Decision ID: 195d157b-a9e8-401a-9aae-e6776710bddf
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1973,
erhielt im Zusammenhang mit den
Geburtsge
brechen
Ziff.
387 und
390 gemäss Anhang
der
Verordnung
über
Geburtsgebre
chen (
GgV
-Anhang)
Leistungen der Invalidenversicherung
(vgl.
Urk.
5/62).
Die Mutter der Versicherten
beantragte
im
Dezember 2017
bei der Sozialversi
cherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
die Übernahme von Unterschen
kel-Orthesen (linke und rechte Seite) als Hi
lfsmittel (
Urk.
5/269
S. 1
).
Die
IV-Stelle
holte einen
Arztbericht und eine
f
achtechnische Beurteilung
des
Y._
(
Urk.
5/270/3-4,
Urk.
5/27
2
) ein. Am 3
0.
Januar 2018 (
Urk.
5/273) erliess sie den Vorbescheid. Die
Swica
Krankenversicherung AG (nachfolgend:
Swica
) brachte als Krankenversicherer dagegen Einwände (
Urk.
5/278) vor.
Am 2
5.
Juni 2018 (
Urk.
5/287)
erfolgte eine weitere Stellung
nahme des
Y._
.
Mit Verfügung vom 2
6.
Juni 2018 (
Urk.
5/288 =
Urk.
2
/1
) lehnte die IV-Stelle eine Kostengutsprache für Unterschenkel-Orthesen ab.
2.
Die
Swica
erhob am
2
0.
Juli 2018 Beschwerde gegen die Verfügung vom 2
6.
Juni 2018 (
Urk.
2
/1
) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei die IV-Stelle zu verpflichten, die Unterschenkel-Orthesen als Hilfsmittel zu übernehmen und der
Swica
die dafür erbrachten Vorleistungen zurückzuerstatten (
Urk.
1 S. 2
Ziff.
1 oben).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 1
2.
September 2018 (
Urk.
4) die Abweisung der Beschwerde. Dies wurde der Beschwerdeführerin mit Verfü
gung vom 1
9.
September 2018 zur Kenntnis gebracht (
Urk.
6).
Mit Verfügung vom 1
1.
April 2019 ersuchte das Gericht
Dr.
med. Z._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsappara
tes,
A._
,
um eine Stellungnahme
(
Urk.
7 Dispositiv
Ziff.
1).
Dr.
Z._
nahm
am
2
4.
April 2019 (
Urk.
10)
zu den Schreiben
des
Y._
Stellung.
Am
6.
Mai 2019 (
Urk.
12) informierte die Beschwerdegegnerin das hiesige Ge
richt,
dass die Versicherte am
1
1.
April 2019 verstorben ist.
Die Einzelrichterin

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Da der Streitwert
Fr.
20’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der
Beschwerde
in die einzelrichterliche Zuständigkeit (
§
11
Abs.
1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht).
1.2
Gemäss
Art.
21
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (
IVG
)
hat die versicherte Person im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste An
spruch auf jene Hilfsmittel, deren sie für die Ausübung der Erwerbstätigkeit oder der Tätigkeit im Aufgabenbereich, zur Erhaltung oder Verbesserung der Erwerbs
fähigkeit, für die Schulung, die Aus- und Weiterbildung oder zum Zwecke der funktionellen Angewöhnung bedarf (Abs. 1). Versicherte, die infolge ihrer Inva
lidität für die Fortbewegung, für die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbstsorge kostspieliger Geräte bedürfen, haben im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste ohne Rücksicht auf die Erwerbsfähigkeit Anspruch auf solche Hilfsmittel (Abs. 2). Die Versicherung gibt die Hilfsmittel zu Eigentum oder leihweise in einfacher und zweckmässiger Ausführung ab. Ersetzt ein Hilfsmittel Gegenstände, die der Versicherte auch ohne Invalidität anschaffen müsste, so hat er sich an den Kosten zu beteiligen (Abs. 3). Der Bundesrat kann vorsehen, dass der Versicherte ein leihweise abgegebenes Hilfsmittel nach Weg
fall der Anspruchsvoraussetzungen
weiter verwenden
darf (Abs. 4).
Die Befugnis zur Aufstellung der Hilfsmittelliste und zum Erlass ergänzender Vor
schriften im Sinne von
Art.
21
Abs.
4 IVG hat der Bundesrat in
Art.
14
der Ver
ordnung über die Invalidenversicherung (
IVV
)
an das Eidgenössische Departe
ment des Innern übertragen, welches die Verordnung über die Abgabe von Hilfs
mitteln durch die Invalidenversicherung (HVI) mit anhangsweise aufgeführter Hilfsmittelliste erlassen hat. Laut
Art.
2 HVI besteht im Rahmen der im Anhang aufgeführten Liste Anspruch auf Hilfsmittel, soweit diese für die Fortbewegung, die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbstsorge notwendig sind (
Abs.
1). Anspruch auf die in dieser Liste mit * bezeichneten Hilfsmittel be
steht nur, soweit diese für die Ausübung einer Erwerbstätigkeit oder die Tätigkeit im Aufgabenbereich, für die Schulung, die Ausbildung, die funktionelle Ange
wöhnung oder für die in der zutreffenden Ziffer des Anhangs ausdrücklich ge
nannte Tätigkeit notwendig sind (
Abs.
2; BGE 122 V 212 E. 2a).
1.3
Nach dem Kreisschreiben über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invaliden
versicherung (KHMI, Stand:
1.
Januar 2019) hat eine steh- beziehungsweise geh
unfähige versicherte Person nur dann Anspruch auf eine Orthese, wenn diese einen gesetzliche geschützten Zweck (Selbstsorge, unselbständige Fortbewegung, Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt) erfüllt (KHMI
Ziff.
2.01 HVI
Rz
1/17).
1.4
Bei einem Kreisschreiben handelt es sich um eine von der Aufsichtsbehörde für richtig befundene Auslegung von Gesetz und Verordnung. Die Weisung ist ihrer Natur nach keine Rechtsnorm, sondern eine im Interesse der gleichmässigen Ge
setzesanwendung abgegebene Meinungsäusserung der sachlich zuständigen Auf
sichtsbehörde. Solche Verwaltungsweisungen sind wohl für die Durchführungs
organe, nicht aber für die Gerichtsinstanzen verbindlich (BGE 118 V 206 E. 4c, vgl. auch 123 II 16 E. 7, 119 V 255 E. 3a mit Hinweisen). Das Gericht soll sie bei seiner Entscheidung mitberücksichtigen, sofern sie eine dem Einzelfall angepasste und gerecht werdende Auslegung der anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen zulassen. Es weicht anderseits insoweit von den Weisungen ab, als sie mit den anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen nicht vereinbar sind (BGE 123 V 70 E. 4a mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin verneinte, dass es sich
bezüglich der
Unterschenkel-Or
thesen um ein Hilfsmittel
handle. Sie stellte fest, die Versicherte trage seit Jahren Unterschenkel-Orthesen.
Mittlerweile
sei sie nicht mehr
gehfähig
. Die Orthesen würden nur noch währen
d
der Physiotherapie u
nd bei Aufenthalten im
Stehbett
verwendet. Es handle sich um ein Behandlungsgerät und nicht mehr um ein Hilfs
mittel. Da die Versicherte das 2
0.
Altersjahr überschritten habe, bestehe kein An
recht auf ein Behandlungsgerät
(
Urk.
2
/1
S. 2 oben).
Das Hauptziel der beantragten Versorgung sei es, den Fuss zu korrigieren und Kontrakturen entgegenzuwirken. Gemäss
KHMI
Ziff.
2.1
HVI
Rz
1/17
bestehe nur dann Anspruch auf eine Orthese, wenn diese einen gesetzlich geschützten Zweck erfülle
.
Dabei handle es
um die Selbstsorge, die selbständige Fortbewegung und die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt
(
Urk.
2/1
S. 2 Mitte).
Mit den strei
tigen Orthesen werde weder eine eigentliche Selbstsorge
, noch eine selbständige Fortbewegung, noch die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt direkt ge
währleistet (
Urk.
4 S. 1 unten).
2.2
Die Beschwerdeführerin brachte vor,
ob es sich bei den Orthesen um ein Hilfs
mittel oder
ein Behandlungsgerät handle
,
sei eine medizinische Frage. Diese sei von
Dr.
Z._
ausdrücklich beantwortet worden. Gemäss
Dr.
Z._
würden die Or
thesen für verschiedene Transfers sowie für das Stehen benötigt. Dabei handle es sich um Funktionen und nicht um medizinische Behandlungen (
Urk.
1 S. 4
Ziff.
3).
2.3
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin
die Kosten der
Unterschen
kel-Orthesen als Hilfsmittel zu übernehmen hat.
3.
3.1
Die Versicherte erhielt aufgrund der
Geburtsgebrechen
Ziff.
387 und 390
GgV
-Anhang
Leistungen der Invalidenversicherung.
Nebst den Geburtsgebrechen
wur
de
n
eine symptomatische Epilepsie mit generalisierten Anfällen nach prä-/peri
nataler Hirnschädigung mit schwerster Intelligenzminderung und
Tet
a
rparese
diagnosti
ziert (
Urk.
5/153 S. 1
lit
. A).
3.2
Dr.
Z._
antwortete
im
Bericht vom 2
0.
Dezember 2017 (
Urk.
5/270/3-4) auf die Fragen der Beschwerdegegnerin. Er stellte folgende Diagnosen (S. 1):
-
Knick-Senkfüsse beidseits bei rechtsbetonter
Tetraparese
-
symptomatische Epilepsie mit fokal tonischen und sekundär generalisiert tonisch klonischen Anfällen unklarer Ätiologie
-
rechtsbetonte spastische
Tetraparese
-
schwerste Intelligenzminderung
-
neurogene rechtskonvexe Skoliose
-
mechanische
Onychodystrophie
und
Onycholyse
bei Spastik der Hände
Die Beschwerdegegnerin stellte
dem behandelnden Arzt die
Frage, ob es sich bei den Unterschenkel-Orthesen (linke und rechte Seite) um ein Behandlungsgerät oder ein Hilfsmittel handle.
Dr.
Z._
antwortete, es handle sich um ein Hilfsmittel. Die Patientin sei noch steh- und transferfähig und benötige die Orthese für diesen Zweck. Das Hilfsmittel müsse voraussichtlich lebenslang, mindestens aber ein Jahr getragen werden (S. 1 unten).
Die bestehenden Orthesen seien aufgebraucht, funktionierten aber gut. Diese wür
den zum Stehen und für den Transfer benötigt (S. 1
Ziff.
2.2). Die Patientin sei weiterhin auf Unterschenkel-Orthesen beidseits ohne Gelenke angewiesen für Transfers und zum Stehen. Eine neue Versorgung, möglichst in gleicher Bauweise, sei indiziert (S. 2
Ziff.
2.4).
3.3
B._
, Orthopädietechniker,
Fachtechnische Beurteilung,
Y._
, nahm am 2
9.
Januar 2018 (
Urk.
5/272) zuhanden der Be
schwerdegegnerin Stellung. Er führte aus, die Versicherte trage seit Jahren Un
terschenkel-Orthesen. Mittlerweile sei sie nicht mehr
gehfäig
und die Orthesen würden nur noch während der Physiotherapie und
bei
Aufenthalten im
Stehbett
verwendet. Es handle sich um ein Behandlungsgerät und nicht mehr um ein Hilfs
mittel.
3.4
C._
, Orthopädist,
Y._
, führte im Schreiben vom 2
5.
Juni 2018 (
Urk.
5/287) aus, Hauptziel der beantragten Versorgung sei es
,
den Fuss zu korrigieren und Kontrakturen entgegenzuwirken. Die Versicherte sei weder geh- noch stehfähig.
Nach dem Kreisschreiben KHMI
Ziff.
2.01 HVI
Rz
1/17 bestehe kein Anspruch auf Kostenübernahme.
3.5
Dr.
Z._
nahm am 2
4.
April 2019 (
Urk.
10) Stellung
zu den Schreiben des
Y._
. Er führte aus, er habe die Versicherte letztmals am 2
0.
No
vember 2017 konsiliarisch untersucht und beurteilt. Damals seien die alten Or
thesen aufgebraucht, aber funktionsfähig gewesen. Sie seien zum Stehen und für den Transfer benötigt worden. Die Patientin sei nie
gehfäig
gewesen. Er habe diesbezüglich in der
D._
nachgefragt, wo die An
gaben bestätigt worden seien.
Die Patientin habe noch bis vor
kurzer
Zeit den Transfer über den Stand auf dem
Drehbett
mit einer Betreuungsperson ausgeführt. Um einen Stand zu gewährleis
ten, sei die Patientin auf Unterschenkel-Orthesen angewiesen gewesen
. Nach sei
ner Ansicht handle es sich um ein Hilfsmittel, welches bei der Patientin den Transfer vom Bett in den Rollstuhl und so die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt ermöglicht habe.
4.
4.1
KHMI
Ziff.
2.01 HVI
Rz
1/17 konkret
isiert
einen Anspruch auf Beinorthesen
als Hilfsmittel
dahingehend, dass
diese
einen gesetzlich geschützten Zweck
nach
Art.
21
Abs.
2 IVG erfüllen müssen
(vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 8C_531/2009
vom
2
3.
Oktober 2009)
.
Ein Grund von der Regelung im Kreis
schreiben abzuweichen
, besteht nicht.
Wie
Dr.
Z._
und
B._
darlegten, war die Versicherte trotz Unterschenkel-Orthesen nicht mehr beziehungsweise nie
g
ehfä
h
ig
gewesen
(vorstehend E. 3.3 und 3.
5
).
Die möglichen Zwecke der Selbstsorge und der selbständigen Fortbewe
gung
mit Hilfe von
Orthesen
scheiden
somit
aus.
Die Beinorthesen erfüllten auch nicht den Zweck der Herstellung des Kontaktes
der schwer behinderten Versi
cherten
mit der Umwelt.
Gemäss
Dr.
Z._
wurden die Orthesen zur Hauptsache für den Transfer vom Bett in den Rollstuhl benötigt.
Es ist aber davon auszuge
hen, dass der Transfer auch ohne die Orthesen möglich war. Die Unterschenkel-Orthesen dienten daher nicht
direkt
der
Kontaktaufnahme
mit der Umwelt
.
Da es an einem gesetzlich geschützten Zweck fehlt, hat die
Beschwerdegegnerin
einen
Anspruch auf Kostenübernahme
für die
Beinorthesen zu Recht verneint.
4.2
Zusammenfassend fehlt es im Hinblick auf
die Anerkennung von
Unterschenkel-Orthesen als Hilfsmittel an einem gesetzlich geschützten Zweck nach
Art.
21
Abs.
2 IVG und
KHMI
Ziff.
2.01 HVI
Rz
1/1
7.
Die angefochtene Verfügung vom 2
6.
Juni 2018 erweist sich
demzufolge
als rech
tens. Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
5.
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrens
aufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG). Vor
liegend sind die Kosten auf
Fr.
500.-- festzusetzen und der unterliegenden Be
schwerdeführerin aufzuerlegen.