Decision ID: bc9333fe-006e-539f-81e9-5d3b86da12e5
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ wurde im September 2017 von seiner Mutter bei der IV-Stelle des Kantons
St. Gallen wegen ADHS (POS) zum Bezug von medizinischen Massnahmen
angemeldet (IV-act. 1). Der Kinderarzt Dr. med. C._ berichtete der IV-Stelle im
November 2017, dass der Versicherte an einem kindlichen psychoorganischen
Syndrom (POS) leide. Damit liege das Geburtsgebrechen Ziffer 404 vor. Der Kinderarzt
hielt fest, beim Versicherten bestehe ein psychoorganisches Syndrom mit folgenden
Hirnteilleistungs- resp. Wahrnehmungsstörungen: Ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom
mit einer hyperaktiven Situativität, einer reduzierten taktil-kinästhetischen
Diskriminationsfähigkeit, einer verminderten Figurhintergrunddifferenzierung, einer
verminderten auditiv-verbalen Erfassungsspanne sowie einer eingeschränkten
Kanalkapazität. Die Diagnose sei am 5. Juli 2017 gestellt worden. Seit dem 13.
September 2017 erhalte der Versicherte erfolgreich Stimulanzien (Ritalin). Weiter
würden schulische sonderpädagogische Massnahmen durchgeführt und der
Versicherte erhalte Unterstützung durch die Schulsozialarbeiterin (IV-act. 7). Am 5.
Januar 2018 berichtete der Ergotherapeut D._ telefonisch, dass der Versicherte am
20. und 27. Oktober 2014 in der Ergotherapie gewesen sei (IV-act. 8).
A.a.
Der IV-interne Regionale Ärztliche Dienst (RAD) hielt am 10. Januar 2018 fest, dass
gemäss den vorliegenden Unterlagen die fachärztliche Diagnosestellung vor Abschluss
des 9. Lebensjahres erfolgt sei. Die im KSME definierten fünf POS-spezifischen
Störungen (im Verhalten, im Antrieb, beim Erfassen, in der Konzentration und in der
Merkfähigkeit) seien hinreichend dokumentiert. In der Anamnese fänden sich keine
Hinweise für eine erworbene hirnorganische Schädigung oder für relevante
psychosoziale Belastungsfaktoren. Zudem könne von einer normalen Intelligenz
A.b.
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ausgegangen werden. Der diagnosespezifische Therapiebeginn, nämlich die
medikamentöse Behandlung mit Stimulanzien, liege allerdings nach dem 9. Geburtstag
des Versicherten. Die ergotherapeutische Behandlung liege deutlich vor der
Erstdiagnose POS. Somit seien bezüglich der Therapie die formalen Kriterien zeitlich
knapp nicht erfüllt, da erst neun Tage nach dem 9. Geburtstag mit der
medikamentösen Behandlung begonnen worden sei (IV-act. 9).
Mit einem Vorbescheid vom 15. Januar 2018 stellte die IV-Stelle dem Versicherten
die Ablehnung des Leistungsbegehrens in Aussicht. Zur Begründung führte sie an,
dass die Störungen des Verhaltens als solche vor dem 9. Lebensjahr behandelt worden
sein müssten. Dies sei nicht der Fall gewesen, da eine medikamentöse Therapie erst
nach dem Erreichen des 9. Altersjahres begonnen worden sei und keine andere POS-
spezifische Therapie durchgeführt werde (IV-act. 11). Dagegen wandte die Mutter des
Versicherten am 4. Februar 2018 ein, dass vor dem 9. Geburtstag eine spezifische
Ergotherapie erfolgt sei und dass die Diagnosestellung am 5. Juli 2017 erfolgt sei.
Ausserdem sei der Versicherte in psychologischer Behandlung (IV-act. 12). Sie reichte
zudem einen Bericht über die ergotherapeutische Abklärung vom 10. Dezember 2014
sowie eine Behandlungsübersicht über 13 Ergotherapie-Sitzungen im Zeitraum vom 20.
Dezember 2014 bis 5. Mai 2015 ein (IV-act. 16 f.).
A.c.
Am 6. März 2018 notierte der RAD, dass aufgrund der neuen Informationen das
Geburtsgebrechen Ziff. 404 ausgewiesen sei, da die Ergotherapie wegen der gleichen
Symptomatik stattgefunden habe (IV-act. 18).
A.d.
Mit einer Verfügung vom 13. März 2018 lehnte die IV-Stelle das
Leistungsbegehren ab. Zur Begründung führte sie an, dass die Ergotherapie deutlich
vor der gestellten Erstdiagnose vom 5. Juli 2017 stattgefunden hätte und die
medikamentöse Therapie mit Stimulanzien neun Tage nach dem 9. Geburtstag
begonnen worden sei. Die erwähnte Psychotherapie sei nach dem 9. Lebensjahr
gestartet. Zur Anerkennung des Geburtsgebrechens müsse die Störung jedoch
zwingend vor dem vollendeten 9. Lebensjahr als solche diagnostiziert, dokumentiert
und behandelt worden sein (IV-act. 20).
A.e.
Dagegen liess der Versicherte am 5. April 2018 Beschwerde am
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen erheben (IV-act. 25; IV 2018/53).
A.f.
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B.
Am 2. Mai 2018 berichtete der Kinderarzt Dr. med. E._, dass er den Versicherten
vom 3. Juni 2011 bis 26. Januar 2017 betreut habe. Der Versicherte leide an einer
hyperkinetischen Verhaltensstörung (ADHS). Im Vorschulalter sei bei ihm die
hyperkinetische Verhaltensstörung mit einer Impulsivität, einer Aggressivität und einer
Konzentrationsschwäche aufgefallen. Die Diagnostik habe das ADHS bestätigt und
man habe eine Ergotherapie verordnet, welche hinsichtlich der Regeleinschulung auch
erfolgreich gewesen sei (IV-act. 31).
A.g.
Am 15. Juni 2018 widerrief die IV-Stelle die Verfügung vom 13. März 2018 (IV-act.
41). Daraufhin schrieb das Versicherungsgericht das Verfahren am 18. Juni 2018 ab (IV-
act. 47).
A.h.
In der Folge holte die IV-Stelle weitere Berichte ein. Am 11. Juli 2018 berichtete
F._, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, der IV-Stelle,
dass der Versicherte im Wesentlichen an einer einfachen Aktivitäts- und
Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10 F90.0) leide. Aufgrund der Schwere der Störung
werde nicht eine klassische Psychotherapie, sondern eine integrierte psychiatrisch-
psychotherapeutische Behandlung (IPPB) durchgeführt. Die Behandlung sei bereits im
Kindergartenalter mit einer Ergotherapie wegen ADHS begonnen worden. Die
Symptome würden die soziale, schulische und berufliche Funktionsfähigkeit in einem
erheblichen Ausmass beeinträchtigen. Die IPPB fokussiere sich auf diese
Funktionsbereiche. Die Behandlung sei nicht unabhängig von der schulischen bzw. der
beruflichen Erwerbsfähigkeit erforderlich. Zu den wichtigsten funktionellen
Beeinträchtigungen würden die Probleme im Bereich von Schule, Ausbildung und Beruf
und im Weiteren auch die Schwierigkeiten im Kontakt mit Gleichaltrigen und der
Familie zählen. Aufgrund der ungünstigen Langzeitprognose sei die Therapiedauer
nicht konkret und begründet absehbar. Nach Angaben der Mutter des Versicherten
habe die multimodale Therapie aber bereits Verbesserungen im schulischen Kontext
bewirkt, allerdings bleibe die Symptomatik fluktuierend (IV-act. 51). Dr. C._ berichtete
am 19. Juli 2018 hinsichtlich der medikamentösen Behandlung, dass der Versicherte
an einem POS mit einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leide. Die Dauer der Therapie
mit Ritalin sei unbestimmt. Der Versicherte habe sowohl in der Schule als auch im
B.a.
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sozialen Umgang zu Hause Probleme. Im schulischen Bereich sollten die Stimulanzien
seine Aufmerksamkeit verbessern, seine Impulsivität reduzieren und ihm ermöglichen,
seinen kognitiven Fähigkeiten entsprechende schulische Leistungen zu erbringen.
Ohne medizinisch-therapeutische Massnahmen inkl. Stimulanzien sei der schulische
Erfolg respektive eine spätere berufliche Ausbildung stark gefährdet. Der Versicherte
habe relativ gut auf die Therapien angesprochen, seine schulische Leistungsfähigkeit
habe sich deutlich verbessert und der soziale Umgang ausserhalb der Schule habe
sich ebenfalls verbessert (IV-act. 53).
Der RAD notierte am 20. September 2018, bei der von F._ diagnostizierten
einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung handle es sich um eine
hyperkinetische Störung nach ICD-10 F70. Gemäss dem Kreisschreiben über die
medizinischen Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung (KSME) handele
sich dabei um eine Krankheit, welche ohne dauernde Behandlung nicht gebessert
werden könne. Auch gemäss Dr. C._ sei die Therapiedauer nicht absehbar. In
Anwendung des KSME könne eine Kostenübernahme der Psychotherapie und der
medikamentösen Therapie also nicht empfohlen werden, da es sich um eine
Leidensbehandlung handle (IV-act. 57).
B.b.
Mit einem Vorbescheid vom 8. Oktober 2018 stellte die IV-Stelle dem Versicherten
in Aussicht, dass sie das Leistungsbegehren um medizinische Massnahmen im
Zusammenhang mit dem Geburtsgebrechen Ziff. 404 (Störung des Verhaltens)
abweisen werde. Zur Begründung führte sie an, dass im Zeitraum von der
Diagnosestellung am 5. Juli 2017 bis zum Erreichen des 9. Altersjahrs keine spezifische
Therapie durchgeführt worden sei. Die Ergotherapie habe deutlich vor und die
Psychotherapie erst nach Erreichen des 9. Altersjahrs stattgefunden. Ritalin sei
erstmals am 13. September 2017 verabreicht worden (IV-act. 59). Mit einem weiteren
Vorbescheid gleichen Datums teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass sie
vorhabe, eine Kostenübernahme für medizinische Massnahmen nach Art. 12 IVG
ebenfalls abzulehnen (IV-act. 60).
B.c.
Gegen diese Vorbescheide wandte die Mutter des Versicherten am 15. Oktober
2018 ein, dass der Versicherte bereits in der zweiten Klasse so auffällig gewesen sei,
dass seine Lehrerin mit ihm völlig überfordert gewesen sei. Die Sozialpädagogin habe
B.d.
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C.
schon damals ein ADHS vermutet, weshalb sie sich an den Kinderarzt gewandt habe,
welcher dem Versicherten Ergotherapie verschrieben habe. Es sei eine Tatsache, dass
vor dem 9. Geburtstag eine Therapie durchgeführt worden sei (IV-act. 63).
Am 4. Dezember 2018 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren um medizinische
Massnahmen nach Art. 12 IVG ab. Mit einer Verfügung gleichen Datums wies die IV-
Stelle das Begehren um medizinische Massnahmen im Zusammenhang mit dem
Geburtsgebrechen Ziff. 404 ebenfalls ab. Zur Begründung führte sie im Wesentlichen
das in den beiden Vorbescheiden Dargelegte an (IV-act. 65, 66).
C.a.
Dagegen liess der Versicherte am 21. Dezember 2018 durch seine Mutter
Beschwerde erheben. Sie beantragte sinngemäss die Aufhebung der Verfügungen und
machte geltend, dass die Diagnose vom früheren Kinderarzt gestellt worden sei,
welcher dem Versicherten für die Einschulung eine Ergotherapie verordnet habe. Die
zweite Diagnose sei am 5. Juli 2017 gestellt worden. Nach einer langen Sommerpause
und einer Bedenkzeit betreffend die Einnahme von Ritalin habe sie einen Tag nach dem
9. Geburtstag einen Termin erhalten. Zurzeit würden aufgrund der Verdachtsdiagnose
Autismus-Spektrums-Störung weitere Abklärungen durchgeführt (act. G 1).
C.b.
Am 18. Februar 2019 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde. Zur Begründung verwies sie auf eine Stellungnahme des Fachbereichs
vom 28. Januar 2019. Darin hatte die zuständige Sachbearbeiterin erneut festgehalten,
dass zwischen dem Zeitpunkt der Diagnosestellung am 5. Juli 2017 und dem Erreichen
des 9. Altersjahrs am _ September 2017 keinerlei Therapien stattgefunden hätten. Im
Jahr 2014 hätten lediglich zwei Ergotherapie-Sitzungen stattgefunden und einen Tag
nach dem 9. Geburtstag sei eine medikamentöse Behandlung eingeleitet worden.
Somit seien die Voraussetzungen für die Anerkennung des Geburtsgebrechens Ziff.
404 nicht erfüllt. Auch gestützt auf Art. 12 IVG sei eine Kostenübernahme der
Psychotherapie und des Ritalin nicht möglich, da es sich eindeutig um eine
Leidensbehandlung handle. Die Behandlung richte sich nicht unmittelbar auf die
schulische und spätere Erwerbstätigkeit, sondern es handle sich um ein Unterdrücken
der ADHS-typischen Symptome (act. G 4.1).
C.c.
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Erwägungen
1.
Mit zwei Verfügungen vom 4. Dezember 2018 hat die Beschwerdegegnerin die
Kostenübernahme für medizinische Massnahmen nach Art. 12 IVG (IV-act. 65) und die
Kostenübernahme für medizinische Massnahmen nach Art. 13 IVG (im Zusammenhang
mit dem Geburtsgebrechen Ziff. 404) abgelehnt (IV-act. 66). Der Beschwerdeführer hat
die beiden Verfügungen mit einer einzigen Beschwerde angefochten und das
Mit Replik vom 5. März 2019 liess der Beschwerdeführer durch seine Mutter an
den in der Beschwerde gemachten Ausführungen festhalten. Sie machte ergänzend
geltend, dass nun die eindeutige Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung gestellt
worden sei. Ausserdem seien im Jahr 2014 zwei und im Jahr 2015 elf Ergotherapie-
Sitzungen durchgeführt worden (act. G 6).
C.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf die Einreichung einer Duplik (vgl. act. G
9).
C.e.
Am 6. September 2019 reichten die Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste
(KJPD) St. Gallen einen Untersuchungsbericht vom 23. April 2019 ein (act. G 10 f.). Die
Ärzte hatten berichtet, dass beim Beschwerdeführer ein Asperger-Syndrom mit
begleitender Angst und Selbstwertproblematik (ICD-10 F84.5) bestehe. Die
Untersuchungsergebnisse des durchgeführten ADOS (diagnostische
Beobachtungsskala für Autistische Störungen) und die Auswertung des diagnostischen
Interviews mit der Kindsmutter liessen darauf schliessen, dass eine Autismus-
Spektrumsstörung in Form eines Asperger-Autismus vorläge. Der Beschwerdeführer
scheine durch die psychiatrische Symptomatik stark belastet, habe bereits F._
Selbstzweifel geäussert und zeige eine zunehmend geringe Motivation, in der Schule
Leistungen zu erbringen oder mit anderen in Kontakt zu treten. Die Ärzte hatten die
Anmeldung des Geburtsgebrechens Ziff. 405 empfohlen (act. G 11.1).
C.f.
Am 12. September 2019 forderte die zuständige Verfahrensleitung die Parteien
auf, zu der neuen Diagnose sowie zur möglichen Anwendbarkeit des
Geburtsgebrechens Ziff. 405 Stellung zu nehmen (act. G 12). Die Parteien liessen sich
jedoch nicht vernehmen.
C.g.
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Versicherungsgericht hat aufgrund des engen rechtlichen und sachlichen
Zusammenhangs zwischen den beiden Verfügungen nur ein Beschwerdeverfahren
eröffnet. Über die sich gegen die beiden Verfügungen richtende Beschwerde wird
deshalb in einem Urteil entschieden. Das ändert aber nichts daran, dass zwei
eigenständige Streitgegenstände, nämlich der Anspruch auf medizinische
Massnahmen gestützt auf Art. 13 IVG und der Anspruch auf medizinische Massnahmen
gestützt auf Art. 12 IVG, zu beurteilen sind.
2.
Nach Art. 13 IVG haben versicherte Personen bis zum vollendeten 20. Altersjahr
Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen notwendigen medizinischen
Massnahmen (Abs. 1). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche diese
Massnahmen gewährt werden; er kann die Leistung ausschliessen, wenn das
Gebrechen von geringfügiger Bedeutung ist (Abs. 2). Als Geburtsgebrechen im Sinne
von Art. 13 IVG gelten Gebrechen, die bei vollendeter Geburt bestehen; die
Geburtsgebrechen sind in der Liste im Anhang GgV aufgeführt (Art. 1 GgV). Als
medizinische Massnahmen, die für die Behandlung eines Geburtsgebrechens
notwendig sind, gelten sämtliche Vorkehren, die nach bewährter Erkenntnis der
medizinischen Wissenschaft angezeigt sind und den therapeutischen Erfolg in
einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (Art. 2 Abs. 3 GgV). Gemäss Art. 12 IVG
hat eine versicherte Person bis zum vollendeten 20. Altersjahr einen Anspruch auf
medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, sondern
unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben gerichtet und geeignet sind, die
Erwerbsfähigkeit dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor einer wesentlichen
Beeinträchtigung zu bewahren. Die beiden Gesetzesnormen unterscheiden sich
dadurch, dass ein Anspruch gestützt auf Art. 13 IVG auf die explizit aufgelisteten
Geburtsgebrechen beschränkt ist, die Eingliederungswirksamkeit spielt dabei keine
Rolle. Demgegenüber ist der Anspruch auf medizinische Massnahmen nach Art. 12 IVG
auf eingliederungswirksame Behandlungen beschränkt; unerheblich ist dabei, ob es
sich bei der gesundheitlichen Beeinträchtigung um ein Geburts- oder um ein
erworbenes Gebrechen handelt.
2.1.
Zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführer einen Anspruch auf medizinische
Massnahmen nach Art. 13 IVG oder nach Art. 12 IVG hat. Im Sinne einer
intrasystemischen Koordinationsregelung geht der Anspruch bei Geburtsgebrechen
nach Art.13 IVG dem Anspruch nach Art. 12 IVG vor. Diese Koordinationsregelung lässt
sich – insbesondere historisch – damit begründen, dass die versicherte Person gestützt
auf Art. 13 einen umfassenden, KV-analogen Anspruch auf sämtliche
2.2.
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3.
Somit ist zunächst zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin einen Anspruch des
Beschwerdeführers auf medizinische Massnahmen gestützt auf Art. 13 IVG zu Recht
verneint hat. Die Beschwerdegegnerin hat in ihrer Verfügung vom 4. Dezember 2018
dargelegt, dass die Kriterien für die Anerkennung des Geburtsgebrechens Ziff. 404
(Störung des Verhaltens; ADHS) aus medizinischer Sicht zwar gegeben seien, ein
Leistungsanspruch aber abgelehnt werden müsse, da die rechtlichen Voraussetzungen
gemäss der GgV (Diagnosestellung und Behandlung vor dem vollendeten 9. Altersjahr)
nicht erfüllt seien. In einem aktuellen Untersuchungsbericht des KJPD St. Gallen vom
23. April 2019 (act. G 11.1) sind die behandelnden Ärzte nun allerdings davon
ausgegangen, dass der Beschwerdeführer an einer Autismus-Spektrumsstörung in
Form eines Asperger-Autismus (ICD-10 F84.5) und nicht - wie bisher angenommen - an
einem ADHS leide. Vor diesem Hintergrund besteht die Möglichkeit, dass, anders als
von der Beschwerdegegnerin am 4. Dezember 2018 verfügt, nicht Ziff. 404 Anh. GgV,
sondern Ziff. 405 (Autismus-Spektrum-Störungen) Anh. GgV anwendbar ist. Da die
Beschwerdegegnerin diesbezüglich keine Abklärungen getroffen hat, erweist sich die
Streitsache als noch nicht spruchreif. Sie ist deshalb zur Durchführung weiterer
Abklärungen hinsichtlich der in Frage kommenden Geburtsgebrechen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.
Behandlungsmassnahmen im Zusammenhang mit dem Geburtsgebrechen hat,
während gestützt auf Art. 12 IVG nur die Kosten von spezifisch
eingliederungswirksamen medizinischen Massnahmen vergütet werden.
Dementsprechend ist immer zuerst zu prüfen, ob im Einzelfall der Tatbestand des Art.
13 IVG erfüllt ist. Nur wenn dies nicht der Fall ist, ist der Tatbestand des Art. 12 IVG zu
prüfen (diesbezüglich noch anders: Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen vom 14. November 2016, IV 2015/262 und IV 2016/77. E. 3.2).
Solange nicht entschieden ist, ob die Anspruchsvoraussetzungen gemäss Art. 13
IVG erfüllt sind, kann über einen Anspruch auf medizinische Massnahmen gestützt auf
Art. 12 IVG nicht entschieden werden. Erst wenn die Beschwerdegegnerin nach der
Durchführung der ergänzenden Abklärungen zum Schluss kommen sollte, dass kein
Geburtsgebrechen nach Art. 13 IVG vorliege, wird sie sich mit der Frage
auseinanderzusetzen haben, ob der Beschwerdeführer einen Anspruch auf
medizinische Massnahmen gestützt auf Art. 12 IVG hat. Die Verfügung vom 4.
4.1.
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5.
Dezember 2014 betreffend medizinische Massnahmen nach Art. 12 IVG ist somit
verfrüht erlassen worden, weshalb sie aufzuheben ist.
Im Sinne eines obiter dictum ist darauf hinzuweisen, dass der Anspruch auf
medizinische Massnahmen gemäss Art. 12 IVG mit der 5. IVG-Revision auf Versicherte
beschränkt worden ist, die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet haben. Damit ist der
frühere Hauptanwendungsfall des Art. 12 IVG, nämlich die Vergütung von
medizinischen Massnahmen für bereits erwerbstätige Erwachsene, weggefallen.
Betreffend die Beurteilung des Anspruchs von Minderjährigen ist – im Sinne einer
Ausnahmeregelung – bereits nach der altrechtlichen bundesgerichtlichen Praxis vom
grundsätzlichen Erfordernis eines relativ stabilisierten Defektzustands abgesehen
worden. Diese Praxis hat nicht nur weiterhin Geltung, vielmehr ist sie durch die
Beschränkung des Anspruchs auf Personen, die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet
haben, zum Regelfall geworden. Medizinische Vorkehren können demnach gemäss
dem seit dem Inkrafttreten der 5. IVG-Revision geltenden Art. 12 IVG trotz eines
einstweilen noch labilen Leidenscharakters überwiegend der beruflichen Eingliederung
dienen und als medizinische Massnahmen von der IV vergütet werden, wenn ohne
diese Vorkehren eine Heilung mit Defekt oder ein sonstwie stabilisierter Zustand
einträte, wodurch die Berufsbildung und/oder die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigt
würde (vgl. Meyer/Reichmuth, a.a.O., Art. 12 N 33, mit Hinweisen; vgl. auch die
ständige Praxis des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen, u.a. den Entscheid
vom 25. Mai 2018, IV 2017/236, E. 3.2). Nicht entscheidend ist somit, ob aktuell ein
stabilisierter Zustand oder eine sog. „Dauerbehandlung“ vorliegt.
4.2.
In teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist die Verfügung vom 4. Dezember
2018 betreffend medizinische Massnahmen gestützt auf Art. 13 IVG aufzuheben und
die Sache ist zur weiteren Abklärung und zur anschliessenden Neuverfügung im Sinne
der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
5.1.
In teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist die Verfügung vom 4. Dezember
2018 betreffend medizinische Massnahmen gestützt auf Art. 12 IVG aufzuheben. Auch
hier ist die Sache zurückzuweisen, womit allerdings keine Anweisung an die
Beschwerdegegnerin verbunden wird. Das entsprechende Leistungsbegehren des
Beschwerdeführers würde zwar gegenstandslos, wenn die Beschwerdegegnerin einen
Anspruch auf medizinische Massnahmen gestützt auf Art. 13 IVG bejahen würde. Aber
für den Fall, dass ein Anspruch auf medizinische Massnahmen gestützt auf Art. 13 IVG
verneint würde, muss das (Eventual-) Begehren des Beschwerdeführers um
5.2.
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