Decision ID: 2f7f7c20-7830-5a83-8090-2911144d7fe6
Year: 2020
Language: de
Court: BE_VG
Chamber: BE_VG_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der 1968 geborene A._ (Versicherter bzw. Beschwerdeführer) ist gelernter ... und war zuletzt als ... und einziger Gesellschafter mit Einzelunterschrift bei der C._ GmbH in Liquidation tätig (Handelsregisterauszug; abrufbar unter <www.zefix.ch>, Aufruf vom TT. MM.JJJJ; Eintragung im Handelsregister: 24. Januar 2013; Löschung: TT. MM.JJJJ). Im September 2015 meldete er sich unter Hinweis auf verschiedene Beschwerden infolge einer Auffahrkollision vom 29. November 2013 bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (Akten der IV-Stelle Bern [IVB bzw. Beschwerdegegnerin], Antwortbeilage [AB] 3). Die IVB klärte die erwerbliche und medizinische Situation ab, namentlich holte sie die Akten der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva; AB 8.1-8.8), der Krankentaggeldversicherung D._ AG (AB 22.1-22.7) und der Fahrzeug-Haftpflichtversicherung E._ AG (AB 35.1-35.4) ein. Diesen Akten sind unter anderem verschiedene Observationsberichte zwischen Mai 2014 und August 2015 (AB 22.3, 35.2-35.4) zu entnehmen. Weiter holte die IVB ein polydisziplinäres Gutachten vom 4. August 2016 (AB 57.1) und eine Abklärung für Selbstständigerwerbende vom 15. September 2016 (AB 60; ergänzende Stellungnahme vom 1. Dezember 2016 [AB 68]) ein. Gestützt darauf sowie nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren verneinte die IVB mit Verfügung vom 10. März 2017 (AB 78) bei einem IV-Grad von 20 % einen Rentenanspruch. Die Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
Nachdem der Beschwerdeführer im Rahmen des Vorbescheidverfahrens zum Rentenentscheid um berufliche Massnahmen in Form von Umschulung ersucht hatte (vgl. AB 65/1, 71/2), sprach ihm die IVB mit Mitteilung vom 8. August 2017 (AB 91) eine Grundabklärung vom 15. August bis 14. November 2017 zu (vgl. Bericht der F._ Stiftung für berufliche Integration vom 17. November 2017 [AB 106]) und richtete in diesem Zusammenhang mit Verfügung vom 25. August 2017 (AB 94) ein Taggeld von Fr. 164.-- aus. Sodann sprach die IVB dem Versicherten am
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2020, IV/18/803, Seite 3
14. September 2018 eine Umschulung zum ... (Ausbildung und Praktikum) vom 1. September 2018 und dem 30. September 2019 zu (AB 123; vgl. auch AB 126) und mit Verfügung vom 26. September 2018 (AB 124) für diese Dauer ein Taggeld von wiederum Fr. 164.-- zu (Berechnungszeitraum: 1. September bis 31. Dezember 2018).
Im Nachgang zur Taggeldverfügung vom 26. September 2018 (AB 124) sprach die IVB dem Versicherten mit Verfügung vom 21. Dezember 2018 (AB 135) ab dem 15. August 2017 (Grundabklärung [vgl. AB 106]) ein Taggeld von Fr. 182.-- (Fr. 164.-- Grundentschädigung zzgl. Fr. 18.-- Kindergeld) und mit Verfügung vom 21. Dezember 2018 (AB 136) für die Dauer vom 1. September bis 31. Dezember 2018 ein Taggeld von Fr. 182.- - (Fr. 164.00 Grundentschädigung zzgl. Fr. 18.-- Kindergeld) zu und gab als Grund für die Neuberechnung des Taggeldes die Nachzahlung von Kindergeld zum IV-Taggeld an. Schliesslich sprach die IVB dem Versicherten mit Verfügung vom 18. Januar 2019 (AB 138) – infolge Anpassung des massgebenden Einkommens anhand des Landesindexes für Konsumentenpreise – ab dem 1. Januar 2019 ein Taggeld von Fr. 184.40 (Fr. 166.40 Grundentschädigung zzgl. Fr. 18.-- Kindergeld) zu.
B.
Gegen die Verfügung vom 26. September 2018 erhob der Versicherte, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. B._, mit Eingabe vom 31. Oktober 2018 Beschwerde (Verfahren: IV/2018/803) und stellte folgende Rechtsbegehren:
1. Die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 26. September 2018 sei aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei zu verurteilen, dem Beschwerdeführer ab 01.09.2018 ein Taggeld von CHF 199.00 zu bezahlen.
2. Es sei dem Beschwerdeführer für das Beschwerdeverfahren das Recht der unentgeltlichen Rechtspflege zu erteilen unter Beiordnung des unterzeichnenden Anwaltes als sein amtlicher Anwalt.
- unter Kosten- und Entschädigungsfolgen -
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2020, IV/18/803, Seite 4
Mit Eingabe vom 22. November 2018 reichte der Beschwerdeführer – entsprechend der Aufforderung in der prozessleitenden Verfügung vom 7. November 2018 – ergänzende Unterlagen zu seinem Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege ein.
Mit Beschwerdeantwort vom 3. Dezember 2018 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde.
Mit Eingabe vom 31. Januar 2019 nahm der Beschwerdeführer zur Beschwerdeantwort vom 3. Dezember 2018 Stellung und hielt an seinen Anträgen fest.
Mit einer weiteren Eingabe vom 31. Januar 2019 erhob der Beschwerdeführer gegen die Verfügungen vom 21. Dezember 2018 und vom 18. Januar 2019 (Verfahren: IV/2019/85-87) Beschwerde und stellte folgende Rechtsbegehren:
1. Die zwei Verfügungen vom 21.12.2018 und diejenige vom 18.01.2019 seien aufzuheben und die Beschwerdegegnerin zu verurteilen, dem Beschwerdeführer ab 15.08.2017 ein Taggeld von CHF 199.00 zuzüglich Kindergeld zu bezahlen.
2. Es sei dem Beschwerdeführer für das Beschwerdeverfahren das Recht der unentgeltlichen Rechtspflege zu erteilen unter Beiordnung des unterzeichnenden Anwaltes als sein amtlicher Anwalt.
- unter Kosten- und Entschädigungsfolgen -
In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte der Beschwerdeführer die Vereinigung der Beschwerdeverfahren IV/2018/803 und IV/2019/85-87.
Mit Beschwerdeantwort zur zweiten Beschwerde vom 31. Januar 2019 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2020, IV/18/803, Seite 5

Erwägungen:
1.
1.1 Die Verfahren IV/2018/803 (Verfügung vom 26. September 2018 [AB 124]) und IV/2019/85-87 (zwei Verfügungen vom 21. Dezember 2018 [AB 135 f.] sowie eine Verfügung vom 18. Januar 2019 [AB 138]) betreffen den gleichen Gegenstand, weshalb die Verfahren zu vereinigen und in einem gemeinsamen Urteil zu erledigen sind (Art. 17 Abs. 1 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]; vgl. dazu MERKLI/AESCHLIMANN/HERZOG, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 17 N. 1, 5).
1.2 Die angefochtenen Entscheide sind in Anwendung von Sozialversicherungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Ebenso sind die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten. Insoweit kann daher auf die Beschwerde eingetreten werden (vgl. jedoch E. 2 f. hiernach).
1.3 Beantragt wird die Zusprache einer Grundentschädigung beim  von Fr. 199.-- (vgl. Beschwerde vom 31. Oktober 2018, Rechtsbegehren Ziff. 1, bzw. Beschwerde vom 31. Januar 2019, Rechtsbegehren Ziff. 1) anstelle der verfügten Grundentschädigung von Fr. 164.-- (AB 124/1, 135/2, 136) bzw. 164.40 (AB 138/1). Angesichts der Differenz von höchstens Fr. 35.-- pro Taggeld und den zwischen den Parteien zu Recht unbestrittenen Leistungszeiträumen vom 15. August bis
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2020, IV/18/803, Seite 6
14. November 2017 (92 Tage [Grundabklärung; AB 91]) sowie vom 1. September 2018 bis 30. September 2019 (395 Tage [Umschulung mit Ausbildung und Praktikum; AB 123/1 „Beginn/Ende“ bzw. AB 126/1 „Beginn/Ende“]) beträgt der Streitwert damit maximal Fr. 17‘045.-- (Fr. 35.-- x 487 Tage). Der Streitwert liegt daher unter Fr. 20'000.--, weshalb die Beurteilung der Beschwerde in die einzelrichterliche Zuständigkeit fällt (Art. 57 Abs. 1 GSOG).
1.4 Das Gericht überprüft die angefochtenen Entscheide frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG).
2.
2.1 Nachfolgend ist jedoch vertieft zu prüfen, inwieweit die angefochtenen Verfügungen vom 26. September 2018 (AB 124), 21. Dezember 2018 (AB 135 f.) und vom 18. Januar 2019 (AB 138) unter dem Gesichtspunkt der Nichtigkeit (vgl. E. 2.3.1 ff. hiernach) mögliche bzw. zulässige Anfechtungsobjekte darstellen. Im verbleibenden Umfang ist sodann ebenfalls zu prüfen, ob ein Streitgegenstand (vgl. E. 2.4 hiernach) besteht und ob der Beschwerdeführer ein schutzwürdiges Interesse i.S.v. Art. 59 ATSG (vgl. E. 2.5 hiernach) an der Aufhebung der angefochtenen Verfügungen hat.
2.2 Prozessvoraussetzungen (Sachurteilsvoraussetzungen) sind die prozessrechtlichen Erfordernisse, die vorhanden sein müssen, damit das Gericht zu der Begründetheit oder Unbegründetheit der Rechtsbegehren Stellung beziehen kann. Ob die Sachurteilsvoraussetzungen vorliegen, ist als Rechtsfrage von der entscheidenden Instanz von Amtes wegen zu prüfen (FRITZ GYGI, Bundesverwaltungsrechtspflege, 2. Aufl. 1983, S. 72 ff., vgl. auch BGE 134 V 269 E. 2.2 S. 271 f., 132 V 93 E. 1.2 S. 95). Die  müssen im Urteilszeitpunkt erfüllt sein und können somit in jedem Verfahrensstadium geprüft werden (vgl. GYGI, a.a.O., S. 75).
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2020, IV/18/803, Seite 7
2.3
2.3.1 Nach der Rechtsprechung besteht bei Kassenverfügungen eine Vermutung für die Rechtsgültigkeit. Eine Verfügung darf nur dann als nichtig und unwirksam angesehen werden, wenn der ihr anhaftende Mangel besonders schwer und offensichtlich oder zumindest leicht erkennbar ist und wenn zudem die Rechtssicherheit durch die allfällige Nichtigkeit nicht ernsthaft gefährdet würde (BGE 137 I 273 E. 3.1 S. 275, 132 II 342 E. 2.1 S. 346). Als Nichtigkeitsgründe fallen hauptsächlich schwerwiegende Verfahrensfehler sowie die Unzuständigkeit der verfügenden Behörde in Betracht; dagegen haben inhaltliche Mängel nur in seltenen Ausnahmefällen die Nichtigkeit einer Verfügung zur Folge (BGE 118 Ia 336 E. 2a S. 340), so etwa, wenn die Verfügung als praktisch wirkungslos, unsinnig oder unsittlich zu qualifizieren ist (AHI 1995 S. 33 E. 4a). Ebenso ist eine Verfügung nichtig, die einen unmöglichen Inhalt hat, bei der die Fehlerhaftigkeit an ihr selbst zum Ausdruck kommt, bei tatsächlicher Unmöglichkeit des Vollzugs oder wenn sie unklar oder unbestimmt ist (SVR 2015 IV Nr. 33 S. 106 E. 5.2.1).