Decision ID: 757dc49b-9570-4315-ac58-a5dba9e1f181
Year: 2009
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
G._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. rer. publ. Michael B. Graf, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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Rente
Sachverhalt:
A.
A.a G._, Jahrgang 1959, meldete sich im Juni 2003 wegen eines Rückenleidens zum
Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung (IV) an (IV-act. 1). Seine Arbeit als
Mitarbeiter in der Blechbearbeitung bei der A._ AG war ihm per Ende Juni 2003 aus
gesundheitlichen Gründen gekündigt worden (IV-act. 15-1; 15-4). Mit Verfügung vom
8. Januar 2004 lehnte die IV-Stelle einen Rentenanspruch bei einem Invaliditätsgrad
von 37% ab (IV-act. 30). Auf Einsprache von Rechtsanwalt lic. rer. publ. Michael B.
Graf vom 6. Februar 2004 (IV-act. 34) widerrief die IV-Stelle diese Verfügung am
16. März 2004 (IV-act. 50) und gab beim Ärztlichen Begutachtungsinstitut GmbH, Basel
(ABI), eine polydisziplinäre Begutachtung des Versicherten in Auftrag. Im ABI-
Gutachten vom 14. April 2005 finden sich insbesondere folgende Diagnosen:
chronisches lumbovertebrales Schmerzsyndrom ohne radikuläre Symptomatik,
chronisch zervikozephales Schmerzsyndrom ohne radikuläre Symptomatik, Asthma
bronchiale, Angst und depressive Störung, gemischt. Für die angestammte schwere
körperliche Tätigkeit bestehe volle Arbeitsunfähigkeit. In einer optimal adaptierten
Tätigkeit sei der Versicherte hingegen voll arbeitsfähig (IV-act. 82-17 f.).
A.b Gestützt auf dieses ABI-Gutachten verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom
6. Juni 2005 einen Rentenanspruch des Versicherten (IV-act. 88). Einer erneuten
Einsprache des Versicherten (IV-act. 91; 100) folgte am 21. September 2005 wiederum
ein Widerruf der Verfügung (IV-act. 105). Vom 20. September 2005 bis 11. Oktober
2005 hielt sich der Versicherte stationär in der Klinik für Rheumatologie und
Rehabilitation des Bewegungsapparates in Valens auf. Im Bericht vom 18. Oktober
2005 werden unter anderem die Diagnosen somatoforme Schmerzstörung bei
chronischem zerviko-zephalen und lumbospondylogenen Schmerzsyndrom links,
Abwesenheitszustände im Rahmen einer Konversionsstörung und COPD genannt (IV-
act. 137-1). Im Auftrag der IV-Stelle wurde der Versicherte am 4. April 2006 erneut im
ABI begutachtet. Das Gutachten vom 9. Mai 2006 ist in Bezug auf die Diagnosen und
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die Arbeitsfähigkeitsschätzung identisch mit dem ersten Gutachten vom 14. April 2005
(IV-act. 145-20 ff.).
A.c Die IV-Stelle stellte dem Versicherten mit Vorbescheid vom 12. Juli 2006 erneut die
Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht (IV-act. 155). Mit Einwand vom 20. Juli
2006 liess der Versicherte das Gutachten kritisieren und einen Bericht der HNO-Klinik,
Hals- und Gesichtschirurgie, des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) vom 28. Juni 2006
einreichen. Darin wird der Verdacht auf Morbus Menière links geäussert (IV-act. 158;
159). Dr. med. B._, Facharzt FMH für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie
des Bewegungsapparates, betrachtete adaptierte Tätigkeiten im Arztbericht vom
14. September 2006 als zu 100% zumutbar. Aufgrund des chronischen
Schmerzsyndroms sei jedoch von einer reduzierten Arbeitsfähigkeit auszugehen (IV-
act. 163-3). Die IV-Stelle beauftragte das ABI mit einer HNO-ärztlichen Abklärung, die
am 12. Juni 2007 stattfand. Der ABI-Gutachter Dr. med. C._, Facharzt FMH für Oto-
Rhino-Laryngologie, diagnostizierte im Bericht vom 5. Juli 2007 eine vestibulo-
cochleäre Funktionsstörung links im Sinn eines Morbus Menière links. Sturzgefährdete
Arbeiten, das berufsmässige Führen eines Kraftfahrzeugs und eine auditiv
qualifizierende Tätigkeit mit höheren auditiven Anforderungen sowie Anforderungen an
das Richtungshören seien für den Versicherten nicht geeignet. In einer angepassten
Tätigkeit mit diesen qualitativen Einschränkungen wäre eine Arbeits- und
Leistungsfähigkeit von 70% zumutbar (IV-act. 188-5). Dr. med. D._, Facharzt FMH für
Innere Medizin, berichtete am 28. September 2007, er sei der hartnäckigen und
therapierefraktären Lumboischialgie links, für die nie eine eindeutige Erklärung
gefunden worden sei, nachgegangen und habe ein funktionelles MRI der LWS
anfertigen lassen. Durch den ausgeprägt engen Spinalkanal auf Höhe L4/5 beidseits
seien die linksseitigen Beinschmerzen wohl erklärt. Interessanterweise habe der
Versicherte rechts eine intraforaminale, kleine, luxierte Diskushernie ebenfalls auf Höhe
L4/5, die aber anscheinend auch symptomatisch sei. Die Frage, ob dem Versicherten
adaptierte Tätigkeiten zumutbar wären, könne er nicht beantworten (IV-act. 196-2 f.).
Eine Rückfrage der IV-Stelle zum ABI-Teilgutachten von Dr. C._ beantwortete dieser
am 6. Dezember 2007 (IV-act. 202). Dr. med. E._, Facharzt FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie, berichtete am 9. Februar 2008 von einer mehrjährigen anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung mit Impulsdurchbrüchen vor dem Hintergrund einer
Verarbeitungsstörung bei somatischen Problemen sowie familiären und persönlichen
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Konflikten und nannte die Differentialdiagnose der posttraumatischen
Belastungsstörung. Der Versicherte sei für jegliche Tätigkeit voll arbeitsunfähig (IV-
act. 204-5; 204-8).
A.d Mit Vorbescheid vom 11. Juli 2008 kündigte die IV-Stelle an, dem Versicherten bei
einem Invaliditätsgrad von 40% ab 1. Juni 2007 eine Viertelsrente zusprechen zu
wollen (IV-act. 215). Trotz widersprechenden Einwands des Rechtsvertreters des
Versicherten vom 12. September 2008 (IV-act. 220) verfügte die IV-Stelle am 14. No
vember 2008 gemäss Vorbescheid (act. G 1.1.1).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde des Rechtsvertreters des
Versicherten vom 5. Januar 2009. Er beantragt die Aufhebung der Verfügung und die
Ausrichtung einer ganzen Rente samt Kinderrenten ab Juni 2002. Dem
Beschwerdeführer sei die unentgeltliche Rechtsverbeiständung und Rechtspflege zu
gewähren, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Bei der ersten ABI-Begutachtung
seien die Gutachter fälschlicherweise von einer mangelhaften Compliance in Bezug auf
die Einnahme des Medikaments Zoloft ausgegangen. Sie hätten dabei übersehen, dass
die behandelnde Psychiaterin das Medikament umgestellt habe. Nach allgemeiner
Lebenserfahrung habe die vermeintliche Falschaussage des Beschwerdeführers dazu
geführt, dass die Gutachter ihm überhaupt nicht mehr geglaubt hätten. Entsprechend
hätten sie die von ihm geschilderten Beschwerden nicht ernst genommen. Zudem sei
keine bildgebende Diagnostik vorgelegen, welche angesichts der Beschwerden für eine
korrekte Diagnosestellung unverzichtbar gewesen wäre. Das zweite Gutachten des ABI
zementiere die Einschätzung im ersten Gutachten. Entgegen den Berichten der
behandelnden und konsiliarisch urteilenden Fachärzte werde eine Verschlechterung
des Gesundheitszustands verneint. Die ABI-Gutachter hätten den Beschwerdeführer
auch hinsichtlich Schwindel nicht ernst genommen und hätten nicht gemerkt, dass er
an einem Morbus Menière leide. Die eindeutigen Pathologien der LWS, die das
funktionelle MRI vom August 2007 ergeben habe, seien von der Beschwerdegegnerin
nicht berücksichtigt worden. Die vom behandelnden Psychiater attestierte
Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustands des Beschwerdeführers
scheine die Beschwerdegegnerin nicht zur Kenntnis genommen zu haben. Selbst wenn
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von einer Restarbeitsfähigkeit auszugehen wäre, hätte die Beschwerdegegnerin den
Invaliditätsgrad falsch berechnet. Dem Beschwerdeführer sei ein Leidensabzug von
25% zuzugestehen (act. G 1). Am 20. Januar 2009 liess der Beschwerdeführer das
Gesuchsformular für die unentgeltliche Prozessführung einreichen (act. G 4).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt mit Beschwerdeantwort vom 24. Februar 2009
die Abweisung der Beschwerde. Die Berichte der HNO-Klinik des KSSG seien vom ABI
hinreichend gewürdigt worden. Das Gutachten sei von einem qualifizierten
Begutachtungsinstitut vorgenommen worden und basiere auf einer umfassenden
Kenntnis des Sachverhalts. Insgesamt entspreche es den Anforderungen der
Rechtsprechung. Der Arztbericht von Dr. B._ vom 14. September 2006 stimme mit
der Konklusion des ABI überein. Gemäss Bericht der Rheumatologie des KSSG vom
8. Juli 2008 sei eine klare Zuordnung der LWS-Beschwerden und strukturellen
Störungen nicht sicher möglich. Laut Stellungnahme des IV-internen Regionalen
Ärztlichen Dienstes (RAD) vom 4. November 2008 bestätige die Rheumatologie, dass
vor allem die Schmerzausweitung bei muskulärer Dekonditionierung und nicht
somatische Begleitfaktoren im Vordergrund stünden. Dr. E._habe in seinem Bericht
vom 9. Februar 2008 den bereits bekannten medizinischen Sachverhalt beschrieben.
Seine Einschätzung vermöge keine Zweifel an der Richtigkeit der Angaben im
Gutachten zu wecken noch die Angaben im Gutachten zu widerlegen und selbst zu
überzeugen. Betreffend Bemessung des Invaliditätsgrads betont die
Beschwerdegegnerin, sie habe einen Leidensabzug von 10% berücksichtigt. Ein
höherer Abzug sei nicht gerechtfertigt (act. G 5).
B.c Der zuständige Abteilungspräsident bewilligte am 26. Februar 2009 des Gesuch
um unentgeltliche Prozessführung (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung
der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung; act. G 7).
B.d Mit Schreiben vom 3. März 2009 wies der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
das Gericht darauf hin, dass Dr. D._ dem Beschwerdeführer neu das opioide
Analgetikum Oxycontin verschrieben habe, und beantragt die Einholung eines
Verlaufsberichts (act. G 8).
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B.e Am 27. März 2009 ersuchte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers um
Anordnung einer Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL). Dies werde vom
KSSG unterstützt (act. G 10).
B.f Auf Aufforderung des Gerichts reichte die Beschwerdegegnerin am 23. April 2009
unter anderem ein Schreiben von Dr. D._ vom 16. Februar 2009 ein, in dem dieser
erklärt, nicht bereit zu sein, den Versicherten für eine EFL anzumelden. Es sei nicht
geregelt, wer die Kosten übernehmen würde und zudem gehe er mit Sicherheit davon
aus, dass dies sowieso scheitern würde (act. G 12.1).
B.g Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers reichte dem Gericht am 4. Mai 2009
einen Bericht von Prof. Dr. med. F._ vom 22. April 2009 ein (act. G 14).

Erwägungen:
1.
1.1 Angefochten ist eine Verfügung, die nach Inkrafttreten der 5. IV-Revision am
1. Januar 2008 ergangen ist. Mangels einer übergangsrechtlichen Norm rechtfertigt es
sich allerdings, für die vor diesem Zeitpunkt massgebenden Verhältnisse
(Rentenanspruch mit Anspruchsbeginn bei Anmeldung unter altem Recht) die im
Folgenden zitierten, bis zum 31. Dezember 2007 gültig gewesenen Bestimmungen
anzuwenden.
1.2 Mit der angefochtenen Verfügung vom 14. November 2008 hat die
Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer ab 1. Juni 2007 eine Viertelsrente
zugesprochen. Der Beschwerdeführer lässt die Zusprechung einer höheren Rente (ab
einem früheren Zeitpunkt) beantragen. Strittig ist demnach zunächst der
Rentenanspruch. Zum Streitgegenstand gehört aber notwendigerweise auch die Frage,
ob die Verwaltung den Grundsatz "Eingliederung vor Rente" beachtet hat.
2.
2.1 Unter Invalidität wird bei als Gesunden voll erwerbstätigen Personen die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
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Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Erwerbsunfähigkeit
ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG). Der Grad der für einen allfälligen
Rentenanspruch massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16 ATSG durch einen
Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die versicherte Person
nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der notwendigen und
zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen
könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Einkommen,
das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Nach aArt. 28 Abs. 1 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn der Versicherte mindestens zu 70%, derjenige auf eine
Dreiviertelsrente, wenn er wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von
mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-Grad
von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
2.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 Erw. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von
Amtes wegen festzustellen und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel
eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Leistungsanspruches gestatten.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für
die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden
ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 Erw. 3a).
3.
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Nachfolgend ist auf die medizinische Aktenlage einzugehen.
3.1
3.1.1 Im ersten ABI-Gutachten vom 14. April 2005 erwähnte der orthopädische
Teilgutachter unter Verweis auf einen nicht näher bezeichneten Bericht über eine MR-
Tomographie am KSSG Diskusdegenerationen auf mehreren Ebenen ohne sichere
Zeichen einer Kompression neuraler Strukturen. Knöcherne Strukturanomalien oder
Zeichen einer Instabilität lägen nicht vor, was sich gut mit dem klinischen Befund in
Übereinstimmung bringen lasse. Die vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden
würden sich durch die objektivierbaren Befunde aus somatischer Sicht nur sehr
unzureichend erklären lassen. Insbesondere müsse der Verdacht auf eine erhebliche
Selbstlimitierung gestellt werden. Festgehalten wurden darüber hinaus Hinweise des
Beschwerdeführers auf Schwindel, Übelkeit und zeitweiliges Schwarzsehen (IV-
act. 82-12). Auffällig ist, dass dem Gutachter offenbar kein einziges Röntgen- oder
sonstiges Bild vorlag. Er hielt fest, dass ein für den 9. März 2004 (gemeint wohl: 2005)
geplantes MRT nicht stattgefunden habe. Aufgrund der schon seit langem
bestehenden, weitgehend unveränderten Beschwerden und der fehlenden klinischen
Hinweise auf das Vorliegen einer neurologischen Ausfallsymptomatik sei allerdings
fraglich, ob durch eine weitere MRT neue Erkenntnisse gewonnen werden könnten (IV-
act. 82-11).
3.1.2 Im zweiten ABI-Gutachten vom 9. Mai 2006 wurde offenbar Einblick in MRI-Bilder
der LWS vom 13. Mai 2004 genommen und eine diskrete Dehydratation der
Bandscheiben L4/5 und L5/S1 beschrieben. Weiter wurde auf eine Diskusprotrusion
L4/5 rechtsbetont sowie L5/S1 verwiesen ohne relevante Myelon- oder
Neurokompression insbesondere nicht linksseitig (IV-act. 145-14). Erneut wurde das
Schmerzverhalten als überwiegend inadäquat und ungewöhnlich beschrieben. Der
orthopädische Teilgutachter erkannte ein deutliches Aggravationsverhalten mit
wechselnden Befunden bei bewusster und unbewusster Untersuchung mit
Ablenkungsmanöver. Die vorgesehene, schliesslich aber nicht durchgeführte MRI-
Bildgebung vom April 2005 sei irrelevant, da auch bei einer möglichen
Foraminalstenose mit Konsequenzen eine entsprechende Neurologie sowie auch
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typische Schmerzausbreitung vorliegen müsste (IV-act. 145-
15 f.).
3.1.3 Aufgrund der Klaustrophobie des Beschwerdeführers wurde die
Kernspintomographie der Wirbelsäule schliesslich am 17. August 2006 unter Narkose
durchgeführt. Es zeigten sich dehydrierte Disci in den Lumbalsegmenten L4/5 und L5/
S1 mit geringgradig nicht komprimierender breitbasiger Diskushernie. Eine
Kompression neuraler Strukturen wurde nicht nachgewiesen (IV-act. 163-7). Ein
funktionelles MRI vom 30. August 2007 zeigte eine bei kurzen Pedikeln anlagebedingte
Enge des Spinalkanals und der Neuroforamina, eine dehydrierte, nur leicht
höhengeminderte Bandscheibe L4/5 mit diskreter Spondylose und einer breitbasigen
Protrusion, die zusammen mit den ausgeprägten Hypertrophien der Ligg. flava im
Rahmen der Spondylarthrosen zu einer ausgeprägten birezessalen Stenose und einer
Einengung des Duralschlauches auf etwa 8mm in den Medianen führe. Zudem finde
sich in Höhe L4/5 eine breitbasige foraminale Diskushernie rechts, die an die L4-Wurzel
heranreiche, die allerdings noch partiell von einer Fettlamelle umgeben sei (IV-
act. 196-5). Dr. D._ bezeichnete die linksseitigen Beinschmerzen durch diese
Befunde am 28. September 2007 als "wohl erklärt" (IV-act. 196-2). Seitens des KSSG
wurde am 8. Juli 2008 festgehalten, bei einer Kernspintomographie vom 18. Mai 2007
habe sich eine subligamentäre breitbasige Hernierung der Bandscheibe L5/S1 mit
Kontakt zur Nervenwurzel S1 beidseits und vermuteter intermittierender
Nervenwurzelirritation sowie mässige Spondylarthrosen der unteren LWS gezeigt, in
der lumbalen Myelographie und im Myelo-CT vom 22. Mai 2007 sei eine bilateral
leichte Verkürzung der Nervenwurzel rechtsseitig bei ansonsten sich unauffällig
darstellenden Nervenwurzeln und allseits normal weitem Spinalkanal aufgefallen. Das
lumbospondylogene Schmerzsyndrom könne einer lumbalen Strukturstörung nicht klar
zugeordnet werden (IV-act. 226-2 f.).
3.1.4 Im zweiten ABI-Gutachten vom 9. Mai 2006 war Bildgebung als unnötig
betrachtet worden. Die Bilder vom 30. August 2007 zeigten schliesslich jedoch neben
einer Diskushernie und anderen Befunden eine ausgeprägte birezessale Stenose.
Demgegenüber wird im Bericht des KSSG vom 8. Juli 2008 auf einen normal weiten
Spinalkanal verwiesen (IV-act. 226-2). Das funktionelle FMRI vom 30. August 2007, das
im FMRI Zentrum in Zürich angefertigt worden war (IV-act. 196-5), lag dem KSSG
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offenbar nicht vor. Insgesamt ist das Bestehen einer Stenose und damit verbundenen
Nervenwurzelkompressionen jedenfalls möglich, wodurch die vom ABI als nicht
objektivierbar bezeichneten Schmerzangaben des Beschwerdeführers allenfalls
objektiviert werden könnten. Seitens des KSSG wurde nicht zuletzt aus diagnostischen
Gründen eine Facettengelenksinfiltration vorgeschlagen. Das erhöht gefundene, hoch
sensible Capsel-reaktive Protein (CRP) in Verbindung mit einer anhaltenden
Bandscheibendegeneration könne auch Ausdruck einer vermehrten lokalen
entzündlichen Reizung sein, wozu seitens des KSSG als therapeutische Option eine
Spondylodese, also eine Wirbelkörperversteifung, vorgeschlagen wurde, zumal eine
intermittierende Reizung tief lumbaler Nervenwurzeln nicht sicher auszuschliessen sei
(IV-act. 226-3). Bei der aktuellen Aktenlage lässt sich nicht mit hinreichender
Wahrscheinlichkeit beurteilen, ob die Rückensituation des Beschwerdeführers sich
einschränkend auf dessen Arbeitsfähigkeit auswirkt und wenn ja, in welchem Ausmass.
Diesbezüglich sind weitere Abklärungen angezeigt, wobei es notwendig scheint, dass
im Rahmen der Begutachtung sämtliche MRI-/CT-Aufnahmen verfügbar sind und
gegebenenfalls aktuelle Bilder erstellt werden. Dabei ist sinnvollerweise abzuklären, ob
die von Prof. Dr. med. F._ gemäss seinem Schreiben vom 4. Mai 2009 geplanten
MRT- und Röntgenbilder erstellt wurden (vgl. act. G 14.1).
3.2
3.2.1 Im Juni 2006, also nur kurze Zeit nach der zweiten ABI-Begutachtung vom April
2006, fand in der HNO-Klinik des KSSG eine Vestibularisabklärung statt, die einen
Verdacht auf Morbus Menière links, möglicherweise auch beidseitig, ergab. Die bereits
seit einem Unfall 2002 bestehenden Schwindelbeschwerden hätten zugenommen.
Wegen massiven Drehschwindels musste der Beschwerdeführer sich wiederholt in der
Notfallambulanz des KSSG vorstellen. Gemäss Bericht der HNO-Klinik des KSSG vom
28. Juni 2006 wurde aufgrund der Kraftminderung und Sensibilitätsstörung im Bereich
der linken Körperhälfte eine neurologische Untersuchung als angezeigt erachtet (IV-
act. 157).
3.2.2 Der ABI-Teilgutachter Dr. C._ diagnostizierte am 5. Juli 2007 eine vestibulo-
cochleäre Funktionsstörung links im Sinn eines Morbus Menière links. Eine Vorhersage
über den weiteren Verlauf sei schwierig. Normalerweise seien die Beschwerden
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progredient mit Zunahme der Anfallhäufigkeit und des Hörverlustes, andererseits
kämen sogenannte ausgebrannte Formen vor mit Sistieren der anfallsartigen
Drehschwindelbeschwerden. Die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers sei qualitativ
und quantitativ vermindert im Sinn, dass sturzgefährdende Arbeiten und das
berufsmässige Führen eines Kraftfahrzeugs für den Beschwerdeführer nicht geeignet
seien. Des Weiteren sei eine auditiv qualifizierende Tätigkeit mit höheren auditiven
Anforderungen sowie Anforderungen an das Richtungshören nicht geeignet. Ein
erhöhter Umgebungsgeräuschpegel mit zusätzlicher Verschlechterung der auditiven
Funktion und eine chronische Exposition gegenüber gehörgefährdendem Lärm sollte
zudem vermieden werden. In einer derart angepassten Tätigkeit wäre dem
Beschwerdeführer eine Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 70% zumutbar (IV-
act. 188-5).
3.2.3 Das Gutachten von Dr. C._ enthält keine Angaben zum Beginn der attestierten
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Der Gutachter wies darauf hin, bis zu
Begutachtung sei es zu drei bis fünf Drehschwindelattacken von drei bis vier Stunden
Dauer gekommen, wobei diese auch kürzer oder länger andauern könnten (IV-
act. 188-4). Die Ärzte der HNO-Klinik des KSSG berichteten im Schreiben vom
12. Januar 2007 hingegen von bis dato drei Schwindelanfällen von jeweils zwei bis drei
Wochen Dauer (IV-act. 176). Dr. C._ hat sich in seiner Stellungnahme vom
6. Dezember 2007 dazu zwar geäussert (IV-act. 202). Ob in seine
Arbeitsfähigkeitsschätzung tatsächlich längerdauernde Schwindelattacken Eingang
fanden, ist aber zumindest fraglich. Auch diesbezüglich sind weitere Abklärungen
angezeigt.
3.2.4 Bereits bei der ersten ABI-Begutachtungen vom 8. März 2005 hatte der
Beschwerdeführer von Schwindel, Übelkeit und Brechreiz sowie Schwarzsehen
berichtet (IV-act. 82-9). Diese Angaben hatten jedoch nicht zu einer Abklärung in
Richtung Morbus Menière geführt. Auch hier lag also eine organische Ursache vor, die
zumindest einen Teil der geklagten Beschwerden wohl zu erklären vermag. Somit
erscheint die Gesamtbeurteilung der Arbeitsfähigkeit gemäss ABI-Gutachten auch vor
diesem Hintergrund nicht als verlässlich.
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3.3 Der ABI-Psychiater Dr. H._ wies im ersten Gutachten vom 14. April 2005 darauf
hin, gemäss den somatischen Untersuchungsbefunden lasse sich die subjektive
Krankheitsüberzeugung resp. das Ausmass der Beschwerden nicht objektivieren. Es
müsse also von einer psychischen Überlagerung der geklagten Beschwerden
ausgegangen werden. Diagnostisch handle es sich um eine
Schmerzverarbeitungsstörung, eine Entwicklung körperlicher Symptome aus
psychischen Gründen. Dazu kämen auch leichte depressive Verstimmungen und
Angstgefühle (IV-act. 82-16). Im zweiten ABI-Gutachten vom 9. Mai 2006 wurde ein
ähnlicher psychischer Zustand wie bei der Erstbegutachtung bescheinigt (IV-
act. 145-19). Demgegenüber hielt Dr. med. E._, Facharzt FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie, im Arztbericht vom 9. Februar 2008 unter anderem fest, der
Beschwerdeführer berichte von ihn immer wieder überkommenden Gewaltphantasien
und Aggressionen. Seine Tochter, die zwei Konsultationen beigewohnt habe, habe
erzählt, dass der Vater häufiger wie innerlich weggetreten sei, nicht auf Zurufe antworte
und sogar auf Rütteln hin kaum reagiere. Daran könne er sich jeweils nicht erinnern. In
seiner Beurteilung kam Dr. E._ zum Schluss, das chronifizierte Schmerzgeschehen in
Kombination mit einer Verarbeitungsstörung sowie den konfliktinduzierten
Verhaltensweisen des Beschwerdeführers liessen für ihn und für das soziale
Arbeitsumfeld jegliche Tätigkeiten als nicht adaptierbar und unzumutbar erscheinen (IV-
act. 204-8). Bei der aktuellen Aktenlage kann nicht entschieden werden, ob die
psychiatrische Beurteilung der ABI-Gutachter zutreffender ist als jene von Dr. E._.
Insgesamt erscheint es aber jedenfalls als angezeigt, die somatische Seite gemäss den
obigen Erläuterungen genauer abzuklären, weil erst im Anschluss daran überhaupt
ersichtlich wird, ob und inwieweit ein organisches Korrelat für die Beschwerden vorliegt
und inwieweit sich eine Schmerzverarbeitungsstörung entwickelt haben könnte.
Alsdann wird auch die Leistungsfähigkeit in psychischer Hinsicht neu zu beurteilen und
eine neue Gesamtsicht einzuholen sein.
3.4 Der Beschwerdeführer lässt im Beschwerdeverfahren die Durchführung einer
Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL) beantragen (vgl. act. G 10). Dr.
D._ hielt diesbezüglich am 16. Februar 2009 fest, er wolle den Beschwerdeführer
nicht für eine EFL beim KSSG anmelden, da nicht geregelt sei, wer die Kosten
übernehmen würde und er mit Sicherheit davon ausgehe, dass dies sowieso scheitern
werde (act. G 12.1). Ob es zweckmässig ist, eine EFL durchzuführen, werden
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sinnvollerweise die den Beschwerdeführer im Rahmen der Rückweisung neu
begutachtenden Mediziner entscheiden.
4.
Im Anschluss an die von der Beschwerdegegnerin vorzunehmenden weiteren
medizinischen Abklärungen wäre gegebenenfalls ein Anspruch des Beschwerdeführers
auf berufliche Massnahmen bzw. eine Eingliederungspflicht seitens der
Beschwerdegegnerin neu zu überprüfen. Neben Arbeitsvermittlung, die vorliegend
zweifellos sinnvoll wäre, käme möglicherweise die Ausrichtung von
Einarbeitungszuschüssen (Art. 18a IVG) in Frage.
5.
5.1 Die Beschwerde ist unter Aufhebung der angefochtenen Verfügung vom
14. November 2008 teilweise gutzuheissen und die Sache an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen, damit diese weitere Abklärungen vornehme. Diese haben eine
sorgfältige polydisziplinäre medizinische Begutachtung zu beinhalten. Da das ABI sich
bereits mehrfach zum Fall geäussert hat, ohne dass es zu einer insgesamt
überzeugenden, den Anforderungen an den Beweiswert von Gutachten genügenden
Beurteilung gekommen wäre, ist zu empfehlen, die polydisziplinäre Neubegutachtung
bei einem anderen, mit der Sache bisher nicht vorbefassten Begutachtungsinstitut in
Auftrag zu geben. Im Anschluss an die medizinische Beurteilung hat die
Beschwerdegegnerin den Anspruch des Beschwerdeführers auf berufliche
Massnahmen erneut zu überprüfen.
5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis
Fr. 1000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.- erscheint
als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als volles
Obsiegen (ZAK 1987 S. 268 Erw. 5a). Somit unterliegt die Beschwerdegegnerin
vollumfänglich, sodass ihr als nicht von der Pflicht zur Übernahme amtlicher Kosten
befreiter selbstständiger öffentlich-rechtlicher Anstalt die ganze Gerichtsgebühr
aufzuerlegen ist.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
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St.Galler Gerichte
5.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer Anspruch auf eine
Parteientschädigung, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen wird
(Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Angemessen erscheint
eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer).
5.4 Die am 26. Februar 2009 bewilligte unentgeltliche Prozessführung (Befreiung von
den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung) wird
bei diesem Verfahrensausgang gegenstandslos.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG