Decision ID: 2f5448bd-915d-51fe-8633-c9e35fb400c9
Year: 2018
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Im Juli 2017 wandten sich die Beschwerdeführenden erstmals an die Gemeinde und
beschwerten sich über den Lärm der zwei Kühlwagen des E._ der
Beschwerdegegnerschaft auf der Parzelle Jegenstorf Gbbl. Nr. F._. Am 9.
September 2017 reichten sie bei der Gemeinde baupolizeiliche Anzeige ein. Die Parzelle
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Nr. F._ liegt in der Arbeitszone II. Die Parzelle der Beschwerdeführenden liegt in
der Mischzone 2-geschossig (M2). Sowohl in der Mischzone 2-geschossig als auch in der
Arbeitszone II gilt die Lärmempfindlichkeitsstufe ES III.
Das beco kam in seiner Beurteilung zu folgendem Ergebnis: Wenn nur ein Kühlwagen in
Betrieb sei, betrage der Schallpegel am Immissionsort nachts 47,6 dB(A), wenn beide
Kühlwagen betrieben würden, betrage der Schallpegel 50,6 dB(A). Der Planungswert von
50 dB(A) nachts werde somit überschritten, wenn beide Kühlwagen in Betrieb seien. Das
beco empfahl, während der akustischen Nachtzeit nur einen Kühlwagen in Betrieb zu
nehmen oder die beiden Kühlwagen nachts an einem anderen Standort zu platzieren.
2. Mit Wiederherstellungsverfügung vom 29. November 2017 forderte die Gemeinde
Jegenstorf die Beschwerdegegnerschaft auf, die Lärmschutzmassnahmen des beco ab
sofort und dauernd umzusetzen. Es seien dies: Während der akustischen Nachtzeit nur
einen Kühlwagen in Betrieb zu nehmen oder beide Kühlwagen während der akustischen
Nachtzeit an einem anderen Standort zu platzieren.
3. Gegen diese Verfügung reichten die Beschwerdeführenden am 21. Dezember 2017
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie
rügen, die angeordneten Massnahmen seien unklar, zu wenig verbindlich und
ungenügend. Sie schlagen eine Verschiebung beider Kühlwagen hinter das Gebäude Nr.
39 Richtung Bahnlinie vor.
4. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die
Vorakten sowie eine Stellungnahme des beco ein und führte den Schriftenwechsel durch.
Das beco erklärte mit Stellungnahme vom 10. Januar 2018, die vorgeschlagenen
Massnahmen seien nicht abschliessend. Nach dem Vorsorgeprinzip müsse geprüft
werden, ob die Lärmemissionen noch weiter gesenkt werden könnten. Das Verschieben
von beiden Kühlwagen an einen anderen Standort wäre eine wirkungsvolle
Lärmschutzmassnahme.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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Die Beschwerdegegnerschaft beantragt mit Eingabe vom 22. Januar 2018, die
Beschwerde sei abzuweisen und die Verfügung zu bestätigen. Sie teilt mit, es wäre
möglich, ein Fahrzeug während der Kühlung an den strassenseitigen Eingangsbereich zu
verschieben. Die Gemeinde äusserte sich mit Beschwerdeantwort vom 24. Januar 2018,
ohne einen expliziten Antrag zu stellen. Sie bringt vor, in der Verfügung sei klar
vorgeschrieben, dass die Anlagebetreiber entweder nachts nur einen Kühlwagen in Betrieb
nehmen oder beide Kühlwagen an einem anderen Standort platzieren müssten. Sie habe
bewusst nicht in die betrieblichen Abläufe der Anlagebetreiber eingreifen wollen und darauf
verzichtet zu verfügen, wohin die Kühlwagen verschoben werden müssten.
5. Das Rechtsamt holte die gesamten Baubewilligungsakten für die Parzelle Nr.
F._ ein. Es warf von Amtes wegen die Frage auf, ob die Kühlwagen
baubewilligungspflichtig seien und gab den Beteiligten Gelegenheit, sich dazu zu äussern.
Die Beschwerdegegnerschaft wurden zudem gebeten, Fragen zur Betriebsdauer und den
Betriebstagen der Kühlaggregate zu beantworten.
Die Beschwerdegegnerschaft nahm mit Schreiben vom 23. März 2018 zu den Fragen
Stellung. Die Gemeinde äusserte sich mit Eingabe vom 22. März 2018, die
Beschwerdeführenden mit Schreiben vom 23. März 2018.
6. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Angefochten ist eine baupolizeiliche Verfügung nach Art. 45 ff. BauG2. Diese kann gemäss
Art. 49 Abs. 1 BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE
2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
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angefochten werden. Die Beschwerdeführenden können als Anzeiger Parteistellung
beanspruchen. Sie sind durch die angefochtene Verfügung beschwert und daher zur
Beschwerde legitimiert. Auf ihre form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten.
2. Lärm der Kühlwagen
a) Die Beschwerdeführenden bringen insbesondere vor, die Kühlwagen müssten nach
den Richtlinien des beco über Einzelanlagen HKL beurteilt werden. Demnach seien die
Vorsorgewerte von 45 dB(A) tagsüber und 35 dB(A) nachts massgebend. Oft sei nur ein
Kühlwagen in Betrieb, aber auch dieser erzeuge störenden Lärm. Die Massnahme, dass
nur ein Kühlwagen nachts verschoben werden müsse, führe daher zu keiner
massgeblichen Lärmreduktion. Die vom beco berücksichtigte durchschnittliche Betriebszeit
von 4,75 Std. pro Tag sei nicht aussagekräftig. Im Sommer, wenn die Emissionen
besonders störten, seien die täglichen Betriebszeiten signifikant höher. Das Verschieben
der beiden Kühlwagen hinter das Gebäude Richtung Bahn wäre eine wirksame und
zumutbare Massnahme. Für das Be- und Entladen der Kühlwagen vor dem Gebäude
würde je eine Stunde reichen.
Die Beschwerdegegnerschaft erklärt, es treffe zu, dass die Betriebszeiten in den
Sommermonaten deutlich höher seien als in den kühleren Monaten, da die meisten Feste
im Sommer stattfänden. Im Sommer sei aber auch der Umgebungslärm höher durch die
stärkere Nutzung von Terrassen, die Strasse, durch weidende Schafe, die Bahn etc. Die
Ablesung des Stundenzählers in den Kühlfahrzeugen, Stand 1. März 2018, habe folgende
Betriebsstunden ergeben:
‒ Fahrzeug BE (...), Jg. Juli 2010, total 91 Std., davon 46 Std. mit Motor betrieben,
und 45 Std. mit Strom
‒ Fahrzeug BE (...), Jg. März 2011, total 95 Std., davon 23,1 Std. mit Motor und
71,9 Std. mit Strom betrieben
Die Beschwerdegegnerschaft führt dazu aus, "motorbetriebene" Stunden bedeute, dass
das Fahrzeug in dieser Zeit unterwegs gewesen sei. Auch bei den strombetriebenen
Stunden seien noch etliche Stunden an den externen Anlässen entstanden. In den
Monaten November bis März würden die Fahrzeuge praktisch nie zur Kühlung eingesetzt,
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die meisten Stunden fielen in den Monaten April bis September an. Nachts seien aber
praktisch nie beide Kühlfahrzeuge eingeschaltet. Künftig wollten sie nachts einen
Lastwagen, wie auf Bild Nr. 2, abstellen (Anmerkung: beim Eingang vor dem Gebäude Nr.
39, näher bei der Parzelle Nr. H._), wenn dessen Kühlung eingeschaltet sei.
Das beco erklärte in seiner Stellungnahme, der Planungswert könne nachts beim
Wohnhaus der Beschwerdeführenden eingehalten werden, wenn nur ein Kühlwagen in
Betrieb sei, hingegen seien die Planungswerte überschritten, wenn beide Kühlwagen in
Betrieb seien. In diesem Fall müsse mindestens eine Lärmschutzmassnahme ausgeführt
werden, es könnten auch beide Massnahmen gleichzeitig oder sogar weitere umgesetzt
werden. Es sei Sache der Beschwerdegegnerschaft, geeignete Lärmschutzmassnahmen
aufzuzeigen, die anschliessend überprüft werden könnten. Das Verschieben der beiden
Kühlwagen an einen anderen Standort, beispielsweise auf die Ostseite gegen die Bahn, sei
eine wirkungsvolle Lärmschutzmassnahme, welche die Lärmimmissionen für die
Beschwerdeführenden verringern würde. Wie weit dies betrieblich möglich und
wirtschaftlich tragbar sei, könne jedoch nicht abgeschätzt werden.
b) Die Beschwerdegegnerschaft führt unter der Firma E._ einen
Cateringservice für externe Anlässe sowie einen stationären Gastgewerbebetrieb mit
Mittagsverpflegung im Gebäude I._strasse 39. Die beiden Kühlwagen (Lastwagen
mit Kühlaggregaten) werden in Zusammenhang mit dem Catering benötigt. Der
Gesamtbetrieb stellt eine ortsfeste Anlage im Sinne von Art. 25 USG3 dar. Für die
Kühlwagen, die 2010 und 2011 in Betrieb genommen wurden, sind daher die
Lärmschutzvorschriften über neue ortsfeste Anlagen anwendbar. Gemäss Art. 25 USG und
Art. 4 Abs. 4 LSV4 müssen in jedem Fall die Planungswerte in der Umgebung eingehalten
werden (Art. 7 Abs. 1 Bst. b LSV). Massgebend ist dabei der nächstgelegene
Immissionsort. Unabhängig von der bestehenden Umweltbelastung sind Emissionen im
Rahmen der Vorsorge zudem so weit zu begrenzen, als dies technisch und betrieblich
möglich und wirtschaftlich tragbar ist (Art. 11 USG, Art. 7 Abs. 1 Bst. a LSV). Im Bereich
des Lärmschutzes gelten die Voraussetzungen der Einhaltung der Planungswerte und der
vorsorglichen Emissionsbegrenzungen kumulativ. Auch wenn ein Projekt die
Planungswerte einhält, bedeutet dies nicht ohne Weiteres, dass alle erforderlichen
vorsorglichen Emissionsbegrenzungen getroffen worden sind. Vielmehr ist anhand der in
3 Bundesgesetz vom 7. Oktober 1983 über den Umweltschutz (Umweltschutzgesetz, USG; SR 814.01) 4 Lärmschutz-Verordnung des Bundesrates vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41)
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Art. 11 Abs. 2 USG und Art. 7 Abs. 1 Bst. a LSV genannten Kriterien zu prüfen, ob das
Vorsorgeprinzip weitergehende Beschränkungen erfordert. Der Schutz Dritter vor
schädlichem und lästigem Lärm ist auch im Rahmen der Standortwahl der neuen Anlage
zu berücksichtigen.5
c) Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen zählen als Industrie- und Gewerbelärm
(Anhang 6 Ziff. 1 Abs. 1 Bst. e LSV). Für die Kühlwagen gelten die Belastungsgrenzwerte
gemäss Art. 40 Abs. 1 i.V.m. Anhang 6 Ziff. 2 LSV. Der Planungswert in der hier
massgebenden Empfindlichkeitsstufe ES III beträgt 60 dB(A) tagsüber (07 bis 19 Uhr) und
50 dB(A) während der akustischen Nachtzeit (19 bis 07 Uhr). Eine Überschreitung der
Planungswerte ist nicht zulässig.
Da die Kühlwagen ‒ obgleich sie der ortsfesten Anlage zugerechnet werden ‒ mobile
Fahrzeuge sind, beurteilen sie sich nicht nach den vom beco definierten Vorsorgewerten
für HKL Anlagen (Heizung, Klima Lüftung).6 Diese Richtlinie betrifft nur stationäre Anlagen,7
bei denen praxisgemäss davon ausgegangen wird, dass dem Vorsorgeprinzip Genüge
getan wird, wenn sie im Dauerbetrieb bei Volllast die vom beco definierten Vorsorgewerte
einhalten. Da die Pegelzuschläge K1 bis K3 gemäss Anhang 6 Ziff. 31 Abs. 2 und Ziff. 33
LSV dabei nicht berücksichtigt werden, sind diese Vorsorgewerte im Normalfall faktisch
nicht strenger als die Planungswerte. Gemäss verwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung ist
auch bei Einhaltung der Vorsorgewerte beco weiter zu prüfen, ob im Rahmen der Vorsorge
weitere Massnahmen erforderlich sind.8
d) Die beiden Kühlwagen werden nahe der nordwestlichen Parzellengrenze abgestellt.
Die Distanz zwischen den lärmempfindlichen Räumen der Beschwerdeführenden und den
Kühlwagen beträgt rund 60 m. Die Messung des beco erfolgte neben den Kühlwagen und
ergab in 4 m Distanz einen Lärmwert von 62.8 dB (A). Abzüglich des Grundgeräuschs der
Umgebung resultierten 62.1 dB(A). Nach der Berechnung des beco beträgt der Schallpegel
beim Wohnhaus der Beschwerdeführenden nachts 47,6 dB(A), wenn ein Kühlwagen in
Betrieb ist, und 50,6 dB(A), wenn beide Kühlwagen in Betrieb sind. Das beco kam zum
5 BGer 1C_204/2015 vom 18. Januar 2016 E. 3.7 6 beco, "Schallpegelbegrenzung bei Einzelanlagen, Vorsorgewerte", Version vom 19. Juli 2016 7 Vgl. Checkliste Industrie- und Gewerbelärm des beco, S. 9 (Beilage zur Stellungnahme vom 10. Januar 2018) 8 VGE 2016/82 vom 6. April 2017 E. 3.5
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Ergebnis, dass der Planungswert nachts überschritten sei, wenn beide Kühlwagen
gleichzeitig in Betrieb seien.
e) Die Berechnung des beco erfolgte gestützt auf die Angaben der
Beschwerdegegnerschaft. Demnach laufen die Kühlaggregate der Kühlwagen im
Durchschnitt jährlich je 1'530 Stunden. Für die Berechnung der Lärmphase stellte das beco
auf das Betriebsjahr des Gesamtbetriebs der Beschwerdegegnerschaft ab, d.h. auf 322
Betriebstage pro Jahr (365 Tage minus sechs Wochen Ferien).9 Dies bedarf einer näheren
Betrachtung. Die Kühlwagen werden soweit bekannt nur in Zusammenhang mit dem
Cateringangebot genutzt. Zudem ist das Kühlaggregat vor allem in der wärmeren
Jahreszeit in Betrieb, d.h. von Frühling bis Spätherbst. Es handelt sich somit um eine
Lärmquelle, die vor allem saisonal auftritt und insbesondere im Sommer stört, weil die
Kühlgeräte aufgrund der höheren Aussentemperaturen stundenlang laufen. Hinzu kommt,
dass das Restaurant der Beschwerdegegnerschaft mit wenigen Ausnahmen abends,
nachts und am Wochenende geschlossen ist. Soweit ersichtlich stellen die Kühlwagen die
einzige Lärmphase dar, die für die Ermittlung des Beurteilungspegels gemäss Anhang 6
LSV relevant ist. Mit dem Abstellen auf das Betriebsjahr des Gesamtbetriebs wird daher
die reale Störwirkung nicht richtig erfasst.10 Die zeitliche Umrechnung ("Lärmverdünnung")
muss dem gesetzlichen Schutz- und Vorsorgezweck der LSV Rechnung tragen.11
Abzustellen ist daher auf die durchschnittlichen Betriebstage der Kühlwagen und die
Dauer, in denen die Kühlaggregate auf der Parzelle Nr. F._ in Betrieb sind.
f) Für die Frage, ob die gesetzlichen Planungswerte eingehalten sind, ist der
nächstgelegene Immissionsort massgebend. Da sich das Wohnhaus der
Beschwerdeführenden rund 60 m weit vom heutigen Standort der Kühlwagen befindet,
stellt es möglicherweise nicht den nächstgelegenen Immissionsort dar. Aufgrund der Akten
lässt sich aber nicht beurteilen, ob in den umliegenden Gebäuden Wohnungen vorhanden
sind und wo sich die lärmempfindlichen Räume befinden. Bisher sind einzig
Lärmmessungen neben dem Kühlwagen erfolgt. Im Hinblick auf das weitere Verfahren
empfehlen sich zudem Lärmmessungen beim nächstgelegenen Immissionsort.
9 Protokoll der Lärmmessung, Berechnung Beurteilungspegel, Beilage 1 zur Beurteilung des beco vom 2. November 2017 10 Vgl. Vollzugshilfe des Bundesamts für Umwelt BAFU, "Ermittlung und Beurteilung von industrie- und Gewerbelärm", 2016, S. 17 f., S. 20 f.; Checkliste Industrie- und Gewerbelärm des beco, S. 9 (Beilage zur Stellungnahme vom 10. Januar 2018) 11 Vgl. BGE 138 II 331 E. 4.2 ff.
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3. Baubewilligungspflicht der Kühlwagen
a) Nach Ansicht der Beschwerdegegnerschaft sind die Kühlwagen nicht
baubewilligungspflichtig. Zum einen handle es sich um mobile Fahrzeuge, die auch extern
im Einsatz stünden, zum anderen bestehe ihr Unternehmen seit 1992. Seither seien auch
Kühlfahrzeuge im Einsatz, da sie für das Catering unabdingbar seien. Es wäre
unverhältnismässig, wenn nach all diesen Jahren noch eine Baubewilligung erteilt werden
müsste. Die Beschwerdeführenden sind demgegenüber der Ansicht, die Kühlwagen seien
stationäre Anlagen und gemäss Art. 1a BauG baubewilligungspflichtig.
b) Baubewilligungspflichtig sind nach Art. 1a Abs. 1 BauG alle künstlich geschaffenen
und auf Dauer angelegten Bauten, Anlagen und Einrichtungen (Bauvorhaben), die in fester
Beziehung zum Erdboden stehen und geeignet sind, die Nutzungsordnung zu
beeinflussen, indem sie zum Beispiel den Raum äusserlich erheblich verändern, die
Erschliessung belasten oder die Umwelt beeinträchtigen. Dabei ist nicht entscheidend, ob
eine Baute fest mit dem Boden verbunden oder nur auf ihm abgestellt wird; ebenso wenig,
ob sie für den dauernden Bestand oder als nur vorübergehende Einrichtung gedacht ist.12
Auch Fahrnisbauten sind baubewilligungspflichtig, wenn damit so wichtige räumliche
Folgen verbunden sind, dass ein Interesse der Öffentlichkeit oder der Nachbarn an einer
vorgängigen Kontrolle besteht.13
c) Geringfügige Bauvorhaben sind nach Art. 1b Abs. 1 BauG bewilligungsfrei. Welche
Vorhaben darunter fallen, wird in Art. 6 BewD konkretisiert. Ein Kühlwagen wird von der
Aufzählung der bewilligungsfreien Vorhaben in Art. 6 BewD nicht explizit erfasst. Die
Aufzählung von Art. 6 BewD ist aber nicht abschliessend. Baubewilligungsfrei sind auch
alle Vorhaben, die von gleicher oder geringerer Bedeutung sind.
Die beiden Kühlfahrzeuge sind zwar naturgemäss mobil und stehen auch extern im
Einsatz. Sie fallen aber nicht unter die baubewilligungsfreien mobile Lüftungs-, Kühl- und
Klimaanlagen im Sinne von Art. 6 Abs. 1 Bst. s BewD14. Diese Bestimmung wurde in
Zusammenhang mit dem kantonalen Energiegesetz erlassen. Gemeint sind nur Kühlgeräte
12 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 1a N. 17 13 Vgl. BGE 119 Ib 222 E. 3a 14 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
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wie Kühlschränke, Gefrierschränke oder -truhen, mobile Einzelventilatoren und
dergleichen, wie sie in jedem Haushaltwarengeschäft gekauft werden können.15
Die Kühlwagen stehen in Zusammenhang mit einer gewerblichen Nutzung, werden
ganzjährig bei Bedarf eingesetzt (mit und ohne Betrieb der Kühlaggregate) und kehren
auch immer wieder an den Standort auf Parzelle Nr. F._ zurück. Die Kühlwagen
sind daher nicht vergleichbar mit den nichtgewerblichen Kleinbauten (Art. 6 Abs. 1 Bst. a
BewD) ebenso wenig mit kleinen Nebenanlagen gemäss Art. 6 Abs. 1 Bst. b BewD. Sie
sind weder vergleichbar mit den Mobilheimen und Wohnwagen, die nur während der
Nichtbetriebszeit auf bestehenden Abstellflächen bewilligungsfrei abgestellt werden dürfen
(Art. 6 Abs. 1 Bst. n BewD) noch mit den Fahrnisbauten im Sinne von Art. 6 Abs. 1 Bst. o
BewD, weil diese nur während sechs Monaten pro Kalenderjahr bewilligungsfrei aufgestellt
werden können.
d) Die Nutzung einer Fläche als (dauerhaften) Abstellplatz für Motorfahrzeuge ist ein
baubewilligungspflichtiges Bauvorhaben im Sinn von Art. 1a BauG.16 Das gilt im Kanton
Bern zumindest seit dem Inkrafttreten des neu geordneten Bau- und Planungsrechts am
1. Januar 1971 (vgl. Art. 1 Abs. 1 aBauG17 in Verbindung mit Art. 1 und 4 Bst. b
aBewD18).19 Die Baubewilligung für das Wohlfahrtshaus samt Garage (I._strasse
39 ) der früheren Manometerfabrik stammt aus dem Jahr 1951, als diese Regelung noch
nicht galt. Die damalige Nutzung des grossen strassenseitigen Vorplatzes ist allerdings
nicht bekannt; für diesen Platz ist auch keine Baubewilligung aktenkundig.
Vorliegend steht jedoch nicht das Parkieren auf dem Vorplatz als solches im Vordergrund,
sondern der Umstand, dass bei den parkierten Kühlwagen die Kühlaggregate
strombetrieben weiterlaufen und Lärmimmissionen bei den Nachbarn verursachen. Die
Kühlwagen haben im parkierten Zustand somit nicht nur räumliche Auswirkungen, sondern
15 Vortrag des Regierungsrates an den Grossen Rat zur Änderung des BewD vom 17.3.2010; Vortrag des Regierungsrates an den Grossen Rat zum kantonalen Energiegesetz KEnG vom 15.5.2011 16 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 1a N. 20, 21 und 26 sowie Art. 16-18 N. 5 17 Baugesetz vom 7. Juni 1970 (aBauG; GS 1970 S. 163 ff.) 18 Dekret vom 10. Februar 1970 über das Baubewilligungsverfahren (aBewD, GS 1970 S. 19 ff.) 19 Vgl. dazu auch Aldo Zaugg, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern vom 7. Juni 1970, Bern 1971, Art. 1 N. 9
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betreffen umweltrechtlich relevante Tatbestände. Bereits aus diesem Grund ist die
Baubewilligungspflicht zu bejahen.
e) Baubewilligungspflichtig sind auch Zweck- und Nutzungsänderungen, wenn dadurch
bau- oder umweltrechtlich relevante Tatbestände betroffen sind. Auch das blosse Ändern
des Betriebskonzepts kann zu baurechtlich relevanten zusätzlichen Auswirkungen auf die
Erschliessung oder Umwelt führen, so dass eine Baubewilligung erforderlich ist.20
Der Gastronomiebetrieb der Beschwerdegegnerschaft befindet sich im ehemaligen
Wohlfahrtshaus der J._ AG. Dieses Wohlfahrtshaus diente als Personalrestaurant
für die Fabrikarbeiter und -arbeiterinnen. Im Erdgeschoss befanden sich eine grosse Küche
mit Büffet sowie ein Essraum für 110 Personen, im Obergeschoss gab es einen weiteren
Essraum für 58 Personen und ein kleineres Esszimmer.21 Der heutige Gastronomiebetrieb
mit Mittagsverpflegung wird in diesen Räumlichkeiten mit inzwischen erweiterten Terrassen
geführt. Das Restaurant umfasst heute 140 Sitzplätze innen und 70 Sitzplätze im Freien.
Dafür liegen Baubewilligungen vor. Die Beschwerdegegnerschaft verfügt seit 1999 über
eine gastgewerbliche Betriebsbewilligung A mit Alkoholausschank.22 Der Cateringservice
stellt gegenüber der bewilligten Nutzung der Parzelle Nr. F._ eine Neuerung dar.
Die zwei Kühlwagen werden auf dem Platz abgestellt und erzeugen bei laufenden
Kühlgeräten Lärmemissionen. Mit den Kühlwagen ist eine Erweiterung des Betriebs
ausserhalb des Gebäudes erfolgt, die mit Lärmimmissionen in der Nachbarschaft
verbunden ist. Der Cateringbetrieb mit den beiden Kühlwagen ist daher eine wesentliche
und damit baubewilligungspflichtige Nutzungsänderung. Unerheblich ist dabei, dass die
Frage der Baubewilligungspflicht erst in Zusammenhang mit der vorliegenden Lärmklage
geklärt wird.
4. Rückweisung
a) Aus dem oben Gesagten ergibt sich, dass bezüglich Lärmimmissionen weiterer
Abklärungsbedarf besteht. Aufgrund der vorhandenen Akten lassen sich weder die
Betriebstage noch die Betriebszeiten zuverlässig beurteilen, zumal die Angaben, welche
20 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 1a N. 24 21 Baubewilligungsakten, Grundriss Erdgeschoss und Obergeschoss 1:100 vom 3. März 1951 22 Stellungnahme der Gemeinde vom 22. März 2018 mit Beilagen (Bewilligungsakten der Parzelle Nr. 815)
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die Beschwerdegegnerschaft im vorliegenden Beschwerdeverfahren gemacht haben,
unklar und unbelegt sind. Unklar ist auch, wo sich der nächstgelegene Immissionsort
befindet und ob der Planungswert nachts tatsächlich nur überschritten wird, wenn beide
Kühlwagen gleichzeitig in Betrieb sind. Sodann bedarf es weiterer Abklärungen zu den
erforderlichen, geeigneten und zumutbaren Lärmschutzmassnahmen unter
Berücksichtigung des Vorsorgeprinzips. Abgesehen von den vorliegend angeordneten
Massnahmen ‒ die noch zu konkretisieren wären ‒ sind beispielsweise auch eine
Einhausung der Kühlwagen, zeitliche Begrenzungen der Betriebsdauer der Kühlwagen,
mögliche Ersatzstandorte nachts auf abgelegenen Industrie- oder Gewerbearealen,
zusätzliche Kühlschränke im Gebäude (zur Reduktion der Betriebszeiten der Kühlwagen)
und weiteres denkbar. Es ist nicht Sache der BVE als Rechtsmittelbehörde, Abklärungen in
diesem Umfang durchzuführen.
b) Der Cateringbetrieb mit Kühlwagen inklusive Abstellplätze für die Kühlwagen ist
baubewilligungspflichtig. Über den Standort bzw. mögliche Ersatzstandorte der Kühlwagen
kann nicht ausserhalb eines Baubewilligungsverfahrens entschieden werden. Je nach
Standort werden andere Nachbarn und Nachbarinnen durch den Lärm der Kühlaggregate
betroffen und müssen Gelegenheit haben, ihre Interessen in einem formellen Verfahren zu
wahren. Die bereits vorgeschlagenen Alternativstandorte können deshalb auch im
vorliegenden Verfahren nicht geklärt werden.
c) Die Sache ist somit in mehrerer Hinsicht nicht entscheidreif. Die angefochtene
Verfügung ist aufzuheben und die Sache zur Fortsetzung des Verfahrens an die Gemeinde
zurückzuweisen (Art. 72 VRPG23). Hinsichtlich der Lärmimmissionen sind weitere
Abklärungen nötig, darunter auch eine Lärmmessung am nächstgelegenen Immissionsort.
Die Baupolizeibehörde der Gemeinde wird ein Wiederherstellungsverfahren nach Art. 46
BauG zu eröffnen haben. In diesem Rahmen ist der Beschwerdegegnerschaft Gelegenheit
zur Einreichung eines nachträglichen Baugesuchs zu geben. Dem Baugesuch sind ein
konkretes Betriebskonzept zum Cateringbetrieb und detaillierte, belegte Angaben über die
durchschnittlichen, effektiven Betriebstage und -zeiten der Kühlwagen beizulegen. Die
Standorte der Kühlwagen sind zu definieren und es ist Sache der
Beschwerdegegnerschaft, Massnahmen zum Lärmschutz aufzuzeigen.
23 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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Da nach der heute vorliegenden Berechnung des beco die Planungswerte nachts
überschritten sind und unabhängig davon dem Vorsorgeprinzip Genüge getan werden
muss, drängt sich die Anordnung von vorsorglichen Massnahmen bis zum Abschluss des
Wiederherstellungs- bzw. nachträglichen Baubewilligungsverfahrens auf.
5. Kosten
a) Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens
unterliegt die Beschwerdegegnerschaft. Sie hat die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108
Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 800.– (Art. 103
Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV24).
b) Die Beschwerdeführenden waren nicht anwaltlich vertreten. Parteikosten werden
keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 VRPG).