Decision ID: 09c18270-de76-4bae-a552-94cd8c9a5b1b
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte Tötung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Bülach, I. Abteilung, vom 30. Oktober 2019 [recte: 28. August 2019] (DG190030)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich, Abteilung für
schwere Gewaltkriminalität, vom 8. Mai 2019 ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 58 S. 78 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
- der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB und
- der mehrfachen Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes im Sinne von Art. 19a Ziff. 1 BetmG
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 7,5 Jahren Freiheitsstrafe, wovon 342 Tage
durch Haft erstanden sind, sowie mit einer Busse von Fr. 500.–.
3. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle eine
Ersatzfreiheitsstrafe von 5 Tagen.
4. Der Beschuldigte wird im Sinne von Art. 66a StGB für 8 Jahre des Landes
verwiesen.
5. Es wird die Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informations-
system angeordnet.
6. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 16. April 2019
beschlagnahmten
- 1 Scherbe von Trinkglas, Asservate-Nr. A011'862'796, Lagerort: FOR Transit-
lager KED
- 1 Scherbe von Trinkglas, Asservate-Nr. A011'862'810, Lagerort: FOR Transit-
lager KED
- 1 Scherbe von Trinkglas, Asservate-Nr. A011'862'832, Lagerort: FOR Transit-
lager KED
- 1 Bierglas "Feldschlösschen" Asservate-Nr. A012'001'762, Lagerort: FOR
Transitlager KED
- 3 Trinkgläser aus Bar, Asservate-Nr. A012'001'784, Lagerort: FOR Transitla-
ger KED
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- 1 T-Shirt "Guns N'Roses", Asservate-Nr. A011'862'865, Lagerort: FOR KED
- 1 Herrenhose, Marke "Indian Project", Asservate-Nr. A011'866'298, Lagerort:
FOR Transitlager KED
- 1 T-Shirt, Marke "Tom Tailor", Asservate-Nr. A011'866'301, Lagerort: FOR
Transitlager KED
- 1 Kapuzenjacke, Marke "Your Turn", Asservate-Nr. A011'866'312, Lagerort:
FOR Transitlager KED
- 1 Paar Schuhe, Marke "Young Spirit", Asservate-Nr. A011'866'323, Lagerort:
FOR Transitlager KED
- 1 Paar Socken, weiss, Asservate-Nr. A011'866'345, Lagerort: FOR Transit-
lager KED
werden eingezogen und dem Forensischen Institut Zürich nach Eintritt der Rechts-
kraft des Urteils zur Vernichtung überlassen.
7. Die beim Forensischen Institut Zürich unter den Referenznummern K180921-004 /
73721478 aufbewahrten Gegenstände, Spuren und Spurenträger,
- Shirt (A011'862'752) (C._)
- Shirt (A011'862'763) (A._)
- Tatortfotografie (A011'862'774)
- IRM-Fotografie (A011'862'785)
- Wattetupfer (A011'862'821)
- Wattetupfer (A011'862'843)
- Wattetupfer (A011'862'854)
- Wattetupfer (A011'862'876)
- Wattetupfer (A011'862'887)
- Wattetupfer (A011'862'898)
- Wattetupfer (A011'862'901)
- Wattetupfer (A011'862'912)
- IRM-Fotografie (A011'865'773)
- Wattetupfer (A011'865'795)
- Wattetupfer (A011'865'819)
- Vergleichs-WSA (A011'865'853)
- Wattetupfer (A011'865'864)
- Wattetupfer (A011'865'886)
- Wattetupfer (A011'865'911)
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- Wattetupfer (A011'865'922)
- Herrenjacke (A011'878'196) (A._)
- Herrenhose (A011'878'209) (A._)
- Schuhe (A011'878'232) (A._)
- Mobiltelefon (A011'878'243) (A._)
- Tatort-Fotografie (A012'000'521)
- Fotografie (A012'000'690)
werden dem Forensischen Institut Zürich nach Eintritt der Rechtskraft des Urteils
zur Vernichtung überlassen.
8. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger eine Genugtuung von
Fr. 10'000.–, zuzüglich 5 % Zins seit dem 20. September 2018 zu bezahlen.
9. Die Schadenersatzforderung des Privatklägers wird dem Grundsatz nach
gutgeheissen und auf den Zivilweg verwiesen.
10. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 5'000.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 4'000.– Gebühr für die Strafuntersuchung
Fr. 8'258.60 Auslagen Vorverfahren
Fr. 285.50 Entschädigung Sachverständige
Fr. 27'239.05 amtl. Verteidigungskosten (inkl. MwSt.)
Fr. 15'000.– Kosten unentgeltliche Rechtsbeiständin Privatkläger (inkl. MwSt.)
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
11. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt; davon ausgenommen sind die Kosten der amtlichen
Verteidigung sowie der unentgeltlichen Rechtsbeiständin des Privatklägers, welche
einstweilen und unter dem Vorbehalt von Art. 135 Abs. 4 StPO von der Gerichts-
kasse übernommen werden, sowie die Kosten der unentgeltlichen Vertretung der
Privatklägerschaft, welche von der Gerichtskasse übernommen werden.
12. (Mitteilungen)
13. (Rechtsmittel)"
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Berufungsanträge: (Prot. II S. 4 ff.)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 77)
1. Es sei festzustellen, dass das Urteil des Bezirksgerichts Bülach, I. Abteilung,
vom 28. August 2019 bezüglich der Dispositivziffer 1 alinea 2 (Schuldspruch
betreffend der mehrfachen Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes),
bezüglich Dispositivziffer 2 und 3 (Bestrafung mit einer Busse und Fest-
setzung einer Freiheitsstrafe), bezüglich Dispositivziffer 6 und 7 (beschlag-
nahmte Gegenstände) und bezüglich Dispositivziffer 10 (Kostenfestsetzung)
in Rechtskraft erwachsen ist;
2. Mein Klient sei vom Vorwurf der versuchten Tötung freizusprechen;
3. Er sei mit sofortiger Wirkung aus dem vorzeitigem Strafvollzug zu entlassen;
4. Die Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich sowie
die Anschlussberufung des Privatklägers seien vollumfänglich abzuweisen;
5. Auf allfällige Zivilforderungen sei nicht einzutreten;
6. Die Kosten des Untersuchungsverfahrens und beider Gerichtsverfahren so-
wie der amtlichen Verteidigung seien vollumfänglich auf die Staatskasse zu
nehmen;
7. Mein Klient sei für die ihm durch die Untersuchung erstandenen Kosten und
Umtriebe sowie für die erlittene immaterielle Unbill – insbesondere die zu
Unrecht erlittene Haft – angemessen zu entschädigen bzw. es sei ihm eine
angemessene Genugtuung zuzusprechen.
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b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 78)
1. Die Berufung des Beschuldigten sei in allen Punkten abzuweisen.
2. In Gutheissung der Anschlussberufung sei der Beschuldigte mit 9 Jahren
Freiheitsstrafe zu bestrafen, unter Anrechnung der bis heute erstandenen
Haft.
c) Der Privatklägerschaft:
(Urk. 78)
1. Der Beschuldigte sei anklagegemäss zum Nachteil des Privatklägers
B._ schuldig zu sprechen.
2. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Privatkläger eine Genugtuung von
Fr. 30'000.00, zuzüglich 5% Zins seit dem 20. September 2018, zu bezah-
len.
3. Der Beschuldigte sei dem Grundsatz nach zu verpflichten, dem Privatkläger
B._ für den bereits entstandenen wie auch für einen allfälligen zukünfti-
gen Schaden, der im Zusammenhang mit den eingeklagten Ereignissen
steht, Schadenersatz zu leisten.
4. Die Kosten der unentgeltlichen Rechtsvertreterin seine (gemäss beiliegen-
der Honorarnote) auf die Gerichtskasse zu nehmen.

Erwägungen:
I. Verfahrensgang und Umfang der Berufung
1. Anklagehintergrund des Verfahrens ist ein Vorfall ausserhalb der D._
Bar (nunmehr D'._ Bar) an der E._-Strasse 1 in F._ [Ortschaft] vom
20. September 2018, ca. 23.40 Uhr, unter Beteiligung des Beschuldigten einer-
seits und des Geschädigten anderseits. Dabei erlitt der Geschädigte mehrere
Schnittverletzungen an Kopf und Hals. Nach einer schnellen Erstversorgung
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durch die Sanität musste er notfallmässig im Spital operiert werden. Der Beschul-
digte wurde im Anschluss an das Ereignis an seinem Wohnort, E._-Strasse 2
in F._ durch die Kantonspolizei verhaftet. Er ist seither ununterbrochen inhaf-
tiert. Seit dem 17. April 2019 befindet er sich seinem Antrag entsprechend im vor-
zeitigen Strafvollzug (Urk. 18/27 f.; Urk. 61).
2. Für Einzelheiten zum Prozessverlauf bis zum erstinstanzlichen Urteil kann
auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 58 S. 5 f.).
3. Gegen das eingangs wiedergegebene Urteil des Bezirksgerichts Bülach vom
30. Oktober 2019 [recte: 28. August 2019; vgl. Prot. I S. 84 ff.] liess der Beschul-
digte rechtzeitig durch seinen amtlichen Verteidiger Berufung anmelden (Urk. 48)
und mit Eingabe vom 4. März 2020 ebenfalls fristgerecht die Berufungserklärung
einreichen (Urk. 59). Auf entsprechende Fristansetzung erhoben der Privatkläger
durch seine Rechtsbeiständin am 1. April 2020 und die Staatsanwaltschaft am
2. April 2020 je fristgemäss Anschlussberufung (Urk. 65 und 67). Beweisanträge
wurden von keiner Partei gestellt.
4.1 Der Beschuldigte ficht das erstinstanzliche Urteil wie folgt an (Urk. 59;
Urk. 77): den Schuldspruch wegen versuchter vorsätzlicher Tötung (Dispositivzif-
fer 1 teilweise), die Sanktion wegen versuchter vorsätzlicher Tötung (Dispositivzif-
fer 2 teilweise), die Landesverweisung (Dispositivziffer 4), die Ausschreibung der
Landesverweisung im SIS (Dispositivziffer 5), die Verpflichtung zur Zahlung einer
Genugtuung (Dispositivziffer 8), die Regelung betreffend Schadenersatz (Disposi-
tivziffer 9) und die Kostenauflage (Dispositivziffer 11). Die Anschlussberufung des
Privatklägers richtet sich gegen die Höhe der Genugtuung, die als zu tief erachtet
und eine Genugtuung von Fr. 30'000.– gefordert wird (Dispositivziffer 8; Urk. 65;
Urk. 79). Die Staatsanwaltschaft beantragt mit ihrer Anschlussberufung wie schon
vor Vorinstanz eine Freiheitsstrafe von 9 Jahren (Dispositivziffer 2; Urk. 67 S. 2
und Urk. 78).
4.2 Im Ergebnis nicht angefochten ist das vorinstanzliche Urteil hinsichtlich des
Schuldspruchs wegen mehrfacher Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes,
der Busse wegen mehrfacher Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes, der Er-
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satzfreiheitsstrafe im Falle schuldhafter Nichtbezahlung der Busse, der Regelung
betreffend beschlagnahmter Gegenstände, der Regelung bezüglich aufbewahrter
Gegenstände und der Kostenfestsetzung (vgl. dazu Prot. II S. 6). Daher ist vorab
mit Beschluss festzustellen, dass das vorinstanzliche Urteil in den Dispositivziffern
1 teilweise, 2 teilweise, 3, 6, 7 und 10 in Rechtskraft erwachsen ist.
5. Im Übrigen ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende
Instanz nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und je-
des einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss. Das Berufungsgericht
kann sich auf die für seinen Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken
(BGE 146 IV 297 E. 2.2.7; 143 III 65 E. 5.2; 141 IV 249 E. 1.3.1; Urteil des Bun-
desgerichts 6B_1403/2019 vom 10. Juni 2020 E. 2.5 mit Hinweisen).
II. Prozessuales
1. Verwertbarkeit Einvernahme des Beschuldigten bei Hausdurchsuchung
1.1 Die Verteidigung macht auch im Berufungsverfahren wie vor Vorinstanz
geltend, dass die Aussagen des Beschuldigten gegenüber dem Kantonspolizisten
G._ anlässlich der Hausdurchsuchung vom 21. September 2018 (Urk. 1/1
S. 4 und 7) in Verletzung von strafprozessualen Vorschriften erfolgt seien. So ha-
be der Kantonspolizist G._ den Beschuldigten nicht über seine Verfahrens-
rechte belehrt, weshalb die Aussagen einem absoluten Beweisverwertungsverbot
i.S.v. Art. 158 Abs. 2 StPO i.V.m. Art. 141 Abs. 1 StPO unterliegen würden
(Urk. 44 S. 10 ff.; Urk. 77 S. 2 f. und Prot. II S. 7). Darüber hinaus seien diese
Aussagen auch unverwertbar, da für den Beschuldigten weder ein "Anwalt der
ersten Stunde" noch ein Dolmetscher organisiert worden sei, obwohl ein Fall einer
notwendigen Verteidigung vorgelegen bzw. der Beschuldigte schlechte Deutsch-
kenntnisse habe (Urk. 44 S. 4, 11 f.; Prot. II S. 7).
1.2 Diese Argumentation verwechselt die Formvorschriften für Polizeirapporte
und jene für Parteieinvernahmen. Polizeirapporte sind schriftliche Berichte vor Ort
und als solche gesetzlich vorgesehen (Art. 307 Abs. 3 StPO). Bei der Festhaltung
von Äusserungen von Personen geht es nicht um die Beweissicherung, sondern
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primär um die Klärung der Rollen der beim relevanten Geschehen Anwesenden
(Schmid/Jositsch, Handbuch des schweizerischen Strafprozessrechts, 3. Aufl.,
Zürich/St. Gallen, 2017, N 859). Demzufolge können Polizeirapporte nie mit
Aussagen von Beschuldigten gleichgesetzt werden, selbst wenn darin Aussagen
von Personen rezitiert werden. Die Gültigkeit von solchen Rapporten hängt auch
nicht davon ab, ob der Hinweis auf Verfahrensrechte erfolgt ist oder nicht.
Das Strafprozessrecht kennt zwar keinen numerus clausus der Beweismittel.
Dieser Umstand ändert aber nichts daran, dass gewisse Beweise zwingend in ei-
ner vorgeschriebenen Form abzunehmen sind, sofern das Gesetz dies vorsieht.
Die Einvernahme einer beschuldigten Person wird ausdrücklich und abschlies-
send in Art. 78 ff. und Art. 157 ff. StPO geregelt. Im Polizeirapport festgehaltene
Äusserungen der beschuldigten Person können von vornherein nie eine Partei-
einvernahme ersetzen und stellen in diesem Sinne gar kein zulässiges Beweismit-
tel für Aussagen der beschuldigten Person dar, zumal solche Aussagen nur indi-
rekt wiedergegeben werden. Nur wenn die beschuldigte Person im Rahmen einer
prozessual korrekten Einvernahme frühere Äusserungen, die im Polizeirapport
erwähnt werden, bestätigt, können die Aussagen verwertet werden. Beweismittel
sind dann allerdings diese Aussagen oder Bestätigungen und nicht jene aus dem
Polizeirapport.
Insofern sind Ausführungen der Vorinstanz und der Verteidigung zur Verwertbar-
keit von indirekt wiedergegebenen Aussagen des Beschuldigten im Polizeirapport
gar nicht relevant. Auch wenn ein Hinweis auf das Aussageverweigerungsrecht
gemäss Art. 158 StPO erfolgt wäre, würde es unter anderem auch an der wörtli-
chen Protokollierung und der eigenhändigen Unterschrift im Sinne von Art. 78
StPO fehlen.
Im Ergebnis heisst dies, dass im Rahmen der Beweiswürdigung von vornherein
nicht berücksichtigt werden darf, was der Beschuldigte gegenüber dem Polizeibe-
amten anlässlich der Hausdurchsuchung bei G._ gemäss Polizeirapport ge-
sagt habe (Urk. 1/1 S. 4). Der Beschuldigte hat entsprechende Inhalte in formell
korrekten, späteren Einvernahmen nie bestätigt (Prot. I S. 24). Im Berufungsver-
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fahren machte der Beschuldigte auch keine Aussagen mehr zur Sache, sondern
verwies auf seine bisherigen Angaben (vgl. Urk. 76 S. 3 f.).
1.3 Anzufügen bleibt, dass sämtliche späteren Einvernahmen mit dem Beschul-
digten uneingeschränkt verwertbar sind. Die Rechtsbelehrungen erfolgten korrekt
und die Befragungen fanden jeweils in Begleitung der amtlichen Verteidigung und
unter Beizug einer Dolmetscherin statt (Urk. 4/1 - 4/6; Prot. I S. 6 ff.; Urk. 76).
2. Verwertbarkeit Einvernahme des Privatklägers vom 21. September 2018
2.1 Weiter rügt die Verteidigung, die Aussagen des Privatklägers vom
21. September 2018 (Urk. 3/1) seien in Verletzung von strafprozessualen Vor-
schriften erfolgt, da der Privatkläger ohne Dolmetscher befragt worden und auch
nicht auf das Recht auf Beizug eines Dolmetschers hingewiesen worden sei. Die-
se ersten Aussagen des Privatklägers seien daher unverwertbar (Urk. 44 S. 2 und
13; Urk. 77 S. 3).
2.2. Eine beschuldigte Person kann aus der Verletzung der Rechte anderer
Verfahrensbeteiligter nichts zu ihren Gunsten ableiten. Solche Vorschriften dienen
dem Schutz der einvernommenen Person und nicht dem Schutz des Beschuldig-
ten. Das gilt jedenfalls dann, wenn nicht dargelegt wurde und auch nicht ersicht-
lich ist, inwiefern der Beschuldigte dadurch in eigenen Rechten betroffen wäre
(Urteil des Bundesgerichts 6B_269/2018 vom 24. Oktober 2018 E. 1.4). Dem Be-
schuldigten steht demnach vorliegend einzig frei, die materielle Beweiskraft der
entsprechenden Einvernahme wegen mutmasslicher sprachlicher Probleme des
Privatklägers in Zweifel zu ziehen.
2.3 Wie schon die Vorinstanz zutreffend befand (Urk. 58 S. 10 f.), ist diese Ar-
gumentation aus folgenden Gründen nicht stichhaltig.
Die Einvernahme des Privatklägers vom 7. Dezember 2018 wurde gemäss Proto-
kollnotiz mit slowakischer Übersetzung gestartet, jedoch schon kurz nach Beginn
vereinbarungsgemäss auf Deutsch fortgesetzt, nachdem sich gezeigt hatte, dass
der Privatkläger Deutsch spricht (Urk. 3/2 S. 4 und 15). Im Ergebnis konnte die
Einvernahme grösstenteils ohne Verdolmetschung durchgeführt werden.
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Die Einvernahme des Privatklägers anlässlich der Hauptverhandlung vom
27. August 2019 erfolgte gar gänzlich ohne Dolmetscher. Das Bezirksgericht
konnte während der einstündigen Befragung unmittelbar feststellen, dass der
Privatkläger der Deutschen Sprache zweifelsfrei mächtig war, war er doch er-
kennbar in der Lage, sich darin in verständlicher Weise auszudrücken (Prot. I S.
34-57). Wenn die vorinstanzlichen Richter unter den genannten Umständen, ins-
besondere angesichts ihrer auf persönlicher Wahrnehmung basierenden Über-
zeugung, zum Ergebnis gelangten, dass der Privatkläger auch anlässlich der elf
Monate zuvor durchgeführten ersten Befragung über genügend Deutschkenntnis-
se für eine Einvernahme ohne Verdolmetschung verfügte, so leuchtet dies ohne
Weiteres ein.
Diese Schlussfolgerung wird gestützt durch die Tatsache, dass sich der Privatklä-
ger im Zeitpunkt des zu beurteilenden Vorfalls schon länger in der Schweiz auf-
hielt, gemäss dem Zeugen C._ jedenfalls seit mindestens ca. 2 1⁄2 Jahren, als
der Zeuge (auch) in F._ Wohnsitz nahm und sie sich kennenlernten (Urk. 5/1
Frage 5; Urk. 2/2 Frage 10; vgl. ferner Prot. I S. 54). Offensichtlich konnte sich der
Privatkläger die Deutsche Sprache über ein paar Jahre hinweg gut aneignen.
Darüber hinaus zeigen auch Dokumente aus den Akten betreffend OHG und
Rechtsbeistandschaft, dass der Privatkläger auf höherem Niveau in der Deut-
schen Sprache kommunizieren kann. So korrespondieren die obigen Feststellun-
gen mit dem durch den Privatkläger am 26. September 2018 – mithin 6 Tage
nach dem eingeklagten Ereignis – ausgefüllten Formular betreffend Geltendma-
chung von Rechten als Opfer, auf welchem die Spalte mit der Bitte um Bestellung
einer Dolmetscherin bzw. eines Dolmetschers und in welcher Sprache leer blieb.
Dass der Fragebogen ansonsten lückenlos ausgefüllt und vom Privatkläger unter-
zeichnet ist und auch noch handschriftliche Ergänzungen enthält, spricht dafür,
dass der Privatkläger keine Übersetzung für nötig hielt und die Spalte bewusst of-
fen liess (Urk. 14/4). Weiter ist auf ein E-Mail des Privatklägers an den zuständi-
gen Staatsanwalt vom 10. Dezember 2018 betreffend Lohnabrechnungen und
Kontobewegungen zu verweisen, woraus sich ergibt, dass der Privatkläger auch
schriftliche Mitteilungen in verständlicher Weise anzubringen imstande ist (Urk.
14/8 = Urk. 16/2).
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2.3 Zusammenfassend ist nach dem Gesagten davon auszugehen, dass der
Privatkläger bereits in der ersten Einvernahme vom 21. September 2018 über
ausreichende Deutschkenntnisse verfügte. Seine damaligen Aussagen sind dem-
entsprechend mit der Vorinstanz und entgegen der Verteidigung verwertbar,
obschon der Beschuldigte gar nicht legitimiert ist, sich auf Schutzvorschriften des
Privatklägers zu berufen und aus diesem Grund die Unverwertbarkeit der Einver-
nahme geltend zu machen.
3. Verwertbarkeit der Einvernahme von C._ vom 21. September 2018
3.1 Die Verteidigung moniert, dass C._ in der staatsanwaltschaftlichen Ein-
vernahme vom 16. Januar 2019 angab, dass seine Deutschkenntnisse dem Level
A2 entsprechen würden und er nicht wisse, ob die Polizei ihn in der Einvernahme
vom 21. September 2018 richtig verstanden habe. C._ habe zudem ausge-
führt, dass er nicht alles verstanden habe, was die Polizei gefragt habe. Entspre-
chend habe C._ bei der polizeilichen Einvernahme vom 21. September 2018
offensichtlich über zu wenig Deutschkenntnisse verfügt. Die Polizisten hätten von
Amtes wegen einen Dolmetscher beiziehen müssen, unabhängig davon, ob ein
solcher verlangt worden sei. Die Einvernahme von C._ vom 21. September
2018 sei deshalb prozessual unverwertbar (Urk. 77 S. 3 f.).
3.2 Vorweg ist auf das oben Ausgeführte zu verweisen. Der Beschuldigte ist
nicht legitimiert, sich auf Schutzvorschriften anderer Verfahrensbeteiligter zu beru-
fen und deshalb die Unverwertbarkeit der Einvernahme geltend zu machen.
3.3 Wie noch zu zeigen sein wird, ist der Einwand der Verteidigung der mangel-
haften Deutschkenntnisse aber ohnehin unbegründet. C._ sagte in der
polizeilichen Einvernahme vom 21. September 2018 im Einklang mit dem Privat-
kläger und H._ aus (siehe hernach Erw. III 4.3.6). Seine Ausführungen sind
logisch im Aufbau und ergeben ein deutliches Bild über die Geschehnisse. Rund
eine Stunde nach dem Tatereignis, mithin noch in der Tatnacht, schilderte
C._ auf kurze offene Fragen des Polizisten (namentlich wo? was? wie?,
vgl. Urk. 5/1 Fragen 12 ff.) und aus frischer Erinnerung, was er als unmittelbarer
Augenzeuge draussen vor der Bar gesehen hatte. Seine Hinweise erscheinen als
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klar und prägnant, zumal er eingangs bejaht hatte, den Befrager gut zu verstehen
und keine Übersetzung zu benötigen, und er bestätigte das Gesagte am Ende mit
seiner Unterschrift. Es besteht keinerlei Zweifel, dass C._ das gerade Erlebte
zum Kerngeschehen wiedergab und der einvernehmende Polizist die Aussagen
verstand und diese korrekt zu Protokoll nahm. Der Einvernahme sind keine Hin-
weise darauf zu entnehmen, dass er sich nicht hinreichend hätte ausdrücken
können. Die Einvernahme ist somit auch aus dieser Optik verwertbar und kann
zur Erstellung des Sachverhalts herangezogen werden.
III. Schuldpunkt – Sachverhaltserstellung
1. Anklagevorwurf
Der Tatvorwurf – soweit noch Verfahrensgegenstand – findet sich in der Anklage-
schrift (Urk. 24) und ist auch im angefochtenen Urteil dargestellt (Urk. 58 S. 6).
2. Standpunkt des Beschuldigten
Der Beschuldigte bestreitet die ihm vorgeworfenen Tathandlungen weitestgehend.
Er macht geltend, sowohl in der Bar als auch draussen jeweils selber angegriffen
worden zu sein. Er habe sich nur verteidigen und niemanden verletzen wollen
(Urk. 4/1 ff.; Prot. I S. 12 ff.; auch Urk. 58 S. 13 und 15). In der Berufungsverhand-
lung machte der Beschuldigte keine Aussagen mehr zur Sache, sondern verwies
auf seinen bisherigen Aussagen. Er gab lediglich an, nicht wütend auf den Privat-
kläger B._ gewesen zu sein (Urk. 75 S. 3 f.).
Tatort, Tatzeitpunkt und die gutachterlich festgestellten Verletzungen des Privat-
klägers werden vom Beschuldigten nicht bestritten bzw. sind anerkannt (Urk. 4/1
ff., Prot. I S. 11 ff., 27 ff.; Urk. 44 S. 16; Urk. 77 S. 26).
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3. Grundsätze der Beweiswürdigung und Beweismittel
3.1 Zu den Grundsätzen der Beweiswürdigung, namentlich zu den Kriterien bei
der Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Aussagen, ist auf die korrekten und voll-
ständigen Ausführungen der Vorinstanz zu verweisen (Urk. 58 S. 7-9).
Was die Glaubwürdigkeit der beteiligten Personen betrifft (vgl. Urk. 58 S. 13-15),
ist festzuhalten, dass der allgemeinen Glaubwürdigkeit einer Person für die
Wahrheitsfindung ein geringeres Gewicht zukommt als der Glaubhaftigkeit der
konkreten Aussage (BGE 133 I 33 E. 4.3 mit Hinweisen; Urteil des Bundesge-
richts 6B_1204/2016 vom 24. Mai 2017 E. 2.2.2). Entscheidend ist letztlich die
Glaubhaftigkeit der Aussage zum Tathergang bzw. die Überzeugung des Gerichts
betreffend deren Wahrheitsgehalt (Urteil des Bundesgerichts 6B_382/2019 vom
8. August 2019 E. 1.1 mit Hinweisen).
3.2 Die für die Sachverhaltserstellung massgebenden Beweismittel samt Beleg-
stellen sind im angefochtenen Urteil aufgelistet. Darauf ist ebenfalls zu verweisen
(Urk. 58 S. 12 f.). Ergänzend anzuführen sind die Aussagen der Zeugin I._
vom 5. März 2019 (Urk. 5/13) und des Zeugen J._ vom gleichen Tag (Urk.
5/12).
4. Beweiswürdigung
Bei der Sachverhaltserstellung unterteilte die Vorinstanz den Tatablauf in drei
Phasen: Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und K._ in der
D'._ Bar (Urk. 58 S. 15 ff.), Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldig-
ten und dem Privatkläger in der D'._ Bar (Urk. 58 S. 23 ff.) und Geschehens-
verlauf vor der D'._ Bar zwischen dem Beschuldigten und dem Privatkläger
(Urk. 58 S. 31 ff.). Diese Vorgehensweise ist nachfolgend beizubehalten.
4.1 Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und K._ in der
D'._ Bar
Die Aussagen des Beschuldigten, des Privatklägers und diverser Zeugen hierzu
wurden von der Vorinstanz eingehend wiedergegeben und zutreffend gewürdigt.
- 15 -
Darauf kann vorab verwiesen werden (Urk. 58 S. 15-23). Nachfolgend ein Über-
blick mit Ergänzungen:
4.1.1 Der Beschuldigte führte in seiner Einvernahme vom 21. September 2018 (Urk. 4/1) zusammengefasst aus, während er ein Bier getrunken habe, habe
K._ laut zu schreien begonnen und Gott und alles andere beschimpft. Da-
raufhin habe er (Beschuldigter) zu K._ gesagt, er solle leiser sein. Dieser ha-
be ihn angeschrien und erwidert, er solle still sein und nichts mehr sagen
(Urk. 4/1, Fragen 7 und 11). Das Lokal sei sehr eng und er habe beim Gehen an
K._ vorbeigehen müssen. K._ habe ihm den Weg versperrt, auf ihn ein-
geschlagen und ihm mehrere Faustschläge in den Kopfbereich verpasst und ihn
auch getroffen (Urk. 4/1 Fragen 13 und 31). In der Einvernahme vom 8. Februar
2019 (Urk. 4/4) wiederholte der Beschuldigte seine Aussage, dass K._ ihm
ein paar Faustschläge gegeben habe (Urk. 4/4 Frage 5).
Am 27. August 2019 vor Vorinstanz (Prot. I S. 12 ff.) schilderte der Beschuldigte
erneut, K._ habe geschrien, er sei Gott und Jesus. Daraufhin habe er
K._ gebeten, ruhiger zu werden resp. es zu lassen, so dass sie in Ruhe ihre
Getränke konsumieren könnten. Der ältere Mann habe in etwa zu ihm gesagt, er
solle den Mund halten. Als er die Bar habe verlassen wollen, um draussen eine
Zigarette zu rauchen, habe der ältere Mann ihn zuerst mit der Schulter gestossen
und ihm hinterher noch ein paar Faustschläge gegeben. Der Beschuldigte ver-
neinte, dass K._ ihn zuvor in der Bar zurecht gewiesen habe und dass er
diesen daraufhin zurückgestossen habe, worauf K._ ihn (Beschuldigten) kurz
an der Schulter festgehalten habe. Es treffe nicht zu, dass er K._ (den alten
Mann) mit den Händen angegriffen habe.
4.1.2 Gemäss Aussage des Privatklägers B._ vom 21. September 2018 hat ein junger Mann einen alten Mann angegriffen. Dies sei direkt neben ihm gewe-
sen (Urk. 3/1 Frage 1). In der Einvernahme vom 7. Dezember 2018 (Urk. 3/2)
führte der Privatkläger kurz gefasst aus, als er aus einem Nebenraum in die Bar
zurückgekommen sei, habe der Beschuldigte einen alten Mann (gemeint
K._) mit den Händen gegriffen und ihn vielleicht auch getreten. Sie hätten
gestritten und beide geschrien. Der Beschuldigte habe schon vorher an der Bar
- 16 -
sitzend provoziert. Der Beschuldigte habe beim Streit mit dem alten Mann mit den
Armen auch Handbewegungen vor sich gemacht. Er verneinte, Schläge des alten
Mannes gegenüber dem Beschuldigten gesehen zu haben. Er habe einfach ge-
sehen, dass der Beschuldigte den alten Mann mit den weissen Haaren irgendwie
angegriffen habe (Urk. 3/2, Fragen 14, 15, 17 und 18). Von Anfang an sei offen-
sichtlich gewesen, dass der Beschuldigte provoziert habe. Der alte Mann und der
Beschuldigte hätten sich quasi hin und her gezogen (Urk. 3/2 Frage 69).
Anlässlich der Hauptverhandlung vor Vorinstanz vom 27. August 2019 (Prot. I
S. 34 ff.) – mithin ein knappes Jahr nach dem Vorfall – schilderte der Privatkläger,
als er und sein Kollege in der D'._ Bar ein Bier getrunken hätten, habe er den
Beschuldigten etwas schreien gehört. Dann habe der Beschuldigte hinausgehen
wollen, wobei auf dem Weg zum Ausgang ein alter Mann mit weissen Haaren
(gemeint K._) gewesen sei. Der Beschuldigte habe mit diesem Streit gehabt.
Er selber sei dann in einen anderen Raum gegangen um diesen anzuschauen
und wieder zurückgekehrt (Prot. I. S. 36). Der Beschuldigte sei ziemlich laut ge-
wesen. Man habe ihn gehört, obwohl alle Leute miteinander gesprochen hätten.
Man habe sofort gemerkt, dass er aggressiv gewesen sei. Dann sei der Beschul-
digte in Richtung Ausgang gegangen und habe sich mit K._ gestritten. Man
habe sofort gesehen, dass der Beschuldigte provoziert habe und aggressiv gewe-
sen sei (Prot. I S. 39).
4.1.3 Den Darlegungen von K._ anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 21. September 2018 (Urk. 1/1 S. 5 f.) ist zu entnehmen, dass in der Bar
plötzlich ein Geschrei losgegangen sei. Nach dem Umdrehen habe er sehen kön-
nen, dass ein Typ (gemeint der Beschuldigte) laut herumgeschrien und gesagt
habe, dass alle hier drin zu laut seien und sie doch ruhig sein sollen. Die Musik
sei zudem auch zu laut gewesen. Er habe den Eindruck gehabt, dass dieser Typ
betrunken gewesen sei, denn er sei sehr aufbrausend und laut gewesen. Da er
nicht gewusst habe, was der Beschuldigte gehabt habe, sei er auf ihn zugegan-
gen und habe ihn nach seinem Problem gefragt. Die Barfrau habe ihm erklärt, sie
kenne diesen Typen, er sei vermutlich betrunken und er solle ihn in Ruhe lassen.
Der Beschuldigte habe sich dann beruhigt, er selber sei an die Bar zurück gegan-
- 17 -
gen und es sei auch wieder Ruhe in die Bar eingekehrt. Als er wieder an der Bar
gestanden sei, sei er plötzlich vom Beschuldigten angerempelt worden. Die Platz-
verhältnisse in der Bar seien sehr eng. Der Beschuldigte habe versucht an ihm
vorbeizugehen und habe ihn dann auch provoziert. Als der Beschuldigte ihm ins
Gesicht habe fassen wollen, habe er ihn festgehalten (Urk. 1/1 S. 5 f.).
In seiner Zeugeneinvernahme vom 8. Februar 2019 (Urk. 5/7) gab K._ zu
Protokoll, es habe laute Musik gehabt. Plötzlich habe einer sinngemäss geschrien
"Ruhig, seid etwas ruhig!". Er habe zur Zeugin L._ gesagt, was denn mit dem
los sei. Diese habe geantwortet, sie kenne ihn, wisse aber nicht, was mit ihm los
sei, vielleicht habe er zu viel getrunken. Der Privatkläger habe sinngemäss
gerufen, dass ihnen niemand zu sagen habe, wie laut sie sein müssten. Sie hät-
ten dann weiter miteinander gesprochen und es weiterhin lustig gehabt. Er sei
zwischen der Bar und der Wand gestanden, viel Raum sei nicht übrig geblieben.
Als der Beschuldigte gekommen sei, sei er (K._) rückwärts an die Wand ge-
treten, um diesem zum Vorbeigehen Platz zu machen. Auf seiner Höhe habe der
Beschuldigte mit der Brust an seine Brust gedrückt, so dass es kurz Körperkon-
takt gegeben habe. Er habe den Beschuldigten gefragt, was los sei und habe ihn
gleichzeitig etwas zurückgestossen. Der Beschuldigte sei auf ihn zugekommen,
wobei sich das Ganze in einer Distanz von einem knappen Meter abgespielt ha-
be. Er habe den Beschuldigten an der Schulter und vermutlich kurz am (Hinter-
)Kopf festgehalten, ihn weggestossen und auf Distanz gehalten. Dies sei innert 2
bis 3 Sekunden passiert (Urk. 5/7 Frage 12 und 24). Der Beschuldigte habe nicht
auf ihn eingeschlagen, aber ihn angerempelt und ihn etwas gestossen (Urk. 5/7
Frage 21). Ebenso verneinte der Zeuge K._, selber den Beschuldigten ge-
schlagen zu haben. Auf Vorhalt der diesbezüglichen Behauptungen des Beschul-
digten verneinte er dezidiert und wiederholt, dass er oder sonst jemand in der Bar
auf den Beschuldigen eingeschlagen habe. Es habe keine Faustschläge von nie-
mandem gegeben (Urk. 5/7 Fragen 24 und 31 ff.).
4.1.4 Gegenüber der Polizei berichtete L._ am 21. September 2018 (vgl. Urk. 1/1 S. 6), als sie mit K._ an der Bar gewesen sei, habe der
Beschuldigte plötzlich in der Bar herumgeschrien und gefordert, alle sollten ruhig
- 18 -
sein, alle seien zu laut hier. Sie kenne den Beschuldigten von dieser Bar, wo sie
ihn schon oft gesehen habe. Sie habe nicht gewusst was los sei mit ihm, er sei
sonst ein ganz Normaler. K._ sei zum Beschuldigten hingegangen, habe et-
was mit ihm besprochen und dann hätten sie und K._ sich weiter an der Bar
unterhalten. Etwas später sei K._ vom Beschuldigten angerempelt worden.
K._ habe von diesem wissen wollen, was eigentlich los sei, und es habe ir-
gendwie ein kleines Handgemenge zwischen den beiden gegeben.
In ihrer Zeugeneinvernahme vom 8. Februar 2019 (Urk. 5/8) führte L._ aus,
dass sie K._ in der Bar getroffen und sich zu ihm gesetzt habe. Sie hätten
etwas miteinander gesprochen. Sie habe dann gesehen, dass der Beschuldigte
etwas aufgewühlt oder aufgeregt gewesen sei. Er sei gestresst gewesen, weil ihm
die Musik zu laut gewesen sei und alle zu laut gesprochen hätten. Man – d.h. alle
Leute, also auch die Barfrau und sie zwei – hätten versucht, ihn zu beruhigen
(Urk. 5/8 Frage 11 ff.). Der Beschuldigte sei dann nach draussen gegangen, er
habe sich aufgeregt und Leute weggestossen (Urk. 5/8 Frage 15). Der Beschul-
digte sei auf K._ zugegangen und habe ihn gestossen, respektive er sei in
K._ hineingelaufen. K._ habe ihn zur Seite geschoben und vielleicht
noch ein paar Sprüche gemacht, dann sei es für ihn (K._) erledigt gewesen
(Urk. 5/8 Frage 17 f.). Die Zeugin sprach auch von Rangelei (Urk. 5/8 Frage 36).
Schläge in der Bar hat die Zeugin L._ keine gesehen (Urk. 5/8 Frage 32).
4.1.5 M._ sagte anlässlich ihrer Zeugeneinvernahme vom 8. Februar 2019 (Urk. 5/9) aus, der Beschuldigte, den sie weder vor noch nach dem 20. Septem-
ber 2018 je gesehen habe, sei ihr aufgefallen, weil er alle in der Bar angepöbelt
und recht aggressiv gewirkt habe. Er habe für sie aber nicht so ausgesehen, dass
er unbedingt einen Streit gewollt habe (Urk. 5/9 Frage 14). Sie und K._ seien
gegenüber der Bartheke mit dem Rücken an der Wand gestanden und hätten sich
unterhalten. Der Beschuldigte sei am Ende der Bartheke gewesen und habe nach
draussen gehen wollen. Er habe sich an K._s Bauch gestört und das Gefühl
gehabt, K._ lasse ihn nicht vorbeigehen. Er habe dann eine Schlägerei mit
K._ begonnen. Es sei nicht so weit gekommen, dass Schläge ausgeteilt wor-
den seien. Es sei keine Schlägerei gewesen, sie bejahte aber Handgreiflichkeiten
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zwischen dem Beschuldigten und K._. Die Barmaid I._ (gemeint
I._, vgl. Urk. 5/13) sei nach vorne gekommen, habe die beiden getrennt und
dann sei der Beschuldigte nach draussen gegangen (Urk. 5/9 Fragen 24 und 27).
Die Situation habe sich wieder beruhigt (Urk. 5/9 Fragen 16 und 23 f.). Die Frage,
ob jemand in der Bar auf den Beschuldigten eingeschlagen habe, verneinte sie
(Urk. 5/9 Frage 28).
4.1.6 Die Barmaid I._ erwähnte gegenüber der Polizei am 21. September 2018 (Urk. 1/1 S. 6), der Beschuldigte sei schon sehr aggressiv in die Bargekom-
men. Sie habe ihm gesagt, er soll sich beruhigen. Dann habe der Beschuldigte
K'._ (gemeint K._) geschubst.
Als Zeugin in der Einvernahme vom 5. März 2019 (Urk. 5/13) beschrieb sie den
Beschuldigten als sonst immer ruhigen, gelegentlichen Gast in der Bar (Urk. 5/13
Frage 6). Am 20. September 2018 sei er ein wenig aggressiv in die Bar gekom-
men und laut geworden. Er habe reklamiert, dass er Ruhe haben möchte. Sie ha-
be ihn gebeten, ruhig zu sein. Sie habe ihm gesagt, wenn er Ruhe haben wolle,
solle er nach Hause gehen und sein Bier in Ruhe trinken. In der Bar gäbe es we-
gen der vielen Gäste keine Ruhe. Dann habe der Beschuldigte eine laute verbale
Auseinandersetzung mit K._ gehabt. Der Beschuldigte sei in einer ganz an-
deren Welt gewesen, er sei aggressiv gewesen und habe vermutlich getrunken.
Sie habe gedacht, sie müsse den Chef rufen. Deshalb sei sie in die Küche ge-
gangen und habe den Chef (gemeint J._, vgl. Urk. 5/12) geholt. Sie habe
diesem gesagt, er solle den Beschuldigten nach draussen führen, weil er laut
geworden sei (Urk. 5/13 Fragen 23 und 27). Der Chef sei dann auch sofort ge-
kommen. Auf die Frage, ob es zu einem physischen Streit zwischen dem Be-
schuldigten und K._ gekommen sei, antwortete sie, das nicht gesehen zu
haben, da sie in der Zwischenzeit zum Chef in die Küche gegangen sei. Nach ih-
rer Angabe hat sie ebenso wenig gesehen, ob sich jemand in den Streit zwischen
dem Beschuldigten und K._ eingemischt habe (Urk. 5/13 Fragen 20-24).
4.1.7 J._, der Geschäftsführer der D'._ Bar und des Restaurants N._ im gleichen Haus, bestätigte in der Befragung durch die Polizei am
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21. September 2018, von der Bardame geholt worden zu sein, weil zwei Perso-
nen miteinander gestritten hätten (Urk. 1/1 S. 6).
In seiner Einvernahme als Zeuge vom 5. März 2019 (Urk. 5/12) führte er aus,
nicht viel mitbekommen zu haben. Er sei in der Küche gewesen als I._ ihm
mitgeteilt habe, es gebe eine Auseinandersetzung, worauf er in die Bar gegangen
sei (Urk. 5/12 Frage 11). Auf entsprechenden Vorhalt erklärte er, selber nicht
gesehen zu haben, ob K._ an der Auseinandersetzung in der Bar beteiligt
gewesen sei (Urk. 5/12 Frage 19).
4.1.8 Die Begleitperson des Privatklägers, sein Landsmann C._, gab am 21. September 2018 in der Befragung durch die Polizei (Urk. 5/1) zu Protokoll, der
aggressive Typ (gemeint der Beschuldigte) habe in der Bar mit einem alten Mann
(gemeint K._) einen Streit gehabt. Der Beschuldigte habe diesen Mann ge-
schlagen (Urk. 5/1 Fragen 11 und 32). Den Grund dafür habe er nicht gewusst.
In seiner Zeugeneinvernahme vom 16. Januar 2019 (Urk. 5/2) erwähnte er, der
Beschuldigte sei in der Bar laut gewesen. Es habe wegen ihm Streit gegeben, an
welchem der Beschuldigte sicher beteiligt gewesen sei (Urk. 5/2 Fragen 17, 21
und 23).
4.1.9 Würdigung
4.1.9.1 Sowohl aus den Aussagen des Privatklägers als auch jenen der Zeugen
K._, L._, M._ und I._ ergibt sich, dass der Beschuldigte an je-
nem Abend in der D'._ Bar unangenehm aufgefallen war. Sie alle haben un-
mittelbar miterlebt, wie er plötzlich herumschrie, weil er sich über den Lärm in der
Bar aufregte und lauthals Ruhe verlangte. So reklamierte er, alle seien zu laut
hier, würden zu laut sprechen, alle sollten ruhig sein. Auch die Musik sei dem
Beschuldigten zu laut gewesen. Gemäss dem Privatkläger hat der Beschuldigte
provoziert und ist aggressiv gewesen, K._ empfand den Beschuldigten als
aufbrausend, L._ beschrieb ihn als aufgewühlt oder aufgeregt bzw. gestresst.
Auch auf M._ wirkte der Beschuldigte aggressiv, weil er alle in der Bar ange-
pöbelt habe, und die Barmaid I._ erwähnte, der Beschuldigte sei schon
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(sehr) aggressiv in die Bar gekommen und laut geworden, weil er Ruhe gewollt
habe. Letztere kannte den Beschuldigten als sporadischen Besucher der Bar, der
ansonsten ein ganz normaler und ruhiger Mensch sei und alle begrüsse. Ihre Bitte
an den Beschuldigten, ruhig zu sein oder nach Hause zu gehen und dort in Ruhe
sein Bier zu trinken statt in der Bar mit den vielen Gästen, wo keine Ruhe herr-
sche, blieb offenbar erfolglos. Als es zufolge der Zeugin I._ zu einer lauten
verbalen Auseinandersetzung des Beschuldigten mit K._ kam und ihr der
Beschuldigte aggressiv und wie in einer andern Welt erschien, entschloss sie
sich, den Chef des Lokals holen zu gehen.
4.1.9.2 Weiter ist der Zeugenaussage von K._ zu entnehmen, dass dieser
auf den Beschuldigten zuging und ihn auf sein Problem ansprach, worauf sich der
Beschuldigte beruhigte und auch im Lokal wieder Ruhe einkehrte. Das bestätigte
die Zeugin L._: Nachdem K._ zum Beschuldigten hingegangen ist und
mit diesem etwas besprochen hat, ist K._ wieder zu ihr an die Bar zurückge-
kehrt, wo man sich weiter unterhielt. Einhellig, wenn auch mit unterschiedlichen
Worten, schilderten sodann die Zeugen K._ sowie die Zeuginnen L._
und M._, dass K._ etwas später plötzlich vom Beschuldigten angerem-
pelt ("mit der Brust an seine Brust gedrückt") und etwas gestossen worden ist,
worauf K._ den Beschuldigten an der Schulter und allenfalls kurz am Kopf
festhielt und wegstiess, wie er selber umschrieb. Nach L._ ist der Beschul-
digte in K._ hineingelaufen, worauf ihn dieser zur Seite schob, so dass ir-
gendwie ein kleines Handgemenge resp. eine Rangelei zwischen den beiden
stattfand. M._ resümierte ihre Beobachtung dahin, dass sich der Beschuldig-
te wohl am Bauch von K._ gestört und das Gefühl gehabt habe, letzterer las-
se ihn nicht vorbeigehen, was in Handgreiflichkeiten zwischen dem Beschuldigten
und K._ mündete. Zudem nahm auch der Privatkläger wahr, dass der Be-
schuldigte den Mann mit den weissen Haaren, K._, irgendwie angegriffen
hat, was zu einem Streit der beiden führte.
4.1.9.3 Übereinstimmend erklärten die Zeugen ferner, dass es nicht zu Schlägen
in der Bar gekommen sei. Laut K._ hat weder der Beschuldigte auf ihn ein-
geschlagen noch hat er selber oder sonst jemand den Beschuldigten geschlagen.
- 22 -
Das gab er auf Vorhalt der diesbezüglichen Behauptungen des Beschuldigten de-
zidiert und wiederholt zu Protokoll. Es habe keine Faustschläge von niemandem
gegeben. Auch L._ hat keine Schläge in der Bar gesehen. Ebenso vernein-
ten M._ und der Geschädigte explizit, dass jemand, namentlich K._, in
der Bar auf den Beschuldigten eingeschlagen habe.
4.1.9.4 Mit Recht hat die Vorinstanz die umfangreichen, detaillierten und auch im
Wesentlichen konstanten sowie zurückhaltenden Aussagen von K._ als
glaubhaft bezeichnet. Das gilt auch für die anschaulichen, realitätsnahen und
ebenfalls durch spezielle Details geprägten Schilderungen der Zeuginnen L._
und M._. Die Aussagen dieser drei unabhängigen Zeugen erweisen sich zu-
dem als weitgehend kongruent. Zur Darstellung des Privatklägers zu diesem
Sachverhaltsabschnitt ist mit der Vorinstanz zu konstatieren, dass sie weniger
einheitlich und differenziert ausfiel. Dennoch rundet sie das gewonnene Bild ab.
Die Aussagen von C._ zu diesem Anklagepassus sind hingegen unergiebig.
Das verwundert nicht, beachtete der Zeuge den Beschuldigten doch damals nicht
weiter. Immerhin hat auch C._ den Beschuldigten als laut wahrgenommen –
was selbst ohne spezifisches Hinschauen möglich ist – und als Streitverursacher
bezeichnet (Urk. 5/2 Fragen 17 und 21). C._s Behauptung, der Beschuldigte
habe K._ geschlagen, ist wie aufgezeigt unzutreffend. Sie dürfte auf blosser
Mutmassung basieren, nicht auf persönlicher Wahrnehmung, und daher keiner
gezielten Belastung des Beschuldigten entsprechen. Einerseits schaute C._
gerade nicht in Richtung des Streitorts und gab ferner an, er glaube, dass alle
aufgestanden seien und es sehr schnell gegangen sei. Darüber hinaus dürfte von
C._s Position am unteren Ende der Bar-Theke in Richtung Mitte der Bar, wo
K._ sich aufhielt, bei der gut besuchten Bar kaum freie Sicht bestanden ha-
ben (Urk. 5/2 Fragen 20 ff.).
Das Beweisergebnis zur Aggression und zum lauten Benehmen des Beschuldig-
ten sowie zu dessen Anrempeln von K._ wird überdies bestärkt durch die
Aussagen von I._, die in der polizeilichen Einvernahme von "Schubsen"
sprach. Dass sie eigens ihren Chef, den Geschäftsführer des Lokals, von des-
sen Tätigkeit aus der Küche herbeiholte – was der Zeuge J._ bestätigte –,
- 23 -
macht deutlich, dass sie das aggressive Verhalten des Beschuldigten gegenüber
dem älteren Gast K._ als bedrohlich und interventionswürdig empfunden ha-
ben muss, zumal ihre vorgängigen Beschwichtigungsversuche gegenüber dem
Beschuldigten nicht gefruchtet hatten.
4.1.9.5 Die Sachdarstellung des Beschuldigten, der im Gegensatz zu den Zeu-
genaussagen und auch zu jenen des Privatklägers wiederholt geltend machte, der
Zeuge K._ habe ihm den Weg versperrt und ihm mehrere Faustschläge in
den Kopfbereich verpasst (vgl. vorne Erw. III. 4.1.1), ist mit der Vorinstanz (Urk.
58 S. 22) als unglaubhaft und damit als Schutzbehauptung zu werten. Seine dies-
bezüglichen Schilderungen sind überdies detailarm. Zudem drehte der Beschul-
digte das Geschehene zu seinen Gunsten um, indem er vortrug, dass er den
Zeugen K._ zurecht gewiesen habe, weil dieser in der Bar herumgeschrien
und Gott und die Welt beschimpft bzw. sich als Gott und Jesus bezeichnet habe
(Urk. 4/1 Frage 7; Prot. I S. 12), was als weitere Schutzbehauptung zu qualifizie-
ren ist. Das Beweisergebnis zeigt vielmehr, dass es K._ war, der den Be-
schuldigten auf sein lautes Verhalten angesprochen hatte. An alledem ändert die
Aussage von Zeuge J._ nichts, der gemäss eigener Angabe zwar selber
nichts gesehen hat, aber "von Leuten" mitbekommen resp. gehört haben will,
dass (auch) K._ auf den Beschuldigten eingeschlagen haben soll (Urk. 5/12
Fragen 19 und 25).
4.1.10 Fazit
Zur Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und K._ in der
D'._ Bar am Abend des 20. Septembers 2018 vor der eingeklagten Tat ist im
Einklang mit der Vorinstanz auf den durch die Zeugen K._, L._ und
M._ übereinstimmend und glaubhaft geschilderten Geschehensablauf – wel-
cher durch die Aussagen des Privatklägers und jene der Zeugin I._ ergän-
zend gestützt wird – abzustellen. Damit ist der erste Sachverhaltsabschnitt er-
stellt, wonach der Beschuldigte den Bar-Gast K._, der ihn zuvor zurecht ge-
wiesen hatte, anrempelte, worauf dieser ihn etwas zurückstiess und kurz an der
Schulter festhielt. Diese Schlussfolgerung ist entgegen der Auffassung der Vertei-
digung (vgl. dazu Urk. 77 S. 6) auch mit der Anklagschrift vereinbar.
- 24 -
4.2 Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und dem Privatkläger in
der D'._ Bar
Laut der Anklage hat nun der Privatkläger von hinten seinen Arm um den Ober-
körper des Beschuldigten gelegt und ihn weggezogen, woraufhin es zwischen den
beiden zu Tätlichkeiten gekommen sei. Der Beschuldigte sei vor das Lokal ge-
bracht worden, wo er vor dem Haus verblieb.
Die Vorinstanz hat sich einlässlich mit den verschiedenen Aussagen und Stand-
punkten befasst und eine sorgfältige Würdigung vorgenommen (Urk. 58 S. 23 ff.,
28 ff.). Darauf ist vorab zu verweisen. Die nachstehenden Erwägungen verstehen
sich als Zusammenfassung mit teilweiser Ergänzung und im Ergebnis mit einer
kleinen Korrektur.
4.2.1 Der Beschuldigte stellt dieser von ihm bestrittenen Anklagepassage seine eigene Sachdarstellung gegenüber. So führte er anlässlich der polizeilichen
Einvernahme vom 21. September 2018 (Urk. 4/1) aus, dass ihm ein anwesender
Mann (gemeint der Privatkläger) den Arm um seinen Hals gelegt und ihn so ge-
packt habe. Er habe während etwa einer halben Minute zugedrückt (Urk. 4/1 Fra-
ge 13). Später in derselben Einvernahme erklärte er, einer der beiden jungen
Männer habe ihn am Hals gehalten. Er habe nichts gegen den alten Mann ma-
chen können, weil ihn der andere Mann sofort am Hals gepackt habe (Urk. 4/1
Fragen 35 und 36). Einer habe ihn am Hals gepackt und K._ habe ihm ein
paar Faustschläge gegeben (Urk. 4/1 Frage 46). Einer habe ihn am Hals gepackt
und ihn fast umgebracht. Er habe nicht mehr atmen können, weil er so fest am
Hals gepackt worden sei (Urk. 4/1 Fragen 70 und 71). Der Privatkläger habe ihm
einen Arm von hinten um den Hals gelegt, wohl den rechten Arm. In dieser Positi-
on habe der Privatkläger ihn ungefähr eine halbe Minute gehalten und er habe
nicht atmen können (Urk. 4/1 Fragen 91 und 92). Auf die Frage, ob ihn der Chef
der Bar vor das Lokal begleitet habe, antwortete der Beschuldigte, es habe viele
Anwesende gehabt, auch Sicherheitsmitarbeiter. Diese hätten sie (gemeint ihn
und den Privatkläger) auseinandergebracht und er sei nach draussen gegangen.
- 25 -
Dass er aus dem Lokal gewiesen worden sei, verneinte er (Urk. 4/1 Fragen 18
und 19).
Auch in der Befragung vom 7. Dezember 2018 (Urk. 4/2) erklärte der Beschuldig-
te, dass K._ ihm einige Faustschläge verpasst und der Privatkläger ihn
danach am Hals gepackt habe und er fast zu Boden gefallen sei. Danach sei der
Chef mit einem Security gekommen. Er sei ja dabei gewesen rauszugehen, also
sei er rausgegangen (Urk. 4/2 Frage 19).
Anlässlich der Hauptverhandlung vom 27. August 2019 betonte der Beschuldigte
erneut, dass ihn zwei junge Männer angegriffen hätten und ihn einer am Hals
gepackt habe. Dieser habe ihn einige Sekunden resp. bis zu einer halben Minute
gehalten, so dass er gedacht habe, dass er sterben und keine Luft mehr bekom-
me werde. Dessen Kollege habe ihn dann auch angegriffen bzw. ihn mit Fäusten
attackiert. Dann seien der Inhaber der Bar und noch ein paar andere Leute dazu
ge-stossen. Er habe das Bierglas auf die Theke gestellt und die Bar verlassen
(Prot. I S. 13). Wenig später wiederholte der Beschuldigte, vom Privatkläger und
von dessen Kollege mehrere Faustschläge auf den Kopf bekommen zu haben.
Auf die Art der Schläge angesprochen, führte er aus, einer habe versucht, ihn auf
den Boden zu legen, es aber nicht geschafft. Als er eine gewisse Tiefe erreicht
habe, hätten ihn beide mit Fusstritten attackiert. Auf Nachfrage präzisierte er, mit
den Fäusten am Kopf geschlagen und mit den Fusstritten am Körper attackiert
worden zu sein. Er glaube, irgendwann sei der Inhaber der Bar gekommen und
habe ihn nach draussen begleitet und ihn etwas weiter weg vom Eingang bei den
Betonkisten mit den Blumen zurückgelassen. Der Chef habe ihm nur gesagt, er
solle nach Hause gehen und er habe geantwortet, das werde er tun (Prot. I S. 15-
17). Auf konkreten Vorhalt der von seiner Darstellung abweichenden Aussagen
der Zeugen K._ und M._ sowie jenen des Privatklägers erwiderte der
Beschuldigte, diese würden nicht stimmen und verwies auf seine Aussagen, so
habe es sich zugetragen (Prot. I S. 13-15).
4.2.2 Der Privatkläger beschrieb in seiner Einvernahme vom 21. September 2018 (Urk. 3/1), dass er den Beschuldigten von hinten gepackt habe, damit dieser
K._ nicht mehr habe schlagen können. Der Beschuldigte habe ihn dann
- 26 -
angegriffen. Er habe sich verteidigen wollen, aber sein Kollege C._ habe ihn
festgehalten, worauf der Beschuldigte ihn ca. 4-5 Mal mit den Fäusten ins Gesicht
geschlagen habe. Er habe den Beschuldigten vielleicht auch ein bisschen ge-
schlagen (Urk. 3/1 Fragen 1 und 2). Der Beschuldigte sei dann vom Bar-Chef
rausgeworfen worden (Urk. 3/1 Frage 1).
In der Einvernahme vom 7. Dezember 2018 (Urk. 3/2) präzisierte der Privatkläger
seine Aussagen dahingehend, dass er den Beschuldigten von hinten weggezogen
und ihm gesagt habe, dass er aufhören solle. Er habe von hinten den rechten Arm
um den oberen Brustbereich des Beschuldigten gelegt, so dass seine rechte
Hand auf dessen linker Schulter gewesen sei. Vielleicht sei er auch ein bisschen
an dessen Hals gekommen. Er sei sich nicht sicher, ob er seinen Arm auch um
den Hals des Beschuldigten gelegt habe, da es sehr schnell gegangen sei. Er ha-
be den Arm ein paar Sekunden um den Oberkörper/Hals des Beschuldigten ge-
legt. Daraufhin habe sich der Beschuldigte umgedreht und begonnen, ihn zu
schlagen. Der Zeuge C._ sei von hinten gekommen und habe von hinten mit
seinen Armen seine (des Privatklägers) Arme umschlossen, so dass er diese seit-
lich nach unten habe halten müssen. Weiter führte der Privatkläger aus, dass der
Beschuldigte ihm mehrfach – nicht kräftig – mit der Faust ins Gesicht geschlagen
habe, dies auch noch, als C._ seine Arme nach unten haltend fixiert habe
(Urk. 3/2 Fragen 19 bis 26). C._ habe nicht gewollt, dass er und der Be-
schuldigten sich schlagen würden. Es sei dann der Chef der Bar gekommen oder
ein Türsteher und habe den Beschuldigten, der einige Schritte in Richtung Aus-
gang gegangen sei, ganz nach draussen geführt (Urk. 3/2 Fragen 28, 31 und 32).
Mit den Aussagen des Beschuldigten konfrontiert, gab der Privatkläger ferner zu
Protokoll, dass er ihn nur weggezogen habe. Es sei von Anfang an offensichtlich
gewesen, dass der Beschuldigte provoziert habe. K._ und der Beschuldigte
hätten sich so wie hin und her gezogen. Er habe sicher nicht 30 Sekunden zuge-
drückt. Er habe den Beschuldigten weggezogen und dieser habe sich sofort um-
gedreht (Urk. 3/2 Frage 69).
Anlässlich der Hauptverhandlung vom 27. August 2019 sagte der Privatkläger
aus, dass der Beschuldigte und K._ am Streiten gewesen seien. Er habe den
- 27 -
alten Mann, K._, automatisch verteidigen und die Situation beruhigen wollen.
Er habe nicht warten wollen, bis der Beschuldigte K._ schlage. So habe er
den Beschuldigten am Hals bzw. – auf Nachfrage – am oberen Brustbereich und
ein bisschen auch am Hals von ihm (gemeint K._) zurückgezogen, um mit
dem Beschuldigten zu reden, damit er aufhöre. Das demonstrierte der Privatklä-
ger vor Vorinstanz auch an einem Zuschauer, indem er seinen Arm um dessen
Brust und Halsbereich legte (Prot. I S. 36 und 40 f.). Der Beschuldigte habe sich
sofort umgedreht und angefangen, ihn mit den Fäusten zu schlagen. Dann habe
ihn C._ von hinten gepackt und gesagt "B._, hör auf zu schlagen" und
er habe vom Beschuldigten noch mehr Faustschläge kassiert. Die Frage, ob er
den Beschuldigten auch geschlagen habe, verneinte der Privatkläger und gab zu
Protokoll, dass er ihn vielleicht ein, zwei Mal, aber nicht im Gesicht, geschlagen
habe. C._ habe ihn gehalten. Vielleicht ein bis zwei Fäuste in den Bauch, an
das erinnere er sich. Er habe nichts gemacht, er habe den Beschuldigten nur be-
ruhigen wollen (Prot. I S. 42). Es seien zwei Türsteher und der Chef oder so ge-
kommen und hätten den Beschuldigten nach draussen gezogen (Prot. I S. 36, 39
f., 43). Auf Nachfrage fügte der Privatkläger an, die Faustschläge des Beschuldig-
ten gegen ihn in der Bar seien so schwach gewesen, dass er gelacht habe (Prot. I
S. 45).
4.2.3 Gemäss der Aussage von Zeuge K._ anlässlich seiner polizeilichen Einvernahme vom 21. September 2018 sind ihm im Moment, als der Beschuldigte
ihm habe ins Gesicht fassen wollen und er ihn daraufhin gepackt habe, zwei un-
bekannte Personen zu Hilfe gekommen, hätten den Beschuldigten gepackt und
nach draussen gebracht (Urk. 1/1 S. 6).
In seiner Zeugeneinvernahme vom 8. Februar 2019 (Urk. 5/7) präzisierte er, dass
es dann "schwupp" gemacht und einer den Beschuldigten weggerissen habe. Er
sei dem Beschuldigten schräg gegenüber gestanden. Links von ihm aus gesehen
habe jemand den Beschuldigten zurückgerissen (Urk. 5/7 Frage 12). Es sei für ihn
sehr überraschend gewesen und sehr schnell gegangen. Er wisse aber nicht, wie
der Beschuldigte gehalten worden sei, als er weggerissen worden sei (Urk. 5/7
Frage 22 f.). Es habe niemand in der Bar auf den Beschuldigten eingeschlagen.
- 28 -
Der Beschuldigte sei direkt von ihm weg nach draussen geführt worden (Urk. 5/7
Frage 25). Zudem habe er nicht mitbekommen, dass der Privatkläger dem Be-
schuldigten von hinten den Arm um den oberen Brustbereich gelegt haben soll, so
dass seine rechte Hand auf dessen linker Schulter gewesen sein soll und dass
der Beschuldigte sich gedreht und dem Privatkläger mehrfach die Faust ins Ge-
sicht geschlagen haben soll, während er selbst von seinem Kollegen von hinten
gehalten worden sein soll. Anschliessend habe er den Beschuldigten nicht mehr
gesehen, dieser sei draussen gewesen (Urk. 5/7 Frage 33).
4.2.4 C._ sagte anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 21. September 2018 aus, der Privatkläger habe K._ helfen wollen, er
(C._) habe ihn aber zurückgehalten, weil der Privatkläger nervös gewesen
sei und er (C._) kein gutes Gefühl gehabt habe (Urk. 5/1 Frage 11).
In der Zeugeneinvernahme vom 16. Januar 2019 sagte er aus, der Privatkläger
habe K._ in Schutz nehmen wollen. Sodann verneinte C._, einen Faust-
schlag des Beschuldigten ins Gesicht des Privatklägers gesehen zu haben
(Urk. 5/2 Fragen 25 und 27). Auch habe er nicht gesehen, dass der Privatkläger
den Beschuldigten gepackt habe. Er selber habe den Privatkläger von hinten ge-
halten und zu sich gezogen. Er habe keinen physischen Kontakt zwischen dem
Beschuldigten und dem Privatkläger gesehen. Der Privatkläger habe ihm später
aber gesagt, dass der Beschuldigte ihm ins Gesicht geschlagen habe. Das Ganze
sei sehr schnell gegangen, vielleicht 30 Sekunden (Urk. 5/2 Fragen 29 ff.). Der
Beschuldigte sei nach draussen geführt worden (Urk. 5/2 Fragen 41, 44 und 82
f.).
4.2.5 In seiner Zeugeneinvernahme vom 16. Januar 2019 erklärte der Zeuge
H._ (Urk. 5/5), er habe gesehen, dass der Privatkläger den Beschuldigten von hinten gezogen habe. Der Privatkläger habe dem Beschuldigten von hinten
den Arm um den Oberkörper oder den Hals gelegt (Urk. 5/5 Frage 13).
Anschliessend sei der Beschuldigte nach draussen gebracht worden (Urk. 5/5
Fragen 22-24).
4.2.6 M._ erwähnte am 8. Februar als Zeugin, der Privatkläger habe zum
- 29 -
Beschuldigten gesagt, alte Leute schlage man nicht (Urk. 5/9 Frage 16).
- 30 -
4.2.7 Die Bardame I._ führte am 21. September 2018 gegenüber der Polizei aus, als der Beschuldigte K._ geschubst habe, habe der Privatkläger ver-
sucht, den Beschuldigten zu stoppen (und gesagt), er solle nicht einen alten Mann
angreifen. Der Beschuldigte sei dann rausgeschickt worden (Urk. 1/1 S. 6).
Laut ihrer Zeugenaussage vom 5. März 2019 (Urk. 5/13) hat I._ nicht gese-
hen, ob es (auch) zu einem physischen Streit zwischen dem Beschuldigten und
K._ gekommen sei, da sie inzwischen zum Chef in die Kühe gegangen sei
(Urk. 5/13 Frage 20). Auch hat sie nicht gesehen, ob sich jemand in den Streit
zwischen dem Beschuldigten und K._ einmischte (Urk. 5/13 Frage 22). Der
Chef (J._) sei sofort voraus in die Bar gegangen und sie hinter ihm gefolgt
(Urk. 5/13 Frage 24). Sie hätten sofort reagiert und den Beschuldigten nach
draussen gebracht. Sie habe dem Chef gesagt, er solle den Beschuldigten nach
draussen führen (Urk. 5/13 Fragen 23 und 27). Sie habe niemanden schlagen
gesehen, als sie aus der Küche zurück gekommen sei. Bei der Türe seien auch
die beiden Slowaken (gemeint der Privatkläger und der Zeuge C._) gewesen
(Urk. 5/13 Fragen 25 ff.). Der Chef habe den Beschuldigten genommen, gesagt
es sei Feierabend für ihn und habe ihn nach draussen begleitet, wo der Chef
ebenfalls noch (einige Minuten) geblieben sei. Der Beschuldigte sei dann
draussen gewesen und habe nicht mehr reinkommen dürfen. Er sei auch
draussen geblieben. Der Chef habe ihr gesagt, sie dürfe den Beschuldigten nicht
mehr bedienen. Dann sei der Chef wieder in die Küche zurückgerufen worden
und es sei (in der Bar) alles ruhig weiter gegangen (Urk. 5/13 Fragen 14, 17 ff.,
27, 31, 36).
4.2.8 Wie schon dargelegt, bestätigte der Zeuge J._ in der Befragung durch die Polizei am 21. September 2018, von der Bardame I._ geholt worden zu
sein, weil zwei Personen miteinander gestritten hätten. Er habe die zwei Perso-
nen getrennt und einen der beiden, den Beschuldigten, hinaus geschickt (Urk. 1/1
S. 6).
Als Zeuge in der Einvernahme vom 5. März 2019 (Urk. 5/12) erwähnte er, nicht
viel mitbekommen zu haben. Er sei in der Küche gewesen als I._ ihm mitge-
teilt habe, es gebe eine Auseinandersetzung. Er habe den Beschuldigten nach
- 31 -
draussen gestellt resp. ihn nach draussen geführt und ihm gesagt, er solle nicht
streiten, er solle nach Hause gehen. Draussen habe er noch gesehen, wie der
Beschuldigte sein Velo gedreht habe und aufgesessen sei (Urk. 5/12 Fragen 11
und 16).
4.2.9 Würdigung
4.2.9.1 Bereits aufgrund der ausführlichen und wiederholten eigenen Darstellung
des Privatklägers steht fest, dass der Privatkläger den Beschuldigten von hinten
packte und von K._ wegzog, um K._ vor den damaligen Aggressionen
des Beschuldigten schützen. Als passend zu diesem Verteidigungs- oder Hilfeakt,
wie der Privatkläger sein Handeln erklärte, erweist sich die Aufforderung des
Privatklägers an den Beschuldigten, er solle aufhören. Es erscheint deshalb auch
plausibel, dass der Privatkläger den Beschuldigten beruhigen und mit ihm reden
wollte. Wie gezeigt, hatte zuvor bereits I._ (vergeblich) versucht, den  zu beruhigen (vgl. vorne Erw. III. 4.1.6 und 4.1.9.1), und gemäss der
Zeugin L._ hatten auch sie selber und weitere Personen dies versucht (Urk.
5/8 Fragen 11 und 12). Stimmig in dieses Bild fügt sich der Hinweis von M._,
die neben K._ stand, dass der Privatkläger den Beschuldigten ermahnte, alte
Leute schlage man nicht. Fast kongruent äusserte I._, dass der Privatkläger
nach dem Anrempeln den Beschuldigten dadurch zu stoppen versucht habe, er
solle nicht einen alten Mann angreifen.
Zudem schilderte der Privatkläger detailliert und anschaulich den von ihm gegen-
über dem Beschuldigten angewandten Griff. So beschrieb er, wie er während ein
paar Sekunden von hinten den rechten Arm um den oberen Brustbereich und ein
bisschen auch an den Hals des Beschuldigten gelegt habe, so dass seine rechte
Hand auf dessen linker Schulter gewesen sei. Vor Vorinstanz demonstrierte er
überdies sein zuvor in Worte gekleidetes Vorgehen in überzeugender Art und
Weise an einer Drittperson (Prot. I S. 40 f.). Seine Darlegungen, die auch einem
Eingeständnis gleichkommen, in einen Streit zweier Personen eingeschritten zu
sein, sind nachvollziehbar und glaubhaft. Das wird noch dadurch unterstrichen,
dass der Privatkläger einräumte, den Beschuldigten vielleicht auch geschlagen zu
haben, wenn auch nicht im Gesicht und nur leicht. Auch diese Selbstbelastung
- 32 -
spricht entgegen den Ausführungen der Verteidigung (Urk. 77 S. 9) für wahrheits-
getreue Aussage. Die Verteidigung beanstandet, es sei von der Vorinstanz nicht
berücksichtigt worden, dass der Privatkläger gemäss Pharmakologisch-
Toxikologischen Gutachten im Zeitpunkt der Blutentnahme 1.40 Promille (Mittel-
wert) gehabt habe und deshalb im Zeitpunkt des Vorfalls cirka 2.1 Promille, was
gemäss Gutachten einem "Rausch" mit deutlichen Gang- und Sprachstörungen
und später häufiger Amnesie entspreche (Urk. 77 S. 10). Dem ist entgegenzuhal-
ten, dass keine Anhaltspunkte vorliegen, dass der Privatkläger im Tatzeitpunkt si-
tuativ nicht vollständig orientiert war und über keine einwandfrei funktionierenden
motorischen Fähigkeiten verfügt haben soll. Ebenso wenig ist nach dem Darge-
legten davon auszugehen, dass er in seiner Einschätzung durch Alkoholisierung
massgeblich beeinträchtigt gewesen wäre.
4.2.9.2 Darüber hinaus erlebte auch K._ das Eingreifen des Privatklägers
als sehr überraschende und sich sehr schnell zutragende Hilfeleistung eines Un-
bekannten, was sich mit den von ihm benützten Redewendungen "Wegreissen"
resp. "Zurückreissen" bzw. "schwupp" deckt. Dass K._ als neutraler, zuver-
lässiger und glaubhafter Zeuge den Arm-Brust-Hals-Griff des Privatklägers ge-
genüber dem Beschuldigten nicht mitbekommen hat, spricht für dessen kurze
Dauer. Schläge gegen den Beschuldigten hat K._, der unmittelbar dabei und
Teil der Szene war, keine gesehen, ebenso wenig Schläge des Beschuldigten ins
Gesicht des Privatklägers (Urk. 5/7 Fragen 12, 18 und 31).
4.2.9.3 Auch der Zeuge H._ hat keine Schläge in der Bar gesehen (Urk. 5/5
Frage 18). Hingegen hat er beobachtet, dass der Privatkläger den Beschuldigten
von hinten zog und dem Beschuldigten von hinten den Arm um den Oberkörper
oder Hals legte und dass danach der Beschuldigte nach draussen gebracht wurde
(Urk. 5/5 Fragen 13 und 22).
4.2.9.4 Abrundend ist anzumerken ist, dass auch C._ zu Protokoll gab, der
Privatkläger habe K._ in Schutz nehmen wollen, auch wenn C._
verneinte, selber einen physischen Kontakt zwischen dem Beschuldigten und
dem Privatkläger wahrgenommen zu haben. Letzteres scheint durchaus plausibel,
befand sich C._ doch seinerseits hinter dem Privatkläger und versuchte die-
- 33 -
sen zurückzuhalten bzw. zu sich zu ziehen, um eine Auseinandersetzung des Pri-
vatklägers – seines Kollegen – mit dem Beschuldigten zu verhindern (Urk. 5/2
Fragen 25 und 26). Ähnliches erwähnte der Privatkläger, nämlich dass C._
intervenierte und ihn von besagter Einmischung habe abhalten wollen, dies durch
Umschliessen und Fixieren seiner Arme von hinten. Dass C._, zumal von
seinem Standort aus, den oben umschriebenen Griff des Privatklägers am Be-
schuldigten nicht gesehen habe, erweist sich auch deshalb als nachvollziehbar,
weil dieser nur wenige Sekunden andauerte. Seine Angaben sind glaubhaft.
4.2.9.5 Auf die wiederholte Behauptung des Beschuldigten, der Privatkläger habe
ihn am Hals gepackt und dann während etwa einer halben Minute zugedrückt,
kann im Lichte der diversen Zeugenaussagen nicht abgestellt werden. Dieser
Standpunkt steht nicht nur im Widerspruch zur Darstellung des Privatklägers und
zu den zitierten Zeugenaussagen, sondern weist auch übermässige Steigerungen
auf. So erwähnte der Beschuldigte zunächst einzig, der Privatkläger habe wäh-
rend etwa einer halben Minute zugedrückt. Etwas später in derselben Einvernah-
me äusserte er, einer habe ihn am Hals gepackt und ihn fast umgebracht. Dies
habe ungefähr eine halbe Minute gedauert und er habe nicht mehr atmen können
(Urk. 4/1 Fragen 13, 70, 71, 91 und 92). Seinen Ausführungen vor Vorinstanz ist
schliesslich zu entnehmen, der Privatkläger habe ihn einige Sekunden resp. bis
zu einer halben Minute gehalten, so dass er gedacht habe, dass er sterben und
keine Luft mehr bekommen werde (Prot. I S. 13). Eine weitere Dramatisierung fin-
det sich hinsichtlich der Schläge, die er kassiert haben soll. Zu vorab einigen
Faustschlägen gegen den Kopf durch den Privatkläger gesellten sich zusätzlich
Fusstritte gegen den Körper, dies nicht nur vom Privatkläger, sondern auch von
dessen Kollegen, C._ (dies auch im Gegensatz zu seiner ersten Aussage,
wonach erst draussen vor dem Lokal beide ihn attackiert hätten; vgl. Urk. 4/1 Fra-
ge 35). Weiter führte der Beschuldigte erstmals in der Befragung vor Vorinstanz
aus, sie (gemeint der Privatkläger und C._) hätten auch versucht, ihn auf den
Boden zu legen. Derartige, spät im Verfahren vorgebrachte und erst noch sehr
pauschal gehaltene Ausweitungen stellen Lügensignale dar (Prot. I S. 13-15). Die
offensichtlich aufgebauschte Würgethese ist zu verwerfen. Gleiches gilt für die
vorgebrachten Schläge und Fusstritte. Namentlich ist ein 30 Sekunden langer Un-
- 34 -
terarmwürgegriff, wovon auch die Verteidigung ausgeht, nicht ansatzweise erstellt
(vgl. Urk. 44 S. 6; Urk. 77 S. 8). Erstellt ist ein Wegziehen und kurzzeitiges Um-
greifen von Brust- und Halsbereich des Beschuldigten durch den Privatkläger.
Der Vollständigkeit halber ist anzufügen, dass J._ als einziger Zeuge Schlä-
ge durch den Privatkläger und C._ gegen den Beschuldigten in der Bar
gesehen haben will. Es sei ein Schlagen mit Fäusten gewesen. Er habe schnell
reagiert und sie getrennt (Urk. 5/12 Fragen 11-13). Danach gefragt, weshalb er
den Beschuldigten rausgestellt habe, antwortete er, die anderen seien zu zweit
gewesen und es wäre schwieriger gewesen, diese nach draussen zu bringen
(Urk. 5/12 Frage 15). Diese Ausführungen sind unglaubhaft, stehen sie doch auch
in klarem Widerspruch zur stimmigen und nachvollziehbaren Darstellung der
Barmaid I._. Sie hat niemanden schlagen gesehen, als sie zusammen mit
J._ aus der Küche zurückkam. Zudem erklärte sie wiederholt und angesichts
des damaligen Geschehens in der Bar einleuchtend, dass sie den Chef aus der
Küche geholt hat, damit dieser den – auch aus ihrer Sicht aggressiven und nicht
zu beruhigenden – Beschuldigten aus dem Lokal bringe. Das tat J._ und der
Beschuldigte blieb auch draussen. Daraufhin kehrte nachweislich wieder Ruhe in
der Bar ein – war doch der Provokateur und Angreifer weg. Hätte der Beschuldig-
te die Bar tatsächlich von sich aus verlassen, hätte für ihn kein Grund bestanden,
nicht zurückzukehren, um sein (angeblich) vermisstes Mobiltelefon selber in der
Bar suchen zu gehen, statt einen Dritten darum zu bitten.
4.2.9.6 Gestützt auf das Beweisergebnis ebenfalls nicht erwiesen ist die durch-
gehende Behauptung des Privatklägers, der Beschuldigte habe ihn seinerseits mit
Faustschlägen ins Gesicht traktiert. Immerhin beschrieb er diese als "nicht kräftig"
bzw. als (lächerlich) "schwach", womit er seine Aussage dann deutlich relativierte
(vgl. vorne Erw. III. 4.2.2). Diese Falschbelastung vermag die übrige, im Wesent-
lichen stringente und durch mehrere Zeugen gestützte Sachdarstellung des Pri-
vatklägers indessen nicht merklich abzuschwächen. Von gegenseitigen Tätlichkei-
ten zwischen dem Beschuldigten und dem Privatkläger kann jedenfalls nicht die
Rede sein, wie bereits die Vorinstanz zutreffend festhielt; insoweit ist der einge-
klagte Sachverhalt nicht erstellt (Urk. 58 S. 30).
- 35 -
4.2.9.7 Schliesslich steht aufgrund der Aussagen der Zeugen K._, C._,
H._, I._ und J._ zweifelsfrei fest, dass der Beschuldigte durch den
Chef, J._, aus dem Lokal gewiesen wurde und er nicht einfach (freiwillig)
rausgegangen ist, wie der Beschuldigte vorgab und auch von der Verteidigung in
der Berufungsverhandlung behauptet wurde (vgl. Urk. 77 S. 11). Das wird na-
mentlich durch den detaillierten und schlüssigen Bericht von I._ untermauert,
wonach der Chef den Beschuldigten genommen und gesagt hat, es sei Feier-
abend für ihn und ihn nach draussen begleitete, dass der Beschuldigte nicht mehr
reinkommen durfte und sie die Anweisung von J._ hatte, den Beschuldigten
nicht mehr zu bedienen. Dann sei der Chef wieder in die Küche zurückgerufen
worden und es sei (in der Bar) alles ruhig weiter gegangen (Urk. 5/13 Fragen 14,
17 ff., 27, 31, 36). Das alles lässt sich gut in Einklang bringen mit den Angaben
von J._, er habe den Beschuldigten nach draussen gestellt, ihn nach Hause
geschickt und ihn auf sein Velo aufsitzen gesehen, J._s Frage bejahend,
dass er (Beschuldigter) nach Hause gehe (vgl. vorne Erw. III. 4.2.7 und 4.2.8 und
Urk. 5/12 Frage 16). Wie aufgezeigt, lag der Grund hierfür im aggressiven Ver-
halten des Beschuldigten in der Bar. Die abweichende Erklärung des Zeugen
J._ steht im Gegensatz zum übrigen Beweisergebnis und überzeugt nicht.
4.2.10 Fazit
Hinsichtlich der Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und dem Pri-
vatkläger in der Bar ist erstellt, dass der Privatkläger von hinten seinen Arm um
den Oberkörper/Hals des Beschuldigten legte und ihn wegzog und dass der Be-
schuldigte dann vor das Lokal gebracht wurde, wo er verblieb. Nicht erstellt ist,
dass es zwischen dem Beschuldigten und dem Privatkläger zu Tätlichkeiten kam.
Das betreffend gegenseitige Tätlichkeiten im angefochtenen Urteil genannte
abweichende Fazit (vgl. Urk. 58 S. 31 Ziff. 5.4.9.2) entspricht offensichtlich einem
redaktionellen Versehen der Vorinstanz, wurden doch wenige Zeilen zuvor im
Rahmen der Beweiswürdigung die eingeklagten Tätlichkeiten zwischen dem
Beschuldigten und dem Privatkläger – zu Recht – als nicht erwiesen angesehen
(vgl. Urk. 59 S. 30 Ziff. 4.5.8.7 a.E.).
- 36 -
4.3 Geschehensverlauf vor der D'._ Bar zwischen dem Beschuldigten und
dem Privatkläger
Der Anklagevorwurf zum Kerngeschehen lautet dahin gehend, der Beschuldigte
sei in Richtung des Privatklägers gegangen, als dieser das Lokal verliess, und
habe ihm mit einer schwingenden Armbewegung von oben nach unten ein Bier-
glas (sogenannte Stange, 240 Gramm schwer, Höhe ca. 210 mm, Stiellänge ca.
60 mm, Breite zwischen 65 und 75 mm) gegen die linke Halsseite geschlagen.
Dabei sei das Glas zerbrochen, und der Beschuldigte habe das Glas noch min-
destens ein zweites Mal gegen die linke Halsseite des Privatklägers geführt.
4.3.1 Der Beschuldigte bestreitet auch diese Anklagepassage zum  draussen vor dem Lokal. Grob zusammengefasst nimmt er den Stand-
unkt ein, der Privatkläger und dessen Begleiter hätten ihn draussen vor der Bar
grundlos mit Faustschlägen zu attackieren begonnen. Er selber habe sich nur ver-
teidigt und dabei ein Bierglas in der Hand gehabt.
In der polizeilichen Einvernahme vom 21. September 2018 (Urk. 4/1) führte der
Beschuldigte zuerst aus, die junge Frau von der Bar (gemeint I._) habe ihm
das Glas Bier, welches er zu konsumieren begonnen habe, nach draussen ge-
bracht. Er habe sein Bier fertig trinken und eine Zigarette rauchen wollen. Es sei-
en dann keine 5 Minuten resp. 3-4 Minuten vergangen, als der Privatkläger und
C._ vor das Lokal gekommen seien und grundlos angefangen hätten, ihn mit
Faustschlägen zu attackieren. Es stimme nicht, dass er jemanden mit einem Bier-
glas attackiert habe. Er habe sich nur verteidigt, wobei er in einer Hand das Bier-
glas gehabt habe. Er habe seine Hände vor das Gesicht gehalten, um sein Ge-
sicht zu schützen. Danach wisse er nicht mehr, was passiert sei. Er sei verletzt
auf dem Boden gelegen und mit Fäusten geschlagen und Füssen getreten wor-
den. Er habe das Blut an seinem Körper gesehen, dann sein Velo genommen und
sei nach Hause gegangen (Urk. 4/1 Fragen 15 f., 25, 39, 57). Auf die Frage, was
mit dem Glas passiert sei, welches er bei der Auseinandersetzung vor dem Lokal
in der Hand gehalten habe, antwortete der Beschuldigte, dass ihn der Privatkläger
und C._ angegriffen hätten und er sein Gesicht mit beiden Händen geschützt
habe (Urk. 4/1 Fragen 15 f., 25, 39, 57). Er bejahte, das Glas in der Hand gehabt
- 37 -
zu haben und führte aus, er habe auch eine Zigarette in der Hand gehabt. Auf
weitere Frage, ob das Glas zerbrochen sei, gab er an, nicht zu wissen, wie es da-
zu gekommen sei. Er habe aber gesehen, dass das Glas zerbrochen sei (Urk. 4/1
Fragen 59 und 61). Darauf angesprochen, ob er gesehen habe, wie das Glas zer-
brochen sei, erwiderte er, dass es zu Boden gegangen sei, während er sich mit
beiden Händen vor den Angreifern geschützt habe (Urk. 4/1 Frage 62). Mit den
Aussagen des Privatklägers konfrontiert, dass er auf den Privatkläger zugegan-
gen sei und ihn mit dem Bierglas geschlagen habe, erklärte der Beschuldigte er-
neut, sich nur verteidigt und niemanden angegriffen zu haben. Er sei betrunken
gewesen (Urk. 4/1 Frage 68). Auch auf Vorhalt einzelner Aussagen des Zeugen
C._ erklärte er wiederholt, diese würden nicht stimmen, er habe sich nur ver-
teidigt (Urk. 4/1 Fragen 72 und 73). Während der Verteidigung sei sein Bier
ausgeleert. Anschliessend sei er angegriffen und verletzt worden. Wer wie verletzt
worden sei, wisse er nicht (Urk. 4/1 Frage 76).
Anlässlich dieser Einvernahme zeichnete der Beschuldigte ein ca. 15 cm hohes
Glas und ergänzte, es sei etwas grösser gewesen als das gezeichnete (Urk. 4/1,
Fragen 23, 60 und Blatt Anhang). An der vorinstanzlichen Hauptverhandlung wur-
de ihm eine Fotografie vorgehalten mit vier abgebildeten verschiedenen Gläsern
(Urk. 2/1/5 S. 1). Der Beschuldigte zeigte auf das Glas ganz aussen rechts,
welches einen ca. 6 cm langen Stiel, eine Höhe von ca. 21 cm sowie eine Breite
von zwischen 6.5 und 7.5 cm aufwies (Prot. I S. 27; vgl. auch Urk. 2/2 S. 98).
In der Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft vom 7. Dezember 2018 blieb der
Beschuldigte bei seinem Standpunkt. Er betonte erneut, dass er vom Privatkläger
und C._ angegriffen worden sei und bestritt vehement, den Privatkläger an-
gegriffen zu haben. Er habe nichts absichtlich gemacht, lediglich seine beiden
Arme über den Kopf gehoben, um sich zu wehren. Er wisse nicht, wie die Verlet-
zungen des Privatklägers zustande gekommen seien. Er sei am Sitzen gewesen,
als die beiden auf ihn zu gekommen seien (Urk. 4/2 Fragen 6 und 7). Auf seine
Verletzungen angesprochen, sagte der Beschuldigte, dass die beiden ihm Faust-
schläge verpasst hätten und C._ zudem Fusstritte, als er am Boden gelegen
sei (Urk. 4/2 Frage 16). Weiter führte er auf Vorhalt der Fotodokumentation
- 38 -
(Urk. 2/2) aus, dass er beim Durchgang zwischen dem Take-Away O._ und
dem Beauty-Salon, welcher sich links vom Take-Away O._ befinde, auf den
Betontrögen neben seinem Fahrrad gesessen sei (vgl. Urk. 2/2 S. 4, 16, 24 und
32). Der Privatkläger und C._ hätten die Terrasse nicht einfach beim Durch-
gang zwischen den Büschen verlassen, sondern seien zu ihm hinüber gekommen
(Urk. 4/2 Frage 19).
Am 8. Februar erklärte der Beschuldigte, mit den Aussagen der Zeugin M._
konfrontiert, dass er beim Verlassen der Bar ein Glas in der Hand gehalten habe.
Als die beiden draussen auf ihn zugekommen seien, hätte er sie verletzen kön-
nen, wenn er gewollt hätte. Aber er habe das Glas auf die Theke gestellt. Er habe
sich lediglich schützen und niemanden verletzen wollen (Urk. 4/3, Frage 10).
Als in der Einvernahme vom 5. März 2019 mit den Aussagen des Polizisten
G._ konfrontiert, führte der Beschuldigte aus, es stimme überhaupt nicht,
dass er ausgesagt habe, den Privatkläger mit dem Glas verletzt zu haben. Ver-
mutlich sei er missverstanden worden, da er nicht gut Deutsch spreche. Er berich-
tete einmal mehr, sich nur gegen die zwei ihn angreifenden Personen verteidigt
zu haben. Da er hierzu seine Hände mit dem Bierglas erhoben habe, sei der Pri-
vatkläger mit Bier im Gesicht angeschüttet worden. Beide hätten ihn anschlies-
send weiter angegriffen und ihn geschlagen, so dass er am Boden gelegen und
am Bein verletzt gewesen sei. Wie der Privatkläger verletzt worden sei wisse er
nicht (Urk. 4/5 Frage 5).
Am 16. April 2019 wurde dem Beschuldigten das Ergänzungsgutachten des Insti-
tuts für Rechtsmedizin IRM vom 4. April 2019 (Urk. 6/18) vorgehalten. Dazu, dass
der Schlag mit dem Bierglas von oben nach unten aufgeführt worden sein müsse,
sagte er aus, dass er kleiner sei als der Privatkläger. Er habe seinen Kopf nach
unten gehalten, als der Privatkläger und C._ vor ihm gestanden seien. Er
habe dann die Arme nach oben vor sein Gesicht gehoben, um sich zu schützen.
Der Privatkläger und C._ hätten mit Fäusten auf ihn eingeschlagen und sich
so selbst verletzt. Dies habe er bereits einmal ausgesagt (Urk. 4/6 Frage 9). Da-
mit konfrontiert, dass das Ergänzungsgutachten festhalte, ein einziger Schlag ha-
be nicht zu allen Verletzungen führen können, erwiderte der Beschuldigte sinn-
- 39 -
gemäss, der Privatkläger habe selber ausgeführt, lediglich einmal durch das Glas
verletzt worden zu sein (Urk. 4/6 Frage 10). Auf Vorhalt der Aussage des Privat-
klägers, gemäss welcher dieser erwähnte, er denke, der Beschuldigte habe ihn
noch einmal geschlagen, als er auf dem Boden gekniet sei, wobei er sich aber
nicht sicher sei, gab der Beschuldigte zur Antwort, selber am Boden gewesen und
angegriffen worden zu sein (Urk. 4/6 auf Frage 11).
An der Hauptverhandlung vom 27. August 2019 hielt der Beschuldigte an seiner
bisherigen Version des Geschehensablaufs fest, namentlich daran, dass der
Privatkläger und C._ ihn mit Fäusten am Kopf und mit Fusstritten am Körper
geschlagen und getreten hätten (Prot. I S. 20). Als er die Hände hochgezogen
habe, habe er bemerkt, dass das Glas kaputt gewesen sei. Es sei möglich, dass
dabei (mit dem Privatkläger) Kontakt entstanden und das Glas so zu Bruch ge-
gangen sei (Prot. I S. 24).
4.3.2 Laut Aussage des Privatklägers vom 21. September 2018 ist der  vom Bar-Chef rausgeworfen worden. Die ganze Zeit sei der Beschuldigte
draussen vor dem Eingang gewesen. Nach ca. 20 Minuten seien er und C._
aus der Bar gegangen, da sie nach Hause hätten gehen müssen. Vor der Bar sei
der Beschuldigte zu ihm gekommen und habe ihn mit einem Bierglas oder einer
Flasche geschlagen. Er habe sofort gemerkt, dass er ein Loch im Hals habe weil
das Blut herausgespritzt sei (Urk. 3/1 Frage 1). Er glaube, das Glas sei ganz ge-
wesen und erst an ihm zerbrochen, denn er habe gespürt – aber nicht gesehen –,
wie etwas zersplitterte (Urk. 3/1 Frage 5-6). Der Beschuldigte habe mit der rech-
ten Hand zugeschlagen (Urk. 3/1 Frage 9). Er habe 100% absichtlich gegen den
Hals geschlagen und mit Schwung durchgezogen (Urk. 3/1 Frage 11). Daraufhin
sei er (Privatkläger) auf die Knie gestürzt und mit den Händen in Glasscherben
(Urk. 3/1 Frage 12). Weiter glaubte der Privatkläger sich zu erinnern, dass der
Beschuldigte kurz das Glas oder die Flasche holen gegangen sei, dann auf ihn
zugekommen und es sofort passiert sei, ohne vorheriges Gespräch. Ob der Be-
schuldigte ihm Bier angeschüttet habe, wusste der Privatkläger nicht mehr
(Urk. 3/1 Fragen 16-18).
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Gemäss den Schilderungen des Privatklägers vom 7. Dezember 2018 seien
C._ und er noch ca. 20 Minuten in der Bar geblieben und hätten ihr Bier fertig
getrunken. Beim Verlassen der Bar sei C._ hinter ihm gewesen. Er (Privat-
kläger) habe den Beschuldigten gesehen und sei in dessen Richtung gegangen,
worauf dieser sich umgedreht habe. Er sei sich nicht ganz sicher, aber der Be-
schuldigte habe etwas vom Tisch genommen und ihm mit einer schwingenden
Bewegung etwas gegen den Kopf geschlagen. Er glaube, er habe sich wehren
wollen und die linke Hand erhoben. Dann habe er gespürt und auch gehört, wie
etwas an der linken Seite an seinem Kopf zersplittert sei. Er sei sofort auf alle sei-
ne Viere gefallen. Es sei wie ein K.O.-Schlag gewesen. Mit der linken Hand habe
er sich hinter das Ohr gegriffen und ein Stück Glas aus einer Wunde gezogen.
Dann habe das Blut zu spritzen begonnen (Urk. 3/2 Frage 40 und 42). Er denke,
der Beschuldigte habe ihn noch einmal geschlagen, als er auf dem Boden kniete.
Sicher sei er sich aber nicht, da er unter Schock gestanden sei (Urk. 3/2 Frage
40). Auf Nachfrage betreffend einen zweiten Schlag antwortete der Privatkläger,
er habe das Gefühl gehabt, dass er in seinem Kopf Schlaggeräusche gehört habe
(Urk. 3/2 Frage 41). Er habe nicht wirklich gesehen, was der Beschuldigte bei der
schwingenden Handbewegung in der Hand gehabt habe. Reflexartig habe er
seinen linken Arm gehoben und später von C._ gehört, dass es ein Glas ge-
wesen sei (Urk. 3/2 Frage 45). Dass er mit Bier angeschüttet worden sei, bevor er
verletzt wurde, hielt der Privatkläger für möglich. Es komme ihm nun in den Sinn,
dies sei draussen gewesen, kurz bevor er mit dem Glas geschlagen worden sei.
Es könne sein, dass der Beschuldigte ihm zuerst den Inhalt des Glases ins Ge-
sicht geschüttet, dann mit der rechten Hand eine schwingende Bewegung ge-
macht und ihm das Glas hinter dem Ohr an den Kopf geschlagen habe (Urk. 3/2
Frage 47). Der Privatkläger glaubte sich weiter zu erinnern, dass das Glas ganz
gewesen und erst an seinem Kopf zersplittert sei (Urk. 3/2 Frage 48). Er denke,
der Beschuldigte habe ihm noch ein paar Schläge gegeben, nachdem er auf alle
Viere zu Boden gegangen sei (Urk. 3/2 Frage 50). Er habe nicht gesehen, dass
der Beschuldigte auch zu Boden gegangen sei. Es sei ein gezielter Schlag mit
dem Glas gewesen, denke er (Urk. 3/2 Fragen 51-52). Auf Ergänzungsfrage des
Verteidigers, weshalb er auf den Beschuldigten zugegangen sei, wenn dieser
- 41 -
doch aggressiv gewesen sei, antwortete der Privatkläger, er habe nach Hause
gehen wollen und der Beschuldigte sei da auf dem Weg gestanden (Urk. 3/2 Fra-
ge 79). Auf Vorhalt der entsprechenden Aussage von H._ durch den Vertei-
diger bestätigte der Privatkläger, dass der Beschuldigte ihm zunächst Bier ange-
schüttet habe und es sein könne, dass er den Beschuldigten reflexartig wegges-
tossen habe (Urk. 3/2 Frage 83).
Anlässlich der Hauptverhandlung vom 27. August 2019 bestätigte der Privatkläger
seine bisherigen Aussagen. Er sei zum Beschuldigten hingegangen, dieser habe
ihm Bier ins Gesicht geschüttet und das Bierglas an seinen Hals geschlagen
(Prot. I S. 37). Später in der Einvernahme führte er präzisierend aus, der Be-
schuldigte sei zwei Schritte auf ihn zugekommen und habe ihm das Bier ins Ge-
sicht geschüttet, und auf Nachfrage bestätigte er, beide seien aufeinander zuge-
gangen (Prot. I S. 46). Als er (Privatkläger) vor die Bar getreten sei, sei der Be-
schuldigte gesessen, dann aufgestanden, habe das Bier(glas) glaublich vom
Tisch resp. vom Blumentopf, auf dem er gesessen sein, genommen und sei auf
ihn zugekommen (Prot. I S. 47 und 48). Der Beschuldigte habe ihm Bier ins Ge-
sicht geschüttet, so dass er Schaum im Auge hatte und die Kohlensäure ihn stör-
te. Er sei sich nicht ganz sicher, glaube aber, den Beschuldigten daraufhin ge-
schubst zu haben (Prot. I S. 46 und 47). Anschliessend habe er das Zerbrechen
von Glas gehört und sei sofort auf alle Viere gefallen. Der Schlag sei so fest wie
ein K.O.-Schlag gewesen (Prot. I S. 50). Alles sei sehr schnell passiert. Er habe
gehört, wie das Glas zersplittert sei. Gesehen habe er wegen der Kohlensäure
nichts (Prot. I S. 48). Beim Herausziehen des Glasstücks habe es (Blut) gespritzt.
Insgesamt habe er zwei Schläge am Kopf gespürt (Prot. I S. 50).
4.3.3 Der Zeuge C._, der hinter dem Privatkläger aus der Bar trat, weil die zwei nach Hause wollten, führte am 21. September 2018 gegenüber der Polizei
aus, der Beschuldigte sei alleine bei einem Pflanzentopf gestanden. Ohne dass
etwas gesprochen worden sei, habe der Beschuldigte sofort ein Glas von einem
Tisch der Bar im Freien gepackt und dieses ohne zu sprechen an seinem Ellbo-
gen zerschlagen. Mit dem abgebrochenen Glas habe der Beschuldigte sofort ge-
gen den Kopf bzw. Hals des Privatklägers gestochen, sicher ein-, vielleicht zwei-
- 42 -
mal. Dann habe er (C._) den Beschuldigten von hinten um den Oberkörper
gepackt, damit er nicht noch weiter auf den Privatkläger habe einstechen können
(Urk. 5/1 Fragen 13-15). Er habe den Beschuldigten nach wenigen Sekunden
wieder losgelassen und sich um den verletzten Privatkläger gekümmert (Urk. 5/1
Frage 16). Er denke, der Beschuldigte habe beim Zustechen das Glas in der
rechten Hand gehalten und sofort gezielt in Richtung Hals gestochen (Urk. 5/1
Fragen 20 und 21). Der Angriff habe nur sehr kurz gedauert (Urk. 5/1 Frage 27).
Er wüsste nicht, dass der Privatkläger den Beschuldigten auch geschlagen hätte.
Soweit er gesehen habe, habe der Privatkläger seine Arme angehoben, um sich
zu wehren, als der Beschuldigte das Glas behändigte (Urk. 5/1 Frage 37).
Im Rahmen seiner Zeugeneinvernahme vom 16. Januar 2019 sagte C._ aus,
sie hätten beim Verlassen der Bar ca. 25 Minuten nach dem Verweis des
Beschuldigten aus dem Lokal diesen beim Blumentopf sitzen gesehen. Der
Beschuldigte habe sich erhoben und sei in ihre Richtung gelaufen. Der Privatklä-
ger habe durch Heben der Ellbogen eine Schutzposition eingenommen und sich
verteidigen wollen. Der Beschuldigte habe vom Tisch vor sich ein Glas genom-
men und den Privatkläger mit dem Glas angreifen wollen. Der Privatkläger habe
festgestellt, dass eine Glasscherbe im Halsbereich stecke. Es sei so schnell ge-
gangen und er habe dann gesehen, wie das Glas kaputt auf den Boden gefallen
sei (Urk. 5/2 Fragen 45 und 46). Der Zeuge C._ fertigte zudem eine Skizze
mit den Positionen der Beteiligten vor dem Lokal im Zeitpunkt des Tatgeschehens
an (Urk. 5/2 Fragen 47-49 in Verbindung mit Urk. 5/3/2). Er wisse nicht, ob der
Beschuldigte das Glas geworfen oder den Privatkläger mit dem Glas geschlagen
habe. Er sei selber in einen Schock geraten (Urk. 5/2 Frage 51). Er habe dann
gesehen, wie der Privatkläger geblutet habe und weggelaufen sei (Urk. 5/2 Frage
46). Auf Vorhalt seiner Aussagen bei der Polizei, wonach der Beschuldigte sofort
ein Glas von einem Tisch der Bar im Freien gepackt, dieses ohne zu sprechen an
seinem Ellbogen zerschlagen, mit dem abgebrochenen Glas sofort gegen den
Kopf/Hals des Privatklägers gestochen habe und dass er (C._) den Beschul-
digten von hinten um den Oberkörper gepackt habe, um weiteres Einstechen auf
den Privatkläger zu verhindern (Urk. 5/2 Fragen 59 ff.), vermochte sich der Zeuge
infolge Zeitablaufs, weil er damals in einem grossen Schock gewesen und alles
- 43 -
sehr schnell gegangen sei, nicht mehr an den (genauen) Hergang mit dem Glas
zu erinnern. Zu 100% konnte C._ aber sagen, dass und wo vor der Bar der
Beschuldigte den Privatkläger angegriffen und verletzt habe und dass der verletz-
te Privatkläger dann weggelaufen sei (Urk. 5/2 Frage 63, 72 und 81) in Verbin-
dung mit Urk. 5/3/3 S. 4; auch Urk. 5/2 Fragen 45 und 46).
4.3.4 H._, der sich schon vor der Bar befand, als der Privatkläger und C._ nach draussen kamen, führte in der polizeilichen Einvernahme vom
21. September 2018 aus, der Privatkläger sei sofort zum Beschuldigten hinge-
gangen und habe etwas gesagt. Als der Beschuldigte den Privatkläger gesehen
habe, sei er aufgestanden, habe ein Glas Bier vom Tisch genommen und dieses
dem Privatkläger angeschüttet. Der Privatkläger habe den Beschuldigten darauf-
hin geschubst und der Beschuldigte habe dem Privatkläger mit dem Glas an den
Hals geschlagen (Urk. 5/4 Fragen 5 und 24). Der Beschuldigte habe nur einmal
geschlagen, danach seien beide zu Boden gestürzt (Urk. 5/4 Fragen 6 und 25).
Vor dem Schlag sei das Glas noch ganz gewesen. Nach dem Schlag sei es ka-
putt gegangen (Urk. 5/4 Frage 26). Der Beschuldigte habe das Glas in der rech-
ten Hand gehalten und auf die linke Körperseite des Privatklägers geschlagen
(Urk. 5/4 Fragen 28 und 29). Der Privatkläger habe ziemlich fest am Hals geblu-
tet. Dann habe der Beschuldigte umgehend sein Velo genommen und sei in Rich-
tung P._ [Ortschaft] davon gefahren. Der verletzte Privatkläger sei aufge-
standen und in Richtung Kreisel gerannt, habe sich dort hingesetzt und sei dort
betreut worden (Urk. 5/4 Frage 6).
Am 16. Januar 2019 führte der H._ als Zeuge aus, er habe von der Bar aus
gesehen, dass der Beschuldigte draussen sitze. Nach ca. 20 bis 30 Minuten sei er
zum Beschuldigten gegangen und habe ihn gefragt, weshalb er nicht nach Hause
gehe. Der Beschuldigte habe gesagt, dass er sein Handy in der Bar vergessen
habe und habe ihn gebeten, das Handy zu holen. Er habe ein Glas Bier nach
draussen genommen und dem Beschuldigten einen Schluck geben. Er sei das
Handy in der Bar suchen gegangen, habe es aber nicht gefunden. Er bejahte, das
Glas vor der Bar stehen gelassen zu haben und fügte an, dass der Beschuldigte
daraus getrunken habe (Urk. 5/5 Fragen 25 und 26). Er gab zudem zu Protokoll,
- 44 -
dass der Privatkläger aus der Bar gekommen sei, wobei noch jemand bei ihm
gewesen sei. Der Privatkläger sei dann zum Beschuldigten hingegangen, welcher
auf der kleinen Terrasse vor der Bar gewesen sei. Dann sei es passiert. Er wisse
nicht wie, denn er habe sich zu diesem Zeitpunkt zur Bar gedreht gehabt. Es sei-
en zwei bis drei Worte gesprochen worden. Was gesprochen worden sei und wer
gesprochen habe wisse er nicht (Urk. 5/5 Frage 27). Weiter beschrieb er, dass
der Beschuldigte seitlich der Terrasse bei den Blumen gesessen sei bei einem
Tisch mit weiteren Gläsern. Der Privatkläger sei aus der Bar gekommen und sie
seien gegenseitig aufeinander zugegangen. Dann habe er ein paar Worte ver-
nommen, sich umgedreht und Blut gesehen, wobei der Privatkläger am Hals
rechts geblutet habe. Die Wunde habe er nicht gesehen, aber Bluttropfen am Bo-
den (Urk. 5/5 Fragen 27 und 29-33). Ob jemandem Bier angeschüttet worden sei,
wisse er nicht (Urk. 5/5, Antwort auf Frage 36). H._ wurde zudem mit seiner
früheren Aussage in der Einvernahme vom 21. September 2018 konfrontiert. Da-
nach hatte er erklärt, dass der Privatkläger draussen sofort auf den Beschuldigten
zugegangen sei und ihm etwas gesagt habe, worauf der Beschuldigte ihm ein
Glas Bier angeschüttet habe. Der Privatkläger habe den Beschuldigten wegge-
schubst und der Beschuldigte habe ihm an den Hals geschlagen (vgl. Urk. 5/5
Frage 5). Nunmehr führte H._ aus, nur gesehen zu haben, wie sie aufeinan-
der zugegangen seien und er bemerkt habe, dass Bier gespritzt worden sei. Als
sie aufeinander zu gegangen seien, sei auch das Glas und alles, was auf dem
Tisch gewesen sei, zu Boden gefallen (Urk. 5/5 Frage 38). Die spezifische Frage,
ob er nun gesehen habe, wie der Beschuldigte dem Privatkläger das Glas an den
Hals geschlagen habe, verneinte er, ebenso, dass jemand zu Boden gestürzt sei
(Urk. 5/5 Fragen 40 und 41). Jedoch bejahte er, beim Privatkläger Blut gesehen
zu haben. Er wisse nicht, ob das mit Glas oder mit einem Stuhl gewesen (pas-
siert) sei. Weiter gab er an, der Privatkläger sei auf die Knie gegangen sei, habe
sich seitlich mit einer Hand abgestützt und mit der andern Hand seinen Hals ge-
halten. Der Beschuldigte, der gesehen habe, dass der Privatkläger blute, sei
weggegangen, ob – auf Nachfrage – mit dem Velo wisse er nicht. Der Privatkläger
sei aufgestanden und davon gerannt; beim Kreisel vorne habe er geschrien
(Urk. 5/5 Fragen 37, 42-46). Schliesslich führte H._ aus, der Beschuldigte
- 45 -
habe sich draussen nicht hingesetzt, sondern sei gestanden (Urk. 5/5 Frage 50).
Von sich aus fügte er zuletzt an, der Beschuldigte habe heimgehen wollen und
nur wegen seinem Handy draussen gewartet (Urk. 5/5 Frage 55).
4.3.5 Das Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin vom 15. November 2018 (Urk. 6/12) hält fest, dass die aufgeführten vier Verletzungen des  vor dem linken Ohr, an der Ohrmuschel, hinter dem linken Ohr sowie an der
linken Halsseite rumpfwärts als Verletzungen durch scharfe Gewalt zu werten
seien. Aufgrund der unregelmässigen Wundränder und teils halbmondförmiger
Konfiguration, besonders der Verletzung hinter dem linken Ohr, sei am ehesten
von einer Glasscherbe auszugehen. Die Verletzungen vor dem linken Ohr und an
der Ohrmuschel könnten in einem Bewegungsvorgang entstanden sein. Die Ver-
letzungen hinter dem linken Ohr sowie an der linken Halsseite rumpfwärts seien
jeweils auf separat ausgeführte Bewegungen zurückzuführen. Insgesamt liessen
sich aufgrund des Verletzungsbildes mindestens drei und maximal vier Angriffe
mit einem scharfen Gegenstand gegen den Kopf-Hals-Bereich annehmen
(Urk. 6/12 S. 5 ff.).
Im Ergänzungsgutachten des Instituts für Rechtsmedizin vom 4. April 2019 (Urk. 6/18) wird festgehalten, dass eine Entstehung der am Hals des Privatklägers
festgestellten Verletzungen durch einen Schlag mit dem Bierglas Typ Feber [rec-
te: FEHBA]; vgl. Urk. 2/2 S. 98; Urk. 7/1 S. 7) mit der Asservate-Nummer
A012001762 aus rechtsmedizinischer Sicht nicht möglich erscheine. Die Verlet-
zung halsnahe lasse sich nicht durch ein einmaliges Führen des Glases gegen
den Kopf-Hals-Bereich des Privatklägers erklären. Dies stütze sich vor allem auf
die Tatsache, dass die tiefergehende Schnitt-Stichverletzung einen Wundverlauf
von oben-ohrwärts nach unten-halswärts beschreibe und somit von einer Führung
des Glases von oben nach unten ausgegangen werden könne. Da es bei dieser
Schnitt-/Stichwunde zu einer Verletzung der in der Tiefe gelegenen Strukturen
(Halswirbelsäule und Wirbelsäulearterie) gekommen sei, müsse es zu einem ent-
sprechenden Eindringen der Scherbe / zerbrochenem Glas gekommen sein. Dies
erfordere im weiteren Verlauf ein "Herausziehen" des Werkzeuges nach dem Ein-
- 46 -
stich, so dass eine Verletzung 6 cm fusswärts davon, sich nicht durch dieses Vor-
gehen erklären lasse (Urk. 6/18 S. 2).
Anlässlich ihrer Einvernahme vor Vorinstanz vom 27. August 2019 bestätigte die Sachverständige Dr. med. Q._ zunächst ihre im Gutachten
(vgl. Urk. 6/12) und im Ergänzungsgutachten (Urk. 6/18) gemachten Ausführun-
gen, insbesondere, dass die vier festgestellten Verletzungen im Kopf-Hals-
Bereich links durch scharfe Gewalt hervorgerufen wurden, wobei sie aufgrund der
mehreren Zacken in den Wundrändern der halbmondförmigen grossen Stich-
/Schnittverletzung hinter dem linken Ohr als scharfen Verletzungsgegenstand
Glas (im Gegensatz zu Messer oder Schere, was glatte Wundränder verursache)
nannte (Prot. I S. 58-60).
Weiter erklärte sie, dass die Verletzungen am Hals – die grosse halbmondförmige
einerseits und die eher strichförmige ca. 6 cm fusswärts befindliche anderseits –
durch mindestens zwei Bewegungsabläufe herbeigeführt worden sein müssen.
Zur Begründung führte sie an, die mehrere Zentimeter tief in die Weichteile bis
zum darunter liegenden Knochen, dem ersten Halswirbelkörper, und der darin
verlaufenden Halsschlagader eingedrungene Verletzung lasse sich von kopfwärts
nach halswärts verfolgen; sie sprach von einer tangentialen Bewegung bzw. ei-
nem tangentialen Winkel (Prot. I S. 60 und 68). Zudem brauche es dann auch
wieder ein aktives Zurückziehen, um die weitere Verletzung herbeizuführen.
Überdies verspüre ein Mensch spätestens mit Berührung der Glasscherbe
Schmerz und würde sich zurückziehen (Prot. I S. 60 f.). Die ca. 6 cm fusswärts
liegende Wunde sei recht oberflächlich und durch ein gerades Zustechen ent-
standen (Prot. I S. 62 und 68). Die zwei verschiedenen Wundverläufe mit zudem
unterschiedlicher Tiefe erforderten gemäss der Expertin je eine eigenständige
Bewegung oder eigenständige Beibringung in einem separaten Bewegungsab-
lauf. Die gleichzeitige Erzeugung einer tangentialen und geraden Wunderzeugung
am Hals verneinte die Expertin (Prot. I S. 60-62, 68).
Zur behaupteten Version des Beschuldigten, wonach er seine Hände lediglich
passiv vor sich und das Glas in der rechten Hand gehalten habe und dass der
Privatkläger ihn von vorne angegriffen habe, worauf sich ihre beiden Körper be-
- 47 -
rührt hätten (Prot. I S. 60), erläuterte Dr. med. Q._, für eine derartige Ent-
stehung der Verletzung fehle zum einen die Kraft und zum andern würde der rela-
tiv schnell eintretende Schmerz (des Betroffenen) ein Zurückzucken bewirken.
Man müsse sich vorstellen, dass das Werkzeug von oben nach unten geführt
worden sei. Das schliesse sie – so auf Nachfrage der Verteidigung – aus dem
Wundverlauf in der Tiefe (Prot. I S. 67). Dies sei mit einem einfachen in das Glas
Laufen schwierig zu erklären bzw. nicht plausibel. Man müsse sich vorstellen,
dass man das Glas nehme, es zum Ohr führe, daran entlang 'schrappe' und dann
zusteche. Dies sei in einem Ablauf möglich. Dabei müsste man das Glas wieder
herausziehen, um die vierte Verletzung am Hals zu provozieren. Das alles sei in
einem Bewegungsablauf nicht möglich. Auf Frage bestätigte sie, dass sie sich für
mindestens zwei Bewegungsabläufe ausspreche (Prot. I S. 61 f.). Auch auf Nach-
frage der Verteidigung bestätigte sie erneut, dass es mit dem scharfen Instrument
mindestens zwei Kontakte gewesen seien. Bei der Verletzung am Hals sei ein ak-
tives Führen notwendig, weil das Glas eindringe und wieder herausgezogen wer-
den müsse. Sie vermöge nicht zu sagen, ob nochmals zugestochen worden sei
oder ob dies [die Verletzung am Hals] im Gerangel durch ein wie auch immer ge-
artetes Stossen in das Instrument entstanden sei (Prot. I S. 67 f.). Auf weitere Er-
gänzungsfrage der Verteidigung erklärte die Expertin ihre Beschreibung der gros-
sen Verletzung als halbmondförmig mit dem ebenso geformten Verletzungs-
instrument. Unabhängig von der – nicht bekannten – Reihenfolge der Zufügung
der Verletzungen und auch nach Stellungnahme zu allen Ergänzungsfragen der
Verteidigung blieb die Expertin bei ihrem Ergebnis von mindestens zwei Bewe-
gungsvorgängen (Prot. I S. 69).
Dazu, ob das Glas bereits kaputt gewesen sei oder erst am Körper des Privat-
klägers kaputt gegangen sei, führte die Sachverständige Folgendes aus: Aus
rechtsmedizinischer Sicht sei eher davon auszugehen, dass das Glas bereits
kaputt gewesen sei. Sie habe bei der Untersuchung keine Verletzungen gefun-
den, die auf ein primäres, zuerst noch stumpfes Ereignis zurückzuführen seien,
weil das Glas erst am Körper zerbrechen würde. Auf Nachfrage der Verfahrenslei-
tung bestätigte sie, dass das Glas aus ihrer Sicht bereits [vor dem Kontakt mit
dem Privatkläger] kaputt gewesen sein müsse (Prot. I S. 62 f.). Schon auf Vorhalt
- 48 -
der präoperativen Fotos (Urk. 6/11) hatte die Sachverständige nur die typischen
Zeichen scharfer Gewalt erkannt. Hinweise auf stumpfe Gewalt würden fehlen
(Prot. I S. 59).
Sowohl die schriftlichen Darlegungen von Dr. med. Q._ als auch ihre
teilweise präzisierenden und insbesondere vertiefenden Ausführungen anlässlich
der ergänzenden Befragung vor Vorinstanz erweisen sich als anschaulich, realis-
tisch und nachvollziehbar. Es besteht kein Grund, diesen fachlich qualifizierten
und überzeugenden Einschätzungen nicht zu folgen.
4.3.6 Würdigung
Die Vorinstanz hat auch die zu diesem Sachverhaltsabschnitt massgebenden
Beweismittel einlässlich und sorgfältig gewürdigt. Darauf ist zur Vermeidung von
Wiederholungen zu verweisen (Urk. 58 S. 42 ff.). Die nachfolgenden Erwägungen
verstehen sich als Zusammenfassung mit Ergänzungen bzw. teilweisen Anpas-
sungen gegenüber der Vorinstanz.
4.3.6.1 Der Privatkläger führte in seinen Einvernahmen detailliert und nachvoll-
ziehbar aus, zu welcher Zeit und in welcher Reihenfolge er und der Zeuge
C._ aus dem Lokal gekommen seien. So gab er zu Protokoll, dass C._
und er ca. 20 Minuten nach der Auseinandersetzung in der Bar nach draussen
gegangen seien, er selber voraus. Auch gemäss den Zeugen C._ und
H._ vergingen ca. 25 Minuten bzw. 20-30 Minuten seit dem Verweis des Be-
schuldigten aus der Bar, bis der Privatkläger und C._ das Lokal verliessen,
um sich nach Hause zu begeben. Davon ist auszugehen, zumal nach dem Weg-
gang des Beschuldigten als erwiesenem Störenfried in der Bar wieder Ruhe ein-
gekehrt und das Bier fertig zu trinken war. Vor diesem Hintergrund überzeugt die
Behauptung des Beschuldigten nicht, es seien keine 5 Minuten resp. bloss 3-4
Minuten vergangen, als der Privatkläger und C._ ebenfalls nach draussen
gekommen und grundlos auf ihn losgegangen seien (vgl. Urk. 4/1 Frage 15). Die
Verteidigung anerkennt in der Berufungsbegründung sodann ausdrücklich, dass
der Privatkläger und C._ (erst) rund 20 Minuten später die Bar verliessen
(Urk. 77 S. 12). Ebenso bestätigten sowohl C._ als auch H._ die Dar-
- 49 -
stellung des Privatklägers, wonach C._ hinter dem Privatkläger aus der Bar
trat.
4.3.6.2 Weiter beschrieb der Privatkläger von allem Anfang an konstant, stimmig,
in vielen prägnanten Einzelheiten und zugleich zurückhaltend den Schlag des
Beschuldigten mit dem Glas gegen seinen Hals und was er dabei spürte. So
berichtete er, wie der Beschuldigte ihm mit der rechten Hand und einer schwin-
genden Bewegung und damit absichtlich das Glas gegen die linke Seite von Kopf
und Hals geschlagen habe, dass das Glas wohl zunächst noch ganz gewesen
und erst an seinem Hals zerbrochen sei, dass er am Kopf etwas zersplittern spür-
te und hörte und dass er auf alle Viere fiel. Aus dem empfundenen sowie akusti-
schen Wahrnehmen des Zersplitterns schloss er begreiflich, dass das Glas vor
dem Schlag wohl noch ganz gewesen sei. Das dürfte dadurch bestärkt worden
sein, dass er danach ein Stück Glas aus der Wunde hinter dem Ohr zog.
Wiederholt und anschaulich sprach der Privatkläger von einem K.O.-Schlag. Das
erscheint keineswegs übertrieben wenn man bedenkt, dass er sofort auf alle sei-
ne Viere fiel – wovon die Hautabschürfungen und die Oberhautabtragung an den
Knien zeugen (Urk. 2/2 S. 88 f. und 92; Urk. 6/12 S. 4) – und Blut aus einem
"Loch im Hals" herausspritzte, was der Privatkläger sogleich bemerkte. Dass der
Privatkläger stark blutete berichtete auch C._ und ist ebenso der Fotodoku-
mentation zu entnehmen (Urk. 2/2 S. 19 ff.). Gleichermassen hatte der Zeuge
H._ ziemlich festes Bluten am Hals des Privatklägers festgestellt.
4.3.6.3 Sowohl C._ als auch H._ beschrieben in ihren tatnahen polizei-
lichen Befragungen und – wenn auch verkürzt – später als Zeugen in groben Zü-
gen und insgesamt im Einklang ebenso mit den Depositionen des Privatklägers
den "Blitzangriff" (es dauerte nur sehr kurz) des Beschuldigten auf den Privatklä-
ger: Aufeinander Zugehen der Protagonisten, sofortiges Packen eines Glases von
einem Tisch durch den Beschuldigten, Anschütten des Inhalts auf den Privatklä-
ger, nach (reflexartigem) Wegschubsen durch den Privatkläger Schlag des Be-
schuldigten mit dem in der rechten Hand gehaltenen Glas gegen den Kopf bzw.
Hals links des Privatklägers, worauf der Privatkläger auf die Knie ging, sich mit
der einen Hand seitlich abstützte und mit der andern seinen Hals hielt, weil er fest
- 50 -
am Hals blutete, dann aufstand und zum Kreisel rannte wo er schrie und dann be-
treut wurde (vgl. vorne Erw. 4.3.3 und 4.3.4). Es besteht kein Grund, diese aus
noch frischem Gedächtnis erfolgten Schilderungen der zwei voneinander unab-
hängigen Beobachter nicht für wahr zu halten. Ungleichheiten oder verschiedene
Dichte in den Aussagen lassen sich zwanglos durch unterschiedliche Standorte
und Blickwinkel sowie individuelles Deuten des Gesehenen erklären und betreffen
zudem eher Nebensächliches. Gewisse Relativierungen bzw. Distanzierungen in
den späteren Zeugeneinvernahmen – sei es etwa wegen verblasster Erinnerung,
Verdrängen oder aus der Furcht des Involviertseins – trüben ihr in den spontanen
Erstaussagen bei noch brandaktuellem Eindruck gezeichnetes Bild nicht, zumal
sie sich als Zeugen nicht davon abweichend äusserten. Die Angaben C._s
und H._s zum weiteren Ablauf nach dem Kerngeschehen decken sich dann
erneut im Wesentlichen mit den lebensnahen und plausiblen Ausführungen des
Privatklägers zum eigenen Verhalten und seinen Gefühlen nach der inkriminierten
Attacke, nämlich dass das Blut nach Herausziehen des Scherbens herausspritze,
er auf den Knien befindlich die Wunde mit einer Hand zuhielt, wobei das Blut
trotzdem zwischen den Fingern hervorquoll, er über die Strasse rannte zum
Fussgängerstreifen beim Kreisel und um Hilfe bzw. nach C._ schrie, weil er
blutete "wie ein Schwein", dann am Boden sitzend Hilfe von C._ und einer
Frau – bei welcher es sich um die Zeugin M._ handelte (Urk. 5/9 Frage 19,
Urk. 58 S. 50) – bekam, indem diese zwei Personen abwechslungsweise die
Wunde mit seiner Kapuze zudrückten, dass er Schmerzen vom langen Zudrücken
bekam, dass zuerst die Polizei eintraf aber er nach der Sanität verlangte, welche
erst nach 10-15 Minuten vor Ort war und dass er wirklich Angst gehabt habe, er
würde sterben (Urk. 3/2 Frage 42; Prot. I S. 37; auch Urk. 5/1 Frage 17).
4.3.6.4 Der Gehalt der Privatkläger-Aussagen wird ferner nicht dadurch ge-
schmälert, dass er zunächst ein Bierglas oder eine Flasche als Schlaginstrument
nannte, hatte er doch durchgängig kundgetan, den Gegenstand in der Hand des
Beschuldigten nicht gesehen und erst von C._ erfahren zu haben, dass es
sich um ein Bierglas handelte. Dies insbesondere, weil sich das Geschehen prak-
tisch innert Sekunden abspielte, er zum Eigenschutz einen Arm angehoben und
störenden Bierschaum im Auge hatte. Ein solches Glas als Tatwaffe ist sodann
- 51 -
mehrfach aktenkundig, auch aufgrund der Ausführungen des Beschuldigten selbst
und jener von H._ (vgl. vorne Erw. III. 4.3.1 und 4.3.4; Urk. 2/2 S. 26 f. und
98; Urk. 3/2 Frage 45). Das Bierglas als Tatwerkzeug ist erstellt.
Analoges gilt zum Umstand, dass der Privatkläger zuerst nicht mehr wusste bzw.
nur für möglich hielt, dass der Beschuldigte ihm vor dem verhängnisvollen Zu-
schlagen Bier ins Gesicht geschüttet hatte und dass seine Erinnerung erst im
Rahmen vertiefter Befragung zurückkehrte. Seine Aussageweise offenbart aber
entgegen den Ausführungen der Verteidigung (Urk. 77 S. 15 f.) zugleich, dass er
sich vorsichtig äusserte und den Beschuldigten nicht übermässig belastete. Auch
andernorts in seiner Sachdarstellung benützte der Privatkläger Redewendungen
wie 'er sei sich nicht ganz sicher' oder 'er glaube'. Auch erwähnte er zunächst, nur
einmal mit dem Glas geschlagen worden zu sein. Dies deutet auf grundsätzliche
Zurückhaltung und damit wahrheitsgetreue Schilderung. Auch mögen die teils er-
heblichen Verletzungen und der nachwirkende "Schock" dazu beigetragen haben,
dass der bald nach der Notoperation im Spital erstmals befragte Privatkläger noch
nicht das vollständige Tatgeschehen erinnerte und zu kommunizieren vermochte.
Weiter ist offensichtlich, dass diese erste Befragung des Privatklägers durch die
Kantonspolizei angesichts der konkreten Umstände so kurz wie möglich gehalten
wurde und es primär um das Erlangen eines Überblicks ging (Urk. 3/1). Die dama-
ligen Antworten des Privatklägers lassen aber keinen Zweifel offen, dass er all-
seits orientiert war und der Einvernahme gut folgen konnte, so wie er auch zum
Nachgang des Kerngeschehens stimmig berichten konnte und bei der Zuweisung
durch die Sanität anhaltend bei vollem Bewusstsein war, namentlich zu Person,
Zeit, Ort und Situation orientiert, da er die an ihn gestellten Fragen adäquat be-
antwortete (vgl. Urk. 6/12 S. 2 f.). Im Verlaufe seiner Einvernahmen und auf Vor-
halt von Aussagen Dritter kam dem Privatkläger dann wieder in den Sinn, dass
ihm der Beschuldigte draussen vor der Bar zunächst Bier angeschüttet hatte, so
dass er Schaum im Auge hatte, die Kohlensäure ihn störte und er nichts sah
(Prot. I S. 37 und 48). Das sind allesamt prägnante Details und realistische Folgen
des fraglichen Vorgangs. Dass der Beschuldigte vor dem Schlag gegen den Pri-
vatkläger ein Glas Bier vom Tisch genommen und das Bier dem Privatkläger an-
geschüttet hat, ergibt sich wie gesehen auch aus der polizeilichen Einvernahme
- 52 -
von H._, als dieser in freiem Bericht wenige Stunden nach dem Ereignis
glaubhaft seine Wahrnehmungen des Tatgeschehens schilderte (Urk. 5/4 Fragen
5 f.). Das Anschütten mit Bier quasi als Auftakt zum Angriff mit dem Glas ist somit
ebenfalls erstellt. Dass der Privatkläger den Beschuldigten daraufhin reflexartig
zum Eigenschutz wegschubste, ist nachvollziehbar.
4.3.6.5 Gestützt auf die Erkenntnisse der Sachverständigen Dr. med. Q._ ist
entgegen den Ausführungen der Verteidigung (Urk. 77 S. 23 ff.) festzuhalten,
dass es im Zuge der Attacke durch den Beschuldigten zu mindestens zwei Be-
wegungsabläufe mit dem durch den Beschuldigten geführten Glas gekommen
sein muss (vorne Erw. III. 4.3.5; Urk. 5/1 Frage 15; Urk. 3/2 Fragen 40 und 50;
Prot. I S. 50 und S. 60 und 68), wodurch dem Privatkläger die aktenkundigen Ver-
letzungen zugefügt wurden. Entgegen der Vorinstanz und in Abweichung zu den
Feststellungen der Sachverständigen Dr. med. Q._ ist jedoch zugunsten des
Beschuldigten davon auszugehen, dass das Bierglas erst beim ersten Schlag ge-
gen die Halsseite des Privatklägers zerbrach. So wird es dem Beschuldigten denn
auch ausdrücklich in der Anklageschrift vorgeworfen (vgl. dazu auch die zutref-
fenden Ausführungen der Verteidigung in Urk. 77 S. 21 f.).
Ein bloss passiver Kontakt des Glases mit dem Körper des Privatklägers fällt hin-
gegen aus logischen Überlegungen und ebenso aufgrund der Sachdarstellung
des Beschuldigten ausser Betracht: Der Beschuldigte will nichts absichtlich ge-
macht, sondern lediglich (passiv) seine Arme mit dem Bierglas über seinen ge-
senkten Kopf gehoben haben, um sich zu wehren resp. dies zu versuchen, als
angeblich der Privatkläger und C._ mit den Fäusten auf ihn einschlugen. Die
Verletzungen des Privatklägers befinden sich jedoch nicht an dessen Händen o-
der Armen resp. frontal in dessen Gesicht oder vorne am Hals, sondern an des-
sen linker Kopf- und Halsseite, selbst hinter dem linken Ohr. Wie medizinisch er-
härtet, reichte die grosse, halbmondförmige Stich-/Schnittverletzung hinter dem
linken Ohr mehrere Zentimeter tief in die Weichteile bis zum darunter liegenden
Knochen (erster Halswirbelkörper), was zu bewirken ohne einige Druckausübung
seitens des Beschuldigten nicht vorstellbar erscheint. Es muss daher auch auf-
grund dieser laienhaften Betrachtung ein aktives Zustechen des Beschuldigten
- 53 -
mit nicht unerheblicher Kraft an der linken Kopf- und Halsseite des Privatklägers
erfolgt sein. Die zufällige Entstehung der zwei Verletzungen am Hals links des
Privatklägers durch blosses Hochheben des Bierglases seitens des Beschuldigten
fällt mit der Vorinstanz ausser Betracht. Auch ist nicht ersichtlich, wozu sonst,
wenn nicht zum aktiven Zustechen, der Beschuldigte das Glas vom Tisch behän-
digt und dann auf den Privatkläger zugegangen ist. Das wird unterstrichen durch
das vorgängige Anschütten des Biers in Richtung Kopf des Privatklägers, womit
der Beschuldigte aggressives Vorgehen und die Bereitschaft zur gewalttätigen
Auseinandersetzung offenbarte.
4.3.6.6 Die weitgehend abweichende Sachdarstellung des Beschuldigten auch
zum Kerngeschehen, indem er sich als Opfer einer grundlosen Attacke mit Fäus-
ten und Füssen durch den Privatkläger und C._ beschrieb, wogegen er sich
lediglich verteidigt haben will und dabei das Bier ausleerte sowie das Glas zu Bo-
den ging, erweist sich aufgrund des Gesagten als unglaubhaft. Die Behauptung
einer Vielzahl empfangener Schläge und Fusstritte durch zwei Angreifer, was von
keiner andern Person berichtet wurde, ist als reine Schutzbehauptung des Be-
schuldigten zu taxieren, zumal diese Gegenanschuldigung auch starke Übertrei-
bungsmerkmale aufweist und daher ein Lügensignal ist. Auch über diesen gleich-
förmig präsentierten Standpunkt hinaus zeigten sich die Aussagen des Beschul-
digten karg und vage (Urk. 4/1-4/6; Prot. I S. 11 ff., namentlich 19 ff.). Nähere
Umschreibungen fehlen weitestgehend. Auf konkrete Vorhalte wich er wiederholt
aus. So gab er zum Beispiel an, nicht zu wissen, wie das Glas zerbrochen sei, er
habe nur gesehen, dass es zerbrochen sei. Oder er bestritt detaillierte Vorhalte
einzig mit den Worten, das treffe nicht zu, stimme nicht (unter anderem Urk. 4/1
Fragen 72 f.; Prot. I S. 14 und 25 f.), resp. verzichtete gänzlich auf Stellungnah-
men zu Zeugenaussagen (Urk. 4/4 und 4/5). Mehrmals berief sich der Beschuldig-
te auf Nichtwissen oder fehlende Erinnerung wegen Alkoholisierung und sonstiger
Einflüsse (so etwa Urk. 4/1 Fragen 58 und 75; Urk. 4/5 Frage 8; Prot. I S. 23 und
26).
Zudem vermag nicht einzuleuchten, weshalb sich der Beschuldigte nach seiner
Verbannung aus der Bar nicht auf den Heimweg begab, wie er dies gegenüber
- 54 -
dem ihn hinausbegleitenden Wirt und Zeugen J._ zugesagt hatte. Dass er
nur auf sein (angeblich) vermisstes Handy gewartet habe (Prot. I S. 17 und 19;
Urk. 77 S. 13) erscheint zumindest sehr fraglich. Der Zeuge H._ führte dies-
bezüglich aus, er habe von der Bar aus durch das Fenster den aus dem Lokal
verwiesenen Beschuldigten draussen sitzen sehen, sei dann nach ca. 20 bis
30 Minuten zu ihm gegangen und habe von ihm auf entsprechende Frage erfah-
ren, dass er nicht nach Hause gehe, weil er sein Handy in der Bar vergessen ha-
be. Wenn er dieses habe, würde er sofort nach Hause gehen. H._ begab
sich daraufhin gemäss eigenen Angaben zweimal in die Bar um das Handy su-
chen bzw. danach fragen, jedoch ohne Erfolg, was er dem Beschuldigten mitteilte
(Urk. 5/1 Frage 31; Urk. 5/2 Fragen 25 ff.). Unmittelbar nach dem Kerngeschehen
packte der Beschuldigte dann doch sein Velo und entfernte sich in Richtung sei-
ner Wohnung, was er aber offensichtlich und im Widerspruch zu seiner Äusse-
rung gegenüber dem Zeugen H._ ohne das (angeblich) vergessene Handy
tat (Prot. I S. 19, 21 und 27). Nachdem der Beschuldigte laut seiner Sachdarstel-
lung blosses Opfer von grundlosen Angriffen durch den Privatkläger und C._
ausserhalb der Bar gewesen sein soll, ist nicht nachvollziehbar, weshalb er sich
nun doch ohne das (angeblich) vergessene Mobiltelefon plötzlich davon machte.
Auch dieser Umstand spricht klar gegen die geltend gemachte Opferthese des
Beschuldigten, sondern deutet vielmehr darauf hin, dass die Behauptung des ver-
gessenen Handys dem Beschuldigten als Vorwand diente, weiterhin vor der Bar
zu bleiben. Auch ist nicht aktenkundig, dass dieses Handy in der Bar noch zum
Vorschein gekommen und dem Beschuldigten, einem der Bardame und Zeugin
I._ bekannten, immerhin gelegentlichen Gast des Lokals (Urk. 5/13 Fragen 5
f.), irgendwann übergeben worden wäre. Jedoch wurde in der Tatnacht in der vom
Beschuldigten und seiner Mutter bewohnten Wohnung unter anderem ein
schwarzes Mobiltelefon der Marke Samsung (Display und Rückseite defekt) samt
Ladekabel ab dem Tisch im Wohnzimmer sichergestellt (Urk. 10), dessen Her-
ausgabe der Beschuldigte als ihm gehörend verlangt (Urk. 58 S. 73 und 80; Urk.
59 S. 1). Anlässlich der Hafteinvernahme hatte der Beschuldigte die Frage, ob er
draussen vor dem Lokal sein Handy auf sich gehabt habe, bejaht und von sich
aus ergänzt, sein Handy sei auf der Baustelle kaputt gegangen, doch habe er ei-
- 55 -
nen Ersatz dabei gehabt, ein altes Samsung (Urk. 4/1 Fragen 47 ff.). Unter all
diesen Umständen und insbesondere angesichts der eigenen Aussage des Be-
schuldigten, draussen vor dem Lokal sein Mobiltelefon resp. einen Ersatz dafür
dabei gehabt zu haben, sind an der Geschichte des in der Bar vergessenen Han-
dys grosse Zweifel anzubringen und eine blosse Ausrede zu erblicken, um sein
Verbleiben vor dem Lokal trotz der Wegweisung zu rechtfertigen.
Die Aussagen des Beschuldigten sind unglaubhaft und es kann nicht darauf ab-
gestellt werden.
4.3.7 Fazit
Der eingeklagte Sachverhalt zum Geschehensverlauf vor der D'._ Bar ist
nach dem Gesagten erstellt. Somit steht zweifelsfrei fest, dass der Privatkläger
rund 20 Minuten später zwecks Heimkehr das Lokal verliess und in Richtung des
Beschuldigten ging, der seinerseits auf den Privatkläger zuging, dass der Be-
schuldigte dem Privatkläger zunächst Bier in dessen Gesicht schüttete und ihm
anschliessend mit einer schwingenden Armbewegung von oben nach unten ein
Bierglas (sogenannte Stange, 240 Gramm schwer, Höhe ca. 210 mm, Stiellänge
ca. 60 mm, Breite zwischen 65 und 75 mm) gegen die linke Halsseite schlug, wo-
bei das Glas zerbrach bzw. kaputt ging und dass der Beschuldigte noch mindes-
tens ein zweites Mal das Glas gegen die linke Halsseite des Privatklägers führte.
4.4 Verletzungen und medizinische Versorgung des Privatklägers
4.4.1 Die Verletzungen des Privatklägers werden durch den Beschuldigten und
durch seinen Verteidiger anerkannt (Urk. 44 S. 16; Prot. I S. 28; Urk. 77 S. 26).
Gestützt auf das Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin (IRM) vom 15. No-
vember 2018 (Urk. 6/12), das Ergänzungsgutachten des IRM vom 4. April 2019
(Urk. 6/18) und die Ausführungen der Sachverständigen Dr. med. Q._
anlässlich der Hauptverhandlung vom 27. August 2019 (Prot. I S. 58 ff.) sind die
eingeklagten Verletzungen des Privatklägers (Urk. 24 S. 2) erstellt.
4.4.2 Dass der Tod des Privatklägers nur dank Hilfe von Drittpersonen vor Ort,
welche die Wunde komprimierten, und der anschliessenden notärztlichen Be-
- 56 -
handlung nicht eingetreten sei, wird weder vom Beschuldigten noch von dessen
Verteidiger anerkannt.
4.4.2.1 Dem IRM-Gutachten vom 15. November 2018 betreffend den körperli-
chen Untersuch des Privatklägers (Urk. 6/12) ist zu entnehmen, dass die Schnitt-
/Stichverletzung hinter dem linken Ohr zu einer Verletzung der Wirbelsäulenarte-
rie und damit zu einer arteriellen Blutung geführt habe. Das arterielle Gefässsys-
tem sei ein sogenanntes Hochdrucksystem, durch welches das Blut aus dem
Herzen in den Körper gepumpt werde. Eine arterielle Verletzung führe aus diesem
Grund zu deutlich rascheren und grossvolumigeren Blutverlusten als bspw. eine
Verletzung der Venen. Ein normalgewichtiger Mann habe ein Blutvolumen von ca.
5 - 6 l. Ein Blutverlust von ca. 1/3 des Gesamtblutvolumens gelte als lebensge-
fährlich. Im Rahmen der Operation sei ein Blutverlust von 2.5 l dokumentiert wor-
den, was mehr als einem Drittel des Gesamtblutvolumens des Privatklägers ent-
spreche. Zudem müsse in Anbetracht der vorliegenden Verletzung und ins be-
sondere in Zusammenschau mit der Fotodokumentation des Forensischen Insti-
tuts Zürich von einem zusätzlichen, bereits am Ereignisort erfolgten, jedoch nicht
näher quantifizierbaren Blutverlust ausgegangen werden. Weiter hielt das Gutach-
ten fest, dass der Privatkläger ohne notfallmässige ärztliche Intervention mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an den Folgen dieses Blutverlustes
verstorben wäre. Zudem wurde angemerkt, dass es sich bei der Arterie vertebralis
um eine wichtige Arterie zur Versorgung des Gehirns handle und eine Verletzung
derselben die Gefahr einer Blut- und somit lebensgefährlichen Sauerstoffunter-
versorgung des Gehirns darstelle (Urk. 6/12 S. 6 f.).
Anlässlich ihrer Befragung vor Vorinstanz (Prot. I S. 63 ff.) bestätigte die Sach-
verständige Dr. med. Q._ ihre Ausführungen im genannten Gutachten und
nahm Stellung zur medizinischen Versorgung des Privatklägers. Sie führte aus,
dass die Wunde des Privatklägers nicht mehr geblutet habe, weil sie komprimiert
worden sei. Das Gefäss, welches verletzt worden sei, sei durch die Sanität durch
einen Druckverband abgedrückt worden. Damit habe daraus kein Blut mehr ent-
springen können. Auch zum Blutverlust des Privatklägers am Ereignisort bekräf-
tigte sie ihre Ausführungen im Gutachten. Ohne ein genaues Volumen nennen zu
- 57 -
können, sehe man auf den Fotos eine grosse Menge Blut am Boden. Ob es zu
einem lebensgefährlichen Blutverlust gereicht hätte, musste sie aber offen lassen.
Jedenfalls wäre der Verlust während der Operation lebensgefährlich gewesen, so
die Sachverständige, wenn er während der Operation nicht direkt substituiert wor-
den wäre. Der Blutverlust sei vor allem durch die Beschaffenheit des verletzten
Blutgefässes als arterielles Gefäss entstanden. Die Wirbelsäulenschlagader ge-
höre dazu und sei während der Operation immer wieder manuell komprimiert
worden, damit es nicht weiterblute. Der Blutverlust sei daher nicht auf die Opera-
tion zurückzuführen, sondern auf das spezielle blutende Gefäss (Prot. I S. 64 f.).
Sie bestätigte zudem, dass die Operation in der Folge zwingend gewesen sei, an-
sonsten es zu raschem Blutverlust und zum Verbluten gekommen wäre. Der Tod
wäre die Konsequenz gewesen (Prot. I S. 65 f.). Zur Frage der Sauerstoffversor-
gung des Gehirns verneinte sie vorliegend einen Mangel, betonte aber, dass eine
Unterversorgung auch zu schwerwiegenden Folgen hätte führen können. Daher
sei im Universitätsspital mehrfach geprüft worden, ob es noch neurologische bzw.
das Hirn und die Nerven betreffende Defizite gebe (Prot. I S. 65). Da es nicht zu
einem relevanten Sauerstoffmangel gekommen sei, seien körperlich keine Folge-
schäden zu erwarten (Prot. I S. 66).
4.4.2.2 Zutreffend hat die Vorinstanz sodann erwogen, dass bereits schon die
helfenden Personen am Ereignisort bzw. beim Kreisel, unter anderem die Zeugen
C._ und M._, durch Zudrücken der Wunde zur Verhinderung von weite-
rem bzw. grösserem Blutverlust beigetragen hatten (Urk. 58 S. 49 f.).
4.4.2.3 Auf das IRM-Gutachten und das Ergänzungsgutachten sowie die weite-
ren Erläuterungen der Sachverständigen und auch die Darlegungen des Privat-
klägers und der Zeugin M._ betreffend erste Hilfe beim Kreisel kann auch in
diesem Punkt vorbehaltlos und vollumfänglich abgestellt werden.
4.4.3 Fazit
Es steht daher fest, dass aufgrund der durch den Beschuldigten zugefügten Ver-
letzungen eine unmittelbare Lebensgefahr des Privatklägers bestand und dass
der Tod des Privatklägers dank der Betreuung zunächst von Drittpersonen vor
- 58 -
Ort, welche die Wunde komprimierten, sowie des anschliessend durch die Sanität
angelegten Druckverbandes und der Notoperation am Universitätsspital Zürich
nicht eingetreten ist. Der Anklagesachverhalt ist auch diesbezüglich erstellt
(Urk. 24 S. 3).
4.5 Subjektiver bzw. innerer Sachverhalt
4.5.1 Der Beschuldigte führte in seiner Einvernahme vom 7. Dezember 2018 aus,
es tue ihm leid, dass Lebensgefahr bestanden habe, er habe nur versucht, sich
zu wehren (Urk. 4/2 Frage 7). Auch im Rahmen der Hauptverhandlung vom
27. August 2019 erwiderte der Beschuldigte auf wiederholte Frage, ob er wisse,
welche Verletzungen entstehen können, wenn man mit einem Bierglas auf einen
Menschen einwirke, dass er niemanden angegriffen habe und die Frage nicht
ganz verstehe. Wenn man ganz logisch denke, könnten Verletzungen entstehen.
Ob leichte oder auch schwere, dazu könne er nichts sagen, das wisse er nicht. Er
wisse nicht, was er auf die Frage antworten solle (Prot. I S. 24 ff., 29 f.).
4.5.2 Was der Täter wusste und wollte oder in Kauf nahm, gehört zum subjekti-
ven Tatbestand. Auf den inneren Vorgang kann jedoch nur anhand einer Würdi-
gung der äusseren Umstände geschlossen werden. Die Feststellung des subjekti-
ven Tatbestands ist damit Bestandteil der Sachverhaltsabklärung. Da in diesem
Bereich Tat- und Rechtsfragen sehr eng miteinander verbunden sind, drängt es
sich regelmässig auf, diese Fragen lediglich einmal unter dem Aspekt der rechtli-
chen Würdigung (vgl. die nachfolgende Erw. IV.) zu behandeln.
IV. Schuldpunkt – rechtliche Würdigung
1. Ausgangslage
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten der versuchten vorsätzlichen Tötung
schuldig gesprochen (Urk. 58 S. 78). Die Staatsanwalt stellt diesbezüglich einen
Bestätigungsantrag (Urk. 67; Urk. 78). Demgegenüber lässt der Beschuldigte wie
schon im erstinstanzlichen Verfahren einen Freispruch beantragen (Urk. 59;
Urk. 77).
- 59 -
2. Objektiver Tatbestand
2.1 Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, ohne dass eine der besonderen
Voraussetzungen nach Art. 112 ff. StGB zutrifft, wird gemäss Art. 111 StGB mit
Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft. In objektiver Hinsicht setzt Art. 111
StGB die Verursachung des Todes eines lebenden Menschen voraus, wobei der
Täter beliebige Tatmittel einsetzen kann. Mit dem Eintritt des Todes ist das Delikt
vollendet (SCHWARZENEGGER, in: Niggli/Wiprächtiger [Hrsg.], BSK Strafrecht I,
4. Aufl., Basel 2019, Art. 111 N 4 f.). Ein Schuldspruch wegen versuchter vorsätz-
licher Tötung bedingt, dass das Handeln des Beschuldigten für das Opfer auch
tödliche Folgen hätte haben können. Ein Versuch gemäss Art. 22 Abs. 1 StGB
liegt vor, wenn der Täter, nachdem er mit der Ausführung eines Verbrechens oder
Vergehens begonnen hat, die strafbare Tätigkeit nicht zu Ende führt (unvollende-
ter Versuch) oder der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht eintritt oder
nicht eintreten kann (vollendeter Versuch). Mit anderen Worten liegt ein Versuch
vor, wenn der Täter sämtliche subjektiven Tatbestandsmerkmale erfüllt und seine
Tatentschlossenheit manifestiert hat, ohne dass alle objektiven Tatbestands-
merkmale verwirklicht sind (BGE 140 IV 150 E. 3.4 S. 152; BGE 137 IV 113 E. 1.4.2 S. 115; je mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts 6B_935/ 2017 vom 9. Feb-
ruar 2018 E. 1.2).
2.2 Es ist erwiesen, dass der Privatkläger folgende Verletzungen erlitt
(vgl. Urk. 24 S. 2):
− hinter dem linken Ohr eine halbmondförmige, ca. 3 cm lange und ma-
ximal 0,5 cm klaffende glattrandige Hautdurchtrennung bis ins Fettge-
webe mit Verletzung des seitlichen Fortsatzes des 1. Halswirbelkörpers
mit kleinsten Knochenfragmenten und der Verletzung der linken Wirbel-
säulenarterie, welche Verletzung zu einer arteriellen Blutung führte, die
ohne notärztliche Behandlung zum Tod durch Verbluten und zu einer
lebensgefährlichen Blut- und Sauerstoffunterversorgung des Gehirns
geführt hätte
- 60 -
− am linken Halsansatz eine quer zur Halslängsseite orientierte ca. 1 cm
lange und maximal 0,3 cm klaffende Hautmanteldurchtrennung
− vor der linken Ohrmuschel eine annähernd dreieckig konfigurierte
oberflächliche Hautmanteldurchtrennung mit einer Kantenlänge von
ca. 0,5 cm
− an der linken Ohrmuschel eine quer zur Ohrmuschelachse verlaufende
ca. 1 cm lange Hautwunde, welche mit 2 Einzelnähten verschlossen
wurde.
2.3 Im angefochtenen Urteil wird dazu ausgeführt, es liege unzweifelhaft auf der
Hand, dass der Privatkläger durch die mit dem zerbrochenen Bierglas ausgeführ-
ten zwei Schläge, von welchen einer mit beachtlicher Intensität durchgeführt wor-
den sei, ohne Weiteres auch hätte getötet werden können. Diesbezüglich bestäti-
ge das Gutachten des IRM vom 15. November 2018, dass der Privatkläger auf-
grund der durch den Beschuldigten zugefügten Verletzungen ohne ärztliche Inter-
vention mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an den Folgen des Blut-
verlustes gestorben wäre. Gemäss Gutachten sei es lediglich der Hilfe von Dritt-
personen vor Ort, welche die Wunde komprimierten und der notärztlichen Be-
handlung zu verdanken, dass der Tod nicht eingetreten sei. Demzufolge sei der
objektive Tatbestand von Art. 111 StGB, mit Ausnahme des ausgebliebenen Er-
folges, erfüllt (Urk. 58 S. 53 f.). Diesen Erwägungen und der Schlussfolgerung ist
zuzustimmen, obschon das Glas erst beim ersten Schlag kaputt ging. Der Privat-
kläger hätte durch die zwei erstellten Bewegungsabläufe des Beschuldigten mit
dem Bierglas getötet werden können.
2.4 Da es am objektiven Tatbestandsmerkmal des Todeseintritts fehlt, liegt eine
versuchte Tatbegehung vor.
3. Subjektiver Tatbestand
3.1 Vorsätzlich begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Tat mit Wissen
und Willen ausführt. Vorsätzlich handelt bereits, wer die Verwirklichung der Tat für
möglich hält und in Kauf nimmt (Art. 12 Abs. 2 StGB). Eventualvorsatz ist gege-
- 61 -
ben, wenn der Täter die Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber den-
noch handelt, weil er den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt, sich
mit ihm abfindet, mag er ihm auch unerwünscht sein. Ob der Täter die Tatbe-
standsverwirklichung im Sinne des Eventualvorsatzes in Kauf genommen hat,
muss das Gericht bei Fehlen eines Geständnisses aufgrund der Umstände ent-
scheiden. Dazu gehören die Grösse des dem Täter bekannten Risikos, die
Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung, die Beweggründe und die Art der Tat-
handlung. Je grösser die Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung ist
und je schwerer die Sorgfaltspflichtverletzung wiegt, desto näher liegt die
Schlussfolgerung, der Täter habe die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genom-
men. Das Gericht darf vom Wissen des Täters auf den Willen schliessen, wenn
sich dem Täter der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich aufdrängte, dass die
Bereitschaft, ihn als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise nur als Inkaufnahme
des Erfolgs ausgelegt werden kann (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3 mit Hinweis). Beson-
dere Umstände liegen namentlich vor, wenn der Täter das ihm bekannte Risiko
nicht kalkulieren und dosieren kann und das Opfer keine Abwehrchancen hat
(BGE 133 IV 9 E. 4.1; 133 IV 1 E. 4.5; 131 IV 1 E. 2.2; Urteile des Bundesgerichts
6B_873/2018 vom 15. Februar 2019 E. 1.1.2.; 6B_897/2017 vom 24. Juli 2018
E. 2.1; je mit Hinweisen).
3.2 Gemäss erstelltem Sachverhalt schüttete der Beschuldigte, nachdem er und
der Privatkläger aufeinander zugegangen waren, Bier in dessen Gesicht und
schlug ihm anschliessend mit einer schwingenden Armbewegung von oben nach
unten ein Bierglas gegen die linke Halsseite, welches dann zerbrach. Sodann
führte der Beschuldigte noch mindestens ein zweites Mal das Glas gegen die lin-
ke Halsseite des Privatklägers.
Im Einklang mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass als Allgemeinwissen gelten
kann, dass ein Bierglas geeignet ist, erhebliche Verletzungen zuzufügen. Es ist
allgemein bekannt, dass ein Bierglas relativ rasch zerbrechen kann, wenn man
damit gegen den Hals schlägt. Die möglichen Folgen eines Schlages mit Bierglas
dürften erfahrungsgemäss mit entstandenen Verletzungen aus dem Alltag durch
Trinkglas- oder anderweitige Scherben, aus dem Schulunterricht oder auch aus
- 62 -
Berichterstattungen in den Medien über diese Thematik hinlänglich bekannt sein.
Dass ein schwungvoll bzw. mit Kraft ausgeführter Schlag mit einem dünnwandi-
gen Bierglas an den nicht mit Kleidungsstücken bedeckten Kopf- und Halsbereich
einer Person zu tödlichen Verletzungen führen kann, ist gleichermassen als All-
gemeinwissen vorauszusetzen. Allgemein bekannt ist in diesem Zusammenhang
ferner, dass sich das Risiko einer schweren oder gar tödlichen Verletzung durch
einen Schlag mit einem scharfen Gegenstand auf eine Person vergrössert, je we-
niger die betreffende Körperstelle bspw. durch Kleider geschützt ist. Zudem ist no-
torisch, dass es sich beim menschlichen Kopf- und Halsbereich um einen äus-
serst sensiblen Körperteil handelt.
Das genannte Allgemeinwissen ist dem Beschuldigten vorbehaltlos anzurechnen.
Der zum Tatzeitpunkt 28-jährige Beschuldigte – der gemeinsam mit mehreren
Geschwistern im Kosovo aufgewachsen ist, insgesamt 13 Jahre Schulunterricht
genossen hat, davon vier Jahre Mittelschule mit Richtung Architektur und an-
schliessend in der Schweiz viele Jahre als Eisenleger arbeitete (Prot. I S. 8 f.) –
gab vor Vorinstanz denn auch zu Protokoll, dass, wenn man ganz logisch denke,
Verletzungen entstehen könnten, wenn jemand mit einem Glas angegriffen werde
(Prot. I S. 29). Der Beschuldigte gab anlässlich der Hauptverhandlung auch zu,
dass das Glas "irgendwie zu Bruch" gegangen sei (Prot. I S. 23).
3.3 Aufgrund des erstellten äusseren bzw. objektiven Sachverhalts ist erwiesen,
dass der Privatkläger am Hals eine lebensgefährliche Verletzung erlitt. Ob der
Beschuldigte bei diesem Schlag mit dem Bierglas gezielt vorging und somit eine
Tötung anstrebte, ist eine Frage des subjektiven, inneren Sachverhalts, welcher
anhand der Würdigung des Verhaltens des Beschuldigten sowie anhand weiterer
Umstände zu ermitteln ist. Zwar ist nicht erstellt, dass der Beschuldigte mit dem
Bierglas gezielt und damit direktvorsätzlich an den Hals des Privatklägers ge-
schlagen hat. Das erwiesene Verhalten des Beschuldigten bei der Ausführung
des Schlages lässt jedoch keinen anderen Schluss zu, als dass er mit der Mög-
lichkeit rechnen musste, dass der unmittelbar vor ihm stehende Privatkläger, der
durch das ihm kurz zuvor angeschüttete Bier abgelenkt war und in dessen Rich-
tung der von oben nach unten geführte Schlag erfolgte, durch diesen auch am
- 63 -
Hals getroffen werden könnte. Der Beschuldigte konnte seinen Schlag gegen den
Kopf-/Halsbereich des Privatklägers während dieses dynamischen Ablaufs auch
nicht genügend kontrollieren und es hing daher lediglich vom Zufall ab, ob er bei
seinem Zuschlagen lebenswichtige Strukturen verletzen würde. Zudem hatte der
Privatkläger in diesem Moment keine wirksame Abwehrchance, da er durch das
ihm unmittelbar zuvor an geschüttete Bier überrascht, optisch irritiert und damit im
Tatzeitpunkt praktisch wehrlos war.
Aus dem Dargelegten folgt, dass sich der aus nächster Nähe mit einem Trinkglas
an den Kopf-/Halsbereich des Privatklägers schlagende Beschuldigte fraglos des
grossen Risikos einer schweren Verletzung des Opfers mit Todesfolge bewusst
war. Ob der Beschuldigte auch im konkreten Moment der Tatausführung an die
Möglichkeit schwerer Verletzungen mit allfälliger Todesfolge dachte, spielt dabei
keine Rolle (vgl. dazu DONATSCH/TAG, Strafrecht I, 9. Aufl., Zürich 2013, S. 113 f.;
PK StGB-TRECHSEL/JEAN-RICHARD, 3. Aufl., Zürich 2018, Art. 12 N 4 mit Hinwei-
sen). Vielmehr genügt ein sogenanntes "Mitbewusstsein" im Sinne eines Be-
gleitwissens. Der Täter braucht sich die betreffenden Merkmale im Moment sei-
nes Handelns nicht besonders zu vergegenwärtigen, ein aktuelles oder gar reflek-
tiertes Bewusstsein ist nicht erforderlich. Ein solches Mitbewusstsein ist dem Be-
schuldigten ohne Weiteres anzulasten. Es liegt eine schwere Sorgfaltspflichtver-
letzung vor.
Die Verwirklichung des Risikos eines Treffers mit tödlicher Wirkung musste sich
dem Beschuldigten unter den genannten Umständen als so wahrscheinlich auf-
drängen, dass seine Bereitschaft, sie als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise
nur als Inkaufnahme des Erfolgs, mithin einer tödlichen Verletzung des Privat-
klägers, gedeutet werden kann. Er wollte dies bzw. nahm es zumindest in Kauf.
3.4 Fazit
Der Beschuldigte hat mit Eventualvorsatz gehandelt. Der subjektive Tatbestand
ist ebenfalls erfüllt. Es liegt eine versuchte Tötung vor. Dass der Erfolg einer tödli-
chen Verletzung nicht eintrat, hing ausschliesslich von Glück und Zufall ab.
- 64 -
4. Rechtfertigungsgründe
Mit sorgfältiger und zutreffender Begründung hat die Vorinstanz das Vorliegen ei-
ner Notwehrsituation seitens des Beschuldigten letztlich verneint (Urk. 58 S. 57-
59). Darauf kann grundsätzlich verwiesen werden. Der Beschuldigte war bereits
im Lokal drin der Aggressor und hat in der Folge vor der D'._ Bar mit dem
Anschütten des Biers eine erneute Provokation gegenüber dem Privatkläger ge-
setzt, weshalb er sich nicht auf Notwehr berufen kann. Der behauptete Angriff auf
den Beschuldigten vor der D'._ Bar (vgl. Urk. 77 S. 28 ff.) basiert ohnehin auf
sehr unglaubhaften Aussagen, obschon die Vorinstanz dem Beschuldigten in die-
ser Phase bis zum Ausschütten des Biers noch eine Putativnotwehrsituation zubil-
ligte (vgl. Urk. 58 S. 58 unten). Ein Handeln des Beschuldigten in rechtfertigender
Notwehr ist zu verneinen. Die Frage einer entschuldbarer Notwehr ist mangels ei-
ner Notwehrsituation obsolet.
5. Fazit Schuldpunkt
In Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils ist der Beschuldigte der versuchten
vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB schuldig zu sprechen.
V. Strafzumessung
1. Vorsätzliche Tötung wird mit Freiheitsstrafe von 5 bis 20 Jahren bestraft
(Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 40 StGB) und dass infolge versuchter Tat-
begehung ein Strafmilderungsgrund gegeben ist (Art. 22 Abs. 1 StGB), wobei vor-
liegend aber keine aussergewöhnliche Umstände bestehen, die ein Verlassen des
ordentlichen Strafrahmens rechtfertigen würden, weshalb die Freiheitsstrafe in-
nerhalb des genannten Strafrahmens festzusetzen ist (BGE 136 IV 55 E. 5.8; Urk.
58 S. 60).
2. Strafzumessungskriterien
- 65 -
Die Vorinstanz hat sich umfassend und korrekt zu den Grundsätzen der Strafzu-
messung geäussert, insbesondere auch zur Unterscheidung zwischen objektiver
und subjektiver Tatschwere sowie Tat- und Täterkomponente. Auf diese Aus-
führungen kann zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen verwiesen werden
(Urk. 58 S. 61-63).
3. Tatkomponente
3.1 Objektive Tatschwere
3.1.1 Hierzu erwog die Vorinstanz, der Beschuldigte habe dem Privatkläger völlig
unerwartet mit einem zerbrochenen Bierglas an die linke Halsseite geschlagen
und ihm dabei unter anderem eine Verletzung der linken Wirbelsäulenarterie zu-
gefügt. Dies habe zu einer arteriellen Blutung geführt, die ohne notärztliche Be-
handlung und Hilfe Dritter den Tod durch Verbluten und/oder eine lebensgefährli-
che Blut- und Sauerstoffunterversorgung des Gehirns nach sich gezogen hätte.
Der Beschuldigte habe die tätliche Auseinandersetzung vor der D'._ Bar
nicht unwesentlich provoziert, indem er aufgrund des Geschehens in der D'._
Bar draussen vor dem Lokal gewartet habe, bis der Privatkläger die Bar verliess.
Zu Gunsten des Beschuldigten sei zu berücksichtigen, dass die Stimmung aufge-
heizt gewesen sei, weil der Privatkläger den Beschuldigten in der D'._ Bar
mit einem Griff um dessen Hals/Oberkörper von einer Auseinandersetzung mit
K._ wegzuziehen versucht habe. Aufgrund dieser Auseinandersetzung sei
der Beschuldigte bereits aus der Bar verwiesen und es sei ihm nahegelegt wor-
den, nach Hause zu gehen. Statt diesen Rat zu befolgen, habe er vor der
D'._ Bar verweilt. Als der Privatkläger dann auf ihn zugekommen sei, habe
der Beschuldigte dem Privatkläger Bier in dessen Gesicht geschüttet. Die dadurch
verursachte Trübung der Sicht des Privatklägers habe der Beschuldigte ausge-
nutzt, ihn unvermittelt mit dem zerbrochenen Bierglas attackiert und den Privat-
kläger dabei lebensgefährlich verletzt. Dieses Vorgehen taxierte die Vorinstanz
als heimtückisch und rücksichtlos. Der Beschuldigte sei sich bewusst gewesen,
dass das Bierglas zerbrochen gewesen sei und habe diesen gefährlichen Gegen-
stand dennoch benutzt, um ihn gegen den Privatkläger einzusetzen. Die objektive
Tatschwere sei dementsprechend als erheblich zu qualifizieren (Urk. 58 S. 62).
- 66 -
3.1.2 Diesen Ausführungen und der Schlussfolgerung ist mit der Ausnahme, dass
das Bierglas erst beim ersten Schlag zerbrach, zuzustimmen. Die Art und Weise
des Handelns des Beschuldigten ist zudem von beträchtlicher Aggression ge-
prägt, indem er eine allenfalls vermeintliche Offensive des auf ihn zugehenden
Privatklägers nicht nur mit Anschütten von Bier in dessen Gesicht konterte, son-
dern gleich noch zwei Bewegungen mit dem zerbrochenen Bierglas gegen den
Hals des kurzzeitig nicht sehenden und daher wehrlosen Privatklägers führte. Das
zeigt, dass der Beschuldigte weit mehr als nur einen mutmasslichen Angriff ab-
wehrte, wozu bereits das Anschütten des Biers ausgereicht hätte (vgl. auch Urk.
58 S. 58 f.). Das überschiessende Vorgehen des Beschuldigten ist überdies als
brutal und hemmungslos zu bezeichnen. Der Beschuldigte offenbarte dadurch er-
höhte kriminelle Energie. Was für ein deliktischer Erfolg resultieren würde, hing
aufgrund der unberechenbaren Dynamik letztlich vom Zufall ab. Nur dank der Hil-
fe von Drittpersonen und der notärztlichen Behandlung konnte das höchste der
strafrechtlich geschützten Rechtsgüter, das menschliche Leben, hier jenes des
Privatklägers, bewahrt werden. Der tatbestandmässige Erfolg lag mithin sehr na-
he. Dass die Beeinträchtigung des geschützten Rechtsgutes im Ergebnis doch re-
lativ geringfügig ausfiel, ist unter dem Aspekt des Versuchs zu berücksichtigen.
3.1.3 Beim objektiven Tatverschulden ist auch ein allfälliger Versuch zu beach-
ten. Die bloss versuchte Tatbegehung ist lediglich strafmindernd zu werten, denn
es ist von vollendetem Versuch auszugehen, welcher das Verschulden des Täters
an sich unberührt lässt. Gleichwohl hat sich dieser Umstand hier zugunsten des
Beschuldigten auszuwirken. Während Art. 22 Abs. 1 StGB die Strafmilderung, das
heisst den Wechsel in den Sonderstrafrahmen des Art. 48a StGB, ins richterliche
Ermessen stellt, sollte das Ausbleiben des tatbestandsmässigen Erfolgs jedenfalls
im Regelfall zu einer milderen Strafe führen als derjenigen, auf die zu erkennen
wäre, wenn der Täter das Delikt vollendet hätte. Das Mass der zulässigen Reduk-
tion der Strafe beim vollendeten Versuch hängt dabei von der Nähe des tat-
bestandsmässigen Erfolgs und den tatsächlichen Folgen der Tat ab. Die Redukti-
on der Strafe soll mit andern Worten umso geringer sein, je näher der tatbe-
standsmässige Erfolg und je schwerwiegender die tatsächliche Folge der Tat war
(BSK StGB I - NIGGLI/MAEDER, 4. Aufl. Basel 2019, Art. 22 N 28 mit Verweisen).
- 67 -
Wie gezeigt, ist es nicht dem Beschuldigten zu verdanken, sondern der Hilfe Drit-
ter und der notärztlichen Intervention, dass der Privatkläger überlebte. Angesichts
des unvermittelten und brutalen eigenen Vorgehens sowie der nicht beeinflussba-
ren Dynamik hatte der Beschuldigte keine Chance abzuschätzen oder gar zu be-
einflussen, welche Folgen seine Gewalteinwirkungen auf den Privatkläger zeitigen
würden. Es ist von vollendetem Versuch auszugehen. Der Privatkläger war einer
hohen Gefährdung ausgesetzt (was der Beschuldigte wusste und in Kauf nahm,
siehe nachfolgende Erw. V. 3.2), und der tatbestandmässige Erfolg lag wie darge-
legt sehr nah. Immerhin blieb es bei relativ geringen tatsächlichen Auswirkungen,
namentlich einer zurückbleibenden Narbe. Körperliche Folgeschäden sind laut der
Sachverständigen nicht zu erwarten (Prot. I S. 66). Dass die Tat im Versuchssta-
dium stecken blieb, vermag die Strafe innerhalb des ordentlichen Strafrahmens
insgesamt nur sehr moderat zu mindern. Die objektive Tatschwere ist mit der
Vorinstanz als erheblich einzustufen, so dass eine Einsatzstrafe im Bereich von
8 1⁄2 bis 9 Jahren angemessen wäre.
3.2 Subjektive Tatschwere
Der Beschuldigte handelte mit Eventualvorsatz, was sich leicht strafreduzierend
auswirkt (vgl. vorne Erw. IV. 3.). Die Beweggründe seines Verhalten liegen zwar
im Dunkeln, doch scheint es aufgrund der Vorgeschichte des Abends nahelie-
gend, dass sich der Beschuldigte am Privatkläger rächen wollte. Das Motiv ver-
mag den Beschuldigten jedenfalls nicht zu entlasten, eher im Gegenteil.
Der Beschuldigte handelte bei weitestgehend intakter Schuldfähigkeit. So ergab
die Blutalkoholanalyse aufgrund der Blutentnahme ca. 4 1⁄2 Stunden nach dem
Tatgeschehen einen Mittelwert von 0.34 Gew.%o (0.29-0.39 Gew.%o), was am
untersten Rand der Stadien der akuten Alkoholwirkungen liegt (Urk. 8/2 S. 3; Urk.
8/3 und 8/4). Wenn der Beschuldigte angibt, im Tatzeitpunkt betrunken gewesen
zu sein, da er am fraglichen Abend 7 oder 8 Dosenbiere à 0,5 Liter getrunken ha-
be, mit Trinkende unmittelbar vor dem Vorfall von 23.40 Uhr (Urk. 4/2 Fragen 8-
11), so erweist sich das als wenig glaubhaft. Gleiches gilt für seine wiederholte
Behauptung vor Vorinstanz, wegen Alkoholeinflusses und sonstigen Einflüssen
Diverses nicht (mehr) zu wissen (beispielsweise Prot. I S. 23 und 26). Seine An-
- 68 -
gaben zum Alkoholkonsum sind denn auch nicht einheitlich und den Konsum von
Cocain verneinte er gänzlich (Urk. 4/2 Frage 12). Anlässlich seiner ärztlichen Un-
tersuchung in der Tatnacht hatte er noch von 6-7 Stangen Bier à 0.33 Liter ge-
sprochen. Das Institut für Rechtsmedizin stellte keinen Alkoholfoetor fest, Spra-
che, Verhalten, Haut und Nase wurden als unauffällig bezeichnet. Ebenso wenig
wurde ein Cannabisfoetor festgestellt (Urk. 8/3). Dem Pharmakologisch-
Toxikologischen Gutachten ist anderseits zu entnehmen, dass im Zeitpunkt des
Ereignisses eine Wirkung durch Cokain sowie durch Cannabis vorlag (Urk. 8/2 S.
4 f.). Laut der Schlussfolgerung im Gutachten stand der Beschuldigte im Zeitpunkt
des Ereignisses unter der kombinierten Wirkung von Alkohol, Cannabis und Co-
cain (Urk. 8/2 S. 1). Aus dem erstellten Sachverhalt ergibt sich umgekehrt, dass
der Beschuldigte die Situation vor der Bar überschaute und situativ vollständig
orientiert war. So handelte er differenziert und verfügte über einwandfrei funktio-
nierende motorische Fähigkeiten, indem er auf den aus der Bar tretenden Privat-
kläger zuging, diesem Bier ins Gesicht schüttete, mindestens zweimal mit dem
zerbrochenen Glas an dessen Hals schlug und anschliessend sogleich mit dem
eigenen Fahrrad nach Hause fuhr. Es sind somit keine Anhaltspunkte erkennbar,
dass der Beschuldigte in seiner Einschätzung der Lage und in seinem Vorgehen
durch Alkoholisierung mehr als höchstens marginal tangiert gewesen wäre. Die
Entscheidungsfreiheit war fraglos stets uneingeschränkt während des gesamten
Vorfalls gegeben. Das gilt umso mehr, als er – der damalige Aggressor in der
D'._ Bar – vor das Lokal verbracht und explizit nach Hause geschickt worden
war. Entsprechend hatte er gegenüber dem Wirt erklärt, er werde dies auch zu
tun. Dennoch hatte er sich offenbar entschieden, vor dem Lokal zu verharren und
dem Privatkläger abzupassen. Im Ergebnis ist zu Gunsten des Beschuldigten von
einer leichten reduzierten Schuldfähigkeit auszugehen.
Die subjektive Tatschwere vermag das objektive Tatverschulden insgesamt nur
geringfügig zu relativieren.
3.3 Fazit Einsatzstrafe für Tatkomponente
Als Einsatzstrafe für die Tatkomponente rechtfertigt sich eine Freiheitsstrafe von
7 3⁄4 Jahren.
- 69 -
4. Täterkomponente
4.1 Biografie
Das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigen lassen sich
wie folgt zusammenfassen (auch Urk. 58 S. 63 f.): Der am tt. Juni 1990 in
R._ [Ortschaft] im Kosovo geborene Beschuldigte wuchs als Jüngster mit
seiner Mutter, seinen vier Brüdern und der Schwester in geordneten Verhältnis-
sen auf. Seine Geschwister zogen mit der Zeit aus und er wohnte schliesslich al-
leine mit seiner Mutter. Sein Vater lebte während rund 40 Jahren in der Schweiz
und verstarb am tt.mm 2015. Der Beschuldigte besuchte in R._ neun Jahre
lang die Primarschule und anschliessend während drei bis vier Jahren das Gym-
nasium mit Richtung Architektur. Kurz vor seinem Abschluss, im Januar 2009,
holte der Vater ihn in die Schweiz, wobei seine Mutter bereits im Jahr 2008 in die
Schweiz gekommen war. Die Geschwister blieben im Kosovo. Nach seiner Einrei-
se wohnte er rund ein Jahr in S._ [Ortschaft] im AI, ohne jedoch Arbeit zu
finden, wobei er in der Berufungsverhandlung angab, seit seiner Einreise immer
gearbeitet zu haben (Urk. 75 S. 2). Ein Bekannter vermittelte ihm eine Stelle als
Eisenleger in Zürich, worauf er nach F._ und anschliessend nach T._
[Ortschaft] zog. Bis zum Tod seines Vaters arbeitete er als Eisenleger in ver-
schiedenen Firmen, zuletzt bis zu seiner Festnahme in F._. Seit Juni 2018
bis zu seiner Verhaftung am 21. September 2018 wohnte er mit seiner Mutter in
V._ und unterstützte sie finanziell, da sie nach seinen Angaben nicht arbeitet
und lediglich eine Witwenrente erhält. Aus der Biografie des Beschuldigten lassen
sich weder straferhöhende noch strafmindernde Umstände ableiten.
4.2 Vorstrafen
Der schweizerische Strafregisterauszug des Beschuldigten vom 3. Juni 2021
weist aktuell zwei Vorstrafen aus (Urk. 73). Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft
Winterthur/Unterland vom 23. November 2016 wurde der Beschuldigte wegen
Führens eines Motorfahrzeuges ohne erforderlichen Führerausweis mit einer auf
drei Jahre zur Bewährung ausgesetzten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu
Fr. 90.– sowie mit einer Busse von Fr. 300.– bestraft. Mit Strafbefehl der Staats-
- 70 -
anwaltschaft Zürich-Limmat vom 13. März 2018 wurde er sodann wegen Drohung
zu einer Geldstrafe von 45 Tagessätzen zu Fr. 90.– verurteilt. Gleichzeitig wider-
rief die Staatsanwaltschaft die am 23. November 2016 ausgesprochene Geldstra-
fe von 20 Tagessätzen zu Fr. 90.–. Diese Vorstrafen sind zwar nicht einschlägig,
doch lagen sie im Zeitpunkt der vorliegend zu beurteilenden Tat noch nicht weit
zurück. Sie sind daher leicht straferhöhend zu berücksichtigen.
4.3 Nachtatverhalten
Der Beschuldigte bestritt die Tat durchgehend und stellte sich stets auf den
Standpunkt, vom Privatkläger und dem Zeugen C._ angegriffen worden zu
sein und sich nur verteidigt zu haben (unter anderem Prot. I S. 20 ff.). Somit kann
dem Beschuldigten weder ein Geständnis zugutegehalten werden noch sind Ein-
sicht und aufrichtige Reue ersichtlich. Hinweise des Beschuldigten, es tue ihm
sehr leid, dass der Privatkläger Verletzungen davon getragen habe (beispielswei-
se Prot. I S. 28) bzw. Lebensgefahr bestanden habe (Urk. 4/2 Frage 7), sind nicht
mehr als ein Lippenbekenntnis und können nicht ernst genommen werden, nach-
dem sich der Beschuldigte auf blosse Verteidigung beruft und nicht anzugeben in
der Lage (oder gewillt) ist, wie es zu den Verletzungen kam. Das Nachtatverhal-
ten ist neutral zu würdigen.
4.4 Strafempfindlichkeit
Anhaltspunkte für eine erhöhte Strafempfindlichkeit sind keine ersichtlich. Da-
ran ändert nichts, dass die Mutter des Beschuldigten krank ist und er sie unter-
stützen möchte. Das Bundesgericht hat wiederholt festgehalten, dass jedes
Strafverfahren neben dem Schuldspruch und der Sanktion zusätzliche Belastun-
gen mit sich bringt. Einschränkungen im sozialen und beruflichen Umfeld sind ei-
ne gesetzmässige Folge jeder freiheitsbeschränkenden Sanktion (Urteil
6B_301/2019 vom 17. September 2019 E. 1.4.1 mit Hinweisen). Aussergewöhnli-
che Umstände, die das durchschnittliche Mass übersteigen, sind beim Beschul-
digten nicht gegeben.
4.5 Fazit Täterkomponente
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Die Täterkomponente wirkt sich aufgrund der Vorstrafen leicht straferhöhend aus.
4.6 Beschleunigungsgebot
Die Verteidigung rügt im Berufungsverfahren auch eine Verletzung des Beschleu-
nigungsgebotes, da seit dem vorinstanzlichen Entscheid zwei Jahre vergangen
seien (Prot. II S. 8). Dem Beschuldigten ist unter diesem Titel keine Strafminde-
rung zu gewähren. Das vorinstanzliche Urteil erging Ende August 2019. Nachdem
Eingang der Berufungserklärungen Anfang März 2020 entschied die hiesige
Kammer in der Sache Mitte Juni 2021. Unter Berücksichtigung, dass es sich um
drei Berufungskläger bzw. Anschlussberufungskläger handelt, gestaltet sich die
Terminfindung gerichtsnotorisch schwierig. Dem Beschuldigten ist in Übrigen aus
dieser Verfahrensdauer kein Nachteil erwachsen, zumal er sich im vorzeitigem
Strafvollzug befindet, was ihm wie nachfolgend gezeigt an die auszusprechende
Strafe angerechnet wird.
5. Fazit Strafzumessung
In gesamthafter Würdigung aller Strafzumessungsfaktoren erweist sich eine
Bestrafung des Beschuldigten mit 8 Jahren Freiheitsstrafe als angemessen.
Der Beschuldigte befindet sich seit seiner Verhaftung in der Tatnacht (21. Sep-
tember 2018) in Untersuchungshaft bzw. im vorzeitigen Strafvollzug. Folglich sind
gemäss Art. 51 StGB 998 Tage an die auszusprechende Freiheitsstrafe anzu-
rechnen.
6. Vollzug
Bei der auszusprechenden Strafe von 8 Jahren ist ein (teil-)bedingter Vollzug
schon aus objektiven Gründen ausgeschlossen, weshalb die Freiheitsstrafe zu
vollziehen ist (Art. 42 Abs. 1 und 43 Abs. 1 StGB).
VI. Landesverweisung
1. Die gesetzlichen Grundlagen sind im angefochtenen Urteil wiedergegeben,
worauf verwiesen werden kann (Urk. 58 S. 67 ff.).
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2. Zu Recht hat die Vorinstanz die objektiven Voraussetzungen für eine Lan-
desverweisung als gegeben erachtet. Der Beschuldigte ist kosovarischer Staats-
angehöriger. Die Tat wurde am 20. September 2018 begangen, mithin nach dem
1. Oktober 2016 und die versuchte vorsätzliche Tötung i.S.v. Art. 111 StGB i.V.m.
Art. 22 Abs. 1 StGB ist von den Katalogstraftaten gemäss Art. 66a Abs. 1 lit. a
StGB erfasst.
3. Bei der Prüfung der Frage, ob die Landesverweisung für den Beschuldigten
einen persönlichen Härtefall darstellt, gilt mit der Vorinstanz (vgl. Urk. 58 S. 68 ff.)
und teilweise in Ergänzung zu ihren Erwägungen das Folgende:
3.1 Der Beschuldigte lebt seit Januar 2009, mithin seit er 18 Jahre alt ist, in der
Schweiz. Er ist unverheiratet und kinderlos. Er wurde im Kosovo geboren und
wuchs auch dort auf. Im Kosovo absolvierte er die Grundschule und besuchte
noch während drei bzw. vier Jahren die Mittelschule. Einen Beruf hat er weder in
seiner Heimat noch später in der Schweiz erlernt.
In der Schweiz arbeitete er bis zu seiner Inhaftierung während ca. 9 1⁄2 Jahren bei
verschiedenen Firmen als Eisenleger, dies immer im Stundenlohn, wobei er
zwischen Fr. 4'000.– und Fr. 4'500.– verdiente. Die letzte Stelle als Eisenleger
hatte er bei der Firma U._ GmbH in F._ inne. Er trat diese etwa ein hal-
bes Jahr vor der Tat an resp. war – mit Unterbrüchen – insgesamt ca. ein halbes
Jahr für dieses Unternehmen tätig. Seine Einkünfte reichten gerade zur Bestrei-
tung des Lebensunterhalts. Vermögen hat er keines, jedoch gemäss seinen An-
gaben Schulden von einigen tausend Franken bei der Krankenkasse (Urk. 4/1
Fragen 77 f., 81; Urk. 4/6 Fragen 16 ff.; Urk. 73; Prot. I S. 7 ff.).
In seinem Strafregisterauszug sind zwei Vorstrafen verzeichnet wegen Führens
eines Motorfahrzeugs ohne erforderlichen Führerausweis aus dem Jahr 2016
sowie wegen Drohung aus dem Jahr 2018. Vor der Verhaftung lebte er zusam-
men mit seiner Mutter, welche laut dem Beschuldigten krank ist und eine Witwen-
rente bezieht. Seinen Angaben zufolge sei bei ihr im Kosovo Knochenkrebs diag-
nostiziert worden. Sie bedürfe seiner finanziellen Unterstützung und benötige u.a.
Hilfe bei Einkäufen, weil sie nicht tragen könne. Er habe noch Cousins in der
- 73 -
Schweiz. Alle seine Geschwister, die vier Brüder und seine Schwester, leben im
Kosovo. Zu ihnen hat der Beschuldigte gemäss eigener Darstellung guten, wenn
auch keinen grossen Kontakt (Urk. 4/1 Frage 81; Urk. 4/6 Frage 21). Alle Ge-
schwister haben eine eigene Familie gegründet. Selber war der Beschuldigte
letztmals im Jahr 2015 aus Anlass des Begräbnisses seines Vaters im Kosovo
(Urk. 4/6 Frage 20). Sein Leben im Kosovo sei schwierig gewesen und er habe
niemanden zum Zusammenleben gehabt. Während sämtlicher Einvernahmen,
auch anlässlich der Hauptverhandlung vor Vorinstanz und an der Berufungsver-
handlung benötigte der Beschuldigte einen Dolmetscher (Urk. 4/1-4/6; Prot. I S. 6
ff.; Urk. 76, Prot. II S. 4).
3.2 Der heute bald 31 Jahre alte Beschuldigte lebt inzwischen seit rund 12 Jah-
ren in der Schweiz, davon rund 9 1⁄2 Jahre in Freiheit. Sein schulischer und sozia-
ler Werdegang fand ausschliesslich im Kosovo statt. Mit Ausnahme zu seiner
Mutter pflegt er kaum persönliche Kontakte in der Schweiz. Er ist unverheiratet
und ist bis zu seiner Inhaftierung einer Arbeit nachgegangen. Die deutsche Spra-
che beherrscht er nachweislich nicht. Obwohl von einer gewissen Integration des
Beschuldigten in der Schweiz auszugehen ist, erscheint er unter objektiven
Gesichtspunkten in seinem Heimatland deutlich stärker verwurzelt als in der
Schweiz, hat er doch seine ganze Kindheit und Jugend bis zur Volljährigkeit, mit-
hin die prägenden Jahre, dort verbracht. So wuchs der Beschuldigte im Kosovo
auf, hat insgesamt 12-13 Jahre Schulunterricht genossen, ist mit der dortigen Kul-
tur vertraut und Albanisch ist seine Muttersprache. Fraglos ist es ihm gut möglich,
sich in der Heimat, wo er zum erwachsenen Menschen heranreifte, wieder zu in-
tegrieren, sozial und beruflich Fuss zu fassen. Ergänzt um die langjährige Berufs-
erfahrung in der Schweiz sollte es ihm bald gelingen, eine Arbeitsstelle zu finden.
Dass der Beschuldigte in der Schweiz beruflich etabliert wäre, lässt sich nicht sa-
gen, nachdem er bei diversen Arbeitgebern gearbeitet hat und dies stets im Stun-
denlohn. Zudem leben seine fünf Geschwister, mit denen er im Kosovo gemein-
sam aufgewachsen ist, nach wie vor im Heimatland. Die Geschwister und deren
Familien bilden daher wichtige Anknüpfungspunkte. Die Mutter des Beschuldigten
ist laut seinen Angaben zwar krank und bedarf finanzieller Unterstützung sowie
Hilfe bei Einkäufen. Eine angemessene Betreuung der Mutter in der Schweiz er-
- 74 -
scheint aber auch ohne Mitwirkung des Beschuldigten gewährleistet, kann diese
doch nötigenfalls auch auf externe Pflege- und Unterstützungsdienste zurückgrei-
fen oder wie der Beschuldigte selbst ausführte, die Hilfe albanischer Nachbarn in
Anspruch nehmen. Überdies ist es dem Beschuldigten zuzumuten, auch vom
Kosovo aus finanzielle Unterstützung zu leisten und mit ihr telefonisch oder brief-
lich den Kontakt aufrecht zu erhalten.
In Anbetracht all dieser Umstände kann nicht gesagt werden, dass ein Verlassen
der Schweiz bei objektiver Betrachtung zu einem nicht hinnehmbaren Eingriff in
das Leben des Beschuldigten führen würde. Dass ein Leben in der Schweiz vor
allem wirtschaftlich komfortabler sein dürfte als im Kosovo, begründet keinen
Härtefall. Denn der Gesetzgeber hat mit Art. 121 Abs. 3-6 BV und Art. 66a ff.
StGB eine Verschärfung der zuvor geltenden ausländerrechtlichen Rechtspre-
chung angestrebt (BGE 145 IV 55 E. 4.3; 144 IV 332 E. 3.3.3; Urteile des Bun-
desgerichts 6B_1338/2019 vom 8. Juli 2020 E. 3.2 und 6B_736/2019 vom 3. April
2020 E. 1.2.2), sodass der Verzicht auf eine Landesverweisung wegen eines
schweren persönlichen Härtefalls nur mehr ausnahmeweise in Frage kommt (Ur-
teil des Bundesgerichts 6B_1338/2019 vom 8. Juli 2020 E. 3.2). Ein schwerer
persönlicher Härtefall liegt somit nicht vor.
4. Selbst wenn ein Härtefall noch knapp zu bejahen wäre, würde das öffentli-
che Interesse an der Landesverweisung des Beschuldigten seine privaten Inte-
ressen am Verbleib in der Schweiz überwiegen. Die vom Beschuldigten begange-
ne versuchte vorsätzliche Tötung ist ein Verbrechen und damit als sehr schwere
strafbare Handlung einzustufen. Das wird noch dadurch bestärkt, dass der Be-
schuldigte bis heute nicht geständig ist, keine Einsicht zeigt und ebenso wenig
aufrichtige Reue bekundet.
Es liegt ein geradezu klassischer Anwendungsfall von Art. 66a StGB vor: Ratio
legis der Einführung dieser Gesetzesbestimmung war unstreitig, gefährliche aus-
ländische Täter aus dem Land zu entfernen und so die Bevölkerung zu schützen.
Wer sich derart wie im erstellten Sachverhalt aufführt, ist ein solch gefährlicher
Täter und verdient keinen Schutz seiner persönlichen Interessen an einem Ver-
bleib in der Schweiz. Aus diesem Grund ist der Beschuldigte auch zu einer mehr-
- 75 -
jährigen Freiheitsstrafe zu verurteilen. Schliesslich ergibt sich aus den zwei, wenn
auch viel weniger gewichtigen, Vorstrafen dass die zu beurteilende Tat keinen
einmaligen Ausrutscher des Beschuldigten darstellt.
5. Aufgrund des Gesagten ist der Beschuldigte in Anwendung von Art. 66a
Abs. 1 lit. a StGB des Landes zu verweisen.
6. Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung soll die Dauer der Lan-
desverweisung in einem adäquaten Verhältnis zur Dauer der ausgefällten Frei-
heitsstrafe stehen (Urteil des Bundesgerichts 6B_549/2019 vom 29. Mai 2019
E. 3; BGE 123 IV 107 E. 3). Das ergibt sich auch aus dem in der Bundesverfas-
sung verankerten Verhältnismässigkeitsprinzip (Art. 5 Abs. 2 BV; Art. 36 Abs. 2
und 3 BV). Da vorliegend mit 8 Jahren eine Freiheitsstrafe noch im unteren Be-
reich des von 5 bis 20 Jahren reichenden Strafrahmens auszusprechen ist, hat
dies auch für die Landesverweisung mit einer möglichen Dauer von 5 bis 15 Jah-
ren (Urk. 66a Abs. 1 StGB Ingress) zu gelten. Die Landesverweisung ist dement-
sprechend in Bestätigung der Vorinstanz (Urk. 58 S. 70) auf 8 Jahre festzusetzen.
7. Mit zutreffender Begründung, auf die zur Vermeidung unnötiger Wiederho-
lungen zu verweisen ist, hat die Vorinstanz die Ausschreibung der Landesverwei-
sung im Schengener Informationssystem (SIS) angeordnet (Art. 58 S. 71). Das ist
zu bestätigen.
VII. Zivilansprüche
1. Die Regelung betreffend Schadenersatz ist ausgangsgemäss und mit der
Begründung der Vorinstanz (Urk. 58 S. 75 f.) zu bestätigen.
2. Der Privatkläger beantragt in seiner Anschlussberufung eine Genugtuung
von Fr. 30'000.– zuzüglich Zins seit dem 20. September 2018 (Urk. 65; Urk. 78).
Für die allgemeinen Voraussetzungen zur Zusprechung einer Genugtuung und
die Kriterien betreffend Bemessung einer Genugtuung kann zur Vermeidung un-
nötiger Wiederholungen auf das angefochtene Urteil verwiesen werden (Urk. 58
S. 74 f.). Die Vorinstanz würdigte dabei die massgebenden Kriterien wie die Art
- 76 -
der Verletzungen, die Dauer der Hospitalisation, die Dauer der Arbeitsunfähigkeit
und ebenso die noch längere Zeit auftretenden psychischen Nachwirkungen wie
Schlafprobleme und wiederkehrende, medikamentös behandelte Depressionen
(Urk. 58 S. 76). Laut der Sachverständigen sind körperlich keine Folgeschäden zu
erwarten (Prot. I S. 66). Dem Gericht kommt bei der Bemessung der Höhe der
Genugtuung ein weiter Ermessensspielraum zu. Die Genugtuung muss dem Ein-
zelfall angepasst werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_1145/2018 vom 28.
Mai 2019 E. 3.1).
3. Der Privatkläger lässt zu Recht ins Feld führen, dass nicht nur die äusserli-
che Narbe, sondern auch die psychischen Folgen bzw. der Gedanke, dass man
hätte tot sein können und aus reinem Glück überlebt hat, einem ein Leben lang
begleiten bzw. verfolgen und damit in der Lebensgestaltung erkennbar beein-
trächtigen (Urk. 79 S. 11). Entsprechend erscheint vorliegend eine Genugtuung in
der Höhe von Fr. 15'000.– zuzüglich 5 % Zins seit dem 20. September 2018 der
erlittenen immateriellen Unbill des Privatklägers angemessen.
VIII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Bei diesem Verfahrensausgang ist die erstinstanzliche Kostenregelung
gemäss Dispositivziffer 11 zu bestätigen.
2. Der Beschuldigte unterliegt auch im Berufungsverfahren mit seinen Anträ-
gen vollumfänglich. Analoges gilt grundsätzlich hinsichtlich der geforderte Höhe
der Genugtuungsforderung des Privatklägers, welche vom Bearbeitungsaufwand
her jedoch nicht ins Gewicht fällt. Die Staatsanwaltschaft unterliegt marginal mit
ihrer Anschlussberufung. Im Ergebnis rechtfertigt es sich, die Kosten des Beru-
fungsverfahrens dem Beschuldigten vollumfänglich aufzuerlegen. Die Kosten der
amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung des Privatklägers sind
unter Vorbehalt der Nachzahlungspflicht nach Art. 135 Abs. 4 StPO einstweilen
auf die Gerichtskasse zu nehmen.
3.1 Die amtliche Verteidigung macht ein Honorar von Fr. 13'582.05 (inkl. MwSt.)
geltend (Urk. 74). Die Berufungsverhandlung dauert nur rund 4 1⁄2 Stunden (Prot.
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II S. 4 und 13). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist es zulässig, für
das Anwaltshonorar Pauschalen vorzusehen (BGE 143 IV 453 E. 2.5.1). Ange-
sichts der konkreten Bedeutung und Schwierigkeit des Falles sowie unter Berück-
sichtigung der getätigten Bemühungen des Verteidigers ist vorliegend für das Be-
rufungsverfahren eine Entschädigung von Fr. 13'000.– pauschal festzusetzen.
3.2 Die unentgeltliche Rechtsvertreterin des Privatklägers macht ein Honorar
von Fr. 5'942.– geltend (Urk. 80), wobei die Berufungsverhandlung auf 6 Stunden
geschätzt wird und (teilweise) mit einem Stundenansatz von Fr. 250.– abgerech-
net wird. Angesichts der konkreten Bedeutung und Schwierigkeit des Falles sowie
unter Berücksichtigung der getätigten Bemühungen der Vertreterin ist vorliegend
für das Berufungsverfahren eine Entschädigung von Fr. 5'000.– pauschal festzu-
setzen.