Decision ID: d0ed15f4-7413-4d03-9a68-e9cb4d3b3c47
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Freiheitsberaubung und Entführung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Pfäffikon, 1. Abteilung, vom 14. April 2020 (DG190011)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 23. Oktober
2019 (Urk. 13) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− der Freiheitsberaubung und Entführung gemäss Art. 183 Ziff. 1 StGB,
− des Fahrens ohne Berechtigung gemäss Art. 95 Abs. 1 lit. b SVG,
− des Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen gemäss Art. 292
StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 42 Monaten Freiheitsstrafe (wovon 327
Tage durch Haft erstanden sind) sowie mit einer Busse von Fr. 500.–.
3. Es wird eine stationäre therapeutische Massnahme im Sinne von Art. 59
StGB (Behandlung von psychischen Störungen) angeordnet.
4. Die Freiheitsstrafe wird vollzogen. Sie wird aber zugunsten der angeordne-
ten stationären therapeutischen Massnahme aufgeschoben.
5. Die Busse ist zu bezahlen. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft
nicht, so tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 5 Tagen.
6. Über die Sicherheitshaft wird mit separatem Beschluss entschieden.
7. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 3'500.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 2'000.00 Gebühr für das Vorverfahren;
Fr. 17'732.50 Kosten des amtlichen Verteidigers (inkl. Barauslagen und MwSt.);
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Fr. 10'354.60 Auslagen Gutachten.
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
8. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens mit Aus-
nahme der Kosten des amtlichen Verteidigers werden dem Beschuldigten
auferlegt, aber definitiv abgeschrieben. Die Kosten des amtlichen Verteidi-
gers werden definitiv auf die Gerichtskasse genommen."
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung:
(Urk. 108 S. 1 f.)
Disp.-Ziff. 1 alinéa 1, 2. (ausser der Busse), 3., 4. und 8. des  Urteils vom 14. April 2020 des Bezirksgerichts Pfäffikon seien aufzuheben und stattdessen sei folgendes Urteil zu erlassen: 1. Der Beschuldigte sei von den Vorwürfen der Freiheitsberaubung
und Entführung im Sinne von Art. 183 Ziff. 1 StGB freizusprechen. 2. Der Beschuldigte sei für den Schuldspruch bezüglich Fahrens
ohne Berechtigung gemäss Art. 95 Abs. 1 lit. b SVG mit einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen oder einer Freiheitsstrafe von 3 Monaten zu bestrafen, wobei vorzumerken sei, dass die Strafe durch die erstandene Untersuchungs- und Sicherheitshaft bereits verbüsst ist.
3. Es sei vorzumerken, dass der Beschuldigte die Bestrafung mit  Busse von Fr. 500.– für den Ungehorsam gegen amtliche Verfügung gemäss Art. 292 StGB akzeptiert.
4. Dem Beschuldigten sei für die erstandene Überhaft eine  Genugtuung von Fr. 200.– pro erstandenen Tag der Überhaft, demzufolge für 579 (669-90) Tage Fr. 115'800.–, .
5. Die Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens seien zu 9/10 auf die Staatskasse zu nehmen und zu 1/10 dem Beschuldigten .
6. Von der Anordnung einer Massnahme sei in jedem Fall  und es sei vorzumerken, dass der Beschuldigte im Falle  Schuldspruchs die Strafe verbüssen wird, eventualiter sei höchstens eine ambulante Behandlung im Sinne von Art. 63 StGB anzuordnen.
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7. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien vollumfänglich auf die Staatskasse zu nehmen.
8. Der Beschuldigte sei nach der Berufungsverhandlung  aus der Haft zu entlassen.
b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft:
(Prot. II S. 29)
Die Berufung des Beschuldigten sei abzuweisen und das vorinstanzliche Ur-
teil zu bestätigen.
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Erwägungen:
I. Verfahrensgang und Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. In Bezug auf den Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann zur
Vermeidung von Wiederholungen auf die zutreffenden Erwägungen im angefoch-
tenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 43 S. 3 f.). Mit Urteil des Bezirksgerichts
Pfäffikon, 1. Abteilung, vom 14. April 2020 wurde der Beschuldigte im Sinne des
eingangs wiedergegebenen Urteilsdispositivs schuldig gesprochen und bestraft.
Zudem wurde eine stationäre therapeutische Massnahme im Sinne von Art. 59
StGB angeordnet (Urk. 43 S. 41 f.). Gegen das schriftlich eröffnete Urteil liess der
Beschuldigte mit Eingabe vom 20. April 2020 fristgerecht Berufung anmelden
(Urk. 36). Das begründete Urteil wurde den Parteien am 30. April 2020 zugestellt
(Urk. 42/1-3). Mit Eingabe vom 11. Mai 2020 reichte der Beschuldigte innert der
zwanzigtägigen Frist von Art. 399 Abs. 3 StPO die Berufungserklärung ein
(Urk. 46). Die Staatsanwaltschaft verzichtete auf Anschlussberufung (Urk. 49).
1.2. In der Berufungserklärung liess der Beschuldigte beantragen, es sei
Dr. med. B._ das psychiatrische Gutachten von C._, med. pract., vom
8. September 2019 zum Studium zuzustellen. Dr. med. B._ sei anlässlich der
Berufungsverhandlung als sachverständiger Zeuge anzuhören, eventualiter sei
bei ihm ein schriftlicher Bericht zu den gleichen Fragen, die bereits dem Gutachter
gestellt worden seien, einzuholen (Urk. 46 S. 3 ff.). Mit Präsidialverfügung vom
15. Juli 2020 wurde der Beweisantrag des Beschuldigten insoweit gutgeheissen,
als ein Therapieverlaufsbericht bei Dr. med. B._ eingeholt wurde. Darüber
hinaus wurde der Beweisantrag einstweilen abgewiesen (Urk. 56). Am
28. Dezember 2020 ging der Therapieverlaufsbericht von Dr. med. B._ ein,
der den Parteien in der Folge zugestellt wurde (Urk. 95; Urk. 97/1-2). Mit Eingabe
vom 16. Februar 2021 liess der Beschuldigte beantragen, es sei bei Dr. med.
B._, eventualiter bei einem anderen unabhängigen Facharzt, eine Neube-
gutachtung bezüglich Rückfallgefahr und Bedürftigkeit, Notwendigkeit und Erfolg-
saussichten einer stationären Massnahme einzuholen und Dr. med. B._ sei
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anlässlich der Berufungsverhandlung zu dieser Thematik persönlich anzuhören
(Urk. 102 S. 2). Mit Präsidialverfügung vom 19. Februar 2021 wurden die Beweis-
anträge des Beschuldigten einstweilen abgewiesen (Urk. 104).
1.3. Am 16. März 2021 fand die Berufungsverhandlung in Anwesenheit des Be-
schuldigten und dessen Verteidiger sowie des Vertreters der Staatsanwaltschaft
statt (Prot. II S. 10). Vorfragen wurden keine aufgebracht und Beweise – mit Aus-
nahme der Einvernahme des Beschuldigten (Prot. II S. 12-29) – waren keine ab-
zunehmen. Das Urteil erging im Anschluss an die Berufungsverhandlung.
2. Umfang der Berufung
Mit seiner Berufung ficht der Beschuldigte den vorinstanzlichen Schuldspruch we-
gen Freiheitsberaubung und Entführung (Dispositivziffer 1, Alinea 1), die Sanktion
(Dispositivziffern 2-4) sowie die Kostenauflage (Dispositivziffer 8) an (Urk. 46
S. 2). Die von der Vorinstanz ausgesprochene Busse von Fr. 500.– wird vom Be-
schuldigten akzeptiert und nicht angefochten (vgl. dazu Urk. 43 S. 2), hat aber als
Teil der Sanktion als mitangefochten zu gelten. Da die Vorinstanz die Kosten der
Untersuchung und des erstinstanzlichen Verfahrens definitiv abschrieb, ist der
Beschuldigte durch die Kostenauflage nicht beschwert, was auch die amtliche
Verteidigung anlässlich der Berufungsverhandlung anerkannte (Urk. 108 S. 2 und
S. 18; Prot. II S. 29). Damit ist das Urteil des Bezirksgerichts Pfäffikon,
1. Abteilung, vom 14. April 2020 bezüglich Dispositivziffer 1, Alinea 2 und 3
(Schuldsprüche wegen Fahrens ohne Berechtigung sowie Ungehorsams gegen
amtliche Verfügungen) sowie Dispositivziffer 7 und 8 (Kostendispositiv) in Rechts-
kraft erwachsen, was vorab festzustellen ist.
3. Beweisanträge
3.1. Mit Eingabe vom 16. Februar 2021 liess der Beschuldigte beantragen, es
sei durch Dr. med. B._, eventualiter durch einen anderen unabhängigen
Facharzt, eine Neubegutachtung bezüglich Rückfallgefahr und Bedürftigkeit, Not-
wendigkeit und Erfolgsaussichten einer stationären Massnahme einzuholen, und
Dr. med. B._ sei zu diesen Fragestellungen persönlich anzuhören (Urk. 102
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S. 2; vgl. auch Urk. 46 S. 3), zwar nicht formell erneut stellen. Der Beschuldigte
hielt an der Berufungsverhandlung fest, Dr. med. B._ könne bezeugen, dass
der Gutachter C._ Tatsachen verdrehe und sich in mehreren Punkten wider-
spreche (Prot. II S. 20).
3.2. Bei Dr. med. B._ handelt es sich um einen ehemaligen Therapeuten
des Beschuldigten. Er wurde am 26. Mai 2015 von den Vollzugsbehörden mit der
Weiterführung der mit Urteil des Bezirksgerichts Winterthur vom 2. Februar 2015
angeordneten ambulanten Massnahme des Beschuldigten betraut (Urk. 9/8 S. 2
f.; vgl. auch Bezugsakten des Bezirksgerichts Winterthur, GA170014). Gemäss
dem im Berufungsverfahren bei Dr. med. B._ eingeholten Therapieverlaufs-
bericht vom 23. Dezember 2020 stand der Beschuldigte vom 30. Juni 2015 bis
18. September 2017 in seiner Behandlung (Urk. 95 S. 1; vgl. dazu auch Urk. 9/8
S. 3 f. und Bezugsakten des Bezirksgerichts Winterthur, GA170014). Mit Verfü-
gung des Amtes für Justizvollzug vom 1. November 2017 wurde der Vollzug der
ambulanten Massnahme infolge Aussichtslosigkeit aufgehoben (Urk. 9/8 S. 5; Be-
zugsakten des Bezirksgerichts Winterthur, GA170014). Dr. med. B._ gab im
Verlaufsbericht vom 23. Dezember 2020 an, der Beschuldigte sei nach Beendi-
gung der ambulanten Massnahme von sich aus wiederholt bezüglich verschiede-
ner Anliegen in seiner Praxis vorstellig geworden. Es habe sich dabei um zehn
Termine und einige Telefonate im Zeitraum Sommer 2017 bis Frühling 2019 ge-
handelt (Urk. 95 S. 1).
3.3. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung gelten Therapeuten zufolge
ihrer Beziehungsnähe zum Betroffenen als befangen und fallen als psychiatrische
Gutachter ausser Betracht (DONATSCH, in: Donatsch/Lieber/Summers/Wohlers
[Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 3. Aufl. 2020,
N 14 zu Art. 183 mit Hinweisen; BSK StPO-HEER, 2. Aufl. 2014, N 39 zu Art. 183;
BSK Strafrecht-HEER, 4. Aufl. 2019, N 60d zu Art. 56). Dr. med. B._ kann be-
reits aus diesem Grund nicht als sachverständiger Zeuge einvernommen werden.
Die Behandlung des Beschuldigten bei Dr. med. B._ endete bereits im Sep-
tember 2017. Danach fanden noch einzelne Kontakte statt, wobei der letzte im
Frühling 2019 erfolgte. Das von C._ erstellte Gutachten datiert vom
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8. September 2019 (Urk. 6/5). Die Gespräche des Gutachters mit dem Beschul-
digten fanden am 20. Juni und 5. Juli 2019 statt (Urk. 6/5 S. 2). Das psychiatri-
sche Gutachten wurde somit nach Abschluss der Behandlung des Beschuldigten
bei Dr. med. B._ erstellt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht ersichtlich, wie
die Verteidigung geltend machen kann, aus einer Befragung von Dr. med.
B._ lasse sich ein heute aktuelles Bild über die Notwendigkeit und Art der
Therapie sowie die Therapiefähigkeit des Beschuldigten gewinnen (Urk. 46 S. 5).
Dr. med. B._ hält im Verlaufsbericht vom 23. Dezember 2020 denn auch fest,
dass er zum aktuellen psychischen Status des Beschuldigten nichts sagen könne,
da der letzte Kontakt schon ca. zwei Jahre zurückliege (Urk. 95 S. 1). Unabhängig
davon ist auch kein Grund ersichtlich, weshalb einem früheren Therapeuten des
Beschuldigten dieselben Fragen wie dem amtlich bestellten Gutachter unterbreitet
werden müssten, was im Ergebnis dem Einholen eines neuen psychiatrischen
Gutachtens gleichkommen würde. Der Verteidigung kann insofern nicht gefolgt
werden, wenn sie geltend macht, Dr. med. B._ könne relativ schnell zur
Rückfallgefahr und der Indikation einer stationären Massnahme Stellung nehmen
(Urk. 102 S. 3). Dies erweist sich insofern auch als widersprüchlich, als die Ver-
teidigung gleichzeitig vorbringt, dass eine stationäre Massnahme nach Art. 59
StGB ein schwerwiegender Eingriff in die persönliche Freiheit eines Menschen
darstellt (Urk. 46 S. 4). Dementsprechend sind an eine sachverständige Begut-
achtung hohe Anforderungen zu stellen. Wie an gegebener Stelle zu zeigen sein
wird, besteht kein Anlass für eine Ergänzung des psychiatrischen Gutachtens
vom 8. September 2019 oder eine Neubegutachtung des Beschuldigten. Unab-
hängig davon käme Dr. med. B._ als ehemaliger Therapeut des Beschuldig-
ten ohnehin nicht als sachverständige Person in Frage.
II. Sachverhalt und rechtliche Würdigung
1. Ausgangslage
1.1. Die Vorinstanz hat die Anklagevorwürfe korrekt wiedergegeben, worauf zur
Vermeidung unnötiger Wiederholungen verwiesen werden kann (Urk. 43 S. 5 ff.).
Ebenfalls korrekt zusammengefasst wurde der Standpunkt des Beschuldigten zu
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den einzelnen Anklagesachverhalten (Urk. 43 S. 5). Ergänzend ist festzuhalten,
dass der Beschuldigte nicht bestreitet, sich am 23. Mai 2019 mit der Geschädig-
ten in Tablat getroffen zu haben und in der Folge mit ihr in ein nahe gelegenes
Waldgebiet gefahren zu sein, wobei er ihr Fahrzeug gelenkt habe. Er stellt weiter
nicht in Abrede, der Geschädigten im Verlauf des Treffens einen Faustschlag ins
Gesicht versetzt zu haben. Vor Vorinstanz anerkannte er zudem, den Kopf der
Geschädigten gegen das Fahrzeug geschlagen zu haben. Der Beschuldigte stellt
sich indes zusammengefasst auf den Standpunkt, dass die Geschädigte freiwillig
mit ihm in den Wald gefahren sei. Sie habe zudem stets die Möglichkeit gehabt,
das Treffen abzubrechen und wieder nach Hause zu fahren (Urk. 3/1 S. 4 ff.;
Urk. 3/6 S. 1 f.; Prot. I S. 28 ff.; Urk. 31 S. 1 ff.; Urk. 108 S. 4 ff.).
1.2. Die relevanten Beweismittel wurden von der Vorinstanz korrekt aufgezählt.
Darauf kann verwiesen werden (Urk. 43 S. 8). Vor Vorinstanz machte die Vertei-
digung geltend, dass die Aussagen der Geschädigten bei der Polizei mangels
Wahrung der Teilnahmerechte des Beschuldigten nicht verwertbar seien (Urk. 31
S. 3). Erhebt die Polizei Beweise im Ermittlungsverfahren, haben die Parteien
keine Teilnahmerechte, was auch für die Einvernahme von Auskunftspersonen
gilt. Sollen die Angaben der Auskunftsperson im Verfahren zum Nachteil der be-
schuldigten Person verwertet werden, muss jedoch das Konfrontationsrecht ge-
währt werden, was an der Einvernahme selbst oder nachträglich geschehen kann.
Art. 147 Abs. 1 Satz 1 StPO schreibt nicht vor und auch aus Art. 6 Ziff. 3 lit. d
EMRK lässt sich nicht ableiten, in welchem Zeitpunkt des Verfahrens die Mitwir-
kungs- und Teilnahmerechte zu gewähren sind und dass sie mehrmals zu gewäh-
ren wären. Wann die Konfrontation erfolgt, bestimmt die Verfahrensleitung (WOH-
LERS, in: Donatsch/Lieber/Summers/Wohlers [Hrsg.], Kommentar zur Schweizeri-
schen Strafprozessordnung, a.a.O., N 2, N 6 und N 12 zu Art. 147 StPO; BGE
143 IV 397 E. 3.3.2; BGE 139 IV 30 E. 5.4.1; Urteil des Bundesgerichts
6B_128/2018 vom 8. Februar 2019 E. 2.2.2; RIKLIN, StPO Kommentar, 2. Aufl.
2014, N 4 zu Art. 147; BSK StPO-SCHLEIMINGER, a.a.O., N 4 zu Art. 147). Die Ein-
vernahme der Geschädigten vom 24. Mai 2019 fand im Ermittlungsverfahren statt,
weshalb kein Teilnahmerecht der Parteien bestand. Am 4. Juli 2019 wurde die
Geschädigte von der Staatsanwaltschaft in Anwesenheit des Beschuldigten und
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seines Verteidigers befragt. Der Beschuldigte erhielt dabei Gelegenheit, Ergän-
zungsfragen zu stellen (Urk. 4/2 S. 7 f.). Anlässlich der vorinstanzlichen Haupt-
verhandlung wurde die Geschädigte erneut ausführlich befragt, wobei der Be-
schuldigte wiederum Ergänzungsfragen stellen konnte, wovon er ausgiebig Ge-
brauch machte (Prot. I S. 17 ff.). Der Konfrontationsanspruch des Beschuldigten
wurde damit gewahrt. Demnach sind auch die anlässlich der polizeilichen Einver-
nahme vom 24. Mai 2019 gemachten Aussagen der Geschädigten verwertbar
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_269/2018 vom 24. Oktober 2018 E. 2.3).
2. Glaubwürdigkeit der Aussagenden
2.1. In Bezug auf die allgemeine Glaubwürdigkeit der Geschädigten ist zu-
nächst festzuhalten, dass ein Interesse am Verfahrensausgang nicht ersichtlich
ist. Die Geschädigte hat im Strafverfahren weder Zivilansprüche gestellt noch
zeigte sie Anzeichen für Rachegefühle oder Ressentiments gegenüber dem Be-
schuldigten. Vielmehr führte sie im Laufe des Verfahrens wiederholt aus, dass sie
(trotzdem) noch Gefühle für den Beschuldigten habe (Urk. 4/1 S. 1 f. und 9;
Urk. 4/2 S. 8). Das Verfahren gegen den Beschuldigten wurde nicht infolge einer
Strafanzeige der Geschädigten in Gang gebracht. Vielmehr wurde die Polizei
durch eine Drittperson verständigt, welche kurz nach dem Geschehen auf die Ge-
schädigte traf und sich telefonisch bei der Einsatzzentrale der Kantonspolizei Zü-
rich meldete (Urk. 1 S. 3; Urk. 7/1 S. 2; vgl. auch Urk. 4/2 S. 6; Prot. I S. 21). Aus
den Aussagen der Geschädigten geht hervor, dass sie den Beschuldigten keinem
Strafverfahren aussetzen wollte. Auf die Frage, weshalb sie nichts vom Vorfall er-
zählt habe, als sie im Spital behandelt worden sei, gab sie gegenüber der Polizei
unter anderem an, sie wolle nicht, dass der Beschuldigte ins Gefängnis gehe
(Urk. 4/1 S. 7). Weiter führte sie aus, sie habe nicht gewollt, dass es soweit kom-
me. Sie habe die Polizei nicht informieren wollen. Sie wolle ja nicht, dass der Be-
schuldigte ins Gefängnis komme (Urk. 4/1 S. 9). Der Beschuldigte gab anlässlich
der polizeilichen Einvernahme vom 24. Mai 2019 ebenfalls an, die Geschädigte
habe ihn schützen wollen, und deshalb gegenüber dem Spitalpersonal gelogen
(Urk. 3/1 S. 7; vgl. auch Prot. I S. 41). Der Vorinstanz (Urk. 43 S. 10) ist sodann
darin zu folgen, dass das Beziehungsleben der Geschädigten im Tatzeitpunkt
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kompliziert war, zumal sie noch verheiratet war und neben ihrer neuen Partner-
schaft weiterhin (sexuellen) Kontakt mit dem Beschuldigten hatte (Urk. 4/1 S. 2).
Zudem war die Beziehung zum Beschuldigten bereits vor dem anklagerelevanten
Vorfall konfliktbehaftet. Gemäss den Angaben der Geschädigten kam es nicht nur
zu verbalen Streitigkeiten, sondern auch zu Gewaltanwendungen seitens des Be-
schuldigten (Urk. 4/1 S. 3 und 8). Am 6. Mai 2019 und damit wenige Wochen vor
dem Anklagegeschehen wurden Gewaltschutzmassnahmen (Rayon- und Kon-
taktverbot) gegen den Beschuldigten verhängt, welche auf Ersuchen der Geschä-
digten bis zum 19. August 2019 verlängert wurden (Urk. 2/2 ff.). Die Vorgeschich-
te sowie die Intensität und Dynamik der Beziehung zwischen dem Beschuldigten
und der Geschädigten sind bei der Würdigung der Aussagen beider Beteiligten zu
berücksichtigen, ohne dass daraus jedoch generelle Rückschlüsse auf die Ver-
wirklichung des Anklagesachverhalts gezogen werden können. Der Beschuldigte
brachte in der Untersuchung und vor Vorinstanz vor, dass den Aussagen der Ge-
schädigten aufgrund ihrer Krankheit nicht getraut werden könne. Sie sei kognitiv
beeinträchtigt (Urk. 3/4 S. 1; Prot. I S. 42 und 50). Die Geschädigte führte diesbe-
züglich vor Vorinstanz aus, es stimme, dass sie vor einigen Jahren an Krebs er-
krankt sei und Dinge vergesse. Aus diesem Grund schreibe sie alles auf oder fo-
tografiere es. Sie könne deshalb auch nicht alles haargenau wiedergeben (Prot. I
S. 16). Es wird nachfolgend bei der Beurteilung der Aussagen der Beteiligten zu
prüfen sein, ob sich Hinweise auf eine eingeschränkte Wahrnehmungs- oder Er-
innerungsfähigkeit der Geschädigten ergeben, oder ob es sich dabei um unbe-
gründete Behauptungen des Beschuldigten handelt. Dass sich die Geschädigte
vor Vorinstanz offen zu diesem Thema äusserte, spricht jedenfalls dafür, dass sie
auch im Rahmen ihrer Einvernahmen auf allfällige Erinnerungslücken oder Unsi-
cherheiten hingewiesen hat. Zudem ist bereits an dieser Stelle festzuhalten, dass
die erste Einvernahme der Geschädigten gleich nach dem Anklagegeschehen
und damit zu einem Zeitpunkt erfolgte, als ihre Erinnerungen noch frisch waren.
Im Übrigen wies die Geschädigte vor Vorinstanz darauf hin, sie habe die Ereig-
nisse das erste halbe Jahr ohnehin nicht vergessen können (Prot. I S. 16).
2.2. In Bezug auf die Glaubwürdigkeit des Beschuldigten kann den Erwägungen
der Vorinstanz insofern beigepflichtet werden, als dass ihn keine Pflicht zu wahr-
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heitsgemässer Aussage trifft und er ein – grundsätzlich legitimes – Interesse da-
ran haben dürfte, die Geschehnisse in einem für ihn günstigen Licht darzustellen.
Daraus kann indes nicht geschlossen werden, dass seine Glaubwürdigkeit von
Vornherein stark eingeschränkt ist (vgl. Urk. 43 S. 10). Dies würde letztlich bedeu-
ten, dass eine beschuldigte Person generell unglaubwürdig ist und ihren Aussa-
gen grundsätzlich weniger Gewicht zukommt als einem Belastungszeugen, was
nicht der Fall ist. Die besondere Motivationslage ist lediglich insofern von Bedeu-
tung, als die beschuldigte Person bei einzelnen Sachverhaltsbereichen ein offen-
kundiges Interesse haben kann, nicht die Wahrheit zu sagen, was bei einem –
unbeteiligten – Zeugen in der Regel nicht der Fall ist. Allerdings ist hervorzuhe-
ben, dass für den Beweiswert von Aussagen ohnehin deren Glaubhaftigkeit das
massgebende Kriterium bleibt. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz (Urk. 43
S. 11) führt auch die beim Beschuldigten diagnostizierte Persönlichkeitsstörung
nicht dazu, dass seine Glaubwürdigkeit deutlich eingeschränkt ist. Aus dem von
C._ erstellten psychiatrischen Gutachten ergeben sich keine Anhaltspunkte
dafür, dass der Beschuldigte an einer psychischen Störung leidet, welche seine
Wahrnehmungsfähigkeit grundsätzlich beeinträchtigen und es ihm verunmögli-
chen könnte, erlebnisbasierte Aussagen zu machen. Sofern beim Beschuldigten
psychische Auffälligkeiten bestehen, können diese bei der Beurteilung der Glaub-
haftigkeit seiner Aussagen berücksichtigt werden.
3. Aussagen der Geschädigten
3.1. Die in der Anklage geschilderten Ereignisse vom 23./24. Mai 2019 beruhen
auf den Aussagen der Geschädigten. Diese wurde direkt nach dem Vorfall polizei-
lich einvernommen (Urk. 4/1 S. 1 ff.). Die Polizeibeamten waren nach einer tele-
fonischen Meldung durch eine Drittperson auf einen D._ Parkplatz in
E._ ausgerückt, wo sie auf die Geschädigte trafen. Im Polizeirapport wird
diesbezüglich ausgeführt, die Geschädigte habe sich in einem völlig aufgelösten
Zustand befunden. Sie habe hyperventiliert, geweint und fast nicht sprechen kön-
nen. Sie habe angegeben, dass sie vom Beschuldigten körperlich angegangen
und bedroht worden sei (Urk. 1 S. 4; Urk. 7/1 S. 2). Die Geschädigte schilderte
anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 24. Mai 2019 ausführlich, was sich
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kurz zuvor zugetragen habe (Urk. 4/1 S. 3 ff.). Auch in den späteren Einvernah-
men bei der Staatsanwaltschaft (Urk. 4/2 S. 3 ff.) sowie vor Vorinstanz (Prot. I
S. 7 ff.) gab sie ihre Darstellung von sich aus und in freier Rede zu Protokoll. Der
Ansicht der Verteidigung, die Befragung durch die Staatsanwaltschaft sei auf ein
Ergebnis ausgerichtet gewesen, um daraus den angeklagten Sachverhalt abzulei-
ten (Urk. 31 S. 2; vgl. auch Urk. 108 S. 3), kann nicht gefolgt werden. Vielmehr
wurde die Geschädigte zu Beginn der staatsanwaltschaftlichen Befragung wie
auch schon bei der Polizei gebeten, die Vorfälle zwischen sich und dem Beschul-
digten zu schildern. Ihre Erzählung wird lediglich durch offene Fragen des Staats-
anwalts unterbrochen (Urk. 4/2 S. 3 ff.). Etwas anderes ergibt sich auch nicht aus
der Videoaufzeichnung der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 4. Juli
2019 (Urk. 4/3). Entgegen der Auffassung der Verteidigung vor Vorinstanz lässt
der Staatsanwalt die Geschädigte frei reden. Unterbrüche erfolgen nur zur Proto-
kollierung ihrer Aussagen oder für Verständnisfragen. Bei der Befragung entsteht
nie der Eindruck, als wolle man die Geschädigte zu gewissen Antworten bringen
oder fasse Antworten so zusammen, dass sich daraus ein strafbares Verhalten
ergibt (vgl. dazu die Verteidigung, Urk. 31 S. 2 ff.). Soweit in diesem Zusammen-
hang geltend gemacht wurde, die Geschädigte habe von sich aus nie ausgesagt,
dass sie Angst vor dem Beschuldigten gehabt habe (Urk. 31 S. 3), trifft dies nicht
zu. Wie sich aus der Videoaufzeichnung ergibt, gibt die Geschädigte anlässlich ih-
rer Befragung vom 4. Juli 2019 an, es sei ihr nicht wohl gewesen, wobei sie be-
stätigt, dass sie Angst gehabt habe. Sie erklärt weiter, dass sie "Sterne" gesehen
habe, nachdem der Beschuldigte ihren Kopf auf die Motorhaube geschlagen habe
(Urk. 4/2 S. 4). Als sie nach der richtigen Bezeichnung für ihren damaligen Zu-
stand sucht und der Staatsanwaltschaft das Wort "benommen" nennt, bestätigt
sie dies. Auf den ausdrücklichen Hinweis, dass sie dies nur sagen soll, wenn es
tatsächlich so gewesen sei, gibt sie an, es sei so gewesen. Die Verteidigung
bringt weiter vor, die Staatsanwaltschaft habe aufgrund des Fehlens von Strafan-
trägen unbedingt einen Sachverhalt herleiten wollen, der Grundlage für ein Offizi-
aldelikt bilden könne. Sie habe nicht verstehen können, dass die Geschädigte auf
das Stellen von Strafanträgen verzichtet habe (Urk. 31 S. 2; Urk. 108 S. 3). Dem
kann nicht gefolgt werden. Nachdem die Geschädigte im Verfahren nicht anwalt-
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lich vertreten war, erscheint es naheliegend, dass sich die Staatsanwaltschaft bei
ihr betreffend Strafanträge sowie der Konstituierung als Privatklägerschaft erkun-
digte. Dies gilt umso mehr, als ihre Stellung im Strafverfahren Auswirkungen auf
die Form ihrer Einvernahme hat. Im Übrigen war bereits von der Polizei wegen
Offizialdelikten (u.a. Freiheitsberaubung und Entführung) rapportiert worden
(Urk. 1 S. 1).
3.2. Mit der Vorinstanz (Urk. 43 S. 12 f.) sind die Aussagen der Geschädigten
als lebensnah, detailliert und anschaulich einzustufen. So beschrieb sie nachvoll-
ziehbar, wie sich die Situation für sie angefühlt habe, nachdem der Beschuldigte
mit ihr in das Waldstück gefahren sei. Es sei eine Stimmung gewesen, in welcher
man immer habe aufpassen müssen. Manchmal sei es okay, manchmal sei es
nicht mehr gut. Sie habe den Beschuldigten einfach reden und (Sachen auf dem
Handy) zeigen lassen. Sie habe gehofft, dass sich die Situation beruhige und
wieder besser werde. Als der Beschuldigte sie auf die Motorhaube gesetzt habe,
habe sie zuerst gedacht, er sei einfühlsam. In der nächsten Sekunde habe er aber
diesen Ausdruck bekommen. Er habe sie rückwärts runtergeschlagen. So sei es
immer, er versuche sie in Sicherheit zu wiegen und wenn man nicht genau hin-
schaue ... (Prot. I S. 10). Weiter berichtete sie, wie der Beschuldigte nach der
Entlassung aus dem Spital zu ihr gesagt habe, dass sie die Schläge verdient ha-
be, selbst schuld sei und ihn verletzt habe. Den Schmerz, welchen er ertragen
müsse, sei nicht vergleichbar mit den Schlägen (Urk. 4/1 S. 4). Ihre Darstellung ist
zudem in sich stimmig. Die Geschädigte gab etwa an, der Beschuldigte habe be-
reits vor dem Treffen gefragt, ob sie wieder bei ihrem Freund F._ in G._
gewesen sei, was sie bejaht habe (Urk. 4/1 S. 3). Beim Geschehen im Wald habe
er wieder angefangen mit der Sache wegen F._ und dass sie bei ihm in
G._ gewesen sei. Sie würde ihn (den Beschuldigen) doch lieben und mit sei-
nen Gefühlen spielen (Urk. 4/1 S. 3). Bei der Autofahrt nach der Entlassung aus
dem Spital kam das Thema gemäss Darstellung der Geschädigten wieder auf
F._. Der Beschuldigte habe gefragt, wie oft sie Sex mit diesem habe. Für je-
des Mal habe sie einen Schlag zugute (Urk. 4/1 S. 4; vgl. dazu auch Prot. I S. 14
und 20). Damit übereinstimmend gab sie bei der Staatsanwaltschaft an, der Be-
schuldigte habe ihr damals gesagt, jedes Mal, wenn sie mit F._ schlafe, wür-
- 15 -
de sie ihn verletzen. Er habe ihr nur sechsmal etwas angetan und sie ihm viel
häufiger, nämlich jedes Mal, wenn sie mit F._ geschlafen habe (Urk. 4/2
S. 6). Die Darstellung der Geschädigten ist geprägt von der Schilderung eigener
Gedankengänge und Emotionen, ohne dass sie dabei zu Übertreibungen oder
Theatralik neigt. So berichtete sie nachvollziehbar und authentisch darüber, wie
sie in der Situation im Wald habe fliehen wollen. Sie habe aber gewusst, dass es
schlimmer gekommen wäre. Sie habe Angst gehabt. Sie hätte keine Chance ge-
gen ihn gehabt, wenn sie geflohen wäre (Urk. 4/1 S. 6). Der Beschuldigte habe
damit gedroht, dass er sich umbringen werde und sie dann schuld sei. Er habe ihr
mehrfach gesagt, dass sie aufpassen müsse, dass er sie schlagen würde. Sie
habe diese Drohungen ernstgenommen. Wenn der Beschuldigte aggressiv sei,
traue sie ihm alles zu. Sie habe Panik gehabt (Urk. 4/1 S. 6 f.).
3.3. Die von der Geschädigten kurz nach der Tat gemachten Erstaussagen
stimmen mit ihren Angaben anlässlich der späteren Einvernahmen überein, ohne
dass sie ihre Schilderung wortwörtlich wiederholt. Dies spricht dafür, dass sie je-
weils ihre Erinnerungen an den Vorfall wiedergab und nicht einfach Aussagen
konstruiert oder auswendig gelernt hat. So gab die Geschädigte bei der Polizei
an, der Beschuldigte habe ihr befohlen, das Handy ganz auszuschalten, damit
man sie nicht orten könne. Sie habe grosse Angst gehabt und nicht gewusst, was
er nun mit ihr machen werde. Seine Augen seien "voller Zorn" gewesen (Urk. 4/1
S. 3). Gegenüber der Staatsanwaltschaft gab sie an, Angst vor dem Beschuldig-
ten gehabt zu haben. Sie habe auch an seinen Augen gesehen, dass er nicht gut
"drauf" gewesen sei (Urk. 4/2 S. 4). Sodann führte sie bei der Polizei aus, der Be-
schuldigte habe ihren Kopf mit beiden Händen umfasst, die Daumen in ihre Wan-
gen gedrückt und den Kopf zurück auf die Motorhaube des Autos geschlagen
(Urk. 4/1 S. 3). Damit übereinstimmend gab sie bei der Staatsanwaltschaft an, der
Beschuldigte habe sie am Gesicht im Bereich der Wangenknochen gepackt und
ihren Hinterkopf auf die Motorhaube geschlagen (Urk. 4/2 S. 4). Für die Annahme,
dass das Erinnerungsvermögen der Geschädigten aufgrund einer früheren Er-
krankung eingeschränkt gewesen wäre, wie der Beschuldigte geltend machte,
besteht angesichts ihrer detaillierten und schlüssigen Aussagen kein Anlass. Im
Übrigen räumte die Geschädigte jeweils ein, wenn sie sich nicht erinnern konnte
- 16 -
oder zu einem Punkt keine Aussagen mehr machen konnte (vgl. Prot. I S. 10, 18
f.). Auch dies weist darauf hin, dass die Geschädigte nicht einfach Angelerntes
wiedergab. Dass sie sich in der Befragung vor Vorinstanz nicht mehr an sämtliche
Details erinnern konnte, ist zudem nachvollziehbar, zumal die Befragung fast ein
Jahr nach dem Anklagegeschehen stattfand.
3.4. Die Geschädigte war durchgängig um korrekte Aussagen bemüht und
vermittelte nie den Eindruck, als wolle sie den Beschuldigten übermässig belas-
ten. Sie gab etwa an, dass der Beschuldigte beim Geschehen im Wald kurzzeitig
zwar ein Messer in der Hand gehabt, sie aber nie damit bedroht habe. Er habe mit
dem Messer auch nie in ihre Richtung gezeigt (Urk. 4/1 S. 5). Gemäss ihren An-
gaben zeigte sich der Beschuldigte im Verlauf der Ereignisse teilweise auch für-
sorglich. Zu verweisen ist auf ihre Aussagen, wonach der Beschuldigte, als es ihr
nach seinem Faustschlag schlecht gegangen sei und sie sich auf den Beifahrer-
sitz gelegt habe, eine Decke aus dem Kofferraum geholt und sie zugedeckt habe
(Urk. 4/2 S. 5; vgl. auch Urk. 4/1 S. 4). Wäre es der Geschädigten nur darum ge-
gangen, den Beschuldigten schlechtzumachen, hätte sie sich nicht in diesem Sin-
ne geäussert. Vor diesem Hintergrund ist auch nachvollziehbar, weshalb sie den
Beschuldigten, nachdem er sie ins Spital gebracht hatte, nicht wegschickte
(Urk. 4/1 S. 4). Sie erklärte dies auch damit, dass sie Angst gehabt habe, dass
der Beschuldigte sich etwas antun könnte, was mit ihrer Darstellung, wonach er
im Laufe des Geschehens mehrfach damit gedroht habe, sich umzubringen,
übereinstimmt. Die Geschädigte schilderte ihr damaliges Dilemma sehr anschau-
lich. Sie gab an, sie habe Angst gehabt, dass sich der Beschuldigte etwas antun
könnte, wenn sie im Spital bleibe. Gleichzeitig habe sie auch gewusst, dass wie-
der etwas passieren werde, wenn sie mit dem Beschuldigten nach Hause gehe
(Urk. 4/1 S. 7). Vor Vorinstanz bestätigte sie, dass sie Bedenken gehabt habe,
den Beschuldigten mitzunehmen. Wenn man wisse, jemand sei nur böse, dann
handle man komplett anders. Kenne man eine Person jedoch auch anders und
habe Gefühle von Zuneigung, Liebe, Angst, Panik und zum Schluss sogar Todes-
angst dieser Person gegenüber, werde es enorm schwierig (Prot. I S. 13). Zu
verweisen ist auch auf ihre Aussagen anlässlich der polizeilichen Einvernahme
vom 24. Mai 2019, wonach sie ja nicht wolle, dass der Beschuldigte ins Gefängnis
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komme. Gleichzeitig gab sie an, sie habe nun Angst, wie es weitergehe. Sie habe
Angst, dass etwas passiere, wenn der Beschuldigte entlassen werde (Urk. 4/1
S. 9). Die Geschädigte gab sich auch selbstkritisch. Gegenüber der Polizei erklär-
te sie, sie sei mitschuldig daran, dass der Beschuldigte gegen die Gewaltschutz-
massnahmen verstossen habe (Urk. 4/1 S. 8). Weiter drückte sie sich nuanciert
aus. Auf Frage, wie lange sie in der Gegenwart des Beschuldigten gewesen sei,
ohne dies zu wollen, gab sie differenzierend an, ab ca. 21.00 Uhr bis ca. um Mit-
ternacht, als er mit Suizid gedroht habe und sie eigentlich hätte abfahren können.
Danach wieder am Morgen, als der Beschuldigte gewollt habe, dass sie in den
Wald fahre (Urk. 4/2 S. 6).
3.5. Mit Eingabe vom 16. Februar 2021 reichte die Verteidigung "Screen-Shots"
von WhatsApp-Nachrichten, Einträgen auf Facebook und Postkarten ein. Gemäss
der Verteidigung handelt es sich dabei um Nachrichten, welche die Geschädigte
dem Beschuldigten ins Gefängnis geschickt habe (Urk. 102 S. 2). Anlässlich der
Berufungsverhandlung brachte sowohl die Verteidigung als auch der Beschuldigte
selbst hierzu vor, eine Person, die entführt oder ihrer Freiheit beraubt worden sei,
würde dies wohl kaum tun. Dazu komme, dass sie auf einer Postkarte geschrie-
ben habe: "Nie und nimmer". Das sei die Antwort auf die Frage des Beschuldig-
ten, ob er sie entführt oder mit dem Tod bedroht habe. Auch wenn – wie gesagt –
das Verhalten des Beschuldigten alles andere als rühmlich gewesen sei, könne er
nicht für etwas schuldig gesprochen werden, was vom Strafgesetzbuch nicht er-
fasst werde bzw. in diesem Fall sein Verhalten nur Antragsdelikte darstellen wür-
den (Urk. 108 S. 10; Prot. II S. 25, S. 34).
Die von der Verteidigung eingereichten Dokumente bringen keine neuen Erkennt-
nisse, zumal sich aus den Nachrichten keinerlei Hinweise dafür ergeben, dass die
Geschädigte im Verfahren unzutreffende Aussagen gemacht hätte. Der daraus
gewonnene Eindruck stimmt vielmehr mit dem Bild überein, das sich auch aus
den weiteren Akten ergibt. Wie eingangs erwähnt, verzichtete die Geschädigte
darauf, Strafantrag gegen den Beschuldigten zu stellen und sich im Strafverfahren
als Privatklägerin zu konstituieren. Bei ihren Einvernahmen kam ebenfalls zum
Ausdruck, dass sie den Beschuldigten keinem Strafverfahren aussetzen will und
- 18 -
ihm gegenüber ambivalente Gefühle hat. Bei Beziehungsdelikten ist dies nicht
ungewöhnlich (vgl. dazu BSK Strafrecht-ROTH/BERKEMEIER, 4. Aufl. 2019, N 30 zu
Art. 123). Demzufolge ist nicht ersichtlich, was aus den Nachrichten in Bezug auf
das Anklagegeschehen abgeleitet werden könnte, mit Ausnahme des Umstandes,
dass die Geschädigte keinerlei Motiv hat, den Beschuldigten falsch zu belasten.
Sie gab in ihrer polizeilichen Einvernahme mehrfach an, dass sie trotzdem noch
Gefühle für ihn habe (Urk. 4/1 S. 1 und 9). Gleichzeitig erwähnte sie aber auch,
dass sie dem Beschuldigten alles zutraue, wenn er aggressiv sei. Dann habe sie
Todesangst vor ihm. Sie habe Angst davor, wie es weitergehe und dass etwas
passiere, wenn er entlassen werde (Urk. 4/1 S. 7 und 9). Auch bei der staatsan-
waltschaftlichen Einvernahme erwähnte sie, dass sie noch Gefühle für den Be-
schuldigten habe, wobei sie wiederum ergänzte, dass sie Angst habe (Urk. 4/2
S. 8). Die ambivalenten Gefühle der Geschädigten kommen in den eingereichten
Dokumenten ebenfalls klar zum Ausdruck. In einer Nachricht vom 26. Juni 2019
wird etwa (wohl in Bezug auf die Einvernahme bei der Polizei) ausgeführt: "I Han
di ghört, uf die eint Siite wäri am liebste zudir cho und het di umarmt ... Und uf die
ander hani soo Panik Angscht vor dir ka. Han adi schön Ziit I'm zält dänkt ... Den
wieder was mer atah hesch, warum? Es isch e gfühlskaos gsi... Und immerna. Es
verstaht mi niemert, warum ich dich au jetzt na beschütze... Ich mich au nöd..."
(Urk. 103/12). In einer im August 2020 versandten Postkarte wird ausgeführt: "Ich
dänk immer wieder mal a dich.. Vor spaar Täg bini wieder miteme krasse Alp-
traum ufgwache. Verfolgig... misshandlig bis Tod, und alles immer so abartig
ächt... Obwohl ich im tüüfe na panik vor dir ha, dänki oft a dich ... (Urk. 103/19).
Was die von der Verteidigung und vom Beschuldigten zitierte Postkarte mit den
Worten "Nie und nimmer" anbelangt, ist zunächst darauf hinzuweisen, dass der
Absender dieser Postkarte auf den Namen "H._" lautet und insofern gar nicht
klar ist, ob diese tatsächlich von der Geschädigten stammt. Zudem fehlt der Kon-
text, um den Inhalt der Postkarte deuten zu können. Namentlich ist nicht ersicht-
lich, worauf sich die Worte der Geschädigten beziehen bzw. ob sie damit tatsäch-
lich auf die vom Beschuldigten gestellten Frage antwortete. Auf besagte Worte
folgt denn auch: "Laute Stille / Ich hab gelebt / Engel" (Urk. 103/15). Somit er-
scheinen die aus der ersten Zeile der Postkarte zitierten Worte "Nie und Nimmer"
- 19 -
für sich allein aus dem Zusammenhang gerissen. Doch auch wenn von der Dar-
stellung des Beschuldigten ausgegangen würde und die Geschädigte damit auf
seine Frage geantwortet hätte, würde es sich dabei um ihre persönliche Einschät-
zung der Geschehnisse handeln, die sie ihm auf diese Weise vermittelt. Massge-
bend ist, dass sie ihre im Verfahren getätigten Aussagen weder widerrufen noch
abgeschwächt hat. Die rechtliche Einordnung dieser Geschehnisse ist dem Ge-
richt vorbehalten.
4. Aussagen des Beschuldigten
4.1. Der Beschuldigte hat sich in der polizeilichen Einvernahme vom 24. Mai
2019 sowie vor Vorinstanz ausführlich zum Anklagesachverhalt geäussert. Die
Vorinstanz hat sich im angefochtenen Urteil eingehend und sorgfältig mit seinen
Aussagen auseinandergesetzt und kam zum Schluss, dass seine Darstellung –
soweit diese nicht ohnehin die Schilderungen der Geschädigten stützen würde –
unglaubhaft sei (Urk. 43 S. 19). Auf ihre zutreffenden Erwägungen kann vorab
verwiesen werden (Urk. 43 S. 13 ff.). Die nachfolgenden Erwägungen sind dem-
entsprechend vorwiegend zusammenfassender, teilweise aber auch ergänzender
Natur.
4.2. Der Beschuldigte bestritt stets, beim damaligen Geschehen Druck auf die
Geschädigte ausgeübt zu haben. Er könne nicht nachvollziehen, dass sie Angst
vor ihm gehabt habe. Er habe sie nie bedroht (Urk. 3/1 S. 9; Prot. I S. 42 f. und
50). In diesem Zusammenhang verwies er wiederholt darauf, dass die Geschädig-
te aufgrund ihrer Krankheit beeinträchtigt sei und deshalb Sachverhalte nicht
mehr richtig wiedergeben könne. Er sei ihr nicht böse für ihre Falschaussagen, da
er wisse, dass sie krank sei (Urk. 3/4 S. 1; Prot. I S. 42 und 50). Die Angaben des
Beschuldigten stimmen indes in weiten Teilen mit der Darstellung der Geschädig-
ten überein. Dies gilt nicht nur in Bezug auf den äusseren Ablauf der Ereignisse.
Der Vorinstanz ist darin zu folgen, dass der Beschuldigte insbesondere an der
Hauptverhandlung wesentliche – auf den Angaben der Geschädigten basierende
– Anklagesachverhaltselemente eingeräumt hat (Urk. 43 S. 15 und 18). Mit seinen
Aussagen vor Vorinstanz bestätigte er etwa die Darstellung der Geschädigten,
wonach er ihr gegenüber Suizidabsichten geäussert hat, auch wenn er sich dabei,
- 20 -
wie schon in der polizeilichen Einvernahme, äusserst umständlich ausdrückte. Vor
Vorinstanz gab er an, er habe der Geschädigten im Wald gesagt, er könne sich
hier umbringen und es müsse ihr "scheissegal" sein. Er habe sie bloss gefragt, ob
er das tun solle. Zuerst sei es eine Hypothese gewesen, dann eine Frage (Prot. I
S. 36 f. und S. 50; vgl. auch Urk. 3/1 S. 6). Die Schilderungen des Beschuldigten
vor Vorinstanz stimmen auch mit der Darstellung der Geschädigten überein, wo-
nach er sich impulsiv und aggressiv verhalten habe. So gab der Beschuldigte an,
er sei richtig sauer und (enorm) verletzt gewesen, als er zum Treffpunkt gekom-
men sei. Er habe die Fahrertür aufgemacht und der Geschädigten mit einem Fin-
gerschnippen, laut, befohlen, sie solle sich auf den Beifahrersitz setzen. Er habe
nicht mitten im Dorfkern mit ihr sprechen wollen (Prot. I S. 32). Er habe gewusst,
dass er lautwerden würde (Prot. I S. 33). Dies korrespondiert mit den Aussagen
der Geschädigten, wonach der Beschuldigte "auf 200" gewesen sei, als sie aufei-
nander getroffen hätten (Urk. 4/1 S. 3; vgl. auch Urk. 4/2 S. 4; Prot. I S. 8 f.). Wie
erwähnt, gab die Geschädigte in ihren Einvernahmen an, dass bereits vor dem
Treffen das Thema auf ihren Freund, F._, gekommen sei, bzw. der Beschul-
digte gefragt habe, ob sie wieder bei diesem gewesen sei. Auch als sie im Wald
gewesen seien, habe der Beschuldigte wieder damit angefangen (Urk. 4/1 S. 3).
Nach der Entlassung aus dem Spital sei F._ wieder Thema gewesen
(Urk. 4/1 S. 4; Urk. 4/2 S. 6; Prot. I S. 14 und 20). Dieser Aspekt findet sich auch
in den Aussagen des Beschuldigten und vermag zu erklären, weshalb er an die-
sem Tag derart aufgebracht war. Vor Vorinstanz führte der Beschuldigte aus, als
er am Vortag mit der Geschädigten telefoniert habe, habe er ihr gesagt, wenn sie
"den anderen" sehen wolle, dem er nicht über den Weg traue, solle sie Rückgrat
zeigen und das Telefonat beenden. Sie habe daraufhin gesagt, sie würde das Te-
lefon nie auflegen, da sie ihn (den Beschuldigten) noch liebe. 15 Stunden später
gehe sie zu diesem. Er habe eine Viertelstunde vor dem Treffen erfahren, dass
sie bei diesem gewesen sei. Dies sei der Grund gewesen, weshalb er wütend
zum Treffen erschienen sei (Prot. I S. 30 f.). Der Beschuldigte hat in der ersten
Einvernahme anerkannt, der Geschädigten einen Faustschlag ins Gesicht ver-
setzt zu haben (Urk. 3/1 S. 6). Vor Vorinstanz hat er zudem eingeräumt, ihren
Hinterkopf gegen das Fahrzeug geschlagen zu haben. Gemäss seiner Schilde-
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rung sagte er der Geschädigten im Zusammenhang mit beiden Übergriffen, dass
er sich nicht von ihr verarschen lasse (Prot. I S. 34, 36 und 39). In Bezug auf den
Faustschlag erwähnt er zudem, er habe danach zu ihr gemeint, jetzt wisse sie,
wie man sich fühle, wenn man von dem Menschen, den man liebe, verletzt und
verarscht werde. Er habe aus Wut zugeschlagen (Prot. I S. 39). Der Beschuldigte
hat weiter bestätigt, dass das Thema nach der Entlassung der Geschädigten aus
dem Spital wieder auf F._ gekommen sei. Er habe wissen wollen, wie oft sie
mit F._ geschlafen habe. Jedes Mal habe sie ihn verletzt. Er hätte lieber je-
des Mal "eines auf die Schnauze" erhalten, so wie sie in dieser Nacht, als dieses
Gefühl, das er jetzt habe. Das hier sei bloss ihre alleinige Schuld (Prot. I S. 41).
Auch insoweit besteht Übereinstimmung mit der Darstellung der Geschädigten.
Angesichts dieser Aussagen erstaunt es, wenn der Beschuldigte geltend macht,
die Geschädigte habe die Situation falsch interpretiert (Prot. I S. 42 und 50).
4.3. Die Vorinstanz erwog, dass der Beschuldigte anlässlich der Hauptverhand-
lung den im Rahmen des Vorverfahrens noch in gemässigter Form wiedergege-
benen Tatablauf, bei welchem er anklagewesentliche Ereignisse (beispielsweise
den Schlag des Hinterkopfs der Geschädigten auf die Motorhaube) noch ausge-
lassen habe, letztlich selber intensiviert habe. Offenbar sei der Beschuldigte der
Ansicht gewesen, damit Widersprüche oder Unstimmigkeiten bei den Aussagen
der Geschädigten hervorzurufen. Damit habe er aber vielmehr ein angepasstes
Aussageverhalten vermittelt (Urk. 43 S. 15). Dem ist beizupflichten. Vor Vo-
rinstanz widersprach der Beschuldigte mehrfach den Aussagen der Geschädig-
ten, um sie dann mit seinen Ausführungen doch wieder zu bestätigen. So vernein-
te er die Frage, ob er damit gedroht habe, ihr Mobiltelefon kaputtzumachen, wenn
sie es nicht ausschalten werde, wobei er in der Folge ergänzte, er habe nur ge-
sagt, dass er es aus dem Fenster werfen würde (Prot. I S. 35). Der Beschuldigte
ergänzte seine Ausführungen wiederholt und passte sie der jeweiligen Frage an.
Die Vorinstanz wies diesbezüglich zutreffend darauf hin, dass er auf den Vorhalt,
es werde ihm vorgeworfen, die Fahrertüre aufgerissen und der Geschädigten ei-
nen heftigen Faustschlag verpasst zu haben, zunächst erklärte, das sage sie. Die
Fahrertür sei nie zu gewesen. Auf Nachfrage bestätigte er dann, dass er ihr einen
Faustschlag gegen den Kopf versetzt habe (Prot. I S. 38 f.). Sodann bestritt der
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Beschuldigte, dass die Geschädigte (nach dem Faustschlag) aus dem Mund ge-
blutet habe, um dann anzufügen, sie habe lediglich Blutgeschmack im Mund ge-
habt (Prot. I S. 39). Schliesslich gab er in der polizeilichen Einvernahme an, er
habe, als die Geschädigte vom Fahrzeug weggerannt sei, seinen Rucksack und
ihre Handtasche genommen und sie angesehen. Er habe ihr deutlich gezeigt,
dass er ihre Tasche mitgenommen habe. Er habe die Tasche in seinem Rucksack
verstaut und sei in den Wald (spazieren) gegangen (Urk. 4/1 S. 8). Auf Nachfrage,
weshalb er ihre Tasche mitgenommen habe, gab der Beschuldigte zunächst an,
weil dort auch noch Geld von ihm drin gewesen sei. Erst auf Nachfrage bestätigte
er, dass er gewollt habe, dass ihm die Geschädigte folge (Urk. 3/1 S. 8). Die Fra-
ge, ob er die Tasche sozusagen als Druckmittel mitgenommen habe, verneinte er
wieder (Urk. 3/1 S. 8). So gab er auch anlässlich der Berufungsverhandlung bei-
spielsweise an, die Darstellung, wonach die Geschädigte das Auto angehalten,
die Türe geöffnet, weggerannt und er ihr nachgerannt sei, mache keinen Sinn,
hätte er doch einfach rüberlangen und sie festhalten können (Prot. II S. 25), wo-
hingegen er bis anhin auch selbst festhielt, dass die Geschädigte weggerannt und
er ihr zumindest nachgegangen sei (Urk. 3/1 S. 8; Prot. I S. 41). Der Beschuldigte
zeigte sich bei seinen Einvernahmen vordergründig darum bemüht, differenziert
und korrekt auszusagen. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass er nicht
in der Lage ist, Unwesentliches vom Wesentlichen zu unterscheiden. Dies ent-
spricht auch der gutachterlichen Feststellung, wonach beim Beschuldigten im
Rahmen der Schilderung der Ereignisse ein deutlich ausgeprägtes Beharren auf
nebensächlichen Details feststellbar gewesen sei (Urk. 6/5 S. 51). Der Beschul-
digte versucht mit seinen Aussagen letztlich, Zweifel an den Schilderungen der
Geschädigten zu wecken, ohne dass er diese aber in ihrem Kerngehalt in Frage
stellt. Gleich zu werten ist der Umstand, dass er der Geschädigten anlässlich ihrer
Befragung vor Vorinstanz zahlreiche Ergänzungsfragen zu nebensächlichen De-
tails stellte (vgl. dazu die Vorinstanz, Urk. 43 S. 14 f. und 18 f.).
4.4. Schliesslich fielen die Aussagen des Beschuldigten in zentralen Punkten
nicht konstant aus. In der polizeilichen Einvernahme vom 24. Mai 2019 sagte er
aus, beim Treffen mit der Geschädigten habe er die Fahrertür geöffnet und ihr ge-
sagt, sie solle rüberrutschen. Sie habe dies breitwillig gemacht (Urk. 3/1 S. 5). Vor
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Vorinstanz gab er demgegenüber an, er habe der Geschädigten mit einem Fin-
gerschnippen laut befohlen, sie solle sich auf dem Beifahrersitz setzen (Prot. I S.
32), womit ein deutlich aggressiveres Verhalten zum Ausdruck kommt. Vor Vo-
rinstanz bestritt der Beschuldigte zudem, dass die Geschädigte aus dem Mund
geblutet habe, nachdem er ihr ins Gesicht geschlagen habe (Prot. I S. 39). Ge-
genüber der Polizei hatte er indes noch angegeben, dass sich die Geschädigte
danach Blut vom Mundwinkel gewischt habe (Urk. 3/1 S. 6). Der Beschuldigte
verwickelte sich bei seinen Einvernahmen auch in unerklärliche Widersprüche.
Wie bereits erwähnt, räumte er vor Vorinstanz ein, dass er die Geschädigte an
den Wangenknochen gepackt und zurück gegen das Fahrzeug geschlagen habe.
Er habe sie gepackt und ihr gesagt, sie solle ihn nicht verarschen. Er wolle die
Wahrheit wissen (Prot. I S. 34 und 36). Es sei nicht richtig, dass er den Kopf der
Geschädigten auf die Motorhaube geschlagen habe, wie von ihr ausgesagt wor-
den sei. Er habe den Kopf gegen die Windschutzscheibe geschlagen (Prot. I
S. 37). In der polizeilichen Einvernahme hatte er diesen tätlichen Übergriff noch
mit keinem Wort erwähnt. Im späteren Verlauf der gerichtlichen Einvernahme gab
er dann plötzlich wieder an, es sei nicht gegen die Windschutzscheibe, sondern
das Auto gewesen (Prot. I S. 49).
5. Weitere Beweismittel
Gemäss dem ärztlichen Befund des Spitals Wetzikon vom 13. Juni 2019 wurde
bei der Untersuchung der Geschädigten am 24. Mai 2019 eine Gesichtsschädel-
kontusion im Bereich des linken Ober- und Unterkiefers festgestellt. Diese deute
auf eine stumpfe Gewalteinwirkung auf die linke Gesichtshälfte hin. Am ehesten
handle es sich um eine durch Schläge beigebrachte Verletzung (Urk. 5/6 S. 1).
Das Verletzungsbild stimmt damit mit den Aussagen der Geschädigten überein,
wonach der Beschuldigte ihr mit der Faust links ins Gesicht geschlagen habe
(Urk. 4/1 S. 3; Urk. 4/2 S. 5; Prot. I S. 12). Nach der Darstellung der Geschädigten
gestaltete sich die Situation damals äusserst emotional und zeigte der Beschul-
digte über weite Teile ein sehr impulsives und aggressives Verhalten. Sie gab an,
er habe im Verlauf des Geschehens mehrfach damit gedroht, sich umzubringen
(Urk. 4/1 S. 3 ff.; Urk. 4/2 S. 4 und 6; Prot. I S. 11 f.). In den Akten wird an mehre-
- 24 -
ren Stellen darauf hingewiesen, dass sich der Beschuldigte beim Eintreffen der
Polizei in einer schlechten psychischen Verfassung befunden habe. Er wurde für
nicht hafterstehungsfähig befunden und gleichentags fürsorgerisch untergebracht.
In der ärztlichen Abklärung wird festgehalten, der Beschuldigte habe Suizidge-
danken geäussert. Es bestehe Selbst- und Fremdgefährdung (Urk. 1 S. 5;
Urk. 2/7 S. 1; Urk. 2/8; Urk. 7/1 S. 2; Urk. 7/3 ff.). Auch hier besteht Übereinstim-
mung mit den Angaben der Geschädigten. Im Berufungsverfahren reichte die Ver-
teidigung Fotos des Innenraums eines VW-Passats ein (Urk. 103/1). Diesbezüg-
lich brachte er, wie bereits vor Vorinstanz vor, es sei bei diesem Automobiltyp
nicht möglich, ohne eigene willentlich ausgeübte Handlung vom Fahrersitz auf
den Beifahrersitz gestossen zu werden (Urk. 31 S. 5; Urk. 108 S. 5). In der Ankla-
ge wird indes nicht behauptet, dass die Geschädigte durch den Fusstritt direkt
durch das Fahrzeug auf den Beifahrersitz befördert worden sei. Vielmehr wird
ausgeführt, der Beschuldigte habe der Geschädigten einen Fusstritt versetzt, wo-
rauf sie durch den Innenraum auf den Beifahrersitz gerutscht sei (Urk. 13 S. 2, Zif-
fer 1.2). Zu verweisen ist hier auch auf die Aussagen der Geschädigten anlässlich
der polizeilichen Einvernahme, wonach der Beschuldigte sie mit dem Fuss ges-
tossen habe, so dass sie auf den Beifahrersitz habe gehen müssen (Urk. 4/1
S. 3). Dass die Geschädigte durch den Innenraum des Fahrzeugs auf den Beifah-
rersitz rutschte, hat im Übrigen auch der Beschuldigte ausgesagt (Urk. 3/1 S. 5;
Prot. I S. 32).
6. Fazit
Im Ergebnis ist mit der Vorinstanz (Urk. 43 S. 19) auf die überzeugenden und
glaubhaften Aussagen der Geschädigten abzustellen. Ihrer detaillierten und le-
bensnahen Schilderung der damaligen Vorkommnisse vermögen die Aussagen
des Beschuldigten keine Zweifel entgegenzusetzen, soweit sie von ihrer Darstel-
lung abweichen. Es bestehen deshalb keine Zweifel daran, dass sich der Sach-
verhalt so wie in der Anklage umschrieben zugetragen hat. Dies mit Ausnahme
der Behauptung in der Anklageschrift, dass der Beschuldigte zur Geschädigten
gesagt haben soll, dass er sie umbringen würde (Urk. 13 S. 3, Ziff. 1.11), was sich
- 25 -
weder den Aussagen der Geschädigten noch den übrigen Beweismitteln entneh-
men lässt (vgl. dazu auch die Vorinstanz, Urk. 43 S. 11 f.).
7. Rechtliche Würdigung
7.1. Die Vorinstanz würdigte das Verhalten des Beschuldigten als Freiheitsbe-
raubung und Entführung im Sinne von Art. 183 Ziff. 1 StGB (Urk. 43 S. 41). Nach
dieser Bestimmung wird bestraft, wer jemanden unrechtmässig festnimmt oder
gefangenhält oder jemandem in anderer Weise unrechtmässig die Freiheit ent-
zieht (Freiheitsberaubung), oder wer jemanden durch Gewalt, List oder Drohung
entführt (Entführung). Geschütztes Rechtsgut ist die körperliche Fortbewegungs-
freiheit (BGE 141 IV 10 E. 4.3). Bei der Freiheitsberaubung wird das Opfer un-
rechtmässig festgesetzt. Es wird ihm die Möglichkeit entzogen, sich selbständig
vom Ort, an dem er sich befindet, an einen anderen Ort zu begeben. Die Frei-
heitsberaubung kann durch unrechtmässige Festnahme, Gefangenhalten oder
unrechtmässige Freiheitsentziehung auf andere Weise geschehen. Als Tatmittel
ist insbesondere auch psychischer Druck, wie beispielsweise eine Drohung,
denkbar. Die völlige Aufhebung der Bewegungsfreiheit ist nicht Tatbestandsvo-
raussetzung. Dem Opfer muss die Überwindung der Freiheitsbeschränkung nicht
gänzlich unmöglich sein. Es genügt, wenn dies unverhältnismässig gefährlich o-
der schwierig ist (Urteil des Bundesgerichts 6B_918/2014 vom 2. April 2015
E. 2.2.1 mit Hinweisen). Bei der Entführung wird das Opfer von einem Ort an ei-
nen anderen verbracht. Als Folge des Verbringens an einen anderen Ort ergibt
sich eine Machtposition des Täters über sein Opfer. Erforderlich ist zudem, dass
die Ortsveränderung für eine gewisse Dauer vorgesehen und das Opfer in seiner
persönlichen Freiheit tatsächlich beschränkt ist, es insbesondere nicht die Mög-
lichkeit hat, unabhängig vom Willen des Täters an seinen gewohnten Aufenthalts-
ort zurückzukehren (BGE 141 IV 10 E. 4.5.2). Als Tatmittel kommen Gewalt, List
oder Drohung in Frage. In subjektiver Hinsicht ist Vorsatz erforderlich, wobei
Eventualvorsatz genügt (BSK Strafrecht-DELNON/RÜDY, a.a.O., N 56 f. zu
Art. 183).
7.2. Die Verteidigung machte in Bezug auf den Tatbestand der Entführung gel-
tend, dass die Fahrt in den Wald nicht gegen den Willen der Geschädigten erfolgt
- 26 -
sei (Urk. 31 S. 4 ff.; Urk. 108 S. 3 ff.). Dem kann nicht gefolgt werden. Angesichts
der Aussagen der Geschädigten ist zweifelsfrei erstellt, dass sie vom Beschuldig-
ten dazu gezwungen wurde, ihm das Steuer ihres Fahrzeuges zu überlassen und
mit ihm in den Wald zu fahren. Daran vermag nichts zu ändern, dass die Geschä-
digte eingewilligt hatte, den Beschuldigten an einem öffentlichen Ort im Dorfkern
zu treffen, zumal sie keine Kenntnis von seinen Absichten hatte. Gleiches gilt in
Bezug auf den Umstand, dass sie ihm für die Zusammenkunft extra ein T-Shirt
kaufte. Auch hieraus lässt sich nicht schlussfolgern, dass sie in die folgenden Ge-
schehnisse eingewilligt hätte bzw. gar hätte damit rechnen müssen. Die Geschä-
digte schilderte anschaulich, wie aggressiv und wütend der Beschuldigte war, als
er zum Treffpunkt kam. Sie gab weiter an, dass sie nicht verstanden habe, wes-
halb er so wütend gewesen sei und um was es gegangen sei (Urk. 4/1 S. 3;
Urk. 4/2 S. 3 f.; Prot. I S. 8 f.). Wenn die Verteidigung vorbringt, die Geschädigte
habe schon beim Einstieg des Beschuldigten realisiert, dass er mit ihr habe weg-
fahren wollen (Urk. 31 S. 5; Urk. 108 S. 5 f.), trifft dies somit nicht zu. In den Aus-
sagen der Geschädigten kommt klar zum Ausdruck, dass sie Angst hatte, es wür-
de ihr etwas zustossen, wenn sie sich gegen den Beschuldigten wehren würde.
Sie gab an, der Beschuldigte habe ihr, als sie seiner Aufforderung, auf den Bei-
fahrersitz zu rutschen, nicht nachgekommen sei, einen Fusstritt verpasst. Auf die
Frage, weshalb der Beschuldigte selbst habe fahren wollen, gab sie an, vielleicht
weil er gewusst habe, dass sie nicht mitgefahren wäre oder weil er so wütend ge-
wesen sei. Sie habe sich nicht wehren können und auch Angst gehabt, sich zu
wehren. Sie habe gewusst, dass es jetzt nicht mehr gut gewesen sei, so wie er
"drauf" gewesen sei. Der Beschuldigte sei eingestiegen und losgefahren. Plötzlich
habe er angehalten und ihr befohlen, das Handy auszuschalten, damit man sie
nicht orten könne. Als sie dies nicht sofort gemacht habe, habe er damit gedroht,
das Handy kaputtzumachen. Sie habe grosse Angst gehabt und nicht gewusst,
was er nun machen würde (Urk. 4/1 S. 3 und 8; Urk. 4/2 S. 3 f.; Prot. I S. 8 f.).
Nachdem der Beschuldigte tätlich gegen die Geschädigte vorging, ist das Tatmit-
tel der Gewalt gegeben. Dass das Opfer aufgrund der Gewalteinwirkung wider-
standsunfähig wird, ist hierfür nicht erforderlich. Vielmehr genügt es, wenn der Tä-
ter den entgegenstehenden Willen des Opfers beugt, um von diesem ein Verhal-
- 27 -
ten zu erzwingen, das es aus freien Stücken nicht aufsichnehmen würde (vgl. da-
zu BSK Strafrecht-DELNON/RÜDY, a.a.O., N 50 zu Art. 183 i.V.m. N 22 zu
Art. 181). Es ist daher nicht relevant, ob die Geschädigte eine Handlung mit eige-
ner Aktivität erbringen musste und selbst auf den Beifahrersitz rutschte (vgl. dazu
die Verteidigung, Urk. 31 S. 5 und Urk. 108 S. 5). Für die Annahme der Gewalt-
anwendung genügt gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung, dass Art und
Intensität der vom Täter gewählten Gewalteinwirkung den freien Willen des Op-
fers zu brechen vermögen. Durch die Einwirkung des Täters muss das Opfer in
seiner Handlungs- bzw. Willensfreiheit so betroffen sein, dass dessen Willensbil-
dung als vom Täter fremdbestimmt erscheint (BSK Strafrecht-DELNON/RÜDY,
a.a.O., N 50 zu Art. 183 i.V.m. N 23 zu Art. 181). Das Opfer kann auch deshalb
auf stärkeren Widerstand verzichten, weil es erkennt, dass auch dieser ange-
sichts der überlegenen Kraft des Angreifers nutzlos wäre. Eine Gewaltanwendung
ist daher immer schon dann zu bejahen, wenn die vom Täter gewählte Art und In-
tensität derselben die Willensfreiheit des Opfers tatsächlich beeinträchtigt (BGE
101 IV 42 E. 3a). Insofern ist nicht von Bedeutung, ob es der Geschädigten theo-
retisch möglich gewesen wäre, sich noch mehr zu wehren oder anders zu verhal-
ten (so die Verteidigung, Urk. 31 S. 5 und Urk. 108 S. 5 f.). Dies gilt insbesondere
vor dem Hintergrund, dass sich der Beschuldigte damals äusserst aggressiv ver-
hielt und – wie er selbst einräumte – bereits zuvor tätlich gegenüber die Geschä-
digte geworden war (vgl. Urk. 4/1 S. 3 und 8; Prot. I S. 16 und 33). Nur rund eine
Woche vor dem Vorfall waren die polizeilich angeordneten Schutzmassnahmen
auf Gesuch der Geschädigten vom Gericht verlängert worden (Urk. 2/2 ff), was
ebenfalls zeigt, dass sie sich vom Beschuldigten bedroht fühlte. Der Beschuldigte
schuf dadurch, dass er mit der Geschädigten in das Waldstück fuhr und sie
zwang, das Mobiltelefon abzuschalten, eine Situation, in der es ihr nicht bzw. nur
erschwert möglich war, sich ihm zu widersetzen oder Hilfe zu holen. Anders als in
der Ortschaft, war die Geschädigte an diesem Ort isoliert und dem Beschuldigten
ausgeliefert. Infolgedessen konnte er Kontrolle und Macht über sie ausüben. Da-
bei war sich der Beschuldigte bewusst, dass er gegen den Willen der Geschädig-
ten handelte. Seine Darstellung, wonach er nicht gewusst habe, dass sie gegen
ihren Willen mitgefahren sei, erscheint bereits angesichts der von ihm eingesetz-
- 28 -
ten Gewalt als Schutzbehauptung. Vor Vorinstanz räumte der Beschuldigte denn
auch ein, dass er der Geschädigten laut und mit einem Fingerschnippen befohlen
habe, sie solle sich auf den Beifahrersitz setzen. Die Geschädigte sei perplex und
erstaunt gewesen (Prot. I S. 32 f.). Wäre er davon ausgegangen, dass die Ge-
schädigte freiwillig mit ihm in den Wald fährt, hätte er sie nicht auf den Beifahrer-
sitz zwingen und sich ans Steuer setzen müssen. Dies gilt umso mehr, als der
Beschuldigte aufgrund des ihm entzogenen Führerausweises (Urk. 2/1) gar nicht
hätte fahren dürfen und offenbar auch selten an Stelle der Geschädigten fuhr (vgl.
dazu Urk. 3/1 S. 5; Prot. I S. 8). Die Vorbringen des Beschuldigten, wonach er
nicht vor Ort mit der Geschädigten habe sprechen können und deshalb in den
Wald gefahren sei (Urk. 3/1 S. 5; Prot. I S. 32 f.), vermögen ebenfalls nicht zu
überzeugen. Der Staatsanwaltschaft (Prot. I S. 52) ist darin zu folgen, dass es
dem Beschuldigten bei seinem Vorgehen vielmehr darum ging, Kontrolle über die
Geschädigte zu erlangen.
7.3. In Bezug auf das Geschehen im Wald lässt der Beschuldigte vorbringen,
dass eine Behinderung der Wegfahrt durch Zurückhalten, Wegnahme des Auto-
schlüssels oder Versperren des Weges oder ähnliches nicht stattgefunden habe.
Die Geschädigte habe auch keinen Versuch unternommen, sich vom Beschuldig-
ten zu entfernen. Sie habe nie gesagt, dass sie den Ort nicht habe verlassen kön-
nen und wirklich habe weggehen wollen (Urk. 31 S. 6; vgl. auch Urk. 108 S. 8 f).
Für die Erfüllung des Tatbestandes der Freiheitsberaubung ist nicht erforderlich,
dass das Opfer tatsächlich einen Entschluss fasst, sich fortzubewegen, oder die-
sen in die Tat umsetzt. Seiner Freiheit beraubt ist bereits, wem die Möglichkeit ei-
ner Ortsveränderung genommen wird. Dabei braucht dem Opfer nicht schlechthin
verunmöglicht zu werden, sich wegzubewegen. Es reicht aus, wenn es für den
Betroffenen unverhältnismässig schwierig oder riskant wäre, die Freiheitsbe-
schränkung zu überwinden (DONATSCH, Delikte gegen den Einzelnen, 10. Aufl.
2013, S. 454 und 456 f.). Die vom Täter für die Freiheitsberaubung eingesetzten
Mittel sind nicht eingeschränkt. Neben Gewalt und mechanischen Vorkehren sind
auch psychische Mittel, insbesondere Drohung, denkbar. Diesbezüglich ist mass-
gebend, dass die psychische Einwirkung eine Intensität erreicht, die das Verblei-
ben des Opfers am fremdbestimmten Aufenthaltsort als nachvollziehbar erschei-
- 29 -
nen lässt (BSK Strafrecht-DELNON/RÜDY, a.a.O., N 37 f. zu Art. 183). Die Geschä-
digte hat im Verfahren mehrfach zum Ausdruck gebracht, dass sie sich gegen ih-
ren Willen in der Gegenwart des Beschuldigten befunden habe (vgl. Urk. 4/1 S. 3,
6 und 8; Urk. 4/2 S. 5 f.). Aus ihren Schilderungen geht hervor, dass sie sich auf-
grund seines unkontrollierten und aggressiven Verhaltens ausser Stande sah,
wegzugehen. Gemäss ihren Aussagen hat der Beschuldigte sie immer wieder be-
droht und ihr Schläge angedroht. Sie habe flüchten wollen, aber gewusst, dass
sie keine Chance gegen ihn habe. Sie habe die Konsequenzen gekannt, weshalb
sie es nicht versucht habe. Seine Drohungen habe sie ernstgenommen. Er schla-
ge sie ja immer wieder. Wenn der Beschuldigte aggressiv sei, traue sie ihm alles
zu. Sie habe Panik gehabt (Urk. 4/1 S. 6 ff.; Urk. 4/2 S. 5; Prot. I S. 9 ff.). Mit sei-
nem aggressiven Auftreten und der Androhung von Schlägen versetzte der Be-
schuldigte die Geschädigte in Angst und brachte sie in eine ausweglose Lage.
Wie erwähnt, verhielt er sich nicht nur verbal aggressiv, sondern wurde der Ge-
schädigten gegenüber auch mehrfach tätlich. Mit der Äusserung von Suizidab-
sichten und dem Vorzeigen einer selbstbeigebrachten Verletzung setzte er sie
zusätzlich unter Druck. Entgegen der Ansicht der Verteidigung (Urk. 31 S. 6 ff.)
geht aus den Aussagen der Geschädigten deutlich hervor, dass die vom Beschul-
digten gezeigte impulsive verbale und körperliche Aggressivität für ihr Verhalten
massgebend war. Der Vorinstanz kann darin gefolgt werden, dass von einem
freiwilligen Verbleiben der Geschädigten vor Ort nicht die Rede sein kann (Urk. 43
S. 20). Daran ändert mit der Vorinstanz (Urk. 43 S. 19 f.) nichts, dass der Be-
schuldigte zwischenzeitlich auch ein anderes Gesicht zeigte und teilweise auch
fürsorglich war, zumal sich sein Verhalten jederzeit ändern konnte, weshalb es
nur zu einer weiteren Verunsicherung bei der Geschädigten führte (vgl. dazu
Urk. 4/1 S. 9; Prot. I S. 10 f. und 13). Indem die Verteidigung zudem einzelne
Phasen aufzeigt, in denen die Geschädigte sich theoretisch hätte entfernen kön-
nen, und daraus schliesst, ihr Verbleiben sei freiwillig gewesen (Urk. 108 S. 8 ff.),
verkennt sie, dass der Beschuldigte – wie bereits zuvor dargelegt – durch sein
aggressives, gewalttätiges und unberechenbares Verhalten, den erzwungen
Ortswechsel wie auch die Isolierung durch die Wegnahme des Mobiltelefons ins-
gesamt ein Klima der Einschüchterung schuf, welches sie gemäss ihren glaubhaf-
- 30 -
ten Aussagen daran hinderte, sich von ihm zu entfernen. Aufgrund einzelner Se-
quenzen, in denen eine Flucht rein theoretisch möglich gewesen wäre, eine Ein-
willigung bzw. Freiwilligkeit der Geschädigten, die sich auf das Geschehen insge-
samt beziehen soll, zu konstruieren, geht fehl.
7.4. Mit der Vorinstanz (Urk. 43 S. 21) ist erstellt, dass der Beschuldigte der
Geschädigten nicht nur bis Mitternacht desselben Tages, sondern bis rund
03.00 Uhr am nächsten Tag die Freiheit unrechtmässig entzogen hat. Es trifft zu,
dass die Geschädigte anlässlich ihrer staatsanwaltschaftlichen Einvernahme auf
die Frage, wie lange sie sich in der Gegenwart des Beschuldigten befunden habe,
ohne es zu wollen, angab, am Abend ab ca. 21.00 Uhr bis ca. um Mitternacht, als
er mit Suizid gedroht habe und sie eigentlich hätte abfahren können (Urk. 4/2
S. 6). In derselben Einvernahme gab sie damit übereinstimmend an, dass sie bis
zum Zeitpunkt, als der Beschuldigte mit Suizid gedroht habe, nicht habe wegge-
hen können. Danach wäre es möglich gewesen. Sie habe es aber nicht gemacht,
weil sie nicht gewollte habe, dass er sich etwas antue (Urk. 4/2 S. 5; vgl. auch
Urk. 4/1 S. 3 und Prot. I S. 11 f.). Dies zeigt, wie differenziert die Geschädigte
aussagte, und kann nicht dahingehend ausgelegt werden, dass sie freiwillig beim
Beschuldigten blieb. Dass der Beschuldigte damals mit Suizid gedroht hat, ergibt
sich wie erwähnt auch aus seinen Aussagen vor Vorinstanz. Zu verweisen ist
auch in diesem Zusammenhang auf die Feststellungen in den Akten zum psychi-
schen Zustand des Beschuldigten im Zeitpunkt der Verhaftung (vgl. Ziff. II.5.).
Entgegen der Auffassung der Verteidigung (Urk. 31 S. 7; Urk. 108 S. 13) handelt
es sich dabei somit nicht um Interpretationen der Geschädigten. Wenn weiter gel-
tend gemacht wird, es hätte ihr egal sein können, ob und was sich der Beschul-
digte hätte antun können, nachdem er sie zuvor geschlagen habe (Urk. 31 S. 8)
mutet dies schon fast zynisch an. Die Geschädigte hatte immer noch Gefühle für
den Beschuldigten, wovon er Kenntnis hatte. Vor diesem Hintergrund ist seine
Selbstmorddrohung als taugliches Nötigungsmittel einzustufen (vgl. BSK Straf-
recht-DELNON/RÜDY, a.a.O., N 33 zu Art. 181). Die Verteidigung lässt bei ihrer Ar-
gumentation zudem unberücksichtigt, dass der Beschuldigte der Geschädigten,
als sie in dieser Phase des Geschehens losfahren wollte, einen heftigen Faust-
schlag ins Gesicht versetzte (Urk. 4/1 S. 3; Urk. 4/2 S. 5; Prot. I S. 10 und 12).
- 31 -
7.5. Mit der Vorinstanz ist auch der subjektive Tatbestand als erfüllt zu betrach-
ten. Zu betonen ist hierbei, dass die Geschädigte gegenüber dem Beschuldigten
ausdrücklich sagte, sie wolle weggehen (vgl. Urk. 4/1 S. 3). Einen Versuch, sich
zu entfernen, unterband er, indem er ihr einen Faustschlag verpasste. Wenn der
Beschuldigte nun vorbringen lässt, er habe nie die Absicht gehabt, die Geschädig-
te festzuhalten (Urk. 31 S. 10; Urk. 108 S. 11 f.), ist dies angesichts der erstellten
massiven Einwirkung auf die Geschädigte insbesondere der gegenüber ihr ange-
wandten Gewalt klar als Schutzbehauptung zu werten.
7.6. Die von der Vorinstanz vorgenommene rechtliche Würdigung erweist sich
daher als zutreffend. Rechtfertigungs- oder Schuldausschlussgründe sind keine
gegeben. Insbesondere liegt gemäss dem psychiatrischen Gutachten vom
8. September 2019 keine Aufhebung der Schuldfähigkeit vor (Urk. 6/5 S. 63 f.).
Der angefochtene Schuldspruch wegen Freiheitsberaubung und Entführung im
Sinne von Art. 183 Ziff. 1 StGB ist daher zu bestätigen. Einem Schuldspruch im
Sinne des qualifizierten Tatbestands der Freiheitsberaubung und Entführung
(Art. 184 StGB) steht bereits das Verschlechterungsverbot (Art. 391 Abs. 2 StPO)
entgegen.
III. Strafzumessung
1. Ausgangslage
Die Vorinstanz bestrafte den Beschuldigten mit 42 Monaten Freiheitsstrafe sowie
mit einer Busse von Fr. 500.– (Urk. 43 S. 41). Nachdem einzig der Beschuldigte
Berufung gegen das vorinstanzliche Urteil erhoben hat, fällt aufgrund des Ver-
schlechterungsverbotes eine strengere Bestrafung ausser Betracht (Art. 391
Abs. 2 StPO).
2. Sanktionsart
2.1. Hat der Täter durch eine oder mehrere Handlungen die Voraussetzungen
für mehrere gleichartige Strafen erfüllt, so verurteilt ihn das Gericht zu der Strafe
der schwersten Straftat und erhöht sie angemessen. Es darf jedoch das Höchst-
mass der angedrohten Strafe nicht um mehr als die Hälfte erhöhen. Dabei ist es
https://www.swisslex.ch/doc/aol/37821484-01f4-4b3c-878c-c46ff3fab8a8/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/source/document-link https://www.swisslex.ch/doc/aol/37821484-01f4-4b3c-878c-c46ff3fab8a8/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/source/document-link
- 32 -
an das gesetzliche Höchstmass der Strafart gebunden (Art. 49 Abs. 1 StGB). Die
Bildung einer Gesamtstrafe in Anwendung des Asperationsprinzips ist nur mög-
lich, wenn das Gericht im konkreten Fall für jeden einzelnen Normverstoss gleich-
artige Strafen ausfällt (sog. konkrete Methode). Dass die anzuwendenden Straf-
bestimmungen abstrakt gleichartige Strafen androhen, genügt nicht. Am Vorrang
der Geldstrafe hat der Gesetzgeber im Rahmen der Revision des Sanktionen-
rechts festgehalten (Urteil des Bundesgerichts 6B_998/2019 vom 20. November
2020 E. 4.2.2 mit Hinweisen). Gemäss Art. 41 Abs. 1 StGB kann das Gericht statt
auf eine Geldstrafe auf eine Freiheitsstrafe erkennen, wenn (lit. a.) eine solche
geboten erscheint, um den Täter von der Begehung weiterer Verbrechen oder
Vergehen abzuhalten oder (lit. b) eine Geldstrafe voraussichtlich nicht vollzogen
werden kann. Es hat die Wahl der Freiheitsstrafe näher zu begründen (Art. 41
Abs. 2 StGB).
2.2. Die Vorinstanz hat für alle zu beurteilenden Delikte – mit Ausnahme der
Übertretung – Freiheitsstrafen ausgefällt (vgl. dazu Urk. 43 S. 29). Für die Frei-
heitsberaubung und Entführung kommt bereits angesichts der Höhe der ausge-
sprochenen Strafe keine Geldstrafe mehr in Frage. Dass die Vorinstanz auch für
das Fahren ohne Berechtigung eine Freiheitsstrafe ausgefällt hat, ist angesichts
der strafrechtlichen Vorbelastung des Beschuldigten nicht zu beanstanden und
wurde auch von der Verteidigung nicht in Frage gestellt (Urk. 31 S. 1 und 12;
Urk. 46 S. 2). Der Beschuldigte weist bereits sieben Vorstrafen auf (Urk. 44). Er
ist nicht nur wegen Gewaltstraftaten, sondern auch wegen Strassenverkehrsdelik-
ten mehrfach einschlägig vorbestraft. In den letzten zehn Jahren wurde er insge-
samt sechsmal mit unbedingten Geldstrafen sanktioniert, ohne dass ihn dies in ir-
gendeiner Weise beeindruckt hätte. Die im Jahr 2015 ausgesprochene unbeding-
te Freiheitsstrafe von immerhin 10 Monaten vermochte ihn ebenfalls nicht von
weiterer Delinquenz abzuhalten. Es besteht daher keine Veranlassung, für das
Fahren ohne Berechtigung nochmals eine Geldstrafe auszusprechen. Angesichts
der Hartnäckigkeit der Delinquenz des Beschuldigten und der Tatsache, dass die
bisher gegen ihn verhängten Sanktionen die diesen zugedachte präventive Wir-
kung verfehlten, kann nicht davon ausgegangen werden, dass eine Geldstrafe,
selbst wenn sie unbedingt ausgesprochen würde, die angestrebte Wirkung zu er-
- 33 -
reichen vermag. Für den Ungehorsam gegen amtliche Verfügungen im Sinne von
Art. 292 StGB ist eine separate Busse auszufällen.
3. Strafrahmen und Strafzumessungsregeln
Die Vorinstanz hat die Grundsätze der Strafzumessung umfassend und zutreffend
dargelegt. Auf die diesbezüglichen Erwägungen kann vorab verwiesen werden
(Urk. 43 S. 26 ff.). Als schwerstes Delikt ist Freiheitsberaubung und Entführung
mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bedroht (Art. 183 Ziff. 1
StGB). Mit der Vorinstanz (Urk. 43 S. 27) sind keine ausserordentlichen Umstän-
de gegeben, die ein Verlassen des ordentlichen Strafrahmens als angezeigt er-
scheinen liessen. Die dem Beschuldigten attestierte leichtgradig verminderte
Schuldfähigkeit (Urk. 6/5 S. 64) ist im Rahmen des ordentlichen Strafrahmens zu
berücksichtigen.
4. Tatkomponente
4.1. In Bezug auf die objektive Tatschwere der Freiheitsberaubung und Entfüh-
rung ist zunächst zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte die Geschädigte über
einen längeren Zeitraum von rund sechs Stunden unrechtmässig in einem Wald-
stück festgehalten hat. Durch das erzwungene Ausschalten des Mobiltelefons
wurde die Geschädigte vor Ort zusätzlich insoliert. Der Beschuldigte trat im Tat-
verlauf äusserst aggressiv und dominant auf. In seiner Tatbegehung kommt eine
sehr geringe Frustrationstoleranz und ein hohes Gewaltpotential zum Ausdruck.
Seine körperlichen Übergriffe zeugen zudem von einer bedenklichen Gleichgültig-
keit und Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Wohlergehen der Geschädigten. Mit
seinem drohenden und gewalttätigen Auftreten löste er bei der Geschädigten
grosse Angst und Verunsicherung aus. Dies auch aufgrund seines unberechenba-
ren Verhaltens, das schlagartig von Fürsorge zu tätlicher Aggression wechseln
konnte (Urk. 4/1 S. 9; Prot. I S. 10 f. und 13). Die Geschädigte gab mehrfach an,
dass sie damals Todesangst gehabt habe (u.a. Urk. 4/1 S. 4 und 6; Prot. I S. 13
und 15). Gemäss ihren Aussagen vor Vorinstanz leidet sie immer noch stark unter
dem Vorgefallenen. Sie habe danach während mehrerer Monate nicht mehr rich-
tig schlafen können (Prot. I S. 10 und 15). Das objektive Tatverschulden erweist
- 34 -
sich insgesamt als keinesfalls leicht. Dies führt zu einer hypothetischen Einsatz-
strafe von 27 Monaten.
Der Beschuldigte handelte mit direktem Vorsatz und aus rein egoistischen
Gründen. Die Bedürfnisse und Wünsche der Geschädigten waren ihm gleichgül-
tig. Es ging ihm nur um die Durchsetzung seiner Interessen. Mit der Vorinstanz
(Urk. 43 S. 28) kann angesichts des Umstands, dass der Beschuldigte das Tref-
fen initiierte und hierfür auch entsprechend auf die Geschädigte einwirkte (vgl.
Urk. 3/3), nicht von einer spontanen und ungeplanten Handlung gesprochen wer-
den. Mit der Vorinstanz ist indes zu Gunsten des Beschuldigten davon auszuge-
hen, dass nicht von allem Anfang an geplant war, derart massiv gegen die Ge-
schädigte vorzugehen. Gemäss dem psychiatrischen Gutachten vom
8. September 2019 ist beim Beschuldigten in Bezug auf die ihm vorgeworfenen
Taten eine leichtgradig verminderte Steuerungsfähigkeit anzunehmen (Urk. 6/5
S. 64; vgl. auch S. 56). Diesem Umstand gilt es mit einer Strafminderung in ent-
sprechendem Umfang Rechnung zu tragen. Im Ergebnis wirken sich die subjekti-
ven Umstände deshalb leicht strafmindernd aus. Die von der Vorinstanz festge-
setzte Einsatzstrafe im Bereich von 24 Monaten Freiheitsstrafe erscheint dem
Tatverschulden angemessen.
4.2. Die Vorinstanz hat im Rahmen der objektiven Tatschwere des Fahrens oh-
ne Berechtigung zu Recht darauf hingewiesen, dass der Beschuldigte lediglich ei-
ne kurze Strecke mit dem Fahrzeug der Geschädigten zurücklegte. Seiner Fahrt
lag keinerlei Notwendigkeit oder Dringlichkeit zugrunde. Vielmehr wurde sie zur
Begehung eines Delikts vorgenommen, was verschuldenserhöhend ins Gewicht
fällt. Nicht gefolgt werden kann der Vorinstanz deshalb, wenn sie festhält, es sei
im Verhalten des Beschuldigten keine wesentliche kriminelle Energie zu erblicken,
zumal er die Fahrt als Mittel zum Zweck vorgenommen habe, um dadurch die Ent-
führung und Freiheitsberaubung zu begehen (Urk. 43 S. 29). Hinsichtlich der sub-
jektiven Tatschwere ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte direktvorsätz-
lich und aus egoistischem Motiv handelte. Die im psychiatrischen Gutachten vom
8. September 2019 attestierte leicht verminderte Schuldfähigkeit (Urk. 6/5 S. 64;
vgl. auch S. 56) fällt leicht verschuldensmindernd ins Gewicht. In Anbetracht der
- 35 -
nicht allzu langen Fahrt des Beschuldigten ist sein Verschulden insgesamt als
leicht einzustufen. Isoliert betrachtet erweist sich hierfür die Festsetzung einer
Einzelstrafe von rund 2 Monaten als angemessen. Unter Anwendung des Aspera-
tionsprinzip rechtfertigt sich eine Erhöhung der Einsatzstrafe um einen Monat.
5. Täterkomponenten
5.1. A._ wurde am tt. April 1985 in Winterthur geboren. Seine Mutter ist
Buchhalterin und sein Vater ist als Schreiner tätig. Nebenbei betreibt sein Vater
den Bauernhof von dessen Eltern, wo der Beschuldigte zusammen mit seiner drei
Jahre älteren Schwester, welche mittlerweile verheiratet ist, aufwuchs. Seine El-
tern leben getrennt, sind aber weiterhin verheiratet. Ab seinem fünften Lebensjahr
besuchte er den Kindergarten in I._. In dieser Zeit fiel seine Hyperaktivität
auf. Eine Therapie erhielt er aber nicht. Siebenjährig wurde er in I._ einge-
schult und besuchte dort die Primaschule bis zur dritten Klasse. Danach besuchte
er von der dritten bis zur sechsten Klasse die Tagesschule des Kinderspitals, wo
er therapeutisch (ergo- und psychotherapeutisch) begleitet wurde. Die erste bis
dritte Klasse der Oberstufe besuchte er in J._ ZH. Mit 16 Jahren beendete er
die Schule und begann eine Ausbildung zum Landwirt in K._ in der Nähe von
L._. Im Anschluss absolvierte er eine Anlehre und war danach beim Militär
(Artillerie in M._). Nach sieben Wochen wurde er aber zufolge einer Erkran-
kung an Morbus Crohn als untauglich erachtet. In den nächsten vier bis fünf Jah-
ren verrichtete er Arbeiten auf dem Bau oder war als Gärtner tätig. Bis zum
22. Lebensjahr lebte er bei seinen Eltern, bis er dann mit seiner damaligen
Freundin zusammenzog. Am tt.mm.2010 wurde seine Tochter N._ geboren.
Nachdem die Beziehung zu seiner damaligen Freundin geendet hatte, bezahlte er
(mindestens) Fr. 200.– Alimente für seine Tochter. Aktuell werden diese Alimente
im Umfang von Fr. 500.– bevorschusst. Beruflich arbeitete er seit dem Jahr 2011
selbständig. Er leaste einen Traktor, um damit Transporte zu unternehmen, und
arbeitete als Maschinist und selbständiger Baggerführer. Zudem betätigte er sich
auch als Landschaftsgärtner. Damals verdiente er circa Fr. 6'400.– pro Monat.
Seit dem Jahr 2015 war er zu 100% arbeitsunfähig, suchte aber immer wieder Ar-
beit auf freiwilliger Basis. Anschliessend lebte er von Einkünfte in Form von Sozi-
- 36 -
alhilfegeldern in der Höhe von monatlich Fr. 2'200.–. Zudem wies und weist er
Schulden in der Höhe von Fr. 150'000.– aus (Urk. 3/1 S. 10; Urk. 3/5 S. 1 f.;
Urk. 6/5 S. 18 ff.; Urk. 9/1-5; Prot. I S. 22 ff.; Prot. II S. 12 ff.). In der heutigen Be-
rufungsverhandlung äusserte er die Absicht, zu seiner Familie auf den Hof im
O._ zurückzukehren. Seine Schwester habe das Haus übernommen und es
sei geplant, dort gemeinsam einen Mehrgenerationenhaushalt zu führen. Über-
dies habe er sich bei der IV angemeldet und strebe eine Teil-Invalidenrente an.
Für den Rest wolle er sich im Betrieb anstellen lassen (Prot. II S. 21).
Aus der Biographie und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten
lassen sich keine strafzumessungsrelevanten Faktoren ableiten.
5.2. Der Beschuldigte ist bereits mehrfach einschlägig vorbestraft. Im Strafre-
gister sind sieben Verurteilungen aus den Jahren 2011 bis 2019 eingetragen
(Urk. 44). Einschlägige Vorstrafen bestehen sowohl in Bezug auf Strassenver-
kehrsdelikte als auch wegen Gewaltstraftaten. Allein drei Verurteilungen ergingen
wegen Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte. Bei den Vorstrafen
des Beschuldigten ist mit der Vorinstanz (Urk. 43 S. 31 f.) das Urteil des Bezirks-
gerichts Winterthur vom 2. Februar 2015 hervorzuheben, mit welchem er unter
anderem wegen Freiheitsberaubung, Körperverletzung und Drohung verurteilt
wurde. Dem Beschuldigten wurde im damaligen Verfahren zur Last gelegt, seine
Ex-Partnerin rund eine Stunde in einem Keller festgehalten zu haben und ihr ge-
genüber tätlich geworden zu sein, wobei er auch mit Suizid gedroht habe. Das
Bezirksgericht Winterthur bestrafte ihn mit einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten
sowie einer Busse von Fr. 500.–. Die Freiheitsstrafe wurde zugunsten einer am-
bulanten Behandlung aufgeschoben (Urk. 44; Bezugsakten des Bezirksgerichts
Winterthur, GG140052). Wie bereits erwähnt, wurde die ambulante Behandlung
mit Verfügung des Amtes für Justizvollzug vom 1. November 2017 infolge Aus-
sichtslosigkeit aufgehoben (Urk. 9/8 S. 5; Bezugsakten des Bezirksgerichts Win-
terthur, GA170014). Der Beschuldigte hat wenige Jahre nach dieser Verurteilung
erneut in gleicher Weise delinquiert. Die im vorliegenden Verfahren zu beurteilen-
den Delikte stehen wiederum im Zusammenhang mit einem Beziehungsgespräch,
anlässlich welchem der Beschuldigte die Kontrolle verlor und gegenüber seiner
- 37 -
Ex-Partnerin gewalttätig wurde (vgl. dazu auch Urk. 6/5 S. 54). Hinsichtlich der
Schwere der deliktischen Handlungen ist eine Steigerungstendenz auszumachen,
zumal der Beschuldigte die Geschädigte während mehrerer Stunden im Wald
festgehalten hat. Beim Beschuldigten muss von einer ausgeprägten Unbelehrbar-
keit und Uneinsichtigkeit ausgegangen werden. Dies gilt umso mehr als alle im
Strafregister eingetragenen Verurteilungen unbedingt ausgesprochene Strafen
enthalten. Der Beschuldigte befand sich in der Vergangenheit auch schon mehr-
fach in Untersuchungshaft, ohne dass dies bei ihm eine nachhaltige Wirkung hin-
terliess. Wie erwähnt, verlief auch die vom Bezirksgericht Winterthur angeordnete
Massnahme nicht erfolgreich. Mit der Vorinstanz sind die zahlreichen Vorstrafen
des Beschuldigten massiv straferhöhend zu berücksichtigen. Die von der Vor-
instanz dafür vorgenommene Erhöhung um 18 Monate (Urk. 43 S. 33) erweist
sich jedoch als zu hoch. Angemessen erscheint insbesondere angesichts der
höchst einschlägigen Vorstrafe aus dem Jahr 2015 eine Erhöhung im Umfang von
gegen 1 Jahr.
5.3. Im Laufe des Verfahrens zeigte sich der Beschuldigte in Bezug auf einzel-
ne Sachverhaltselemente betreffend den Anklagevorwurf der Freiheitsberaubung
und Entführung geständig. Es liegt indes kein vollumfängliches Geständnis oder
kooperatives Verhalten bei der Aufklärung der Tat vor, welches die Strafverfol-
gung erleichtert hätte. Hinsichtlich der Anklagevorwürfe des Fahrens ohne Be-
rechtigung und Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen zeigte sich der Be-
schuldigte zwar bereits von Anfang an vollumfänglich geständig. Angesichts der
klaren Beweislage hätte ein Bestreiten jedoch ohnehin keinen Sinn gemacht
(Urk. 3/1 S. 9 f.; Urk. 3/6 S. 4; Urk. 1/1 S. 4; Urk. 2/1-2). Eine Strafminderung
rechtfertigt sich somit nicht. Der Beschuldigte hat sich vor Vorinstanz bei der Ge-
schädigten entschuldigt (Prot. I S. 22). Er zeigte indes keine Einsicht in sein prob-
lematisches Verhalten oder Reue. In seinen Aussagen ist vielmehr eine Tendenz
ersichtlich, das eigene Verhalten zu bagatellisieren und anderen die Schuld zuzu-
schieben. Vor Vorinstanz gab der Beschuldigte auf die Frage, wie es der Geschä-
digten damals ergangen sei, an, sie sage jetzt, sie hätte Angst gehabt, aber er
habe sie nicht bedroht. Das sei eben ihr Problem. Sie höre Dinge, die nie gesagt
worden seien, das könnten auch andere Leute bestätigen (Prot. I S. 41 f.). Weiter
- 38 -
gab er auf die Frage, was er dazu sage, dass die Geschädigte von Angst und Pa-
nik berichtet habe und unter Schlaflosigkeit leide, an, das sei schlimm. Aber er
habe schon gesagt, dass die Geschädigte Sachen aufnehme, die er nicht so ge-
sagt habe und dafür könne er nichts (Prot. I S. 50). Zu verweisen ist in diesem
Zusammenhang auch auf die gutachterlichen Ausführungen, wonach der Be-
schuldigte zwar angebe, sein Tatverhalten zu bedauern. Letztendlich zeige er sich
aber von einer für ihn subjektiv empfundenen "Richtigkeit" seines Verhaltens
überzeugt (Urk. 6/5 S. 34). Der Beschuldigte versuche immer wieder, Rechtferti-
gungen für sein Tathandeln anzubringen und beklagte eher die Folgen, die sein
Tathandeln für ihn hätten (Urk. 6/5 S. 35; vgl. auch S. 46 f., 51 und 58). Insgesamt
ist das Nachtatverhalten neutral zu gewichten.
6. Fazit
Während sich die persönlichen Verhältnisse und der Werdegang des Beschuldig-
ten strafzumessungsneutral verhalten, sind seine Vorstrafen erheblich straferhö-
hend zu berücksichtigen. Unter Berücksichtigung der dargelegten Umstände er-
weist sich eine Freiheitsstrafe von 3 Jahren als angemessen. Der Anrechnung der
erstandenen Haft von 663 Tagen an die Strafe steht nichts entgegen (Art. 51
StGB).
7. Vollzug
Das Bundesgericht entschied bereits wiederholt, dass die Anordnung einer statio-
nären oder ambulanten Massnahme zugleich eine ungünstige Prognose bedeutet
und den bedingten oder teilbedingten Aufschub einer gleichzeitig ausgefällten
Strafe ausschliesst (BGE 135 IV 180 E. 2.3; Urteile des Bundesgerichts
6B_698/2017 vom 13. Oktober 2017 E. 7.2.1; 6B_223/2016 vom 8. September
2016 E. 3.3; 6B_1195/2015 vom 18. April 2016 E. 5; je mit Hinweisen). Da, wie
sich nachfolgend zeigt, eine stationäre therapeutische Massnahme im Sinne von
Art. 59 StGB anzuordnen ist, besteht eine ungünstige Prognose, weshalb auch
ein teilbedingter Vollzug nach Art. 43 StGB nicht in Frage kommt.
- 39 -
8. Übertretungsbusse
Die von der Vorinstanz ausgefällte Busse von Fr. 500.– und die dafür festgesetzte
Ersatzfreiheitsstrafe von 5 Tagen erweisen sich dem Verschulden und den per-
sönlichen Verhältnissen des Beschuldigten nach wie vor als angemessen. Es
kann auf die vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden (Urk. 43 S. 34 f.).
Die Höhe der Busse blieb denn auch in der Berufungserklärung unangefochten
(Urk. 46 S. 2).
IV. Massnahme
1. Ausgangslage
Die Vorinstanz ordnete eine stationäre therapeutische Massnahme im Sinne von
Art. 59 StGB (Behandlung von psychischen Störungen) an (Urk. 43 S. 41). Der
Beschuldigte beantragt im Berufungsverfahren, es sei von der Anordnung einer
Massnahme abzusehen. Eventualiter sei höchstens eine ambulante Behandlung
im Sinne von Art. 63 StGB anzuordnen (Urk. 46 S. 2). Die Staatsanwaltschaft be-
antragt die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils (Urk. 49).
2. Allgemeine Voraussetzungen für die Anordnung einer Massnahme
Die Vorinstanz hat die allgemeinen Voraussetzungen für die Anordnung einer
Massnahme, insbesondere die Anordnung einer stationären Massnahme, zutref-
fend dargelegt (Urk. 43 S. 35 f.). Zur Vermeidung von unnötigen Wiederholungen
kann darauf verwiesen werden.
3. Psychiatrisches Gutachten vom 8. September 2019
3.1. Im Zusammenhang mit den heute zu beurteilenden Delikten wurde von der
Staatsanwaltschaft bei C._, med. pract., ein psychiatrisches Gutachten über
den Beschuldigten eingeholt (Urk. 6/5). C._ hatte den Beschuldigten bereits
im Jahr 2014 im Zusammenhang mit den Delikten, die Gegenstand des Urteils
des Bezirksgerichts Winterthur vom 2. Februar 2015 bildeten, begutachtet
(Urk. 9/5). Die Verteidigung stellt nicht in Frage, dass der erneute Beizug einer
sachverständigen Person in einem späteren Verfahren derselben beschuldigten
- 40 -
Person zulässig ist (vgl. dazu auch DONATSCH, in: Donatsch/Lieber/Summers/
Wohlers [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, a.a.O.,
N 13 zu Art. 183 mit Hinweisen). Die grundsätzliche fachliche Qualifikation des
Gutachters wurde ebenfalls nicht in Zweifel gezogen (vgl. Urk. 46 S. 4). Dement-
sprechend wurden im Vorverfahren auch keine Einwände gegen die Bestellung
von C._ als sachverständige Person erhoben. Die Verteidigung macht indes
wie bereits vor Vorinstanz geltend, dass C._ den Beschuldigten vorverurteilt
habe. Die Staatsanwaltschaft habe den Gutachtensauftrag schon mit der Be-
schreibung der Tatvorwürfe in Auftrag gegeben, bevor die Geschädigte staatsan-
waltschaftlich einvernommen worden sei. Im Gutachten werde das Tatvorgehen
des Beschuldigten so beschrieben, als ob schon feststehen würde, dass sich die-
ses so ereignet habe. Die Begutachtung sei nicht neutral, sondern einseitig gegen
den Beschuldigten ausgefallen. Der Gutachter habe schon bei Erhalt des Auftrags
gewusst, dass von ihm die Empfehlung einer stationären Massnahme erwartet
werde (Urk. 31 S. 14 f.; Urk. 46 S. 4 f.; Urk. 102 S. 2 f.; vgl. auch Urk. 108 S. 17).
3.2. Der Ansicht der Verteidigung kann nicht gefolgt werden. Zunächst ist der
Zeitpunkt der Begutachtung nicht zu beanstanden. Ist die beschuldigte Person in-
haftiert, muss das Gutachten zufolge der mit dem Vollzug von Haft verbundenen
Beeinträchtigungen möglichst rasch in Auftrag gegeben werden (DONATSCH, in:
Donatsch/Lieber/Summers/Wohlers [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen
Strafprozessordnung, a.a.O., N 6 und 25 zu Art. 184). Im Übrigen ist es bei der
Erstellung eines Gutachtens üblich, von einer Umschreibung der Tatvorwürfe als
Arbeitshypothese auszugehen, andernfalls eine Begutachtung bei ungeständigen
Beschuldigten immer erst nach der rechtskräftigen Entscheidung über den
Schuldpunkt erfolgen könnte. Nachdem die Geschädigte die bei der Polizei ge-
machten Aussagen im Rahmen der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme sowie
vor Vorinstanz bestätigt hat, ergeben sich auch keine Anhaltspunkte dafür, dass
das Gutachten auf Grundlage eines falschen Sachverhalts erstellt wurde. Weiter
ist nicht ersichtlich, dass und inwiefern der Auftrag zur psychiatrischen Begutach-
tung (Urk. 6/1) dazu geeignet gewesen wäre, den Gutachter in seiner Beurteilung
zu beeinflussen. Im Gutachtensauftrag wurden die standardisierten Fragen im
Hinblick auf die psychiatrische Begutachtung und zu allfällig indizierten Mass-
- 41 -
nahmen, so insbesondere auch ausdrücklich zu einer ambulanten Massnahme,
formuliert (Urk. 6/1 S. 2 f.). Dass den Fragen eine Zusammenfassung des Tat-
vorwurfs vorangestellt wurde, ist nicht zu beanstanden. Darin liegt keine unzuläs-
sige Beeinflussung der sachverständigen Person (BSK StPO-HEER, a.a.O., N 17
zu Art. 184). Umstände, die den Anschein der Befangenheit und die Gefahr der
Voreingenommenheit objektiv zu begründen vermögen, etwa dadurch, dass
C._ das Gutachten nicht neutral und sachlich abgefasst hätte, liegen keine
vor. Abgesehen von pauschalen Rügen wird auch von der Verteidigung nicht dar-
gelegt, weshalb auf die Befangenheit des Sachverständigen geschlossen werden
müsste. Der Beschuldigte wies im Vorverfahren und vor Vorinstanz auf Sachen
hin, die der Gutachter missverstanden habe (vgl. Urk. 3/6 S. 5; Prot. I S. 55).
Auch im Rahmen der Berufungsverhandlung machte er auf Widersprüche auf-
merksam und stellte sich auf den Standpunkt, der Gutachter habe Tatsachen ver-
dreht. Als Beispiele führt er an, es werde im Gutachten so dargestellt, als ob er
keinen Änderungswillen habe, was nicht stimme, da er in der Woche seiner Ver-
haftung auf freiwilliger Basis und ohne Aufforderung bei Dr. med. B._ in die
Therapie gegangen sei. Zudem kritisierte er, dass im Gutachten mehrfach er-
wähnt sei, er habe die Trennung von der Geschädigten nicht akzeptieren können
(Prot. II S. 20). Dabei handelt es sich jedoch nicht um Punkte, welche einen mas-
sgeblichen Einfluss auf die Schlussfolgerungen des Gutachters gehabt haben
können. Dass der Beschuldigte selbst den Sachverständigen als vorbefasst emp-
fand und deshalb die weitere Zusammenarbeit mit ihm verweigerte, ist nicht ent-
scheidend. Bei der Beurteilung des Anscheins der Befangenheit und der Gewich-
tung solcher Umstände kann nicht auf das subjektive Empfinden einer Partei ab-
gestellt werden. Das Misstrauen muss vielmehr in objektiver Weise als begründet
erscheinen (Urteil des Bundesgerichts 6B_235/2020 vom 1. Februar 2021
E. 2.5.1).
3.3. Im Rahmen der aktuellen Gutachtenserstellung führte der Gutachter zwei
Gespräche mit dem Beschuldigten durch. Die für den 8. August 2019 geplante
Untersuchung wurde vom Beschuldigten verweigert (Urk. 6/5 S. 2, 18 und 33).
Die beschuldigte Person ist bei der Erstellung von Gutachten nicht zur aktiven
Zusammenarbeit mit dem Gutachter verpflichtet (Art. 185 Abs. 5 StPO). Die Wei-
- 42 -
gerung zur Zusammenarbeit mit dem Gutachter darf daher nicht zu ihrem Nachteil
gewertet werden. Umgekehrt trägt die beschuldigte Person aber die Folgen ihrer
Mitwirkungsverweigerung im Sinne einer insoweit unterbliebenen Sachverhalts-
abklärung, denen sie auch nicht dadurch entgehen kann, dass sie auf der Bestel-
lung eines ihr genehmen Sachverständigen besteht (DONATSCH, in: Donatsch/Lie-
ber/Summers/Wohlers [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessord-
nung, a.a.O., N 20 zu Art. 113 mit Hinweisen). Aus dem psychiatrischen Gutach-
ten vom 8. September 2019 geht klar hervor, auf welche Akten sich der Gutachter
stützt und welche Erhebungen durchgeführt wurden. Weiter wird jeweils erwähnt,
zu welchem Punkten der Beschuldigte nicht befragt werden konnte. Zu berück-
sichtigen ist zudem, dass C._ den Beschuldigten bereits im Jahr 2014 be-
gutachtet hat. Im Rahmen der Erstellung des aktuellen Gutachtens fand wie er-
wähnt eine weitere Exploration in Form von zwei Gesprächen statt. Der Gutachter
konnte sich daher einen aktuellen persönlichen Eindruck des Beschuldigten ver-
schaffen. Es ist daher nicht ersichtlich, dass das Gutachten vom 8. September
2019 auf einer unvollständigen Grundlage beruhen würde. Entgegen der Auffas-
sung der Verteidigung (Urk. 46 S. 4 f.) wurden auch die Entwicklungen seit der
letzten Begutachtung berücksichtigt (Urk. 6/5 S. 18 ff.). Soweit die Verteidigung
geltend macht, das Gutachten vom 8. September 2019 sei nicht mehr aktuell,
kann ihr deshalb nicht gefolgt werden, zumal dies ausschliesslich mit dem Zeitab-
lauf begründet wird (Urk. 102 S. 3). Insbesondere wurde nicht geltend gemacht
und ist auch nicht ersichtlich, dass sich der Erstellung des Gutachtens massgebli-
che Änderungen ergeben hätten, welche Zweifel an dessen Aktualität erwecken
würden.
3.4. Das von C._ erstellte psychiatrische Gutachten vom 8. September
2019 ist sorgfältig redigiert und beantwortet alle entscheidrelevanten Fragen. Die
gutachterlichen Ausführungen sind schlüssig und nachvollziehbar begründet. Tat-
sachen, welche die Überzeugungskraft des Gutachtens erschüttern könnten, sind
keine ersichtlich. Vom Beschuldigten wird denn auch nicht substantiiert dargelegt,
inwiefern das Gutachten mangelhaft sein soll. Beanstandet wird letztlich einzig die
gutachterliche Schlussfolgerung, wonach eine stationäre Massnahme indiziert sei.
Auf das Gutachten von C._ vom 8. September 2019 kann daher abgestellt
- 43 -
werden. Mit der Vorinstanz besteht kein Anlass auf Ergänzung des Gutachtens
oder Neubegutachtung des Beschuldigten.
4. Anordnung einer stationären therapeutischen Massnahme
4.1. Die Anordnung einer stationären Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB
setzt das Vorliegen einer schweren psychischen Störung voraus. Gemäss dem
psychiatrischem Gutachten litt der Beschuldigte im Tatzeitpunkt an einer kombi-
nierten Persönlichkeitsstörung mit emotional instabilen, impulsiven, dissozialen,
narzisstischen und histrionischen Anteilen (ICD-10:F61.0). Der Gutachter äussert
sich auch zur Schwere der festgestellten Störung. Demzufolge ist beim Beschul-
digten eine schwerwiegende Störung der charakterlichen Konstitution und des
Verhaltens nachweisbar, die sich in seinen Erlebnis-, Verarbeitungs- und Reakti-
onsbereitschaften zeigt, seine zwischenmenschlichen Beziehungen betrifft und
über schon viele Jahre eine weitgehende Konstanz aufweist (Urk. 6/5 S. 45). Die
Persönlichkeitsstörung sei in vielen Bereichen der Lebensvollzüge des Beschul-
digte so schwerwiegend, dass sie dem diagnostischen Eingangskriterium des
Art. 59 StGB zugeordnet werden könne (Urk. 6/5 S. 60 und 66). Diesbezüglich
wendete die Verteidigung anlässlich der Berufungsverhandlung ein, dies sei ein
Trugschluss, da es nicht Aufgabe des Gutachters sei, zu beurteilen, ob die von
ihm diagnostizierte Persönlichkeitsstörung unter Art. 59 Abs. 1 StGB falle oder
nicht. Der Gutachter habe medizinische fachliche Feststellungen zu machen und
diese nachvollziehbar darzulegen. Er sage nicht, dass eine schwere Störung tat-
sächlich vorliege, sondern nur, dass diese dem diagnostischen Eingangskriterium
zugeordnet werden könne, aber nicht müsse (Urk. 108 S. 16). Dem ist entgegen-
zuhalten, dass der Gutachter sich zwar an dieser Stelle etwas unglücklich artiku-
lierte und es tatsächlich nicht in seinen Aufgabenbereich fällt, seine fachlichen
Feststellungen rechtlich zu würdigen. Aus den gutachterlichen Ausführungen geht
jedoch deutlich hervor, dass die Persönlichkeitsstörung des Beschuldigten als
schwer eingestuft wird. Insgesamt erweist sich das Gutachten in dieser Hinsicht
als klar. Soweit die Verteidigung in ihrem Plädoyer aus dem Gutachten folgenden
Passus zitierte: "Die tatzeitaktuell vorliegende (mittlerweile abgeklungene) Anpas-
sungsstörung mit gemischter Störung von Gefühlen und Sozialverhalten (ICD-10:
- 44 -
F43.2), die im Zusammenhang mit der Trennung von ... stand, entspricht einer
psychischen Beeinträchtigung in Folge umschriebener Konflikte. Sie alleine ist
nicht als gravierende und die psychosoziale Leistungsfähigkeit erheblich ein-
schränkende psychische Erkrankung zu sehen" und daraus ebenfalls schliessen
will, der Gutachter selber habe keine schwere psychische Störung beim Beschul-
digten festgestellt (Urk. 108 S. 1), verkennt sie, dass sich der Gutachter hierbei
auf die neben der Persönlichkeitsstörung diagnostizierte Anpassungsstörung be-
zog, die jedoch nur einen Teil des Krankheitsbildes des Beschuldigten darstellt.
Dass dem von Dr. med. B._ erstellten Verlaufsbericht vom 23. Dezember
2020 keine Angaben zur Schwere der beim Beschuldigten vorliegenden psychi-
schen Störung entnommen werden können (vgl. Urk. 108 S. 16 f.), ist nicht mass-
gebend. Dr. med. B._ wurde lediglich aufgrund seiner Funktion als ehemals
behandelnder Arzt des Beschuldigten – nicht als sachverständiger Gutachter –
beauftragt, einen Bericht über die Ziele und den Inhalt sowie den Verlauf der The-
rapie zu erstellen, was er in der Folge auch tat (Urk. 60; Urk. 95). Zur Schwere ei-
ner allfälligen psychischen Störung hatte er sich nicht zu äussern. Damit ist das
Vorliegen einer schweren psychischen Störung mit der Vorinstanz (Urk. 43 S. 37)
zu bejahen.
4.2. Die für den Tatzeitpunkt festgestellte Persönlichkeitsstörung besteht wei-
terhin (Urk. 6/5 S. 60 und 65 f.). Sie steht in einem engen kausalen Zusammen-
hang mit den Tathandlungen des Beschuldigten (Urk. 6/5 S. 51, 60 und 65). In
Anbetracht des Fortbestehens der psychischen Störung besteht die Gefahr, dass
der Beschuldigte erneut Straftaten begehen wird (Urk. 6/5 S. 60 und 64 f.). Soweit
die Verteidigung darauf hinweist, dass die Rückfallgefahr vom Gutachter als
leicht- bis mittelgradig eingestuft worden sei (Urk. 31 S. 14), ist darauf hinzuwei-
sen, dass sich diese Einschätzung auf die Begehung von schwereren Gewalttaten
bezieht. In Bezug auf gleichartige Delikte wird die Rückfallgefahr als hoch einge-
stuft. Im Gutachten wird diesbezüglich ausgeführt, es ergebe sich eine hohe
Wahrscheinlichkeit vergleichbaren und auch gewalttätigen Verhaltens, falls es
nicht gelingen sollte, die Bereitschaft des Beschuldigten, in Belastungssituationen
überfordert zu reagieren und gewalttätig zu werden, durchgreifend zu verbessern.
Die Belastung ergebe sich aus dem engen Zusammenhang zwischen psychischer
- 45 -
Störung, sozialer Desintegration und deliktischem Verhalten bei gleichzeitiger
Überforderung durch letztendlich alltägliche lebenspraktische und durch Alltags-
probleme gezeichnete Anforderungen (Urk. 6/5 S. 60 und 64 f.). Ohne geeignete
Behandlung ist beim Beschuldigten somit erneut mit Aggressions- und auch Ge-
walthandlungen zu rechnen, wobei von einer hohen Rückfallwahrscheinlichkeit
auszugehen ist. Zu rechnen ist insbesondere mit Straftaten im familiären bzw.
partnerschaftlichen Bereich (Urk. 6/5 S. 42).
4.3. Für die festgestellte psychische Störung des Beschuldigten besteht eine
geeignete Therapie. C._ empfiehlt eine medikamentöse sowie eine psycho-
therapeutische und sozialtherapeutische Behandlung. Die Behandlung solle struk-
turiert, behavioral oder kognitiv-behavioral aufgerichtet sein und auf die Reduktion
der Impulsivität und auch eine bessere Verhaltenskontrolle ausgerichtet sein.
Auch eine Bearbeitung zur Verbesserung der sozialen Fähigkeiten, der interper-
sonellen Problemlösungen und zur Erarbeitung alternativer Lösungsmöglichkeiten
sei sinnvoll, um auf eine realitätsorientierte Zukunftsplanung hinzuarbeiten. Der
Gefahr neuerlicher Straftaten lasse sich auch durch eine begleitende medikamen-
töse Behandlung begegnen (Urk. 6/5 S. 60 ff. und 65). Aus dem Gutachten ergibt
sich, dass die Therapie einer kombinierten Persönlichkeitsstörung naturgemäss
schwer ist. Es ergeben sich daraus aber keine Anhaltspunkte dafür, dass eine
therapeutische Massnahme beim Beschuldigten nicht erfolgreich durchgeführt
werden könnte. Dass die mit Urteil des Bezirksgerichts Winterthur vom 2. Februar
2015 angeordnete ambulante Massnahme scheiterte, ändert nichts daran, zumal
sich aus den Akten ergibt sich, dass das damalige Setting nicht ausreichend war.
Die ambulante Massnahme erfolgte unter Aufschub des Vollzugs, was von der
betroffenen Person ein Mindestmass an Kooperation voraussetzt. Im Entscheid
des Amtes für Justizvollzug vom 1. November 2017 betreffend Aufhebung der
ambulanten Behandlung wird ausgeführt, dass der Beschuldigte über die Dauer
der Massnahme seine Motivation für eine Therapieteilnahme leicht habe erhöhen
können. Sein Engagement für eine deliktorientierte Therapie halte sich jedoch in
Grenzen (Urk. 9/8 S. 3 und 5). Im Gutachten wird diesbezüglich ausgeführt, der
Beschuldigte habe therapeutischen Anforderungen, die ab 2015 an ihn gestellt
worden seien, nicht Folge geleistet. Er habe verordnete Medikamente abgesetzt
- 46 -
und sei aus einer therapeutischen Wohngemeinschaft ausgezogen. Aufgrund sei-
nes Verhaltens seien mehrere Therapeutenwechsel nötig geworden. Zuletzt sei
die Therapie abgebrochen worden, da die Fortführung als sinnlos erachtet worden
sei (Urk. 6/5 S. 52; vgl. auch Urk. 9/8). Gemäss Gutachten habe sich im Verlauf
der letzten Jahre gezeigt, dass die ambulante Massnahme, unter den Bedingun-
gen der Freiheit, einzig wegen des non-complianten Verhaltens des Beschuldig-
ten nicht geeignet gewesen sei, dem Störungsbild adäquat zu begegnen. Die sei-
nerzeit empfohlene Therapie gemäss Art. 63 StGB wäre wahrscheinlich legal-
prognostisch wirksam gewesen, wäre der Beschuldigte bereit gewesen, konstruk-
tiv an dieser Therapie mitzuarbeiten (Urk. 6/5 S. 58 und 61). C._ spricht sich
dementsprechend klar für eine therapeutische Massnahme aus. Trotz Zweifel am
erfolgreichen Verlauf einer therapeutischen Behandlung sei es indiziert, eine sol-
che zu versuchen. Die grundsätzliche Durchführbarkeit der skizzierten Behand-
lung sei möglich und insbesondere wegen der erheblich belasteten Legalprogno-
se und der Tatsache, dass weniger einschneidende Massnahmen bisher nicht
zielführend gewesen seien, zu befürworten (Urk. 6/5 S. 62 und 66).
4.4. Gemäss Gutachten ist ein ambulantes Setting unter Aufschub des Straf-
vollzugs klar nicht ausreichend. Der Beschuldigte benötige am Anfang der Thera-
pie einen geschlossenen Rahmen. Erst nach einer Stabilisierungsphase könnten
individuelle Lockerungen auf weniger gesicherten Abteilungen versucht werden.
Eine ambulante strafvollzugsbegleitende Therapie würde u.a. wegen der Latenz
bis zum Behandlungsbeginn und nicht regelmässig gewährleisteter Behandlungs-
strukturen und wegen des erforderlichen engmaschigen Settings der Therapien
den Behandlungsanforderungen nicht gerecht werden (Urk. 6/5 S. 62 und 67 f.).
Die gutachterlichen Ausführungen erweisen sich auch in diesem Punkt als
schlüssig und überzeugend. Aus dem Gutachten ergibt sich, dass die Behandlung
einer kombinierten Persönlichkeitsstörung sehr schwer ist. Beim Beschuldigten
sind narzisstische Persönlichkeitsanteile nun in deutlich höherer Ausprägung als
bei der Begutachtung im Jahr 2014 zu erkennen, was die Prognose verschlechtert
(Urk. 6/5 S. 61). Die letzte therapeutische Behandlung des Beschuldigten wurde
ambulant durchgeführt. Sie musste am 1. November 2017 wegen Aussichtslosig-
keit aufgehoben haben. Wie sich aus den Akten ergibt, war das Scheitern der
- 47 -
Massnahme massgeblich auf die fehlende Kooperation des Beschuldigten zu-
rückzuführen (vgl. dazu Ziff. IV.4.3.) Dass sich die Verhältnisse diesbezüglich ge-
ändert haben, ist nicht ersichtlich. Das Verhalten des Beschuldigten im Strafver-
fahren lässt jedenfalls nicht darauf schliessen. Wie erwähnt, hat der Beschuldigte
weder Einsicht noch Reue gezeigt. Sein Aussageverhalten lässt ebenfalls auf feh-
lendes Unrechtbewusstsein schliessen. Die Reflexionsfähigkeit und Änderungs-
bereitschaft des Beschuldigten sind daher weiterhin als sehr gering einzustufen
(vgl. dazu auch Urk. 6/5 S. 34 f., 46 f., 51 und 58). Vor diesem Hintergrund kann
der gutachterlichen Einschätzung, dass nunmehr eine eingriffsintensivere, konse-
quentere Behandlung angezeigt ist, ohne Weiteres gefolgt werden. Dies gilt umso
mehr als sich die Verhältnisse seit dem letzten psychiatrischen Gutachten vom
22. Mai 2014, in welchem eine ambulante Behandlung mit stationärer Einleitung
empfohlen wurde (Urk. 9/5 S. 70 und 74), verschlechtert haben. Der Beschuldigte
hat seither mehrfach und mit den hier zu beurteilenden Taten auch schwerer de-
linquiert. Im Vergleich zum früheren Gutachten hat sich die Prognose wie erwähnt
verschlechtert (Urk. 6/5 S. 61). Es ist daher kein Grund ersichtlich, von der gut-
achterlichen Empfehlung abzuweichen und nochmals eine ambulante Massnah-
me anzuordnen. Im Übrigen wurde bereits im Gutachten vom 22. Mai 2014 fest-
gehalten, dass eine stationäre Massnahme gemäss Art. 59 StGB geeignet er-
scheine, falls eine ambulante Therapie scheitern sollte (Urk. 6/5 S. 68; Urk. 9/5
S. 75).
4.5. Vor Vorinstanz verneinte der Beschuldigte die Frage, ob er sich vorstellen
könne, während längerer Zeit im Massnahmenvollzug aktiv mitzuwirken (Prot. I
S. 49; vgl. dazu auch Urk. 6/5 S. 59). Mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass an
die Therapiewilligkeit im Zeitpunkt des richterlichen Entscheids bei psychischen
Störungen nach Art. 59 StGB nicht allzu strenge Anforderungen gestellt werden
dürfen. Statt der Motivation sollte von der betroffenen Person in der Anfangspha-
se lediglich eine gewisse Motivierbarkeit verlangt werden (Urteile des Bundesge-
richts 6B_463/2016 vom 12. September 2016 E. 1.3.3 und 6B_100/2017 vom
9. März 2017 E. 5.2). Dies trägt dem Umstand Rechnung, dass es durchaus auf-
grund der psychischen Erkrankung des Betroffenen an der Fähigkeit fehlen kann,
die Notwendigkeit und das Wesen einer Behandlung abzuschätzen. Mangelnde
- 48 -
Einsicht gehört bei schweren, langandauernden Störungen häufig zum typischen
Krankheitsbild. Ein erstes Therapieziel besteht daher oft darin, Einsicht und The-
rapiewilligkeit zu schaffen, was gerade im Rahmen stationärer Behandlungen
auch Aussichten auf Erfolg hat (Urteil des Bundesgerichts 6B_1287/2017 vom
18. Januar 2018 E. 1.3.3 mit Hinweisen). Die Vorinstanz hat in diesem Zusam-
menhang zu Recht auf die gutachterlichen Ausführungen hingewiesen, wonach
ein initialer Widerwille gegen die erforderlichen Behandlungsmassnahmen medi-
zinischen Behandlungsrealitäten entspreche bzw. bei Persönlichkeitsstörungen,
insbesondere solchen mit dissozialen und narzisstischen Anteilen, häufig zu be-
obachten sei. Daraus könne aber nicht per se der Schluss gezogen werden, dass
eine solche Behandlungsmassnahme langfristig nicht erfolgreich durchgeführt
werden könne (Urk. 6/5 S. 66). Der Beschuldigte hat sich anlässlich der ersten
Begutachtung im Jahr 2014 bereit erklärt, bei einer Therapie mitzuwirken und sich
zu Beginn der gerichtlich angeordneten Massnahme auch interessiert und "com-
pliant" gezeigt (Urk. 9/5 S. 69 und 73 f.; Urk. 95 S. 2). Nach dem Scheitern der
ambulanten Massnahme im Jahr 2017 hatte er weiterhin Kontakt mit dem damali-
gen Therapeuten Dr. med. B._. Von Sommer 2017 bis Frühling 2019 kam es
zu zehn Terminen sowie einigen Telefonaten (Urk. 95 S. 1). Der Beschuldigte er-
klärte vor Vorinstanz, er sei wütend gewesen, dass der Massnahmenvollzug ab-
gebrochen worden sei. Er sei freiwillig mehrere Male bei Dr. med. B._ in The-
rapie gewesen (Prot. I S. 47). Zu ihm habe er Vertrauen. Wenn etwas, dann bei
ihm (Prot. I S. 49; vgl. auch Urk. 31 S. 15). Im Rahmen der Berufungsverhandlung
führte der Beschuldigte in diesem Zusammenhang sodann an, in der Woche vor
seiner Verhaftung auf freiwilliger Basis bei Dr. med. B._ in Therapie gewesen
zu sein, und bemängelte, im Gutachten werde es so dargestellt, als habe er kei-
nen Änderungswillen (Prot. II S. 20). Gegen eine ambulante Massnahme unter
Strafaufschub wird denn auch nicht opponiert (Urk. 46 S. 2 und 3; Urk. 108 S. 1
und S. 18). Die mangelnde Bereitschaft des Beschuldigten, bei einer stationären
Massnahme mitzuwirken, ist daher nicht auf eine grundsätzlich fehlende Einsicht
in die Notwendigkeit einer therapeutischen Behandlung bzw. auf ein fehlendes
Bedürfnis nach therapeutischer Hilfe zurückzuführen. Vielmehr hat dies in erster
Linie mit der Art und Weise zu tun, wie die Behandlung durchzuführen ist. Zwar ist
- 49 -
nicht ausgeschlossen, etwaige Wünsche des Betroffenen bei der Entscheidfin-
dung zu berücksichtigen, wenn dafür triftige Gründe geltend gemacht werden (Ur-
teil des Bundesgerichts 6B_440/2014 vom 14. Oktober 2014 E. 5.6). Solche trifti-
gen Gründe wurden indes nicht vorgebracht und sind auch nicht ersichtlich. Unter
Berücksichtigung der dargelegten Umstände ist die Massnahmenwilligkeit des
Beschuldigten im Sinne der erforderlichen Motivierbarkeit zu bejahen. Ein erstes
Therapieziel wird darin bestehen, bei ihm Einsicht in die Notwendigkeit der statio-
nären Behandlung zu schaffen und seine Motivation zur Therapie zu wecken.
4.6. Gemäss Gutachten besteht mit der empfohlenen stationären Massnahme
eine geeignete Therapie für die beim Beschuldigten festgestellte psychische Stö-
rung. Zum aktuellen Zeitpunkt bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass die Be-
handlung aussichtslos wäre, auch wenn sie als schwierig eingestuft wird. Mildere
Massnahmen bestehen nicht. Wie bereits erwähnt, reichen eine Strafe allein oder
eine ambulante Behandlung nicht aus, um der Gefahr weiterer Straftaten zu be-
gegnen. Dass es nunmehr einer stationären Massnahme bedarf, erscheint auch
angesichts des Umstands, dass die bisherigen Behandlungen keine nachhaltige
Wirkung mit sich bringen konnten, naheliegend. Im vorliegenden Verfahren wer-
den dem Beschuldigten unter anderem Freiheitsberaubung und Entführung vor-
geworfen. Mit seinem Verhalten griff der Beschuldigte massiv in die physische
und psychische Integrität der Geschädigten ein (vgl. dazu Ziff. III.4.1.). Gemäss
Gutachten geht vom Beschuldigten eine hohe Rückfallgefahr für den Anlasstaten
ähnliche Delikte aus. Zu berücksichtigen ist sodann, dass sich der Konflikt, der
zur Delinquenz des Beschuldigten geführt hat, jederzeit wiederholen kann. Wie
erwähnt, ist es bereits das zweite Mal, dass der Beschuldigte derartige Übergriffe
gegenüber einer ehemaligen Lebenspartnerin beging. Er weist zudem eine weite-
re Vorstrafe wegen Delikten zum Nachteil einer Ex-Partnerin auf (Urk. 9/3). Ange-
sichts der hohen Rückfallgefahr für Delikte gegen hochrangige Rechtsgüter, die
vom Beschuldigten in unbehandeltem Zustand ausgeht, erweist sich eine statio-
näre Massnahme mit der Vorinstanz (Urk. 43 S. 39) als verhältnismässig.
4.7. Für den Beschuldigten ist daher eine stationäre therapeutische Massnah-
me im Sinne von Art. 59 StGB (Behandlung von psychischen Störungen) anzu-
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ordnen. Wie die Vorinstanz richtig erwog, geht der Vollzug der stationären Mass-
nahme einer zugleich ausgesprochenen Freiheitsstrafe von Gesetzes wegen vo-
raus (Art. 57 Abs. 2 StGB; Urk. 43 S. 40). Der Vollzug der Freiheitsstrafe ist des-
halb zugunsten der stationäre Massnahme aufzuschieben.
V. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Kosten des Berufungsverfahrens
Im Berufungsverfahren tragen die Parteien die Kosten nach Massgabe ihres Ob-
siegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Mit dem heutigen Urteil unter-
liegt der Beschuldigte mit seinen Berufungsanträgen vollumfänglich. Er erreicht
indes eine Reduktion der Strafe. Es rechtfertigt sich daher, die Kosten des Beru-
fungsverfahrens, mit Ausnahme derjenigen der amtlichen Verteidigung, dem Be-
schuldigten zu drei Vierteln aufzuerlegen und im Übrigen auf die Gerichtskasse zu
nehmen. Die dem Beschuldigten auferlegten Kosten sind angesichts seiner finan-
ziellen Verhältnissen abzuschreiben. Die Kosten der amtlichen Verteidigung sind
einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
2. Entschädigung der amtlichen Verteidigung
Der amtliche Verteidiger machte für das Berufungsverfahren – exklusive Aufwand
für die Berufungsverhandlung – einen Aufwand von insgesamt Fr. 12'414.80 (inkl.
Auslagen und MwSt.) geltend (Urk. 106 S. 3). Die Positionen "Eingabe an BG
Pfäffikon" und "Stud. Schreiben von Kl. / Schreiben an Kl." vom 8. April 2020,
"Stud. Urteil und Beschluss des BG Pfäffikon / Schreiben an Kl." und "Mail an Ge-
fängnis Zürich" vom 16. April 2020 sowie "Besprechung Urteil m. Kl. im Gefängnis
Zürich inkl. Weg" vom 20. April 2020 (Urk. 106 S. 1) umfassen Aufwendungen, die
bereits im vorinstanzlichen Verfahren entschädigt wurden. So wurde der amtliche
Verteidiger zusätzlich zum von ihm vor Vorinstanz geltend gemachten Aufwand
mit Fr. 2'000.– für Ergänzungen und Änderungen des Plädoyers, die Teilnahme
der Hauptverhandlung von rund sechs Stunden und Anderweitiges (Stellung Haft-
entlassungsgesuch und Nachbearbeitung) entschädigt (Urk. 40 S. 41). Dement-
sprechend ist eine Korrektur im Umfang von 3.5 Stunden vorzunehmen. Im Übri-
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gen erweist sich der für das Berufungsverfahren geltend gemachte Aufwand als
angemessen. Unter Hinzurechnung der zusätzlich zu vergütenden Aufwendungen
für die Berufungsverhandlung ist der amtliche Verteidiger im Berufungsverfahren
mit Fr. 13'000.– (inkl. Auslagen und MwSt.) pauschal aus der Gerichtskasse zu
entschädigen.