Decision ID: 05d46cf6-aa51-4012-a6ca-5cfc7f1e95ab
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ geboren in B._, stellte am 15. August 2019, vertreten durch die
Beratungsstelle für Opferhilfe SG-AR-AI, St. Gallen, beim Sicherheits- und
Justizdepartement des Kantons St. Gallen (SJD) gestützt auf das Opferhilfegesetz ein
Gesuch um Entschädigung in Höhe seines Lohnausfalles für die Zeit vom 26. August
2018 bis 15. Mai 2019 und eines Spitalabzugs von sechs Tagen à Fr. 20.-- bzw. von
insgesamt Fr. 8'329.20 sowie um eine Genugtuung von Fr. 9'000.--. Zur Begründung
gab er an, Opfer einer versuchten schweren vorsätzlichen Körperverletzung geworden
zu sein (act. G 3.1.1). Am 26. August 2018 hatte ein Zimmernachbar seines
Wohnheims, C._ (nachfolgend: Täter), ihn mit zwei Messern angegriffen, als er jenen
wegen Lärms zur Rede stellte. Der Verletzte war nach einer Erstversorgung durch die
ausgerückten Rettungssanitäter und den Notarzt mit der Rega ins Kantonsspital St.
Gallen (KSSG) verbracht worden (act. G 3.1.3.1).
A.a.
Mit Verfügung vom 27. Februar 2019 hatte die Suva ihre Versicherungsleistungen
per 28. Februar 2019 eingestellt. Da die noch geklagten Beschwerden des Opfers
organisch nicht hinreichend nachweisbar seien, wurde die Adäquanz zwischen Unfall
und Beschwerden nach Prüfung der massgebenden Kriterien verneint (act. G 3.1.3.12).
Die gegen diese Verfügung durch seinen Rechtsvertreter erhobene Einsprache vom 29.
März 2019 (act. G 3.1.2.13) wies die Suva mit Einspracheentscheid vom 10. Juli 2019
ab (act. G 3.1.3.15.1).
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit Urteil vom 25. April 2019 hatte das Kreisgericht D._ u.a. entschieden, dass
der Täter der versuchten vorsätzlichen schweren Körperverletzung sowie der
mehrfachen Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes schuldig erklärt werde. Er war
zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten verurteilt worden, wobei die Strafe zu
Gunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben worden war. Zudem war der
Täter zu einer Busse von Fr. 500.--, bei schuldhafter Nichtbezahlung ersatzweise zu
einer Freiheitsstrafe von fünf Tagen verurteilt worden. Weiter war vorgemerkt worden,
dass er die Zivilforderung im Grundsatz anerkenne. Ansonsten wurde die Zivilforderung
auf den Zivilweg verwiesen (act. G 3.1.3.2).
A.c.
Mit Verfügung vom 28. November 2019 sprach das SJD dem Opfer eine
Entschädigung von Fr. 5'462.95 und eine Genugtuung von Fr. 4'500.-- zu und wies das
Gesuch im Mehrbetrag ab. Zur Begründung der Genugtuungsberechnung führte es im
Wesentlichen aus, dass der Messerangriff am Wohnort des Opfers, einem Ort, wo man
sich normalerweise in Sicherheit wähne, erfolgt sei. Zudem sei der Angriff völlig
überraschend gekommen, da das Opfer den Täter lediglich um etwas Ruhe habe bitten
wollen. Der Täter habe mehrmals auf das Opfer eingestochen, wodurch dieses
verschiedene Stich- und Schnittverletzungen erlitten habe, was einen mehrtägigen
Spitalaufenthalt erforderlich gemacht und dem Opfer mehrere Wochen Schmerzen
bereitet habe. Mittlerweile seien die Verletzungen aber vollständig verheilt. Zudem sei
nicht davon auszugehen, dass störende Narben zurückgeblieben seien. Wegen
anhaltender posttraumatischer Symptome (Angstzuständen, Schlaf- und
Konzentrationsstörungen, Flashbacks und Panikattacken) sei das Opfer auch nach
Abheilung der körperlichen Verletzungen noch arbeitsunfähig gewesen. Es sei
nachvollziehbar, dass ein derartiger Angriff zu den beschriebenen psychischen
Beschwerden und zu einer starken Verunsicherung führen könne. Spätestens ab Ende
Februar 2019 seien die Symptome aber nicht mehr kausal zur Straftat gewesen. Somit
sei das Opfer wegen der Messerattacke insgesamt während sechs Monaten
arbeitsunfähig gewesen. Ob es seine Arbeitsstelle wegen seiner langen
Arbeitsunfähigkeit oder aus anderen Gründen verloren oder gar selbst gekündigt habe,
sei hingegen nicht bekannt. Insgesamt erscheine unter Berücksichtigung aller
Umstände eine Genugtuung von Fr. 4'500.-- angemessen (act. G 1.1).
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Gegen diese Verfügung richtet sich der vorliegende Rekurs vom 16. Dezember
2019. Darin beantragt der Rekurrent, die Verfügung sei hinsichtlich der Höhe der
Genugtuung aufzuheben und es sei ihm auf Grund der erlittenen schweren
Körperverletzung eine höhere Genugtuung nach Ermessen des Versicherungsgerichts
auszurichten. Er begründete sein Begehren damit, dass er während des Angriffs
Todesangst ausgestanden habe. Glücklicherweise seien beim Angriff keine
lebenswichtigen Organe verletzt worden, jedoch hätten nur wenige Zentimeter gefehlt,
dass seine Halsschlagader oder sein rechter Lungenflügel verletzt hätten werden
können. Er sei Flüchtling, der in seinem Heimatland und auf der Flucht Gewalt erlitten
habe. Er habe die Hoffnung gehabt, in der Schweiz sicher zu sein. Nun habe er noch
immer grosse Angst vor weiteren Angriffen, auch durch den Täter, welcher wieder in
Freiheit sei. Er traue sich nicht alleine nach draussen und führe, anders als vor der
Straftat, ein sehr zurückgezogenes Leben. Um einen besseren Umgang mit seinen
Ängsten zu finden, sei er in psychotherapeutischer Behandlung bei E._. Dort sei er
zur Tagesstrukturierung in tagesklinischer Betreuung. Neben den psychischen
Beeinträchtigungen leide er noch immer unter starken Kopf- und Nackenschmerzen.
Ausserdem könne er auf Grund von starken Rückenschmerzen nichts tragen und leide
bei körperlicher Anstrengung unter Atemnot. Er befinde sich bezüglich der somatischen
Beschwerden noch immer in hausärztlicher Behandlung und sei weiterhin zu 100%
arbeitsunfähig geschrieben. Vor dem Messerangriff habe er ein komplett anderes
Leben gehabt. Er sei gerne mit Freunden nach draussen gegangen, habe einen Job
gehabt, der ihm grosse Freude bereitet habe, und habe erstmals wieder Mut geschöpft
für sein Leben. Er sei vor der Straftat körperlich sehr belastbar gewesen. Durch die
straftatbedingte Arbeitsunfähigkeit habe ihm sein Chef jedoch gekündigt und er
beziehe seit 1. Mai 2019 Sozialhilfe (act. G 1).
B.a.
Mit Vernehmlassung vom 10. Januar 2020 beantragt die Vorinstanz unter Verweis

auf die Erwägungen in ihrer angefochtenen Verfügung die Abweisung des Rekurses
(act. G3).
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwägungen
1.
Der Rekurrent ist unstreitig Opfer im Sinne des Bundesgesetzes über die Hilfe an
Opfer von Straftraten (OHG; SR 312.5) und hat gestützt auf dieses Gesetz Anspruch
auf eine Genugtuung. Streitig und zu prüfen ist die Höhe des Genugtuungsanspruchs.
Demgegenüber wurde die Höhe der ihm zugesprochenen Entschädigung nicht
angefochten.
1.1.
Nach Art. 1 Abs. 1 OHG hat jede Person Anspruch auf Unterstützung nach diesem
Gesetz, die durch eine Straftat in ihrer körperlichen, psychischen oder sexuellen
Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden ist (Opfer). Der Anspruch besteht
unabhängig davon, ob der Täter ermittelt worden ist, ob er sich schuldhaft verhalten
hat oder ob er vorsätzlich oder fahrlässig gehandelt hat (Art. 1 Abs. 3 OHG). Unter einer
Straftat ist ein tatbestandsmässiges, rechtswidriges Verhalten im Sinne des
Strafgesetzbuches zu verstehen. Im Unterschied zum Strafrecht muss dieses Verhalten
im Opferhilferecht jedoch nicht zusätzlich schuldhaft sein (Peter Gomm/Dominik
Zehntner, Opferhilfegesetz, 3. Aufl. Bern 2009, Art. 1 N 3).
1.2.
Gemäss Art. 22 Abs. 1 OHG hat das Opfer Anspruch auf eine Genugtuung, wenn
die Schwere der Beeinträchtigung es rechtfertigt; die Art. 47 und 49 des
Obligationenrechts (OR; SR 220) sind sinngemäss anwendbar. Gemäss Art. 23 OHG
wird die Genugtuung nach der Schwere der Beeinträchtigung bemessen und beträgt
höchstens Fr. 70'000.-- für das Opfer bzw. Fr. 35'000.-- für Angehörige. Unter
Beeinträchtigung ist - wie im Zivilrecht - die Verletzung der persönlichen Verhältnisse
bzw. das konkrete Ausmass des Eingriffs in die Persönlichkeitsrechte zu verstehen.
Das Gericht hat auf die objektive Schwere und die subjektiven Auswirkungen des
Eingriffs in das verletzte Rechtsgut abzustellen und dabei die Umstände des den
Genugtuungsanspruch auslösenden Ereignisses und des Einzelfalls zu
berücksichtigen. Nicht massgeblich sind die Art der Straftat und das Verschulden des
Täters; auch täterbezogene Faktoren sind nicht zu berücksichtigen (Gomm/Zehntner,
a.a.O., Art. 23 N 5, mit Hinweisen).
1.3.
Die kantonale Beschwerdeinstanz hat gemäss Art. 29 Abs. 3 OHG freie
Überprüfungsbefugnis. Sie überprüft daher Sachverhalts- und Rechtsfragen in freier
Kognition (Gomm/Zehntner, a.a.O. Art. 29 N 21).
1.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Die Höhe der Summe, die als Abgeltung immaterieller Unbill in Frage kommt, lässt
sich naturgemäss nicht errechnen, sondern nur schätzen. Die Festsetzung der Höhe
der Genugtuung ist eine Entscheidung nach Billigkeit und lässt den kantonalen
Behörden einen weiten Ermessensspielraum (Gomm/Zehntner, a.a.O., N 5 zu Art. 23).
Kriterien, welche den Genugtuungsanspruch erhöhen oder reduzieren, sind ebenfalls
angemessen zu berücksichtigen. Faktoren, die bei der Erhöhung des
Genugtuungsanspruchs eine Rolle spielen können, sind insbesondere das Alter des
Opfers, die Dauer eines Spitalaufenthalts, schmerzhafte Operationen, bleibende
Narben, die Auswirkungen auf das berufliche und das private Leben, die Intensität und
Dauer der psychischen Folgen, die Abhängigkeit von Dritten oder Auswirkungen von
wiederholten Taten (Gomm/ Zehntner, a.a.O., N 6 zu Art. 23).
2.1.
Der Bundesrat kann Vorschriften zur Ausgestaltung der Genugtuung erlassen und
insbesondere Pauschalen oder Tarife für die Genugtuung festlegen (Art. 45 Abs. 3
OHG). Davon hat er vorerst nicht Gebrauch gemacht, jedoch hat er in der Botschaft zur
Totalrevision des OHG vom 9. November 2005 (BBl 2005 7165) einen
Bemessungsrahmen mit verschiedenen Bandbreiten im Sinne einer Richtlinie
vorgeschlagen (vgl. S. 7226f.), welcher durch das Bundesamt für Justiz in einem
Leitfaden zur Bemessung der Genugtuung nach Opferhilfegesetz (vom 3. Oktober
2019) in weiter angepassterer Form schliesslich umgesetzt wurde. Danach wird Opfern
mit schwerer Beeinträchtigung der physischen Integrität nach Bandbreite 1 bei nicht
unerheblichen, verheilenden körperlichen Beeinträchtigungen oder geringfügigen
Beeinträchtigungen, sofern erschwerende Umstände vorliegen, eine Genugtuung bis
Fr. 5'000.-- zugesprochen. Als Beispiele dazu werden Knochenbrüche und
Gehirnerschütterungen aufgezählt. Gemäss Bandbreite 2 haben Opfer mit körperlichen
Beeinträchtigungen mit längerem, komplexerem Heilungsverlauf und möglichen
Spätfolgen eine Genugtuung zwischen Fr. 5'000.-- und Fr. 10'000.-- zugute. Hierzu
führt der Leitfaden als Beispiele Operationen, lange Rehabilitation, Verminderung der
Sehkraft, Darmlähmungen sowie eine erhöhte Infektanfälligkeit auf (Leitfaden, S. 12).
Für Opfer mit ausschliesslicher Beinträchtigung der psychischen Integrität sieht der
Leitfaden bei nicht unerheblichen, wenn auch vorübergehenden psychischen
Beeinträchtigungen, sofern erschwerende, auf die Tat bezogene Umstände vorliegen,
wie etwa Verwendung von Waffen oder anderen gefährlichen Gegenständen,
gemeinsame Tatbegehung mehrerer Täter, Tatbegehung an einem geschützten Ort,
längerer Zeitraum und Häufigkeit der Tatbegehung eine Bandbreite bis Fr. 5'000.-- vor.
Beispielhaft werden der Raubüberfall sowie mehrfache, massive Todesdrohungen
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
genannt. Handelt es sich um eine schwere psychische Beeinträchtigung nach
besonders dramatischen Begleitumständen mit schwerwiegenden Folgen wie
beispielsweise ausgewiesene, lange Psychotherapie oder Arbeitsunfähigkeit nach z.B.
einem besonders brutalen Raubüberfall mit massiver Gewaltausübung ohne
körperliche Folgen, oder Einsperren etc. und langer, dauernder psychischer
Beeinträchtigung, sieht der Leitfaden eine Bandbreite von Fr. 5'000.-- bis Fr. 15'000.--
vor (Leitfaden, S. 17).
In den Empfehlungen der Schweizerischen Verbindungsstellenkonferenz zur
Anwendung des Opferhilfegesetzes vom 21. Januar 2010 wird im Weiteren davon
ausgegangen, dass die opferhilferechtlichen Genugtuungsleistungen in der Regel 30 -
40% tiefer ausfallen als die zivilrechtlichen Genugtuungssummen (Ziff. 4.7.2 der
Empfehlungen, S. 42 f.). Bei den in den Empfehlungen genannten Prozentzahlen
handelt es sich lediglich um Richtwerte (vgl. auch Gomm/Zehntner, a.a.O., N 23 zu Art.
23).
2.3.
Vorliegend wurde der Täter, C._, rechtskräftig verurteilt. Auf Grund des
Gewaltentrennungsprinzips ist die Verwaltungsbehörde zwar nicht an die Erkenntnisse
des Strafgerichts gebunden. Im Interesse der Rechtssicherheit und Rechtseinheit sollte
sie aber nicht ohne sachlichen Grund von deren Entscheid abweichen (Urteil des
Bundesgerichts vom 30. November 2007, 1C_45/2007, E. 4.3 mit Hinweisen).
3.1.
Da der Entscheid des Kreisgerichts D._ vom 25. April 2019 unbegründet blieb
und lediglich die Parteianträge und das Urteilsdispositiv enthält (vgl. act. G 3.1.3.2),
sind bezüglich des konkreten Sachverhalts die weiteren Akten massgebend.
Insbesondere führt die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft des Kantons St.Gallen
vom 6. Dezember 2018, aus welcher im Einspracheentscheid der Suva vom 10. Juli
2019 ausführlich zitiert wird, aus, dass am Sonntagmorgen, 26. August 2018, ab ca. 5
Uhr der Täter im Wohnheim, in welchem auch der Rekurrent wohnte, in seinem Zimmer
wieder einmal grossen Lärm verursacht habe. Dadurch hätten sich die übrigen
Mitbewohner des Wohnheims, darunter auch der Rekurrent, gestört gefühlt. Um ca.
8.10 Uhr habe sich das Opfer zum Zimmer des Täters begeben, um diesen zur Ruhe zu
ermahnen. Der Rekurrent habe an die Zimmertür geklopft und gerufen, der Täter solle
ruhig sein. In der Folge habe er die Zimmertüre geöffnet und das Zimmer betreten. Der
Täter sei vor dem Bett gestanden, die Hände/Arme nach hinten gerichtet, wobei er in
der rechten Hand ein (aufgeklapptes) Klappmesser (Klingenlänge: 8cm) und in der
linken Hand ein Küchenmesser (Klingenlänge: 20cm) gehalten habe. Der Rekurrent
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe den Täter erneut zur Ruhe ermahnt. Darauf sei der Täter auf den Privatkläger
zugerannt, wobei er beide Arme bzw. Hände, in welchen er die beiden erwähnten
Messer gehalten habe, erhoben habe. Der Rekurrent habe den Täter zwecks Abwehr
an dessen Handgelenken gefasst. In der Folge habe der Täter den Rekurrenten mit
seinem linken Fuss auf dessen rechten Fuss getreten, um ihn zu blockieren. Der
Rekurrent habe mit seiner rechten Hand die linke Hand des Täters öffnen wollen, damit
dieser das Küchenmesser loslasse. Dabei sei er abgerutscht, worauf der Täter den
Rekurrenten mit dem grossen Messer am rechten Unterarm verletzt habe. Dann habe
der Rekurrent das Küchenmesser greifen können. Auf das hin habe der Täter das
Küchenmesser nach oben gezogen, wodurch der Rekurrent am rechten Daumen
verletzt worden sei. Im weiteren Verlauf des Handgemenges habe der Täter mit dem
Küchenmesser verschiedene Stechbewegungen gegen den Rekurrenten ausgeführt.
Dabei habe der Täter den Rekurrenten von hinten her mit dem Küchenmesser gegen
dessen rechte Achselregion gestochen, Übergang Schulter-Rückseite zum Oberarm,
wobei er bei dieser Stichbewegung den Rekurrenten auch an der Rückseite des
rechten Oberarms verletzt habe. Zudem habe der Täter mit dem Küchenmesser
Stichbewegungen gegen die rechte Kopfseite des Rekurrenten ausgeführt, wodurch
der Rekurrent am rechtsseitigen Scheitel/Kopf verletzt worden sei. Im Laufe des sich
im Gange befindlichen Gerangels seien schliesslich sowohl der Täter als auch der
Rekurrent zu Boden gefallen. Im weiteren Verlauf habe der Täter mit dem Klappmesser,
welches er immer noch in seiner rechten Hand gehalten habe, gegen die linke Halsseite
des Rekurrenten gestochen, wodurch dieser eine Stichverletzung erlitten habe (act.
G 3.1.3.15.1, S. 2f.). Damit ist zu berücksichtigen, dass sich der Angriff ohne jede
Vorwarnung am Wohnort des Rekurrenten ereignete und somit an einem Ort, an dem
man sich normalerweise sicher fühlt. Zudem kannten sich Täter und Opfer und waren
sich bis dahin wohlgesinnt (vgl. act. G 1), so dass der Rekurrent vom Angriff mit
Messern völlig überrascht wurde.
Gemäss dem Austrittsbericht des KSSG vom 10. September 2018 erlitt der
Rekurrent drei Messerstiche, einen am Hals links, einen an der Schulter-/Achselhöhle
rechts und einen an der behaarten Kopfhaut (act. G 3.1.3.5). Zudem erlitt er
Schnittwunden an der rechten Hand (act. G 3.1.3.1 S. 1) sowie Schürfungen an den
Beinen und einen abgebrochenen Grosszehennagel. Im Rahmen der forensisch-
klinischen Untersuchung vom 26. August 2018 durch das Institut für Rechtsmedizin
wurden unterschiedlich tiefe, glattrandige Hautdurchtrennungen nachgewiesen.
Gemäss den Angaben der behandelnden Ärzte sei das Opfer kreislaufstabil gewesen
und es seien keine Medikamente zur Kreislaufunterstützung notwendig gewesen.
Lebenswichtige Organe, wie beispielsweise die linke Halsschlagader oder die rechte
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Lunge, seien nicht verletzt worden. Daher lasse sich eine unmittelbare Lebensgefahr
nicht ableiten. Die genannten Organe und Strukturen (linke Halsschlagader, rechte
Lunge) seien wenige Zentimeter von den Stichkanälen entfernt gewesen. Bei einem
gering abweichenden Stichkanalverlauf hätten diese verletzt werden können. Folgen
wären beispielsweise ein starker Blutverlust sowie Übertritt von Luft und Blut in die
Brusthöhle gewesen. Dies hätte zu unmittelbar lebensbedrohlichen Zuständen führen
können. Daher sei eine potentielle Lebensgefahr anzunehmen. Nach den behandelnden
Ärzten sei von einem Abheilen der Wunden innerhalb von mehreren Wochen
auszugehen. Auf Grund der Tiefe der Verletzungen sei mit einer Narbenbildung zu
rechnen. Die Rechtsmediziner sahen auch die Möglichkeit, dass es durch Verletzungen
von Hautnerven zu Sensibilitätsstörungen im Nahbereich der Wunden kommen könnte,
die durch die Regeneration von peripheren Nerven innerhalb von Monaten zurück
gebildet werden könnten. Für die konkrete Beurteilung allfälliger bleibender Schäden
bleibe der Heilungsverlauf abzuwarten (act. G 3.1.3.6). Der Hausarzt des Rekurrenten,
med. prakt. F._, ging im Arztbericht vom 9. November 2018 davon aus, dass wegen
der physischen Verletzungen keine bleibenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu
erwarten seien. Bis auf kleine Narben würden auch keine wesentlichen ästhetischen
Beeinträchtigungen bleiben (act. G 3.1.3.8). Weiter führte med. prakt. F._ aus, dass
der Rekurrent in psychischer Hinsicht immer wieder unter Angstzuständen leide und
nur schlecht schlafen könne, weshalb eine psychotherapeutische Betreuung eingeleitet
worden sei. Im Weiteren klage er über anhaltende Schmerzen im Hals links mit
Ausstrahlung in den Nacken und den Kopf, begleitet von Schwindel. Ebenfalls klage er
über persistierende Rückenschmerzen, wobei am 20. Dezember 2018 Myogelosen am
Rückenstrecker hätten festgestellt werden können. Der Arzt habe daher die
Arbeitsunfähigkeit bis zum 13. Januar 2019 verlängert (act. G 3.1.3.8; vgl. auch
Arztbericht vom 4. Februar 2019, act. G 3.1.3.9). Die E._, Zentrum für
Psychotraumatologie, hielt mit Schreiben vom 13. Februar 2019 fest, dass der
Rekurrent eindeutige Symptome einer posttraumatischen Störung (Flash-Backs, kurze
dissoziative Absenzen, Schlafstörungen und Vertrauensverlust) zeige. Eine Prognose
darüber, wie lange die psychische Symptomatik bestehen bleibe, sei unsicher (act.
G 3.1.3.10). Mit Einspracheentscheid vom 10. Juli 2019 stufte die Suva sodann das
Ereignis vom 26. August 2018 als mittelschweren Unfall ein und verneinte das
Vorliegen eines adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen den psychischen
Beschwerden und dem Unfallereignis nach dem 28. Februar 2018 (act. G 3.1.3.15.1).
Damit ist festzuhalten, dass die Verletzungen durch die Messerattacke zwar
verschiedene Schnitt- und Stichverletzungen mit Schmerzen zur Folge hatten, wodurch
auch ein sechstägiger Spitalaufenthalt nötig wurde. Wie dem Einspracheentscheid der
3.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Suva jedoch zu entnehmen ist, habe am 17. September 2018 eine Verlaufskontrolle im
KSSG stattgefunden. Dort seien reizlose Narben dokumentiert worden. Dr. med. G._
Facharzt Orthopädische Chirurgie und Traumatologie, Versicherungsmediziner Suva)
habe sodann in der Stellungnahme vom 12. Februar 2019 angegeben, dass die
somatischen Unfallfolgen im Beschwerdebild überwiegend wahrscheinlich nach vier bis
sechs Wochen keine Rolle mehr gespielt hätten. Die vom Rekurrenten geklagten
Nackenschmerzen seien überwiegend wahrscheinlich nicht unfallkausal, die Verletzung
sei eine Stichverletzung des Musculus sternocleidomastoideus gewesen, diese habe
überwiegend wahrscheinlich den Endzustand nach sechs Wochen erreicht (act.
G 3.1.3.15.1 E. 4a). Nachdem keine gut sichtbaren Narben mit ästhetischer
Beeinträchtigung zurückgeblieben sind, ist auch das Kriterium der bleibenden Narben
zu verneinen. Zudem gingen die behandelnden Ärzte grundsätzlich von einem
Endzustand der somatischen Beschwerden sechs Wochen nach der Straftat aus,
weshalb daraus keine weiteren Auswirkungen der Straftat auf das berufliche und
private Leben verbleiben.
Was die psychischen Folgen beim Rekurrenten anbelangt, blieb dieser auf Grund
der posttraumatischen Störungen auch nach Abheilung der somatischen Beschwerden
arbeitsunfähig. So attestierte Dr. med. H._, dem Rekurrenten am 21. Januar 2019 ab
13. November 2018 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bis auf Weiteres (act. G 3.1.3.11).
Zudem konnte sie auch im Schreiben vom 13. Februar 2019 noch nicht abschätzen,
wie sich die Prognose entwickeln würde (act. G 3.1.10). Dass ein solch unerwarteter
Angriff zu Hause zu einer starken Verunsicherung und zu den beschriebenen
Symptomen führen kann, ist nachvollziehbar. Mit dem rechtskräftig gewordenen
Einspracheentscheid der Suva ist jedoch ein adäquater Kausalzusammenhang
zwischen der Straftat und den psychischen Beschwerden des Rekurrenten ab Ende
Februar 2019 zu verneinen. Wie dem Schreiben seines vormaligen Rechtsvertreters
vom 30. Juli 2019 zu entnehmen ist, befand sich der Rekurrent nur wenige Male und
dazu in sehr unregelmässigen Abständen in psychiatrischer Behandlung (act.
G 3.1.3.15 S. 2). Daran ändert auch nichts, dass sich der Rekurrent zur
Tagesstrukturierung nun offenbar in einer tagesklinischen Betreuung befindet. Vielmehr
waren die Beschwerden ab Ende Februar 2019 nicht mehr adäquat kausal zur Straftat.
Folglich war der Rekurrent auf Grund der Straftat während sechs Monaten
arbeitsunfähig. Unklar bleibt demgegenüber, ob er seine Arbeitsstelle auf Grund der
langen Arbeitsunfähigkeit oder aus anderen Gründen verloren hat. Bei der Höhe der
Genugtuung kann daher lediglich die lange Arbeitsunfähigkeit, nicht aber der
Stellenverlust berücksichtigt werden.
3.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wie der angefochtenen Verfügung vom 28. November 2019 zu entnehmen ist, hat
die Vorinstanz die durch die Messerattacke erlittenen Folgen der Straftat nach dem
Leitfaden des Bundesamtes für Justiz im oberen Bereich der Bandbreite 1 zu den
schweren Beeinträchtigungen der physischen Integrität (Leitfaden S. 12) bei einer
Genugtuungshöhe von bis zu Fr. 5'000.-- eingeordnet (vgl. Erwägung 2.2 oben).
Nachdem der Rekurrent vorliegend jedoch v.a. auf Grund der psychischen
Auswirkungen der Tat während sechs Monaten arbeitsunfähig war, gilt es auch den
Bemessungsrahmen für Opfer mit erheblichen Beeinträchtigungen der psychischen
Integrität zu berücksichtigen. Danach ist der geschilderte Tathergang mit seinen Folgen
ebenfalls am oberen Rand der Bandbreite 1 einzuordnen (vgl. Erwägung 2.2 oben). Wie
zudem der Genugtuungspraxis Opferhilfe (Meret Baumann/Bianca Anabitarte/Sandra
Müller Gmünder, in: Jusletter 1. Juni 2015) zu entnehmen ist, wurde in einem
vergleichbaren Fall einem Opfer im Kanton Genf eine Genugtuung von Fr. 5'000.--
gewährt, welches am frühen Morgen mit seiner Ehefrau in einer Poststelle arbeitend
bereits zum zweiten Mal überfallen und durch Waffen bedroht wurde und einen Schlag
mit dem Kolben auf den Kopf erhielt, so dass eine Psychotherapie notwendig war
(Genugtuungspraxis S. 31 Ziff. 32 mit Hinweis auf den Entscheid vom 20. November
2012). Ebenfalls im Kanton Genf wurde ein älteres Ehepaar, das zu Hause von drei
Unbekannten überfallen und gezwungen worden war, sich auf die Knie zu begeben,
wobei ihr Kopf gegen eine Rückenlehne und ein Kissen gedrückt wurde, um zu
verhindern, dass sie schrien, und die einen Schockzustand sowie Ängste davontrugen,
ebenfalls mit einer Genugtuung von Fr. 5'000.-- pro Person entschädigt
(Genugtuungspraxis S. 31f. Ziff. 33 mit Hinweis auf den Entscheid vom 30. September
2013). Im Kanton Baselstadt erlitt ein Opfer eine posttraumatische Belastungssituation,
worauf Psychotherapie notwendig wurde, nachdem es von zwei Tätern im Keller
gefesselt und bedroht worden war. Die Fesselung wurde mit Klebeband verstärkt und
das Opfer wurde zusätzlich geknebelt, wobei es in diesem Zustand bis zum nächsten
Tag im Keller eingesperrt blieb (Genugtuungspraxis S. 32 Ziff. 34 mit Hinweis auf den
Entscheid vom 4. Dezember 2013, BS 1533). In einer Straftat im Kanton Aargau stach
ein Zimmernachbar nach einem Handgemenge zweimal auf das Opfer ein. Die Folge
waren Stichverletzungen am oberen, vorderen Brustkorb (bis zu Rippen und Lunge)
sowie eine tiefe Schnittwunde am Kiefer. Die Verletzungen waren objektiv geeignet,
den Tod des Opfers zu bewirken und hatten eine sechstägige Hospitalisation sowie
eine Arbeitsunfähigkeit von eineinhalb Monaten zur Folge, so dass eine Genugtuung
von Fr. 5'000.-- gesprochen wurde (Genugtuungspraxis S. 23 Ziff.40 mit Hinweis auf
den Entscheid vom 28. Oktober 2013, AG OHG 1'837). Unter Berücksichtigung dieser
schweizerischen Genugtuungs-Praxis zur Opferhilfe erscheint die von der Vorinstanz
zugesprochene Genugtuung in Höhe von Fr. 4'500.-- den vorliegenden Umständen
3.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.