Decision ID: ca2e287e-f9b5-4cdb-a7b7-53d7b9088b89
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin suchte am 8. Juni 2021 in der Schweiz um
Asyl nach.
A.b Am 15. Juni 2021 wurde sie vom SEM zu ihren Personalien befragt
und am 18. Juni 2021 fand das sogenannte Dublin-Gespräch statt. Am
21. Juli 2021 wurde sie zu ihren Asylgründen angehört. Im Wesentlichen
machte sie geltend, sie habe sich in der Türkei politisch engagiert und es
laufe in der Türkei ein Strafverfahren gegen sie. Ihr werde unter anderem
vorgeworfen, Mitglied einer bewaffneten Terrororganisation zu sein. Die
Beschwerdeführerin reichte mehrere Beweismittel betreffend das in der
Türkei angeblich pendente Gerichtsverfahren ein.
A.c Am 28. Juli 2021 teilte das SEM der Beschwerdeführerin mit, dass ihr
Asylgesuch im erweiterten Verfahren behandelt werde. Namentlich bedürfe
es weiterer Abklärungen in Bezug auf die eingereichten Dokumente.
A.d Mit Eingabe vom 4. August 2021 ersuchte die Beschwerdeführerin um
zeitnahe Entscheidung in ihrer Sache, da ihre (...) Zwillinge in der Türkei
auf sich alleine gestellt seien. Gleichentags beendete ihre Rechtsvertrete-
rin das Mandatsverhältnis.
A.e Mit Eingabe vom 2. September 2021 wurde dem SEM unter Beilage
einer entsprechenden Vollmacht mitgeteilt, dass neu die Mitarbeitenden
der (...) mit der Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin mandatiert wor-
den seien. Gleichzeitig wurde um Auskunft über den Verfahrensstand er-
sucht.
A.f Am 13. Oktober 2021 reichte die Beschwerdeführerin eine Kopie eines
türkischen Verhandlungsprotokolls zu den Akten.
A.g Am 4. November 2021 beantwortete das SEM die Verfahrensstandan-
frage vom 2. September 2021. Es teilte mit, dass es aufgrund der hohen
Geschäftslast nicht möglich sei, den Entscheid auf ein bestimmtes Datum
hin in Aussicht zu stellen. Über das Asylgesuch werde sobald als möglich
gemäss interner Prioritätenordnung entschieden.
A.h Am 17. Januar 2022 reichte die Beschwerdeführerin ein Screenshot
eines weiteren türkischen Verhandlungsprotokolls (inklusive Übersetzung)
zu den Akten.
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A.i Mit Eingabe vom 14. April 2022 reichte die Beschwerdeführerin eine
Kopie eines türkischen Gerichtsdokuments und eine neue Vollmacht ein.
Gleichzeitig ersuchte sie um Auskunft über den Verfahrensstand und er-
neut um beförderliche Behandlung ihres Asylgesuches, da sie ihre Söhne
in die Schweiz holen wolle.
A.j Am 4. Mai 2022 reichte die Beschwerdeführerin ein weiteres türkisches
Verhandlungsprotokoll in Kopie zu den Akten.
A.k Mit Eingaben vom 1. Juni und 29. Juli 2022 ersuchte sie erneut um
Mitteilung des Verfahrensstands.
A.l Mit Eingabe vom 8. September 2022 ersuchte sie erneut um Auskunft
über den Verfahrensstand. Ausserdem stellte sie die Einreichung einer
Rechtsverzögerungsbeschwerde in Aussicht, sollte die Vorinstanz ihrer
Aufforderung bis Ende September 2022 nicht nachkommen.
B.
Mit Eingabe vom 21. Oktober 2022 gelangte die Beschwerdeführerin an
das Bundesverwaltungsgericht und beantragte, es sei festzustellen, dass
das Verhalten des SEM eine Rechtsverzögerung im Sinne von Art. 46a
VwVG darstelle, und das SEM sei anzuweisen, das Asylverfahren ohne
weitere Verzögerung zu behandeln. In verfahrensrechtlicher Hinsicht er-
suchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (inklusive
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses) und um Beiordnung
der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin.
C.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte mit Schreiben vom 25. Oktober
2022 den Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur
Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG
zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch
vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
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1.2 Gegen das unrechtmässige Verweigern oder Verzögern einer anfecht-
baren Verfügung kann bei der Beschwerdeinstanz, die für die Behandlung
einer Beschwerde gegen eine ordnungsgemäss ergangene Verfügung zu-
ständig wäre, Beschwerde geführt werden (Art. 46a VwVG; vgl. dazu auch
MARKUS MÜLLER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bun-
desgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2018, Rz. 3 zu
Art. 46a). Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zur Beurteilung der vor-
liegenden Rechtsverzögerungsbeschwerde zuständig.
1.3 Rechtsverzögerungsbeschwerden richten sich gegen den Nichterlass
einer anfechtbaren Verfügung. Die Beschwerdelegitimation setzt voraus,
dass bei der zuständigen Behörde zuvor ein Begehren um Erlass einer
Verfügung gestellt wurde und Anspruch darauf besteht. Ein solcher An-
spruch liegt dann vor, wenn einerseits eine Behörde nach dem anzuwen-
denden Recht verpflichtet ist, in Verfügungsform zu handeln, und wenn an-
dererseits die gesuchstellende Person nach Art. 6 in Verbindung mit Art. 48
Abs. 1 VwVG Parteistellung beanspruchen kann (vgl. BVGE 2008/15 E.
3.2 m.w.H.).
Die Beschwerdeführerin ersuchte am 8. Juni 2021 um Asyl. Über dieses
Gesuch hat das SEM in Form einer anfechtbaren Verfügung zu befinden,
wobei eine solche bis anhin nicht ergangen ist. Die Beschwerdeführerin ist
daher zur Beschwerdeführung legitimiert.
1.4 Gegen das unrechtmässige Verzögern einer Verfügung kann grund-
sätzlich jederzeit Beschwerde geführt werden (Art. 50 Abs. 2 VwVG). Den-
noch steht der Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung nicht völlig im Belieben
der beschwerdeführenden Person. Der Grundsatz von Treu und Glauben
bildet hier eine Grenze.
Der Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung ist vorliegend nicht zu beanstan-
den.
1.5
1.5.1 Die beschwerdeführende Person muss darlegen, dass sie zur Zeit
der Beschwerdeerhebung ein schutzwürdiges – mithin aktuelles und prak-
tisches – Interesse an der Vornahme der verzögerten Amtshandlung res-
pektive der Feststellung einer entsprechenden Rechtsverzögerung hat
(vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER/KAYSER, Prozessieren vor dem Bundes-
verwaltungsgericht, 3. Aufl. 2022, Rz. 5.23).
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1.5.2 Das schutzwürdige Interesse der Beschwerdeführerin an der Vor-
nahme der allenfalls verzögerten Amtshandlung manifestiert sich einerseits
in den bei den Akten liegenden Eingaben, mit denen sie um beförderliche
Verfahrenserledigung gebeten hat. Andererseits ergibt es sich aus der Tat-
sache, dass das SEM bis anhin noch nicht in der Sache verfügt hat.
1.6 Gestützt auf die vorstehenden Erwägungen ist auf die formgerecht ein-
gereichte (Art. 52 Abs. 1 VwVG) Rechtsverzögerungsbeschwerde einzu-
treten.
1.7 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts
anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
2.
Da sich die Beschwerde, wie nachfolgend dargelegt, als zum Vornherein
unbegründet erweist, wurde gestützt auf Art. 57 Abs. 1 VwVG (e contrario)
auf die Anordnung eines Schriftenwechsels verzichtet.
3.
Die Prüfungsbefugnis des Bundesverwaltungsgerichts beschränkt sich hier
auf die Frage, ob die Vorinstanz das Rechtsverzögerungsverbot verletzt
hat. Im Falle einer Gutheissung der Beschwerde weist es die Sache mit
verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück (Art. 61 Abs. 1 VwVG).
Hingegen ist das Gericht nicht dazu befugt, sich dazu zu äussern, wie ge-
gebenenfalls ein unrechtmässig verzögerter Entscheid inhaltlich hätte aus-
fallen sollen, da es – Spezialkonstellationen vorbehalten – nicht anstelle
der untätig gebliebenen Behörde entscheiden darf, andernfalls der Instan-
zenzug verkürzt und möglicherweise Rechte der Verfahrensbeteiligten ver-
letzt würden (vgl. BVGE 2008/15 E. 3.1.2 m.w.H.).
4.
4.1 Das Verbot der Rechtsverzögerung ergibt sich als Teilgehalt aus der
allgemeinen Verfahrensgarantie von Art. 29 Abs. 1 BV. Danach hat jede
Person Anspruch auf eine Beurteilung ihrer Sache innert angemessener
Frist (sog. Beschleunigungsgebot). Diese Verfassungsgarantie gilt für alle
Sachbereiche und alle Akte der Rechtsanwendung (vgl. BGE 130 I 174
E. 2.2 m.w.H.).
4.2 Von einer Rechtsverzögerung im Sinne des Gesetzes ist nach Lehre
und Praxis auszugehen, wenn behördliches Handeln zwar nicht (wie bei
einer formellen Rechtsverweigerung) grundsätzlich infrage steht, aber die
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Behörde nicht innert der Frist handelt, die nach der Natur der Sache objek-
tiv noch als angemessen erscheint. Die Angemessenheit der Dauer eines
Verfahrens ist im Einzelfall unter Berücksichtigung der gesamten Um-
stände zu beurteilen. In Betracht zu ziehen sind dabei namentlich die Kom-
plexität der Sache, das Verhalten der betroffenen Beteiligten und der Be-
hörden, die Bedeutung des Verfahrens für die betroffene Partei sowie ein-
zelfallspezifische Entscheidungsabläufe (vgl. zum Ganzen BGE 130 I 312
E. 5.1 und 5.2 m.w.H.). Ein Verschulden der Behörde an der Verzögerung
wird nicht vorausgesetzt (vgl. BGE 138 II 513 E. 6.4; 107 Ib 160 E. 3c; 103
V 190 E. 5c). Spezialgesetzliche Behandlungsfristen sind bei der Beurtei-
lung der Angemessenheit der Verfahrensdauer zu berücksichtigen (vgl.
zum Ganzen etwa das Urteil des BVGer E-1438/2018 vom 5. April 2018 E.
3.2 m.w.H.).
5.
5.1 Die Beschwerdeführerin verweist zur Begründung ihrer Beschwerde
darauf, dass sie am 8. Juni 2021 – und damit vor über 16 Monaten – in der
Schweiz ein Asylgesuch gestellt habe. Ihre Vorbringen seien klar asylrele-
vant. Nach der Zuteilung in das erweiterte Verfahren seien keine weiteren
Verfahrensschritte ergangen. Das SEM habe einzig in einem Standard-
schreiben am 4. November 2021 um mehr Geduld gebeten. Auf die folgen-
den Verfahrensstandanfragen und auf die Androhung einer Rechtsverzö-
gerungsbeschwerde habe das SEM nicht reagiert. Sie habe bereits zu Be-
ginn des Asylverfahrens um eine beschleunigte Behandlung ihres Asylge-
suchs gebeten und dabei darauf hingewiesen, dass sich ihre noch minder-
jährigen Kinder alleine in der Türkei befinden würden. Sie sei besorgt um
ihre Kinder. Dennoch sei kein weiterer Verfahrensschritt ergangen. Es sei
zu hoffen, dass das SEM die eingereichten Beweismittel habe übersetzen
lassen. Diesbezüglich sei darauf hinzuweisen, dass nur wenige Beweismit-
tel eingereicht worden seien und deren Übersetzung die überlange Verfah-
rensdauer damit nicht rechtfertige. Es sei nicht einzusehen, weshalb das
SEM mehrere Verfahrensstandanfragen ignoriere. Es liege eine ungerecht-
fertigte Rechtsverzögerung vor und das SEM habe ihr Asylgesuch ohne
weitere Verzögerung zu behandeln.
5.2 Nach Prüfung der Akten erweist sich die Rechtsverzögerungsbe-
schwerde aus den nachfolgenden Gründen als unbegründet:
5.3 Die bisherige Verfahrensdauer von rund 16 Monaten kann nicht als
überlang im Sinne einer Rechtsverzögerung bezeichnet werden. Zu beach-
ten ist hier, dass das SEM die ausführliche Anhörung nach Eingang des
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Asylgesuchs in einem vernünftigen Zeitrahmen durchgeführt hat und so-
dann ausdrücklich erklärt hat, es bedürfe weiterer Abklärungen, namentlich
bezüglich der eingereichten Dokumente (vgl. act. SEM 1098655-26/2).
Seither wurden im Abstand von drei Monaten respektive einem Monat vier
weitere Beweismittel in türkischer Sprache bei der Vorinstanz eingereicht,
wobei von der Beschwerdeführerin lediglich eines davon mit einer deut-
schen Übersetzung ergänzt worden ist (vgl. act. SEM 1098655-33/4, 35/5,
36/5 und 37/3). Aufgrund des Gesagten und der Komplexität des Falles,
die zutreffend zur Zuteilung in das erweiterte Verfahren geführt hat, kann
nicht geschlossen werden, das SEM habe im Zeitpunkt der Erhebung der
Rechtsverzögerungsbeschwerde vom 21. Oktober 2022 die weitere Be-
handlung des Verfahrens oder den Erlass eines Entscheids unrechtmässig
verzögert. Unter dem Blickwinkel von Art. 29 Abs. 1 BV liegt keine Rechts-
verzögerung vor (vgl. in diesem Sinne auch Urteil des BVGer E-3973/2022
vom 20. Oktober 2022 E. 5.4). Dies gilt namentlich auch unter Berücksich-
tigung des – soweit ersichtlich nicht substanziierten – Vorbringens, dass
die (...)-jährigen Söhne der Beschwerdeführerin in der Türkei auf sich al-
leingestellt seien.
5.4 Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, das SEM habe ihre Ver-
fahrensstandanfragen ignoriert, vermag sie daraus für das vorliegende
Verfahren nichts abzuleiten, zumal von der rechtlich vertretenen Beschwer-
deführerin erwartet werden konnte, selber abzuschätzen, dass aufgrund
ihrer Eingaben und des laufenden Strafverfahrens in der Türkei ein umge-
hender Entscheiderlass nicht möglich war.
5.5 Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, die Übersetzung der
Dokumente rechtfertige die Dauer des Verfahrens nicht, ist darauf hinzu-
weisen, dass der rechtlich vertretenen Beschwerdeführerin bekannt sein
muss, dass Asylsuchende in der Regel für die Übersetzung der fremdspra-
chigen Dokumente besorgt sind (Art. 8 Abs. 1 Bst. d und Abs. 2 AsylG).
Insofern erstaunt, dass die Beschwerdeführerin diesbezüglich nicht ver-
mehrt durch eigenes Prozessverhalten zur Beschleunigung des Verfahrens
beigetragen hat, stattdessen bloss das SEM rügt.
6.
Aufgrund des Gesagten erweist sich die Rüge der Rechtsverzögerung im
Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung am 21. Oktober 2022 als unbegründet,
weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.
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7.
7.1 Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen,
weshalb sich der Antrag auf Befreiung von der Kostenvorschusspflicht als
gegenstandslos erweist.
7.2 Die mit der Beschwerde gestellten Gesuche um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG und um Bei-
ordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin
gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG sind abzuweisen, da die Begehren – wie sich
aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen
waren.
7.3 Die Kosten des Verfahrens sind demnach der Beschwerdeführerin auf-
zuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen
(Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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