Decision ID: 9e6fbc3b-75d6-465b-977c-2600d71a20c6
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ X.Y. wurde am 10. November 1988 im heutigen Mazedonien geboren. Zusammen
mit seinen Eltern und seinem Bruder D. (geb. 1983) reiste er am 6. September 1992 in
die Schweiz ein und erhielt eine Aufenthaltsbewilligung. Am 7. Oktober 1993 kam seine
Schwester E. zur Welt. Seit 2. Dezember 2002 besitzt X.Y. die
Niederlassungsbewilligung. Nach Beendigung der obligatorischen Schulzeit war er
gelegentlich in verschiedenen Unternehmen und bei seinem Vater angestellt. Seit
1. Januar 2012 ist er als Montagemitarbeiter bei der R. AG, erwerbstätig. Er wohnt bei
seinen Eltern in F.
B./ Vom Kreisgericht Untertoggenburg-Gossau wurde X.Y. am 19. März 2008 wegen
Geiselnahme, Raub, Diebstahl, Erpressung, Nötigung, mehrfacher einfacher
Körperverletzung, mehrfacher versuchter Erpressung, Tätlichkeit und mehrfacher
Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten,
davon elf Monate bedingt aufgeschoben bei einer Probezeit von drei Jahren, und einer
Busse von Fr. 100.- verurteilt. In der Anklageschrift vom 1. Februar 2008 wurde zu den
persönlichen Verhältnissen von X.Y. ausgeführt, seine Schilderungen des sexuellen
Missbrauchs durch einen 2003 verstorbenen pädophilen Täter, der in den Jahren 1995
und 2001 wegen mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern zu unbedingten
Freiheitsstrafen verurteilt worden war, am früheren Wohnort, wo er ab 1998 gelebt
hatte, dürften zutreffen.
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Abgesehen von der Verurteilung vom 19. März 2008 fiel X.Y. seit seiner Jugend auch
wegen weniger schwerer Delikte auf: Am 29. Dezember 2003 erteilte ihm der
Jugendanwalt des Bezirks Zürich einen Verweis wegen mehrfacher Übertretung des
Betäubungsmittelgesetzes. Die Jugendanwaltschaft Gossau belangte ihn am 7. April
2006 wegen Entwendung des Motorfahrzeugs seines Vaters zum Gebrauch, Fahrens
ohne Führerausweis und unerlaubten Konsums von Betäubungsmitteln mit einer
fünftägigen bei einer Probezeit bis 10. November 2006 bedingt aufgeschobenen
Einschliessungsstrafe, am 24. August 2006 wegen Diebstahls mit einer Arbeitsleistung
von fünf Halbtagen und am 19. Dezember 2006 – er hatte ein fremdes Gleis-7-
Abonnement verwendet - wegen wiederholten Betrugs, versuchten Betrugs, Fahrens
ohne gültigen Fahrschein und unrechtmässiger Aneignung einer Fundsache mit einer
Busse von Fr. 300.-. Das Untersuchungsamt Gossau büsste ihn am 2. Mai 2007 wegen
einfacher Verkehrsregelverletzung, pflichtwidrigen Verhaltens nach Verkehrsunfall und
Führens eines Motorfahrzeugs ohne Führerausweis mit Fr. 1'500.-. Am 11. Juli 2008
wurde er wegen Widerhandlung gegen das Transportgesetz gebüsst.
Das Migrationsamt drohte X.Y. am 18. August 2008 den Widerruf der
Niederlassungsbewilligung an. Am 24. September 2009 wurde er wegen fahrlässiger
Tierquälerei/fahrlässiger Misshandlung – am 5. April 2009 hatten sich zwei von ihm
ausgeführte und wider besseres Wissen von der Leine gelassene Hunde auf einen
anderen Hund gestürzt – mit Fr. 500.- sowie am 26. August und am 8. Oktober 2010
wegen mehrerer Widerhandlungen gegen das Personenbeförderungsgesetz mit je
Fr. 60.- gebüsst. Schliesslich wurde er vom Untersuchungsamt Gossau mit
Strafbefehlen vom 20. Januar 2011 wegen Gehilfenschaft zu Diebstahl,
Sachbeschädigung, Hausfriedensbruchs und geringfügigen Vermögensdelikts
(Diebstahl) sowie mehrfacher Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes zu einer
Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu je Fr. 30.- und einer Busse von Fr. 400.- und vom
10. Mai 2011 wegen Nötigung – er hatte seiner Freundin, die damals nichts mehr von
ihm wissen wollte, nachgestellt – und Betrugs, teilweise im Zusatz zum Strafbefehl vom
20. Januar 2011, zu einer bei einer Probezeit von zwei Jahren bedingt vollziehbaren
Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je Fr. 30.- verurteilt.
C./ Mit dem Wunsch, einen vollständigen Opiatentzug durchzuführen, verbrachte X.Y.
von Februar bis November 2011 196 Tage auf der Entzugs- und Therapiestation der
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Psychiatrischen Klinik in Wil. Während des Entzugs entwickelte er eine schwere Krise
mit selbstverletzendem Verhalten und suizidalen Gedanken, weil er von Erinnerungen
an die wiederholten sexuellen Gewalterfahrungen im Alter von neun bis elf Jahren
überflutet wurde. Am 2. Mai 2011 erhielt X.Y. Gelegenheit, sich zum vorgesehenen
Widerruf seiner Niederlassungsbewilligung zu äussern. Aus einem zu den Akten
gereichten Bericht der Psychiatrischen Klinik Wil vom 26. Mai 2011 ergibt sich, dass
X.Y. in der Jugend - um die posttraumatische Symptomatik (quälende Erinnerungen,
Albträume, schwer aushaltbare Gefühle von Scham und Schuld) erträglicher zu machen
bzw. um sich selbst zu "betäuben" - mit dem Konsum psychotroper Substanzen
begonnen und in der Folge eine mittlerweile viele Jahre dauernde
Suchtmittelabhängigkeit entwickelt hatte und unter dem Wegfall der
emotionsregulierenden Wirkung von Methadon zunehmend dekompensierte. Die
behandelnde Klinik führte an, zurzeit würden - auch zusammen mit seinen Eltern und
seiner Partnerin - die Grundlagen einer traumaspezifischen psychotherapeutischen
Behandlung erarbeitet. X.Y. bedürfe - möglicherweise in einer spezialisierten Institution
- einer langen sucht- und psychotherapeutischen Behandlung, welche sowohl die
Suchtmittelabhängigkeit als auch die Traumafolgestörung berücksichtige (vgl. act.
9/653 und 654).
Am 13. Juli 2011 widerrief das Migrationsamt die Niederlassungsbewilligung von X.Y.
Zur Begründung wurde unter anderem ausgeführt, die sexuelle Gewalterfahrung im
Kindesalter als Grund seiner Drogensucht und all seiner Straftaten, die mehrheitlich
nicht als klassische Beschaffungsdelikte qualifiziert werden könnten, anzuführen, greife
zu kurz. Diese Umstände seien – sofern tatsächlich vorhanden – bei der
Strafzumessung zu würdigen. Die Therapie könne zudem auch im Ausland
durchgeführt werden. X.Y. reagierte in der psychotherapeutischen Behandlung unter
dem Eindruck der drohenden Wegweisung mit einer weiteren sehr heftigen suizidalen
Krise. Angesichts der realen äusseren Bedrohung war die stationäre Therapie nicht
weiter sinnvoll durchführbar und wurde sistiert.
D./ Den gegen den Widerruf der Niederlassungsbewilligung am 28. Juli 2011
erhobenen Rekurs wies das Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St.
Gallen (nachfolgend Vorinstanz) am 21. Juni 2012 ab. Zur Begründung wird unter
Hinweis auf die strafrechtlichen Verurteilungen ausgeführt, die Androhung des
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Widerrufs der Niederlassungsbewilligung am 18. August 2008 habe X.Y. wenig
beeindruckt. Trotz des Methadonprogramms habe er weiterhin Marihuana konsumiert
und sei am 1. März 2012 bestraft worden, weil er am 11. November 2011 ein iPhone
entwendet und für die Rückgabe Fr. 100.- verlangt habe. Die Straftaten gingen
wesentlich über die übliche Beschaffungskriminalität hinaus. Trotz des langen
Aufenthalts habe er sich beruflich in der Schweiz nicht integrieren können. Er habe
noch Verbindungen zu seinem Heimatland, wo er die ersten Jahre aufgewachsen sei
sowie Ferien verbracht und sich im Jahr 2010 für drei Monate aufgehalten habe, um
von seiner Drogensucht loszukommen. Den Kontakt zu seinen Familienangehörigen
könne er mit modernen Kommunikationsmitteln und mit Besuchen aufrecht erhalten.
Die verminderten Resozialisierungschancen in Mazedonien seien kein Kriterium.
E./ Gegen den Entscheid vom 21. Juni 2012 (zugestellt am 25. Juni 2012) erhob X.Y.
(nachfolgend Beschwerdeführer) durch seinen Rechtsvertreter mit Eingabe vom 9. Juli
2012 und Ergänzung vom 16. August 2012 Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit
dem Rechtsbegehren, unter Kosten- und Entschädigungsfolge seien der angefochtene
Entscheid und die Verfügung des Migrationsamts vom 21. Juni 2012 aufzuheben. Er
ersuchte zudem um unentgeltliche Rechtspflege. Auf die Ausführungen zur

Begründung seiner Begehren wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen. Unter Verweis auf die Erwägungen im ihrem Entscheid beantragte die
Vorinstanz am 23. August 2012 die Abweisung der Beschwerde unter Kostenfolge. Am
3. November 2012 verzeigte die Stadtpolizei St. Gallen den Beschwerdeführer wegen
Konsums und Besitzes (2,5 Gramm) von Marihuana.
Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. (...).
2. Die Beschwerde richtet sich gegen den Widerruf der Niederlassungsbewilligung,
welche dem Beschwerdeführer am 2. Dezember 2002 erteilt wurde.
2.1. Nach Art. 63 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und
Ausländer (SR 142.20, abgekürzt AuG) kann die Niederlassungsbewilligung unter
anderem widerrufen werden, wenn die Voraussetzungen nach Art. 62 lit. b AuG erfüllt
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sind. Gemäss Art. 62 Ingress und lit. b AuG kann die zuständige Behörde
Bewilligungen widerrufen, wenn der Ausländer zu einer längerfristigen Freiheitsstrafe
verurteilt wurde. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist diese
Voraussetzung erfüllt, wenn gegenüber dem Ausländer eine Freiheitsstrafe von mehr
als einem Jahr ausgesprochen wurde (BGE 135 II 377 E. 4.1). Ob die Strafe bedingt,
teilbedingt oder unbedingt ausgesprochen wurde, spielt keine Rolle (vgl. BGer
2C_453/2011 vom 28. November 2011 E. 2.2.1 mit Hinweis). Der Beschwerdeführer
wurde mit Urteil des Kreisgerichts Untertoggenburg-Gossau vom 19. März 2008 wegen
Geiselnahme, Raub, Diebstahl, Erpressung, Nötigung, mehrfacher einfacher
Körperverletzung, mehrfacher versuchter Erpressung, Tätlichkeit und mehrfacher
Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten,
davon elf Monate bedingt aufgeschoben bei einer Probezeit von drei Jahren, verurteilt.
Der Beschwerdeführer anerkennt, dass die Voraussetzungen von Art. 62 Ingress und
lit. b AuG damit erfüllt sind (vgl. act. 5, Beschwerdeergänzung Ziff. 5). Der Widerruf der
Niederlassungsbewilligung erweist sich damit grundsätzlich als rechtmässig.
2.2. Sowohl Art. 63 Abs. 1 als auch Art. 62 Ingress und lit. b AuG sind als
"Kann-"Bestimmungen formuliert und räumen der zuständigen Behörde einen
gewissen Ermessensspielraum ein. Zu prüfen ist dementsprechend die
Verhältnismässigkeit der Massnahme.
2.2.1. Eine Interessenabwägung aufgrund des Landesrechts (Art. 96 Abs. 1 AuG) ist in
jedem Fall, eine solche aufgrund des Völkerrechts (Art. 8 Ziff. 2 der Europäischen
Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten; SR 0.101,
abgekürzt EMRK) immerhin dann vorzunehmen, wenn die betroffene Person das Recht
auf Achtung des Privat- und Familienlebens im Sinne von Art. 8 Ziff. 1 EMRK
beanspruchen kann (vgl. BGer 2C_932/2011 vom 7. Juni 2012 E. 3.2). Gemäss Art. 96
Abs. 1 AuG berücksichtigt die zuständige Behörde bei der Ermessensausübung die
öffentlichen Interessen und die persönlichen Verhältnisse sowie den Grad der
Integration der Ausländerinnen und Ausländer. Dabei sind namentlich die Schwere des
Verschuldens bei Straftaten, die Dauer der bisherigen Anwesenheit sowie die dem
Betroffenen und seiner Familie drohenden Nachteile zu berücksichtigen (vgl. BGE 135
II 377 E. 4.3 mit Hinweisen).
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An die Schwere des Verschuldens sind umso strengere Anforderungen zu stellen, je
länger der Betroffene in der Schweiz gelebt hat. Indessen schloss die
bundesgerichtliche Rechtsprechung zum früheren Bundesgesetz über den Aufenthalt
und die Niederlassung von Ausländern selbst bei einem Betroffenen, der in der
Schweiz geboren und sein ganzes bisheriges Leben in der Schweiz verbracht hatte
(Ausländer der "zweiten Generation") bei Gewalt-, Sexual- und
Betäubungsmitteldelikten bzw. wiederholter Straffälligkeit eine Ausweisung nicht aus
(vgl. BGE 122 II 433 E. 2c; 130 II 176 E. 4.4.2). Neben dem strafrechtlichen Verschulden
sind insbesondere die Art und Schwere der Straftat(en), die durch die Straftat
verletzten Rechtsgüter, die Art und Umstände der Tatbegehung (einfache oder
mehrfache Delinquenz) sowie das Verhalten nach der Tat zu berücksichtigen. Dem
strafrechtlichen Resozialisierungsgedanken ist zwar im Rahmen der umfassenden
Interessenabwägung Rechnung zu tragen. Die Prognose über das Wohlverhalten ist
jedoch nicht ausschlaggebend, weil aus der Sicht der Ausländerbehörden das
Interesse der öffentlichen Ordnung und Sicherheit im Vordergrund steht. Aus
ausländerrechtlicher Sicht ist das Risiko eines Rückfalls umso weniger hinzunehmen, je
schwerer die Tat wiegt, welche die ausländische Person verübt hat. Im Zusammenhang
mit Gewaltdelikten muss selbst ein geringes Restrisiko nicht in Kauf genommen
werden (vgl. S. Hunziker, in: Caroni/Gächter/Thurnherr [Hrsg.], Bundesgesetz über die
Ausländerinnen und Ausländer, Stämpflis Handkommentar, Bern 2010, N 12 zu Art. 63
AuG mit Hinweisen auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung). Was das Interesse an
der Fernhaltung betrifft, darf bei ausländischen Personen, die nicht unter das
Abkommen vom 21. Juni 1999 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft
einerseits und der Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaaten anderseits
über die Freizügigkeit (SR 0.142.112.681) fallen, im Rahmen der Interessenabwägung
auch generalpräventiven Gesichtspunkten Rechnung getragen werden (vgl. BGer
2C_932/2011 vom 7. Juni 2012 E. 3.2 mit Hinweisen auf weitere Rechtsprechung).
2.2.2. Das Verschulden des Beschwerdeführers bei den von ihm im Frühjahr 2007
begangenen Straftaten wurde vom Strafgericht im Urteil vom 19. März 2008 als schwer
beurteilt. Auch wenn es bei den Vermögensdelikten um kleine Beträge gegangen sei,
welche der Beschwerdeführer für den täglichen Bedarf eingesetzt habe, und die
Geiselnahme mit 25 Minuten relativ kurz gedauert habe, zeigten die Angriffe auf die
körperliche Integrität und die Freiheit der Opfer doch eine rücksichtslose
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Vorgehensweise. Der Beschwerdeführer habe zum Nachteil jüngerer und schwächerer
Jugendlicher mit dem Ziel, Geld zu beschaffen, gehandelt. Die versuchten
Erpressungen führten nur zu einer leichten Strafmilderung, da das Ausbleiben des
Erfolgs äusseren Umständen und nicht einem Gesinnungswandel des
Beschwerdeführers zuzuschreiben gewesen sei. Die sich strafmindernd auswirkenden
Geständnisse seien nur "häppchenweise" auf Vorhalt hin erfolgt. Aufgrund der
Bagatellisierung der begangenen Straftaten – der Beschwerdeführer habe an der
Verhandlung ausgeführt, er glaube nicht, dass die erpressten Jugendlichen Angst
gehabt hätten – ergäben sich ernsthafte Zweifel an seiner Einsicht in das begangene
Unrecht. Schwer wiege, dass er nach der Untersuchungshaft weiter delinquiert habe
(versuchte Erpressung, Ladendiebstahl, Drogenkonsum).
Die zahlreichen weiteren strafrechtlichen Verurteilungen betrafen hauptsächlich weniger
gravierende Delikte. Insbesondere waren seit der Verurteilung im Jahr 2008 keine
Gewaltdelikte mehr zu verzeichnen. Die Widerhandlungen gegen das
Betäubungsmittelgesetz beschlugen ausschliesslich den eigenen Konsum des
Beschwerdeführers. Dies trifft auch auf den neuerlichen Vorfall vom 3. November 2012
zu. Die Vermögensdelikte bewegten sich in der Regel im Bereich des geringfügigen
Wertes. Insoweit können sie durchaus in einen Zusammenhang mit der
Betäubungsmittelabhängigkeit gebracht werden. Die Widerhandlungen gegen das
Personenbeförderungsgesetz begründete der Beschwerdeführer regelmässig mit
Geldknappheit, die – wie aus den Lebensumständen des Beschwerdeführers zu
schliessen ist – im Zusammenhang mit den fehlenden regelmässigen
Erwerbseinkünften und dem Finanzierungsbedarf für seine Drogenabhängigkeit stand.
Diese Delikte sind insbesondere angesichts ihrer Häufigkeit und Regelmässigkeit trotz
vorangegangener Androhung des Entzugs des Anwesenheitsrechts in der Schweiz und
bis in die jüngste Vergangenheit nicht zu bagatellisieren, ausländerrechtlich indessen
im Licht der folgenden Ausführungen zu gewichten.
Der Beschwerdeführer hat bisher erfolglos versucht, seine
Betäubungsmittelabhängigkeit zu überwinden. Er hielt sich im Jahr 2010 zu diesem
Zweck während dreier Monate in Mazedonien auf. Mit dem Wunsch, einen
vollständigen Opiatentzug durchzuführen, verbrachte er von Februar bis November
2011 196 Tage in der Entzugs- und Therapiestation für Drogenabhängige der
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Psychiatrischen Klinik Wil. Gemäss dem Bericht der Oberärztin vom 6. August 2012
(vgl. act. 9/6) dekompensierte der Beschwerdeführer unter dem Entzug und entwickelte
eine ernsthafte suizidale Krise, weil er von den Erinnerungen an den in der Kindheit und
Jugend erlebten sexuellen Missbrauch durch einen pädophilen Täter überflutet wurde.
Gemäss diesem Bericht zeigte er sich in der Folge sehr belastet und berichtete über
eine ausgeprägte posttraumatische Symptomatik (Intrusionen, d.h. Wiedererinnern und
–erleben von psychotraumatischen Ereignissen, psychovegetative Übererregung und
Vermeidungsverhalten). Beim Versuch, über das traumatisierende Erlebnis zu
sprechen, zeigte er heftige körperliche Reaktionen (motorische Unruhe, Stottern,
Herzklopfen, Schwitzen). Nach Beurteilung der Klinik erschien eine kombinierte
Behandlung der beiden Störungen indiziert. Durch die Reduktion der
posttraumatischen Symptomatik habe der Beschwerdeführer in die Lage versetzt
werden sollen, auf den Heroinkonsum im Sinn einer dysfunktionalen
Bewältigungsstrategie zu verzichten. Der Beschwerdeführer habe auf die Behandlung
gut angesprochen, aber immer wieder auch schwere Krisen erlebt. Im Sommer 2011
habe er auf den Widerruf der Niederlassungsbewilligung mit einer sehr heftigen
suizidalen Krise reagiert und sich im Umgang mit der für ihn äusserst beunruhigenden
und bedrohlichen Situation völlig überfordert gezeigt. Aufgrund der Tatsache, dass
Traumatherapie bei realer äusserer Bedrohung – in diesem Fall die für den
Beschwerdeführer real bedrohliche Situation der möglichen Wegweisung – nicht
sinnvoll durchführbar sei, sei die stationäre Therapie vorerst sistiert worden. Der über
mehrere Jahre andauernde sexuelle Missbrauch habe die persönliche Entwicklung des
Beschwerdeführers ganz massiv beeinträchtigt. Um ein neues, nicht von der Erfahrung
des sexuellen Missbrauchs geprägtes Selbstkonzept zu entwickeln und wenn möglich
wesentliche Entwicklungs- und Reifungsschritte nachzuholen, bedürfe es einer
längeren Psychotherapie, für die es auch in der Schweiz erst wenige Therapieplätze
gebe. Dass ihm in Mazedonien eine adäquate Therapie angeboten werden könne,
müsse hochgradig bezweifelt werden; die Aussichten dürften dort daher ungünstig zu
beurteilen sein.
In der Begründung des Widerrufs hat das Migrationsamt ausgeführt, diese Umstände
seien – soweit tatsächlich vorhanden – bei der Strafzumessung zu würdigen. Im
Zeitpunkt des Urteils des Kreisgerichts vom 19. März 2008 war bekannt, dass die
Schilderungen des Beschwerdeführers, als Kind und Jugendlicher sexuelle Gewalt
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erfahren zu haben, zutreffen dürften. Während der Behandlung, welche der
Beschwerdeführer zur Überwindung seiner Betäubungsmittelabhängigkeit im Februar
2011 in der psychiatrischen Klinik in Wil aufnahm, trat unter dem Entzug eine
ausgeprägte posttraumatische Symptomatik auf, welche die Richtigkeit seiner
Schilderungen bestätigte. Als am 19. März 2008 das Strafurteil erging, bestanden noch
keine Anhaltspunkte zur konkreten Bedeutung dieser Erlebnisse für die weitere
Entwicklung des Beschwerdeführers, so dass diesem Umstand bei der
Strafzumessung, insbesondere bei der Würdigung des Verschuldens, nicht erkennbar
Rechnung getragen wurde. Im Klinikbericht vom 6. August 2012, der im
Beschwerdeverfahren eingereicht wurde und zu dem sich die Vorinstanz nicht
äusserte, wird der Zusammenhang der Gewalterfahrung mit dem
Betäubungsmittelkonsum und den Delikten, mit denen der Beschwerdeführer Geld zur
Finanzierung der Sucht beschaffte, glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt.
Im Zusammenhang mit der Beurteilung des Verschuldens des Beschwerdeführers bei
den diversen Straftaten ist entsprechend den Ausführungen im Bericht der
psychiatrischen Klinik Wil vom 6. August 2012 zu berücksichtigen, dass Menschen, die
in ihrer Kindheit interpersoneller und insbesondere sexueller Gewalt ausgesetzt waren,
als Erwachsene oft grosse Schwierigkeiten haben, Emotionen zu tolerieren und zu
regulieren und dem Suchtmittelkonsum – insbesondere dem Konsum von betäubenden
und angstlösenden Substanzen wie z.B. Heroin – in diesem Zusammenhang der
Stellenwert eines – meistens in der Abhängigkeit endenden –
Selbstbehandlungsversuchs zukommt. Da der Beschwerdeführer als Jugendlicher die
mit dem Missbrauch in Zusammenhang stehenden Emotionen (insbesondere Scham
und Ekel) nicht aushielt und sich auch nicht getraute, mit seinem Umfeld über seine
Erfahrungen zu sprechen, begann er mit dem Konsum psychotroper Substanzen.
Insofern ist von einem Zusammenhang zwischen der Tatsache des sexuellen
Missbrauchs und der Entwicklung einer Suchtmittelabhängigkeit und der
Beschaffungskriminalität auszugehen. Diese Umstände lassen das Verschulden des
Beschwerdeführers zumindest in einem milderen Licht erscheinen. Die fachkundige
therapeutische Behandlung der posttraumatischen Symptomatik und der damit
zusammenhängenden Betäubungsmittelabhängigkeit ist zudem geeignet, das
Rückfallrisiko zu senken.
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Bei der Gewichtung des Verschuldens des Beschwerdeführers und für die Beurteilung
des Rückfallrisikos sind die Zusammenhänge seiner Straftaten mit der sexuellen
Gewalt, welche er im Alter zwischen neun und elf Jahren erfuhr, zu berücksichtigen. In
ausländerrechtlicher Hinsicht wird das öffentliche Interesse am Widerruf der
Niederlassungsbewilligung des Beschwerdeführers zudem durch die Verantwortung
relativiert, welche die hiesige Gesellschaft gegenüber Opfern von Straftaten, die hier
begangen wurden, zu übernehmen hat.
2.2.3. Den durch diese gesellschaftliche Verpflichtung relativierten öffentlichen
Interessen an der Fernhaltung straffällig gewordener Ausländer sind im Rahmen der
Verhältnismässigkeitsprüfung die privaten Interessen des Beschwerdeführers an
seinem Verbleib in der Schweiz gegenüberzustellen.
Der Beschwerdeführer kam als knapp vierjähriges Kleinkind mit seiner Familie in die
Schweiz und hat seither hier gelebt. Mithin wurde er im Wesentlichen in der Schweiz
sozialisiert (vgl. BGer 2C_381/2008 vom 14. Januar 2009 E. 2.4, wonach bei
Kleinkindern gemeinhin noch keine Kontakte über das Elternhaus hinaus bestehen).
Zwar hat er nach dem Besuch der obligatorischen Schulen keine weiterführende
Ausbildung absolviert. Indessen hat er nach der unwidersprochen gebliebenen
Darstellung in der Beschwerde (vgl. act. 5 S. 8) seit 1. Januar 2012 eine Anstellung als
Montagemitarbeiter und erscheint damit - nach verschiedenen kurzen
Gelegenheitsjobs - beruflich erstmals einigermassen stabil integriert.
Beziehungen zwischen Erwachsenen, also auch zwischen Eltern und erwachsenen
Kindern, geniessen nicht ohne weiteres den Schutz von Art. 8 EMRK, wenn keine
zusätzlichen Elemente einer Abhängigkeit bestehen, die über die übliche
gefühlsmässige Bindung hinausgeht. Hingegen trifft es zu, dass das Zusammenleben
volljähriger Kinder, die noch keine eigene Familie gegründet haben, mit ihren Eltern
oder anderen Familienangehörigen als Familienleben im Sinn von Art. 8 EMRK gilt
(vgl. J. Meyer-Ladewig, EMRK-Handkommentar, 3. Aufl. 2011, N 52 zu Art. 8 EMRK mit
Hinweisen auf die Rechtsprechung). Der Bericht der psychiatrischen Klinik vom
6. August 2012 weist auf die besondere Bedeutung hin, welche dem familiären Umfeld,
insbesondere den Eltern, bei denen der Beschwerdeführer zurzeit lebt, und seiner
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Verlobten, für die weitere Behandlung der posttraumatischen Störungen und der damit
zusammenhängenden Betäubungsmittelproblematik zukommt.
Auch wenn sich der mittlerweile 24-jährige Beschwerdeführer bis zum Alter von knapp
vier Jahren und später zu Ferienzwecken und im Jahr 2010 während dreier Monate für
einen allerdings nicht nachhaltig erfolgreichen Drogenentzug in Mazedonien
aufgehalten hat, wäre eine Rückkehr in sein Heimatland mit überdurchschnittlichen
Schwierigkeiten verbunden. Insbesondere wäre – wie im Bericht vom 6. August 2012
dargestellt wird – die adäquate Weiterführung der begonnenen psychotherapeutischen
Behandlung in Frage gestellt.
2.2.4. Zusammenfassend ergibt sich, dass das öffentliche Interesse am Widerruf der
Niederlassungsbewilligung durch die gesellschaftliche Verantwortung gegenüber
Opfern von Straftaten relativiert wird. Es vermag die privaten Interessen des
Beschwerdeführers am weiteren Aufenthalt in der Schweiz, insbesondere an der
Weiterführung einer adäquaten psychotherapeutischen Behandlung und der für diesen
Prozess bedeutsamen familiären Beziehungen nicht aufzuwiegen. Vom
Beschwerdeführer wird jedoch erwartet, dass er die therapeutischen Möglichkeiten
nutzt und die Folgen des selber erlittenen Unrechts nicht weiter in eigenes strafbares
Verhalten münden.
3. Dementsprechend erweist sich der Widerruf der Niederlassungsbewilligung als
unverhältnismässig. Die Beschwerde ist deshalb gutzuheissen und der angefochtene
Rekursentscheid der Vorinstanz vom 21. Juni 2012 aufzuheben.
4. (...).