Decision ID: 343a51d7-fcf3-505e-8131-f130f30d8dd8
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VG
Chamber: BE_VG_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Steuerverwaltung des Kantons Bern veranlagte die A._ AG für die Steuerjahre 2008-2016 mit Verfügungen unbekannten Datums, vordatiert auf den 20. August 2018, nach Ermessen, weil diese trotz Mahnung keine Steuererklärungen eingereicht hatte. Dabei setzte sie für die Steuerjahre 2012-2016 den Gewinn jeweils auf Fr. 1'000.-- und das steuerbare Kapital auf Fr. 50'000.-- fest. Zudem auferlegte sie der A._ AG pro Steuerjahr und Steuerart eine Busse von Fr. 200.--  Verletzung von Verfahrenspflichten. Auf die dagegen erhobenen  trat die Steuerverwaltung mit Entscheiden vom 12. Oktober 2018 betreffend die Steuerjahre 2012-2016 nicht ein. Bezüglich der Steuerjahre 2008-2011 hiess sie die Einsprachen wegen eingetretener Verjährung gut.
B.
Am 8. November 2018 gelangte die A._ AG mit Rekurs und Beschwerde betreffend die Steuerjahre 2012-2016 an die  des Kantons Bern (StRK). Diese wies die Rechtsmittel mit  vom 3. April 2019 ab.
C.
Dagegen hat die A._ AG am 6. Mai 2019 in einer einzigen Rechtsschrift sowohl bezüglich der Kantons- und Gemeindesteuern als auch der direkten Bundessteuer Verwaltungsgerichtsbeschwerde erhoben. Sie beantragt sinngemäss, die Entscheide vom 3. April 2019 seien  und die Sache sei zur Neubeurteilung an die StRK zurückzuweisen; eventuell sei die Sache vom Verwaltungsgericht materiell zu beurteilen.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 25.11.2019, Nrn. 100.2019.155/ 156U, Seite 3
Mit Verfügung vom 8. Mai 2019 hat der Abteilungspräsident die Verfahren betreffend die Kantons- und Gemeindesteuern sowie die direkte  vereinigt.
Die StRK und die Steuerverwaltung beantragen mit Vernehmlassung vom 10. Mai 2019 bzw. Beschwerdeantwort vom 20. Juni 2019 je die Abweisung der Beschwerden. Die Eidgenössische Steuerverwaltung hat sich nicht vernehmen lassen.
Mit Eingaben vom 18. Mai 2019 reichte die A._ AG Beweismittel nach. Am 17. Juni 2019, 28. Juni 2019, 20. August 2019 und 25. September 2019 hat sie weitere Unterlagen eingereicht.

Erwägungen:
1.
1.1 Das Verwaltungsgericht ist zur Beurteilung der Beschwerden als letzte kantonale Instanz gemäss Art. 74 Abs. 1 i.V.m. Art. 76 und 77 des Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) zuständig (vgl. auch Art. 201 Abs. 1 des Steuergesetzes vom 21. Mai 2000 [StG; BSG 661.11] und Art. 145 des Bundesgesetzes vom 14. Dezember 1990 über die direkte Bundessteuer [DBG; SR 642.11]  Art. 9 Abs. 3 der Verordnung vom 18. Oktober 2000 über den Vollzug der direkten Bundessteuer [BStV; BSG 668.11]). Die Beschwerdeführerin hat am vorinstanzlichen Rekurs- und Beschwerdeverfahren teilgenommen, ist durch die angefochtenen Entscheide besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung (Art. 79 Abs. 1 VRPG; vgl. auch Art. 201 Abs. 2 StG sowie Art. 145 Abs. 2 i.V.m. Art. 140 Abs. 1 DBG). Die Bestimmungen über Form und Frist sind  eingehalten (Art. 151 StG i.V.m. Art. 81 Abs. 1 und Art. 32 VRPG; Art. 145 Abs. 2 i.V.m. Art. 140 DBG). Auf die Beschwerden ist – unter  von E. 1.2 und 1.3 hiernach – einzutreten.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 25.11.2019, Nrn. 100.2019.155/ 156U, Seite 4
1.2 Das Verfahren vor dem Verwaltungsgericht ist auf den  beschränkt. Ausgangspunkt für dessen Bestimmung bilden die  Entscheide (sog. Anfechtungsobjekte). Diese geben den  des Streitgegenstands vor, d.h. der Streitgegenstand kann nicht über das hinausgehen, was die Vorinstanz geregelt hat (zum Begriff des  vgl. BVR 2017 S. 514 E. 1.2, 2011 S. 391 E. 2.1) – Mit  vom 3. April 2019 hat die StRK einzig beurteilt, ob die  zu Recht nicht auf die Einsprachen der Beschwerdeführerin  ist. Die ergänzenden Bemerkungen der StRK zu materiellrechtlichen Rügen (angefochtene Entscheide E. 8 ff.) wirken sich nicht auf die  aus und bilden nicht Gegenstand der verwaltungsgerichtlichen Verfahren. Soweit die Beschwerdeführerin diesbezügliche Anträge stellt, ist auf die Beschwerden nicht einzutreten.
1.3 Die Beschwerdeführerin beantragt unter anderem, die zahlreichen Rügen aus den Rechtsschriften vom 8. November 2018 und 5. März 2019 im Verfahren vor der StRK seien «gutzuheissen». Zudem verweist sie in der Beschwerdeschrift vielerorts auf ihre Eingaben an die Steuerverwaltung und die StRK. Der Verweis auf frühere Rechtsschriften stellt keine  Begründung im Sinn von Art. 32 Abs. 2 VRPG dar; es darf  ergänzend auf früher Gesagtes hingewiesen werden (BVR 2006 S. 193 [VGE 22333 vom 20.1.2006] nicht publ. E. 1.3; VGE 2016/74 vom 26.10.2016 E. 1.4; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum  VRPG, 1997, Art. 32 N. 15). Die pauschalen Verweise der  im Rechtsbegehren sowie in der Begründung sind somit lediglich im Sinn einer Ergänzung der in den  vorgebrachten Rügen aufzufassen. Auf Einwände, die die Beschwerdeführerin in früheren Rechtsschriften erhoben hat, in den nun zu beurteilenden Beschwerden aber nicht mehr substanziiert, ist in den  Erwägungen aus den genannten Gründen nicht einzugehen.  das Begehren als Verweis auf Anträge in früheren Rechtsschriften zu verstehen ist, ist auf diese nicht einzutreten.
1.4 Sind sowohl Entscheide bezüglich der kantonalen als auch der  angefochten, so muss das Verwaltungsgericht zwei Entscheide fällen, da es sich um zwei verschiedene Steuern handelt, die unterschiedli-
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 25.11.2019, Nrn. 100.2019.155/ 156U, Seite 5
chen Gemeinwesen zukommen und in getrennten Verfahren veranlagt werden. Die beiden Entscheide können aber in ein und derselben  getroffen werden (vgl. BGE 142 II 293 E. 1.2, 135 II 260 E. 1.3.1 [Pra 99/2010 Nr. 37], 130 II 509 E. 8.3 [Pra 94/2005 Nr. 114]). Weil  die einschlägigen Bestimmungen des kantonalen und  Rechts weitgehend gleich lauten, rechtfertigt sich die gemeinsame Beurteilung der Streitigkeit hinsichtlich kommunaler, kantonaler und  Steuern.
1.5 Die Beurteilung von Beschwerden gegen Rechtsmittelentscheide, die ein Nichteintreten der verfügenden Behörde zum Gegenstand haben, fällt in die einzelrichterliche Zuständigkeit (Art. 57 Abs. 2 Bst. c des  vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft [GSOG; BSG 161.1]; Praxisfestlegung der erweiterten Abteilungskonferenz zu Art. 57 GSOG vom 17.9.2014).
1.6 Das Verwaltungsgericht überprüft die angefochtenen Entscheide auf Rechtsverletzungen hin (Art. 80 Bst. a und b VRPG).
2.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht verlangt die Beschwerdeführerin , die vorliegenden Verfahren seien bis zum Abschluss des mittlerweile vor Verwaltungsgericht hängigen Veranlagungsverfahrens betreffend den einzigen Verwaltungsrat der Beschwerdeführerin zu sistieren.
2.1 Die instruierende Behörde kann von Amtes wegen oder auf Antrag das Verfahren einstellen, wenn dessen Ausgang vom Entscheid eines  Verfahrens abhängt oder wesentlich beeinflusst wird oder wenn im anderen Verfahren über die gleiche Rechtsfrage zu befinden ist (Art. 151 StG i.V.m. Art. 38 VRPG). Die Behörde verfügt beim Sistierungsentscheid über einen verhältnismässig grossen Ermessensspielraum. Sie muss diesen Handlungsspielraum aber sachgerecht und pflichtgemäss ausfüllen. Ein anderes Verfahren stellt einen Sistierungsgrund dar, wenn sein  für das interessierende Verfahren von präjudizieller Bedeutung ist (BVR 2003 S. 433 E. 3 und 3.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 38
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 25.11.2019, Nrn. 100.2019.155/ 156U, Seite 6
N. 2 und 11; Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, Handkommentar zum DBG, 3. Aufl. 2016, Art. 134 N. 14). In steuerrechtlichen Verfahren besteht  kein Anspruch auf Sistierung. Insbesondere aufgrund des öffentlichen Interesses an einer periodenbezogenen und damit ökonomischen  der Steuern kommt eine Sistierung nur ausnahmsweise in Betracht (Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, a.a.O., Art. 134 N. 14 und Art. 142 N. 19; zum Ganzen VGE 2018/364/365 vom 18.4.2019 E. 4.1).
2.2 Die Beschwerdeführerin macht geltend, das Veranlagungsverfahren betreffend ihren einzigen Verwaltungsrat beruhe auf weitgehend  Tatsachen wie die vorliegenden Verfahren (Beschwerden S. 17 f.). In Bezug auf letztere ist vor Verwaltungsgericht jedoch einzig zu , ob die StRK die Nichteintretensentscheide der Steuerverwaltung zu Recht bestätigt hat. Es ist nicht ersichtlich, inwiefern der Ausgang eines anderen (Veranlagungs-)Verfahrens für die Beurteilung des hier streitigen Nichteintretens von Bedeutung sein könnte. Verfahrensrechtliche Fragen wie die Einhaltung von Fristen und Formerfordernissen sind stark von den Gegebenheiten des Einzelfalls abhängig. Der Antrag auf Sistierung ist  abzuweisen.
3.
In der Sache ist streitig, ob die Steuerverwaltung zu Recht auf die  betreffend die Steuerperioden 2012-2016 nicht eingetreten ist. Die StRK hat das Nichteintreten in erster Linie wegen verspäteter  bestätigt.
3.1 Die steuerpflichtige Person kann gegen Veranlagungsverfügungen innert 30 Tagen seit deren Eröffnung schriftlich Einsprache erheben (Art. 189 i.V.m. Art. 190 Abs. 1 StG; Art. 132 Abs. 1 DBG). Verfügungen und Entscheide sind schriftlich zu eröffnen (Art. 159 Abs. 1 StG; Art. 116 Abs. 1 DGB), wobei die Zustellung in der Regel mit gewöhnlicher Post  (Art. 159 Abs. 2 StG; VGE 2015/298/299 vom 3.8.2016 E. 3.1, 2013/258/259 vom 12.3.2015 E. 2.2 mit Hinweisen). Die Beweislast für die Eröffnung liegt bei der Behörde (BGE 142 IV 125 E. 4.3, 136 V 295 E. 5.9
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 25.11.2019, Nrn. 100.2019.155/ 156U, Seite 7
auch zum Folgenden; BVR 2015 S. 301 E. 2.3; Merkli/Aeschlimann/, a.a.O., Art. 41 N. 3). Erfolgt die Zustellung mit uneingeschriebener Post, hat die Steuerbehörde auf geeignete Art den Beweis dafür zu , wann die Zustellung erfolgt ist; dies ist auch aufgrund von Indizien oder gestützt auf die gesamten Umstände möglich (BGE 142 IV 125 E. 4.3 mit Hinweis auf BGE 105 III 43 betreffend Veranlagungsverfügungen; BGer 2C_430/2009 vom 14.1.2010 E. 2.4). Auf die Angaben der  Person ist abzustellen, wenn sie nachvollziehbar sind und einer gewissen Wahrscheinlichkeit entsprechen, wobei der gute Glaube der steuerpflichtigen Person zu vermuten ist (VGE 2016/294 vom 13.2.2017 E. 2.4 mit Hinweisen). Besteht Ungewissheit über den genauen Zeitpunkt der Zustellung, hat die Adressatin oder der Adressat aus Gründen des Vertrauensschutzes und der Rechtssicherheit selbst alles Zumutbare zu unternehmen, um den genauen Zeitpunkt und den Lauf der  in Erfahrung zu bringen (BGer 2C_570/2011 und 2C_577/2011 vom 24.1.2012, in StR 67/2012 S. 301 E. 4.3).
3.2 Veranlagungsverfügungen und Einspracheentscheide, die vordatiert sind, verletzen die Formvorschrift von Art. 52 Abs. 1 Bst. f VRPG (BVR 2018 S. 79 E. 3.2). Eine falsche Angabe darf für die Betroffenen keine Nachteile zeitigen (BVR 2018 S. 79 E. 3.1, 2014 S. 130 E. 2.3; Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 52 N. 19; Markus Müller, Bernische Verwaltungsrechtspflege, 2. Aufl. 2011, S. 117). Dabei muss die fehlerhafte behördliche Angabe kausal für den eingetretenen Nachteil sein. Wer durch einen gerügten Mangel nicht irregeführt und damit auch nicht benachteiligt wurde, kann aus einem solchen nichts zu seinen Gunsten ableiten.  Vertrauen ist grundrechtlich geschützt (Art. 9 der  [BV; SR 101], Art. 11 Abs. 2 der Verfassung des Kantons Bern [KV; BSG 101.1]); Behandlung nach Treu und Glauben kann aber nur fordern, wer selber danach handelt (vgl. Art. 5 Abs. 3 BV). Hätte die betroffene Partei den Formmangel bei gebotener Aufmerksamkeit erkennen können, tritt zum Fehler der Behörde ein Versäumnis der betroffenen Partei hinzu. Kann die verspätete oder sonst wie mangelhafte Eingabe nicht mehr als natürliche oder begreifliche Folge des behördlichen Fehlers angesehen werden, ist der Irrtum der betroffenen Partei nicht mehr entschuldbar bzw. bleibt kein Raum für Vertrauensschutz. In beiden Ausgangslagen ist erfor-
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 25.11.2019, Nrn. 100.2019.155/ 156U, Seite 8