Decision ID: b8e7c7a8-8a05-465c-ae10-7e8daf9ac173
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
Der 1982 geborene Beschwerdeführer ist als selbstständig Erwerbender
freiwillig bei der Beschwerdegegnerin nach UVG gegen Unfallfolgen versi-
chert. Am 30. April 2017 stürzte er beim Gleitschirmfliegen ab und verletzte
sich dabei. Die Beschwerdegegnerin anerkannte ihre Leistungspflicht für
diesen Unfall und richtete hierfür vorübergehende Leistungen aus. Mit Mit-
teilung vom 10. Februar 2021 stellte sie diese per 28. Februar 2021 ein. Mit
Verfügung vom 22. September 2021 sprach sie ihm sodann mit Wirkung ab
1. März 2021 eine auf einer Erwerbsunfähigkeit von 24 % basierende Inva-
lidenrente und eine Integritätsentschädigung für eine Integritätseinbusse
von 5 % zu. Die dagegen erhobene Einsprache wies sie mit Einsprache-
entscheid vom 31. März 2022 ab.
2.
2.1.
Dagegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 5. Mai 2022 bei
der Beschwerdegegnerin fristgerecht Beschwerde, welche diese mit
Schreiben vom 17. Mai 2022 zuständigkeitshalber an das Versicherungs-
gericht weiterleitete. In seiner Beschwerde beantragte der Beschwerdefüh-
rer sinngemäss die Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheides
sowie die Zusprache einer Invalidenrente auf der Basis einer Erwerbsein-
busse von 38.25 % und einer Integritätsentschädigung auch für die psychi-
schen Folgen des Unfalls.
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 31. Mai 2022 beantragte die Beschwerdegegne-
rin die Abweisung der Beschwerde.
2.3.
Mit Eingabe vom 19. August 2022 beantragte die Beschwerdegegnerin so-
dann, die Beschwerde sei in dem Sinne gutzuheissen, dass die Sache zur
weiteren Abklärung an sie zurückzuweisen sei. Dieses Schreiben wurde
dem Beschwerdeführer mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 23. Au-
gust 2022 zur Kenntnisnahme zugestellt.
2.4.
Mit Beschluss vom 29. September 2022 stellte das Versicherungsgericht
den Parteien die Rückweisung der Sache zur weiteren Abklärung und an-
schliessenden Neuverfügung in Aussicht und setzte eine Frist von 10 Ta-
gen zur allfälligen Stellungnahme oder zum allfälligen Rückzug der Be-
schwerde an. Die Parteien liessen sich in der Folge nicht vernehmen.
- 3 -

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Die Beschwerdegegnerin führte in ihrem Schreiben vom 19. August 2022
aus, nach erneuter Prüfung der Beschwerde vom 5. Mai 2022 sowie auf-
grund der Stellungnahme des Versicherungsmediziners Dr. med. C.,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Praktischer Arzt, vom
19. Mai 2022, sei sie zur Auffassung gelangt, dass weitere medizinische
Abklärungen im Sinne einer externen Begutachtung erforderlich seien. Am
Einspracheentscheid vom 31. März 2022 (Vernehmlassungsbeilage
[VB] 364) könne daher nicht festgehalten werden. Die Beschwerde sei so-
mit in dem Sinne gutzuheissen, dass die Sache zu weiteren Abklärungen
an sie zurückzuweisen sei.
2.
2.1.
Die Beschwerdegegnerin stützte sich bei der Zusprache der auf einem In-
validitätsgrad von 24 % beruhenden Invalidenrente per 1. März 2021 und
der Entschädigung für eine Integritätseinbusse von 5 % in medizinischer
Hinsicht im Wesentlichen auf die Beurteilungen ihres Kreisarztes
med. pract. D., Facharzt für Chirurgie, vom 22. November 2019 sowie des
Arztes ihres agenturärztlichen Dienstes Dr. med. E., Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie, vom 22. März 2020. Med. pract. D. hielt
fest, aus chirurgischer Sicht liege ein medizinisch stabiler Zustand vor; die
kreisärztliche Untersuchung (vom 20. November 2019) könne als Ab-
schlussuntersuchung angesehen werden. Von weiteren Behandlungen sei
aktuell mit überwiegender Wahrscheinlichkeit keine namhafte Besserung
des unfallbedingten Gesundheitszustandes mehr zu erwarten. Der Be-
schwerdeführer sei in einer angepassten Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig
(VB 220). Die aus dem Unfall resultierende leichte bis mässige Ellbogen-
arthrose rechts mit nur leichter Einschränkung der Funktion des Ellbogen-
gelenks stelle einen Integritätsschaden von 5 % dar (VB 221 S. 1).
Dr. med. E. führte sodann im Wesentlichen aus, der Beschwerdeführer
leide an einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren und einer depressiven Episode; diese psychischen
Störungen stünden zum Gleitschirmunfall vom 30. April 2017 in einem
"natürliche[n], teilkausale[n] Zusammenhang". Von weiteren Behandlungs-
massnahmen könne "nicht erwartet werden, dass diese in den nächsten
zwei bis drei Jahren mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zu einer
erheblichen, anhaltenden Verbesserung der psychischen Unfallfolgen und
den darauf beruhenden Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit führen"
würden (VB 235 S. 32). Aufgrund der aussergewöhnlichen, komplexen
Gesamtsituation sei es nicht möglich, die Arbeitsfähigkeit in zeitlicher und
leistungsmässiger Hinsicht medizinisch-theoretisch präzise mit einer Zahl
- 4 -
zu beurteilen. Die zeitliche Belastbarkeit sei "zurzeit am ehesten um rund
40 % vermindert" (VB 235 S. 34).
2.2.
Aufgrund eines nach Erlass des Einspracheentscheids vom 31. März 2022
eingegangenen Berichts der behandelnden Psychologin vom 9. Mai 2022
(VB 368) legte die Beschwerdegegnerin das Dossier Dr. med. C., Ab-
teilung Versicherungsmedizin, vor zur Beurteilung der Frage, ob – und be-
jahendenfalls in welchem Umfang – in psychischer Hinsicht eine durch den
Unfall bedingte Integritätseinbusse vorliege. Dr. med. C. führte in seiner
Stellungnahme vom 19. Mai 2022 zusammengefasst aus, diese Frage
lasse sich auf der Grundlage des "nichtmedizinische[n] Bericht[s]" der Psy-
chologin nicht beurteilen. Eine "inhouse" Untersuchung des Beschwerde-
führers halte er nach Durchsicht des Dossiers nicht für zielführend, da die
bisherigen Einschätzungen von Dr. med. E. sehr wahrscheinlich nicht
gestützt werden könnten. Es würden dann zwei unterschiedliche "Inhouse"
Beurteilungen des gleichen medizinischen Sachverhaltes vorliegen, was
"in der Fallsteuerung ungünstig" sei. Er schlage daher vor, im Hinblick auf
den Fallabschluss eine "therapeutenunabhängige" externe Begutachtung
des Beschwerdeführers zu veranlassen, in welcher die Fragen der Kausa-
lität, Arbeitsfähigkeit und Integritätsentschädigung zu klären seien (VB 369
S. 2).
2.3.
Aufgrund des Gesagten liess sich im Zeitpunkt des Erlasses des angefoch-
tenen Einspracheentscheids gestützt auf die vorhandenen medizinischen
Akten nicht zuverlässig beurteilen, inwiefern der Beschwerdeführer auf-
grund der physischen und psychischen Folgen des Unfalls vom 30. April
2017 noch über den 28. Februar 2021 hinaus in seiner Arbeitsfähigkeit
(auch) in einer angepassten Tätigkeit beeinträchtigt ist und in welchem
Ausmass er eine dauernde erhebliche Schädigung der körperlichen, geis-
tigen oder psychischen Integrität aufweist (vgl. Art. 24 Abs. 2 UVG). Vor
diesem Hintergrund gelangte die Beschwerdegegnerin am 19. August
2022 zu Recht zum Schluss, dass zur Beurteilung des Leistungsanspruchs
des Beschwerdeführers ab dem 1. März 2021 weitere medizinische Abklä-
rungen erforderlich seien.
2.4.
Demnach ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen und die Sache an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese weitere medizinische
Abklärungen treffe und danach über einen allfälligen über den 1. März 2021
hinaus bestehenden Anspruch des Beschwerdeführers auf Leistungen auf-
grund vorhandener physischer und psychischer Beeinträchtigungen neu
verfüge, soweit diese in einem natürlichen und adäquaten Kausalzusam-
menhang zum Unfall vom 30. April 2017 stehen (vgl. dazu BGE 148 V 301
E. 4.5.2 S. 310; 115 V 135).
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3.
3.1.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. fbis ATSG).
3.2.
Der obsiegende Beschwerdeführer, welcher nicht anwaltlich vertreten ist,
hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung. Für persönlichen Ar-
beitsaufwand und Umtriebe wird grundsätzlich keine Entschädigung aus-
gerichtet (BGE 129 V 113 E. 4.1 S. 116; 110 V 134 E. 4d S. 134).