Decision ID: 457a7e1f-973d-47a8-81d8-a986decf270b
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch B._,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Hilflosenentschädigung
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Sachverhalt:
A.a A._ wurde von ihren Eltern am 20. Juli 2007 (Eingang IV-Stelle: 6. August 2007)
zum Bezug von IV-Leistungen für Versicherte vor dem 20. Altersjahr angemeldet. Sie
habe eine Hirnblutung erlitten. Im Anmeldeformular wurden Beiträge an die
Sonderschulung, eine Hilflosenentschädigung für Minderjährige und Hilfsmittel
beantragt (IV-act. 1). Einem Bericht der Klinik Z._ vom 21. September 2007 lässt sich
entnehmen, dass die Versicherte am 26. Januar 2007 eine ausgeprägte
Subarachnoidalblutung bei rupturiertem Giant-Aneurysma der Arteria cerebri media
links erlitten hatte (IV-act. 20-1). In einem Bericht vom 31. Oktober 2007 erwähnte
Dr. med. C._, Chefarzt Rehabilitation des Kinderspitals Zürich, eine
Mehrfachbehinderung mit kognitivem Entwicklungsrückstand und spastischem
Hemisyndrom rechts (IV-act. 33). Die IV-Stelle erteilte im Oktober 2007
Kostengutsprache für einen Aktivrollstuhl, für Fussheberorthesen und für
Sonderschulmassnahmen (IV-act. 17, 18, 24).
A.b Ebenfalls im Oktober 2007 erfolgte ein Gesuch um Anerkennung des
Geburtsgebrechens Ziff. 313 (angeborene Herz- und Gefässmissbildungen) des
Anhangs der Verordnung über Geburtsgebrechen (IV-act. 27). Nach Einholung weiterer
Unterlagen teilte die IV-Stelle am 7. März 2008 mit, sie übernehme die Kosten für die
Behandlung des Geburtsgebrechens Ziff. 313 ab 4. Dezember 2006 bis 31. Dezember
2011 (IV-act. 52). In der Folge wurden weitere Hilfsmittel und medizinische
Massnahmen übernommen (IV-act. 54, 67, 91, 96, 114).
A.c Am 23. November 2009 wurde die Versicherte (erneut) für den Bezug einer
Hilflosenentschädigung für Minderjährige angemeldet. Die Anmeldung enthielt Angaben
zum Hilfsbedarf der Versicherten in den einzelnen Lebensverrichtungen (IV-act. 121).
Dr. med. D._, Heimarzt der Sonderschule E._, wo sich die Versicherte seit
September 2008 aufhielt (IV-act. 181-2), bestätigte am 20. Dezember 2009, die
Angaben zum Hilfsbedarf im Anmeldeformular entsprächen seinen Feststellungen (IV-
act. 127-1). Am 7. Oktober 2010 führte die IV-Stelle eine Abklärung in der Wohnung der
Eltern der Versicherten durch. Im Abklärungsbericht vom 17. November 2010 wurde
festgehalten, die Versicherte halte sich seit September 2008 von Sonntagabend bis
Freitagmittag in der Sonderschule E._ auf. Betreffend Hilfsbedarf gaben die Eltern an,
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die Versicherte könne die Orthese nicht selbstständig an- und ausziehen. Die Nahrung
müsse ihr zerkleinert werden. Beim Baden/Duschen bestehe regelmässiger Bedarf ihrer
Anwesenheit. Für die Pflege gesellschaftlicher Kontakte und im Rahmen der
Behandlungspflege benötige die Versicherte Hilfe. Die Abklärungsperson hielt fest, in
den Verrichtungen Ankleiden/Auskleiden, Essen und Fortbewegung bestehe eine
Hilflosigkeit, bei der Körperpflege zudem für den Zeitraum Januar 2007 bis Juni 2009
(IV-act. 181).
A.d Mit Vorbescheid vom 22. November 2010 kündigte die IV-Stelle der Versicherten
an, sie gedenke, ihr vom 1. Januar 2008 bis 30. Juni 2009 eine Entschädigung für
Hilflosigkeit mittleren Grades zuzusprechen, wobei 2008 ein Ansatz von Fr. 39.60 und
2009 von Fr. 38.-- vergütet werde für die Tage, an denen die Versicherte zuhause
übernachtet habe. Von 1. Juli 2009 bis 30. Juni 2010 (Erreichung 18. Altersjahr) sehe
sie die Anerkennung einer Hilflosigkeit leichten Grades vor; der Tagesansatz liege bei
Fr. 15.20 (IV-act. 183-3). Mit Einwand vom 20. Dezember 2010 protestierten die Eltern
der Versicherten gegen die Herabsetzung der Hilflosenentschädigung auf eine solche
für Hilflosigkeit leichten Grades (IV-act. 190-4). Nach weiteren Abklärungen verfügte die
IV-Stelle am 25. Mai 2011 gemäss Vorbescheid (act. G 1).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die von den Eltern der Versicherten erhobene
Beschwerde vom 22. Juni 2011. Sinngemäss beantragen sie deren Aufhebung und die
Zusprache einer höheren Hilflosenentschädigung. Sie reichten unter anderem ein
Zeugnis von Dr. med. F._, Oberärztin Neurologie, Rehabilitationszentrum Klinik Z._,
vom 20. Juni 2011 ein. Darin äusserte diese ihre Ansicht, aus neurologischer Sicht liege
derzeit eine mittlere Hilflosigkeit vor, da die Versicherte in mindestens zwei alltäglichen
Lebensverrichtungen regelmässig auf die Hilfe Dritter angewiesen sei und zudem
weiterhin einer regelmässigen Unterstützung im Sinn einer Supervision bedürfe.
Letztere ergebe sich insbesondere aus der schwer beeinträchtigten sprachlichen
Kommunikationsfähigkeit (act. G 1.2).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 24. August 2011 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Gemäss einer unterschriftlich bestätigten
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telefonischen Auskunft des Kinderwohnheimleiters des E._s könne die
Beschwerdeführerin die tägliche Körperpflege selbstständig durchführen. In dieser
Lebensverrichtung sei sie nicht hilflos (act. G 3).
B.c Die Versicherte lässt in der Replik vom 10. September 2011 die Zusprache einer
Hilflosenentschädigung mittleren Grades durchgehend bis 30. Juni 2010 beantragen.
Sie sei in der Körperpflege eingeschränkt. Aufgrund ihrer Hemiplegie rechts sei sie
nicht in der Lage, ihren linken Arm selber zu waschen und abzutrocknen. Zudem habe
sie einen Neglekt nach rechts und wasche die Haare rechts hinten nicht. Sie steige mit
Seife rechts hinten aus der Dusche. Eine weitere Einschränkung bestehe bei der
Zahnpflege. In Bezug auf den Bedarf an dauernder persönlicher Überwachung wird
geltend gemacht, die Versicherte könne nie für längere Zeit allein gelassen werden. Die
Gefahr wäre zu gross, dass sie immer wieder mal stürze und nur sehr eingeschränkt
kommunizieren könne. Alles von rechts Kommende nehme die Versicherte in einem
bestimmten Blickfeld nicht wahr, wodurch ein Bewegen im öffentlichen Leben ohne
Begleitung ein grosses Risiko darstellen würde. Zu erwähnen bleibe, dass die
Medikamenteneinnahme überwacht werden müsse, dass die Versicherte im Schulheim
eine für sie persönlich bestimmte Bezugsperson habe, dass die Versicherte bei der
Graduierung der Hilflosenentschädigung nie zugegen gewesen und im Schulheim nur
telefonisch nachgefragt worden sei (act. G 6). Innert erstreckter Frist ging dem Gericht
am 10. November 2011 ein Bericht von Dr. med. G._, Facharzt FMH für Neurologie,
Physikalische Medizin und Rehabilitation, an Dr. D._ vom 7. November 2011 zu.
Darin wird festgehalten, dass Hilfsbedarf bei der Körperpflege und der Fortbewegung
sicher sowie beim Ankleiden, Auskleiden und beim Essen teilweise gegeben sei.
Zudem sei wegen der unvollständigen Ausübung der Verrichtungen Ankleiden,
Auskleiden und Essen und insbesondere auch für die Medikamenteneinnahme eine
dauernde persönliche Überwachung notwendig (act. G 10). Mit Begleitschreiben vom
11. November 2011 reichten die Eltern der Versicherten dem Gericht ein Schreiben des
E._s vom 10. November 2011 ein (act. G 11). Darin wird festgehalten, die Versicherte
benötige tägliche Unterstützung beim Duschen, Waschen und Frottieren der linken
Körperhälfte sowie beim Haarewaschen (act. G 11.1).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 21. November 2011 auf eine Duplik
(act. G 13).
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C.
Mit Verfügung vom 5. Juli 2011 hatte die IV-Stelle den Anspruch der Versicherten auf
eine Entschädigung für Hilflosigkeit leichten Grades ab 1. Juli 2010 auf Fr. 228.-- (2010)
bzw. Fr. 232.-- (ab 2011) festgesetzt (IV-act. 223).
D.
Auf Anfrage der Verfahrensleitung vom 3. Februar 2012 (act. G 15) teilte der Leiter des
Kinder- und Jugendwohnheims des E._s mit Schreiben vom 16. Februar 2012 mit,
die Versicherte habe im Zeitraum September 2008 bis Juni 2010 Hilfe beim Duschen,
Haare waschen, Nägel schneiden, Kämmen und beim Zupfen von Körperhaaren
gebraucht (act. G 16). Die Parteien machten von der Möglichkeit zur Stellungnahme zu
diesem Schreiben keinen Gebrauch.

Erwägungen:
1.
Die angefochtene Verfügung vom 25. Mai 2011 regelt den Anspruch auf
Hilflosenentschädigung bis 30. Juni 2010, also bis zum Ende des Monats, in dem die
Versicherte das Mündigkeitsalter erreicht hatte. Am 5. Juli 2011 erliess die IV-Stelle
eine neue Verfügung, die ab 1. Juli 2010 eine Hilflosenentschädigung für Erwachsene
zusprach. Diese Verfügung ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen.
Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet einzig der Anspruch auf
Hilflosenentschädigung für Minderjährige, also befristet bis 30. Juni 2010.
2.
Im Rahmen der 5. IV-Revision wurde Art. 48 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) per 1. Januar 2008 aufgehoben. Gemäss Abs. 2
jener Bestimmung wurden bei einer mehr als zwölf Monate nach Entstehen des
Anspruchs erfolgten Anmeldung die Leistungen in Abweichung von Art. 24 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG;
SR 830.1) lediglich für die zwölf der Anmeldung vorangegangenen Monate
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ausgerichtet. Weitergehende Nachzahlungen kamen nur in Frage, wenn der Versicherte
den anspruchsbegründenden Sachverhalt nicht kennen konnte und die Anmeldung
innert zwölf Monaten nach Kenntnisnahme vornahm. Im Rahmen der per 1. Januar
2012 in Kraft getretenen IV-Revision 6a wurde Art. 48 IVG für
Hilflosenentschädigungen, medizinische Massnahmen und Hilfsmittel wieder eingeführt
(vgl. auch BBl 2010 1875). Ob für die Zeit zwischen 2008 und 2011 von einer echten
Gesetzeslücke auszugehen ist und diese gemäss der Regelung des ursprünglichen und
neuen Art. 48 IVG zu füllen wäre, oder ob in jenen Jahren betreffend rückwirkende
Ansprüche die Fünfjahresfrist des Art. 24 Abs. 1 ATSG zu gelten hat (wie die
Beschwerdegegnerin offenbar annahm und wovon gemäss IV-Rundschreiben Nr. 300
vom 15. Juli 2011 auch das Bundesamt für Sozialversicherungen [BSV] auszugehen
scheint), kann vorliegend offen bleiben. Denn selbst wenn die Regelung des Art. 48 IVG
im vorliegenden Fall gelten würde – und die Nachzahlung daher grundsätzlich nur für
die zwölf der Anmeldung vorangehenden Monate möglich wäre –, so ist zu beachten,
dass für die Versicherte bereits in der erstmaligen Anmeldung zum Bezug von IV-
Leistungen vom 20. Juli 2007 eine Hilflosenentschädigung für Minderjährige beantragt
wurde (IV-act. 1-4). Diese Anmeldung würde zur Fristwahrung genügen. Da das
Wartejahr unbestrittenermassen im Januar 2007 zu laufen begann, ist der
Anspruchsbeginn zu Recht auf den 1. Januar 2008 gelegt worden.
3.
3.1 Als hilflos gilt, wer wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit für alltägliche
Lebensverrichtungen dauernd der Hilfe Dritter oder der persönlichen Überwachung
bedarf (Art. 9 ATSG). Hilflose Personen haben einen Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung. Es ist zu unterscheiden zwischen schwerer, mittelschwerer
und leichter Hilflosigkeit (Art. 42 Abs. 1 und 2 IVG). Eine leichte Hilflosigkeit liegt
insbesondere vor, wenn eine minderjährige versicherte Person in mindestens zwei
alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter
angewiesen ist (Art. 37 Abs. 3 lit. a der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV;
SR 831.201]), einer dauernden persönlichen Überwachung (Art. 37 Abs. 3 lit. b IVV)
oder einer durch das Gebrechen bedingten ständigen und besonders aufwändigen
Pflege bedarf oder nur dank regelmässigen und erheblichen Dienstleistungen Dritter
gesellschaftliche Kontakte pflegen kann (Art. 37 Abs. 3 lit. d IVV; vgl. zu Art. 37 Abs. 3
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lit. e IVV den auf volljährige Versicherte beschränkten Art. 38 IVV). Als mittelschwer gilt
die Hilflosigkeit, wenn die versicherte Person trotz Abgabe von Hilfsmitteln in den
meisten alltäglichen Lebensverrichtungen (d.h. in mindestens vier von sechs
massgebenden Verrichtungen) in erheblicher Weise auf Dritthilfe angewiesen ist, in
mindestens zwei Lebensverrichtungen der Dritthilfe und überdies einer dauernden
persönlichen Überwachung oder dauernder lebenspraktischer Begleitung bedarf
(Art. 37 Abs. 2 IVV). Ist die versicherte Person vollständig hilflos, benötigt sie also in
allen Lebensverrichtungen regelmässig und in erheblicher Weise Dritthilfe und
dauernde Pflege oder persönliche Überwachung, so gilt die Hilflosigkeit als schwer
(Art. 37 Abs. 1 IVV). Bei Minderjährigen ist nur der Mehrbedarf an Hilfeleistung und
persönlicher Überwachung im Vergleich zu nicht behinderten Minderjährigen gleichen
Alters zu berücksichtigen (Art. 37 Abs. 4 IVV).
3.2 Die Parteien sind sich darüber uneinig, ob die Hilflosenentschädigung per 1. Juli
2009 basierend auf einer mittelgradigen oder einer leichtgradigen Hilflosigkeit
festzusetzen ist. In der angefochtenen Verfügung anerkennt die IV-Stelle bis und mit
Juni 2009 Hilflosigkeit in den Lebensverrichtungen Ankleiden/Auskleiden, Essen,
Körperpflege und Fortbewegung. Ab Juli 2009 bestehe in der Körperpflege keine
Hilflosigkeit mehr.
3.3 In der Verrichtung Aufstehen/Absitzen/Abliegen bestand im massgebenden
Zeitraum unbestrittenermassen keine Hilflosigkeit (vgl. IV-act. 121-5; 181-4). Auch beim
Verrichten der Notdurft war keine regelmässige und erhebliche Dritthilfe nötig. So
wurde im Abklärungsbericht vom 17. November 2011 festgehalten, die Versicherte
gehe eigenständig zur Toilette und führe die Reinigung und das Ordnen der Kleidung
eigenständig durch. Für die Intimpflege während der Periode sei die Unterstützung der
Mutter notwendig. Die Abklärungsperson fügte bei, im Rahmen der
Schadenminderungspflicht könnte mit Einsatz eines Dusch-WC eine Selbstständigkeit
auch während der Periode erreicht werden (IV-act. 181-5). Dr. G._ hielt in seinem im
Beschwerdeverfahren eingereichten Bericht vom 7. November 2011 fest, dass das
Verrichten der Notdurft selbstständig gelinge (act. G 10). Seitens des E._s (vgl. IV-
act. 194; act. G 11.1) und von Dr. F._ (Bericht vom 20. Juni 2011; act. G 1.2) wurde
ebenfalls kein Hilfsbedarf in dieser Verrichtung erwähnt. Insgesamt ist in dieser
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Verrichtung somit nicht von einer erheblichen und regelmässigen Hilfsbedürftigkeit
auszugehen.
3.4 Ist ein Bedarf nach dauernder persönlicher Überwachung der Versicherten im Sinn
von Art. 37 Abs. 2 lit. b IVV ausgewiesen, wäre eine mittelgradige Hilflosigkeit zu
bejahen, da unbestrittenermassen zusätzlich Hilflosigkeit in mindestens zwei
Lebensverrichtungen besteht.
3.4.1 Der Begriff der dauernden persönlichen Überwachung bezieht sich gemäss
Rz. 8035 des vom BSV herausgegebenen Kreisschreibens über Invalidität und
Hilflosigkeit (KSIH) nicht auf die alltäglichen Lebensverrichtungen. Hilfeleistungen, die
bereits als direkte oder indirekte Hilfe in einem Bereich der alltäglichen
Lebensverrichtung Berücksichtigung gefunden haben, können bei der Beurteilung der
Überwachungsbedürftigkeit nicht nochmals ins Gewicht fallen. Vielmehr ist darunter
eine medizinische und pflegerische Hilfeleistung zu verstehen, die infolge des
physischen und/oder psychischen Gesundheitszustandes der versicherten Person
notwendig ist. Eine solche persönliche Überwachung ist beispielsweise dann
erforderlich, wenn eine Drittperson mit kleineren Unterbrüchen bei der versicherten
Person anwesend sein muss, da sie nicht allein gelassen werden kann (ZAK 1989 S.
174 E. 3.b, 1980 S. 68 E. 4.b). Um als anspruchsrelevant zu gelten, muss die
persönliche Überwachung ein gewisses Mass an Intensität aufweisen. Dazu genügt es
nicht, dass die versicherte Person in einer speziellen Institution untergebracht ist und
unter einer generellen Aufsicht dieser steht. Bei einer bloss kollektiv ausgeübten
Aufsicht, wie dies beispielsweise in einem Wohn- oder Pflegeheim der Fall ist, liegt in
der Regel keine persönliche Überwachungsbedürftigkeit vor (vgl. m.H. Rz. 8038 KSIH).
3.4.2 Die Versicherte lässt in der Replik geltend machen, sie könne nie für längere
Zeit allein gelassen werden. Die Gefahr wäre zu gross, weil sie immer wieder mal stürze
und nur sehr eingeschränkt kommunizieren könne. Wegen einer Hemianopsie nach
rechts nehme sie zudem alles, was von rechts komme, in einem bestimmten Blickfeld
nicht wahr, wodurch ein Bewegen im öffentlichen Leben ohne Begleitung ein grosses
Risiko darstellen würde. Sie könne auch nur mit Dritthilfe nach aussen kommunizieren
(act. G 6). Diese letztgenannten Argumente vermögen keinen Bedarf an dauernder
persönlicher Überwachung im Sinn von Art. 37 Abs. 3 lit. b IVV zu begründen. Vielmehr
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führen sie zu einer Hilflosigkeit in der Lebensverrichtung der Pflege gesellschaftlicher
Kontakte bzw. der Fortbewegung im Freien, die unter die sechs alltäglichen
Lebensverrichtungen zu subsumieren ist. Im Abklärungsbericht vom 17. November
2010 wurde ein Bedarf an dauernder persönlicher Überwachung verneint. Vermerkt
wurde, dass die Versicherte in der Lage sei, sich über einen gewissen Zeitraum
selbstständig zu beschäftigen, z.B. am Laptop oder vor dem Fernseher. Sie könne für
ca. eine Stunde allein gelassen werden. Gemäss Aussagen der Eltern sollte sie in der
Lage sein, in Notsituationen Hilfe zu organisieren. Die Eltern ergänzten diese
Bemerkungen der Abklärungsperson damit, dass dies glücklicherweise noch nie
vorgekommen sei (IV-act. 181-7). Es ist durchaus plausibel, dass die Versicherte nicht
über einen längeren Zeitraum allein gelassen werden kann. Dies entspricht den
Anforderungen an die dauernde Überwachungsbedürftigkeit im oben erläuterten Sinn
jedoch nicht. Die erhebliche Einschränkung in der Kommunikationsfähigkeit führt nicht
zu einer direkten Gefährdung, die einen dauernden Überwachungsbedarf zu begründen
vermöchte. Die Versicherte kann einzelne Worte und auch kurze Sätze formulieren (vgl.
die Berichte von Dr. F._ vom 20. Juni 2011, act. G 1.2, sowie des Kinderspitals
Zürich vom 11. November 2010, IV-act. 187-2). Es ist davon auszugehen, dass sie sich
im Notfall bemerkbar machen könnte. Die Gefahr kleinerer Unfälle (wie ein Sturz oder
ein Schnitt in den Finger) könnte selbst durch dauernde Überwachung der Versicherten
nicht vollständig eliminiert werden. Zudem bewegt sich die Versicherte gemäss dem
Austrittsbericht der Physiotherapie Neurologie der Klinik Z._ vom 15. Juli 2011 mit
Schiene und hohen Schuhen drinnen und draussen sicher (IV-act. 232, S. 5). Auch die
Epilepsie macht keine dauernde persönliche Überwachung im erläuterten Sinn nötig,
zumal Dr. F._ in ihrem Bericht vom 17. Februar 2011 festhielt, anfallsverdächtige
Episoden seien seit einer Valproat-Therapie nicht mehr vorgekommen, insbesondere
keine Bewusstseinsstörungen (IV-act. 199-3; vgl. auch den Bericht von Dr. F._ vom
20. Juni 2011, act. G 1.2). Dass regelmässig Medikamente eingenommen werden und
diese Einnahme allenfalls überwacht werden muss (vgl. die Hinweise in den Schreiben
von Dr. F._ vom 20. Juni 2011, und Dr. G._ vom 7. November 2011, act. G 10),
lässt ebenfalls keine dauernde Überwachungsbedürftigkeit im beschriebenen Sinn
entstehen. Im Übrigen ist zu erwähnen, dass im Rahmen des Ende Mai 2011
begonnenen Rehabilitationsaufenthalts in der Klinik Z._ das selbstständige Wohnen
als Ziel erklärt und gezielt geübt wurde (IV-act. 219-2). Auch dies deutet nicht auf einen
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relevanten dauernden Überwachungsbedarf hin. Ein solcher wird auch nicht im Bericht
vom Brüggli Romanshorn über das Schnupperpraktikum vom 6. bis 17. September
2010 erwähnt (IV-act. 170). Somit ist ein Bedarf an dauernder persönlicher
Überwachung nicht ausgewiesen.
3.5 Zu prüfen bleibt folglich, ob in der Lebensverrichtung der Körperpflege eine
relevante Hilflosigkeit besteht. Wird dies bejaht, ist von Hilflosigkeit in vier
Lebensverrichtungen auszugehen (Ankleiden/Auskleiden, Essen, Körperpflege und
Fortbewegung), sodass ein Anspruch auf eine Entschädigung für Hilflosigkeit mittleren
Grades ausgewiesen wäre.
3.5.1 Im Anmeldeformular vom 23. November 2009 gaben die Eltern an, die
Versicherte benötige Hilfe beim Kämmen, beim Duschen (Abtrocknen und Einseifen)
sowie beim Einstieg in die Badewanne (IV-act. 121-5). Im Abklärungsbericht vom
17. November 2010 wurde festgehalten, die Versicherte sei in der Lage, sich
selbstständig zu duschen und die Haare zu waschen. Teilweise müsse das Shampoo
durch die Eltern vollständig abgespült werden. Mit Einsatz des Duschstuhls sei sie in
der Lage, die unteren Extremitäten eigenständig zu reinigen. Das Zähneputzen gelinge
ihr selbstständig, teilweise benötige sie jedoch etwas Hilfe beim Verschliessen der
Zahnpasta. Die Eltern ergänzten im Bericht handschriftlich, dass dies nicht nur beim
Verschliessen, sondern auch beim Öffnen der Tube der Fall sei. Die Abklärungsperson
der IV-Stelle hielt weiter fest, die Morgentoilette (Gesicht waschen, kämmen) führe die
Versicherte alleine aus, vereinzelt seien noch verbale Aufforderungen notwendig. Für
das Nägel schneiden und die Epilierung benötige sie die Unterstützung einer
Drittperson. Die Eltern setzten hinter das offenbar von der Abklärungsperson
angekreuzte "Nein" betreffend Hilfsbedarf beim Baden/Duschen handschriftlich ein
Fragezeichen und ergänzten: "Bedarf der Anwesenheit nötig!" (IV-act. 181-5).
3.5.2 In der seitens der Beschwerdegegnerin erstellten Notiz über ein Telefon
gespräch mit dem Leiter des Kinder- und Jugendwohnheims des E._s vom
26. Januar 2011 wurde demgegenüber festgehalten, die Versicherte sei in der Lage, die
tägliche Körperpflege selbstständig durchzuführen. Sie wasche sich das Gesicht selber
und könne sich auch ohne Hilfe die Zähne putzen und die Haare kämmen. Für das
Schneiden der Finger- und Zehennägel, das Augenbrauenzupfen und das
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Brillenreinigen benötige sie Hilfe. Allenfalls müsse zwischendurch mal die Zahnbürste
gereinigt werden. Beim Duschen und Abtrocknen sei sie grösstenteils selbstständig. Es
müsse keine Aufsichtsperson im Badezimmer anwesend sein während des
Duschvorgangs. Falls mal Hilfe nötig sein sollte, sei jemand auf Abruf bereit. Es komme
jedoch sehr selten vor, dass die Versicherte Hilfe in Anspruch nehmen müsse. Herr
Blatt bestätigte diese Angaben am 30. Januar 2011 unterschriftlich (IV-act. 194).
3.5.3 Demgegenüber machte die Mutter der Versicherten am 30. März 2011
geltend, sie wasche ihrer Tochter den linken Arm und die Hand, den Rücken und die
Füsse. Sie brauche auch Hilfe beim Bändigen ihrer Locken. Man müsse ihr die Nägel
schneiden und grosse Hilfestellung beim Enthaaren geben. Das Abtrocknen und
Eincremen des linken Armes/Hand und Rücken müsse übernommen werden (IV-
act. 228). Der Leiter des Kinder- und Jugendwohnheims des E._s gab am
10. November 2011 an, die Versicherte sei nicht in der Lage, die tägliche Körperpflege
ohne Fremdhilfe zu bewältigen. Sie brauche tägliche Unterstützung beim Duschen,
Waschen und Frottieren der linken Körperhälfte und beim Haare waschen. Ebenso
brauche sie tägliche Hilfe beim Kämmen und Frisieren ihrer Haare. Da die Versicherte
oft unter Schwindelanfällen leide, brauche sie an jenen Tagen eine konstante, enge
Begleitung bei allen täglichen Verrichtungen (act. G 11.1). Am 16. Februar 2012 hielt
der Leiter des Kinder- und Jugendwohnheims auf Anfrage fest, er habe betreffend
Körperpflege im Zeitraum September 2008 bis Juni 2010 Rücksprache mit den damals
betreuenden Fachpersonen genommen. Demnach habe die Versicherte in jenem
Zeitraum Hilfe beim Duschen, Haare waschen, Baden, Nägel schneiden, Kämmen und
Zupfen von Körperhaaren gebraucht. Die Hilfestellungen seien nicht an allen Tagen
gleich hoch gewesen, je nach Tagesverfassung der Versicherten. Betreffend die
Inkonsistenzen mit den Angaben im Telefongespräch vom 26. Januar 2011 machte der
Leiter des Kinder- und Jugendwohnheims geltend, das Telefonat sei eine
Momentaufnahme gewesen. Die Versicherte erlebe zum Teil sehr verschiedene
Tagesverfassungen. Im Januar habe sie zudem noch keine Schwindelanfälle gehabt,
wie dies seit geraumer Zeit immer wieder der Fall sei. In dieser Zeit brauche sie eine
sehr enge und dauerhafte Unterstützung, auch bei der Körperpflege (act. G 16).
3.5.4 Die in der Telefonnotiz vom 26. Januar 2011 festgehaltenen Angaben hat der
Leiter des Kinder- und Jugendwohnheims am 10. November 2011 und am 16. Februar
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2012 klar relativiert bzw. teilweise korrigiert. Die Eltern der Versicherten hatten
demgegenüber bereits im November 2009 wie auch im November 2010 und im März
2011 stets auf einen erheblichen Hilfsbedarf bei der Körperpflege hingewiesen. Selbst
wenn durch die offenbar erst nach Januar 2011 aufgetretenen Schwindelanfälle
möglicherweise eine Verschlechterung eingetreten ist und sich der Hilfsbedarf erhöht
hat, ist aufgrund der Akten und unter Berücksichtigung der Angaben seitens des E._s
überwiegend wahrscheinlich, dass die Versicherte auch vor jenem Zeitpunkt bei der
Körperpflege keine Selbstständigkeit erreicht hatte. Dr. F._ ging im Bericht vom
17. Februar 2011 zwar von Selbstständigkeit der Versicherten in der Körperpflege aus,
begründete dies aber nicht näher und äusserte sich auch nicht zu den einzelnen
Tätigkeiten im Bereich der Körperpflege (IV-act. 199-3). Dr. G._ berichtete im
Schreiben vom 7. November 2011 von regelmässigem Hilfsbedarf bei der
Körperpflege. Insbesondere merke die Versicherte nicht, ob ihre gelähmte Seite in
Ordnung oder gewaschen ist, ebenso müsse das Zähneputzen wie bei kleinen Kindern
kontrolliert werden (act. G 10). Dr. med. dent. H._ erwähnte am 8. September 2011
ebenfalls Hilfsbedarf bei der Zahnpflege (act. G 6.1).
3.5.5 Selbst wenn keine tägliche direkte Hilfe beim Duschen nötig gewesen wäre,
so scheint es längerfristig doch nicht ausgereicht zu haben, dass lediglich jemand in
Rufnähe des Badezimmers anwesend war und diese Person nur selten in Anspruch
genommen werden musste. Vielmehr legen die Angaben der betreuenden Eltern und
des E._s mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nahe, dass bei mehreren Tätigkeiten
der Körperpflege (Einseifen, Abduschen, Haare waschen, Abtrocknen, Eincremen,
Kämmen, Nagelpflege, Enthaarung, zeitweise Intimpflege) regelmässig insgesamt doch
erhebliche Hilfe geleistet werden musste. Folglich ist von einer relevanten Hilflosigkeit
auch in dieser Lebensverrichtung auszugehen.
3.6 Da in den vier Lebensverrichtungen Ankleiden/Auskleiden, Essen, Körperpflege
und Fortbewegung Hilflosigkeit besteht, ist auch nach Juli 2009 ein Anspruch auf
Entschädigung für Hilflosigkeit mittleren Grades ausgewiesen.
4.
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4.1 Gemäss den vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde in dem Sinn
gutzuheissen, als der Versicherten auch von 1. Juli 2009 bis 30. Juni 2010 eine
Entschädigung für Hilflosigkeit mittleren Grades zuzusprechen ist.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Die Beschwerdegegnerin unterliegt, sodass ihr als nicht von
der Pflicht zur Übernahme amtlicher Kosten befreiter selbstständiger öffentlich-
rechtlicher Anstalt die Gerichtsgebühr aufzuerlegen ist.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP