Decision ID: f5d7db31-d166-5c8e-b57f-c92b3fd0bba5
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Februar 2004 zum Bezug einer Rente der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Der Allgemeinmediziner Dr. med. B._ berichtete
im März 2004 (IV-act. 10), die Versicherte leide an einem Lumbovertebralsyndrom und
an einer depressiven Entwicklung, weshalb sie vollständig arbeitsunfähig sei. Der
Psychiater Dr. med. C._ teilte der IV-Stelle im Mai 2004 mit (IV-act. 14), die
Versicherte leide an einer schweren Depression mit psychotischen Symptomen. Eine
Erwerbstätigkeit könne ihr nicht zugemutet werden. Bei einer Haushaltsabklärung im
Januar 2005 war die Versicherte nicht ansprechbar; sie lag schlafend auf dem Sofa
(vgl. IV-act. 19). Ihr Ehemann gab dem Abklärungsbeauftragten der IV-Stelle an, dass
die Versicherte praktisch durchwegs schlafe. Wenn sie wach sei, könne nicht einmal
ein normales Gespräch mit ihr geführt werden. Der Haushalt werde praktisch
ausschliesslich von der Schwiegermutter geführt. Mit einer Verfügung vom 18. Mai
2005 sprach die IV-Stelle der Versicherten rückwirkend ab dem 1. Juni 2004 eine ganze
Rente bei einem Invaliditätsgrad von 100 Prozent zu (IV-act. 27).
A.a.
Im Oktober 2007 meldete sich die Versicherte zum Bezug einer
Hilflosenentschädigung an (IV-act. 59). Sie gab an, sie trage die meiste Zeit einen
Pyjama und öfters müsse ihr das Essen ans Bett gebracht werden. Sie pflege keine
sozialen Kontakte und sie wolle mit niemandem sprechen. Bei der Einnahme der
Medikamente müsse sie überwacht werden. Im November 2007 bestätigte Dr. B._
diese Angaben (IV-act. 62). Im April 2008 fand eine Abklärung in der Wohnung der
Versicherten statt; auch bei dieser Abklärung war die Versicherte nicht ansprechbar,
weil sie schlief (IV-act. 66). Mit einer Verfügung vom 2. Oktober 2008 sprach die IV-
A.b.
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Stelle der Versicherten mit Wirkung ab dem 1. August 2007 eine Entschädigung bei
einer Hilflosigkeit mittleren Grades zu (IV-act. 73).
Im Februar 2013 forderte die IV-Stelle die Versicherte auf, einen Fragebogen zur
Überprüfung der Leistungsansprüche auszufüllen (IV-act. 75). Die Versicherte gab in
diesem Fragebogen an (IV-act. 74), ihr Gesundheitszustand habe sich nicht verändert.
Die Kinderbetreuung und der Haushalt würden von der Schwiegermutter und von einer
Tante übernommen. Im April 2013 berichtete Dr. C._ (IV-act. 77), der
Gesundheitszustand der Versicherten sei seit dem Jahr 2004 unverändert geblieben.
Eine ergänzende medizinische Abklärung würde kaum weiterführen. Aus
therapeutischer Sicht sei eine Erhöhung der Psychopharmaka angezeigt, aber das sei
bisher an der Compliance gescheitert. Der Allgemeinmediziner Dr. B._ teilte im April
2013 mit (IV-act. 78), der Gesundheitszustand der Versicherten habe sich weiter
verschlechtert. Sie leide an diffusen Schulter-Nacken-, Rücken- und
Mittelunterbauchschmerzen. Es liege eine deutliche Symptomausweitung vor. Mit einer
Mitteilung vom 18. April 2013 informierte die IV-Stelle die Versicherte, dass sie
weiterhin die bisherige Invalidenrente ausrichten werde (IV-act. 83).
A.c.
Im Juli 2013 notierte eine Sachbearbeiterin der IV-Stelle (IV-act. 84), es sei
auffällig, dass die Versicherte und ihr Ehemann praktisch zeitgleich unter der Angabe
ähnlicher Beschwerden eine Rente der Invalidenversicherung beantragt und
zugesprochen erhalten hätten. Beide liessen sich vom selben Hausarzt und vom selben
Psychiater behandeln; beide seien angeblich hilflos. Es bestehe der Verdacht auf ein
„partnerschaftlich abgestimmtes, planmässiges Vorgehen“. Im Auftrag der IV-Stelle
observierte die Firma F._ in der Folge die Versicherte mehrfach. Sie berichtete (IV-
act. 93 und 95), die Versicherte habe die Wohnung täglich – teilweise in Begleitung
ihres Ehemannes, teilweise alleine – verlassen. Während der Beobachtungen hätten
keine Beeinträchtigungen festgestellt werden können. Die Versicherte habe eingekauft
und sich mit Dritten unterhalten. Sie habe sich wie ein gesunder Mensch bewegt, sie
habe soziale Beziehungen gepflegt und sie habe sich angeregt und lachend mit
anderen Personen unterhalten. Im November 2013 und im Januar 2014 notierte Dr.
med. D._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD), das bei der
Observation beobachtete Verhalten der Versicherte stehe in einem sehr starken
Widerspruch zu den geltend gemachten Einschränkungen, wobei an eine ausgeprägte
A.d.
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Aggravation gedacht werden müsse (IV-act. 94 und 97). Im April 2014 berichtete die
Firma G._ über eine weitere Observation der Versicherten im Auftrag der IV-Stelle (IV-
act. 101). Sie gab an, die Versicherte habe mehrere Bekleidungsgeschäfte aufgesucht
und dabei keine Anzeichen einer Gesundheitsbeeinträchtigung gezeigt. Die RAD-Ärztin
Dr. D._ notierte, die Ergebnisse der dritten Observation deckten sich mit jenen der
beiden ersten Observationen (IV-act. 103). Am 9. Mai 2014 erhob die IV-Stelle eine
Strafklage gegen die Versicherte und deren Ehemann wegen Betrugs, versuchten
Betrugs und Widerhandlungen gegen den Art. 70 IVG in Verbindung mit dem Art. 87
AHVG (IV-act. 107). Am 7. Juli 2014 teilte sie der Versicherten mit, dass sie vorsehe, die
laufende Rente mit sofortiger Wirkung einzustellen (IV-act. 110). Die nun anwaltlich
vertretene Versicherte liess am 18. Juli 2014 ihr Nichteinverständnis erklären (IV-act.
118). Am 30. Juli 2014 liess sie ergänzend Stellung zur vorgesehenen
Renteneinstellung nehmen (IV-act. 123). Mit einer Verfügung vom 4. August 2014 stellte
die IV-Stelle die Invalidenrente und die Hilflosenentschädigung vorsorglich ein (IV-act.
124). Eine dagegen erhobene Beschwerde (vgl. IV-act. 128) wurde vom
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen mit einem Entscheid vom 9. April 2015
abgewiesen (IV 2014/422; vgl. IV-act. 149). Im Beschwerdeverfahren hatte die
Versicherte eine Stellungnahme des behandelnden Psychiaters Dr. C._ vom 2.
Oktober 2014 eingereicht, in der dieser festgehalten hatte (IV-act. 133), beim Beginn
der Behandlung im Januar 2004 habe die Versicherte kaum ein Wort mit ihm
gesprochen; die Gespräche seien jeweils fast ausschliesslich mit dem Ehemann geführt
worden. In den Jahren 2006–2008 habe er die Versicherte nur selten gesehen, im
Durchschnitt bloss alle sechs Monate einmal. Sie habe dabei jeweils nicht gesprochen.
In den Jahren 2008–2013 sei die Behandlung bei Dr. C._ sistiert gewesen. Im März
2013 sei die Behandlung wieder aufgenommen worden. Wiederum habe die
Versicherte kaum gesprochen. Während der Zeit, in der die Videoaufnahmen erstellt
worden seien, habe auch er, Dr. C._, eine leichte Zustandsverbesserung
wahrgenommen. Die Videosequenzen zeigten nichts, das sich nicht mit seiner
Beurteilung des psychischen Gesundheitszustandes der Versicherten vereinbaren
liesse. Er könne deshalb nicht nachvollziehen, weshalb die IV-Stelle nicht eine normale
Rentenrevision in die Wege geleitet, sondern stattdessen das psychisch stark
angeschlagene Ehepaar habe verhaften und der Staatsanwaltschaft vorführen lassen.
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Das kantonale Untersuchungsamt führte mehrere Einvernahmen der Versicherten,
ihres Ehemannes und ihrer Schwiegertochter durch, bei denen sich die
Einvernommenen teilweise in Widersprüche verwickelten (vgl. IV-act. 161–23 ff., IV-act.
161–27 ff., IV-act. 161–35, IV-act. 161–40 ff., IV-act. 163–8 ff., IV-act. 167–18). Im Juni
2014 wurden die Versicherte und ihr Ehemann polizeilich observiert. Im
Observationsbericht wurde festgehalten, dass sowohl die Versicherte als auch ihr
Ehemann während des gesamten, rund zwei Wochen dauernden
Überwachungszeitraums durchgehend einen gesunden, beschwerdefreien Eindruck
hinterlassen hätten respektive dass keinerlei gesundheitliche Beeinträchtigungen
hätten beobachtet werden können (IV-act. 175). Auch bei einer Telefonüberwachung
konnten keine Auffälligkeiten festgestellt werden; nur einmal klagte die Versicherte über
Bauchschmerzen (IV-act. 178). Bei einer Auswertung der bei einer Hausdurchsuchung
sichergestellten digitalen Bild- und Filmdateien aus den Jahren 2004–2014 zeigte sich
unter anderem (vgl. act. G 4.6; Rapport), dass die Versicherte und ihr Ehemann sich
völlig frei und ohne sichtbare gesundheitliche Einschränkungen bewegten und
verhielten. Eine Videosequenz, die aus dem Jahr 2005 oder 2006 stammt (vgl. IV-
act. 195), zeigte die Versicherte bei Hausarbeiten in der Küche. In einer weiteren
Videosequenz präsentierten sich die Versicherte, ihr Ehemann und die Kinder beim
Baden im Meer (Sommer 2005 oder 2006; vgl. IV-act. 195). Unter den Dateien fand sich
auch eine Aufnahme von einem Fest, das wohl in den Sommerferien stattgefunden
hatte; die Versicherte und ihr Ehemann tanzten ausgelassen (Sommer 2005 oder 2006;
vgl. IV-act. 195). Bei einem anderen Fest führten die Versicherte und ihr Ehemann unter
den Zurufen der übrigen Gäste einen Tanz auf; die Versicherte tanzte teilweise auf
einem Stuhl (Jahr 2013 oder 2014). Eine Videosequenz stammte von einer Familienfeier
in der Wohnung der Versicherten. Die Versicherte tanzte mit anderen Frauen, kümmerte
sich zwischendurch um die Kinder und um die Gäste und zeigte keinerlei
gesundheitlichen Beeinträchtigungen (März 2004; vgl. IV-act. 195). Bei einer weiteren
Familienfeier führten die Versicherte und ihr Ehemann einen Tanz auf (Jahr 2010; vgl.
IV-act. 195). Weitere Sequenzen zeigten die Familie bei einem Winterspaziergang und
beim Besuch eines Jahrmarktes (Winter 2005/2006; vgl. IV-act. 195). In einer Sequenz
war zu sehen, wie die Versicherte ein Auto lenkte (Winter 2005/2006; vgl. IV-act. 195).
Ein Film, der anlässlich der Hochzeit des Sohnes im Sommer 2013 aufgenommen
wurde, zeigte die Versicherte und ihren Ehemann tanzend und feiernd.
A.e.
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Im Auftrag des kantonalen Untersuchungsamtes erstattete Dr. med. E._ am
8. März 2017 ein psychiatrisches Gutachten (IV-act. 193). Er hielt fest, in psychiatrisch-
diagnostischer Hinsicht sei das von der Versicherten präsentierte vielgestaltige und
nicht in allen Teilen authentisch wirkende Zustandsbild schwerlich in einer der
herkömmlichen Kategorien des ICD-10 zu fassen. Erschwerend komme hinzu, dass
gemäss den Angaben der Versicherten mittlerweile praktisch sämtliche Organsysteme
mit involviert seien. Am ehesten könnte noch eine Somatisierungsstörung diagnostiziert
werden. Nach der Auswertung von zwei Video-Observationssequenzen stelle sich die
Frage nach der Authentizität der Beschwerden respektive des Zustandsbildes, welches
in der Behandlungs- beziehungsweise Begutachtungssituation so ganz anders
imponiere, als wenn sich die Versicherte im normalen Alltagsleben unbeobachtet
wähne. Dabei sei die Erfahrungstatsache zu berücksichtigen, dass das Verhalten eines
Menschen immer einen situativen respektive interaktionellen Aspekt habe. Zur
Beantwortung der Frage nach der Authentizität habe er, der Sachverständige, deshalb
weitere klinische Aspekte berücksichtigt. Beispielsweise sei die Körperstatur der
Versicherten normal gewesen, obwohl sie angegeben habe, seit zwölf Jahren an einer
Depression mit einer Appetitlosigkeit zu leiden; bis zum Ende der sechsstündigen
Exploration habe die Versicherte einen eher gespannten Eindruck gemacht, was nicht
zur Angabe einer hochgradigen Erschöpfbarkeit gepasst habe; der präsentierte Tremor
habe nicht situationsunabhängig vorgelegen; die gezeigten Ergebnisse bei den
motorischen Koordinationstests seien höchst unplausibel gewesen; spontan habe die
Versicherte Haltungen eingenommen und Bewegungen ausgeführt, die bei einer
expliziten Prüfung angeblich nicht möglich gewesen seien. Diese klinischen
Beobachtungen hätten den Eindruck eines nicht-authentischen Störungsbildes
verdichtet. Weiter habe er, der Sachverständige, die Angaben und das Verhalten der
Versicherten anhand einer Inkonsistenzliste genauer unter die Lupe genommen: Die
beklagten Beschwerden hätten sich nicht mit den objektiven Befunden in Einklang
bringen lassen, es habe eine Diskrepanz zwischen den subjektiven Beschwerden und
der körperlichen Beeinträchtigung in der Untersuchungssituation bestanden, der
Leidensdruck habe eher vom Strafprozess als von den geschilderten Beschwerden
hergerührt, die Beschwerdeschilderungen seien vage und unpräzise gewesen, die
Klagen hätten appellativ und demonstrativ angemutet, die eigenen Angaben hätten in
einem Widerspruch zu den Videosequenzen gestanden und es habe eine Diskrepanz
A.f.
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zwischen den geschilderten Beeinträchtigungen und den Aktivitäten des täglichen
Lebens bestanden. In der Untersuchung hätten sich zudem insbesondere die
folgenden maladaptiven Phänomene gezeigt: Aggravation, Symptomausweitung,
übertriebenes fixiertes Schonverhalten, Verharren in der Krankenrolle, subjektive
Leistungsinsuffizienz, hypochondrische Verarbeitungstendenz, mangelhafte
Leistungsmotivation, sekundärer und tertiärer Krankheitsgewinn sowie Simulation. Im
Gesamteindruck habe die Versicherte eine überdurchschnittliche, aber wenig
überzeugende Verdeutlichungstendenz gezeigt. Angesichts der Diskrepanz zwischen
der Beschwerdeschilderung und dem beobachtbaren Verhalten auf den
Observationsvideos, der subjektiven Intensität der Beschwerden im Kontrast zur
Vagheit der Beschwerdeschilderung, der nicht präzisierbaren Angaben zum Verlauf,
des appellativen demonstrativen Vorbringens der Klagen und des weitgehend intakten
Funktionsniveaus trotz einer angeblich schweren Beeinträchtigung müsse davon
ausgegangen werden, dass im Zustandsbild der Versicherten zumindest simulatorische
Elemente enthalten seien, dass also nicht von einem authentischen
Symptomenkomplex ausgegangen werden könne. Der Versicherten sei zwar kein
uneingeschränktes Wohlbefinden zu unterstellen, aber ihr Gesamtzustand rechtfertige
sicherlich keine vollständige Arbeitsunfähigkeit während der vergangenen zwölf Jahre.
Der Versicherten sei eine einfach zu erlernende Tätigkeit, die vorwiegend sitzend
ausgeübt werden könne, uneingeschränkt zumutbar. Gesamthaft betrachtet sei kein
Grund ersichtlich, der für einen schwereren oder längeren Einbruch der Arbeitsfähigkeit
in der Vergangenheit sprechen würde.
Am 5. Mai 2017 erhob das kantonale Untersuchungsamt eine Strafklage gegen die
Versicherte und deren Ehemann wegen gewerbsmässigen Betrugs (IV-act. 189). Die IV-
Stelle teilte der Versicherten mit einem Vorbescheid vom 24. Juli 2017 mit (IV-act. 196),
dass sie vorsehe, die leistungszusprechenden Verfügungen vom 18. Mai 2005 (Rente)
und vom 2. Oktober 2008 (Hilflosenentschädigung) rückwirkend im Sinne einer
sogenannt prozessualen Revision aufzuheben und die entsprechenden
Leistungsbegehren der Versicherten abzuweisen, was zu einer Rückforderung der in
der Vergangenheit ausgerichteten Leistungen führen werde. Am 14. September 2017
liess die Versicherte einwenden (IV-act. 199), die behandelnden Fachärzte seien keine
Laien, sondern Fachpersonen, die aufgrund ihrer Lebens- und Berufserfahrung
A.g.
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durchaus in der Lage seien, eine wirklich depressive Person von einer Simulantin zu
unterscheiden. Ihre Berichte seien deshalb nach wie vor überzeugend. Die IV-Stelle
habe den massgebenden Sachverhalt bei den ursprünglichen Leistungszusprachen
umfassend abgeklärt. Für die Durchführung einer Observation habe keine ausreichende
gesetzliche Grundlage bestanden. Die Ergebnisse der Observation seien anhand von
Pauschalbeurteilungen und „Glaubenssätzen“ gewürdigt worden; eine sachliche
Beurteilung habe nicht stattgefunden. Der behandelnde Psychiater habe darauf
hingewiesen, dass die Ergebnisse der Observation nicht im Widerspruch zu den
Angaben der Beschwerdeführerin stünden. Das von Dr. E._ erstellte Gutachten sei
mangelhaft, unvollständig und einseitig. Der Sachverständige habe sich nicht mit der
Krankengeschichte der Versicherten auseinandergesetzt. Nach zwei Abtreibungen leide
die Versicherte an einer posttraumatischen Belastungsstörung (sog. „post abortion
syndrome“). Als weiteres traumatisches Erlebnis sei ein schwerer Unfall des ältesten
Sohnes auf einer Schulreise im Juni 2004 zu erwähnen. Darauf sei Dr. E._ nicht
hinreichend eingegangen. Bei der von Dr. E._ attestierten unterdurchschnittlichen
Intelligenz hätte die Versicherte die Ärzte nicht zwölf Jahre lang täuschen können. Mit
einer Verfügung vom 3. Oktober 2017 hob die IV-Stelle ihre leistungszusprechenden
Verfügungen vom 18. Mai 2005 und vom 2. Oktober 2008 auf; sie wies die
Leistungsbegehren der Versicherten ab und sie hielt fest, dass die unrechtmässig
bezogenen Leistungen zurückzuerstatten seien (IV-act. 200). Bezugnehmend auf die
Einwände der Versicherten führte sie aus, für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit und
der Selbständigkeit der Versicherten im Alltag seien nicht die Ausführungen der
Rechtsvertreterin als eines medizinischen Laien, sondern die Schlussfolgerungen des
Sachverständigen Dr. E._ massgebend. Die Vorwürfe der Versicherten gegen das
Gutachten von Dr. E._ verfingen nicht. Ausserdem habe die Täuschung der
behandelnden Ärzte keine besonders hohen Anforderungen an die Intelligenz gestellt,
denn die Versicherte habe sich im Grunde nur darauf beschränkt, sich völlig passiv zu
verhalten. Dafür sei kein „grosses Geschick“ erforderlich gewesen. Die Stellungnahme
von Dr. C._ vom 2. Oktober 2014 belege eindrücklich, dass dieser den Darstellungen
der Versicherten selbst nach der Vorlage von „harten Beweisen“ noch völlig unkritisch
gegenüber gestanden sei. Mit einer Verfügung vom 12. Oktober 2017 forderte die IV-
Stelle von der Versicherten unrechtmässig bezogene Leistungen in der Höhe von
insgesamt 631’502 Franken zurück (IV-act. 201).
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B.
Am 3. November 2017 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen die Verfügungen vom 3. Oktober 2017 und vom 12. Oktober
2017 erheben (act. G 1). Ihre Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der
angefochtenen Verfügungen, die Feststellung, dass die Beschwerdeführerin einen
Anspruch auf die bereits bezogenen Leistungen gehabt habe und diese nicht
zurückerstatten müsse, die Weiterausrichtung der bisherigen Rente und der bisherigen
Hilflosenentschädigung, eventualiter in einem angepassten Ausmass sowie eine
multidisziplinäre medizinische Untersuchung in einem stationären Rahmen unter
Einbezug der gesamten Krankengeschichte der Beschwerdeführerin oder eventualiter
die Rückweisung der Sache zur Durchführung einer solchen Begutachtung an die IV-
Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin). In verfahrensrechtlicher Hinsicht
beantragte sie die gemeinsame Überprüfung der Verfügungen vom 3. Oktober 2017
und vom 12. Oktober 2017 in einem (vereinigten) Beschwerdeverfahren sowie die
Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung bezüglich der Rückforderung. Die
Begründung entsprach jener in der Eingabe vom 14. September 2017.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 22. Januar 2018 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung verwies sie auf ihre in der angefochtenen
Verfügung enthaltene Stellungnahme zur Eingabe vom 14. September 2017.
B.b.
Am 5. April 2018 wurde der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege
bewilligt (act. G 5).
B.c.
Am 28. Mai 2018 liess die Beschwerdeführerin replicando geltend machen (act.
G 10), anhand der Observationsergebnisse dürften keine Rückschlüsse auf den
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin gezogen werden, denn die Bilder zeigten
Momentaufnahmen an Tagen, an denen es die Schwiegermutter und die
Schwiegertochter tatsächlich einmal geschafft hätten, die Beschwerdeführerin zum
Hinausgehen zu motivieren. Es handle sich um einen reinen Zufall, dass die
Observationen an genau jenen Tagen stattgefunden hätten. Zudem sei fraglich, ob die
Observationsergebnisse überhaupt verwertet werden könnten. Die von der Polizei und
dem Untersuchungsamt sichergestellten Videosequenzen zeigten nicht das Verhalten
der Beschwerdeführerin im Alltag, sondern rare Familienanlässe, die für die
B.d.
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Erwägungen
1.
Beschwerdeführerin und ihre Familie so wichtig gewesen seien, dass sie sich unter
starkem Medikamenteneinfluss bemüht habe, die anderen Familienmitglieder an diesen
besonderen Tagen nicht spüren zu lassen, wie schlecht es ihr tatsächlich gegangen
sei.
Die Beschwerdegegnerin führte in ihrer Duplik vom 29. Juni 2018 aus (act. G 12),
die Ausführungen der Beschwerdeführerin in der Replik seien angesichts der
Beweislage mehr als befremdend. Das Festhalten an der Behauptung, es liege ein
invalidisierendes Leiden vor, sei als eine Fortsetzung des Delikts zu sehen, indem die
Beschwerdeführerin und ihre Rechtsvertreterin versuchten, einen weiteren
unrechtmässigen Leistungsbezug zu bewirken.
B.e.
Mit einem Zwischenentscheid vom 15. August 2018 (act. G 14) wies das
Versicherungsgericht das Begehren um die Wiederherstellung der aufschiebenden
Wirkung der Beschwerde ab; auf das Begehren um die rückwirkende
Wiederausrichtung der vorsorglich eingestellten Rente trat es nicht ein.
B.f.
Die Beschwerde richtet sich gegen zwei Verfügungen, von denen jede zwei
Streitgegenstände beinhaltet: Mit der Verfügung vom 3. Oktober 2017 hat die
Beschwerdegegnerin ihre ursprüngliche Rentenzusprache durch eine Abweisung des
Rentenbegehrens und ihre ursprüngliche Zusprache einer Hilflosenentschädigung
durch eine Abweisung des entsprechenden Begehrens ersetzt; mit der Verfügung vom
12. Oktober 2017 hat die Beschwerdegegnerin sämtliche ausgerichteten
Rentenleistungen und sämtliche ausgerichteten Hilflosenentschädigungszahlungen
zurückgefordert. Die Beschwerdeführerin hat ihr Nichteinverständnis in Bezug auf alle
vier Streitgegenstände erklärt. Wegen des engen sachlichen Zusammenhangs dieser
Streitgegenstände sind aber nicht vier, sondern nur ein Beschwerdeverfahren eröffnet
worden, was bedeutet, dass eine Vereinigung von mehreren Beschwerdeverfahren
stattgefunden hat. Diese Vereinigung beseitigt die Gefahr sich widersprechender
Entscheide und sie reduziert den Verfahrensaufwand, insbesondere den
Schriftenwechsel und die Entscheidbegründung. Sie hat aber nicht zur Folge, dass die
Streitgegenstände „verschmelzen“ würden. Diese bleiben von der Vereinigung
unberührt und haben folglich weiterhin je ein eigenes juristisches Schicksal. Das
1.1.
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2.
Vorab ist zu prüfen, ob die Aktenlage zu bereinigen ist respektive ob die
Observationsergebnisse aus den Akten entfernt werden müssen, wie es die
Beschwerdeführerin sinngemäss beantragt hat. Diesbezüglich ist zu unterscheiden
zwischen den Ergebnissen der von der Beschwerdegegnerin in Auftrag gegebenen
Observationen und den Beweismitteln, die im Strafverfahren beschafft worden sind,
wozu insbesondere die Ergebnisse polizeilicher Überwachungsmassnahmen und die
anlässlich einer Hausdurchsuchung sichergestellten Beweismittel gehören. In Bezug
auf die im Strafverfahren beschafften Beweismittel kommt eine Aktenbereinigung zum
Vorneherein nicht in Frage, da diese rechtmässig beschafft worden sind. Der Auftrag
der Beschwerdegegnerin zur Durchführung von mehreren Observationen ist dagegen
mangels einer ausreichenden gesetzlichen Grundlage als rechtswidrig zu qualifizieren;
gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung bedeutet das aber nicht
automatisch, dass es auch rechtswidrig wäre, die Observationsergebnisse zu
verwerten (vgl. zum Ganzen den BGE 143 I 377). Die Frage nach der Verwertbarkeit der
Observationsergebnisse ist anhand einer Abwägung zwischen den Interessen der
Beschwerdeführerin (insbesondere am Schutz ihrer Privatsphäre) und zwischen den
Interessen der Versichertengemeinschaft (insbesondere an der Vermeidung von
unrechtmässigen Leistungsauszahlungen) zu beantworten. Angesichts der Höhe der
von der Beschwerdeführerin allmonatlich bezogenen Leistungen und unter
bedeutet, dass es der Beschwerdeführerin frei steht, diesen Beschwerdeentscheid
beispielsweise nur bezüglich eines Streitgegenstandes beim Bundesgericht
anzufechten und bezüglich der andern drei Streitgegenstände unangefochten in
formelle Rechtskraft erwachsen zu lassen. Soweit möglich wird diesem Umstand mit
einer entsprechenden Gliederung der Erwägungen und des Dispositivs Rechnung
getragen.
Beim Verwaltungsverfahren, das mit den beiden integral angefochtenen
Verfügungen vom 3. Oktober 2017 und vom 12. Oktober 2017 abgeschlossen worden
ist, hat es sich um ein Verfahren gehandelt, das auf eine sogenannt prozessuale
Revision (Art. 53 Abs. 1 ATSG) der beiden leistungszusprechenden Verfügungen vom
18. Mai 2005 (Rente) und vom 2. Oktober 2008 (Hilflosenentschädigung) abgezielt hat.
Folglich ist in diesem Beschwerdeverfahren zu überprüfen, ob es rechtmässig gewesen
ist, die beiden leistungszusprechenden Verfügungen vom 18. Mai 2005 und vom 2.
Oktober 2008 revisionsweise ex tunc aufzuheben und durch Abweisungen der
entsprechenden Leistungsbegehren zu ersetzen sowie die bisher bezogenen
Leistungen gestützt auf den Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG zurückzufordern.
1.2.
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Berücksichtigung des Umstandes, dass die Beschwerdeführerin es mit ihrem Verhalten
weitgehend verunmöglicht hat, den massgebenden Sachverhalt hinreichend objektiv
abzuklären, da sie bei den medizinischen Untersuchungen geschwiegen und bei den
Abklärungen im Haushalt (angeblich) tief und fest geschlafen hat, überwiegt das
öffentliche Interesse an der Verwertung der Observationsergebnisse. Erst diese
„fremdanamnestischen Angaben“ haben es der Beschwerdegegnerin nämlich erlaubt,
sich ein umfassendes und objektives Bild vom wahren Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin – gerade auch in vermeintlich unbeobachteten Situationen – zu
verschaffen. Es besteht zusammenfassend also kein Anlass dazu, die
Observationsergebnisse aus den Akten zu entfernen. Für die Überprüfung der
angefochtenen Verfügungen auf deren Rechtmässigkeit sind sämtliche Akten zu
würdigen.
3.
Laut dem Art. 53 Abs. 1 ATSG müssen formell rechtskräftige Verfügungen in
(sogenannt prozessuale) Revision gezogen werden, wenn die versicherte Person oder
der Versicherungsträger nach deren Erlass erhebliche neue Tatsachen entdeckt oder
Beweismittel auffindet, deren Beibringung zuvor nicht möglich war. Als „neu“ gelten
nicht Tatsachen, die erst nach dem Erlass der formell rechtskräftigen Verfügung
eingetreten sind, denn solchen nachträglichen Sachverhaltsveränderungen wird mit der
Anwendung des Art. 17 Abs. 1 ATSG Rechnung getragen. Der Art. 53 Abs. 1 ATSG
bezweckt die Korrektur einer von Anfang an bestehenden qualifizierten Unrichtigkeit.
Folglich muss es sich um Tatsachen handeln, die im Zeitpunkt des Erlasses der formell
rechtskräftigen Verfügungen bereits bestanden haben, aber damals noch nicht bekannt
gewesen sind. Hat sich nur eine Partei – typischerweise der Versicherungsträger – in
Unkenntnis über die fragliche erhebliche Tatsache befunden, liegt ein „gewöhnlicher“
Wiedererwägungsfall vor (vgl. Art. 53 Abs. 2 ATSG), denn diese einseitige Unkenntnis
hat in aller Regel zu einer zweifellos unrichtigen Verfügung geführt, deren Berichtigung
von erheblicher Bedeutung sein dürfte. Soll der Anwendungsbereich des Art. 53 Abs. 1
ATSG nicht vollständig in jenem des Art. 53 Abs. 2 ATSG aufgehen, muss es aber Fälle
geben, in denen zwar eine Anwendung des Art. 53 Abs. 1 ATSG, nicht aber eine
Anwendung des Art. 53 Abs. 2 ATSG in Frage kommt. Das können nur Fälle sein, in
denen beide Parteien sich in Unkenntnis über eine entscheidrelevante Tatsache
befunden haben. Diesen Fällen kann nämlich nicht mit einer Anwendung des Art. 53
Abs. 2 ATSG begegnet werden, weil bei einer allseitigen Unkenntnis über eine
entscheidrelevante Tatsache die ursprüngliche Verfügung in der Regel bei der
damaligen Sach- und Rechtslage als vertretbar und damit nicht als zweifellos unrichtig
3.1.
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zu qualifizieren sein dürfte. Jedenfalls würde dem Art. 53 Abs. 1 ATSG kein
eigenständiger Anwendungsbereich verbleiben, wenn bereits eine einseitige
Unkenntnis eine sogenannt prozessuale Revision erlauben würde. Nach der Auffassung
des Bundesgerichtes ist aber dessen ungeachtet eine erhebliche neue Tatsache bereits
im Umstand zu erblicken, dass einem Arzt beziehungsweise einer IV-Stelle, die auf
dessen Bericht abgestellt hat, eine von der versicherten Person ausgeübte Aktivität
verborgen geblieben ist (Urteil des Bundesgerichtes 8C_658/2017 vom 23. Februar
2018, E. 5.1, mit Hinweisen). Das bedeutet, dass der Art. 53 Abs. 1 ATSG auch in
typischen Wiedererwägungsfällen angewendet werden kann, was die – vom
Bundesgericht bislang nicht beantwortete – Frage aufwirft, in welchen Fällen ein
Versicherungsträger verpflichtet ist, eine Korrektur einer formell rechtskräftigen
Verfügung mit Wirkung ex tunc vorzunehmen (Art. 53 Abs. 1 ATSG) und in welchen
Fällen es in seinem Belieben steht, ob er ein Verfahren eröffnen will, das auf eine
solche Korrektur abzielt (Art. 53 Abs. 2 ATSG). Jedenfalls zwingt die bundesgerichtliche
Auffassung zur Bejahung der grundsätzlichen Zulässigkeit einer sogenannt
prozessualen Revision.
Obwohl der Art. 53 Abs. 1 ATSG keine weiteren Bedingungen nennt, die für eine
sogenannt prozessuale Revision erfüllt sein müssten, und obwohl er keinen Verweis auf
ergänzend zu beachtende Gesetzesbestimmungen enthält, geht das Bundesgericht
offenbar davon aus, dass bei der Anwendung des Art. 53 Abs. 1 ATSG die im Art. 67
Abs. 1 VwVG enthaltenen Fristen zu beachten seien, und zwar selbst dann, wenn ein
Revisionsverfahren nicht auf ein Begehren hin, sondern von Amtes wegen eröffnet
wird. Das Bundesgericht unterstellt also, dass der Art. 53 Abs. 1 ATSG eine
ausfüllungsbedürftige Lücke enthalte. Diese Auffassung überzeugt nicht, weil nicht
unterstellt werden kann, dass der Gesetzgeber für den Art. 53 Abs. 1 ATSG
versehentlich einen Wortlaut formuliert hätte, der die ergänzende Anwendung der
entsprechenden Bestimmungen des VwVG ganz klar ausschliesst. Das ist für den
vorliegenden Fall allerdings irrelevant, weil die massgebenden Verwirkungsfristen
gewahrt worden sind. Für das Ergebnis spielt es also keine Rolle, ob die im Art. 67 Abs.
1 VwVG erwähnten Fristen zu beachten sind. Bezüglich der 90 Tage dauernden
relativen Frist, die ab der sicheren Kenntnis des Revisionsgrundes zu laufen begonnen
hat, ist der Eingang der vollständigen Strafakten einschliesslich der Anklageschrift
massgebend, denn ab diesem Zeitpunkt ist die Sachverhaltsabklärung abgeschlossen
gewesen, die zuletzt hauptsächlich vom kantonalen Untersuchungsamt durchgeführt
worden war. Da die vollständigen Strafakten und damit auch das Gutachten von Dr.
E._ im Mai 2017 bei der Beschwerdegegnerin eingegangen sind und da diese noch
im Juli 2017 den – gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung fristwahrenden –
3.2.
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Vorbescheid erlassen hat, ist die 90 Tage dauernde relative Frist gewahrt gewesen. Die
absolute, zehn Jahre dauernde Frist ist dagegen nur bezüglich der Hilf
losenentschädigung, nicht aber bezüglich der Rente gewahrt gewesen. Gemäss dem
Art. 67 Abs. 2 VwVG in Verbindung mit dem Art. 66 Abs. 1 VwVG ist die absolute, zehn
Jahre dauernde Frist allerdings nicht zu beachten, wenn der ursprüngliche Entscheid
von einem Verbrechen oder von einem Vergehen beeinflusst gewesen ist. Die Frage, ob
die ursprüngliche Rentenzusprache von einem Verbrechen oder von einem Vergehen
beeinflusst gewesen ist, kann vorliegend nicht anhand eines rechtskräftigen Strafurteils
beantwortet werden, da das Strafverfahren gegen die Beschwerdeführerin noch hängig
und offenbar bis zum Abschluss dieses Beschwerdeverfahrens sistiert ist. Folglich
muss das Versicherungsgericht vorfrageweise prüfen, ob eine strafbare Handlung
vorgelegen hat, die eine sogenannt prozessuale Revision nach mehr als zehn Jahren
erlaubt hat (vgl. zum Ganzen BGE 138 V 74, insb. E. 6 f.). Das Ergebnis dieser Prüfung
hat keine präjudizierende Wirkung für das noch hängige Strafverfahren.
Die Anklageschrift des kantonalen Untersuchungsamtes vom 5. Mai 2017 lautet
auf gewerbsmässigen Betrug (Art. 146 Abs. 2 StGB). Mit ihrem Verhalten könnte die
Beschwerdeführerin auch dem Art. 70 IVG in Verbindung mit dem Art. 87 AHVG
zuwidergehandelt haben, aber dieses Vergehen dürfte wohl durch den
gewerbsmässigen Betrug konsumiert sein. Mit Blick auf die hier zu beantwortende
(Vor-) Frage, ob ein Verbrechen oder ein Vergehen auf die unrechtmässige
Leistungszusprache eingewirkt hat, ist es grundsätzlich unerheblich, welcher
Tatbestand geprüft wird. Mit Blick auf die absolute Verwirkungsfrist für sämtliche in der
Vergangenheit ausgerichteten Leistungen bietet es sich allerdings an, die
vorfrageweise Prüfung auf die Frage zu beschränken, ob der objektive und der
subjektive Tatbestand des Betrugs erfüllt sind, denn nur wenn diese Frage bejaht
werden kann, ist es rechtmässig gewesen, sämtliche Versicherungsleistungen
zurückzufordern. Des Betrugs im Sinne des Art. 146 Abs. 1 StGB schuldig macht sich,
wer in der Absicht, sich unrechtmässig zu bereichern, jemanden durch die
Vorspiegelung oder Unterdrückung von Tatsachen arglistig irreführt oder ihn in einem
Irrtum arglistig bestärkt und so den Irrenden zu einem Verhalten bestimmt, durch das
dieser sich selbst oder einen andern am Vermögen schädigt. Der Tatbestand des
Betrugs beinhaltet die Elemente (arglistige) Täuschung, Irrtum, Verfügung, Schaden
und Vorteil (BSK Strafrecht II-Arzt, Art. 146 N 31). Eine relevante Täuschung liegt
insbesondere dann vor, wenn falsche Tatsachen vorgespiegelt werden, das heisst
wenn jemand bei einem Dritten einen falschen Eindruck über beweisbare
Sachverhaltselemente erweckt. Rechtsprechungsgemäss liegt eine arglistige
Täuschung unter anderem dann vor, wenn sich der Täter zur Täuschung besonderer
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/21
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Machenschaften („Lügengebäude“) bedient oder wenn die Überprüfung der falschen
Angaben dem Getäuschten nicht oder nur mit besonderer Mühe möglich oder nicht
zumutbar ist (BSK Strafrecht II-Arzt, Art. 146 N 56, mit Hinweisen). Die arglistige
Täuschung muss zu einem Irrtum eines Dritten führten, der die vorgespiegelte Tatsache
also für wahr halten muss (vgl. BSK Strafrecht II-Arzt, Art. 146 N 72). Als Folge dieses
Irrtums muss dieser Dritte eine für sich nachteilige Vermögensverfügung tätigen (vgl.
BSK Strafrecht II-Arzt, Art. 146 N 77). Der „für den objektiven Tatbestand
charakteristische Zusammenhang von der Täuschung bis zum Schaden“ respektive bis
zum eigenen Vorteil muss vom Täter „in seinen Umrissen gewollt“ gewesen sein (BSK
Strafrecht II-Arzt, Art. 146 N 129).
Für die Beantwortung der Frage nach dem Vorliegen einer arglistigen Täuschung
im Sinne des Art. 146 Abs. 1 StGB ist entscheidend, ob und gegebenenfalls in
welchem Ausmass die Beschwerdeführerin in der Zeit ab dem Jahr 2004 an einer
rentenbegründenden oder an einer einen Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung
verschaffenden Gesundheitsbeeinträchtigung gelitten hat. Diesbezüglich sind die
medizinischen Akten zu würdigen. Im Auftrag des kantonalen Untersuchungsamtes hat
Dr. E._ ein psychiatrisches Gutachten erstellt. Er hat die Beschwerdeführerin
eingehend persönlich während insgesamt sechs Stunden untersucht und er hat
telefonische Auskünfte bei der behandelnden Psychiaterin und beim Hausarzt der
Beschwerdeführerin eingeholt. Zudem hat er die Videoaufnahmen, die im Auftrag der
Beschwerdegegnerin und im Auftrag des kantonalen Untersuchungsamtes erstellt
worden waren, sowie das private Bild- und Videomaterial der Beschwerdeführerin, das
vom kantonalen Untersuchungsamt sichergestellt worden war, eingehend gewürdigt.
Das sichergestellte private Bild- und Videomaterial der Beschwerdeführerin hat den
gesamten Zeitraum ab März 2004 beschlagen: Ein Video aus vom März 2004 zeigt
Szenen vom ersten Geburtstagsfest einer Tochter der Beschwerdeführerin, wobei auch
Tanzeinlagen der Beschwerdeführerin zu sehen sind; weitere Aufnahmen, die gemäss
den überzeugenden Ausführungen der Beschwerdegegnerin (vgl. IV-act. 195) auf die
Jahre 2005 und 2006 zu datieren sind, zeigen ein Volksfest, bei dem die
Beschwerdeführerin wiederum fröhlich getanzt hat, einen Winterspaziergang der
Familie, Szenen einer Autofahrt mit der Beschwerdeführerin als Wagenlenkerin, einen
Jahrmarktbesuch, Szenen aus dem Familienleben, die die Beschwerdeführerin als im
Haushalt tätig und sich um die Kinder kümmernd zeigen, sowie einen Badeausflug ans
Meer; aus den Jahren 2010 und 2013 stammen Aufnahmen von festlichen Anlässen,
bei denen die Beschwerdeführerin wiederholt fröhlich tanzend und einmal unter dem
Anfeuern und Geklatsche der übrigen Festteilnehmer eine Tanzeinlage auf einem Stuhl
aufführend zu sehen ist. Der psychiatrische Sachverständige Dr. E._ hat diese
3.4.
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Aufnahmen zu Recht als authentisch qualifiziert, weshalb er nicht nur für den
damaligen Untersuchungszeitpunkt, sondern auch für die Vergangenheit (ab dem Jahr
2004) über eine ausreichende Sachverhaltskenntnis verfügt hat. Entgegen den
Vorbringen der Beschwerdeführerin besteht kein Grund zur Annahme, dass Dr. E._
wesentliche Tatsachen übersehen oder ausgeblendet hätte. Ihm sind insbesondere die
beiden Abtreibungen sowie der Unfall des Sohnes bekannt gewesen (vgl. IV-act. 193–
8). Anders als die behandelnden Ärzte hat Dr. E._ konsequent zwischen den
subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin und dem von ihm erhobenen objektiven
klinischen Befund unterschieden, wobei er – im Gegensatz zu den behandelnden
Ärzten – eingehend anhand verschiedener Instrumente geprüft hat, ob und bis zu
welchem Grad die subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin authentisch
respektive glaubwürdig gewesen sind. Diese Würdigung ist nicht einseitig, sondern
objektiv erfolgt. Das Gutachten von Dr. E._ enthält keinen Hinweis darauf, dass er
voreingenommen gewesen wäre oder dass er wesentliche Sachverhaltsaspekte
unberücksichtigt gelassen hätte. Der Sachverständige hat seine Schlussfolgerungen
ausführlich und überzeugend begründet. Das Gutachten enthält keine
Widersprüchlichkeiten und auch in den übrigen Akten finden sich keine Hinweise, die
Zweifel an der Zuverlässigkeit des Gutachtens wecken würden. Insbesondere sind die
undifferenzierten und einseitigen Berichte der behandelnden Ärzte, die selbst nach
einer Konfrontation mit den den subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin
offensichtlich widersprechenden Observationsergebnissen weiterhin ausschliesslich
auf die subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin abgestellt haben, nicht geeignet,
Zweifel am Gutachten von Dr. E._ aufkommen zu lassen. Der Sachverständige Dr.
E._ hat zudem mit einer überzeugenden Begründung dargelegt, dass „zumindest
simulatorische Elemente“ vorgelegen haben (IV-act. 193–31). Simulation ist gemäss
dem Klinischen Wörterbuch von Pschyrembel eine „bewusste, zweckgerichtete und
durch externe Anreize motivierte Vortäuschung einer Symptomatik, krankhaften
Störung oder Funktionseinschränkung. Der Unterschied zu einer psychischen,
somatoformen beziehungsweise psycho-somatischen Störung liegt im Bewusstsein
der Person (Simulation: Beschwerden werden präsentiert, aber nicht erlebt; psychische
Störung: Beschwerden werden präsentiert und erlebt)“ (Pschyrembel, Klinisches
Wörterbuch, 267. Aufl. 2017, S. 1669). Indem Dr. E._ aus fachärztlicher Sicht das
Vorliegen von „simulatorischen Elementen“ bejaht hat, hat er bestätigt, dass die
Beschwerdeführerin bewusst und zweckgerichtet respektive durch externe Anreize
motiviert, das heisst willentlich unwahre Angaben gemacht und nicht vorhandene
Beschwerden präsentiert hat. Diese Schlussfolgerung deckt sich mit den erheblichen
Widersprüchen zwischen den Angaben und dem Verhalten der Beschwerdeführerin in
Untersuchungs- und Behandlungssituationen einerseits und ihrem Verhalten in
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vermeintlich unbeobachteten Alltagssituationen andererseits, wobei sich diese
Widersprüche unter Berücksichtigung des sichergestellten Bild- und Videomaterials
durch den gesamten massgebenden Zeitraum ab dem Jahr 2004 wie ein roter Faden
durch die Akten ziehen. In den gesamten Akten findet sich kein einziger Hinweis, der
Zweifel an den Schlussfolgerungen des Sachverständigen Dr. E._ wecken würde.
Folglich steht gestützt auf das Gutachten von Dr. E._ mit dem für die vorfrageweise
zu beantwortende Frage nach dem Vorliegen eines Verbrechens oder Vergehens
massgebenden erforderlichen Beweisgrad der an Sicherheit grenzenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass die Beschwerdeführerin während des gesamten
massgebenden Zeitraums nie langfristig oder schwergradig in ihrer Arbeitsfähigkeit
beeinträchtigt gewesen ist, sondern dass sie bewusst und zweckgerichtet unwahre
Angaben gemacht und nicht vorhandene Beschwerden präsentiert hat. Die
Beschwerdeführerin hat also durch ihr Verhalten gegenüber Ärzten und Mitarbeitern
der Beschwerdegegnerin konsequent den Eindruck erweckt, dass sie an einer
schweren psychischen Erkrankung leide, die ihre Arbeitsfähigkeit und sogar die
Fähigkeit, die alltäglichen Lebensverrichtungen selbständig ausführen zu können,
weitgehend aufhebe, obwohl sie gemäss dem Gutachten von Dr. E._ durchgehend
ohne grössere Einschränkungen arbeitsfähig und damit sicher auch in den alltäglichen
Lebensverrichtungen selbständig gewesen ist. Die Beschwerdegegnerin hat der
Unrichtigkeit der subjektiven Angaben und der Beschwerdepräsentationen der
Beschwerdeführerin nur mittels einer Observation auf die Schliche kommen können.
Sie ist also nicht „allzu leichtgläubig auf eine Lüge“ hereingefallen (vgl. BSK Strafrecht
II-Arzt, Art. 146 N 50, mit Hinweisen), weshalb das Vorliegen einer arglistigen
Täuschung zusammenfassend zu bejahen ist. Diese hat zu einem Irrtum der
Beschwerdegegnerin geführt, denn diese hat die vorgespiegelten Tatsachen für wahr
gehalten. Als Folge dieses Irrtums hat sie eine für sich nachteilige
Vermögensdisposition getätigt, indem sie jahrelang Rentenleistungen und eine
Hilflosenentschädigung ausbezahlt hat, was zu einem entsprechenden Schaden von
insgesamt 631’502 Franken geführt hat. Diesem Schaden der Beschwerdegegnerin hat
ein Vorteil der Beschwerdeführerin gegenübergestanden, die diese Leistungen
unrechtmässig hat beziehen können. Dieser „für den objektiven Tatbestand
charakteristische Zusammenhang von der Täuschung bis zum Schaden“ ist von der
Beschwerdeführerin „in seinen Umrissen gewollt“ gewesen (BSK Strafrecht II-Arzt,
Art. 146 N 129), denn die Beschwerdeführerin hat mit der Vorspiegelung eines
unwahren Gesundheitszustandes Leistungen der Beschwerdegegnerin für sich
erwirken wollen. Zusammenfassend ist daher der Tatbestand des Betrugs
vorfrageweise als erfüllt zu betrachten.
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4.
Vorliegend muss also von einer Einwirkung eines Verbrechens oder eines
Vergehens auf die unrechtmässige Rentenzusprache ausgegangen werden, was
bedeutet, dass die absolute, zehnjährige Verwirkungsfrist für die Durchführung einer
sogenannt prozessualen Revision unbeachtlich ist. Zusammenfassend sind damit alle
gesetzlichen und rechtsprechungsgemäss geforderten Voraussetzungen für eine
sogenannt prozessuale Revision sowohl der ursprünglichen rentenzusprechenden als
auch der ursprünglichen eine Hilflosenentschädigung zusprechenden Verfügung erfüllt
gewesen. Das bedeutet, dass die Beschwerdegegnerin die beiden
leistungszusprechenden Verfügungen vom 18. Mai 2005 und vom 2. Oktober 2008 zu
Recht integral aufgehoben hat. Die Folge davon ist, dass sowohl das ursprüngliche
Rentenverfahren als auch das ursprüngliche Verfahren betreffend eine
Hilflosenentschädigung wieder „aufgelebt“ haben respektive rechtshängig geworden
sind, sodass die Beschwerdegegnerin für diese beiden Verfahren je einen neuen
verfahrensabschliessenden, rechtsgestaltenden Entscheid hat fällen müssen, die nun
beide im Weiteren auf ihre Rechtmässigkeit zu prüfen sind.
3.5.
Eine versicherte Person hat gemäss dem Art. 28 Abs. 1 IVG einen Anspruch auf
eine Rente der Invalidenversicherung, wenn ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder hergestellt, erhalten oder verbessert
werden kann, wenn sie während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und wenn sie nach
dem Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist. Für die Bemessung der
Invalidität wird in aller Regel in Anwendung des Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit
dem Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem
Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen bei einer ausgeglichenen
Arbeitsmarktlage durch eine ihr zumutbare Erwerbstätigkeit erzielen könnte, in
Beziehung zu jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie
gesund geblieben wäre. Nach der Auffassung des Bundesgerichtes ist für die
Beantwortung der Frage, nach welcher der im Art. 28a IVG genannten Methoden der
Invaliditätsgrad zu berechnen ist, in erster Linie massgebend, wie sich die versicherte
Person im hypothetischen „Gesundheitsfall“ verhalten hätte. Dabei sind sämtliche
Umstände des konkreten Einzelfalls zu berücksichtigen. Vorliegend fällt ins Gewicht,
dass die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann vier Kinder haben, was bedeutet, dass
ihr Lebensbedarf als Familie entsprechend hoch ist. Da der Ehemann über keine
anerkannte Berufsausbildung verfügt und folglich nicht in der Lage gewesen ist, ein
4.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/21
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Erwerbseinkommen zu erzielen, das diesen Bedarf vollständig gedeckt hätte, wäre die
Beschwerdeführerin aus finanziellen Gründen gezwungen gewesen, eine vollzeitige
Erwerbstätigkeit aufzunehmen, wenn sie keine Leistungen der Invalidenversicherung
hätte beziehen können. Lediglich für die erste Zeit ab dem Jahr 2004 müsste von einer
vorübergehenden ausschliesslichen Betätigung im eigenen Haushalt ausgegangen
werden, weil das jüngste Kind damals noch sehr klein gewesen ist. Die Methodenwahl
spielt allerdings für das Ergebnis keine Rolle, denn unabhängig von der gewählten
Methode resultiert kein rentenbegründender Invaliditätsgrad. Bei einem
Einkommensvergleich ist der statistische Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne als
Valideneinkommen zu berücksichtigen, weil die Beschwerdeführerin über keine
Berufsausbildung verfügt; das zumutbarerweise erzielbare Invalideneinkommen
entspricht ebenfalls dem statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne, da die
Beschwerdeführerin während der gesamten Zeit ab dem Jahr 2004 und prognostisch
auch für die Zeit nach der Eröffnung der hier angefochtenen Verfügung vom 3. Oktober
2017 aus medizinischer Sicht in der Lage gewesen ist, eine (leidensadaptierte)
Hilfsarbeit ohne nennenswerte Einschränkungen zu verrichten. Im
Einkommensvergleich resultiert also ein Invaliditätsgrad von null Prozent oder jedenfalls
ein Invaliditätsgrad von deutlich weniger als 40 Prozent. Würde man die
Beschwerdeführerin als Hausfrau qualifizieren, müsste der Invaliditätsgrad anhand
eines Betätigungsvergleichs berechnet werden. Da aus medizinischer Sicht für den
gesamten Zeitraum ab dem Jahr 2004 und prognostisch auch für die Zukunft keine
nennenswerte Gesundheitsbeeinträchtigung vorgelegen hat, hätte die
Beschwerdeführerin durchgehend zumindest eine weitgehend uneingeschränkte
Leistung im Aufgabenbereich (Haushalt) erbringen können, weshalb auch bei einem
Betätigungsvergleich ein wesentlich weniger als 40 Prozent betragender
Invaliditätsgrad resultieren würde. Bei der Anwendung der sogenannten „gemischten
Methode“ würde ein sich je teilweise aus dem Einkommens- und aus dem
Betätigungsvergleich ergebender Invaliditätsgrad resultieren, der folglich ebenfalls null
Prozent oder jedenfalls deutlich weniger als 40 Prozent betragen würde. Die
Beschwerdegegnerin hat das Rentenbegehren der Beschwerdeführerin ist also zu
Recht abgewiesen.
Der Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung der Invalidenversicherung setzt
gemäss dem Art. 43 Abs. 1 IVG unter anderem mindestens eine leichtgradige
Hilflosigkeit voraus. Eine solche liegt laut dem Art. 37 Abs. 3 IVV vor, wenn die
versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln in mindestens zwei alltäglichen
Lebensverrichtungen regelmässig und in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter
angewiesen ist, wenn sie einer dauernden persönlichen Überwachung bedarf, wenn sie
4.2. bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/21
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5.
Laut dem Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG sind unrechtmässig bezogene Leistungen
zurückzuerstatten. Da die Beschwerdeführerin gemäss den obigen Ausführungen
weder einen Anspruch auf eine Rente noch einen Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung gehabt hat, hat sie die Rentenleistungen und die
Hilflosenentschädigung unrechtmässig im Sinne des Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG
bezogen. Das bedeutet, dass sie sämtliche bezogenen Leistungen zurückerstatten
muss, soweit die Rückforderung nicht im Sinne des Art. 25 Abs. 2 ATSG erloschen ist.
Auch diesbezüglich sind zwei Fristen massgebend, nämlich eine einjährige, relative
Frist, die ab der Kenntnisnahme des Rückforderungsanspruchs zu laufen beginnt, und
eine fünfjährige, absolute Frist. Die einjährige Frist ist hier offensichtlich gewahrt
worden, wie sich aus den obigen Ausführungen zur relativen, nur 90 Tage dauernden
Frist für die sogenannt prozessuale Revision ergibt (vgl. E. 3.2). Die absolute
Fünfjahresfrist wäre nur teilweise gewahrt, doch sieht der Art. 25 Abs. 2 ATSG vor,
dass bei einem Einwirken einer strafrechtlichen Handlung auf den unrechtmässigen
Leistungsbezug die entsprechende längere Verjährungsfrist des Strafrechts
massgebend ist. Da hier vorfrageweise von einem erfüllten Tatbestand eines Betrugs
(Art. 146 StGB) auszugehen ist, ist für die absolute Verwirkungsfrist die strafrechtliche
Fristdauer massgebend. Diesbezüglich sieht das Strafrecht eine Verwirkungsfrist von
15 Jahren vor (Art. 97 Abs. 1 lit. b StGB i.V.m. Art. 146 Abs. 1 und 2 StGB). Folglich ist
es zulässig gewesen, sämtliche Leistungen bis zurück ins Jahr 2004 zurückzufordern.
Die Berechnung des Rückforderungsbetrages erweist sich als korrekt, weshalb sich
zusammenfassend die Rückforderungsverfügung vom 12. Oktober 2017 ebenfalls als
rechtmässig erweist. Auch die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde ist
folglich abzuweisen.
6.
eine durch das Gebrechen bedingte ständige und besonders aufwendige Pflege
benötigt, wenn sie wegen einer schweren Sinnesschädigung oder wegen eines
schweren körperlichen Gebrechens nur dank regelmässiger und erheblicher
Dienstleistungen Dritter gesellschaftliche Kontakte pflegen kann oder wenn sie dauernd
auf eine lebenspraktische Begleitung angewiesen ist. Da gemäss dem überzeugenden
Gutachten von Dr. E._ augenscheinlich keine dieser Voraussetzungen erfüllt ist, hat
die Beschwerdegegnerin das Begehren der Beschwerdeführerin um die Zusprache
einer Hilflosenentschädigung zu Recht ohne Weiteres abgewiesen.
Zusammenfassend erweist sich die Verfügung vom 3. Oktober 2017 damit als
rechtmässig, weshalb die dagegen erhobene Beschwerde abzuweisen ist.
4.3.
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Die Gerichtskosten, die angesichts des ausserordentlich umfangreichen Videomaterials
auf 900 Franken festzusetzen sind, wären an sich der Beschwerdeführerin
aufzuerlegen. Zufolge der Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung ist sie von
der Bezahlung dieser Kosten befreit. Da ihr auch die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung bewilligt worden ist, hat der Staat ihrer Rechtsvertreterin eine
Entschädigung auszurichten, die 80 Prozent des erforderlichen Vertretungsaufwandes
abdeckt (Art. 31 Abs. 3 AnwG). Der erforderliche Vertretungsaufwand ist vorliegend als
unterdurchschnittlich zu qualifizieren, weil die Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführerin infolge der Vertretung im Strafverfahren bereits über eine
umfangreiche Aktenkenntnis verfügt hat. Die Parteientschädigung wäre demnach auf
2’500 Franken festzusetzen. Dieser Betrag ist in Anwendung des Art. 31 Abs. 3 AnwG
um einen Fünftel auf 2’000 Franken zu reduzieren. Der Staat hat die Rechtsbeiständin
der Beschwerdeführerin also mit 2’000 Franken zu entschädigen. Sollten es ihre
wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten, wird die Beschwerdeführerin zur
Nachzahlung der Gerichtskosten und zur Rückerstattung der Entschädigung für die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2 VRP
i.V.m. Art. 123 ZPO).