Decision ID: 0d45f60d-13eb-5a4b-8801-7988e3011383
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Mit Verfügung vom 27. August 2021 wies das SEM ein Wiedererwä-
gungsgesuch der Gesuchstellenden vom 30. Juli 2021 ab und stellte die
Rechtskraft und Vollstreckbarkeit des negativen Asylentscheids vom
18. Dezember 2018 fest.
A.b Die Gesuchstellenden fochten diese Verfügung mit Beschwerde vom
27. September 2021 beim Bundesverwaltungsgericht an, wobei sie unter
anderem um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ersuchten.
A.c Mit Zwischenverfügung vom 4. Oktober 2021 wies die in jenem Be-
schwerdeverfahren (D-4291/2021) zuständige Instruktionsrichterin das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ab, forderte
die Gesuchstellenden auf, bis zum 19. Oktober 2021 einen Kostenvor-
schuss von Fr. 1'500.– einzuzahlen und teilte ihnen mit, bei Ausbleiben der
Zahlung innert Frist werde – bei unveränderter Sachlage – auf die Be-
schwerde nicht eingetreten.
A.d Da die Gesuchstellenden den Kostenvorschuss innert Frist nicht leis-
teten, trat das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-4291/2021 vom
26. Oktober 2021 auf die Beschwerde vom 27. September 2021 andro-
hungsgemäss nicht ein.
B.
Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 28. Oktober 2021 er-
suchten die Gesuchstellenden sinngemäss um Wiederherstellung der Frist
zur Leistung des Kostenvorschusses und stellten gleichzeitig ein (erneu-
tes) Gesuch um Kostenvorschusserlass.
Zur Begründung brachten sie vor, die Zwischenverfügung vom 4. Oktober
2021 und damit die Aufforderung zur Leistung des Kostenvorschusses sei
ihnen erst am 23. Oktober 2021 – und somit nach Ablauf der Zahlungsfrist
vom 19. Oktober 2021 – zugegangen. Ausserdem habe sich die Sachlage
insofern verändert, als A._ seit über einer Woche hospitalisiert sei.
Angesichts dessen werde beantragt, auf die Erhebung des Kostenvor-
schusses zu verzichten.
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Der Eingabe lagen zwei Nothilfebestätigungen, je vom 18. Oktober 2021,
der Einzahlungsschein betreffend den Kostenvorschuss im Beschwerde-
verfahren D-4291/2021 sowie Unterlagen betreffend den Eintritt von
A._ in die Klinik (...) bei.
C.
Mit Verfügung vom 1. November 2021 setzte die Instruktionsrichterin den
Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist gemäss Art. 31 i.V.m. Art. 33 VGG
für die Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM nach
Art. 5 VwVG zuständig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]. Diese Zuständigkeit
umfasst auch die Beurteilung von Gesuchen um Wiederherstellung von
Fristen im Sinne von Art. 24 Abs. 1 VwVG, welche im Zusammenhang mit
solchen Beschwerden stehen. Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet das
Bundesverwaltungsgericht in der Regel – und so auch vorliegend – end-
gültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG
richtet, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6
AsylG).
2.
Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der Regel – und so auch
vorliegend – in der Besetzung mit drei Richterinnen oder Richtern (Art. 21
Abs. 1 VGG).
3.
3.1 Eine versäumte (gesetzliche oder behördliche) Frist wird wiederherge-
stellt, wenn der Gesuchsteller oder sein Vertreter unverschuldeterweise
abgehalten worden ist, binnen Frist zu handeln, er unter Angabe des Grun-
des innert 30 Tagen nach Wegfall des Hindernisses darum ersucht und die
versäumte Rechtshandlung nachholt (Art. 24 Abs. 1 VwVG).
3.2 Ein Fristversäumnis gilt als unverschuldet, wenn dafür objektive
Gründe vorliegen und der säumigen Partei beziehungsweise ihrer Vertre-
tung keine Nachlässigkeit vorgeworfen werden kann. Massgeblich sind nur
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solche Gründe, die der Partei auch bei Aufwendung der üblichen Sorgfalts-
pflicht die Wahrung ihrer Interessen verunmöglicht oder unzumutbar er-
schwert hätten. Daneben können auch subjektive Gründe eine Fristwieder-
herstellung rechtfertigen. Solche sind anzunehmen, wenn die gesuchstel-
lende Person zwar objektiv zu handeln in der Lage wäre, aber untätig
bleibt, weil sie die Situation infolge eines Irrtums oder aufgrund mangelnder
Kenntnisse nicht richtig einzuschätzen vermag, ohne dass ihr eine Ver-
nachlässigung der nach Treu und Glauben zumutbaren Aufmerksamkeit
vorgeworfen werden könnte. Auch eine Kumulation verschiedener Um-
stände, die je für sich betrachtet das Versäumnis nicht zu entschuldigen
vermöchten, kann die Voraussetzungen von Art. 24 VwVG erfüllen. Bei der
Beurteilung eines Wiederherstellungsgrundes ist praxisgemäss ein stren-
ger Massstab anzuwenden (vgl. zum Ganzen STEFAN VOGEL, in: Christoph
Auer/Markus Müller/Benjamin Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundes-
gesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 24 N. 19
ff.; PATRICIA EGLI, in: Bernhard Waldmann/Philippe Weissenberger [Hrsg.],
Praxiskommentar Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, Art. 24 N.
12 ff.; Urteil des BVGer F-3864/2020 vom 5. November 2020 E. 2.2,
m.w.H.).
4.
Den Akten zufolge haben die Gesuchstellenden am 23. Oktober 2021
Kenntnis von der Zwischenverfügung vom 4. Oktober 2021 erhalten. Mit
Eingabe vom 28. Oktober 2021 ersuchten sie (sinngemäss) um Wieder-
herstellung der Frist zur Leistung des Kostenvorschusses und stellten
gleichzeitig ein Gesuch um Verzicht auf dessen Erhebung. Zur Begrün-
dung des Gesuchs um Kostenvorschusserlass verwiesen sie auf eine ver-
änderte Sachlage. Da die Gesuchstellenden mit einem innerhalb der Zah-
lungsfrist gestellten und gehörig begründeten Gesuch um Kostenvor-
schusserlass einen Nichteintretensentscheid allenfalls hätten verhindern
können, ist das vorliegende – nicht ausschliesslich mit ungenügenden fi-
nanziellen Mitteln begründete – Gesuch um Kostenvorschusserlass als
rechtsgenügliches Nachholen der versäumten Rechtshandlung zu qualifi-
zieren. Die formellen Voraussetzungen von Art. 24 Abs. 1 VwVG sind damit
erfüllt, weshalb auf das Fristwiederherstellungsgesuch einzutreten ist.
5.
5.1 Die Gesuchstellenden machen zur Begründung für die verpasste Zah-
lungsfrist geltend, sie hätten die Zwischenverfügung vom 4. Oktober 2021
erst am 23. Oktober 2021 erhalten. Sie äussern sich indessen nicht näher
zu den Gründen für diese verspätete Zustellung. Abklärungen des Gerichts
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bei der Schweizerischen Post haben ergeben, dass die fragliche Zwischen-
verfügung am 5. Oktober 2021 zur Abholung gemeldet wurde (Abholungs-
einladung mit Frist bis zum 12. Oktober 2021), der Rechtsvertreter der Ge-
suchstellenden der Post jedoch offenbar einen Auftrag «Post zurückbehal-
ten» erteilt hatte und seine Sendungen – darunter auch die Zwischenver-
fügung vom 4. Oktober 2021 – erst am 23. Oktober 2021 abholte (vgl. Sen-
dungsverfolgung sowie E-Mail der Post CH AG vom 2. November 2021).
5.2 Bei dieser Sachlage ist nicht von einem unverschuldeten Versäumnis
auszugehen. Gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts müssen
Parteien in den auf die Einleitung eines Verfahrens beziehungsweise der
Vornahme konkreter verfahrensmässiger Anordnungen folgenden Wochen
mit der Zustellung von behördlichen Akten rechnen und sind daher ver-
pflichtet, alles vorzukehren, um die Entgegennahme behördlicher Sendun-
gen sicherzustellen (vgl. beispielsweise BGE 141 II 429 E. 3.1; 130 III 396
E. 1.2.3; Urteil des BGer 2C_966/2017 vom 5. Februar 2018 E. 4.1; vgl.
dazu auch PATRICIA EGLI, a.a.O., N. 28). Indem der Rechtsvertreter der
Gesuchstellenden keine geeigneten Vorkehrungen getroffen hat, um si-
cherzustellen, dass ihm – oder einem von ihm ermächtigten Vertreter –
während seiner Abwesenheit die aufgrund des von ihm eingeleiteten Ver-
fahrens zu erwartenden behördlichen Sendungen zugestellt werden kön-
nen, hat er seine Sorgfaltspflicht verletzt und muss sich Nachlässigkeit vor-
werfen lassen. Ein Postrückbehaltungsauftrag stellt offensichtlich keine ge-
eignete Massnahme dar; vielmehr gilt eine Gerichtsurkunde auch in sol-
chen Fällen als zugestellt am letzten Tag der siebentägigen Frist ab Ein-
gang der Sendung bei der Poststelle am Wohnort des Empfängers (vgl.
BGE 141 II 429).
5.3 Nach dem Gesagten sind die (materiellen) Voraussetzungen für eine
Wiederherstellung der Frist nach Art. 24 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt.
6.
Das Fristwiederherstellungsgesuch ist demnach abzuweisen.
7.
7.1 Zugunsten der Gesuchstellenden ist zu vermuten, dass sich der im
Fristwiederherstellungsgesuch gestellte Antrag auf Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung (inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses) nicht nur auf das (abgeschlossene) Beschwerdeverfahren
bezieht, sondern auch für das vorliegende Fristwiederherstellungsverfah-
ren gilt.
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7.2 Mit dem vorliegenden Direktentscheid wird das Gesuch um Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos. Ausserdem wird
der am 1. November 2021 verfügte Vollzugsstopp damit hinfällig.
7.3 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
(Art. 37 VGG i.V.m. Art. 65 Abs. 1 VwVG) ist ungeachtet der geltend ge-
machten prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen, da sich die Gesuchsbe-
gehren entsprechend den vorstehenden Erwägungen von Vornherein als
aussichtslos erwiesen haben.
7.4 Demzufolge sind die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 750.– den
Gesuchstellenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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