Decision ID: cbe94281-1a1f-5955-8225-25eb3f52eff9
Year: 2006
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ X. und Y.Z. betrieben als Kollektivgesellschaft "X. und Y.Z., Hotel A." das Hotel A. in
V. Die Kollektivgesellschaft ist Eigentümerin der Hotelliegenschaft.
Am 4./10. Oktober 2003 schloss die Kollektivgesellschaft mit der R. GmbH einen
Mietvertrag für das Hotel A. für die Zeit vom 15. Dezember 2003 bis 14. Dezember
2008. Am 27. Oktober 2003 ersuchte N.N. den Gemeinderat V. um Erteilung eines
Gastwirtschaftspatents für das A. - Y.Z. teilte dem Gemeinderat am 14. November
2003 mit, sie verzichte per 30. November 2003 auf das Patent, da der Betrieb per 1.
Dezember 2003 an N.N. verpachtet werde. Am 12. November 2003 erteilte der
Gemeinderat V. N.N. ein bis 31. Dezember 2004 geltendes Patent für das A., welches
mit Verfügung vom 5. Januar 2005 bis 31. Dezember 2005 erneuert wurde.
Am 8. November 2005 ersuchte N.N. den Gemeinderat um Erneuerung des Patents für
das Jahr 2006. Mit Eingabe vom 16. November 2005 beantragten X. und Y.Z. durch
ihren Rechtsvertreter u.a., es sei der R. GmbH bzw. N.N. das Patent für das A.
unverzüglich per sofort zu entziehen, es sei unverzüglich die sofortige Schliessung des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A. zu verfügen und einem allfälligen Rekurs sei die aufschiebende Wirkung zu
entziehen.
Am 20. Dezember 2005 verfügte der Gemeinderat V., das Begehren von X. und Y.Z.
vom 16. November 2005 werde abgewiesen und N.N. werde das Patent für das A. bis
30. Juni 2006 erteilt. Zur Begründung wurde u.a. angeführt, obwohl N.N. keine Gewähr
für eine einwandfreie Betriebsführung mehr biete, sei ein sofortiger Patententzug
unverhältnismässig. Es sei davon auszugehen, dass N.N. bereits Reservationen
entgegengenommen habe. Wegen fehlender Gewähr für eine einwandfreie
Betriebsführung sei das am 31. Dezember 2005 auslaufende Patent nicht mehr zu
erneuern; um eine ordnungsgemässe Uebergabe des A. an einen Patentnachfolger
vorzunehmen, werde N.N. das Patent bis 30. Juni 2006 erteilt.
B./ Am 3. Januar 2006 erhob N.N. durch seinen Rechtsvertreter Rekurs beim
Volkswirtschaftsdepartement und beantragte, die zeitliche Befristung sei aufzuheben
und es sei ihm das Patent bis vorerst 31. Dezember 2006 zu erteilen. X. und Y.Z.
beantragten in ihrer Vernehmlassung vom 21. April 2006, der Rekurs sei abzuweisen,
es sei unverzüglich die sofortige Schliessung des A. zu verfügen und im Fall der
Abweisung des Rekurses sei einer allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wirkung
zu entziehen.
Das Volkswirtschaftsdepartement entschied am 15. Juni 2006 über die Streitsache. Es
hiess den Rekurs von N.N. gut und wies den Gemeinderat V. an, N.N. ein bis 31.
Dezember 2006 geltendes Patent für das A. zu erteilen. Es erwog, die Erteilung eines
bis 30. Juni 2006 befristeten Patents ohne Aussicht auf nochmalige Erneuerung, was
faktisch einer Patentverweigerung und einem Berufsverbot entspreche, sei
unverhältnismässig. Eine erhebliche Gefährdung wichtiger öffentlicher Interessen sei
nicht gegeben. Die relevanten Verletzungen verwaltungsrechtlicher Vorschriften
beträfen ausnahmslos das Jahr 2004. Obwohl der Gemeinderat von diesen
Verletzungen mit einer Ausnahme Kenntnis gehabt habe, habe er am 5. Januar 2005
vorbehaltlos ein ordentliches Patent bis Ende Dezember 2005 erteilt und darauf
verzichtet, ein im Sinn einer Probezeit befristetes Patent zu erteilen. Derzeit erfülle N.N.
sämtliche Voraussetzungen nach Art. 7 des Gastwirtschaftsgesetzes (sGS 553.1,
abgekürzt GWG).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C./ Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 28. Juni 2006 erhoben die "X. und Y.Z.,
Hotel A." sowie X. und Y.Z. Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem Antrag, der
Rekursentscheid sei aufzuheben, unter Kosten- und Entschädigungsfolge. In der
fristgerecht eingereichten Beschwerdeergänzung vom 14. Juli 2006 hielten die
Beschwerdeführer an ihrem Antrag fest und stellten ausserdem das Begehren, es sei
unter Strafandrohung von Art. 292 StGB unverzüglich die sofortige Schliessung des
Hotels A. unter Leitung des Beschwerdegegners zu verfügen, für den Fall der
Nichtbefolgung sei das Hotel A. mit polizeilicher Hilfe auf dem Weg der
Ersatzvornahme zu schliessen und die Beschwerde sei beschleunigt zu behandeln,
unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 25. Juli 2006 unter Hinweis auf
die Erwägungen des angefochtenen Entscheids die Abweisung der Beschwerde.
Nachdem der Beschwerdegegner zur Vernehmlassung aufgefordert worden war, stellte
er mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 16. August 2006 ein Begehren um Erlass
einer dringlichen vorsorglichen Massnahme, beinhaltend die Erteilung des
Gastwirtschaftspatents an ihn für die Dauer des Beschwerdeverfahrens bzw. die
Anweisung an die Gemeindebehörde, ihm für die Dauer des Beschwerdeverfahrens
das Gastwirtschaftspatent zu erteilen.
Das Volkswirtschaftsdepartement beantragte in seiner Vernehmlassung vom 22.
August 2006, das Gesuch von N.N. um Erlass der anbegehrten vorsorglichen
Massnahme sei gutzuheissen.
Die "X. und Y.Z., Hotel A." sowie X. und Y.Z. beantragten in ihrer Vernehmlassung vom
23. August 2006, auf das Gesuch um vorsorgliche Massnahme sei nicht einzutreten,
eventuell sei das Gesuch abzuweisen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
Der Gemeinderat V. liess sich zum Gesuch um Erlass einer vorsorglichen Massnahme
sowie zur Beschwerde nicht vernehmen.
Mit Entscheid vom 4. September 2006 hiess der Präsident des Verwaltungsgerichts
das Begehren um Anordnung einer vorsorglichen Massnahme gut und wies den
Gemeinderat V. an, dem Beschwerdegegner ein Gastwirtschaftspatent für das Hotel A.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bis zum Entscheid über die Beschwerde bzw. bis zur Rechtskraft der Ausweisung der
R. GmbH aus dem Hotel A. zu erteilen.
Am 11. September 2006 erteilte der Gemeinderat V. N.N. das entsprechende Patent
gemäss dem Entscheid des Verwaltungsgerichtspräsidenten über die vorsorgliche
Massnahme.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 18. September 2006 beantragte der
Beschwerdegegner, die Beschwerde sei abzuweisen, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 2. Oktober 2006 nahmen die "X. und Y.Z.,
Hotel A." sowie X. und Y.Z. zu den Vernehmlassungen der Vorinstanz und des
Beschwerdegegners Stellung.
Die von den Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge gemachten
Ausführungen werden, soweit wesentlich, in den nachstehenden Erwägungen
dargelegt und gewürdigt.
Der Einzelrichter für Rekurse im Obligationenrecht wies mit Entscheid vom 10. Oktober
2006 das Ausweisungsbegehren der "X. und Y.Z., Hotel A." gegen die R. GmbH ab und
stellte fest, dass die ausserordentliche Kündigung der Vermieterin ungültig ist und die
Parteien weiterhin in einem rechtsgültigen Mietverhältnis stehen.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1./ Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59bis Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP).
Die Beschwerde wurde sowohl von der Kollektivgesellschaft "X. und Y.Z., Hotel A." als
auch von X. und Y.Z. erhoben. Im Rekursverfahren nahmen X. und Y.Z. Stellung zum
Rekurs von N.N., während die Duplik von der Kollektivgesellschaft bzw. im Namen von
"X. und Y.Z. Hotel A.", vertreten durch X. und Y.Z., eingereicht wurde. Die Vorinstanz
äusserte sich dazu in ihrem Entscheid nicht. Ob die Kollektivgesellschaft am
vorinstanzlichen Verfahren beteiligt war und sie somit zur Beschwerde legitimiert ist,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
kann aber offen bleiben. Unbestrittenermassen waren X. und Y.Z. am Rekursverfahren
beteiligt. Als Gesellschafter der Kollektivgesellschaft sind sie in ihren eigenen
schutzwürdigen Interessen berührt und daher gestützt auf Art. 64 Abs. 1 in Verbindung
mit Art. 45 Abs. 1 VRP zur Ergreifung des Rechtsmittels gegen den Rekursentscheid
legitimiert. Ihre Eingaben vom 28. Juni und 14. Juli 2006 entsprechen zeitlich, formal
und inhaltlich den gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 47
Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 und 2 VRP). Somit ist auf die Beschwerde einzutreten.
In der Beschwerdeerklärung vom 28. Juni 2006 beantragten die Beschwerdeführer eine
Nachfrist für die Ergänzung des Beschwerdeantrags und die Begründung. In der
Beschwerdeergänzung vom 14. Juli 2006 stellten sie das Begehren, es sei unter
Strafandrohung von Art. 292 StGB unverzüglich die sofortige Schliessung des Hotels A.
unter Leitung des Beschwerdegegners zu verfügen und es sei für den Fall der
Nichtbefolgung das Hotel A. unter Führung des Beschwerdegegners mit polizeilicher
Hilfe auf dem Wege der Ersatzvornahme zu schliessen und die daraus entstehenden
Kosten dem Beschwerdegegner in Rechnung zu stellen, ausserdem sei die
Beschwerde beschleunigt zu behandeln. Mit dem Entscheid über die Anordnung einer
vorsorglichen Massnahme vom 4. September 2006 und mit dem Urteil in der
Hauptsache wurden diese Begehren gegenstandslos.
2./ Streitig ist im Beschwerdeverfahren, ob beim Beschwerdegegner die
Voraussetzungen für die Verweigerung der Verlängerung bzw. für den Entzug des
Gastwirtschafts-patents gegeben sind.
a) Gemäss Art. 13 Abs. 2 Ziff. 1 GWG wird das Gastwirtschaftspatent entzogen, wenn
die Voraussetzungen der Erteilung nicht mehr erfüllt sind.
Nach Art. 7 GWG wird das Patent für einen Betrieb erteilt, wenn der Gesuchsteller
handlungsfähig ist (lit. a), charakterlich geeignet ist (lit. b), Gewähr für eine einwandfreie
Betriebsführung bietet (lit. c) und zur Nutzung des Betriebes berechtigt ist (lit. d).
Gewähr für eine einwandfreie Betriebsführung bietet nach Art. 8 Abs. 1 GWG
insbesondere, wer Kenntnisse in der Lebensmittelhygiene und in der Suchtprävention
hat (lit. a) und in den letzten zwei Jahren nicht wiederholt oder in schwerwiegender
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Weise Vorschriften der Gesundheits-, der Lebensmittel-, der Fremden-, der
Wirtschaftspolizei, des Arbeitsrechts oder der Betäubungsmittelgesetzgebung verletzt
hat (lit. b).
Die Patenterteilung soll von persönlichen, fachlichen und betrieblichen
Voraussetzungen abhängen. Im Unterschied zur früheren Gesetzgebung wird im
geltenden Gastwirtschaftsgesetz auf das Erfordernis eines Fähigkeitsausweises
verzichtet. Unter der Voraussetzung, dass der Gesuchsteller Gewähr für eine
einwandfreie Betriebsführung bieten muss, wird ein Nachweis der fachlichen
Befähigung im Bereich der Lebensmittelhygiene verlangt. Im Unterschied zum früheren
Recht sollen bei der Gewähr für eine einwandfreie Betriebsführung aber auch gewisse
Verstösse gegen Vorschriften der Fremdenpolizei oder des Betäubungsmittelgesetzes
Verweigerungsgründe bilden. Von der früheren Voraussetzung, wonach der
Gesuchsteller mit keinen in den vergangenen fünf Jahren ausgestellten und noch
offenen Verlustscheinen belastet sein dürfe, wurde aber abgesehen. Diese Bestimmung
diente in erster Linie dem Schutz der Gläubiger im Geschäftsverkehr, was nicht zum
Aufgabenbereich des Staates zählt. Sinn und Zweck der Regelungen des GWG liegen
vor allem in der Gewährleistung der öffentlichen Gesundheit sowie von Ruhe, Ordnung
und Sicherheit (Botschaft der Regierung zum GWG, in: ABl 1994 S. 2450, 2463).
b) Die Beschwerdeführer machen geltend, die Vorinstanz habe Art. 8 Abs. 1 lit. b GWG
unrichtig angewendet. Die Vorinstanz gebe in ihrem Entscheid den Wortlaut dieser
Gesetzesbestimmung korrekt wieder, argumentiere jedoch, es lägen zwar wiederholte,
aber nicht schwerwiegende Verstösse vor, weshalb die Voraussetzung der Gewähr für
eine einwandfreie Betriebsführung unter dem Aspekt der Verhältnismässigkeit zu
prüfen sei. Der Wortlaut der fraglichen Bestimmung gebe aber nicht zu Zweifeln Anlass.
Der Gesetzgeber habe für die Erfüllung des Erfordernisses der einwandfreien
Betriebsführung zwei alternative Bedingungen aufgestellt, entweder wiederholte oder
schwerwiegende Verstösse gegen die erwähnten Gesetzesvorschriften innerhalb der
letzten zwei Jahre. Hätte der Gesetzgeber kumulative Voraussetzungen schaffen
wollen, hätte er dies durch das Wort "und" klar und einfach zum Ausdruck bringen
können. Indem er dies unterlassen habe, habe er einen bewussten Entscheid getroffen.
Es sei nun zweifellos und werde von der Vorinstanz gar selber festgehalten, dass der
Beschwerdegegner wiederholte Verstösse gegen Vorschriften im Sinn von Art. 8 Abs. 1
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
lit. b GWG begangen habe. Die Vorinstanz habe diese Bestimmung unrichtig
angewendet, indem sie die Voraussetzungen für den Entzug des Patents bzw. dessen
Nichterneuerung nebst dem Erfordernis der wiederholten auch an das Erfordernis der
schwerwiegenden Vorschriftsverletzungen geknüpft habe.
aa) Zutreffend ist, dass der Gesetzgeber in Art. 8 Abs. 1 lit. b GWG die
Ausschlussgründe alternativ formulierte. Sowohl die wiederholte als auch die einmalige
schwerwiegende Verletzung der genannten Bestimmungen rechtfertigen es
grundsätzlich, das Erfordernis der Gewähr einer einwandfreien Betriebsführung zu
verneinen. Dessen ungeachtet ist aber beim Entscheid über den Entzug bzw. die
Nichtverlängerung einer Bewilligung der Grundsatz der Verhältnismässigkeit zu
beachten. Darauf hat die Vorinstanz in E. 3 des angefochtenen Entscheids zutreffend
hingewiesen. Der Einwand der Beschwerdeführer, die Vorinstanz habe in diesem
Bereich zu Unrecht Ermessen ausgeübt, indem sie Erwägungen der
Verhältnismässigkeit angestellt habe, geht daher fehl.
bb) Art. 7 und 8 GWG regeln im wesentlichen die Voraussetzungen für die Erteilung des
Patents. Soweit ein Gesuchsteller die gesetzlichen Anforderungen erfüllt, hat er
grundsätzlich einen Anspruch auf Erteilung eines Patents. Nach der Rechtsprechung
des Verwaltungsgerichts bezweckt Art. 8 Abs. 1 lit. b GWG, dass ein Patent nur
solchen Personen erteilt wird, welche sich in den letzten zwei Jahren bezüglich der im
Gesetz genannten Vorschriften nichts zuschulden kommen liessen. Daher ist der
Entzug des Patents gerechtfertigt, wenn der Inhaber Verletzungen gesetzlicher
Vorschriften nach Art. 8 Abs. 1 lit. b GWG begangen hat, welche einer Erteilung des
Patents entgegenstehen würden (vgl. VerwGE vom 2. Juli 1998 i.S. F.S. und A.L. mit
Hinweis auf M. Mangisch, Die Gastwirtschaftsgesetzgebung der Kantone im Verhältnis
zur Handels- und Gewerbefreiheit, Diss. Bern 1982, S. 105).
Dies bedeutet aber nicht, dass ein Patent zwingend zu entziehen ist, wenn sich der
Inhaber Verstösse im Sinne von Art. 8 Abs. 1 lit. b GWG zuschulden kommen liess.
Dieser Umkehrschluss ist nicht zulässig. Insbesondere ist unter dem Aspekt der
Verhältnismässigkeit zu prüfen, inwiefern ein Entzug eines Patents gerechtfertigt ist
(VerwGE vom 2. Juli 1998 i.S. F.S. und A.L.). Zu Recht prüfte daher die Vorinstanz, ob
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im konkreten Einzelfall die Verweigerung der Patenterneuerung verhältnismässig war
oder nicht.
cc) Fest steht, dass der Beschwerdegegner im Jahr 2004 wiederholt wegen Verstössen
gegen verschiedene gesetzliche Bestimmungen verurteilt wurde. Mit Strafbescheid
vom 10. August 2004 wurde er wegen mehrfacher Widerhandlung gegen das GWG
durch stundenlange Nachtruhestörungen in der Zeit vom 21. bis 28. Februar 2004 mit
Fr. 500.-- gebüsst. Ausserdem wurde er mit Strafbescheid vom 17. Dezember 2004
wegen mehrfacher Uebertretung des Umweltschutzgesetzes mit Fr. 800.-- gebüsst.
Grund für diese Verurteilung bildete die Tatsache, dass der Beschwerdegegner im
Dezember 2003/ Januar 2004 mehrfach Abfälle, namentlich Essensreste und
Kartonschachteln, in einem Tobel entsorgen liess und im Sommer 2004 im Bereich des
Hotels nebst Holz und Karton auch Plastic verbrannte. Am 18. März 2003 war der
Beschwerdegegner zudem wegen Beschäftigens eines Ausländers ohne Bewilligung
mit Fr. 500.-- gebüsst worden.
Weiter steht fest, dass bei Inspektionen des kantonalen Amts für Lebensmittelkontrolle
vom 8. Januar und 17. März 2004 Beanstandungen gemacht wurden. Im einzelnen
handelte es sich um Mängel im Bereich der Hygiene und Sauberkeit, ausserdem waren
Karten und Kontrollaufzeichnungen unvollständig, und es fehlten Hinweise für die
Alkoholabgabe an Jugendliche. Der Lebensmittelinspektor hielt gegenüber der
Gemeinde V. fest, er habe am 8. Oktober 2004 erneut eine Inspektion durchgeführt. Es
seien lediglich die zu hohe Temperatur im Kühlschrank und die unvollständig geführte
Kontrollliste zu beanstanden gewesen. Der Küchenbetrieb sei sauber, aufgeräumt und
übersichtlich gewesen, ein "privater" Besuch anfangs Woche habe ebenfalls keine
bemerkenswerten negativen Umstände gezeigt. Im Zeitpunkt der Kontrolle könne in
keiner Weise von Problemen gesprochen werden, die zu lebensmittelpolizeilichen
Sanktionen Anlass geben könnten.
dd) Die Beschwerdeführer machen weiter geltend, der Beschwerdegegner habe sich
teilweise gravierende Verstösse gegen das öffentliche bzw. zwingende Arbeitsrecht
zuschulden kommen lassen, auch habe er sexuelle Uebergriffe gegenüber einer
Angestellten begangen und gegen die Fürsorgepflichten für Mitarbeiter verstossen,
Löhne nicht bezahlt, gegen Pflichten des Gesamtarbeitsvertrages (L-GAV) verstossen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sowie AHV- und BVG-Beiträge nicht abgerechnet. Die Beschwerdeführer berufen sich
auf verschiedene schriftliche Angaben von Mitarbeitern und weiteren Personen und
beantragen die Befragung dieser Personen als Zeugen.
Die Vorinstanz hielt fest, die Verstösse gegen den L-GAV, gegen die
Lohnzahlungspflicht und gegen die Pflicht zur Ausbildung einer Lehrtochter beträfen
nicht das öffentliche Arbeitsrecht und seien daher irrelevant. Auch die Vorwürfe
mangelhafter Betriebsführung (schlechte Behandlung und Belästigung von Gästen)
fielen nicht unter Art. 8 Abs. 1 lit. b GWG. Sodann sei der Vorwurf der sexuellen
Belästigung nicht erwiesen, da die erhobenen Anschuldigungen widerrufen worden
seien. Zudem seien von den Betroffenen keine Klagen eingereicht worden. Lediglich
die Mutter einer ehemaligen Angestellten habe bei der Kontrollstelle für den L-GAV
telefonisch Meldung wegen der fehlenden Arbeitszeitkontrolle erstattet.
Festzuhalten ist zunächst, dass das Gesetz nicht nur Verstösse gegen das öffentliche
Arbeitsrecht als Gründe für den Entzug des Patents erwähnt. Allgemein werden
Verstösse gegen das Arbeitsrecht genannt. Es ist nicht ersichtlich, inwiefern das private
Arbeitsrecht nicht darunter fallen soll.
Aufgrund der vorliegenden Akten liegen zumindest konkrete Indizien vor, dass sich der
Beschwerdegegner Pflichtverletzungen zuschulden kommen liess. Die verschiedenen
schriftlichen Aeusserungen von Gästen bilden zudem Anhaltspunkte, dass der
Beschwerdegegner übermässig Alkohol konsumiert und dies die Betriebsführung
beeinträchtigt. Eine schlechte Geschäftsführung fällt allerdings nicht unter Art. 7 und 8
GWG. Daher durfte die Vorinstanz auf die Einvernahme der von den
Beschwerdeführern angebotenen Zeugen verzichten. Dies gilt auch in bezug auf die
behaupteten Verstösse gegen arbeitsrechtliche Vorschriften und
Persönlichkeitsverletzungen des Personals. Die ehemalige Lehrtochter macht eine
Verletzung der Lohnzahlungspflicht geltend; eine Klage gegen den Beschwerdegegner
hat sie aber offenbar nicht eingereicht, sondern lediglich eine solche angekündigt. Bei
dieser Sachlage vermöchte eine Befragung der ehemaligen Lehrtochter keinen
rechtsgenüglichen Beweis eines Verstosses gegen arbeitsrechtliche Bestimmungen zu
erbringen. In bezug auf die von den Beschwerdeführern geltend gemachten Verstösse
gegen Bestimmungen des L-GAV liegt eine schriftliche Vereinbarung der Angestellten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C. mit dem Beschwerdegegner vor, mit welcher die Betroffenen die Streitigkeit
beilegten. Auch diesbezüglich ist von weiteren Abklärungen kein hinreichender
Anhaltspunkt für den Nachweis von Pflichtverletzungen zu erwarten. Aufgrund der
Aktenlage wären mittels mündlicher Aussagen der Beteiligten jedenfalls keine
Verstösse nachzuweisen. Hinzu kommt, dass die Angestellte D. ihre schriftlichen
Aussagen zumindest sinngemäss widerrufen hat und das Verhalten des
Beschwerdegegners gegenüber den Angestellten ausdrücklich als sehr korrekt
bezeichnet. Daher ist auch auf eine Einvernahme von D. zu verzichten. Dies gilt auch in
bezug auf die geltend gemachte unterlassene Abrechnung von AHV- und BVG-
Beiträgen, berufen sich die Beschwerdeführer doch in diesem Punkt wiederum
ausschliesslich auf D. als Zeugin. Diese schilderte zwar ausführlich und detailliert das
Verhalten des Beschwerdegegners; doch lassen sich aufgrund der nachträglichen
Aeusserungen bzw. des Widerrufs der Vorwürfe Verstösse des Beschwerdegegners
nicht rechtsgenüglich nachweisen. Zwar trifft es zu, dass der Widerruf pauschal
formuliert ist, doch gab die Betroffene mit dem Widerruf klar zu erkennen, dass sie an
ihren schriftlichen Aeusserungen nicht festhalten will. Auch die übrigen schriftlichen
Stellungnahmen rechtfertigen weitere Abklärungen nicht. Soweit sie die
Betriebsführung betreffen, sind sie wie erwähnt unerheblich. Zudem ist in der Erklärung
von E. kein konkreter Sachverhalt vermerkt, inwiefern der Beschwerdegegner sein
Personal menschenunwürdig behandelt haben soll. Die Aussagen von F. beruhen
zudem nicht auf eigenen Feststellungen, sondern entstammen dem Hörensagen.
Die geltend gemachten Verstösse durch unberechtigte Vertragsabschlüsse des
Beschwerdegegners im Namen der R. GmbH, der behauptete Umsatzrückgang sowie
das Verhalten des Beschwerdegegners bei Vertragsschluss sind im Streitfall
unbeachtlich. Diese Umstände betreffen ausschliesslich zivilrechtliche
Auseinandersetzungen. Sie würden, selbst wenn sie nachgewiesen wären, nicht unter
Art. 8 Abs. 1 lit. b GWG fallen. Die Bestimmungen des Gastwirtschaftsgesetzes
bezwecken nicht, Vermieter oder Verpächter von Gastwirtschaftsbetrieben vor
unfähigen Mietern oder Pächtern zu schützen. Beim Entscheid über die Erteilung oder
Verlängerung eines Patents sind in erster Line öffentliche Interessen massgebend.
c) In der zivilrechtlichen Auseinandersetzung zwischen der R. GmbH und den
Beschwerdeführern betr. Ausweisung aus dem Hotel A. liegt noch kein rechtskräftiger
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entscheid vor. Somit ist davon auszugehen, dass der Beschwerdegegner nach wie vor
berechtigt ist, den Betrieb zu nutzen. Insoweit liegt gegenüber dem Entscheid über die
vorsorgliche Massnahme keine veränderte Sachlage vor, und die Voraussetzungen der
Nutzungsberechtigung nach Art. 7 lit. d GWG sind als gegeben zu betrachten.
d) Weiter machen die Beschwerdeführer geltend, die Vorinstanz habe zu Unrecht die
Handlungsfähigkeit des Beschwerdegegners bejaht.
Art. 7 lit. a GWG verweist in einer Fussnote auf Art. 13 ZGB. Nach dieser Bestimmung
ist handlungsfähig, wer mündig und urteilsfähig ist. Urteilsfähig ist nach Art. 16 ZGB ein
jeder, dem nicht wegen seines Kindesalters oder infolge von Geisteskrankheit,
Geistesschwäche, Trunkenheit oder ähnlichen Zuständen die Fähigkeit mangelt,
vernunftgemäss zu handeln.
Aus den Akten ergeben sich wie erwähnt Anhaltspunkte, dass der Beschwerdegegner
häufig im Uebermass dem Alkohol zuspricht. Fest steht weiter, dass der
Beschwerdegegner am 21. Januar 2004 wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand mit
fünf Tagen Gefängnis und Fr. 1'500.-- Busse bestraft wurde. Aufgrund der schriftlichen
Stellungnahmen von verschiedenen Gästen sowie ehemaligen Mitarbeiterinnen ist
davon auszugehen, dass der Beschwerdegegner während seiner Tätigkeit als Gastwirt
im Uebermass dem Alkohol zuspricht. Allein dies rechtfertigt aber nicht zur Annahme,
der Beschwerdegegner sei urteilsunfähig. Es ist zu beachten, dass Trunkenheit im
Sinne von Art. 16 ZGB nicht identisch ist mit dem Begriff der Trunksucht.
Regelmässiger Alkoholmissbrauch mag zwar ein Anzeichen für Trunksucht bzw. ein
charakterlicher Defekt sein, schliesst aber Urteilsfähigkeit nicht generell aus.
Die Beschwerdeführer machen geltend, die Vorinstanz habe das rechtliche Gehör
verletzt. Sie hätte die Trunksucht des Beschwerdegegners und die damit
zusammenhängende relative Handlungsfähigkeit bzw. seine in bezug auf eine
Hotelbetriebsführung fehlende Urteilsfähigkeit abklären müssen. Die Abnahme der im
Rekurs beantragten Beweise zur Feststellung der behaupteten Urteilsunfähigkeit war
aufgrund der vorstehenden Erwägungen aber entbehrlich, da allenfalls wiederholte
Trunkenheit hätte festgestellt werden können, aber nicht eine generelle
Urteilsunfähigkeit, weshalb nicht von einer Verletzung des rechtlichen Gehörs
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gesprochen werden kann. Abgesehen davon könnten körperliche Untersuchungen, wie
sie in der Beschwerde beantragt werden, nicht gegen den Willen des
Beschwerdegegners durchgeführt werden.
e) Wie erwähnt, definiert Art. 8 Abs. 1 GWG die Voraussetzung der Gewähr für eine
einwandfreie Betriebsführung. Dies bedeutet nicht, dass ein Patentinhaber befähigt
sein muss, einen Betrieb besonders gut oder besonders rentabel zu führen. Auch ein
regelmässiger und übermässiger Alkoholkonsum eines Gastwirts vermag die
Voraussetzungen von Art. 7 GWG nicht ohne weiteres in Frage zu stellen. Nach Art. 7
lit. b in Verbindung mit Art. 13 Abs. 2 Ziff. 1 GWG ist das Patent aber zu entziehen,
wenn der Inhaber charakterlich ungeeignet ist. Bei einem Gastwirt, der häufig im
Uebermass Alkohol konsumiert, so dass die Betriebsführung erheblich beeinträchtigt
wird, stellt sich die Frage nach der charakterlichen Eignung.
Der Beschwerdegegner hat in den beiden Jahren vor dem Entscheid über die
Patentverlängerung wiederholt gegen Vorschriften im Sinne von Art. 8 Abs. 1 lit. b
GWG verstossen. Aufgrund der Inspektionsberichte handelte es sich aber bei den vom
Lebensmittelinspektor beanstandeten Sachverhalten nicht um gravierende Mängel.
Jedenfalls zogen diese weder Anzeigen noch anderweitige Sanktionen nach sich. Auch
die strafrechtlich geahndeten Verstösse sind aufgrund der Höhe der Bussen als eher
geringfügig einzustufen. Wie die Vorinstanz ausserdem zutreffend festhielt, erfordert die
charakterliche Eignung zum Führen eines Gastwirtschaftsbetriebs keinen nach
bürgerlichen Massstäben vorbildlichen Lebenswandel. Auch eine mangelnde Fähigkeit
eines Gesuchstellers, sein Leben zu ordnen, stellt keinen Grund dar, ein Patent zu
verweigern. Bei der Prüfung der charakterlichen Eignung geht es in erster Linie darum,
Personen, bei denen eine Gefährdung von Polizeigütern voraussehbar ist, von der
Führung eines Gastwirtschaftsbetriebs auszuschliessen. Unter den gegebenen
Umständen kann der Vorinstanz keine Rechtsverletzung vorgehalten werden, wenn sie
den Patententzug bzw. die Verweigerung der Patenterneuerung als unverhältnismässig
qualifiziert hat, nachdem im Jahr 2005 keine neuerlichen Verstösse im Sinne von Art. 8
Abs. 1 lit. b GWG aktenkundig sind.
Aufgrund der schriftlichen Aeusserungen von Gästen und ehemaligen Angestellten
bestehen indessen erhebliche Zweifel, ob beim Beschwerdegegner die charakterlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Vor-aussetzungen für eine einwandfreie Betriebsführung gegeben sind. Aufgrund der
verschiedenen Schilderungen namentlich bekannter Personen bestehen Anhaltspunkte,
dass die Fähigkeit des Beschwerdegegners zur einwandfreien Betriebsführung
aufgrund übermässigen Alkoholkonsums eingeschränkt ist. Dies rechtfertigt es, das
Patent für 2006 nur unter Vorbehalten zu erteilen bzw. für 2007 nur unter Vorbehalten
zu erneuern. Sollten dem Gemeinderat als Vollzugsorgan weitere Anstände bezüglich
der Betriebsführung angezeigt werden, welche auf Alkoholmissbrauch des
Beschwerdegegners zurückzuführen sind, oder sollte sich dieser weitere Verstösse
gegen Vorschriften im Sinne von Art. 8 Abs. 1 lit. b GWG zuschulden kommen lassen,
so ist das Patent für 2007 zu verweigern bzw. zu entziehen.
f) Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerde im Sinne der Erwägungen
abzuweisen ist. Das vom Gemeinderat V. dem Beschwerdegegner am 11. September
2006 in Nachachtung des Entscheids des Verwaltungsgerichtspräsidenten vom 4.
September 2006 erteilte Patent ist bis Ende 2006 zu verlängern, aber mit einem
förmlichen Vorbehalt im Sinne der vorstehenden Erwägung zu versehen. Für 2007 hat
der Beschwerdegegner dem Gemeinderat ein neues Gesuch einzureichen.
3./ Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens den Beschwerdeführern aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 3'000.-- ist angemessen (inkl. Kosten der Verfügung vom 4.
September 2006; Ziff. 381 und 382 Gerichtskostentarif, sGS 941.12). Sie ist mit dem
geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe zu verrechnen.
Der Beschwerdegegner hat Anspruch auf eine ausseramtliche Entschädigung (Art.
98bis VRP). Sein Rechtsvertreter hat keine Kostennote eingereicht, weshalb die
Entschädigung ermessensweise festzusetzen ist (Art. 6 der Honorarordnung für
Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75, abgekürzt HonO). Eine Entschädigung
von Fr. 2'000.-- zuzügl. MWSt erscheint angemessen (inkl. Entschädigung von Fr.
500.-- gemäss Verfügung vom 4. Septemer 2006, Art. 22 Abs. 1 lit. c und d HonO).