Decision ID: c0c493a0-bff7-5505-8994-7dd78b4f7dc1
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin, eine afghanische Staatsangehörige, reichte ge-
meinsam mit ihrem Ehemann und ihren vier Kindern in der Schweiz am
20. August 2008 ein erstes Asylgesuch ein.
Dabei führte sie im Wesentlichen aus, ihr Dorf B._ in der Provinz
C._ sei wiederholt Ziel von Übergriffen seitens der Taliban und der
Nomaden gewesen. Ausserdem sei ihr Ehemann wiederholt von zwei Ge-
folgsleuten des Distriktverwalters von C._ bedroht worden, weil er
sich geweigert habe, einer Heirat zwischen ihnen und seinen beiden ältes-
ten Töchtern zuzustimmen.
B.
Mit Verfügungen vom 15. März 2011 lehnte das damalige Bundesamt für
Migration (BFM; heute: SEM) die Asylgesuche der Beschwerdeführerin
und ihrer Familie ab und ordnete ihre Wegweisung aus der Schweiz an.
Den Vollzug der Wegweisung schob es indessen zugunsten einer vorläufi-
gen Aufnahme auf. Die beiden Verfügungen erwuchsen unangefochten in
Rechtskraft.
C.
Mit Eingabe vom 6. November 2019 stellte die Beschwerdeführerin beim
SEM ein zweites Asylgesuch, welches dem Staatssekretariat am 12. No-
vember 2019 zuging. Darin machte sie geltend, sie habe im Rahmen des
ersten Asylverfahrens nicht die wahren Fluchtgründe vorgetragen. Sie sei
erst jetzt dank einer psychotherapeutischen Behandlung in der Lage, über
die Geschehnisse zu sprechen, welche tatsächlich zur Flucht aus ihrer Hei-
mat geführt hätten.
Dabei führte die Beschwerdeführerin aus, sie stamme aus Kabul. Nach der
Machtergreifung durch die Taliban (1996) hätten alle Frauen, die im (...)
gearbeitet hätten, sich in einem Stadion versammeln müssen, wobei die
Taliban ihnen mit dem Tod gedroht hätten. Dies mit dem Ziel, sie von künf-
tigem frauenrechtlichem Engagement abzubringen. Daraufhin sei sie mit
ihrer Familie in den Iran geflüchtet. Nach dem Sturz der Taliban in Afgha-
nistan und der Wahl von Hamid Karzai zum Staatspräsidenten (im Jahr
2001) sei sie mit ihrer Familie aus dem Iran nach Kabul zurückgekehrt.
Dank der Bestätigung einer Kollegin, dass sie bereits früher im (...) gear-
beitet habe, sei sie dort erneut in der Personalabteilung angestellt worden,
diesmal sogar in leitender Funktion. Sie sei mit ihrer Chefin viel unterwegs
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gewesen, wobei sie andere Städte sowie verschiedene Stadtteile Kabuls
besucht und dabei immer wieder Probleme mit den Taliban bekommen hät-
ten.
Sie habe mit ihrer Familie in einem schlechten Quartier Kabuls gelebt, wo-
bei sie zusammen mit einer Kollegin jeweils mit einem Taxi zur Arbeit und
wieder nach Hause habe fahren müssen, weil es dort keine Busverbindun-
gen gegeben habe.
Eines Tages habe die Tochter einer Bekannten sie im (...) aufgesucht und
um Hilfe gebeten, da sie von ihrer Mutter erfahren habe, dass sie (die Be-
schwerdeführerin) sich (...). Der Körper der besagten Frau habe Verbren-
nungen aufgewiesen. Überdies habe sie ihr erzählt, dass sie unterdrückt,
geschlagen und vergewaltigt werde und ihrem Schicksal entfliehen wolle.
Nach Rücksprache mit ihrer Vorgesetzten sei es ihr (der Beschwerdefüh-
rerin) schliesslich gelungen, für diese Frau einen Platz in einem (...) zu
vermitteln.
In der Folge sei sie auf dem Nachhauseweg von vermummten Männern
entführt und in ein leerstehendes Haus in einem kriegsversehrten Stadt-
quartier Kabuls gebracht worden, wo sie geschlagen, beschimpft, mit Was-
ser abgespritzt, betäubt und schliesslich vergewaltigt worden sei. Die un-
bekannten Männer hätten ihr vorgeworfen, die in Sicherheit gebrachte Frau
den (...) übergeben zu haben, wodurch diese "nun zur Schlampe" bezie-
hungsweise "verdorben" werde.
Nach mehreren Tagen sei die Polizei aufgrund einer Anzeige misstraui-
scher Nachbarn vor Ort erschienen und habe sie aus ihrer misslichen Lage
befreit, wobei die Entführer bereits vor dem Eintreffen der Polizei geflohen
seien. Die Polizisten hätten ihr die Augenbinde und die Handfesseln abge-
nommen und sie in eine Decke gehüllt. Ausserdem hätten sie ihr empfoh-
len, sich zwecks weitergehender Untersuchungen ins Spital zu begeben,
was sie abgelehnt und darauf bestanden habe, sofort nach Hause zu ge-
hen. Da sie damals nicht imstande gewesen sei, ihre Wohnadresse anzu-
geben, sondern nur den Namen eines (...) in der Nähe ihrer Wohnung habe
nennen können, habe die Polizei sie dorthin gebracht, worauf sie nach
Hause gelaufen sei. Nach der Entführung hätten sie und ihre Familie das
Wohnquartier gewechselt. Ausserdem habe sie zu ihrem Schutz einen an-
deren Namen (D._) anstelle von E._) erhalten.
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Sie habe ihr von der Vergewaltigung stammendes Kind heimlich abtreiben
lassen. Ihrem Ehemann habe sie nie erzählt, im Zuge der Entführung ver-
gewaltigt worden zu sein. Gleichzeitig habe sie ihrem Ehemann bei der
Asylgesuchstellung in der Schweiz verboten, den Schweizer Asylbehörden
irgendetwas über ihre damalige Entführung zu erzählen, ansonsten sie
sich umbringen werde. Später habe ihr Mann ihr vorgeworfen, im Rahmen
des ersten Asylverfahrens nicht die Wahrheit erzählt und dadurch ihren
Asylstatus verspielt zu haben. Ausserdem habe er sie in der Vergangenheit
wiederholt geschlagen und vergewaltigt, weil sie keinen Geschlechtsver-
kehr mit ihm mehr gewollt habe. Inzwischen würden sie getrennt leben.
Zur Untermauerung ihrer Vorbringen legte die Beschwerdeführerin ihrem
Gesuch vom 6. November 2019 einen ärztlichen Verlaufsbericht von
Dr. med. F._, Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom
21. Oktober 2019 bei. Dieser bestätigt in seinem Bericht zunächst, dass
sich die Beschwerdeführerin seit dem 8. Juli 2016 bei ihm in psychiatrisch-
psychotherapeutischer Behandlung befinde. Weiter hat er bei seiner Pati-
entin eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) als Opfer
von Entführung und Vergewaltigung bei einer andauernden Persönlichkeit-
sänderung nach Extrembelastung (ICD-10: F62.0) und eine rezidivierende
depressive Störung, schwere Episode mit Verdacht auf psychotische
Symptome (ICD 10: F33.3) diagnostiziert. Ausserdem bestünden bei ihr in-
termittierende Suizidgedanken. Ferner leide sie unter Hypothyreose (Un-
terfunktion der Schilddrüse); Erstdiagnose ca. 2008), Diabetes mellitus so-
wie an Gallenstein. Aufgrund der aktuellen Symptomatik erachtet Dr. med.
F._ die Weiterführung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Be-
handlung, insbesondere der traumafokussierten Psychotherapie, als drin-
gend angezeigt. Im Weiteren reichte die Beschwerdeführerin die Kopie ei-
nes afghanischen Ausweises mit ihren früheren Personalien ein.
D.
Mit Verfügung vom 23. Januar 2020 – eröffnet am 25. Januar 2020 – stellte
das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte ihr zweites Asylgesuch ab und ordnete ihre Wegweisung aus
der Schweiz an. Weiter hielt die Vorinstanz fest, die am 15. März 2011 an-
geordnete vorläufige Aufnahme bestehe weiterhin bis zu deren Aufhebung
oder Erlöschen. Schliesslich erhob sie eine Gebühr in Höhe von Fr. 600.–.
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E.
Mit Eingabe vom 22. Februar 2020 (Datum Poststempel) gelangte die Be-
schwerdeführerin an das Bundesverwaltungsgericht und erklärte darin le-
diglich, sie erhebe gegen den Entscheid des SEM vom 23. Januar 2020
Beschwerde.
F.
Mit Schreiben vom 25. Februar 2020 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der vorliegenden Beschwerde.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 26. Februar 2020 – eröffnet am 27. Februar
2020 – hielt das Bundesverwaltungsgericht fest, die Beschwerdeführerin
dürfe sich aufgrund der angeordneten vorläufigen Aufnahme in der
Schweiz aufhalten. Weiter stellte es fest, gemäss Art. 52 Abs. 1 VwVG
müsse die Beschwerdeschrift die Begehren, deren Begründung mit An-
gabe der Beweismittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder
seiner Vertretung enthalten. Die vorliegende Beschwerde genüge diesen
Anforderungen nicht, da diese weder Rechtsbegehren noch eine Begrün-
dung enthalte. Deswegen forderte das Gericht die Beschwerdeführerin auf,
innert sieben Tagen ab Erhalt dieser Verfügung eine Beschwerdeverbes-
serung (Rechtsbegehren und Begründung) einzureichen, verbunden mit
der Androhung, bei ungenutzter Frist werde auf die Beschwerde nicht ein-
getreten. Schliesslich forderte es die Beschwerdeführerin auf, bis zum
12. März 2020 einen Kostenvorschuss von Fr. 750.– zu leisten, ansonsten
auf die Beschwerde ebenfalls nicht eingetreten werde.
H.
Mit Eingabe vom 4. März 2020 reichte die Beschwerdeführerin beim Bun-
desverwaltungsgericht eine Beschwerdeverbesserung ein. Darin bean-
tragte sie, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, ihre Flüchtlingsei-
genschaft anzuerkennen und ihr in der Schweiz Asyl zu gewähren. Even-
tuell sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Angelegenheit
zur weiteren Abklärung und neuen Begründung an das SEM zurückzuwei-
sen. Die Zwischenverfügung vom 26. Februar 2020 sei wiedererwägungs-
weise aufzuheben, und es sei auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu
verzichten und von der Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen.
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Die Beschwerdeführerin fügte der Beschwerdeverbesserung eine auf sie
lautende Sozialhilfebestätigung der Sozialhilfebehörde G._, vertre-
ten durch die (...) vom 3. März 2020 sowie das Original ihres alten afgha-
nischen Ausweises mit ihrem früheren Namen bei.
I.
Am 12. März 2020 zahlte die Beschwerdeführerin den Kostenvorschuss
ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge-
gen Verfügungen, die gestützt auf das Asylgesetz (AsylG, SR 142.31)
durch das SEM erlassen worden sind, entscheidet das Bundesverwal-
tungsgericht grundsätzlich (mit Ausnahme von Verfahren betreffend Perso-
nen, gegen die ein Auslieferungsersuchen des Staates vorliegt, vor wel-
chem sie Schutz suchen) endgültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG;
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS
2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl.
Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerdeführerin ist legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37
VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG
und Art. 52 Abs. 1 VwVG) einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen-
dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wird auf einen Schriftenwechsel
verzichtet.
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3.
Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grundsätz-
lich Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in ihrem Hei-
matstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Religion,
Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausge-
setzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von
Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist
Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung der Ablehnung des neuen Asylge-
suchs der Beschwerdeführerin aus, die fünf in Art. 3 Abs. 1 AsylG erwähn-
ten Verfolgungsmotive seien so zu verstehen, dass die Verfolgung wegen
äusserer und innerer Merkmale, die untrennbar mit der Person oder Per-
sönlichkeit des Opfers verbunden seien, erfolgt sei oder drohe. Aus den
Akten lasse sich nicht ableiten, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ih-
res politischen Engagements respektive ihrer politischen Gesinnung ver-
folgt worden wäre. Die Entführer hätten ihr vorgeworfen, die Frau den (...)
übergeben zu haben. Weil sie die Frau verdorben habe, würde diese eine
"Schlampe" werden. Ihre eigene Entführung gehe somit allein auf ihre Hil-
festellung für eine Frau zurück. Sie sei demnach nur wegen ihres Handelns
und nicht aufgrund ihrer politischen Gesinnung oder ihres politischen En-
gagements verfolgt worden. Auch sei nicht ersichtlich, ob ihre Verfolger von
ihren Tätigkeiten (...) überhaupt gewusst hätten. Weiter sei den Akten nicht
zu entnehmen, dass sie aus einem anderen in Art. 3 AsylG genannten Mo-
tiv, namentlich aufgrund ihrer Rasse, Religion, Nationalität, oder Zugehö-
rigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe, verfolgt worden wäre. Ihre
Verfolgung gehe darauf zurück, dass sie eine Person in eine Schutzein-
richtung gebracht habe. Die Verfolger hätten sie also gezielt als Privatper-
son aufgrund ihrer Handlung bestrafen wollen. Es bestünden keine Hin-
weise, dass die Verfolger eine bestimmte Gruppe der Gesellschaft hätten
treffen wollen, die unter Art. 3 AsylG fallen würde.
Ferner setze die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft aufgrund der
Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimat-oder Herkunftsstaat keinen ausreichen-
den Schutz finden könne. Bei der Beurteilung, welche Art beziehungsweise
welcher Grad von Schutz im Heimatland als genügend zu qualifizieren sei,
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könne gemäss Grundsatzurteil vom 21. Dezember 2011 auf die bisherige
Rechtsprechung verwiesen werden (vgl. BVGE 2011/51). Eine faktische
Garantie des Schutzgewährers für langfristigen individuellen Schutz der
von nichtstaatlicher Verfolgung bedrohten Person könne nicht verlangt
werden. Denn es gelinge keinem Staat, die absolute Sicherheit aller seiner
Bürgerinnen und Bürger jederzeit und überall zu garantieren. Im Fall der
Beschwerdeführerin sei das Vorhandensein einer Schutzinfrastruktur zu
bejahen, habe die afghanische Polizei sie doch eigenen Angaben zufolge
befreit. Auch sei sie nach der Entführung in ein anderes Viertel gezogen
und habe zu ihrem Schutz einen neuen Namen respektive eine neue Iden-
tität erhalten. Dies weise darauf hin, dass die afghanische Polizei Schutz-
wille gezeigt habe und im Weiteren fähig gewesen sei, ihr zu ihrem Schutz
eine neue Identität zu geben, weshalb sie ausreichenden Schutz erhalten
habe und die Voraussetzungen für die Flüchtlingsanerkennung nicht erfüllt
seien.
4.2 Die Beschwerdeführerin hält dieser Argumentation der Vorinstanz in
der Beschwerdeverbesserung entgegen, deren Sichtweise, sie sei nicht
wegen ihrer Gesinnung oder wegen ihres politischen Engagements, son-
dern wegen ihrer privaten Hilfestellung gegenüber einer anderen Frau ver-
folgt worden, weshalb kein Verfolgungsmotiv im Sinne von Art. 3 vorliege,
sei mit Sinn und Zweck von Art. 3 AsylG, insbesondere unter Berücksichti-
gung frauenspezifischer Fluchtgründe, nicht vereinbar. Sie sei nicht einfach
als Privatperson verfolgt worden, sondern wegen ihrer Handlungen als Mit-
arbeiterin des (...) für Frauen, weil sie im Rahmen ihrer Tätigkeit für das
(...) eine Frau vor schwersten Misshandlungen geschützt und sie in einer
von (...) geführten Institution untergebracht habe. Ihr sei vorgeworfen wor-
den, diese Frau den (...) ausgeliefert zu, also mit den (...) zusammengear-
beitet zu haben. Es sei offenkundig, dass genau diese Art Strafaktionen
von den ultrakonservativen Taliban und ihren Anhängern ausgingen, die
gegen jede Art von Frauenrechten mit Gewalt vorgehen würden und für die
eine (...), welche eine Frau geschützt und sie einer von (...) geleiteten In-
stitution zugeführt habe, ein besonderes Ziel sei. Aus genau diesen Grün-
den hätten die Taliban schon einmal wie bereits früher geschildert alle Mit-
arbeiterinnen der vormaligen (...) für Frauen zusammengetrieben und
ihnen mit dem Tod gedroht, falls sie ihre Tätigkeiten weiterführen würden.
Schliesslich übergehe das SEM völlig, dass sie selbst schwerste Verlet-
zungen als Frau erlitten habe in einem Land, wo genau diese Art von Miss-
handlungen von Taliban und anderen fanatischen Gruppierungen ausgin-
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gen, welche die Frauen unterdrücken würden und gegen die der afghani-
sche Staat keinen Schutz biete. Aufgrund des Gesagten lägen sehr wohl
Asylgründe im Sinne von Art. 3 AsylG vor.
Hinsichtlich der Schutzfähigkeit sei grundsätzlich festzuhalten, dass der af-
ghanische Staat in keiner Weise fähig und in der Lage sei, vor den Taliban
Schutz zu bieten. Vor allem sei aber festzustellen, dass das SEM von ei-
nem falschen Sachverhalt ausgehe, der sich aus ihrem Asylgesuch so gar
nicht ergebe. Richtig sei, dass die Polizei sie befreit habe beziehungsweise
zum Haus gekommen sei, nachdem sie von den Nachbarn avisiert worden
sei. Ihre Entführer seien beim Anrücken der Polizei bereits geflohen. Ob in
diesem Zusammenhang noch von einer Befreiung durch die Polizei ge-
sprochen werden könne, erscheine sehr fraglich, da ihr die Polizei ja nicht
aktiv Schutz vor den Entführern geboten hätte. Nicht richtig sei jedenfalls,
dass die Polizei ihr eine andere Identität gegeben habe und sie damit ge-
schützt hätte. Sie habe selbst eine andere Identität angenommen, auf An-
raten ihres Mannes und ihres Bruders. Ihr Schwiegervater habe dann durch
Beziehung und Bestechung erwirken können, dass ein Beamter ihr einen
Ausweis auf einen falschen Namen ausgestellt habe. Es stimme also kei-
neswegs, dass die Polizei sie in eine Art von Schutzprogramm mit neuer
Identität aufgenommen habe. Diese habe gar nichts davon gewusst und
diesen Schritt sicher nicht unternommen, da sie gar nicht über entspre-
chende Mittel und Möglichkeiten verfügt hätte. Im Gegenteil sei die afgha-
nische Polizei gar nicht in der Lage, die zahlreichen Vorfälle zu verfolgen,
die sich in der äusserst instabilen Lage in Afghanistan und Kabul täglich
ereignen würden. Von einem Schutzwillen und einer Schutzfähigkeit der
afghanischen Polizei in ihrem Fall könne also sicher nicht gesprochen wer-
den, weshalb sie auf die Schutzgewährung durch die Schweiz angewiesen
sei.
5.
5.1 Was die Frage des Vorliegens eines asylbeachtlichen Verfolgungsmo-
tivs betrifft, vermag die Sichtweise des SEM, es liege hier nur eine Verfol-
gung einer Privatperson aufgrund ihrer Hilfestellung gegenüber einer an-
deren Frau, nicht aber eine Verfolgung aufgrund einer politischen Gesin-
nung oder eines politischen Engagements vor, weshalb es an einem asyl-
beachtlichen Verfolgungsmotiv fehle, nicht zu überzeugen. Den Ausführun-
gen der Beschwerdeführerin sowohl im Rahmen ihres zweiten Asylge-
suchs als auch in der vorliegenden Beschwerde ist zu entnehmen, dass
die Entführer ihr vorgeworfen haben sollen, sie habe die von ihr unter-
stützte Frau in die Obhut der (...) gegeben und sie dadurch "verdorben".
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Angesichts der Unduldsamkeit wertkonservativer Kreise in Afghanistan –
wie insbesondere der Taliban – gegenüber ausländischen – als verweich-
licht und dekadent eingestuften – Wertordnungen (namentlich der USA und
Europas) ist naheliegend, dass die Entführer der Beschwerdeführerin nicht
in erster Linie ihre Hilfeleistung für die gepeinigte Frau, sondern vor allem
das aus ihrer Sicht mit ihrer Hilfeleistung verbundene illoyale beziehungs-
weise ausländischen Wertvorstellungen verpflichtete Verhalten vorgehal-
ten haben, was im vorliegenden Fall ohne Weiteres als Verfolgung auf-
grund einer (gesellschafts-)politischen Einstellung aufzufassen ist. Nach
dem Gesagten liegt klar ein Verfolgungsmotiv im Sinne von Art. 3 Abs. 1
AsylG vor.
5.2
5.2.1 Eine Verfolgung durch nichtstaatliche Akteure kann grundsätzlich
flüchtlingsrelevant sein, wenn es der betroffenen Person nicht möglich ist,
davor im Heimatstaat adäquaten Schutz zu finden. Nach der sogenannten
Schutztheorie ist nichtstaatliche Verfolgung nur dann asylrelevant, wenn
der Staat unfähig oder nicht willens ist, Schutz vor besagter Verfolgung zu
bieten. Es ist dabei vom Staat nicht eine faktische Garantie für langfristigen
individuellen Schutz der von nichtstaatlicher Verfolgung bedrohten Perso-
nen zu verlangen, weil es keinem Staat gelingen kann, die absolute Sicher-
heit seiner Bürgerinnen und Bürger jederzeit und überall zu garantieren.
Erforderlich ist aber, dass eine funktionierende und effiziente Schutzinfra-
struktur zur Verfügung steht, wobei in erster Linie an polizeiliche Aufgaben
wahrnehmende Organe wie an ein Rechts- und Justizsystem zu denken
ist, welches eine effektive Strafverfolgung ermöglicht. Ob das bestehende
Schutzsystem als in diesem Sinne effizient erachtet werden kann, hängt
letztlich auch davon ab, ob der Schutz die von Verfolgung betroffene Per-
son tatsächlich erreicht (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.3 m.w.H.). Die Inan-
spruchnahme dieses Schutzsystems muss der betroffenen Person dem-
nach objektiv zugänglich und individuell zumutbar sein, was jeweils im
Rahmen einer Einzelfallprüfung unter Berücksichtigung des länderspezifi-
schen Kontexts zu beurteilen ist.
5.2.2
5.2.2.1 Die Beschwerdeführerin vertritt in diesem Zusammenhang den
Standpunkt, der afghanische Staat sei in ihrem Fall nicht schutzfähig. Aus-
serdem sei die Vorinstanz von einem falschen Sachverhalt ausgegangen,
indem sie angenommen habe, die afghanische Polizei habe ihr eine neue
Identität verschafft.
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5.2.2.2 Zunächst ist festzuhalten, dass die afghanische Polizei die Be-
schwerdeführerin ihren eigenen Aussagen zufolge aufgrund einer Anzeige
von Nachbarn des verlassenen Hauses befreit hat, worin die Beschwerde-
führerin gefangen gehalten worden sein soll. Dass es ihren Entführern ge-
lungen sei, vor dem Anrücken der Polizei die Flucht zu ergreifen, vermag
an dieser Feststellung nichts zu ändern. Somit bleibt festzustellen, dass die
Beschwerdeführerin dank des Einsatzes der afghanischen Polizei ihre
Freiheit wiedererlangt hat.
Soweit die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerdeverbesserung geltend
macht, das SEM sei zu Unrecht davon ausgegangen, die afghanische Po-
lizei habe ihr damals auch eine neue Identität verschafft, ist festzuhalten,
dass ihre diesbezüglichen schriftlichen Angaben beim zweiten Asylgesuch
folgendermassen lauten: "Mein Bruder und mein Mann diskutierten, was
wir machen sollten. Wir flüchteten in das Quartier (...). Dort wohnten auch
meine Schwiegereltern. Beim Umzug wurde mein Name zu meinem Schutz
geändert [...]. Es sollte verhindert werden, dass die Entführer mich noch-
mals ausfindig machen können" (vgl. a.a.O. S. 4, Abs. 4). Bei dieser Sach-
lage durfte die Vorinstanz ohne Weiteres annehmen, die Polizei habe der
Beschwerdeführerin zusätzlich eine neue Identität beschafft.
Hiervon abgesehen ist für die Frage der Schutzfähigkeit der afghanischen
Polizei im vorliegenden Fall ohne Belang, ob die Beschaffung der neuen
Identität durch Familienangehörige oder durch die afghanische Polizei ver-
anlasst wurde, da die Befreiung der Beschwerdeführerin aus der Gefan-
genschaft ihrer Entführer klarerweise der afghanischen Polizei zu verdan-
ken ist. So besehen besteht auch keine Veranlassung, das vorliegende
Verfahren zwecks Anordnung einer Anhörung der Beschwerdeführerin an
die Vorinstanz zurückzuweisen, weshalb auch der entsprechende Kassati-
onsantrag in der Beschwerdeverbesserung (vgl. a.a.O. S. 1 [Rechtsbegeh-
ren Ziff. 2] und S. 7 Ziff. 4./22. Abs. 2 i.V.m. S. 7 f. Ziff. 5./23) abzuweisen
ist.
Hinzu tritt der Umstand, dass aufgrund der Sachverhaltsdarstellung der
Beschwerdeführerin im zweiten Asylgesuch gänzlich unklar bleibt, wer ihre
Entführer waren, da die beiden ins Taxi zugestiegenen Entführer ver-
mummt gewesen sein sollen (vgl. a.a.O. S. 3 Abs. 2), und die Beschwer-
deführerin im Zeitraum ihrer Gefangenschaft eine Augenbinde getragen
habe (vgl. a.a.O. S. 3 Abs. 3, 4 und 11). Überdies äusserte die Beschwer-
deführerin in ihrem zweiten Asylgesuch selbst die Vermutung, die Familie
der von ihr geretteten Frau müsse irgendwie herausbekommen haben,
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dass diese sich hilfesuchend an sie (die Beschwerdeführerin) gewandt
habe (vgl. a.a.O. S. 2, letzter Absatz). Vor diesem Hintergrund kann letzt-
lich auch nicht als gesichert gelten, dass es sich bei ihren Entführern tat-
sächlich um Mitglieder der Taliban gehandelt hat.
5.2.2.3 Nach dem Gesagten ergibt sich, dass der afghanische Staat im
Falle der Beschwerdeführerin sowohl im Zeitpunkt ihrer Entführung als
auch zum heutigen Zeitpunkt als schutzfähig und schutzwillig zu erachten
ist.
5.2.3 Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass es der Beschwerdefüh-
rerin nicht gelungen ist, einen asylrelevanten Sachverhalt nachzuweisen
beziehungsweise glaubhaft zu machen. Das SEM hat deshalb ihre Flücht-
lingseigenschaft im Ergebnis zu Recht verneint und ihr (zweites) Asylge-
such abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
Zusammenfassend ergibt sich, dass der – einzig bezüglich der Ziffern 1–3
des Dispositivs angefochtene – Asylentscheid des SEM Bundesrecht nicht
verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig
feststellt (Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist folglich abzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dessen Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht {VGKE,
SR 173.320.2]). Die Beschwerdeführerin hat in ihrer Beschwerdeverbes-
serung zwar ein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung erstellt und zum Nachweis ihrer Bedürftigkeit eine Sozialhilfebestäti-
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gung vom 3. März 2020 eingereicht, indessen am 12. März 2020 gleich-
wohl den Kostenvorschuss einbezahlt. Unter diesen Umständen ist man-
gels anderweitiger Anhaltspunkte davon auszugehen, dass die Beschwer-
deführerin unbesehen der eingereichten Sozialhilfebestätigung durchaus
über finanzielle Mittel verfügt und mithin nicht als in prozessualem Sinn
bedürftig erachtet werden kann. Das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung ist deshalb abzuweisen. Zur Bezahlung der Ver-
fahrenskosten ist der in selber Höhe geleistete Kostenvorschuss zu ver-
wenden.
Dispositiv nächste Seite)
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