Decision ID: 861369c5-5104-4fcd-8cb2-390b5cab75b7
Year: 2007
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 21.02.2007 Art. 30 Abs. 1 lit. a AVIG, Art. 44 Abs. 1 lit. c AVIV. Einstellung in der Anspruchsberechtigung, Untersuchungsmaxime. Bei der Einstellung in der Anspruchsberechtigung wegen selbstverschuldeter Arbeitslosigkeit aufgrund einer Arbeitnehmerkündigung hat die Verwaltung den Sachverhalt von Amtes wegen zu untersuchen, wenn die Unzumutbarkeit der Aufrechterhaltung des Arbeitsverhältnisses geltend gemacht wird. Unzulässig ist, nur auf die Angaben des Arbeitgebers abzustützen und die von der Arbeitnehmerin genannten Beweismittel nicht abzunehmen (Entscheid Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen vom 21. Februar 2007).
Die Präsidentin
hat
am 21. Februar 2007
in Sachen
S._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Rainer Braun, Oberdorfstrasse 6, Postfach, 8887
Mels,
gegen
Kantonale Arbeitslosenkasse, Davidstrasse 21, 9001 St. Gallen,
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Beschwerdegegnerin,
betreffend
Einstellung in der Anspruchsberechtigung (Selbstkündigung)

in Erwägung gezogen:
I.
A.- S._ meldete sich am 18. April 2006 erneut zur Arbeitsvermittlung an und stellte ab
diesem Datum Antrag auf Arbeitslosenentschädigung (act. G 3.31, act. G 3.33). Zuvor
arbeitete sie vom 15. Dezember 2005 bis zum 20. April 2006 als Servicemitarbeiterin im
Restaurant X._ (act. G 3.35). Vor Antritt dieser befristeten Stelle hatte sie ihre
unbefristete Anstellung als Serviceangestellte beim Restaurant Y._ durch Kündigung
auf den 30. November 2005 aufgelöst (act. G 3.46). Zum Kündigungsgrund nahm die
Versicherte am 10. Juni 2006 Stellung und führte aus, das Arbeitsverhältnis sei durch
Beschimpfungen und "Veruntreuung" seitens des Arbeitgebers beeinträchtigt worden,
wodurch eine zu grosse psychische Belastung entstanden und das Vertrauen zerstört
worden sei (act. G 3.56). Auf Anfrage der Arbeitslosenkasse des Kantons St. Gallen
(nachfolgend: Arbeitslosenkasse) bestritt die ehemalige Arbeitgeberin in einem Brief
vom 17. Juni 2006 diese Ausführungen und führte aus, die Versicherte habe das
Arbeitsverhältnis in einem Zeitpunkt aufgelöst, da man aufgrund einer hohen
Geschäftslast auf sie angewiesen gewesen sei. Sie habe ihre Pflichten als
Arbeitnehmende mehrmals verletzt und mangelnde Einsatzbereitschaft gezeigt (act. G
3.59). Diese Ausführungen bestritt die Versicherte in ihrer Stellungnahme vom 12. Juli
2006. Die Arbeitgeberin sei mit ihrer Arbeitsleistung zufrieden gewesen, wie das ihr
ausgestellte Arbeitszeugnis klar festhalte. Die Ausführungen der Arbeitgeberin
gegenüber der Arbeitslosenkasse stünden im Zusammenhang mit einem Verfahren vor
dem Arbeitsgericht, wo sie eine offene Lohnforderung gegenüber der Arbeitgeberin
geltend gemacht und mehrheitlich Recht bekommen habe. Die Arbeitgeberin habe ihre
schriftliche Stellungnahme kurz nach der Schlussverhandlung abgegeben, womit es
sich dabei um eine direkte Reaktion auf das Unterliegen im arbeitsgerichtlichen
Verfahren handle (act. G 3.66).
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B.- Mit Verfügung vom 8. August 2006 stellte die Arbeitslosenkasse die Versicherte ab
1. Dezember 2005 für 32 Tage in der Anspruchsberechtigung ein, da nicht
ausgewiesen sei, dass die Fortführung des Arbeitsverhältnisses unzumutbar gewesen
sei (act. G 3.67). Gegen diese Verfügung erhob die Versicherte am 24. August 2006
Einsprache und beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Sie habe ihre
Stelle gekündigt, weil das Arbeitsklima unerträglich geworden sei. Sie sei von Herrn
Z._ von der Arbeitgeberin ohne Grund mehrfach und zum Teil vor Gästen verbal
verunglimpft worden. Zudem habe er Konsumationen auf der Kasse getippt, die sie
nicht habe einziehen können, aber habe abrechnen müssen (act. G 3.70). Die
Beschwerdeführerin wies die Einsprache mit Entscheid vom 28. August 2006 mit
unveränderter Begründung ab (act. G 3.75).
C.- Gegen diesen Entscheid richtet sich die Beschwerde vom 25. September 2006,
worin die Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheides beantragt wird. Die
Beschwerdegegnerin gehe zu Unrecht davon aus, dass die Unzumutbarkeit der
Fortführung des Arbeitsverhältnisses nicht habe bewiesen werden können, da sie die
offerierten Beweise gar nicht abgenommen habe. Sie habe U._ und V._ als Zeugen
genannt. Zudem sei es auch während des arbeitsgerichtlichen Verfahrens und
insbesondere an der mündlichen Verhandlung vom 2. Mai 2006 zu Beschimpfungen
durch den Vertreter der Arbeitgeberin gekommen (act. G 1). Mit Beschwerdeantwort
vom 5. Oktober 2006 beantragt die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde. Es sei festzuhalten, dass die Unzumutbarkeit der Fortführung des
Arbeitsverhältnisses nicht bewiesen worden sei. Die im arbeitsgerichtlichen Verfahren
gutgeheissenen Forderungen beträfen zudem den November 2006 und somit einen
Zeitraum nach der Kündigung. Es sei der Beschwerdeführerin zuzumuten gewesen,
ihre Arbeitsstelle beizubehalten bis sie eine neue, ihr besser zusagende unbefristete
Arbeitsstelle gefunden hätte (act. G 3). Die Beschwerdeführerin verzichtet auf eine
Replik (act. G 5).
II.
1.- a) Nach Art. 30 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und Insolvenzentschädigung (AVIG) ist eine versicherte
Person in der Anspruchsberechtigung einzustellen, wenn sie durch eigenes
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Verschulden arbeitslos ist. Selbstverschuldet ist die Arbeitslosigkeit namentlich dann,
wenn die versicherte Person das Arbeitsverhältnis von sich aus aufgelöst hat, ohne
dass ihr eine andere Stelle zugesichert war, es sei denn, dass ihr das Verbleiben an der
Arbeitsstelle nicht zugemutet werden konnte (Art. 44 Abs. 1 lit. b AVIV). Im Bereich der
freiwilligen Stellenaufgabe findet das sozialversicherungsrechtliche
Schadenminderungsprinzip seine Grenze bei der Zumutbarkeit (Art. 16 Abs. 2 AVIG).
Eine Stelle, die im Sinne von Art. 16 Abs. 2 AVIG unzumutbar und damit von der
Annahmepflicht ausgenommen ist, kann der versicherten Person auch nicht zum
Beibehalten zugemutet werden.
b) Im Weiteren ist bei der Prüfung der Frage, ob eine Sanktion wegen Selbstaufgabe
der Stelle im Sinne von Art. 44 Abs. 1 lit. b AVIV zulässig ist, das Übereinkommen Nr.
168 der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) über die Beschäftigungsförderung
und den Schutz gegen Arbeitslosigkeit vom 21. Juni 1988 (SR 0.822.726.8,
nachfolgend Übereinkommen) zu beachten, das für die Schweiz am 17. Oktober 1991
in Kraft getreten ist. Nach Art. 20 lit. c des Übereinkommens können Leistungen der
Arbeitslosenversicherung verweigert, zum Ruhen gebracht oder gekürzt werden, wenn
die zuständige Stelle festgestellt hat, dass die betreffende Person ihre Beschäftigung
freiwillig ("volontairement") ohne triftigen Grund ("sans motif légitime") aufgegeben hat.
Diese staatsvertragliche Norm ist im Einzelfall direkt anwendbar (BGE 124 V 236 E. 3c)
und geht den nationalen Bestimmungen für den Erlass einer Einstellungsverfügung vor.
Damit dürfen bei einer völkerrechtskonformen Auslegung von Art. 44 Abs. 1 lit. b AVIV
an die Zumutbarkeit des Verbleibens am Arbeitsplatz keine überhöhten Anforderungen
gestellt werden; insbesondere sind bei der Zumutbarkeitsprüfung auch subjektive
Beweggründe der versicherten Person zu berücksichtigen (JACQUELINE CHOPARD,
Die Einstellung in der Anspruchsberechtigung, Diss. Zürich 1998, S. 80). Wie auch das
Eidgenössische Versicherungsgericht festgehalten hat, kann nicht von einer freiwilligen
Beschäftigungsaufgabe im Sinne des Übereinkommens gesprochen werden, wenn
eine versicherte Person nicht von sich aus, sondern vom Arbeitgeber oder durch die
Entwicklung am Arbeitsplatz zur Kündigung gedrängt wird. Gleiches gilt für den Fall, da
die versicherte Person für das Verlassen der Stelle legitime Gründe zu nennen vermag
(BGE 124 V 238 E. 4b/aa).
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c) Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach hat das Gericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung
des Sachverhalts zu sorgen. Im Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien
in der Regel eine Beweislast nur insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der
Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen
Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift allerdings erst Platz, wenn
es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes auf Grund
einer Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die
Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 117 V 264 Erw.
3b).
2.- a) Die Beschwerdeführerin legt dar, aus ihrem Arbeitszeugnis vom 30. November
2006 (act. G 1.5) sei zu schliessen, dass die ehemalige Arbeitgeberin mit ihrer
Arbeitsleistung zufrieden gewesen sei. Die Stellungnahme der ehemaligen
Arbeitgeberin zum Kündigungsgrund sei vor dem Hintergrund der arbeitsgerichtlichen
Auseinandersetzung zu sehen, da sie nach der Schlussverhandlung abgegeben
worden sei .
b) Die Ausführungen der Beschwerdeführerin können nicht als haltlos angesehen
werden. Es trifft zu, dass die Arbeitgeberin ihr noch am 30. November 2005 ein
Arbeitszeugnis ausstellte, das auch unter Beachtung ihrer Pflicht zur Ausstellung eines
wohlwollenden Zeugnisses keine Hinweise auf Unstimmigkeiten zulässt. Zudem ist der
geltend gemachte Zusammenhang zwischen der arbeitsgerichtlichen Streitigkeit und
der Stellungnahme zuhanden der Arbeitslosenkasse in zeitlicher Hinsicht offensichtlich
gegeben, womit die Stellungnahme der ehemaligen Arbeitgeberin möglicherweise als
Reaktion auf die arbeitsgerichtliche Auseinandersetzung bewusst für die
Arbeitnehmerin unvorteilhaft abgefasst wurde. Indem die Beschwerdegegnerin dartut,
dass die Forderungen aus Arbeitsrecht die Zeit nach der Kündigung beträfen und
deshalb für das vorliegende Verfahren nicht relevant sei, verkennt sie den zeitlichen
Zusammenhang und seine möglichen Auswirkungen.
c) In der Verfügung vom 8. August 2006 und im Einspracheentscheid vom 28. August
2006 führt die Beschwerdegegnerin aus, die Unzumutbarkeit der Aufrechterhaltung des
Arbeitsverhältnisses habe nicht bewiesen werden können. Die Beschwerdeführerin hat
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jedoch in ihrer Einsprache vom 24. August 2006 für den geltend gemachten
Sachverhalt zwei Zeugen genannt. Ausserdem hat sie geltend gemacht, dass es auch
im arbeitsgerichtlichen Verfahren zu Beschimpfungen durch Herrn Z._ gekommen
sei. Mit diesen Vorbringen hat sich die Beschwerdegegnerin nicht beschäftigt. Sie hätte
die offerierten Zeugen jedoch einvernehmen müssen, es sei denn, sie hätte in
antizipierter Beweiswürdigung davon absehen können, was jedoch zu begründen
gewesen wäre. Zudem hätte die Beschwerdegegnerin den Beizug der Akten des
arbeitsgerichtlichen Verfahrens in Betracht ziehen müssen. Indem sie einseitig auf die
Darstellung der ehemaligen Arbeitgeberin abstellte, verletzte sie ihre
Untersuchungspflicht. Es trifft zwar zu, dass im vorliegenden Fall die
Beschwerdeführerin die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen hätte, wenn der von ihr
geltend gemachte Sachverhalt, aus dem sie Rechte für sich ableitet, nicht bewiesen
werden kann. Diese Beweislast hat die Beschwerdeführerin jedoch nur zu tragen, wenn
der geltend gemachte Sachverhalt auch nach Anwendung der Untersuchungsmaxime
nicht überwiegend wahrscheinlich erscheint. Zuerst hat die Beschwerdegegnerin der
Untersuchungsmaxime Nachachtung zu verschaffen.
d) Die Beschwerdeführerin wurde ab dem 1. Dezember 2005 für 32 Tage in der
Anspruchsberechtigung eingestellt. Die Vollstreckungsfrist für die Einstellung gemäss
Art. 30 Abs. 3 letzter Satz AVIG lief dementsprechend am 1. Juni 2006 ab. Wenn - was
sich nicht aus den Akten ergibt - der Beschwerdeführerin ab dem Datum der
Wiederanmeldung am 18. April 2006 bzw. ab 21. April 2006 (act. G 3.69) bis zum Ende
der Vollstreckungsfrist am 1. Juni 2005 Taggelder ausbezahlt wurden, so könnte eine
nachträgliche Einstellung in der Anspruchsvoraussetzung nicht mehr verfügt werden,
weil der Fristablauf einem Vollzug entgegenstehen würde (BGE 114 V 352 E. 2.c). In
diesem Fall erübrigen sich weitere Abklärungen des Sachverhalts, und von einer
Einstellung in der Anspruchsberechtigung wäre von vornherein abzusehen.
3.- Im Sinne dieser Erwägungen ist der angefochtene Einspracheentscheid
aufzuheben. Die Sache ist an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie im
Sinne der Erwägungen ergänzende Abklärungen vornehme und allenfalls neu verfüge.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Nach Art. 61 lit. g ATSG hat
der teilweise obsiegende Beschwerdeführer Anspruch auf Ersatz der Parteikosten,
wobei praxisgemäss für die Frage der Parteientschädigung die Rückweisung als volles
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Obsiegen gilt. Die Parteikosten werden vom Versicherungsgericht ohne Rücksicht auf
den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des
Prozesses bemessen. In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar für das
Verfahren vor Versicherungsgericht pauschal Fr. 750.-- bis Fr. 7'500.-- (vgl. Art. 22 Abs.
1 lit. b HonO; sGS 963.75). Der Rechtsvertreter hat keine Kostennote eingereicht, so
dass die Parteientschädigung ermessensweise festzusetzen ist. Wie in vergleichbaren
Verfahren üblich, ist eine Entschädigung von pauschal Fr. 2'500.-- (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) zuzusprechen.
Demgemäss hat die Präsidentin
als Einzelrichterin im Verfahren gemäss Art. 9 VVsG