Decision ID: 9358ea6f-7f17-5c59-bcb4-acb391c033a5
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Gemäss eigenen Angaben verliess der Beschwerdeführer seinen Heimat-
staat ungefähr im September 2020 und suchte am 7. Februar 2021 in der
Schweiz um Asyl nach.
B.
Anlässlich der Erstbefragung vom 26. Februar 2021 wurde als Geburts-
datum des Beschwerdeführers der (...) erfasst. Er gab zu Protokoll, er
kenne sein genaues Geburtsdatum nicht, wisse aber, dass er (...) Jahre alt
sei.
C.
Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der
"Eurodac"-Datenbank ergab, dass dieser am 26. November 2020 (unter
anderer Identität) in Rumänien ein Asylgesuch eingereicht hatte und in die-
sem Zusammenhang daktyloskopisch erfasst worden war.
Anlässlich der Erstbefragung vom 26. Februar 2021 wurde dem Beschwer-
deführer das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensent-
scheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Rumänien gewährt,
welches gemäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol-
gend: Dublin-III-VO), grundsätzlich für die Behandlung seines Asylgesuchs
zuständig sei. Die grundsätzliche Zuständigkeit dieses Mitgliedstaates
wurde vom Beschwerdeführer nicht bestritten. Er machte aber geltend,
nicht nach Rumänien zurückkehren zu wollen. Man habe ihm dort mit Ge-
walt die Fingerabdrücke abgenommen und er sei in der Folge aus der Asyl-
unterkunft für Minderjährige hinausgeworfen worden.
D.
Ein vom SEM am 10. März 2021 in Auftrag gegebenes rechtsmedizini-
sches Gutachten des Rechtsinstituts des (...) vom 16. März 2021 ergab ein
durchschnittliches Lebensalter des Beschwerdeführers von (...) bis (...)
Jahren sowie dass er im Zeitpunkt der Untersuchung des (...). Altersjahr
sicher vollendet habe. Das vom Beschwerdeführer angegebene Geburts-
datum ([...]) könne aufgrund der Ergebnisse der forensischen Altersschät-
zung nicht zutreffen.
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Seite 3
E.
Mit Eingabe vom 11. März 2021 wurde die Fotografie eines afghanischen
Identitätsdokuments (Tazkira) zu den Akten gereicht.
F.
Am 19. März 2021 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer das rechtli-
che Gehör zum Ergebnis der Altersabklärung.
G.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 23. März 2021 rügte der Be-
schwerdeführer, dass das von ihm eingereichte Identitätsdokument von der
Vorinstanz nicht berücksichtigt worden sei; er beantragte eine erneute Ge-
währung des rechtlichen Gehörs.
H.
Mit Schreiben vom 25. März 2021 stellte die Vorinstanz fest, dass auch
unter Berücksichtigung der eingereichten Tazkira beabsichtigt werde, das
Geburtsdatum im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) auf
den (...) anzupassen und gewährte dem Beschwerdeführer hierzu erneut
das rechtliche Gehör.
I.
Innert erstreckter Frist reichte der Beschwerdeführer mit Eingabe seiner
Vertretung vom 1. April 2021 eine diesbezügliche Stellungnahme ein, wo-
bei er an seinen bisherigen Altersangaben festhielt und darum ersuchte, es
sei von einer Volljährigkeitserklärung abzusehen und das nationale Asyl-
verfahren durchzuführen.
J.
Am 12. April 2021 wurde das im ZEMIS vermerkte Geburtsdatum des Be-
schwerdeführers geändert, indem als solches neu (...) erfasst wurde, dies
unter Anbringung eines Bestreitungsvermerks.
K.
Am 14. April 2021 ersuchte das SEM die rumänischen Behörden um
Rückübernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO. Diesem Gesuch wurde von den rumänischen Behörden am
27. April 2021 zugestimmt.
E-2412/2021
Seite 4
L.
Mit Verfügung vom 11. Mai 2021 (eröffnet am 14. Mai 2021) trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte die Überstellung
nach Rumänien, welches gemäss Dublin-III-VO für die Behandlung seines
Asylgesuche zuständig sei. Gleichzeitig verfügte das SEM den Vollzug der
Überstellung und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Ent-
scheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
M.
M.a Mit Beschwerde vom 21. Mai 2021 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte der Beschwerdeführer, die Verfügung des SEM vom 11. Mai
2021 sei aufzuheben und die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhalts-
abklärung sowie Begründung an die Vorinstanz zurückzuweisen; eventua-
liter sei das SEM anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten und in der
Schweiz ein materielles Asylverfahren durchzuführen, subeventualiter sei
die Sache zur Einholung individueller Zusicherungen der rumänischen Be-
hörden bezüglich des Zugangs zum Asylverfahrens sowie angemessener
Unterbringung, Ernährung und Zugang zu medizinsicher Grundversorgung
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Ferner sei festzustellen, dass eine
Rechtsverweigerung bezüglich der Änderung der ZEMIS-Personendaten
vorliege und das SEM sei anzuweisen, diesbezüglich eine beschwerde-
fähige Verfügung zu erlassen oder die Verfügung vom 11. Mai 2021 sei
aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, die Änderung der Personen-
daten in einem eigenständigen Dispositivpunkt zu verfügen. In prozessua-
ler Hinsicht beantragte der Beschwerdeführer die Gewährung der aufschie-
benden Wirkung der Beschwerde sowie der unentgeltlichen Prozess-
führung und den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
M.b Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer meh-
rere Auszüge von Länderberichten sowie Ausdrucke von Internetartikeln
zur Situation von Asylsuchenden in Rumänien ein.
N.
Am 25. Mai 2021 ordnete der Instruktionsrichter einen superprovisorischen
Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsgericht die
vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3
AsylG).
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
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Seite 6
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demge-
genüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel
III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zustän-
digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An-
nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An-
tragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen,
die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung
im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union
(2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist
zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zu-
ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zustän-
dig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat
zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an-
deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO).
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Seite 7
3.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen,
einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell-
ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht).
3.5 Gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO ist im Falle eines unbegleiteten
Minderjährigen ohne familiäre Anknüpfungspunkte (zu einem anderen
Mitgliedstaat) der Staat zuständig, in welchem er seinen Antrag gestellt hat.
Diese Bestimmung würde eine vorrangige Zuständigkeit der Schweiz be-
gründen (Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO), da nach der genannten Bestimmung
von Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO unbegleitete Minderjährige von Wiederauf-
nahmeverfahren ausgenommen sind (vgl. ULRICH KOEHLER, Praxis-
kommentar zum Europäischen Asylzuständigkeitssystem, Berlin 2018,
N. 33 zu Artikel 8).
4.
4.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihrer Verfügung aus, der Be-
schwerdeführer habe vage und ungereimte Angaben zu seinem Alter und
seiner Biographie gemacht. Zudem lasse sein Erscheinungsbild Zweifel an
der geltend gemachten Minderjährigkeit aufkommen. Die forensische
Altersabklärung habe ein durchschnittliches Lebensalter von (...) bis (...)
Jahren sowie ein Mindestalter von (...) Jahren ergeben. Demnach könne
das vom Beschwerdeführer angegebene Alter nicht zutreffen. Die zu des-
sen Beleg eingereichte Fotografie einer Tazkira habe nur geringen Beweis-
wert, zumal solche Dokumente leicht käuflich erwerbbar und fälschbar
seien. Demnach sei es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, die von ihm
behauptet Minderjährigkeit glaubhaft zu machen oder gar zu beweisen.
Überdies sei er in Rumänien mit dem Geburtsdatum (...) registriert worden,
habe dort also bereits als nicht mehr minderjährig gegolten. Es könne dem-
nach davon ausgegangen werden, dass er auch im Zeitpunkt der Asylge-
suchstellung in der Schweiz volljährig gewesen sei. Die weiteren
Argumente, die er gegen eine Rückkehr nach Rumänien vorgebracht habe,
vermöchten die Zuständigkeit dieses Landes für sein Asylverfahren nicht
zu widerlegen. Es gebe keine wesentlichen Gründe für die Annahme, dass
das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in
Rumänien Schwachstellen aufweisen würden, die eine der EU-Grund-
rechtecharte oder der EMRK widersprechenden Behandlung mit sich brin-
gen würden. Es würden auch keine Gründe nach Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-
VO vorliegen, die die Schweiz zur Prüfung seines Asylgesuchs verpflichten
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Seite 8
würden. Die Bedingungen für Asylsuchende in Rumänien vermöchten zu-
dem eine Anwendung der Souveränitätsklausel im Sinne von Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311)
und Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO nicht zu begründen. Der Beschwerde-
führer habe keine gesundheitlichen Probleme geltend gemacht und in Wür-
digung seiner Aussagen würden keine Umstände vorliegen, die die
Schweiz veranlassen müssten, die Souveränitätsklausel anzuwenden.
4.2
4.2.1 Der Beschwerdeführer stellte in seiner Beschwerdeeingabe zunächst
fest, aufgrund des rechtsmedizinischen Altersgutachtens vom 16. März
2021 lasse sich keine Aussage zu seiner Minder- respektive Volljährigkeit
machen, weshalb dieses entgegen der Auffassung der Vorinstanz nicht als
Indiz für seine Volljährigkeit herangezogen werden könne. Ein Widerspruch
zwischen seinen Aussagen bei der Erstbefragung und dem Ergebnis des
Altersgutachtens sei nicht zu erkennen, da es ohne weiteres möglich sei,
dass er im Zeitraum zwischen der Befragung sowie der medizinischen Un-
tersuchung das (...). Altersjahr vollendet habe. Seine Angaben zu seinem
Alter wiesen keine Ungereimtheiten auf. Mit seiner Erklärung, nicht genau
zu wissen, was in seiner Tazkira stehe, habe er nur seine vorherigen
Angaben präzisiert. Dass er sein Alter nur ungefähr benennen könne, sei
angesichts des kulturellen Hintergrunds nicht aussergewöhnlich, sondern
im Länderkontext nachvollziehbar. Er habe keineswegs vage Angaben zum
Zeitpunkt seiner Ausreise aus Afghanistan gemacht und auch seine Aus-
sagen zu Schulbildung und beruflicher Tätigkeit seien vor dem Hintergrund
des afghanischen Länderkontexts realistisch. Seine widerspruchsfreien
und nachvollziehbaren Aussagen seien als starkes Indiz für seine Minder-
jährigkeit im Zeitpunkt der Asylgesuchstellung zu bewerten. Das Argument
des äusseren Erscheinungsbildes sei nicht stichhaltig. Auch wenn die ein-
gereichte Tazkira nur einen geringen Beweiswert habe, stelle sie ein Indiz
für seine Minderjährigkeit dar. Mit der Einreichung dieses Dokuments sei
er seiner Mitwirkungspflicht nachgekommen. In Rumänien habe er auf Ge-
heiss des Schleppers ein Alter von über 18 Jahren angegeben, weil man
ihm gesagt habe, er hätte sonst dortbleiben müssen. Viele Asylsuchende
würden sich so verhalten, um nicht in einer UMA-Unterkunft untergebracht
zu werden, welche sie weniger gut zwecks Weiterreise wieder verlassen
könnten. Aus seinen Altersangaben gegenüber den rumänischen Behör-
den könne somit nicht auf seine Volljährigkeit geschlossen werden. Die
Vorinstanz habe bei der Festlegung seines Alters keine korrekte Gesamt-
würdigung aller Anhaltspunkte vorgenommen und dem Altersgutachten
fälschlicherweise einen erheblichen Beweiswert zugesprochen. Dies stelle
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Seite 9
eine Verletzung der Untersuchungspflicht gemäss Art. 12 AsylG dar.
Zudem sei eine Verletzung der Begründungspflicht und damit des rechtli-
chen Gehörs darin zu erblicken, dass nicht begründet worden sei, weshalb
seinen widerspruchsfreien und nachvollziehbaren Aussagen jeglicher Be-
weiswert ausgesprochen werde. Die von ihm geltend gemachte Minder-
jährigkeit im Zeitpunkt der Asylgesuchstellung in der Schweiz sei somit als
glaubhaft zu qualifizieren, weshalb das SEM gestützt auf Art. 8 Abs. 4
Dublin-III-VO anzuweisen sei, auf sein Asylgesuch einzutreten.
4.2.2 Das SEM habe infolge des rechtsmedizinischen Altersgutachtens
sein Geburtsdatum im ZEMIS auf den (...) geändert und, da diese Ände-
rung bestritten werde, einen Bestreitungsvermerk gemäss Art. 25 Abs. 2
DSG (SR 235.1) angebracht. Durch die Änderung seiner Personendaten
im ZEMIS befinde er sich nicht nur in einem Asylverfahren, sondern auch
in einem ZEMIS-Verfahren. Er habe Anspruch darauf, eine ZEMIS-Verfü-
gung vor dem Entscheid zu verlangen und diese separat nach Massgabe
des Datenschutzgesetzes anfechten zu können. Falls kein Begehren um
Erlass einer ZEMIS-Verfügung gestellt werde, müsse die Behörde spätes-
tens im Endentscheid die Änderung der Daten in der ZEMIS-Datenbank in
einem eigenständigen Dispositivpunkt verfügen, da durch die Änderung
seines Geburtsdatums sein Recht auf Durchführung des Asylverfahrens in
der Schweiz aufgehoben werde. Der Auffassung, dass die Änderung des
ZEMIS-Eintrags zusammen mit der Verfügung betreffend das Nichteintre-
ten auf das Asylgesuch angefochten werden könne, müsse widersprochen
werden, da ihm damit das Recht auf eine Beurteilung gemäss den Regeln
des datenschutzrechtlichen Verfahrens entzogen würde. Die Vorinstanz
habe eine Rechtsverweigerung begangen, indem sie es unterlassen habe,
in ihrem Nichteintretensentscheid vom 11. Mai 2021 eine anfechtbare Dis-
positiv-Ziffer betreffend die Änderung der ZEMIS-Daten zu erlassen.
4.2.3 Betreffend die Frage systematischer Schwachstellen des Asylsys-
tems in Rumänien sei auf seine Aussagen zu verweisen, wonach ihm die
Fingerabdrücke mit Gewalt abgenommen worden und er keine medizini-
sche Versorgung erhalten habe. Ausserdem habe er sein Recht auf mate-
rielle Unterstützung verloren, weil sein Asylverfahren in Rumänien abge-
schlossen sei. Unter diesen Umständen sei die Vermutung, dass die Men-
schenrechte, insbesondere Art. 3 EMRK, in Rumänien beachtet würden,
widerlegt. Das SEM habe den Sachverhalt diesbezüglich ungenügend ab-
geklärt und nicht vollständig erhoben. Es gebe verschiedene Berichte na-
tionaler und internationaler Organisationen, wonach Asylsuchenden in
Rumänien systematisch grobe Gewalt durch die Behörden zugefügt werde.
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Seite 10
Diese systemischen Sachwachstellen würden ihn der konkreten Gefahr
einer unmenschlichen und entwürdigenden Behandlung aussetzen.
Gemäss Rechtsprechung des EGMR verbiete es das Non-Refoulement-
Gebot, jemanden in ein Land auszuschaffen, in dem eine konkrete Gefahr
bestehe, einer Art. 3 EMRK widersprechenden Behandlung ausgesetzt zu
werden. Die allgemeine Lage im Zielland müsse von den staatlichen Be-
hörden von Amtes wegen ermittelt werden. Die Vermutung, dass ein Land
sicher sei, müsse durch eine Analyse der relevanten Zustände gestützt
werden, was vorliegend nicht der Fall sei. Eine blosse Vermutung, gestützt
auf die Gebundenheit durch die relevanten internationalen Konventionen
genüge gemäss Rechtsprechung des EGMR nicht. Es bestehe für ihn im
Falle seiner Überstellung nach Rumänien ein "real risk" einer unmenschli-
chen Behandlung, welche Art. 3 EMRK verletzen würde. Hinsichtlich einer
Prüfung der Voraussetzungen von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO habe die Vor-
instanz sich nicht einmal ansatzweise mit der aktuellen Situation von Asyl-
suchenden in Rumänien und den von ihm geschilderten eigenen Erlebnis-
sen in diesem Land auseinandergesetzt. Damit habe sie den Sachverhalt
unvollständig und unrichtig abgeklärt und die Begründungspflicht verletzt.
Ihre pauschalen Feststellungen würden verkürzt erscheinen, und die
pauschale und textbauartige Begründung in der angefochtenen Verfügung
dafür, weshalb aus der Sicht der Vorinstanz keine Gründe für die Anwen-
dung der Souveränitätsklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO bestünden,
genüge der Begründungspflicht im Sinne von Art. 35 VwVG ebenfalls nicht.
Insbesondere sei nicht geprüft worden, ob die von ihm vorgebrachten Miss-
handlungen die Schwelle einer möglichen Verletzung von Art. 3 EMRK er-
reicht hätten, sowie ob eine Überstellung nach Rumänien in einer gegen
das Non-Refoulement-Prinzip verstossenden Kettenabschiebung resultie-
ren würde. Schliesslich lasse die angefochtene Verfügung auch die gebo-
tene Ermessensprüfung gestützt auf Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 vermissen.
Die Vorinstanz habe keine Ermessensabwägung vorgenommen, ob ein
Selbsteintritt aus humanitären Gründen angezeigt gewesen wäre. Sollte
das Gericht von der Zulässigkeit der Überstellung nach Rumänien ausge-
hen, seien individuelle Zusicherungen der rumänischen Behörden betref-
fend seinen Zugang zum Asylverfahren sowie zu angemessener Unterbrin-
gung, Ernährung und zu medizinischer Grundversorgung einzuholen, da
ansonsten ein "real risk" einer gegen Art. 3 EMRK verstossenden, un-
menschlichen Behandlung bestehe.
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Seite 11
5.
5.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der
"Eurodac"-Datenbank ergab, dass er am 26. November 2020 in Rumänien
ein Asylgesuch eingereicht hatte. Das SEM ersuchte deshalb die rumäni-
schen Behörden am 14. April 2021 um Wiederaufnahme des Beschwerde-
führers gestützt auf Art. 23 oder 24 Dublin-III-VO. Die rumänischen Behör-
den stimmten dem Gesuch um Übernahme am 27. April 2021 zu.
5.2 Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Rumänien ein Asylgesuch
eingereicht zu haben. Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen, sind
seine Vorbringen nicht geeignet, an der Zuständigkeit dieses Staats etwas
zu ändern.
5.3 Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, aufgrund der von ihm
glaubhaft gemachten Minderjährigkeit sei gestützt auf Art. 8 Abs. 4 Dublin-
III-VO von der Zuständigkeit der schweizerischen Asylbehörden für sein
Asylgesuch auszugehen, ist Folgendes festzustellen:
5.3.1 Die Rügen, die Vorinstanz habe im Zusammenhang mit ihren Erwä-
gungen bezüglich der Glaubhaftigkeit der vom Beschwerdeführer behaup-
teten Minderjährigkeit den Untersuchungsgrundsatz sowie die Begrün-
dungspflicht verletzt, erweisen sich als unbegründet. Das SEM hat diese
Frage in ihren Erwägungen unter Berücksichtigung der wesentlichen Sach-
verhaltselemente einlässlich und hinreichend differenziert geprüft und die
Überlegungen genannt, welche seiner Einschätzung zugrunde lagen. Wie
die Beschwerdeschrift zeigt, war es dem Beschwerdeführer denn auch
ohne Weiteres möglich, den vorinstanzlichen Entscheid sachgerecht anzu-
fechten.
5.3.2 Die in der Beschwerde geäusserte Unzufriedenheit mit den Schluss-
folgerungen des SEM und insbesondere dessen Würdigung der Aussagen
des Beschwerdeführers kann nicht unter die Tatbestände der ungenügen-
den Sachverhaltsfeststellung, der falschen oder gar willkürlichen Beweis-
würdigung oder einer mangelhaften Begründung subsumiert werden, son-
dern stellt vielmehr eine Kritik in der Sache selbst dar.
5.4 Eine geltend gemachte Minderjährigkeit ist von der asylsuchenden Per-
son zu beweisen, soweit ihr ein Beweis möglich ist, und andernfalls we-
nigstens glaubhaft zu machen, da sie die Beweislast dafür trägt, auch wenn
das SEM die entscheidrelevanten Sachverhaltsmomente von Amtes we-
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Seite 12
gen festzustellen hat (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.3 m.w.H., Entscheidun-
gen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 2004 Nr. 30 E. 5.3.3). Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist
eine Abwägung aller Anhaltspunkte, die für oder gegen die Richtigkeit der
betreffenden Altersangabe sprechen, vorzunehmen (vgl. BVGE 2009/54
E. 4.1). Wurde der Sachverhalt abschliessend festgestellt und ist es der
betroffenen Person nicht gelungen, die behauptete Minderjährigkeit glaub-
haft zu machen, hat sie die Folgen zu tragen und wird als volljährig be-
trachtet (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 5.4).
5.5
5.5.1 Vorab ist festzuhalten, dass dem vom Beschwerdeführer zum Beleg
seines Alters eingereichten Identitätsdokument (Tazkira) praxisgemäss nur
ein geringer Beweiswert beigemessen werden kann. Dieser wird vorlie-
gend weiter dadurch geschmälert, dass sie nur in Kopie respektive in Form
einer Fotografie vorliegt, die Aussagen des Beschwerdeführers zum Ver-
bleib der Tazkira in der Erstbefragung wenig plausibel erscheinen und er
keine Angaben dazu machte, wie er kurz darauf in den Besitz dieses an-
geblich bei seiner Mutter im Heimatstaat verbliebenen Dokuments ge-
langte. Aus seinen protokollierten Angaben wird auch nicht nachvollzieh-
bar, wieso er das einzige verfügbare Identitätspapier nicht auf die Reise
nach Europa mitgenommen hat.
5.5.2 Gemäss dem rechtsmedizinischen Gutachten vom 16. März 2021
liegt das Mindestalter des Beschwerdeführers sowohl bei der Skelettalters-
analyse als auch bei der zahnärztlichen Untersuchung unter 18 Jahren;
praxisgemäss lässt sich deshalb anhand dieses Gutachtens keine Aus-
sage zu seiner Minder- respektive Volljährigkeit machen (vgl. BVGE
2018/VI/3 E. 4.2.2). Immerhin lässt sich dem Gutachten aber entnehmen,
dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Untersuchung das (...). Al-
tersjahr "sicher vollendet" habe (vgl. Akten SEM A16 S. 6). Mit dieser Fest-
stellung ist die Aussage des Beschwerdeführers anlässlich der Erstbefra-
gung vom 26. Februar 2021, (...) Jahre alt zu sein, zwar nicht gänzlich un-
vereinbar. Das Ergebnis des Gutachtens widerspricht aber eindeutig der
Altersangabe in der Tazkira, wonach er im Jahr (...) (...) Jahre alt gewesen
sei. Diese Altersangabe ergibt ein Geburtsdatum zwischen dem (...) und
dem (...) was bedeuten würde, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt
der Altersuntersuchung höchstens knapp (...)-jährig gewesen wäre.
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Seite 13
5.5.3 Weitere Ungereimtheiten ergeben sich aus den Akten betreffend das
vom Beschwerdeführer gegenüber den rumänischen Behörden angegebe-
nen Alter: Einerseits gab er in der Erstbefragung zu Protokoll, gegenüber
den rumänischen Behörden ebenfalls ein Alter von (...) Jahren angegeben
zu haben und mit dem Geburtsdatum "(...)" registriert sowie in einer Unter-
kunft für unbegleitete Minderjährige untergebracht worden zu sein (vgl. Ak-
ten SEM, Protokoll Erstbefragung S. 7). Im Gegensatz hierzu ist in der
Übernahmeerklärung der rumänischen Behörden vom 27. April 2021 als
Geburtsdatum der (...) vermerkt, und in der Beschwerdeschrift wurde aus-
geführt, der Beschwerdeführer habe sich in Rumänien als volljährig ausge-
geben, um seine Weiterreise zu erleichtern.
5.5.4 Schliesslich sind die Aussagen des Beschwerdeführers im Rahmen
der Erstbefragung zu seinem Alter sowie seiner Schulbildung und berufli-
chen Tätigkeit ebenso wie zu seinem familiären Umfeld und zu den Um-
ständen der Ausreise aus Afghanistan auffallend vage und wenig plausibel
ausgefallen.
Beispielsweise gab er bei seiner Befragung an, seine Mutter sei "ca. (...)
Jahre alt", was mit dem Alter seiner zirka (...)-jährigen Schwester
B._ nicht vereinbar erscheint (vgl. Akten SEM, Protokoll Erstbefra-
gung S. 7 f.).
Die Frage, wie er in den Iran gelangt sei, beantwortete der Beschwerde-
führer folgendermassen: Er sei mit einem Fahrzeug an die Grenze gefah-
ren worden und von dort aus den ganzen Weg bis in eine grosse Stadt im
Iran – von der aus er in die Türkei weitergereist sei – zu Fuss gelaufen. Der
Marsch sei sehr anstrengend gewesen und habe "ein bis zwei Nächte" ge-
dauert. Die Anschlussfrage, in welcher Stadt im Iran er schliesslich ange-
kommen sei, beantwortete der Beschwerdeführer mit den Worten "in Tehe-
ran" (vgl. a.a.O. S. 9). Die mehr als 1000 km lange Strecke von der afgha-
nischen Grenze in die iranische Hauptstadt lässt sich zu Fuss jedenfalls
mit Sicherheit nicht in zwei Tagen (beziehungsweise Nächten) zurück-
legen.
5.5.5 Nach dem Gesagten lassen weder die sich in den Akten befindenden
Beweismittel noch die widersprüchlichen und unsubstanziierten Aussagen
des Beschwerdeführers stichhaltige Rückschlüsse auf sein wahres Alter
und insbesondere auf die Frage seiner Minder- oder Volljährigkeit im Zeit-
punkt der Einreichung seines Asylgesuchs in der Schweiz zu.
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5.6 Demnach gelangt das Gericht in Übereinstimmung mit der Vorinstanz
im Rahmen einer Gesamtwürdigung aller Umstände (vgl. EMARK 2004
Nr. 30 E. 5.3.4 S. 210) zum Schluss, dass es dem Beschwerdeführer nicht
gelungen ist, die von ihm geltend gemachte Minderjährigkeit zum Zeitpunkt
seiner Gesuchseinreichung in der Schweiz glaubhaft zu machen.
5.7 Das SEM ist demnach mit einem ordnungsgemässen Wiederaufnah-
meersuchen an die rumänischen Behörden gelangt.
6.
6.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli-
che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Asylsuchende in Rumänien würden systemische Schwach-
stellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdi-
genden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit
sich bringen würden.
6.1.1 Rumänien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Das Gericht geht – wie bereits die Vorinstanz – davon
aus, dieser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutz-
suchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zu-
erkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfah-
rensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von
Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz bean-
tragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben. Das Einholen entsprechender
Garantien erübrigt sich demnach, weshalb der diesbezügliche eventualiter
gestellte Antrag abzuweisen ist.
6.1.2 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
6.2
6.2.1 Der Beschwerdeführer fordert die Anwendung der Ermessensklausel
von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbsteintrittsrecht
im Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3
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AsylV 1, gemäss welcher das SEM das Asylgesuch "aus humanitären
Gründen" auch dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO
ein anderer Staat zuständig wäre.
6.2.2 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die rumänischen Behörden würden sich weigern, ihn (wieder) auf-
zunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung
der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten und insbesondere
den vom Beschwerdeführer eingereichten Länderberichten sind keine
stichhaltigen Gründe für die Annahme zu entnehmen, Rumänien werde in
seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur
Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine
Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in
dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen
zu werden. Ausserdem hat der Beschwerdeführer nicht dargetan, die ihn
bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in Rumänien seien derart
schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Das Bundes-
verwaltungsgericht geht in konstanter Praxis davon aus, das rumänische
Asylsystem weise keine systemischen Mängel auf (vgl. in letzter Zeit etwa
die Urteile BVGer F-2380/2021 vom 27. Mai 2021 E. 5.2, E-2329/2021 vom
21. Mai 2021 S. 5 f., F-2055/2021 vom 5. Mai 2021 E. 6.2, F-1988/2021
vom 3. Mai 2021 E. 4.1 oder D-1017/2021 vom 22. April 2021 E. 7.2.3).
6.2.3 Der Beschwerdeführer hat auch keine konkreten Hinweise für die An-
nahme dargetan, Rumänien würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Aufnah-
merichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei
einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnte er sich im Übri-
gen nötigenfalls an die rumänischen Behörden wenden und die ihm zu-
stehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl.
Art. 26 Aufnahmerichtlinie).
6.2.4 Soweit der Beschwerdeführer das Vorliegen von "humanitären Grün-
den" geltend macht, ist Folgendes festzuhalten:
Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der
Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen
Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitionsbe-
schränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Streichung
der Angemessenheitskontrolle des Bundesverwaltungsgerichts gemäss
aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den vorinstanzlichen
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Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht mehr auf Ange-
messenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung seither im
Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüglich korrekt
und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen Rechnung getra-
gen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1
Bst. a und b AsylG).
Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu bean-
standen; insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermes-
sensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens
zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang
weiterer Äusserungen.
6.2.5 Die Rügen des Beschwerdeführers, die Vorinstanz habe die genann-
ten Rechtsfragen nicht hinreichend geprüft und damit die Begründungs-
pflicht sowie den Untersuchungsgrundsatz verletzt, erweisen sich als un-
begründet. Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung hinreichend dif-
ferenziert aufgezeigt, von welchen Überlegungen es sich bei der Beurtei-
lung hat leiten lassen. Gestützt darauf konnte der Beschwerdeführer denn
auch die Verfügung rechtsgenüglich anfechten. Der blosse Umstand, dass
der Beschwerdeführer die vom SEM gezogenen Schlüsse nicht teilt, stellt
keine Verletzung der Begründungspflicht beziehungsweise des Anspruchs
auf rechtliches Gehör dar, sondern ist eine materielle Frage. Dasselbe gilt
auch für den Vorwurf der Verletzung der individuellen Abklärungspflicht, so-
weit sich dieser im Kern nicht gegen die Sachverhaltsfeststellungen der
Vorinstanz, sondern gegen die rechtliche Würdigung der Vorbringen
richtet.
6.2.6 Nach dem Gesagten bestand und besteht kein Grund für eine
Anwendung der Ermessensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Voll-
ständigkeit halber ist festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsu-
chenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber
auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3).
6.3 Somit bleibt Rumänien der für die Behandlung der Asylgesuche des
Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO.
Rumänien ist verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 23, 24, 25 und 29
wiederaufzunehmen.
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7.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Rumänien in An-
wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
8.
Schliesslich ist auch der Antrag auf Feststellung einer Rechtsverweige-
rung, weil die Vorinstanz die Änderung der Altersangaben des Beschwer-
deführers im ZEMIS nicht in einer separaten Dispositiv-Ziffer in der ange-
fochtenen Verfügung verfügt habe, abzuweisen. Es bestand für das SEM
schon deshalb kein Anlass zum Erlass einer solchen (Berichtigungs-)
Verfügung, weil der Beschwerdeführer im erstinstanzlichen Verfahren
keine solche beantragt hatte. Falls er angesichts der vorstehenden Ausfüh-
rungen weiterhin Interesse am Erlass einer ZEMIS-Berichtigungsverfü-
gung hat, steht es ihm frei, sich in dieser Sache an das SEM zu wenden;
vor einer formellen Überweisung des in der Beschwerde geäusserten ent-
sprechenden Begehrens an das SEM ist aus Praktikabilitätsgründen abzu-
sehen, weil das vorliegende Urteil für den ZEMIS-Eintrag eine gewisse
(faktische) Präjudizwirkung haben könnte.
9.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes-
halb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als ge-
genstandslos erweist.
10.
Die mit der Beschwerde gestellten Gesuche um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung und Verbeiständung sind abzuweisen, da die Be-
gehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – aussichtlos
waren, weshalb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie
Art. 102m Abs. 1 AsylG nicht erfüllt sind. Das Gesuch um Befreiung von
der Kostenvorschusspflicht wird mit dem vorliegenden Entscheid in der
Sache gegenstandslos.
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11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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