Decision ID: 84ec5617-7ba3-595e-a7da-a202d579709b
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ R. F. (geboren am 15. Juli 1975) ist ledig und lebt zusammen mit seiner
Lebenspartnerin und deren zwei Kindern in einer 4,5 Zimmerwohnung in S. Er ist
unselbständig erwerbstätig.
Im Jahr 2008 wurde er mit einem steuerbaren Einkommen von Fr. 62'600.-- für die
Staats- und Gemeindesteuern und ohne steuerbares Vermögen sowie im Jahr 2009 mit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einem steuerbaren Einkommen von Fr. 59'900.-- für die Staats- und Gemeindesteuern
und ebenfalls ohne steuerbares Vermögen veranlagt. Dies führte für die Staats- und
Gemeindesteuern zu Steuerbeträgen von Fr. 11'548.60 für das Jahr 2008 und
Fr. 10'242.75 für das Jahr 2009. R. F. leistete für die Staats- und Gemeindesteuern
2008 eine Anzahlung von Fr. 3'603.45, sodass noch Fr. 7'945.15 offen blieben.
B./ R. F. stellte am 11. Mai 2010 ein Erlassgesuch für die noch ausstehenden Steuern
der Jahre 2008 und 2009 in der Höhe von Fr. 7'945.15 resp. Fr. 10'242.75, also
insgesamt Fr. 18'187.90. Das Kantonale Steueramt lehnte mit Entscheid vom 13. Juli
2010 den Erlass der Staats- und Gemeindesteuern 2008 und 2009 ab. Als Begründung
wurde im Wesentlichen vorgebracht, dass der Steuererlass bestimmungsgemäss dem
Steuerschuldner und nicht seinen Gläubigern zu Gute kommen solle. Die Rückzahlung
der Schulden bei Drittgläubigern dürfe nicht den Forderungen der Steuerbehörden
voran gestellt werden.
C./ Dagegen erhob R. F. mit Eingabe vom 12. August 2010 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission. Er beantragte unter anderem sinngemäss, dass ihm die
noch offenen Steuern der Jahre 2008 und 2009 teilweise zu erlassen seien. Am
6. September 2010 reichte er das Formular zur Darstellung der wirtschaftlichen
Verhältnisse ein. Die Verwaltungsrekurskommission wies den Rekurs mit Entscheid
vom 25. August 2011 ab. Als Begründung wurde im Wesentlichen vorgebracht, dass
bei einer Überschuldung ein Steuererlass nur in Frage komme, wenn sämtliche
Gläubiger in gleichem Mass wie die Steuerbehörden auf ihre Forderung verzichten
würden. Vorliegend seien Bemühungen für eine gleichmässige Befriedigung aller
Gläubiger im Rahmen einer Gesamtsanierung nicht nachgewiesen. Ein Steuererlass
würde nur den privaten Gläubigern von R. F. zu Gute kommen.
D./ Mit Eingabe vom 29. September 2011 erhebt R. F. Beschwerde beim
Verwaltungsgericht und beantragt sinngemäss die Aufhebung des Entscheids der
Verwaltungsrekurskommission vom 31. August 2011 und eine neue Beurteilung eines
(Teil-)Erlasses der Staats- und Gemeindesteuern 2008 und 2009 sowie die Erarbeitung
einer Stundungsvereinbarung. Als Begründung wird im Wesentlichen vorgebracht, dass
ein beträchtlicher Teil seiner Gesamtschuld durch grosszügiges Entgegenkommen der
Gläubiger reduziert worden sei. Es gehe ihm nicht darum, nicht Steuern bezahlen zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wollen oder Drittgläubiger zu bevorteilen, sondern vielmehr darum, eine seit Jahren
missliche Lage zu bereinigen.
Die Verwaltungsrekurskommission liess sich mit Eingabe vom 21. Oktober 2011 zur
Beschwerde vernehmen und beantragt deren Abweisung. Das Kantonale Steueramt
beantragt in seiner Vernehmlassung vom 14. November 2011 ebenfalls die Abweisung.
R. F. nimmt mit Eingabe vom 30. November 2011 Stellung zu den Vernehmlassungen
und beantragt, den dargestellten Sachverhalt neu zu beurteilen und sinngemäss eine
öffentliche Verhandlung.
Auf die weiteren von den Verfahrensbeteiligten vorgebrachten Ausführungen wird –
soweit erforderlich – in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. (...).
2. Sinngemäss beantragt der Beschwerdeführer in der Eingabe vom 30. November
2011 eine mündliche Verhandlung. Unabhängig von der Frage, ob ein solcher Antrag
bereits in der Beschwerdeschrift vom 29. September 2011 hätte erfolgen müssen, ist
zu beachten, dass sich aus Art. 6 Ziff. 1 der Europäischen Menschenrechtskonvention
(SR 0.101) kein Anspruch auf eine mündliche Verhandlung für Beschwerdeverfahren in
Steuersachen ergibt (Richner/ Frei/Kaufmann/Meuter, Handkommentar zum DBG,
2. Aufl., Zürich 2009, N 10 zu Art. 142 DBG). Umstritten ist hingegen, ob sich ein
solcher Anspruch aus Art. 30 Abs. 3 der Bundesverfassung (SR 101) ergibt, der den
sachlichen Geltungsbereich gemäss seinem Wortlaut nicht auf bestimmte
Rechtsgebiete beschränkt (vgl. als Überblick G. Steinmann, in: Ehrenzeller/
Mastronardi/Schweizer/Vallender [Hrsg.], St. Galler Kommentar zur BV, 2. Aufl., Zürich/
St. Gallen 2008, N 34 zu Art. 30; sowie G. Biaggini, Bundesverfassung der
Schweizerischen Eidgenossenschaft, Kommentar, Zürich 2007, N 17 zu Art. 30). Zu
beachten ist aber, dass Art. 30 Abs. 3 BV lediglich garantiert, dass, wenn eine
Verhandlung stattfindet, diese öffentlich sein muss, sofern das Gesetz keine Ausnahme
vorsieht (U. Cavelti, in: Zweifel/Athanas, Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
[DBG], Art. 83-222, 2. Aufl., Basel 2008, N 3a zu Art. 142 mit Hinweis). Zudem findet
sich eine Konkretisierung des Rechts auf mündliche Verhandlung in Art. 55 VRP.
Danach wird eine mündliche Verhandlung durchgeführt, wenn sie zur Wahrung der
Parteirechte notwendig ist oder zweckmässig erscheint. Vorliegend konnte der
Beschwerdeführer sämtliche tatsächlichen und rechtlichen Vorbringen in seinen
Eingaben im Rekurs- und Beschwerdeverfahren geltend machen. Dem Begehren um
Durchführung einer öffentlichen Verhandlung wird daher nicht stattgegeben.
3. Der Beschwerdeführer reichte zusammen mit seiner Eingabe vom 29. September
2011 eine Vereinbarung zur Schuldentilgung vom 6./25. Juli 2011 zwischen ihm, der
xxx-bank und A. K. ein. Der Beschwerdegegner und die Vorinstanz machen dagegen
geltend, der Beschwerdeführer hätte diese Vereinbarung bereits im Verfahren vor der
Vorinstanz einreichen müssen, was er unterlassen habe. Der Beschwerdeführer bringt
dagegen vor, dass er diese Vereinbarung am 6. Juli 2011 unterschrieben habe und die
xxx-bank ihrerseits am 25. Juli 2011. A. K. habe seine Unterschrift erst Ende August
und ohne Angabe eines Datums geleistet. Er selbst habe die unterzeichneten
Vertragsdoppel erst am 7. September 2011 erhalten.
Die Vorinstanz hatte keine Kenntnis von dieser Vereinbarung und konnte sie demnach
nicht berücksichtigen. Es liegt daher ein unechtes Novum vor, auch wenn der
Beschwerdeführer die unterzeichneten Vertragsdoppel erst am 7. September 2011,
also nach dem Entscheid der Vorinstanz, erhalten hat. Massgebend ist, dass er bereits
vor dem angefochtenen Entscheid den Inhalt der Vereinbarung kannte und er sowie die
xxx-bank diese Vereinbarung bereits unterzeichnet hatten. Dies hat zur Folge, dass ihm
anzulasten ist, dass er seine tatsächlichen Vorbringen bereits vor der Vorinstanz hätte
geltend machen können. Auch wenn unechte Noven grundsätzlich im
Beschwerdeverfahren vorgebracht und gewürdigt werden dürfen, befreit dies den
Beschwerdeführer nicht davon, Rechtsbegehren zu stellen und diese in tatsächlicher
Hinsicht zu begründen (vgl. VerwGE B 2011/8 vom 18. Oktober 2011 E. 2.3, abrufbar
unter www.gerichte.sg.ch). Der Beschwerdeführer hätte spätestens seit seiner
Unterschrift am 6. Juli 2011 der Vorinstanz die Existenz einer Vereinbarung zur
Schuldentilgung mitteilen und beantragen müssen, dass mit dem Entscheid bis zum
Erhalt der Vertragsdoppel abgewartet werden solle.
http://www.gerichte.sg.ch/
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zu berücksichtigen ist aber, dass das Novenverbot von Art. 61 Abs. 3 VRP in
steuerrechtlichen Beschwerdeverfahren nicht gilt, da das Verwaltungsgericht gemäss
Art. 196 Abs. 2 StG nicht an die Begehren der Beteiligten gebunden ist (SGE 2009
Nr. 11; VerwGE B 2010/284 vom 29. August 2011 E. 2.1.1, abrufbar unter
www.gerichte.sg.ch). Zudem hat das Verwaltungsgericht kürzlich entschieden, dass
auch im Beschwerdeverfahren wegen Steuerhinterziehung neue tatsächliche
Ausführungen und Aktenstücke der Kantonalen Steuerverwaltung zu berücksichtigen
sind (VerwGE B 2011/179 vom 17. Januar 2012 E. 2.2, abrufbar unter
www.gerichte.sg.ch). Dies hat auch in einem Beschwerdeverfahren gegen einen
Entscheid über einen Steuererlass und selbst dann zu gelten, wenn der
Beschwerdeführer die tatsächlichen Ausführungen und Aktenstücke bereits vor
Vorinstanz hätte vorbringen können. Sodann kommt hinzu, dass zwar primär die
wirtschaftlichen Verhältnisse des Steuerpflichtigen im Zeitpunkt des Entscheides durch
die Steuerbezugsbehörde massgebend sind, aber auch die Entwicklung seit der
Veranlagung, auf die sich das Erlassbegehren bezieht, sowie die Aussichten für die
Zukunft zu berücksichtigen sind (StB 224 Nr. 1 Ziff. 1.3; BVGer A-3663/2007 vom
11. Juni 2009 E. 2.8.1 mit Hinweis; SGE 2009 Nr. 21). Dies spricht ebenfalls dafür,
tatsächliche Änderungen im Beschwerdeverfahren noch zu berücksichtigen.
Aus dem Gesagten folgt daher, dass die im Beschwerdeverfahren vorgebrachten
neuen tatsächlichen Ausführungen und Aktenstücke in die Entscheidfindung
einzubeziehen sind.
4. Der Beschwerdeführer verlangt einen (Teil-)Erlass seiner Staats- und
Gemeindesteuern der Jahre 2008 und 2009. Der Steuererlass beinhaltet einen Verzicht
des steuerberechtigten Gemeinwesens auf einen rechtskräftig gewordenen
Steueranspruch (GVP 1983 Nr. 25; Weidmann/Grossmann/Zigerlig, Wegweiser durch
das st. gallische Steuerrecht, 6. Aufl., Muri-Bern 1999, S. 411).
4.1. Gemäss Art. 224 Abs. 1 StG bedingt der (Teil-)Erlass der Staats- und
Gemeindesteuern, dass der Steuerpflichtige in Not geraten ist oder die Bezahlung der
Steuern, der Zinsen, der Bussen oder Kosten für ihn eine grosse Härte bedeutet.
Subjektiv wird demnach das Vorliegen einer Notlage oder einer grossen Härte
vorausgesetzt. Dazu ist erforderlich, dass die Begleichung der vollen Steuerforderung
http://www.gerichte.sg.ch/ http://www.gerichte.sg.ch/
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zu einer Gefährdung der wirtschaftlichen Existenz des Steuerpflichtigen führen und für
diesen ein Opfer bedeuten würde, das in einem vom Gesetz nicht voraussehbaren
Missverhältnis zu seiner Leistungsfähigkeit stünde und ihm daher billigerweise nicht
zugemutet werden kann (Weidmann/Grossmann/Zigerlig, a.a.O., S. 411). Objektiv wird
sodann vorausgesetzt, dass die Veranlagung abgeschlossen ist und eine rechtskräftig
festgesetzte Steuer vorliegt, die noch nicht bezahlt ist.
4.2. Bei der Prüfung, ob eine Notlage oder ein Härtefall vorliegt, werden auch die
Ursachen einer Prüfung unterzogen, die dazu geführt haben. Vorliegend ist
unbestritten, dass das Begehren des Beschwerdeführers um (Teil-)Erlass der Steuern
Folge seiner Überschuldung ist.
4.2.1. Bei der Beurteilung, ob die subjektiven Voraussetzungen für einen
(Teil-)Steuererlass gegeben sind, greift die Vorinstanz auf die Verordnung des
Eidgenössischen Finanzdepartements über die Behandlung von Erlassgesuchen für die
direkte Bundessteuer (SR 642.121, abgekürzt Steuererlassverordnung) zurück, da im
Kanton St. Gallen keine näheren Vollzugsvorschriften auf Gesetzes- oder
Verordnungsstufe existieren würden. Trotz des Ermessens der Erlassbehörde habe der
Gesetzgeber aus Gründen der gesetzmässigen Verwaltung und der Rechtsgleichheit
klare Vorgaben zu schaffen. Solche Vorgaben lassen sich nach der Ansicht der
Vorinstanz in der Steuererlassverordnung finden. Aufgrund von Art. 10 der
Steuererlassverordnung ist bei einer Überschuldung des Steuerpflichtigen hinsichtlich
der Voraussetzungen für einen Steuererlass zu differenzieren. Soweit die
Überschuldung Folge von ausserordentlichen Aufwendungen ist, die in den
persönlichen Verhältnissen begründet sind und für die der Steuerpflichtige einzustehen
hat, liegt eine den Steuererlass rechtfertigende Ursache vor. Bei einer Überschuldung
infolge geschäftlicher Misserfolge, Bürgschaftsverpflichtungen, hoher
Grundpfandschulden, Kleinkreditschulden aufgrund überhöhten Lebensstandards etc.
kommt hingegen ein Steuererlass nur in Frage, wenn neben dem Gemeinwesen auch
die übrigen Gläubiger im selben prozentualen Umfang auf ihre Forderungen verzichten
(vgl. auch BVGer A-3663/2007 vom 11. Juni 2009 E. 2.6.2).
4.2.2. Die analoge Anwendung der Grundsätze der Steuererlassverordnung über die
Notlage und die grosse Härte für die Beurteilung des Steuererlasses der Staats- und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gemeindesteuern erweist sich nicht als unsachgemäss, da damit eine einheitliche
Praxis beim Steuererlass bewirkt wird. Vorausgesetzt ist aber, dass die Anwendung der
Steuererlassverordnung diesbezüglich eine stetige Praxis darstellt. Soweit
überblickbar, beruhen die für den vorliegenden Fall anwendbaren Grundsätze auf einer
steten Praxis der Vorinstanz. Auch der Beschwerdegegner geht in StB 224 Nr. 1 von
einer vergleichbaren Begriffsumschreibung der Notlage oder grossen Härte wie Art. 10
der Steuererlassverordnung bezüglich der Notlage aus. Hinzu kommt, dass auch die
Lehre und Rechtsprechung ausserhalb von Art. 10 der Steuererlassverordnung davon
ausgeht, dass ein Steuererlass aufgrund einer Überschuldung, die nicht Folge von
ausserordentlichen Aufwendungen aufgrund der persönlichen Verhältnisse ist, nur in
demselben prozentualen Umfang möglich ist, in dem andere Gläubiger auf ihre
Forderungen verzichten. Andernfalls profitieren primär die übrigen Gläubiger, die beim
Zugriff auf das pfändbare Einkommen und Vermögen einen Konkurrenten verlieren
würden. Der Steuererlass soll hingegen der Sanierung der Finanzen des
Steuerpflichtigen dienen und nicht seinen Gläubigern zu Gute kommen (BGE 2P.
307/2004 vom 9. Dezember 2004, E. 3.2; SGE 2009 Nr. 21; Weidmann/Grossmann/
Zigerlig, a.a.O., S. 411).
4.2.3. Aus dem Gesagten folgt daher, dass Art. 10 der Steuererlassverordnung als
allgemeiner Grundsatz betrachtet werden kann. Er gilt daher in analoger Weise auch für
die Beurteilung eines Steuererlasses der Staats- und Gemeindesteuern des Kantons
St. Gallen infolge Überschuldung. Daraus folgt, dass bei einer Notlage infolge
Überschuldung, die nicht Folge von ausserordentlichen Aufwendungen aufgrund der
persönlichen Verhältnisse ist, ein Erlass der Steuerschuld zugunsten anderer Gläubiger
als dem Steuergläubiger ausgeschlossen ist. In einem solchen Fall wird eine
Opfersymmetrie verlangt. Ob dies auch gilt, wenn allenfalls Gläubiger bevorzugt
werden, die über eine privilegierte Forderung im Sinne von Art. 219 Abs. 4 des
Bundesgesetzes über Schuldbetreibung und Konkurs (SR 281.1, abgekürzt SchKG)
verfügen, kann im vorliegenden Fall mangels Vorliegen solcher Forderungen offen
bleiben.
4.3. Wie bereits erwähnt, ist der Beschwerdeführer offensichtlich überschuldet.
Gemäss den vom Beschwerdeführer eingereichten Akten anerkannte er in der
Vereinbarung zwischen ihm, A. K. und der xxx-bank insgesamt eine Forderung von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fr. 750'000.--, während das Gerichtsurteil vom 21. April 2008 auf
Schadenersatzansprüche in der Höhe von Fr. 484'000.-- lautete. Zudem muss er einen
Kleinkredit bei der c. AG im Betrag von Fr. 10'000.--, bei dem per 31. August 2010
noch Fr. 6'196.40 offen waren, sowie Kreditkartenrechnungen bei der U. AG in der
Höhe von Fr. 1'850.45 (per 31. August 2010) durch ratenweise Abzahlung begleichen.
Sodann bestanden per 31. August 2010 noch zwei Darlehen, eines in der Höhe von
Fr. 17'000.-- zu Gunsten von C. M. und eines im Betrag von Fr. 15'000.-- zu Gunsten
von P. H. Alle Darlehen und anderweitigen Schulden weisen unterschiedliche
Rückzahlungsmodalitäten resp. Ratenzahlung in unterschiedlichen zeitlichen
Abständen auf.
Die Notlage des Beschwerdeführers beruht damit offensichtlich auf einer
selbstverschuldeten Überschuldung, da er wegen Veruntreuung, Betrugs, ungetreuer
Geschäftsbesorgung und Urkundenfälschung gerichtlich zur Leistung von
Schadenersatz in der Höhe von Fr. 484'000.-- verurteilt worden ist und weitere
Schadenersatzforderungen auf der Verletzung des Arbeitsvertrags und des privaten
Vermögensverwaltungsauftrags beruhen. Die restlichen Schulden setzen sich sodann
aus Lebenshaltungs- und Luxusausgaben (Kreditkartenrechnungen) und aus
Umschichtungen der Schuldverhältnisse zusammen. Der Beschwerdeführer bestreitet
das Vorliegen einer selbstverschuldeten Überschuldung nicht, sondern beantragt
sinngemäss einen Teilerlass nach den Grundsätzen des Steuererlasses bei
selbstverschuldeter Überschuldung.
4.3.1. Nach der Ansicht der Vorinstanz sind vorliegend die Voraussetzungen für einen
Steuererlass infolge Überschuldung nicht gegeben, da sich der Beschwerdeführer
bereits in einer wirtschaftlich schwierigen Lage befinde, die durch den Steuererlass
nicht entscheidend zu verbessern sei. Die langfristige und dauernde Sanierung der
wirtschaftlichen Situation als grundlegendes Ziel eines Steuererlasses könne deswegen
nicht erreicht werden. Durch den Steuererlass würden höchstens Dritte begünstigt, da
ihre Chance auf Bezahlung der Forderungen steigen würde.
4.3.2. Der Beschwerdeführer bringt dagegen vor, dass er im Gleichschritt mit dem
Erlassgesuch Anstrengungen für eine Gesamtsanierung an die Hand genommen und in
den letzten Monaten einen beträchtlichen Teil seiner Gesamtschuld durch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
grosszügiges Entgegenkommen der Gläubiger reduziert habe. So sei eine
Vereinbarung zur Tilgung der Schadenersatzansprüche (rund Fr. 800'000.--)
unterzeichnet worden. Darin werde der Betrag der Schadenansprüche auf insgesamt
CHF 240'000.-- fixiert und damit um über 50 Prozent reduziert. Auch die privaten
Gläubiger P. H. und C. M. hätten einem Erlass von 50 Prozent der offenen Schuld per
31. Dezember 2010 zugestimmt. Die Schuldsumme betrage daher per dato Fr. 7'500.--
je Gläubiger. Durch einen Teilerlass der Steuern 2008 und 2009 könne sein
Haushaltsbudget wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.
4.3.3. Die Angaben des Beschwerdeführers hinsichtlich seiner Verschuldung erweisen
sich als widersprüchlich. In den Eingaben an die Vorinstanz vom 12. August 2010 und
6. September 2010 sowie in seiner Schuldenaufstellung per 31. August 2010 bezifferte
er die anstehenden Schadenersatzansprüche aus dem laufenden Strafverfahren auf
rund Fr. 500'000.--, während er in der Beschwerdeschrift an das Verwaltungsgericht
einen Betrag von Fr. 800'000.-- nennt. Aus der Vereinbarung vom 6./25. Juli 2011
ergibt sich ein anerkannter Betrag von Fr. 750'000.--. Der Beschwerdeführer erklärt
diese unterschiedlichen Angaben über die Schuldenhöhe damit, dass bei den
Gesprächen zur Vereinbarung der Schuldtilgung seitens beider Gläubiger eine neue,
bis dahin in diesem Ausmass unbekannte Aufstellung der Schulden gemacht worden
sei. Damit ist aber zugleich auch ausgesagt, dass das in der Aufstellung per 31. August
2010 angegebene Gerichtsurteil nicht sämtliche Schadenersatzansprüche aufzählte,
sondern dass diese teilweise auf der fraglichen Vereinbarung vom 6./25. Juli 2011
beruhen. Seit dem Erlassgesuch an den Beschwerdegegner haben sich damit die
Schulden des Beschwerdeführers sogar noch weiter erhöht.
4.3.4. Vorliegend ist insbesondere zu berücksichtigen, dass der Schuldverzicht
aufgrund der Vereinbarung zwischen dem Beschwerdeführer, der xxx-bank und A. K.
nicht definitiv ist. Der Schuldverzicht entfällt gemäss Ziff. 2.3 dieser Vereinbarung,
wenn der Beschwerdeführer seine periodischen Zahlungen (12 Jahre à Fr. 20'000.--)
nach erfolgter Verzugsanzeige nicht innert 60 Tagen leistet. Im Falle der Nichtleistung
einer Rate in der genannten Frist wird die gesamte Restschuld von ursprünglich
Fr. 750'000.-- fällig, und es ist ab Fälligkeit ein Verzugszins von 5 Prozent geschuldet.
Folglich liegt kein definitiver und endgültiger Verzicht auf einen Teil der Forderung vor.
Daran ändert auch die in Ziff. 4 der Vereinbarung vorgesehene Änderungsmöglichkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Höhe der jährlichen Rückzahlungsleistungen, falls sich die finanziellen Verhältnisse
des Beschwerdeführers unverschuldet erheblich verschlechtern, nichts. Ein
Steuererlass im Rahmen einer Gesamtsanierung ist aufgrund des Grundsatzes der
Opfersymmetrie nur zulässig, wenn die Gläubiger unwiderruflich auf einen Teil ihrer
Forderungen verzichten.
4.3.5. Zudem ist zu beachten, dass für den angeblichen Gläubigerverzicht von P. H.
und C. M. Aktenstücke fehlen, die den Erlass von 50 Prozent der Schuld belegen
würden. Weiter legt der Beschwerdeführer weder dar, noch macht er geltend, dass
auch die Gläubiger "c. AG" und "U. AG" auf einen Teil ihrer Forderungen verzichtet
hätten resp. dass keine Schulden mehr bei diesen Gläubigern bestehen würden. Dies
ist insbesondere unter dem Aspekt zu betrachten, dass der Beschwerdeführer in der
Vergangenheit immer wieder Schulden bei der U. AG hatte, wie auch die
Steuererklärung aus dem Jahr 2009 aufzeigt. Es ist daher nicht erstellt, dass sämtliche
Gläubiger zumindest auf einen Teil ihrer Forderungen verzichtet haben.
4.3.6. In der Eingabe vom 30. November 2011 macht der Beschwerdeführer
sinngemäss geltend, dass ein Steuererlass trotz Überschuldung gemäss konstanter
Praxis zulässig sei, wenn die Mehrheit der übrigen Gläubiger der dritten Klasse gemäss
Art. 219 SchKG, die zugleich mindestens zwei Drittel des Gesamtbetrags der
Forderungen vertreten, oder ein Viertel der Gläubiger, die aber mindestens drei Viertel
des Gesamtbetrags der Forderungen vertreten, einem Nachlassvertrag zustimmen
würden (Art. 305 SchKG). Der Beschwerdeführer hat aber vorliegend höchstens einen
aussergerichtlichen Nachlassvertrag abgeschlossen, der auf rein privaten
Rechtsgeschäften und auf keiner gerichtlichen Mitwirkung beruht (Amonn/Walther,
Grundriss des Schuldbetreibungs- und Konkursrechts, 8. Aufl., Bern 2008, § 53 N 5),
und zwar nicht mit sämtlichen Gläubigern. Der aussergerichtliche Nachlassvertrag
umfasst nicht sämtliche übrigen Gläubiger, sondern lediglich diejenigen, die dem
Nachlassvertrag zugestimmt haben (Amonn/Walther, a.a.O., § 53 N 6). Bei
aussergerichtlichen Nachlassverträgen ist daher zu beachten, dass ein Steuererlass in
der Regel nur gewährt wird, wenn sich die anderen, nicht privilegierten Gläubiger am
Nachlassvertrag mit einheitlicher Dividende beteiligen (Weidmann/ Grossmann/Zigerlig,
a.a.O., S. 411), d.h. wenn jeder Gläubiger auf den gleichen prozentualen Anteil an
seiner ursprünglichen Forderung verzichtet. Gemäss Art. 15 der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Steuererlassverordnung muss dafür die Mehrheit der übrigen gleichrangigen Gläubiger
diesem aussergerichtlichen Nachlassvertrag zustimmen, die mindestens die Hälfte der
gesamten Forderungen der 3. Klasse (Art. 219 SchKG) besitzen (M. Beusch, in: Zweifel/
Athanas, Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer [DBG], Art. 83-222, 2. Aufl.,
Basel 2008, N 22 zu Art. 167). Art. 15 der Steuererlassverordnung kann vorliegend für
die Staats- und Gemeindesteuern angewendet werden, da der Inhalt mit der Praxis
übereinstimmt, wonach die Möglichkeit eines Steuererlasses trotz Überschuldung
besteht, sofern die übrigen Gläubiger im gleichen Masse wie die Steuerbehörden auf
ihre Forderung verzichten. In einem solchen Fall kann kein Gläubiger vom Verzicht der
anderen profitieren und der Steuererlass trägt zur Sanierung der Finanzen des
Steuerpflichtigen bei (BGE 2P.307/2004 vom 9. Dezember 2004, E. 3.2).
Vorliegend besteht kein einheitlicher aussergerichtlicher Nachlassvertrag mit
sämtlichen Gläubigern, dem die Mehrheit der Gläubiger, die mindestens die Hälfte
sämtlicher Forderungen besitzen, zugestimmt hat. Die vom Beschwerdeführer
eingereichte Vereinbarung vom 6./25. Juli 2011 bezieht sich nur auf die Forderungen
der xxx-bank und von A. K. Hinzu kommt, dass unterschiedliche prozentuale Verzichte
auf Forderungen existieren. So verzichten A. K. und die xxx-bank – wenn auch nicht
unwiderruflich – auf rund 68 Prozent ihrer ursprünglichen Forderung, während P. H.
und C. M. angeblich in einer separaten Abmachung einem Erlass von je der Hälfte ihrer
Forderungen zugestimmt haben. Es liegt somit kein gemeinsamer aussergerichtlicher
Nachlassvertrag mit einem einheitlichen prozentualen Verzicht auf einen Teil der
Forderungen vor. Aufgrund des Gesagten ist daher auch ein Steuererlass aufgrund
eines angeblich vorliegenden aussergerichtlichen Nachlassvertrags abzulehnen.
4.4. Sodann verlangt der Beschwerdeführer in der Eingabe vom 29. September 2011
eine Ausarbeitung einer Stundung der Steuerbeträge mit dem Beschwerdegegner, um
sein Haushaltsbudget wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Er legt indessen nicht dar,
inwiefern sich die finanziellen Verhältnisse seit Erlass der Veranlagungsverfügungen der
Staats- und Gemeindesteuern 2008 und 2009 verschlechtert haben und inwiefern die
eingetretene Notsituation nur von vorübergehender Natur ist (vgl. Weidmann/
Grossmann/Zigerlig, S. 411). Zudem liegt der Entscheid über eine Stundung
ausschliesslich in der Kompetenz der zuständigen Steuerbehörde, da
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Stundungsentscheide gemäss Art. 224 Abs. 4 StG endgültig sind. Deshalb ist auf das
Gesuch um Stundung nicht einzutreten.
5. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass dem Beschwerdeführer aufgrund des
anerkannten Grundsatzes der Opfersymmetrie zuzumuten ist, dass er seinen
Zahlungspflichten gegenüber dem Fiskus im gleichen Umfang wie gegenüber privaten
Gläubigern nachkommt. Da vorliegend nicht sämtliche Gläubiger oder die Mehrheit der
Gläubiger in einem gemeinsamen Nachlassvertrag unwiderruflich und im selben
prozentualen Umfang auf ihre Forderungen verzichtet haben, ist ein Teilerlass der
Staats- und Gemeindesteuern 2008 und 2009 nicht möglich, da andernfalls nicht der
Beschwerdeführer, sondern einzelne Gläubiger bevorzugt würden.
6. Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom
Beschwerdeführer zu bezahlen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Bei ihrer Bemessung ist zu
berücksichtigen, dass im parallelen Verfahren B 2011/203 betreffend direkte
Bundessteuer 2008 und 2009 der gleiche Sachverhalt und die gleichen Rechtsfragen
zu beurteilen sind. Eine Entscheidgebühr von Fr. 500.-- ist für das vorliegende
Verfahren angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Sie
wird mit dem Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 1'000.-- verrechnet. Die restlichen
Fr. 500.-- des Kostenvorschusses werden mit den Kosten des Verfahrens B 2011/203
verrechnet.
(...).
Demnach hat das Verwaltungsgericht