Decision ID: dbe54524-d646-5d3f-9eae-9b61a62579c4
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte – zusammen mit ihrer Mutter und der jün-
geren Schwester – am 25. November 2019 in der Schweiz um Asyl nach.
Am 29. November 2019 erfolgte die Befragung zur Person und zum Reise-
weg (Personalienaufnahme [PA]) und am 5. Dezember 2019 das persönli-
che Gespräch gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 (Dublin-
Gespräch). Am 14. Januar 2020 wurde die Beschwerdeführerin einlässlich
zu ihren Asylgründen nach Art. 29 AsylG (SR 142.31) angehört.
Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte sie im Wesentlichen geltend,
ihr Vater sei im Jahr (...) während drei bis vier Monaten inhaftiert gewesen
und habe das Land, nachdem er unter Auflagen freigelassen worden sei,
verlassen. Er sei zu vier Jahren und acht Monaten verurteilt worden. Grund
für die Verurteilung sei, dass sie eine Familie der HDP (Halkların Demokra-
tik Partisi) seien, ihr Vater habe an Meetings und Konzerten teilgenommen.
Die Polizei habe sich wiederholt bei ihnen zu Hause nach dem Vater – auch
nachdem er in der Schweiz Zuflucht gefunden habe – erkundigt. Sie hätten
den Polizeibeamten jeweils erklärt, dass er nicht zu Hause sei. Die Besu-
che seien von den Polizeibeamten protokolliert worden und ihre Mutter
habe das Protokoll jeweils unterzeichnen müssen. Sie seien unter Be-
obachtung gestanden. Einmal habe die Polizei bei ihnen zu Hause eine
Razzia durchgeführt. Sie sei währenddessen in der Schule gewesen, habe
aber deshalb nicht zurück in die Wohnung dürfen. In der Schule seien sie
sowie andere Schüler mit Angehörigen im Gefängnis von den Lehrern wie
Terroristen behandelt worden. Sie sei die beste Schülerin gewesen, indes-
sen hätten die geschilderten Umstände Einfluss auf ihre schulischen Leis-
tungen gehabt. Ihren Vater habe sie seit dessen Ausreise vermisst. Auch
nach ihrer Ausreise seien ihre Nachbarn nach ihnen gefragt worden. Eben-
falls im Jahr (...) sei ihr Onkel mütterlicherseits gefallen beziehungsweise
vom Staat umgebracht worden.
Zum Nachweis ihrer Identität reichte die Beschwerdeführerin einen Origi-
nalpass mit einem von den deutschen Behörden ausgestellten Schengen-
visum sowie ihren Nüfus zu den Akten.
B.
Am 17. Januar 2020 wies die Vorinstanz das Asylgesuch der Beschwerde-
führerin in Anwendung von Art. 26d AsylG dem erweiterten Verfahren zu.
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C.
Das SEM stellte mit Verfügung vom 9. April 2020 – eröffnet am 14. April
2020 – fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte das Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz. Wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ordnete das
SEM die vorläufige Aufnahme an. Es begründete seine Verfügung im We-
sentlichen damit, die Vorbringen der Beschwerdeführerin würden den An-
forderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand-
halten.
D.
Mit separater Verfügung vom gleichen Datum hiess die Vorinstanz das
Asylgesuch des Vaters der Beschwerdeführerin gut, bezog ihre Mutter so-
wie ihre Schwester gestützt auf Art. 51 AsylG in dessen Flüchtlingseigen-
schaft ein und gewährte ihnen ebenfalls Asyl.
E.
Mit Eingabe vom 12. Mai 2020 erhob die Beschwerdeführerin beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der Dis-
positiv-Ziffern 1 bis 3 der Verfügung vom 9. April 2020, die Anerkennung
als Flüchtling sowie die Gewährung von Asyl. In verfahrensrechtlicher Hin-
sicht beantragte sie die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
sowie die Beiordnung des Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand.
Gleichzeitig reichte die Beschwerdeführerin eine Fürsorgeabhängigkeits-
erklärung des Kantons B._ (datiert vom 11. Mai 2020), einen psy-
chologischen Bericht von lic. phil. (...) über den Vater der Beschwerdefüh-
rerin sowie einen fremdsprachigen Internet-Ausdruck (Artikel zum Begräb-
nis ihres Onkels C._) zu den Akten.
F.
Mit Schreiben vom 13. Mai 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht
den Eingang der Beschwerde.
G.
Die Instruktionsrichterin hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 20. Mai 2020 gut, ver-
zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und ordnete den rubri-
zierten Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand bei. Weiter lud sie die
Vorinstanz zur Vernehmlassung zur Beschwerde ein.
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Seite 4
H.
In ihrer Vernehmlassung vom 2. Juni 2020 schloss die Vorinstanz sinnge-
mäss auf Abweisung der Beschwerde.
I.
Mit Instruktionsverfügung vom 10. Juni 2020 wurde der Beschwerdeführe-
rin die vorinstanzliche Vernehmlassung zugestellt und ihr Frist zur Einrei-
chung einer Replik eingeräumt.
J.
Die Beschwerdeführerin nahm mit Eingabe vom 17. Juni 2020 zur Ver-
nehmlassung des SEM Stellung.
K.
Am 24. August 2020 gelangte die Beschwerdeführerin mit einer weiteren
Eingabe ans Bundesverwaltungsgericht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist somit einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vor-
bringen der Beschwerdeführerin hielten den Anforderungen an die Flücht-
lingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand.
Zur Begründung seines Entscheids führte das SEM im Wesentlichen aus,
ernsthafte Nachteile im Sinne des Asylgesetzes würden dann vorliegen,
wenn sie auf Grund ihrer Art und Intensität ein menschenwürdiges Leben
im Verfolgerstaat verunmöglichten oder in unzumutbarer Weise erschwer-
ten, so dass sich die verfolgte Person dieser Zwangssituation nur durch
Flucht ins Ausland entziehen könne. Es sei allgemein bekannt, dass Ange-
hörige der kurdischen Bevölkerung in der Türkei Schikanen und Benach-
teiligungen verschiedenster Art ausgesetzt sein können. Dabei handle es
sich nicht um ernsthafte Nachteile im Sinne des Asylgesetzes, die einen
Verbleib im Heimatland verunmöglichen oder unzumutbar machen würden.
Aus diesem Grund führe die allgemeine Situation, in der sich die kurdische
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Bevölkerung befinde, gemäss gefestigter Praxis für sich allein nicht zur An-
erkennung der Flüchtlingseigenschaft. Diese Einschätzung gelte trotz der
sich nach dem Putschversuch im Juli 2016 allgemein verschlechternden
Menschenrechtslage in der Türkei, von der auch die Kurden, insbesondere
im Südosten der Türkei, betroffen seien. Auch die geltend gemachten Er-
eignisse, insbesondere die Beobachtung und einmalige Razzia, würden in
ihrer Intensität nicht über die Nachteile hinausgehen, welche weite Teile
der kurdischen Bevölkerung in der Türkei in ähnlicher Weise treffen könn-
ten. Sicherlich seien die Benachteiligungen für sie persönlich nicht ange-
nehm zu erdulden. Der Umstand, dass sie nach der Ausreise ihres Vaters
im (...) noch über (...) Jahre in der Türkei verblieben sei, bevor sie eben-
falls ausgereist sei, spreche jedoch dafür, dass die Behelligungen seitens
der türkischen Behörden kein Ausmass angenommen hätten, welches ein
menschenwürdiges Leben im Verfolgerstaat verunmöglicht oder auf unzu-
mutbare Weise erschwert hätte.
4.2 Auf Beschwerdeebene wird im Wesentlichen geltend gemacht, die Vor-
instanz sei von glaubhaften Vorbringen der Beschwerdeführerin ausgegan-
gen, habe aber zu Unrecht eine genügende Intensität der erlittenen Be-
nachteiligung und die Asylrelevanz verneint. Sie habe den persönlichen,
familiären und kulturellen Kontext nicht zutreffend gewürdigt und nicht um-
fassend berücksichtigt. Die Beschwerdeführerin habe begründete Furcht
vor zukünftiger, asylrelevanter Verfolgung.
Der von der Beschwerdeführerin im Rahmen der Anhörung erwähnte On-
kel C._ sowie ihre Tante D._ seien sehr wahrscheinlich aus
politischen Gründen von den türkischen Behörden verfolgt beziehungs-
weise getötet worden. In diesem Zusammenhang wird vom Rechtsvertreter
auf Beschwerdeebene ergänzend angeführt, dass er den Vater der Be-
schwerdeführerin ebenfalls vertreten habe und ihm von diesem mitgeteilt
worden sei, dass die beiden vorerwähnten Personen bei Angriffen der tür-
kischen Armee als Guerillas getötet worden seien. Dies habe er vor seiner
Frau und den beiden Kindern verheimlicht, um sie nicht noch mehr zu be-
lasten. Die Vorinstanz müsse sich im vorliegenden Fall den Vorwurf gefal-
len lassen, dass sie es unterlassen habe, trotz entsprechender Anhalts-
punkte, die besondere Familienkonstellation näher abzuklären und unter
dem Titel des Risikos einer Anschluss- beziehungsweise Reflexverfolgung
entsprechend zu würdigen. Die Vorinstanz habe es sodann unterlassen,
das Vorbringen der Beschwerdeführerin, wonach sie einer "HDP-Familie"
angehöre, zu würdigen. Namentlich die Verfolgung ihres Vaters wegen po-
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litischer Delikte, aber möglicherweise auch diejenige anderer näherer Ver-
wandter, insbesondere des von den Behörden getöteten Onkel C._
und der Tante D._, würden nahelegen, dass die Beschwerdeführe-
rin, befände sie sich heute noch (allein) in der Türkei, als junge Frau für die
türkischen Sicherheitskräfte und deren verbündeten Dorfschutzmilizionäre
zur Zielscheibe würde. Sie würde überwacht und mit gezielten Behelligun-
gen eingeschüchtert, um nähere Angaben zum Verbleib ihres Vaters zu
gewinnen, der in der Türkei unbekannten Aufenthalts sei und deshalb im
Verdacht stehe, sich ebenfalls der Guerilla angeschlossen zu haben.
Die Beschwerdeführerin sei im Zeitpunkt der Einreichung ihres Asylge-
suchs noch minderjährig gewesen. Dass sie noch während des laufenden
erstinstanzlichen Verfahrens volljährig geworden sei, liege an der Unbere-
chenbarkeit der Verfahrensdauer und entbehre nicht einer gewissen Will-
kür. Das Asylverfahren ihres Vaters habe fast (...) Jahre und damit über-
durchschnittlich lange gedauert. Wäre der Entscheid früher gefällt worden,
wäre der Beschwerdeführerin zwingend Asyl im Sinne von Art. 51 AsylG zu
gewähren gewesen.
Der Rechtsvertreter weist sodann darauf hin, die Akten der Familienange-
hörigen, die er ebenfalls vertrete, seien ihm wegen des positiven Asylent-
scheids nicht offengelegt worden. Diese seien vom Gericht beizuziehen
und ihm offenzulegen. Nach der Offenlegung sei eine angemessene Nach-
frist zur Stellungnahme anzusetzen.
4.3 In ihrer Vernehmlassung hält die Vorinstanz an ihren Erwägungen fest
und führt aus, die Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tat-
sachen oder Beweismittel, welche eine Änderung ihres Standpunktes
rechtfertigen könnten. Die Rüge, wonach das SEM den persönlichen, fa-
miliären und kulturellen Kontext nicht zutreffend gewürdigt und berücksich-
tigt habe sowie das Risiko einer Anschluss- beziehungsweise Reflexverfol-
gung nicht hinreichend abgeklärt habe, sei klar zurückzuweisen. Die Be-
schwerdeführerin sei auf ihre Rechte und Pflichten aufmerksam gemacht
worden, womit der Einwand, wonach der Beschwerdeführerin nicht zulas-
ten gelegt werden könne, dass sie von sich aus keine weiteren Angaben
zur besonderen Familienkonstellation gemacht habe und somit das Risiko
einer Anschluss- beziehungsweise Reflexverfolgung nicht weiter abgeklärt
worden sei, nicht gehört werden könne. Darüber hinaus sei die Beschwer-
deführerin zwei Mal explizit gefragt worden, ob sie sämtliche Gründe für
die Ausreise habe nennen können. Weiter führte das SEM aus, dass die
Beschwerdeführerin während der Befragung nie erwähnt habe, ihre Fami-
lie sei bei den jeweiligen Polizeibesuchen nach C._ oder
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D._ gefragt worden, womit nicht von einer Reflexverfolgung auf-
grund der beiden getöteten Personen auszugehen sei. Dies auch deshalb,
weil die Beschwerdeführerin selbst nie von den Behörden befragt oder be-
helligt worden sei. Auch der Umstand, dass die Beschwerdeführerin, ihre
Mutter sowie ihre Schwester erst (...) Jahre nach der Ausreise des Vaters
das Land verlassen und sich während dieser Zeit ununterbrochen am
Wohnsitz der Familie aufgehalten hätten, spreche dafür, dass die Bedro-
hungen und Behelligungen durch die Polizei sich in einem Rahmen bewegt
hätten, welche den Verbleib der Familie im Heimatland nicht verunmöglicht
oder in unzumutbarer Weise erschwert habe. Als Ausreisegrund habe sie
sodann auch den Wunsch nach Vereinigung der Familie genannt, was
nachvollziehbar und verständlich sei, aber ein weiteres Indiz dafür dar-
stelle, dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt ihrer Ausreise nicht in
asylrelevanter Weise bedroht gewesen sei. Eine allfällige Reflexverfolgung
der Beschwerdeführerin aufgrund ihrer Verwandtschaft mit C._ und
D._ beziehungsweise aufgrund ihres Vaters sei zu verneinen, da es
zum Ausreisezeitpunkt keine akut verstärkte Bedrohungslage gegeben
habe, die nicht bereits die zwei Jahre zuvor bestanden hätte und erduldet
worden wäre. Schliesslich sei auch noch zu erwähnen, dass der besonde-
ren Lage der Beschwerdeführerin als alleinstehende, junge Frau mit der
Verfügung einer vorläufigen Aufnahme Rechnung getragen worden sei. Im
Übrigen sei auf die Erwägungen in der angefochtenen Verfügung zu ver-
weisen, an denen vollumfänglich festgehalten werde.
4.4 Die Beschwerdeführerin entgegnet in ihrer Replik, auch wenn es zu-
treffe, dass sie im Vorfeld der Befragungen auf ihre Rechte und Pflichten
hingewiesen worden sei, sei damit der Vorwurf, die Vorinstanz habe ihren
persönlichen, familiären und kulturellen Hintergrund beziehungsweise
Fluchtgrund nicht ausreichend berücksichtigt, nicht entkräftet. Der Um-
stand, dass sie selber nie erwähnt habe, von den türkischen Behörden auf
C._ und D._ angesprochen worden zu sein, ändere nichts
am Risiko einer Reflexverfolgung. Türkische Behörden würden erfahrungs-
gemäss die Nachkommen gesuchter oder getöteter PKK-Kämpfer beson-
ders engmaschig und jahrelang überwachen und verfolgen. Zentral sei die
Rolle ihres Vaters, der im Verdacht stehe, logistischer Unterstützer der
Guerilla zu sein. Die behördliche Suche nach ihrem Vater, die Hausdurch-
suchung in der elterlichen Wohnung nach ihr und die demütigende Unter-
schriftspflicht, die ihrer Mutter auferlegt worden sei, hätten die Beschwer-
deführerin stark und nachhaltig belastet, zumal die polizeilichen Bedrohun-
gen und Behelligungen, die sie zwischen der Flucht ihres Vaters bis zur
eigenen Ausreise erlitten habe, regelmässig erfolgt seien. Schliesslich sei
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darauf hinzuweisen, dass sie die Türkei aufgrund fehlender finanzieller Mit-
tel nicht früher hätten verlassen können.
5.
Das Bundesverwaltungsgericht ist an die Begründung der Vorinstanz nicht
gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG); es kann die Beschwerde auch aus an-
dern Überlegungen als jenen der Vorinstanz abweisen oder aus anderen
Gründen als in der Beschwerdeschrift vorgebracht gutheissen (sog. Mo-
tivsubstitution; vgl. MADELEINE CAMPRUBI in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.],
VwVG, Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren,
2. Aufl. 2019, N. 16 zu Art. 62 VwVG; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungs-
verfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, S. 398,
Rz. 1136).
6.
Unabhängig der nachfolgenden Ausführungen ist im vorliegenden Verfah-
ren vorab festzuhalten, dass die Vorinstanz zutreffend zum Schluss kam,
die von der Beschwerdeführerin geschilderten, bis zur Ausreise erlebten
Behelligungen erfüllten die Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft
gemäss Art. 3 AsylG mangels Intensität nicht. Den entsprechenden Erwä-
gungen des SEM wird in der Beschwerde denn auch nichts Stichhaltiges
entgegengehalten.
Im Rahmen ihrer Vernehmlassung fügte die Vorinstanz an, sowohl eine all-
fällige Reflexverfolgung aufgrund ihrer Verwandtschaft mit C._ und
D._, als auch eine allfällige Reflexverfolgung aufgrund ihres Vaters
sei zu verneinen, da es zum Ausreisezeitpunkt keine akut verstärkte Be-
drohungslage gegeben habe, die nicht bereits die zwei Jahre zuvor bestan-
den hätte und erduldet worden wäre. Auch dieser Auffassung kann sich das
Bundesverwaltungsgericht anschliessen. Mit der Vorinstanz ist demnach
festzustellen, dass die Beschwerdeführerin bis zur Ausreise keinen asylre-
levanten Nachteilen ausgesetzt war und sie solche im damaligen Zeitpunkt
aus objektivierter Sicht auch nicht zu befürchten hatte (vgl. zu den Voraus-
setzungen für die Annahme begründeter Furcht vor künftiger Verfolgung
BVGE 2014/27 E. 6.1).
7.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht ergibt sich indessen das Folgende:
7.1 Die Begründungspflicht als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs beinhal-
tet, dass es aufgrund der Ausgestaltung der Begründung dem Betroffenen
möglich sein soll, den Entscheid sachgerecht anzufechten, was nur der Fall
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ist, wenn sich sowohl der Betroffene als auch die Rechtsmittelinstanz über
die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können (vgl. BVGE
2011/37 E. 5.4.1; BVGE 2008/47 E. 3.2). Das Verwaltungs- beziehungs-
weise Asylverfahren wird sodann vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht
(Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes
wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen
zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzuklären und ord-
nungsgemäss darüber Beweis zu führen. Unrichtig ist die Sachverhalts-
feststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger oder
nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt wurde. Unvollständig
ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn die Behörde trotz Untersuchungs-
maxime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt hat, oder wenn
nicht alle für die Entscheidung wesentlichen Sachumstände berücksichtigt
wurden. Die Behörde ist allerdings nicht verpflichtet, zu jedem Sachver-
haltselement umfangreiche Nachforschungen anzustellen. Zusätzliche Ab-
klärungen sind vielmehr nur dann vorzunehmen, wenn sie aufgrund der
Aktenlage als angezeigt erscheinen (vgl. dazu CHRISTOPH AUER, in:
Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], a.a.O., Rz. 15 zu Art. 12; BENJAMIN SCHIND-
LER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], a.a.O., Rz. 28 zu Art. 49).
Gemäss Art. 8 AsylG hat die asylsuchende Person demgegenüber die
Pflicht (und unter dem Blickwinkel des rechtlichen Gehörs im Sinne von
Art. 29 VwVG und Art. 29 Abs. 2 BV auch das Recht) an der Feststellung
des Sachverhaltes mitzuwirken (vgl. zum Ganzen BVGE 2012/21 E. 5.1
und 2009/50 E. 10.2 je mit weiteren Hinweisen).
7.2 Die vorinstanzlichen Akten der Familienangehörigen der Beschwerde-
führerin (N 702 025) wurden beigezogen.
Der Rechtsvertreter reichte im Verfahren des Vaters der Beschwerdefüh-
rerin (E._) am 14. Januar 2019 bei der Vorinstanz ein Aktenein-
sichtsgesuch ein, welchem das SEM – offenbar irrtümlich – nachkam. Der
positive Asylentscheid wurde in der Folge dem Rechtsvertreter eröffnet.
Dass er daraufhin beim SEM (erneut) um Akteneinsicht ersucht hätte,
ergibt sich aus den dem Gericht vorliegenden Akten nicht. Angesichts der
nachfolgenden Ausführungen besteht für das Bundesverwaltungsgericht
kein Anlass für die Gewährung der Akteneinsicht in das vorinstanzliche
Dossier N (...), entsprechend erübrigt sich auch die Ansetzung einer Nach-
frist.
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Seite 11
7.3
7.3.1 Der Vater der Beschwerdeführerin gelangte im Jahr (...) in die
Schweiz, wo er um Asyl ersuchte. (...) Jahre später reiste dessen Ehefrau
gemeinsam mit den beiden Töchtern F._ und G._ (die Be-
schwerdeführerin) in die Schweiz ein. In diesem Zeitpunkt war das Asylver-
fahren des Vaters der Beschwerdeführerin beim SEM noch hängig. Mit Ent-
scheid vom 9. April 2020 wurde der Vater vom SEM als Flüchtling aner-
kannt und ihm wurde Asyl gewährt. Ihre Mutter sowie die minderjährige
Schwester wurden in den Asylstatus ihres Vaters einbezogen (vgl. auch
Bst. D).
7.3.2 Die Flüchtlingseigenschaft kann – wie bereits vorstehend erwähnt
(vgl. E. 3.1 und E. 6) – nicht nur erfüllen, wer bereits asylrelevante Nach-
teile erlitten hat, sondern auch, wer im Zeitpunkt des Entscheides über das
Asylgesuch begründete Furcht hat, solchen künftig ausgesetzt zu sein.
Das SEM äusserte sich weder in der angefochtenen Verfügung noch im
Rahmen der Vernehmlassung zur Frage einer begründeten Furcht vor
künftiger (Reflex-)Verfolgung. In ihrer Vernehmlassung stellte sich die Vor-
instanz auf den Standpunkt, die Beschwerdeführerin sei auf ihre Rechte
und Pflichten aufmerksam gemacht und zweimal explizit gefragt worden,
ob sie sämtliche Gründe für die Ausreise habe nennen können. Sowohl
eine allfällige Reflexverfolgung aufgrund ihrer Verwandtschaft mit
C._ und D._ als auch eine allfällige Reflexverfolgung auf-
grund ihres Vaters sei zu verneinen, da es zum Ausreisezeitpunkt keine
akut verstärkte Bedrohungslage gegeben habe, die nicht bereits die zwei
Jahre zuvor bestanden hätte und erduldet worden wäre. Diese Auffassung
überzeugt – was die Sachverhaltsabklärung und die Begründung hinsicht-
lich der Frage einer begründeten Furcht vor künftiger Verfolgung anbelangt
– nicht. Zum einen ist daran zu erinnern, dass die Beschwerdeführerin im
Zeitpunkt der Anhörung vom 14. Januar 2020 noch minderjährig war. Zwar
wurde sie am Schluss gefragt, ob es (noch nicht genannte) Gründe gebe,
welche gegen eine Rückkehr in die Türkei sprechen würden (vgl. SEM-
Akte 1064372-22/10 [nachfolgend act. 22] S. 9 F73). Von der Beschwerde-
führerin zu erwarten, sie hätte auf diese Frage ihre konkreten Befürchtun-
gen für den Fall einer Rückkehr genannt, geht indessen zu weit. Sollte die
Vorinstanz die Auffassung vertreten, die Beschwerdeführerin habe (bis an-
hin) keine (subjektive) Furcht vor künftiger Verfolgung geltend gemacht,
hätte sie ihr die Gelegenheit einräumen müssen, sich dazu zu äussern.
Hinzu kommt, dass das SEM die Aussagen und Akten des Asylverfahrens
des Vaters kannte und entsprechend von Amtes wegen zu prüfen und im
angefochtenen Entscheid zumindest zu erwähnen gehabt hätte, ob und
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Seite 12
weshalb sich daraus eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung für
die Beschwerdeführerin ergeben könnte oder nicht. Allein der Umstand,
dass die Ereignisse im Heimatland nach der Ausreise des Vaters nicht zu
einer asylrelevanten Verfolgung der damals minderjährigen Beschwerde-
führerin führten, bedeutet nicht ohne Weiteres, dass eine solche Verfol-
gung auch im Falle ihrer Rückkehr als volljährige junge Frau, die sich zwi-
schenzeitlich im gleichen Land wie ihr als Flüchtling anerkannter, illegal
ausgereister Vater aufgehalten hat, verneint werden könnte. Dies insbe-
sondere nachdem die Beschwerdeführerin explizit zu Protokoll gab, die
mehrmaligen polizeilichen Behelligungen hätten im Zusammenhang mit ih-
rem Vater gestanden, welcher aus politischen Gründen verurteilt worden
sei (vgl. act. 22 S. 5 F45) und sie seien auch nach ihrer Ausreise noch bei
Nachbarn gesucht worden (vgl. act. 22 S. 8 F72). Der Hinweis der Vor-
instanz auf die Mitwirkungspflicht der Beschwerdeführerin vermag das
SEM bei der vorliegenden Fallkonstellation nicht von seiner Pflicht zur voll-
ständigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes sowie zur ord-
nungsgemässen Begründung seines Entscheides zu entbinden.
7.3.3 Ebenfalls keine Ausführungen enthält der angefochtene Entscheid
zur Frage des Familienasyls im Sinne von Art. 51 AsylG, was von der Be-
schwerdeführerin zumindest implizit gerügt wird. Es ist darauf hinzuweisen,
dass der massgebliche Zeitpunkt zur Feststellung, ob die Voraussetzungen
des Familienasyls erfüllt sind, zwar grundsätzlich derjenige des Entscheids
ist (vgl. EMARK 2002 Nr. 20 E. 5a), allerdings beim Einbezug minderjähri-
ger Kinder in die Flüchtlingseigenschaft gemäss Rechtsprechung aus-
nahmsweise auf ihr Alter im Zeitpunkt der Asylgesuchstellung abzustellen
ist (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-8662/2010 vom 1. Feb-
ruar 2011, E. 6.1).
Sollte das SEM für den Zeitpunkt seines Entscheides eine begründete
Furcht der Beschwerdeführerin vor künftiger (Reflex-)verfolgung vernei-
nen, wird es demnach (auch) im Falle der Beschwerdeführerin ihren Ein-
bezug in die Flüchtlingseigenschaft ihres Vaters zu prüfen haben.
7.4 Insgesamt ergibt sich, dass die Vorinstanz im vorstehend erwähnten
Umfang den Sachverhalt nicht rechtsgenügend erstellt und ihre Begrün-
dungspflicht verletzt hat.
7.5 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
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Seite 13
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist (PHILIPPE WEISSENBERGER/ASTRID HIRZEL, in: Waldmann/Weissen-
berger, Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 61 VwVG, N 16
S.1264). Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätz-
lich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden,
wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht er-
scheint; sie muss dies aber nicht (vgl. EMARK 2004 Nr. 38 E. 7.1).
Im vorliegenden Fall ist die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, zu-
mal sie ihren Entscheid korrekt zu begründen hat und allenfalls die Erstel-
lung des Sachverhalts weiterer Abklärungen bedarf.
8.
Die Beschwerde ist somit gutzuheissen, soweit die Aufhebung der ange-
fochtenen Verfügung beantragt wird. Diese ist aufzuheben, und die Sache
ist im Sinne der Erwägungen zur Neubeurteilung ans SEM zurückzuwei-
sen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
10.
10.1 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
10.2 Die bei den Akten liegende Kostennote vom 17. Juni 2020 erscheint
als den Verfahrensumständen angemessen, wobei der Aufwand für den
Abschluss des Mandats zwar nicht zu entschädigen, indessen derjenige
für die Eingabe vom 24. August 2020 zu berücksichtigen ist. Damit ergibt
sich ein Zeitaufwand von 430 Minuten bei Auslagen von insgesamt
Fr. 58.30. Der aufgeführte Stundenansatz von Fr. 240.– ist nicht zu bean-
standen (vgl. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Die von der Vorinstanz auszurichtende
Parteientschädigung ist demnach auf insgesamt Fr. 1'916.– (inkl. Auslagen
und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) fest-
zusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-2466/2020
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