Decision ID: ab15fd39-43ae-49a1-841b-71ecac75978f
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 195
8
,
ersuchte die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
am 2
8.
September 2005 (Eingangsdatum)
um Gewäh
rung von Berufsberatung und Umschulung
(
Urk.
9/10). Nach durchge
führten Abklärungen verfügte die IV-S
telle
am 1
1.
Dezember 2006,
dass der Versicherte keinen Anspruch auf berufliche Massnahmen habe (
Urk.
9/25). Diese Verfügung blieb unangefochten. Am
7.
März 2016
(Eingangsdatum)
meldete
sich der Ver
sicherte erneut zum Leistungsbezug an (
Urk.
9/30). Die IV-Stelle tätigte Abklä
rungen in medizinischer und beruflich-erwerblicher Hinsicht.
Alsdann teilte die
Beiständin
des Versicherten der IV-Stelle am 2
6.
November 2018 mit, dass
dieser
am 1
7.
Juli 2018 einen ischämischen Mediateilinfarkt erlitten habe und sich seit dem
4.
September 2018 zur Neurorehabilitation in der Rehaklinik
Z._
befinde (
Urk.
9/77/6). Es folgten
weitere medizinische Abklärungen der IV-Stelle (
Urk.
9/83,
Urk.
9/85
,
Urk.
9/124
)
.
Mit Verfügung
en
vom
6.
Novem
ber 2019 sprach s
ie dem Versicherten für die Zeitperiode vo
m
1.
September 2016 bis 3
0.
September 2018 eine
Viertelsrente
(
Urk.
9/126) sowie mit Wirkung ab
1.
Oktober 2018 eine ganze Rente (
Urk.
9/134) zu.
Nach entsprechenden Anträgen
des Versicherten
und durchgeführten Abklärungen übernahm die IV-Stelle
über
dies
die Kosten für
die leihweise Abgabe eines Geh
stocks,
eines Duschhockers (Mitteilungen vom 1
1.
November 2019,
Urk.
9/142-
143)
,
eines
Elektro-
Scooter
s
(
Mitteilung vom
9.
Dezember 2019,
Urk.
9/158),
einer
Toilettensitzerhöhung
sowie einer Teleskopstange
(
Mitteilung
en
vom 2
2.
April 2019,
Urk.
9/165-
166)
.
1.2
Am
1
1.
März 2020
(Eingangsdatum)
meldete sich
X._
unter Hin
weis auf
eine
seit dem Hirnschlag vom 1
7.
Juli 2018 bestehende Hemiparese und
Aphasie
bei der IV-Stelle zum Bezug einer
Hilflosenentschädigung
an
(Urk.
9
/16
0
,
Urk.
9/162
). Die
IV-Stelle führte am 2
.
Juli
2020 eine Abklärung beim Versicherten zu Hause durch (Urk. 9/
170
/1). Der dazugehörige Bericht der Abklärungsperson der IV-Stelle datiert vom
28
.
Juli
2020 (Urk.
9
/1
70).
Mit
dem
der
Beiständin
des Ver
sicherten am
6.
August 2020 zugestellten
Vorbescheid vom
4.
August 2020
kün
digte die IV-Stelle dem Versicherten
die Ausrichtung einer Entschädigung wegen
leichtgradiger Hilflosigkeit für
den
Monat
Juli
2019
sowie einer Entschädigung wegen mittelgradiger Hilflosigkeit ab
1.
August
2019
an (Urk. 3
/
2
, vgl. auch
als «ungültiges Dokument» bezeichnete und vor Urk. 9/171 abgelegte Version
).
Dagegen
erhob der
Versicherte
keinen Einwand.
Einem weiteren
Vor
bescheid
vo
m
5
.
August 2020
(Urk. 9/171) entsprechend
,
sprach die IV-Stelle dem Versicher
ten
i
n der Folge
mit Verfügung vom
5.
November 2020
eine Entschä
digung wegen leicht
gradiger Hilflosigkeit ab 1. September 2019 zu (Urk. 2).
2.
Dagegen erhob
X._
am 2
5.
November 2020 Beschwerde und beantragte, in Aufhebung der angefochtenen Verfügung vom
5.
November 2020 sei ihm mit Wirkung ab dem
1.
September 2019 eine
Hilflosenentschädigung
wegen mittelgradiger Hilflosigkeit zuzusprechen (
Urk.
1 S. 1).
Mit Beschwerde
ant
wort vom
1
5.
Februar 2021 beantragte die Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde (
Urk.
8, unter Beilage der IV-Akten,
Urk.
9/1-198), was dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 2
2.
Februar 2021 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
10).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss Art. 57a
Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
(i
n der vorliegend massgeblichen, bis 3
1.
Dezember 20
20 geltenden Fassung)
teilt die IV-Stelle der versicherten Person den vorgesehenen Endentscheid über ein Leis
tungsbegehren oder den Entzug oder die Herabsetzung einer bisher gewährten Leistung mittels Vorbescheids mit (Satz 1); die versicherte Person hat Anspruch auf rechtliches Gehör im Sinne von
Art. 42 des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG
;
Satz 2
).
Die Parteien können innerhalb einer Frist von 30 Tagen Einwände zum Vorbescheid vorbringe
n (
Art.
73
ter
Abs.
1
der Verordnung über die Invalidenversicherung
[
IVV
]
; vgl. auch
Art. 57a Abs. 3 IVG
in Kraft seit 1. Januar 2021
).
1.2
Gemäss
Art.
29
Abs.
2 BV
und Art. 42 ATSG
haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, ande
rerseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines Entscheids dar, welcher in die Rechtsstellung einer Person eingreift. Dazu gehört insbesondere deren Recht, sich vor Erlass des in ihre Rechtsstellung ein
greifenden Entscheids zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den
Entscheid zu beeinflussen (BGE 132 V 368 E. 3.1
,
144 I 11 E. 5.3, je mit Hinwei
sen
).
1.3
Sinn und Zweck des
Vorbescheidverfahrens
besteht darin, eine unkomplizierte Diskussion des Sachverhalts zu ermöglichen und dadurch die Akzeptanz des Ent
scheids bei den Versicherten zu verbessern (BGE 134 V 97 E.
2.7). Das
Vorbe
scheidverfahren
dient zwar auch der Ausübung des rechtlichen Gehörs, geht aber über den verfassungsrechtlichen Mindestanspruch (
Art.
29
Abs.
2 BV) hinaus, indem es Gelegenheit bietet, sich zur vorgesehenen Rechtsanwendung sowie zum beabsichtigten Endentscheid zu äussern (BGE 134 V 97 E. 2.8.1
; Urteil des Bundesgerichts 9C_555/2020 vom 3. März 2021 E. 4.2 mit Hinweisen
).
Die Nicht
beachtung der gesetzlichen Pflicht zum Erlass des Vorbescheids
so
wie überhaupt Verstösse gegen die bei der Durchführung des
Vorbescheidverfahrens
zu beach
tenden Regeln über die Gehörs- respektive Akteneinsichtsgewährung sind, soweit es sich nicht um blosse Ordnungsvorschriften handelt, nach den Grundsätzen über die Verletzung des rechtlichen Gehörs zu sanktionieren
(erwähntes Urteil 9C_555/2020 E. 4.3).
1.4
Das Recht, angehört zu werden, ist formeller Natur. Die Verletzung des recht
lichen Gehörs führt ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sache selbst zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Es kommt mit anderen Worten nicht darauf an, ob die Anhörung im konkreten Fall für den Ausgang der materi
el
len Streitentscheidung von Bedeutung ist, das heisst die Behörde zu einer Änderung ihres Entscheides veranlasst wird oder nicht (BGE 132 V 387 E. 5.1; 127 V 431 E. 3d/
aa
).
2.
2.1
Der Beschwerdeführer bringt zunächst vor, dass die B
eschwerdegegnerin im
Vor
bescheidverfahren
einen Verfahrensfehler begangen habe. Die Beschwerde
geg
nerin habe ihm mit Vorbescheid vom
4.
August 2020
die
Zusprache
einer
Hilflo
senentschädigung
wegen leichtgradiger Hilflosigkeit mit Wirkung ab dem
1.
Juli 2019 sowie die
Zusprache
einer
Hilflosenentschädigung
wegen mittelgradiger Hilf
losigkeit mit Wirkung ab dem
1.
August 2019
angekündigt.
Mit der ange
foch
tenen Verfügung vom
5.
November 2020 sei ihm aber dann nur eine
Hilf
losenent
schädigung
wegen leichtgradiger Hilflosigkeit mit Wirkung ab dem
1.
September
2019 zugesprochen worden. Auf Nachfrage hin habe ihm die Beschwer
degegnerin erklärt, dass der Vorbescheid am
5.
August 2020 angepasst worden sei. Dieser angepasste Vorbescheid sei damals aber weder ihm selbst noch
seiner
Beiständin
zugestellt worden
. Er habe somit keine Möglichkeit gehabt, darauf entsprechend zu reagieren
(
Urk.
1 S. 2)
.
2.2
Aufgrund der vorliegenden Akten ist einzig erstellt, dass die
Beiständin
des Beschwerdeführers einen vom
4.
August 2020 datierenden Vorbescheid erhalten hat (vgl. den auf Seite 1 von Urk. 3/2 angebrachten
Eingangsstempel mit dem Datum
6.
August 2020
).
Mit diesem Vorbescheid teilte die Beschwerdegegnerin der
Beiständin
des Versicherten mit, dass sie
die Ausrichtung einer Entschädigung wegen leichtgradiger Hilflosigkeit für den Juli 2019 sowie einer Entschädigung wegen mittelgradiger Hilflosigkeit ab 1. August 2019
vorsehe
(Urk. 3/2
S. 2
).
Dieser
Vorbescheid vom
4.
August 2020 wird in den IV-Akten als ungültiges Dokument bezeichnet und hat keine Aktennummer. Bei den IV-Akten befindet sich sodann
ein
Vorbescheid
mit Datum
5.
A
ugust 2020
(
Urk.
9/171)
. Dieser Vor
bescheid stimmt mit
der
angefochtenen
Verfügung vom
5.
November 2020 (
Urk.
2)
überein
.
In ihrer Beschwerdeantwort räumt die Beschwerdegegnerin ein, dass die Zustellung des (korrigierten) Vorbescheids vom 5. August 2020 nicht bewiesen werden könne (Urk. 8 S. 1).
Nach dem allgemeinen Grundsatz, wonach im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte (BGE 117 V 261 E. 3b), ist davon auszugehen, dass
der Beschwerdeführer den Vorbescheid vom
5.
August 2020 - wie von ihm geltend gemacht (
Urk.
1 S. 2) - nicht erhalten
hat.
Da der Beschwerdeführer somit entgegen Art. 57a Abs. 1 in Verbindung mit
Art. 73
ter
Abs. 1 IVV
nicht zum vorgesehenen Entscheid über seinen Antrag auf
Hilf
losenentschädigung
Stellung nehmen und Einwände vorbringen konnte, liegt
eine schwerwiegende Verletzung seines Anspruchs auf rechtliches Gehör
vor
,
welche einer Heilung grundsätzlich nicht zugänglich ist
(vgl.
Urteil des Bundes
gerichts 9C_555/2020 vom
3.
März 2021 E.
4.
4.2 und 5.1)
.
2.3
Die Beschwerde
ist demnach - ungeachtet ihrer
materiellrechtlichen
Erfolgsaus
sichten – in dem Sinne gutzuheissen, dass die angefochtene Verfügung vom
5. November 2020
aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurück
zuweisen ist, damit
sie
ein
rechtskonformes
Vorbescheidverfahren
durchführe und hernach über den Anspruch des Beschwerdeführers auf eine
Hilflosenent
schä
digung
neu verfüge
.
3
.
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das vorliegende Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
b
is
IVG) und ermessensweise auf Fr.
5
00.-- anzusetzen.
Da
die Rückweisung der Sache an die Verwaltung
auf formellen Gründen
als vollständiges Obsiegen
gilt
,
sind
die Kosten der Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen.