Decision ID: 6ca9ea85-d598-5aaf-8647-b70a1a36d6be
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.- X ist in S wohnhaft, verwitwet und invalid. Sie bezieht Invaliditätsrenten von der
Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) und von der Pensionskasse ihrer früheren
Arbeitgeberin (PK M) sowie eine Rente infolge Erwerbsunfähigkeit von der PAX
Schweizerische Lebensversicherungsgesellschaft (PAX). In den Steuererklärungen für
die Jahre 2003 bis und mit 2007 wurden die ihr zugeflossenen Renten richtig deklariert.
B.- Am 29. Juni 2009 wurde die Steuererklärung 2008 für X elektronisch eingereicht.
Bei den Einkünften waren die Renten von Fr. 13'260.-- der IV und von Fr. 8'496.-- der
PK M sowie Einkünfte aus Wertschriften und Guthaben von Fr. 30.-- deklariert. Am
30. Juni 2009 gingen beim Steueramt S die nicht unterzeichnete eTaxes-Quittung, das
unterzeichnete Steuererklärungsformular ohne Eintragungen, die Rentenausweise der
IV und der PK M sowie die Steuerbescheinigung für das Bankkonto ein. Eine
telefonische Abklärung der Veranlagungsbehörde bei der PAX ergab am 3. November
2009, dass X auch im Jahr 2008 Leistungen wegen Erwerbsunfähigkeit von insgesamt
Fr. 12'000.-- ausgerichtet wurden. Zur entsprechenden Ergänzung der Steuererklärung
aufgefordert, teilte X am 9. November 2009 unter anderem mit, sie erhalte von der PAX
monatlich Fr. 1'000.-- und die Unterlagen dazu seien bereits eingereicht worden.
C.- Das kantonale Steueramt leitete gegen X am 23. April 2010 ein
Untersuchungsverfahren wegen nicht deklarierter Erwerbsunfähigkeitsleistungen der
PAX im Jahr 2008 ein und stellte eine Busse für den Kanton von Fr. 1'200.-- in
Aussicht. In der Stellungnahme vom 3. Mai 2010 brachte X vor, sie habe alle Belege,
die sie besitze, zusammen mit der Steuererklärung eingereicht. Die Rente der PAX
habe sie bis jetzt immer deklariert. Dass sie in der Steuererklärung 2008 nicht deklariert
gewesen sei, müsse ein Versehen sein. Mit Strafbescheid vom 5. Juli 2010 wurde X
wegen versuchter Steuerhinterziehung mit Fr. 1'200.-- gebüsst. Zudem wurden ihr die
Verfahrenskosten von Fr. 150.-- auferlegt.
D.- Gegen den Strafbescheid erhob X mit nicht datierter Eingabe (Poststempel
unleserlich; Eingang: 22. Juli 2010) Einsprache. Das kantonale Steueramt überwies die
Strafsache am 26. Juli 2010 der Verwaltungsrekurskommission zur Beurteilung. Der
Sohn der Angeschuldigten nahm am 16. August 2010 Einsicht in die Akten und
überbrachte am 26. August 2010 eine Bestätigung der PAX vom 19. August 2010 zu
den Leistungen infolge Erwerbsunfähigkeit. Auf entsprechende Aufforderung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gerichtsleitung hin ergänzte die Anklagebehörde die Akten am 17. September 2010 mit
den Steuerdossiers der Jahre 2003 bis und mit 2006.
E.- Am 9. Dezember 2010 fand die öffentliche Verhandlung statt. Die Angeschuldigte
erschien in Begleitung ihres Sohnes, der die Befragung teilweise übersetzte. Sie
erklärte, ihr Mann habe jeweils die Unterlagen für die Steuererklärung gesammelt und
diese an einen Bekannten weitergeleitet, der gestützt darauf die Formulare ausgefüllt
habe. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2007 habe der Sohn diese Aufgaben
übernommen, da sie selbst invalid und psychisch mitgenommen sei. Sie habe die
Steuererklärungen angeschaut und unterschrieben, aber sonst nichts damit zu tun
gehabt. Sie arbeite seit 2002 oder 2003 nicht mehr und sei zu 100% arbeitsunfähig. Sie
beziehe eine IV-Rente, eine Rente der Pensionskasse und – wahrscheinlich seit 2002
oder 2003 – die Rente der PAX. Die Bestätigung der PAX, die sie jeweils Ende Jahr
erhalten habe, sei mit Ausnahme des Jahres 2008 immer eingereicht worden. Heute
beziehe sie monatlich eine IV-Rente von etwa Fr. 1'950.--, eine Pensionskassenrente
von Fr. 700.-- bis Fr. 750.-- und die PAX-Rente von Fr. 1'000.--. Sie lebe beim Sohn in
S. Für besondere Therapien reise sie in ausländische Heilbäder und mit dem Bus in
eine Spezialklinik nach B. Zum Schluss fügte sie an, sie habe während 22 Jahren nie
ein Problem mit den Steuern gehabt. Sie sei immer pünktlich gewesen. Dass die Rente
der PAX im Jahr 2008 nicht deklariert worden sei, sei ein Versehen gewesen. Sie habe
nichts vertuschen wollen. Das komme früher oder später ja ohnehin ans Licht.
Das Urteil wurde der Angeschuldigten am 9. Dezember 2010 im Anschluss an die
Beratung mündlich verkündet.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Zu beurteilen ist
der Strafbescheid des kantonalen Steueramtes vom 5. Juli 2010 wegen versuchter
Steuerhinterziehung (Staats- und Gemeindesteuern 2008). Die
Verwaltungsrekurskommission ist zur gerichtlichen Beurteilung zuständig. Die
Angeschuldigte ist zur Erhebung der Einsprache befugt. Die Einsprache vom 22. Juli
2010 (Eingang bei der Anklagebehörde) ist rechtzeitig erhoben worden. Die Eingabe
erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Streitsache wurde dem Gericht am 26. Juli 2010 zusammen mit den Akten überwiesen.
Der Strafbescheid gilt als Anklage (Art. 264 Abs. 1 und 2 und Art. 265 des
Steuergesetzes, sGS 811.1, abgekürzt: StG; Art. 161 StG in Verbindung mit Art. 48
Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP).
2.- Nach Art. 262 Abs. 1 StG bezeichnet der Strafbescheid den Angeschuldigten, die
dem Angeschuldigten zur Last gelegte Handlung, die angewendeten
Gesetzesbestimmungen, die Beweismittel sowie die Strafe und weist auf die
Möglichkeit der Einsprache sowie die Folgen der Unterlassung hin. Er ist nach Art. 262
Abs. 2 StG "kurz" zu begründen, die Begründung muss aber ausreichend sein (vgl.
Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, Kommentar zum harmonisierten Zürcher Steuergesetz,
Zürich 2006, N 3 zu § 251). Als Anklageschrift kommt dem Strafbescheid im
Wesentlichen die Aufgabe zu, den der Anklage zugrunde liegenden Sachverhalt zu
konkretisieren und damit dem Angeschuldigten die für seine Verteidigung
erforderlichen Informationen zu vermitteln. Der als Sachverhalt umschriebene konkrete
Lebensvorgang ist unter einen der gesetzlichen Straftatbestände zu subsumieren. In
die Anklageschrift aufzunehmen ist deshalb die rechtliche Beurteilung der dem
Angeschuldigten zur Last gelegten Handlung mitsamt den anwendbaren
Gesetzesbestimmungen. Erscheint die Rechtslage klar, bedarf es dazu keiner
besonderen Erörterung. Sodann sind Ausführungen zum Vorleben und den
persönlichen Verhältnissen zu machen; erst damit wird die Ausfällung einer dem
Verschulden und der Persönlichkeit des Angeschuldigten angemessenen Sanktion
ermöglicht (N. Oberholzer, Grundzüge des Strafprozessrechts, 2. Aufl. 2005, S. 592 ff.).
Der Strafbescheid vom 5. Juli 2010 bezeichnet die Angeschuldigte sowie die ihr zur
Last gelegte Handlung der versuchten Steuerhinterziehung und die massgeblichen