Decision ID: 51fc541a-274a-52ea-8e7d-053456c83ef6
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._ (Beschwerdeführer), ein eritreischer Staatsangehöriger, ge-
langte im Rahmen eines Relocation-Programms (Beschluss [EU]
2015/1523 des Rates vom 14. September 2015 zur Einführung von be-
hördlichen Befugnissen im Bereich des internationalen Schutzes von Ita-
lien und Griechenland) am 22. Februar 2017 aus Italien in die Schweiz. Am
selben Tag ersuchte er hier um Asyl.
B.
Am 2. März 2017 befragte das Staatssekretariat für Migration (SEM, Vo-
rinstanz) den Beschwerdeführer zur Person (Protokoll in den SEM-Akten
A3/11) und am 29. Dezember 2017 hörte es ihn zu den Asylgründen an
(Protokoll in den SEM-Akten A10/23).
C.
Mit Verfügung vom 17. Januar 2020 stellte die Vorinstanz fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht und lehnte sein
Asylgesuch ab. Zudem wies sie ihn aus der Schweiz weg, setzte ihm Frist
zur Ausreise an und beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug
der Wegweisung.
D.
Am 17. Februar 2020 erhob der Beschwerdeführer beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde. Er beantragt, die Verfügung der Vorinstanz sei
aufzuheben, seine Flüchtlingseigenschaft sei anzuerkennen und ihm sei
Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Verfügung aufzuheben und die An-
gelegenheit zu weiterer Instruktion und neuem Entscheid an die Vorinstanz
zurückzuweisen, subeventualiter sei die Unzulässigkeit oder Unzumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme
anzuordnen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte der Beschwerdeführer um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung, Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses und Beiordnung seines Rechtsvertreters als amtlichen
Rechtsbeistand.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Februar 2020 stellte das Bundesverwal-
tungsgericht das einstweilige Anwesenheitsrecht des Beschwerdeführers
in der Schweiz fest.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS
2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl.
Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG
[in der Fassung vom 1. Oktober 2016], Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG); im Bereich des Ausländerrechts ist auch
die Angemessenheit überprüfbar (Art. 49 VwVG; vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Streitig und zu prüfen ist die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdefüh-
rers und gegebenenfalls die Asylgewährung. Falls kein Asyl zu gewähren
ist, sind im Weiteren die Wegweisung und der Wegweisungsvollzug zu prü-
fen.
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Seite 4
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG und Art. 1A des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30), wenn sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer
Zukunft mit gutem Grund Nachteile von bestimmter Intensität befürchten
muss, die ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt
zu werden drohen und vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen
Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f.; 2008/4 E. 5.2, jeweils
m.w.H.). Die in Art. 3 Abs. 1 AsylG erwähnten fünf Verfolgungsmotive sind
über die sprachlich allenfalls engere Bedeutung ihrer Begrifflichkeit hinaus
so zu verstehen, dass die Verfolgung wegen äusserer oder innerer Merk-
male, die untrennbar mit der Person oder Persönlichkeit des Opfers ver-
bunden sind, erfolgt ist beziehungsweise droht (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.3).
Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die An-
erkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat keinen ausreichen-
den Schutz finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2; 2008/4 E. 5.2).
Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation
im Zeitpunkt des Entscheides, wobei allerdings erlittene Verfolgung oder
im Zeitpunkt der Ausreise bestehende begründete Furcht vor Verfolgung
auf andauernde Gefährdung hinweisen kann. Veränderungen der Situation
zwischen Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der
asylsuchenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2;
2010/9 E. 5.2; 2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Die Flüchtlingseigenschaft ist glaubhaft
gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit für gegeben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG).
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Glaubhaftmachung bedeutet im Gegensatz zum strikten Beweis ein redu-
ziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und
Zweifel an den Vorbringen. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft ge-
macht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie
aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind.
Demgegenüber reicht es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der
Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten
Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorge-
brachte Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne ei-
ner Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachver-
haltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objek-
tivierte Sichtweise abzustellen (BVGE 2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind
insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet
oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder
massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt wer-
den (Art. 7 Abs. 3 AsylG).
5.
5.1 Als erstes ist der rechtserhebliche Sachverhalt festzustellen. Dazu sind
die Vorbringen des Beschwerdeführers auf ihre Glaubhaftigkeit zu prüfen.
5.2 Der Beschwerdeführer bringt vor, er sei ethnischer (...), sei in
B._, C._, D._ geboren und habe dort gelebt. Die
sechste und siebte Schulklasse habe er in E._ besucht.
Im (...) 2009 sei er beim Versuch, Eritrea illegal zu verlassen, festgenom-
men, brutal geschlagen und in das Gefängnis von F._ gebracht wor-
den. Dort sei er unterirdisch inhaftiert gewesen, bis er am (...) 2009 ins
Gefängnis von G._ transferiert worden sei. Die Haftbedingungen
seien prekär gewesen, er habe Schlimmes erlebt. Am (...) 2010 sei er dann
aus dem Gefängnis entlassen und direkt in die militärische Grundausbil-
dung nach H._ gebracht worden. Anschliessend sei er nach
I._ versetzt worden, wo er als einfacher Soldat in der (...) Dienst
geleistet habe.
Im Jahr 2012 habe der Beschwerdeführer einen Monat Urlaub bekommen
und sei, obwohl er dies eigentlich nicht habe tun wollen, fristgerecht in den
Dienst nach I._ zurückgekehrt. Dies, weil er sonst nicht hätte heira-
ten können. Im (...) 2013 sei er dann für zwei Monate beurlaubt worden,
um die inzwischen von den Eltern arrangierte Hochzeit, die er auch selbst
gewollt habe, zu feiern. Nach Ablauf dieses Urlaubs sei er aber nicht mehr
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in den Dienst zurückgekehrt und habe sich auch nicht mehr oft zu Hause
aufgehalten, sondern auf dem Land um die Tiere gekümmert. Sein Plan sei
die illegale Ausreise gewesen, er habe nicht in den endlosen Dienst zu-
rückkehren wollen, sein Vater sei nie entlassen worden und seine eigenen
mehrmaligen Entlassungsanträge seien nie beantwortet worden. Im (...)
2014 seien seine Kommandanten zu ihm nach Hause gekommen. Zufälli-
gerweise sei er in diesem Moment nach Hause zurückgekehrt und habe
damit gerade verhindern können, dass seine Frau an seiner Stelle mitge-
nommen worden sei. Er sei dann mitgenommen und hätte nach E._
zur Polizeistation gebracht werden sollen. Weil er sich während der mehr-
stündigen Fahrt das Vertrauen seiner Vorgesetzten habe erschaffen kön-
nen, und weil sie in der Stadt gewesen seien, als er geflohen sei, sei ihm
die Flucht auch gelungen. Er habe sich nach J._ begeben, wo er in
der Einöde übernachtet habe. Aus Angst vor einer weiteren Festnahme sei
er zunächst nicht nach Hause zurückgekehrt. Nach einer Woche sei er
schliesslich nach Hause gegangen und habe von da an bis zu seiner Aus-
reise in der Einöde mit den Kamelen gelebt. Am 19. Dezember 2014 sei er
zu Fuss zur äthiopischen Grenze aufgebrochen. Diese habe er gegen Mit-
ternacht überquert. Bis im September 2015 habe er dann im Flüchtlings-
camp K._ in Äthiopien gelebt. Schliesslich habe ihn seine Weiter-
reise über den Sudan, Ägypten und nach Italien geführt.
Zum Nachweis seiner Identität reichte der Beschwerdeführer seine eritrei-
sche Identitätskarte, ausgestellt am 17. Februar 2012, im Original zu den
Akten.
5.3 Das SEM hält dem Beschwerdeführer vor, er habe seine Sachdarstel-
lung nicht nachweisen oder glaubhaft machen können. Zur Begründung
führt es an, seine Vorbringen seien substanzarm, ohne Differenzierungen
und in wesentlichen Teilen nicht konstant ausgefallen.
So habe er in der BzP angegeben, die siebte Klasse abgebrochen zu ha-
ben und auf Nachfrage, dass er letztmals im Jahr 2009 die Schule besucht
habe. Im (...) 2009 habe er versucht, illegal die Grenze zu passieren und
sei festgenommen worden. In der Anhörung habe er indes vorgebracht, es
sei ihm im April 2008 mitgeteilt worden, er müsse in den Militärdienst nach
F._ einrücken, und er sei im Zeitraum zwischen (...) 2008 und sei-
ner Festnahme im (...) 2009 mit seinen Tieren unterwegs gewesen.
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Es sei ihm aber auch nicht gelungen, eine überzeugende Schilderung zu
den Haftumständen zu liefern. Die diesbezüglichen Antworten auf Nach-
frage seien spärlich gewesen und gingen nicht über Allgemeinplätze hin-
aus. Auch bezüglich seiner Unterbringung im Gefängnis von G._
habe er sich auf knappe Antworten beschränkt. Im Hinblick auf die Dauer
der Inhaftierung und die prekären Haftbedingungen, wie sie in den Gefäng-
nissen von F._ und G._ anzutreffen seien, wären vertieftere
Aussagen zu erwarten gewesen und seine ausserordentlich dürftigen Be-
schreibungen zeugten nicht von einer subjektiven Erfahrung und liessen
insbesondere auch keine persönliche Betroffenheit erkennen, was ange-
sichts der Bedeutung des Vorbringens nicht verständlich sei. Weder die
geltend gemachte Festnahme vom (...) 2009 noch die Inhaftierungen in
den Gefängnissen von F._ und G._ seien glaubhaft.
Nicht glaubhaft seien auch seine Angaben zu den Vorkommnissen nach
seiner Desertion, zumal nicht konstant. In der Anhörung habe er dargelegt,
er sei nach einem (...)monatigen Urlaub, welcher ihm im (...) 2013 für seine
Hochzeit gewährt worden sei, nicht mehr zu seiner Einheit nach I._
zurückgekehrt. Im (...) 2014 hätten seine Kommandanten ihn zuhause
festgenommen und nach E._ zur Polizeistation bringen wollen. Un-
terwegs sei ihm vor der Ankunft dort die Flucht gelungen. In der BzP habe
er die geltend gemachte Festnahme vom (...) 2014 sowie die anschlies-
sende Flucht als zentrales Asylmotiv jedoch mit keinem Wort erwähnt, ob-
wohl er in der BzP ausdrücklich danach gefragt worden sei, ob er weitere
Male in Haft gewesen sei. Abgesehen davon seien seine diesbezüglichen
Angaben bereits in der BzP nicht konsistent gewesen. So habe er erst be-
hauptetet, er sei im Jahr 2013 nach Ablauf seines Urlaubs nicht mehr zum
Militär zurückgekehrt und habe am (...) 2014 illegal die Grenze nach Äthi-
opien überquert. Als er später im Asylpunkt gefragt worden sei, ob ihm nach
seiner Entlassung aus dem Gefängnis (am [...] 2010) bis zu seiner Aus-
reise etwas zugestossen sei, habe er angeführt, dass er nach der Entlas-
sung direkt zum Militärdienst gebracht worden und bis zum (...) 2014 beim
Militär gewesen seien. Diese inkonsistenten Angaben seien als Hinweis zu
werten, dass das Vorgebrachte nicht auf tatsächlich Erlebtem basiere. Auf
Vorhalt habe er seine unterschiedlichen Aussagen nicht entkräften können
und gemeint, er sei nach 2013 nicht mehr in den Militärdienst zurückge-
kehrt.
Was die geltend gemachten Fluchtumstände nach der Festnahme im (...)
2014 betreffe, seien seine Angaben ebenfalls vage und substanzlos aus-
gefallen. Als er gebeten worden sei, zu beschreiben, wie er geflohen sei,
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habe er gemeint, dass er nach seiner Festnahme sofort an Flucht gedacht
habe. Auch auf weitere Nachfrage habe er sich auf kurze und oberflächli-
che Aussagen beschränkt und angeführt, er habe versucht, zu zeigen,
dass er nichts unternehmen würde, und er sei zum Glück nicht gefesselt
worden. Sie hätten sich ganz normal unterhalten, als sie unterwegs gewe-
sen seien. Er habe dann eine Gelegenheit genutzt und sei geflohen. Eine
annähernd anschauliche und nachvollziehbare Beschreibung seiner
Fluchtumstände habe er nicht vermitteln können. Selbst als er nochmals
die Gelegenheit dazu gehabt habe, sei er nicht in der Lage gewesen, seine
Flucht erlebnisnah und differenziert zu beschreiben. Auf Grund dieser sub-
stanzlosen und widersprüchlichen Aussagen müsse die vorgebrachte Fest-
nahme und die anschliessende Flucht als unglaubhaft gewertet werden.
Schliesslich sei auch die illegale Ausreise nicht glaubhaft und unabhängig
davon nicht flüchtlingsrechtlich relevant.
5.4 Im Beschwerdeverfahren wendet der Beschwerdeführer insbesondere
ein, seine Angaben seien insgesamt stimmig ausgefallen. So habe er sich
hinsichtlich seines Aufenthaltes in der Wildnis nachdem er davon erfahren
habe, in den Militärdienst einrücken zu müssen, nicht widersprochen. Die-
ses Leben im Versteckten habe schliesslich zu seinem ersten Ausreisever-
such geführt. Auch seine Haft in den beiden Gefängnissen habe er wider-
spruchslos geschildert, und er habe durchaus Details beschrieben, etwa
hinsichtlich des Transports, der Lage der Gefängnisse, und auch der Haft-
bedingungen. Soweit die Vorinstanz ihm vorhalte, anlässlich der BzP nichts
zu seiner letzten Festnahme gesagt zu haben, verkenne sie die konkret
gestellten Fragen und den Gesamtkontext. Dass der Beschwerdeführer an
der BzP angegeben habe, bis zu seiner Ausreise im (...) 2014 im Dienst
gewesen zu sein, sei formell zutreffend, auch wenn er vorher geflohen sei.
Schliesslich habe er auch zu seiner Flucht detaillierte Angaben gemacht,
wie es seinen Fähigkeiten entspräche und das SEM wäre gehalten gewe-
sen, gegebenenfalls nachzufragen. Das SEM habe versäumt, eine ausge-
wogene Abwägung der zu Gunsten und zu Lasten des Beschwerdeführers
ausfallenden Elemente vorzunehmen und den Beweismassstab der Glaub-
haftmachung, der auch Zweifel zulasse, zu streng angewandt.
5.5 Es gilt nun zu prüfen, ob das SEM die Sachdarstellung des Beschwer-
deführers zu Recht als unglaubhaft qualifiziert hat, und so den rechtser-
heblichen Sachverhalt festzustellen.
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5.5.1 Vorab ist festzuhalten, dass der Einwand in der Beschwerde, an ge-
wissen Stellen der Sachdarstellung des Beschwerdeführers wären Nach-
fragen wünschenswert gewesen, berechtigt ist. Dies gilt beispielsweise
hinsichtlich der Haftbedingungen in F._ und G._ sowie der
Bedingungen in der militärischen Grundausbildung. Dies insbesondere,
weil das SEM zur Begründung der Unglaubhaftigkeit dieser Vorbringen auf
fehlende Substanz verweist und dem Beschwerdeführer mangelnde per-
sönliche Betroffenheit vorwirft. Gleichzeitig wird nämlich aus den Akten er-
kennbar, dass der Beschwerdeführer durchaus Einzelheiten aus der Haft
zu berichten weiss, die sehr wohl von persönlicher Betroffenheit zeugen
(vgl. A10 F56). Obwohl er selbst wünscht, Aussagen zum Gefängnisauf-
enthalt zu machen und die entsprechende Schilderung gleich mehrere Re-
alkennzeichen enthält, geht die befragende Person nicht weiter darauf ein,
sondern direkt zurück zu den Gründen der Verhaftung. Auch sonst fällt auf,
dass die Fragen zu den Inhaftierungen und der militärischen Grundausbil-
dung eher kurz ausfielen und sich beinahe vollständig nur auf die Beschrei-
bung objektiver Umstände richten (vgl. u.a. A10 F71ff. für die Festnahme
und die Beschreibung von F._, F81ff. für den Transfer nach
G._ und die Beschreibung von G._ und schliesslich F91-
F99 für die militärische Grundausbildung). Dennoch kann der Sachverhalt
insgesamt als erstellt erachtet gelten, nicht zuletzt angesichts dessen, dass
die Schilderungen des Beschwerdeführers insgesamt konsistent und
durchaus mit Details versehen ausfallen. Hilfreich sind auch die Nachfra-
gen der Hilfswerksvertretung zur geltend gemachten Flucht vom Fahrzeug
im (...) 2014 (vgl. ebd. F216ff.). Ein Entscheid in der Sache ist möglich und
der Antrag auf Rückweisung der Angelegenheit zu neuer Abklärung und
neuem Entscheid ist demzufolge abzuweisen. Angesichts des Verfahrens-
ausgangs entsteht dem Beschwerdeführer durch dieses Vorgehen auch
kein Nachteil.
5.5.2 Als nächstes gilt es festzuhalten, dass der Beschwerdeführer persön-
lich glaubwürdig und authentisch erscheint. Er ist von Beginn an seiner
Mitwirkungspflicht nachgekommen, hat seine persönlichen Lebensum-
stände umfassend dargelegt und sich mit einer echten Identitätskarte aus-
gewiesen. Wie zu zeigen sein wird, ergeben seine Aussagen in Berück-
sichtigung sämtlicher wesentlicher Umstände ein stimmiges Bild. Auch
wenn seine Antworten teilweise etwas kurz ausfallen, enthalten sie immer
wieder Details und sogenannte Realkennzeichen. Letztere ermöglichen
eine Differenzierung zwischen erlebnisbasierten und erfundenen respek-
tive verfälschten Aussagen (vgl. dazu ANGELIKA BIRCK, Traumatisierte
Flüchtlinge, Wie glaubhaft sind ihre Aussagen?, Heidelberg 2002, S. 82 ff.
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und S. 139 ff.; REVITAL LUDEWIG/DAPHNA TAVOR/SONJA BAUMER, Wie kön-
nen aussagepsychologische Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und
Anwälten helfen?, in: AJP 11/2011, S. 1423 ff.; vgl. auch BGE 129 I 49 E. 5
sowie BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1 und 2012/5 E. 2.2, jeweils
m.w.H.). Auch auf Fragen, deren Glaubhaftigkeit nicht in Frage steht, gab
der Beschwerdeführer eher kurze Antworten, beispielsweise zu seinen
Herkunfts- und Lebensverhältnissen oder zu den Umständen nach seiner
Ausreise aus Eritrea (vgl. A10 F32-F53, F192). Auch sie wirken nur auf
Anhieb kurz, erfolgen aber stets spontan, mit Inhalt und ergeben insgesamt
ein nachvollziehbares Bild. Eine gewisse Knappheit scheint insgesamt e-
her in der Erzählweise des Beschwerdeführers zu liegen, sei es bedingt
durch seine Persönlichkeit und/oder aufgrund kulturell bedingter Ange-
wohnheiten, als dass sie Hinweis auf eine von ihm konstruierte Sachdar-
stellung wäre. Dies ist in die Gesamtbeurteilung der Glaubhaftigkeit der
Aussagen des Beschwerdeführers miteinzubeziehen.
5.5.3 Die Ausführungen des Beschwerdeführers enthalten sodann, entge-
gen der Beurteilung der Vorinstanz, immer wieder auch Details und Real-
kennzeichen. Es kann dazu beispielsweise auf seine Angaben zu den Ur-
lauben 2012 und 2013 verwiesen werden, die einen engen Konnex zu den
Asylgründen aufweisen. Bereits an der BzP gab er an, wie er im (...) Monat
2012 Urlaub erhalten habe und nach dessen Ablauf ordentlich nach
I._ zurückgekehrt sei. Später im Jahr 2013 habe er dann wieder
Urlaub erhalten, um zu heiraten. Aus diesem Urlaub sei er nicht mehr zum
Militär zurückgekehrt (vgl. A3 Ziff. 1.17.05). An der Anhörung berichtet er in
freier Rede übereinstimmend, dass er nach circa 3 Jahren (Gefängnisauf-
enthalt, militärische Ausbildung und Dienst in I._) Urlaub erhalten
habe, aus dem er an seinen Dienstort zurückgekehrt sei (vgl. A10 F55).
Spontan fügt er nun ergänzend zu seinen Angaben an der BzP an, eigent-
lich habe er nicht zurückkehren wollen, seine Eltern hätten aber entschie-
den, dass er heiraten solle, was er akzeptiert und auch selbst gewollt habe.
Deshalb sei er doch zurückgekehrt und habe weiter Dienst geleistet. Als
seine Eltern ihm geschrieben hätten, dass er heiraten werde, habe er für
die Heirat Urlaub erhalten, aus dem er dann nicht mehr zurückgekehrt sei.
Diese Schilderungen wirken lebensecht. Dazu trägt die soeben erwähnte
spontane Ergänzung bei. Abgesehen davon ist der Beschwerdeführer aber
auch in der Lage, die Ereignisse chronologisch übereinstimmend einzuord-
nen und raum-zeitliche Verknüpfungen herzustellen (vgl. ebd. F123-125;
oder die Angaben zum Zeitpunkt der Ausstellung seiner Identitätskarte [vgl.
ebd. F10-13], deren Ausstellungsdatum sich ausserdem problemlos in
diese Schilderungen fügt).
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Stets übereinstimmend schildert der Beschwerdeführer auch, dass er im
(...) 2009 festgenommen worden sei beim Versuch, Eritrea, illegal zu ver-
lassen. Das Gericht sieht keinen Grund, daran und an den darauffolgenden
Inhaftierungen, der Zuführung in den militärischen Grunddienst und die an-
schliessende Versetzung in den Dienst in I._ zu zweifeln. Zwar ist
richtig, dass der Beschwerdeführer anlässlich der BzP gesagt hatte, er
habe die Schule 2009 letztmals besucht (vgl. A3 Ziff. 1.17.04) und an der
Anhörung, er habe sie 2008 abgebrochen. Allerdings handelt es sich dort
um die blosse Wiedergabe einer Jahreszahl, und es darf aufgrund der üb-
rigen stimmigen Angaben angenommen werden, es handle sich dabei ent-
weder um einen Versprecher des Beschwerdeführers oder aber um eine
falsche Protokollierung dieser Jahreszahl (2009 anstelle von 2008). Das
Jahr 2008 für den Schulabbruch ergibt sich angesichts des Jahrgangs des
Beschwerdeführers ([...]) im Übrigen auch aus seiner Antwort auf die Frage
61 – mit (...) sei man zu alt für die Schule. Sodann sind, wie erwähnt, seine
Angaben rund um den Grund, weshalb er die Schule abgebrochen habe
und auch zur darauffolgenden Zeit auf dem Land bis zum Versuch der ille-
galen Ausreise, in sich stimmig ausgefallen (vgl. A10 F59ff.), und sie fügen
sich ohne Weiteres in den bekannten Länderkontext. Auch wenn sie erneut
etwas kurz ausfallen, enthalten sie wiederum Hinweise auf real Erlebtes.
So ist etwa nicht ersichtlich, weshalb er auf die Frage, wann er nach
F._ hätte gehen müssen, spontan differenzierend antwortet, sie hät-
ten zuerst auch andere Leute festgenommen, und dann sei es auch für ihn
angeordnet worden (vgl. ebd. F62). Auch die spontane Nennung einer Ne-
bensächlichkeit auf die Frage, was die Soldaten gemacht hätten, sein Vater
sei in dem Moment Soldat gewesen (vgl. ebd. F66), spricht zu Gunsten des
Beschwerdeführers, zumal auch an dieser Stelle die Fragen des SEM ih-
rerseits eher oberflächlich bleiben. Spontan nennt der Beschwerdeführer
dann die Gegend und den Ort der Festnahme und schildert nachvollzieh-
bar, was dann passiert sei, wie und wann sie nach F._ gelangt seien
(vgl. ebd. F68ff.).
Der Beschwerdeführer vermag dann sämtliche Fragen zur Haft, der militä-
rischen Grundausbildung und zum anschliessenden Dienst in der (...)
spontan und nachvollziehbar zu beantworten. Auch diese Angaben enthal-
ten Details und auch Realkennzeichen. Zur Haft in F._ und
G._ kann auf die Antworten zu den Fragen 55 und 56 sowie zu den
Fragen 71 bis 90 verwiesen werden. So wirkt beispielsweise der spontane
Einschub des Beschwerdeführers in seiner freien Rede, als er im Gefäng-
nis gewesen sei, habe er viel gelitten, seine Familie habe keine Nachricht
von ihm gehabt, und er sei mehrmals brutal geschlagen worden, nicht
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nacherzählt (vgl. A10 F55). Seine Schilderung unter F56 zeugt von deutli-
cher persönlicher Betroffenheit; wie an anderer Stelle bereits erwähnt, geht
aber die befragende Person nicht weiter darauf ein und fragt auch nicht
weiter nach, was konkret sonst noch schwierig gewesen sei. Hinsichtlich
der militärischen Grundausbildung kann auf die Antworten zu den Fragen
92 bis 98 und für den Einsatz in der (...) in I._ auf F99 bis F123
verwiesen werden. Beispielsweise antwortet der Beschwerdeführer auf die
Frage, mit wie vielen Leuten zusammen er in I._ untergebracht ge-
wesen sei, lebensnah, detailliert und mit nebensächlichen Details (vgl. ebd.
F121).
Soweit dem Beschwerdeführer dann entgegengehalten wird, er habe in der
BzP nicht erwähnt, dass er im (...) 2014 festgenommen und ihm noch be-
vor sie beim Polizeiposten in E._ angekommen seien die Flucht ge-
lungen sei, so erstaunt zunächst zwar tatsächlich, dass er von diesem Er-
eignis bei der BzP nicht gesprochen hatte. Immerhin stimmt aber seine
Antwort, er sei abgesehen von den beiden genannten Inhaftierungen in
Eritrea nicht in Haft oder vor Gericht gewesen – entgegen dem Vorhalt des
SEM – mit sämtlichen seinen Aussagen an der BzP und der Anhörung
überein. In Berücksichtigung des Hinweises zu Beginn der BzP, er solle
summarisch das Wichtige vorbringen, eine Vertiefung könne später in einer
weiteren Befragung erfolgen, und seiner entsprechenden Erklärung in der
Beschwerde ist nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer als wesentli-
che Asylgründe die beiden Inhaftierungen und die Aussicht, endlos Dienst
leisten zu müssen im Fokus, demgegenüber die Anhaltung und Flucht im
(...) 2014 weniger präsent hatte, zumal es dabei tatsächlich nicht mehr zu
Problemen mit den Behörden kam. Nicht richtig ist der Vorhalt, die diesbe-
züglichen Angaben des Beschwerdeführers seien bereits bei der BzP in-
konsistent gewesen. Der Einwand in der Beschwerde, es liege kein Wider-
spruch darin, dass der Beschwerdeführer einerseits ausgesagt habe, er sei
nach seinem Urlaub 2013 nicht mehr ins Militär zurückgekehrt und habe
am (...) 2014 illegal die Grenze überquert, und andererseits, nach seiner
Entlassung aus dem Gefängnis sei er direkt in den Militärdienst gebracht
worden und bis im (...) 2014 im Militär gewesen, da er den Dienst nie for-
mell beendet habe, ist berechtigt. Gestützt wird diese Erklärung – entgegen
der Auffassung des SEM – durch die Ausführungen des Beschwerdefüh-
rers auf entsprechenden Vorhalt hin an der Anhörung (vgl. A10 F213 und
F215). Auch wirken die Vorbringen zur Festnahme im (...) 2014 und der
anschliessenden Flucht in der dem Beschwerdeführer eigenen Erzähl-
weise authentisch (vgl. A10 F149ff.). Die Beschreibung ist spontan und
nachvollziehbar, als Beispiel eines Realkennzeichens kann auf die Antwort
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zur Frage 152 verwiesen werden, wo der Beschwerdeführer gefragt wird,
wie viel Zeit vergangen sei zwischen dem Besuch der Soldaten bei seiner
Frau und seiner Festnahme, und er antwortet, er habe nicht gewusst, dass
die Soldaten nach Hause gekommen seien, sondern er sei zufällig nach
Hause gekommen. Er schiebt dann spontan nach, auch wenn er gewusst
hätte, dass seine Frau wegen ihm in Schwierigkeit geraten sei, wäre er
direkt zu den Soldaten gekommen, um seine Frau zu befreien. Ein weiterer
Hinweis darauf, dass der Beschwerdeführer seine Sachdarstellung nicht
konstruiert hat, ist unter anderem, dass er auf die Frage, was man ihm
gesagt habe bei der Festnahme, zuerst unaufgefordert angibt, er habe sie
gekannt, es seien seine Kommandanten von Haili, Ganta und Mesre ge-
wesen (vgl. ebd. F159). Schliesslich teilt das Gericht auch die Einschät-
zung der Vorinstanz hinsichtlich der Fluchtumstände auf dem Weg zum
Polizeiposten nicht. Der Beschwerdeführer hatte immer wieder und unter
verschiedenen Standpunkten geschildert, dass er Eritrea habe verlassen
wollen. Erstmals nachdem er 2008 die Schule abgebrochen habe, weil er
die Situation nicht mehr ertragen habe (vgl. ebd. F59, F67). Dann, dass er
nach dem ersten Urlaub eigentlich nicht mehr habe in den Dienst zurück-
kehren wollen, und dass er dann 2013 nach der Heirat tatsächlich nicht
mehr zurückgekehrt sei, mit dem Gedanken, das Land illegal verlassen zu
wollen, sowie dass er mehrmals vergeblich um Urlaub gebeten habe (vgl.
ebd. F55, F124, F130ff., F148 sowie F178f.). Echt wirkt die wiederholt ge-
schilderte Perspektivenlosigkeit seiner Situation auch dort, wo er einen Bo-
gen zu seinem Bruder schlägt, der nicht einmal nach E._ habe ge-
hen können, um einige Tiere zu verkaufen. Dass der Beschwerdeführer auf
die Frage, er solle beschreiben, wie er geflohen sei (vgl. ebd. F162), als
erstes antwortete, von Anfang an nach der Festnahme habe er nur an
Fluchtgelegenheiten gedacht, wirkt vor diesem Hintergrund und angesichts
dessen, was er bereits erlebt hatte, konsequent und real, und gerade nicht
vage. Die Einschätzung, dem Beschwerdeführer sei es "nicht annähernd"
gelungen, eine anschauliche und nachvollziehbare Beschreibung seiner
Fluchtumstände zu vermitteln, wird vom Gericht nicht geteilt. Im Gegenteil,
in Berücksichtigung seines Erzählstils, der Gesamtheit seiner Sachdarstel-
lung und dem Umstand, dass das Vorgehen der eritreischen Behörden –
das grundsätzlich als rigoros und eben auch willkürlich bezeichnet werden
muss – im Einzelfall und abhängig von den Umständen auch vergleichs-
weise weniger gewaltsam ausfallen kann, sind die Schilderungen des Be-
schwerdeführers zu seiner Flucht logisch, nachvollziehbar und durchaus
anschaulich ausgefallen (vgl. ebd. F151 bis F165). Die Antworten auf die
Nachfragen der Hilfswerksvertretung sind sodann gerade nicht blosse Wie-
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derholungen, sondern sie sind konsequent und nachvollziehbar und ergän-
zen die früheren Angaben, indem er erklärt, weshalb seine Vorgesetzten
ihm vertraut hätten, und auch, weshalb sie nicht auf ihn geschossen hätten
(ebd. F215f.).
Schliesslich sind auch die Schilderungen zur illegalen Ausreise insgesamt
stimmig und mit Details ausgefallen, auch wenn der Beschwerdeführer tat-
sächlich an der BzP angegeben hatte, sie seien zu zweit, zusammen mit
einem Freund von ihm, ausgereist, während er an der Anhörung angab, sie
seien zu viert unterwegs gewesen. Dass sie nicht die ganze Strecke in der
gleichen Konstellation zurückgelegt haben, ist immerhin eine mögliche Er-
klärung. Der starke Entschluss des Beschwerdeführers, das Risiko der
Flucht nun auf sich zu nehmen, wird fassbar, wenn er auf die Frage, warum
er genau am (...) 2014 die Grenze überquert habe, antwortet, er habe da-
vor auch immer an Flucht gedacht. Aber letztendlich habe er die Situation
nicht mehr aushalten können und es an diesem Datum versucht, was auch
geklappt habe. Er habe in seinem Leben schlimmere Sachen erlebt und
sei soweit gewesen, sein Leben zu riskieren, und er habe unbedingt weiter
rennen wollen, auch wenn die Soldaten auf ihn schiessen würden, er habe
unbedingt eine Festnahme vermeiden wollen (vgl. ebd. F178f.). Für die di-
versen Details in der Beschreibung seiner Ausreise, die seine Schilderun-
gen real wirken lassen, kann im Übrigen auf die Akten verwiesen werden
(vgl. A3 Ziff. 5.02, A10 F166-F192).
5.5.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer
seine Asylgründe insgesamt logisch, konsequent, und durchaus mit Details
und Realkennzeichen versehen darlegte. Entgegen der Ansicht der Vo-
rinstanz sind seine Ausführungen nicht oberflächlich und undifferenziert
ausgefallen, zumal seine Erzählweise, die sich durch beide Protokolle kon-
sistent erweist, zu berücksichtigen ist. Auch hat die Vorinstanz nicht über-
all, wo Nachfragen wünschenswert gewesen wären, diese auch gestellt
und verkannt, dass das Beweismass der Glaubhaftigkeit gewisse Zweifel
zulässt. Die Sachdarstellung des Beschwerdeführers gemäss Erwägung
5.2 erweist sich damit als glaubhaft gemacht im Sinne von Art. 7 AsylG.
6.
6.1 Damit ist als nächstes zu prüfen, ob der Beschwerdeführer aufgrund
des glaubhaft gemachten Sachverhaltes bei einer Rückkehr nach Eritrea
einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung ausgesetzt wäre.
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6.2 Mit Blick auf die nach wie vor geltende und von der vormaligen Be-
schwerdeinstanz begründete Rechtsprechung, die vom Bundesverwal-
tungsgericht fortgeführt wird (vgl. dazu beispielsweise Urteil des BVGer
D-1359/2015 vom 22. August 2017 E. 6.1), ist festzustellen, dass Dienst-
verweigerung und Desertion in Eritrea unverhältnismässig streng bestraft
werden. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweigerung oder
Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person in einem kon-
kreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt ist regel-
mässig anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven Dienst stand
und desertierte (vgl. dazu Entscheidungen und Mitteilungen der Schweize-
rischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3). In diesen Fällen droht
nicht allein eine Haftstrafe, sondern eine Inhaftierung unter unmenschli-
chen Bedingungen und Folter, wobei Deserteure regelmässig der Willkür
ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind. Die Desertion wird von den eritreischen
Behörden als Ausdruck der Regimefeindlichkeit aufgefasst.
6.3 Angesichts der glaubhaften Sachdarstellung des Beschwerdeführers,
ist davon auszugehen, dass die ihm drohende Strafe wegen Desertion
nicht allein der Sicherstellung der Wehrpflicht dienen würde, was nach zu
bestätigender Praxis ‒ unter der Voraussetzung rechtsstaatlicher und völ-
kerrechtskonformer Rahmenbedingungen ‒ grundsätzlich als legitim zu er-
achten wäre. Sondern es ist damit zu rechnen, dass er aufgrund seiner
Desertion als politischer Gegner qualifiziert und als solcher unverhältnis-
mässig schwer bestraft würde. Mit anderen Worten hätte der Beschwerde-
führer eine politisch motivierte Bestrafung und eine Behandlung zu erwar-
ten, die eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung im Sinne von Art. 3
AsylG darstellt. Aufgrund der glaubhaft gemachten Desertion hat der Be-
schwerdeführer damit eine begründete Furcht vor einer asylrelevanten Ver-
folgung im Falle einer Rückkehr nach Eritrea. Eine innerstaatliche Flucht-
alternative ist nicht ersichtlich. Aus den Akten ergeben sich auch keine
Asylausschlussgründe im Sinne von Art. 53 AsylG.
6.4 Die Beschwerde ist damit gutzuheissen. Die Verfügung des SEM vom
17. Januar 2020 verletzt Bundesrecht und ist aufzuheben. Die Flüchtlings-
eigenschaft des Beschwerdeführers ist anzuerkennen und es ist ihm in der
Schweiz Asyl zu gewähren.
7.
7.1 Es verbleibt der Kostenentscheid. Die Anträge um Verzicht auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses, um Gewährung der unentgeltlichen
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Prozessführung und Beigabe eines amtlichen Beistandes werden ange-
sichts des vorliegenden Entscheides in der Sache und des Verfahrensaus-
gangs gegenstandslos.
7.2 Beim vorliegenden Verfahrensausgang sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.3 Dem obsiegenden und vertretenen Beschwerdeführer ist zulasten der
Vorinstanz eine Parteientschädigung für die ihm erwachsenen notwendi-
gen und verhältnismässig hohen Kosten zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1
VwVG i.V.m. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht. Der not-
wendige Vertretungsaufwand durch den Rechtsvertreter lässt sich auf-
grund der Aktenlage aber zuverlässig abschätzen und auf eine Einholung
einer Kostennote kann verzichtet werden. In Berücksichtigung der wesent-
lichen Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist die Parteientschädigung
auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen, und sie ist dem Beschwerdeführer
vom SEM auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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