Decision ID: 6e27783d-fb09-427b-8c69-1d0064d7a529
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. Die A._ AG mit Sitz in M._ ist seit dem 5. Dezember 1969 im Handelsregister des
Kantons St. Gallen eingetragen und bezweckt unter anderem die Kapitalanlage in
Immobilien. Sie besitzt mehrere Mehrfamilienhäuser in den Kantonen St. Gallen und
Thurgau. X._ ist Präsident, Y._ Mitglied des Verwaltungsrats, beide jeweils mit
Einzelunterschrift.
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Am 28. März 2011 schloss die A._ AG zwecks Absicherung des Risikos steigender
Hypothekarzinsen mit der B._ AG ein Zinsaustauschgeschäft (sogenannter Zins-Swap)
mit einer Laufzeit bis 18. April 2041 ab. Darin verpflichtete sich die A._ AG, der B._
AG auf einem Nominalbetrag von CHF 1 Mio. zu einem festen Zinssatz von
2.38 Prozent zu bezahlen; im Gegenzug erhält sie den variablen Zins auf der Basis des
3-Monats CHF-Libor-ICE-Zinssatzes gutgeschrieben. Ebenfalls am 28. März 2011
schloss die C._ AG mit der B._ AG ein ebensolches Zinsaustauschgeschäft über
denselben Betrag, jedoch mit einer Laufzeit bis 31. März 2041 und zu einem festen
Zinssatz von 2.45 Prozent ab. Dieser Vertrag ging durch eine Übernahmefusion per
1. Januar 2012 auf die A._ AG über. Die von den jeweiligen Vertragspartnern zu
bezahlenden Zinsen kommen vierteljährlich zur Auszahlung. Gemäss der
nachträglichen Vertragsanpassung vom 11. Mai 2015 kann die A._ AG die Zins-Swap-
Verträge jederzeit zu Marktkonditionen kündigen; die B._ AG hat hingegen das Recht,
den Vertrag frühestens ab 23. Januar 2025 jährlich zum Liquidationswert zu
terminieren, sofern keine genügende werthaltige Deckung vorhanden ist, oder per
sofort, wenn wichtige Gründe vorliegen.
B. Das kantonale Steueramt veranlagte die A._ AG für das Jahr 2015 mit Verfügungen
vom 6. Januar 2017 für die Kantonssteuern aufgrund des Rechnungsabschlusses per
31. Dezember 2015 mit einem im Kanton St. Gallen steuerbaren Reingewinn von
CHF 362'400 (Steuerbeträge jeweils gerundet) und einem im Kanton St. Gallen
steuerbaren Eigenkapital von CHF 980'000 sowie für die direkte Bundessteuer mit
einem im Kanton St. Gallen steuerbaren Reingewinn von CHF 362'400. Die
Veranlagungsbehörde rechnete bei der Ermittlung des Reingewinns und Eigenkapitals
jeweils CHF 888'160 auf; diese Aufrechnung betraf die verbuchte Rückstellung für die
Zinsaustauschgeschäfte. Sie gewährte überdies von Amtes wegen eine
Steuerrückstellung von CHF 100'000. Mit Entscheid vom 16. August 2017 wies das
kantonale Steueramt die von der A._ AG gegen die beiden Veranlagungsverfügungen
erhobene Einsprache ab. Dagegen erhob die A._ AG Rekurs und Beschwerde bei der
Verwaltungsrekurskommission, welche mit Entscheid vom 29. Mai 2018 die
Rechtsmittel ebenfalls abwies.
C. Die A._ AG (Beschwerdeführerin) erhob gegen den am 4. Juni 2018 zugestellten
Entscheid der Verwaltungsrekurskommission (Vorinstanz) mit Eingabe ihrer Vertreterin
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vom 4. Juli 2018 Beschwerde beim Verwaltungsgericht. Sie beantragte, unter Kosten-
und Entschädigungsfolge sei der anteilig im Kanton St. Gallen steuerbare Reingewinn
von CHF 362'434 für die Gewinnsteuer 2015 um CHF 788'160 auf null (gemäss
Deklaration in der Steuererklärung 2015) und das anteilig im Kanton St. Gallen
steuerbare Eigenkapital per 31. Dezember 2015 von CHF 980'553 um CHF 487'703 auf
CHF 492'850 (gemäss Deklaration in der Steuererklärung 2015) zu reduzieren sowie
der steuerbare Reingewinn für die direkte Bundessteuer 2015 von CHF 362'434 um
CHF 788'160 auf null zu reduzieren.
Die Vorinstanz beantragte mit Vernehmlassung vom 23. Juli 2018 die Abweisung der

Beschwerde und verwies zur Begründung auf die Erwägungen im angefochtenen
Entscheid. Das kantonale Steueramt (Beschwerdegegner) verzichtete am 7. August
2018 unter Beantragung der Abweisung der Beschwerde ausdrücklich und die ESTV
(Beschwerdebeteiligte) stillschweigend auf eine Vernehmlassung.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten und die Akten wird, soweit wesentlich,
in den Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. [...]
2. [...]
3. Umstritten ist, ob der Beschwerdegegner beim Reingewinn in der Steuerperiode
2015 bzw. beim Eigenkapital per 31. Dezember 2015 zu Recht CHF 888'160
aufrechnete. Unbestritten ist dagegen, dass dieser Betrag per 31. Dezember 2015 dem
kapitalisierten Wert der künftig erwarteten Zinszahlungen aus den beiden Zins-Swap-
Verträgen entspricht. Die Beschwerdeführerin wies die streitgegenständliche Position in
der von ihr erstellten Jahresrechnung in der Bilanz unter der Bezeichnung
"Rückstellung Negative Barwerte Interest Rate Swap" als Rückstellung unter der
Passivposition "Übrige langfristige Verbindlichkeiten" aus.
3.1. Die rechtlichen Ausführungen der Vorinstanz in E. 3d des angefochtenen
Entscheids sind korrekt, weshalb – anstelle von Wiederholungen – darauf verwiesen
werden kann.
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3.1.1. Bei Swap-Geschäften handelt es sich um derivative Finanzinstrumente, welche
den Termingeschäften zugeordnet werden. Sämtliche Vertragsbedingungen werden im
Zeitpunkt des Vertragsschlusses festgelegt, die Erfüllung erfolgt jedoch erst zu einem
späteren Zeitpunkt. In einem Swap-Vertrag vereinbaren zwei Parteien, während der
Vertragsdauer periodisch Zahlungsströme auszutauschen. Zinssatz-Swaps sind
Verträge bei denen die Vertragsparteien z.B. fixe und variable Zinszahlungen
austauschen, welche basierend auf spezifischen nominellen Beträgen berechnet
werden. Die Nominalbeträge werden nicht ausgetauscht; sie dienen lediglich als
Berechnungsbasis. Swap-Verträge bilden Dauerschuldverhältnisse. Was die rechtliche
Qualifikation betrifft, so liegt beim Swap-Vertrag ein synallagmatischer Vertrag im Sinn
eines Innominatkontrakts "sui generis" vor (Zobl/Kramer, Schweizerisches
Kapitalmarktrecht, Zürich/Basel/Genf 2004, Rz. 564, 585; vgl. auch Castagna/Müller/
Schwaller, Prüfung von derivativen Finanzinstrumenten, in: ST 11/07 S. 867 f.;
Treuhand-Kammer, Schweizer Handbuch der Wirtschaftsprüfung, Band "Buchführung
und Rechnungslegung, Zürich 2014, S. 135).
3.1.2. Das Gesetz verlangt in Art. 960e Abs. 2 des Obligationenrechts (SR 220, OR)
zwingend die Bildung von Rückstellungen zulasten der Erfolgsrechnung, wenn
aufgrund von vergangenen Ereignissen in künftigen Geschäftsjahren voraussichtlich ein
Mittelabfluss erwartet wird. Eine Rückstellung im engeren Sinne ist demnach eine auf
einem Ereignis in der Vergangenheit begründete wahrscheinliche Verpflichtung
gegenüber einem Dritten, deren Höhe oder Fälligkeit ungewiss, aber schätzbar ist. Das
Unternehmen erwartet einen künftigen, das heisst einen nach dem Bilanzstichtag
stattfindenden Mittelabfluss ohne Gegenleistung. Dieser Mittelabfluss wird erwartet,
das heisst er ist nicht ganz sicher, aber doch wahrscheinlich. Durch diese erhöhte
Ungewissheit in Bezug auf die Eintrittswahrscheinlichkeit, Höhe oder Fälligkeit
unterscheidet sich im Wesentlichen eine Rückstellung von einer Verbindlichkeit
(L. Lipp, in: Roberto/Trüeb, Handkommentar zum Schweizer Privatrecht, Art. 772-1186
OR und BEG, 3. Aufl. 2016, Rzn. 12 ff. zu Art. 960e OR).
3.1.3. In Bezug auf die Bilanzierungsgrundsätze von derivativen Finanzinstrumenten
enthält das OR keine expliziten Bestimmungen. Trotz fehlender Bilanzierungsfähigkeit
der Nominalbeträge verlangt das Prinzip der Ordnungsmässigkeit jedoch, dass alle
derivativen Finanzinstrumente erfasst werden und die Bücher alle Verträge vollständig
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wiedergeben. Allenfalls kann sich eine Rückstellungspflicht ergeben. Die Bilanzierungs-
und Bewertungsgrundsätze können dabei aus den allgemeinen Grundsätzen der
ordnungsmässigen Buchführung abgeleitet werden. Hinsichtlich der Bewertung besteht
ein Wahlrecht zwischen Marktwert- und Niederstwertprinzip. Handelt es sich beim
Grundgeschäft um eine Bilanzposition, die zum Marktpreis bewertet wird, wird das
Derivat ebenfalls zum Marktpreis bewertet. Die nach den
Rechnungslegungsvorschriften ausgewiesenen Gewinne und Verluste aus dem Grund-
und Absicherungsgeschäft neutralisieren sich in der Erfolgsrechnung infolge ihrer
Gegenläufigkeit. Wird die Bilanzposition nach dem Niederstwertprinzip bewertet und
ein Wertzuwachs des Grundgeschäfts demzufolge nicht erfasst, muss der
entsprechende Verlust aus dem Absicherungsgeschäft nicht in der Erfolgsrechnung
verbucht werden. Sollte das Grundgeschäft an Wert verlieren, ist dieser Wertverlust zu
erfassen. Der gegenläufige Gewinn aus dem Absicherungsgeschäft kann ebenfalls in
der Erfolgsrechnung erfasst werden, wodurch eine Neutralisierung erfolgt. Die OR-
Rechnungslegung enthielt früher eine Bestimmung über die notwendigen
Rückstellungen für drohende Verluste aus schwebenden Geschäften. Dabei geht es um
beidseits noch nicht oder erst teilweise erfüllte Geschäfte, wie bspw. Kauf- und
Verkaufskontrakte (Termingeschäfte aller Art). Der Verlust besteht dabei entweder in
einem Minderzugang an Gegenwert oder einem Mehrabgang an Mitteln. Eine
Wertberichtigung kommt meist nicht in Frage, weil im Schwebezustand des Vertrags
zunächst noch nichts bilanziert wird. Es gibt keinen einsichtigen Grund, warum nur der
zweite Vorgang, der in die abstrakte Definition des "Mittelabflusses" des Art. 960e OR
hineinpasst, zu einer Rückstellung führen dürfte. Kommt es wegen der eingetretenen
widrigen Entwicklung zu einem Minderzugang an Gegenwert von Seiten der
Marktgegenseite, so folgt daraus das gleiche Ergebnis. Die Rückstellung für drohende
Verluste aus schwebenden Geschäften ist folglich auch unter dem neuen OR nach
allgemein anerkannten kaufmännischen Grundsätzen unerlässlich. Für drohende
Verluste aus schwebenden Geschäften sind daher Rückstellungen anzusetzen, wenn
unvermeidbare Kosten aus belasteten vertraglichen Verpflichtungen höher sind als der
erwartete wirtschaftliche Nutzen. Sobald das bilanzierende Unternehmen erkennt, dass
aus einer Verpflichtung aus schwebenden Geschäften eine Schuld entstehen kann,
muss es für diese erkennbar gewordene Verbindlichkeit oder Vermögenseinbusse eine
Rückstellung bilden. Bei in der neuen Periode entstehenden negativen
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Preisentwicklungen sind allenfalls deren finanzielle Auswirkungen im Anhang
offenzulegen (vgl. zum Ganzen Zobl/Kramer, Schweizerisches Kapitalmarktrecht,
Zürich/Basel/Genf 2004, Rz. 564, 585; Castagna/Müller/Schwaller, Prüfung von
derivativen Finanzinstrumenten, in: ST 11/07 S. 867 f.; P. Böckli, Neue OR-
Rechnungslegung, Zürich 2014, Rz. 1034 f.; Lipp, a.a.O., Rz. 22 zu Art. 960e OR;
Treuhand-Kammer, a.a.O., S. 136 ff., 218).
3.2. Unbestritten ist, dass im Zeitpunkt der Bilanzerstellung per 31. Dezember 2015
gestützt auf die im Jahr 2011 abgeschlossenen Zins-Swap-Verträge eine
Schuldverpflichtung der Beschwerdeführerin gegenüber der Bank bestand und die
eingegangene Verpflichtung (Ereignis) in der Vergangenheit liegt. Strittig ist dagegen,
ob der Mittelabfluss – berechnet über die ganze Laufzeit der Swaps – wahrscheinlich
und – bei Bejahung dieser Frage – der drohende Verlust schätzbar ist. Nach der
Rechtsprechung können gestützt auf Art. 960e OR Rückstellungen (in der Höhe eines
Teilbetrags des schlimmstmöglichen Ausgangs) unter Umständen bereits eine
Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent oder darunter angebracht sein (BGer 6B_778/2011
vom 3. April 2012 E. 5.4.2 mit Hinweis auf BGer 4A_277/2010 vom 2. September 2010
E. 2.1). Soweit die Beschwerdeführerin vorbringt, die Verpflichtung gegenüber der
Bank sei nicht unsicher, sondern im Zeitpunkt zu 100 Prozent gegeben (vgl. act. 1
S. 14), ist ihr entgegenzuhalten, dass diesfalls von einer Verbindlichkeit auszugehen
wäre und daher gar keine Rückstellung gebildet werden könnte. Die Vorinstanz legte
überdies überzeugend dar, weshalb weder die Beschwerdeführerin noch die Bank ein
Interesse an einer vorzeitigen Kündigung der Swap-Verträge haben (vgl. E. 3e/ee des
angefochtenen Entscheids). Gemäss den angepassten Vereinbarungen vom 11. Mai
2015 hat die Bank das Recht, die Transaktion zum Liquidationswert vorzeitig zu
terminieren, sofern für die Transaktion keine genügend werthaltige Deckung vorhanden
ist oder wichtige Gründe vorliegen, insbesondere, wenn sich die Vermögens- oder
Ertragslage der Beschwerdeführerin erheblich verschlechtert hat oder eine erhebliche
Vermögensgefährdung besteht (vgl. act. 2/5, 7). Das Vorliegen solcher Gründe –
drohender Konkurs, Verkauf der Liegenschaft – wurden von der Beschwerdeführerin
nicht substantiiert behauptet, und es ergeben sich auch keine aus den Akten. Eine
Kündigung der Verträge seitens der Bank ist daher nicht zu erwarten, und wäre gemäss
den am 11. Mai 2015 nachträglich angepassten Vertragsbestimmungen überdies
frühestens ab dem 23. Januar 2025 und nur bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen
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möglich. Dass eine Kündigung seitens der Beschwerdeführerin wahrscheinlich sei,
legte sie ebenfalls nicht dar. Ein Mittelabfluss ist daher wenig wahrscheinlich und ein
Verlust nicht absehbar. Der Schluss der Vorinstanz, wonach der Beschwerdegegner
sein Ermessen nicht in unzulässiger Weise ausgeübt habe, indem er die Forderung als
bedingt beurteilt und deren Wahrscheinlichkeit auf unter 50 Prozent bzw. 25 Prozent
geschätzt habe, ist daher nicht zu beanstanden. Zu berücksichtigen ist ausserdem,
dass die gleichen Grundsätze wie für das Grundgeschäft anzuwenden sind, wenn ein
derivatives Finanzinstrument wie vorliegend vornehmlich Absicherungszwecken dient.
Darlehens- oder Hypothekarzinsen können dabei als Finanzaufwand nicht bis zum
Vertragsende passiviert und in nur einer Periode als Aufwand verbucht werden; ein
solches Vorgehen widerspricht dem Periodizitätsprinzip. Vielmehr sind die fälligen
Zinsforderungen – wie bei Hypothekarzinsen üblich – periodisch als Finanzaufwand zu
verbuchen. Dieselben Überlegungen gelten überdies bei der Praxis betreffend
Bilanzierung von Festhypotheken (als Absicherung). Diesfalls bestehen bei überhöhten
Festhypotheken die gleichen Vorfälligkeitsrisiken, welche nicht per se – das heisst ohne
aktuelle Wahrscheinlichkeit – zu Rückstellungen führen. Die Beschwerde ist deshalb
bereits aus diesem Grund abzuweisen. Offenbleiben kann folglich, ob eine verlässliche
Schätzung des Barwerts eines Zins-Swaps überhaupt möglich ist.
3.3. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerden sowohl hinsichtlich der
Kantonssteuern als auch der direkten Bundessteuer aufgrund des
Rechnungsabschlusses per 31. Dezember 2015 abzuweisen sind.
4. [...]