Decision ID: 58f5895b-fbcc-4605-95e4-beecce25d07a
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1977,
seit anfan
gs 2001 in der Schweiz wohnhaft und seit Dezember 2011 in einem 50%-Pensum
als Produktionsmitarbeiter
in einer Bäckerei
erwerbstätig (
Urk. 8/15/1,
Urk. 8/29),
meldete sich nach Meldung zur Früherfassung
am
12. April 2013 (Urk. 8/6) am 3. Mai 2013 unter Hinweis auf Kopf- und Nackenbeschwerden
und eine eingeschränkte Arbeitsfähigkeit von 50 %
bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungsbezug (Berufliche Massnahmen/Rente) an (Urk. 8/15).
Am 12. April 2013 hatte sich der Versicherte ausserdem
unter Hinweis auf not
wendige Hilfe beim Waschen und Baden/Duschen
zum Bezug einer
Hilflo
senentschädigung
angemeldet (Urk. 8/5)
. Nachdem die IV-Stelle
zur Klärung dieses Gesuches
einen Bericht beim Hausarzt des Versicherten, Dr. med.
Y._
, Allgemeine Innere
Medizin
FMH, eingeholt hatte (Urk. 8/14, vgl. auch Urk. 8/21/7),
verneinte sie
mit Verfügung vom 11. Juli 2013
mangels ausge
wiesener Hilflosigkeit einen Anspruch auf
Hilflosenentschädigung
(Urk. 8/31).
Zur Klärung des Anspruches auf berufliche Massnahmen/Rente tätigte die IV
Stelle erwerbliche und medizinische Abklärungen,
wobei sie Berichte bei den behandelnden Ärzten (Urk. 8/21, Urk. 8/32, Urk. 8/40)
und
bei der Arbeitgeberin (Urk. 8/29) einholte und den Versicherten
am
2.
bzw. 8. April 2014 durch die MEDAS
Z._
polydisziplinär begutachten liess (Expertise vom 7. Juni 2014, Urk. 7/52).
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 8/55-61)
verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 24. September 2014 (Urk. 2) einen Leistungsanspruch.
2.
Dagegen erhob
X._
am
24. Oktober 2014
Beschwerde (Urk. 1) und beantragte, die angefochtene Verfü
gung sei aufzuheben und es sei
ihm eine
halbe
Rente zuzusprechen
(Urk. 1 S.
1
). Mit Beschwerdeantwort vom
2.
De
zember 2014 (Urk. 7 unter Beilage ihrer Akten, Urk. 8/1-65) schloss die
Be
schwer
de
gegner
in
auf Abweisung der Bes
chwerde.
Der Beschwerdeführer hielt mit Replik vom 19. Januar 2015 (Urk. 13) an seinen Anträgen fest. Mit Eingabe vom
2. Februar 2015
(Urk. 17)
teilte die
Beschwer
degegnerin
mit, dass sie auf die Einreichung einer
Duplik verzichte
, was dem Beschwerdeführer am
11
.
Februar 2015
mitgeteilt wurde (Urk. 1
8
).
Mit Eingabe vom
1.
April 2015 (Urk. 19) reichte der Beschwerdeführer einen weiteren ärztlichen Bericht zu den Akten (Urk. 20).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien sowie die eingereichten Unterlagen wird, soweit
erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Die Beschwerdegegnerin führte zur Begründung der angefochtenen Verfügung aus,
mit Blick auf den Tagesablauf und die Freizeitbeschäftigungen des Beschwerdeführers ergebe sich, dass der Beschwerdeführer über genügend Ressourcen verfüge, um
ohne Einschränkungen
einer Erwerbstätigkeit nachzu
gehen. Ausserdem sei davon auszugehen, dass mit einer Intensivierung der ambu
lanten psychiatrischen Behandlung eine nachhaltige gesundheitliche Ver
besserung erzielt werden könnte. Da somit kein versicherungsrechtlich relevan
ter Gesundheitsschaden ausgewiesen sei, bestehe kein Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung (Urk. 2
, Urk. 8/54/5-6
).
1.2
Demgegenüber brachte der B
eschwerdeführer vor, er sei in jeglichen Tätigkeiten lediglich noch zu 50 % arbeitsfähig. Dies sei sowohl von seinen behandelnden Ärzten
als auch
den MEDAS-Gutachtern bestätigt worden.
Es sei medizinisch ausgewiesen, dass er nicht über ausreichend Ressourcen verfüge, um zu mehr als
zu
50 % zu arbeiten (Urk. 1, Urk. 13).
2.
2.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG).
Sie kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung,
IVG).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beein
trächtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur
sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommen
den ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesund
heitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.2
Das Sozialversicherungsgericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzu
stel
len und alle Beweismittel objektiv zu prüfen, unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden, ob sie eine zuverlässige Beur
teilung des strittigen Leistungsanspruches gestatten. Insbesondere darf es beim Vor
liegen einander widersprechender medizinischer Be
richte den Prozess nicht erle
digen, ohne das gesamte Beweisma
terial zu würdigen und die Gründe anzu
geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (ZAK 1986 S. 188 E. 2a). Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Gutachtens ist im Lichte dieser Grundsätze ent
scheidend, ob es für die Beant
wortung der gestellten Fragen umfassend ist, auf den erforderlichen allseitigen Untersuchun
gen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt und sich mit diesen sowie dem Verhalten der untersuchten Person auseinander setzt - was vor allem bei psychischen Fehlent
wicklungen nö
tig ist -, in Kenntnis der und gegebenenfalls in Auseinander
setzung mit den
Vorakten
abgegeben worden ist, ob es in der Darlegung der medizinischen Zustände und Zusammenhänge ein
leuchtet, ob die Schlussfolgerungen der medizinischen Exper
ten in einer Weise begründet sind, dass die rechtsanwendende Person sie prüfend nachvollziehen kann, ob der Experte oder die Expertin nicht auszu
räumende Unsicherheiten und Unklarheiten, welche die Be
antwortung der Fragen erschweren oder ver
unmöglichen, gegebe
nenfalls deutlich macht (BGE
134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c; U. Meyer-Blaser, Die Rechtspflege in der Sozialversi
cherung, BJM 1989, S. 30 f.; derselbe in H.
Fre
den
hagen
, Das ärztliche Gutach
ten,
3.
Aufl. 1994, S. 24 f.).
3.
Der Beschwerdeführer wurde am 2. April 2014 internistisch (
Dr.
med.
A._
, Allgemeine Innere Medizin FMH) sowie am 8. April 2014 psy
chiatrisch (Dr.
med.
B._
, Psychiatrie und Psychotherapie FMH) und rheumatologisch (
Dr.
med.
C._
, Rheumatologie FMH) untersucht (MEDAS-Gutachten vom 7. Juni 2014, Urk. 8/52).
Dabei diagnostizierten die Gutachter folgende Leiden mit Auswirkung auf die Arbeits
fähigkeit (Urk. 8/52/16):
Chronifiziertes
depressives Zustandsbild mit aktuell mittelschwerer de
pressi
ver Episode und mittelgradig ausgeprägtem
depressionsbedigtem
soma
tischen Syndrom (ICD-10: F32.11), erstmals erwähnt 04/2013
AC-Gelenksirritation/Reizung links mit begleitender Intervallreizung und
Impingementstörung
links, erstmals erwähnt 11/2003
Wirbelsäulenfehlhaltung (generell manifester Flachrücken) und
Fehlform
mit grossbogiger linkskonvexer
thorakolumbaler
Skoliose)
Verdacht auf sekundäres
chronifiziertes
ausgeweitetes Schmerzerleben vom unspezifischen Typ
Hinsichtlich der rheumatologischen Begutachtung hielten sie fest, wesentliche Anteile des vom Beschwerdeführer erlebten Beschwerdebildes könnten einer AC-Gelenksirritation links zugeordnet werden. Eine relevante Binnenläsion des Schultergelenks, eine
Rotatorenmanschettenfunktionsstörung
oder ein systemisch entzündliches rheumatologisches Grundleiden sei jedoch nicht vorhan
den. Vielmehr bestehe wohl eine sekundär funktional eingetretene und mittler
weile wesentlich mittragende muskuläre
Dysbalance
der entsprechenden musku
lären Systeme. Sodann habe die erneut durchgeführte Bildgebung keine trauma
tischen oder posttraumatischen Befunde gezeigt und das zervikale sowie auch das lumbale Achsenskelett könnten als altersentsprechend beschrieben werden. Da weitere erlebte Anteile des umfassenden Beschwerdebildes keiner objektiven Störung des Bewegungsapparates zugeordnet werden könnten, sei von einem wahrscheinlich sekundär ausgeweiteten Schmerzerlebnis vom unspe
zifischen
Typ auszugehen (
Urk.
8/52/17, 43). In seiner angestammten Tätigkeit als
Bäcker
gehilfe sei der Beschwerdeführer als voll arbeitsfähig anzusehen (
Urk.
8/52/17; für angepasste Verweistätigkeiten Einschränkungen im Profil bzgl.
Überkopf
arbeiten
, Heben und Tagen von Lasten, repetitiven Rotations- und
Schwenk
bewegungen
mit dem Rumpf, knienden und kauernden Tätigkei
ten, Belastungen der oberen und unteren Extremitäten, Arbeiten auf Gerüsten, Leitern und Podesten; Urk. 8/52/43).
Aus der interdisziplinären Zusammenfassung ergibt sich sodann, dass im psychi
atrischen Teilgutachten die Befunde eines
chronifizierten
depressiven Zustandsbildes mit mittelschwerer depressiver Episode festgestellt worden seien, welche Befunde sich mit denjenigen aus den Akten deckten. Aufgrund des mit
telschweren
chronifizierten
Zustandsbildes in Verbindung mit dem depressiven somatischen Syndrom sei die Leistungsfähigkeit des
Beschwerde
führers um 50
%
reduziert. Dies betreffe alle beruflichen Tätigkeiten. Der
Schmerzprob
le
matik
komme damit keine additive Bedeutung zu. Die Diagnose diene mehr der Erklärung, wie sich das Schmerzbild bei der nicht kongruenten somatischen Befundlage psychodynamisch erklären lasse.
In der allgemein-internistischen Untersuchung schliesslich habe der Beschwer
de
führer kooperativ gewirkt. Auch wenn die Schmerzproblematik im Vorder
grund gestanden habe, habe er doch den Eindruck erweckt, stark unter den
depressiven Symptomen wie Antriebslosigkeit, Ängsten, Freudlosigkeit,
Hoffnungs
losigkeit sowie Appetitmangel und vermindertes sexuelles Interesse zu leiden (Urk. 8/52/17f.).
Die MEDAS-Gutachter kamen zusammenfassend zum Schluss, es bestehe eine Leistungseinschränkung von 50
%
, wobei vor allem die psychischen Faktoren das Arbeits- und Schmerzerleben negativ beeinflussten (
Urk.
8/52/19).
4.
Ob die funktionellen Auswirkungen der von den Gutachtern gestellten Diagno
sen dergestalt sind, dass dem Beschwerdeführer bloss noch eine 50%ige
Arbeits
tätigkeit
zumutbar wäre, bleibt gestützt auf die vorliegende Aktenlage unklar. So verfügt der Beschwerdeführer noch über erhebliche Ressourcen (vgl. Urk.
8/52/10) und
es
liesse sich gemäss Angaben des psychiatrischen Gutachters mittels Intensivierung der Behandlung eine nachhaltige Verbesserung des psy
chischen Zustandsbildes erreichen (
Urk.
8/52/34; Behandlung erfolgt aktuell nur noch einmal monatlich). Ebenso wenig kann aber - auch wenn leichte bis höchstens mittelschwere psychische Störungen nur als invalidisierend gelten, wenn sie schwer und therapeutisch nicht mehr
angehbar
sind, woran das Bun
desgericht festhält (vgl. BGE 141 V 281 E. 4.3.1.2 mit Hinweis auf Urteil 9C_736/2011 vom
7.
Februar 2012 E. 4.2.2.1), - entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin eine invalidenversicherungsrechtlich relevante Ein
schrän
kung der Leistungsfähigkeit völlig ausgeschlossen werden. Viel mehr sind angesichts des Schmerzerlebens des Beschwerdeführers (
Urk.
8/21/13-14,
Urk.
8/32/6,
Urk.
8/52/10-11) und des Schmerzbildes bei nicht kongruenter somatischer Befundlage (E. 3) die mittels geänderter Rechtsprechung des Bun
desgerichts (BGE 141 V 281) postulierten beachtlichen Standardindikatoren zu erheben (vgl. BGE 141 V 281 E. 4) und anhand deren die funktionellen Auswir
kungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage festzulegen.
Zusammenfassend ist mithin eine abschliessende Beurteilung der Leistungs
fähig
keit des Beschwerdeführers nicht möglich. Die Sache ist daher zwecks ergän
zender - allenfalls neuer - Abklärungen an die
Beschwerdegegne
rin
zurück
zuweisen, damit diese den Sachverhalt unter Berücksichtigung der neuen Rechtsprechung vervollständige. In diesem Sinne ist die Beschwerde gut
zu
heissen.
5.
5.1
Die Kosten des Verfahrens sind auf Fr.
5
00.-- festzulegen und ausgangsgemäss von der Beschwerdegegnerin zu tragen (Art. 69 Abs. 1
bi
s IVG).
5.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen
(BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb
der
vertretene Beschwerdeführer Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat.
Die Prozessentschädigung wird vom Gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (§ 34 Abs. 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Vorliegend ist eine Ent
schädigung von Fr. 700.-- (inklusive Mehrwertsteuer und Barauslagen) ange
messen.