Decision ID: 802e1fe1-8859-5ba9-85c7-8696a2af43e6
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
W._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Marc Weber, Waisenhausstrasse 14,
9000 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Ergänzungsleistung zur IV
Sachverhalt:
A.
A.a W._ meldete sich am 29. Januar 2004 zum Bezug von IV-Leistungen an. Dr.
med. A._ berichtete der IV-Stelle am 30. März 2004, der Versicherte leide an
neurooptischen Dysfunktionen nach Rauschmittelabusus, an Angstzuständen und an
Kniebeschwerden. Als Informatiker sei der Versicherte zu 100% arbeitsunfähig. Er
klage über optische Halluzinationen, einen ausgeprägten Tremor und Angstzustände.
Diese Symptome träten ausserhalb der Wohnung vermehrt auf. Zumutbar sei eine
Erwerbstätigkeit im Ausmass von ca. 50%. Allerdings sollte der Versicherte diese
zuhause ausführen können. Der Psychiater Dr. med. B._ gab am 11. Juni 2004 als
Diagnose eine schizoaffektive Störung. Er führte dazu aus, es scheine eine deutliche
Besserung der psychosozialen Situation eingetreten zu sein, so dass jetzt berufliche
Massnahmen in Betracht gezogen werden müssten. Bei einer beruflichen Ausbildung
des Versicherten seien keine besonderen, behinderungsbedingten Massnahmen
erforderlich. Die IV-Stelle ersuchte Dr. med. B._ am 28. Juni 2004, mehrere
Zusatzfragen zu beantworten. Der Versicherte teilte am 24. November 2004 mit, Dr.
med. B._ wolle ihn nicht mehr behandeln. Nach etwa fünfzehn vergeblichen Anfragen
habe er endlich bei Frau Dr. med. C._ einen Termin erhalten. Diese Psychiaterin teilte
der IV-Stelle am 5. April 2005 mit, sie könne keinen Bericht erstatten, weil der
Versicherte nicht zu den vereinbarten Terminen erschienen sei. Am 3. Mai 2005 gab sie
schliesslich an, der Versicherte leide unter neurooptischen Dysfunktionen nach
Rauschmittelabusus und an Angstzuständen mit dazugehörigem Tremor, vor allem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausserhalb der Wohnung. Daheim fühle sich der Versicherte wohl und leistungsfähig. Er
habe aber Angst, hinaus zu gehen. Dazu brauche er Valium. Er würde gerne arbeiten,
wenn er Angebote hätte, oder auch eine Informatikausbildung absolvieren. Der
Versicherte nehme sehr hohe Dosen an Tranquilizern ein, dazu Alkohol und Haschisch.
Trotz dieser Mittel scheine er leistungsfähig zu sein. Eine Informatikausbildung wäre
sinnvoll, weil der Versicherte dann in seiner Wohnung arbeiten könnte. Es sei ihm
unmöglich, das Haus zu verlassen, da er dann von der Angst und vom Tremor derartig
beeinträchtigt sei, dass er unfähig sei, sich auf etwas anderes einzustellen.
A.b Die IV-Stelle beauftragte am 6. Juli 2005 die psychiatrische Klinik in Pfäfers mit
einer Begutachtung des Versicherten. Die Klinik teilte am 25. August 2005 mit, dass der
Versicherte zum vereinbarten Termin nicht erschienen sei. Der Versicherte machte am
26. August 2005 geltend, er habe das Aufgebot der Klinik erst am Abend des 25.
erhalten. Irgendjemand nehme ihm die Post aus dem Briefkasten und lege sie dann
verspätet wieder hinein. Am 15. November 2005 beauftragte die IV-Stelle dann Dr.
med. D._ mit der psychiatrischen Begutachtung des Versicherten. Dr. med. D._
berichtete in seinem Gutachten vom 26. Februar 2006 u.a., der Versicherte habe
angegeben, er sei seit eineinhalb Jahren bei der X. GmbH auf Stundenlohnbasis
angestellt, wobei er auf ein Arbeitspensum von etwa 10% komme. Er erstelle Websites
für diese Firma. Auch diese Stelle habe er über "Vitamin B" erhalten, da er sich über
mehrere Jahre langsam einen guten Namen und gute Referenzen verschafft habe. Der
Computer sei sein Hobby. Dieses Hobby habe er zu seinem Beruf gemacht. Er habe
viel als Freelancer gearbeitet. Dr. med. D._ diagnostizierte eine schizoaffektive
Störung, gegenwärtig depressiv (ICD-10 F 25.1) und eine Störung durch multiplen
Substanzgebrauch und Konsum anderer psychotroper Substanzen,
Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtiger Substanzgebrauch (ICD-10 F 19.24). Dazu
führte er aus, die der schizoaffektiven Störung innewohnenden psychotischen
Störungsanteile erreichten nie ein Ausmass, das zu einem gänzlichen Realitätsverlust
führen würde. Bis anhin habe der Versicherte die psychotischen Erlebnisinhalte als
nicht zu ihm gehörig und irreal einstufen können, obwohl diese seit mehr als zehn
Jahren persistent vorhanden seien. Als illegales Suchtmittel spiele nur noch Cannabis
eine Rolle (aktuell ein bis zwei Joints pro Abend). Da der Versicherte in der
Vergangenheit immer wieder ein gewisses Mass an beruflichen Aktivitäten entwickelt
habe, sei die beobachtbare Antriebslosigkeit nicht auf den Suchtmittelkonsum,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sondern auf die depressive Komponente der schizoaffektiven Störung zurückzuführen.
Der Versicherte sei zu 50% arbeitsfähig, wobei die Arbeitsunfähigkeit in den
depressiven Störungsanteilen begründet sei. Die psychotischen Störungsanteile
erreichten kein arbeitslimitierendes Ausmass und lösten auch keinen Leidensdruck aus.
Mit einer Verfügung vom 5. Januar 2007 verneinte die IV-Stelle einen Anspruch des
Versicherten auf berufliche Eingliederungsmassnahmen, da aufgrund der Drogensucht
keine Eingliederungsfähigkeit bestehe. Mit einer Verfügung vom 11. Juli 2007 sprach
sie dem Versicherten rückwirkend ab 1. April 2004 eine halbe Invalidenrente bei einem
Invaliditätsgrad von 50% zu.
B.
Der Versicherte meldete sich am 5. Dezember 2007 zum Bezug von
Ergänzungsleistungen an. Er verneinte die Frage nach Erwerbseinkommen. Die EL-
Durchführungsstelle nahm eine Anspruchsberechnung rückwirkend ab 1. April 2004
vor. Dabei berücksichtigte sie jeweils ein hypothetisches Erwerbseinkommen. Mit einer
Verfügung vom 21. Februar 2008 sprach sie dem Versicherten rückwirkend ab April
2004 eine Ergänzungsleistung zu. Dagegen liess der Versicherte am 7. April 2008
Einsprache erheben und sinngemäss beantragen, es sei ihm rückwirkend ab April 2004
eine Ergänzungsleistung auszurichten, bei deren Berechnung kein hypothetisches
Erwerbseinkommen berücksichtigt werde. In der Einsprachebegründung vom 2. Juli
2008 liess er ausführen, er könne aufgrund seiner gesundheitlichen, mehrheitlich
psychischen Probleme seine theoretische Restarbeitsfähigkeit nicht mehr wirtschaftlich
verwerten. Er sei auch unfähig gewesen, selbständig Arbeitsbemühungen zu leisten.
Gemäss dem beigelegten Zeugnis von Dr. med. A._ vom 17. Juni 2008 hatte der
Versicherte u.a. an grossen Kontaktschwierigkeiten bei einem erheblich verminderten
Selbstbewusstsein, an depressiven Verstimmungen und an Angstzuständen gelitten,
die es ihm verunmöglicht hatten, die vorgeschriebenen Termine beim RAV einzuhalten
und Bewerbungsverfahren zu bewältigen. Der Versicherte liess ausserdem ausführen,
auch die – ebenfalls eingereichten – Aktennotizen des RAV belegten seine Unfähigkeit,
Arbeitsbemühungen zu leisten. Deshalb sei er als nicht vermittelbar zu betrachten, so
dass ihm kein hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet werden dürfe. Die EL-
Durchführungsstelle wies die Einsprache am 9. September 2008 ab. Sie begründete
diesen Entscheid damit, dass die vom Versicherten geltend gemachten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einschränkungen bereits bei der Ermittlung des Invaliditätsgrades Berücksichtigung
gefunden hätten. Selbst allfällige Belege über erfolglose Arbeitsbemühungen könnten
die in Art. 14a Abs. 2 ELV enthaltene Vermutung der Verwertbarkeit der
Restarbeitsfähigkeit nicht umstossen, denn ein Stellensuchender, der dem potentiellen
Arbeitgeber signalisiere, dass er sich für arbeitsunfähig halte, könne nicht erfolgreich
sein. Das sei beim Versicherten der Fall, denn er habe sich nur beim RAV gemeldet, um
eine Ergänzungsleistung zu erhalten.
C.
Der Versicherte liess am 13. Oktober 2008 Beschwerde gegen diesen
Einspracheentscheid erheben und sinngemäss beantragen, es sei ihm rückwirkend
eine ohne hypothetisches Erwerbseinkommen berechnete Ergänzungsleistung
zuzusprechen. Weiter liess er ausführen, aufgrund der im Arztzeugnis vom 17. Juni
2008 angegebenen Unfähigkeit, selbständige Arbeitsbemühungen zu leisten, sei die
Vermutung des Art. 14a Abs. 2 ELV widerlegt. Aus den Aktennotizen des RAV sei
ersichtlich, dass er vom Arzt habe ermuntert werden müssen, die Termine beim RAV
einzuhalten. Das sei aber praktisch kaum gelungen. Er sei unfähig gewesen,
Verpflichtungen irgendwelcher Art wahrzunehmen, geschweige denn ein
Bewerbungsverfahren durchzustehen. Das hätten auch die verschiedenen Gutachter
erfahren, die ihn im IV-Verfahren hätten abklären sollen. Dass er sich beim RAV
telephonisch und per e-mail habe melden können, ändere daran nichts. Im übrigen
habe die IV-Stelle ihm die Möglichkeit, sich beruflich einzugliedern, verwehrt. Wenn er
nicht fähig gewesen sei, sich aktiv an Eingliederungsmassnahmen zu beteiligen, dann
habe er auch keine Arbeitsbemühungen tätigen können. Im Sinne eines
Eventualantrages verlange er die Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens erst ab der Anmeldung beim RAV.
D.
Die EL-Durchführungsstelle beantragte am 12. November 2008 die Abweisung der
Beschwerde.
E.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Gerichtsleitung forderte am 30. März 2009 die vollständigen IV-Akten an. Der
Versicherte erhielt Gelegenheit, sich dazu zu äussern. Er liess am 30. September 2009
ausführen, während des IV-Verfahrens hätten verschiedene Fachärzte festgestellt, dass
er von 2004 bis 2007 unfähig gewesen sei, Verpflichtungen irgendwelcher Art
nachzukommen. Insbesondere habe Dr. med. C._ angegeben, er müsste die
Möglichkeit haben, zuhause zu arbeiten. Um wieder ausserhalb der Wohnung Termine
wahrnehmen oder sogar arbeiten zu können, müsste er einer adäquaten Behandlung
zugeführt werden. Sogar der RAD habe angegeben, es sei möglich, dass er
krankheitsbedingt nicht in der Lage sei, zu einem bestimmten Termin die Wohnung zu
verlassen. Nach der Ansicht des Versicherten stand damit fest, dass 2004 bis 2007
keine subjektiv wie objektiv genügende und stabile Befindlichkeit bestanden habe, die
eine Eingliederung via RAV zugelassen hätte.
F.
Die EL-Durchführungsstelle machte am 28. Oktober 2009 unter Berufung auf eine
Lehrmeinung geltend, gemäss Art. 14a Abs. 2 ELV seien hypothetische
Erwerbseinkommen ausnahmslos anzurechnen.

Erwägungen:
1.
Teilinvalide EL-Ansprecher trifft eine EL-spezifische "Schadenminderungspflicht". Sie
müssen ihren Existenzbedarf aus einem Erwerbseinkommen bestreiten, soweit ihnen
dies noch möglich und zumutbar ist (Art. 11 Abs. 1 lit. g i.V.m. Art. 11 Abs. 1 lit. a ELG).
Erfüllen sie diese "Schadenminderungspflicht" nicht, werden sie EL-rechtlich so
gestellt, wie wenn sie sie erfüllt hätten. Es wird ihnen nämlich ein hypothetisches
Erwerbseinkommen in dem Betrag angerechnet, den sie erzielen könnten, wenn sie
ihre verbliebene Arbeitsfähigkeit verwerten würden. Die beiden häufigsten Ursachen für
die Unmöglichkeit, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, sind die behinderungsbedingte
Erwerbsunfähigkeit/Invalidität und die Arbeitslosigkeit. Die von der
Beschwerdegegnerin angesprochene Lehrmeinung (vgl. Schweizerisches
Bundesverwaltungsrecht, Bd. XIV Soziale Sicherheit, Ralph Jöhl und Patricia Usinger-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Egger, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, Rz 191 S. 1768) ist zwar in Anbetracht des
Zwecks der Ergänzungsleistung völlig folgerichtig, aber die Voraussetzungen einer
Änderung der anderslautenden, jahrzehntealten Praxis sind nicht erfüllt. Die
Arbeitslosigkeit ist deshalb grundsätzlich als Faktor fehlenden Erwerbseinkommens -
und damit des Fehlens eines Einkommensverzichts – zu berücksichtigen. Art. 14a Abs.
2 ELV schliesst es in aller Regel aus, die IV-rechtlich ermittelte Invalidität zu überprüfen.
Die Invaliditätsbemessung durch die zuständige IV-Stelle ist demnach als gegeben zu
betrachten. Nur jener teilinvalide EL-Ansprecher, der glaubhaft machen kann, dass der
von IV-Stelle ermittelte Invaliditätsgrad falsch sei, kann im EL-Verfahren gehört werden.
Andernfalls wären die EL-Durchführungsstellen nämlich routinemässig zu einer
eigenständigen Invaliditätsbemessung verpflichtet, was verfahrensökonomisch
unsinnig wäre. Diese Beschränkung der Untersuchungspflicht der EL-
Durchführungsstellen ist aber nicht so zu verstehen, dass die behinderungsbedingten
Nachteile eines EL-Ansprechers bei der Beantwortung der Frage, ob eine nicht zu
verhindernde Arbeitslosigkeit vorliege, nicht beachtet werden dürften.
Behinderungsbedingte Nachteile sind nämlich durchaus geeignet, das Finden einer
geeigneten Arbeitsstelle zu erschweren, weil viele Arbeitgeber davor zurückschrecken,
eine gesundheitlich angeschlagene Person anzustellen. Die effektiv bestehende
Arbeitslosigkeit eines EL-Ansprechers vermag aber nur dann die in Art. 14a Abs. 2 ELV
aufgestellte Vermutung, es werde auf ein Erwerbseinkommen verzichtet, umzustossen,
wenn der EL-Ansprecher alles Zumutbare unternommen hat, um diese Arbeitslosigkeit
zu überwinden und eine Arbeitsstelle zu finden, wenn zum vornherein offenkundig ist,
dass nicht die geringste Chance besteht, eine Arbeitsstelle zu finden, oder wenn der
EL-Ansprecher nicht fähig ist, sich zu bewerben. Da den EL-Ansprecher eine EL-
spezifische "Schadenminderungspflicht" trifft, er also verpflichtet ist, seinen
Existenzbedarf aus eigener Kraft zu decken, soweit ihm dies möglich und zumutbar ist,
kann das Faktum allein, dass der EL-Ansprecher arbeitslos ist, die Vermutung des Art.
14a Abs. 2 ELV nicht widerlegen. Der EL-Ansprecher kann den Nachweis dafür, dass er
objektiv nicht in der Lage ist, eine geeignete Arbeitsstelle zu finden, nur dadurch
führen, dass er sich im Rahmen des ihm Möglichen und Zumutbaren um eine
Arbeitsstelle bemüht, aber dabei keinen Erfolg hat. Dieser Nachweis kann – analog der
Situation in der Arbeitslosenversicherung – in aller Regel nur durch qualitativ und
quantitativ ausreichende persönliche Arbeitsbemühungen geführt werden. Ohne
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsbemühungen kann der Nachweis der unvermeidbaren Arbeitslosigkeit nur
geführt werden, wenn derartige Bemühungen als unzumutbar qualifiziert werden
müssen, weil ihre Erfolglosigkeit zum vornherein offenkundig ist. Das ist etwa dann der
Fall, wenn in der Person des EL-Ansprechers zusätzlich zur eigentlichen Behinderung/
Invalidität so viele Wettbewerbsnachteile auf dem in Frage kommenden Arbeitsmarkt
vereint sind, dass kein Arbeitgeber bereit ist, den betreffenden EL-Ansprecher
anzustellen, selbst wenn der verlangte Lohn deutlich unter dem Durchschnitt liegt. Die
Arbeitsmarktsituation kann die negative Wirkung dieser Wettbewerbsnachteile zwar
akzentuieren, aber sie ist für sich allein (also ohne in der Person des EL-Ansprechers
liegenden besondere Nachteile) nicht geeignet, die Überwindung der Arbeitslosigkeit
als zum vornherein ausgeschlossen erscheinen zu lassen (vgl. zum Ganzen das Urteil
des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 27. Mai 2009, EL 2008/24, Erw.
4.2).
2.
Der Beschwerdeführer hat keine "klassischen" Arbeitsbemühungen unternommen. Er
ist deshalb nicht in der Lage, die behauptete objektive Unfähigkeit, die Arbeitslosigkeit
zu überwinden und die verbliebene Arbeitsfähigkeit von 50% zu verwerten, durch eine
ausreichende Zahl erfolgloser Bewerbungen zu belegen. Stattdessen beruft er sich auf
seine krankheitsbedingte Unfähigkeit, sich zu bewerben. Als Beleg für diese
Behauptung dient ihm das Zeugnis von Dr. med. A._ vom 17. Juni 2008, laut dem es
ihm glaubhaft unmöglich gewesen ist, die vorgeschriebenen Termine beim RAV
wahrzunehmen und Bewerbungsverfahren zu bewältigen. Tatsächlich ist der
Beschwerdeführer gemäss seinen eigenen Angaben gegenüber dem psychiatrischen
Sachverständigen Dr. med. D._ im fraglichen Zeitraum aber erwerbstätig gewesen,
wenn auch nur mit einem Beschäftigungsgrad von ca. 10%. Er hat also eine
Arbeitsstelle finden können, ohne sich beim RAV einzufinden oder ein klassisches
Bewerbungsverfahren (schriftliches Bewerbungsdossier, Vorstellungsgespräch,
allenfalls Assessment) absolvieren zu müssen. Der Beschwerdeführer hat sich nach
seinen eigenen Angaben in der Branche, für die er tätig gewesen ist, einen guten
Namen und gute Referenzen geschaffen. Das wäre ohne eine Erwerbstätigkeit für
mehrere Betriebe dieser Branche und ohne einen gewissen
Mindestbeschäftigungsgrad gar nicht möglich gewesen. Das belegt, dass es dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer vom Computer in seiner Wohnung aus möglich gewesen ist, sich
verschiedene Erwerbsquellen zu verschaffen. In dieser Branche scheint dies mittels
ausschliesslichem Internetkontakt möglich gewesen zu sein, so dass der
Beschwerdeführer gar nicht gezwungen gewesen ist, sich ausserhalb seiner Wohnung
zu bewegen und sich "klassisch" zu bewerben. Das bedeutet, dass der
Beschwerdeführer objektiv in der Lage gewesen ist, seine Restarbeitsfähigkeit zu
verwerten. Seine Krankheit hat ihn also nicht zu jener unvermeidbaren Arbeitslosigkeit
verurteilt, die er im Verwaltungs- und im Beschwerdeverfahren behauptet hat. Dass es
möglicherweise Phasen gegeben hat, in denen die Beschwerdeführer
depressionsbedingt auch zuhause am Computer unfähig gewesen ist, sich
"elektronisch" zu bewerben, ist nicht relevant, denn diese Phasen müssen kurz und
wenig zahlreich gewesen sein, weil es dem Beschwerdeführer sonst nicht möglich
gewesen wäre, fristgerecht die Ergebnisse seiner Arbeit abzuliefern.
3.
Nichts spricht gegen die Annahme, dass der Beschwerdeführer in der Lage gewesen
wäre, das bestehende Arbeitsverhältnis von ca. 10% auf 50% auszudehnen oder
weitere Arbeitgeber zu finden und so für mehrere Unternehmen zusammen zu 50%
arbeiten zu können, denn es fehlen Aufzeichnungen darüber, wie oft und auf welche Art
der Beschwerdeführer – erfolglos – versucht hat, sich auf elektronischem Weg bei den
in Frage kommenden Arbeitgebern als "Heimarbeiter" zu bewerben und wie oft und auf
welche Art er – vergeblich – versucht hat, als selbständigerwerbender Spezialist auf
seinem Bereich Aufträge zu erhalten. Dieser Nachweis hätte nur durch entsprechende
Belege und Aufschriebe des Beschwerdeführers und gegebenenfalls der angefragten
Unternehmen oder Personen geführt werden können. Zusammenfassend ist
festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, die behauptete
objektive Unmöglichkeit der Erzielung eines Erwerbseinkommens zufolge
unverschuldeter Arbeitslosigkeit zu belegen und so die Vermutung des Art. 14a Abs. 2
lit. b ELV umzustossen. Die Beschwerdegegnerin hat somit zu Recht das von Art. 14a
Abs. 2 lit. b ELV jeweils vorgegebene hypothetische Erwerbseinkommen angerechnet.
Daran ändert die Tatsache nichts, dass der Beschwerdeführer effektiv ein
Erwerbseinkommen erzielt hat. Art. 14a Abs. 1 ELV kommt nämlich in Fällen wie dem
vorliegenden nur zur Anwendung, wenn das tatsächlich erzielte Erwerbseinkommen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
höher ist als das pauschale hypothetische Erwerbseinkommen nach Art. 14a Abs. 2
ELV. Der Betrag des vom Beschwerdeführer effektiv erzielten Erwerbseinkommens ist
zwar nicht bekannt, so dass eigentlich eine weitere Abklärung erforderlich wäre. Nun ist
aber in antizipierender Beweiswürdigung davon auszugehen, dass das mit einem
Beschäftigungsgrad von ca. 10% erzielte Erwerbseinkommen jeweils tiefer gewesen ist
als der in Art. 14a Abs. 2 lit. b ELV vorgegebene Betrag, so dass letzterer anzurechnen
ist. Der angefochtene Einspracheentscheid erweist sich somit als korrekt. Die
Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens wegen "selbstverschuldeter"
Arbeits- oder Auftragslosigkeit stellt einen Dauersachverhalt dar, welcher der Revision
nach Art. 17 Abs. 2 ATSG unterliegt. Sollte der Beschwerdeführer in Zukunft seine
geringe oder allenfalls sogar vollständige Erwerbslosigkeit durch geeignete Belege/
Aufschriebe als "unverschuldet" nachweisen können, wird die Vermutung der Erzielung
eines bestimmten Erwerbseinkommens nach Art. 14a Abs. 2 lit. b ELV durch den
Nachweis "unverschuldet" fehlenden Erwerbseinkommens abgelöst. Darin wird eine
revisionsrechtlich relevante Sachverhaltsveränderung zu erblicken sein, was eine
entsprechende Erhöhung der Ergänzungsleistung zulassen wird.
4.
Gemäss den vorstehenden Ausführungen ist die Beschwerde abzuweisen. Das
Beschwerdeverfahren ist kostenlos. Der vollumfänglich unterliegende
Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung. Da er aber als
vermögensloser EL-Bezüger praxisgemäss ohne weiteres die Voraussetzungen einer
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung erfüllt, hat der Staat seinen Rechtsbeistand lic.
iur. HSG Marc Weber zu entschädigen. Die Parteientschädigung würde sich nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art.
61 lit. g ATSG). Unter Berücksichtigung dieser Kriterien erschiene eine
Parteientschädigung von Fr. 3000.- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als
angemessen. Dieser Betrag ist gemäss Art. 31 Abs. 3 des st. gallischen
Anwaltsgesetzes um einen Fünftel zu reduzieren. Der Staat entschädigt deshalb den
Rechtsbeistand des Beschwerdeführers mit Fr. 2400.-. Sollten sich die wirtschaftlichen
Verhältnisse des Beschwerdeführers in der Zukunft so verbessern, dass er diese
Kosten selbst tragen kann, ist er zur Nachzahlung des vom Staat ausgerichteten
Betrages verpflichtet (Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m. 288 Abs. 1 ZPG).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG