Decision ID: ced93881-71af-42eb-be7e-8ebf82d8b09f
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1987, erlitt am 2
3.
Oktober 2008 einen Auffahr
unfall, als
der Lenker
eines nachfolgenden Fahrzeuges
in jenes
der Geschädigten fuhr (
Urk.
3/3 S. 12 oben). Mit Urteil
d
es Einzelrichters in
Strafsachen des
Be
zirksgerichts
Y._
vom 1
0.
November 2009 wurde
der
Verursacher der Kol
lision
der Verletzung von Verkehrsregeln und der fahrlässigen Körperverletzung im Sinne von
Art.
125
Abs.
1 des Strafgesetzbuches (StGB) für schuldig befunden und mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu
Fr.
30.-- und einer Busse von
Fr.
500.--
bestraft
. Der Vollzug der Geldstrafe wurde aufgeschoben
(
Urk.
8/20/11 S. 34 Dispositiv
Ziff.
2-4
).
1.2
Der damalige Rechtsvertreter der Geschädigten stellte am 2
2.
Oktober 2013 bei der Direktion der Justiz und des Innern des Kantons Zürich, Kantonal
e Opferhil
festelle (nachfolgend:
Opferhilfestelle),
im Zusammenhang mit dem Ereignis vom 2
3.
Oktober 2008 ein
Opferhilfegesuch. Er beantragte die
Zusprache
einer Ent
schädigung von
Fr.
150'000.-- und
einer
Genugtuung von mindestens
Fr.
50'000.--. Zudem beantragte er die Sistierung des Verfahrens (
Urk.
8/1 S. 1
Ziff.
1-3).
Mit Verfügung vom 3
1.
Oktober 2013 sistierte die Opferhilfestelle das Verfahren bis zum Abschluss der zivilrechtlichen und sozialversicherungsrechtli
chen Verfahren (
Urk.
8/5 Dispositiv
Ziff.
1).
A
m 2
3.
Oktober 2017
nahm die Op
ferhilfestelle das Verfahren
wieder auf
und stellte die Abweisung des Gesuches in Aussicht
(
Urk.
8/12).
Mit Verfügung vom
6.
Februar 2018 (
Urk.
8/24 =
Urk.
2) wies die Opferhilfestelle das Gesuch betreffend Entschädigung und Genugtuung ab.
2.
2.1
Die Geschädigte erhob am
8.
März 2018 Beschwerde gegen die Verfügung vom
6.
Februar 2018 (
Urk.
2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei ihr
eine Entschädigung von
Fr.
150'000.-- sowie eine Genugtuung von
Fr.
50'000.-- zu
zusprechen. Eventuell sei di
e Opferhilfestelle anzuweisen, das Verfahren bis zum Abschluss des zivilrechtlichen Verfahrens zu sistieren (
Urk.
1 S. 2
Ziff.
1-2). Ver
fahrensrechtlich beantragte sie die Sistierung des vorliegenden Verfahrens bis zur Erledigung der haftpflichtrechtlichen Angelegenheit betreffend das Ereignis vom 2
3.
Oktober 2008 (
Urk.
1 S. 2 unten).
Die Opferhilfestelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 2
6.
März 2018 (
Urk.
7) die Abweisung der Beschwerde.
2.2
Mit
V
erfügung vom
1.
Juni 2018
bestellte das Gericht
Rechtsanwältin
Aurelia Jenny, Zürich, in Bewilligung des Gesuchs vom
8.
März 2008 (vgl.
Urk.
1 S. 3 oben) als
unentgeltliche
Rechtsvertreterin für das vorliegende Verfahren und stellte der Beschwerdeführerin eine Kopie der Beschwerdeantwort zu (
Urk.
12 Dis
positiv
Ziff.
1 und 3).
Die Rechtsvertreterin reichte dem Gericht am 1
4.
Juni 2018 (
Urk.
14/1) die Kos
tennote (
Urk.
14/2) ein. Am 1
7.
Oktober 201
8
(
Urk.
15) informierte sie das Gericht über die Niederlegung des Mandats.
3.
Die Beschwerdeführerin stellte im
Zusammenhang mit weiteren am hiesigen Ge
richt hängigen Verfahren
in Sachen gegen die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
ein
Ausstandsbegehren
gegen Sozialversicherungs
richterin Romero-Käser und Gerichtsschreiber Brugger. Das Begehren wurde mit Beschluss des hiesigen Gerichts vom 2
1.
Oktober 2019 abgewiesen (Verfahren-Nr. SV.2019.00001;
Urk.
16 S. 7 Dispositiv
Ziff.
2). Der Beschluss ist in Rechts
kraft erwachsen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1
.1
Am
1.
Januar 2009 ist das totalrevidierte Bundesgesetz über die Hilfe an Opfer von Straftaten (OHG) vom 2
3.
März 2007 in Kraft getreten.
Nach dessen Über
gangsbestimmungen gilt das bisherige Recht für Ansprüche auf Entschädigung oder Genugtuung für Straftaten, die vor Inkrafttreten dieses Gesetzes verübt wor
den sind (
Art.
48 OHG). Nachdem sich der Auffahrunfall im Oktober 2008 ereig
net
hatt
e, kommen
vorliegend die Bestimmungen des alten Opferhilfegesetzes (
aOHG
) vom
4.
Oktober 1991 in der bis zum 3
1.
Dezember 2008 geltenden Fas
sung zur Anwendung.
1
.2
Nach
Art.
2
Abs.
1
aOHG
erhält jede Person Hilfe, die durch eine Straftat in ihrer körperlichen, sexuellen oder psychischen Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden
ist (Opfer), und zwar unabhängig davon, ob der Angeschuldigte ermittelt worden ist und ob er sich schuldhaft verhalten hat.
1.3
Nach
Art.
14
Abs.
1 Satz 1
aOHG
werden Leistungen, die das Opfer als Schaden
ersatz erhalten hat, von der Entschädigung abgezogen. In gleicher Weise werden Genugtuungsleistungen von der Genugtuung abgezogen (
Art.
14
Abs.
1 Satz 3
aOHG
.
Der Grundsatz der Subsidiarität bedeutet, dass die staatlichen Entschädigungs
leistungen in der Rangordnung an unterster Stelle stehen und die Leistungspflicht des Staates hinter allen anderen Ansprüche zurücktritt (Peter
Gomm
, Opferhilfe
gesetz, Bern 2005, N 1 zu
Art.
14 OHG).
2.
2.1
Der Beschwerdegegner
lehnte Leistungsansprüche
der Beschwerdeführerin
nach Opferhilferecht
mit der Begründung
ab
, dass eine
Haftungs
anerkennung des Haft
pflichtversicherers vorliege
und die zivilrechtlichen
Ansprüche vollumfänglich diesem gegenüber geltend zu machen seien
(
Urk.
2 S. 3).
2.2
Die Beschwerdeführerin brachte vor, zum Zeitpunkt des Unfalles im Jahr 2008 sei sie Studentin gewesen. Infolge des Unfalles sei sie sowohl in ihrer Erwerbsfä
higkeit als auch in ihrer Fähigkeit zur Fortführung des Studiums eingeschränkt gewesen. Aufgrund neuropsychologisch nachweisbarer kognitiver Defizite habe bereits eine Einschränkung der Fähigkeit zur Weiterführung des Studiums von 50
%
bestanden. Im Februar 2011 sei ein weiteres Unfallereignis eingetreten, wel
ches sich zusätzlich negativ auf ihren Gesundheitszustand ausgewirkt habe.
Der Abschluss des Studiums sei ihr bislang nicht möglich gewesen und sie habe
keine im Zusammenhang mit ihrem Studium stehende Arbeitstätigkeit aufnehmen kön
nen. Folglich sei
von einem bedeutsamen Erwerbsschaden auszugehen (
Urk.
1
S. 6
Ziff.
13-14).
2.3
Streitig und zu prüfen ist, ob
ein Anspruch auf
eine
Entschädigung und eine Genugtuung besteht.
N
achdem der
massgebende Verkehrsunfall
bereits über elf Jahre zurückliegt
, kann
davon
ausgegangen werden, dass die
diesbezüglichen
zivilrechtlichen Verfahren abg
eschlossen
sind
.
Auf eine
zusätzliche
Sistierung
des Verfahrens
(vgl.
Urk.
1
S. 2 unten) ist daher zu verzichten.
3.
3.1
Die Beschwerdeführerin wurde am 2
3.
Oktober 2008 als Lenkerin eines Fahrzeu
ges Opfer eines Auffahrunfalles
, wobei sie eine Distorsion der Halswirbelsäule erlitt (vgl.
Urk.
8/20/6
Ziff.
2 und 4)
. Der Lenker des nachfolgenden Fahrzeuges wurde mit
Urteil des Einzelrichters in Strafsachen des Bezirksgerichtes
Y._
vom 1
0.
November 2009
der
Verletzung von Verkehrsegeln und der fahrlässigen Körperverletzung im Sinne von
Art.
125
Abs.
1 StGB für schuldig befunden und mit einer Geldstrafe von 30 Taggeldsätzen zu
Fr.
30.-- und einer Busse von
Fr.
500.-- bestraft
. Der Vollzug der Geldstrafe wurde aufgeschoben (
Urk.
8/20/11 S. 34 Dispositiv
Ziff.
2-4).
3.2
Die Verantwortlichen des
Z._
,
gaben in einem Schreiben a
n
die Beschwerdeführerin vom 2
3.
März 2009 (
Urk.
3/5) zum Ereignis vom 2
3.
Oktober 2008 unter anderem an: «Wir bestätigen
Ihnen
hiermit die Haftung unseres Ver
si
cherten in diesem Schadenfall».
Der Versicherer werde an
hand der Unterlagen des Sozialversicherers die Arbeits
unfähigkeit und de
n
Umfang der Verletzungen
der Beschwerdeführerin
ermitteln (S. 1 unten).
4.
4.1
Der frühere Rechtsvertreter der Beschwerdeführer
in
beantragte im Schreiben
an den Beschwerdegegner
vom 2
2.
Oktober 2013 im Zusammenhang mit dem Auf
fahrunfall vom Oktober 2008 die
Zusprache
einer Entschädigung von
Fr.
150'000.-- und einer Genugtuu
ng von mindestens
Fr.
50'000.-- (
Urk.
8/1).
Die Beträge wurden
nicht
weiter
substantiiert.
4.2
Bezüglich finanzieller Opferhilfeleistungen ist Zurückhaltung geboten, wenn eine Haftpflichtversicherung involviert ist. In solchen Fällen ist davon auszugehen, dass ein solventer Haftpflichtiger vorhanden ist, der für sämtliche adäquat kausal auf die Straftat zurückzuführende Schäden aufkommt.
Sinn der finanziellen Opferhilfe ist es, in denjenigen Fällen zu helfen, in denen der an sich haftpflichtige Straftäter nicht leistet, weil er unbekannt, flüchtig oder zahlungsunfähig ist.
Der Staat haftet nicht aus eigener
Verantwortlichkeit, son
dern ihn
trifft lediglich eine Pflicht zur Schadensübernahme. Die finanzielle Op
ferhilfe deckt keine über die zivilrechtlichen Ansprüche gegen den Täter hinaus
gehenden Schäden ab (BGE 133 II 361 E. 5.1 mit Hinweisen). Gemäss dem Grund
satz der
Subsidiarität der Opferhilfe wird finanzielle Opferhilfe nur gewährt, wenn der Straftäter oder eine andere verpflichtete Person oder Institution keine oder keine genügende Leistung erbringt (vgl.
Art.
14
Abs.
1
aOHG
).
Zum Kreis der pri
mär Leistungspflichtigen gehören neben dem Straftäter die Sozial- und Privat
versicherungen (Urteil des Bundesgerichts 1C_256/2009 E. 5 vom
8.
Februar 2010).
4.3
Nachdem mit dem Schreiben der
Z._
vom 2
3.
März 2009
grundsätzlich
eine Anerkennung des Haftpflichtversicherers vorliegt
(vorstehend E. 3.2)
,
wur
den
darüberhinausgehende zivilrechtliche Ansprüche
der Beschwerdeführerin
weder substantiiert geltend gemacht noch
sind solche
ansonsten bekannt oder ersichtlich
.
Die Beschwerdeführerin
machte
in keiner Weise
geltend, dass ihr ein durch den Haftpflichtversicherer nicht gedeckter Schaden entstanden wäre
und ein Anspruch auf eine Genugtuung bestünde, für welchen der Haftpflichtversi
cherer nicht aufgekommen wäre.
Weitere Akten der beteiligten Versicherungen liegen nicht vor.
Dass es sich
nicht um eine vorbehaltliche und umfassende
An
erkennung der Haftung handeln soll
(
Urk.
1 S. 7
Ziff.
15), ändert
am Grundsatz der Subsidiarität der finanziellen Leistungen nach Opferhilferecht nichts.
4.4
Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdegegner einen Anspruch auf Entschädigung und Genugtuung
nach
Opferhilferecht
für die Folgen des Auffahr
unfalles vom 2
3.
Oktober 2008
zu Recht
verneinte
. Der angefochtene Entscheid erweis
t sich demzufolge als rechtens.
Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
5.
5.1
Die
unentgeltliche
Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin reichte dem Gericht am 1
4.
Juni 2018
(
Urk.
14/1) die Kostennote
in Höhe von
Fr.
3'901.40 (
Urk.
14/2) ein.
Am 1
7.
Oktober 2018 informierte sie über die Niederlegung des Mandats (
Urk.
15).
Die Rechtsvertreterin
führte
in der Kostennote
unter anderem
Schreiben an die Invalidenversicherung und
Kontakte mit weiteren
Versicher
ungen auf
(
Urk.
14/2). Trotz der erforderlichen Abklärungen
der
Haftungsansprüche erweist si
ch der gel
tend gemachte zeitliche Aufwand als überhöht. Bei einer Be
schwerdeschrift von zehn Seiten,
der zu studierenden vorinstanzlichen Akten und der in ähnlichen Fällen zugespr
ochenen Beträgen
ist unter Berücksichtigung de
r
notwendigen
haftpflichtrechtlichen Abklärungen
bei einem gerichtsüblichen Stundenansatz von
Fr.
220.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer) eine Entschädigung von
Fr.
2'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.
5.2
Die Beschwerdeführerin ist auf
§
16
Abs.
4 des Gesetzes über das Sozialversiche
rungsgericht (
GSVGer
) hinzuweisen, wonach
sie zur Nachzahlung der Auslagen für die Vertretung verpflichtet werden kann, sofern sie dazu in der Lage ist.