Decision ID: 2d3e81db-5f77-532f-8927-8b55855cd054
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ war bei der Bäckerei B._ AG als Mitarbeiterin Kalte Küche tätig und
dadurch bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (nachfolgend: Suva)
obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen versichert, als sie am 20. März 2016 als
Fussgängerin auf einem Trottoir von einem Auto angefahren wurde (Suva-act. 1). Die
gleichentags erstbehandelnden Ärzte des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG)
diagnostizierten eine dislozierte distale Unterschenkelfraktur links, eine Flexions-
Distraktions-Verletzung des siebten Halswirbelkörpers (HWK) und eine
Deckplattenimpressionsfraktur des fünften Brustwirbelkörpers (BWK) (Suva-act. 14).
Am Unfalltag erfolgte eine geschlossene Reposition und Anlage eines Fixateurs extern,
gelenksüberbrückend, am Unterschenkel/Rückfuss links (Suva-act. 9). Am 29. März
2016 unterzog sich die Versicherte im KSSG einer offenen Reposition mit
Plattenosteosynthese des Talo tibia sowie einer geschlossenen Reposition mit
Nagelosteosynthese der distalen Fibula links (Suva-act. 8). Die Verletzung der
Wirbelsäule wurde konservativ mittels Tragens eines Korsetts tagsüber und eines
weichen Halskragens nachts behandelt (vgl. Suva-act. 14, 28). Die Suva kam für die
Folgen des Unfalls auf (Suva-act. 7).
A.a.
Die behandelnden Ärzte des KSSG hielten am 21. Juni 2016 fest, die Versicherte
trage seit zwei Wochen nur noch einen weichen Halskragen. Sie empfahlen die
schrittweise Entwöhnung desselben und verordneten Physiotherapie zur Stärkung der
A.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nackenmuskulatur (Suva-act. 40). Am 4. August 2016 berichteten die behandelnden
Ärzte des KSSG über einen etwas verzögerten Verlauf bezüglich der Heilung der
Unterschenkelfraktur. Die Versicherte sei weiterhin zu 100 % arbeitsunfähig (Suva-act.
49).
Am 11. Oktober 2016 erfolgte eine TEN-Nagelentfernung an der Fibula links (Suva-
act. 63). Die behandelnden Ärzte des KSSG führten am 29. November 2016 aus, die
Schmerzen im Unterschenkel links seien noch nicht komplett regredient und die
Mobilität sei noch eingeschränkt. Es bestehe weiterhin eine Arbeitsunfähigkeit von 100
% (Suva-act. 75).
A.c.
Am 17. März 2017 hielten die behandelnden Ärzte des KSSG fest,
kernspintomographisch (vgl. Suva-act. 95) habe keine Myelopathie oder eine relevante
Nervenkompression im Bereich der Wirbelsäule festgestellt werden können. Die
Versicherte zeige ein unklares ataktisch anmutendes Gangbild, welches anhand der
stattgehabten Frakturen nicht schlüssig erklärbar sei (Suva-act. 93). Eine in der Klinik
für Neurologie des KSSG am 7. April 2017 durchgeführte Untersuchung ergab keine
neurologische Erklärung für die Gangstörung (Suva-act. 100).
A.d.
Am 22. Mai 2017 unterzog sich die Versicherte im KSSG einer Arthroskopie des
oberen Sprunggelenks (OSG) mit Arthrolyse des OSG rechts und einer
Osteosynthesematerialentfernung an der Tibia rechts. Die behandelnden Ärzte des
KSSG attestierten ihr vom 22. Mai bis 5. Juni 2017 eine Arbeitsunfähigkeit von 100 %
(Suva-act. 106 f.). Am 14. Juli 2017 befand der zuständige Arzt des KSSG, die
Beschwerden der Versicherten hätten durch den operativen Eingriff nicht verbessert
werden können. Insgesamt sei ihm nicht klar, warum sie ein solches Beschwerdebild
aufweise (Suva-act. 128).
A.e.
Nach einer Untersuchung vom 19. Juli 2017 empfahl Suva-Kreisärztin med. pract.
C._, Fachärztin für Chirurgie, eine stationäre Rehabilitation. Die Arbeitsunfähigkeit in
der angestammten Tätigkeit in der Bäckerei sei weiterhin ausgewiesen (Suva-act. 134).
A.f.
Dr. med. D._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, berichtete am 17. August
2017 über zwei (notfallmässige) Konsultationen am 11. und 14. August 2017 wegen
einer manischen Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10: F30.1) infolge des
A.g.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Unfalls vom 10. März 2016 (Suva-act. 146). Er erachtete eine stationäre Rehabilitation
bis auf weiteres als kontraindiziert (vgl. Suva-act. 148).
Nach einer Stabilisierung des psychischen Zustandes (vgl. Suva-act. 150 ff.)
befand sich die Versicherte vom 10. bis 27. Oktober 2017 stationär in der Rehaklinik
Bellikon. Die dort behandelnden Ärzte hielten in ihrem Austrittsbericht vom 3.
November 2017 fest, mit konservativen Massnahmen habe sich keine substantielle
Besserung der Beweglichkeit des OSG erzielen lassen. Die einzig erfolgsversprechende
Behandlung sei ein operatives Vorgehen mit optimaler Nachbehandlung. Die
Versicherte sei derzeit voll arbeitsunfähig (Suva-act. 175). Dr. med. E._, Facharzt
FMH für Orthopädische Fusschirurgie, Chefarzt Klinik F._, untersuchte die
Versicherte am 12. Dezember 2017 im Sinne einer Zweitmeinung. Am 20. Dezember
2017 hielt er fest, es bestünden unklare Restschmerzen im OSG links bei Status nach
Unterschenkelfraktur. Er habe das OSG mit Kortison und Lokalanästhesie infiltriert.
Falls dadurch kein mittelfristiger Erfolg erzielt werden könne, sehe er keine
orthopädischen Massnahmen, die weiterhelfen könnten. Es handle sich sicherlich nicht
um einen einfachen Fall, der wahrscheinlich ausserhalb der somatischen Komponente
stehe (Suva-act. 184).
A.h.
Die Bäckerei B._ AG hatte das Arbeitsverhältnis per 31. Oktober 2017 gekündigt
(Suva-act. 126).
A.i.
Nach einer Untersuchung der Versicherten befand Suva-Kreisarzt Dr. med. G._,
Facharzt für Chirurgie, speziell Unfallchirurgie, am 12. Februar 2018, es sei noch kein
medizinischer Endzustand eingetreten, insbesondere die Physiotherapie sei
weiterzuführen. Die Einleitung von beruflichen Integrationsmassnahmen sei zu
empfehlen (Suva-act. 196).
A.j.
Die IV-Stelle übernahm die Kosten für ein Belastbarkeitstraining vom 18. Juni bis
30. November 2018 sowie für ein Aufbautraining vom 1. Dezember 2018 bis 31. Mai
2019, beides durchgeführt durch die H._ (Suva-act. 221, 239, 244), und entrichtete
Taggelder für die Dauer der Massnahmen (vgl. Suva-act. 224, 241, 246). Vom 1. Juni
bis 31. August 2019 fand ein durch die IV-Stelle unterstützter Arbeitsversuch in der
Bäckerei I._ statt (Suva-act. 266, 280-31 ff.). Nach Scheitern desselben (vgl. Suva-
A.k.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
C.
act. 269, 272, 280-31 ff.) wies die IV-Stelle am 6. September 2019 das
Leistungsbegehren um weitere berufliche Massnahmen ab (Suva-act. 281). Dr. med.
J._, FMH Allgemeine Innere Medizin, attestierte der Versicherten ab 1. September
2019 eine Arbeitsunfähigkeit von 80 % (Suva-act. 273 f.).
Nach einer kreisärztlichen Abschlussuntersuchung vom 17. Oktober 2019 befand
Dr. G._, derzeit lägen noch eine Bewegungseinschränkung des linken
Sprunggelenks, ein gestörtes Gangbild und eine schmerzhafte Minderbelastbarkeit des
linken Unterschenkels und Fusses sowie belastungsabhängige Restbeschwerden der
Hals- und Brustwirbelsäule vor. Aus medizinischer Sicht sei ein dauerhaft stabiler
Zustand erreicht. In der angestammten Tätigkeit sei eine Arbeitsunfähigkeit von 100 %
ausgewiesen. In einer adaptierten Tätigkeit bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 100 %
(Suva-act. 292). Den Integritätsschaden schätzte Dr. G._ auf 20 % (Suva-act. 293).
A.l.
Mit Verfügung vom 10. Januar 2020 sprach die Suva der Versicherten eine
Integritätsentschädigung basierend auf einer Integritätseinbusse von 20 % zu. Einen
Rentenanspruch verneinte sie. Zudem lehnte sie eine Leistungspflicht für die
psychischen Beschwerden mangels Adäquanz ab. Den Anspruch auf Heilbehandlung
verneinte die Suva implizit mit dem Hinweis, dass der versicherten Person das Recht
zustehe, sich bei ihr zu melden, falls der aus dem Unfall entstandene
Gesundheitszustand erneut ärztliche Behandlung erfordere (Suva-act. 308).
A.m.
Dagegen erhob die Versicherte am 13. Februar 2020 Einsprache (Suva-act. 315).B.a.
Mit Entscheid vom 8. Juni 2020 hiess die Suva die Einsprache insofern teilweise
gut, als sie die Kosten der rezeptierten Schmerzmedikation samt dem dazugehörigen
Magenschutz dauerhaft und die Beiträge an das selbständige Fitnesstraining bis Ende
2020 übernahm (Suva-act. 325).
B.b.
Gegen den Einspracheentscheid vom 8. Juni 2020 erhob die Versicherte
(nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 9. Juli 2020 Beschwerde. Sie beantragte darin,
dieser sei aufzuheben und es sei ein bidisziplinäres Gutachten (orthopädisch/
C.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Die Beschwerdeführerin beantragt die Ausrichtung der gesetzlichen Leistungen,
insbesondere einer Rente der Unfallversicherung (act. G1). Anfechtungsgegenstand
des vorliegenden Verfahrens bildet der Einspracheentscheid vom 8. Juni 2020 (Suva-
act. 325). Diesem liegt die Verfügung vom 10. Januar 2020 zugrunde (Suva-act. 308). In
der Verfügung wurden die Ansprüche auf eine Invalidenrente und eine
Integritätsentschädigung sowie implizit auf Heilbehandlungsleistungen thematisiert. Die
auf einem Integritätsschaden von 20 % basierende Integritätsentschädigung blieb in
der Einsprache ausdrücklich unangefochten (vgl. Suva-act. 315), so dass die
Verfügung diesbezüglich in Teilrechtskraft erwuchs (vgl. Suva-act. 325). Die Suva hatte
die Taggeldleistungen mit Beginn der beruflichen Massnahmen der IV-Stelle per 17.
Juni 2018 eingestellt (vgl. Suva-act. 222). In der Verfügung war die Einstellung der
vorübergehenden Leistungen nur insofern implizit ein Thema, als die
Beschwerdegegnerin den Anspruch auf eine Rente und eine Integritätsentschädigung
prüfte. Eine solche Prüfung setzt den Fallabschluss im Sinne von Art. 19 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) voraus. Nach einem
entsprechenden Antrag der Beschwerdeführerin (vgl. Suva-act. 315) hiess die
Beschwerdegegnerin die Einsprache mit Entscheid vom 8. Juni 2020 insofern gut, als
sie die Kosten der rezeptierten Schmerzmedikation samt dem dazugehörigen
Magenschutz dauerhaft und die Beiträge an das selbständige Fitnesstraining bis Ende
des Jahres 2020 übernahm (Suva-act. 325). Die Beschwerdeführerin wehrte sich
ansonsten nicht gegen die Einstellung der vorübergehenden Leistungen, so dass diese
vorliegend bei einem aktenmässig ausgewiesenen medizinischen Endzustand (vgl. die
psychiatrisch) mit einer funktionellen Leistungsprüfung (EFL) gerichtlich anzuordnen
und durchzuführen. Der Beschwerdeführerin seien für die Folgen des versicherten
Unfallereignisses vom 20. März 2016 die gesetzlichen Leistungen, insbesondere eine
Unfallrente nach Massgabe der Ergebnisse des gerichtlich eingeholten Gutachtens,
auszurichten; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge (act. G1).
Die Suva (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am 28. August 2020, die
Beschwerde sei abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei (act. G3).
C.b.
Mit Replik vom 18. September 2020 und Duplik vom 23. Oktober 2020 hielten die
Parteien an ihren Anträgen fest (act. G6, G8).
C.c.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
kreisärztliche Untersuchung vom 17. Oktober 2019; Suva-act. 292) nicht vertieft zu
prüfen ist. Damit ist im Folgenden einzig der Rentenanspruch der Beschwerdeführerin
zu beurteilen.
Ist die versicherte Person infolge des Unfalls mindestens zu 10 % invalid, so hat
sie Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 UVG). Der Grad der für den
Rentenanspruch massgebenden Invalidität ist gemäss Art. 16 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) durch
einen Einkommensvergleich zu ermitteln, bei dem das Einkommen, das die versicherte
Person nach dem Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in
Beziehung gesetzt wird zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie
nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
1.1.
Anspruchsvoraussetzung für jegliche Leistungen der Unfallversicherung bildet die
Unfallkausalität. Eine Leistungspflicht besteht demnach nur für Gesundheitsschäden,
die natürlich und adäquat-kausal mit einem versicherten Unfallereignis
zusammenhängen (BGE 129 V 181 E. 3.1 f.; André Nabold, N 48 ff. zu Art. 6, in: Marc
Hürzeler/Ueli Kieser [Hrsg.], Bundesgesetz über die Unfallversicherung, Kommentar
zum schweizerischen Sozialversicherungsrecht, 2018 [nachfolgend zitiert: KOSS UVG];
Irene Hofer, N 66 zu Art. 6, in: Ghislaine Frésard-Fellay/Susanne Leuzinger/Kurt Pärli
[Hrsg.], Unfallversicherungsgesetz, Basler Kommentar, 2019 [nachfolgend zitiert: BSK
UVG]; Alexandra Rumo-Jungo/André Pierre Holzer, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, in: Erwin Murer/Hans-Ulrich Stauffer [Hrsg.], Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 4. Aufl. 2012, S. 53 ff.). Für die
Beantwortung der Tatfrage nach dem Bestehen natürlicher Kausalzusammenhänge im
Bereich der Medizin ist das Gericht regelmässig auf Angaben ärztlicher Experten und
Expertinnen angewiesen. Die Frage nach dem adäquaten Kausalzusammenhang ist
demgegenüber eine Rechtsfrage, die vom Gericht nach den von Doktrin und Praxis
entwickelten Regeln zu beurteilen ist (KOSS UVG-Nabold, N 53 und 59 zu Art. 6; BSK
UVG-Hofer, N 66 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 55 und 58; BGE 129 V 181
E. 3.1 und 3.2 sowie in BGE 135 V 465 nicht publizierte E. 2 des Urteils 8C_216/2009
vom 28. Oktober 2009, je mit Hinweisen). Bei physischen Unfallfolgen spielt die
Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der aus dem natürlichen Kausalzusammenhang
sich ergebenden Haftung des Unfallversicherers praktisch keine Rolle, da sich hier die
adäquate weitgehend mit der natürlichen Kausalität deckt (BGE 134 V 111 f. E. 2.1,
BGE 127 V 103 E. 5b/bb; SVR 2000 UV Nr. 14 S. 45). Sind dagegen die Unfallfolgen
1.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Im Zeitpunkt des Fallabschlusses per 10. Januar 2020 (Verfügungsdatum; vgl. Suva-
act. 308) lagen bei der Beschwerdeführerin unbestritten noch organisch objektivierbare
Unfallfolgen vor. Kreisarzt Dr. G._ hatte am 21. Oktober 2019 festgehalten, derzeit
bestünden eine Bewegungseinschränkung des linken Sprunggelenks, ein gestörtes
Gangbild, eine schmerzhafte Minderbelastbarkeit des linken Unterschenkels und
Fusses sowie belastungsabhängige Restbeschwerden der Hals- und Brustwirbelsäule
(Suva-act. 292-4). Im Folgenden ist die Adäquanz der psychischen Beschwerden zu
organisch nicht (hinreichend) fassbar, bewirkt die Bejahung der natürlichen Kausalität
nicht automatisch auch die Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhangs. In diesen
Fällen ist eine eigenständige Adäquanzbeurteilung nach der Rechtsprechung gemäss
BGE 115 V 133, E. 6c/aa, vorzunehmen.
Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben die
urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln
sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen und alle Beweismittel unabhängig
davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten. Um den Gesundheitszustand und insbesondere das Ausmass der
Arbeitsfähigkeit beurteilen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das
Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere
Fachleute zur Verfügung zu stellen haben (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des
Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese abgegeben
worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der
Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der
medizinischen Fachperson begründet und nachvollziehbar sind (BGE 125 V 352 E. 3a
mit Hinweisen). Den Berichten und Gutachten, welche die Versicherungen während des
Administrativverfahrens von ihren eigenen oder von beratenden Ärzten und Ärztinnen
einholen, kann rechtsprechungsgemäss ebenfalls Beweiswert beigemessen werden
(BGE 135 V 467 ff. E. 4 und BGE 125 V 353 f. E. 3b/ee, je mit Hinweisen). In solchen
Fällen sind an die Beweiswürdigung jedoch strenge Anforderungen zu stellen.
Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der
versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, sind ergänzende Abklärungen
vorzunehmen (BGE 135 V 471 E. 4.7; RKUV 1997 Nr. U 281 E. 1a S. 281 f.).
1.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
prüfen. Die Beschwerdeführerin befand sich zeitweise in psychiatrischer Behandlung
bei Dr. D._. Dieser hatte am 17. August 2017 über eine manische Episode ohne
psychotische Symptome (ICD-10: F30.1) berichtet (Suva-act. 146; vgl. bezüglich der
psychischen Beschwerden auch Suva-act. 177, 296-1).
Bei der Beurteilung des Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall und einer
anschliessend einsetzenden psychischen Fehlentwicklung mit Einschränkung der
Arbeits- und Erwerbsfähigkeit ist nach der Rechtsprechung (BGE 115 V 133) vom
Unfallereignis auszugehen. Bei der Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs
ist im Hinblick auf die Gebote der Rechtssicherheit und der rechtsgleichen Behandlung
der Versicherten eine objektivierte Betrachtungsweise angezeigt (BGE 115 V 139 E. 6
mit Hinweisen). Ein adäquater Kausalzusammenhang zwischen den Beschwerden und
dem Unfall besteht, wenn dem Unfall eine massgebende Bedeutung für die Entstehung
der Beschwerden zukommt. In objektivierter Betrachtungsweise werden die Unfälle
nach ihrer erfahrungsgemässen Eignung, psychische Beschwerden zu bewirken,
eingeteilt in banale und leichte Unfälle einerseits, schwere Unfälle andererseits und in
einen dazwischenliegenden Bereich der mittelschweren Unfälle. Bei banalen Unfällen
kann der adäquate Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und psychischen
Gesundheitsstörungen in der Regel ohne weiteres verneint werden, weil auf Grund der
allgemeinen Lebenserfahrung davon ausgegangen werden kann, dass ein solcher
Unfall nicht geeignet ist, einen invalidisierenden psychischen Gesundheitsschaden zu
verursachen. Bei schweren Unfällen dagegen ist der adäquate Kausalzusammenhang
in der Regel zu bejahen, denn nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der
allgemeinen Lebenserfahrung sind solche Unfälle geeignet, invalidisierende psychische
Gesundheitsschäden zu bewirken.
2.1.
Bei Unfällen im mittleren Bereich lässt sich die Frage, ob zwischen dem Unfall und
der psychisch bedingten Erwerbsunfähigkeit ein adäquater Kausalzusammenhang
besteht, nicht aufgrund des Unfalls allein schlüssig beantworten. Vielmehr sind weitere,
objektiv fassbare Umstände, welche unmittelbar mit dem Unfall im Zusammenhang
stehen oder als direkte bzw. indirekte Folge davon erscheinen, in eine
Gesamtwürdigung einzubeziehen. Die wichtigsten Kriterien sind dabei besonders
dramatische Begleitumstände oder eine besondere Eindrücklichkeit des Unfalls; die
Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzung, insbesondere ihre
erfahrungsgemässe Eignung, psychische Fehlentwicklungen auszulösen; eine
ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung; körperliche Dauerschmerzen;
eine ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert; ein
schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen sowie der Grad und die
2.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit (BGE 115 V 139 ff. E. 6a-c). Um die
adäquate Kausalität bejahen zu können, müssen nicht alle Umstände gegeben sein.
Vielmehr genügt ein Kriterium, wenn es sich um einen schweren Unfall im mittleren
Bereich handelt. Kommt keinem Einzelkriterium ein besonders bzw.
ausschlaggebendes Gewicht zu, so müssen mehrere unfallbezogene Kriterien
herangezogen werden. Dies gilt umso mehr, je leichter der Unfall ist. Diese Würdigung
führt zur Bejahung oder Verneinung des adäquaten Kausalzusammenhangs, ohne dass
nach weiteren Ursachen geforscht werden muss, die eine psychisch bedingte
Erwerbsunfähigkeit begünstigt haben könnten (SVR 1999 UV Nr. 10 S. 32).
Vorliegend spazierte die Beschwerdeführerin am 20. März 2016 mit ihrem Freund
und ihren Eltern auf dem Trottoir. Ein auf der Strasse mit einer Geschwindigkeit von ca.
40 bis 50 km/h fahrender Automobilist geriet infolge einer Ablenkung auf das Trottoir
und prallte von hinten in die Fussgängergruppe (Suva-act. 1, 18-9). Aus den Akten
ergibt sich nicht eindeutig, wie genau die Beschwerdeführerin vom Auto getroffen
wurde. Jedenfalls kam sie in einer Rabatte neben dem Trottoir zu liegen (Suva-act.
18-9, 18-19). Unabhängig vom genauen Geschehensablauf ist mit den Parteien jedoch
von einem mittelschweren Ereignis im engeren Sinn auszugehen (vgl. Urteile des
Bundesgerichts vom 10. Juni 2016, 8C_174/2016, und vom 28. Oktober 2013,
8C_372/2013).
2.3.
Bei mittelschweren Ereignissen im engeren Sinn müssen für die Bejahung des
adäquaten Kausalzusammenhangs mindestens drei der relevanten Kriterien oder ein
einzelnes Kriterium in besonders ausgeprägter Weise erfüllt sein. Bei der Prüfung
dieser Kriterien sind psychische Aspekte ausser Acht zu lassen (BGE 115 V 140 E. 6c/
aa; Urteil des Bundesgerichts vom 29. Januar 2010, 8C_897/2009, E. 4.5).
2.4.
Bei der Beurteilung des Kriteriums der dramatischen Begleitumstände oder der
besonderen Eindrücklichkeit des Unfalls sind objektive Massstäbe anzuwenden. Nicht
was in der einzelnen betroffenen Person beim Unfall psychisch vorgeht, soll
entscheidend sein, sondern die objektive Eignung solcher Begleitumstände, bei ihr
psychische Vorgänge auszulösen (RKUV 1999 Nr. U 335 S. 209 E. 3b/cc). Zu beachten
ist auch, dass jedem mindestens mittelschweren Unfall eine gewisse Eindrücklichkeit
eigen ist, die noch nicht für die Bejahung dieses Adäquanzkriteriums ausreichen kann
(vgl. SVR 2009 UV Nr. 41 S. 142). Vorliegend bestehen keine Hinweise auf eine
besondere Eindrücklichkeit im Sinne der Rechtsprechung. Soweit die
Beschwerdeführerin vorbringt, sie sei völlig unvorbereitet und ohne
Ausweichmöglichkeit von hinten angefahren worden, sie habe dann auf der Unfallstelle
2.4.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
notärztlich versorgt und mit der Rettung ins KSSG eingeliefert werden müssen (act.
G1), ist dies zwar korrekt, spricht aber nicht für eine besondere Eindrücklichkeit im
Sinne der Rechtsprechung. Dies auch insbesondere deshalb nicht, weil die
Beschwerdeführerin in Übereinstimmung mit den weiteren Unfallopfern gegenüber der
Staatsanwaltschaft angab, sie habe keine Ahnung, wie der Unfall passiert sei. Sie
könne sich nur daran erinnern, dass sie irgendwann am Boden sitzend die Augen
geöffnet habe. Da habe eine Frau ihre Hand gehalten und ihr gesagt, dass alles gut
werde und ihre Familie da sei (Suva-act. 18-34). Die Beschwerdeführerin hatte
demnach keine Erinnerung mehr an das Unfallereignis an sich. Die Initialbehandlung im
KSSG der Unterschenkelfraktur mit einem Fixateur externe und der
Wirbelsäulenverletzungen mit einem Korsett (vgl. act. G1, G1.6 ff.) ist sodann für die
Beurteilung der Eindrücklichkeit des Unfalles nicht relevant.
Die Beschwerdeführerin erlitt beim Unfall vom 20. März 2016 eine dislozierte
distale Unterschenkelfraktur links, eine Flexions-Distraktions-Verletzung des siebten
HWK und eine Deckplattenimpressionsfraktur des fünften BWK (Suva-act. 14). Diese
Verletzungen können entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin (vgl. act. G1)
weder als besonders schwer, noch als Verletzungen besonderer Art eingestuft werden.
Auch sind derartige Verletzungen in der Regel nicht geeignet, psychische
Fehlentwicklungen auszulösen. Die im Oktober 2019, mithin knapp 3.5 Jahre nach dem
Unfall, kreisärztlich festgestellten "ersten Zeichen einer beginnenden OSG-
Arthrose" (vgl. Suva-act. 293) ändern entgegen dem Standpunkt der
Beschwerdeführerin (vgl. act. G6) nichts an dieser Beurteilung. Auch dass die
Beschwerdeführerin während der initialen konservativen Behandlung der Wirbelsäule
offenbar befürchtete, durch eine falsche Bewegung oder einen Sturz könnte weiterer
Schaden entstehen (vgl. act. G6), führt nicht dazu, dass die Verletzungen als besonders
schwer zu qualifizieren wären.
2.4.2.
Zur Beantwortung der Frage der Dauer der ärztlichen Behandlung ist nicht allein
der zeitliche Massstab entscheidend. Ebenfalls in die Prüfung einzubeziehen sind die
Art und Intensität der Behandlung sowie die Frage, inwieweit davon noch eine
Besserung des Gesundheitszustands zu erwarten war (Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG] vom 20. Oktober 2006, U 488/05, E. 3.2.3; BGE 134 V
128, E. 10.2.3). Eine Behandlung, die lediglich noch der Erhaltung des
Gesundheitszustands und nicht der Heilung dient, ist im Rahmen der Adäquanzprüfung
grundsätzlich nicht relevant. Abklärungsmassnahmen und blossen ärztlichen Kontrollen
kommt nicht die Qualität einer regelmässigen, zielgerichteten Behandlung zu (Urteil des
Bundesgerichts vom 27. Februar 2008, U 11/07, E. 5.3.1 mit Hinweisen). Am Unfalltag
2.4.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erfolgte eine geschlossene Reposition der Unterschenkelfraktur und die Anlage eines
Fixateurs externe, gelenksüberbrückend, am Unterschenkel/Rückfuss links (Suva-act.
9). Am 29. März 2016 unterzog sich die Beschwerdeführerin einer offenen Reposition
mit Nagelosteosynthese der distalen Fibula links (Suva-act. 8). Am 11. Oktober 2016
erfolgte eine TEN-Nagelentfernung an der Fibula links (Suva-act. 63) und am 22. Mai
2017 eine Arthroskopie des OSG mit Arthrolyse des OSG rechts und einer
Osteosynthesematerialentfernung an der Tibia rechts (Suva-act. 106). Die Verletzungen
der Wirbelsäule wurden konservativ behandelt, anfangs mittels Tragens eines Korsetts
tagsüber und eines weichen Halskragens nachts (vgl. Suva-act. 14, 28). Ab Anfang Juni
2016 trug die Beschwerdeführerin tagsüber nur noch den weichen Halskragen und
entwöhnte sich schrittweise davon (Suva-act. 40). Vom 10. bis 27. Oktober 2017
befand sich die Beschwerdeführerin stationär in der Rehaklinik Bellikon, eine
substantielle Besserung der Beschwerden am OSG konnte jedoch nicht erreicht
werden (Suva-act. 175). Daneben besuchte die Beschwerdeführerin die Physiotherapie
(vgl. Suva-act. 98, 198, 214) und wurde ab 26. September 2018 alternativmedizinisch
durch K._ behandelt (vgl. Suva-act. 237-2, 238, 252). Letztere Behandlung führte
gemäss der Beschwerdeführerin jedoch zu keiner nachhaltigen Verbesserung (Suva-
act. 249-1). Insgesamt ist das Kriterium der langen Dauer der ärztlichen Behandlung
damit als nicht erfüllt zu erachten. Daran ändert auch die Tatsache, dass die
Beschwerdegegnerin zeitlich unbeschränkt die Kosten der rezeptierten
Schmerzmedikation und des dazugehörigen Magenschutzes übernimmt (Suva-act.
325), nichts. Die medikamentöse Behandlung dient lediglich der Erhaltung des
gesundheitlichen Zustandes.
Die Beschwerdeführerin klagte seit dem Unfall vom 20. März 2016 praktisch
durchgehend über Schmerzen im linken Unterschenkel und nahm deswegen
Schmerzmittel ein (vgl. u.a. Suva-act. 175, 196, 292, 325). Mittels einer am 12.
Dezember 2017 erfolgten Infiltration am OSG konnten die Schmerzen zumindest
vorübergehend um 90 % reduziert werden (Suva-act. 184). Bezüglich des Nackens
kam es nach der konservativen Initialbehandlung zu einer deutlichen Besserung der
Beschwerden (vgl. Suva-act. 40, 51). Nachdem die Nackenschmerzen während eines
längeren Zeitraums deutlich im Hintergrund gestanden hatten, klagte die
Beschwerdeführerin zu Beginn der beruflichen Massnahmen sodann wieder über
entsprechende Beschwerden (vgl. Suva-act. 229 f., 234, 280-11). Insgesamt ist das
Kriterium der Dauerschmerzen wegen der Beschwerden im Unterschenkel links zu
bejahen, jedoch nicht in ausgeprägter Weise. Dies insbesondere, da die behandelnden
Ärzte das Beschwerdebild wiederholt als nicht erklärbar bezeichneten und davon
2.4.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auszugehen ist, dass eine gewisse psychosomatische Komponente besteht (vgl. Suva-
act. 93, 128, 184).
Es liegen keine Hinweise auf eine ärztliche Fehlbehandlung, welche die
Unfallfolgen erheblich verschlimmert hätte, vor.
2.4.5.
Die Dauer der ärztlichen Behandlung und die geklagten Beschwerden deuten
alleine nicht schon auf einen schwierigen Heilungsverlauf hin. Das entsprechende
Kriterium erfordert besondere Gründe, welche die Heilung beeinträchtigt und verzögert
haben (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 7. Februar 2008, U 590/06, E. 4.3.2, und
vom 10. Juli 2008, 8C_61/2008, E. 7.6). Der Heilungsverlauf der Unterschenkelfraktur
erwies sich als protrahiert (vgl. Suva-act. 49, 196). Da ansonsten keine Anhaltspunkte
für einen besonders schwierigen Heilungsverlauf oder erhebliche Komplikationen
vorliegen, ist das Kriterium jedoch nicht als erfüllt zu erachten.
2.4.6.
Die Beschwerdeführerin ist seit dem Unfall vom 20. März 2016 unbestritten in
ihrer angestammten Tätigkeit zu 100 % arbeitsunfähig (vgl. Suva-act. 292). Die
behandelnden Ärzte äusserten sich nicht zu einer Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten
Tätigkeit. Dr. G._ hielt nach einer Untersuchung vom 7. Februar 2018 (trotz noch
nicht erreichtem Endzustand) eine adaptierte Tätigkeit für zumutbar und empfahl die
Einleitung von Integrationsmassnahmen (Suva-act. 196). Ab 18. Juni 2018 nahm die
Beschwerdeführerin an einem Belastbarkeitstraining teil (vgl. Suva-act. 221). Das
anfängliche Pensum von zwei Stunden pro Tag an fünf Tagen pro Woche konnte auf
vier Stunden täglich gesteigert werden (Suva-act. 280-12). Es ist damit ab Februar
2018 zumindest von einer Teilarbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit auszugehen.
Das Kriterium der langen Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit ist
insgesamt zu bejahen, jedoch nicht in besonders ausgeprägter Weise.
2.4.7.
Da somit zwei der zu berücksichtigenden Kriterien erfüllt sind, keines jedoch in
besonders ausgeprägter Weise, ist der adäquate Kausalzusammenhang zwischen dem
Unfall vom 20. März 2016 und den geklagten psychischen Beschwerden zu verneinen.
2.4.8.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Unter Berücksichtigung der unfallkausalen Beschwerden an der linken unteren
Extremität (Bewegungseinschränkung linkes Sprunggelenk, gestörtes Gangbild,
schmerzhafte Minderbelastbarkeit des linken Unterschenkels und Fusses) sowie der
belastungsabhängigen Restbeschwerden an der Hals- und Brustwirbelsäule (vgl. Suva-
act. 292) ist nachfolgend die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in einer
adaptierten Tätigkeit zu prüfen.
Kreisarzt Dr. G._ beurteilte am 21. Oktober 2019, für eine adaptierte Tätigkeit sei
eine zeitlich unlimitierte Arbeitsfähigkeit ganztags mit einem Pensum von 100 %
zumutbar. Es müsse sich um eine leichte Tätigkeit in Wechselposition, überwiegend
sitzend ohne anhaltende Zwangspositionen oder -haltungen, gelegentlich auf ebenen
Untergrund für maximal zehn Minuten stehend oder auf ebenem Untergrund für
maximal zwanzig Meter gehend handeln. Bei sitzender Tätigkeit müsse die Möglichkeit
bestehen, selbständig die Körperposition und -haltung zu wechseln, wie zum Beispiel
bei einer Bürotätigkeit mit höhenverstellbarem Schreibpult. Tätigkeiten auf Treppen,
Leitern, Gerüsten oder ungesicherten Arbeitsplätzen, auf abschüssigem oder
unebenem Untergrund seien nicht zumutbar. Auch kniende, kauernde oder hockende
Tätigkeiten seien nicht möglich (Suva-act. 292). Diese Adaptionskriterien
berücksichtigen die genannten Einschränkungen an der linken unteren Extremität und
der Wirbelsäule umfassend (vgl. E. 3). Wie die Beschwerdeführerin zu Recht geltend
macht (act. G1), ging Dr. G._ von einer erheblichen Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit aus. Er meinte dies aber offensichtlich nicht in quantitativer, sondern
rein qualitativer Hinsicht (vgl. Suva-act. 292-4).
3.1.
Dr. J._ attestierte der Beschwerdeführerin bis zum 31. August 2019 eine
Arbeitsunfähigkeit von 100 %, ab 1. September 2019 eine solche von 80 % (vgl. Suva-
act. 273 f.). Er machte jedoch keine Ausführungen zu einer Arbeitsfähigkeit in einer
ideal adaptierten Tätigkeit und allfälligen Adaptionskriterien. Die weiteren
behandelnden Ärzte äusserten sich ebenfalls nicht dazu. Wie die Beschwerdegegnerin
zu Recht ausführt (act. G3), stellten die behandelnden Ärzte auch keine objektiven
Befunde fest, welche die kreisärztliche Beurteilung (insbesondere die
Arbeitsfähigkeitsschätzung) in Frage stellen würden. So fanden sie keine Ursache für
das gestörte Gangbild (vgl. Suva-act. 93, 100) und konnten sich das Beschwerdebild
bezüglich der linken unteren Extremität objektiv nicht erklären (vgl. Suva-act. 128, 184).
3.2.
Die Beschwerdeführerin stellt der Beurteilung von Dr. G._ im Wesentlichen die
Ergebnisse der beruflichen Eingliederungsmassnahmen entgegen. Vom 18. Juni bis 30.
3.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 15/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
November 2018 absolvierte die Beschwerdeführerin ein Belastbarkeitstraining bei der
H._ und vom 1. Dezember 2018 bis 31. Mai 2019 am selben Ort ein Aufbautraining
(Suva-act. 221, 239, 244, 280). Sie steigerte während des Belastbarkeitstrainings ihre
zeitliche Anwesenheit auf maximal vier Stunden pro Tag an fünf Tagen pro Woche (vgl.
Suva-act. 280-10 ff.), während des Aufbautrainings (ab 17. Dezember 2019) reduzierte
sie die Präsenz jedoch auf je vier Stunden an vier Tagen pro Woche. Die zuständige
Fachperson der H._ begründete die Reduktion mit Nackenverspannungen, welche
bereits bei leichten, repetitiven Tätigkeiten mit geringem Kraftaufwand verursacht
worden seien (vgl. Suva-act. 280-24). Sie beurteilte, die Beschwerdeführerin sei durch
ihre körperlichen Einschränkungen stark in der Mobilität, beim selbständigen Ausführen
der Abläufe (Material zu- und abführen) und in der Anwendung von Druck und Kraft,
sowie bei langandauernden repetitiven Aufträgen eingeschränkt gewesen. Ihre
körperliche Belastbarkeit werde als gering eingestuft (Suva-act. 280-25). Diese
Einschätzung ist insofern nicht beweiskräftig, als sie nicht von einer medizinischen
Fachperson stammt. Die Frage nach den noch zumutbaren Tätigkeiten und
Arbeitsleistungen ist jedoch nach Massgabe der objektiv feststellbaren
Gesundheitsschädigung in erster Linie durch Ärzte und nicht durch
Eingliederungsfachleute auf der Grundlage der von ihnen erhobenen, subjektiven
Arbeitsleistung zu beantworten (Urteile des Bundesgerichts vom 13. Februar 2019,
8C_801/2018, E. 4.3, und vom 12. August 2020, 8C_713/2019, E. 5.2). Schliesslich
sprechen das während der Eingliederung in der H._ erreichte zeitliche Pensum von
maximal rund 45 % und der dabei gemessene Leistungsgrad von 80 bis 85 % (vgl.
Suva-act. 280-29) nicht per se gegen die von Dr. G._ attestierte Arbeitsfähigkeit von
100 %. Aus den Akten ergibt sich nicht eindeutig, ob die Tätigkeit bei der H._
sämtliche Adaptionskriterien erfüllte. So erwähnte die Beschwerdeführerin am 25.
September 2018, sie habe nun in den Bereich "Ausrüsten" gewechselt. Sobald sie dort
keine Möglichkeit zur Wechselbelastung habe, nähmen ihre Beschwerden markant und
umgehend zu (Suva-act. 236). Aus den weiteren Akten ergibt sich, dass sich die
Beschwerdeführerin teilweise zu wenig um ihre "Selbstfürsorge" kümmerte, sich also
nicht meldete, wenn sie schmerzbedingt einen Positionswechsel oder eine Kurzpause
benötigte (Suva-act. 236, 242). Dies verbesserte sich zwar im Laufe der Zeit (vgl. Suva-
act. 249), trotzdem ist aber fraglich, ob die Adaptionskriterien (insbesondere
hauptsächlich sitzende Tätigkeit ohne Zwangspositionen) erfüllt wurden. Dies gilt
insbesondere auch für den gescheiterten Arbeitsversuch vom 1. Juni bis 31. August
2019 in der Bäckerei I._. Die Beschwerdeführerin arbeitete dort zunächst in einem
zeitlichen Pensum von 40 %, aufgrund einer gesundheitlichen Verschlechterung
sodann ab 4. Juli 2019 von 20 % (Suva-act. 266, 269, 272, 280-31 ff.). Der
Leistungsgrad betrug gemäss Angaben der zuständigen Fachperson der H._ nur
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 16/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Die Beschwerdeführerin bringt weiter vor, ihre Restarbeitsfähigkeit sei auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt nicht verwertbar (act. G1).
rund 20 % bei einem Pensum von 30 % (vgl. Suva-act. 280-34). Laut Schlussbericht
der H._ hat in der Bäckerei zwar die Möglichkeit bestanden, zwischen drei
Arbeitsorten bzw. -positionen zu wechseln. Die Arbeitsplatzbedingungen (abwechselnd
stehende und sitzende Position, Hochlagern des Beines im Sitzen) hätten jedoch nicht
optimal auf die individuellen Bedürfnisse eingestellt werden können. Zudem seien die
Einsatzmöglichkeiten im Hintergrund der Bäckerei sehr beschränkt gewesen. Die
Beschwerdeführerin habe nur repetitive Serienarbeiten durchführen können und sei
aufgrund der baulichen Bedingungen (enge Gänge, Treppen, Einsatz von Hilfsmitteln
nicht möglich) ausserordentlich eingeschränkt gewesen. Sie sei stets auf die Hilfe des
Personals angewiesen gewesen, welches die benötigten Materialien aus den Unter-
und Obergeschossen habe zu- und abführen müssen. Über die ganze Zeit der
Massnahme sei seitens der Vorgesetzten betont worden, dass ein sehr hoher
Begleitaufwand anfalle (Suva-act. 280-32).
Insgesamt sind die Einschätzungen der Verantwortlichen der H._ nicht geeignet,
die überzeugende Beurteilung von Dr. G._ in Zweifel zu ziehen. Weitere Abklärungen
bezüglich der Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit (wie sie die
Beschwerdeführerin beantragt; vgl. act. G1) erübrigen sich damit.
3.4.
Bei der Prüfung der wirtschaftlichen Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit darf
nicht von realitätsfremden Einsatzmöglichkeiten ausgegangen werden. Insbesondere
kann von einer Arbeitsgelegenheit (vgl. sinngemäss Art. 16 ATSG) dort nicht
gesprochen werden, wo die zumutbare Tätigkeit nur in so eingeschränkter Form
möglich ist, dass sie der allgemeine Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder dass sie
nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers
möglich wäre und das Finden einer entsprechenden Stelle deshalb von vornherein als
ausgeschlossen erscheint. Ferner beinhaltet der Begriff des ausgeglichenen
Arbeitsmarktes nicht nur ein gewisses Gleichgewicht zwischen dem Angebot an und
der Nachfrage nach Stellen, sondern bezeichnet auch einen Arbeitsmarkt, der von
seiner Struktur her einen Fächer verschiedenartiger Stellen offenhält, und zwar sowohl
bezüglich der dafür verlangten beruflichen und intellektuellen Voraussetzungen als
auch hinsichtlich des körperlichen Einsatzes. Nach diesen Gesichtspunkten bestimmt
sich im Einzelfall, ob eine invalide Person die Möglichkeit hat, ihre restliche
Erwerbsfähigkeit zu verwerten, und ob sie ein rentenausschliessendes Einkommen zu
4.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 17/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Basierend auf einer Arbeitsfähigkeit von 100 % in einer adaptierten Tätigkeit ist im
Rahmen eines Einkommensvergleichs der Invaliditätsgrad zu ermitteln.
erzielen vermag oder nicht. Weder gestützt auf die Pflicht zur Selbsteingliederung noch
im Rahmen der den versicherten Personen auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
offenstehenden Möglichkeiten zur Verwertung ihrer Resterwerbsfähigkeit dürfen von
ihnen Vorkehren verlangt werden, die unter Berücksichtigung der gesamten objektiven
und subjektiven Gegebenheiten des Einzelfalls nicht zumutbar sind (Urteil des EVG
vom 10. März 2003, I 617/02, E. 3.1 mit Hinweisen).
Der Beschwerdeführerin stehen grundsätzlich den obgenannten Adaptionskriterien
(vgl. E. 3.1, Suva-act. 292) entsprechende Tätigkeiten offen. Ihr sind damit
insbesondere noch Stellen als Hilfsarbeiterin im Bereich von Überwachungs-,
Administrativ-, und Kontrolltätigkeiten wie auch leichtere (vorwiegend sitzende)
Verpackungs-, Maschinenbedienungs- und Sortierarbeiten zumutbar. Bei
entsprechender Einführung wäre auch eine Bürotätigkeit denkbar.
4.2.
Die kreisärztlich attestierte Restarbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin von 100 %
ist damit als auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt verwertbar zu betrachten.
4.3.
Die Beschwerdeführerin war vor ihrem Unfall zuletzt als Mitarbeiterin der Kalten
Küche in der Bäckerei B._ AG tätig (Suva-act. 1). Gemäss Angaben der Arbeitgeberin
hätte die Beschwerdeführerin im Jahr 2019 bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 42
Stunden einen Stundenlohn von Fr. 20.50 erzielt (Ferien-/Feiertagsentschädigung von
10.64 % berücksichtigt; Suva-act. 297). Daraus resultiert ein Einkommen von Fr.
44'772.-- (Fr. 20.50 x 42 x 52).
5.1.
Art. 16 ATSG umschreibt das Invalideneinkommen als hypothetisches Einkommen.
Nach der ständigen Verwaltungspraxis und Rechtsprechung steht für dessen
Ermittlung der Beizug von Tabellen und vergleichbaren Übersichten im Vordergrund
(Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Auflage, 2020, Art. 16 N 66 f.). Da der
Beschwerdeführerin nur noch Hilfsarbeiterinnentätigkeiten zumutbar sind, rechtfertigt
es sich, das Invalideneinkommen gestützt auf die LSE, Total sämtlicher
Wirtschaftszweige, Kompetenzniveau 1, Frauen, zu bestimmen. Der entsprechende
Lohn belief sich im Jahr 2018 auf Fr. 4'371.-- monatlich bzw. Fr. 52'452.-- jährlich.
Aufgerechnet auf die betriebsübliche wöchentliche Arbeitszeit von 41.7 Stunden (2019,
total) und angepasst an die Nominallohnentwicklung bis 2019 (Index 2018: 2'732,
2019: 2'759) ergibt sich ein Jahreseinkommen von Fr. 55'222.--. Bei den LSE-Daten
5.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
handelt es sich allerdings lediglich um statistische Durchschnittswerte, was sich daran
zeigt, dass die Beschwerdeführerin im vorliegenden Fall als Gesunde in einem Pensum
von 100 % ein unter dem LSE-Wert liegendes Einkommen erzielt hätte (vgl. E. 5.1). Da
die Akten keinerlei Anhaltspunkte dafür liefern, dass die Beschwerdeführerin freiwillig
auf ein höheres Einkommen verzichtet hat, ist anzunehmen, dass die
Unterdurchschnittlichkeit ihres Valideneinkommens auf die für die
Invaliditätsbemessung nicht zu berücksichtigenden Zwänge des realen Arbeitsmarktes
zurückzuführen ist. Aus diesem Grund ist das Valideneinkommen auf den LSE-Lohn
anzuheben. Da demnach im vorliegenden Fall sowohl hinsichtlich des hypothetischen
Valideneinkommens als auch bezüglich des Invalideneinkommens derselbe Lohn für
ein Pensum von 100 % zugrunde zu legen ist, kann der Einkommensvergleich anhand
des sogenannten Prozentvergleichs vorgenommen werden. Dabei entspricht der
Invaliditätsgrad dem Grad der Arbeitsunfähigkeit, allenfalls unter Berücksichtigung
eines Abzugs vom Tabellenlohn (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 27. Januar 2017,
9C_734/2016, E. 4.1, mit Hinweis).
Mit dem Tabellenlohnabzug ist zu berücksichtigen, dass gesundheitlich
beeinträchtigte Personen, die selbst bei leichten (Hilfsarbeiter)Tätigkeiten behindert
sind, im Vergleich zu voll leistungsfähigen und entsprechend einsetzbaren
arbeitnehmenden Personen lohnmässig benachteiligt sind und deshalb mit
unterdurchschnittlichen Lohnansätzen rechnen müssen. Sodann wird dem Umstand
Rechnung getragen, dass weitere persönliche und berufliche Merkmale einer
versicherten Person, wie Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit, Nationalität oder
Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad, Auswirkungen auf die Lohnhöhe
haben können (BGE 129 V 481 E. 4.2.3, vgl. auch BGE 134 V 327 E. 5.2). Wie Dr. G._
festhielt, hat die Beschwerdeführerin zahlreiche qualitative Einschränkungen (vgl. Suva-
act. 292, E. 4.1). Sie ist im Vergleich zu voll leistungsfähigen Arbeitnehmerinnen damit
lohnmässig benachteiligt und muss mit unterdurchschnittlichen Lohnansätzen rechnen
(vgl. zum Ganzen Philipp Geertsen, Der Tabellenlohnabzug, in Ueli Kieser/Miriam
Lendfers [Hrsg.]: Jahrbuch zum Sozialversicherungsrecht 2012, S. 139 ff.). Es
rechtfertigt sich vorliegend, den Tabellenlohnabzug - wie von der Beschwerdegegnerin
ursprünglich zugestanden (vgl. Suva-act. 308, 325) - auf 10 % festzusetzen. Für einen
weitergehenden Abzug besteht unbestritten kein Raum.
5.3.
Ausgehend von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten
und unter Berücksichtigung eines 10%igen Tabellenlohnabzugs ergibt sich im Rahmen
eines Prozentvergleichs ein rentenbegründender Invaliditätsgrad von 10 % (0 % + [100
% x 0.1]).
5.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 19/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.