Decision ID: 5bc92d95-8e91-57ba-b190-3ab2720b1b2a
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich erstmals am 19. Juni 2006 aufgrund von generalisierten
Schmerzen zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1). Am 30. November 2006
erfolgte eine Abklärung vor Ort. Die Versicherte wurde zu 50% als Hausfrau und zu
50% als Erwerbstätige qualifiziert (IV-act. 15).
A.a.
Mit polydisziplinärem Gutachten vom 21. August 2008 (Neurologie, Psychiatrie,
Neuropsychologie, Rheumatologie und innere Medizin) attestierten die Gutachter des
ZVMB Bern eine schwere, anhaltende depressive Episode ohne psychotische
Symptome mit somatoformen panalgischen Schmerzen bei einer Arbeitsunfähigkeit
von 70% spätestens seit August 2006 (IV-act. 29, insbesondere IV-act. 29-26).
A.b.
Am 8. Oktober 2008 qualifizierte die IV-Stelle die Versicherte neu zu 100% als
Hausfrau (IV-act. 45). Mit Vorbescheid vom 22. Oktober 2008 stellte die IV-Stelle der
Versicherten bei einer Einschränkung von 27% im Aufgabenbereich die Abweisung des
Leistungsgesuchs in Aussicht (IV-act. 47). Aufgrund des hiergegen erhobenen
Einwandes vom 24. November 2008 (IV-act. 53) und im Zuge weiterer Abklärungen (vgl.
insbesondere IV-act. 74 und 86) wurden die Anteile von Haushalt und Erwerb wiederum
auf je 50% festgesetzt (IV-act. 103-11).
A.c.
Mit Verfügung vom 29. Dezember 2010 sprach die IV-Stelle der Versicherten ab
März 2008 eine Viertels-, ab Juni 2008 eine Dreiviertels- und ab März 2010 eine ganze
Rente zu (IV-act. 113 ff.).
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ein Gesuch der Versicherten um Hilflosenentschädigung vom 19. September 2012
(IV-act. 121) wies die IV-Stelle am 8. März 2013 ab, da die Voraussetzungen für eine
Hilflosigkeit leichten Grades (lebenspraktische Begleitung) nicht erfüllt waren (IV-
act. 135).
A.e.
Im Jahr 2013 führte die IV-Stelle ein Revisionsverfahren durch, welches sie mit der
Mitteilung vom 23. April 2013, wonach weiterhin Anspruch auf die bisherige
Invalidenrente bestehe, abschloss (IV-act. 136 ff. und 142).
A.f.
Am 17. November 2015 erhielt die IV-Stelle einen anonymen Hinweis, wonach die
Versicherte gesund sei und arbeite. Sie gehe zwar regelmässig zum Arzt und hole
Medikamente, nehme diese jedoch nicht ein (IV-act. 144). In der Folge wurde die
Versicherte vom 23. Mai bis 17. August 2016 überwacht (IV-act. 154). Am 25. August
2016 leitete die IV-Stelle ein Rentenrevisionsverfahren ein (IV-act. 153). Im "Fragebogen
Revision der Invalidenrente" gab die Versicherte am 8. September 2016 unter anderem
an, ihr Gesundheitszustand habe sich seit ca. einem Jahr verschlechtert. Ihre
Depressionen, Ängste und Schmerzen seien schlimmer geworden. Es gebe kaum eine
Minute, in der sie die Schmerzen nicht spüre. Beim Sitzen, Stehen und Gehen müsse
sie ca. alle 15 Minuten die Position wechseln. Auf die Frage, ob sie sozial
zurückgezogen lebe, antwortete sie, Kontakt habe sie zur Mutter der Schwiegertochter
und einer Freundin. Ihr Misstrauen würde sie daran hindern, Kontakte zu knüpfen (IV-
act. 155).
A.g.
Dr. med. B._ gab mit Bericht vom 19. September 2016 an, der Zustand der
Versicherten sei seit dem letzten Bericht an die IV-Stelle vom April 2013 unverändert
(IV-act. 157-2).
A.h.
Am 4. Oktober 2016 von 11:15 bis 11:25 Uhr erfolgte eine Kurzobservation (IV-act.
158). Zwischen dem 6. Oktober 2016 und dem 3. November 2016 wurde die
Versicherte erneut überwacht (IV-act. 162). Am 24. Januar 2017 fand ein Gespräch
zwischen der IV-Stelle und der Versicherten statt. Dabei wurde die Versicherte
ausführlich zu ihrem Gesundheitszustand befragt und über die erfolgten Observationen
informiert (IV-act. 169). Am 1. März 2017 ordnete die IV-Stelle eine medizinische
A.i.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Begutachtung bei med. pract. C._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
FMH, an (IV-act. 179 ff.).
Mit Bericht vom 17. August 2017 über die stationäre Behandlung der Versicherten
vom 11. Juli bis 3. August 2017 stellten die Behandler der Klinik St. Pirminsberg,
Pfäfers, folgende Diagnosen: rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere
Episode mit psychotischen Symptomen, Agoraphobie ohne Angabe einer
Panikstörung, Fibromyalgie, Kontaktanlässe mit Bezug auf Kindheitserlebnisse und
andere Kontaktanlässe mit Bezug auf den engeren Familienkreis. Die Versicherte habe
an einem multimodalen Therapieprogramm teilgenommen (Psychotherapie im
Einzelsetting, Bezugspersonenpflege, Bewegungstherapie [Rückengymnastik,
Frauentanzgruppe], Ergo-, Kunst- und Musiktherapie sowie Entspannungsverfahren
[Aromatherapie, Massage]). Im Verlauf der Behandlung habe sich das psychische
Zustandsbild zwar verbessert, die Versicherte habe jedoch vor Remission der
depressiven und Angstsymptomatik wegen familiärer Verpflichtungen wieder austreten
müssen (IV-act. 186-56 ff.).
A.j.
Mit Gutachten vom 20. Oktober 2017 stellte med. pract. C._ fest, es könnten bei
der Versicherten keine Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gestellt
werden. Sie diagnostizierte eine Dysthymia bei Status nach depressiver Episode vor
längerer Zeit, DD rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig voll remittiert,
allenfalls zeitweilig in Form einer leichten depressiven Episode, und akzentuierte
Persönlichkeitszüge mit histrionischen Anteilen (IV-act. 186-44). Mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit spätestens seit März bis April 2016 und mit Sicherheit spätestens
ab dem Zeitpunkt der aktuellen Untersuchung im August und September 2017 liege bei
der Versicherten aus psychiatrischer Sicht keine andauernde Arbeitsunfähigkeit im IV-
rechtlichen Sinne mehr vor. Die niederfrequente Therapie (Konsultationen alle vier bis
sechs Wochen) erscheine bei der sehr geringen psychischen, vordergründig
psychosozialen Problematik adäquat (IV-act. 186-45).
A.k.
Mit Vorbescheid vom 6. Juni 2018 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Aufhebung der Rente in Aussicht (IV-act. 189). Dagegen erhob die Versicherte am
5. Juli 2018 Einwand. Sie habe sich am 20. November 2017 in teilstationäre
Behandlung in der Tagesklinik St. Gallen begeben und sich fast drei Monate lang dort
A.l.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
behandeln lassen müssen, wobei sich ihr psychischer Zustand nicht wesentlich
gebessert habe, sodass von einer rezidivierenden depressiven Störung mittelgradiger
Ausprägung ausgegangen werde. Sie könne sich höchstens eine 50%ige Arbeit in
einer adaptierten Tätigkeit vorstellen (IV-act. 198-1). Ihrem Einwand legte die
Versicherte den Austrittsbericht der psychiatrischen Tagesklinik St. Gallen vom 22. Juni
2018 bei. Gemäss diesem Bericht hatte sich die Versicherte vom 20. November 2017
bis 16. Februar 2018 in einem fünftägigen teilstationären multimodalen
Therapieprogramm und bis zum 29. Mai 2018 ein Mal die Woche in der psychiatrischen
Tagesklinik St. Gallen behandeln lassen (IV-act. 198-7 ff.).
Im Rahmen einer internen Anfrage hielt IV-Ärztin Dr. med. D._ am 26. Juli 2018
fest, aufgrund der im Bericht der Tagesklinik beschriebenen objektiven Befunde könne
keine mittelgradige depressive Episode postuliert werden. Die behandelnden Ärzte
hätten sich weitestgehend auf die subjektiven Angaben der Versicherten abgestützt.
Trotz angeblich nur geringer Besserung der Symptomatik sei die Therapiefrequenz von
fünf Halbtagen auf einmal pro Woche reduziert worden, was nicht nachvollziehbar sei.
Die Arbeitsunfähigkeit von 100% werde zudem nicht begründet. An der gutachterlichen
Einschätzung von med. pract. C._ sei deshalb festzuhalten (IV-act. 200).
A.m.
Mit Verfügung vom 26. Juli 2018 hob die IV-Stelle die Rente auf Ende des
folgenden Monats auf und entzog einer Beschwerde die aufschiebende Wirkung. Zur
Begründung führte sie aus, in dem beweiskräftigen psychiatrischen Gutachten vom
20. Oktober 2017 sei auf eine gravierende Diskrepanz insbesondere zwischen der
Beschwerdedarstellung und des bei der Observation gesehenen Verhaltens
hingewiesen worden. Auch der von der Versicherten geschilderte Tagesablauf und ihre
Aktivitäten hätten in auffallendem Gegensatz zum unauffälligen Befund im Rahmen der
Exploration gestanden. Die von der Versicherten geschilderten Beschwerden hätten
nicht objektiviert werden können. Auffallend seien massive Aggravationstendenzen bei
einem hohen sekundären Krankheitsgewinn gewesen. Seit spätestens April 2013 sei
eine Verbesserung des Gesundheitszustands eingetreten. Mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit habe ab April 2016 keine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit
mehr vorgelegen. Es gebe Anhaltspunkte dafür, dass die Versicherte bewusst falsche
Angaben gemacht habe, um weiterhin Rentenleistungen zu beziehen. Dennoch werde
beim aktuellen Aktenstand auf eine rückwirkende Renteneinstellung verzichtet und die
A.n.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Rente nur für die Zukunft eingestellt. Durch den mit dem Einwand eingereichten
Arztbericht könne weder die gutachterliche Einschätzung in Frage gestellt noch eine
relevante Veränderung des Gesundheitszustands seit Begutachtung angenommen
werden (IV-act. 201).
Gegen diese Verfügung erhebt A._, vertreten durch Fürsprecher Daniel Küng,
am 5. September 2018 Beschwerde. Sie beantragt, die angefochtene Verfügung vom
26. Juli 2018 sei vollumfänglich aufzuheben. Ihr sei weiterhin eine ganze Invalidenrente
zu entrichten. Eventualiter sei die Angelegenheit an die Beschwerdegegnerin zur
Vornahme weiterer Abklärungen und anschliessender Neuverfügung zurückzuweisen.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegnerin. Zudem
sei ihr die unentgeltliche Prozessführung samt unentgeltlicher Rechtsvertretung zu
bewilligen. Die Beschwerdeführerin wäre aufgrund der finanziellen Notwendigkeit und
bei gewährleisteter Betreuung ihrer minderjährigen Tochter im Gesundheitsfall zu 100%
erwerbstätig. Demnach sei die gewöhnliche Methode der Invaliditätsbemessung
anzuwenden. Massgebend sei die Einschätzung der behandelnden Ärztinnen und
Ärzte, welche, um lege artis vorzugehen, die Angaben der Beschwerdeführerin kritisch
hinterfragen und würdigen würden. Da die Gutachterin med. pract. C._ von deren
Beurteilung abweiche, hätte sie zwingend mit den Behandlern Rücksprache nehmen
müssen. Was die Observationsergebnisse betreffe, beschreibe die Gutachterin in dem
Zeitraum das Eingehen einer Liebesbeziehung und führe an, dies passe nicht zu dem
fehlenden Vertrauen zu anderen Menschen. Depressionen, auch schwere, würden
jedoch nicht ausschliessen, dass die betroffene Person starke Gefühle für einen
Menschen entwickle. Gerade bei einem stimmungsmässigen Tiefpunkt sei die
Sehnsucht nach einem gewissen Menschen stärker und führe, wenngleich nur ganz
kurzfristig, zu einer Remission der Symptomatik. So würden sich die
Observationsergebnisse aus dem Jahr 2016 erklären lassen. Da es zu keiner relevanten
Änderung des Gesundheitszustands gekommen sei, sei weiterhin eine ganze Rente
auszurichten (act. G1).
B.a.
Mit Beschwerdeantwort vom 29. Oktober 2018 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Med. pract. C._ habe in ihrem Gutachten die
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Differenzen zwischen ihrer Einschätzung und der Einschätzung der Behandler
ausführlich begründet. Eine Rücksprache mit den Behandlern sei nicht notwendig. Die
Gutachterin habe bewusstseinsnahe Verfälschungstendenzen festgestellt. Unter diesen
Umständen hätten die Beurteilungen der Behandler keinen Beweiswert, denn
behandelnde Ärzte würden in der Regel nicht hinterfragen, ob die Angaben der
Patientin der Wahrheit entsprächen. Aus dem Eingehen der Liebesbeziehung 2016
habe die Gutachterin nicht abgeleitet, es könne keine Depression vorliegen, sondern
sie habe dies und die weiteren konkreten Lebensumstände, insbesondere die
geschilderten sozialen Kontakte, der Darstellung der Beschwerdeführerin, es fehle ihr
an Vertrauen zu anderen Menschen, gegenübergestellt. Selbst wenn keine
Veränderung des Gesundheitszustands eingetreten wäre, würde der durch die
Beschwerdeführerin geltend gemachten Wechsel der Berechnungsmethode (100%
erwerbstätig) einen Anpassungsgrund darstellen (act. G4).
Am 22. November 2016 bewilligt die Abteilungspräsidentin das Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung; act. G5).
B.c.
Mit Replik vom 20. März 2019 macht die Beschwerdeführerin geltend, gerade was
eine allfällige und hier bestrittene Aggravation anbelange, seien behandelnde Ärztinnen
und Ärzte häufig besser in der Lage, eine verlässliche Aussage zu machen. Die
Gutachterin erkenne darin eine Diskrepanz, dass die Beschwerdeführerin einerseits
ausgeführt habe, gelernt zu haben, mit den Schmerzen zu leben und sie zu
akzeptieren, andererseits sage, die Schmerzen hätten zugenommen. Worin hier die
Inkonsistenz liege, sei nicht ersichtlich. Sie habe gar keine andere Wahl, als die
Schmerzen zu akzeptieren. Nur weil die Beschwerdeführerin auf die Frage nach
Hobbies nicht im gleichen Atemzug darauf hingewiesen habe, dass sie Angst um ihre
Kinder habe, erachte die Gutachterin ihre Angaben als nicht konsistent. Die Gutachterin
halte ihr vor, ihre Angaben seien vage, dabei mache sie selbst vage Angaben. Auf das
Gutachten könne deshalb nicht abgestellt werden. Ein Methodenwechsel sei in der Tat
erforderlich. Die Beschwerdeführerin habe unter der nun anzuwendenden Methode
jedenfalls Anspruch auf die bisherige Rente (act. G15).
B.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Mit Duplik vom 16. Mai 2019 führt die Beschwerdegegnerin aus, die Gutachterin
habe den Gedanken, wonach eine Diskrepanz bestehe zwischen der Aussage der
Beschwerdeführerin, sie habe gelernt, mit ihrem Schmerz umzugehen und die
Schmerzen hätten zugenommen, weiter ausgeführt und plausibel begründet. Es
erscheine durchaus relevant, dass die Beschwerdeführerin die Ängste bei der
Schilderung der Aktivitäten nicht spontan beschrieben habe. Eine detaillierte
Diskussion finde sich an einer anderen Stelle im Gutachten. Dass die Angaben der
Beschwerdeführerin vage seien, sei relevant. Authentische Beschwerden könnten
genau und differenziert beschrieben werden. Offensichtlich sei die Beschwerdeführerin
dazu nicht in der Lage gewesen. Die Rüge, die Gutachterin sei ihrerseits vage
geblieben, treffe nicht zu (act. G17).
B.e.
Ändert sich der Invaliditätsgrad einer rentenbeziehenden Person erheblich, so wird
die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht,
herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Anlass zur
Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen seit
Zusprechung der Rente, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Anspruch
zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen Änderung des
Gesundheitszustandes oder der erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich
gebliebenen Gesundheitszustandes revidierbar. Dagegen stellt die bloss
unterschiedliche Beurteilung der Auswirkungen eines im Wesentlichen unverändert
gebliebenen Gesundheitszustandes auf die Arbeitsfähigkeit keinen Revisionsgrund im
Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG dar (Urteil des Bundesgerichts vom 12. Januar 2010,
9C_798/2009, E. 3.1; BGE 112 V 371 E. 2b, mit weiteren Hinweisen).
1.1.
Eine Verbesserung der Erwerbsfähigkeit ist für die Herabsetzung der Leistung von
dem Zeitpunkt an zu berücksichtigen, in dem angenommen werden kann, dass sie
voraussichtlich längere Zeit dauern wird. Sie ist in jedem Fall zu berücksichtigen,
nachdem sie ohne wesentliche Unterbrechung drei Monate gedauert hat und
voraussichtlich weiterhin andauern wird (vgl. Art. 88a Abs. 1 der Verordnung über die
Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]). Die Herabsetzung oder Aufhebung der Rente
erfolgt grundsätzlich frühestens vom ersten Tag des zweiten der Zustellung der
1.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verfügung folgenden Monats an (Art. 88 Abs. 2 lit. a IVV). Ausnahmsweise erfolgt sie
rückwirkend ab Eintritt der für den Anspruch erheblichen Änderung, wenn der Bezüger
die Leistung zu Unrecht erwirkt hat oder der ihm nach Art. 77 IVV zumutbaren
Meldepflicht nicht nachgekommen ist, unabhängig davon, ob die Verletzung der
Meldepflicht oder die unrechtmässige Erwirkung ein Grund für die Weiterausrichtung
der Leistung war (Art. 88 Abs. 2 lit. b IVV).
bis
bis
Die Anpassung der Dauerleistung kann auch erfolgen, weil die Methode der
Invaliditätsbemessung gewechselt wird. Dabei wird allerdings von den der
ursprünglichen Invaliditätsbemessung zugrunde gelegten Kriterien nicht ohne
zwingende Notwendigkeit abgewichen (Ulrich Meyer/Marco Reichmuth, Bundesgesetz
über die Invalidenversicherung [IVG], in Hans-Ulrich Stauffer/Basile Cardinaux [Hrsg.],
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 3. Aufl., Zürich/
Basel/Genf 2014, Art. 30-31 N 27; beachte indes die neuere Rechtsprechung des
Bundesgerichts bei Wechseln von voll- oder nicht- zu teilerwerbstätig allein aus
familiären Gründen, Entscheid des Bundesgerichts vom 23. Dezember 2019,
8C_591/2019, E. 2.4 und E. 3.3; BGE 144 I 21).
1.3.
Zeitlicher Ausgangspunkt für die Beurteilung einer anspruchserheblichen Änderung
des Invaliditätsgrads ist bei der Prüfung eines Gesuchs um Erhöhung der Rente wie
auch bei der Prüfung einer Rentenanpassung von Amtes wegen die letzte
rechtskräftige Verfügung, welche auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs
mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Durchführung eines
Einkommensvergleichs beruht. Relevant ist mithin die letzte anspruchsändernde
Verfügung. Verfügungen, welche eine laufende Rente bloss bestätigen, sind
demgegenüber revisionsrechtlich unbeachtlich (BGE 133 V 108 E. 4.1 und 5.4). Ob eine
revisionsbegründende Änderung eingetreten ist, beurteilt sich also durch Vergleich des
Sachverhalts, wie er im Zeitpunkt der letzten (der versicherten Person eröffneten)
rechtskräftigen Verfügung bestand, welche auf einer materiellen Prüfung des
Rentenanspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und
Durchführung eines Einkommensvergleichs (bei Anhaltspunkten für eine Änderung in
den erwerblichen Auswirkungen des Gesundheitszustands) beruht, mit demjenigen zur
Zeit der streitigen Neubeurteilung (BGE 133 V 108 E. 5.4; BGE 130 V 351 E. 3.5.2; BGE
125 V 369 E. 2).
1.4.
Wenn ein Revisionsgrund gegeben ist, prüft die Verwaltung den Rentenanspruch in
tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht umfassend ("allseitig"), wobei keine Bindung an
frühere Beurteilungen besteht. Es ist nicht erforderlich, dass gerade die geänderte
Tatsache zu einer Neufestsetzung der Invalidenrente führt; vielmehr kann sich bei der
1.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
3.
allseitigen Prüfung des Rentenanspruchs ergeben, dass ein anderes Anspruchselement
zu einer Herauf-, Herabsetzung oder Aufhebung der Invalidenrente führt (Urteil des
Bundesgerichts vom 21. Oktober 2014, 9C_378/2014, E. 4.2 mit Hinweisen).
Zeitlicher Ausgangspunkt für die Beurteilung der Änderung des Invaliditätsgrades
ist vorliegend die in Rechtskraft erwachsene Verfügung vom 29. Dezember 2010 (IV-
act. 113 ff.). Am 23. April 2013 wurde lediglich die bisherige Rente bestätigt, sodass die
entsprechende Mitteilung (IV-act. 142) nicht als zeitlicher Ausgangspunkt gelten kann.
2.1.
Streitig und zu prüfen ist, ob und gegebenenfalls wie sich der Gesundheitszustand
der Beschwerdeführerin zwischen dem 29. Dezember 2010 und dem 26. Juli 2018
(angefochtene Verfügung) verändert hat. Während die Beschwerdeführerin im
Fragebogen zur Rentenrevision eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustands
geltend machte (IV-act. 155), später im Einwand zum Vorbescheid ein Arbeitspensum
von 50% als allenfalls möglich ansah (IV-act. 198-1) und im vorliegenden
Beschwerdeverfahren die Weiterausrichtung einer ganzen Rente bei entsprechend
eingeschränkter Arbeitsfähigkeit beantragt (act. G1), geht die Beschwerdegegnerin von
einer Verbesserung der Arbeitsfähigkeit auf 100% seit spätestens April 2016 aus (IV-
act. 201).
2.2.
Die Beschwerdegegnerin stützt ihre Einschätzung auf das Gutachten von med.
pract. C._ vom 20. Oktober 2017 ab. Diese Begutachtung fand statt, nachdem die
Beschwerdeführerin mehrmals observiert worden war, und berücksichtigte unter
anderem das Observationsmaterial.
3.1.
Für die erfolgten Observationen fehlte die gesetzliche Grundlage, womit die
Observationsergebnisse unrechtmässig erhoben worden sind (siehe Urteil des
Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Sachen Vukota-Bojic gegen
Schweiz, Urteil no. 61838/10, vom 18. Oktober 2016, und Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 6. Dezember 2016, IV 2016/145, E. 3, insoweit bestätigt im
Urteil des Bundesgerichts vom 18. August 2017, 8C_69/2017, E. 5). Das Bundesgericht
ist jedoch im Wesentlichen zur Auffassung gelangt, dass von der IV-Stelle in Auftrag
gegebenes unrechtmässig erhobenes Observationsmaterial grundsätzlich verwertbar
sei, sofern die Überwachung aufgrund ausgewiesener Zweifel eingeleitet sowie im
öffentlich einsehbaren Raum erfolgt sei und die versicherte Person keiner
systematischen oder ständigen Überwachung ausgesetzt gewesen sei (BGE 143 I 377
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
E. 5.1 ff. mit Hinweisen; bestätigt etwa im Urteil des Bundesgerichts vom 9. November
2017, 9C_328/2017). Es räumt dem Interesse des Sozialversicherers und der
Versichertengemeinschaft an der Verhinderung unrechtmässiger Leistungsbezüge eine
vorrangige Stellung in der Interessenabwägung ein. Wie in der Lehre für die Prüfung
der Verwertbarkeit illegal beschafften Beweismaterials gefordert, ist im Rahmen einer
ergebnisoffenen, umfassenden Interessenabwägung auch den Schutzinteressen der
verletzten Rechtsgüter (Privatspähre, Legalitätsprinzip) gebührend Rechnung zu tragen
(BGE 143 I 377 E. 5.1.2; Thomas Gächter/Michael E. Meier, Rechtwidrige
Observationen in der IV - Verwertbarkeit der Observationserkenntnisse, Bemerkungen
zum Leitentscheid 9C_806/2016 vom 14. Juli 2017, in: Jusletter vom 14. August 2017,
Rz 104; siehe zum Ganzen beispielhaft den Entscheid des Versicherungsgerichts vom
14. Dezember 2018, IV 2017/5, E. 2.1 ff.).
Vorliegend erhielt die Beschwerdegegnerin am 17. November 2015 einen
anonymen Hinweis, aus dem sie schloss, dass der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin sich wesentlich verbessert haben könnte (IV-act. 144 und 148-4).
Die hinweisgebende Person schien hinsichtlich der Lebensumstände der
Beschwerdeführerin gut unterrichtet zu sein, sodass deren Angaben Zweifel an der
fortdauernden Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin weckten, welche eine
Observation als objektiv geboten erscheinen liessen (vgl. BGE 143 I 377 E. 5.1 i.V.m.
BGE 137 I 327 E. 5.4.2.1; siehe zur Begründung des Abklärungsbedarfs und zur
Verhältnismässigkeit auch IV-act. 150-3). Die Beschwerdegegnerin durfte davon
ausgehen, dass eine unauffällige Beobachtung der alltäglichen Verrichtungen der
Beschwerdeführerin eine zuverlässigere Einschätzung der bestehenden
Leistungsbeeinträchtigungen ermöglichen würde als eine angekündigte Abklärung
innerhalb des sozialversicherungsrechtlichen Kontexts.
3.3.
Die Observation erfolgte zwar über einen Zeitraum von rund fünfeinhalb Monaten,
jedoch an insgesamt lediglich 17 Tagen, wobei die Beschwerdeführerin an 14 Tagen
gesehen werden konnte und am Tag der Kurzobservation lediglich eine zehnminütige
Überwachung stattfand. Sie erfasste das – von den Abklärungspersonen nicht
beeinflusste – Verhalten der Beschwerdeführerin im öffentlichen Raum im Sinne der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung (vgl. IV-act. 187). Unter diesen Umständen war
die Observation verhältnismässig (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 15. Januar 2019,
8C_689/2018, E. 4.1 f.). Ein überwiegendes privates Interesse ist nicht auszumachen.
Die Observationserkenntnisse sind somit gestützt auf die bundesgerichtliche
Rechtsprechung verwertbar. Dies wird von der Beschwerdeführerin denn auch nicht
bestritten.
3.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4).
4.1.
Im Sozialversicherungsrecht gelten der Untersuchungsgrundsatz und der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Demnach haben
Versicherungsträger und das Sozialversicherungsgericht die Beweise frei, d.h. ohne
Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen.
Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Sozialversicherungsgericht alle
Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und
danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige
Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere darf es bei
einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen,
ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es
auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (BGE 125 V 351
E. 3a).
4.2.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a mit Hinweisen).
4.3.
Die Rechtsprechung erachtet es als mit dem Grundsatz der freien
Beweiswürdigung vereinbar, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte
und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (BGE 125 V 3b). So
kann ein den Beweisanforderungen grundsätzlich genügendes medizinisches
Gutachten nicht allein deshalb in Frage gestellt werden, weil die behandelnden
medizinischen Fachpersonen eine abweichende Auffassung vertreten. Anders verhält
es sich nur, wenn objektiv feststellbare Gesichtspunkte vorgebracht werden, die im
Rahmen der Begutachtung unerkannt geblieben waren und die geeignet sind, zu einer
anderen Beurteilung zu führen (Urteil des Bundesgerichts vom 29. Juli 2008,
9C_830/2007, E. 4.3 mit Hinweisen). Ferner kann eine psychiatrische Exploration
4.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
naturgemäss nicht ermessensfrei erfolgen. Sie eröffnet einer psychiatrischen
Fachperson – sei sie nun in therapeutischer oder in begutachtender Funktion –
praktisch immer einen gewissen Spielraum, innerhalb dessen verschiedene
medizinisch-psychiatrische Interpretationen möglich, zulässig und zu respektieren sind,
sofern die Beurteilung der Fachperson die Beweisanforderungen erfüllt (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 5. März 2009, 8C_694/2008, E. 5.1). Die Einschätzung eines
psychischen Krankheitsbilds und dessen allfällige Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit muss sich zwangsläufig zunächst auf die Angaben und das Verhalten
der versicherten Person stützen. Um Beweiskraft erlangen zu können, muss eine
objektive fachmedizinische Beurteilung insbesondere diesem Umstand Rechnung
tragen. Deshalb ist eine umfassende Prüfung der Konsistenz und der Plausibilität der
Leidensschilderung sowie -präsentation für die Gewährleistung einer möglichst
objektiven fachmedizinischen Beurteilung der gesundheitlichen Beeinträchtigung der
Arbeitsfähigkeit von zentraler Bedeutung.
Gemäss den Qualitätsleitlinien für versicherungspsychiatrische Gutachten der
Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie SGPP (3. vollständig
überarbeitete und ergänzte Auflage, 16. Juni 2016) ist eine Stellungnahme zur
Authentizität von Beschwerden, von präsentierten Symptomen und von
Leistungseinschränkungen denn auch obligatorischer Bestandteil eines
versicherungspsychiatrischen Gutachtens. Das beinhaltet eine Stellungnahme zur
Frage, ob die berichteten Beschwerden und präsentierten Symptome in sich konsistent
sind oder ob Diskrepanzen, allenfalls sogar Widersprüche bestehen. Dies gelingt am
ehesten durch eine Gegenüberstellung der erhobenen Informationen mit Hilfe der
verschiedensten methodischen Zugänge. Diesbezüglich sind Hinweise aus der
Verhaltensbeobachtung und dem Anamneseverlauf relevant. Hierzu können z.B. eine
auffallend diffuse Beschwerdeschilderung, die fehlende Angabe von Details oder
Beispielen zu den Beschwerden auch auf Nachfrage, Widersprüchlichkeiten innerhalb
der Anamnese, zwischen Anamnese und Verhalten, zu Auskünften von Dritten,
zwischen Anamneseverlauf sowie zwischen Verhalten und Testsituation gehören
(Qualitätsleitlinien, S. 20 und 29). Eine besondere Bedeutung bei der Exploration
kommt der detaillierten Beschreibung eines üblichen Tagesablaufs durch die
versicherte Person zu, da sich hieraus häufig Hinweise auf Interessen, Aktivitäten,
Alltagsgewohnheiten und damit Potential und Ressourcen, jedoch auch Diskrepanzen
zu anderen Angaben oder zum Verhalten in der Untersuchung ergeben
(Qualitätsleitlinien, S. 16).
4.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz
nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 360 E. 5b; BGE 125 V 195 E. 2, je mit Hin
weisen).
4.6.
Streitig und zu prüfen ist, ob das Gutachten von med. pract. C._ vom 20.
Oktober 2017 beweiskräftig ist, sodass betreffend Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
darauf abgestellt werden kann.
5.1.
Vorab ist festzuhalten, dass einzig psychiatrische Gesundheitseinschränkungen
zur Diskussion stehen, sodass keine anderen Fachdisziplinen beizuziehen waren und
das monodisziplinäre psychiatrische Gutachten genügt. Die Gutachterin hat die
Beschwerdeführerin persönlich untersucht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt
und ihr Gutachten in Kenntnis der Vorakten sowie insbesondere des Berichts der Klinik
St. Pirminsberg vom 17. August 2017 erstellt. Insofern sind die Anforderungen an ein
beweiskräftiges Gutachten in formaler Hinsicht erfüllt. Zu klären ist, ob die Beurteilung
der medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und
die Schlussfolgerungen der Gutachterin begründet sind oder ob die abweichenden
Einschätzungen der Behandler objektiv feststellbare Gesichtspunkte enthalten, welche
im Rahmen der Begutachtung unerkannt geblieben sind oder an deren Richtigkeit
wesentliche Zweifel wecken.
5.2.
Die Beschwerdeführerin bringt vor, ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte würden
durchgängig die Arbeitsfähigkeit einschränkende gesundheitliche Störungen
beschreiben. Dies allein erschüttert indes den Beweiswert des Gutachtens nicht (vgl. E.
4.4 vorstehend). Med. pract. C._ setzte sich in ihrem Gutachten ausführlich mit der
Aktenlage und den Einschätzungen der Behandler auseinander (siehe etwa IV-
act. 186-39 ff. und 186-46 f.) und kam dabei zum Schluss, dass die Behandler in ihrer
diagnostischen Einschätzung weitestgehend, wenn nicht ausschliesslich auf die
subjektiven Beschwerden der Beschwerdeführerin abgestellt haben (IV-act. 186-42).
Diese Schlussfolgerung ist nachvollziehbar. Die Behauptung der Beschwerdeführerin,
die Behandler würden die Angaben der Beschwerdeführerin kritisch hinterfragen,
schlägt sich in den entsprechenden Arztberichten nicht nieder. So nannte die
behandelnde Psychiaterin Dr. B._ weder mit Bericht vom 19. September 2016 noch
mit Bericht vom 8. April 2013 objektivierbare Befunde (IV-act. 157-2 und 139). Auch
Dr. med. E._ berichtete am 1. Februar 2017 über die von der Beschwerdeführerin
geklagten Beeinträchtigungen und fusste seine Einschätzung lediglich auf diese und
5.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seine Beobachtungen anlässlich der vier bis dahin stattgefundenen Konsultationen.
Objektive Befunde wie etwa aussagekräftige Testergebnisse oder Beobachtungen
ausserhalb der Konsultationen fehlen (vgl. IV-act. 173-6 ff.). Im Austrittsbericht der
Klinik St. Pirminsberg vom 17. August 2017 werden ebenfalls weitestgehend die
Aussagen der Beschwerdeführerin wiedergegeben, selbst unter dem Titel "Befunde".
Immerhin fällt auf, dass die Beschwerdeführerin bei Klinikeintritt Verfolgungsideen
angab und von akustischen Halluzinationen berichtete (sie höre eine Stimme, die ihr
Befehle erteile), während sich für Ich-Störungen keine Hinweise finden liessen und bei
Austritt keine Anhaltspunkte für psychotisches Erleben gegeben waren (vgl. IV-act.
186-56 ff.).
Die Beschwerdeführerin bringt vor, da die Gutachterin von den Diagnosen der
Behandler und deren Arbeitsfähigkeitsschätzungen abweiche, hätte sie zwingend mit
diesen Kontakt aufnehmen müssen. Dem kann nicht zugestimmt werden. Der
psychiatrischen Gutachterin steht ein gewisses Ermessen zu (vgl. E. 4.4 vorstehend).
Sie kann also sowohl von der Selbsteinschätzung der Beschwerdeführerin als auch von
den vorbehaltlos auf diese abstellenden Beurteilungen der Behandler abweichen, wenn
sie es überzeugend begründet. Dies hat med. pract. C._ getan (siehe IV-act. 186-46
ff.). Sie hat ihr Gutachten insbesondere unter Befolgung der Qualitätsleitlinien (E. 4.5
vorstehend) erstellt. Es war deshalb auch korrekt, dass sie die vagen Schilderungen
der Beschwerdeführerin festhielt und würdigte (Leitlinien, S. 29). Der Vorwurf der
Beschwerdeführerin, die Gutachterin sei selber vage geblieben (act. G15) erscheint
dahingegen unbegründet. Eine abweichende Einschätzung rechtfertigt sich vorliegend
umso mehr, als sich aus den früheren schriftlichen Angaben der Beschwerdeführerin,
dem Observationsmaterial und den anlässlich der gutachterlichen Untersuchung
gemachten Äusserungen Inkonsistenzen und Diskrepanzen in der Leidensschilderung
und -präsentation der Beschwerdeführerin ergeben, die sich mit ihrem Aktivitätsniveau
im Haushalt und Alltag nicht vereinbaren lassen (siehe hierzu beispielhaft IV-
act. 186-38 und 186-49). Die Einholung von telefonischen Auskünften der Behandler
durch die Gutachterin war somit nicht angezeigt.
5.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerdeführerin macht sinngemäss geltend, sie sei im Jahr 2016 aus ihrer
schweren Depression und der damit verbundenen "Sehnsucht nach einem gewissen
Menschen" heraus eine Liebesbeziehung eingegangen, was zu einer ganz kurzfristigen
Remission der Symptomatik geführt habe. So würden sich die Observationsergebnisse
erklären lassen (vgl. act. G1 S. 8).
5.5.
Im "Fragebogen Revision der Invalidenrente" hatte die Versicherte am 8.
September 2016 hingegen angegeben, ihr Gesundheitszustand habe sich seit ca.
einem Jahr verschlechtert. Ihre Depressionen, Ängste und Schmerzen seien schlimmer
geworden. Kontakt habe sie nur zur Mutter der Schwiegertochter und einer Freundin.
Ihr Misstrauen würde sie daran hindern, Kontakte zu knüpfen (IV-act. 155). Auch
anlässlich des Gesprächs mit der Beschwerdegegnerin vom 24. Januar 2017 erklärte
die Beschwerdeführerin, ihr Gesundheitszustand hätte sich verschlechtert. Auf explizite
Nachfrage gab sie an, diese Verschlechterung sei ungefähr im September 2015
eingetreten und habe das ganze Jahr, also bis September 2016, gedauert (IV-
act. 169-12 f.).
5.5.1.
Ihre Liebesbeziehung erwähnt die Beschwerdeführerin, soweit aus den Akten
ersichtlich, erstmals anlässlich der Begutachtung gegenüber med. pract. C._. Diese
Beziehung habe von März oder April 2016 bis September oder Oktober 2016
bestanden. Der Mann habe ihr zugehört, sie habe jemanden zum Reden gehabt. Er sei
ein freundlicher, lustiger Mensch und habe versucht, sie zum Lachen zu bringen (IV-
act. 186-23 f.).
5.5.2.
Die Gutachterin vermerkte, dass die Beschwerdeführerin auch auf konkretes
Nachfragen nur wenige, dabei vage und wenig aussagekräftige Angaben zum Verlauf
ihrer Beschwerden seit 2008 gemacht habe. Sie habe ausweichende Antworten
gegeben und recht geschickt wiederholt das Thema gewechselt. Lediglich über den
Zeitraum von März bis Oktober 2016 habe sie etwas ausführlichere Angaben gemacht
(IV-act. 186-30 f.). Wie auch der Gutachterin aufgefallen ist, handelt es sich dabei um
den Zeitrahmen, in welchem die Observationen stattgefunden haben.
5.5.3.
Diese Tatsache ist bemerkenswert, da die Beschwerdeführerin anlässlich der
Observation nicht niedergeschlagen, gleichgültig oder schmerzgeplagt erschienen war.
Ihr Aktivitätsniveau war vielmehr nicht merklich eingeschränkt und sie konnte oft
telefonierend, dabei aufmerksam, gelassen bis heiter oder auch lachend beobachtet
werden (vgl. IV-act. 165). Zu diesen Beobachtungen passen ihre früheren Angaben
kaum, die Schilderung anlässlich der Begutachtung jedoch schon eher. Die
Beschwerdegegnerin hat bereits mit Aktennotiz vom 25. Februar 2017 diverse
5.5.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Inkonsistenzen zwischen verschiedenen Aussagen und dem anlässlich der Observation
festgestellten Verhalten der Beschwerdeführerin aufgelistet (IV-act. 178). Beispielhaft
sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Beschwerdeführerin gegenüber ihrem damaligen
Vermieter bei der Wohnungsabgabe vom 3. November 2016 sagte, sie selbst und ihre
Schwägerin hätten die Endreinigung der Wohnung durchgeführt (siehe IV-act. 164 und
IV-act. 165-4). Gegenüber der Beschwerdegegnerin gab die Beschwerdeführerin dann
aber an, die Schwiegertochter, deren Mutter und eine Freundin von ihr sowie ihr Sohn
und dessen Schwager hätten die Wohnung geputzt. Sie habe versucht zu helfen, aber
es sei nicht gegangen (IV-act. 169-17).
Nach dem Gesagten kann nicht ausgeschlossen werden, dass die
Beschwerdeführerin die geltend gemachte Liebesbeziehung im Nachhinein besonders
hervorhob, um die Ergebnisse der Observation zu erklären und eine bloss
vorübergehende Verbesserung der Symptomatik behaupten zu können. Ihre
ursprüngliche und mit Vehemenz vertretene Behauptung einer Verschlechterung ihres
Gesundheitszustands verträgt sich jedenfalls schlecht mit dem während der
Observation gezeigten Verhalten. Insgesamt kann nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, die angebliche Liebesbeziehung aus
dem Jahr 2016 lasse die Ergebnisse der Observation und die Beurteilung des
Gesundheitszustands als unzutreffend erscheinen.
5.5.5.
Zu betonen ist, dass sowohl die Therapiefrequenz als auch die Medikation der
Beschwerdeführerin gegenüber dem zeitlichen Ausgangspunkt reduziert worden sind
(vgl. IV-act. 186-40). Die kurze stationäre Behandlung sowie die vorübergehende
tagesklinische Betreuung sind nicht mit einer grundlegengenden Änderung der
Behandlung einhergegangen (vgl. IV-act. 186-28). Bemerkenswert ist in diesem
Zusammenhang, dass die Beschwerdeführerin in die stationäre Behandlung eintrat, als
ihre Tochter ferienhalber bei ihrem Vater in der Türkei weilte und wieder austrat, als
diese aus den Ferien zurückkehrte (IV-act. 186-57 f.). Sowohl anlässlich der
Observation wie auch anlässlich der gutachterlichen Untersuchung konnte kein
wesentlicher Leidensdruck mehr objektiviert werden (vgl. IV-act. 154, 162, 165-5 und
186-49). Die Gutachterin wies zudem darauf hin, bei Vorliegen einer schweren
depressiven Episode nach den Kriterien der ICD-10 wäre die Beschwerdeführerin nicht
in der Lage gewesen, am umfangreichen Therapieprogramm, wie von der Klinik
St. Pirminsberg beschrieben, teilzunehmen. Auch die beschriebene rasche Remission
der depressiven Symptomatik innerhalb einer dreiwöchigen Behandlung lasse sich
nicht mit der Einschätzung einer schweren depressiven Episode mit psychotischen
Symptomen vereinbaren (IV-act. 186-41 f.). Med. pract. C._ konnte bei der
5.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit den angegebenen Beschwerden und der
tiefen Selbsteinschätzung der Arbeitsfähigkeit (höchstens 10 bis 20% bei einer
ausserhäuslichen Tätigkeit; 50% im Haushalt) massive Aggravationstendenzen, einen
hohen sekundären Krankheitsgewinn sowie auch zahlreiche psychosoziale
Belastungsfaktoren feststellen. Diese Faktoren sind IV-fremd und bei der Beurteilung
des IV-rechtlich massgebenden Revisionssachverhalts auszuklammern (IV-
act. 186-46). Insgesamt ist die von der Gutachterin festgestellte Verbesserung des
Gesundheitszustands deshalb einleuchtend und nachvollziehbar.
Zusammenfassend hat med. pract. C._ die medizinischen Zusammenhänge und
die medizinische Situation ausführlich dargelegt und ihre Schlussfolgerungen
nachvollziehbar begründet. Ihr Gutachten ist somit beweiskräftig.
5.7.
Nachdem das Gutachten beweiskräftig ist, ist die Beschwerdeführerin als zu 100%
arbeitsfähig anzusehen und auch im Aufgabenbereich nicht wesentlich eingeschränkt.
Es kann daher offenbleiben, nach welcher Methode der Invaliditätsgrad zu berechnen
wäre, da keine Invalidität mehr vorliegt.
6.1.
Die Beschwerdegegnerin hat deshalb zu Recht in der angefochtenen Verfügung
vom 26. Juli 2018 die Rente in Anwendung von Art. 88 Abs. 2 IVV auf das Ende des
der Zustellung der Verfügung folgenden Monats aufgehoben. Die Beschwerde ist somit
abzuweisen.
6.2. bis
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegenden Angelegenheit angemessen. Da die Beschwerdeführerin
vollumfänglich unterliegt, ist die Gerichtsgebühr grundsätzlich ihr aufzuerlegen (Art. 95
Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS 951.1]). Zufolge
unentgeltlicher Rechtspflege ist sie von der Bezahlung zu befreien.
6.3.
bis
Der Staat bezahlt zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung die Kosten der
Rechtsvertretung. Die Parteientschädigung wird vom Versicherungsgericht festgesetzt
und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach
der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22
Abs. 1 lit. b der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten (HonO;
sGS 963.75) pauschal Fr. 1'500.-- bis Fr. 15'000.--. Der Rechtsvertreter der
6.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte