Decision ID: 1a8a1ff1-2982-510c-8222-03da2a5589c7
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Im August 2013 erteilte die Einwohnergemeinde Köniz der Beschwerdeführerin 1 die
Baubewilligung für die Aufstockung des Dachgeschosses ihres Einfamilienhauses und den
Bau eines Wintergartens auf dem Garagendach der Parzelle Köniz Gbbl. Nr. D._.
Nach mehreren Hinweisen aus der Nachbarschaft, wonach das Bauvorhaben nicht wie
bewilligt ausgeführt werde, und zwei Wiederherstellungsverfahren, führte die Gemeinde am
8. Oktober 2014 einen Augenschein durch. Dabei stellte sie unter anderem fest, dass die
Beschwerdeführerin 1 im Erdgeschoss südwestlich der Garage eine
Wohnraumerweiterung vorgenommen hatte. Mit Wiederherstellungsverfügung vom 1. Juni
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2015 ordnete sie – nebst anderen Massnahmen – den Rückbau des Erweiterungsbaus mit
Entfernung der südwestlichen und nordwestlichen Fassaden entsprechend dem bewilligten
Plan Erdgeschoss sowie die thermische Trennung des Wohnzimmers entlang der
verlängerten Innenwand der Garage an. Dagegen erhob die Beschwerdeführerin 1
Beschwerde bei der BVE (120/2015/40). Nach Abweisung der Beschwerde in Bezug auf
den Erweiterungsbau zog die Beschwerdeführerin 1 den Entscheid an das
Verwaltungsgericht weiter. Dieses beteiligte die Beschwerdeführerinnen 2 und 3 von Amtes
wegen am Verfahren, nachdem die Beschwerdeführerin 1 ihnen die Liegenschaft
geschenkt hatte. Das Verwaltungsgericht bestätigte den von den Vorinstanzen
angeordneten Rückbau des Erweiterungsbaus, hielt jedoch fest, der heutigen
Beschwerdeführerin 1 müsse Gelegenheit gegeben werden, allenfalls erforderliche
Massnahmen zur Sicherstellung der Tragfähigkeit der Betondecke, auf welcher der
bewilligte Wintergarten im Obergeschoss stehe, zu treffen. Sobald die Tragfähigkeit der
Decke sichergestellt sei, habe die Gemeinde eine neue Frist zum Rückbau des
Erweiterungsbaus anzusetzen. Mit diesen verbindlichen Weisungen wies es das Verfahren
zurück an die Gemeinde.1 Das Bundesgericht trat auf die dagegen erhobene Beschwerde
nicht ein, da es das Urteil des Verwaltungsgerichts als nicht anfechtbaren
Zwischenentscheid qualifizierte.2
Mit Verfügung vom 24. Juli 2017 nahm die Gemeinde Köniz das baupolizeiliche Verfahren
wieder auf und verpflichtete die Beschwerdeführerinnen, ein Gutachten einer anerkannten
Fachperson für Baustatik zur Frage einzureichen, ob und falls ja, welche statischen
Massnahmen zur Sicherstellung der Tragfähigkeit getroffen werden müssen, da die neu
erstellten Fassadenwände im Erweiterungsbau im Erdgeschoss entfernt werden müssten.
Das Gutachten habe zudem zu klären, welches die kostengünstigste Massnahme sei und
wie diese konkret umzusetzen sei. Die Gemeinde drohte den Beschwerdeführerinnen
zudem an, sie werde das Gutachten auf Kosten der Beschwerdeführerinnen von einer von
ihr bestimmten Fachperson erstellen lassen, sofern das Gutachten nicht innerhalb der
angesetzten Frist vollständig ausgeführt werde.
Die Gemeinde erachtete gemäss Schreiben vom 19. Juli 2018 das von den
Beschwerdeführerinnen eingereichte Gutachten sowie dessen Ergänzung als ungenügend.
Sie holte daher ein eigenes Gutachten ein. Mit Verfügung vom 19. November 2018
1 VGE 2016.52 vom 20.12.2016, insb. E. 5.3.3 2 BGer 1C_59/2017 vom 14.06.2017, E. 1.4 ff.
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verpflichtete die Gemeinde Köniz die Beschwerdeführerinnen unter solidarischer
Haftbarkeit, der Gemeinde die Kosten dieses Gutachtens in der Höhe von Fr. 1'952.05
innert 30 Tagen ab Eröffnung der Verfügung zu bezahlen. Gestützt auf das eingeholte
Gutachten verfügte die Gemeinde mit Wiederherstellungsverfügung vom 10. Dezember
2018 den Rückbau. Diese Verfügung haben die Beschwerdeführerinnen separat
angefochten (120/2019/4). Mit Entscheid vom 24. April 2019 hat die BVE diese
Beschwerde gutgeheissen, den Wiederherstellungsentscheid aufgehoben und das
Verfahren im Sinne der Erwägungen an die Gemeinde zurückgewiesen.
2. Gegen die Kostenauferlageverfügung vom 19. November 2018 erhoben die
Beschwerdeführerinnen am 20. Dezember 2018 Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und
Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie stellen folgendes Rechtsbegehren:
"Die angefochtene Verfügung des Bauinspektorats Köniz vom 19.11.2018 sei aufzuheben,
und es sei festzustellen dass
I. die Expertise der Weber + Brönnimann AG vom 12.10.2018 ungenügend ist, und
dass dieser nicht gefolgt werden kann/muss
II. die Kosten dieser Expertise vom Bauinspektorat Köniz zu tragen seien,
III. sich das Bauinspektorat Köniz auf die Expertise der IBK Ingenieurbüro Peter
Kienle GmbH zu stützen hat."
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet3, forderte die
Beschwerdeführerin 3 auf, die Beschwerde rechtsgültig zu unterzeichnen, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Die Beschwerdeführerin 3 reichte eine
rechtsgültig unterzeichnete Beschwerde nach. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den
Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
3 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
Nach Art. 49 BauG4 können baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 46 bis 49 BauG und
damit zusammenhängende Kostenverfügungen innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Beschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung der
Beschwerde zuständig. Den Beschwerdeführerinnen wurden in der angefochtenen
Verfügung Kosten auferlegt. Sie sind somit beschwert (Art. 65 VRPG5) und zur Beschwerde
legitimiert. Sie haben die Beschwerde form- und fristgerecht eingereicht. Die
Eintretensvoraussetzungen sind daher erfüllt. Da jedoch Kassationsgründe vorliegen, die
von Amtes wegen geprüft werden, genügt es, dass die Beschwerde rechtzeitig bei der BVE
als zuständige Rechtsmittelbehörde anhängig gemacht wurde.6
2. Kostenauferlage
a) Das Verwaltungsgericht bestätigte mit Urteil vom 20. Dezember 2016 den von den
Vorinstanzen angeordneten Rückbau des Erweiterungsbaus, hielt jedoch fest, der heutigen
Beschwerdeführerin 1 müsse Gelegenheit gegeben werden, allenfalls erforderliche
Massnahmen zur Sicherstellung der Tragfähigkeit der Betondecke, auf welcher der
bewilligte Wintergarten im Obergeschoss stehe, zu treffen. Sobald die Tragfähigkeit der
Decke sichergestellt sei, habe die Gemeinde eine neue Frist zum Rückbau des
Erweiterungsbaus anzusetzen. In diesem Sinne wies es das Verfahren an die Gemeinde
zurück.7 Mit Verfügung vom 24. Juli 2017 nahm die Gemeinde Köniz das baupolizeiliche
Verfahren wieder auf und verpflichtete die Beschwerdeführerinnen, ein Gutachten einer
anerkannten Fachperson für Baustatik zur Frage einzureichen, ob und falls ja, welche
statischen Massnahmen zur Sicherstellung der Tragfähigkeit getroffen werden müssen, da
die neu erstellten Fassadenwände im Erweiterungsbau im Erdgeschoss entfernt werden
müssten. Das Gutachten habe zudem zu klären, welches die kostengünstigste Massnahme
4 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 5 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 6 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 40 N. 1-3 7 VGE 2016.52 vom 20.12.2016, insb. E. 4.3.3, 4.4.3 und 5.3.3
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sei und wie diese konkret umzusetzen sei. Die Gemeinde drohte den
Beschwerdeführerinnen zudem an, sie werde das Gutachten auf Kosten der
Beschwerdeführerinnen von einer von ihr bestimmten Fachperson erstellen lassen, sofern
das Gutachten nicht innerhalb der angesetzten Frist vollständig ausgeführt werde. Da die
Gemeinde das von den Beschwerdeführerinnen eingereichte Gutachten sowie dessen
Ergänzung als ungenügend erachtete, holte sie ein eigenes Gutachten ein.8 Die Kosten für
dieses Gutachten auferlegt sie mit der vorliegend angefochtenen Verfügung den
Beschwerdeführerinnen. Sie begründet die Kostenauferlage in der angefochtenen
Verfügung damit, die Beschwerdeführerinnen als "in der Verfügung vom 24. Juli 2017
verpflichtete Personen" hätten die Kosten der Ersatzvornahme unter solidarischer
Haftbarkeit zu tragen. Sie verweist auf Art. 46 f. BauG sowie Art. 117 Abs. 2 VRPG.
b) Nach Art. 107 Abs. 1 VRPG setzt die Behörde allfällige Verfahrenskosten in der
Verfügung fest. Nach Art. 103 Abs. 1 VRPG bestehen die Verfahrenskosten aus einer
Pauschalgebühr. Für besondere Untersuchungen, Gutachten und dergleichen können
zusätzliche Gebühren erhoben werden. Gemäss Art. 103 Abs. 3 VRPG trägt vorläufig das
Gemeinwesen die Kosten für behördlich angeordnete Beweismassnahmen, wobei die
Behörde angemessenen Kostenvorschuss verlangen kann, wenn die Beweismassnahme
von einer Partei beantragt worden ist.
c) Die Gemeinde hat das Gutachten in Auftrag gegeben, um zu klären, ob und wenn ja
welche Massnahmen zur Stabilisierung der Betondecke nötig sind, bevor sie die
Wiederherstellung des Erweiterungsbaus verfügen kann. Damit handelt es sich bei den
Kosten für dieses Gutachten um Kosten für Beweismassnahmen im
Wiederherstellungsverfahren und nicht um Kosten für die Ersatzvornahme rechtskräftig
verfügter Massnahmen gemäss Art. 46 f. BauG. Die Gemeinde hat den
Beschwerdeführerinnen mit dem angefochtenen Entscheid zuerst die Kosten für das
Gutachten auferlegt. Erst mit Verfügung vom 10. Dezember 2018 hat sie die
Wiederherstellung verfügt. Damit hat die Gemeinde den Beschwerdeführerinnen die
Beweiskosten auferlegt, bevor sie über die Wiederherstellung entschieden hat. Mit
Entscheid vom 24. April 2019 hat die BVE zudem die Beschwerde gegen die
Wiederherstellungsverfügung gutgeheissen, diese aufgehoben und das Verfahren im Sinne
8 Schreiben vom 19. Juli 2018, pag. 47 Vorakten
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der Erwägungen an die Gemeinde zurückgewiesen, weil die Gemeinde die
Wiederherstellungsmassnahmen zu wenig konkretisiert hat.
Gemäss Art. 103 Abs. 3 VRPG muss das Gemeinwesen die Beweiskosten vorläufig tragen.
Ausgenommen sind Vorschüsse für Beweismassnahmen, welche die Parteien ausdrücklich
beantragt haben. Im vorliegenden Fall haben die Beschwerdeführerinnen die
Beweismassnahme nicht beantragt. Die Überbindung der Beweiskosten an die
Beschwerdeführerinnen, bevor die Vorinstanz über die Herstellung des rechtmässigen
Zustandes verfügt hat, widerspricht daher Art. 103 Abs. 3 VRPG.
3. Aufhebung von Amtes wegen
Die BVE ist befugt, ein Verwaltungs- und Beschwerdeverfahren von Amtes wegen
aufzuheben, wenn wesentliche Verfahrensgrundsätze derart verletzt sind, dass die richtige
Beurteilung unmöglich oder wesentlich erschwert wird (Art. 40 Abs. 1 VRPG). Das
Verfahren ist bis zum begangenen Fehler zurück aufzuheben.9
Die Vorinstanz hat gegen Art. 103 Abs. 3 VRPG verstossen, indem sie den
Beschwerdeführerinnen die Kosten für das Gutachten nicht zusammen mit dem Entscheid
über die Wiederherstellung auferlegt hat. Die Kostentragungspflicht hat einen direkten
Zusammenhang mit dem Endentscheid in der Sache, weshalb darüber zusammen
entschieden werden muss. Dies gilt auch für den vorliegenden Fall. Der angefochtene
Entscheid ist daher aufzuheben und die Angelegenheit an die Gemeinde zurückzuweisen.
Die Gemeinde wird in der Endverfügung des Wiederherstellungsverfahrens die
Verfahrenskosten neu verlegen müssen.
4. Verfahrenskosten
Die Verfahrenskosten werden auf eine Pauschalgebühr von Fr. 800.-- bestimmt (Art. 103
Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV10).
9 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 40 N. 7 10 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
RA Nr. 120/2018/82 7
Zur Kostenliquidation enthält Art. 40 VRPG keine besondere Regel, weshalb die
allgemeinen Grundsätze für die Kostenverlegung gelten. Für Kassationsentscheide
gestützt auf Art. 40 VPRG sind in der Regel weder Verfahrenskosten zu erheben noch
Parteikosten zu sprechen.11 Es werden daher keine Verfahrenskosten erhoben (Art. 108
Abs. 2 VRPG). Parteikosten sind keine zu sprechen, da keine Partei durch einen Anwalt
vertreten war.