Decision ID: 9003c8e7-73ac-5108-a30a-503e9c3b96e7
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im April 2015 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sie gab an, eine Lehre als Detailhandelsfachfrau
EFZ absolviert zu haben. Seit dem 14. Januar 2015 sei sie aufgrund einer psychischen
Erkrankung voll arbeitsunfähig.
A.a.
Die Arbeitgeberin B._ AG gab am 6. Mai 2015 an (IV-act. 10), die Versicherte sei
seit dem 1. April 2013 als Verkäuferin tätig. Zuletzt habe sie in einem 100% Pensum
gearbeitet und dabei einen monatlichen Lohn von Fr. 3'900.-- erhalten.
A.b.
Med. pract. C._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, berichtete
am 22. Mai 2015 gegenüber der IV-Stelle (IV-act. 11), die Versicherte leide an einer
Borderline Persönlichkeitsstörung mit Beginn im frühen Jugendalter. Die
Arbeitsfähigkeit werde durch den hohen Erschöpfungsgrad, die bestehende
Depressivität, die bislang unbehandelte Impulsivität und andere zentrale Symptome der
Borderline Störung wie innere Leere, Selbsthass, Angst, intensive Wut, erhebliche
Affektregulierungsstörung, niedriges Selbstwertgefühl mit ausgesprochen negativen
Selbstkonnotationen usw. eingeschränkt. Ab dem Sommer 2015 sei bei einem
weiterhin guten Therapieverlauf von einem Wiedererlagen der Arbeitsfähigkeit von
mindestens 50% auszugehen. Am 30. März 2015 hatten die Fachärzte des
psychiatrischen Zentrums D._ gegenüber med. pract. C._ berichtet (IV-act. 30), die
Versicherte sei vom 14. Januar 2015 bis 27. März 2015 hospitalisiert gewesen. Sie
leide an einer bipolaren affektiven Störung, gegenwärtig schwere depressive Episode
ohne psychotische Symptome, Störungen durch Alkohol: schädlicher Gebrauch und
Störungen durch Cannabinoide, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig abstinent, aber in
A.c.
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beschützender Umgebung. Für den aktuellen Arbeitsplatz bestehe eine volle
Arbeitsunfähigkeit.
Am 11. November 2015 gab med. pract. C._ gegenüber der Krankenkasse an
(Fremdakten act. 3-6 ff.), die Versicherte leide an einer Borderline-
Persönlichkeitsstörung und an einer Dysmorphophobie. Vom 14. Januar bis
30. September 2015 habe eine volle Arbeitsunfähigkeit bestanden. Seit dem 1. Oktober
2015 sei die Versicherte zu 50% arbeitsfähig. Aktuelle Symptome seien: Massive
Affektregulierungsstörung bei erhöhter Impulsivität, häufige Stimmungseinbrüche und
rezidivierende suizidale Krisen. Die Belastbarkeit der Versicherten sei deutlich
herabgesetzt. Bei der Arbeit wirke sich dies in Form von rascher Erschöpfung und
Reizüberflutung aus. Ab dem 16. November 2015 sei der Versicherten die
Wiederaufnahme einer beruflichen Tätigkeit im Umfang von 50%, jedoch mit 30%
Belastbarkeit beginnend durch eine IV-Massnahme zumutbar.
A.d.
Am 17. März 2016 berichtete med. pract. C._ über den Behandlungsverlauf seit
Beginn des Aufbautrainings (IV-act. 44). Die Versicherte zeige sich konstant über die
Zeit, möchte sich aus ihren Symptomen herausarbeiten und nehme verlässlich,
motiviert und eigenverantwortlich an der regelmässig einmal pro Woche stattfindenden
störungsspezifischen Einzeltherapie teil. Gegenwärtig seien dort die massive
Affektregulationsstörung mit erhöhter Impulsivität, die Bearbeitung des negativen
Selbstbildes und die mangelnde Fähigkeit zur Selbstfürsorge behandelte Themen. Bei
teilweise unrealistisch hohen Selbstanforderungen sei es der Versicherten zuerst
schwergefallen, anzuerkennen, dass sie rascher erschöpft sei als andere, frühzeitig
Pausen benötige und für einen guten Schlaf sorgen müsse. Das Antizipieren möglicher
Belastungen sei noch schwierig. Bei beginnender Erschöpfung habe sie sich rasch als
"hoffnungslose Versagerin" erlebt, was zu einer Demotivierungssituation mit der
Neigung, sich ins Bett zurückzuziehen und am liebsten "gar nichts mehr zu machen"
geführt habe. Parallel zum Arbeitsversuch seien diese Verhaltensweisen konstruktiv
bearbeitet worden. Inzwischen habe die Versicherte auf allen benannten
Problemfeldern deutliche und anhaltende, zunehmend belastbare Fortschritte gemacht.
Einen wesentlichen Anteil daran habe das Aufbautraining in einer wohlwollenden
Umgebung, in welcher die Versicherte Ermutigung, Unterstützung und zeitnahe
Feedbacks in verträglichen Portionen erhalte. Aufgrund der Schwere der
A.e.
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vorbestehenden Symptomatik sei bei einer insgesamt guten Prognose eine
Verlängerung des Aufbautrainings mit dem klaren Ziel einer Steigerung der Präsenzzeit
(bis auf eine volle Präsenzzeit) und der Leistungsfähigkeit anzustreben. Mittelfristiges
Ziel könne bei weiterhin gutem Therapieverlauf eine berufliche Massnahme darstellen,
da aus fachpsychiatrischer Sicht eine Rückkehr in die angestammte Tätigkeit
unrealistisch sei. Die Versicherte verliere nämlich bei einer reizdichten Umgebung mit
Kundenkontakt in einem Ladengeschäft rasch ihre Kapazität, sich emotional zu
regulieren und selbst zu beruhigen. Ihre Dünnhäutigkeit führe dann zu rascher
Überforderung und Gereiztheit und Rückzug. Die Versicherte sei weiterhin auf Hilfs-Ich
Funktionen angewiesen.
Im Juni 2016 wurde der Arbeitsversuch aufgrund von vermehrter Abwesenheit und
unentschuldigtem Fernbleiben der Versicherten abgebrochen (IV-act. 47); die
Versicherte sehe sich nicht mehr in der Lage weiterzumachen.
A.f.
Am 21. Juli 2016 berichtete med. pract. C._ von unveränderten Diagnosen (IV-
act. 50). Die bisherige Tätigkeit sei nicht mehr zumutbar. Auch andere Tätigkeiten seien
gegenwärtig nicht möglich. Eine Wiedereingliederung in einem geschützten Umfeld
komme frühestens nach einer etwa einjährigen Stabilisierungsphase wieder in Frage.
Der RAD-Arzt Dr. med. E._ hielt am 10. Oktober 2016 fest (IV-act. 54), der Bericht
von med. pract. C._ erläutere in nachvollziehbarer Weise eine längerdauernde
Arbeitsunfähigkeit. Am 28. Oktober 2016 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit (IV-act.
58), dass das Begehren um berufliche Massnahmen abgewiesen werde.
A.g.
Am 20. April 2017 gab med. pract. C._ telefonisch an (IV-act. 63), die
Versicherte sei 50% arbeitsfähig. In einem Bericht vom 21. April 2017 führte med.
pract. C._ aus (IV-act. 64), die Versicherte leide an unveränderten Diagnosen. Die
Prognose habe sich insgesamt gebessert. Bei einer zu hohen Belastung und
ungünstigen Umgebungsfaktoren sei ein Rückfall auf ein schlechteres
psychophysisches Funktionsniveau jedoch nicht ausgeschlossen. In der bisherigen
Tätigkeit sei die Versicherte unter günstigen Umständen (kleiner Laden, freundliches
Team, Unterstützung durch einen Jobcoach etc.) 50% arbeitsfähig, beginnend mit
einer Tätigkeit in einem 40% Pensum, welche langsam und bei guter Unterstützung
sowie Fortsetzung des therapeutischen Prozesses auf zumindest 80% gesteigert
A.h.
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werden könne. Eine adaptierte Tätigkeit sei der Versicherten während 5 Stunden pro
Tag möglich, wobei sie Rückzugs- und Pausenmöglichkeiten brauche. Die Versicherte
habe die einjährige Stabilisierungsphase sehr gut nutzen können. Sie sei sehr motiviert
wieder zu arbeiten, was auch zu einem stabileren Selbstwert beitragen werde, da eine
erlebte Selbstwirksamkeit aufgrund einer Arbeitstätigkeit eine sehr hohe Bedeutung im
Wertesystem einnehme. Die Versicherte wolle schnellstmöglich von der Sozialhilfe
unabhängig werden.
Der RAD-Arzt Dr. E._ hielt am 14. Juni 2017 fest (IV-act. 67), dass diagnostisch
weiterhin von einer Borderline Persönlichkeitsstörung auszugehen sei. Der
Gesundheitszustand sei noch nicht als Endzustand einzuordnen; im letzten Jahr habe
hinsichtlich der Bewältigung der alltagspraktischen (und wahrscheinlich auch
hinsichtlich der berufspraktischen) Aufgaben eine gewisse Konsolidierung erreicht
werden können. Weiterhin bestehe eine Aussicht auf Besserung. Die Arbeitsfähigkeit in
der angestammten Tätigkeit sei noch offen. In einer adaptierten Tätigkeit bestehe eine
50% Arbeitsfähigkeit, wobei die Leistungsfähigkeit während der Präsenzzeit noch offen
sei. Bei einem günstigen Verlauf sei die Arbeitsfähigkeit steigerbar. Tätigkeiten, die eine
hohe (Selbst-)Sicherheit in der Kommunikation, eine hohe Frustrationstoleranz und
emotionale Belastbarkeit erforderten und/oder eine geringe Strukturierung des
Arbeitsfeldes aufwiesen, seien ohne spezifische Unterstützung eher weniger geeignet.
Geeignet seien Tätigkeiten mit begrenzter Arbeitsverdichtung, festgelegten
Verantwortungsbereich, überschaubaren Abläufen und eindeutigen
Kommunikationsregeln in einem transparenten und wohlwollenden Umfeld. Hilfreich
wäre ein fester, verständnisvoller Ansprechpartner als stabilisierende Bezugsperson für
regelmässige und konstruktive Rückmeldungen. Die Empfehlungen seien nicht absolut,
sondern relativ zum bisherigen Ressourcenniveau gedacht und könnten, falls eine
"geeignete Hilfe zur Selbsthilfe" greife, gelockert werden. Ein Mitarbeiter der IV-Stelle
notierte am 20. Juni 2017 (IV-act. 68), dass sich der Gesundheitszustand der
Versicherten entgegen der Erwartung stabilisiert habe, sodass erneut
Integrationsmassnahmen zu prüfen seien. Am 4. September 2017 notierte der
Sachbearbeiter der IV-Stelle weiter (IV-act. 72), die Versicherte sei seit dem 2. August
2017 in einem Einsatzprogramm tätig, welches durch das RAV aufgegleist worden sei.
Sie arbeite in einem 50%-Pensum und das Einsatzprogramm dauere noch bis Ende
A.i.
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September. Am 1. Dezember 2017 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit (IV-act. 86),
dass keine weiteren beruflichen Massnahmen mehr möglich seien, da die
Integrationsmassnahme in Form eines Aufbautrainings am 6. November 2017
abgebrochen worden sei.
Am 19. Dezember 2017 berichtete med. pract. C._ von einer Verschlechterung
des Gesundheitszustandes als Folge einer weiteren Chronifizierung bei unveränderten
Diagnosen (IV-act. 90). Eine Stabilisierung des Gesamtzustandes habe nicht erreicht
werden könne. Die Versicherte sei gegenwärtig wieder depressiv, der Antrieb stark
herabgesetzt. Sie leide vermehrt an Infekten und sage mit dieser Begründung
Therapiesitzungen ab; dies erschwere auch ein kontinuierliches Arbeiten. Die
Selbstfürsorge habe sich wieder verschlechtert, negative Denkspiralen hätten wieder
deutlich mehr Raum eingenommen. Zentral sei der Hass auf den eigenen Körper.
Sicher verstärkend für die erneute Verschlechterung sei die mangelnde Unterstützung
bzw. häufige Entwertung der Therapie durch die Familie. Die Versicherte sehne sich
nach Anerkennung, welche sie jedoch weder von der Mutter noch von der Schwester
erhalte. Med. pract. C._ führte weiter aus, sie müsse ihre Einschätzung vom April
2017 teilweise revidieren; die Sorge, dass unter zu hoher Belastung eine
Verschlechterung eintreten könne, sei leider eingetreten. Der Versicherten seien derzeit
weder die bisherige Tätigkeit noch adaptierte Tätigkeiten zumutbar.
A.j.
Am 3. Januar 2018 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit (IV-act. 92), das
Leistungsbegehren um berufliche Massnahmen werde abgewiesen.
A.k.
Am 26. März 2018 orientierte die IV-Stelle die Versicherte darüber (IV-act. 96), dass
zur Klärung der Leistungsansprüche eine medizinische Untersuchung im Bereich
Psychiatrie notwendig sei.
A.l.
Am 27. Juni 2018 gab med. pract. C._ gegenüber einem Mitarbeiter der
sozialen Dienste der Stadt D._ an (IV-act. 116-1), die Versicherte befinde sich in
einem sehr schlechten psychophysischen Zustand mit Erschöpfung,
Selbstfürsorgedefiziten und finanzieller Not. Sie könne nicht mehr schlafen und sie esse
und trinke unregelmässig. Die Versicherte sei weiterhin zu 100% arbeitsunfähig.
A.m.
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Nachdem die Versicherte die Begutachtungstermine zweimal unentschuldigt nicht
wahrgenommen hatte (vgl. IV-act. 106 und 111), hatte die IV-Stelle bei med. pract.
C._ bereits am 26. Juni 2018 nachgefragt (IV-act. 114), ob die Versicherte in der Lage
sei, einen Gutachtertermin wahrzunehmen und wenn nicht, ob auch in anderen
Lebensbereichen ein Gefährdungsmoment bestehe, so dass die Versicherte nicht in
der Lage sei, zentrale Belange ihrer Lebensgrundlagen eigenverantwortlich
wahrzunehmen. Am 4. Juli 2018 antwortete med. pract. C._ (IV-act. 119), die
Versicherte sei krankheitsbedingt nicht in der Lage gewesen, die Gutachtertermine
wahrzunehmen. In einer stabileren Phase ohne psychotisches Erleben sei die
Versicherte in der Lage, einen Gutachtertermin wahrzunehmen. Bei der Versicherten
bestehe das Vollbild einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (ICD-10F 60.31) und auf
dem Hintergrund einer kumulativen Traumatisierung über Jahre bestehe zusätzlich die
Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10F 43.1). Es liege eine
mittelbare Gefährdung vor, in der die Versicherte krankheitsbedingt nicht in der Lage
sei, zentrale Belange ihrer Lebensgrundlagen eigenverantwortlich wahrzunehmen.
A.n.
Am 12. Februar 2019 notierte der RAD-Arzt Dr. med. E._ (IV-act. 135), Facharzt
für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, die Versicherte sei zwischenzeitlich
verbeiständet worden. Auch habe eine Anbindung an die psychiatrische Spitex
stattgefunden. Der sistierte Gutachtensauftrag könne daher reaktiviert werden. Am 2.
April 2019 erstattete Dr. med. F._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
ein monodisziplinäres psychiatrisches Gutachten (IV-act. 141). Er gab an, zum
aktuellen Zeitpunkt fänden sich ausreichende Hinweise, um von einer emotional
instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus auszugehen. Weiter leide die
Versicherte an psychischen und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen,
Störungen durch Cannabinoide: Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtiger
Substanzgebrauch. Zur Herleitung der spezifischen Persönlichkeitsstörung führte er
aus, die Versicherte habe bereits mit 13 Jahren begonnen, regelmässig Marihuana
einzunehmen, und sie habe bereits früh eine schwer problematische Interaktion
innerhalb der Familie erlebt. Ab dem 21. Lebensjahr zeigten sich nachweisbar
erhebliche soziale und interaktionelle Einschränkungen. Diese Verhaltensmuster seien
tiefgreifend und in vielen sozialen Situationen unpassend. Sowohl in der sozialen
Interaktion bezüglich Partnerschaft als auch innerhalb von Arbeitsstrukturen fänden
A.o.
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sich immer wieder Auffälligkeiten. Die Versicherte habe die Tendenz, impulsiv zu
handeln; es komme zu explosivem Verhalten und unklaren Interaktionen. Sie habe
angegeben, ein sehr unklares Selbstbild zu haben. Innerhalb der emotionalen
Instabilität komme es sehr häufig zu unklaren Vorstellungen bezüglich des eigenen
Körpers und verschiedener innerer Präferenzen. Die Bindungsstruktur sei von
Überhöhung und dann Entwerten geprägt. Die Bindungen seien unbeständig und es
komme zu sehr schweren emotionalen Krisen. All dies zeichne sich bei der
Versicherten sehr deutlich ab. Zum aktuellen Zeitpunkt fänden sich daher ausreichende
Hinweise, um von einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-
Typus auszugehen. Eine posttraumatische Belastungsstörung liege nicht vor. Bei
dieser Diagnose träten sogenannte Nachhallerinnerungen auf; solche habe die
Versicherte weder selbständig noch auf Rückfrage angegeben. Auch eine ausgeprägte
innere Unruhe im Sinne einer sympathischen Übererregung sei nicht angegeben
worden. Auch auf Rückfrage habe die Versicherte keine schweren Traumatisierungen
oder lebensbedrohlichen Situationen angegeben. Eine Dysmorphophobie oder die
unklaren Vorstellungen bezüglich dem Selbstbild und dem eigenen Körper fänden sich
häufig im Rahmen einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung. Dies sei
vorliegend nicht als eigene Störung, sondern innerhalb der entsprechenden Borderline-
Erkrankung zu sehen. Retrospektiv seien Hinweise für eine depressive Symptomatik
mit Antriebsstörung, Traurigkeit, sozialem Rückzug, sozialer Überforderung,
Schlafstörungen, Selbstentwertung und Traurigkeit zu finden. Retrospektiv könne
zwischen 2015 und etwa 2018 von einer depressiven Symptomatik ausgegangen
werden, die aktuell nicht mehr auftrete. Auch für manische oder submanische Phasen
und damit für eine bipolar-affektive Erkrankung seien aktuell keine Hinweise
vorhanden. Die Versicherte habe angegeben, täglich inhalativ rund 1g Cannabinoide zu
sich zu nehmen und sie erlebe auch eine körperliche Abhängigkeitssymptomatik. Die
tägliche Zufuhr von mindestens 1g sei im Sinne einer Toleranz zu interpretieren. Andere
Aktivitäten würden nicht vernachlässigt. Trotz erheblicher sozialer Konsequenzen
nehme die Versicherte die Substanz weiterhin. Dies sei als Zwang oder starker Wunsch
zu interpretieren, die Substanz zu sich zu nehmen. Daher sei ein
Abhängigkeitssyndrom von Cannabinoiden zu dokumentieren. Die Versicherte habe
angegeben, seit Langem keinen Alkohol mehr zu konsumieren. Auch sonst seien keine
Hinweise dafür erkennbar; auch der anwesende Spitex-Mitarbeiter habe keine
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diesbezüglichen Angaben gemacht. Trotzdem sei dies mitzuberücksichtigen; innerhalb
der Aktendokumentation fänden sich ausreichend Hinweise, um von einem schädlichen
Gebrauch trotz gegenläufiger Angaben auszugehen. Als zentrale,
arbeitsfähigkeitsrelevante Diagnose sei in diesem Fall jedoch die emotional instabile
Persönlichkeitsstörung zu dokumentieren. Aktuell sei die emotional instabile
Persönlichkeitsstörung als leicht- bis mittelgradig ausgeprägt zu dokumentieren.
Innerhalb der sozialen Leistungsfähigkeit fänden sich nur sehr geringe
Einschränkungen. Die Versicherte könne langfristige Freundschaften aufrechterhalten;
im sozialen Rahmen fänden sich keine Einschränkungen. Alle Tätigkeiten des
Haushalts (wie Einkaufen, Putzen, Waschen, Kochen Bügeln, etc.) seien
uneingeschränkt durchführbar. Aktuell seien organisatorische Tätigkeiten (Erledigung
der Finanzen [durch Beistand]) delegiert. Inwieweit diese selbst durchgeführt werden
könnten und ob dies als Anleitung zur Selbsthilfe zum aktuellen Zeitpunkt zu
interpretieren sei, bleibe offen. Der Schweregrad sei damit als mittelgradig anzusehen.
Als Ressource seien Freunde, das Haustier und eigene Rückzugsmöglichkeiten
vorhanden. In der Tätigkeit als Detailhandelsverkäuferin sei die Versicherte aktuell zwei
Stunden einsetzbar. Innerhalb einer Interaktion sei sie jedoch nicht schwergradig
eingeschränkt, wenn diese kein Verkaufskontakt sei. Eine Einschränkung, aber keine
vollständige Kontraindikation sei vorhanden. Die zentrale Problematik der emotional
instabilen Persönlichkeitsstörung sei die interaktionelle Problematik; bei
Kundengesprächen und regelmässigem Kundenkontakt könne es zu schwierigen
Situationen kommen. Innerhalb der zweistündigen täglichen Arbeitstätigkeit sei von
einer nur sehr geringgradigen Einschränkung der Leistung auszugehen. Auch innerhalb
der sehr schwierigen Untersuchungssituation habe die Versicherte grossteils adäquat
interagieren können. Daher könne in der angestammten Tätigkeit von einer maximal
20%igen Arbeitsfähigkeit ausgegangen werden. Ab Januar 2015 finde sich
nachvollziehbar eine schwergradig ausgeprägte depressive Symptomatik
dokumentiert. Nachvollziehbar sei insbesondere, dass bei einer schweren depressiven
Symptomatik eine Persönlichkeitsstörung unterhalb der Nachweisgrenze verbleibe,
wenn diese so schwer ausgeprägt sei, dass nur noch eine sogenannte
Restpersönlichkeit dokumentierbar sei. Im Juli 2016 habe die behandelnde
Psychiaterin wiederum eine volle Arbeitsunfähigkeit attestiert. 2017 habe sie diese
Meinung dann retrospektiv revidiert. Teils sei im Jahre 2015 eine volle
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Arbeitsunfähigkeit, teilweise eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit dokumentiert worden.
Trotz der dokumentierten 50%igen Arbeitsunfähigkeit komme es jedoch zur
Dekompensation innerhalb der Integrationsversuche. Insgesamt könne ab Januar 2015
von einer vollen Arbeitsunfähigkeit ausgegangen werden. Die angegebenen Daten der
Versicherten seien nur teilweise nachvollziehbar. Sie habe einen Therapieabbruch ab
2017 angegeben, in den Akten finde sich jedoch eine Stellungnahme von med. pract.
C._ bezüglich Therapieverlauf vom Dezember 2017. Im Juni 2018 habe sich die
Versicherte noch in psychiatrischer Therapie bei med. pract. C._ befunden. Hier
werde noch von einer erheblichen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit ausgegangen.
Zum Zeitpunkt März 2019 sei von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit in der angepassten
Tätigkeit und einer 20%igen Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit
auszugehen. Mit ausreichender medizinischer Sicherheit könne daher ab Januar 2015
bis November 2018 von einer vollen Arbeitsunfähigkeit in der angestammten und in
einer angepassten Tätigkeit nachvollziehbar ausgegangen werden. Die angepasste
Tätigkeit werde entsprechend mitberücksichtigt, da hier die Verlaufsdokumentation
durch med. pract. C._, aber auch entsprechende Arbeitsversuche festgehalten
worden seien. Die Versicherte habe angegeben, dass es im November 2018 zu einer
deutlichen Besserung gekommen sei. Sie mache hier jedoch teilweise verschiedene
Angaben, ab wann eine Verbesserung nachvollziehbar sei. Mit ausreichender
medizinischer Wahrscheinlichkeit und Sicherheit sei daher im Untersuchungszeitpunkt
ab Februar 2015 bis März 2019 eine volle Arbeitsunfähigkeit und ab März 2019 eine
80%ige Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit zu dokumentieren. Analog
sei für eine angepasste Tätigkeit ausreichend nachvollziehbar ab Januar 2015 bis März
2019 von einer vollen Arbeitsunfähigkeit (aufgrund der Dokumentation durch med.
pract. C._) und ab März 2019 von einer 50%ige Arbeitsunfähigkeit auszugehen. Als
angepasste Tätigkeit sei eine Tätigkeit mit einem persönlichen Kundenkontakt unter
50% der Arbeitszeit mit möglichen Telefonkontakten und administrativen Tätigkeiten zu
definieren. Zusätzlich wären ein kleines Team und ein unmittelbarer Vorgesetzter
optimal. Eine Tätigkeit im Verkauf sei nicht als sinnvoll anzusehen. Es sei von einer
Tätigkeit von 4 Stunden pro Tag mit Pausen (wie gesetzlich vorgeschrieben)
auszugehen. Innerhalb dieser Tätigkeit sei es der Versicherten zumutbar, dass eine
Tätigkeit durchgeführt werden könne. Die Versicherte habe innerhalb der gesamten
Untersuchungszeit eine adäquate kognitive und emotionale Leistungsfähigkeit
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vorweisen können. Sowohl fremdanamnestisch als auch eigenanamnestisch werde
davon ausgegangen, dass im ersten Arbeitsmarkt innerhalb einer angepassten
Tätigkeit eine solche Arbeitsfähigkeit möglich sei. Die oben beschriebene
Arbeitstätigkeit sei daher ohne Einschränkung der Leistungsfähigkeit für die Versicherte
entsprechend möglich. Trotz des Vorliegens einer emotional instabilen
Persönlichkeitsstörung sei es derzeit zu einer Stabilisierung innerhalb der Interaktion
gekommen. Die Versicherte sei interaktionsfähig und könne Impulse grossteils
kontrollieren. Auch innerhalb der Untersuchungssituation habe sich eine ausreichende
Struktur gezeigt, um zu interagieren und Impulse zu kontrollieren. Hinweise auf eine
Unmöglichkeit der adäquaten Interaktion im Arbeitsbereich seien nicht vorhanden.
Trotz der Abhängigkeitserkrankung von Cannabinoiden fänden sich keine
Einschränkungen der kognitiven Fähigkeiten. Auch Antriebsstörungen oder eine
Erhöhung der Ermüdbarkeit seien nicht angegeben worden. Zum aktuellen Zeitpunkt
sei davon auszugehen, dass die Suchtproblematik die adaptierte Tätigkeit nicht in
schwergradiger Weise einschränke.
Der RAD-Arzt Dr. E._ notierte am 9. April 2019 (IV-act. 142), das psychiatrische
Gutachten entspreche im Wesentlichen den geltenden versicherungsmedizinischen
Kriterien. Am 7. August 2019 kam ein Mitarbeiter des Rechtsdienstes der IV-Stelle nach
Prüfung der Standardindikatoren gemäss der neuen Rechtsprechung zum Schluss,
dass eine 50%ige Arbeitsfähigkeit für eine adaptierte Tätigkeit im Gesamtbild
nachvollzogen werden könne.
A.p.
Mit einem Vorbescheid vom 15. Oktober 2019 kündigte die IV-Stelle der
Versicherten an (IV-act. 146), ab dem 1. Mai 2016 (nach Beendigung der beruflichen
Massnahmen) habe sie Anspruch auf eine ganze Invalidenrente und ab dem 1. Juni
2019 (1. März 2019 + 3 Monate) auf eine halbe Invalidenrente. Die IV-Stelle führte aus,
spezialärztliche Abklärungen hätten ergeben, dass die Versicherte seit dem 14. Januar
2015 aus gesundheitlichen Gründen in erheblichem Ausmass in ihrer Arbeitsfähigkeit
eingeschränkt sei. Vom 16. November 2015 bis 15. Mai 2016 sei ein Aufbautraining
durchgeführt worden. Im Anschluss daran habe eine volle Arbeitsunfähigkeit in
sämtlichen Tätigkeiten bestanden. Seit März 2019 sei eine Verbesserung des
Gesundheitszustandes eingetreten. Ihre angestammte Tätigkeit als Verkäuferin EFZ sei
ihr noch zu 20%, eine adaptierte Tätigkeit in einem kleinen Team mit weniger als 50%
A.q.
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B.
Kundenkontakt während der Arbeitszeit sei ihr zu 50% zumutbar. Am 10. Januar 2020
verfügte die IV-Stelle ab 1. Mai 2016 bis zum 31. Mai 2019 eine ganze und ab 1. Juni
2019 eine halbe Invalidenrente (IV-act. 150).
Am 10. Februar 2020 liess die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin)
Beschwerde gegen die Verfügung der IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin)
vom 10. Januar 2020 erheben (act. G 1). Sie beantragte die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und die Zusprache einer ganzen Invalidenrente seit dem 1.
Januar 2016. Eventualiter sei die Sache zur Vornahme ergänzender Abklärungen und
zur anschliessenden Neuverfügung an die Verwaltung zurückzuweisen. In der
Begründung führte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen aus, eine dauerhafte
Verbesserung des Gesundheitszustandes ab März 2019 sei nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit gegeben. Weiter sei der Rentenbeginn nicht auf den 1. Mai 2016,
sondern infolge aktenkundiger dauerhafter Arbeitsunfähigkeit ab Januar 2015 auf den
1. Januar 2016 anzusetzen. Hinzu komme, dass das IV-Gutachten unter
Ausserachtlassung der Suchtproblematik der Beschwerdeführerin zustande gekommen
sei.
B.a.
In einer Beschwerdeantwort vom 20. März 2020 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (act. G 5). Sie begründete diesen
Antrag damit, dass der psychiatrische Sachverständige aufgrund seiner Feststellungen
anlässlich der Untersuchung vom 7. März 2019 zum Schluss gekommen sei, der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin habe sich im Vergleich zu der
vorangehenden Einschätzung durch die behandelnde Psychiaterin Dr. C._ im Juni
2018 stabilisiert und verbessert. Der Sachverständige habe nachvollziehbar dargelegt,
dass sich die Arbeitsfähigkeit ab März 2019 verbessert habe. Auch unter
Berücksichtigung der neuen bundesgerichtlichen Rechtsprechung zu den
Auswirkungen eines ärztlich diagnostizieren Abhängigkeitssyndromes sei die
verbleibende Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit von 50% nachvollziehbar.
Der Beschwerdeführerin sei vom 16. November 2015 bis 12. Mai 2016 ein Taggeld
ausgerichtet worden (mit Verweis auf act. 59). Gemäss Art. 29 Abs. 2 IVG entstehe der
Rentenanspruch nicht, solange die versicherte Person ein Taggeld nach Art. 22 IVG
B.b.
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Erwägungen
1.
In der angefochtenen Verfügung vom 10. Januar 2020 hat die Beschwerdegegnerin
über das Rentenbegehren der Beschwerdeführerin entschieden. Da das
Beschwerdeverfahren die Prüfung der Rechtmässigkeit dieser Verfügung zum Ziel hat,
muss es sich auf den in der Verfügung enthaltenen Gegenstand beschränken. Folglich
ist nur zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Eröffnung der
angefochtenen Verfügung einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung
gehabt hat.
2.
beanspruchen könne. Die Rente werde vom Beginn des Monats an ausbezahlt, in dem
der Rentenanspruch entstehe (mit Verweis auf Art. 29 Abs. 3 IVG und KSIH Rz. 2026).
Somit entstehe der Rentenanspruch ab dem 1. Mai 2016.
Das Versicherungsgericht bewilligte am 31. März 2020 das Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege (act. G 6).
B.c.
In einer Replik vom 15. April 2020 liess die Beschwerdeführerin an den bisherigen
Anträgen festhalten (act. G 8). Sie führte aus, es sei zutreffend, dass ihr mit einer
Verfügung vom 27. November 2015 ein IV-Taggeld für das Aufbautraining vom 16.
November 2015 bis 15. Mai 2016 zugesprochen worden sei. Indessen sei unklar, wie
lange sie ein IV-Taggeld erhalten habe, da sie bereits ab dem 25. Januar 2016 bis auf
Weiteres voll arbeitsunfähig gewesen sei. In den Akten sei lediglich eine
Taggeldabrechnung für April 2016 ersichtlich (mit Verweis auf IV-act. 46).
B.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 28. April 2020 auf die Einreichung einer
Duplik (act. G 10).
B.e.
Eine versicherte Person hat laut dem Art. 28 Abs. 1 IVG einen Anspruch auf eine
Rente der Invalidenversicherung, wenn sie ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern kann, wenn sie
während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und wenn sie nach dem Ablauf
dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist. Für die Bemessung der Invalidität
2.1.
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3.
wird gemäss dem Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben
wäre.
Für die Ermittlung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens kommt
den Auswirkungen der Gesundheitsbeeinträchtigung auf die Arbeitsfähigkeit in der
Regel eine zentrale Rolle zu. Zur Abklärung des Gesundheitszustandes ist durch die
Beschwerdegegnerin die Erstellung eines psychiatrischen Gutachtens durch Dr. F._
in Auftrag gegeben worden. Aufgrund der Einwände der Beschwerdeführerin ist zu
prüfen, ob dem Gutachten voller Beweiswert zukommt, das heisst, ob die angegebene
Arbeitsfähigkeit mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
nachvollziehbar belegt ist.
2.2.
Zunächst ist zu prüfen, ob das Gutachten die vom Bundesgericht vorgegebenen
Anforderungen an medizinische Gutachten erfüllen. Ein Gutachten hat einen
ausreichenden Beweiswert, wenn es für die streitigen Belange umfassend ist, auf
allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen Situation einleuchtet und die
Schlussfolgerungen der Experten begründet sind (BGE 125 V 351, E. 3a). Notwendig ist
zudem, dass der psychiatrische Gutachter die vom Bundesgericht in Bezug auf
anhaltende somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare psychosomatische
Leiden aufgestellten und später auf alle psychischen Erkrankungen, insbesondere auf
leichte bis mittelschwere depressive Störungen, anwendbar erklärten
Standardindikatoren berücksichtigt hat (vgl. BGE 141 V 281; 143 V 409 und 143 V 418).
3.1.
Dr. F._ hat die relevanten Vorakten gewürdigt (IV-act. 141-12 ff..), die
Beschwerdeführerin persönlich untersucht und ihre subjektiven Klagen aufgenommen
(IV-act. 141-40) und im Rahmen der Anamnese (IV-at. 141-41 ff.) und der objektiven
Befunderhebung (IV-act. 141-47 ff.) die entsprechenden Ergebnisse festgehalten.
Anschliessend hat Dr. F._ die objektiven Befunde in ihrer Art und Schwere gewürdigt
und die Herleitung seiner erhobenen Diagnosen geschildert (IV-act. 141-50 ff.). Weiter
hat er sich mit den bisherigen Behandlungen auseinandergesetzt (IV-act. 141-53 f.) und
3.2.
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zur Konsistenz und Plausibilität Stellung genommen (IV-act. 141-54). Abschliessend
hat er gestützt auf seine umfassenden Untersuchungen eine Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit sowohl für die angestammte als auch für eine leidensadaptierte
Tätigkeit abgegeben (IV-act. 141-55 ff.). Wie nachfolgend dargelegt wird, überzeugt
jedoch die von Dr. F._ abgegebene Arbeitsfähigkeitsschätzung sowohl für die
angestammte als auch die adaptierte Tätigkeit nicht.
Dr. F._ hat mehrmals festgehalten, dass bei der Versicherten im November 2018
eine "deutliche" Besserung des Gesundheitszustandes eingetreten ist (vgl. bspw. IV-
act. 141-57). Dennoch hat er im Weiteren sowohl für die angestammte als auch die
adaptierte Tätigkeit eine volle Arbeitsunfähigkeit bis zum März 2019 angenommen.
Wieso trotz der mehrfach angegebenen Besserung des Gesundheitszustandes im
November 2018 dennoch eine volle Arbeitsunfähigkeit zum Begutachtungszeitpunkt
(März 2019) vorliegen soll, wird von Dr. F._ nicht erklärt. Die Angabe der vollen
Arbeitsunfähigkeit vom November 2018 bis März 2019 ist nicht vereinbar mit der
Angabe eines verbesserten Gesundheitszustandes und damit nicht nachvollziehbar.
Weiter hat Dr. F._ nicht begründet, wieso die Beschwerdeführerin in einer
angepassten Tätigkeit ab März 2019 zu 50% arbeitsfähig sein soll. Er hat zwar die
Diagnosen aufgelistet, an denen die Beschwerdeführerin leidet, er hat es jedoch
unterlassen, darzulegen, welche Einschränkungen (bspw. schnelle Ermüdbarkeit,
Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen) dazu führen, dass die
Beschwerdeführerin in einer adaptierten Tätigkeit nur in einem hälftigen Pensum
arbeiten kann. Es finden sich nur Äusserungen zum Pausenbedarf, der jedoch nicht
erhöht sei (IV-act. 141-58). Weiter sind auch die Angaben zur interaktionellen
Problematik der Beschwerdeführerin im Gutachten widersprüchlich. Dr. F._ hat die
Borderline-Persönlichkeitsstörung der Beschwerdeführerin als mittelgradig eingestuft
(IV-act. 141-52). Dazu hat er ausgeführt, dass die Beschwerdeführerin in ihrer
Interaktion nicht schwergradig eingeschränkt sei, wenn diese keinen
Interaktionsverkaufskontakt darstelle. Eine Einschränkung sei vorhanden, jedoch keine
vollständige Kontraindikation. Die zentrale Problematik der emotional instabilen
Persönlichkeitsstörung bilde die interaktionelle Problematik (IV-act. 141-55 f.). Im
Weiteren hat Dr. F._ dann wieder angegeben, dass trotz des Vorliegens einer
emotional instabilen Persönlichkeitsstörung derzeit eine Stabilisierung innerhalb der
Interaktion vorhanden sei (IV-act. 141-60). Die Beschwerdeführerin sei interaktionsfähig
und könne ihre Impulse grösstenteils kontrollieren. Auch innerhalb der
Untersuchungssituation habe sie eine ausreichende Struktur gezeigt, um zu
interagieren und Impulse zu kontrollieren. Ein Hinweis auf eine Unmöglichkeit der
adäquaten Interaktion im Arbeitsbereich sei nicht vorhanden. Dr. F._ hat folglich
3.3.
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erklärt, dass die Interaktion ein zentrales Problem der als mittelgradig eingestuften
Borderline-Persönlichkeitsstörung darstelle. Damit hat er unter anderem auch die stark
eingeschränkte Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Verkäuferin
begründet. An anderer Stelle im Gutachten steht dann aber, dass sich die Interaktion
bei der Beschwerdeführerin stabilisiert habe und dass kein Hinweis auf eine
Unmöglichkeit der adäquaten Interaktion im Arbeitsbereich vorhanden sei. Damit stellt
sich die Frage, wieso die angestammte Tätigkeit nur in einem solch geringen Pensum
möglich sein soll, wenn doch die Interaktion, die als Hauptargument für die
Einschränkung genannt wird, stabilisiert sein soll. Weitere Gründe, die eine so hohe
Einschränkung in der angestammten Tätigkeit erklären würden, sind nicht genannt
worden. Damit ist auch die Arbeitsfähigkeitsschätzung für die angestammte Tätigkeit
nicht nachvollziehbar. Weitere Unklarheiten sind bei den Prozent- bzw.
Stundenangaben der verbleibenden Arbeitsfähigkeiten vorhanden. Bezüglich der
angestammten Tätigkeit hat Dr. F._ angegeben, dass diese zum aktuellen Zeitpunkt
noch zwei Stunden täglich möglich sei, was einer maximal 20%igen Arbeitsfähigkeit
entspreche (IV-act. 141-55 f.). Bei der angepassten Tätigkeit hat er ausgeführt, diese
sei der Beschwerdeführerin zu 50% zumutbar, wobei von einer Tätigkeit von vier
Stunden täglich auszugehen sei. Bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung zur angestammten
Tätigkeit entsprechen zwei Stunden damit 20%, bei der angestammten Tätigkeit
entsprechen vier Stunden dann aber 50%. Bei der angestammten Tätigkeit wird damit
davon ausgegangen, ein Arbeitstag (=100%) umfasse zehn Stunden und bei der
angepassten Tätigkeit acht Stunden. Eine Erklärung hierfür fehlt. Auch aufgrund dieses
Widerspruches kann nicht auf die Arbeitsfähigkeitsschätzungen von Dr. F._
abgestellt werden.
Die Beschwerdeführerin hat zudem zu Recht eingewendet, dass sich der
Gutachter zu wenig mit der Suchtproblematik auseinandergesetzt habe. Dr. F._ hat
angegeben, der Cannabiskonsum (rund 1g Cannabis pro Tag) schränke die
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit nicht schwergradig ein. Aus den Akten
geht hervor, dass die Beschwerdeführerin während des Arbeitsversuchs vermehrt
gefehlt bzw. immer wieder unentschuldigte Absenzen ausgewiesen hat (vgl. bspw. IV-
act. 47-5). Dr. F._ hat sich nicht damit auseinandergesetzt, wie bzw. ob das
unentschuldigte Fehlen, also wohl das Durchhaltevermögen der Beschwerdeführerin,
mit dem Cannabiskonsum zusammenhängt. Dr. F._ hat weiter ausgeführt, dass bei
der Beschwerdeführerin keine Einschränkungen der kognitiven Fähigkeiten vorhanden
seien. Bei der Befunderhebung hat er jedoch angegeben (IV-act. 141-47), er habe nur
eine grob orientierende Untersuchung der kognitiven Fähigkeiten durchgeführt. Auch
aus Sicht eines medizinischen Laien ist jedoch ersichtlich, dass eine solche "grobe"
3.4.
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Prüfung der kognitiven Fähigkeiten nicht genügen kann, um die Auswirkungen des
Cannabiskonsums im Detail zu prüfen und allfällige Störungen festzustellen. Dr. F._
hat damit nicht ausreichend genau geprüft, ob aufgrund des langjährigen
Cannabiskonsums irreversible Folgeschäden eingetreten sind. Diesbezüglich ist das
Gutachten zu ergänzen. Im Weiteren hat Dr. F._ in seinem Gutachten nicht
angegeben, ob eine bestehende Gesundheitsstörung der Beschwerdeführerin zu ihrer
Cannabinoidabhängigkeit geführt hat. Damit ein Gutachten jedoch den
Standardindikatoren des Bundesgerichts (BGE 141 V 281) standhält, muss unter
anderem diskutiert werden, ob eine vorangehende Gesundheitsstörung mit
gravierendem Krankheitswert zu einem Abhängigkeitssyndrom geführt hat.
Diesbezügliche Ausführungen sind auch ergänzungsbedürftig.
Abschliessend hat die Beschwerdeführerin ebenfalls zu Recht moniert, dass
aufgrund der Akten unklar bleibe, in welchem Zeitraum effektiv ein Taggeld bezogen
worden ist. In den Akten finden sich neben der Verfügung vom 27. November 2015 (IV-
act. 38) dazu lediglich eine Abrechnung für den Monat April 2016 (IV-act. 46) und eine
Telefonnotiz vom 22. November 2016 (IV-act. 59); in letzterer wird festgehalten, dass
vom 16. November 2015 bis zum 12. Mai 2016 ein Taggeld ausgerichtet worden sei. In
den Akten fehlt damit eine detaillierte Zusammenstellung der zuständigen
Ausgleichskasse, auf welcher ersichtlich ist, bis wann der Beschwerdeführerin (auch
unter Berücksichtigung allfälliger Rückforderungen) effektiv ein Taggeld im Sinne von
Art. 22 IVG ausgerichtet worden ist. Gemäss Art. 29 Abs. 2 IVG entsteht nämlich der
Anspruch auf eine Invalidenrente erst, wenn kein Taggeld nach Art. 22 IVG mehr
beansprucht werden kann. Die Beschwerdegegnerin hat daher für die Ermittlung eines
potentiellen Rentenbeginns bei der zuständigen Ausgleichskasse abzuklären, wie lange
die Beschwerdeführerin tatsächlich (d.h. auch unter Berücksichtigung allfälliger
Rückforderungen) ein Taggeld im Sinne von Art. 22 IVG bezogen hat.
3.5.
Zusammenfassend überzeugt die von Dr. F._ abgegebene
Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht und der potentielle Rentenbeginn steht noch nicht
fest. Die Beschwerdegegnerin hat den Sachverhalt also nicht ausreichend abgeklärt,
weshalb die angefochtene Verfügung in Verletzung der Untersuchungspflicht (Art. 43
Abs. 1 ATSG) ergangen ist; sie muss folglich aufgehoben werden. Da es nicht die
Sache des Versicherungsgerichtes sein kann, die ureigenste Aufgabe der
Beschwerdegegnerin – die Sachverhaltsabklärung – zu übernehmen, ist die Sache zur
Ergänzung des Gutachtens von Dr. F._ im Sinne der Erwägungen sowie zur Klärung,
wie lange ein Taggeld nach Art. 22 IVG ausbezahlt worden ist, an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die Beschwerdegegnerin wird veranlassen,
3.6.
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4.
dass Dr. F._ eine Präzisierung bzw. Ergänzung zu seinem Gutachten (vgl. Erw. 2.5
und 2.6), das heisst zum zeitlichen Verlauf der Arbeitsfähigkeit, zu den
Einschränkungen, welche die Arbeitsfähigkeit reduzieren, zu der interaktionellen
Problematik der Beschwerdeführerin, zu den Prozent- und den Stundenangaben der
Arbeitsfähigkeitsschätzungen und zur Suchtproblematik der Beschwerdeführerin liefert.
Nach der Auffassung des Bundesgerichts ist die Rückweisung in diesem Fall nämlich
zulässig (vgl. BGE 137 V 264, E. 4.4.1.4, wonach eine Sache zurückgewiesen werden
kann, wenn lediglich eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachtlichen
Ausführungen erforderlich ist; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 15. November
2019, 8C_525/2019, E. 3.3).
Demnach ist die angefochtene Verfügung in teilweiser Gutheissung der
Beschwerde aufzuheben und die Sache ist zur Vornahme weiterer Abklärungen und zur
anschliessenden neuen Verfügung im Sinne der Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.7.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Praxisgemäss ist die
Rückweisung an die Verwaltung zur weiteren Abklärung als volles Obsiegen des
Beschwerdeführers zu werten (vgl. BGE 132 V 235 E. 6.1). Dementsprechend ist die
Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- vollumfänglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
4.1.
bis
Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschwerde führende Person
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Auch hier gilt, dass eine Rückweisung zur
weiteren Abklärung als volles Obsiegen der Beschwerdeführerin zu betrachten ist. Die
Parteientschädigung wird vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht
auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des
Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das
Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung (sGS
963.75) pauschal Fr. 1'500.-- bis Fr. 15'000.--. Die Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführerin hat keine Honorarnote eingereicht. In einem durchschnittlich
aufwendigen IV-Rentenfall spricht das Versicherungsgericht neu eine pauschale
Parteientschädigung von 4’000 Franken (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) zu. In einer Plenarsitzung vom 25. Mai 2021 haben die
Versicherungsrichterinnen und Versicherungsrichter nämlich beschlossen, die
4.2.
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