Decision ID: 05bccc10-53b4-42d4-88b3-e8b75ce66ef5
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der
1951 geborene
X._
war zuletzt
seit dem
1.
September 1984
bei der
Y._
beziehungsweise seit dem 1. Januar 2005
bei der
Z._
als Flugzeugtraktorfahrer
angestellt.
Am
22.
September 2014
mel
dete er sich unter Hinweis auf
Beckenbrüche und innere Verletzungen
bei der
In
validenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk.
6/1
,
Urk.
6/5/2
und Urk.
6
/10
). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, tätigte medizi
nische und erwerbliche Abklärungen und
veranlasste eine Abklärung im Haushalt (Bericht vom
1.
Juli
2015; Urk.
6/33
). Am 1
7.
Juni 2015 erteilte
sie
Kostengut
sprache für Hilfsmittel (Handläufe, Duschklappensitz und Haltegriffe;
Urk.
6/32
). Mit Verfügung vom
2.
Februar 2016 sprach sie dem Versicherten
ab
1.
März 2015
eine Dreiviertelsrente der Invalidenversicherung zu (
Urk.
6/49
). D
as
Gesuch um Ausrichtung einer Hilflosenentschädigung
wies sie nach durchgeführtem Vor
bescheidverfahren (
Urk.
6/56,
Urk.
6/58
,
Urk.
6/63 und Urk.
6/68
)
mit Verfügung vom
5.
Oktober 2017
(Urk. 2) ab.
2.
Dagegen erhob der Versicherte am
3.
November 2017
Beschwerde (Urk. 1) und beantragte, die Verfügung vom
5.
Oktober 2017
sei aufzuheben und es sei
die Vorinstanz zu verpflichten, die gesetzlichen Leistungen auszurichten; insbeson
dere sei ihm mit Wirkung ab
1.
Oktober 2015 eine Hilflosenentschädigung leich
ten Grades zuzusprechen.
Am
8.
Dezember 2017
(Urk.
5
) beantragte die IV-Stelle, die Beschwerde sei abzuweisen. Mit Replik vom
5.
April 2018
(
Urk.
10
)
änderte der
Beschwerdeführer sein Rechtsbegehren dahingehend, als dass ihm ab
1.
Okto
ber 2015 eine Hilflosenentschädigung mindestens mittleren Grades auszurichten sei
.
Mit Eingabe vom 3
0.
April 2018
teilte die Beschwerdegegnerin mit, dass sie auf das Einreichen einer Duplik verzichte (
Urk.
13
), was dem Besc
hwerdeführer mit Verfügung vom
2.
Mai 2018
zur Kenntnis gebracht wurde (Urk.
14
).
3.
Die
Suva hatte
den Antrag des
Beschwerdeführers
auf Ausrichtung einer Hilf
losenentschädigung mit Einspracheentscheid vom 2
0.
September 2017 abgewie
sen (
Urk.
6/73
)
.
Die dagegen erhobene Beschwerde wurde mit Urteil des hiesigen Gerichts vom heutigen Datum
in dem Sinne
gutgeheissen
, dass der angefochtene Einspracheentscheid aufgehoben und die Sache an die Suva zurückgewiesen wurde, damit
diese weitere Abklärungen
tätige und
anschliessend
über den An
spruch des
Beschwerdeführers auf Ausrichtung einer Hilflosenentschädigung neu
entscheide
(Prozess Nr.
UV.2017.00238
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1
.
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrelevante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2
.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene lei
stungsabweisende Ver
fü
gung vom
5.
Oktober 2017
(Urk. 2) damit, dass
die Voraussetzungen der Regel
mässigkeit der Dauer und der Intensität an Begleitung unter Einbezug der Scha
den- und Mitwirkungspflicht nicht erfüllt seien. Die lebenspraktische Begleitung von 2 Stunden wöchentlich sei nicht ausgewiesen.
Es könne nicht jede Hilfe
leistung bei der Haushaltführung berücksichtigt werden, sondern nur diejenigen Tätigkeiten, die ohne Drittbetreuung zu einer Heimplatzierung führen würden. Eine schadenmindernde Unterstützung durch die Ehefrau des Beschwerdeführers müsse angerechnet werden.
Einschränkungen, die aufgrund körperlicher
Beein
trächtigungen
entständen, würden nicht in die lebenspraktische Begleitung der Invalidenversicherung fallen. Diese müssten, da unfallbedingt begründet, von der Suva anerkannt werden. Die Hilflosenentschädigung/lebenspraktische Begleitung werde deshalb abgewiesen
(S. 2 f.).
2
.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1),
ob eine Dritthilfe im Sinne von lebensprakti
s
cher Begleitung notwendig sei, sei ungeachtet der Umgebung, in welcher sich
die versicherte Person
aufhalte, zu beurteilen.
Massgebend sei allein, ob der
Beschwerdeführer
, wäre er auf sich allein gestellt, erhebliche Dritthilfe benötige
.
Die tatsächlich erbrachte Mithilfe von Familienmitgliedern sei demgegenüber eine Frage der Schaden
minde
rungs
pflicht, die erst in einem zweiten Schritt zu prüfen sei. Die Abklärungsperson habe
seinen
Hilfsbedarf hingegen in einem Schritt, also gleich unter Berück
sichtigung der Schadenminderungspflicht der Ehefrau bestimmt, was dazu führe, dass der Abklärungsbericht keine umfassenden Angaben zu seinem Hilfsbedarf
in sämtlichen relevanten Teilbereichen aufweise (S. 6-8). Die Voraussetzungen für
die
Zusprache
einer Hilflosenentschädigung für lebenspraktische Begleitung seien - aus näher dargelegten Gründen - erfüllt
, dies auch unter Berücksichtigung der der Ehefrau auferlegten sehr weitgehenden Schadenminderungspflicht
(S. 8-
14
).
Er sei zudem in den alltäglichen Lebensverrichtungen «An- und Auskleiden» sowie «Fortbewegung und Kontaktaufnahme» regelmässig, dauerhaft und erheb
lich auf die Hilfe Dritter angewiesen
. Da die Einschr
änkungen auf den Unfall vom 25.
März 2014 zurückzuführen seien, sei ausschliesslich die Suva für die Aus
richtung einer Hilflosenentschädigung unter diesem Titel zuständig
(S. 15-
16
).
Im Laufe des Verfahrens hielt er ergänzend fest
(
Urk.
10)
,
er sei zusätzlich in den alltäglichen Lebensverrichtungen «Körperpflege» und «Essen» eingeschränkt
,
wes
halb er Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung mittleren Grades habe
(S. 4-
6
)
.
Das rudimentär festgehaltene Abklärungsergebnis der Suva, wonach er in allen alltäglichen Lebensverrichtungen wieder selbständig sei, stelle keine taugliche Beweisgrundlage für die Beurteilung der Frage nach den entsprechenden Ein
schränkungen dar. Auf den Abklärungsbericht der Beschwerdegegnerin vom 1
4.
Februar 2017 könne nicht abgestellt werden (S. 5-6). Allenfalls seien weitere Abklärungen erforderlich, würden doch die Berichte seiner Ehefrau und seiner Physiotherapeutin deutlich zeigen, wie stark er eingeschränkt sei (S. 7).
3.
3.1
Der Beschwerdeführer ersuchte sowohl die Beschwerdegegnerin als auch die Suva
um Ausrichtung einer Hilflosenentschädigung
. Die Beschwerdegegnerin hat das Abklärungsverfahren zu Recht mit demjenigen der Suva koordiniert, legt doch
Art.
66
Abs.
3 des
Bundesgesetz
es
über den Allgemeinen Teil des Sozialver
siche
rungsrechts (ATSG)
in Bezug auf die Ausrichtung von
Hilflosenentschädigungen
eine Prioritätenordnung fest: Soweit ein zunächst leistungspflichtiger Zweig
–
vor
liegend
allenfalls die Unfallversicherung - eine Hilflosenentschädigung er
brin
gt,
ist ein Anspruch gegenüber dem nachrangig leistungspflichtigen Zweig - vorliegend gegebenenfalls die Invalidenversicherung - ausgeschlossen.
3.2
Der
Einspracheentscheid
der Suva
vom 2
0.
September 2017
basierte haupt
säch
lich auf einer Aktennotiz vom 1
0.
März 2016 (
Urk.
6/60/841-842), welche
deren
Mitarbeiterin nach einem Besuch beim
Beschwerdeführer verfasst hatte.
Das un
fall
versicherungsrechtliche Gerichtsverfahren hat ergeben, dass diese Aktennotiz
den Anforderungen an einen für das Prüfen des Anspruchs auf Ausrichtung einer Hilflosenentschädigung erforderlichen Abklärungsbericht nicht zu genügen ver
mag. Mit Urteil vom heutigen Datum hat das hiesige Gericht deshalb jene Sache an die Suva zurückgewiesen, damit
diese weitere Abklärungen
tätige und
an
schliessend
über den Anspruch des Beschwerdeführers auf Ausrichtung einer Hilflosenentschädigung
gestützt auf das
Bundesgesetz über die Unfallver
siche
rung (UVG)
neu
entscheide.
Für ihre Abklärungen im invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren stützte sich die Beschwerdegegnerin unter anderem ebenfalls auf die genannte
Akten
n
otiz. Nachdem diese die bundesgerichtlichen Vorgaben an einen beweiskräftigen Abklärungsbericht nicht erfüllt, erweist sich auch der dem vorliegenden Fall zu
grunde liegende Sachverhalt als nicht ausreichend abgeklärt und die
ent
scheid
relevanten
Unterlagen als nicht vollständig.
Wie bereits
dargelegt hat die Be
schwerdegegnerin ihr Abklärungsverfahren mit der Suva zu koordinieren und sollte einen Entscheid in Bezug auf den Anspruch auf Ausrichtung einer Hilflo
sen
entschädigung gestützt auf das Bundesgesetz über die Invalidenversicherung (IVG) erst treffen, nachdem die Suva ihren diesbezüglichen Entscheid gefällt hat. Es rechtfertigt sich deshalb, die Beschwerde in dem Sinne gutzuheissen, dass die angefochtene Verfügung aufgehoben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen wird, damit diese nach Abschluss der Abklärungen der Suva erneut über den Anspruch des Beschwerdeführers auf Ausrichtung einer Hilflo
senentschädigung befinde.
3.3
Dieses Vorgehen drängt sich
nicht zuletzt auch unter dem Blickwinkel der Wahrung des Gehörsanspruchs des Beschwerdeführers auf.
Denn die Beschwerde
gegnerin wird ihm - sobald die vollständigen Unterlagen vorliegen - im Rahmen des
Einwandverfahrens
Gelegenheit zu geben haben, sich aufgrund der zusätz
lichen Abklärungen zur geplanten Erledigung zu
äussern
und die Akten einzu
sehen. Dieses Recht könnte dem Beschwerdeführer zwar auch im Rahmen dieses Verfahrens eingeräumt werden, doch darf nicht
ausser
A
cht bleiben, dass dadurch dessen Instanzenzug verkürzt würde. Bei einer Sistierung des
vorliegenden
Ver
fah
rens bis
zum Vorliegen aller notwendigen Unterlagen
aus dem unfallver
siche
rungsrechtlichen Verfahren
hätte der Beschwerdeführer somit eine erhebliche Einschränkung seiner Gehörsrechte hinzunehmen, weshalb sich eine
Sistierung
nicht rechtfertigt.
4.
4
.1
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57). Die Kosten gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG
sind ermessensweise auf Fr. 400.-- festzusetzen und entsprechend dem Ausgang des Verfahrens der un
terliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
4.2
De
m
Beschwerdeführer steht eine Prozessentschädigung zu, welche vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses, dem Zeitaufwand und den Barauslagen festge
setzt wird (§ 34 Abs. 1 und 3
GSVGer
). Entsprechend ist ih
m
eine Prozessent
schädigung von Fr.
2
‘
0
00.--
(inkl. Barauslagen und
MWSt
) auszurichten.