Decision ID: cc9901b0-f9a5-4636-a386-7fde4a8c4cd5
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend fahrlässige Körperverletzung etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Bülach, Einzelgericht, vom 25. November 2020 (GG200020)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom
21. April 2020 (Urk. 40) ist diesem Urteil beigeheftet.
Entscheid der Vorinstanz: (Urk. 83 S. 22 f.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
− der fahrlässigen Körperverletzung im Sinne von Art. 125 StGB sowie
− der fahrlässigen Gefährdung durch Verletzung der Regeln der Baukunde im Sinne von Art. 229 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu Fr. 130.– (ent-
sprechend Fr. 13'000.–).
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 3 Jahre festgesetzt.
4. Der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Baden vom 17. Januar 2017 für eine Geldstrafe
von 40 Tagessätzen zu Fr. 130.– unter Ansetzung einer Probezeit von 2 Jahren gewährte
bedingte Strafvollzug wird nicht widerrufen, aber die Probezeit wird um 1 Jahr (ab Urteils-
datum: 25. November 2020) verlängert.
5. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger aus dem eingeklag-
ten Ereignis dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig und genugtuungspflichtig ist. Zur
genauen Feststellung des Umfangs des Schadenersatz- und des Genugtuungsanspruchs
wird der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
6. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 2'000.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 8'000.– Gebühr für das Vorverfahren,
Fr. 63.70 Zeugenentschädigung.
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
7. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem Beschuldigten
auferlegt.
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8. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger für das gesamte Verfahren eine Pro-
zessentschädigung von Fr. 8'456.15 (inkl. MwSt.) zu bezahlen.
9. [Mitteilung]
10. [Rechtsmittel]"
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten
(Urk. 87 S. 2; Urk. 112 S. 2)
1. Das Urteil des Bezirksgerichts Bülach vom 25. November 2020 (GG200020-
C/U1) sei vollumfänglich aufzuheben.
2. A._ sei vollumfänglich freizusprechen, soweit das Verfahren nicht ein-
zustellen ist.
3. Die Zivilklage sei abzuweisen, eventualiter auf den Zivilweg zu verweisen.
4. A._ sei für die Kosten der Wahlverteidigung in Anwendung von Art. 429
Abs. 1 lit. a StPO angemessen zu entschädigen.
5. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen sämtlicher Verfahren zulasten des
Staates.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 93 S. 1)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
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Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Zum Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann zwecks Vermei-
dung von Wiederholungen auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz im
angefochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 83 S. 4 E. 1.).
2. Mit Urteil des Bezirksgerichts Bülach vom 25. November 2020 wurde der
Beschuldigte gemäss dem eingangs wiedergegebenen Urteilsdispositiv schuldig
gesprochen und bestraft. Gegen das Urteil meldete der Beschuldigte mit Eingabe
vom 3. Dezember 2020 fristgemäss Berufung an (Urk. 74). Ihr begründetes Urteil
versandte die Vorinstanz am 15. Januar 2021 (Urk. 80).
3. Innert Frist erklärte der Beschuldigte mit Eingabe vom 5. Februar 2021 Beru-
fung und stellte einen Beweisantrag (Urk. 87). Mit Verfügung vom
17. Februar 2021 ging die Berufungserklärung an den Privatkläger und die
Staatsanwaltschaft und wurde diesen Frist angesetzt, um zu erklären, ob An-
schlussberufung erhoben wird oder um ein Nichteintreten auf die Berufung zu be-
antragen sowie um freigestellt (Privatkläger) bzw. obligatorisch (Staatsanwalt-
schaft) zum Beweisantrag des Beschuldigten Stellung zu nehmen. Gleichzeitig
wurde der Beschuldigte aufgefordert, ein Datenerfassungsblatt sowie diverse Un-
terlagen zu seinen finanziellen Verhältnissen einzureichen (Urk. 91). Mit Eingabe
vom 19. Februar 2021 beantragte die Staatsanwaltschaft die Abweisung des Be-
weisantrages des Beschuldigten sowie die Bestätigung des vorinstanzlichen Ur-
teils (Urk. 93). Der Privatkläger liess sich innert Frist nicht vernehmen. Innert
zweimal erstreckter Frist (Urk. 95 und 97) liess der Beschuldigte das angeforderte
Datenerfassungsblatt mitsamt weiterer Unterlagen beibringen (Urk. 101/1-5). Mit
Verfügung vom 27. April 2021 wurde der Beweisantrag des Beschuldigten abge-
wiesen (Urk. 102).
4. Zur Berufungsverhandlung vom 6. September 2021 erschien der Beschul-
digte in Begleitung seines Verteidigers, Rechtsanwalt lic. iur. X._. Im An-
schluss an die Verhandlung erging nachfolgendes Urteil.
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II. Umfang der Berufung und Verschlechterungsverbot
1. Gemäss Art. 402 StPO hat die Berufung im Umfang der Anfechtung auf-
schiebende Wirkung und wird die Rechtskraft des angefochtenen Urteils dement-
sprechend gehemmt. Das Berufungsgericht überprüft somit das erstinstanzliche
Urteil – von hier nicht zutreffenden Ausnahmen abgesehen (vgl. Art. 404 Abs. 2
StPO) – nur in den angefochtenen Punkten (Art. 404 Abs. 1 StPO). Der Beschul-
digte hat mit seiner Berufung einen vollumfänglichen Freispruch beantragt
(Urk. 87 S. 2; Urk. 112 S. 2), weshalb das vorinstanzliche Urteil als vollumfänglich
angefochten gilt.
2. Gemäss Art. 398 Abs. 2 StPO kann das Berufungsgericht das Urteil in allen
angefochtenen Punkten umfassend überprüfen. Im Berufungsverfahren ist das
vorinstanzliche Urteil demnach als Ganzes zu überprüfen. Nach Art. 391 Abs. 2
StPO darf die Rechtsmittelinstanz Entscheide nicht zum Nachteil der beschuldig-
ten oder verurteilten Person abändern, wenn das Rechtsmittel nur zu deren Guns-
ten ergriffen worden ist. Die Staatsanwaltschaft hat weder Berufung noch An-
schlussberufung gegen das vorinstanzliche Urteil eingelegt, sondern ausdrücklich
die Bestätigung des vorinstanzlichen Erkenntnisses beantragt (Urk. 93 S. 1). Eine
Abänderung des vorinstanzlichen Urteils zulasten des Beschuldigten ist dem Be-
rufungsgericht daher verwehrt.
3. Dem Beschuldigten werden in der Anklage im Wesentlichen zwei Pflichtver-
letzungen vorgeworfen. Diesbezüglich kann zwecks Vermeidung von Wiederho-
lungen grundsätzlich auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz im ange-
fochtenen Urteil verwiesen werden (Urk. 83 S. 5 E. 2.). Zusammengefasst wird
dem Beschuldigten einerseits vorgeworfen, er habe sich als Kranführer pflichtwid-
rig nicht vergewissert, dass die am Kranhaken befestigte bzw. angeschlagene
Ladung vom Anschläger und Mitbeschuldigten B._ korrekt angeschlagen
worden sei und zweitens habe er die angeschlagene Ladung angehoben, ohne
dass der Mitbeschuldigte B._ das hierfür korrekte Zeichen gegeben habe
(Urk. 40 S. 2 ff.). Ob der Beschuldigte die Ladung anhob, obwohl der Mitbeschul-
digte B._ das hierfür korrekte Zeichen nicht gab, wurde von der Vorinstanz
materiell nicht geprüft und folglich nicht bejaht (Urk. 83 S. 13 E. 4.2.14.). Die dem
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Beschuldigten weiter zur Last gelegte unterlassene Kontrolle des richtigen An-
schlagens der Ladung durch den Anschläger und Mitbeschuldigten B._ vor
dem Anheben der Ladung wurde von der Vorinstanz ausdrücklich verneint (a.a.O.
S. 10 E. 4.2.6.). Die beiden dem Beschuldigten in der Anklage vorgeworfenen
Pflichtverletzungen – begangen vor dem Anheben der angeschlagenen Ladung –
wurden demgemäss von der Vorinstanz nicht bejaht, weshalb der Berufungs-
instanz eine weitere Auseinandersetzung damit aufgrund des Verschlechterungs-
verbotes im Sinne von Art. 391 Abs. 2 StPO verwehrt ist.
III. Prozessuales
1. Allgemeines
Soweit für die tatsächliche und rechtliche Würdigung des eingeklagten Sachver-
haltes auf die Erwägungen der Vorinstanz verwiesen wird, so erfolgt dies in An-
wendung von Art. 82 Abs. 4 StPO, auch ohne dass dies jeweils explizit Erwäh-
nung findet. Weiter ist an dieser Stelle festzuhalten, dass aus dem Anspruch auf
rechtliches Gehör die Pflicht des Gerichts folgt, seinen Entscheid zu begründen.
Die Begründung muss kurz die wesentlichen Überlegungen nennen, von denen
sich das Gericht hat leiten lassen und auf die es seinen Entscheid stützt. Es darf
sich aber auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken und muss sich nicht
ausdrücklich mit jeder tatsächlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand
auseinandersetzen und diese widerlegen. Es kann sich mithin auf die für den Ent-
scheid wesentlichen Punkte beschränken. Ein unverhältnismässiger Motivations-
aufwand kann nicht eingefordert werden. Ebenso wenig lässt sich Art. 6 Ziff. 1
EMRK in der Weise auslegen, dass eine detaillierte Antwort auf jedes Argument
gefordert würde (vgl. dazu statt Weiterer Urteil des Bundesgerichtes 6B_689/2019
vom 25. Oktober 2019 E. 1.5.2., mit Hinweisen).
2. Strafantrag
Strittig war vor Vorinstanz, ob die Strafverfolgung wegen fahrlässiger Körperver-
letzung eines Strafantrages bedarf. Dazu machte der Beschuldigte vor Vorinstanz
geltend, die Staatsanwaltschaft habe eine fahrlässige einfache Körperverletzung
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im Sinne von Art. 125 Abs. 1 StGB angeklagt und der dafür notwendige Strafan-
trag fehle, weshalb das Strafverfahren einzustellen sei (Urk. 64 S. 9). Die Vo-
rinstanz führte dazu unter Hinweis auf den Betreff der Anklageschrift und den An-
klagesachverhalt (Urk. 40) aus, daraus könne deutlich entnommen werden, dass
eine fahrlässige schwere Körperverletzung eingeklagt worden sei. Die Staatsan-
waltschaft habe zudem als rechtliche Grundlage zu Recht Art. 125 Abs. 1 StGB
angeführt, welche Gesetzesbestimmung sowohl den Strafrahmen für die fahrläs-
sige einfache als auch für die fahrlässige schwere Körperverletzung nenne. Die
Verletzungen des Privatklägers seien denn auch klarerweise als schwere Körper-
verletzung zu qualifizieren. Folglich sei gemäss Art. 125 Abs. 2 StGB kein Straf-
antrag nötig, sondern der Täter sei von Amtes wegen zu verfolgen (Urk. 83 S. 6 f.
E. 3.2.2. f.). Diese einlässlichen Ausführungen der Vorinstanz, welche im Übrigen
im Berufungsverfahren vom Beschuldigten auch nicht in Abrede gestellt wurden,
sind zutreffend und bedürfen keinerlei Ergänzungen, weshalb vollumfänglich da-
rauf verwiesen werden kann.
3. Anklagegrundsatz
3.1. Nach dem Anklagegrundsatz bestimmt die Anklageschrift den Gegenstand
des Gerichtsverfahrens (Umgrenzungsfunktion; Art. 9 und Art. 325 StPO; Art. 29
Abs. 2 und Art. 32 Abs. 2 BV; Art. 6 Ziff. 1 und Ziff. 3 lit. a und b EMRK). Das Ge-
richt ist an den in der Anklage wiedergegebenen Sachverhalt gebunden (Immuta-
bilitätsprinzip; vgl. Art. 350 StPO). Die Anklage hat die der beschuldigten Person
zur Last gelegten Delikte in ihrem Sachverhalt so präzise zu umschreiben, dass
die Vorwürfe in objektiver und subjektiver Hinsicht genügend konkretisiert sind.
Das Akkusationsprinzip bezweckt zugleich den Schutz der Verteidigungsrechte
der beschuldigten Person und dient dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Infor-
mationsfunktion). Die beschuldigte Person muss unter dem Gesichtspunkt der In-
formationsfunktion aus der Anklage ersehen können, wessen sie angeklagt ist.
Das bedingt eine zureichende Umschreibung der Tat. Entscheidend ist, dass der
Betroffene genau weiss, welcher konkreter Handlungen er beschuldigt und wie
sein Verhalten rechtlich qualifiziert wird, damit er sich in seiner Verteidigung rich-
tig vorbereiten kann. Er darf nicht Gefahr laufen, erst an der Gerichtsverhandlung
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mit neuen Anschuldigungen konfrontiert zu werden (vgl. statt weiterer BGE 143 IV
63 S. 65 E. 2.2).
3.2. Vom Beschuldigten nicht expressis verbis gerügt wurde eine Verletzung
des Anklagegrundsatzes. Aufgrund der geltenden Untersuchungsmaxime (Art. 6
StPO) ist dessen Einhaltung indes von Amtes wegen zu prüfen.
3.3. Die Vorinstanz stützte ihren Schuldspruch auf eine aus ihrer Sicht vom Be-
schuldigten begangene Pflichtverletzung nach dem Anheben der angeschlagenen
Ladung. So erwog die Vorinstanz, nach dem Anheben der Ladung in ca. fünf bis
sechs Meter Höhe habe der Beschuldigte bemerkt, dass ein Spannset um die Pa-
lette gespannt worden sei. Ab diesem Moment hätte er nicht mehr darauf vertrau-
en dürfen, dass der Mitbeschuldigte B._ die Ladung korrekt angeschlagen
habe. Denn aufgrund des Spannsets hätten konkrete Anzeichen bestanden, dass
die Ladung nicht korrekt angeschlagen worden sei. Tatsächlich seien dem Be-
schuldigten auch Zweifel an der Fabrikneuheit der Palette mit Bitumen-Rollen ge-
kommen. Pflichtwidrig habe er den Transport dennoch fortgesetzt. In diesem Sin-
ne sprach die Vorinstanz den Beschuldigten wegen fahrlässiger Körperverletzung
im Sinne von Art. 125 StGB und fahrlässiger Gefährdung durch Verletzung der
Regeln der Baukunde im Sinne von Art. 229 StGB schuldig (a.a.O. S. 10-12
E. 4.2.7.-4.2.13). Ein Fehlverhalten nach Anheben der Ladung wird dem Beschul-
digten indes im verbindlichen Anklagesachverhalt nicht vorgeworfen. In der An-
klage werden dem Beschuldigten einzig zwei Pflichtverletzungen, beide begangen
vor dem Anheben der angeschlagenen Ladung, zur Last gelegt (vgl. dazu vorne
unter E. II.3.). Gegen den durch die Vorinstanz neu aufgeworfenen Vorwurf, auf
welchen sie auch – einzig – ihre Verurteilung stützte, vermochte sich der Be-
schuldigte denn auch im erstinstanzlichen Verfahren mangels Kenntnis nicht zu
verteidigen (vgl. insbes. Urk. 64). Damit hat die Vorinstanz den Anklagegrundsatz
im Sinne von Art. 9 StPO verletzt. Die Vorinstanz wäre – allenfalls – gehalten ge-
wesen, die Anklage im Sinne von Art. 329 Abs. 2 StPO an die Anklagebehörde
zur Ergänzung/Änderung des Anklagesachverhalts zurückzuweisen. Im vorlie-
genden Berufungsverfahren kann hierauf verzichtet werden, zumal sich – wie im
Folgenden zu zeigen sein wird – das von der Vorinstanz angenommene strafbare
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Verhalten des Beschuldigten aufgrund der vorliegenden Beweislage ohnehin nicht
erstellen lässt.
IV. Sachverhalt
1. Aufgrund des Untersuchungsergebnisses ist zunächst erstellt, dass es am
tt. April 2018 auf der Baustelle "C._" beim Flughafen Zürich-Kloten zu einem
Bauunfall kam. Dabei schlug der Mitbeschuldigte B._ eine Palette mit
Bitumen-Rollen an eine Palettgabel an und der Beschuldigte hob diese Palette in
der Folge mit dem Kran an und schwenkte sie nach links. Dabei fielen die Bitu-
men-Rollen von der Palette in die Baugrube, wo sich mehrere Bauarbeiter aufhiel-
ten, und wo mindestens eine der Rollen den Privatkläger D._ traf und ihn le-
bensgefährlich verletzte, weshalb er seither komplett querschnittgelähmt ist (vgl.
insbesondere Urk. 1; Urk. 8; Urk. 10/6; Urk. 10/13). Dies wurde vom Beschuldig-
ten anerkannt (vgl. insbes. Urk. 111 S. 4).
2. Die Vorinstanz hat weiter richtig erkannt, dass gestützt auf die Aussagen der
Zeugen E._ und F._ sowie des Mitbeschuldigten B._ erstellt ist,
dass die Palette mit den Bitumen-Rollen nicht mehr fabrikneu war. Die Plastikhül-
le war zwar noch rund um die Rollen und die Palette herum angebracht. Der Plas-
tik war jedoch an einer Seite aufgeschnitten und (mindestens) zwei Bitumen-
Rollen waren der Palette entnommen worden. Daher hätte die Palette – im Ge-
gensatz zu einer fabrikneuen Palette – nicht nur mit der Palettgabel transportiert
werden dürfen, wie es vorliegend getan wurde, sondern die Palette hätte entwe-
der zusätzlich mit einem Netz gesichert werden müssen oder die Bitumen-Rollen
hätten ausgepackt und einzeln, d.h. ohne Palette, transportiert werden müssen.
Beides wurde vorliegend unterlassen und die Palette wurde vom Mitbeschuldigten
B._ mit der offenen Verpackung, woran einzig zusätzlich eine textile Gurte
angebracht worden war, ohne die vorgeschriebenen Sicherungsmassnahmen an
die Palettgabel angeschlagen und anschliessend vom Beschuldigten ca. 10 bis
30 Meter angehoben. Darauf zog der Beschuldigte die Palette nach hinten, in
Richtung seiner Kabine. Während der anschliessenden Schwenkbewegung nach
links fielen sämtliche Bitumen-Rollen hinunter (vgl. in diesem Sinne auch Urk. 83
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S. 9 E. 4.2.4. mit Hinweisen auf die entsprechenden Aktenstellen). Dies wurde
vom Beschuldigten ebenfalls anerkannt (vgl. insbes. Urk. 4/5 F/A 9, 11, 22 und
55).
3. Schliesslich oblag dem Beschuldigten – wie von ihm anerkannt – gemäss
Art. 5 Abs. 1 lit. a der Verordnung über die sichere Verwendung von Kranen vom
27. September 1999 (nachfolgend: Kranverordnung) als Kranführer die Gewähr-
leistung einer sicheren Kranbedienung. Er war sowohl für die Wahl des richtigen
bzw. geeigneten Anschlagmittels als auch für das richtige Anschlagen verantwort-
lich (vgl. in diesem Sinne auch Urk. 83 S. 10 E. 4.2.6. mit Hinweisen auf die ent-
sprechenden Aktenstellen, insbesondere Urk. 4/5 Frage 72).
4. Die konstanten Aussagen des Beschuldigten, wonach er bis zum Anheben
der Palette von seiner Position aus – in der Führerkabine, rund 50 Meter von der
Ladung entfernt – wegen einer Betonmauer nur den oberen Teil der Palette gese-
hen habe und nicht habe sehen können, ob die Plastikhülle offen war, mithin dass
die Palette nicht mehr fabrikneu und dementsprechend falsch angeschlagen war
(vgl. insbes. Urk. 4/5 F/A 9; Urk. 111 S. 5), können ihm nicht widerlegt werden
bzw. werden im Wesentlichen auch vom Zeugen E._ gestützt (Urk. 7/2 Ant-
wort zu Frage 21 "Der Kranführer konnte ja nicht sehen, ob es [die Palette] genü-
gend gesichert wurde." und Urk. 7/4 Antwort zu Frage 27: "Mein Gedanke war
das kippt, das kippt. Aber der Kranführer kann das nicht sehen."). Darauf ist ab-
zustellen.
5. Die Vorinstanz hat sodann zunächst richtig erwogen, dass der Beschuldigte
nach dem Anheben der Palette in ca. fünf bis sechs Meter Höhe gemerkt habe,
dass eine Gurte um die Palette gespannt worden war. Darauf kann verwiesen
werden (Urk. 83 S. 10 E. 4.2.7. mit Hinweisen auf die entsprechenden Aktenstel-
len). Dies wurde vom Beschuldigten im Berufungsverfahren auch ausdrücklich
bestätigt (Urk. 111 S. 5).
6. Die nachfolgenden Erwägungen der Vorinstanz, wonach der Beschuldigte
aufgrund der Gurte hätte bemerken müssen, dass etwas an der Ladung nicht
stimmte und er – wie er selber ausgeführt habe – auch tatsächlich Sicherheitsbe-
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denken gehabt habe, gehen indes fehl (vgl. Urk. 83 S. 10 E. 4.2.7.). Zwar kam
dem Beschuldigte die an der Palette befestigte Gurte "seltsam" vor. Dies jedoch,
weil die aus seiner Sicht vollständig mit Plastik umschlossene und damit fabrik-
neue Palette keiner solchen zusätzlichen Sicherung bedurfte (Urk. 111 S. 5 ff.;
Urk. 4/5 F/A 41). Der Beschuldigte erklärte im Berufungsverfahren wie auch
schon früher im Verfahren konstant, dass ihm beim Erblicken der Gurte nicht
durch den Kopf gegangen sei bzw. ihm nicht die Idee gekommen sei, dass die
Palette nicht fabrikneu sein könnte. Aus seiner Sicht sei die Palette fabrikneu und
daher nicht gefährdet gewesen. Für den Transport einer fabrikneuen, vollständig
in Plastik eingepackten Palette mit dem Kran benötige es zur Sicherung kein
Spannset (vgl. insbes. Urk. 111 S. 8; Urk. 4/5 F/A 41, 44 und 51). Dies ist gemäss
den SUVA-Vorgaben (vgl. insbes. Urk. 21/3) korrekt. Die Angaben des Beschul-
digten, wonach er davon ausgegangen sei, dass die Palette fabrikneu gewesen
sei, vermögen zu überzeugen, zumal die Palette noch in die Plastikhülle eingewi-
ckelt war und sich der Schnitt im Plastik auf der dem Beschuldigten abgewandten
Seite der Palette befand (vgl. dazu auch Urk. 83 S. 10 E. 4.2.6. mit Hinweisen auf
die entsprechenden Aktenstellen). So gab der Beschuldigte denn auch konstant
an, er habe gesehen, dass die Palette vollständig eingepackt gewesen sei und er
habe weder einen Schnitt noch eine Beschädigung am Plastik festgestellt. Folg-
lich habe er den Eindruck gehabt, die Palette sei fabrikneu gewesen (vgl. insbes.
Urk. 111 S. 5 ff.; Urk. 4/6 S. 4; Prot. I S. 16). Diese Aussagen können ihm nicht
widerlegt werden. Im Übrigen kann entgegen der Auffassung der Vorinstanz aus
der Aussage des Beschuldigten in der vorinstanzlichen Befragung, wonach er
sich gedacht habe, dass er mit aller Sorgfalt weitermache und ganz ruhig bleibe
beim Transport, nicht gefolgert werden, dass er erhöhte bzw. höhere Sorgfalt als
sonst anwendete (vgl. Urk. 83 S. 10 E. 4.2.7.). So gab er im Berufungsverfahren
diesbezüglich zu Protokoll, beim Transport von Paletten wende man immer die-
selbe besondere Vorsicht an (Urk. 111 S. 7). Dies deckt sich auch mit seinen
früheren Aussagen im Verfahren, wo er angab, dass er, als er die Palette in der
Luft gesehen habe, das Gefühl gehabt habe, dass die Palette gut befestigt sei. Es
sei ihm nicht durch den Kopf gegangen, dass zwei oder drei Rollen fehlen wür-
den, bzw. dass die Palette nicht neu sein könnte (vgl. Urk. 4/5 F/A 44 f.). Er sei
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sich zu 100% sicher gewesen, dass er die Palette anheben konnte, weil das Ma-
terial mit Plastik "umzogen" gewesen und "zusätzlich" mit einem Spannset gesi-
chert gewesen sei (Urk. 4/1 F/A 10). Auch diese Aussagen können dem Beschul-
digten nicht widerlegt werden. Allein der Umstand, dass der Mitbeschuldigte
B._ eine Gurte um die Palette gelegt hatte, musste für den Beschuldigten
nicht indizieren, dass die Plastikhülle nicht mehr intakt war. Gemäss seiner kon-
stanten Darstellung hätte B._ nämlich diesfalls nicht einfach eine Gurte um
die Palette legen, sondern ein Netz verwenden oder die Rollen einzeln transpor-
tieren lassen müssen. Aus der Sicht des Beschuldigten gab es somit kein Grund,
beim fraglichen Zug besondere Sorgfalt anzuwenden. Zusammengefasst trans-
portierte der Beschuldigte aus seiner Sicht eine fabrikneue Palette, die genügend
gesichert worden war. Er hatte keine Bedenken hinsichtlich der Sicherheit der La-
dung und Solches kann entgegen der Vorinstanz auch nicht in seine Aussagen
hinein interpretiert werden. Er musste auch keine Bedenken haben, weil aus sei-
ner Sicht bzw. gemäss seinen Beobachtungen nichts darauf hinwies, dass die Pa-
lette nicht fabrikneu und damit ungenügend gesichert sein könnte. Die von der
Vorinstanz ausgemachte Sorgfaltspflichtverletzung ist daher zu verneinen. Der
Beschuldigte ist folglich vollumfänglich freizusprechen.
V. Zivilansprüche
Die Vorinstanz hat sich in ihrem Erkenntnis nicht mit sämtlichen dem Beschuldig-
ten in der Anklage vorgeworfenen Sorgfaltspflichtverletzungen materiell ausei-
nandergesetzt. Der Berufungsinstanz ist eine materielle Auseinandersetzung da-
mit aufgrund des Verschlechterungsverbots verwehrt (vgl. dazu vorstehend unter
E. II.3.). Die Zivilklage des Privatklägers D._ ist daher auf den Zivilweg zu
verweisen.
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Die erstinstanzliche Kostenfestsetzung ist zu bestätigen. Die Kosten gemäss
erstinstanzlicher Kostenfestsetzung sind ausgangsgemäss auf die Gerichtskasse
zu nehmen (Art. 423 Abs. 1 StPO und Art. 426 Abs. 1 StPO e contrario).
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2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens fällt die zweitinstanzliche Gerichtsge-
bühr ausser Ansatz. Dem Beschuldigten ist für das gesamte Verfahren für anwalt-
liche Vertretung eine Entschädigung von Fr. 26'000.-- aus der Gerichtskasse
auszurichten (Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO (vgl. Ziff. 3 nachstehend)).
3. Mit Nachtragsurteil vom 14. September 2021 wurde im Nachgang zum Ur-
teilsdispositiv vom 6. September 2021 erkannt, dass dem Beschuldigten – zusätz-
lich zur ihm mit Urteil vom 6. September 2021 zugesprochenen Entschädigung
(Dispo-Ziff. 6) – für das gesamte Verfahren für anwaltliche Vertretung eine Ent-
schädigung von Fr. 13'812.80 aus der Gerichtskasse auszurichten ist (Art. 429
Abs. 1 lit. a StPO), da Verteidigungskosten des Beschuldigten in diesem Umfang
im Urteil unberücksichtigt blieben (Urk. 118). Folglich wurde mit Nachtragsurteil
vom 14. September 2021 das Urteilsdispositiv entsprechend ergänzt.