Decision ID: 33dfae2b-7ef6-5725-b9b3-9ddfd4b5f88f
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 1. Dezember 2011 u.a. wegen einer posttraumatischen
Belastungsstörung, einer Essstörung, eines Drehschwindels und einer starken Migräne
zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1). Die seit 21. Juli 2007 behandelnde
Dr. med. B._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, berichtete am 17. Juli
2012, die Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven Störung, aktuell
mittelgradig mit schwerem Rezidiv im Dezember 2011 (ICD-10: F33.11), einer
Adipositas bei Essstörung bei anderen psychischen Störungen (ICD-10: F50.4), einer
nicht organisch bedingten Schlafstörung (ICD-10: F51.9), einer Migräne mit häufigen
Anfällen, Drehschwindel, starkem Herzklopfen, Schweissausbrüchen, Tinnitus und an
Schulterschmerzen bei Verkalkung im Schultergelenk links. Differentialdiagnostisch
erwähnte sie eine gemischte Persönlichkeitsstörung. Seit Oktober 2011 bescheinigte
sie der Versicherten eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Wenn die depressive Störung
teilremittiert sei, sei ihr eine Erwerbstätigkeit mit einem Pensum von 50% zumutbar,
wobei eine zusätzliche 10%ige Leistungsbeeinträchtigung bestehe (IV-act. 24).
A.a.
Vom 8. Juni bis 31. Juli 2012 befand sich die Versicherte wegen eines depressiven
Syndroms (zum dritten Mal) in der Klinik C._ zur stationären Behandlung. Im
Austrittsbericht vom 6. August 2012 nannten die dort behandelnden medizinischen
Fachpersonen als psychiatrische Diagnosen und Belastungsfaktoren eine
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode, ohne
somatisches Syndrom (ICD-10: F33.10), Essattacken bei anderen psychischen
Störungen (ICD-10: F50.4) und eine reine Hypercholesterinämie (ICD-10: E 78.0). An
Restsymptomen im Rahmen der Remission bestünden leichtgradige
A.b.
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Konzentrationsstörungen sowie eine schnelle körperliche und psychische Erschöpfung
bei herausfordernden Tätigkeiten (IV-act. 30).
Im Verlaufsbericht vom 9. September 2013 gab Dr. B._ an, der
Gesundheitszustand habe sich verschlechtert. Seit Januar 2013 bestehe ein weiteres
Rezidiv der depressiven Störung im mittleren Ausmass (IV-act. 63; vgl. auch den
Bericht von Dr. B._ vom 4. Februar 2015, IV-act. 124). Im Rahmen der vom 25. März
2014 bis 24. März 2015 durchgeführten Integrationsmassnahmen vermochte die
Versicherte bei 20%iger Präsenz eine Leistung von 15% erbringen (Schlussbericht der
Arbeitslosenprojekte D._ vom 9. März 2015, IV-act. 132; siehe auch die
Zwischenberichte vom 23. September 2014, IV-act. 105, und vom 2. Februar 2015, IV-
act. 126; zu den Taggeldleistungen siehe die Verfügungen vom 6. Mai 2014, IV-act. 83,
vom 14. November 2014, IV-act. 113, und vom 19. Dezember 2014, IV-act. 119). Die
Eingliederungsverantwortliche hielt am 11. März 2015 fest, es sei nicht gelungen, die
Versicherte für den ersten Arbeitsmarkt mit Hilfe von Integrationsmassnahmen
aufzubauen. Die Präsenzzeit habe weder gesteigert noch regelmässig von ihr
eingehalten werden können. Die gezeigte Arbeitsleistung sei auch für einen
geschützten Rahmen fast schon zu wenig. Alle bisherigen Eingliederungsmassnahmen
hätten nichts gebracht. Weitere Eingliederungsmassnahmen würden keinen Erfolg
bringen (IV-act. 133-6 f.).
A.c.
Die IV-Stelle teilte der Versicherten am 18. November 2015 mit, sie halte eine
polydisziplinäre (allgemeininternistische, neurologische, neuropsychologische,
psychiatrische und rheumatologische oder orthopädische) Begutachtung für
erforderlich. Mit deren Durchführung werde sie das ZMB Zentrum für Medizinische
Begutachtung Basel beauftragen (IV-act. 149). Dr. B._ brachte gegen die
Begutachtung im Schreiben vom 23. November 2015 (Datum Posteingang IV-Stelle)
vor, eine solche sei der Versicherten in psychiatrischer Hinsicht nicht zuzumuten. Sie
beantragte, auf ein psychiatrisches Gutachten zu verzichten und stattdessen «Einholen
eines weiteren Arztberichtes von mir Einbringen der übrigen somatischen Befunde
durch Untersuchungen bei ihr vertrauten Ärzten» (IV-act. 150). Nach einer Rücksprache
mit dem RAD-Arzt Dr. med. E._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom
25. November 2015 (IV-act. 151) verfügte die IV-Stelle gleichentags die in Aussicht
A.d.
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gestellte polydisziplinäre Begutachtung im ZMB (IV-act. 153). Die Zwischenverfügung
blieb unangefochten und erwuchs in Rechtskraft.
Die Begutachtung im ZMB fand vom 14. bis 17. März 2016 statt. Die ZMB-
Gutachter erhoben folgende Diagnosen, denen sie eine Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit beimassen: eine rezidivierende depressive Störung, aktuell
mittelgradige Episode (ICD-10: F33.1), eine akzentuierte Persönlichkeit nicht näher
bezeichnet und eine Migräne mit vestibulärer Aura seit Erwachsenenalter, auf bisherige
akute Medikation (Triptane) ungenügendes Ansprechen. In den früheren Tätigkeiten als
Detailhandelsfrau in einem Z._ oder in einer Pizzeria sei die Versicherte aufgrund der
Aktenlage ab November 2011 als zu 100% arbeitsunfähig zu beurteilen. Das Gleiche
gelte auch für die anderen Tätigkeiten im Betreuungssektor und bezüglich der Tätigkeit
als Y._. In allen anderen leidensangepassten Tätigkeiten sei die Versicherte ebenfalls
aus psychiatrischen Gründen ab November 2011 als zu 100% arbeitsunfähig zu
beurteilen (Gutachten vom 28. Juni 2016, IV-act. 163). Der RAD-Arzt Dr. E._ gelangte
zur Auffassung, das Gesamtgutachten sowie die Teilgutachten entsprächen den
versicherungsmedizinischen Anforderungen (Stellungnahme vom 5. Juli 2016, IV-
act. 164). Gestützt auf eine Rückfrage der Sachbearbeitung hielt er eine
verkehrsmedizinische Überprüfung der Fahrtauglichkeit der Versicherten für angezeigt
(Stellungnahme vom 26. Januar 2017, IV-act. 174). Auf Meldung der IV-Stelle vom
27. Januar 2017 hin (IV-act. 175) wurde die Versicherte am 28. September 2017 durch
die Dres. med. F._ und G._, Fachärzte für Rechtsmedizin, Institut für
Rechtsmedizin (IRM) St. Gallen, verkehrsmedizinisch begutachtet. Anlässlich der
Begutachtung gab die Versicherte an, dass sie sich derzeit körperlich und psychisch in
guter Verfassung fühle. Die verkehrsmedizinischen Experten hielten fest, in der
Untersuchung ergäben sich keine Anhaltspunkte für kognitive Einschränkungen oder
affektive Auffälligkeiten. Aktuell bestünden keine Hinweise auf eine wesentliche, die
Fahreignung beeinflussende gesundheitliche Problematik (verkehrsmedizinisches
Gutachten vom 21. November 2017, IV-act. 181). In der Stellungnahme vom 6. März
2018 führte der RAD-Arzt med. pract. H._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, aus, aufgrund der unterschiedlichen Beurteilungen der Versicherten
durch das ZMB und das IRM, insbesondere der Diskrepanz bei den erhobenen
psychopathologischen Befunden, aber auch den Angaben der behandelnden
A.e.
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Psychiaterin, die der Einschätzung der psychiatrischen Gutachterin des ZMB deutlich
widersprechen würden, sei aus versicherungsmedizinischer Sicht ein dauerhafter
Gesundheitsschaden mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit infrage zu stellen (IV-
act. 182). Am 9. November 2018 wurde in der IV-Stelle ein Standortgespräch mit der
Versicherten durchgeführt, an dem auch Dr. B._ teilnahm. Die Versicherte sah sich
nicht in der Lage, auf die Fragen der Sachbearbeiterin inhaltlich einzugehen und brach
das Gespräch ab (Protokoll vom 9. November 2018, IV-act. 194). Für die Teilnahme an
einem weiteren Standortgespräch sah sich die Versicherte krankheitsbedingt nicht
mehr in der Lage. Dr. B._ teilte anlässlich des Telefongesprächs vom 19. November
2018 mit, die Versicherte sei durch das erste Gespräch retraumatisiert worden (IV-
act. 197; siehe auch die Stellungnahme von Dr. B._ vom 1. und 17. Dezember 2018,
IV-act. 200).
Die IV-Stelle teilte der Versicherten am 18. Dezember 2018 mit, sie halte eine
monodisziplinäre psychiatrische Begutachtung für erforderlich (IV-act. 198). Mit deren
Durchführung werde Dr. med. I._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
beauftragt (IV-act. 205). Dr. B._ berichtete am 8. Februar 2019, die Versicherte
befinde sich in einem schlechten gesundheitlichen Zustand und müsse wegen akuten
psychischen und körperlichen Störungen stationär behandelt werden. Somit könne das
Gutachten erst nach der Entlassung durchgeführt werden. Zudem sei es nach all den
traumatischen Erfahrungen angezeigt, dass eine Gutachterin mit der Begutachtung
beauftragt werde (IV-act. 209). Die vom 14. Februar bis 22. März 2019 stationär
behandelnden medizinischen Fachpersonen der Klinik C._ diagnostizierten eine
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10: F33.1).
Die Versicherte habe in signifikant besserem Zustand und ohne Anhalt auf Selbst- und
Fremdgefährdung entlassen werden können (Austrittsbericht vom 29. März 2019, IV-
act. 218).
A.f.
Dr. med. J._, Fachärztin für Neurologie, bejahte, dass der Gesundheitszustand
der Versicherten nach der Behandlung in der Klinik C._ stabil sei und die
Begutachtung nun durchgeführt werden könne (Stellungnahme vom 6. Juni 2019, IV-
act. 220). Daraufhin teilte die IV-Stelle der Versicherten am 19. Juni 2019 mit, dass
ihrem Anliegen entsprochen und mit der Begutachtung eine weibliche psychiatrische
Fachperson, med. pract. K._, beauftragt werde (IV-act. 221). Dr. B._ schrieb der IV-
A.g.
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Stelle am 19. Juni 2019, in Anbetracht der bis heute andauernden Folgen der
«Untersuchung» im November 2018 durch die IV-Stelle, der schon seit langem
bestehenden Grundkrankheit, die sich verschlechtert habe, und den seither
bestehenden grossen Ängsten vor einer weiteren Untersuchung, sei es in der IV-Stelle
oder bei einem durch «die IV verfügten Gutachter», sei eine weitere Befragung,
Untersuchung, Begutachtung aus gesundheitlichen Gründen nicht zumutbar. Es sei
nicht auszuschliessen, dass eine weitere Untersuchung zur akuten Dekompensation
mit einem Rezidiv der Depression zu lebensgefährdender Suizidalität führen würde.
Ihres Erachtens sei es möglich, aufgrund der Aktenlage zu entscheiden (IV-act. 222;
siehe auch das Schreiben vom 27. Juni 2019, IV-act. 223). Der RAD-Arzt med. pract.
H._ empfahl, um das äusserst geringe Risiko einer suizidalen Gefährdung der
Versicherten auszuschliessen, eine stationäre psychiatrische Begutachtung, z.B. im
Psychiatrischen Zentrum L._ durch Dr. med. M._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie. Während der Begutachtung wäre die Versicherte im geschützten
Rahmen der Psychiatrischen Klinik. Drohende Krisen oder gar suizidale Aspekte
könnten sofort entsprechend erkannt und behandelt werden. Eine solche stationäre
Begutachtung sei der Versicherten zumutbar, da es im Fall einer allfälligen Suizidalität
keinen sichereren Ort gebe als eine Psychiatrische Klinik. Da die Versicherte mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht an einer posttraumatischen Belastungsstörung
leide, sei aus versicherungsmedizinischer Sicht kein Grund ersichtlich, warum sie nicht
durch eine männliche psychiatrische Fachperson begutachtet werden könnte, zumal in
der Klinik neben dem Psychiater erfahrungsgemäss auch diplomierte psychiatrische
Pflegefachfrauen für Gespräche zur Verfügung stünden (Stellungnahme vom 8. Juli
2019, IV-act. 224).
Am 9. August 2019 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, sie sei bereit, die
Begutachtung in einem stationären Rahmen anzuordnen. Mit der Begutachtung werde
Dr. M._ beauftragt (IV-act. 226). Dr. B._ rügte im Schreiben vom 9. September
2019, im Widerspruch zur früheren Aussage der IV-Stelle ordne sie nun neu eine
Begutachtung durch eine männliche psychiatrische Fachperson an. Sie bitte die IV-
Stelle um eine Stellungnahme des juristischen Dienstes hinsichtlich eines
Aktenentscheids (IV-act. 230). Mit Zwischenverfügung vom 21. Oktober 2019 ordnete
die IV-Stelle eine monodisziplinäre Begutachtung durch Dr. M._ an. Sofern die
A.h.
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B.
Notwendigkeit bestehe, könne die Begutachtung stationär durchgeführt werden (IV-
act. 233).
Gegen die Zwischenverfügung vom 21. Oktober 2019 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 20. November 2019. Die Beschwerdeführerin beantragt darin unter
Kosten- und Entschädigungsfolgen deren Aufhebung und die Rückweisung der Sache
an die Beschwerdegegnerin zur materiellen Entscheidung, eventuell zur Rückfrage
beim ZMB. Subeventuell sei die Sache zur Durchführung des Einigungsverfahrens an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Im Wesentlichen bringt die
Beschwerdeführerin vor, die angeordnete Begutachtung stelle eine unzulässige
«second opinion» dar. Selbst bei Bejahung berechtigter Zweifel am psychiatrischen Teil
des ZMB-Gutachtens hätte die Beschwerdegegnerin zunächst eine Stellungnahme der
psychiatrischen ZMB-Gutachterin einholen müssen. Die Beschwerdegegnerin handle
zudem widersprüchlich, nachdem der RAD die Beweiskraft des ZMB-
Gesamtgutachtens und der Teilgutachten zunächst bejaht habe. Zudem habe die
Beschwerdegegnerin bei der Anordnung der zweiten Begutachtung die
Partizipationsrechte gemäss BGE 137 V 210 missachtet und keinen ausreichenden
Einigungsversuch vorgenommen. Ausserdem erscheine es naheliegend, eine
Begutachtung in einem geschützten Rahmen, also stationär und durch eine Frau
erstellen zu lassen. Es sei unklar, «weshalb die Beschwerdegegnerin trotz einem
gewissen Entgegenkommen nun am Ende doch im Widerspruch dazu zwingend auf
einer Begutachtung durch Dr. M._ beharrt hat». Am Rande angemerkt sei, dass
Dr. M._ wohl ein befähigter Forensiker sein möge und hierfür auch medial bekannt
sei, die Begutachtung von Straftätern aber eine andere Angelegenheit sei als die
Erstellung versicherungsmedizinischer Gutachten. Auch aus diesem Grund erscheine
die Wahl der Beschwerdegegnerin wenig naheliegend (act. G 1).
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 27. Januar
2020 die Abweisung der Beschwerde. Sie bringt mehrere Umstände vor, die nach ihrer
Sicht die Beweiskraft des psychiatrischen Teils des Gutachtens erschüttern und eine
weitere psychiatrische Begutachtung rechtfertigen würden. Sie (die
Beschwerdegegnerin) sei mehrfach auf die Wünsche der Beschwerdeführerin
B.b.
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist die Rechtmässigkeit
der mit Zwischenverfügung vom 21. Oktober 2019 angeordneten Begutachtung durch
Dr. M._.
eingegangen und habe das Abklärungsverfahren ihren Begehren angepasst. Eine
Verletzung der Partizipationsrechte müsse daher verneint werden. Es bestehe
ausserdem kein Anlass, an der Kompetenz von Dr. M._ zur Erstellung
versicherungsmedizinischer Gutachten zu Zweifeln. Die Behauptung, dass eine
Begutachtung nur durch eine weibliche psychiatrische Fachperson vorgenommen
werden könne, sei nicht nachvollziehbar. Das in der Beschwerde vorgetragene
Argument, die Beschwerdeführerin sei einst von einem Therapeuten missbraucht
worden, müsse als Fehlinterpretation der Akten gewertet werden. Der RAD-Arzt med.
pract. H._ habe zudem überzeugend dargelegt, warum die von Dr. B._ gestellte
Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung nicht nachvollziehbar sei (act.
G 5).
Mit Eingabe vom 2. März 2020 (act. G 7) reicht die Beschwerdeführerin einen
Bericht von Dr. B._ vom 16. Februar 2020 ein (act. G 7.1; siehe auch den weiteren
am 3. März 2020 eingereichten Bericht vom 2. März 2020, act. G 8.1). Am 13. März
2020 reicht der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin eine Kostennote ein (act.
G 10).
B.c.
Zu den neu eingereichten Berichten von Dr. B._ nimmt die Beschwerdegegnerin
am 25. März 2020 Stellung (act. G 11).
B.d.
Bei der Anordnung eines Gutachtens handelt es sich um eine Zwischenverfügung
(Art. 55 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG] in Verbindung mit Art. 5 Abs. 2 und Art. 46 des
Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren [VwVG; SR 172.021]). Eine solche
kann unter anderem dann angefochten werden, wenn ein nicht wieder gutzumachender
Nachteil droht (Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 15. April
2010, B 2009/197, E. 2.5; vgl. auch BGE 138 V 275 E. 1.2.1). Für die Beurteilung des
1.1.
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nicht wieder gutzumachenden Nachteils im Kontext des sozialversicherungsrechtlichen
Abklärungsverfahrens mit seinen spezifischen Gegebenheiten ist zu beachten, dass
das medizinische Administrativgutachten in der Regel die wichtigste medizinische
Entscheidgrundlage im Beschwerdeverfahren bildet. Die Mitwirkungsrechte der
versicherten Personen müssen daher bereits vor der Begutachtung durchgesetzt
werden können, bevor präjudizierende Effekte eintreten. Mit Blick auf das begrenzte
Überprüfungsvermögen der rechtsanwendenden Behörden genügt es daher nicht, die
Mitwirkungsrechte erst nachträglich, bei der Beweiswürdigung im Verwaltungs- und
Beschwerdeverfahren, einzuräumen (vgl. BGE 138 V 276 E. 1.2.2). Des Weiteren darf
auch nicht ausser Acht gelassen werden, dass die Anordnung medizinischer
Untersuchungen an einer Person «zweifellos» einen Eingriff in das Grundrecht der
persönlichen Freiheit (Art. 10 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft [BV; SR 101]) darstellt (BGE 136 V 126 E. 4.2.2.1 mit Hinweisen).
Als solcher muss die Anordnung einer Begutachtung die Voraussetzungen von Art. 36
BV erfüllen, was im Bestreitungsfall gerichtlich überprüfbar sein muss. Auf die
Beschwerde ist daher einzutreten, was von den Parteien auch nicht bestritten wird.
Art. 43 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) statuiert die Sachverhaltsabklärung von
Amtes wegen, wobei es im Ermessen des Versicherungsträgers liegt, darüber zu
befinden, mit welchen Mitteln diese zu erfolgen hat. Im Rahmen der Verfahrensleitung
kommt ihm ein grosser Ermessensspielraum bezüglich der Notwendigkeit, des
Umfangs und der Zweckmässigkeit von medizinischen Erhebungen zu. Was zu
beweisen ist, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den
Untersuchungsgrundsatz hat der Sozialversicherer den Sachverhalt soweit zu ermitteln,
dass er über den Leistungsanspruch zumindest mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit entscheiden kann. Der Untersuchungsgrundsatz
wird ergänzt durch die Mitwirkungspflichten der versicherten Person. Danach hat sich
diese den ärztlichen oder fachlichen Untersuchungen zu unterziehen, wenn sie
zumutbar sind. Nach dem Wortlaut von Art. 43 Abs. 1 und Abs. 2 ATSG müssen diese
aber auch notwendig und somit von entscheidender Bedeutung für die Erstellung des
rechtserheblichen Sachverhalts sein (Urteil des Bundesgerichts vom 29. Mai 2007,
U 571/2006, E. 4.1 mit Hinweisen). Diese Grundsätze ergeben sich zwingend aus der
im Rahmen der Prüfung der Rechtmässigkeit eines Grundrechtseingriffs
vorzunehmenden Verhältnismässigkeitsprüfung (Art. 36 Abs. 3 BV). Zu ergänzen bleibt,
dass die konkret angeordnete Abklärungsmassnahme demnach auch geeignet bzw.
tauglich sein muss, ein aussagekräftiges Beweisergebnis zu liefern.
1.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
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2.
In einem ersten Schritt ist zu beurteilen, ob der medizinische Sachverhalt bereits als
spruchreif abgeklärt betrachtet werden kann.
Dr. med. N._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, führte im
psychiatrischen Teil des ZMB-Gutachtens aus, in der Untersuchung finde sich eine
affektinkontinente, kindlich regressiv wirkende Versicherte. Sie sei ganz auf die
Krankenrolle fixiert und zeige eine enorme Bedürftigkeit (IV-act. 163-37). Die
psychiatrische Problematik der Versicherten sei schwerwiegend (IV-act. 163-38).
Anlässlich der verkehrsmedizinischen Untersuchung vom 28. September 2017 zeigte
sich demgegenüber ein anderes Bild. Zunächst gab die Beschwerdeführerin an, dass
sie sich derzeit körperlich und psychisch in guter Verfassung fühle (IV-act. 181-2). Die
verkehrsmedizinischen Experten stellten keine Anhaltspunkte für kognitive
Einschränkungen oder affektive Auffälligkeiten fest. Insbesondere wurden der Antrieb
und die Psychomotorik als unauffällig beschrieben (IV-act. 181-4 f.). Auch wenn der
Beschwerdeführerin insoweit zuzustimmen ist (act. G 1, Rz 38), dass die
verkehrsmedizinischen Experten nicht über eine fachpsychiatrische Ausbildung
verfügen, kann den von ihnen erhobenen Befunden und der von der
Beschwerdeführerin damals gemachten Äusserungen nicht jede Bedeutung bei der
Beweiswürdigung abgesprochen werden. Es handelt sich hier einerseits um klinische
Eindrücke bzw. Selbstangaben und nicht um diagnostische Ausführungen.
Andererseits bildet die Beurteilung sowohl somatischer als auch psychischer Einflüsse
auf die Fahrtauglichkeit Gegenstand der Verkehrsmedizin und der Ausbildung zum
Facharzt für Rechtsmedizin (siehe hierzu das Weiterbildungsprogramm für den
Facharzt für Rechtsmedizin des SIWF Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter-
und Fortbildung vom 1. Januar 2015 [letzte Revision: 23. November 2017], Ziff. 3.2.3).
Gegenstand der Weiterbildung zum Facharzt für Rechtsmedizin bildet auch die
forensische Psychiatrie (Weiterbildungsprogramm, Ziff. 3.2.8). Hinzu kommt, dass sich
der psychiatrische Sachverständige des RAD zum Verhältnis der Erkenntnisse aus dem
verkehrsmedizinischen zum psychiatrischen ZMB-Teilgutachten äusserte und
einlässlich Diskrepanzen beschrieb (Stellungnahme vom 6. März 2018, IV-act. 182-3),
die nicht von der Hand zu weisen sind. Der Vollständigkeit halber bleibt anzufügen,
dass bereits die medizinischen Fachpersonen der Klinik C._ im Austrittsbericht vom
6. August 2012 einen Zusammenhang zwischen dem psychischen Leiden der
Beschwerdeführerin und ihrer Fahrtauglichkeit beschrieben. Insbesondere empfahlen
sie bei einer allfälligen Zunahme der Konzentrationsstörungen eine erneute
Überprüfung der Fahrtauglichkeit (IV-act. 30-3).
2.1.
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Ausgewiesen sind ausserdem verschiedene inkonsistente Verhaltensweisen der
Beschwerdeführerin. Bereits im «Resümee» vom 14. November 2006 berichteten die in
der Klinik O._, Klinische Psychotherapie, stationär behandelnden medizinischen
Fachpersonen, die Beschwerdeführerin wirke manipulierend. Indem sie in ihren
Aussagen vage bleibe, sichere sie sich die Aufmerksamkeit. «Viele Aussagen wirken
sehr angepasst und scheinen mehr auf die Bedürfnisse des Therapeuten abgestimmt,
als ihre Situation zum Ausdruck zu bringen» (IV-act. 24-17). Im Rahmen der
durchgeführten Integrationsmassnahmen hielt die Betreuerin fest, «in guten Momenten
sprach sie (die Beschwerdeführerin) von möglichen Arbeitseinsätzen im
1. Arbeitsmarkt. Jedoch, wenn es konkret um Anfragen ging, reagierte Frau A._ mit
Abwesenheit» (IV-act. 132). Dr. N._ hielt in damit zu vereinbarender Weise fest, die
Beschwerdeführerin scheine die anamnestischen Angaben selektiv auszuwählen. Sie
berichte anamnestisch von starken Scham- und Schuldgefühlen. Diese seien in der
Untersuchung nicht spürbar geworden, was auf eine dissoziative Problematik
schliessen lasse (IV-act. 163-35 oben). Demgegenüber wurde die wegen
ungenügender familiärer Wertschätzung «riesige Kränkung» der Beschwerdeführerin
spürbar, obwohl die Beschwerdeführerin berichtete, der Kontaktabbruch mit der
Herkunftsfamilie sei nicht «im Streit» erfolgt (IV-act. 163-31). Die Beschwerdeführerin
wurde zudem als ganz auf ihre Krankheitsrolle fixiert beschrieben. Sie zeige eine
enorme Bedürftigkeit (IV-act. 163-37 oben). Die markantesten Persönlichkeitsfaktoren
seien ein inkonsistentes Selbstbild, welches von einer übersteigernden
Autonomievorstellung und massiven Versorgungswünschen, die nie genügend gestillt
werden könnten, geprägt sei. Durch ihre Krankheit bekomme sie unbewusst eine
Bedürfnisbefriedigung (IV-act. 163-38 unten). Auffallend sei, dass die
Beschwerdeführerin in der psychiatrischen Untersuchung gewisse Fakten aus ihrem
Leben völlig anders darstelle, als sie in den Akten erwähnt seien. Es bleibe offen, ob es
sich da um ein bewusstes Verfälschen oder ein unbewusstes Verleugnen dieser
Tatsachen handle (IV-act. 163-39). Eine abschliessende, den Vorgaben der
Rechtsprechung gemäss BGE 141 V 281 und 143 V 409 genügende Konsistenz- und
Ressourcenbeurteilung stellt die gutachterliche Beurteilung von Dr. N._ damit nicht
dar. Dies kommt auch zum Ausdruck aus ihrer folgenden Ausführung: «Auch ob sich
die Beeinträchtigung im häuslichen Umfeld oder bei der Arbeit im Betrieb des
Ehemannes gleich äussert wie bei der Arbeit im ersten Arbeitsmarkt kann aufgrund
dieser Untersuchung nicht abschliessend beurteilt werden» (IV-act. 163-39).
2.2.
Im Licht der vorstehend dargestellten Umstände ist es zumindest vertretbar, dass
die Beschwerdegegnerin, insbesondere nach Vorliegen der verkehrsmedizinischen
Beurteilung, den Sachverhalt aus psychiatrischer Sicht als nicht vollständig abgeklärt
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
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3.
Vorliegend kann offenbleiben, ob die Rügen der Beschwerdeführerin zutreffen, dass
ihre Partizipationsrechte durch die Beschwerdegegnerin verletzt worden seien und die
Beauftragung einer männlichen psychiatrischen Fachperson mit der Begutachtung
treuwidrig sei (act. G 1, Rz 45 ff.). Denn die direkte Anordnung einer weiteren
psychiatrischen (Ober-)begutachtung erweist sich im jetzigen Verfahrensstadium als
nicht verhältnismässig. Es wird von der Beschwerdegegnerin nämlich weder dargelegt
noch ist erkennbar, weshalb der vor allem durch die neuen Erkenntnisse aus der
verkehrsmedizinischen Begutachtung ausgelöste weitere Abklärungsbedarf nicht durch
eine Rückfrage bei der psychiatrischen ZMB-Gutachterin behoben werden könnte. Eine
Rückfrage erscheint auch noch ergebnisoffen, da Dr. N._ die Unsicherheiten bei der
Konsistenzprüfung namhaft machte und gerade noch keine abschliessende Beurteilung
vornahm (IV-act. 163-39). Angesichts der bereits umfangreichen medizinischen
Abklärungen in Form des verkehrsmedizinischen und des ZMB-Gutachtens erscheint
zum jetzigen Verfahrensstand eine weitere psychiatrische Begutachtung bzw. die
Erstattung eines psychiatrischen Obergutachtens durch eine noch nicht mit dem Fall
der Beschwerdeführerin befasste psychiatrische Fachperson nicht als unabdingbar.
Unter den gegebenen Umständen ist vor der Anordnung einer weiteren Begutachtung
in Nachachtung des Verhältnismässigkeitsgrundsatzes zunächst die psychiatrische
ZMB-Gutachterin mit den Erkenntnissen im verkehrsmedizinischen Gutachten, der
Kritik der Beschwerdegegnerin bzw. der von ihr wahrgenommenen Unklarheiten zu
konfrontieren und ihr Gelegenheit zu einer Stellungnahme zu geben. Erst danach wären
bei Fortbestehen von Zweifeln bzw. Unklarheiten weitere Abklärungsmassnahmen in
Form eines neuen psychiatrischen (Ober-)Gutachtens zulässig (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 14. Februar 2014, 8C_874/2013, E. 3.3, Entscheid des
beurteilt. Daran vermag nichts zu ändern, dass der RAD-Arzt Dr. E._ zunächst die
Beweiskraft des psychiatrischen Teils des ZMB-Gutachtens bejahte (Stellungnahme
vom 5. Juli 2016, IV-act. 164-2), hatte er doch noch keine Kenntnis der von den
verkehrsmedizinischen Experten beschriebenen, von den gutachterlichen
Feststellungen deutlich abweichenden Befunde. Diese sind jedoch gerade im
vorliegenden Fall, in dem auffällige Inkonsistenzen bestehen und noch keine
abschliessende Ressourcen- und Konsistenzprüfung vorliegt, geeignet, einen weiteren
Abklärungsbedarf zu begründen. Was die Berichte von Dr. B._ anbelangt, so
scheinen diese primär auf einer vorbehaltlosen Übernahme der Selbsteinschätzung der
Beschwerdeführerin zu beruhen. Jedenfalls fehlt jegliche objektive Konsistenz- und
Ressourcenprüfung. Diese Berichte vermögen bereits deshalb für sich allein keine
taugliche Grundlage für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit zu bilden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
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St.Galler Gerichte
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 9. Januar 2020, IV 2019/240, E. 2.4
mit Hinweisen auf die kantonale Rechtsprechung). Die von der Beschwerdegegnerin
verfügte Abklärungsmassnahme erweist sich zum jetzigen Verfahrensstand somit als
unzulässig.