Decision ID: 1c3157a2-655d-52cb-bc00-64de893cc684
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Aus den Akten geht hervor, dass die Beschwerdeführerin und gemein-
sam mit ihr der jüngere Bruder B._, geboren (...) beziehungsweise
(...), und die Schwester C._, geboren (...), deren Ehemann
D._ und deren zwei Kinder, am 3. März 2017 in Griechenland Asyl-
gesuche gestellt hatten.
Der Bruder B._ reiste am 20. August 2017 in die Schweiz ein und
stellte hier gleichentags ein Asylgesuch (Verfahren N [...]).
Am 11. September 2017 reiste die Schwester C._ in die Schweiz
ein und ersuchte ebenfalls um Asyl (Verfahren N [...]). Ihr Ehemann und
die beiden Kinder waren in Griechenland verblieben; ihnen wurde die Ein-
reise im Rahmen eines Dublin-Verfahrens (take charge gestützt auf die hu-
manitäre Ermessensklausel) bewilligt und sie ersuchten am 2. August 2018
um Asyl (ebenfalls Verfahren N [...]).
Auch der Beschwerdeführerin wurde im Rahmen eines Dublin-Verfahrens
(take charge) die Einreise in die Schweiz bewilligt; sie reiste ebenfalls am
2. August 2018 in die Schweiz ein und ersuchte hier um Asyl.
A.b Am 13. August 2018 fand im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ)
E._ die Befragung zur Person (BzP) statt (Akten SEM A8/14); am
5. Dezember 2018 wurde die Beschwerdeführerin einlässlich zu ihren Asyl-
gründen angehört (Akten SEM A15/27).
Sie reichte eine Kopie ihrer Tazkara zu den Akten.
A.c Die Beschwerdeführerin machte geltend, ihre Familie – die Eltern, der
jüngere Bruder B._ und die beiden jüngeren Schwestern F._
und G._ – habe in Kabul gelebt. Sie seien Tadschiken sunnitischen
Glaubens. Der Vater habe einen Schreinereibetrieb gehabt. Sie (die Be-
schwerdeführerin) habe als Kind vier Jahre die Schule besucht sowie als
junge Frau ab 2015 während zwei Jahren in einer von Ausländern geführ-
ten Schule Näh- und Fremdsprachenkurse belegt (A8, F1.17.04), bezie-
hungsweise sie habe als Kind lediglich zwei Jahre die Schule besuchen
können und sei Analphabetin; die Kurse an der von Ausländern geführten
Schule hätten lediglich zweimal je zwei Monate im Jahr 2015 gedauert
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(A15 F1 f., 10, 27, 30 f., 64, 150 ff.). Die ältere Schwester C._ habe
mit ihrer eigenen Familie (Ehemann und Kinder) seit Jahren in Iran gelebt.
Die ganze Familie hätte wegen ihr Probleme bekommen, nachdem ein ein-
flussreicher Mann sie habe heiraten wollen, die Familie dies aber verwei-
gert habe. Es habe sich um eine Person aus Regierungskreisen bezie-
hungsweise um einen Kommandanten gehandelt, etwa 50 Jahre alt, der
bereits verheiratet gewesen sei und Kinder in ihrem Alter gehabt habe; den
Namen des Mannes kenne sie nicht. Der Mann habe sie beobachtet, wenn
sie auf dem Weg in den Nähkurs gewesen sei, sei ihr gefolgt und habe so
erfahren, wo sie gewohnt habe. Nachdem die Familie den Heiratsantrag
abgelehnt habe, habe der Mann sie auf der Strasse vor der Schule ange-
sprochen und bedroht, er werde sie entführen; er habe auch dem Vater
Geld angeboten, um die Tochter zu erhalten. Schliesslich sei er, zusammen
mit seiner Frau, seinem Sohn und seiner Tochter, eines Abends bewaffnet
zu ihnen nach Hause gekommen und habe dem Vater gedroht, er entführe
die Tochter, wenn der Heiratsantrag nicht akzeptiert werde. Sie (die Be-
schwerdeführerin) und ihr Bruder hätten sich in einem anderen Zimmer
aufgehalten; der Vater sei zu ihnen ins Zimmer gekommen und habe ihr
gesagt, sie solle sich verstecken, der Bruder solle ihr dabei helfen. Sie sei
durch ein Fenster in der Mauer ins Nachbarhaus geklettert und habe sich
dort die ganze Nacht versteckt. Der Vater sei mitgenommen und auf die
Polizeistation verbracht worden; dort sei er die ganze Nacht festgehalten,
geschlagen und aufgefordert worden, er solle sagen, wo die Tochter ver-
steckt sei, und sie herausgeben. Der Vater habe sich anschliessend in am-
bulante Spitalbehandlung begeben müssen. Der Vater und sie selbst hät-
ten bei der Polizei Anzeige erstatten wollen; dort sei ihnen geraten worden,
am besten würden sie den Heiratsantrag annehmen; bei dem Mann handle
es sich um jemanden mit Macht, hinter dem auch die Regierung stehe; es
könne nichts unternommen werden. Sie hätten sich danach für zwei
Nächte bei einem Freund des Vaters aufgehalten; in dieser Zeit sei bei
ihnen zu Hause eine Handgranate in den Hof geworfen worden; offenbar
habe der Mann sie umbringen wollen. Nach diesem Vorfall habe die Familie
Kabul verlassen. Sie seien mit dem Bus nach Herat gefahren und von dort
aus mit Hilfe von Schleppern über Pakistan in den Iran gereist. Sie hätten
zur Schwester C._ gehen wollen, die aber aufgrund von Problemen
in der Familie ihres Ehemannes zu jenem Zeitpunkt nach Afghanistan zu-
rückgekehrt sei; sie hätten in C._ Wohnung bleiben können, bis
C._ und ihre Familie ebenfalls wieder nach Teheran zurückgekehrt
seien und sich ihrer weiteren Reise – über die Türkei nach Griechenland –
angeschlossen hätten. An der iranisch-türkischen Grenze seien die Eltern
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und die beiden jüngeren Schwestern aufgehalten worden; sie (die Be-
schwerdeführerin), ihr Bruder B._ und die Familie der Schwester
C._ hätten es nach Griechenland geschafft.
Die Eltern seien mit F._ und G._ nach Afghanistan zurück-
gekehrt. Sie hätten zunächst während zwei Jahren in Mazar-i-Sharif gelebt,
wo aber das Geschäft des Vaters nicht so gut gelaufen sei; danach seien
sie nach Herat gezogen. Der Vater arbeite dort als Schreiner; es gehe der
Familie gut und sie könnten sich ihren Lebensunterhalt in Herat verdienen.
B.
Mit Verfügung vom 6. November 2019, eröffnet am 7. November 2019,
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
C.
Gegen diese Verfügung liess die Beschwerdeführerin durch ihre Vertreterin
mit Eingabe vom 9. Dezember 2019 Beschwerde erheben. Sie beantragt
die Aufhebung der Verfügung, die Anerkennung ihrer Flüchtlingseigen-
schaft und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei der Vollzug der Weg-
weisung wegen Unzumutbarkeit auszusetzen und eine vorläufige Auf-
nahme anzuordnen.
In prozessualer Hinsicht wird die Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege samt Beiordnung der Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeistän-
din und der Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses beantragt.
Mit Eingabe vom 12. Dezember 2019 wurde eine Fürsorgebestätigung
nachgereicht.
D.
Das SEM lehnte mit ebenfalls vom 6. November 2019 datierender Verfü-
gung auch das Asylgesuch des Bruders B._ ab und verfügte die
Wegweisung und den Wegweisungsvollzug. Der Bruder der Beschwerde-
führerin erhob am 9. Dezember 2019 ebenfalls Beschwerde gegen diese
Verfügung; er wird im Beschwerdeverfahren von der gleichen Rechtsver-
treterin vertreten wie seine Schwester (Verfahren
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E.
Die Instruktionsrichterin bestätigte am 12. Dezember 2019 den Eingang
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der Beschwerde und hielt fest, die Beschwerdeführerin könne den Ent-
scheid in der Schweiz abwarten.
Mit Instruktionsverfügung vom 13. Dezember 2019 wurde das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gutgeheissen, auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses verzichtet und die Rechtsvertreterin als
amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt. Die Vorinstanz wurde zur Vernehm-
lassung eingeladen und insbesondere um Stellungnahme zu Unklarheiten
in der angefochtenen Verfügung (in E. II Ziff. 4) gebeten.
Die Instruktionsrichterin hielt ferner fest, das Verfahren der Beschwerde-
führerin werde angesichts des sachlichen Zusammenhangs (Geltendma-
chung eines parallelen Sachverhalts) mit dem Verfahren E-6506/2019 des
Bruders koordiniert.
F.
Mit Vernehmlassung vom 18. Dezember 2019 schloss das SEM ohne wei-
tere Erwägungen, und ohne zu der aufgeworfenen Frage betreffend Un-
klarheiten in einer Erwägung Stellung zu nehmen, auf Abweisung der Be-
schwerde.
G.
Mit Verfügung 19. Dezember 2019 stellte die Instruktionsrichterin der Be-
schwerdeführerin die Vernehmlassung der Vorinstanz zur Kenntnis zu und
räumte ihr die Möglichkeit ein, sich im Zusammenhang mit der in der Ver-
nehmlassung nicht beantworteten Unklarheit in E. II Ziff. 4 der angefochte-
nen Verfügung zu äussern.
Die Beschwerdeführerin verzichtete auf die Einreichung einer entspre-
chenden Stellungnahme.
H.
Die Asylgesuche der Schwester C._, ihres Ehemannes D._
und deren Kinder wurden mit Verfügung des SEM vom 6. November 2019
abgewiesen; das SEM verfügte die Wegweisung, ordnete aber wegen Un-
zumutbarkeit des Vollzugs die vorläufige Aufnahme der Familie an (Verfah-
ren N [...]). Diese Verfügung ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel, so auch vorliegend, endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Das Bundesverwaltungsgericht hat vorliegend auch die Akten des Bruders
B._ (N [...]) beigezogen. Die Verfahren der Beschwerdeführerin
und ihres Bruders B._ werden angesichts der Parallelen im geltend
gemachten Sachverhalt koordiniert geführt; auch im Verfahren von
B._ (E-6506/2019) ergeht mit heutigem Datum ein Urteil, und es ist
dasselbe Spruchgremium zuständig wie im vorliegenden Verfahren.
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Zudem hat das Gericht die Akten der Schwester C._, ihres Ehe-
mannes D._ und deren Kinder (N [...]) konsultiert. Nachdem
C._ und ihre Familie zur Zeit der vorliegend geltend gemachten Er-
eignisse in Teheran gelebt haben, gehen daraus keine relevanten Erkennt-
nisse für das vorliegende Verfahren hervor.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM würdigte die Asylvorbringen der Beschwerdeführerin als nicht
glaubhaft gemacht. In zentralen Punkten seien ihre Schilderungen wider-
sprüchlich und unstimmig ausgefallen.
So habe sie zunächst widersprüchliche Angaben zu jenem Mann gemacht,
der um ihre Hand angehalten habe; in der BzP habe sie angegeben, dieser
sei Staatsangestellter gewesen, wobei sie nicht wisse in welcher Funktion
er für den Staat gearbeitet habe, während sie in der Anhörung zu Protokoll
gegeben habe, dass er Kommandant gewesen sei, der auf der Polizeista-
tion in der Nähe ihrer Schule gearbeitet habe. Angesichts des Präzisions-
grades ihrer Angaben in der Anhörung erstaune es, dass sie in der BzP
den beruflichen Hintergrund des Mannes noch in keiner Weise habe ein-
ordnen können.
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Weiter habe sie den Abend der versuchten Entführung diffus und wenig
plausibel geschildert. Angeblich habe sie sich mit den andern Kindern in
ein Nebenzimmer begeben, als man die herannahenden Autos gehört
habe; die Eltern seien allein im andern Raum geblieben; der «Verehrer»
habe dem Vater gegenüber gedroht, die Beschwerdeführerin mitzuneh-
men, wenn nicht in den Heiratsantrag eingewilligt werde; der Vater sei da-
raufhin ins Nebenzimmer gekommen und habe die Beschwerdeführerin
aufgefordert, sich zu verstecken. Diese Schilderung überzeuge deswegen
nicht, weil es dem «Verehrer» ein Leichtes gewesen wäre, sie im Neben-
zimmer zu lokalisieren und sie allenfalls, wie angedroht, mit Gewalt mitzu-
nehmen. Dass der Mann keinerlei Anstalten gemacht habe, das Haus nach
ihr zu durchsuchen, zumal er dem Vater gegenüber zuvor gesagt habe, er
habe die Beschwerdeführerin gesehen, leuchte ebenfalls nicht ein; dabei
hätte auch das Fenster zum Nachbarhaus als Fluchtweg auffallen müssen,
und es wäre zu erwarten gewesen, dass die Beschwerdeführerin dort ge-
sucht worden wäre. Stattdessen habe den Angaben der Beschwerdeführe-
rin zufolge der «Verehrer» den Vater auf die Polizeistation mitgenommen,
wo der Vater geschlagen worden sei, um den Aufenthaltsort der Tochter
aus ihm herauszupressen, habe ihn dann aber ohne weitere Vorkehrungen
am nächsten Tag freigelassen, nachdem er nichts gesagt hatte. Auch diese
Darstellung der Ereignisse erscheine insgesamt wenig plausibel, sei doch
ein solches Vorgehen nicht zielführend gewesen und habe vielmehr die
Vermutung naheliegen müssen, die Familie werde Massnahmen oder gar
die Flucht ergreifen. Widersprüchlich seien im Übrigen die Aussagen, wie
viele Personen an jenem Abend bei der Familie erschienen seien.
Widersprüchlich und diffus sei ferner auch die Schilderung der Ereignisse,
die nach dem Abend der versuchten Entführung geschehen seien. Die Fa-
milie habe sich in der Folge zwei Nächte bei einem Freund des Vaters auf-
gehalten; in dieser Zeit sei eine Handgranate auf ihr Haus geworfen wor-
den. Unvereinbar seien in diesem Zusammenhang die Angaben, der An-
griff mit einer Handgranate sei erfolgt, weil der Vater noch vor dem Abend
der Entführung eine Anzeige gegen den Verfolger erstattet habe, während
anderen Aussagen zufolge die Anzeige erst nach dem Vorfall mit der Hand-
granate gemacht worden sei.
Aus den Schilderungen der Beschwerdeführerin ergebe sich somit in wei-
ten Teilen ein unklares und unstimmiges Bild der geltend gemachten Be-
drohungslage. Dazu komme, dass ihre Aussagen in zahlreichen Punkten
von den Aussagen ihres Bruders B._ abweichen würden. So sei
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betreffend jenen Abend, als sie sich beim Nachbarn habe verstecken müs-
sen, widersprüchlich geschildert worden, sie sei «durch ein kleines Fens-
ter» aufs Grundstück des Nachbarn geschubst worden, während ihr Bruder
angab, er habe die Schwester «über die Mauer» zum Nachbarn «gewor-
fen». Ihren Aussagen, der Vater sei auf eine Polizeistation gebracht und
dort misshandelt worden, er habe sich danach ambulant im Spital behan-
deln lassen müssen, stünden die Aussagen des Bruders gegenüber, der
Vater sei beim «Verehrer» zu Hause misshandelt worden und habe sich
danach einige Tage in Spitalpflege begeben müssen. Widersprüchlich
seien auch die Angaben, der Vater habe alleine Anzeige erstattet, bezie-
hungsweise die Beschwerdeführerin habe ihn dabei begleitet.
5.2 Zudem würden die Vorbringen, selbst wenn sie geglaubt werden könn-
ten, den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht genügen. Die
geltend gemachte Bedrohungslage knüpfe einzig am Umstand an, dass die
Eltern der Beschwerdeführerin den Heiratsantrag des «Verehrers» abge-
lehnt hätten; ein Verfolgungsmotiv gemäss Art. 3 AsylG sei indessen nicht
gegeben. Ausserdem hätte in Afghanistan – so beispielsweise in Herat, wo
heute die Eltern und die jüngeren Schwestern der Beschwerdeführerin leb-
ten – eine innerstaatliche Aufenthaltsalternative (recte: innerstaatliche
Fluchtalternative) bestanden.
6.
In der Beschwerde wird an der Glaubhaftigkeit der vorgebrachten Asyl-
gründe festgehalten.
Soweit die Vorinstanz sich auf Widersprüche in den Aussagen der Be-
schwerdeführerin beziehe, müsse festgehalten werden, dass das Deutsch
der dolmetschenden Person mangelhaft gewesen sei. Die bei der Anhö-
rung anwesende Hilfswerkvertretung habe explizit auf die ungenügende
Übersetzung hingewiesen. Ferner stottere der Bruder der Beschwerdefüh-
rerin stark und eine Verständigung mit ihm sei sehr schwierig; auf die «un-
terstellten» Widersprüche in den Aussagen der Geschwister dürfe daher
nicht abgestellt werden. Ohnehin spreche es eher für die Authentizität der
Vorbringen, dass die Geschwister nicht identische Aussagen gemacht hät-
ten, wie man dies bei einer erfundenen und abgesprochenen Geschichte
erwarten würde.
Dass die Beschwerdeführerin in der BzP noch weniger Details über ihren
Peiniger präsent gehabt habe als später in der Anhörung, erkläre sich
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dadurch, dass sie sich bis zur Anhörung eben an vieles wieder aktiv habe
erinnern können.
Soweit schliesslich – betreffend den Abend der versuchten Entführung –
die Plausibilität der Darstellungen in Frage gestellt werde, überzeuge das
nicht. Es erscheine im Gegenteil nicht abwegig, dass der Verfolger den
ausgeübten Druck graduell erhöht habe; es sei durchaus ein natürliches
Verhalten, dass jemand nicht von vornherein Gewalt anwende, wenn das
nicht notwendig sei, um seine Ziele zu erreichen.
Was die Erwägungen der Vorinstanz betreffe, es fehle an einem asyrele-
vanten Verfolgungsmotiv, sei auch dies unzutreffend. Die Beschwerdefüh-
rerin habe einen geschlechtsspezifischen Fluchtgrund (drohende zwangs-
weise Verheiratung) geltend gemacht; dies sei in Kombination mit der no-
torischen Schutzunwilligkeit des afghanischen Staats relevant. Eine Flucht-
alternative in Afghanistan bestehe nicht.
Eventualiter sei der Wegweisungsvollzug als unzumutbar zu würdigen.
Dass für die Beschwerdeführerin begünstigende, für die Zumutbarkeit des
Vollzugs sprechende Umstände bestünden, treffe nicht zu. Die Eltern wür-
den nicht in Herat selber leben; den Aussagen des Bruders der Beschwer-
deführerin zufolge würden sie zwischen Herat und Mazar-i-Sharif hin- und
herpendeln, je nachdem wo man gerade ein Auskommen finden könne,
und der Vater habe keine feste Anstellung. Die Beschwerdeführerin und
ihre Schwester C._, die in der Schweiz vorläufig aufgenommen sei,
seien ausserdem «sehr aufeinander fixiert», was ebenfalls gegen einen
Wegweisungsvollzug spreche.
7.
Nach Durchsicht der Akten teilt das Gericht die Einschätzung der Vor-
instanz, dass die dargelegten Asylgründe letztlich nicht glaubhaft gemacht
geworden sind.
7.1 Vorab ist festzuhalten, dass in der Tat die in der Anhörung anwesende
Hilfswerkvertretung zur Übersetzung und zur Arbeit der dolmetschenden
Person Kritik äusserte; es wird darauf hingewiesen, auch wenn die Be-
schwerdeführerin lange Sätze gesprochen habe, habe die Dolmetscherin
sich Notizen gemacht, aber nicht unterbrochen, und es sei mehr als dreimal
vorgekommen, dass die Dolmetscherin habe nachfragen müssen, was ge-
sagt worden sei; möglicherweise seien so Details verloren gegangen (vgl.
A15, S. 26).
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Eine Durchsicht des Anhörungsprotokolls lässt keine auffälligen Verständi-
gungsprobleme zwischen der Beschwerdeführerin und der Dolmetscherin
erkennen. Die Beschwerdeführerin musste ein paar Mal gebeten werden,
auf die konkret gestellte Frage zu antworten (vgl. A15 F132, 140, 143, 146);
in diesem Zusammenhang wird nicht geltend gemacht, es habe Verständi-
gungsschwierigkeiten gegeben. Zu Beginn der freien Schilderungen wurde
die Beschwerdeführerin explizit darauf hingewiesen, in ihren Aussagen
nach zwei bis drei Sätzen auf die Übersetzung zu warten (vgl. A15 F50,
S. 6). Dass die Dolmetscherin nachfragen musste, weil sie nicht alles ver-
standen hatte, und die Beschwerdeführerin daraufhin ihre Aussagen wie-
derholen musste, ist lediglich an einer Stelle des Protokolls vermerkt (vgl.
A15 F97).
Die von der Hilfswerkvertretung angemerkten Zweifel, ob der Sachverhalt
korrekt habe abgeklärt werden können (vgl. A15 S. 26), dürfen bei dieser
Sachlage ohne weiteres verneint werden. Es wird im Übrigen auch in der
Beschwerde sachverhaltsmässig nichts Neues oder Ergänzendes geltend
gemacht.
Soweit zur Erklärung der verschiedenen Widersprüche zwischen den Aus-
sagen der Beschwerdeführerin und jenen ihres Bruders B._ auf
Verständigungsschwierigkeiten hingewiesen wird, weil der Bruder stottere
(Beschwerde S. 3; vgl. auch schon A15 F155), vermag auch dies nicht zu
überzeugen. Es ist auf die Erwägungen im Urteil E-6506/2019 betreffend
den Bruder zu verweisen; das Gericht schliesst sich der in der Beschwerde
vertretenen Ansicht, Widersprüche in den Aussagen dürften wegen des
Stotterns des Bruders nicht beachtet werden, nicht an. Auch soweit die Be-
schwerdeführerin, in der Anhörung auf verschiedene Widersprüche ihrer
Darstellungen zu den Aussagen des Bruders angesprochen, darauf Bezug
nahm, der Bruder sei bei den fraglichen Ereignissen noch sehr jung, «der
Kleinste in der Familie», gewesen (vgl. A15 F159, 163), überzeugt dies
letztlich nicht, ist doch davon auszugehen, dass der Bruder im Jahr 2015,
als sich die zu schildernden Ereignisse zugetragen haben, 16 Jahre alt war
und zur Familie überdies zwei noch jüngere Schwestern gehören (vgl. A15
F41).
7.2 Im Gegensatz zu ihrem Bruder, dessen Schilderungen im Asylverfah-
ren ausserordentlich vage, einsilbig und unsubstanziiert blieben, hat die
Beschwerdeführerin – namentlich bei der Darlegung ihrer Asylgründe in
freier Rede – ihr Vorbringen detailliert, ausführlich und durchaus mit Sub-
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stanz dargelegt (vgl. A8 S. 8 f.; A15 F50 S. 6 ff.). Ferner schilderte sie wie-
derholt ihre Schuldgefühle der Familie gegenüber, dass sie die schwierige
Situation und die Flucht der ganzen Familie verursacht habe (vgl. A8 S. 8,
9; A15 F50 S. 7 f., F66); verschiedentlich weinte sie bei der Darlegung ihrer
Vorbringen (vgl. A8 S. 9, A15 F50 S. 7, F141). Dies kann unter Umständen
als Realkennzeichen gewertet werden, und die Aussagen der Beschwer-
deführerin machen auf den ersten Blick durchaus einen glaubhaften Ein-
druck. Andererseits muss aber in der Erzähldichte ein auffälliger Bruch fest-
gestellt werden, indem auf konkrete Nachfragen hin die Antworten der Be-
schwerdeführerin nur noch vage und unsubstanziiert ausgefallen sind (vgl.
beispielsweise A15 F53 ff., 58 f., 67 ff., 70, 73 ff., 81 ff., 100, 108, 111, 113).
Unsubstanziiert blieben insbesondere die Aussagen der Beschwerdefüh-
rerin zur Beschreibung jenes Mannes, der den Heiratsantrag gestellt und
sie und ihre Familie bedroht habe. Sie wusste zwar, dass dieser ursprüng-
lich aus Panjsher gewesen sei; hingegen kannte sie seinen Namen nicht;
sie beschrieb ihn als alt, mächtig und gefährlich; er habe Militärkleider ge-
tragen, habe bei der Regierung gearbeitet respektive sei Kommandant ge-
wesen und habe in der Polizeistation in der Nähe ihrer Schule gearbeitet
(vgl. A8 S. 8 f.; A15 F50 S. 7, F59, 70, 103 f.); weitere Informationen ver-
mochte die Beschwerdeführerin nicht anzugeben. Nicht nachvollziehbar
ist, wie eine Anzeige gegen diesen namentlich nicht bekannten Mann hätte
deponiert werden sollen, wobei die Polizei dem Vater geraten haben soll,
der Mann sei mächtig und die ganze Regierung stehe hinter ihm, weshalb
es das Beste sei, den Heiratsantrag anzunehmen (vgl. A8 S. 9, A15 F50
S. 7 und F104).
7.3 Die Beschwerdeführerin und ihr Bruder schilderten zwar im Kern über-
einstimmend den Grund, weshalb die Familie Afghanistan habe verlassen
müssen, nachdem ein mächtiger, einflussreicher Mann für die Beschwer-
deführerin einen Heiratsantrag gemacht habe, den die Familie abgelehnt
habe, und in der Folge mit ihrer Entführung gedroht und der Vater für eine
Nacht mitgenommen und zusammengeschlagen worden sei.
In einigen zentralen Punkten bestehen aber auffällige Widersprüche oder
logische Inkonsistenzen. Das Gericht bestätigt in diesem Zusammenhang
die vorinstanzlichen Erwägungen.
7.3.1 So sind beispielsweise die Angaben nicht konsistent, wie oft der
Mann die Familie zu Hause aufgesucht habe.
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Seite 13
Die Beschwerdeführerin gab an, es habe zwei Besuche für die Brautwer-
bung gegeben, wobei beim ersten Besuch nur die Frauen gekommen seien
und der Mann selber erst beim zweiten Mal mit dabei gewesen sei; beim
dritten Besuch habe man sie entführen wollen und den Vater mitgenom-
men; beim vierten Besuch sei in der Abwesenheit der Familie die Handgra-
nate geworfen worden (vgl. A8 S. 9, A15 F50 S. 6 f., F65, 109 f.); ihren
Aussagen zufolge seien zwei Frauen in Begleitung des Mannes gewesen
(vgl. A15 F109 f.).
Der Bruder andererseits sprach davon, der Mann sei mehrmals gekom-
men; etwa drei- oder viermal habe er die Familie aufgesucht und um die
Hand der Schwester angehalten; er sei zusammen mit drei Frauen gekom-
men (vgl. N [...], A27 F104 f., 122). Jenen Besuch, als der Mann die
Schwester habe entführen wollen und schliesslich den Vater mitgenommen
habe, bezeichnete der Bruder zunächst als den letzten Besuch (vgl. N [...],
A27 F 101, 122). Erst auf konkrete Nachfrage hin erwähnte er in der Anhö-
rung auch den letzten Vorfall mit der Handgranate (vgl. N [...], A27 F126
ff., 153).
7.3.2 Weiter wird in den Aussagen der Beschwerdeführerin wie auch ihres
Bruders der Ablauf jenes Abends, als man sie mit Gewalt habe mitnehmen
wollen, sie sich beim Nachbarn versteckt habe und anschliessend der Va-
ter mitgenommen worden sei, letztlich logisch nicht nachvollziehbar und
plausibel geschildert; zudem ergeben sich verschiedene Widersprüche.
Den Schilderungen zufolge sei die Familie beim Abendessen gewesen, als
die Autos des «Verehrers» und seiner Gefolgschaft vorgefahren seien; die
Beschwerdeführerin und ihr Bruder seien in ein anderes Zimmer gegan-
gen, und die Eltern hätten den Mann empfangen und mit ihm geredet; er
habe gedroht, entweder stimme man jetzt dem Heiratsantrag zu oder er
entführe die Tochter (vgl. A15 F50 S. 7, 76 f.; N [...], A27 F108, 109, 112).
Anderen Aussagen zufolge sei der Mann selber draussen geblieben und
habe nur die Frauen ins Haus geschickt; diese hätten den Eltern den Mund
zuhalten sollen, damit die Nachbarn nicht alarmiert würden, und hätten die
Beschwerdeführerin herausschicken sollen (vgl. A8 S. 8).
Nicht nachvollziehbar ist, dass der Vater angeblich – ohne dass der Besu-
cher das gemerkt hätte; diesem habe man gesagt, die Tochter sei nicht zu
Hause – im Nebenzimmer die Beschwerdeführerin habe anweisen können,
sich zu verstecken, und den Bruder angewiesen habe, ihr dabei zu helfen
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Seite 14
(vgl. A15 F 50 S. 7, F 77, 79; N [...], A27 F 108, 113). Unplausibel ist ins-
besondere, dass die Beschwerdeführerin dann durchs Fenster in der
Mauer (oder über die Mauer) ins Nachbarhaus gelangen konnte, dass die
Besucher – die angeblich auch bewaffnet waren – aber weder im Neben-
zimmer noch im Haus der Nachbarn nach ihr gesucht hätten, sondern statt-
dessen angeblich den Vater mitnahmen, um von ihm unter Schlägen zu
erfahren, wo die Gesuchte sei (vgl. A8 S. 8 f., A15 F 50 S. 7, F 84, 86; N
[...] A27 F 114, 124, 152).
Die diesbezügliche Erklärung in der Beschwerde – es sei durchaus ein na-
türliches Verhalten, dass der «Verehrer» nicht von vornherein Gewalt habe
anwenden wollen, sondern den ausgeübten Druck graduell erhöht habe
(Beschwerde S. 4) – wird angesichts der Gewalt, die dem Vater gegenüber
angewendet worden sei, nicht nachvollziehbar.
7.3.3 Widersprüchlich schilderten die Beschwerdeführerin und ihr Bruder
sodann die Umstände der Festnahme des Vaters. Übereinstimmend sind
die Angaben, der Vater sei mitgenommen und für eine Nacht festgehalten
und geschlagen worden, weil man von ihm habe erfahren wollen, wo die
Tochter sei (vgl. A8 S. 8, 9, A15 F50 S. 7, F 89, 91, 113; N [...], A27 F101,
105, 121). An einer Stelle sagte allerdings die Beschwerdeführerin, der Va-
ter sei erst morgens früh mitgenommen und zur Polizeistation gebracht
worden (vgl. A8 S. 9).
Unvereinbar sind die Aussagen, der Vater sei mit verbundenen Augen zum
Brautwerber nach Hause gebracht worden (vgl. N [...], A27 F105), bezie-
hungsweise er sei zur Polizeistation respektive Kommandantenstelle ge-
bracht worden; dort sei er mit verbundenen Augen geschlagen worden, so
dass er nicht wisse, wer ihn geschlagen habe (vgl. A15 F50 S. 7, F88, 157).
Anschliessend habe der Vater in Spitalpflege gebracht werden müssen, wo
er ein paar Tage geblieben sei (vgl. N [...], A27 F121, 128), beziehungs-
weise wo er nur ambulant behandelt worden sei (vgl. A15 F114 f., 159).
7.3.4 Ebenfalls ungereimt sind die Aussagen der Beschwerdeführerin und
ihres Bruders dazu, dass die Familie gegen den Verfolger Anzeige einge-
reicht habe. Während die Beschwerdeführerin zu Protokoll gab, sie habe
den Vater für die Einreichung der Anzeige begleitet (vgl. A8 S. 9, A15 F162
f.), gab der Bruder an, der Vater sei allein zur Polizeistation gegangen, um
die Anzeige einzureichen (vgl. N [...], A 27 F116 f., 178 ff.). Die Anzeige
hätte man nach jenem Abend, als der «Verehrer» versucht hatte, die Be-
schwerdeführerin zu entführen, und danach den Vater mitgenommen habe,
E-6519/2019
Seite 15
und nach dem Vorfall mit der Handgranate einreichen wollen; der «Quar-
tierführer» aus der Nachbarschaft habe zur Anzeige geraten (vgl. A15 F50
S. 7), respektive die Anzeige habe man eingereicht, schon bevor der Vater
mitgenommen und geschlagen worden sei; nach dem Vorfall mit der Hand-
granate habe der Quartiervorsteher dazu geraten, die Gegend zu verlas-
sen (vgl. A15 F96 f., 160).
Als sich der Vorfall mit der Handgranate ereignete, habe sich die Familie
den übereinstimmenden Angaben zufolge für zwei Nächte bei einem
Freund des Vaters in Kabul aufgehalten; danach hätten sie Kabul verlassen
und seien mit dem Bus nach Herat gelangt. Nicht übereinstimmend sind
die Aussagen, man habe sich dann zunächst einen Monat lang bei einem
Freund des Vaters in Herat aufgehalten (vgl. A8 S. 9), beziehungsweise
man sei von Herat aus mit Hilfe von Schleppern weiter über Pakistan in
den Iran gereist; in Herat haben man sich lediglich zwei bis drei Tage be-
ziehungsweise nur einen halben oder einen Tag aufgehalten (vgl. N [...],
A11 S. 11, A27 F131); die gesamte Reise von Kabul bis in den Iran habe
13 Tage gedauert (vgl. A15 F133).
7.4 In einer Gesamtbetrachtung sind die Vorbringen – bei denen eine rela-
tiv einheitliche, abgeschlossene Abfolge von Ereignissen, die sich zeitlich
über einen nicht langen Zeitraum abgespielt haben, zu schildern waren –
als nicht glaubhaft gemacht zu erachten. Zwar hat die Beschwerdeführerin
einerseits ausführliche Angaben gemacht, die durchaus Realkennzeichen
aufweisen, und stimmen etliche Aussagen der Beschwerdeführerin und ih-
res Bruders überein; andererseits liegen aber gravierende Ungereimthei-
ten, Widersprüche und logisch nicht konsistente Darstellungen vor, die
letztlich gegen die Glaubhaftigkeit der Angaben den Ausschlag geben.
Das SEM ist nach dem Gesagten zu Recht zur Einschätzung gelangt, die
Flüchtlingseigenschaft sei nicht glaubhaft gemacht worden, und hat das
Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
E-6519/2019
Seite 16
8.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Die Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung
(Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit) sind praxisgemäss alter-
nativer Natur. Ist eine von ihnen erfüllt, erweist sich der Vollzug der Weg-
weisung als undurchführbar und die weitere Anwesenheit in der Schweiz
ist gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln
(vgl. etwa BVGE 2011/7 E. 8).
Die nachfolgenden Erwägungen konzentrieren sich auf den Aspekt der Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Angesichts des Verfahrensaus-
gangs können Erwägungen zu den Aspekten der Zulässigkeit und der Mög-
lichkeit des Vollzugs unterbleiben.
10.
10.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
10.2 Das SEM würdigte den Wegweisungsvollzug als zumutbar. Es nahm
dabei Bezug auf das Referenzurteil des Gerichts D-5800/2016 vom 13. Ok-
tober 2017. Das SEM ging davon aus, eine Rückkehr der Beschwerdefüh-
rerin nach Kabul müsse zwar heute, angesichts des mittlerweile ungenü-
genden sozialen Beziehungsnetzes in dieser Stadt, als unzumutbar gelten.
E-6519/2019
Seite 17
Hingegen bestehe für die Beschwerdeführerin eine zumutbare innerstaat-
liche Aufenthaltsalternative namentlich in Herat, wo ihre Eltern und die bei-
den jüngeren Schwestern lebten, wo der Vater arbeite und den Unterhalt
der Familie bestreiten könne. Es dürfe ein tragfähiges soziales Netz im
Heimatland und eine gesicherte Grundversorgung und Wohnsituation be-
jaht werden, zumal die Beschwerdeführerin jung und bei guter Gesundheit
sei. Die Beschwerdeführerin müsse ferner auch nicht allein nach Afghanis-
tan zurückkehren, nachdem mit Verfügung selben Datums auch das Asyl-
gesuch des Bruders B._ abgelehnt werde.
10.3 Das SEM ging mithin davon aus, ein Vollzug der Wegweisung komme
zwar nach Kabul, wo die Beschwerdeführerin geboren und aufgewachsen
ist, nicht mehr in Frage, hingegen könne eine zumutbare innerstaatliche
Aufenthaltsalternative für die Stadt Herat bejaht werden. In der Be-
schwerde wird das Bestehen einer zumutbaren Aufenthaltsalternative be-
stritten.
10.4
10.4.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil D-5800/2016
vom 13. Oktober 2017 eine Aktualisierung der Beurteilung der Lage in Af-
ghanistan sowie in Kabul im Besonderen im Zusammenhang mit der Frage
der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorgenommen. Dabei hat es
festgestellt, dass sich die Sicherheitslage gegenüber der letzten Beurtei-
lung im Jahre 2011 (vgl. BVGE 2011/17) in allen Regionen deutlich ver-
schlechtert hat. Das Gericht kam zum Schluss, dass in weiten Teilen Af-
ghanistans unverändert eine derart schlechte Sicherheitslage und derart
schwierige humanitäre Bedingungen bestünden, dass die Situation als
existenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren und der
Wegweisungsvollzug nach wie vor als unzumutbar zu beurteilen sei (vgl.
a.a.O., E. 7.6). Inwiefern sich die Lageeinschätzung und Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs nach Herat und Mazar-i-Sharif verändert hatte,
wurde im besagten Urteil offengelassen (vgl. a.a.O. E. 9).
In einem weiteren Referenzurteil, D-4287/2017 vom 8. Februar 2019, ak-
tualisierte das Gericht die Lagebeurteilung betreffend die Stadt Mazar-i-
Sharif. Im Urteil wird festgestellt, Mazar-i-Sharif sei basierend auf Lagein-
formationen bis zum Jahre 2016 zu den sichersten Städten Afghanistans
gezählt worden. Nach einer eingehenden Prüfung und unter Berücksichti-
gung verschiedener sicherheitsrelevanter Ereignisse sowie der humanitä-
ren Situation kam das Gericht zum Schluss, dass sich die Sicherheitslage
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Seite 18
auch in der Stadt Mazar-i-Sharif in den letzten Jahren verschlechtert habe,
während sich im Bereich der humanitären Situation Verbesserungen und
Rückschläge wohl etwa die Waage halten dürften. Im Vergleich zu anderen
Regionen und Städten Afghanistans zähle die Stadt Mazar-i-Sharif immer
noch zu den stabileren und ruhigeren Orten. Folglich rechtfertige es sich
insgesamt nicht, aktuell eine generelle Unzumutbarkeit der Rückkehr dort-
hin anzunehmen. Vielmehr sei daran festzuhalten, dass bei Vorliegen be-
günstigender Umstände weiterhin von der Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs in die Stadt Mazar-i-Sharif auszugehen sei. Allerdings sei
mit Nachdruck daran zu erinnern, dass nicht jeder noch so schwache Be-
zugspunkt zu Mazar-i-Sharif für die Annahme begünstigender Umstände
genüge. Vielmehr sei eine Gesamtbeurteilung der verschiedenen Fakto-
ren, wie sie bereits in BVGE 2011/49 erwähnt worden seien, vorzunehmen.
Diese gesamthafte Betrachtung müsse zum Schluss führen, im konkreten
Einzelfall seien begünstigende Voraussetzungen für eine Rückkehr nach
Mazar-i-Sharif gegeben.
10.4.2 Im Urteil BVGE 2011/7 hat das Bundesverwaltungsgericht darge-
legt, wann vom Vorliegen begünstigender Faktoren auszugehen ist
(E. 9.9.2). Solche können grundsätzlich namentlich dann gegeben sein,
wenn es sich beim Rückkehrer um einen jungen, gesunden Mann handelt.
Ebenso ist entscheidrelevant, über welche Berufserfahrung die rückkeh-
rende Person verfügt beziehungsweise inwiefern eine wirtschaftliche Wie-
dereingliederung mit einer bezahlten Arbeit im Zusammenspiel mit einem
tragfähigen Beziehungsnetz begünstigend wirken kann. Unabdingbar ist in
jedem Fall ausserdem ein soziales Netz, das sich im Hinblick auf die Auf-
nahme und Wiedereingliederung des Rückkehrenden als tragfähig erweist.
Dieses soziale Netz muss dem Rückkehrenden insbesondere eine ange-
messene Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe zur sozialen und wirt-
schaftlichen Reintegration bieten können. Bei Personen, bei welchen der
Ort der Rückkehr lediglich eine Aufenthaltsalternative darstellt und die so-
mit kaum oder nie dort gelebt haben, bedarf eine Bejahung eines solchen
tragfähigen sozialen Netzes zudem grösserer Zurückhaltung.
Diese Anforderungen, um begünstigende Umstände bejahen zu können,
wurden auch in den Referenzurteilen betreffend Kabul (D-5800/2016) und
Mazar-i-Sharif (D-4287/2017) bekräftigt.
Mit Urteil D-4705/2016 vom 14. Juni 2021, welches zur Publikation als Re-
ferenzurteil bestimmt ist, hat das Bundesverwaltungsgericht seine zuletzt
im Urteil BVGE 2011/38 festgehaltene Lageeinschätzung zur Situation in
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Seite 19
Herat aktualisiert (vgl. ebenda, E. 10). Nach den Erkenntnissen des Ge-
richts hat sich sowohl die Sicherheitslage wie auch die sozioökonomische
Situation in der Stadt Herat in den letzten Jahren deutlich verschlechtert.
Rückkehrende geraten vor diesem Hintergrund rasch in eine existenz-
bedrohende Situation. Der Vollzug der Wegweisung ist daher als unzumut-
bar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren, ausser die Person
fände in Herat besonders begünstigende Umstände vor, aufgrund derer
ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung aus-
gegangen werden kann. Ob im Einzelfall vom Vorliegen besonders be-
günstigender Faktoren ausgegangen werden kann, ist anhand der in
BVGE 2011/7 niedergelegten Grundsätze sowie der Praxis zu Kabul (vgl.
Referenzurteil des BVGer D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 E. 8.4) zu
ermitteln.
10.4.3 In Bezug auf den vorliegenden Einzelfall kommt das Bundesverwal-
tungsgericht zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin in Herat keine be-
sonders begünstigenden Umstände vorfinden wird.
Zwar geht aus ihren Aussagen und denen ihres Bruders hervor, dass sich
die Eltern und die jüngeren Schwestern seit ihrer Rückkehr nach Afghanis-
tan im Jahr 2015 – zumindest teilweise – in Herat aufhalten.
Die Beschwerdeführerin gab zu Protokoll, die Eltern hätten zunächst «ir-
gendwo auf der Strecke Richtung Mazar» beziehungsweise in Mazar-i-
Sharif gelebt (vgl. A8 S. 5; A15 F105); das Geschäft sei aber dort nicht so
gut gelaufen, und sie seien dann nach Herat gezogen; der Vater arbeite
dort als Schreiner, es gehe der Familie gut, und sie könnten ihren Unterhalt
verdienen (vgl. A15 F19, 21, 105). Ihr Bruder gab an, seine Eltern würden
zwi-schen Herat und Mazar-i-Sharif hin- und herpendeln, sie würden sich
je-weils dort aufhalten, wo es sicherer sei und wo es Arbeit gebe; der Vater
arbeite weiterhin als Schreiner; manchmal schicke auch die Stiefmutter der
Mutter aus dem Ausland etwas Geld (vgl. N [...], A27 F13, 16, 25 f., 141 ff.,
174). Weitere konkrete Einzelheiten sind allerdings nicht aktenkundig; die
Vorinstanz hat weder zum konkreten Aufenthaltsort der Eltern noch zu de-
ren aktuellen sozialen Verhältnissen nähere Abklärungen getroffen; es lie-
gen einzig die zitierten Aussagen der Beschwerdeführerin und ihres Bru-
ders vor.
Betreffend die Beschwerdeführerin ist sodann festzuhalten, dass sie zwar
im vorinstanzlichen Verfahren über gesundheitliche Probleme gesprochen
hat (vgl. A8 S. 8, 10; A15 F45 f., 141 ff.), dass indessen bis heute nie ein
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Seite 20
Arztzeugnis eingereicht worden ist. Was die Schulbildung betrifft, habe sie
zwei beziehungsweise vier Jahre die Grundschule sowie als junge Frau
Kurse an einer von Ausländern geführten Schule besucht, wo Nähen und
eine Fremdsprache unterrichtet worden seien; damit besitzt sie weder eine
solide Schulbildung noch eine Berufsausbildung; sie bezeichnete sich in
der Anhörung als Analphabetin (vgl. A15 F1 f., 10). Nachdem die Be-
schwerdeführerin selber nie in Herat gelebt hat, ist es unmöglich, dass sie
dort – abgesehen von ihren Eltern – tragfähige soziale Anknüpfungspunkte
besitzen kann; die konkreten Lebensumstände der Eltern, die Wohnsitua-
tion der Familie und die berufliche Situation des Vaters, der als Schreiner
arbeite, sein eigenes Geschäft aber in Kabul zurückgelassen hatte, sind
nicht weiter geklärt. Angesichts der unklar bleibenden konkreten sozialen
Verhältnisse der offenbar irgendwo in Herat lebenden Angehörigen kann
nach Auffassung des Gerichts jedenfalls von besonders begünstigenden
Umständen in Herat, die einen Wegweisungsvollzug dorthin zumutbar er-
scheinen liessen, nicht gesprochen werden.
10.4.4 Das selbe muss für Mazar-i-Sharif festgestellt werden, wo die Eltern
offenbar früher während zwei Jahren gelebt hätten (so die Angaben der
Beschwerdeführerin, vgl. A8 S. 5; A15 F105) beziehungsweise wo die El-
tern abwechslungsweise – zwischen Herat und Mazar-i-Sharif hin- und her-
pendelnd – leben würden (so die Angaben des Bruders der Beschwerde-
führerin, vgl. N [...], A27 F13, 16, 25 f., 141 ff., 174).
Was schliesslich Kabul betrifft, wo die Beschwerdeführerin geboren und
aufgewachsen ist, hat die Vorinstanz festgestellt, von einem genügenden
sozialen Beziehungsnetz könne mittlerweile nicht mehr ausgegangen wer-
den.
10.5 Der Wegweisungsvollzug muss nach dem Gesagten zum heutigen
Zeitpunkt als unzumutbar eingeschätzt werden. Die Vorinstanz hat in der
angefochtenen Verfügung zu Unrecht den Wegweisungsvollzug ange-
ordnet.
11.
Damit ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen und die Verfügung vom
6. November 2019 ist im Wegweisungsvollzugspunkt aufzuheben. Die Vor-
instanz ist anzuweisen, die Beschwerdeführerin wegen Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufzunehmen, nach-
dem den Akten keine Hinweise auf Ausschlussgründe gemäss Art. 83 Abs.
7 AIG zu entnehmen sind. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen.
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Seite 21
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die (reduzierten) Verfah-
renskosten der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
Mit Verfügung vom 13. Dezember 2019 wurde allerdings das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung bewilligt; gemäss Akten ist
die Beschwerdeführerin auch heute weiterhin bedürftig. Es sind daher
keine Verfahrenskosten zu erheben.
12.2 Teilweise obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Parteient-
schädigung für die ihnen erwachsenen notwendigen und verhältnismässig
hohen Kosten (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7-13 des Reglements vom 21
Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesver-
waltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Beschwerdeführerin ist mit ih-
rem Begehren betreffend Wegweisungsvollzug durchgedrungen, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht praxisgemäss von einem hälftigen Obsie-
gen ausgeht. Mit der Beschwerde reichte die Rechtsvertreterin eine Kos-
tennote ein, in welcher ein Arbeitsaufwand von vier Stunden ausgewiesen
wird, welcher angemessen erscheint. Der ausgewiesene Stundenansatz
der Rechtsvertreterin von Fr. 200.– ist für die Berechnung der Parteient-
schädigung reglementskonform (vgl. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Ferner werden
Dolmetscherkosten von Fr. 50.– ausgewiesen, die ebenfalls angemessen
erscheinen. Zu kürzen sind demgegenüber die für Porti, Telefon-/Faxge-
bühren und Kopien offenbar im Sinn einer Pauschale geltend gemachten
Fr. 100.–, die nicht näher belegt werden; es ist insgesamt von Auslagen im
Gesamtbetrag von Fr. 90.– auszugehen. Die von der Vorinstanz auszurich-
tende hälftige Parteientschädigung beläuft sich damit auf Fr. 445.– (inklu-
sive Auslagen).
12.3 Mit der oben genannten Verfügung wurde der Beschwerdeführerin zu-
dem die amtliche Rechtsverbeiständung gewährt. Soweit sie im vorliegen-
den Verfahren (ebenfalls hälftig) unterliegt, ist der Rechtsbeiständin durch
die Gerichtskasse ein Honorar auszurichten. Unter Berücksichtigung des
massgebenden Stundenansatzes von Fr. 150.– (vgl. Verfügung vom
13. Dezember 2019) und der Bemessungsfaktoren (Art. 12 i.V.m. Art. 8-11
VGKE) ist der amtlichen Rechtsbeiständin zulasten der Gerichtskasse ein
amtliches Honorar von Fr. 345.– (inklusive Auslagen) zu entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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