Decision ID: f370b923-4887-51f1-a67e-d8d696917ceb
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) war als [...] bei der B._ GmbH angestellt und
dadurch bei der Schweizerischen Mobiliar Versicherungsgesellschaft AG (nachfolgend:
Mobiliar) gegen die Folgen von Unfällen versichert, als sie am _ 2019 durch ihre
Arbeitgeberin melden liess, sie habe am 8. September 2019 eine [...] umgestossen, die
in der Folge explodiert sei. Ein Glassplitter habe sie unter dem Knöchel des rechten
Fusses verletzt (act. S1). Die Erstbehandlung hatte am 9. September 2019 bei Dr. med.
C._, Facharzt Allgemeine Medizin FMH, stattgefunden, der als Befunde eine veraltete
(seit mehr als 12 Stunden bestehende) Schnittwunde über dem Malleolus medialis
rechts mit beginnendem Infekt und eine Druckdolenz über der Tibialis posterior-Sehne
erhoben hatte, die Wunde desinfiziert sowie mit einem Wundverband versorgt hatte, da
eine Naht bei einer mehr als 12 Stunden alten Verletzung nicht mehr möglich gewesen
sei. Dr. C._ hatte der Versicherten ausserdem vom 9. September bis 9. Oktober 2019
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt (act. M6, act. G 7.3, vgl. auch Ärztliches
Zeugnis von Dr. C._ vom 4. Oktober 2019 [act. M1]). In den nachfolgenden
Konsultationen bei Dr. C._ hatten sich zunächst hohe Entzündungswerte gezeigt.
Mittels Antibiose hatte sich schliesslich aber eine Besserung der Wundverhältnisse
eingestellt (act. G 7.3), und die Versicherte hatte _ 2019 unter Einnahme von
Schmerzmitteln ihre Arbeit wieder aufgenommen (act. M4 f., act. G 7.3). Wegen
A.a.
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Schmerzen im rechten Fuss und distalen Unterschenkel hatte die Versicherte am 23.
Oktober 2019 während der Ferienabwesenheit von Dr. C._ Dr. med. D._, Facharzt
für Innere Medizin FMH, konsultiert, der sie für eine MRT-Untersuchung mit
Kontrastmittel des rechten OSG dem Röntgeninstitut E._ zugewiesen hatte (act. M3
f.). Die Untersuchung wurde am 28. Oktober 2019 durch Dr. med. F._, FMH
Radiologie, durchgeführt, der laut gleichentags erstelltem Untersuchungsbericht eine
höhergradige Partialruptur und Peritendinitis der Tibialis posterior-Sehne erhob (act.
M3). Am 29. Oktober 2019 erfolgte sodann durch Dr. D._ die Zuweisung der
Versicherten an Dr. med. G._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates, FMH, Orthopädie H._ (act. M5). Dieser
erhob in einer Untersuchung vom 31. Oktober 2019 folgende Befunde: Knick-/
Senkfuss rechts > links, Lift off-Test positiv, Zehenstand nur knapp durchführbar,
Inversion gegen Widerstand komplett aufgehoben, Dorsalextension frei, Tibialis
posterior Sehne ohne Spannung knapp tastbar, leichte Schwellung im Bereich der
ehemaligen Wunde mit reizloser perifokaler Narbensituation. Im Untersuchungsbericht
vom 10. November 2019 an Dr. D._ hielt Dr. G._ fest, dass sich aus seiner Sicht
eine höhergradige Ruptur der Tibialis posterior-Sehne oder vermutlich sogar eine
Komplettdurchtrennung zeige. Darauf lasse die zunehmende Knick-Senkfussdeformität
schliessen. Er diagnostizierte eine höhergradige Läsion der Tibialis posterior Sehne
retromalleolar nach Schnittverletzung am 8. September 2019 und hielt fest, dass für
den 13. Dezember 2019 eine operative Therapie geplant sei (act. M7). Die Versicherte
war seit dem 28. Oktober 2019 erneut zu 100% arbeitsunfähig gewesen (vgl. Ärztliches
Zeugnis von Dr. D._ vom 28. Oktober 2019 [act. M8]).
Am 1. November 2019 hatte die Klinik J._ AG, der Mobiliar ein
Kostengutsprachegesuch für einen vom 13. bis 16. Dezember 2019 dauernden
Spitalaufenthalt zur Behandlung einer Läsion der Tibialis posterior Sehne rechts
eingereicht (act. K21). Gestützt auf eine nicht aktenkundige Beurteilung ihrer
beratenden Ärztin Dr. med. I._, Fachärztin für orthopädische Chirurgie und
Traumatologie, vom 14. November 2019 (vgl. act. M10) teilte die Mobiliar der
Versicherten mit Schreiben vom 15. November 2019 mit, dass die in der Klinik J._
geplante Operation vom 13. Dezember 2019 bzw. die Operationsindikation nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit mit dem Ereignis vom 8. September 2019 in
A.b.
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B.
Zusammenhang stehe und daher eine Leistungspflicht für sämtliche mit der Operation
zusammenhängenden Kosten abgelehnt werden müsse. Auf die Rückforderung der
bereits erbrachten unfallfremden Leistungen werde verzichtet. Die Kosten für die
unmittelbare Behandlung der Schnittverletzung würden im Rahmen der
Unfallversicherung übernommen (act. K16; vgl. auch act. K18).
Nachdem Dr. G._ mit Schreiben (bzw. "Wiedererwägungsgesuch") vom 21.
November 2019 zur Leistungsablehnung der Mobiliar Stellung genommen und um
deren Überprüfung ersucht hatte (act. M9), liess die Mobiliar den Schadenfall erneut
durch Dr. I._ beurteilen (act. M10). Die beratende Ärztin blieb bei ihrer Einschätzung,
dass eine oberflächliche Schnittverletzung am rechten Innenknöchel durch eine
Glasscherbe, von einer Grösse, die keine Wundnaht erfordere, nicht geeignet sei, den
ausgedehnten Längsriss der Tibialis posterior Sehne zu verursachen. Vielmehr handle
es sich beim fraglichen Riss um einen degenerativen Vorzustand, der im Kontext mit
einer chronischen Überlastung bei den bei der Versicherten vorhandenen Knick-
Senkfüssen beidseits auch überwiegend wahrscheinlich sei. Die retro- und
inframalleoläre Längsruptur der Tibialis posterior Sehne sei mithin keine Folge der
Schnittverletzung (act. M10). Gestützt auf die Beurteilung von Dr. I._ hielt die Mobiliar
mit Verfügung vom 9. Dezember 2019 an ihrer Leistungsablehnung bezüglich der
Kosten für die geplante Operation vom 13. Dezember 2019 fest. Erneut bestätigte sie
hingegen die Kostenübernahme für die unmittelbare Behandlung der Schnittverletzung
(act. K25).
A.c.
Am 12. Dezember 2019 teilte Dr. G._ der Mobiliar telefonisch mit, dass er von
der Verfügung enttäuscht sei. Der Fehler liege beim Hausarzt, der die genaue Diagnose
zu spät erkannt habe. Er wolle den Fall medizinisch mit Dr. I._ besprechen.
Vorliegend würden eindeutig Unfallfolgen vorliegen. Er wolle nicht, dass schlussendlich
der Hausarzt die Konsequenzen tragen und die Versicherte Einsprache gegen die
Verfügung erheben müsse. Die Mobiliar wies Dr. G._ darauf hin, dass innert Frist eine
Einsprache erhoben werden müsste (act. K26). Noch gleichentags fand offenbar ein
Telefongespräch zwischen Dr. G._ und Dr. I._ statt, worin Dr. G._ angab, dass
bei der Versicherten keine Knick-Senk-Füsse bekannt seien. Lediglich im Nachgang
B.a.
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zum Ereignis vom 8. September 2019 sei es zum Absinken des Längsgewölbes des
rechten Fusses gekommen. Dr. G._ und Dr. I._ vereinbarten, dass die Versicherte
Fotos zustelle (vgl. act. M14; eine entsprechende Telefonnotiz ist nicht aktenkundig).
Noch am selben Tag reichte die Versicherte der Mobiliar aus der Zeit der nach der
Verletzung entstandenen Infektion im Wundbereich Fotos des rechten Fusses ein (act.
K27; vgl. dazu auch act. M14 und M18 ff.).
Am 13. Dezember 2019 führte Dr. G._ bei der Versicherten am rechten Fuss eine
minimalinvasive Calcaneus-Slide-Osteotomie und einen Transfer der FDL (Flexor
digitorum longus) -Sehne durch (act. M12; vgl. auch act. M13).
B.b.
Mit einer E-Mail vom 20. Dezember 2019 reichte Dr. G._ der Mobiliar die
intraoperativen Bilder ein und erklärte, in diesen zeige sich eindeutig, dass die
Hautläsion über der Sehne gelegen sei und sich darunterliegend eine komplette Ruptur
mit Retraktion der proximalen Anteile der Sehne zeige, sodass keine Sehnennaht
möglich gewesen sei. Dr. G._ bekräftigte nochmals, dass aus seiner Sicht eine
eindeutige Unfallursache für die Sehnenschädigung vorliege, und er bat um eine
Neubeurteilung (act. K28).
B.c.
Am 21. Dezember 2019 nahm Dr. I._ zu den von der Versicherten eingereichten
Fotos Stellung und blieb bei ihrer Einschätzung, dass die Operation des rechten Rück
fusses die Behandlung des erworbenen Knick-/Senkfusses und seiner Folgen, jedoch
keine Unfallfolge darstelle (act. M14).
B.d.
In einer weiteren Beurteilung vom 27. Dezember 2019 nahm Dr. I._ zu den
Aussagen von Dr. G._ in dessen E-Mail vom 13. Dezember 2019 (richtig wohl: 20.
Dezember 2019) Stellung. Sie kam insbesondere zum Schluss, dass entweder ein
fehlerhafter MRT-Befund vorliege oder die Angaben von Dr. G._ nicht korrekt seien
(act. M15).
B.e.
Am 23. Januar 2020 erkundigte sich die Mobiliar auf Wunsch von Dr. I._
telefonisch bei der Versicherten, ob sie schon vor dem Unfall vom 8. September 2019
Probleme mit dem Fuss bzw. den Füssen gehabt habe, was diese verneinte. Sie sei
vorher ganz gesund gewesen. Die Mobiliar erklärte im Weiteren, dass sie noch das
Videomaterial und den Operationsbericht einverlangen müsse. Danach könne eine
B.f.
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C.
abschliessende Aktenbeurteilung erfolgen (act. K29). Mit E-Mails vom 10. und 11.
Februar 2020 ersuchte die Mobiliar die Klinik J._ um Einreichung des Videomaterials
betreffend die Operation vom 13. Dezember 2019, des Operations- und
Austrittsberichts vom 13. Dezember 2019 und eventuell vorliegender Röntgenberichte
(act. K32, K37). Mit Schreiben vom 29. März 2020 teilte die Versicherte der Mobiliar
mit, dass sie immer noch auf eine Neubeurteilung ihres Unfalls vom 8. September 2019
warte. Im Schreiben hatte sie zudem ausführlich den Sachverhalt ab dem Unfalltag aus
ihrer Sicht geschildert (act. K36). Mit E-Mail vom 2. April 2020 liess Dr. G._ der
Mobiliar verschiedene Unterlagen zukommen (act. K40; insbesondere nochmals act.
M18 ff.). Am 8. und 9. April 2020 bestätigten die Versicherte und die Klinik J._, dass
kein Videomaterial von der Operation vorhanden sei (act. K43 f.).
Am 16. April 2020 nahm Dr. I._ in einer abschliessenden Aktenbeurteilung zur
Unfallkausalität der am 13. Dezember 2019 operativ versorgten Tibialis posterior-
Dysfunktion rechts Stellung und hielt fest, dass die vorgenannte Dysfunktion mit
Insuffizienz der Tibialis posterior-Sehne bei einem ausgedehnten retro- und
inframalleolären Längseinriss der Tibialis posterior Sehne, einer Tenosynovialitis und
zunehmenden Knick-Plattfüssen beidseits, rechts > links, keine Folgen des Ereignisses
vom 8. September 2019 darstellten (act. M21).
B.g.
Mit Schreiben vom 29. April 2020 reichte die Versicherte der Mobiliar
Rückforderungsbelege für durch Dr. C._ im Zeitraum vom 9. September bis 30.
Oktober 2019 erbrachte Heilbehandlungsleistungen ein und führte aus, dass sie seit
dem Unfall ununterbrochen unter Schmerzen gelitten und in ärztlicher Behandlung
gestanden habe, sodass sehr wohl ein Zusammenhang zwischen dem Fussleiden und
dem Unfall bestehe (act. K47, K47.1 ff.).
B.h.
Mit Einspracheentscheid vom 5. Juni 2020 entschied die Mobiliar, dass die
Verfügung vom 9. Dezember 2019 bestätigt werde (act. K48).
B.i.
Gegen den Einspracheentscheid vom 5. Juni 2020 erhob die Versicherte
(nachfolgend: Beschwerdeführerin), vertreten durch Rechtsanwalt MLaw M. A. Glavas,
Muolen, mit Eingabe vom 6. Juli 2020 Beschwerde mit folgenden Anträgen: 1. Es sei
C.a.
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Erwägungen
1.
Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet der Einspracheentscheid
vom 5. Juni 2020 (act. K48). Diesem liegt die Verfügung vom 9. Dezember 2019
zugrunde (act. K25). Gegenstand des Einspracheentscheids und der Verfügung ist der
materiell-rechtliche Entscheid über den Anspruch der Beschwerdeführerin auf die
gesetzlichen Versicherungsleistungen aus der obligatorischen Unfallversicherung im
Zusammenhang mit der am 13. Dezember 2019 durch Dr. G._ operativ versorgten
der angefochtene Einspracheentscheid vom 5. Juni 2020 aufzuheben und ihr seien die
Unfallversicherungsleistungen auch im Zusammenhang mit der Operation vom 13.
Dezember 2019 auszurichten. 2. Eventualliter sei die vorliegende Streitsache an die
Mobiliar (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) zurückzuweisen und sie sei zu
verpflichten, ein neutrales Gutachten (zur Frage der Unfallkausalität) in Auftrag zu
geben. 3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zuzüglich 7.7% Mehrwertsteuer zu
Lasten der Beschwerdegegnerin. In formeller Hinsicht rügte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes. Die
Beschwerdegegnerin hätte zumindest Dr. G._ mit den Vorwürfen von Dr. I._
konfrontieren müssen, um eine einigermassen objektive Beurteilung des medizinischen
Sachverhalts zu erreichen. Es werde um einen zweiten Schriftenwechsel ersucht, damit
eine Beurteilung von Dr. G._ eingereicht werden könne (act. G1).
In der Beschwerdeantwort vom 25. August 2020 beantragte die
Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde (act. G3).
C.b.
In der Replik vom 12. Oktober 2020 bekräftigte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin seine Beschwerdeanträge (act. G7) und reichte Stellungnahmen
von Dr. G._ und Dr. C._ vom 31. August bzw. 1. September 2020 (act. G7.1 ff.) ein.
C.c.
In der Duplik vom 10. November 2020 hielt die Beschwerdegegnerin ihrerseits am
Antrag auf Abweisung der Beschwerde fest (act. G9).
C.d.
Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie die weiteren
Ausführungen in den medizinischen Akten wird, soweit entscheidnotwendig, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
C.e.
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Tibialis-posterior-Sehne (act. M12 f.). Die Beschwerdegegnerin stellt im
Einspracheentscheid unter Hinweis auf die vorliegenden Akten (vgl. dazu insbesondere
act. K27, K29, K36 sowie die Erwägungen Ziff. II./1 f. des Einspracheentscheids [act.
K48]; vgl. auch die entsprechenden Ausführungen in der Beschwerdeantwort vom 25.
August 2020 [act. G3]) jedoch zunächst formell-rechtlich fest, dass die
Beschwerdeführerin gegen die Verfügung vom 9. Dezember 2019 eigentlich verspätet
Einsprache (vgl. act. K36) erhoben gehabt habe (vgl. dazu Art. 52 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR
830.1]; Art. 10 Abs. 1 und 3 der Verordnung über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSV; SR 830.11]), was grundsätzlich ein Nichteintreten zur
Folge hätte haben müssen (vgl. hierzu beispielsweise die Urteile des Bundesgerichts
vom 20. Oktober 2008, 8C_639/2008, 3. Juli 2009, 9C_381/2009, und 6. Juli 2010,
9C_440/2010). Der Auffassung der Beschwerdegegnerin kann indessen nicht gefolgt
werden. Nach Lage der Akten äusserte sich Dr. G._ gegenüber einer
Sachbearbeiterin der Beschwerdegegnerin telefonisch am 12. Dezember 2019
erkennbar im Auftrag und als Vertreter der Beschwerdeführerin. Er drückte seine
Enttäuschung über die Verfügung vom 9. Dezember 2019 aus und erklärte, dass
eindeutig Unfallfolgen vorliegen würden. Schliesslich wurde von Dr. G._ die
Erhebung einer Einsprache angesprochen und seitens der Sachbearbeiterin erklärt,
dass eine solche innert Frist erfolgen müsste (act. K26). Mit E-Mail vom gleichen Tag
gelangte sodann die Beschwerdeführerin selber auch unter Bezugnahme auf ein
Telefongespräch von Dr. G._ mit Dr. I._ an die Beschwerdegegnerin und reichte
dieser von letzterer gewünschte Fotos ein (act. K 27; vgl. zum Zeitpunkt des
Telefongesprächs act. M 15). Der Einsprachewille und die sinngemässen
Rechtsbegehren der Beschwerdeführerin waren damit insgesamt offenkundig innerhalb
der Frist zur Einspracheerhebung dargetan. Wenn Formmängel
(Nichteintretens-)Folgen hätten haben sollen (vgl. dazu Art. 52 ATSG und Art. 10 Abs. 3
ATSV), hätte die Beschwerdegegnerin eine Nachfrist zur Korrektur setzen müssen (Art.
10 Abs. 5 ATSV). Die Beschwerdegegnerin hat indessen darauf verzichtet und hat
insbesondere keine Vollmacht (vgl. Art. 37 Abs. 2 ATSG) und keine Unterschrift (vgl.
Art. 10 Abs. 4 ATSV) eingeholt. Vielmehr hat sie der Beschwerdeführerin in einem
Telefonat vom 23. Januar 2020 weitere Abklärungen und eine abschliessende
Beurteilung in Aussicht gestellt (vgl. act. K 29), sodass diese darauf vertrauen durfte, es
sei für einen neuen Entscheid kein Zutun ihrerseits mehr erforderlich. Die
Vorgehensweise der Beschwerdegegnerin kann der Beschwerdeführerin nun nicht zum
Nachteil gereichen.
2.
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Vorliegend strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin eine Leistungspflicht
für sämtliche mit der Operation vom 13. Dezember 2019 in Zusammenhang stehenden
Kosten zu Recht verneint hat.
Ist die versicherte Person infolge des Unfalls voll oder teilweise arbeitsunfähig (Art.
6 ATSG), so hat sie Anspruch auf ein Taggeld (Art. 16 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Unfallversicherung [UVG; SR 832.20]). Sie hat zudem Anspruch auf die
zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen (Art. 10 UVG). Angesichts dieser
gesetzlichen Bestimmungen bildet die Unfallkausalität Anspruchsvoraussetzung für
Heilkosten- und Taggeldleistungen der Unfallversicherung. Eine Leistungspflicht des
Unfallversicherers besteht demnach nur für Gesundheitsschäden, die natürlich und
adäquat kausal mit einem versicherten Unfallereignis zusammenhängen (BGE 129 V
181 E. 3.1 f. mit Hinweisen; André Nabold, N 48 ff. zu Art. 6, in: Marc Hürzeler/Ueli
Kieser [Hrsg.], Bundesgesetz über die Unfallversicherung, Kommentar zum
schweizerischen Sozialversicherungsrecht, 2018 [nachfolgend zitiert: KOSS UVG];
Irene Hofer, N 63 ff. zu Art. 6, in: Ghislaine Frésard-Fellay/Susanne Leuzinger/Kurt Pärli
[Hrsg.], Unfallversicherungsgesetz, Basler Kommentar, 2019 [nachfolgend zitiert: BSK
UVG]; Alexandra Rumo-Jungo/André Pierre Holzer, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, in: Erwin Murer/Hans-Ulrich Stauffer [Hrsg.], Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 4. Aufl. 2012, S. 53 ff.). Für die
Beantwortung der Tatfrage nach dem Bestehen natürlicher Kausalzusammenhänge im
Bereich der Medizin ist das Gericht in der Regel auf Angaben ärztlicher Experten und
Expertinnen angewiesen. Die Frage nach dem adäquaten Kausalzusammenhang ist
demgegenüber eine Rechtsfrage, die vom Gericht nach den von Doktrin und Praxis
entwickelten Regeln zu beurteilen ist (BGE 129 V 181 E. 3.1, 112 V 32 f. E. 1; Urteil des
Bundesgerichts vom 1. September 2008, 8C_522/2007, E. 4.3.2; KOSS UVG-Nabold,
N 53, 59 zu Art. 6; BSK UVG-Hofer, N 66, 74 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S.
55, 58). Im Bereich klar ausgewiesener organischer Unfallfolgen im Sinne von
nachweisbaren strukturellen Veränderungen spielt die Adäquanz als rechtliche
Eingrenzung der sich aus dem natürlichen Kausalzusammenhang ergebenden Haftung
des Unfallversicherers praktisch keine Rolle, da sich hier die adäquate weitgehend mit
der natürlichen deckt (vgl. BGE 134 V 112 E. 2, 127 V 103 E. 5b/bb; BSK UVG-Hofer, N
80 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 58 f.). Hat der Unfallversicherer seine
Leistungspflicht im Grundfall einmal anerkannt, so entfällt seine Leistungspflicht erst
dann, wenn der Unfall nicht (mehr) die natürliche oder adäquate Ursache des
Gesundheitsschadens darstellt, wenn also letzterer nur noch und ausschliesslich auf
unfallfremden Ursachen beruht. Ebenso wie der leistungsbegründende natürliche
Kausalzusammenhang muss das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von
2.1.
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unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens mit dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
nachgewiesen sein. Die blosse Möglichkeit gänzlich fehlender Auswirkungen des
Unfalls genügt nicht (Urteil des Bundesgerichts vom 6. August 2008, 8C_101/2008,
E. 2.2; Thomas Locher/Thomas Gächter, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4.
Aufl. 2014, § 70 N. 58 f.).
Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben die
urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln
sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen und alle Beweismittel unabhängig
davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der
Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht,
auch die beklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen des Experten oder der Expertin begründet sind.
Ausschlaggebend für den Beweiswert eines ärztlichen Gutachtens ist grundsätzlich
weder die Herkunft noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen
Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 125 V 352 E. 3a). Auch Berichte und
Gutachten, welche die Versicherungen während des Administrativverfahrens von ihren
eigenen bzw. beratenden Ärzten und Ärztinnen einholen, können beweistauglich sein.
An die Beweiswürdigung der Beurteilungen dieser Ärzte und Ärztinnen sind indes
strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an deren
Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit, sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE
135 V 469 f. E. 4.4. mit Hinweis; bestätigt in Urteil des Bundesgerichts vom 23.
November 2012, 8C_592/2012, E. 5.3). Die Rechtsprechung erachtet sodann reine
Aktengutachten als beweiskräftig, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im
Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden
medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztliche Befassung mit der
versicherten Person in den Hintergrund rückt (Urteil des Bundesgerichts vom 18. Juni
2014, 9C_196/2014, E. 5.1.1 mit Hinweisen).
2.2.
Nach den allgemeinen Regeln des Sozialversicherungsrechts hat der
Versicherungsträger den rechtserheblichen Sachverhalt abzuklären. Er ist nach dem in
Art. 43 Abs. 1 ATSG statuierten Untersuchungsgrundsatz verpflichtet, die notwendigen
Abklärungen von Amtes wegen vorzunehmen und die erforderlichen Auskünfte
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
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3.
einzuholen, wobei mündlich erteilte Auskünfte schriftlich festzuhalten sind (BGE 122 V
158 E. 1a mit Hinweisen; Kieser, a.a.O., N 13 ff. zu Art. 43; Locher/Gächter, a.a.O., § 70
N 2 ff.). Der Untersuchungsgrundsatz schliesst eine Beweislast im Sinn der
Beweisführungslast begriffsnotwendig aus. Die Parteien tragen aber eine Beweislast
insofern, als im Fall der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei
ausfällt, die aus dem unbewiesenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. BGE 129 V 177
E. 3.1, 117 V 360 E. 4a, je mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts vom 6. August
2008, 8C_101/2008, E. 2.2.; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 4, 54 f.).
Die Beschwerdegegnerin hat ihre Leistungspflicht für das Unfallereignis vom 8.
September 2019 hinsichtlich der Schnittverletzung anerkannt. Sie stellt sich jedoch mit
Verweis auf die Beurteilungen von Dr. I._ auf den Standpunkt, dass die anlässlich der
Operation vom 13. Dezember 2019 behandelte Sehnenruptur in keinem kausalen
Zusammenhang zum Unfall stehe, weshalb sie diesbezüglich keine Leistungspflicht
treffe.
3.1.
Die Beschwerdeführerin erachtet die Beurteilungen von Dr. I._ demgegenüber
als nicht beweiskräftig. Sie ist der Ansicht, dass auf die Aktenbeurteilung vom 16. April
2020 (act. M21) schon allein deshalb nicht abgestellt werden könne, da Dr. I._ den
Fall bereits zuvor mehrfach beurteilt habe. Indem die Beschwerdegegnerin auf den
Beizug eines weiteren unbefangenen Arztes verzichtet habe, habe sie den
Untersuchungsgrundsatz verletzt (act. G1).
3.2.
Im Umstand, dass die Beschwerdegegnerin die abschliessende Aktenbeurteilung
erneut bei Dr. I._ und nicht bei einem anderen Mediziner hat vornehmen lassen, ist im
Rahmen des Verwaltungsverfahrens grundsätzlich noch keine Verletzung des
Untersuchungsgrundsatzes zu sehen. So ist es nichts Aussergewöhnliches, wenn ein
Versicherungsträger während des Verwaltungsverfahrens, selbst mit zusätzlichem
Einspracheverfahren, mehrmals mit Fragen an denselben beratenden Arzt oder
dieselbe beratende Ärztin gelangt. Dies gilt umso mehr, wenn neue Akten eingereicht
werden und der beratende Arzt oder die beratende Ärztin - wie im konkreten Fall -
gefragt wird, ob sich daraus neue Erkenntnisse ergeben würden, oder der beratende
Arzt oder die beratende Ärztin zunächst eine Kurzbeurteilung abgegeben hat und
abschliessend um eine umfassende, ausführliche Beurteilung des Schadenfalls ersucht
wird. Gelangt die beratende Ärztin mehrmals zum selben Ergebnis, deutet dies nicht
ohne Weiteres auf deren Voreingenommenheit hin. Ebenso gut kann in der
Übereinstimmung der Einschätzungen ein Hinweis auf die Zuverlässigkeit der ärztlichen
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
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4.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin geht von einer Unfallkausalität der Tibialis
posterior-Sehnenläsion aus und stützt sich dabei insbesondere auf die Stellungnahme
von Dr. G._ vom 31. August 2020 (act. G7.1 f.). Dieser nimmt an, dass durch die
Schnittverletzung am Innenknöchel auch eine Schädigung der Tibialis posterior Sehne
stattgefunden habe. Die Schnittverletzung liege genau über der Sehne. Hier habe sich
intraoperativ eine komplette Ruptur mit Retraktion der proximalen Anteile der Sehne
gezeigt, sodass eine Sehnennaht nicht möglich gewesen sei (act. K28; act. G7.1 f.). Die
Beschwerdegegnerin stützt sich demgegenüber bei ihrer Kausalitätsbeurteilung, wie
bereits erwähnt, auf die Beurteilungen von Dr. I._ ab, die in Bezug auf die am 13.
Dezember 2019 operativ versorgte Tibialis posterior Sehne von einem vorbestehenden
degenerativen Gesundheitszustand in Form einer Tibialis posterior-Dysfunktion rechts
mit Insuffizienz der Sehne bei ausgedehntem retro- und inframalleolären Längsriss der
Sehne, einer Tenosynovialitäts und einem zunehmenden Knick-/Plattfuss beidseits
rechts > links ausgeht (act. M21). Sehnenläsionen treten häufig als Folge einer
vorgängigen Degeneration, ohne nennenswertes Trauma, auf. Sie können allerdings
auch als Folge eines Traumas ein- oder abreissen (vgl. dazu Alfred M. Debrunner,
Orthopädie, Orthopädische Chirurgie, 4. Aufl. 2005, S. 628, 1177; Pschyrembel,
Klinisches Wörterbuch, 267. Aufl. 2017, S. 1646; Roche Lexikon, Medizin, 5. Aufl. 2003,
S. 1681). Nachfolgend ist damit zu entscheiden, von welcher Kausalität im
vorliegenden Fall mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
auszugehen ist.
Beurteilung gesehen werden. Im Übrigen stellt sich die Sachlage bei Dr. G._ nicht
anders dar. Auch er hat wiederholt zum vorliegenden Schadenfall Stellung bezogen
und an seiner Beurteilung festgehalten. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass sich
Dr. G._ in seiner Stellungnahme vom 31. August 2020 (act. G 7.1 f.) nochmals zu
verschiedenen Aussagen in den Beurteilungen von Dr. I._, auch zu solchen in deren
abschliessender Beurteilung vom 16. April 2020, geäussert hat. Ob die
Beschwerdegegnerin im Rahmen ihres Entscheids tatsächlich den
Untersuchungsgrundsatz gemäss Art. 43 Abs. 1 ATSG verletzt hat, indem sie auf die
Beurteilungen von Dr. I._ abgestellt und auf weitere Abklärungen verzichtet hat, ist im
Rahmen der nachfolgenden materiell-rechtlichen Beweiswürdigung bzw.
Kausalitätsbeurteilung zu prüfen.
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5.
5.1.
Dr. I._ weist zunächst in der Beurteilung vom 27. Dezember 2019 (act. M15)
und in der Aktenbeurteilung vom 16. April 2020 (act. M21) zutreffend darauf hin, dass
die Angabe eines ausgedehnten Längseinrisses der retro- und inframalleolären Tibialis
posterior Sehne ohne Beschreibung einer kompletten Sehnendurchtrennung und
Retraktion der proximalen Anteile der Sehne im MRT-Untersuchungsbericht vom 28.
Oktober 2019 (act. M3) diskrepant zu den Angaben von Dr. G._ sei. Wie bereits
erwähnt, erklärte Dr. G._ in einer E-Mail vom 20. Dezember 2019 (act. K28) in
Übereinstimmung mit seinen Ausführungen im Operationsbericht vom 13. Dezember
2019 (act. M12), dass sich intraoperativ eine komplette Ruptur mit Retraktion der
proximalen Anteile der Sehne gezeigt habe, sodass eine Sehnennaht nicht möglich
gewesen sei. Dr. I._ schliesst daraus, dass entweder ein fehlerhafter MRT-Befund
vorliege oder die Angaben von Dr. G._ nicht korrekt seien. Die Angaben im
Operationsbericht von Dr. G._ "Hier zeigt sich dann im Bereich der alten Narbe eine
komplette Vernarbung und Durchtrennung der Sehne. Ein proximaler Stumpf kann hier
nicht mehr dargestellt werden. Es zeigt sich lediglich Narbengewebe. Auch die
Sehnenscheide ist nicht mehr sauber abgrenzbar." seien im Übrigen in sich
widersprüchlich. Eine Schnittverletzung mit kompletter Durchtrennung der Sehne und
Retraktion des proximalen Sehnenstumpfes könne nicht komplett vernarben, allenfalls
könne der distale Sehnenstumpf mit der Sehnenscheide verkleben. Dr. I._ sieht in
den intraoperativen Bildern des rechten Fusses lediglich eine sulzig degenerativ
veränderte Sehne und eine Synovialitis der Sehnenscheide der Tibialis posterior-
Sehne, jedoch keine vollständige Ruptur der Tibialis posterior-Sehne. Dies stimme
denn auch mit dem MRT-Bericht überein (act. M21, S. 3). In Bezug auf den von Dr.
I._ dargelegten Widerspruch hält Dr. G._ in seiner Stellungnahme vom 31. August
2020 (act. G7.1 f.) dagegen, dass das MRT ca. sechs bis sieben Wochen nach der
Verletzung durchgeführt worden sei. Dass sich hier keine scharfkantige
Schnittverletzung der Tibialis posterior-Sehen zeige, sei offensichtlich. In sechs
Wochen finde logischerweise eine gewisse Narbenbildung statt, was eine scharfe
Abgrenzung einer traumatischen Ruptur nicht mehr ermögliche. Ebenso komme es bei
diesen Sehnenverletzungen häufig zu einer Partialverletzung, die dann über weitere Zeit
zu einer Komplettruptur durch die Sehnenschwächung führe.
5.1.1.
Die letzte Aussage von Dr. G._ bildet - wenn auch nur als Vermutung geäussert
- eine Erklärung dafür, weshalb er intraoperativ eine Komplettruptur zu erheben
5.1.2.
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vermochte, während im MRT-Untersuchungsbericht nur eine Teilruptur bzw. ein
Längseinriss genannt worden war. Letzteres scheint für ihn damit offensichtlich keinen
Widerspruch darzustellen. Doch könnte ein vom MRT abweichender intraoperativer
Befund bzw. - wie von Dr. I._ ebenfalls als möglich angesehen - ein fehlerhafter
MRT-Befund auch damit erklärt werden, dass eine Operation gegenüber dem MRT
durch den direkten Einblick in die Strukturen in manchen Fällen eine bessere
diagnostische Differenzierung zulässt. Jedenfalls hält Dr. G._ an seinem intraoperativ
erhobenen Befund einer Komplettruptur fest. Anzufügen ist, dass die Tibialis posterior-
Sehne laut Untersuchungsbericht vom 10. November 2019 immerhin auch in der
klinischen Untersuchung vom 31. Oktober 2019 durch Dr. G._ ohne Spannung knapp
tastbar war (act. M7), was als Hinweis auf einen Komplettriss interpretiert werden kann
(https://gelenk-klinik.de/fuss/knick-senkfuss.html, abgerufen am 22. Februar 2021).
Ob ein Komplettriss vernarben kann, kann das medizinisch unkundige Gericht
nicht beurteilen. Diesbezüglich liegen zwei sich widersprechende Aussagen vor. Die
weitere Auswertung der intraoperativen Bilder von Dr. I._, wonach diese eine sulzig
degenerative Veränderung und eine Synovialitis der Sehnenscheide der Tibialis
posterior-Sehne gezeigt hätten (act. M21, S. 3), wird von Dr. G._ ebenfalls nicht
bestätigt. Intraoperativ habe sich kein Anhaltspunkt für eine Tendinopathie gezeigt.
Eine Tendinopathie im MRT zu beurteilen, nachdem eine Sehnenverletzung
stattgefunden habe, sei eine äusserst gewagte Feststellung. Auch hinsichtlich einer
intraoperativen Tendinopathie liegt demnach eine divergierende Beurteilung vor,
welche das Gericht mangels fachmedizinischer Kenntnisse nicht zu überprüfen
vermag. Fest steht, dass Dr. F._ im MRT-Untersuchungsbericht eine Peritendinitis
der Tibialis posterior-Sehne als Befund festhielt. Eine Tendinopathie stellt eine
Entzündung der Sehne in Ansatznähe und damit grundsätzlich ein krankheitsbedingtes
Leiden bzw. eine degenerative Veränderung dar, kann aber zumindest sekundär auch
als unfallkausaler Gesundheitsschaden, d.h. als (Spät-)Folge einer primären Verletzung,
beispielsweise nach einer Fraktur oder Ruptur, auftreten (vgl. Debrunner, a.a.O., S.
1107; Pschyrembel, a.a.O., S. 1782; Roche Lexikon, a.a.O., S. 1808). Vor diesem
Hintergrund erscheint die Aussage von Dr. G._, die Feststellung von Dr. I._ sei
gewagt, jedenfalls in gewisser Weise nachvollziehbar.
5.1.3.
Dem Gericht ist es mangels fachmedizinischer Kenntnisse nicht möglich zu
beurteilen, welcher ärztlichen Interpretation der intraoperativen Bilder zu folgen ist. Die
Auswertung der intraoperativen Bilder betreffend Zustand der Tibialis posterior-Sehne
ist jedoch für die Beurteilung der Unfallkausalität von zentraler Bedeutung.
Diesbezügliche Unklarheiten sprechen für die Notwendigkeit weiterer Abklärungen.
5.1.4.
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Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen, kommt im vorliegenden Fall weiteren
Kriterien eine Bedeutung für die Kausalitätsbeurteilung zu, welche für das Gericht
ungeklärt sind.
5.2.
Dr. I._ stellt in ihrer Aktenbeurteilung vom 16. April 2020 fest, dass
degenerative längsgerichtete Auffaserungen der Tibialis posterior-Sehne nicht nur
häufig, sondern vor allem im Kontext mit einer chronischen Überlastung bei
vorhandenen Knick-/Plattfüssen beidseits auftreten würden (act. M21, S. 2). Dr. G._
räumt in seiner Stellungnahme vom 31. August 2020 (act. G 7.1) ein, dass er in seinem
Untersuchungsbericht vom 10. November 2019 (act. M7) den Befund eines
beidseitigen Knick-/Senkfusses beschrieben habe, der jedoch asymmetrisch sei. Es sei
beschrieben, dass der Knick-/Senkfuss auf der rechten Seite deutlich stärker sei
("rechts > links"). Mit seiner weiteren Aussage - dies würde eine Verletzung der Tibialis
posterior-Sehne verursachen - bestätigt er sodann nicht die von Dr. I._ aufgezeigte
Kausalkette, sondern betrachtet den rechtsseitig stärkeren Knick-Senkfuss als Folge
der Ruptur der Tibialis posterior-Sehne. So vermutete er bereits im
Untersuchungsbericht vom 10. November 2019 eine Komplettdurchtrennung der
Tibialis posterior Sehne, auf welche die zunehmende Knick-/Senkfussdeformität
schliessen lasse (act M7). In der medizinischen Literatur werden beide Kausalitäten
beschrieben (vgl. Debrunner, a.a.O., S. 1146, 1177; Pschyrembel, a.a.O., S. 1394;
Roche Lexikon, a.a.O., S. 1010; https://gelenk-klinik.de/fuss/fuss-operation/knick-
senkfuss-operation.html; https://www.schulthess-klinik.ch/sites/default/files/
documents/2019-02/rheuma_der_erworbene_knicksenkfuss.pdf, beide abgerufen am
22. Februar 2021). Dass Dr. G._ bei der Beschwerdeführerin anlässlich seiner
Untersuchung vom 31. Oktober 2019 auch am linken Fuss eine Knick-/Senkfuss-
Deformität feststellte, spricht zwar eher dafür, dass eine solche auch rechtsseitig
vorbestehend war. Andererseits war diejenige auf der rechten Seite laut Dr. G._
bedeutend stärker ausgeprägt, womit im Umstand, dass bei der Beschwerdeführerin
nach dem Unfall der Befund eines Knick-/Senkfusses erhoben wurde, zumindest kein
Indiz gegen eine überwiegend wahrscheinliche Unfallkausalität der Tibialis posterior-
Sehnenläsion gesehen werden kann. Dies gilt umso mehr, weil auch die Feststellung
von Dr. G._ - eine Knick-/Senkfuss-Deformation sei die vermutlich häufigste
Fehlstellung der Füsse und führe in den seltensten Fällen zu einer Problematik der
Tibialis posterior-Sehne (act. G7.2) - in der medizinischen Literatur bestätigt wird
(Debrunner, a.a.O., S. 1142, 1144). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die
Knick-/Senkfuss-Problematik der Beschwerdeführerin je nach Beurteilung der
5.2.1.
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Sehnenverletzung in den intraoperativen Bildern die von Dr. I._ oder von Dr. G._
dargelegte Kausalkette stützen könnte.
Als Indiz gegen eine traumatische Sehnenläsion sieht Dr. I._ sodann laut ihrer
Aktenbeurteilung vom 16. April 2020 (act. M21) das Fehlen einer medizinischen
Plausibilität, dass eine oberflächliche Schnittverletzung am rechten Innenknöchel durch
eine Glasscherbe - von einer Grösse, die keine Wundnaht erfordert habe, und daher
lediglich vom Hausarzt versorgt worden sei - einen ausgedehnten Längsriss bei der
nahezu rechtwinklig um den Innenknöchel verlaufenden Tibialis posterior-Sehne, also
auch noch exakt im gebogenen Sehnenverlauf, verursacht haben solle. Diese
Schnittverletzung müsste demzufolge nahezu exakt dem üblichen operativen
Zugangsweg zur Sehne entsprechen, was durch eine "fliegende Glasscherbe" einer
explodierenden [...] nicht möglich sei. Eher nachvollziehbar wäre in diesem
Zusammenhang eine partielle, quer verlaufende Schnittverletzung dieser Sehne (act.
M21; vgl. auch M10). Die Darlegungen von Dr. I._ werfen zumindest Fragen auf. So
hält Dr. G._ in seiner Stellungnahme vom 31. August 2020 fest, dass die Verletzung
genau über der Sehne liege. Hier zeige sich intraoperativ eine höhergradige Verletzung
(act. G7.2). Grundsätzlich kann in der örtlichen Übereinstimmung von Schnittverletzung
und Sehnenverletzung ein schlüssiger Hinweis auf einen traumatischen Ursprung der
Sehnenverletzung gesehen werden. Zudem vermutet Dr. G._ (nur) eine sekundäre
Komplettruptur mit Vernarbungstendenz und geht initial von einer Partialverletzung aus
(act. G7.2), welche selbst Dr. I._ als Unfallfolge als nachvollziehbar bezeichnet (act.
M15). Ob die Glasscherbe nur eine quer verlaufende Schnittverletzung oder je nach
Auftreffen auf die Innenseite des Fusses auch eine längsverlaufene Schnittverletzung
verursacht haben könnte, vermag das Gericht nicht zu beantworten. Tatsache ist
jedenfalls, dass eine Glasscherbe einer [...] bei der Beschwerdeführerin eine
Schnittverletzung unter dem Knöchel des rechten Fusses verursachte. Weshalb es
dadurch nicht auch zu einer Verletzung tieferer Strukturen gekommen sein kann,
leuchtet nicht ohne Weiteres ein. Die Aussage von Dr. I._, es sei keine Wundnaht
erforderlich gewesen, woraus sie offenbar auf eine unbedeutende Wunde ohne die
Wahrscheinlichkeit bedeutsamer Verletzungen schliesst, überzeugt nicht. Eine
Schnittwunde von ca. 1.5 cm (act. M21) kann nicht mehr als klein bezeichnet werden
und genäht wurde sie laut Arztzeugnis UVG vom 30. Oktober 2019 (act. M6) und
Stellungnahme vom 1. September 2020 (act. G7.3) von Dr. C._ deshalb nicht, weil es
sich um eine veraltete Schnittwunde (älter als 12 Stunden) gehandelt hat, die nicht
mehr genäht werden konnte, was offenbar gängiger medizinischer Auffassung
entspricht (vgl. dazu auch http://www.usz.ch/lehre/Der-chirurgische-
5.2.2.
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6.
Wundverschluss.pdf; https://www.netdoktor.ch/krankheit/schnittwunden-7283,
abgerufen am 22. Februar 2021).
Neben der örtlichen Übereinstimmung von Schnittverletzung und
Sehnenverletzung bildet auch die zeitliche Konnexität einen Hinweis auf einen
traumatischen Ursprung der Sehnenverletzung. Angeblich hatte die
Beschwerdeführerin vor dem Unfall nie Probleme mit den Füssen (act. K29). Eine
Knick-/Senkfuss-Deformität ist häufig und muss, wie auch von Dr. G._ festgehalten
(act. G 7.2), keine Beschwerden verursachen (vgl. Debrunner, a.a.O., S. 1144). Den
zeitlichen Zusammenhang der Sehnenverletzung mit dem Unfall vom 8. September
2019 allein mit einer Zufälligkeit zu begründen und sie uneingeschränkt als Vorzustand
zu betrachten, vermag nicht zu überzeugen. Es besteht kein Grund, nicht auch diesen
Konnex als Indiz für eine natürliche Unfallkausalität zu werten.
5.2.3.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Stellungnahme von Dr. G._ vom 31.
August 2020 (act. G7.1 f.) Zweifel an der Aktenbeurteilung von Dr. I._ vom 16. April
2020 (act. M21) hervorruft. Die unterschiedliche Beurteilung der intraoperativen Bilder
sowie der Knick-/Senkfussproblematik durch Dr. G._ (vgl. dazu act. M7, act. 28) war
der Beschwerdegegnerin im Zeitpunkt des Erlasses des Einspracheentscheids
bekannt. Angesichts der sich widersprechenden medizinischen Einschätzungen wäre
sie gehalten gewesen, die Sachlage nochmals vertieft abklären zu lassen. Indem sie
dies unterlassen hat, hat sie den Einspracheentscheid in Verletzung des
Untersuchungsgrundsatzes erlassen, weshalb dieser als rechtswidrig aufzuheben ist.
Die Sache ist zur weiteren Abklärung, namentlich zur Einholung eines
versicherungsexternen orthopädisch-chirurgischen Gutachtens an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die Bestimmung allfälliger weiterer
medizinischer Fachpersonen obliegt der mit der Begutachtung zu beauftragenden
orthopädischen Fachperson.
5.3.
Die Beschwerde vom 6. Juli 2020 ist nach dem Gesagten in dem Sinne
gutzuheissen, dass der Einspracheentscheid vom 5. Juni 2020 aufgehoben und die
Sache zu weiteren Abklärungen im Sinne der Erwägungen und anschliessend neuer
Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen wird.
6.1.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (aArt. 61 lit. a ATSG in der bis 31. Dezember
2020 gültigen, für das vorliegende Verfahren gemäss Art. 83 ATSG noch anwendbaren
Fassung).
6.2.
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