Decision ID: 6e6f10cd-e444-4596-99a7-3c87ce3cf334
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Am 16. März 2020 erhob die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach Anklage
gegen den Beschuldigten wegen mehrfacher vorsätzlicher Tötung gemäss
Art. 111 StGB.
1.2.
Mit Beschluss vom 30. Juni 2020 wies das Bezirksgericht Brugg die
Anklage zwecks Änderung der Anklage resp. Erhebung einer
Eventualanklage an die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach zurück.
1.3.
Am 13. August 2020 reichte die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach dem
Bezirksgericht Brugg die geänderte Anklage ein und erhob Anklage gegen
den Beschuldigten wegen mehrfachen Mordes gemäss Art. 112 StGB,
eventualiter wegen mehrfacher vorsätzlicher Tötung gemäss Art. 111
StGB.
2.
Mit Urteil vom 10. Juni 2021 erkannte das Bezirksgericht Brugg:
1. Der Beschuldigte ist schuldig des mehrfachen Mordes gemäss Art. 112 StGB.
2. Der Beschuldigte wird in Anwendung der in Ziffer 1 erwähnten Bestimmungen und gestützt auf Art. 40 Abs. 2 Satz 2, 47 und 49 Abs. 1 StGB zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.
3. Die vom Beschuldigten ausgestandene Untersuchungshaft und der vorzeitige Strafvollzug von insgesamt 1250 Tagen (8. Januar 2018 bis 10. Juni 2021) werden gestützt auf Art. 51 StGB auf die Freiheitsstrafe angerechnet.
4. Für den Beschuldigten wird einstweilen für die Dauer von 5 Jahren eine ambulante Behandlung im Sinne der Erwägungen nach Art. 63 StGB angeordnet.
5. Gestützt auf Art. 66a Abs. 1 lit. a StGB wird der Beschuldigte für die Dauer von 15 Jahren aus der Schweiz weggewiesen. Diese Ausschreibung wird im SIS eingetragen.
6. 6.1. Gestützt auf Art. 69 Abs. 1 und 2 StGB werden folgende Gegenstände nach Rechtskraft eingezogen und vernichtet: - Messer mit schwarzem Griff (Spur 8); - Messer mit gelbem Griff (Spur 2).
- 4 -
6.2. Folgende beschlagnahmten Gegenstände können von der jeweils berechtigten Person oder von einer durch sie schriftlich bevollmächtigten Person innert 30 Tagen seit Rechtskraft des Urteils abgeholt werden: - Mobiltelefon [...] des Beschuldigten (act. 943 ff.); - Mobiltelefon [...] des Beschuldigten (act. 951 ff.); - Mobiltelefon [...] von E.M. (act. 958 ff.); - Mobiltelefon [...] von F.O. (act. 967 ff.).
Bei unbenutztem Ablauf dieser Frist werden die Gegenstände vernichtet.
6.3. Folgende sichergestellten Gegenstände können von der jeweils berechtigten Person oder von einer durch sie schriftlich bevollmächtigten Person innert 30 Tagen seit Rechtskraft des Urteils abgeholt werden: - Jeanshose (act. 983, Nr. 2); - Servietten (act. 983, Nr. 3); - Div. Bettzeug (act. 983, Nr. 4–8); - Div. Kleidung des Beschuldigten (act. 983, Nr. 9–12); - Div. Kleidung der Opfer (act. 983, Nr. 13–16 und Nr. 18–20).
Bei unbenutztem Ablauf dieser Frist werden die Gegenstände vernichtet.
7. 7.1. Nach erfolgter Beschlagnahme nachfolgend genannter Grundstücke werden diese verwertet und der Nettoanteil des Beschuldigten am Erlös gestützt auf Art. 268 Abs. 1 lit. a StPO zur Deckung der Verfahrenskosten und Entschädigungen herangezogen: - Liegenschaft [...]; - Liegenschaft [...].
Ein allfälliger über die Verfahrenskosten und Entschädigungen hinausgehender dem Beschuldigten zustehender Verwertungserlös wird dem Beschuldigten herausgegeben.
7.2. Die Verwertung erfolgt rechtshilfeweise über die in Albanien zuständigen Behörden. Der Verwertungserlös wird von der zuständigen Behörde herausverlangt.
8. 8.1. Der Beschuldigte wird verpflichtet, den Zivil- und Strafklägern 1 und 2 [K.O. und J.O.] je Fr. 25'000.00 nebst Zins zu 5 % seit 8. Januar 2018 als Genugtuung zu bezahlen.
8.2. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Zivil- und Strafklägerin 3 [N.] Fr. 3'500.00 nebst Zins zu 5 % seit 8. Januar 2018 als Genugtuung zu bezahlen.
8.3. Der Beschuldigte wird verpflichtet, den Zivil- und Strafklägern 4 bis 7 [G.O., I.O., H.O. und L.O.] je Fr. 3'000.00 nebst Zins zu 5 % seit 8. Januar 2018 als Genugtuung zu bezahlen.
8.4. Der Beschuldigte wird verpflichtet, den Zivil- und Strafklägern 1 bis 7 Schadenersatz in der Höhe von Fr. 11'964.45 nebst Zins zu 5 % ab folgenden Zeitpunkten zu bezahlen: - ab 7. März 2018 auf Fr. 10'612.45 - ab 6. Juni 2021 auf Fr. 1'352.00
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8.5. Der Beschuldigte wird verpflichtet, [...] Schadenersatz in der Höhe von Fr. 8'685.95 nebst Zins zu 5 % seit 17. November 2020 zu bezahlen.
8.6. Der Beschuldigte wird verpflichtet, den Zivil- und Strafklägern 1 bis 7 eine Entschädigung von Fr. 24'074.00 (inkl. MwSt. von Fr. 1'667.70) zu bezahlen.
8.7. Die den Zivil- und Strafklägern 1 bis 7 zugesprochene Entschädigung fällt gestützt auf Art. 138 Abs. 2 StPO im Umfang von Fr. 24'074.00 an den Kanton (vgl. Ziffer 13). Die Einforderung des entsprechenden Betrages bleibt vorbehalten (Art. 426 Abs. 4 StPO).
9. 9.1. Der Beschuldigte wird verpflichtet, den Zivil- und Strafklägern 8 bis 10 [B.M., A.M. und C.M.] je Fr. 40'000.00 nebst Zins zu 5 % seit 8. Januar 2018 als Genugtuung zu bezahlen.
9.2. Der Beschuldigte wird verpflichtet, den Zivil- und Strafklägern 8 bis 10 eine Entschädigung von Fr. 23'479.70 (inkl. MwSt. von Fr. 1'678.70) zu bezahlen.
9.3. Die den Zivil- und Strafklägern 8 bis 10 zugesprochene Entschädigung fällt gestützt auf Art. 138 Abs. 2 StPO im Umfang von Fr. 23'479.70 an den Kanton (vgl. Ziffer 14). Die Einforderung des entsprechenden Betrages bleibt vorbehalten (Art. 426 Abs. 4 StPO).
9.4. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Zivil- und Strafkläger 9 Schadenersatz in der Höhe von Fr. 5'833.75 nebst Zins zu 5 % seit 10. Februar 2021 zu bezahlen.
10. Die Anklagegebühr wird gemäss § 15 Abs. 1bis VKD auf Fr. 4'650.00 festgesetzt und dem Beschuldigten auferlegt.
11. Die Verfahrenskosten bestehen aus: a) der Gebühr von Fr. 20'000.00 b) den Kosten für schriftliche Übersetzungen von Fr. 3'272.50 c) den Kosten für die Sachverständige von Fr. 1'435.00 d) den Zeugenentschädigungen von Fr. 100.80 e) den Kosten für die Beweisführung von Fr. 78'723.95 f) den Kosten für mündliche Übersetzungen von Fr. 2'054.10 g) den Kosten für die externe Raummiete von Fr. 1'677.65 h) den Kosten für die polizeiliche Überwachung von Fr. 627.00 i) den Kosten für die amtliche Verteidigung von Fr. 64'141.85 Total Fr. 172'032.85
Dem Beschuldigten werden die Gebühr sowie die Kosten gemäss lit. a bis e im Gesamtbetrag von Fr. 103'532.25 auferlegt.
12. 12.1. Die Gerichtskasse Brugg wird angewiesen, dem amtlichen Verteidiger für das Strafverfahren STA5 ST.2017.296 nach Rechtskraft eine Entschädigung in der Höhe von Fr. 1'826.20 (inkl. MwSt. in der Höhe von Fr. 135.30) auszurichten.
- 6 -
12.2. Die Gerichtskasse Brugg wird angewiesen, dem amtlichen Verteidiger für das vorliegende Strafverfahren eine Entschädigung in der Höhe von total Fr. 64'141.85 (inkl. MwSt. in der Höhe von Fr. 4'585.85) auszurichten.
Es wird davon Vormerk genommen, dass dem amtlichen Verteidiger am 21. April 2020 eine Akontozahlung in der Höhe von Fr. 29'100.00 ausgerichtet worden ist, sodass ihm restanzlich noch Fr. 35'041.85 auszubezahlen sind.
12.3. Die Gerichtskasse Brugg wird angewiesen, dem amtlichen Verteidiger für das vorliegende Strafverfahren eine ergänzende Entschädigung in der Höhe von total Fr. 1'347.75 (inkl. MwSt. in der Höhe von Fr. 96.35) auszurichten.
12.4. Der Beschuldigte ist verpflichtet, dem Kanton Aargau die Kosten für die amtliche Verteidigung im Umfang von Fr. 65'489.61 (inkl. MwSt. von Fr. 4'682.20) zurückzuzahlen, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
13. Die Gerichtskasse Brugg wird angewiesen, der unentgeltlichen Vertreterin der Zivil- und Strafkläger 1 bis 7 die richterlich auf Fr. 24'074.00 (inkl. MwSt. von Fr. 1'667.70) festgesetzte Entschädigung auszurichten.
14. Die Gerichtskasse Brugg wird angewiesen, der unentgeltlichen Vertreterin der Zivil- und Strafkläger 8 bis 10 die richterlich auf Fr. 25'012.60 (inkl. MwSt. von Fr. 1'788.30) festgesetzte Entschädigung auszurichten.
15. Der Beschuldigte trägt seine Kosten selber.
3.
Mit Berufungserklärung vom 25. März 2022 beantragte der Beschuldigte,
er sei von Schuld und Strafe freizusprechen. Weiter beantragte er die
Abweisung sämtlicher Zivilforderungen, eventualiter deren Verweisung auf
den Zivilweg. Für die bisher ausgestandene Untersuchungs- und
Sicherheitshaft sei ihm eine Entschädigung von Fr. 300'000.00
auszurichten. Das vorinstanzliche Urteil sei bis auf die Dispositiv-Ziffern
6.1 – 6.3 und 12.1 – 12.3 sowie 13 und 14 vollumfänglich aufzuheben.
4.
Am 27. Juli 2022 reichte der Beschuldigte vorgängig zur Berufungs-
verhandlung eine schriftliche Berufungsbegründung ein und beantragte
zusätzlich zu den bereits mit Berufungserklärung gestellten Anträgen, er
sei eventualiter des mehrfachen Totschlags schuldig zu sprechen und mit
einer Freiheitsstrafe von maximal fünf Jahren zu bestrafen. Subeventualiter
sei er der mehrfachen vorsätzlichen Tötung schuldig zu sprechen und mit
einer Freiheitsstrafe von maximal 8 Jahren zu bestrafen.
- 7 -
5.
Die Berufungsverhandlung fand am 14. September 2022 statt. Der
Beschuldigte beantragte, er sei von den Vorwürfen des mehrfachen
Mordes und der mehrfachen vorsätzlichen Tötung freizusprechen und
stattdessen des mehrfachen Totschlags schuldigzusprechen, wofür er mit
einer Freiheitsstrafe von maximal 5 Jahren zu bestrafen sei. Eventualiter
sei er der mehrfachen vorsätzlichen Tötung schuldigzusprechen und dafür
mit einer Freiheitsstrafe von maximal 8 Jahren zu bestrafen. Weiter grenzte
der Beschuldigte seine bereits gestellten Anträge dahingehend ein, als
dass die Dispositiv-Ziffern 7 (Verwertung der Liegenschaften), 8 und 9
(Zivilforderungen) des vorinstanzlichen Urteils zu bestätigen seien. Die
Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach und die Privatkläger haben – insoweit
die sie betreffenden Punkte nach den anlässlich der Berufungsverhandlung
geänderten Anträgen des Beschuldigten noch strittig waren – die
Abweisung der Berufung beantragt.

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten des mehrfachen Mordes gemäss
Art. 112 StGB schuldiggesprochen.
Der Beschuldigte beantragt mit Berufung, er sei von den Vorwürfen des
mehrfachen Mordes freizusprechen und stattdessen des mehrfachen
Totschlags schuldigzusprechen. Eventualiter sei er der mehrfachen
vorsätzlichen Tötung schuldigzusprechen (Plädoyer des amtlichen
Verteidigers an der Berufungsverhandlung S. 54).
1.2.
Die geänderte Anklage wirft dem Beschuldigten – nebst der eventualiter
angeklagten mehrfachen vorsätzlichen Tötung – zusammenfassend vor,
sich des mehrfachen Mordes strafbar gemacht zu haben, indem er am
8. Januar 2018 zwischen 07.45 Uhr und 09.50 Uhr seine Ehefrau E.M.
sowie seine Schwägerin F.O. bei ihm und E.M. zuhause in der Wohnung
an der [...]-strasse in V. besonders skrupellos getötet habe (siehe
geänderte Anklage).
1.3.
In tatsächlicher Hinsicht ist unbestritten und erstellt, dass es aufgrund der
durch den Beschuldigten ausgeführten Messerstiche zum Tod von F.O.
(Schwägerin des Beschuldigten) gekommen ist (Berufungsbegründung
S. 11; Protokoll Berufungsverhandlung S. 26). In Bezug auf E.M. (Ehefrau
des Beschuldigten) hat der Beschuldigte an der Berufungsverhandlung
ausgesagt, auf diese nicht eingestochen und sie somit nicht getötet zu
- 8 -
haben. Es sei ein Unfall gewesen (Protokoll Berufungsverhandlung S. 23
f.). Sein amtlicher Verteidiger führte im Widerspruch dazu aus, es sei klar
erstellt, dass der Beschuldigte den Tod seiner Ehefrau zu verantworten
habe, da er auf beide Opfer eingestochen habe (Plädoyer des amtlichen
Verteidigers an der Berufungsverhandlung S. 31, 46 f.). Die Ergebnisse des
in Bezug auf E.M. erstellten rechtsmedizinischen Gutachtens, wonach auf
diese eingestochen, das Messer unvollständig wieder herausgezogen und
dieses erneut in E.M. hineingestochen worden sei und von einer gewissen
Heftigkeit der Stichausführung auszugehen sei (UA act. 1800 ff.), lassen
keinen anderen Schluss zu, als dass der Beschuldigte auf seine Ehefrau
eingestochen hat. Sein Vorbringen, wonach es sich um einen Unfall und
somit um versehentlich zugefügte Stiche gehandelt habe, ist aufgrund der
Tatsache, dass es nicht bloss zu einem Einstich gekommen ist, als
offensichtliche Schutzbehauptung zu qualifizieren. Im Übrigen hat der
Beschuldigte anlässlich seiner früheren Befragungen zu Protokoll
gegeben, er könne sich vorstellen, dass er E.M. geholfen habe, den Stich
zu machen (UA act. 1423) und dass der Einstich durch E.M., jedoch mit
seiner Hilfe, verursacht worden sei (GA act. 1446). In Würdigung der
gesamten Umstände ist für das Obergericht erstellt, dass der Beschuldigte
auf E.M. eingestochen und dadurch ihren Tod verursacht hat.
Der Beschuldigte macht geltend, dass er von E.M. und F.O. angegriffen
worden sei, was bei ihm zum abrupten Einsetzen eines Affektes geführt
habe, weshalb er in einer entschuldbaren heftigen Gemütsbewegung
gehandelt und sich des mehrfachen Totschlags gemäss Art. 113 StGB
strafbar gemacht habe (Protokoll Berufungsverhandlung S. 23 ff.; Plädoyer
des amtlichen Verteidigers an der Berufungsverhandlung S. 7, 33 ff.).
Weiter habe er unter dem Einfluss enormer seelischer Belastung
gehandelt. Der seelische Druck habe von Tag zu Tag immer mehr
zugenommen (Plädoyer des amtlichen Verteidigers an der
Berufungsverhandlung S. 7; Berufungsbegründung S. 19).
1.4.
Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, erfüllt den Grundtatbestand der
vorsätzlichen Tötung gemäss Art. 111 StGB. Ist der Täter zudem
besonders skrupellos vorgegangen, hat er den qualifizierten Tatbestand
des Mordes gemäss Art. 112 StGB verwirklicht. Besondere Skrupellosigkeit
liegt namentlich dann vor, wenn der Beweggrund des Täters, der Zweck
der Tat oder die Art der Tatausführung besonders verwerflich sind. Nach
der Rechtsprechung zeichnet sich Mord durch eine aussergewöhnlich
krasse Missachtung fremden Lebens bei der Durchsetzung der eigenen
Absichten aus. Es geht um die besonders verwerfliche Auslöschung eines
Menschenlebens. Für die Qualifikation verweist das Gesetz in nicht
abschliessender Aufzählung auf äussere (Ausführung) und innere
Merkmale (Beweggrund, Zweck). Diese müssen nicht alle erfüllt sein, um
Mord anzunehmen. Entscheidend ist eine Gesamtwürdigung der äusseren
- 9 -
und inneren Umstände der Tat. Die für eine Mordqualifikation konstitutiven
Elemente sind jene der Tat selber, während Vorleben und Verhalten nach
der Tat nur heranzuziehen sind, soweit sie tatbezogen sind und ein Bild der
Täterpersönlichkeit geben (BGE 141 IV 61 E. 4.1; Urteil des Bundesge-
richts 6B_271/2015 vom 26. August 2015 E. 2.3.1; jeweils mit Hinweisen).
Beim Totschlag nach Art. 113 StGB handelt es sich um eine gegenüber
dem Grundtatbestand der vorsätzlichen Tötung gemäss Art. 111 StGB
privilegierte Variante, die dann zum Tragen kommt, wenn der Täter in einer
nach den Umständen entschuldbaren heftigen Gemütsbewegung oder
unter grosser seelischer Belastung gehandelt hat. Bei der heftigen
Gemütsbewegung handelt es sich um einen Affekt. Vorausgesetzt wird
eine normalpsychologische – also nicht krankhafte – starke Gefühlsregung,
welche die Fähigkeit des Täters, eine Situation einzuschätzen oder sich zu
beherrschen, einschränkt. Unter einer grossen seelischen Belastung ist ein
chronischer, psychischer Druckzustand zu verstehen, der über einen
längeren Zeitraum kontinuierlich herangewachsen ist und den Täter in
einen andauernden Leidensprozess versetzt. Diese Situation führt zur
völligen Verzweiflung des Täters, in welcher er keinen anderen Ausweg
mehr sieht als die Tötung (BGE 119 IV 202 E. 2a; BGE 118 IV 233 E. 2a;
EGE, in: StGB Annotierter Kommentar, Bern 2020, N. 2 f. zu Art. 113 StGB).
Das Gericht würdigt die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten
Verfahren gewonnenen Überzeugung (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen
unüberwindliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen
Voraussetzungen der angeklagten Tat, so geht das Gericht von der für den
Beschuldigten günstigeren Sachlage aus (Art. 10 Abs. 3 StPO; «in dubio
pro reo»). Bloss abstrakte und theoretische Zweifel sind nicht massgebend,
weil solche immer möglich sind und absolute Gewissheit nicht verlangt
werden kann. Der Grundsatz «in dubio pro reo» ist erst anwendbar,
nachdem alle aus Sicht des urteilenden Gerichts notwendigen Beweise
erhoben und ausgewertet worden sind und nach erfolgter
Beweiswürdigung als Ganzem relevante Zweifel bestehen, wobei nur das
Übergehen offensichtlich erheblicher Zweifel eine Verletzung des
Grundsatzes «in dubio pro reo» zu begründen vermag (BGE 144 IV 345).
1.5.
Der Beschuldigte hat den objektiven wie auch den subjektiven Tatbestand
des Mordes mehrfach erfüllt: Wie bereits vorgängig dargelegt, ist erwiesen,
dass die durch ihn ausgeführten Messerstiche zum Tod von E.M. und F.O.
geführt haben. Mithin ist erstellt, dass er E.M. und F.O. getötet hat.
Sein Handeln ist – entgegen seinem Vorbringen (Plädoyer des amtlichen
Verteidigers an der Berufungsverhandlung S. 49) – als besonders
skrupellos zu qualifizieren, da sowohl seine Beweggründe als auch die Art
der Ausführung im Sinne einer eigentlichen Eliminierung seiner Ehefrau
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und seiner Schwägerin besonders verwerflich waren. Der Beschuldigte hat
zwar keine Angaben zu seinen Beweggründen gemacht, da er sich auf den
Standpunkt stellt, E.M. und F.O. hätten ihn angegriffen, weshalb er die
beiden Frauen in der Folge im Affekt getötet habe (Protokoll
Berufungsverhandlung S. 23 ff.). Ein Angriff von E.M. und F.O. auf den
Beschuldigten ist in sachverhaltlicher Hinsicht jedoch klar widerlegt (siehe
dazu nachfolgend E. 1.6). Auch wenn sich nicht sämtliche Beweggründe,
die den Beschuldigten zu den Tötungen haben schreiten lassen, erhellen
lassen, so steht doch fest, dass die Lebensführung von E.M. und F.O., so
wie sie vom Beschuldigten wahrgenommen worden ist, eine entscheidende
Rolle gespielt hat. So hätten die Tötungen dem Beschuldigten zufolge in
einem direkten Zusammenhang mit der schwerwiegenden Ehekrise
gestanden und es sei für ihn erstellt, dass sich E.M. aufgrund ihrer Affären
mit P. und Q. sowie der von ihm angenommenen Prostitution einen
aussergewöhnlichen Lebenswandel zugelegt habe (Plädoyer des
amtlichen Verteidigers an der Berufungsverhandlung S. 34 f.). Der
Beschuldigte handelte, um seine Ehefrau sowie seine Schwägerin, welche
ihm beide lästig geworden waren, zu beseitigen, weil er deren
Lebensführung (die von ihm angenommene Prostitution sowie die Affäre
seiner Ehefrau), mit welcher er sich nicht abfinden konnte, missbilligte und
sich aufgrund dieses Verhaltens in seiner Ehre, seinem Stolz und seinen
Wertvorstellungen verletzt fühlte. Bezeichnenderweise erklärt er sein
Handeln denn auch damit, dass es ausschliesslich aufgrund des
schwerwiegenden Fehlverhaltens der Opfer zur Auseinandersetzung
gekommen sei (Berufungsbegründung S. 23). Die vom Beschuldigten im
Laufe des Verfahrens gemachten Aussagen und der äussere Ablauf der
Tatausführung, soweit er sich hat erstellen lassen (siehe hierzu E. 1.6),
lassen jedenfalls keinen anderen Schluss zu, als dass der Beschuldigte aus
niedrigen Beweggründen wie verletzter Ehre und Stolz, Eifersucht, Rache
und Vergeltung gehandelt hat. So tötete er seine Ehefrau E.M. unter
anderem deshalb, weil diese bereits seit längerer Zeit eine aussereheliche
Liebesbeziehung mit P. unterhielt (GA act. 1274; 1414; Protokoll
Berufungsverhandlung S. 8 ff.). Es ist erstellt, dass der Beschuldigte von
dieser Affäre wusste, da er angegeben hat, bereits fünf oder sechs Monate
vor der Tat ganz sicher gewesen zu sein, dass seine Ehefrau ihn mit P.
betrüge (Protokoll Berufungsverhandlung S. 28), was E.M. ihm am
Vorabend der Tat gestanden habe (vgl. UA act. 1515). Sodann war er der
festen Überzeugung, dass sich E.M. und F.O. prostituieren würden (vgl.
Berufungsbegründung S. 12; Protokoll Berufungsverhandlung S. 29), was
er nicht hinzunehmen bereit war. Den Angaben des Beschuldigten zufolge,
habe er erst kurz vor den Tötungsdelikten von den Prostitutionshandlungen
erfahren (UA act. 1370). E.M. habe ihm am Abend vor den Taten bestätigt,
dass sie sich prostituiere (UA act. 1515). Dem Beschuldigten zufolge sei es
für ihn das Schlimmste gewesen zu sehen, wie seine Ehefrau sexuell mit
P. verkehrt und sich prostituiert habe (UA act. 1367; 1380). Er habe sich
deshalb sehr schlecht gefühlt, sich selbst leidgetan (GA act. 1410) und
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unter der Untreue seiner Ehefrau gelitten. Weiter sei er genervt gewesen,
weil er davon ausgegangen sei, dass sich seine Ehefrau prostituiere
(Plädoyer des amtlichen Verteidigers an der Berufungsverhandlung S. 26).
Dies zeigt, dass der Beschuldigte sich gekränkt fühlte. Dass es sich bei ihm
tatsächlich um einen hochgradig kontrollierenden und eifersüchtigen Mann
handelt, geht einerseits aus seinem alltäglichen Verhalten gegenüber
seiner Ehefrau hervor, welches eine systematische Überwachungs- und
Kontrolltendenz aufzeigt. Diese Tendenz zeigt sich exemplarisch daran,
dass er im Fahrzeug, welches E.M. benutzte, ein Mobiltelefon versteckt hat,
um stets darüber informiert zu sein, wo seine Ehefrau hinfuhr, dies mittels
Screenshots zu späteren Beweiszwecken festhalten zu können und vor Ort
Beweisaufnahmen machen zu können (UA act. 1355; 1370; 1396; GA act.
1415 f.). Der Beschuldigte bestreitet denn auch nicht, eifersüchtig zu sein.
Vielmehr hat er angegeben, davon überzeugt zu sein, dass Eifersucht in
jede Beziehung gehöre (vgl. GA act. 1411). Sodann geht aus dem
psychiatrischen Gutachten von Dr. med. R. vom 28. Februar 2019 hervor,
dass der Beschuldigte eine Dominanzproblematik, eine
delinquenzfördernde Weltanschauung in Bezug auf sein patriarchalisches
Frauenbild, eine wutgeprägte Aggressivität und eine gesteigerte Eifersucht
aufzeige. Aufgrund seiner Kränkbarkeit und Sensitivität sei er feinnervig
und überempfindlich (UA act. 174 ff.). Somit erscheint die Tat keinesfalls
persönlichkeitsfremd. Die gesamten Umstände lassen im Sinne einer
Gesamtwürdigung für das Obergericht keinen Zweifel daran, dass der
Beschuldigte E.M. aus purem Egoismus aufgrund seiner gesteigerten
Eifersucht eliminieren wollte, weil diese eine aussereheliche
Liebesbeziehung unterhielt und er davon überzeugt war, dass sie sich
prostituieren würde, was seinem patriarchalischen Frauenbild widersprach
und wodurch er sich in seiner Ehre, seinem Stolz und seinem Wertebild
stark verletzt fühlte. Dies deckt sich auch mit der Feststellung des
Sachverständigen, wonach der Beschuldigte dazu neige, Probleme
innerhalb der Familie zugunsten eines guten Erscheinungsbildes nach
aussen zu vertuschen (UA act. 174 ff.). Betreffend F.O. ist festzuhalten,
dass der Beschuldigte sie nicht mochte, hat er sie doch als hinterhältig
beschrieben (UA act. 1424). Er war davon überzeugt, dass sie sich
prostituieren würde (vgl. Berufungsbegründung S. 12; Protokoll
Berufungsverhandlung S. 29 f.) und dass es sie gewesen sei, die seine
Ehefrau dazu gebracht habe, sich zu prostituieren (UA act. 1355). Aufgrund
dessen war er der Ansicht, dass F.O. einen schlechten Einfluss auf E.M.
habe und seine Ehefrau zu der von ihm in höchstem Masse missbilligten
Lebensführung verleitet und diese in der Folge gefördert habe. Damit
handelte der Beschuldigte auch in Bezug auf F.O. aus egoistischen
Motiven. Letztlich ging es ihm einfach darum, nicht nur seine Ehefrau,
sondern auch seine Schwägerin, die bloss zu Besuch war, los zu werden
bzw. zu eliminieren. Der Beschuldigte hat mit der Ausführung seiner Tat
nicht einmal die kurz bevorstehende Abreise von F.O. abgewartet, was
einerseits seine Beweggründe als besonders skrupellos erscheinen lässt,
- 12 -
andererseits von einer extremen Geringschätzung des Lebens beider
Frauen zeugt. Mithin hat der Beschuldigte bei der Durchsetzung seiner
eigenen Absichten eine aussergewöhnlich krasse Missachtung fremden
Lebens an den Tag gelegt. Er war offensichtlich ohne Weiteres bereit, E.M.
und F.O. deren Daseinsberechtigung abzusprechen. Ein konkreter
Auslöser der Tat ist vorliegend nicht erkennbar, da der Beschuldigte
angegeben hat, bereits seit längerer Zeit von der Affäre und den
Prostitutionshandlungen gewusst zu haben. Dies lässt sein Vorgehen als
besonders kaltblütig erscheinen. Betreffend die angebliche Prostitution der
beiden Opfer bleibt festzuhalten, dass nicht ersichtlich ist, dass sich E.M.
und F.O. tatsächlich prostituiert hätten. In den Akten finden sich
diesbezüglich keinerlei Hinweise. Anlässlich der polizeilichen Kontrolle von
F.O. am 6. Januar 2018 wurden in ihrer Handtasche denn auch keine
Gegenstände gefunden, welche eine Prostituierte typischerweise auf sich
hat (vgl. UA act. 1324). Mithin hat der Beschuldigte in Bezug auf F.O. ohne
ernsthaften Grund resp. aus nichtigem Anlass gehandelt, was der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung zufolge als skrupellos zu qualifizieren
ist (Urteile des Bundesgerichts 6B_507/2020 vom 17. August 2020 E. 1.2.2;
6B_246/2014 vom 29. April 2014 E. 2). Auch wenn die Tötung von E.M.
und F.O. nicht von langer Hand geplant war, so hat der Beschuldigte bei
der Durchsetzung seiner Absichten doch eine aussergewöhnlich krasse
Missachtung des Lebens seiner Ehefrau und seiner Schwägerin gezeigt. In
das Gesamtbild passt im Übrigen auch das Nachtatverhalten des
Beschuldigten. So hat er sich nach den Tötungen der beiden Frauen selber
Verletzungen zugefügt und F.O. ein Tatmesser in die Hand gelegt, um
einen Angriff durch E.M. und F.O. und damit eine Notwehrsituation zu
inszenieren, um sich selbst als Opfer darstellen zu können und eine
Verteidigungsstrategie zu haben (vgl. E. 1.6). Dies lässt sein Vorgehen
umso skrupelloser erscheinen (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_507/2020 vom 17. August 2020 E. 1.2.2).
Das Verhalten des Beschuldigten ist in keiner Weise nachvollziehbar und
steht in einem besonders krassen Missverhältnis zum Anlass der Tat.
Indem er am 8. Januar 2018 seiner Ehefrau sowie seiner Schwägerin und
somit gleich zwei Personen mit mehreren Messerstichen das Leben
genommen und dadurch eine Doppeleliminierung vorgenommen hat, hat
er eine besonders brutale und skrupellose Art der Tatausführung offenbart.
Dies geht auch daraus hervor, dass E.M. mit dem Beschuldigten einen
Kampf um Leben und Tod führen musste (vgl. hierzu nachfolgend), dabei
sicherlich grosse Angst um ihr Leben hatte und – nebst den durch die
tödlichen Stichverletzungen verursachten Schmerzen – aufgrund der tiefen
Abwehrverletzungen (vgl. UA act. 1840 ff.) nicht unerhebliche Schmerzen
erlitten haben dürfte. Die Tatsache, dass der Beschuldigte mehrmals auf
seine Ehefrau eingestochen hat, indem er mit einem Ausbeinmesser mit
einer Klingenlänge von 20 cm in ihre linke Brust eingestochen, das Messer
unvollständig wieder herausgezogen und dieses erneut in sie
- 13 -
hineingestochen hat, zeugt von einer besonderen Brutalität. Die tiefen
Abwehrverletzungen von E.M., ihre auf stumpfe Gewalt zurückzuführenden
Verletzungen in Form von Hautabschürfungen am linken Rippenbogen und
die Hautläsion an der linken Oberschenkelstreckseite und das daraus
hervorgehende dynamische Tatgeschehen zeigen, dass der Beschuldigte
einen Widerstand auf Seiten des Opfers überwinden musste. Es ist deshalb
davon auszugehen, dass es zwischen E.M. und dem Beschuldigten zu
einem Kampf um Leben und Tod gekommen ist, was der Beschuldigte
denn auch bestätigt hat (Berufungsbegründung S. 11), und dass E.M.
währenddessen grosse Angst um ihr Leben hatte. Da dem
rechtsmedizinischen Gutachten zufolge nach den Stichen noch zumindest
während einigen Sekunden eine Handlungsfähigkeit bestanden habe und
der Todeseintritt erst nach wenigen Minuten eingetreten sei, ist weiter
davon auszugehen, dass E.M. während einer gewissen Zeit erhebliche
Schmerzen hat ausstehen müssen. Auch in Bezug auf F.O. erscheint die
Vorgehensweise des Beschuldigten äusserst brutal und skrupellos. So hat
er insgesamt dreimal mit einem Ausbeinmesser mit einer Klingenlänge von
20 cm auf ihre Brust eingestochen. Weiter ist gestützt auf das
rechtsmedizinische Gutachten aufgrund der fleckigen Einblutungen in der
Kopfschwarte und der Knochenhaut am Scheitel davon auszugehen, dass
der Beschuldigte zusätzlich auch stumpfe Gewalt angewendet hat,
entweder durch Schläge gegen ihren Kopf oder ein Anschlagen ihres
Kopfes im Scheitelbereich, beispielsweise gegen eine Wand. Da F.O.
weder Abwehrverletzungen noch anderweitige Kampfspuren aufweist,
steht fest, dass der Beschuldigte auf ein wehrloses Opfer, welches keine
Abwehrmöglichkeiten hatte, eingestochen hat.
Bei einer Gesamtwürdigung der äusseren und inneren Umstände bestehen
für das Obergericht keine Zweifel daran, dass der Beschuldigte seine
Ehefrau und seine Schwägerin skrupellos im Sinne des Mordtatbestands
erstochen hat. Der Beschuldigte wusste, dass Stiche mit einem
Ausbeinmesser mit einer Klingenlänge von 20 cm (vgl. UA act. 1178 ff.) in
den Brustbereich einer Person (UA act. 1809; 1855) zum Tod führen
können. So hat das Bundesgericht bereits mehrfach ausgeführt, dass es
keiner besonderen Intelligenz bedarf, um zu erkennen, dass (ungezielte)
Messerstiche in die Brust eines Menschen den Tod zur Folge haben
können (BGE 109 IV 5 E. 2; Urteil des Bundesgerichts 6B_829/2010 vom
28. Februar 2011 E. 3.2).
Der Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass – unter
Berücksichtigung der vorhergehenden Ausführungen – entgegen der
Ansicht der Staatsanwaltschaft (GA act. 1579; UA act. 249) nicht erstellt ist,
dass der Beschuldigte F.O. das Leben genommen hat, um sie als Zeugin
der Ermordung von E.M. loszuwerden. Es ist dies – wie ausgeführt – für die
Qualifikation als Mord unter den vorliegenden Umständen aber auch nicht
entscheidend. Aufgrund seiner Beweggründe und der Tatausführung noch
- 14 -
vor Abreise seiner Schwägerin ist vielmehr darauf zu schliessen, dass er
sich nicht nur zur Eliminierung seiner Ehefrau, sondern auch seiner
Schwägerin entschlossen hatte. Entgegen der Auffassung der
Staatsanwaltschaft steht sodann nicht mit Sicherheit fest, dass ein weiteres
Tötungsmotiv des Beschuldigten in Bezug auf E.M. darin bestand, dass
diese sich von ihm hat scheiden lassen wollen und er die mit einer
Scheidung verbundenen Nachteile hat abwenden wollen (vgl. UA act. 247).
Zwar geht aus dem Verfahren betreffend den Vorfall häuslicher Gewalt vom
23. Januar 2017 hervor, dass E.M. damals zu Protokoll gegeben hat, sich
vom Beschuldigten trennen zu wollen (UA act. 2888). Daraus wird jedoch
ebenfalls ersichtlich, dass ihr Scheidungswunsch bereits seit längerer Zeit
bestanden hat und der Beschuldigte von diesem Wunsch wusste (vgl. UA
act. 2910). Es drängt sich deshalb nicht der Schluss auf, dass sich der
Beschuldigte erst ein Jahr später aufgrund des Scheidungsbedürfnisses
von E.M. zu ihrer Tötung entschlossen haben soll.
Zusammengefasst hat der Beschuldigte den Tod sowohl seiner Ehefrau
E.M. als auch seiner Schwägerin F.O. vorsätzlich, d.h. mit Wissen und
Willen bewirkt. Bei einer Gesamtwürdigung der äusseren und inneren
Umstände ist erstellt, dass die Tötungen von E.M. und F.O. besonders
verwerflichen Beweggründen entsprungen sind und die Ausführung der Tat
als besonders verwerflich erscheint. Sein Handeln, das davon geleitet war,
E.M. und F.O. gleichsam zu eliminieren, zeichnet sich durch eine
besondere Skrupellosigkeit aus. Damit hat er den objektiven und
subjektiven Tatbestand des Mordes gemäss Art. 112 StGB mehrfach erfüllt.
Somit erweist sich die Berufung des Beschuldigten hinsichtlich der
Qualifikation als Mord als unbegründet.
1.6.
1.6.1.
Betreffend den vom Beschuldigten beantragten Schuldspruch wegen
mehrfachen Totschlags gemäss Art. 113 StGB (Plädoyer des amtlichen
Verteidigers an der Berufungsverhandlung S. 54) ist festzuhalten, dass
eine Konkurrenz zwischen Mord und Totschlag ausgeschlossen ist, da die
heftige Gemütsbewegung oder die grosse seelische Belastung nicht
entschuldbar sein kann, wenn die in diesem Zustand begangene Tötung
gleichzeitig eine besondere Skrupellosigkeit des Täters zum Ausdruck
bringt (SCHWARZENEGGER, in: Basler Kommentar, StGB, 4. Aufl. 2019,
N. 32 zu Art. 112 StGB; EGE, in: StGB Annotierter Kommentar, Bern 2020,
N. 9 zu Art. 112 StGB; vgl. DONATSCH, in: OF-Kommentar StGB, 21. Aufl.
2022 N. 10 zu Art. 112 StGB).
1.6.2.
Der Beschuldigte stellt sich betreffend den von ihm beantragten
Schuldspruch wegen mehrfachen Totschlags vorab auf den Standpunkt,
das psychiatrische Gutachten sowie das Ergänzungsgutachten würden
- 15 -
formelle Fehler aufweisen. Er stellt deshalb den Beweisantrag, dass ein
zweites umfassendes Gutachten zu den Fragen, ob eine Amnesie und eine
Affekttat anzunehmen seien, zu erstellen sei (Protokoll Berufungsverhand-
lung S. 40 f.; Plädoyer des amtlichen Verteidigers an der Berufungsver-
handlung S. 36).
Ein psychiatrisches Gutachten unterliegt der freien richterlichen Beweis-
würdigung. Ob ein Gericht die im Gutachten enthaltenen Erörterungen für
überzeugend hält oder nicht und ob es dementsprechend den
Schlussfolgerungen des Experten folgen oder eine Oberexpertise einholen
soll, ist eine Frage der Beweiswürdigung (Urteil des Bundesgerichts
6B_773/2013 vom 28. Juli 2014 E. 1.3).
Vorab ist festzuhalten, dass dem Beschuldigten nicht gefolgt werden kann,
wenn er geltend macht, dass der Sachverständige Dr. med. R. im
Gutachten auf die Problematik einer Affekttat hätte eingehen müssen
(Plädoyer des amtlichen Verteidigers an der Berufungsverhandlung S. 36).
So stand das Vorliegen einer Affekttat im Zeitraum der Erstellung des
Gutachtens vom 28. Februar 2019 noch gar nicht im Raum. Solches wurde
von der Verteidigung erst im Berufungsverfahren vorgebracht. Die sich im
Zusammenhang mit einer möglichen Affekttat stellenden Fragen wurden
deshalb im Ergänzungsgutachten vom 4. Juli 2022 abgehandelt. Insofern
der Beschuldigte geltend macht, dem Sachverständigen hätten für die
Erstellung des psychiatrischen Gutachtens nicht sämtliche in diesem
Zeitpunkt vorhandenen Einvernahmeprotokolle zur Verfügung gestanden
(Berufungsbegründung S. 17 f.), ist ihm entgegenzuhalten, dass aus dem
Auftrag zur psychiatrischen Begutachtung der Staatsanwaltschaft
hervorgeht, dass Dr. med. R. Kopien der bereits durchgeführten
Einvernahmen als Beilagen zugestellt wurden (vgl. UA act. 1005). Dies
wurde von der Staatsanwaltschaft bestätigt (Plädoyer der Staatsanwalt-
schaft an der Berufungsverhandlung S. 4). Der Beschuldigte bemängelt
weiter, dass dem Sachverständigen anlässlich der Erstellung des
psychiatrischen Gutachtens vom 28. Februar 2019 die staatsanwalt-
schaftliche Einvernahme vom 28. Januar 2020 (vgl. UA act. 1523a ff.) nicht
zur Verfügung gestanden habe, weil diese Befragung im Zeitraum der
Gutachtenerstellung noch nicht durchgeführt worden sei, was erhebliche
Zweifel an der Verlässlichkeit des Gutachtens wecke (Berufungs-
begründung S. 17). Nachdem der Beschuldigte konstant geltend gemacht
hat, von E.M. und F.O. angegriffen worden zu sein (vgl. UA act. 1523j), hat
diese Einvernahme nicht zu veränderten Verhältnissen geführt, aufgrund
derer das Gutachten als unzureichend zu bezeichnen wäre. Massgeblich
ist die materielle Frage, ob Gewähr dafür besteht, dass sich die
Ausgangslage seit der Erstellung des Gutachtens nicht gewandelt hat
(BGE 134 IV 246 E. 4.3). Dasselbe gilt für die durch den Beschuldigten
geäusserte Kritik am Ergänzungsgutachten, wonach der Gutachter
während dessen Erstellung keine Kenntnis von den Protokollen der
- 16 -
staatsanwaltschaftlichen Schlusseinvernahme und der vorinstanzlichen
Hauptverhandlung gehabt habe (Berufungsbegründung S. 18 f.; Plädoyer
des amtlichen Verteidigers an der Berufungsverhandlung S. 38). Im
Übrigen hätte es dem amtlichen Verteidiger offen gestanden, die
Zusendung der Protokolle an den Sachverständigen zu verlangen, als er
die Erstellung des Ergänzungsgutachtens beantragt hat, was vorliegend
jedoch unterlieben ist (vgl. Eingabe des amtlichen Verteidigers vom 30. Mai
2022 S. 6). Hinzukommt, dass der amtliche Verteidiger anlässlich der
Berufungsverhandlung die Möglichkeit hatte, dem Sachverständigen nach
dessen Erläuterung und Ergänzung des Gutachtens sowie des
Ergänzungsgutachtens Ergänzungsfragen zu stellen (Protokoll Berufungs-
verhandlung S. 38 ff.). Dem Beschuldigten kann sodann nicht gefolgt
werden, wenn er geltend macht, aufgrund der Unkenntnis gewisser
Befragungsprotokolle verkenne der Gutachter, dass der seelische Druck
des Beschuldigten bis zur Tat von Tag zu Tag immer mehr zugenommen
habe, weil er erst in den letzten Tagen vor den Tötungsdelikten sicher
gewesen sei, dass seine Ehefrau eine Affäre habe und sich prostituiere
(Berufungsbegründung S. 19). Aufgrund der Aussagen des Beschuldigten
ist erstellt, dass er bereits seit geraumer Zeit Gewissheit über die Affäre
hatte. So gab er mehrmals an, mindestens seit Januar 2017 davon
überzeugt gewesen zu sein, dass seine Ehefrau eine Affäre habe (GA act.
1414; UA act. 1380). Dass der Beschuldigte kurz vor den Tötungsdelikten
von der Prostitution erfahren habe, gab er an seiner Einvernahme vom
18. Januar 2018 zu Protokoll (UA act. 1370), weshalb diese Aussage dem
Sachverständigen bei der Erstellung seines Gutachtens bekannt war.
Ebenso wenig nachvollziehbar ist die durch den Beschuldigten geäusserte
Kritik, der Sachverständige habe sich nicht mit den in den Akten
vorhandenen WhatsApp-Chats befasst, weshalb die daraus hervor-
gehenden Informationen nicht in den im Ergänzungsgutachten geprüften
Kriterien berücksichtigt worden seien (Plädoyer des amtlichen Verteidigers
an der Berufungsverhandlung S. 37 ff.). Die Kritik ist unbegründet. Dr. med.
R. hat an der Berufungsverhandlung bestätigt, sich damit
auseinandergesetzt zu haben (Protokoll Berufungsverhandlung S. 40).
Zusammenfassend vermag die durch den Beschuldigten geäusserte Kritik
am vollständigen, nachvollziehbaren und schlüssigen psychiatrischen
Gutachten sowie am Ergänzungsgutachten keine Zweifel an der
Korrektheit der darin enthaltenen Ergebnisse zu begründen. Nach deren
Erläuterung und Ergänzung anlässlich der Berufungsverhandlung sind
somit keine Gründe ersichtlich, weshalb die Erstellung eines neuen
Gutachtens in Auftrag gegeben werden müsste, da sich dies nicht als
notwendig erweist. Der Beweisantrag des Beschuldigten, es sei ein zweites
psychiatrisches Gutachten zu erstellen, ist folglich abzuweisen.
- 17 -
1.6.3.
Der Beschuldigte begründet den von ihm beantragten Schuldspruch wegen
mehrfachen Totschlags damit, dass er in einer heftigen Gemütsbewegung
gehandelt habe, weil er von E.M. und F.O. angegriffen worden und deshalb
in einen Affekt geraten sei. Wie nachfolgend aufgezeigt wird, ist sein
Vorbringen, wonach er von E.M. und F.O. angegriffen worden sei (Plädoyer
des amtlichen Verteidigers an der Berufungsverhandlung S. 7 ff.), als reine
Schutzbehauptung zu qualifizieren.
1.6.4.
1.6.4.1.
Ein Vergleich der Tatrekonstruktion (vgl. UA act. 1544 ff.) mit den am Tatort
sichergestellten Tatmessern und den darauf vorhandenen Blut- resp. DNA-
Spuren (vgl. UA act. 1136 ff.) zeigt auf, dass sich das Geschehen nicht wie
vom Beschuldigten dargelegt abgespielt haben kann:
Anlässlich der Tatrekonstruktion vom 4. Juli 2018 hat der Beschuldigte das
Hauptgeschehen wie folgt vorgeführt: Er und E.M. seien zuerst im
Wohnzimmer gewesen, bevor der Beschuldigte in ihr gemeinsames
Schlafzimmer gegangen sei und sich seitlich, zur Zimmertür blickend, auf
das Bett gelegt habe, während E.M. im Wohnzimmer geblieben sei.
Plötzlich hätten E.M. und hinter ihr F.O., je mit einem Messer in der Hand,
das Schlafzimmer betreten. E.M. habe sich auf den Beschuldigten, welcher
auf seinem Rücken gelegen habe, gestürzt, indem sie auf dem Bett über
ihm gekniet und das Messer in ihrer rechten Hand gehalten habe. Er habe
mit seinen Händen beide Handgelenke von E.M. festgehalten.
Währenddessen habe F.O. am Bettende gestanden und zu den beiden
geblickt. Anschliessend habe sich E.M. weggedreht, während der
Beschuldigte stets noch ihre rechte Hand, in welcher sich das Messer
befunden habe, festgehalten habe, bis sie schliesslich auf dem Bett
gesessen und der Beschuldigte hinter ihr gekniet und nach wie vor ihre
rechte Hand festgehalten habe. Danach habe E.M. das Messer in ihre linke
Hand genommen und versucht den Beschuldigten damit an seinem rechten
Unterarm zu verletzen. Währenddessen habe F.O. auf der Seite des
Fensters neben dem Bett gestanden und versucht, mit ihrem Messer den
Beschuldigten an seiner linken Körperseite zu verletzen, woraufhin dieser
sich mit E.M. seitlich weggedreht habe, um sich zu schützen.
Anschliessend habe E.M. das Messer wieder in ihre rechte Hand
genommen, während sich F.O. genähert habe, um ihrer Schwester zu
helfen. E.M. habe versucht, den Beschuldigten am linken Unterarm zu
verletzen. Er habe versucht, die rechte Hand von E.M. zu öffnen, während
diese F.O. um Hilfe gerufen habe. Anschliessend habe der Beschuldigte
F.O. mit seiner linken Hand an den Haaren gepackt und diese in Richtung
des Schranks weggestossen, während er nach wie vor hinter E.M. gekniet
und mit seiner rechten Hand ihre rechte Hand festgehalten habe. Danach
habe er es geschafft, E.M. das Messer wegzunehmen, woraufhin er dieses
- 18 -
in seiner rechten Hand festgehalten habe, während er nach wie vor hinter
ihr gekniet habe. Er habe E.M. zurück auf das Bett gestossen und dabei
bemerkt, dass Blut an seinem linken Unterschenkel gewesen sei.
Währenddessen sei F.O. auf der Seite der Zimmertür neben dem Bett
gewesen und habe zum Bett geblickt. Der Beschuldigte sei beim Fussende
aus dem Bett gestiegen und zur Zimmertür gegangen, um diese zu öffnen.
Sie sei jedoch verschlossen gewesen. F.O. sei nach wie vor am gleichen
Ort gewesen und habe zum Beschuldigten geblickt. Anschliessend habe
F.O. den Beschuldigten mit dem Messer, welches sie in ihrer rechten Hand
gehalten habe, an seiner linken Körperseite auf Höhe seines Bauchs
angegriffen, woraufhin der Beschuldigte mit dem in seiner rechten Hand
befindlichen Messer unterhalb der Brust von F.O. von oben herab auf diese
eingestochen habe. Danach habe er sein rechtes Bein zwischen die Beine
von F.O. gestellt oder sei zwischen ihre Beine gekommen und habe F.O.
auf das Bett gestossen, wobei er mit seiner linken Hand ihre rechte Hand,
in welcher sie nach wie vor das Messer gehalten habe, festgehalten habe.
Daraufhin sei er um das Bett herumgegangen, um zu sehen, ob E.M. noch
gelebt habe, wobei er an ihrem Hals Blut bemerkt habe. In dieser Zeit habe
sich F.O. nicht bewegt. Danach habe er sich zur Zimmertüre begeben,
diese aufgeschlossen, und sich in der Gästetoilette das Blut von den
Händen gewaschen und seinen linken Unterschenkel gereinigt (vgl. UA act.
1544 ff.). Der Beschuldigte hat an der Berufungsverhandlung bestätigt,
dass seine anlässlich der Tatrekonstruktion gemachten Ausführungen
nach wie vor korrekt seien (Protokoll Berufungsverhandlung S. 23).
1.6.4.2.
Das in der rechten Hand von F.O. aufgefundene Messer (Messer mit dem
schwarzen Griff; UA act. 1136; 1138; Spur Nr. 8) weist auf der Messerklinge
im Bereich von 5 bis 6 cm ein DNA-Mischprofil des Beschuldigten und von
F.O. auf und auf der Messerklinge sowie dem Handgriff das DNA-Profil von
F.O. (UA act. 1148 f.; sämtliche Spuren weisen ein positives Testergebnis
auf humanes Blut auf). Auf diesem Messer befindet sich somit grösstenteils
Blut von F.O.. Dieses objektive Beweismittel führt klar vor Augen, dass sich
die Tat nicht wie vom Beschuldigten dargelegt abgespielt haben kann. So
hat er während seinen Befragungen und der Tatrekonstruktion stets
behauptet, dass sich das Messer mit dem schwarzen Griff durchgehend in
der rechten Hand von F.O. befunden habe und dass lediglich er selbst mit
diesem Messer verletzt worden sei. Dass damit auch F.O. verletzt worden
sei, hat er nie ausgeführt (vgl. UA act. 1548 ff.; UA act. 1351 ff.; GA act.
1409 ff.; Protokoll Berufungsverhandlung S. 26, 31). Nachdem jedoch
überwiegend Blutspuren von F.O. auf dem Messer mit dem schwarzen Griff
vorhanden sind, ist offensichtlich, dass F.O. – entgegen der
Sachverhaltsschilderung des Beschuldigten – mit diesem verletzt worden
ist. Da ihr rechter Arm, wie auch ihre rechte Hand, in welcher das Messer
aufgefunden worden ist – bis auf die avitale Verletzung am Daumen – frei
von Verletzungen und Blut ist (vgl. UA act. 1863; 1871; 1876; 1849; 1881
- 19 -
IMG_8466), kann ausgeschlossen werden, dass es sich beim auf dem
Messer befindlichen Blut um solches handeln könnte, welches über ihre
Hand auf das Messer gelangt resp. getropft sein könnte. Dass das Blut auf
dem Messer von ihrer avitalen Verletzung am Daumen stammen könnte,
fällt ebenfalls ausser Betracht. So sei diese Verletzung der
Rechtsmedizinerin Dr. S. zufolge in keiner Weise umblutet und weise keine
Blutantragungen auf, was denn gerade aufzeige, dass es sich um eine
avitale Verletzung handle (GA act. 1373). In Bezug auf das Messer mit dem
schwarzen Griff fällt weiter auf, dass sich auf dessen Messerklinge lediglich
im Bereich von 5 bis 6 cm Blut des Beschuldigten befindet. Gemäss seiner
Schilderung, wonach er als einziger mit diesem Messer verletzt worden sei,
wäre jedoch zu erwarten, dass sich einzig sein Blut auf dem Messer
befinden würde und dass sich dieses sodann – da er unter anderem auch
Stichwunden hatte – ebenfalls auf der Messerspitze befinden würde.
In Würdigung der gesamten Umstände ist das Obergericht davon
überzeugt, dass der Beschuldigte das Messer mit dem schwarzen Griff
nach der Tötung der beiden Opfer absichtlich in der Hand von F.O. platziert
hat, um einen auf ihn verübten Angriff und damit eine Notwehrsituation zu
inszenieren. Die beim Beschuldigten vorhandene Intelligenzminderung
(Intelligenzquotient von 68; UA act. 161 f.), führt – entgegen seinem
Vorbringen (Plädoyer des amtlichen Verteidigers an der
Berufungsverhandlung S. 17) – nicht zur Annahme, er sei unfähig, ein
Verbrechen wie das Vorliegende zu planen und Schutzbehauptungen
aufzustellen. So führen die vorliegenden objektiven Beweismittel (vgl.
hierzu nachfolgend) deutlich vor Augen, dass er trotz seiner
Intelligenzminderung sehr wohl dazu in der Lage war, eine Notwehr-
situation zu inszenieren und sich damit eine Verteidigungsstrategie
zurechtzulegen, wobei ihm bei der Umsetzung jedoch Fehler unterlaufen
sind, welche mitunter wohl gerade mit seiner Intelligenzminderung zu
erklären sind.
1.6.4.3.
Das Messer mit dem gelben Griff, welches auf dem Wohnzimmertisch
sichergestellt werden konnte (UA act. 1136 f.; Spur Nr. 2), weist im Bereich
von 1 cm ab der Messerspitze ein DNA-Mischprofil des Beschuldigten und
von F.O. auf, im Bereich von 2 bis 18 cm das DNA-Profil von F.O., im
Bereich von 18 cm bis zum Schaft das DNA-Mischprofil von E.M. und F.O.,
auf dem Handgriff im Bereich von 1 bis 7 cm das Hauptprofil von F.O. mit
Nebenprofilen von E.M. und des Beschuldigten und im Bereich von 7 bis
14 cm das DNA-Mischprofil des Beschuldigten, von E.M. und F.O. auf (UA
act. 1147; vgl. Abbildung UA act. 1178; 1205 f.; sämtliche Spuren weisen
ein positives Testergebnis auf humanes Blut auf). Die auf der Messerspitze
vorhandene Blutspur des Beschuldigten weist nach, dass seine
Schilderung, wonach er als Erster mit diesem Messer verletzt worden sei,
bevor er damit auf E.M. und anschliessend auf F.O. eingestochen habe,
- 20 -
ohne damit am Schluss erneut verletzt worden zu sein (vgl. UA act. 1555
ff.), nicht stimmen kann. Sein auf der Messerspitze befindliches Blut, lässt
keinen Zweifel daran, dass er am Ende des Vorfalls mit diesem Messer
verletzt worden sein muss, was er jedoch gerade nicht schildert. Weiter ist
auffällig, dass die Messerspitze sauberer erscheint, als die restliche
Messerklinge, da darauf von blossem Auge so gut wie keine
Blutanhaftungen erkennbar sind (vgl. UA act. 1417 f.; 1178; vgl.
Tatmesser). Es ist deshalb anzunehmen, dass die Messerspitze gesäubert
worden ist. Dies wurde durch den Beschuldigten bestätigt, hat er doch
angegeben, das Blut auf der Messerspitze mit seinen Fingern weggewischt
zu haben, weil das darauf befindliche Blut runtergetropft sei (GA act. 1514;
UA act. 1451).
Die Kombination aus der gesäuberten Messerspitze und dem darauf
vorhandenen Blut des Beschuldigten lässt für das Obergericht keinen
Zweifel daran, dass es sich bei den Verletzungen des Beschuldigten um
Selbstverletzungen handelt, welche er sich nach der Tötung der beiden
Opfer zugefügt hat. So erscheint es unter Berücksichtigung der gesamten
Umstände sehr naheliegend, dass sich deshalb Blut des Beschuldigten auf
der Messerspitze befindet, weil er sich mit diesem Messer nach der Tötung
von E.M. und F.O. Selbstverletzungen zugefügt hat, um eine
Notwehrsituation zu inszenieren und im Anschluss daran die Messerspitze
– wenn auch nicht gründlich – abgewischt hat, um sein darauf befindliches
Blut zu entfernen und damit die Selbstverletzungen zu vertuschen. Das
Spurenbild spricht somit klar für eine Selbstverletzung des Beschuldigten
und gegen einen von E.M. und F.O. auf ihn verübten Angriff. Die sich
widersprechenden Erklärungen des Beschuldigten für sein Blut auf der
Messerspitze, wonach sein Blut auf das Messer gelangt sei, als er sein Blut
an seinem Arm abgewischt habe (UA act. 1401), ein Tropfen Blut auf das
Messer gelangt sei (UA act. 1451) oder er das Messer mit seiner Hand
abgewischt habe, auf welcher es Blut gehabt habe (UA act. 1523l f.), sind
in keiner Weise glaubhaft und als reine Schutzbehauptungen zu
qualifizieren. Im Übrigen bleibt festzuhalten, dass das Abwischen der
Klinge eines Tatmessers nach einem Angriff durch den Angegriffenen –
beim tatsächlichen Vorliegen eines Angriffs – nicht nachvollziehbar
erscheinen würde, würden die auf dem Tatmesser vorhandenen Blutspuren
doch gerade dem Nachweis des Angriffs dienen.
1.6.5.
1.6.5.1.
Sodann weisen auch die drei nachfolgend zusammengefassten
rechtsmedizinischen Gutachten nach, dass kein Angriff von E.M. und F.O.
auf den Beschuldigten stattgefunden hat:
Abzustellen ist einerseits auf das rechtsmedizinische Gutachten des Spital
C. vom 1. Februar 2018 betreffend die am Tattag durchgeführte forensisch-
- 21 -
klinische Untersuchung des Beschuldigten. Aus diesem geht hervor, dass
an der linken Seite des Bauches und des Brustkorbs des Beschuldigten
sowie an seinen beiden Armen oberflächliche Schnitt- und Stichwunden
festgestellt wurden. Sämtliche Verletzungen würden glatte Wundränder
aufweisen und seien sehr oberflächlich, sodass sie als oberflächliche, mit
einem spitzen Gegenstand verursachte Schnitt- und Stichverletzungen zu
interpretieren seien, welche allenfalls lediglich gering geblutet haben
dürften. Diesbezüglich erscheint erwähnenswert, dass selbst der
Beschuldigte seine Verletzungen lediglich als Kratzer beschrieben hat (UA
act. 1451). Hervorzuheben ist, dass sich die Läsionen dem Gutachten
zufolge meist in eng umschriebenen Regionen und an mit eigenen Händen
gut erreichbaren Körperstellen befinden würden und zwanglos als
Selbstverletzungen zu deuten seien. Zwar sei eine Fremdbeibringung nicht
auszuschliessen, die gleichförmige Verletzungsschwere, stets nur
oberflächliche Ausprägung und gruppierte Anordnung spreche jedoch
gegen ein dynamisches Geschehen im Sinne eines Kampfes und erfülle
nicht die typischen Kriterien einer Verletzung durch fremde Hand. Zudem
sei auffällig, dass keine weiteren Verletzungen, wie beispielsweise Folgen
stumpfer Gewalt durch Schläge oder Abwehrverletzungen durch scharfe
Gewalt, die bei einem dynamischen Geschehen im Rahmen einer
körperlichen Auseinandersetzung und vor allem bei mehrfachen Angriffen
mit einem Messer zu erwarten wären, vorhanden seien. Die Hände des
Beschuldigten seien unverletzt (UA act. 1524 ff.; 1535). Das Ergebnis der
forensisch-klinischen Untersuchung des Beschuldigten, wonach seine
oberflächlichen Verletzungen zwanglos als Selbstverletzungen zu
interpretieren seien, widerlegt seine Sachverhaltsschilderung, wonach ihm
seine Verletzungen durch E.M. und F.O. zugefügt worden seien. Wäre er
tatsächlich von den beiden Frauen angegriffen worden, wären einerseits
Abwehrverletzungen und andererseits tiefreichende Stich- und/oder
Schnittverletzungen zu erwarten. Solche liegen jedoch gerade nicht vor,
was sich nicht mit seiner Schilderung in Übereinstimmung bringen lässt,
wonach er von zwei Personen angegriffen worden sein soll.
1.6.5.2.
Dem rechtsmedizinischen Gutachten des Spital C. vom 27. Februar 2018
betreffend die Ergebnisse der Legalinspektion und Obduktion von E.M.
kann entnommen werden, dass sie zwei Stichverletzungen an der linken
Brust, mehrere Schnittverletzungen an beiden Händen sowie an der rech-
ten Oberschenkelinnenseite und auf stumpfe Gewalt zurückzuführende
Verletzungen in Form von Hautabschürfungen am linken Rippenbogen und
eine Hautläsion an der linken Oberschenkelstreckseite aufwies. Die
Todesursache sei eine Kombination aus einem Blutverlust und einem
Ersticken, bedingt durch eine ausgeprägte Bluteinatmung infolge von
Bruststichen auf nicht-natürliche Weise. Der Verletzungskomplex der
beiden Bruststiche spreche für eine Dynamik während der
Stichausführung. Die beiden Bruststichverletzungen dürften dem
- 22 -
Gutachten zufolge unmittelbar hintereinander entstanden sein, wobei das
Messer zwischen den Stichen vermutlich nicht ganz aus dem Körper
gezogen worden sei. So sei ein zumindest bis in die Weichteile der linken
Brust erfolgtes Zurückziehen des Messers und erneutes Zustossen belegt.
Aufgrund der grossen Eindringtiefe beider Stiche und das zumindest
einmalige Durchstossen von Rippenknorpel sei von einer gewissen
Heftigkeit der Stichausführung auszugehen. An der linken Hand seien tiefe
Schnittverletzungen vorhanden, welche als aktive Abwehrverletzungen zu
interpretieren seien. Auch bei den Schnittverletzungen am Ringfinger der
linken Hand und dem Daumen der rechten Hand handle es sich um
Abwehrverletzungen. Die Schnittverletzungen an der Oberschenkelbeu-
geseite des rechten Beines würden sich durch ein Anziehen der Beine in
Rückenlage, z.B. beim Abwehren eines Messerangriffes, erklären lassen,
da dies die betroffene Region exponieren würde und so die Lage der
Läsionen erklären könnte. Die am linken Rippenbogen und an der linken
Oberschenkelstreckseite vorhandenen Hautläsionen könnten sowohl durch
oberflächliches Kratzen, beispielsweise mit Fingernägeln, als auch durch
einen oberflächlich kratzenden Kontakt mit einer Messerspitze entstanden
sein. Relevant und hervorzuheben ist, dass das rechtsmedizinische
Gutachten zusammenfassend festhält, dass aufgrund der aktiven
Abwehrverletzungen, der grossen Verletzungsschwere und des Fehlens
typischer Zeichen einer Selbstverletzung an einem dynamischen
Kampfgeschehen und an einer Tötung durch fremde Hand keine
vernünftigen Zweifel bestehen würden. Eine Feststellung, ob zuerst E.M.
oder F.O. verstorben sei, sei nicht möglich (UA act. 1800 ff.).
1.6.5.3.
In Bezug auf die Legalinspektion und Obduktion von F.O. hält das
rechtsmedizinische Gutachten des Spital C. vom 27. Februar 2018 fest,
dass drei Bruststiche festgestellt wurden, wobei es sich um zwei
tiefreichende Stichverletzungen in den Brustkorb und eine oberflächliche
Stichverletzung in das Brustdrüsengewebe gehandelt habe. Zusätzlich sei
eine avitale (und somit nicht zu Lebzeiten entstandene) Schnittverletzung
am rechten Daumen vorhanden. Die beiden tiefreichenden Stich-
verletzungen in den Brustkorb würden dem Gutachten zufolge beide eine
nach oben gerichtete Stichführung aufweisen (vgl. Abbildung UA act.
1852). Als Folgen stumpfer Gewalt seien fleckige Einblutungen in der
Kopfschwarte und der Knochenhaut am Scheitel sowie eine streifige
Muskeleinblutung an der linken Schulterrückseite vorhanden. Dies könne
durch Schläge gegen den Kopf oder ein Anschlagen des Kopfes im
Scheitelbereich, z.B. gegen eine Wand, entstanden sein. Aufgrund dessen
bestehe die Möglichkeit, dass eine Beeinträchtigung der
Handlungsfähigkeit von F.O. vorgelegen habe, während ihr die Stiche
zugefügt worden seien. Aus rechtsmedizinischer Sicht müsse alternativ
diskutiert werden, dass F.O. grundsätzlich im Schlaf von den Stichen hätte
überrascht werden können und aus diesem Grund keine
- 23 -
Abwehrmassnahmen mehr habe treffen können. Zur Todesursache hält
das Gutachten fest, dass F.O. an einem Verbluten aufgrund zweier
Bruststiche verstorben sei. Wegen der grossen Verletzungsschwere und
dem Fehlen typischer Probierläsionen würden keine Anhaltspunkte für eine
Selbstbeibringung vorliegen. Aufgrund der gesamten Befunde bestünden
keine Zweifel an einer Tötung durch fremde Hand. Da bei F.O. weder
Abwehrverletzungen noch anderweitige Kampfspuren hätten gefunden
werden können, stelle sich die Frage, ob sie in den Zeitpunkten der Stiche
bewusstseinseingeschränkt oder anderweitig handlungsunfähig gewesen
sei. Aufgrund der forensisch-toxikologischen Untersuchungen könne
ausgeschlossen werden, dass sie unter dem Einfluss körperfremder
Substanzen gestanden habe (UA act. 1847 ff.).
1.6.5.4.
Gestützt auf die vorgängig dargelegten forensischen Erkenntnisse und die
drei vollständigen, nachvollziehbaren und schlüssigen rechtsmedizinischen
Gutachten liegt die rein theoretische Möglichkeit, dass E.M. und F.O. den
Beschuldigten angegriffen haben, woraufhin dieser in einen Affekt geraten
ist und die beiden Frauen in einer entschuldbaren heftigen
Gemütsbewegung getötet hat, ausserhalb einer vernünftigen
Betrachtungsweise. Die Gutachten halten klar fest, dass E.M.
Abwehrverletzungen aufweise, die Verletzungen des Beschuldigten
zwanglos als Selbstverletzungen zu interpretieren seien und dass dieser
weder Abwehrverletzungen noch tiefreichende Stich- und/oder
Schnittverletzungen erlitten habe, welche jedoch bei einem auf ihn
verübten Angriff zu erwarten wären. Mit dem vorliegenden Beweisergebnis
steht auch die avitale Schnittverletzung an F.O. rechtem Daumen im
Einklang. Diese nicht zu Lebzeiten entstandene Schnittverletzung lässt den
Schluss zu, dass das Tatmesser mit dem schwarzen Griff nach der
Ermordung der beiden Opfer durch den Beschuldigten in F.O. Hand
platziert worden ist. Die avitale Verletzung befindet sich denn auch an ihrer
rechten Hand, in welcher das Messer aufgefunden worden ist. Der
Beschuldigte macht diesbezüglich geltend, es sei davon auszugehen, dass
die avitale Verletzung entstanden sei, als das Messer durch den Polizisten
T. aus F.O. Hand entfernt worden sei (GA act. 1731; Plädoyer des
amtlichen Verteidigers an der Berufungsverhandlung S. 45). Unter
Berücksichtigung der Aussage von T. anlässlich seiner Einvernahme vom
14. Februar 2018, wonach er das Messer seitlich weggezogen und dabei
nichts mit der Klinge berührt habe (UA act. 2807), kann ausgeschlossen
werden, dass die avitale Verletzung bei der Entfernung des Messers aus
F.O. Hand entstanden sein könnte. Aufgrund seiner Angabe, wonach er
das Messer seitlich weggezogen habe, und den Tatortaufnahmen, auf
welchen ersichtlich ist, dass F.O. den Griff, nicht jedoch die Klinge des
Messers mit ihrer Hand umklammert (UA act. 1121), erscheint es nicht
möglich, dass sie bei der Wegnahme des Messers verletzt worden sein
könnte. So hätte sich beim seitlichen Wegziehen des Messers nur der Griff
- 24 -
auf Höhe des Daumens von F.O. befunden, nicht jedoch die Klinge.
Hinzukommt, dass nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der
allgemeinen Lebenserfahrung keine hinzukommende Verletzung einer
Leiche bei der Wegnahme eines Tatmessers aus deren Hand durch einen
geschulten Polizisten zu erwarten ist. Es erscheint viel naheliegender, dass
die Verletzung entstanden ist, als der Beschuldigte in der Aufregung des
Geschehens das Messer unvorsichtig in der Hand von F.O. platziert hat.
1.6.6.
Nebst den vorgenannten forensischen und rechtsmedizinischen
Erkenntnissen lassen auch die teilweise lebensfremden Ausführungen des
Beschuldigten zum Tatvorgang keinen Zweifel daran, dass es sich dabei
letztlich um Schutzbehauptungen handelt und kein Angriff auf ihn
stattgefunden hat:
Auffällig und nicht nachvollziehbar erscheint vorab, dass der Beschuldigte
anlässlich seiner ersten vier Einvernahmen angab, sich an das
Hauptgeschehen grundsätzlich nicht mehr erinnern zu können (UA act.
1354; 1366; 1379; 1398). So führte er an seiner ersten Einvernahme vom
8. Januar 2018 aus, sich lediglich daran erinnern zu können, dass zuerst
E.M. und dann F.O. das Schlafzimmer betreten hätten und erstere ihn mit
einem Messer angegriffen habe, woraufhin er versucht habe, sich zu
wehren. Was anschliessend passiert sei, wisse er nicht mehr (UA act.
1354). An seiner Einvernahme vom 6. März 2018 wusste er zwar, dass
E.M. geflucht habe, als sie ihn angegriffen habe. Was danach passiert sei,
wusste er nicht mehr (UA act. 1398). Erst anlässlich seiner Einvernahme
vom 30. Mai 2018 und somit beinahe fünf Monate nach dem Vorfall, gab er
an, sich wieder an den Tatvorgang zu erinnern (vgl. UA act. 1423). Für die
vom Beschuldigten geltend gemachte Amnesie gibt es Dr. med. R. zufolge
keine psychiatrische Erklärung. Psychodynamisch könne im Sinne einer
Hypothese vermutet werden, dass ein Zusammenhang mit der generellen
Tendenz des Beschuldigten, Probleme zu verdrängen und nicht
anzusprechen bestehe (vgl. UA act. 187; 1524 ff.). Auffällig sei die Dauer
der vom Beschuldigten geltend gemachten Amnesie, da eine solche
grundsätzlich nicht monatelang andauere. Es sei denkbar, dass der
Beschuldigte sich in der ersten Erschütterung nach der Tat zu einem
Aussageverhalten entschieden habe, welches er im Nachhinein habe
revidieren müssen (Protokoll Berufungsverhandlung S. 36). Auch der im
Blut des Beschuldigten festgestellte Trinkalkohol in einer Konzentration von
0.23 Gewichtspromille (UA act. 1526 ff.) vermag die Art und das Ausmass
der geltend gemachten Amnesie nicht zu erklären. Gerade unter
Berücksichtigung der Angabe des Beschuldigten gegenüber Dr. med. R.,
wonach er bei seinen ersten Einvernahmen nichts zum Vorfall habe sagen
wollen, weil er das Ganze für sich selbst habe klären wollen und sich seine
Erinnerungen an die Ereignisse nicht verändert hätten (UA act. 127; vgl.
Protokoll Berufungsverhandlung S. 39), ist erstellt, dass es sich bei dem
- 25 -
von ihm anfänglich geltend gemachten Erinnerungsverlust um eine reine
Schutzbehauptung handelte. Auf die Vorbringen des Beschuldigten zur
Amnesie (vgl. Plädoyer des amtlichen Verteidigers an der
Berufungsverhandlung S. 13 f.), ist deshalb nicht weiter einzugehen.
Sodann ist betreffend die Sachverhaltsschilderung des Beschuldigten
festzustellen, dass diese die bei F.O. entstandenen Einblutungen in ihrer
Kopfschwarte und ihrer Knochenhaut am Scheitel (vgl. UA act. 1850; 1876)
nicht zu erklären vermag. So hat er anlässlich der Tatrekonstruktion
vorgeführt, F.O. mit einer Hand an ihren Haaren gepackt und diese
anschliessend in Richtung des Schranks weggestossen zu haben (UA act.
1557). Er führte diesbezüglich aus, dass F.O. dabei weder gegen eine
Wand gestossen noch umgefallen sei (UA act. 1523m). Er habe nicht
gesehen, dass sie sich am Kopf verletzt habe (UA act. 1430). Dies vermag
ihre Verletzungen am Kopf nicht zu erklären und zeigt auf, dass sich das
Geschehen nicht wie vom Beschuldigten dargelegt abgespielt haben kann.
Nicht nachvollziehbar erscheint weiter die Schilderung des Beschuldigten,
wonach F.O. am Ende des Todeskampfes zwischen ihm und E.M. tatenlos
neben dem Bett gestanden und zugeschaut habe (vgl. E. 1.6.4.1; UA act.
1559), anstatt ihrer Schwester zu helfen, während diese um ihr Leben
kämpfte.
Sodann zeigt auch ein Vergleich des rechtsmedizinischen Gutachtens
betreffend F.O. mit der Tatrekonstruktion, dass sich ihre Tötung nicht wie
vom Beschuldigten geschildert abgespielt haben kann. Aus dem
rechtsmedizinischen Gutachten geht hervor, dass die beiden
tiefreichenden und tödlichen Stichverletzungen in den Brustkorb von F.O.
eine nach oben gerichtete Stichführung aufweisen (UA act. 1849 f.). An der
Tatrekonstruktion führte der Beschuldigte jedoch vor, dass er sein Messer
bei den Stichausführungen nach unten gerichtet habe (UA act. 1562), was
er sogar später bekräftigte, nachdem er auf diesen Widerspruch
aufmerksam gemacht wurde (UA act. 1469; vgl. GA act. 1512). Die
Rechtsmedizinerin Dr. med. S. bestätigte an der vorinstanzlichen
Hauptverhandlung, dass diese Verletzungen nicht wie vom Beschuldigten
an der Tatrekonstruktion vorgezeigt entstanden seien (GA act. 1377).
1.6.7.
Im Übrigen erscheint es für das Obergericht aufgrund des schlechten
gesundheitlichen Zustands des Beschuldigten nur sehr schwer vorstellbar,
dass er sich, nachdem er sich zuerst in einer liegenden Position im Bett
aufgehalten haben soll, gegen zwei 16 resp. 23 Jahre jüngere, sich auf ihn
stürzende, auf den Angriff vorbereitete und den Überraschungseffekt
nutzende Frauen hätte wehren können, ohne dabei nicht nur oberflächliche
bzw. geringfügige Verletzungen zu erleiden. Zu seinem gesundheitlichen
Zustand ist festzuhalten, dass er seinen eigenen Angaben zufolge zwei
- 26 -
Arbeitsunfälle erlitten habe und deshalb seit dem Jahr 2005 eine IV-Rente
beziehe. Konkret leide er an Beschwerden an seiner Wirbelsäule sowie an
Kniebeschwerden und habe blockierte Muskeln in den Armen, am Hals
sowie am Kopf. Aufgrund einer Bronchitis und Asthma habe er
Atemprobleme, wobei er trotzdem sehr häufig rauche. Sodann könne er
seinen rechten Arm wegen eines Knochenrisses nicht über die Schulter
hinweg hochheben und mit diesem Arm auch nicht hinter seinen Rücken
greifen (UA act. 3 f.; vgl. Protokoll Berufungsverhandlung S. 32). Aufgrund
seines ausgekugelten Arms habe er anfangs Januar 2018 nicht einmal das
Geschirr abwaschen können (GA act. 1426). Gemäss dem Schlussrapport
der Kantonspolizei sei der Beschuldigte während der Tatrekonstruktion
schweissgebadet gewesen und habe nur beschwerlich aus dem Bett
steigen können (UA act. 1108), was der Beschuldigte an der
vorinstanzlichen Hauptverhandlung bestätigt hat (GA act. 1444).
1.6.8.
Dem Vorbringen des Beschuldigten, wonach im Vorverfahren der
Untersuchungsgrundsatz nach Art. 6 Abs. 2 StPO verletzt worden sei, weil
nur die ihn belastenden Umstände untersucht worden seien
(Berufungsbegründung S. 14 f.; Plädoyer des amtlichen Verteidigers an der
Berufungsverhandlung S. 3 ff.), kann nicht gefolgt werden. So finden sich
in den Akten, nebst den WhatsApp-Chatverläufen von E.M. und Q. sowie
P., auch Befragungen von diversen Familienangehörigen der beiden Opfer
sowie von P. und Q.. Unter Berücksichtigung des vom Beschuldigten
geltend gemachten Angriffsmotivs von F.O. und E.M., wonach diese ihn
angegriffen hätten, weil sie der Überzeugung gewesen seien, dass F.O. am
6. Januar 2018 wegen eines Hinweises des Beschuldigten polizeilich
kontrolliert worden sei (GA act. 1740; UA act. 1322 ff.; Plädoyer des
amtlichen Verteidigers an der Berufungsverhandlung S. 27 ff.), waren –
entgegen dem Vorbringen des Beschuldigten (Berufungsbegründung
S. 15; Plädoyer des amtlichen Verteidigers an der Berufungsverhandlung
S. 22 ff.) – keine vertieften Abklärungen zur Verbindung von F.O. zu Italien
und Nizza, zu ihrem Beruf oder ihrem Ausgehverhalten notwendig, da dies
in keinem Zusammenhang mit dem von ihm vorgebrachten Angriffsmotiv
steht. Es bleibt der Vollständigkeit halber darauf hinzuweisen, dass –
entgegen dem Vorbringen des Beschuldigten (vgl. Plädoyer des amtlichen
Verteidigers an der Berufungsverhandlung S. 30) – sehr wohl ein
polizeilicher Wahrnehmungsbericht zur Polizeikontrolle vom 6. Januar
2018 in den Akten vorhanden ist. Aus diesem geht hervor, dass deshalb
eine Kontrolle durchgeführt worden sei, weil den beiden Polizeibeamten
zwei Personenwagen auf dem Parkplatz des Einkaufszentrum D. und darin
befindliche Personen aufgefallen seien. Die Feststellung im
Wahrnehmungsbericht, wonach F.O. während der ganzen Kontrolle sehr
kooperativ, freundlich und nicht speziell nervös gewesen sei (UA act. 1322
ff.), führt sodann klar vor Augen, dass die Polizeikontrolle F.O. nicht – wie
vom Beschuldigten geltend gemacht (Plädoyer des amtlichen Verteidigers
- 27 -
an der Berufungsverhandlung S. 30) – in Rage versetzt hat. Nachdem
vorliegend erstellt ist, dass E.M. und F.O. den Beschuldigten nicht
angegriffen haben, ist auf das vom Beschuldigten vorgebrachte
Angriffsmotiv nicht weiter einzugehen.
1.6.9.
Zusammenfassend lässt sich das vom Beschuldigten geschilderte
Tatgeschehen in entscheidenden Punkten nicht mit den objektiven
Beweismitteln in Übereinstimmung bringen. Dabei sprechen insbesondere
die rechtsmedizinischen Gutachten und die DNA- resp. Blutspuren auf den
Tatmessern gegen die Sachverhaltsschilderung des Beschuldigten,
wonach er von E.M. und F.O. angegriffen worden sei. Für das Obergericht
ist erstellt, dass der Beschuldigte am Morgen des 8. Januar 2018 E.M. und
F.O. im elterlichen Schlafzimmer der Familienwohnung in V. getötet hat,
indem er zuerst E.M. mit dem Ausbeinmesser mit dem gelben Griff zwei
Stiche an der linken Brust und anschliessend F.O. mit einem
Ausbeinmesser zwei tiefreichende Stichverletzungen in den Brustkorb
zugefügt hat. Anschliessend hat er sich Selbstverletzungen beigefügt und
das Messer mit dem schwarzen Griff in der Hand von F.O. platziert, um
eine Notwehrsituation zu inszenieren. In einer Gesamtbetrachtung sieht es
das Obergericht somit als erwiesen an, dass kein Angriff von E.M. und F.O.
auf den Beschuldigten stattgefunden hat, weshalb ausgeschlossen werden
kann, dass der Beschuldigte in einen Affekt geraten ist und die beiden
Frauen in einer entschuldbaren heftigen Gemütsbewegung getötet hat. Dr.
med. R. hat bestätigt, dass das Vorliegen eines Affekts zu verneinen sei,
wenn kein Angriff auf den Beschuldigten stattgefunden haben sollte
(Protokoll Berufungsverhandlung S. 35). Eine Affekttat könne Dr. med. R.
zufolge im vorliegenden Fall – aus psychiatrischer Sicht – nicht belegt
werden (Ergänzungsgutachten S. 10 f.).
1.6.10.
Auch dem weiteren Vorbringen des Beschuldigten, wonach er unter dem
Einfluss enormer seelischer Belastung gehandelt habe, weil sein seelischer
Druck von Tag zu Tag immer mehr zugenommen habe, kann nicht gefolgt
werden. Er begründet dies damit, dass er von seiner Ehefrau bereits seit
längerer Zeit in schamloser Weise betrogen worden sei, wobei diese
gleichzeitig beteuert habe, die eheliche Gemeinschaft weiterführen zu
wollen. Dadurch habe sie ihn in ein Wechselbad der Gefühle versetzt
(Plädoyer des amtlichen Verteidigers an der Berufungsverhandlung S. 7;
Berufungsbegründung S. 19). Dr. med. R. zufolge müsse aufgrund der
Versöhnung resp. des ruhigen Gesprächs zwischen dem Beschuldigten
und E.M. am Vorabend der Tötungen eine Entlastung stattgefunden haben
(Protokoll Berufungsverhandlung S. 37 f.). Der Beschuldigte hat bestätigt,
dass es am 7. Januar 2018 zu einer Aussprache gekommen sei, anlässlich
welcher E.M. ihm versprochen habe, sich zu bessern und die Beziehung
zu P. aufzugeben (Plädoyer des amtlichen Verteidigers an der
- 28 -
Berufungsverhandlung S. 26). Gemäss Dr. med. R. lasse sich weder eine
tiefe Erschütterung erkennen noch gebe es Hinweise auf eine besondere
Zuspitzung der affektiven Erregung des Beschuldigten am 7. oder 8.
Januar 2018 (Ergänzungsgutachten S. 7 f.). Es würden gerade keine
Hinweise für eine Zunahme des psychischen Drucks unmittelbar vor der
Tat vorliegen (Protokoll Berufungsverhandlung S. 38). Dies spricht klar
gegen ein Handeln des Beschuldigten unter grosser seelischer Belastung.
Sodann bleibt festzuhalten, dass in keiner Weise erkennbar ist, inwiefern
der Beschuldigte in Bezug auf F.O. unter grosser seelischer Belastung
gehandelt haben soll. Zusammenfassend handelte der Beschuldigte am
8. Januar 2018 nicht unter grosser seelischer Belastung i.S.v. Art. 113
StGB.
1.7.
Die Staatsanwaltschaft hat eventualiter zum mehrfachen Mord die
mehrfache vorsätzliche Tötung gemäss Art. 111 StGB angeklagt
(Anklageziffer I.). Der Beschuldigte hat eventualiter den Antrag gestellt, er
sei der mehrfachen vorsätzlichen Tötung schuldigzusprechen (Plädoyer
des amtlichen Verteidigers an der Berufungsverhandlung S. 54). Nachdem
die beiden Tötungen von E.M. und F.O. als Mord i.S.v. Art. 112 StGB zu
qualifizieren sind, erübrigt sich eine Prüfung der eventualiter angeklagten
mehrfachen vorsätzlichen Tötung. Infolgedessen ist nicht auf die
Vorbringen des Beschuldigten zur mehrfachen vorsätzlichen Tötung
einzugehen (vgl. Berufungsbegründung S. 23).
1.8.
Der Beschuldigte hat den objektiven und subjektiven Tatbestand des
Mordes gemäss Art. 112 StGB mehrfach erfüllt (siehe dazu oben). Es
liegen weder Rechtfertigungs- noch Schuldausschlussgründe vor. Er hat
sich somit des mehrfachen Mordes gemäss Art. 112 StGB schuldig
gemacht.
Mit dem Schuldspruch wegen mehrfachen Mordes ist der Anklage-
sachverhalt erschöpfend erledigt, ohne dass der Beschuldigte vom
Eventualvorwurf der mehrfachen vorsätzlichen Tötung gemäss Art. 111
StGB freizusprechen wäre (BGE 142 IV 378 E. 1.3).
2.
2.1.
Der Beschuldigte hat sich des mehrfachen Mordes gemäss Art. 112 StGB
schuldig gemacht. Dafür ist er angemessen zu bestrafen.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten zu einer lebenslänglichen
Freiheitsstrafe verurteilt. Der Beschuldigte hat sich für den Fall der
Abweisung seiner Berufung im Schuldpunkt nicht zur Strafzumessung
- 29 -
geäussert (vgl. Plädoyer des amtlichen Verteidigers an der Berufungs-
verhandlung S. 49 f.).
2.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313; BGE 144 IV
217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff.; je mit Hinweisen).
Darauf kann verwiesen werden.
Hinzuweisen ist insbesondere auf die Rechtsprechung des Bundes-
gerichts, dass bei Strafschärfung infolge Konkurrenz auf eine lebens-
längliche Freiheitsstrafe erkannt werden kann, wenn der Täter mehrere mit
lebenslänglicher Freiheitsstrafe bedrohte Straftaten begangen hat (BGE
141 IV 61 E. 6).
2.3.
2.3.1.
In einem ersten Schritt ist die Einsatzstrafe für die schwerste Straftat
festzusetzen. Aufgrund der Tatsache, dass E.M. mit dem Beschuldigten
einen Kampf um Leben und Tod geführt hat, dabei sicherlich grosse Angst
um ihr Leben hatte und erhebliche Schmerzen erlitten hat, ist ihre
Ermordung als schwerste Straftat zu qualifizieren. Dazu ergibt sich
Folgendes:
Der Mord nach Art. 112 StGB sieht als Strafe lebenslängliche
Freiheitsstrafe oder Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren vor. Die
Vernichtung fremden Lebens ist immer von einer extremen Schwere. Allein
der Umstand, dass der Beschuldigte das höchste Rechtsgut eines
Menschen, das Leben, verletzt hat, rechtfertigt aber nicht per se die Aus-
fällung der Maximalstrafe. Die Rechtsgutverletzung als solche ist
unergiebig, wenn es um einen Mord geht, da die Vernichtung des höchsten
Rechtsguts den Tatbestand des Art. 112 StGB begründet. Insoweit ist aus
der Rechtsgutverletzung allein nichts für die Strafzumessung abzuleiten.
Beim weiten Strafrahmen für Mord hängt die Bemessung der konkreten
Strafe insbesondere vom Ausmass der besonderen Skrupellosigkeit ab,
welches die Schwere des Verschuldens wesentlich mitbestimmt. Eine
unzulässige Doppelverwertung ist damit nicht verbunden (Urteile des
Bundesgerichts 6B_1038/2017 vom 31. Juli 2018 E. 2.6.1; 6B_55/2015
vom 7. April 2015 E. 3.3).
Betreffend die Art und Weise der Tatausführung ist Folgendes festzuhalten:
Der Beschuldigte hat seine Ehefrau E.M. in ihrem gemeinsamen
Schlafzimmer auf besonders skrupellose Art ermordet, indem er ihr mit
einem Ausbeinmesser mit einer Klingenlänge von 20 cm in die linke Brust
gestochen, das Messer unvollständig wieder herausgezogen und dieses
erneut in sie hineingestochen hat. Dass der Beschuldigte nicht nur einmal,
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- 30 -
sondern gleich zweimal auf seine Ehefrau eingestochen hat, zeugt von
Brutalität. Wie bereits vorgängig dargelegt, ist es zwischen E.M. und dem
Beschuldigten zu einem Kampf um Leben und Tod gekommen, weshalb
davon auszugehen ist, dass E.M. währenddessen grosse Angst um ihr
Leben hatte. Weiter ist anzunehmen, dass sie während einer gewissen Zeit
erhebliche Schmerzen hat ausstehen müssen. Der Beschuldigte überliess
seine schwerstverletzte Ehefrau sich selbst und einem mehrere Minuten
dauernden Todeskampf durch Blutverlust und einem Ersticken, bedingt
durch eine ausgeprägte Bluteinatmung. Insgesamt ist von einem sehr
erheblichen Ausmass der besonderen Skrupellosigkeit auszugehen.
Entsprechend schwer wiegt das Verschulden des Beschuldigten.
Der Beschuldigte, bei welchem keine verminderte Schuldfähigkeit vorlag
(UA act. 181 f.; 1533 f.), verfügte über ein sehr grosses Mass an
Entscheidungsfreiheit. Auch wenn er mit der Lebensführung seiner Ehefrau
nicht einverstanden war und sich in seiner Ehre, seinem Stolz und seinen
Wertevorstellungen verletzt sah, war es nicht so, dass er sich in einer
subjektiv aussichtlos empfundenen Lage befunden hätte oder es keinen
anderen Ausweg gegeben hätte. Insbesondere ist nicht ersichtlich, weshalb
er sich nicht einfach von E.M. getrennt oder scheiden lassen hat, wie er
dies bei seiner früheren Ehefrau getan hatte. Im Ergebnis hat er aus rein
egoistischen Gründen einfach den aus seiner Sicht einfachsten Weg zur
Entledigung seiner Ehefrau gewählt. Je leichter es ihm aber gefallen wäre,
die körperliche Integrität bzw. das Leben von E.M. zu respektieren, desto
schwerer wiegt die Entscheidung dagegen und damit einhergehend sein
Verschulden (vgl. BGE 117 IV 112 E. 1; BGE 127 IV 101 E. 2a).
Nach dem Gesagten ist für den Mord an E.M. in Relation zum Strafrahmen
von 10 Jahren Freiheitsstrafe bis zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe
von einem mittelschweren bis schweren Tatverschulden und einer
angemessenen Freiheitsstrafe von 16 Jahren auszugehen.
2.3.2.
Die Einsatzstrafe für den an E.M. begangenen Mord ist nunmehr in
Anwendung des Asperationsprinzips gemäss Art. 49 Abs. 1 StGB für den
vom Beschuldigten an F.O. begangenen Mord angemessen zu erhöhen.
Dazu ergibt sich Folgendes:
Mit Blick auf die Art und Weise der Tatausführung ist festzuhalten, dass der
Beschuldigte seine Schwägerin F.O. im elterlichen Schlafzimmer seiner
Familienwohnung auf besonders skrupellose Art ermordet hat, indem er
zweimal mit einem Ausbeinmesser mit einer Klingenlänge von 20 cm auf
ihre Brust eingestochen hat. Weiter hat er ihr einen zusätzlichen – wenn
auch nicht tödlichen – Stich in das Brustdrüsengewebe zugefügt. Die
Tatsache, dass der Beschuldigte insgesamt dreimal auf F.O. eingestochen
hat, zeugt von Brutalität. Schliesslich verstarb F.O. durch ein Verbluten. Da
- 31 -
sie weder Abwehrverletzungen noch anderweitige Kampfspuren aufweist,
ist unklar, ob sie anlässlich der Stiche bei Bewusstsein war. Es ist somit
nicht erstellt, dass sie Schmerzen hat ausstehen müssen, was neutral zu
werten ist. Weil Abwehrverletzungen gänzlich fehlen, steht jedoch fest,
dass sie sich nicht hat wehren können und der Beschuldigte somit keine
Skrupel hatte, auf ein wehrloses Opfer einzustechen. Insgesamt ist von
einem erheblichen Ausmass der besonderen Skrupellosigkeit auszugehen.
Entsprechend schwer wiegt das Verschulden des Beschuldigten.
Der Beschuldigte hat F.O. aus egoistischen Motiven ermordet, weil er der
festen Überzeugung war, dass sie seine Ehefrau E.M. dazu gebracht habe,
sich zu prostituieren und diese deshalb zu der von ihm missbilligten
Lebensführung verleitet und diese in der Folge gefördert habe. Die
Ermordung von F.O. ohne ernsthaften Grund resp. aus nichtigem Anlass
erscheint völlig unverständlich und in keiner Weise nachvollziehbar. Der
Beschuldigte verfügte denn auch hinsichtlich der Tötung von F.O. über ein
sehr hohes Mass an Entscheidungsfreiheit. Insbesondere wäre es ihm
offen gestanden, F.O. aus dem Weg zu gehen, bis sie wieder die Schweiz
verlassen hätte. So wäre sie einige Tage nach dem Vorfall ohnehin wieder
abgereist. Je leichter es ihm aber gefallen wäre, die körperliche Integrität
bzw. das Leben von F.O. zu respektieren, desto schwerer wiegt die
Entscheidung dagegen und damit einhergehend sein Verschulden (vgl.
BGE 117 IV 112 E. 1; BGE 127 IV 101 E. 2a).
Nach dem Gesagten ist für den Mord an F.O. in Relation zum Strafrahmen
von 10 Jahren Freiheitsstrafe bis zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe
von einem mittelschweren bis schweren Tatverschulden auszugehen,
wofür – bei isolierter Betrachtung – eine Einzelstrafe von 16 Jahren
Freiheitsstrafe angemessen wäre. Im Rahmen der Asperation ist zu
berücksichtigen, dass die beiden Morde zwar in einem engen örtlichen und
zeitlichen Zusammenhang stehen, jedoch zwei verschiedene Opfer
betreffen und auch nicht die Folge einer einzigen Handlung mit mehreren
Opfern, sondern von bewusst nacheinander ausgeführten Messerstichen
waren. Es ist auch keinesfalls einerlei, ob der Beschuldigte unter den
vorliegenden Umständen eine oder zwei Personen ermordet hat. Mithin ist
hinsichtlich der zweiten Tötung von einem hohen Gesamtschuldbeitrag
auszugehen. Es rechtfertigt sich, die Einsatzfreiheitsstrafe von 16 Jahren
für den weiteren Mord angemessen auf eine lebenslängliche Freiheitsstrafe
zu erhöhen.
2.3.3.
Hinsichtlich der Täterkomponente ergibt sich Folgendes: Der Beschuldigte
ist nicht vorbestraft (vgl. aktueller Strafregisterauszug), was sich neutral
auswirkt (BGE 136 IV 1 E. 2.6.4). Er hat zwar eingestanden, F.O. die
Messerstiche zugefügt zu haben, macht jedoch nach wie vor geltend, von
beiden Opfern angegriffen worden zu sein. Damit hat er nur zugegeben,
- 32 -
was aufgrund seiner am Tatort und auf beiden Tatmessern vorhandenen
Blutspuren ohnehin auf der Hand lag (vgl. UA act. 1136 ff.). Aufgrund
dessen ist sein Geständnis nicht strafmindernd zu berücksichtigen (Urteil
des Bundesgerichts 6B_18/2022 vom 23. Juni 2022 E. 2.6.1). Die
Tatsache, dass er nach der Tat die Alarmierung der Polizei durch seinen
damaligen Rechtsvertreter veranlasst hat, vermag ebenso wenig eine
Strafminderung zu begründen, da dies Teil seiner Verteidigungsstrategie
bildete und gerade nicht auf echte Einsicht und Reue, die über eine blosse
Tatfolgenreue hinausgeht, schliessen lässt.
Was die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten betrifft, so ist er
aufgrund seiner Tat verwitwet und hat ein minderjähriges sowie sechs
volljährige Kinder, davon vier aus einer früheren Ehe. Vor seiner
Inhaftierung bezog er eine IV-Rente zu 100%. Seine Strafempfindlichkeit
erscheint durchschnittlich. Es ist zwar unbestritten, dass der Strafvollzug
eine Belastung für den Beschuldigten und seine Kinder darstellt und auch
in Zukunft darstellen wird. Die Verbüssung einer Freiheitsstrafe ist aber für
jede in ein familiäres Umfeld eingebettete Person mit einer gewissen Härte
verbunden. Der Umstand allein, dass er Vater eines minderjährigen Kindes
(und weiterer volljähriger Kinder) ist, führt noch nicht zur Annahme einer
besonderen Strafempfindlichkeit (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_40/2020 vom 17. August 2020 E. 3.2.2 f.). Das Bundesgericht hat denn
auch wiederholt betont, dass eine erhöhte Strafempfindlichkeit nur bei
aussergewöhnlichen Umständen zu bejahen ist (vgl. etwa Urteil des
Bundesgerichts 6B_1235/2018 vom 28. September 2020 E. 5 mit
Hinweisen). Solche liegen hier nicht vor. Entgegen dem Vorbringen des
Beschuldigten (Plädoyer des amtlichen Verteidigers an der
Berufungsverhandlung S. 50), vermögen sodann weder seine gesund-
heitlichen Probleme noch sein Alter eine erhöhte Strafempfindlichkeit zu
begründen. Der Strafempfindlichkeit ist bei medizinischen Gründen
lediglich dann Rechnung zu tragen, wenn der Betroffene besonders
empfindlich ist. Dies wurde namentlich etwa bejaht bei Gehirnverletzten,
Schwerkranken, unter Haftpsychose Leidenden oder Taubstummen (Urteil
des Bundesgerichts 6B_1079/2016 vom 21. März 2017 E. 1.4.5 mit
Hinweisen). Ein solcher Fall liegt hier nicht vor. Auch die Tatsache, dass
der Beschuldigte 59 Jahre alt ist, vermag keine Strafminderung wegen
besonderer Strafempfindlichkeit zu begründen. So besteht zwar bei einem
relativ hohen Alter im Falle der Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe das
erhöhte Risiko, dass der Betroffene im Strafvollzug stirbt und somit keine
Aussicht mehr auf ein Leben in Freiheit hat. Dies liegt indessen bei einer
Verurteilung zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe gerade in der Natur
der Sache. Das Bundesgericht hat mehrfach erkannt, dass allein wegen
des vergleichsweise hohen Alters des Verurteilten die Strafe nicht
gemindert werden muss (Urteile des Bundesgerichts 6B_446/2011 vom
27. Juli 2012 E. 9.4; 6B_291/2012 vom 16. Juli 2013 E. 6.3).
- 33 -
Damit wirkt sich die Täterkomponente neutral aus, womit es bei der
verschuldensangemessenen lebenslänglichen Freiheitsstrafe bleibt. Diese
könnte vorliegend bei zwei vollendeten Morden selbst dann nicht reduziert
werden, wenn die Täterkomponente leicht strafmindernd zu
berücksichtigen wäre.
2.3.4.
Bei diesem Strafmass kommt nur der unbedingte Strafvollzug in Betracht
(vgl. Art. 42 f. StGB).
Die vom Beschuldigten bisher ausgestandene Haft von insgesamt 1719
Tagen (Untersuchungshaft bzw. vorzeitiger Strafvollzug vom 8. Januar
2018 bis 22. September 2022) ist ihm gestützt auf Art. 51 StGB an die
Freiheitsstrafe anzurechnen.
2.3.5.
Zusammenfassend bleibt es bei der von der Vorinstanz ausgesprochenen
lebenslänglichen Freiheitsstrafe. Die Berufung des Beschuldigten erweist
sich in diesem Punkt als unbegründet.
3.
In der Berufung finden sich für den Fall der Abweisung der Berufung im
Schuldpunkt keine Ausführungen zur von der Vorinstanz angeordneten
ambulanten Behandlung. Es kann dazu deshalb auf die unbestritten
gebliebenen Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden
(vorinstanzliches Urteil E. F; Art. 82 Abs. 4 StPO).
4.
4.1.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten für 15 Jahre des Landes verwiesen.
Der Beschuldigte beantragt sinngemäss, es sei auf die Anordnung einer
Landesverweisung zu verzichten (Berufungserklärung S. 8) und begründet
dies damit, dass die Anordnung einer Landesverweisung Art. 8 EMRK
verletzen würde, weil A.M., C.M. und B.M. dadurch ihren Vater verlieren
würden (Plädoyer des amtlichen Verteidigers an der Berufungsverhand-
lung S. 51).
4.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Landesverweisung nach
Art. 66a StGB unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des EGMR zu
Art. 8 EMRK wiederholt dargelegt (BGE 146 IV 311; BGE 146 IV 172; BGE
146 IV 105; BGE 146 II 1; BGE 145 IV 455; BGE 145 IV 364; BGE 145 IV
161; BGE 144 IV 332; statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 6B_513/2021
vom 31. März 2022). Darauf kann verwiesen werden.
- 34 -
Das Gericht verweist den Ausländer, der wegen Mordes verurteilt wird,
unabhängig von der Höhe der Strafe für 5 bis 15 Jahre aus der Schweiz
(Art. 66a Abs. 1 lit. a StGB; obligatorische Landesverweisung). Der
Beschuldigte hat mehrfach eine Katalogtat im Sinne von Art. 66a Abs. 1
lit. a StGB begangen. Er ist somit grundsätzlich aus der Schweiz zu
verweisen.
Von der Landesverweisung kann nur ausnahmsweise unter den
kumulativen Voraussetzungen abgesehen werden, wenn sie (1.) einen
schweren persönlichen Härtefall bewirken würde und (2.) die öffentlichen
Interessen an der Landesverweisung die privaten Interessen des
Ausländers am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegen (Art. 66a Abs. 2
StGB). Art. 66a StGB ist EMRK-konform auszulegen. Die Interessen-
abwägung im Rahmen der Härtefallklausel von Art. 66a Abs. 2 StGB hat
sich daher an der Verhältnismässigkeitsprüfung nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK
zu orientieren.
4.3.
4.3.1.
Der heute 59-jährige Beschuldigte wurde im Kosovo geboren. Er ist im Jahr
1992 im Alter von 28 Jahren in die Schweiz eingereist. Somit hat er die
prägende Jugend- und Adoleszenzphase (zwischen dem vollendeten
10. und dem vollendeten 20. Altersjahr) im Kosovo verbracht, weshalb er
als dort aufgewachsen gilt. Seine erste Ehe mit U. wurde 1981 im Kosovo
geschlossen und im Jahr 2000 geschieden. Noch im gleichen Jahr
heiratete der Beschuldigte E.M. (UA act. 224). Seine minderjährige Tochter
C.M., für welche ihm das Sorgerecht entzogen wurde (vgl. UA act. 416),
und seine weiteren sechs volljährigen Kinder sind in der Schweiz wohnhaft.
Seine Mutter und sein Vater sind verstorben. Er hat einen Bruder sowie
zwei Schwestern, welche in der Schweiz wohnen, zwei Brüder in
Deutschland sowie eine Schwester im Kosovo (UA act. 3; Protokoll
Berufungsverhandlung S. 20). Er spricht Albanisch (UA act. 2) und verfügt
über eine Niederlassungsbewilligung C (UA act. 211 ff.; Protokoll
Berufungsverhandlung S. 19). Die lange Anwesenheit des Beschuldigten
in der Schweiz genügt für die Annahme eines schweren persönlichen
Härtefalls nicht; erforderlich wären besonders intensive, über eine normale
Integration hinausgehende private Beziehungen beruflicher oder
gesellschaftlicher Natur (vgl. BGE 144 II 1 E. 6.1), welche in casu nicht
vorliegen:
Die persönliche und gesellschaftliche Integration des Beschuldigten
erweist sich gerade in Anbetracht seiner langen Aufenthaltsdauer von
nunmehr 30 Jahren als unterdurchschnittlich: Er hat betreffend einen
allfälligen Freundeskreis angegeben, in der Schweiz keine nahen
Bezugspersonen zu haben (UA act. 7; 12). Die meisten Personen, mit
welchen er sich in seiner Freizeit getroffen habe, würden aus dem Kosovo
- 35 -
stammen (GA act. 1395). Er sei in der Schweiz keinen Hobbys
nachgegangen (Protokoll Berufungsverhandlung S. 21). In einem Verein
oder in einer kulturellen Institution sei er nicht aktiv (Protokoll
Berufungsverhandlung S. 22). Weiter verfügt er nur über sehr bescheidene
Deutschkenntnisse, was er denn auch nicht bestreitet (vgl. GA act. 1394).
Die gesundheitlichen Beschwerden des Beschuldigten (vgl. E. 1.6.7)
können auch im Kosovo behandelt werden (vgl. Focus Kosovo,
Medizinische Grundversorgung, 2017, S. 15 ff., www.sem.admin.ch),
weshalb diese einer Ausweisung nicht entgegenstehen.
Der Beschuldigte arbeitete früher als Dachdecker und bezieht seit 2005
eine IV-Rente zu 100%, welche aktuell aufgrund seines
Gefängnisaufenthalts sistiert ist (Protokoll Berufungsverhandlung S. 20;
GA act. 1388). Seine fehlende berufliche Integration kann ihm daher
grundsätzlich nicht entgegengehalten werden. Der Beschuldigte weist
hohe Schulden auf. Seine Schulden im Zusammenhang mit dem
vorliegenden Strafverfahren betragen insgesamt mehr als Fr. 400'000.00.
Aufgrund dessen erscheint der Beschuldigte finanziell schlecht integriert.
4.3.2.
Ohne Frage würde eine Landesverweisung die minderjährige Tochter (wie
auch die weiteren volljährigen Kinder) des Beschuldigten betreffen. Es gilt
diesbezüglich jedoch festzuhalten, dass dem Beschuldigten das
Sorgerecht für seine damals noch minderjährigen Kinder C.M., A.M. und
B.M. entzogen wurde (vgl. UA act. 416). Bis auf C.M. fallen die weiteren
Familienangehörigen des Beschuldigten so oder anders nicht in den
Schutzbereich von Art. 8 EMRK, da zum geschützten Familienkreis in
erster Linie die sog. Kernfamilie, d.h. die Gemeinschaft der Ehegatten mit
ihren minderjährigen Kindern gehört. Das Verhältnis zwischen Eltern und
ihren volljährigen Kindern fällt nur dann unter das geschützte Familienle-
ben, wenn ein über die üblichen familiären Beziehungen bzw. emotionalen
Bindungen hinausgehendes, besonderes Abhängigkeitsverhältnis besteht
(vgl. BGE 145 I 227 E. 5.3; BGE 144 II 1 E. 6.1; Urteile des Bundesgerichts
6B_1428/2020 vom 19. April 2021 E. 2.4.3 und 6B_587/2020 vom 12.
Oktober 2020 E. 2.1.2 mit Hinweisen). Das ist hier nicht der Fall. Der
Beschuldigte befindet sich seit dem 8. Januar 2018 in Untersuchungshaft
resp. im vorzeitigen Strafvollzug, was unweigerlich zu einer starken
Einschränkung des unmittelbaren Kontakts zu all seinen Kindern und mithin
zu einer gewissen Entfremdung geführt hat. Sodann ist von Bedeutung,
dass er die Morde im Wissen um die möglichen straf- und
ausländerrechtlichen Konsequenzen sowie den damit absehbaren
gesetzlichen Folgen für das Familienleben begangen hat. Schliesslich ist
darauf hinzuweisen, dass der Kontakt zu C.M. (und seinen weiteren
Kindern) ohne Weiteres auch vom Ausland aus durch
Kommunikationsmittel oder Besuche aufrechterhalten werden kann (vgl.
- 36 -
Urteile des Bundesgerichts 6B_191/2020 vom 17. Juni 2020 und
6B_1044/2019 vom 17. Februar 2020 E. 2.5.3 ff.).
4.3.3.
Weiter sind die Gegebenheiten zu berücksichtigen, die den Beschuldigten
im Kosovo erwarten würden. Der Beschuldigte spricht seine Muttersprache
Albanisch (Protokoll Berufungsverhandlung S. 21). Nachdem er bis zu
seinem 28. Lebensjahr im Kosovo gelebt sowie dort die Schule besucht hat
und somit dort aufgewachsen ist, ist er mit der Kultur und den Gebräuchen
seiner Heimat bestens vertraut, weshalb auch eine gesellschaftliche
Wiedereingliederung realisierbar ist. Nichts anderes geht daraus hervor,
dass er jährlich zu Ferienzwecken in den Kosovo reiste und dort seine
Familienmitglieder traf (GA act. 1396). Der Beschuldigte reiste zuletzt im
Sommer 2017 und somit ungefähr ein halbes Jahr vor seiner Inhaftierung
in den Kosovo (Protokoll Berufungsverhandlung S. 21). Er hat eine
Schwester und einen Schwager im Kosovo, zu welchen er ein gutes
Verhältnis hat (GA act. 1397; Protokoll Berufungsverhandlung S. 20),
weshalb er dort mit einer gewissen familiären Unterstützung rechnen
dürfte. Diesbezüglich ist jedoch festzuhalten, dass weder das
Vorhandensein von Verwandten im Heimatland noch ein gutes Verhältnis
zu diesen Voraussetzungen für das Aussprechen einer Landesverweisung
darstellen. Ein Unterkommen bei Verwandten oder deren Unterstützung in
der Anfangsphase vermögen einen Neubeginn im Heimatland wohl zu
erleichtern. Notwendig ist dies aber nicht. Eine Reintegration im Heimatland
erscheint unter den vorliegenden Umständen, die einen engen Bezug zum
Heimatland aufzeigen und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass der
Beschuldigte fliessend Albanisch spricht und im Kosovo aufgewachsen ist,
bei entsprechender Anstrengung als durchaus möglich, weshalb die
Reintegrationschancen als intakt zu qualifizieren sind.
4.3.4.
Hinsichtlich der nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung zumindest
teilweise bereits bei der Frage des Härtefalls vorzunehmenden
Interessenabwägung ergibt sich Folgendes:
Der Beschuldigte kann sich vorliegend einzig darauf berufen, dass er
bereits seit 30 Jahren in der Schweiz lebt und seine minderjährige Tochter
hier lebt. Es gilt jedoch zu berücksichtigen, dass ihm das Sorgerecht für
seine Tochter entzogen worden ist und dass der Kontakt zu dieser mit
Kommunikationsmitteln und Besuchen aufrechterhalten werden kann.
Insgesamt ist dem Beschuldigten aufgrund seiner langen Aufenthaltsdauer
ein privates Interesse an einem Verbleib in der Schweiz nicht
abzusprechen. Es erscheint aufgrund seiner eher unterdurchschnittlichen
Integration und mit Blick auf seine Wiedereingliederungschancen im
Kosovo aber als eher gering, jedenfalls als nicht hoch.
- 37 -
Der Beschuldigte hat sich des mehrfachen Mordes schuldig gemacht. Er
hat seine Ehefrau E.M. sowie seine Schwägerin F.O. jeweils mittels
mehrerer Messerstiche in die Brust getötet, wodurch er eine sehr grosse
kriminelle Energie offenbart hat. Mit den begangenen Taten zeigt er, dass
er das Leben anderer Personen in keiner Weise respektiert und aufgrund
besonders verwerflicher Beweggründe nicht davor zurückschreckt, die
Mutter wie auch die Tante seiner eigenen Kinder zu ermorden. Aufgrund
der von ihm begangenen Morde wird er zu einer lebenslänglichen
Freiheitstrafe verurteilt. Im Rahmen der Landesverweisung und
ausländerrechtlich ist im Übrigen bereits ab einer Verurteilung von zwei
Jahren von einem schweren Verstoss gegen die schweizerische
Rechtsordnung auszugehen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_1044/2019
vom 17. Februar 2020 E. 2.6). Aufgrund der Schwere der vorliegend
begangenen Delikte bestehen bezüglich des künftigen Wohlverhaltens des
Beschuldigten auch ohne Vorstrafen erhebliche Zweifel an seiner
Legalbewährung. Ihm kann keine günstige Legalprognose gestellt werden.
Zu erwarten sind dem psychiatrischen Gutachten zufolge einerseits
erneute Tötungsdelikte, wobei das Risiko dafür als gering einzustufen ist.
Weiter besteht das Risiko für Gewalthandlungen an den eigenen Kindern,
welches erheblichen Ausmasses wäre, wenn diese beim Beschuldigten
leben sollten. Schliesslich sind Straftaten im Rahmen von häuslicher
Gewalt zu erwarten, sollte der Beschuldigte wieder eine Beziehung
eingehen (UA act. 182). Insgesamt ist damit von einer hohen Gefährlichkeit
des Beschuldigten für die öffentliche Sicherheit und einer ungünstigen
Legalprognose auszugehen, womit ein hohes öffentliches Interesse an der
Landesverweisung gegeben ist. Dieses überwiegt das private Interesse
des Beschuldigten an einem Verbleib in der Schweiz, zumal seine
Resozialisierungschancen im Kosovo durchaus intakt erscheinen.
4.3.5.
Zusammenfassend ist unter Würdigung der gesamten Umstände das
Vorliegen eines schweren persönlichen Härtefalls zu verneinen. Die
Wegweisung aus der Schweiz vermag für den Beschuldigten zwar mit einer
gewissen Härte verbunden sein, ein Härtefall im Sinne des Gesetzes liegt
jedoch nicht vor. Eine Landesverweisung bewirkt in den meisten Fällen
eine gewisse Härte. Sie hat ihren Grund jedoch in der Delinquenz der
betroffenen Person selber und kann für sich alleine nicht zur Annahme
eines Härtefalls im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB führen. Auch ein
langjähriger Aufenthalt in der Schweiz und familiäre Verbindungen bilden
keinen Freipass für Straftaten. Sodann überwiegen die öffentlichen
Interessen an der Landesverweisung die privaten Interessen des
Beschuldigten am Verbleib in der Schweiz deutlich. Die Landesverweisung
ist nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK gerechtfertigt und deshalb anzuordnen.
- 38 -
4.4.
Die Landesverweisung dauert zwischen 5 und 15 Jahre. Dem Gericht
kommt bei der Festsetzung der Dauer ein grosser Ermessenspielraum zu.
Der Beschuldigte wird vorliegend wegen mehrfachen Mordes zu einer
lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Er hat ein sehr hohes Mass an
krimineller Energie gezeigt und es kann ihm keine positive Legalprognose
gestellt werden. Mit der Vorinstanz ist die Landesverweisung für die Dauer
von 15 Jahren anzuordnen.
4.5.
Mit vorliegendem Urteil wird der Beschuldigte zu einer lebenslänglichen
Freiheitsstrafe verurteilt und es wird eine obligatorische Landesverweisung
angeordnet. Entsprechend ist davon auszugehen, dass er eine Gefahr für
die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 24 Ziff. 2 SIS-II-
Verordnung darstellt. Gründe, welche eine Ausschreibung im SIS als
unverhältnismässig erscheinen lassen würden, sind keine ersichtlich
(vgl. BGE 146 IV 172 E. 3.2). Somit ist die Ausschreibung der
Landesverweisung im Schengener Informationssystem (SIS) anzuordnen.
4.6.
Zusammenfassend ist somit eine obligatorische Landesverweisung für die
Dauer von 15 Jahren anzuordnen und diese ist im SIS einzutragen. Die
Berufung des Beschuldigten erweist sich in diesem Punkt somit als
unbegründet.
5.
5.1.
Die Parteien tragen die Kosten des Rechtsmittelverfahrens nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Die Berufung
des Beschuldigten ist vollumfänglich abzuweisen. Ausgangsgemäss hat er
die obergerichtlichen Verfahrenskosten von Fr. 10'000.00 (§ 18 VKD)
vollumfänglich zu tragen.
5.2.
Der amtliche Verteidiger ist für das Berufungsverfahren gestützt auf seine
Kostennote, berichtigt um den bei amtlichen Verteidigungen anwendbaren
Stundenansatz von Fr. 200.00 sowie angepasst an die effektive Dauer der
Berufungsverhandlung, mit gerundet Fr. 43'900.00 aus der Staatskasse zu
entschädigen (Art. 135 Abs. 1 StPO i.V.m. § 9 Abs. 1 und Abs. 3bis AnwT).
Ausgangsgemäss ist diese Entschädigung – unter Abzug der
Übersetzungskosten – im Umfang von Fr. 42'750.00 vom Beschuldigten
zurückzufordern, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben
(Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
- 39 -
5.3.
Die unentgeltliche Rechtsbeiständin der Privatkläger A.M., B.M. und C.M.
ist für das Berufungsverfahren gestützt auf ihre Kostennote, ergänzt um die
Dauer der Berufungsverhandlung, mit gerundet Fr. 4'820.00 aus der
Staatskasse zu entschädigen (Art. 138 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 135 Abs. 1
StPO i.V.m. Art. 9 Abs. 1 und Abs. 3bis AnwT).
Der Beschuldigte trägt die Kosten für die unentgeltliche Verbeiständung der
Privatklägerschaft nur dann, wenn er sich in günstigen wirtschaftlichen
Verhältnissen befindet (Art. 426 Abs. 4 StPO). Dies ist vorliegend nicht der
Fall.
5.4.
Die unentgeltliche Rechtsbeiständin der Privatkläger G.O., H.O., I.O., J.O.,
K.O. und L.O. sowie N. ist für das Berufungsverfahren gestützt auf ihre
Kostennote, berichtigt um die effektive Dauer der Berufungsverhandlung,
mit gerundet Fr. 4'550.00 aus der Staatskasse zu entschädigen (Art. 138
Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 135 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 9 Abs. 1 und Abs. 3bis
AnwT).
Da der Beschuldigte sich nicht in günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen
befindet, hat er die Kosten für die unentgeltliche Verbeiständung der
Privatklägerschaft nicht zu tragen (vgl. Art. 426 Abs. 4 StPO).
5.5.
Fällt die Rechtsmittelinstanz selber einen neuen Entscheid, so befindet sie
darin auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428
Abs. 3 StPO).
Gemäss Art. 426 Abs. 1 StPO trägt die beschuldigte Person die
Verfahrenskosten, wenn sie verurteilt wird. Da der Beschuldigte des
mehrfachen Mordes schuldig gesprochen wird, erweist sich die
vorinstanzliche Kostenverlegung, wonach ihm die erstinstanzlichen
Verfahrenskosten von Fr. 112'541.00 im Umfang von Fr. 108'182.25
(inkl. Anklagegebühr von Fr. 4'650.00; exkl. Kosten für mündliche
Übersetzungen, für die externe Raummiete und für die polizeiliche
Überwachung) aufzuerlegen sind, als korrekt.
5.6.
Die Entschädigungen des früheren amtlichen Verteidigers, Rechtsanwalt
Burim Imeri, für das erstinstanzliche Verfahren von Fr. 65'489.60 sowie für
das Verfahren ST.2017.296 von Fr. 1'826.20 sind im Berufungsverfahren
unangefochten geblieben und somit keiner Überprüfung zugänglich (Urteil
des Bundesgerichts 6B_1299/2018 vom 28. Januar 2019 E. 2). Es ist
jedoch darauf hinzuweisen, dass die dem früheren amtlichen Verteidiger
entstandenen Aufwände im Verfahren ST.2017.296, welches durch die
- 40 -
Staatsanwaltschaft eingestellt wurde (vgl. UA act. 2918 f. Verfahren
ST.2017.296), nicht im vorliegenden Strafverfahren, sondern im Verfahren
ST.2017.296 zu entschädigen gewesen wären.
Die Entschädigung für das vorliegende Verfahren von Fr. 65'489.60 ist
ausgangsgemäss vom Beschuldigten zurückzufordern, sobald es seine
wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 StPO). Nachdem
das Verfahren ST.2017.296 eingestellt wurde, ist die dem früheren
amtlichen Verteidiger zugesprochene Entschädigung von Fr. 1'826.20
ausgangsgemäss nicht vom Beschuldigten zurückzufordern.
5.7.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten unter Bezugnahme auf Art. 426
Abs. 4 StPO verpflichtet, den Privatklägern A.M., B.M. und C.M. für das
erstinstanzliche Verfahren eine Parteientschädigung von Fr. 23'479.68 zu
ersetzen.
Die Höhe der Entschädigung der unentgeltlichen Vertreterin der
Privatkläger A.M., B.M. und C.M. von Fr. 25'012.60 (inkl. Entschädigung
von Fr. 1'532.90 für das Beschwerdeverfahren SBK.2020.218) ist im
Berufungsverfahren unbestritten geblieben, weshalb darauf nicht
zurückgekommen werden kann (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_1299/2018 vom 28. Januar 2019). Die Vorinstanz verkennt, dass wenn
den Privatklägern – wie vorliegend – die unentgeltliche Rechtspflege
gewährt worden ist, diese keine Anwaltskosten zu bezahlen haben. Ihnen
ist deshalb kein Schaden entstanden, den sie geltend machen könnten. Die
unentgeltliche Vertreterin ist vielmehr aus der Staatskasse zu bezahlen,
wobei der Beschuldigte diese Kosten nur trägt, wenn er sich in günstigen
wirtschaftlichen Verhältnissen befindet (Art. 426 Abs. 4 StPO). Dies ist
vorliegend nicht der Fall.
5.8.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten unter Bezugnahme auf Art. 426
Abs. 4 StPO verpflichtet, den Privatklägern G.O., H.O., I.O., J.O., K.O. und
L.O. sowie N. für das erstinstanzliche Verfahren eine Parteientschädigung
von Fr. 24'074.00 zu ersetzen.
Die Höhe der Entschädigung der unentgeltlichen Vertreterin der
Privatkläger G.O., H.O., I.O., J.O., K.O. und L.O. sowie N. von Fr. 24'074.00
ist im Berufungsverfahren unbestritten geblieben, weshalb darauf nicht
zurückgekommen werden kann (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_1299/2018 vom 28. Januar 2019). Da der Beschuldigte sich vorliegend
nicht in günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen befindet, hat er die Kosten
für die unentgeltliche Verbeiständung der Privatklägerschaft – entgegen
der Vorinstanz – nicht zu tragen (vgl. Art. 426 Abs. 4 StPO).
- 41 -
6.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).