Decision ID: 60290243-7e13-5a02-9eca-73544ef87027
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ wurde im Dezember 2005 unter Hinweis auf ein Geburtsgebrechen zum
Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung angemeldet (IV-act. 1 im Dossier G
4.2 des Beschwerdeverfahrens IV 2015/262). Laut einem Bericht des Kinderarztes Dr.
med. B._ vom 20. Dezember 2005 litt der Versicherte an einer Hüftgelenksdysplasie
rechts (IV-act. 7). Mit einer Verfügung vom 2. Februar 2006 teilte die IV-Stelle den
Eltern des Versicherten mit, dass sie die Kosten für die Behandlung dieses
Geburtsgebrechens (Ziff. 183 Anh. GgV) übernehmen werde (IV-act. 11). Im Mai 2009
ging der IV-Stelle eine zweite Anmeldung zum Leistungsbezug zu (IV-act. 12). Im Juni
2009 berichtete Dr. med. C._ vom Ostschweizer Kinderspital, im Juni 2008 sei eine
Neurofibromatose festgestellt worden (IV-act. 17). Am 21. Juli 2009 teilte die IV-Stelle
den Eltern des Versicherten mit, dass sie auch die Kosten für die Behandlung des
Geburtsgebrechens Ziff. 481 Anh. GgV übernehmen werde (IV-act. 20). Mit einer
Mitteilung vom 3. April 2013 verlängerte die IV-Stelle ihre grundsätzliche
Kostengutsprache im Zusammenhang mit dem Geburtsgebrechen Ziff. 183 Anh. GgV
bis zum 31. Dezember 2017 (IV-act. 49).
A.b Bereits am 15. März 2013 hatte Dr. med. D._ vom Ostschweizer Kinderspital der
IV-Stelle mitgeteilt, dass angesichts eines pathologischen Zentrum-Ecken-Winkels und
der Dysplasie hinsichtlich des Acetabulumwinkels aller Wahrscheinlichkeit eine
Operation durchgeführt werden müsse (IV-act. 45). Im Februar 2014 berichtete Dr.
D._ (IV-act. 60), die Operation werde noch vor der Vollendung des neunten
Altersjahres erfolgen müssen. Man zögere sie aber angesichts des schmächtigen
Körperbaus des Versicherten noch heraus. Dieser zeige im Übrigen ein typisches
pathologisches Gangbild bei einer bilateralen Cerebralparese. Das Zweibeinhüpfen sei
ihm nur unkoordiniert möglich. Auf einem Bein könne er nur fünf-, sechsmal hüpfen.
Am 16. Oktober 2014 führte Dr. D._ aus (IV-act. 71), der Versicherte leide an einer
Neurofibromatose, an einer bilateralen, linksbetonten Cerebralparese, an einer
beidseitigen Hüftdysplasie, an einer fokalen Epilepsie, an einem Nervus opticus-Gliom
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und an einem Status nach einer atypischen Pneumonie. Am 13. und 27. November
2014 werde er an der Hüfte operiert (Pfannendachplastik, Beckenbeingips, ggf. Pol-le-
Cœur). Der Eingriff müsse im Abstand von zwei Wochen auf beiden Seiten
durchgeführt werden. Insgesamt müsse der Versicherte acht Wochen lang einen Gips
tragen, mit dem er nur in Bauch- und Rückenlage liegen könne. Da der Familie die
postoperative Versorgung zu Hause nicht möglich sei, sei ein sechs- bis achtwöchiger
stationärer Rehabilitationsaufenthalt geplant. Sie ersuche daher um eine
Kostengutsprache für eine entsprechende stationäre Behandlung in E._. Am 24.
Oktober 2014 teilte die IV-Stelle den Eltern des Versicherten mit, dass sie die Kosten
für den Rehabilitationsaufenthalt vom 13. November 2014 bis zum 9. Januar 2015
übernehmen werde (IV-act. 73).
A.c Am 16. Dezember 2014 erfuhr die IV-Stelle anlässlich eines Telefonats mit der
Mutter des Versicherten (IV-act. 75), dass dieser nur einmal, nämlich am 13. November
2014, operiert worden sei. Der Spitalaufenthalt habe zwei Wochen gedauert. Der
geplante Rehabilitationsaufenthalt habe nicht stattgefunden. Abends werde die Mutter
jeweils für rund eine Stunde von der Spitex unterstützt. Der Versicherte werde den Gips
noch bis am 29. Dezember 2014 tragen müssen. Im Austrittsbericht vom 10. Dezember
2014 betreffend die stationäre Behandlung vom 12. November 2014 bis zum 27.
November 2014 hatte das Ostschweizer Kinderspital festgehalten (IV-act. 86–3 f.), das
Becken des Versicherten sei nach der Operation mit einem Beckenbeingips für sechs
Wochen ruhiggestellt worden. Anschliessend werde der Versicherte im Rollstuhl
belastungsfrei mobilisiert und aktiviert werden.
A.d Die Rehaklinik E._ teilte der IV-Stelle am 19. Februar 2015 telefonisch mit (IV-
act. 92), dass der Versicherte am 17. Februar 2015 (recte: 10. Februar 2015; vgl. IV-act.
96–1) operiert worden sei und sich vom 17. Februar 2015 bis zum 14. April 2015 in
stationärer Rehabilitation befinden werde. Sie ersuche um eine entsprechende
Kostengutsprache. Der Sachbearbeiter der IV-Stelle ersetzte daraufhin die
Kostengutsprache vom 24. Oktober 2014 für die stationäre Behandlung durch eine
identische Kostengutsprache, allerdings mit einem zeitlich verschobenen
Behandlungszeitraum. Gleichentags teilte er der Mutter des Versicherten mit, dass die
IV-Stelle die Kosten für die stationäre Behandlung übernehmen werde (IV-act. 93).
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A.e Schon am 18. Februar 2015 waren der IV-Stelle medizinische Berichte vom
Ostschweizer Kinderspital zugegangen (IV-act. 94 ff.), laut denen der Versicherte an
einer postoperativen Flexionskontraktur beider Kniegelenke gelitten hatte. Die
Mobilisation mittels Klettschiene war nicht möglich gewesen. Am 10. Februar 2015
waren dem Versicherten deshalb beidseits Oberschenkelgipse angelegt worden. Die
behandelnden Ärzte des Ostschweizer Kinderspitals schlugen vor, im Rahmen der
Rehabilitation ein Stehbretttraining und ein freies Stehtraining sowie anschliessend ein
Steh- und Lauftraining durchzuführen. Am 12. März 2015 teilte Dr. med. F._ vom
Ostschweizer Kinderspital der IV-Stelle mit (IV-act. 100), dass der Versicherte trotz zwei
Physiotherapiesitzungen pro Woche nicht zum Strecken der Kniegelenke habe bewegt
werden können. Die Mutter des Versicherten habe diesen nach der Gipsentfernung am
29. Dezember 2014 so gut wie nie dazu habe bewegen können, sich aus dem Rollstuhl
zu mobilisieren. Durch die nicht ausreichende Nachbehandlung mit Steh- und
Streckübungen sei es zu Kniebeugekontrakturen gekommen. Ursächlich seien sicher
die familiären und sozialen Verhältnisse sowie die ausgeprägte Durchsetzungskraft des
Versicherten gewesen, der sich geweigert habe, seine Knie zu strecken. Einem Bericht
des Ostschweizer Kinderspitals vom 30. Dezember 2014 liess sich entnehmen (IV-act.
101), dass nach der Gipsentfernung vom 29. Dezember 2014 bei unauffälligen
Befunden eine langsam zunehmende Belastung vorgesehen gewesen war. Für die Zeit
ab dem 5. Januar 2015 war eine Physiotherapie geplant gewesen. Der Physiotherapeut
war gebeten worden, sich um den Muskelaufbau, um die Gangschulung und um die
Dehnung der Kniebeuger sowie der Hüftbeugesehnen zu kümmern. Gemäss einem
Bericht des Ostschweizer Kinderspitals vom 3. Februar 2015 (IV-act. 102) war es im
Rahmen der Physiotherapie (einmal wöchentlich in der Schule und einmal wöchentlich
ausserhalb der Schule) nicht gelungen, den Versicherten wieder zum Stehen oder zum
Laufen zu bringen. Deshalb hatten die Dres. D._ und F._ beschlossen, einen
Oberschenkelgips-Tutor anzulegen, um den Versicherten möglichst rasch auf die Beine
zu bringen. Die entsprechende Operation war auf den 10. Februar 2015 angesetzt
worden. Am 24. März 2015 notierte Dr. med. G._ vom IV-internen regionalen
ärztlichen Dienst (RAD; IV-act. 103), die Orthopäden des Kinderspitals hätten zwar eine
bilaterale Cerebralparese erwähnt, doch fehlten in den übrigen medizinischen Akten
entsprechende Hinweise. Es sei auch nie eine Kostengutsprache für das
entsprechende Geburtsgebrechen Ziff. 390 Anh. GgV beantragt oder verfügt worden.
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Aus medizinischer Sicht sei davon auszugehen, dass die ungenügende Mobilisation
nach der Gipsentfernung die Ursache für die Kniekontrakturen gewesen sei, wie dies
Dr. F._ überzeugend dargelegt habe. Die Frage, ob es sich dabei noch um eine Folge
des Geburtsgebrechens Ziff. 183 Anh. GgV handle, sei juristischer Natur. Mit einem
Vorbescheid vom 26. März 2015 teilte die IV-Stelle den Eltern des Versicherten mit,
dass sie ihre Mitteilung vom 19. Februar 2015 widerrufen und keine Kostengutsprache
für den geplanten Rehabilitationsaufenthalt erteilen werde (IV-act. 105). Sie begründete
dies mit der Aufhebung des Art. 11 IVG (Haftung der Invalidenversicherung für
Eingliederungsrisiken) per 31. Dezember 2011.
A.f Gegen diesen Vorbescheid wandten die Eltern des Versicherten im April 2015 ein
(IV-act. 110), die Ärzte des Rehabilitationszentrums seien der Ansicht, dass die Kosten
für die Behandlung von der Invalidenversicherung übernommen werden müssten.
Schon am 24. März 2015 hatte das Rehabilitationszentrum um eine Verlängerung der
Kostengutsprache bis zum 29. Mai 2015 ersucht (IV-act. 108). Offenbar war den Ärzten
nicht bekannt gewesen, dass die IV-Stelle ihre Kostengutsprache mittlerweile bereits
widerrufen hatte. Am 19. März 2015 hatte Dr. C._ geltend gemacht (IV-act. 106), der
Versicherte leide an einer Neurofibromatose mit einer psychomotorischen
Entwicklungsretardierung sowie an einer rechtsbetonten Cerebralparese mit positiven
Babinskizeichen und deutlichen Koordinationsstörungen. Die Beschwerden in den
Knien stünden also im direkten Zusammenhang mit den anerkannten
Geburtsgebrechen. Inwiefern der operative Eingriff die Situation noch verstärkt habe,
lasse sich retrospektiv nicht mehr bestimmen. Die behandelnden Ärzte des
Rehabilitationszentrums E._ berichteten am 8. April 2015 (IV-act. 123), der am 10.
Februar 2015 angelegte Oberschenkelgips sei am 25. Februar 2015 beim Eintritt ins
Rehabilitationszentrum auf beiden Seiten entfernt worden. Danach habe der
Versicherte über starke Schmerzen vor allem über dem medialen Fussrand rechts
geklagt, die neuropathischer Natur seien. Zum Ausschluss von Neurofibromen, die die
fehlenden Muskeleigenreflexe rechts erklären könnten, werde noch ein MRI der
Wirbelsäule und des Beckens angefertigt.
A.g Am 22. April 2015 erhob auch die zuständige obligatorische
Krankenpflegeversicherung Einwände gegen den Vorbescheid vom 26. März 2015 (IV-
act. 127). Sie machte geltend, die Gipsbehandlung und die Rehabilitation stünden im
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direkten Zusammenhang mit der Behandlung des Geburtsgebrechens Ziff. 183 Anh.
GgV. Es handle sich um eine unmittelbare Folge der Operation, weshalb die Kausalität
nicht unterbrochen worden sei. Es liege kein äusseres Ereignis vor. Am 23. April 2015
ersuchten die Eltern des Versicherten erneut um eine Kostengutsprache für die
stationäre Rehabilitation (IV-act. 131). Sie machten geltend, diese sei infolge der
Operation notwendig und stelle folglich eine Massnahme zur Behandlung des
anerkannten Geburtsgebrechens dar. Am 11. Mai 2015 wiesen die Ärzte des
Rehabilitationszentrums E._ darauf hin, dass das geplante MRI zur Klärung der
Ursache der fehlenden Muskeleigenreflexe im rechten Bein Mitte bis Ende Mai 2015
angefertigt werden sollte (IV-act. 137). Der RAD-Arzt Dr. G._ notierte am 13. Juli 2015
(IV-act. 147), allenfalls müssten die Kosten der stationären Rehabilitation gestützt auf
den Art. 12 IVG übernommen werden. Angesichts der „inzwischen bestens
dokumentierten Mehrfachbehinderung“ werde der Versicherte aber in der freien
Wirtschaft wohl nie beruflich eingegliedert werden können. Ausschlaggebend dafür
seien aber nicht die körperlichen Bewegungseinschränkungen, sondern die
Entwicklungsretardierung. An einem adaptierten Arbeitsplatz wirkten sich die
körperlichen Einschränkungen nicht aus. Die Leistungsvoraussetzungen des Art. 12
IVG seien deshalb nicht erfüllt. Mit einer Verfügung vom 14. Juli 2015 widerrief die IV-
Stelle ihre Mitteilung vom 19. Februar 2015; sie wies das Gesuch um die Übernahme
der Kosten der stationären Rehabilitation ab, wobei sie auch – ohne Begründung –
einen Leistungsanspruch gestützt auf den Art. 12 IVG verneinte (IV-act. 149).
A.h Bereits am 13. Juli 2015 hatte das Ostschweizer Kinderspital berichtet (IV-act.
162), das Streckdefizit im rechten Bein nach sechs Wochen Beckenbeingips sei nicht
durch die lange Gipsrückstellung zu erklären. Es scheine sich vielmehr um ein
strukturelles Problem bei vorliegender Neurofibromatose zu handeln. Diesbezüglich
seien weitere Abklärungen notwendig gewesen. Eine neurologische und neuro-
sonographische Abklärung einschliesslich einer elektrophysiologischen Untersuchung
habe keine konklusiv aussagekräftigen Ergebnisse geliefert, aber den Verdacht
geweckt, dass eine Myosklerose respektive strukturelle Umbauvorgänge die Ursache
sein könnten. Ein in der Folge angefertigtes MRI habe gezeigt, dass keine Myom-
Pathologie, keine Neurofibrome in der Wirbelsäule, keine Denervierungsödeme, keine
erkennbare Raumforderung und keine Schädigung des Nervus ischiadicus vorlägen.
Die Komplikation sei absolut untypisch. Deshalb würden noch weitere Abklärungen
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durchgeführt. Am 23. Juli 2015 wies Dr. D._ darauf hin (IV-act. 170), dass eine
weitere neurophysiologische Untersuchung eine Teilläsion des sich bereits wieder in
Erholung befindlichen Nervus tibialis gezeigt habe. Diese Verletzung sei am
wahrscheinlichsten durch die Beckenosteotomie respektive vielleicht auch als
Lagerungsschaden durch den dann angelegten Beckenbeingips verursacht worden.
Am 17. August 2015 berichtete Dr. D._ über einen nun positiven Verlauf (IV-act. 190).
Der Versicherte verspüre weniger Schmerzen und belaste seinen rechten Fuss
zunehmend. Anfang September 2015 werde ein Oberschenkelweisgips angelegt, mit
dem das Bein nachgestreckt werden könne. Am 21. September 2015 berichtete das
Ostschweizer Kinderspital, der Oberschenkelweisgips sei am 8. September 2015
angelegt und am 17. September 2015 ausgewechselt worden. Am 30. September 2015
werde der Gips ein zweites Mal ausgewechselt werden. Anschliessend werde eine
Unterschenkelorthese eingesetzt werden.
B.
B.a Bereits am 1. September 2015 hatte die Krankenpflegeversicherung (nachfolgend:
die Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 14. Juli 2015
erhoben (act. G 1 im Beschwerdeverfahren IV 2015/262). Sie hatte die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und die Verpflichtung der IV-Stelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin) zur Erbringung der gesetzlichen Leistungen der
Invalidenversicherung beantragt. Zur Begründung hatte sie ausgeführt, zur Behandlung
eines Geburtsgebrechens zählten alle Begleiterscheinungen, die medizinisch gesehen
zum Symptomkreis des infrage stehenden Geburtsgebrechens gehörten.
Rechtsprechungsgemäss treffe die Invalidenversicherung auch für sekundäre Folgen
eines Geburtsgebrechens eine Leistungspflicht. Der Verlust der Gehfähigkeit des
Versicherten im Zusammenhang mit der Operation vom 13. November 2014 sei
gemäss Dr. D._ ein durchaus übliches Geschehen. Ungewöhnlich sei nur der
Umstand, dass der Versicherte seine Gehfähigkeit in der Folge nicht wiedererlangt
habe. Mit der Operation vom 10. Februar 2015 sei gemäss den Ausführungen von Dr.
D._ also eine pathologische Auswirkung der Osteotomiebehandlung des
Geburtsgebrechens Ziff. 183 Anh. GgV angegangen worden. Zudem sei zu beachten,
dass die Beschwerdegegnerin ihre Kostengutsprache nur unter den Voraussetzungen
des Art. 53 Abs. 2 ATSG hätte widerrufen dürfen.
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B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 4. November 2015 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie aus, die Kniegelenkskontrakturen
gehörten nicht zum eigentlichen Symptomenkreis des Geburtsgebrechens Ziff. 183
Anh. GgV. Beim Eingriff vom 13. November 2014 handle es sich im Übrigen um ein
äusseres Ereignis. Die Mitteilung vom 19. Februar 2015 sei ohne weiteres mit dem
Vorbescheid vom 26. März 2015 und der Verfügung vom 14. Juli 2015 „rechtsgültig“
widerrufen worden. Diese Mitteilung sei in Verletzung der Abklärungspflicht ergangen
und daher zweifellos unrichtig gewesen, weshalb die
Wiedererwägungsvoraussetzungen des Art. 53 Abs. 2 ATSG erfüllt gewesen seien.
B.c Am 3. Dezember 2015 hielt die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen fest (act. G
6). Sie machte geltend, Dr. D._ habe Flexionskontrakturen an den Kniegelenken nach
einer sechswöchigen Gipsbehandlung als eine übliche Erscheinung bezeichnet. Wenn
infolge einer umfassenden medizinischen Behandlung eines anerkannten
Geburtsgebrechens eine derart erhebliche Gesundheitsbeeinträchtigung wie vorliegend
auftrete, die von den behandelnden Ärzten als eine gewöhnliche Erscheinung nach
einem entsprechenden operativen Eingriff bezeichnet werde, müsse die
Invalidenversicherung für die Kosten der Behandlung dieser Operationsfolgen
aufkommen.
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 8).
B.e Die Eltern des Versicherten liessen sich nicht vernehmen (vgl. act. G 10).
C.
Am 1. Oktober 2015 hatte Dr. D._ der Beschwerdegegnerin einen Verlaufsbericht
erstattet (IV-act. 198-2 f., im Dossier 3.1 des Beschwerdeverfahrens IV 2016/77). Darin
hatte sie ausgeführt, nach dem Umgipsen am 17. September 2015 sei die Fussstellung
zufriedenstellend gewesen. Das Kniegelenk sei gut gestreckt gewesen. Der Versicherte
habe sich trotz des Oberschenkelgipses selbständig ohne Rollator fortbewegen
können. Das Knie müsse nun weiterhin in einer gestreckten Haltung verharren. Am 30.
September 2015 sei ein Abdruck für Unterschenkelorthesen erfolgt, um bds. den
Spitzfuss postoperativ halten zu können. Die Orthesen seien zunächst für Tag und
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Nacht gedacht. Sie hoffe, dass der Versicherte mittels der Unterschenkelorthesen
wieder frei gehfähig werde und dass allein mit der Physiotherapie ein gerades
Kniegelenk erhalten bleiben könne. Die roth4foot GmbH reichte der
Beschwerdegegnerin am 5. November 2015 einen Kostenvoranschlag für eine
Unterschenkelorthese mit Brunnergelenk rechts ein (IV-act. 211). Dr. med. H._ vom
Ostschweizer Kinderspital hatte am 23. Oktober 2015 eine entsprechende ärztliche
Verordnung ausgestellt (IV-act. 213). Dr. D._ berichtete am 10. Dezember 2015 (IV-
act. 234), die für die Versorgung mit Orthesen relevante Diagnose sei ein beginnender
Spitzfuss rechts. Beim Laufen fehle der Erstkontakt der Ferse mit dem Boden. Im
Stehen sei dieser Kontakt gerade noch möglich. Die Unterschenkelorthesen dienten
zum plantigraden Fersen-Boden-Erstkontakt. Zudem unterstützten sie aufgrund der
ventralen Anlage die Kniestreckung. Dr. med. G._ vom RAD notierte am 29.
Dezember 2015 (IV-act. 239), seines Erachtens handle es sich bei den Orthesen nicht
um ein Hilfsmittel, sondern um ein Behandlungsgerät. Der Spitzfuss, der behandelt
werde, sei die Folge der Komplikationen nach der Operation vom 13. November 2014
und stehe deshalb nicht in einem direkten Zusammenhang mit dem Geburtsgebrechen.
Mit einem Vorbescheid vom 8. Januar 2016 (IV-act. 242) teilte die Beschwerdegegnerin
der Mutter des Versicherten mit, dass die Kosten der Unterschenkelorthesen nicht
übernommen werden könnten. Dagegen wandte die Beschwerdeführerin am 18.
Januar 2016 ein (IV-act. 249), die Kosten für die beantragten Unterschenkelorthesen
seien ebenso wie die Kosten der stationären Rehabilitationsbehandlung vom Frühjahr
2014 durch die Beschwerdegegnerin zu übernehmen. Angesichts des hängigen
Beschwerdeverfahrens betreffend die Kosten jener Rehabilitation sei es angezeigt, das
Verfahren betreffend die Unterschenkelorthesen zu sistieren. Mit einer Verfügung vom
25. Februar 2016 (IV-act. 257) wies die Beschwerdegegnerin das Gesuch um die
Vergütung der Kosten der Unterschenkelorthesen ab. Sie begründete diesen Entscheid
damit, dass diese Kosten ebenso wie die Kosten der stationären Rehabilitation von
2014 aufgrund eines äusseren Ereignisses entstanden seien und deshalb keine direkte
Behandlung des Geburtsgebrechens Nr. 183 darstellten.
D.
D.a Am 3. März 2016 erhob die Beschwerdeführerin auch gegen die Verfügung vom 25.
Februar 2016 Beschwerde (act. G 1 im Beschwerdeverfahren IV 2016/77). Sie stellte
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den Antrag, diese Verfügung aufzuheben und die Beschwerdegegnerin zu verpflichten,
die gesetzlichen Leistungen zu erbringen. Ausserdem beantragte sie die Vereinigung
dieses Beschwerdeverfahrens mit den bereits hängigen Beschwerdeverfahren IV
2015/262 und IV 2015/419. Zur Begründung ihres materiellen Begehrens führte sie aus,
die Beschwerdegegnerin habe im Vorbescheid vom 8. Januar 2016 festgehalten, dass
die Unterschenkelorthesen aufgrund der Komplikationen nach der Operation im
November 2014 notwendig geworden seien. Da die Beschwerdegegnerin die Kosten
jener Operation bezahlt habe, müsse sie auch für die Unterschenkelorthesen
aufkommen. Da die angefochtene Verfügung dieselbe Begründung wie die bereits
angefochtenen beiden früheren Verfügungen habe, könne sie im Übrigen auf die beiden
vorausgegangenen Beschwerden verwiesen. Angesichts des engen sachlichen
Zusammenhangs mit der hängigen Beschwerde betreffend die Kosten der stationären
Rehabilitation (Verfahren IV 2015/262) sei es angezeigt, die Beschwerdeverfahren zu
vereinigen.
D.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 29. März 2016 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung führte sie aus, die beantragte
Unterschenkelorthese stehe im Zusammenhang mit den Komplikationen nach der
Operation vom November 2014. Sie stelle folglich kein Behandlungsgerät im
Zusammenhang mit einer medizinischen Eingliederungsmassnahme dar, weshalb die
Kosten nicht zulasten der Invalidenversicherung gingen. Eine Vereinigung des
Beschwerdeverfahrens mit dem Verfahren IV 2015/262 wäre zu begrüssen.
D.c Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Replik (act. G 5).
D.d Die Eltern des Versicherten verzichteten auf eine Stellungnahme (vgl. act. G 7).

Erwägungen
1.
In den beiden Verfahren IV 2015/262 und IV 2016/77 ist der massgebende Sachverhalt
des einen jeweils weitgehend deckungsgleich mit dem massgebenden Sachverhalt des
anderen Verfahrens (medizinische Behandlung der ursprünglich durch das
Geburtsgebrechen Nr. 183 ausgelösten Beeinträchtigung im Bereich der unteren
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Extremitäten). Auch die sich stellende Rechtsfrage (Anspruch auf Übernahme der
Kosten der Behandlung) ist in den beiden Beschwerdeverfahren IV 2015/262 und IV
2016/77 weitgehend dieselbe. Eine abweichende Beurteilung der beiden Beschwerden
könnte deshalb zu einem unauflösbaren Widerspruch führen. Dies rechtfertigt eine
gemeinsame Beurteilung, weshalb die beiden Verfahren IV 2015/262 und IV 2016/77
vereinigt werden. Für das Verfahren IV 2015/419 betreffend einen allfälligen Anspruch
auf die Abgabe eines Rollstuhls muss etwas anderes gelten, denn hier besteht in
Bezug auf den Sachverhalt nur eine beschränkte und in Bezug auf die sich stellende
Rechtsfrage überhaupt keine Deckung mit den Verfahren IV 2015/262 und IV 2016/77.
Die Gesundheitsbeeinträchtigung ist zwar der Grundsachverhalt, aber der relevante
Sachverhalt ist die Gehunfähigkeit. Die zu beantwortende Rechtsfrage ist nicht
diejenige nach einem allfälligen Anspruch auf eine medizinische Behandlung, sondern
jene nach der Qualifikation des Rollstuhls als Hilfsmittel oder Behandlungsgerät. Das
Verfahren IV 2015/419 ist deshalb getrennt zu beurteilen.
2.
2.1 In verwaltungsverfahrensrechtlicher Hinsicht stellt sich für das Verfahren IV
2015/262 die Frage, ob der Widerruf der Mitteilung vom 19. Februar 2015 zulässig
gewesen ist. Bei einer Mitteilung im Sinne des Art. 58 IVG und der Art. 74ter f. IVV
handelt es sich um eine invalidenversicherungsspezifische Möglichkeit, ein
Verwaltungsverfahren ohne eine Verfügung abzuschliessen. Der Gesetzgeber hat damit
eine formale Vereinfachung des Verfahrensabschlusses für jene Fälle bewirken wollen,
in denen die Ergreifung eines Rechtsmittels zum Vorneherein unwahrscheinlich ist.
Dabei hat er es aber versäumt, sich zur Verbindlichkeit solcher Mitteilungen zu äussern.
Würden Mitteilungen genau gleich wie Verfügungen verbindlich, wäre die Möglichkeit
eines Verfahrensabschlusses mit einer Mitteilung (respektive ohne eine Verfügung)
sinnlos, denn dann könnte ja genauso gut in jedem Fall eine Verfügung erlassen
werden. Der administrative Aufwand für eine Verfügung ist nämlich nicht höher als jener
für eine Mitteilung. Soll die vom Gesetzgeber gewollte Möglichkeit eines
Verfahrensabschlusses ohne eine Verfügung nicht sinnlos sein, muss es also
ausgeschlossen sein, dass Mitteilungen genau gleich wie Verfügungen verbindlich
werden. Ein Blick auf den Art. 74quater Abs. 1 IVV zeigt, dass es sich tatsächlich so
verhält: Eine IV-Stelle hat die versicherte Person nämlich in der Mitteilung darauf
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hinzuweisen, dass diese den Erlass einer anfechtbaren Verfügung verlangen könne.
Das bedeutet, dass die Mitteilung keine Verfügung „in einem anderen Gewand“ sein
kann. Andernfalls wäre nicht einzusehen, weshalb die versicherte Person zusätzlich
eine anfechtbare Verfügung verlangen könnte. Der Art. 74quater Abs. 1 IVV nennt keine
Frist, innert welcher der Erlass der anfechtbaren Verfügung verlangt werden kann. An
sich könnte die versicherte Person also sogar noch Jahre nach dem Erlass einer
Mitteilung den Erlass einer anfechtbaren Verfügung verlangen. Dies hätte aber eine
unerträgliche Rechtsunsicherheit zur Folge, denn eine IV-Stelle müsste bezüglich jeder
einzelnen Mitteilung auf nicht absehbare Zeit mit einem Begehren um den Erlass einer
anfechtbaren Verfügung (und damit auch mit einem anschliessenden
Beschwerdeverfahren) rechnen. Die versicherte Person erweckt bei der IV-Stelle den
Eindruck, sie akzeptiere die Mitteilung, wenn sie nicht innerhalb einer angemessenen
Zeit eine anfechtbare Verfügung verlangt. Fordert sie nach dem Ablauf dieser
angemessenen Zeit dann doch noch den Erlass einer anfechtbaren Verfügung,
verstösst sie gegen den Grundsatz von Treu und Glauben. Die Frage, was unter einer
angemessenen Zeit zu verstehen ist, lässt sich nicht einheitlich beantwortet. Der ATSG-
Gesetzgeber ist bei der Schaffung der Grundnorm (Art. 51 ATSG) von ungefähr einem
Jahr ausgegangen (vgl. BBl 1999 4610). Rechtsprechungsgemäss ist die angemessene
Zeit allerdings wesentlich kürzer, wenn eine versicherte Person anwaltlich vertreten ist;
zudem kennen einzelne Zweige spezifische Praxen zur angemessenen Zeit (vgl. UELI
KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, Art. 51 N 20 f., mit zahlreichen Hinweisen).
Aus dem Umstand, dass die versicherte Person während eines wesentlich länger als 30
Tage (Rechtsmittelfrist zur Anfechtung einer Verfügung) dauernden Zeitraums den
Erlass einer anfechtbaren Verfügung verlangen kann, darf nicht abgeleitet werden, dass
eine IV-Stelle ihre eigene Mitteilung ebenso lange voraussetzungslos widerrufen dürfe,
denn es würde gegen den Grundsatz von Treu und Glauben verstossen, wenn eine IV-
Stelle anstelle einer Verfügung eine Mitteilung erlassen würde, um sich so die
Möglichkeit zu erhalten, noch während eines Jahres auf ihren Entscheid
zurückzukommen. Rechtsprechungsgemäss darf die IV-Stelle deshalb nach 30 Tagen
nicht mehr voraussetzungslos, sondern nur noch unter den qualifizierten
Voraussetzungen des Art. 53 Abs. 2 ATSG (Wiedererwägung) oder des Art. 53 Abs. 1
ATSG (sog. prozessuale Revision) auf ihre eigene Mitteilung zurückkommen (vgl. BGE
129 V 110).
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2.2 Die Beschwerdegegnerin hat ihre Mitteilung vom 19. Februar 2015 mit der
angefochtenen Verfügung vom 14. Juli 2015, also erst knapp fünf Monate nach dem
Erlass jener Mitteilung widerrufen. Der Widerruf der Mitteilung vom 19. Februar 2015
kann also nur zulässig gewesen sein, wenn die Voraussetzungen des Art. 53 Abs. 2
ATSG erfüllt gewesen sind: Entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin ist die
Mitteilung vom 19. Februar 2015 nicht in Verletzung der Untersuchungspflicht (Art. 43
Abs. 1 ATSG) ergangen, denn den bis zum 19. Februar 2015 aufgelaufenen Akten hat
sich schon damals zweifelsfrei entnehmen lassen, dass die Operation vom 17. Februar
2015 nicht der bereits am 13. November 2014 erfolgten Operation entsprochen hatte.
Der massgebende Sachverhalt ist also mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt gewesen. Allerdings hat sich der zuständige
Sachbearbeiter der Beschwerdegegnerin in einem Irrtum befunden, denn er hat
übersehen, dass die für den 13. November 2014 geplante Operation tatsächlich
durchgeführt worden war und dass es sich beim Eingriff vom 17. Februar 2015 um eine
andere Operation handelte. Die vom Sachbearbeiter erstelle Aktennotiz, die den
Hinweis enthält, es habe sich einfach alles zeitlich verschoben, belegt diesen Irrtum. In
diesem Irrtum über den eigentlich massgebenden Sachverhalt liegt die wahre –
zweifellose – Unrichtigkeit der Mitteilung vom 19. Februar 2015 begründet. Angesichts
der Kosten einer stationären Rehabilitation ist die Berichtigung der zweifellos
unrichtigen Mitteilung vom 19. Februar 2015 von erheblicher Bedeutung, womit die
Voraussetzungen für eine Wiedererwägung (Art. 53 Abs. 2 ATSG) erfüllt sind. Die
Wiedererwägung führt in einem ersten Schritt zu einer vollständigen Beseitigung der
Mitteilung vom 19. Februar 2015. In einem zweiten Schritt ist das ursprünglich mit der
Mitteilung vom 19. Februar 2015 abgeschlossene Verwaltungsverfahren (das mit der
Beseitigung der verfahrensabschliessenden Mitteilung nun wieder auflebt und
fortgeführt werden muss) mit einem neuen, nun richtigen Entscheid abzuschliessen.
Die Mitteilung vom 19. Februar 2015 hat ein Verfahren zur Prüfung eines erstmaligen
Leistungsbegehrens abgeschlossen, denn mit dieser Mitteilung ist über das Begehren
um die Vergütung der Kosten der stationären Rehabilitation zur Beseitigung der
Kniekontrakturen nach der Entfernung des Beckenbeingipses entschieden worden. Die
frühere Mitteilung vom 24. Oktober 2014 hatte dagegen eine Kostengutsprache für eine
(gar nicht durchgeführte) stationäre Rehabilitation unmittelbar nach dem Anlegen des
Beckenbeingipses enthalten und folglich ein anderes Leistungsbegehren betroffen.
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Jene Kostengutsprache war schon im November 2014 hinfällig geworden, weil der
Versicherte in der Zeit, in der er den Beckenbeingips getragen hatte, zuhause betreut
worden war. Die Beschwerdegegnerin hat jene Mitteilung nie explizit widerrufen, wohl
weil sie davon ausgegangen ist, ein solcher Widerruf sei angesichts der Hinfälligkeit der
Mitteilung überflüssig. Jedenfalls gehört dies nicht zum Gegenstand des
Beschwerdeverfahrens IV 2015/262, das sich nur auf die Wiedererwägung der
Mitteilung vom 19. Februar 2015 bezieht. Das bedeutet, dass nun zu prüfen ist, ob die
Beschwerdegegnerin die Kosten für die stationäre Rehabilitation im Zeitraum vom 25.
Februar 2015 bis zum 8. April 2015 zu übernehmen hat.
3.
3.1 Gemäss den medizinischen Berichten kommen mehrere Ursachen für die
Kniekontrakturen in Betracht, die während der stationären Rehabilitation im Frühjahr
2015 behandelt worden sind: Bei der Operation vom 13. November 2014 könnte der
Nervus tibialis beschädigt worden sein (vgl. IV-act. 170). Diese Nervenläsion könnte
dann zu den – laut den behandelnden Fachärzten – ungewöhnlichen Kniekontrakturen
geführt haben. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass der Versicherte nach der
Entfernung des Beckenbeingipses am 29. Dezember 2014 ungenügend behandelt
worden ist. Der ungewöhnliche Verlauf der Kniekontrakturen könnte also auch die
Folge einer ungenügenden Behandlung nach dem 29. Dezember 2014 gewesen sein
(vgl. IV-act. 100). Wohl nicht ganz ausgeschlossen ist ferner, dass die Kniekontrakturen
im Zusammenhang mit der Neurofibromatose gestanden haben könnten (vgl. IV-act.
106 und 162). Schliesslich besteht die Möglichkeit, dass es sich bei den
Kniekontrakturen um eine trotz einer lege artis durchgeführten Behandlung
aufgetretene, unerwartete Komplikation gehandelt hat. Ob eine Leistungspflicht der
Invalidenversicherung gestützt auf den Art. 13 IVG besteht, hängt massgeblich davon
ab, welche dieser möglichen Ursachen der tatsächliche Grund für die Kniekontrakturen
(und damit auch für die dafür notwendige Behandlung) gewesen ist. Wären die
Kniekontrakturen die Folge eines Behandlungsfehlers gewesen, träfe die
Invalidenversicherung keine Leistungspflicht, denn in einem solchen Behandlungsfehler
wäre ein äusseres Ereignis im Sinne der Rz. 11 KHMI zu erblicken, das als Ursache für
die Behandlungsbedürftigkeit an die Stelle des Geburtsgebrechens getreten wäre. Es
handelte sich also um einen typischen Anwendungsfall des am 31. Dezember 2011
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ausser Kraft getretenen Art. 11 IVG. Wären die Kniekontrakturen aber eine Folge des
Geburtsgebrechens Neurofibromatose, träfe die Invalidenversicherung eine
Leistungspflicht gestützt auf den Art. 13 IVG. Auch wenn es sich bei den
Kniekontrakturen um eine unerwartete Komplikation trotz einer lege artis
durchgeführten Behandlung handeln würde, wäre die Invalidenversicherung
leistungspflichtig. Die dem Gericht vorgelegten Akten lassen die Beantwortung der
Frage nach der tatsächlichen Ursache allerdings nicht zu. Bei keiner der möglichen
Ursachen ist mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit erstellt, dass sie die Kniekontrakturen verursacht hätte. Von
weiteren Abklärungen dürfte kein wesentlicher Erkenntnisgewinn hinsichtlich der
Ursache der Kniekontrakturen zu erwarten sein. Allerdings kann, wie die nachfolgenden
Ausführungen zeigen, ohnehin von weiteren Abklärungen abgesehen werden.
3.2 Die Invalidenversicherung trifft nicht nur eine Leistungspflicht für medizinische
Massnahmen, wenn der Tatbestand des Art. 13 IVG erfüllt ist, sondern auch dann,
wenn derjenige des Art. 12 IVG erfüllt ist. In der Regel wird davon ausgegangen, dass
es sich beim Art. 13 IVG um eine lex specialis zum Art. 12 IVG handle, sodass immer
zuerst zu prüfen sei, ob in einem konkreten Einzelfall der Tatbestand des Art. 13 IVG
erfüllt sei, und nur dann, wenn dies nicht der Fall sei, zu prüfen sei, ob der Tatbestand
des Art. 12 IVG erfüllt sei. Diese Ansicht findet aber keine ausreichende Stütze in der
gesetzlichen Regelung. Der Art. 12 IVG und der Art. 13 IVG stehen je eigenständig
nebeneinander. Die beiden Bestimmungen weisen zwar einen weitgehend
übereinstimmenden Tatbestand und eine identische Rechtsfolge auf, aber keine der
beiden Bestimmungen betrifft – im Verhältnis zur jeweils anderen Norm – nur
Spezialfälle. Für ein auf medizinische Massnahmen gerichtetes Leistungsbegehren
kann also die Anwendung des Art. 12 IVG oder die Anwendung des Art. 13 IVG in
Betracht fallen. Sind die Voraussetzungen einer der beiden Normen erfüllt, kann dem
Begehren ohne weiteres entsprochen werden. Die Prüfungsreihenfolge spielt dabei
keine Rolle, weil die beiden Normen ja eigenständig nebeneinander stehen. Das
bedeutet, dass vorliegend geprüft werden kann, ob die Kosten der stationären
Rehabilitation in Anwendung des Art. 12 IVG der Invalidenversicherung aufzuerlegen
sind, ohne dass vorher ein allfälliger Leistungsanspruch nach Art. 13 definitiv verneint
werden müsste.
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3.3 Laut dem Art. 12 Abs. 1 IVG besteht ein Anspruch auf jene medizinischen
Massnahmen, die nicht auf die Behandlung eines Leidens an sich, sondern unmittelbar
auf die Eingliederung ins Erwerbsleben gerichtet und geeignet sind, die
Erwerbsfähigkeit dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor einer wesentlichen
Beeinträchtigung zu bewahren. Die für die Begründung eines solchen Anspruchs
notwendige Invalidität gilt gemäss der im Art. 4 Abs. 2 IVG enthaltenen Regel als
eingetreten, wenn sie die für diesen Anspruch erforderliche Art und Schwere erreicht
hat. In der Rechtsprechung wird zur Umschreibung dieser Regel der Begriff der
leistungsspezifischen Invalidität verwendet, der zum Ausdruck bringen soll, dass für
jede einzelne Versicherungsleistung ein je eigener Invaliditätsbegriff massgebend ist
(vgl. ULRICH MEYER/MARCO REICHMUTH, Rechtsprechung des Bundesgerichtes
zum IVG, 3. Aufl. 2014, Art. 4 N 135 ff.). Damit wird dem Umstand Rechnung getragen,
dass der Art. 12 IVG einen anderen versicherten Schaden als beispielsweise der Art. 28
IVG (Rente) oder der Art. 42 IVG (Hilflosenentschädigung) abdeckt. Der für die
Anwendung des Art. 12 IVG leistungsspezifische Invalidität besteht nicht in einem
Verlust der Erwerbsfähigkeit (vgl. Art. 28 IVG) oder in einer Unfähigkeit, selbständig zu
leben (vgl. Art. 42 IVG), sondern in einer Beeinträchtigung der zukünftigen beruflichen
Ausbildungsmöglichkeiten. Der Art. 12 IVG bezweckt die Erhaltung der Fähigkeit, jeden
gewünschten und den eigenen Fähigkeiten entsprechenden Beruf zu erlernen, ohne in
der Berufswahl durch eine Gesundheitsbeeinträchtigung eingeschränkt zu sein. Die
leistungsspezifische Invalidität besteht in einer Gesundheitsbeeinträchtigung, die diese
freie Berufswahl später wahrscheinlich einschränken würde. Zusammenfassend hat die
Invalidenversicherung in Anwendung des Art. 12 IVG die Kosten jener medizinischen
Massnahmen zu tragen, die auf eine Beseitigung oder wenigstens auf eine Minimierung
von gebrechensbedingten Einschränkungen bei der Berufswahl oder bei der
Ausbildung abzielen.
3.4 Die Beschwerdegegnerin hat einen Anspruch auf die Vergütung der Kosten für die
stationäre Rehabilitation im Frühjahr 2015 gestützt auf den Art. 12 IVG in der
angefochtenen Verfügung ohne jede Begründung verweigert. Den Akten lässt sich
allerdings entnehmen, weshalb die Beschwerdegegnerin davon ausgegangen ist,
gestützt auf den Art. 12 IVG bestehe kein Leistungsanspruch: Am 4. Juni 2015 hat eine
„Fachmitarbeiterin Medizinische Massnahmen“ notiert (IV-act. 141), aufgrund der
Mehrfachbehinderung des Versicherten sei davon auszugehen, dass dieser nicht in der
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freien Wirtschaft werde eingegliedert werden können. Zudem dürften gemäss dem
Kreisschreiben über die medizinischen Eingliederungsmassnahmen der
Invalidenversicherung (KSME) keine schwerwiegenden Nebenbefunde vorliegen, die
die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigten. Mit der Mehrfachbehinderung liege ein solcher
schwerwiegender Nebenbefund vor, der es trotz der Rehabilitation verhindern werde,
dass die Eingliederungschancen des Versicherten wesentlich und dauerhaft verbessert
werden könnten, weshalb kein Anspruch auf eine Kostenvergütung in Anwendung des
Art. 12 IVG bestehe. Der RAD-Arzt Dr. G._ hat sich dieser Ansicht am 13. Juli 2015
angeschlossen und festgehalten, dass sich die körperlichen Einschränkungen des
Versicherten an einem adaptierten Arbeitsplatz nicht auswirken würden (IV-act. 147).
Das vom RAD-Arzt ins Feld geführte Argument ist nicht stichhaltig, denn es trägt dem
Zweck des Art. 12 IVG nicht Rechnung: Im Anwendungsbereich des Art. 12 IVG ist
nicht nach der Arbeitsfähigkeit in einer zukünftigen (ideal) leidensadaptierten Tätigkeit
zu fragen. Vielmehr geht es darum, der versicherten Person eine möglichst
uneingeschränkte Berufswahl bzw. Berufsausbildung zu ermöglichen. Wäre die
drohende Beeinträchtigung der Geh- und Stehfähigkeit des Versicherten nicht
angegangen worden, hätte dieser später nur noch einen Beruf erlernen können, in dem
er nur sitzend hätte arbeiten müssen. Dadurch wäre das Spektrum der als Berufsziel in
Frage kommenden Erwerbstätigkeiten massiv eingeschränkt worden. Diese
Einschränkung ist für die Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin im
Anwendungsbereich des Art. 12 IVG ausschlaggebend, denn ansonsten würde der Art.
12 IVG weitgehend zum toten Buchstaben verkommen, da sehr vielen
Gesundheitsbeeinträchtigungen durch eine ideal leidensadaptierte Berufstätigkeit
Rechnung getragen werden kann. Gerade angesichts der verzögerten Entwicklung und
der dadurch gefährdeten späteren Eingliederung des Versicherten in die freie
Wirtschaft besteht ein sehr grosses Interesse an einer möglichst vollständigen
Beseitigung der körperlichen Beeinträchtigungen: Falls die Folgen der verzögerten
Entwicklung nicht überwunden werden können und es dem Versicherten deshalb nicht
möglich sein wird, seinen Beruf frei zu wählen, darf die begrenzte Zahl der noch in
Frage kommenden Berufe nicht noch zusätzlich durch körperliche Beeinträchtigungen
eingeschränkt werden. Bei der Aussage der „Fachmitarbeiterin Medizinische
Massnahmen“, der Versicherte werde wohl nie in die freie Wirtschaft eingegliedert
werden können, handelt es sich um eine allzu pessimistische Prognose, die durch die
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vorliegenden medizinischen Akten nicht belegt ist. Diese Akten lassen durchaus noch
erwarten, dass der Versicherte später einen praktischen Beruf wird erlernen können,
wobei er darauf angewiesen sein wird, selbständig stehen und gehen zu können.
Jedenfalls lässt sich den Akten nicht entnehmen, dass jede Eingliederung sinnlos wäre,
weil der Versicherte nie eine Erwerbstätigkeit wird ausüben können. Darauf laufen die
Äusserungen der „Fachmitarbeiterin Medizinische Massnahmen“ und des RAD-Arztes
aber hinaus. Selbst wenn der Versicherte später nur in einem geschützten Bereich
sollte beruflich eingegliedert werden können, schliesst das die Anwendbarkeit des Art.
12 IVG nicht zum Vorneherein aus. Laut dem Art. 16 Abs. 2 lit. a IVG ist die
Vorbereitung auf eine Tätigkeit in einer geschützten Werkstätte der erstmaligen
beruflichen Ausbildung gleichgestellt, das heisst die Invalidenversicherung hat die
Mehrkosten einer beruflichen Eingliederung auch dann zu übernehmen, wenn diese
Eingliederung sich nur auf den geschützten Bereich bezieht. Weshalb für die
medizinische Eingliederung als Vorbereitung für die spätere berufliche Eingliederung
nicht dasselbe gelten sollte, ist nicht einzusehen. Zudem dürfte der Versicherte gerade
in einem geschützten Bereich auf eine möglichst uneingeschränkte Steh- und
Gehfähigkeit angewiesen sein. Besteht grundsätzlich die Möglichkeit, den Versicherten
später auf dem ersten Arbeitsmarkt oder zumindest in einem geschützten Bereich
beruflich einzugliedern, so lässt sich der stationären Rehabilitation im Frühjahr 2015 die
Eingliederungswirksamkeit nicht absprechen. Folglich ist diese stationäre Rehabilitation
als eine medizinische Massnahme im Sinne des Art. 12 IVG zu qualifizieren, was
bedeutet, dass die Beschwerdegegnerin deren Kosten zu übernehmen hat. Die Frage,
ob auch dieVoraussetzungen des Art. 13 IVG erfüllt sind, kann unter diesen Umständen
offen bleiben.
3.5 Zusammenfassend ist die Beschwerdegegnerin in Gutheissung der Beschwerde zu
verpflichten, die Kosten für die Operation vom 10. Februar 2015 und für die
anschliessende stationäre Rehabilitation zu übernehmen. Die Beschwerdegegnerin
wird abzuklären haben, wie hoch die entsprechenden Kosten gewesen sind; sie wird
jenen Teil dieser Kosten zu bezahlen haben, für den sämtliche
Leistungsvoraussetzungen (Notwendigkeit, Wirtschaftlichkeit etc.) erfüllt gewesen sind.
Dazu ist die Sache an sie zurückzuweisen.
4.
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Gemäss Art. 14 Abs. 1 IVG umfassen die medizinischen Massnahmen die Behandlung
durch einen Arzt oder durch medizinische Hilfspersonen (lit. a) und die Abgabe der vom
Arzt verordneten Medikamente (lit. b). Die Behandlungsgeräte werden in dieser
Bestimmung nicht erwähnt, sind aber unter den Begriff der Behandlung zu
subsumieren, wie der Art. 25 Abs. 2 lit. b KVG zeigt, der die Behandlungsgeräte
ausdrücklich erwähnt. Im Einzelfall kann sich die Frage stellen, ob ein bestimmter
Gegenstand als Hilfsmittel (Art. 21 IVG) oder als Behandlungsgerät zu qualifizieren ist.
Diese Frage ist anhand des konkreten Zwecks des betreffenden Gegenstandes zu
beantworten. Wird der Gegenstand primär benötigt, um eine medizinische
Behandlungsmassnahme überhaupt erst zu ermöglichen oder um eine medizinische
Behandlungsmassnahme wesentlich zu begünstigen, handelt es sich um ein
Behandlungsgerät. Ersetzt der fragliche Gegenstand aber primär ein Körperglied oder
eine fehlende Körperfunktion, so ist er ein Hilfsmittel. Mit den Unterschenkelorthesen,
die dem Versicherten verschrieben worden sind, soll eine vollständige Kniestreckung
erreicht und die Entwicklung eines Spitzfusses verhindert werden. Sie dienen also der
weiterführenden Behandlung nach der Entfernung des Beckengipses im Dezember
2014. Dr. D._ hat angeordnet, dass diese Orthesen zunächst nicht nur am Tag,
sondern auch nachts getragen werden müssten. Damit ist die Behandlungsfunktion
offensichtlich, denn in der Nacht benötigt der Versicherte offensichtlich kein Hilfsmittel,
das seine teilweise fehlende Gehfähigkeit kompensieren müsste. Ausserdem ist mit der
ärztlichen Verschreibung die Prognose verbunden gewesen, dass das Tragen dieser
Orthesen in absehbarer Zeit nicht mehr rund um die Uhr und später sogar überhaupt
nicht mehr nötig sein werde. Nach dem oben (vgl. E. 3) Ausgeführten steht somit fest,
dass die Beschwerdegegnerin gestützt auf Art. 12 IVG auch die Kosten der Orthesen
zu übernehmen hat, falls sämtliche übrige Leistungsvoraussetzungen (Notwendigkeit,
Wirtschaftlichkeit etc.) erfüllt sind. Die Sache ist deshalb zur Prüfung dieser
Voraussetzungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
5.
Die in beiden Beschwerdeverfahren unterliegende Beschwerdegegnerin hat die
Gerichtskosten zu bezahlen. Da der Verfahrensaufwand im Verfahren IV 2019/262 als
durchschnittlich zu qualifizieren ist, ist die Gerichtsgebühr für dieses Verfahren auf 600
Franken festzusetzen. Für das Verfahren IV 2016/77 ist dagegen aufgrund der
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Verfahrensvereinigung nur ein unterdurchschnittlicher Aufwand angefallen, weshalb die
Gebühr für dieses Verfahren auf 400 Franken festzusetzen ist. Die Beschwerdegegnerin
hat folglich insgesamt 1’000 Franken zu bezahlen. Der Beschwerdeführerin wird der
von ihr im Verfahren IV 2015/262 geleistete Kostenvorschuss von 600 Franken
zurückerstattet. Als eine mit dem Vollzug gesetzlicher Aufgaben betraute Behörde und
innerhalb ihres Aufgabenbereichs Beschwerde führende Partei hat die
Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.