Decision ID: c9f7677d-ce76-457c-bdc7-7e77693e3447
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ O., türkischer Staatsangehöriger, wurde am 7. November 1987 in der
Schweiz geboren. Als Sohn einer in der Schweiz niedergelassenen Türkin erhielt er die
Niederlassungsbewilligung. Seine Kindheit bis zur Mittelstufe verlief unauffällig. Die
fünfte Klasse musste er wiederholen. Zur gleichen Zeit kam es zu handgreiflichen
Auseinandersetzungen mit seiner Mutter, die in gegenseitigen Schlägen bis hin zu
Erpressungen und Drohungen seitens O. endeten. Es folgten verschiedene
Heimaufenthalte und Unterbringungen bei Pflegeeltern. Diese scheiterten genauso wie
zwei Time-Outs in Frankreich. Die öffentliche Schule musste ihn ausschliessen und
auch der Besuch einer Privatschule scheiterte nach kurzer Zeit. Wieder bei seiner
Mutter hing er ohne Tagesstruktur herum. Er ging einigen Gelegenheitsjobs nach und
lebte von der Arbeitslosen- und Sozialhilfe.
Am 20. Oktober 2004 verurteilte ihn die Jugendanwaltschaft St. Gallen wegen Raubs,
mehrfacher Sachbeschädigung, mehrfachen geringfügigen Vermögensdelikten
(Diebstahl) sowie Übertretung des Waffengesetzes zu einer Einschliessungsstrafe von
einem Monat bedingt. Das Ausländeramt des Kantons St. Gallen verwarnte ihn
deswegen am 9. Februar 2005 und stellte die Ausweisung in Aussicht, falls er sich
künftig nicht in jeder Hinsicht klaglos verhalten werde. Es stellte zudem klar, dass er
sich um eine Arbeitsstelle bemühe müsse und nicht länger von der Sozialhilfe abhängig
bleibe könne.
Ungeachtet dessen delinquierte O. weiter. Die Jugendanwaltschaft verurteilte ihn am
17. Mai 2005 wegen Führens eines Motorfahrzeugs ohne entsprechenden
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Führerausweis, Führens eines nicht vorschriftsgemässen Fahrzeugs, Nichttragens des
Schutzhelms sowie Nichtbeherrschens des Fahrzeugs infolge Beeinrächtigung der
Aufmerksamkeit durch Radio, sprich Walkman, oder andere Tonwiedergabegeräte zu
einer Busse von Fr. 120.--.
Am 11. Dezember 2006 folgte die nächste Verurteilung durch das Untersuchungsamt
St. Gallen wegen mehrfachen Diebstahls, mehrfacher Sachbeschädigung, mehrfachen
geringfügigen Vermögensdelikten, mehrfachen Hausfriedensbruchs, mehrfacher
Verletzung von Verkehrsregeln, mehrfachen pflichtwidrigen Verhaltens bei Unfall,
Führens eines nicht betriebssicheren Fahrzeugs, mehrfacher Entwendung zum
Gebrauch, mehrfachen Fahrens ohne Führerausweis, mehrfacher Übertretung des
Bundesgesetzes über Betäubungsmittel, Missbrauchs von Ausweisen und Schildern,
Fahrens ohne Haftpflichtversicherung, Fahrens ohne Fahrzeugausweis oder
Kontrollschilder, Fahrens in angetrunkenem Zustand und mehrfacher Übertretung des
Bundesgesetzes über den Transport im öffentlichen Verkehr. Dafür wurde er zu einer
Freiheitsstrafe von drei Monaten bedingt und einer Busse von Fr. 200.-- verurteilt.
Am 18. April 2008 verurteilte ihn das Bezirksgericht Zürich wegen schwerer
Körperverletzung, Pornographie, Fahrens in fahrunfähigem Zustand, Fahrens ohne
Führerausweis sowie mehrfacher Übertretung gegen das Betäubungsmittelgesetz –
unter Einbezug des Widerrufs der vorher bedingt ausgesprochenen Strafen – zu einer
Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren und einer Busse von Fr. 500.--. Der Verurteilte
wurde in eine Einrichtung für junge Erwachsene eingewiesen. Der Vollzug der
Freiheitsstrafe wurde zu diesem Zweck aufgeschoben. Der Vollzug der am 31. März
2008 vorzeitig angetretenen Massnahme dauert längstens bis 17. August 2012.
B./ Mit Blick auf die letzte Verurteilung stellte das Ausländeramt am 24. Juli 2009 den
Widerruf der Niederlassungsbewilligung in Aussicht. Am 7. Juli 2009 nahm O. dazu
Stellung. Am 16. Juli 2009 widerrief das Ausländeramt die Niederlassungsbewilligung
und ordnete an, dass er die Schweiz nach seiner Entlassung aus der Massnahme zu
verlassen habe.
C./ Gegen diese Verfügung erhob O. mit Eingabe seiner damaligen Rechtsvertreterin
vom 22. Juli 2009 beim Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen
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Rekurs. Mit Rekursbegründung vom 4. September 2009 beantragte er, nunmehr
vertreten durch seinen heutigen Rechtsvertreter, dass die Verfügung aufzuheben und
ihm die Niederlassungsbewilligung zu belassen sei. Eventualiter sei die Verfügung
aufzuheben und die Sache mit der Anordnung, das Widerrufsverfahren bis nach
Abschluss der Massnahme zu sistieren, an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Subeventualiter sei ihm eine Aufenthaltsbewilligung zu erteilen. Auch sei die
aufschiebende Wirkung des Rekurses festzustellen. Zudem sei die unentgeltliche
Prozessführung zu bewilligen, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten
und ihm ein unentgeltlicher Rechtbeistand zu bestellen. Das Sicherheits- und
Justizdepartement wies den Rekurs am 26. Oktober 2009 ab. Zur Begründung erwog
es im wesentlichen, das öffentliche Interesse am Widerruf der
Niederlassungsbewilligung und die Wegweisung des Rekurrenten überwiege dessen
privates Interesse, in der Schweiz bleiben zu dürfen. Die Verfügung des
Ausländeramtes sei daher recht- und verhältnismässig.
D./ Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 11. November 2009 erhob O. beim
Verwaltungsgericht des Kantons St. Gallen mit folgenden Anträgen Beschwerde:
"1. Der Entscheid des Sicherheits- und Justizdepartementes des Kantons St. Gallen
vom 26. Oktober 2009, Geschäftsnummer RDRM.2009.91, sowie die diesem zugrunde
liegende Verfügung vom 16. Juli 2009 des Ausländeramtes des Kantons St. Gallen
seien vollumfänglich aufzuheben.
2. Es sei dem Beschwerdeführer folglich die Niederlassungsbewilligung zu belassen.
3. Eventualiter sei die Sache mit der Anordnung, das Widerrufsverfahren sei bis nach
Abschluss der Massnahme zu sistieren, zur neuen Entscheidung an das Ausländeramt
zurückzuweisen.
4. Subeventualiter sei das Ausländeramt anzuweisen, dem Beschwerdeführer eine
Aufenthaltsbewilligung zu erteilen.
5. Es sei der Ordnung halber die aufschiebende Wirkung des vorliegenden Rekurses
festzustellen und dem Beschwerdeführer jedenfalls – soweit sich dies nicht aus der
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aufschiebenden Wirkung ohnehin ergibt – der Aufenthalt und die Erwerbstätigkeit für
die Dauer des Verfahrens ausdrücklich vorsorglich zu bewilligen.
6. Es sei die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses zu verzichten. Der bereits geleistete Kostenvorschuss im
vorinstanzlichen Verfahren sei zurückzuerstatten.
7. Es sei dem Beschwerdeführer in der Person des Unterzeichnenden ein
unentgeltlicher Prozessbeistand für das vorliegende und das vorausgegangene
Rechtsmittelverfahren zu bestellen.
8. Alles unter Entschädigungs- und Kostenfolge zulasten der Vorinstanz bzw. der
Staatskasse."
Zur Begründung führt er im wesentlichen an, seine Kindheit sei massgeblich von
Gewalt und Alkoholexzessen seines Vaters geprägt gewesen. Auch der zweite
Ehemann seiner Mutter sei gewalttätig gewesen. Seine Mutter habe ihn mit
verschiedenen Geräten und auch psychisch misshandelt. So habe sie ihm gedroht, ihn
im Wald von einem Onkel umbringen zu lassen. Schliesslich habe er miterleben
müssen, wie sein Stiefvater seine Mutter mit einem Messer attackiert und
lebensgefährlich verletzt habe. Wegen eigener Straftaten müsse er eine mehrjährige
Freiheitsstrafe verbüssen, die zu Gunsten einer Massnahme aufgeschoben worden sei.
Im Massnahmenzentrum habe er bereits nach einem guten halben Jahr von der
geschlossenen in die offene Abteilung übertreten können. Das Zentrum könne er nun
von Freitag- bis Sonntagabend und während der Woche an zwei Abenden bis 22 Uhr
verlassen. Über seine Schweizer Freundin und sein Training habe er sich einen neuen
Freundeskreis aufbauen können. Auch mit seiner Familie habe er wieder Kontakt. Im
August 2008 habe er eine Malerlehre angefangen und besuche die externe
Berufsschule. Er sei in der Schweiz geboren und habe nie in der Türkei gelebt. Sein
Türkisch sei mangelhaft. Mit dem Widerruf seiner Niederlassungsbewilligung werde
folglich sein Privatleben verletzt. Seit seiner letzten Verurteilung habe er sich
wohlverhalten, seine psychische Störung werde behandelt. Es spreche alles dafür,
dass es ihm gelingen werde, nach seiner Entlassung ein deliktfreies Leben zu führen.
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E./ Die Vorinstanz beantragte am 16. November 2009 unter Hinweis auf die

Erwägungen im angefochtenen Entscheid, die Beschwerde unter Kostenfolge
abzuweisen.
F./ Am 17. November 2009 teilte das Ausländeramt mit, dass gegen den
Beschwerdeführer erneut ein Strafverfahren eingeleitet worden sei. Den beiliegenden
Akten war zu entnehmen, dass sich seine Freundin schon vor einiger Zeit von ihm
getrennt und ihn bei der Polizei angezeigt hatte und dass er am 23. September 2009 in
Sicherheitshaft genommen wurde. Seine ehemalige Freundin warf ihm insbesondere
vor, sie über eine längere Zeit – unter anderem mit einem Messer – bedroht und
genötigt zu haben, tätlich geworden zu sein, Sachen beschädigt zu haben und gegen
ihren Willen in ihre Wohnung eingedrungen zu sein. Der Rechtsvertreter von O. führte
zu den Befragungsprotokollen am 2. Dezember 2009 an, die Akten zeigten lediglich
das Bild einer offenbar leidenschaftlich geführten Beziehung. Dass sein Mandant dabei
die Grenzen überschritten habe, sei auf Grund der Anzeige nicht bewiesen. Das
vorliegende Verfahren sei deshalb bis zum Abschluss des neuen Strafverfahrens zu
sistieren. Am 6. Januar 2010 reichte das Ausländeramt Unterlagen der Kantonspolizei,
Spezialabteilung 2 Fachstelle Häusliche Gewalt, nach. O. verwies nach Einsicht in die
Akten mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 25. Januar 2010 auf seinen
Sistierungsantrag. Ob das erneute Strafverfahren Auswirkungen auf das vorliegende
Verfahren habe, könne erst gesagt werden, wenn ersteres rechtskräftig abgeschlossen
sei.
G./ Auf die weiteren von den Verfahrensbeteiligten vorgebrachten Ausführungen wird,
soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichtes ist gegeben (Art. 59bis Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Der
Beschwerdeführer ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingabe vom 11. November 2009
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entspricht zeitlich, formal und inhaltlich den gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1
in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 und 2 VRP). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2. Der Beschwerdeführer beantragt, das Verfahren zurückzuweisen und bis zum
Abschluss des Massnahmenvollzugs zu sistieren bzw. das vorliegende Verfahren bis
zum Abschluss des erneuten Strafverfahrens pendent zu halten. Zum einen verspricht
er sich vom Ausgang des Massnahmenvollzugs eine günstige Prognose. Zum anderen
mutmasst er, dass sich die erneuten, strafrechtlich relevanten Vorwürfe seiner
ehemaligen Freundin nicht erhärten liessen.
2.1. Die Sistierung bedeutet eine Abweichung vom Grundsatz einer möglichst
beförderlichen Fortführung und Erledigung des Verfahrens und bedarf deshalb einer
Rechtfertigung. Sie ist anzuordnen, wenn sie gesetzlich vorgeschrieben ist oder wenn
ein anderes Verfahren anhängig ist, dessen Ausgang von präjudizieller Bedeutung ist.
Zulässig ist die Verfahrenssistierung ausserdem, wenn sie aus wichtigen Gründen
geboten erscheint und ihr keine überwiegenden öffentlichen oder privaten Interessen
entgegenstehen (Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen,
St. Gallen 2003, Rz. 1093).
2.2. Das Bundesrecht schreibt nicht vor, in welchem Zeitpunkt über die Ausweisung zu
befinden ist, wenn der Täter eine längere Freiheitsstrafe zu verbüssen hat oder für
längere Zeit in einem Massnahmenzentrum untergebracht ist. Die Regelung des
Verbleibens in der Schweiz sollte aber vor der Entlassung getroffen werden, damit der
Ausländer seine Rückkehr in die Freiheit bzw. allfällige Ausschaffung in sein
Heimatland rechtzeitig vorbereiten kann (BGE 131 II 329 neues FensterE. 2.1. ff.). Der
richtige Zeitpunkt hängt von den Umständen des Einzelfalles ab, wobei auf eine
vernünftige zeitliche Distanz zur Entlassung zu achten ist; in der Regel sollte die
Zeitspanne zwischen der Regelung des künftigen Aufenthalts und der Entlassung aus
dem Vollzug die voraussichtliche Dauer eines Rechtsmittelverfahrens nicht
überschreiten (BGE 131 II 329 E. 2.4.). Erst unmittelbar vor der Entlassung zu
entscheiden, hätte zwar den Vorteil, dass das gesamte Verhalten im Strafvollzug in die
Beurteilung miteinbezogen werden könnte. Allerdings spielt das Fehlen einer
Rückfallgefahr bei der fremdenpolizeilichen Interessenabwägung ohnehin keine
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ausschlaggebende Rolle (Nägeli/Schoch in Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser,
Ausländerrecht, Basel 2009, Rz. 22.192), und dem Wohlverhalten in Unfreiheit kommt
praxisgemäss bloss eine untergeordnete Bedeutung zu (BGE 2C_194/2008 vom
18. April 2008 E. 5.3., BGE 114 Ib E. 3b). Der Umstand, dass ein Ausländer im
Strafvollzug zu keinen Klagen Anlass gegeben hat, genügt für sich alleine nicht, um
eine Rückfallgefahr auszuschliessen (BGE 2A.688/2005 vom 4. April 2006 E. 3.1.3.,
BGE 2C_201/2007 vom 3. September 2007 E. 5.).
2.3. Die Verfügung des Ausländeramtes, mit der die Ausweisung des
Beschwerdeführers erstinstanzlich angeordnet wurde, erging am 16. Juli 2009 und
damit rund drei Jahre vor der spätesten Entlassung aus dem Massnahmenvollzug.
Dieser Zeitpunkt ist angemessen. Wie in den nachfolgenden Erwägungen zu zeigen ist,
stand auf Grund der Art der Delikte und der Schwere seines Verschuldens sowie unter
Berücksichtigung seiner persönlichen Verhältnisse schon damals fest, dass bei einer
umfassenden Interessenabwägung ein Wohlverhalten des Beschwerdeführers im
Strafvollzug allein nicht reichen würde, die gegen ihn bestehenden Bedenken
auszuräumen. Zudem war schon im Zeitpunkt der erstinstanzlichen Verfügung
unwahrscheinlich, dass sich die für die Anordnung der Ausweisung massgebenden
Verhältnisse bis zu deren Vollzug entscheidend verändern würden, musste der
Beschwerdeführer seit Einweisung in die geschlossene Abteilung am 31. März 2008
doch bereits zwei Mal wegen Tätlichkeiten mit einem Disziplinararrest bestraft werden.
Die Zweifel haben sich zwischenzeitlich noch bestätigt, nachdem das Rückfallrisiko bei
O. auf Grund einer erneuten Anzeige als sehr hoch eingestuft und deshalb am
23. September 2009 eine Sicherheitshaft angeordnet werden musste. Ob sich die
neuen Vorwürfe seiner ehemaligen Freundin allesamt als strafrechtlich relevant
erweisen werden, ist nicht entscheidend. Es liegt überdies auch im Interesse des
Beschwerdeführers selbst und der Strafvollzugsbehörde, frühzeitig über die
fremdenpolizeilichen Folgen informiert zu werden, damit ein zukunfts- und
herkunftsorientierter Vollzug garantiert werden kann (Nägeli/Schoch, a.a.O.,
Rz. 22.186). Vor diesem Hintergrund stellt es keine Rechtsverletzung dar, wenn schon
zu einem frühen Zeitpunkt und nicht erst nach der Entlassung aus dem Straf- bzw.
Massnahmenvollzug über die Ausweisung entschieden wird. Das Begehren um
Sistierung des Verfahrens ist deshalb abzuweisen.
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3. Der Beschwerdeführer verlangt die Feststellung der aufschiebenden Wirkung der
Beschwerde sowie die vorsorgliche Bewilligung des Aufenthalts und der
Erwerbstätigkeit.
3.1. Die Niederlassungsbewilligung wird unbefristet und ohne Bedingung erteilt. Sie
verschafft dem Inhaber ein gefestigtes Anwesenheitsrecht. Ein Verlust droht einzig
unter den qualifizierten Voraussetzungen von Art. 63 des Bundesgesetzes über die
Ausländerinnen und Ausländer (SR 142.20, abgekürzt AuG). Der Niedergelassene wird
so gleichsam zum Einheimischen ohne Schweizer Pass. Er kann sich insbesondere
auch auf das Grundrecht der Wirtschaftsfreiheit (Art. 27 der Bundesverfassung,
SR 101, abgekürzt BV) berufen (P. Bolzli in Spescha/Thür/Zünd/Bolzli, Migrationsrecht,
Zürich 2008, Rz. 1 zu Art. 34 AuG). Die Beschwerde hat nach Art. 64 VRP in
Verbindung mit Art. 51 Abs. 1 VRP von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung.
3.2. Aus dem Gesagten folgt, dass der Beschwerdeführer dank der
Niederlassungsbewilligung selbst für die Dauer des Beschwerdeverfahrens über das
Recht verfügt, sich in der Schweiz aufzuhalten und erwerbstätig zu sein. Die
Feststellung eines entsprechenden Rechts ist daher unnötig. Unklarheiten über den
Bestand oder Umfang der öffentlich-rechtlichen Befugnisse während des
Rechtsmittelverfahrens bestehen nicht. Die ursprünglich angefochtene Verfügung des
Ausländeramtes setzt den Ausreisetermin zudem ausdrücklich erst nach der
Entlassung aus der Massnahme an. Ein Feststellungsinteresse bezüglich
aufschiebender Wirkung läge daher selbst dann nicht vor, wenn diese nicht schon von
Gesetzes wegen bestünde (Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz. 560). Das Gesuch um
Feststellung der aufschiebenden Wirkung ist somit abzuweisen bzw. wird mit dem
Entscheid in der Hauptsache gegenstandslos.
4. Nach Art. 63 Abs. 1 AuG kann die Niederlassungsbewilligung nur widerrufen werden,
wenn die Voraussetzungen nach Art. 62 lit. a oder b AuG erfüllt sind (lit. a), wenn der
Ausländer in schwerwiegender Weise gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in
der Schweiz oder im Ausland verstossen hat oder diese gefährdet oder die innere oder
äussere Sicherheit gefährdet (lit. b) oder wenn er oder eine Person, für die er zu sorgen
hat, dauerhaft und in erheblichem Masse auf Sozialhilfe angewiesen ist (lit. c). Die
Niederlassungsbewilligung von Ausländern, die sich seit mehr als fünfzehn Jahren
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ununterbrochen und ordnungsgemäss in der Schweiz aufhalten, kann nur aus Gründen
von Art. 63 Abs. 1 lit. b und Art. 62 lit. b AuG widerrufen werden. Nach Art. 62 lit. b AuG
kann die Niederlassungsbewilligung widerrufen werden, wenn der Ausländer zu einer
längeren Freiheitsstrafe verurteilt oder gegen ihn eine strafrechtliche Massnahme im
Sinn von Art. 64 oder 61 des Schweizerischen Strafgesetzbuches (SR 311.0, abgekürzt
StGB) angeordnet wurde.
4.1. Die Vorinstanz stützt ihren Entscheid auf Art. 63 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 62
lit. b und Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG. Freiheitsstrafen von mehr als einem Jahr gelten als
längere Freiheitsstrafen im Sinn von Art. 62 lit. b AuG und bilden einen Grund für den
Widerruf der Niederlassung (Urteil des Bundesgerichts 2C_295/2009 vom
25. September 2009 E. 4.2., vgl. auch VerwGE B 2008/199 vom 9. Juli 2009, in:
www.gerichte.sg.ch). Der Beschwerdeführer wurde am 18. April 2008 zu einer
Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt. Der Widerrufsgrund nach Art. 62 lit. b
AuG ist beim Beschwerdeführer somit erfüllt, wobei es – was schon aus dem
Gesetzeswortlaut hervorgeht - keine Rolle spielt, dass die Freiheitsstrafe zu Gunsten
einer Massnahme für junge Erwachsene im Sinn von Art. 61 StGB aufgeschoben wurde
(Nägeli/Schoch, a.a.O., Rz. 22.190). Dazu kommt, dass der Beschwerdeführer trotz
früherer Verurteilung und ungeachtet der ausdrücklichen Verwarnung des
Ausländeramtes fortfuhr, die Rechtsordnung in immer schwerwiegenderer Art zu
missachten. Damit hat er gezeigt, dass er auch künftig weder willens noch fähig ist,
sich in die geltende Rechtsordnung einzufügen. Mit der Summierung und
Wiederholung dieser Delikte trotz laufender Probezeit ist daher auch der
Widerrufsgrund nach Art. 63 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG erfüllt,
auch wenn die mehreren Delikte für sich allein betrachtet nicht zu einer längerfristigen
Freiheitsstrafe führen würden (M. Spescha in Spescha/Tühr/Zünd/Bolzli, a.a.O., Rz. 10
zu Art. 63 AuG; Zünd/Arquint Hill in Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser, a.a.O., Rz. 8.29;
Nägeli/Schoch, a.a.O., Rz. 22.191).
4.2. Art. 63 AuG gewährt der zuständigen Behörde beim Entscheid über den Widerruf
der Niederlassungsbewilligungen einen Ermessensspielraum. Der Tatbestand ist als
"Kann-Bestimmung" formuliert. Das Gesetz schreibt nicht zwingend den Widerruf der
Niederlassung vor, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Der Widerruf
einer Niederlassungsbewilligung ist anzuordnen, wenn er bei sorgfältiger Abwägung
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der Interessen verhältnismässig erscheint (Art. 5 Abs. 2 BV). Dabei berücksichtigen die
Behörden nach Art. 96 Abs. 1 AuG die öffentlichen Interessen und die persönlichen
Verhältnisse sowie den Grad der Integration, wobei namentlich die Schwere des
Verschuldens, die Dauer der Anwesenheit in der Schweiz sowie die dem Ausländer und
seiner Familie drohenden Nachteile ins Gewicht fallen (BGE 2C_295/2009 vom
25. September 2009 E. 4.3.). Je länger ein Ausländer in der Schweiz lebt, desto
strengere Anforderungen sind an die Voraussetzungen einer Ausweisung zu stellen.
Eine solche ist indessen selbst bei einem Ausländer, der - wie der Beschwerdeführer -
bereits in der Schweiz geboren ist und hier sein ganzes bisheriges Leben verbracht hat
(sogenannte Ausländer der zweiten Generation), insbesondere bei Gewaltdelikten bzw.
wiederholter schwerer Straffälligkeit, nicht generell ausgeschlossen. Ausschlaggebend
ist die Verhältnismässigkeit der Massnahme im Einzelfall, die praxisgemäss gestützt auf
die gesamten wesentlichen Umstände geprüft werden muss (BGE 2C_160/2009 vom
1. Juli 2009 E. 3.1., BGE 2A.71/2007 vom 7. Mai 2007 E. 3.2., mit Hinweisen).
4.2.1. Ausgangspunkt und Massstab der fremdenpolizeilichen Güterabwägung ist in
erster Linie die Schwere des Verschuldens, das sich nach dem Wortlaut des Gesetzes
in einer längeren Freiheitsstrafe niederschlagen soll. Die Administrativbehörde hat sich
dabei mit den Erwägungen des Strafrichters auseinanderzusetzen, um zu einer eigenen
Gefahrenprognose zu gelangen (Nägeli/Schoch, a.a.O., Rz. 22.188).
Bei der schwersten Straftat, die O. im März 2007 begangen hat, handelt es sich um
eine schwere Körperverletzung. Dabei hat er für sein Opfer überraschend eine
Gasdruckpistole aus seiner Hosentasche gezogen, mit ausgestrecktem Arm auf dessen
Kopf gezielt, aus einer Entfernung von rund einem bis zwei Meter mehrere Schüsse
abgefeuert und dabei dem Opfer ein Auge ausgeschossen. Das Bezirksgericht Zürich
wertet das Verschulden des Beschwerdeführers bei dieser abscheulichen Tat als
gravierend. Motiv war einzig verletzter Stolz und Rachsucht. Auch die übrigen,
namentlich die unzählbaren Strassenverkehrsdelikte zeugen von einer erschreckend
gleichgültigen Vorgehensweise und Haltung der hiesigen Rechtsordnung gegenüber.
Seine psychiatrische Begutachtung ergab eine Einschränkung der Steuerungsfähigkeit
in geringem bis mittleren Masse, was zu einer entsprechenden Reduktion der
Schuldfähigkeit führte. Die behauptete Provokation beim schweren Gewaltverbrechen
dagegen liess das Strafgericht nicht gelten, die Schussabgaben wertete es vielmehr als
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reine Selbstjustiz. Die schwierigen Familienverhältnisse, in denen der
Beschwerdeführer aufgewachsen war, fanden Niederschlag in der Diagnose des
gestörten Sozialverhaltens, die bereits im Rahmen der Tatkomponente strafmindernd
berücksichtigt wurde. Eine nochmalige strafmindernde Berücksichtigung der Kinder-
und Jugendzeit im Rahmen der Täterkomponente war deshalb nicht möglich.
Damit ist auch im Administrativverfahren von einem schwerwiegenden Verschulden des
Beschwerdeführers auszugehen. Die Wahrscheinlichkeit des Eintritts einer schweren
Augenverletzung bei wiederholter Schussabgabe auf das Gesicht eines Menschen ist
derart naheliegend, dass eine Inkaufnahme der verheerenden Folgen, eine Akzeptanz
für den Fall ihres Eintritts, ohne weiteres gegeben ist. Die Straftat des
Beschwerdeführers ist deshalb nicht etwa im Grenzbereich zur blossen Fahrlässigkeit
anzusiedeln (Ausländeramt act. 362). Die erschreckend kaltblütige und perfide
Gewalttat hat der Beschwerdeführer nebst zahlreichen anderen Straftaten trotz
laufender Probezeit begangen und sich damit als unbelehrbarer Krimineller erwiesen.
Die Vorinstanz hat die Schwere der begangenen Straftaten und die Schuld des
Beschwerdeführers somit zutreffend als ausserordentlich schwer erachtet, was sich
auch in der mehrjährigen Strafdauer widerspiegelt. An der Entfernung und Fernhaltung
des Beschwerdeführers besteht somit ein grosses sicherheitspolizeiliches Interesse,
das nur durch entsprechend gewichtige private Interessen aufgewogen werden könnte,
d.h. wenn aussergewöhnlich schwerwiegende Umstände gegen eine Ausweisung
sprechen würden.
4.2.2. Für den weiteren Verbleib des Beschwerdeführers in der Schweiz spricht vor
allem bzw. einzig der Umstand, dass der Beschwerdeführer in diesem Land geboren ist
und seither hier gelebt hat. Allerdings fiel der Beschwerdeführer praktisch während
seines ganzen Aufenthalts durchwegs negativ auf. So konnte er wegen seines
unerträglichen Verhaltens gegenüber seinen Mitschülern, das nie zur Anzeige
gekommen ist, nicht einmal die obligatorische Schulzeit zu Ende bringen. Die
öffentliche Schule war wegen der zahlreichen Vorkommnisse (sexuelle Übergriffe,
Drohungen und Tätlichkeiten) nicht mehr bereit, ihn wieder aufzunehmen
(Ausländeramt act. 94). Der Besuch einer Privatschule scheiterte ebenfalls nach kurzer
Zeit. Auch sonst konnte er sich weder in die Gesellschaft noch ins Berufsleben
integrieren. Zwar war sein Leben als Jugendlicher anerkanntermassen von zerrütteten
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Familienverhältnissen und durch gewalttätige Vorbilder geprägt. Sowohl sein eigener
Vater als auch sein Stiefvater wurden wegen kriminellen Verhaltens aus der Schweiz
ausgewiesen. Als Fünfzehnjähriger musste er zudem miterleben, wie sein Stiefvater
seine Mutter lebensgefährlich verletzte. Dem stehen aber die unzählbaren Bemühungen
des Staates gegenüber, seine erlittenen familiären Defizite aufzufangen und
auszugleichen. So liessen ihm die zuständigen Fachstellen jede nur erdenkliche Hilfe-
und Therapiemassnahme zukommen, wobei kein Aufwand und keine Kosten gescheut
wurden, ihn - selbst auf niederschwelliger Basis – wieder in geordnete Bahnen zu
lenken. Der Beschwerdeführer sabotierte und hintertrieb all diese Versuche.
Stattdessen zog er es vor, wieder zu seiner Mutter zurückzukehren, die ihm weder
Grenzen setzen noch Perspektiven bieten konnte. So wurde er ohne jegliche
Tagesstruktur schnell und immer schwerer straffällig. Weder die auf dem Fuss
folgenden strafrechtlichen Verurteilungen noch die fremdenpolizeiliche Verwarnung
hielten ihn von der Fortsetzung seines deliktischen Tuns ab. Dementsprechend konnte
ihm der Strafrichter keine günstige Prognose stellen, weshalb er die vormals bedingt
ausgesprochenen Freiheitsstrafen widerrufen musste. Davon abgesehen würde das
Fehlen einer Rückfallgefahr ohnehin keine ausschlaggebende Rolle spielen, weil im
fremdenpolizeilichen Verfahren selbst ein relativ kleines Restrisiko nicht hingenommen
werden muss (Nägeli/Schoch, a.a.O., Rz. 22.192).
Mit Blick auf das langjährige kriminelle Verhalten des Beschwerdeführers kann nicht
ausgeschlossen werden, dass er wieder straffällig wird. Bezeichnenderweise ist bereits
wieder ein Strafverfahren wegen Delikten nach altem Muster hängig. Bussen der SBB,
die er während des Massnahmenvollzugs erwirkt hat, übersieht er und weigert sich,
diese zu bezahlen (Ausländeramt act. 413). Bei einer Gesamtwürdigung des Verhaltens
ist es nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz annimmt, das öffentliche Interesse an
einer Fernhaltung des Beschwerdeführers sei höher zu gewichten als dessen
persönliche Interessen an seinem Verbleib.
4.2.3. Die vom Beschwerdeführer angerufene, in Zusammenhang mit Art. 8 Ziff. 1 der
Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und
Grundfreiheiten (SR 0.101, abgekürzt EMRK) ergangene Rechtsprechung des
Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (abgekürzt EGMR) steht obigem
Ergebnis nicht entgegen. Zwar trifft es zu, dass das in Art. 8 Ziff. 1 EMRK verankerte
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Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens verletzt sein kann, wenn einem
Ausländer, dessen Familienangehörige hier weilen, die Anwesenheit untersagt und
damit das Familienleben vereitelt wird. Das geschützte Familienleben beschränkt sich
aber grundsätzlich auf die Kernfamilie, d.h. die Gemeinschaft der Ehegatten mit ihren
minderjährigen Kindern (BGE 129 II 11 neues Fenster E. 2.). Demnach kann der
volljährige Beschwerdeführer diesbezüglich nichts zu seinen Gunsten ableiten. Zwar
hat der EGMR in verschiedenen Entscheiden festgehalten, dass auch die Beziehung
von jungen Erwachsenen zu ihren Eltern vom Begriff des Familienlebens im Sinne der
Konvention erfasst sein kann; Voraussetzung hierfür ist aber, dass der junge
Erwachsene noch keine eigene Familie gegründet hat (BGE 2C_160/2009 vom 1. Juli
2009 E. 4.1.) und die nahe verwandtschaftliche Beziehung tatsächlich gelebt wird und
intakt ist (Achermann/Caroni in Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser, a.a.O., Rz. 6.32). Eine
solche tragende Beziehung zu den in der Schweiz lebenden nahen Verwandten besteht
beim Beschwerdeführer aber gerade nicht. Das familiäre Beisammensein mit seiner
Mutter, seinen Geschwistern und seiner Tante war im Gegenteil von ständiger
häuslicher Gewalt geprägt und Grund diverser polizeilicher Interventionen. Indizien
dafür, dass sich dieses Verhältnis zwischenzeitlich grundlegend geändert hätte, liegen
nicht vor. Daran ändert nichts, dass der Beschwerdeführer den abgebrochenen
Kontakt zu seiner Mutter zwischenzeitlich wieder aufgenommen haben soll. Diesen
kann er von der Türkei aus weiterpflegen. Auch die geltend gemachte Beziehung zu
seiner Schweizer Freundin rechtfertigt ein Verbleib in der Schweiz nicht, nachdem sich
diese – wie sich nachträglich herausgestellt hat – schon länger von ihm getrennt und
ihn bei der Strafbehörde angezeigt hat. Ihren eigenen Angaben zu Folge lebt sie im
Gegenteil in Angst vor Repressalien seitens des Beschwerdeführers.
4.2.4. Aus dem ebenfalls von Art. 8 Ziff. 1 EMRK gewährleisteten Anspruch auf
Schutz des Privatlebens ergibt sich ein Recht auf Verbleib im Land nur unter
besonderen Umständen. Einzig die lange Anwesenheit und die damit verbundene
normale Integration genügen hierzu nicht; erforderlich sind besonders intensive
Beziehungen beruflicher oder gesellschaftlicher Natur (BGE 2C_160/2009 vom 1. Juli
2009 E. 4.1., BGE 2C_135/2007 vom 26. Juni 2007 E. 4.4.). Solche vertiefte soziale
Beziehungen sind beim Beschwerdeführer ebenfalls nicht gegeben, obwohl er hier
geboren und aufgewachsen ist sowie Schweizerdeutsch spricht. Weder hat er die
obligatorische Schule vollendet, noch hat er – von ein paar Gelegenheitsjobs
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abgesehen – in Freiheit je ernsthaft gearbeitet. Im wesentlichen ist er herumgehangen,
wobei er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist. Seine einzige engere
Beziehung hat mit seiner Freundin bestanden, auf die er sich in der Beschwerdeschrift
beruft. Dabei hat er allerdings – wie bereits gesagt - verschwiegen, dass sich diese
bereits vor Monaten von ihm getrennt und ihn wegen Drohung, Nötigung, Tätlichkeit,
Sachbeschädigung und Hausfriedensbruchs angezeigt hat. Auf eine persönliche
Anhörung, an welcher er darlegen will, wie sich die Ereignisse wirklich zugetragen
haben, kann verzichtet werden. Aus den polizeilichen Befragungen geht klar hervor,
dass er die Vorfälle allesamt abstreitet oder bagatellisiert. Dem stehen die detaillierten
und glaubhaften schriftlichen Aussagen seiner Ex-Freundin und ihrer Cousine
gegenüber. Auch seine Kollegen im Fitnessclub, den er während seiner Zeit im
Massnahmenzentrum Uitikon regelmässig besucht, tragen nicht dazu bei, dass er in
der Schweiz eigentlich verwurzelt ist bzw. dass dadurch eine besonders intensive, über
eine normale Integration hinausgehende vertiefte soziale Bindung entstünde (BGE
2C_701/2007 vom 13. März 2008 E. 3.4.).
4.2.5. Selbst wenn der Schutzbereich von Art. 8 Ziff. 1 EMRK berührt und demnach
eine Verhältnismässigkeitsprüfung im Sinn von Art. 8 Ziff. 2 EMRK durchzuführen wäre,
könnten die Erwägungen der vom Beschwerdeführer herangezogenen Entscheide des
EGMR nicht unbesehen herangezogen werden. Bei den verwiesenen Fällen geht es
zwar ebenfalls um straffällige Ausländer, die ihre ganze Kindheit und Jugend in
Österreich bzw. in der Schweiz verbracht haben. In Sachen Maslov gegen Österreich
vom 23. Juni 2008 (Beschwerde Nr. 1638/03) handelte es sich aber um typische
Beispiele von Jugenddelinquenz, die mit einer Ausnahme keine Gewalttätigkeiten
umfassten. Jener Straftäter beging seine Delikte im Alter von 14 bzw. 15 Jahren und
damit in der schwierigen Phase der Pubertät. Dazu kam, dass der Ausländer die
Sprache seines Heimatlandes nicht sprach, weshalb sich eine Ausweisung insgesamt
als unzumutbar erwies. O. dagegen hat seine schwerste Gewalttat als Volljähriger, und
zwar auf perfide Art und aus reiner Selbstjustiz, begangen und dafür eine mehrjährige
Freiheitsstrafe kassiert. Dazu kommt, dass er sein Heimatland von Ferienaufenthalten
her kennt und Türkisch spricht. Ebenso wenig vergleichbar ist das Urteil des EGMR in
Sachen Emre gegen die Schweiz vom 22. Mai 2008 (Beschwerde Nr. 42034/04). Dieser
Ausländer wurde insgesamt zu lediglich achtzehneinhalb Monaten verurteilt.
Ausschlaggebend war zudem, dass die Delikte je einzeln keine Ausweisung
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rechtfertigten und der Ausländer psychisch krank war (Persönlichkeitsstörung mit
emotionaler Labilität und Elementen von Impulsivität bzw. von einer Borderlinestörung
in Kombination mit einer Angststörung). Aus diesem Grund war er weiterhin auf seine
Familie in der Schweiz angewiesen. Beides trifft bei O. nicht zu.
4.2.6. Aus dem Gesagten folgt, dass der Beschwerdeführer in der Schweiz nicht
überdurchschnittlich integriert ist. Ausser dem wiederaufgenommenen Kontakt zu
seiner Mutter, seinen beiden Geschwistern und seiner Tante, der in den vergangenen
Jahren stark getrübt bzw. im Gegenteil von Gewalt geprägt war, bestehen weder
besondere persönliche noch berufliche oder andere Bindungen zur Schweiz, die über
eine normale Integration hinausgehen. Dem ledigen und kinderlosen
Beschwerdeführer, der im spätesten Zeitpunkt der Entlassung aus der Massnahme 25
Jahre alt sein wird, ist es somit zumutbar, die Schweiz zu verlassen und in seinem
Heimatland, das ihm nicht völlig unbekannt ist und wo er Verwandte hat, als junger
Mann und mit bis dann erworbenen Kenntnissen im Malerberuf sowie einem gewissen
Einsatz Fuss zu fassen. Kein Kriterium sind dabei die im Vergleich zur Schweiz
verminderten Resozialisierungschancen (Nägeli/Schoch, a.a.O., Rz. 22.194). Die
türkische Sprache, die er eigenen Angaben zu Folge spricht und lesen kann, wird er
während seiner restlichen Zeit im Massnahmenvollzug verbessern können, so dass er
bis in zwei Jahren auch Türkisch schreiben kann. Darüber hinaus wird er die während
des Massnahmenvollzugs begonnene berufliche Ausbildung beenden und sich auf
seine Ausreise in sein Heimatland vorbereiten und insbesondere mit seinen dort
lebenden Verwandten, Cousins und allenfalls seinem Vater, Kontakt aufnehmen
können. Es mag zutreffen, dass ihm in der Türkei nicht die gleichen wirtschaftlichen
Perspektiven offen- und namentlich nicht die gleichen Sozialleistungen zustehen
werden. Dies ist aber einzig die Folge seines kriminellen Verhaltens und vom
Beschwerdeführer hinzunehmen.
5. Zusammenfassend gelangt das Verwaltungsgericht zum Schluss, dass der Widerruf
der Niederlassungsbewilligung und die Wegweisung auf Grund der schwerwiegenden
Straffälligkeit trotz des Aufenthalts seit Geburt in der Schweiz gerechtfertigt und
verhältnismässig sind. Die Beschwerde ist folglich als unbegründet abzuweisen.
6. Der Beschwerdeführer stellt das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und
Rechtsverbeiständung.
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6.1. Nach Art. 29 Abs. 3 BV hat jede Person, die nicht über die erforderlichen Mittel
verfügt, Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege und, soweit dies zur Wahrung ihrer
Rechte notwendig ist, auf einen unentgeltlichen Rechtsbeistand, wenn ihr
Rechtsbegehren nicht aussichtslos ist. Gemäss Art. 99 VRP in Verbindung mit Art. 281
Abs. 2 lit. a des Zivilprozessgesetzes (sGS 961.2; abgekürzt ZPG) wird die
unentgeltliche Rechtspflege gewährt, wenn der Gesuchsteller bedürftig ist, wenn das
von ihm angestrebte Verfahren nicht aussichtslos und der Entscheid von erheblicher
Tragweite ist. Aussichtslos sind nach der Rechtsprechung solche Begehren, bei denen
die Gewinnaussichten beträchtlich geringer sind als die Verlustgefahren. Dagegen gilt
ein Begehren nicht als aussichtslos, wenn sich Gewinnaussichten und Verlustgefahren
ungefähr die Waage halten oder jene nur wenig geringer sind als diese. Massgebend
ist, ob eine Partei, die selber über die nötigen Mittel verfügt, sich bei vernünftiger
Überlegung zu einem Prozess entschliessen würde; eine Partei soll einen Prozess, den
sie auf eigene Rechnung und Gefahr nicht führen würde, nicht deshalb anstrengen
können, weil er sie nichts kostet (BGE 129 I 129 E. 2.3.1., BGE 128 I 225 neues Fenster
E. 2.5.3., BGE 125 II 265 neues Fenster E. 4b, BGE 124 I 304 neues Fenster E. 2c).
6.2. Die Mittellosigkeit des Gesuchstellers liegt auf der Hand. Er befindet sich im
Massnahmenvollzug, war vorher von der Sozialhilfe abhängig und muss neben
diversen Bussen und Gerichtskosten seinem Opfer eine Genugtuungszahlung von
Fr. 45'000.-- nebst Zins bezahlen. Mit Blick auf sein schweres Verschulden, das im
Strafmass zum Ausdruck kommt, und das Fehlen einer besonders intensiven
Integration in der Schweiz - der Beschwerdeführer hat sich in Freiheit weder um seine
schulische noch um seine berufliche Zukunft je ernsthafte Gedanken gemacht –
musste die Beschwerde grundsätzlich von Anfang an als chancenlos eingestuft
werden. Dazu kommt, dass es dem Beschwerdeführer mangels intakter familiärer
Verhältnisse, ohne Verpflichtungen und vertiefter sozialer Beziehungen zum
ausserfamiliären bzw. ausserhäuslichen Bereich offensichtlich zumutbar ist, die
Schweiz zu verlassen und in sein Heimatland zu ziehen, insbesondere weil er der
türkischen Sprache mächtig ist und dort Verwandte hat, mit denen er Kontakt
aufnehmen kann. Während der verbleibenden Zeit im Massnahmenvollzug wird er
zudem die Möglichkeit haben, sein Türkisch zu verbessern und die während des
Massnahmenvollzugs angefangene Berufsausbildung zu beenden. Dem steht allerdings
gegenüber, dass die Ausweisung ihn als Ausländer der zweiten Generation besonders
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hart trifft, weshalb strengere Anforderungen an die Voraussetzungen der Ausweisung
zu stellen sind. Dieser Umstand machte es zudem nötig, dass sich der Rechtsvertreter
und das Verwaltungsgericht mit der internationalen Rechtsprechung dazu
auseinandersetzen mussten. Folglich ist die Beschwerde nicht von vornherein als
offensichtlich unbegründet zu betrachten, weshalb dem Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege und Rechtsverbeiständung stattzugeben und Rechtsanwalt lic. iur.
Bernhard Jüsi, Zürich, als unentgeltlicher Rechtsbeistand zu bestimmen ist.
6.3. Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom
Beschwerdeführer zu bezahlen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Zufolge Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung werden diese vom Staat übernommen. Eine
Entscheidgebühr von Fr. 2'000.-- ist angemessen (Art. 13 Ziff. 622 Gerichtskostentarif,
sGS 941.12). Auf die Erhebung dieser Kosten ist zu verzichten (Art. 99 Abs. 2 VRP in
Verbindung mit Art. 288 ZPG).
Der Kostenspruch des Rekursverfahrens ist entsprechend anzupassen.
Demzufolge ist die gesprochene Entscheidgebühr von Fr. 1'000.-- ebenfalls vom Staat
zu tragen, wobei auf die Erhebung verzichtet wird. Der geleistete Kostenvorschuss ist
zurückzubezahlen.
6.4. Der Rechtsvertreter hat keine Kostennoten eingereicht. Die Entschädigung ist
deshalb nach Ermessen festzusetzen (Art. 6 der Honorarordnung für Rechtsanwälte
und Rechtsagenten, sGS 963.75, abgekürzt HonO). Für das Rekurs- und
Beschwerdeverfahren ist ein Gesamtbetrag von Fr. 3'000.-- (zuzügl. MWSt)
angemessen (Art. 22 Abs. 1 lit. b in Verbindung mit Art. 19 HonO und Art. 31 Abs. 3 des
Anwaltsgesetzes, sGS 963.70).
Demnach hat das Verwaltungsgericht