Decision ID: eb7d3096-b50b-5620-92ea-f8c9f6473737
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ Die Erbengemeinschaft M. sel. ist Eigentümerin des Grundstücks Nr. 00,
Grundbuch W. Das Grundstück liegt nach dem Zonenplan der Gemeinde W. vom 30.
September 1996 im übrigen Gemeindegebiet und weist eine Fläche von 1'061 m auf.
Der südöstliche Teil des Grundstücks ist mit dem Wohnhaus Vers. Nr. .. überbaut. Auf
dem nordwestlichen Teil steht das Bienenhaus Vers. Nr. ... Nordwestlich des
Grundstücks befindet sich, durch eine Zufahrtsstrasse abgegrenzt, die
landwirtschaftliche Liegenschaft Nr. .. Auf der südlichen Seite wird das Grundstück Nr.
00 von der besagten Zufahrtsstrasse durchquert; der südlich der Zufahrtstrasse
liegende Teil grenzt an die G-strasse (Gemeindestrasse erster Klasse) und ist mit einer
an das Nachbargebäude angrenzenden Nebenbaute Vers. Nr. .. überbaut.
Am 1. Juli 2008 beschloss der Gemeinderat W. einen neuen Zonenplan und legte ihn
vom 14. August bis 13. September 2008 öffentlich auf. Gemäss der Zonenplanrevision
sollen unter anderem die Gebäude auf den nordwestlich der G-strasse liegenden
Grundstücken Nrn. .. .. .. .. der Kernzone 2 (abgekürzt K2) zugeteilt werden.
Insbesondere soll auch das Wohnhaus auf dem Grundstück Nr. 00 der K2 zugeteilt
werden. Der nördliche Teil der Fläche des Grundstücks Nr. 00 soll hingegen der
Landwirtschaftszone zugewiesen werden.
2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Erbengemeinschaft M. sel. erhob am 8. September 2008 Einsprache beim
Gemeinderat. In der Einspracheergänzung vom 25. Oktober 2008 beantragte die
Erbengemeinschaft, die Grundstücke Nrn. 00 und 01 seien vollumfänglich der K2
zuzuweisen. Anlässlich der Einspracheverhandlung legte der Gemeinderat W. der
Erbengemeinschaft M. sel. einen Vorschlag für eine gütliche Einigung, datiert
4. November 2008, vor. Nach dieser hätte der Gemeinderat der Erbengemeinschaft M.
sel. zugesichert, die geplante Grenze der K2 auf dem Grundstück Nr. 00 einen Meter
nach Nordwesten zu verschieben. Im Gegenzug sollte sich die Erbengemeinschaft
dazu verpflichten, die Zufahrt zum eigenen Grundstück und dem Grundstück Nr. ..
gemäss beiliegendem Plan sicherzustellen und gegen eine Anpassung der
Strassenfläche keine Einsprache zu erheben. Zudem sollte die Erbengemeinschaft der
Gemeinde W. den Grundstücksteil seitlich des Gebäudes Vers. Nr. .. zum Preis von Fr.
200.--/m zum Kauf anbieten. Überdies sollte die Einsprache zurückgezogen werden.
Nachdem es zu keiner gütlichen Einigung gekommen war, hiess der Gemeinderat mit
Beschluss vom 12. März 2009 die Einsprache teilweise gut, indem die Grenze
zwischen der K2 und der Landwirtschaftszone auf dem Grundstück Nr. 00 mit einem
Teilzonenplan um einen Meter gegen Nordwesten verschoben werden sollte, sobald
ein Bauprojekt vorliegen würde.
Der Zonenplan wurde vom 1. bis 30. April 2009 dem fakultativen Referendum
unterstellt. Dieses wurde nicht ergriffen. Nach Ablauf der Frist informierte der
Gemeinderat W. mit Schreiben vom 5. Mai 2009 die Erbengemeinschaft M. sel. über
die stillschweigende Zustimmung der Bürgerschaft.
B./ Die Erbengemeinschaft M. sel. erhob am 18. Mai 2009 Rekurs beim
Baudepartement und beantragte die Zuweisung des ganzen Grundstücks Nr. 00 zur
Bauzone. Nach Durchführung eines Augenscheins am 30. Juli 2009 wies das
Baudepartement den Rekurs mit Entscheid vom 19. November 2009 ab. Es erwog im
wesentlichen, durch die Zonenplanrevision sollten die gut erschlossenen Dorfteile A.
und B. erweitert und das fragliche Gebiet G- lediglich im Sinne eines weitgehend
überbauten Gebiets eingezont und im bisherigen Umfang erhalten werden. Demzufolge
sei die Zonenabgrenzung eng um die bestehenden Wohnhäuser gezogen worden. Aus
ortsplanerischer Sicht sei es ohne weiteres nachvollziehbar, zentrumsnähere und
2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
besser erschlossene Gebiete der Bauzone zuzuteilen. Letztlich sei die
Zonenabgrenzung auch mit Blick auf den auf dem Grundstück Nr. 00 angrenzenden
Landwirtschaftsbetrieb nachvollziehbar; ein Abstand von weniger als 20 Meter würde
den Immissionen zu wenig Rechnung tragen. Zusammenfassend hätte die vollständige
Einzonung des Grundstücks Nr. 00 zur Folge, dass schlecht erschlossenes und
unmittelbar einem Tierhaltungsbetrieb angrenzendes Gebiet der Bauzone zugeteilt
würde. Im Sinne der Gleichbehandlung sei sodann zu bemerken, dass die
benachbarten Grundstücke Nrn. .. umfassend – also unter Einbezug der Nebenbauten -
eingezont worden seien. Diesbezüglich würden jedoch unterschiedliche Sachverhalte
vorliegen; die Einzonung dieser Grundstücke dränge sich aus Gründen einer sinnvollen
und zweckmässigen Zonengrenze auf; die Raumverhältnisse auf den betroffenen
Grundstücken liessen bauliche Erweiterungen nur in einem sehr engen Rahmen zu, und
die Gebäude auf den Grundstücken Nrn. .. stünden auch nicht in unmittelbarer Nähe
eines Tierhaltungsbetriebs.
C./ Gegen den Entscheid des Baudepartements erhob die Erbengemeinschaft M. sel.
mit Eingabe ihres Rechtsanwalts vom 2. Dezember 2009 Beschwerde beim
Verwaltungsgericht. In der Beschwerdeergänzung vom 14. Januar 2010 wurde
beantragt, der Entscheid des Baudepartements vom 19. November 2009 sei
aufzuheben und es sei die Beschwerdegegnerin und die Vorinstanz anzuweisen, die
Zonengrenze beim Grundstück Nr. 00 um fünf Meter Richtung Nordwesten zu
verschieben, parallel zur nördlichen Fassadenflucht des Bienenhauses ; alles unter
Kosten- und Entschädigungsfolge. Zur Begründung wird im wesentlichen geltend
gemacht, das mit dem Zonenplan verfolgte planerische Konzept, im Gebiet G- eine
Einzonung im Sinne eines weitgehend überbauten Gebiets unter Einhaltung des
bisherigen Umfangs vorzunehmen, sei grundsätzlich nicht zu beanstanden. Tatsächlich
sei entlang der G-strasse und südlich im W2-Gebiet F. eine rege Bautätigkeit
festzustellen bzw. diese habe schon stattgefunden. Unbeachtet dieser Tatsache müsse
die Zonengrenze auch deswegen antragsgemäss verschoben werden, weil das
Bienenhaus zur bestehenden Bebauung gehöre; es sei funktional untrennbar mit dem
Wohnhaus verbunden und flächenmässig derart geringfügig, dass es ebenfalls zum
Siedlungsbereich gehöre. Die Planungsgrundsätze des Konzentrationsprinzips und der
Übereinstimmung von Plan und Wirklichkeit würden eine Einzonung des besagten
Gebäudes geradezu erfordern. Des Weiteren sei die vorgesehene Zonengrenze nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
haltbar, weil sie eine einigermassen sachgemässe Überbauung verunmögliche. Das
Wohnhaus sei nicht mehr bewohnbar und baufällig; durch den vorgelegten Zonenplan
werde das bebaubare Gebiet – unter Einhaltung der notwendigen Grenz- und
Strassenabstände - derart eingeengt, dass kein vernünftiges Gebäude mehr planbar
sei.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 4. Februar 2010 die Abweisung
der Beschwerde.
Der Gemeinderat W. hat auf eine Vernehmlassung verzichtet.
Die Beschwerdeführer erhielten Gelegenheit, zur Vernehmlassung der Vorinstanz
Stellung zu nehmen. Dies taten sie mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 16. März
2010.
Auf die weiteren Vorbringen der Beteiligten wird, soweit wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Mit Verfügung vom 26. März 2010 genehmigte das Baudepartement den Zonenplan,
insbesondere auch die Zonengrenze auf dem Grundstück Nr. 00.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59bis Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Die
Beschwerdeführer sind zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeerklärung vom 2. Dezember 2009
und deren Ergänzung vom 14. Januar 2010 entsprechen zeitlich, formal und inhaltlich
den gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und
Art. 48 Abs. 1 und 2 VRP). Auf die Beschwerde ist ein-zutreten.
2. Streitgegenstand ist das Begehren der Beschwerdeführer, die Zonengrenze der K2
auf dem Grundstück Nr. 00 fünf Meter Richtung Nordwesten zu verschieben.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerdeführer beantragen die Durchführung eines Augenscheins. Dieser ist die
unmittelbare sinnliche Wahrnehmung von Tatsachen durch die entscheidende Instanz.
Er dient dem besseren Verständnis des Sachverhalts. Ob ein Augenschein
durchzuführen ist, liegt im pflichtgemässen Ermessen der urteilenden Instanz.
Unbestrittene Tatsachen brauchen nicht durch einen Augenschein überprüft zu
werden, sofern eine Nachprüfung nicht durch öffentliche Interessen geboten erscheint
(Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, St. Gallen 2003, Rz.
966).
Die tatsächlichen Verhältnisse ergeben sich vorliegend aus den massgeblichen Plänen
und den übrigen Verfahrensakten sowie den Fotografien, so dass auf einen
Augenschein verzichtet werden kann.
2.1. Das Verwaltungsgericht ist zur Rechtskontrolle befugt (Art. 61 Abs. 1 und 2 VRP).
Dies bedeutet, dass es den dem Baudepartement zustehenden Ermessensspielraum
zu respektieren hat. Nach Art. 3 Abs. 2 des Baugesetzes (sGS 731.1, abgekürzt BauG)
stehen dem Staat in allen Belangen der Raumplanung und des öffentlichen Baurechts
die Rechts- und Ermessenskontrolle zu, wobei er den nötigen Ermessensspielraum der
politischen Gemeinde bei der Orts- und Regionalplanung zu wahren hat. Anders verhält
es sich im Beschwerdeverfahren vor Verwaltungsgericht. Das Verwaltungsgericht darf
grundsätzlich nur einschreiten, wenn Rechtsnormen und allgemeine Rechtsgrundsätze
des Raumplanungs- und Baurechts verletzt sind. Soweit es dagegen um die Ausübung
des pflichtgemässen Ermessens geht, ist dem Verwaltungsgericht eine Korrektur eines
Entscheides verwehrt. Ein grosser Ermessensspielraum steht der Verwaltung
namentlich dort zu, wo es um die Abwägung und Gewichtung der einzelnen Interessen
geht, namentlich in der Interessenabwägung im Rahmen der Raumplanung. Die
Interessenabwägung als solche gilt jedoch als Rechtsfrage. Namentlich die Frage des
vollständigen Einbezugs der massgeblichen Einzelaspekte in die Abwägung und
Wertung unterliegt daher der Rechtskontrolle (GVP 1996 Nr. 12). Eine Ermessensfrage
liegt jedoch dort vor, wo es um die Wertung bzw. Gewichtung der einzelnen
Grundsätze geht; dieser Vorgang ist der Rechtskontrolle entzogen.
Die Vorinstanz hat das Begehren, das Grundstück Nr. 00 vollumfänglich der Bauzone
zuzuteilen, abgewiesen. Im Beschwerdeverfahren beantragten die Beschwerdeführer,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auf dem Grundstück Nr. 00 die Zonengrenze der K2 um fünf Meter Richtung
Nordwesten zu verschieben. Dabei handelt es sich nicht um ein unzulässiges neues
Begehren (Art. 61 Abs. 3 VRP), sondern um ein gegenüber dem Rekursantrag
eingeschränktes Rechtsbegehren, welches grundsätzlich zulässig ist.
2.2. Bauzonen umfassen nach Art. 15 des Raumplanungsgesetzes (SR 700, abgekürzt
RPG) Land, das sich für die Überbauung eignet und weitgehend überbaut ist (lit. a)
oder voraussichtlich innert 15 Jahren benötigt und erschlossen wird (lit. b). Aufgrund
dieser Bestimmung gehört Land, das den gesetzlichen Voraussetzungen entspricht,
grundsätzlich in eine Bauzone, sofern es nicht als Folge der Abwägung aller für die
Raumplanung massgebenden Zielsetzungen, insbesondere der ortsplanerischen
Erwägungen, ganz oder teilweise einer Nichtbauzone zugewiesen wird (B. Heer, St.
Gallisches Bau- und Planungsrecht, Bern 2003, Rz. 83 mit weiteren Hinweisen). Die
Grundanliegen der Raumplanung ergeben sich namentlich aus Art. 75 der
Bundesverfassung (SR 101) sowie aus Art. 1, 3 und 14 ff. RPG. Nach der genannten
Verfassungsbestimmung stellt der Bund Grundsätze für eine der zweckmässigen und
haushälterischen Nutzung des Bodens und der geordneten Besiedelung des Landes
dienende Raumplanung auf. Dieser Verfassungsauftrag ist der Gewährleistung des
Eigentums grundsätzlich gleichgestellt (vgl. BGE 119 Ia 415 f. mit Hinweis auf
BGE 105 Ia 330).
Zu den Planungsgrundsätzen gehören namentlich der Landschaftsschutz sowie die
Siedlungsgestaltung und -begrenzung. Art. 3 Abs. 2 RPG gebietet, die Landschaft zu
schonen. Insbesondere sollen der Landwirtschaft genügende Flächen geeigneten
Kulturlandes erhalten bleiben. Siedlungen und Bauten haben sich in die Landschaft
einzuordnen (Art. 3 Abs. 2 lit. b RPG). Der Planungsgrundsatz gemäss Art. 3 Abs. 3
RPG verlangt, dass die Siedlungen nach den Bedürfnissen der Bevölkerung gestaltet
und in ihrer Ausdehnung begrenzt werden. Insbesondere sollen Wohngebiete vor
schädlichen oder lästigen Einwirkungen wie Luftverschmutzung, Lärm und
Erschütterungen möglichst verschont werden (Art. 3 Abs. 3 lit. b RPG). Diese
Bestimmung nimmt die allgemeine umweltpolitische Verpflichtung der Raumplanung
auf und verdeutlicht sie für die besonders immissionsempfindlichen Wohngebiete (BGE
127 I 110). Im Rahmen des raumplanerischen Auftrags kommt der Begrenzung der
Bautätigkeit auf dafür vorgesehene Gebiete unter Verhinderung der Zersiedelung des
Landes sowie unter Wahrung schützenswerter Orts- und Landschaftsbilder vorrangige
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bedeutung zu (BGE 119 Ia 416). Die Grundsätze der Raumplanung verlangen, dass das
Gemeinwesen eine Ordnung der Besiedlung schafft, die auf die gewünschte
Entwicklung des Landes ausgerichtet ist. Daraus folgt, dass die private Nachfrage
allein keine Erweiterung einer Bauzone rechtfertigt (BGE 117 Ia 432).
Sowohl der Begriff des weitgehend überbauten Landes im Sinn von Art. 15 lit. a RPG
als auch derjenige des weitgehend überbauten Gebiets nach Art. 36 Abs. 3 RPG sind
eng zu verstehen. Erfasst werden im Wesentlichen nur der geschlossene
Siedlungsbereich und eigentliche Baulücken, d.h. an die Bauten angrenzende
unbebaute Flächen von untergeordneter Bedeutung, die zum Siedlungsbereich
gehören. Die weitgehende Überbauung bestimmt sich anhand der typischerweise zur
Bauzone gehörenden, bereits vorhandenen und genutzten Wohn-, Industrie- und
Gewerbebauten sowie den dazugehörigen Infrastrukturanlagen. Die Bauten müssen
effektiv bewohnt und benutzt werden. Erforderlich ist, dass die bestehende
Überbauung die Qualität einer Siedlung besitzt oder zu einer solchen zu zählen ist.
Ausschlaggebend für den Siedlungscharakter sind das Ausmass, in dem sich Art und
Nutzung der Bauten von der Bewirtschaftung des Umlandes gelöst haben, ferner die
örtliche Nähe der Häuser sowie die vorhandene Infrastruktur. Namentlich ist zu
berücksichtigen, wie weit diese Bauten durch Strassen und Leitungen erschlossen und
miteinander oder mit den übrigen Bauzonen verbunden sind und inwieweit öffentliche
Bauten und Anlagen vorhanden sind, d.h. eine öffentliche Infrastruktur (Schule,
Einkaufsläden usw.) besteht. Die erwähnten Infrastrukturanlagen stellen jedoch nur ein
Indiz dar, können doch auch reine Wohnquartiere zum weitgehend überbauten Gebiet
gehören (BGE 116 Ia 201, 113 Ia 451; Heer, a.a.O., Rz. 86 mit weiteren Hinweisen;
Waldmann/Hänni, Handkommentar RPG, Bern 2006, N 23 zu Art. 15 mit weiteren
Hinweisen; F. Jost, Grösse und Lage von Bauzonen, Diss. Zürich 2000, S. 103 f.).
Eine einzelne Parzelle, um deren Einzonung bzw. Umzonung es geht, ist somit als
"weitgehend überbaut" zu betrachten, wenn sie einem Siedlungszusammenhang
zuzurechnen ist. Ob sie selber Bauten aufweist, ist nicht entscheidend. Die
"weitgehende Überbauung" umfasst wie erwähnt auch Baulücken, d.h. an die Bauten
angrenzende, unüberbaute Flächen von untergeordneter Bedeutung, die zum
Siedlungsbereich gehören.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Baulücken sind einzelne unüberbaute Parzellen, die unmittelbar an das überbaute Land
angrenzen, in der Regel bereits erschlossen sind und eine relativ geringe Fläche
aufweisen. Die Nutzung der Baulücke wird vorwiegend von der sie umgebenden
Überbauung geprägt; das unüberbaute Land muss also zum geschlossenen
Siedlungsbereich gehören, an der Siedlungsqualität teilhaben und von der
bestehenden Überbauung so stark geprägt sein, dass sinnvollerweise nur die
Aufnahme in die Bauzone in Frage kommt (BGE 121 II 417 neues Fenster E. 5a S. 424;
BGE 132 II 218 E. 4.2.1). Die Siedlungsqualität einer unüberbauten Fläche wird von der
sie umgebenden Überbauung umso weniger beeinflusst, je grösser sie ist. Das
Bundesgericht hat das Vorliegen einer Baulücke aus quantitativen Gründen bei Flächen
von 1,4 ha, 2,3 ha, 5,5 ha und 12 ha verneint. Zugleich hat es darauf hingewiesen, dass
sich die Frage nach dem Vorliegen einer Baulücke nicht nach rein quantitativen
Kriterien beurteile. Es seien durchaus Fälle denkbar, in denen Bauten wegen ihrer
Grösse oder der Art ihrer Nutzung auf ihre Umgebung einen besonders prägenden
Einfluss ausübten und die planerische Festlegung einer grösseren Fläche weitgehend
bestimmen würden (vgl. zum Ganzen BGE 132 II 218 E. 4.2.3). Wohl macht es einen
Unterschied, ob eine Baulücke eher am Rand oder inmitten einer Ortschaft liegt (BGer
1P.692/2001 vom 22. Januar 2002, E. 3.4.).
2.3. Das vorliegend betroffene Grundstück befindet sich am Rande eines weitgehend
mit Wohnhäusern überbauten Gebietes und ist selber auf dem südöstlichen Teil mit
einem Wohnhaus überbaut. Es ist denn auch unbestritten, dass in diesem von
Wohnhäusern geprägten Teil eine Einzonung im Sinne der Zuordnung des weitgehend
überbauten Landes zur Bauzone stattfinden soll. Umstritten ist hingegen der genaue
Verlauf der Zonengrenze der K2 auf dem Grundstück Nr. 300.
Gemäss Zonenplan soll die Zonengrenze der K2 durch das Grundstück Nr. 00 eng um
das bestehende Wohnhaus führen, insbesondere unter Ausschluss des nördlichen
bzw. nordwestlichen Teils, auf dem das Bienenhaus steht. Demgegenüber verlangen
die Beschwerdeführer eine Verschiebung der Grenze um 5 Meter nach Nordwesten,
parallel zur nördlichen Fassadenflucht des Bienenhauses.
2.3.1. Vorliegend ist in einem ersten Schritt die Frage zu klären, ob bzw. in welchem
Umfang es sich beim Grundstück Nr. 00 um weitgehend überbautes Land im Sinne von
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=Parzellen+am+Rande+einer+Bauzone+&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F121-II-417%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page417
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Art. 15 lit. a RPG handelt. Gemäss den obigen Ausführungen bestimmt sich die
weitgehende Überbauung anhand der typischerweise zur Bauzone gehörenden, bereits
vorhandenen und genutzten Wohn-, Industrie- und Gewerbebauten sowie den
dazugehörigen Infrastrukturanlagen. Die Grenze des weitgehend überbauten Gebietes
fällt nicht notwendigerweise mit den Parzellengrenzen zusammen, sondern kann
gemäss Lehre und Praxis bei grösseren Grundstücken auch durch diese verlaufen; je
nach den örtlichen Gegebenheiten können nicht nur nebeneinanderliegende
Grundstücke, sondern auch Grundstücksteilflächen planerisch durchaus ein eigenes
Schicksal haben (BGer 1A.200/1997 vom 11. November 1997, E. 4.c. in: ZBl 1999 S.
38 mit weiteren Hinweisen, wobei eine Grösse von 7'633 m für eine Aufteilung als
genügend angesehen wurde; Jost, a.a.O., S. 107). Wohl ist in einem solchen Fall
analog zur Rechtsprechung bei den eigentlichen Baulücken, welche eine eigenständige
Parzelle betreffen, sowohl auf quantitative wie auf qualitative Merkmale abzustellen, um
festzustellen, ob ein Siedlungszusammenhang besteht.
Das vorliegende Grundstück umfasst gesamthaft eine relativ geringe Fläche von 1'061
m . Es befindet sich im Bereich des Übergangs vom Baugebiet zum unüberbauten
Gebiet bzw. zum Landwirtschaftsgebiet. Die Zufahrtsstrasse zwischen den
Grundstücken Nrn. 00 und .. stellt dabei keine markante Abgrenzung dar. Auch die
Parzellengrenze oder das Bienenhaus stellen keine Merkmale dar, die eine natürliche
Trennung des Siedlungsgebietes markieren. Zwar kann die Grundstücksfläche dem
Gartenbereich des Wohnhauses zugerechnet werden. Dies ist aber aufgrund der Lage
des Wohnhauses am südlichen Rand des Grundstücks nicht zwingend. Auch hat das
Bienenhaus grundsätzlich keinen funktionellen Zusammenhang mit dem Wohngebäude
bzw. dem damit überbauten Grundstücksteil; es kommt ihm aber auch keine Funktion
als eigenständiger Landwirtschafts- bzw. Tierhaltungsbetrieb zu. Aufgrund der örtlichen
Gegebenheiten besteht beim unüberbauten Grundstückteil im nördlichen Bereich kein
genügender Siedlungszusammenhang. Daher kann nicht das gesamte Grundstück Nr.
00 als weitgehend überbautes Land im Sinne von Art. 15 lit. b RPG eingestuft werden.
Die Beschwerdeführer verlangten denn auch nicht eine vollumfängliche Einzonung.
2.3.2. Vorliegend ist somit zu prüfen, ob die im Rahmen des Zonenplans getroffene
Grenzziehung auf dem Grundstück Nr. 00 aufgrund der für die Raumplanung mass-
gebenden Zielsetzungen sachgerecht ist.
2
2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Vorinstanz beruft sich einerseits auf das Konzentrationsprinzip, wenn sie geltend
macht, dass mit dem Zonenplan die Siedlungsentwicklung der gut erschlossenen
Dorfteile A. und B. vorgesehen sei; im fraglichen Gebiet G- soll hingegen der Status
quo erhalten bleiben, womit sich eine eng um die bestehenden Wohnhäuser gezogene
Zonengrenze rechtfertige. Diese Überlegungen sind nachvollziehbar. Die Schwerpunkte
der Siedlungsentwicklung sind von der Planungsbehörde festzulegen. Ausserdem
handelt es sich bei der Festlegung der Zonengrenze innerhalb eines Grundstücks stets
um einen Entscheid, der einen gewissen Spielraum offen lässt. Jeder Grenzziehung
haftet insoweit sogar etwas Willkürliches an. Die Beschwerdegegnerin will mit der
Einzonung die Erstellung einer Neubaute ermöglichen. Dieser Umstand darf bei der
Festlegung der Zonengrenze berücksichtigt werden, ebenso die Absicht, eine neue
Baute den örtlichen Gegebenheiten anzupassen.
2.3.3. Weiter durfte die Vorinstanz berücksichtigen, dass das Grundstück Nr. 00 an
einen Landwirtschaftsbetrieb angrenzt. Gemäss Art. 3 Abs. 3 lit. b RPG sind
Wohngebiete vor schädlichen oder lästigen Einwirkungen wie Luftverschmutzung,
Lärm und Erschütterungen möglichst zu verschonen. Vorbestehende Einwirkungen
können dazu führen, dass die Eignung eines Gebietes als Wohnbauland verneint
werden muss (P. Tschannen, in: Aemisegger/Kuttler/Moor/ Ruch (Hrsg.), Kommentar
zum Bundesgesetz über die Raumplanung, Zürich/Basel/Genf 2009, N 56 zu Art. 3
RPG). Mit Art. 3 Abs. 3 lit. b RPG wird auf das Planungsziel von Art. 1 Abs. 2 lit. a RPG
und damit primär auf die Immissionsschutzvorschriften des Bundesgesetzes über den
Umweltschutz (SR 814.01, abgekürzt USG) bzw. seiner Ausführungsvorschriften Bezug
genommen. Eine Planung, die den bundesrechtlichen Mindeststandard gemäss USG
und seiner Ausführungsverordnungen nicht einhält, gilt als rechtswidrig (Waldmann/
Hänni, a.a.O., N 38 f. zu Art. 3 RPG). Als anerkannte Regel zur Berechnung der
erforderlichen Mindestabstände zu Landwirtschaftsbetrieben gelten insbesondere die
Empfehlungen der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Betriebswirtschaft und
Landtechnik (abgekürzt FAT). Für Anlagen der bäuerlichen Tierhaltung und der
Intensivtierhaltung verweist Art. 3 in Verbindung mit Ziffer 51 Anhang 2 der
Luftreinhalte-Verordnung (SR 814.318.142.1) im Rahmen der vorsorglichen
Emissionsbegrenzung gemäss USG namentlich auf die Empfehlungen der FAT.
Gemäss FAT Bericht Nr. 456 „Mindestabstände von Tierhaltungsanlagen“ (publiziert in:
http://www.agroscope.admin.ch/data/publikationen/FAT_Bericht_476_D.pdf) gilt die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
schematische Abstandsberechnung (N = 43 x ln(Geruchsbelastungswert, abgekürzt
GB-Wert) minus 40) erst ab einem GB-Wert von 4. Wird dieser Wert unterschritten, soll
als Abstandsmass in der Regel dennoch derjenige Mindestabstand gelten, dem der
GB-Wert 4 zugrunde liegt, nämlich 19,6 m. Es liegt diesfalls aber im Ermessen der
Behörde, einen kleineren Mindestabstand zuzulassen.
Vorliegend geht es zwar nicht um die Erstellung eines landwirtschaftlichen Betriebs,
dennoch sind bei der Planung die bestehenden Verhältnisse zu beachten, und die
Grenzwerte des vorsorglichen Emissionsschutzes können analog herangezogen
werden. Insofern ist es sachlich nachvollziehbar, dass die Behörden beim vorliegenden
GB-Wert von 1,9 im Rahmen der Festlegung der Zonengrenze grundsätzlich die
Mindestabstandsgrenze von rund 20 m berücksichtigten. Allerdings handelt es sich
dabei nicht um eine feste Grösse, sondern um einen Richtwert.
2.4. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Verlauf der Zonengrenze durch das
Grundstück Nr. 00 sachgemäss ist. Die vom Gemeinderat im Einspracheentscheid
getroffene Regelung, die Grenze zwischen der K2 und der Landwirtschaftszone auf
dem Grundstück Nr. 00 mit einem Teilzonenplan um einen Meter gegen Nordwesten zu
verschieben, sobald ein Bauprojekt vorliegt, ist allerdings in dieser Form nicht
umsetzbar. Der Gemeinderat könnte wohl einen Teilzonenplan beschliessen, doch
müsste dieser dem fakultativen Referendum unterstellt werden. Die Beschwerdeführer
hätten daher keine Gewähr, dass die im Einspracheentscheid getroffene Regelung
Rechtskraft erlangen würde. Zudem müsste ein Teilzonenplan vom Baudepartement
genehmigt werden.
Im Rekursverfahren stimmte der Gemeinderat einer Verschiebung der Zonengrenze
gegen Nordwesten um zwei Meter zu. Unter diesen Umständen rechtfertigt es sich, die
Zonengrenze dementsprechend festzulegen, d.h. gegenüber dem genehmigten
Zonenplan zwischen dem Grundstück Nr. 01 und der südwestlichen Begrenzung um
zwei Meter in Richtung Nordwesten zu verschieben. Damit wird die Autonomie der
Gemeinde gewahrt, hat diese doch selber eine Verschiebung der Zonengrenze gegen
Nordwesten zugesichert und im Rekursverfahren einer Verschiebung um zwei Meter
zugestimmt. Auch wird damit den Interessen der Beschwerdeführer an einem
erweiterten Gebiet für eine Überbauung Rechnung getragen. Aufgrund der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einzuzonenden Fläche erweist sich eine zweckmässige Überbauung des Grundstücks
als machbar. Folglich ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen. Der Rekursentscheid
des Baudepartements vom 19. November 2009 und der Einspracheentscheid des
Gemeinderates W. vom 12. März 2009 sind insoweit abzuändern, als die nordwestliche
Zonengrenze um zwei Meter gegen Nordwesten verschoben wird, im übrigen ist die
Beschwerde abzuweisen.
3. Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens je zur Hälfte den Beschwerdeführern und der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von
Fr. 4'000.-- ist angemessen (Art. 13, Ziff. 622 Gerichtskostentarif, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 2'000.-- ist mit dem Kostenanteil der Beschwerdeführer zu
verrechnen. Auf die Erhebung des Kostenanteils der Beschwerdegegnerin ist zu
verzichten (Art. 95 Abs. 3 VRP).
Ausseramtliche Entschädigungen sind bei einer hälftigen Kostenauflage nicht
zuzusprechen (Art. 98bis VRP; R. Hirt, Die Regelung der Kosten nach st. gallischem
Verwaltungsrechtspflegegesetz, Diss. St. Gallen 2004, S. 183).
Der Kostenspruch des Rekursentscheids ist nicht abzuändern, da die
Beschwerdeführer im Rekursverfahren eine vollumfängliche Einzonung ihres
Grundstücks beantragt hatten und diesem Antrag nicht stattgegeben wird (Art. 95 Abs.
1 und Art. 98bis VRP).
Demnach hat das Verwaltungsgericht