Decision ID: d7f7fc0e-a054-56aa-ac06-957ba94fa6dc
Year: 2020
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

Sachverhalt
A. Der am XX.XX.1981 geborene A. _ war seit Februar 2005 als Bauarbeiter bei der C.
_ angestellt und dadurch bei der Versicherung B. _ obligatorisch gegen die
Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen versichert. Am 1. Oktober 2014 erlitt er im
Rahmen seiner Arbeit einen Unfall. Während einer Betonlieferung mit einem Traktor und
einem Hakenabrollkipp-Anhänger geriet die gekippte Mulde, die ein Gewicht von rund 1.5
Tonnen hatte, in Bewegung, und der Versicherte, welcher sich zwischen der Mulde und
einem Filterbetonhaufen befand, wurde dadurch während rund einer Minute eingeklemmt
(act. 6.1; act. 6.50). Die Versicherung B. _ gewährte ab dem 4. Oktober 2014 ihre
Versicherungsleistungen (act. 6.5).
B. Am 3. Oktober 2017 erfolgte eine kreisärztliche Untersuchung durch Dr. C. _,
Facharzt Orthopädische Chirurgie und Traumatologie (vgl. act. 6.252). Gestützt auf dessen
Erkenntnisse setzte die Versicherung B. _ in ihrer Verfügung vom 17. Januar 2018
die Erwerbseinbusse auf 34% und den Integritätsschaden auf 25% fest (act. 6.275). Nach
erfolgter Einsprache seitens des durch RA AA. _ vertretenen Versicherten gab die
Versicherung B. _ bei D. _ ein Gutachten in Auftrag, welches am 12.
November 2018 geliefert wurde (act. 6.318). Gestützt auf die nämliche Beurteilung erliess
die Versicherung B. _ am 11. Januar 2019 ihren Einspracheentscheid, in welchem
sie auf einen Erwerbsunfähigkeits-grad von 62% und einen Integritätsschaden von 25%
erkannte (act. 6.324).
Seite 3
C. Mit Eingabe vom 14. Februar 2019 erhob A. _ (nachfolgend: der Beschwerdeführer),
vertreten durch RA AA. _, Beschwerde beim Obergericht des Kantons Appenzell
Ausserrhoden und stellte das eingangs aufgeführte Rechtsbegehren (act. 1). In ihrer
Vernehmlassung vom 6. Mai 2019 beantragte die Versicherung B. _ die Abweisung
der Beschwerde (act. 5). Die Replik des Beschwerdeführers folgte am 20. Juni 2019 (act.
9), die Duplik der Versicherung B. _ am 14. August 2019 (act. 12).
D. Die Parteien verzichteten auf eine mündliche Verhandlung.
E. Nachdem den Parteien das vorliegende Urteil eröffnet wurde, verlangte der
Beschwerdeführer innert Frist eine schriftliche Begründung (act. 15).

Erwägungen
1. Gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b des Justizgesetzes
vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) beurteilt das Obergericht als kantonales Versi-
cherungsgericht Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherungen. Die örtliche Zu-
ständigkeit ist gegeben (Art. 58 Abs. 1 ATSG).
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der
Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind (Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. März
1981 über die Unfallversicherung [UVG, SR 832.20] i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und
Art. 61 lit. b ATSG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59 des Gesetzes vom 9. September 2002
über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG, bGS 143.1]).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2. Streitig und zu prüfen ist einzig die Höhe der Integritätsentschädigung, welche dem
Beschwerdeführer von der Versicherung B. _ im Zusammenhang mit dem
Unfallereignis vom 1. Oktober 2014 zugesprochen wurde.
Seite 4
3. 3.1
Nach Art. 24 Abs. 1 UVG hat die versicherte Person Anspruch auf eine angemessene
Integritätsentschädigung, wenn sie durch den Unfall eine dauernde erhebliche Schädigung
der körperlichen, geistigen oder psychischen Integrität erleidet. Die Integritätsentschädi-
gung wird in Form einer Kapitalleistung gewährt. Sie darf den am Unfalltag geltenden
Höchstbetrag des versicherten Jahresverdienstes nicht übersteigen und wird entsprechend
der Schwere des Integritätsschadens abgestuft (Art. 25 Abs. 1 UVG).
3.2
Gemäss Art. 25 Abs. 2 UVG regelt der Bundesrat die Bemessung der Entschädigung. Von
dieser Befugnis hat er in Art. 36 UVV Gebrauch gemacht. Abs. 1 dieser Vorschrift
bestimmt, dass ein Integritätsschaden als dauernd gilt, wenn er voraussichtlich während
des ganzen Lebens mindestens in gleichem Umfang besteht. Er ist erheblich, wenn die
körperliche oder geistige Integrität, unabhängig von der Erwerbsfähigkeit, augenfällig oder
stark beeinträchtigt wird. Gemäss Abs. 2 gelten für die Bemessung der Integritätsent-
schädigung die Richtlinien des Anhanges 3. Fallen mehrere körperliche oder geistige
Integritätsschäden aus einem oder mehreren Unfällen zusammen, so wird die
Integritätsentschädigung nach der gesamten Beeinträchtigung festgesetzt (Abs. 3). Die den
einzelnen Schädigungen entsprechenden Prozentzahlen werden zusammengezählt. Nach
der Addition ist eine Gesamtwürdigung vorzunehmen und zu beurteilen, ob das Ergebnis im
Vergleich mit anderen Integritätsschäden im Anhang 3 UVV ein gerechtes und
verhältnismässiges sei (RKUV 1998 Nr. U 296 S. 236).
3.3
Im Anhang 3 zur UVV hat der Bundesrat Richtlinien für die Bemessung der Integritäts-
schäden aufgestellt und in einer als gesetzmässig erkannten, nicht abschliessenden Skala
(BGE 124 V 29 E. 1b mit Hinweisen) wichtige und typische Schäden prozentual gewichtet
(RKUV 2004 Nr. U 514 S. 416). Für die darin genannten Integritätsschäden entspricht die
Entschädigung im Regelfall dem angegebenen Prozentsatz des Höchstbetrages des
versicherten Verdienstes (Ziff. 1 Abs. 1). Die Entschädigung für spezielle oder nicht
aufgeführte Integritätsschäden wird nach dem Grad der Schwere vom Skalenwert
abgeleitet (Ziff. 1 Abs. 2). Integritätsschäden, die gemäss der Skala 5% nicht erreichen,
geben keinen Anspruch auf Entschädigung (Ziff. 1 Abs. 3). Die völlige Gebrauchsunfähig-
keit eines Organs wird dem Verlust gleichgestellt; bei teilweisem Verlust und teilweiser
Gebrauchsunfähigkeit wird der Integritätsschaden entsprechend geringer, wobei die
Entschädigung jedoch ganz entfällt, wenn der Integritätsschaden weniger als 5% des
Höchstbetrages des versicherten Verdienstes ergäbe (Ziff. 2).
Seite 5
3.4
Die Medizinische Abteilung der Versicherung B. _ hat in Weiterentwicklung der
bundesrätlichen Skala weitere Bemessungsgrundlagen in tabellarischer Form (sog.
Feinraster) erarbeitet. Diese von der Verwaltung herausgegebenen Tabellen stellen zwar
keine Rechtssätze dar und sind für die Parteien nicht verbindlich, umso mehr als Ziff. 1 von
Anhang 3 zur UVV bestimmt, dass der in der Skala angegebene Prozentsatz des
Integritätsschadens für den «Regelfall» gilt, welcher im Einzelfall Abweichungen nach unten
wie nach oben ermöglicht. Soweit sie jedoch lediglich Richtwerte enthalten, mit denen die
Gleichbehandlung aller Versicherten gewährleistet werden soll, sind sie mit dem Anhang 3
zur UVV vereinbar (BGE 124 V 29 E. 1c, 116 V 156 E. 3a).
3.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die
streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben
worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung
der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Experten
begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
4. 4.1
a) Eine erste Beurteilung des Integritätsschadens erfolgte am 3. Oktober 2017 durch Dr. C.
_, Facharzt Orthopädische Chirurgie und Traumatologie. Dem nämlichen Bericht
(act. 6.252) ist folgendes zu entnehmen:
„Drei Jahre nach dem Unfall ist die Situation stabilisiert, wobei die körperliche unfallkausale
Schädigung erheblich ist. Die Voraussetzungen für die Schätzung eines Integritäts-
schadens sind gegeben. Der Wert beträgt 25%. Angesichts der multiplen, im Einzelnen
grösstenteils wenig bedeutenden Unfallfolgen ist die Schätzung des Integritätsschadens
herausfordernd, vor allem weil diese einzelnen Verletzungen weder gesetzlich bezüglich
Integritätsschaden geregelt noch im Tabellenwerk der Versicherung B. _ über die
Integritätsentschädigung im UVG erwähnt sind. Die Hauptproblematik ist in der
Weichteilsituation mit insbesondere den ausgedehnten Vernarbungen zu erkennen. Eine
globale Schätzung ist entsprechend nicht zu vermeiden, wobei diesbezüglich auf Tabelle 7
über die Integritätsentschädigung bei Wirbelsäulenaffektionen abzustellen ist. Strukturell ist
die Schädigung am Becken nach versorgter Verletzung nicht mehr erheblich, insbesondere
auch ohne erhebliche Schädigung der linken Hüfte. Die kleine Teilnekrose am Oberpol der
Niere links ist funktionell auch ohne Bedeutung.
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Die Tabelle 7 gibt als absolut höchste Schädigung ausgehend von der Wirbelsäule den
Wert von 50% an, dies bei Invalidisierung, was hier nicht erreicht ist. Der grösstmögliche
Wert bei massivster Schmerzhaftigkeit und grösstmöglicher Fehlstellung der Wirbelsäule
nach Frakturen wird mit 30% angegeben. Bei Schädigungen der Wirbelsäule mit
neurologischen Ausfällen, kombiniert sensibel und motorisch, wird als Höchstwert 40%
angegeben. Auch unter Einberechnung der rein sensiblen Störung des Nervus cutaneus
femoris lateralis rechts (die keiner erheblichen neurogenen Schädigung entspricht) sind
angesichts der Schmerzen und der funktionellen Einschränkungen dermassen hohe Werte
nicht erreicht.
In dieser Situation ist eine Integritätsentschädigung von 25% anzunehmen. Gemäss
Tabelle 7 entspricht dies einem Zustand mit starken Dauerschmerzen ohne mögliche
Zusatzbelastung, sowohl tagsüber als auch nachts und in Ruhe, mit langer Erholungszeit
bei geringer Fehlstellung der Wirbelsäule. Die bei der kreisärztlichen Untersuchung
festgestellte Schmerzhaftigkeit ist deutlich geringer, wird aber kompensiert durch die
übrigen Komponenten der Unfallfolgen.
4.2
a) Dem D. _ Gutachen vom 12. November 2018 (act. 6.318) mit den
Fachdisziplinen Orthopädie/Traumatologie (Schwergewicht) und Neurologie, auf welchem
der angefochtene Versicherung B. _-Entscheid in medizinischer Hinsicht letztlich
basiert, sind folgende unfallkausalen Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit zu
entnehmen:
Unfall vom 1. Oktober 2014 mit massiver Einklemmung des Körpers und Quetschtrauma
thoracopelvin mit
1. Open-Book-Verletzung des Beckens [...]
2. Diverse Wirbelfrakturen [...]
3. Perineale, vom Skrotumansatz bis knapp an den After reichende RQW [...]
4. Traumatische Dissektion der Oberpolnierenarterie links [...]
5. Nebennierenlazeration links
6. Dislozierte Frakturen der 10. bis 12. Rippe links dorsal
b) Die Gutachter fassten die Beschwerdeproblematik wie folgt zusammen:
„Der Versicherte hat sich im Rahmen des Unfalls vom 1. Oktober 2014 eine schwere
strukturelle Verletzung throrakopelvin zugezogen, mit aktuell führenden Folgen der Open-
Book-Verletzung des Beckens mit ISG-Sprengung links, lateraler oberer Schambeinast-
Seite 7
fraktur mehrfragmentär, in die Acetabulumvorderwand einstrahlend, disloziert, mehrfrag-
mentären unteren Schambeinastfrakturen bds., undislozierter oberer Schambeinastfraktur
rechts in die Symphyse einstrahlend.
Während die orthopädisch strukturellen Verletzungen durch die durchgeführten
Interventionen gut behandelt werden konnten und strukturell weitgehend gut abgeheilt sind,
persistieren die Folgen der beim Unfall erlittenen Schädigungen der Weichteile mit
anzunehmenden Vernarbungen und glaubhaft geschilderten persistierenden Schmerzen.
Daneben ist es zu einer objektivierbaren Schädigung diverser peripherer Nerven
gekommen.“
c) Im Zusammenhang mit der Beurteilung des Integritätsschadens führten die Gutachter
folgendes aus:
„Seitens der Versicherung B. _ wurde eine Integritätsentschädigung von 25%
gesprochen. Dieser Wert ist aus aktueller Sicht zu schützen. (...) Die gegenwärtigen
Beschwerden sind bei radiologisch weitgehender Abheilung der Frakturen primär auf die im
Rahmen des Quetschtraumas schwer geschädigten Weichteile zurückzuführen. Derartige
Verletzungen sind allerdings in den Versicherungs B. _ -Tabellen kaum abgebildet.
Eine Herangehensweise kann die Einordnung in die Versicherungs B. _ Tabelle 7
(Integritätsschaden bei Wirbelsäulenaffektionen) sein. Beim Patienten bestehen leichte bis
deutliche Dauerschmerzen der LWS, welche bei Belastung massiv exazerbieren. Der
Integritätsschaden für die Wirbelsäule bewegt sich bei dieser Betrachtung zwischen 5 und
20%. Da doch deutlich mehr als «++= geringe Dauerschmerzen» vorhanden sind, jedoch
nur recht wenige Nachtschmerzen (Kriterium für +++) bestehen, scheint ein
Integritätsschaden für die LWS von 10% angemessen. Die Beschwerden im Beckenbereich
sind ebenfalls auf das schwere Weichteiltrauma im Rahmen des Unfalls und der
nachfolgenden Operation zu sehen (sic!). Die Versicherungs B. _ -Tabellen bilden
Folgeschäden nach Beckenaffektionen, ausser der Coxarthrose, nicht ab. Unter diesem
Aspekt wären wiederum rund 10% zu veranschlagen.
Die Läsion des N. cutaneus femoralis lateralis beidseits und die anzunehmende Läsion der
Rami cutanei anteriores rechts entsprechen einer Schädigung von rein sensiblen Ästen des
N. femoralis. Lähmungen der N. femoralis innervierten Muskelgruppen liegen nicht vor. Die
in Versicherungs B. _ -Tabelle 2 aufgeführte N. femoralis Lähmung, die auf 25%
beziffert wird, kann in diesem Fall bei Abwesenheit einer motorischen Affektion nicht
vollumfänglich herange-zogen werden. Bezüglich der linksseitigen Schädigung des N.
obturarius mit konsekutiver Lähmung der linksseitigen Adduktorengruppe ist ein
anhaltender Integritätsschaden ausgewiesen. Der Nerv entspringt dem Plexus lumbalis (L2-
Seite 8
4) und innerviert motorisch mit dem Ramus anterior den Musculus adductor brevis (kann
als Variante auch vom Ramus posterior innerviert werden), den Musculus adductor longus,
den Musculus gracilis und den Musculus pectineus (zusammen mit dem Nervus femoralis).
Über den Ramus cutaneus des Ramus anterior wird ein umschriebener Hautbereich am
medialen Oberschenkel sensibel innerviert. Über den Ramus posterior werden der
Musculus obturatorius externus und der Musculus adductor magnus (zusammen mit dem
Nervus tibialis) versorgt. Da durch die Läsion als funktionell relevantes Residuum eine
Lähmung der Adduktorengruppe resultierte und daraus nur beim Gehen auf unebenen,
rutschigen Flächen eine Gehbehinderung resultiert, beim Gehen auf ebenen, befestigten
Flächen aber lediglich ein etwas breitbasiges, leicht unharmonisch wirkendes Gangmuster
besteht, ohne dass dabei die Gehfähigkeit oder das Treppensteigen signifikant
eingeschränkt wären, muss im Quervergleich mit dem Vollbild einer N. femoralis Lähmung
(L1-L4), die in der Versicherungs B. _ -Tabelle 2 mit 25% beziffert wird, bei der es
aber zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Gehfähigkeit und des Treppensteigens durch
eine Parese des M. iliopsoas (Hüftbeugung) und M. quadriceps femoris (Kniestreckung)
kommt, ein Abzug bei isolierter N. obturatorius Läsion vorgenommen werden. In einem
weiteren Quervergleich mit einer N. peroneus Schädigung, die mit 10% beziffert wird, und
zu einer Lähmung der Fuss- und Zehenhebung führt, ist die N. obturatorius Läsion und ihre
Auswirkungen näher am Integritätsschaden bei Peroneuslähmung als bei dem Vollbild
einer Femoralislähmung anzusiedeln. Bei einer Peroneuslähmung ist das Gangbild auf
ebenem Grund beeinträchtigt und wird ohne Hilfsmittel durch einen Steppergang
kompensiert. Insbesondere beim Gehen auf unebenen Flächen akzentuiert sich die
Gangstörung mit zunehmend erhöhter Sturz- und Stolpergefahr. Bei einer
Femoralislähmung hingegen kann – je nach Ausprägung – eine Gehunfähigkeit aufgrund
des instabilen Kniegelenks resultieren, was aber bei der Peroneuslähmung und bei der
N. obturatorius Lähmung in der Regel nicht der Fall ist, oder zumindest durch Anpassung
des Gangbildes kompensiert werden kann. Daher ist im Quervergleich die N. obturatorius
Läsion mit 10% zu beziffern.
Im Hinblick auf die neuropathischen Schmerzen (N. cutaneus femoralis lateralis und Rami
anteriores n. femoralis) muss im Quervergleich die Tabelle 7 Wirbelsäulenverletzungen
herangezogen werden. Bei mässigen Beanspruchungsschmerzen, bei in Ruhe eher selten
vorhandenen Schmerzen und bei rascher Erholung innert max. 48 Stunden kann ein
zusätzlicher Integritätsschaden von 5 - 10% angenommen werden. Die neuralgierformen
Schmerzen am rechten Oberschenkel werden nur bei Belastung (forcierter Hüftbeugung)
ausgelöst und halten nur Sekunden an. Nächtliche neuropathische Dauerschmerzen sind
nicht gegeben. Auch die sensiblen Reizsymptome im Autonomgebiet des N. cutaneus
femoralis lateralis werden nur durch lokale Reize (Berührung/Kälte) ausgelöst und es liegt
Seite 9
kein neuropathischer Dauerschmerz vor, zumindest basierend auf den aktuellen Angaben
des Exploranden. Somit ist in Bezug auf die neuropathische Schmerzsymptomatik bei
Läsion o.g. sensibler Äste des N. femoralis ein Integritätsschaden von 5% ausgewiesen.“
4.3
a) Der Beschwerdeführer stellt sich zunächst auf den Standpunkt, den Gutachtern sei bei
der Gesamtberechnung ein Versehen unterlaufen, weil der Integritätsschaden für die
Beschwerden im Becken, entsprechend 10%, untergegangen sei. Der betreffende
Prozentsatz sei zusätzlich zu den 25% zu berücksichtigen, womit sich total ein
Integritätsschaden von mindestens 35% ergebe.
b) Vorliegend geht das D. _ Gutachten letztlich von 3 verschiedenen
Integritätsschäden aus. Die Schäden von 10% entsprechend der N. obturatorius Läsion und
jene von 5% entsprechend der neuropathischen Schmerzsymptomatik bei Läsion der
sensiblen Äste des N. femoralis können dabei im Ergebnis als unbestritten gelten. Was die
im ersten Abschnitt genannten Beschwerden (Dauerbeschwerden der LWS; Beschwerden
im Beckenbereich) betrifft, mag es aus sprachlicher Sicht auf den ersten Blick etwas
missverständlich erscheinen, dass das Gutachten, nachdem es für die LWS-Beschwerden
einen Wert von 10% festhielt, bezüglich der Beckenbeschwerden erklärte, es seien
„wiederum“ 10% zu veranschlagen. Der Versicherung B. _ ist schlussendlich aber
darin zuzustimmen, dass das Gutachten mit dieser Aussage nicht meinte, es seien 2 x 10%
= 20% zu berücksichtigen. Die Versicherung B. _ erklärt zutreffend, dass es im
betreffenden Abschnitt einheitlich um jene Schäden geht, die spezifisch auf das
Weichteiltrauma zurückzuführen sind. Im letzten Absatz des ersten Abschnitts stellt der
zuständige Gutachter ausdrücklich die Verbindung her zwischen LWS- und
Beckenbeschwerden, indem er schreibt, die Beschwerden im Beckenbereich seien
„ebenfalls“ als Folge des schweren Weichteiltraumas zu sehen. Diese „Verbindung“ wird
noch bestätigt durch die Diagnosestellung im orthopädischen Teilgutachten (S. 80) sowie in
der Rubrik „Residuen“ im Gesamtgutachten (S. 11), wo es jeweils heisst, aus
orthopädischer Sicht bestünden persistierende, primär weichteilbedingte chronische
Schmerzen LWS, Becken, Beine bds. (vgl. S. 80). Auch daran ist zu erkennen, dass laut
Gutachten die Beschwerden, die auf einer Vernarbung der Weichteile beruhen, als Einheit
zu betrachten sind, sei es nun, dass sich die Schmerzen in der LWS oder im Becken
manifestieren. Mit seinem „wiederum“ wollte der Gutachter letztlich also nur ausdrücken,
dass sich aufgrund derselben Kategorisierung der LWS- und der Beckenschmerzen am
Teilergebnis von 10% nichts ändert.
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c) Ergibt also nur schon die genaue Lektüre des Gutachtens, dass die 10% nicht gleichsam
„doppelt“ zu veranschlagen sind, spricht andererseits auch die vom Gutachten verwendete
Systematik eindeutig gegen das Vorliegen für den vom Beschwerdeführer behaupteten
Rechnungsfehler. Das Gutachten folgt einem klaren Aufbau, indem im ersten Abschnitt
jene Schäden wiedergegeben sind, die grundsätzlich Ausfluss der Disziplin der Orthopädie
sind, während die Abschnitte zwei und drei spezifische neurologische Integritätsschäden
beschlagen (vgl. diesbezüglich auch die Diagnoseliste im neurologischen Teilgutachten, S.
58 f.). Sodann ist mit der Versicherung B. _ darauf hinzuweisen, dass im Gutachten
das Teilergebnis für die einzelnen Integritätsschadens-Posten jeweils fett unterlegt wurde;
spätestens hier wäre den Gutachtern ihr angebliches Versehen sicherlich aufgefallen.
Ebenfalls gegen ein Versehen spricht die Tatsache, dass die Gutachter nach den einzelnen
Abschnitten mit den jeweiligen Integritätsschadens-Posten einen Leerschlag gemacht
haben.
d) Der Beschwerdeführer hält den von der D. _ gesamthaft bezifferten
Integritätsschaden insbesondere auch mit Blick auf die frühere Beurteilung des
Integritätsschadens durch den Versicherung B. _-Kreisarzt Dr. C. _ nicht
nachvollziehbar. Dr. C. _ sei ebenfalls zum Ergebnis eines Integritätsschadens von
25% gelangt, wobei laut dessen Ansicht die Schädigung am Becken aber nicht mehr
erheblich sei, womit diesbezüglich eine Abweichung zum D. _ Gutachten bestehe.
Im Übrigen hätten die D. _-Gutachter den von der Versicherung B. _
ermittelten Gesamtwert von 25% letztlich aber ausdrücklich gestützt. Wenn nun also die
Becken-schädigung beim Kreisarzt keinen Niederschlag gefunden habe, bei der D. _
hingegen schon, müssten die 10% auch zusätzlich vergütet werden.
e) Dem Beschwerdeführer ist nicht zu folgen. Versicherung B. _-Kreisarzt Dr. C.
_ hatte, wie oben dargelegt, erklärt, die Hauptproblematik sei in der Weichteilsituation
mit insbesondere den ausgedehnten Vernarbungen zu erkennen. (...) Strukturell sei die
Schädigung am Becken nach versorgter Verletzung nicht mehr erheblich, insbesondere
auch ohne erhebliche Schädigung der linken Hüfte. Anhand dieser Betrachtung wird
deutlich, dass Dr. C. _ die Beschwerden im Becken genau gleich würdigte wie die D.
_, welche ebenfalls auf die gute Verheilung der Strukturen im Becken hingewiesen
und die verbliebenen Schmerzen als Folge der Vernarbung der Weichteile gedeutet hatte.
An dieser Stelle sei im Übrigen noch erwähnt, dass sich die D. _ mit ihrer Aussage,
der von der Versicherung B. _ ursprünglich angenommene Wert von 25% sei zu
schützen, nur auf den Wert als solchen bezog. Sie äusserte sich dabei jedoch mit keinem
Wort zu einzelnen Begründungen des Kreisarztes. Wenn also der Beschwerdeführer noch
geltend macht, die Störung des Nervus cutaneus femoris lateralis rechts entspreche laut
Seite 11
Kreisarzt keiner erheblichen neurogenen Schädigung, derweil die D. _ diesbezüglich
unter Beizug der Versicherungs B. _ Tabelle 2 einen Integritätsschaden anerkannt
habe, ist dies insoweit unbeachtlich, als sich eine entsprechende prozentmässige Erhöhung
des Integritätsschadens dadurch nicht rechtfertigen lässt. Gerade was das Fachgebiet der
Neurologie anbelangt, erweist sich die Beurteilung der D. _ als ungleich fundierter
und differenzierter als jene von Dr. C. _. Dies dürfte nicht unwesentlich mit dem
Umstand zusammenhängen, dass bei der D. _-Begutachtung – anders als bei der
kreisärztlichen Untersuchung – eine neurologische Fachärztin mitgewirkt hatte. Im
Vergleich zur D. _, welche im Detail erläuterte, welche einzelnen Komponenten zu
dem gesamthaft bezifferten Integritätsschaden von 25% führten, wirken die vom Kreisarzt
genannten 25% allzu pauschal. Gesamthaft vermögen die Einschätzungen des Kreisarztes
jedenfalls keinerlei Zweifel an der D. _-Beurteilung zu erwecken.
5. Bestehen nach dem Gesagten keine Gründe, um von der Schätzung des
Integritätsschadens gemäss Gutachen abzuweichen, konnte die Vorinstanz ohne weiteres
darauf abstellen. Der angefochtene Einspracheentscheid erweist sich im Ergebnis als
rechtens, was zur Abweisung der Beschwerde führt. Das Verfahren ist kostenlos (Art. 61 lit.
a ATSG). Dem unterliegenden Beschwerdeführer steht keine Parteient-schädigung zu (Art.
61 lit. g ATSG e contrario). Für die Zusprechung einer Partei-entschädigung an die
obsiegende Vorinstanz fehlt eine gesetzliche Grundlage (UELI KIESER, ATSG-Kommentar,
3. Aufl. 2015, N. 199 zu Art. 61 ATSG; SUSANNE BOLLINGER, in: Basler Kommentar,
Allgemeiner Teil des Sozialversicherungsrechts, 2020, N. 77 zu Art. 61 ATSG).
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