Decision ID: 8d611be1-2820-4e18-976f-140e14af5649
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
B._ meldete sich am 17. Dezember 2015 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 4). Der Versicherte hatte sich vom 11. Juni bis 6.
August und vom 16. September bis 22. Oktober 2015 stationär in der Klinik C._,
Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, befunden. Die dort zuständigen
medizinischen Fachpersonen diagnostizierten in ihrem (korrigierten) Austrittsbericht
vom 3. März 2016 (IV-act. 32-1) eine Anpassungsstörung mit gemischter emotionaler
Symptomatik (ICD-10: F43.22), eine Akzentuierung der Persönlichkeitszüge mit
narzisstischen Anteilen (ICD-10: Z73.1, Differentialdiagnose: entsprechende
Persönlichkeitsstörung) und eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung
(ICD-10: F43.1).
A.a.
Der Versicherte war vom 1. Juni 2014 bis 31. Januar 2016 als Assistenzarzt in
Weiterbildung bei den Kantonalen Psychiatrie-Diensten D._ in der Klinik E._ tätig
gewesen, wobei er bereits seit 24. August 2015 freigestellt worden war (IV-act. 84-3 f.).
A.b.
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Dr. med. F._, Psychiatrie und Psychotherapie, behandelte den Versicherten seit
dem 9. März 2016 und attestierte ihm seither eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % (IV-act.
41). Mit Verweis darauf beurteilte RAD-Ärztin Dr. med. G._ (vgl. IV-act. 105),
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, am 27. Mai 2016, der Versicherte sei in
der angestammten sowie in einer adaptierten Tätigkeit zu 50 % arbeitsfähig. Dies mit
Steigerbarkeit auf annähernd Vorniveau (IV-act. 43).
A.c.
Am 20. Juni 2016 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, sie übernehme ein
Jobcoaching vom 15. Juni bis zum 14. Dezember 2016 und gewähre Beratung sowie
Unterstützung bei der Stellensuche (IV-act. 53 f.).
A.d.
Im Auftrag der IV-Stelle wurde der Versicherte im Januar 2017 durch Dr. med.
H._, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, psychiatrisch
abgeklärt. Dieser hielt in seinem Gutachten vom 10. Oktober 2017 als Diagnose mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine nicht näher bezeichnete neurotische Störung
(ICD-10: F48.9) fest. Seit seiner Untersuchung vom 23. Januar 2017 bestehe für die
angestammte, angepasste Tätigkeit als Arzt eine Arbeitsunfähigkeit von
schätzungsweise medizinisch-theoretisch 40 %. Dies sei dadurch bedingt, dass sich
der Versicherte in einer Erholungs- und Anpassungszeit befinde, welche noch etwa für
neun Monate notwendig sei. Falls dann noch Zweifel an einer vollen Arbeitsfähigkeit
bestünden, sollte eine erneute Evaluation erfolgen (IV-act. 100).
A.e.
Der Versicherte hatte der IV-Stelle am 26. September 2017 mitgeteilt, er sei zu 50
% als Arzt tätig. Diese Anstellung bei der I._ kündigte er per 31. Dezember 2017 (IV-
act. 95, 97, 98).
A.f.
Dr. F._ hatte in seinem Bericht vom 21. November 2017 die Diagnose einer
kombinierten Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F61.0) gestellt. Er hatte beurteilt, in der
zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Arzt bei der I._ bestehe bis zum Ende der Anstellung
eine Arbeitsunfähigkeit von 100 %. In einer adaptierten Tätigkeit liege zunächst eine
Arbeitsfähigkeit von 50 % vor (IV-act. 103). RAD-Ärztin Dr. G._ hatte am 22.
November 2017 befunden, es könne von einer vorübergehenden Verschlechterung des
Gesundheitszustandes ausgegangen werden und somit von einer Steigerbarkeit der
Arbeitsfähigkeit auf 100 % adaptiert. Bezüglich der angestammten Tätigkeit müsse
A.g.
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derzeit von einem instabilen Gesundheitszustand ausgegangen werden, hier sei derzeit
keine Arbeitsfähigkeit ausgewiesen (IV-act. 105).
Am 16. Februar 2018 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, das
Leistungsbegehren um berufliche Massnahmen werde abgewiesen, da er nun beim
Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) gemeldet sei und selbständig eine neue
Stelle in einem Pensum von 50 % suche (IV-act. 127).
A.h.
Dr. med. J._, FMH Allgemeine Innere Medizin, berichtete am 22. Oktober 2018,
der Versicherte arbeite seit 19. Februar 2018 Teilzeit (60 %; vgl. IV-act. 146, 154) als
Berater im Bereich der Telemedizin. Seit 17. Oktober 2018 sei er jedoch wieder zu 100
% arbeitsunfähig aufgrund einer zunehmenden depressiven Verstimmung mit
Selbstzweifeln (IV-act. 145).
A.i.
Nach Einholung einer Stellungnahme der RAD-Ärztin Dr. G._ (vgl. IV-act. 147,
151) teilte die IV-Stelle dem Versicherten am 13. November 2018 mit, es sei notwendig,
dass er sich in psychiatrische/psychotherapeutische Behandlung begebe, damit die
Arbeitsfähigkeit fachärztlich beurteilt werden könne (IV-act. 152).
A.j.
Der Versicherte kündigte seine Anstellung als Telemediziner bei der K._ AG per
31. März 2019 (IV-act. 160, 166).
A.k.
Dr. med. L._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, führte in seinem
Bericht vom 16. August 2019 als Diagnosen eine kombinierte Persönlichkeitsstörung
(ICD-10: F61), eine mittelgradige bis schwere depressive Episode (ICD-10: F32.2)
sowie den Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) auf.
Die bisherige sowie eine adaptierte Tätigkeit als Mediziner seien nicht mehr zumutbar.
Er attestierte dem Versicherten seit 1. Februar 2019 eine Arbeitsunfähigkeit von 100 %
(IV-act. 183).
A.l.
Im Auftrag der IV-Stelle wurde der Versicherte im Februar 2020 durch Prof. Dr.
med. M._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, abgeklärt. Dieser
diagnostizierte in seinem Gutachten vom 16. April 2020 eine Anpassungsstörung mit
Angst und depressiver Reaktion gemischt (ICD-10: F43.22) sowie eine
Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen (ICD-10: F60.8) und emotional instabilen
A.m.
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B.
Anteilen (ICD-10: F60.3). Die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit (Arzt im
telemedizinischen Bereich) schätze er bei direktem Patientenkontakt auf ca. 50 %, in
einer ärztlichen Tätigkeit ohne direkten Patientenkontakt auf mindestens 80 %. In einer
optimal angepassten Tätigkeit bestehe ebenfalls eine Arbeitsfähigkeit von circa 80 %
(IV-act. 199).
Mit Vorbescheid vom 26. Juni 2020 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
Zusprache einer halben Rente mit Wirkung ab 1. Juli 2017 in Aussicht (IV-act. 208).
A.n.
Dagegen erhob die Vorsorgestiftung A._, bei welcher der Versicherte während
seiner Anstellung bei den Kantonalen Psychiatrie-Diensten D._ vom 1. Juni 2014 bis
30. Juni 2016 berufsvorsorgerechtlich versichert gewesen war, am 26. August 2020
Einwand (IV-act. 222).
A.o.
Am 30. November 2020 verfügte die IV-Stelle entsprechend dem Vorbescheid und
sprach dem Versicherten zusätzlich zwei Kinderrenten mit Wirkung ab _ 2017 bzw. _
2018 (Geburt des zweiten Kindes) zu (IV-act. 235, 244 f.).
A.p.
Dagegen erhob die Vorsorgestiftung A._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) am
13. Januar 2021 Beschwerde. Sie beantragte damit, die Verfügungen vom 30.
November 2020 seien aufzuheben. Weiter sei der Invaliditätsgrad des Versicherten
(nachfolgend: Beigeladener, vgl. act. G2) auf höchstens 14 % festzulegen und es seien
ihm keine Invalidenrente sowie keine Invalidenkinderrenten zuzusprechen. Eventualiter
sei die Sache zur Neubeurteilung an die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin)
zurückzuweisen (act. G1).
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 26. Februar 2021, die angefochtene
Verfügung sei in teilweiser Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und dem
Beigeladenen sei ab 1. Juni 2016 bei einem Invaliditätsgrad von 47 % eine Viertelsrente
zuzusprechen (act. G5).
B.b.
Mit Replik vom 11. Mai 2021 hielt die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen fest
(act. G9).
B.c.
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und vorliegend zu prüfen ist der Rentenanspruch des
Beigeladenen gegenüber der Beschwerdegegnerin. Dabei ist insbesondere die Höhe
des Valideneinkommens festzulegen.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 18. Mai 2021 auf die Einreichung einer
Duplik (act. G11).
B.d.
Der Beigeladene reichte innert Frist keine Stellungnahme ein (act. G13), äusserte
sich jedoch in einem Schreiben vom 15. Oktober 2021 (act. G14).
B.e.
Gemäss Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) wird unter Invalidität die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit
verstanden (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine
Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit verursachte und nach
zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust
der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Der Grad der für einen allfälligen Rentenanspruch
massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16 ATSG durch einen
Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die versicherte Person
nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der notwendigen und
zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen
könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Einkommen,
das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) besteht Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70 %, auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 % invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von
mindestens 50 % vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40 % auf eine Viertelsrente.
1.1.
Im Sozialversicherungsprozess gelten die Grundsätze der Untersuchungspflicht
und der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Demgemäss hat der
Versicherungsträger bzw. im Beschwerdefall das Gericht den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen abzuklären, ohne dabei an die Anträge der Parteien
1.2.
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2.
Prof. M._ beurteilte in seinem Gutachten vom 16. April 2020, der Beigeladene sei in
der bisherigen Tätigkeit als Arzt mit direktem Patientenkontakt zu 50 % und in einer
ärztlichen Tätigkeit ohne direkten Patientenkontakt oder einer anderen optimal
adaptierten Tätigkeit zu 80 % arbeitsfähig. Diese Arbeitsfähigkeiten lägen medizinisch-
theoretisch weitgehend unverändert seit 2014 vor (IV-act. 199-40 f.). Der Beigeladene
war jedoch noch bis zu seiner Freistellung per 24. August 2015 zu 100 % als
Assistenzarzt in Weiterbildung bei den Kantonalen Psychiatrie-Diensten D._ in der
Klinik E._ beschäftigt (vgl. IV-act. 84-3 f.), wobei er ab 18. Mai 2015 zu 100 %
arbeitsunfähig geschrieben war (IV-act. 9-4) und sich erstmals vom 11. Juni bis 6.
August 2015 stationär in der Klinik C._ befunden hatte (IV-act. 32-1). Das Wartejahr
(Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG) war damit spätestens im Jahr 2016 erfüllt. Im gleichen Jahr lief
auch die sechsmonatige Frist im Sinne von Art. 29 Abs. 1 IVG ab (der Beigeladene
hatte sich am 17. Dezember 2015 zum Leistungsbezug bei der Beschwerdegegnerin
angemeldet; vgl. IV-act. 4).
gebunden zu sein. Verwaltungsbehörden und Sozialversicherungsgerichte haben
zusätzliche Abklärungen stets vorzunehmen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 110 V 53 E. 4a am Schluss, BGE 117 V 282 E. 4.a).
Art. 16 ATSG umschreibt das Invalideneinkommen als hypothetisches Einkommen.
Nach der ständigen Verwaltungspraxis und Rechtsprechung steht der Beizug von
Tabellen und vergleichbaren Übersichten im Vordergrund. Die Rechtsprechung lässt
das Abstellen auf das tatsächlich erzielte Invalideneinkommen nur dann zu, wenn ein
besonders stabiles Arbeitsverhältnis den Bezug auf den allgemeinen Arbeitsmarkt
erübrigt, wenn die verbleibende Arbeitsfähigkeit zumutbar voll ausgeschöpft wird und
wenn kein Soziallohn ausgerichtet wird. Die genannten Voraussetzungen müssen
kumulativ erfüllt sein (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, N 66 f., 70 zu Art.
16). Der Beigeladene kann nicht mehr als Arzt im eigentlichen Sinn tätig sein, zumal
eine Arbeit mit direktem Patientenkontakt nicht adaptiert ist (vgl. IV-act. 199-40). Es
rechtfertigt sich daher - mit der Beschwerdegegnerin (vgl. IV-act. 204) - das
Invalideneinkommen gestützt auf die LSE 2016, Tabelle T17, Berufsgruppe 22
(akademische und verwandte Gesundheitsberufe), zwischen 30 und 49 Jahre alte
Männer, zu bestimmen. Dieses belief sich auf Fr. 9'599.-- pro Monat bzw. Fr.
115'188.-- pro Jahr. Aufgerechnet auf die betriebsübliche Arbeitszeit von 41.7 Stunden
ergibt sich bei einer Arbeitsfähigkeit von 80 % das unbestritten (vgl. act. G1, G5, IV-
2.1.
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act. 235) massgebliche Invalideneinkommen von Fr. 96'067.-- (Fr. 115'188.-- x 41.7 /
40 x 0.8).
Weiter ist das Valideneinkommen zu bestimmen. Die Beschwerdegegnerin stellt
sich dabei auf den Standpunkt, der Beigeladene hätte im Validenfall bis 2016 einen
Facharzttitel erworben. Die Beschwerdeführerin bestreitet dies (act. G1, G5, IV-act.
235).
2.2.
Massgebend für das Valideneinkommen ist, was die versicherte Person aufgrund
ihrer beruflichen Fähigkeiten und persönlichen Umstände nach dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit im massgebenden Zeitpunkt des allfälligen
Rentenbeginns verdient hätte. Für die Bestimmung des Valideneinkommens wird
grundsätzlich am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen
Einkommensentwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da erfahrungsgemäss die
bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt worden wäre (BGE 139 V 28
E. 3.3.2, 125 V 58 E. 3.1; Urteile des Bundesgerichts vom 18. März 2015,
8C_590/2014, E. 5.1, und vom 21. August 2013, 8C_196/2013, E. 3.1). Ausnahmen
müssen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt sein (BGE 139 V 30, E. 3.3.2;
Urteil des Bundesgerichts vom 15. März 2017, 9C_525/2016, E. 5.1). Da die Invalidität
der voraussichtlich bleibenden oder längere Zeit dauernden Erwerbsunfähigkeit zu
entsprechen hat (vgl. Art. 8 Abs. 1 ATSG), ist auch die berufliche Weiterentwicklung zu
berücksichtigen, die eine versicherte Person normalerweise vollzogen hätte. Allerdings
müssen konkrete Anhaltspunkte dafür bestehen, dass ohne gesundheitliche
Beeinträchtigung ein beruflicher Aufstieg und ein entsprechend höheres Einkommen
tatsächlich realisiert worden wären. Blosse Absichtserklärungen der versicherten
Person genügen nicht. Es müssen bereits bei Eintritt des Gesundheitsschadens
entsprechende konkrete Schritte wie Kursbesuche, Aufnahme eines Studiums,
Ablegung von Prüfungen usw. kundgetan worden sein (Urteil des Bundesgerichts vom
3. August 2017, 9C_368/2017, E. 4.1, mit weiteren Hinweisen).
2.2.1.
Der Beigeladene studierte in Deutschland Medizin, schloss das Studium im _
2006 ab und erhielt am _ 2007 seine Approbation als Arzt (IV-act. 6). Vom 15. Januar
bis 31. Dezember 2007 sowie vom 15. Januar bis 31. Juli 2008 war er als Assistenzarzt
für Chirurgie im Klinikum N._ (DE) bzw. im Krankenhaus O._ (DE) tätig. Laut den
entsprechenden Arbeitszeugnissen verliess er die Kliniken jeweils auf eigenen Wunsch
(IV-act. 84-12 ff.). Ab 1. Januar 2009 war er sodann für eineinhalb Jahre (abweichende
Angabe: zwei Jahre; vgl. act. G5.1.1, IV-act. 84-10) am ambulanten Operationszentrum
P._ (DE) als "Weiterbildungsassistent" für Anästhesiologie beschäftigt. Die dort
2.2.2.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=9C_368%2F2017&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F139-V-28%3Ade&number_of_ranks=0#page28
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zuständigen Vorgesetzten hielten in ihrem Weiterbildungszeugnis vom 31. Dezember
2010 fest, der Beigeladene werde sich ihrer Meinung nach sowohl menschlich auch als
fachlich zu einem hochkompetenten Arzt weiterentwickeln. Sie hielten ihn für
uneingeschränkt geeignet, die anästhesiologische Weiterbildung zur
Facharztanerkennung fortzuführen (IV-act. 84-10 f.). Vom 1. Januar bis 31. Dezember
2011 befand er sich in Weiterbildung in der Klinik für Anästhesiologie, operative
Intensivmedizin und Schmerztherapie des Klinikums Q._ (DE), wobei er diese auf
eigenen Wunsch wieder verliess (IV-act. 84-8 f.). Zwischen August 2012 und März 2013
war er als "Arzt auf freiberuflicher Basis" für jeweils einen bzw. einmalig rund drei
Monate für verschiedene Kliniken in diversen medizinischen Fachrichtungen tätig (vgl.
act. G5.1.1). Ab 15. Juni 2013 arbeitete er sodann erneut für ein Jahr als Assistenzarzt
für Anästhesie, dies im Krankenhaus R._ (DE). Gemäss Angaben im Arbeitszeugnis
vom 15. September 2015 verliess er die Klinik bzw. deren entsprechende Abteilung per
15. Juni 2014, um sein fachliches Spektrum zu erweitern (IV-act. 84-5 ff.). Bis zu
seinem Mitte 2014 erfolgten Umzug in die Schweiz war der Beigeladene demnach
bereits seit rund siebeneinhalb Jahren als Assistenzarzt tätig. Davon war er rund vier
Jahre im Bereich der Anästhesiologie beschäftigt, ohne jedoch konkrete
Vorbereitungen zur Erlangung des Facharzttitels zu treffen. Während seiner
medizinischen Tätigkeit in Deutschland war er vom 2. August bis 27. September 2011
und vom 4. bis 15. Juni 2013 insbesondere aufgrund einer rezidivierenden depressiven
Störung in stationärer Behandlung in der Klinik für S._ (IV-act. 88). Inwiefern sich
diese Episoden auf eine allfällige Ausbildung als Facharzt für Anästhesiologie
ausgewirkt haben, ist aufgrund der Akten nicht abschliessend beurteilbar. Es ist jedoch
festzuhalten, dass der Beigeladene sich offenbar immerhin wieder soweit erholte, dass
er zwischen den beiden stationären Aufenthalten sowie nach der zweiten stationären
Behandlung bis zum Eintritt der Arbeitsunfähigkeit frühestens im Jahr 2014 (vgl. IV-act.
199-40 f., E. 2) weitgehend in der Lage war, seiner beruflichen Tätigkeit nachzugehen.
Es lässt sich also nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nachweisen, dass der
Beigeladene in den rund siebeneinhalb Jahren zwischen dem Abschluss des Studiums
und dem Umzug in die Schweiz im Jahr 2014 krankheitsbedingt nicht in der Lage
gewesen wäre, einen Facharzttitel, insbesondere einen solchen in Anästhesiologie, zu
erlangen bzw. mindestens Vorbereitungen dazu zu treffen. Wie sich aus den Akten
ergibt, spielten bei seinen häufigen Stellenwechseln rezidivierende Konflikte mit
Vorgesetzten eine Rolle (vgl. Fremdakten 2-134). Zudem sagte ihm offenbar das
Fachgebiet der Anästhesiologie nicht mehr zu. Er fühlte sich fachlich unterfordert und
die Arbeit "immer im OP" bezeichnete er als langweilig (IV-act. 199-18). Dies zeigt sich
auch daran, dass der Beigeladene nach seinem Umzug in die Schweiz keine Anstellung
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als Assistenzarzt für Anästhesiologie mehr suchte, sondern ab dem 1. Juni 2014 bei
den Kantonalen Psychiatrie-Diensten D._ in der Klinik E._ eine Anstellung als
Assistenzarzt in Weiterbildung annahm. Der Beigeladene hatte sich infolge seiner
eigenen (vorübergehenden) psychischen Erkrankung vermehrt für Psychologie und
Psychosomatik zu interessieren begonnen (vgl. IV-act. 87-1, 88-4). Aus dem Gesagten
lässt sich mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit schliessen, dass
der Beigeladene nicht mehr gedachte, den Facharzttitel für Anästhesiologie anzugehen.
Die in der Klinik E._ verantwortlichen Vorgesetzten beurteilten im
Arbeitszeugnis vom 31. Januar 2016, der Beigeladene sei ein sehr kompetenter Arzt
mit hoher Qualifikation in anderen Fachgebieten, zunehmend auch im Fachbereich der
Psychiatrie und Psychotherapie. Nach ihrer Meinung habe er die Weiterbildungsziele
des Fachs erfüllt, jedoch habe er Zweifel an der Fortsetzung der Weiterbildung
entwickelt. Deshalb sei er zwecks Neufindung und -orientierung per 24. August 2015,
mithin bereits ein gutes Jahr nach Arbeitsbeginn, freigestellt worden und das
Dienstverhältnis sei anschliessend per 31. Januar 2016 im gegenseitigen Einvernehmen
aufgelöst worden (IV-act. 84-3 f.). Aus den weiteren Akten ergibt sich, dass der
Beigeladene bereits seit Mai 2015 arbeitsunfähig war und sich vom 11. Juni bis 6.
August 2015 erstmals stationär in der Klinik C._ befand (vgl. IV-act. 9-4, 32-1, 199-40
f., E. 2). Es ist jedoch zumindest fraglich, ob der Bereich der Psychiatrie unabhängig
von seiner Erkrankung den Neigungen des Beigeladenen entsprochen hätte. Jedenfalls
ist es nicht überwiegend wahrscheinlich, dass er im Validenfall bis 2016 einen
entsprechenden Facharzttitel erlangt hätte.
2.2.3.
Nach Eintritt der Arbeitsunfähigkeit war der Beigeladene im Jahr 2017 für wenige
Monate in einem Pensum von 50 % bei der I._ als Arzt tätig (vgl. IV-act. 95, 97 f.).
Gemäss telefonischer Aussage seines Vorgesetzten gegenüber der
Beschwerdegegnerin war sich der Beigeladene unsicher, ob die Allgemeinmedizin das
Richtige für ihn sei (IV-act. 125-4). Ab 19. Februar 2018 arbeitete er in einem Pensum
von 60 % als Telemediziner bei der K._ AG, Dr. J._ attestierte ihm jedoch bereits
ab 17. Oktober 2018 erneut eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % (IV-act. 145 f., 154). Per
31. März 2019 kündigte der Beigeladene diese Anstellung wieder (IV-act. 160, 166,
190). Im November 2018 versuchte er die Facharztprüfung zum Praktischen Arzt,
scheiterte jedoch deutlich (IV-act. 233), was primär auf die damalige psychische
Gesundheitsbeeinträchtigung zurückzuführen sein dürfte. Gegenüber Dr. M._ machte
der Beigeladene geltend, das Team bei der K._ AG habe ihm aus heiterem Himmel
vorgeschrieben, dass er den Facharzt für Allgemeinmedizin machen müsse. Auf den
Einwand von Dr. M._, dass man ihm das doch nicht vorschreiben könne, habe der
2.2.4.
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Beigeladene etwas vage geantwortet, das hänge mit seiner ärztlichen Tätigkeit in der
Schweiz zusammen. Ausserdem gab er gegenüber Dr. M._ an, er sei der Meinung,
dass er für den Beruf als Arzt nicht geeignet sei (IV-act. 199-19). Daraus lässt sich
schliessen, dass der Beigeladene auch im Validenfall kaum die Facharztprüfung als
praktischer Arzt bzw. Allgemeinarzt absolviert hätte.
Insgesamt ergibt sich aus den vorstehenden Erwägungen, dass es als zwar
möglich, jedoch nicht überwiegend wahrscheinlich zu erachten ist, dass der
Beigeladene im Validenfall per 2016 einen Facharzttitel erlangt hätte. Dies
insbesondere vor dem Hintergrund, dass der Beigeladene zwischen dem Abschluss
seines Studiums im 2006 und dem Eintritt der Arbeitsunfähigkeit im Mai 2015 während
rund neun Jahren als Arzt tätig war, jedoch keine konkreten Anstalten machte, einen
Facharzttitel zu erwerben. Die Weiterbildung zum Facharzt dauert in der Schweiz in der
Regel fünf bis sechs Jahre, wobei die fachspezifische Weiterbildung in der Regel
mindestens drei Jahre umfasst (vgl. Art. 12 Abs. 3 der Weiterbildungsordnung der
FMH). Der Beigeladene wechselte in den genannten neun Jahren mehrfach die
medizinische Fachrichtung und konnte sich offenbar für keine genug begeistern. Dies,
obwohl er aktenkundig mehrfach äusserte, er habe einen Facharzttitel erlangen wollen
(vgl. IV-act. 87-2, 228). Dementsprechend rechtfertigt es sich entgegen dem
Standpunkt der Beschwerdegegnerin (act. G5, IV-act. 235) nicht, beim
Valideneinkommen vom Medianlohn eines Facharztes auszugehen. Die exakte
Festlegung des Valideneinkommens kann insofern unterbleiben, als davon auszugehen
ist, dass der Beigeladene jedenfalls ein geringeres Einkommen als den Medianlohn als
praktischer Arzt, dem am tiefsten entlöhnten Facharzttitel, erzielt hätte (vgl. die Studie
"Einkommen, OKP-Leistungen und Beschäftigungssituationen der Ärzteschaft 2009 -
2014" des Büros für arbeits- und sozialpolitische Studien [BASS], abrufbar unter
https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/zahlen-und-statistiken/statistiken-berufe-im-
gesundheitswesen/statistiken-medizinalberufe1/statistiken-aerztinnen-aerzte/
einkommen-aerztinnen-und-aerzte-in-der-schweiz.html, Tabelle 19, S. 27). Selbst unter
Berücksichtigung dieses Medianlohnes würde - wie nachfolgend ausgeführt - kein
rentenbegründender Invaliditätsgrad resultieren.
2.2.5.
Der Medianlohn eines Facharztes der Fachrichtung praktischer Arzt/Ärztin betrug
gemäss der genannten Tabelle im Jahr 2014 Fr. 143'341.--. Angepasst an die
Nominallohnentwicklung der Männer bis ins Jahr 2016 resultiert ein Betrag von Fr.
144'568.-- (Index 2014: 2'220, 2016: 2'239). Würde man diesen (zu hohen, vgl. E. 2.2.5)
Wert als Valideneinkommen verwenden, so würde bei einem Invalideneinkommen von
Fr. 96'067.-- ein nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad von rund 34 % resultieren.
2.3.
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3.