Decision ID: 3f8b07ff-40d2-564d-8e8d-21612e36f835
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführerin ist Eigentümerin der Liegenschaft Ittigen Grundbuchblatt
Nr. B._. Diese befindet sich im Wirkungsbereich des Lärmsanierungsprojekts der
Gemeinde Ittigen, das die Gemeindestrassen C._weg, D._strasse,
E._strasse, F._strasse, G._strasse, H._weg, Untere
I._gasse, J._-/K._strasse und L._-/M._strasse
umfasst. Bei der Liegenschaft der Beschwerdeführerin wurde für das Jahr 2035
(Sanierungshorizont) eine Überschreitung des massgeblichen Immissionsgrenzwertes
ermittelt. Die Fachstelle Lärmschutz des TBA stimmte dem Antrag der Gemeinde Ittigen
betreffend Gewährung von Erleichterungen zu. Die Gemeinde Ittigen führte ein
Mitwirkungsverfahren durch und räumte der Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 13.
August 2018 das rechtliche Gehör ein. Mit Verfügung vom 17. Januar 2019 wurde die
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Gemeinde Ittigen von der Pflicht befreit, am N._weg 11 (Parzelle Ittigen
Grundbuchblatt Nr. B._) Lärmschutzmassnahmen zu ergreifen.
2. Gegen diese Verfügung erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 11. Februar
2019 Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE).
Sie beantragt, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei eine Neubeurteilung
vorzunehmen. Zur Begründung macht sie insbesondere geltend, die Sanierungspflicht der
Strasseneigentümerin sei gegeben. Trotzdem halte die Gemeinde keine
Lärmschutzmassnahmen für machbar. Es sei nicht nachvollziehbar, dass auf der
G._strasse eine Temporeduktion möglich sei, nicht aber auf der
F._strasse. Die Begründung, warum bei ihrer Liegenschaft keine Lärmschutzwand
möglich sei, sei falsch. Die Gemeinde solle sich intensiver mit dem Thema
Lärmschutzwände auseinandersetzen und unter Einbezug der Denkmalpflege einen
konkreten Lösungsvorschlag ausarbeiten.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Akten ein. Die Gemeinde beantragt in ihrer
Vernehmlassung vom 14. März 2019 die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf
eingetreten werden könne. In ihrer Eingabe vom 10. April 2019 nahm die Fachstelle
Lärmschutz des TBA zur Beschwerde und zur Vernehmlassung der Gemeinde Stellung.
Sie wies insbesondere darauf hin, dass sich seit ihrer Zustimmung zum
Lärmsanierungsprojekt die Rahmenbedingungen in Bezug auf quellenseitige Massnahmen
geändert hätten.
Das Rechtsamt gab den Verfahrensbeteiligten Gelegenheit, Schlussbemerkungen
einzureichen. Von dieser Möglichkeit machte die Beschwerdeführerin Gebrauch. Auf die
Rechtsschriften und Vorakten wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
Erwägungen eingegangen.
1 Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Angefochten ist eine Verfügung betreffend Erleichterungen von der Sanierungspflicht
im Sinne von Art. 17 Abs. 1 USG2 und Art. 14 Abs. 1 LSV3. Für die Behandlung von
Beschwerden gegen Verfügungen der Gemeindebehörden im Bereich Strassenlärm ist
gemäss Art. 19 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 3 Abs. 2 Bst. a KLSV4 die BVE zuständig.
b) Die Beschwerdeführerin ist Adressatin der angefochtenen Verfügung. Als
Eigentümerin der betroffenen Liegenschaft ist sie durch die Verfügung beschwert, da die
Sanierungspflicht verneint und Lärmschutzmassnahmen durch die Gemeinde abgelehnt
worden sind. Sie hat deshalb ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder
Änderung (Art. 65 Abs. 1 VRPG5). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
ist einzutreten.
2. Fehlende Aufführung der F._strasse im Lärmsanierungsprojekt
a) Die Beschwerdeführerin macht geltend, das Lärmsanierungsprojekt sei ohne
Aufführung der F._strasse der Fachstelle Lärmschutz des Kantons Bern zur
Prüfung unterbreitet und von dieser genehmigt worden. Erst durch die Intervention der
Beschwerdeführerin sei der Fehler bemerkt und korrigiert worden. Deshalb sei das Projekt
mit dem korrigierten Titel bei der Fachstelle für Lärmschutz neu einzureichen und von
dieser neu zu beurteilen.
b) Die Gemeinde räumt in ihrer Beschwerdevernehmlassung ein, dass die
F._strasse auf dem Titelblatt des Lärmschutzprojekts gefehlt hat. Sie habe an den
Informationsveranstaltungen ausdrücklich auf diesen redaktionellen Fehler hingewiesen.
Eine Neubeurteilung sei jedoch nicht erforderlich, weil die betroffenen Liegenschaften und
die entsprechenden Erleichterungsanträge im Anhang des öffentlich aufgelegten Berichts
2 Bundesgesetz vom 7. Oktober 1983 über den Umweltschutz (Umweltschutzgesetz, USG; SR 814.01) 3 Lärmschutz-Verordnung des Bundesrats vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41) 4 Kantonale Lärmschutz-Verordnung vom 14. Oktober 2009 (KLSV; BSG 824.761) 5 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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erwähnt seien. Zudem seien alle betroffenen Grundeigentümerinnen und Grundeigentümer
ordnungsgemäss und vollständig informiert worden. Eine Neueinreichung und
Neubeurteilung des Projekts sei nicht erforderlich. Auch die Fachstelle Lärmschutz des
TBA bestätigt, dass die F._strasse fälschlicherweise im Titel der eingereichten und
genehmigten Unterlagen nicht aufgeführt gewesen sei. Aus dem Bericht ergebe sich aber,
dass im Lärmsanierungsprojekt auch die Lärmsituation an der F._strasse beurteilt
worden sei. Der Fehler auf der Titelseite sei in der Zwischenzeit behoben worden. Eine
Neubeurteilung des Projekts sei nicht notwendig.
c) Dem Lärmsanierungsprojekt lässt sich ohne Weiteres entnehmen, dass die
F._strasse Gegenstand der Untersuchungen war. Sie ist an mehreren Stellen
ausdrücklich erwähnt, beispielsweise in der Zusammenfassung und bei der Umschreibung
der Ausgangslage (Ziff. 1.1), ebenso im Plan, der den Untersuchungsperimeter zeigt
(Anhang 1.1), in der Systemskizze Strassenabschnitte (Anhang 2.1), im Protokoll einer
Kurzzeitmessung (Anhang 3.2.2), in der Tabelle mit den lärmtechnischen Daten der
Gebäude (Anhang 4.1), in der Tabelle mit den projektierten Sanierungsmassnahmen an
Gebäuden (Anhang 6.1) sowie in den Erleichterungsanträgen Nrn. 52-58 und 65-72. Der
Umstand, dass die F._strasse ursprünglich auf dem Titelblatt fehlte, ändert nichts
daran, dass sie Teil des Lärmsanierungsprojekts bildet, das von der Fachstelle Lärmschutz
geprüft und für gut befunden wurde. Der Beschwerdeführerin ist durch diesen blossen
redaktionellen Fehler kein Nachteil entstanden, wurde sie doch von der Gemeinde am 13.
August 2018 über das Lärmsanierungsprojekt informiert und konnte dazu Stellung nehmen.
Das Ingenieurbüro, das das Lärmsanierungsprojekt ausgearbeitet hatte, informierte sie
auch darüber, dass die F._strasse Bestandteil des Projekts bilde. Wie die
Gemeinde und die Fachstelle Lärmschutz zu Recht ausführen, besteht unter diesen
Umständen kein Grund, das Lärmsanierungsprojekt allein wegen der fehlenden
Erwähnung der F._strasse auf dem Titelblatt erneut zu prüfen.
3. Massnahmen gegen Strassenlärm
a) Die Liegenschaft der Beschwerdeführerin ist der Empfindlichkeitsstufe (ES) II
gemäss Art. 43 Abs. 1 Bst. b LSV zugeteilt. Für den Strassenverkehrslärm gilt deshalb
gemäss Anhang 3 LSV ein Immissionsgrenzwert (IGW) von 60 dB(A) tags und 50 dB(A)
nachts sowie ein Alarmwert von 70 dB(A) tags und 65 dB(A) nachts. Bei der Liegenschaft
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der Beschwerdeführerin wurde für das Jahr 2035 eine Lärmbelastung von 64 dB(A) tags
und 54 dB(A) nachts ermittelt. Ohne Lärmschutzmassnahmen werden die massgebenden
IGW voraussichtlich um 4 dB(A) tags und 4 dB(A) nachts überschritten sein. Die Gemeinde
als Strasseneigentümerin ist somit unbestritten sanierungspflichtig (vgl. Art. 16 Abs. 1
USG; Art. 13 Abs. 1 LSV), das TBA als zuständige Behörde (vgl. Art. 7 Abs. 1 Bst. b KLSV)
hat ihr aber Erleichterungen gewährt (Art. 17 Abs. 1 USG; Art. 14 Abs. 1 LSV). Die
Beschwerdeführerin macht geltend, da die Gemeinde keine einzige wirksame Massnahme
gegen den Strassenlärm unternehme, sei der gesetzliche Auftrag, die Bevölkerung vor
gesundheitsschädigendem Strassenlärm zu schützen, nicht erfüllt. Die Anstösser der
F._strasse seien die grossen Verlierer in diesem Lärmschutzprojekt. Sie müssten
Schwierigkeiten bei der Vermietung von Wohnungen und eine Hausentwertung in Kauf
nehmen. Die Beschwerdeführerin fordert auf der F._strasse die gleiche
Temporeduktion wie auf der G._strasse. Zur Begründung führt sie aus, es sei
nicht zu verstehen, dass diese Massnahme auf der G._strasse zweckmässig und
auf der weiterführenden F._strasse nicht zweckmässig sei. Die
Beschwerdeführerin bemängelt weiter, dass auf der F._strasse in den Jahren
2016/17 ein konventioneller und nicht ein lärmarmer Strassenbelag eingebaut worden sei.
Sie verlangt eine schriftliche Erklärung der Gemeinde. Die Beschwerdeführerin weist auch
darauf hin, dass der Hauszugang über den N._weg erfolge. Anders als in der
angefochtenen Verfügung dargestellt, würde deshalb eine Lärmschutzwand den
Hauszugang nicht blockieren. In der Nachbargemeinde seien zum Teil sehr hohe
Lärmschutzwände erstellt worden. Die Gemeinde solle sich deshalb unter Einbezug der
Denkmalpflege intensiver mit dem Thema Lärmschutzwände auseinandersetzen und einen
konkreten Lösungsvorschlag ausarbeiten.
b) Bestehende Anlagen, die den gesetzlichen Vorgaben nicht entsprechen, müssen
saniert werden (Art. 16 USG), und zwar so weit, als dies technisch und betrieblich möglich
sowie wirtschaftlich tragbar ist; dabei müssen grundsätzlich die IGW eingehalten werden
(Art. 13 Abs. 2 LSV). Gemäss Art. 13 Abs. 3 LSV sind in einem ersten Schritt Massnahmen
an der Quelle vorzusehen. Stehen diesen Massnahmen überwiegende Interessen
entgegen, sind Massnahmen im Ausbreitungsbereich des Lärms anzuordnen. Würde die
Sanierung unverhältnismässige Betriebseinschränkungen oder Kosten verursachen oder
stehen ihr überwiegende Interessen entgegen, können Erleichterungen gewährt werden
(Art. 17 USG und Art. 14 LSV). Dies setzt eine gesamthafte Interessenabwägung voraus.
Die Gewährung von Erleichterungen zur Überschreitung der IGW in einer bestimmten Si-
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tuation ist eine Ausnahmebewilligung, deren Erteilung nur in Sonderfällen erfolgen darf und
restriktiv gehandhabt werden muss. Sie setzt voraus, dass die in Betracht kommenden
Sanierungsmassnahmen und ihre Auswirkungen hinreichend geprüft wurden. Allerdings
müssen nicht alle denkbaren Alternativen im Detail projektiert werden. Varianten, die
erhebliche Nachteile aufweisen oder offensichtlich unverhältnismässig erscheinen, dürfen
nach einer ersten summarischen Prüfung aus dem Auswahlverfahren ausgeschlossen
werden.6
c) Die Umweltschutzgesetzgebung sieht vor, den Lärm primär an der Quelle zu
reduzieren. Der Strassenverkehrslärm kann insbesondere mittels lärmarmer
Strassenbeläge, Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit oder verkehrsberuhigender
Massnahmen reduziert werden. Gemäss Lärmsanierungsprojekt wurden solche
Massnahmen geprüft. Bei einigen Strassen wurden Geschwindigkeitsreduktionen und
verkehrslenkende Massnahmen vorgesehen, bei anderen (u.a. auch bei der
F._strasse) nicht. Auf eine Belagserneuerung wurde verzichtet, hauptsächlich mit
der Begründung, der bestehende Fahrbahnbelag sei intakt. In ihrer
Beschwerdevernehmlassung macht die Gemeinde geltend, die Geschwindigkeitsreduktion
könne aufgrund der Bedeutung der F._strasse für den Verkehr sowie der
Funktionalität im übergeordneten Strassennetz nicht eingeführt werden. Die öffentlichen
Interessen an der Beibehaltung der bisherig geltenden Höchstgeschwindigkeit würden
überwiegen. Die F._strasse gelte als wichtige Gemeindestrasse und aufgrund
ihrer verkehrsrechtlichen Einordung sowie der Bedeutung für den öffentlichen Verkehr als
sensibles Verkehrsnadelöhr. Die erschliessungsrechtliche Funktion, die der
F._strasse zukomme, könne mit einer Geschwindigkeitsreduktion nicht mehr erfüllt
werden. Der lärmarme Fahrbahnbelag sei zurzeit noch nicht auf dem erforderlichen
technischen Stand und entspreche noch nicht der Strassenbautechnik im Kanton Bern.
d) Das Lärmsanierungsprojekt der Gemeinde und insbesondere die darin enthaltene
Beurteilung der quellenseitigen Massnahmen entsprachen der damaligen Praxis, weshalb
die Fachstelle Lärmschutz dem Antrag der Gemeinde zur Gewährung von Erleichterungen
seinerzeit zustimmte. In ihrer Stellungnahme vom 10. April 2019 weist die Fachstelle
Lärmschutz nun aber auf die neuere bundes- und verwaltungsgerichtliche
6 Vgl. zum Ganzen BGer 1C_11/2017 vom 2. März 2018 E. 2.1 mit weiteren Hinweisen; BVR 2016 S. 340 E. 2 mit weiteren Hinweisen
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Rechtsprechung7 hin, die eine vertiefte Prüfung der quellenseitigen Massnahmen verlangt.
Insbesondere genügt der blosse Hinweis auf die Funktionalität einer Strasse im
übergeordneten Strassennetz nicht, um den Verzicht auf eine Geschwindigkeitsreduktion
zu begründen, sind doch gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung Tempo-30-Zonen
unter den Voraussetzungen von Art. 108 Abs. 2 SSV8 auch auf Hauptstrassen
grundsätzlich zulässig.9 Es widerspricht Art. 14 Abs. 1 LSV, ohne hinreichende Kenntnis
über die Auswirkungen einer Geschwindigkeitsherabsetzung sinngemäss überwiegende
Interessen an der Gewährung von Erleichterungen zu bejahen. Deshalb ist zuerst
abzuklären, ob eine Geschwindigkeitsbegrenzung zu wirksamen Lärmreduktionen
beitragen könnte. Anschliessend ist zu beurteilen, ob eine Temporeduktion in Würdigung
der gesamten konkreten Umstände auch verhältnismässig wäre.10 Wie die Fachstelle
Lärmschutz nachvollziehbar ausführt, gibt es im vorliegenden Fall sowohl Gründe die für,
als auch Gründe die gegen eine Temporeduktion sprechen. Eine Herabsetzung der
Höchstgeschwindigkeit ist somit nicht offensichtlich unverhältnismässig, sondern bedarf
einer näheren Prüfung.
Das Gleiche gilt für die lärmarmen Beläge. Wie die Fachstelle Lärmschutz ausführt, gibt es
dazu neue Erkenntnisse aus dem nationalen Forschungspaket "Lärmarme Beläge
innerorts"11 und aus Versuchen des Kantons mit lärmarmen Belägen auf verschiedenen
Kantonsstrassenabschnitten. Beide Untersuchungen zeigten, dass mit lärmarmen
Strassenbelägen die Lärmbelastung über mehrere Jahre stark vermindert werden kann.
Dass die Wirkung mit der Zeit nachlässt und der Belag möglicherweise früher ersetzt
werden muss als ein konventioneller, ist gemäss verwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung
kein Grund zu sagen, dass der Einbau eines lärmarmen Belags erhebliche Nachteile
aufweisen würde oder offensichtlich unverhältnismässig wäre.12 Ebenso wenig kann es
darauf ankommen, ob in den nächsten fünf Jahren eine Belagserneuerung ansteht.
Gemäss verwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung ist der Zustand des bestehenden
Belags zwar im Rahmen der Verhältnismässigkeitsprüfung einzubeziehen. Es ist aber
7 Vgl. BGer 1C_589/2014 vom 3. Februar 2016, BGer 1C_45/2010 vom 9. September 2010; VGE 2014/208 vom 23. Mai 2016, publiziert in BVR 2016 S. 340 8 Signalisationsverordnung des Bundesrats vom 5. September 1979 (SSV; SR 741.21) 9 Vgl. 136 II 539 E. 2.2 10 Vgl. BGer 1C_45/2010 vom 9. September 2010 E. 2.5 11 Vgl. dazu https://www.bafu.admin.ch, Rubriken «Themen, Lärm, Fachinformationen, Massnahmen, Strassenlärm, Lärmarme Beläge» 12 Vgl. dazu BVR 2016 S. 340 E. 5.4
https://www.bafu.admin.ch
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immer auch das Lärmminderungspotential zu berücksichtigen. Ergibt sich, dass mit dem
Einbau eines lärmarmen Strassenbelags eine wesentliche Verbesserung der Lärmsituation
erreicht werden kann, tritt das Argument der fehlenden Amortisation des bestehenden
Belags in den Hintergrund. Unter Umständen ist somit ein lärmarmer Belag selbst dann
einzubauen, wenn der bestehende Belag noch nicht zwingend erneuert werden müsste.13
e) Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass Erleichterungen nach Art. 14 Abs. 1
LSV nur erteilt werden können, wenn alle möglichen und zumutbaren
Sanierungsmassnahmen ausgeschöpft worden sind. Ob dies im vorliegenden Fall zutrifft,
kann aufgrund des Lärmsanierungsprojekts der Gemeinde nicht beurteilt werden. Ohne
nähere Abklärung des Lärmminderungspotentials einer Herabsetzung der
Höchstgeschwindigkeit oder des Einbaus eines lärmarmen Belags können keine
Erleichterungen gewährt werden. Insoweit ist die Beschwerde somit begründet. Bei diesem
Ergebnis kann offen gelassen werden, ob die Erstellung einer Lärmschutzwand
unverhältnismässige Kosten verursachen würde und ob ihr überwiegende Interessen der
Denkmalpflege und des Ortsbildschutzes entgegenstehen würden.
4. Regelmässige Kontrollen des Strassenlärms
a) Die Beschwerdeführerin fordert von der Gemeinde eine regelmässige Kontrolle des
Lärmpegels auf der F._strasse (beispielsweise alle zwei Jahre). Die Ergebnisse
seien den betroffenen Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer schriftlich mitzuteilen.
Die Gemeinde weist in ihrer Beschwerdevernehmlassung darauf hin, die Sanierungspflicht
der Strasseneigentümerin ergebe sich aus Art. 13 LSV und stelle eine Daueraufgabe dar.
Bei geänderten tatsächlichen Verhältnissen könne sie wieder aufleben.
b) Die Vollzugsbehörde hält in ihrem Entscheid über die Erstellung, Änderung oder
Sanierung einer Anlage die zulässigen Lärmimmissionen fest (Art. 37a Abs. 1 LSV). Mit
dem Sanierungsentscheid werden somit die maximal zulässigen Lärmimmissionen
festgelegt.14 Die Vollzugsbehörde kontrolliert spätestens ein Jahr nach der Durchführung
der Sanierungen und Schallschutzmassnahmen, ob diese den angeordneten Massnahmen
entsprechen. In Zweifelsfällen prüft sie die Wirksamkeit der Massnahmen (Art 18 LSV). In
13 Vgl. dazu BVR 2016 S. 340 E. 7.3.2 14 G. Schguanin/T. Ziegler, Leitfaden Strassenlärm, Vollzugshilfe für die Sanierung, Stand Dezember 2006 (im Folgenden: Leitfaden Strassenlärm), S. 18
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der Regel erfolgt eine Überprüfung durch Lärmmessungen. Als Abschluss der
Sanierungsarbeiten und nach der Erfolgskontrolle sind die aktuellen Lärmbelastungen im
Lärmbelastungskataster nachzuführen und periodisch auf ihre Gültigkeit zu prüfen.15 Jede
Person kann die Lärmbelastungskataster so weit einsehen, als nicht das Fabrikations- und
Geschäftsgeheimnis und keine anderen überwiegenden Interessen entgegenstehen (Art.
37 Abs. 6 LSV). Nach Art. 36 Abs. 1 LSV ermittelt die Vollzugsbehörde die
Aussenlärmimmissionen ortsfester Anlagen oder ordnet deren Ermittlung an, wenn sie
Grund zur Annahme hat, dass die massgebenden Belastungsgrenzwerte überschritten sind
oder ihre Überschreitung zu erwarten ist. Steht fest oder ist zu erwarten, dass die
Lärmimmissionen einer Anlage von den im Entscheid festgehaltenen Immissionen auf
Dauer wesentlich abweichen, so trifft die Vollzugsbehörde die notwendigen Massnahmen
(Art. 37a Abs. 2 LSV). In der Praxis geht man davon aus, dass die Lärmimmissionen über
die Dauer von mindestens 3 Jahren mindestens 1 dB(A) überschreiten müssen, damit sie
als wesentlich gelten. Falls die IGW überschritten sind, wird eine weitere Sanierung
notwendig.16
c) Die Fachstelle Lärmschutz weist in ihrer Stellungnahme darauf hin, für eine Zunahme
der Lärmimmissionen um mehr als 1 dB(A) müssten die Verkehrszahlen bei
gleichbleibendem Anteil lärmiger Fahrzeuge im Vergleich zum Prognosezustand nochmals
um 25 % zunehmen. Deshalb erachte sie die von der Beschwerdeführerin verlangte,
regelmässige Kontrolle des Lärmpegels als nicht erforderlich. Die Ermittlungs- und
Kontrollpflichten der zuständigen Behörde sind, wie oben dargelegt, gesetzlich geregelt.
Ob Grund zur Annahme besteht, dass die Belastungsgrenzwerte überschritten werden, ist
aufgrund einer vorweggenommenen Würdigung der Lärmsituation zu beantworten. Wird
diese Frage bejaht, so ist die Behörde zur Durchführung eines Beweis- und
Ermittlungsverfahrens verpflichtet.17 Die Gemeinde unabhängig davon zusätzlich zu
verpflichten, regelmässige Kontrollen durchzuführen, wäre nicht sachgemäss und würde
nur ungerechtfertigten Aufwand generieren. Insoweit ist die Beschwerde deshalb
unbegründet.
5. Ergebnis und Rückweisung
15 Leitfaden Strassenlärm, S. 40 16 Leitfaden Strassenlärm, S. 19 17 Vgl. BGer 1C_311/2007 vom 21. Juli 2008 E. 3.6
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a) Aus den bisherigen Erwägungen ergibt sich, dass kein Grund besteht, das
Lärmsanierungsprojekt allein wegen der fehlenden Erwähnung der F._strasse auf
dem Titelblatt erneut zu prüfen. Ebenso wenig besteht ein Anlass, die Gemeinde über die
gesetzliche Regelung hinaus zu regelmässigen Kontrollen der Lärmpegel zu verpflichten.
Hingegen kann aufgrund des Lärmsanierungsprojekts der Gemeinde nicht beurteilt
werden, ob Erleichterungen nach Art. 14 Abs. 1 LSV erteilt werden können. Ohne vertiefte
Abklärung des Lärmminderungspotentials einer Herabsetzung der allgemeinen
Höchstgeschwindigkeit oder des Einbaus eines lärmarmen Belags können keine
Erleichterungen gewährt werden. Nach dem Gesagten erweist sich die Streitsache wegen
der unvollständigen Sachverhaltsabklärung im vorinstanzlichen Verfahren als nicht
entscheidreif. Es ist nicht Aufgabe der BVE als Beschwerdeinstanz, als erste Instanz
abzuklären, ob Massnahmen an der Quelle realisiert werden können. In Gutheissung der
Beschwerde wird die angefochtene Verfügung daher aufgehoben und die Sache gestützt
auf Art. 72 Abs. 1 VRPG zur weiteren Abklärung an die Gemeinde zurückgewiesen.18
b) Betreffend die lärmarmen Beläge hat die Vorinstanz zu ermitteln, ob die notwendige
Wirkung erreicht werden kann. Sie hat dabei die neusten Entwicklungen in diesem Bereich
zu berücksichtigen und insbesondere die Erkenntnisse aus dem Schlussbericht zum
nationalen Projekt "Lärmarme Strassenbeläge innerorts" zu beachten. Kann eine
lärmreduzierende Wirkung erreicht werden, ist in einem zweiten Schritt die
Verhältnismässigkeit der Massnahme zu prüfen. Hier ist unter anderem von Bedeutung,
wie viele Personen von einem lärmarmen Belag profitieren. Kann aufgrund eines
lärmarmen Belags auf andere Massnahmen wie beispielsweise Lärmschutzwände
verzichtet werden, sind damit allfällig verbundene Einsparungen in der
Verhältnismässigkeitsprüfung mit zu berücksichtigen. Zur wirtschaftlichen Tragbarkeit und
Verhältnismässigkeit von Lärmschutzmassnahmen kann die gleichnamige Vollzugshilfe
des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) herangezogen werden.19
c) Betreffend die Geschwindigkeitsreduktion hat sich die Gemeinde für das weitere
Vorgehen an der Arbeitshilfe "Abweichende Höchstgeschwindigkeit" des Tiefbauamts des
18 Vgl. Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 72 N. 3 19 Einsehbar unter <https://www.bafu.admin.ch> Rubriken «Themen, Lärm, Publikationen und Studien, Wirtschaftliche Tragbarkeit und Verhältnismässigkeit von Lärmschutzmassnahmen»
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Kantons Bern zu orientieren.20 Darin wird in Kapitel 8 die jüngere Rechtsprechung
betreffend Lärmsanierungen aufgegriffen und definiert, wie bei
Geschwindigkeitsreduktionen im Rahmen des Lärmschutzes vorzugehen ist. In der
Verhältnismässigkeitsprüfung ist u.a. von Bedeutung, wie viele Personen von der geprüften
Lärmschutzmassnahme profitieren würden und ob zusätzliche bauliche Massnahmen
notwendig sind. Sollten sich mit den quellenseitigen Massnahmen weitere
Lärmschutzmassnahmen erübrigen, sind damit allfällig eingesparte Kosten ebenfalls zu
berücksichtigen.
6. Kosten
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108
Abs. 1 und 2 VRPG). Die Beschwerdeführerin ist nicht durch einen berufsmässigen
Parteivertreter vertreten. Es sind keine Parteikosten zu sprechen (Art. 104 VRPG).