Decision ID: 59933561-3e3d-5881-84b3-55c79600e555
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1990 geborene
X._
,
ohne Ausbildung
und von Oktober 2015 bis März/April 2016 mit einem Pensum von 60 % als Verkäuferin bei der
Y._
Tank
stelle in
Z._
tätig
gewesen
, meldete sich am 16. August 2017 unter Hinweis auf eine psychische Beeinträchtigung
,
Ursache nicht eindeutig bestimmbar,
eine
Beeinträchtigung des Sehvermögens
und körperliche Gewalt durch den
Expartner
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 8/4).
Die Sozial
versicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, nahm erwerbliche und medizinische Abklärungen vor und informierte die Versicherte mit
Mitteilung vom 4. Oktob
er 2018 (Urk. 8/31)
über die Kostenübernahme für eine Potenzial
abklärung bei der Stiftung
A._
vom 22. Oktober bis 16. November 201
8.
Am 13. November 2018 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass die Mitteilung vom 4. Oktober 2018 per 9. November 2018 aufgehoben werde, da es für sie (die Versicherte)
gemäss eigenen Angaben
nicht mehr möglich sei, die Potential
abklärung durchzuführen
(Urk. 8/36)
. In der Folge
holte
die IV-S
telle beim
B._
ein
bidisziplinäres
Gutachten (Psychiatrie und Neuropsychologie) ein (Expertisen vom 11. Juli und 8. September 2019, Urk. 8/57/1-37). Mit Vorbescheid vom 7. Oktober 2019 (Urk. 8/61) stellte die IV-Stelle der Versicherten die Abweisung des Leistungs
begehrens in Aussicht, wogegen letztere am 7. November 2019 Einsprache (Urk. 8/66) erhob. Am 27. Juli 2020
(Urk. 8/83/2-6)
beantworteten die
B._
-
Gutachter
die von der IV-Stelle am
2. April 2020 gestellten Rückfragen (Urk. 8/76/1-2). Die Versicherte nahm am 27. August 2020 Stellung zu den Ant
worten der Gutachter
(Urk. 8/87)
und legte am 31. August 2020 (Urk. 8/88) das Schreiben des behandelnden Psychiaters
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
,
vom 27. August 2020 (Urk. 8/89) vor. Am 2. Dezember 2020 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren der Versicherten ver
fügungsweise ab (Urk. 2).
2.
Dagegen erhob die Versicherte am 14. Januar 2021 Beschwerde (Urk. 1) und beantragte, es
sei
die Verfügung vom 2. Dezember 2020 aufzuheben und es sei
en
ihr – nach Durchführung medizinischer Abklärungen – die ihr zustehenden gesetzlichen Leistungen auszurichten. In formeller Hinsicht stellte sie das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung und Rechtsvertretung (S. 2).
Mit Beschwerde
antwort vom 22. Februar 2021 (Urk. 7) schloss die Beschwerdegegnerin auf Ab
weisung der Beschwerde, was der Beschwerdeführerin am 20. April 2021 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 15).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den All
gemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgegliche
nen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1
ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Fol
gen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs.
2
ATSG
).
1.2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6
ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines aner
kannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit
ist jedoch nicht ohne W
eiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend ob
jektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumut
bar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E.
4c
; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Anspruch auf
eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1
IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder her
stellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres z
u mindestens 40 % invalid (Art. 8
ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und
bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
70 % auf eine ganze Rente (Art.
28 A
bs. 2
IVG).
1.4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E.
3a
mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die leistungsabweisende Verfügung (Urk. 2) damit, dass gemäss
dem Gutachten
keine Diagnosen vorlägen, welche einen dauerhaften Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hätten (S. 1). Die Berichte der
D._
vom 2. Oktober 2017 und der
E._
AG
vom 29. Oktober 2018 enthielten keine neuen versicherungspsychiatrisch relevanten Informationen, so dass alle echtzeitlichen medizinischen Unterlagen ausreichend gewürdigt worden seien.
Ebenso sei die berufliche Abklärung berücksichtigt worden.
Im Weiteren sei die Verständigung während der psychiatrischen Untersuchung nicht
erschwert gewesen und
der
psychiatrische
Experte
der Besc
hwerdeführerin neutral begegnet
. Die
diagnostizierte dissoziale
Persönlichkeitsstörung sei sodann leicht ausgeprägt
und anhand der diagnostischen Kriterien nach ICD-10 ausreichend begründet und
die Kriterien einer instabilen Persönlichkeit sei
en
bei der gezielten Befragung ver
neint worden und
eine entsprechende Diagnose
habe zum Untersuchungs
zeitpunkt
nicht bestätigt werden können
(S. 2). Im Weiteren
hätten
die Konzentrationsfähigkeit und die Aufmerksamkeitsfunktionen im Rahmen der neuropsychologischen Untersuchung in einem mindestens durchschnittlichen Bereich gelegen und auch der Gesamteindruck deute nicht auf eine erhöhte Unaufmerksamkeit, Ablenkbarkeit, Hyperaktivität oder Impulsivität hin. Schliess
lich sei gestützt auf die Angaben des behandelnden Psychiaters vom 27. August und 22. Oktober 2020 keine wesentliche Veränderung des Gesundheitszustands eingetreten.
Entsprechend sei das
Gutachten schlüssig, weshalb darauf abgestellt werden könne und keine weiteren Abklärungen angezeigt seien (S. 3).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenü
ber auf den Standpunkt (Urk. 1), dass zahlreiche konkrete Indizien gegen das psychiatrische Gutachten sprächen, weshalb weitere medizini
sche Abklärungen im Sinne einer
Oberbegutachtung vorzunehmen seien (S. 12 Ziff. 9.3).
Im Zusammenhang mit der diagnostizierten
dissozialen Persönlichkeitsstörung liege im psychiatrischen Gutachten eine unbegründete und widersprüchliche Diagnostik respektive eine unbegründete Bemessung der Arbeitsfähigkeit vor.
Nicht nachvollziehbar sei auch die Angabe des psychiatrischen Experten
, wonach jegliche Anhal
tspunkte für die Diagnose eine
r
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
(ADHS)
im Erwachsenen
alter fehlten
(S. 6 ff. Ziff. 9.2
lit. a
)
. Im Weiteren sei das psychiatrische Gutachten nicht in Kenntnis der gesamten Vorakten abgegeben worden, wobei insbesondere die Berichte der
E._
vom 29. Oktober 2018 und der
D._
vom 2. Oktober 2017 nicht berücksichtigt worden seien (S. 8
f. lit. b). Zwischen dem psychiatrischen Experten und der Beschwerdeführerin habe zudem nur eine ungenügende sprach
liche Verständigung vorgelegen (S. 9 lit. c). Des Weiteren sei die
gutachterliche Beurteilung von Konsistenz und Plausibilität
nicht nachvollziehbar
(S. 10 f
f
. lit. d)
und es habe dem psychiatrischen Experten an einer
ergebnisoffene
n
Haltung
gemangelt
(S. 12 lit. e).
3.
3.1
Die neuropsychologische Expertin
Dr.
phil.
F._
, Fachpsychologin für Neuro
psychologi
e
FSP,
verneinte am 11. Juli 2019
das Vorliegen einer kognitiven Störung (Urk. 8/57/29-37 S. 7).
Dr.
F._
führte aus, dass sich i
m Rahmen der testpsychologischen Überprüfung der kognitiven Leistungsfähigkeit in den allermeisten Teilbereichen durch
schnittliche Leistungen
zeigten
,
wobei die Konzentrationsfähigkeit sogar
weit
überdurchschnittlich ausgefallen sei. Einzig die figurale Ideenproduktion sei quantitativ leicht unterdurchschnittlich, wobei dies – bei sonst durchwegs regulären kognitiven Leistungen – als Testausreisser zu werten sei, welchem keine klinische und Alltags-Relevanz zukomme. Die kursorisch überprüfte verbale und nonverbale Intelligenz liege im Durchschnittsbereich. Die von der Beschwerde
führerin ausgefüllten Fragebogenverfahren betreffend ADHS hätten in die Richtung der erwähnten Diagnose gewiesen. Da die attentionalen Funktionen inklusive Konzentrationsfähigkeit mindestens durchschnittlich ausgefallen seien und sich auch im beobachteten Verhalten während der gesamten neuro
psychologischen Untersuchung – welche
während mehr als
drei Stunden und ohne Pause durchgeführt worden sei (S. 4) – keine
Anhaltspunkte für
eine erhöhte Unaufmerksamkeit, Ablenkbarkeit, Hyperaktivität oder Impulsivität gefunden hätten, lägen keine ausreichenden Hinweise auf ein
e
ADHS vor (S. 7).
Aus rein neuropsychologischer Sicht sei die Funktionsfähigkeit im Alltag – auch unter allen ausbildungsadäquaten beruflichen Anforderungen
–
nicht ein
geschränkt (S. 7).
3.2
Dr.
med.
G._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, nannte in seinem psychiatrischen Gutachten vom 8. September 2019 (Urk. 8/57/1-28) folgende Diagnose ohne Auswirkung
en
auf die Arbeitsfähigkeit (S. 21):
-
dissoziale Persönlichkeitsstörung (ICD-10
F60.2
).
Der psychiatrische Experte
führte aus,
dass die Beschwerdeführerin während der gesamten Gesprächsdauer ohne Ermüdungserscheinungen aktiv und agil im Ge
spräch
mitwirke
. Stark kontrastierend zu ihren Angaben der allgemeinen Angst vor Menschen
und vor
erschwerter Kontaktaufnahme im sozialen Bereich
zeige
sie
keinerlei Schwierigkeiten, mit dem
Gutachter
Kontakt aufzunehmen. Auch hätten sensitive Themen (Verbindungen zur rechtsextremen Szene, Einstellung gegenüber Regeln/Normen, ungünstige Reaktion auf reglementierende Einflüsse) problemlos angesprochen werden können, so dass in der Gesamtschau von
einer mindestens durchschnittlichen
Frustrationstoleranz auszugehen sei (S. 17).
Die Beschwerdeführerin
beklage
eine Instabilität der Grundstimmung, biete je
doch kein affektives Syndrom respektive keine anhaltenden, relevanten Defizite in den Bereichen Affektivität, Psychomotorik und
H
edonie
und
weise keine Vor
geschichte von hypomanischen oder manischen Episoden auf, so dass die Diagnose einer depressiven Episode aktuell nicht zu stellen sei. Anhand der medizinischen Dokumentation und Anamnese könn
e
nicht mit dem Grad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit behauptet werden, dass eine depressive Episode in der Vergangenheit vorgelegen habe, weshalb auch keine formelle Diagnose einer remittierten depressiven Episode erfolgen könne
(S. 20)
.
Betreffend
ADHS hielt der Experte fest, dass die Beschwerdeführerin lediglich von punktuellen Störungen im Unterricht aufgrund von Langeweile und
von
einer Repetition der 3. Schulklasse aufgrund mangelhafte
r
Leistungen mit einer Ver
besserung der Schulnoten nach de
r Klassenwiederholung berichte
. Das Fehlen von Motivation sowie oppositionelles Verhalten mit deutlichen dissozialen Zügen dürfe indes nicht automatisch auf ein
e
ADHS zurückgeführt werden. Aktuell fehlten bei der Beschwerdeführerin jegliche Anhaltspunkte für die Diagnose eine
r
ADHS im Erwachsenenalter
(S. 20).
Obwohl in den Akten eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ aufgeführt sei,
verneine
die Beschwerdeführerin bei gezieltem Befragen hinsichtlich der diagnostischen Kriterien
dieser Störung sämtliche Punkte
, ohne dass an ihren Angaben gezweifelt werden könne. Eine Abweichung
von der Mehrheit der Bevölkerung liege jedoch dahingehend vor, dass die Beschwerdeführerin soziale N
ormen,
Regeln und Verpflichtungen deutlich und andauernd missachte, eine niedrige Schwelle für ein aggressives und gewalt
tätiges Verhalten aufweise, obwohl sie in der Untersuchung keine verringerte Frustrationstoleranz
zeige
.
Sie
sei deutlich vermindert imstande, aus negativer Erfahrung – insbesondere Bestrafung – zu lernen und zeige eine deutliche Neigung, andere zu beschuldigen und für das eigene regelwidrige Verhalten plausible Rationalisierungen anzubieten (S. 20 f.).
Das Kriterium
G1
für eine Persönlichkeitsstörung – Vorliegen einer tiefgreifenden und stabilen Abweichung im Denken, Handeln und Fühlen von der Mehrheit der Bevölkerung – sei erfüllt. Das daraus resultierende Verhalten führe dazu, dass die Beschwerdeführerin in vielen persönlichen und sozialen Situationen unangepasst und unflexibel in ihrem Verhalten reag
iere (Erfüllen von Kriterium
G2
). Der nach
teilige Einfluss auf die soziale Umgebung sei
eindeutig, bei nur fraglichem per
sönlichem
Leidensdruck (Kriterium
G3
). Die Abweichung bestehe seit spätestens der f
rühen
Adoleszenz (Kriterium
G4
). Eine Störung aus dem schizophrenen Formenkreis,
eine organische psychische Störung oder
eine
affektive oder sub
stanz
bezogene Störung bestünden nicht
(Kri
terien
G5
und
G6
). Entsprechend
liege bei der Beschwerdeführerin eine dissoziale Persönlichkeitsstörung
(ICD-10
F60.2
)
vor
, welche ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit sei
(S. 21).
Die Schilderung
en
der Beschwerdeführerin betreffend die im Jahre 2017 erlebte Episode der häuslichen Gewalt
entsprächen hinsichtlich
eventuell
er
trauma
relevante
r
Symptome laienhaften Vorstellungen über
eine
posttraumatische psychische Pathologie. In den Akten werde zudem nicht das Vollbild einer post
traumatischen Belastungsstörung (PTBS) aufgeführt, wobei auch fraglich sei, ob die von ihr erlebte Episode der häuslichen Gewalt dem A-Kriterium für eine PTBS entsprochen habe (S. 21).
A
uf dem psychiatrischen Fachgebiet
lägen
keinerlei Anhaltspunkte da
für vor
, dass die Beschwerdeführerin unter einer organischen, durch die allfälligen Folgen der dokumentierten Gewaltanwendung erklärbaren psychischen Störung leide. Auch sonst werde an keiner Stelle in der vorliegenden medizinischen Dokumentation festgehalten, dass sie solche Folgen der Gewalt
anwendung erlitten habe. Sowohl ihre Angaben als auch die dokumentierte Vor
geschichte liessen sich durch das Vorliegen einer dissozialen Persönlichkeit
s
störung mühelos erklären (S. 2
2
).
Unter dem Titel Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit attestierte der psychiatrische Experte eine
100%ige
Arbeitsfähigkeit (8.5 Stunden pro Tag
,
S. 26 f.
).
3.
3
In
ihrer
Stellungnahme vom 27.
Juli 2020 (Urk. 8/83/2-6) führten
die
B._
-
Gutachter betreffend den Austrittsbericht der
E._
vom 29. Oktober 2018 (vgl. Urk. 8/
44
) aus,
d
ieser
enthalte
weder einen
AMDP-
konformen
psychopathologischen
Befund noch eine Begründung der gestellten Diagnose
gemäss den ICD-10-Kriterien. Es fehle insbesondere eine Unter
scheidung zwischen
den
beklagten und
den
beobachteten Momenten des Befunds
und der Bericht
liefere keine neuen, versicherungspsychiatrisch relevanten Informationen. Im psychiatrischen Gutachten vom 8. September 2019 sei eine Analyse der Vorakten enthalten, wobei festgestellt worden sei, dass das bisherige psychiatrische Assessment der Beschwerdeführerin unzureichend gewesen sei. Der
in Frage stehende
E._
-Bericht unterscheide sich diesbezüglich nicht von
den
anderen vorhandenen Akten, weshalb er an der
gutachterlichen
Beurteilung nichts änder
e
(S. 2 f.).
Der A
bschlussbericht
der
D._
vom 2. Oktober 2017 (vgl. Urk. 8/
72
) weise die gleichen Mängel auf, wobei darin insbesondere ohne weitere Diagnostik von einer vorbekannten ADHS ausgegangen worden sei, ohne die Beschwerdeführerin einer störungsspezifischen Therapie inklusive Gabe von Stimulanzen zuzuführen. Bei diesem Bericht handle es sich zudem nicht um einen ärztlichen Bericht, da
er von
psychologische
n
Mi
tarbeiterinnen unterzeichnet worden sei
(S. 3).
Im Weiteren
führten die Gutachter aus
, eine Persönlichkeitsstörung – mithin eine erhebliche Abwei
ch
ung im Denken, Handeln und Fühlen von der Mehrheit der Bevölkerung – sei stets in ihrer Wechselwirkung mit der Umgebung zu betrachten, wobei die Berücksichtigung dieser Wechselwirkung bei der Ermittlung von Funktionsdefiziten wichtig sei. Die Beschwerdeführerin erlebe sich aufgeteilt in eine «böse
H._
» und eine «nette
H._
», wobei der «nette Teil» in der Regel mit schwierigen Situationen gut umgehen und sie steuern
könne. Die Funktion des «bösen
Teils
»
bestehe vermutlich darin, sich zu schützen, wobei dieser Schutz im normalen Alltag nicht nötig sei. Die Fests
tellung der unbeeinträchtigten Arbeitsf
ähigkeit
trotz dem Vorliegen einer dissozialen Persönlichkeitsstörung werde, analog dieser Beschreibung, von der grundsätzlich unbeeinträchtigten Fähigkeit der Beschwerdeführerin,
sich
beim Vorliegen einer ausreic
henden motivationalen Grundlage
regelkonform zu verhalten, abgeleitet.
Im Weiteren weise d
ie Beschwerdeführerin mehr Ressourcen auf, als der Durch
schnitt der klinischen Population mit dissozialer Per
sönlichkeitsstörung. Es sei ihr
noch vor Beginn der Behandlung möglich gewesen, hilfreiche Strategien zu identifizieren, um das eigene Verhalten suffizient zu steuern. In diesem Zusammenha
ng sei verdeutlichend zu erwähn
en, dass die Persönlichkeitsstörung der Beschwerdeführerin leichten Grades sei (S. 3)
.
Die wichtigste Differenzialdiagnose einer dissozialen Persönlichkeitsstörung sei eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung, wobei die Beschwerdeführerin bei gezieltem Befragen auf die Kriterien dieser Störung sämtliche relevanten Momente verneint habe. Es könne indes nicht ausgeschlossen werden, dass sie in früheren Jahren die diagnostischen Kriterien für eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ erfüllt habe, wobei diese Störung eine geringe intraindividuelle Stabilität aufweise (S. 4).
Die Experten führten weiter aus
, dass die Beschwerdeführerin ihre erste Lehre aus der bewussten Entscheidung, nicht fremde Kinder betreuen zu wollen, abge
brochen habe. Die zweite Lehrstelle sei ihr aufgrund von krankheitsbedingten Absenzen gekündigt worden, wobei es rückblickend als überwiegend wahrschein
lich erscheine, dass
die Symptomatik
einer emotional instabilen
Persönlichkeit
zum damaligen Zeitpunkt
bedeutend stärker ausgeprägt gewesen sei als aktuell. Es hätten sich
zudem
weder bei der neurops
ychologischen noch bei der psychiatrischen Untersuchung relevante Funktionsdefizite gezeigt
. Günstig sei bei der Beschwerdeführerin, dass ihre Persönlichkeitsstörung leichten Grades sei und sie deutlich mehr Ressourcen und Entwicklungspotential aufweise als die ver
gleichbare Durchschnittsgruppe. Es sei ihr somit besser möglich, mit zunehmendem Alter und vor dem Hintergrund einer Nachreifung der Persönlich
keit mit Tendenz zur Rückbildung von pathologischen Aspekten mit ihren Defiziten umzugehen
(S. 4)
.
Gemäss
dem neuropsychologischen Gutachten
seien
sämtliche überprüften attentionalen Funktionen
–
inklusive
K
onzentration
–
in einem mindestens durchschnittlich
en Bereich getestet worden
. Auch im klinischen Eindruck hätten sich keine Hinweise auf eine erhöhte Unaufmerksamkeit, Ablenkbarkeit, Hyper
aktivität oder Impulsivität gezeigt. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Beschwerdeführerin im Kindesalter unter einer hyperkinetischen Störung gelitten habe, wobei bekannt sei, dass sich ADHS-assoziierte Symptome im Erwachsenenalter verändern/zurückbilden könnten
. Im Erwachsenenalter liege keine klinisch relevante ADHS-Symptomatik vor
(S. 4 f.).
3.
4
Der behandelnde Psychiater der Beschwerdeführerin
führte in seinem Bericht vom 27. August 2020
(Urk. 8/89
)
aus, dass sich
bei der Beschwerdeführerin
seit der gutachterlichen Untersuchung vom 21. Juni 2019
keine neue Situation ergeben habe. Es zeige sich jedoch, dass
ihr
Gesundheitszustand sehr schwankend und von den äusseren Gegebenheiten
abhängig
sei
. Dabei gebe es Phasen, in denen
sie
sehr stabil sei, und solche, in denen sie mehr Symptome und mehr Probleme mit der Lebensbewältigung habe (S. 1).
4.
4.1
Die
neuropsychologische
n
und
psychiatrischen
Gutachten vom 11. Juli
und vom
8. September 201
9
(Urk. 8/57/
1-37)
inklusive Ergänzung vom 27. Juli 2020 (Urk. 7/83/2-6)
entsprechen
den praxisgemässen Anforderungen an den Beweis
wert einer Expertise. So
sind sie
für die streitigen Belange umfassend,
geben sie
doch Antwort auf die Frage nach dem Gesundheitszustand und der verbleibenden
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdefüh
rerin.
Sie beruhen
sodann auf den notwendigen psychiatrischen
und neuropsychologischen
Untersuch
ungen. Die Gutachter berücksich
tigten detailliert die geklagten Beschwerden und setzten sich damit auseinander (
Urk. 8/57/1-28
S. 5
ff.
und S. 20 f.
; Urk. 8/57/29-37 S. 2 f. und S. 7
). Die Expertise
n
wurde
n
sodann in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben, wobei sich die Gutachter zur Krankheitsentwicklung äusserten und Bezug auf die medizinischen Vorakten nahmen (
Urk. 8/57/1-28
S. 3 ff.
; Urk. 8/57/29-37 S. 1, Urk. 8/83/2-6 S. 2 ff.
).
Die Experten setzten sich mit
divergenten
Einschätzungen der behandelnden Ärzte auseinander und
würdigten diese in einleuchtender Weise
(
Urk. 8/57/1-28 S.
25 f.
; Urk. 8/83/2-6 S. 2 f.
).
Schliesslich leuchten
die
Gutachten
in der Da
rlegung der medizinischen Zusammen
hänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein und die Schlussfolgerungen i
n den
Expertisen
sind begründet.
In diesem Sinne
legte der psychiatrische Gutachter einleuchtend dar, dass bei der Beschwerdeführerin eine Abweichung im Denken, Handeln und Fühlen von der Mehrheit der Bevölkerung vorliegt, indem sie soziale Normen, Regeln und Ver
pflichtungen deutlich und andauernd missachtet und für ein aggressives, gewalt
tätiges Verhalten eine niedrige Schwelle aufweist. Er ging nachvollziehbar von einer dissozialen Persönlichkeitsstörung leichten Grad
es
aus, welche keine Ein
schränkung der Arbeitsfähigkeit zur Folge hat. Im Weiteren
verneinte
der Experte
plausibel da
s
Vorliegen der diagnostischen Kriterien für eine (remittierte) depressive Episode, ein
e
ADHS
, eine PTBS
und eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung (Urk. 8/57/1-28 S. 20 f., Urk. 8/83/2-6 S. 3 f
f
.).
Unter neuropsychologischen Gesichtspunkten
legte Dr.
F._
einleuchtend dar, dass bei der Beschwerdeführerin eine durchschnittliche kognitive Leistungsfähigkeit vor
liegt, und ging von einer uneingeschränkten Funktionsfähigkeit im Beruf und Alltag aus. Die Expertin verneinte unter Hinweis auf
das Fehlen
eine
r
erhöhte
n
Unaufmerksamkeit, Ablenkbarkeit, Hyperaktivität und Impulsivität
das Vorliegen einer
ADHS (Urk. 8/57/29-37 S. 7).
Die Expertise
n erfüllen
demnach die praxis
gemässen Kriterien an den Beweiswert eines ärztlichen G
ut
achtens
(BGE 125 V 351 E.
3a
,
BGE 122 V 157 E.
1c
), weshalb für die Entscheidfindung grundsätzlich darauf abzustellen ist.
4.2
4.2.1
An dieser Beurteilung vermag der Einwand der Beschwerdeführerin betreffend die Unbegründetheit/Widersprüchlichkeit der gutachterlich diagnostizierten dissozialen Persönlichkeit
sstörung
respektive die Unbegründetheit der attestierten
100%igen
Arbeitsfähigkeit (Urk. 1 S. 6 ff. Ziff
. 9.2 lit. a) nichts zu ändern.
Aus
den
von der Beschwerdeführerin angefüh
rten allgemeinen Kriterien für eine
dissoziale Persönlichkeitsstörung (S. 6 f.)
– wonach
eine solche
immer wieder zu Konflikten im sozialen U
mfeld, zu Abwesenheit
en
sowie Schwierig
keiten am Arbeitsplatz und zu kriminellen H
andlungen führe
–
,
kann nicht
auto
matisch auf eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
geschlossen werden.
Betreffend die
von der Beschwerdeführerin
geäusserten
Zweifel an der Diagnose einer dissozialen Persönlichkeitsstörung und das
von ihr postulierte
Vorliegen einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung (S. 7) ist daran zu erinnern, dass
es im Rahmen der Invaliditätsbemessung grundsätzlich nicht auf die Diag
nose a
nkommt, sondern einzig darauf
, welche Auswirkungen eine Erkrankung auf die Arbeitsfähigkeit hat.
Massgebend
ist der psychopathologische Befund und der Schweregrad der Symptomatik
.
Schliesslich kann die psychiatrische Begut
achtung von der Natur der Sache her nicht ermessensfrei erfolgen; sie eröffnet der sachverständigen Person deshalb praktisch immer einen gewissen Spielraum, innerhalb welchem verschiedene Interpretationen möglich, zulässig und im Rah
men einer Exploration lege artis zu respektieren sind
(Urteil des Bundesgerichts
9C_361
/2016 vom 22. August
2016 E. 4.2.1)
.
Bezüglich des
Hinweis
es
, dass die Persönlichkeit nicht nur aufgrund des Ein
drucks während der Exploration abgeleitet werden dürfe
, sondern auch aus der gesamten
Lebensgeschichte (Urk. 1 S. 7), ist
zu bemerken
, dass
im Rahmen der psychiatrischen Begutachtung eine ausführliche Anamnese
erhebung
stattfand, bei welcher insbesondere auch der berufliche Lebenslauf und die Klinik
aufenthalte eingehend thematisiert wurden (Urk. 8/57/1-28 S. 5 ff.
, S. 25 f.
; Urk. 8/83
/2-6 S. 3 f.,
S. 5
).
Was die Erwerbsbiographie der Beschwerdeführerin
anbelangt
, ist festzuhalten, dass der Abbruch der Pflegeschule gemäss ihren
eigenen Angaben deshalb erfolgt
sei, weil sie nicht fremde Kinder
habe
betreuen wollen. Die zweite Lehrstelle als Bereiterin habe sie gekündigt, weil sie mit dem Chef nicht klargekommen sei. Bei der Tankstelle habe sie zu 60 % gearbeitet, zu 100 % habe sie nicht arbeiten wollen (
Urk. 8/57/1-28
S. 12). Die Tätigkeit im
Bro
c
k
enhaus
nerve sie jeden Tag und sie gehe nur dorthin, weil sie vom Sozialamt dazu gezwungen werde
. Ihr sei jede Art von Tätigkeit bereits nach kurzer
Zeit
langweilig, verbunden mit der Unlust hinzugehen, weshalb sie sich keine reguläre Tätigkeit vorstellen könne
(S. 13).
Was die geltend gemachte fehlende psychologische Testdiagnostik betrifft
(Urk. 1 S. 7)
, ist darauf hinzuweisen, dass den Experten bei der Wahl der Methode zur Erstellung des Gutachtens ein grosses Ermessen zukommt, so dass nicht gesagt werden kann, dass nur die Anwendung einer Methode zulässig ist. Massgebend ist vielmehr, dass d
ie
Expertise
gesamthaft gesehen nachvollziehbar begründet und überzeugend ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts
8C_260
/2016 vom 13. Juli 2016 E. 5.1 mit weiteren Hinweisen; vgl. E. 4.1)
, was vorliegend zutrifft
.
Ein wie von der Beschwerdeführerin geltend gemachter
unauflösbarer Wider
spruch
in der psychiatrischen Begutachtung
betreffend die emotional instabile Persönlichkeitsstörung
(Urk. 1 S. 8)
ist nicht ersichtlich
.
Der Hinweis
von Dr.
G._
, die diagnostischen Kriterien
für eine solche
Störung
seien nicht erfüllt,
betraf
den Zeitpunkt der gutachterlichen Exploration
vom 21. Juni 2019 und erfolgte
gestützt auf die damaligen Angaben der Beschwerdeführerin (Urk. 8/57/1-28 S. 20).
Die
Aussage
vom psychiatrischen Experten
vom 27. Juli 2020, wonach die Symptome einer entsprechenden Persönlichkeitsstörung stärker ausgeprägt gewesen seien,
bezog sich
demgegenüber
auf
den Zeitpunkt der Kündigung der zweite
n Lehrstelle. Entsprechend wies
Dr.
G._
darauf
hin
, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Beschwerdeführerin in früheren Jahren die Kriterien für eine solche Störung erfüllt habe
(Urk. 8/83/2-6 S. 4)
.
Der Einwand der Beschwerdeführerin, die Angabe des psychiatrischen Gutachters, wonach bei ihr jegliche Anhaltspunkte für die Diagnose einer ADHS im Erwachsenenalter fehlten (Urk. 1 S. 8), sei nicht nachvollziehbar, geht ins Leere. Einmal mehr bezog sich die Aussage von Dr.
G._
auf den Zeitpunkt der
gutachterlichen
Exploration (Urk. 8/57/1-28 S. 20), weshalb
namentlich
der Hin
weis der Beschwerdeführerin auf das Verlaufsprotokoll
der Berufsberatung vom 13. November 2018
,
gemäss
welchem
anlässlich eines Standortgesprächs vom 30. August 2018
auf
ihr
fehlende
s
Durchhalten
bei verschiedenen Jobs in der Vergangenheit hingewiesen wurde
(Urk. 8/37/4)
, an der Sache vorbeigeht.
Dies gilt umso mehr, als der fragliche Hinweis den im psychiatrischen Gutachten
beschriebenen
motivationalen und oppositionellen Aspekten (Urk. 8/57/1-28 S.
12 f. und
S.
20
) keinerlei Rechnung trägt
.
Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass im Gutachten von Dr.
F._
in nachvollziehbarer Weise keine
kognitive Störung diagnostiziert respektive keine
neuropsychologische
Diagnose – ins
besondere auch keine ADHS – gestellt wurde (Urk. 8/57/29-37 S. 7).
4.2.2
Was den Hinweis der Beschwerdeführerin betreffend ungenügende Auseinander
setzung mit den Vorakten angeht (Urk. 1 S. 8 f. lit. b), ist Folgendes zu bemerken:
Der Abbruch der Potentialabklärung durch die Beschwerdeführerin (vgl. Urk. 8/
36
, Urk. 8/39
) wurde im psychiatrischen Gutachten thematisiert (Urk. 8/57/1-28
S. 13,
S. 25 f.). Im Weiteren setzte sich Dr.
G._
mit den Berichten der
D._
vom 2. Oktober 2017 und der
E._
vom 29. Oktober 2018 in seiner S
tellungnahme vom
27
.
Juli
2020
auseinander (Urk.
8/
83/2-6 S. 2
f.)
. Beide Berichte wurden von
Psychologinnen
verfasst (Urk. 8/44 S. 7, Urk. 8/72 S. 3), wobei
rechtsprechungsgemäss
der Gesundheitsz
ustand
und die Arbeits
fähigkeit
auf der Grundlage von fachärztlichen (psychiatrischen) Stellungnahmen zu beurteilen
sind
(BGE 131 V
49
E. 1.2, 130 V 99 E. 3.2).
Der
psychiatrische Gut
achter
hat
am 8. September 2019
zudem
nachvollziehbar dargelegt,
weshalb die
von den behandelnden Fachpersonen
aufgeführten Diagnosen nicht
bestätigt werden können
(Urk. 8/57/1-28 S. 20 f.).
Im Übrigen
lässt es die unterschiedliche Natur von Behandlungsauftrag der therapeutisch tätigen (Fach-)Person einerseits und Begutachtungsauftrag des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten andererseits (BGE 124 I 170 E. 4) nicht zu, ein Administrativgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Erhebungen zu nehmen, wenn die behandelnden Arztpersonen
beziehungsweise
Therapiekräfte zu anderslautenden Einschätzungen gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine ab
weichende Beurteilung aufdrängt, weil diese wichtige – und nicht rein subjektiver Interpretation entspringende – Aspekte benennen, die bei der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (
Urteil des Bundesgerichts
9C_547
/2020 vom 3. März 2021 E. 4.2.3 mit Hinweis
). Derartige Aspekte sind in
casu
nicht ersichtlich.
4.2.3
Bezüglich des Einwands
der ungenügenden Verständigung anlässlich der psychiatrischen
Begutachtung
(Urk. 1 S. 9 f. lit. c)
ist Folgendes festzuhalten:
In der psychiatrischen Expertise vom 8. September 2019 wurde
ausdrücklich
fest
gehalten, dass
die sprachliche Verständigung
ohne
Beizug
von Drittpersonen ein
wandfrei
erfolgt
sei (Urk. 8/57/1-28 S. 18).
Gemäss dem
neuropsychologischen Gutachten vom 11. Juli 2019 (Urk. 8/57/29-37 S. 2) und der Email der Sozialen Dienste der Gemeinde
I._
vom 8. Juli 2019 (Urk. 8/55
)
hat
die
Beschwerdeführerin
angegeben,
Dr.
G._
sprachlich nicht gut
verstanden zu haben
. Der behandelnde Psychiater
teilte
am 31. Oktober 2019 unter anderem
mit
, dass es für die Beschwerdeführerin schwierig gewesen sei, den Gutachter zu verstehen respektive sie aufg
rund ihres ausgeprägten Berner-
Dialektes
wahr
scheinlich auch
für den Gutachter nicht einfach verständlich gewesen sei (Urk. 8/65 S. 2 Ziff. 7).
Dr.
G._
wies am 27. Juli 2020 darauf hin, dass das
Diktat des Berichts während der Exploration erfolgt sei und die Angaben der Beschwerdeführerin in Echtzeit entweder direkt wiederholt oder in zusammen
gefasster Form protokolliert worden sei
en
, wobei sie jederzeit die Möglichkeit gehabt habe, ihr
e
Korrekturen anzubringen (Urk. 8/83
/2-6
S. 1 f.).
Am
27. August 2020
präzisierte
Dr.
C._
, dass sowohl die Beschwerdeführerin als auch der Gutachter der deutschen Sprache mächtig gewesen seien und es keine groben Verständigungsschwierigkeiten gegeben habe, bei der Beschwerdeführerin aber das Gefühl entstanden sei, nicht alles
komme
so an, wie sie es gemeint habe (Urk. 8/89 S. 2)
.
Unter Berücksichtigung der Angaben von Dr.
C._
betreffend das Fehlen von relevanten Verständigungsproblemen zwischen der Beschwerde
führerin und dem psychiatrischen Gutachter,
de
r
Äusserungen
von Dr.
G._
bezüglich
einwandfreie
r
Verständigung und Diktat während der Exploration so
wie de
s
Umstand
es
, dass letzterer während fünf Jahren im Kanton Bern ärztlich tätig gewesen ist und an der Universität Bern promovierte (Urk. 8/83
/2-6
S. 3), sind den Beweiswert der psychiatrischen Expertise
in Frage stellende
Verständigungsschwierigkeiten z
u verneinen.
4.2.4
B
etreffend die von der Beschwerdeführerin geltend gemachte nicht nachvoll
ziehbare gutachterliche Beurteilung von Konsistenz und Plausibilität
(Urk. 1 S. 10 ff. lit. d) ist zu bemerken, dass Dr.
G._
– wie die Beschwerdeführerin selbst ausführte (S. 11
am Ende
)
–
das Vorliegen einer psychiatrischen Diagnose mit Auswirkungen auf die Ar
beitsfähigkeit
unabhängig von einer
allfälligen
Aggravation
verneinte (Urk. 8/57/1-28 S. 20 f.).
In diesem Zusammenhang ist da
rauf hinzuweisen,
dass die Beschwerdeführerin gegenüber den
B._
-Gutachter
n
von einem aktiven Tagesablauf berichtet hat, wobei sie jeden Tag g
egen 5.00 Uhr aufstehe, mit ihren zwei – respektive am Wochenende drei
(den Hund, welcher unter der Woche bei der Mutter
in Bern
wohne, hole sie jeweils am Wochenende zu sich)
– Hunden spazieren gehe, das Frühstück für sich und ihren Partner sowie das Mittagessen für letzteren zum Mitnehmen vorbereite, abermals mit den Hunden nach draussen gehe, am Dienstag/Mittwoch/Donnerstag arbeite
und nachmittags allenfalls einkaufen gehe. Im Weiteren mache sie zusammen mit ihrem Partner die Hausabwartsarbeit und erledige den Haushalt zu Hause sehr gut
, wobei sie schon fast unter einem «
Putzwahn
» leide
. Sie mache mit ihrem Partner viel Krafttraining, gehe mit den Hunden viel joggen und habe zudem zwei Schlangen, einen Gecko und zwei Vogelspinnen
(Urk. 8/57/1-
28 S. 14 f.,
Urk. 8/57/29-37 S. 3)
.
4.2.5
Die Beschwerdeführerin stellte die Neutralität und Ergebnisoffenheit
von Dr.
G._
unter Hinweis auf eine abwertende Wortwahl im Zusammenhang mit der von ihr erlebten häuslichen Gewalt in Frage (Urk. 1 S. 12 lit. e). Der Um
stand,
dass der psychiatrische Experte eine psychische Störung als Folge dieses Vorfalls verneinte (Urk. 8/57/1-28 S. 22), reicht nicht aus, um
seine
neutrale Haltung anzuzweifeln, zumal er dies in sachlicher und deskriptiver und – ent
gegen der Auffassung der Beschwerdeführerin – nicht in (ab)wertender Weise tat
.
Ebenso wenig kann aufgrund des von Dr.
C._
erwähnte
n
pauschale
n
Gefühl
s
der Beschwerdeführerin, sie sei vom Gutachter nicht richtig verstanden worden (Urk. 8/89 S. 2), auf eine fehlende Neutralität des Experten geschlossen werden.
4.2.6
Was schliesslich die von der Beschwerdeführerin geltend gemachte Beein
trächtigung des Sehvermögens angeht (Urk. 1 S. 13 Ziff. 10),
so fehlen in den Akten
jegliche fachärztliche Hinweise
auf
ophthalmologische
Beschwerden mit Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit
und wurden im Übrigen von der Beschwerdeführerin
auch nicht
im Rahmen der psychiatrischen und neuro
psychologischen Begutachtung geltend gemacht
.
4.3
Nach dem Gesagten steht fest, dass die Beschw
erdeführerin in ihrer angestamm
ten Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig ist, weshalb die Beschwerde ab
zuweisen ist.
Bei diesem Ergebnis erübrigt sich die Durchführung eines strukt
u
rierten Beweisverfahrens nach Massgabe von BGE 141 V 281 sowie BGE 143 V 418, da e
ine grössere Arbeitsunfähigkeit al
s die gutachterlich attestierte
auch aus einer Indikatorenprüfung nicht resultieren
kann (Urteil des Bundes
gerichts
8C_629
/2019 vom 8. November 2019 E. 4.2.4).
Soweit die Beschwerde
führerin verlangt, es seien weitere Abklär
ungen durchzuführen (Urk. 1 S. 12 Ziff. 9.3
, S. 13 Ziff. 10
), kann darauf in ant
izipierter Beweiswürdigung (BGE 127 V
491 E.
1b
mit Hinweisen) verzichtet werden. Der Gesundheitszustand und die medizinisch-theoretische Arbeitsfähigkeit sind aufgrund der medizinischen Akten hinreichend abgeklärt. Von weiteren Untersuchungen
sind
keine neuen Erkenntnisse zu erwarten.
5.
5.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichts
kosten sind unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs.
1
bis
IVG) und auf Fr.
7
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie de
r
unterliegenden Beschwerdeführer
in
aufzuerlegen.
5.2
Nach Gesetz und Praxis sind in der Regel die Voraus
setzungen für die Bewilli
gung der unentgeltlichen Prozessführung und Verbeiständung erfüllt, wenn der Prozess nicht aussichtslos, die Partei bedürftig und die anwaltliche Verbei
ständung notwendig oder doch geboten ist (BGE 103 V 46, 100 V 61, 98 V 115).
Da der vorliegende Prozess nicht als von vornherein aussichtslos bezeichnet wer
den kann und die Beschwerdeführerin bedürftig ist (Urk.
14/5
), ist ihr antrags
gemäss (Urk. 1 S. 2) die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen. Die de
r
Beschwerdeführer
in
auferlegten Gerichtskosten sind demnach einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
Da zudem die anwaltliche Verbeiständung notwendig ist, ist Rechtsanwalt
Roland
Zahner
,
St. Gallen,
als unentgeltlicher Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin zu bestellen und unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozess
es
und beim praxisgemässen Stundenansatz von Fr. 220.-- (zu
züglich Mehrwertsteuer) mit Fr. 2’400
.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse zu entschädigen.
D
ie
Beschwerdeführer
in
wird auf § 16 Abs. 4 des Gesetzes über das Sozial
versicherungsgericht (GSVGer) aufmerksam gemacht
, wonach sie zur Nach
zahlung der
Auslagen für die
unentgeltliche Rechts
pflege
verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist
.