Decision ID: 4cc5680e-57b4-4859-a744-f960e3492907
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
B._ und A._ waren im Jahr 200_ im Alter von sieben und neun Jahren
zusammen mit ihrer jüngeren Schwester anlässlich eines Besuchstags vom leiblichen
Vater widerrechtlich in dessen Heimatland C._ verbracht worden. Im Sommer 2018
kehrten sie besuchsweise, im Herbst 2018 dauerhaft in die Schweiz zurück (vgl.
act. G3.1 ff. und G1). Am 5. Juni 2019 stellten B._ und A._ je ein Gesuch um
finanzielle Leistungen (Kostenübernahme) bei der Opferhilfe SG-AR-AI (vgl. act. G3.1
ff., G3.7 und G1.4 f.).
A.a.
Mit Schreiben vom 19. August 2019 führte die Finanzkommission der Opferhilfe
SG-AR-AI aus, die geltend gemachten Flugkosten könnten nicht mehr als eigentliche
Rückführungskosten angesehen werden, da die Gesuchsteller schon im Jahr zuvor
(richtig: früher im gleichen Jahr) zu Besuch in die Schweiz eingereist seien. Die
unmittelbaren Folgen der Entführung der Gesuchsteller durch den leiblichen Vater seien
A.b.
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beseitigt, nachdem sie sich wieder in der Schweiz befinden würden. Eine
weitergehende Herstellung der Situation vor der Entführung sei nicht möglich.
Integrationsprobleme aufgrund fehlender Deutschkenntnisse und eine aus
schweizerischer Sicht ungenügende schulische und berufliche Bildung in C._ seien
als nur mittelbare Folge der Entführung anzusehen. Opferhilfeleistungen könnten
deshalb nicht erbracht werden. Allenfalls könnte aber der durch die verzögerte
Ausbildung entstandene Schaden im Sinne der Erschwerung des beruflichen
Fortkommens einen Entschädigungsanspruch gemäss Opferhilferecht auslösen. Dabei
gehe es nicht um Hilfeleistungen, sondern um Abgeltung eines erlittenen Schadens. Es
werde deshalb vorgeschlagen, dass das vorliegende Gesuch bis zur Klärung der
Entschädigungsansprüche sistiert werde (act. G3.3).
Mit E-Mail vom 3. Dezember 2019 liessen die Gesuchsteller um Aufhebung der
Sistierung des Verfahrens betreffend Hilfeleistungen ersuchen, da es noch Jahre
dauern werde, bis über die Entschädigungsansprüche entschieden werde (act. G3.4).
A.c.
Am 4. Februar 2020 griff die Opferhilfestelle SG-AR-AI ihre Ausführungen gemäss
Schreiben vom 19. August 2019 wieder auf und führte im Weiteren aus, auch ohne die
Entführung wären Ausbildungskosten wie etwa Schulgebühren für eine Vorlehre oder
ein zehntes Schuljahr und Abonnementskosten für den öffentlichen Verkehr
entstanden. Zu überlegen wäre, ob "Einsparungen" der Mutter (Erlernen einer
Fremdsprache, kein Kinderunterhalt während zehn Jahren) zu berücksichtigen wären.
Den Gesuchstellern wurde Gelegenheit zur Stellungnahme eingeräumt (act. G3.5).
A.d.
Mit Stellungnahme vom 12. Februar 2020 liessen die Gesuchsteller im
Wesentlichen ausführen, die Integrationsprobleme aufgrund des Verlusts der
deutschen Sprache und der schweizerischen Kultur wären ohne die Entführung nicht
eingetreten. Unmittelbarkeit sei nicht erforderlich. Zwischen der Straftat und dem
eingetretenen Schaden bestehe ein natürlicher Kausalzusammenhang. Eine Behebung
der Folgen der Straftat bedeute nicht nur die physische Anwesenheit, sondern auch
eine Reintegration in die schweizerischen Lebensverhältnisse. Eine Aufrechnung mit
eventuellen "Einsparungen" der Mutter sei in Anbetracht des Leids, welches durch die
Entführung verursacht worden sei, zynisch. Die Mutter habe sodann während der
A.e.
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B.
Abwesenheit der Kinder auch auf finanzielle Leistungen wie Kinderzulagen,
Alimentenbevorschussung und Steuerabzüge verzichtet (act. G3.6).
Mit Verfügung vom 20. Oktober 2020 wies die Opferhilfe SG-AR-AI die Gesuche
um Kostenübernahme für berufliche Integration und Flugkosten ab. Zur Begründung
führte sie aus, die Opferhilfe übernehme ausschliesslich Leistungen, die als
unmittelbare Folge der Straftat notwendig geworden seien. Damit werde ein adäquater
Kausalzusammenhang zwischen der Straftat und dem Bedarf der beanspruchten
Leistung gefordert. Die Reintegrationsprobleme seien unbestritten eine Folge der
Entführung durch den Vater nach C._. Damit sei der natürliche
Kausalzusammenhang zu bejahen. Demgegenüber sei die Adäquanz zu verneinen. Bei
den Flugkosten handle es sich nicht um Kosten, die in einem direkten Zusammenhang
mit einem Rückführungsverfahren stehen würden, zumal die Entführung 10 Jahre
zurückliege und die Gesuchsteller bereits vor ihrer definitiven Rückkehr zu
Ferienzwecken in die Schweiz gereist seien (act. G3.7).
A.f.
Am 3. November 2020 erheben A._ und B._, nun vertreten durch
Rechtsanwältin Dr. Nicole Zürcher Fausch, Rekurs gegen die Verfügung vom
20. Oktober 2020. Sie beantragen, die Verfügung sei aufzuheben. Der Rekurrentin sei
längerfristige Hilfe in Höhe von Fr. 7'450.55 für Integrationsmassnahmen bis August
2019 und in Höhe von Fr. 306.-- für Flugkosten auszurichten. Dem Rekurrenten sei
längerfristige Hilfe in Höhe von Fr. 15'851.85 für Integrationsmassnahmen bis Juli 2022
und in Höhe von Fr. 306.-- für Flugkosten auszurichten. Eventualiter sei das Gesuch zur
Neubeurteilung an die Finanzkommission der Stiftung Opferhilfe zurückzuweisen. Den
Rekurrenten sei eine angemessene Parteientschädigung zzgl. MwSt in gesetzlicher
Höhe zuzusprechen. Eventualiter für den Fall, dass keine oder eine reduzierte
Parteientschädigung zugesprochen werde, sowie für den Fall des ganzen oder
teilweisen Unterliegens sei den Rekurrenten die unentgeltliche Rechtsverbeiständung
zu gewähren. Zur Begründung bringen sie im Wesentlichen vor, ihre Eltern hätten sich
im Jahr 2004 getrennt, wobei die Kinder in die Obhut der Mutter gegeben worden
seien. Mit Urteil des Bezirksgerichts Z._ vom 19. Dezember 2008 und Urteil des
Obergerichts Y._ vom 3. März 2010 seien die Eltern geschieden worden und sie
B.a.
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seien unter die elterliche Sorge der Mutter gestellt worden. Anlässlich des
Besuchstages vom 22. Mai 2009 seien die Rekurrenten zusammen mit ihrer jüngeren
Schwester vom Vater in dessen Heimatland C._ entführt worden, wo der Vater mit
seiner zweiten Frau und zwei Halbschwestern der Rekurrenten gelebt habe. Die Mutter
habe sich intensiv aber erfolglos um eine Rückführung der Rekurrenten in die Schweiz
bemüht und nur unregelmässig mit den Rekurrenten telefonieren können, sodass diese
die deutsche Sprache mit der Zeit verlernt hätten. Es habe eine schleichende
Entfremdung von der Mutter und der schweizerischen Kultur stattgefunden. Die
Rekurrentin habe in C._ das Abitur gemacht und sich an der Universität X._ für ein
Chemie-Studium eingeschrieben. Nachdem sie 2018 volljährig geworden sei, habe sie
von ihrem Vater einen Besuch bei ihrer Mutter eingefordert, wie er es ihr früher
versprochen habe. Der Vater habe dies zuerst verhindert, dann erschwert, sodass die
Rekurrenten erst im Sommer 2018 für einen Monat in die Schweiz gereist seien. Dieser
Monat sei wegen Befragungen durch die Strafverfolgungsbehörden und des
Aktivwerdens der KESB sowie ständiger Anrufe des Vaters, der sie zur Rückkehr
gedrängt habe, und Kontaktaufnahmen von Verwandten des Vaters in der Schweiz eine
äusserst schwierige Zeit gewesen. Nach dem Besuch bei der Mutter seien die
Rekurrenten nicht "freiwillig" nach C._ zurückgekehrt. Nicht nach C._
zurückzureisen, sei keine echte Option gewesen. Nachdem die Rekurrenten mit ihrer
jüngeren Schwester im September 2018 nach C._ zurückgekehrt seien, habe die Zeit
in der Schweiz mit der Mutter nachgewirkt. Der Vater habe eine erneute Reise in die
Schweiz jedoch zunächst verweigert. Zufällig habe ein Bekannter dem Vater erzählt,
seine in W._ lebende Tochter verdiene dort gut. Jene Familie habe also eine
"Geldquelle" in W._ gehabt. Plötzlich sei der Vater mit einer Rückkehr der
Rekurrenten in die Schweiz einverstanden gewesen. Am 2. November 2018 seien die
Rekurrenten in die Schweiz zurückgekehrt, wobei der Stiefvater ihre Flugkosten von
total Fr. 612.90 vorfinanziert habe. Seither würden sie bei ihrer Mutter in der Familie
leben. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz hätten die Rekurrenten die deutsche
Sprache wiedererlernen müssen. Sie hätten deshalb Sprachkurse und ab März 2019
ein Arbeitstraining absolviert mit dem Ziel, eine Lehrstelle zu finden und die berufliche
Ausbildung starten zu können. Die Kosten hierfür seien vom Sozialamt und dem
Stiefvater vorgeschossen worden. Von August 2019 bis Juli 2020 habe die Rekurrentin
eine Vorlehre als V._ bei der F._ AG in Zürich absolviert. Der Rekurrent habe von
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August 2019 bis Juli 2020 eine Vorlehre als V._ im Bereich Transport bei der Stiftung
D._ absolviert. Für die Kosten der Vorlehren habe beim Kanton St. Gallen ein
Gebührenerlass erreicht werden können. Während der Vorlehre habe der Rekurrent von
August bis Oktober 2019 einen Sprachkurs der Klubschule Migros besucht, der vom
Stiefvater vorfinanziert worden sei. Im August 2020 habe die Rekurrentin bei der F._
AG, welche ihr ein GA zur Verfügung stelle, eine zweijährige Lehre zur V._ EBA
beginnen können. Sie sei damit auf gutem Weg in einen Berufseinstieg. Allerdings liege
eine zweijährige Grundausbildung mit Berufsattest weit unter ihrem Potential, sei sie
doch in C._ eine ausgezeichnete Schülerin gewesen. Der Rekurrent habe im August
2020 eine zweijährige Lehre zum U._ EBA in G._ beginnen können. Er besuche die
Berufsfachschule in T._ und benötige deshalb auch ab August 2020 bis
Lehrabschluss im Juli 2022 ein GA, das zurzeit Fr. 230.-- pro Monat koste. Die
Rekurrenten seien Opfer einer Entführung und damit einer Straftat geworden. Die
Entführung sei für sie ein traumatisches Erlebnis gewesen, auch wenn der Vater für sie
in C._ gesorgt und sie den dortigen Verhältnissen entsprechend aufgezogen habe.
Sie seien dadurch in ihrer körperlichen und psychischen Integrität verletzt worden,
sodass ihnen längerfristige Hilfe nach dem Bundesgesetz über die Hilfe an Opfer von
Straftraten (OHG; SR 312.5) zustehe. Sie seien nicht in der Lage, die beantragten
Leistungen vom Täter erhältlich zu machen. Das Dauerdelikt der Entführung sei erst mit
der Rückkehr in die Schweiz am 2. November 2018 beendet gewesen, weil erst dann
das Herrschaftsverhältnis des Vaters gegenüber der Rekurrenten beendet worden sei.
Würde man entgegen der Auffassung der Rekurrenten für den Zeitpunkt der
Beendigung der Entführung auf die erste Einreise in die Schweiz abstellen, wäre das
Dauerdelikt jedenfalls frühestens am 18. August 2018 beendet worden. Betreffe die
längerfristige Hilfe keine gesundheitlichen Massnahmen, so sei die Grenze der Dauer
der längerfristigen Hilfe erreicht, wenn eine wesentliche Rückführung in die Umstände
vor der Straftat nicht mehr möglich sei. Nur Schäden, die nach diesem Zeitpunkt
entstehen würden, seien als Entschädigung nach dem OHG geltend zu machen. Es sei
davon auszugehen, dass die Rekurrenten frühestens nach Abschluss der zweijährigen
Lehre EBA den Stand für den Ausbildungs-/Berufseinstieg haben würden, den sie ohne
Entführung gehabt hätten. Die Integrationsmassnahmen und Bildungsschritte bis und
mit Lehrabschluss EBA würden also einzig einer Rückführung in die Umstände vor der
Straftat dienen. Aus diesem Grund würden auch die Fahrtkosten des Rekurrenten
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während seiner zweijährigen Lehre EBA unter die längerfristige Hilfe fallen. Für die
Rekurrentin sei schon jetzt klar, dass sie nicht V._ EBA bleiben wolle. Sie mache
Pläne für eine nachfolgende Ausbildung, die ihren Interessen (Chemie) und ihrem
Bildungsstand (Abitur und Studienbeginn in C._) besser entspreche. Der Auffassung
der Vorinstanz, wonach längerfristige Hilfe nach OHG nur geschuldet sei, wenn ein
adäquater Kausalzusammenhang vorliege, könne nicht gefolgt werden. Das
Bundesgericht folge im Bereich des Opferhilferechts der Rechtsprechung im sozialen
Unfallversicherungsrecht. Das gelte nicht nur für die Frage, wie die Adäquanz zu
beurteilen sei, sondern auch für den Zeitpunkt der Adäquanzprüfung. Im sozialen
Unfallversicherungsrecht sei gemäss Bundesgericht eine Adäquanzprüfung erst in
jenem Zeitpunkt durchzuführen, in welchem der Anspruch auf eine Rente und eine
Integritätsentschädigung zu prüfen sei. Dieser Zeitpunkt sei gegeben, wenn von der
ärztlichen Behandlung keine namhafte Verbesserung des Gesundheitszustands mehr
erwartet werden könne. Im Opferhilferecht werde für die Abgrenzung zwischen
längerfristiger Hilfe und Entschädigung ebenfalls darauf abgestellt, ob sich der
gesundheitliche Zustand der betroffenen Person stabilisiert habe und die übrigen
Folgen der Straftat möglichst beseitigt oder ausgeglichen seien. Bis zu diesem
Zeitpunkt werde Hilfe in Form von längerfristiger Hilfe gewährt, danach nur noch eine
Entschädigung. Daher sei im Rahmen der Hilfeleistungen nach Opferhilferecht auf eine
Adäquanzprüfung zu verzichten und das Vorliegen einer natürlichen Kausalität als
genügende Voraussetzung für eine Leistungserbringung zu erachten. Diese Auffassung
werde auch in der Literatur vertreten. Zwar sei das Versicherungsgericht in früheren
Entscheiden (OH 2016/1 vom 12. Dezember 2017 mit Verweis auf OH 2015/4 und OH
2013/1) vom Erfordernis eines adäquaten Kausalzusammenhangs bei der
längerfristigen Hilfe ausgegangen. In diesem Punkt könne aber nicht auf die
Rechtsprechung des Versicherungsgerichts abgestellt werden, weil dieses die jüngere
bundesgerichtliche Rechtsprechung zur Thematik nicht berücksichtigt habe. Im
Übrigen sei vorliegend ein adäquater Kausalzusammenhang gegeben. Die von den
Rekurrenten beantragten Leistungen seien auch angemessen, um die Folgen der
Straftat zu beseitigen resp. zu mindern und um eine Rückführung in die Umstände vor
der Straftat zu erreichen (act. G1).
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Erwägungen
1.
Mit Vernehmlassung vom 27. November 2020 beantragt die Vorinstanz unter
Verweis auf die Verfügung vom 20. Oktober 2020, der Rekurs sei vollumfänglich
abzuweisen (act. G3).
B.b.
Mit Schreiben vom 23. Dezember 2020 teilt die Präsidentin des Versicherungs
gerichts den Rekurrenten mit, dass aufgrund der elterlichen Unterhaltspflicht bis zum
Abschluss einer angemessenen Erstausbildung in Verbindung mit der ehelichen
Beistandspflicht, welche auch den Beistand in der Erfüllung der Unterhaltspflicht
gegenüber vorehelichen Kindern umfasse, keine Prozessbedürftigkeit der Rekurrenten
gegeben zu sein scheine, sodass das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege
abgelehnt werden müsse. Sie gab den Rekurrenten Gelegenheit zur Stellungnahme
und stellte in Aussicht, dass bei unbenütztem Fristablauf davon ausgegangen werde,
dass die Rekurrenten mit der formlosen Erledigung des Gesuchs um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung einverstanden seien (act. G5).
B.c.
Am 11. Januar 2021 teilen die Rekurrenten mit, auf eine Replik wie auch auf eine
ergänzende Stellungnahme zum Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung
werde verzichtet (act. G8).
B.d.
Nach Art. 1 OHG hat jede Person, die durch eine Straftat in ihrer körperlichen,
psychischen oder sexuellen Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden ist (Opfer),
Anspruch auf Unterstützung nach diesem Gesetz (Opferhilfe). Die Opferstellung setzt
eine Straftat voraus. Dabei genügt ein tatbestandsmässiges und rechtswidriges
Verhalten. Der strafrechtlichen Qualifikation der Tat kommt keine entscheidende
Bedeutung zu. Wesentlich ist die Wirkung der Straftat auf das Opfer und dessen durch
das Gesetz geschützte Integrität (Art. 1 OHG; Dominik Zehntner, SHK-Opferhilferecht,
4. Aufl., Art. 1 OHG N 4 und N 7 f.).
1.1.
Die Beratungsstellen leisten dem Opfer und seinen Angehörigen sofort Hilfe für die
dringendsten Bedürfnisse, die als Folge der Straftat entstehen (Soforthilfe; Art. 13
Abs. 1 OHG). Sie leisten dem Opfer und dessen Angehörigen soweit nötig zusätzliche
Hilfe, bis sich der gesundheitliche Zustand der betroffenen Person stabilisiert hat und
bis die übrigen Folgen der Straftat möglichst beseitigt oder ausgeglichen sind
1.2.
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(längerfristige Hilfe; Art. 13 Abs. 2 OHG). Die Beratungsstellen können die Soforthilfe
und die längerfristige Hilfe durch Dritte erbringen lassen (Art. 13 Abs. 3 OHG).
Die Art der umfassenden Hilfe, welche die Beratungsstellen zu leisten haben, geht
zum Teil über die blosse Beratung der Opfer deutlich hinaus. Sie besteht in einem viel
seitigen und umfassenden Hilfsangebot zugunsten der Opfer und soll diese in der
Überwindung von materiellen, physischen, psychischen, gesellschaftlichen und
rechtlichen Schwierigkeiten unterstützen. Die Soforthilfe soll rasch wirksam werden
und dem Opfer diejenige Hilfe verschaffen, die zur Bewältigung der unmittelbaren
Folgen der Straftat notwendig ist; die längerfristigen Massnahmen dienen hingegen der
Verarbeitung der Erlebnisse durch das Opfer, wozu insbesondere auch die Beratung
und Hilfe in prozessualen Fragen sowie in Fragen der Versicherung und der materiellen
Entschädigung gehört. Im Übrigen soll in dieser zweiten Phase eine umfassende
Sanierung der Lage des Opfers sowie Lebenshilfe und Laufbahnberatung angeboten
werden (Urteil des Bundesgerichts vom 26. April 2001, 1A.318/2000, E. 2.a, mit
Hinweis auf BGE 126 II 228 E. 2c/aa).
1.3.
Mit der im Gesetz als Soforthilfe bezeichneten Leistung ist jene Hilfe an Opfer
gemeint, die unmittelbar nach der ersten Kontaktaufnahme mit dem Opfer einsetzt. Sie
unterscheidet sich von der längerfristigen Hilfe nicht durch ihren Inhalt, sondern
lediglich durch die Dringlichkeit ihrer Erbringung. Die längerfristige Hilfe beginnt nach
der Soforthilfe und somit nach dem Wegfall der Dringlichkeit einer Hilfeleistung. Sie
dauert längstens entweder bis zur gesundheitlichen Stabilisierung des Opfers oder bis
zu jenem Zeitpunkt, in welchem die übrigen Folgen der Straftat möglichst beseitigt
oder ausgeglichen sind. Für durch die Soforthilfe und die längerfristige Hilfe nicht
abgedeckte Schäden des Opfers ist dieses auf die Entschädigungsbestimmungen
gemäss Art. 19 f. OHG verwiesen (Zehntner, a.a.O., Art. 13 OHG N 1 und N 5).
1.4.
Betrifft die längerfristige Hilfe nicht die gesundheitliche Problematik des Opfers, so
setzt das Gesetz die Grenze der Beseitigung oder Ausgleichung der Folgen der Straftat
als Grenze der längerfristigen Hilfe, wobei dieser Zustand "möglichst" erreicht werden
soll, bevor die Leistungen einzustellen sind. Die Bestimmung dieses Zustands wird im
Einzelfall weiterhin Schwierigkeiten bereiten, da die Beseitigung oder Ausgleichung der
Straftat für das Opfer auch bedeutet, dass der dadurch verursachte Schaden
ausgeglichen oder eben abgegolten sein muss. Dies kann im Kontext der
längerfristigen Hilfe nicht gemeint sein, da damit begrifflich auch die Entschädigung
einbezogen würde. Es wird in diesem Bereich deshalb davon ausgegangen, dass die
Grenze der Dauer der längerfristigen Hilfe dann erreicht ist, wenn eine wesentliche
Rückführung in die Umstände vor der Straftat nicht mehr möglich ist. Gemeint sind
1.5.
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© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/18
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zum einen soziale Folgen der Straftat, wie beispielsweise ein Umzug. Zum anderen
sind aber auch finanzielle Konsequenzen zu nennen, z.B. wenn das Opfer wegen der
Tat seine Arbeitsstelle verloren hat und sich vorübergehend mit Leistungen der
Arbeitslosenversicherung abfinden muss. Kann hingegen eine Verbesserung einer
solchen Situation nicht mehr erreicht werden, handelt es sich nicht mehr um eine
Leistung aus längerfristiger Hilfe, sondern um eine solche aus Entschädigung
(Zehntner, a.a.O., Art. 13 OHG N 9).
Längerfristige Hilfe wird nur so lange geleistet wie sie vom Opfer benötigt wird. Ist
ein Opfer selbst in der Lage, die notwendigen Massnahmen zu treffen oder in die Wege
zu leiten, ist die Leistungsvoraussetzung nicht mehr erfüllt. Die Leistungspflicht der
Beratungsstelle richtet sich demzufolge auch nach dem Zustand des Opfers und
dessen persönlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Auch die Zumutbarkeit der
Selbstvornahme ist im Einzelfall an den dem Opfer zur Verfügung stehenden
Möglichkeiten zu messen, wobei auch die sozialen Umstände einzubeziehen sind
(Zehntner, a.a.O., Art. 13 OHG N 10).
1.6.
Die Leistungen umfassen die angemessene medizinische, psychologische, soziale,
materielle und juristische Hilfe in der Schweiz, die als Folge der Straftat notwendig
geworden ist. Die Beratungsstellen besorgen dem Opfer oder seinen Angehörigen bei
Bedarf eine Notunterkunft (Art. 14 Abs. 1 OHG). Die Aufzählung der Leistungen der
Beratungsstelle nach Art. 14 OHG ist abschliessend. Die Soforthilfe und längerfristige
Hilfe sollen dazu dienen, dem Opfer, welches durch die Straftat sozusagen aus dem
Gleis geworfen worden ist, zu helfen, wieder auf die Schienen zurückzukehren (vgl.
Zehntner, a.a.O., Art. 14 OHG N 1).
1.7.
Die Beratungsstellen haben ausschliesslich Leistungen zu erbringen oder zu
vermitteln, welche als Folge der Straftat notwendig geworden sind. Ein kausaler
Zusammenhang zwischen der Straftat und dem Bedarf an der beanspruchten Leistung
hat demnach vorzuliegen. Das Bundesgericht hat noch unter der Geltung des alten
Gesetzes entschieden, dass die Adäquanz des Kausalzusammenhangs entsprechend
der für das soziale Unfallversicherungsrecht entwickelten Rechtsprechung zu
beurteilen ist. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts in diesem Bereich wird
eine Adäquanzprüfung im Unfallversicherungsrecht erst zu jenem Zeitpunkt
durchgeführt, in welchem der Anspruch auf eine Rente und eine
Integritätsentschädigung zu prüfen ist. Art. 19 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) definiert diesen Zeitpunkt, indem er stipuliert,
dass er gegeben sei, wenn von der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung
des Gesundheitszustands der versicherten Person erwartet werden könne (vgl.
1.8.
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Zehntner, a.a.O., Art. 14 OHG N 4). Im von Zehntner zitierten Urteil des Bundesgerichts
1A.230/2006 vom 8. Juni 2007 ging es um die Frage des Kausalzusammenhangs von
gesundheitlichen Einschränkungen eines Opfers mit einem erlittenen Unfall. Dass hier
das Bundesgericht die Adäquanzprüfung des Unfallversicherungsrechts als anwendbar
bezeichnete, stellte im Verhältnis zum Haftpflichtrecht eine Einschränkung der
opferhilferechtlichen Ansprüche dar und bezog sich im Übrigen nicht auf die Frage der
längerfristigen Hilfe. Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen geht denn auch
bei der längerfristigen Hilfe vom Erfordernis des adäquaten Kausalzusammenhangs
aus, und zwar insbesondere ab dem Zeitpunkt, in welchem sich der
Gesundheitszustand stabilisiert hat (vgl. Urteil vom 12. Dezember 2017, OH 2016/1, E.
3.3 mit Hinweisen).
Die zu erbringende Leistung muss einer Notwendigkeit entsprechen. Diese
Voraussetzung ist nicht erfüllt, wenn das Opfer eine den gleichen Zweck erfüllende
Leistung von einem Dritten beanspruchen kann, was dem Subsidiaritätsprinzip gemäss
Art. 4 OHG entspricht (Zehntner, a.a.O., Art. 14 OHG N 5).
1.9.
Die materielle Hilfe wird meist in Form einer baren Geldleistung erfolgen. Braucht
ein Opfer nach der Straftat dringend finanzielle Mittel, um seinen Lebensunterhalt zu
bestreiten, hat es Anspruch auf entsprechende Leistungen durch die Beratungsstelle.
Die entsprechenden Leistungen der Beratungsstelle sind allerdings subsidiär. Können
Leistungen vom Täter oder von einem Versicherer beansprucht werden, so hat die
Beratungsstelle lediglich kleinere Vorschüsse zu erbringen, bis der Schaden vom
letztlich Zahlungspflichtigen gedeckt wird (Überbrückungsgeld). Solange Dringlichkeit
gegeben ist, hat die Beratungsstelle dem Opfer materielle Hilfe im Rahmen der
Soforthilfe zu erbringen, wenn dem Opfer keine anderen Geldquellen zur Verfügung
stehen. Ein Vorbehalt der Rückzahlung oder Erstattung durch andere Kostenträger ist
dabei zulässig. Für grössere Vorschüsse ist das Verfahren gemäss Art. 21 OHG in die
Wege zu leiten. Die Beratungsstellen sind auch unter den Voraussetzungen der
längerfristigen Hilfe so lange berufen zu helfen, bis ein Vorschuss gemäss Art. 21 OHG
ausbezahlt ist oder der Drittleistungspflichtige erfüllt hat. Es ist nicht Sache der
Beratungsstellen, den Täter oder den zahlungspflichtigen Versicherer zu entlasten.
Dagegen kann und soll die Beratungsstelle sofort materielle Leistungen erbringen,
wenn das Opfer darauf angewiesen ist und es nicht in der Lage ist, die Leistung der
letztlich Zahlungspflichtigen abzuwarten. Der Gang des Opfers zur Sozialhilfe ist zu
vermeiden (Zehntner, a.a.O., Art. 14 OHG N 20 f.).
1.10.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/18
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2.
Vorliegend beantragen die Rekurrenten unter dem Titel längerfristige Hilfe die
Übernahme der Kosten für den Flug von C._ in die Schweiz vom 2. November 2018
durch die Beratungsstelle. Sie führen aus, erst durch diese zweite Rückkehr in die
Schweiz sei das Delikt der Entführung beendet gewesen.
2.1.
Akten über das von der Staatsanwaltschaft Y._ geführte Strafverfahren gegen
den Vater der Rekurrenten liegen im vorliegenden Verfahren nicht im Recht. Es findet
sich einzig ein Strafantrag der Mutter der Rekurrenten gegen den Vater wegen
Entziehung von Minderjährigen (Art. 220 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs [StGB;
SR 311.0]; siehe act. G1.10). Indes hat die Vorinstanz anerkannt, dass die Rekurrenten,
wie sie selbst geltend machen, als Minderjährige Opfer einer Entführung geworden
seien. Grundsätzlich genügt es, dass eine Straftat in Betracht fällt. Die Soforthilfe sowie
die längerfristige Hilfe der Beratungsstellen müssen denn auch, damit sie ihren Zweck
erfüllen, gewährt werden können, bevor endgültig feststeht, ob ein
tatbestandsmässiges und rechtswidriges Verhalten des Täters zu bejahen ist (vgl. BGE
143 IV 154 und Urteil des Bundesgerichts vom 16. März 2017, 6B_370/2016, E. 2.3.3
mit Hinweisen).
2.2.
Wer jemanden durch Gewalt, List oder Drohung entführt, wird mit Freiheitsstrafe
bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft (Art. 183 Ziff. 1 Abs. 2 StGB). Ebenso wird
bestraft, wer jemanden entführt, der urteilsunfähig, widerstandsunfähig oder noch nicht
16 Jahre alt ist (Art. 183 Ziff. 2 StGB). Eine Entführung im Sinne von Art. 183 Ziff. 1
Abs. 2 StGB liegt vor, wenn der Täter durch das Verbringen des Opfers an einen
anderen Ort eine gewisse Machtposition über dieses erlangt. Dabei muss die
Ortsveränderung zwar für eine gewisse Dauer vorgesehen, das Opfer aber dort in
seiner persönlichen Freiheit nur soweit beschränkt werden, dass es nicht die
Möglichkeit hat, unabhängig vom Willen des Täters an seinen gewohnten
Aufenthaltsort zurückzukehren. Die vom Täter über das Opfer ausgeübte Macht muss
somit lediglich dergestalt sein, dass das Opfer nur abhängig vom Willen des Täters an
seinen früheren Aufenthaltsort zurückkehren kann (Andreas Donatsch, in: Andreas
Donatsch [Hrsg.], StGB/JStG Kommentar, mit weiteren Erlassen und Kommentar zu
den Strafbestimmungen des SVG, BetmG und AuG/AIG, 20. Aufl. 2018, Art. 183 N 12;
Gunhild Godenzi, in: Schweizerisches Strafgesetzbuch, Handkommentar, 4. Aufl. 2020,
Art. 183 N 4). Entführung ist ein Dauerdelikt. Die Tat ist vollendet, wenn das Opfer vom
früheren Aufenthaltsort entfernt und in der Macht des Täters ist. Sie ist beendet, wenn
es seine Freiheit wiedererlangt hat (Stefan Trechsel/Martino Mona, in: Stefan Trechsel/
Mark Pieth [Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, 3. Aufl. 2018,
2.3.
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Art. 183 N 14a). Ein Elternteil des minderjährigen Kindes kann Täter sein, wenn dessen
elterliche Sorge entzogen oder beschränkt wurde, insbesondere wenn das Obhutsrecht
ausschliesslich einem Elternteil zugesprochen worden ist (vgl. Pra 2001 Nr. 90 E. 1b).
Bei Kindern unter 16 Jahren ist der Wille des Opfers unbeachtlich, eine allfällige
Zustimmung zum Ortswechsel dementsprechend ohne Bedeutung (Trechsel/Mona,
a.a.O., Art. 183 N 14 und N 16).
Die geltend gemachte Entführung war, soweit zu diesem Zeitpunkt dem Täter das
Obhutsrecht entzogen war, mit dem Verbringen der damals minderjährigen
Rekurrenten nach C._ vollendet. In C._ wurde die Freiheit der Rekurrenten insofern
eingeschränkt, als ihnen eine Rückkehr zur Mutter in die Schweiz offenbar
verunmöglicht wurde. Im Übrigen wurden sie in die Familie und den Kulturkreis des
Vaters integriert und wuchsen gemäss C._ischen Gepflogenheiten auf. Beendet war
die Entführung, als sie ihre Freiheit wiedererlangten. Die Rekurrenten machen geltend,
mit der ersten Rückkehr in die Schweiz im August 2018 sei die Entführung noch nicht
beendet gewesen, weil das Herrschaftsverhältnis ihres Vaters über sie damals noch
fortgedauert habe. Sie hätten mit ihrem Vater vereinbart, nur einen Ferienbesuch bei
der Mutter zu machen. Der Vater habe ständig auf eine Heimkehr nach C._ gedrängt,
Verwandte des Vaters in der Schweiz hätten zu Besuchen eingeladen, der
Rechtsanwalt des Vaters habe die Mutter mit Forderungen eingedeckt, sie hätten die
Schweizer Behörden als Bürokratiemonster erlebt und nicht gewusst, wie es in der
Schweiz für sie hätte weitergehen können (vgl. act. G1, S. 9 f.). Sie hätten die letzten
neun Jahre beim Vater verbracht. C._isches Recht und C._ische Kultur verlangten,
dass sie den Anweisungen des Vaters Folge leisteten. Sie seien unter dem Einfluss des
Vaters gestanden und in der Entscheidungsfindung über ihren Aufenthalt nicht frei bzw.
gar nicht dazu in der Lage gewesen. Zudem seien sie nicht selbständig gewesen und
hätten weder über eine Ausbildung noch über Geld verfügt. Vor diesem Hintergrund sei
die kurzzeitige Rückkehr nach C._ kein freiwilliger Entscheid gewesen (vgl. act. G1,
S. 21 f.). Die Rekurrenten verweisen in diesem Zusammenhang auf die Rechtsprechung
des Bundesgerichts zu Menschenhandel, wonach auch bei einer angeblichen
Zustimmung unter Umständen der Straftatbestand erfüllt sein könne, wenn das formale
Einverständnis des Opfers nicht seinem tatsächlichen Willen entspreche, sondern
namentlich einer besonderen Verletzlichkeit oder Abhängigkeit geschuldet sei (vgl.
act. G1, S. 21 f. mit Hinweis auf BGE 126 IV 225 E. 1d und Urteile des Bundesgerichts
vom 29. April 2010, 6B_81/2010 und 6B_126/2010, E. 4.1).
2.4.
Vorliegend kann jedoch nicht davon ausgegangen werden, die Rekurrenten hätten
im Sommer 2018 nur formal und gegen ihren tatsächlichen Willen unter dem
2.5.
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Machteinfluss des Vaters einer Rückkehr nach C._ zugestimmt, und zwar aus
folgenden Gründen: Der Rekurrent war zum Zeitpunkt der Rückreise nach C._ noch
nicht volljährig. Dementsprechend involvierte sich kurz nach seiner Ankunft in der
Schweiz nicht nur die zuständige Strafverfolgungsbehörde, sondern auch die KESB,
welche einen Beistand für die Kinder einsetzte (vgl. die Ausführungen der Rekurrenten
hierzu, act. G1, S. 9). Wenn auch der Rekurrent aufgrund seines jugendlichen Alters,
seiner fehlenden Sprachkenntnisse und der Entfremdung von den schweizerischen
Lebensverhältnissen möglicherweise nicht in der Lage gewesen sein sollte,
einzuschätzen, wie sich ein Leben in der Schweiz für ihn konkret gestalten würde, so
konnte er doch auf die Unterstützung seiner Mutter und seines Beistandes
zurückgreifen. Sowohl die nach schweizerischem Recht sorgeberechtigte Mutter wie
auch die KESB hätten demnach gegen eine Rückkehr des Rekurrenten nach C._
intervenieren und den Rekurrenten bei einem Verbleib in der Schweiz unterstützen
können, soweit dies dem Kindeswohl gedient hätte. Die Schweizer Behörden hätten
nicht einer Aufrechterhaltung des Tatbestands der Entführung Vorschub geleistet,
indem sie das Herrschaftsverhältnis des Täters durch eine Rückkehr des
minderjährigen Opfers in dessen Haushalt erneut gefestigt hätten. Der Rekurrent war
auch nicht mehr unter 16 Jahren alt, sodass seinem Willen bzw. seiner Zustimmung
zum Ortswechsel ein gewisses Gewicht zukam. Die Rekurrentin war zum Zeitpunkt der
Einreise in die Schweiz im August 2018 bereits volljährig. Zwar war sie wirtschaftlich
nicht selbständig und auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Angesichts ihrer
Volljährigkeit und ihres Bildungsstands (Abitur in C._) sowie der Informationen
seitens der Behörden war ihr indes klar oder hätte ihr zumindest klar sein müssen, dass
sie in der Schweiz hätte verbleiben können und dass sie für ihren Lebensunterhalt auf
die Unterstützung ihrer Mutter und subsidiär des Gemeinwesens hätte zählen dürfen.
Es kann deshalb nicht gesagt werden, dass die Rekurrentin sich nach wie vor so
weitgehend im Machtbereich ihres Vaters befunden hätte, dass sie in einer ausweglos
scheinenden Situation zu einer Rückkehr nach C._ gezwungen war.
Dass die Rekurrenten im Sommer 2018 nach C._ zurückkehrten, ist daher nicht
einem Herrschaftsverhältnis ihres Vaters über sie im Sinne des Straftatbestands von
Art. 183 StGB zuzuschreiben, auch wenn durchaus nachvollziehbar ist, dass dieser bis
zu einem gewissen Grad psychischen Druck auf die Rekurrenten ausübte (vgl. zur
Frage, wann psychischer Druck als Mittel zur Schaffung einer als ausweglos
erscheinenden Situation als Tatbestandselement anzusehen ist BGE 128 IV 97 E. 2b/
aa). Ausschlaggebend für eine Heimkehr nach C._ scheinen jedoch vielmehr die
gesamten faktischen Lebensumstände gewesen zu sein. Die Rekurrenten waren
aufgrund der in C._ verbrachten prägenden Lebensjahre mit den dortigen
2.6.
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3.
Verhältnissen und der Sprache vertraut und sowohl schulisch als auch gesellschaftlich
und kulturell integriert. Sie waren in der Familie ihres Vaters eingebettet. Die
Rekurrenten hielten denn im Rekurs auch selbst fest, dass C._ ihr Zuhause geworden
sei (vgl. beispielhaft act. G1, S. 10). Sie hätten unabhängig vom Willen ihres Vaters in
der Schweiz verbleiben können, entschieden sich aber vorderhand für eine Rückkehr
nach C._, ihrem damaligen Zuhause. Dass sie selbst sich eine Bedenkzeit
ausbedingt haben, um die Eindrücke aus ihrem Ferienaufenthalt in der Schweiz setzen
zu lassen, spricht gerade gegen die Fortsetzung der Entführung.
Demzufolge war die Entführung spätestens mit der Rückkehr der Rekurrenten in
die Schweiz im August 2018 beendet. Somit kann keine Hilfe im Sinne des OHG für die
Flugkosten für die erneute Einreise der Rekurrenten in die Schweiz vom November
2018 gewährt werden. Denn die Rekurrenten waren schon im August 2018 ohne Hilfe
der Beratungsstelle an ihren früheren Aufenthaltsort in die Schweiz gereist, womit die
Folge der Straftat bereits beseitigt war, soweit sie den Aufenthaltsort der Rekurrenten
betraf. Der Rekurs ist deshalb betreffend Übernahme der Flugkosten abzuweisen.
2.7.
Die Rekurrenten beantragen sodann unter dem Titel der längerfristigen Hilfe die
Übernahme der Kosten für Deutschkurse, Arbeitstraining, die Vorlehre und die Lehre
EBA inklusive Wegkosten, soweit nicht ein Gebührenerlass erfolgt ist (Vorlehre) oder
die Arbeitgeberin die Kosten übernimmt (GA für die Rekurrentin).
3.1.
Die längerfristige Hilfe gemäss Art. 13 Abs. 2 OHG kennt wie auch die Soforthilfe
eine abschliessende Anzahl an Leistungen (Art. 14 Abs. 1 OHG; vgl. E. 1.7 vorstehend).
Für die von den Rekurrenten beantragten Kosten kommt einzig die materielle Hilfe in
Frage. Namentlich machen die Rekurrenten aktuell keine gesundheitlichen
Beeinträchtigungen geltend, welche auf die geltend gemachte Entführung
zurückzuführen wären. Medizinische Hilfe ist derzeit nicht erforderlich. Materielle Hilfe
wird nur geleistet, wenn ein Opfer nach der Straftat im Sinne von Überbrückungsgeld
dringend finanzielle Mittel zur Bestreitung seines Lebensunterhalts benötigt, wobei die
Geldleistungen der Beratungsstelle subsidiärer Natur sind (vgl. E. 1.10 vorstehend).
3.2.
Vorliegend haben die Eltern gegenüber den Rekurrenten auch über ihre
Volljährigkeit hinaus eine Unterhaltspflicht, zumal diese bei ihrer Rückkehr in die
Schweiz im Jahr 2018 unstreitig noch keine angemessene Erstausbildung
abgeschlossen hatten und ihnen nicht zugemutet werden konnte, ihren Unterhalt
vollständig aus eigenen Mitteln zu bestreiten (vgl. Art. 276 und 277 des
Schweizerischen Zivilgesetzbuches [ZGB; SR 210]). Diese Unterhaltspflicht kann
3.3.
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4.
angesichts des heutigen vielstufigen Ausbildungsmarktes unter Umständen auch dann
bestehen bleiben, wenn im Rahmen eines Ausbildungskonzepts zuerst eine Ausbildung
mit EBA und anschliessend eine Ausbildung mit EFZ angestrebt wird. Wie weit die
Unterhaltspflicht reicht, hängt vom Ausbildungskonzept, den Fähigkeiten der Kinder
sowohl für das angestrebte Ausbildungsziel als auch zur Selbstversorgung und der
Leistungsfähigkeit der Unterhaltspflichtigen ab (vgl. Sabine Aeschlimann/Jonas
Schweighauser, in: Schwenzer Ingeborg/Fankhauser Roland [Hrsg.], Scheidung, Band
I: ZGB/Band II: Anhänge, 3. Aufl. 2017, Allgemeine Bemerkungen zu Art. 276–293 N 55
ff.; Entscheid des Kantonsgerichts St. Gallen, II. Zivilkammer, FO.2018.4 vom 17. Juli
2020 unter Verweis auf Art. 277 Abs. 1 ZGB und Art. 302 Abs. 2 ZGB).
Für die von den Rekurrenten geltend gemachten Kosten im Zusammenhang mit
ihrer Ausbildung in der Schweiz sind in erster Linie die Eltern unterhaltspflichtig. Sofern
Unterhaltsbeiträge des Vaters uneinbringlich sind (vgl. zur anlässlich des
Scheidungsverfahrens als schlecht eingestuften wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des
Vaters act. G3.2, S. 3), hat die Mutter für den gebührenden Unterhalt der Rekurrenten
zu sorgen, soweit ihr dies zumutbar ist. Dabei ist zu berücksichtigen, dass aufgrund der
ehelichen Beistandspflicht der Ehemann der Mutter ihr bei der Erfüllung ihrer
Unterhaltspflicht in angemessener Weise beizustehen hat (Art. 278 Abs. 2 ZGB; vgl.
auch Heinz Hausheer/Annette Spycher, Handbuch des Unterhaltsrechts, Bern 2010,
S. 393 Rz 06.55). Soweit die familienrechtliche Unterhaltspflicht zur Anwendung
kommt, ist materielle Hilfe im Sinne von dringend benötigten finanziellen Mitteln zur
Überbrückung eines finanziellen Engpasses demnach nicht erforderlich.
3.4.
Die Rekurrenten machen keine auf die Straftat zurückzuführende gesundheitliche
Beeinträchtigung geltend, welche derzeit einer Behandlung bedürfte. Insofern ist Hilfe
bei der Wiederherstellung der körperlichen oder psychischen Integrität nicht
erforderlich. Die Kosten für die vorgenommenen Massnahmen in Form von
Sprachkursen, Arbeitstraining und Ausbildung sind denn auch nicht gesundheitlich
indiziert, sondern dienen dem mittel- und langfristigen wirtschaftlichen Fortkommen der
Rekurrenten in der Schweiz. Dabei handelt es sich insofern nicht um eine Rückführung
in den Zustand vor der geltend gemachten Straftat, da die Rekurrenten damals noch
Kinder waren und naturgemäss über keine Berufsausbildung verfügten.
4.1.
Materielle Hilfe für grössere Beträge kann nur solange beantragt werden, als kein
Vorschuss im Rahmen eines Entschädigungsgesuchs nach Art. 21 OHG erhältlich
gemacht werden kann (vgl. E. 1.10 vorstehend). Andernfalls würde mit der materiellen
4.2.
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