Decision ID: 9b84a377-e914-51c2-a84b-03c781d91aa0
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ litt an einer angeborenen Sehschwäche (vgl. IV-act. 6). Mithilfe von
Sachleistungen der Invalidenversicherung konnte sie altersgerecht eingeschult werden
(vgl. IV-act. 27 ff.). Die Primarschule konnte sie innerhalb der üblichen sechs Jahre
abschliessen (vgl. IV-act. 55). Im Jahr 2001 trat sie in die Oberstufe in der Stiftung für
Blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche in B._ über (vgl. IV-act. 56 und 65).
Die Stiftung berichtete im November 2002, dass die Versicherte über ein schulisches
Potential verfüge, das einen gymnasialen Abschluss ermöglichen werde (IV-act. 70). Im
Juni 2004 teilte die Stiftung – kurz vor dem Ende der dreijährigen Oberstufe – dann
allerdings mit (IV-act. 87), dass die Versicherte aufgrund ihrer hochgradigen
Sehbehinderung die zehnte Klasse besuchen sollte. So könne sie entsprechend ihrer
Sehbehinderung gefördert werden. Im März 2005 berichtete die Stiftung, dass die
Versicherte im Sommer 2005 ins Gymnasium C._ übertreten werde (IV-act. 97). Die
Versicherte plante, nach dem Abschluss des Gymnasiums Sprachen zu studieren,
weshalb sie im Sommer 2009 drei Aufnahmeprüfungen (Universität D._, Universität
E._, Hochschule F._) ablegen wollte (vgl. IV-act. 145). Im Frühjahr 2009
verschlechterte sich ihr Zustand allerdings; ihr musste das rechte Auge operativ
entfernt werden (vgl. IV-act. 148). Dennoch erlangte sie im Sommer 2009 die Matura
(IV-act. 163). Am 7. August 2009 teilte sie der IV-Stelle mit, dass sie an der Hochschule
F._ studieren werde (IV-act. 163).
A.b Die Berufsberaterin der IV-Stelle notierte am 14. Oktober 2009 (IV-act. 175), dass
das Studium der Versicherten zur Übersetzerin wohl fünf Jahre dauern werde. Zwar
werde die Versicherte nach drei Jahren einen ersten Zwischenschritt erreichen, indem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sie dann den Bachelor-Abschluss erhalten werde. Zum regulären Ausbildungsverlauf
gehöre aber auch der Abschluss des anschliessenden zweijährigen Masterstudiums.
Da es der Versicherten gesundheitsbedingt nicht möglich sei, neben dem Studium
einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, bestehe ein Anspruch auf ein „kleines“ Taggeld
für Werkstudenten gemäss dem Kreisschreiben über die Taggelder der
Invalidenversicherung. Im November 2009 wurden der Versicherten unterstützende
Massnahmen für die Bewältigung des Schulstoffes zugesprochen (IV-act. 190 f.).
A.c Am 25. April 2010 beantragte die Versicherte einen Wechsel an die Universität
E._. Sie führte aus (IV-act. 203), im Oktober 2008 hätten sich im linken Auge
unerwartet die Netz- und die Aderhaut abgelöst. Das Auge sei stark entzündet
gewesen und der Augendruck sei stark abgefallen. Sie habe drei Wochen im Spial
G._ behandelt und dreimal am Auge operiert werden müssen (Entfernung des
rechten Auges, Hornhautverpflanzung und Netzhautoperation am linken Auge). Von
einem Tag auf den andern habe sie nicht mehr lesen können, da sich ihr Visus
erheblich verschlechtert habe. Da sie aber unbedingt das Gymnasium habe im Sommer
2009 abschliessen wollen, habe sie alles daran gesetzt, den Schulstoff aufzuarbeiten.
Im Dezember 2008 habe sie sich nochmals zwei Operationen unterziehen müssen. Mit
der Unterstützung der Lehrkräfte und des ambulanten Dienstes habe sie die Matura im
Sommer 2009 erlangen können. Gleichzeitig habe sie die Aufnahmeprüfungen an der
Universität E._ und an der Hochschule F._ bestanden. Danach habe die Zeit
gedrängt; sie habe sich für einen Studienplatz entscheiden müssen. Gleichzeitig habe
sie sich an das neue Sehunvermögen gewöhnen und aus der Wohngruppe austreten
müssen. Sie habe sich deshalb ein Universitätsstudium nicht zugetraut. Da sich die
Hochschule F._ zudem näher am Wohnort ihrer Eltern befinde, habe sie sich für ein
Studium an der Hochschule F._ entschieden, denn sie sei sich nicht sicher gewesen,
wie viel Unterstützung ihrer Eltern sie im Alltag benötigen würde. Nach zwei Semestern
an der Hochschule F._ wisse sie nun, dass sie in der Lage sei, ihren Alltag und ein
Universitätsstudium zu meistern. Alle Befürchtungen, die sie vor einem Jahr abgehalten
hätten, in E._ zu studieren, seien nun aus dem Weg geräumt. Ein Studium in E._
hätte für sie viele Vorteile. Ihre beruflichen Aussichten würden sich erheblich
verbessern, da die Universität E._ im In- und im Ausland einen hervorragenden Ruf
geniesse. Der Unterricht an einer Universität würde ihren Neigungen und Fähigkeiten
eher entsprechen. Die Universität E._ verfüge über mehr Erfahrung mit blinden und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sehbehinderten Studenten. E._ liege deutlich näher bei H._ als I._, was von
Vorteil wäre, weil sie nach wie vor regelmässig zur Behandlung ins Spital in H._
gehen müsse. Aufgrund der eklatanten Unterschiede zwischen der Ausbildung an der
Hochschule F._ und jener an der Universität E._ könnten ihr bei einem Wechsel
allerdings die erreichten Kreditpunkte nicht angerechnet werden. Sie müsste also das
erste Jahr wiederholen, was die Studienzeit um ein Jahr verlängern würde. Die
Eingliederungsberaterin unterstützte den Wechsel und die damit verbundene
Verzögerung des Ausbildungsabschlusses (IV-act. 208). Am 20. Oktober 2010 erteilte
die IV-Stelle eine entsprechende Kostengutsprache (IV-act. 211).
A.d Bereits am 14. Oktober 2010 hatte die IV-Eingliederungsberaterin der
Ausgleichskasse mitgeteilt, dass die Versicherte ihren Studienplatz per 20. September
2010 gewechselt habe. Die Taggeldauszahlung müsse neu halbjährlich blockweise
erfolgen. Mit einer Verfügung vom 15. Juli 2011 sprach die IV-Stelle der Versicherten
für das Jahr 2011 zweimal 33 Taggelder von 103.80 Franken zu. Am 30. März 2012
liess die Versicherte um die Ausrichtung eines durchgehenden Taggeldes ersuchen (IV-
act. 248). Ihre Rechtsvertreterin führte aus, dass die Versicherte ohne ihre
Gesundheitsbeeinträchtigung bereits erwerbstätig wäre, wenn der Bachelor-Abschluss
als Ausbildungsabschluss anerkannt würde. Die Versicherte habe bekanntlich
gesundheitsbedingt zwei Jahre „verloren“, weil sie vor dem Gymnasium ein
Zwischenjahr habe absolvieren müssen und weil nach dem Erlangen der Matura
aufgrund der damaligen Verschlechterung des Gesundheitszustandes ungewiss
gewesen sei, ob die Versicherte einem Universitätsstudium gewachsen sei. Die IV-
Stelle antwortete am 7. Juni 2012 (IV-act. 254), das Ausbildungsziel sei erst mit dem
Erlangen des Master-Abschlusses erreicht. Deshalb bestehe aktuell kein Anspruch auf
ein durchgehendes Taggeld. Am 22. September 2013 ersuchte die Versicherte erneut
um die Ausrichtung eines durchgehenden Taggeldes (IV-act. 276). Zur Begründung
führte sie aus, dass sie ohne die gesundheitsbedingten Verzögerungen ihre Ausbildung
im Sommer 2013 abgeschlossen hätte. Die IV-Stelle antwortete ihr am 19. November
2013 (IV-act. 281), dass die Verzögerungen ihre Ursache nicht in der
Gesundheitsbeeinträchtigung hätten, sondern aus persönlichen Gründen erfolgt seien.
Deshalb könne kein durchgehendes Taggeld ausgerichtet werden. Am 29. November
2013 erliess die IV-Stelle eine Verfügung, mit der sie der Versicherten für die Dauer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 1. August 2013 bis zum 31. Dezember 2013 33 Taggelder à 103.80 Franken
zusprach (IV-act. 283).
B.
B.a Am 15. Januar 2014 liess die nun (wieder) anwaltlich vertretene Versicherte
(nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom
29. November 2013 erheben (act. G 1). Ihre Rechtsvertreterin beantragte die
Aufhebung der Verfügung vom 29. November 2013 und die Gewährung eines
durchgehenden Taggeldes ab dem 1. August 2013. Zur Begründung führte sie aus, die
IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) habe am 7. Juni 2012 bestätigt, dass
für die Beantwortung der Frage, wann die Beschwerdeführerin ihre Ausbildung ohne
die Gesundheitsbeeinträchtigung abgeschlossen hätte, der Zeitpunkt der Erlangung
des Master-Abschlusses massgebend sei. Die Master-Ausbildung dauere sowohl an
der Universität E._ als auch an der Hochschule F._ fünf Jahre. Nach dem
Abschluss der Sekundarschule sei ungewiss gewesen, ob die Beschwerdeführerin eine
gymnasiale Ausbildung werde bewältigen können. Deshalb sei ein Zwischenjahr
(10. Schuljahr) durchgeführt worden. Nach dem Abschluss der Mittelschule habe die
Beschwerdeführerin die Aufnahmeprüfungen in E._ und an der Hochschule F._
bestanden. Aufgrund einer unerwarteten Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes
sei aber ungewiss gewesen, ob sie den Übertritt an die Universität E._ schaffen
könne. Aus diesem Grund habe sie sich vorerst für eine Ausbildung an der Hochschule
F._ entschieden. Nachdem sie sich an die verschlechterte Sehfähigkeit gewöhnt, sich
im Alltag neu zurecht gefunden und einen Einblick in das Studium an der Hochschule
F._ erhalten habe, sei die Beschwerdeführerin zuversichtlich gewesen, dass sie auch
das Studium an der Universität E._ werde bewältigen können. Deshalb sei sie nach
einem Jahr „verspätet“ an die Universität E._ gewechselt. Die beiden Verzögerungen
von je einem Jahr hätten also mit der Gesundheitsbeeinträchtigung zusammengehängt,
weshalb die Beschwerdeführerin die fünfjährige Masterausbildung bereits im Sommer
2013 hätte abschliessen können, wenn sie gesund gewesen wäre. Daher habe sie
einen Anspruch auf ein durchgehendes Taggeld ab August 2013.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 27. Februar 2014 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie aus, es stehe nicht mit dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass die
Beschwerdeführerin ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung direkt in E._ zu studieren
begonnen hätte. Der Wechsel von der Hochschule F._ an die Universität E._ sei
nicht aus gesundheitlichen Gründen erfolgt, sondern weil die Beschwerdeführerin an
der Hochschule F._ unterfordert gewesen sei und sich vom Abschluss in E._
bessere Berufsaussichten erhofft habe. Folglich sei nicht davon auszugehen, dass sie
ihre Ausbildung ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung im Sommer 2013
beziehungsweise vor dem Sommer 2014 abgeschlossen hätte. Bei diesem Ergebnis
könne offenbleiben, ob die andere Verzögerung vor dem Übertritt ins Gymnasium
gesundheitsbedingt gewesen sei.
B.c Am 28. März 2014 liess die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen festhalten
(act. G 8). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 10).
C.
C.a Mit einer Verfügung vom 25. April 2014 sprach die Beschwerdegegnerin der
Beschwerdeführerin für die Zeit vom 1. Februar bis zum 31. Juli 2014 einen anteiligen
Anspruch auf zweimal 33 Taggelder à 103.80 Franken zu (IV-act. 311).
C.b Gegen diese Verfügung liess die Beschwerdeführerin am 16. Mai 2014 eine
Beschwerde
erheben, die unter der Verfahrensnummer IV 2014/259 am Protokoll des
Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen eingeschrieben wurde (IV 2014/259,
act. G 1). Die Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der Verfügung, die
Ausrichtung eines durchgehenden Taggeldes und die Vereinigung der
Beschwerdeverfahren IV 2014/32 und IV 2014/259. Die Beschwerdegegnerin
beantragte am 4. Juli 2014 die Abweisung der Beschwerde (IV 2014/259, act. G 3). Zur
Begründung verwies sie auf ihre Beschwerdeantwort im Verfahren IV 2014/32. Sie
befürwortete eine Vereinigung der beiden Beschwerdeverfahren.
D.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
D.a Mit einer Verfügung vom 15. August 2014 sprach die Beschwerdegegnerin der
Beschwerdeführerin für die Zeit vom 1. August bis zum 31. Dezember 2014 einen
anteiligen Anspruch auf zweimal 33 Taggelder à 103.80 Franken pro Jahr zu
(IV 2014/377, act. G 3.2.19).
D.b Am 1. September 2014 liess die Beschwerdeführerin eine Beschwerde gegen
die Verfügung vom 15. August 2014 erheben, die unter der Verfahrensnummer
IV 2014/377 am Protokoll des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen
eingeschrieben wurde (IV 2014/377, act. G 1). Die Rechtsvertreterin beantragte die
Aufhebung der Verfügung, die Gewährung eines durchgehenden Taggeldes und die
Vereinigung der Beschwerdeverfahren IV 2014/32, IV 2014/259 und IV 2014/377. Die
Beschwerdegegnerin beantragte am 12. September 2014 unter Hinweis auf ihre
Beschwerdeantwort im Verfahren IV 2014/32 die Abweisung der Beschwerde
(IV 2014/377, act. G 3).
E.
E.a Mit einer Verfügung vom 19. Dezember 2014 sprach die Beschwerdegegnerin
der Beschwerdeführerin für die Zeit vom 1. Januar bis zum 1. März 2015 einen
anteiligen Anspruch auf zweimal 33 Taggelder à 103.80 Franken pro Jahr zu (IV-
act. 332). Aus unerfindlichen Gründen ersetzte sie diese Verfügung am 12. Januar 2015
durch eine gleich lautende Verfügung (IV-act. 345).
E.b Gegen diese Verfügung liess die Beschwerdeführerin am 11. Februar 2015 eine
Beschwerde erheben, die unter der Verfahrensnummer IV 2015/38 im Protokoll des
Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen eingeschrieben wurde (IV 2015/38,
act. G 1). Die Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der Verfügung vom
12. Januar 2015, die Gewährung eines durchgehenden Taggeldes und die Vereinigung
der Beschwerdeverfahren IV 2014/32, IV 2014/259, IV 2014/377 und IV 2015/38. Die
Beschwerdegegnerin beantragte am 20. März 2015 unter Hinweis auf ihre
Beschwerdeantwort im Verfahren IV 2014/32 die Abweisung der Beschwerde
(IV 2015/38, act. G 3).
F.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
F.a Mit einer Verfügung vom 27. März 2015 sprach die Beschwerdegegnerin der
Beschwerdeführerin für die Zeit vom 2. März bis zum 13.September 2015 einen
anteiligen Anspruch auf zweimal 33 Taggelder à 103.80 Franken pro Jahr zu (IV-
act. 354).
F.b Gegen diese Verfügung liess die Beschwerdeführerin am 14. April 2015 eine
Beschwerde erheben, die unter der Verfahrensnummer IV 2015/118 am Protokoll des
Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen eingeschrieben wurde (IV 2015/118,
act. G 1). Die Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der Verfügung, die
Gewährung eines durchgehenden Taggeldes und die Vereinigung der Verfahren
IV 2014/32, IV 2014/259, IV 2014/377, IV 2015/38 und IV 2015/118. Die
Beschwerdegegnerin beantragte am 12. Mai 2015 unter Hinweis auf ihre
Beschwerdeantwort im Verfahren IV 2014/32 die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).

Erwägungen
1. Die Beschwerdeverfahren IV 2014/32, IV 2014/259, IV 2014/377, IV 2015/38
und IV 2015/118 betreffen grundsätzlich alle denselben Gegenstand, nämlich die Höhe
des während der erstmaligen beruflichen Ausbildung ausgerichteten Taggeldes. Streitig
ist, ob sich die Ausbildung der Beschwerdeführerin aus gesundheitlichen Gründen um
zwei Jahre verzögert hat (was zufällig der Dauer des Master-Studiums entspricht; es
besteht kein kausaler Zusammenhang zwischen dem Streit und dem Master-Studium)
und ob die Beschwerdeführerin entsprechend einen Anspruch auf ein Taggeld hat, das
ein entgangenes Erwerbseinkommen bei einer vollzeitigen Erwerbstätigkeit ersetzt,
oder ob weiterhin ein Taggeld auszurichten ist, das der Erwerbseinbusse einer so
genannten Werksstudentin entspricht. Die Beschwerdegegnerin hat das Taggeld nicht
für die Dauer der gesamten Ausbildung zugesprochen, sondern jeweils für einen Teil-
Zeitraum der Ausbildung ein befristetes Taggeld ausgerichtet. Infolgedessen hat sie
jährlich mehrere Taggeldverfügungen erlassen. Für die Zeit ab Sommer 2013 sind
mittlerweile fünf Taggeldverfügungen ergangen, die zusammengenommen das Taggeld
während des – noch nicht abgeschlossenen – Master-Studiums betreffen. Die
Beschwerdeführerin hat zur Wahrung ihrer Rechte vorsichtshalber jede Verfügung
einzeln anfechten müssen. Es handelt sich dabei aber nicht um fünf voneinander
unabhängige Verfügungen, denn sie behandeln zusammen einen einzigen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsanspruch und nicht fünf verschiedene Rechtsansprüche. Die „Zerstückelung“
auf fünf Verfügungen ist mit der „Zerstückelung“ eines Rentenanspruchs bei einer
rückwirkenden, abgestuften Rentenzusprache der Invalidenversicherung vergleichbar,
bei der die einzelnen Verfügungen ebenfalls als eine Einheit zu behandeln sind
(BGE 131 V 164). Folglich drängt sich eine Vereinigung der Beschwerdeverfahren auf.
Beide Parteien haben sich damit ausdrücklich einverstanden erklärt.
2. Versicherte in der erstmaligen beruflichen Ausbildung und Versicherte, die das
20. Altersjahr noch nicht vollendet haben und noch nicht erwerbstätig gewesen sind,
haben einen Anspruch auf ein Taggeld, wenn sie ihre Erwerbsfähigkeit ganz oder teil
weise einbüssen (Art. 22 Abs. 1 IVG). Die Grundentschädigung beträgt für
Versicherte in der erstmaligen beruflichen Ausbildung und für Versicherte, die das
20. Altersjahr noch nicht vollendet haben und noch nicht erwerbstätig gewesen sind,
30 Prozent des Höchstbetrages des Taggeldes nach dem Bundesgesetz über die
Unfallversicherung (Art. 24 Abs. 1 IVG), das heisst 30 Prozent von 346 Franken pro Tag
(Art. 22 Abs. 1 UVV). Für Studenten sieht die Rz. 1039 des Kreisschreibens über die
Taggelder der Invalidenversicherung folgendes vor: Kann die versicherte Person den
Nachweis erbringen, dass sie auch ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung ein Studium
absolviert und daneben ein Erwerbseinkommen erzielt hätte, dies nun aber
behinderungsbedingt nicht kann, ist für die Zeit, während der sie jeweils gearbeitet
hätte, eine invaliditätsbedingte Erwerbseinbusse anzunehmen; das „kleine“ Taggeld ist
pro Jahr höchstens solange auszurichten, bis der Gesamtbetrag der Taggelder die
mutmassliche jährliche invaliditätsbedingte Erwerbseinbusse erreicht hat (vgl. ZAK
1990, 480). Daraus wird ersichtlich, dass der Zweck des Taggeldes (im Allgemeinen)
darin besteht, eine Erwerbseinbusse während einer beruflichen
Eingliederungsmassnahme zu ersetzen. Die Erwerbseinbusse ist anhand eines
Vergleichs zwischen der hypothetischen Karriere ohne eine
Gesundheitsbeeinträchtigung und der realen Karriere zu ermitteln. Bei Werksstudenten
entspricht sie in der Regel der Differenz zwischen dem Erwerbseinkommen, das eine
versicherte Person ohne Gesundheitsbeeinträchtigung in den Semesterferien oder im
Rahmen einer regelmässigen Erwerbstätigkeit nebst dem Studium hätte erzielen
können, und dem Erwerbseinkommen, das sie mit ihrer Gesundheitsbeeinträchtigung
effektiv erzielen oder eben nicht erzielen kann. Verzögert sich der Studienabschluss
aus gesundheitlichen Gründen, entspricht die Erwerbseinbusse aber ab dem Zeitpunkt
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des hypothetischen Studienabschlusses ohne eine Gesundheitsbeeinträchtigung nicht
mehr der Differenz zwischen dem hypothetischen Nebenerwerbseinkommen und dem
effektiven Einkommen des Werksstudenten, sondern – an sich – der Differenz zwischen
dem hypothetischen Einkommen nach dem Abschluss des Studiums und dem
effektiven Einkommen. Allerdings lässt der Art. 23 Abs. 2 IVG es nicht zu, auf das
hypothetische Einkommen nach dem Studienabschluss abzustellen. Die
Grundentschädigung kann nämlich nach wie vor nur maximal 30 Prozent des
Höchstansatzes des Taggeldes gemäss dem UVG entsprechen. Damit stellt sich
vorliegend ausschliesslich die Frage, ob die Beschwerdeführerin ab dem Sommer 2013
zu Recht als Werksstudentin qualifiziert worden ist oder ob sie als hypothetisch
Erwerbstätige hätte behandelt werden müssen. Von der Beantwortung dieser Frage
hängt ab, für wie viele Tage pro Jahr das gemäss dem Art. 23 Abs. 2 IVG geschuldete
Taggeld von 103.80 Franken ab dem Sommer 2013 hätte ausgerichtet werden müssen.
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin hat die obligatorische Schulzeit im Sommer 2004
altersgemäss beendet. Bereits im November 2002 war darauf hingewiesen worden,
dass sie das Potential für eine Matura habe. Dennoch ist im Sommer 2004 nach dem
dritten Sekundarschuljahr nicht der Wechsel ans Gymnasium erfolgt, sondern die
Beschwerdeführerin hat ein Zwischenjahr, ein so genanntes 10. Schuljahr, absolviert.
Als Grund für dieses Zwischenjahr hat die Schulleitung die hochgradige
Sehbehinderung der Beschwerdeführerin angegeben. Sie hat damit eine optimale
Förderung der Beschwerdeführerin im Hinblick auf die durch die Sehbehinderung
geschaffenen Schwierigkeiten während des Gymnasiums erreichen wollen. Später hat
sich dann gezeigt, dass die Beschwerdeführerin das Gymnasium mit Bestnoten
gemeistert hat. Angesichts dieses Leistungsnachweises muss davon ausgegangen
werden, dass ohne die Sehbehinderung nichts gegen den direkten Übertritt von der
dritten Sekundarklasse ins Gymnasium gesprochen hätte. Die einjährige Verzögerung
der Ausbildung im Jahr 2004/2005 ist also gesundheitsbedingt gewesen.
3.2 Im Sommer 2009 hat die Beschwerdeführerin trotz einer unerwarteten
erheblichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes und einer damit
verbundenen mehrwöchigen Absenz vom Schulbetrieb nicht nur die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abschlussprüfungen des Gymnasiums, sondern auch die Aufnahmeprüfungen der
Universität E._ und der Hochschule F._ bestanden. Obwohl sie also die freie Wahl
gehabt hat, an der Universität E._ oder an der Hochschule F._ zu studieren, und
obwohl ihr bereits damals bewusst gewesen sein muss, dass die Universität E._
hinsichtlich der Dolmetscherausbildung über ein besseres Rénommée als die
Hochschule F._ verfügt und dass die universitäre Ausbildung wissenschaftlicher als
die Ausbildung an der Hochschule F._ ist, hat sie sich für die „schlechtere“ Option
entschieden. In ihrem Schreiben vom 25. April 2010, mit dem sie den Studienwechsel
trotz des Verlustes eines ganzen Jahres beantragt hat, hat sie ausführlich und plausibel
dargelegt, was die Gründe für diese Wahl gewesen sind: Sie ist sich nach der fast
vollständigen Erblindung und der Entfernung des rechten Auges nicht sicher gewesen,
ob sie den Anforderungen des Studiums und des Alltags gewachsen sei, zumal sie
infolge der erheblichen Visusverschlechterung umgehend eine neue Technik hat
erlernen und verinnerlichen müssen, um sich den Lernstoff anzueignen. Die Aussage
der Beschwerdeführerin, sie habe sich für das Studium an der Hochschule F._
entschieden, weil sie davon ausgegangen sei, den dort tieferen Anforderungen eher
genügen zu können, und weil F._ deutlich näher bei J._, dem Wohnort ihrer Eltern,
liege als E._, sodass sie mit mehr Unterstützung im Alltag durch die Eltern habe
rechnen können, ist überzeugend. Retrospektiv mögen sich ihre damaligen
Befürchtungen als unbegründet erwiesen haben, was allerdings irrelevant ist.
Massgebend ist nämlich nur, dass die Beschwerdeführerin nach dem Abschluss des
Gymnasiums aus den dargelegten Gründen durchaus hat befürchten müssen, dem
Studium an der Universität E._ nicht gewachsen zu sein. Die damit verbundene
objektiv berechtigte Unsicherheit hat sie dazu bewogen, nicht direkt ein Studium an der
Universität E._ zu beginnen, sondern ein Studium an der Hochschule F._
anzutreten, von dem sie hat annehmen können, dass sie es eher meistern werde als
das Studium an der Universität E._. Ein anderer Grund, weshalb die
Beschwerdeführerin nicht direkt an der Universität E._ hätte studieren sollen, ist nicht
ersichtlich, zumal sich mittlerweile gezeigt hat, dass die Beschwerdeführerin sogar trotz
ihrer Gesundheitsbeeinträchtigung in der Lage gewesen ist, das Bachelorstudium an
der Universität E._ zu meistern. Die schulischen Fähigkeiten der Beschwerdeführerin
können nicht der Grund für den „Umweg“ an der Hochschule F._ gewesen sein,
denn auch die Eingliederungsberaterin der Beschwerdegegnerin hat, nachdem die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin sich an die Verschlechterung ihrer Sehfähigkeiten angepasst und
im ersten Studienjahr an der Hochschule F._ bewährt hatte, den Wechsel an die
Universität E._ (trotz erheblicher Mehrkosten für die Beschwerdegegnerin)
befürwortet. Die durch den „Umweg“ an der Hochschule F._ verursachte
Verzögerung steht folglich überwiegend wahrscheinlich mit der erheblichen und
unerwarteten Gesundheitsverschlechterung am Ende des Gymnasiums im
Zusammenhang. Mit anderen Worten ist nicht plausibel, dass die Beschwerdeführerin
ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung trotz ihrer hervorragenden Noten im
Maturazeugnis und trotz der bestandenen Aufnahmeprüfung der Universität E._ sich
dazu entschlossen hätte, an der Hochschule F._ zu studieren, wenn sie gesund
gewesen wäre; sie hätte vielmehr direkt ihr Studium an der Universität E._
aufgenommen.
3.3 Ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung hätte die Beschwerdeführerin die
gymnasiale Ausbildung also bereits im Sommer 2004 und nicht erst im Sommer 2005
begonnen. Sie hätte die Matura folglich schon im Sommer 2008 statt erst im Sommer
2009 erlangt. Danach hätte sie sich an der Universität E._ eingeschrieben, wo sie den
Bachelortitel nach drei Jahren, also im Sommer/Herbst 2011 erhalten hätte. Das
anschliessende
Masterstudium hätte sowohl an der Universität E._ als auch an der Hochschule F._
zwei Jahre gedauert. Den Masterabschluss hätte die Beschwerdeführerin wohl auch
ohne Gesundheitsbeeinträchtigung an der Hochschule F._ erlangen müssen, weil sie
zwar die – angesichts der Sehbehinderung anspruchsvollere – schriftliche Prüfung der
Universität E._ bestanden, die mündliche Prüfung aber nicht bestanden hat. Die
mündliche Prüfung hätte sie folglich wohl auch ohne die Sehbehinderung nicht
bestanden. Der Lehrgangsverantwortliche der Hochschule F._ hat in einer
Stellungnahme ausgeführt, dass das Studienjahr an der Hochschule F._ anders als
an den Universitäten nicht im Herbst, sondern im Frühjahr beginne. Mit dem Wechsel
an die Hochschule F._ hätte also eine halbjährige Verzögerung verbunden sein
können. An der Universität E._ hätte die Beschwerdeführerin den Mastertitel mit
anderen Worten im Sommer oder Herbst 2013, an der Hochschule F._ dagegen
allenfalls erst im Winter oder Frühjahr 2014 erhalten. Die Beschwerdegegnerin hat es
unterlassen abzuklären, wann die Ausbildung (in E._ oder an der Hochschule F._)
effektiv abgeschlossen worden wäre, das heisst in welchem Monat genau die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin den zur Berufsausübung erforderlichen Mastertitel erhalten hätte.
Sie wird noch abklären, wann die Beschwerdeführerin den Mastertitel erhalten hätte,
wenn sie den Bachelorlehrgang in E._ im Sommer/Herbst 2011 abgeschlossen und
dann für das Masterstudium an die Hochschule F._ gewechselt hätte. Ab diesem
Zeitpunkt respektive ab dem Folgemonat hat die Beschwerdeführerin einen Anspruch
auf 365 Taggelder à 103.80 Franken pro Jahr, weil sie als Gesunde nach dem
Abschluss des Masterstudiums ab diesem Zeitpunkt einer Erwerbstätigkeit als
Übersetzerin nachgegangen wäre.
4.
4.1 Die beiden Verfügungen vom 29. November 2013 (IV 2014/32) und vom 25. April
2014 (IV 2014/259) sind folglich aufzuheben und die Sache ist zur weiteren Abklärung
und zur anschliessenden neuen Verfügung betreffend den Taggeldanspruch für die Zeit
vom 1. August 2013 bis zum 31. Juli 2014 an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
4.2 Die Verfügungen vom 15. August 2014 (IV 2014/377), vom 12. Januar 2015
(IV 2015/38) und vom 27. März 2015 (IV 2015/118) sind ebenfalls aufzuheben. Da die
Beschwerdeführerin ihren Mastertitel ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung
spätestens im Frühjahr 2014 beziehungsweise sicher vor dem 1. August 2014 erhalten
hätte, ist der von diesen drei Verfügungen betroffene Zeitraum vom 1. August 2014 bis
zum 13. September 2015 von der weiteren Abklärung nicht betroffen. Diesbezüglich ist
direkt ein Taggeld von 103.80 Franken für jeden Kalendertag zuzusprechen. Die
Beschwerdegegnerin wird der Beschwerdeführerin eine entsprechende Nachzahlung
auszurichten haben.
5.
5.1 Die Rückweisung einer Sache zur weiteren Abklärung gilt
rechtsprechungsgemäss hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen als
vollständiges Obsiegen der Beschwerde führenden Partei. Somit sind die Kosten- und
Entschädigungsfolgen hinsichtlich aller fünf Verfügungen beziehungsweise
Beschwerdeverfahren gleich: Die Kosten sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aufzuerlegen und die Beschwerdegegnerin ist zu verpflichten, der Beschwerdeführerin
eine Parteientschädigung auszurichten.
5.2 Die Kosten werden für das Verfahren IV 2014/32 praxisgemäss auf 600 Franken
festgesetzt. Für die vier Folgeverfahren IV 2014/259, IV 2014/377, IV 2015/38 und
IV 2015/118 werden die Kosten auf je 100 Franken festgesetzt. Die
Beschwerdegegnerin hat insgesamt also 1’000 Franken Gerichtskosten zu bezahlen.
5.3 Angesichts des durchschnittlichen Vertretungsaufwandes im Verfahren
IV 2014/32 wird die Parteientschädigung praxisgemäss auf 3’500 Franken
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt. Für die Folgeverfahren
IV 2014/259, IV 2014/377, IV 2015/38 und IV 2015/118 ist kein nennenswerter
Vertretungsaufwand mehr angefallen; die Rechtsvertreterin hat sich darauf
beschränken können, je eine Beschwerde zu erheben und auf ihre Eingaben im
Beschwerdeverfahren IV 2014/32 zu verweisen, was sie auch getan hat. Hierfür
erscheint eine Entschädigung von je 350 Franken (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) als angemessen. Insgesamt hat die Beschwerdegegnerin der
Beschwerdeführerin also eine Parteientschädigung von 4’900 Franken auszurichten.