Decision ID: 90354efb-3a61-4083-ba50-4d0f1c7bd556
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1989, ist gelernter Elektro
mon
teur (Urk. 6/
5
)
, war jedoch seit dem 25. Juni 2018 in einem Pensum von 80 % als Logistiker tätig (Urk. 6/6 Ziff. 5.4)
. A
m 4. September 2018
kugelte er sich
bei einem Basketball
spiel die linke Schulter aus, wofür die Suva in der Folge Versicherungsleistungen ausrichtete (vgl. Urk. 6/30/117,
Urk.
6/30/90)
. Am 18. September 2018 meldete er sich unter Hinweis auf
bei Lärm bestehende
Schmerzen im Ohr bei der Invali
denversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 6/6 Ziff. 6.1).
Die Sozialversiche
rungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
tätigte medizinische (Urk. 6/12, Urk. 6/21, Urk. 6/26, Urk. 6/30, Urk. 6/56) und erwerbliche Abklärungen (Urk. 6/6/10, Urk. 6/23) und erteilte
am 2. Mai 2019
Kostengutsprache für eine Laufbahnberatung (Urk. 6/29) sowie
am 3. September 2019 für
ein Aufbautrai
ning (Urk. 6/33). Sodann gewährte sie
am 8. Januar 2020 einen Arbeitsversuch mit begleitendem Coaching vom 20. Januar bis 17. Juli 2020 (Urk. 6/52), wobei der Arbeitsversuch per Ende Januar 2020 abgebrochen wurde
(
Mitteilung vom 11. Februar 2020,
Urk. 6/
70
). Nach ergangenem Vorbescheid (Urk. 6/72) ver
neinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 23. März 2020 einen Leistungsanspruch des Versicherten (Urk. 6/75 = Urk. 2).
2.
Gegen die Verfügung vom 23. März 2020 (Urk. 2) erhob der Versicherte mit Post
stempel vom 21. April 2020 Beschwerde und beantragte die Weiterführung der Eingliederungsmassnahmen (Urk. 1). Mit Beschwerdeantwort vom 4. Juni 2020 schloss die IV-Stelle auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 5), was dem Beschwer
deführer am
6. Juni 2020 mitgeteilt wurde (Urk. 7).
Am 17. Juni 2020 reichte die Beschwerdegegnerin eine Gesprächsnotiz vom 16. Juni 2020 ein (Urk. 8).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts
,
ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder
teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 ATSG) bedrohte Versicherte haben gemäss Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (
IVG
)
Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit:
a.
diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
wieder herzustellen
, zu erhalten oder zu verbessern; und
b.
die Voraussetzungen
für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind.
Der Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen besteht unabhängig von der Aus
übung einer Erwerbstätigkeit vor Eintritt der Invalidität. Bei der Festlegung der Massnahmen ist die gesamte noch zu erwartende Dauer des Erwerbslebens zu berücksichtigen (Abs. 1
bis
). Nach Massgabe der Art. 13 und 21 IVG besteht der Anspruch auf Leistungen unabhängig von der Möglichkeit einer Eingliederung ins Erwerbsleben oder in den Aufgabenbereich (Abs. 2). Nach Massgabe von Art. 16 Abs. 2
lit
. c IVG besteht der Anspruch auf Leistungen unabhängig davon, ob die Eingliederungsmassnahmen notwendig sind oder nicht, um die Erwerbs
fähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, zu erhalten oder zu verbessern (Abs. 2
bis
).
Die Eingliederungsmassnahmen bestehen gemäss Abs. 3 in medizinischen Mass
nahmen (
lit
. a), Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Ein
gliederung (
lit
.
a
bis
), Massnahmen beruflicher Art (Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung, Arbeitsvermittlung, Kapitalhilfe;
lit
. b) und in der Abgabe von Hilfsmitteln (
lit
. d).
Die Voraussetzung der Eignung einer Eingliederungsmassnahme (vgl. Art. 8 Abs. 1
lit
. a IVG) betrifft die Frage, ob eine Massnahme objektiv gesehen zur Erreichung des Eingliederungsziels beiträgt (Eignung der Massnahme), und ob die versicherte Person subjektiv gesehen zumindest teilweise eingliederungsfähig und auch eingliederungsbereit ist, und ob sie der beantragten Massnahme gewachsen ist (Eignung der versicherten Person; vgl. Frey/
Mosimann
/Bollinger [Hrsg.], AHVG/IVG
Kommentar, 2018, N 8 zu Art. 8 IVG mit Hinweisen; vgl. statt vieler: Urteil I 2010/05 vom 10. November 2005, E. 3.3.2).
1.
3
Die versicherte Person muss gemäss
Art.
7 IVG alles ihr Zumutbare unternehmen, um die Dauer und das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit (
Art.
6 ATSG) zu verrin
gern und den Eintritt einer Invalidität (
Art.
8 ATSG) zu verhindern (
Abs.
1). Die versicherte Person muss gemäss Art. 7 Abs. 2
IVG
an allen zumutbaren Massnah
men, die zur Erhaltung des bestehenden Arbeitsplatzes oder zu ihrer Eingliede
rung ins Erwerbsleben oder in einen dem Erwerbsleben gleichgestellten Aufga
benbereich (Aufgabenbereich) dienen, aktiv teilnehmen. Dies sind insbesondere:
a.
Massnahmen der Frühintervention (
Art.
7d);
b.
Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliede
rung (
Art.
14a);
c.
Massnahmen beruflicher Art (
Art.
15–18 und 18b);
d.
medizinische Behandlungen nach Artikel 25
des
Bundesgesetz
es
über die Krankenversicherung (KVG)
e.
Massnahmen zur Wiedereingliederung von Rentenbezügerinnen und Ren
tenbezügern nach Art. 8a Abs. 2.
1.
4
Die Leistungen können gemäss
Art.
7b IVG nach
Art.
21
Abs.
4 ATSG gekürzt oder verweigert werden, wenn die versicherte Person den Pflichten nach
Art.
7 dieses Gesetzes oder nach
Art.
43 Absatz 2 ATSG nicht nachgekommen ist (
Abs.
1).
Gemäss Art. 21 Abs. 4 Satz 2 ATSG
muss
die versicherte Person
vorher schriftlich gemahnt und auf die Rechtsfolgen hingewiesen werden; ihr ist eine angemessene Bedenkzeit einzuräumen.
Die Leistungen können in Abweichung von
Art.
21
Abs.
4 ATSG ohne Mahn- und
Bedenkzeitverfahren
gekürzt oder ver
weigert werden, wenn die versicherte Person:
a.
trotz Aufforderung der IV-Stelle nach
Art.
3c
Abs.
6 nicht unverzüglich eine Anmeldung vorgenommen hat und sich dies nachteilig auf die Dauer oder das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit oder der Invalidität auswirkt;
b.
der Meldepflicht nach
Art.
31
Abs.
1 ATSG nicht nachgekommen ist;
c.
Leistungen der Invalidenversicherung zu Unrecht erwirkt oder zu erwirken versucht hat;
d.
der IV-Stelle die Auskünfte nicht erteilt, welche diese zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgabe benötigt (
Abs.
2).
Beim Entscheid über die Kürzung oder Verweigerung von Leistungen sind alle Umstände des einzelnen Falles, insbesondere das Ausmass des Verschuldens der versicherten Person, zu berücksichtigen (
Abs.
3).
1.
5
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begeh
ren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwierige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrelevante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesge
richts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin führte in der angefochtenen Verfügung vom 23. März 2020 (Urk. 2) aus, der Beschwerdeführer habe Eingliederungsmassnahmen zuge
sprochen erhalten. Weil er seiner Mitwirkungspflicht nicht nachgekommen sei, hätten diese per 31. Januar 2020 abgebrochen werden müssen. Dies habe auch Auswirkungen auf einen möglichen Rentenbezug. Infolge der Verletzung der Mit
wirkungspflicht bestehe auch kein Anspruch auf eine Invalidenrente (
S
.
1).
In der Beschwerdeantwort vom 4. Juni 2020 wies die Beschwerdegegnerin sodann darauf hin, dass gemäss dem Grundsatz Eingliederung vor Rente bei vorhandener objektiver Eingliederungsfähigkeit bezüglich einer zumutbaren Eingliederungs
massnahme grundsätzlich kein Rentenanspruch entstehen könne. Insofern sei die angefochtene Verfügung nicht zu beanstanden, nachdem die Erwerbsfähigkeit durch Eingliederungsmassnahmen nach wie vor verbessert werden könne (Urk. 5).
2.2
Demgegenüber machte der Beschwerdeführer geltend (Urk. 1), beim Arbeitsver
such im Januar 2020 hätten er und sein Chef relativ schnell gemerkt, dass die Arbeit wegen der Lärmbelastung nichts für ihn sei und es daher das Beste sei, den Arbeitsversuch zu beenden. Es sei ihm nicht wegen Problemen gekündigt worden. Er sei zwar manchmal zu spät erschienen, dies jedoch aufgrund von Schlafprob
lemen (S. 1).
Unterdessen habe er eine ärztliche Bestätigung, dass er wieder voll einsatzfähig sei. Er hoffe auf eine letzte Chance, um beweisen zu können, dass er sein Leben im Griff habe und sehr gerne mit den Eingliederungsmassnahmen weitermachen wolle. Er würde gerne d
ie Ausbildung zum
Technischen Kaufmann absolvieren und so in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden (S. 2).
2.3
Streitig und zu prüfen ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf berufliche Massnahmen und dabei insbesondere die Frage, ob die Einstellung des Arbeits
versuches rechtens war.
3.
3.1
In seinem Bericht vom 9. Oktober 2018 (Urk. 6/12) diagnostizierte
Dr.
med.
Y._
, Oberarzt Orthopädie Obere Extremitäten,
Z._
, eine Schul
terinstabilität links bei Labrumläsion mit insgesamt vier- bis fünfmaliger Luxa
tion nach Erstluxation 2010 oder 2011, letztmalig am 4. September 2018 (S. 1). Das MRI sowie die Anamnese würden für ein hohes
Rezidivrisiko
sprechen, wes
halb er ein operatives Vorgehen im Sinne einer Arthroskopie mit
Labrumrefixa
tion
empfehle. Als Alternative habe er die Möglichkeit gezielter propriozeptiver Übungen erläutert (S. 2).
3.2
Die behandelnde Ärztin der
A._
am
B._
,
Dr.
med.
C._
, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, attestierte nach Rück
sprache mit Dr.
Y._
eine vollständige Arbeitsunfähigkeit vom 5. September bis Ende Dezember 2018 und hielt fest, nach dem 1. Januar 2019 werde keine Arbeitsunfähigkeit mehr attestiert. Ab diesem Zeitpunkt könne der Beschwerde
führer auch wieder als Logistiker arbeiten (
Urk.
6/30/29-30, Urk. 6/30/69-74).
Am 16. Januar 2019 attestierte
Dr.
C._
eine vollständige Arbeitsfähigkeit für angepasste, körperlich leichte Tätigkeiten (Büroarbeit) seit dem 11. September 2018 (Urk. 6/30/17).
3.3
In ihrem Bericht vom
29. Januar 2019 nannte die Ärztin des
D._
, ORL-Klinik, folgende Diagnosen (Urk. 6/21 Ziff. 2.5):
-
Hyperakusis
, Erstdiagnose 2. August 2018
-
Verdacht auf anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.40)
Der Beschwerdeführer berichte, das vorbestehende schmerzhafte Empfinden von Geräuschen, vor allem rechtsseitig, sei aktuell seit einiger Zeit sehr stark ausge
prägt. Ein auslösendes Lärmtrauma sei nicht erinnerlich. Zuletzt habe er am
E._
gearbeitet,
die Arbeit sei aber aufgrund der Geräuschüberempfindlichkeit mit auch Schmerzhaftigkeit nicht mehr möglich gewesen, sodass die Anstellung zuletzt nicht mehr verlängert worden sei. Auch im Privatleben schränke er sich zunehmend ein (Ziff. 2.1). Aktuell sei der Beschwerdeführer nicht arbeitstätig (Ziff. 3.1), bei der Arbeit als Logistiker habe ein hoher Lautstärkepegel geherrscht (Ziff. 3.3). Es bestehe eine
Hyperakusis
, die dem Beschwerdeführer Ohrschmerzen bereite. Somit sei aktuell eine Tätigkeit in lauter Umgebung nicht möglich (Ziff. 3.4). Bezüglich der weiteren Arbeitsfähigkeit könnten aktuell noch keine Aussagen getroffen werden (Ziff. 2.7).
3.
4
RAD-Arzt
Dr.
med.
F._
, Facharzt für Chirurgie, führte am 27. März 2019 aus, die bisherige, körperlich schwere Tätigkeit mit häufigen Überkopfar
beiten sei dem Beschwerdeführer bei habitueller Schulterluxation nicht mehr zumutbar, seit dem 5. September 2018 bestehe eine vollständige Arbeitsunfähig
keit. Eine leichte, angepasste Tätigkeit ohne Heben, Tragen und Transportieren von Lasten über 5 kg, ohne (beidseitiges) Arbeiten in Armvorhalte und ohne Überkopfarbeiten in einer lärmarmen
Umgebung
sei dem Beschwerdeführer jedoch möglich (Urk. 6/26 S. 2).
3.5
Am 3. Dezember 2019 fand im Rahmen des Aufbautrainings ein Standortge
spräch statt. Dabei stufte die Durchführungsstelle eine ICT-Ausbildung für den Beschwerdeführer aufgrund der Rückmeldungen der Schnuppereinsätze in der ICT-Abteilung derzeit als wenig realistisch ein. Komplexere Zusammenhänge habe der Beschwerdeführer kognitiv nur teilweise zu erfassen vermocht und auch das logische Denken für eine solche Ausbildung sei aus Sicht der Durchführungs
stelle nur bedingt vorhanden. Um einzuschätzen, ob der Beschwerdeführer mit einer Vorbereitungszeit die Voraussetzungen für eine ICT-Ausbildung erfüllen könnte, sei eine berufliche Abklärung notwendig. Im kaufmännischen Bereich attestierte die Durchführungsstelle dem Beschwerdeführer zum aktuellen Zeit
punkt ausreichendes Potenzial, um die Weiterbildung zum Technischen Kauf
mann erfolgreich bestehen zu können. Allerdings würden aus den Abteilungen Einkauf, Sekretariat/HR und Buchhaltung noch keine Rückmeldungen vorliegen (Urk. 6/47 S. 9 Ziff. 7).
3.6
Im Abschlussbericht des Aufbautrainings vom 20. Januar 2020 (Urk. 6/58) wurde die Integration des Beschwerdeführers im ersten Arbeitsmarkt als bedingt möglich beurteilt. Gemäss der Einschätzung der Durchführungsstelle verfüge der Beschwerdeführer über ausreichende Ressourcen, um im primären Arbeitsmarkt einen Arbeitsversuch absolvieren zu können. Die momentane Leistungsfähigkeit habe er im zweiten Arbeitsmarkt ohne besondere Rahmenbedingungen gut umsetzen können. Er beabsichtige, die Weiterbildung zum Technischen Kauf
mann aufzunehmen, dies
werde als realistisch eingeschätzt. Gegen Ende des Auf
bautrainings habe der Beschwerdeführer ein 80 %-Pensum erreicht. Es sei davon auszugehen, dass er ein 100 %-Pensum erlangen könne. Der Beschwerdeführer habe eine arbeitsmarktnahe Leistungsfähigkeit erreicht. Er verfüge über die Aus
bildung zum Elektroinstallateur sowie über das Handelsdiplom. Während der Massnahme habe sich gezeigt, dass er für kaufmännische Tätigkeiten eine gute Sachverständigkeit aufweise. Als Person sei er mit freundlichen Umgangsformen erlebt worden und im Team gut integriert gewesen. Kritische Rückmeldungen könne er jedoch kaum annehmen. Er reagiere jeweils mit ausschweifenden Dis
kussionen, Rechtfertigungen und Argumente
n
, weshalb der Fehler bei anderen liege und nicht bei ihm. Für eigene Schwächen und Unzulänglichkeiten zeige er sich wenig einsichtig. Weiter müsse ihm häufig etwas mehrfach erklärt werden, bis er die Bedeutung verstanden habe. In der Kommunikation gelinge es ihm nur selten, seine Aussage in kurzen und prägnanten Sätzen zu formulieren, wie es im Alltag gefordert sei (S. 3 f. Ziff. 5). Im Verlauf der Massnahme sei der Beschwer
deführer vermehrt zu spät zur Arbeit erschienen, konkrete Gründe dafür habe er jeweils nicht klar formulieren können. In der Folge sei er am 11. Dezember 2019 mündlich verwarnt worden, ab diesem Zeitpunkt sei er nie mehr pünktlich zur Arbeit erschienen. Er habe die Durchführungsstelle über eine Hörbeeinträchti
gung informiert, welche sich vor allem bei Umgebungsgeräuschen zeige. Im Rah
men des Aufbautrainings seien diesbezüglich
jedoch
keine Auffälligkeiten fest
gestellt worden (S. 7 oben).
Aufgrund der Rückmeldungen der Schnuppereinsätze in der ICT-Abteilung stufe die Durchführungsstelle eine ICT-Ausbildung für den Beschwerdeführer derzeit als wenig realistisch ein. Komplexere Zusammenhänge vermöge er kognitiv nur teilweise zu erfassen und auch das logische Denken für eine solche Ausbildung sei aus Sicht der Durchführungsstelle nur bedingt vorhanden. Das Potenzial für die kaufmännische Richtung sei jedoch genügend vorhanden. Die Testergebnisse sowie der Multicheck stützten diese Einschätzung. Eine Weiterbildung zum Tech
nischen Kaufmann könne zielführend empfohlen werden (S. 10 Ziff. 9).
4.
4.1
Die erste Vereinbarung zwischen dem Beschwerdeführer, der Beschwerdegegnerin und de
m
Laufb
ahnzentrum betreffend Laufbahnberatung
vom 25. Juli bezie
hungsweise 9. August 2019
(Urk. 6/31) enthielt einen Hinweis auf Art. 21 Abs. 4 ATSG, wonach
Leistungen vorübergehend oder dauernd gekürzt oder verweigert werden können, wenn sich die versicherte Person einer zumutbaren Behandlung oder Eingliederung ins Erwerbsleben, die eine wesentliche Verbesserung der Erwerbsfähigkeit oder eine neue Erwerbsmöglichkeit verspricht, entzieht oder widersetzt, oder wenn sie nicht aus eigenem Antrieb das ihr Zumutbare dazu beiträgt (S. 2). Auch
am 10. September 2019 (Urk. 6/35 S. 3) nahm der Beschwer
deführer unterschriftlich Kenntnis von dieser Bestimmung. Der Mitteilung betref
fend
Zusprache
eines Arbeitsversuches mit Coaching war sodann das Merkblatt betreffend Mitwirkungspflicht beigelegt (Urk. 6/51-52). Damit waren ihm die Fol
gen einer Verletzung der Schadenminderungspflicht hinreichend bekannt.
Die Kürzung oder Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung ver
langt jedoch grundsätzlich eine vorgängige schriftliche Ermahnung und Einräu
mung einer Bedenkzeit (vgl. vorstehend E. 1.
4
).
Die Beschwerdegegnerin hat weder geltend gemacht, dass sie eine solche Ermahnung vorgenommen hat, noch ergeben sich aus den Akten entsprechende Hinweise. Demnach ist zu prüfen, ob vorliegend eine Ausnahmekonstellation gegeben ist, in welcher Eingliederungs
massnahmen ohne Durchführung eines Mahn- und
Bedenkzeitverfahrens
verwei
gert
beziehungsweise abgebrochen
werden durften.
Eine Verweigerung oder Kürzung von Leistungen ohne Mahn- und
Bedenkzeit
verfahren
wäre nach dem Gesagten zulässig, wenn einer der in Art. 7b Abs. 2 IVG aufgezählten Tatbestände erfüllt (vgl. vorstehend E. 1.
4
) oder von eine
r
feh
lenden
Eignung der versicherten Person
(vgl. vorstehend
E. 1.2
) auszugehen wäre.
4.2
Die Rechtsprechung hat den Anwendungsbereich von Art. 7b Abs.
2
IVG auf Fälle qualifizierter Pflichtverletzung beschränkt, zum Beispiel strafrechtlich relevante Betrugshandlung oder wenigstens bewusste Verfälschung medizinischer Untersu
chungsergebnisse, etwa durch Vortäuschen eines beeinträchtigten Gesundheits
zustandes mit dem Ziel, Versicherungsleistungen zu erschleichen; in allen ande
ren Fällen ist selbst bei unentschuldbarer Verletzung der Mitwirkungspflicht zunächst das Mahn- und
Bedenkzeitverfahren
durchzuführen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_743/2018 vom 27. Mai 2019, E. 5.2.2 mit Hinweisen).
Dass der Beschwerdeführer eine qualifizierte Pflichtverletzung im Sinne von Art. 7b Abs. 2 IVG
begangen hätte
, ist nicht ersichtlich und wird von der Beschwerdegegnerin auch nicht geltend gemacht. Der Abbruch der beruflichen Massnahmen erfolgte gemäss der Mitteilung vom 11. Februar 2020
aufgrund mangelnder
Erfüllung der
Mitwirkungspflicht
und
fehlender Bereitschaft und Akzeptanz, an Massnahmen teilzunehmen und mitzuwirken (vgl. Urk. 6/70 S. 1), was keine qualifizierte Pflichtverletzung im Sinne der zitierten Rechtsprechung darstellt.
4.3
Soweit
die Beschwerdegegnerin aufgrund des Verhaltens des Beschwerdeführers auf eine fehlende
Eignung
beziehungsweise einen fehlenden Eingliederungswil
len
schloss, kann ihr nicht gefolgt werden. So ist gemäss der Rechtsprechung nur dann von fehlendem Eingliederungswillen beziehungsweise fehlender subjektiver Eingliederungsfähigkeit auszugehen, wenn dies mit dem Beweisgrad der überwie
genden Wahrscheinlichkeit feststeht (BGE 138 V 218 E. 6 mit Hinweisen). Dabei sind insbesondere die gegenüber der Verwaltung und den medizinischen Experten gemachten Aussagen betreffend Krankheitsüberzeugung beziehungsweise Arbeitsmotivation zu berücksichtigen. Ebenfalls von Belang sein können die im
Vorbescheidverfahren
und vor kantonalem Versicherungsgericht gemachten Aus
führungen beziehungsweise gestellten Anträge (Urteil des Bundesgerichts 9C_231/2015 vom 7. September 2015 E. 4.2
). Zwar erschien der Beschwerdefüh
rer
seit Beginn der beruflichen Massnahmen regelmässig zu spät (vgl. Urk. 6/69 S. 9, S. 10, S. 12, S. 15, S. 17
ff.
). Dennoch machte er sich immer wieder Gedan
ken über mögliche Weiterbildungen, beispielsweise waren im Juli 2019 Ausbil
dungen zum Technischen Kaufmann oder eine dreijährige KV-Ausbildung Thema (Urk. 6/69 S. 9 Mitte) und er bemühte sich im August 2019 um einen Nebenjob (Urk. 6/69/ S. 10 f.). Ebenso zeigte er sich im Rahmen des Aufbautrainings inte
ressiert und arbeitete motiviert (Urk. 6/69 S. 13).
Sowohl im Rahmen des Standortgesprächs wie auch im Abschlussbericht des Aufbautrainings wurde dem Beschwerdeführer sodann ausreichendes Potenzial für die Weiterbildung zum Technischen Kaufmann attestiert, eine solche konnte zielführend empfohlen wer
den. Dabei wurde auch auf die Absicht des Beschwerdeführers hingewiesen, diese Weiterbildung aufzunehmen (E. 3.5-6). Auch die in der Beschwerde gemachten Ausführungen sprechen für einen bestehenden Eingliederungswillen auf Seiten des Beschwerdeführers (Urk. 1).
Diesen liess er sich denn auch von seiner Haus
ärztin bestätigen, welche am 14. März 2020 festhielt, der Beschwerdeführer sei motiviert und einsatzfähig für Arbeiten ohne starke Lärmb
elastung, und seinen Wunsch, sich
wieder engagiert einzusetzen, unterstützte (Urk. 3).
Gemäss Gesprächsnotiz vom 16. Juni 2020 meldete sich der Beschwerdeführer sodann gleichentags bei der Beschwerdegegnerin und betonte, er könne arbeiten und sei motiviert, beruflich etwas in Angriff zu nehmen. Er wünsche
sich, von der Beschwerdegegnerin wieder unterstützt zu werden, und dass die Eingliederung weitergeführt werde (Urk. 8 S. 2).
Vor diesem Hintergrund kann ein fehlender Eingliederungswille nicht mit über
wiegender Wahrscheinlichkeit angenommen werden. Somit hätte die Beschwer
degegnerin vor dem Abbruch der beruflichen Massnahmen zwingend ein Mahn- und
Bedenkzeitverfahren
durchführen müssen.
Im Verlaufsprotokoll der Einglie
derungsberatung hielt die zuständige Fachperson der Beschwerdegegnerin am 4. Februar 2020 selber fest, die Vorkommnisse seien von neutraler Seite nicht dokumentiert, was fatal sei, da eine Mitwirkungspflicht versehen mit einer Frist hätte versendet und bei Nichterfüllen der Auflagen das ganze Dossier
hätte
geschlossen werden können. Nun stehe Aussage gegen Aussage und der Beschwerdeführer werde seitens der Berufsberatung weiter begleitet werden müs
sen (vgl. Urk. 6/69 S. 28 f.).
4.
4
Zusammenfassend ist die angefochtene Verfügung somit aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese nach formell kor
rekter Durchführung eines Mahn- und
Bedenkzeitverfahrens
über den Leistungs
anspruch des Beschwerdeführers neu entscheide.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
5.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von
IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 600.-- anzusetzen.
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung einer Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb die Gerichtskosten entsprechend dem Ausgang des Verfahrens
der Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen sind.