Decision ID: 7edc2a84-f24e-4d9a-bef5-e01821436eab
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_006
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Verwaltungsgericht entnimmt den Akten:
A.
Die aus Kamerun stammende Beschwerdeführerin heiratete am 21. No-
vember 2015 in Kamerun einen Schweizer Staatsangehörigen (Akten des
Amtes für Migration und Integration betreffend die Beschwerdeführerin
[MI1-act.] 81) und reiste am 15. Juni 2016 in die Schweiz ein, wo ihr am
17. Juni 2016 im Rahmen des Familiennachzugs eine Aufenthaltsbe-
willigung zum Verbleib beim Ehegatten erteilt wurde (MI1-act. 91 ff.). Die
Ehegatten lebten fortan gemeinsam in X..
Aus früheren Beziehungen der Beschwerdeführerin gingen die beiden
Söhne B. (geb. 2003, kamerunischer Staatsangehöriger) und C. (geb.
2005, kamerunischer Staatsangehöriger) hervor (Akten des Amtes für
Migration und Integration betreffend B. [MI2-act.] 17; Akten des Amtes für
Migration und Integration betreffend C. [MI3-act.] 17), die nach der Ausreise
der Beschwerdeführerin in Kamerun verblieben.
Mit Gesuch vom 25. Februar 2020 beantragte die Beschwerdeführerin den
Familiennachzug ihrer beiden Söhne in die Schweiz (MI2-act. 53 ff.; MI3-
act. 50 ff.).
Nach diversen weiteren Abklärungen teilte das Amt für Migration und In-
tegration des Kantons Aargau (MIKA) der Beschwerdeführerin mit Schrei-
ben vom 29. Juni 2021 mit, dass es beabsichtige, das Familiennachzugs-
gesuch wegen Nichteinhaltens der Nachzugsfrist abzulehnen, sofern die
Beschwerdeführerin keine wichtigen familiären Gründe für einen nachträg-
lichen Familiennachzug geltend machen könne, und gewährte ihr das
rechtliche Gehör. Zudem wurde die Beschwerdeführerin zur Einreichung
weiterer Unterlagen aufgefordert (MI2-act. 249 ff.; MI3-act. 246 ff.). Die Be-
schwerdeführerin nahm mit Eingabe vom 21. Juli 2021 Stellung und reichte
die einverlangten Unterlagen ein (MI2-act. 252 ff.; MI3-act. 249 ff.).
Am 20. August 2021 verfügte das MIKA die Ablehnung des Familiennach-
zugsgesuchs der Beschwerdeführerin für die beiden Söhne und verwei-
gerte diesen die Einreise in die Schweiz (MI2-act. 293 ff.; MI3-act. 290 ff.).
B.
Gegen die Verfügung des MIKA vom 20. August 2021 erhob die Beschwer-
deführerin mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 22. September 2021
beim Rechtsdienst des MIKA (Vorinstanz) fristgerecht Einsprache (MI2-
act. 305 ff.; MI3-act. 302 ff.).
Am 15. Dezember 2021 erliess die Vorinstanz folgenden Einspracheent-
scheid (act. 1 ff.):
- 3 -
1. Die Einsprache wird abgewiesen.
2. Es werden keine Gebühren erhoben.
3. Es werden keine Parteientschädigungen zugesprochen.
Auf die Begründung wird, soweit erforderlich, in den folgenden Erwägungen
eingegangen.
C.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 14. Januar 2022 erhob die Be-
schwerdeführerin beim Verwaltungsgericht des Kantons Aargau (Verwal-
tungsgericht) Beschwerde und stellte folgende Begehren (act. 13 ff.):
1. Es sei der Einspracheentscheid der Vorinstanz vom 15. Dezember 2021 aufzuheben, in entsprechender Abänderung der Verfügung der Vorinstanz vom 20. August 2021 dem Gesuch der Beschwerdeführerin vom 25. Februar 2020 zu entsprechen und den beiden Söhnen der , B., geb. 2003, Kamerun, und C., geb. 2005, Kamerun, die Aufenthaltsbewilligung im Familiennachzug zu erteilen, ihnen die Einreise in die Schweiz zu erlauben und die Botschaft der Schweizerischen Eidgenossenschaft in Yaoundé, Kamerun, zu ermächtigen und , den beiden Söhnen zwecks Einreise in die Schweiz jeweils ein  Visum des Typus D auszustellen.
2. Eventualiter zu Ziff. 1 vorstehend seien der Einspracheentscheid der Vorinstanz vom 15. Dezember 2021 und die Verfügung der Vorinstanz vom 20. August 2021 vollumfänglich aufzuheben und die Sache unter  an die Auffassung des Verwaltungsgerichtes zur ergänzenden  und neuen Beurteilung und Entscheidung an die Vorinstanz .
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (einschließlich MwSt) zulasten der Staatskasse des Kantons Aargau, eventualiter zulasten der Vorinstanz.
Die Begründung ergibt sich, soweit erforderlich, aus den nachstehenden
Erwägungen.
Nach Eingang des Kostenvorschusses verzichtete die Vorinstanz auf eine
Beschwerdeantwort, beantragte die Abweisung der Beschwerde und
reichte aufforderungsgemäss die Akten ein (act. 58, 62).
Das Verwaltungsgericht hat den Fall am 28. März 2022 beraten und ent-
schieden.
- 4 -

Das Verwaltungsgericht zieht in Erwägung:
I.
1.
Einspracheentscheide des MIKA können innert 30 Tagen seit Zustellung
mit Beschwerde an das Verwaltungsgericht weitergezogen werden (§ 9
Abs. 1 des Einführungsgesetzes zum Ausländerrecht vom 25. November
2008 [EGAR; SAR 122.600]). Beschwerden sind schriftlich einzureichen
und müssen einen Antrag sowie eine Begründung enthalten; der angefoch-
tene Entscheid ist anzugeben, allfällige Beweismittel sind zu bezeichnen
und soweit möglich beizufügen (§ 2 Abs. 1 EGAR i.V.m. § 43 des Gesetzes
über die Verwaltungsrechtspflege vom 4. Dezember 2007 [Verwaltungs-
rechtspflegegesetz, VRPG; SAR 271.200]).
Die Beschwerdeführerin beantragt unter anderem die Erteilung einer Auf-
enthaltsbewilligung für ihre Söhne. Das Verwaltungsgericht kann keine Auf-
enthaltsbewilligungen erteilen. Der entsprechende Antrag ist deshalb so zu
verstehen, dass das Verwaltungsgericht das MIKA gegebenenfalls anzu-
weisen habe, den Söhnen der Beschwerdeführerin eine Aufenthaltsbewil-
ligung zu erteilen, dies unter Vorbehalt der Zustimmung des Staatssekre-
tariats für Migration (SEM; vgl. Art. 6 lit. a der Verordnung des EJPD über
die dem Zustimmungsverfahren unterliegenden ausländerrechtlichen Be-
willigungen und Vorentscheide vom 13. August 2015 [Verordnung des
EJPD über das ausländische Zustimmungsverfahren, ZV-EJPD;
SR 142.201.1]).
Im Übrigen richtet sich die vorliegende Beschwerde gegen den Einsprache-
entscheid der Vorinstanz vom 15. Dezember 2021. Die Zuständigkeit des
Verwaltungsgerichts ist somit gegeben. Auf die frist- und formgerecht ein-
gereichte Beschwerde ist daher einzutreten.
2.
Unter Vorbehalt abweichender bundesrechtlicher Vorschriften oder
Bestimmungen des EGAR können mit der Beschwerde an das Verwal-
tungsgericht einzig Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung
oder Missbrauch des Ermessens, und unrichtige oder unvollständige Fest-
stellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden. Die Ermes-
sensüberprüfung steht dem Gericht jedoch grundsätzlich nicht zu (§ 9
Abs. 2 EGAR; vgl. auch § 55 Abs. 1 VRPG). Schranke der Ermessensaus-
übung bildet das Verhältnismässigkeitsprinzip (vgl. BENJAMIN SCHINDLER,
in: MARTINA CARONI/THOMAS GÄCHTER/DANIELA THURNHERR [Hrsg.],
Stämpflis Handkommentar zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen
und Ausländer [AuG], Bern 2010, N. 7 zu Art. 96 mit Hinweisen). In diesem
Zusammenhang hat das Verwaltungsgericht gemäss bundesgerichtlicher
- 5 -
Rechtsprechung insbesondere zu klären, ob die Vorinstanz die gemäss
Art. 96 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer und
über die Integration vom 16. Dezember 2005 (Ausländer- und Integrations-
gesetz, AIG; SR 142.20) relevanten Kriterien (öffentliche Interessen, per-
sönliche Verhältnisse, Integration) berücksichtigt hat und ob diese rechts-
fehlerfrei gewichtet wurden (vgl. BENJAMIN SCHINDLER, a.a.O., N. 9 zu
Art. 96). Schliesslich ist im Rahmen einer Gesamtbetrachtung zu entschei-
den, ob die getroffene Massnahme durch ein überwiegendes öffentliches
Interesse gerechtfertigt erscheint (sog. Verhältnismässigkeit im engeren
Sinn).
II.
1.
1.1.
Die Vorinstanz hält im angefochtenen Entscheid fest, das Familiennach-
zugsgesuch sei nicht innert der von Art. 73 Abs. 1 der Verordnung über
Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit vom 24. Oktober 2007 (VZAE;
SR 142.201) vorgeschriebenen Frist gestellt worden. Es handle sich somit
um einen nachträglichen Familiennachzug im Sinne von Art. 73 Abs. 3
VZAE. Wichtige familiäre Gründe, wie sie für die Bewilligung eines nach-
träglichen Familiennachzugs vorliegen müssten, seien nicht gegeben.
Dazu führt die Vorinstanz im Wesentlichen aus, dass es zwar durchaus
nachvollziehbar erscheine, weshalb die Beschwerdeführerin ihre Söhne in
die Schweiz nachziehen wolle. Jedoch seien die Gründe nicht mit dem Ziel
und Zweck des nachträglichen Familiennachzugs aus wichtigen familiären
Gründen vereinbar. Im Ergebnis sei der Nachweis der fehlenden Be-
treuungsmöglichkeit im Heimatland, an den in Anbetracht des Alters der
Söhne und der hier zu erwartenden Integrationsschwierigkeiten hohe An-
forderungen zu stellen seien, nicht erbracht. Es sei sodann nicht zu erwar-
ten, dass mit dem Nachzug in die Schweiz dem Kindswohl besser entspro-
chen werden könnte. Sicherlich könne das Kindswohl im vorliegenden Fall
nicht nur durch einen Nachzug in die Schweiz gewahrt werden (act. 9).
Ferner hält die Vorinstanz fest, die Beschwerdeführerin habe die Angele-
genheit selbst nicht als dringlich erachtet und es sei ihr offenkundig insbe-
sondere auch darum gegangen, den beiden Söhnen in der Schweiz eine
bessere berufliche und wirtschaftliche Zukunft zu ermöglichen. Gestützt auf
das nationale Recht sei der Familiennachzug zu verweigern, auch wenn
davon ausgegangen werden könne, dass die übrigen Voraussetzungen
des Familiennachzugs erfüllt wären.
Mit Blick auf das durch Art. 8 der Konvention zum Schutze der Menschen-
rechte und Grundfreiheiten vom 4. November 1950 (EMRK; SR 0.101) ge-
schützte Familienleben hält die Vorinstanz fest, die Verweigerung des Fa-
miliennachzugs für ihre Söhne stelle zwar einen Eingriff in das durch Art. 8
EMRK geschützte Familienleben dar. Dieser sei jedoch gerechtfertigt, da
- 6 -
das öffentliche Interesse an der Verweigerung die privaten Interessen über-
wiege.
1.2.
Die Beschwerdeführerin stellt sich in ihrer Beschwerde demgegenüber auf
den Standpunkt, der nachträgliche Familiennachzug der beiden Söhne sei
wegen Vorliegens wichtiger familiärer Gründe im Sinne von Art. 47 Abs. 4
AIG zu bewilligen. Dazu führt die Beschwerdeführerin im Wesentlichen aus,
die Familie habe sich mit ihren erheblichen Investitionen, Projekten und
Engagements über Jahre hinweg auf eine gemeinsame Zukunft in
Kamerun vorbereitet, indem spätestens mit dem Antritt des Ruhestandes
des Ehemannes, welcher seit Jahren selbständig erwerbstätig sei und im
Wesentlichen von den Erträgen der Vermietung zahlreicher in der Schweiz
gelegenen Wohnungen problemlos leben könne, die Familienzusammen-
führung dauerhaft in Kamerun hätte vollzogen werden sollen – und zwar in
Buea, in einer der anglophonen Regionen im Südwesten Kameruns, wo sie
ihr eigenes, stattliches Anwesen mit Umschwung gebaut hätten. Deshalb
habe die Beschwerdeführerin denn auch die gesetzliche Nachzugsfrist,
welche für B. am 17. Juni 2017 und für C. am 15. März 2018 geendet habe,
ungenutzt verstreichen lassen. Es gehe vorliegend definitiv immer noch um
die Familienzusammenführung, allerdings im Vergleich zum
ursprünglichen Plan gewissermassen in umgekehrter Richtung. Aufgrund
des in den beiden anglophonen Regionen Kameruns ausgebrochenen
Konflikts und dessen Folgen könne die Familienzusammenführung nicht
mehr in Buea vollzogen werden. Die im vorinstanzlichen Verfahren
ausführlich dargelegten und von der Vorinstanz nicht in Zweifel gezogenen
Folgen des ausgebrochenen Konflikts in den beiden anglophonen
Regionen hätten nach Ablauf der gesetzlichen Nachzugsfristen zu einer
nicht vorhergesehenen und nicht vorhersehbar gewesenen, erheblichen
und wesentlichen Veränderung in der Betreuungssituation hinsichtlich der
beiden Söhne, von welchen der ältere in gut zweieinhalb Jahren und der
jüngere in rund fünf Jahren nach dem Recht Kameruns überhaupt erst voll-
jährig würden, geführt (act. 21). Mit anderen Worten liege im vorliegenden
Fall der wichtige familiäre Grund darin, dass die geplante Familienzusam-
menführung und damit einhergehende Betreuungssituation nicht wie vor-
gesehen in Kamerun realisiert werden könne, sondern nun eben in der
Schweiz zu realisieren sei (act. 26).
2.
2.1.
2.1.1.
Ausländischen Ehegatten und ledigen Kindern unter 18 Jahren von Perso-
nen mit Aufenthaltsbewilligung kann gemäss Art. 44 Abs. 1 AIG eine Auf-
enthaltsbewilligung im Rahmen des Familiennachzugs erteilt und ver-
längert werden, wenn sie mit diesen zusammenwohnen (lit. a), eine be-
- 7 -
darfsgerechte Wohnung vorhanden ist (lit. b), sie nicht auf Sozialhilfe an-
gewiesen sind (lit. c), sie sich in der am Wohnort gesprochenen Landes-
sprache verständigen können (lit. d) und die nachziehende Person keine
jährlichen Ergänzungsleistungen nach dem Bundesgesetz über Ergän-
zungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung
vom 6. Oktober 2006 (ELG; SR 831.30) bezieht oder wegen des Familien-
nachzugs beziehen könnte (lit. e). Bei ledigen Kindern unter 18 Jahren fin-
det die Voraussetzung nach Art. 44 Abs. 1 lit. d AIG keine Anwendung
(Art. 44 Abs. 3 AIG).
Für die Frage, ob die Altersgrenze von 18 Jahren eingehalten wurde, ist
das Alter des Kindes bei der Gesuchseinreichung massgeblich
(BGE 136 II 497, Erw. 3.4; MARC SPESCHA, in: MARC SPESCHA/ANDREAS
ZÜND/PETER BOLZLI/CONSTANTIN HRUSCHKA/FANNY DE WECK [Hrsg.], Kom-
mentar Migrationsrecht, 5. Aufl., Zürich 2019, N. 1 zu Art. 47 AIG). Die
übrigen materiellen Voraussetzungen für einen Familiennachzug gestützt
auf Art. 44 Abs. 1 AIG müssen zu einem beliebigen Zeitpunkt zwischen der
Gesuchseinreichung und der Vollendung des 18. Altersjahres des nach-
zuziehenden Kindes bzw. dem Entscheidzeitpunkt alle zugleich erfüllt sein
(Entscheide des Verwaltungsgerichts WBE.2015.341 vom 3. März 2017,
Erw. II/3.3, und WBE.2019.83 vom 2. September 2020, Erw. II/4.2).
2.1.2.
Als die Beschwerdeführerin am 25. Februar 2020 das Familiennachzugs-
gesuch einreichte, war sie im Besitz einer Aufenthaltsbewilligung und ihre
beiden Söhne waren 14- bzw. 16-jährig und ledig. Sodann verfügen die
Beschwerdeführerin und ihr Ehemann über eine angemessene Wohnung
sowie hinreichende finanzielle Mittel, um den Bedarf der Familie auch im
Falle eines Nachzugs der beiden Söhne der Beschwerdeführerin zu decken
und es bestehen keine Anhaltspunkte für eine künftige Sozialhilfeab-
hängigkeit der Familie (vgl. act. 10; MI2-act. 267 ff., 295; MI3-act. 264 ff.,
292). Damit waren die materiellen Voraussetzungen für einen Familien-
nachzug gestützt auf Art. 44 Abs. 1 AIG zeitgleich erfüllt, was durch die
Vorinstanz im Übrigen explizit bestätigt wurde (act. 10).
2.2.
Dass vorliegend von einem nachträglichen Familiennachzug auszugehen
ist, liegt auf der Hand und bedarf keiner weiteren Ausführungen. Dies umso
weniger, als das Verpassen der Nachzugsfristen von der Beschwerde-
führerin nicht in Abrede gestellt wird (act. 18). Damit ist das Gesuch als
nachträgliches Familiennachzugsgesuch im Sinne von Art. 47 Abs. 4 AIG
zu qualifizieren und ist gemäss genannter Bestimmung nur bei Vorliegen
wichtiger familiärer Gründe zu bewilligen.
- 8 -
2.3.
2.3.1.
2.3.1.1.
Wichtige familiäre Gründe im Sinne von Art. 47 Abs. 4 AIG liegen gemäss
Art. 75 VZAE vor, wenn das Kindswohl nur durch einen Nachzug in die
Schweiz sachgerecht gewahrt werden kann. Entgegen dem Wortlaut der
Verordnungsbestimmung ist der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zu-
folge jedoch nicht ausschliesslich auf das Kindswohl abzustellen. Vielmehr
bedarf es einer Gesamtschau unter Berücksichtigung aller relevanten Ele-
mente im Einzelfall. Dabei soll nach dem Willen des Gesetzgebers die Be-
willigung eines Familiennachzugs, der nach Ablauf der gesetzlichen Fristen
beantragt wurde, die Ausnahme und nicht die Regel bilden (zum Ganzen
Urteil des Bundesgerichts 2C_767/2015 vom 19. Februar 2016,
Erw. 5.1.1).
2.3.1.2.
In Bezug auf den massgeblichen Zeitpunkt, in welchem wichtige familiäre
Gründe im Sinne von Art. 47 Abs. 4 AIG vorliegen müssen, ist zunächst auf
den Sachverhalt im Zeitpunkt der Gesuchseinreichung abzustellen
(vgl. BGE 136 II 497, Erw. 3.4). Waren sämtliche Voraussetzungen für den
nachträglichen Familiennachzug bereits zu jenem Zeitpunkt erfüllt, ist das
Gesuch zu bewilligen bzw. eine Einsprache oder Beschwerde gutzuheis-
sen. Andernfalls ist die Entwicklung ab Gesuchseinreichung in die Beurtei-
lung miteinzubeziehen. Stellt sich nämlich heraus, dass im Zeitpunkt der
Gesuchseinreichung noch keine wichtigen familiären Gründe vorlagen,
diese jedoch im Laufe des Verfahrens eingetreten sind, ist eine Einsprache
oder eine Beschwerde gutzuheissen, sofern in jenem Zeitpunkt auch die
übrigen Voraussetzungen für den Familiennachzug zeitgleich erfüllt waren.
Geht es um den Nachzug eines Kindes darf in jenem Zeitpunkt zudem das
nachzuziehende Kind noch nicht 18 Jahre alt gewesen sein. Dieselben
Überlegungen gelten auch, wenn eine andere Voraussetzung für den Fa-
miliennachzug (Wohnung, finanzielle Mittel etc.) im Zeitpunkt der Gesuchs-
einreichung noch nicht erfüllt war.
Ein nachträgliches Familiennachzugsgesuch ist mit anderen Worten dann
zu bewilligen, wenn zu einem beliebigen Zeitpunkt zwischen der Gesuchs-
einreichung und dem Entscheidzeitpunkt – beim Kindernachzug zwischen
der Gesuchseinreichung und der Vollendung des 18. Altersjahres des
nachzuziehenden Kindes bzw. dem Entscheidzeitpunkt – sämtliche Vo-
raussetzungen für den (nachträglichen) Familiennachzug gleichzeitig erfüllt
waren. Dies geht auch aus dem Gebot der rechtsgleichen Behandlung her-
vor, da andernfalls der Ausgang eines Familiennachzugsverfahrens vom
jeweiligen Zeitpunkt abhängig wäre, in welchem die zuständige Behörde
über das Gesuch befindet (Entscheid des Verwaltungsgerichts
WBE.2015.341 vom 3. März 2017, Erw. II/3.3).
- 9 -
Für die Beurteilung der wichtigen familiären Gründe beim Kindernachzug
bedeutet das Gesagte, dass im Hinblick auf die altersspezifische Be-
treuungsbedürftigkeit des Kindes auf das jeweilige Alter des Kindes in dem
Zeitpunkt abzustellen ist, in dem die wichtigen familiären Gründe behaup-
teterweise eintraten und sämtliche weiteren Voraussetzungen gleichzeitig
erfüllt waren – und nicht auf den Entscheidzeitpunkt.
2.3.1.3.
In einem ersten Schritt ist zu prüfen, ob wichtige familiäre Gründe vorliegen,
die den Familiennachzug offensichtlich gebieten.
Hinsichtlich des nachträglichen Nachzugs eines Kindes ist dies der Fall,
wenn das Kindswohl nur durch einen Nachzug in die Schweiz sachgerecht
gewahrt werden kann (Art. 75 VZAE). Angesprochen sind hier insbeson-
dere Fälle, in denen die bisherige Betreuungssituation des nachzuziehen-
den Kindes wegfällt, ohne dass im Heimatland eine adäquate Alternative
gegeben wäre, oder in denen sich der Gesundheitszustand des nachzuzie-
henden Kindes wesentlich verschlechtert, ohne dass im Heimatland
adäquate Behandlungsmöglichkeiten bestünden.
Wichtige familiäre Gründe im Sinne von Art. 75 VZAE können zudem auch
dann vorliegen, wenn rechtsgenügend dargetan wird, dass ein familiäres
Zusammenleben im Ausland geplant war und die Familienzusammenfüh-
rung gemäss den am geplanten Familienwohnsitz geltenden Normen auch
zulässig gewesen wäre. Ist dies der Fall und ist ein Zusammenleben im
Ausland bei objektiver Betrachtung aus unvorhersehbaren Gründen nicht
mehr möglich, ist ebenfalls von wichtigen familiären Gründen auszugehen,
die den Familiennachzug offensichtlich gebieten.
Bestehen wichtige familiäre Gründe im Sinne von Art. 75 VZAE und sind
zudem die materiellen Nachzugsvoraussetzungen erfüllt, ist der Familien-
nachzug in der Regel ohne weiteres zu bewilligen.
2.3.1.4.
2.3.1.4.1.
Liegen keine derartigen Umstände vor, ist in einem zweiten Schritt zu prü-
fen, ob die Verwei¬gerung des Familiennachzugs zu einer Verletzung von
Art. 8 EMRK führen würde und deshalb vom Vorliegen wichtiger familiärer
Gründe auszugehen ist.
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist das nationale Gesetzes-
recht möglichst verfassungs- und konventionskonform auszulegen (vgl. Ur-
teile des Bundesgerichts 2C_432/2016 vom 26. Januar 2018, Erw. 5.3.1,
und 2C_1050/2016 vom 10. März 2017, Erw. 5.1). Wird der Familiennach-
zug eines Kindes zu einem Elternteil oder des einen Ehegatten zum ande-
ren verweigert, geht damit regelhaft ein Eingriff in das durch Art. 8 EMRK
- 10 -
geschützte Familienleben einher. Die Fristenregelung von Art. 47 AIG
bildet indes eine ausreichende gesetzliche Grundlage für den Eingriff im
Sinne von Art. 8 Ziff. 2 EMRK (Urteil des Bundesgerichts 2C_323/2018
vom 21. September 2018, Erw. 6.5.1). Entsprechend gilt der Eingriff nach
Massgabe von Art. 8 Ziff. 2 EMRK als gerechtfertigt, sofern er sich im kon-
kreten Einzelfall in einer demokratischen Gesellschaft als notwendig, d.h.
als verhältnismässig, erweist. Ist dies zu bejahen, hält die Verweigerung
des Familiennachzugs vor Art. 8 EMRK stand.
Nach dem Gesagten ist bei der Beurteilung nach nationalem Recht, ob der
Familiennachzug eines Kindes oder des Ehegatten trotz Verpassens der
Nachzugsfrist gemäss Art. 47 Abs. 1 AIG zu bewilligen ist, die Ausnahme-
regelung von Art. 47 Abs. 4 AIG so zu handhaben – mithin der unbestimmte
Rechtsbegriff der wichtigen familiären Gründe so auszulegen – dass das
durch Art. 8 EMRK geschützte Familienleben der Betroffenen nicht verletzt
wird. Um dies sicherzustellen, ist im Rahmen der Gesamtschau, derer es
hinsichtlich des allfälligen Vorliegens wichtiger Gründe für einen nachträg-
lichen Familiennachzug bedarf (siehe vorne Erw. 2.3.1.1), grundsätzlich
eine umfassende Interessenabwägung vorzunehmen (vgl. zum Ganzen Ur-
teil des Bundesgerichts 2C_889/2018 vom 24. Mai 2019, Erw. 3.1 mit Hin-
weisen; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 2C_386/2016 vom 22. Mai
2017, Erw. 2.3.2). Erweist sich unter Berücksichtigung aller relevanten Um-
stände im Einzelfall die Verweigerung des nachträglichen Familiennach-
zugs als unverhältnismässig und damit als konventionswidrig (Art. 8 Ziff. 2
EMRK), ist gleichsam davon auszugehen, dass bei gesamthafter Betrach-
tung wichtige familiäre Gründe für den nachträglichen Familiennachzug im
Sinne von Art. 47 Abs. 4 AIG vorliegen. Mit anderen Worten: Vermag das
öffentliche Interesse an der Verweigerung des verspätet beantragten Fa-
miliennachzugs das private Interesse an dessen Bewilligung nicht zu über-
wiegen, ist dieser bereits unter nationalem Recht – gestützt auf Art. 47
Abs. 4 AIG – zu bewilligen.
Das Bundesgericht hat diesbezüglich festgehalten, dass das Vorliegen
wichtiger familiärer Gründe im Sinne von Art. 47 Abs. 4 AIG mit Blick auf
Art. 8 EMRK nicht auf Gründe zu beschränken ist, die nicht vorhersehbar
waren. Lassen die Gesamtumstände darauf schliessen, dass die Familie
über längere Zeit freiwillig getrennt gelebt hat, geht das Interesse des
Staates an einer restriktiven Einwanderungspolitik, der ratio legis von
Art. 47 Abs. 4 AIG folgend, den verspätet vorgebrachten Interessen der Be-
troffenen an einer Familienzusammenführung in der Schweiz jedoch regel-
mässig vor. Werden demgegenüber objektiv nachvollziehbare Umstände
rechtsgenügend dargetan, die darauf schliessen lassen, dass das Ge-
trenntleben nicht freiwillig erfolgte, ist der Familiennachzug bei Wegfallen
dieser Umstände in der Regel zu bewilligen (BGE 146 I 185, Erw. 7.1.1).
Als nachvollziehbare Umstände fallen insbesondere das Fehlen einer ma-
teriellen Nachzugsvoraussetzung wie einer bedarfsgerechten Wohnung
- 11 -
oder genügender finanzieller Ressourcen für den Familienunterhalt in Be-
tracht (BGE 146 I 185, Erw 7.1.2). Liegen derartige Umstände vor, erübrigt
sich eine umfassende Interessenabwägung und ist – ähnlich wie bei Vor-
liegen von Umständen, die den nachträglichen Familiennachzug offensicht-
lich gebieten (vgl. vorne Erw. 2.3.1.3) – ohne weiteres von wichtigen fami-
liären Gründen im Sinne von Art. 47 Abs. 4 AIG auszugehen.
Das Vorliegen wichtiger familiärer Gründe im Sinne von Art. 47 Abs. 4 AIG
hängt zudem nicht davon ab, ob es den Betroffenen unmöglich ist, das Fa-
milienleben im Ausland zu führen, da dies keine gesetzliche Voraussetzung
für den Familiennachzug darstellt (vgl. BGE 146 I 185, Erw. 7.2).
Soweit eine Interessenabwägung vorzunehmen ist, ist zu den entgegen-
stehenden öffentlichen und privaten Interessen betreffend den nachträg-
lichen Familiennachzug eines Kindes mit der bundesgerichtlichen Recht-
sprechung das Folgende festzuhalten:
2.3.1.4.2.
Was das öffentliche Interesse angeht, soll mit der gesetzlichen Befristung
des Familiennachzugs die rasche Integration der nachzuziehenden Ange-
hörigen und insbesondere der Kinder gefördert werden. Durch einen früh-
zeitigen Nachzug sollen diese unter anderem eine möglichst umfassende
Schulbildung in der Schweiz geniessen. Gleichzeitig kommt den Nachzugs-
fristen die Funktion zu, den Zuzug ausländischer Personen zu steuern bzw.
zu beschränken. Die Fristenregelung von Art. 47 AIG bildet einen Kompro-
miss zwischen den genannten, legitimen, öffentlichen Interessen und dem
konträren Anliegen der Ermöglichung des Familienlebens (Urteil des Bun-
desgerichts 2C_889/2018 vom 24. Mai 2019, Erw. 3.1 mit Hinweisen). Vor
diesem Hintergrund ist rechtsprechungsgemäss von einem entsprechend
grossen öffentlichen Interesse an der Verweigerung des Familiennachzugs
auszugehen, wenn die Fristen von Art. 47 Abs. 1 AIG nicht eingehalten
wurden (vgl. Entscheide des Verwaltungsgerichts WBE.2019.410 vom
27. April 2020, Erw. II/2.3.1.4.2, WBE.2019.1 vom 22. Januar 2020,
Erw. II/3.4.1, und WBE.2015.476 vom 29. Juni 2016, Erw. II/4).
Abhängig vom Alter des nachzuziehenden Kindes im Gesuchszeitpunkt
bzw. im Zeitpunkt, da sämtliche Nachzugsvoraussetzungen erfüllt gewesen
sein sollen (siehe vorne Erw. 2.3.1.2), kann sich sodann das öffentliche In-
teresse an der Verweigerung eines nachträglichen Kindernachzugs im Ein-
zelfall weiter erhöhen oder kann tiefer zu veranschlagen sein. Entschei-
dend sind dabei wiederum die im Fall einer Bewilligung des nachträglichen
Familiennachzugs zu erwartenden Integrationsschwierigkeiten in der
Schweiz, welche grundsätzlich mit dem Alter des nachzuziehenden Kindes
zunehmen. Als Ausgangs- und Scheidepunkt für die Bemessung der zu er-
wartenden Integrationsschwierigkeiten drängt sich die Vollendung des
13. Lebensjahres auf, hat doch der Gesetzgeber mit der Fristverkürzung
- 12 -
auf zwölf Monate für Kinder über zwölf Jahren (Art. 47 Abs. 1 Satz 2 AIG)
festgelegt, dass der Nachzug eines Kindes prinzipiell vor dessen 13. Ge-
burtstag zu beantragen ist (vgl. Botschaft vom 8. März 2002 zum Bundes-
gesetz über die Ausländerinnen und Ausländer [Botschaft AuG], Bundes-
blatt [BBl] 2002 3709 ff., 3792 f.). Nach dem Gesagten erhöht sich das
öffentliche Interesse mit Blick auf die zu erwartenden Integrations-
schwierigkeiten in der Schweiz entsprechend weiter, wenn das nachträg-
lich nachzuziehende Kind im massgeblichen Zeitpunkt bereits wesentlich
älter als 13 Jahre ist. Ist demgegenüber das Kind noch wesentlich jünger
als 13 Jahre, sind grundsätzlich keine erheblichen Integrationsschwierig-
keiten zu erwarten und ist das öffentliche Interesse an der Verweigerung
des nachträglichen Familiennachzugs entsprechend tiefer zu veranschla-
gen.
Eine zusätzliche Höher- oder Tieferveranschlagung des öffentlichen In-
teresses an der Verweigerung des nachträglichen Familiennachzugs kann
sich sodann aufdrängen, wenn das nachzuziehende Kind bereits einmal
während einer gewissen Zeit in der Schweiz gelebt hat (vgl. Urteil des Bun-
desgerichts 2C_340/2017 vom 15. Juni 2018, Erw. 3.4). Geht in einem sol-
chen Fall aus den Akten hervor oder wird rechtsgenügend dargelegt, dass
sich das nunmehr nachzuziehende Kind anlässlich seines letzten Aufent-
halts erfolgreich in der Schweiz integriert hat, sind bei diesem im Nach-
zugsfall – vorbehaltlich der konkreten Umstände – unterdurchschnittlich ge-
ringe Integrationsschwierigkeiten zu erwarten. Folglich ist das öffentliche
Interesse an einer Verweigerung des Nachzugs entsprechend tiefer zu ver-
anschlagen. Von einer erfolgreichen Integration im Rahmen des vorma-
ligen Aufenthalts ist jedenfalls dann auszugehen, wenn das nachzu-
ziehende Kind die an seinem damaligen Wohnort gesprochene Landes-
sprache erlernt hat, am Erwerb von Bildung (oder auch bereits am Wirt-
schaftsleben) teilgenommen hat und sich in sicherheits- sowie ordnungs-
politischer Hinsicht nichts Erhebliches hat zu Schulden kommen lassen
(vgl. Art. 58a Abs. 1 lit. c, lit. d bzw. lit. a AIG; vgl. auch Art. 77a, 77d und
77e VZAE). Sollte demgegenüber aktenkundig sein, dass das nachzu-
ziehende Kind bei seinem letzten Aufenthalt in der Schweiz nicht fähig oder
nicht bereit war, sich zu integrieren – wovon, unter angemessener Berück-
sichtigung des Alters, namentlich fehlende Bemühungen zum Sprach-
erwerb, fehlende Bemühungen zum Erwerb von Bildung und/oder Ver-
stösse gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung zeugen können –
würde sich der umgekehrte Schluss aufdrängen: Diesfalls wäre grundsätz-
lich damit zu rechnen, dass bei einer Bewilligung des Nachzugs in die
Schweiz erneut überdurchschnittlich grosse Integrationsschwierigkeiten
auftreten würden, weshalb sich das öffentliche Interesse an einer Verwei-
gerung entsprechend erhöhen würde.
- 13 -
2.3.1.4.3.
Dem öffentlichen Interesse ist das private Interesse an der Bewilligung des
nachträglichen Familiennachzugs gegenüberzustellen. Da die Verweige-
rung eines Kindernachzugs regelhaft das geschützte Familienleben ge-
mäss Art. 8 EMRK tangiert (siehe vorne Erw. 2.3.1.4.1), ist – in einem
ersten Schritt – grundsätzlich von einem grossen privaten Interesse des
nachzuziehenden Kindes und des nachziehenden Elternteils am Zusam-
menleben in der Schweiz auszugehen. Lebt eine Familie jedoch jahrelang
freiwillig voneinander getrennt, bringt sie damit rechtsprechungsgemäss ihr
geringes Interesse an einem gemeinsamen Familienleben zum Ausdruck
und ist das private Interesse in der Regel entsprechend tiefer zu veran-
schlagen. Anders verhält es sich lediglich dann, wenn objektive, nachvoll-
ziehbare Gründe für das bisherige Getrenntleben bestehen, welche da-
gegen sprechen, dieses zu Lasten der Betroffenen zu würdigen (siehe
wiederum vorne Erw. 2.3.1.4.1; vgl. BGE 146 I 185, Erw. 7.1.1 am Schluss;
Urteil des Bundesgerichts 2C_889/2018 vom 24. Mai 2019, Erw. 3.1 mit
Hinweisen; Entscheid des Verwaltungsgerichts WBE.2019.1 vom 22. Ja-
nuar 2020, Erw. II/3.4.2).
Gegebenenfalls sind zudem sämtliche weiteren Umstände des Einzelfalls
zu beachten, welche sich – namentlich unter dem Gesichtspunkt des Kinds-
wohls (Art. 3 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die
Rechte des Kindes [Kinderrechtskonvention, KRK; SR 0.107]; vgl.
BGE 144 I 91, Erw. 5.2; Urteil des EGMR Nr. 56971/10 in Sachen El Ghatet
gegen die Schweiz vom 8. November 2016, §§ 27 f. und 46 f.) – auf das
private Interesse an der Bewilligung eines nachträglichen Familiennach-
zugs auswirken.
2.3.1.5.
Soll ein nachträglicher Familiennachzug bewilligt werden, obliegt es auf-
grund der weitreichenden Mitwirkungspflichten gemäss Art. 90 AIG den
Gesuchstellenden, ihre entsprechenden Vorbringen zu substanziieren und
rechtsgenügend zu belegen (vgl. Urteile des Bundesgerichts 2C_214/2019
vom 5. April 2019, Erw. 3.3, 2C_303/2014 vom 20. Februar 2015, Erw. 6.1,
und 2C_906/2012 vom 15. Juni 2013, Erw. 2.2; vgl. auch Urteil des Bun-
desgerichts 2C_50/2010 vom 17. Juni 2010, Erw. 2.2; BGE 130 II 482,
Erw. 3.2).
2.3.2.
2.3.2.1.
Die Beschwerdeführerin führt im Zusammenhang mit dem Vorliegen wich-
tiger familiärer Gründe glaubhaft und gleich wie bereits mit dem Nachzugs-
gesuch vom 25. Februar 2020 aus, dass und weshalb sich die Familie ur-
sprünglich dazu entschieden hatte, die Familie in Buea zusammen-
zuführen. Aufgrund der ausgezeichneten Schulen bis hin zur Universität
hätten die Söhne ab 2011 in Buea die Schule besucht. Zudem habe man
- 14 -
in Buea Land erworben, ein Haus erbaut und dieses ab 2014 bewohnt, um
den Söhnen von Beginn weg ideale Voraussetzungen für ihre Ausbildung
zu bieten. Erklärtes Ziel sei es gewesen, die Söhne ein universitäres
Grundstudium in Kamerun absolvieren zu lassen und nur den "letzten
Schliff" an einer europäischen Hochschule zu erlangen. Bis Juni 2016 seien
die Söhne durch die Beschwerdeführerin betreut worden, danach durch
deren Grossmutter. Ab Oktober 2017 habe sich die Situation in der anglo-
phonen Provinz Buea zusehends verschlechtert. Insbesondere sei es ver-
mehrt zu Entführungen gekommen, wovon ihre Söhne als Stiefsöhne eines
Schweizers besonders betroffen gewesen seien. Im Mai 2018 hätten die
Söhne den Familienwohnsitz in Buea zusammen mit der Grossmutter ver-
lassen müssen und hätten behelfsmässig in einer 3-Zimmerwohnung in
Bafoussam gelebt und dort die Matura erlangt. Die Hoffnung nach Buea
zurückzukehren, hätte sich zerschlagen und an eine Familienzusammen-
führung in Buea sei nicht mehr zu denken gewesen. Da keine alternativen
Möglichkeiten für eine Familienzusammenführung in Kamerun bestanden
hätten und eine Betreuung der Söhne in Kamerun nicht mehr sichergestellt
gewesen sei, habe man sich dazu entschlossen, die Familie in der Schweiz
zusammenzuführen und den Familiennachzug in der Schweiz zu beantra-
gen (MI2-act 48, act. 21 ff.).
Dass ein familiäres Zusammenleben in Kamerun von Anfang an geplant
war, wurde seitens der Vorinstanz zu Recht nicht angezweifelt (siehe auch
hinten Erw. 2.3.2.4.1). So geht aus den in den Akten befindlichen Foto-
aufnahmen klar hervor, dass die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann von
2012 bis 2014 in Buea ein stattliches Haus errichtet hatten, welches seit
ihrer Flucht im Jahr 2018 allmählich vermoost und verwuchert (vgl. MI2-
act. 43 f., 87 ff. und 384 ff.). Angesichts der schlüssigen, nachvollziehbaren
und unbestrittenen Ausführungen der Beschwerdeführerin ist im vorliegen-
den Fall rechtsgenügend dargetan, dass stets ein familiäres Zusammen-
leben mit den minderjährigen Kindern im Ausland geplant war und dass
eine Rückkehr in das Eigenheim in Buea aufgrund der nicht vorherseh-
baren Auswirkungen des Konflikts in den beiden anglophonen Regionen
Kameruns unmöglich wurde. Da den Akten nichts Gegenteiliges entnom-
men werden kann, ist ferner davon auszugehen, dass die in Buea beab-
sichtigte Familienzusammenführung gemäss kamerunischem Recht auch
zulässig gewesen wäre. Unter diesen konkreten Umständen und ange-
sichts der Tatsache, dass sich die Unruhen im Heimatland erst seit 2016
schleichend akzentuierten und verschärften, ist im Ergebnis festzuhalten,
dass auch bei objektiver Betrachtung ein Zusammenleben der Familie in
Kamerun aus unvorhersehbaren Gründen unmöglich wurde.
Da nach dem Gesagten die in Erwägung 2.3.1.3 genannten Voraus-
setzungen erfüllt sind, ist im vorliegenden Fall von wichtigen familiären
- 15 -
Gründen im Sinne von Art. 75 VZAE auszugehen und das Familiennach-
zugsgesuch entsprechend zu bewilligen. Damit erübrigt sich grundsätzlich
die Vornahme einer Interessensabwägung.
Selbst wenn man davon ausginge, es läge in der zwischenzeitlich eingetre-
tenen Unmöglichkeit, die Familie in Kamerun zusammenzuführen, kein
offensichtlich wichtiger familiärer Grund vor, wäre der Familiennachzug,
wie nachfolgend zu zeigen sein wird, zu bewilligen, da es an einem über-
wiegenden öffentlichen Interesse fehlt, welches einen Eingriff in das durch
Art. 8 EMRK geschützte Familienleben rechtfertigen würde.
2.3.2.2.
Hinsichtlich einer konventionskonformen Auslegung von Art. 47 Abs. 4 AIG
und der dabei vorzunehmenden umfassenden Interessenabwägung (siehe
vorne Erw. 2.3.1.4) ist Nachfolgendes festzuhalten.
2.3.2.3.
Was das öffentliche Interesse anbelangt, ist zunächst anzumerken, dass
die beiden Söhne im Zeitpunkt der Gesuchseinreichung am 25. Februar
2020 knapp 16 bzw. rund 15 Jahre alt waren. Ihren 13. Geburtstag hatten
sie damit im Zeitpunkt der Gesuchseinreichung um einiges überschritten
(vgl. dazu vorne Erw. 2.3.1.4.2). Grundsätzlich würde sich unter diesen
Umständen das bereits aufgrund des Verpassens der Nachzugsfrist von
Art. 47 Abs. 4 AIG grosse öffentliche Interesse an der Verweigerung des
nachträglichen Familiennachzugs der beiden Söhne mit Blick auf die alters-
bedingt zu erwartenden Integrationsschwierigkeiten in der Schweiz zusätz-
lich erhöhen.
Vorliegend ist jedoch zu berücksichtigen, dass die beiden Söhne der Be-
schwerdeführerin ein sehr unterstützendes Umfeld in der Schweiz erwartet.
So ist ihr Stiefvater Schweizer Staatsbürger und lebt durch die Vermietung
zahlreicher Eigentumswohnungen in wirtschaftlich guten Verhältnissen. Er
kann seine Stiefsöhne daher bei ihrer Eingliederung in die hiesigen Ver-
hältnisse unterstützen. Auch sprechen die beiden Söhne der Beschwerde-
führerin Französisch und damit eine der schweizerischen Landessprachen,
was die Integration in die hiesigen Verhältnisse erleichtern dürfte. Insbe-
sondere weist die Beschwerdeführerin in diesem Zusammenhang darauf
hin, dass ein Umzug der Familie von X. in die Westschweiz bzw. in die
zweisprachigen Landesteile des Kantons Fribourg oder des Kantons Bern
jedenfalls nicht ausgeschlossen sei, sollte dies tatsächlich zur Erleich-
terung der Integration erforderlich sein (act. 27). Dies zeigt exemplarisch,
dass die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann sogar einen Wohnort-
wechsel in Betracht ziehen, um die Integration der nachzuziehenden Söhne
zu fördern. Sodann verliefen die Schulkarrieren beider Kinder soweit er-
sichtlich bis anhin erfolgreich, weshalb sich die Annahme rechtfertigt, diese
wiesen eine hohe Lernmotivation und auch die nötigen Fähigkeiten für eine
- 16 -
erfolgreiche Integration, namentlich zum raschen Erwerb der deutschen
Sprache, auf.
Nach dem Gesagten waren damit im Gesuchszeitpunkt für den Fall eines
nachträglichen Nachzugs der beiden Söhne der Beschwerdeführerin in die
Schweiz – trotz deren Alters – unterdurchschnittlich geringe Integrations-
schwierigkeiten zu erwarten. Entsprechend ist unter diesem Gesichtspunkt
das grundsätzlich grosse öffentliche Interesse an einer Verweigerung des
Familiennachzugs tiefer zu veranschlagen und lediglich noch als mittel bis
gross zu qualifizieren.
Andere Umstände, die das öffentliche Interessen an einer Verweigerung
des Familiennachzugs erhöhen könnten, sind nicht ersichtlich.
2.3.2.4.
2.3.2.4.1.
Was demgegenüber das private Interesse angeht, ist der Beschwerdefüh-
rerin und deren Ehemann grundsätzlich ein grosses privates Interesse an
einem Zusammenleben in der Schweiz zuzugestehen.
Die Beschwerdeführerin bringt diesbezüglich vor, dass der im Jahr 2016 in
den anglophonen Regionen Kameruns ausgebrochene Konflikt dazu ge-
führt habe, dass sie und ihre Familie das in Buea in den Jahren 2012 bis
2014 unter erheblichem Einsatz eigener Arbeitskraft und finanzieller Mittel
gebaute Haus im Mai 2018 fluchtartig verlassen sowie aus der anglo-
phonen Region wegziehen mussten (MI2-act. 317). Die Familie habe seit
der Flucht aus Buea im Mai 2018 immer gehofft, dass die beiden Söhne
und ihre Grossmutter wieder dahin zurückkehren könnten, insbesondere
auch deshalb, weil die beiden Söhne dort nach der Matur das Studium an
der Universität Buea hätten aufnehmen sollen. Sie hätten mit viel Hoffnung
das Einschreiten der Sicherheitskräfte der Regierung im Jahre 2017, die
Präsidentschaftswahlen im Jahre 2018, den nationalen Dialog, die Auto-
nomieregelungen im Jahre 2019 und die Regionalwahlen vom 9. Februar
2020 abgewartet, seien dann aber zum Schluss gelangt, dass sich die Lage
in den beiden anglophonen Regionen Kameruns, und damit auch in Buea,
auch in absehbarer Zeit nicht ändern werde. Allein deshalb sei das Fami-
liennachzugsgesuch erst nach Ablauf der gesetzlichen Nachzugsfristen ge-
stellt worden (vgl. MI2-act. 305 Rz. 13 und act. 21 Rz. 24).
Die Beschwerdeführerin weist insbesondere darauf hin, dass die Bildung
einer echten Familiengemeinschaft nach wie vor im Vordergrund stehe. Ur-
sprünglich sei geplant gewesen, die Familie in Buea zusammenzuführen –
und zwar letztlich ohne dass die beiden Söhne längerfristig durch ihre
Grossmutter oder ihre Tante betreut würden. Die Beziehung der beiden
Söhne zur Beschwerdeführerin sei denn auch seit deren Geburt immer sehr
eng gewesen und gepflegt worden. Hätte die Beschwerdeführerin und ihr
- 17 -
Ehemann die aufgetretenen Konflikte in den beiden anglophonen Regionen
im Südwesten Kameruns vorausgesehen bzw. überhaupt voraussehen
können, hätten sie die gesetzliche Nachzugsfrist sicher nicht verstreichen
lassen. Sie hätten – gezwungenermassen – bereits zu jenem Zeitpunkt die
Familienzusammenführung in der Schweiz angestrebt (act. 23).
Dass die Vorbringen der Beschwerdeführerin glaubhaft sind, geht ohne
Weiteres aus den Vorakten hervor. Der aktuell strittige Familiennachzug für
die beiden Söhne wurde nicht wegen Zweifeln an den Ausführungen der
Beschwerdeführerin zur Situation im Heimatland bzw. zu den Auswir-
kungen des Konflikts auf die ursprünglich geplante Familienzusammenfüh-
rung in Buea, sondern vielmehr deshalb verweigert, weil die Beschwerde-
führerin eine fehlende Betreuungsalternative im Heimatland nicht dargetan
habe und somit – nach Auffassung der Vorinstanz – keine wichtigen
familiären Gründe für einen nachträglichen Familiennachzug vorgelegen
hätten. Dass die Sicherheitslage in Kamerun erst ab Mai 2018 immer
kritischer wurde und damit die Veranlassung zur Stellung des Familien-
nachzugsgesuchs erst nach Ablauf der gesetzlichen Nachzugsfristen ein-
getreten war, wurde seitens der Vorinstanz nicht angezweifelt (vgl. act. 7).
Aufgrund der Akten und der Ausführungen der Beschwerdeführerin steht
fest, dass die nicht vorhergesehenen und nicht vorhersehbaren Auswir-
kungen des Konflikts in den beiden anglophonen Regionen Kameruns dazu
geführt haben, dass die Familienzusammenführung nicht mehr, wie ur-
sprünglich beabsichtigt, im Anwesen in Buea realisiert werden kann. Nach
Ablauf der gesetzlichen Nachzugsfristen sind denn auch hinsichtlich der
ursprünglich geplanten Betreuungssituation unstreitig erhebliche Ände-
rungen eingetreten. Dem angefochtenen Entscheid sowie den Akten kann
diesbezüglich entnommen werden, dass die beiden Brüder nach ihrer
Flucht aus Buea im Mai 2018 zunächst zusammen mit ihrer Grossmutter
während ungefähr eines Jahres bis zur Erlangung der Matur im Juni 2019
in Bafoussam untergebracht werden konnten. Von Juli bis September 2019
besuchten die beiden Brüder die Beschwerdeführerin und deren Ehemann
in der Schweiz. Anschliessend begleitete die Beschwerdeführerin ihre
Söhne im September 2019 zurück nach Kamerun, da mit Blick auf den be-
vorstehenden Wechsel an eine Universität ein Wegzug aus Bafoussam
erforderlich wurde. Die Beschwerdeführerin suchte für die beiden Söhne in
Yaoundé eine Zweizimmerwohnung zur Miete, welche im Oktober 2019 be-
zogen werden konnte. Damit die Beschwerdeführerin im Dezember 2019
wieder in die Schweiz zurückreisen konnte, begab sich die Grossmutter
während rund zweier Monate in die Hauptstadt nach Yaoundé. Da die
Grossmutter mit dem Leben in der Grossstadt nicht zurechtkam, kehrte sie
bereits im Februar 2020 nach Mansen in ihr Heimatdorf zurück.
- 18 -
Nach dem Gesagten konnten die beiden Brüder nach der Flucht aus Buea
im Mai 2018 bis zur Erlangung der Matur im Juni 2019 in Bafoussam wei-
terhin von der Grossmutter betreut werden. Erst als die Betreuung durch
die Grossmutter in Yaoundé nicht mehr übernommen werden konnte und
sich eine Verbesserung der Lage in Buea bzw. eine Rückkehr in das Fami-
lienanwesen nicht abzeichnete, sah sich die Beschwerdeführerin ge-
zwungen, von ihrem ursprünglichen Plan Abstand zu nehmen.
In Anbetracht dieser Umstände und insbesondere des zeitlichen Ablaufs
der Ereignisse ist mit der Beschwerdeführerin davon auszugehen, dass
beim Nachzugsgesuch die Bildung einer echten Familiengemeinschaft und
nicht eine bessere berufliche und wirtschaftliche Zukunft der beiden Söhne
im Vordergrund stand und immer noch steht. Daran ändert auch der Um-
stand nichts, dass die wirtschaftlichen Perspektiven in der Schweiz besser
sind als in Kamerun, da in der Schweiz gegenüber einer Vielzahl ausser-
europäischer Länder bessere Erwerbs- und Ausbildungsmöglichkeiten be-
stehen und wirtschaftliche Erwägungen für den Nachzug von Kindern nicht
von vornherein verpönt sind, solange – wie eben im vorliegenden Fall –
eine echte Familienzusammenführung beabsichtigt ist (vgl. Urteil des Bun-
desgerichts 2C_581/2020, Erw. 2.3.1). Des Weiteren lässt sich der Be-
schwerdeführerin nicht vorwerfen, sie habe sich nicht um einen frühzeitigen
Nachzug bemüht, zumal unbestritten ist, dass die Familie bis zuletzt auf
eine Familienzusammenführung in ihrem Anwesen in Buea hoffte. Vielmehr
hat die Beschwerdeführerin ein diesbezügliches Gesuch gestellt, sobald
klar wurde, dass die beiden Söhne entgegen der ursprünglichen Absicht
nicht mehr durch die Grossmutter betreut werden konnten, keine weiteren
Notlösungen ersichtlich waren und als die erhoffte Familienzusammenfüh-
rung in Buea endgültig aussichtslos erschien. Nach dem Gesagten liegen
damit objektive, nachvollziehbare Gründe für die verspätete Gesuchs-
einreichung vor. Auch ist vorliegend mangels entsprechender Anhalts-
punkte nicht davon auszugehen, dass das verspätet eingereichte Familien-
nachzugsgesuch für die beiden Söhne rechtsmissbräuchlich bloss im Hin-
blick darauf gestellt wurde, diesen den Zugang zur Erwerbstätigkeit in der
Schweiz zu ermöglichen.
Im Sinne eines Zwischenfazits bleibt es damit beim eingangs festgestellten
grossen privaten Interesse.
2.3.2.4.2.
Sodann sind bei der Bemessung des privaten Interesses an einer Bewilli-
gung des nachträglichen Familiennachzugs der beiden Söhne der Be-
schwerdeführerin sämtliche weiteren Umstände zu beachten, welche im
Einzelfall relevant sind. Zu einer Erhöhung des privaten Interesses führt
dabei namentlich, wenn das Kindswohl eine Übersiedlung des nachzu-
ziehenden Kindes gebietet.
- 19 -
Die beiden Söhne haben gestützt auf die Akten seit jeher keinen Kontakt
zu ihren Vätern. Bis zur Ausreise der Beschwerdeführerin im Juni 2016
haben sie stets mit ihr zusammengelebt und auch danach mehrere Monate
pro Jahr mit ihr in Kamerun verbracht. Von Juni bis Dezember 2019 wurden
die beiden Söhne sodann wieder persönlich von der Beschwerdeführerin
betreut. Auch geht aus den Akten hervor, dass die Beschwerdeführerin ihre
Kinder stets aus der Ferne mittels Telefongesprächen und finanziellen
Hilfen unterstützt hat und das Verhältnis entsprechend sehr nahe war. Da-
mit hat die Beschwerdeführerin als einziger Elternteil als Hauptbezugs-
person der Kinder zu gelten. Gesamthaft betrachtet liegt auf der Hand, dass
unter den gegebenen Umständen dem Kindswohl wesentlich besser ge-
dient wäre, wenn die beiden Söhne zur Beschwerdeführerin und deren
Ehemann in die Schweiz übersiedelten, als wenn sie erstmals ohne jegliche
Betreuung in ihrer gewohnten Umgebung im Heimatland zurückblieben.
2.3.2.4.3.
Nach dem Gesagten sowie angesichts des Alters der im Gesuchszeitpunkt
inmitten der Pubertät befindlichen Söhne würde hinsichtlich des Kinds-
wohls selbst dann keine andere Beurteilung resultieren, wenn sich in den
Akten Anhaltspunkte für das Vorhandensein einer adäquaten Betreuungs-
alternative im Heimatland fänden. Vorliegend sind indes keine ent-
sprechenden Hinweise ersichtlich. Keine adäquate Betreuungsalternative
stellt insbesondere der Vorschlag der Vorinstanz dar, die Kinder müssten
zur Grossmutter bzw. mit ihr beispielsweise nach Foumbot ziehen, wo die
beiden Brüder bis im Jahr 2011 aufgewachsen seien. Foumbot befände
sich zudem in der Nähe des Wohnortes der Grossmutter und sei von der
Einwohnerzahl her vergleichbar mit jener in Buea, wo die Grossmutter gut
zurechtgekommen sei. Von Foumbot aus müsste es – so die Vorinstanz –
den beiden Brüdern sodann möglich sein, in Bafoussam an der Universität
zu studieren (act. 7 f.). Entgegen der Vorinstanz kann es der Beschwerde-
führerin vor dem Hintergrund der gewaltsamen Zustände in den anglo-
phonen Regionen Kameruns jedoch nicht zum Vorwurf gereichen, dass sie
ihre Söhne zum Studium nach Yaoundé in die Hauptstadt ziehen liess,
zumal gestützt auf die glaubhaften Aussagen ein weiterer Verbleib bzw.
eine Studienaufnahme in Bafoussam wegen der grenzüberschreitenden
Übergriffe in die frankophonen Gebiete als unsicher galt (act. 23 f.). Viel-
mehr ist mit der Beschwerdeführerin davon auszugehen, dass der Umzug
nach Yaoundé kombiniert mit einer Betreuung durch die Grossmutter im
Sinne einer weiteren vorübergehenden Notlösung erfolgte, bis eine Rück-
kehr in das Anwesen in Buea wieder möglich erschien. Sodann kann auch
die Schwester der Beschwerdeführerin nicht dazu verpflichtet werden, ihre
eigene Familie in Foumbot zurückzulassen und zu ihren Neffen in die 300
Kilometer entfernte Hauptstadt zu ziehen.
- 20 -
Damit ist anzunehmen, dass die beiden Söhne der Beschwerdeführerin
– wie von dieser behauptet – ohne adäquate Betreuung im Heimatland zu-
rückblieben, wenn der Nachzug nicht bewilligt werden sollte.
2.3.2.4.4.
Schliesslich bleibt bei der Bemessung des privaten Interesses an einer Be-
willigung des nachträglichen Familiennachzugs zu berücksichtigen, dass
der Ehemann der Beschwerdeführerin und Stiefvater der beiden Söhne
Schweizer ist. Als solcher verfügt er über eine enge, mit Art. 24 Abs. 1 und
Art. 25 Abs. 2 BV verfassungsmässig geschützte, Bindung zur Schweiz.
Angesichts dieser engen Bindung ist der Beschwerdeführerin und deren
Ehemann ein erhöhtes privates Interesse an einer Familienzusammen-
führung in der Schweiz zuzubilligen.
2.3.2.4.5.
In der Gesamtbetrachtung besteht nach dem Gesagten ein sehr grosses
privates Interesse am Familiennachzug der beiden Söhne der Beschwer-
deführerin.
2.3.2.5.
Das festgestellte mittlere bis grosse öffentliche Interesse an der Verwei-
gerung des nachträglichen Familiennachzugs für die beiden Söhne der Be-
schwerdeführerin würde das entgegenstehende private Interesse damit
klar nicht überwiegen. Infolgedessen würde sich der mit einer Verweige-
rung einhergehende Eingriff in das geschützte Familienleben als unverhält-
nismässig und mithin unter Art. 8 Ziff. 2 EMRK als unzulässig erweisen. In
konventionskonformer Auslegung der gesetzlichen Ausnahmeregelung
von Art. 47 Abs. 4 AIG wären deshalb wichtige familiäre Gründe für die
ausnahmsweise Bewilligung ihres nachträglichen Familiennachzugs zu be-
jahen.
Folglich wäre das Familiennachzugsgesuch für die beiden Söhne der Be-
schwerdeführerin auch unter konventionskonformer Auslegung von Art. 44
AIG zu bewilligen.
3.
Wie bereits eingangs erwähnt (siehe vorne Erw. I/1), steht die Erteilung
einer Aufenthaltsbewilligung an Drittstaatsangehörige (d.h. Staatsange-
hörige von Nichtmitgliedstaaten der EU oder der EFTA) im Rahmen des
Familiennachzugs nach Ablauf der Nachzugsfrist gemäss Art. 47 AIG oder
Art. 73 VZAE unter dem Vorbehalt der Zustimmung des Bundes. Mit ande-
ren Worten hat das SEM vor Erteilung der Bewilligung durch den Kanton
seine Zustimmung zu erteilen (Art. 40 Abs. 1 AIG; Art. 99 AIG i.V.m. Art. 85
Abs. 1 und 2 VZAE; Art. 6 lit. a ZV-EJPD; vgl. Weisungen und Erläute-
rungen des SEM zum Ausländerbereich [Weisungen AIG], Bern Oktober
2013 [aktualisiert am 15. Dezember 2021], Ziff. 1.3.2.1, S. 19).
- 21 -
Vorliegend unterliegt demnach die Erteilung von Aufenthaltsbewilligungen
an die beiden Söhne der Beschwerdeführerin, welche gemäss Art. 44
Abs. 1 i.V.m. Art. 47 Abs. 4 AIG jeweils einen entsprechenden Anspruch
haben, der Zustimmung des SEM. Die Gutheissung der Beschwerde durch
das Verwaltungsgericht hat im vorliegenden Fall deshalb nicht unmittelbar
die Erteilung der Bewilligung durch das MIKA zur Folge, sondern führt ein-
zig dazu, dass das MIKA die Erteilung der Bewilligung dem SEM mit dem
Antrag auf Zustimmung zu unterbreiten hat, wobei das SEM nicht an die
Beurteilung der kantonalen Behörden gebunden ist (Art. 99 Abs. 2 AIG).
4.
Zusammenfassend ist die Beschwerde gutzuheissen und das MIKA in Auf-
hebung des Einspracheentscheids der Vorinstanz vom 15. Dezember 2021
anzuweisen, dem SEM die Erteilung von Aufenthaltsbewilligungen an die
beiden Söhne der Beschwerdeführerin mit dem Antrag auf Zustimmung zu
unterbreiten.
III.
1.
Gemäss § 31 Abs. 2 VRPG werden die Verfahrenskosten in der Regel
nach Massgabe des Unterliegens und Obsiegens auf die Parteien verlegt.
Gleiches gilt gemäss § 32 Abs. 2 VRPG für die Parteikosten.
2.
Bei diesem Verfahrensausgang obsiegt die Beschwerdeführerin. Die Ver-
fahrenskosten sind auf die Staatskasse zu nehmen (§ 31 Abs. 2 VRPG).
3.
Als unterliegende Partei hat das MIKA der Beschwerdeführerin die Partei-
kosten für das Verfahren vor dem Verwaltungsgericht zu ersetzen (§ 32
Abs. 2 VRPG).
Die Festsetzung der Höhe der Parteientschädigung richtet sich nach dem
Dekret über die Entschädigung der Anwälte vom 10. November 1987 (An-
waltstarif, AnwT; SAR 291.150). Migrationsrechtliche Verfahren sind soge-
nannte nicht vermögensrechtliche Streitigkeiten. Die Parteientschä-
digung setzt sich damit zusammen aus einer Grundentschädigung zwi-
schen Fr. 1'210.00 und Fr. 14'740.00 (§ 8a Abs. 3 i.V.m. § 3 Abs. 1 lit. b
AnwT) sowie den Zu- und Abschlägen (§§ 6–8 AnwT). Innerhalb dieses
Rahmens ist die Grundentschädigung nach dem mutmasslichen Aufwand
des Anwaltes sowie nach der Bedeutung und der Schwierigkeit des Falles
festzusetzen (§ 3 Abs. 1 lit. b AnwT). Durch die tarifgemässe Entschädi-
gung sind die in einem Verfahren notwendigen und entsprechend der Be-
deutung der Sache üblichen Leistungen des Anwaltes einschliesslich der
- 22 -
üblichen Vergleichsbemühungen abgegolten (§ 2 Abs. 1 AnwT). Die Ent-
schädigung ist als Gesamtbetrag festzusetzen. Auslagen und Mehrwert-
steuer sind darin enthalten (§ 8c AnwT).
Im vorliegenden Fall ist in Anwendung der genannten Gesetzesbestim-
mungen die Entschädigung inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer auf
Fr. 3'500.00 festzusetzen.