Decision ID: 972b6169-88c1-5721-b3e2-f50d9e927b56
Year: 2017
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X ist russischer Staatsangehöriger und reiste am 21. April 2011 in die Schweiz ein.
Er besuchte das Internat "Institut auf dem Rosenberg" und befindet sich gemäss
eigenen Angaben nunmehr in der Vorbereitung für die Aufnahmeprüfungen der
Universität St. Gallen. Am 8. April 2016 erwarb er in Russland den Führerausweis für
die Kategorien B, B1 und M. Am 30. Dezember 2016 wurde ihm eine
Aufenthaltsbewilligung B, gültig bis 30. Juni 2017, ausgestellt.
B.- Am 6. März 2017 stellte X beim Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons
St. Gallen ein Gesuch um Umtausch des russischen Führerausweises in einen
schweizerischen. Das Strassenverkehrsamt eröffnete ein Verfahren, teilte X nach
Überprüfung der Echtheit des russischen Führerausweises am 15. März 2017 mit, dass
es in Betracht ziehe, ihm den ausländischen Führerausweis auf unbestimmte Zeit
abzuerkennen, und gewährte ihm das rechtliche Gehör. In der Folge verweigerte es mit
Verfügung vom 20. März 2017 den Umtausch des ausländischen Führerausweises
gegen einen schweizerischen Führerausweis, weil der russische Führerausweis unter
Umgehung der Zuständigkeitsbestimmungen erworben worden sei (Ziffer 1 des
Rechtsspruchs), aberkannte ihm ab sofort auf unbestimmte Zeit das Recht, mit
ausländischen und internationalen Führerausweisen in der Schweiz Motorfahrzeuge zu
führen (Ziffer 2), und wies ihn darauf hin, dass er einen Lernfahrausweis beantragen
und hier eine vollständige Führerprüfung ablegen müsse, wenn er in der Schweiz
Motorfahrzeuge lenken wolle (Ziffer 3). Weiter entzog es einem allfälligen Rekurs die
aufschiebende Wirkung (Ziffer 4) und auferlegte X die Verfahrenskosten von Fr. 180.–
(Ziffer 5).
C.- Gegen diese Verfügung erhob X mit Eingabe vom 23. März 2017 (persönlich
überbracht am 24. März 2017) Rekurs beim Strassenverkehrsamt, welches die Eingabe
gleichentags zuständigkeitshalber an die Verwaltungsrekurskommission weiterleitete. X
beantragt, die Verfügung des Strassenverkehrsamts vom 20. März 2017 sei
aufzuheben und die Angelegenheit zu neuer Verfügung seines ursprünglichen Gesuchs
zurückzuweisen. Die Vorinstanz verzichtete mit Schreiben vom 26. April 2017 auf eine
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Vernehmlassung. Mit Eingabe vom 2. Mai 2017 reichte der Rekurrent weitere
Unterlagen ein. Auf die Ausführungen des Rekurrenten wird, soweit erforderlich, in den
Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 24. März 2017 ist rechtzeitig eingereicht
worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege,
sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Die Vorinstanz hat dem Rekurrenten das Recht, mit dem ausländischen
Führerausweis in der Schweiz Motorfahrzeuge zu führen, ab sofort auf unbestimmte
Zeit aberkannt und ihm den Umtausch des ausländischen Führerausweises verweigert,
weil dieser unter Umgehung der Zuständigkeitsbestimmungen im Ausland erworben
worden sei. Zu prüfen ist, ob der Rekurrent aufgrund des russischen Führerausweises
zum Führen von Motorfahrzeugen der Kategorie B in der Schweiz und zum Erwerb
eines schweizerischen Ausweises der Kategorie B ohne neue Prüfung berechtigt ist.
a) Motorfahrzeugführer aus dem Ausland dürfen in der Schweiz nur Motorfahrzeuge
führen, wenn sie einen gültigen nationalen Führerausweis oder einen gültigen
internationalen Führerausweis besitzen (Art. 42 Abs. 1 der Verordnung über die
Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum Strassenverkehr, SR 741.51, abgekürzt:
VZV). Sind sie länger als zwölf Monate in der Schweiz und haben sich nicht länger als
drei Monate ununterbrochen im Ausland aufgehalten, benötigen sie einen
schweizerischen Führerausweis (Art. 42 Abs. 3 lit. a VZV). Dessen Erwerb richtet sich
nach Art. 44 VZV. Dem Inhaber eines gültigen nationalen ausländischen Ausweises
wird der schweizerische Führerausweis der entsprechenden Kategorie erteilt, wenn er
auf einer Kontrollfahrt nachweist, dass er die Verkehrsregeln kennt und Fahrzeuge der
Kategorien, für die der Ausweis gelten soll, sicher zu führen versteht (Art. 44 Abs. 1
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VZV). Nur wenn der Ausweis von einem Staat ausgestellt worden ist, der auf der so
genannten Länderliste steht, entfällt diese Kontrollfahrt (Philippe Weissenberger,
Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015, Art. 22 N 11).
Das Führen eines Motorfahrzeuges in der Schweiz setzt den Besitz eines
schweizerischen Führerausweises voraus (vgl. Art. 10 Abs. 2 des
Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01, abgekürzt: SVG), soweit nicht ausländische
Ausweise durch das schweizerische Recht anerkannt sind. Ohne eine Anerkennung
vermögen ausländische Ausweise keine Wirkung zu entfalten (BGE 108 Ib 57 E. 2;
Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen Strassenverkehrsrechts, Band I, 2. Aufl.
2002, Rz. 377). Der Führerausweis wird von der Verwaltungsbehörde am Wohnsitz des
Fahrzeugführers erteilt und entzogen (Art. 22 Abs. 1 SVG), wobei sich der Wohnsitz im
Sinne des Strassenverkehrsrechts nach den Vorschriften des schweizerischen
Zivilgesetzbuchs bestimmt (SR 210, abgekürzt: ZGB; Weissenberger, a.a.O., Art. 10
N 7 mit Hinweis auf BGE 129 II 175 E. 2.1; BSK SVG-Rütsche/Schneider, Basel 2014,
Art. 22 N 33). Demnach befindet sich der zivilrechtliche Wohnsitz einer Person an dem
Ort, wo sie sich mit der Absicht dauernden Verbleibens aufhält (Art. 23 Abs. 1 erster
Halbsatz ZGB), und den sie sich zum Mittelpunkt ihrer Lebensinteressen gemacht hat.
Für die Begründung des Wohnsitzes müssen somit zwei Merkmale erfüllt sein: ein
objektives äusseres – der Aufenthalt – sowie ein subjektives inneres – die Absicht
dauernden Verbleibens. Es kommt dabei nicht auf den inneren Willen, sondern darauf
an, auf welche Absicht die erkennbaren Umstände objektiv schliessen lassen (BGE 133
V 309 E. 3.1). Der Wohnsitz bleibt an diesem Ort bestehen, solange nicht anderswo ein
neuer begründet wird. Der Aufenthalt zum Zweck der Ausbildung oder die
Unterbringung einer Person in einer Erziehungs- oder Pflegeeinrichtung, einem Spital
oder einer Strafanstalt begründet für sich allein keinen Wohnsitz (Art. 23 Abs. 1 zweiter
Halbsatz ZGB). Ob sich der Wohnsitz mündiger Studierender am Studienort oder noch
am bisherigen Ort befindet, beurteilt sich nach ähnlichen Kriterien, wie bei den
arbeitenden Wochenaufenthaltern, wobei jedoch aufgrund des Wortlauts von Art. 23
ZGB strengere Anforderungen an die Begründung des Wohnsitzes am Studienort als
am Arbeitsort zu stellen sind. So ist während des Semesters an den Wochenenden
eine regelmässige Rückkehr an den bisherigen Wohnsitz zur Beibehaltung desselben
nicht erforderlich. Die zeitweilen als Indiz genannte Absicht, auch nach
Studienabschluss an diesem Ort zu verbleiben, ist angesichts der üblicherweise
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bestehenden Ungewissheit, ob dort auch ein Arbeitsplatz gefunden werden kann,
selten von Bedeutung. Erforderlich für eine Wohnsitzverlegung an den Studienort sind
somit eine enge Beziehung zum Studienort und eine starke Lockerung der
Beziehungen zum bisherigen Wohnsitz, die sich dadurch manifestiert, dass der
Studierende nur noch selten, insbesondere auch nicht mehr in den Semesterferien
zurückkehrt. Weitere Indizien wären, dass der Studierende an seinem bisherigen
Wohnort überhaupt keine Übernachtungsmöglichkeiten mehr besitzt, oder dass er als
Werkstudent am Studienort einer regelmässigen Erwerbstätigkeit nachgeht (BSK ZGB
I-Staehelin, 5. Aufl. 2014, Art. 23 ZGB N 19f).
b) Der Rekurrent macht geltend, sein Hauptwohnsitz sei in A (Russland). Seit 24. April
2011 halte er sich in der Schweiz zwecks Ausbildung auf. Er habe mittlerweile seine
Ausbildung am Institut auf dem Rosenberg abgeschlossen und befinde sich nunmehr
in der Vorbereitung zur Aufnahmeprüfung an die Universität St. Gallen. Der Aufenthalt
in der Schweiz sei zur Ermöglichung der Ausbildung gewährt worden und sei daher
befristet. Kurz nach seinem 18. Geburtstag im Jahr 2016 habe die zuständige
Strassenverkehrsbehörde in A ihm auf Gesuch hin einen russischen Führerausweis
ausgestellt. Er habe diesen keinesfalls unter Umgehung der Zuständigkeitsvorschriften
erworben. Er sei gebürtiger Russe und habe in Russland seine Familie, Freunde und
sein soziales Umfeld (vgl. act. 2).
c) Es ist zu prüfen, ob die Vorinstanz den zivilrechtlichen Wohnsitz des Rekurrenten
zum Zeitpunkt der Erteilung des Führerausweises im April 2016 zu Recht in der
Schweiz angenommen hat. Unbestrittenermassen hat der Rekurrent sowohl zu
Russland als auch zur Schweiz Bezugspunkte. Aus den eingereichten Unterlagen ist
ersichtlich, dass er seit seiner Geburt zusammen mit weiteren 5 Familienmitgliedern in
A am B-Boulevard, Bezirk C, in der Wohnung Nr. 000 wohnt (vgl. act. 9/1). Am 18. März
2017 bestätigte die für Migrationsfragen zuständige Abteilung des russischen
Innenministeriums, dass er unter der angegebenen Adresse in A angemeldet sei (vgl.
act. 9/2). Fest steht weiter, dass der Rekurrent im April 2011 in die Schweiz einreiste
(vgl. act. 12/10), um gemäss eigenen Angaben das Internat Institut auf dem Rosenberg
in St. Gallen zu besuchen. Am 30. Dezember 2016 wurde ihm die
Aufenthaltsbewilligung B ausgestellt mit Gültigkeit bis 30. Juni 2017; als Zweck wurde
der Aufenthalt zur Ausbildung angegeben (vgl. act. 12/9). Die Verlängerung der
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Aufenthaltsbewilligung wird davon abhängen, ob er die Aufnahmeprüfungen der
Universität St. Gallen besteht oder nicht. Die Indizien sprechen daher dafür, dass sich
der Rekurrent lediglich zu Ausbildungszwecken in der Schweiz aufhält, sein
Lebensmittelpunkt und damit auch der zivilrechtliche Wohnsitz im Zeitpunkt der
Erteilung des Führerausweises im April 2016 sich dagegen in Russland befand.
Aufgrund seines jungen Alters ist anzunehmen, dass er in Russland enge familiäre
Beziehungen pflegt. Entsprechend gab er auch an, dort seine Familie, seine Freunde
und sein soziales Umfeld zu haben. Es wäre an der Vorinstanz gelegen gewesen, diese
Indizien zu widerlegen, indem sie beispielsweise abgeklärt hätte, ob und wie oft der
Rekurrent nach A zurückkehrt. Die Folgen der fehlenden weitergehenden Abklärungen
hat die Vorinstanz zu tragen. Eine Umgehung der Bestimmungen der VZV über den
Erwerb des schweizerischen Führerausweises liegt damit gestützt auf die zur
Verfügung stehenden Akten nicht vor. Da die Inhaber eines russischen
Führerausweises nicht von der Kontrollfahrt gemäss Art. 44 Abs. 1 VZV befreit sind
(vgl. Länderliste betreffend Ausnahme von der Kontrollfahrt, Anhang 2 zum
Kreisschreiben ASTRA vom 1. Oktober 2013), ist dem Rekurrenten der schweizerische
Führerausweis auf Probe der Kategorie B zu erteilen, wenn er auf einer Kontrollfahrt
nachweist, dass er die Verkehrsregeln kennt und Fahrzeuge der Kategorien, für die der
Ausweis gelten soll, sicher zu führen versteht (vgl. Art. 44 Abs. 1 und 44a VZV).
d) Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs gutzuheissen ist. Die angefochtene
Verfügung der Vorinstanz vom 20. März 2017 ist aufzuheben und die Angelegenheit zur
Durchführung einer Kontrollfahrt an die Vorinstanz zurückzuweisen.
3.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Staat zu
tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist dem Rekurrenten zurückzuerstatten.