Decision ID: 907b96c6-ebef-4e0d-a20d-bfcf1011ab33
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: civil_law

betreffend arbeitsrechtliche Forderung
Berufung gegen ein Urteil des Arbeitsgerichtes Zürich, 1. Abteilung, vom 13. März 2015 (AN120049-L)
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Rechtsbegehren:
" 1. Es sei die Beklagte zu verpflichten, dem Kläger CHF 26'310.40 zuzüglich 5 % Zins seit 1. März 2012 zu bezahlen.
2. Es sei die Beklagte zu verpflichten, dem Kläger eine Genugtuung in der Höhe von CHF 20'000.– zu bezahlen.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge (zzgl. 8 % MWSt.) zu Lasten der Beklagten."
Urteil des Arbeitsgerichtes Zürich vom 13. März 2015 :
1. Die Beklagte wird verpflichtet, dem Kläger Fr. 4'302.05 nebst Zins zu 5 % seit 1. März 2012 sowie Fr. 7'000.– Genugtuung zu bezahlen.
Im Mehrbetrag wird die Klage abgewiesen.
2. Die Entscheidgebühr wird auf Fr. 5'266.– festgesetzt.
3. Die Gerichtskosten werden dem Kläger zu 3/4 und der Beklagten zu 1/4 auferlegt. Die Gerichtskosten werden aus dem vom Kläger geleisteten Vorschuss . Die Beklagte wird verpflichtet, dem Kläger den  im Umfang von 1/4 zu ersetzen.
4. Der Kläger wird verpflichtet, der Beklagten eine reduzierte  von Fr. 4'680.– (inkl. MWSt) zu bezahlen.
5. (Mitteilung)
6. (Berufung)
Berufungsanträge:
der Beklagten und Berufungsklägerin (Urk. 49):
1. Das Urteil des Arbeitsgerichts Zürich vom 13. März 2015 sei aufzuheben.
2. Dementsprechend sei die Klage vollumfänglich abzuweisen.
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3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen nebst Mehrwertsteuer zulasten der Berufungsbeklagten.
des Klägers und Berufungsbeklagten (Urk. 56):
1. Es sei die Berufung der Berufungsklägerin abzuweisen.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zzgl. 8% MwSt.) zu Lasten der .

Erwägungen:
A Prozessuales
1. Am 10. September 2012 machte der Kläger das vorliegende Gerichtsverfahren
mit Klagebewilligung und Klageschrift am Arbeitsgericht Zürich rechtshängig.
Nach eingeholter schriftlicher Klageantwort fand am 13. Juni 2013 die mündliche
Hauptverhandlung statt. Zufolge Aufnahme aussergerichtlicher Vergleichsgesprä-
che blieb das Verfahren bis Ende November 2014 formlos sistiert. Am 13. März
2015 erliess das Arbeitsgericht ohne Weiterungen das eingangs wiedergegebene
Urteil.
Gegen das Urteil vom 13. März 2015 erhob die Beklagte am 11. Mai 2015 mit
schriftlicher Begründung rechtzeitig Berufung und leistete am 20. Mai 2015 den
ihr auferlegen Prozesskostenvorschuss (Urk. 49, Urk. 54). Die schriftliche Beru-
fungsantwort des Klägers und Berufungsbeklagten erfolgte rechtzeitig am 29. Juni
2015 und wurde der Beklagten und Berufungsklägerin am 29. Oktober 2015 zur
Kenntnisnahme zugestellt (Urk. 56, Urk. 59).
2. Die Beklagte rügt eine Verletzung des rechtlichen Gehörs durch die Vorinstanz,
da ihr keine Gelegenheit gegeben worden sei, zu dem anlässlich der vorinstanzli-
chen Hauptverhandlung von der Gegenseite eingereichten Gutachten von med.
pract. C._ (vgl. Urk. 26/35) Stellung zu nehmen (Urk. 49 S. 30). Dieses Gut-
achten wurde anlässlich der Hauptverhandlung vom 13. Juni 2013 vorgelegt
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(Prot. I S. 5), weshalb die Beklagte ohne weiteres an dieser Verhandlung im
Rahmen ihrer Duplik (Prot. I S. 6 - 24, insbesondere Prot. I S. 11 f. zu Ziff. 17 und
18) hätte Stellung nehmen müssen. Hat sie dies versäumt, besteht kein Recht
zum Vorbringen diesbezüglicher Noven im Berufungsverfahren.
B
Tatsächliche Grundlagen
1. Die Beklagte und Berufungsklägerin (nachfolgend Beklagte) betreibt im Auftrag
der öffentlichen Hand verschiedene Unterkunfts- und Betreuungseinrichtungen für
Asylbewerber. Dazu zählte bis 2010 auch der Betrieb des ...zentrums D._
(nachfolgend D._) im Auftrag des Kantons Zürich für besonders schwierige
bzw. renitente Asylbewerber, die in normalen Betreuungseinrichtungen nicht trag-
bar waren.
Am 30. Oktober 2000 schlossen die Parteien einen ersten Arbeitsvertrag mitein-
ander ab. Danach verpflichtete sich der Kläger und Berufungsbeklagte (nachfol-
gend Kläger), vornehmlich im D._ auf Abruf und im Stundenlohn Einsätze als
Sicherheitsmitarbeiter zu leisten, wobei diese Einsätze vor allem in der Nacht und
an Wochenenden erfolgten. Der Kläger war bereits zuvor während mehreren Jah-
ren bei einer anderen Arbeitgeberin für die Betreuung von Asylbewerbern ange-
stellt gewesen.
Am 19./25. Februar 2003 schlossen die Parteien einen neuen Arbeitsvertrag ab,
wonach der Kläger nunmehr fest und im Monatslohn als Sicherheitsmitarbeiter für
den Einsatz in Notunterkünften und Durchgangszentren angestellt wurde. An der
Art der Arbeit und am Einsatzort vornehmlich im D._ änderte sich nichts. Am
7./14. November 2005 erfolgte eine weitere Änderung des Arbeitsvertrages : Die
Festanstellung wurde auf ein 80%-Pensum reduziert, dafür wurde ein zusätzlicher
Arbeitsvertrag für weitere Einsätze auf Abruf abgeschlossen. Die Arbeit blieb die-
selbe.
Zufolge Rückgangs der Belegung des D._ kündigte die Beklagte zunächst
den Vertrag auf Abruf fristgerecht auf den 31. Dezember 2009. Das D._
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musste im Jahre 2010 sodann ganz geschlossen werden und die Beklagte kün-
digte daher auch den Festanstellungsvertrag mit dem Kläger fristgerecht auf den
31. Oktober 2010. Am 9./12. September 2010 schlossen die Parteien einen neuen
Anstellungsvertrag per 1. November 2010 für Nacht- und Wochenendbetreuung
mit einem Pensum von 30% ab, wobei der Kläger in der Asylunterkunft ... einge-
setzt werden sollte. Während der Kündigungsfrist für den Festanstellungsvertrag
vom 7./14. November 2005 erkrankte der Kläger und der Arbeitsvertrag endete
zufolge Erstreckung der Kündigungsfrist erst Ende April 2011. Der Vertrag vom
9./12. September 2010 kam wegen der Erkrankung des Klägers praktisch nicht
zum Tragen und wurde von der Beklagten fristgerecht auf Ende August 2011 ge-
kündigt.
Der Kläger suchte im Oktober 2009 erstmals den Psychiater Dr. E._ auf; ein
Arztzeugnis darüber besteht nicht. Nach der Kündigung des Arbeitsvertrages be-
gab er sich im September 2010 erneut zu Dr. E._, wurde von diesem krank
geschrieben, im Dezember 2010 im Sanatorium Kilchberg zwei Wochen stationär
und anschliessend bis April 2011 teilstationär behandelt. Seither ist der Kläger
aus psychischen Gründen arbeitsunfähig. Die behandelnden Ärzte sowie das im
Auftrag der IV erstellte Gutachten attestieren ihm eine mittelgradige depressive
Episode und - teilweise - eine posttraumatische Belastungsstörung, einhergehend
mit einer Agoraphobie mit Panikattacken. Das IV-Gutachten führte zur Zuspre-
chung einer vollen IV-Rente.
2. Mit der vorliegenden Klage fordert der Kläger Schadenersatz für ungedeckte
medizinische Behandlungskosten sowie den Lohnausfall zufolge seiner Erkran-
kung als Differenz zwischen einem hypothetischen Lohn und dem Krankentag-
geld. Ferner fordert er Schadenersatz für die Kosten der verkehrsmedizinischen
Begutachtung seiner (psychischen) Fahrtauglichkeit sowie eine Genugtuung.
Er führt seine psychische Erkrankung auf eine Verletzung der Fürsorgepflicht der
Beklagten als Arbeitgeberin zurück, welche zu unhaltbaren Arbeitsbedingungen
bzw. -belastungen im D._ geführt habe und welche Ursache seiner psychi-
schen Erkrankung seien. So habe er sich ständig in einer potentiell bedrohlichen
Situation befunden, da er von den Heimbewohnern immer wieder beschimpft, be-
droht und tätlich angegangen worden sei, insbesondere nachts, wenn diese alko-
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holisiert ins Heim zurückgekehrt seien und er ihnen weisungsgemäss den mitge-
brachten Alkohol habe wegnehmen müssen. Dafür nennt der Kläger auch vier
konkrete Vorfälle
- vom 28. August 2001 : Ein wütender Heimbewohner lief mit einem Küchenmes-
ser dem Kläger hinterher und bedrohte ihn verbal mit dem Tod ("Ich bringe dich
um"), weil dieser bei der Konfiszierung der Wodkaflasche unabsichtlich das Kind
des Bewohners umgestossen hatte. Das eingeleitete Strafverfahren wurde zufol-
ge Rückzugs des Strafantrages des Klägers eingestellt.
- vom 15. November 2008 : Ein Heimbewohner zerbeulte und zerkratzte nach ei-
ner Auseinandersetzung um mitgebrachten Alkohol die seitliche Karosserie des
auf dem Parkplatz des Zentrums stehenden Autos des Klägers und warf mit ei-
nem Stein drei Autoscheiben ein, was der Kläger von seinem Büro aus über die
Videoüberwachungsanlage beobachten konnte. Während dieser Sachbeschädi-
gung war die vom Kläger avisierte Polizei bereits unterwegs. Der Heimbewohner
wurde später wegen Sachbeschädigung zu einer dreimonatigen Freiheitsstrafe
bzw. ersatzweise zu 360 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt.
- vom 30. Juni 2009 : Ein wütender und alkoholisierter Heimbewohner sagte in
Anwesenheit einer Drittperson mehrmals zum Kläger "I kill you, I will finish you"
und schlug ihn überdies mit der Faust gegen die Wange, was eine Prellung und
Kopfschmerzen beim Kläger zur Folge hatte. Der Heimbewohner wurde dafür we-
gen Drohung und Tätlichkeit verurteilt.
- vom 5. Oktober 2009 : Ein Heimbewohner randalierte im Vorraum des (abge-
schlossenen) Schalters, in welchem sich der Kläger aufhielt, schlug mit den Fäus-
ten gegen die Glasscheibe des Schalters, warf einen kleinen Salontisch mit voller
Wucht dagegen, versuchte die Schaltertür zu öffnen, kippte einen Bürotisch um
und warf schliesslich eine Holzrohrstabelle am Schalter vorbei gegen die Wand;
er soll noch weiteres Mobiliar im Aufenthaltsraum der Unterkunft demoliert haben.
Von diesem Vorfall existiert eine Videoteilaufzeichnung (Urk. 4/18).
Zwecks Eruierung weiterer solcher Vorfälle im D._ und des diesbezüglichen
Einsatzverhaltens der Polizei beantragte der Kläger die Befragung der anderen
Mitarbeiter im D._, den Beizug der internen Rapporte des Zentrums sowie
der Polizeirapporte.
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Der Kläger stellte sich vor Vorinstanz grundsätzlich auf den Standpunkt, die Be-
klagte hätte die Belastungen des Arbeitsumfeldes durch geeignete Präventions-
massnahmen reduzieren oder verhindern können, dies aber pflichtwidrig unterlas-
sen. Entgegen einer polizeilichen Empfehlung habe sie z.B. darauf verzichtet, ei-
nen zweiten Mitarbeiter für die besonders gefährliche Nachtschicht anzustellen;
mit einem zweiten Mann hätten kritische Situationen verhindert und das Sicher-
heitsgefühl verbessert werden können. Die Beklagte habe weiter die vom Arbeits-
gesetz vorgeschriebenen medizinischen Untersuchungen des Klägers im Hinblick
auf dessen regelmässige Nachtarbeit nicht durchführen lassen; solche Untersu-
chungen hätten die unhaltbare Belastungssituation zutage gebracht. Sie habe so-
dann auch geeignete Weiterbildungsmassnahmen für das Verhalten in kritischen
Situationen unterlassen. Durch diese Unterlassungen habe die Beklagte ihre Für-
sorgepflicht verletzt und diese schuldhafte Pflichtverletzung sei ursächlich für sei-
ne psychische Erkrankung im Jahr 2010.
3. Die Beklagte stellt sich demgegenüber im wesentlichen auf den Standpunkt,
die vom Kläger geschilderten Vorfälle und die geltend gemachten Belastungen
seien tätigkeitsimmanent. Der Kläger habe von Anfang an gewusst, worauf er sich
einlasse. Er habe sich während der ganzen zehn Jahre nie über das Arbeitsum-
feld beklagt, auch nicht anlässlich der jährlichen Qualifikationsgespräche, welche
letztmals am 15. September 2009 stattgefunden hätten. Bei diesen Gesprächen
habe er vielmehr stets betont, wie ihm die Arbeit gefalle und wie gerne er zur Ar-
beit komme. Er habe sogar noch mehr arbeiten wollen, als zulässig oder vertrag-
lich vereinbart gewesen sei; er sei auch nie krank gewesen. Er habe mehrere
(namentlich aufgezählte) Weiterbildungen besucht. Nach dem Vorfall vom 5. Ok-
tober 2009 habe die Zentrumsleiterin, die u.a ausgebildete Psychiatrieschwester
sei, mit ihm ein Gespräch geführt, wobei der Kläger gesagt habe, es gehe ihm
gut. Das Angebot eines Arbeitsortswechsels habe er abgelehnt, weil es ihm im
D._ sehr gut gefalle. Er sei kurz darauf in die Ferien gegangen und gut erholt
zurückgekehrt.
Die Beklagte gesteht zu, dass sie keine medizinischen Untersuchungen wegen
der regelmässigen Nachtarbeit unter besonderen Belastungen veranlasst hat. Sie
bestreitet indessen einen Kausalzusammenhang mit der späteren Erkrankung des
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Klägers. Auf Empfehlung der Polizei habe man technische Sicherheits- und ande-
re Kontrollmassnahmen getroffen. Die nahe Flughafenpolizei habe nachts halb-
stündlich auf dem Gelände patrouilliert und sei jeweils innert weniger Minuten vor
Ort gewesen, wenn sie aufgeboten worden sei und wozu die Mitarbeiter im Falle
von Problemen stets angehalten worden seien. Die Einstellung eines zweiten Mit-
arbeiters für den Nachtdienst sei unüblich und wäre auch unzweckmässig und
unzumutbar gewesen. Der vom Kanton bewilligte Stellenplan hätte dafür nicht
ausgereicht. Sodann sei die Auslastung des für 50 Bewohner ausgelegten
D._ im Jahre 2009 auf rund 33% bzw. 12 Personen (ca. 10% haftabwesende
Bewohner mitgezählt) zurückgegangen, und im Jahre 2010 seien noch durch-
schnittlich 11,5% von insgesamt 34 Plätzen, somit 4 - 5 Plätze (ca. 10% haftab-
wesende Bewohner mitgezählt) belegt gewesen. Eine Doppelbesetzung während
der Nacht, wo es sehr ruhig sei, wäre bei diesen Belegungszahlen wirtschaftlich
nicht vertretbar gewesen.
Schliesslich bezweifelt die Beklagte generell einen Kausalzusammenhang der
psychischen Erkrankung des Klägers mit seiner Arbeit im D._. Die dazu vor-
gelegten Arztzeugnisse beruhten einseitig auf Angaben des Klägers und einer
unzutreffenden Dramatisierung der Arbeitsumstände. Die Ursache der Erkran-
kung seien vermutlich Existenzängste nach der Kündigung und persönliche bzw.
familiäre Probleme.
4. Die Vorinstanz hat eine Verletzung der Fürsorgepflicht der Beklagten und einen
Kausalzusammenhang mit der psychischen Erkrankung des Klägers bejaht, seine
Schadenersatzforderung aber nur teilweise gutgeheissen.
Die Vorinstanz erkannte, die Fürsorgepflicht hätte unter den gegebenen Umstän-
den und Belastungen die Einstellung eines zweiten Mitarbeiters während der
Nacht erfordert, was die Beklagte indessen unterlassen habe. Ebenso habe die
Beklagte die gesetzliche Pflicht zur regelmässigen medizinischen Untersuchung
bei Nachtdienstleistenden unter belastenden Umständen verletzt. Durch diese
Massnahmen hätte eine übermässige Belastung des Klägers, welche eine tätig-
keitsimmanente Belastung überschritten habe, verhindert werden können, was
der Beklagten bewusst gewesen sei und ihr als schuldhaftes Verhalten anzulas-
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ten sei. Hingegen liess es die Vorinstanz offen, ob der Vorwurf der unterlassenen
Aus- und Weiterbildung zutrifft; solche Massnahmen hätten die Unterstützung
durch einen zweiten Mitarbeiter und die medizinische Betreuung nämlich nicht er-
setzen können. Schliesslich bejahte die Vorinstanz auch den Kausalzusammen-
hang zwischen der schuldhaften Verletzung der Fürsorgepflicht und dem Ge-
sundheitsschaden. Der Zusammenhang ergebe sich aus den eingereichten Arzt-
zeugnissen, insbesondere dem IV-Gutachten, welche die Ursache der Erkran-
kung in den Arbeitsumständen sähen. Auch wenn diese Zeugnisse einseitig auf
den subjektiven Angaben des Klägers beruhten, so seien Fachpersonen doch in
der Lage, diese im Gesamtzusammenhang korrekt zu werten und einzuordnen.
5. Im Berufungsverfahren halten die Parteien im wesentlichen an ihren Stand-
punkten fest.
C Haftungsgrundlagen
1. Rechtliche Grundlagen
Die in Art. 328 OR geregelte Fürsorgepflicht des Arbeitgebers auferlegt diesem,
dem Arbeitnehmer Schutz und Fürsorge zu gewähren, seine Persönlichkeit und
Gesundheit zu schützen oder ihn auch vor Übergriffen Dritter zu schützen. Art und
Umfang der Fürsorge- und Schutzpflicht ergeben sich teilweise aus öffentlich-
rechtlichen Bestimmungen wie dem Arbeitsgesetz, die über Art. 328 OR ins Pri-
vatrecht einfliessen. Auch Absatz 2 der genannten Bestimmung präzisiert, be-
schränkt aber auch die allgemeine Schutzbestimmung : Der Arbeitgeber hat (nur)
diejenigen Schutzmassnahmen zu treffen, die nach der Erfahrung notwendig,
nach dem Stand der Technik anwendbar und den Verhältnissen des Betriebes
angemessen sind, soweit ihm diese mit Rücksicht auf das einzelne Arbeitsver-
hältnis und die Natur der Arbeitsleistung billigerweise zugemutet werden können.
Die Rücksichtnahme auf die Verhältnisse des Betriebes bezieht sich sowohl auf
die technischen wie auch auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten. Dabei ist stets
eine Interessenabwägung notwendig zwischen dem Schutzbedarf bzw. dem Ge-
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fährdungspotential einerseits und den berechtigten Gegeninteressen des Arbeit-
gebers bzw. dem Sicherheitsaufwand andererseits. Bei erheblichen Gefahren für
Leben und Gesundheit des Arbeitnehmers tritt die wirtschaftliche Zumutbarkeit
von Präventionsmassnahmen in den Hintergrund. Bringen umgekehrt gewisse Tä-
tigkeiten naturgemäss eine erhöhte gesundheitliche oder psychische Belastung
mit sich, kann der Arbeitgeber die Erfüllung der Arbeitspflicht trotz tätigkeitsimma-
nenter Belastungen verlangen, ohne dass er damit eine Pflicht zum Persönlich-
keitsschutz des Arbeitnehmers verletzt. Der Arbeitnehmer hat diese Belastungen
auszuhalten. Die Frage einer Persönlichkeitsverletzung durch den Arbeitgeber
stellt sich hier erst dann, wenn der Eingriff in die Persönlichkeitsrechte weiter
geht, als durch den Zweck des Arbeitsvertrages unbedingt geboten ist. Auch die
Fürsorgepflicht des Arbeitgebers zur Vermeidung von Stressschäden ist auf Fälle
klarer, objektivierbarer, nicht tätigkeitsimmanenter Überforderung begrenzt; eine
tätigkeitsimmanente erhöhte Stressbelastung muss der Arbeitnehmer hinnehmen
(Streiff/von Kaenel/Rudolph, Arbeitsvertrag, Praxiskommentar, 7.A., Art. 328 N
2ff, N 7, 15f; Rehbinder/Stöckli, BK OR Art. 328 N 5; J. Brühwiler, Kommentar
zum Einzelarbeitsvertrag, 3.A. S. 219 Rz 1, S. 230 Rz 7; BSK OR I-W. Port-
mann/R. Rudolph, Art. 328 N 21e). Für tätigkeitsimmanente Belastungen bzw.
Stressschäden als solche haftet der Arbeitgeber nicht, es treffen ihn nur Schutz-
pflichten bei deswegen eingetretenen Gesundheitsstörungen. Bei einer Haftung
des Arbeitgebers für Belastungs- und Stressschäden ist in jedem Fall aber dem
Verschulden besondere Beachtung zu schenken. Die erhöhte Belastung muss für
ihn erkennbar sein (z.B. Absenzen, deutlich wahrnehmbare Stresssymptome); es
trifft umgekehrt aber auch den Arbeitnehmer eine entsprechende Informationsob-
liegenheit. Fehlt es daran, fehlt es an einem haftungsbegründenden Verschulden
(W. Portmann, Stresshaftung im Arbeitsverhältnis, ARV 2008 S. 7ff). Ebenso ist
der Kausalzusammenhang zwischen einem oft unspezifischen Beschwerdebild
und der geltend gemachten Stressbelastung sorgfältig zu prüfen (BSK OR I-W.
Portmann/R. Rudolph, Art. 328 N 21e).
Verletzt der Arbeitgeber schuldhaft seine Fürsorgepflicht und erleidet der Arbeit-
nehmer dadurch einen Gesundheitsschaden, so hat der Arbeitgeber für diesen
Schaden nach den allgemeinen Haftungsgrundsätzen einzustehen; der Schaden-
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ersatz ist nicht auf die Erfüllung der arbeitsvertraglichen Lohnansprüche bzw.
Versicherungsleistungen beschränkt.
2. Vorliegen eines Schadens
Vorliegend ist unbestritten geblieben, dass der Kläger unmittelbar nach der Kün-
digung des Arbeitsverhältnisses psychisch ernsthaft erkrankte und nach Ein-
schätzung der IV bis auf weiteres erwerbsunfähig ist. Er bezieht IV-Renten von
insgesamt Fr. 3'719.- pro Monat (Urk. 26/36); der letzte Arbeitslohn betrug dem-
gegenüber Fr. 5'302.- netto (Urk. 4/29/1-4). Es muss daher mindestens von einem
Erwerbsausfallsschaden und von ungedeckten Aufwendungen für die medizini-
sche Behandlung (Selbstbehalte) ausgegangen werden. Wie bereits vorstehend
(Erw. 1) erwähnt, hat die Beklagte - entgegen ihrem Prozessstandpunkt - als Ar-
beitgeberin grundsätzlich auch für einen Schaden aufzukommen, der über die
Beendigung des Arbeitsverhältnisses hinaus andauert, wenn die weiteren Haf-
tungsvoraussetzungen erfüllt sind.
3. Vorliegen einer Fürsorgepflichtverletzung
3.1. Vorbemerkungen
Der Kläger verweist zur Begründung seiner Klage einerseits auf die psychisch all-
gemein belastende Arbeitssituation, resultierend aus einem häufigen unangemes-
senen Verhalten der Heimbewohner. Andererseits verweist er auf vier konkrete,
gravierendere Vorfälle, bei denen er in schwerwiegenderer Weise bedroht worden
war. Soweit er geltend macht, es hätten sich noch weitere ähnlich schwerwiegen-
de Vorfälle ereignet, die anhand von Polizeirapporten sowie interner Rapporte der
Beklagten zu eruieren seien, so sind seine Vorbringen nicht ausreichend substan-
tiiert. Es ist nicht Aufgabe des Gerichtes, nach weiteren zweckdienlichen Sach-
verhalten zu forschen, mit denen ein - anwaltlich vertretener - Kläger seine Klage
möglicherweise auch noch begründen könnte. Kommt dazu, dass der Kläger sich
darauf beruft, dass die gravierenden Vorfälle bei ihm eine anhaltende schwere
psychische Belastung verursacht haben. Unter diesen Umständen kann aber mit
Fug davon ausgegangen werden, dass er sich diesfalls auch an solche weiteren
gravierenden Vorfälle zumindest in ihren groben Abläufen erinnern könnte. Es ist
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auch nicht klar, wie weit der Kläger durch sein Ausforschungsbegehren auch Vor-
fälle feststellen lassen möchte, in die nicht er, sondern - in seiner Abwesenheit -
Arbeitskollegen involviert waren. Jedenfalls kann er aus einem von F._ brief-
lich festgehaltenen, diesem widerfahrenen weiteren Vorfall vom 14. Januar 2003
(Urk. 4/20) nichts für sich und eine eigene posttraumatische Belastung ableiten,
ebensowenig aus der Beschreibung der Symptomatik einzelner Heimbewohner im
Juli 2002 durch die Zentrumsleiterin G._ (Urk. 4/19), zumal er damals noch
gar nicht als ständiger Nachtmitarbeiter angestellt, sondern nur auf Abruf für Ein-
zeleinsätze für die Beklagte tätig war. Sodann hat der Kläger auch anlässlich der
mündlichen Hauptverhandlung vor Vorinstanz keine zusätzlichen Vorkommnisse
für schwerere tätliche Angriffe und Bedrohungen seiner Person anführen können.
Die angeführte Beobachtung einer Anrempelung und sexuellen Belästigung der
Zentrumsleiterin oder seine Selbstvorwürfe betreffend eine konstant falsche Me-
dikamentendosierung für einen Heimbewohner mit tödlichem Ausgang - an der
während des fraglichen Monats mehrere Betreuer beteiligt waren - können mit-
nichten als schwere eigene Bedrohung oder als eigenes Schreckereignis gelten
(Prot. I S. 25, 29). Wäre es im D._ sodann tatsächlich zu mehrfachen Tö-
tungsdelikten und häufig zu schweren Messerstechereien gekommen, wie dies
der Kläger gegenüber dem IV-Gutachter ausführte (Urk. 26/35 S. 7), so hätte der
Kläger es kaum unterlassen, dies auch im vorliegenden Verfahren anzuführen
bzw. wären solche Vorfälle justiznotorisch.
In diesem Sinne sind weitere Einzelfälle von schweren Bedrohungen und tätlichen
Angriffen auf den Kläger nicht ausreichend substantiiert und nachfolgend nicht
mehr weiter in Erwägung zu ziehen. Auf die ungenügende Substantiierung hat die
Beklagte bereits in ihrer Klageantwort hingewiesen (Urk. 19 S. 19, 22). Eine
nochmalige gerichtliche Substantiierungsaufforderung kann damit unterbleiben,
erst recht angesichts der durchgeführten Befragung des Klägers vor Vorinstanz
zu möglichen weiteren Vorfällen (BGer. 4A_57/2014 (08.05.2014) mit weiteren
Hinweisen).
Auch die verallgemeinernde Behauptung, die Polizei sei mit der Zeit wegen der
Vorfälle im D._ nicht mehr ausgerückt, genügt den prozessualen Substantiie-
rungsanforderungen nicht und es besteht aus den vorgenannten Gründen kein
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Anlass zu diesbezüglichen gerichtlichen Nachforschungen. Der Kläger nennt kei-
nen einzigen, selber erlebten Fall von Aggression, bei dem er von der Polizei im
Stich gelassen worden wäre. Aktenkundig sind einzig Diskussionen über eine po-
lizeiliche Nichtintervention durch den Brief von F._ vom 14. Januar 2003, als
der Kläger noch nicht einmal fest angestellt war. Dabei handelte es sich nicht um
eine Einsatzverweigerung der Polizei in einer Notsituation, sondern um eine Mei-
nungsdifferenz beim Vollzug eines Hausverbotes. (Die dreimal samt Verstärkung
ausgerückte Polizei erachtete es als nicht vertretbar, zwecks Vollzugs eines ausgespro-
chenen Hausverbotes einen Heimbewohner nachts im kalten Winter einfach auf die
Strasse zu stellen, und sie erachtete sich als unzuständig, diesem eine andere Unterkunft
zu besorgen; Urk. 4/20). Allein mit diesem Vorfall lässt sich ein allgemein ungenü-
gender Polizeischutz nicht substantiieren. Der Kläger bestreitet auch nicht, dass
die Flughafenpolizei im Notfall grundsätzlich sehr schnell zur Stelle war (Urk. 19
S. 24 i.V.m. Urk. 25 S. 30).
3.2. Tätigkeitsimmanente Belastung
Wie vorstehend (Erw. 1) ausgeführt, kann sich ein Arbeitnehmer nicht auf eine
Verletzung der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers berufen für psychische und kör-
perliche Belastungen bzw. Beeinträchtigungen, die der Arbeitstätigkeit immanent
sind und die dem Arbeitnehmer bei Aufnahme seiner Arbeitstätigkeit entspre-
chend bekannt sind. Es liegt auf der Hand, dass es in einer Unterkunft für beson-
ders renitente und schwierige Asylbewerber immer wieder zu Auseinanderset-
zungen unter den Bewohnern oder mit Betreuern kommt. Ein dort tätiger Betreuer
muss daher in Kauf nehmen, dass die Bewohner sich frech und provozierend be-
nehmen, widersetzlich sind und gegen ihn auch verbal ausfällig und aggressiv
werden. Dazu sind auch während eines Disputs leicht hingeworfene, verbale Dro-
hungen zu rechnen. Dies ist Teil der tätigkeitsimmanenten Belastung, die ein Be-
treuer in einer solchen Institution aushalten können muss und was auch die Ar-
beitgeberin voraussetzen kann. Es entspricht dies einer Belastung, wie sie auch
viele andere Berufsgruppen wie z.B. Polizeiangehörige, Zugbegleiter, Securitas,
Türsteher, Sozialarbeitende etc. auf sich nehmen müssen. Vorliegend hatte der
Kläger sogar die Möglichkeit, die Belastungen des Arbeitsumfeldes zunächst als
Mitarbeiter auf Abruf in einem eher losen Arbeitsverhältnis auszuprobieren, bevor
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er sich nach mehr als zwei Jahren zum Abschluss eines festen Arbeitsvertrages
mit Vollzeitpensum für eben diese Arbeit entschloss. Der Kläger wusste genau,
was ihn im D._ erwartete und mit welchen Unannehmlichkeiten und Belas-
tungen er bei seiner Arbeit regelmässig konfrontiert sein würde. Er kannte aber
auch die zur Verfügung stehenden Mittel und die bestehenden Schutzmassnah-
men. Insbesondere fällt der erste angeführte konkrete Bedrohungsfall vom 28.
August 2001 noch in diese vorvertragliche "Probezeit". Und dafür hat der Kläger
später aber sogar seinen Strafantrag zurückgezogen, somit sein Desinteresse an
einer Bewältigung des Vorfalls durch die Strafbehörden bekundet. Allein aus der
belastenden Tätigkeit mit möglichen Gesundheitsfolgen kann der Kläger keine
Haftung der Beklagten als Arbeitgeberin ableiten und ist seine Haftungsklage zum
vorneherein unbegründet. Von der Beklagten kann er unter dem Aspekt der Für-
sorgepflicht höchstens begleitende Massnahmen fordern, um ihr bekannte, tätig-
keitsbedingte Gesundheitsprobleme des Arbeitnehmers soweit möglich und zu-
mutbar abzufedern. Entgegen der Vorinstanz kann nicht allein aus dem späteren
Eintreten eines Gesundheitsschadens der Rückschluss gezogen werden, die Be-
lastungen des Klägers hätten die normale tätigkeitsimmanente Belastung über-
schritten (Urk. 50 S. 20ff).
Körperliche Angriffe und ernsthafte Bedrohungen an Leib und Leben können hin-
gegen nicht mehr als normale, tätigkeitsimmanente Belastungen eines Arbeit-
nehmers gelten. Hier hat die Arbeitgeberin die ihr möglichen und zumutbaren
Schutzmassnahmen zu deren Verhinderung zu treffen.
3.3. Unterlassene Schutzmassnahmen
Es ist im Folgenden zu prüfen, ob die vom Kläger konkret als nötig erachteten und
unterlassenen Schutzmassnahmen geeignet gewesen wären, allfällige aus der tä-
tigkeitsimmanenten Belastung resultierende Gesundheitsstörungen aufzufangen
oder die konkret angeführten gravierenderen Vorfälle zu verhindern, und ob diese
Massnahmen für die Beklagte zumutbar gewesen wären. Es geht dabei um zu-
sätzliche Schutzmassnahmen zu den bereits getroffenen wie die Organisation der
engen Zusammenarbeit mit der Polizei, die Einrichtung einer Videoüberwachung,
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die Schaffung eines abgeschlossenen Schalterbereichs aus bruchsicherem Ver-
bundsicherheitsglas mit Sicherheitsschublade sowie die Etablierung eines dreima-
ligen Rundrufs pro Nacht unter den Betreuungseinrichtungen. Neben der (hypo-
thetischen) Kausalität bedarf auch ein allfälliges schuldhaftes Handeln der Be-
klagten einer besonderen Beachtung.
3.3.1. Fehlende Ausbildung/Weiterbildung
Nachdem der Kläger in der Klagebegründung den Vorwurf ungenügender Aus-
und Weiterbildung erhoben hatte, welche ihm einen besseren Umgang mit den
Belastungen ermöglich hätte, listete die Beklagte in der Klageantwort konkret den
Besuch von acht Weiterbildungskursen in den Jahren 2006 - 2010 durch den Klä-
ger auf, darunter zu den Themen "Drogen- und Alkoholproblematik, - Prävention
und Reaktion", "Gewaltsituationen: Prävention und Reaktion", "Basiswissen für
Betreuende 2", "Grenzerfahrung in der Betreuung" (Urk. 19 S. 25). Der Kläger be-
stritt den Besuch dieser Weiterbildungen in der Folge nicht mehr (Urk. 25 S. 30,
Urk. 56 S. 22). Die vorgenannten Kurse waren nun aber offensichtlich dazu be-
stimmt und geeignet, den Kläger in den von ihm angeführten kritischen Situatio-
nen im Umgang mit alkoholisierten und aggressiven Asylbewerbern zu schulen
und zu unterstützen. Sodann fällt auf, dass ihm im Jahre 2009 der Besuch von
Weiterbildungen, welche die Beklagte mindestens seit 2004 anbietet (Urk. 4/5 S.
5), sogar mittels einer förmlichen Zielvereinbarung beim Mitarbeitergespräch im
September 2009 nahe gelegt wurde (Urk. 22/1 S. 7). Dies spricht dagegen, dass
die Beklagte ihren Mitarbeitern keinen Zugang zu einer angemessenen Aus- und
Weiterbildung ermöglicht hätte, bzw. lässt eher vermuten, dass der Kläger die
Weiterbildungsangebote nicht oder zu wenig nutzte. Er konnte seine Weiterbil-
dung auch gestützt auf Ziff. 7.1. des Arbeitsvertrages einfordern (Urk. 4/8). Sein
Vorwurf einer Fürsorgepflichtverletzung mangels geeigneter Ausbildung/Weiter-
bildung fällt in jedem Fall in sich zusammen. Weiter blieb seitens des Klägers un-
bestritten, dass im Anschluss an den Vorfall vom 5. Oktober 2009 die Zentrums-
leiterin mit ihm ein Gespräch über seine Befindlichkeit führte und er dabei erklärte,
es gehe ihm gut (Urk. 19 S. 18, 23 i.V.m. Urk. 25 S. 14, 17, 21, 23). Dass ihm un-
ter solchen Umständen keine psychologische Unterstützung aufgezwungen wur-
- 16 -
de, bedeutet keine Fürsorgepflichtverletzung. Auch ein schuldhaftes Verhalten der
Beklagten läge hier im Übrigen nicht vor.
3.3.2. Regelmässige medizinische Untersuchungen
a) Gestützt auf das Arbeitsgesetz sind Arbeitnehmer, die regelmässig Nachtarbeit
leisten und dabei in erhöhtem Ausmass (physisch und mental) belastenden oder
gefährlichen Situation ausgesetzt sind, obligatorisch alle zwei Jahre medizinisch
zu untersuchen; sie haben dabei auch Anspruch auf Beratung zur Vermeidung
gesundheitlicher Probleme zufolge der Nachtarbeit (Art. 17c ArG i.V.m. Art. 45
ArGV 1). Diese Vorschriften zum Gesundheitsschutz sind auch auf Anstaltsper-
sonal anwendbar (Art. 3a lit.c i.Vm. Art. 6 und Art. 40 ArG). Die medizinische Un-
tersuchung beinhaltet eine Basiskontrolle des Gesundheitszustandes des Arbeit-
nehmers unter Berücksichtigung der Art der auszuübenden Tätigkeit und der Ge-
fährdung am Arbeitsplatz (Art. 43 ArGV 1).
Die Beklagte stellt diese medizinische Untersuchungspflicht im Berufungsverfah-
ren nicht mehr in Frage (Urk. 49 S. 17 Rz 35). Wenn sie vor Vorinstanz sodann
geltend machte, es hätte dabei nur die eigentliche Nachtarbeitstauglichkeit bzw.
die Auswirkungen der Nachtarbeit auf die Gesundheit des Klägers untersucht
werden müssen (Urk. 19 S. 16 Rz 27), so widerspricht dies dem Wortlaut von Art
43 ArGV 1. Dieser verlangt die Mitberücksichtigung der Art der Arbeit und des Ge-
fährdungspotentials. Das bedeutet, dass die gesundheitliche Situation gesamthaft
unter Berücksichtigung der sich aus Nachtarbeit und tätigkeitsimmanenter Belas-
tung ergebenden Aspekte medizinisch abzuklären ist. Nicht Gegenstand einer
solchen Abklärung ist jedoch die blosse Feststellung einer tätigkeitsimmanenten
Belastung als solcher (vgl. Erw. 3.2. vorstehend). Folge einer allenfalls festgestell-
ten Gesundheitsproblematik kann nach dem Ausgeführten für die Arbeitgeberin
unter dem Aspekt der Fürsorgepflicht nur sein, dass sie festgestellten Gesund-
heitsproblemen durch begleitende Massnahmen so weit Rechnung tragen muss,
als ihr dies zumutbar und ohne Verzicht auf die vereinbarte Leistungserfüllung
möglich ist. Zwischen der Unterlassung der medizinischen Kontrolluntersuchung
und der aus ihrem mutmasslichen Ergebnis allenfalls ableitbaren und zumutbaren
Massnahmen zum Gesundheitsschutz einerseits und zwischen der schuldhaften
Unterlassung solcher Massnahmen und der heutigen Erkrankung des Klägers -
- 17 -
posttraumatische Belastungsstörung und mittelgradige depressive Episode - an-
dererseits muss sodann je ein Kausalzusammenhang bestehen, soll die Beklagte
dafür haftbar gemacht werden.
Nachfolgend ist vorab der erstgenannte Kausalzusammenhang zu prüfen.
b) Eine posttraumatische Belastungsstörung ist eine Folgereaktion eines oder
mehrerer traumatischer Ereignisse wie z.B. das Erleben von körperlicher und se-
xualisierter Gewalt, gewalttätiger Angriffe auf die eigene Person oder das Erleben
solcher Ereignisse an fremden Personen. Die Diagnose nach dem internationalen
Klassifikationssystem ICD-10 setzt dabei voraus, dass der Betroffene während
kurzer oder längerer Zeit einer aussergewöhnlichen Bedrohung oder einer Bedro-
hung mit katastrophalem Ausmass ausgesetzt war. Die Belastungsstörung tritt in
der Regel innerhalb von einem halben Jahr nach dem traumatischen Ereignis auf
und geht mit unterschiedlichen psychischen und psychosomatischen Symptomen
einher (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Posttraumatische_Belastungsstö-rung;
besucht am 9.11.2015). Sind posttraumatische Belastungsstörungen aber stets
Folge von besonderen Ereignissen, ist nachfolgend vorab der Eintritt solcher Er-
eignisse zu prüfen.
Die psychischen Beschwerden, die zur Arbeitsunfähigkeit des Klägers führten,
traten erst nach der Kündigung des Arbeitsverhältnisses im September 2010 auf.
Von den zeitlichen Verhältnissen her kommen als Auslöser einer posttraumati-
schen Belastungsstörung in diesem Zeitpunkt daher höchstens die Ereignisse
vom 30. Juni 2009 und vom 5. Oktober 2009 in Frage, als der Kläger von einem
Heimbewohner ins Gesicht geschlagen und verbal mit dem Tod bedroht worden
war bzw. als ein Heimbewohner vor der geschlossenen Loge randaliert und Mobi-
liar dagegen geworfen hatte. Dass die Vorfälle vom 28. August 2001, als der Klä-
ger von einem Heimbewohner mit einem Messer verfolgt und verbal mit dem Tod
bedroht worden war, und vom 15. November 2008, als das Auto des Klägers in
dessen Abwesenheit verbeult und zerkratzt und Scheiben eingeschlagen worden
waren, erst im Jahre 2010 zu einer massiven psychischen Belastungsreaktion
beim Kläger geführt haben, kann ausgeschlossen werden bzw. ein natürlicher
Kausalzusammenhang ist nicht ersichtlich (so sinngemäss auch der Kläger, Urk.
25 S. 14). Das dem Kläger attestierte Belastungstrauma ist mit erheblichen Ein-
- 18 -
bussen in seinem Sozialleben verbunden (vgl. z.B. Urk. 26/35). Solches wäre
aber nach den beiden Vorfällen in den Jahren 2001 und 2008 schon wesentlich
früher seinem Umfeld aufgefallen bzw. ihm selber bewusst geworden und hätte
seine bis zur Kündigung unbestrittenermassen vollständige Arbeitsfähigkeit schon
früher objektiv erkennbar massiv beeinträchtigt. Sodann kann vernünftigerweise
ausgeschlossen werden, dass der Vorfall im Jahre 2008 (Beschädigung des Au-
tos, während sich der Kläger im Büro aufhielt) derart gravierend war, dass er
überhaupt eine Traumatisierung zu bewirken vermochte.
Die medizinischen Untersuchungen hätten nur in zweijährigen Intervallen durch-
geführt werden müssen. Damit bleibt offen bzw. ist nicht feststellbar, ob zwischen
Juni 2009 und September 2010 überhaupt noch eine solche Untersuchung statt-
gefunden hätte. Insofern kann daher nicht angenommen werden, eine schwere
Traumatisierung bzw. posttraumatische Belastungsstörung aufgrund der Ereignis-
se vom Juni 2009 bzw. Oktober 2009 wäre in einer medizinischen Kontrolle be-
reits vor September 2010 diagnostiziert worden und eine bereits vor diesem Zeit-
punkt einsetzende mögliche Behandlung oder Umfeldveränderung hätte gravie-
rende Spätfolgen verhindert. Ein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen der
Unterlassung der ärztlichen Kontrolle und einer früher möglichen Diagnose und
Behandlung einer posttraumatischen Belastungsstörung nach diesen beiden Er-
eignissen ist damit zu verneinen bzw. lässt sich nicht erstellen.
Ergänzend bleibt anzumerken, dass die Diagnose einer posttraumatischen Belas-
tungsstörung erstmals im Austrittsbericht des Sanatoriums Kilchberg vom 14. Ap-
ril 2011 auftaucht, unter Berufung auf die anamnestischen Eigenangaben des
Klägers über eine "langjährige Bedrohung am Arbeitsplatz" (Urk. 4/25). Zuvor war
nur von einer mittelgradigen depressiven Episode die Rede (Urk. 4/24 sowie die
ebenda sowie in Urk. 26/35 S. 4 zitierte Diagnose von Dr. E._, der die de-
pressive Symptomatik auf den Stellenverlust und dadurch ausgelöste Existenz-
ängste im Sinner einer Anpassungsstörung zurückführte). Die anamnestischen
Eigenangaben des Klägers steigerten sich in der Folge dann immer mehr bis hin
zur Aussage, wiederholt Zeuge von tödlich endenden Auseinandersetzungen und
Messerstechereien geworden zu sein und selber in Schlägereien verwickelt wor-
den zu sein, bzw. an seinem Arbeitsort seien Frauen vergewaltigt und den Leuten
- 19 -
sei der Schädel eingeschlagen worden und er selber sei auch zusammenge-
schlagen worden, bzw. er sei mit nicht zu beschreibender Gewalt konfrontiert
worden, er habe sich wie im Krieg gefühlt. Diese ungeprüft übernommenen Ei-
genangaben des Klägers festigten in der Folge die späteren Diagnosen einer
posttraumatischen Belastungsstörung (Urk. 26/35, Urk. 26/39), finden aber in den
vorliegenden prozessrelevanten Behauptungen des Klägers über konkrete Vorfäl-
le im D._ keine Stütze und widersprechen überdies der Justiznotorietät (an-
geblich mehrere tödliche Auseinandersetzungen im D._). Die in der Beru-
fungsantwort nachgeschobenen zwei weiteren konkreten Gewaltvorfälle (Urk. 56
S. 28f) sind als unzulässige Noven unbeachtlich (Art. 317 Abs. 1 ZPO). Die ak-
tenkundige Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung kann daher nicht
unhinterfragt übernommen werden, worauf die Beklagte bereits vor Vorinstanz
hingewiesen hat (Urk. 21 S. 6f, Prot. I S. 21/22; vgl. dazu nachstehend auch Erw.
4).
c) Zu prüfen ist weiter, ob eine regelmässige ärztliche Untersuchung eine schwe-
re, gesundheitliche Belastung durch das allgemeine Arbeitsumfeld zutage ge-
bracht hätte, und dass zumutbare Gegenmassnahmen zur Verhinderung einer
psychischen Erkrankung hätten ergriffen werden können bzw. müssen. Auch dies
ist aus folgenden Gründen zu verneinen:
In den regelmässig durchgeführten Qualifikationsgesprächen und selbst noch im
September 2009 bezeichnete der Kläger seine Befindlichkeit am Arbeitsplatz
nämlich als gut bis sehr gut bzw. als sehr gut; er habe ein gutes Gefühl und kom-
me gerne ins Zentrum (Urk. 22/1+2). Diese unterschriftlich bestätigten Äusserun-
gen sprechen gegen das Vorliegen von grösseren Gesundheitsproblemen bzw.
einer schweren psychischen Belastungssituation. Sie untermauern auch die Be-
hauptung der Beklagten, dass der Kläger gegenüber der Zentrumsleiterin und de-
ren Stellvertreter als seinen direkten Vorgesetzten mündlich immer wieder betont
habe, dass ihm die Stelle gut gefalle. Kommt dazu, dass der Kläger seine vertrag-
lichen Vereinbarungen mit der Beklagten im Laufe der Jahre mehrfach erneuerte,
das Pensum dabei auch noch erhöhte und sogar freiwillig mehr als die gesetzlich
erlaubte Höchststundenzahl arbeitete, sodass die Beklagte ihrerseits intervenie-
ren musste (Urk. 22/3+4). Wäre ihm nicht nach rund 10 Jahren gekündigt bzw.
- 20 -
das D._ geschlossen worden, wäre er wohl weiterhin für die Beklagte dort tä-
tig geblieben. Dies alles spricht gegen das Vorliegen grösserer gesundheitlicher
Probleme und gegen eine als untragbar empfundene psychische Belastung durch
die Arbeitssituation. Hat der Kläger gegenüber seiner Arbeitgeberin nie untragba-
re Belastungen oder Gesundheitsprobleme als Folge seiner Arbeit erwähnt, sich
vielmehr gegenteilig verhalten und geäussert, kann ausgeschlossen werden, dass
er sich gegenüber einem Arzt anders geäussert hätte. Solche Belastungen waren
ihm selber ja auch gar nicht bewusst (Urk. 25 S. 4, 5, 11, 21). Sollte der Kläger
trotz seiner objektiv guten beruflichen Qualifikationen und Perspektiven - abge-
schlossene Lehrerausbildung; arabisch, deutsch, russisch, englisch und serbo-
kroatisch sprechend (Urk. 25 S. 2); langjährige Berufserfahrung in der Flücht-
lingsbetreuung - mindestens subjektiv geglaubt haben, er fände bei einem Verlust
der Arbeitsstelle bei der Beklagten keine angemessene Arbeit mehr und müsste
sich mit untergeordneten Hilfsarbeiten durchschlagen (Urk. 25 S. 4), weshalb er
sich nicht getraut haben will zu klagen, so hätte ihn derselbe Umstand auch von
Klagen beim Arzt abgehalten. Er hätte vielmehr auch dort seine Arbeitszufrieden-
heit und Arbeitsfähigkeit betont, um die Arbeitsstelle nicht zu gefährden. Gegen-
teilige Äusserungen hätte der Arzt ohne Einwilligung des Klägers nicht an die Be-
klagte weiterleiten dürfen. Ausgangspunkt jeder ärztlichen Diagnose und Anam-
nese sind stets die Schilderungen des Patienten (so auch der Kläger selber, Urk.
25 S. 4, 32). Werden keine Gesundheitsbeschwerden angeführt, besteht für den
Arzt ohne augenfällige Gegenindikation kein Anlass, nach solchen zu forschen.
Solche Gegenindizien werden auch vorliegend nicht angeführt. Unbestrittener-
massen hatte der Kläger keine Arbeitsabsenzen noch liessen seine Leistungen
nach noch fiel sein soziales Verhalten auf, was z.B. für die Arbeitgeberin selber
oder für den Arzt erkennbare Indizien für gesundheitliche Probleme bzw. eine de-
pressive Symptomatik hätten sein können.
Regelmässige ärztliche Untersuchungen hätten nach dem Gesagten die heute
geltend gemachte psychische Symptomatik oder Ansätze dazu als Folge einer
unerträglichen Belastungssituation nicht aufgezeigt. Der Kläger hat erst im Jahre
2009 auf eigene Initiative Dr. E._ aufgesucht, ohne dass ihm dieser aber ein
Zeugnis ausstellte; offenbar schätzte er die gesundheitliche Situation des Klägers
- 21 -
noch im damaligen Zeitpunkt nicht als gravierend ein. Dass danach noch eine ar-
beitsmedizinische Kontrolluntersuchung stattgefunden hätte, die einen weiterge-
henden Befund hätte ergeben können, lässt sich nicht erstellen. Ein natürlicher
Kausalzusammenhang zwischen der Unterlassung der medizinischen Untersu-
chungen mit der Unterlassung von möglichen gesundheitlichen Schutzmassnah-
men zur Verminderung der Belastung entfällt damit. Hingegen müsste umgekehrt
von einer Verletzung der Informationspflicht durch den Kläger ausgegangen wer-
den, sollte er tatsächlich gesundheitliche bzw. psychische Probleme zufolge der
allgemeinen Belastung gehabt und verschwiegen haben.
Wie vorstehend ausgeführt (Erw.3.2.), darf eine Arbeitgeberin die Erfüllung der
Arbeitspflicht trotz tätigkeitsimmanenter Belastungen einfordern. Sie ist höchstens
zur Ergreifung zumutbarer begleitender Schutzmassnahmen bei auftretenden Ge-
sundheitsproblemen verpflichtet. Offen bleiben kann, ob der Kläger die Beklagte
erfolglos nach einer weniger belastenden Tagesanstellung in einem anderen Be-
trieb gefragt hat. Allein die Anfrage nach einer anderen Tätigkeit beinhaltet noch
keine Information über das tatsächliche Bestehen einer unerträglichen Belastung
oder gesundheitlicher Probleme, sowenig wie die Ablehnung einer solchen Anfra-
ge eine schuldhafte Fürsorgepflichtverletzung darstellen würde. Die Anstellung
des Klägers für eine Tagesarbeit in einem anderen Betrieb hätte nämlich eine
grundlegende Änderung des Arbeitsvertrages bzw. des Arbeitsinhaltes bedeutet
und dazu war die Beklagte unter dem Aspekt der Fürsorgepflicht so wenig ver-
pflichtet wie dem Kläger seinerseits die Kündigung des Arbeitsvertrages verwehrt
war. Offen bleiben kann, ob die Beklagte bzw. die Zentrumsleiterin H._ nicht
doch dem Kläger mehrfach (freiwillig) den Wechsel an eine andere Arbeitsstelle
offeriert, der Kläger dies aber abgelehnt hat, wie dies die Beklagte behauptet, der
Kläger aber bestreitet. Unbestritten ist jedenfalls, dass die Beklagte dem Kläger
mindestens im Jahr 2010 eine Tagesarbeit in ... anbot, die der Kläger aber ab-
lehnte (Urk. 25 S. 14). Auch auf den Widerspruch zwischen dem Vorwurf des Klä-
gers, die Beklagte habe ihm keine andere Anstellung ermöglicht, und seiner Fest-
stellung, dass er bei der Beklagte über kurz oder lang eine andere Vollzeitstelle
hätte antreten können (Urk. 25 S. 34), braucht nicht weiter eingegangen zu wer-
den. Dass er trotz seiner objektiv guten beruflichen Qualifikationen subjektiv ge-
- 22 -
glaubt haben will; er finde bei einer Kündigung keine angemessene Arbeitsstelle
mehr, überzeugt nicht. In keinem Fall aber resultierte daraus automatisch ein
Vorwurf an die Beklagte, sie habe (1) Kenntnis von dieser irrigen Selbsteinschät-
zung des Klägers gehabt und (2) diese bzw. die "gefühlte" Abhängigkeit des Klä-
gers (Urk. 25 S. 10) von ihr zu seinem Schaden bewusst ausgenützt (Urk. 1 S. 18;
Urk. 25 S. 4, 14, 29; Urk. 56 S. 4). Unter diesem Aspekt fehlte es in jedem Fall
auch an einem Verschulden der Beklagten.
d) Nach den vorstehenden Ausführungen fehlt es am nötigen natürlichen Kausal-
zusammenhang zwischen der Unterlassung der regelmässigen medizinischen
Kontrollen und der Unterlassung von zumutbaren, begleitenden Massnahmen
zum Gesundheitsschutz durch die Beklagte, die aus einem medizinischen Befund
allenfalls ableitbar gewesen wären. Solche möglichen begleitenden Massnahmen
wurden seitens des Klägers im vorliegenden Verfahren im Übrigen auch nie sub-
stantiiert, mit Ausnahme der prozessual thematisierten Weiterbildungsmassnah-
men, der Doppelbesetzung der Nachtschicht und der Arbeitsvertragsänderung
(Urk. 1 S. 36, Urk. 25 S. 4, Urk. 56 S. 10, 26, 32).
3.3.3. Doppelbesetzung der Nachtschicht
a) Nach Ansicht des Klägers liegt eine Fürsorgepflichtverletzung der Beklagten
auch vor, weil sie es unterlassen hat, die Nachtschicht im D._ mit jeweils
zwei Leuten zu besetzen. Dadurch hätten zwar die Gewaltvorfälle nicht unbedingt
verhindert werden können, aber diese Vorkehr hätte den Umgang damit erleich-
tert und das Sicherheitsgefühl und die Erträglichkeit der Belastung für den Kläger
ganz allgemein verbessert. Nach Ansicht der Beklagten wäre eine solche Mass-
nahme wirtschaftlich unverhältnismässig gewesen, da das auf 50 Asylsuchende
ausgelegte D._ konstant höchstens zur Hälfte belegt gewesen sei; im Jahre
2009 hätten noch 12 Asylbewerber dort gewohnt, im Jahre 2010 nur noch 4 - 5,
wovon ca. 10% jeweils noch in Haft gewesen seien. Der Kanton hätte unter die-
sen Umständen diese Zusatzstelle nicht finanziert. Diese Massnahme habe sich
in ihren anderen Zentren sodann nicht bewährt wegen unklarer Verantwortlichkei-
- 23 -
ten in einem Konfliktfall. Auch andere Trägerschaften von Asylunterkünften sähen
keine Doppelbesetzung vor.
b) Der Kläger leitet seine Forderung nach einer Doppelbesetzung aus Empfeh-
lungen der Polizei aus dem Jahre 2003 ab, als diese das Zentrum besichtigt und
verschiedene Sicherheitsmassnahmen angeregt hatte (Urk. 4/21). Damals waren
die 50 Plätze des Zentrums allerdings wesentlich stärker, nämlich zu 90% belegt
(Urk. 4/19). Sodann wurden die weiteren empfohlenen technischen Sicherheits-
massnahmen anschliessend realisiert (Videoüberwachung, Schalterraum aus
bruchsicherem Verbundsicherheitsglas; organisierte Zusammenarbeit mit der na-
hegelegenen Flughafenpolizei; zusätzlich dreimaliger Rundruf unter den Nachtbe-
treuern der verschiedenen Unterkünfte).
Dem Kläger kann insoweit zugestimmt werden, dass die Doppelbesetzung der
Nachtschicht potentiell abschreckend auf Gewalttaten von Heimbewohnern wirkt.
Dies wäre allerdings nur dann der Fall, wenn die beiden Nachtbetreuer während
ihrer Arbeit sich stets nur zu zweit, ähnlich einer polizeilichen Patrouille, auf dem
Areal fortbewegen und sich keiner je vom anderen entfernen würden. Ein solches
Verhalten während einer über 8-stündigen Nachtschicht in einem festen räumli-
chen Umfeld ist jedoch unrealistisch. Bei den vier vom Kläger konkret angeführten
Gewaltvorfällen handelte es sich sodann um spontane Gewalttaten. Wie die Vide-
oaufnahme vom letzten Vorfall (Urk. 4/18) - auch stellvertretend für die drei weite-
ren Vorfälle - belegt, ging es um eine situative, aggressive Entladung, die rund 75
Sekunden dauerte. (Dass anschliessend die Aggression mittels Verwüstungen im  fortgesetzt worden ist, ist durch keine Echtzeitaufzeichnungen der dortigen
Kamera belegt.) Dass in dieser kurzen Zeit ein zweiter Mitarbeiter dem Kläger hätte
zu Hilfe eilen und ohne Selbstgefährdung effektive Hilfe hätte leisten können, ist
zu bezweifeln. (Wie bzw. durch wen die Situation am 5. Oktober 2009 letztlich bereinigt
wurde, ist unbekannt. Nach dem Wegschleudern der Holzrohrstabelle bricht die Aufnah-
me um 19.49'.06'' Uhr ab und setzt erst wieder um 20.08'36'' Uhr ein mit einer teilweise
aufgeräumten Raumsituation im Schalterbereich sowie mit umgekipptem Fauteuil und
Salontisch im Aufenthaltsbereich.) Sodann ist fraglich, ob ein sich situativ in eine Er-
regung hineinsteigernder Heimbewohner sich tatsächlich von einer spontanen
Gewalthandlung abhalten liesse allein im Wissen, dass noch ein zweiter Mitarbei-
- 24 -
ter irgendwo auf dem Areal anwesend ist. Umgekehrt belegt der letzte Vorfall die
Tauglichkeit der getroffenen baulichen Sicherheitsmassnahmen (bruchsichere Ab-
trennung des Schalters), wodurch der sich darin einschliessende Kläger vor kör-
perlichem Schaden bewahrt wurde. Insgesamt kann daher nicht angenommen
werden, dass die vom Kläger angeführten vier Gewalttaten und allenfalls weitere
ähnliche Vorfälle während der Nacht durch die Anwesenheit eines zweiten Mitar-
beiters sicher verhindert worden wären. Der hypothetische (natürliche) Kausalzu-
sammenhang ist zweifelhaft.
Die Anwesenheit eines zweiten Mitarbeiters hätte die Möglichkeit geschaffen, sich
über erlebte kritische Situationen auszutauschen und im Sinne eines "Debrie-
fings" zur psychischen Verarbeitung beizutragen. Dieselbe Möglichkeit bestand
indessen auch mit dem von der Beklagten organisierten nächtlichen Rundruf un-
ter den Betreuungseinrichtungen, oder dann nach Schichtende im kollegialen
Austausch im Team der übrigen (Tages-)Betreuer bzw. im Gespräch mit Vorge-
setzten, so wie dies nach dem letzten Vorfall und auch schon früher stattgefunden
hat (Gespräch mit der Zentrumsleiterin, einer Psychiatriefachfrau, über die subjek-
tive Befindlichkeit). Dass sich der Kläger dabei nicht über seine vorliegend vor-
gebrachten Belastungen ausgesprochen hat (Urk. 25 S. 23, 28), hat nicht die Be-
klagte zu vertreten. Ein zweiter Nachtmitarbeiter zum sofortigen psychischen "Auf-
fangen" von Belastungssituationen ist jedenfalls nicht zwingend erforderlich, ein
Fehlen für eine mangelhafte Verarbeitung von belastenden Vorfällen nicht natür-
lich kausal.
Bleibt sodann noch das allgemeine Sicherheitsgefühl, das sich aus dem blossen
Wissen um die Anwesenheit einer weiteren Person ergibt. Dass ein solches sub-
jektives Sicherheitsgefühl nicht zwingend die objektive Sicherheitssituation wider-
spiegelt, ergibt sich aus den vorstehenden Erwägungen zur möglichen Verhinde-
rung von Gewalttaten. Umgekehrt waren auch die getroffenen technischen Si-
cherheitsmassnahmen durchaus geeignet, zu einem subjektiven Sicherheitsge-
fühl beizutragen. Ob allein eine gewisse zusätzliche Verbesserung des subjekti-
ven Sicherheitsgefühls die kostspielige Einsetzung eines zweiten Nachtmitarbei-
ters gerechtfertigt hätte und wirtschaftlich zumutbar gewesen wäre, insbesondere
angesichts der behaupteten (und nicht substantiiert bestrittenen) massiv rückläu-
- 25 -
figen Belegungszahlen, kann jedoch offen bleiben, wie die nachfolgenden Ausfüh-
rungen zum adäquaten Kausalzusammenhang ergeben. Ebenso kann die betrieb-
liche Zweckmässigkeit einer solchen Doppelbesetzung (Entstehung von Verant-
wortlichkeitskonflikten) offen bleiben.
4. Adäquater Kausalzusammenhang
4.1. Der Beklagte rügt mit seiner Berufung, dass die Vorinstanz zu Unrecht einen
adäquaten Kausalzusammenhang zwischen der geltend gemachten Belastung
und den späten Krankheitsfolgen bejaht hat (Urk. 49 S. 20ff).
Für eine Schadenshaftung muss ein (natürlicher) Kausalzusammenhang zwi-
schen einer Sorgfaltspflichtverletzung als Schadensursache und dem nachmali-
gen Schaden zusätzlich auch noch unter dem Aspekt der Adäquanz beurteilt wer-
den. D.h. dass jede in Frage kommende Schadensursache dahin zu bewerten ist,
ob sie nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfah-
rung an sich überhaupt geeignet war, einen Erfolg von der Art des eingetretenen
Schadens zu bewirken, der Eintritt dieses Erfolges also durch das Ereignis allge-
mein als begünstigt erscheint. Es ist daher zu prüfen, ob die heute bestehende
psychische Erkrankung des Klägers nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und
der allgemeinen Lebenserfahrung überhaupt als Folge der erlebten Gewaltereig-
nisse oder der generellen Belastungssituation gelten kann, selbst wenn man eine
schuldhafte Fürsorgepflichtverletzung der Beklagten als Ursache der schädigen-
den Ereignisse bzw. Umstände bejahen würde. Insofern unterscheidet sich der
vorliegende Haftpflichtprozess wesentlich von der Beurteilung der gesundheitli-
chen Situation des Klägers durch die Invalidenversicherung. Letztere hat sich
vornehmlich mit der objektiven Feststellung der gesundheitlichen und arbeitsmäs-
sigen Einschränkung und der Prognose der zukünftigen Entwicklung zu befassen,
nicht aber mit der genauen Ursache. Die Prüfung des adäquaten Kausalzusam-
menhangs ist eine Rechtsfrage und abhängig von den tatsächlichen Behauptun-
gen zur Schadensverursachung zu prüfen.
4.2. Das Bundesgericht hat sich in seiner Rechtsprechung einlässlich mit der
Adäquanz psychischer Fehlentwicklungen und psychisch bedingter Arbeitsunfä-
higkeit nach Unfällen befasst. Dies aufgrund der Erkenntnis, dass neben den Un-
- 26 -
fallursachen auch weitere, in der Persönlichkeit des Verletzten liegende Ursachen
mit dem Unfall als Auslöser psychischer Langzeitfolgen konkurrieren können. Sol-
che unfallfremden Ursachen müssen dabei nicht im Einzelnen identifiziert oder
nachgewiesen sein. Das Bundesgericht unterscheidet anhand des augenfälligen
Geschehensablaufs drei unterschiedliche Schweregrade von Unfällen. Ein adä-
quater Zusammenhang zwischen Unfall und psychischer Fehlentwicklung kommt
nur bei einem objektiv schweren Unfallereignis in Frage oder bei einem mittel-
schweren Unfallereignis, das sich durch zusätzliche, objektiv erfassbare Kriterien
charakterisiert, wie z.B. besonders dramatische Begleitumstände oder besondere
Eindrücklichkeit des Unfalls, schwere körperliche Verletzungen oder Verletzungen
besonderer Art, körperliche Dauerschmerzen, eine lange Dauer der Behandlung
der Verletzungen oder des Heilungsverlaufs etc. Bei banalen bzw. leichten Unfäl-
len, wie z.B. einem geringfügigen Anschlagen des Kopfes, Übertreten des Fus-
ses, einem gewöhnlichen Sturz oder Ausrutschen, ist der adäquate Kausalzu-
sammenhang zwischen Unfall und nachfolgenden psychischen Langzeitstörungen
hingegen ohne weiteres und ohne nähere Abklärungen zu verneinen. Hier mangle
es, so das Bundesgericht, dem Unfallereignis offenkundig an der erforderlichen
Schwere, welche allgemein geeignet wäre, zu einer psychischen Fehlentwicklung
z.B. in Form einer depressiven Reaktion zu führen (BGE 115 V 133 Erw. 6a und
b, m.w.H.).
Der Kläger erlitt einzig beim Vorfall vom 30. Juni 2009 eine leichte körperliche
Beeinträchtigung (Prellung, Kopfschmerzen), als ein Heimbewohner ihm mit der
Faust gegen die Wange schlug, weshalb hier von einem Unfallgeschehen auszu-
gehen ist. Dieser Vorgang entspricht von seinem Ablauf her objektiv jedoch einem
blossen Bagatellunfall im Sinne der vorerwähnten bundesgerichtlichen Recht-
sprechung, welcher nach der allgemeinen Lebenserfahrung ganz grundsätzlich
nicht geeignet ist, eine anhaltende psychische Traumatisierung zu verursachen.
Es kann damit dahin gestellt bleiben, ob dieser Vorfall als behauptete Schadens-
ursache durch eine Doppelbesetzung der Nachtschicht hätte verhindert oder eine
Traumatisierung hätte gemildert werden können.
4.3. Bei sogenannten Schreckereignissen, die keine körperlichen Beeinträchti-
- 27 -
gungen zur Folge haben, aber ebenfalls als Unfallereignis gelten, lassen sich die
entwickelten objektiven Kriterien für die Beurteilung der Schwere eines Unfalls
nicht anwenden, da hier kein somatisches Geschehen vorliegt sondern eine psy-
chische Stresssituation, allenfalls verbunden mit einer Lebensbedrohung. Das
Bundesgericht greift für die Adäquanz eines Kausalzusammenhangs bei solchen
Ereignissen mit anschliessender psychischer Fehlentwicklung daher auf die Qua-
lifikation des Schreckereignisses als Unfall zurück. Als adäquat kausales Ereignis
könne nur ein aussergewöhnliches Schreckereignis, verbunden mit einem ent-
sprechenden psychischen Schock gelten; die seelische Einwirkung müsse durch
einen gewaltsamen, unmittelbar erlebten Vorfall ausgelöst werden und in ihrer
überraschenden Heftigkeit geeignet sein, auch bei einem gesunden Menschen
durch Störung des seelischen Gleichgewichtes typische Angst- und Schreckwir-
kungen (wie Lähmungen, Herzschlag etc.) hervorzurufen (BGE 129 V 177). Ge-
stützt auf diese Definition verneinte das Bundesgericht im zitierten Fall ohne Wei-
terungen den adäquaten Kausalzusammenhang zwischen jahrelang anhaltenden
psychischen Störungen mit anhaltender Erwerbsunfähigkeit einer Spielsalonleite-
rin und einem erlittenen Raubüberfall. Bei diesem war sie spätnachts bei Be-
triebsschluss von einem schwarz Vermummten mit einer Schusswaffe bedroht
und zur Herausgabe des Geldes gezwungen worden, ohne dass es aber zu
Handgreiflichkeiten gekommen oder ein Schuss gefallen war. Die übliche und ei-
nigermassen typische Reaktion auf einen solchen Überfall bestehe - so das Bun-
desgericht - erfahrungsgemäss darin, dass zwar eine Traumatisierung stattfinde,
diese aber vom Opfer in aller Regel innert einiger Wochen oder Monate überwun-
den werde.
Die weiteren Umstände des Vorfalles vom 30. Juni 2009 - verbale Todesdrohung
ohne Verwendung einer Waffe - und der Vorfall vom 5. Oktober 2009, wo ein
Heimbewohner mit Fäusten gegen die Wand der bruchsicheren Pforte schlug, in
der sich der Kläger befand (und von wo aus er auch telefonisch Hilfe organisieren
konnte), Mobiliar dagegen warf und an der Tür rüttelte, sind ohne weiteres ver-
gleichbar mit dem vom Bundesgericht in BGE 129 V 177 beurteilten Schrecker-
eignis bei einem Raubüberfall, bei dem sich das völlig ungeschützte Opfer spät-
nachts allein unmittelbar mit einer Schusswaffe bedroht sah und ohne dass Hilfe
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nahte. Hat das Bundesgericht in jenem Fall kein aussergewöhnliches Schrecker-
eignis von grosser Heftigkeit gesehen, das nach der allgemeinen Lebenserfah-
rung geeignet war, über eine kurzzeitige Traumatisierung hinaus eine jahrelang
anhaltende psychische Fehlentwicklung mit Arbeitsunfähigkeit zu bewirken, muss
dies auch vorliegend hinsichtlich der beiden vorgenannten Ereignisse verneint
werden. Es liegen auch überhaupt keine Schilderungen über allfällige unmittelba-
re Schockwirkungen beim Kläger vor. Ist hier im Sinne der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung ein adäquater Kausalzusammenhang mit den heutigen Be-
schwerden des Klägers ganz grundsätzlich zu verneinen, kann dahin gestellt blei-
ben, ob diese Vorfälle und ihre psychischen Auswirkungen als behauptete Scha-
densursache durch eine Doppelbesetzung der Nachtschicht hätte verhindert oder
eine kurzzeitige Traumatisierung hätte gemildert werden können.
4.4. Der Vorfall vom 15. November 2008, als ein Heimbewohner das Auto des
Klägers in dessen Abwesenheit beschädigte, tangierte weder die physische noch
die psychische Integrität des Klägers. Er fällt vom Geschehensablauf und den
unmittelbaren Folgen her (mittlerer Sachschaden) als Anlass für eine psychische
Traumatisierung von vorneherein ausser Betracht. Beim Vorfall vom 28. August
2001, als ein Heimbewohner dem Kläger mit einem Küchenmesser nachlief und
Todesdrohungen ausstiess, blieb es letztlich bei einer Drohung ohne Verletzung
der körperlichen Integrität. Ob der Geschehensablauf insgesamt die erforderliche
Heftigkeit der Einwirkung auf die psychische Integrität im Sinne eines Schreckun-
falles erreichte, kann offen bleiben. Im Zeitpunkt der Erkrankung des Klägers im
Herbst 2010 lag dieser Vorfall bereits 9 Jahre zurück und ohne dass der Kläger in
diesen Jahren psychische Auffälligkeiten gezeigt hätte. Diesem Vorfall muss da-
her bereits die natürliche Kausalität zur heutigen psychischen Symptomatik abge-
sprochen werden. Damit entfällt in jedem Fall auch der adäquate Kausalzusam-
menhang.
4.5. Die vorgenannten vier Vorfälle verteilen sich auf acht Jahre. Es gab keine
Konzentration von namhaften Gewaltvorfällen innerhalb einer kürzeren Zeitspan-
ne, welche sich auf das Ausmass der Traumatisierung hätte auswirken können.
Weitere Vorkommnisse zur Substantiierung einer die tätigkeitsimmanente Belas-
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tung klar übersteigenden psychischen Belastung bringt der Kläger nicht vor. Hät-
ten sich weitere, namhaftere Gewaltvorfälle ereignet, müsste sich der Kläger da-
ran erinnern. Die tätigkeitsimmanenten Belastungen (freches Benehmen, Droh-
gebärden, Beleidigungen durch die Heimbewohner etc.) fallen in jedem Fall in die
Kategorie der bundesgerichtlichen Bagatellvorfälle, die normalerweise ohne gra-
vierende Spätfolgen verarbeitet werden, und zwar unabhängig davon, ob sie von
einer Person allein erlebt werden. Insofern ist auch hier die nicht existierende
Doppelbesetzung der Nachtschicht ohne Bedeutung und ein adäquater Kausalzu-
sammenhang zur heutigen psychischen Symptomatik beim Kläger fehlt in jedem
Fall.
5. Schlussfolgerungen
Der Kläger verlangt im vorliegenden Verfahren Ersatz ungedeckter Krankheits-
kosten, des Lohnausfalles, der verkehrsmedizinischen Begutachtung sowie eine
Genugtuung, alles jeweils für die Zeit ab dem Jahr 2010. Damit fordert er aus-
schliesslich Ersatz für geltend gemachte Spätfolgen einer Traumatisierung, zwi-
schen denen nach den vorstehenden Erwägungen ein natürlicher oder ein adä-
quater Kausalzusammenhang fehlt. Fehlen die Voraussetzungen für eine Haftung
der Beklagten, ist die Klage vollumfänglich abzuweisen.
D Kosten- und Entschädigungsfolgen
Ist die Klage vollumfänglich abzuweisen, wird der Kläger für beide Instanzen kos-
ten- und entschädigungspflichtig. Die Bezifferung der erstinstanzlichen Ent-
scheidgebühr (Fr. 5'266.-) sowie der Parteientschädigung (Fr. 9'360.- als 100%
inkl. MWSt) wurde von keiner Partei angefochten. Sie sind daher zu übernehmen,
jedoch dem Prozessausgang entsprechend neu zu verteilen. Die zweitinstanzli-
che Entscheidgebühr ist anhand des Berufungsstreitwerts auf Fr. 1'900.- festzu-
setzen, die Parteientschädigung gemäss § 4 Abs. 1 und § 13 Abs. 2 AnwGebV
auf Fr. 1'300.- zzgl. Barauslagen und MWSt.
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