Decision ID: 53286f58-dcbc-567a-83eb-ab3e256f5c1b
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin 1 und ihre beiden Söhne (Beschwerdeführer 2
und 3) ersuchten am 28. Februar 2021 in der Schweiz um Asyl (Akten der
Vorinstanz [SEM-act.] 1).
B.
Abklärungen der Vorinstanz ergaben, dass die Beschwerdeführenden mit
von der ungarischen Vertretung in Baku ausgestellten Schengen-Visa nach
Deutschland gelangt waren und dort am 4. Oktober 2019 Asylgesuche ge-
stellt hatten (SEM-act. 11-13).
C.
Am 5. März 2021 nahm die Vorinstanz die Personalien der Beschwerde-
führenden auf und am 10. März 2021 gewährte sie ihnen rechtliches Ge-
hör, unter anderem zur Zuständigkeit Deutschlands für die Durchführung
des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zum beabsichtigten Nichteintre-
tensentscheid sowie zur Wegweisung in diesen Dublin-Mitgliedstaat (SEM-
act. 31-36).
D.
Mit Verfügung vom 22. März 2021 – eröffnet am 23. März 2021 – trat die
Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch nicht ein, ordnete die Wegweisung nach Deutschland an
und forderte die Beschwerdeführenden auf, die Schweiz spätestens am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig wies die
Vorinstanz auf die einer allfälligen Beschwerde von Gesetzes wegen feh-
lende aufschiebende Wirkung hin und beauftragte den Kanton Zürich mit
dem Vollzug der Wegweisung (SEM-act. 53).
E.
Gegen den vorinstanzlichen Entscheid erhoben die Beschwerdeführenden
am 30. März 2021 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sie be-
antragten, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz
anzuweisen, ihre Pflicht oder ihr Recht zum Selbsteintritt auszuüben und
sich für das vorliegende Asylverfahren für zuständig zu erklären. Eventua-
liter sei der Fall zu kassieren und zur erneuten Beurteilung an die Vor-
instanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragten sie,
der Beschwerde sei im Sinne vorsorglicher Massnahmen die aufschie-
bende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden anzuweisen, von ei-
ner Überstellung nach Deutschland abzusehen, bis das Bundesverwal-
tungsgericht über die vorliegende Beschwerde entschieden habe. Auf die
F-1436/2021
Seite 3
Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten und es sei die un-
entgeltliche Prozessführung zu gewähren (Akten des Bundesverwaltungs-
gerichts [BVGer-act.] 1).
F.
Am 31. März 2021 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in elekt-
ronischer Form vor und gleichentags setzte der Instruktionsrichter den Voll-
zug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus (BVGer-
act. 2).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, so-
weit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.1. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die Be-
schwerdeführenden sind zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
(Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2. Die Beschwerde erweist sich – wie im Folgenden zu zeigen ist – als
offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines
Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
2.
Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
Nachdem Deutschland die Asylgesuche der Beschwerdeführenden vom
4. Oktober 2019 geprüft und – aus den Akten zu schliessen – negativ be-
schieden hat, und nachdem dieser Mitgliedstaat auf entsprechende An-
frage der Vorinstanz einer Wiederaufnahme ausdrücklich zugestimmt hat
F-1436/2021
Seite 4
(SEM-act. 44-46), ist die grundsätzliche Zuständigkeit dieses Dublin-Mit-
gliedstaats vorliegend gegeben und im Übrigen auch unbestritten (Art. 18
Abs. 1 Bst. d der Verordnung [EU] Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist [nachfol-
gend: Dublin-III-VO]; Art. 23 Dublin-III-VO; Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG).
3.1.
3.1.1. Die Beschwerdeführenden rügen, dass die Vorinstanz es zu Unrecht
unterlassen habe, von der Souveränitätsklausel Gebrauch zu machen und
gestützt auf Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO das Selbsteintrittsrecht anzuwen-
den. Sie begründen dies v.a. mit bestehenden ernsthaften gesundheitli-
chen Beeinträchtigungen, einer in der Vergangenheit angeblich erfahrenen
mangelhaften medizinischen Betreuung sowie ungenügenden schulischen
Angeboten in Deutschland und einer vermeintlich drohenden Kettenab-
schiebung von dort nach Aserbaidschan.
3.1.2. Die Beschwerdeführenden 1 bis 3 wurden nach Einreichung ihrer
Asylgesuche in der Schweiz medizinisch abgeklärt und betreut. Entspre-
chenden Berichten vom 5. sowie vom 19. März 2021 zufolge diagnosti-
zierte die behandelnde Ärztin bei der Beschwerdeführerin 1 Brustschmer-
zen (nicht näher bezeichnet), einen Vitamin-D-Mangel, einen Mangel an
sonstigen Vitaminen des Vitamin-B-Komplexes, einen Vitamin-B-12-Man-
gel, Adipositas Grad I, einen abnormen Blutdruckwert ohne Diagnose (Dif-
ferentialdiagnose: arterielle Hypertonie), einen nicht primär insulinabhängi-
gen Diabetes mellitus (Typ-2-Diabetes), Ein- und Durchschlafstörungen
und eine Myalgie (atraumatische Schulterschmerzen links und Hüft-
schmerzen links). Sie verordnete ihr ein Vitaminpräparat, ein Diabetesme-
dikament sowie ein Schmerzmittel. Ausserdem bot die Ärztin sie zur Nach-
kontrolle sowie zur Abklärung einer möglichen Herzkreislauferkrankung auf
(SEM-act. 40 und 50).
3.1.3. Betreffend den Beschwerdeführer 2 diagnostizierte der behandelnde
Arzt am 19. März 2021 einen Hörverlust durch Schallleitungs- oder Schal-
lempfindungsstörung, Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpas-
sungsstörungen (anamnestisch wiederholte häusliche Gewalt), Ein- und
Durchschlafstörungen sowie eine Mittelohrentzündung. Der Beschwerde-
führer 2 erhielt ein pflanzliches Schlafmittel, ein Antibiotikum und ein
Schmerzmittel verordnet (SEM-act. 51).
F-1436/2021
Seite 5
3.1.4. Beim Beschwerdeführer 3 diagnostizierten die behandelnden Ärzte
am 15. März 2021 einen Verdacht auf chronische Gastritis, einen Status
nach lymphoblastischer Leukämie, einen Vitamin-D-Mangel, Übergewicht,
Juckreiz und Plattfüsse. Sie verschrieben ihm ein Vitamin- sowie ein Mag-
nesiumpräparat und empfahlen, ihn zu einer gastroenterologischen
Sprechstunde aufzubieten (SEM-act. 49).
3.2. Die ärztlich hinreichend abgeklärten, physischen und psychischen Ge-
sundheitsbeeinträchtigungen der Beschwerdeführenden sind nicht derart
gravierend, dass von einer Überstellung nach Deutschland abgesehen
werden müsste (vgl. dazu Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien
13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
Deutschland verfügt über eine mit der Schweiz in allen Bereichen ver-
gleichbare medizinische Infrastruktur (vgl. dazu statt vieler: Urteil des
BVGer D-1154/2021 vom 26. März 2021 E. 6.3). Die erforderlichen medi-
zinischen Abklärungen, Kontrolluntersuchungen und adäquate Folgebe-
handlungen sind dort selbst dann gewährleistet, wenn das Asylverfahren
bereits negativ entschieden worden ist (statt vieler: Urteil D-1154/2021
E. 6.3 m.H.). Die von den Beschwerdeführenden in pauschaler Weise vor-
gebrachte Kritik an während ihres ersten Aufenthalts in Deutschland erhal-
tenen Leistungen ist nicht geeignet, diese Erkenntnisse ernsthaft in Frage
zu stellen. Einer möglicherweise im Zusammenhang mit dem Vollzug der
Wegweisung auftretenden Suizidalität des Beschwerdeführers 3 wäre im
Rahmen der Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl. Urteil des
BVGer F-1123/2021 vom 24. März 2021 E. 5.3 m.H.).
3.3. Ein negativer Asylentscheid in Deutschland bildet für sich alleine kein
Überstellungshindernis. Es gilt das Prinzip, dass ein Asylgesuch lediglich
von einem einzigen Dublin-Mitgliedstaat zu prüfen ist. Deutschland bleibt
auch für eine allfällige Wegweisung aus dem Dublin-Raum zuständig
(BVGE 2017 VI/5 E. 8.5.3.3; Urteil F-1123/2021 E. 4.4). Ein konkretes und
ernsthaftes Risiko dafür, dass sich die deutschen Behörden nach ihrer
Rücküberstellung weigern könnten, die Beschwerdeführenden wieder auf-
zunehmen, ist nicht ersichtlich. Zudem deutet nichts darauf hin, dass
Deutschland den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und die Be-
schwerdeführenden zwingen könnte, in ein Land auszureisen, in welchem
sie einer Gefahr im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG ausgesetzt wären, oder
in dem sie Gefahr laufen würden, zur Ausreise in ein solches Land gezwun-
gen zu werden. Im Weiteren ist nicht davon auszugehen, dass Deutschland
allfälligen gesundheitlichen Risiken bei einer Überstellung der Beschwer-
deführenden nach Aserbaidschan nicht Rechnung tragen würde. Stichhal-
tige Hinweise darauf, dass Deutschland ihnen nach einer Rücküberstellung
F-1436/2021
Seite 6
dauerhaft die ihnen zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorent-
halten würde, haben die Beschwerdeführenden ebenfalls nicht dargetan.
Betreffend die geltend gemachten schulischen Probleme des Beschwerde-
führers 3 sind die Beschwerdeführenden schliesslich an die deutschen Be-
hörden zu verweisen.
4.
Der angefochtene Entscheid verletzt weder Art. 3 EMRK, das Übereinkom-
men vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK,
SR 0.107), noch eine andere, die Schweiz bindende völkerrechtliche Be-
stimmung. Eine gesetzeswidrige Ermessensausübung der Vorinstanz ist
nicht ersichtlich. Demzufolge ist nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz
von dem in Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO und in Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) verankerten
Selbsteintrittsrecht keinen Gebrauch gemacht hat. Zu Recht ist sie auf das
Asylgesuch nicht eingetreten und hat die Überstellung nach Deutschland
verfügt. Die Beschwerde ist abzuweisen. Der Antrag auf Gewährung der
aufschiebenden Wirkung erweist sich mit der Ausfällung des vorliegenden
Urteils als gegenstandslos.
5.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei-
sen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt
– als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind den Be-
schwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge-
samt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
6.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
F-1436/2021
Seite 7