Decision ID: 76280332-ca3e-59d1-a5b5-19fe56e7efc1
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
Am 20. Mai 1994 wurde das ehemalige Grundstück Nr. 0000_, Grundbuch X._, in die
Grundstücke Nrn. 0001_, 0002_, 0003_, 0004_ und 0005_ aufgeteilt. Das
Grundstück Nr. 0001_ steht zu zwei Dritteln im unselbständigen Miteigentum der A-
AG als Eigentümerin der Parzellen Nrn. 0002_ und 0003_ und zu einem Drittel im
Eigentum der H-AG als Eigentümerin der Parzelle Nr. 0004_. Nach dem Zonenplan der
Politischen Gemeinde X._ sind all diese Grundstücke der Gewerbe-Industrie-Zone GI
zugewiesen. Am 29. Mai 2020/ 9. Juni 2020 reichten R._ und S._ (Präsident resp.
Mitglied des Verwaltungsrates der A-AG) im eigenen Namen ein Baugesuch für den
Abbruch des Satteldachs und die Erstellung einer Aufstockung (neues Dach- und
Galeriegeschoss) auf dem Schulhaus (ehemals: Maschinenfabrik) Assek.-Nr. 0006_
auf Parzelle Nr. 0003_ ein. Während der öffentlichen Auflage vom 17. Juli 2020 bis
30. Juli 2020 gingen zwei Einsprachen ein, darunter diejenige der H-AG (bis 11. resp.
28./31. Dezember 2020: Q._ AG). Am 24. September 2020 reichten R._ und S._
revidierte Baugesuchsunterlagen ein. Am 10. November 2020 wies die Baukommission
X._ die öffentlich-rechtlichen Einsprachen ab, soweit sie diese nicht als
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gegenstandslos abschrieb, und bewilligte das Bauvorhaben unter gleichzeitiger
Eröffnung der kantonalen Verfügungen und Stellungnahmen resp. der Zustimmung der
SBB AG vom 21. Juli 2020 als Gesamtentscheid (act. 7, act. 10/5/1-12, 15-21, 28-31,
act. 10/28/1-3, act. 10/30, www.zefix.ch, www.geoportal.ch).
Dagegen rekurrierte die H-AG durch Rechtsagent Martin Aurich am
28. November 2020 an das Baudepartement (seit 1. Oktober 2021: Bau- und
Umweltdepartement). Mit Entscheid vom 16. Juli 2021 hiess das Departement den
Rekurs gut, soweit es darauf eintrat, und hob den Gesamtentscheid der
Baukommission X._ vom 10. November 2020 auf (act. 2, act. 10/1).
B.
Gegen den Entscheid des Baudepartements (Vorinstanz) vom 16. Juli 2021 erhob die
A-AG (Beschwerdeführerin) durch ihren Rechtsvertreter am 2. August 2021
Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem Rechtsbegehren, es sei der
angefochtene Entscheid unter Kosten- und Entschädigungsfolge, zuzüglich
Mehrwertsteuer, aufzuheben, und die Baubewilligung der Baukommission der
Politischen Gemeinde X._ (Beschwerdebeteiligte) vom 10. November 2020 zu
schützen (act. 1). Am 15. September 2021 ergänzte sie ihre Beschwerde mit einer
Begründung und reduzierte ihr Rechtsbegehren insoweit, als dass der angefochtene
Entscheid nur aufzuheben sei, soweit auf den Rekurs eingetreten worden sei.
Eventualiter sei die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz
zurückzuweisen (act. 6). Mit Vernehmlassung vom 29. September 2021 schloss die
Vorinstanz auf Abweisung der Beschwerde, soweit auf diese einzutreten sei (act. 9).
Am 19. Oktober 2021 nahm die H-AG (Beschwerdegegnerin) durch ihren
Rechtsvertreter Stellung und beantragte, es sei die Beschwerde unter Kosten- und
Entschädigungsfolge abzuweisen, soweit darauf eingetreten werden könne (act. 12).
Am 31. Januar 2021 liess sich die Beschwerdeführerin abschliessend vernehmen
(act. 21).
Auf die Erwägungen des angefochtenen Entscheids und die Ausführungen der
Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge und die Akten wird, soweit
wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Die Beschwerdeeingabe
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vom 2. August 2021 (act. 1) erfolgte rechtzeitig und erfüllt zusammen mit der
Ergänzung vom 15. September 2021 formell und inhaltlich die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 und 2 VRP).
Die Beschwerdeführerin ist zur Erhebung des Rechtsmittels befugt (Art. 64 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist somit grundsätzlich
einzutreten. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz (act. 9, Ziff. II) gilt dies auch,
soweit die Beschwerdeführerin ihr Rechtsbegehren mit Eingabe vom
15. September 2021 reduziert hat, selbst wenn ihr dafür vom Abteilungspräsidenten mit
verfahrensleitender Anordnung vom 3. August 2021 (act. 5) keine Frist angesetzt
worden ist und die Beschwerdeführerin (vgl. act. 6, S. 2 Rz. 3, act. 21 Rz. 1 f.) davon
spricht, ihre Anträge "präzisiert" – nicht reduziert – zu haben (vgl. dazu Looser/Looser-
Herzog, in: Rizvi/Schindler/Cavelti [Hrsg.], Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege,
Praxiskommentar, Zürich/St. Gallen 2020, N 12 zu Art. 61 VRP).
Nicht einzutreten ist auf die Beschwerde, soweit darin um Schutz der Baubewilligung
vom 10. November 2020 ersucht wird (vgl. dazu VerwGE B 2019/123 vom 28. Mai 2020
E. 1 mit Hinweis).
2.
Die Beschwerdeführerin stellt den Beweisantrag (act. 6, S. 8 Rz. 14, act. 21 Rz. 15), es
sei ein Augenschein durchzuführen. Darauf kann in antizipierter Beweiswürdigung
verzichtet werden. Die mit Blick auf die nachstehend zu schildernden Gegebenheiten
entscheidrelevanten tatsächlichen Verhältnisse ergeben sich aus den Verfahrensakten
und dem Geoportal (www.geoportal.ch, vgl. zu den nicht beweisbedürftigen
notorischen Tatsachen etwa BGer 1C_582/2018 vom 23. Dezember 2019 E. 2.3 mit
Hinweisen, insbesondere auf BGE 143 IV 380 E. 1.2, in: Pra 2018 Nr. 61). Bezüglich der
sich hier in erster Linie stellenden Fragen rechtlicher Natur ist nicht ersichtlich, was der
beantragte Augenschein für das Gericht an zusätzlichem Erkenntnisgewinn bringen
würde (vgl. dazu BGer 1C_90/2020 vom 15. September 2021 E. 3.4.1 mit Hinweisen).
3.
Die Beschwerdeführerin wirft der Vorinstanz eine Verletzung der Begründungspflicht
vor (act. 6, S. 3 f., 8 Rz. 6, 9, 13, act. 21 Rz. 3-5). Die aus dem Anspruch auf rechtliches
Gehör (Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft;
SR 101, BV, Art. 4 lit. c der Verfassung des Kantons St. Gallen; SR 131.225;
sGS 111.1, KV, und Art. 6 Ziff. 1 der Europäischen Konvention zum Schutz der
Menschenrechte und Grundfreiheiten; SR 0.101, EMRK, Art. 24 Abs. 1 lit. a VRP)
fliessende grundsätzliche Pflicht der Behörde, ihren Entscheid zu begründen, bedeutet
nicht, dass sie sich mit jeder tatbeständlichen Behauptung und jedem rechtlichen
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Einwand auseinandersetzen muss. Vielmehr kann sie sich auf die für den Entscheid
wesentlichen Punkte beschränken. Diesen Anforderungen wird der angefochtene
Entscheid ohne weiteres gerecht (vgl. dazu insbesondere E. 4.3 ff., act. 2, S. 8-10). Die
Vorinstanz hat ihn eingehend begründet und sich mit allen wesentlichen Einwänden der
Beschwerdeführerin in ausreichender Weise auseinandergesetzt, sodass diese in der
Lage war, ihn frist- und sachgerecht anzufechten (vgl. dazu BGer 5A_383/2020 vom
22. Oktober 2021 E. 3.1 mit Hinweisen, zur Publikation vorgesehen).
4.
Ob das strittige Baugesuch gemäss der Beschwerdegegnerin (act. 12, S. 6 Ziff. III/12a)
nach dem neuen Baureglement der Beschwerdebeteiligten vom 3. März 2016
(sRS 721.1, nBauR, vom Baudepartement genehmigt am
18. Mai 2020/21. Dezember 2020, in Kraft getreten am 1. März 2021, https://
oereblex.sg.ch/api/geolinks/2335.html, act. 13) oder nach dem alten, seit
1. Januar 1993 gültigen Baureglement (vom Baudepartement genehmigt am
25. November 1992, aBauR) zu beurteilen ist (vgl. dazu Art. 64 nBauR), kann
offenbleiben, da die Beschwerde sowohl nach neuem als auch nach altem Recht
abzuweisen ist (vgl. E. 6.2 hiernach, siehe dazu auch act. 21 Rz. 11). Darüber hinaus
kann dahingestellt bleiben, wie es sich mit dem Umstand verhält, dass in Art. 19
Abs. 1 nBauR - im Vergleich zu Art. 16 aBauR - neu eine Baumassenziffer (vgl. dazu
Art. 87 ff. des Planungs- und Baugesetzes; sGS 731.1, PBG) vorgeschrieben ist, da die
Beschwerde bereits aus anderen Gründen abzuweisen ist.
5.
Die Beschwerdeführerin rügt (act. 1 Rz. 4 f.) eine Verletzung der Gemeindeautonomie
(vgl. dazu Art. 50 Abs. 1 BV und Art. 89 KV sowie BGer 1C_644/2019 vom
4. Februar 2021 E. 4.1, zur Publikation vorgesehen; BGE 146 I 36 E. 3.1 f. je mit
Hinweisen und zur Zulässigkeit dieser Rüge einer Beschwerdeführerin als
privatrechtlicher Körperschaft BGE 141 I 36 E. 1.2.4 mit Hinweisen), da die Vorinstanz
der gängigen Praxis der Beschwerdebeteiligten zur Erweiterungsgarantie (vgl. dazu die
Erwägungen im Baubewilligungs- und Einspracheentscheid vom 10. November 2020,
act. 10/1/1, S. 16 f.) nicht gefolgt sei. Den kommunalen Behörden steht bei der
Anwendung unbestimmter Rechtsbegriffe zwar namentlich dann ein Beurteilungs- bzw.
Ermessensspielraum zu, wenn Fragen zu beantworten sind, die lokale Umstände
betreffen, mit denen diese Behörden vertraut sind. Die Zurückhaltung bei der
Überprüfung von Ermessensentscheiden zur Wahrung der Gemeindeautonomie darf
jedoch nicht so weit gehen, dass sich kantonale Rechtsmittelbehörden auf eine
Willkürprüfung beschränken, weil eine solche Beschränkung mit der
Rechtsweggarantie gemäss Art. 29a BV und bei Anwendung von Vorschriften des
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Bundesgesetzes über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz; SR 700, RPG) mit
Art. 33 Abs. 3 lit. b RPG nicht vereinbar wäre. Die kommunale Behörde muss ihr
Ermessen pflichtgemäss ausüben. Dabei hat sie vom Sinn und Zweck der
anzuwendenden Regelung auszugehen und neben dem Willkürverbot auch das
Rechtsgleichheitsgebot, das Verhältnismässigkeitsprinzip und das übergeordnete
Gesetzesrecht zu beachten (vgl. dazu BGE 145 I 52 E. 3.6 mit Hinweisen). Wie
nachfolgend (E. 6.2) zu zeigen sein wird, hat die Beschwerdebeteiligte ihren
Ermessensspielraum im vorliegenden Fall überschritten, indem sie das streitbetroffene
Baugesuch zu Unrecht unter den Schutz der Erweiterungsgarantie stellte. Der
angefochtene Entscheid ist deshalb auch in dieser Hinsicht nicht zu beanstanden.
6.
Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die Frage, ob die geplante Aufstockung auf
dem (bereits heute) materiell teilweise baurechtswidrigen Schulgebäude Assek.-
Nr. 0006_ auf Parzelle Nr. 0003_ aufgrund der Erweiterungsgarantie zu bewilligen ist.
Die Beschwerdeführerin bringt vor (act. 1 Rz. 4 f., act. 6, S. 3-9 Rz. 8-13, 15, act. 21
Rz. 6-10, 13 f.), das bestehende Gebäude stehe auf den Grundstücksgrenzen, wobei
es durch das geplante Projekt teilweise erhöht werde, ohne dass es dadurch zu einer
weiteren Unterschreitung des Grenzabstandes komme. Ohne die im Jahr 1994 erfolgte
Abparzellierung und im Rahmen einer einheitlichen Betrachtung wären sämtliche
baureglementarischen Grenzabstände eingehalten: Bei den durch das Projekt direkt
tangierten Nachbargrundstücken Nrn. 0001_ (Zufahrt und Hofraum zur Nutzung und
Bewirtschaftung der Hauptgrundstücke) und 0002_ (Eingangsbereich Schule) handle
es sich um solche, welche mit dem Baugrundstück Nr. 0003_ verbunden seien und
mehrheitlich ihr gehörten. Faktisch sei die Parzelle Nr. 0001_ denn auch nicht
überbaubar und müsse baurechtlich als Erweiterung der Hauptgrundstücke verstanden
werden. Der tatsächliche Grenzabstand werde durch dieses Nebengrundstück
gewahrt. Daher sei es nicht ersichtlich, inwiefern der Schutzzweck des Grenzabstands
(Gewährleistung von feuer- und gesundheitspolizeilichen Zielen, Regelung der
Baudichte, Siedlungsgestaltung, Schutz der Nachbarn) verletzt sein sollte. Wie die
Beschwerdebeteiligte im Baubewilligungsentscheid vom 10. November 2020
richtigerweise ausgeführt habe, verbleibe auch mit der Aufstockung ein beachtlicher
Freiraum. Es entständen keine einschränkenden Auswirkungen auf die Umgebung. Die
Aufstockung führe zu keiner unerwünschten Massierung der Bausubstanz. Die
Ausweitung der Kubatur sei massvoll. Der von der Vorinstanz getroffene Vergleich der
bestehenden mit der neuen Rechtswidrigkeit nur unter Bezugnahme auf die
freistehenden Gebäudeseiten bzw. die sich innerhalb des Grenzabstandes befindlichen
Flächen und Räume sei willkürlich.
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Aus der Eigentumsgarantie (Art. 26 Abs. 1 BV) und dem Grundsatz des
Vertrauensschutzes (Art. 5 Abs. 3 und Art. 9 BV) leitet sich die baurechtliche
Bestandes- bzw. Besitzstandsgarantie ab. Diese gewährleistet, dass nach früherem
Recht erstellte Bauten oder gemäss früherem Recht zulässige Nutzungen unter neuem
Recht fortbestehen dürfen. Die Kantone sind befugt, den Besitzstand darüber hinaus in
einer weitergehenden Weise zu garantieren. So können sie – unter dem Vorbehalt
überwiegender raumplanerischer Interessen – auch die Erneuerung, Umnutzung,
Erweiterung oder gar den vollständigen Wiederaufbau einer alten Baute gestatten. Der
Kanton St. Gallen hat von dieser Möglichkeit mit Erlass von Art. 109 f. PBG mit der
überschrift "Bestandesgarantie/a) Umbauten und Erweiterungen innerhalb der
Bauzone" bzw. "b) Wiederaufbau innerhalb der Bauzone" Gebrauch gemacht. Nach
Art. 109 Abs. 1 in Verbindung mit Abs. 2 Satz 1 PBG sind unter anderem Erweiterungen
formell rechtmässig erstellter Bauten innerhalb der Bauzone zulässig, soweit dadurch
die (nachträgliche oder ursprüngliche materielle) Rechtswidrigkeit weder vermehrt noch
wesentlich verstärkt wird (vgl. dazu VerwGE B 2020/75 vom 25. Mai 2021 E. 7.1 mit
Hinweisen, auf eine dagegen erhobene Beschwerde ist das Bundesgericht mit Urteil
BGer 1C_385/2021 vom 6. Oktober 2021 nicht eingetreten).
Eine Vermehrung der Rechtswidrigkeit liegt dann vor, wenn die Änderung zu einer
Verletzung zusätzlicher Vorschriften führt. Eine Verstärkung der Rechtswidrigkeit
wiederum liegt dann vor, wenn eine bereits verletzte Vorschrift in noch stärkerem Mass
verletzt wird. Wann die Verstärkung einer Rechtswidrigkeit wesentlich ist, beurteilt sich
zum einen nach der Schwere der Verletzung des Schutzzwecks der Norm und zum
anderen nach dem Ausmass, in dem ein bestehender rechtswidriger Gebäude- oder
Anlageteil erweitert werden soll. Unwesentlich ist eine Verstärkung der Rechtswidrigkeit
nur dann, wenn weder der Schutzzweck der Norm wesentlich beeinträchtigt wird, noch
die Erweiterung des bestehenden rechtswidrigen Teils für sich allein oder zusammen
mit dem weiteren Gebäude als bedeutsam bezeichnet werden muss. Zur Beurteilung,
ob eine geplante Erweiterung zu einer wesentlichen Verstärkung der Rechtswidrigkeit
führt, ist auf jenen Bereich abzustellen, der die Baute zur materiell rechtswidrigen Baute
macht (vgl. dazu VerwGE B 2021/147 vom 7. Januar 2022 E. 2.1; VerwGE B 2018/189
vom 21. November 2018 E. 7.1; VerwGE B 2013/252 vom 25. Mai 2015 E. 3.1; VerwGE
B 2010/265 vom 3. Mai 2011 E. 3.2; VerwGE B 2010/106 vom 26. Januar 2011 E. 5.1 f.,
in: GVP 2011 Nr. 18; VerwGE B 2008/13 vom 5. November 2008 E. 6.1; VerwGE
B 2007/10 vom 11. Juni 2007 E. 3.2 je mit Hinweisen, hauptsächlich in Bezug auf
Art. 77 Abs. 2 des bis 30. September 2017 gültig gewesenen Gesetzes über die
Raumplanung und das öffentliche Baurecht, Baugesetz; nGS 32-47, BauG). Keine
6.1.
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Verstärkung der Rechtswidrigkeit liegt demgegenüber dann vor, wenn Bauten und
Anlagen ohne Vergrösserung des umbauten Raums umgebaut oder in ihrem Zweck
geändert werden, so etwa beim Anbringen einer Wärme- und Schalldämmung (Art. 109
Abs. 2 Satz 2 PBG).
Nicht umstritten ist, dass das bestehende (Schul-)Gebäude Assek.-Nr. 0006_ auf
Parzelle Nr. 0003_ allseitig auf den Grundstücksgrenzen steht, mit Ausnahme eines
rund 5,30 m breiten Streifens entlang des Grundstücks Nr. 0011_ (eingeschossiger, an
die Gebäude Assek.-Nrn. 0007_ und 0008_ angebauter Bauteil) über ein
Dachgeschoss verfügt (vgl. dazu Plan Grundrisse/Schnitt A vom 18. September 2020,
act. 10/5/19, Dachgeschoss) und im Norden, Westen resp. Südwesten an die Gebäude
Assek.-Nrn. 0009_, 0007_, 0010_ und 0008_ angebaut ist (www.geoportal.ch).
Fest steht ferner, dass sich weder dem aBauR noch dem nBauR entnehmen lassen
würde, dass die geschlossene Bauweise oder ein Grenzbaurecht für Hauptbauten (vgl.
demgegenüber die Regelung für Klein- und Anbauten in Art. 94 PBG sowie diejenige
für abstandsfreie Gebäude und Gebäudeteile in Art. 95 PBG, siehe dazu auch VerwGE
B 2015/96 und B 2015/97 je vom 26. Oktober 2016 je E. 5.3 f. mit Hinweisen) in der
Gewerbe-Industrie-Zone GI zulässig (gewesen) sein soll. Vielmehr schreiben sowohl
Art. 27 Abs. 1 aBauR als auch Art. 33 Abs. 1 nBauR vor, dass offene Bauweise dort
gilt, wo nicht ausdrücklich geschlossene Bauweise vorgeschrieben ist (vgl. dazu auch
Art. 96 Abs. 1 PBG). Weder nach Art. 16 aBauR noch nach Art. 19 nBauR ist in der
Gewerbe-Industrie-Zone die seitlich geschlossene Bauweise für Hauptbauten
zustimmungsfrei gestattet, d.h. diese dürfen nicht bis zur (bzw. auf die) Grenze gebaut
werden. Folglich verletzt das bestehende, auf den Grundstücksgrenzen stehende
(Schul-)Gebäude Assek-Nr. 0006_ auf Parzelle Nr. 0003_ bereits heute und allseitig
den gemäss Art. 16 Abs. 1 bis 3 aBauR resp. Art. 19 Abs. 1 bis 3 nBauR
massgebenden Mindestgrenzabstand im Sinne von Art. 92 Abs. 1 Satz 1 PBG resp.
Art. 56 Abs. 1 BauG von 4,0 m (Gebäudehöhe bis 10,0 m), welcher sich bei Gebäuden
über 10,0 m Gebäudehöhe (oder 16 m Firsthöhe) zudem noch zusätzlich um die Hälfte
der Mehrhöhe erhöht.
Wie die Vorinstanz in Erwägung 4.4 des angefochtenen Entscheids (act. 2, S. 8-10)
nachvollziehbar dargetan hat, soll die Gebäudehöhe von heute rund 11,5 m mittels der
strittigen Aufstockung auf eine solche von 14,38 m erhöht werden. Dadurch erhöht sich
der vorgeschriebene Grenzabstand, welcher mit der Gebäudehöhe korreliert, allseits
von 4,75 m auf 6,19 m. Die bereits bestehende, rechtswidrige Unterschreitung des
massgeblichen Grenzabstands wird damit rechnerisch um 1,44 m, d.h. um rund 30%,
6.2.
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verstärkt.
Zu prüfen bleibt mithin die Frage, ob die festgestellte Verstärkung der Rechtswidrigkeit
wesentlich ist. Die Aufstockung tangiert zwar den rund 6 m breiten, eingeschossigen,
an die Gebäude Assek.-Nrn. 0007_ und 0008_ angebauten Gebäudeteil entlang des
Grundstücks Nr. 0011_ nicht (vgl. dazu Plan Grundrisse/Schnitt A vom
18. September 2020, act. 10/5/19, www.geoportal.ch). Innerhalb des vorliegend
massgebenden Grenzabstandsbereichs von allseits 6,19 m – entgegen der Auffassung
der Beschwerdeführerin ist nach dem Gesagten auf jenen Bereich abzustellen, der die
Baute zur materiell rechtswidrigen Baute macht – soll indes die bestehende Firsthöhe
von rund 14,0 m mittels der Aufstockung auf 17,97 m resp. maximal 18,38 m erhöht
werden (zumindest im Grenzabstandsbereich gegenüber den Parzellen Nrn. 0001_
und 0002_). Sodann soll im Dachgeschoss des (Schul-)Gebäudes Assek.-Nr. 0006_
der südliche Grenzabstandsbereich gegenüber dem Grundstück Nr. 0004_ im Halte
von 51,8 m ("Terrasse Süd") sowie eine 16,5 m grosse Fläche an der Nordwestecke
("Terrasse West", Grenzabstandsbereich zur Parzelle Nr. 0002_) als Terrasse genutzt
werden (vgl. dazu Plan Grundrisse/Schnitt A vom 18. September 2020, act. 10/5/19,
"Dachgeschoss", "Schnitt A-A"). Vor diesem Hintergrund kann nicht mehr gesagt
werden, die Aufstockung führe zu einer unwesentlichen Beeinträchtigung des
Schutzzwecks der Grenzabstandsnorm, insbesondere des Schutzes der Nachbarn,
und damit einer unwesentlichen Verstärkung der Rechtswidrigkeit. Dies umso weniger,
als die umstrittene zweigeschossige Aufstockung auf einer innerhalb des
Grenzabstandsbereichs im Dachgeschoss liegenden Fläche von rund 111 m ([14,47 m
x 6,19 m] + [[9,34 – 6,19 m] x 6,19 m] + [[6,19 – 5,60 m] x 3,10 m], vgl. dazu Grundriss
"Dachgeschoss"; basierend auf den Grenzabständen gegenüber den Grundstücken
Nrn. 0001_ und 0002_) unter diesen Umständen sowohl für sich allein als auch
zusammen mit den übrigen Gebäudeteilen (Grundstücksfläche von 398 m , drei
Vollgeschosse [Geschossfläche von je ca. 257 m [12,44 m x 20,66 m]] plus der
eingeschossige Gebäudeteil entlang der Parzelle Nr. 0011_ mit einer Geschossfläche
von etwa 124 m ([14,47 m + 6,19 m] x 6 m), www.geoportal.ch) als bedeutsam zu
betrachten ist. Demzufolge durfte die Vorinstanz von einer wesentlichen Verstärkung
der Rechtswidrigkeit ausgehen, ohne Recht zu verletzen. Daran ändert nichts, dass das
Grundstück Nr. 0002_ im Alleineigentum und die Parzelle Nr. 0001_ im Miteigentum
(zu zwei Dritteln) der Beschwerdeführerin steht. Es bestehen (derzeit) keinerlei
Anhaltspunkte dafür, dass diese Grundstücke mit dem Baugrundstück Nr. 0003_ zu
einem Grundstück vereinigt werden sollen. Beim dargelegten Ergebnis braucht nicht
mehr erörtert zu werden, ob über die bejahte Verstärkung der Rechtswidrigkeit hinaus
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7.
Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend hat die Beschwerdeführerin die amtlichen
Kosten des Beschwerdeverfahrens zu bezahlen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von CHF 3'500 ist angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der
Gerichtskostenverordnung; sGS 941.12, GKV); sie ist mit dem von der
Beschwerdeführerin geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe zu verrechnen. Der
Verlegung der amtlichen Kosten entsprechend hat die Beschwerdeführerin die
obsiegende Beschwerdegegnerin, deren Rechtsvertreter keine Kostennote eingereicht
hat, für das Beschwerdeverfahren ermessensweise pauschal mit CHF 3'000 zuzüglich
CHF 120 Barauslagen (vier Prozent von CHF 3'000) zu entschädigen (Art. 98 Abs. 1
und 2 in Verbindung mit Art. 98 VRP; Art. 30 Ingress und lit. b Ziff. 1 sowie Art. 31
Abs. 1 und 2 des Anwaltsgesetzes; sGS 963.70, AnwG; Art. 6, Art. 22 Abs. 1 Ingress
und lit. b, Art. 28 der Honorarordnung, sGS 963.5, HonO). Ein Antrag auf
Mehrwertsteuerzuschlag wurde nicht gestellt (vgl. Art. 29 HonO).
Soweit der Rechtsvertreter der Beschwerdegegnerin verlangt hat (act. 12, S. 7 Ziff. III/
16), ihm sei vor dem Entscheid eine Frist zur Einreichung einer Kostennote
einzureichen, ist festzuhalten, dass Art. 98 VRP in Verbindung mit Art. 105 Abs. 2
Satz 2 der Schweizerischen Zivilprozessordnung (Zivilprozessordnung; SR 272, ZPO)
das Verwaltungsgericht nicht verpflichtet, eine Kostennote einzuholen, sondern den
Parteien oder deren Rechtsvertretern deren Einreichung freistellt. Die Partei oder ihr
Rechtsvertreter (müssen) wissen, dass ihre Entschädigung bei Nichteinreichung einer
Kostennote nach gerichtlichem Ermessen festgesetzt wird (vgl. VerwGE B 2021/40
vom 24. September 2021 E. 6; VerwGE B 2016/184 vom 15. August 2017 E. 7 je mit
Hinweis auf VerwGE B 2014/167 vom 27. Oktober 2015 E. 2.1).