Decision ID: 3776d572-6710-4d77-b5ec-853154497d0f
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a Die IV-Stelle erteilte A._ mit einer Verfügung vom 16. Dezember 2011 eine
Kostengutsprache für medizinische Massnahmen in der Form von Leistungen der
Kinderspitex im Zeitraum vom 24. Februar 2011 bis zum 31. Dezember 2011. Mit einer
Verfügung vom 22. September 2014 erteilte sie eine Kostengutsprache für Leistungen
der Kinderspitex im Zeitraum vom 1. Januar 2012 bis zum 31. Juli 2016. Der
Versicherte liess beide Verfügungen mit je einer Beschwerde beim
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen anfechten. Das Versicherungsgericht
vereinigte die beiden Beschwerdeverfahren und stellte in teilweiser Gutheissung der
Beschwerden fest, dass der Versicherte mit Wirkung ab dem 24. Februar 2011 einen
Anspruch auf die Vergütung der notwendigen medizinischen Pflege durch die
Kinderspitex im Umfang von höchstens 24 Arbeitsstunden pro Tag habe (Entscheid
IV 2012/12, IV 2015/89 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 14. März 2016; vgl.
IV-act. 592). Auf eine vom Versicherten gegen diesen Entscheid erhobene Beschwerde
trat das Bundesgericht nicht ein; die von der IV-Stelle gegen den Entscheid des
Versicherungsgerichtes erhobene Beschwerde wies es ab (Urteil 9C_270/2016,
9C_299/2016 vom 13. Februar 2017; vgl. IV-act. 676). Mit einer Mitteilung vom 3. Mai
2017 erteilte die IV-Stelle dem Versicherten „in Anlehnung an das Urteil des
Bundesgerichtes“ für die Zeit vom 1. September 2011 bis zum 31. August 2017 eine
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„vollumfängliche“ Kostengutsprache für die in jenem Zeitraum tatsächlich erbrachten
Behandlungspflege-Leistungen (IV-act. 689).
A.b Am 10. Juli 2017 forderte der Schweizerische Kinderspitexverein Ostschweiz von
der IV-Stelle Verzugszinsen für die Jahre 2011–2017 im Betrag von 44’303 Franken (IV-
act. 718). Ein Mitarbeiter des Bundesamtes für Sozialversicherungen teilte einem
Sachbearbeiter der IV-Stelle am 16. August 2017 bezugnehmend auf ein
vorangegangenes Telefonat mit (IV-act. 734), die Verzugszinspflicht sei als
sozialpolitisch motiviert zu betrachten. Folglich sei bei Drittauszahlungen allgemein kein
Verzugszins geschuldet. Mit einem Vorbescheid vom 8. September 2017 wies die IV-
Stelle den Schweizerischen Kinderspitexverein Ostschweiz darauf hin (IV-act. 735),
dass sie die Abweisung des Begehrens um die Vergütung von Verzugszinsen vorsehe.
Zur Begründung führte sie an, der Art. 26 ATSG sei vorliegend nicht anwendbar, da er
nur eine Zinspflicht „zwischen versicherten Personen, anderen Sozialversicherungen
und der sozialen Fürsorge“ vorsehe. Beim Schweizerischen Kinderspitexverein handle
es sich aber um eine Durchführungsstelle. Laut dem Art. 26 Abs. 4 lit. a ATSG habe
aber auch der Versicherte selbst keinen Anspruch auf Verzugszinsen, da die
Nachzahlung an Dritte geleistet worden sei. Am 26. Oktober 2017 verfügte die IV-Stelle
wie angekündigt (IV-act. 741).
B.
B.a Am 29. November 2017 liess der durch den Schweizerischen Kinderspitexverein
Ostschweiz vertretene Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 26. Oktober 2017 erheben (act. G 1). Der
Vertreter des Vereins beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die
Zusprache von Verzugszinsen von mindestens 44’303 Franken. Zur Begründung führte
er an, der Verein habe die Verzugszinsen nicht im eigenen, sondern im Namen des
Beschwerdeführers geltend gemacht, was die IV-Stelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin) offenbar übersehen habe. Jedenfalls gehe es um einen Anspruch
des Beschwerdeführers. Grundsätzlich seien alle öffentlich-rechtlichen
Geldforderungen zu verzinsen. Dadurch solle der einer versicherten Person infolge
eines Verzugs erlittene Schaden ausgeglichen werden. Drittauszahlungen seien zwar
von der Verzugszinspflicht ausgeschlossen, aber dabei gehe es nur um
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Vorschussleistungen, die später (teilweise) mit einer Nachzahlung der letztlich
leistungspflichtigen Sozialversicherung verrechnet würden. Das sei hier aber nicht der
Fall. Sollte die Beschwerdegegnerin die Ansicht vertreten, dass die Verfügung vom 26.
Oktober 2017 an den Schweizerischen Kinderspitexverein Ostschweiz gestellt worden
sei, sei die Beschwerde als im Namen des Schweizerischen Kinderspitexvereins
Ostschweiz erhoben zu betrachten.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 9. Februar 2018 unter Hinweis auf die
Begründung der angefochtenen Verfügung und auf die Ausführungen des
Bundesamtes für Sozialversicherungen die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
B.c Der Beschwerdeführer liess am 12. März 2018 an seinen Anträgen festhalten (act.
G 5). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 7).

Erwägungen
1.
Der Schweizerische Kinderspitexverein Ostschweiz hat zwar auf der ersten Seite der
Beschwerdeschrift geltend gemacht, er erhebe nicht nur im Namen des
Beschwerdeführers, sondern auch im eigenen Namen eine Beschwerde gegen die
Verfügung vom 26. Oktober 2017. In der Ziffer 9 der Beschwerdebegründung hat er
dann aber erklärt, dass er sich selbst nicht als Verfügungsadressaten sehe und folglich
eben doch keine Beschwerde im eigenen Namen erheben wolle; nur für den Fall, dass
die Beschwerdegegnerin die Auffassung, die Verfügung sei nur dem Beschwerdeführer
persönlich eröffnet worden, nicht teilen sollte, sei die Beschwerde als von ihm erhoben
zu behandeln. Damit erweist sich die Beschwerde im Namen des Schweizerischen
Kinderspitexvereins Ostschweiz als eine Eventualbeschwerde. Solche
Eventualbeschwerden sind aber unzulässig, denn eine beschwerdelegitimierte Person
kann nur entweder eine Beschwerde erheben oder keine Beschwerde erheben, aber
nicht eventuell eine Beschwerde erheben (statt vieler: BGE 101 Ib 216). Die
Beschwerde ist also nur vom Beschwerdeführer, das heisst von A._ erhoben worden.
Der schweizerische Kinderspitexverein Ostschweiz ist nicht Partei des vorliegenden
Beschwerdeverfahrens.
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2.
2.1 Mit der angefochtenen Verfügung vom 26. Oktober 2017 hat die
Beschwerdegegnerin einen Anspruch des Beschwerdeführers auf einen Verzugszins
verneint. Den Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens bildet also die Frage, ob der
Beschwerdeführer einen Anspruch auf Verzugszinsen aus der verspäteten Bezahlung
der Forderungen des Schweizerischen Kinderspitexvereins Ostschweiz für die dem
Beschwerdeführer erbrachten medizinischen Pflegeleistungen hat.
2.2 Laut dem Art. 26 Abs. 2 ATSG werden die Sozialversicherungen für ihre Leistungen
nach Ablauf von 24 Monaten seit der Entstehung des Anspruchs, frühestens aber zwölf
Monate nach dessen Geltendmachung verzugszinspflichtig. Dieser Bestimmung liegt
die Auffassung zugrunde, dass öffentlich-rechtliche Forderungen grundsätzlich zu
verzinsen sind (vgl. Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, Art. 26 N 36, mit
zahlreichen Hinweisen). Der Zweck des Art. 26 Abs. 2 ATSG besteht darin, einen
wirtschaftlichen Schaden der versicherten Person auszugleichen (vgl. Kieser, a.a.O.,
Art. 26 N 64, mit Hinweisen). Dieser Schaden besteht entweder darin, dass der
versicherten Person für die Dauer eines Verzugs die Möglichkeit genommen worden ist,
den fraglichen Betrag gewinnbringend anzulegen, das heisst entsprechende
Vermögenserträge für sich zu generieren, oder darin, dass die versicherte Person
gezwungen gewesen ist, ein Darlehen aufzunehmen, um den finanziellen Engpass
während der Dauer des Verzugs zu überbrücken, was mit einer entsprechenden
Zinspflicht der versicherten Person einhergeht. Der Verzugszins soll also den während
der Dauer des Verzugs entgangenen Zinsertrag oder den während der Dauer des
Verzugs entstandenen Zinsaufwand ausgleichen. Auch wenn die Verzugszinspflicht in
den Gesetzesmaterialien vereinzelt als eine „sozialpolitische Frage“ bezeichnet worden
ist, handelt es sich doch beim Verzugszins offensichtlich nicht um eine „sozial
motivierte Kulanzleistung“, sondern um einen wirtschaftlich angemessenen
Schadensausgleich, der im Privatrecht, aber auch etwa im Steuerrecht mit
Selbstverständlichkeit geschuldet ist, sobald durch eine Verzögerung der Zahlung einer
Sozialversicherung ein entsprechender Schaden in der Form eines entgangenen
Zinsertrages oder in der Form eines Zinsaufwandes entstanden ist.
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2.3 Bei der medizinischen Pflege im Sinne des Art. 13 IVG und des Art. 14 Abs. 1 lit. a
IVG handelt es sich um eine Sachleistung im Sinne des Art. 14 ATSG, die idealtypisch
in natura, das heisst in Form von Dienstleistungen erbracht wird. Der Anspruch einer
versicherten Person gegenüber der IV-Stelle besteht also darin, dass diese ihr die
entsprechende Dienstleistung erbringt. Da die IV-Stellen nicht über die dafür
notwendigen Ressourcen verfügen, müssen sie auf spezialisierte private
Leistungserbringer zurückgreifen, die dann für sie der versicherten Person die
entsprechende Dienstleistung erbringen. Der Beizug von spezialisierten privaten
Leistungserbringern hat zur Folge, dass zur Beziehung zwischen der versicherten
Person und der IV-Stelle eine Beziehung zwischen der IV-Stelle und dem privaten
Leistungserbringer sowie eine Beziehung zwischen dem privaten Leistungserbringer
und der versicherten Person hinzutritt. Zur Erleichterung des Verständnisses wird
dieses Geflecht von Beziehungen in einem ersten Schritt ausgeblendet, das heisst es
wird fingiert, dass die IV-Stelle die medizinische Pflegeleistung direkt selbst erbringt. In
dieser Fiktion fliesst kein Geld: Die versicherte Person beantragt eine medizinische
Pflegeleistung und die IV-Stelle erbringt diese medizinische Pflegeleistung in natura.
Zwar besteht dabei ein Zwang zur rechtzeitigen Leistungserbringung, denn eine
medizinische Pflegeleistung muss dann erbracht werden, wenn sie effektiv benötigt
wird; die verspätete Erbringung dieser medizinischen Pflegeleistung wäre meist sinnlos.
Aber auch wenn die verspätete Erbringung einer medizinischen Pflegeleistung
ausnahmsweise deren Zweck doch noch erfüllen kann, entsteht der versicherten
Person kein „Zinsschaden“, denn die versicherte Person muss die Leistung ja nicht
bezahlen, weshalb sich die Frage nach einer Vorfinanzierung mittels eines Darlehens
oder eines Kredits zum Vorneherein gar nicht stellen kann. Erst recht kann die
verspätete Erbringung der Pflegeleistung nicht dazu führen, dass die versicherte
Person ihr Geld nicht zinsbringend anlegen kann, denn die versicherte Person kommt
nicht in die Situation, dass sie die Pflegeleistung vorfinanzieren muss; auch hier kann
also ein allfälliger Verzug in der Erbringung der Pflegeleistungen keinen „Zinsschaden“
entstehen lassen. Bei einer fiktiven Erbringung der medizinischen Pflegeleistung durch
die IV-Stelle kann also zum Vorneherein kein Anspruch der versicherten Person auf
einen Verzugszins entstehen.
2.4 Da die IV-Stellen in der Realität auf spezialisierte private Leistungserbringer
zurückgreifen, die in ihrem Auftrag die medizinischen Pflegeleistungen erbringen,
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kommt es effektiv – anders als in der obigen Fiktion – doch zu einem Geldfluss,
allerdings nicht an die pflegebedürftige versicherte Person, sondern an den
Leistungserbringer, denn die IV-Stelle muss die vom privaten Leistungserbringer der
versicherten Person erbrachten Pflegeleistungen selbstverständlich bezahlen. In
diesem Zusammenhang stellt sich zunächst die Frage nach der Natur des
Rechtsverhältnisses zwischen der IV-Stelle und dem privaten Erbringer der
Pflegeleistungen. Dieses Verhältnis kann offensichtlich nicht
sozialversicherungsrechtlicher und damit öffentlich-rechtlicher, sondern nur
privatrechtlicher Natur sein. Das zeigt sich augenfällig darin, dass die IV-Stelle den
privaten Leistungserbringer nicht mit einer Verfügung zur Leistungserbringung an die
versicherte Person verpflichten kann. Die IV-Stelle tritt also gegenüber dem
Leistungserbringer nicht hoheitlich auf, sondern sie schliesst mit ihm einen
(privatrechtlichen) Vertrag ab. Das seiner Natur nach zivilrechtliche Vertragsverhältnis
zwischen der IV-Stelle und dem Leistungserbringer, das als ein Auftrag zugunsten
Dritter (nämlich zugunsten der versicherten Person) zu qualifizieren ist, tangiert das
öffentlich-rechtliche Verhältnis zwischen der IV-Stelle und der versicherten Person
nicht, denn die versicherte Person hat nur einen Anspruch darauf, dass ihr die
notwendigen medizinischen Pflegeleistungen in der erforderlichen Art und Qualität und
in einem ausreichenden Umfang erbracht werden. Wer diese Pflegeleistungen erbringt
und was sie kosten, muss für die pflegebedürftige versicherte Person irrelevant sein.
Das sozialversicherungsrechtliche Verhältnis zwischen der IV-Stelle und der
pflegebedürftigen versicherten Person einerseits und das privatrechtliche Verhältnis
zwischen der IV-Stelle und dem Leistungserbringer andererseits müssen
auseinandergehalten werden. Auch wenn die medizinische Pflegeleistung von einem
spezialisierten privaten Leistungserbringer erbracht wird, fliesst zwischen der IV-Stelle
und der versicherten Person kein Geld, denn auch in dieser Konstellation beschränkt
sich das sozialversicherungsrechtliche Verhältnis zwischen der versicherten Person
und der IV-Stelle darauf, dass die IV-Stelle der versicherten Person eine Sachleistung
(in der Form von Pflegeleistungen) erbringt. Eine sozialversicherungsrechtliche
Vorfinanzierungspflicht der versicherten Person kann dabei nicht bestehen, da im
Anwendungsbereich der Art. 13 f. IVG ausschliesslich das Prinzip des „tiers payant“
gilt. Geld fliesst also nur zwischen der IV-Stelle und dem privaten Leistungserbringer.
Ein allfälliger Zahlungsverzug der IV-Stelle gegenüber dem Leistungserbringer kann
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folglich nur bei diesem privaten Leistungserbringer einen „Zinsschaden“ verursachen,
der vom privaten Leistungserbringer selbstverständlich auf dem zivilrechtlichen Weg
geltend gemacht werden muss.
2.5 Zusammenfassend ist es bei einer medizinischen Pflegeleistung gemäss dem
Art. 13 IVG in Verbindung mit dem Art. 14 Abs. 1 lit. a IVG also ausgeschlossen, dass
eine sozialversicherungsrechtliche Verzugszinspflicht der IV-Stelle gegenüber der
versicherten Person entstehen kann. Folglich kann der Beschwerdeführer keinen
Anspruch auf einen Verzugszins im Sinne des Art. 26 Abs. 2 ATSG haben. Die
angefochtene Verfügung erweist sich damit im Ergebnis als rechtmässig, weshalb die
Beschwerde abzuweisen ist.
3.
Zusammenfassend unterliegt der Beschwerdeführer vollständig. Praxisgemäss werden
für dieses Beschwerdeverfahren keine Gerichtskosten erhoben, weil es nicht um
Versicherungsleistungen geht (Art. 69 Abs. 1 erster Satz IVG). Der unterliegende und
nicht anwaltlich vertretene Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung.