Decision ID: 85e4cace-46c1-5018-bdff-39184965ba06
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ war bei der Helsana Versicherungen AG (nachfolgend: Helsana)
obligatorisch krankenpflegeversichert (vgl. KV-act. 1). Im Jahr 2014 stellte die Helsana
der Versicherten für die Grundversicherung monatlich Prämien von Fr. 364.95,
abzüglich einer individuellen Prämienverbilligung (IPV) von Fr. 92.--, in Rechnung (KV-
act. 2 ff.; vgl. Police in KV-act. 1). Ab Januar 2015 betrugen die monatlichen Prämien
Fr. 390.95, wovon die Helsana wiederum eine IPV von Fr. 92.-- in Abzug brachte (KV-
act. 15 ff.; vgl. Police in KV-act. 12). Für das Jahr 2016 beliefen sich die
Prämienrechnungen auf monatlich Fr. 449.--, abzüglich der IPV von Fr. 92.-- bzw. ab
Juli 2016 von Fr. 112.-- (KV-act. 28 ff.; vgl. Police in KV-act. 25). Ab Januar 2017 stellte
die Helsana der Versicherten monatliche Prämien für die Grundversicherung von Fr.
420.65, abzüglich der IPV von Fr. 112.--, in Rechnung (KV-act. 41 ff.; vgl. Police in KV-
act. 39). Am 5. April 2017 erstellte die Helsana eine korrigierte Prämienrechnung für die
Monate Januar bis April 2017 (KV-act. 45). Ab April 2017 beliefen sich die monatlichen
Prämien weiterhin auf Fr. 420.65, die IPV erhöhte sich jedoch auf Fr. 456.-- (KV-act. 45,
47).
A.a.
Mit "Rechnung" vom 8. April 2017 schrieb die Helsana der Versicherten für die
Monate August bis Dezember 2016 eine IPV von insgesamt Fr. 420.-- gut (KV-act. 46).
Im Jahr 2018 stellte die Helsana der Versicherten monatliche Prämien für die
Grundversicherung von Fr. 390.70, abzüglich einer IPV von Fr. 471.--, in Rechnung
(KV-act. 56 ff.; vgl. Korrektur in KV-act. 57; vgl. Police in KV-act. 53).
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 20. September 2018 teilte die Helsana der Versicherten mit, sie habe von der
Sozialversicherungsanstalt (SVA) St. Gallen die Verfügung für die IPV für das Jahr 2018
erhalten. Dabei sei der Helsana aufgefallen, dass die Versicherte seit dem Jahr 2014
jedes Jahr eine IPV aus dem Kanton Bern erhalten habe. Ihre Nachforschungen hätten
ergeben, dass dies nicht korrekt sei. Die Beträge seien bei der Versicherten aufgrund
einer früheren hinterlegten Sozialversicherungsnummer im Vertrag erfasst worden. Die
SVA Bern fordere nun die IPV der Jahre 2014 bis 2018 zurück. Die Versicherte erhalte
deshalb Einzahlungsscheine über die Beträge von Fr. 1'644.--, Fr. 5'472.--, Fr. 2'896.20
und zweimal Fr. 1'104.-- (KV-act. 68, vgl. KV-act. 69 ff.).
A.c.
Die Versicherte brachte in einem Schreiben vom 2. Oktober 2018 vor, der Fehler
liege bei der SVA Bern bzw. der Helsana. Sie fordere die Helsana auf, die
Zahlungsforderungen intern mit der SVA Bern zu lösen und die Rechnungen zu
stornieren (KV-act. 73).
A.d.
Die Helsana führte am 9. Oktober 2018 aus, die SVA Bern fordere die IPV zurück,
da die Versicherte nie Anspruch darauf gehabt habe. Deshalb sei die Helsana
gezwungen, ihr die Forderungen in Rechnung zu stellen. Eventuell könne sie auch bei
der SVA St. Gallen anfragen, ob die Möglichkeit bestehe, die IPV für die vergangenen
Jahre zu beantragen (KV-act. 75). Dagegen machte die Versicherte am 16. Oktober
2018 geltend, weder der SVA Bern noch der Helsana liege ein von ihr ausgefüllter und
unterschriebener Antrag auf IPV vor. Somit fehle jegliche rechtliche Grundlage für die
Rückforderung gegenüber ihr (KV-act. 76). Am 17. Oktober 2018 verlangte sie unter
anderem eine anfechtbare Verfügung (KV-act. 77).
A.e.
Mit Verfügung vom 15. Januar 2019 verpflichtete die Helsana die Versicherte, ihr
den ausstehenden Prämienbetrag von insgesamt Fr. 12'220.20 zu bezahlen (KV-act.
79). Am 16. Januar 2019 teilte die Helsana der Versicherten zudem mit, sie habe, da es
sich um Forderungen aus der obligatorischen Krankenpflegeversicherung handle, leider
keinen Spielraum wie beispielsweise den Verzicht auf die Prämienforderung. Sie habe
versucht, bei der SVA St. Gallen eine rückwirkende IPV für die Versicherte zu
beantragen, eine positive Nachricht sei jedoch ausgeblieben. Möglicherweise würde
eine direkte Anfrage durch die Versicherte positiv ausfallen (KV-act. 80).
A.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
C.

Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und vorliegend zu prüfen ist die Zahlungspflicht der
Beschwerdeführerin für ungedeckte Prämien für die Krankengrundversicherung für den
Zeitraum von Januar 2014 bis September 2018.
Am 7. Februar 2019 erhob die Versicherte gegen die Verfügung vom 15. Januar
2019 Einsprache. Sie beantragte, die Verfügung sei aufzuheben und auf die
Rückforderung der von Januar 2014 bis September 2018 bezogenen
Prämienverbilligungen sei zu verzichten. Eventualiter sei die Rückforderung zu erlassen
(KV-act. 81).
B.a.
Mit Entscheid vom 19. Juni 2019 wies die Helsana die Einsprache ab (KV-act. 85).B.b.
Gegen den Einspracheentscheid vom 19. Juni 2019 erhob die Versicherte
(nachfolgend: Beschwerdeführerin) die vorliegende Beschwerde vom 25. Juni 2019 und
beantragte dessen Aufhebung. Sie machte geltend, die Helsana (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) hätte schon Ende 2013, als sie von der SVA Bern über die IPV
orientiert worden sei, diese sofort negieren müssen. Sie, die Versicherte, habe die
Leistungen in gutem Glauben erhalten. Eine Rückerstattung würde zudem eine grosse
Härte darstellen, weshalb auf eine solche zu verzichten sei (act. G1).
C.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 23. September 2019 die Abweisung der
Beschwerde (act. G5).
C.b.
Mit Eingabe vom 9. Oktober 2019 führte die Beschwerdeführerin aus, die ganze
Angelegenheit belaste sie sehr. Sie reichte diverse Korrespondenz mit der
Beschwerdegegnerin ein (act. G7).
C.c.
Gemäss Art. 61 Abs. 1 Satz 1 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung
(KVG; SR 832.10) legt der Versicherer die Prämien fest. Die Prämien sind im Voraus
und in der Regel monatlich zu bezahlen (Art. 90 der Verordnung über die
1.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Die Beschwerdeführerin hatte unbestritten nie Wohnsitz im Kanton Bern und nur
aufgrund einer Verwechslung von Personendaten von Januar 2014 bis September 2018
irrtümlicherweise eine IPV des Kantons Bern erhalten. Erst als die SVA St. Gallen der
Beschwerdeführerin im Jahr 2018 eine IPV zusprach, wurde die fehlerhafte Ausrichtung
der IPV durch den Kanton Bern erkannt (vgl. KV-act. 79). Die Beschwerdeführerin
erhielt nach Lage der Akten die IPV des Kantons Bern unrechtmässig, womit die dort
zuständige IPV-Durchführungsstelle grundsätzlich berechtigt war, diese
zurückzufordern. Dabei unerheblich ist die Frage, wie es zur falschen Ausrichtung der
IPV kam und wen daran in welchem Umfang allenfalls eine Schuld trifft. Die im Kanton
Bern zuständige Durchführungsstelle forderte die fälschlicherweise ausgerichtete IPV
von der Beschwerdegegnerin zurück und es ist davon auszugehen, dass diese die
Rückforderung beglich (vgl. 27 Abs. 1 des bernischen Gesetzes betreffend die
Einführung der Bundesgesetze über die Kranken-, die Unfall- und die
Militärversicherung [EG KUMV; BSG-Nr. 842.11], Art. 17b Abs. 1 der kantonalen
Krankenversicherungsverordnung des Kantons Bern [KKVV; BSG-Nr. 842.111.1]). In
ihrem Schreiben vom 20. September 2018 führte die Beschwerdegegnerin aus, der
Kanton Bern fordere die Prämienverbilligungen der Jahre 2014 bis 2018 zurück.
Deshalb erhalte die Beschwerdeführerin in den nächsten Tagen entsprechende
Einzahlungsscheine (KV-act. 68). Am 9. Oktober 2018 hielt sie fest, der Kanton Bern
Krankenversicherung [KVV; SR 832.102]). Nach Art. 65 Abs. 1 KVG haben die Kantone
den Versicherten in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen eine IPV zu gewähren.
Die Kantone erlassen die Ausführungsbestimmungen zu Art. 65 KVG (Art. 97 Abs. 1
KVG).
Der Anspruch auf ausstehende Leistungen oder Beiträge erlischt fünf Jahre nach
dem Ende des Monats, für welchen die Leistung, und fünf Jahre nach dem Ende des
Kalenderjahres, für welches der Beitrag geschuldet war (Art. 24 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR
830.1]). Gemäss Art. 25 Abs. 1 ATSG sind unrechtmässig bezogene Leistungen
zurückzuerstatten. Wer Leistungen in gutem Glauben empfangen hat, muss sie nicht
zurückerstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt. Rückerstattungspflichtig sind unter
anderem der Bezüger oder die Bezügerin der unrechtmässig gewährten Leistungen
(Art. 2 Abs. 1 lit. a der Verordnung über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSV; SR 830.11]). Über den Umfang der Rückforderung
wird eine Verfügung erlassen (Art. 3 Abs. 1 ATSV). Der Versicherer weist in der
Rückforderungsverfügung auf die Möglichkeit des Erlasses hin (Art. 3 Abs. 2 ATSV).
1.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
fordere die IPV zurück, da die Beschwerdeführerin nie Anspruch auf diese Verbilligung
gehabt habe. Die Beschwerdegegnerin sei daher gezwungen, ihr die Forderungen in
Rechnung zu stellen (KV-act. 75). Diese beiden Schreiben waren insofern nicht
eindeutig, als aus ihnen hätte geschlossen werden können, dass die
Beschwerdegegnerin von der Beschwerdeführerin die ausgerichtete IPV
zurückgeforderte. Dazu wäre sie jedoch nicht legitimiert gewesen, zumal die IPV nicht
durch sie, sondern durch die bernische IPV-Durchführungsstelle entrichtet worden war.
In der Verfügung vom 15. Januar 2019 sprach die Beschwerdegegnerin dann jedoch
korrekterweise von einer Prämienforderung für Januar 2014 bis September 2018 (vgl.
KV-act. 79). Im Einspracheentscheid vom 19. Juni 2019 hielt die Beschwerdegegnerin
explizit fest, dass der rückwirkende Wegfall der IPV zu einer rückwirkenden
Nachforderung von Prämien führe (KV-act. 85). Im Folgenden ist zu prüfen, ob und in
welchem Umfang die Beschwerdeführerin diese ausstehenden Prämien zu bezahlen
hat.
3.
Die Beschwerdeführerin ist unbestritten grundsätzlich dazu verpflichtet, der
Beschwerdegegnerin die KVG-Prämien für den Zeitraum der Versicherungsdauer zu
bezahlen. Sie macht jedoch sinngemäss geltend, die rückwirkend nachgeforderten
Prämien seien ihr zu erlassen (act. G1).
Die Beschwerdegegnerin hatte in ihrer Verfügung vom 15. Januar 2019 auf die
Möglichkeit eines Gesuchs um Erlass der Rückerstattung hingewiesen (KV-act. 79),
worauf die Beschwerdeführerin ein solches stellte (KV-act. 81). Wie die
Beschwerdegegnerin im angefochtenen Einspracheentscheid jedoch korrekt ausführte,
ist ein Erlass für Prämienforderungen nicht möglich (vgl. KV-act. 85). Art. 24 f. ATSG
unterscheidet zwischen Leistungen und Beiträgen (vgl. auch Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 4. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2020, N 21 ff. zu Art. 24). Art. 25 ATSG sieht
nur den Verzicht auf Rückforderungen in Bezug auf Leistungen, nicht aber den Verzicht
auf die Erhebung von ausstehenden Beiträgen vor. Bei den rückwirkend geforderten
Prämien handelt es sich um solche Beiträge, weshalb Art. 25 Abs. 1 ATSG nicht
anwendbar ist. Da der Gesetzgeber auch keine andere Möglichkeit zum Verzicht auf
eine KVG-Beitragsforderung vorsieht, fällt ein solcher vorliegend ausser Betracht.
3.1.
Die Beschwerdeführerin hat damit die von der Beschwerdegegnerin nachträglich
geforderten Prämien zu bezahlen. Die Beschwerdegegnerin verfügte am 15. Januar
2019 über die Zahlungspflicht für die ausstehenden Prämien (KV-act. 79). Im
Gegensatz zu Leistungen läuft die fünfjährige Frist nicht ab dem Fälligkeitszeitpunkt,
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.