Decision ID: 361f66e3-7d7e-5ace-85cf-9ebb9d87862e
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein irakischer Staatsangehöriger kurdischer
Ethnie aus B._ (Provinz Dohuk in der nordirakischen Autonomen
Region Kurdistan [„Kurdistan Regional Government“, „KRG“]), verliess sei-
nen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am 5. September 2015 und ge-
langte über die Türkei, Bulgarien, Serbien, Ungarn und Deutschland am
20. September 2015 in die Schweiz, wo er gleichentags um Asyl nach-
suchte. Am 29. September 2015 wurde er summarisch zu seiner Person
befragt (BzP; Protokoll in den SEM-Akten A4/10) und am 14. Juli 2016 zu
seinen Asylgründen angehört (Anhörung; Protokoll in den SEM-Akten
A11/20).
A.b Zur Begründung seines Asylgesuchs führte er aus, er sei Angehöriger
des Stammes C._. Vor seiner Ausreise sei er ein Jahr lang als Pe-
schmerga (die Streitkräfte der KRG) für die KDP (Demokratischen Partei
Kurdistans) aktiv gewesen. Er habe – im Unterschied zu seinem Vater und
seinem Bruder – nicht offiziell, sondern inoffiziell und ohne militärische Aus-
bildung in der Einheit von D._ gedient. D._ habe als Ange-
höriger seines Stammes grosses Vertrauen in ihn gehabt. Er sei Leibwäch-
ter von D._ gewesen und habe ungefähr drei Monate lang sein
Haus in B._ bewacht. Danach habe er Dienst in (...) geleistet. Wäh-
rend seiner Dienstzeit habe er kaum zwei Magazine seiner Waffe geleert.
Er habe mit der Dienstwaffe nicht umgehen können, weil er nicht daran
ausgebildet worden sei. Die Regierung der KRG habe viele Waffen aus
dem Westen erhalten, die D._ illegal an die PKK (kurdisch: Partiya
Karkerên Kurdistanê, deutsch: Arbeiterpartei Kurdistans) verkauft habe.
Der Asayish (Inlandsgeheimdienst der KRG) sei von der PKK über diese
Waffenverkäufe informiert worden. Im (...) 2015 seien statt D._ der
Beschwerdeführer und drei oder vier seiner Kollegen vorgeladen und für
zwanzig Tage inhaftiert worden. Während der Haft habe man ihn darüber
befragt, was mit den Waffen passiert sei. Er habe gesagt, dass D._
für den Waffenverkauf verantwortlich gewesen sei beziehungsweise er
nichts von diesen Geschäften wisse. Nachdem er mit der Aussage seiner
Kollegen konfrontiert worden sei, dass er selber die Waffen verkauft habe,
sei er schwer misshandelt worden. D._ sei zwar zwei Tage vor der
Vorladung suspendiert worden, aber er habe weiterhin seinen Lohn erhal-
ten. Nach der Inhaftierung sei er zusammen mit seinen Kollegen nach
Hause entlassen worden. Dort habe er mit seinem Mobiltelefon zur Erinne-
rung Fotos der anlässlich der Haft zugefügten Misshandlungen angefertigt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Autonome_Region_Kurdistan
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Sein Vater habe ihm daraufhin geraten, das Land zu verlassen. Zwei bis
vier Tage nach seiner Freilassung habe er den Irak verlassen. Seine Kol-
legen seien hingegen wieder verhaftet worden und sechs Tage nach seiner
Ausreise habe man bei seiner Familie nach ihm gesucht. Zudem sei sein
Vater für zwei Tage inhaftiert worden, auf Geheiss von D._ indes
wieder freigelassen worden.
Der Beschwerdeführer reichte Kopien seiner Identitätskarte sowie seines
Nationalitätenausweises und mehrere Fotos ein, die die erlittenen Verlet-
zungen und ihn sowie seine Angehörigen im Dienst bei den Peschmerga
zeigen würden.
A.c Mit Verfügung vom 21. Oktober 2016 stellte das SEM fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylge-
such ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug
an.
A.d Mit Eingabe vom 23. November 2016 liess der Beschwerdeführer
durch seinen Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde
gegen diese Verfügung erheben. Als Beweismittel liess er zwei Haftbefehle
vom (...) 2015 und (...) 2015 wegen „Verstosses gegen den Artikel 165
Q44“ einreichen. Gemäss letzterem Haftbefehl sei er in Abwesenheit zu 15
Jahren Haft verurteilt worden, weil er Waffen an die Terrorganisation PKK
verkauft habe. Des Weiteren liess er drei Schreiben von Privatpersonen
betreffend seine Integration in der Schweiz einreichen.
A.e Mit Urteil E-7233/2016 vom 9. Dezember 2016 hiess das Bundesver-
waltungsgericht die Beschwerde gut, soweit die Aufhebung der angefoch-
tenen Verfügung beantragt wurde. Es hob sie auf und wies die Sache im
Sinne der Erwägungen zur Wiederaufnahme des Verfahrens und zu
neuem Entscheid an die Vorinstanz zurück.
B.
B.a Nach der Wiederaufnahme des Verfahrens forderte das SEM den
Rechtsvertreter mit Schreiben vom 27. Dezember 2016 auf, die Fotos der
Verletzungen in digitaler, unbearbeiteter Form zusammen mit dem beige-
legten Fragebogen bis zum 17. Januar 2017 nachzureichen.
B.b Mit Eingabe vom 17. Januar 2017 liess der Beschwerdeführer eine
CD-ROM mit den Fotos in digitaler Version und den ausgefüllten Fragebo-
gen einreichen. Am 30. Januar 2017 liess er eine weitere CD-ROM mit den
bereits eingereichten Fotos und einen Printscreen-Ausdruck ihres Inhalts
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einreichen. Es sei ihm in der Zwischenzeit gelungen, die Fotos direkt von
seinem Mobiltelefon, auf das sie am 20. September 2015 verschickt wor-
den seien, herunterzuladen.
B.c Am 21. März 2017 wurde der Beschwerdeführer zwecks vollständiger
Feststellung des Sachverhalts ergänzend zu seinen Asylgründen angehört
(Protokoll in den SEM-Akten A27/14).
B.d Mit Schreiben vom 13. April 2017 reichte der Beschwerdeführer eine
DVD-CD mit einem Interview von ihm und einen Brief aus "Kurdistan"
(Schreiben Dorfvorsteher) mit der Bitte um Übersetzung ein. Das Mobilte-
lefon mit den von ihm verlangten Dateien sei leider kaputt.
B.e Mit Schreiben vom 29. Mai 2017 forderte die Vorinstanz den Rechts-
vertreter auf, den Brief aus "Kurdistan" innert dreissig Arbeitstagen in eine
Amtssprache des Bundes übersetzt einzureichen. Die eingereichte DVD
habe keine erkennbaren Daten und sei von Windows beim Einlegen for-
matiert worden. Das im Begleitschreiben erwähnte Interview müsse des-
halb ebenfalls innert gleicher Frist mit einer eigens angefertigten Überset-
zung nachgereicht werden.
B.f Mit Eingabe vom 30. Juni 2017 reichte der Rechtsvertreter die deutsche
Übersetzung des Briefes aus "Kurdistan" (Aufforderung des Dorfvorstehers
vom 9. September 2016) und eine DVD mit Interviews ein. Weitere Unter-
lagen würden innerhalb der noch nicht abgelaufenen Frist von dreissig Ar-
beitstagen eingereicht. Des Weiteren ersuchte er um Einsicht in diejenigen
Stellen des Protokolls vom 21. März 2017, wo sein Mandant zur Einrei-
chung weiterer Unterlagen aufgefordert worden sei. Zudem sei zu präzisie-
ren, worum es sich bei «Beweismitteln als Beleg für die behaupteten Er-
stellungsdaten der Beweisfotos» handle.
B.g Mit Eingabe vom 13. Juli 2017 stellte der Rechtsvertreter fest, die An-
träge in der Eingabe vom 30. Juni 2017 seien bisher nicht behandelt wor-
den. Als Beilagen reichte er Screenshots zu den Filmen auf der eingereich-
ten DVD und eine deutschsprachige Niederschrift der Fernsehberichte auf
den entsprechenden Filmen ein. Die Berichte würden eine Person betref-
fen, die unter einer sehr ähnlichen Verfolgung wie der Beschwerdeführer
gelitten habe. Die zwei Berichte seien auf den Fernsehsendern «(...)» und
«(...)» ausgestrahlt worden.
B.h Mit Zwischenverfügung vom 11. August 2017 gewährte das SEM dem
Beschwerdeführer Einsicht in die Verfahrensakten.
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Seite 5
C.
Mit am 7. September 2017 eröffneter Verfügung vom 31. August 2017
stellte die Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingsei-
genschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch erneut ab und ordnete seine Weg-
weisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
D.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 9. Oktober 2017 gelangte der Beschwerde-
führer durch seinen Rechtsvertreter an das Bundesverwaltungsgericht. Er
beantragt unter Aufhebung der Verfügung vom 31. August 2017 die Rück-
weisung der Sache an die Vorinstanz zur vollständigen sowie richtigen
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes und zur Neubeurteilung.
Eventualiter sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und es sei ihm
Asyl zu gewähren, subeventualiter sei er als Flüchtling vorläufig aufzuneh-
men, subsubeventualiter sei er wegen Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufzunehmen. In pro-
zessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Als
Beilagen liess er eine Kopie der angefochtenen Verfügung, eine Bestäti-
gung betreffend berufsvorbereitendes Schuljahr und eine Sozialhilfebestä-
tigung einreichen.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 19. Oktober 2017 hiess die Instruktionsrichte-
rin unter Feststellung des Anwesenheitsrechts des Beschwerdeführers für
die Dauer des Verfahrens und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
gut und lud die Vorinstanz ein, sich zur Beschwerde vernehmen zu lassen.
F.
Die Vorinstanz beantragt in ihrer Vernehmlassung vom 3. November 2017,
die dem Beschwerdeführer am 6. November 2017 zur Kenntnis gebracht
wurde, die Abweisung der Beschwerde.
G.
Mit Eingabe vom 9. April 2018 reichte der Rechtsvertreter ein Foto des Be-
schwerdeführers ein, das er als Profilbild auf Whatsapp gehabt habe. Sein
Bruder E._ sei am (...) 2018 in das Dorf B._ gegangen und
am (...) 2018 von der Asayish-Polizei aufgefordert worden, mit ihnen zur Po-
lizeistation in der Stadt F._ zu gehen. E._ sei drei Tage lang
im Gefängnis gewesen und zum Verbleib des Beschwerdeführers befragt
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Seite 6
worden. Er sei von der gleichen Person wie damals der Beschwerdeführer
geschlagen worden. Er habe aus Angst ausgesagt, nur zu wissen, dass sich
der Beschwerdeführer in der Schweiz befinde. Die Polizisten hätten den Be-
schwerdeführer auf dem Whatsapp-Profilfoto auf dem Mobiltelefon von
E._ erkannt und eindeutig erkennen können, dass er sich in der
Schweiz aufhalte. Sein Mandant habe nun sogar in der Schweiz grosse
Angst, von den Asayish bedroht oder sogar getötet zu werden. E._
sei aufgrund einer Intervention des Sohnes von D._, den sein Vater
auf der Suche nach ihm um Hilfe gebeten habe, freigelassen worden.
H.
Mit Eingabe vom 30. Oktober 2019 liess der Beschwerdeführer ausrichten,
sein Bruder E._ habe in die Türkei flüchten müssen. Er selber habe
in der Schweiz erfolgreich eine Vorlehre abgeschlossen und eine Vollan-
stellung in Aussicht.
I.
Mit Eingabe vom 6. Dezember 2019 reichte der Rechtsvertreter verschie-
dene Unterlagen (Zeugnisse, Kopie Stellenantrittsgesuch, Sprachstands-
nachweise, Kopie Lohnabrechnung) den Beschwerdeführer betreffend ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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Seite 7
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt.108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer rügt in formeller Hinsicht, das SEM habe den
Anspruch auf rechtliches Gehör sowie den Grundsatz eines fairen Verfah-
rens schwerwiegend verletzt. Zudem habe es die Pflicht zur vollständigen
richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts verletzt. Des Wei-
teren seien weitere Gesetzesbestimmungen, insbesondere Art. 3 und 7
AsylG sowie Art. 9 BV und Art. 83 AIG verletzt worden. Diese Rügen sind
vorab zu beurteilen, zumal sie allenfalls geeignet sind, die Kassation der
angefochtenen Verfügung zu bewirken.
3.2
3.2.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Dieses umfasst insbesondere das Recht des Betroffenen, sich vor
Erlass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern, erhebliche Be-
weise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Be-
weisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Be-
weise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu
äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der An-
spruch auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Be-
fugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren
ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286
E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.H.).
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Seite 8
3.2.2 Die Begründungspflicht, welche ebenfalls auf dem Anspruch auf
rechtliches Gehör fusst, gebietet, dass die betroffene Person den Ent-
scheid gestützt auf die Begründung sachgerecht anfechten kann und sich
sowohl die betroffene Person als auch die Rechtsmittelinstanz über die
Tragweite des Entscheides ein Bild machen können (vgl. KNEUBÜH-
LER/PEDRETTI, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundes-
gesetz über das VwVG, 2. Aufl. 2019, Rz. 5 f. zu Art. 35 VwVG; BVGE
2007/30 E. 5.6). Dabei kann sich die verfügende Behörde auf die wesent-
lichen Gesichtspunkte beschränken, sie hat aber zumindest die Überlegun-
gen kurz anzuführen, von denen sie sich leiten liess und auf welche sie
ihren Entscheid stützt (BVGE 2008/47 E. 3.2).
3.2.3 Des Weiteren gilt im Asylverfahren – wie in anderen Verwaltungsver-
fahren auch – der Untersuchungsgrundsatz (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12
VwVG). Danach muss die entscheidende Behörde den Sachverhalt von
sich aus abklären. Sie ist verantwortlich für die Beschaffung der für den
Entscheid notwendigen Unterlagen und das Abklären sämtlicher rechtsre-
levanter Tatsachen (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und
Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 142; KRAUS-
KOPF/EMMENEGGER/BABEY, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxis-
kommentar Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, Rz. 20 ff. zu
Art. 12 VwVG).
3.3 Die Rüge, die bei der ergänzenden Anhörung gemachten ausführlichen
Aussagen zu den erlittenen Misshandlungen seien in der angefochtenen
Verfügung nicht gewürdigt worden, erweist sich als unbegründet. Das SEM
führte dazu aus, dem Beschwerdeführer sei es stellenweise durchaus in
überzeugender Weise gelungen, von der geltend gemachten Foltererfah-
rung zu berichten. Es schliesse deshalb nicht aus, dass er in unbestimmter
Vergangenheit aus unbekannten Gründen und unter unbekannten Umstän-
den misshandelt worden sei. Auf die Rüge, die von der Vorinstanz vorge-
brachten Unstimmigkeiten in den Aussagen zum Kontext und Zeitpunkt der
erlittenen Misshandlungen seien konstruiert, wird in den nachfolgenden Er-
wägungen zur Glaubhaftigkeit der gesuchsbegründenen Aussagen einge-
gangen.
3.4 Des Weiteren ist festzustellen, dass die Vorinstanz mit der ergänzen-
den Anhörung, insbesondere zu den vorgebrachten Misshandlungen, den
Sachverhalt in Bezug auf die geltend gemachten Asylgründe nun richtig
sowie vollständig festgestellt hat. Zudem hat sie dem Beschwerdeführer
die Gelegenheit eingeräumt, zusätzliche Beweismittel zum Sachverhalt
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Seite 9
einzureichen und sich zu den im Verfahren E-7233/2017 eingereichten
Haftbefehlen – insbesondere zu demjenigen vom (...) 2015 – zu äussern.
Es ergeben sich im Asylpunkt auch keine Anhaltspunkte für eine Verletzung
der Begründungspflicht, zumal in der angefochtenen Verfügung in rechts-
genüglicher Weise ausgeführt wurde, weshalb seine Aussagen zu den Um-
ständen und zum Zeitpunkt der geltend gemachten Misshandlungen als
unglaubhaft erachtet würden.
3.5 Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs und der Abklärungs-
respektive Begründungspflicht ist auch nicht darin zu erblicken, dass die
Vorinstanz die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Umstände der
Folterungen mit entsprechender Begründung als nicht glaubhaft erachtete.
Sie hat in nachvollziehbarer Weise ausgeführt, weshalb sie aus ihrer Sicht
den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht zu genügen vermöchten.
3.6 Der Vorwurf, das SEM habe es weitgehend unterlassen, die vom Be-
schwerdeführer eingereichten Beweismittel zu würdigen, ist unbegründet.
In der angefochtenen Verfügung wurde in rechtsgenüglicher Weise begrün-
det, weshalb sie aus Sicht der Vorinstanz nicht geeignet seien, die Aussa-
gen des Beschwerdeführers zum fluchtauslösenden Ereignis glaubhafter
erscheinen zu lassen. Die Vorinstanz war auch nicht verpflichtet, die Haft-
befehle einer internen Dokumentenanalyse zu unterziehen. Die Rüge der
Verletzung des rechtlichen Gehörs erweist sich auch in dieser Hinsicht als
unbegründet.
3.7 Nach Durchsicht der Akten ist eine Gehörsverletzung auch in Bezug
auf nicht explizit erwähnte Sachverhaltsaspekte zu verneinen. Das SEM
musste sich nicht mit allen Aussagen des Beschwerdeführers einzeln aus-
einandersetzen. Aus der angefochtenen Verfügung geht hervor, dass es
die wesentlichen Aussagen gewürdigt hat. Eine sachgerechte Anfechtung
des Entscheids war ohne weiteres möglich. Der Begründungspflicht wird
dann Genüge getan, wenn in der Begründung die wesentlichen Überlegun-
gen genannt werden, die dem Entscheid zugrunde liegen. Dieser Anforde-
rung ist mit den ausführlichen Erwägungen, die eine umfassende Würdi-
gung der vorgebrachten Gesuchsgründe beinhalten, entsprochen worden.
Das Vorbringen, es sei aktenwidrig, wenn in der angefochtenen Verfügung
ausgeführt werde, der Beschwerdeführer sei nicht zur Schule gegangen,
trifft so nicht zu. Bei der BzP hatte er nämlich angegeben, er sei nicht zur
Schule gegangen, sondern habe seit seiner Kindheit gearbeitet (A4/10
S. 3). Erst bei der Anhörung führte er, im Widerspruch dazu, aus, er sei
neun Jahre lang zur Schule gegangen und habe zwei Jahre in G._
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in einem Institut für (...) studiert. Das Studium habe er aufgrund finanzieller
Schwierigkeiten abbrechen müssen (A11/4 F27). Die Rüge der Verletzung
des rechtlichen Gehörs erweist sich auch in dieser Hinsicht als unbegrün-
det.
3.8 Der Beschwerdeführer rügt weiter, die Abklärungspflicht und der
Grundsatz eines fairen Verfahrens seien verletzt worden, weil die Anhö-
rung vom 14. Juli 2016 entgegen der internen Weisung des SEM länger
als vier Stunden gedauert habe.
Die Rechtsprechung geht davon aus, dass überlange Anhörungen in Asyl-
verfahren mit Blick auf Art. 29 Abs. 1 BV problematisch sein können
(vgl. Urteil des BVGer D-5017/2014 vom 7. April 2015 E. 5.2). Dies ist ins-
besondere dann der Fall, wenn die Dauer einer Anhörung für die asylsu-
chende Person eine unzumutbare Belastung darstellt und ihr dadurch ver-
unmöglicht wird, ihren Standpunkt klar darzutun. Ob die Dauer einer Anhö-
rung eine unzumutbare Belastung darstellt, lässt sich indes nur im Einzel-
fall beurteilen, wobei neben der asylsuchenden Person auch die bei Anhö-
rungen gesetzlich vorgesehene Hilfswerksvertretung (Art. 30 Abs. 1 AsylG)
diesbezügliche Einwendungen zu Protokoll geben kann (Art. 30 Abs. 4
AsylG). Dass eine Anhörung länger gedauert hat, als dies in der Weisung
des SEM vorgesehen ist, stellt für sich genommen keine Verletzung von
Art. 29 Abs. 1 BV dar, zumal es sich dabei um eine Verwaltungsverordnung
ohne Aussenwirkung handelt und eine asylsuchende Person daraus keine
Rechte und Pflichten ableiten kann (vgl. Urteil des BVGer E-1652/2016
vom 31. März 2016 E. 3.6).
Vorliegend hat die Anhörung des Beschwerdeführers vom 14. Juli 2016
(vgl. A11/20) fünf Stunden und fünfzehn Minuten (von 13.45 Uhr bis 19 Uhr)
gedauert, wobei zwei Pausen (von 14.55 bis15.10 Uhr und von 17.20 bis
17.35 Uhr) eingelegt worden sind. Obwohl die Anhörung somit tatsächlich
länger als in den internen Weisungen vorgesehen gedauert hat, ergibt eine
Durchsicht des Protokolls keine Hinweise auf eine unzumutbar lange An-
hörungsdauer oder darauf, dass der Beschwerdeführer mit fortschreitender
Dauer nicht mehr in der Lage gewesen wäre, adäquat mitzuwirken. Weder
der Beschwerdeführer noch die anwesende Hilfswerksvertretung haben
entsprechende Einwände geäussert. Die konkrete Anhörungsdauer war für
den Beschwerdeführer angesichts der integrierten Pausen zumutbar und
ist auch unter dem Blickwinkel eines fairen Verfahrens nicht zu beanstan-
den. Eine Verletzung von Art. 29 Abs. 1 BV liegt nicht vor.
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Seite 11
3.9 Als unbegründet erweist sich sodann die Rüge, das SEM habe den
Grundsatz eines fairen Verfahrens verletzt und sich treuwidrig verhalten,
weil es einerseits aufgrund von Kapazitätsengpässen eine verkürzte BZP
durchgeführt habe und andererseits dem Beschwerdeführer vorwerfe, ge-
wisse asylrelevante Ausführungen dort nicht erwähnt und bei der Anhörung
nachgeschoben zu haben. Dazu ist festzuhalten, dass er sein eigentliches
Asylvorbringen, ungerechtfertigterweise persönlich für die von D._
getätigten Waffenkäufe verantwortlich gemacht worden zu sein, erst nach-
träglich bei der Anhörung erwähnte. Er hätte bei der BzP auf die Frage
nach seinen Gesuchsgründen trotz verkürzter Befragung ohne weiteres die
Möglichkeit gehabt, diesen für ihn zentralen Asylgrund bereits dort geltend
zu machen.
3.10 Ebenso ist die weitere Rüge unbegründet, die Vorinstanz habe sich
auch deshalb treuwidrig verhalten und den Grundsatz eines fairen Verfah-
rens verletzt, weil es dem Beschwerdeführer einerseits mitgeteilt habe, es
habe ja keine Unstimmigkeiten gegeben (A11/17 F121), und andererseits
das Asylgesuch genau wegen angeblicher Widersprüche zwischen der
BzP und Anhörung abgelehnt habe. Dazu ist festzuhalten, dass die Ableh-
nung des Asylgesuchs nicht mit widersprüchlichen Aussagen zwischen der
BzP und der Anhörung, sondern damit begründet wurde, der Beschwerde-
führer habe seine Beziehung und Haltung zu D._ nicht nachvoll-
ziehbar beschreiben können. Zudem sei er eine nachvollziehbare Erklä-
rung dazu schuldig geblieben, weshalb er als angeblich nicht registrierter
einfacher Leibwächter und Wachmann für Waffenkäufe an der Front hätte
verantwortlich gemacht werden sollen. Seine uneinheitlichen – nicht wider-
sprüchlichen – Angaben zu den Umständen der Freilassung bei der Anhö-
rung vermittelten den Eindruck, dass er die bei der BzP gemachten Aussa-
gen aus asyltaktischen Gründen intensivieren wolle. Dieser Eindruck
werde dadurch bestätigt, dass er sich bei der Anhörung ohne Not mehrmals
für allfällige Differenzen mit den in der BzP gemachten Aussagen entschul-
digt und dort weder die Reflexverfolgungen noch das Verschwinden seiner
Kollegen erwähnt habe. Hinzu kommt, dass dem Beschwerdeführer bei der
Anhörung wiederholt die Gelegenheit eingeräumt wurde, auf Nachfrage hin
zu aus der Sicht der befragenden Person nicht nachvollziehbaren Aussa-
gen Stellung zu nehmen (vgl. unter anderen A11/10 F65, A11/13 F90 und
F92).
3.11 Des Weiteren erweist sich auch der Antrag, die Sache sei im Wegwei-
sungsvollzugspunkt wegen Verletzung der Begründungs- respektive Ab-
klärungspflicht an die Vorinstanz zurückzuweisen, weil keine eigentliche
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Seite 12
Prüfung der Zulässigkeit unter dem Blickwinkel von Art. 3 EMRK stattge-
funden habe, als unbegründet. Das SEM hat rechtsgenüglich begründet,
weshalb der vom Beschwerdeführer geltend gemachte Kontext, der zu den
Misshandlungen geführt habe, aus seiner Sicht nicht glaubhaft sei. Bei der
Prüfung der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs führte es aus, dem Be-
schwerdeführer sei es selbst bei Wahrunterstellung der geltend gemachten
Folterung im Nordirak nicht gelungen, ein «real risk» für eine aktuell dro-
hende Verfolgung glaubhaft zu machen. Es sei somit auch nicht ersichtlich,
weshalb der Beschwerdeführer nach seiner Rückkehr in den Irak erneut in
eine Situation geraten sollte, in der ihm Folter oder sonstige unmenschliche
Behandlung drohe.
3.12 Zusammenfassend erweisen sich die formellen Rügen als unbegrün-
det. Der Antrag, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die
Sache zur vollständigen sowie richtigen Abklärung und Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts sowie zur Neubeurteilung zurückzuwei-
sen, ist abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Gegen-
satz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen. Entscheidend
ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung des
E-5757/2017
Seite 13
Beschwerdeführers sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine
objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraussetzung für
die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen
Erlebnisse betreffende, substanziierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie
und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheits-
gemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekenn-
zeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision und innere
Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen ins-
besondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nach-
geschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht
es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüg-
lich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der
Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Ge-
suchsteller sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die
positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es dem-
nach nicht aus, wenn der Inhalt Aussagen zwar möglich ist, aber in Würdi-
gung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände ge-
gen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE
2012/5 E. 2.2). Die Glaubhaftigkeitsprüfung findet im Rahmen einer Ge-
samtwürdigung statt, in die auch die eingereichten Beweisdokumente ein-
zubeziehen sind.
5.
5.1 Die Vorinstanz führt zur Begründung des ablehnenden Asylentscheides
unter Verweis auf die ursprüngliche Verfügung aus, die Schilderungen und
Erklärungen des Beschwerdeführers zu den behördlichen Nachstellungen
wegen illegaler Waffengeschäfte im Irak seien nicht glaubhaft.
Insbesondere falle zunächst auf, dass er seine Beziehungen zum Vorge-
setzen D._ nicht nachvollziehbar beschrieben habe. Zum einen
habe er wiederholt auf das grosse Vertrauensverhältnis zwischen seiner
Familie und D._ verwiesen, der sich sogar für die Freilassung sei-
nes Vaters eingesetzt habe. Zum anderen solle D._ ihn in Zusam-
menarbeit mit den Behörden zum Sündenbock gemacht haben und verant-
wortlich für die geltend gemachte Verfolgung sein. Auch die eigene Haltung
des Beschwerdeführers zu D._ sei unklar. Bei der BzP habe er aus-
gesagt, ihn bei den Behörden als verantwortliche Person für die illegalen
Waffenverkäufe bezeichnet zu haben. Bei der Anhörung hingegen habe er
seine Verhaftung zunächst damit begründet, deshalb Probleme bekommen
E-5757/2017
Seite 14
zu haben, weil er D._ im ersten Gespräch nicht habe belasten wol-
len. Weiter unten habe er jedoch unterschiedliche Angaben zu diesem
Punkt gemacht und sich nicht auf eine klare Aussage festgelegt.
Darüber hinaus habe er auch nicht plausibel erklären können, weshalb
ausgerechnet er als verantwortliche Person in Frage gekommen sei. Seine
diesbezüglichen Aussagen seien allgemein und ohne konkreten Bezug
zum vorliegenden Einzelfall. Seine weitere Erklärung, er habe sich wegen
fehlender Beziehungen nicht verteidigen können, stehe im Widerspruch zu
seiner Aussage, er und seine Familie hätten eine besondere Beziehung zu
D._ gehabt. Des Weiteren sei er auch eine Erklärung dazu schuldig
geblieben, weshalb er als angeblich nicht registrierter einfacher Leibwäch-
ter und Wachmann für Waffenverkäufe an der Front hätte verantwortlich
gemacht werden sollen. Seine diesbezügliche Antwort wirke ausweichend
und trage wenig zum Verständnis bei. Zudem habe er auch unterschiedli-
che Angaben zu den Umständen seiner Freilassung gemacht. Bei der BzP
habe er ausgeführt, er sei unter der Bedingung freigelassen worden, sich
zu melden, wenn man ihn für eine Einvernahme benötige. Bei der Anhö-
rung indessen habe er ausgesagt, es sei ihm auferlegt worden, sich nach
einer Woche wieder zu melden. Auf Nachfrage hin habe er erwidert, er
hätte sich bei Bedarf melden müssen. Dies vermittle den Eindruck, dass er
seine bei der BzP gemachten Aussagen in der Anhörung aus asyltakti-
schen Gründen habe intensivieren wollen. Dafür spreche auch, dass er bei
der BzP nicht erwähnt habe, dass er persönlich für die Waffenverkäufe
habe verantwortlich gemacht werden sollen. Seine dort gemachten Aussa-
gen würden eher auf breite und nicht gegen ihn persönlich gerichtete Er-
mittlungen hindeuten. Für eine nachträgliche Übersteigerung der gesuchs-
begründenden Aussagen spreche auch, dass er sich bei der Anhörung
ohne Not mehrmals für allfällige Differenzen zu seinen Aussagen bei der
BzP entschuldigt und dort weder die Reflexverfolgungen noch das Ver-
schwinden seiner Kollegen erwähnt habe.
An dieser bereits in der ursprünglichen Verfügung vorgenommenen Beur-
teilung vermöchten auch die nachträglich eingereichten Beweismittel
nichts zu ändern. Der eingereichte Haftbefehl wirke nachgeschoben, weil
er am (...) 2015 ergangen sein solle. Bei der Anhörung vom 16. Juli 2016
habe er den Haftbefehl nicht erwähnt. Seine auf Vorhalt hin gemachte Er-
klärung, seine Familie habe ihn nicht darüber informiert, erscheine ange-
sichts der übrigen Informationen, über die er zur angeblichen Fahndung
verfüge, nicht schlüssig. Zusätzlich sei das eingereichte Beweismittel leicht
E-5757/2017
Seite 15
fälschbar und verfüge generell über wenig Beweiswert, weil solche Doku-
mente im Irak auch gekauft werden könnten. Beim nachgereichten Brief
des Dorfvorstehers handle es sich um ein Gefälligkeitsschreiben ohne Be-
weiswert. Ausserdem liege das Schriftstück nur handschriftlich ohne amtli-
che Insignien, mit Ausnahme eines einzelnen Stempels, vor.
In Bezug auf die geltend gemachten Folterungen und sichtbaren Verletzun-
gen gelinge es dem Beschwerdeführer trotz mehrfach gebotener Gelegen-
heit nicht, den Zeitpunkt nachzuweisen. Der Kontext, in dem die Folterung
stattgefunden habe, sei, wie dies bereits ausgeführt worden sei, unglaub-
haft. Bei seiner Erklärung zu den eingereichten Fotos, die Originale befän-
den sich auf seinem Telefon, habe sich nachträglich herausgestellt, dass
sie über das Telefon seiner Mutter und Schwester via Chat-Dienst zu ihm
gelangt seien. Er vermöge weder die originalen Daten aufzutreiben noch
die Nachricht vorzuzeigen, mit der er die Fotos angeblich erhalten habe.
Dabei irritiere auch, dass er einerseits vorgebe, die Fotos für sich zur Erin-
nerung gemacht zu haben, und er sich diese andererseits erst in Ungarn
habe zuschicken lassen und in der Schweiz empfangen habe. Des Weite-
ren erstaune, dass innerhalb von weniger als zwei Jahren zwei Telefone
kaputtgegangen und ohne Sicherung des Inhalts entsorgt worden seien.
Im Schreiben vom 20. April 2017 mache der Beschwerdeführer deutlich,
dass er die Dateien nicht mehr erhältlich machen könne. Diese unstimmi-
gen und wenig nachvollziehbaren Aussagen erweckten den Eindruck, dass
er dem SEM die originalen Dateien der Fotos vorenthalten wolle. Dass sich
der Rechtsvertreter im Anschluss nach Form und Inhalt der verlangten Be-
weismittel erkundigt habe und Einblick in das Protokoll verlange, erscheine
als Verständigungsproblem zwischen ihm und seinem Mandanten, für des-
sen Klärung das SEM nicht verantwortlich sei. Zudem sei ihm Akteneinsicht
gewährt und damit die Gelegenheit geboten worden, die Aufforderung zur
Nachreichung von Beweismitteln und die Antwort des Beschwerdeführers
nachzuvollziehen. Mit der ergänzenden Anhörung zu den eingereichten
Beweismitteln und der Aufforderung, zusätzliche Beweismittel einzu-
reichen, sei der Sachverhalt nun vollständig festgestellt und die Entscheid-
reife hergestellt. Mittlerweise zeige sich aufgrund der unglaubhaften Aus-
führungen des Beschwerdeführers zu den Umständen der erlittenen Folter
deutlich, dass die eingereichten Fotos keinen Beweiswert hätten, zumal sie
auch zu einem anderen Zeitpunkt sowie unter anderen Umständen ent-
standen sein könnten und sich ihnen keine direkten Hinweise auf eine tat-
sächliche Misshandlung entnehmen liessen.
E-5757/2017
Seite 16
Zwar werde aufgrund der stellenweise durchaus überzeugenden Schilde-
rungen zu den erlittenen Folterungen nicht ausgeschlossen, dass der Be-
schwerdeführer in unbestimmter Vergangenheit aus unbekannten Gründen
misshandelt worden sei. Erlittene Folter genüge indessen für sich alleine
noch nicht, um direkt auf einen Politmalus schliessen zu können, zumal sie
auch aus anderen als der in Art. 3 AsylG genannten Gründen ausgeübt
worden sein könne. Vorliegend seien die geltend gemachten Umstände der
Folter unglaubhaft, weshalb die Bestimmung des ihr zugrunde liegenden
Motivs nicht möglich sei. Es könne deshalb nicht ohne Weiteres davon aus-
gegangen werden, dass beim Beschwerdeführer ein Politmalus vorliege.
Die Misshandlungen seien deshalb auch bei deren Wahrunterstellung kein
direkter Hinweis auf eine asylrelevante Verfolgung. Die unglaubhaften An-
gaben in zentralen Punkten verunmöglichten es dem SEM, zu allfälligen
Motiven der geltend gemachten Folter und dem Vorhandensein eines Po-
litmalus Stellung zu nehmen. Aufgrund des Gesagten bestünden keine
glaubhaften Hinweise darauf, dass der Beschwerdeführer im Irak in asyl-
relevanter Weise verfolgt worden sei oder begründete Furcht vor künftiger
Verfolgung habe.
Das übersetzte Interview mit einem unschuldig verhafteten Jugendlichen
vermöge an dieser Einschätzung nichts zu ändern, zumal sich die Aus-
gangslage dort anders präsentiere und in keinem direkten Zusammenhang
mit den geltend gemachten Asylgründen des Beschwerdeführers stehe.
Die geltend gemachte Beschiessung seines in der Nähe der türkischen
Grenze gelegenen Heimatdorfes und die vorübergehende Flucht der Dorf-
bewohner nach B._ sei flüchtlingsrechtlich nicht relevant, zumal ihr
keine gezielt gegen den Beschwerdeführer gerichtete Verfolgung zugrunde
liege.
5.2 In der Beschwerde wurde in materieller Hinsicht ausgeführt, die
gesuchsbegründenden Vorbringen des Beschwerdeführers seien
glaubhaft und flüchtlingsrechtlich relevant. Die eingereichten Beweismittel
seien authentisch und geeignet, den Nachweis für seine Flüchtlings-
eigenschaft zu erbringen. Auf die Entgegnungen im Einzelnen zur
Argumentation der Vorinstanz wird nachfolgend eingegangen.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt in Übereinstimmung mit der
Vorinstanz zum Schluss, dass die gesuchsbegründenen Aussagen des Be-
schwerdeführers den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht zu genü-
gen vermögen.
E-5757/2017
Seite 17
6.2 Zur Vermeidung von Wiederholungen kann vorab auf die zutreffenden
Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. Die Ent-
gegnungen in der Beschwerde sind nicht geeignet, die Aussagen des Be-
schwerdeführers glaubhafter erscheinen zu lassen. Insbesondere erweist
sich das Vorbringen in der Rechtsmitteleingabe, D._ habe eine ihm
nahestehende Person wie den Beschwerdeführer des Waffenverkaufs be-
schuldigen müssen, weil ihm der Sicherheitsdienst Asayish sonst nicht ge-
glaubt hätte, als wenig stichhaltig. Der Beschwerdeführer sagte nämlich
selber aus, die Ermittlungen des Sicherheitsdienstes zum Waffenverkauf
hätten direkt zu D._ geführt, weil die PKK die Asayish über seinen
Waffenverkauf an sie informiert habe (A11/9 F62). Vor diesem Hintergrund
und angesichts der weiteren Aussagen des Beschwerdeführers,
D._ habe die Waffen an der Front verkauft, er selber habe seinen
Dienst auf einer (...) geleistet (A11/6 F40), ist nicht nachvollziehbar, wes-
halb er an Stelle von D._ des Waffenverkaufs bezichtigt worden
sein sollte. Seine Erklärung auf die Bemerkung bei der Anhörung, es sei ja
völlig unrealistisch, dass jemand wie er ohne Peschmerga-Ausbildung ei-
nen solchen Waffenverkauf an die PKK hätte einfädeln können, er habe
gar nicht das Profil dazu, der Sicherheitsdienst habe eigentlich nicht den
Waffenverkäufer herausfinden, sondern einfach jemanden beschuldigen
wollen, er wolle ein Beispiel bringen, wie man sich in Kurdistan als reiche
Person rette (A11/13 F92), überzeugt nicht. Zudem würde es aus Sicht des
Asayish im Wissen darum, dass D._ die Waffen an die PKK verkauft
habe (A11/9 F62), wenig Sinn machen, wider besseres Wissen einen an-
geblich nicht registrierten einfachen Leibwächter und Wachmann für Waf-
fenkäufe an der Front verantwortlich zu machen. Eine solche Anschuldi-
gung wäre auch für Drittpersonen in keiner Weise nachvollziehbar und des-
halb wenig glaubhaft.
Es ist auch nicht nachvollziehbar, weshalb der Sicherheitsdienst
D._ trotz der offenbar klaren Beweislage gegen ihn protegieren und
ihm nach seiner Suspendierung weiterhin den Lohn bezahlen sollte. Die
Erklärung des Beschwerdeführers, es sei so, dass in Kurdistan die armen
Leute für die Funktionäre und die reichen Leute bezahlen müssten, wes-
halb er und zwei oder drei weitere Personen der Tat beschuldigt worden
seien (A11/9 F62), ist auch in Berücksichtigung der Situation im kurdisch
verwalteten Nordirak nicht geeignet, sein Asylvorbringen glaubhafter er-
scheinen zu lassen. Unglaubhaft ist aber insbesondere auch, dass
D._ ihn als Leibwächter und Wachmann engagiert habe. Seine Ant-
wort auf entsprechenden Vorhalt hin, man engagiere in Kurdistan nicht
fremde Leute, in die man kein Vertrauen habe, sondern nehme Bekannte,
E-5757/2017
Seite 18
weil die Leute der Meinung seien, man könne so auch die Ehre der Familie
schützen und bewahren (A11/10 F65), ist keine stichhaltige Erklärung für
die offenkundig seitens eines hochrangigen Stammesmitgliedes nicht
nachvollziehbare Anstellung einer Person als Leibwächter, die mit der
Dienstwaffe nicht umgehen könne. Die Ausführungen in der Rechtsmitte-
leingabe, der Beschwerdeführer sei als Stammesangehöriger der perfekte
Sündenbock gewesen, weil er sich mangels Beziehungen nicht habe weh-
ren können, und die Suspendierung von D._ als Vorgesetzter passe
gut ins Bild einer perfekten Inszenierung, sind aufgrund der vorstehenden
Erwägungen nicht geeignet, die gesuchsbegründenen Aussagen nachvoll-
ziehbarer erscheinen zu lassen.
Die Behauptung, bereits aus den Schilderungen des Beschwerdeführers
bei der BzP gehe implizit eindeutig hervor, dass er persönlich für die Waf-
fenverkäufe verantwortlich gemacht worden sei, findet im Protokoll keine
Stütze. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann auf die Ausführungen
in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. Die Tatsache, dass er
sein zentrales Asylvorbringen erst bei der Anhörung vorgebracht hat, lässt
sich – wie bereits bei den formellen Rügen ausgeführt – auch nicht erklären
mit der verkürzten BzP oder mit der unsubstanziierten Behauptung, es
habe gewisse Verständigungsprobleme gegeben, weil der Dolmetscher
aus der Türkei stamme. Die zu den Akten gereichten Haftbefehle vom
(...) 2015 und (...) 2015 sind bereits angesichts ihres nur geringen Beweis-
wertes nicht geeignet, die gesuchsbegründenden Aussagen des Be-
schwerdeführers glaubhafter erscheinen zu lassen. Hinzu kommt, dass
seine bei der ergänzenden Anhörung auf Vorhalt hin gemachte Erklärung,
er habe die Haftbefehle bei der ersten Anhörung vom 16. Juli 2016 nicht
erwähnt, weil er in solchen Sachen keine Erfahrung habe und ihm nicht
bewusst gewesen sei, dass er solche Sachen benötige (A27/9 F56), res-
pektive wenn ihm seine Familie gesagt hätte, dass er solche Dokumente
habe, hätte er sie viel früher eingereicht (A27/10 F58), nicht überzeugt. Er-
gänzend ist festzustellen, dass es sich bei den Haftbefehlen um behörden-
interne Dokumente handelt, mit denen die Polizei und alle anderen Emp-
fänger beauftragt werden, den Beschwerdeführer festzunehmen. Damit
sind sie offensichtlich nicht für die Familie der damit gesuchten Person be-
stimmt, weshalb auch nicht nachvollziehbar ist, wie diese in deren Besitz
gekommen sein sollen; bezeichnenderweise fehlt jede Erklärung dazu. Ge-
rade umgekehrt verhält es sich mit dem Abwesenheitsurteil. Weshalb dies
dem Beschwerdeführer, respektive seiner Familie offenbar nicht zugestellt
wurde, ist nicht nachvollziehbar, und falls dies geschehen wäre, ist wiede-
rum nicht erklärbar, weshalb die Familie den Beschwerdeführer angesichts
E-5757/2017
Seite 19
der damit verbundenen Tragweite nicht darüber in Kenntnis gesetzt hätte.
Zudem ist festzuhalten, dass der Asayish den Beschwerdeführer bei hin-
reichenden Verdachtsmomenten mit Sicherheit nicht freigelassen hätte,
um ihm so die Flucht zu ermöglichen und ihn dann später in Abwesenheit
«wegen Waffenverkaufs an die Terrororganisation PKK» zu einer fünfzehn-
jährigen Haftstrafe zu verurteilen respektive verurteilen zu lassen und per
Haftbefehl zu suchen. Beim Haftbefehl vom (...) 2015 fällt zudem inhaltlich
auf, dass der Beschwerdeführer als Angeklagter gesucht werde, weil auf
dem Polizeiposten eine Anzeige gegen ihn gemacht worden sei. Dies, ob-
wohl er angeblich in Abwesenheit zu einer fünfzehnjährigen Haftstrafe ver-
urteilt worden sei. Zudem werden im Haftbefehl auch keine Angaben zum
Urteilsdatum oder zur verurteilenden Behörde gemacht. Das Schreiben
des Dorfvorstehers vom 9. September 2016 nimmt bezeichnenderweise
inhaltlich nicht Bezug zum angeblich in Abwesenheit des Beschwerdefüh-
rers ergangenen Urteil und nennt auch nicht den Grund dafür, weshalb er
sich beim nächsten Polizeiposten melden solle. Vor diesem Hintergrund
teilt das Gericht die Einschätzung des SEM, dass es sich um ein Dokument
ohne Beweiswert handelt.
Des Weiteren wurde in der angefochtenen Verfügung in Bezug auf die ein-
gereichten Beweismittel zu den geltend gemachten Misshandlungen zu-
treffend ausgeführt, sie seien nicht geeignet, einen Zusammenhang mit
den als nicht glaubhaft erachteten Umständen darzutun. Die Entgegnung
in der Beschwerde, der Beschwerdeführer habe glaubhaft darlegen kön-
nen, dass er die Fotos am 20. September 2015 auf seinem Mobiltelefon
empfangen habe, erweist sich als unzutreffend. Dazu ist mit der Vorinstanz
festzustellen, dass sich die Originale der Fotos, entgegen seinem ur-
sprünglichen Vorbringen, nicht auf seinem eigenen Telefon befanden, son-
dern über das Telefon seiner Mutter und Schwester via Chat-Dienst zu ihm
gelangt seien. Der Beschwerdeführer vermochte weder die originalen Da-
ten aufzutreiben noch die Nachricht vorzuzeigen, mit der er die Fotos an-
geblich erhalten habe. Nicht nachvollziehbar erscheint, dass er sich die
Fotos erst in Ungarn habe zuschicken lassen und in der Schweiz empfan-
gen habe. Seine Erklärung, er könne die Originaldaten und die Nachricht
nicht mehr erhältlich machen, weil beide Telefone kaputtgegangen seien,
muss als Schutzbehauptung gewertet werden.
Des Weiteren gelingt es dem Beschwerdeführer mit dem am 9. April 2018
eingereichten Foto nicht, subjektive Nachfluchtgründe darzutun. Angesichts
der unglaubhaften Asylvorbringen ist nicht davon auszugehen, er könnte vor
E-5757/2017
Seite 20
oder nach seiner Ausreise in den Fokus des Sicherheitsdienstes Asayish ge-
raten sein. Vor diesem Hintergrund erweist sich das nicht weiter substanzi-
ierte Vorbringen, der Bruder E._ sei am (...) 2018 von Leuten des
Sicherheitsdienstes aufgefordert worden, mit ihnen zur Polizeistation in der
Stadt F._ zu gehen, wo er drei Tage lang im Gefängnis gewesen,
geschlagen und zum Verbleib des Beschwerdeführers befragt worden sei,
als unglaubhaft. Gleich verhält es sich mit dem Vorbringen in der Eingabe
vom 30. Oktober 2019, E._ habe in der Zwischenzeit in die Türkei
flüchten müssen, jedenfalls soweit diese Flucht in Zusammenhang mit den
als unglaubhaft erachteten Asylgründen des Beschwerdeführers gesetzt
wird.
6.3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer keine
flüchtlingsrelevante Vor- oder Nachfluchtgründe dartun konnte. Die weite-
ren Ausführungen sind nicht geeignet, zu einer anderen Beurteilung zu ge-
langen. Er vermag aus den zahlreichen zitierten Berichten und Artikeln so-
wie den dazu gemachten allgemeinen Ausführungen zur Situation im Irak
nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Die Vorinstanz hat sein Asylgesuch
unter Verneinung seiner Flüchtlingseigenschaft zu Recht abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Bei der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
E-5757/2017
Seite 21
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.2.2 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.2.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.2.4 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
E-5757/2017
Seite 22
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.).
Zu den mit Fotos belegten Misshandlungen wurde in der angefochtenen
Verfügung zutreffend ausgeführt, dem Beschwerdeführer gelinge es auch
bei Wahrunterstellung einer Folterung nicht, für den Fall einer Rückkehr in
den Nordirak eine konkrete und aktuelle Gefahr von Folter oder unmensch-
licher Behandlung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, zumal seine
gesuchsbegründenden Vorbringen nicht geglaubt werden könnten. Dass
alleine aus den möglicherweise erlittenen Misshandlungen, ohne dass de-
ren Ursache bekannt ist – es wäre am Beschwerdeführer gelegen, diese
im Rahmen seiner Mitwirkungspflicht kund zu tun – nicht auf ein real risk
geschlossen werden kann, versteht sich von selbst.
Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in der KRG-Region lässt
den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig er-
scheinen. Bereits in BVGE 2008/5 hatte das Bundesverwaltungsgericht
festgestellt, dass der Vollzug der Wegweisung eines Kurden in dieses Ge-
biet nicht generell unzulässig sei und hat diese Einschätzung seither bei-
behalten (vgl. etwa das Urteil des BVGer E-5608/2018 vom 19. Dezem-
ber 2019 E. 7.2.4).
8.2.5 Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers erweist sich
damit als zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 In konstanter Praxis geht das Gericht davon aus, dass ein Wegwei-
sungsvollzug in die kurdischen Provinzen im Nordirak (KRG-Region) dann
zumutbar ist, wenn die betreffenden Personen ursprünglich aus der Region
stammen oder eine längere Zeit dort gelebt haben und über ein soziales
Netz (Familie, Verwandtschaft oder Bekanntenkreis) oder aber über Bezie-
hungen zu den herrschenden Parteien verfügen (vgl. BVGE 2008/5 E. 7.5,
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Seite 23
insbesondere E. 7.5.1 und 7.5.8, Referenzurteil des BVGer E-3737/2015
vom 14. Dezember 2015 E. 7.4.5).
Diese Einschätzung hat grundsätzlich nach wie vor Gültigkeit, wobei den
begünstigenden individuellen Faktoren – insbesondere denjenigen eines
tragfähigen familiären Beziehungsnetzes – angesichts der Belastung der
behördlichen Infrastrukturen durch im Irak intern Vertriebene ("Internally
Displaced Persons" [IDPs]) besonderes Gewicht beizumessen ist
(vgl. etwa Urteil des BVGer E-7215/2018 vom 12. Dezember 2019 E. 7.1
m.w.H.).
8.3.3 Beim Beschwerdeführer handelt es sich – soweit aktenkundig – um
einen jungen, alleinstehenden und gesunden kurdischen Mann. Er stammt
aus B._, Provinz Dohuk, wo er bis zu seiner Ausreise lebte und über
ein familiäres Beziehungsnetz verfügt (Eltern, Geschwister). Gemäss sei-
nen Angaben steht er nach wie vor mit seinen Angehörigen in Kontakt, und
es darf angenommen werden, dass er auf deren Unterstützung zählen
kann. Der Beschwerdeführer hat zudem mehrjährige Berufserfahrung, un-
ter anderem als (...), sammeln können. Es kann somit davon ausgegangen
werden, dass es ihm möglich sein wird, sich bei seiner Rückkehr in den
Nordirak sowohl sozial als auch wirtschaftlich zu reintegrieren. Den Akten
sind keine Anhaltspunkte für die Annahme zu entnehmen, dass er in eine
existenzielle Notlage geraten könnte.
8.3.4 Die geltend gemachten und mit mehreren Dokumenten belegten In-
tegrationsbemühungen des Beschwerdeführers in der Schweiz sind zu be-
grüssen. Es ist aber darauf hinzuweisen, dass eine weit fortgeschrittene
Integration nach Gesetz und Praxis höchstens indirekt bei der Beurteilung
der Zumutbarkeit des Vollzugs eine Rolle spielen kann, nämlich wenn die
betreffende Person in der Schweiz derart verwurzelt ist, dass bei Durch-
führung des Vollzugs (reziprok) eine Entwurzelung im Heimatstaat zu er-
warten ist (vgl. zu dieser vorab für Kinder und Jugendliche entwickelten
Praxis insbes. BVGE 2009/28 E. 9.3 ff. und 2009/51 E. 5.6 m.w.H.). Für
das Vorliegen einer derartigen Situation des im Erwachsenenalter aus dem
Heimatstaat ausgereisten Beschwerdeführers ergeben sich aus den Akten
jedoch keine Hinweise.
8.3.5 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
E-5757/2017
Seite 24
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und auch sonst nicht zu
beanstanden ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Nachdem ihm indessen
mit Zwischenverfügung vom 19. Oktober 2017 die unentgeltliche Prozess-
führung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, sind keine Ver-
fahrenskosten zu erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
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