Decision ID: 2ee14046-5403-4fba-aad1-df4a6f2e3a4e
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1975
geborene
X._
meldete sich am 2
6.
Februar 2018
bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (
Urk.
8/2
). Die IV-Stelle tätigte erwerb
liche und medizinische Abklärungen und zog die Akten der
Krankentag
geld
versicherung bei
(vgl.
Urk.
8/15 und
Urk.
8/26
).
Am 1
5.
Februar 2019 (
Urk.
8/34) teilte
sie dem Versicherten
mit, dass
Eingliederungsmassnahmen nicht möglich seien und der Anspruch auf eine Invalidenrente separat
geprüft
werde.
Nach
erneutem Beizug der Akten der Krankentaggeldversicherung (
Urk.
8/42)
stellte sie
mit Vorbescheid vom
4.
Juli 2019 (
Urk.
8/46
)
die Abweisung eines Anspruchs auf IV-Leistungen in Aussicht. Hieran hielt sie
mit Verfügu
ng vom 16
.
September 2019 (
Urk.
8/47 =
Urk.
2) fest
. Die dagegen
bei der IV-Stelle eingereichte «Ein
sprache» (
Urk.
8/50
; Eingangsdatum
2.
Oktober 2019
) überwies die IV-Stelle am 1
6.
Oktober 2019
mit weiteren
,
bei ihr am 2
1.
Oktober 2019 eingegangen
en
Unterlagen
dem hiesigen Gericht zur Behandlung als
Beschwerde (
Urk.
8/51 ff.
)
.
2.
In der gegen die
Verfügung vom 1
6.
September 2019
direkt bei IV-Stelle ein
gegangen
en
Beschwerde
stellte der Versichert
e
sinngemäss den Antrag
(
Urk.
1)
, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die gesetzlichen
Leistungen der Invalidenversicherung
zu erbringen
.
Mit Beschwerdeantwort vom
8.
November
2019 schloss die IV-Stelle auf Abwei
sung der Beschwerde (
Urk.
7
), was
dem Beschwer
deführer am 12.
November 2019 zur Kenntnis gebracht
wurde
(
Urk.
9
).
Am 2
0.
Juli respektive 31.
Juli 2020 reichten die Parteien einen Bericht von
Dr.
med.
Y._
, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, vom 2
5.
Juni 2020 ein (
Urk.
10 f.)
.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil
des Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung
des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken. Rechtsprechungsgemäss ist bei psychi
schen Beeinträchtigungen zu prüfen, ob ein psychischer Gesundheitsschaden mit Krankheitswert besteht, welcher die versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkommen zu erzielen (vgl.
BGE 139 V 547
E. 5,
131 V 49
E. 1.2,
130 V 352
E. 2.2.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_125/2015 vom 1
8.
November 2015 E. 5.4).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf
die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose vor
au
s (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Inva
lidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbs
fähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätio
logie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der ver
sicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Zur Annahme einer Invalidität aus psychischen Gründen bedarf es in jedem Fall eines medizinischen Substrats, das (fach-)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird
und nachgewiesenermassen die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Bestimmen psy
cho
soziale oder soziokulturelle Faktoren das Krankheitsgeschehen mit, dürfen die Beeinträchtigungen nicht einzig von den belastenden invaliditätsfremden Fak
to
ren herrühren, sondern das Beschwerdebild hat davon psychiatrisch zu unter
schei
dende Befunde zu umfassen. Solche von der soziokulturellen oder psychoso
zialen Belastungssituation zu unterscheidende und in diesem Sinne verselb
stän
digte psychische Störungen mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbs
-
fähig
keit sind unabdingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann (BGE 141 V 281 E. 4.3.3; 127 V 294 E. 5a; Urteil des Bundesgerichts 9C_543/2018 vom 21. November 2018 E. 2.2).
Somit sind psychosoziale und soziokulturelle Faktoren nur mittelbar invali
di
tätsbegründend, wenn und soweit sie den Wirkungsgrad der unabhängig von den
invaliditätsfremden Elementen bestehenden Folgen des Gesundheitsschadens be
ein
flussen. Zeitigen soziale Belastungen direkt negative funktionelle Folgen, bleiben sie bei der Beurteilung der Gesundheitsbeeinträchtigung ausgeklammert (Urteil des Bundesgerichts 8C_717/2018 vom 22. März 2019 E. 3). In einer ver
sicherungsmedizinischen Begutachtung, welche sich nach den normativen Vor
gaben der Rechtsprechung orientiert, ist es daher nicht nur zulässig, sondern sogar geboten, solche invalidenversicherungsrechtlich nicht relevanten Umstände aufzuzeigen und gegebenenfalls bei der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit auszu
klammern (Urteil des Bundesgerichts 9C_740/2018 vom 7. Mai 2019 E. 5.2.1).
1.4
Die regionalen ärztlichen Dienste (RAD) stehen den IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung. Sie setzen die für die Invalidenversicherung nach Art. 6 ATSG massgebende funk
tionelle Leistungsfähigkeit der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Sie sind in ihrem medizinischen Sachentscheid im Einzelfall unabhängig (Art. 59 Abs. 2
bis
IVG). Nach Art. 49 IVV beurteilen die RAD die medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs. Die geeigneten Prüfmethoden können sie im Rahmen ihrer medizinischen Fach
kompetenz und der allgemeinen fachlichen Weisungen des Bundesamtes frei wählen (Abs. 1). Die RAD können Versicherte bei Bedarf selber ärztlich unter
suchen. Sie halten die Untersuchungsergebnisse schriftlich fest (Abs. 2; Urteil des Bundesgerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweis auf BGE 135 V 254 E. 3.5).
Die Funktion interner RAD-Berichte besteht darin, aus medizinischer Sicht – gewissermassen als Hilfestellung für die medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche in der Folge über den Leistungsanspruch zu entscheiden haben – den medizinischen Sachverhalt zusammenzufassen und zu würdigen, wozu namentlich auch gehört, bei widersprüchlichen medizinischen Akten eine Wer
tung vorzunehmen und zu beurteilen, ob auf die eine oder die andere Ansicht abzustellen oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzunehmen sei. Sie würdigen die vorhandenen Befunde aus medizinischer Sicht (Urteil des Bundes
gerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweisen).
Praxisgemäss kommt einer reinen Aktenbeurteilung des RAD im Vergleich zu einer auf allseitigen Untersuchungen beruhenden Expertise, welche auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und
in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und die Schlussfol
gerungen widerspruchsfrei begründet, nicht der gleiche Beweiswert zu (Urteil des Bundesgerichts
8C_971/2012 vom 11. Juni 2013 E. 3.4).
2.
2.
1
Die Beschwerdegegnerin stellt
sich in der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2)
auf den Standpunkt, die ausgewiesenen Diagnosen begründeten keine länger andau
ernden oder bleibenden Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. Zwar sei eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit nachvollziehbar, aber es handle sich beim Arbeitsplatzkonflikt als Auslöser und
d
e
n
persönliche
n
Sorgen
um psychosoziale Belastungsfaktoren, deren Auswirkungen bei der Invalidenversicherung nicht versichert seien.
2.2
Dagegen macht
der Beschwerdeführer
geltend (
Urk.
1),
sein Gesuch sei ohne aktuelle Prüfung und ohne dass neue medizinische Berichte eingeholt worden seien, abgelehnt worden. Er sei immer noch 100
%
arbeitsunfähig und die Kran
kentaggeldversiche
rung werde die Zahlungen Anfang
Oktober einstellen. Er stehe vor Existenzproblemen
und diese Zukunftsangst belaste ihn sehr und verschlech
tere sein
en
Z
ustand
.
3.
3.1
Dr.
Y._
führte im Bericht
vom 1
7.
April 2018 (
Urk.
8/16
/7-9
)
aus,
der Beschwerdeführer
sei mit elf Jahren in die Schweiz gekommen, lebe seit 22 Jahren in einer stabilen partnerschaftlichen Beziehung und habe
zuletzt
seit 2009
beim bisherigen Arbeitgeber b
is zum jetzigen Krankheitsfall
gearbeitet. D
ort
habe er
hohe Anerk
ennung erhalten und sich mit der Firma und ihren
Produkten
stark identifiziert.
Im Frühsommer 2017
sei es zu
Personalveränderungen in der Füh
rungsebene
gekommen. Mit einem dieser neuen
Vorgesetzten habe es im Verlauf der Zeit zunehmend Probleme gegeben. Es
sei vereinbart worden, dass ein neuer
Anlauf in der gemeinsamen Arbeit unternommen werd
e. Jedoch habe sich eben dieser
Vorgesetzt
e
unverändert unzumutbar ihm gegenüber verhalten.
Der Be
schwerdeführer
habe dann d
epressive Symptome entwickelt,
nicht mehr ein
schlafen
können
,
habe
häufig
gegrübelt
und
sei
enttäuscht,
traurig und so nicht mehr arbeitsfähig gewesen. Im Januar
(2018)
sei es zu einem verstörenden Fehler des Vertrauensarztes gekommen. Dieser habe die Depression festgestellt, sei dann aber zum Ergebnis gekommen, dass der Beschwerdeführer arbeitsfähig sei und an einer narzisstischen Störung leide. Diese
n
nachweislich falschen Befund habe der
Arzt inklusive falscher Persönlichkeitsdiagnose an verschiedene Sachbearbeiter
der
Firma gesendet, sodass sich
der Beschwerdeführer
nicht nur von seinem Vorgesetzten gedemütigt, sondern
auch vom
Öffentlichm
achen
der
falschen Diagnose
massiv in seinem Ruf geschädigt gesehen habe. Die Krankheits
symp
tome hätten sich dadurch
verschlechtert
und der Beschwerdeführer habe noch
versucht mit verschiedenen Stellen
der Firma
seinen Ruf
wieder herzustellen
, jedoch
sei
von
Seiten der Firma
nicht mehr auf
ihn
eingegangen worden.
Im Befund zeige sich der Beschwerdeführer freundlich und offen, wirke deutlich a
ngespannt und innerlich unruhig
sowie traurig und antriebsgemindert. Er erlebe seine aktuelle Situation als verzweifelt, verstehe die Welt nicht mehr, sei masslos enttäuscht und ratlos, insbesondere über das Verhalten der Vorgesetzten, der Personalabteilung und des Vertrauensarztes der Firma. Die Grundstimmung sei depressiv-dysphorisch, zeitweise gereizt, das Denken eingeengt auf die schwierige Arbeitsplatzsituation. Es bestünden Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstö
rungen, deutliche Ängste mit entsprechenden somatischen Korrelaten. Der Hamil
ton Score betrage 27 Punkte, was einer mittelgradigen bis schweren Depression entspreche. Eine akute Suizidalität best
ehe
nicht.
Als Diagnose nannte der Arzt ein
e
mittelgradige bis
schwere depressive Episode (ICD-
10 F 32.1)
und z
ur Prognose und zur Arbeitsfähigkeit
führte er
aus, der Beschwerdeführer sei grundsätzlich engagiert und leistungsbereit, aber aufgrund der Vorkommnisse bei seinem Arbeitgeber enttäuscht, gekränkt, verunsichert und niedergeschlagen. Der Heilungsverlauf sei sicherlich abhängig davon
,
welche Angebote ihm von
der
Firma gemacht werden könnten und inwieweit man ihm alternative Arbeitsstellen anbieten könne. In dem Fall könne versucht werden, dass der Beschwerdeführer mit einer geringen Belastung einen Wiedereinstieg finde
.
3.2
Prof.
Dr.
med.
Z._
, Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, welcher den Beschwerdeführer im Auftrag der Krankentaggeldversicherung
am
9.
Mai 2018 (
Urk.
8/26/11-36)
begutachtet hatte
, nannte folgende Diagnosen (S. 18):
Psychiatrische Hauptdiagnosen
-
Anpassungsstörung mit vorwiegender Störung von anderen Gefühlen bei inzwischen protrahiertem Arbeitsplatzkonflikt (mehrere auslöse
nde Ereig
nisse) und verstörenden
Aktionen des Vertrauensarztes des Arbeitgebers (auslösendes Ereignis für die aktuelle Diagnose:
Datum
2.
Februar 2018); ICD-10
F 43.2
-
Schädlicher Gebrauch von Benzodiazepinen / D
D
Abhängigkeitssyndrom; ICD-10 F 13.1
Psychiatrische Nebendiagnosen
-
Probleme in Verbindung mit Berufstätigkeit (Arbeitsplatzkonflikt); ICD-10
Z 56
Der Beschwerdeführer sei in Kabul in Afghanistan geboren und zusammen mit vier Schwestern und einem Bruder aufgewachsen. Die Familie
habe unter ande
rem
in Indien
gelebt,
bevor die Einreise in die Schweiz erfolgte.
Im Alt
er von
13 Jahre
n
sei
er
als Flüchtling mit den Eltern in die Schweiz eingereist
. Hier habe er
eine unbelastete Kindheit
erlebt und sei auch zuvor
in keine kriegerische
n
Aktionen oder angster
zeugenden Lebenssituationen als
Kind eingebunden gewe
sen. Das Einleben in
die schweizerische Gesellschaft
sei
kein Problem für ihn gewesen. E
r habe
sich schnell integriert und die
deutsche Sprache perfekt gelernt.
Auch sei er während der Zeit seiner Persönl
ichkeitsbildung keinen psychis
chen, physischen oder sexuellen
Traumata ausgesetzt gewesen.
In der Schweiz sei er zunächst in die Realschule eingeschult worden und habe hernach für vier Jahre die Sekundarschule besucht. Er habe den Beruf des Elektrozeichners ergreifen wollen, habe die Lehre aber im dritten Lehrjahr abgebrochen.
B
ei verschiedenen Arbeitgeber
n
habe er sich intern
in Verkaufsschulungen weitergebildet. Seit 2009 sei er in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit bei
A._
in einem 100
%
Pensum als Logistikleiter angestellt gewesen. Die Krankschreibung
sei
per 2
7.
September 2017 nach einem Arbeitsplatzkonflikt erfolgt
(S. 11 f)
.
Der Beschwerdeführer berichte, er sei am Arbeitsplatz gemobbt worden
(S. 14 f.)
. Es habe rassistische Angriffe gegen ihn gegeben und der mobbende Kollege sei dann Vorgesetzte
r von ihm geworden. I
nfolge dieser Vorkommnisse
an
seinem Arbeitsplatz
geh
e es ihm schlecht. Er sei sehr wütend, wolle Gerechtigkeit,
könne das Geschehen nicht vergessen und er sei sehr gekränkt und inzwischen verbittert. Im B
emühe
n
auf andere Gedanken
zu kommen, gehe er ab und zu spazieren. Er schaffe es jedoch nicht
,
von
seinen Wutgedanken wegzukommen.
Inzwischen fehle ihm jegliche Lust auf ein soz
iales Leben. Die
(Paar-)
Beziehung habe
auch gelitten.
Um die Spannungen zu minimieren nehme er seit Monat
en
täglich drei bis vier
Temesta
und nur damit halte er es einigermassen aus (S. 15). Von seinem Arbeitgeber erwarte er, dass er einen adäquaten Arbeitsplatz angeboten bekom
me. Man habe ihn jedoch nur vertröstet. In seinem Zustand könne er nicht
arbeiten. An e
inen Wechsel seiner
Ar
beitsstelle habe er noch nicht
gedacht und er könne sich dies eigentlich nicht vorstellen (S. 16).
Als objektive
Befunde führte der Gutachter auf
(S. 16 f.), d
er Beschwerdeführer wirke al
tersentsprechend, normgewichtig
, gepflegt. Er erscheine pünktlich alleine zum Untersuch und sei mit öffentlichen Verkehrsmittel
n
angereist. Er s
ei deutlich angespannt, schwitze
stark, nehme sofort mit dem Berichterstatter Augenkontakt
auf, welchen er während der gesamten Exploration gut halten könne. Er sei schwingungsfähig und im Ges
präch sei der Affekt auslenkbar,
wobei er in einer angespannten Stimmung während der gesamten 120-minütigen Exploration ver
harre.
Im Kontakt sei er freundlich, höflich und korrekt. Der rationale und emotionale Rapport könne gut hergestellt und jederzeit während de
r Exploration gehalten werden. Q
uantitative oder qualitative Bewusstseinsstörung
en
seien nicht vorhan
den und er sei wach und zeitlich auf den Tag und auf das Jahr orientiert. Das Alt- beziehungsweise das Langzeitgedächtnis sei unauffällig und es bestünden keine Hinweise auf Amnesie, Konfabulationen oder P
aramnesien oder Hinweise auf Zei
tgitterstörungen. Er beklage Störungen der Konzentration und der Aufmerk
samkeit. Im Untersuch seien die Aufmerksamkeit und Konzentration allfällig minim herabgesetzt, er könne jedoch dem Untersuchungsverlauf jederzeit gut folgen und es bestünden keine Auffassungsstörungen. Der formale Gedanken
gang sei in Kohärenz und Stringenz auf das narzisstische Kränkungserleben eingeengt. Er berichte über immer wieder aufkommende Gefühle von Wut und Ohnmacht, Enttäuschung und Ratlosigkeit. Im Tempo sei das Denken regelrecht, das inhaltliche Denken im Unter
such jedoch nur kurzfristig aus
dem nar
zisstischen Kränkungserleben zu lösen. Hinweise für eine Ich-Störung i
m Sinne von Gedankeneingebung, -
ausbreitung oder -beeinflussung,
Derea
lisation
und Depersonalisation
liessen sich nicht eruieren. Zwänge und Rituale würden ver
neint und seien nicht zu beobachten.
Bezüglich I
ntelligenz
liege
,
s
oweit im Rahmen
der
Exploration
feststellbar,
die kognit
ive Begabung im Normbereich. Der Affekt sei während des Untersuchs wechselhaft und es dominierten
dyspho
rische
Verbitterungsgefühle und
kaum zu unterdrückende Wut über
die Gescheh
nisse am und um den Arbeitsplatzkonflikt. Es sei eine innere
Anspannung deut
lich wahrnehmbar
, die der Beschwerdeführer im Untersuch mit Höflichkeit fassa
denhaft zu überspielen versuche. Es bestehe kein eigentlich depressiver Affekt und keine zum positiven Pol verschobene Stimmung, jedoch ein reduziertes Vital
erleben
(S. 17)
.
Es bestehe keine Affektinkontinenz
,
jedoch eine d
eutliche Störung der Konfliktverarbeitung mit
Verharren im Kränkungserleben und ausgeprägte aversive Kognitionen,
Ratlosigkeit u
nd Enttäuschung. Die Schwing
ungsfähigkeit
sei lei
cht
eingeschränkt und
verflacht, jedoch nicht starr, d
ie Vitalgefühl
e nicht
gemindert und der Antrieb
sei
leicht bis mä
ssig reduziert. Die Freudfähigkeit und die
Interessen
seien gemindert, die Psychomotorik
leicht
gesteigert.
Er beklage Schlafstörungen,
Libido
verl
ust
und
gebe eine
Gewichtsreduktion
und s
ozialen
Rückzug
an
.
Ein
aktueller Hinweis auf
Suizidalität
besteh
e
nicht
und klinisch
seien
keine Hinweise auf eine Persönlichkeitsakzentuierung oder
–
s
törung
zu finden
(S. 18)
.
Der Gutachter hielt fest
(S. 19 f.)
, die aktuelle Psychopathologie entspreche keiner Depression, sondern einer von Prof.
B._
beschriebenen Verbitterungsstörung, die jedoch keinen Eingang in die aktuell gültigen psychiatrischen Klassifikationen des DSM V oder des ICD-10 gefunden habe. Im Hinblick auf die Einordnung des
Störungsbildes auf die derzeit
gültigen internationalen Klassifikationen psychia
trischer Krankheitsbilder entspreche das Störungsbild am ehesten der in der DSM beschriebenen chronischen Anpassungsstörung
(S. 20 f.)
. Der ICD-10 kenne hin
gegen diese Kategorie nicht und es dürfe eine Anpassungsstörung mit vorwie
gender Störung von anderen Gefühlen nur für maximal sechs Monate nach Auf
treten des störenden Ereignisses diagnostiziert werden
. Ausgehend vom Ereignis vom
2.
Februar 2018 als verantwortliches Ereignis sei das Zeitkriterium noch nicht gerissen, sodass von einer Anpassungsstörung
ICD-10 F 43.23
mit vorwie
gender Störung von an
deren Gefühlen diagnostisch aus
gega
ngen werden könne
. Des Weiteren sei von einem schädlichen Gebrauch / DD beginnender Abhängig
keitserkrankung von Benzodiazepinen
ICD-10 F 13.1
auszugeben
(S. 21)
. Aus gutachterlicher Sicht liege aktuell für die Tätigkeit des Lageristen beim aktuellen Arbeitgeber und bei einem anderen Arbeitgeber eine 0%ige Arbeitsfähigkeit vor. Der psychische Gesundheitszustand sei aufgrund der beschriebenen Psychody
namik noch instabil und die Kränkung nicht überwunden
(S. 23)
.
3.3
Im Bericht der p
sychiatrischen
K
linik
C._
vom 2
5.
April 2019 (
Urk.
8/44) über die tagesklinische Behandlung vom 3
0.
Juli bis
7.
Dezem
ber 2018 wurde festgehalten
(S. 2)
, beim Besc
hwerdeführer hätten
2017 verschie
dene Konflikte am Arbeitsplatz, nach seinem Eindruck verbunden mit Mobbing, Wechsel der Vorgesetzten
,
zusätzlich Verletzung der Schweigepflicht seitens des Vertrauensarztes der Taggeldversicherung
,
bestanden
. I
nfolgedessen sei
en
eine schwer
e
depressive Reaktion, erhebliches
Rückzugsverhalten
, Antriebsstörungen, somatische
Beschwerden, Schlafst
örungen und Anhedonie
aufgetreten
.
Die Aufnahme in der Tagesklinik sei auf Zuweisung durch
Dr.
Y._
zur Be
handlung des depressiven Syndroms mit erheblichem Rückzugsverhalten erfolgt. Der Beschwerdeführer habe von der multimodalen psychiatrischen Behandlung mit psychopharmakologischen, ergo-, arbeits- und bewegungstherapeutischen Ansätzen sowie der psychodynamisch orientierten Gruppentherapie profitieren können. Medikamentös sei aufgrund eines Arzneimittelexanthems das Ausschlei
chen von
Trazodon
und die
Eindosierung
von
Mirtazapin
ohne unerwünschte Nebenwirkungen erfolgt. Ebenfalls habe im Rahmen der Behandlung der Ben
zo
diazepin-
A
bbau fortgesetzt werden können;
bei Austritt 0.5 mg
Temesta
pro Tag.
Insgesamt habe sich eine Teilremission bezüglich der Zielsymptomatik mit weiterhin leicht depressivem Zustandsbild bei teilweise dysfunktionalen Bewäl
tigungsstrategien, Rückzugsverhalten sowie
Somatisierungstendenzen
als Resi
du
al
symptome ergeben. Bei klinisch fehlendem Hinweis auf akute Selbst- oder Fremdgefährdung se
i
der Beschwerdeführer im gegenseitigen Einvernehmen in das ambulante Setting entlassen worden (S. 3)
.
Als Diagnosen
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
bestünden (
Ziff.
2.5):
-
Z56 Kontaktanlässe mit Bezug auf das Berufsleben
-
F32.1 Mittelgradige depressive Episode
Zur Arbeitsfähigkeit wurde ausgeführt, während der Behandlungszeit in der Tagesklinik habe eine Arbeitsunfähigkeit zu 100
%
bestanden. Über die aktuelle
und längerfristige Arbeitsfähigkeit könnten keine Angaben gemacht werden
(S. 1
oben)
.
3.4
Der Arzt des regionalen ärztlichen Dienstes (RAD) der Beschwerdegegnerin
D._
,
Facharzt für Psychi
atrie und Psychotherapie, führte in seiner Aktenbe
ur
tei
lung vom 1
1.
Juni 2019 aus (
Urk.
8/45/5-6), mit überwiegender Wahrschein
lich
keit liege kein dauerhaft die Arbeitsfähigkeit einschränkender Gesundheits
scha
den vor. In sämtlichen vorliegenden Dokumenten werde als Auslöser der Beschwerden
eindeutig
ein Konflikt am Arbeitsplatz benannt. Aufgrund des Kon
fliktes am Arbeitsplatz mit Ausweitung im Betrieb
(Vertraue
nsarzt, verschiedene Abteilungen und Mitarbeiter, Ankündigung rechtlicher Schritte) sei eine depres
sive Reaktion nachvollziehbar, welche im Rahmen einer Anpassungsstörung nachvollziehbar sei. Es liege somit ein psychosozialer Auslöser vor u
nd die Anpassungsstörung erfülle
nicht die Kriterien der Dauerhaftigkeit.
3.5
Im Bericht vom 2
5.
Juni 2020 führte
Dr.
Y._
aus (
Urk.
10 S. 2 f.), der Be
schwerdeführer habe bei unauffäll
iger psychosozialer Entwicklung
durch das ihm an seiner Arbeitsstelle erlittene Unrecht und die fortwährenden Kränkungen reaktiv eine mittelgradige bis schwere Depression entwickelt. Die Erkran
kung
unterliege entsprechend den äusseren
Umständen gewissen Schwankungen und
je nach Kränkungen oder andere
n Ereignissen gehe
es ihm etwas
besser oder auch wieder deutlich schlechter. Insgesamt
sei
im bis
herigen Verlauf aufgrund
der mangelnden Perspektiven und fortgesetzten Kränkung
en die Erkrankung statio
när bis leicht verschlechternd. Ä
tiologisch verantwortlich für den Krankheits
beginn
sei
en
die massiven
Kränkungen und Pannen zu Beginn und im Verlauf der Erkrankung. Der Beschwerdeführer erfahre von vielen Stellen, auch von staatlichen Institutionen, irritierende Entwertungen und Demütigungen. Erschwe
rend sei noch eine schwere Lungenerkrankung des Vaters und eine Krebserkran
kung der Mutter hinzugekommen. Man habe ihm im November 2018 gekündigt und e
s werde ihm vom ehemaligen Arbeitgeber ein Arbeitszeugnis verweigert, wegen der
Coronapandemie
und auch schon zuvor seien die gerichtlichen Vor
gänge nicht vorangekommen. Die Prognose sei vom weiteren Ablauf der recht
lichen Auseinandersetzungen abhängig. Insgesamt sei eher die Gefahr einer Chronifizierung des Leidens zu sehen. Als Diagnosen bestehe eine mittelgradige depressive Episode (ICD 10 F 32.1) seit September 201
7.
4.
4.1
Die medizinischen Akten
ergeben
, dass bis ins Jahr 2017
beim
damals 42jährig
en
Beschwerdeführer
keine
Hinweise auf
p
sychopath
ologische Befunde
bestanden haben
. Die medizinischen A
kten stimmen auch darin überein, dass Auslöser
und
die erstmalige Krankschreibung per
2
7.
September 2017
im Zusammenhang mit einem Konflikt am Arbeitsplatz
stehen
. Dabei
beschrieb
der Beschwerdeführer einer
seits, dass er einer
Mobbingsituation
mit
rassistische
n
Angriffe
n
gegen
seine Person
ausgesetzt
gewesen
und a
nderseits damit konfrontiert
w
o
rde
n sei
, dass
persönliche und zudem falsche
medizinische Daten durch den
Vertrauensarzt
der Firma auch
an den
mobbende
n
Kollege
n weitergegeben
wurden
und dieser
letztlich
auch noch sein
Vorgesetzter
geworden sei
.
Die Ärzte
legten dabei
dar, dass es seit diesen
Vorkommnisse
n
dem Beschwerdeführer
s
chlecht geht, er wütend ist, Gerechtigkeit
will
,
das Geschehen
e
nicht vergessen
k
ann
und er
gekränkt und inzwischen verbittert
ist
(vgl. E. 3.2 hiervor)
.
Während der Gut
achter der Krankentaggeldversicherung
Prof.
Dr.
Z._
die Symptomatik am ehesten einer
Anpassungsstörung mit vorwiegender Störung von anderen Ge
fühlen
zuordnete
(
ICD-10 F 43.2
),
diagnostizierte
der behandelnde Psychiater
Dr.
Y._
seit September 2017
eine
mittelgradige depressive Episode nach ICD-10
F 32.1
(vgl. E. 3.1 und E. 3.5).
E
ine mittelgradige depressive Episode
wurde auch anlässlich der t
agesklinische
n
Behandlung vom 3
0.
Juli bis
7.
Dezember 2018
durch die Ärzte des
C._
aufgeführt
,
somit die gleiche Diagnose, mit welcher
Dr.
Y._
den Beschwerdeführer dorthin über
wiesen hatte
.
Anh
altspunkte
, dass
sich die
Ä
rzte
des
C._
mit dem
Gutachten von Prof.
Dr.
Z._
auseinander
ge
setzt haben
respektive dieses ihnen
vorgelegen hat
, liegen nicht vor
.
Zudem konnte aufgrund der Behandlung
eine
Teilremission mit weiterhin leicht depressivem Zustandsbild
festgehalten werden (E. 3.3 hier
vor).
4.2
Ungeachtet der abweichenden Diagnosen
stimmen
die Ärzte
bei im Wesentlichen gleicher und se
it September 2017 unveränderter
–
nach der Behandlung im
C._
eher verbesserte
r
-
Befundlage
darin überein, dass die Konfliktsituation am Arbeitsplatz einerseits
das auslösende
und anderseits
das
die
Symptomatik aufrechterhaltende
Eleme
nt ist. Entsprechend
deutlich
erachten die Ä
rzte
denn auch
d
ie Prognose
beim Beschwerdeführer
als
vom weiteren Ablauf der recht
lichen Auseinandersetzungen
mit dem ehemaligen Arbeitgeber
abhängig
(vgl. E.
3.5 hiervor).
Vor dem Hintergrund dieser
evidenten psychosozialen Belas
tungs
situation ist
damit
ausgewiesen, dass
der Gesundheitszustand des Beschwer
deführers
vom Bestehen psychosozi
aler Faktoren abhängig ist und die
erhobenen Befunde in den psychosozialen und soziokulturellen Umständen ihre Erklärung
finden
.
Damit zeitigen die
soziale
n
Belastungen dire
kt negative funktionelle Folgen und
diese
können
bei der Beurteilung der Gesundheitsbeeinträchtigung
und
bei der Einschätzung de
r Arbeitsfähigkeit nicht berücksichtigt werden
(Urteil des Bundesgerichts 9C_740/2018 vom
7.
Mai
2019 E. 5.2.1;
8C_717/2018 vom 2
2.
März 2019 E. 3).
4.3
Vor diesem Hintergrund wies der RAD
Arzt
D._
in seiner Aktenbeurteilung (vgl. E. 3.4 hiervor) zu Recht darauf hin, dass
zwar aufgrund des Konflikts am ehemaligen Arbeitsplatz des Beschwerdeführers eine
depressive Reaktion
im Rahmen einer
Anpassungsstörung
nachvollziehbar
ist
, a
ufgrund des psychoso
zialen
Auslöser
s
und
der
Kriterien der Dauerhaftigkeit
jedoch
kein
Gesundheits
schaden vorliegt
,
für den die Invalidenversicherung einzustehen hat.
4.4
Zusammenfassend ist damit
aufgrund
der dominierenden psychosozialen Belas
tungssituation ein erheblicher funktioneller Schweregrad des Leidens im Verfü
gungszeitpunkt zu verneinen. Ein psychosozial bedingtes Beschwerdebild vermag zwar medizinisch die Diagnose einer
Anpassungsstörung, wie auch
die Diagnose
eine
r
depressive
n
Episode, aber rechtlich keine Invalidität zu begründen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_858/2017 vom 1
7.
Mai 2018, E. 3.2). Angesichts der klaren Aktenlage sind in diesem Zusammenhang von weiteren Abklärungen
auch
keine neuen Erkenntnisse zu erwarten, weshalb darauf zu verzichten ist (antizi
pierte Beweiswürdigung; BGE 124 V 90 E. 4b).
Die Beschwerdegegnerin hat demnach einen Leistungsans
pruch des Beschwerde
führers
gegenüber der Invalidenversicherung zu Recht verneint, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.