Decision ID: aaed0bf0-bbf0-4679-a936-f70e68aa9192
Year: 2016
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 9. September 2008 bei der IV-Stelle zum Bezug von
Invalidenleistungen (Massnahmen für die berufliche Eingliederung/Rente) an (IV-act. 1).
Gemäss dem telefonischen Gespräch zwischen RAD-Arzt Dr. med. B._, Facharzt
FMH für Allgemeine Medizin, und Dr. med. C._, Facharzt FMH für Chirurgie und
Handchirurgie, vom 29. Oktober 2008 litt die Versicherte unter einem Status nach
Rhizarthrose links und palmarer Capsulodese MP I links vom 9. Februar 2008, einem
postoperativen Verlauf mit Entwicklung einer Algodystrophie, einem Schmerzsyndrom
und psychoreaktiv-depressiven Beschwerden bei allgemeiner psychosozialer
Überforderungssituation (IV-act. 17).
A.b Im Bericht vom 29. Januar 2009 diagnostizierte D._, Fachärztin Neurologie FMH,
Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie FMH, eine periphere Nervenläsion des N.
digitalis palmaris und der motorischen Endäste des N. medianus links (IV-act. 43-6).
A.c Mit Schreiben vom 25. Mai 2009 berichtete Dr. C._ über einen Korrektur-Eingriff
an der linken Hand vom 3. April 2009. Der Verlauf sei aber wieder ähnlich wie bei der
letzten Operation. Die Versicherte verspüre inadäquat starke Schmerzen, ohne dass
objektiv eine Komplikation feststellbar sei. Die Hand liesse sich kaum anfassen, der
Daumen werde nicht eingesetzt und der psychische Zustand entgleise allmählich
ebenfalls (IV-act. 33-9).
A.d Mit Bericht vom 14. Dezember 2009 äusserte sich Dr. med. E._, Facharzt (FMH)
Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie, Chirurgie und Handchirurgie, zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den Restbeschwerden DI links nach Resektionsarthroplastik 2005 und Revisionseingriff
4/09. Am linken Daumen zeige sich eine regelrechte Durchblutung und Sensibilität,
jedoch sei die Motorik schmerzbedingt eingeschränkt. Die Prognose sei ungünstig (IV-
act. 43-3).
A.e Am 24. Dezember 2009 berichtete Dr. C._ der IV-Stelle, dass die Versicherte in
Folge permanenter Schmerzen, Depressionen und Verzweiflung arbeitsunfähig sei und
bleibe. Weder die bisherige noch andere Tätigkeiten seien ihr zumutbar. Aktuell
bestehe eine bleibende Einschränkung von 100% (IV-act. 38).
A.f Mit Stellungnahme vom 26. März 2010 schloss die Eingliederungsverantwortliche
den Fall ab, da aktuell keine Eingliederungsmassnahmen möglich seien (IV-act. 45-7).
A.g Am 10. März 2010 wurde die Versicherte von RAD-Arzt Dr. B._ und Dr. med.
F._, Facharzt für Rheumatologie FMH, untersucht. Nach gemeinsamer Besprechung
kamen die RAD-Ärzte zum Schluss, dass für die Beurteilung der noch zumutbaren
Restarbeitsfähigkeit eine handchirurgische Begutachtung indiziert sei (IV-act. 50).
A.h Am 3. Mai 2010 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass keine beruflichen
Eingliederungsmassnahmen möglich seien (IV-act. 54).
A.i Die Versicherte wurde am 23. Juni 2010 durch Dr. med. G._, Handchirurgie,
Plastische Chirurgie, Orthopädie H._, begutachtet. Im Bericht vom 25. Juni 2010
diagnostizierte Dr. G._ ein chronisches Schmerzsyndrom links, CRPS Typ II, ein
Rehabilitationsdefizit, eine Generalisierung der Schmerzsymptomatik bei einem
Zustand nach wiederholten Eingriffen im Bereich des I. Strahles, 2005 eine
Ganglionexstirpation, 02/2008 eine Trapeziumresektion, Teilresektion des Trapezoids,
Aufhängeplastik nach Epping mit 1⁄2 FCR-Sehne, eine Kapsulodese MP I, 04/2009 eine
Reoperation, erneute Aufhängeplastik mit Rest der FCR-Sehnen sowie
Cerclageentfernung und Neuromversorgung eines palmaren Medianusastes. Die
Versicherte funktioniere als rechtsdominante Einhänderin. Es bestehe eine erhebliche
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in ihrem angestammten Beruf. In Bezug auf alle in
der Schweiz durchgeführten Arbeiten sei die Versicherte zu 100% arbeitsunfähig
einzustufen. In einer angepassten Tätigkeit sei sie bestenfalls 50% arbeitsfähig.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schwere Arbeiten seien jedoch insofern ungünstig, als sich auch in der rechten Hand
eine Rhizarthrose abzeichne (IV-act. 57). RAD-Arzt Dr. B._ befand das Gutachten mit
Stellungnahme vom 4. November 2010 als nachvollziehbar (IV-act. 61).
A.j Am 3. November 2010 wurde die Versicherte durch Dr. G._ an der linken Hand
operiert (IV-act. 65).
A.k Im Triagegespräch vom 24. November 2010 entschieden die IV-Verantwortlichen,
dass die berufliche Eingliederung erneut zu prüfen sei (IV-act. 67).
A.l Mit Bericht vom 21. September 2010 diagnostizierte Dr. med. H._, Facharzt für
Neurologie FMH, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, einen Verdacht auf
intermittierende radikuläre Kompression L5 links bei Diskushernie L4/5 und einen
Verdacht auf Segmentinstabilität L4/5 sowie einen Verdacht auf eine beginnende
Syringomyelie cervical. Dr. med. I._, FMH Orthopädische Chirurgie, befand auf
Grund seiner Verlaufskontrolle vom 15. September 2010 und des erwähnten
neurologischen Konsiliums, dass die Beschwerden zurzeit aber nicht genügend
intensiv seien, als dass man ein operatives Vorgehen beschliessen müsste (IV-act.
73-2f.)
A.m Mit Verfügung vom 3. Januar 2011 verneinte das Regionale
Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) die Vermittlungsfähigkeit der Versicherten (IV-act.
77-2ff.).
A.n Im Schreiben vom 18. Februar 2011 diagnostizierte Dr. med. K._, FA für
Allgemeine Medizin FMH, ein degeneratives Panvertebralsyndrom, ein chronisches
Schmerzsyndrom nach Rhizarthrosen-Operation links 2005, Trapezektomie 2008 und
Revision zuletzt 11/10, eine depressive Verarbeitung, Refluxbeschwerden, Omalgie
rechts, chronisch wiederkehrende Kopfschmerzen und einen Hallux valgus beidseits.
Bezüglich der aktuellen Revisionsoperation am linken Handgelenk könne als
Zwischenbefund festgehalten werden, dass die Schmerzen unverändert weiter
bestünden (IV-act. 85).
A.o Mit Verlaufsbericht vom 24. Juni 2011 informierte Dr. G._, dass sich die Situation
im Bereich der linken Hand zwar hinsichtlich der Schmerzen verbessert habe, jedoch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sei die Versicherte noch immer nicht beschwerdefrei. An eine Reintegration in den
Arbeitsprozess sei zurzeit nicht zu denken (IV-act. 94). Am 19. August 2011 berichtete
Dr. G._, die Versicherte könne die Hand zwar besser gebrauchen als vor der
Operation und auch kleinere Arbeiten mit der Hand durchführen. Jedoch funktioniere
sie als Einhänderin mit einer linken Hilfshand. Wahrscheinlich werde eine
Arbeitsunfähigkeit von 50% resultieren (IV-act. 100). Im Verlaufsbericht vom 14.
September 2011 kam Dr. G._ gestützt auf die letzte Konsultation vom 18. August
2011 zum Schluss, dass eine 50%ige Berentung wahrscheinlich Sinn machen würde
(IV-act. 103-3).
A.p RAD-Arzt Dr. B._ hielt gestützt darauf fest, rein theoretisch sei
versicherungsmedizinisch davon auszugehen, dass die Versicherte in einer ideal
leidensadaptierten Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von vermutlich doch mehr als 50%
erreichen könne. Nachdem Dr. G._ im Bericht vom Juni 2011 eine Reintegration in
den Arbeitsprozess noch ausgeschlossen habe, gehe er im Bericht vom 14. September
2011 von einer Arbeitsfähigkeit von 50% aus. Somit hätten diese Angaben ab der
letzten Konsultation vom 18. August 2011 Gültigkeit (IV-act. 107-2).
A.q Mit Schlussbericht vom 6. Februar 2012 schloss die Eingliederungsverantwortliche
die berufliche Eingliederung ab (IV-act. 113).
A.r Im Bericht vom 10. April 2012 hielt Dr. H._ fest, die neurologische Symptomatik
sei diagnostisch nach wie vor nicht eindeutig zuordenbar. Die von der Versicherten
berichteten Sensibilitätsstörungen und auch die zeitweise Schmerzausstrahlung in das
rechte Bein liessen sich mit dem Befund nicht zweifelsfrei erklären. Therapeutisch sei
ein Versuch mit einer periradikulären Infiltration der Nervenwurzel L5 links
empfehlenswert (IV-act. 131-10f.). Dr. med. L._, Facharzt für Orthopädische
Chirurgie, orientierte am 7. Juni 2012 darüber, dass es der Versicherten nach der
Infiltration L5 links vor vier Wochen im linken Bein besser gehe. Sie habe mehr Kraft
und könne besser gehen. Momentan sei sie durch Nackenschmerzen links gestört, die
bis in die Hand und in alle Finger ausstrahlen würden (IV-act. 131-6, vgl. auch Bericht
vom 19. Juni 2012, IV-act. 131-4f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.s Im Rahmen einer Haushaltsabklärung vom 4. Juli 2012 führte die
Abklärungsperson aus, dass bei der Versicherten bei einer 80%igen Erwerbstätigkeit
bzw. einer Haushaltstätigkeit im Rahmen von 20% die Einschränkung im Haushalt 50%
betrage (IV-act. 127).
A.t Mit Stellungnahme vom 6. Februar 2013 empfahl Dr. med. F._ die Durchführung
einer polydisziplinären Begutachtung (IV-act. 139).
A.u Die Versicherte wurde am 26. und 28. August sowie am 3. und 24. September
2013 im Ärztlichen Begutachtungsinstitut GmbH (ABI) Basel polydisziplinär
begutachtet. Im Gutachten vom 11. November 2013 schätzten die Gutachter die
Versicherte gesamthaft in angepassten Tätigkeiten zu 50% arbeitsfähig und sahen
auch im Haushalt eine Einschränkung von 50% als gegeben (IV-act. 143). RAD-Arzt Dr.
F._ befand das Gutachten als nachvollziehbar (IV-act. 144).
A.v Mit Vorbescheid vom 7. Februar 2014 stellte die IV-Stelle der Versicherten gestützt
auf einen Invaliditätsgrad von 35% eine Ablehnung des Rentenanspruchs in Aussicht
(IV-act. 150). Gegen diesen Vorbescheid liess die Versicherte durch Rechtsanwalt Dr.
iur. K. Gehler am 7. März 2014 Einwand erheben (IV-act. 151).
A.w Mit Vorbescheid vom 16. Mai 2014 ersetzte die IV-Stelle den Vorbescheid vom 7.
Februar 2014 und stellte der Versicherten ab 1. Februar 2009 einen Anspruch auf eine
Viertelsrente in Aussicht (IV-act. 156). Dagegen reichte der Rechtsvertreter der
Versicherten am 14. Juli 2014 Einwand ein und beantragte die Ausrichtung einer
ganzen, eventualiter einer halben Invalidenrente (IV-act. 161).
A.x Bezugnehmend auf die von der Versicherten eingereichten weiteren medizinischen
Akten hielt Dr. F._ am 11. August 2014 fest, diese würden keine genauen Angaben
zur Arbeitsfähigkeit und auch keine neuen medizinischen Aspekte enthalten, welche
nicht schon bekannt gewesen wären. Der medizinische Sachverhalt sei anlässlich der
Begutachtung im ABI adäquat gewürdigt worden (IV-act. 164-2).
A.y Mit Verfügung vom 1. Oktober 2014 sprach die IV-Stelle der Versicherten ab 1.
Februar 2009 gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 40.12% eine Viertelsrente zu (IV-
act. 170).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 4. November
2014 mit dem Antrag auf deren Aufhebung und auf Zusprache einer ganzen Rente ab
1. Februar 2009. Eventualiter sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, der
Beschwerdeführerin ab 1. Februar 2009 eine halbe Invalidenrente auszurichten; unter
Kosten- und Entschädigungsfolgen. Zur Begründung macht der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin geltend, dass sowohl im Erwerb wie auch im Haushalt von einer
fehlerhaften Feststellung der Arbeitsfähigkeit auszugehen sei. Da die
Beschwerdeführerin für sämtliche manuellen Tätigkeiten mit beiden Händen derart
eingeschränkt und auch für die leichtesten Arbeiten „nur vermindert“ einsetzbar sei,
müsse sie als funktionell einarmig gelten mit zusätzlicher Einschränkung der anderen
Hand. Zudem sei eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit auch deshalb anzunehmen, weil sich
die Beschwerden der Beschwerdeführerin in den letzten Monaten gravierend
verschlechtert hätten und mittelfristig eine Resektionsarthroplastik nicht zu umgehen
sei. Schliesslich seien neu auch Thoraxschmerzen entstanden, die auf eine
Herzerkrankung hinweisen würden. Ausserdem seien Probleme im Rücken- und
Beckenbereich bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung unberücksichtigt geblieben. Unter
diesen Umständen sei auch die Verwertbarkeit der verbliebenen Restarbeitsfähigkeit zu
thematisieren. Denn es sei absolut unrealistisch, davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin als funktionell einarmige Person mit Beschwerden auch in der
anderen Hand und zusätzlichen Beschwerden im Rücken überhaupt eine Arbeit finden
könne. Eine weitere Fehleinschätzung ergebe sich in der Haushaltsabklärung. Darin sei
die Mitwirkungspflicht des Ehemannes zweimal berücksichtigt worden. Schliesslich sei
der bald 60-jährigen Beschwerdeführerin ohne berufliche Ausbildung und mit
beschränkten Deutschkenntnissen ein Leidensabzug von 25% zu gewähren (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 19. Dezember 2014 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (act. G 4).
B.c Mit Replik vom 25. Februar 2015 hielt die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
fest (act. G 8). Die Beschwerdegegnerin hat auf die Einreichung einer Duplik verzichtet
(act. G 10).

Erwägungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.
Mit der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin
ab 1. Februar 2009 eine Viertelsrente zugesprochen. Strittig ist vorliegend, ob ein
Anspruch auf eine höhere Rente besteht.
1.1 Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf
dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid sind (Art. 28 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Invalidität ist
gemäss Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich bleibende oder längere
Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der
durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
1.2 Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 ATSG die ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit, es sei denn, eine versicherte Person sei vor dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung nicht erwerbstätig gewesen und es habe ihr auch nicht
zugemutet werden können, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. In diesem Fall gilt
gemäss Art. 8 Abs. 3 ATSG die Unmöglichkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
als Invalidität. Die Invalidität im Sinne von Art. 8 Abs. 1 ATSG wird durch einen
Einkommensvergleich ermittelt (Art. 16 ATSG). Die Methode zur Bemessung der
konkreten Unmöglichkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wird vom ATSG nicht
geregelt. Diese Lücke füllt Art. 28a Abs. 2 IVG: Es ist darauf abzustellen, in welchem
Mass die betreffende Person behindert ist, sich im Aufgabenbereich zu betätigen. Als
Aufgabenbereich der im Haushalt tätigen Person gelten insbesondere die übliche
Tätigkeit im Haushalt, die Erziehung der Kinder sowie gemeinnützige und künstlerische
Tätigkeiten (Art. 27 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Bestimmung von Art. 28a Abs. 3 IVG regelt die sogenannte gemischte Methode der
Invaliditätsbemessung bei Personen, die zum Teil erwerbstätig und zum Teil im
Aufgabenbereich tätig sind. In einem solchen "gemischten" Fall sind der Anteil der
Erwerbstätigkeit und der Anteil der Tätigkeit im Aufgabenbereich festzulegen und der
Invaliditätsgrad ist entsprechend der Behinderung in beiden Bereichen zu bemessen.
1.3 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von
Amtes wegen festzustellen und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel
eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Diese
Untersuchungspflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteilung des streitigen
Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichende Klarheit besteht (vgl. SVR 2001 IV
Nr. 10 S. 28 E. 4b mit Hinweisen).
2.
2.1 Die Beschwerdegegnerin stützte sich in medizinischer Hinsicht auf das ABI-
Gutachten vom 11. November 2013. Darin stellten die Gutachter nach
interdisziplinärem Konsensgespräch folgende mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
bestehende Diagnosen: ein neuropathisches Schmerzsyndrom an der linken Hand bei
Status nach mehreren operativen Eingriffen zuletzt 11/2010 (ICD-10 G60.-) mit
massiver Bewegungseinschränkung des linken Daumens in allen drei Gelenken bei
Status nach multiplen Operationen im Sattelgelenksbereich (ICD-10 M24.64), eine
Rhizarthrose rechts (ICD-10 M18.1), eine Heberden Arthrose DIP II rechts mehr als DIP
II links (ICD-10 M15.1), einen Status nach Ringbandspaltung A1 I rechts (ICD-10
M65.3), ein chronisches zerviko-, thorako- und lumbovertebrales Schmerzsyndrom
(ICD-10 M54.80) bei radiologisch mehrsegmentalen degenerativen Veränderungen
zervikal und thorakal sowie mehrsegmentaler Diskopathie lumbal ohne sicheren
Hinweis für Neurokompression oder Myelopathie (MRI 21.03.2012), bei keiner
höhergradigen Bewegungseinschränkung sämtlicher Wirbelsäulenabschnitte und bei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
fraglicher sensibler Claudicatio-Symptomatik und/radikulärem motorischem
Ausfallsyndrom L5 links, chronische Schulterbeschwerden der adominanten linken
Seite (ICD-10 M79.61) bei radiologisch AC-Arthrose und Reizung der
Supraspinatussehne (MRI 21.09.2007) und klinisch unauffälligem Befund, chronische
Vorfussbeschwerden (ICD-10 M79.67/M21.07/M21.87) bei radiologisch degenerativen
Veränderungen am Grosszehengrundgelenk beidseits (Szintigraphie 08.07.2009) und
Senk-Spreizfuss und Hallux valgus beidseits. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
hielten die Gutachter eine bestehende leichte depressive Episode (ICD-10 F32.0), eine
arterielle Hypertonie (ICD-10 I10) und fortgesetzten Nikotinkonsum, schädlichen
Gebrauch (ICD-10 F17.1) fest (IV-act. 143-31f.). Aus psychiatrischer Sicht konnte Dr.
med. M._ keine Arbeitsunfähigkeit feststellen. Er bestätigte die vom behandelnden
Hausarzt Dr. K._ gestellte Diagnose, dass im Jahr 2012 eine Depression
hinzugekommen sei. Es bestehe eine chronische somatische Problematik, jedoch sei
ein verfestigter, therapeutisch nicht mehr beeinflussbarer innerseelischer Verlauf bei
einer zwar entlastenden, aber missglückten Konfliktbewältigung nicht erwiesen. Es
bestünden keine deutlich auffälligen Persönlichkeitszüge für die Achse-2-Diagnose
einer Persönlichkeitsstörung mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit und gegen diese
Diagnose spreche vor allem auch der Verlauf mit vor der Erkrankung normaler
Sozialisation und voller Leistungsfähigkeit (IV-act. 143-16). Gestützt auf seine
orthopädische Untersuchung hielt Dr. med. N._ fest, auf radiologischer Ebene
bestünden mehrsegmentale degenerative Veränderungen der zervikalen und thorakalen
Wirbelsäule sowie lumbale Diskopathien. Jedoch würden klare Hinweise für eine
Neurokompression oder Myelopathie fehlen. An den Grosszehengrundgelenken sowie
am linken AC-Gelenk seien degenerative Veränderungen dokumentiert. In Anbetracht
des klinisch objektiv ansonsten weitgehend blanden Befundes werde auf die
Anfertigung neuer Bilddokumente verzichtet. Zusammenfassend könne festgehalten
werden, dass sich die von der Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden durch die
klinischen und radiologischen Befunde zum Teil durchaus erklären liessen. Die
deutlichen Inkonsistenzen, das fehlende Ansprechen auf lokale Infiltrationen,
konservative Therapiemassnahmen sowie langdauernde körperliche Schonung und
Arbeitskarenz könnten aber als klarer Hinweis für eine nicht-organische
Beschwerdekomponente angesehen werden (was von psychiatrischer Seite nicht
bestätigt wurde). Sowohl in der angestammten Tätigkeit als auch in leichten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angepassten Tätigkeiten schätzte der orthopädische Gutachter die Arbeitsfähigkeit auf
80% bei einem ganztägigen Pensum mit um 20% verminderter Leistung auf Grund
eines vermehrten Pausenbedarfs (IV-act. 143-20f.). Der neurologische Gutachter Dr.
med. O._ stellte anhand des MRI der LWS vom 21. März 2012 sowie einer
Neuromyographie vom 17. Oktober 2013 fest, dass zurzeit kein akuter
Denervationsprozess in den Myotomen L3-L5 links nachgewiesen werden konnte. Es
zeige sich jedoch ein ausgeprägter neurogener Umbau im Myotom L5 links. Dies als
Hinweis auf eine länger zurückliegende Schädigung der Nervenwurzel. Des Weiteren
sei eine neurographische Untersuchung des N. medianus am linken Handgelenk auf
Grund von Schmerzen nicht durchführbar gewesen. Das Hauptproblem im Hinblick auf
die Arbeitsfähigkeit stelle die chronische Schmerzsymptomatik an der linken Hand dar.
Nach wie vor sei die Beweglichkeit der linken Hand wesentlich eingeschränkt. Bei der
klinischen Untersuchung zeige sich eine deutliche trophische Störung an der ganzen
linken Hand. Die aktive und passive Beweglichkeit der Finger und des Handgelenks sei
stark schmerzhaft eingeschränkt. Es bestehe eine relativ diffus verteilte
Sensibilitätsverminderung, wobei jedoch im Bereich des radialen Handgelenks eine
umschriebene Zone mit einer stark ausgeprägten Allodynie vorliege. Diese
neuropathischen Schmerzen würden auch bei passiven Bewegungen mit
Kraftanstrengung im Zeigefinger und Daumen aktiviert. Auf Grund der aktuellen
Befundkonstellation müsse davon ausgegangen werden, dass es sich bei dem
vorliegenden neuropathischen Schmerzsyndrom um eine sekundäre Reaktion nach
multiplen operativen Eingriffen (allenfalls einer Verletzung von Hautnervenästen) handle,
währendem das Vorliegen einer Medianus-Neuropathie im Unterarmbereich als
unwahrscheinlich erscheine. In der aktuellen Situation spiele jedoch diese Frage eine
untergeordnete Rolle, da die vorliegende Funktionseinschränkung der Hand insgesamt
auf Grund der vorliegenden Befunde gut erklärt werden könne. Im Weiteren beklage die
Beschwerdeführerin Schmerzen im Bereich des ganzen Rückens, aktuell würden
Kreuzschmerzen in den Vordergrund gestellt. Radikuläre Schmerzausstrahlungen in die
Beine würden zurzeit nicht beschrieben. Dahingegend berichte sie über
Sensibilitätsstörungen an der Aussenseite des Oberschenkels und Unterschenkels,
welche bei längerem Gehen auftreten würden. Im Sitzen komme es relativ rasch wieder
zu einer Normalisierung. Bei der klinischen Untersuchung ergaben sich keine Hinweise
auf eine radikuläre Reizsymptomatik. Die Beschwerdeführerin habe eine ausgeprägte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Minderinnervation am ganzen linken Bein gezeigt. Dabei habe sie eine derart stark
ausgeprägte Schwäche demonstriert, dass die Gehfähigkeit nicht mehr erhalten wäre.
Gegen eine periphere neurologische Läsion würden die gut erhaltenen
Muskeleigenreflexe sprechen. Auffällig sei jedoch die seit vielen Jahren bekannte
muskuläre Hypotrophie des linken Beines. Die aktuelle EMG-Untersuchung am linken
Bein ergebe keinen Nachweis eines akuten Denervationsprozesses. Dahingegen seien
chronische neurogene Veränderungen im Versorgungsgebiet des Myotoms L5
feststellbar. Es handle sich um eine ältere Läsion, welche das leichte
Trendelenburghinken der Beschwerdeführerin erklären könne. Höhergradige Paresen
seien allerdings nicht vorhanden. Die globale muskuläre Hypotrophie sei dadurch
ebenfalls nicht erklärbar. Die Hypotrophie weise jedoch darauf hin, dass sich die
Beschwerdeführerin im Alltag tatsächlich schone (IV-act. 143-25f.). Betreffend die
handchirurgische Untersuchung durch Dr. med. P._ führt das Gutachten hinsichtlich
der linken Hand aus, dass bereits die Hautberührung ohne eigentlichen Druck bei der
Beschwerdeführerin erhebliche Schmerzen verursache. Daher sei eine sinnvolle
passive Untersuchung des ehemaligen Sattelgelenksbereiches sowie der
Narbenregionen nicht möglich. Das leichte Berühren auch ulnar der Palmaris longus
Sehnen zum Ausmessen der dortigen Narbe mit einem Fingergoniometer von lediglich
wenigen Gramm werde nicht toleriert. Im Bereich der rechten Hand finde sich eine
reizlose, querverlaufende Narbe palmar über dem Daumengrundgelenk. Die Narbe sei
frei verschieblich, hier fänden sich keine lokalen Beschwerden. Inspektorisch fänden
sich degenerative Veränderungen des rechten Zeigefinger-Endgelenks im Sinne von
Verdickungen und Beugestellung im Endgelenk-Bereich, über Beschwerden berichte
die Beschwerdeführerin hier nicht. Vor allem von der Beugeseite zeige sich eine
Adduktionshaltung im Bereich des rechten Daumensattelgelenkes. Eine Überstreckung
im Grundgelenk, wie sie auf der Gegenseite vorgelegen habe, bestehe nicht. Im
Sattelgelenk-Bereich bestehe ein erheblicher passiver Bewegungsschmerz sowie
mässiges Krepitieren. Die Beweglichkeit sei eingeschränkt (IV-act. 143-27). Da die
Beschwerdeführerin durch die klinisch und radiologisch doch erhebliche Arthrose im
Bereich des Zeigefingerendgelenks rechts überhaupt nicht belastet sei und sie durch
die Arthrose im Bereich des rechten Sattelgelenks adäquate Beschwerden angebe und
nach Ringbandspaltung am rechten Daumen überhaupt keine Probleme mehr
bestünden, würden die geklagten Beschwerden links glaubhaft erscheinen. Auf Grund
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des aktuellen klinischen und radiologischen Status sowie konklusiv aus der
Vorgeschichte laut Aktenlage seien diese Schmerzen auch nachvollziehbar. Die
Sensibilität im Versorgungsgebiet des Nervus medianus und Nervus ulnaris werde
korrekt und zuverlässig im Normbereich ermittelt. Die Patientin habe keine Tendenz
zusätzliche Einschränkungen zu demonstrieren. Auch beim Versuch des
Faustschlusses und der Fingerstreckung, links bezogen auf die Langfinger, gebe sich
die Beschwerdeführerin erhebliche Mühe und erreiche durch Wiederholungen eine
bessere Beweglichkeit trotz Beschwerden. Die linke, adominante Hand sei aus
vorbeschriebenen Gründen lediglich als Hilfshand anzusehen. Auch im Bereich der
dominanten rechten Hand bestehe auf Grund der Rhizarthrose ebenfalls eine
Einschränkung. Auf Grund des vorliegenden Status sei die Beschwerdeführerin in ihrer
früheren und zuletzt ausgeübten Tätigkeit zu 100% arbeitsunfähig. Auf Grund der
Rhizarthrose rechts sei sie für sämtliche manuellen Tätigkeiten mit beiden Händen
eingeschränkt. Lediglich in einer anleitenden oder aufsichtführenden Tätigkeit bzw.
Kontrolltätigkeit mit allenfalls leichtem Einsatz der rechten Hand wäre sie noch
einsetzbar. Auf Grund der erheblichen Schmerzen im Bereich der linken Hand und der
damit verbundenen Unruhe sei jedoch selbst eine solche Tätigkeit nur vermindert
umsetzbar (IV-act. 143-30). In der interdisziplinären Konsensbesprechung kommen die
beteiligten Gutachter zum Schluss, dass bei der Beschwerdeführerin ein stark
eingeschränktes Zumutbarkeitsprofil für Erwerbstätigkeiten vorliegt. Es seien ihr keine
körperlich schweren, mittelschweren und beidhändig beanspruchenden Tätigkeiten
zumutbar. Für körperlich sehr leichte, die Hände nur gering beanspruchende
Tätigkeiten bestehe eine Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 50%. Das Pensum könnte
über 4 bis 6 Stunden umgesetzt werden, je nach Möglichkeiten, am Arbeitsplatz
Pausen einzulegen. Dabei sei die ursprünglich ausgeübte Tätigkeit als Mitarbeiterin der
Montage von Wagen seit der Operation vom 9. Februar 2008 nicht mehr zumutbar. In
einer Verweistätigkeit, wie im Gutachten von Dr. G._ vom 25. Juni 2010 formuliert,
bestehe ab dem damaligen Gutachtenszeitpunkt eine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit von 50%. Auch im Haushalt bestehe eine erhebliche Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit, hier sei bei einer freien Zeiteinteilung von einer Einschränkung von
ebenfalls 50% auszugehen, wie dies bereits in der Haushaltsabklärung vom August
2012 ermittelt worden sei (IV-act. 143-33f.). RAD-Arzt Dr. F._ befand das Gutachten
als nachvollziehbar. Er fasste zusammen, dass die Beschwerdeführerin ab Februar
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2008 zu 100% arbeitsunfähig gewesen sei und setzte den Beginn der 50%igen
Arbeitsfähigkeit in leidensadaptierten Tätigkeiten auf August 2011 fest. Dies entgegen
den Ausführungen im Gutachten, weil bereits Dr. G._ im Bericht vom 14. September
2011 gestützt auf seine letzte Konsultation vom 18. August 2011 von einer 50%igen
Arbeitsfähigkeit ausgegangen war (IV-act. 144-2 und 107-2).
2.2 Die Beschwerdeführerin bestreitet, dass auf das ABI-Gutachten abgestellt werden
dürfe, und reichte weitere Akten ein. Dazu befand Dr. F._ jedoch, dass diese weder
genaue Angaben zur Arbeitsfähigkeit noch neue medizinische Aspekte enthielten, die
nicht bereits bekannt gewesen waren (IV-act. 164-2). Dem kann vorliegend gefolgt
werden. So enthalten die eingereichten Berichte keinerlei neue Tatsachen, welche eine
im Vergleich zum Begutachtungszeitpunkt erhöhte Arbeitsunfähigkeit begründen
würden. Die von Dr. E._ im Bericht vom 28. März 2014 festgehaltene Rhizarthrose
rechts (vgl. IV-act. 162-1) wurde bereits im ABI-Gutachten vermerkt und war von den
Gutachtern in ihre Würdigung einbezogen worden. Auch die von Dr. K._ im
Schreiben vom 5. Mai 2014 aufgeführten Thoraxschmerzen begründen primär noch
keine Arbeitsunfähigkeit. Eine solche machte Dr. K._ auch nicht geltend (vgl. act. G
162-2). Schliesslich kann auch dem Bericht von Dr. L._ vom 16. Juli 2014 (IV-act.
163-3) keine weitere Arbeitsunfähigkeit entnommen werden, welche sich auf
Beschwerden beziehen würde, die von den Gutachtern noch nicht berücksichtigt
worden sind. So gab er zwar die Notwendigkeit einer operativen Behandlung der
Rückenproblematik an, was bei Durchführung einer Operation zu einer zeitweise wohl
100%igen Arbeitsunfähigkeit führen dürfte, jedoch scheint er davon auszugehen, dass
das Ziel der Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit (hinsichtlich des Rückens) ganztägig
in einer dafür angepassten Tätigkeit gut erreichbar sein dürfte. Insgesamt liegen
deshalb keine Anhaltspunkte vor, weshalb nicht auf das ABI-Gutachten vom 11.
November 2013 abgestellt werden könnte. Somit ist von einer Arbeitsfähigkeit von
50% in allerdings sehr eingeschränkten leidensadaptierten Tätigkeiten ab August 2011
auszugehen (vgl. zum Beginn der 50%igen Arbeitsunfähigkeit die Stellungnahme des
RAD vom 19. Dezember 2011, IV-act. 107-2 und Erwägung 2.1).
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, sie sei nicht in der Lage, ihre
Restarbeitsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt zu verwerten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Es bleibt damit die Frage zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin in einem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt noch als vermittelbar gelten und die ihr verbleibende
Restarbeitsfähigkeit verwerten kann. Bei der Prüfung der wirtschaftlichen
Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit darf nicht von realitätsfremden
Einsatzmöglichkeiten ausgegangen werden. Insbesondere kann von einer
Arbeitsgelegenheit dort nicht gesprochen werden, wo die zumutbare Tätigkeit nur in so
eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der allgemeine Arbeitsmarkt praktisch nicht
kennt oder dass sie nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines
durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre (Urteil des Bundesgerichts vom 21.
September 2010, 9C_124/2010, E. 2.2, Urteil des Bundesgerichts vom 17. Januar
2014, 8C_669/2013, E. 4.3.2). In jedem Einzelfall ist zu bestimmen, ob eine invalide
Person die Möglichkeit hat, ihre restliche Erwerbsfähigkeit zu verwerten, und ob sie ein
rentenausschliessendes Einkommen zu erzielen vermag oder nicht. Dabei dürfen von
der versicherten Person keine Vorkehren verlangt werden, die unter Berücksichtigung
der gesamten objektiven und subjektiven Gegebenheiten des Einzelfalls nicht zumutbar
sind (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007:
Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 10. März 2003, I 617/02, E. 3.1
mit Hinweisen).
3.3 Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung können verschiedene Faktoren zu
einer mangelnden Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt führen. Die Möglichkeit, die verbliebene Arbeitsfähigkeit auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu verwerten, hängt nicht zuletzt davon ab, welcher
Zeitraum der versicherten Person für eine berufliche Tätigkeit und insbesondere für
einen allfälligen Berufswechsel noch zur Verfügung steht (BGE 138 V 460, E. 3.2). So
stellt das Alter einer Person nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung keinen
invaliditätsfremden Faktor dar, sondern es handelt sich dabei um eine die Invalidität
beeinflussende persönliche Eigenschaft, sofern die Beurteilung der Zumutbarkeit der
Erwerbstätigkeit nach Massgabe der Selbsteingliederungspflicht in Frage steht (Urteil
des Bundesgerichts vom 21. September 2010, 9C_124/2010, E. 5.1). Anders formuliert
wird das Alter als Kriterium anerkannt, welches zusammen mit weiteren beruflichen und
persönlichen Gegebenheiten dazu führen kann, dass die einer Person verbliebene
Restarbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt realistischerweise nicht
mehr nachgefragt wird und ihr damit die Verwertung auch unter Berücksichtigung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Selbsteingliederungspflicht nicht mehr zumutbar ist (Urteil des Bundesgerichts vom 22.
März 2012, 9C_153/2011, E. 3.1).
3.4 Für den Zeitpunkt, in welchem die Frage der Verwertbarkeit der
Restarbeitsfähigkeit bei vorgerücktem Alter beantwortet wird, ist auf das Feststehen
der medizinischen Zumutbarkeit der (Teil-) Erwerbsfähigkeit abzustellen (BGE 138 V
461 E. 3.3, vgl. auch Urteil vom 29. August 2014, 8C_248/2014, E. 2).
3.5 Im Zeitpunkt, als die medizinisch zumutbare (Teil-) Erwerbsfähigkeit der
Beschwerdeführerin auf Grund des Gutachtens vom 11. November 2013 feststand, war
die Beschwerdeführerin 56 Jahre und sechs Monate alt. Gestützt auf die
Rechtsprechung des Bundesgerichts (vgl. dazu eine Auflistung in: IV 2013/633, E. 3) ist
die Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin vorliegend trotz
sehr eingeschränktem leidensadaptierten Tätigkeitsbereich zu bejahen. So wären für
die bis zum Erreichen des Rentenalters der AHV verbleibenden siebeneinhalb Jahre
immerhin noch Tätigkeiten mit Aufsichtsfunktion bzw. der Überwachung von
Maschinen möglich.
4.
4.1 Unbestritten ist vorliegend, dass die Beschwerdeführerin, wäre sie gesund,
weiterhin zu 80% einer Erwerbstätigkeit nachginge und im Rahmen von 20% im
Haushalt tätig wäre (vgl. auch IV-act. 127-3). Die im Haushaltsbereich anlässlich der
Haushaltsabklärung ermittelte (IV-act. 127-12) und vom ABI bestätigte Einschränkung
von 50% (IV-act. 143-34) erscheint plausibel. Demgegenüber hat die
Beschwerdegegnerin die Mitwirkungspflicht des Ehemannes doppelt berücksichtigt.
Wie in der Haushaltsabklärung festgehalten, wurde im Haushalt eine durchschnittliche
Einschränkung von 70-80% angegeben. Dem Ehemann wurde eine Mitwirkungspflicht
von 60-90 Minuten angerechnet und eruiert, dass die Beschwerdeführerin
durchschnittlich für den gesamten Haushalt 4.62 Stunden bzw. ca. 270 Minuten
benötigte. Nachdem die Mitwirkungspflicht des Ehemanns mit 25% - entsprechend
67.5 Minuten - in Abzug gebracht wurde, resultierte bei der Beschwerdeführerin eine
Einschränkung von 50% (IV-act. 127-12). Damit wurde die Mitwirkungspflicht des
Ehemannes bereits im Rahmen der Berechnung der Höhe der Einschränkung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
berücksichtigt. Ein weiterer Abzug lässt sich folglich nicht rechtfertigen. Dabei fällt ins
Gewicht, dass die Beschwerdeführerin nur noch für einhändig ausführbare leichteste
Arbeiten zu 50% arbeitsfähig ist, d.h. ihre gesundheitliche Einschränkung wirkt sich in
der überwiegend manuell auszuführenden Haushalttätigkeit überdurchschnittlich stark
aus. Mit der Beschwerdeführerin ist somit im Bereich Haushalt von einer
Einschränkung von 50% auszugehen. Damit ergibt sich im Bereich Haushalt ein
gewichteter Teilinvaliditätsgrad von 10% (20% x 50%).
5.
5.1 Es bleibt der Invaliditätsgrad im Erwerbsbereich anhand eines
Einkommensvergleichs (Art. 16 ATSG) zu ermitteln: Dazu wird das Erwerbseinkommen,
das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen
könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
5.2 Die Beschwerdeführerin war als Hilfsarbeiterin bei der Q._ AG in der Vor- und
Endmontage tätig. Sie hatte u.a. Baugruppen zusammenzufügen mit Leiterplatten,
Kal’antrieben und Abschlussblechen oder Windschutzmontagen auszuführen (IV-act.
16-8). Im Jahr 2008 hätte sie gemäss Arbeitgeberfragebogen für ihr 80%-Pensum
einen Jahreslohn (ab April 2008) von Fr. 41‘340.-- erzielt (IV-act. 16-3). Demgegenüber
ging die Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort vom IK-Auszug 2007 aus, der
bereits damals ein Einkommen von Fr. 43‘148.-- aufwies (vgl. IV-act. 11-1). Dem
Arbeitgeberbericht kann zudem entnommen werden, dass der Monatslohn ab April
2008 grundsätzlich bei Fr. 3‘262.50 lag, was bei 13 Monatslöhnen bereits einen
Jahreslohn von Fr. 42‘412.50 ergibt. Zusätzlich erhielt die Beschwerdeführerin
regelmässig einen Bonus ausbezahlt (im März 2007: Fr. 1‘450.--, im März 2008: Fr.
1‘812.--; bei der weiteren Auszahlung im Mai 2008 handelt es sich wohl um ein
Dienstaltersgeschenk; vgl. IV-act. 16-4). Demzufolge rechtfertigt es sich, beim
Valideneinkommen für das Jahr 2008 vom Einkommen gemäss IK-Auszug 2007
auszugehen und dieses an die Nominallohnentwicklung anzupassen. Folglich ergibt
sich bei einem Einkommen im Jahr 2007 von Fr. 43‘148.-- und einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nominallohnentwicklung für das Jahr 2008 von 1.8% ein Valideneinkommen (2008) von
Fr. 43‘925.--.
5.3 Da die Beschwerdeführerin keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgeht, ist für das
Invalideneinkommen auf die Tabellenlöhne gemäss den Lohnstrukturerhebungen des
Bundesamtes für Statistik (LSE TA1 Hilfsarbeiterinnen) abzustellen. Vorliegend kann die
im Zeitpunkt des Rentenbeginns 52-jährige Beschwerdeführerin Tätigkeiten, welche die
linke Hand belasten, auch dann nicht mehr ausüben, wenn es sich um leichte Arbeit
handelt. Nachdem sie vor den Operationen an der linken Hand ohne berufliche
Ausbildung mittelschwere bimanuelle Arbeiten verrichtete, ist sie nun auch für leichte
Arbeiten erheblich eingeschränkt. Unter den geschilderten Gegebenheiten erscheint
mit Blick auf die Rechtsprechung des Bundesgerichts bei "Einhändigkeit" (vgl. dazu
Urteil des Versicherungsgerichts St. Gallen vom 2. September 2014, IV 2013/636, E.
4.3 mit Hinweisen) ein Tabellenlohnabzug von 20% gerechtfertigt. Bei einem
Tabellenlohn nach LSE (2008) von Fr. 51‘368.-- ergibt sich bei einer 80%-Tätigkeit ein
Jahreslohn von Fr. 41‘094.-- bzw. bei einer Arbeitsunfähigkeit von 50% ein solcher von
Fr. 20‘547.--. Unter Berücksichtigung eines Leidensabzugs von 20% ergibt dies einen
Erwerbsausfall von Fr. 27‘487.-- (Fr. 43‘925.-- - [20‘547.-- - 4‘109.--]) und einen
ungewichteten Invaliditätsgrad im Erwerb von 62.58%. Gewichtet ergibt dies im Erwerb
einen Teilinvaliditätsgrad von 50% (62.58% x 0.8). Zusammen mit dem
Teilinvaliditätsgrad im Haushalt von 10% resultiert ein Invaliditätsgrad von 60% und
damit ein Anspruch auf eine Dreiviertelsrente.
5.4 Da die Beschwerdeführerin von Februar 2008 bis August 2011 zu 100%
arbeitsunfähig war, hat sie einen befristeten Anspruch auf eine ganze Invalidenrente.
Infolge ihrer Anmeldung bei der Invalidenversicherung im September 2008 (IV-act. 1)
beginnt der Anspruch am 1. März 2009 (vgl. Art. Art. 29 Abs. 1 IVG). Er endet gemäss
Art. 88a Abs. 1 IVV drei Monate nach Verbesserung der Erwerbsfähigkeit und somit per
30. November 2011. Ab 1. Dezember 2011 besteht ein Anspruch auf eine
Dreiviertelsrente.
6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.1 Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung vom 1. Oktober 2014 in
teilweiser Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und der Beschwerdeführerin ab 1.
März 2009 bis 30. November 2011 eine ganze Rente sowie ab 1. Dezember 2011 eine
Dreiviertelsrente auszurichten.
6.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend ist sie vollumfänglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Der von der Beschwerdeführerin geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihr
zurückzuerstatten.
6.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art.
61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.--
bis Fr. 12'000.--. Im hier zu beurteilenden Fall erscheint eine pauschale
Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als
angemessen.