Decision ID: 4a5b6c2d-801a-5898-932d-7b1e2c84a6d7
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im September 2013 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sie gab an, sie habe eine Berufslehre zur Coiffeuse
absolviert und ein Diplom als Übersetzerin erlangt. Zu einer allfälligen aktuellen
Erwerbstätigkeit und zu den zuletzt ausgeübten Tätigkeiten machte sie keine Angaben.
Eine ehemalige Arbeitgeberin berichtete im Oktober 2013 (IV-act. 12), die Versicherte
habe im Herbst 2011 knapp drei Monate als Mitarbeiterin im Callcenter gearbeitet. Sie
habe Telefonate auf Deutsch und Französisch im Verhältnis von ungefähr 60 zu 40
Prozent führen müssen. Der übliche Jahreslohn für diese Tätigkeit betrage zwischen
54’600 Franken und 60’450 Franken. Die Versicherte sei in einem Vollpensum
angestellt gewesen. Sie habe die Tätigkeit krankheitsbedingt aufgeben müssen. Die
behandelnde Psychotherapeutin des Psychiatrie-Zentrums B._ gab am 11.
November 2013 an (IV-act. 17), die Versicherte leide an einer somatoformen
Schmerzstörung sowie an rezidivierenden depressiven Zuständen in einem leichten bis
mittleren Ausmass. Bei Stress komme es zu Bewältigungsproblemen. Die Versicherte
habe ein sehr geringes Selbstwertgefühl und sie neige zu einer Psychosomatisierung.
In der Vergangenheit sei sie als Polizistin, als Coiffeuse, im Telemarketing und in einem
Callcenter tätig gewesen.
A.a.
Nachdem sich der Gesundheitszustand der Versicherten stabilisiert hatte, sprach
die IV-Stelle ihr mit einer Mitteilung vom 13. November 2015 ein sechs Monate
dauerndes Aufbautraining bei der C._ zu (IV-act. 76). Dieses Training musste aus
gesundheitlichen Gründen vorzeitig abgebrochen werden (IV-act. 100). Die C._ hielt
in ihrem Schlussbericht vom 22. März 2016 fest (IV-act. 106), die Versicherte habe das
vorgegebene Pensum zunächst ziemlich konstant wahrnehmen können. Sie sei dann
aber zunehmend in einem kranken Zustand und mit Schmerzen zur Arbeit erschienen,
was ihren Einsatz eingeschränkt habe. Ab Ende November 2015 sei sie für eine längere
Zeit krankheitsbedingt absent gewesen. Ab Dezember 2015 hätten sich zwei- bis
mehrtägige Absenzen gehäuft. Die gesundheitlichen Einschränkungen hätten die
A.b.
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Ausführung der Arbeiten immer mehr behindert. Die Tätigkeiten hätten zunehmend nur
noch einen Beschäftigungscharakter gehabt. Von Beginn weg sei das Training durch
das schwierige Verhältnis der Versicherten zur Tochter erschwert gewesen. Im Verlauf
seien zusätzliche körperliche Probleme aufgetreten. Die psychische Verfassung sei
insgesamt instabil gewesen. Bereits Mitte März 2016 war die Versicherte an der
rechten Schulter operiert worden (IV-act. 116). Im November 2016 erhielt die IV-Stelle
einen Arbeitgeberbericht, laut dem die Versicherte seit Dezember 2014 in einem
unregelmässigen Pensum stundenweise als Servicemitarbeiterin arbeitete (IV-act. 147).
Der Orthopäde Dr. med. D._ teilte der IV-Stelle im Dezember 2016 mit (IV-act. 161),
die Versicherte leide an einem antero-lateralen Impingement rechts, an einer
Partialruptur der Peroneus brevis-Sehne rechts, an einem Status nach einer Ruptur des
Ligamentum fibulo-talare anterius und des Ligamentum fibulo-calcaneare rechts, an
einem Status nach einer subacromialen Dekompression rechts, an einem Status nach
einer Kreuzbandplastik bei einer vorderen Kreuzbandruptur rechts im Jahr 2014 sowie
an einem chronischen Leistenschmerz. Für Januar 2017 sei eine Operation des rechten
oberen Sprunggelenks geplant. Bis dahin sei die Belastbarkeit der Versicherten für
viele Arbeitsbereiche eingeschränkt. Per 1. Dezember 2016 konnte die Versicherte
einen Teilzeitarbeitsvertrag in einem Callcenter mit einem Pensum von 50 Prozent zu
einem Monatslohn von 2’050 Franken abschliessen (IV-act. 190), den sie allerdings nur
als eine Notlösung betrachtete, da krankheits- und unfallbedingte Absenzen zu
Lohnausfällen führten (IV-act. 189). Der Orthopäde Dr. D._ teilte im April 2017 mit (IV-
act. 193), dass die geplante Operation im Januar 2017 habe durchgeführt werden
können. Leidensadaptierte Tätigkeiten seien der Versicherten aus rein orthopädischer
Sicht vollzeitlich zumutbar. Der Hausarzt Dr. med. E._ berichtete im Mai 2017 (IV-act.
196–8), nach einer missglückten Operation der linken Leiste, die eigentlich ein
Routineeingriff gewesen sei, hätten sich ein Abszess und eine Nekrose gebildet, was
zur Entwicklung eines chronischen Schmerzsyndroms geführt habe. Zu allem Überfluss
reihten sich anamnestisch häusliche Gewalt, Verletzungen an beiden Schultern mit
einem chronischen Verlauf und mehrfache Operationen des rechten Knies mit ein. Die
Versicherte wirke zunehmend depressiver; die Leistung sei abgeschwächt. Aus
hausärztlicher Sicht sei sie zu 50 Prozent arbeitsunfähig.
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Im Juni 2017 beauftragte die IV-Stelle die estimed AG mit der Erstellung eines
polydisziplinären Gutachtens (IV-act. 205). Das Gutachten wurde am 30. Oktober 2017
erstellt (IV-act. 221). Der orthopädische Sachverständige hielt fest, die Versicherte leide
an einem komplexen Schmerzsyndrom bei einem Status nach einer arthroskopischen
Arthrolyse und Naht der Peroneus brevis-Sehne, einem Status nach einer
subacromialen Dekompression rechts, einem Status nach einer Plastik des vorderen
Kreuzbandes rechts und einem chronischen Leistenschmerz, an einem Morbus
Scheuermann im thoraco-lumbalen Übergang, an einer Osteochondrose L5/S1, an
einer Discushernie C3/4 und C7/Th1 sowie an einer Spinalkanalstenose C3/4, C5/6 und
C7/Th1 ohne eine erkennbare Myelopathie. Als Servicekraft sei die Versicherte zu 30
Prozent arbeitsfähig. Für eine leidensadaptierte Tätigkeit sei ein Arbeitsfähigkeitsgrad
von 70 Prozent zu attestieren. Die internistische Sachverständige führte aus, weder in
den Akten noch in der persönlichen Untersuchung habe ein Hinweis auf eine
internistische Erkrankung festgestellt werden können. Aus rein internistischer Sicht sei
die Versicherte deshalb uneingeschränkt arbeitsfähig. Der psychiatrische
Sachverständige hielt fest, die Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven
Störung mit einer gegenwärtig mittelgradigen Ausprägung sowie an einer kombinierten
Persönlichkeitsstörung. Das Zustandsbild sei chronifiziert. Die zuletzt ausgeübte
Tätigkeit in einem Callcenter sei aus psychiatrischer Sicht nicht zumutbar. Für
adaptierte Tätigkeiten, wie Büroarbeiten mit wenig interpersonellen Kontakten und
insbesondere keinen Kundenkontakten, sei aus psychiatrischer Sicht eine
Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent zu attestieren. Die Tätigkeiten müssten gut
überschaubar sein und die Versicherte müsse genügend Pausen einlegen können, um
den Konzentrationsunterbrüchen Rechnung zu tragen und um die Belastung möglichst
niedrig zu halten. Die neuropsychologische Sachverständige führte aus, in der
neuropsychologischen Testung hätten keine Verdeutlichungstendenzen festgestellt
werden können; die Validierungsverfahren hätten unauffällige Resultate geliefert. Im
Anamnesegespräch habe sich die Versicherte verbal angetrieben gezeigt. Dabei sei
eine inhaltlich sprunghafte und zerfahrene Ausdrucksweise aufgefallen. Im Denken sei
die Versicherte deutlich eingeengt gewesen. Zwischen dem Realselbstbild und dem
Idealselbstbild habe eine Diskrepanz bestanden. In der Untersuchung seien
Selbstprophezeiungen und global external stabile Attributionen aufgefallen. Die
Leistungen seien mehrheitlich unauffällig gewesen, hätten jedoch weitgehend im
A.c.
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unteren Normbereich gelegen. Die auffällige Störanfälligkeit und die reduzierte
kognitive Flexibilität seien im Rahmen der anamnestisch erwähnten posttraumatischen
Belastungsstörung gut erklärbar. Aus rein neuropsychologischer Sicht sei die
Versicherte uneingeschränkt arbeitsfähig. Nach der Konsensbesprechung hielten die
Sachverständigen fest, der Versicherten sei aus interdisziplinärer Sicht für
leidensadaptierte Tätigkeiten eine Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent zu attestieren. In
einer Notiz hielt der diplomierte Arzt H._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst
(RAD) am 14. November 2017 fest (IV-act. 226), das Gutachten der estimed AG sei
gesamthaft widersprüchlich. Die Sachverständigen seien nicht auf Inkonsistenzen
bezüglich der Beschwerdeschilderungen der Versicherten in der
Untersuchungssituation und dem tatsächlichen Aktivitätsniveau eingegangen. Die
Aussage der Sachverständigen, dass zwischen der Aktenlage, der erhobenen
Anamnese und den Befunden keine Diskrepanzen bestünden, sei nicht
nachvollziehbar. Das psychiatrische Teilgutachten sei sehr kurz ausgefallen. Der
Sachverständige habe seine Diagnosen überwiegend mit den Schilderungen der
Versicherten begründet. Offensichtliche Diskrepanzen habe er nicht diskutiert. Auf die
Vorakten sei er praktisch nicht eingegangen. Die Behandlung erfolge nicht
leitliniengerecht. Die Versicherte nehme offenbar nur Schmerzmittel, aber keine
Antidepressiva ein. Ihr psychischer Zustand habe sich in den vergangenen vier Jahren
nicht verbessert, sondern im Gegenteil immer wieder zeitweise verschlechtert, wobei
psychosoziale Belastungsfaktoren jeweils eine Rolle gespielt hätten. Darauf sei der
psychiatrische Sachverständige nicht eingegangen. Auch das orthopädische
Teilgutachten überzeuge nicht. Der orthopädische Sachverständige habe nicht auf die
objektiven Befunde, sondern auf die Schmerzangaben der Versicherten abgestellt. Zur
Klärung des medizinischen Sachverhaltes müsse ein bidisziplinäres psychiatrisches
und orthopädisches Obergutachten eingeholt werden.
Im Auftrag der IV-Stelle erstatteten der Orthopäde Dr. med. F._ und der
Psychiater und Neurologe Prof. Dr. med. habil. G._ am 13. Februar 2018 ein
bidisziplinäres Gutachten (IV-act. 235). Der psychiatrische Sachverständige Prof. G._
hielt fest, in der klinischen Untersuchung seien keine quantitativen oder qualitativen
Bewusstseinsstörungen aufgefallen. Störungen des Kurz- oder Langzeitgedächtnisses
hätten nicht festgestellt werden können. Während der zweistündigen Exploration habe
A.d.
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die Versicherte die Aufmerksamkeit und die Konzentration gut aufrecht erhalten
können. Mit zunehmender Dauer der Exploration sei aber ein Abfall der Konzentration
und der Aufmerksamkeit zu beobachten gewesen. Der formale Gedankengang sei
unauffällig, im Tempo allfällig minim verzögert gewesen. Die Stimmungssituation sei
minim gedrückt gewesen. Ansonsten hätten klinisch keine affektiven Auffälligkeiten
festgestellt werden können. Auch eine prämorbide leichtgradige Störung der
Persönlichkeitsstruktur habe klinisch nicht objektiviert werden können, obwohl
anamnestisch diverse Traumatisierungen in der Kindheit bei wenig emotionalem
Rückhalt in der Herkunftsfamilie im Raum gestanden hätten. Im Sinne einer
Akzentuierung seien aber abhängige Anteile und narzisstische Züge deutlich geworden.
Bei der Würdigung der Akten seien die Hinweise auf psychische, physische und
sexuelle Traumatisierungen während der Zeit der Persönlichkeitsbildung, ein sehr
wenig zielgerichtetes berufliches Leben und ein auch im privaten Kontext sehr
bewegtes Leben aufgefallen. Aus einer flüchtigen Bekanntschaft sei die Tochter
entsprungen, die offenbar in einer therapeutischen Wohngemeinschaft lebe, einen
Substanzgebrauch pflege, psychisch erkrankt sei und im Jugendalter einen
Suizidversuch begangen habe. Eine länger dauernde Partnerschaft der Versicherte sei
problematisch gewesen: Der Partner habe die Versicherte schlecht behandelt und die
Versicherte nach dem Beziehungsabbruch „gestalkt“. Im Rahmen einer tätlichen
Auseinandersetzung habe sich die Versicherte Verletzungen zugezogen. Aktuell befinde
sich die Versicherte in einer Partnerschaft mit einem deutlich älteren Mann. Die
Beziehung verlaufe unglücklich, aber die Versicherte könne sich nicht vom Partner
lösen. Das Leben der Versicherten sei zusammenfassend überaus überschattet von
diversen psychosozialen Problemen, wozu auch finanzielle Zukunftsängste zählten.
Aus gutachterlicher Sicht hätten sich keine inhaltlichen Diskrepanzen zwischen den im
Untersuch vorgetragenen Beschwerden und den im Aktendossier dokumentierten
Befunden ergeben. Hinweise auf eine Aggravation oder Simulation hätten nicht
vorgelegen. Das private Aktivitätsniveau und die geschilderten Beschwerden seien
nicht extrem diskrepant gewesen. In diagnostischer Hinsicht könne die Frage nicht
eindeutig beantwortet werden, ob die Auffälligkeiten in der Biographie und die
neuropsychologisch erhobenen Schwierigkeiten im exekutiven Bereich Symptome
einer affektiven Störung oder einer frühkindlich erworbenen Störung seien. Jedenfalls
sei es im Zusammenhang mit den multiplen psychosozialen Schwierigkeiten zu einer
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deutlichen Nuancierung gekommen. Insbesondere falle auf, dass der Schweregrad der
psychopathologischen Störungen mit dem Verlauf der Auseinandersetzungen mit dem
ehemaligen Partner korreliert habe. Gesamthaft werde das Bild von psychosozialen
Schwierigkeiten dominiert. Diagnostisch könne das chronifizierte depressive Syndrom,
das der behandelnde Psychiater beschrieben habe, im Verlauf mit einer mittelgradigen
Ausprägung nachvollzogen werden, obschon sich die Störung im
Untersuchungszeitpunkt in einer weitgehenden Remission befunden habe.
Dominierend verantwortlich für das Zustandsbild seien aber die psychosozialen
Belastungsfaktoren, weshalb es auch nicht verwundere, dass die Einnahme von
Antidepressiva kaum eine Wirkung gezeigt habe, denn finanzielle Probleme und
Beziehungskonflikte lösten sich nicht durch Antidepressiva auf. Da der orthopädische
Sachverständige die subjektiv von der Versicherten beklagten Beschwerden als mit
den objektiven Befunden nicht nachvollziehbar bezeichnet habe, liege zusätzlich eine
Schmerzverarbeitungsstörung vor. Gegen die Diagnose einer chronischen
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren sprächen die hohe
Variabilität der Schmerzen, das Reagieren auf therapeutische Massnahmen und das
Fehlen einer subjektiven Intensivierung der Schmerzen durch psychosoziale und
emotionale Faktoren. Diagnostisch handle es sich um psychologische und
Verhaltensfaktoren bei andernorts klassifizierten Krankheiten. Seit dem Beginn der
ambulanten psychiatrischen Behandlung im Oktober 2014 liege eine im Verlauf
durchschnittlich mittelgradige depressive Störung vor, die die Arbeitsfähigkeit um 50
Prozent einschränke. Diese Arbeitsfähigkeitsschätzung basiere auf dem WHO-Modell
von Gesundheit, das IV-fremde psychosoziale und emotionale Faktoren nicht
ausblende. Die Trennung zwischen einer IV-relevanten Krankheit und IV-fremden
Faktoren sei eine juristische und keine medizinische Aufgabe. Als medizinischer
Sachverständiger habe er die psychosozialen und emotionalen Belastungsfaktoren im
vorliegenden Gutachten im individuellen Fall der Versicherten mit ihrem Einfluss auf das
psychopathologische Störungsbild exakt beschrieben und aus medizinischer Sicht
bewertet. Damit habe er die Voraussetzungen für eine juristische Bewertung
hinreichend erfüllt. Deren Bewertung im Hinblick auf die mittel- und langfristige
Arbeitsfähigkeit enthalte er sich jedoch aus medizinischer Sicht bewusst, um keine
Präjudizierung vorweg zu nehmen. Der orthopädische Sachverständige führte aus, der
(im Gutachten ausführlich beschriebene) objektive klinische Befund sei weitgehend
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unauffällig gewesen. Die Versicherte leide an einer endgradigen
Bewegungseinschränkung im Bereich des rechten Schultergelenks nach einer im Jahr
2016 erfolgten Spiegelung und Acromioplastik, an einer Belastungseinschränkung des
rechten Sprunggelenks nach einer im Jahr 2017 erfolgten arthroskopischen Arthrolyse
und Naht der Peroneus brevis-Sehne sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
– an einem belastungsabhängig vermehrten lumbo-spondylogenen Schmerzsyndrom
ohne eine Radiculopathie, an einem belastungsabhängig vermehrten cervico-cephalen
Schmerzsyndrom ohne eine Radiculopathie, an einer Belastungseinschränkung des
rechten Kniegelenks nach einer im Jahr 2014 erfolgten Ersatzplastik des vorderen
Kreuzbandes, an einem moderaten Senk-Spreizfuss beidseits, an einem Status nach
einer in den Jahren 2004 und 2009 erfolgten Transversalisplastik der linken Leiste, an
einem Status nach einem im Jahr 2010 erlittenen Muskelfaserriss im Bereich der linken
Wade und an einem Status nach einem im Jahr 2016 erlittenen Bruch des rechten
Zeigefingers. Unter Berücksichtigung der Aktenlage, der Röntgenbilder und der
klinischen Untersuchungsbefunde gehe er mit den von den behandelnden Orthopäden
erhobenen Untersuchungsbefunden und den daraus abgeleiteten diagnostischen
Feststellungen uneingeschränkt einig. Die Arbeitsfähigkeitsschätzung des
behandelnden Orthopäden Dr. D._ sei allerdings aus versicherungsmedizinischer
Sicht nicht nachvollziehbar. Auch die Arbeitsfähigkeitsschätzung des orthopädischen
Vorgutachters der estimed AG sei nicht überzeugend. Aus dem entsprechenden
Teilgutachten gehe nicht hervor, auf welche radiologischen Befunde sich der
Vorgutachter gestützt habe. Die von ihm diagnostizierten Beeinträchtigungen an der
Hals- und Lendenwirbelsäule lägen nicht vor. Der Versicherten könne aus
orthopädischer Sicht eine leidensadaptierte Tätigkeit uneingeschränkt zugemutet
werden. Der RAD-Arzt H._ notierte im März 2018 (IV-act. 245), das Gutachten sei
umfassend und einleuchtend. Bezüglich der vom Bundesgericht definierten
„Standardindikatoren“ sei festzuhalten, dass die diagnoserelevanten Befunde nur
wenig ausgeprägt seien. Eine Therapieresistenz liege nicht vor, da der bislang fehlende
Therapieerfolg auf die anhaltenden psychosozialen Belastungsfaktoren und auf eine
unzureichende Ausschöpfung der Therapiemöglichkeiten zurückzuführen sei.
Wesentliche Comorbiditäten lägen nicht vor. Die Versicherte verfüge über persönliche
Ressourcen. Der soziale Rückzug sei nur mässig ausgeprägt. Das Aktivitätsniveau sei
nicht in allen vergleichbaren Lebensbereichen gleichmässig eingeschränkt, denn die
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Versicherte habe angegeben, dass sie im Haushalt deutlich stärker als bei der
ausserhäuslichen Erwerbstätigkeit eingeschränkt sei. Zudem führe sie in der Freizeit
Hunde aus und sie sehe fern. Der Umstand, dass die Versicherte die verordneten
Antidepressiva offenbar nicht einnehme und dass sie die Therapiemöglichkeiten nicht
ausschöpfe, spreche gegen einen relevanten Leidensdruck. Insgesamt könne für
leidensadaptierte Tätigkeiten von einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit
ausgegangen werden.
Im April 2018 teilte die Versicherte der IV-Stelle mit (IV-act. 256), dass sie sich im
Februar 2018 am linken Knie verletzt habe. Anfänglich sei man davon ausgegangen,
dass es nichts Gravierendes sei. Sie könne jedoch nach wie vor nicht gut gehen,
weshalb nun ein MRI angefertigt werde. Dieses MRI zeigte dann ein deutliches bone
bruise am Patellaunterpol ohne eine abgrenzbare Frakturlinie (IV-act. 261–9). Mit einem
Vorbescheid vom 16. August 2018 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit (IV-act. 264),
dass sie die Abweisung des Rentenbegehrens vorsehe. Zur Begründung führte sie an,
da die zuletzt ausgeübte Tätigkeit in einem Callcenter uneingeschränkt zumutbar sei,
könne die Versicherte ein Invalideneinkommen erzielen, das dem Valideneinkommen
entspreche. Folglich sei sie nicht invalid; der mittels eines Einkommensvergleichs zu
berechnende Invaliditätsgrad betrage null Prozent. Dagegen wandte die Versicherte am
7. September 2018 ein (IV-act. 267), sie befinde sich seit Jahren in einer fachärztlichen
psychischen und somatischen Behandlung. Die behandelnden Ärzte erachteten ein
Vollpensum als nicht zumutbar. Das sei von der IV-Stelle nicht berücksichtigt worden.
Im Übrigen sei die Versicherte vom psychiatrischen Sachverständigen nicht adäquat
behandelt worden. Am 5. Oktober 2018 machte die Versicherte ergänzend geltend (IV-
act. 272), der Sachverständige Prof. G._ habe ihr eine Arbeitsfähigkeit von lediglich
50 Prozent attestiert. Sie verstehe nicht, wieso die IV-Stelle alle Probleme auf die
psychosozialen Faktoren abschiebe, denn Prof. G._ habe ja dargelegt, dass eine
chronifizierte depressive Störung vorliege. Auch die somatischen Beschwerden seien
von der IV-Stelle nicht hinreichend gewürdigt worden. Zurzeit befinde sich die
Versicherte weiterhin in verschiedenen Behandlungen. Sie sei sehr bemüht, trotz ihrer
Beschwerden im Arbeitsprozess zu bestehen. Der behandelnde Psychiater Dr. med.
I._ hielt in einem Schreiben vom 15. Oktober 2018 fest (IV-act. 273), die
psychosozialen Faktoren seien nicht die Ursache der Beschwerden, sondern eine
A.e.
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B.
Folge der Gesundheitsbeeinträchtigung. Die IV-Stelle habe der Versicherten Unrecht
getan, indem sie ihr keinen Glauben geschenkt habe. Die Versicherte habe
zwischenzeitlich ihrer Erwerbstätigkeit aufgeben müssen; die Abwärtsspirale sei nicht
aufzuhalten. Die Versicherte sei vollständig arbeitsunfähig. Der RAD-Arzt H._ hielt am
26. Oktober 2018 fest (IV-act. 274), Dr. I._ habe weder eine wesentliche
Verschlechterung seit der Begutachtung belegen noch Zweifel am Gutachten von Prof.
G._ wecken können. Auch in somatischer Hinsicht sei keine relevante
Sachverhaltsveränderung ersichtlich. Mit einer Verfügung vom 30. Oktober 2018 wies
die IV-Stelle das Rentenbegehren der Versicherten mangels eines rentenbegründenden
Invaliditätsgrades ab (IV-act. 275).
Am 29. November 2018 (Datum der Postaufgabe) erhob die Versicherte
(nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 30.
Oktober 2018 (act. G 1). Sie beantragte eine Neubeurteilung der Invalidität. Zur
Begründung führte sie aus, sie sei nicht damit einverstanden, dass die IV-Stelle
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Prof. G._
ignoriert habe. Der Sachverständige habe klar eine Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent
attestiert. Hinzu kämen die somatischen Probleme. Die Einnahme von Medikamenten
sei wegen heftiger Nebenwirkungen erschwert.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 4. Februar 2019 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie an, entgegen der Ansicht der
Beschwerdeführerin habe Prof. G._ nicht „klar“ eine Arbeitsunfähigkeit von 50
Prozent attestiert. Das Bundesgericht habe in einem „in Fünferbesetzung ergangenen“
Urteil im Juli 2018 festgehalten, dass die ärztliche Arbeitsfähigkeitsschätzung
zumindest ohne eine einlässliche Befassung mit den spezifischen normativen Vorgaben
und ohne eine entsprechende Begründung nicht den rechtlich geforderten Beweis des
Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit erbringen könne, weil sie weitgehend vom
Ermessen des psychiatrischen Sachverständigen abhänge. Die medizinische
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit sei aber eine wichtige Grundlage für die
anschliessende juristische Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistung der
versicherten Person noch zugemutet werden könne. Im Rahmen der Beweiswürdigung
B.b.
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Erwägungen
1.
Mit der angefochtenen Verfügung vom 30. Oktober 2018 hat die Beschwerdegegnerin
ein Rentenbegehren der Beschwerdeführerin vom 26. September 2013 abgewiesen. Da
dieses Beschwerdeverfahren die Überprüfung der angefochtenen Verfügung auf ihre
Rechtmässigkeit bezweckt, muss sein Gegenstand jenem des vorangegangenen
Verwaltungsverfahrens entsprechen, weshalb ausschliesslich, aber umfassend zu
prüfen ist, ob die Beschwerdeführerin im hier massgebenden Zeitraum nach der
Anmeldung zum Leistungsbezug im September 2013 einen Anspruch auf eine Rente
der Invalidenversicherung hat.
2.
obliege es dem Rechtsanwender zu überprüfen, ob in concreto ausschliesslich
funktionelle Ausfälle bei der medizinischen Einschätzung berücksichtigt worden seien
und ob die Zumutbarkeitsbeurteilung auf einer objektivierten Grundlage erfolgt sei. In
seinem Gutachten habe Prof. G._ explizit darauf hingewiesen, dass seine Angaben
zur Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin juristisch gewürdigt werden müssten. Der
RAD-Arzt H._ habe in der Folge eine solche Würdigung vorgenommen und
überzeugend aufgezeigt, dass der Beschwerdeführerin aus versicherungsmedizinischer
Sicht leidensadaptierte Tätigkeiten uneingeschränkt zumutbar seien. Darauf sei
abzustellen.
Am 25. März 2019 wurde der Beschwerdeführerin die unentgeltliche
Prozessführung bewilligt (act. G 11).
B.c.
Laut dem Art. 28 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit
nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder
verbessern kann, die während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem
Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, einen Anspruch auf eine
Rente der Invalidenversicherung. Zur Bemessung der Invalidität wird gemäss dem Art.
28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
2.1.
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Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei einer
ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu jenem
Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben wäre.
Die Beschwerdeführerin hat eine Ausbildung zur Coiffeuse absolviert und sie hat
ein Diplom zur Übersetzerin erlangt. Angesichts der notorisch tiefen Löhne, die im
Coiffeurgewerbe ausbezahlt werden, hat es die Ausbildung zur Coiffeuse der
Beschwerdeführerin nicht erlaubt, ein über dem statistischen Zentralwert der
Hilfsarbeiterinnenlöhne liegendes Erwerbseinkommen zu erzielen: Der statistische
Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne hat sich im Jahr 2018 auf 4’371 Franken
belaufen (Bundesamt für Statistik, Lohnstrukturerhebung 2018, Tabelle A1, alle
Branchen, Kompetenzniveau 1), während der Lohn für eine ausgebildete Coiffeuse mit
mindestens fünf Jahren Berufserfahrung gemäss dem massgebenden
Gesamtarbeitsvertrag lediglich 4’000 Franken betragen hat (Gesamtarbeitsvertrag für
das schweizerische Coiffeurgewerbe, gültig ab 1. März 2018, Anhang I, Ziff. 1). Auch
das nach nur einem Kursjahr erworbene Diplom des Centre professionnel du Littoral
neuchâtelois (CPLN) als Übersetzerin hat es der Beschwerdeführerin nicht erlaubt,
einen über dem statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne liegenden Lohn zu
erzielen. Die Beschwerdeführerin ist nach dem Abschluss der Ausbildungen
mehrheitlich als Hilfsarbeiterin tätig gewesen, womit sie aus rein ökonomischer Sicht
ihre Erwerbsmöglichkeiten auf dem massgebenden allgemeinen und ausgeglichenen
Arbeitsmarkt optimal genutzt hat. Das Valideneinkommen entspricht folglich (trotz der
abgeschlossenen Ausbildung zur Coiffeuse und trotz der Ausbildung zur Übersetzerin)
dem statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne.
2.2.
Für die Bestimmung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens sind
in erster Linie die medizinischen Angaben zur Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
massgebend. Der RAD-Arzt H._ hat in seiner am 14. November 2017 verfassten
Aktenwürdigung mit einer überzeugenden Begründung aufgezeigt, dass das Gutachten
der estimed AG an diversen Mängeln gelitten hat, weshalb es nicht geeignet gewesen
ist, den massgebenden medizinischen Sachverhalt mit dem erforderlichen Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen. Die Beschwerdegegnerin hat vor
diesem Hintergrund zu Recht ein weiteres Gutachten in Auftrag gegeben. Die
Beschwerdeführerin leidet an diversen somatischen Gesundheitsbeeinträchtigungen.
Der orthopädische Sachverständige Dr. F._ hat in seinem Gutachten aber aufgezeigt,
dass der von ihm persönlich eingehend erhobene objektive klinische Befund
weitestgehend unauffällig gewesen ist. Daraus hat er mit einer überzeugenden
Begründung den Schluss gezogen, dass der Beschwerdeführerin ideal
2.3.
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leidensadaptierte Tätigkeiten uneingeschränkt zumutbar sind. Das Gutachten von Dr.
F._ enthält keine Hinweise darauf, dass der Sachverständige etwas übersehen hätte;
der objektive klinische Befund, aber auch die Beschwerdeschilderungen der
Versicherten sind im Gutachten ausführlich wiedergegeben. Das Gutachten enthält
auch eine eingehende Würdigung der Vorakten. Widersprüchlichkeiten sind nicht
auszumachen. Der Sachverständige Dr. F._ hat überzeugend aufgezeigt, dass die
Schlussfolgerungen des orthopädischen Vorgutachtens aus medizinischer Sicht nicht
stichhaltig gewesen sind. Die Berichte der behandelnden Ärzte, in denen selbst für
leidensangepasste Tätigkeiten eine Arbeitsunfähigkeit attestiert worden war, wecken
keine Zweifel an der Überzeugungskraft des Gutachtens von Dr. F._, denn die
behandelnden Ärzte haben ihre Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht mit objektiven
klinischen Befunden, sondern lediglich anhand einer „Gesamtwürdigung“ der
schwierigen Situation der Beschwerdeführerin begründet, was keine ausreichende
Grundlage für die versicherungsmedizinische Zumutbarkeitsbeurteilung bilden kann.
Zusammenfassend steht gestützt auf das in jeder Hinsicht überzeugende Gutachten
von Dr. F._ mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführerin aus somatischer Sicht
leidensadaptierte Tätigkeiten uneingeschränkt zumutbar gewesen sind.
Der psychiatrische Sachverständige Prof. G._ hat sich in seinem Teilgutachten
intensiv mit dem objektiven klinischen Befund und mit den relevanten medizinischen
Vorakten auseinandergesetzt. Er hat objektiv klinisch mehrere Symptome einer
depressiven Störung festgestellt und unter Berücksichtigung der von ihm kritisch
gewürdigten Angaben in den Vorakten überzeugend die Diagnose einer rezidivierenden
depressiven Störung mit einer im Verlauf durchschnittlich mittelgradigen – im
Untersuchungszeitpunkt leichtgradigen – Ausprägung gestellt. Diese Diagnose hat für
sich allein aber noch keinen Rückschluss auf die Arbeitsfähigkeit zugelassen, denn die
versicherungsmedizinische Arbeitsfähigkeit ergibt sich nicht aus der Diagnose, sondern
aus den objektiven klinischen Funktionseinschränkungen respektive aus dem
(verbliebenen) objektiven klinischen Funktionsniveau. Nach der gerade aktuellen
bundesgerichtlichen Auffassung (BGE 141 V 281) soll ein medizinischer
Sachverständiger im Rahmen einer Begutachtung einen Katalog von Fragen nach
sogenannten „Standardindikatoren“ beantworten. Damit soll bezweckt werden, dass
ein Sachverständiger sich auch mit Aspekten des medizinischen Sachverhaltes
befasst, die für die Beantwortung der rein medizinischen Frage nach der richtigen
Diagnose möglicherweise irrelevant, für die Beantwortung der
versicherungsmedizinischen Frage nach der Arbeitsfähigkeit aber notwendig sind. Nur
wenn ein medizinischer Sachverständiger den medizinischen Sachverhalt in allen
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gemäss dem „Standardindikatoren-Katalog“ massgebenden Punkten ermittelt und sich
zu allen „Standardindikatoren“ geäussert hat, ist es für den Rechtsanwender als
medizinischen Laien möglich, die Arbeitsfähigkeitsschätzung des medizinischen
Sachverständigen auf ihre Überzeugungskraft zu prüfen. Diese juristische Überprüfung
eines medizinischen Gutachtens auf dessen sozialversicherungsrechtliche
Aussagekraft kann offenkundig nur zwei mögliche Resultate liefern: Entweder kann auf
die Arbeitsfähigkeitsschätzung abgestellt werden oder die Arbeitsfähigkeitsschätzung
überzeugt nicht. Die Annahme, die rein juristische Überprüfung eines medizinischen
Gutachtens durch einen medizinischen Laien könne eine vom Gutachten abweichende
und zugleich überzeugendere Arbeitsfähigkeitsschätzung zum Ergebnis haben, ist
offensichtlich unhaltbar. Der Sachverständige Prof. G._ hat sich in seinem Gutachten
eingehend mit den nach der bundesgerichtlichen Auffassung massgebenden
„Standardindikatoren“ befasst: Er hat sich zur Ausprägung und Schwere der objektiven
Befunde und zu den „konkreten Erscheinungsformen“ der Gesundheitsschädigung
geäussert, er hat eine klare Abgrenzung zwischen den gesundheitsbedingten und den
„invaliditätsfremden“ Funktionseinschränkungen vorgenommen (worauf unten
eingegangen wird), er hat eine Aggravation oder gar Simulation überzeugend
ausschliessen können, er hat das aktuelle Persönlichkeitsbild und die biographische
Persönlichkeitsentwicklung ausführlich diskutiert, er hat Stellung zu den persönlichen
Ressourcen genommen, den Alltag der Beschwerdeführerin eingehend beschrieben, er
hat detaillierte Aussagen zu sozialen Belastungen gemacht (worauf anschliessend
näher eingegangen wird), er hat überzeugend begründete Diagnosen gestellt, er hat
eingehend Stellung zur Behandlung und Eingliederung genommen und er hat eine
Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben. Diese „erweiterte“ Prüfung hat zum Schluss
geführt, dass die objektiv klinisch ausgewiesene depressive Störung zu einem
wesentlichen Teil durch sogenannte psychosoziale Belastungsfaktoren verursacht
worden war. Der Sachverständige Prof. G._ hat klar darauf hingewiesen, dass die
psychosozialen Belastungsfaktoren einen dominierenden Einfluss auf die Auslösung
und das Unterhalten der Psychopathologie gehabt hätten. In diesem Zusammenhang
hat er auch überzeugend dargelegt, dass der fehlende Erfolg der bisherigen
psychopharmakologischen Behandlungsversuche auf diesen Umstand zurückzuführen
sei, weil sich psychosoziale Belastungsfaktoren nun einmal nicht durch Antidepressiva
auflösen würden. Das Gutachten von Prof. G._ ist nach einer juristischen Würdigung
anhand der „Standardindikatoren“ als sehr sorgfältig und überzeugend begründet zu
qualifizieren. Damit steht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass hauptsächlich verschiedene psychosoziale
Belastungsfaktoren zu einer rezidivierenden depressiven Störung mit einer im Verlauf
durchschnittlich mittelgradigen Ausprägung geführt haben und dass diese depressive
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Störung die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin selbst für leidensadaptierte
Tätigkeiten um 50 Prozent eingeschränkt hat. Entgegen der Ansicht des RAD-Arztes
H._ spielt es in invalidenversicherungsrechtlicher Hinsicht keine Rolle, welches die
Ursachen der krankheitswertigen depressiven Störung der Beschwerdeführerin
gewesen sind. Eine durch eine Gesundheitsbeeinträchtigung hervorgerufene
Arbeitsunfähigkeit kann nicht „invaliditätsfremd“ sein, weil sie durch psychosoziale
Belastungsfaktoren verursacht worden ist. Offenbar hat der RAD-Arzt H._ nicht
verstanden, dass die bundesgerichtliche Auffassung zu den sogenannten
psychosozialen Belastungsfaktoren darauf abzielt, die durch eine
Gesundheitsbeeinträchtigung hervorgerufenen Funktionseinschränkungen von jenen
abzugrenzen, die (lediglich) die direkte Folge von ungünstigen Lebensumständen sind.
Befindet sich beispielsweise eine versicherte Person mitten in einem belastenden
Scheidungsverfahren und ist sie deshalb (vorübergehend) nicht in der Lage, einer
vollen Erwerbstätigkeit nachzugehen, dann wird die Arbeitsfähigkeit dieser Person
nicht durch eine Krankheit, sondern – direkt – durch die belastenden Umstände
eingeschränkt; nach dem Abschluss des Scheidungsverfahrens wird die versicherte
Person in der Regel wieder in der Lage sein, ein volles Arbeitspensum zu bewältigen.
Die vorübergehenden Symptome, die in einem solchen Fall durchaus denen einer
„typischen“ Depression entsprechen können, sind nicht die Symptome einer Krankheit,
sondern die Symptome einer völlig normalen Reaktion auf die (vorübergehenden)
belastenden Lebensumstände. Anders liegt der Fall, wenn die belastenden
Lebensumstände – beispielsweise in Verbindung mit einer „labilen“ Persönlichkeit –
nicht nur zu einer vorübergehenden Funktionsbeeinträchtigung führen, sondern die
Entwicklung einer („echten“) Gesundheitsbeeinträchtigung zur Folge haben, deren
Symptome sich nicht direkt aus den belastenden Lebensumständen, sondern aus der
Krankheit als Folge einer „Fehlverarbeitung“ der belastenden Lebensumstände
ergeben. Mit einer Verbesserung der Lebensumstände kann in einem solchen Fall –
wenn überhaupt – nur eine Minderung der Symptome erzielt werden. Die Krankheit
bleibt weiterhin bestehen; sie sorgt weiterhin für eine relevante
Funktionsbeeinträchtigung. Der diese Zusammenhänge ignorierenden Sichtweise des
RAD-Arztes H._ folgend könnte bei zwei Versicherten mit identischen depressiven
Störungen und identischen daraus resultierenden Funktionsbeeinträchtigungen nur
jenem Versicherten eine Rente der Invalidenversicherung zugesprochen werden,
dessen depressive Störung nicht auf psychosoziale Belastungsfaktoren zurückzuführen
wäre. Der andere Versicherte mit genau derselben Erkrankung und genau denselben
daraus resultierenden Funktionsbeeinträchtigungen könnte dagegen keinen
Rentenanspruch haben, weil seine depressive Störung unter anderem von
psychosozialen Belastungsfaktoren mit verursacht wäre. Das hätte offenkundig eine
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stossende beziehungsweise willkürliche Ungleichbehandlung zur Folge, was zeigt,
dass die Sichtweise des RAD-Arztes H._ unzutreffend ist. Der psychiatrische
Sachverständige Prof. G._ hat überzeugend aufgezeigt, dass die seit der Kindheit
immer wieder aufgetretenen unterschiedlichen Belastungen die
Persönlichkeitsentwicklung der Beschwerdeführerin gestört und letztlich zur
Entwicklung einer krankheitswertigen depressiven Störung geführt haben. Die von Prof.
G._ beschriebenen Funktionsbeeinträchtigungen sind also nicht die direkte Folge von
belastenden Lebensumständen, sondern Symptome einer psychischen Erkrankung
gewesen. Entgegen der Ansicht des RAD-Arztes H._ hat es sich nicht um
„invaliditätsfremde“ Funktionsbeeinträchtigungen gehandelt. Im Übrigen kann die
Aktenwürdigung des RAD-Arztes H._ schon deshalb keine höhere
Überzeugungskraft als das Gutachten von Prof. G._ haben, weil es sich beim
Administrativgutachten von Prof. G._ um ein Beweismittel „zweiter Klasse“ handelt,
während es sich bei der RAD-Notiz nur um ein Beweismittel „dritter Klasse“ handelt,
und weil ein Beweismittel „dritter Klasse“ augenscheinlich keinen höheren Beweiswert
als ein Beweismittel „zweiter Klasse“ haben kann. Diese „Klasseneinteilung“ von
medizinischen Berichten ergibt sich aus der bundesgerichtlichen Rechtsprechung,
denn nach der bundesgerichtlichen Auffassung verfügen Berichte von behandelnden
Ärzten („vierte Klasse“) generell nur über einen sehr eingeschränkten Beweiswert (BGE
125 V 351 E. 3b/cc S. 353 mit Hinweisen), während auf Berichte von
versicherungsinternen medizinischen Sachverständigen („dritte Klasse“) generell
abgestellt werden kann, sofern nicht Zweifel an der Überzeugungskraft bestehen,
wobei allerdings bereits geringe Zweifel genügen (BGE 135 V 465 E. 4.6 S. 471 mit
Hinweisen); von einem Administrativgutachten eines versicherungsexternen
medizinischen Sachverständigen („zweite Klasse“) darf nach der bundesgerichtlichen
Auffassung nur abgewichen werden, wenn konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit
der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb S. 353 mit Hinweisen); von einem
Gerichtsgutachten („erste Klasse“) darf schliesslich nicht ohne zwingende Gründe
abgewichen werden (vgl. zum Ganzen den Entscheid IV 2018/409 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 17. Juni 2020, E. 2.4). Zusammenfassend ist kein Grund
ersichtlich, der gegen ein Abstellen auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Prof. G._
sprechen würde. Folglich steht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführerin ab Oktober 2014
leidensadaptierte Tätigkeiten nur noch im Umfang von 50 Prozent zumutbar gewesen
sind.
Da als leidensadaptierte Tätigkeiten angesichts des Ausbildungsstandes der
Beschwerdeführerin und der Erwerbsmöglichkeiten auf dem allgemeinen und
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ausgeglichenen Arbeitsmarkt nur ideal leidensadaptierte Hilfsarbeiten in Betracht fallen,
entspricht der Ausgangswert des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens
dem Valideneinkommen. Der Betrag kann bei der Berechnung des Invaliditätsgrades
mathematisch keine Rolle spielen, was bedeutet, dass die Invalidität anhand eines
sogenannten Prozentvergleichs bemessen werden kann. Der Invaliditätsgrad entspricht
dem Arbeitsunfähigkeitsgrad, allenfalls korrigiert um einen zusätzlichen Abzug
(sogenannter „Tabellenlohnabzug“). Ein solcher Abzug ist vorzunehmen, wenn eine
versicherte Person mit einer Gesundheitsbeeinträchtigung die ihr aus medizinischer
Sicht zumutbare Restarbeitsfähigkeit wegen ihrer Gesundheitsbeeinträchtigung nicht
mit demselben betriebswirtschaftlich-ökonomischen Erfolg wie eine gesunde Person
verwerten kann, die dieselbe Tätigkeit im selben Pensum ausübt. Das ist auf die
Tatsache zurückzuführen, dass jeder sich strikt betriebswirtschaftlich verhaltende
Arbeitgeber aus der Anstellung eines Arbeitnehmers einen möglichst hohen „Gewinn“
erzielen will. Dieser „Gewinn“ entspricht der Differenz zwischen dem ökonomischen
Mehrwert, den der Arbeitnehmer für den Arbeitgeber generiert, und den Kosten, die
dem Arbeitgeber durch die Anstellung des Arbeitnehmers entstehen, nämlich den
Lohnkosten und den zusätzlichen Kosten. Diese zusätzlichen Kosten umfassen unter
anderem die Kosten für die Einarbeitung und die Überwachung des Arbeitnehmers,
aber auch jene betriebswirtschaftlichen Kosten, die anfallen, wenn der Arbeitnehmer
krankheitsbedingt nicht zur Arbeit erscheint oder wenn er seine Arbeit nicht konstant
zuverlässig verrichtet. Bei krankheitsbedingten Absenzen muss der Arbeitgeber
nämlich kurzfristig für einen Ersatz sorgen, damit der Betriebsablauf möglichst
ungestört bleibt. Eine unzuverlässige oder schwankende Arbeitsleistung mindert den
Mehrwert der Arbeitsleistung, was betriebswirtschaftlich-ökonomisch zu einer
Reduktion des aus der Anstellung resultierenden „Gewinns“ des Arbeitgebers führt. Ein
sich strikt betriebswirtschaftlich verhaltender Arbeitgeber wird nur Arbeitnehmer
anstellen, die (mindestens) einen durchschnittlichen „Gewinn“ für ihn erzielen. Ist der
von einem Arbeitnehmer geschaffene ökonomische Mehrwert unterdurchschnittlich
oder sind die Lohnnebenkosten eines Arbeitnehmers überdurchschnittlich hoch, wird
die Anstellung dieses Arbeitnehmers für einen sich strikt betriebswirtschaftlich
verhaltenden Arbeitgeber nur in Frage kommen, wenn diese „Gewinneinbusse“ durch
einen tieferen Lohn wettgemacht werden kann, wenn also der Arbeitnehmer bereit ist,
seine Arbeitsleistung für einen unterdurchschnittlichen Lohn zu erbringen. Genau
diesem rein betriebswirtschaftlichen Umstand trägt der sogenannte
„Tabellenlohnabzug“ Rechnung. Würde den betriebswirtschaftlich-ökonomischen
Nachteilen, mit denen sich seine versicherte Person gesundheitsbedingt bei der
Verwertung ihrer Restarbeitsfähigkeit im konkreten Einzelfall konfrontiert sieht, nicht
Rechnung getragen, würde bei der Festsetzung des Invalideneinkommens im Ergebnis
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3.
Dieser Verfahrensausgang gilt hinsichtlich der Kostenfolgen als ein vollständiges
Obsiegen der Beschwerdeführerin. Die angesichts des durchschnittlichen
Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten sind folglich
der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.