Decision ID: f43d230b-e642-58f8-b30b-b8a7e00a7a6c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer verliess eigenen Angaben zufolge Afghanistan
ungefähr im September 2015 und gelangte am 6. Oktober 2015 in die
Schweiz. Am 7. Oktober 2015 suchte er im damaligen Empfangs- und Ver-
fahrenszentrum (EVZ) Basel um Asyl nach.
A.b Der Beschwerdeführer gab an, er sei knapp (...). Am 3. November
2015 liess das SEM eine Handknochenanalyse durchführen. Diese ergab,
dass der Beschwerdeführer ein Knochenalter von 19 Jahren oder älter auf-
weise. Anlässlich des rechtlichen Gehörs zur Altersbestimmung vom 18.
November 2015 erachtete das SEM den Beschwerdeführer aufgrund der
als unglaubhaft eingestuften Altersangabe als volljährig und passte sein
Geburtsdatum auf den (...) an.
A.c Mit Verfügung vom 27. Mai 2016 verneinte das SEM die Flüchtlingsei-
genschaft des Beschwerdeführers, lehnte dessen Asylgesuch ab und ord-
nete seine Wegweisung aus der Schweiz und deren Vollzug an. Es begrün-
dete seinen Entscheid im Wesentlichen mit der Unglaubhaftigkeit der Asyl-
vorbringen und führte aus, dass auch seine Angaben zu der von ihm gel-
tend gemachten Herkunft unglaubhaft seien. Hinsichtlich der Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs gelangte die Vorinstanz zum Schluss, dass er
durch seine unglaubhaften biographischen Angaben seine Mitwirkungs-
pflicht verletzt und eine sinnvolle Prüfung möglicher Vollzugshindernisse
verunmöglicht habe, weshalb die Wegweisung vollziehbar sei. Insbeson-
dere würden zwei Schwestern des Beschwerdeführers in Kabul leben und
seien mit finanziell besser gestellten Männern verheiratet. Er sei jung, ge-
sund und habe erst vor einigen Monaten Afghanistan verlassen, weshalb
es ihm mit Hilfe seiner Familie möglich sein dürfte, schnell wieder Fuss zu
fassen.
A.d Mit Eingabe vom 29. Juni 2016 erhob der Beschwerdeführer gegen
den Vollzug der Wegweisung Beschwerde. Hinsichtlich seiner zwei in Ka-
bul wohnhaften Schwestern brachte er vor, dass er diese noch nie in Kabul
besucht habe und dass die Wohnverhältnisse sowie die finanziellen Mittel
der Ehemänner der Schwestern eine dauerhafte Aufnahme und Unterstüt-
zung des Beschwerdeführers nicht zulassen würden.
A.e Mit Urteil E-4076/2016 vom 20. Juni 2017 wies das Bundesverwal-
tungsgericht die Beschwerde ab. Es bestätigte die Einschätzung des SEM,
wonach die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nicht vollumfänglich
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geprüft werden könne, anhand der Akten jedoch davon ausgegangen wer-
den könne, dass der Beschwerdeführer eine genügend stabile Beziehung
zu den in Kabul wohnhaften Schwestern habe und somit in Kabul über ein
tragfähiges soziales Netz verfüge, welches ihn bei der Wiedereingliede-
rung unterstützen könne. In Übereinstimmung mit der Vorinstanz seien
auch keine anderweitigen Hinweise auf eine Unzumutbarkeit der Rückkehr
wie Alter, Gesundheit und Dauer der Landesabwesenheit ersichtlich. Ins-
gesamt sei der Wegweisungsvollzug zulässig, zumutbar und möglich.
B.
B.a Mit Eingabe vom 23. November 2017 ersuchte der Beschwerdeführer
das SEM um Wiedererwägung der Verfügung vom 27. Mai 2016 und be-
antragte, die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sei festzustellen
und ihm die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Zur Begründung seines
Wiederwägungsgesuchs machte er im Wesentlichen geltend, dass seit ei-
nem schweren Bombenanschlag, welcher sich am 20. Oktober 2017 in Ka-
bul ereignet habe, sich sein soziales Netzwerk in Kabul erheblich verringert
habe. Der Ehemann seiner älteren Schwester sei bei dem Anschlag ver-
storben, die Schwester sei schwer verletzt und in ein Krankenhaus in Kabul
gebracht worden, ihr Schicksal sei seither unbekannt. Auch das Schicksal
der jüngeren Schwester sei ungewiss, da es der Familie seit dem Anschlag
nicht gelungen sei, mit ihr in Kontakt zu treten. Der Beschwerdeführer ver-
füge somit nicht mit hinreichender Wahrscheinlichkeit über ein tragfähiges
soziales Netzwerk in Kabul. Der jüngere, in der Provinz B._ wohn-
hafte Bruder habe ihm überdies mitgeteilt, dass aufgrund der desolaten
Sicherheitslage er mit seiner Familie Afghanistan verlassen werde. Ausser-
dem habe sich die Sicherheitslage in Kabul seit der Verfügung des SEM
erheblich verschlechtert, was auch das Bundesverwaltungsgericht in sei-
nem Referenzurteil D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 festgestellt habe.
B.b Mit Verfügung vom 4. Dezember 2017 wies das SEM das Wiederer-
wägungsgesuch mit der Begründung ab, dass die geltend gemachten Wie-
dererwägungsgründe nichts an der bisherigen Einschätzung des SEM,
welche das Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil bestätigt habe, zu
ändern vermöchten. Aufgrund der unglaubhaften Angaben zu seiner Her-
kunft im ordentlichen Asylverfahren habe er seine Mitwirkungspflicht ver-
letzt, und es sei nach wie vor nicht möglich, sich in voller Kenntnis der tat-
sächlichen persönlichen und familiären Situation zur Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs zu äussern. Hinsichtlich des geltend gemachten Re-
ferenzurteils des Bundesverwaltungsgerichts zur Lage in Kabul sei festzu-
halten, dass beim Vorliegen von besonders begünstigenden Umständen
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die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Kabul bejaht werden
könne. In seinem Falle könnten jedoch diese – aufgrund der grundsätzli-
chen Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit – nicht beurteilt werden. Zusam-
menfassend würden keine Gründe vorliegen, welche die Rechtskraft der
Verfügung vom 27. Mai 2016 beseitigen könnten und das Wiedererwä-
gungsgesuch sei unter Kostenauflage abzulehnen.
B.c Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
C.
Am 26. Juni 2019 reichte der Beschwerdeführer ein zweites Wiedererwä-
gungsgesuch beim SEM ein. Zur Begründung brachte er im Wesentlichen
vor, dass sich seine familiäre Situation in Afghanistan, insbesondere in Ka-
bul, erneut verändert und sich sein Gesundheitszustand verschlechtert
habe, weshalb nicht vom Vorliegen besonders begünstigender Umstände,
wie es im Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts gefordert werde,
ausgegangen werden könne. Die jüngere seiner in Kabul wohnhaften
Schwestern, C._, deren Ehemann bei einem Selbstmordanschlag
ums Leben gekommen sei, wohne nun in der Provinz B._ bei ihren
Schwiegereltern. Er habe keine Telefonnummer der Schwester, aber das
SEM könne mittels eines Anrufs bei seinen Eltern, welche ebenfalls in der
Provinz B._ leben würden, die Angaben verifizieren. Die ältere
Schwester D._ habe inzwischen Kabul verlassen und wohne nun in
Pakistan, wo sie auch schon früher gelebt habe. Er könne somit auf kein
tragfähiges Beziehungsnetz in Kabul, welches für die Wiedereingliederung
notwendig sei, zurückgreifen. Er habe selber noch nie in Kabul gelebt. Zum
Nachweis reichte der Beschwerdeführer die pakistanischen Ausweise sei-
ner Schwester und ihrer Familie, die Umschläge des DHL-Kurierservices,
welche belegen würden, dass diese aus Pakistan versandt worden seien,
und ein Familienfoto, aus welchem hervorgehe, dass die beiden Personen
auf den Ausweisen eine Familie seien, ein. Er gab dem SEM zudem die
Telefonnummer der Schwester in Pakistan bekannt, damit das SEM die
Angaben verifizieren könne. Ausserdem bot er der Vorinstanz an, sich ei-
nem DNA-Test zu unterziehen, um die Verwandtschaft mit seiner Schwes-
ter D._ zu belegen.
Hinzukommend habe sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechtert
und chronifiziert. Gemäss dem Arztbericht der Universitären Psychiatri-
schen Kliniken (UPK) (...) vom 13. Juni 2019 leide er an einer posttrauma-
tischen Belastungsstörung und an einer psychischen Erkrankung. Er be-
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finde sich seit Juli 2017 in einer regelmässigen medikamentösen und psy-
chotherapeutischen Behandlung, welche jedoch nur zu einer leichten Ver-
besserung der Symptomatik geführt habe. Er sei weiterhin auf adäquate
Behandlung angewiesen, welche aufgrund der zahlreichen Triggerfaktoren
in Afghanistan nicht durchgeführt werden könne. Die Ursache der posttrau-
matischen Belastungsstörung sei vor allem Erlebnissen im Heimatland und
auf der Flucht zuzuschreiben.
Des Weiteren halte er sich seit Oktober 2015 in der Schweiz auf und habe
sich bestens integriert. Eine Rückkehr würde somit für ihn eine tiefe Ent-
wurzelung und Destabilisierung bedeuten. Hierzu reichte er diverse Unter-
lagen ein, welche seine Integrationsbemühungen bezeugen würden. Über-
dies reichte er zwei Schreiben von Bezugspersonen in der Schweiz ein,
welche seine Integrationsbemühungen sowie seine im Wiedererwägungs-
gesuch vorgebrachte familiäre Situation in Kabul bestätigten.
D.
Mit Schreiben vom 28. Juni 2019 ersuchte das SEM die kantonalen Behör-
den im Sinne einer vorsorglichen Massnahme, den Vollzug der Wegwei-
sung gestützt auf Art. 111b Abs. 3 AsylG einstweilen auszusetzen.
E.
Mit Verfügung vom 11. Juli 2019 wies die Vorinstanz das Wiedererwä-
gungsgesuch unter Kostenauflage ab und hielt fest, die Verfügung vom
27. Mai 2016 sei rechtskräftig und vollstreckbar und einer allfälligen Be-
schwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu.
Zur Begründung des ablehnenden Entscheids hielt das SEM im Wesentli-
chen fest, die nunmehr geltend gemachten Wiedererwägungsgründe wür-
den nichts an seiner bisherigen Einschätzung ändern. Der Umzug der
Schwester des Beschwerdeführers von Kabul in die Provinz B._ sei
nicht belegt. Der Hinweis, das SEM könne die Angaben mittels eines Tele-
fonanrufes bei seinen Eltern verifizieren, gehe insofern fehl, als den Aus-
sagen der Eltern einerseits nur ein äusserst geringer Beweiswert zukäme
und andererseits bei einem Wiedererwägungsgesuch der geltend ge-
machte Sachverhalt liquide präsentiert werden müsse, womit zusätzliche
Instruktionsmassnahmen durch das SEM nicht in Betracht kämen. Die ein-
gereichten Ausweisdokumente der nun angeblich in Pakistan wohnhaften
Schwester vermöchten einen dauerhaften Wegzug aus Afghanistan nicht
zu belegen, weshalb darauf verzichtet werde, wie vom Beschwerdeführer
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vorgeschlagen, einen DNA-Test zu veranlassen. Es sei ihm mit seinen Aus-
führungen im Wiedererwägungsgesuch nicht gelungen, die im bisherigen
Verfahrenslauf festgestellte Mitwirkungspflichtsverletzung auszuräumen.
Das SEM halte an seiner bisherigen Einschätzung fest, dass es sich auf-
grund der verletzten Mitwirkungspflicht nicht zu seinem sozialen Netzwerk
äussern könne und daher eine sinnvolle Prüfung der Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs nicht möglich sei.
Hinsichtlich der geltend gemachten gesundheitlichen Beschwerden, na-
mentlich der posttraumatischen Belastungsstörung und der psychischen
Erkrankung, sei anzumerken, dass gemäss der Auskunft der Schweizeri-
schen Flüchtlingshilfe (SFH) die Möglichkeit bestehe, sich in zwei Kranken-
häusern in Kabul psychiatrisch behandeln zu lassen (vgl. SFH, Afghanis-
tan: Psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung, 5. April 2017).
Ausserdem könne er medizinische Rückkehrhilfe in Anspruch nehmen und
sich mit seinem Therapeuten gezielt auf die Rückkehr vorbereiten. Es
könne insgesamt nicht auf eine konkrete Gefährdung im Sinne einer medi-
zinischen Notlage gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG geschlossen werden.
Schliesslich könnten auch die bisherigen Integrationsbemühungen nichts
an den vorstehenden Erwägungen ändern, da diese im Zusammenhang
mit dem rechtskräftig angeordneten Vollzug unbeachtlich seien.
Zusammenfassend stellte die Vorinstanz fest, dass keine Gründe dargelegt
worden seien, welche die Rechtskraft der Verfügung vom 27. Mai 2016 be-
seitigen könnten, weshalb das Wiedererwägungsgesuch abzuweisen sei.
F.
Diese Verfügung liess der Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertreterin
mit Eingabe vom 14. August 2019 beim Bundesverwaltungsgericht anfech-
ten. Er beantragte, die Verfügung vom 11. Juli 2019 sei aufzuheben, die
Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sei festzu-
stellen und er sei infolge dessen vorläufig in der Schweiz aufzunehmen.
Eventualiter sei die Verfügung vom 11. Juli 2019 aufzuheben, die Sache
zur korrekten Sachverhaltsabklärung und erneuten Begründung an die
Vorinstanz zurückzuweisen sowie eine Verletzung des rechtlichen Gehörs
festzustellen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er die Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses und die Beiordnung eines amtlichen
Rechtsbeistandes. Ausserdem wurde beantragt, die aufschiebende Wir-
kung der Beschwerde anzuordnen und den Vollzug der Wegweisung aus-
zusetzen.
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Zur Begründung der Beschwerde wurde zunächst vorgebracht, die Verfü-
gung weise formelle Mängel auf. Der Beschwerdeführer habe verschie-
dene Beweismittel angeboten, welche die Vorinstanz nicht abgenommen
beziehungsweise gewürdigt habe. Er habe vorgebracht, er könne den Um-
zug der Schwester von Kabul in die Provinz B._ nicht anhand von
Unterlagen belegen. Die Kontaktaufnahme mit seinen Familienangehöri-
gen sei aufgrund ihrer schlechten Erreichbarkeit nur bedingt möglich, wes-
halb er über keine Telefonnummer der Schwester in B._ verfüge.
Seine Eltern könnten seine Aussagen verifizieren, aber auch diese seien
aufgrund des schlechten Netzes nur bedingt erreichbar. Er habe dem SEM
die Telefonnummer seiner Eltern zwecks Überprüfung der Angaben mitge-
teilt, das SEM habe indes festgestellt, dass den Aussagen der Eltern nur
ein äusserst geringer Beweiswert zukomme. Im Übrigen müsse gemäss
dem SEM bei einem Wiedererwägungsgesuch der geltend gemachte
Sachverhalt liquide präsentiert werden, da in der Regel keine Instruktions-
massnahmen vorgenommen würden. Vor diesem Hintergrund habe die Vo-
rinstanz auch den Antrag des Beschwerdeführers, einen DNA-Test mit sei-
ner Schwester in Pakistan zum Nachweis deren Verwandtschaft zu veran-
lassen, abgelehnt. Ferner habe das SEM die beiden Schreiben von dem
Beschwerdeführer in der Schweiz nahestehenden Personen nicht gewür-
digt, welche das fehlende Beziehungsnetz in Kabul ebenfalls bestätigt hät-
ten. Obschon ein Wiedererwägungsgesuch nach Art. 111b AsylG hinrei-
chend begründet sein müsse, entbinde es die Behörden nicht von ihrer
Untersuchungspflicht. Da die Vorinstanz die Beweisofferten mit der Be-
gründung, dass keine zusätzlichen Instruktionsmassnahmen vorzunehmen
seien, nicht abgenommen habe, verletze sie ihre Untersuchungspflicht und
das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers. Infolge dessen sei die Sa-
che zur korrekten Sachverhaltsabklärung und zur erneuten Entscheidbe-
gründung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In materieller Hinsicht wurde im Wesentlichen mit Verweis auf das Refe-
renzurteil des Bundesverwaltungsgerichts D-5800/2016 vom 13. Oktober
2017 vorgebracht, dass eine Wegweisung nach Kabul nur dann zumutbar
sei, wenn im Einzelfall besonders begünstigende Voraussetzungen vorlä-
gen. Dies müsse in casu verneint werden. Die beiden Schwestern des Be-
schwerdeführers, welche als einzige Verwandte in Kabul wohnhaft gewe-
sen seien, hätten beide inzwischen Kabul verlassen. Er verfüge somit über
kein soziales Beziehungsnetz in Kabul, welches jedoch gemäss dem Re-
ferenzurteil für eine Wiedereingliederung und zur Bejahung der Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs notwendig sei.
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Darüber hinaus leide der Beschwerdeführer an einer psychischen Erkran-
kung und an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Seit (...) 2017
befinde er sich in Behandlung. In dem ärztlichen Bericht vom 13. Juni 2019
sowie dem auf Beschwerdeebene eingereichten ärztlichen Bericht vom 31.
Juli 2019 der UPK (...) werde darauf hingewiesen, dass als Ursache für die
posttraumatische Belastungsstörung Erlebnisse im Heimatland und auf der
Flucht zu sehen seien. Für die künftige Behandlung werde eine regelmäs-
sige psychotherapeutische und medikamentöse Behandlung empfohlen.
Aufgrund der vielen Triggerfaktoren im Heimatland werde eine dortige Be-
handlung als nicht durchführbar erachtet. Die ärztliche Einschätzung wi-
derspreche somit der Ansicht des SEM, der Beschwerdeführer könne in
einem der beiden staatlichen Spitäler (in Kabul) behandelt werden. Dies-
bezüglich sei auf den Bericht der SFH zu verweisen, aus welchem hervor-
gehe, dass in Afghanistan psychische Erkrankungen als soziales Tabu gel-
ten und Betroffene stigmatisiert würden. Es herrsche ausserdem ein gros-
ser Fachkräftemangel und die beiden Krankenhäuser in Kabul könnten den
Bedarf an psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung bei wei-
tem nicht decken. Ausserdem müssten Patienten oftmals für die Behand-
lungskosten selber aufkommen – obwohl kostenlose öffentliche Gesund-
heitsdienstleistungen in der afghanischen Verfassung vorgesehen seien
(vgl. SFH, Afghanistan: Psychiatrische und psychotherapeutische Behand-
lung, 5. April 2017). Aufgrund des aktuellen Beschwerdebildes müsse da-
von ausgegangen werden, dass sich die Symptome des Beschwerdefüh-
rers im nach wie vor sehr instabilen Umfeld im Heimatland aufgrund der
zahlreichen Triggerfaktoren drastisch verschlechtern würden, was gemäss
ärztlicher Einschätzung verheerende Folgen für den Beschwerdeführer ha-
ben könnte. Als Folge davon dürfte er nicht mehr in der Lage sein, seinen
Alltag adäquat aufrechterhalten zu können.
Zusammenfassend sei festzustellen, dass eine Rückkehr in sein Heimat-
land zu einer dramatischen Verschlechterung seines psychischen Gesund-
heitszustandes führen würde. Da er auch über kein soziales Netz in Kabul
verfüge, müsse mit grosser Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen wer-
den, dass er bei einer Rückkehr in eine existenzbedrohende Notlage nach
Art. 3 EMRK geraten würde. Ausserdem sei auch die nun bereits vierjäh-
rige Landesabwesenheit zu berücksichtigen, was angesichts des jungen
Alters des Beschwerdeführers erheblich sei, und überdies könne er beacht-
liche Integrationsleistungen in der Schweiz vorweisen. Hierzu reichte er
unter anderem seinen Lehrvertrag vom 26. Juni 2019 ein, welcher unter
Vorbehalt eines bewilligten Aufenthalts für drei Jahre abgeschlossen
wurde.
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G.
Am 15. August 2019 setzte die Instruktionsrichterin im Rahmen einer su-
perprovisorischen Massnahme den Vollzug der Wegweisung vorüberge-
hend aus.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 21. August 2019 setzte die Instruktionsrichte-
rin den Vollzug der Wegweisung für die Dauer des Verfahrens aus und hielt
fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten, gewährte die unentgeltliche Prozessführung, verzich-
tete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und ordnete die Rechts-
vertreterin als amtliche Rechtsbeiständen bei. Gleichzeitig forderte sie den
Beschwerdeführer auf, einen ausführlichen Arztbericht einzureichen.
I.
Mit Eingabe vom 21. August 2019 legte der Beschwerdeführer eine Unter-
stützungsbestätigung zu den Akten.
J.
Am 18. September 2019 reichte der Beschwerdeführer einen ausführlichen
ärztlichen Bericht seiner behandelnden Ärzte der UPK (...) vom 10. Sep-
tember 2019 ein. Gemäss dem Arztbericht sei der Beschwerdeführer seit
dem 25. Juli 2019 (recte: 2017) bei ihnen in Behandlung. Ihm sei eine psy-
chische Erkrankung] (ICD-10, [...]) sowie eine posttraumatische Belas-
tungsstörung (ICD-10, F43.1) diagnostiziert worden.
K.
Am 20. September 2019 wurde die Vorinstanz eingeladen, sich zur Be-
schwerde vernehmen zu lassen.
L.
In seiner Vernehmlassung vom 15. Oktober 2019 hielt das SEM fest, die
Beschwerdeschrift enthalte keine erheblichen Tatsachen oder Beweismit-
tel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten. Zu
den eingereichten Schreiben von zwei Bezugspersonen des Beschwerde-
führers, worin die veränderte Lage in Bezug auf die Familienangehörigen
in Afghanistan bestätigt werde, sei anzumerken, dass diese nur von gerin-
gem Beweiswert seien, da sie einzig auf den Aussagen des Beschwerde-
führers beruhen würden. Das SEM halte an seinen Erwägungen der Ver-
fügung vom 11. Juli 2019 fest.
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Seite 10
M.
Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 16. Oktober 2019
zur Kenntnisnahme übermittelt.
N.
Mit Eingabe vom 27. Februar 2020 reichte der Beschwerdeführer einen
weiteren ärztlichen Kurzbericht der UPK (...) datiert auf den 14. Februar
2020 ein. Aus dem Bericht geht hervor, dass der Beschwerdeführer im (...)
2019 und im (...) 2020 dissoziative Anfälle im Rahmen seiner bestehenden
psychischen Erkrankung und/oder seiner Posttraumatischen Belastungs-
störung erlitten habe. Diese Anfälle seien Ausdruck seiner erhöhten psy-
chischen Vulnerabilität und er brauche eine engmaschige psychiatrische
Betreuung.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie-
dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung
auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist
das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG). Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das
VGG und das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6
AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
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Seite 11
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
3.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM
innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schrift-
lich und begründet einzureichen (Art. 111b Abs. 1 AsylG).
In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwägungs-
gesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine
nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl.
BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unange-
fochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem
blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisi-
onsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (zum soge-
nannten "qualifizierten Wiedererwägungsgesuch" vgl. BVGE 2013/22
E. 5.4 m.w.H.). Darüber hinaus sind Revisionsgründe, welche sich auf Be-
weismittel abstützen, welche erst nach Abschluss eines Beschwerdever-
fahrens entstanden sind, stets unter dem Titel der Wiedererwägung bei der
Vorinstanz einzubringen, da solche neu entstandenen Beweismittel keine
Grundlage für ein Revisionsverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht
darstellen können (Art. 45 VGG i.V.m. Art. 123 Abs. 2 Bst. a [letzter Satz]
BGG; vgl. BVGE 2013/22).
3.2 Vorliegend wird geltend gemacht, seit der Verfügung des SEM vom
27. Mai 2016, die im Urteil E-4076/2016 vom 20. Juni 2017 bestätigt wurde,
habe sich der für den Wegweisungsvollzug relevante Sachverhalt nach-
träglich verändert.
4.
Vorab sind die in der Beschwerde geltend gemachten formellen Rügen zu
beurteilen, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassation der vorinstanz-
lichen Verfügung zu bewirken.
4.1 In der Beschwerde wird moniert, das SEM habe die Beweisanträge des
Beschwerdeführers nicht angenommen und habe weder einen DNA-Test
zur Feststellung der Verwandtschaft mit der Schwester in Pakistan veran-
E-4107/2019
Seite 12
lasst noch habe es die Familienmitglieder mittels der vom Beschwerdefüh-
rer angegebenen Telefonnummern zur Verifizierung seiner Angaben kon-
taktiert. Dadurch habe das SEM seine Untersuchungspflicht verletzt, was
in einer Verletzung des rechtlichen Gehörs des Beschwerdeführers resul-
tiert habe.
Das SEM hat zu Recht darauf verzichtet, die angebotenen Beweise des
Beschwerdeführers abzunehmen. Gemäss Art. 33 VwVG hat die Behörde
die ihr angebotenen Beweise abzunehmen, wenn diese zur Abklärung des
Sachverhalts tauglich erscheinen. Das SEM hat in seiner Verfügung dar-
gelegt, weshalb es die Beweisofferten nicht abgenommen beziehungs-
weise in einer antizipierten Beweiswürdigung diese als unbehelflich be-
trachtet hat. Die entsprechenden Erwägungen sind zu bestätigen. Hierzu
ist überdies anzumerken, dass ein Anruf des SEM auf die vom Beschwer-
deführer eingereichten Telefonnummern nicht tauglich gewesen wäre, den
Wegzug der Schwestern zu belegen, da lediglich durch einen Anruf nicht
bestimmt werden kann, wer sich am anderen Ende des Telefonats befindet,
beziehungsweise es sich um mündliche Aussagen von Drittpersonen han-
delt, welche nicht weiter verifiziert werden können. Die Vorinstanz hat sich
somit mit den Beweisofferten hinreichend auseinandergesetzt und auf
diese Bezug genommen, weshalb keine Verletzung der Untersuchungs-
pflicht und des rechtlichen Gehörs des Beschwerdeführers vorliegt.
4.2 Der Beschwerdeführer macht ferner geltend, er habe Beweismittel ein-
gereicht, welche die Vorinstanz nicht gewürdigt habe. Die Vorinstanz habe
die zwei Schreiben von ihm in der Schweiz nahestehenden Bezugsperso-
nen, in welchen seine Aussagen bestätigt würden, dass er kein Bezie-
hungsnetz in Kabul mehr habe, nicht berücksichtigt. Damit liege eine Ver-
letzung des rechtlichen Gehörs in Form der Begründungspflicht vor.
Hierzu ist festzuhalten, dass sich die verfügende Behörde nicht ausdrück-
lich mit allen Aussagen und Beweismitteln auseinandersetzen muss, son-
dern sich auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken darf (vgl. BGE
126 I 97 E. 2b). Das SEM hat sich in der angefochtenen Verfügung mit den
wesentlichen Elementen des Wiedererwägungsgesuchs auseinanderge-
setzt, die relevanten Beweismittel im Sachverhalt aufgeführt und diese ent-
sprechend ihrer Rechtserheblichkeit gewürdigt. Die genannten Schreiben
der Bezugspersonen in der Schweiz wurden zwar nicht im Einzelnen auf-
geführt und gewürdigt, es handelt sich bei den beiden Schreiben jedoch
um Gefälligkeitsschreiben, welche keinen ausschlaggebenden Beweiswert
entfalten, da die beiden Bezugspersonen einzig bestätigen können, was
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Seite 13
der Beschwerdeführer ihnen mitgeteilt habe. Demzufolge handelt es sich
nicht um erhebliche Beweismittel und es ist keine Verletzung der Begrün-
dungspflicht der Vorinstanz zu erblicken. Eine sachgerechte Anfechtung
der Verfügung war ohne weiteres möglich. Die Rüge der Verletzung der
Begründungspflicht geht somit fehl.
4.3 Insgesamt besteht keine Veranlassung, die Sache aus formellen Grün-
den aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen.
5.
In der Beschwerde wurde in materiell-rechtlicher Hinsicht geltend gemacht,
der Vollzug der Wegweisung nach Kabul sei aufgrund der neuen Sachver-
haltsaspekte unzumutbar beziehungsweise unzulässig. Damit wird der
Wiedererwägungsgrund einer nachträglich veränderten Sachlage betref-
fend das familiäre Netz in Kabul sowie den Gesundheitszustand des Be-
schwerdeführers angerufen. Die Frage der Flüchtlingseigenschaft und der
Gewährung von Asyl bildet nicht Gegenstand vorliegenden Verfahrens. Die
Verfügung des SEM vom 27. Mai 2016 bleibt diesbezüglich in den Dispo-
sitivziffern 1 und 2 weiterhin rechtskräftig. Vorliegend ist sodann zu prüfen,
ob das SEM das Wiedererwägungsgesuch des Beschwerdeführers vom
26. Juni 2019 zu Recht abgelehnt und den Vollzug der Wegweisung zu
Recht weiterhin als zumutbar und zulässig, auch angesichts der geltend
gemachten veränderten Sachlage, betrachtet hat.
6.
6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2014/26 E. 7.7.4 und 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
6.2 Der Vollzug der Wegweisung kann nach Art. 83 Abs. 4 AIG unzumutbar
sein, wenn der Ausländer oder die Ausländerin im Heimat- oder Herkunfts-
staat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt
und medizinischer Notlage konkret gefährdet ist.
E-4107/2019
Seite 14
6.3 Im Urteil E-4076/2016 vom 20. Juni 2017 ist das Bundesverwaltungs-
gericht von der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs des Beschwerde-
führers ausgegangen und hat sich bezüglich der allgemeinen Lage in Af-
ghanistan und im Speziellen in Kabul auf das Länderurteil BVGE 2011/7
gestützt. In der Zwischenzeit hat das Bundesverwaltungsgericht nach ein-
gehender Lageanalyse eine neue Einschätzung der allgemeinen Lage in
Kabul vorgenommen und seine Wegweisungspraxis nach Kabul präzisiert.
In dem als Referenzurteil publizierten Entscheid D-5800/2016 vom 13. Ok-
tober 2017 wurde festgestellt, seit dem letzten Länderurteil des Bundes-
verwaltungsgerichts im Jahr 2011 (vgl. BVGE 2011/7) ergebe sich eine
deutliche Verschlechterung der Sicherheitslage über alle Regionen hinweg
und es bestünden derart schwierige humanitäre Bedingungen in weiten
Teilen Afghanistans, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinne
von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren sei. Der Wegweisungsvollzug sei
deshalb als unzumutbar zu beurteilen. Von dieser allgemeinen Feststellung
könne im Falle der Hauptstadt Kabul abgewichen werden, falls besonders
begünstigende Faktoren gegeben seien. Solche günstigen Voraussetzun-
gen könnten grundsätzlich namentlich dann gegeben sein, wenn es sich
beim Rückkehrer um einen jungen, gesunden Mann handle. Unabdingbar
sei in jedem Fall ein soziales Netz, das sich im Hinblick auf die Aufnahme
und Wiedereingliederung des Rückkehrenden als tragfähig erweise. Die-
ses soziale Netz müsse diesem insbesondere eine angemessene Unter-
kunft, Grundversorgung sowie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Rein-
tegration bieten können. Allein aufgrund von losen Kontakten zu Bekann-
ten, Verwandten oder auch Mitgliedern der Kernfamilie, bei welchen das
wirtschaftliche Fortkommen sowie die Unterbringung ungeklärt sei, sei
nicht von einem tragfähigen sozialen Beziehungsnetz auszugehen.
Ebenso sei entscheidrelevant, über welche Berufserfahrung die rückkeh-
rende Person verfüge beziehungsweise inwiefern eine wirtschaftliche Wie-
dereingliederung mit einer bezahlten Arbeit im Zusammenspiel mit dem
Beziehungsnetz begünstigt werden könne (vgl. zum Ganzen: Referenzur-
teil des BVGer D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017, insbesondere E. 7.6
und E. 8).
6.4 Im Verwaltungsverfahren und im spezifischen Asylverfahren gilt der
Untersuchungsgrundsatz, das heisst das Gericht stellt den rechtserhebli-
chen Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG,
Art. 106 Abs.1 Bst. b AsylG). Der Untersuchungsgrundsatz wird dadurch
beschränkt, dass die Parteien an der Feststellung des Sachverhalts mitwir-
ken müssen (Art. 13 VwVG). Im Asylverfahren ist im Vergleich zum Verwal-
tungsverfahren eine verstärkte Mitwirkungspflicht vorgesehen (Art. 8
E-4107/2019
Seite 15
AsylG). Im ordentlichen Verfahren war eine Verletzung der Mitwirkungs-
pflicht festgestellt worden. Aus den Verfahrensgarantien des Beschwerde-
führers ergibt sich andererseits, dass dem Bundesverwaltungsgericht von
Amtes wegen auch in vorliegendem Verfahren eine Untersuchungspflicht
zukommt, und das Gericht im Einzelnen zu prüfen hat, ob sich eine Rück-
kehr für den Beschwerdeführer nach Kabul zum heutigen Zeitpunkt als zu-
mutbar erweist. Dies bedeutet, dass trotz der im ordentlichen Verfahren
festgestellten Mitwirkungspflichtverletzung des Beschwerdeführers und
der darauf basierenden festgestellten Unmöglichkeit, die Zumutbarkeit der
Wegweisung nach Kabul umfassend zu beurteilen, diese das Gericht zum
heutigen Zeitpunkt nicht davon entbindet zu prüfen, ob sich seither die
Lage verändert hat.
7.
Im Folgenden ist zu prüfen, ob die geltend gemachten nachträglichen
Sachverhaltsaspekte die bisherige Einschätzung, ein Wegweisungsvollzug
sei zumutbar, im Lichte der aktualisierten Praxis des Bundesverwaltungs-
gerichts zu ändern vermögen.
7.1 In der Beschwerde wird geltend gemacht, dass der Beschwerdeführer
über kein Beziehungsnetz mehr in Kabul verfüge, da beide seine Schwes-
tern zwischenzeitlich Kabul verlassen hätten. Die Vorinstanz hatte in der
das Wiedererwägungsgesuch ablehnenden Verfügung den Standpunkt
vertreten, dass der Wegzug der Schwestern aus Kabul nicht belegt sei. Sie
hat ferner festgestellt, die neu geltend gemachten Sachverhaltselemente
würden insgesamt nichts an der Einschätzung im ordentlichen Verfahren
ändern, dass der Beschwerdeführer seine wahren familiären Verhältnisse
und seine persönliche Biographie nicht glaubhaft offengelegt habe, womit
eine umfassende Prüfung von Wegweisungsvollzughindernissen verun-
möglicht werde.
7.1.1 Im Urteil E-4076/2016 ist das Bundesverwaltungsgericht mit der
Vorinstanz einhergegangen, dass der Beschwerdeführer eine sinnvolle
Prüfung von Wegweisungsvollzugshindernissen verhindert habe. Es sei
aber zumindest aufgrund der beiden in Kabul wohnhaften Schwestern von
einem tragfähigen Beziehungsnetz auszugehen, welches ihn bei der Ein-
gliederung unterstützen könne. Der Beschwerdeführer hatte zu Beginn sei-
nes Asylverfahrens angegeben, dass sich zwei seiner Schwestern,
C._ und D._, in Kabul befinden würden (Akte A3, F3.01). In
der Anhörung wiederholte er seine Aussagen, dass zwei seiner Schwes-
tern in Kabul wohnhaft seien, da diese finanziell besser situierte Männer
E-4107/2019
Seite 16
geheiratet hätten und zu ihren Ehemännern nach Kabul gezogen seien
(Akte A18, F39f). Aufgrund dieser Aussagen gingen das SEM und das Bun-
desverwaltungsgericht im ordentlichen Asylverfahren jedenfalls von einem
Beziehungsnetz in Kabul aus, welches den Beschwerdeführer bei einer
Rückkehr unterstützen könne.
7.1.2 In seinem ersten Wiedererwägungsgesuch vom 23. November 2017
hat der Beschwerdeführer die Vorinstanz erstmals über die veränderte fa-
miliäre Situation in Kabul orientiert. Der Ehemann der einen Schwester sei
bei einem Bombenanschlag getötet worden und sie habe sich zum dama-
ligen Zeitpunkt schwer verletzt in einem Krankenhaus in Kabul befunden.
Die Kontaktaufnahme mit der anderen Schwester sei damals nach dem
verheerenden Bombenanschlag in Kabul nicht möglich gewesen und man
habe zum damaligen Zeitpunkt nichts über ihr Schicksal gewusst. Diesbe-
züglich verwies der Beschwerdeführer auf mehrere Zeitungsartikel, welche
über den Anschlag berichteten. Das SEM wies das Wiedererwägungsge-
such mit der Begründung ab, der Beschwerdeführer habe im ordentlichen
Asylverfahren seine Mitwirkungspflicht verletzt und die geltend gemachten
Wiedererwägungsgründe würden nichts an dieser Einschätzung ändern.
7.2
7.2.1 In seinem zweiten Wiedererwägungsgesuch reichte der Beschwer-
deführer nunmehr Beweismittel ein, um den Wegzug der älteren Schwester
D._ nach Pakistan zu belegen. Er reichte pakistanische «Afghan
Citizen Cards» seiner Schwester D._ und ihres Ehemannes im Ori-
ginal ein. Dabei handelt es sich um Ausweise für afghanische Staatsange-
hörige, welche in Pakistan leben. Den Ausweisen ist zu entnehmen, dass
sich die Schwester und ihre Familie früher in (...), Pakistan, aufgehalten
haben und ursprünglich aus dem Distrikt (...), Provinz B._, Afgha-
nistan, stammen. Das SEM vertritt in seiner ablehnenden Verfügung die
Ansicht, dass die pakistanischen Ausweise nicht geeignet seien zu bele-
gen, dass die Schwester und ihre Familie effektiv in Pakistan leben würden.
Der pakistanische Ausweis der Schwester sei bis zum 31. Dezember 2015
gültig gewesen, auf dem Ausweis ihres Mannes stehe kein Gültigkeitsda-
tum. Auch wenn die Schwester sich zurzeit in Pakistan aufhalten sollte,
habe der Beschwerdeführer gemäss der Vorinstanz mit den eingereichten
Beweismitteln nicht zu belegen vermocht, dass die Familie Afghanistan
dauerhaft verlassen habe. In der Beschwerde wurde entgegnet, der Be-
schwerdeführer habe alles in seiner Macht Stehende unternommen, um zu
beweisen, dass sich die Schwester in Pakistan aufhalte. Aus dem einge-
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Seite 17
reichten DHL-Umschlag werde deutlich, dass die Ausweise dem Be-
schwerdeführer per DHL aus (...), Pakistan, zugestellt worden seien und
sich die Schwester somit in Pakistan aufhalte. Ob es sich dabei um einen
dauerhaften Aufenthalt handle, sei nicht von Belang.
7.2.2 Nach Durchsicht der Akten kann festgehalten werden, dass der Be-
schwerdeführer mittels des eingereichten DHL-Umschlags glaubhaft ma-
chen konnte, dass ihm die pakistanischen Ausweise der Schwester mit
Gültigkeitsdatum 31. Dezember 2015 und ihres Mannes ohne Gültigkeits-
datum aus (...), (...), Pakistan, zugestellt worden sind. Daneben hat er ein
Foto seiner Schwester, ihres Mannes und ihres Sohnes eingereicht. Auf
dem Foto und auf den pakistanischen Ausweisen befinden sich dieselben
Personen. Es liegen somit Anhaltspunkte und Beweismittel vor, welche für
den behaupteten Aufenthalt der Schwester D._ in Pakistan spre-
chen. Demgegenüber ergeben sich jedoch aus den Akten auch Ungereimt-
heiten in Bezug auf den Zeitpunkt des Aufenthalts der Schwester in Pakis-
tan. Der Beschwerdeführer gab während der BzP im Oktober 2015 an,
seine Schwester D._ befinde sich in Kabul (Akte A3, F3.01). Aus
dem eingereichten pakistanischen Ausweis von D._ geht indes her-
vor, dass dieser bis am 31. Dezember 2015 gültig gewesen ist, was dafür
spricht, dass sich D._ zumindest im Jahr 2015 in Pakistan befunden
hat. Von einem Aufenthalt der Schwester D._ in Pakistan war indes
bis zu seinem zweiten Wiedererwägungsgesuch vom 26. Juni 2019 keine
Rede. Erst zu diesem Zeitpunkt wird erläutert, seine Schwester habe in
Pakistan gelebt, sei nach Kabul zurückgekehrt, und lebe nun erneut in Pa-
kistan, was jedoch nicht mit einem aktuellen Ausweis belegt wird. Zusam-
menfassend erscheint es durchaus möglich, dass die Schwester
D._ und deren Mann gegenwärtig in Pakistan leben, die Aussage
bleibt allerdings zumindest betreffend die Schwester unbelegt, da von ihr
kein aktueller pakistanischer Ausweis vorliegt.
7.3
7.3.1 In Bezug auf seine Schwester C._ führte der Beschwerdefüh-
rer in seinem zweiten Wiedererwägungsgesuch aus, dass diese ebenfalls
Kabul verlassen habe. Ihr Mann sei bei einem Bombenanschlag im Okto-
ber 2017 verstorben und sie sei danach in die Provinz B._ zu ihrer
Schwiegerfamilie gezogen. In der ablehnenden Verfügung stellte das SEM
fest, dass diese Angaben nicht belegt seien. In der Beschwerde wurde ent-
gegnet, dass für eine alleinstehende Frau mit einem Kind ein Verbleib in
Kabul undenkbar sei, weshalb davon auszugehen sei, dass die Schwester
E-4107/2019
Seite 18
Kabul verlassen habe. Er könne zwar keinen Beleg beibringen, seine El-
tern könnten diese Aussage indes bestätigen.
7.3.2 Im Rahmen des ersten Wiedererwägungsgesuchs hat der Beschwer-
deführer auf diverse Zeitungsartikel zum Anschlag hingewiesen. Aus öf-
fentlich zugänglichen Quellen lässt sich sodann bestätigen, dass es den
vom Beschwerdeführer angegebenen Selbstmordanschlag gegeben hat.
Ob sich sein Schwager unter den Todesopfern befunden hat, lässt sich
nicht verifizieren. Weitere diesbezügliche Beweismittel blieben auch im
zweiten Wiedererwägungsgesuch aus. Der Beschwerdeführer hat lediglich
die Telefonnummer seiner Eltern eingereicht, welche den Wegzug der
Schwester aus Kabul zu bestätigen vermöchten.
7.3.3 Anhand der Akten kann nicht abschliessend festgestellt werden, ob
die Schwester C._ tatsächlich aus Kabul weggezogen ist. Für die
Glaubhaftigkeit der Sachverhaltsdarstellung spricht, dass der Beschwerde-
führer kurz nach dem Selbstmordanschlag in Kabul das SEM im Rahmen
seines ersten Wiedererwägungsgesuchs auf den Tod des Schwagers hin-
gewiesen hat. Des Weiteren hat er gegenüber seinem Therapeuten vom
Tod des Schwagers berichtet (vgl. Arztbericht vom 31. Juli 2019). Obwohl
die Aussagen gegenüber einem Arzt keinen eigentlichen Beweiswert im
Asylverfahren aufweisen, können sie vorliegend als weiteres positives In-
diz für die Glaubhaftigkeit des Todes des Schwagers gewertet werden. Es
ist davon auszugehen, dass die Schwester nach dem Tod ihres Eheman-
nes tatsächlich nicht alleine in Kabul verlieben wäre. Der geltend gemachte
Umzug in die Provinz B._ ist insofern nachvollziehbar. Andererseits
gehen aus den Akten diesbezüglich Ungereimtheiten hervor. Im ersten
Wiedererwägungsgesuch gab der Beschwerdeführer nämlich an, der
Mann der älteren Schwester sei bei dem Bombenanschlag getötet worden.
Namen wurden keine genannt (Akte B1, Ziff.2, S.3). Im zweiten Wiederer-
wägungsgesuch wird demgegenüber vorgebracht, der Mann der jüngeren
Schwester C._ sei bei dem Anschlag verstorben. Ausserdem wurde
in der Beschwerde im ordentlichen Verfahren angegeben, die in Kabul
wohnhaften Schwestern hätten je vier Kinder (Beschwerde vom 29. Juni
2016, S. 9), während nun im Wiedererwägungsgesuch in Bezug auf die
Schwester C._ nur noch von einem Kind die Rede ist. Es lassen
sich somit sowohl Anhaltspunkte, welche für die Glaubhaftigkeit sprechen,
als auch Hinweise, welche gegen die nunmehr vorgebrachte Sachverhalts-
darstellung sprechen, ausmachen. Eine Schwester – alleinerziehend mit
einem Kind – könnte jedenfalls nicht als tragfähiges Beziehungsnetz für
den Beschwerdeführer in Kabul betrachtet werden.
E-4107/2019
Seite 19
7.4 Im Sinne eines Zwischenfazits kann festgestellt werden, dass sowohl
Sachverhaltselemente vorliegen, die für den Wegzug der beiden Schwes-
tern aus Kabul sprechen, als auch Hinweise, welche dies bezweifeln las-
sen. Es erscheint aber jedenfalls zumindest fraglich, ob der Beschwerde-
führer gegenwärtig über ein Beziehungsnetz in Kabul verfügt, welches ihn
sowohl im Hinblick auf eine gesicherte Wohnsituation und die Grundver-
sorgung als auch in seinem wirtschaftlichen Fortkommen unterstützen
könnte. Angesichts der im Folgenden zu beurteilenden gesundheitlichen
Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers kann indes letztlich offenblei-
ben, ob die Schwestern, wie vom Beschwerdeführer vorgebracht, tatsäch-
lich aus Kabul weggezogen sind.
8.
8.1 Bezüglich der im vorliegenden Wiedererwägungsgesuch erstmalig gel-
tend gemachten gesundheitlichen Beschwerden stellte die Vorinstanz im
ablehnenden Entscheid fest, dass diese in Kabul behandelt werden könn-
ten und nicht auf eine konkrete Gefährdung im Sinne einer medizinischen
Notlage gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG schliessen lassen würden. In der Be-
schwerde wurde entgegnet, dass die Nachfrage in Kabul nach psychiatri-
schen Behandlungen sehr gross sei und das Angebot den Bedarf bei wei-
tem nicht decken könne. Ausserdem müssten die Patienten oftmals für die
Behandlungs- und Medikamentenkosten selbst aufkommen. Überdies
habe der behandelnde Arzt festgehalten, dass der Beschwerdeführer bei
einer Rückkehr nach Afghanistan zahlreichen Triggerfaktoren ausgesetzt
und eine Therapie nicht effektiv wäre.
8.2 In den Akten befinden sich vier ärztliche Berichte der Universitären Psy-
chiatrischen Kliniken Basel, datiert auf den 13. Juni 2019, den 31. Juli
2019, 10. September 2019 und den 14. Februar 2020. Die Berichte attes-
tieren dem Beschwerdeführer eine psychische Erkrankung (ICD-10, [...])
und eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10, F43.1). Er befinde
sich seit (...) 2017 in regelmässiger ambulanter Behandlung und nehme
etwa alle 14 Tage Termine am Ambulatorium für Transkulturelle Psychiatrie
wahr. Auf eine ergänzende, medikamentöse Therapie mit sedierenden An-
tidepressiva oder Neuropleptika sei verzichtet worden, da der Beschwer-
deführer an [Krankheit] leide und durch die Einnahme der Medikamente die
Gefahr der Verschlechterung des [Krankheit] bestehe. Es sei stattdessen
eine angstmodulierende Therapie unter Einnahme von Medikamenten be-
gonnen worden. Es sei durch die Therapie zu einer leichten Verbesserung
und Stabilisierung seines Gesundheitszustands gekommen. Durch Nach-
E-4107/2019
Seite 20
richten von Terroranschlägen komme es jeweils regelmässig wieder zu ei-
ner Verschlechterung der Symptomatik. Der Beschwerdeführer habe bei
einer möglichen Ausschaffung Suizid als einzigen Ausweg angegeben. Bei
einer Fortführung der psychotherapeutischen Behandlung könne voraus-
sichtlich eine Teil- bis Vollremission der psychischen Erkrankung und der
posttraumatischen Belastungsstörung erreicht werden. Dies setze jedoch
eine sichere Lebens- und Therapieumgebung voraus, welche in Afghanis-
tan – auch unter Durchführung einer Therapie nach westlichen Standards
– nicht gewährleistet sei. Bei einem Therapieabbruch und einer Rückkehr
nach Afghanistan sei mit einer erneuten deutlichen Verschlechterung sei-
nes Gesundheitszustands zu rechnen. Es sei davon auszugehen, dass er
seinen Alltag unter diesen Umständen nicht adäquat aufrechterhalten
könne.
8.3 Der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers hat sich seit dem
letzten Urteil E-4076/2016, in welchem keine medizinischen Vorbringen ge-
würdigt wurden, offenkundig verschlechtert. Er kann zum heutigen Zeit-
punkt nicht als gesunder Mann betrachtet werden. Er ist nach wie vor auf
eine psychiatrische und medikamentöse Behandlung angewiesen. Zwar ist
eine psychiatrische Behandlung in Kabul nicht völlig unmöglich, jedoch ist
die medizinische Versorgung in allen Bereichen, und vor allem im Bereich
der psychiatrischen Versorgung, nach wie vor äusserst unzureichend. Das
Europäische Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO) hat vor Kurzem
festgehalten, in Kabul gebe es nur eine einzige öffentliche psychiatrische
Klinik. Gemäss Auskunft eines Länderexperten an das Recherche-Netz-
werk Asylos sei eine psychiatrische Behandlung «nicht existent». EASO
weist bezugnehmend auf eine Studie aus dem Jahr 2017 auch darauf hin,
dass die psychische Situation von Jugendlichen höchst besorgniserregend
sei und Rückkehrer und intern Vertriebene im Vergleich zur ansässigen
Bevölkerung als noch verletzlicher gelten müssten. In derselben Studie
wird festgehalten, dass in Kabul drei ausgebildete Psychiater und zehn
Psychologen eine Bevölkerung von mehr als 30 Millionen zu betreuen hät-
ten (vgl. zum Ganzen Urteil des BVGer E-2381/2019 vom 12. Juli 2019
E.4.8 mit Verweis auf EASO-Country of Origin Information Report, Afghan-
istan – Key socio-economic indicators, Focus on Kabul City, Mazar e Sharif
and Herat City, April 2019, Ziff. 8.4, S. 49f, m.w.H.). In dem vom SEM und
in der Beschwerde zitierten Bericht der SFH wird zwar festgehalten, dass
private Einrichtungen in Kabul ebenfalls psychiatrische und psychothera-
peutische Behandlungen anbieten würden, die Kosten müssten jedoch
vollständig von den Patienten übernommen werden (vgl. SFH, Afghanis-
tan: Psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung, 5. April 2017,
E-4107/2019
Seite 21
S. 8f). Vor diesem Hintergrund ist es völlig ungewiss, ob der Beschwerde-
führer zur Klinik in Kabul oder zu einer privaten Behandlungsmöglichkeit
würde Zugang finden können, um die benötigte regelmässige psychiatri-
sche Betreuung aufrecht erhalten zu können (vgl. auch Urteil E-2381/2019
E.4.8). Auch wenn der Beschwerdeführer Zugang zu einer Behandlung er-
halten würde, wäre deren Finanzierung nicht sichergestellt. Ein Grossteil
der Patientinnen und Patienten kann sich in Kabul nämlich aufgrund finan-
zieller Probleme nicht behandeln lassen (vgl. Referenzurteil D-5800/2016
E.8.3.2 m.w.H.). Überdies hat der behandelnde Arzt festgehalten, dass die
Behandlung der medizinischen Beeinträchtigung des Beschwerdeführers
eine sichere Lebens- und Therapieumgebung voraussetze, welche in Af-
ghanistan, auch unter der Durchführung einer Therapie nach westlichen
Standards, nicht gewährleistet sei. Es sei mit einer deutlichen Verschlech-
terung seines Gesundheitszustands zu rechnen und es dürfte ihm unter
diesen Umständen nicht möglich sein, sein Leben adäquat aufrechterhal-
ten zu können. Angesichts dieser Aussichten ist davon auszugehen, dass
auch bei einem (äusserst unwahrscheinlichen) Zugang des Beschwerde-
führers zu einer psychiatrischen Behandlung, die Erfolgschancen einer sol-
chen Behandlung als düster zu bezeichnen sind.
8.4 Der Beschwerdeführer ist als Jugendlicher aus Afghanistan ausgereist
und kann keine Arbeitserfahrung in Afghanistan aufweisen. Auch in der
Schweiz hat er keine Fähigkeiten erworben, welche er bei einer Rückkehr
einsetzen könnte, um für seinen Lebensunterhalt aufzukommen. Ausser-
dem ist nicht darüber hinwegzusehen, dass der Beschwerdeführer sein
Land vor nun mehr als vier Jahren verliess, was zu einer Lücke in seinem
sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsprozess in Afghanistan geführt
haben dürfte. Angesichts des Umstandes, dass der Beschwerdeführer
möglicherweise über kein Beziehungsnetz mehr in Kabul verfügt und an
schweren psychischen Beeinträchtigungen leidet, kann bei der heutigen
Aktenlage nicht mehr davon ausgegangen werden, dass ihm eine wirt-
schaftliche Wiedereingliederung aus eigener Kraft gelingen könnte. Der
Vollständigkeit halber ist in diesem Zusammenhang auch darauf hinzuwei-
sen, dass der Umstand, wonach der Beschwerdeführer der Minderheit der
Hazara angehört, sich ebenfalls nicht als für ihn begünstigend erweisen
dürfte (vgl. Urteil E-2381/2019 E. 4.8 mit Verweis auf Urteil D-4548/2016
vom 27. März 2018 E. 6 und E. 9.4.2).
E-4107/2019
Seite 22
9.
9.1 Nach den obigen Erwägungen ist festzustellen, dass sich die im frühe-
ren Urteil getroffene Einschätzung, der Wegweisungsvollzug des Be-
schwerdeführers nach Kabul erweise sich als zumutbar, angesichts der
heutigen Situation nicht aufrechterhalten lässt. Vielmehr muss in Anbe-
tracht der veränderten Sachlage davon ausgegangen werden, dass der
Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Kabul aufgrund seiner gesund-
heitlichen Beeinträchtigungen sowie des Fehlens von anderen besonders
günstigen Voraussetzungen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit in eine
existenzbedrohende Lage geraten würde. Der Wegweisungsvollzug ist da-
her als unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren.
9.2 Die Beschwerde ist demnach – da keine Ausschlussgründe gemäss
Art. 83 Abs. 7 AIG vorliegen – in Hinblick auf den Vollzug der Wegweisung
nach Afghanistan gutzuheissen und die Verfügung des SEM vom 11. Juli
2019 ist aufzuheben. Das SEM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer in
teilweiser Wiedererwägung seiner Verfügung vom 27. Mai 2016 aufgrund
der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz
aufzunehmen (vgl. Art. 44 AsylG und Art. 83 Abs. 4 AIG). Aufgrund der al-
ternativen Natur der Vollzugshindernisse erübrigt es sich bei dieser Sach-
lage, auf den in der Beschwerde erhobenen weiteren Antrag, es sei die
Unzulässigkeit des Vollzuges der Wegweisung festzustellen, einzugehen
(zur Alternativität der Vollzugshindernisse vgl. Urteil des BVGer D-
3839/2013 vom 28. Oktober 2015 E. 8.4 [als Referenzurteil publiziert],
BVGE 2011/7 E. 8 und 2009/51 E. 5.4).
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG). Damit wird die in der Zwischenverfügung vom 21.
August 2019 gewährte unentgeltliche Prozessführung nachträglich gegen-
standslos.
11.
11.1 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
11.2 Die bei den Akten liegende Kostennote vom 14. August 2019 weist für
das Aktenstudium und das Verfassen der Beschwerde einen Zeitaufwand
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-3839/2013 http://links.weblaw.ch/BVGer-D-3839/2013 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/7
E-4107/2019
Seite 23
von 7.75 Stunden bei einem Stundenansatz von Fr. 150.– auf. Der ver-
langte Stundenansatz von Fr. 150.– ist reglementskonform (vgl. Art. 10
VGKE). In Berücksichtigung der weiteren Eingaben vom 21. August 2019,
vom 26. August 2019 und vom 18. September 2019 ist die von der Vo-
rinstanz auszurichtende Parteientschädigung auf insgesamt Fr. 1300.–
(inkl. Auslagen, ohne Mehrwertsteuerzuschlag, da nicht mehrwertsteuer-
pflichtig) festzusetzen.
11.3 Der Anspruch auf amtliches Honorar der als amtliche Rechtsbeistän-
din im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG eingesetzten Rechtsvertreterin wird
damit gegenstandslos.
(Dispositiv nächste Seite)
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