Decision ID: ad29ee95-fd8f-4673-9988-eaf065d5b87d
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am 9. März 2022 in die Schweiz ein und
reichte am 14. März 2022 ein Asylgesuch ein. Daraufhin wurde er dem
Bundesasylzentrum (BAZ) der Region (...) zugewiesen. Am 21. März 2022
unterzeichnete er eine Vollmacht zu Gunsten der zugewiesenen Rechts-
vertretung. Am 28. März 2022 fand in Anwesenheit seiner Rechtsvertrete-
rin, die gleichzeitig als Vertrauensperson eingesetzt ist, die Erstbefragung
UMA (Unbegleitete Minderjährige Asylsuchende) statt (EB; Protokoll in den
SEM-Akten 1133339 [in der Folge A]16). Am 29. April 2022 fand, ebenfalls
in Anwesenheit seiner Rechtsvertreterin respektive Vertrauensperson, die
Anhörung zu den Asylgründen statt (Anhörung; Protokoll in den SEM-Akten
A23).
Zum Beleg seiner Identität gab der Beschwerdeführer seine Tazkera zu
den Akten.
B.
Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, Afghanistan verlassen zu haben, weil er sich ge-
fürchtet habe, in den Fokus der Taliban zu geraten. Er sei afghanischer
Staatsangehöriger, ethnischer Sayyid und stamme aus dem Dorf
B._, im Distrikt C._, in der Provinz Ghazni. Dort habe er bis
zur Ausreise gewohnt und die Schule besucht.
Sein Vater habe ungefähr 35 Jahre lang für die ehemalige Regierung Af-
ghanistans gearbeitet, zuletzt sei er in der Provinz D._ als (...) der
afghanischen Nationalarmee im Rang eines (...) tätig gewesen. Sein Vater
habe während seiner Arbeit einige Angriffe erlebt. Diese jahrelange Tätig-
keit seines Vaters für die damaligen afghanischen Behörden sei auch für
den Beschwerdeführer und die übrige Familie problematisch und gefährlich
gewesen. Ihm persönlich sei zwar nichts zugestossen, jedoch wäre er nicht
verschont geblieben, wenn die Taliban etwas über seine Familie, insbeson-
dere wer sein Vater sei, in Erfahrung gebracht hätten. Es gäbe zudem
schon seit Jahren eine Feindschaft zwischen der Familie E._ und
den Taliban, zumal der Onkel mütterlicherseits seines Vaters ein Anhänger
von Abdul Ali Mazari (Anmerkung Gericht: erster Generalsekretär der Par-
tei Hezb-e Wahdat und 1995 von Angehörigen der Taliban ermordet) ge-
wesen sei und vor Jahren gegen die Taliban gekämpft habe. Der Be-
schwerdeführer machte sodann geltend, aufgrund der unsicheren Lage
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und des Umstands, dass man unter den Taliban nicht frei leben könne, sei-
nen Heimatstaat (...) 2019 verlassen zu haben.
Nach seiner Ausreise und der Machtübernahme der Taliban sei sein Bruder
bei einer Hausdurchsuchung verhaftet worden, da die Taliban Fotos von
ihm mit seinem Vater und Militärfahrzeugen entdeckt hätten; sie hätten
überprüfen wollen, ob auch er für die Behörden gearbeitet habe. Er sei in
der Haft misshandelt und schliesslich nach Bemühungen ihrer Mutter nach
drei oder vier Monaten Haft entlassen worden. Auch er habe sich auf An-
raten der Mutter aufgrund der schlechten Sicherheitslage und Befürchtun-
gen, erneut mitgenommen zu werden, auf den Weg in den Iran gemacht.
Der Vater halte sich seit dem Sturz der afghanischen Regierung versteckt
und käme nur seIten nach Hause.
Zur Stützung seiner Vorbringen gab der Beschwerdeführer Fotos seines
Vaters, diverse Zertifikate und Bestätigungen seines Vaters sowie Berufs-
ausweise zu den Akten.
C.
Am 6. Mai 2022 wurde dem Beschwerdeführer ein Entwurf des Asylent-
scheids zur Stellungnahme unterbreitet und mit Eingabe vom selben Tag
reichte die Rechtsvertreterin eine Stellungnahme ein (A27).
D.
Mit Verfügung vom 10. Mai 2022 (gleichentags eröffnet) verneinte das SEM
die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte sein Asylgesuch
ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an. Gleichzeitig verfügte
es infolge der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs seine vorläufige
Aufnahme in der Schweiz und beauftragte den Kanton F._ mit der
Umsetzung.
E.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 9. Juni 2022 liess der Beschwerdeführer
durch seine Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde erheben. Er beantragt, die Ziffern 1–3 der Verfügung des SEM
vom 25. April 2022 (recte: 10. Mai 2022) seien aufzuheben, seine Flücht-
lingseigenschaft sei anzuerkennen und es sei ihm Asyl zu gewähren. Even-
tualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher
Hinsicht beantragt er die unentgeltliche Prozessführung, insbesondere sei
von der Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen.
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F.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
10. Juni 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG
[SR 142.31]).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 und Art. 32 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur
Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM nach Art. 5
VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel –
wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden und der
Beschwerdeführer ist zur Beschwerdeerhebung legitimiert (Art. 105 und
Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 der Verordnung über Massnahmen im
Asylbereich im Zusammenhang mit dem Coronavirus [Covid-19-VO Asyl,
SR 142.318]; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts richtet sich nach Art. 106
Abs. 1 AsylG. Entsprechend kann mit der Beschwerde die Verletzung von
Bundesrecht, einschliesslich Missbrauch und Überschreitung des Ermes-
sens (ebd. Bst. a) sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts (ebd. Bst. b) gerügt werden.
3.
Praxisgemäss wurde gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf die Durchfüh-
rung eines Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Der Rückweisungsantrag wird in der Beschwerde nicht begründet. Auf die
Ansetzung einer Nachfrist kann aber verzichtet werden, da der Sachverhalt
von der Vorinstanz sorgfältig abgeklärt und vollständig und richtig erfasst
worden ist. Der Rückweisungsantrag ist entsprechend abzuweisen.
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Seite 5
5.
Streitig und zu prüfen ist die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdefüh-
rers und gegebenenfalls die Asylgewährung. Falls kein Asyl zu gewähren
ist, ist die angeordnete Wegweisung zu überprüfen.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Nach Lehre und Rechtsprechung enthält die Furcht vor Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG ein objektives und ein subjektives Element. Als
Flüchtling anerkannt wird eine Person, die gute – für eine Drittperson er-
kennbare – Gründe hat, mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in naher
Zukunft Verfolgung zu befürchten. Auf subjektiver Seite ist die Vorge-
schichte der betroffenen Person zu berücksichtigen, insbesondere hat, wer
in der Vergangenheit bereits Opfer von Verfolgungsmassnahmen gewor-
den ist, objektive Gründe für eine subjektiv ausgeprägtere Furcht vor künf-
tiger Verfolgung. Auf objektiver Seite muss die Furcht auf konkreten An-
haltspunkten beruhen, die mit einer hohen Wahrscheinlichkeit und in naher
Zukunft den Eintritt von Verfolgungsmassnahmen im Sinne von Art. 3
AsylG erwarten lassen; eine bloss entferne Möglichkeit reicht nicht. Hin-
sichtlich der Situation im Heimat- respektive Herkunftsstaat ist jene im Zeit-
punkt des Entscheides massgeblich. Veränderungen der Situation zwi-
schen Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asyl-
suchenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5 f. mit
zahlreichen Hinweisen auf die Rechtsprechung des BVGer und der vorma-
ligen Schweizerischen Asylrekurskommission [ARK]).
Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffenen
Person auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexverfolgung
vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Reflexverfol-
gung betroffene Person ernsthaften Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2
AsylG ausgesetzt ist (zum Begriff der Reflexverfolgung vgl. BVGE 2007/19
http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/19
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E. 3.3 m.H.a. Entscheidungen und Mitteilungen der ARK [EMARK] 1994
Nr. 5 E. 3h; EMARK 1994 Nr. 17).
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
7.
7.1 Das SEM begründet die ablehnende Verfügung mit der mangelnden
Asylrelevanz der Vorbringen. Die Befürchtung des Beschwerdeführers, im
Sinne einer Reflexverfolgung aufgrund der langjährigen Tätigkeit seines
Vaters für die ehemaligen afghanischen Behörden betroffen zu sein, er-
weise sich als objektiv nicht begründet. Bereits die Angriffe auf seinen Vater
seien nicht gezielt und persönlich auf ihn gerichtet gewesen, er halte sich
nach wie vor im Heimatstaat auf und kehre sogar teilweise nach Hause
zurück. Es gebe auch keine Anhaltspunkte, dass der Beschwerdeführer im
Fokus der Taliban stehe, sei ihm doch anlässlich der Anhaltungen bei deren
Checkpoints nie etwas geschehen. Seine durchaus nachvollziehbare sub-
jektive Furcht für den Fall, dass die Taliban seinen familiären Hintergrund
erfahren würden, sei objektiv nicht begründet. An dieser Einschätzung ver-
möchten die Profile seiner Cousins väterlicherseits seines Vaters – welche
(...) gewesen seien – und seines Onkels mütterlicherseits seines Vaters,
der in den 90er-Jahren gegen die Taliban gekämpft habe, nichts zu ändern,
zumal seinen Aussagen keine Hinweise zu entnehmen seien, dass er we-
gen ihnen Nachteile erfahren oder zu befürchten habe. Auch habe der On-
kel in G._ gelebt und sei bereits vor sechs oder sieben Jahren ver-
storben und mit den Cousins habe er kaum Kontakt gepflegt (m.H.a. A23
F36-F38 und F41-F45). Eine reine Befürchtung, die Taliban könnten von
diesen familiären Verbindungen erfahren, begründe keine Furcht vor Ver-
folgung. Dasselbe gelte für die drei bis viermonatige Haft seines Bruders.
Er habe zwar anfänglich angegeben, der Bruder sei wegen den Tätigkeiten
des Vaters mitgenommen worden, auf konkrete Nachfrage hin habe sich
aber ergeben, dass er festgenommen worden sei, um seine Personalien
zu kontrollieren und um zu überprüfen, ob auch er selbst für die Behörden
gearbeitet habe und über Gegenstände wie beispielsweise Waffen verfüge
(m.H.a. A23 F9-F12 und F50-F55). Ohne die Schwere von solchen Über-
griffen, zu denen es bei solchen Hausdurchsuchungen kommen könne, zu
http://links.weblaw.ch/EMARK-1994/5 http://links.weblaw.ch/EMARK-1994/5 http://links.weblaw.ch/EMARK-1994/17
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verkennen, sei der über zehn Jahre ältere Bruder wohl vielmehr wegen der
Überprüfung seiner eigenen Person als wegen der Tätigkeiten des Vaters
festgenommen worden. Ausserdem lasse seine Inhaftierung noch keinen
Schluss zu, dass die Taliban am Beschwerdeführer ein Interesse hätten,
zumal er von der Haft seines Bruders auch keinen Konnex zu sich selbst
herstelle. Die Tatsache, dass sich die Mutter wegen des Bruders bei den
jetzigen Behörden habe melden können und dieser daraufhin freigelassen
worden sei, spreche ebenfalls gegen eine Reflexverfolgung.
Als Angehöriger der konfessionellen Minderheit der Schiiten, so das SEM
weiter, habe der Beschwerdeführer keine Nachteile erfahren (m.H.a. A16
1.08 und 7.03; A23 F31 und F46-F49). Die Anforderungen an die Feststel-
lung einer Kollektivverfolgung seien sehr hoch (vgl. BVGE 2013/21 E. 9.1;
2013/12 E. 6, je m.w.H. sowie BVGE 2011/16 E. 5 und EMARK 1996
Nr. 21).
In der Stellungnahme werde geltend gemacht, der Vater lebe derzeit wei-
testgehend versteckt und die ganze Familie und damit auch der Beschwer-
deführer stehe in besonderem Fokus der Taliban. Damit würden inhaltlich
keine neuen Tatsachen oder Beweismittel vorgelegt, welche eine Ände-
rung des Standpunktes des SEM rechtfertigen könnten.
7.2 In der Beschwerde wird im Wesentlichen die Einschätzung des SEM,
die subjektive Furcht des Beschwerdeführers sei objektiv nicht begründet,
kritisiert. Vielmehr erfülle der Beschwerdeführer aufgrund der Tätigkeiten
seiner Verwandten, vorab seines Vaters, ein sowohl vom Bundesverwal-
tungsgericht (vgl. Urteil des BVGer D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017
[als Referenzurteil publiziert]) als auch vom Hohen Flüchtlingskommissar
der Vereinten Nationen (UNHCR) und diverser Regierungs- und Nichtre-
gierungsorganisationen definiertes Risikoprofil, weshalb seine Flüchtlings-
eigenschaft anzuerkennen sei.
Für die detaillierte Begründung sowohl der angefochtenen Verfügung als
auch der Beschwerdeeingabe wird auf die Akten und die nachfolgenden
Erwägungen verwiesen.
8.
8.1 Das SEM legt detailliert und ausführlich dar, weshalb der Beschwerde-
führer keine begründete Furch vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG
habe. Auf die in allen Punkten zutreffenden Argumente der Vorinstanz kann
zunächst verwiesen werden.
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8.2 Soweit in der Beschwerde eingewandt wird, das SEM verkenne, dass
der Beschwerdeführer ein Risikoprofil aufweise, das sowohl vom Bundes-
verwaltungsgericht als auch vom UNHCR sowie verschiedenen Regie-
rungs- und Nichtregierungsorganisationen definiert worden sei, ist Folgen-
des festzuhalten:
In der Beschwerde wird auf das Referenzurteil des BVGer D-5800/2016
(a.a.O.) verwiesen und geltend gemacht, darin seien Gruppen von Perso-
nen definiert worden, die einem erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt
seien. Dieses Argument verkennt die Verfahrenskonstellation dieses Refe-
renzurteils. Die Flüchtlingseigenschaft und damit Art. 3 AsylG waren nicht
Gegenstand jenes Verfahrens. Vielmehr ist Gegenstand des Referenzur-
teils die Frage, ob einem Vollzug der Wegweisung nach Afghanistan im
Allgemeinen und nach Kabul im Besonderen aufgrund der Entwicklung der
Lage das Hindernis der Unzumutbarkeit von Art. 83 Abs. 4 AIG (damals
noch AuG; SR 142.20) entgegensteht. Dabei wurden unter dem Aspekt von
Art. 83 Abs. 4 AIG die Entwicklungen der Sicherheitslage einerseits und
der humanitären Situation andererseits aufgezeigt. Es wurde im Vergleich
zu früheren Lageanalysen eine weitere Verschlechterung über ganz Afgha-
nistan hinweg festgestellt und der Schluss gezogen, dass eine konkrete
Gefährdung einem Vollzug der Wegweisung nach Afghanistan in grund-
sätzlicher Weise entgegenstehe, weshalb er grundsätzlich unzumutbar im
Sinne des Wegweisungsvollzugshindernisses von Art. 83 Abs. 4 AIG sei
(ausgenommen es lägen besonders begünstigende Verhältnisse vor).
Dass sich die Sicherheitslage in Afghanistan trotz aller Bemühungen nati-
onaler und internationaler Akteure über Jahre hinweg bis hin zum Krieg
verschlechterte, wird weder vom SEM noch vom Bundesverwaltungsge-
richt verkannt.
Dasselbe gilt hinsichtlich dem Umstand, dass gewisse Personen, insbe-
sondere solche, die den vormaligen afghanischen Behörden angehörten
oder für sie oder ausländische Akteure arbeiteten, ein erhöhtes Risiko ha-
ben, in den Fokus der Taliban zu geraten. Die in diesem Zusammenhang
genannten Berichte diverser Regierungs- und Nichtregierungsorganisatio-
nen ändern aber nichts daran, dass eine Kollektivverfolgung weder für An-
gehörige der vor der Machtergreifung der Taliban herrschenden afghani-
schen Behörden noch für deren Familienangehörige anzunehmen ist. Zu
den sehr hohen Anforderungen an die Anerkennung einer Kollektivverfol-
gung kann vollumfänglich auf die diesbezüglichen Ausführungen zur lang-
jährigen Rechtsprechung in der angefochtenen Verfügung (dort im Zusam-
menhang mit der Zugehörigkeit des Beschwerdeführers zu den Sayyid)
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verwiesen werden (ebd. II, Ziff. 1 letzter Abschnitt, S.5). Nach wie vor ist im
Einzelfall zu prüfen, ob die asylsuchende Person die Elemente der Flücht-
lingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt und entsprechend be-
gründete Furcht vor Verfolgung hat, wobei der Zugehörigkeit zu einer so-
genannten Risikogruppe nicht weniger – aber auch nicht mehr – Bedeu-
tung zukommt, als dass bei der Prüfung des Einzelfalles diesem Umstand
besonderes Augenmerk zu schenken ist. Dies hat das SEM in Berücksich-
tigung sämtlicher wesentlicher Aspekte im Fall des Beschwerdeführers ge-
tan und zu Recht und mit der zutreffenden Begründung erkannt, dass es
vorab an der hinreichend hohen Wahrscheinlichkeit fehlt – bei der hypo-
thetischen heutigen Rückkehr des Beschwerdeführers nach Afghanistan –
in naher Zukunft drohende ernsthafter Nachteile aus einem flüchtlings-
rechtlich relevanten Grund zu erleiden. Seiner konkreten Gefährdung auf-
grund der schlechten Sicherheitslage hat es mit der Anordnung der vorläu-
figen Aufnahme Rechnung getragen.
Auch aus dem Urteil des BVGer D-2161/2021 vom 12. Januar 2022 ver-
mag der Beschwerdeführer entgegen seiner Ansicht nichts zu seinen
Gunsten abzuleiten. Diesem liegt nämlich eine wesentlich andere Konstel-
lation zu Grunde; insbesondere war der Beschwerdeführer in jenem Fall
bereits in der Vergangenheit in den Fokus der Taliban geraten und hatte
ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG erlitten, weshalb eine er-
heblich erhöhte subjektive Furcht berücksichtigt worden sein dürfte.
Aus dem Umstand alleine, dass die Taliban nach der Ausreise des Be-
schwerdeführers die Macht in Afghanistan übernommen haben, ergibt sich
auch in Berücksichtigung der Tätigkeit seines Vaters keine Reflexverfol-
gung.
8.3 Zusammenfassend hat das SEM die Flüchtlingseigenschaft zu Recht
verneint und entsprechend sein Asylgesuch abgelehnt.
9.
9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
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9.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
11.
Der Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von
Art. 65 Abs. 1 VwVG ist gutzuheissen, da die Begehren nicht als aussichts-
los zu bezeichnen waren. Entsprechend hat der Beschwerdeführer keine
Verfahrenskosten zu tragen.
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