Decision ID: 38ed3593-e7a5-5864-9133-9f456b02fba5
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, afghanischer Staatsangehöriger tadschikischer
Ethnie aus dem Distrikt B._, Provinz Kabul, reiste am 1. September
2019 in die Schweiz ein und ersuchte gleichentags um Asyl. Nach Zuwei-
sung ins Bundesasylzentrum (BAZ) der Region C._ wurden am 9.
September 2019 seine Personalien aufgenommen (Personalienaufnahme;
PA) und am 3. Dezember 2019 die Anhörung zu seinen Asylgründen durch-
geführt. Am 10. Dezember 2019 wurde seiner am 5. September 2019 be-
vollmächtigten und zugewiesenen Rechtsvertretung (Art. 102f ff. AsylG
[SR 142.31]) der ursprüngliche Entscheidentwurf ausgehändigt. Die
Rechtsvertretung nahm am 11. Dezember 2019 Stellung dazu. Daraufhin
wurde der Beschwerdeführer dem erweiterten Verfahren und dem Kanton
D._ zugewiesen, worauf die Rechtsvertretung am 16. Dezember
2019 das Mandat niederlegte. Am 11. Februar 2020 wurde der Beschwer-
deführer in Anwesenheit des rubrizierten Rechtsvertreters ergänzend an-
gehört.
Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte er im Wesentlichen vor, die
12. Klasse abgeschlossen zu haben und danach die Polizeiakademie in
E._ besucht und abgeschlossen zu haben. Einige Monate nach Ab-
schluss dieser Ausbildung habe er eine Stelle als Delgai-Kommandant auf
dem Polizeiposten in F._ nahe der Stadt G._ in der Provinz
H._ angetreten und sei mit seinen sechs Kollegen, deren Chef er
gewesen sei, für die Sicherheit von etwa hundert Einwohnerinnen und Ein-
wohnern verantwortlich gewesen. Noch während seiner Ausbildung habe
er bei einem Besuch zu Hause einen Anruf von einer ihm unbekannten
Nummer erhalten. Der anonyme Anrufer habe ihm gedroht, er befinde sich
auf dem falschen Weg und würde mit den Feinden zusammenarbeiten. Er
solle stattdessen mit ihm und seinen Leuten kooperieren. Während seiner
Dienstzeit in der Provinz H._ sei er zum zweiten Mal telefonisch
kontaktiert worden, wobei ihm mitgeteilt worden sei, er solle mit ihnen zu-
sammenarbeiten. Falls er weiterhin mit den Feinden zusammenarbeiten
würde, werde man ihn töten. Er habe seine Arbeit fortgeführt, bis sein Vater
ihn angerufen und ihm erzählt habe, in der Nacht seien bewaffnete Perso-
nen zu seiner Familie gekommen und hätten nach ihm, dem Beschwerde-
führer, gesucht. Sein Vater habe die Personen zwar vertrieben, diese hät-
ten jedoch gedroht, dass sie ihn finden würden, egal wo er sich in Afgha-
nistan aufhalte. Sein Vater habe ihn aus Angst vor weiteren Behelligungen
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aufgefordert, das Land zu verlassen. Er habe daraufhin seinen Vorgesetz-
ten informiert, der ihn aber nicht habe schützen können und ihm die Stelle
gekündigt habe. Zunächst habe er sich bei einem Kollegen der Polizeiaka-
demie in I._ versteckt. Im März 2017 sei er für eine Nacht nach
Hause gegangen und über J._ und Pakistan illegal in den Iran ge-
reist. 20 Tage nach seiner Ausreise seien seine Eltern mit den drei jüngeren
Geschwistern und seiner Ehefrau nach Kabul-Stadt gezogen, da sie sich
vor den bewaffneten Personen gefürchtet hätten.
Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte er seine Tazkera sowie ein
Diplom der Polizeiakademie E._ (beides in Kopie) zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 25. Februar 2020 – eröffnet am 26. Februar 2020 –
stellte die Vorinstanz fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingsei-
genschaft nicht erfülle. Sie lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Weg-
weisung aus der Schweiz an. Wegen Unzumutbarkeit schob sie indes den
Vollzug der Wegweisung auf und ordnete die vorläufige Aufnahme des Be-
schwerdeführers in der Schweiz an.
C.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer – handelnd durch
den rubrizierten Rechtsvertreter – am 18. März 2020 Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte, der vorinstanzliche Entscheid
sei aufzuheben und ihm sei in der Schweiz Asyl zu gewähren oder jeden-
falls sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen.
In formeller Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege unter Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses sowie
um Beiordnung des mandatierten Rechtsvertreters als amtlicher Rechtbei-
stand.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 23. April 2020 verzichtete die Instruktionsrich-
terin auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und forderte den Be-
schwerdeführer zur Einreichung einer Fürsorgebestätigung auf. Gleichzei-
tig wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung eingela-
den.
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E.
Eine Fürsorgebestätigung der Stadt K._ wurde am 29. April 2020
nachgereicht.
F.
Die am 6. Mai 2020 eingereichte Vernehmlassung wurde dem Beschwer-
deführer am 15. Mai 2020 zur Kenntnisnahme zugestellt. Ebenfalls mit Zwi-
schenverfügung vom 15. Mai 2020 wurden die Gesuche um Gewährung
der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG und
aArt. 110a AsylG gutgeheissen und der rubrizierte Rechtsvertreter im Ver-
fahren amtlich beigeordnet.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Das SEM hat in seiner Verfügung vom 25. Februar 2020 die vorläufige Auf-
nahme des Beschwerdeführers zufolge Unzumutbarkeit des Wegwei-
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sungsvollzugs angeordnet. Damit beschränkt sich das vorliegende Be-
schwerdeverfahren auf die Fragen, ob der Beschwerdeführer als Flüchtling
anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren ist, sowie auf die Frage der Weg-
weisung.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 mit Verweisen).
5.
5.1 Zur Begründung ihres ablehnenden Entscheids führte die Vorinstanz
aus, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen sei, seine zentralen
Vorbringen glaubhaft zu machen. Dies betreffe zunächst die beiden Droh-
anrufe, bei denen er zur Zusammenarbeit aufgefordert worden sei, ihm je-
doch nicht mitgeteilt worden sein soll, wie der erste Schritt der Zusammen-
arbeit aussehen würde, beziehungsweise ihm auch keine Möglichkeit zur
Einwilligung in die Zusammenarbeit gegeben worden sei, da der Anrufer
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bei der Frage nach seiner Identität gleich aufgelegt habe. Da die betreffen-
den Personen offenbar den Aufenthaltsort des Beschwerdeführers nicht
gekannt hätten – was sich am Überfall auf seine Familie zeige – hätten sie
auch gar nicht überprüfen können, ob der Beschwerdeführer, wie von ihnen
gefordert, seine Tätigkeit als Polizist niederlegen würde. Es sei aber davon
auszugehen, dass die Taliban, die der Beschwerdeführer hinter den Behel-
ligungen vermute, durchaus in der Lage wären, zielführendere Drohanrufe
zu tätigen. Der Beschwerdeführer habe hingegen angegeben, keine kon-
kreten Anweisungen erhalten zu haben, und sei bei der Anhörung bei ent-
sprechenden Nachfragen gar auf Allgemeinheiten die Taliban betreffend
ausgewichen. Ebenfalls unlogisch sei, dass der Beschwerdeführer eigenen
Angaben zufolge in seinem Heimatdorf von seiner Ausbildung zum Polizis-
ten und der Ortschaft der Ausbildungsstätte erzählt habe, die Verfolger
aber genau in diesem Dorf nach ihm gesucht hätten, weil sie angeblich
nicht gewusst hätten, wo er sich befinde. In seinem Heimatdorf hätten aber
alle gewusst, wo er sich befindet. Auch die Ausführungen des Beschwer-
deführers zum Überfall auf seine Familie an sich, bei welchem die bewaff-
neten Männer nach ihm gesucht und mit seiner Tötung gedroht hätten, da-
nach aber ohne Weiteres wieder gegangen seien, seien unplausibel und
unlogisch. Es sei nicht nachvollziehbar, dass sich eine ernsthafte Suche
nach ihm in einem einfachen Besuch bei seiner Familie ohne weitere Kon-
sequenzen erschöpfen würde. Vielmehr hätte eine Hausdurchsuchung
stattfinden müssen. Ausserdem wäre es für die bewaffneten Personen ein
Leichtes gewesen, den Aufenthaltsort des Beschwerdeführers von seiner
Familie zu erfahren. Des Weiteren sei nicht plausibel, dass die Familie
nach dem Vorfall weiterhin am selben Ort gewohnt habe und erst 20 Tage
nach der Ausreise des Beschwerdeführers nach Kabul-Stadt gezogen sei,
mit der Begründung einer akuten Gefahr durch die Angreifer. Die Schilde-
rungen der beiden Anrufe und des Überfalls seien ferner stereotyp und
substanzarm ausgefallen. Der Beschwerdeführer habe, trotz mehrfacher
Nachfragen, keine detaillierten und widerspruchsfreien Angaben machen
können. Ihm sei es zudem nicht gelungen, die Ereignisse zeitlich einheitlich
einzuordnen. Dies sei augenscheinlich, zumal der Beschwerdeführer
durchaus in der Lage gewesen sei, widerspruchsfreie und substantiierte
Angaben zu machen, was sich an seinen schlüssigen Ausführungen zur
Polizeiausbildung zeige. Umso mehr würden die Diskrepanzen betreffend
die fluchtauslösenden Vorbringen auffallen. So habe er an den Anhörungen
unterschiedliche Daten bezüglich des Beginns seiner Anstellung in
H._, der telefonischen Drohanrufe, des Überfalls bei seiner Familie
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und seines letzten Arbeitstages in H._ genannt und diese Diskre-
panzen auch auf Vorhalt nicht erklären können.
5.2 Dem entgegnete der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitteleingabe,
dass er allein schon aufgrund seiner Tätigkeit als Polizist über ein erhöhtes
Risikoprofil verfüge und ihm daher Asyl zu gewähren sei. Ausserdem
könne ihm das Vorgehen der Taliban, über welches sich ohnehin nur mut-
massen lasse, nicht angelastet werden. Seine Familie habe durch den Be-
such der Taliban durchaus Nachteile erlitten, zumal sie aus ihrem Heimat-
ort ausgereist sei. Was die widersprüchlichen zeitlichen Angaben betreffe,
seien diese einerseits seinem Unvermögen zuzuschreiben, andererseits
der Fragemethodik der Fachspezialistin des SEM anzulasten, die irrefüh-
rend, sprunghaft und verwirrend gewesen sei. Aufgrund dieser Ungereimt-
heiten könne jedoch nicht auf die Unglaubhaftigkeit der gesamten Vorbrin-
gen geschlossen werden. Die Begründungsweise der Vorinstanz lasse den
Verdacht zu, dass sich diese nicht mit seinem Risikoprofil habe befassen
wollen. Es sei ihm ausserdem nicht möglich, seine Bedrohungslage zu be-
legen. Seine Aussagen würden auf den Informationen basieren, die ihm
sein Vater habe zukommen lassen. Es sei aber sicherlich als glaubhaft zu
erachten, dass es zu einem Kontakt zwischen seiner Familie und den Tali-
ban gekommen sei und sie infolgedessen aus dem Dorf geflüchtet seien.
6.
Nach Durchsicht der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht vorlie-
gend zum Schluss, dass das SEM die Fluchtvorbringen des Beschwerde-
führers insgesamt zu Recht als unglaubhaft eingestuft hat.
6.1 Wie bereits die Vorinstanz zieht auch das Bundesverwaltungsgericht
nicht in Zweifel, dass der Beschwerdeführer eine Ausbildung zum Polizis-
ten absolviert hat und danach für einige Monate im Dienst tätig war. Hinge-
gen vermochte er nicht glaubhaft zu machen, dass er vor seiner Ausreise
aus Afghanistan wegen seiner Tätigkeit als Polizist konkret und gezielt be-
droht worden ist. Zunächst ist auffallend, wie unterschiedlich der Be-
schwerdeführer, insbesondere im Rahmen der ergänzenden Anhörung,
seine Vorbringen substanziiert hat. Seine Ausführungen die Polizeiausbil-
dung betreffend sind weitestgehend detailliert, nachvollziehbar und deut-
lich von seinen persönlichen Eindrücken und Erinnerungen geprägt (SEM-
Vorhaben [...]-35/15 [nachfolgend act. A35/15] F25-F40; SEM-Vorhaben
[...]-22/18 [nachfolgend act. A22/18] F37 ff.). Seine Ausführungen zu den
angeblichen Drohanrufen und dem Besuch der Taliban bei seiner Familie
sind demgegenüber äusserst knapp und stereotyp ausgefallen. Auch auf
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Nachfrage hin vermochte er die Vorfälle nicht weiter zu substantiieren und
wich stattdessen auf die Beschreibung allgemeiner Vorgehensweisen der
Taliban aus (act. A22/18 F93, F96 f.). Der Beschwerdeführer machte so-
dann unterschiedliche Angaben zur zeitlichen Einordnung der beiden an
ihn gerichteten Drohanrufe. Im Rahmen der ersten Anhörung führte er aus,
der erste Anruf habe sich am 6.11.1395 ereignet (act. A22/18 F99), der
zweite Anruf am 8.6.1396 (act. A22/18 F100). Im Rahmen der ergänzen-
den Anhörung führte er demgegenüber zunächst aus, er könne sich nicht
mehr an das Datum des ersten Anrufs erinnern, dies sei wohl im 9. Monat
1395 gewesen (act. A35/15 F54). In Bezug auf den zweiten Anruf trug er
vor, dieser habe sich drei Monate nach Arbeitsbeginn ereignet (act. A35/15
F100), welchen der Beschwerdeführer auf den 5.5.1396 datierte (act.
A22/18 F52).
6.2 Auch die Aussagen des Beschwerdeführers, wonach sein Vater ihn
darüber informiert habe, dass die Taliban ihn bei der Familie zu Hause ge-
sucht hätten, waren hinsichtlich der zeitlichen Einordnung und der Reak-
tion des Beschwerdeführers nach diesem Telefonat widersprüchlich und
unsubstanziiert. So führte der Beschwerdeführer in der ersten Anhörung
aus, der Überfall der Taliban bei der Familie habe sich am 6.11.1396 ereig-
net (act. A22/18 F101). Sein Vater habe ihm mittgeteilt, dass in der Nacht
Bewaffnete zum Haus gekommen seien und nach ihm, dem Beschwerde-
führer, gefragt hätten (act. A22/18 F89). Der Überfall auf die Familie müsste
sich somit am 6.11.1396 ereignet haben, was sich nicht mit den zeitlichen
Angaben zum Zeitpunkt der Ausreise in Übereinstimmung bringen lässt.
Der Beschwerdeführer konnte sodann weder die ungefähre Tageszeit die-
ses Anrufs nennen, noch in sich schlüssig und widerspruchsfrei wiederge-
ben, was er nach dem Anruf gemacht habe (act. A35/15 F84 ff.). In der
ersten Anhörung gab er an, nach dem Anruf seines Vaters noch zwei Tage
gearbeitet zu haben (act. A22/18 F102). Im Rahmen der zweiten Anhörung
trug er hingegen zunächst vor, er habe nach dem Telefonat noch zwei wei-
tere Monate als Polizist gearbeitet (act. A35/15 F55). Auf Vorhalt dieses
Widerspruchs zu seiner früheren Aussage relativierte der Beschwerdefüh-
rer und führte aus, er sei keinem Dienst mehr nachgegangen; vielmehr
habe er unmittelbar den Dienst quittiert, sei am selben Tag zu einem Kol-
legen gegangen und habe sich dort versteckt (act. A35/15 F62, F65, F89 f.,
vgl. auch F104 ff.). Auf einen weiteren Vorhalt der Widersprüchlichkeit wich
der Beschwerdeführer aus und vermochte diese Ungereimtheiten nicht
plausibel zu erklären (act. A35/15 F68). Später gab er zu Protokoll, etwa
zwei Tage später nach Kabul gegangen zu sein (act. A35/15 F111). Es
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wäre zu erwarten gewesen, dass sich der Beschwerdeführer an die Um-
stände des Telefonats mit seinem Vater und an seine darauffolgenden
Handlungen detailliert erinnern kann, zumal er aufgrund dieses Ereignis-
ses den Entschluss zur Ausreise gefällt hat. Die Angaben zum Zeitpunkt
seiner Ausreise waren ebenfalls in sich nicht schlüssig und widersprüch-
lich. So führte er anlässlich der ersten Anhörung aus, sein letzter Arbeitstag
sei der 28.12.1396 gewesen (act. A22/18 F54). Im neuen Jahr 1397 sei er
noch zehn Tage im Land geblieben (act. 22/18 F55). Demgegenüber
machte er in der ergänzenden Anhörung geltend, sein letzter Arbeitstag sei
Ende 1396 / Anfang 1397 gewesen, es hätten etwa 20 Tage bis zum Jahr
1397 gefehlt, als er Afghanistan verlassen habe (act. A35/15 F50, F54).
6.3 Die festgestellten zahlreichen Diskrepanzen in zeitlicher Hinsicht ver-
mochte der Beschwerdeführer weder auf erstinstanzlicher Ebene noch in
der Beschwerdeschrift plausibel zu erklären. Selbst unter Berücksichtigung
allfälliger Verständnisprobleme bei der ergänzenden Anhörung sind die
vom Beschwerdeführer angebrachten Daten frappant unterschiedlich. In
diesem Zusammenhang ist jedoch festzustellen, dass die in der Be-
schwerde geäusserte Auffassung, der Befragungsstil habe zu den Wider-
sprüchen beigetragen, vom Gericht nicht geteilt wird. Vielmehr scheinen
auch die spontanen Einlassungen des anwesenden Rechtsvertreters ge-
gen Ende der Befragung zu Verwirrungen geführt zu haben. Zu diesem
Zeitpunkt hatte der Beschwerdeführer jedoch bereits umfassende Angaben
gemacht, die sich in der dargestellten Weise als widersprüchlich erweisen.
Auffallend ist ausserdem, dass der Beschwerdeführer im Rahmen der ers-
ten Anhörung problemlos exakte Daten hat nennen können (act. A22/18
F54 f., F99 ff.), um an der ergänzenden Anhörung, die lediglich drei Monate
nach der ersten Anhörung stattfand, anzubringen, sich nicht konkret erin-
nern zu können (act. A35/15 F54). In einer Gesamtbetrachtung wirken die
Fluchtvorbringen des Beschwerdeführers folglich in sich widersprüchlich,
nicht schlüssig und konstruiert.
6.4 Des Weiteren erscheint das von ihm geschilderte Vorgehen der Taliban
in der Tat nicht plausibel, auch wenn in der Beschwerde zutreffend geltend
gemacht wird, dass die Vorinstanz über den modus operandi der Taliban
und deren Informationsstand lediglich Mutmassungen anstellt (Be-
schwerde S. 4). Es scheint aber auch für das Gericht nicht plausibel, dass
die Anrufe im genannten Abstand erfolgt seien und keine konkreten Anwei-
sungen in Bezug auf die angestrebte Zusammenarbeit enthalten haben
sollen. Die blosse Forderung zur Zusammenarbeit gibt keinen Aufschluss
darüber, was der Beschwerdeführer zur Initiierung der Zusammenarbeit
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hätte unternehmen sollen. Insgesamt erscheinen die vom Beschwerdefüh-
rer vorgebrachten Vorfälle konstruiert.
6.5 Allein der Umstand, dass der Beschwerdeführer in seinem Heimatstaat
während eines gewissen Zeitraumes als Polizist gearbeitet hat, vermag die
Flüchtlingseigenschaft nicht zu begründen. Es wird nicht in Abrede gestellt,
dass die Polizei in Afghanistan häufig Ziel von Angriffen durch regierungs-
feindliche Gruppierungen ist. Diese abstrakte Gefährdung allein vermag
die Flüchtlingseigenschaft jedoch nicht zu begründen. Vielmehr wäre dafür
erforderlich, dass sich diese abstrakte Gefährdung hinsichtlich des Be-
schwerdeführers individuell konkretisiert hätte (vgl. Urteil des BVGer
D-7906/2015 vom 20. September 2016 E. 5.2.3). Dies ist zu verneinen, da
der Beschwerdeführer keine über die seinem Beruf immanente Gefahr hin-
ausgehende persönliche Gefährdung nachweisen oder zumindest glaub-
haft machen konnte, zumal er seine polizeiliche Tätigkeit nur während ei-
niger Monate ausgeübt haben soll.
6.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das SEM die Flüchtlingsei-
genschaft des Beschwerdeführers zu Recht verneinte und sein Asylgesuch
ablehnte.
7.
7.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.3 Nach konstanter Praxis sind die Bedingungen für einen Verzicht auf
den Vollzug der Wegweisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Un-
möglichkeit) alternativer Natur. Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der
Wegweisungsvollzug als undurchführbar zu betrachten und die weitere An-
wesenheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen der vorläufigen Auf-
nahme zu regeln (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2; BVGE 2009/51 E. 5.4).
Nachdem die Vorinstanz gestützt auf Art. 83 Abs. 4 AIG zufolge Unzumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme angeordnet
hat, erübrigen sich weitere Ausführungen in diesem Zusammenhang.
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8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm jedoch mit Zwischen-
verfügung vom 15. Mai 2020 die unentgeltliche Prozessführung gemäss
Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, hat er vorliegend keine Verfahrens-
kosten zu tragen.
9.2 Nachdem der rubrizierte Rechtsvertreter dem Beschwerdeführer eben-
falls mit Zwischenverfügung vom 15. Mai 2020 als amtlicher Rechtsbei-
stand beigeordnet worden ist (vgl. aArt. 110a Abs. 1 i.V.m. aArt. 110a
Abs. 3 AsylG), ist er für seinen Aufwand unbesehen des Ausgangs des Ver-
fahrens zu entschädigen, soweit dieser sachlich notwendig war (vgl. Art. 12
i.V.m. Art. 8 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Der amtlich bestellte Rechtsbeistand hat keine Kostennote
eingereicht. Auf die Nachforderung einer solchen kann indes verzichtet
werden, da der Aufwand für das vorliegende Beschwerdeverfahren zuver-
lässig abgeschätzt werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). In Anwen-
dung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) und
unter Berücksichtigung der vom Gericht festgelegten Bedingungen für die
Entschädigung amtlich bestellter Rechtsbeistände (Stundenansatz von
Fr. 150.– als nichtanwaltlicher Vertreter) ist dem Rechtsvertreter des Be-
schwerdeführers ein amtliches Honorar in der Höhe von Fr. 600. (inkl.
Auslagen und ohne Mehrwertsteuerzuschlag) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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