Decision ID: 915c04bb-98f5-5b73-aa38-25e9f70a4e41
Year: 2008
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
H._
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Advokat lic. iur. Martin Boltshauser, c/o procap, Schweizerischer
Invaliden-Verband, Froburgstrasse 4, Postfach, 4601 Olten,
gegen
Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), Fluhmattstrasse 1, Postfach 4358,
6002 Luzern,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Versicherungsleistungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a Gemäss einer erst später (am 10. Februar 2006) durch den ehemaligen Arbeitgeber,
die A._, bei der Suva gemachten Meldung, soll sich am 22. April 2004 um ca. 21.15
Uhr am Arbeitsplatz ein Unfall ereignet haben, bei welchem sich H._, geboren 1975,
verletzte. Beim Schieben eines Wagens mit Material sei ihre linke Hand von einem
anderen Wagen, der durch einen Mitarbeiter gestossen worden sei, eingeklemmt
worden, was eine Sehnenverletzung zur Folge gehabt habe (Suva-act. 1). Am 8.
November 2004 wurde die Versicherte im Spital Wil wegen einer ausgeprägten
Tendovaginitis im Bereich des Grundgelenkringbandes Dig. III links mit einer
Ringbandspaltung und einer partiellen Synovektomie links operativ behandelt, worauf
sich ein chronischer Infekt bildete, der zwischen dem 30. November 2004 und dem 10.
März 2005 fünf weitere operative Eingriffe notwendig machte (Suva-act. 17). Per 31.
Juli 2005 kündigte die A._ das Arbeitsverhältnis mit der Versicherten (Suva-act. 14).
Dr. med. B._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, überwies die Versicherte wegen
einer - trotz Beruhigung der Wunde - anhaltenden Unbeweglichkeit des Fingers an Dr.
med. C._, FMH Orthopädie und Handchirurgie, (Suva-act. 5). Der Facharzt berichtete
am 18. Oktober 2005, die Anamnese sei klar. Der Schlag, den die Versicherte erlitten
habe, sei der Grund für die Synovialitis. Eine solche gebe es mit 30 Jahren de facto nur
extrem selten. Somit würde er meinen, dass die ganze Sache posttraumatischer Natur
sei (Suva-act. 11). Mit Schreiben vom 21. November 2005 schilderte die Versicherte
gegenüber der Suva das angebliche Unfallereignis vom 22. April 2004, bei dem sie sich
die linke Hand schwer verletzt habe. Diese sei eingeklemmt worden, worauf sie sofort
bewusstlos geworden sei. Zwei Arbeitskollegen hätten sie anschliessend nach Hause
gefahren (Suva-act. 4). Die Invalidenversicherung, bei welcher die Beschwerdeführerin
am 19. September 2005 eine Anmeldung zum Bezug von Leistungen eingereicht hatte,
ersuchte am 10. Februar 2006 Dr. med. D._, Handchirurgie, Orthopädie am
Rosenberg, um eine medizinische Abklärung. Gleichentags erklärte Dr. B._
gegenüber der Innova als Krankentaggeldversicherer der Versicherten, er halte sich an
die Meinung von Dr. C._, wonach ein Anschlagen der Grund für die Synovialitis und
die Operationen gewesen sei (Suva-act. 17). Am 14. März 2006 reichte Dr. D._ sein
Gutachten ein. Diesem ist zu entnehmen, dass er einer traumatischen Verursachung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Synovialitis eher skeptisch gegenüber steht. Die Invalidenversicherung sprach der
Versicherten mit Wirkung ab 1. November 2005 basierend auf einem Invaliditätsgrad
von 52% eine halbe Invalidenrente zu (Suva-act. 12). Die Suva nahm Abklärungen bei
der ehemaligen Arbeitgeberin und ehemaligen Mitarbeitern der Versicherten vor, die als
Auskunftspersonen für den Unfall genannt worden waren (Suva-act. 14, 15, 18). Mit
Arztzeugnis vom 15. Juni 2006 bestätigte Dr. med. E._, Allgemeine Medizin FMH,
eine Erstbehandlung der Versicherten am 4. Juni 2004 wegen zervikobrachialen
Schmerzen und einer Schwellung der linken Hand dorsal/MCP II - V. Als Diagnose
vermerkte er eine Tendinitis. Beim fraglichen Untersuch, dem keine weiteren
Konsultationen gefolgt seien, sei von einem Unfallereignis nicht die Rede gewesen. In
seinen Akten sei kein Unfall registriert (Suva-act. 3).
A.b Mit Verfügung vom 18. Oktober 2006 lehnte die Suva eine Leistungspflicht für das
angebliche Unfallereignis vom 22. April 2004 mit Beteiligung der linken Hand ab.
B.
B.a Gegen diese Verfügung erhoben die CSS Versicherung als Krankenversicherer von
H._ am 25. Oktober 2006 (Suva-act. 22) und die Versicherte, vertreten durch die
procap St. Gallen-Appenzell, St. Gallen, am 14. November 2006 (Suva-act. 26)
Einsprache. Am 24. Januar 2007 reichte die procap die Einsprachebegründung unter
Beilage einer Stellungnahme von Dr. C._ vom 2. Januar 2007 nach (Suva-act. 30).
B.b Mit Entscheid vom 11. Mai 2007 wies die Suva die Einsprachen ab (Suva-act. 36).
C.
C.a Gegen diesen Entscheid liess die Versicherte am 14. Juni 2007 durch Rechtsanwalt
Martin Boltshauser Beschwerde erheben und beantragen, der Entscheid vom 11. Mai
2007 und die Verfügung vom 18. Oktober 2006 seien aufzuheben und es seien ihr die
gesetzlichen Leistungen auszurichten, unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Unter
Hinweis auf die Angaben der Beschwerdeführerin vom 12. Juni 2007 zum
Unfallereignis vom 22. April 2004 wird zur Begründung geltend gemacht, dass in der
fraglichen Unfallnacht zylindrische Behälter mit bis zu 64 kg Gewicht bearbeitet worden
seien. Es handle sich dabei nicht - wie vom Suva-Aussendienstmitarbeiter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angenommen (Suva-act. 18) - um gespritzte Teile mit einem Gewicht von wenigen
Kilogramm. Bei der Umschichtung solcher Behälter sei es möglich, dass es zu einer
Quetschung komme. Damit sei die Beurteilung des Aussendienstmitarbeiters widerlegt
oder mindestens in Frage gestellt, habe sich dessen Abklärung doch ausschliesslich
auf kleinere und weniger schwere Teile bezogen. Dass bei solchen eine Quetschung
nicht möglich sei, dürfte richtig sein. Bei Berücksichtigung der tatsächlichen
Gegebenheiten in der fraglichen Nacht bestehe aber eine andere Ausgangslage. Die
Beschwerdegegnerin sei deshalb aufzufordern, die Abklärung am Arbeitsplatz
nochmals vorzunehmen. Mit den fundamental divergierenden ärztlichen
Einschätzungen der zwei Handchirurgen Dr. C._ und Dr. D._ stehe sodann nicht
zweifelsfrei fest, ob die bestehenden Beschwerden mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit auf einen Unfall zurückzuführen seien. Angesichts der unklaren
medizinischen Ausgangslage habe die Beschwerdegegnerin ihre Abklärungspflicht
nicht genügend wahrgenommen, weshalb die Sache auch in dieser Hinsicht, d.h. zur
definitiven Klärung der medizinischen Situation, an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen sei.
C.b In der Beschwerdeantwort vom 12. Juli 2007 beantragt die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde. Die Behauptung der Beschwerdeführerin, dass sie sich
bei einem Berufsunfall am 22. April 2004 die linke Hand gequetscht habe, sei aus
verschiedenen Gründen nicht glaubhaft. Tatsächlich werde die Frage, ob der
Handschaden bzw. die Synovialitis medizinisch überhaupt eine Unfallfolge sein
könnten, seitens der Mediziner unterschiedlich beantwortet. Dabei sei jedoch
einzubeziehen, dass Dr. C._ vom tatsächlichen Bestehen des von der
Beschwerdeführerin geschilderten Unfallgeschehens ausgehe. Weitere medizinische
Abklärungen würden sich indessen erübrigen, da der mangelnde Nachweis eines
Unfalls nicht durch medizinische Feststellungen ersetzt werden könne. Diesen komme
höchstens die Bedeutung von Indizien zu. Schliesslich sei der medizinische Begriff des
Traumas nicht mit dem rechtlichen Unfallbegriff identisch und umfasse auch
Ereignisse, denen die Ungewöhnlichkeit und/oder Plötzlichkeit abgehe. Aus den
Angaben der Beschwerdeführerin vom 12. Juni 2007 könne sodann beweismässig
nichts zu ihren Gunsten abgeleitet werden. Diese seien offensichtlich zu
Prozesszwecken erstellt worden und entsprächen neuen Tatsachenbehauptungen, die
unter dem Eindruck der ablehnenden Verfügung und des negativen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einspracheentscheids erfolgt und von nachträglichen Überlegungen
versicherungsrechtlicher Art beeinflusst seien. Laut den Akten sei schliesslich der
Unfallhergang durch keine Drittpersonen beobachtet worden, die als Zeugen
einvernommen werden könnten.
C.c Mit Replik vom 27. September 2007 bestätigte die Beschwerdeführerin ihre
Anträge und Standpunkte. Auf die weiteren Ausführungen in der Replikschrift wird,
soweit entscheidnotwendig, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf die Einreichung einer Duplik.

Erwägungen:
1.
1.1 Nach Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG;
SR 832.20) werden Versicherungsleistungen, soweit das Gesetz nichts anderes
bestimmt, bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen sowie Berufskrankheiten gewährt. Als
Unfall gilt die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines
ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine
Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit zur Folge hat (Art. 4 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR
830.1]). Diese Definition dient der Abgrenzung der sozialen Unfall- gegenüber der
sozialen Krankenversicherung. Das Eidgenössische Versicherungsgericht (EVG; seit 1.
Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts) hat wiederholt
entschieden, dass die Natur der Gesundheitsschädigung an sich kein taugliches
Kriterium sei, um einen Schadenfall eher der Krankenversicherung als der
Unfallversicherung zuzuteilen. Entscheidend sei vielmehr die unmittalbare Ursache der
Schädigung und die Art ihrer Entstehung. Um die Gebiete der Kranken- und der
Unfallversicherung voneinander abzugrenzen, müsse daher jede schädigende
Einwirkung auf die psychische und physische Gesundheit, die nicht auf einen Unfall
oder dessen direkte Folgen zurückzuführen sei, als Krankheit betrachtet werden (RKUV
1985 Nr. K 636 S. 186 E. 1; BGE 102 V 132 f. und 105 V 183 E. 1a; Alfred Maurer,
Schweizerisches Unfallversicherungsrecht, 2. Aufl. Bern 1989, S. 163).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.2 Die einzelnen Umstände des Unfallgeschehens sind von der
leistungsanprechenden Person glaubhaft zu machen. Kommt sie dieser Forderung
nicht nach, indem sie unvollständige, ungenaue oder widersprüchliche Angaben macht,
die das Bestehen eines unfallmässigen Schadens als unglaubwürdig erscheinen
lassen, besteht keine Leistungspflicht der Unfallversicherung. Im Streitfall obliegt es
dem Gericht zu beurteilen, ob die einzelnen Voraussetzungen des Unfallbegriffs erfüllt
sind; zu diesem Zweck hat es den Sachverhalt von Amtes wegen zu untersuchen, kann
aber die Mitwirkung der Parteien beanspruchen (RKUV 1990 Nr. U 86 S. 50). Der
Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Dieser
schliesst die Beweislast im Sinn einer Beweisführungslast begriffsnotwendig aus. Wenn
es sich jedoch als unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes
einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der
Wirklichkeit zu entsprechen, greift die Beweisregel Platz, dass die Parteien eine
Beweislast insofern tragen, als im Fall der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten
jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten
wollte (BGE 115 V 133, 107 V 161; Rumo-Jungo, Rechtsprechung des Bundesgerichts
zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 3. Aufl.
Zürich 2003, S. 21).
1.3 Das Gericht stellt auf jene Sachverhaltsdarstellung ab, die es von allen möglichen
Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE 117 V 360 E. 4a mit
Hinweisen). Zu beachten ist die Beweismaxime, wonach die sogenannten spontanen
"Aussagen der ersten Stunde" in der Regel unbefangener und zuverlässiger sind als
spätere Darstellungen, die bewusst oder unbewusst von nachträglichen Überlegungen
versicherungsrechtlicher oder anderer Art beeinflusst sein können. Wenn die
versicherte Person ihre Darstellung im Lauf der Zeit wechselt, kommt den Angaben, die
sie kurz nach dem Unfall gemacht hat, meistens grösseres Gewicht zu als jenen nach
Kenntnis einer Ablehnungsverfügung des Versicherers (BGE 121 V 47 E. 2a mit
Hinweisen; Rumo-Jungo, a.a.O., S. 21).
2.
Streitig und zu prüfen ist vorliegend, ob die Synovialitis der Beschwerdeführerin am III.
Finger der linken Hand auf einen Unfall zurückzuführen ist. Der Gesundheitsschaden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wurde am 30. November 2004 im Spital Wil mittels einer Ringbandspaltung und einer
partiellen Synovektomie therapiert. Anschliessende Infekte machten fünf weitere
operative Eingriffe notwendig. Die Beschwerdegegnerin bestreitet die Entstehung der
Synovialitis durch einen Unfall und lehnt deshalb eine Leistungspflicht ab. Die
Beschwerdeführerin schliesst demgegenüber eine krankheitsbedingte
Gesundheitsschädigung aus, und betrachtet die Voraussetzungen für einen Anspruch
auf Versicherungsleistungen als gegeben. Der Stellungnahme von Dr. C._ vom 18.
Oktober 2005 (Suva-act. 11) sowie dem Gutachten von Dr. D._ 14. März 2006 (Suva-
act. 12) ist zu entnehmen, dass eine Synovialitis grundsätzlich sowohl eine
traumatische wie auch eine krankheitsbedingte Ursache haben kann.
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin macht in der Unfallmeldung vom 10. Februar 2006 geltend,
sie habe am 22. April 2004 einen Unfall erlitten, bei dem beim Schieben eines Wagens
mit Material am Arbeitplatz ihre linke Hand von einem anderen Wagen, der durch einen
anderen Mitarbeiter gestossen wurde, eingeklemmt worden sei. Dabei habe sie sich die
Sehne verletzt. Die Unfallmeldung erfolgte also erst rund zwei Jahre nach dem
angeblichen Ereignis (Suva-act. 1). Aus den echtzeitlichen Akten geht demgegenüber in
keiner Weise hervor, dass die Beschwerdeführerin am 22. April 2004 einen Unfall
erlitten hat. Laut Arztzeugnis von Dr. E._ vom 15. Juni 2006 ist die
Beschwerdeführerin am 4. Juni 2004 wegen Handbeschwerden bei ihm behandelt
worden. In seinen Akten sei kein Unfall registriert, und von einem Unfallereignis sei
beim Untersuch nichts bekannt gewesen. Dr. E._ verneinte entsprechend das
Vorliegen von Unfallfolgen (Suva-act. 3). - Die Beschwerdeführerin wendet dazu in
ihrem Schreiben vom 21. November 2005 ein, der Hausarzt habe trotz ihres
ausdrücklichen Hinweises eine Krankheit anstatt einen Unfall deklariert (Suva-act. 4).
Dieser Einwand steht jedoch mit den Aussagen von Dr. E._ insofern in Widerspruch,
als diese keinerlei Kenntnisse hinsichtlich eines Unfallereignisses aufzeigen.
Von einem Unfallereignis ist aktenmässig erstmals im Bericht von Dr. C._ vom
18. Oktober 2005 gegenüber Dr. B._ die Rede (Suva-act. 11), was die
Beschwerdeführerin veranlasste, der Beschwerdegegnerin mit Schreiben vom 21.
November 2005 einen Unfallbeschrieb zukommen zu lassen (Suva-act. 4). Sie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
berichtete darin von einem "schweren" Quetschtrauma der linken Hand mit
anschliessender Bewusstlosigkeit. Zwei ihrer Arbeitskollegen hätten sie danach nach
Hause gefahren. Sie habe sich jedoch nichts Schlimmes dabei gedacht. Nach diesem
Vorfall habe sie noch einige Zeit gearbeitet, wobei sie vermehrt die unverletzte Hand
benützt habe. Sie habe versucht, die ständigen Schmerzen zu ertragen bzw. zu
unterdrücken. Doch sei ihr schnell bewusst geworden, dass sie diese nicht lange
ertragen könne, worauf sie Dr. E._ aufgesucht habe. – Wenn eine Person einen Unfall
erlitten hat, liegt es allgemein nahe, dass sie die davon herrührenden Beschwerden,
namentlich wenn diese die Arbeits- und allgemeine Leistungsfähigkeit erheblich
einschränken, genau abklären lässt. Die Beschwerdeführerin liess jedoch rund
eineinhalb Monate vergehen bis zum ersten Arztbesuch und rund eineinhalb Jahre bis
sie den Unfall zum ersten Mal erwähnte. Dies ist, insbesondere weil sie das
Quetschtrauma mit anschliessender Bewusstlosigkeit als schwere Verletzung
wahrgenommen haben will, völlig unverständlich. Das dokumentierte Verhalten lässt es
auf jeden Fall als wenig glaubhaft erscheinen, dass tatsächlich ein Unfall stattgefunden
hat. Der Umstand, dass die Beschwerdeführerin sich selbst dadurch nicht veranlasst
sah, eine Unfallmeldung zu machen oder gegenüber einem Arzt eine traumatische
Ursache für die vorgelegene Gesundheitsschädigung zu erwähnen, als die Synovialitis
am 8. November 2004 operativ therapiert werden musste und in der Folge
Komplikationen auftraten, die wiederum zu operativen Eingriffen führten (vgl. Suva-act.
17), verstärkt die diesbezüglichen Zweifel.
Neben den eben dargelegten zeitlichen Komponenten schwächt sodann der Umstand,
dass die Arbeitgeberin bis zur Unfallmeldung keine Kenntnis von einem Unfall hatte,
den Beweis eines unfallmässigen Geschehens zusätzlich. Die Arbeitgeberin vermag
denn auch zum Sachverhalt überhaupt keine Angaben zu machen. Sie sei sehr erstaunt
gewesen, als die Beschwerdeführerin im Februar 2006 plötzlich ein Unfallereignis
geltend gemacht habe. Die Beschwerdeführerin habe am fraglichen Abend normal
weiter gearbeitet, die Schicht um 22.30 Uhr beendet und selbst ausgestempelt. Bis zur
erstmaligen Arbeitsaussetzung am 4. Juni 2004 habe sie zu 100% weitergearbeitet. Bis
zur endgültigen Arbeitsniederlegung seien wohl immer wieder Krankheitsabsenzen
eingetreten. Während der Präsenzzeiten habe die Beschwerdeführerin aber immer ein
volles Arbeitspensum zu ihrer Zufriedenheit bewältigt (Suva-act. 14). - Der Umstand,
dass nicht einmal die Arbeitgeberin über den Unfall informiert war, erscheint wenig
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nachvollziehbar und wird von der Beschwerdeführerin auch in keiner Weise begründet.
Angeblich soll ein anderer Mitarbeiter der A._ am Unfall mitbeteiligt gewesen sein
und zwei Arbeitskollegen sollen die Beschwerdeführerin nach dem fraglichen Ereignis
nach Hause gefahren haben (Suva-act. 1, 2, 4). Tatsächlich konnten aber keine
Personen ausfindig gemacht werden, die das Unfallereignis und den anschliessenden
Verlauf aus eigener Wahrnehmung hätten bestätigen können (Suva-act. 15). Die von
der Beschwerdegegnerin am 10. Juli 2006 zum Unfallereignis befragten zwei Personen
wurden offensichtlich als Auskunftspersonen angegeben. Trotz allem beantragt nun der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin in der Replik die Befragung von vier - laut Ehe
mann der Beschwerdeführerin - massgebenden Personen: des Unfall-Mitverursachers,
eines Mitbeobachters sowie der zwei Personen, welche die Beschwerdeführerin nach
dem Unfall nach Hause gebracht haben sollen. Entsprechende Erklärungen hätten
indessen von der Beschwerdeführerin schon längst vorgelegt werden können. Beinahe
vier Jahre nach dem angeblichen Ereignis sind von einer Befragung dieser Personen
keine Ergebnisse zu erwarten, welche das Vorliegen eines Unfallereignisses trotz der
zuvor dargelegten Zweifel zu belegen vermöchten. Auf eine Befragung ist mithin zu
verzichten.
Zu beurteilen gilt es schliesslich die Wahrscheinlichkeit des angeblichen
Geschehensablaufs bzw. eines Quetschtraumas der linken Hand an sich. In den Akten
wird mit einer Foto dokumentiert, dass die beweglichen und schwenkenden
Hängevorrichtungen an einer oberen Aufhängung wie auf einem Laufband von der
Spritzerei in die Werkhalle und anschliessend wieder zurück zur Spritzerei gefahren
werden. Die Mitarbeiterin müsse die gespritzten Teile (bis wenige kg schwer) von den
Stangen und Haken nehmen und in Kartons verpacken. Eine Quetschung sei aufgrund
der beweglichen Teile und aufgrund der fixen Abstände zwischen den
Hängevorrichtungen, die fix in der Halterung oben verbunden seien, nicht möglich
(Suva-act. 18). Bezogen auf kleinere und weniger schwere Teile stimmt der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin der Unmöglichkeit einer Quetschung zu. Die
konkrete Ausgangslage sei indessen anders, indem nämlich laut Darstellung der
Beschwerdeführerin vom 12. Juni 2007 in der fraglichen Unfallnacht zylindrische
Behälter mit einem Durchmesser von ca. einem Meter am grösseren und einem halben
Meter am kleineren Ende, einer Höhe von fast einem Meter sowie einem Gewicht bis 64
Kilogramm bearbeitet worden seien. - Diese Darstellung wurde von der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin erst nach Kenntnis des ablehnenden Einspracheentscheids
abgegeben. Bis dahin, d.h. selbst nach Kenntnisnahme des ersten formellen
Ablehnungsentscheids bzw. der Verfügung vom 18. Oktober 2006, wurden keine
Einwände gegen den Arbeitsplatzbeschrieb vom 3. Oktober 2006 (Suva-act. 18)
erhoben. Nach Kenntnisnahme des ablehnenden Einspracheentscheids wurde mithin
ein vollkommen neuer Sachverhalt hinzugefügt, der nicht einfach als ergänzende
Aussage mit einem höheren Detaillierungsgrad qualifiziert werden kann. Die
Zuverlässigkeit der neuen Sachverhaltsdarstellung wird durch ihre späte
Geltendmachung ernsthaft in Frage gestellt. Eine Beeinflussung durch nachträgliche
Überlegungen versicherungsrechtlicher Art ist nicht auszuschliessen, ganz abgesehen
davon, dass auch davon ausgegangen werden kann, dass die Beschwerdeführerin,
wenn sie den Finger tatsächlich zwischen zwei der abgebildeten,
aufeinanderprallenden Zylindern gehabt hätte, nicht mehr im Stande gewesen wäre,
weiterzuarbeiten. Der nachträglich dargelegte Sachverhalt ist deshalb als
unglaubwürdig zurückzuweisen. Das Vorliegen eines Quetschtraumas der linken Hand
bei einem Berufsunfall am 22. April 2004 ist somit als unwahrscheinlich zu qualifizieren.
3.2 Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass zusätzlich zu den dargelegten
zeitlichen Komponenten betreffend Erstbehandlung der angeblichen Unfallfolgen, der
erstmaligen Erwähnung eines Unfallereignisses sowie der Unfallmeldung, der Ablauf
und die Einrichtung am Arbeitsplatz gegen den behaupteten Unfallhergang sprechen.
Angesichts dieser Sachlage ergibt sich insgesamt, dass ein Unfallereignis nicht mit
Wahrscheinlichkeit belegt ist. Diese Beweislosigkeit führt zu einem Entscheid zu
Ungunsten der Beschwerdeführerin, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt
eine Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin ableiten wollte (Rumo-Jungo, a.a.O.,
S. 21).
4.
4.1 Der fehlende Nachweis eines die Merkmale des Unfalls erfüllenden Ereignisses
lässt sich nur selten durch medizinische Feststellungen ersetzen. Diesen kommt im
Rahmen der Beweiswürdigung für oder gegen das Vorliegen eines unfallmässigen
Geschehens in der Regel nur die Bedeutung von Indizien zu (RKUV 1990 Nr. U 86 S. 51
S. 2; Entscheid des EVG vom 18. Dezember 2002 [U 6/2002] in Sachen K., E. 2.2). Der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin erachtet das Vorliegen einer unfallbedingten
Synovialitis mit Blick auf die Stellungnahmen von Dr. C._ vom 18. Oktober 2005
sowie 2. Januar 2007 (Suva-act. 11, 30) als überwiegend wahrscheinlich bewiesen.
Dr. C._ bezeichnet die Synovialitis als überwiegend wahrscheinlich
posttraumatischer Natur, wobei er jedoch davon ausgeht, dass das von der
Beschwerdeführerin geschilderten Unfallgeschehen tatsächlich so erfolgt ist (Suva-act.
11). Dies ist indessen aber gerade nicht erstellt. Hinsichtlich des Begriffs
"posttraumatisch" ist im weiteren zu beachten, dass sich der medizinische Begriff des
Traumas nicht mit dem rechtlichen Unfallbegriff deckt. Ein traumatisches Ereignis
schliesst zwar eine pathologische Ursache aus, umfasst jedoch neben den eigentlichen
Unfällen im Rechtssinn auch Ereignisse, denen der Charakter der Ungewöhnlichkeit
und/oder der Plötzlichkeit abgeht (Urteil des EVG vom 18. Dezember 2002 [ U 6/2002]
in Sachen K., E. 2.2). Wenn Dr. C._ schreibt, mit 30 Jahren gäbe es de facto nur
extrem selten eine Synovialitis (Suva-act. 11) und naturgemäss sei eine spontane
Versteifung eines Fingers bei einer ansonst gesunden Person (d.h. ohne
Rheumakrankheit) kaum möglich (Suva-act. 30), so sind Ausnahmefälle doch nicht
auszuschliessen. In der weiteren Begründung - vor dem Unfall sei der Finger normal
beweglich gewesen, nach dem Unfall sei eine Entzündung (Synovialitis) entstanden -
beschränkt er sich sodann lediglich auf die Formel "post hoc ergo propter hoc". Diese
reicht für die Begründung der überwiegenden Wahrscheinlichkeit jedoch nicht aus. Der
Umstand, dass vor einem Unfall keine entsprechenden Beschwerden beklagt worden
sind, vermag für sich allein nach konstanter bundesgerichtlicher Praxis noch keinen
Beweis für eine Unfallkausalität zu erbringen, da der zeitliche Aspekt allein keine
wissenschaftlich genügende Erklärungskraft besitzt. Andernfalls würde man sich mit
dem blossen Anschein des Beweises bzw. mit der blossen Möglichkeit begnügen und
davon ausgehen, dass eine gesundheitliche Schädigung schon dann durch den Unfall
verursacht sei, wenn sie nach diesem auftrat (Alfred Maurer, Schweizerisches
Unfallversicherungsrecht, Bern 1989, S. 460 N 1205; BGE 119 V 340, E. 2b/bb). Hinzu
kommt schliesslich die widersprechende Beurteilung von Dr. D._ im Gutachten vom
14. März 2006 (Suva-act. 12). Er wolle keine Stellung zur Frage beziehen, ob im
gegebenen Fall von einem Unfall oder einer Krankheit auszugehen sei, da es schwierig
sei, dies zu bestimmen. Eigentlich sei eine Synovialitis, wie sie vom Pathologen
beschrieben worden sei (Suva-act. 17), als Unfallfolge eher unwahrscheinlich.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2 Zusammenfassend ist mithin festzuhalten, dass angesichts der geschilderten
Sachlage die Synovialitis der Beschwerdeführerin durch die spezialärztliche
Feststellung von Dr. C._ nicht mit der erforderlichen Wahrscheinlichkeit auf einen
Unfall zurückgeführt werden kann. Dass gemäss seiner Feststellung überwiegend
wahrscheinlich von einem posttraumatischen Gesundheitsschaden auszugehen sei,
vermag den Nachweis eines konkreten unfallmässigen Geschehens nicht zu ersetzen.
Denn damit steht nicht mit hinreichender Sicherheit fest, dass die gesundheitliche
Beeinträchtigung durch ein unfallmässiges Geschehen und nicht infolge einer
pathologischen Entwicklung entstanden ist. Auch wenn die Schädigung nicht eindeutig
auf eine Erkrankung zurückgeführt werden kann, darf nicht einfach von einem Unfall
ausgegangen werden, solange es an einem erkennbaren Unfallereignis fehlt. Mangels
Nachweises eines Unfallereignisses bzw. eines Quetschtraumas der linken Hand am
22. April 2004 entfällt damit die Leistungspflicht des Unfallversicherers.
5.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten
sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG