Decision ID: 5cf7c225-ea70-41ae-9e26-24120df14316
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden, die Eltern aserbaidschanische und die Kin-
der ukrainische Staatsangehörige, reisten am 20. Mai 2022 in die Schweiz
ein und stellten am folgenden Tag im Bundesasylzentrum der Region
E._ ein Gesuch um Gewährung vorübergehenden Schutzes.
A.b Im Rahmen der Kurzbefragung vom 23. Mai 2022, die in Anwesenheit
des Leistungserbringers Rechtsschutz durchgeführt wurde, gaben die Be-
schwerdeführenden an, der Beschwerdeführer verfüge seit dem Jahr (...)
über eine permanente Aufenthaltsgenehmigung in der Ukraine; er habe
seit (...) Jahren dort gelebt. Die Beschwerdeführerin lebe seit (...) in der
Ukraine. Sie hätten die Aufenthaltsbewilligung erhalten, weil ihr (erstes)
Kind im Jahr (...) in der Ukraine zur Welt gekommen sei. Sie seien nach
Ausbruch des Krieges in der Ukraine nach Aserbaidschan gegangen und
hätten dort zwei Monate gelebt. Weil man ihnen nicht geholfen habe, hätten
sie ihre gesamten Ersparnisse aufgebraucht. Sie hätten in die Ukraine zu-
rückkehren wollen, wovon man ihnen abgeraten habe. In Aserbaidschan
hätten sie bei einem Bruder gelebt, der mit seiner Frau und drei Kindern
zusammenlebe. Sie seien beide an HIV erkrankt; in Aserbaidschan hätten
sie Medikamente gesucht, hätten aber keine finden können. Vor zehn Ta-
gen sei ihnen das Medikament, das sie beide einnehmen müssten, ausge-
gangen. In der Ukraine hätten sie kein Zuhause mehr, denn F._ sei
zu Beginn des Krieges bombardiert worden.
B.
Mit Verfügung vom 1. Juli 2022 – eröffnet am 5. Juli 2022 – lehnte das SEM
das Gesuch um vorübergehenden Schutz ab, und verfügte die Wegwei-
sung der Beschwerdeführenden aus der Schweiz. Es forderte sie auf, die
Schweiz und den Schengen-Raum am Tag nach Eintritt der Rechtskraft der
Verfügung zu verlassen. Dies zur Rückreise in ihren Heimat- beziehungs-
weise Herkunftsstaat oder zur Weiterreise in ein Land, das sich ausserhalb
des Schengen-Raums befinde und in dem sie aufgenommen würden, unter
der Androhung von Zwangsmassnahmen im Unterlassungsfall. Es beauf-
tragte den Kanton G._ mit dem Vollzug der Wegweisung.
C.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 4. August 2022 erhoben die Be-
schwerdeführenden beim Bundesverwaltungsgericht gegen den Entscheid
vom 1. Juli 2022 Beschwerde. In dieser wurde beantragt, die angefochtene
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Verfügung sei aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, ihnen vorüber-
gehenden Schutz (Schutzstatus S) zu gewähren. Eventualiter sei ihre vor-
läufige Aufnahme anzuordnen. Subeventualiter sei die Sache zur Neube-
urteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hin-
sicht wurde beantragt, es sei den Beschwerdeführenden die unentgeltliche
Rechtspflege zu gewähren und ihnen die unentgeltliche Verbeiständung
mit der Unterzeichnenden zu bewilligen sowie auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses zu verzichten.
Der Eingabe lagen mehrere Beweismittel bei (vgl. S. 19 derselben [Beila-
genverzeichnis]).
D.
Der Instruktionsrichter stellte mit Verfügung vom 30. August 2022 fest,
dass die Beschwerdeführenden den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten dürften. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege und amtliche Verbeiständung hiess er gut, auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses verzichtete er. Er ordnete den Be-
schwerdeführenden MLaw Laura Rudolph als amtliche Rechtsbeiständin
bei. Die Akten übermittelte er zur Vernehmlassung an das SEM.
E.
In seiner Vernehmlassung vom 1. September 2022 hielt das SEM fest, die
Beschwerde enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismit-
tel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertige. Der Instrukti-
onsrichter setzte die Beschwerdeführenden am 7. September 2022 von
der Vernehmlassung in Kenntnis.
F.
Mit Schreiben vom 13. September 2022 übermittelte die Rechtsvertreterin
ihre Kostennote.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
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zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 72 i.V.m. Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teil-
genommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs-
weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legiti-
miert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 AsylG; Art. 72
i.V.m. Art. 108 Abs. 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gestützt auf Art. 4 AsylG kann die Schweiz Schutzbedürftigen für die
Dauer einer schweren allgemeinen Gefährdung, insbesondere während ei-
nes Krieges oder Bürgerkrieges sowie in Situationen allgemeiner Gewalt,
vorübergehenden Schutz gewähren. Der Bundesrat entscheidet, ob und
nach welchen Kriterien Gruppen von Schutzbedürftigen vorübergehender
Schutz gewährt wird (Art. 66 Abs. 1 AsylG).
3.2 Am 11. März 2022 hat der Bundesrat gestützt auf Art. 66 Abs. 1 AsylG
eine Allgemeinverfügung zur Gewährung des vorübergehenden Schutzes
im Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine erlassen (BBI 2022
586). Gemäss Ziff. I der Allgemeinverfügung gilt der Schutzstatus S für fol-
gende Personenkategorien:
 a) schutzsuchende ukrainische Staatsbürgerinnen und -bürger und ihre
Familienangehörigen (Partnerinnen und Partner, minderjährige Kinder
und andere enge Verwandte, die zum Zeitpunkt der Flucht ganz oder
teilweise unterstützt wurden), welche vor dem 24. Februar 2022 in der
Ukraine wohnhaft waren;
 b) schutzsuchende Personen anderer Nationalitäten und Staatenlose
gemäss Definition in Buchstabe a, die vor dem 24. Februar 2022 einen
internationalen oder nationalen Schutzstatus in der Ukraine hatten;
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 c) Schutzsuchende anderer Nationalität und Staatenlose sowie ihre Fa-
milienangehörigen gemäss Definition in Buchstabe a, die mit einer gül-
tigen Kurzaufenthalts- oder Aufenthaltsbewilligung belegen können,
dass sie über eine gültige Aufenthaltsberechtigung in der Ukraine verfü-
gen und nicht in Sicherheit und dauerhaft in ihre Heimatländer zurück-
kehren können.
4.
4.1 Das SEM führt zur Begründung der angefochtenen Verfügung aus, die
Beschwerdeführenden gehörten nicht zu der vom Bundesrat definierten
Gruppe der schutzberechtigten Personen, weil sie aus Aserbaidschan
stammten und in Sicherheit und dauerhaft dorthin zurückkehren könnten.
Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts sei der Vollzug
eines HIV-positiven Asylgesuchstellers grundsätzlich zumutbar, solange
die HIV-Infektion das Stadium C noch nicht erreicht habe. Nebst dem Sta-
dium der HIV-Infektion sei bei der Beurteilung der Frage der Zumutbarkeit
die konkrete Situation im Heimat- oder Herkunftsstaat zu berücksichtigen.
Die öffentlichen Krankenhäuser würden in Aserbaidschan staatlich geführt
und böten eine für aserbaidschanische Bürger kostenlose medizinische
Versorgung an. Der private Gesundheitssektor sei in den letzten Jahren
ausgebaut worden und verfüge über hohe Pflegestandards, moderne Aus-
rüstungen und gut ausgebildetes Personal. Die notwendigen medizini-
schen Institutionen und Medikamente zur Behandlung HIV-positiver Perso-
nen seien in Aserbaidschan vorhanden. Begonnene antiretrovirale Thera-
pien könnten auch dort fortgesetzt werden. Den Beschwerdeführenden
stehe es offen, bei der kantonalen Rückkehrberatung einen Antrag auf me-
dizinische Rückkehrhilfe zu stellen. Praxisgemäss werde abgewiesenen
HIV-positiven Gesuchstellern während einer gewissen Zeit Rückkehrhilfe
in Form von Medikamenten oder allenfalls durch die Übernahme von Kos-
ten für die notwendigen Kontrollen gewährt. Betreffend die weitere Finan-
zierung der medizinischen Behandlung sei festzuhalten, dass der Wegwei-
sungsvollzug auch dann zumutbar sei, wenn die medizinische Behandlung
nicht lebenslang sichergestellt und bei der betroffenen Person AIDS noch
nicht ausgebrochen sei, und sie selbst einer Erwerbstätigkeit nachgehen
könne. Es sei den Beschwerdeführenden zuzumuten, sich nach dem Voll-
zug erneut um eine Arbeit zu bemühen. Angesichts ihres Alters, ihrer Ar-
beitserfahrung und der vorhandenen Sprachkenntnisse könne davon aus-
gegangen werden, dass sie sich in Aserbaidschan reintegrieren könnten,
da sie auch auf familiäre Unterstützung zählen könnten.
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4.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, dass mangels Gesetzesma-
terialien zum Personenkreis der durch den Schutzstatus S Begünstigten
unter anderem auf die Aussagen des Bundesrats zurückzugreifen sei. Die
schweizerische Justizministerin, Bundesrätin Karin Keller-Sutter, habe an
einer Pressekonferenz vom 11. März 2022 gesagt, der Schutzstatus S
werde analog zur Regelung der Europäischen Union (EU) angewendet.
Der Rat der EU habe am 4. März 2022 beschlossen, dass Ukrainer und
ihre Familienangehörigen vorübergehend Schutz erhielten. Artikel 2 des
Durchführungsbeschlusses (EU) 2022/382 des Rates der EU laute dahin-
gehend, dass ukrainische Staatsangehörige, die vor dem 24. Februar
2022 ihren Aufenthalt in der Ukraine gehabt hätten, und deren Familienan-
gehörige, die am oder nach dem 24. Februar 2022 infolge der militärischen
Invasion der russischen Streitkräfte aus der Ukraine vertrieben worden
seien, vorübergehenden Schutz erhielten. Die EU anerkenne ausdrücklich
auch Familienangehörige nichtukrainischer Staatsangehörigkeit als zur Fa-
milie gehörig. Die Schweiz habe sich der Regelung der EU angeschlossen
und damit auch den Grundsatz der Einheit der Familie gemäss Art. 8
EMRK anerkannt. Dass dies auch so praktiziert werde, zeigten andere
Fälle, in denen nichtukrainische Familienangehörige den Schutzstatus S
erhalten hätten. Aus dem grammatikalischen Wortlaut der Allgemeinverfü-
gung des Bundesrats vom 11. März 2022 gehe hervor, dass Familienange-
hörige ohne ukrainische Staatsangehörigkeit umfasst werden sollten,
werde doch explizit festgehalten, dass ukrainische Staatsbürger und -bür-
gerinnen und ihre Familienangehörigen Schutz erhielten. Die Kinder der
Beschwerdeführenden hätten die ukrainische Staatsangehörigkeit mit der
dortigen Geburt erhalten. Die Ukraine und Aserbaidschan verböten die
doppelte Staatsbürgerschaft. Beide Kinder hätten als ausschliessliche Bür-
ger der Ukraine zu gelten, hätten ihr Heimatland nach Ausbruch des Kriegs
verlassen und vorher im Familienverband mit ihren Eltern in der Ukraine
gelebt. Ihnen wäre der Schutzstatus S ohne Weiteres zuzuerkennen. Dem-
entsprechend sei auch ihren Eltern der Schutzstatus S zu gewähren.
Die Kinder seien ukrainische Staatsangehörige und hätten das Recht, ihre
Bildung im Heimatstaat zu erhalten und dort die Schule zu besuchen. Die
Ukraine sei ein demokratisches, westlich und freiheitlich orientiertes Land
gewesen, was auch im Schulunterricht zum Ausdruck gekommen sei. Aser-
baidschan sei eine Autokratie unter der Herrschaft des Machthabers Aliyev,
der das Land beherrsche, andere Meinungen nicht toleriere und Angst ver-
breite. Der dortige Bildungssektor habe in jüngster Zeit einen Qualitätsrück-
gang erlitten. Eine erzwungene Rückkehr nach Aserbaidschan hiesse,
dass man die Kinder ihrer Bildungschancen beraubte und sie in einem
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fremden Land einer unzulässigen Indoktrinierung und Unterdrückung der
Meinungsfreiheit aussetzte. Dies halte vor den Grundsätzen des Überein-
kommens über die Rechte des Kindes (Kinderrechtskonvention [KRK];
SR 0.107) nicht stand. Auch die übrigen Lebensbedingungen wären im
Vergleich zu den bisherigen Verhältnissen unzumutbar schlechter. Hinzu
komme, dass Aserbaidschan in kriegerische Auseinandersetzungen verwi-
ckelt sei, denen die Gefahr einer Ausbreitung und Destabilisierung der gan-
zen Region innewohne, da auch die Türkei und Russland in den Konflikt
eingebunden seien. Entgegen der Auffassung des SEM könne die Familie
nicht «dauerhaft und in Sicherheit» nach Aserbaidschan zurückkehren.
Die Beschwerdeführenden hätten Aserbaidschan als junge Erwachsene
verlassen und sich in der Ukraine eine gemeinsame Heimat aufgebaut.
Nach Kriegsausbruch seien sie kurzzeitig nach Aserbaidschan zurückge-
kehrt und hätten dort um vorübergehenden Schutz ersucht. Sie hätten beim
Bruder des Beschwerdeführers unterkommen können, der nicht die Mög-
lichkeit habe, eine weitere Familie auf Dauer zu versorgen. Der Beschwer-
deführer habe sich bemüht, dass die Familie finanzielle Unterstützung und
die nötige medizinische Versorgung erhalte. Der Staat habe der Familie die
Notversorgung verweigert; sie habe in den zwei Monaten vom Ersparten
und den vorrätigen Medikamenten gelebt. Die weiteren Verwandten lebten
in ärmlichen Verhältnissen und könnten ihnen keine Stütze sein. Die Be-
schwerdeführerin habe nie gearbeitet, der Beschwerdeführer habe nach
der Schule Militärdienst geleistet und danach während zweier Jahre (...)
gearbeitet. Er habe sich in Aserbaidschan intensiv, aber erfolglos um eine
Arbeitsstelle bemüht. Die Familie habe sich gezwungen gesehen, in der
Schweiz um Schutz zu ersuchen. In Aserbaidschan wäre sie existenziell
bedroht, weshalb für sie eine Rückkehr nicht zumutbar sei.
Das SEM habe es unterlassen, die Situation der Familie im Heimatland
abzuklären, und habe dazu keine einzige Frage gestellt. Der Sachverhalt
für die Beurteilung der Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
sei zum Entscheidzeitpunkt nicht erstellt gewesen. Das SEM äussere sich
in der angefochtenen Verfügung ausführlich zur Behandelbarkeit einer HIV-
beziehungsweise AIDS-Erkrankung in Aserbaidschan. Den Akten sei kein
Hinweis auf eine Abklärung des Gesundheitszustands der Beschwerdefüh-
renden zu entnehmen. Es finde sich einzig eine Notiz, wonach die Be-
schwerdeführenden an einer HIV-Infektion litten und seit zehn Tagen keine
Medikamente mehr hätten. Sie hätten bei der Kurzbefragung beide ange-
geben, sie seien mit HIV infiziert und auf Medikamente angewiesen. Aus
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den mittlerweile vom behandelnden Arzt zugestellten medizinischen Unter-
lagen gehe hervor, dass bei ihnen eine chronische HIV-Infektion diagnos-
tiziert worden sei, die seit mindestens zehn Jahren bekannt sei. Mit einer
Therapie sei in der Ukraine kurz nach der Diagnosestellung begonnen wor-
den. Eine Einteilung der Infektion nach den Kriterien CDC sei nicht ab-
schliessend möglich, initial scheine ein Stadium A oder B vorgelegen zu
haben. Es bestünden Hinweise, dass die antiretrovirale Therapie wegen
der fehlenden Medikation in Aserbaidschan ab dem 10. Mai 2022 unterbro-
chen gewesen sei. Gemäss ärztlicher Einschätzung hätten die Beschwer-
deführenden ihre Medikamente über Jahre hinweg zuverlässig eingenom-
men. Aus den medizinischen Akten gehe auch hervor, dass die Beschwer-
deführerin an einer chronischen Hepatitis-B-Infektion leide. Regelmässige
Kontrollen der Leberfunktion, der Krankheitsaktivität wie auch des Leber-
fibrosierungsgrades mittels spezieller Verfahren würden empfohlen. Aktuell
habe noch keine Standortbestimmung hinsichtlich einer möglicherweise
vorbestehenden Fibrosierung vorgenommen werden können. Die Beibe-
haltung der HIV-Therapie sei auch hinsichtlich der Hepatitis-B-Infektion von
grosser Wichtigkeit. Ohne Therapie sei bei mehr als einem Drittel der Pati-
enten von einer Progredienz der Leberschädigung bis hin zu einer Leber-
zirrhose und dem Funktionsverlust der Leber auszugehen, was in diesem
fortgeschrittenen Stadium mit einer sehr hohen Mortalität behaftet sei. Das
Bundesverwaltungsgericht habe im Urteil D-2267/2020 vom 17. August
2020 auf das mangelhafte Gesundheitssystem Aserbaidschans hingewie-
sen und festgehalten, es gebe in diesem Land kein funktionierendes staat-
liches Krankenversicherungssystem. Die kostenlose medizinische Versor-
gung sei theoretischer Natur. Bei den Beschwerdeführenden sei eine un-
unterbrochene antiretrovirale Therapie dringend indiziert. Der behandelnde
Arzt weise auf das Risiko einer Ansteckung der Kinder hin, sollte die Be-
handlung der Eltern nicht kontinuierlich fortgesetzt werden. Der Gesund-
heitszustand der beiden Kinder sei bisher nicht umfassend abgeklärt wor-
den; dies werde aus ärztlicher Sicht empfohlen. Die lebenslange medika-
mentöse Therapie sowie die ärztlichen Kontrollen seien mit hohen Kosten
verbunden, welche die Beschwerdeführenden langfristig nicht aufbringen
könnten. Das SEM halte ohne Verweis auf eine Quelle fest, in Aserbaid-
schan seien medizinische Institutionen und Medikamente zur Behandlung
HIV-positiver Personen vorhanden. Es setze sich aber weder mit dem ef-
fektiven Zugang der Beschwerdeführenden zu dieser Behandlung noch mit
der Kostendeckung auseinander. Der Verweis auf die Rückkehrhilfe sei
nicht zielführend, da diese die Behandlungskosten nur temporär sicherzu-
stellen vermöge. Die Beschwerdeführenden hätten bei der Kurzanhörung
darauf hingewiesen, dass sie während den zwei Monaten ihres Aufenthalts
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in Aserbaidschan die nötige medizinische Behandlung nicht erhalten hätten
und die Therapie kurzzeitig hätten abbrechen müssen. Mit diesem Vorbrin-
gen habe sich das SEM nicht auseinandergesetzt.
Des Weiteren hätte den Beschwerdeführenden aufgrund der sinngemäs-
sen Anwendbarkeit der Bestimmungen des 8. Kapitels des AsylG eine
rechtliche Vertretung im Schutzstatus-Verfahren beigeordnet werden müs-
sen.
5.
5.1 Den eingereichten Reisepässen der beiden Kinder der Beschwerde-
führenden, die am (...) ausgestellt wurden, ist zu entnehmen, dass diese
in der Ukraine geboren wurden und ukrainische Staatsangehörige sind.
Durch die beiden Reisepässe der Eltern, die am (...) beziehungsweise am
(...) ausgestellt wurden, ist erstellt, dass sie aserbaidschanische Staatsan-
gehörige sind. Beide Elternteile verfügen in der Ukraine über permanente
Aufenthaltsbewilligungen, ausgestellt am (...) beziehungsweise am (...)
(vgl. SEM-act. [...]-1/37). Sie machten geltend, sie hätten die Aufenthalts-
bewilligungen erhalten, nachdem ihr erstes Kind in der Ukraine geboren
worden sei (vgl. SEM-act. [...]-2/11 S. 2).
5.2 Das SEM äussert sich weder in der angefochtenen Verfügung noch der
Vernehmlassung zur Frage, weshalb die Kinder als ukrainische Staatsan-
gehörige und ihre Eltern als deren Familienangehörige nicht unter die Per-
sonenkategorie von Ziff. I Bst. a der Allgemeinverfügung des Bundesrates
vom 11. März 2022 fallen sollen (vgl. Ziff. III/3. der SEM-Verfügung, wo le-
diglich festgehalten wird, die Beschwerdeführenden gehörten nicht zu der
vom Bundesrat definierten Gruppe der schutzberechtigten Personen, weil
sie aus Aserbaidschan stammten und in Sicherheit und dauerhaft in ihr
Heimatland zurückkehren könnten). Mit dieser Begründung blendet das
SEM aus, dass die beiden Kinder in der Ukraine geboren wurden, die uk-
rainische Staatsangehörigkeit besitzen und keine Staatsangehörigen Aser-
baidschans sind. Das durch das SEM vorgenommene vorrangige Abstellen
auf die aserbaidschanische Staatsangehörigkeit der Eltern vermag nichts
am grundsätzlichen Anspruch deren gemeinsamen Kinder auf Gewährung
des vorübergehenden Schutzes zu ändern. Wie in der Beschwerde ausge-
führt wird, hat die schweizerische Justizministerin an einer Pressekonfe-
renz vom 11. März 2022 angekündigt, dass sich die Schweiz bei der Defi-
nition der Personengruppen, die Anspruch auf den Schutzstatus S haben,
an der EU orientiere. Ihre Aussage hat denn auch Niederschlag in Ziffer 2
des Faktenblatts «Schutzstatus S» des SEM gefunden. Indem das SEM
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nicht aufgezeigt hat, aus welchen Gründen die beiden Kinder und deren
Eltern nicht unter die in den in Ziff. I der Allgemeinverfügung zur Gewäh-
rung des vorübergehenden Schutzes im Zusammenhang mit der Situation
in der Ukraine definierten Personenkategorien fallen und sich diesbezüg-
lich auch mit den in der EU geltenden Regelungen, an denen sich die
Schweiz orientiere, nicht erkennbar auseinandergesetzt hat, hat es die Be-
gründungspflicht und damit einen Teilanspruch des rechtlichen Gehörs ver-
letzt.
5.3
5.3.1 Die Beschwerdeführenden haben im Rahmen ihrer Registrierung
durch das SEM am 21. Mai 2022 darauf hingewiesen, dass sie beide an
HIV erkrankt seien und seit zehn Tagen keine Medikamente erhalten hät-
ten. Dies wurde seitens des SEM auf einem handschriftlich erstellten Post-
it Zettel ebenso vermerkt, wie dass für sie dringend eine Medikamentenab-
gabe nötig sei (vgl. SEM-act. [...]-1/37). Bei der Kurzbefragung bestätigten
sie, dass sie beide an einer HIV-Infektion litten. Sie hätten in Aserbaidschan
Medikamente gesucht, aber keine finden können (vgl. SEM-act. [...]-2/11
S. 3). Hinsichtlich ihrer weiteren Lebensumstände gaben sie an, sie hätten
in Aserbaidschan beim Bruder des Beschwerdeführers gelebt, der mit sei-
ner Ehefrau und drei Kindern zusammenlebe (vgl. SEM-act. [...]-2/11 S. 2).
Da sie in Aserbaidschan keine Hilfe erhalten hätten, hätten sie alles aus-
gegeben, was sie gehabt hätten. Sie könnten ihre Kinder dort nicht ernäh-
ren. Wenn sie irgendwelche Mittel zum Leben gehabt hätten, wären sie
nicht in die Schweiz gekommen (vgl. SEM-act. [...]-2/11 S. 2 f.).
5.3.2 Ohne den Gesundheitszustand der Beschwerdeführenden und ihre
medizinischen Bedürfnisse konkret abgeklärt zu haben, äusserte sich das
SEM in der angefochtenen Verfügung zur Behandelbarkeit von HIV-Erkran-
kungen in Aserbaidschan und erachtete den Vollzug der Wegweisung als
zumutbar. Das SEM klärte auch die konkreten Lebensumstände nicht ab,
in denen sich die Beschwerdeführenden während ihres zweimonatigen
Aufenthalts in Aserbaidschan wiederfanden. Sie wurden nicht gefragt, wel-
che konkreten Bemühungen sie nach ihrer Einreise nach Aserbaidschan
am (...) März 2022 unternommen hätten, um zumindest in einer Anfangs-
phase staatliche Unterstützung zu erhalten. Ebenso wenig wurde abge-
klärt, wo sich die Beschwerdeführenden um den Erhalt der für sie notwen-
digen Medikamente bemühten und weshalb sie keine erhalten haben be-
ziehungsweise, welche Anstrengungen der Beschwerdeführer unternom-
men habe, um Arbeit zu finden. Das SEM ergründete auch nicht, welches
soziale Umfeld die Beschwerdeführenden in Aserbaidschan haben. Der
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Kurzbefragung ist einzig zu entnehmen, dass sie bei einem Bruder (ge-
mäss Angaben in der Beschwerde handelt es sich um den Bruder des Be-
schwerdeführers) gelebt hätten, der eine fünfköpfige Familie zu ernähren
habe. Fragen zum (weiteren) familiären Umfeld und dessen Lebensverhält-
nissen wurden keine gestellt. In Einklang mit dem in der Beschwerde ver-
tretenen Standpunkt geht das Bundesverwaltungsgericht aufgrund des
vorstehend Gesagten davon aus, dass der rechtserhebliche Sachverhalt,
der eine konkrete Prüfung des Einzelfalls hinsichtlich der Durchführbarkeit
des Wegweisungsvollzugs ermöglicht hätte, zum Entscheidzeitpunkt nicht
erstellt war.
6.
6.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist (vgl. PHILIPPE WEISSENBERGER/ASTRID HIRZEL, in: Praxiskommentar
Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, Art. 61 VwVG, N 16). Die in
diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar auch
durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Ein-
zelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie muss
dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5).
6.2 Vorliegend liegt der Mangel der angefochtenen Verfügung in einer teil-
weise unvollständigen Abklärung des Sachverhalts und in einer Verletzung
der Begründungspflicht. Unter diesen Umständen rechtfertigt sich gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts die Kassation der angefochtenen
Verfügung. Den Beschwerdeführenden bleibt auf diese Weise der Instan-
zenzug erhalten, was umso wichtiger ist, als im Asylverfahren das Bundes-
verwaltungsgericht letztinstanzlich entscheidet (vgl. dazu BVGE 2009/53
E. 7.3, 2008/47 E. 3.3.4, 2008/14 E. 4.1).
7.
7.1 Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, soweit subeventualiter be-
antragt wird, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben und die Sache
zur Neubeurteilung an diese zurückzuweisen.
7.2 Im wiederaufzunehmenden erstinstanzlichen Verfahren wird sich das
SEM mit der Tatsache auseinanderzusetzen haben, dass die beiden Kin-
der der Beschwerdeführenden ukrainische Staatsangehörige sind. Es wird
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Seite 12
unter Konsultation der in der EU geltenden Regelungen zu prüfen haben,
ob die Kinder angesichts ihrer ukrainischen Staatsangehörigkeit und damit
auch ihre Eltern unter den Personenkreis fallen, denen der Schutzstatus S
zu gewähren ist. Sollte es weiterhin der Auffassung sein, dem sei nicht der
Fall, wäre dies einlässlich zu begründen. Sollte das SEM erneut zum
Schluss gelangen, die Beschwerdeführenden fielen nicht unter den in der
Allgemeinverfügung definierten Personenkreis, dem vorübergehender
Schutz zu gewähren sei, müsste es den Sachverhalt hinsichtlich der Beur-
teilung der Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs vollständig erstel-
len (vgl. E. 5.3.2). Danach wäre unter Beachtung der HIV-Erkrankungen
der Eltern und der diesbezüglich eingereichten ärztlichen Berichte, der
Möglichkeit einer adäquaten medizinischen Behandlung in Aserbaidschan
und der Frage, ob sie tatsächlich Zugang zu der als notwendig erachteten
Behandlung ihrer Erkrankungen hätten, sowie der individuellen Situation,
in der sich die Beschwerdeführenden nach einer Rückkehr nach Aserbaid-
schan wiederfänden, eine erneute Prüfung der Durchführbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs vorzunehmen.
8.
Bei diesem Verfahrensausgang sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
9.
Angesichts des Obsiegens ist den vertretenen Beschwerdeführenden in
Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 ff. des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Parteientschädigung im
Rahmen der am 13. September 2022 eingereichten Kostennote zuzuspre-
chen. Der aufgeführte zeitliche Aufwand von sechs Stunden erweist sich
als angemessen. Gestützt auf die Kostennote ist den Beschwerdeführen-
den zulasten des SEM eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1500.–
zuzusprechen. Die Parteientschädigung umfasst keinen Mehrwertsteuer-
zuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE.
(Dispositiv nächste Seite)
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