Decision ID: 651f16c6-7f38-554c-a60d-d933e81c5b18
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X ist Rentnerin. Mit Verfügung vom 16. September 2009 wurde sie für das Jahr
2008 nach Ermessen veranlagt, weil sie keine Steuererklärung eingereicht hatte. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Veranlagungsbehörde setzte das steuerbare Einkommen auf Fr. 94'200.-- fest. Die
Veranlagungsverfügung wurde X am 23. September 2009 von der Post übergeben. Am
26. Oktober 2009 (Eingang Kantonales Steueramt: 27.10.2009) erhob die
Steuerpflichtige dagegen Einsprache und reichte gleichzeitig die Steuererklärung ein.
Mit Entscheid vom 25. November 2009 trat das Kantonale Steueramt auf die
Einsprache wegen Verspätung nicht ein.
B.- Gegen diesen Nichteintretensentscheid erhob X, vertreten durch Y, mit Eingabe
vom 7. Dezember 2009 (Poststempel: 11.12.2009) Beschwerde bei der
Verwaltungsrekurskommission mit dem sinngemässen Antrag, der angefochtene
Entscheid sei aufzuheben. Sie brachte vor, gemäss telefonischer Auskunft eines
Steuerbeamten würden zu der 30-tägigen Einsprachefrist nochmals 10 Tage Aufschub
gewährt. Die Einsprache vom 26. Oktober 2009 sei daher rechtzeitig eingereicht
worden.
Mit identischer Eingabe am gleichen Tag wandte sich X auch an das Kantonale
Steueramt. Diese Eingabe wurde am 17. Dezember 2009 zuständigkeitshalber an die
Verwaltungsrekurskommission weitergeleitet.
Mit Vernehmlassung vom 22. Februar 2010 beantragte die Vorinstanz, die Beschwerde
sei unter Kostenfolge abzuweisen. Dazu nahm die Beschwerdeführerin am 30. April
2010 Stellung. Die Eidgenössische Steuerverwaltung verzichtete stillschweigend auf
eine Vernehmlassung.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Beschwerdeerhebung ist gegeben. Die Beschwerde vom 7. Dezember 2009
(Poststempel: 11.12.2009) ist rechtzeitig eingereicht worden. Sie erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 140 Abs. 2 des
Bundesgesetzes über die direkte Bundessteuer, SR 642.11, abgekürzt: DBG; Art. 7
Abs. 1 der Verordnung zum Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer, sGS 815.1;
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Art. 41 lit. h Ziff. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1,
abgekürzt: VRP). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.- Anfechtungsgegenstand ist der Nichteintretensentscheid der Vorinstanz vom
25. November 2009 betreffend die Ermessensveranlagung der Beschwerdeführerin für
die direkten Bundessteuern 2008. Dieser bildet die sachliche Begrenzung des
Anfechtungsverfahrens (vgl. Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St.
Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz. 579). Die Verwaltungsrekurskommission kann daher
ausschliesslich prüfen, ob die Vorinstanz zu Recht auf die Einsprache nicht eingetreten
ist. Käme sie zum Schluss, die Vorinstanz hätte auf die Einsprache eintreten müssen,
so muss sie die Streitsache - sofern nicht verfahrensökonomische Interessen
entgegenstehen - zur materiellen Beurteilung der Einsprache an die Vorinstanz
zurückweisen.
3.- Die Vorinstanz hat mit der Begründung, die Einsprache vom 26. Oktober 2009
gegen die Veranlagungsverfügung vom 16. September 2009 sei zu spät erhoben
worden, am 25. November 2009 einen Nichteintretensentscheid gefällt.
a) Gegen die Veranlagungsverfügung kann innert dreissig Tagen nach der Zustellung
Einsprache erhoben werden (vgl. Art. 132 Abs. 1 DBG). Die Frist beginnt nach Art. 133
Abs. 1 DBG mit dem auf die Eröffnung folgenden Tag und gilt insbesondere als
eingehalten, wenn die Einsprache am letzten Tag der Frist bei der
Veranlagungsbehörde eingegangen oder der schweizerischen Post übergeben worden
ist. Bei der Einsprachefrist handelt es sich um eine gesetzliche, nicht erstreckbare Frist,
die bei Versäumnis zur Verwirkung des Einspracherechts führt. Auf verspätete
Einsprachen wird nur eingetreten, wenn der Steuerpflichtige nachweist, dass er durch
Militär- oder Zivildienst, Krankheit, Landesabwesenheit oder andere erhebliche Gründe
an der rechtzeitigen Einreichung verhindert war und dass die Einsprache innert 30
Tagen nach Wegfall der Hinderungsgründe eingereicht wurde (Art. 133 Abs. 3 DBG).
Ansonsten tritt die Verwirkungsfolge ein (ASA 58 S. 285 E. 3a). Nach Ablauf der Frist
erwächst die Veranlagung in Rechtskraft. Eine verspätete Einsprache darf daher nicht
materiell behandelt werden. Das für die Einspracheerledigung zuständige kantonale
Steueramt hat keinen Spielraum, nach Gutdünken trotzdem auf die Einsprache
einzutreten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
b) Die Veranlagungsverfügung wurde der Beschwerdeführerin am 16. September 2009
mittels eingeschriebener Post zugestellt und nachweisbar am 23. September 2009 am
Postschalter übergeben (act. I/f). Sie gilt an diesem Tag als eröffnet. Die gesetzliche
Einsprachefrist von 30 Tagen begann dementsprechend am 24. September 2009 zu
laufen und endete am 23. Oktober 2009. Die Beschwerdeführerin bestreitet diesen
Sachverhalt nicht, beruft sich aber auf die telefonische Auskunft eines nicht näher
bezeichneten Steuerbeamten, wonach zusätzlich zur Einsprachefrist von 30 Tagen ein
Aufschub von 10 Tagen gewährt werde, da es bei der Post immer öfters
Schwierigkeiten mit der termingerechten Zustellung der Unterlagen gebe. Aufgrund
dieser Information stellte sie zwei unterschiedliche Berechnungen zum Fristenlauf an.
Bei einer Variante begann die Frist am 16. September 2009 zu laufen und endete am
26. Oktober 2009, bei der anderen rechnete sie mit einem Fristbeginn am 24.
September 2009 und mit dem entsprechenden Fristende am 4. November 2009.
Daraus folgerte Sie, dass die am 26. Oktober 2009 der Post übergebene Einsprache
fristgerecht eingereicht worden ist. Die Vorinstanz hält in ihrer
Beschwerdevernehmlassung dagegen, die Beschwerdeführerin interpretiere den
Fristenlauf in einem falschen Zusammenhang. Zusatztage über die eigentliche Frist
hinaus würden nur beim Versand der Veranlagung mittels gewöhnlicher Post
berücksichtigt, weil die Zustellung in diesen Fällen nicht exakt eruiert werden könne.
Es ist unbestritten, dass die Einsprache nach Ablauf der gesetzlichen Frist von 30
Tagen eingereicht wurde. Die Beschwerdeführerin bringt auch keine Gründe vor, die es
in Anwendung von Art. 133 Abs. 3 DBG rechtfertigen würden, auf die verspätete
Einsprache einzutreten. Dementsprechend ist davon auszugehen, dass die Einsprache
zu spät erhoben wurde. Die Beschwerdeführerin beruft sich jedoch auf eine Auskunft
der Steuerbehörde, wonach man auf die Einsprache auch 10 Tage nach Ablauf der
gesetzlichen Frist noch eintreten werde. Es ist zu prüfen, ob es erwiesen ist, dass eine
solche Auskunft erteilt wurde und die Beschwerdeführerin sich nach Treu und Glauben
auf diese Auskunft verlassen durfte.
c) Der in Art. 9 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (SR
101; abgekürzt: BV) verankerte Grundsatz von Treu und Glauben verleiht einer Person
Anspruch auf Schutz des berechtigten Vertrauens in behördliche Zusicherungen oder
sonstiges, bestimmte Erwartungen begründendes Verhalten der Behörden. Im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Steuerrecht, das vom Grundsatz der Gesetzmässigkeit beherrscht wird, ist das Prinzip
von Treu und Glauben allerdings nur beschränkt anwendbar (BGE 131 II 627 E. 6.1 mit
Hinweisen; SGE 2007 Nr. 4 E. 2.6.2). Indessen sind auch die Steuerbehörden an eine
verbindlich gegebene Auskunft gebunden; auch sie haben somit das Verbot
widerspruchsvollen Verhaltens zu beachten. Voraussetzung dafür ist, dass die
behördliche Angabe sich auf eine konkrete, den betreffenden Bürger berührende
Angelegenheit bezieht, die Amtsstelle, welche die Auskunft gegeben hat, für die
Auskunfterteilung zuständig war, der Bürger im Vertrauen auf den Bescheid eine nicht
wieder rückgängig zu machende Disposition getroffen hat und die Rechtslage zur Zeit
der Verwirklichung des Tatbestandes noch die gleiche ist, wie die der Auskunft
zugrunde gelegte. War die Auskunft unrichtig beziehungsweise ungesetzlich, so darf
die Unrichtigkeit des Bescheides nicht ohne weiteres erkennbar gewesen sein (ASA 76
S. 756 E. 4.1). Für den Inhalt und den Zeitpunkt einer Auskunftserteilung ist sodann
derjenige beweispflichtig, der daraus Rechte ableitet (Weidmann/Grossmann/Zigerlig,
Wegweiser durch das st.gallische Steuerrecht, 6. Auflage 1999, S. 388; GVP 1983 Nr.
14).
Die Beschwerdeführerin gibt an, die Information über die Verlängerung der
Einsprachefrist telefonisch von einem Steuerbeamten erhalten zu haben. Aus den
Unterlagen gehen weder dessen Name noch der Zeitpunkt des Telefongespräches
noch der zugrunde liegende Sachverhalt hervor. Da die Auskunft nur mündlich erteilt
wurde, ist ihr genauer Inhalt nicht eruierbar und es bleibt ungeklärt, ob sich die
Auskunft gebende Person nur generell oder in Kenntnis aller Umstände des konkreten
Sachverhalts äusserte. Letzteres ist aber erforderlich, denn nur die Stellungnahme zu
einem bestimmten, konkreten Tatbestand kann das berechtigte Vertrauen beim
Steuerpflichtigen begründen, dass die Steuerbehörde gemäss der erteilten Auskunft
verfahren wird (Jürg Bauer, Auskünfte und Zusagen der Steuerbehörden an Private im
schweizerischen Steuerrecht, Zürcher Diss., Zürich 1979, S. 220). Das Kantonale
Steueramt nimmt zum erwähnten Telefongespräch keine Stellung und lässt offen, ob
überhaupt eine derartige Information geflossen ist. Das ist nicht verwunderlich, da die
Angaben der Beschwerdeführerin nicht konkret sind. Es äussert sich nur dahingehend,
dass der von der Beschwerdeführerin erwähnte Fristenlauf im Zusammenhang mit der
gewöhnlichen Postzustellung stehe und die Argumente bezogen auf den vorliegenden
Fall unbehelflich seien. Dieser Hinweis deutet darauf hin, dass sich die Steuerbehörde,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wenn überhaupt, nur in allgemeiner Weise über den Fristenlauf geäussert hat. Eine
solche Auskunft kann nur berechtigtes Vertrauen erwecken, wenn sie angesichts des
konkreten Falls vorbehaltlos erteilt wird (vgl. Jürg Bauer, a.a.O., S. 221). Dies lässt sich
den Akten aber nicht entnehmen und es ist auch unwahrscheinlich, dass eine
Steuerbehörde angesichts der klaren Rechtslage eine solche Auskunft erteilen würde.
Die Vorbringen der Parteien widersprechen sich somit. Aufgrund der Aktenlage kann
nicht als bewiesen angesehen werden, dass die Beschwerdeführerin eine individuelle
und auf den konkreten Umständen beruhende Zusicherung erhalten hat, man werde
ihre Einsprache auch zehn Tage nach Ablauf der gesetzlichen Frist noch behandeln.
Damit ist es der Beschwerdeführerin nicht gelungen, den Beweis für eine
vertrauensbegründende Zusicherung zu erbringen. Es braucht nicht geprüft zu werden,
ob die weiteren Voraussetzungen gegeben wären, um gestützt auf Treu und Glauben
von der gesetzlichen Einsprachefrist abzuweichen.
d) Zusammenfassend ergibt sich damit, dass die Vorinstanz zu Recht nicht auf die
Einsprache vom 26. Oktober 2009 zufolge Verspätung eingetreten ist.
Dementsprechend ist die Beschwerde abzuweisen.
4.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die Kosten des Verfahrens der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 144 Abs. 1 DBG). Eine Entscheidgebühr von
Fr. 500.-- ist angemessen (vgl. Art. 144 Abs. 5 DBG in Verbindung mit Art. 13 Ziff. 522
Gerichtskostentarif, sGS 941.12). Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 500.-- ist zu
verrechnen.