Decision ID: 43917d7f-eb43-4a67-bfc1-6b8e0994be1f
Year: 2018
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Mit Urteil SK.2018.19 vom 30. Mai 2018 verurteilte der Einzelrichter der
Strafkammer des Bundesstrafgerichts A. wegen Gewalt und Drohung gegen
Behörden und Beamte und wegen Beschimpfung zu einer Geldstrafe von
40 Tagessätzen à Fr. 40.--, bedingt vollziehbar bei einer Probezeit von zwei
Jahren, und auferlegte ihr die Verfahrenskosten. A. erklärte, diesbezüglich
auf ein Rechtsmittel zu verzichten.
B. A. ersuchte am 12. Juli 2018 bei der Bundesanwaltschaft um Erlass der ihr
auferlegten Verfahrenskosten aus dem Urteil SK.2018.19. Die Bundesan-
waltschaft leitete das Gesuch am 17. Juli 2018 zuständigkeitshalber an das
Bundesstrafgericht, Strafkammer, weiter.
Der Einzelrichter (Strafkammer) forderte A. am 19. Juli 2018 auf, ihr Gesuch
um Erlass der Verfahrenskosten zu begründen und entsprechende sach-
dienliche Belege einzureichen. Dieser Aufforderung kam A. mit Eingabe vom
23. Juli 2018 nach, indem sie dem Gericht weitere Unterlagen einreichte. Die
Bundesanwaltschaft verzichtete am 26. Juli 2018 auf eine Stellungnahme.
C. Die Strafkammer des Bundesstrafgerichts lehnte das Gesuch um Erlass der
Verfahrenskosten mit Verfügung vom 10. August 2018 ab (act. 1.1): Die wirt-
schaftlichen Verhältnisse von A. seien nicht derart angespannt, dass sich
Erlass oder Stundung der Verfahrenskosten aufdrängen würden.
D. Dagegen reichte A. am 19. August 2018 beim Bundesgericht Beschwerde
ein (act. 1 "Beschwerde gegenüber Urteil und diskriminierenden Massnah-
men"). Dieses leitete ihre Eingabe am 23. August 2018 zuständigkeitshalber
der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts zu (act. 2, Eingang
27. August 2018). Sinngemäss beantragt die Beschwerde, es seien A. die
Verfahrenskosten zu erlassen.
Von der Vorinstanz wurden die Akten beigezogen (vgl. act. 4). Es wurde kein
Schriftenwechsel durchgeführt (vgl. Art. 390 Abs. 2 StPO im Umkehr-
schluss). Am 29. August 2018 machte A. eine weitere Eingabe; diese äus-
serte sich nicht zum Verfahrensthema (act. 5). Am 5. September 2018 ging
bei der Beschwerdekammer ein Schreiben von A. ein. Dieses enthielt einen
Datenträger mit weiteren Unterlagen, namentlich mit Akten des Strafverfah-
rens (act. 7).
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Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit
erforderlich, in den nachfolgenden rechtlichen Erwägungen Bezug genom-
men.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 393 Abs. 1 lit. b StPO ist die Beschwerde zulässig gegen die
Verfügungen und Beschlüsse sowie die Verfahrenshandlungen der erstin-
stanzlichen Gerichte; ausgenommen sind verfahrensleitende Entscheide.
Verfahrensleitende Anordnungen der Gerichte können nur mit dem Endent-
scheid angefochten werden (Art. 65 Abs. 1 StPO).
Zur Beschwerde berechtigt ist, wer ein rechtlich geschütztes Interesse an
der Aufhebung oder Änderung des angefochtenen Entscheides hat (Art. 382
Abs. 1 i.V.m. Art. 104 Abs. 1 StPO resp. Art. 105 Abs. 2 StPO). Die Be-
schwerde gegen schriftlich oder mündlich eröffnete Entscheide ist innert
zehn Tagen schriftlich und begründet einzureichen (Art. 396 Abs. 1 StPO).
Mit ihr können Rechtsverletzungen gerügt werden, einschliesslich Über-
schreitung und Missbrauch des Ermessens, Rechtsverweigerung und
Rechtsverzögerung (Art. 393 Abs. 2 lit. a StPO), sowie die unvollständige
oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts (Art. 393 Abs. 2 lit. b StPO)
und die Unangemessenheit (Art. 393 Abs. 2 lit. c StPO).
1.2 Die Verweigerung, Verfahrenskosten zu erlassen, stellt eine mit Beschwerde
anfechtbare nachträgliche Verfügung dar (vgl. KELLER, Kommentar zur
Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl., 2014, Art. 393 N. 10). Die
Beschwerde wurde rechtzeitig bei einer unzuständigen Behörde (Bundesge-
richt) eingereicht, was zur Fristwahrung genügt (vgl. Art. 91 Abs. 4 StPO).
Die übrigen Eintretensvoraussetzungen sind erfüllt und geben zu keinen Be-
merkungen Anlass. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Die beschuldigte Person trägt die Verfahrenskosten, wenn sie verurteilt wird
(Art. 426 Abs. 1 Satz 1 StPO; im Rechtsmittelverfahren gilt Art. 428 StPO).
Forderungen aus Verfahrenskosten können von den Strafbehörden gestun-
det oder unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Verhältnisse der kos-
tenpflichtigen Person herabgesetzt oder erlassen werden (Art. 425 StPO).
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Der Vorentwurf 2001 des EJPD zur neuen Strafprozessordnung sah vor,
dass die zuständige Strafbehörde die Gebühren im Einzelfall unter Berück-
sichtigung des Aufwandes und der wirtschaftlichen Verhältnisse der Kosten-
pflichtigen nach freiem Ermessen festsetze (Art. 493 Abs. 5; so dann auch
die Botschaft vom 21. Dezember 2005 zur Vereinheitlichung des Strafpro-
zessrechts, BBl 2006 1085, S. 1326, damals Art. 432). Gemäss Art. 487
(Grundsätze der Kostentragung und Entschädigung) Absatz 5 des Vorent-
wurfs konnte bei Billigkeit im Einzelfall oder Mittellosigkeit von den Bestim-
mungen zur Kostentragung abgewichen werden. Damit sollte die Möglichkeit
geschaffen werden, von den in der konkreten Anwendung möglicherweise
zu harten und unbilligen Kosten- und Entschädigungsregelungen abzuwei-
chen (vgl. auch Begleitbericht zum Vorentwurf 2001 EJPD, S. 284, 279;
vgl. auch GRIESSER, Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung,
2. Aufl., 2014, Art. 425 N. 2).
Stundungen und Erlass von Forderungen aus Verfahrenskosten dienen der
Resozialisierung vorab der beschuldigten Person. Denn die Kostenauflage
kann sie in Anbetracht der mitunter sehr hohen Auslagen erheblich finanziell
belasten und eine Rückkehr in geordnete Verhältnisse erschweren. Damit
Art. 425 StPO zur Anwendung gelangt, müssen die wirtschaftlichen Verhält-
nisse der kostenpflichtigen Person derart angespannt sein, dass eine (ganze
oder teilweise) Kostenauflage als unbillig erscheint. Das ist dann der Fall,
wenn die Höhe der auferlegten Kosten unter Berücksichtigung der wirtschaft-
lichen Lage der kostenpflichtigen Person deren Resozialisierung bzw. finan-
zielles Weiterkommen ernsthaft gefährden kann (Urteil des Bundesgerichts
6B_610/2014 vom 28. August 2014 E. 3; GRIESSER, a.a.O., Art. 425 StPO
N. 1; DOMEISEN, Basler Kommentar, 2. Aufl., 2014, Art. 425 StPO N. 3 f.;
SCHMID, Handbuch des schweizerischen Strafprozessrechts, 2. Aufl., 2013,
N. 1781).
2.2 Mit der Konzipierung von Art. 425 StPO als Kann-Bestimmung belässt der
Gesetzgeber der Strafbehörde beim Kostenentscheid einen grossen Ermes-
sens- und Beurteilungsspielraum, in welchen nur mit Zurückhaltung einzu-
greifen ist (vgl. Urteile des Bundesgerichts 6B_955/2016 vom 12. Oktober
2016 E. 4 und 6B_610/2014 vom 28. August 2014 E. 3).
Es gibt keinen verfassungsrechtlichen Anspruch auf Erlass der Gerichtskos-
ten; selbst im Fall eines dauerhaft mittellosen Betroffenen verbleibt es im
Ermessen der zuständigen Behörde, ob sie einem Gesuch um Erlass von
Gerichtskosten ganz oder teilweise Folge gibt (Urteil des Bundesgerichts
5D_191/2015 vom 22. Januar 2016 E. 4.3.2). Dies gilt dem Grundsatz nach
auch für Stundungen und insbesondere den Erlass von Verfahrenskosten.
Es ist nicht zu verkennen, dass sich die Kostentragung als hart erweisen
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kann. Das ist eine der gesetzlichen Folgen der Straftat. Zudem ist das ver-
fassungsrechtliche Gleichbehandlungsgebot (Art. 8 Abs. 1 BV; Art. 3 Abs. 2
lit. c StPO) zu beachten. Weil das Gesetz die mögliche Privilegierung im
Sinne von Art. 425 StPO ausdrücklich vorsieht, ist die Bestimmung aber in
einer Weise auszulegen und anzuwenden, dass sie nicht toter Buchstabe
bleibt (Urteil des Bundesgerichts 6B_500/2016 vom 9. Dezember 2016 E. 3).
2.3 Die Vorinstanz berücksichtigte für ihren Entscheid vom 10. August 2018 die
Akten des Strafverfahrens SK.2018.19 sowie die neu eingereichten Unterla-
gen der Beschwerdeführerin.
Ihr Einkommen (Nettolohn) betrug zum Zeitpunkt des Strafurteils durch-
schnittlich Fr. 3'000.--, die monatlichen Krankenkassenbeiträge Fr. 385.15.
Sie hatte kein Vermögen und ausser einer Einkommenspfändung (seit
1. September 2017) für den Betrag von Fr. 1'700.-- auch keine Schulden. Die
Gerichtskosten im Verfahren SK.2018.19 wurden aufgrund des Verzichts auf
ein Rechtsmittel sowie auf ein schriftliches Protokoll reduziert und festge-
setzt auf Fr. 1'934.--.
Den neu eingereichten Unterlagen war zu entnehmen, dass die Beschwer-
deführerin von ihrem Monatslohn Fr. 2'560.-- erhält und der Restbetrag von
Fr. 466.05 ans Betreibungsamt geht (Einkommenspfändung). Ausserdem
schuldete sie der Vermieterin ihrer 2-Zimmer-Wohnung insgesamt
Fr. 839.--, wobei nicht ganz klar war, wieviel davon noch offen ist. Eine im
Jahr 2015 abgeschlossene Behandlung für Perianalvenenthrombose wurde
von der Vorinstanz als nicht massgebend eingeschätzt und nicht berücksich-
tigt.
Nach Einschätzung der Vorinstanz haben sich die Verhältnisse seit dem Ur-
teil vom 30. Mai 2018 nicht wesentlich verändert. Die 39-jährige Beschwer-
deführerin sei in der Lage, unter Abzug der monatlichen Lebenshaltungskos-
ten einen Überschuss zu erzielen und daraus die offenen Beträge abzube-
zahlen. Die Gerichtskosten behinderten damit auch ihre Sozialisierung nicht
negativ (act. 1.1 E. 5.2–5.5 S. 3 ff.).
2.4 Die Beschwerdeführerin schildert in ihrem Schreiben vom 27. Juni 2018 an
die Strafkammer aus ihrer Sicht den Sachverhalt, welcher zu ihrer Verurtei-
lung geführt hatte. Sie beantragt schliesslich, das Strafurteil vom 30. Mai
2018 sei aufzuheben und sie sei freizusprechen (act. 1.2).
In der Beschwerde vom 19. August 2018 stellt die Beschwerdeführerin noch-
mals kurz den Sachverhalt des Strafurteils aus ihrer Sicht dar. Sie führt so-
dann aus, (durch die Bundesanwaltschaft) zu einer belastenden Aussage
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verleitet worden zu sein. Ihre Unkenntnis des Rechts verbunden mit Diskri-
minierung habe dazu geführt, dass sie, obwohl unschuldig, verurteilt worden
sei. Sie sei jedoch Opfer, nicht Täter. Daher sei das Strafurteil aufzuheben
und die Kosten seien abzuschreiben (act. 1 S. 2).
2.5 Die Ausführungen der Beschwerdeführerin richten sich offenkundig gegen
ihre Verurteilung vom 30. Mai 2018. Dieses Strafurteil ist rechtskräftig ge-
worden. Eine Verurteilung kann im vorliegenden Verfahren nicht überprüft
werden. Der Erlass der Verfahrenskosten kann daher auch nicht mit der Be-
gründung verlangt werden, das Strafurteil sei fehlerhaft und aufzuheben.
Die Vorinstanz prüfte den Erlass der Verfahrenskosten und begründete
nachvollziehbar, dass die Voraussetzungen für einen Erlass fehlen. Sie kam
zum Schluss, die wirtschaftlichen Verhältnisse der Beschwerdeführerin
seien nicht derart angespannt, dass sich Erlass oder Stundung der Verfah-
renskosten aufdrängen würden. Die Beschwerdeführerin setzt sich nicht mit
dem angefochtenen vorinstanzlichen Entscheid vom 10. August 2018 ausei-
nander. Die Beschwerde äussert sich auch nicht zu einzelnen Einkommens-
und Kostenpositionen. Damit ist nicht dargetan oder ersichtlich, dass sich die
Verhältnisse seit der Verurteilung wesentlich verändert hätten oder dass die
soziale Eingliederung der Beschwerdeführerin beeinträchtigt wäre. Die Ver-
fügung vom 10. August 2018 der Vorinstanz überschreitet jedenfalls den ihr
zustehenden Ermessensspielraum nicht. Die dagegen erhobene Be-
schwerde ist offensichtlich unbegründet und daher abzuweisen.
3. Ausnahmsweise sind keine Gerichtskosten zu erheben.
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