Decision ID: 818e69f3-eed0-5044-9dde-cd71e45750d9
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
G._,
Beschwerdeführer,
gegen
Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), Fluhmattstrasse 1, Postfach 4358,
6002 Luzern,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Versicherungsleistungen
Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.
A.a Der 1971 geborene G._ war als Bezüger von Arbeitslosenentschädigung bei der
Suva für die Folgen von Unfällen versichert (Suva-act. 1). Am 4. Januar 2007 erlitt er als
Beifahrer seines von der Ehefrau gelenkten Personenwagens auf einer Autobahn in
Ungarn einen Unfall, wobei sich das Auto mehrmals überschlagen habe (Suva-act. 1).
Nach einer kurzen Untersuchung durch das medizinische Personal eines
Krankenwagens sei der Versicherte zusammen mit seiner Frau und dem
fünfeinhalbjährigen Sohn in ein Motel gebracht worden. Am nächsten Tag habe ein
Verwandter sie abgeholt und in die Schweiz gefahren (Suva-act. 12). Die am 5. Januar
2007 konsultierte Hausärztin, Dr. med. A._, FMH Innere Medizin und Rheumatologie,
diagnostizierte ein HWS-Distorsionstrauma, eine commotio cerebri, eine BWS-
Kontusion, eine Kontusion der Oberarme sowie des rechten Unterschenkels,
Schürfungen, eine Zahnverletzung sowie Rippenfrakturen der 7. und 8. Rippe links
(Suva-act. 5). Der Versicherte berichtete über das sofortige Auftreten von Kopf- und
Nackenschmerzen sowie Übelkeit, über Schwindel nach drei bis vier Stunden und über
eine Licht- und Lärm-empfindlichkeit, die sich nach einem Tag eingestellt habe (Suva-
act. 6). Die Hausärztin attestierte ihm eine 100 %ige Arbeitsunfähigkeit (Suva-act. 4, 5),
worauf die Unfallversicherung ihre Leistungspflicht für die Folgen dieses Ereignisses
anerkannte und die gesetzlichen Leistungen erbrachte.
A.b Am 15. Februar 2007 wurden im Röntgeninstitut Bellevue Zürich Aufnahmen der
HWS und der LWS gemacht (Suva-act. 15). Vom 5. bis 14. April 2007 fand eine
Hospitalisation in der Klinik Valens statt. Im Austrittsbericht vom 26. April 2007
diagnostizierten die behandelnden Ärzte ein zervikozephales Syndrom, ein
lumbospondylogenes Syndrom rechts sowie eine posttraumatische Belastungsstörung
(Suva-act. 24). Ein Schädel-MRI vom 20. April 2007 ergab keine Hinweise auf ein
Schütteltrauma oder Hirnstammläsionen (Suva-act. 25). Vom 12. Juni bis 10. Juli 2007
weilte der Versicherte erneut zur stationären Therapie in der Klinik Valens. Er
absolvierte in dieser Zeit ein multimodal gestaltetes Behandlungsprogramm für
Schmerzkranke, das überwiegend in der Gruppe stattfand. In die Behandlung integriert
war eine Kurzabklärung des beruflichen Potentials des Versicherten in der EVAL
Valens. Dazu wurde festgehalten, dass er aus berufspraktischer Sicht in seiner
aktuellen Verfassung nicht über das nötige Potenzial für einen therapeutischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsversuch verfüge (Suva-act. 33, 34, 45). Seine Arbeitsfähigkeit wurde dennoch
für drei Wochen auf 50 % für eine leichte, wechselbelastende Tätigkeit erhöht, dann
sollte eine psychiatrische Neubeurteilung erfolgen (Suva-act. 34). Zur Aufrechterhaltung
dieser Arbeitsfähigkeit trotz fehlender Arbeitsstelle und zur Abklärung der
Einsatzmöglichkeiten startete die Suva ein Einsatzprogramm im Integra Plus in Pfäfers.
Nachdem der Versicherte die halbtägige Präsenzzeit jedoch bei Weitem nicht einhalten
konnte und seine Hausärztin wiederum eine 100 %ige Arbeitsunfähigkeit attestiert
hatte, wurden die Abklärungen bis auf Weiteres sistiert (Suva-act. 42). Dr. med. B._,
FMH Psychiatrie und Psychotherapie, diagnostizierte im ärztlichen Zwischenbericht
vom 24. August 2007 eine Posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) sowie
die Gefahr der Entwicklung einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung (ICD-10
F45.4) auf dem Boden einer unreifen, passiven und selbstunsicheren
Persönlichkeitsstruktur (ICD-10 Z73.1). Diese Persönlichkeitsstruktur sowie
eingeschränkte intellektuelle Ressourcen machte sie als unfallfremde Faktoren für den
Heilungsverlauf verantwortlich (Suva-act. 46).
A.c Am 26. Oktober 2007 untersuchte Kreisarzt Dr. med. C._, Facharzt FMH für
orthopädische Chirurgie, den Versicherten. Er bestätigte vorerst eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit (Suva-act. 53). Ein MRI der HWS vom 21. November 2007 ergab
keine Hinweise auf posttraumatische Wirbelkörperdeformitäten, Luxationen oder
Subluxationen. Ferner konnte keine kompressionsbedingte Myelopathie festgestellt
werden (Suva-act. 58). Mit Bericht vom 21. November 2007 hielt PD Dr. med. D._,
Facharzt FMH Neurologie, als Diagnose der Untersuchungen vom 20. und 21.
November 2007 einen Chronischen Kopfschmerz vom Spannungstypus (aktuell
Analgetika-induzierter Dauerkopfschmerz) und einen Status nach Commotio cerebri
fest (Suva-act. 60). Dr. med. E._, Spezialarzt FMH, Ohren-, Nasen-, Halskrankheiten,
Hals- und Gesichtschirurgie, der den Versicherten am 12. Februar 2008 untersuchte,
fand keine Hinweise für eine periphere Vestibulopathie (Suva-act. 70). Am 5. März 2008
untersuchte F._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie des Regionalen
Ärztlichen Dienstes Ostschweiz (RAD Ostschweiz), den Versicherten. Im Gegensatz zu
Dr. B._ befand er eher eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung denn eine
posttraumatische Belastungsstörung als gegeben, da die Symptome durch den
Versicherten nicht in der Ausprägung und Intensität berichtet worden seien wie es für
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine posttraumatische Belastungsstörung zu erwarten gewesen wäre. Aus
psychiatrischer Sicht sei die Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt (Suva-act. 81).
A.d Kreisarzt Dr. C._ hielt nach erneutem Untersuch vom 7. April 2008 fest, dass
keine Unfallfolgen mehr vorlägen und daher auch keine Arbeitsunfähigkeit aus Unfall
mehr ausgewiesen sei. Aus Krankheitsgründen sei dem Versicherten jedoch die
Tätigkeit als Strassenbauer nicht mehr zuzumuten. In der Zwischenzeit sei der Status
quo sine erreicht worden (Suva-act. 78). Gemäss Bericht vom 17. Juni 2008 befand
Suva-Arzt Dr. med. H._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
Psychosomatische und Psychosoziale Medizin SAPPM, den Versicherten auf Grund
der Untersuchung vom 9. Mai 2008 für jede denkbare Erwerbstätigkeit vollständig
arbeitsunfähig (Suva-act. 86).
A.e Mit Verfügung vom 15. August 2008 eröffnete die Suva dem Versicherten die
definitive Einstellung der Versicherungsleistungen per 1. September 2008 mit der
Begründung, dass keine adäquaten Unfallfolgen mehr vorliegen würden (Suva-act. 95).
B.
B.a Gegen diese Verfügung liess der Versicherte, vertreten durch die Beratungsstelle
I._ Einsprache erheben (Suva-act. 102).
B.b Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen (SVA) teilte dem
Versicherten mit Vorbescheid vom 2. Februar 2009 mit, dass sein Gesuch um Erhalt
einer Invalidenrente der Invalidenversicherung abgelehnt werde (Suva-act. 107).
B.c Mit Entscheid vom 6. Februar 2009 wies die Suva die Einsprache des
Versicherten ab (Suva-act. 108).
C.
C.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die Beschwerde vom 5. März
2009 mit den Anträgen, der angefochtene Einspracheentscheid sei aufzuheben und die
Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, die eingestellten Versicherungsleistungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vollumfänglich zu erbringen. Zudem sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, die
Rentenfrage sowie die Frage einer Integritätsentschädigung zu prüfen.
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 17. April 2009 beantragte die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde und Bestätigung ihres Einspracheentscheids vom
6. Februar 2009.
C.c Mit Replik vom 11. Mai 2009 hielt der Beschwerdeführer an seinen Anträgen und
Standpunkten fest. Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf das Einreichen einer
Duplik.

Erwägungen:
1.
1.1 Vorliegend anerkannte die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht bezüglich
des Unfalls vom 4. Januar 2007 und erbrachte entsprechende
Versicherungsleistungen. Streitig und zu prüfen ist, ob sie weitere Leistungen ab
1. September 2008 zu Recht wegen fehlender Adäquanz der Beeinträchtigungen des
Beschwerdeführers verweigert hat.
1.2 Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss Bundesgesetz über die
Unfallversicherung (UVG, SR 832.20) setzt zunächst voraus, dass zwischen dem
Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod) ein
natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ob zwischen einem schädigenden Ereignis
und einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist
eine Tatfrage, worüber die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen
der diesen Instanzen obliegenden Beweiswürdigung nach dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
zu befinden haben. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt dabei für die
Begründung eines Leistungsanspruchs nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1, 119 V 338 E. 1,
118 V 289 E. 1b, je mit Hinweisen). Weiter ist das Vorhandensein des adäquaten
Kausalzusammenhangs zu prüfen. Nach der Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als
adäquate Ursache eines Erfolgs zu gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der
Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolgs also durch das
Ereignis allgemein als begünstigt erscheint (BGE 129 V 181 E. 3.2, 125 V 461 E. 5a mit
Hinweisen). Während es Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist, den natürlichen
Kausalzusammenhang zu beurteilen, obliegt es dem Gericht, die Frage nach dem
adäquaten Kausalzusammenhang zu beantworten (BGE 123 III 110, E. 3a).
1.3 Im Bereich klar ausgewiesener organischer Unfallfolgen im Sinn von
nachweisbaren strukturellen Veränderungen (organisches Substrat konnte mit Bild
gebenden Untersuchungsmethoden [Röntgen, Computertomogramm, EEG]
nachgewiesen werden) spielt die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der sich aus
dem natürlichen Kausalzusammenhang ergebenden Haftung des Unfallversicherers
praktisch keine Rolle. Sie ist bei ausgewiesener natürlicher Kausalität ohne Weiteres zu
bejahen (BGE 127 V 103 E. 5b/bb, 123 V 102 E. 3b, 118 V 291 E. 3a, 117 V 365 E. 5d/
bb mit Hinweisen). Sind dagegen die Unfallfolgen organisch nicht (hinreichend) fassbar,
bewirkt die Bejahung der natürlichen Kausalität nicht automatisch auch die Bejahung
der adäquaten Kausalität, können doch gerade klinische Befunde erfahrungsgemäss
auch psychisch ausgelöst werden. In diesen Fällen ist eine eigenständige
Adäquanzbeurteilung durchzuführen, bei welcher wie folgt zu differenzieren ist: Es ist
zunächst abzuklären, ob die versicherte Person beim Unfall ein Schleudertrauma
erlitten hat. Ist dies nicht der Fall, gelangt die Rechtsprechung gemäss BGE 115 V 140
E. 6c/aa zur Anwendung. Ergeben die Abklärungen dagegen, dass die versicherte
Person eine Schleudertraumaverletzung erlitten hat, muss geprüft werden, ob die zum
typischen Bild einer solchen Verletzung gehörenden Beeinträchtigungen zwar teilweise
vorliegen, im Vergleich zur psychischen Problematik aber ganz in den Hintergrund
treten. Trifft dies zu, sind für die Adäquanzbeurteilung ebenfalls die in BGE 115 V 140
E. 6c/aa für Unfälle mit psychischen Unfallfolgen aufgestellten Grundsätze
massgebend (BGE 123 V 99 E. 2a), andernfalls erfolgt die Beurteilung der Adäquanz
gemäss den in BGE 117 V 366 E. 6a und 382 E. 4b festgelegten bzw. den mit BGE 134
V 109 modifizierten Kriterien (BGE 127 V 103 E. 5b/bb). Die Anwendung der
Rechtsprechung zum adäquaten Kausalzusammenhang bei Schleudertraumen der
HWS setzt voraus, dass die psychischen Beschwerden aus dem Unfall hervorgehen
und zusammen mit den organischen Beschwerden, die ebenfalls auf das Unfallereignis
zurückzuführen sind, ein komplexes Gesamtbild ergeben (RKUV 2000 Nr. U 397 S. 328
E. 3b). Zu ergänzen bleibt, dass die zu den Verletzungen nach klassischem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schleudertrauma entwickelte Rechtsprechung zum natürlichen und adäquaten
Kausalzusammenhang (BGE 119 V 335, 117 V 359) auch auf analoge Verletzungen wie
Distorsionen der HWS sowie Schädel-Hirntraumata anwendbar ist, wenn und soweit
sich dessen Folgen mit jenen eines Schleudertraumas vergleichen lassen (vgl. Urteil
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts] vom 17. August 2004 i/S G. [U 243/03]; RKUV 2000
Nr. U 395 S. 317, E. 3; BGE 117 V 369 E. 3c).
2.
Aus den Akten geht hervor, dass die vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden
nicht mit klar ausgewiesenen organischen Befunden im Sinn nachweisbarer
unfallkausaler struktureller Veränderungen erklärbar sind. Die bildgebenden
radiologischen Untersuchungen der HWS im Röntgeninstitut Bellevue, Zürich, vom
15. Februar 2007 (Suva-act. 15) und das Schädel-MRI der Radiologie des
Medizinischen Zentrums Bad Ragaz vom 20. April 2007 haben keine Hinweise für das
Vorliegen ossärer bzw. discoligamentärer Läsionen gezeigt. Auch das MRI der HWS
vom 21. November 2007 bestätigte diese Befunde (Suva-act. 58). Gemäss den
Fachärzten der Klinik Valens vom 31. Juli 2007 fanden sich zwar radiologisch diskrete
Veränderungen der HWS, deren Ursache wurde jedoch nicht unfallbedingt gesehen,
sondern in erster Linie als muskulär bedingt im Rahmen einer Dysbalance im
Nackenbereich beurteilt (Suva-act. 45.2). Die in den medizinischen Akten
beschriebenen Druckdolenzen und Bewegungseinschränkungen im Bereich der HWS
(Suva-act. 6, 24, 24.2, 34, 45, 53.2, 60.2) stellen praxisgemäss kein klar fassbares
organisches Substrat dar (vgl. Urteile des EVG vom 3. August 2005 i/S M. [U 9/05] E. 4
und vom 23. November 2004 i/S B. [U 109/04] E. 2.2). Mit der in den medizinischen
Berichten übereinstimmend gestellten Diagnose eines zervicozephalen Syndroms
(Suva-act. 19, 24, 34, 45, 53.3) ist das Vorliegen unfallkausaler struktureller
Gesundheitsschädigungen ebenfalls nicht automatisch ausgewiesen. Laut Roche
Lexikon Medizin (5. Aufl. München 2003, S. 1791) handelt es sich bei einem Syndrom
um ein sich stets mit etwa den gleichen Krankheitszeichen, d.h. einer Symptomatik mit
weitgehend identischem "Symptommuster" manifestierendes Krankheitsbild mit
unbekannter, vieldeutiger, durch vielfältige Ursachen bedingter oder nur teilweise
bekannter Ätiogenese. Zur fraglichen Diagnose führt mithin eher das vom jeweiligen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Patienten subjektiv angegebene "Symptommuster" als ein objektiv erhobener
organischer Befund. Die Diagnose selbst ist somit rein deskriptiver Natur.
3.
3.1 Nach den Ergebnissen der medizinischen Forschung ist bekannt, dass bei
Schleudertrauma- und äquivalenten Verletzungen auch ohne nachweisbare
pathologische bzw. organische Befunde noch Jahre nach dem Unfall funktionelle
Ausfälle verschiedener Art auftreten können. Der Umstand, dass die für ein
Schleudertrauma, eine Distorsion der HWS oder ein Schädel-Hirntrauma typischen
Beschwerden nicht mit entsprechenden Untersuchungsmethoden (Röntgen,
Computertomogramm, EEG) objektivierbar sind, rechtfertigt für sich allein nicht, sie in
Abrede zu stellen (BGE 117 V 359 E. 5d/aa).
3.2 Distorsionen der HWS sind Folgen von Beschleunigungskräften, die im Sinn einer
Überdehnung und Überbiegung auf die HWS einwirken und mit einem Kopfanprall
verbunden sein können. Ein eigentliches Schleudertrauma liegt nur dann vor, wenn bei
der Auffahrkollision durch die plötzliche Beschleunigung des getroffenen Fahrzeugs der
Kopf des Insassen - ohne anzuprallen - zuerst nach hinten zu knicken scheint und
anschliessend nach vorne beschleunigt wird. Führt der Beschleunigungsmechanismus
zu einem Kopfanprall, sollte nicht von einem Schleudertrauma, sondern von einer
HWS-Distorsion gesprochen werden (vgl. diesbezüglich Thomas Locher, HWS-
Distorsionen [Schleudertrauma] - Einführung in die Rechtslage nach schweizerischem
Recht, in: Murer/Niederer/Radanov/Rumo-Jungo/Sturzenegger/Walz [Hrsg.], Das
sogenannte "Schleudertrauma" - medizinische, biomechanische und rechtliche
Aspekte der Distorsionen der Halswirbelsäule, Bern 2002, S. 31 f.).
3.3 Ist ein Schleudertrauma oder eine dem Schleudertrauma äquivalente Verletzung
diagnostiziert und liegt ein für diese Verletzung typisches Beschwerdebild mit einer
Häufung von Beschwerden wie diffusen Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations-
und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit und Visusstörungen,
Reizbarkeit, Affektlabilität, Depressionen, Wesensveränderungen usw. vor, so ist der
natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und den Beschwerden resp. der
dadurch eingetretenen Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit in der Regel anzunehmen (BGE
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
117 V 359 E. 4b; vgl. auch 117 V 369 E. 3e). Nach der jüngeren Rechtsprechung des
Bundesgerichts (Urteile vom 30. Januar 2007 i/S T. [U 215/05] und vom 15. März 2007
i/S G. [U 258/06]) muss bei einer HWS-Verletzung das typische Beschwerdebild mit
einer Häufung von Beschwerden innerhalb von 24 bis höchstens 72 Stunden nach dem
Unfall nicht in seiner umfassenden Ausprägung auftreten. Vielmehr genügt es, wenn
sich in diesem Zeitraum Beschwerden in der Halsregion oder an der HWS - bei einem
Schädel-Hirntrauma in Form von Kopfschmerzen - manifestieren. Die anderen im
Rahmen eines Schleudertraumas oder einer äquivalenten Verletzung typischerweise
auftretenden Beschwerden müssen sich jedoch immerhin in einem Zeitraum
manifestieren, der es erlaubt, vom Vorhandensein eines natürlichen
Kausalzusammenhangs auszugehen.
3.4 Der Beschwerdeführer suchte direkt nach seiner Rückkehr aus dem Ausland, am
Tag nach dem Autounfall, seine Hausärztin auf, welche ein HWS-Distorsionstrauma
und eine commotio cerebri diagnostizierte (Suva-act. 5). Gemäss Arztzeugnis vom
18. Januar 2007 (Suva-act. 6) schilderte der Beschwerdeführer sofort nach dem Unfall
aufgetretene Kopf- und Nackenschmerzen sowie Übelkeit und nach ca. drei bis vier
Stunden das Aufkommen von Schwindel. Ungefähr einen Tag nach der Kollision sei
ausserdem eine Licht- und Lärmempfindlichkeit hinzugekommen. Auf Grund des
chronologischen Geschehensablaufs ergaben sich auch Anhaltspunkte für eine
Bewusstlosigkeit von unklarer Dauer. Im Rahmen weiterer Untersuchungen machte der
Beschwerdeführer ohne grössere Latenzzeit noch andere zum typischen bunten
Beschwerdebild einer HWS-Distorsion gehörende Beeinträchtigungen, wie erhöhte
Ermüdbarkeit, Konzentrationsschwäche, verminderte Leistungsfähigkeit und
Belastbarkeit, Begleitschwindel und einen Tinnitus geltend (Suva-act. 19, 24). Die
Diagnose einer commotio cerebri wurde schliesslich auch in verschiedenen später
datierten medizinischen Akten festgehalten (Suva-act. 24, 34, 53.3, 60, 78). Angesichts
der Schilderungen des Beschwerdeführers, dass er mit dem nach rechts gedrehten
Kopf auf die Kopfstütze aufgeprallt sei, sowie den unmittelbar nach dem Unfall
aufgetretenen starken Kopfschmerzen, erscheint es durchaus möglich, dass er
zusätzlich eine Hirnerschütterung bzw. ein leichtes Schädel-Hirntrauma erlitten hat. Die
Frage, ob er ein solches und/oder eine Distorsion der HWS erlitten hat, braucht
indessen nicht abschliessend geklärt zu werden. Auf Grund der von den Ärzten
insgesamt gestellten Diagnosen ist mit dem im Sozialversicherungsrecht allgemein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
massgebenden Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (Th. Locher,
Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 3. Aufl. Bern 2003, S. 451 f.) davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer anlässlich des Autounfalls vom 4. Januar
2007 eine Verletzung im HWS- und/oder Schädelhirn-Bereich durchgemacht hat. Die
dafür typischen, beim Beschwerdeführer nach dem Unfall gehäuft aufgetretenen
Beschwerden sind mithin in einer ersten Phase überwiegend wahrscheinlich als
natürlich-kausale Unfallfolge einer schleudertraumaähnlichen Verletzung zu betrachten.
Entsprechend hat die Beschwerdegegnerin einen Leistungsanspruch auch anerkannt.
Sodann stellte sie die Leistungen per 1. September 2008 ein. Bis zu diesem Zeitpunkt
waren eindreiviertel Jahre vergangen. Es ist somit nachfolgend zu prüfen, ob die
geklagten Beschwerden auf Grund der vorliegenden medizinischen Akten mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit keiner fassbaren unfallkausalen
gesundheitlichen Beeinträchtigung mehr zugeschrieben werden können (vgl. BGE 119
V 341 E. 2b/bb).
4.
4.1 Die Leistungspflicht des Unfallversicherers entfällt erst, wenn das Dahinfallen
jeder kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens
wiederum mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen
ist. Da es sich um eine anspruchsaufhebende Tatfrage handelt, liegt die Beweislast -
anders als bei der Frage, ob ein leistungsbegründender natürlicher
Kausalzusammenhang gegeben ist - nicht bei der versicherten Person, sondern beim
Unfallversicherer (RKUV 2000 Nr. U 363 S. 46 E. 2 mit Hinweisen). Dabei muss nicht
etwa der Beweis für unfallfremde Ursachen erbracht werden. Welche Ursachen ein
nach wie vor geklagtes Leiden hat, ob es Krankheitsursachen, ein Geburtsgebrechen
oder degenerative Veränderungen sind, ist unerheblich. Denn es ist nicht so, dass der
Unfallversicherer bei einmal bejahter Unfallkausalität so lange haftet, als er unfallfremde
Ursachen nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nachzuweisen vermag.
Entscheidend ist allein, ob unfallbedingte Ursachen eines Gesundheitsschadens ihre
kausale Bedeutung verloren haben, also dahin gefallen sind (RKUV 1994 Nr. U 206 S.
329 E. 3b). Ebenso wenig geht es darum, vom Unfallversicherer den negativen Beweis
zu verlangen, dass kein Gesundheitsschaden mehr vorliegt oder dass die versicherte
Person nun bei voller Gesundheit sei (Urteile des EVG vom 18. Dezember 2003 i/S Z.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
[U 258/02], vom 25. Oktober 2002 i/S L. [U 143/02] und vom 31. August 2001 i/S O. [U
285/00]).
4.2 Im Rahmen der kreisärztlichen Untersuchung vom 7. April 2008 klagte der
Beschwerdeführer weiterhin über einen Dauerschmerz vom Nacken bis in den
Vorderarm, gelegentlich auch bis in alle Finger rechts, zum Teil kombiniert mit
Kribbelparästhesien. Diese Beschwerden würden bei Schonung spontan wieder
verschwinden. Weiter beklagte er einen Kreuzschmerz mit Ausstrahlung in den rechten
Oberschenkel beim Gehen von mehr als einer halben Stunde. Dieser klinge jedoch ab,
wenn er ruhig stehe oder sich hinsetze. Stärkere Schmerzschübe würden beim sich
Hinlegen verschwinden. Für den gestörten Nachtschlaf machte er teilweise die
Nackenbeschwerden, teilweise auch seine Angstträume verantwortlich. Zudem leide er
unter Schwindel beim Bücken und raschen Aufstehen. Dr. C._ hielt in seinem Bericht
fest, dass subjektiv nach wie vor ein erheblich einschränkendes Beschwerdebild
sowohl im Kopf-/Nackenbereich wie auch in der Kreuzbeinregion rechts bestehe. Der
Beschwerdeführer sei jedoch zusätzlich vor allem durch eine psychische Problematik
erheblich beeinträchtigt. Die diversen Abklärungen im Bereich der HWS und des
Schädels durch Röntgen, MRI und neurologische Untersuchung hätten keine
Unfallfolgen ergeben. Die Abklärungen im Bereich der LWS würden den gravierenden
Vorzustand (lumbovertebrales und lumbospondylogenes Schmerzsyndrom bei
lumbosacraler Übergangsanomalie [beidseitige Sacralisation von LWK 5],
Osteochondrose und Spondylarthrose L4/L5 sowie Dorsalgie bei Fehlhaltung der
Brustwirbelsäule [fixierte Hyperkyphose] und Spondylose der distalen BWS) zeigen.
Diese vorbestehenden Veränderungen erklärten das jetzige Beschwerdebild
vollumfänglich. Im Übrigen hätten auch die ORL-Abklärungen vom 12. Februar 2008
keine Unfallfolgen ergeben. Die Schwindelbeschwerden schienen bei der aktuellen
Befragung kreislaufverursacht und seien damit ebenfalls nicht in einem unfallkausalen
Zusammenhang zu sehen (Suva-act. 78). Ob bei dieser Aktenlage davon ausgegangen
werden kann, dass das Beschwerdebild im Zeitpunkt der Leistungseinstellung eine
fortdauernde natürlich-kausale Unfallfolge darstellt, braucht nicht abschliessend
beurteilt zu werden, da - wie nachfolgende Erwägungen zeigen werden - jedenfalls die
Adäquanz zu verneinen ist.
5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.1 Für die Bestimmung des Zeitpunkts des Fallabschlusses hat das Bundesgericht
Art. 19 Abs. 1 UVG für sinngemäss anwendbar erklärt. Demnach hat der Fallabschluss
in demjenigen Zeitpunkt zu geschehen, in dem von der Fortsetzung der ärztlichen
Behandlung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustands der versicherten
Person mehr erwartet werden kann und allfällige Eingliederungsmassnahmen der
Invalidenversicherung abgeschlossen sind (BGE 134 V 113 f. E. 4.1). Eine namhafte
Verbesserung des Gesundheitszustands der versicherten Person bestimmt sich
namentlich nach Massgabe der zu erwartenden Steigerung oder Wiederherstellung der
Arbeitsfähigkeit, soweit unfallbedingt beeinträchtigt. "Namhaft" bedeutet, dass die
Besserung ins Gewicht fallen muss und unbedeutende Verbesserungen nicht genügen
(BGE 134 V 115 E. 4.3).
5.2 Organische Unfallfolgen lagen im Zeitpunkt der Leistungseinstellung
unbestrittenermassen nicht vor. Damit waren keine organischen Unfallfolgen mehr zu
behandeln, was Dr. C._ in seinem Bericht vom 7. April 2008 auch festhielt (Suva-
act. 78). Der normale, unfallbedingt erforderliche Heilungsprozess war damit
spätestens am 31. August 2008 abgeschlossen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom
31. Januar 2007 i/S D. [U167/06] E. 4.4 mit Hinweis). Weiter handelte es sich bereits bei
der im Bericht von Dr. D._ vom 21. November 2007 (Suva-act. 60) empfohlenen
Fortsetzung der ambulanten Physiotherapie um eine blosse Erhaltungstherapie und
nicht mehr um eine auf eine wesentliche Besserung des Gesundheitszustands
gerichtete Massnahme. Im Übrigen waren im Zeitpunkt des Erlasses des
Einspracheentscheids vom 6. Februar 2009, welcher die zeitliche Grenze der
richterlichen Überprüfungsbefugnis bildet (BGE 131 V 9 E. 1), auch keine
Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung im Gang. Vor diesem
Hintergrund lässt sich folglich nicht beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin die
Adäquanzprüfung per 1. September 2008 vorgenommen hat.
6.
6.1 Bezüglich der für die Adäquanzbeurteilung notwendigen Abgrenzung der
Anwendung von BGE 117 V 359 E. 6 (Schleudertrauma-Praxis) und BGE 115 V 133 ff.
(Praxis zu psychischen Fehlentwicklungen nach Unfällen) gilt es zu beachten, dass die
typische Symptomatik nach Schleudertraumen organische und psychische
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Komponenten aufweist. Daher erfolgt die Adäquanzbeurteilung nach Distorsionen der
HWS (ohne nachweisbare organische Unfallfolgeschäden) grundsätzlich nach der
Rechtsprechung gemäss BGE 117 V 359 E. 6a und 369 E. 4b mit ihrer fehlenden
Unterscheidung zwischen körperlichen und psychischen Beschwerden. Kann hingegen
nicht von einem vielschichtigen somatisch-psychischen Beschwerdebild - d.h. von
einem komplexen Gesamtbild unfallbedingter psychischer Beschwerden und ebenfalls
unfallkausaler organischer Störungen - gesprochen werden, hat die Prüfung der
adäquaten Kausalität praxisgemäss unter dem Gesichtspunkt einer psychischen
Fehlentwicklung nach Unfall gemäss BGE 115 V 133 ff. zu erfolgen. Dieses Vorgehen
greift Platz, wenn die zum typischen Beschwerdebild eines HWS-Schleudertraumas
gehörenden Beeinträchtigungen zwar teilweise gegeben sind, im Vergleich zur
ausgeprägten psychischen Problematik aber unmittelbar nach dem Unfall ganz in den
Hintergrund getreten sind oder die physischen Beschwerden im Verlauf der ganzen
Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt gesamthaft nur eine sehr
untergeordnete Rolle gespielt haben (Urteil des Bundesgerichts vom 17. April 2008 i/S
B. [8C_181/2007] E. 2.4).
6.1.1 Laut Dr. H._ (Suva-act. 86) besteht beim Beschwerdeführer seit
mindestens Sommer 2007 eine augenfällige psychische Störung. Als Diagnose hielt er
eine sonstige depressive Episode (atypische Depression; ICD-10 F32.8) sowie einen
schädlichen Medikamentengebrauch (IDC-10 F19.1) fest. Gestützt auf die
medizinischen Akten sowie seine eigenen Untersuchungsergebnisse befand er den
Beschwerdeführer für jede denkbare Erwerbstätigkeit vollständig arbeitsunfähig.
Obgleich sowohl die psychiatrische Diagnose von Dr. F._, eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4), als auch jene von Dr. B._, eine
posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) und eine Gefahr zur Entwicklung
einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung (ICD-10 F45.4), von der
diagnostischen Beurteilung von Dr. H._ abweichen, ist das Vorhandensein
psychischer Störungen beim Beschwerdeführer offensichtlich.
6.1.2 Wie die Beschwerdegegnerin zu Recht festgehalten hat, kann vorliegend
aber offen bleiben, ob die Adäquanz nach den Kriterien gemäss der Schleudertrauma-
Praxis (BGE 134 V 130 E. 10.3) oder angesichts der psychischen Beschwerdebilder
nach den Kriterien von BGE 115 V 133 (psychische Fehlentwicklungen) zu beurteilen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ist. Denn die Adäquanz ist - wie nachstehende Prüfung zeigt - auch bei Anwendung der
für den Beschwerdeführer günstigeren Kriterien der Schleudertrauma-Praxis zu
verneinen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 17. August 2009 i/S A. [8C_349/2009]
E. 4).
6.2 Für die Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhangs ist nach der
Schleudertrauma-Praxis im Einzelfall zu verlangen, dass dem Unfall eine massgebende
Bedeutung für die Entstehung der Arbeits- bzw. Erwerbsunfähigkeit zukommt. Dies
trifft dann zu, wenn er eine gewisse Schwere aufweist oder mit anderen Worten
ernsthaft ins Gewicht fällt. Bei der Beurteilung dieser Frage ist an das Unfallereignis
anzuknüpfen, wobei - ausgehend vom augenfälligen Geschehensablauf mit den sich
dabei entwickelnden Kräften (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 19. November 2007 i/
S Z. [U 2/07] E. 5.3.1) - zwischen banalen bzw. leichten Unfällen einerseits, schweren
Unfällen anderseits und schliesslich dem dazwischen liegenden mittleren Bereich
unterschieden wird. Während der adäquate Kausalzusammenhang in der Regel bei
schweren Unfällen ohne Weiteres bejaht und bei leichten Unfällen verneint werden
kann, lässt sich die Frage der Adäquanz bei Unfällen aus dem mittleren Bereich nicht
auf Grund des Unfallgeschehens allein schlüssig beantworten. Es sind weitere, objektiv
erfassbare Umstände, die unmittelbar mit dem Unfall im Zusammenhang stehen oder
als direkte bzw. indirekte Folgen davon erscheinen, in eine Gesamtwürdigung
einzubeziehen. Je nachdem, wo im mittleren Bereich der Unfall einzuordnen ist und
abhängig davon, ob einzelne dieser Kriterien in besonders ausgeprägter Weise erfüllt
sind, genügt zur Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhangs ein Kriterium oder
müssen mehrere herangezogen werden (BGE 134 V 126 E. 10.1). Die in die
Adäquanzbeurteilung einzubeziehenden Kriterien lauten: besonders dramatische
Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalls; die Schwere oder
besondere Art der erlittenen Verletzungen; fortgesetzt spezifische, belastende ärztliche
Behandlung; erhebliche Beschwerden; ärztliche Fehlbehandlung, welche die
Unfallfolgen erheblich verschlimmert; schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche
Komplikationen; erhebliche Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen
(BGE 134 V 130 E. 10.3).
6.2.1 Der Beschwerdeführer stellt sich entgegen dem Einspracheentscheid vom
6. Februar 2009 auf den Standpunkt, dass von einem schweren Unfall auszugehen sei.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Das Unfallereignis vom 4. Januar 2007 ist im Feststellungblatt des
Polizeisicherheitsdienstes der Autobahnpolizei von Budapest ("Bestätigung über einen
Verkehrsunfall") vom 4. Januar 2007 bzw. in dessen Übersetzung (Übersetzer
unbekannt) nur sehr rudimentär und lediglich mit einigen Fotos von einem stark
beschädigten Fahrzeug dokumentiert (Suva-act. 8, 10, 11). Danach wurde beim Unfall
auf der Autobahn, rechte Fahrbahn, die Leitplanke auf einem Streckenabschnitt von 16
Laufmetern beschädigt. Gemäss den Angaben des Beschwerdeführers betrug die
Geschwindigkeit des Personenwagens im Unfallzeitpunkt schätzungsweise 120 km/h
(Suva-act. 9). Als die Ehefrau zum Überholen eines LKWs angesetzt habe und dieser
plötzlich ebenfalls auf die linke Seite ausgeschert sei, habe sie nach einem reflexartigen
Ausweichmanöver die Kontrolle über das Auto verloren, so dass dieses mit der
Mittelleitplanke kollidiert sei und sich mehrere Male überschlagen habe, bevor es auf
dem Dach zum Stillstand gekommen sei (Suva-act. 1, 9). Auf Grund des augenfälligen
Geschehensablaufs und der erlittenen Verletzungen - die drei Insassen konnten sich
selber aus dem Fahrzeug befreien und erlitten keine schweren Verletzungen - ist dieser
Unfall mit der Beschwerdegegnerin dem mittleren Bereich zuzuordnen. Mit Blick auf die
Rechtsprechung können als ähnlich gelagerte Fälle im mittleren Bereich etwa Unfälle
beigezogen werden, bei welchen das Fahrzeug mit der versicherten Person auf der
Autobahn ins Schleudern geriet, von der Fahrbahn abkam, sich an der anschliessenden
Böschung überschlug und auf dem Dach liegen blieb (Urteil des EVG vom 10. Juli 2002
i/S O. [U 309/01] E. 5a), einen Lastwagen beim Überholen touchierte und sich
überschlug (Urteil des Bundesgerichts vom 14. Januar 2008 i/S R. [8C_743/2007] E. 3),
von der Strasse abkam und sich überschlug (Urteil des Bundesgerichts vom 29.
Oktober 2007 i/S K. [U 213/06] E. 7.2) oder auf der Autobahn in einer Kurve ins
Schleudern geriet, sich überschlug und auf dem Dach liegend zum Stillstand kam
(Urteil des Bundesgerichts vom 15. März 2007 i/S G. [U 258/06] E. 5.2). Die Adäquanz
eines Kausalzusammenhangs wäre somit nur dann zu bejahen, wenn eines der
relevanten Adäquanzkriterien in besonders ausgeprägter oder mehrere dieser Kriterien
in gehäufter Weise erfüllt wären.
6.2.2 Zwar ist dem Unfallgeschehen eine gewisse Eindrücklichkeit nicht
abzusprechen. Eine besondere Eindrücklichkeit liegt - objektiv betrachtet (RKUV 1999
Nr. U 335 S. 209 E. 3b/cc; vgl. auch RKUV 2000 Nr. U 394 S. 313 [Urteil des EVG vom
31. Mai 2000 i/S S.(U 248/98)]) - aber nicht vor, auch wenn sich das Fahrzeug
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
überschlagen hat und auf dem Dach zum Stillstand kam, zumal die drei Insassen sich
selber relativ schnell aus dem Fahrzeug befreien konnten und niemand schwere
Verletzungen erlitt.
6.2.3 Der Unfall hatte auch keine schweren Verletzungen oder Verletzungen
besonderer Art zur Folge. Weder die Diagnose eines Schleudertraumas oder einer
schleudertraumaähnlichen Verletzung der HWS genügen für sich allein für die Bejahung
dieses Kriteriums (RKUV 2005 Nr. U 549 S. 236 E. 5.2.3 [Urteil des EVG vom 15. März
2005 i/S C. (U 380/04)]), noch vermögen die verschiedenen Kontusionen, die
Zahnverletzung oder die beiden Rippenfrakturen, welche relativ rasch heilten (vgl.
Suva-act. 24.2), die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzung und
insbesondere ihre erfahrungsgemässe Eignung, psychische Fehlentwicklungen
auszulösen, zu begründen. Im Hinblick auf das Schleudertrauma bedürfte es vielmehr
einer besonderen Schwere der für das Schleudertrauma typischen Beschwerden oder
besonderer Umstände, welche das Beschwerdebild beeinflussen können. Diese
können beispielsweise in einer beim Unfall eingenommenen besonderen Körperhaltung
und den dadurch bewirkten Komplikationen bestehen (RKUV 2003 Nr. U 489 S. 361 E.
4.3 mit Hinweisen [Urteil des EVG vom 24. Juni 2003 i/S A. (U 193/01)]). Solche
Umstände sind - abgesehen von den nicht weiter ausgeführten Angaben des
Beschwerdeführers im Dokumentationsbogen für Erstkonsultation nach kranio-
zervikalem Beschleunigungstrauma vom 18. Januar 2007 bezüglich des nach rechts
rotierten Kopfes (Suva-act. 6) - hier nicht ausgewiesen.
6.2.4 Ebenfalls nicht erfüllt ist sodann das Kriterium der fortgesetzt spezifischen,
belastenden ärztlichen Behandlung. Der Beschwerdeführer wurde unmittelbar nach
dem Autounfall nur ambulant behandelt. Zwar wurde er bis mindestens April 2008
(Suva-act. 78) teils parallel physiotherapeutisch, medikamentös und psychiatrisch
behandelt und gab ferner die Vornahme eines täglichen Trainingsprogramms zu Hause
an (Suva-act. 78). Vom 5. bis 14. April 2007 sowie wiederum vom 12. Juni bis 10. Juli
2007 war er schliesslich in der Klinik Valens hospitalisiert. Dabei stand jedoch v.a. beim
zweiten Aufenthalt die Schmerzverarbeitung im Vordergrund, wobei die Zielsetzung in
der Auslotung der eigenen Grenzen sowie der Übernahme von Selbstverantwortung
lag. Diese fehlenden Eigenschaften waren wiederum nicht Folge des Unfalls, sondern
gründeten vielmehr in der passiven und selbstunsicheren Persönlichkeit des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführers. Ohnehin liegen die durchgeführten Behandlungen im Rahmen
dessen, was nach einem erlittenen Schleudertrauma der HWS bzw. einer äquivalenten
Verletzung mit ähnlichem Beschwerdebild üblich ist. Ausser den zweimal pro Monat
stattfindenden Psychiatrischen Therapiesitzungen und der ebenso oft besuchten
Sprechstunde bei der Hausärztin wurde Ende März 2008 auch eine
Physiotherapiepause eingelegt, welche bis mindestens Mitte Juni 2008 noch andauerte
(vgl. Suva-act. 78). Die zeitliche Inanspruchnahme durch die genannten Behandlungen
ist insgesamt nicht als derart intensiv zu werten, als dass deswegen von einer
erheblichen - im Sinn einer sich allein daraus ergebenden zusätzlichen - Mehrbelastung
aussergewöhnlicher Natur gesprochen werden könnte. Insgesamt betrachtet ist eine
fortgesetzt spezifische, trotz relativ hoher Medikation aber nicht eine den
Beschwerdeführer im Sinn dieses Kriteriums speziell belastende ärztliche Behandlung
anzunehmen (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 8. August 2008 i/S H. [8C_144/2008]
E. 7.3 und vom 22. August 2008 i/S E. [8C_266/2008] E. 4.2.4).
6.2.5 Beim Kriterium der erheblichen Beschwerden beurteilt sich die
Erheblichkeit nach den glaubhaften Schmerzen und nach der Beeinträchtigung, welche
die verunfallte Person durch die Beschwerden im Lebensalltag erfährt (BGE 134 V 128
E. 10.2.4). Der Beschwerdeführer berichtet, vor allem an Kopf- und Nackenschmerzen
sowie bei Belastungen an vom Nacken bis in den Vorderarm ausstrahlenden
Schmerzen, gelegentlich bis in alle Finger rechts, zu leiden (Suva-act. 78). Zudem
führte die hohe Menge an Schmerzmitteln in Kombination mit Psychopharmaka
gemäss Dr. H._ zu Ermüdung, Gewichtszunahme und der Aufrechterhaltung von
Schmerz (vgl. Suva-act. 86.12). Trotz geklagter Beschwerden war es dem
Beschwerdeführer indessen weiterhin möglich, Auto zu fahren, auch wenn er dazu
angab, nur bei kürzeren Strecken selber zu fahren (Suva-act. 86.7). Im Übrigen scheint
der Beschwerdeführer bezüglich der Tätigkeiten im Haushalt und der Aufgaben
innerhalb der Familie keinen Einschränkungen zu unterliegen, da er bereits vor dem
Autounfall selber kaum einen Beitrag dazu leistete (vgl. Suva-act. 86.8). Die vorliegend
zu beurteilende - unfallbedingte - Beeinträchtigung des Lebensalltags ist folglich zwar
zu bejahen, auf Grund der darin ebenfalls einfliessenden unfallfremden
eingeschränkten Ressourcen sowie der selbstunsicheren passiven
Persönlichkeitsstruktur des Beschwerdeführers ist sie jedoch nicht als erheblich im
Sinn dieses Kriteriums zu bezeichnen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.2.6 Eine ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich
verschlimmert hat, ein schwieriger Heilungsverlauf oder erhebliche Komplikationen sind
aus den Akten nicht ersichtlich und werden vom Beschwerdeführer auch nicht geltend
gemacht.
6.2.7 Was schliesslich das Kriterium der Arbeitsunfähigkeit anbelangt, so ist nicht
die Dauer der Arbeitsunfähigkeit massgebend, sondern eine erhebliche
Arbeitsunfähigkeit als solche, die zu überwinden die versicherte Person ernsthafte
Anstrengungen unternimmt. Gelingt es der versicherten Person trotz solcher
Anstrengungen nicht, ihre Arbeitsfähigkeit ganz oder teilweise wiederzuerlangen, ist ihr
dies durch Erfüllung des Kriteriums anzurechnen. Konkret muss ihr Wille erkennbar
sein, sich durch aktive Mitwirkung rasch möglichst wieder optimal in den
Arbeitsprozess einzugliedern. Solche Anstrengungen der versicherten Person können
sich insbesondere in ernsthaften Arbeitsversuchen trotz allfälliger persönlicher
Unannehmlichkeiten manifestieren. Sodann können Bemühungen um alternative, der
gesundheitlichen Einschränkung besser Rechnung tragende Tätigkeiten ins Gewicht
fallen. Nur wer in der Zeit bis zum Fallabschluss nach Art. 19 Abs. 1 UVG in
erheblichem Mass arbeitsunfähig ist und solche Anstrengungen auszuweisen vermag,
kann das Kriterium erfüllen (BGE 134 V 129 f. E. 10.2.7). Die untersuchenden und
behandelnden Ärzte attestierten dem Beschwerdeführer seit dem Autounfall - mit
Ausnahme des dreiwöchigen Arbeitsversuchs im Juli 2007 in Höhe von 50 % - zwar
weitgehend eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (Suva-act. 5, 24, 34.2, 39, 45.2, 46.2, 51,
52, 53.4, 56, 65, 76, 82, 84, 86, 89, 96). Was die Anstrengungen zur Überwindung der
Arbeitsunfähigkeit anbelangt, zeigte der Beschwerdeführer jedoch keinerlei
Bemühungen, sich durch eine aktive Mitwirkung raschmöglichst wieder in den
Arbeitsprozess einzugliedern. Ein halbtägiger Arbeitsversuch im Einsatzprogramm
Integra Plus wurde abgebrochen, nachdem der Beschwerdeführer wegen geklagtem
zunehmenden Druck im Kopf, wegen Nacken-, Rücken- und Schulterschmerzen sowie
gestörten Schlafs die verlangte fünfzigprozentige Präsenzzeit nicht hatte erfüllen
können (Suva-act. 42). Für die Zeit danach sind keine weiteren Arbeitsversuche belegt.
Eigene ernsthafte Bemühungen um die Aufnahme einer anderen, den geklagten
Beschwerden angepasste Tätigkeit sind nicht ersichtlich. Vielmehr gab der
Beschwerdeführer gegenüber Dr. F._ an, sich nicht vorstellen zu können, je wieder
arbeiten gehen zu können (Suva-act. 81.3). Vor diesem Hintergrund ist das Kriterium
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der erheblichen Arbeitsunfähigkeit - wenn überhaupt - höchstens in nicht sehr
ausgeprägter Weise erfüllt, zumal die Arbeitsunfähigkeit gemäss medizinischer
Aktenlage zu einem wesentlichen Teil auf unfallfremde psychische Gründe (einer in
ihrer Entwicklung defizitären Persönlichkeit mit nur sehr geringem Potential an
Autonomie und Selbstwirksamkeit) zurückzuführen ist (vgl. Suva-act. 86; vgl. auch
Suva-act. 46).
6.3 Zusammenfassend ist bei dem als mittelschwer qualifizierten Unfallereignis nach
den Kriterien gemäss der Schleudertrauma-Praxis (BGE 134 V 130 E. 10.3) höchstens
ein Adäquanzkriterium (erhebliche Beschwerden) erfüllt, jedoch nicht in ausgeprägter
Weise. Das Vorliegen eines adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfall
vom 4. Januar 2007 und den am 1. September 2008 fortbestehenden Beschwerden
muss deshalb verneint werden. Zu keinem anderen Ergebnis käme eine Prüfung nach
den Kriterien von BGE 115 V 133 (psychische Fehlentwicklungen). Die
Leistungseinstellung per 1. September 2008 ist demnach nicht zu beanstanden, was
zur Abweisung der Beschwerde führt.
7.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid vom 6. Februar 2009 abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu
erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG