Decision ID: 9fa7a7f3-b28d-55e2-adc2-40008a8aa7c0
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
B._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. rer. publ. Michael B. Graf, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
RAV St. Gallen, Unterstrasse 4, Postfach, 9001 St. Gallen,
Beschwerdegegner,
vertreten durch Amt für Arbeit, Unterstrasse 22, 9001 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Vermittlungsfähigkeit (Koordination IV)
Sachverhalt:
A.
B._, von Beruf Primarlehrerin, meldete sich per 15. August 2007 erneut zum Bezug
von Leistungen der Arbeitslosenversicherung an (act. G 3.1/B46). Am 27. November
2008 überwies die Personalberaterin das Dossier zur Abklärung der
Vermittlungsfähigkeit an den Rechtsdienst des RAV St. Gallen (act. G 3.1/A9). Mit
Verfügung vom 29. Dezember 2008 sprach das RAV der Versicherten die
Vermittlungsfähigkeit ab dem 6. Oktober 2008 ab. Eine über die Invalidenversicherung
im Rahmen eines Casemanagements (IIZ-MAMAC) durchgeführte berufliche Abklärung
habe ergeben, dass sich ihre medizinisch-theoretische Arbeitsfähigkeit von 80 %
wirtschaftlich nicht umsetzen lasse (act. G 3.1/A6). Die dagegen erhobene Einsprache
vom 31. Januar 2009/27. Februar 2009 wies das RAV mit Entscheid vom 19. März 2009
ab (act. G 3.1/A1 bis A4).
B.
B.a Gegen diesen Entscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 4. Mai 2009
mit dem Antrag auf Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheids. Die
Beschwerdegegnerin sei als vermittlungsfähig einzustufen, und es seien ihr weiterhin
Taggelder auszurichten. Zum einen sei auch gemäss BEFAS-Abklärung von teilweise
verwertbaren Arbeitsergebnissen auszugehen. So sei etwa eine (simulierte)
Nachhilfeschülerin mit der Hilfestellung der Beschwerdeführerin sehr zufrieden
gewesen. Im Weiteren arbeite die Beschwerdeführerin immer wieder als Stellvertreterin
oder "Springerin" an diversen Schulen. Zudem sei ein IV-Verfahren hängig. Dabei sei
der Beschwerdeführerin Beratung und Unterstützung bei der Stellensuche gewährt
worden. Mit Vorbescheid vom 23. März 2009 sei sodann ein Rentenanspruch verneint
worden, wobei von einer 100- %igen Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit
ausgegangen werde. Schliesslich gingen auch die behandelnden Ärzte sowie der RAD
von einer, wenn auch durch die Epilepsie und psychischen Beschwerden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eingeschränkten, Arbeitsfähigkeit aus. Die Beschwerdeführerin wolle arbeiten. Es
könne somit nicht von einer offensichtlichen Vermittlungsunfähigkeit ausgegangen
werden, weshalb die Arbeitslosenversicherung vorleistungspflichtig sei (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 12. Juni 2009 beantragt die Verwaltung Abweisung
der Beschwerde und verweist im Übrigen auf ihre Ausführungen im angefochtenen
Einspracheentscheid (act. G 3).
B.c Am 2. Dezember 2009 zieht das Versicherungsgericht die IV-Akten bei (act. G 8).
B.d Am 8. März 2010 reicht der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin ein von der IV
veranlasstes polydisziplinäres Gutachten der MEDAS Zentralschweiz ein (act. G 12 und
12.1).

Erwägungen:
1.
1.1 Eine der gesetzlichen Voraussetzungen für den Anspruch auf
Arbeitslosenentschädigung ist die Vermittlungsfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 lit. f des
Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die
Insolvenzentschädigung [AVIG; SR 837.0]). Die arbeitslose Person ist im Sinn von
Art. 15 Abs. 1 AVIG vermittlungsfähig, wenn sie bereit, in der Lage und berechtigt ist,
eine zumutbare Arbeit anzunehmen und an Eingliederungsmassnahmen teilzunehmen.
Zur Vermittlungsfähigkeit gehört demnach objektiv neben der Arbeitsberechtigung die
Arbeitsfähigkeit und subjektiv die Bereitschaft, die Arbeitskraft entsprechend den
persönlichen Verhältnissen während der üblichen Arbeitszeit einzusetzen (BGE 125 V
58 E. 6a mit Hinweisen).
1.2 Nach Art. 15 Abs. 2 AVIG gilt die körperlich oder geistig behinderte Person als
vermittlungsfähig, wenn ihr bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage, unter
Berücksichtigung ihrer Behinderung, auf dem Arbeitsmarkt eine zumutbare Arbeit
vermittelt werden könnte. Art. 15 Abs. 3 der Verordnung über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIV; SR 837.02) präzisiert
dies dahingehend, dass Vermittlungsfähigkeit bis zum Entscheid der anderen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherung angenommen wird, wenn die behinderte Person nicht offensichtlich
vermittlungsunfähig ist und sich bei der IV oder einer anderen Versicherung
angemeldet hat (Thomas Nussbaumer, Arbeitslosenversicherung, in: Schweizerisches
Bundesverwaltungsrecht, Bd. XIV Soziale Sicherheit, 2. Aufl., Basel 2007, N 283).
1.3 Die Vorleistungspflicht der Arbeitslosenversicherung ist jedoch keine vorbehaltlose
Zusprechung von Arbeitslosentaggeld bis zum rechtskräftigen Entscheid einer andern
Sozialversicherung. Sie kommt vielmehr erst zum Tragen, wenn die behinderte Person
– wie vorstehend dargelegt – nicht offensichtlich vermittlungsunfähig ist.
Offensichtliche Vermittlungsunfähigkeit im Sinn von Art. 15 Abs. 3 AVIV liegt vor, wenn
die Vermittlungsunfähigkeit auf Grund der Akten der Arbeitslosenversicherung,
allenfalls gestützt auf Ermittlungen anderer Sozialversicherungsträger oder auf Grund
anderer Umstände, ohne weitere Abklärungen ersichtlich ist (Urteil C 77/2001 des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; ab 1. Januar 2007: Bundesgericht,
Sozialrechtliche Abteilungen] vom 8. Februar 2002, E. 3d; vgl. auch Gerhard Gerhards,
Kommentar zum Arbeitslosenversicherungsgesetz, Bd. I, Bern/Stuttgart 1988, Art. 15 N
93).
2.
2.1 Vorliegend richtete die Arbeitslosenversicherung der Beschwerdeführerin
grundsätzlich im Zeitraum vom 15. August 2007 bis 6. Oktober 2008 Taggelder aus
(vgl. act. G 3.1/B 44 und IV-act. 26.1 und 46.4). Am 30. September 2007 meldete sich
die Beschwerdeführerin bei der IV an (IV-act. 4). Am 14. Mai 2008 fand ein vom
Beschwerdegegner initiiertes Assessment von RAV St. Gallen, IV-Stelle St. Gallen und
Sozialamt Stadt St. Gallen statt (IIZ-MAMAC), an dem auch der RAD Ostschweiz, die
Geschäftsstelle MAMAC, das Pfarreiheim sowie die Beschwerdeführerin selber
anwesend waren (IV-act. 46.3). In dessen Folge wurde die Beschwerdeführerin in der
Abklärungsstelle Appisberg, auf ihre beruflichen Möglichkeiten hin abgeklärt.
2.2 Die Arbeitslosenversicherung kam somit in einer ersten Phase ihrer
Vorleistungspflicht gemäss Art. 15 Abs. 2 AVIG und Art. 15 Abs. 3 AVIV nach. Streitig
und zu prüfen ist dagegen, ob nach Abschluss des IIZ-MAMAC-Prozesses bzw. ab 6.
Oktober 2008 bis zum 19. März 2009 (Erlass Einspracheentscheid als zeitlicher
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Überprüfungsgrenze) von einer offensichtlichen Vermittlungsunfähigkeit auszugehen
ist.
3.
3.1 Diesbezüglich stützt sich der Beschwerdegegner im Wesentlichen auf den
Abklärungsbericht Appisberg vom 6. Oktober 2008. Dieser schildert, die
Beschwerdeführerin habe grosse Mühe, sich auf die gestellten Aufgaben zu
konzentrieren, sie habe sich in ihren Aktionen verzettelt und sei nicht speditiv gewesen.
Zudem sei sie auf enge Führung und Betreuung angewiesen, wie sie üblicherweise auf
dem freien Arbeitsmarkt nicht ermöglicht werden könnten. Entgegen den Ausführungen
im RAD-Bericht vom 26. Mai 2008, der der Beschwerdeführerin in einer überwiegenden
Alleinarbeit (Backoffice, Dokumentation o.ä.) sowie in einer beruflichen Ausbildung
noch eine uneingeschränkte Leistungsaufnahme zugemutet habe (vgl. IV-act. 31.5), sei
die Beschwerdeführerin zum heutigen Zeitpunkt auf Grund ihrer äusserst geringen
Arbeitsleistung sowie des deutlich erhöhten Betreuungs- und Kontrollaufwandes auf
dem freien Arbeitsmarkt nicht eingliederungsfähig. Um eine Tagesstruktur zu haben, sei
am ehesten eine Tätigkeit auf freiwilliger Basis denkbar, etwa die Mithilfe bei
Nachhilfestunden von Primarschülern, erteilen von Deutschstunden für junge
Immigranten oder Mithilfe bei der Aktivierungstherapie. Auf Grund der diversen
Schwierigkeiten, ihren geringen Leistungen sowie dem ausserordentlich hohen
Aufwand für das vorgesetzte Personal, könne aber nur von einer symbolischen
Entschädigung ausgegangen werden (IV-act. 45.10 ff.).
3.2 Demgegenüber kommt ein von der IV in Auftrag gegebenes Gutachten der MEDAS
Zentralschweiz vom 6. Januar 2010 zum Schluss, die Beschwerdeführerin sei seit
Januar 2007 in ihrer angestammten Tätigkeit als Lehrerin zu 55 %, in ihrer Tätigkeit als
Schmuckverkäuferin - wie auch in jeder anderen körperlich leichten bis mittelschweren
Tätigkeit, ohne übermässige Anforderungen an Aufmerksamkeitsleistungen und
Strukturierungsfähigkeit, ohne Schichtbetrieb, gefährliche Maschinen und ohne
stundenlange PC-Arbeiten sowie ohne erhöhte Anforderungen an die psychische
Belastbarkeit - zu 65 % arbeitsfähig. Dabei ging die MEDAS davon aus, dass die
Beschwerdeführerin jeweils ein tägliches Pensum von sechs Stunden bewältigen könne
bei einer leistungsmässigen Einschränkung von 25 % bzw. von 15 %. Im Weiteren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
regte die MEDAS auf Grund der - allerdings auf eigenen Angaben der
Beschwerdeführerin beruhenden - Verbesserung der mentalen Leistungsfähigkeit im
Vergleich zur neuropsychologischen Voruntersuchung vom Januar 2007 (IV-act. 1) eine
erneute berufliche Abklärung an (act. G 12.1/S. 19 Ziff. 5.3). Tatsächlich arbeitete die
Beschwerdeführerin ab Dezember 2008 wieder in einem erheblich grösseren Umfang
für die "New Feeling", nämlich zwischen 27 und 45,5 Stunden monatlich (act. G 3.1/
C39, C37, C34 und C30). Zudem übernahm sie im Februar/März 2009 wieder
Stellvertretungen als Primarlehrerin in erheblichem Umfang (act. G 3.1/C28, C 29, C31,
C33 und C35).
Gestützt auf diese tatsächlichen Verhältnisse und vor dem Hintergrund der vom
Bundesgericht weit gefassten Vorleistungspflicht der Arbeitslosenversicherung (vgl.
Entscheid des Bundesgerichts vom 2. März 2010 [8C_5/2009]) kann für den vorliegend
relevanten Zeitraum vom 6. Oktober 2008 bis zum 19. März 2009 nicht von einer
offensichtlichen Vermittlungsunfähigkeit ausgegangen werden, zumal die
Arbeitsbereitschaft der Beschwerdeführerin für ein Pensum von mehr als 20 %
gegeben ist und die Invalidenversicherung bis zum Zeitpunkt des Erlasses des
angefochtenen Einspracheentscheids ihren Entscheid noch nicht gefällt hat.
4.
4.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen und festzustellen, dass die
Beschwerdeführerin auch für den Zeitraum ab dem 6. Oktober 2008 vermittlungsfähig
ist.
4.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Hingegen hat die
Beschwerdeführerin bei diesem Ausgang des Verfahrens Anspruch auf Ersatz der
Parteikosten. Diese werden vom Gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den
Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des
Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das
Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75)
pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Vorliegend ist von einem durchschnittlichen
Aufwand auszugehen. Eine Parteientschädigung von Fr. 3'000.-- (inklusive Barauslagen
und Mehrwertsteuer) erscheint als angemessen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53
GerG entschieden:
1. In Gutheissung der Beschwerde wird der angefochtene Einspracheentscheid vom
19. März 2009 aufgehoben und festgestellt, dass die Beschwerdeführerin auch ab dem
6. Oktober 2008 vermittlungsfähig ist.
2. Es werden keine Gerichtskosten erhoben.
3. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung von
Fr. 3'000.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 26.05.2010 Art. 8 Abs. 1 lit. f AVIG, Art. 15 Abs. 2 AVIG, Art. 15 Abs. 3 AVIV. Vorleistungspflicht der Arbeitslosenversicherung. Ergeben die Abklärungen der "anderen" Versicherung (IV), dass keine auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt verwertbare Arbeitsfähigkeit mehr vorliegt, liegt eine offensichtliche Vermittlungsunfähigkeit vor. Die (Vor-)Leistungspflicht der Arbeitslosenversicherung entfällt (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 26. Mai 2010, AVI 2009/39).
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
2021-09-19T17:55:36+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen