Decision ID: 684b2c81-9905-5536-a905-eb6e8a61e481
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Gesuchstellerin – eine (...) aus Äthiopien – suchte am 5. Februar 2014
in der Schweiz um Asyl nach. Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte
sie im Wesentlichen geltend, sie könne nicht mehr nach Äthiopien zurück-
kehren, da sie homosexuell sei. Sie habe während eines Engagements für
einen (...) in B._ im Jahr 2013 eine Beziehung mit einer (...) begon-
nen. Zurück in Äthiopien habe sie am (...) 2013 anlässlich eines Festes
(...) aus einem Impuls heraus versucht, eine Frau namens C._ zu
küssen, was von den anderen Gästen des Festes bemerkt worden sei. In
der Folge sei sie zweimal mit dem Messer bedroht worden. Ausserdem
habe sie im Februar 2014 anlässlich eines Telefonats mit ihrem älteren
Bruder erfahren, dass sie von C._ wegen des Vorfalls angezeigt
worden sei.
B.
B.a Mit Verfügung vom 6. März 2014 lehnte die Vorinstanz das Asylgesuch
der Gesuchstellerin wegen Unglaubhaftigkeit der Vorbringen ab und ord-
nete deren Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug
an.
B.b Die dagegen erhobene Beschwerde wurde vom Bundesverwaltungs-
gericht mit Urteil D-1778/2014 vom 26. November 2014 abgewiesen. Das
Gericht ging im Resultat mit der Vorinstanz einig, dass der Sachverhalts-
vortrag der Gesuchstellerin massgebliche Mängel aufweise und den Anfor-
derungen an die Glaubhaftmachung gemäss Art. 7 AsylG (SR 142.31) nicht
genüge. Das Vorbringen über eine angeblich gegen sie laufende Anzeige
erkannte es – auch mangels Substanziierung – als offenkundig nachge-
schoben.
C.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 15. April 2020 reichte die Gesuch-
stellerin beim SEM ein Gesuch um Wiedererwägung der vorinstanzlichen
Verfügung vom 6. März 2014 ein. Zur Begründung führte sie im Wesentli-
chen an, sie habe am 16. März 2020 ein Schreiben des öffentlichen Ge-
richts D._ vom 25. Februar 2014 erhalten, welches dokumentiere,
dass sie aufgrund der Verübung amoralischer Dinge, die mit der äthiopi-
schen Kultur und Gesellschaft nicht vereinbar seien, und der Tatsache,
dass sie Frau C._ geküsst habe, angeklagt worden sei. Damit be-
sitze sie nun ein Beweismittel, welches die Glaubhaftigkeit des vorgebrach-
ten Asylgrundes belege. Sie sei deshalb als Flüchtling anzuerkennen und
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es sei ihr Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Unzulässigkeit, eventuali-
ter die Unzumutbarkeit der Wegweisung festzustellen und es sei ihr die
vorläufige Aufnahme in der Schweiz zu gewähren.
Dem Wiedererwägungsgesuch lagen insbesondere eine Fotografie des
genannten Schreibens des öffentlichen Gerichts D._ (inkl. deutsch-
sprachiger Übersetzung) und ein Bericht der Schweizerischen Flüchtlings-
hilfe (SFH) zum Thema Homosexualität in Äthiopien vom 13. Juli 2010 bei.
D.
Mit Verfügung vom 30. April 2020 trat das SEM auf das Wiedererwägungs-
gesuch mangels funktioneller Zuständigkeit für die Beurteilung der Vorbrin-
gen der Gesuchstellerin nicht ein und erklärte die Verfügung vom 6. März
2014 als rechtskräftig und vollstreckbar. Es hielt ausserdem fest, dass ei-
ner allfälligen Beschwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme.
E.
Die Gesuchstellerin gelangte daraufhin mit in erster Linie als "Revisionsge-
such" bezeichneter Eingabe vom 6. Mai 2020 an das Bundesverwaltungs-
gericht. Sie beantragte, das Urteil D-1778/2014 vom 26. November 2014
sei infolge neu zugänglich gewordener Beweismittel zu revidieren, es sei
ihre Flüchtlingseigenschaft festzustellen, die Wegweisung aus der Schweiz
aufzuheben und ihr Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Unzulässigkeit,
eventualiter die Unzumutbarkeit der Wegweisung festzustellen und es sei
ihr der vorläufige Aufenthalt in der Schweiz zu gewähren. Der Wegwei-
sungsvollzug sei im Sinne einer vorsorglichen Massnahme bis zu einem
Entscheid über das Revisionsgesuch auszusetzen und es sei die zustän-
dige kantonale Behörde anzuweisen, auf entsprechende Vollzugshandlun-
gen vorderhand zu verzichten, wobei über dieses Rechtsbegehren super-
provisorisch zu entscheiden sei. Eventualiter sei das Revisionsgesuch bei
Ablehnung der Revision als Beschwerde gegen den Nichteintretensent-
scheid des SEM vom 30. April 2020 an die Hand zu nehmen, die Vorin-
stanz als zuständig zu erkennen und anzuweisen, das Wiedererwägungs-
gesuch vom 15. April 2020 zu prüfen.
Das Revisionsgesuch begründete sie im Wesentlichen – und unter Einrei-
chung derselben Beweismittel – gleich wie ihr Wiedererwägungsgesuch
vom 15. April 2020.
F.
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Am 11. Mai 2020 setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der Wegwei-
sung per sofort einstweilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet gemäss Art. 105 AsylG auf
dem Gebiet des Asyls in der Regel endgültig über Beschwerden gegen
Verfügungen des SEM (vgl. zur Ausnahme Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Es
ist ausserdem zuständig für die Revision von Urteilen, die es in seiner
Funktion als Beschwerdeinstanz gefällt hat (vgl. BVGE 2007/21 E. 2.1).
1.2 Gemäss Art. 45 VGG gelten für die Revision von Urteilen des Bundes-
verwaltungsgerichts die Art. 121–128 BGG sinngemäss. Nach Art. 47 VGG
findet auf Inhalt, Form und Ergänzung des Revisionsgesuches Art. 67
Abs. 3 VwVG Anwendung.
1.3 Das Revisionsgesuch ist ein ausserordentliches Rechtsmittel, das sich
gegen einen rechtskräftigen Beschwerdeentscheid richtet. Wird das Ge-
such gutgeheissen, beseitigt dies die Rechtkraft des angefochtenen Ur-
teils, und die bereits entschiedene Streitsache ist neu zu beurteilen (vgl.
MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungs-
gericht, 2. Aufl. 2013, S. 303 Rz. 5.36).
1.4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht auf Gesuch hin seine Urteile aus
den in Art. 121–123 BGG aufgeführten Gründen in Revision (Art. 45 VGG).
Nicht als Revisionsgründe gelten Gründe, welche die Partei, die um Revi-
sion nachsucht, bereits im ordentlichen Beschwerdeverfahren hätte gel-
tend machen können (sinngemäss Art. 46 VGG).
1.5 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der Besetzung mit drei
Richtern oder Richterinnen (Art. 21 Abs. 1 VGG), sofern das Revisionsge-
such nicht in die Zuständigkeit des Einzelrichters beziehungsweise der Ein-
zelrichterin fällt (vgl. Art. 23 VGG).
2.
2.1 Im Revisionsgesuch ist insbesondere der angerufene Revisionsgrund
anzugeben und die Rechtzeitigkeit des Revisionsbegehrens im Sinne von
Art. 124 BGG darzutun.
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2.2 Die Gesuchstellerin macht den Revisionsgrund von Art. 123 Abs. 2
Bst. a BGG (neue Tatsachen und Beweismittel) geltend und zeigt ausser-
dem die Rechtzeitigkeit des Revisionsbegehrens auf. Auf das frist- und
formgerecht eingereichte Revisionsgesuch ist deshalb einzutreten.
3.
3.1 Gemäss Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG kann in öffentlich-rechtlichen An-
gelegenheiten die Revision eines Urteils verlangt werden, wenn die ersu-
chende Partei nachträglich erhebliche Tatsachen erfährt oder entschei-
dende Beweismittel auffindet, die sie im früheren Verfahren nicht beibrin-
gen konnte, unter Ausschluss der Tatsachen und Beweismitteln, die erst
nach dem Entscheid entstanden sind.
3.2 Die revisionsweise vorgebrachten Tatsachen beziehungsweise Be-
weismittel bilden nur dann einen Revisionsgrund im Sinne von Art. 123
Abs. 2 Bst. a BGG, wenn sie vor dem in Revision zu ziehenden Entscheid
entstanden sind, in früheren Verfahren aber nicht beigebracht werden
konnten, weil sie der gesuchstellenden Person damals nicht bekannt sein
konnten oder ihr die Geltendmachung oder Beibringung aus entschuldba-
ren Gründen nicht möglich war (vgl. BVGE 2013/22; BGE 134 III 47 E. 2.1;
MOSER/ BEUSCH/ KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 5.47). Die Revision dient insbe-
sondere nicht dazu, bisherige Unterlassungen in der Beweisführung wie-
dergutzumachen. Die Beurteilung der Frage, ob die Geltendmachung von
erheblichen und vorbestandenen Sachverhaltsumständen oder das Bei-
bringen von Beweismitteln im früheren Verfahren in der Tat unmöglich oder
unzumutbar gewesen sei, hat daher restriktiv zu erfolgen (vgl. ESCHER, in:
Basler Kommentar, Bundesgerichtsgesetz, 2. Aufl. 2011, N 8 zu Art. 123
BGG).
Die solchermassen neuen Tatsachen oder Beweismittel müssen sodann
erheblich sein. Diese Erheblichkeit ist zu bejahen, wenn Beweismittel ent-
weder die neu erfahrenen erheblichen Tatsachen belegen oder geeignet
sind, dem Beweis von Tatsachen zu dienen, die zwar im früheren Verfahren
bekannt gewesen, aber zum Nachteil der gesuchstellenden Partei unbe-
wiesen geblieben sind. Das vorgebrachte Beweismittel muss für die Tatbe-
standsermittlung von Belang sein; es genügt nicht, wenn es lediglich zu
einer neuen Würdigung der bei der Erstbeurteilung bereits bekannten Tat-
sachen führen soll (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 5.48).
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4.
4.1 Als neues Beweismittel wird vorliegend eine Fotografie eines Schrei-
bens des öffentlichen Gerichts D._ vom 25. Februar 2014 einge-
reicht, welches dokumentieren soll, dass die Gesuchstellerin aufgrund der
Verübung amoralischer Dinge, die mit der äthiopischen Kultur und Gesell-
schaft nicht vereinbar seien und der Tatsache, dass sie Frau C._
geküsst habe, angeklagt worden sei. Damit könnten die Erwägungen des
Gerichts, wonach die Schilderungen der Gesuchstellerin nicht hinreichend
substanziiert worden seien, entkräftet werden.
4.2 Zunächst ist festzuhalten, dass die Gesuchstellerin in der Revisions-
eingabe zu den Gründen für die verspätete Einreichung des genannten
Schreibens (respektive der Fotografie davon) lediglich in genereller Weise
anführte, es sei quasi ein unmögliches Unterfangen, in Äthiopien Doku-
mente insbesondere innert nützlicher Frist zu erhalten, eine Reise dorthin
sei aus bekannten Gründen nicht möglich gewesen und das Verhältnis zu
Familienangehörigen sei aktenkundig schlecht, weshalb auch über die Fa-
milie kein Kontakt vor Ort mit den Behörden habe aufgenommen werden
können, um allfällige Beweismittel zu beschaffen. Dagegen legte sie nicht
konkret dar, was sie während des ordentlichen Verfahrens unternahm, um
Beweismittel im Zusammenhang mit der angeblich gegen sie laufenden
Anzeige zu erlangen, wobei darauf hinzuweisen ist, dass sie – wie im Urteil
D-1778/2014 vom 26. November 2014 (E. 3.7) festgehalten – über ihre Fa-
milie in direktem Kontakt zu ihrer Heimat stand. Auch gab sie weder an,
welche Bemühungen ihrerseits letztlich zum Erhalt der nun eingereichten
Fotografie führten und wer ihr diese schickte, noch reichte sie entspre-
chende Beweismittel ein. Auch ihre Behauptung, sie habe die Fotografie
des angeblich vor über sechs Jahren ausgestellten Beweismittels erst am
16. März 2020 erhalten, blieb unbelegt.
4.3 Ausserdem erweist sich das eingereichte Beweismittel als nicht geeig-
net, etwas an der Einschätzung der Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen der
Gesuchstellerin zu ändern. Angesichts dessen, dass es sich dabei nur um
eine Fotografie eines angeblich gerichtlichen Schreibens handelt, das im
Übrigen vollständig handschriftlich verfasst ist, ist dessen Beweiswert ge-
ring. Daran ändert auch der auf dem Schreiben befindliche Stempel, der –
nebenbei bemerkt – nicht übersetzt wurde, nichts. Gemäss eingereichter
Übersetzung des Schreibens wurde die Gesuchstellerin sodann angeklagt,
weil sie am (...) 2013 C._ geküsst habe. Die Gesuchstellerin selbst
gab im ordentlichen Verfahren jedoch an, sie habe diese am (...) 2013 ge-
küsst (vgl. Akten SEM A11/17 F108, Beschwerde vom 3. April 2014 S. 2).
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Dem Schreiben ist ferner nicht zu entnehmen, aus welchem Anlass bezie-
hungsweise für wen es ausgestellt wurde. Die dadurch entstehenden Zwei-
fel an der Echtheit des fotografierten Schreibens werden durch die fehlen-
den Angaben der Gesuchstellerin im Zusammenhang mit dessen konkreter
Beschaffung (vgl. E. 4.2 vorstehend) verstärkt.
Aufgrund des Gesagten sind an der Echtheit des Schreibens des öffentli-
chen Gerichts D._ vom 25. Februar 2014 bedeutende Zweifel an-
gebracht, so dass dessen revisionsrechtliche Erheblichkeit zu verneinen
ist.
5.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass keine revisionsrechtlich relevan-
ten Gründe dargetan sind. Das Gesuch um Revision des Urteils des Bun-
desverwaltungsgerichts D-1778/2014 vom 26. November 2014 ist demzu-
folge abzuweisen. Es erübrigt sich somit auf die mit den Anträgen für den
Fall einer Gutheissung des Revisionsgesuchs gemachten Ausführungen in
der Revisionseingabe und den dazu eingereichten Bericht der SFH einzu-
gehen. Bezüglich des Eventualbegehrens, wonach das Revisionsgesuch
bei Ablehnung als Beschwerde gegen den Nichteintretensentscheid des
SEM vom 30. April 2020 an die Hand zu nehmen sei, wird auf das separate
Verfahren D-2396/2020 verwiesen, in welchem über die entsprechende
Beschwerde befunden wird.
6.
Mit dem vorliegenden Urteil ist das Revisionsverfahren abgeschlossen,
womit der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung des Revisi-
onsgesuchs gegenstandslos geworden ist. Der am 11. Mai 2020 angeord-
nete einstweilige Vollzugsstopp fällt mit dem vorliegenden Entscheid dahin.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 1'500.– der
Gesuchstellerin aufzuerlegen (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 63 Abs. 1 VwVG;
Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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