Decision ID: 7d4f3618-62b9-5375-8a02-5b4542b87a3a
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Verfügung des SEM vom 3. April 2018 wurde der Beschwerdeführer als
Flüchtling anerkannt und ihm in der Schweiz Asyl gewährt.
B.
Am 7. November 2018 stellte der Beschwerdeführer ein Gesuch um Ein-
reisebewilligung zwecks Familienzusammenführung zugunsten seiner
Ehefrau, der beiden Stiefsöhne sowie seiner drei Kinder.
C.
Mit Verfügung vom 28. Mai 2019 – eröffnet am 30. Mai 2019 – verweigerte
das SEM der Ehefrau des Beschwerdeführers, seinen beiden Stiefsöhnen
sowie seinen drei Kindern die Einreise in die Schweiz und lehnte deren
Asylgesuche ab.
D.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe an das Bundesverwaltungsge-
richt vom 27. Juni 2019 Beschwerde und beantragte, der Entscheid der
Beschwerdegegnerin vom 28. Mai 2019 sei aufzuheben und seiner Ehe-
frau sowie den fünf Kindern sei die Einreise in die Schweiz zu bewilligen
und ihnen in Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3
AsylG (SR 142.31) Asyl, allenfalls gestützt auf Art. 51 AsylG Familienasyl
zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und Beiordnung seines Rechtsvertre-
ters als unentgeltlichen Rechtsbeistand.
E.
Mit Schreiben vom 1. Juli 2019 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht
den Eingang der Beschwerde.
F.
Mit Schreiben vom 17. Oktober 2019 erkundigte sich der Beschwerdefüh-
rer nach dem Verfahrensstand und ersuchte um beförderliche Behandlung
des Verfahrens.
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 30. Oktober 2019 hiess der Instruktionsrich-
ter das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ge-
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mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete demgemäss auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtsver-
beiständung gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG wies er ab. Die Akten übermit-
telte er zur Vernehmlassung an das SEM.
H.
Das SEM beantragte in seiner Vernehmlassung vom 7. November 2019
die Abweisung der Beschwerde. Die Vernehmlassung wurde dem Be-
schwerdeführer vom Bundesverwaltungsgericht am 12. November 2019
zur Kenntnis gebracht.
I.
Mit Eingabe vom 15. November 2019 reichte der Rechtsvertreter des Be-
schwerdeführers eine Kostennote ein.
J.
Mit Schreiben vom 27. Januar 2020 und 13. März 2020 erkundigte sich der
Beschwerdeführer nach dem Verfahrensstand beziehungsweise ersuchte
um beförderliche Behandlung des Verfahrens.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998
(AS 2016 3101) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das
bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung
des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
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durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m.
Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden – unter dem Titel Familienasyl – na-
mentlich Ehegatten und minderjährige Kinder von Flüchtlingen ihrerseits
als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl in der Schweiz, wenn keine
besonderen Umstände dagegensprechen. Wurden die anspruchsberech-
tigten Personen nach Absatz 1 durch die Flucht getrennt und befinden sie
sich im Ausland, so ist ihre Einreise auf Gesuch hin zu bewilligen (Art. 51
Abs. 4 AsylG). Die Erteilung einer Einreisebewilligung nach Art. 51 Abs. 4
AsylG setzt eine vorbestandene Familiengemeinschaft, die Trennung der
Familie durch die Flucht sowie die fest beabsichtigte Familienvereinigung
in der Schweiz voraus (vgl. BVGE 2018 VI/6 E. 5, 2017 VI/4 E. 3.1 und
E. 4.4.2, 2012/32 E. 5).
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, der Beschwer-
deführer habe Eritrea im Jahr 2010 verlassen und sei in der Folge in Äthi-
opien in ein Flüchtlingslager gelangt. Neun Monate später sei ihm seine
Familie nach Äthiopien gefolgt. Bis zur Weiterreise des Beschwerdeführers
in den Sudan, im Juni 2015, habe die Familie im Flüchtlingslager in Äthio-
pien zusammengelebt. Mit der Ausreise aus Eritrea beziehungsweise der
Wiedervereinigung in Äthiopien sei die Flucht des Beschwerdeführers als
abgeschlossen zu erachten. Durch die Weiterreise des Beschwerdeführers
in die Schweiz sei keine unfreiwillige Trennung der Familie aufgrund der
Fluchtumstände im Sinne von Art. 51 Abs. 4 AsylG erfolgt.
4.2 In seinem Rechtsmittel macht der Beschwerdeführer geltend, es sei für
ihn unmöglich gewesen, längerfristig im Flüchtlingslager in Äthiopien zu
verbleiben, weshalb er sich zur Weiterreise entschlossen habe und
dadurch erneut von seiner Frau und seiner Familie getrennt worden sei.
Diese Trennung sei indes nicht freiwillig, sondern aus seiner Verzweiflung
über seine aussichtslose Lage im Flüchtlingslager in Äthiopien erfolgt. Äthi-
opien sei nie sein definitives Reiseziel, sondern stets ein Zwischenziel auf
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seiner Flucht gewesen. Die Vorinstanz argumentiere widersprüchlich,
wenn sie ihm vorhalte, er sei im Flüchtlingslager in Äthiopien keinen asyl-
beachtlichen Nachteilen ausgesetzt gewesen. Würde dies zutreffen, hätte
er in der Schweiz nämlich kein Asyl erhalten.
4.3 Das SEM verwies in seiner Vernehmlassung auf seine Erwägungen in
der angefochtenen Verfügung, an denen es vollumfänglich festhielt.
5.
Der Beschwerdeführer ist in der Schweiz als Flüchtling anerkannt und er-
hielt Asyl. Seine beiden Stiefsöhne und seine drei Kinder, mit welchen die
Familienzusammenführung nebst seiner Frau stattfinden soll, sind minder-
jährig, womit sie grundsätzlich in den Anwendungsbereich der Familienzu-
sammenführung im Rahmen von Art. 51 AsylG fallen.
6.
Dass der Beschwerdeführer mit seiner Frau, seinen beiden Stiefsöhnen
(D._ und E._) und dem gemeinsamen Sohn (C._) in
Eritrea eine vorbestandene Familiengemeinschaft bildete, wird vom SEM
zu Recht nicht bestritten, nachdem er mit diesen bis ins Jahr 2010 in Eritrea
(mit militärbedingten Unterbrüchen) zusammenlebte und diese wegen sei-
ner Flucht zurücklassen musste (vgl. act. A16, F33). Ob auch in Bezug auf
die beiden weiteren (leiblichen) Kinder des Beschwerdeführers (F._
und G._), die erst im Drittstaat Äthiopien geboren wurden, die Vo-
raussetzungen für einen Familiennachzug soweit erfüllt sind, kann ange-
sichts der nachfolgenden Erwägung 7 offenbleiben.
7.
7.1 Die Erteilung einer Einreisebewilligung nach Art. 51 Abs. 4 AsylG be-
zweckt die Wiederherstellung von vorbestandenen Familiengemeinschaf-
ten, die «allein aufgrund der Fluchtumstände» und somit «unfreiwillig» ge-
trennt worden ist (vgl. BVGE 2012/32 E. 5.4.2 m.w.H.). Die Trennung der
Familiengemeinschaft muss demnach kausal mit jenen Umständen zu-
sammenhängen, welche zur Flucht aus dem Heimatland Anlass gegeben
haben. Ausnahmsweise kann auch dann von einer im Sinne von Art. 51
Abs. 4 AsylG relevanten Trennung ausgegangen werden, wenn nicht die
Flucht eines Familienmitglieds ins Ausland als solche, sondern andere
zwingende Gründe zur Trennung der Familiengemeinschaft geführt haben
(vgl. BVGE 2018 VI/6 E. 5.2).
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7.2 Vorliegend sind keine Anhaltspunkte ersichtlich, dass der Beschwerde-
führer und seine Familie nach ihrer Wiedervereinigung im Flüchtlingslager
in Äthiopien, die sich gemäss Aussagen des Beschwerdeführers zufällig
ergeben habe (vgl. act. A16, F. 136), asylrechtlich relevanten Nachteilen
ausgesetzt gewesen wären und der Beschwerdeführer sich mit seiner Aus-
reise aus Äthiopien aus diesen Gründen unfreiwillig von seiner Frau und
seiner Familie getrennt hätte. Der Beschwerdeführer hat sich insgesamt
über fünf Jahre im Flüchtlingslager aufgehalten und macht sowohl in der
Beschwerde (vgl. daselbst, S. 8) als auch in der Anhörung (vgl. act. A16,
F. 136) geltend, dass es ihm dort schlecht gegangen, er sehr verzweifelt
gewesen und einzig wegen mangelnder finanzieller Mittel nicht früher wei-
tergereist sei. Daraus ergibt sich, dass die (zeitlich letzte) Trennung von
seiner Familie ausschliesslich aufgrund der schwierigen Lebensumstände
im Flüchtlingslager in Äthiopien motiviert war und er mithin seine Familie
im Flüchtlingslager in Äthiopien nicht im Rahmen einer verfolgungsindizier-
ten Flucht, sondern freiwillig – und im Einvernehmen mit seiner Ehefrau
(vgl. act. A16, F. 143) – verlassen hat und in die Schweiz gereist ist. Das
Hauptargument in der Beschwerde (vgl. daselbst, S. 8 f.), Äthiopien sei
lediglich eine Zwischenstation auf seiner Flucht vor seiner Weiterreise in
die Schweiz gewesen, ist angesichts der erwähnten Tatsache, dass der
Beschwerdeführer das Flüchtlingslager nicht aufgrund einer Gefährdungs-
situation verliess, als haltlos zu erachten. Bei dieser Sachlage erweist sich
auch das weitere Argument in der Beschwerde (vgl. daselbst, S. 9), dass
ihm kein Asyl gewährt worden wäre, wenn er im Flüchtlingslager keinen
asylbeachtlichen Nachteilen ausgesetzt gewesen wäre, als offensichtlich
unzutreffend. Schliesslich vermag der Beschwerdeführer auch aus dem in
der Beschwerde (vgl. daselbst, S. 9) zitierten Urteil des Bundesverwal-
tungsgerichts D-2566/2017 nichts zu seinen Gunsten abzuleiten, zumal in
diesem Fall eine wesentlich unterschiedliche Ausgangslage (nur kurzer
Aufenthalt in Äthiopien) vorliegt.
7.3 Zusammenfassend ergibt sich aus den vorstehenden Erwägungen,
dass die Voraussetzungen für die asylrechtliche Familienzusammenfüh-
rung gemäss Art. 51 Abs. 1 und 4 AsylG nicht erfüllt sind, und das SEM die
Einreise in die Schweiz im Ergebnis zu Recht nicht bewilligt und die Asyl-
gesuche abgelehnt hat. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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8.
Dem Beschwerdeführer bleibt es unbenommen, nach Erfüllung der gesetz-
lichen Voraussetzungen bei den dafür zuständigen kantonalen Migrations-
behörden ein Gesuch um Familiennachzug gestützt auf Art. 44 AIG
(SR 142.20) einzureichen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Aufgrund der Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung sind jedoch keine Kosten aufzu-
erlegen.
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