Decision ID: e54128ca-152f-43cc-9632-1986d5c314f0
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Fredy Fässler, Oberer Graben 42, 9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 29. April 2002 erstmals zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an; er habe nach einem am 22. Juli 2001 erlittenen Herzinfarkt
nicht mehr arbeiten können (IV-act. 7). Das letzte Arbeitsverhältnis – der
Beschwerdeführer hatte seit dem 1. April 2001 als Maschinenführer bei der B._
gearbeitet – war von der Arbeitgeberin per 31. Januar 2002 gekündigt worden,
nachdem der Versicherte seit dem 22. Juli 2001 nicht mehr zur Arbeit erschienen war
(IV-act. 12).
A.b Der Hausarzt des Versicherten, Dr. med. C._ erstattete der IV-Stelle des
Kantons St. Gallen am 31. Mai 2002 erstmals Bericht. Als Diagnosen mit Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit wurden eine koronare Herzkrankheit mit Status nach akutem
anteriorem Myokardinfarkt am 22. Juli 2001, mechanischer Reanimation und Stent-
Einlage sowie eine deutlich verminderte linksventrikuläre Auswurffunktion genannt; der
Versicherte sei ab dem 22. Juli 2001 und bis auf weiteres voll arbeitsunfähig. Er sei seit
dem Herzinfarkt in seiner kardialen Leistungsfähigkeit deutlich eingeschränkt und
empfinde dies als schwere Invalidisierung. Er projiziere sämtliche Beschwerden und
Symptome sofort auf sein Herz. Es bestehe ein dringender Verdacht auf schwere
psychische Überlagerung (IV-act. 14). Dem Bericht lagen diverse weitere medizinische
Berichte bei, insbesondere folgende:
Der Fachbereich Kardiologie des Departements Innere Medizin des Kantonsspitals St.
Gallen hatte am 13. August 2001 über die Hospitalisation vom 22. bis 27. Juli 2001
berichtet. Der Versicherte sei am 21. Juli 2001 gegen Mitternacht wegen einer starken
Retrosternalgie ohne Ausstrahlungen in die Notfallaufnahme eingetreten, danach sei es
zu Kammerflimmern gekommen. Man habe ihn elektromechanisch reanimiert. Die
Situation sei im weiteren Verlauf elektrisch instabil gewesen mit intermittierendem
Vorhofflimmern und persistierend EKG-Veränderungen, welche mit einem akuten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
antero-septalen Myokardinfarkt vereinbar seien. Der Versicherte sei zur weiteren
Notfallbehandlung ans Universitätsspital Zürich überwiesen worden, wo eine perkutane
transluminale koronare Angioplastie und Stentimplantation bei proximaler Stenose des
Ramus interventricularis anterior durchgeführt wurde. Im weiteren Verlauf sei eine
problemlose Mobilisation ohne erneutes Auftreten von Präkordialgien möglich
gewesen. Der Versicherte habe einzig noch über Thoraxschmerzen nach
elektromechanischer Reanimation geklagt (IV-act. 14 – 11 ff.).
Seitens der Kardiologie des Kantonsspitals St. Gallen war am 11. September 2001
über einen erfreulichen postinterventionellen Verlauf ohne Hinweise auf neuerliche
Ischämie berichtet worden. Aus kardialer Sicht sei der Versicherte wieder arbeitsfähig,
vorerst solle er aber für einige Wochen nur zu 50 % arbeiten (IV-act. 14 – 7 f.).
Dr. med. D._, Facharzt FMH für Kardiologie, hatte am 22. Oktober 2001 über eine in
Anbetracht der Schwere des Ereignisses sehr erfreuliche Situation mit recht guter
Leistungsfähigkeit ohne Hinweise auf eine belastungsabhängige Ischämie berichtet;
der Versicherte sei aber verständlicherweise durch das Ereignis schwer traumatisiert.
Die Wiederaufnahme der Arbeit sei bisher gescheitert, im Sinne eines Arbeitsversuchs
sollten Einsätze von jeweils zwei Stunden mit dem Arbeitgeber vereinbart werden (IV-
act. 14 – 5 f.).
A.c Auf Anfrage der IV-Stelle hin berichtete Dr. med. D._ mit Schreiben vom
10. Dezember 2002 über den weiteren Verlauf. Er habe den Versicherten jeweils nur
konsiliarisch für Dr. med. C._ untersucht und ihn zuletzt am 1. Februar 2002
gesehen, weshalb er zur aktuellen Situation nur bedingt Stellung nehmen könne.
Gemäss Bericht des Kantonsspitals St. Gallen vom 30. Juli 2002 liege aus kardialer
Sicht eine volle Arbeitsfähigkeit vor, eine Wiederaufnahme der Arbeit sei aber
gescheitert, ebenso die stationäre Rehabilitation in E._ und die ambulante
Rehabilitation in F._. Die Gründe dafür seien nicht offensichtlich. Aus seiner Sicht
bestehe aber eine klar wichtige psycho-soziale Komponente, und bei Status nach
Reanimation müsse grundsätzlich sogar überlegt werden, ob neuropsychologische
Folgen vorhanden sein könnten. Rein statistisch sei schliesslich zu erwähnen, dass
mehr als ein Jahr nach dem Infarktereignis eine Reintegration in den Arbeitsprozess
äusserst unwahrscheinlich sei (IV-act. 19 – 8).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.d In der Folge beauftragte die IV-Stelle die ABI Ärztliche Begutachtungsinstitut
GmbH in Basel (nachfolgend: ABI GmbH) am 9. Januar 2003 mit der Erstellung eines
interdisziplinären Gutachtens (IV-act. 23). Im entsprechenden Gutachten vom 8. Januar
2004 wurde folgende Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gestellt: Koronare
Ein-Ast-Erkrankung mit/bei Status nach anteriorem Myokardinfarkt, perkutaner
transluminaler koronarer Angioplastie und Stent-Implantation bei proximaler Stenose
des Ramus interventricularis anterior im Juli 2001 sowie kardiovaskulären
Risikofaktoren. Unter Berücksichtigung der kardiologischen und psychiatrischen
Teilgutachten und im interdisziplinären Konsens sei von einer nur vorübergehenden
Arbeitsunfähigkeit von zwei, höchstens drei Monaten nach dem Herzinfarkt
auszugehen. Danach sei wieder volle Arbeitsfähigkeit in der angestammten sowie in
jeder anderen körperlich leichten bis mittelschweren Tätigkeit anzunehmen (IV-act. 35).
A.e Gestützt darauf verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 10. März 2004 den
Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung (IV-act. 39). Die Verfügung erwuchs
unangefochten in Rechtskraft (IV-act. 44).
B.
B.a Am 27. Juni 2007 meldete sich der Versicherte erneut zum Bezug von Leistungen
der Invalidenversicherung, namentlich einer Rente, an. Als Art der Behinderung gab er
den im Jahr 2001 erlittenen Herzinfarkt sowie – neu – Rückenprobleme an. Er dürfe nur
25 % arbeiten. Ergänzend führte er aus, er leide auch an psychischen Beschwerden
(IV-act. 45).
B.b Auf die entsprechende Aufforderung der IV-Stelle hin (IV-act. 47) reichte der
Versicherte einen Arztbericht von Dr. med. C._ ein, in welchem folgende Diagnosen
gestellt werden: Status nach fokalem klinischen epileptischen Anfall des linken Armes
mit residuellen Sensibilitätsstörungen (Mai 2005) bei nachgewiesenen multiplen
ischämischen subkortikalen Hirninfarkten ungeklärter Ätiologie, chronische
Kopfschmerzen vom Spannungstyp, chronische Gastritis mit Status nach Ulcus-
Krankheit, chronische Refluxbeschwerden unter Säureblock, offener unterer
Oesophagussphinkter und Antrumgastritis, Schmerzen bei bekannter koronarer
Herzkrankheit und Status nach mehreren Hämorrhoidaloperationen wegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hämorrhoiden (IV-act. 48 – 1). Dem Bericht lagen diverse medizinische Berichte bei,
insbesondere folgende:
Die Ärzte der Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen berichteten am
10. Oktober 2005 über die Hospitalisation vom 26. September bis 6. Oktober 2005. Die
Zuweisung sei zur Abklärung der multiplen ischämischen Hirninfarkte erfolgt, welche im
Rahmen der cranio-cerebralen Kernspintomographie vom 2. September 2005
diagnostiziert worden seien. Der Versicherte habe Gefühlsstörungen im linken Arm
sowie gelegentlich auftretende ähnliche Gefühlsstörungen in der linken Gesichtshälfte
und Kopfschmerzen beklagt. Die neurologische Untersuchung sei unauffällig
ausgefallen. Die cranio-cerebrale Kernspintomographie habe den bekannten
chronischen ischämischen Infarkt entlang des Sulcus postcentralis rechts-
hemisphärisch sowie rechts frontal im Bereich des Gyrus frontalis inferior zur
Darstellung gebracht; die übrigen ischämischen Infarkte linksseitig hätten nur noch
andeutungsweise nachgewiesen werden können. Das cranio-cerebrale MR-
Arteriogramm habe einen normalen Befund ergeben. Die Dopplersonographie, die
Doppler-Echokardiographien und das 24-Stunden-EKG hätten ebenfalls unauffällige
Befunde ergeben. In Betrachtung aller Befunde sei die Ätiologie der multiplen
ischämischen Hirninfarkte ungeklärt. Der Versicherte habe in gutem Allgemeinzustand
wieder nach Hause entlassen werden können, eine antiepileptische Therapie dränge
sich nach einmaligem epileptischen Anfall nicht auf (IV-act. 48 – 13 ff.).
Am 10. Mai 2006 berichtete die Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen
über eine Kurzhospitalisation vom 19. April 2006. Der Versicherte sei nach ambulanter
Beurteilung im Kantonsspital St. Gallen zur Durchführung einer ergänzenden
Lumbalpunktion sowie einer erneuten cranio-cerebralen Kernspintomographie zur
Verlaufskontrolle bei bekannten multiplen ischämischen subkortikalen Hirninfarkten
bislang ungeklärter Ätiologie vorübergehend stationär aufgenommen worden. Klinisch-
neurologisch habe sich der Versicherte im Vergleich zu den Voruntersuchungen vom
26. September 2005 und 3. März 2006 weiterhin unauffällig bei subjektiv
persistierenden Gefühlsstörungen im Bereich des linken Unterarms und fronto-
temporalen Kopfschmerzen links gezeigt. Es werde daher die Verdachtsdiagnose
chronischer Kopfschmerzen vom Spannungstyp gestellt (IV-act. 48 – 17 f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Klinik für Orthopädische Chirurgie des Kantonsspitals St. Gallen berichtete am
15. Juni 2006 über eine ambulante Untersuchung vom 13. Juni 2006 zur Besprechung
der Befunde der MRI-Untersuchung der LWS. Diese habe eine Diskusdegeneration
L4/5 mit flachbogiger nicht komprimierender Diskushernie, eine leichte
Spondylarthrose, einen kleinsten Facettengelenkserguss rechts, eine leichte
Osteochondrose L5/S1, eine median akzentuierte flachbogige Diskushernie der
dorsalen Zirkumferenz ohne Nervenwurzelkompression sowie eine Spondylarthrose
ergeben (IV-act. 48 – 7 f.). Am 22. Mai 2007 wurde weiter über eine ambulante
Untersuchung gleichen Datums zur Verlaufsbesprechung nach
Facettengelenksinfiltration L5/S1 vom 16. März 2007 berichtet. Die Infiltration sei
erfolglos gewesen, weshalb die vorliegenden Röntgendokumente nochmals gesichtet
worden seien. Eine Kompression neuraler Strukturen liege nicht vor. Angesichts der
Schmerzakzentuierung bei begonnener Infiltrationsdiagnostik erscheine eine allfällige
operative Intervention nicht indiziert (IV-act. 48 – 9 f.).
Die Kardiologische Praxis X._ berichtete am 6. Juni 2007 über eine Untersuchung
vom 4. Juni 2007. Der Versicherte sei im EKG-Arbeitsversuch altersentsprechend
normal belastbar gewesen ohne formale oder subjektive Hinweise für eine
Belastungsischämie. Inwiefern eine Somatisierungstendenz vorliege, sei schwer
beurteilbar. Der Versicherte wirke etwas depressiv (IV-act. 48 – 4 f.).
B.c Am 17. November 2007 erstattete die G._ einen Arbeitgeberbericht. Der
Versicherte arbeite seit dem 22. Mai 2006 für die G._. Er habe zunächst zu 50 %
gearbeitet, per 1. Mai 2007 aber das Pensum aus gesundheitlichen Gründen auf 25 %
reduziert (IV-act. 51).
B.d Am 30. November 2007 erstattete Dr. med. C._ einen weiteren Arztbericht. Die
Arbeitsunfähigkeit sei schwierig zu beurteilen, eine ausführliche Abklärung durch eine
MEDAS sei erforderlich. Der Versicherte habe intermittierend bei seinem Sohn in einem
Imbissrestaurant in Y._ gearbeitet, sei dort aber nie voll arbeitsfähig gewesen. Dabei
spiele sicher eine psychische Komponente eine wichtige Rolle. Der Versicherte befinde
sich neu auch in Behandlung bei Dr. med. H._, Facharzt FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie (IV-act. 52 – 1 ff.). Dem Bericht lagen wiederum diverse medizinische
Berichte bei, insbesondere jener des behandelnden Psychiaters vom 23. November
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2007. Darin wird eine Krankheitsphobie mit Panik diagnostiziert. Der Versicherte sei
bislang zweimal erschienen. Im zweiten Gespräch sei zuerst der Eindruck entstanden,
das Gespräch könne nach Besprechung der medikamentösen Behandlung sehr bald
abgeschlossen werden. Dann sei aber doch ein eigentliches Gespräch in Gang
gekommen, auch darüber, dass Gespräche hilfreich sein könnten bei einer Erkrankung
der „Nerven“, denen der Versicherte seine Brustschmerzen zuschreibe, und die er auch
rasch in Verbindung mit Angst gebracht habe (IV-act. 52 – 7 f.).
B.e Die IV-Stelle beauftragte in der Folge die ABI GmbH mit der Erstellung eines
Verlaufsgutachtens (IV-act. 56), welches am 5. November 2008 erstattet wurde und
eine psychiatrische, eine neurologische und eine interdisziplinäre Gesamtbeurteilung
enthält. Gegenüber dem Psychiater habe der Versicherte ausgeführt, er sei für sechs
Sitzungen bei einem Psychiater gewesen, habe die Behandlung aber nicht als hilfreich
erlebt. Er nehme keine Psychopharmaka ein. Wenn er nicht der Vater seines jetzigen
Arbeitgebers wäre, würde er wohl kaum beschäftigt. Das Leben am Existenzminimum
sei belastend, einen Lebensverleider oder Suizidgedanken habe er aber noch nie
gehabt. Es belaste ihn aber, dass der Kopf eigentlich arbeiten wolle, der Körper aber
nicht mitmache. Autofahren sei möglich, arbeiten hingegen praktisch nicht mehr. Der
begutachtende Psychiater hielt fest, aus seiner Sicht könne die Diagnose einer
anhaltenden somatoformen Schmerzstörung nicht gestellt werden, da es insbesondere
an einer ausgeprägten psychosozialen Belastungssituation fehle. Es handle sich um
eine Schmerzverarbeitungsstörung; der Versicherte habe vor sich und der Umgebung
mit seinen Schmerzen die Rechtfertigung dafür, keiner geregelten beruflichen Tätigkeit
nachgehen zu müssen. Psychiatrisch liege keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
vor. Der begutachtende Neurologe gab die Angaben des Versicherten wieder, wonach
das Gefühl im Bereich des linken Unterarms sowie die Kraft vermindert seien; im
Vordergrund stehe zudem eine ausgedehnte Schmerzsymptomatik mit Kopf-, Nacken-,
lumbalen Rücken- und Magenschmerzen. Ein Dolmetscher sei für die neurologische
Untersuchung nicht beigezogen worden. Nachdem nur ein einmaliger fokaler
epileptischer Anfall aufgetreten sei, der Versicherte adäquat gewirkt habe, kooperativ
und örtlich und zeitlich orientiert gewesen sei und angegeben habe, dass er Auto
fahren könne, sei eine wesentliche kognitive Beeinträchtigung unwahrscheinlich, so der
Gutachter. Aus neurologischer Sicht sei aufgrund der Sensibilitätsstörung im Bereich
der linken Hand die Durchführung von Feinstarbeiten mit der linken Hand
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beeinträchtigt; aufgrund des chronischen Lumbovertebralsyndroms sollten keine
schweren und mittelschweren Arbeiten mehr durchgeführt werden; bei Status nach
epileptischem Anfall sollten Arbeiten mit hohem Gefährdungspotential vermieden
werden; einfache körperliche Tätigkeiten sowie administrative Tätigkeiten in
wechselnder Position seien aber ganztags zumutbar. Gesamthaft diagnostizierten die
Gutachter mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit: Koronare Eingefässerkrankung (ICD-10
I25) mit/bei Status nach anteriorem Myokardinfarkt am 21. Juli 2001 (Status nach
elektromechanischer Reanimation bei Kammerflimmern), Status nach perkutaner
transluminaler koronarer Angioplastie und Stentimplantation bei proximaler Stenose
des Ramus interventricularis anterior im Juli 2001, konzentrisch linksventrikuläre
Hypertrophie bei normaler diastolischer und systolischer Funktion, Ejektionsfraktion
70 % und kardiovaskulären Risikofaktoren: arterielle Hypertonie, Hypercholesterinämie,
Status nach Nikotinabusus (20 pack years) und positiver Familienanamnese;
Zervikalsyndrom mit vorwiegend tendomyogen bedingten Nacken-/Schulterschmerzen
beidseits (ICD-10 M54.2); chronisches Lumbovertebralsyndrom, klinisch ohne Hinweise
für eine lumbale radikuläre Reiz- oder sensomotorische Ausfallsymptomatik (ICD-10
M54.5); residuelle Sensibilitätsstörungen im Bereich der linken distalen oberen
Extremität bei Status nach multiplen ischämischen subkortikalen Infarkten (ICD-10
I93.9) mit/bei Status nach einmaligem fokalen Anfall mit Beteiligung der linken oberen
Extremität am 28. Mai 2008 (ICD-10 G40.9). Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
wurden diagnostiziert: Schmerzverarbeitungsstörung (ICD-10 F54); chronische
Kopfschmerzen vom Spannungstyp (ICD-10 G44.2) mit/bei zusätzlich elektrisierenden
Kopfschmerzen linkstemporal unklarer Ätiologie (ICD-10 R51); chronische
Refluxgastritis (ICD-10 K29.6); Status nach mehreren Hämorrhoidaloperationen. Für
körperlich schwere und mittelschwere Tätigkeiten bestehe eine volle Arbeitsunfähigkeit.
Für körperlich leichte, adaptierte Tätigkeiten bestehe eine Arbeits- und
Leistungsfähigkeit von 100 %. (IV-act. 58).
B.f Mit Vorbescheid vom 26. Januar 2009 stellte die IV-Stelle gestützt darauf die
Abweisung des Leistungsbegehrens bei einem Invaliditätsgrad von 10 % in Aussicht
(IV-act. 62).
B.g Mit Schreiben vom 2. Februar 2009 teilte Dr. med. D._ von der Kardiologischen
Praxis X._ unter Hinweis auf seinen Bericht vom 9. Dezember 2008 mit, seines
Erachtens sei eine neuropsychologische Abklärung angezeigt (IV-act. 63 – 1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.h Mit Verfügung vom 6. März 2009 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab (IV-
act. 68).
C.
C.a Mit Beschwerde vom 8. April 2009 beantragte der Beschwerdeführer die
Aufhebung der Verfügung vom 6. März 2009 und die Zusprache einer Rente der
Invalidenversicherung, mindestens einer Viertelsrente (act. G 1).
C.b Wegen weiterer medizinischer Abklärungen wurde das Beschwerdeverfahren bis
Ende Oktober 2009 sistiert.
C.c Gemäss einem Bericht der Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen
vom 26. März 2009 über eine psychologische Untersuchung vom 25. März 2009 zeigte
sich der Beschwerdeführer im emotionalen und Persönlichkeitsbereich stabil,
insgesamt jedoch besorgt, niedergestimmt und etwas reduziert schwingungsfähig
wirkend. Aus neuropsychologischer Sicht hätten sich sodann mittelschwere kognitive
und emotionale Störungen gezeigt. Im Vordergrund stehe eine schwere
Antriebsstörung. Des Weiteren zeigten sich ein mittelschwer beeinträchtigtes verbales
Gedächtnis, mittelschwer bis schwer beeinträchtigte Aufmerksamkeitsfunktionen sowie
ebenfalls mittelschwer bis schwer beeinträchtigte visuokonstruktive Fähigkeiten. In
Teilbereichen der Exekutivfunktionen sowie in der Gestaltwahrnehmung habe der
Beschwerdeführer genügende Resultate erreicht. Im emotionalen und
Persönlichkeitsbereich hätten sich Hinweise auf ein klinisch relevantes depressives
Syndrom mit Angabe von Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit und Antriebsminderung
ergeben. Aufgrund der aktuellen und vorbestehenden Befunde sei eine Rückkehr in die
Erwerbstätigkeit unwahrscheinlich (IV-act. 73).
C.d Die Beschwerdegegnerin forderte am 18. Juni 2009 die ABI GmbH zur
Stellungnahme zum neuropsychologischen Bericht der Klinik für Neurologie des
Kantonsspitals St. Gallen auf (IV-act. 78). Die ABI GmbH antwortete am 2. Juli 2009,
sowohl in der neurologischen als auch in der psychiatrischen Untersuchung hätten sich
keine Hinweise für kognitive Einschränkungen gezeigt. In der psychiatrischen
Untersuchung hätten sich auch keine Hinweise für eine depressive Störung gezeigt. Es
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bleibe auch zu erwähnen, dass der Beschwerdeführer nicht in psychiatrischer
Behandlung stehe und keine Psychopharmaka einnehme. Besonders sei darauf
hinzuweisen, dass er sich in der Lage fühle, Auto zu fahren, was erfahrungsgemäss
hohe Aufmerksamkeit benötige. In psychologischen und neuropsychologischen Tests
würde die subjektive Befindlichkeit abgebildet. Der Bericht des Kantonsspitals
St. Gallen ändere deshalb gesamthaft nichts an der Beurteilung gemäss Gutachten –
dem Beschwerdeführer sei eine körperlich leichte, adaptierte Tätigkeit vollschichtig
zumutbar (IV-act. 79).
C.e Der IV-interne regionale ärztliche Dienst (RAD) erstattete am 21. August 2009 eine
interne Stellungnahme. Aus neurologisch-psychiatrischer Sicht sei festzuhalten, dass
die Ergebnisse neuropsychologischer Tests und psychologischer
Selbstbeurteilungsverfahren immer sorgfältig vor dem Hintergrund der Anamnese, der
Diagnose und des gesamten klinischen Zustandsbildes zu interpretieren seien.
Sämtliche Resultate der Einzeltests, insbesondere für die Bereiche
Aufmerksamkeitsfunktionen, Reaktionszeiten bzw. Tempoleistung, aber auch
Merkfähigkeit und Gedächtnisleistungen, könnten stark beeinflusst werden durch
Kooperation, Motivation und Anstrengungsbereitschaft des Probanden. Ein
Symptomvalidierungstest zur Erfassung allfälliger negativer Antwortverzerrungen bzw.
einer unzureichenden Leistungsmotivation sei anlässlich der Untersuchung am
25. März 2009 nicht durchgeführt worden. Die Gutachter der ABI GmbH hätten daher
auch gezielt auf den Umstand hingewiesen, dass in psychologischen und
neuropsychologischen Tests die subjektive Befindlichkeit abgebildet werde. Das
ausführliche und differenzierte Gutachten der ABI GmbH enthalte eine umfassende,
konsistente und plausibel begründete ganzheitliche Beschreibung des
Gesundheitszustands des Beschwerdeführers und der gesundheitsbedingten
Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit. Insgesamt könne die subjektive
Krankheitsüberzeugung des Beschwerdeführers weder aus neurologischer noch aus
psychiatrischer Sicht objektiviert werden. Die Gesamtbeurteilung der Gutachter im
multidisziplinären Konsens könne vollumfänglich übernommen werden (IV-act. 83).
C.f Am 9. Oktober 2009 nahm die Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen
Stellung zu den Äusserungen der ABI GmbH und des RAD. Der Beschwerdeführer sei
der Klinik für eine klinisch-psychologische Beurteilung zugewiesen worden. In diesem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rahmen würden keine Symptomvalidierungsverfahren durchgeführt. Hinweise auf
Aggravation oder Simulation hätten jedoch nicht bestanden. Die neuropsychologische
Beurteilung sei auch nicht subjektiv. Neben den Angaben des Patienten seien die
Befunde aus den neuropsychologischen Testverfahren und die Verhaltensbeobachtung
wichtige Bestandteile. Motivationale Faktoren spielten eine Rolle, die Interpretation der
Befunde geschehe letztlich jedoch immer vor dem Hintergrund der bekannten
Diagnosen, des Verlaufs der Krankheit und der Gesamtanamnese. Auch in
psychiatrischen und neurologischen Untersuchungen seien die subjektiven Angaben
von Patienten Bestandteil der Beurteilung. In der Stellungnahme der ABI GmbH vom
2. Juli 2009 werde aufgrund der subjektiven Angabe des Beschwerdeführers,
Autofahren sei möglich, der Schluss gezogen, es lägen keine wesentlichen kognitiven
Beeinträchtigungen vor. Ob es sich dabei um eine adäquate Selbsteinschätzung
handle, sei nicht weiter überprüft worden. Aufgrund der neuropsychologischen
Befunde sei die Fahreignung nicht gegeben. Eine praktische Überprüfung derselben sei
daher indiziert. Der Beschwerdeführer habe jedoch angegeben, kein Auto mehr zu
besitzen, weshalb im Bericht vom 26. März 2009 keine entsprechende Stellungnahme
abgegeben worden sei. Die klinisch-neuropsychologischen Befunde, welche auf ein
subkortikales Störungsmuster mit im Vordergrund stehenden Störungen des Antriebs
und der Aufmerksamkeit hinweisen würden, seien vereinbar mit einem klinischen Bild,
wie es sich nach multiplen ischämischen vor allem auch rechtshemisphärischen
kortiko-subkortikalen Hirninfarkten, Status nach epileptischem Anfall des linken Armes
und Status nach Reanimation bei Myokardinfarkt zeigen könne. Ein Vascular Cognitive
Impairment oder eine vaskuläre Demenz könnten nicht ausgeschlossen werden. Es sei
durchaus mit Schwankungen im Verlauf, im Laufe der Jahre auch mit
Verschlechterungen zu rechnen. Für die Beurteilung würden Beginn und Verlauf der
sensomotorischen, kognitiven und psychischen Einschränkungen sowie die Alltags-
und die berufliche Kompetenz entscheiden, welche durch die ABI GmbH und den RAD
theoretisch und praktisch abgeklärt werden müssten. Im Bericht vom 26. März 2009 sei
darauf hingewiesen worden, dass eine praktische berufliche Abklärung zur
Bestimmung der Arbeitsfähigkeit als notwendig angesehen werde. Bezüglich der
offensichtlich bestehenden Diskrepanzen sei eine interdisziplinäre Begutachtung
erforderlich (IV-act. 86).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.g Am 30. Oktober 2009 ergänzte der Beschwerdeführer seine
Beschwerdebegründung. An den mit Beschwerde vom 8. April 2009 gestellten
Anträgen hielt er vollumfänglich fest; zur Klärung des Sachverhalts forderte er eine
Abklärung bei einer MEDAS und/oder BEFAS (act. G 11).
C.h Am 17. Dezember 2009 erstattete die Beschwerdegegnerin ihre
Beschwerdeantwort, mit welcher sie die Abweisung der Beschwerde beantragte. Zur
Begründung wurde im Wesentlichen angeführt, das Gutachten der ABI GmbH vom
5. November 2008 stelle eine genügende Grundlage für den Leistungsentscheid dar
(act. G 14).
C.i In der Replik vom 25. Januar 2010 liess der Beschwerdeführer an den gestellten
Anträgen vollumfänglich festhalten (act. G 16).
C.j Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik.

Erwägungen:
1.
1.1 Mit der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin das
Leistungsgesuch des Beschwerdeführers abgelehnt. Der Beschwerdeführer beantragt
in diesem Verfahren namentlich eine Rente. Streitig ist daher zunächst ein
Rentenanspruch. Ergäbe sich allerdings, dass ohne Eingliederungsmassnahmen ein
solcher Anspruch in Frage steht, so gehörte zum Streitgegenstand notwendigerweise
auch die Frage, ob die Beschwerdegegnerin den Grundsatz „Eingliederung vor Rente“
beachtet und eine allfällige Pflicht des Beschwerdeführers zu Massnahmen korrekt in
Anspruch genommen habe.
1.2 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Erwerbsunfähigkeit ist der durch
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Der Grad der für einen allfälligen Rentenanspruch
massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16 ATSG durch einen
Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die versicherte Person
nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der notwendigen und
zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen
könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Einkommen,
das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen).
1.3 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung – und im
Beschwerdefall das Gericht – auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe der
ärztlichen Sachverständigen ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Das Gericht
hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und demnach zu prüfen, ob die
vorliegenden Beweismittel eine zuverlässige Beurteilung des strittigen
Leistungsanspruchs gestatten. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis
der Vorakten abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a). Was
die Fachrichtung der Neuropsychologie im Speziellen betrifft, so ist zu berücksichtigen,
dass es die Neuropsychologie nach derzeitigem Wissensstand nicht vermag,
selbständig die Beurteilung der Genese vorzunehmen. Nichtsdestotrotz können die
neuropsychologischen Untersuchungsergebnisse im Rahmen der gesamthaften
Beweiswürdigung bedeutsam sein. Das setzt aber voraus, dass der Neuropsychologe
im Einzelfall in der Lage ist, überprüf- und nachvollziehbare, mithin überzeugende
Aussagen zu machen; blosse Klagen über diffuse Beschwerden genügen nicht (BGE
119 V 341 E. 2b/bb).
1.4 Die Rechtsprechung hat es mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als
vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen. So werden
versicherungsexterne Gutachten, die durch anerkannte Spezialärzte aufgrund
eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten
erstattet werden und schlüssige Ergebnisse hinsichtlich der Erörterung der Befunde
enthalten, als voll beweiswertig qualifiziert, solange nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen. Was dagegen Parteigutachten anbelangt,
rechtfertigt der Umstand allein, dass eine ärztliche Stellungnahme von einer Partei
eingeholt und in das Verfahren eingebracht wird, nicht Zweifel an ihrem Beweiswert
(BGE 135 V 469 f. E. 4.4 mit Hinweisen; BGE 122 V 161 E. 1c mit Hinweisen).
2.
2.1 Gemäss Gutachten der ABI GmbH vom 5. November 2008 ist die Arbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers aus psychiatrischer Sicht nicht eingeschränkt. Aus
neurologischer Sicht ist die Arbeitsfähigkeit nur insofern beeinträchtigt, als aufgrund
der Sensibilitätsstörung im Bereich der linken Hand die Durchführung von
Feinstarbeiten mit dieser nur noch eingeschränkt möglich ist. Weiter sind aufgrund des
chronischen Lumbovertebralsyndroms schwere und mittelschwere Arbeiten nicht mehr
zumutbar. Bei Status nach epileptischem Anfall sollten zudem Arbeiten mit hohem
Gefährdungspotential vermieden werden. Wesentliche kognitive Einschränkungen
stellten die Gutachter nicht fest. Gesamthaft erachten die Gutachter der ABI GmbH den
Beschwerdeführer demnach als in angepassten Tätigkeiten, insbesondere einfachen
körperlichen Tätigkeiten sowie administrativen Tätigkeiten in wechselnder Position, voll
arbeitsfähig. Diese Schlüsse stützen sich auf eine allgemein-internistische, eine
neurologische und eine psychiatrische Untersuchung und wurden in Kenntnis der
relevanten Vorakten und Auseinandersetzung mit denselben abgegeben. Widersprüche
zu den Berichten, welche den Gutachtern vorlagen, sind nicht ersichtlich.
2.2 Nach Eröffnung der angefochtenen Verfügung vom 6. März 2009 erstattete die
Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen am 26. März 2009 einen
neuropsychologischen Bericht, gemäss welchem der Beschwerdeführer unter
mittelschweren kognitiven und emotionalen Störungen leidet, insbesondere unter einer
schweren Antriebsstörung. Die Untersuchenden stellten weiter mittelschwere
Beeinträchtigungen des verbalen Gedächtnisses, mittelschwere bis schwere
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeitsfunktionen sowie ebenfalls mittelschwere bis
schwere Beeinträchtigungen der visuokonstruktiven Fähigkeiten fest. Im emotionalen
und Persönlichkeitsbereich wurden Hinweise auf ein klinisch relevantes depressives
Syndrom festgestellt.
2.3 Der Bericht des Kantonsspitals St. Gallen vom 26. März 2009 wurde den
Gutachtern der ABI GmbH zur Stellungnahme vorgelegt. Diese führten in ihrer
Stellungnahme vom 2. Juli 2009 aus, eine neuropsychologische Untersuchung wäre
nicht notwendig gewesen, nachdem der Beschwerdeführer in der neurologischen
Teilbegutachtung adäquat gewirkt habe, kooperativ und örtlich und zeitlich orientiert
gewesen sei und angegeben habe, dass er Auto fahren könne, weshalb
unwahrscheinlich sei, dass wesentliche kognitive Beeinträchtigungen vorlägen. Der
RAD schloss sich dieser Auffassung mit interner Stellungnahme vom 21. August 2009
an. Insbesondere mangels Durchführung von Symptomvalidierungstests vermöge der
Bericht des Kantonsspitals St. Gallen vom 26. März 2009 keine Zweifel am Gutachten
der ABI GmbH vom 5. November 2008 aufkommen zu lassen.
2.4 Ergänzend führten die Untersuchenden der Klinik für Neurologie des
Kantonsspitals St. Gallen in ihrer Stellungnahme vom 9. Oktober 2009 aus, die
Schlüsse im Bericht vom 26. März 2009 seien vor dem Hintergrund der bekannten
Diagnosen, des Verlaufs der Krankheit und der Gesamtanamnese gezogen worden. Die
klinisch-neuropsychologischen Befunde, welche auf ein subkortikales Störungsmuster
mit im Vordergrund stehenden Störungen des Antriebs und der Aufmerksamkeit
hinweisen würden, seien vereinbar mit einem klinischen Bild, wie es sich nach multiplen
ischämischen vor allem auch rechtshemisphärischen kortiko-subkortikalen
Hirninfarkten, Status nach epileptischem Anfall des linken Armes und Status nach
Reanimation bei Myokardinfarkt zeigen könne. Ein Vascular Cognitive Impairment oder
eine vaskuläre Demenz könnten nicht ausgeschlossen werden. Aufgrund der Befunde
sei die Fahreignung nicht gegeben. Eine praktische Überprüfung der Fahreignung sei
indiziert. Zur Arbeitsfähigkeit nahmen die Untersuchenden nicht Stellung. Schliesslich
wiesen die Untersuchenden darauf hin, sie seien nicht mit der Erstellung eines
Gutachtens beauftragt worden, weshalb sie keine Symptomvalidierungstests
durchgeführt hätten. Hinweise auf Aggravation oder Simulation hätten aber nicht
bestanden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
3.1 Zunächst ist in zeitlicher Hinsicht zu prüfen, ob der Bericht des Kantonsspitals
St. Gallen vom 26. März 2009 überhaupt im vorliegenden Verfahren Berücksichtigung
finden kann. Der Bericht ist nämlich erst nach Eröffnung der Verfügung erstellt worden
und fällt daher nicht in den für die Beurteilung der Beschwerde massgebenden
Zeitraum, weshalb er grundsätzlich nicht zu berücksichtigen wäre (BGE 130 V 140
E. 2.1 mit Hinweisen). Allerdings werden die kognitiven Beeinträchtigungen nicht als
nach dem Verfügungszeitpunkt neu aufgetreten qualifiziert. Es bestehen auch keine
Anhaltspunkte dafür, dass diese Beeinträchtigungen erst nach Eröffnung der Verfügung
aufgetreten wären – im Gegenteil. So hat insbesondere bereits Dr. med. D._ in
seinem Bericht vom 9. Dezember 2008 und damit vor Erlass der Verfügung darauf
hingewiesen, dass bei Status nach Reanimation und gleichzeitig auch mehreren
dokumentierten Hirninfarkten relevante neuropsychologische Einschränkungen
gegeben sein könnten, weshalb entsprechende Abklärungen angezeigt seien. Der
Bericht des Kantonsspitals St. Gallen vom 26. März 2009 ist angesichts dieser
Tatsachen grundsätzlich geeignet, die Beurteilung im Zeitpunkt des
Verfügungserlasses zu beeinflussen, weshalb er im Rahmen dieses Verfahrens zu
berücksichtigen ist (vgl. den Entscheid 9C_24/2008 des Bundesgerichts vom 27. Mai
2008, E. 2.3.1 mit zahlreichen Hinweisen).
3.2 Allerdings ist zu beachten, dass es sich beim Bericht des Kantonsspitals
St. Gallen vom 26. März 2009 um einen neuropsychologischen Bericht handelt, dem
nicht ohne Weiteres dasselbe Gewicht wie einem Arztbericht zukommt. Es ist deshalb
zu prüfen, ob der Bericht inhaltlich für das vorliegende Verfahren Bedeutung hat.
Diesbezüglich ist entscheidend, dass die Aussagen des Berichts nicht nur unter
Berücksichtigung der Testergebnisse, sondern auch in Würdigung der bekannten
Diagnosen, des Verlaufs und der Gesamtanamnese gemacht wurden. Die
Untersuchenden setzten sich zudem in ihrer ergänzenden Stellungnahme vom
9. Oktober 2009 nochmals detailliert mit der Anamnese auseinander und zeigten auf,
dass die Ergebnisse der neuropsychologischen Abklärung mit dieser in Einklang
stehen. Im Sinn der oben angeführten höchstrichterlichen Rechtsprechung ist dem
Bericht deshalb im Rahmen der gesamthaften Beweiswürdigung insofern Bedeutung
zuzumessen, als gestützt darauf zumindest Anhaltspunkte für relevante kognitive
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers bestehen, die sich auf die Arbeitsfähigkeit
auswirken können. Der Bericht ist mithin geeignet, Zweifel an der
Arbeitsfähigkeitsschätzung gemäss Gutachten der ABI GmbH aufkommen zu lassen.
3.3 Diese Zweifel konnten weder die Gutachter der ABI GmbH noch der RAD mit
ihren ergänzenden Stellungnahmen ausräumen. Die angebliche subjektive Angabe des
Beschwerdeführers anlässlich der neurologischen Begutachtung, er fühle sich noch in
der Lage, Auto zu fahren, ist für sich allein nicht geeignet, relevante kognitive
Beeinträchtigungen als unwahrscheinlich erscheinen zu lassen, zumal der
Beschwerdeführer nicht mit dem eigenen Auto zur Begutachtung in Basel anreiste,
sondern sich von einem Kollegen chauffieren liess, und er zudem unterdessen offenbar
kein Auto mehr hat (act. G 11.1.1). Diesbezüglich ist auch darauf hinzuweisen, dass die
Fahreignung bislang noch nicht objektiv geprüft wurde, die Ärzte der Klinik für
Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen diese aber aufgrund ihrer eigenen
Untersuchungen verneinten (IV-act. 86). Wie oben bereits dargelegt, kann auch nicht
ohne Weiteres angenommen werden, im Bericht des Kantonsspitals St. Gallen vom
26. März 2009 sei lediglich die subjektive Befindlichkeit des Beschwerdeführers
abgebildet worden.
4.
4.1 Vor diesem Hintergrund kann aufgrund der Akten nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit festgestellt werden, welche Tätigkeiten dem Beschwerdeführer in
welchem Umfang aus medizinisch-theoretischer Sicht noch zumutbar sind. Es fehlt
mithin an der erforderlichen Grundlage für einen sozialversicherungsrechtlichen
Leistungsentscheid, weshalb sich in Nachachtung des Untersuchungsgrundsatzes eine
weitere Begutachtung aufdrängt.
4.2 Da gemäss oben angeführter bundesgerichtlicher Rechtsprechung eine isolierte
neuropsychologische Beurteilung keine genügende Grundlage für die Leistungsprüfung
bilden kann und die letzte Begutachtung nun bereits gut zwei Jahre zurückliegt, scheint
ein interdisziplinäres Gutachten, das jedenfalls die neuropsychologischen Aspekte
mitberücksichtigt, angezeigt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.3 Da die Gutachter der ABI GmbH nach Kenntnisnahme des Berichts des
Kantonsspitals St. Gallen vom 26. März 2009 bereits die Notwendigkeit einer
neuropsychologischen Begutachtung verneint haben, ohne sich dabei auf objektive
Befunde abzustützen, erscheinen sie voreingenommen. Der Auftrag zur Begutachtung
ist deshalb nicht wiederum der ABI GmbH, sondern vielmehr einer anderen
medizinischen Begutachtungsstelle zu erteilen.
5.
Da die angefochtene Verfügung auf einer in Verletzung der Untersuchungspflicht nicht
mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit ermittelten
Sachverhaltsgrundlage beruht, ist sie als rechtswidrig aufzuheben und die Sache ist zur
weiteren Abklärung und zur anschliessenden neuen Verfügung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Dieser Verfahrensausgang ist praxisgemäss in
Bezug auf den Anspruch auf eine Parteientschädigung als vollumfängliches Obsiegen
zu werten, womit der Beschwerdeführer Anspruch auf eine ungekürzte
Parteientschädigung hat. Diese bemisst sich nach der Bedeutung der Streitsache und
nach der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 61 lit. g ATSG). Unter Berücksichtigung
dieser Kriterien erscheint eine pauschale Parteientschädigung von Fr. 3’500.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen. Die vollumfänglich
unterliegende Beschwerdegegnerin trägt die Gerichtskosten. Diese bemessen sich
nach dem Verfahrensaufwand (Art. 69 Abs. 1 IVG). Da es sich um einen
durchschnittlichen Aufwand handelt, erscheint praxisgemäss eine Gerichtsgebühr von
Fr. 600.-- als angemessen. Der Kostenvorschuss in gleicher Höhe wird dem
Beschwerdeführer zurückerstattet.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP