Decision ID: 1bac4d0b-b00c-4e11-98e6-45d0a5c89bf5
Year: 2014
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Christian Thöny, Bahnhofstrasse 8,
7000 Chur,gegen
Helsana Unfall AG, Recht, Postfach, 8081 Zürich Helsana,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Versicherungsleistungen
Sachverhalt:
A.
A.a Der 19_ geborene A._ (nachfolgend: Versicherter) war als Versicherungsmakler
bei der B._ GmbH tätig und dadurch bei der Helsana obligatorisch gegen die Folgen
von Unfällen versichert. Am 15. April 2009 erfolgte eine Unfallmeldung mit der
Unfallbeschreibung, der Versicherte sei am 30. September und 8. Oktober 2008 auf der
Jagd von Zecken gebissen worden (act. K1, K5). Am 22. Oktober 2008 hatte er wegen
Müdigkeit und diffuser Gelenksbeschwerden seinen Hausarzt Dr. med. C._, Facharzt
für Allgemeinmedizin FMH (M4, M9, K5) konsultiert, der eine erste Lyme-Serologie im
labormedizinischen Zentrum Dr. D._, durchführen liess. Diese hatte ein fragliches
Resultat ergeben (act. M1, M2). Ab Februar 2009 waren weitere Beschwerden, wie
verminderte Leistungsfähigkeit, muskuläre Schmerzen im Oberschenkel und in den
Oberarmen, eine belastungsabhängige und allgemeine Schwäche, Schmerzen,
Dysästhesien und ein Einschlafgefühl in der rechten Hand sowie wandernde
Gelenkschmerzen in grossen und kleinen Gelenken, aufgetreten (act. M2, M4, K5). Am
18. Februar 2009 war eine Verlaufskontrolle der Lyme-Serologie im labormedizinischen
Zentrum Dr. D._ durchgeführt worden, anlässlich der eine Borrelia-burgdorferi-
spezifische Immunantwort nachweisbar war (gegenüber Vorbefund klarer IgG-
Titeranstieg, act. M1). Dr. C._ hatte dem Versicherten ab 25. Februar 2009 bis auf
weiteres eine 50%-ige Arbeitsunfähigkeit attestiert und ihn wegen Verdachts auf eine
Borrelieninfektion vier Wochen mit Tetracyclin therapiert (act. M4). In der Folge wurde
er durch verschiedene Ärzte - Dr. med. E._, FMH Rheumatologie, Innere Medizin
(M5), Dr. med. F._, Facharzt für Innere Medizin FMH (act. M6, M11), sowie die Ärzte
des Departements Innere Medizin, Rheumatologie/Rehabilitation des Kantonsspitals
St. Gallen (KSSG; act. M12) - medizinisch abgeklärt. Ausserdem legte die Helsana den
Schadenfall ihren beratenden Ärzten Dr. med. G._, Facharzt FMH Innere Medizin und
Rheumatologie (act. M10), und Dr. med. H._, Facharzt FMH Innere Medizin (act.
M14), zur Stellungnahme vor. Mit Schreiben vom 30. September 2009 reichte Dr. C._
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ein Kostengutsprachegesuch für eine Abklärung und eine alternativmedizinische
Therapie in der I._ Klinik ein, wobei er festhielt, dass die früher im Raum stehende
Diagnose Lyme-Borreliose sehr unwahrscheinlich sei. Der Versicherte leide am ehesten
unter einem chronischen Müdigkeitssyndrom oder einer somatoformen Depression
(act. M13). Ab Oktober 2009 befand sich der Versicherte an der I._ Klinik in
Behandlung (act. M22). Nach Vorliegen einer weiteren Beurteilung des Schadenfalls
durch ihren beratenden Arzt Dr. H._ vom 4. November 2009 (act. M17) verneinte die
Helsana mit Verfügung vom 16. November 2009 einen natürlichen
Kausalzusammenhang zwischen den geltend gemachten Beschwerden und den
Unfällen (Zeckenbissen) vom 30. September und 8. Oktober 2008 und stellte ihre
Versicherungsleistungen per 31. November 2009 ein (act. K35).
A.b Gegen diese Verfügung liess der Versicherte durch Rechtsanwalt lic. iur. et oec.
Ch. Thöny, Chur, am 4. Dezember 2009 Einsprache erheben (act. K45). In der Folge
wurde der Versicherte im Auftrag der Helsana durch Dr. med. J._, Spezialarzt FMH
für physikalische Medizin, spez. Rheumaerkrankungen und Dr. med. K._, Facharzt
FMH Psychiatrie/Psychotherapie untersucht (act. M20, M23) und Dr. med. L._,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, I._ Klinik, liess der Helsana ein
von ihm am 24. November 2010 verfasstes psychiatrisches Konsilium zukommen (act.
M22). Mit Einspracheentscheid vom 26. April 2010 wies die Helsana die Einsprache
des Versicherten ab (act. K52).
A.c Die gegen diesen Einspracheentscheid vom Rechtsvertreter des Versicherten am
21. Mai 2010 erhobene Beschwerde mit den Anträgen, der angefochtene Entscheid sei
aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, die
Versicherungsleistungen gemäss UVG auch ab dem 1. Dezember 2009 weiterhin zu
gewähren, hiess das Versicherungsgericht - nach Vorliegen weiterer Beurteilungen
bzw. Untersuchungsberichten von Dr. G._ und Dr. M._ vom 9. bzw. 14. Juni 2010
(act. M24, act. K69) - mit Entscheid vom 21. Februar 2011 in dem Sinn teilweise gut,
dass der Einspracheentscheid aufgehoben und die Angelegenheit zur Durchführung

ergänzender medizinischer Abklärungen im Sinn der Erwägungen und zu neuer
Verfügung an die Helsana zurückgewiesen wurde (UV 2010/41; act. K75). Dieser
Entscheid erwuchs in Rechtskraft.
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Am 19. Mai 2011 beauftragte die Helsana Prof. Dr. med. N._, Klinikdirektor der
Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene des Universitätsspitals Zürich, mit
einer polydisziplinären Begutachtung (infektiologisch, rheumatologisch und
psychiatrisch; act. K83). In seinem Gutachten vom 13. September 2011 (act. M27)
diagnostizierte Prof. Dr. N._ ein Post-Lyme-Syndrom überwiegend wahrscheinlich,
einen Status nach disseminierter Lyme-Borreliose überwiegend wahrscheinlich
(wahrscheinlich im Jahr 2008), keine Anhaltspunkte für internistisches, neurologisches
oder rheumatologisches oder anderweitig aktives medizinisches Leiden sowie keine
Hinweise für eine psychiatrische Erkrankung oder ein Suchtleiden. Betreffend
Arbeitsfähigkeit hielt Prof. Dr. N._ fest, dass der Versicherte momentan zu 50%
arbeitsunfähig sei. Aufgrund der Erfahrung und der Literatur bestünden durchaus gute
Chancen, dass die Arbeitsfähigkeit gesteigert werden könne, insbesondere mit
hausärztlicher Führung oder mit kognitiver Verhaltenstherapie.
B.b Am 21. September 2011 legte die Helsana das Gutachten von Prof. Dr. N._
ihrem beratenden Arzt Dr. H._ zur Beurteilung vor. In seiner gleichentags erstellten
Stellungnahme bezeichnete Dr. H._ das Gutachten als nachvollziehbar und korrekt
und verneinte die Erforderlichkeit einer weiteren Behandlung. Eine kognitive
Verhaltenstherapie wäre prinzipiell möglich, in diesem Fall aber nicht zwingend. Die
attestierte Arbeitsunfähigkeit sei unfallbedingt ausgewiesen. Er schlage vor, die
Situation Ende 2012 neu zu beurteilen. Falls bis dahin keine weitere Steigerung erfolgt
sei, würde er dies als Endzustand betrachten (act. M28). In einer ergänzenden
Stellungnahme vom 2. November 2011 hielt Dr. H._ sodann fest, es sei mit
bleibenden kognitiven Defiziten zu rechnen. Die jetzige Situation könne wahrscheinlich
- wie von Prof. Dr. N._ vertreten - mit guter hausärztlicher Betreuung und einer
kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) deutlich verbessert werden. Dies benötige einen
Zeitraum von 1-3 Jahren. Sobald in dieser KVT ersichtlich sei, dass ein endgültiger
Zustand erreicht sei, müsste zur Objektivierung der verbleibenden Defizite eine
neuropsychologische Untersuchung erwogen werden (act. M29). Mit Schreiben vom 7.
November 2011 teilte die Helsana dem Rechtsvertreter des Versicherten mit, sie
übernehme die Kosten für eine kognitive Verhaltenstherapie vorerst für 6 Monate. Bei
gutem Verlauf und der Aussicht auf eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit könne diese
Therapie verlängert werden. Die Taggeldzahlungen würden zu 50% rückwirkend ab 1.
Dezember 2009 bis auf weiteres wieder aufgenommen. Der Anspruch auf eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Integritätsentschädigung werde nach Abschluss der Therapie geprüft (act. K87). Vom
29. November 2011 bis 24. April 2012 befand sich der Versicherte im Ambulatorium der
O._ Klinik in neuropsychologischer Behandlung (act. M33 f.). Die Helsana hatte dem
Versicherten mit Verfügung vom 29. Februar 2012 Taggelder basierend auf einer
Arbeitsunfähigkeit von 50% sowie Heilbehandlungsleistungen zugesprochen (act.
K103).
B.c Mit Schreiben vom 19. Juni 2012 zog die Helsana zur Klärung des Anspruchs des
Versicherten auf eine Integritätsentschädigung die Abteilung Versicherungsmedizin der
Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) bei (act. K119). Am 10. Juli 2012
erfolgte eine neurologische Beurteilung durch Dr. med. P._, Fachärztin für Neurologie
FMH und Psychiatrie, Suva, Versicherungsmedizin, Leiterin Kompetenzzentrum, Stv.
Chefärztin (act. K120).
B.d Am 8. August 2012 nahm Dr. med. Q._, Facharzt Innere Medizin, Facharzt
Vertrauensarzt SGV im Auftrag der Helsana zum Gutachten von Prof. Dr. N._
Stellung. Nicht jede Borreliose-Diagnose treffe zu, insbesondere nicht bei Patienten mit
chronischem Müdigkeitssyndrom oder fibromyalgischen Beschwerden. Dass solche
Beschwerden noch Monate bis Jahre nach adäquater Therapie einer Borreliose weiter
bestehen können sollten, sei zumindest als kausal eindeutige Borreliose-Folge sehr
umstritten. Klinische Verlaufsuntersuchungen und epidemiologische Studien würden
darauf hinweisen, dass die genannten unspezifischen Beschwerden nach einer Lyme-
Borreliose nicht häufiger auftreten würden als nach anderen Erkrankungen. Die Lyme-
Borreliose habe ausserdem, abgesehen von wenigen Ausnahmen, eine günstige
Prognose. Somit sei in der Regel von einer Koinzidenz und nicht von einer Kausalität
zwischen dem Nachweis Borrelien-spezifischer Antikörper und unspezifischer
klinischer Beschwerden auszugehen. Schliesslich würdigte Dr. Q._ das Gutachten
von Prof. Dr. N._ auch rein formell. Es entspreche weder den Format- noch den
Inhaltsvorgaben der Swiss Insurance Medicine (SIM) und weise verschiedene Mängel
auf. Es handle sich überwiegend um ein Aktengutachten, dass durch die Erhebung
einiger subjektiver Beschwerden ohne vollständige Wiedergabe des gerichteten
Untersuchungsgangs angereichert worden sei (act. M38).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.e Am 17. September 2012 unterbreitete die Helsana dem Rechtsvertreter des Ver
sicherten die neurologische Beurteilung von Dr. P._ sowie die Stellungnahme von Dr.
Q._. Die psychiatrische Beurteilung der Suva betreffend Integritätsentschädigung sei
noch ausstehend. Sie habe das Dossier Dr. Q._ aufgrund der Feststellung von Dr.
P._, dass zu keinem Zeitpunkt klinisch noch laborchemisch ein Anhaltspunkt für eine
Neuroborreliose bestanden habe, vorgelegt. Laut Dr. Q._ erfülle das Gutachten von
Prof. Dr. N._ die Schlüssigkeitsanforderungen nicht, weshalb sie nochmals ein
interdisziplinäres Gutachten (rheumatologisch, neurologisch und psychiatrisch)
durchführen werde. Die Helsana schlug drei Gutachter aus den verschiedenen
Fachrichtungen vor und hielt fest, es sei dem neurologischen Gutachter überlassen, ob
noch eine neuropsychologische Hilfsuntersuchung notwendig sei (act. K124).
B.f Mit Schreiben vom 4. Oktober 2012 reichte der Rechtsvertreter des Versicherten
der Helsana eine Stellungnahme von Dr. M._ vom 27. September 2012 zum
Gutachten von Prof. Dr N._ sowie zur Stellungnahme von Dr. Q._ ein (act. K128). Er
stellte sodann eine weitere, selbst in Auftrag gegebene Stellungnahme von Prof. Dr.
N._ zur Stellungnahme von Dr. Q._ in Aussicht (act. K128). Ebensolches hatte der
Rechtsvertreter des Versicherten der Helsana bereits am 27. September 2012 mitgeteilt
und vor Eingang der fraglichen Berichterstattung durch Prof. Dr. N._ eine weitere
Begutachtung des Versicherten als nicht in Frage kommend bezeichnet (act. K127).
B.g Mit Schreiben vom 9. Oktober 2012 räumte die Helsana dem Rechtsvertreter des
Versicherten unter Hinweis auf Art. Art. 43 Abs. 3 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil zum Sozialversicherungsrecht (ATSG; SR 830.1) eine Frist zur
Mitteilung ein, ob der Versicherte bereit sei, sich der vorgesehenen Untersuchung zu
unterziehen (act. K130). Dieser teilte darauf mit Schreiben vom 19. Oktober 2012 mit,
der Versicherte wolle die Stellungnahme von Prof. Dr N._ abwarten, bevor er sich
einer allfälligen neuen Begutachtung unterziehe (act. K132).
B.h Mit Verfügung vom 14. November 2012 stellte die Helsana ihre Leistungen per 30.
November 2012 infolge Verletzung der Auskunfts- und Mitwirkungspflicht des Ver
sicherten bei der Sachverhaltsabklärung gestützt auf die vorhandenen Akten, d.h. ohne
das Begutachtungsergebnis, ein (act. K133).
C.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.a Am 3. Dezember 2012 reichte der Rechtsvertreter des Versicherten gegen die
Verfügung vom 14. November 2012 Einsprache ein mit dem Antrag, die angefochtene
Verfügung sei aufzuheben und die UVG-Leistungen aus dem Ereignis vom 30.
September 2008 seien auch nach dem 30. September 2012 weiterhin auszurichten. Mit
der Einsprache legte der Rechtsvertreter sodann die nun vorliegende Stellungnahme
von Prof. Dr N._ vom 25. November 2012 zur Stellungnahme von Dr. Q._ ins Recht
(act. K136).
C.b Am 21. Mai 2013 nahm Dr. Q._ erneut im Auftrag der Helsana zum Schadenfall
bzw. zu den Stellungnahmen von Dr. M._ vom 27. September 2012 (act. K128) und
von Prof. Dr N._ vom 25. November 2012 (act. K136) Stellung (act. M39). Am 21. Juni
2013 beantwortete er einige Ergänzungsfragen (act. M40).
C.c Mit Verfügung vom 6. August 2013 (act. K138) stellte die Helsana fest, sie habe
aufgrund der Einsprache vom 3. Dezember 2012 (act. K136) die Akten erneut überprüft
als auch nochmals zwei Stellungnahmen ihres beratenden Arztes eingeholt. Demnach
ziehe sie die Verfügung vom 14. November 2012 (act. K133) gestützt auf Art. 53 Abs. 3
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG;
SR 830.1) in Wiedererwägung und verfüge neu, dass im Falle des Versicherten keine
Versicherungsleistungen zu entrichten seien. Der natürliche Kausalzusammenhang
zwischen der ab Oktober 2008 bestehenden Gesundheitsschädigung und den geltend
gemachten Zeckenbissen sei nicht überwiegend wahrscheinlich und die
leistungsbegründenden Voraussetzungen seien damit nicht erfüllt. Die Rückforderung
der bereits erbrachten Leistungen behielt sich die Helsana vor.
C.d Die gegen diese Verfügung am 28. August 2013 erhobene Einsprache - mit dem
Antrag, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Angelegenheit sei
gutachterlich umfassender abzuklären; dann sei erneut zu verfügen (act. K139) - wies
die Helsana mit
Einspracheentscheid vom 17. September 2013 ab (act. K140).
D.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
D.a Gegen diesen Einspracheentscheid erhob der Rechtsvertreter des Versicherten
am 3. Oktober 2013 Beschwerde mit dem Antrag, der angefochtene
Einspracheentscheid sei aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten,
dem Beschwerdeführer die Versicherungsleistungen ab dem 1. Dezember 2012
weiterhin zu gewähren. Eventualiter sei ein gerichtliches polydisziplinäres
medizinisches Gutachten anzuordnen und die Leistungen der Beschwerdegegnerin
seien dann auf dessen Grundlage festzusetzen, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge zulasten der Beschwerdegegnerin (act. G1).
D.b Mit Beschwerdeantwort vom 16. Oktober 2013 beantragte die
Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde (act. G3).
D.c Mit Schreiben vom 23. Oktober 2013 verzichtete der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers auf die Einreichung einer Replik (act. G5).
D.d Auf die weiteren Begründungen und Ausführungen in den einzelnen
Rechtsschriften bzw. medizinischen Akten wird, soweit erforderlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.
1.1 Am 15. April 2009 erfolgte bei der Beschwerdegegnerin die Unfallmeldung, der
Versicherte sei am 30. September und 8. Oktober 2008 auf der Jagd von Zecken
gebissen worden und es bestehe seit 25. Februar 2009 eine Arbeitsunfähigkeit (act.
K1). Laut Bericht des Schadeninspektors der Beschwerdegegnerin vom 12. Mai 2009
hatte er die Zeckenbisse jeweils sofort festgestellt und die Zecken selbst entfernt (act.
K5). Gestützt auf diese Unfallmeldung richtete die Beschwerdegegnerin in der Folge
Versicherungsleistungen - Taggeldleistungen basierend auf einer 50%-igen
Arbeitsunfähigkeit sowie Heilbehandlungsleistungen - aus (vgl. act. K7, K13 f., K25).
Mit Verfügung vom 16. November 2009 verneinte sie einen natürlichen
Kausalzusammenhang zwischen den geltend gemachten Beschwerden und den
Zeckenbissen vom 30. September und 8. Oktober 2008 und stellte ihre
Versicherungsleistungen per 30. November 2009 ein (act. K35). Am 4. Dezember 2009
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
reichte der Beschwerdeführer gegen diese Verfügung Einsprache ein (act. K45). Mit
Einspracheentscheid vom 26. April 2010 lehnte die Beschwerdegegnerin die
Einsprache ab. Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am 21. Mai 2010
Beschwerde mit dem Antrag, der angefochtene Einspracheentscheid sei aufzuheben
und die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, die Versicherungsleistungen gemäss
UVG auch ab dem 1. Dezember 2009 weiterhin zu gewähren. Eventuell sei die
Angelegenheit zur genaueren Abklärung durch ein interdisziplinäres medizinisches
Gutachten und zum neuen Entscheid an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen (act.
K75). Mit Entscheid vom 21. Februar 2011 hiess das Versicherungsgericht die
Beschwerde in dem Sinn teilweise gut, dass der Einspracheentscheid aufgehoben und
die Angelegenheit zur Durchführung ergänzender medizinischer Abklärungen im Sinn
der Erwägungen (polydisziplinäre Untersuchung durch eine unabhängige
Begutachtungsstelle) und zu neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin
zurückgewiesen wurde (act. K75). Dieser Entscheid erwuchs in Rechtskraft. Am 29.
Februar 2012 stellte die Helsana verfügungsweise fest, dass der Beschwerdeführer
aufgrund seines Unfalls vom 30. September 2008 ein Taggeld für die ihm ärztlich
attestierte Arbeitsunfähigkeit von 50% beziehe. Sie werde die Kosten der ihm
empfohlenen kognitiven Verhaltenstherapie übernehmen, diesbezüglich jedoch keine
zusätzliche Arbeitsausfallentschädigung ausrichten (act. K103). Diese Verfügung
erwuchs ebenfalls in Rechtskraft. Mit Sanktionsverfügung vom 14. November 2012 im
Sinne von Art. 43 Abs. 3 ATSG wegen Mitwirkungspflichtverletzung stellte die
Beschwerdegegnerin sodann ihre Leistungen per 30. November 2012 mit der
Begründung ein, der natürliche Kausalzusammenhang zwischen der vorliegenden
Gesundheitsschädigung und den Ereignissen vom 30. September und 8. Oktober 2008
sei nicht mehr überwiegend wahrscheinlich erstellt (act. K133). Nachdem der
Beschwerdeführer gegen diese Verfügung am 3. Dezember 2012 Einsprache
eingereicht hatte (act. K136), holte die Beschwerdegegnerin nochmals zwei
Stellungnahmen ihres beratenden Arztes ein (act. M39f.) und teilte dem
Beschwerdeführer am 6. August 2013 mit, demnach sei die angefochtene Verfügung
vom 14. November 2012 in Wiedererwägung zu ziehen. Neu sei davon auszugehen,
dass der natürliche Kausalzusammenhang zwischen der ab Oktober 2008 bestehenden
Gesundheitsschädigung und den geltend gemachten Zeckenbissen nicht überwiegend
wahrscheinlich sei. Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen seien auf unfallfremde
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Faktoren zurückzuführen. Die leistungsbegründenden Voraussetzungen seien somit
nicht erfüllt und es könnten daher keine Versicherungsleistungen entrichtet werden. Die
Rückforderung der bereits erbrachten Leistungen behalte sie sich vor (act. K138). Der
Beschwerdeführer erhob gegen diese Verfügung am 28. August 2013 Einsprache mit
dem Antrag, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Angelegenheit sei
gutachterlich umfassender abzuklären. Dann sei erneut zu verfügen (act. K139). Mit
Einspracheentscheid vom 17. September 2013 wies die Beschwerdegegnerin die
Einsprache ab. Sie wiederholte, dass ein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen
den ab Oktober 2008 geklagten Beschwerden und allfälligen im September/Oktober
2008 erlittenen Zeckenbissen nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit ausgewiesen sei. Insbesondere sei das Vorliegen
eines Post-Lyme-Syndroms nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegt (act. K140).
1.2 Ungeachtet von Art. 49 Abs. 1 ATSG, wonach der Versicherer über Leistungen,
Forderungen und Anordnungen, die erheblich sind oder mit denen die betroffene
Person nicht einverstanden ist, schriftlich verfügen muss, erliess die
Beschwerdegegnerin in Folge der am 15. April 2009 gemeldeten Zeckenbisse keine
eigentliche schriftliche Leistungszusprache. Dem Beschwerdeführer soll daraus jedoch
kein verfahrensrechtlicher Nachteil erwachsen. Wie im Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 21. Februar 2009 festgehalten (act. K75, Erwägung 1.1), ist
davon auszugehen, dass die Beschwerdegegnerin mit der tatsächlichen Ausrichtung
von Leistungen bzw. De-facto-Erledigung die Kausalität zu den anschliessend
aufgetretenen gesundheitlichen Störungen mit Arbeitsunfähigkeit anerkannt hat. Damit
verbunden war auch die Anerkennung eines Unfallereignisses. Auch einem De-facto-
Entscheid wird ab einem bestimmten Zeitpunkt Verbindlichkeit zugeschrieben werden,
d.h. er erwächst - wie im Anwendungsbereich von Art. 49 ATSG - in Rechtskraft. Der
Versicherungsträger kann nur innerhalb einer Frist von 30 Tagen ab Erlass des
formlosen Entscheids voraussetzungslos auf diesen zurückkommen; ist diese Frist
verstrichen, ist eine Änderung nur im Rahmen von Art. 53 ATSG zulässig (vgl. BGE 129
V 110 ff.; Bestätigung der Rechtsprechung in SVR 2004 ALV Nr. 1, C 7/02, E. 3.1,
Thomas C._, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 3. Aufl. Bern 2003, S. 433;
Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2009, Art. 53 N 28). Von
einer Rechtswirkung des ursprünglichen De-facto-Entscheids ging offensichtlich auch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Beschwerdegegnerin aus, nachdem sie am 16. November 2009 eine
Leistungseinstellung mangels natürlicher Kausalität verfügte (act. K35).
1.3 In Bezug auf den Anfechtungsgegenstand des vorliegenden
Beschwerdeverfahrens - den Einspracheentscheid vom 17. September 2013 (act.
K140) - und die diesem zugrunde liegende Wiedererwägungsverfügung vom 6. August
2013 (act. K138) ist sodann zu sagen, dass die Beschwerdegegnerin deren
Begründungen zufolge dem Beschwerdeführer neu von Grund auf, d.h. ab Oktober
2008, als bei ihm erste gesundheitliche Störungen auftraten, einen Leistungsanspruch
aberkennt bzw. die Kausalität zwischen den Zeckenbissen und den anschliessenden
gesundheitlichen Beschwerden ab Oktober 2008 verneint und sich entsprechend die
Rückforderung bisher gewährter Taggelder und Heilbehandlung vorbehält. Diese
Verneinung bildet nun zwar Teil der materiell-rechtlichen Begründung der
Wiedererwägungsverfügung bzw. des angefochtenen Einspracheentscheids. Doch
vermag sie das Verfahrensrecht bzw. die formellrechtliche Wirkung des rechtskräftigen
De-facto-Entscheids mit ursprünglicher Leistungszusprache bzw. Anerkennung der
Leistungsvoraussetzungen ab Oktober 2008 nicht aufzuheben. Der
Versicherungsträger kann auf formell rechtskräftige Verfügungen nur
wiedererwägungsweise zurückkommen, wenn die Voraussetzungen von Art. 53 Abs. 2
ATSG - zweifellose Unrichtigkeit des Entscheids und erhebliche Bedeutung der
Berichtigung - erfüllt sind. Die richterliche Überprüfung im vorliegenden
Beschwerdeverfahren beinhaltet mithin die materiell-rechtliche Frage, ob diese
Wiedererwägungsvoraussetzungen in Bezug auf den De-facto-Entscheid erfüllt sind.
Der Widerruf der (wegen Einsprache vom 3. Dezember 2012; act. K136) nicht
rechtskräftig gewordenen Verfügung vom 14. November 2012 (act. K133) ist entgegen
der von der Beschwerdegegnerin verwendeten Terminologie - demnach sei die
Verfügung vom 14. November 2012 in Wiedererwägung zu ziehen - grundsätzlich
voraussetzungslos möglich.
2
2.1 Konkret stellt sich die Frage, ob sich die Bejahung der natürlichen Kausalität
zwischen den Zeckenbissen vom September und Oktober 2008 sowie den in der Folge
vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden als zweifellos unrichtig erweist und die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Berichtigung des ursprünglichen De-facto-Entscheids von erheblicher Bedeutung ist
(Art. 53 Abs. 2 ATSG). Wird dies bejaht und konnte die Beschwerdegegnerin deshalb
auf ihre ursprüngliche Entscheidung zurückkommen, ist in einem zweiten Schritt unter
Berücksichtigung der massgebenden Umstände ein erneuter Entscheid zu fällen
(Kieser, a.a.O, Art. 53 N 43). Die Beschwerdegegnerin legt im angefochtenen
Einspracheentscheid (Erwägung 4) die rechtlichen Voraussetzungen der
Unfallkausalität zutreffend dar; darauf ist zu verweisen.
2.2 Weil die Kausalität zwischen Unfall und gesundheitlichen Beschwerden die
Grundvoraussetzung für eine Leistungspflicht des Unfallversicherers bildet, wäre für
den Fall, dass diese verneint werden müsste, die Wiedererwägungsvoraussetzung der
erheblichen Bedeutung der Berichtigung im vorliegenden Fall offensichtlich erfüllt.
Anders verhält es sich mit der Wiedererwägungsvoraussetzung der zweifellosen
Unrichtigkeit des fraglichen De-Facto-Entscheids. Wann von zweifelloser Unrichtigkeit
auszugehen ist, beurteilt sich nicht nach der Grobheit des Fehlers. Massgebend muss
vielmehr das Ausmass der Überzeugung sein, dass die bisherige Entscheidung
unrichtig war. Mit der Zweifellosigkeit wird dabei ein hoher Grad umschrieben. Es darf
kein vernünftiger Zweifel daran möglich sein, dass eine Unrichtigkeit vorliegt; es ist ein
einziger Schluss - eben derjenige auf eine Unrichtigkeit - möglich. Die Frage der
Unrichtigkeit beurteilt sich dabei nach der Sach- und Rechtslage, wie sie sich im
Zeitpunkt der rechtskräftigen Leistungszusprechung darbot. Erscheint die damalige
Beurteilung als vertretbar, scheidet die Annahme zweifelloser Unrichtigkeit aus (Kieser,
a.a.O., Art. 53 N 31; Rudolf Rüedi, Die Verfügungsanpassung als verfahrensrechtliche
Grundfigur namentlich von Invalidenrentenrevisionen, in: René Schaffhauser/Franz
Schlauri [Hrsg.], Die Revision von Dauerleistungen in der Sozialversicherung,
(Veröffentlichungen des Schweizerischen Instituts für Verwaltungskurse an der
Universität St. Gallen, Neue Reihe), St. Gallen 1999, S. 22 f.; BGE 125 V 389 f. E. 3 mit
Hinweisen, 117 V 17 E. 2c, 115 V 314 E. 4a/cc; ).
2.3 Das Sozialversicherungsverfahren ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach hat die Verwaltung (Art. 43 ATSG) und im Beschwerdeverfahren das Gericht
(vgl. Art. 61 lit. c ATSG) von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung
des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen. Dieser Grundsatz gilt indessen nicht
uneingeschränkt; er findet sein Korrelat in den Mitwirkungspflichten der Parteien (BGE
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
125 V 195 E. 2, 122 V 158 E. 1a, je mit Hinweisen; vgl. auch BGE 130 I 183 f. E. 3.2).
Der Untersuchungsgrundsatz schliesst die Beweislast im Sinn der Beweisführungslast
begriffsnotwendig aus. Im Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien die
Beweislast nur insofern, als im Fall der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten
jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten
wollte. Diese Beweisregeln greifen jedoch erst dann Platz, wenn die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht dem Untersuchungsgrundsatz nicht rechtsgenüglich
nachgekommen sind bzw. es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes aufgrund einer Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu
ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu
entsprechen (vgl. BGE 117 V 264 E. 3b mit Hinweisen; RKUV 1994 Nr. U 206 S. 326 E.
3b). Im vorliegenden Fall liegt die Beweislast bei der Beschwerdegegnerin. Sie leitet im
Wiedererwägungsverfahren aus dem Nachweis der zweifellosen Unrichtigkeit für sich
einen Vorteil ab, indem sie ihrem ursprünglichen De-facto-Entscheid, womit sie ihre
Leistungspflicht bejaht hatte, aufheben will.
3.
3.1 Nach der Rechtsprechung ist ein Zeckenbiss als Unfall zu qualifizieren und fällt
grundsätzlich in den Leistungsbereich des Unfallversicherers (BGE 122 V 230 = Pra 86
Nr. 82; A. Rumo-Jungo/A. Holzer, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 4. Aufl. Zürich/
Basel/Genf, S. 35 f.). Es bestehen keinerlei Gründe die Sachverhaltsdarstellung des
Beschwerdeführers in der Unfallmeldung vom 15. April 2009 (act. K1) und gegenüber
dem Schadeninspektor der Beschwerdegegnerin vom 12. Mai 2009 (act. K5) an sich in
Frage zu stellen. Die Beschwerdegegnerin spricht zwar im angefochtenen
Einspracheentscheid vom 17. September 2013 nur von "allfälligen" Zeckenbissen,
doch führt auch sie selbst nichts Konkretes dafür an, dass sich solche nicht ereignet
haben sollten.
3.2
3.2.1 Nachdem der Zeckenbiss - wie bereits erwähnt - sämtliche Merkmale des
Unfallbegriffs erfüllt, hat die obligatorische Unfallversicherung für die damit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verbundenen Infektionskrankheiten (Lyme-Krankheit bzw. Lyme-Borreliose,
Enzephalitis) und deren Folgen aufzukommen (vgl. BGE 122 V 230 = Pra 86 Nr. 82; A.
Rumo-Jungo/A. Holzer, a.a.O., S. 35 f.). Während die Zecke die Übertragerin der Lyme-
Borreliose ist, ist das Bakterium Borrelia burgdorferi deren Verursacher. Nur eine
Zecke, die den Lyme-Borreliose-Erreger Borrelia burgdorferi auf sich trägt, vermag
mithin natürlich kausal eine Lyme-Borreliose zu verursachen (vgl. dazu W. Zimmerli,
Infektiologie: Therapie der Lyme-Borreliose: Fakten ersetzen Mythen in: SMF 2004 Nr.
1/2, 16; Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch 2013, 264. Aufl. Berlin 2012, S. 1248 f.;
Roche Lexikon, Medizin, 5. Aufl. München 2003, S. 1144). Bei der Lyme-Borreliose
handelt es sich um eine Infektionskrankheit mit komplexem Krankheitsbild, das aus
unspezifischen Allgemein- und spezifischen Symptomen besteht, die aus dem Befall
der einzelnen Organe resultieren. Zu den wichtigsten Symptomen gehören Müdigkeit,
Unbehagen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Fieber, Gelenkschmerzen,
Muskelschmerzen, Heiserkeit, Übelkeit, Erbrechen, Bindehautentzündung,
Gewichtsverlust und Durchfall. Bekannt sind auch Beeinträchtigungen der Psyche wie
insbesondere depressive Verstimmungen. Als Folge kann ferner ein Chronic Fatigue
Syndrom auftreten, wobei für dessen Diagnose andere Krankheiten ausgeschlossen
sein müssen (vgl. Norbert Satz, Klinik der Lyme-Borreliose, 2. Aufl. Bern 2002, S. 95 ff.
und 190 ff.; vgl. auch Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1.
Januar 2007 sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 14. März 2005, U
282/04, E. 2.2). Gemäss den medizinischen Akten sowie der medizinischen Literatur
gibt es sodann verschiedene Formen und Stadien der Lyme-Borreliose (u.a.
Neuroborreliose, Post-Lyme-Syndrom, Lyme-Arthritis; aktiv bzw. florid [= Stadium II]
und chronisch [= Stadium III], http://www.rheuma-online.de/a-z/b/borreliose.html,
Abfrage vom 20. Februar 2014; Abklärung und Therapie der Lyme-Borreliose bei
Erwachsenen und Kindern, Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für
Infektiologie, Teil 3: Prävention, Schwangerschaft, Immundefizienz, Post-Lyme-
Syndrom, in: Schweizerische Ärztezeitung, 2005; 86: Nr. 43; Pschyrembel, a.a.O., S.
1248 f.). Während der erfolgte Kontakt mit dem Borreliose-Erreger mittels
serologischen Untersuchungen belegt werden kann, genügen diese für den Schluss auf
eine daraus entstandene Lyme-Borreliose nicht. Die Diagnose einer Lyme-Borreliose -
gleich welchen Stadiums - setzt ein entsprechendes klinisches Beschwerdebild und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den Ausschluss von Differentialdiagnosen voraus (Satz, a.a.O., S. 70; SVR 2008 UV Nr.
3 S. 12, E. 4.3).
3.2.2 Es ist unbestritten, dass beim Beschwerdeführer durch die positive IgG-
Borrelien-Serologie der Nachweis einer Borrelia burgdorferi (Erreger einer Borreliose)
erbracht werden konnte (act. M1, M4, M11). Daraus ist zu schliessen, dass er eine
Borrelien-Infektion durchmachte bzw. Kontakt mit dem Borreliose-Erreger Borrelia
burgdorferi gehabt hat, was wiederum auf einen Zeckenbiss als Überträger hinweist.
Die Ausführungen von Prof. Dr N._ in seinem Gutachten vom 13. September 2011
betreffend negativen IgM-Titer bzw. eines für das Leiden im Oktober 2008
möglicherweise verantwortlichen früheren Zeckenstichs vermögen den vorgenannten,
eigentlich unbestrittenen Sachverhalt nicht in Frage zu stellen. Der negative IgM-Titer
(act. M1, M6) wurde in den medizinischen Akten nie thematisiert und durfte
offensichtlich negativ sein (vgl. dazu SVR 2008 UV Nr. 3 S. 12, E. 4.5).
3.2.3 Anschliessend an die Zeckenbisse vom September und Oktober 2008 trat beim
Beschwerdeführer ein Beschwerdebild mit Symptomen wie Müdigkeit, Konzentrations-
und Aufmerksamkeitsstörungen, Gelenkschmerzen, muskuläre Beschwerden,
Schlafstörungen, Schwellungsgefühle in der rechten Hand auf (act. M4, M6). Ab
Februar 2009 zeigten sich bei ihm weitere Beschwerden, wie verminderte
Leistungsfähigkeit, muskuläre Schmerzen im Oberschenkel und in den Oberarmen,
eine belastungsabhängige und allgemeine Schwäche, Schmerzen, Dysästhesien und
ein Einschlafgefühl in der rechten Hand sowie wandernde Gelenkschmerzen in grossen
und kleinen Gelenken (act. M2, M4, K5). Das eben beschriebene Beschwerdebild kann
ohne weiteres im Rahmen einer Lyme-Borreliose gesehen werden.
3.2.4 In seinem Entscheid vom 21. Februar 2011 (UV 2010/41, E. 1.1, E. 3.2; act. K75)
ging das Versicherungsgericht vom Vorliegen eines Unfalls aus und prüfte die Frage,
ob beim Beschwerdeführer durch den Kontakt mit dem Borreliose-Erreger Borrelia
burgdorferi eine Lyme-Borreliose entstanden sei bzw. für seine Beschwerden ein
direkter Zusammenhang mit der Borrelien-Infektion bestehe. Es kam zum Schluss,
dass die verschiedenen durchgeführten Abklärungen im Resultat - insbesondere
hinsichtlich Vorliegen von Differentialdiagnosen (hauptsächlich Chronique Fatigue
Syndrom, larvierte Depression, Rheumafaktor-Positivität) - nicht zu einem gebührend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abgerundeten Bild führen würden und wies die Sache zu weiteren medizinischen
Abklärungen bzw. einer polydisziplinären Begutachtung durch eine unabhängige
Begutachtungsstelle an die Beschwerdegegnerin zurück. Aus dem fraglichen
Versicherungsgerichtsentscheid kann jedoch nicht gefolgert werden, dass die
ursprüngliche Kausalitätsbejahung zweifellos unrichtig gewesen ist. So ist nämlich zu
beachten, dass sich der fragliche Versicherungsgerichtsentscheid auf den
Einspracheentscheid vom 26. April 2010 (act. K52) bzw. die Einstellungsverfügung vom
16. November 2009 (act, K35) bezog. Geprüft wurde somit nicht die zweifellose
Unrichtigkeit der Leistungszusprache im Grundfall bzw. der Bejahung eines
überwiegend wahrscheinlichen leistungsbegründenden natürlichen
Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfall und den geltend gemachten
Beschwerden, sondern die anspruchsaufhebende Tatfrage des Dahinfallens jeder
kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens.
Gegenüber dem damaligen Beschwerdeverfahren vor Versicherungsgericht gilt es im
vorliegenden Beschwerdeverfahren die Frage zu prüfen, ob die ursprüngliche Annahme
des Vorliegens einer Lyme-Borreliose als zweifellos unrichtig zu qualifizieren ist.
3.3 Vor dem Hintergrund der dargelegten Sachlage, wie sie sich im Zeitpunkt der
rechtskräftigen De-facto-Leistungszusprache darbot - erlittener Zeckenbiss bzw.
Geschehen des bei einer Lyme-Borreliose konkret vorausgesetzten Unfallereignisses,
Borreliose Antikörpernachweis und damit aller Wahrscheinlichkeit nach erfolgter
Kontakt mit dem Borreliose-Erreger Borrelia burgdorferi sowie Vorliegen eines
typischen Beschwerdebilds für eine Lyme-Borreliose - erschien die Beurteilung der
Beschwerdegegnerin des Vorliegens eines natürlich kausalen Zusammenhangs
zwischen dem fraglichen Unfall sowie der nachfolgend beim Beschwerdeführer
aufgetretenen Erkrankung ohne weiteres vertretbar. Die Annahme zweifelloser
Unrichtigkeit scheidet damit aus. Eine allfällige spätere, infolge erweiterter
medizinischer Aktenlage bessere Einsicht, dass mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit nicht die Borrelieninfektion, sondern eine andere
(Differential-)Diagnose für die Beschwerden verantwortlich ist, vermag an dieser
Beurteilung nichts zu ändern bzw. erlaubt keine wiedererwägungsweise Aufhebung der
ursprünglichen Leistungszusprache.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass von einer zweifellosen Unrichtigkeit des
fraglichen De-facto-Entscheids nicht gesprochen werden kann, weshalb ein
Zurückkommen auf dem Wege der Wiedererwägung ausgeschlossen ist.
4.
4.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung des
Einspracheentscheids vom 17. September 2013 (act. K140) gutzuheissen.
4.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
4.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschwerde führende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung ist pauschal auf Fr.
4'000.--, einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer, festzulegen.
5
5.1 Nachdem das Versicherungsgericht mit Entscheid vom 21. Februar 2011 (act. K75)
die Einstellung der Leistungen per 30. November 2009 durch die Beschwerdegegnerin
nicht als richtig beurteilt bzw. das Dahinfallen der natürlichen Kausalität (noch) nicht als
rechtsgenüglich dargetan betrachtet hatte, teilte die Beschwerdegegnerin dem
Beschwerdeführer nach Vorliegen des Gutachtens von Prof. Dr. N._ vom 13.
September 2011 (act. M27) mit Schreiben vom 17. September 2012 mit, dass sie
nochmals eine interdisziplinäre Begutachtung durchführen werde. Ohne
Begutachtungsergebnis erliess die Beschwerdegegnerin jedoch am 14. November
2012 eine Sanktionsverfügung, worin sie ihre Leistungen per 30. November 2012
infolge Verletzung der Auskunfts- und Mitwirkungspflicht des Versicherten bei der
Sachverhaltsabklärung gestützt auf die vorhandenen Akten einstellte (act. K133).
Gegen diese Verfügung ist bei der Beschwerdegegnerin ein Einspracheverfahren
hängig (vgl. act. K136). Das Leistungseinstellungsverfahren wurde damit durch die
Beschwerdegegnerin noch nicht abgeschlossen und sie wird dieses nun fortführen
müssen.
5.2 Diesbezüglich ist darauf hinzuweisen, dass das Gutachten von Prof. Dr N._
vom 13. September 2011 (act. M27) als wesentliche Beurteilungsgrundlage den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Standpunkt beinhaltet, dass sich im konkreten Fall weitere fachspezifische
Untersuchungen (psychiatrisch, neuropsychologisch, rheumatologisch und
neurologisch) erübrigen würden. Der Gutachter schliesst damit das Vorliegen von
Differenzialdiagnosen mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit aus.
Fest steht jedoch, dass das Gutachten von Prof. Dr. N._ kein polydisziplinäres
Gutachten darstellt, obwohl ihm von der Beschwerdegegnerin der Auftrag für ein
solches erteilt worden ist (act. K83). Der Beschwerdeführer wurde sodann zwar durch
verschiedene Fachspezialistinnen und Fachspezialisten untersucht. Dies jedoch nur in
den Fachbereichen der Rheumatologie, Psychiatrie, Neuropsychologie und Innere
Medizin, nicht aber der Neurologie. Gerade auch dieser Fachbereich bildet jedoch mit
Blick auf die wichtigsten Differentialdiagnosen bei Status nach Lyme-Borreliose (vgl.
Abklärung und Therapie der Lyme-Borreliose bei Erwachsenen und Kindern,
Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Infektiologie, Teil 3: Prävention,
Schwangerschaft, Immundefizienz, Post-Lyme-Syndrom, in: Schweizerische
Ärztezeitung, 2005; 86: Nr. 43) eine bedeutende Rolle. Auch Dr. Q._ hält in seinen
Stellungnahmen vom 8. August 2012 (act. M38) sowie vom 21. Mai 2013 (act. M39) und
21. Juni 2013 (act. M40) fest, dass vorliegend eine infektiologische Neubetrachtung
nicht genüge, zumal es sich im konkreten Fall vorwiegend um ein neurologisches-
rheumatologisches Beschwerdebild handle, und im vorliegenden Fall eine
polydisziplinäre Begutachtung mit den Fachdisziplinen Neurologie, Neuropsychologie,
Rheumatologie und Psychiatrie indiziert sei. Wie gesagt, war schliesslich bereits im
Entscheid des Versicherungsgerichts vom 21. Februar 2011 (act. K75, Erwägung 6)
festgehalten worden, dass die verschiedenen durchgeführten Abklärungen im Resultat
- insbesondere hinsichtlich Vorliegen von Differentialdiagnosen - nicht zu einem
gebührend abgerundeten Bild führen würden. Die Beschwerdegegnerin wird das eben
Gesagte im Rahmen des Leistungseinstellungsverfahrens zu berücksichtigen haben.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht