Decision ID: 514badda-d367-4639-aeea-6c60b1b65ecd
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
B._ geb. A._, Staatsangehörige von Bosnien und Herzego-
wina (geb. [...]) heiratete am 25. Dezember 2014 in ihrem Heimatland den
ursprünglich ebenfalls aus diesem Land stammenden Schweizer Bürger
C._ (geb. [...]). Am 7. März 2015 reiste sie im Rahmen des Famili-
ennachzugs in die Schweiz ein und erhielt vom Kanton Jura eine Aufent-
haltsbewilligung zum Verbleib beim Ehemann (vgl. Akten der Vorinstanz
[SEM act.] 1 sowie act. 4/11-12).
B.
Wegen ehelicher Schwierigkeiten suchte die Beschwerdeführerin vom
5. September 2016 bis 21. September 2016 in einem Frauenhaus in der
Stadt Zürich Zuflucht. Im Anschluss daran wurde sie bis zum 3. Oktober
2016 in einer Opferhilfeinstitution im Kanton Jura beherbergt. Anschlies-
send kehrte sie in das eheliche Domizil nach Delémont zurück (SEM
act. 4/65-66).
C.
C.a Am 13. November 2017 teilte die Einwohnerkontrolle Delémont der
kantonalen Migrationsbehörde mit, dass die Beschwerdeführerin sich von
ihrem Ehegatten getrennt und innerhalb des Ortes eine eigene Wohnung
bezogen habe.
C.b Anlässlich einer polizeilichen Einvernahme vom 13. Februar 2018 be-
stätigte die Beschwerdeführerin, seit anfangs November 2017 nicht mehr
mit ihrem Ehemann zusammenzuwohnen. Zuvor habe sie mit ihm bei ihren
Schwiegereltern gelebt; dies habe zu ehelichen Problemen und zur Tren-
nung geführt. Im September 2017 (recte: September 2016) habe sie sich
einen Monat lang in einem Frauenhaus im Kanton Zürich aufgehalten. Die
Zeit bis zur Trennung habe sie danach wieder bei der Familie ihres Gatten
verbracht. Zwecks Prüfung allfälliger Eheschutzmassnahmen habe sie
eine Anwältin kontaktiert (SEM act. 4/16-19).
C.c Mit Schreiben vom 21. Februar 2018 gab C._ gegenüber der
Einwohnerkontrolle Delémont an, in der Schweiz im Hinblick auf ein Schei-
dungsverfahren erste Schritte in die Wege geleitet zu haben. Um Zeit zu
sparen, habe er dieses im Oktober 2017 suspendieren lassen, um ein ent-
sprechendes Verfahren in seinem Heimatland veranlassen zu können. Die
Beschwerdeführerin habe dank ihm davon profitiert, sich legal in der
Schweiz aufhalten zu können (SEM act. 4/14).
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C.d Im Rahmen einer am 18. Mai 2018 durchgeführten polizeilichen Ein-
vernahme ergänzte der Ehemann der Beschwerdeführerin, dass in Bos-
nien und Herzegowina seit dem 25. September 2017 ein Scheidungsver-
fahren hängig sei. Bis zur Trennung hätten sie stets am Domizil seiner El-
tern zusammengelebt (SEM act. 4/20-21).
D.
D.a Am 29. Oktober 2018 tat die Migrationsbehörde des Kantons Jura ge-
genüber der Beschwerdeführerin kund, die am 6. März 2018 abgelaufene
Aufenthaltsbewilligung nicht verlängern zu wollen, da die Voraussetzungen
von Art. 50 Abs. 1 Bst. a des Ausländergesetzes (AuG, seit 1. Januar 2019:
Ausländer- und Integrationsgesetz [AIG, SR 142.20]) nicht erfüllt seien
(SEM act. 4/25-26).
D.b Mit Eingabe vom 27. November 2018 machte die Beschwerdeführerin,
handelnd durch ihre frühere Parteivertreterin, vom Äusserungsrecht Ge-
brauch. Hierbei hob sie hervor, während der Ehe seitens ihres Gatten phy-
sischer und psychischer Gewalt, einschliesslich sexueller Übergriffe, aus-
gesetzt gewesen zu sein. Dies habe sich ab Februar/März 2016 intensi-
viert. Aus Angst habe sie damals keinen Arzt konsultiert, sondern sich ein-
zig ihrer Schwester anvertraut. Nach einem besonders gewalttätigen Vor-
fall am ehelichen Domizil anfangs September 2016 habe sie vorüberge-
hend Schutz in einem Frauenhaus in der Stadt Zürich und danach in der
Institution D._ im Kanton Jura gesucht. Trotz allem sei sie in der
Folge zu ihrem Gatten zurückgekehrt, dies nicht zuletzt deshalb, weil er ihr
mit Selbstmord gedroht habe. Seit der Trennung werde sie von ihm telefo-
nisch und auf sonstige Weise (insbesondere auflauern vor der neuen Woh-
nung) belästigt. Dazu legte sie verschiedene Beweismittel (Bestätigung
des betreffenden Frauenhauses, Bestätigung einer ambulanten ärztlichen
Behandlung vom 5. September 2016, Unterstützungsschreiben des Arbeit-
gebers, Tagebucheinträge) bei (SEM act. 4/27-75).
D.c Aufgrund der eingereichten Beweise erklärte sich die kantonale Migra-
tionsbehörde am 3. Januar 2019 – unter Vorbehalt der Zustimmung des
SEM – bereit, die Aufenthaltsbewilligung gestützt auf Art. 50 AuG zu ver-
längern (SEM act. 3/6).
D.d Am 14. Januar 2019 forderte die Vorinstanz die Migrationsbehörde des
Kantons Jura auf, das übermittelte Dossier unter Hinweis auf die inzwi-
schen in Kraft getretene Rechtsänderung zu berichtigen und den Sachver-
halt zu vervollständigen (SEM act. 3/8-9).
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D.e Nach entsprechenden Abklärungen unterbreitete die kantonale Migra-
tionsbehörde am 5. März 2019 die Verlängerung der Aufenthaltsbewilli-
gung erneut dem SEM zur Zustimmung. Diese stützte sich nunmehr auf
Art. 50 Abs. 1 Bst. b AIG (SEM act. 4/99).
E.
Am 26. August 2019 reichte die Beschwerdeführerin bei der Kantonspolizei
Basel-Landschaft in Laufen gegen ihren Ehemann wegen Nötigung (Stal-
king), Missbrauch einer Fernmeldeanlage und Verletzung von Verkehrsre-
geln eine Strafanzeige ein. Das diesbezügliche Strafverfahren wurde in der
Folge von der Staatsanwaltschaft des Kantons Jura übernommen (BVGer
act. 1, Beilage 41).
F.
Mit Schreiben vom 8. Januar 2020 teilte die Vorinstanz der Beschwerde-
führerin mit, dass erwogen werde, die Zustimmung zur Verlängerung der
Aufenthaltsbewilligung zu verweigern, was auch ihre Wegweisung aus der
Schweiz zur Folge habe. Gleichzeitig wurde ihr das rechtliche Gehör ge-
währt (SEM act. 6).
Die Beschwerdeführerin machte vom Äusserungsrecht mittels Eingabe
vom 13. Februar 2020 Gebrauch (SEM act. 7).
G.
Am 5. Juni 2020 ordnete die Staatsanwaltschaft des Kantons Jura gegen-
über C._ ein weitgehendes Kontaktverbot und andere damit zu-
sammenhängende Massnahmen zu Gunsten der Beschwerdeführerin an
(BVGer act. 1, Beilage 42).
H.
Mit Verfügung vom 8. Juni 2020 verweigerte die Vorinstanz die Zustim-
mung zur Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung und wies die Beschwer-
deführerin aus der Schweiz weg. Zur Begründung führte sie im Wesentli-
chen aus, die seitens des Ehemannes während des Zusammenlebens
ausgeübte Gewalt vermöge die im Rahmen von Art. 50 Abs. 1 Bst. b AIG
erforderliche Intensität und Konstanz nicht zu erreichen (SEM act. 8).
I.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 10. Juli 2020 an das Bundesverwaltungsge-
richt beantragte die Beschwerdeführerin – neu mandatiert durch rubrizier-
ten Rechtsvertreter – die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es
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sei die Zustimmung zur Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung zu ertei-
len. Eventualiter sei die Angelegenheit zu weiteren Sachverhaltsabklärun-
gen an das SEM zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht er-
suchte sie um Wechsel der Verfahrenssprache, Gewährung der unentgelt-
lichen Rechtsverbeiständung, Beizug der Strafakten der Staatsanwalt-
schaft des Kantons Jura sowie Sistierung des vorliegenden Rechtsmittel-
verfahrens bis zum rechtskräftigen Abschluss des im Kanton Jura gegen
C._ hängigen Strafverfahrens.
Das Rechtsmittel war mit einer Reihe von Beweismitteln, hauptsächlich Un-
terlagen aus dem vorinstanzlichen Verfahren und dem hängigen Strafver-
fahren, ergänzt (BVGer act. 1).
J.
Mit verfahrensleitender Anordnung vom 15. Juli 2020 wurde dem Ersuchen
um Sprachenwechsel stattgegeben und das Beschwerdeverfahren in deut-
scher Sprache fortgeführt (BVGer act. 2).
K.
Mit Zwischenverfügung vom 28. Juli 2020 hiess das Bundesverwaltungs-
gericht das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung
gut und setzt den rubrizierten Rechtsanwalt als unentgeltlichen Rechtsbei-
stand ein. Dem Begehren um Sistierung des Rechtsmittelverfahrens gab
es nicht statt (BVGer act. 3).
L.
Die Vorinstanz schloss in ihrer Vernehmlassung vom 9. September 2020
auf Abweisung der Beschwerde (BVGer act. 9).
M.
Replikweise hielt die Beschwerdeführerin am 16. Oktober 2020 am einge-
reichten Rechtsmittel, den Rechtsbegehren und deren Begründung fest
(BVGer act. 11).
Der Replik waren Kopien des ausländischen Scheidungsurteils (inkl. Über-
setzung) und ein ärztlicher Zwischenbericht der Universitären Psychiatri-
schen Kliniken (UPK) Basel vom 14. September 2020 beigelegt. Daraus
ging u.a. hervor, dass die Ehe von einem Amtsgericht in Bosnien und Her-
zegowina am 18. Juni/27. August 2020 rechtskräftig geschieden worden
war und die Beschwerdeführerin psychotherapeutisch behandelt werde.
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Die Frist zur Ergänzung der Replik und Einreichung weiterer Unterlagen
wurde mehrmals erstreckt (BVGer act. 12, 14, 16 und 18).
Mit Eingaben vom 16. November 2020, 16. Dezember 2020, 1. Februar
2021 sowie 26. März 2021 machte die Beschwerdeführerin davon Ge-
brauch (BVGer act. 13, 15, 17 und 21). Den bei dieser Gelegenheit ins
Recht gelegten Beweismitteln konnte entnommen werden, dass sie im
Rahmen des Strafverfahrens ausgesagt habe, bereits während des eheli-
chen Zusammenlebens wiederholt häuslicher Gewalt und sexuellen Über-
griffen ausgesetzt gewesen zu sein.
N.
Mit verfahrensleitender Anordnung vom 18. Oktober 2021 wurde der Be-
schwerdeführerin die Möglichkeit eingeräumt, den Sachverhalt zu aktuali-
sieren und abschliessende Bemerkungen anzubringen (BVGer act. 22),
wovon sie mit Eingabe vom 18. November 2021 Gebrauch machte (BVGer
act. 24).
Weitere Aktualisierungen, denen jeweils entsprechende Beweismittel bei-
gelegt waren, gingen am 10. Dezember 2021, 10. Januar 2022, 10. Feb-
ruar 2022 sowie am 10. März 2022 ein (BVGer 26, 28, 30 und 32).
O.
Seit dem 9. Dezember 2021 trägt die Beschwerdeführerin wieder ihren Le-
digennamen A._ (BVGer act. 28).
P.
Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit rechtserheblich, in den Erwägun-
gen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Verfügungen des SEM betreffend Zustimmung zur Aufenthaltsbewilli-
gung und Wegweisung unterliegen der Beschwerde an das Bundesverwal-
tungsgericht (Art. 31 ff. VGG i.V.m. Art. 5 VwVG).
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1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.3 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Ergreifung
des Rechtsmittels legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf ihre frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG).
1.4 Die angefochtene Verfügung erging in französischer Sprache, die
Rechtsmitteleingabe vom 10. Juli 2020 wurde hingegen auf Deutsch ver-
fasst. Gemäss Art. 33a Abs. 2 VwVG ist im Beschwerdeverfahren die Spra-
che des angefochtenen Entscheids massgebend. Verwenden die Parteien
eine andere Sprache, so kann das Verfahren in dieser Sprache geführt
werden (Art. 33a Abs. 2 Satz 2 VwVG). Aufgrund des entsprechenden Ver-
fahrensantrags wird das Rechtsmittelverfahren in deutscher Sprache ge-
führt (BVGer act. 2).
2.
2.1 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz (AuG) teilrevidiert
(AS 2018 3171) und in Ausländer- und Integrationsgesetz (AIG) umbe-
nannt. Parallel dazu traten entsprechende Anpassungen der Verordnung
vom 24. Oktober 2007 über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit
(VZAE, SR 142.201; AS 2018 3173) in Kraft. Eine gesetzliche Übergangs-
regelung fehlt, weshalb aufgrund allgemeiner Grundsätze über das an-
wendbare Recht entschieden werden muss. Nachdem die kantonale Mig-
rationsbehörde das Verlängerungsgesuch am 3. Januar 2019 an das SEM
übermittelte, sind vorliegend die materiellen Bestimmungen des AIG sowie
der VZAE in der zum Zeitpunkt der Einleitung des Zustimmungsverfahrens
geltenden Fassung massgebend.
2.2 Die verfahrensrechtlichen Bestimmungen von Art. 99 AIG (geändert am
1. Juni 2019; AS 2019 1413) sind mit deren Inkraftsetzung anzuwenden
(vgl. BGE 137 II 409 E. 7.4.5 und Urteil des BVGer F-6072/2017 vom 4. Juli
2019 E. 4).
3.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und – sofern nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
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(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerde-
verfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62
Abs. 4 VwVG an die Begründung der Begehren nicht gebunden und kann
die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen
gutheissen oder abweisen (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.).
4.
Auf Beschwerdeebene wurde der Beizug der Strafverfahrensakten der
Staatsanwaltschaft des Kantons Jura, bzw. in einem späteren Verfahrens-
stadium, der Akten des Strafgerichts des Kantons Jura beantragt (BVGer
act. 1 und 30). Ausserdem rügte der Rechtsvertreter, die Vorinstanz sei
ihrer Begründungspflicht nicht hinreichend nachgekommen.
4.1 Von den Parteien angebotene Beweise sind abzunehmen, sofern diese
geeignet sind, den rechtserheblichen Sachverhalt festzustellen (Art. 33
VwVG). Kommt die Behörde indes zur Überzeugung, die Akten erlaubten
die richtige und vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts, kann sie auf die Erhebung weiterer Beweise verzichten, ohne durch
diese antizipierte Beweiswürdigung den Anspruch auf rechtliches Gehör
gemäss Art. 29 Abs. 2 BV zu verletzen (vgl. BGE 141 I 60 E. 3.3 m.H.).
4.2 Auf den vollständigen Beizug der Akten der jurassischen Strafbehörden
kann verzichtet werden. Der Parteivertreter hat auf Beschwerdeebene in
diesem Zusammenhang bereits eine Reihe von Unterlagen ins Recht ge-
legt (beispielsweise Strafanzeige, Anordnung der Staatanwaltschaft des
Kantons Jura vom 5. Juni 2020 betr. Kontaktverbot und sonstiger Mass-
nahmen, Anklageschrift, strafrichterliche Einvernahme der Beschwerde-
führerin vom 20. Januar 2021 als Auskunftsperson, Haftanordnung gegen-
über C._, etc.), weshalb sich der entscheidwesentliche Sachver-
halt, wie nachfolgend zu zeigen sein wird, in hinreichender Weise aus den
bereits vorliegenden Akten (namentlich Akten des BVGer, des SEM und
der Migrationsbehörde des Kantons Jura) ergibt. Von der vollständigen
Edition der genannten Akten kann daher in antizipierter Beweiswürdigung
ohne Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör abgesehen werden.
4.3 Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst eine Anzahl verschiede-
ner verfassungsrechtlicher Garantien (vgl. etwa MICHELE ALBERTINI, Der
verfassungsmässige Anspruch auf rechtliches Gehör im Verwaltungsver-
fahren des modernen Staates, 2000, S. 202 ff., MÜLLER/SCHEFER, Grund-
rechte in der Schweiz, 4. Aufl., 2008, 846 ff.). Eine davon ist die Begrün-
dungspflicht (Art. 35 VwVG), welche der rationalen und transparenten Ent-
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scheidfindung der Behörden dient und die Betroffenen in die Lage verset-
zen soll, den Entscheid sachgerecht anzufechten. Die Behörde hat daher
kurz die wesentlichen Überlegungen zu nennen, von denen sie sich leiten
liess und auf die sie ihren Entscheid stützt. Dabei ist sie nicht gehalten, zu
jedem Argument der Partei explizit Stellung zu nehmen. Es genügt, wenn
aus der Gesamtheit der Begründung implizit hervorgeht, weshalb das Vor-
gebrachte als unrichtig oder unwesentlich übergangen wird (vgl. BGE 143
III 65 E. 5.2; BVGE 2012/24 E. 3.2).
4.4 Aus der angefochtenen Verfügung geht ohne weiteres hervor, aus wel-
chen Gründen die Vorinstanz die Zustimmung zur Verlängerung der Auf-
enthaltsbewilligung verweigerte. Die zur Anwendung gelangenden Rechts-
grundlagen wurden hierbei aufgeführt, mit etlichen Verweisen auf die
Rechtsprechung. Kommt hinzu, dass das SEM die Hauptelemente seiner
Argumentation in der Vernehmlassung nochmals erläuterte. Die Rüge des
Parteivertreters zielt denn primär auf eine mangelhafte und einseitige Be-
weiswürdigung. Fragen im Zusammenhang mit der Beweiswürdigung bil-
den indes Gegenstand der nachfolgenden materiell-rechtlichen Prüfung.
5.
5.1 Gemäss Art. 40 Abs. 1 AIG sind die Kantone für die Erteilung und Ver-
längerung von Bewilligungen zuständig. Vorbehalten bleibt die Zuständig-
keit des SEM für das Zustimmungsverfahren (vgl. Art. 99 AIG i.V.m. Art. 85
VZAE). Stammt die Ausländerin oder der Ausländer nicht aus einem Mit-
gliedstaat der EU oder der EFTA und wird die Verlängerung der Aufent-
haltsbewilligung nach der Auflösung der ehelichen Gemeinschaft oder
nach dem Tod des schweizerischen oder ausländischen Ehegatten bean-
tragt, so ist der Antrag auf Zustimmung dem SEM zu unterbreiten (vgl.
Art. 85 Abs. 2 VZAE i.V.m. Art. 4 Bst. d der Verordnung des EJPD vom
13. August 2015 über die dem Zustimmungsverfahren unterliegenden aus-
länderrechtlichen Bewilligungen und Vorentscheide [SR 142.201.1]). Das
SEM kann die Zustimmung ohne Bindung an die Beurteilung durch den
Kanton verweigern oder mit Bedingungen und Auflagen verbinden (vgl.
Art. 86 Abs. 1 VZAE).
5.2 Die Beschwerdeführerin beantragte die Verlängerung ihrer Aufenthalts-
bewilligung nach Auflösung der ehelichen Gemeinschaft. Folglich ist das
SEM für die entsprechende Zustimmung oder Verweigerung des kantona-
len Antrags zuständig.
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Seite 10
6.
6.1 Ausländische Ehegatten von Schweizerinnen und Schweizern haben
Anspruch auf Erteilung und Verlängerung ihrer Aufenthaltsbewilligung, so-
weit sie mit diesen zusammenwohnen (Art. 42 Abs. 1 AIG) oder wenn bei
fortdauernder Ehegemeinschaft ein wichtiger Grund für das Getrenntleben
besteht (Art. 49 AIG). Nach Auflösung der Ehe oder der Familiengemein-
schaft besteht der Anspruch nach Art. 42 AIG weiter, wenn die Ehe bzw.
eheliche Gemeinschaft mindestens drei Jahre gedauert und die betroffene
Person sich hier erfolgreich integriert hat (Art. 50 Abs. 1 Bst. a AIG; vgl.
BGE 140 II 289 E. 3; 138 II 229 E. 2; 136 II 113 E. 3.3.3) oder wenn wich-
tige persönliche Gründe geltend gemacht werden, die ihren weiteren Auf-
enthalt in der Schweiz erforderlich machen (Art. 50 Abs. 1 Bst. b AIG;
BGE 138 II 229 E. 3 [«nachehelicher Härtefall»]).
6.2 Gemäss Art. 50 Abs. 1 Bst. b AIG besteht – unabhängig von der bishe-
rigen Dauer der Familien- und Ehegemeinschaft – der Anspruch auf Ver-
längerung der Aufenthaltsbewilligung weiter, wenn wichtige persönliche
Gründe einen weiteren Aufenthalt in der Schweiz erforderlich machen. Sol-
che Gründe können namentlich – so explizit Art. 50 Abs. 2 AIG – vorliegen,
wenn die ausländische Person Opfer ehelicher Gewalt wurde, sie die Ehe
nicht aus freiem Willen geschlossen hat oder ihre soziale Eingliederung im
Herkunftsland stark gefährdet erscheint. Bei der Beurteilung der Frage, ob
wichtige Gründe vorliegen, sind alle Aspekte des Einzelfalls zu berücksich-
tigen. Dazu gehören die in Art. 31 Abs. 1 VZAE beispielhaft genannten Kri-
terien wie die Integration anhand der Integrationskriterien nach Art. 58a
Abs. 1 AIG (Bst. a), die Familienverhältnisse (Bst. c), die finanziellen Ver-
hältnisse, die Aufenthaltsdauer (Bst. e), der Gesundheitszustand (Bst. f)
und die Möglichkeiten zur Wiedereingliederung im Herkunftsland (Bst. g).
Die Annahme eines persönlichen Härtefalls darf dabei nicht leichthin erfol-
gen. Sie setzt eine erhebliche Intensität der Konsequenzen für das Privat-
und Familienleben der ausländischen Person voraus, die mit ihrer Lebens-
situation nach dem Dahinfallen der abgeleiteten Anwesenheitsberechti-
gung verbunden sind.
7.
7.1 Das SEM führte in der angefochtenen Verfügung im Wesentlichen aus,
die Beschwerdeführerin habe den Nachweis nicht erbracht, während des
ehelichen Zusammenlebens regelmässiger und hinreichend intensiver
ehelicher Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein. Der einzelne Vorfall häusli-
cher Gewalt vom 3. September 2016 werde zwar anerkannt, fortdauernde
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Seite 11
Gewalt der erforderlichen Intensität habe sie indes nicht glaubhaft zu ma-
chen vermocht. Dagegen sprächen namentlich die anschliessende Rück-
kehr zum Ehemann mit der damit verbundenen Wiederaufnahme der Be-
ziehung und der Umstand, dass sie ab November 2017 erfolgreich ins Be-
rufsleben eingestiegen sei. Sodann habe sie keine Strafanzeige gegen ih-
ren Gatten eingereicht, sei wegen häuslicher Gewalt nie hospitalisiert ge-
wesen und habe sich deswegen keiner psychologischen oder psychiatri-
schen Behandlung unterzogen. Dem vorgelegten, auf Deutsch verfassten
Tagebuch komme kein Beweiswert zu. Wie die übrigen Belege beziehe es
sich zudem auf Vorkommnisse, welche sich nach der Trennung zugetragen
hätten. In der Vernehmlassung ergänzte die Vorinstanz, dass auch die neu
eingereichten Dokumente keine Änderung des Entscheides zu rechtferti-
gen vermöchten. In diesem Zusammenhang hob sie hervor, dass es darum
gehe, die Intensität und Regelmässigkeit der häuslichen Gewalt während
des ehelichen Zusammenlebens zu belegen. Sowohl die persönlichen
Stellungnahmen und Arztzeugnisse als auch die Strafuntersuchung gegen
C._ und dessen sonstige Übergriffe bezögen sich auf die Zeit nach
der Trennung, liessen sich nicht auf eheliche Gewalt zurückführen und
könnten daher nicht berücksichtigt werden.
7.2 Die Beschwerdeführerin brachte in der Rechtsmitteleingabe vom
10. Juli 2020 dagegen hauptsächlich vor, dass sich bereits in der Phase
zwischen Eheschliessung und Trennung – zusätzlich zum Gewaltausbruch
vom 3. September 2016 – gewalttätige Vorfälle zugetragen hätten. So sei
es zu sexuellen Übergriffen seitens des Ehemannes, physischer Gewalt in
Form von Schlägen mit den Fäusten und einem Gürtel sowie zu psychi-
scher Gewalt durch verbale Erniedrigungen gekommen. Zudem habe
C._ damals begonnen, sie immer öfters zu Hause einzuschliessen,
ihr manchmal das Mobiltelefon wegzunehmen und sie vollständig zu kon-
trollieren. Dass sie trotz des Vorfalls vom 3. September 2016 und den an-
schliessenden Aufenthalten in Opferhilfeinstitutionen an das eheliche Do-
mizil zurückgekehrt sei, habe an den eindringlichen Bitten des Gatten ge-
legen sowie daran, dass sie der Beziehung eine weitere Chance haben
geben wollen. Ausserdem habe er ihr versprochen, eine Arbeitsstelle an-
nehmen zu dürfen. Gebessert habe sich sein Verhalten danach nicht. Viel-
mehr habe ihr Ehemann sie weiterhin tyrannisiert, fortwährend an die mig-
rationsrechtliche Abhängigkeit von ihm erinnert, ihr gedroht, sie stark be-
lästigt und an ihrem Arbeitsplatz gestalkt. Dem Ganzen habe die Be-
schwerdeführerin Ende Oktober 2017 mit dem Bezug einer eigenen Miet-
wohnung ein Ende gesetzt. Nach der Trennung hätten sich Drohungen und
Stalking, verbunden mit Selbstmorddrohungen, fortgesetzt. Nach einem
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Seite 12
Vorfall vom 23. August 2019 habe sie gegen ihren Ehemann schliesslich
Strafanzeige eingereicht. Im Rahmen dieses Strafverfahrens seien ihm ge-
genüber ein Kontaktverbot und diverse weitere, weitreichende Massnah-
men erlassen worden. Wegen all dieser Vorkommnisse nehme sie inzwi-
schen fachärztliche Unterstützung in Anspruch. Mit den vorgelegten Be-
weismitteln werde den Anforderungen an den Nachweis häuslicher Gewalt
Genüge getan und die erlittene intensive systematische Gewalt glaubhaft
dargetan. Die fraglichen Dokumente und sonstigen Belege zeigten über-
dies auf, dass sie beruflich, sprachlich und sozial augenscheinlich sehr gut
in die hiesigen Verhältnisse integriert sei. Sie habe daher gestützt auf
Art. 50 Abs. 1 Bst. b AIG einen Anspruch auf Verlängerung der Aufenthalts-
bewilligung.
Im Verlauf des Rechtsmittelverfahrens legte die Beschwerdeführerin eine
Reihe weiterer Unterlagen zu ihrem Gesundheitszustand, zu den berufli-
chen und finanziellen Verhältnissen sowie zu dem im Kanton Jura gegen
C._ hängigen Strafverfahren ins Recht.
8.
8.1 Die in der Schweiz gelebte eheliche Gemeinschaft der Beschwerdefüh-
rerin mit ihrem Ehemann dauerte vom 7. März 2015 (Datum der Einreise)
bis zur Auflösung des gemeinsamen Haushalts per 1. November 2017. Die
Anforderung gemäss Art. 50 Abs. 1 Bst. a AIG – dreijährige eheliche Ge-
meinschaft hierzulande – ist unbestrittenermassen nicht erfüllt. Wie eben
erwähnt, macht die Beschwerdeführerin jedoch geltend, als Opfer häusli-
cher Gewalt einen Anspruch gestützt auf Art. 50 Abs. 1 Bst. b AIG zu ha-
ben.
8.2 Eheliche beziehungsweise häusliche Gewalt bedeutet systematische
Misshandlung mit dem Ziel, Macht und Kontrolle auszuüben. Ein Anspruch
auf weiteren Aufenthalt wird erst begründet, wenn physische oder psychi-
sche Zwangsausübung von einer gewissen Konstanz beziehungsweise In-
tensität vorliegt. Eine einmalige Ohrfeige oder verbale Beschimpfungen im
Verlaufe eines eskalierenden Streits genügen daher nicht (vgl. BGE 136 II
1 E. 5.4 m.H; statt vieler Urteil des BGer 2C_314/2019 vom 11. März 2018
E. 5.2; je m.H.). Die Ausübung psychischen oder sozioökonomischen
Drucks, wie dauerndes Beschimpfen, Erniedrigen, Drohen und Einsperren
kann als besondere Form ehelicher Gewalt relevant sein, wenn sie die
Schwelle zur unzulässigen psychischen Oppression überschreitet. Das ist
der Fall, wenn die psychische Integrität des Opfers bei einer Aufrechterhal-
tung der Ehe schwer beeinträchtigt wäre. Die anhaltende erniedrigende
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Seite 13
Behandlung muss derart schwer wiegen, dass vom Opfer vernünftiger-
weise nicht erwartet werden kann, dass es um des Aufenthaltsrechts wil-
lens in einer seine Menschenwürde und Persönlichkeit verneinenden Be-
ziehung verharrt. Die eheliche Gewalt kann für sich allein einen persönli-
chen nachehelichen Härtefall begründen, wenn sie einen bestimmten
Schweregrad erreicht. Ansonsten müssen weitere Elemente hinzutreten,
namentlich in Gestalt einer erschwerten Reintegration im Herkunftsland,
die gemeinsam einen Härtefall begründen (vgl. BGE 138 II 229 E. 3.2.1 f.
m.H.).
8.3 Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung setzt Art. 50 Abs. 2 AIG
nicht zwingend eine strafrechtliche Verurteilung voraus, d.h. häusliche Ge-
walt kann auch vorliegen, wenn kein strafrechtlich relevantes Verhalten
festgestellt ist oder ein entsprechendes Verfahren – aus welchen Gründen
auch immer – eingestellt wurde (BGE 138 II 229 E. 3.3.3; Urteil
2C_314/2019 E. 6.3; je m.H.). Die ausländische Person trifft bei den Fest-
stellungen des entsprechenden Sachverhalts jedoch eine weitreichende
Mitwirkungspflicht. Sie muss die eheliche Gewalt in geeigneter Weise
glaubhaft machen (Arztberichte oder psychiatrische Gutachten, Polizei-
rapporte, Berichte oder Einschätzungen von Fachstellen wie Frauenhäuser
oder Opferhilfe, glaubwürdige Zeugenaussagen von weiteren Angehörigen
oder Nachbarn etc.; vgl. auch Art. 77 Abs. 5–6bis VZAE). Allgemein gehal-
tene Behauptungen oder Hinweise auf punktuelle Spannungen genügen
nicht. Wird eheliche Gewalt behauptet, muss die Systematik der Misshand-
lung beziehungsweise deren zeitliches Andauern und die daraus entste-
hende subjektive Belastung objektiv nachvollziehbar konkretisiert und be-
weismässig unterlegt werden (BGE 138 II 229 E. 3.2.3; statt vieler Urteil
des BGer 2C_922/2019 vom 26. Februar 2020 E. 3.4; je m.H.).
8.4 Bezüglicher häuslicher Gewalt aktenkundig ist zunächst ein Vorfall vom
3. September 2016, in dessen Verlauf die Beschwerdeführerin Ziel von Tät-
lichkeiten, Drohungen und Nötigungen wurde. Im Gefolge sie belastender
Geschehnisse (zu Hause einschliessen, Wegnahme des Mobiltelefons,
verbale Ausfälle, etc.) kam es am fraglichen Datum in der Garage des
ehelichen Domizils zwischen den Eheleuten zu einem eskalierenden Streit.
Hierbei packte der Ehemann die Beschwerdeführerin mit voller Kraft an
den Armen, versetzte ihr Schläge gegen den Oberkörper und Tritte gegen
die Beine. Anschliessend sperrte er sie in einem Zimmer der Wohnung ein,
wobei er sie aufs Übelste beschimpft haben soll. Daraufhin hat die Be-
schwerdeführerin ihre Dokumente und ein paar Kleidungsstücke gepackt
und konnte durch ein Fenster nach draussen flüchten, wo sie von einer
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zuvor verständigten Freundin abgeholt wurde. Bei dieser in Zürich wohn-
haften Person fand sie vorübergehend Zuflucht. Vom 5. September 2016
bis 21. September 2016 hielt sie sich in der Folge im Frauenhaus
E._ in der Stadt Zürich und im Anschluss daran bis zum 3. Oktober
2016 in der Institution D._ im Kanton Jura auf (siehe BVGer act. 1,
Beilagen 27 und 28 sowie 31-33). Anlässlich einer Untersuchung im
«Stadtspital Waid» in Zürich diagnostizierte die behandelnde Ärztin am
5. September 2016 multiple Hämatome an Oberarm und Unterschenkel
(BVGer act. 1, Beilage 30). Diese eindeutig belegten Vorkommnisse wer-
den vom SEM zwar anerkannt, aber als einmaliges Ereignis betrachtet,
was für den Nachweis systematischer Gewalt von einer gewissen Intensität
nicht ausreiche. So oder so handelt es sich aber ohne Zweifel um einen
gravierenden gewalttätigen Übergriff, welcher immerhin einen rund einmo-
natigen Aufenthalt der Beschwerdeführerin in Opferhilfeinstitutionen nach
sich zog. Dem gilt es im Kontext der sonstigen Vorkommnisse, welche gel-
tend gemacht werden, nachfolgend Rechnung zu tragen.
8.5 Die Vorinstanz stellt zwar sonstige Übergriffe des Ehemannes gegen-
über der Beschwerdeführerin nicht in Abrede, führt hierzu indes aus, dass
besagte Handlungen sich nach der Trennung des Paares zugetragen hät-
ten und vorliegend nicht berücksichtigt werden könnten. Dieser Auffassung
kann aufgrund der seitherigen Sachverhaltsentwicklung bzw. der aktuellen
Akten- und Beweislage nicht gefolgt werden.
8.5.1 Weitere Vorfälle häuslicher Gewalt während des ehelichen Zusam-
menlebens – zusätzlich zum Ereignis von anfangs September 2016 – wur-
den erstmals in der Stellungnahme der früheren Parteivertreterin vom
27. November 2018 vorgebracht (SEM act. 4/70-75). Demnach soll die Be-
schwerdeführerin von ihrem Gatten verschiedentlich mit der Faust und mit
einem Gürtel traktiert worden sein sowie psychische Gewalt durch verbale
Erniedrigungen erlitten haben. Zudem sei es mehrfach zu erzwungenem
Geschlechtsverkehr gekommen. Gehäuft sei dies im Februar / März 2016,
aber auch danach geschehen. Diese Darstellung deckt sich mit verschie-
denen Unterlagen, welche im Verlaufe des Rechtsmittelverfahrens einge-
reicht wurden (siehe etwa Arztbericht vom 5. September 2016 [BVGer
act. 1, Beilage 30], Kurzbericht der UPK Basel vom 9. Juli 2020 [BVGer
act. 1, Beilage 40], schriftliche Äusserungen der Schwester und einer
Freundin oder persönliche Stellungnahme vom 5. Juli 2020 [BVGer act. 1,
Beilagen 26-28]). Auch die Opferhilfe des Kantons Jura betrachtete die Be-
schwerdeführerin als Opfer häuslicher Gewalt und bestätigte am 3. Juli
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2020, dass sich die Beschwerdeführerin deswegen nach dem 5. Septem-
ber 2016 mehrmals an ihre Stelle gewandt habe (BVGer act. 1, Beilage
29). Aufgrund der konkreten Umstände erscheint insoweit glaubhaft, dass
sie während der Zeit, in welcher sie mit ihrem Gatten in häuslicher Gemein-
schaft lebte, wiederholt physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt ge-
wesen war.
8.5.2 Wie sich dem Sachverhalt entnehmen lässt (Sachverhalt Bst. E hier-
vor), erhob die Beschwerdeführerin am 26. August 2019 gegen C._
Anzeige wegen Nötigung, Missbrauch einer Fernmeldeanlage und Ver-
kehrsregelverletzungen und konstituierte sich als Privatklägerin (BVGer
act. 1, Beilage 41). Die von der Kantonspolizei Basel-Landschaft damals
eingeleitete Strafuntersuchung wurde in der Folge von den Strafverfol-
gungsbehörden des Kantons Jura übernommen. Das SEM argumentiert
auch diesbezüglich, die Anzeige betreffe ausschliesslich Übergriffe, welche
nach Beziehungsende erfolgt seien. Hierzu gilt es allerdings vorweg fest-
zuhalten, dass die Staatsanwaltschaft des Kantons Jura das Strafverfah-
ren inzwischen auf zusätzliche Tatbestände erweitert hat, konkret betrifft
dies die Tatbestände der Vergewaltigung (eventualiter sexuelle Nötigung
[Art. 190 Abs. 1 bzw. Art. 189 Abs. 1 StGB]), der Drohung (Art. 180 StGB)
und der einfachen (eventualiter schweren) Körperverletzung (Art. 123 bzw.
Art. 122 StGB). Es genügt an dieser Stelle der Verweis auf die Mitteilung
der Strafbehörde an die Parteien vom 2. September 2021 und die Ankla-
geschrift vom 26. November 2021 (BVGer act. 24, Beilage 63 und BVGer
act. 30, Beilage 71). Zumindest diese Vorwürfe betreffen nachweislich Vor-
fälle, welche sich zum Teil während des ehelichen Zusammenlebens zuge-
tragen haben. Miteinzubeziehen sind in diesem Zusammenhang die Aus-
sagen, welche die Beschwerdeführerin im Rahmen des Strafverfahrens am
20. Januar 2021 als Auskunftsperson – mit den entsprechenden Folgen bei
falschen Anschuldigungen – zu Protokoll gab. Im Kernbereich stimmig und
ohne nennenswerte Widersprüche vermitteln sie ein Bild davon, in welcher
Art und Weise die Betroffene damals physischer und psychischer Gewalt
seitens ihres Gatten ausgesetzt gewesen sein soll. Dessen Kontroll- und
Machtausübung habe u.a. auch die zeitweilige Wegnahme des Mobiltele-
fons beinhaltet. Zweimal soll der Angeschuldigte sie gar mit einem Gürtel
geschlagen haben, um sexuelle Handlungen zu erzwingen (vgl. dazu im
Einzelnen BVGer act. 17, Beilage 48a).
8.5.3 Wichtige Indizien für die Intensität und Häufigkeit häuslicher Gewalt
ergeben sich ferner aus den Massnahmen, welche die jurassischen Straf-
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behörden gegenüber dem Ex-Ehemann als angezeigt erachteten. So er-
liess die Staatsanwaltschaft des Kantons Jura ihm gegenüber am 5. Juni
2020 ein strenges, weitreichendes Kontaktverbot, welches eine Reihe da-
mit verbundener Anordnungen und Auflagen umfasste (BVGer act. 1, Bei-
lage 42). Ein Grossteil dieser insgesamt elf Massnahmen wurde gemäss
Anklageschrift bis zum 2. Dezember 2021 verlängert (siehe die dortige Auf-
listung unter BVGer act. 30, Beilage 71). Nicht zuletzt wurde über den Ex-
Gatten der Beschwerdeführerin eine dreimonatige Untersuchungshaft an-
geordnet, welche vom 29. September 2020 bis 29. Dezember 2020 dau-
erte (vgl. Auszug aus dem Kantonsgerichtsurteil Jura vom 9. Oktober 2020
[BVGer act. 13, Beilage 46]). Aufgrund dessen ist für den massgeblichen
Zeitraum nicht von einem einzigen Vorfall häuslicher Gewalt, sondern einer
Reihe derartiger Vorfälle auszugehen. Auch sprechen die dargelegten ak-
tenkundigen Vorkommnisse für physische und psychische Übergriffe von
hinreichender Schwere.
8.5.4 Nicht gefolgt werden kann unter den konkreten Begebenheiten so-
dann der vorinstanzlichen Auffassung eines strikten Auseinanderhaltens
der Übergriffe des Ex-Ehemannes vor bzw. nach der Auflösung des eheli-
chen Haushalts. Wohl verwirklichten sich die meisten der anfänglich zur
Anzeige gebrachten Tatbestände erst, nachdem die Beschwerdeführerin
eine andere Wohnung bezogen hatte. Gerade die den Tatbeständen von
Art. 181 StGB (Nötigung) und Art. 179septies StGB (Missbrauch einer
Fernmeldeanlage) zugrundeliegenden Handlungen gingen allerdings fast
nahtlos von der einen in die andere Periode über und lassen entspre-
chende Rückschlüsse für die Zeit davor zu. Hinzu kommen die unter
E. 8.5.2 aufgelisteten Vorwürfe. Sie dokumentieren allesamt den Zusam-
menhang zwischen der behaupteten häuslichen Gewalt und der die Auf-
enthaltsansprüche nach Art. 42 f. AIG beendenden Trennung. Nicht ausser
Acht zu lassen sind schliesslich die gesundheitlichen Beeinträchtigungen.
Derweil die körperlichen Verletzungen auf Seiten der Beschwerdeführerin
nicht allzu schwer wiegen, führte die psychische Verarbeitung besagter
Vorfälle bei ihr zu weiterem Behandlungsbedarf. Deswegen begab sie sich,
einige Zeit danach, in psychotherapeutische Behandlung. Diagnostiziert
wurden bei ihr eine posttraumatische Belastungsstörung und eine mittel-
gradig depressive Episode mit somatischem Syndrom. Im letzten Zwi-
schenbericht vom 15. November 2021 empfahlen ihr die UPK Basel eine
wöchentliche traumaspezifische Psychotherapie (vgl. hierzu die Arztbe-
richte unter BVGer act. 1, Beilage 40, BVGer act. 11, Beilage 45 und BVGer
act. 30, Beilage 66). Unabhängig vom Ausgang des Strafverfahrens er-
kennt das Bundesverwaltungsgericht bei der Beschwerdeführerin deshalb
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einen durch häusliche Gewalt begründeten nachehelichen Härtefall im
Sinne von Art. 50 Abs. 2 AIG.
8.5.5 Zu keinem anderen Ergebnis führt, dass die Beschwerdeführerin
nach dem Vorfall von anfangs September 2016 nochmals zum Ehemann
zurückkehrte. Zum Einen lieferte sie hierfür nachvollziehbare Erklärungen
(Selbstmorddrohungen des Partners, Druckausübung mittels Hinweis auf
die migrationsrechtliche Abhängigkeit, Versprechen des Gatten auf Besse-
rung, Wunsch der Frau, ihrem Partner nochmals eine Chance geben), zum
Andern fällt ein Teil der Übergriffe, wie dargetan, ohnehin in die relevante
Zeitspanne zwischen Wiederaufnahme der Haushaltsgemeinschaft und
endgültiger Trennung. Abgesehen davon ging die Initiative zur Trennung
von der Beschwerdeführerin als behauptetem Opfer aus. Was ihr Aussa-
geverhalten anbelangt (die sexuellen Übergriffe meldete sie nicht von An-
fang an), so erscheinen die Gründe, welche sie dafür anlässlich der straf-
richterlichen Einvernahme vom 20. Januar 2021 anführte (Angst aufgrund
des Machtgefälles in der Beziehung, Scham, therapeutische Behandlung
als Auslöser dafür, sich mit der früher erlittenen Gewalt auseinanderzuset-
zen), plausibel (siehe BVGer act. 17, Beilage 48a). Entgegen der in der
angefochtenen Verfügung geäusserten Auffassung schliesst ein erfolgrei-
cher beruflicher Werdegang überdies nicht aus, dass eine betreffende Per-
son in der Ehe physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt ist bzw. ge-
wesen ist. Wie gerade das Beispiel der Beschwerdeführerin zeigt, bot das
berufliche Umfeld ihr einen gewissen Schutz, Stabilität und Halt (vgl. etwas
BVGer act. 1, Beilagen 9 und 37).
8.6 Alles in allem ist in Würdigung der Gesamtlage von ehelicher Gewalt
im Sinne von Art. 50 Abs. 1 Bst. b AIG auszugehen, welche sowohl die
erforderliche Intensität als auch die notwendige Konstanz erreicht.
8.7 Bei dieser Sachlage kann die Frage der sozialen Wiedereingliederung
im Heimatland im Fall der beruflich und wirtschaftlich gut integrierten Be-
schwerdeführerin offengelassen werden (vgl. BGE 138 II 393 E. 3.2; ferner
Urteile des BVGer F-5023/2019 vom 24. August 2021 E. 6.8 oder
F-4276/2018 vom 13. November 2020 E. 8.5).
9.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundes-
recht verletzt (Art. 49 VwVG). Sie ist in Gutheissung der Beschwerde auf-
zuheben und der Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung an die Be-
schwerdeführerin durch den Kanton Jura zuzustimmen.
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10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(vgl. Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Das Gesuch um unentgeltliche Rechts-
pflege und Verbeiständung wurde mit Zwischenverfügung vom 28. Juli
2020 gutgeheissen (BVGer act. 3). Der durch Advokat lic.iur. Werner E. M.
Rufi vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens ge-
stützt auf Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) zu Lasten der Vorinstanz eine ange-
messene Parteientschädigung zuzusprechen.
10.2 Das Gericht setzt die Entschädigung aufgrund der Kostennote fest.
Wird – wie vorliegend – keine solche eingereicht, so setzt das Gericht die
Entschädigung aufgrund der Akten fest (Art. 14 Abs. 2 VGKE). In Berück-
sichtigung der Notwendigkeit der Eingaben, der Schwierigkeit der Streitsa-
che in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht sowie der Bandbreite ausge-
richteter Entschädigungen in vergleichbaren Fällen ist das Honorar nach
Massgabe der einschlägigen Bestimmungen auf Fr. 3'000.– (inkl. Auslagen
und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) fest-
zusetzen.
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