Decision ID: 397f3379-66cc-44bd-949f-096a74c70afc
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
erlitt am 2
2.
Augus
t 2008
einen Sturz. Für dessen Folgen über
nahm
die Allianz
Suisse Versicherungs-Gesellschaft
(nachfolgend: Allianz)
die gesetz
li
che
n Leistungen (Heilbehandlung,
Taggeld). Mit Verfügung vom 1
4.
März 2013
verneinte sie d
en Kausalzusammenhang zwischen dem Sturzereignis und den noch bestehenden psychischen Beschwerden
(
Urk.
7/108).
Dagegen erhob der Ver
sicherte am
9.
A
pril 2013 Einsprache (
Urk.
7/115
).
Im parallel laufenden invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren teilte die In
validenversicherung
dem Versich
erten am 2
3.
Mai 2013 mit
, dass
sie
eine polydisziplinäre medizinische Untersuchung für erforderlich erachte.
Ohne sei
nen schrift
lich begründeten Gegenbericht innert 10 Tagen würde eine Gutachter
stelle beauftragt, deren Wahl nach dem Zufallsprinzip erfolge (
Urk.
7/118).
Nach
dem die Allianz mit einer Orientierungskopie bedient worden war, ent
schied sie sich im Rahmen des laufenden
Einspracheverfahrens
, si
ch dieser
polydisziplinären Begutachtung anzuschliessen. Sie stellte dem Versicherten mit Schreiben
vom
4.
Juni 2013 ihren (ergänzenden) Fragenka
talog zur Vernehm
lassung sowie
zur weiteren
Ergänzung zu (
Urk.
7/120).
Der Versicherte unterbreitete mit Eingabe vom 1
4.
Juni 2013 Ergänzungsfragen
und beantragte zudem die Streichung und Änderung einiger Fragen der Allianz (
Urk.
7/122). Diese übernahm die Ergänzungsfragen, verweigerte aber die Änderung oder Streichung ihrer eigenen Fragen (
Urk.
7/123). Daraufhin
verlangte der
Versicherte
wiederholt, erstmals mit Schreiben vom 2
7.
Juni 2013,
den Erlass einer Zwischenverfügung über den Inhalt des Fragenkata
logs (
Urk.
7/128,
7/1
30,
7/132), was die Allianz
ablehnte
(
Urk.
7/129
, 7/131, 7/133
)
.
2.
Am
2
7.
August 2013 erhob
X._
, vertreten durch Rechtsanwältin Franziska
Venghaus
, Rechtsverzögerungsbeschwerde mit dem Antrag, die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, mittels einer prozessleitenden Verfügung über den Fragenkatalog zu entscheiden (
Urk.
1 S. 2). Die Allianz
schloss
mit Be
schwerdeantwor
t vom
6.
September 2013
auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6),
was dem Versicherten am 10. September 2013 (Urk. 8) zur Kenntnis gebracht wurde.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Nach Art. 56 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialver
sicherungsrechts (ATSG) kann gegen
Einspracheentscheide
oder Verfü
gungen, gegen welche eine Einsprache ausgeschlossen ist, Beschwerde erhoben werden. Beschwerde kann
gemäss
Art. 56 Abs. 2 ATSG auch erhoben werden, wenn der
Versicherungsträger entgegen dem Begehren der betroffenen Person keine Verfügung oder keinen
Einspracheentscheid
erlässt. Diese Bestimmung betrifft Rechtsverweigerungs- und -
verzögerungsbeschwerden
(Urteil des vor
maligen Eid
ge
nössi
schen Versicherungsgerichts [EVG] K 55/03 vom 23. Oktober 2003 E. 1.2). Gegenstand einer solchen Rechts
verweigerungs- oder Rechtsverzö
gerungsbe
schwerde bilden - wie bereits vor Inkrafttreten des ATSG (RKUV 2000 Nr. KV 131
S. 246 E. 2d) - nicht die materiellen Rechte und Pflichten, insbeson
dere die Ver
sicherungsleistungen, sondern einzig die Frage der Rechtsverwei
gerung oder
–
verzögerung
(SVR 2005 IV Nr. 26 S. 101 und erwähntes Urteil K 55/03 vom 23. Oktober 2003). Ein Vorgehen na
ch Art. 56 Abs. 2 ATSG setzt
re
gelmässig
voraus, dass die versicherte Person zuvor - ausdrücklich oder zumin
dest
sinngemäss
- den Erlass einer anfechtbaren Verfügung verlangt hat (SVR 2009 UV Nr. 24 S. 87,
Bundesgerichtsurteil
8C_453/2008 vom 12. Dezember 2008 E. 3.3).
Eine Rechtsverzögerung kann ausnahmsweise auch durch eine positive Anord
nung
begangen
werden, wobei
rechtsprechungsge
mäss
vorausge
setzt wird, dass
die fragliche Anordnung rechtsmissbräuchlich getroffen wurde und sich ein Ein
greifen des Gerichts hinsichtlich angeordneter
Abklärungsmassnahmen
nur recht
fertigt, wenn die Behörde ihr Ermessen of
fensichtlich üb
erschritten hat (Bundesgerichtsurteil
9C_24/10 vom 31. März 2010 E. 2).
2.
Mit BGE 137 V 210 hat das Bundesgericht im Zusammenhang mit der Einho
lung von Administrativ- und Gerichtsgutachten bei Medizinischen Abklärungsstellen (MEDAS) die bisherige Rechtsprechung, wonach der Anordnung einer Begutachtung durch den Sozialversicherer kein Verfügungscharakter zukommt (BGE 132 V 93), geändert und festgehalten, dass die (bei fehlendem Konsens zu treffende) Anordnung einer Expertise in die Form einer
Zwischenverfügung zu
kleiden sei
, welche dem Verfügungsbegriff gemäss Art. 5 des Bundesgesetzes über
das Verwaltungsverfahren (
VwVG
)
entspreche
und die beim kantonalen Versiche
rungsgericht (bzw. Bundesve
rwaltungsgericht) anfechtbar sei
(BGE 137 V 210
E.
3.4.2.6 und 3.4.2.7
).
Beschwerdeweise geltend gemacht wer
den könnten mate
rielle Einwendungen beispielsweise des Inhalts, die in Aus
sicht genommene Be
gut
achtung sei nicht notwendig, weil sie - mit Blick auf ei
nen bereits um
fassend
abgeklärten Sachverhalt - bloss einer „
second
opinion
"
entspreche. Nach wie vor
gerügt werden könnte
n (personenbezogene)
Ausstands
gründe
. Nicht gehört wer
den
könne ind
essen das Vorbringen, die Abgeltung der Gut
achten aus Mitteln der Invalidenve
rsicherung führe zu einer Befan
genheit der MEDAS (E. 3.4.2.7). Im Weiteren führte es aus, dass sinngemäss aus den bis
her dargelegten Gründen der versicherten Person - unter Aufgabe der bishe
ri
gen Rechtsprechung (BGE 133 V 446) - ein Anspruch einzuräumen sei, sich vorgängig zu den Gutachter
fragen zu äussern. Mithin hätten die IV-Stellen der versicherten Person künftig
mit der verfügun
gsmässigen Anordnung der Begut
achtung den vorgesehenen Ka
ta
log
der Expertenfragen zur Stellungnahme zu unterbreiten (E. 3.4.2.9). Diese zur Invalidenversicherung ergangene Rechtsprechung findet
, soweit sie vorlie
gend zitiert wurde,
auch im Bereich der Unfallversicherung
Anwendung
(
BGE 138 V 318
)
.
3.
3.1
Zwischen den Partei
en ist strittig, ob
bei fehlendem Konsens über den Inhalt des Fragenkatalogs
ein Anspruch
auf Erlass einer Zwischenverfügung
besteht
.
3.2
Zu dieser Frage hat sich das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich im Urteil
IV.2013.00184
vom 1
7.
Mai 2013 geäussert und dazu
unter Erwägung 3.2 und 3.3 festgehalten:
3.2
Das Bundesgericht hat - in Änderung einer früheren Rechtsprechung – festgehalten, es sei der versicherten Person „ein Anspruch einzuräumen, sich vorgängig zu den Gutachterfragen zu äussern“. Mithin würden „die IV-Stellen der versicherten Person künftig zusammen mit der verfügungsmässigen Anordnung der Begutachtung den vorgesehenen Katalog der Expertenfragen zur Stellungnahme unterbreiten. Führt die damit eröffnete Mitwirkungsmöglichkeit der betroffenen Person zu einer
einzelfall
adäquaten
Fragestellung, so trägt dies im Übrigen zur gutachtlichen Qualität we
sentlich bei“ (BGE 137 V 210 E. 3.4.2.9). In späteren Entscheiden wurde unter Bezug
nahme auf den genannten BGE ausgeführt, die IV-Stellen unterbreiteten „den vor
gesehenen Katalog der Expertenfragen zur Stellungnahme“ (BGE 138 V 271 E. 1.1), beziehungsweise „dass der versicherten Person vorgängige Mitwirkungsrechte in dem Sinne zustehen, dass sie sich zu den Gutachterfragen äussern kann“ (BGE 138 V 318 E. 6.1.4). In den nicht amtlich publizierten Entscheiden hat das Bundesgericht über
wiegend
die eben genannte Formulierung verwendet; vereinzelt hat es auch ausge
führt, „die
versicherte Person sei befugt, vorgängig zu den Gutachterfragen Stellung zu nehmen und entsprechende Ergänzungsfragen zu stellen“ (Urteile des Bun
des
ge
richts 8C_888/2011, 8C_900/2011 vom
7.
Mai 2012 E. 4.1.2, 8C_623/2011 vom 1
5.
März 2012 E. 5.2, 9C_575/2011 vom 1
2.
Oktober 2011 E. 4.2).
3.3
Aus den Vorgaben des Bundesgerichts ergibt sich ein Recht des Beschwerdeführers, zu den vorgesehenen Fragen Stellung zu nehmen, nicht aber ein gerichtlich durch
setzbarer Anspruch darauf, dass von ihm formulierte Zusatzfragen in jedem Fall den Gutachtern unterbreitet werden.
Wohl ist es wünschenswert, all
fällige Stellungnah
men so zu berücksichtigen, d
ass ein allseits genehmer Frageka
talog resultiert. Wo dies jedoch nicht gelingt, bleibt es im Ermessen der Beschwerdegegnerin
(Anm.: des Versicherungsträgers)
, die von den Gutachte
rn zu beantwortenden Fragen abs
chlies
send zu formulieren, wie auch darüber zu entscheiden, zusätzliche Fragen ebenfalls
den Gutachtern zu unterbreiten.
(...)
3.3
In diesem Sinne entschied auch
das Kantonsgericht Basel-Landschaft im Ent
scheid vom 1
7.
Januar 2013 (725 12 109 / 6). Es hielt fest, dass die versicherte Person nach neuerer Rechts
prechung zwar ein
en
Anspruch habe,
sich vorgängig zu den Gutachterfragen zu äussern
,
und ihr der vorgesehen Katalog der Expertenfragen zusammen mit der verfügungsmässigen Anordnung der Begutachtung zur Stellungnahme zu unterbreiten sei. Die Expertenfragen würden damit aber nicht Gegenstand der Zwischenverfügung (E. 1.2).
3.4
Diesen Entscheiden ist zu folgen.
Anzufügen ist, dass sich auch aus dem jüngs
ten bundesgerichtlichen Leitentsch
eid BGE 139 V 349 (9C_207/2012)
nichts an
deres ergibt.
Soweit der Beschwerdeführer sich auf ein Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons Aargau vom 1
6.
April 2013 (VBE.2012.730)
beruft, verkennt er, dass jenem
Fall eine andere Kon
stellation zu Grunde lag
.
Zu b
eurteilen war eine Verfügung, mit
welcher die IV-Stelle an ihrem Fragekatalog festhielt. Das Gericht entschied, dass eine Frage im Katalog abzuändern sei (
Urk.
2/10). Die vorliegend strittige Frage, ob überhaupt ein Anspruch auf Erlass
eine
r
Zwischenverfügung über den Gegenstand der Expertenfragen
besteht, war jedoch kein
Prozessthema.
Gleich verhält es sich mit dem
Entscheid des Versicherungsgerichts des Kanton
s
St.
Gallen
vom 2
8.
Mai 2013 (IV.2012/353), auf welchen der Beschwerdeführer im Weiteren verweist.
Auch i
n jenem Fal
l lag
eine Zwischenverfügung vor. Da
bei ging es unter anderem darum, dass die IV-Stelle dem Fragenkatalog zu
Handen
des Gutachters eine sogenannte Rechtsprechungsübersicht beilegte. Die Auswahl der Entscheide beurte
ilte das Gericht als suggestiv (
Urk.
2/11).
F
ür den vorliegenden Fall
lässt sich daraus aber
nichts ableiten.
3.5
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass ein Anspruch auf Erlass einer Zwischenverfügung bei fehlendem Konsens über die zu
stellenden Expertenfragen zu verneinen ist. Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.