Decision ID: 626e0e76-389f-57a8-9cbe-91f16865fc52
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ Der Zweckverband Abwasserwerk Rosenbergsau (AWR) betreibt die
Abwasserreinigungsanlage in der Rosenbergsau, Au, in der die Gewässer der Region
entsorgt werden. In den Jahren 1973/74 wurde das Teilstück G. einer Sammelleitung
erstellt (Baulos Nr. 39). Die Leitung führt u.a. durch die Grundstücke Nrn. 000 und 000,
Grundbuch M., die sich im Eigentum von K. E. befanden. Bald senkte sich der Boden in
der Umgebung der Leitung, was zu Wasserlachen führte. Bemühungen, einen
Dienstbarkeitsvertrag (Nutzungsbeschränkung) abzuschliessen, blieben erfolglos.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Jahr 1991 übertrug K. E. die Grundstücke Nrn. 000 und 000 auf seinen Sohn M. E..
In den folgenden Jahren senkte sich der Boden weiter ab, bis die gepfählte
Kanalisationsleitung auf dem Grundstück Nr. 000 auf der ganzen Länge sichtbar
wurde. Am 7. März 2003 stellte M. E. ein Baugesuch, um das Gelände im Bereich der
Parzelle Nr. 000 zwecks Verbesserung der Bewirtschaftung anheben zu können.
Nachdem das Amt für Raumentwicklung (heute: Amt für Raumentwicklung und
Geoinformation) die Zustimmung am 10. Februar 2004 verweigert hatte, wies der
Gemeinderat M. das Gesuch am 17. Februar 2004 im Sinn der Erwägungen ab.
B./ Im Jahr 2005 pochte M. E. gegenüber dem AWR auf die "Erfüllung des Vertrags"
und schlug vor, es sei ein Baurechtsvertrag abzuschliessen, wobei der Baurechtszins
Fr. 12'000.-- je Jahr betrage. Für die Jahre 1995-2005 stellte er Fr. 120'000.-- in
Rechnung. Am 5. Juli 2005 verlangte M. E. vom AWR die Entfernung der Leitung und
die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands bis Ende 2005, wenn keine
Einigung zustande komme.
a) Der AWR lehnte die Forderungen von M. E. ab und ersuchte die Regierung am
2. Juni 2006 um Erteilung des Enteignungsrechts nach Art. 7 Abs. 2 des
Enteignungsgesetzes (sGS 735.1, abgekürzt EntG). Am 20. Juni 2006 übertrug die
Regierung dem AWR das Enteignungsrecht für die Grundstücke Nrn. 000 und 000,
Grundbuch M., für den Verbandskanal (Teilstück G. bis B.).
Am 17. August 2006 stellte der AWR der Schätzungskommission für Enteignungen ein
Enteignungsbegehren mit folgendem Antrag:
"1. Es seien im Zusammenhang mit dem Verbandskanal des Zweckverbandes
Abwasserwerk Rosenbergsau, Teilstück G. bis B. in M., die folgenden Rechte gemäss
eingereichtem Enteignungsplan zu enteignen:
a) Dauernde Beschränkung des Grundeigentums auf Grundstück Parzelle Nr. 000,
Grundbuch der Gemeinde M. (Grundeigentümer: M. E., S-strasse 4, 0000 R.) auf einer
Fläche von 77m für die Duldung einer Dienstbarkeit zu Gunsten Zweckverband
Abwasserwerk Rosenbergsau, umfassend das Durchleitungsrecht, das Recht auf
Bau, Betrieb, Unterhalt und Erneuerung des bestehenden Verbandskanals, sowie das
2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zutrittsrecht zum bestehenden Verbandskanal (gemäss Detailprojekt Baulos 00,
Sammelleitung Teilstück G. bis B., M., Situationsplan 1:500 und Längenprofil 1:500 / 50
vom 15. Mai 1973). Im Weiteren soll das Dienstbarkeitsrecht ein generelles
Überbauverbot, sowie einen Verzicht auf den Leitungsverlegungsanspruch gemäss Art.
693 ZGB beinhalten.
b) Dauernde Beschränkung des Grundeigentums auf Grundstück Parzelle Nr. 000,
Grundbuch der Gemeinde M. (Grundeigentümer: M. E., S-trasse 0, 0000 R.) auf einer
Fläche von 210m für die Duldung einer Dienstbarkeit zu Gunsten Zweckverband
Abwasserwerk Rosenbergsau, umfassend das Durchleitungsrecht, das Recht auf
Bau, Betrieb, Unterhalt und Erneuerung des bestehenden Verbandskanals, sowie das
Zutrittsrecht zum bestehenden Verbandskanal (gemäss Detailprojekt Baulos 00,
Sammelleitung Teilstück G. bis B., M., Situationsplan 1:500 und Längenprofil 1:500 / 50
vom 15. Mai 1973). Im Weiteren soll das Dienstbarkeitsrecht ein generelles
Überbauverbot, sowie einen Verzicht auf den Leitungsverlegungsanspruch gemäss Art.
693 ZGB beinhalten.
2. Es sei dem Grundeigentümer der Parzellen Nr. 000 und 000, Grundbuch der
Gemeinde M. (derzeit M. E., S-strasse 0, 0000 R.), für die zu enteignenden Rechte eine
angemessene Entschädigung in Geld im Sinne von Art. 14 Abs. 1 EntG zuzusprechen.
Zur Begründung wurde im Wesentlichen geltend gemacht, die Enteignung sei
notwendig, weil die Kanalisationsleitung rechtlich nicht genügend gesichert sei, weder
durch eine privatrechtliche Dienstbarkeit noch durch ein vereinbartes oder rechtskräftig
festgestelltes Durchleitungsrecht nach Art. 76 Abs. 3 Baugesetz (sGS 731.1, abgekürzt
BauG). Was die Verhältnismässigkeit der Enteignung anbetrifft, führte der AWR aus, es
sei technisch möglich, die Leitung tiefer zu legen. Wegen des geringen Gefälles wäre
jedoch ein zusätzliches Hebewerk erforderlich, was erhebliche Investitions- und
Unterhaltskosten verursachen würde. Der mit der Enteignung verbundene Eingriff in die
Bewirtschaftungsmöglichkeiten des Eigentümers (GB-Nr. 000: 77 m von 4'179 m
bzw. 1,84 % dauernd beanspruchte Fläche; GB-Nr. 000: 210 m von 1'956 m bzw.
10,74 % dauernd beanspruchte Fläche) sei angesichts der geschätzten Kosten für eine
2
2 2
2 2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tieferlegung der Leitung gerechtfertigt, zumal die geldwerten Nachteile entschädigt
würden.
b) Am 25. September 2006 zeigte die Schätzungskomission für Enteignungen M. E. das
Enteignungsbegehren persönlich an und in der Zeit vom 9. Oktober bis 7. November
2006 wurde es öffentlich aufgelegt.
aa) Am 7. November 2006 erhob M. E., vertreten durch Rechtsanwalt Dr. H. B.,
Einsprache gegen das Enteignungsbegehren. Er beantragte, das Begehren sei
abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei (Ziff. 1), eventuell sei der Grundeigentümer
für die Eigentumsbeschränkung und insbesondere für die erheblichen
Beeinträchtigungen durch die seit mehr als 30 Jahren bestehende Leitung
entsprechend dem Ergebnis einer Expertise zu entschädigen (Ziff. 2), subeventuell sei
dem Grundeigentümer im Rahmen der Eigentumsbeschränkung Realersatz zuzuweisen
(Ziff. 3). Zur Begründung wurde im Wesentlichen geltend gemacht, allein auf Grund der
Tatsache, dass kein gesetzlicher Durchleitungsanspruch im Sinn von Art. 691 Abs. 2
des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (SR 210, abgekürzt ZGB) bestehe und kein
Dienstbarkeitsvertrag abgeschlossen worden sei, sei die Enteignung nicht notwendig.
Vorgängig seien alle Massnahmen zu prüfen, um die Mängel der Anlage zu beseitigen
und einen rechtmässigen Zustand herbeizuführen. Sodann sei nicht dargetan, dass
zusätzliche technische Massnahmen unverhältnismässig seien.
bb) Am 18. Januar 2007 nahm der AWR, vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Hans-
Walther Rutz, Stellung. Der AWR beantragte, das Rechtsbegehren gemäss Ziff. 1 sei
abzuweisen und er führte aus, er halte an den Anträgen gemäss Ziff. 1 lit. a und b des
Enteignungsbegehrens vom 17. August 2006 fest (Ziff. 2.1.). Es sei dem Einsprecher
gemäss Ziff. 2 des Antrags des Enteigners für die enteigneten Rechte eine
angemessene Entschädigung in Geld im Sinn von Art. 14 Abs. 1 EntG zuzusprechen.
Im Mehrbetrag sei das Rechtsbegehren gemäss Ziff. 2 des Einsprechers abzuweisen
(Ziff. 2.2.). Das Rechtsbegehren gemäss Ziff. 3 des Einsprechers sei abzuweisen,
soweit darauf eingetreten werden könne (Ziff. 2.3.). Der AWR führte im Wesentlichen
aus, das Rechtsbegehren um Realersatz sei verspätet gestellt worden, weshalb darauf
nicht eingetreten werden könne, und es bestehe keine gesetzliche Grundlage,
rückwirkend eine Enteignungsentschädigung zuzusprechen. Sodann treffe es nicht zu,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dass die Kanalisationsleitung im Bereich der Parzelle Nr. 000 seit ihrer Erstellung
sanierungsbedürftig sei. Sie habe nicht tiefer gebaut werden können, weshalb sie rund
ein Jahr nach Abschluss der Bauarbeiten lediglich eine Überdeckung von rund 20 cm
aufgewiesen habe, was einen zusätzlichen Eingriff in die Eigentumsrechte des
Einsprechers bewirke. Im Rahmen von Verhandlungen habe man ihm deshalb
"Bodenverbesserungsmassnahmen", nicht aber technische Massnahmen angeboten.
Sodann bestehe keine öffentlich-rechtliche Sanierungspflicht nach Art. 16 Abs. 1 des
Umweltschutzgesetzes (SR 814.01). Im weiteren sei die Leitung, wie sie heute verlaufe,
nicht baubewilligungspflichtig und der AWR habe dem Grundeigentümer ohne Erfolg
verschiedene Lösungsvorschläge unterbreitet, darunter den Abschluss eines
Dienstbarkeitsvertrags. Selbst wenn berücksichtigt werde, dass die Kostenschätzung
für die Tieferlegung der Leitung mit einem Ungenauigkeitsfaktor verbunden sei, könne
kein Zweifel bestehen, dass die massvolle Enteignung verhältnismässig sei. Solange
der Einsprecher nicht bereit sei, dem AWR die nachgesuchten Durchleitungsrechte zu
angemessenen finanziellen Konditionen einzuräumen, gebe es keine Alternative zum
Enteignungsverfahren.
cc) Am 21. Mai 2007 führte die Schätzungskommission für Enteignungen eine
Einigungsverhandlung durch. Es kam keine Einigung zustande. Am 30. Januar 2008
wurde die Angelegenheit deshalb der Regierung zum Entscheid über die Zulässigkeit
der Enteignung übermittelt. Nachdem ein weiterer Versuch, die Angelegenheit gütlich
zu regeln, gescheitert war, wies die Regierung die Einsprache von M. E. am 10. März
2009 ab (Ziff. 1). Zudem stellte sie fest, dass die Enteignung gemäss Begehren des
Zweckverbandes Abwasserwerk Rosenbergsau, Au, vom 17. August 2006 zulässig sei
(Ziff. 2).
C./ Am 25. März 2009 erhob M. E. gegen den Entscheid der Regierung vom 10. März
2009 Beschwerde beim Verwaltungsgericht. Er stellte sinngemäss das Rechtsbgehren,
Ziff. 1 und Ziff. 2 des angefochtenen Entscheids seien aufzuheben. Die Regierung
nahm am 14. Mai 2009 Stellung und beantragte, die Beschwerde sei abzuweisen. Die
Schätzungskommission für Enteignungen verzichtete am 19. Mai 2009 auf eine
Stellungnahme. Der AWR liess sich am 30. Juni 2009 vernehmen und beantragte, die
Beschwerde sei abzuweisen. M. E. machte am 12. Juli 2009 von der Möglichkeit
Gebrauch, sich zu neuen tatsächlichen und rechtlichen Argumenten zu äussern.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. Die Sachurteilsvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen:
1.1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache befugt (Art. 59bis Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Als
Eigentümer der von der Enteignung betroffenen Grundstücke Nrn. 000 und 000 ist M.
E. berechtigt, gegen den Entscheid der Regierung vom 10. März 2009, mit welchem die
Zulässigkeit der beantragten Enteignung bejaht wird, Beschwerde zu erheben (Art. 64
Abs. 1 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Weiter wurde die Beschwerde innert Frist
eingereicht, und sie entspricht formal und inhaltlich den gesetzlichen Anforderungen
(Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP).
1.2. Gegenstand des Verfahrens ist, wie erwähnt, ausschliesslich die Zulässigkeit der
Enteignung. Nicht eingetreten werden kann deshalb auf die Beschwerde, soweit der
Beschwerdeführer geltend macht, die Beschwerdegegnerin habe das Terrain im
Bereich der Abwasserleitung anzuheben bzw. die Leitung tiefer zu legen, und soweit er
Entschädigung fordert. Nach Art. 34 EntG entscheidet die Schätzungskommission über
Begehren. um Entschädigung und Realersatz. Ein Entscheid der
Schätzungskommission über eine Entschädigung liegt indessen nicht vor (Art. 33
EntG). Im weiteren ist das Verwaltungsgericht nicht zuständig, zivilrechtliche Ansprüche
aus Werkeigentümerhaftung zu beurteilen, wie sie der Beschwerdeführer ebenfalls
geltend macht.
1.3. Auf die Beschwerde ist im Sinn der Erwägungen einzutreten.
2. Nach Art. 5 lit. a EntG ist eine Enteignung zulässig für Bau, Betrieb und Unterhalt
sowie künftige Erweiterung öffentlicher oder überwiegend im öffentlichen Interesse
liegender Werke. Des weiteren wird vorausgesetzt, dass der Zweck des Werks auf
andere Weise nicht befriedigend oder nur mit unverhältnismässigem Mehraufwand
verwirklicht werden kann. Die Enteignung darf insbesondere nicht zu einem Nachteil
führen, der in einem Missverhältnis zum verfolgten Zweck steht (Art. 6 EntG). Durch
diese Bestimmung wird der Grundsatz der Verhältnismässigkeit eines Eingriffs in das
Eigentumsrecht konkretisiert (GVP 1998 Nr. 15). Die Prüfung der Verhältnismässigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
von Eingriffen in das Eigentumsrecht setzt eine umfassende Interessenabwägung aller
öffentlichen und privaten Interessen voraus.
3. Nach Art. 10 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Schutz der Gewässer (SR 814.20,
abgekürzt GSchG) sorgen die Kantone für die Erstellung öffentlicher Kanalisationen
und zentraler Anlagen zur Reinigung von verschmutztem Abwasser. Art. 7 des
Vollzugsgesetzes zur eidgenössischen Gewässerschutzgesetzgebung (sGS 752.2,
abgekürzt GSchVG) legt fest, dass die politische Gemeinde für Erstellung und Betrieb
öffentlicher Kanalisationen und zentraler Abwasserreinigungsanlagen sorgt. Art. 8
GSchVG sieht vor, dass gemeinsame Anlagen erstellt werden können. Unbestritten ist,
dass es sich bei der Beschwerdegegnerin um einen aus verschiedenen Gemeinden
bestehenden Zweckverband handelt (Art. 210 des Gemeindegesetzes, sGS 151.2).
4. Die Duldung einer Nutzungsbeschränkung in Form einer Dienstbarkeit auf den
Grundstücken Nr. 000 (auf einer Fläche von 77 m ) und Nr. 000 (auf einer Fläche von
210 m ) stellt einen Eingriff in das Eigentumsrecht des Beschwerdeführers dar. Er
vertritt den Standpunkt, die Enteignung sei nicht zulässig, weil sie "das Problem" nicht
löse. Wie ausgeführt, wirft er der Beschwerdegegnerin in verschiedener Hinsicht vor,
sie komme ihren Pflichten als Betreiberin der Abwasserleitung auf seinen
Grundstücken seit Jahren nicht nach. Die Zulässigkeit der Enteignung hängt indessen
davon ab, ob die seit Jahren im öffentlichen Interesse bestehende Kanalisationsleitung
rechtlich genügend gesichert ist.
4.1. Nach Art. 691 Abs. 2 ZGB kann das Recht auf Durchleitung aus Nachbarrecht in
den Fällen nicht beansprucht werden, in denen das kantonale oder das Bundesrecht
auf den Weg der Enteignung verweist. Art. 68 Abs. 1 GSchG sieht vor, dass Bund und
Kantone die notwendigen Rechte enteignen oder dieses Recht Dritten übertragen
können, soweit der Vollzug dieses Gesetzes es erfordert. Ein nachbarrechtlicher
Anspruch auf Durchleitung ist somit ausgeschlossen.
4.2. Unbestritten ist, dass weder der Beschwerdeführer noch sein Rechtsvorgänger der
Beschwerdegegnerin für die Abwasserleitung ein Durchleitungsrecht in Form einer
privatrechtlichen Dienstbarkeit eingeräumt haben. Aktenkundig ist, dass die
Beschwerdegegnerin dem Rechtsvorgänger des Beschwerdeführers am 1. Oktober
2
2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1975 einen Dienstbarkeitsvertrag betreffend die Parzelle Nr. 000 zukommen liess, den
K. E. aber nicht zu unterzeichnen bereit war. Fest steht indessen ebenfalls, dass die
Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer am 30. Dezember 1991 mitgeteilt hat, der
"Kanal" sei im Grundbuch nicht als Dienstbarkeit eingetragen, weil diese nach Art. 676
Abs. 3 ZGB von Gesetzes wegen entstehe, wenn die Leitung äusserlich wahrnehmbar
sei. Nach Art. 676 Abs. 3 ZGB entsteht die Dienstbarkeit, wenn die Leitung nicht
äusserlich wahrnehmbar ist, mit der Eintragung in das Grundbuch und in den andern
Fällen mit der Erstellung der Leitung. Voraussetzung ist aber immer, dass die Parteien
einen schriftlichen Dienstbarkeitsvertrag abgeschlossen haben (BGE 97 II 326 ff.). Die
durch die äussere Wahrnehmbarkeit erzeugte "natürliche" Publizität ersetzt die
Publizitätswirkung des Grundbucheintrags (H. Rey, in: Basler Kommentar, ZGB II, 3.
Aufl., Basel 2007, N 15 zu Art. 676 ZGB). Es handelt sich um eine Abweichung vom
Eintragungsprinzip (A. Meier-Hayoz, Berner Kommentar, Das Grundeigentum I, Bern
1965, N 2 zu Art. 676 ZGB). Auch wenn die Abwasserleitung äusserlich wahrnehmbar
(geworden) ist, besteht somit keine durch eine privatrechtliche Dienstbarkeit
begründete Eigentumsbeschränkung.
4.3. Nach Art. 76 Abs. 3 BauG bestehen öffentliche Versorgungs- und
Entsorgungsleitungen, für welche die Durchleitungsrechte vereinbart oder rechtskräftig
festgestellt sind, als öffentlich-rechtliche Eigentumsbeschränkungen ohne Eintrag im
Grundbuch. Der Bestand solcher Leitungen wird auf Begehren des Berechtigten oder
Belasteten im Grundbuch angemerkt.
Diese Vorschrift betrifft nicht nachbarrechtliche Leitungen im Sinn von Art. 691 ZGB,
sondern öffentliche Leitungen, wie Leitungen für Gas, Elektrizität, Wasser oder
Kanalisation. Mit der Erklärung von öffentlichen Versorgungs- und
Entsorgungsleitungen als öffentlich-rechtliche Eigentumsbeschränkungen wird keine
gesetzliche Duldungspflicht geschaffen. Die Vorschrift trägt einem Anliegen der Praxis
Rechnung. Die Behörde ist für die Erstellung von öffentlichen Leitungen nicht mehr auf
die umständlichen und oft lückenhaften Regelungen mittels privatrechtlicher
Dienstbarkeiten angewiesen (B. Heer, St. Gallisches Bau- und Planungsrecht, Bern
2003, Rz. 732).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Art. 76 Abs. 3 BauG ist seit 1. September 1983 in Vollzug (nGS 18M.56). Aktenkundig
ist aber, dass die zur Diskussion stehende Abwasserleitung lange vor diesem Zeitpunkt
erstellt worden ist, und es wird nicht bestritten, dass dies im Einverständnis mit dem
Rechtsvorgänger des Beschwerdeführers geschah. Einem Schreiben der
Beschwerdegegnerin an K. E. vom 26. April 1974 kann entnommen werden, dass das
überschüssige Material nach Beendigung der Bauarbeiten u.a. auf den Grundstücken
Nrn. 000 und 000 ausplaniert und die Grundstücke anschliessend humusiert würden.
Aus dem Schreiben geht zudem hervor, dass sich der Rechtsvorgänger des
Beschwerdeführers über Oberflächenwasser beklagt hatte, das nicht abfliessen könne.
Er wurde aufgefordert, "so rasch als möglich anzusäen", um die Versickerung des
Wassers zu verbessern. Für den Fall, dass sich der Boden nicht erhole, verpflichtete
sich die Beschwerdegegnerin sodann, "die notwendigen Massnahmen zu ergreifen, wie
Einbau von Drainageleitungen". Am 15. Januar 1975 teilte die Beschwerdegegnerin K.
E. bezüglich der Parzelle Nr. 000 mit, die Wasserlöcher würden mit einer
Drainageleitung entwässert, für die minimale Überdeckung werde keine Entschädigung
bezahlt und mit Auffüllmaterial werde für eine genügende Überdeckung gesorgt. Am
22. Juli 1975 informierte die Beschwerdegegnerin den Rechtsvorgänger des
Beschwerdeführers bezüglich der Parzelle Nr. 000 zudem darüber, aus technischen
Gründen sei es nicht möglich, die Leitung tiefer zu legen, weshalb die
landwirtschaftliche Nutzung durch die "geringe Überdeckung" empfindlich erschwert
werde. Das Grundstück eigne sich nur noch für Milchwirtschaft bzw. Ackerbau dürfte
im Bereich der Leitung kaum mehr möglich sein. "Um dieses Erschwernis zu beheben
ist die Schüttung von gutem Erdmaterial erforderlich". Dem Schreiben kann weiter
entnommen werden, K. E. habe sich bereit erklärt, die weitere Humusierung gegen
Entrichtung einer einmaligen Entschädigung von Fr. 2'000.-- selber vorzunehmen.
Dieser Betrag werde überwiesen, und es werde verlangt, dass im Grundbuch ein
Kanalisations-Durchleitungsrecht eingetragen werde. Wie ausgeführt, hat es K. E. in
der Folge abgelehnt, einen Dienstbarkeitsvertrag zu unterzeichnen, "wonach er die
Erschwernisse der ungenügenden Überdeckung für sich und seine Rechtsnachfolger"
gegen eine einmalige Entschädigung von Fr. 2'000.-- duldet. Für die Abwasserleitung,
die durch die Grundstücke Nrn. 000 und 000 führt, kommt Art. 76 Abs. 3 BauG deshalb
nicht zur Anwendung. Gestützt auf diese Vorschrift besteht keine öffentlich-rechtliche
Eigentumsbeschränkung ohne Eintrag im Grundbuch.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.4. Aktenkundig ist weiter, dass die Abwasserleitung rechtlich auch nicht abgesichert
werden konnte, nachdem die Grundstücke im Jahr 1991 ins Eigentum des
Beschwerdeführers übergingen. Mit dem bereits erwähnten Schreiben der
Beschwerdegegnerin an den Beschwerdeführer vom 30. Dezember 1991 wurde
letzterer aufgefordert, dem Klärmeister mitzuteilen, wie und wann die Aufhumusierung
der Grundstücke Nrn. 000 und 000 erfolgen solle. Gemäss Angaben der
Beschwerdegegnerin vom 18. Januar 2007 hat sich der Beschwerdeführer aber
daraufhin nicht gemeldet und das Grundstück Nr. 000 während zehn Jahren
landwirtschaftlich bewirtschaftet. In der Folge hat er sich offenbar bereit erklärt, auf
eine Entschädigung für den Ertragsausfall durch die Leitung unter der Voraussetzung
zu verzichten, dass ihm Pachtland zur Verfügung gestellt wird. Am 21. Januar 2004 hat
der Beschwerdeführer von der Beschwerdegegnerin verlangt, dass "der Vertrag der
unterschrieben wurde, also auch endlich eingehalten wird". Am 23. Februar 2005 zog
die Beschwerdegegnerin sämtliche bisher gemachten Angebote zurück und stellte fest,
sie habe am 7. März 2003 ein Baugesuch betreffend "Bedeckung der Leitung"
eingereicht, dem leider nicht habe entsprochen werden können. Auf diesem Schreiben
hat der Beschwerdeführer handschriftlich vermerkt, man habe ihm mündlich ein
Angebot von Fr. 20'000.-- gemacht "da ging ich nicht ein problem nicht gelöst". Am
28. Februar 2005 beharrte der Beschwerdeführer auf der Erfüllung eines Vertrags und
schlug vor, das Land im Baurecht zur Nutzung zur Verfügung zu stellen. Nachdem sich
die Beschwerdegegnerin mit diesem Vorgehen grundsätzlich einverstanden erklärt
hatte, verlangte der Beschwerdeführer für die Parzelle Nr. 000 einen "Baurechtszins"
Fr. 12'000.-- je Jahr, rückwirkend ab 1995. Am 5. Juli 2005 drohte er, wenn es keine
einvernehmliche Lösung gebe, verlange er, dass die Abwasserleitung samt
Fundamenten aus dem Grundstück zu entfernen und der alte Zustand
wiederherzustellen sei. Am 10. September 2005 stellte der Beschwerdeführer der
Beschwerdegegnerin Fr. 120'000.-- in Rechnung und am 21. November 2005 erstattete
er Anzeige gegen den Präsidenten des AWR, der das Departement des Innern am
11. April 2006 keine Folge gab. Der Beschwerdeführer hatte geltend gemacht, der
Verwaltungsrat des AWR verhalte sich vertragswidrig. Am 6. Dezember 2005 teilte die
Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer mit, die Ansichten über die Höhe einer
Entschädigung würden nach wie vor stark voneinander abweichen, weshalb für das
Grundstück Nr. 000 ein Enteignungsverfahren angestrebt werde. Am 20. Juni 2006
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
übertrug die Regierung dem AWR das Enteignungsrecht. Am 20. September 2007
änderte der Beschwerdeführer einen vom AWR am 21. Juni 2007 unterzeichneten
Dienstbarkeitsvertrag betreffend das Grundstück Nr. 000 handschriftlich ab und
überbrachte ihn dem Grundbuchamt. Er behauptet zwar, dieses Vorgehen sei unter
den Rechtsvertretern abgesprochen gewesen, wofür aber keine Anhaltspunkte
bestehen. Es fehlt somit am übereinstimmenden Willen der Parteien. Am 15. August
2008 strebte die Vorinstanz im Rahmen des Einspracheverfahrens sodann eine gütliche
Einigung an, wonach das Durchleitungsrecht für den Abwasserkanal, Zutrittsrecht und
Bauverbot auf den Grundstücken Nrn. 000 und 000 von der Beschwerdegegnerin mit
Fr. 11'480.-- entschädigt werden solle. Während sich die Beschwerdegegnerin mit
diesem Vorschlag grundsätzlich einverstanden erklärten konnte, teilte der
Beschwerdeführer der Vorinstanz am 26. August 2008 mit, er lehne eine Enteignung ab
und er sei nach wie vor an einer gütlichen Einigung interessiert. Er verlange, dass die
Ertragsausfälle früherer Jahre abgegolten würden.
4.5. Zusammenfassend ergibt sich somit, dass Bestand und Betrieb der
Abwasserleitung im Bereich der Grundstücke Nrn. 000 und 000 während über 30
Jahren rechtlich nicht gesichert werden konnte. Die von der Beschwerdegegnerin
beantragte Enteignung in Form von Dienstbarkeiten bezüglich der Grundstücke
Nrn. 000 und 000 ist deshalb notwendig, zumal lediglich ein Durchleitungsrecht und
damit verbunden Rechte auf Bau, Betrieb, Unterhalt und Erneuerung des
Verbandskanals, ein Zutrittsrecht und ein generelles Überbauungsverbot beansprucht
werden. Die Enteignung erweist sich zudem als verhältnismässig. Zum einen wird
relativ wenig Fläche dauernd beansprucht (77 m bzw. 1,84 % der Fläche von GB-
Nr. 000 und 210 m bzw. 10,74 % der Fläche von GB-Nr. 000) bzw. der Eingriff in die
Nutzungsrechte des Beschwerdeführers ist relativ gering. Zum andern sind die
Ausführungen der Beschwerdegegnerin unbestritten geblieben, wonach die
Tieferlegung der Leitung den Bau eines zusätzlichen Hebewerkes im Bereich der
Vereinigung des Verbandskanals mit dem Vereinigungsschacht KS Nr. 17 erforderlich
machen würde, was mit Baukosten von rund 980'000.-- und mit höheren
Unterhaltskosten verbunden wäre. Fest steht zudem, dass ein Baugesuch betreffend
Anhebung von Gelände auf der Parzelle Nr. 000 am 17. Februar 2004 abgewiesen
worden und dass dieser Entscheid in Rechtskraft erwachsen ist. Offen ist deshalb, ob
das Gelände bezüglich Fläche und Höhe den Vorstellungen des Beschwerdeführers
2
2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entsprechend als "landwirtschaftlich nutzbar" aufgeschüttet werden könnte. Selbst
wenn dies zutreffen sollte, wäre zudem fraglich, ob der Beschwerdeführer bereit wäre,
in Übereinstimmung mit der Beschwerdegegnerin einen Dienstbarkeitsvertrag zu
unterschreiben und die Durchleitung von Abwasser auf diese Weise sicherzustellen.
Abgesehen davon, dass er gegenüber der Beschwerdegegnerin auch
Entschädigungsforderungen stellt, hat er von ihrem Angebot vom 30. Dezember 1991
keinen Gebrauch gemacht. Damals hat die Beschwerdegegnerin den
Beschwerdeführer unter Berufung auf eine Zusicherung aus dem Jahr 1974
aufgefordert, "mit unserem Klärmeister B.S. direkt abzumachen wann und wie die
Aufhumusierung erfolgen soll". Dem Schreiben kann zudem entnommen werden, die
Beschwerdegegnerin sei bereit, die für die Gewährleistung der landwirtschaftlichen
Nutzung erforderlichen Sanierungsarbeiten im Bereich des Kanals vorzunehmen.
Sodann hat der Beschwerdeführer am 20. September 2007 einen von der
Beschwerdegegnerin bereits unterzeichneten Dienstbarkeitsvertrag betreffend das
Grundstück Nr. 000 inhaltlich einseitig abgeändert, bevor er ihn unterschrieben hat,
weshalb es am übereinstimmenden Willen fehlt.
An der Tatsache, dass die Enteignung im beantragten Rahmen zulässig ist, ändert
nichts, dass der Beschwerdeführer der Beschwerdegegnerin vorwirft, sie hätte die
Leitung tiefer legen müssen, weshalb sich sein Rechtsvorgänger geweigert habe, einen
Dienstbarkeitsvertrag abzuschliessen, und sie habe die Sanierungsmassnahmen, die
mit Schreiben vom 15. März 1975 in Aussicht gestellt worden seien, nie ausgeführt und
eine versprochene Entschädigung nicht bezahlt. Ebenfalls unberücksichtigt bleiben
muss im vorliegenden Verfahren, dass ein Baugesuch betreffend Aufschüttung von
Gelände auf der Parzelle Nr. 000 am 17. Februar 2004 abgewiesen worden ist und dass
der Beschwerdeführer fordert, die Beschwerdegegnerin habe
Bodenverbesserungsmassnahmen zu treffen, zumal auf dem Grundstück Nr. 000 in der
Zwischenzeit eine Geländeauffüllung stattgefunden habe. Schliesslich ist im
Zusammenhang mit der Frage, ob die Enteignung zulässig ist, ohne Belang, dass der
Beschwerdeführer von der Beschwerdegegnerin verlangt, sie habe Ertragsausfall zu
entschädigen. Über Begehren dieser Art wird die Schätzungskommission zu
entscheiden haben.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerde abzuweisen ist, soweit darauf
eingetreten werden kann. Die Enteignung der Grundstücke Nrn. 000 und 000,
Grundbuch M., erweist sich im beantragten Umfang als recht- und verhältnismässig.
5.1. Art. 47 Abs. 1 EntG bestimmt, dass der Enteigner die amtlichen Kosten trägt. Für
die Kosten im Beschwerdeverfahren gegen Verfügungen und Entscheide der
Schätzungskommission gilt nach Art. 49 EntG das VRP. Art. 49 EntG findet auch auf
Beschwerdeverfahren Anwendung, die nicht einen Entscheid oder eine Verfügung der
Schätzungskommission zum Gegenstand haben (VerwGE vom 22. Januar 2002 i.S. B.
A.M.W.). Das Verwaltungsgericht hat erwogen, Sinn und Zweck von Art. 47 Abs. 1
EntG bestehe darin, dass der Enteignete nicht amtliche Kosten für ein Verfahren tragen
solle, in das er gegen seinen Willen einbezogen worden sei (Botschaft zum EntG, in:
ABl 1982 S. 1307; M. Hofmann, in: Das neue st. gallische Enteignungsgesetz, St.
Gallen 1985, S. 115). Dementsprechend sei Art. 47 Abs. 1 EntG so auszulegen, dass
diese Bestimmung nur für Verfahren bis und mit Schätzungskommission bzw.
erstinstanzlichem Verfahren vor dem Gemeinde- oder Regierungsrat gelte. Im
Rechtsmittelverfahren könne dagegen nicht mehr gesagt werden, der Enteignete
beteilige sich gegen seinen Willen am Verfahren. Folglich gebe es keinen Grund, die
amtlichen Kosten unabhängig vom Verfahrensausgang dem Enteigner aufzuerlegen.
Dementsprechend sind die amtlichen Kosten des Beschwerdeverfahrens gestützt auf
Art. 95 Abs. 1 VRP dem Beschwerdeführer aufzuerlegen. Eine Entscheidgebühr von
Fr. 2'500.-- ist angemessen (Art. 13, Ziff. 622 des Gerichtskostentarifs, sGS 941.12).
Sie wird mit dem Kostenvorschuss in gleicher Höhe verrechnet.
5.2. Ausseramtliche Kosten sind nicht zuzusprechen (Art. 98 Abs. 1 in Verbindung mit
Art. 98bis VRP).
Demnach hat das Verwaltungsgericht