Decision ID: b803559e-2beb-5fe8-b582-93307125cc8d
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass die in P._ SG domizilierten und von Dr. M._ kontrollier-
ten Firmen A._ GmbH und Dr. M._ AG auf dem Gebiet der
Dentalmedizin und Dentaltechnologie tätig sind,
dass den Behörden des Kantons St. Gallen anfangs August 2019 Informa-
tionen zugetragen wurden, wonach in den Räumlichkeiten der Firma
A._ GmbH regelmässig Gruppen ausländischer Personen ohne Be-
willigung einer Erwerbstätigkeit nachgehen würden,
dass die zuständige Staatsanwaltschaft gegen die Firma A._ GmbH
beziehungsweise gegen Dr. M._ als den Mehrheitseigner sowie
den Geschäftsführer und die medizinische Leiterin der Firma ein Strafver-
fahren eröffnete, nachdem Vorermittlungen den Verdacht von Widerhand-
lungen gegen das Ausländergesetz erhärtet hatten,
dass in diesem Rahmen am 20. August 2019 die Geschäftsräumlichkeiten
der Firma A._ GmbH einer Kontrolle unterzogen wurden,
dass bei dieser Gelegenheit nebst sechs weiteren Personen der Beschwer-
deführer, ein 1997 geborener russischer Staatsangehöriger, angetroffen
und wegen des Verdachts der illegalen Erwerbstätigkeit festgenommen
wurde (Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 4/85),
dass der Beschwerdeführer noch am 20. August 2019 polizeilich einver-
nommen wurde und er bei dieser Gelegenheit nach anfänglichem Leugnen
zu Protokoll gab, er habe im Auftrag des Firmeneigners, Dr. M._,
gegen Lohn, Auslagenersatz und freie Kost und Logis diverse Arbeiten in
der Schweiz ausgeführt,
dass er unter anderem geholfen habe, komplexe Gerätschaften zur Her-
stellung von Zahnprothesen in Betrieb zu nehmen, die entsprechenden
Protokolle zu schreiben bzw. zu testen, die Geräte fortzuentwickeln und die
Mitarbeiter der Firma zu schulen (SEM-act. 4/81),
dass die Migrationsbehörde des Kantons St. Gallen gegen den Beschwer-
deführer am 21. August 2019 gestützt auf Art. 64d Abs. 2 Bst. b AIG eine
sofort vollstreckbare Wegweisung erliess (SEM-act. 1/22),
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dass der Beschwerdeführer auf Anordnung der Migrationsbehörde des
Kantons St. Gallen gleichen Datums gestützt auf Art. 76 AIG in Ausschaf-
fungshaft genommen (SEM-act. 1/19) und am 23. August 2019 nach Russ-
land ausgeschafft wurde (SEM-act. 4/47),
dass der Beschwerdeführer mit Strafbefehl des Untersuchungsamtes
Uznach vom 20. März 2020 wegen rechtswidriger Einreise, rechtswidrigem
Aufenthalt, Erwerbstätigkeit ohne Bewilligung und Übertretung des Ge-
sundheitsgesetzes zu einer bedingten Geldstrafe von 75 Tagessätzen und
zu einer Busse verurteilt wurde (Akten des BVGer [Rek-act.] 19,
dass die Vorinstanz gegen den Beschwerdeführer bereits am 22. August
2019 ein zweijähriges Einreiseverbot erliess und seine Ausschreibung zur
Einreiseverweigerung im SIS II anordnete (SEM-act. 2/45),
dass der Beschwerdeführer am 16. September 2019 beschwerdeweise an
das Bundesverwaltungsgericht gelangte und die Aufhebung des Einreise-
verbots, der Wegweisung und der Anordnung der Ausschaffungshaft bean-
tragte (Rek-act. 1),
dass die Vorinstanz mit Vernehmlassung vom 12. November 2019 auf Ab-
weisung der Beschwerde schloss (Rek-act. 8),
dass der Beschwerdeführer mit Eingaben vom 16. Dezember 2019
(Rek-act. 10), 27. Dezember 2019 (Rek-act. 13) und 10. Januar 2020
(Rek-act. 15) zu der Vernehmlassung Stellung nahm und an seinem
Rechtsmittel festhielt,
dass der Beschwerdeführer am 30. Juni 2020 um Akteneinsicht ersuchte
(Rek-act. 17) und – nach deren Gewährung – am 7. Juli 2020 eine weitere
Eingabe ins Recht legte (Rek-act. 22),
dass auf den weiteren Akteninhalt, soweit relevant, in den Erwägungen ein-
gegangen wird,

und zieht in Erwägung,
dass Einreiseverbote des SEM der Beschwerde an das Bundesverwal-
tungsgericht unterliegen (Art. 31, 32 und 33 Bst. d VGG),
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dass Verfügungen kantonaler Instanzen nur dann an das Bundesverwal-
tungsgericht weitergezogen werden können, wenn ein Bundesgesetz dies
vorsieht (Art. 33 Bst. i VGG), eine solche gesetzliche Grundlage jedoch im
Falle der Wegweisung und Anordnung der Ausschaffungshaft durch eine
kantonale Migrationsbehörde fehlt,
dass die Beschwerde daher unzulässig ist, soweit sie über das Einreise-
verbot des SEM vom 22. August 2019 hinaus die Verfügungen der kanto-
nalen Migrationsbehörde vom 21. August 2019 über die Wegweisung des
Beschwerdeführers aus der Schweiz und die Verhängung der Ausschaf-
fungshaft zum Gegenstand hat,
dass sich das Verfahren nach dem VwVG richtet, soweit das VGG nichts
anderes bestimmt (Art. 37 VGG),
dass der Beschwerdeführer zur Beschwerde legitimiert und auf sein frist-
und formgerecht eingereichtes Rechtsmittel im oben dargelegten Umfang
einzutreten ist (Art. 49 ff. VwVG),
dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht einschliesslich
Überschreitung oder Missbrauch des Ermessens, die unrichtige oder un-
vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes und die Un-
angemessenheit gerügt werden kann (Art. 49 VwVG),
dass das Bundesverwaltungsgericht gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die
Begründung der Begehren nicht gebunden ist und die Beschwerde aus an-
deren als von den Parteien bzw. der Vorinstanz genannten Gründen gut-
heissen oder abweisen kann (vgl. BVGE 2009/61 E. 6.1 m.H.),
dass eine ausländische Person, die gegen die öffentliche Sicherheit und
Ordnung verstossen hat oder diese gefährdet, mit einem Einreiseverbot
belegt werden kann (Art. 67 Abs. 2 Bst. a AIG),
dass ein Einreiseverbot für eine Dauer von höchstens fünf Jahren verhängt
wird, es sei denn, von der betroffenen ausländischen Person gehe eine
schwerwiegende Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung aus
(Art. 67 Abs. 3 AIG),
dass gemäss Art. 77a Abs. 1 Bst. a der Verordnung vom 24. Oktober 2007
über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (VZAE, SR 142.201) ein
Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung insbesondere bei
einer Missachtung gesetzlicher Vorschriften gegeben ist,
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dass daher Widerhandlungen gegen ausländerrechtliche Bestimmungen
praxisgemäss Anlass für ein Einreiseverbot geben können,
dass ausländische Personen, die in der Schweiz eine Erwerbstätigkeit aus-
üben wollen, unabhängig von der Aufenthaltsdauer eine Bewilligung benö-
tigen (Art. 11 Abs. 1 AIG),
dass als Erwerbstätigkeit im Sinne des Gesetzes jede üblicherweise gegen
Entgelt ausgeübte unselbständige oder selbständige Tätigkeit zu verste-
hen ist, selbst wenn sie unentgeltlich erfolgt (Art. 11 Abs. 2 AIG),
dass für die Qualifizierung einer Aktivität als Erwerbstätigkeit im Sinne des
Gesetzes unerheblich ist, ob sie nur stunden- oder tageweise oder vorüber-
gehend ausgeübt wird (Art. 1a Abs. 1 VZAE),
dass der Beschwerdeführer mit Strafbefehl des Untersuchungsamts vom
20. März 2020 unter anderem der Erwerbstätigkeit ohne Bewilligung schul-
dig gesprochen wurde,
dass ihm der Strafbefehl durch Zustellung an die Staatsanwaltschaft in
St. Gallen, das von ihm gewählten Zustelldomizil nach Art. 87 Abs. 2 der
Strafprozessordnung vom 5. Oktober 2007 (SR 312.0) (vgl. Einvernahme
vom 20. August 2019, Frage 166, SEM-act. 4/65), eröffnet wurde und in
der Folge unangefochten in Rechtskraft erwuchs,
dass die Administrativbehörde im Interesse der Rechtssicherheit und
Rechtseinheit von den tatbestandlichen Feststellungen des Strafrichters
nicht ohne Not abweicht (BVGE 2018 VII/2 E. 6.4 m.H.),
dass dazu in der vorliegenden Streitsache ein solcher Anlass nicht besteht,
da der Beschwerdeführer in seiner Einvernahme vom 20. August 2019 eine
bewilligungspflichtige Erwerbstätigkeit klar eingestanden hat,
dass zwar auf Rechtsmittelebene die inhaltliche Richtigkeit des Einvernah-
meprotokolls bestritten und die Diskrepanz mit Übersetzungsfehlern und
Unregelmässigkeiten der Einvernahme erklärt wird (Drohungen mit Ge-
fängnis und sonstige Ausübung von Druck – unter anderem durch Verwei-
gerung der normalen Nahrungsaufnahme und von Rauchgelegenheiten –,
um den Beschwerdeführer zu Falschaussagen zu bewegen),
dass die Darstellung des Beschwerdeführers jedoch als Schutzbehaup-
tung zu werten und als solche zurückzuweisen ist,
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dass nämlich das Protokoll der polizeilichen Einvernahme keine Anhalts-
punkte für Unregelmässigkeiten enthält, namentlich in sich schlüssig ist,
und der Beschwerdeführer unterschriftlich bestätigte, dass es ihm rück-
übersetzt worden ist und seine Aussagen korrekt wiedergibt,
dass ferner der Einwand des Beschwerdeführers, wonach der Strafbefehl
sich auf die Aussagen der «Kronzeugin» der Staatsanwaltschaft stützen
dürfte, einer ehemaligen Angestellten der A._ GmbH, gegen welche
die A._ GmbH Strafanzeige wegen Veruntreuung und Urkundenfäl-
schung gestellt habe und deren Vertrauenswürdigkeit daher massiv herab-
gesetzt sei, in Anbetracht der eigenen Aussagen des Beschwerdeführers
anlässlich seiner Einvernahme an der Sache vorbeigeht,
dass der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt seiner Anhaltung wohl im Besitz
eines gültigen Schengen-Visums für multiple Einreisen war (Vermerk: Bu-
siness), ein solches Visum jedoch nicht zu Tätigkeiten berechtigt, wie sie
von ihm verrichtet wurden (vgl. dazu Anhang zu Ziff. 4.1.1 der Weisungen
und Kreisschreiben des SEM im Ausländerbereich: Begriff der Erwerbstä-
tigkeit, 01.01.2017 < www.sem.admin.ch > Publikationen & Service > Wei-
sungen und Kreisschreiben > I. Ausländerbereich > 4 Aufenthalt mit Er-
werbstätigkeit, abgerufen am 11.08.2020),
dass der Beschwerdeführer somit mit der Widerhandlung gegen auslän-
derrechtliche Bestimmungen den Fernhaltegrund der Verletzung der öf-
fentlichen Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 67 Abs. 2 Bst. a erster
Halbsatz AIG gesetzt hat,
dass der Beschwerdeführer mit einer sofort vollstreckbaren Wegweisung
nach Art. 64d Abs. 2 Bst. b AIG belegt und in Ausschaffungshaft nach
Art. 76 AIG genommen werden musste, weshalb zusätzlich der zwingende
Fernhaltegrund des Art. 67 Abs. 1 Bst. a AIG und der fakultative Fernhal-
tegrund des Art. 67 Abs. 2 Bst. c AIG gegeben sind,
dass damit dem Grundsatz nach schon aus generalpräventiven Erwägun-
gen ein erhebliches öffentliches Interesse an der Fernhaltung des Be-
schwerdeführers besteht,
dass der Beschwerdeführer dem öffentlichen Interesse an seiner Fernhal-
tung keine privaten Interessen an ungehinderten Einreisen entgegenhält,
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dass daher das auf zwei Jahre befristete Einreiseverbot eine verhältnis-
mässige und angemessene Massnahme zum Schutz der öffentlichen Si-
cherheit und Ordnung darstellt,
dass die Wirkungen des Einreiseverbots mit der Ausschreibung im SIS II
auf den gesamten Schengen-Raum ausgedehnt wurden (vgl. Art. 6 Abs. 1
Bst. d und Art. 14 Abs. 1 der Verordnung [EG] Nr. 2016/399 des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 9. März 2016 über einen Gemein-
schaftskodex für das Überschreiten der Grenzen durch Personen [Kodifi-
zierter Text] [Schengener Grenzkodex, SGK, Abl. L 77/1 vom 23.03.2016]),
dass weder Gründe vorgebracht werden, noch solche ersichtlich sind, die
die Ausschreibung des Einreiseverbots im SIS II als eine unverhältnismäs-
sige Massnahme erscheinen liessen (Art. 24 Ziff. 2 Bst. b und Ziff. 3 der
Verordnung [EG] Nr. 1987/2006 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 20. Dezember 2006 über die Einrichtung, den Betrieb und die
Nutzung des Schengener Informationssystems der zweiten Generation
[SIS-II-Verordnung, Abl. L 381/4 vom 28.12.2006]),
dass daher die angefochtene Verfügung im Lichte von Art. 49 VwVG nicht
zu beanstanden und die Beschwerde demzufolge abzuweisen ist, soweit
darauf eingetreten werden kann,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 1'200.–
(Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
dass dieses Urteil endgültig ist (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
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