Decision ID: 01cea521-c30f-564f-bd6d-2ca7ec47dabb
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin stellte am 4. Mai 2021 in der Schweiz ein Asylge-
such. Am folgenden Tag führte das SEM die Personalienaufnahme und am
11. Mai 2021 das sogenannte Dublin-Gespräch mit ihr durch. Sie gab dabei
zu Protokoll, sie sei eine Kurdin aus B._ und ihr Ehemann lebe in
der Schweiz. Den Heimatstaat habe sie am (...) August 2020 verlassen
und sie sei danach über die Türkei nach Griechenland gereist, wo sie sich
schliesslich rund acht Monate lang aufgehalten habe. In dieser Zeit habe
sie (über Facebook) ihren heutigen Mann kennengelernt und dann gemäss
islamischer Tradition geheiratet. Auf ihre gesundheitliche Situation ange-
sprochen, gab die Beschwerdeführerin an, unter Problemen mit ihrer (...)
und entsprechenden Beschwerden zu leiden.
B.
Am 19. Mai 2021 wurde die Beschwerdeführerin einlässlich zu ihren Asyl-
gründen angehört. Sie begründete ihr Asylgesuch mit Problemen, die sie
in Syrien mit den "Haval" gehabt habe (ihre Bezeichnung für Angehörige
der Partiya Yekîtiya Demokrat, PYD; vgl. Protokoll Anhörung ad F14).
Sie sei für diese erwerbstätig gewesen, indem sie die Kinder der Haval
betreut habe. Mit der Zeit sei sie aufgefordert worden, Unterstützungsgel-
der für die Haval zu sammeln und an Demonstrationen teilzunehmen, was
sie getan habe. Dann sei von ihr verlangt worden, die Haval an unbekannte
Orte zu begleiten, eine Waffe zu tragen und weitere Arbeiten zu erledigen.
Weil zwei Arbeitskolleginnen zuvor mit den Haval mitgegangen seien, und
seither jede Spur von ihnen fehle, habe sie Angst bekommen, dass ihr et-
was passiere. Zudem hätten Verwandte, die bei den Haval gewesen seien,
mit diesen Probleme bekommen. Nachdem von ihr verlangt worden sei, die
Haval zum "Berg Qandil" zu begleiten (gemeint ist wohl das Kandil-Ge-
birge, ein bekannter Rückzugsort der kurdischen Guerilla im nordiraki-
schen Grenzgebiet) und auch Verwandte ihr davon abgeraten hätten, habe
sie sich entschlossen, Syrien zu verlassen. Nach ihrer Ausreise hätten sich
die Haval noch mehrmals bei ihrer Mutter nach ihrem Verbleib erkundigt.
In der Folge gab die Beschwerdeführerin ergänzend an, ihre Angehörigen
seien nicht damit einverstanden gewesen, dass sie ihren Partner heirate,
weil dieser bereits einmal verheiratet gewesen sei. Es habe deswegen
mehrere Tage lang telefonische Diskussionen mit ihrem ältesten Bruder
gegeben, der gesagt habe, wenn sie ihren Freund heirate, werde sie von
der Familie verstossen und könne nie mehr zu ihr zurückkehren. Auf die
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Frage hin, was sie bei einer Rückkehr nach Syrien befürchten müsste, gab
die Beschwerdeführerin an, sich vor ihrem Bruder zu fürchten, denn dieser
habe auch einmal gesagt, dass er sie im Fall einer Heirat umbringen würde.
Ein entfernter Verwandter habe ihnen dann geholfen, den Eheschluss in
Syrien offiziell registrieren zu lassen. Heute habe sie keinen Kontakt mehr
zu ihrer Mutter (der Vater sei schon länger verstorben) und ihren Brüdern;
einzig die in Deutschland lebenden Schwestern würden noch mit ihr spre-
chen.
C.
Am 21. Mai 2021 liess die Beschwerdeführerin einen ärztlichen Kurzbericht
vom 14. Mai 2021 zu den Akten reichen.
D.
Am 27. Mai 2021 wurde der amtlichen Rechtsvertreterin der Beschwerde-
führerin ein Verfügungsentwurf zur Stellungnahme zugestellt. Darin lehnte
das SEM das Asylgesuch der Beschwerdeführerin unter Verneinung ihrer
Flüchtlingseigenschaft ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
an, wobei es den Vollzug der Wegweisung wegen Unzumutbarkeit zuguns-
ten einer vorläufigen Aufnahme aufschob.
E.
In ihrer Stellungnahme vom 28. Mai 2021 verwies die Rechtsvertreterin auf
die schwierige familiäre Situation ihrer Mandantin. Die Beschwerdeführerin
sei einer konkreten Bedrohung durch ihre Familie ausgesetzt und könnte
vor solchen frauenspezifischen (Nach-)Fluchtgründen auch keinen Schutz
durch die syrischen Behörden erhältlich machen. Ausserdem wurde mo-
niert, dass sich das SEM in der Begründung seines Entscheidentwurfs nur
ungenügend mit dieser Thematik auseinandergesetzt – und auch den am
21. Mai 2021 eingereichten Arztbericht nicht hinreichend gewürdigt – habe.
F.
Mit (gleichentags eröffneter) Verfügung vom 31. Mai 2021 verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte ihr Asylge-
such ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, wobei der Voll-
zug der Wegweisung als unzumutbar qualifiziert und die vorläufige Auf-
nahme angeordnet wurde.
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Seite 4
G.
Gegen diesen Asylentscheid liess die Beschwerdeführerin mit Eingabe
vom 30. Juni 2021 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben.
Sie beantragte die teilweise Aufhebung der angefochtenen Verfügung und
die Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft; eventualiter sei die Sache zur
vollständigen Abklärung des Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung und um Befreiung von der Kostenvor-
schusspflicht.
H.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht
am 1. Juli 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG).
Am gleichen Tag bestätigte der Instruktionsrichter den Eingang der Be-
schwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.3 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
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Seite 5
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Die Ablehnung des Asylgesuchs der Beschwerdeführerin wurde in ihrem
Rechtsmittel nicht angefochten. Dieser Punkt des Dispositivs der ange-
fochtenen Verfügung ist demnach mit Ablauf der Beschwerdefrist rechts-
kräftig geworden.
5.
5.1 Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in
dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zuge-
hörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politi-
schen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begrün-
dete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1
AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Lei-
bes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträg-
lichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen Fluchtgründen
ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die wegen
ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Ausdruck
noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat bestehen-
den Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei die Einhaltung des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 4 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
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Seite 6
6.
6.1 Das SEM begründete seinen Asylentscheid mit der mangelnden asyl-
rechtlichen Relevanz der geltend gemachten Probleme mit den Haval. Was
die Schwierigkeiten der Beschwerdeführerin mit ihrer Ursprungsfamilie an-
belange, sei aufgrund der Schilderungen der Beschwerdeführerin zu
schliessen, dass die einmalige Androhung ihres Bruders, er werde ihr et-
was antun, auf seine damalige Wut darüber zurückzuführen gewesen sei,
dass sie sich seinen Anordnungen widersetzt habe. Aus den Akten würden
sich keine ernsthaften Indizien dafür ergeben, dass die Heirat von der ge-
samten Ursprungsfamilie grundsätzlich missbilligt werde oder sie von die-
ser verstossen würde, wenn sie nach Syrien zurückkehre. Es gebe auch
keine konkreten Anzeichen dafür, dass der Bruder seine einmalige Dro-
hung wahrmachen könnte. Auch diese Vorbringen seien deshalb flücht-
Iingsrechtlich nicht relevant.
6.2
6.2.1 In der Beschwerde wurde auf die Asylvorbringen der Beschwerdefüh-
rerin im Zusammenhang mit den Haval inhaltlich keinen Bezug genommen.
Hingegen wurde ausgeführt, das SEM habe die Morddrohungen des Bru-
ders der Beschwerdeführerin zu Unrecht nicht ernst genommen. Häusliche
Gewalt sei in Syrien weit verbreitet. Die Beschwerdeführerin habe sich den
Anordnungen ihres Bruders widersetzt, und es müsse davon ausgegangen
werden, dass dieser bei ihrer Rückkehr die Ehre der Familie wiederherzu-
stellen versuchen würde, zumal er ihr ja bereits die Tötung angedroht habe.
Bei solchen Ehrenverbrechen in der Familie existiere in Syrien gemäss den
verfügbaren Informationen kein effektiver staatlicher Schutz. Diese spezi-
fisch drohende Verfolgung der Beschwerdeführerin habe die Vor-
instanz nicht in ihre Überlegungen einbezogen und somit nicht den gesam-
ten relevanten Sachverhalt gewürdigt. Die Beschwerdeführerin sei dem-
nach als Flüchtling vorläufig aufzunehmen.
6.2.2 Eventuell werde die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz bean-
tragt, weil diese auf einer unzureichend abgeklärten Sachverhaltsgrund-
lage entschieden und mit ihren pauschalen und nicht hinreichend durch
Quellenangaben belegten Erwägungen ihre Begründungspflicht sowie den
Anspruch der Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör verletzt habe.
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Seite 7
7.
7.1 Soweit (eventualiter) die Kassation der Verfügung beantragt wird,
ist Folgendes festzuhalten:
7.2
7.2.1 Im Verwaltungs- und namentlich im Asylverfahren gilt der Unter-
suchungsgrundsatz, das heisst die Behörde stellt den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG; vgl.
Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Für das erstinstanzliche Asylverfahren be-
deutet dies, dass das SEM zur richtigen und vollständigen Ermittlung und
zur Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts verpflichtet ist und
auch nach allen Elementen zu forschen hat, die zugunsten der asylsuchen-
den Person sprechen. Der Untersuchungsgrundsatz gilt nicht uneinge-
schränkt und findet sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht des Asylsuchen-
den (Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG; vgl. CHRISTOPH AUER, in: Auer/
Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwal-
tungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 Rz. 9; BVGE 2012/21
E. 5.1). Die entscheidende Behörde darf sich trotz des Untersuchungs-
grundsatzes in der Regel darauf beschränken, die Vorbringen einer asyl-
suchenden Person zu würdigen und die von ihr angebotenen Beweise ab-
zunehmen, ohne weitere Abklärungen vornehmen zu müssen. Nach Lehre
und Praxis besteht eine Notwendigkeit für über die Befragung hinausge-
hende Abklärungen insbesondere dann, wenn aufgrund der Vorbringen der
asylsuchenden Person und der von ihr eingereichten oder angebotenen
Beweismittel Zweifel und Unsicherheiten am Sachverhalt weiterbestehen,
die voraussichtlich mit Ermittlungen von Amtes wegen beseitigt werden
können (vgl. BVGE 2009/50 E. 10.2.1 m.w.H.).
7.2.2 Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29
VwVG, Art. 32 Abs. 1 VwVG) verlangt, dass die verfügende Behörde die
Vorbringen der betroffenen Person tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft
prüft und in der Entscheidungsfindung berücksichtigt, was sich entspre-
chend in der Entscheidbegründung niederschlagen muss (vgl. Art. 35
Abs. 1 VwVG). Die Begründung eines Entscheids muss so abgefasst sein,
dass die betroffene Person ihn gegebenenfalls sachgerecht anfechten
kann, was nur der Fall ist, wenn sich sowohl sie als auch die Rechtsmittel-
instanz über die Tragweite des Entscheids ein Bild machen können.
Die verfügende Behörde kann sich auf die wesentlichen Gesichtspunkte
beschränken, hat aber wenigstens kurz die Überlegungen anzuführen, von
denen sie sich leiten liess und auf die sie ihren Entscheid abstützte. Die
Begründungsdichte richtet sich dabei nach dem Verfügungsgegenstand,
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den Verfahrensumständen und den Interessen der betroffenen Person.
Es ist nicht erforderlich, dass die Behörde sich in der Begründung mit jeder
tatbeständlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand einlässlich
auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt
(vgl. LORENZ KNEUBÜHLER / RAMONA PEDRETTI, in: Auer/Müller/Schindler
[Hrsg.], a.a.O., Art. 35 Rz. 7 ff.; BGE 136 I 184 E. 2.2.1, BVGE 2013/34
E. 4.1, 2008/47 E. 3.2 und 2007/30 E. 5.6).
7.3 Nach Auffassung des Gerichts hat die Vorinstanz diesen verfahrens-
rechtlichen Anforderungen im vorliegenden Verfahren Genüge getan:
7.3.1 Das SEM hat den rechtserheblichen Sachverhalt hinreichend abge-
klärt. Es ist nicht ersichtlich, im welcher Hinsicht hier noch konkrete weitere
Abklärungen vorgenommen werden müssten. Es ist demnach keine Ver-
letzung des Untersuchungsgrundsatzes festzustellen.
7.3.2 Im Weiteren ist auch keine Verletzung der Begründungspflicht er-
kennbar. Die Vorinstanz hat sich mit den wesentlichen Vorbringen der Be-
schwerdeführerin – und auch mit den in der Stellungnahme ihrer Rechts-
vertreterin zum Entscheidentwurf formulierten Einwänden – auseinander-
gesetzt und in der angefochtenen Verfügung in hinreichender Weise die
Überlegungen genannt, auf welche sie ihren Entscheid abstützte (für das
Vorbringen betreffend die Bedrohung durch Familienangehörige: vgl. an-
gefochtene Verfügung S. 5 f.). Wie die Beschwerdeschrift zeigt, war es der
Beschwerdeführerin zudem ohne Weiteres möglich, den vorinstanzlichen
Entscheid sachgerecht anzufechten.
7.3.3 Der blosse Umstand, dass die Beschwerdeführerin die vom SEM ge-
zogenen Schlüsse nicht teilt, stellt keine Verletzung der Begründungspflicht
beziehungsweise des Anspruchs auf rechtliches Gehör dar, sondern ist
eine (im Folgenden inhaltlich zu überprüfende) materielle Frage.
7.4 Die verfahrensrechtlichen Rügen der Beschwerdeführerin erweisen
sich als unbegründet. Ihr Kassationsbegehren ist abzuweisen.
8.
Auf das ursprünglich zentrale Asylvorbringen der Beschwerdeführerin – die
Verfolgung durch eine Kurdenmiliz, weil sie sich deren Forderungen durch
die Ausreise entzogen habe – ist im Rahmen des vorliegenden Verfahrens
nicht einzugehen: Die diesbezüglichen Erwägungen des SEM wurden in
der Beschwerde nicht bestritten; die Ablehnung des Asylgesuchs wurde
nicht angefochten.
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Seite 9
9.
9.1 Die Beschwerdeführerin lässt in ihrem Rechtsmittel ausführen, sie
hätte bei einer Rückkehr in den Heimatstaat zu befürchten, einem (durch
ihren ältesten Bruder ausgeübten) sogenannten Ehrenmord zum Opfer zu
fallen.
9.2
9.2.1 Häuslich Gewalt ist in vielen Staaten des Nahen Ostens verbreitet,
auch in Syrien (vgl. SCHWEIZERISCHE FLÜCHTLINGSHILFE [SFH], Schnell-
recherche der SFH-Länderanalyse, Syrien: häusliche Gewalt, 25. Oktober
2019, S. 3 ff.). In diesem Staat werden auch sogenannte Ehrenmorde re-
gistriert, also die Tötung von Frauen durch Familienangehörige im Namen
der Ehre, weil geglaubt wird, dass sie die Grenzen gesellschaftlich aner-
kannten Verhaltens überschritten, ihren Ruf gefährdet oder zerstört und
damit die Ehre der Familie beschädigt hätten; in einer Länderauskunft SFH
aus dem Jahr 2009 wird berichtet, dass nach Schätzung von syrischen
"Frauengruppen" damals jährlich rund 300 Frauen Opfer solcher Verbre-
chen geworden seien (vgl. zum Ganzen SFH / ANDREA GEISER, Auskunft
der SFH-Länderanalyse, Syrien: Ehrenmord, 7. Oktober 2009 [nachfol-
gend SFH /Ehrenmord], S. 2). Im gleichen Jahr wurde die vormalige Straf-
losigkeit von Ehrenmorden aufgehoben (vgl. NEUE ZÜRCHER ZEITUNG vom
2. Juli 2009, Syrien schafft Straffreiheit für "Ehrenmord" ab). Aktuellere
Zahlen zur Häufigkeit von Ehrenmorden liegen dem Gericht momentan
nicht vor. Selbst wenn die Anzahl derartiger Verbrechen trotz der Verschär-
fung der syrischen Gesetzgebung in der Folge nicht gesunken sein sollte,
ergibt ein Blick auf die Grösse der Gesamtbevölkerung des Landes (die
von der Weltbank für letztes Jahr auf 17.5 Mio. Menschen geschätzt wurde;
vgl. < https://data.worldbank.org/indicator/SP.POP.TOTL >, besucht 5. Juli
2021), dass offensichtlich nicht jede syrische Frau, die sich den Wünschen
ihrer Familie bei der Wahl ihres Lebenspartners nicht fügt, quasi automa-
tisch Opfer eines Ehrenmords wird.
9.2.2 Dies bedeutet, dass eine entsprechende Gefahr im Einzelfall unter
Berücksichtigung der konkreten Situation zu beurteilen ist. Diese Meinung
wird offenbar auch von der SFH vertreten: Diese vertrat in ihrer Auskunft
vom 7. Oktober 2009 – bei der es um eine syrische Araberin aus einer
streng islamischen Familie ging, die befürchtete, wegen einer unehelichen
Schwangerschaft, welche der Beziehung zu einem Ausländer entstammte,
von ihrer Familie getötet zu werden – die Meinung, die Frage einer konkre-
ten Gefährdung sei "abhängig von der individuellen Konstellation im Fami-
lienverband" der Frau zu beurteilen (vgl. SFH / Ehrenmord S. 3).
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Seite 10
9.3
9.3.1 In diesem Zusammenhang ist als Erstes festzuhalten, dass sich den
Akten keine Hinweise auf eine ausgeprägt religiöse (oder gar islamistische)
Haltung der Familie der Beschwerdeführerin ergeben. Ihre Biographie und
die gesamten familiären Umstände lassen ebenfalls nicht auf eine funda-
mentalistische Einstellung ihrer Angehörigen schliessen; dies umso weni-
ger, nachdem auch eine Schwester und die Tochter eines Halbbruders
viele Jahre Mitglieder der PYD waren und zumindest die Zweitgenannte
auch als Kämpferin "auf dem Qandil" aktiv war (vgl. Anhörungsprotokoll
ad F78 und F79). Aufgrund mehrerer Angaben der Beschwerdeführerin ist
davon auszugehen, dass die ablehnende Haltung gegenüber dem zukünf-
tigen Ehemann zumindest auch mit der Sorge um das Wohlergehen der
Tochter/Schwester begründet war (vgl. a.a.O. ad F93: "Sie fragten, warum
ich einen heiraten will, der schon verheiratet war"; F139: "Sie sagten, dass
er schon verheiratet war und dass ich immer noch Jungfrau bin. 'Er befindet
sich in einem fremden Land und wir wissen nichts von ihm. Wir wissen
nicht, ob er ein guter oder schlechter Mann ist.' "; F140: "Weil mein Bruder
viel darüber mit meiner Mutter gesprochen hat, war meine Mutter auch da-
gegen. Sie fragte mich, warum ich diesen Mann heiraten will [...].").
9.3.2 Zweitens darf angenommen werden, dass das Risiko gewalttätiger
Reaktionen einer Familie bei von ihr unerwünschten binationalen, inter-
ethnischen und/oder interreligiösen Eheschliessungen erhöht ist. Beim
Ehemann der Beschwerdeführerin handelt es sich um einen syrischen
Staatsangehörigen, der wie die Beschwerdeführerin kurdischer Ethnie ist
und dem islamischen Glauben angehört.
9.3.3 Drittens hat der Bruder während der Diskussionen mit der Beschwer-
deführerin, die gemäss ihrer Darstellung "neun bis zehn Tage" andauerten,
ein einziges Mal im Zorn erwähnt, dass er sie im Fall einer Heirat töten
würde (vgl. a.a.O. ad F141 f.). Die Wiedergabe (in direkter Rede) der letz-
ten Worte, die er an sie gerichtet habe, lassen indessen gerade nicht auf
einen unbedingten Willen zur Gewaltanwendung schliessen, stellen aber
die Ankündigung eines Kontaktabbruchs (vgl. a.a.O. ad F142: "Er sagte
mir: 'Entweder wir oder er. Und wenn du ihn heiraten würdest, würden wir
keinen Kontakt mehr mit dir haben. Wir sind nicht mehr verwandt.' ").
9.3.4 In diesem Zusammenhang ist, viertens, auch in Betracht zu ziehen,
dass die Beschreibung der Beziehung zu diesem Bruder vor der Ausreise
nicht auf patriarchale Dominanz schliessen lässt (vgl. a.a.O. ad F141:
"Ehrlich gesagt, hatte mein Bruder mich gern und er hat mich immer res-
pektiert [...]").
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Seite 11
9.3.5 Schliesslich ist, fünftens, darauf hinzuweisen, dass eine der in
Deutschland lebenden Schwestern die Beschwerdeführerin und ihren zu-
künftigen Mann bei der Heirat unterstützt hatte, indem sie den Sohn eines
Cousins mit der Registrierung der Ehe in Syrien sowie der Ausfertigung
des Ehevertrags und des Familienbüchleins beauftragte und die gesamten
Kosten dieser Vorkehrungen übernahm; dieser Verwandte führte den Auf-
trag aus, obwohl er darüber informiert war, dass die Beschwerdeführerin
damals mit ihrem ältesten Bruder im Streit lag (vgl. a.a.O. ad F109 f., F121
und F145).
9.3.6 Unter diesen Umständen geht das Bundesverwaltungsgericht nicht
davon aus, dass die Beschwerdeführerin bei einer – gänzlich hypotheti-
schen (schon angesichts ihrer vorläufigen Aufnahme in der Schweiz) –
Rückkehr nach Syrien in absehbarer Zukunft und mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit (vgl. hierzu BVGE 2011/51 E. 6.1) befürchten müsste, Opfer
eines Ehrenmords zu werden.
9.4
9.4.1 Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, sie werde wegen ihrer
Heirat von ihrer Familie – respektive einem Teil davon – definitiv verstos-
sen, ist dies nach dem oben Gesagten auch für das Gericht nicht auszu-
schliessen; schliesslich sollen weder ihre Mutter noch einer ihrer Brüder
oder ihre in Syrien lebende Schwester seit ihrer Verheiratung je wieder
Kontakt mit ihr aufgenommen haben (vgl. Anhörungsprotokoll ad F90 und
F105). Hingegen ist die Beziehung zu den (drei) in Deutschland lebenden
Schwestern gemäss ihrer Darstellung nicht abgebrochen (vgl. a.a.O. ad
F105); nach Kontakten zu den Halbgeschwistern befragt, gab die Be-
schwerdeführerin bloss an, diese seien nicht möglich, weil sie deren Tele-
fonnummern nicht kenne (vgl. a.a.O. ad F106).
9.4.2 Dass diese radikale Veränderung der Beziehung zum grösseren Teil
der Kernfamilie für die Beschwerdeführerin sehr belastend sei, ist mehr als
nachvollziehbar. Entsprechende Hinweise ergeben sich einerseits aus dem
Anhörungsprotokoll, in welchem bei der Schilderung der vielen telefoni-
schen Auseinandersetzungen mit dem Bruder entsprechende Emotionen
der Beschwerdeführerin verbalisiert sind (vgl. a.a.O. ad F135). Anderer-
seits wurden im ärztlichen Kurzbericht vom 21. Mai 2021 die Verdachtsdi-
agnosen "depressive Episode mit Schlafstörungen, Unruhe, Traurigkeit"
gestellt, wobei die behandelnde Ärztin hinter den von der Beschwerdefüh-
rerin angegebenen somatischen auch andere Ursachen vermutete (vgl.
A19 S. 3: "Hat das Gefühl, die Operation habe nichts gebracht und die (...)
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Seite 12
sei nicht gut eingestellt. Denkt aber auch viel über die Situation in Syrien
nach"; "Patientin selber geht von (...)problematik aus, denke aber eher das
es sich um psychische Probleme handelt, habe dieses erst vorsichtig an-
gesprochen [...]").
9.4.3 Diese bereits erlittenen und wohl auch in Zukunft zu erwartenden
Nachteile weisen indessen nicht eine Intensität auf, die als flüchtlingsrecht-
lich relevant zu qualifizieren wäre – auch nicht unter dem Blickwinkel eines
unerträglichen psychischen Drucks gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG. Das Bun-
desverwaltungsgericht zieht bei dieser Einschätzung auch in Betracht,
dass der Kontakt zu Teilen der Ursprungsfamilie weiterbesteht und dass
die Beschwerdeführerin seit ihrer Heirat mit ihrem Partner einem neuen
Familienverband angehört.
9.4.4 Unter diesen Umständen kann die Frage offenbleiben, ob der
Abbruch des Kontakts des grösseren Teils der Familie durch eines der in
Art. 3 Abs. 1 AsylG abschliessend genannten Motive begründet wäre;
gleichermassen unbeantwortet kann die Frage bleiben, ob in Syrien be-
hördlicher Schutz vor familiären Nachstellungen erhältlich gemacht werden
könnte (vgl. Beschwerde S. 7).
9.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das SEM die Flüchtlingsei-
genschaft der Beschwerdeführerin zu Recht verneint hat.
10.
10.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
10.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
11.
11.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den ge-
setzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
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11.2 Nachdem das SEM in seiner Verfügung vom 31. Mai 2021 die vorläu-
fige Aufnahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz angeordnet hat, er-
übrigen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit
und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
13.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen gemäss Ak-
ten von ihrer prozessualen Bedürftigkeit auszugehen ist und ihre Rechts-
begehren nicht aussichtslos im Sinn von Art. 65 Abs. 1 VwVG waren, ist in
Gutheissung ihres Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung von einer Kostenauflage abzusehen.
(Dispositiv nächste Seite)
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