Decision ID: bc1589ad-2c04-49a8-b95e-9b0f25ed0897
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Die 1976 geborene
X._
war vom
1.
Juni 2000 bis am 3
0.
Juni 2002 als Reinigungsmitarbeiterin bei der
Y._
AG
angestellt (
Urk.
7/9). Am
1.
April 200
1
erlitt sie einen Arbeitsunfall,
als
ein Traktor der
Y._
mit dem Bus des Reinigungspersonals kollidierte. Die Versicherte brach sich die Nase, prellte den Nacken, erlitt eine Gehirnerschütterung und war
vorübergehend
bewusstlos
(
Urk.
7/4/6,
Urk.
7/11/59).
Das Arbeitsverhältnis ende
te am 3
0.
Juni 200
2.
Der
1.
April 2001 war ihr letzter effektiver Arbeitstag (
Urk.
7/9/1)
.
Nach erfolgter Anmeldung zum Bezug von Leistungen der Invalidenversiche
rung am 2
8.
März 2002
wegen Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen
(
Urk.
7/4)
,
und
-
bevor über dieses Gesuch entschieden worden war
-
ein zwei
tes Mal am 1
5.
November 2002
wegen eines Schleudertraumas und einer
Hirn
verletzung
, wobei
die Versicherte
eine Umschulung auf eine neue Tätigkeit, eine Arbeitsvermittlung und eine Invalidenrente beantragte
(
Urk.
7/16)
,
klärte die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, die medizinischen und erwerblichen Verhältnisse ab und zog die Akten der
Schweizerischen Unfallver
sicherungsanstalt (Suva)
bei
(
Urk.
7/8,
Urk.
7/9,
Urk.
7/10,
Urk.
7/11,
Urk.
7/12
)
.
Insbesondere gestützt
auf einen Bericht des Psychiatriezentrums
Z._
vom
8.
Juli 2002 (
Urk.
7/12/22 ff.)
,
in welchem der Versicherten eine vollumfängli
che Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht attestiert wurde, sprach ihr die IV-Stelle am
4.
Juni 2003
ausgehend von einem Invaliditätsgrad von 100
%
eine ganze Rente ab dem 1.
April 2002 zu
(
Urk.
7/28)
. Die Suva sprach der Ver
sicherten am
1.
August 2008
basierend auf einem Invaliditätsgrad von
3
5
%
eine Invalidenrente für die Zeit ab dem
1.
Juni 2003 zu
(
Urk.
7/39)
.
1.2
Am 1
1.
August 2008 leitete die IV-Stelle
von Amtes wegen
ein
Revisionsver
fahren
ein (
Urk.
7/40). Gestützt auf eine Aktenbeurteilung von
Dr.
med.
A._
, Facharzt für Arbeitsmedizin, des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) vom 2
9.
Juli 2009 (
Urk.
7/54), hob die IV-Stelle mit Verfügung vom 3
0.
März 2011 die Rente auf
das
Ende des der Zustellung folgenden Monats
wiedererwägungs
weise
auf
(
Urk.
7/77)
. Dagegen liess d
ie
Versicherte am 1
6.
Mai 2011
beim
hiesigen Gericht Beschwerde erheben
(
Urk.
7/78/3-12)
. Das
Sozialversiche
rungs
gericht
hiess diese Beschwerde mit Urteil vom 3
0.
Oktober 2012
in dem Sinne
gut,
dass
es festhielt,
um die
Frage nach einem zukünftigen Rentenan
spruch prüfen zu können,
müsse
nicht nur die zweifellose Unrichtigkeit der ursprüngli
che Rentenverfügung festgestellt sein, sondern auch der Umfang einer allfälli
gen Anspruchsberechtigung für die Zukunft.
Es müsse im Falle einer
Wieder
erwägung
auf der Grundlage eines richtig und vollständig festge
stellten
Sachverhaltes der Invaliditätsgrad im Zeitpunkt der Verfügung ermittelt werden.
Denn die
Stellungnahme
n
des RAD-Arztes vom 2
9.
Juli 2009 und 3
0.
März 2010 stützten sich auf die im Zeitpunkt der
Rentenzusprache
vor
han
denen
Arztberichte und nicht auf eine
n
eigenen
,
auf einer Untersuchung beru
henden Befund. Daher wäre die Verwaltung geh
alten gewesen
, eine umfassende medi
zinische Abklärung zu veranlassen (
Urk.
7/84).
1.3
Nach diese
m Urteil vom 3
0.
Oktober 2012
holte die
IV-Stelle einen
Verlaufsbe
richt
vom 1
5.
Juli 2013 beim behandelnden Arzt
Dr.
med.
B._
, Facharzt für Neurologie, ein (
Urk.
7/152) und gab beim
C._
(
C._
) ein polydisziplinäres Gutachten in Auftrag, welches am
9.
August 2013 erstattet wurde (
Urk.
7/153).
Ausserdem holte
sie
eine Stellung
nahme des RAD-Arztes
Dr.
med.
D._
, Facharzt für Anästhesiologie, ein (
Urk.
7/155/3). Mit Vorbescheid vom 1
6.
August 2013 stellte die IV-Stelle eine wiedererwägungsweise Aufhebung der Verfügungen
vom
4.
Juni 2003, vom 2
1.
März
und 2
9.
April 2013 sowie eine Aufhebung der laufenden Rente auf das Ende des
der Zustellung der Verfügung
folgenden Monats in Aussicht, da der Invaliditätsgrad
nur noch
bei 20
%
liege (
Urk.
7/157). Dagegen erhob die Versi
cherte am 2
7.
September 2013 Einwand (
Urk.
7/161)
. Am 2
0.
Januar 2014 ent
schied die IV-Stelle im angekündigten Sinne (
Urk.
2).
2.
Hiergegen erhob die Versicherte,
vertreten
durch
Rechtsanwalt Eric Stern, am 2
4.
Februar 2014 Beschwerde. Sie beantragte
die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung und stellte
das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozess
führung
und unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung
(
Urk.
1). Die IV-Stelle beantragte die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6). Mit Verfügung vom 2
3.
Juni 2014 wurde die unentgeltliche Prozessführung gewährt und Rechtsanwalt Eric Stern als unentgeltlicher Rechtsvertreter bestellt (
Urk.
15).
Die mit Verfügung vom 1
0.
September 2014 (
Urk.
17) beigeladene Vorsorgestiftung retournierte die zur Verfügung gestellten Akten am 2
9.
September 2014
,
ohne Stellung zu nehmen (
Urk.
19).
Nach telefonischer Aufforderung liess Rechtsanwalt Eric Stern am 2
4.
Oktober 2014 seine Hon
o
rarnote einreichen (
Urk.
20,
Urk.
21).
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Am
1.
Januar 2008 und am
1.
Januar 2012 sind die im Rahmen der IV-Revision 5 und 6a vorgenommenen Änderungen des Bundesgesetzes über die Invaliden
versicherung (IVG) und der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) in Kraft getreten. In
materiellrechtlicher
Hinsicht gilt der allgemeine
übergangs
rechtliche
Grundsatz, dass der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen sind, die bei Erlass des angefochtenen Entscheids respektive im Zeitpunkt gegolten haben, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachver
halt verwirklicht hat (vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b je mit Hinwei
sen
)
. Die angefochtene Verfügung ist am 2
0.
Januar 2014 (
Urk.
2) ergangen, wobei zu prüfen ist, ob die Verfügung vom
4.
Juni 2003
(
Urk.
7/28)
, mit wel
cher der Beschwerdeführerin
erstmals
eine ganze Invalidenrente zugesprochen
worden
war
, zweifellos unrichtig
war
, was sich nach den in jenem Zeitpunkt gültig gewesenen Bestimmungen beurteilt. Im Folgenden werden die massgebli
chen Gesetzesbestimmungen - soweit nichts anderes vermerkt ist - in der heute gültigen Fassung zitiert.
2
.
2
.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (
Art.
8
Abs.
1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [
ATSG
]
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (
Art.
7
Abs.
1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (
Art.
7
Abs.
2 ATSG).
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von
Art.
4
Abs.
1 IVG in Verbindung mit
Art.
8 ATSG bewirken. Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und damit invalidenversicherungsrechtlich nicht als rele
vant gelten Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Per
son bei Aufbietung allen guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, abwenden könnte; das Mass des
Forderbaren
wird dabei weitgehend objektiv bestimmt. Festzustellen ist, ob und in welchem Umfang die Ausübung einer Erwerbstätigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt mit der psychi
schen Beeinträchtigung vereinbar ist. Ein psychischer Gesundheitsschaden führt also nur soweit zu einer Erwerbsunfähigkeit (
Art.
7 ATSG), als angenommen werden kann, die Verwertung der Arbeitsfähigkeit (
Art.
6 ATSG) sei der versi
cherten Person sozial-praktisch nicht mehr zumutbar (BGE 131 V 49 E. 1.2 mit Hinweisen).
2
.2
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent besteht Anspruch auf eine
Viertelsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 Prozent auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 Prozent auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 Prozent auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG
)
.
2
.3
Ändert sich der Grad der Invalidität eines Rentenbezügers oder einer
Rentenbezü
gerin
in einer für den Anspruch erheblichen Weise, so ist die Rente laut
Art.
17
Abs.
1 ATSG für die Zukunft entsprechend zu erhöhen, herab
zusetzen oder aufzuheben. Der Revisionsordnung gemäss
Art.
17 ATSG geht jedoch der Grundsatz vor, dass die Verwaltung befugt ist, jederzeit von Amtes wegen auf eine formell rechtskräftige Verfügung, welche nicht Gegenstand materieller richterlicher Beurteilung gebildet hat, zurückzukommen, wenn diese zweifellos unrichtig und ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist (BGE 110 V 176 E. 2a;
Art.
53
Abs.
2 ATSG). Unter diesen Voraussetzungen kann die Verwaltung eine Rentenverfügung auch dann abändern, wenn die Revisions
voraussetzungen des
Art.
17
Abs.
1 ATSG nicht erfüllt sind. Bei periodischen Leistungen ist die Erheblichkeit der Berichtigung zu bejahen (BGE 119 V 475 E.
1c; Urteil des Bundesgerichts 9C_11/2008 vom 29. April 2008 E. 4.2 mit Hin
weisen.
Nach höchstrichterlicher Rechtsprechung ist die zweifellose Unrichtigkeit als Voraussetzung für eine Wiedererwägung nur unter restriktiven Bedingungen zu bejahen, da die Wiedererwägung andernfalls zum Instrument für eine jederzei
tige voraussetzungslose Neubeurteilung von rechtskräftig zugesprochenen Dauerleistungen würde (vgl. Urteil des Bundesgerichts I 551/03 vom 3
0.
De
zember 2003 E.
2.2.1). Nicht jede Unrichtigkeit, sondern nur eine qualifi
zierte offensichtliche Unrichtigkeit berechtigt somit zur wiedererwägungsweisen Her
ab
setzung oder Aufhebung einer rechtskräftig zugesprochenen Dauerleis
tung. Das Erfordernis zweifelloser Unrichtigkeit ist in der Regel erfüllt, wenn eine
Leistungszusprache
aufgrund falsch oder unzutreffend verstandener
Rechts
regeln
erfolgt ist oder wenn massgebliche Bestimmungen nicht oder unrichtig angewandt wurden. Anders verhält es sich, wenn der
Wiedererwä
gungsgrund
im Bereich materieller Anspruchsvoraussetzungen liegt, deren Beurteilung notwendigerweise Ermessenszüge aufweist. Erscheint die Beurtei
lung einzelner
Schritte bei der Feststellung solcher Anspruchsvoraussetzungen (
Invaliditäts
bemessung
, Arbeitsunfähigkeitsschätzung, Beweiswürdigung, Zumutbarkeits
fragen) vor dem Hintergrund der Sach- und Rechtslage, wie sie sich im Zeit
punkt der rechtskräftigen Leistungszusprechung darboten, als ver
tretbar, scheidet die Annahme zweifelloser Unrichtigkeit aus. Zweifellos ist die Unrich
tig
keit, wenn kein vernünftiger Zweifel daran möglich ist, dass die Ver
fügung unrichtig war- Es ist ein einziger Schluss - derjenige auf die Unrichtig
keit der Verfügung - denkbar. Eine voraussetzungslose Neubeurteilung der
invaliditäts
mässigen
Voraussetzungen genügt nach ständiger Rechtsprechung nicht für eine wiedererwägungsweise Herabsetzung oder Aufhebung der Rente (Urteil des Bundesgerichts 8C_347/2011 vom 1
1.
August 2011 E. 2.2 mit Hin
weisen).
3
.
3
.1
Die IV-Stelle
hielt in der Verfügung vom 2
0.
Januar 2014 fest, das
beim
C._
in
Auftrag gegebene Gutachten
vom
9.
August 2013 (
Urk.
7/153)
habe ergeben, dass sich zu keinem Zeitpunkt eine Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht begründen lasse. Weiter habe aus orthopädischer Optik nie ein sicheres anato
misches pathologisches Korrelat zu den beschriebenen Symptomen bestanden, weshalb die Arbeitsunfähigkeiten aus orthopädischer Sicht nicht nachzuvoll
ziehen seien. Aus interdisziplinärer Sicht habe sich eine Arbeitsfähigkeit von 80
%
ergeben, was bedeute, dass bei einem vollen Pensum eine
Leistungsmin
derung
von 20
%
in einer leichten Tätigkeit bestehe. Da der Invaliditätsgrad mit 20
%
unter 40
%
liege, bestehe kein Rentenanspruch. Es habe seit jeher
kein Rentenanspruch bestanden. Eine auf keiner nachvollziehbaren ärztlichen Ein
schätzung der massgeblichen Arbeitsfähigkeit beruhende Invaliditätsbemessung sei nicht rechtskonform und die entsprechende Verfügung zweifellos unrichtig im wiedererwägungsrechtlichen Sinne
(
Urk.
2)
.
In der Beschwerdeantwort vom
1.
April 2014 wurde insbesondere ergänzt, aus psychiatrischer Sicht
sei
eine anhaltende
somatoforme
Schmerzstörung mit chronischen Kopfschmerzen (ICD
19 F45.4) und eine
Dysthimia
(ICD-10 F34.1) diagnostiziert worden, welche keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hätten. Die fachfremde Ein
schätzung einer schweren Depression durch den behandelnden Neurologen
Dr.
B._
vermöge an dieser Einschätzung nichts zu ändern (
Urk.
6).
3
.2
Die Beschwerdeführerin liess in ihrer Beschwerde insbesondere das
C._
-Gut
achten
vom
9.
August 2013 (
Urk.
7/153)
kritisieren. Dabei bemängelte sie, dass das Mi
gr
äneleiden im Rahmen der neurologischen Abklärung nicht weiter thematisiert und weder de
ss
en Ursachen noch Wirkungen nachgegangen
wor
den sei
.
Das psychiatrische Teilgutachten sei in der Zusammenfassung kaum
eine Seite lang und nichtssagend. Das Gutachten habe sich nicht mit den ärztli
chen Berichten von
Dr.
B._
vom 2
7.
Juni und 1
5.
Juli 2013 auseinander
gesetzt, obwohl das Gutachten vom
9.
August 2013 stamme und sich eine ent
sprechende Ergänzung zwingend aufgedrängt hätte
, da
Dr.
B._
eines schwere depressive Entwicklung festgehalten habe
(
Urk.
1).
4
.
4
.1
Es ist zu prüfen, ob die IV-Stelle die ursprüngliche
Rentenzusprache
vom
4.
Juni 2003 (
Urk.
7/28) mit der angefochtenen Verfügung zu Recht
wiederer
wägungs
weise
aufgehoben hat.
Im Gerichtsurteil vom 3
0.
Oktober 2012 (
Urk.
7/84) wurde diese Frage nämlich noch nicht beantwortet.
Somit ist
auf die bei der erstmaligen
Rentenzusprache
vorhandenen medizinischen Unterlagen
einzugehen
und d
eren
damalige
Würdigung
durch die IV-Stelle
auf eine zwei
fellose Unrichtigkeit hin zu prüfen
.
4.2
Im Austrittsbericht der Rheuma- und Rehabilitationsklinik
E._
wurden am 2
0.
November 2001 nach einem vierwöchigen Aufenthalt die Diagnosen per
sistierende
s
zervikozephale
s
und
zervikospondylogene
s
Syndrom beidseits,
lum
bospondylogene
s
Syndrom beidseits, posttraumatische Kopfschmerzen und postt
r
aumatische Belastungs-/Anpassungsstörung
mit depressivem Zustandsbild genannt
. Es wurde eine Arbeitsunfähigkeit bis am 3
0.
November 20
0
1 attestiert, wobei die Arbeitstätigkeit
danach schrittweise gesteigert werden könne (
Urk.
7/11/17-19). Der behandelnde Arzt
Dr.
med.
F._
, Facharzt für Innere Medizin und Facharzt für Rheumatologie, hielt am
5.
Dezember 2001 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit wegen eines HWS-Distorsionstraumas fest (
Urk.
7/11/10).
4.
3
Das Psychiatrie-Zentrum
Z._
verfasste am
8.
Juli 2002 zu
handen
der Suva
G._
einen Bericht (
Urk.
7/12/22
-26)
, auf welchen sich die
Rentenzuspra
che
vom
4.
Juni 2003
(
Urk.
7/28)
insbesondere bezog
(
Urk.
7/22)
.
Gestellt wur
den folgende Diagnosen
(
Urk.
7/12/24)
:
Chronisches Schmerzsyndrom mit der typischen regionalen Ausbreitung in Kopf, Nacken und Schulter
n
bei Status nach Nackenkontusion (trau
matische Hirnverletzung)
Neuropsychologische Funktionsstörung bei Status nach traumatischer Hirnverletzung und Nackenkontusion
Anpassungsstörung (ICD-10 F43.22) bei Status nach traumatischer
Hirn
verletzung
und Nackenkontusion
Es wurde
in diesem Bericht
ausgeführt
,
für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
müssten
auch die chronischen Schmerzen und die neuropsychologischen Defi
zite beurteilt werden. Vom Gesamtbild ausgehend werde alleine aus psychiatri
scher Sicht eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit geschätzt (
Urk.
7/12/25).
4.
4
Aus dem internen Feststellungsblatt der IV-Stelle vom
4.
April 2003 ergibt sich, dass die IV-Stelle über einen Bericht des Suva-Kreisarztes vom 2
6.
Februar 2002 informiert wa
r
(
Urk.
7/22)
. Der Suva-Kreisarzt
Dr.
med.
H._
führte
am 2
6.
Februar 2002
aus,
irgendwelche strukturellen Läsionen beständen nicht und auch die neurologischen Befunde sei
en
unauffällig. B
ei
der Versicherten
sei die Arbeitsfähigkeit
aus neuro
psycho
logischer Sicht nicht gegeben. Es handle
sich um ein massives psycho
soziales Krankheitsbild. Die Versicherte sei in psycho
therapeutischer Behandlung. Er könne
die Zumutbarkeit nicht beurteilen (
Urk.
7/
11/6
).
4.
5
Zunächst ist festzuhalten, dass die Rente wegen psychische
r
Störungen zuge
spro
chen
worden ist
, wobei die nachvollziehbare Beurteilung dieser Stö
rungen sowie deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit durch psychiatrische
Fach
personen
erfolgt
ist
.
Im Rahmen der - mit einem erheblichen
Ermessens
spiel
raum
behafteten (vgl. etwa Urteil des Bundesgerichts 4A_223/2007 vom 3
0.
August 2007 E.
3.2) - freien Beweiswürdigung liess die damalige Aktenlage im Jahr 2003 durchaus zu, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahr
scheinlichkeit
von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit auszugehen
; eine miss
bräuchliche oder anderweitig qualifiziert rechtsfehlerhafte (vgl. Urteil des Bun
desgerichts 9C_215/2007 vom
2.
Juli 2007 E. 3.2 mit Hinweisen)
Ermessens
betätigung
kann darin jedenfalls nicht erblickt werden. Wenn die Beschwerdegegnerin ausgehend vom
C._
-Gutachten vom
9.
August 2013 (
Urk.
7/153
) hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit nachträglich zu e
iner anderen Erkenntnis gelangt ist
, rechtfertigt dies nach dem Gesagten nicht die
wiederer
wägungsweise
Rentenaufhebung.
4.
6
Im Übrigen ist
darauf hinzuweisen, dass die mit BGE 130 V 352 (Urteil vom 1
2.
März 2004) begründete Rechtsprechung betreffend
somatoforme
Schmerz
störung
und ähnliche
pathogenetisch
-ätiologisch unklare
syndromale
Beschwer
de
bilder
ohne nachweisbare organische Grundlage im Zeitpunkt der erstmaligen
Rentenzusprache
im Jahr 2003
noch nicht
bekannt
gewesen ist
.
Zudem wird diese Rechtsprechung auf
spezifische und unfalladäquate HWS
Verletzung
en
(
soge
nanntes
Schleudertrauma) ohne organisch nachweis
bare Funktionsausfälle
erst seit dem 3
0.
August 2010 angewandt (
vgl.
BGE 136 V 292). Diese Änderung der Rechtsprechung bildet
rechtsprechungsgemäss keinen Grund für die Herabsetzung oder Aufhebung einer laufenden Rente (vgl. BGE 135 V 201
).
4.
7
Es ist somit festzuhalten, dass mangels zweifelloser Unrichtigkeit keine
Wieder
er
wägung
der ursprünglichen
Rentenzusprache
vom
4.
Juni 2003
in Frage
kommt. In der Folge ist zu prüfen, ob die angefochtene Verfügung vom 2
0.
Januar 2014 (
Urk.
2) mit der substituierten Begründung der
Rentenrevision zu schützen ist.
5.
5.1
Im
polydisziplinären (
neurologisch,
orthopädisch-
traumatologisch
,
allgemein
inter
nistisch
, psychiatrisch)
C._
-Gutachten vom 9.
August 2013
wurde fest
gehalten, aus orthopädischer Sicht habe ab Ende August 2001 eine Arbeits
fähigkeit von 50
%
für leichtere Arbeiten bestanden und sei spätestens ungefähr ab Ende November 2001 eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit nach
vollziehbar. Aus psychiatrischer Sicht lasse sich retrospektiv zu keinem Zeit
punkt eine Arbeitsunfähigkeit begründende, sozialmedizinisch relevante Diag
nose bestäti
gen. Im Abgleich mit der gesundheitlichen Situation ab Oktober 2002 sei aus psychiatrischer Sicht retrospektiv kein verändertes Zustandsbild doku
mentiert (
Urk.
7/153/29-30). Auf die Frage, ob sich der Gesundheitszustand seit dem
1.
Oktober 2002 berufsrelevant verbessert oder verschlechtert habe, wurde im Gutachten ausgeführt, der Gesundheitszustand habe sich seit dem Abschluss der
Rekonvalesenzphase
nicht signifikant verschlechtert und es seien keine neuen gravierenden Erkrankungen hinzugekommen (
Urk.
7/153/33). Da
her
kann geschlossen werden, dass
die Gutachter
jedenfalls auch von keiner
Verbesserung des Gesundheitszustands ausgegangen
sind
.
5.2
Der
Versicherten
wurde
die
ganze
Invalidenrente im Jahr 2003 insbesondere wegen psychische
r
Beschwerden zugesprochen
(vgl. E. 4)
. Diese haben sich gemäss dem
C._
-Gutachten vom
9.
August 2013 seit Oktober 2002 nicht massgeblich verändert.
Daher ist auch das Vorliegen eines Revisionsgrundes im Sinne von
Art.
17
Abs.
1 ATSG zu verneinen
.
Zu bemerken bleibt, dass die Ver
waltung Renten, die bei
pathogenetisch
-ätiologisch unklaren
syndromalen
Beschwerdebildern ohne nachweisbare organische Grundlage gesprochen wur
den, innerhalb von drei Jahren nach Inkrafttreten der Änderung des IVG vom 1
8.
März 2011 (
6.
IV-Revision, erstes Massnahmenpaket) zu überprüfen hat. Falls die Voraussetzungen nach
Art.
7 ATSG nicht erfüllt sind, wird die Rente herabgesetzt oder aufgehoben, auch wenn die Voraussetzungen von
Art.
17
Abs.
1 ATSG nicht erfüllt sind (
lit
. a
Abs.
1 der Schlussbestimmungen zur Änderung des IVG vom 1
8.
März 2011). Ob unter diesem Titel eine Überprüfung der Rente der Beschwerdeführerin in Frage kommt, ist unter den gegebenen Umständen nicht im vorliegenden Verfahren zu beurteilen.
6.
Da die Aufhebung der Rente somit weder unter dem Titel der Wiedererwägung noch unter jenem der R
entenr
evision gerechtfertigt ist, ist die Beschwerde gut
zuheissen und die angefochtene Verfügung vom 2
0.
Januar 2014 (
Urk.
2) auf
zuheben. Die mit Verfügung vom
4.
Juni 2003 zugesprochene ganze Rente (
Urk.
7/28
) ist folglich weiterhin auszurichten.
7.
7.1
Da der Streitgegenstand die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungs
leistungen betrifft, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG), ermessenweise auf
Fr.
700.-- anzusetzen und entspre
chend dem Ausgang des Verfahrens der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
7.2
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin wei
st
in der eingereichten
Kosten
note
vom 2
4.
Oktober 2014
einen Zeitaufwand von
1
6
.
2
5 Stunden
, wovon 14.25 Stunden mit einem Stundenansatz von
Fr.
200.-- und zwei Stunden mit einem Stundenansatz von
Fr.
150.-- zu entschädigen
seien
,
sowie Barauslagen von
Fr.
1
5
9
.--
aus. Diese Aufwendungen erscheinen als gerechtfertigt, weshalb
die
Beschwerdegegnerin
dem Rechtsvertreter und unentgeltlichen Rechtsbei
stand der Beschwerdeführerin
eine Prozessentschädigung in der Höhe von
Fr.
3‘573.70 (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen
hat
.