Decision ID: fa6aa396-1567-5b46-9c11-7ebb576d3cb4
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 12. Dezember 2016 im damaligen
Empfangs – und Verfahrenszentrum (EVZ) in B._ um Asyl nach. Am
20. Dezember 2016 wurde sie zu ihrer Person, zu ihrem Reiseweg und
summarisch zu ihren Asylgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]).
Das SEM hörte sie am 5. September 2018 und am 10. Oktober 2018 aus-
führlich zu ihren Asylgründen an.
B.
Zu ihrem persönlichen Hintergrund und zur Begründung ihres Asylgesuchs
brachte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen vor, sie sei iranische
Staatsangehörige der Ethnie Azari und stamme aus C._ Provinz
(...). An der Universität (...) habe sie (...) studiert. Zusätzlich sei sie für die
(...) tätig gewesen.
Bereits seit ihrer Kindheit habe ihr alkohol- und drogenabhängiger Vater
sie, ihre Mutter und den jüngeren Bruder körperlich misshandelt und schi-
kaniert. Dies selbst nachdem sich ihre Mutter im Jahr (...) habe scheiden
lassen. Schliesslich habe sie ihr Vater zur Prostitution nötigen wollen, in-
dem er sie zu einem Haus gebracht und dort einem ihr unbekannten Mann
überlassen habe, der sie unsittlich berührt und bedrängt habe. Schliesslich
sei es ihr gelungen, ihn abzuwehren und aus dem Haus auf die Strasse zu
entlaufen, wo eine Frau ihr zu Hilfe gekommen sei. Nach diesem Vorfall sei
sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Ende Oktober 2016 aus
dem Iran ausgereist. Nachdem ihre Mutter und ihr Bruder bereits am 1. De-
zember 2016 in die Schweiz gelangt seien, sei sie ihnen am 10. Dezember
2016 gefolgt.
Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin unter anderem eine An-
zeige der Mutter gegen den Vater im Iran, Unterlagen die Scheidung ihrer
Eltern betreffend und diverse Schreiben zu ihrem Gesundheitszustand ein.
C.
Mit Schreiben vom 14. März 2019 reichte die Beschwerdeführerin weitere
Unterlagen ihren Gesundheitszustand betreffend zu den Akten und machte
darauf aufmerksam, dass es bei der BzP und den Anhörungen zu Überset-
zungsproblemen gekommen sein könnte.
D.
Mit Verfügung vom 5. März 2020 – eröffnet am 7. März 2020 – stellte das
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SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte ihr Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz.
Gleichzeitig ordnete es infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
die vorläufige Aufnahme an.
E.
Am 6. April 2020 erhob die Beschwerdeführerin durch ihre damalige
Rechtsvertreterin gegen die vorinstanzliche Verfügung Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragte die Aufhebung der angefochte-
nen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Asylge-
währung. Eventualiter sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. In
prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses und die unentgeltliche Verbeiständung durch MLaw D._.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Juli 2020 hiess der Instruktionsrichter die
Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie der
unentgeltlichen Verbeiständung gut und bestellte MLaw D._ zum
amtlichen Rechtsbeistand.
G.
Die Vorinstanz liess sich mit Eingabe vom 5. August 2020 vernehmen.
H.
Mit Eingabe vom 16. Oktober 2020 respektive 12. März 2021 liess die Be-
schwerdeführerin durch ihre damalige Rechtsvertreterin eine Kostennote
und einen weiteren Arztbericht zu den Akten reichen.
I.
Die Verfahrensstandsanfrage der Beschwerdeführerin vom 27. April 2021
beantwortete der Instruktionsrichter am darauffolgenden Tag.
J.
Am 25. Juni 2021 orientierte die Beschwerdeführerin über den Mandats-
wechsel und liess mitteilen, dass sie neu den im Rubrum aufgeführten
Rechtsvertreter mit der Wahrung ihrer Interessen beauftragt habe. Da es
sich um eine private Mandatierung handle, ersuchte sie um die Sistierung
respektive Beendigung der unentgeltlichen Rechtsvertretung durch MLaw
D._.
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K.
Mit Eingabe vom 1. Juli 2021 teilte MLaw D._ die Mandatsniederle-
gung mit und reichte eine aktualisierte Kostennote zu den Akten.
L.
Mit Eingabe vom 8. Juli 2021 liess die Beschwerdeführerin durch ihren neu
mandatierten Rechtsvertreter erneut das Vorbringen geltend machen, die
Vorinstanz habe es unterlassen, das Dossier ihrer Mutter (N [...]) beizuzie-
hen, und ersuchte das Gericht, ihre Eingabe mit dem Verweis auf die Mög-
lichkeit der vernehmlassungsweisen Wiederaufnahme des Verfahrens, der
Vorinstanz zukommen zu lassen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
2.
Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwer-
den gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem Gebiet
des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Die Beschwerdeführerin ist als
Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG).
Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten
(Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
4.
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Dossiers von E._ (Mutter
der Beschwerdeführerin; N [...]) und F._ (Bruder der Beschwerde-
führerin; N [...]) zur vorliegenden Beurteilung beigezogen.
5.
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5.1 Auf Beschwerdeebene wird die Verletzung des rechtlichen Gehörs (teil-
weise sinngemäss) gerügt, welche vorab zu beurteilen ist, da sie gegebe-
nenfalls geeignet ist, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu be-
wirken.
Die Beschwerdeführerin rügt, die Vorinstanz habe den rechtserheblichen
Sachverhalt nicht vollumfänglich abgeklärt, indem sie die Unzulänglichkei-
ten der Übersetzung der Anhörungsprotokolle, ihre Traumatisierung sowie
die Aussagen ihrer Mutter unberücksichtigt gelassen habe.
5.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/
35 E. 6.4.1). Ausserdem ist die Vorinstanz an den Untersuchungsgrund-
satz gebunden. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechts-
erheblichen Sachverhalts bildet demnach einen Beschwerdegrund
(Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung,
wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde
gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist
sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände
berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren
und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043; statt
vieler: Urteil des BVGer E-3615/2020 vom 18. Mai 2021 E. 3.2.3).
5.3
5.3.1 Zunächst ist festzuhalten, dass die Vorinstanz in der angefochtenen
Verfügung nachvollziehbar und differenziert aufgezeigt hat, dass sie sich
mit den zentralen Vorbringen der Beschwerdeführerin und den eingereich-
ten Beweismitteln auseinandergesetzt hat. Weiter geht sie in der angefoch-
tenen Verfügung auch auf allfällige Verständigungsprobleme während der
BzP und die durch die Beschwerdeführerin zu Beginn der ersten Anhörung
geäusserten Bedenken bezüglich der vermeintlich afghanischen Dolmet-
scherin ein (vgl. A30/11 S. 7). Es trifft zwar zu, dass die Beschwerdeführe-
rin im Rahmen der BzP zu ihren Gesuchsgründen in türkischer Sprache
befragt wurde und es sich dabei nicht um ihre Muttersprache handelte,
doch hatte sie zuvor angegeben, sie beherrsche Türkisch sehr gut
(vgl. A9/14 Ziff. 1.17.01, 1.17.03 und 7.01), und zum Ende der Anhörung
gab sie sodann an, den/die Dolmetscher/in «gut» verstanden zu haben
(vgl. A9/14 Ziff. 9.02). Der Einwand auf Beschwerdeebene, ihre unter-
schriftliche Bestätigung, dass die Rückübersetzung in Farsi erfolgt sei,
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treffe nicht zu, da die Gesuchsgründe in Türkisch rückübersetzt worden
seien, mag durchaus zutreffen, doch geht die Rüge, es hätten grundsätz-
lich Verständigungsschwierigkeiten zwischen ihr und dem/der Dolmet-
scher/in bestanden, angesichts ihrer Bestätigungen, die übersetzenden
Personen gut verstanden zu haben fehl. Aus den Akten ergeben sich so-
dann auch keine Hinweise darauf, dass die Anhörungen aufgrund des psy-
chischen Zustandes der Beschwerdeführerin mangelhaft gewesen sein
könnten, weshalb an deren Verwertbarkeit nicht zu zweifeln ist. Der blosse
Umstand, dass die Beschwerdeführerin die Beurteilung ihrer Vorbringen
durch die Vorinstanz nicht teilt, stellt keine Gehörsverletzung dar, sondern
beschlägt die Frage der materiellen Würdigung.
5.3.2 Bezüglich des Beizugs der Verwandtendossiers hält die Vorinstanz in
der angefochtenen Verfügung zwar fest, sie habe die Asylakten der Mutter
(N [...]) und des Bruders (N [...]) konsultiert und berücksichtigt (vgl. A30/11
S. 4), doch lässt die Verfügung Ausführungen zum Beizugs-
ergebniss sowie eine Begründung vermissen (vgl. statt vieler Urteil des
BVGer E-2791/2019 vom 22. Juni 2020 E. 5.2.2). Angesichts der folgen-
den Ausführungen und des Verfahrensausgangs kann die Frage allfälliger
verfahrensrechtlicher Verstösse seitens der Vorinstanz jedoch offenblei-
ben. Damit erübrigt sich auch die Frage einer allfälligen Rückweisung an
die Vorinstanz.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder ihrer politi-
schen Anschauungen wegen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder
begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält (Art. 7 AsylG). Im Gegensatz zum strikten Beweis bedeutet dies
ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Ein-
wände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Entscheidend
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ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachver-
haltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objek-
tivierte Sichtweise abzustellen. Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaub-
haft gemacht, wenn sie genügend substantiiert, in sich schlüssig und plau-
sibel sind. Sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in we-
sentlichen Punkten widersprüchlich sein, der inneren Logik entbehren oder
den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Kleine,
marginale Widersprüche sowie solche, die nicht die zentralen Asylvorbrin-
gen betreffen, können zwar in die Gesamtbetrachtung einfliessen, sollten
jedoch nicht die alleinige Begründung für die Verneinung der Glaubhaf-
tigkeit darstellen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus,
wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der
gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die
vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1 m.w.H. sowie KNEER/SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung im
Asylverfahren – Ein Überblick über die Rechtsprechung des Bundesver-
waltungsgerichts, Asyl 2/2015 S. 5). Erforderlich ist eine Gesamtbeurtei-
lung aller Elemente, die für oder gegen die Darstellung des Sachverhalts
durch die gesuchstellende Person sprechen. Wenn die positiven Elemente
überwiegen, ist die Schilderung als glaubhaft anzusehen (vgl. CONSTANTIN
HRUSCHKA, in: OFK/Migrationsrecht, 5. Aufl. 2019, Art. 7 AsylG N 6).
7.
7.1 Die Vorinstanz begründet die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft in
der angefochtenen Verfügung im Wesentlichen damit, dass die Beschwer-
deführerin die geltend gemachte Zwangsprostitution durch ihren Vater nicht
habe glaubhaft machen können. Obwohl eine Ähnlichkeit zwischen ihren
Schilderungen in der BzP und der Anhörung bestehe, habe sie in zentralen
Punkten betreffend den Ablauf der Geschehnisse widersprüchliche Anga-
ben gemacht. Während sie gemäss BzP zunächst alleine Tee getrunken
habe, hätten dem Anhörungsprotokoll zufolge auch ihr Vater und der ihr
unbekannte Mann Tee getrunken. Der Vater sei dann gemäss BzP plötzlich
verschwunden, wohingegen er gemäss Anhörungsprotokoll angekündigt
habe, sich zu entfernen. Obwohl sie das geltend gemachte fluchtauslö-
sende Ereignis mit ihrem Vater und dem unbekannten Mann mit einigen
Einzelheiten habe schildern können, entstehe der Eindruck, die Beschwer-
deführerin habe nicht über Erlebtes berichtet. Hinzu komme, dass sie we-
sentliche Punkte – beispielsweise den Ort des Geschehens – zu wenig
konkret, detailliert und differenziert habe darlegen können. Auch habe sie
in der BzP zu Protokoll gegeben, nachdem sie den unbekannten Mann
habe abwehren können, sei sie auf die Strasse gelaufen, wo sie um Hilfe
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gerufen habe. In der Anhörung habe sie hingegen zu Protokoll gegeben,
hilfesuchend von Tür zu Tür gegangen zu sein. Der allgemeinen Erfahrung
und der Logik des Handelns widerspreche sodann auch, dass die Be-
schwerdeführerin den Zeitpunkt ihres angeblichen Suizidversuchs im Iran
nicht habe nennen können. Ebenso wenig habe sie zu Protokoll geben
können, ob der Vater davon gewusst habe. Die festgestellten Unglaubhaf-
tigkeitselemente liessen sich sodann auch nicht durch Unzulänglichkeiten
in der Übersetzung erklären. Auch die eingereichten Beweismittel würden
die geltend gemachte Zwangsprostitution nicht belegen. Die Glaubhaf-
tigkeit der geschilderten jahrelangen Schikane durch den Vater der Be-
schwerdeführerin sei ebenfalls teilweise zweifelhaft. Sofern diesbezüglich
jedoch von der Glaubhaftigkeit der Vorbringen auszugehen sei, seien sie
nicht asylrelevant.
7.2 Auf Beschwerdeebene wird im Wesentlichen an der Glaubhaftigkeit der
gemachten Angaben festgehalten. Die Vorinstanz beziehe sich überwie-
gend auf Abweichungen zwischen der BzP und den Anhörungen. Ihre Asyl-
gründe habe die Beschwerdeführerin bei der BzP jedoch nur summarisch
und nicht in ihrer Muttersprache, sondern auf Türkisch, darlegen können.
Sie verstehe zwar Türkisch, verfüge aber nicht über für eine Anhörung ge-
nügende Sprachkenntnisse. Auf die Probleme bei der BzP habe sie sodann
bereits zu Beginn der ersten Anhörung versucht hinzuweisen, und ihre Be-
denken bezüglich der die Anhörung übersetzenden Dolmetscherin geäus-
sert. Eine gewisse Ungenauigkeit ihrer Erinnerungen sei sodann nachvoll-
ziehbar, denn sie sei nachweislich stark traumatisiert. Die abweichenden
Aussagen den Vorfall der Zwangsprostitution betreffend, seien darauf zu-
rückzuführen, dass die Beschwerdeführerin unter Schock gestanden habe
und in Panik gewesen sei.
8.
8.1 Nach Prüfung der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin
zu Unrecht verneint und ihr daher auch zu Unrecht kein Asyl gewährt hat.
8.2 Die zentralen Vorbringen der Beschwerdeführerin stimmen weitestge-
hend mit jenen ihrer Familienangehörigen (N [...] und N [...]) überein. Ins-
besondere decken sich ihre Schilderungen mit jenen ihrer Mutter (N [...]).
Es trifft zwar zu, dass es in einzelnen Punkten bezüglich der Zwangspros-
titution durch den Vater zu Abweichungen in den Erzählungen der Be-
schwerdeführerin gekommen ist. Wie die Vorinstanz jedoch zutreffend er-
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kannt hat, handelt es sich dabei lediglich um «leicht unterschiedliche Schil-
derungen» (vgl. A30/11 S. 5 [2. Abschnitt]) und somit um kleine, marginale
Widersprüche. Im Rahmen einer Gesamtbeurteilung (vgl. E. 6.2 hiervor),
insbesondere auch unter Berücksichtigung der Schilderungen der Mutter
der Beschwerdeführerin überwiegen die Elemente, die für die Sachver-
haltsdarstellung der Beschwerdeführerin sprechen. Darüber hinaus weisen
die Erzählungen von Mutter und Tochter diverse Realkennzeichen auf und
die Schilderungen der Beschwerdeführerin sind sehr emotional ausgefal-
len (vgl. beispielsweise A20/22 F83 f., F86, F105 ff. und A22/18 F69,
F102 ff.). Demnach sind die Vorbringen der Beschwerdeführerin die
Zwangsprostitution betreffend gesamthaft als glaubhaft anzusehen.
8.3 Auch die Aussagen der Mutter und des Bruders zu der vom Vater aus-
gehenden Verfolgung und Bedrohung stimmen inhaltlich weitestgehend mit
jenen der Beschwerdeführerin überein, ohne dass die Darstellungen den
Eindruck eines konstruierten Sachverhalts erwecken würden, sondern auf
tatsächlich Erlebtes hinweisen. Ferner hat das SEM die Vorbringen der
Mutter der Beschwerdeführerin die Schikane und die Misshandlungen
durch den Vater betreffend für glaubhaft befunden und ihr gestützt darauf
Asyl gewährt. Die Verfolgungsvorbringen der Beschwerdeführerin sind
demnach ebenso wie die ihrer Mutter als glaubhaft zu qualifizieren.
9.
9.1 Die Flüchtlingseigenschaft erfüllt eine asylsuchende Person nach
Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile von bestimmter In-
tensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürchten muss, welche ihr
gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Hei-
matstaates oder durch nicht staatliche Akteure zugefügt worden sind be-
ziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Auf-
grund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Zuer-
kennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimatstaat keinen adäquaten Schutz finden
kann, weil dort keine Infrastruktur besteht, die ihr Schutz bieten könnte
(vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurs-
kommission [EMARK] 2006 Nr. 18 E. 11.2 S. 204 f.), oder weil der Staat ihr
keinen Schutz gewährt, obwohl er dazu in der Lage wäre
(vgl. BVGE 2011/51 E. 7.1 ff. m.w.H.).
Nachteilen, die Frauen zugefügt werden oder zugefügt zu werden drohen,
liegt ein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv dann zugrunde, wenn diese
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Seite 10
Nachteile in diskriminierender Weise an das Merkmal des (weiblichen) Ge-
schlechts anknüpfen. Das für die Entstehung der Flüchtlingseigenschaft
relevante Verfolgungsmotiv ist gegeben, wenn das (mutmassliche) Aus-
bleiben adäquaten staatlichen Schutzes vor ihren Verfolgern in einer Dis-
kriminierung aufgrund des Geschlechts begründet liegt. Dies ist etwa der
Fall, wenn in Ländern mit weit verbreiteten traditionell-religiösen Wertvor-
stellungen von Zwangsheirat oder Ehrenmord bedrohte Frauen und Mäd-
chen nicht denselben staatlichen Schutz erhalten, mit dem im Allgemeinen
männliche Opfer von privater Gewalt rechnen können (vgl. Urteil des
BVGer E-2470/2020 vom 26. Januar 2021 E. 6.3 m.H.a. E-2108/2011 vom
1. Mai 2013 E. 6.3 ff. und EMARK 2006 Nr. 32 E. 8.7.2 f. und E. 8.8.1).
9.2 Die Beschwerdeführerin hat glaubhaft gemacht, dass sie ihr Vater zur
Prostitution nötigen wollte und es scheint auch wahrscheinlich, dass sie
vergewaltigt worden wäre, hätte sie den Mann, welchem der Vater sie zu-
geführt hatte, nicht abzuwehren vermocht. Ebenso glaubhaft sind die jah-
relangen Schikanen und Misshandlungen durch den Vater. Während offen-
bleiben kann, ob die Beschwerdeführerin bereits Opfer genügend intensi-
ver Verfolgungshandlungen seitens des Vaters geworden ist, hat sie in je-
dem Fall eine begründete Furcht, bei einer Rückkehr nach Iran asylrele-
vante, das heisst hinreichend intensive und gezielt gegen sie gerichtete
Nachteile erleiden zu müssen. Das Risiko, bei einer Rückkehr ins Visier
des Vaters zu geraten, ist in ihrem Fall als besonders hoch einzustufen.
Ferner haben die drohenden Nachteile auch ein asylrelevantes Motiv, sind
sie doch gegen die Beschwerdeführerin als junge Frau gerichtet und damit
frauenspezifisch im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG (vgl. E. 9.1 hiervor). Ge-
rade mit Bezug zu frauenspezifischer Verfolgung sind die iranischen Be-
hörden schliesslich nicht schutzwillig und wohl nur beschränkt schutzfähig.
Der Rechtsprechung nach ist es weiblichen Opfern sexueller Gewalt in Iran
nicht möglich, effektiven Schutz und Unterstützung bei staatlichen oder
nichtstaatlichen Organisationen zu erhalten. Ähnliches gilt auch für die Op-
fer häuslicher Gewalt (vgl. Urteil des BVGer E-2470/2020 vom 26. Januar
2021 E. 6.6 m.w.H.). Im vorliegenden Fall trifft dies umso mehr zu, als be-
reits die Mutter der Beschwerdeführerin im Heimatstaat keinen Schutz vor
ihrem Ex-Mann, dem Vater der Beschwerdeführerin, erfahren hat, was die
Vorinstanz wohl mit der Asylgewährung anerkannte. Gründe, weshalb die
glaubhaften Vorbringen der Beschwerdeführerin, deren zentrale Vorbrin-
gen mit jenen ihrer Mutter übereinstimmen, anders zu behandeln wären,
sind vorliegend nicht ersichtlich.
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Seite 11
9.3 Zusammenfassend ergibt sich, dass die asylrechtlich relevanten Vor-
bringen der Beschwerdeführerin im Sinne von Art. 7 AsylG glaubhaft sind
und sie die Voraussetzungen für die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft nach Art. 3 AsylG erfüllt. Aus den Akten ergeben sich zudem keine
Anhaltspunkte für eine Asylunwürdigkeit im Sinne von Art. 53 AsylG. Der
Beschwerdeführerin ist demnach Asyl zu gewähren (Art. 2 Abs. 1 AsylG).
10.
Die Beschwerde ist somit gutzuheissen, die angefochtene Verfügung vom
5. März 2020 ist aufzuheben und das SEM ist anzuweisen, der Beschwer-
deführerin Asyl zu gewähren.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG). Die unentgeltliche Rechtspflege sowie die Rechts-
verbeiständung fallen dahin.
12.
Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts des Obsiegens in An-
wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr notwendiger-
weise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Die ehemalige Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin reichte am
16. Oktober 2020 beziehungsweise 1. Juli 2021 eine Kostennote ein (Auf-
wand von rund 9 Stunden à Fr. 250.– und Spesen von Fr. 70.–). Eine Ak-
tualisierung war mangels Notwendigkeit weiterer Eingaben durch den neu
mandatierten Rechtsvertreter nicht notwendig. Der für die Bemühungen
ausgewiesene Aufwand der ehemaligen Rechtsvertreterin erscheint so-
dann angemessen. Auch der Stundenansatz von Fr. 250.– liegt innerhalb
der in Art. 10 Abs. 2 VGKE definierten Spannbreite. Bezüglich der geltend
gemachten Spesen ist festzuhalten, dass die für den Zeitraum vom 17. Ok-
tober 2020 bis 1. Juli 2021 behaupteten Auslagen von Fr. 35.– nicht belegt
sind. In vorstehendem Zeitraum erfolgten lediglich zwei physische und eine
elektronische Eingabe durch die ehemalige Rechtsvertreterin (sechs Ko-
pien zuzüglich Portospesen), weshalb die Auslagen für das Beschwerde-
verfahren gesamthaft mit Fr. 50.– festzulegen sind. Die Vorinstanz wird
demnach angewiesen, der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung
in der Höhe von Fr. 2'300.– auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)
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