildert worden. Viertens seien unter „Systemanamnese“
Bestandteile einer vegetativen Anamnese mit Organsystemen vermischt worden.
Fünftens sei die Darstellung des internistischen Status inhaltlich und sprachlich zum
Teil nicht nachvollziehbar. Sechstens habe der orthopädische Gutachter in der
angestammten Tätigkeit keine Arbeitsfähigkeit mehr gesehen, in der
„versicherungsmedizinischen Beurteilung“ sei jedoch lediglich von einer 70 %igen
Arbeitsunfähigkeit die Rede. Siebtens seien zwar das orthopädische und das
psychiatrische Teilgutachten, auch in ihren Schlussfolgerungen für die Arbeitsfähigkeit,
nachvollziehbar. Allerdings bestünden zwischen dem psychiatrischen Teilgutachten
und dem Bericht der Klinik M._ vom März 2012 Widersprüche betreffend die
Beschreibung der Verhältnisse im Elternhaus der Versicherten. Dr. R._ erklärte
weiter, dass er ein längeres Telefongespräch mit dem Chefarzt der medas Ostschweiz
wegen den formalen Unzulänglichkeiten des Gutachtens geführt habe; dieser habe die
kritisierten Punkte nachvollziehen können und eine Korrektur des „internistischen
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Teilgutachtens“ angeboten. Nach der Diskussion des Falles innerhalb des RAD schlage
er jedoch vor, auf das Gutachten abzustellen, da sich die zur Einschränkung der
Leistungsfähigkeit führenden Gesundheitsschäden hauptsächlich im Bereich des
orthopädischen und psychiatrischen Fachgebietes befänden. In der angestammten
Tätigkeit bestehe demnach keine Arbeitsfähigkeit mehr. In einer leidensangepassten
Tätigkeit sei die Versicherte seit etwa Januar 2012 zu 70 % arbeitsunfähig.
A.p Auf eine interne Anfrage eines IV-Sachbearbeiters vom 12. Dezember 2013
antwortete ein Rechtsdienstmitarbeiter am 9. Januar 2014 (IV-act. 221), dass ihm als
medizinischem Laien die Diskrepanz zwischen der Funktionalität (Tagesablauf) und der
Diagnosestellung (schwere Depression) nicht einzuleuchten vermöge. Zudem liessen
sich die geltend gemachten Konzentrationsstörungen nicht in Einklang damit bringen,
dass die Versicherte regelmässig Karten spiele. Auch die psychosoziale Komponente
spreche gegen eine invalidisierende Wirkung. Es stelle sich die Frage, ob es sich bei
der Beurteilung der medas Ostschweiz im Vergleich mit der Beurteilung des ABI nicht
einfach um eine andere Würdigung desselben Sachverhalts handle. Im Grossen und
Ganzen sei bei den Befunden nur die Mimik und Gestik anders gewesen. Dies könne
zum einen durchaus von der „Tagesform“ abhängen, zum anderen dürfte es bei der
dritten Medas-Begutachtung ein leichtes sein, sein Verhalten entsprechend
anzupassen (zumal die Versicherte unterdessen gewusst habe, worauf geachtet
werde). Dass med. pract. P._ lediglich denselben Sachverhalt anders beurteilt habe,
zeige sich auch in seiner Aussage, dass seines Erachtens bei der zweiten
Begutachtung die Episode mit der Tablettenintoxikation und der schweren depressiven
Symptomatik zu wenig berücksichtigt worden sei. Des Weiteren sei eine
Therapiefrequenz mit einer Behandlung pro Monat nicht ausreichend. Ausserdem sei
die Angelegenheit auch aus dem Blickwinkel der Gesamtfamilie fragwürdig. Laut den
Akten des Ehemannes, der ebenfalls IV-Rentner und mittelgradig depressiv sei, habe
dieser Mühe, eine Tagesstruktur einzuhalten. Bis am Mittag fühle er sich sehr schlapp,
müde und leide unter starken Schmerzen. Gemäss den Angaben der Versicherten sei
ihr Ehemann jedoch für sie ein überaus grosser Motivator. Er reisse sie immer mit, ohne
ihn würde sie nichts machen. Diese widersprüchlichen Angaben liessen sich nicht unter
einen Hut bringen. Insgesamt müssten somit auch die Angaben der Versicherten, auf
die med. pract. P._ mehrheitlich abgestellt habe, mit Vorsicht gewürdigt werden,
deute doch vieles auf eine Rentenbegehrlichkeit aufgrund eines finanziellen Engpasses
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hin. Seines Erachtens sei nach wie vor von einer 70 %igen Arbeitsfähigkeit adaptiert
auszugehen und das Rentengesuch abzuweisen.
A.q Mit Vorbescheid vom 26. Februar 2014 (IV-act. 224) kündigte die IV-Stelle der
Versicherten bei einem Arbeitsunfähigkeits- und IV-Grad von 30 % abermals die
Abweisung des Rentengesuchs an. Dagegen liess die Versicherte am 6. März 2014
einwenden (IV-act. 225), das Problem von alexithymen Menschen sei ja gerade, dass
sie keinen Zugang zu ihren Gefühlen hätten, dass also eine psychiatrische Behandlung
nur bedingt wirksam sei. Bezüglich der psychosozialen Belastungen sei anzumerken,
dass das Ehepaar sich überhaupt nicht in einer schwierigen finanziellen Lage befinde.
Mit Verfügung vom 9. Mai 2014 wies die IV-Stelle das Rentengesuch der Versicherten
aus den im Vorbescheid angegebenen Gründen ab (IV-act. 226).
B.
B.a Gegen diese Verfügung liess die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin)
am 21. Mai 2014 Beschwerde erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die
Aufhebung der Verfügung und die Zusprache einer vollen (gemeint wohl: ganzen) Rente
ab Ablauf des Wartejahres. Zur Begründung machte er zusammengefasst geltend,
dass auf das Gutachten der medas Ostschweiz abzustellen sei, wonach die
Beschwerdeführerin in einer adaptierten Tätigkeit zu 70 % arbeitsunfähig sei. Die
Gutachten des ABI überzeugten nicht. Es sei erstaunlich, dass sich die IV-Stelle
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) anmasse, die Einschätzung des eigenen RAD als
falsch zu betrachten und an dessen Stelle (und an die Stelle der Gutachter) eine eigene
Einschätzung zu setzen.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 17. Juli 2014 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Eventualiter sei eine weitere psychiatrische Begutachtung
anzuordnen. Die Beschwerdegegnerin führte zur Begründung aus, dass das ABI und
die medas Ostschweiz den gleichen Sachverhalt beurteilt hätten. Die unterschiedlichen
Beurteilungen seien darauf zurückzuführen, dass sich die Gutachter der medas
Ostschweiz in erster Linie von den subjektiven Aussagen der Beschwerdeführerin
hätten leiten lassen. Hinzu komme, dass eine konsequente Depressionstherapie
unabdingbare Voraussetzung für eine Rentenzusprache sei. Selbst der Gutachter der
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medas Ostschweiz sei davon ausgegangen, dass die medikamentöse Therapie
optimiert und eine Intensivierung der Therapie erfolgen müsse. Die vom Rechtsvertreter
erwähnte Diagnose einer Alexithymie sei in keinem Gutachten gestellt worden.
Bezüglich der finanziellen Lage sei festzuhalten, dass im Gutachten der medas
Ostschweiz auf S. 21 vermerkt sei, dass die Kinder finanzielle Unterstützung anböten.
B.c In seiner Replik vom 22. August 2014 (act. G 6) brachte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin ergänzend vor, dass die Alexithymie zwar nicht auf der
Diagnoseliste der medas Ostschweiz aufgeführt sei, die Gutachter jedoch auf S. 27
dazu Stellung genommen hätten. Die ABI-Gutachten genügten offensichtlich nicht den
Ansprüchen an ein Gutachten, weshalb nicht auf sie abgestellt werden könne.
Demgegenüber hätten die Gutachter der medas Ostschweiz genug Zeit für die
Exploration aufgewendet und einen Dolmetscher beigezogen. Ein weiteres Gutachten
wäre unsinnig.
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 7 f.).

Erwägungen
1.
1.1 Mit der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin einen
Rentenanspruch der Beschwerdeführerin abgelehnt. Strittig ist demnach, ob die
Beschwerdeführerin einen Anspruch auf eine Invalidenrente hat oder nicht.
1.2 Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung, IVG, SR 831.20). Invalidität ist gemäss Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR
830.1) die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine Beeinträchtigung der
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körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG).
1.3 Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist der Invaliditätsgrad
grundsätzlich durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen).
2.
2.1 Die Höhe des Invalideneinkommens hängt u.a. von der Arbeitsfähigkeit der
versicherten Person ab. Die Beschwerdeführerin macht geltend, seit November 2005 in
ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt zu sein. Zunächst ist daher zu prüfen, ob die
Beschwerdeführerin aus gesundheitlichen Gründen zwischen November 2005 und Mai
2014 (Verfügungserlass) dauernd oder während längerer Zeit arbeitsunfähig gewesen
ist.
2.2 In somatischer Hinsicht liegen insbesondere die ABI-Gutachten vom 25. Juni 2009
und 16. August 2011 und das Medas-Gutachten vom 15. Januar 2013 im Recht. Die
Beschwerdeführerin hat sich im November 2005 und im Oktober 2006 (Rezidiv) je einer
Diskushernienoperation L4/5 unterzogen. Der rheumatologische Gutachter Dr. H._
hat im ABI-Gutachten vom Juni 2009 dargelegt, dass der Beschwerdeführerin die
angestammte Tätigkeit als Nachseherin/Schifflifüllerin in der Textilproduktion wegen
eines chronischen residuellen sensiblen lumboradikulären Ausfallsyndroms nicht mehr
zumutbar sei. Die Restarbeitsfähigkeit in einer körperlich leichten, wechselbelastenden
Tätigkeit betrage höchstens 70 %. Im März 2010 hat sich die Beschwerdeführerin einer
Spondylodese L4-L5-S1 unterzogen. Der orthopädische Gutachter Dr. S._ hat im
Verlaufsgutachten vom August 2011 mit der Diagnose eines chronischen
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lumbovertebralen Schmerzsyndroms ohne eindeutige radikuläre Symptomatik zwar
nicht dieselbe Diagnose wie Dr. H._ angegeben; er hat aber dessen
Arbeitsfähigkeitsschätzung bestätigt. Am 1. Mai 2012 hat sich die Beschwerdeführerin
wegen seit Jahren bestehenden Kniegelenksschmerzen ventral links einer Arthroskopie
mit Shaving, Plicaresektion sowie medialer und lateraler Teilmeniskektomie unterzogen
(IV-act. 191-5). Der orthopädische Gutachter der medas Ostschweiz, Dr. Q._, hat im
Gutachten vom 15. Januar 2013 erklärt, dass die Beschwerdeführerin bei der
Untersuchung keine Ausstrahlungen mehr angegeben habe. Die aktuelle Untersuchung
sei deutlich beschwerdeärmer verlaufen und die Beweglichkeit der Wirbelsäule habe
zugenommen. Die lumbalen Beschwerden hätten sich also gebessert. Die
Kernspintomographien der Knie hätten keinen wesentlichen Seitenunterschied gezeigt;
es handle sich um altersentsprechende Veränderungen. Obwohl sich die
Rückenproblematik gemäss Dr. Q._ seit der letzten Begutachtung verbessert hatte
und der Befund der Knie altersentsprechend gewesen war, hat Dr. Q._ die
Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin in einer adaptierten Tätigkeit mit 40 %
höher eingeschätzt als die Vorgutachter. Da er den Beginn der 40 %igen
Arbeitsunfähigkeit adaptiert rückwirkend auf März 2006 festgelegt hat, muss davon
ausgegangen werden, dass es sich bei seiner Einschätzung um eine andere
Beurteilung desselben medizinischen Sachverhalts handelt. Dr. Q._ hat allerdings
nicht begründet, weshalb die Vorgutachter die Arbeitsunfähigkeit aus somatischer
Sicht in einer adaptierten Tätigkeit seines Erachtens zu tief bemessen haben. Daher
lässt sich nicht beurteilen, welche Arbeitsfähigkeitsschätzung überzeugender ist resp.
auf welche Einschätzung abzustellen ist. Aus diesem Grund ist eine orthopädische
Neubegutachtung notwendig.
2.3 Als Nächstes ist zu prüfen, ob die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin aus
psychiatrischer Sicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
feststeht. Die Beschwerdeführerin befindet sich seit Juli 2006 bei Dr. F._ in
psychiatrischer Behandlung (IV-act. 138). Diese hat der Beschwerdeführerin durchwegs
eine schwergradige depressive Störung und eine Angststörung, gemischt,
diagnostiziert. Die Beschwerdeführerin ist erstmals im Mai 2009 psychiatrisch
begutachtet worden. Dr. I._ hat damals lediglich eine leichte depressive Episode
diagnostiziert. Er hat jedoch erklärt, es sei möglich, dass im Jahr 2006 eine
mittelgradige Depression vorgelegen habe. Wegen eines Suizidversuchs ist die
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Beschwerdeführerin vom 9. April bis 3. Mai 2010 in der Psychiatrischen Klinik L._
hospitalisiert gewesen. Die Klinikärzte haben damals unter anderem die Diagnose einer
rezidivierenden schweren depressiven Episode ohne psychotische Symptome
angegeben. Dr. T._ hat bei der Begutachtung im Mai 2011 wiederum lediglich eine
leichte depressive Symptomatik feststellen können (rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig leichte Episode) und angemerkt, dass anamnestisch keine Hinweise für
eine längerdauernde höhergradige depressive Episode bestünden. Vom 30. Januar bis
24. Februar 2012 hat die Beschwerdeführerin einen Rehabilitationsaufenthalt in der
Klinik M._ absolviert. Dr. N._ hat als Diagnosen eine schwere depressive Episode
ohne psychotische Symptome im Rahmen einer rezidivierenden depressiven Störung
sowie eine generalisierte Angststörung genannt. Med. pract. P._ von der medas
Ostschweiz hat der Beschwerdeführerin − in Übereinstimmung mit den Behandlern −
im Gutachten vom 15. Januar 2013 eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome, diagnostiziert. Er hat
ausgeführt, dass er die Beurteilungen der beiden Vorgutachter aufgrund deren
Angaben mehrheitlich nachvollziehen könne, wobei aus seiner Sicht bei der zweiten
Begutachtung der Tablettenintoxikation mit suizidaler Absicht (April 2010) und der
anschliessenden Hospitalisation sowie der Einschätzung der behandelnden
Psychiaterin Dr. F._ zu wenig Beachtung geschenkt worden sei (IV-act. 213-35).
Med. pract. P._ ist davon ausgegangen, dass die jetzige (schwere depressive)
Symptomatik mindestens seit der Hospitalisation in der Klinik M._ (Januar 2012)
bestehe. Bei der gutachterlichen Untersuchung hat med. pract. P._ keine Hinweise
auf wesentliche Aufmerksamkeits- oder Gedächtnisstörungen festgestellt. Das formale
Denken sei verlangsamt, ansonsten aber geordnet gewesen. Inhaltliche Denkstörungen
hätten nicht eruiert werden können. Der affektive Rapport sei herstellbar gewesen. Die
Grundstimmung sei deutlich nach unten geschoben und die Schwingungsfähigkeit
eingeschränkt gewesen. Im Antrieb habe die Beschwerdeführerin deutlich reduziert
gewirkt und die Mimik und Gestik seien deutlich verarmt gewesen. Die
Beschwerdeführerin habe resigniert-hoffnungslos gewirkt (IV-act. 213-23 f.). Dr. T._
hat im Gutachten vom 15. August 2011 u.a. die folgenden psychopathologischen
Befunde erhoben (IV-act. 165-27): Lebhafte Mimik und Gestik, klagsame,
herabgesetzte, leicht depressive Stimmung, die sich im Laufe der Untersuchung
deutlich aufgehellt habe, guter affektiver Kontakt, herabgesetztes Selbstwertgefühl,
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keine Einschränkung der Auffassungsgabe und der Konzentrationsfähigkeit, keine
Hinweise für Merkfähigkeits- oder Gedächtnisstörungen, formal und inhaltlich
unauffälliges Denken und keine wahnhaften Störungen etc. Zwar hat med. pract. P._
einen etwas auffälligeren psychopathologischen Status beschrieben (deutlich nach
unten geschobene Grundstimmung, eingeschränkte Schwingungsfähigkeit, deutlich
reduzierter Antrieb und deutliche verarmte Mimik und Gestik). Die objektiven Befunde
vermögen aus der Sicht eines medizinischen Laien aber nicht die erheblichen
Unterschiede bei der Diagnosestellung zu erklären (leichte depressive Störung vs.
schwere depressive Störung). Unter Berücksichtigung der Kritik von med. pract. P._
am Teilgutachten von Dr. T._ kommt der Verdacht auf, dass sich der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin zwischen der zweiten und dritten
Begutachtung in tatsächlicher Hinsicht gar nicht wesentlich verschlechtert haben
könnte, dass es sich also bei der Beurteilung von med. pract. P._ lediglich um eine
andere Einschätzung eines ähnlichen medizinischen Sachverhalts handeln könnte. Der
Grund für die unterschiedlichen gutachterlichen (wie auch fachärztlichen)
Einschätzungen könnte aber auch in einem schwankenden Verlauf der depressiven
Störung liegen. Med. pract. P._ ist nämlich von einem schwankenden Verlauf mit
zwischendurch besseren Episoden ausgegangen. Ob ein schwankender Verlauf
vorliegt, kann jedoch nur anhand der vollständigen psychiatrischen Krankengeschichte
beurteilt werden, die nicht bei den Akten liegt. Sollte ein schwankender Verlauf
vorliegen, würde sich die Frage stellen, welche Phase für die
Arbeitsfähigkeitsschätzung heranzuziehen ist resp. ob eine Längsschnittbeurteilung
vorzunehmen ist. Da hinsichtlich der Schwere der depressiven Symptomatik
Unklarheiten bestehen, steht auch die Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht nicht
mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest. Somit ist auch eine
psychiatrische Neubegutachtung erforderlich. Die zu beauftragende Gutachtensperson
wird den Verlauf der Arbeitsfähigkeit ab 1. November 2005 anhand der vollständigen
psychiatrischen Krankheitsgeschichte eruieren müssen.
2.4 Zu prüfen bleibt, ob die Beschwerdegegnerin oder das Gericht die orthopädische
und psychiatrische Neubegutachtung in Auftrag geben muss, d.h. ob die Sache an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist oder ob das Gericht die
Sachverhaltsabklärung zu übernehmen hat. Gemäss der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung holt ein kantonales Versicherungsgericht in der Regel dann ein
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Gerichtsgutachten ein, wenn es im Rahmen der Beweiswürdigung zum Schluss
kommt, ein bereits erhobener medizinischer Sachverhalt müsse (insgesamt oder in
wesentlichen Teilen) noch gutachtlich geklärt werden oder eine Administrativexpertise
sei in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig. Eine Rückweisung an die IV-
Stelle bleibt hingegen möglich, wenn es darum geht, zu einer bisher vollständig
ungeklärten Frage ein Gutachten einzuholen. Ebenso steht es dem
Versicherungsgericht frei, eine Sache zurückzuweisen, wenn allein eine Klarstellung,
Präzisierung oder Ergänzung von gutachterlichen Ausführungen erforderlich ist (vgl.
Urteil des Bundesgerichts vom 11. Dezember 2014, 8C_633/2014 E. 3.2; BGE 137 V
210 E. 4.4.1.4). Im vorliegenden Fall liegen bereits drei Administrativgutachten im
Recht. Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung müsste in diesem Fall ein
Gerichtsgutachten eingeholt werden. Die Beschwerdegegnerin hat das dritte
Gutachten vom Januar 2013 allerdings selber nicht als beweiskräftig angesehen und
nicht darauf abgestellt. Im Beschwerdeverfahren hat sie dann auch eventualiter die
Anordnung einer weiteren psychiatrischen Begutachtung beantragt. Es ist nicht die
Aufgabe des Versicherungsgerichts, den Sachverhalt zu ermitteln. Diese Aufgabe hat
der Gesetzgeber vielmehr der IV-Stelle zugewiesen (Art. 43 Abs. 1 ATSG). Es wäre also
gesetzwidrig, wenn das Gericht die Sachverhaltsermittlung von der IV-Stelle
„übernehmen“ würde. Für eine Rückweisung der Sache an die Beschwerdegegnerin
spricht auch, dass vor der Begutachtung die vollständige psychiatrische
Krankengeschichte bei den Behandlern eingeholt werden muss. Die bidisziplinäre
Neubegutachtung ist folglich durch die Beschwerdegegnerin in Auftrag zu geben.
2.5 In teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung infolge
Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes nach Art. 43 Abs. 1 ATSG aufzuheben und
die Sache ist zur erneuten bidisziplinären (orthopädischen und psychiatrischen)
Begutachtung im Sinne der obigen Erwägungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
3.
3.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
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in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Praxisgemäss ist die
Rückweisung der Sache zur ergänzenden Abklärung und neuen Beurteilung an die
Verwaltung als volles Obsiegen der beschwerdeführenden Partei zu werten (BGE 132 V
215 E. 6.2). Dementsprechend ist die Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- vollumfänglich der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist
der Beschwerdeführerin zurückzuerstatten.
3.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art.
22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat keine Honorarnote eingereicht. In einem
Fall mit mittlerem Aufwand und Schwierigkeitsgrad wird praxisgemäss eine
Pauschalentschädigung von Fr. 3'500.-- ausgerichtet. Zwar ist der vorliegende Fall
überdurchschnittlich aufwändig gewesen, da ein Rentenanspruch ab dem Jahr 2006 zu
prüfen und drei medizinische Gutachten zu beurteilen gewesen sind. Der
Rechtsvertreter hat die Beschwerdeführerin jedoch bereits seit dem Jahr 2007 im
sozialversicherungsrechtlichen Verfahren (inkl. den Beschwerdeverfahren IV 2008/5, IV
2009/360 und IV 2012/167) vertreten. Da dem Rechtsvertreter die Streitsache daher bei
Beschwerdeerhebung bereits hinlänglich bekannt gewesen ist, erscheint eine
pauschale Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- im vorliegenden Fall dennoch als
angemessen. Die Beschwerdegegnerin hat die Beschwerdeführerin entsprechend mit
Fr. 3'500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.