Decision ID: 9a819d47-f544-5a2b-a2f8-04964ec4db4a
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog eine halbe Rente der Invalidenversicherung. Mit einer Verfügung vom
25. Februar 2016 wurde diese eingestellt. Eine dagegen erhobene Beschwerde wies
das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen am 13. November 2018 ab (IV
2016/119, IV 2016/317).
A.a.
Der Versicherte meldete sich erneut zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an. Mit einem Vorbescheid vom 1. März 2021 kündigte die IV-
Stelle dem Versicherten an (IV-act. 1), nicht auf das Leistungsbegehren einzutreten. Zur
Begründung gab sie an, es sei keine relevante Veränderung des Gesundheitszustands
glaubhaft gemacht worden. Der Versicherte erhob dagegen am 9. April 2020 (gemeint
wohl: 9. April 2021) einen als "Einsprache" bezeichneten Einwand (IV-act. 7). Er erteilte
seinem Sohn B._ eine Vollmacht "über alle IV Informationen" und hielt fest, die IV-
Stelle habe telefonisch gesagt, dass dies notwendig sei, falls sein Sohn nochmals
anrufe (Vollmacht undatiert, Posteingang undatiert, IV-act. 14). Am 11. Mai 2021
ersuchte der Sohn des Versicherten telefonisch um Akteneinsicht (IV-act. 16). Die IV-
Stelle übermittelte dem Sohn des Versicherten am Folgetag die Akten (IV-act. 17). Mit
einer Verfügung vom 27. Mai 2021 trat sie nicht auf das Leistungsbegehren ein (IV-
act. 18). Sie versandte diese Verfügung mittels A-Post plus an die Adresse des
Versicherten. Am 2. Juni 2021 hielt eine Mitarbeiterin der IV-Stelle in einer Aktennotiz
fest (IV-act. 19), der Sohn des Versicherten habe soeben angerufen und angegeben,
die Verfügung vom 27. Mai 2021 sei nicht angekommen. Die Verfügung werde dem
Sohn des Versicherten erneut zugestellt. Am 4. Juni 2021 sandte die IV-Stelle dem
Sohn des Versicherten eine Kopie der Verfügung vom 27. Mai 2021. Der Versand
erfolgte ebenfalls mittels A-Post plus (IV-act. 20).
A.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer) erhob eine Beschwerde gegen
die Verfügung vom 27. Mai 2021. Das Beschwerdeschreiben datierte vom 29. Juni
2021 (act. G 1). Das Couvert war frankiert, aber nicht abgestempelt worden (act. G 1.1).
Die Beschwerde ging am 1. Juli 2021 beim Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen ein (Entnahme aus dem Briefkasten, siehe Posteingangsstempel). Der
Beschwerdeführer beantragte sinngemäss die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung und das Eintreten auf sein Leistungsbegehren. Einleitend erwähnte er, dass
er die Verfügung vom 27. Mai 2021 nicht erhalten habe. Auf Nachfrage seines Sohnes
habe er dann am 4. Juni 2021 eine Kopie der Verfügung erhalten.
B.a.
Das Versicherungsgericht bat die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) am
1. Juli 2021 um die Zustellung der (der Beschwerde nicht beigelegten) Verfügung vom
27. Mai 2021 und um die Angabe der Sendungsnummer. Die Beschwerdegegnerin
sandte gleichentags die Verfügung und den Sendungsnachweis zu (act. G 2, 3).
Gemäss der Sendungsverfolgung der Post war am 27. Mai 2021 eine Sendung mittels
A-Post plus aufgegeben und am 28. Mai 2021 zugestellt worden. Gemäss dem
Sendungsbild handelte es sich dabei um ein an den Beschwerdeführer adressiertes
Schreiben der Beschwerdegegnerin (act. G 3.1). Am 5./6. Juli 2021 sandte die
Beschwerdegegnerin dem Versicherungsgericht die Sendungsnummer und die
Sendungsverfolgung der Post betreffend die Zustellung der Kopie der Verfügung vom
27. Mai 2021 an den Sohn des Beschwerdeführers zu (act. G 4). Demnach war diese
Sendung am 4. Juni 2021 aufgegeben und am 5. Juni 2021 zugestellt worden.
B.b.
Am 13. Juli 2021 forderte das Versicherungsgericht den Beschwerdeführer zur
Leistung eines Kostenvorschusses von Fr. 600.-- auf (act. G 5). Am 6./11. August 2021
stellte der Beschwerdeführer ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung
von den Gerichtskosten), das er bei der Beschwerdegegnerin einreichte. Diese
übermittelte die Eingabe am 18. August 2021 dem Versicherungsgericht (act. G 9, 9.1).
B.c.
Am 24. August 2021 beantragte die Beschwerdegegnerin, auf die Beschwerde sei
nicht einzutreten (act. G 10). Zur Begründung machte sie geltend, die Beschwerde sei
verspätet erhoben worden.
B.d.
Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Replik (vgl. act. G 12).B.e.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Strittig und im Folgenden zu prüfen ist, ob die Beschwerde gegen die Verfügung vom
27. Mai 2021 rechtzeitig erhoben worden ist.
2.
Verfügungen und Einspracheentscheide, gegen die nach dem Bundesgesetz über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) Beschwerde
erhoben werden kann, können beim Versicherungsgericht mit Rekurs angefochten
werden (Art. 42 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, VRP, sGS
951.1). Art. 56 Abs. 1 ATSG sieht vor, dass gegen Einspracheentscheide oder
Verfügungen, gegen welche eine Einsprache ausgeschlossen ist, Beschwerde erhoben
werden kann. Da bei einem Endentscheid über ein Leistungsbegehren nach dem
Bundesgesetz über die Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) das Vorbescheid- und
nicht das Einspracheverfahren gilt (Art. 57a IVG), sind Verfügungen betreffend das
Nichteintreten auf ein Leistungsbegehren beim Versicherungsgericht mit Beschwerde
anfechtbar. Die Beschwerde ist innerhalb von 30 Tagen nach der Eröffnung der
Verfügung einzureichen. Art. 38-41 ATSG sind sinngemäss anwendbar (Art. 60 ATSG).
Berechnet sich eine Frist nach Tagen oder Monaten und bedarf sie der Mitteilung an
die Parteien, so beginnt sie am Tag nach ihrer Mitteilung zu laufen. Ist der letzte Tag
der Frist ein Samstag, ein Sonntag oder ein vom Bundesrecht oder vom kantonalen
Recht anerkannter Feiertag, so endet sie am nächstfolgenden Werktag (Art. 38 Abs. 1
und 3 ATSG). Schriftliche Eingaben müssen spätestens am letzten Tag der Frist dem
Versicherungsträger respektive in einem Beschwerdeverfahren dem
Versicherungsgericht eingereicht oder zu dessen Handen der Schweizerischen Post
übergeben werden (Art. 39 Abs. 1 ATSG).
3.
Im Sozialversicherungsrecht bestehen keine Vorschriften dazu, wie eine Verfügung
zuzustellen ist. Es ist deshalb nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin die
Verfügung vom 27. Mai 2021 mittels A-Post plus versandt hat. Eine Verfügung gilt als
zugestellt, wenn sie in den Machtbereich des Verfügungsadressaten gelangt ist. Dies
ist erfüllt, wenn sie in dessen Briefkasten oder Postfach gelegt wird. Nicht erforderlich
ist, dass der Verfügungsadressat von der Verfügung tatsächlich Kenntnis nimmt (Urteile
des Bundesgerichts vom 2. Juli 2020, 8C_330/2020, E. 3, und vom 18. Oktober 2019,
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8C_604/2019, E. 5.2, m.w.H.). Bei der Versandart A-Post plus wird der Brief mit einer
Sendungsnummer versehen und die Zustellung wird von der Post elektronisch erfasst,
sobald der Brief in den Briefkasten oder in das Postfach des Empfängers gelegt wird.
Anhand der Sendungsverfolgung der Post lässt sich deshalb feststellen, in welchem
Zeitpunkt eine Postsendung zugestellt worden ist. Ein Fehler der Post bei der
Zustellung liegt zwar nicht ausserhalb jeder Wahrscheinlichkeit, ist praxisgemäss aber
nicht zu vermuten, sondern nur anzunehmen, wenn ein solcher aufgrund der Umstände
als plausibel erscheint (Urteil des Bundesgerichts vom 2. Juli 2020, 8C_330/2020, E. 3;
BGE 142 III 604, E. 2.4.1).
4.
Die Beschwerdegegnerin hat die angefochtene Verfügung vom 27. Mai 2021 am
gleichen Tag der Post übergeben und mittels A-Post plus versandt. Gemäss der
Sendungsverfolgung der Post ist die Verfügung dem Beschwerdeführer am 28. Mai
2021 zugestellt, also in seinen Briefkasten gelegt worden. Sie ist damit in seinen
Machtbereich gelangt. Das pauschale Vorbringen des Beschwerdeführers, er habe
diese Verfügung nicht erhalten, genügt nicht, um einen Fehler der Post bei der
Zustellung der Verfügung als plausibel erscheinen zu lassen. Die angefochtene
Verfügung ist dem Beschwerdeführer also am 28. Mai 2021 ordnungsgemäss zugestellt
und damit eröffnet worden. Die Zustellung einer Kopie der Verfügung am 5. Juni 2021
an den Sohn des Beschwerdeführers ist keine erneute Eröffnung dieser Verfügung
gewesen, denn diese Zustellung hat lediglich der Information des Sohnes des
Beschwerdeführers gedient. Der Sohn des Beschwerdeführers hat nämlich über eine
Vollmacht verfügt, von der Beschwerdegegnerin "alle IV Informationen" zu erhalten. Da
die angefochtene Verfügung vom 27. Mai 2021 dem Beschwerdeführer am 28. Mai
2021 eröffnet worden ist, hat die Beschwerdefrist am 29. Mai 2021 zu laufen
begonnen. Der letzte Tag der 30-tägigen Beschwerdefrist ist der 27. Juni 2021
gewesen. Da dies ein Sonntag gewesen ist, ist die Beschwerdefrist am nächsten Tag,
dem 28. Juni 2021 abgelaufen. Das Couvert, mit dem der Beschwerdeführer die
Beschwerde dem Versicherungsgericht eingereicht hat, ist zwar frankiert, aber nicht
abgestempelt worden. Das Versicherungsgericht hat die Beschwerde am 1. Juli 2021
erhalten (Entnahme aus dem Briefkasten). Ob der Beschwerdeführer das Couvert direkt
in den Briefkasten des Versicherungsgerichts gelegt hat oder der Post zum Versand
übergeben und diese das Couvert nicht abgestempelt hat, kann offenbleiben. Das
Beschwerdeschreiben datiert nämlich vom 29. Juni 2021. Damit ist es überwiegend
wahrscheinlich, dass die Beschwerde frühestens am 29. Juni 2021 der Post übergeben
respektive frühestens am 30. Juni 2021 in den Briefkasten des Versicherungsgerichts
eingeworfen worden ist, denn das Versicherungsgericht leert seinen Briefkasten
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
täglich. Da die Beschwerdefrist am 28. Juni 2021 abgelaufen gewesen ist, ist die
Beschwerde unabhängig von der Zustellungsart nicht rechtzeitig erhoben worden. Auf
die verspätet eingereichte Beschwerde ist deshalb nicht einzutreten.
5.
Praxisgemäss sind bei diesem Ausgang des Verfahrens keine Gerichtskosten zu
erheben. Es kann daher offenbleiben, ob dem Gesuch des Beschwerdeführers um die
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung zu entsprechen wäre.