Decision ID: 6015434c-9eab-49ba-a363-2dd57a2dbf88
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_006
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Verwaltungsgericht entnimmt den Akten:
A.
1.
A. und B. (geb. XXX und YYY) werden mit ihrem Sohn G. (geb. ZZZ) von
der Gemeinde C. materiell unterstützt.
Im Zusammenhang mit der Gewährung der materiellen Hilfe kam es zu
mehreren Rechtsmittelverfahren. In diesem Zusammenhang erhoben A.
und B. Strafanzeige gegen den Leiter der Sozialen Dienste C., K..
Am 24. Juni 2021 wendeten sich A. und B. an K. und verlangten, dass er
in ihren Angelegenheiten künftig in den Ausstand zu treten habe.
2.
Der Gemeinderat C. wies das Gesuch mit Protollauszug vom 26. Juli 2021
ab.
B.
1.
Parallel dazu waren A. und B. mit Eingabe vom 30. Juni 2021 an das
Departement Gesundheit und Soziales (DGS), Kantonaler Sozialdienst,
gelangt und hatten unter anderem folgenden Antrag gestellt:
Der Gesuchsgegner, Herr K., sei für sämtliche zukünftigen sozialhilferechtlichen Angelegenheiten von A., B. und G. in den Ausstand zu schicken.
2.
In der Folge sistierte das DGS sein Verfahren bis zum Vorliegen des ge-
meinderätlichen Entscheids über das bei K. eingereichte
Ausstandsgesuch.
3.
Schliesslich behandelte der Kantonale Sozialdienst die Eingabe als Auf-
sichtsanzeige, beantwortete diese am 31. August 2021 und hielt dabei zu-
sammenfassend fest, es bestehe aus aufsichtsrechtlicher Sicht kein Hand-
lungsbedarf.
C. 1.
Gegen den Entscheid des DGS vom 31. August 2021 erhoben A. und B.
mit Eingabe vom 22. September 2021 Verwaltungsgerichtsbeschwerde mit
folgenden Anträgen:
- 3 -
1. Die vorliegende Beschwerde sei gutzuheissen.
2. Der Entscheid des Departementes Gesundheit und Soziales, Kantonaler Sozialdienst, Beschwerdestelle SPG, Obere Vorstadt 3, Postfach, 5001 Aarau, vom 31. August 2021 (BE.2021.100) sei aufzuheben.
3. K. sei für sämtliche zukünftigen sozialhilferechtlichen Angelegenheiten von A., B. und G. in den Ausstand zu schicken.
4. Eventualiter sei die Sache mit klaren Erwägungen des  an die Vorinstanz zur Neubeurteilung zurückzuweisen.
5. Den Beschwerdeführern sei für das vorinstanzliche Verfahren BE.2021.100 die vollumfängliche unentgeltliche Rechtspflege zu . Rechtsanwalt Sandor Horvath sei als unentgeltlicher Rechtsbeistand zu ernennen.
6. Rechtsanwalt Sandor Horvath sei für das vorinstanzliche Verfahren BE.2021.100 mit CHF 1'700.00 zuzüglich CHF 43.80 Auslagen und CHF 134.25 Mehrwertsteuer (total CHF 1'878.05) zu entschädigen.  sei die Sache zur Kostenverlegung an die Vorinstanz zum neuen Entscheid zurückzuweisen.
7. Den Beschwerdeführern sei für das Beschwerdeverfahren die  unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren. Rechtsanwältin Larissa Morard sei als unentgeltliche Rechtsbeiständin zu ernennen.
8. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der , eventualiter zu Lasten des Staates.
2.
Das DGS ersuchte am 15. Oktober 2021 um Abweisung der Beschwerde
unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdeführer.
3.
In der Beschwerdeantwort vom 23. Dezember 2021 beantragte der Ge-
meinderat C.:
Die Beschwerde sei vollumfänglich abzuweisen, eventualiter sei auf die Beschwerde nicht einzutreten.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdeführer in solidarischer Haftbarkeit.
- 4 -
4.
Die Beschwerdeführer nahmen in der Replik vom 31. Januar 2022 Stellung.
5.
Die zuständige Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach stellte das Strafverfah-
ren gegen K. mit Verfügung vom 8. April 2022 ein.
6.
Am 12. Mai 2022 reichten die Beschwerdeführer weitere Unterlagen ein.
7.
In der Duplik vom 30. Mai 2022 stellte der Gemeinderat C. folgende An-
träge:
1. Die Beschwerde sei vollumfänglich abzuweisen, eventualiter sei auf die Beschwerde nicht einzutreten.
2. Das Gesuch der Beschwerdeführer auf URP sei vollumfänglich .
8.
Das Verwaltungsgericht hat den Fall am 26. Oktober 2022 beraten und ent-
schieden.

Das Verwaltungsgericht zieht in Erwägung:
I.
1.
1.1.
Der Gemeinderat oder eine von ihm eingesetzte Sozialkommission ist die
Sozialbehörde der Gemeinde (§ 44 Abs. 1 Satz 1 des Gesetzes über die
öffentliche Sozialhilfe und die soziale Prävention vom 6. März 2001 [Sozial-
hilfe- und Präventionsgesetz, SPG; SAR 851.200]). Diese trifft gemäss
§ 44 Abs. 2 SPG die nach diesem Gesetz erforderlichen Verfügungen und
Entscheide, soweit die Zuständigkeit nicht ausdrücklich einer anderen Be-
hörde zugewiesen ist. Nach § 58 Abs. 1 SPG können Verfügungen und
Entscheide der Sozialbehörden mit Beschwerde beim Departement Ge-
sundheit und Soziales (DGS) angefochten werden (§ 39a der Sozialhilfe-
und Präventionsverordnung vom 28. August 2002 [SPV; SAR 851.211]).
Die Entscheide des DGS können an das Verwaltungsgericht weitergezo-
gen werden (§ 58 Abs. 2 SPG). Rechtsverweigerung und Rechtsverzöge-
rung sind anfechtbaren Entscheiden gleichgestellt (§ 41 Abs. 2 des Geset-
zes über die Verwaltungsrechtspflege vom 4. Dezember 2007 [Verwal-
tungsrechtspflegegesetz, VRPG; SAR 271.200]).
- 5 -
Die Gemeinde C. verfügt über eine Sozialkommission, die grundsätzlich in
Sozialhilfesachen erstinstanzlich entscheidet. Deren Entscheide können
beim DGS bzw. dessen Sektion "Beschwerdestelle SPG" als verwaltungs-
interner Beschwerdeinstanz angefochten werden; der entsprechende Be-
schwerdeentscheid unterliegt der Verwaltungsgerichtsbeschwerde. Dem
Entscheid des DGS vom 31. August 2021 liegt kein erstinstanzlicher Ent-
scheid der Sozialkommission zu Grunde und Rechtsverweigerung bzw.
Rechtsverzögerung wurde im betreffenden Verfahren nicht geltend ge-
macht. Insofern liegt kein Rechtsmittelentscheid der Beschwerdestelle
SPG im Sinne von § 58 Abs. 2 SPG vor.
1.2.
Der Gemeinderat C. hat am 26. Juli 2021 in seiner Funktion als Aufsichts-
instanz über die kommunale Verwaltung (vgl. § 37 Abs. 2 lit. b des Geset-
zes über die Einwohnergemeinden vom 19. Dezember 1978 [Gemeinde-
gesetz, GG; SAR 171.100]) entschieden, dass der Leiter der Sozialen
Dienste in künftigen Angelegenheiten betreffend die Beschwerdeführer
nicht generell in den Ausstand zu treten habe. Dabei handelt es sich nicht
um einen Entscheid im Sinne von § 16 Abs. 4 VRPG; ein solcher liegt nur
vor, wenn die Mitwirkung am Erlass eines bestimmten Entscheids zur Dis-
kussion steht (vgl. § 16 Abs. 1 VRPG). Vorliegend war jedoch nicht die Aus-
standspflicht in Bezug auf einen bestimmten Entscheid umstritten; vielmehr
ging es um eine generelle Ausstandspflicht in Bezug auf sämtliche aktuel-
len und künftigen Angelegenheiten der Sozialen Dienste betreffend die Be-
schwerdeführer. Da der Gemeinderat (zu Recht) als Aufsichtsbehörde ent-
schieden hat, lag kein Entscheid vor, der gestützt auf § 58 Abs. 1 SPG mit-
tels Beschwerde beim DGS hätte angefochten werden können. Es handelt
sich um keinen selbständig anfechtbaren Zwischenentscheid über den
Ausstand.
1.3.
Es ist somit festzuhalten, dass das DGS nicht als Rechtsmittelinstanz ent-
schieden hat und daher kein Rechtsmittelentscheid im Sinne von § 58
Abs. 2 SPG vorliegt, der beim Verwaltungsgericht angefochten werden
könnte.
2.
2.1.
Die Sozialhilfegesetzgebung weist dem DGS neben seiner Zuständigkeit
als verwaltungsinterner Beschwerdeinstanz (§ 58 Abs. 1 SPG; § 39a SPV)
weitere Befugnisse zu. Zu erwähnen sind insbesondere die dem Kantona-
len Sozialdienst zustehenden erstinstanzlichen Entscheidkompetenzen
(vgl. § 39 SPV). Darüber hinaus sind dem DGS im Bereich der Sozialhilfe
die allgemeinen Aufsichtszuständigkeiten der kantonalen Behörde über die
Gemeinden übertragen. Diese Aufsichtstätigkeit wird grundsätzlich durch
- 6 -
den Regierungsrat und das sachzuständige Departement ausgeübt (vgl.
§ 90 Abs. 1 der Verfassung des Kantons Aargau vom 25. Juni 1980 [KV;
SAR 110.000] und § 100 Abs. 2 GG). Der Regierungsrat hat die Behand-
lung von Aufsichtsanzeigen an das Departement delegiert (vgl. § 13 Abs. 2
des Gesetzes über die Organisation des Regierungsrates und der kanto-
nalen Verwaltung vom 26. März 1985 [Organisationsgesetz; SAR 153.100]
i.V.m. § 8 der Verordnung über die Delegation von Kompetenzen des Re-
gierungsrats vom 10. April 2013 [Delegationsverordnung, DelV;
SAR 153.113]). Departementsintern liegt die betreffende Aufsichtskompe-
tenz beim Kantonalen Sozialdienst (vgl. Entscheid des Verwaltungsge-
richts WBE.2016.346 vom 8. Februar 2017, Erw. II/6).
2.2.
Gemäss § 38 Abs. 1 VRPG kann jede Person jederzeit Tatsachen, die im
öffentlichen Interesse ein Einschreiten von Amtes wegen gegen Behörden
gemäss § 1 Abs. 2 VRPG und deren Mitarbeitende erfordern, der Auf-
sichtsbehörde anzeigen. Der anzeigenden Person stehen keine Partei-
rechte zu. Sie hat Anspruch auf Beantwortung, wenn sie nicht missbräuch-
lich handelt (§ 38 Abs. 2 VRPG).
Die Aufsichtsanzeige kann sich gegen alle Verwaltungshandlungen richten,
sowohl gegen Entscheide als auch gegen nicht förmliches Verwaltungs-
handeln (vgl. ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtpflege des Bundes, 3. Auflage,
Zürich/Basel/Genf, Rz. 772). Die Aufsichtsanzeige ist kein formelles
Rechtsmittel, sondern formloser Rechtsbehelf. Dem Anzeiger steht kein
materieller Prüfungs- und Erledigungsanspruch zu (MICHAEL MERKER,
Rechtsmittel, Klage und Normenkontrollverfahren nach dem aargauischen
Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege, Kommentar zu den §§ 38-72
[a]VRPG, Zürich 1998, § 59a N 3; Botschaft des Regierungsrats des Kan-
tons Aargau an den Grossen Rat vom 14. Februar 2007, VRPG, Bericht
und Entwurf zur 1. Beratung, 07.27, S. 50). Die mit der Aufsichtsanzeige
geltend gemachten Begehren sind vielfältiger als bei den Rechtsmitteln und
den übrigen Rechtsbehelfen: Es kann jede Massnahme angeregt werden,
zu deren Anordnung die Aufsichtsbehörde befugt ist, insbesondere auch
disziplinarische Massnahmen (vgl. ULRICH HÄFELIN/GEORG MÜLLER/FELIX
UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 8. Auflage, Zürich/St. Gallen
2020, Rz. 1205).
Das Aufsichtsverfahren ist grundsätzlich kostenfrei und eine Parteientschä-
digung steht den Anzeigenden mangels Parteistellung nicht zu (vgl.
MERKER, a.a.O., § 59a N 31; REGINA KIENER/BERNHARD RÜTSCHE/MATHIAS
KUHN, Öffentliches Verfahrensrecht, Zürich/St. Gallen 2021, Rz. 2052;
HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, a.a.O., Rz. 1199; BGE 144 II 167, Erw. 3). So-
mit kommen im betreffenden Verfahren die unentgeltliche Rechtspflege
und Vertretung nicht zum Tragen.
- 7 -
2.3.
Da vorliegend keine Entscheide über den Ausstand im Sinne von § 16
Abs. 4 VRPG ergehen konnten (vgl. vorne Erw. 1.2), behandelten der Ge-
meinderat C. und die Beschwerdestelle SPG die Eingaben der Beschwer-
deführer jeweils zu Recht als Aufsichtsanzeigen.
Lehnt es die Behörde ab, auf eine Anzeige einzugehen, oder leistet sie ihr
keine Folge, steht den Anzeigenden lediglich die Aufsichtsanzeige an die
nächsthöhere Verwaltungsinstanz offen. Es bleibt den Anzeigern verwehrt,
den Rechtsmittelweg zu beschreiten, da keine Rechtsstreitigkeit vorliegt
(KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 783; vgl. KIENER/RÜTSCHE/KUHN,
a.a.O., Rz. 2050; HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, a.a.O., Rz. 1209; BGE 133 II
468, Erw. 2). Folglich konnte der Beschluss des Gemeinderats C. vom
26. Juli 2021 nicht mit Verwaltungsbeschwerde angefochten werden;
ebenso wenig kann der Entscheid des DGS vom 31. August 2021 mittels
Verwaltungsgerichtsbeschwerde weitergezogen werden. Die beiden Ant-
worten auf die Aufsichtsanzeigen enthielten denn auch jeweils keine