Decision ID: 0dde8c3c-4c9d-45db-a3e0-876ccf20d4ff
Year: 2013
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Mit Strafbefehl der Bundesanwaltschaft (nachfolgend "BA") vom 3. Ap-
ril 2012 wurde A. der mehrfachen qualifizierten ungetreuen Geschäftsbe-
sorgung im Sinne von Art. 158 Ziff. 1 Abs. 1 und 3 StGB schuldig erklärt
und verurteilt zu einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu Fr.
30.--, bei einer Probezeit von 2 Jahre und unter Auflage der Verfahrenskos-
ten von Fr. 40'000.-- (Verfahrensakten BA, 16-301-0068). Mit Telefax an
die BA vom 17. April 2012 liess A. durch Rechtsanwältin Ruth Baumeister
erklären, dass er dagegen vorsorglich Einsprache erhebe (Verfahrensakten
BA, 16-301-0082). Mit Telefonat vom 18. April 2012 besprachen die BA
und A. das weitere Vorgehen betreffend des Strafbefehls vom 3. April
2012. Die BA stellte dabei A. u.a. einen neuen Strafbefehl in Aussicht (Ver-
fahrensakten BA, 16-301-0084). In der Folge fand ein Meinungsaustausch
der Parteien betreffend den weiteren Verlauf des Strafverfahrens statt (Ver-
fahrensakten BA, 16-301-0100). Mit Telefongespräch vom 14. August 2012
teilte Rechtsanwältin Ruth Baumeister der BA mit, dass A. an seiner Ein-
sprache festhalte (Verfahrensakten BA, 16-301-0108).
B. Mit Schreiben vom 22. November 2012 teilte die BA der Strafkammer des
Bundesstrafgerichts (nachfolgend „Strafkammer“) mit, dass sie an ihrem
Strafbefehl vom 3. April 2012 festhalte. Zudem überwies sie die Verfah-
rensakten gemäss Art. 356 Abs. 1 StPO zwecks Durchführung eines
Hauptverfahrens (Verfahrensakten 74 100 014).
C. Mit Verfügung vom 27. Februar 2013 trat die Strafkammer auf die Einspra-
che von A. gegen den Strafbefehl vom 3. April 2012 nicht ein, wies das Ge-
such um Anordnung einer notwendigen und einer amtlichen Verteidigung
ab und auferlegte A. die Gerichtsgebühr von Fr. 500.-- (act. 2.1). Dagegen
erhebt A., vertreten durch Rechtsanwältin Ruth Baumeister, mit Eingabe
vom 15. März 2013 Beschwerde bei der Beschwerdekammer des Bundes-
strafgerichts. Mit gleicher Eingabe stellt A. ein Gesuch um Wiederherstel-
lung der Frist im Sinne von Art. 94 StPO, welches mit Schreiben dieses Ge-
richts vom 21. März 2013 zuständigkeitshalber an die BA weitergeleitet
wurde (act.1 und 3).
D. Mit Beschwerdeantwort vom 28. März 2013 beantragt die Strafkammer die
Abweisung der Beschwerde, soweit darauf eingetreten werde (act. 7). Die
BA verzichtete mit Schreiben vom 4. April 2013 auf eine Beschwerdeant-
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wort (act. 8). Mit Eingabe vom 2. Mai 2013 reichte A. innert verlängerter
Frist seine Beschwerdereplik ein (act. 9).
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten wird, so-
weit erforderlich, in den folgenden rechtlichen Erwägungen Bezug genom-
men.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gegen Verfügungen und Beschlüsse sowie gegen die Verfahrenshandlun-
gen der Strafkammer des Bundesstrafgerichts als erstinstanzliches Gericht
des Bundes kann bei der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts Be-
schwerde nach den Vorschriften von Art. 393 ff. StPO erhoben werden
(Art. 393 Abs. 1 lit. b StPO i.V.m. Art. 35 Abs. 1 und Art. 37 Abs. 1 StBOG).
Verfahrensleitende Entscheide können nur Gegenstand einer Beschwerde
sein, wenn sie geeignet sind, beim Beschwerdeführer einen nicht wieder
gutzumachenden Nachteil zu bewirken (Urteil des Bundesgerichts
1B_569/2011 vom 23. Dezember 2011, E. 2).
Mit Verfügung vom 27. Februar 2013 ist die Strafkammer auf die Einspra-
che des Beschwerdeführers nicht eingetreten, womit das Verfahren vor der
Strafkammer abgeschlossen wurde und ein potentiell verfahrensabschlies-
sender Entscheid ergangen ist. Damit handelt es sich vorliegend klarerwei-
se nicht um einen verfahrensleitenden Entscheid, weshalb nicht geprüft zu
werden braucht, ob die Verfügung beim Beschwerdeführer einen nicht wie-
der gutzumachenden Nachteil zu bewirken vermochte (vgl. SCHMID, Hand-
buch des schweizerischen Strafprozessrechts, Zürich/St. Gallen 2009,
N. 1371). Der angefochtene Entscheid stellt somit ein nach
Art. 393 Abs. 1 lit. b StPO anfechtbares Beschwerdeobjekt dar.
1.2 Zur Beschwerde berechtigt ist jede Partei, welche ein rechtlich geschütztes
Interesse an der Aufhebung oder Änderung des angefochtenen Entschei-
des hat (Art. 382 Abs. 1 StPO; Urteil des Bundesgerichts 1B_657/2012
vom 8. März 2013 E. 2.3.1). Die Beschwerde gegen schriftlich oder münd-
lich eröffnete Entscheide ist innert zehn Tagen schriftlich und begründet
einzureichen (Art. 396 Abs. 1 StPO). Mit ihr gerügt werden können gemäss
Art. 393 Abs. 2 StPO Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung
und Missbrauch des Ermessens, Rechtsverweigerung und Rechtsverzöge-
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rung (lit. a), die unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sachver-
halts (lit. b) sowie die Unangemessenheit (lit. c).
Die Verfügung vom 27. Februar 2013 wurde Rechtsanwältin Ruth Baumeis-
ter am 7. März 2013 zugestellt, womit die Beschwerde vom 15. März 2013
(CH-Poststempel 15. März 2013) fristgerecht erfolgte. Die übrigen Eintre-
tensvoraussetzungen geben zu keinen Bemerkungen Anlass, weswegen
auf die Beschwerde einzutreten ist.
2.
2.1 Sind die Voraussetzungen von Art. 352 Abs. 1 StPO erfüllt, so erlässt die
Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl. Gegen den Strafbefehl kann der Be-
schuldigte innert 10 Tagen schriftlich Einsprache erheben (Art. 354 Abs. 1
lit. a StPO). Die Einsprache des Beschuldigten ist nicht zu begründen
(Art. 354 Abs. 2 StPO). Ohne gültige Einsprache wird der Strafbefehl zum
rechtskräftigen Urteil (Art. 354 Abs. 3 StPO). Wird Einsprache erhoben, so
nimmt die Staatsanwaltschaft die weiteren Beweise ab, die zur Beurteilung
der Einsprache erforderlich sind (Art. 355 Abs. 1 StPO). Nach Abnahme
der Beweise entscheidet sie, ob sie am Strafbefehl festhält, einen neuen
Strafbefehl erlässt, das Verfahren einstellt oder Anklage beim erstinstanzli-
chen Gericht erhebt (Art. 355 Abs. 3 lit. a-d StPO). Entschliesst sich die
Staatsanwaltschaft, am Strafbefehl festzuhalten, so überweist sie die Akten
unverzüglich dem erstinstanzlichen Gericht zur Durchführung des Haupt-
verfahrens. Der Strafbefehl gilt als Anklageschrift (Art. 356 Abs. 1 StPO).
2.2 Nach Art. 356 Abs. 2 StPO muss das Gericht zuerst von Amtes wegen fol-
gende Prozessvoraussetzungen prüfen. Erstens ist über die Gültigkeit des
Strafbefehls zu befinden, im Bejahungsfall ist zweitens zu prüfen, ob eine
gültige Einsprache vorliegt. Ungültig ist die Einsprache insbesondere, wenn
die zehntägige Einsprachefrist nicht eingehalten wurde. Bei ungültigen Ein-
sprachen tritt das erstinstanzliche Gericht mit Beschluss oder Verfügung
nicht ein, womit der Strafbefehl weiterhin wirksam bleibt (SCHWARZENEG-
GER, Kommentar zur schweizerischen Strafprozessordnung, Zürich 2010,
Art. 356 N. 2; RIKLIN, Basler Kommentar, Basel 2011, Art. 356 N 2; Bot-
schaft, BBl 2006 S. 1291 – 1292).
2.3 Im Rahmen der Prüfung von Art. 356 Abs. 2 StPO kam die Strafkammer
zum Ergebnis, dass sich die Einsprache des Beschwerdeführers vom
17. April 2012 als ungültig erweise, weil es an einer formgültigen Einspra-
che fehle; ein Telefax enthalte die erforderliche Originalunterschrift nicht
und es handle sich dabei nicht um ein Versehen. Der Beschwerdegegnerin
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könne kein Verhalten vorgeworfen werden, welches Treu und Glauben ver-
letze. Der Strafbefehl der Beschwerdegegnerin werde damit von Rechts
wegen zum rechtskräftigen Urteil (act. 2.1, E. 3.5).
3.
3.1 Den Erwägungen der Vorinstanz kann insofern gefolgt werden, als sie un-
ter Bezugnahme auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung zutreffend
ausführt, dass Einsprache nicht mittels Telefax erhoben werden kann, da
die Originalunterschrift ihres Verfassers fehlt, womit das Erfordernis der
Schriftlichkeit nicht gewahrt ist, und bei Faxeingaben auch keine Nachfrist
zur Behebung des Mangels anzusetzen ist (act. 2.1, E. 3.3).
Folglich wurde mit Einsprache per Telefax vom 17. April 2012 die
Einsprachefrist nicht gewahrt und vorbehältlich besonderer Umstände, liegt
keine gültige Einsprache vor. Ob solche besonderen Umstände vorliegen,
ist nachfolgend zu prüfen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_754/2008 vom
23. Dezember 2008 E. 2.2; zur Prüfung der besonderen Umstände E. 2.3,
2.4).
3.2 Sowohl aus dem Grundsatz des Vertrauensschutzes als auch aus dem
Verbot des überspitzen Formalismus ergibt sich eine Pflicht staatlicher Stel-
len, unter Umständen eine Prozesspartei, die einen Verfahrensfehler
begeht oder im Begriff steht, dies zu tun, von Amtes wegen darauf auf-
merksam zu machen, sofern der Fehler leicht erkennbar ist und noch innert
Frist behoben oder verhindert werden kann (BGE 125 I 166 E. 3a; BGE
124 II 265 S. 270). BATZ hält in Anwendung dieses Prinzips in Bezug auf
Eingaben per Telefax fest, dass der Mangel der fehlenden eigenhändigen
Unterschrift bis zum Ablauf der Frist behoben werden könne; die Behörde
habe den Rechtssuchenden, soweit aus zeitlichen Gründen noch realisier-
bar, darauf aufmerksam zu machen (BATZ, Zu den Gültigkeitserfordernis-
sen von Verwaltungsgerichtsbeschwerden, insbesondere mit Bezug auf die
Begründungspflicht [Art. 108 Abs. 2 OG], ZBJV 1999, S. 546). MERZ teilt
die Auffassung von BATZ, mit der Ausnahme, dass er nur bei einem nicht
durch einen inländischen Anwalt Vertretenen eine Hinweispflicht der betrof-
fenen Behörde bejaht (MERZ, Basler Kommentar, 2. Aufl., Art. 42 BGG
N. 35). Eine Differenzierung zwischen in- und ausländischen Anwälten –
wie MERZ sie vornimmt - verdient keine Zustimmung; ausländische Anwäl-
te, welche in der Schweiz prozessieren, müssen die gleichen Anforderun-
gen erfüllen wie Schweizer Anwälte.
- 6 -
Aus dem Urteil des Bundesgerichts BGE 5A_605/2010 vom 7. Okto-
ber 2010 geht hervor, dass das Bundesgericht im obgenannten Verfahren
einen Beschwerdeführer, welcher beim Bundesgericht Beschwerde per Te-
lefax erhoben hat, auf die Unzulässigkeit von Telefaxeingaben und auf die
Möglichkeit der Nachreichung einer zulässigen Beschwerde nach Art. 72 ff.
BGG innerhalb der Beschwerdefrist aufmerksam gemacht hat.
3.3 Zusammenfassend ist in Bezug auf per Telefax eingereichte Einsprachen
gegen Strafbefehle (Art. 354 StPO) festzuhalten, dass diese nicht
rechtsgenüglich sind, da das Erfordernis der Schriftlichkeit nicht gewahrt
wird. Die betroffene Staatsanwaltschaft ist jedoch bei per Telefax einge-
reichten Einsprachen gegen Strafbefehle verpflichtet, den Betroffenen un-
verzüglich auf den Formmangel hinzuweisen, falls eine formgültige Ein-
sprache während der 10-tägigen Einsprachefrist noch erhoben werden
kann.
Ob solch eine Hinweispflicht seitens der Staatsanwaltschaft auch bei an-
waltlich Vertretenen besteht, kann vorliegend aus nachfolgenden Gründen
offen gelassen werden: Unbestrittenermassen wurde der Beschwerdefüh-
rer auf den Formmangel seiner Einsprache nicht hingewiesen, obschon die
Beschwerdegegnerin zwei Tage vor Ablauf der Einsprachefrist mit der
Rechtsanwältin des Beschwerdeführers das weitere Vorgehen besprochen
hat. Durch ihr Verhalten (Eingehen auf die Einsprache) implizierte sie, dass
sie die per Telefax eingereichte Einsprache als gültig erachte. Der Verfah-
rensmangel geht damit zu Lasten des strafverfolgenden Staates. Das Ver-
halten der Beschwerdegegnerin rechtfertigt die Annahme von besonderen
Umständen im Sinne der oben zitierten Rechtsprechung, was zur Folge
hat, dass die per Telefax eingereichte Einsprache des Beschwerdeführers
vorliegend als gültig anzusehen ist. Als Rechtsfolge hätte auch eine Wie-
derherstellung der Einsprachefrist in Betracht gezogen werden können, je-
doch ist aus Gründen der Prozessökonomie der vorliegenden Lösung den
Vorzug zu geben.
3.4 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Die Verfügung vom
27. Februar 2013 ist aufzuheben, und die Angelegenheit ist zwecks Durch-
führung des Hauptverfahrens an die Vorinstanz zurückzuweisen.
4.
4.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens werden keine Gerichtskosten erhoben
(Art. 428 Abs. 4 und 423 StPO).
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4.2 Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer eine Entschädigung
seiner Aufwendungen für die angemessene Ausübung seiner Verfahrens-
rechte auszurichten (Art. 436 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 429 Abs. 1 lit. a
StPO). Da die Rechtsanwältin des Beschwerdeführers mit ihrer letzten Ein-
gabe keine Kostennote einreichte, wird die Entschädigung vorliegend er-
messensweise auf Fr. 500.-- (inkl. Auslagen; keine MwSt.) festgesetzt
(Art. 10 und 12 Abs. 2 des Reglements des Bundesstrafgerichts vom
31. August 2010 über die Kosten, Gebühren und Entschädigungen in Bun-
desstrafverfahren [BStKR, SR 173.713.162]; Art. 1 Abs. 2 lit. a und Art. 8
Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 12. Juni 2009 über die Mehrwertsteuer
[Mehrwertsteuergesetz, MWSTG; SR 641.20]).
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