Decision ID: 5444630f-ab83-5547-9027-a9aa6e86538e
Year: 2004
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 18. Dezember 2003 bei der Stadt Bern ein
Baugesuch ein für eine Überbauung mit Wohn- und Dienstleistungsgebäuden, für einen
Anbau sowie für den Abbruch der Gebäude E._rain 6, 8, 8a, 8b, 8c, 10, 10a, 20
und F._rain 16 und 18. Das Bauvorhaben befindet sich auf den Parzellen Bern
Kreis 3 Grundbuchblatt Nrn. G._, H._, I._, J._ und
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K._. Die Parzellen liegen im Perimeter der Überbauungsordnung E._rain /
F._rain1 (nachfolgend: ÜO). Gegen das Bauvorhaben erhob unter anderen die
Beschwerdeführerin Einsprache.
Mit Gesamtbauentscheid vom 7. Oktober 2004 erteilte der Regierungsstatthalter I von Bern
die Baubewilligung.
2. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 8. November 2004 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt die
Aufhebung des Gesamtentscheides vom 7. Oktober 2004 und die Erteilung des
Bauabschlages. Sie macht geltend, es fehle ein realistisches Verkehrskonzept. Die
Zusicherungen in der Abstimmungsbotschaft für die ÜO betreffend Preisgestaltung der
vorgesehenen Wohnungen würden nicht eingehalten. Die abzubrechenden Gebäude seien
schützens- oder erhaltenswert und dürften deshalb nicht abgebrochen werden.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, führte den
Schriftenwechsel durch. Die Beschwerdegegnerin, der Regierungsstatthalter I von Bern
und die Stadt Bern beantragen in ihren Stellungnahmen Nichteintreten auf die Beschwerde
bzw. Abweisung der Beschwerde und die Bestätigung der angefochtenen Baubewilligung.
Das Rechtsamt verzichtete auf die Durchführung eines Beweisverfahrens.
Mit Schreiben vom 7. Dezember 2004 beantragt die Stadt Bern beim Rechtsamt, die
Abbruchbewilligung vom 7. Oktober 2004 sei aus Sicherheitsgründen unverzüglich zu
bestätigen.
4. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
1 Überbauungsordnung Scheuerrain/Sulgenrain vom 27. September 1992, genehmigt durch die damalige Baudirektion des Kantons Bern am 14. April 1994 (ÜO) 2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
3

II. Erwägungen
1. Die BVE prüft die Eintretensvoraussetzungen von Amtes wegen.
Ein Gesamtentscheid kann laut Art. 11 Abs. 1 KoG3 unabhängig von den geltend
gemachten Einwänden einzig mit dem für das Leitverfahren massgeblichen Rechtsmittel
angefochten werden. Leitverfahren war im vorliegenden Fall das
Baubewilligungsverfahren. Baubewilligungen können nach Art. 40 BauG4 innert 30 Tagen
seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur
Beurteilung der Beschwerde zuständig. Beschwerdebefugt sind die Baugesuchsteller, die
Einsprecher im Rahmen ihrer Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde
(Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführerin ist als unterlegene Einsprecherin durch den
vorinstanzlichen Bauentscheid beschwert und daher zur Beschwerdeführung legitimiert.
Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist somit grundsätzlich einzutreten.
Ob dies auch für die einzelnen Rügen gilt, wird - sofern notwendig - im Rahmen der
materiellen Erwägungen geprüft.
2. a) Die Beschwerdeführerin macht sinngemäss eine ungenügende Erschliessung geltend. Es fehle ein realistisches Verkehrskonzept. Die verkehrstechnische Beurteilung
durch die Firma L._ AG und die Überprüfung durch das Tiefbauamt der Stadt Bern
legten nur theoretische Kapazitäten der Zu- und Wegfahrten dar, ohne die reale
Praktizierbarkeit dieser Verkehrswege zu berücksichtigen. Abgestellte Fahrzeuge im
Bereich der französischen Schule hätten schon heute Rückstaus zur Folge. Gegen diesen
Missstand würden keine Massnahmen getroffen. Dies würde zusammen mit dem
zusätzlichen Verkehr aus dem vorliegenden Bauvorhaben zu einer schweren Belastung
des Quartiers führen. Es lägen keine brauchbaren Vorstellungen über die Abwicklung des
Verkehrs aus dem Bauvorhaben vor.
b) Bauvorhaben dürfen nur bewilligt werden, wenn sichergestellt ist, dass das
Baugrundstück auf den Zeitpunkt der Fertigstellung des Baus oder der Anlage, wenn nötig
bereits bei Baubeginn, genügend erschlossen sein wird (Art. 7 Abs. 1 BauG). Die
Erschliessung ist genügend, wenn die Zufahrtsstrasse hinreichend nahe an Bauten und
3 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 4 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
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Anlagen heran führt und diese für Wehrdienste und Sanität gut erreichbar sind (Art. 7
Abs. 2 Bst. a BauG). Die Erschliessungsanlagen müssen den Beanspruchungen
gewachsen sein, die sich aus der Nutzung des Baugrundstücks und der weiteren
Grundstücke ergeben können, denen sie nach der Planung zu dienen bestimmt sind (Art. 7
Abs. 3 BauG).
c) Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin wurden die Fragen der Erschliessung
beziehungsweise der verkehrsmässigen Auswirkungen des vorliegenden Bauvorhabens im
Rahmen des Baubewilligungsverfahrens seriös und detailliert abgeklärt. Die
verkehrstechnische Beurteilung durch die Firma L._ AG vom 3. Februar 2004 und
die darauf basierende Stellungnahme der städtischen Fachbehörde (Tiefbauamt der Stadt
Bern) vom 12. März 2004 überzeugen die BVE. Die Beschwerdeführerin macht denn auch
keine konkreten Mängel an diesen beiden Fachbeurteilungen geltend. Sie rügt einzig
pauschal, die "reale Praktizierbarkeit der Verkehrswege" sei nicht berücksichtigt worden
und es lägen "keine brauchbaren Vorstellungen über die Abwicklung des Verkehrs aus
dem Bauvorhaben vor". Dem ist entgegenzuhalten, dass sich die verkehrstechnische
Beurteilung konkret mit den möglichen Zu- und Wegfahrten, mit der bestehenden und der
zu erwartenden Verkehrsbelastung und den Auswirkungen auf die betroffenen
Verkehrswege auseinandersetzt. Bei der Berechnung der Anzahl Fahrten (motorisierter
Individualverkehr) wurde eher von pessimistischen Annahmen ausgegangen: Das
Bauvorhaben liegt an zentraler Lage in der Stadt Bern und ist mit öffentlichem Verkehr
bestens erschlossen, was die Belastung durch den motorisierten Individualverkehr
reduziert. Trotz dieser eher pessimistischen Annahmen kommen sowohl die Firma
L._ AG als auch das zuständige städtische Fachamt zum nachvollziehbaren
Schluss, dass die geplante Überbauung das umliegende Quartier nur in sehr geringem
Mass (mehr-)belastet und keine wesentlichen Auswirkungen auf den Verkehrsfluss zu
erwarten sind. Die Auswirkungen auf die M._strasse, auf die O._strasse,
auf die P._strasse und auf die N._strasse sind marginal. Einzig für den
F._rain ergibt sich mit 44 Fahrten in der Morgenspitze und 37 Fahrten in der
Abendspitze eine merkliche Zunahme, jedoch in einem vertretbaren Ausmass. Die
zulässige Belastung des F._rains von 100 bis 150 Fahrzeugen pro Stunde wird
dadurch nicht überschritten. Dass für diese fachlichen Beurteilungen auf Prognosen
abgestellt werden muss ist unvermeidlich. Prognosen sind zwangsläufig mit beträchtlichen
Unsicherheiten verbunden. Weitere Abklärungen oder Obergutachten vermögen kaum je
neue gesicherte Aufschlüsse zu bieten. Insofern entziehen sich Prognosen weitgehend der
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Kritik, falls sie sich nicht schon im Laufe des Verfahrens als offensichtlich und erheblich
unrichtig herausstellen. Diese Unzulänglichkeit, die sich aus der Natur der Prognose selbst
ergibt, ist hinzunehmen5.
d) Konkret beruft sich die Beschwerdeführerin einzig auf - offenbar rechtswidrig -
abgestellte Fahrzeuge im Bereich der französischen Schule beziehungsweise auf die
unterlassenen Massnahmen gegen diesen Missstand. Zusammen mit dem zusätzlichen
Verkehr aus dem vorliegenden Bauvorhaben würde dies zu einer schweren Belastung des
Quartiers führen.
Probleme im Zusammenhang mit allfälligem rechtswidrigem Verhalten Dritter im Bereich
der französischen Schule können und müssen durch entsprechende polizeiliche und/oder
baupolizeiliche Massnahmen bei der französischen Schule angegangen werden. Von der
französischen Schule beziehungsweise von ihren Besucherinnen und Besuchern
verursachte Probleme dürfen nicht der Beschwerdegegnerin angelastet werden, sofern die
Erschliessungsanlage an sich genügt.
Zudem ist unwahrscheinlich, dass die widerrechtlich abgestellten Fahrzeuge im Bereich
der französischen Schule Verkehrsprobleme im von der Beschwerdeführerin geltend
gemachten Ausmass verursachen. Das widerrechtliche Abstellen von Fahrzeugen kann
- wenn überhaupt - höchstens während kurzer Zeit beim Bringen und beim Abholen der
Schülerinnen und Schüler der französischen Schule vorkommen. Auch in räumlicher
Hinsicht würden sich allfällige Verkehrsprobleme vor der französischen Schule nur am
Rand auf die Erschliessung des vorliegenden Bauvorhabens auswirken. Die Zufahrt über
den F._rain erfolgt zwingend von Osten. Durch die vorgesehene Verlängerung des
Gegenverkehrs bis zur vorgesehenen Einfahrt der Tiefgarage ist neu auch die Wegfahrt
nach Osten möglich. Allfällige Verkehrsprobleme vor der französischen Schule (also auf
dem nordwestlichen Teil des F._rains) könnten so auch bei der Wegfahrt von der
Tiefgarage umfahren werden. Auch ist zu bedenken, dass das Bauvorhaben selber keinen
Abstellraum im Bereich des F._rains benötigt und selber keine Verstopfung
verursacht. Die Abstellplätze befinden sich ausnahmslos und in genügender Zahl in der
Tiefgarage - was von der Beschwerdeführerin denn auch nicht bestritten wird. Das
Bauvorhaben benötigt den F._rain einzig als Durchfahrt. Solange diese
gewährleistet ist, werden keine Rückstaus verursacht. Wie in Erwägung 2c erwähnt,
5 BGE 126 II 522 E. 14, mit weiteren Hinweisen
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bewegen sich die zu erwartenden Fahrten im Bereich der zulässigen Nutzung des
F._rains. Von einer zusätzlichen schweren Belastung des Quartiers kann keine
Rede sein.
e) Andere Bedenken an der genügenden Erschliessung des Bauvorhabens bringt die
Beschwerdeführerin nicht vor und sind auch nicht ersichtlich. Somit steht fest, dass das
Bauvorhaben genügend erschlossen ist.
3. a) Die Beschwerdeführerin macht weiter geltend, das Bauvorhaben halte die
Zusicherungen im Stadtrat und in der Abstimmungsbotschaft (Gemeindeabstimmung vom
27. September 1992 über die ÜO) betreffend Preisgestaltung der Wohnungen nicht ein. Darin sei die Bereitstellung von möglichst preisgünstigem Wohnraum versprochen worden.
Vorgesehen seien jetzt aber 41⁄2-Zimmer-Wohnungen für mindestens Fr. 2'100.- und 31⁄2-
Zimmer-Wohnungen für mindestens Fr. 1'700.-. Die Zusicherungen seien
ausschlaggebend für die Annahme der Planungsgrundlage gewesen. Die ÜO müsse im
Licht der Abstimmungsbotschaft und der Zusicherungen im Stadtrat ausgelegt und
angewendet werden. Die Zusicherungen seien durch ihre Aufnahme in die
Abstimmungsbotschaft Teil der Planung geworden.
b) Gemäss Art. 2 BauG sind Bauvorhaben zu bewilligen, wenn sie den bau- und
planungsrechtlichen Vorschriften und den nach andern Gesetzen im
Baubewilligungsverfahren zu prüfenden Vorschriften entsprechen, die öffentliche Ordnung
nicht gefährden und wenn ihnen keine Hindernisse der Planung im Sinne der Art. 36 und
62 BauG entgegenstehen. Die ÜO E._rain / F._rain ist die kommunale
baurechtliche Grundlage für die Beurteilung des vorliegenden Projektes. Die
entsprechenden Überbauungsvorschriften äussern sich weder direkt noch indirekt zur
Preisgestaltung der vorgesehenen Wohnungen, was die Beschwerdeführerin denn auch
ausdrücklich anerkennt. Die Abstimmungsbotschaft und das Stadtratsprotokoll sind keine
Vorschriften im oben erwähnten Sinn, die bei der Prüfung der Voraussetzungen für eine
Baubewilligung berücksichtigt werden müssten. Da Vorschriften betreffend Preisgestaltung
einen Eingriff in die verfassungsmässig geschützte Eigentumsgarantie bedeuten, wäre zu
diesem Zweck eine hinreichend substantiierte gesetzliche Grundlage im formellen Sinn
- also im vorliegenden Fall in der ÜO - zwingend nötig gewesen. Zudem ist fraglich, ob auf
dem Weg der Auslegung der Überbauungsvorschriften Aussagen zur Preisgestaltung in
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der Abstimmungsbotschaft und im Stadtratsprotokoll herangezogen werden könnten.
Gesetzesauslegung hat zum Ziel, den rechtsverbindlichen Sinn eines Rechtssatzes, über
dessen Tragweite Unklarheiten bestehen, zu ermitteln. Auslegung ist notwendig, wo der
Gesetzeswortlaut nicht klar ist oder wo Zweifel bestehen, ob ein scheinbar klarer Wortlaut
den wahren Sinn der Norm wiedergibt6. Die vorliegenden Überbauungsvorschriften
enthalten aber - wie erwähnt - keinen Rechtssatz zur Preisgestaltung. Ein fehlender
Rechtssatz kann auch nicht ausgelegt werden. Auslegung darf nicht dazu dienen,
Vorschriften zu ergänzen oder zu korrigieren. Auslegung gehört zur Rechtsanwendung, sie
ist nicht Rechtsetzung. Normkorrektur auf dem Weg der Auslegung ist grundsätzlich nicht
zulässig7. Auch sind im vorliegenden Fall die Voraussetzungen für eine Gesetzeslücke
beziehungsweise für eine Lückenfüllung nicht erfüllt8. Im Übrigen hatten sowohl der
Stadtrat als auch die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger Einsicht in den Wortlaut der
Überbauungsvorschriften. Sie wussten, dass die Aussagen zur Preisgestaltung im Stadtrat
und in der Abstimmungsbotschaft nicht in die Überbauungsvorschriften übernommen
wurden und somit im Baubewilligungsverfahren auch nicht relevant sein können.
c) Selbst wenn die Aussagen zur Preisgestaltung im Stadtrat und in der
Abstimmungsbotschaft im Baubewilligungs- beziehungsweise im Baubeschwerdeverfahren
berücksichtigt werden müssten, könnte damit der Bauabschlag nicht begründet werden.
Die Rede ist von "preisgünstigem Wohnraum im Rahmen des Möglichen" und von "nicht
teuren Luxusobjekten". Die Aussagen sind zu wenig substantiiert. Es ist fraglich, ob solche
Aussagen überhaupt justitiabel wären. Im Übrigen kann angesichts der erwähnten
Mietpreise für Neuwohnungen an dieser zentralen Lage nicht von teuren Luxusobjekten
gesprochen werden.
4. a) Die Beschwerdeführerin rügt, die Baubewilligungsbehörde hätte prüfen müssen,
ob die abzubrechenden Gebäude schützens- oder erhaltenswert seien. Diese seien zwar nicht ins Inventar aufgenommen worden. Der "Schutz- und Erhaltungswert" hänge
jedoch nicht von der Aufnahme ins Inventar ab. Das Inventar sei nach wie vor bloss
deklaratorisch und nicht konstitutiv. Die abzubrechenden Bauten seien schützens- oder
zumindest erhaltenswert. In beiden Fällen dürften sie nicht abgebrochen werden. Der
6 Häfelin/Müller, Grundriss des allgemeinen Verwaltungsrechts, 4. Auflage 2002, N. 214 7 Tschannen/Zimmerli, Allgemeines Verwaltungsrecht, 2. Auflage 2005, S. 182 8 vergleiche dazu: Tschannen/Zimmerli, a.a.O., S. 184 f.
8
"Schutz- und Erhaltungswert" der Gebäude müsse vorher durch Sachverständige überprüft
werden.
b) Wie in Erwägung 1 dargelegt, besteht die Beschwerdebefugnis nur im Rahmen der
Einsprachegründe (Art. 40 Abs. 2 BauG). Diese Bestimmung kommt zur Anwendung,
soweit es sich - wie hier - um die Anwendung rein kantonaler Vorschriften (Schutz der
Baudenkmäler gemäss Art. 10a ff. BauG bzw. Art. 13 ff. BauV9) handelt. Die
Beschwerdeführerin hat weder in ihrer Einsprache vom 25. Februar 2004 noch bei anderer
Gelegenheit im Baubewilligungsverfahren die angebliche Schutzwürdigkeit der
abzubrechenden Gebäude geltend gemacht. Diese Rüge wurde erstmals in der
vorliegenden Beschwerde vom 8. November 2004 vorgebracht. Sie wurde verspätet
erhoben, weshalb darauf nicht einzutreten ist.
c) Im Übrigen wäre die Rüge auch materiell unbegründet. Für das ganze Gebiet der
Stadt Bern besteht ein neurechtliches Bauinventar, also ein Inventar, das erst unter neuem
Recht (nach dem 1. Januar 1995) erstellt und genehmigt worden ist. Gemäss Art. 10e
Abs. 1 BauG ist die Aufnahme der schützens- und erhaltenswerten Baudenkmäler in das
Bauinventar Voraussetzung für den Schutz nach Art. 10b BauG. Diese sogenannte
negative Wirkung des Bauinventars führt dazu, dass alle Objekte, die nicht im Bauinventar
aufgenommen wurden, definitiv nicht als Baudenkmal gelten. Es ist unbestritten, dass die
zum Abbruch vorgesehenen Bauten nicht im Bauinventar der Stadt Bern aufgenommen
sind. Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin besteht im Baubewilligungs-
beziehungsweise Baubeschwerdeverfahren kein Raum mehr für eine erneute Überprüfung
der Schutzwürdigkeit der zum Abbruch vorgesehenen Bauten.
5. a) Mit Schreiben vom 7. Dezember 2004 beantragt die Stadt Bern, die
Abbruchbewilligung vom 7. Oktober 2004 sei aus Sicherheitsgründen unverzüglich zu bestätigen. Die Bauherrschaft sei bereit, die zum Abbruch vorgesehenen Liegenschaften umgehend abzubrechen, um die akute Gefahrensituation definitiv zu beseitigen. Die Stadt
Bern verweist auf ein Schreiben der ehemaligen Eigentümerin der Liegenschaften, in der
an das Gefahrenpotential der Liegenschaften E._rain 6, 8, 8a und 8c erinnert wird.
Das Haus E._rain 8 sei im Januar 2004 durch eine Gruppe Jugendlicher besetzt
worden. Das Haus stelle ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar. Es sei akut vom Einsturz
9 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1)
9
bedroht. Zudem bildeten die haustechnischen Installationen ein grosses Gefahrenpotential.
In der Zwischenzeit sei die Besetzung auf das Gebäude E._rain 6 und die
Nebengebäude ausgeweitet worden. Durch die massiv grössere Personenbelegung, durch
die Nutzung der Bauruine E._rain 6, durch das undisziplinierte Verhalten der
Besetzer und durch den Winteranfang (Schneelast, Beheizung) habe sich die Risikolage
dramatisch verschärft. Nur mit einem raschen Abbruch der Liegenschaften könne die
Gefährdung vermieden werden.
b) Aus dem Schreiben der Stadt Bern vom 7. Dezember 2004 geht nicht hervor, ob es
sich um ein Gesuch um Entzug der aufschiebenden Wirkung, um ein Gesuch um
Anordnung vorsorglicher Massnahmen, um ein Gesuch um vorzeitigen Baubeginn oder
einfach um eine Aufforderung handelt, in der vorliegenden Beschwerdesache selber
vordringlich zu entscheiden. Diese Frage kann offen gelassen werden. Mit dem
abweisenden Entscheid in der Hauptsache wird auch die Abbruchbewilligung bestätigt.
Weitergehende Massnahmen erübrigen sich. Das Gesuch ist als gegenstandslos
geworden vom Geschäftsverzeichnis abzuschreiben (Art. 39 Abs. 1 VRPG10).
c) Der Antrag der Stadt Bern könnte auch als Gesuch um Entzug der aufschiebenden Wirkung einer allfälligen Verwaltungsgerichtsbeschwerde betreffend den Abbruch der Gebäude verstanden werden. Die entscheidende Behörde kann aus wichtigen Gründen
anordnen, dass einer allfälligen Beschwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme
(Art. 82 VRPG in Verbindung mit Art. 68 Abs. 2 VRPG). Die aufschiebende Wirkung ist die
Regel. Deshalb können wichtige Gründe nur bedeutende und dringliche öffentliche
und/oder private Anliegen sein, die den Interessen an einem Aufschub der Wirksamkeit
einer Anordnung bis zur endgültigen Klärung der Rechtslage vorgehen. Besonderes
Gewicht haben die Anliegen am Schutz wichtiger Polizeigüter vor konkreten Gefahren. Ein
während Jahren geduldeter Zustand kann noch einige Zeit andauern, wenn nicht konkrete
und dringliche Anliegen eine sofortige Korrektur als unumgänglich erscheinen lassen. Die
Prozessaussichten können mitberücksichtigt werden, sofern sie eindeutig sind. Der
Entscheid nach Art. 68 Abs. 2 VRPG hat gestützt auf eine Interessenabwägung und
grundsätzlich aufgrund der Akten, also ohne zusätzliche Beweiserhebungen, zu erfolgen.
Herabgesetzt sind auch die Beweisanforderungen. Das Glaubhaftmachen von Anliegen
genügt in der Regel. Wird durch den Entzug der aufschiebenden Wirkung aber der
Verfahrensausgang präjudiziert, so muss ein strengerer Massstab an den
10 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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Interessennachweis angelegt werden. In besonderem Mass gilt dies, wenn die Aufhebung
des Suspensiveffekts zum Verlust des Streitgegenstandes führt11.
d) Im vorliegenden Fall ist vorweg zu beachten, dass die Stadt Bern den Antrag gestellt
hat. Die direkt betroffene und anwaltlich vertretene Beschwerdegegnerin hat sich in ihrer
Beschwerdeantwort zwar ein Gesuch um Entzug der aufschiebenden Wirkung
(insbesondere betreffend den Abbruch der bestehenden Liegenschaften) vorbehalten,
jedoch vorerst ausdrücklich darauf verzichtet. Ihr ist es jederzeit - auch nach einer
allfälligen Verwaltungsgerichtsbeschwerde - unbenommen, ein entsprechendes Gesuch zu
stellen. Aufgrund der Akten ist die Gefahrensituation in und um die abzubrechenden
Häuser zwar als nicht unbedeutend zu beurteilen. Die Sicherheit von Menschen ist ein
wichtiges Polizeigut. Auch sind die Rügen der Beschwerdeführerin betreffend die
abzubrechenden Häuser als aussichtslos zu beurteilen (siehe oben Erwägung 4).
Andererseits hat sich die seit Monaten geduldete Gefahrensituation in den letzten Tagen
und Wochen nicht entscheidend verschärft. Es ist zweifelhaft, ob die Gefährdung
genügend konkret ist, um den Verlust des Streitgegenstandes (Abbruch der umstrittenen
Gebäude) in Kauf zu nehmen. Zudem wären für einen kurzfristigen Schutz vor der
Gefährdung mildere Massnahmen (Räumung und Absperrung der besetzten Gebäude)
denkbar. Insgesamt überwiegen die Interessen an einem Aufschub des Abbruchs bis zur
endgültigen Klärung der Rechtslage die Interessen am sofortigen Abbruch der Gebäude.
Auf den Entzug der aufschiebenden Wirkung einer allfälligen
Verwaltungsgerichtsbeschwerde betreffend den Abbruch der bestehenden Gebäude ist zu
verzichten.
6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin. Sie hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 1'400.-. Die Beschwerdeführerin hat zudem der
Beschwerdegegnerin die Parteikosten zu ersetzen (Art. 108 Abs. 2 VRPG). Die Kostennote des Anwaltes der Beschwerdegegnerin gibt zu keinen Bemerkungen Anlass.
Die Beschwerdeführerin hat somit der Beschwerdegegnerin die Parteikosten von
Fr. 3'884.35 zu ersetzen.
11 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 68 N. 16 f.
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