Decision ID: 3a917a50-9713-46af-bc93-8cc3af8ee969
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Der 19
69
geborene
X._
war
gemäss Arbeitsvertrag vom 15. Juli 2010 (Urk. 9/
43
S.
37-39
) seit dem 1. August 2010 vollzeitlich als Vorarbeiter/Schaler
bei der Y._
GmbH angestellt.
Mit Schadenmeldung UVG vom 4. Januar 2011
(Urk. 8/1
)
liess er
der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA)
mit
teilen
,
dass er
sich am 26. November 2010 bei einem Arbeitsunfall am rechten Fuss verletzt habe.
Die SUVA erbrachte
in der Folge
Taggeld
er und
kam für
die Heil
behandl
ungskosten
auf
. Mit Verfügung vom 25. Oktober 2011 (Urk.
8
/40)
beschied
sie
X._
, dass sie ihre Leistungen
betreffend das fragliche Er
eig
nis
per 24. Oktober 2011 einstelle, da die persistierenden Beschwerden nicht meh
r
darauf zurückzuführen seien
.
Hinsichtlich des weiteren Unfalls vom
17. Oktober 2011 sei noch eine Meldung durch den Arbeitgeber erforderlich; für die aus diesem Ereignis resultierende Arbeitsunfähigkeit würden ab
dem
24. Oktober
2011 Taggelder ausgerichtet.
Nachdem ihr
X._
am
31
. Oktober 2011 mitgeteilt hatte, dass er seit April kein Tagge
ld mehr von der Y._
GmbH erhalten habe
(Urk. 8/
41
)
, bestätigte die SUVA ihm mit Schreiben vom 8. November 2011 (Urk.
8
/45), dass sie die Taggelder im Gesamtbet
rag von Fr. 50‘317.05 an die Y._
GmbH
ausbezahlt beziehungsweise – im Betrag von
Fr.
15‘485.10 – mit
offenen Prämien verrechnet habe.
Mit Schreiben vom 26. Januar 2012
(Urk.
8
/55)
ersuchte
X._
, der zwischenzeitlich am 7. November 2011 Einsprache gegen die Verfüg
ung vom 25. Oktober 2011 (Urk. 8
/40) erhoben hatte (Urk.
8
/46, Urk.
8
/56),
die SUVA – unter Hinweis da
rauf, dass die Verrechnung unzulässig gewesen sei und ihm von der Arbeitge
berin Taggelder
im
Umfang des verrechneten Betrages nicht ausgerichtet wor
den seien – die nicht ausbezahlten Taggelder umgehend (direkt) zu überweisen
beziehungsweise diesbezüglich eine
einsprachefähige
Verfügung zu erlassen.
In
der Folge teilte die SUVA ihm mit, dass noch Abklärungen betreffend die Gesell
schaftsverhältnisse der Y._
GmbH erforderlich seien und auch seine Einkom
men
s
verhältnisse
einer Überprüfung bedürften
(vgl. Schreiben vom 6. Februar 2012 [Urk.
8
/57] und vom 13. Februar 2012 [Urk.
8
/59]
).
1.2
Am 25. Oktober 2011 hatte
X._
der SUVA
einen
zweiten
, am 17. Oktober 2011 erlittenen Unfall gemeldet, wobei er sich im Rahmen der Aus
üb
ung seiner Tätigkeit bei der Y._
GmbH
eine Verletzung
am rechten Ellbogen
zugezogen
habe (Urk.
9
/1).
Am 6. Januar 2012 teilte ihm die SUVA mit, dass zur Beurteilung ihrer diesbezüglichen Leistungspflicht noch weitere Abklärun
gen erforderlich seien (Urk. 8/53).
In der Folge liess sie
den Versicherten
vom 1. bis 27. März 2012 observieren (Urk.
9
/33).
2.
Am 28. Mai 2012 liess
X._
mit folgenden
Anträgen
B
eschwerde erhe
ben
(Urk. 1 S. 2):
"1.
Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, sofort betreffend die von der Beschwerdegegnerin mit ausstehenden Arbeitgeberbeiträgen ver
rechneten Taggelder im Umfang von Fr. 15‘485.10 zu entscheiden be
ziehungsweise deren Auszahlung umgehend zu veranlassen.
2.
Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, dem Beschwerdeführer die gesetzlichen Leistungen, insbesondere die Taggelder, im Zusam
menhang mit seinem Unfall vom 17. Oktober 2011 gemäss der Verfü
gung vom 25. Oktober 2011 umgehend auszubezahlen.
3.
Eventualiter sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, dem Be
schwerdeführer die Taggelder aufgrund des Unfalls vom 17. Oktober 2011 zumindest im Umfang des Taggeldminimums auszubezahlen.
4.
Eventualiter sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, den
Einspracheentscheid
aufgrund der Einsprache gegen die Verfügung vom 25. Oktober 2011 zu erlassen.
Unter allfällige
r
Kosten- beziehungsweise Entschädigungsfolge.
“
Die SUVA
, die zwischenzeitlich am 5. Juni 2012 – insbesondere wegen Betrugs und Urkundenfälschung - Strafanzeige gegen den Beschwerdeführer eingereicht hatte (Urk. 9/44),
schloss am 5. September 2012 auf Abweisung der Beschwerde
(vgl. Beschwerdeantwort, Urk. 7
).
Replicando
(Urk. 14) und
duplicando
(Urk. 18) hielten
die Parteien an ihren Anträgen fest. Nach
dem sich der Beschwerdeführer am
26. Februar 2013
zur Duplik geäussert hatte
(Urk. 21)
,
wurden mit Verfü
gung vom 13. März 2013 (Urk. 23) die Strafakten
der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich
betreffend das Strafverfah
ren gegen den Beschwerdeführer
bei
gezogen
(Urk. 27/1-30). Nach Einsicht in die Akten verzichtete der Beschwer
deführer am 13. Mai 2013 auf eine weitere Stellungnahme
(Urk. 30)
; die SUVA hielt mit Eingabe vom 5. Juni 2013 (Urk. 33)
an ihren Anträgen fest, was dem Beschwerdeführer am 10. Juni 2013 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 3
4
).
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterlagen ist, soweit für die
Entscheidfindung
erforderlich, in den nachstehen
den
Erwägungen ein
zugehen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss Art. 56 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozi
al
versicherungsrechts (ATSG) kann Beschwerde erhoben werden, wenn der Ver
sicherungsträger entgegen dem Begehren der betroffenen Person keine Ver
fü
gung
oder keinen
Einspracheentscheid
erlässt.
1.2
Nach Art. 29 Abs. 1 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossen
schaft
vom 18. April 1999 (BV) haben die Parteien Anspruch auf gleiche und
gerechte Behandlung sowie auf Beurteilung innert angemessener Frist. Die un
ter
der Marginalie „Allgemeine Verfahrensgarantien” stehende Regelung des
Art. 29 BV bezweckt namentlich, verschiedene durch die bundesgerichtliche Recht
sprechung zu Art. 4 der Bundesverfassung vom 29. Mai 1874 (nachfol
gend
:
aBV
) konkretisierte Teilaspekte des Verbots der formellen Rechtsverweige
rung und -verzögerung in einem Verfassungsartikel zusammenzufassen. Hin
sichtlich des in Art. 29 Abs. 1 BV umschriebenen Anspruchs auf eine Beurtei
lung innert
angemessener Frist ergibt sich daraus, dass die unter der Herrschaft der
aBV
hiezu
ergangene Rechtsprechung nach wie vor massgebend ist. Die BV bringt in
so
weit keine materiel
len Neuerungen, sondern eine Anpassung an die Ver
fassungswirklichkeit (
Urteil des damaligen Eidgenössischen Ver
sicherungs
gerichts
I 671/00
vom 21. August 2001 E.
3a mit Hinweisen).
1.3
Eine Gerichts- oder Verwaltungsbehörde muss jeden Entscheid binnen einer Fris
t
fällen, die nach der Natur der Sache und nach den gesamten übrigen Um
stän
den
angemessen erscheint (BGE 131 V 407 E.
1.1 mit Hinweisen).
Eine un
zulässige
Rechtsverzögerung liegt vor, wenn die Behörde ihren Entscheid in objektiv nicht
gerechtfertigter Weise hinauszögert. Ob dies zutrifft, beurteilt sich auf Grund der konkreten Umstände des Einzelfalls.
Massgebend
sind in diesem Zusammen
hang namentlich die besondere Bedeutung und die Art des Verfah
rens, die Kom
plexität und Schwierigkeit der Sache sowie das prozessuale Ver
halten der Beteiligten (BGE 125 V 188 E.
2a). Diese Rechtsprechung lässt nicht zu, dass das Gericht in abstrakter und verbindlicher Form ein für
allemal
festle
gen könnte,
innerhalb welcher Zeitspanne eine Verwaltungs- oder Ge
richtsbe
hörde einen Ent
scheid zu fällen hat, ohne sich dem Vorwurf einer Rechtsverzögerung auszu
setzen. Die betroffene Behörde oder Organisation hat Anspruch darauf, dass gegen sie erhobene Vorwürfe in jedem einzelnen Fall anhand der konkreten Um
stände geprüft werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_652/2009
vom 7. Juni
2010
E. 3.1 mit Hinweisen).
Bei der Rechtsverzögerungsbeschwerde fehlt es grundsätzlich an einem ordentli
chen Anfechtungsobjekt, weil die entscheidende Behörde untätig bleibt. Aus
nahmsweise kann eine Rechtsverzögerung aber auch in Form einer positiven An
ordnung begangen werden; zu denken ist an Verfahrensverlängerungen durch
unnötige Beweismassnahmen oder Einräumung überlanger Fristen. Zwar tritt die
Rechtsverzögerung in solchen Fällen nicht schon mit der Verfügung ein, son
dern wird erst in Aussicht gestellt. Die betreffende Rüge wird dennoch bereits zu diesem Zeitpunkt zugelassen, so dass die betroffene Person nicht zu
warten
muss, bis die Rechtsverzögerung tatsächlich eintritt, sondern sofort gel
tend machen
kann, die Verfügung habe eine ungerechtfertigte Verzögerung zur Folge (BGE 126 V 248 E.
2d; Urteil de
s damaligen Eidgenössischen Ver
sicherungsgerichts
I
671/00
vom 21.
August 2001
E.
3b).
Das rechtlich ge
schützte Interesse besteht bei der Rechtsverzögerungsbeschwerde - unabhängig von der Frage, ob der
Rekurrent
in der Sache obsiegen wird - darin, einen Ent
scheid zu erhalten, der an eine gerichtliche Beschwerdeinstanz weiterziehbar ist (BGE 125 V 121 E.
2b).
2
.
2.1
Der Beschwerdeführer stellte sich auf den Standpunkt,
die SUVA habe in Bezug
auf
die Verrechnung der Taggelder
für den Unfall vom 26. November 2010
im Um
fang von Fr. 15‘485.10 – obwohl er sie wiederholt darum ersucht habe – weder eine Verfügung erlassen noch die Auszahlung dieses Betrags an ihn ver
anlasst (Urk. 1 S. 4 f, Urk. 14
). Während der Vorwurf der fingierten Arbeits
ver
träge zwischenzeitlich entkräftet worden sei
,
be
treffe
eine allfällige Er
mittlung aufgrund der Überwachungskontrolle
nicht den Unfall vom 26. November 2010, sondern denjenigen vom 17. Oktober 2011; für das – als Rechtsverweigerung zu
qualifizierende – Verhalten der SUVA gebe es demnach keinen Rechtfertigungs
grund
(Urk. 21 S. 2
ff.)
.
2.2
Die SUVA
machte demgegenü
ber
gelten
d
, sie habe die Fallbehandlung nicht verschleppt, sondern umfassende Abklärungen getätigt, aufgrund welcher sich Anhaltspunkte für einen unrechtmässigen Leistungsbezug ergeben und die sie zur Einreichung einer Strafanzeige gegen den Beschwerdeführer veranlasst hät
ten. Solange das Ergebnis der
Strafuntersuchung
nicht
vorliege
,
lasse sich der
Anspruch auf Versicherungsleistungen nicht be
urteilen
(Urk. 7 S. 3 f.,
Urk. 18, Urk. 33)
.
3.
3.1
Eine
Rechtsverzögerungs
- beziehungsweise Rechtsverweigerungs
beschwerde dient
ausschliesslich
dazu, einen Entscheid zu erwirken, der
an eine
gerichtliche Beschwerdeinstanz weitergezogen werden kann (vgl. E. 1.3).
Soweit sich die Beschwerde
(Urk. 1)
auf
die
Ausrichtung von Leistungen richtet,
ist daher nicht darauf einzutreten.
Zu prüfen ist
demnach
, ob im Verhalten der SUVA eine Rechtsverzögerung
respektive -
verweigerung zu erblicken ist
.
3.2
Der
Beschwerdegegnerin
sind
im Rahmen ihrer Abklärungen, die sie
nach Lage der
Akten stets innert angemessener Frist
tätigte,
verschiedene Tatsachen
zur Kenntnis gel
angt, die Zweifel einerseits am
Bestehen eines Arbeitsverhältnisses zwischen dem Beschwerdeführer und der
Y._
GmbH und damit auch an einem Versicherungsverhältnis
zwischen
ersterem
und der
Beschwerdegegnerin
und andererseits an der
vom Be
schwerdeführer
geltend gemachten
Arbeitsun
fähig
keit erweckten.
Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang etwa darauf, dass der Be
schwerdeführer im
Rah
men von A
bklärungen betreffend einen
Einbruchd
iebstahl
im Gastbetrieb Z._,
in dem er nach Lage der Akten als Geschäftsführer tätig ist
(vgl.
hiezu
Urk.
9
/24-26, Urk. 9/33)
,
g
egenüber der Polizei A._
selbst
angab,
nicht
im Bau-, sondern im Gastgewerbe
zu arbeiten
, obwohl
er
zu dieser
Zeit Taggelder wegen der Arbeitsunfähigkeit als Vorarbeiter / Schaler bezog
(vgl.
Urk. 8
/71
S. 2 und Urk.
8
/72
).
Wegen
diverser festgestellter
Ungereimt
heiten sah
sich die SUVA schliesslich ver
anlasst, eine Personenüberwachung durchzu
führen
(vgl. Urk. 9/33)
und – auf
grund deren Ergebnisse –
am 5. Juni 2012
Strafan
zeige
gegen den Beschwerdeführer wegen Wi
derhandlung nach Art. 113 des Bundes
ge
setzes über die Unfallversicherung (UVG)
und
Verst
osses gegen Art. 112 UVG
sowie wegen Betrugs im Sinne von
Art. 146 des Schweizerischen Strafgesetz
buchs
(StGB)
und wegen Urkundenfäl
schung im Sinne von Art. 251 StGB
ein
zureichen
(Urk. 9/44)
.
Bis zum Abschluss dieses
Strafverfahren
s
(Urk. 27/1-30)
bleibt
unklar, ob und ge
gebenenfalls in welchem Umfang
die SUVA dem Beschwerdeführer noch
Leistungen schuldet b
eziehungsweise
zu Unrecht ausgerichtet
hat
.
Würde die SUVA nun Taggelder für den Unfall vom 26. November 2010
leisten
und ergäbe
sich im Nachhinein, dass
sie
– allenfalls auch für den
Unfall vom 17. Oktober 2011
– zu Unrecht Leistungen
erbracht
hat,
liefe sie
Gefahr
,
ihre entsprechende Rückforderung nicht erfolgreich durchsetzen zu können
.
Dabei ist d
as Interesse der
Beschwerde
gegnerin
an der Vermeidung
einer
möglicherweise nicht mehr einbringliche
n
Rückforderung
gegenüber demjenigen
des Beschwerdeführers
,
nicht in eine vorübergehende finanzielle Notlage zu geraten
,
als vorrangig
zu
g
ewichten
(
vgl.
hiezu
BGE 105 V 269 E. 3; AHI 2000 S. 185 E. 5 mit Hinwei
sen)
.
Unter den gegebenen Umständen ist auch nicht ersichtlich, dass das Abwarten
des Ausgangs des Strafverfahrens einen nicht wieder gut zu machenden Nach
tei
l bewirken würde, was denn der Beschwerdeführer auch nicht geltend machte. Ins
besondere bleibt festzuhalten, dass eine formelle Sistierung des Verwaltungsverfahrens durch die Beschwerdegegnerin bis zum Abschluss des Strafprozesses letztlich zu keinem anderen Ergebnis geführt hätte.
3.3
Nach dem Gesagten ist der SUVA
aufgrund der konkreten Gegebenheiten
weder
eine Rechtsverweigerung noch eine Rechtsverzögerung vorzuwerfen. Die Be
schwer
de
ist demnach abzuweisen, soweit auf sie einzutreten ist.
Nach Einsicht in die Anmeldung zum Bezug von Leistungen der Invaliden
ver
sicherung (Urk. 27/30) rechtfertigt sich, die Sozialversicherungsanstalt des
Kan
tons
Zürich, IV-Stelle von diesem Entscheid in Kenntnis zu setzen.