Decision ID: 6c6c805b-fc08-5a50-87c2-7b7dcb165747
Year: 2015
Language: de
Court: BE_VG
Chamber: BE_VG_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der 1951 geborene A._ (nachfolgend Versicherter bzw. Beschwerdeführer) meldete sich am 4. September 2007 unter Hinweis auf einen Unfall vom 26. Februar 2006 zum Leistungsbezug bei der IV-Stelle Bern (nachfolgend IVB bzw. Beschwerdegegnerin) an (Akten der Invalidenversicherung, Antwortbeilage [AB] 1). Die IVB tätigte in der Folge erwerbliche und medizinische Abklärungen und liess namentlich einen Abklärungsbericht für Selbständigerwerbende erstellen (AB 51).
Mit Vorbescheid vom 10. November 2010 (AB 52) stellte die IVB die Ausrichtung einer befristeten Viertelsrente vom 1. Februar 2007 bis 31. Mai 2008, ausgehend von einem Invaliditätsgrad von 44 %, in Aussicht.
Hiergegen erhob der Versicherte mit Eingabe vom 16. Dezember 2010 (AB 54) Einwand, worauf die IVB am 2. Februar 2011 (AB 62) wie im Vorbescheid vorgesehen verfügte. Dieser Entscheid blieb unangefochten.
B.
Mit Schreiben vom 30. Juni 2014 (AB 89) stellte der Versicherte, vertreten durch Fürsprecher B._ und Fürsprecher C._, den Antrag, die Verfügung vom 2. Februar 2011 (AB 62) sei in Revision zu ziehen und aufzuheben. Im Weiteren beantragte er, es sei ihm rückwirkend per 1. Februar 2007, eventualiter per 1. Juni 2008, eine IV-Rente nach Gesetz zuzusprechen.
Mit Vorbescheid vom 23. Juli 2014 stellte die IVB dem Versicherten in Aussicht, auf das Gesuch um rückwirkende Ausrichtung einer Invalidenrente werde nicht eingetreten (AB 90). Nach erhobenem Einwand vom 4. September 2014 (AB 90) verfügte die IVB am 29. September 2014 (AB 94) entsprechend dem Vorbescheid und trat auf das besagte Gesuch nicht ein.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2015, IV/14/1037, Seite 3
C.
Hiergegen erhob der Versicherte, weiterhin vertreten durch Fürsprecher B._ und Fürsprecher C._, mit Eingabe vom 29. Oktober 2014 Beschwerde mit den folgenden Rechtsbegehren:
1. Die Verfügung der IV-Stelle Bern vom 29. September 2014 sei aufzuheben. 2. Dem Beschwerdeführer sei rückwirkend per 1. Februar 2007 eine IV-Rente nach
Gesetz zuzusprechen, eventualiter sei dem Beschwerdeführer rückwirkend per 1. Juni 2008 eine IV-Rente nach Gesetz zuzusprechen, subeventualiter sei die Sache zwecks rückwirkender Zusprechung einer IV-Rente zugunsten des Beschwerdeführers an die Vorinstanz zurückzuweisen.
- Unter Kosten- und Entschädigungsfolge -
Zur Begründung führte er im Wesentlichen aus, mit Erlass der definitiven Steuerveranlagung vom 5. Juni 2014 stehe fest, dass die Beschwerdegegnerin die Umsatz- und Einkommenszahlen in der Verfügung vom 2. Februar 2011 in Verletzung von Art. 16 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts vom 6. Oktober 2000 (ATSG; SR 830.1) ermittelt habe. Eine Wiedererwägung der Verfügung vom 2. Februar 2011 (AB 62) wäre bzw. sei daher angezeigt.
Mit Beschwerdeantwort vom 1. Dezember 2014 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde.
Mit Zuschrift vom 16. Dezember 2014 liess der Beschwerdeführer dem Gericht Schlussbemerkungen zukommen und führte insbesondere aus, dass er vollumfänglich an seinen Rechtsbegehren und Ausführungen in der Beschwerde festhalte.

Erwägungen:
1.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2015, IV/14/1037, Seite 4
1.1 Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversicherungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 ATSG i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft vom 11. Juni 2009 (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Der Beschwerdeführer ist im vorinstanzlichen Verfahren mit seinen Anträgen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb er zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung vom 19. Juni 1959 [IVG; SR 831.20]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege vom 23. Mai 1989 [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Beschwerde einzutreten.
1.2
1.2.1 Anfechtungsobjekt bildet die Verfügung vom 29. September 2014 (AB 94). Die Beschwerdegegnerin erliess diese Verfügung unter dem Titel „Auf Ihr Wiedererwägungsgesuch wird nicht eingetreten“. Entgegen dieser Bezeichnung bezieht sich die Begründung der Verfügung jedoch auf Art. 53 Abs. 1 ATSG. Es wird dargetan, inwiefern keine neuen Tatsachen oder Beweismittel vorlägen und deshalb auf das Gesuch vom 30. Juni 2014 (AB 89) des Beschwerdeführers nicht einzutreten sei. In der Entscheidformel (Dispositiv) hält die Beschwerdegegnerin alsdann fest, auf das Gesuch um rückwirkende Ausrichtung einer IV-Rente werde nicht eingetreten.
Der Beschwerdeführer führt in seiner Beschwerde vom 29. Oktober 2014 namentlich aus, seit dem 5. Juni 2014 (Datum der definitiven Steuerveranlagung für die Steuerjahre 2007 – 2010) sei sowohl medizinisch als auch einkommensmässig erstellt, dass bei ihm aufgrund der tatsächlichen Umsatz- und Einkommenszahlen von einem dauernd mindestens 60 % übersteigenden Invaliditätsgrad auszugehen sei. Die ursprüngliche Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 2. Februar 2011
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2015, IV/14/1037, Seite 5
(AB 62) sei aus diesem Grund in Wiedererwägung zu ziehen und rückwirkend die entsprechende IV-Rente auszurichten (vgl. Beschwerde S. 7 Ziff. 14).
1.2.2 Im Hinblick auf die Festlegung des Anfechtungs- und des Streitgegenstandes kann vorliegend offen bleiben, ob die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen Verfügung vom 29. September 2014 (AB 94) sowohl zum Anspruch auf Wiedererwägung als auch zu demjenigen auf prozessuale Revision der ursprünglichen Verfügung vom 2. Februar 2011 (AB 62) Stellung genommen hat bzw. der Beschwerdeführer die angefochtene Nichteintretensverfügung (AB 94) sowohl unter dem Gesichtspunkt der Wiedererwägung als auch unter demjenigen der prozessualen Revision beanstandet. Denn wie nachstehend aufgezeigt wird, ist die angefochtene Verfügung vom 29. September 2014 (AB 94) im Ergebnis unter beiden Rückkommenstiteln zu bestätigen.
1.3 Die Mitglieder des Verwaltungsgerichts behandeln als Einzelrichterin oder Einzelrichter Beschwerden gegen Nichteintretensverfügungen oder -entscheide (Art. 57Abs. 2 lit. c GSOG).
1.4 Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG).
2.
2.1
2.1.1 Der Versicherungsträger kann auf formell rechtskräftige Verfügungen oder Einspracheentscheide zurückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist (Art. 53 Abs. 2 ATSG).
Die Wiedererwägung dient der nachträglichen Korrektur einer ursprünglich unrichtigen Rechtsanwendung oder Sachverhaltsfeststellung durch die Verwaltung (BGE 117 V 8 E. 2c S. 17, SVR 2014 IV Nr. 10 S. 40 E. 4.1).
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2015, IV/14/1037, Seite 6
2.1.2 Bei der Beurteilung, ob eine Wiedererwägung wegen zweifelloser Unrichtigkeit zulässig ist, muss von der Sach- und Rechtslage ausgegangen werden, wie sie im Zeitpunkt des Verfügungserlasses bestanden hat, wozu auch die seinerzeitige Rechtspraxis gehört; eine Praxisänderung vermag kaum je die frühere Praxis als zweifellos unrichtig erscheinen zu lassen (BGE 140 V 77 E. 3.1 S. 79, 125 V 383 E. 3 S. 390).
2.2
2.2.1 Von der Wiedererwägung ist die so genannte prozessuale Revision von Verwaltungsverfügungen zu unterscheiden. Danach ist die Verwaltung verpflichtet, auf eine formell rechtskräftige Verfügung zurückzukommen, wenn neue Tatsachen oder neue Beweismittel entdeckt werden, die geeignet sind, zu einer anderen rechtlichen Beurteilung zu führen (BGE 127 V 469 E. 2c, 122 V 272 E. 2, 119 V 477 E. 1a; AHI 1998 S. 295 E. 3).
Formell rechtskräftige Verfügungen und Einspracheentscheide müssen in Revision gezogen werden, wenn die versicherte Person oder der Versicherungsträger nach deren Erlass erhebliche neue Tatsachen entdeckt oder Beweismittel auffindet, deren Beibringung zuvor nicht möglich war (Art. 53 Abs. 1 ATSG), und die geeignet sind, zu einer anderen rechtlichen Beurteilung zu führen (BGE 127 V 466 E. 2c S. 469). Ausschlaggebend ist, dass das Beweismittel nicht bloss der Sachverhaltswürdigung, sondern der Sachverhaltsfeststellung dient. Es bedarf dazu neuer Elemente tatsächlicher Natur, welche die Entscheidungsgrundlagen als objektiv mangelhaft erscheinen lassen (BGE 138 V 324 E. 3.2 S. 328).
Das Institut der prozessualen Revision bezweckt die Verwirklichung des materiellen Rechts, indem eine Verfügung zurückgenommen werden soll, die auf von Anfang an fehlerhaften tatsächlichen Grundlagen beruht hat (BGE 115 V 308 E. 4a aa S. 313).
2.2.2 Als neu gelten dabei nur Tatsachen, welche sich bis zum Zeitpunkt, da im Hauptverfahren noch tatsächliche Vorbringen prozessual zulässig waren, verwirklicht haben, jedoch der um Revision ersuchenden Person trotz hinreichender Sorgfalt nicht bekannt waren. Das revisionsweise vorgebrachte Element, welches lediglich eine neue Würdigung einer bereits
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2015, IV/14/1037, Seite 7
bekannten Tatsache beinhaltet, rechtfertigt keine prozessuale Revision. Die neuen Tatsachen müssen ferner erheblich sein, d.h. sie müssen geeignet sein, die tatbeständliche Grundlage des angefochtenen Urteils zu verändern und bei zutreffender rechtlicher Würdigung zu einer anderen Entscheidung zu führen (BGE 127 V 353 E. 5b S. 358; SVR 2012 UV Nr. 17 S. 65 E. 7.1).
Beweismittel haben entweder dem Beweis der die Revision begründenden neuen erheblichen Tatsachen oder dem Beweis von Tatsachen zu dienen, die zwar im früheren Verfahren bekannt gewesen, aber zum Nachteil des Gesuchstellers unbewiesen geblieben sind. Sollen bereits vorgebrachte Tatsachen mit neuen Mitteln bewiesen werden, so hat der Gesuchsteller auch darzutun, dass er die Beweismittel im früheren Verfahren nicht beibringen konnte. Entscheidend ist ein Beweismittel, wenn angenommen werden muss, es hätte zu einem anderen Urteil geführt, falls der Richter im Hauptverfahren davon Kenntnis gehabt hätte. Ausschlaggebend ist, dass das Beweismittel nicht bloss der Sachverhaltswürdigung, sondern der Sachverhaltsermittlung dient. Es genügt daher beispielsweise nicht, dass ein neues Gutachten den Sachverhalt anders bewertet; vielmehr bedarf es neuer Elemente tatsächlicher Natur, welche die Entscheidungsgrundlagen als objektiv mangelhaft erscheinen lassen. Für die Revision eines Entscheides genügt es nicht, dass der Gutachter aus den im Zeitpunkt des Haupturteils bekannten Tatsachen nachträglich andere Schlussfolgerungen zieht als das Gericht. Auch ist ein Revisionsgrund nicht schon gegeben, wenn das Gericht bereits im Hauptverfahren bekannte Tatsachen möglicherweise unrichtig gewürdigt hat. Notwendig ist vielmehr, dass die unrichtige Würdigung erfolgte, weil für den Entscheid wesentliche Tatsachen nicht bekannt waren oder unbewiesen geblieben sind. Das Beweismittel muss sich auf eine Tatsache beziehen, welche Grundlage des gegebenenfalls zu revidierenden Entscheides bildete (BGE 110 V 138 E. 2 S. 141; SVR 2012 UV Nr. 17 S. 65 E. 7.1, 2010 UV Nr. 22 S. 91 E. 5.2).
3.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2015, IV/14/1037, Seite 8