Decision ID: 50f31272-a152-534b-8997-b0f6d085c69b
Year: 2018
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin (geb. 1972) ist brasilianische Staatsangehörige.
Am 31. Juli 2006 heiratete sie den Schweizer Bürger B._ (geb.
1948), worauf sie im Kanton Aargau eine Aufenthaltsbewilligung erhielt. Am
29. November 2013 ersuchte sie gestützt auf Art. 27 des bis 31. Dezember
2017 in Kraft stehenden Bürgerrechtsgesetzes vom 29. September 1952
(aBüG, AS 1952 1087) um erleichterte Einbürgerung als Ehefrau eines
Schweizer Bürgers (Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 1/1).
B.
Im Rahmen des Einbürgerungsverfahrens gelangte die Vorinstanz am
10. April 2014 an den Kanton Aargau, als den Wohnkanton der Beschwer-
deführerin und ihres Ehemannes, und ersuchte um Bericht zu den persön-
lichen Verhältnissen der Beschwerdeführerin und Antragstellung zu ihrem
Einbürgerungsgesuch (SEM-act. 6/20).
Am 26. September 2014 leitete der Kanton Aargau ohne eine Stellung-
nahme diverse Aktenstücke an die Vorinstanz weiter, darunter einen Erhe-
bungsbericht der Wohngemeinde der Beschwerdeführerin vom 15. Sep-
tember 2014 (SEM-act. 7/23), das Protokoll eines am 15. September 2014
geführten persönlichen Gesprächs der Ehegatten mit Vertretern der Wohn-
gemeinde, das die Beschwerdeführerin unterschriftlich als der Wahrheit
entsprechend bestätigt hatte (SEM-act. 7/27), einen Bericht der Stadtpoli-
zei Zürich vom 27. August 2014 (SEM-act. 7/29) und einen Bericht der Re-
gionalpolizei Zurzibiet vom 2. Juli 2014 (SEM-act. 7/35).
Dem Bericht der Stadtpolizei Zürich ist zu entnehmen, dass die Beschwer-
deführerin im Jahr 2005 im Kanton Zürich wegen Verdachts auf illegale
Prostitution aktenkundig wurde. Bis Ende September 2013 habe sie in Zü-
rich als Wochenaufenthalterin in einer polizeilich wegen Prostitution bes-
tens bekannten Liegenschaft gewohnt. Als Mieter ihrer Wohnung sei ihr
Ehemann aufgetreten. Die Beschwerdeführerin selbst gab anlässlich des
protokollierten Gesprächs mit Vertretern der Wohngemeinde an, dass sie
seit 12 Jahren im Rotlichtmilieu tätig sei. Bis Ende September 2013 habe
sie ein Studio in Zürich gehabt. Jetzt arbeite sie von ihrer Wohngemeinde
aus selbständig als Masseuse und besuche auf Bestellung Kunden.
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C.
In der Folge holte die Vorinstanz Auskünfte bei den drei von der Beschwer-
deführerin bezeichneten Referenzpersonen ein, von denen zwei antworte-
ten (SEM-act. 8/37-43). C._, der Ehemann einer Verwandten der
Beschwerdeführerin, äusserte sich in seinem Schreiben vom 17. Februar
2015 unter anderem dahingehend, dass das Ehepaar seines Wissens eher
eine offene Beziehung führe, in der man sich gegenseitig Raum zum Leben
lasse (SEM-act. 8/39).
D.
Am 10. Juli 2015 teilte die Vorinstanz der Beschwerdeführerin unter Beru-
fung auf die Rechtsprechung mit, dass ihre Tätigkeit im Rotlichtmilieu mit
der vom Gesetz geforderten stabilen und intakten ehelichen Gemeinschaft
nicht vereinbar sei und dass ihr Gesuch daher abgelehnt werden müsse.
Der Beschwerdeführerin wurde empfohlen, ihr Gesuch zurückzuziehen.
Falls sie trotz der klaren Rechtslage eine anfechtbare Verfügung wünsche,
werde sie um entsprechende Mitteilung gebeten (SEM-act. 9/44).
E.
Mit Schreiben vom 27. August 2015 verlangte die Beschwerdeführerin den
Erlass einer anfechtbaren Verfügung (SEM-act. 10/46).
F.
Mit Verfügung vom 24. Februar 2016 lehnte die Vorinstanz das Gesuch der
Beschwerdeführerin um erleichterte Einbürgerung nach Art. 27 aBüG ab,
da sich ihre Tätigkeit im Rotlichtmilieu mit dem Erfordernis einer stabilen
und intakten Ehe, für deren Bestand nach der Rechtsprechung namentlich
des Bundesverwaltungsgerichts immer noch eheliche Treue und eine un-
geteilte Geschlechtergemeinschaft konstitutiv sei, nicht vereinbaren lasse.
Folglich seien die materiellen Voraussetzungen für eine erleichterte Ein-
bürgerung nach Art. 27 aBüG nicht erfüllt (SEM-act. 13/50).
G.
Gegen die vorgenannte Verfügung legte die Beschwerdeführerin am
11. April 2016 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein und bean-
tragte, es sei ihr die erleichterte Einbürgerung zu gewähren (Akten des
BVGer [Rek-act.]1).
Im Wesentlichen wird gerügt, es sei willkürlich, rechtsungleich, diskriminie-
rend und eine Verletzung ihrer Menschenwürde, wenn der Ehe zwischen
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ihr und ihrem Ehemann nur deswegen die notwendige Stabilität und Intakt-
heit abgesprochen werde, weil sie der Prostitution nachgehe, einer legalen
und der Steuerpflicht unterliegenden Erwerbstätigkeit. Auch der Ehebruch
sei nicht strafbar. Die Vorinstanz hätte weitere Abklärungen vornehmen
müssen, um sich ein zutreffendes Bild der Ehe zu verschaffen. Tatsächlich
sei ihr Ehemann von Anfang an über ihre Tätigkeit als Prostituierte infor-
miert gewesen, einer Tätigkeit, der sie im Übrigen nicht mehr nachgehe.
Seiner Auffassung nach sei dieser Beruf moralisch nicht verwerflich. Beide
hätte diesbezüglich nie etwas vertuscht. Sie hätten im Jahr 2006 aus Liebe
geheiratet und lebten seither in Lebensgemeinschaft. Ihre Beziehung be-
ruhe auf einer soliden Basis, die weniger das Sexualleben umfasse, als
vielmehr gegenseitige Freundschaft, Beistand, Ehrlichkeit, Toleranz und
bedingungslose Liebe.
H.
Die Vorinstanz schliesst in ihrer Vernehmlassung vom 17. Juni 2016 auf
Abweisung der Beschwerde (Rek-act. 7). Sie hält daran fest, dass die Aus-
übung der Prostitution im Widerspruch zur traditionellen und vom Gesetz-
geber für die erleichterte Einbürgerung ausländischer Ehegatten von
Schweizer Bürgern nach wie vor verlangten Ausschliesslichkeit und Exklu-
sivität der Geschlechtergemeinschaft zwischen Mann und Frau stehe, wes-
halb eine erleichterte Einbürgerung nicht verfügt werden könne. Im Übrigen
beanstandet die Vorinstanz, dass die Beschwerdeführerin keine substanti-
ierten Angaben zur behaupteten Aufgabe der Tätigkeit als Prostituierte ma-
che. Es sei befremdlich, dass sie im Rahmen des erstinstanzlichen Verfah-
rens von ihrem Recht auf rechtliches Gehör keinen Gebrauch gemacht
habe, um den Nachweis der Aufgabe ihrer Tätigkeit im Rotlichtmilieu zu
erbringen.
I.
Mit Replik vom 15. August 2016 hält die Beschwerdeführerin an den
Rechtsbegehren fest (Rek-act. 9). Sie wehrt sich gegen den Vorwurf, dass
sie vom rechtlichen Gehör keinen Gebrauch gemacht habe. Ein solches
sei ihr gar nicht gewährt worden. Präzisierend führt sie aus, für die Stabilität
ihrer Ehe sei es irrelevant, ob sie diesen Beruf ausübe oder nicht. Tatsache
sei es aber, dass sie seit Januar 2015 nicht mehr als selbständige Mas-
seuse tätig sei. Als Beweismittel reichte sie ein Schreiben ihres Eheman-
nes an seinen Steuerberater vom 15. März 2016 ein, aus dem hervorgeht,
dass sie seit Januar 2015 keiner Erwerbstätigkeit in der Schweiz nachgeht.
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J.
Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit erheblich, in den Erwägungen
eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Verfügungen des SEM betr. erleichterte Einbürgerungen unterliegen
der Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht (Art. 47 Abs. 1 des Bür-
gerrechtsgesetzes vom 20. Juni 2014 [BüG, SR 141.0], Art. 31 ff. VwVG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG, vgl. auch Art. 2 Abs. 4 VwVG).
1.3 Die Beschwerdeführerin ist zur Erhebung des Rechtsmittels legitimiert
(Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist daher einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und – soweit nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden (Art.
49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht von
Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begründung
der Begehren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen
als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen. Massge-
bend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl.
BVGE 2014/1 E. 2 m.H.).
2.2 Am 1. Januar 2018, d.h. während der Rechtshängigkeit des vorliegen-
den Rechtsmittelverfahrens, traten das neue Bürgerrechtsgesetz vom
20. Juni 2014 zusammen mit der Bürgerrechtsverordnung vom 17. Juni
2016 (BüV, SR 141.01) in Kraft, die das bisher geltende Bürgerrechtsge-
setz vom 29. September 1952 ablösten. Das neue Recht stellt in Art. 50
BüG eine übergangsrechtliche Ordnung auf, welche die Nachwirkung des
alten Rechts auf unter seiner Geltung verwirklichte Tatbestände fest-
schreibt (Abs. 1) und des Weiteren vorsieht, dass vor seinem Inkrafttreten
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eingereichte Gesuche bis zum Entscheid über das Gesuch nach den Best-
immungen des bisherigen Rechts behandelt werden (Abs. 2). Die vorlie-
gende Streitsache ist daher nach altem Recht zu beurteilen.
3.
3.1 Gemäss Art. 27 Abs. 1 aBüG kann eine ausländische Person nach der
Eheschliessung mit einem Schweizer Bürger ein Gesuch um erleichterte
Einbürgerung stellen, wenn sie insgesamt fünf Jahre in der Schweiz ge-
wohnt hat (Bst. a), seit einem Jahr hier wohnt (Bst. b) und seit drei Jahren
in ehelicher Gemeinschaft mit dem Schweizer Bürger lebt (Bst. c). Die er-
leichterte Einbürgerung nach Art. 27 aBüG setzt ferner voraus, dass die
ausländische Person in die schweizerischen Verhältnisse eingegliedert ist,
die schweizerische Rechtsordnung beachtet und die innere oder äussere
Sicherheit der Schweiz nicht gefährdet (Art. 26 Abs. 1 aBüG).
3.2 Die eheliche Gemeinschaft im Sinne des Art. 27 aBüG bedeutet mehr
als nur das formelle Bestehen einer Ehe. Verlangt wird eine tatsächliche
Lebensgemeinschaft, die vom gemeinsamen Willen der Ehegatten getra-
gen wird, ihre Ehe auch künftig aufrecht zu erhalten (vgl. BGE 135 II 161
E. 2 m.H.). Denn der Gesetzgeber wollte dem ausländischen Ehegatten
eines Schweizer Bürgers die erleichterte Einbürgerung ermöglichen, um
die Einheit des Bürgerrechts der Ehegatten im Hinblick auf ihre gemein-
same Zukunft zu fördern (Botschaft des Bundesrats zur Änderung des BüG
vom 27. August 1987, BBl 1987 III 293 ff., S. 310).
3.3 Sämtliche oben aufgeführte Voraussetzungen der erleichterten Einbür-
gerung müssen sowohl im Zeitpunkt der Gesuchseinreichung als auch an-
lässlich der Einbürgerungsverfügung erfüllt sein. Das gilt namentlich auch
für den Bestand einer ehelichen Gemeinschaft im Sinne der obenstehen-
den Ausführungen. Ist eine eheliche Gemeinschaft von Anfang nicht gege-
ben oder tritt im Verlauf des Verfahrens eine Situation ein, in der eine sol-
che nicht mehr angenommen werden kann, darf die erleichterte Einbürge-
rung nicht verfügt werden (vgl. BGE 135 II 161 E. 2; BGE 130 II 482 E. 2;
BGE 129 II 401 E. 2.2; BVGE 2016/32 E. 4.3.1).
4.
4.1 Im Verfahren auf erleichterte Einbürgerung gilt – wie im Verwaltungs-
verfahren allgemein – der Untersuchungsgrundsatz, der die Verantwortung
für die Ermittlung der materiellen Wahrheit in erster Linie der Behörde zu-
weist. Sie hat dazu von Amtes wegen zu ermitteln (Art. 12 Abs. 1 VwVG).
Der Umfang der Amtsermittlung wird vom Ziel bestimmt, sich willkürfrei
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eine Überzeugung vom Vorliegen des abzuklärenden Sachverhaltes zu bil-
den. Die Behörde hat hierzu alle zulässigen und zumutbaren Möglichkeiten
der Sachaufklärung auszuschöpfen. Der Untersuchungsrundsatz wird frei-
lich durch die Pflicht der einbürgerungswilligen Person relativiert, an der
Ermittlung des Sachverhaltes mitzuwirken (vgl. Art. 13 Abs. 1 Bst. a
VwVG). Verweigert die Partei die Mitwirkung, kann die Behörde einen Ak-
tenentscheid fällen, sofern sie ihre Abklärungspflicht in angemessener
Weise wahrgenommen hat. Wenn die Behörde in antizipierter Beweiswür-
digung willkürfrei ausschliessen kann, dass weitere Ermittlungen die Be-
weislosigkeit beheben könnten, kann sie einen Beweislastentscheid fällen
(vgl. Urteil des BVGer C-2390/2012 vom 22.11.2013 E. 5.4.1 mit Hinwei-
sen).
4.2 Führt ein regelkonform durchgeführtes Beweisverfahren zu Beweislo-
sigkeit, stellt sich die Beweislastfrage. Der allgemeine Rechtsgrundsatz,
wonach derjenige die (objektive) Beweislast für das Vorliegen einer Tatsa-
che trägt, der aus ihr Rechte ableitet (Art. 8 ZGB), gilt auch für die Voraus-
setzungen der erleichterten Einbürgerung nach Art. 26 Abs. 1 und Art. 27
Abs. 1 aBüG. Die Beweislast für deren Vorliegen trägt demzufolge der Ge-
suchsteller bzw. die Gesuchstellerin. Gelangt die Behörde nach korrekter
Durchführung des Beweisverfahrens im Rahmen der freien Beweiswürdi-
gung nicht zur Überzeugung, dass die Voraussetzungen der erleichterten
Einbürgerung erfüllt sind, hat sie demnach so zu entscheiden, wie wenn
deren Nichtvorliegen erwiesen wäre (vgl. BVGE 2008/23 E. 4.m.H.). Ge-
genstand der behördlichen Überzeugung ist nicht die mehr oder weniger
hohe Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Sachverhalts, sondern sein tat-
sächliches Vorliegen. Dabei sind bloss abstrakte oder theoretische Zweifel,
die immer möglich sind, nicht massgebend. Es muss sich um begründete
Zweifel handeln, das heisst solche, die sich nach den gesamten Umstän-
den aufdrängen (vgl. Urteil des BVGer C-2390/2012 E. 4.3).
5.
Streitig und zu prüfen ist erster Linie die Frage, ob zwischen der Beschwer-
deführerin und ihrem Ehemann eine intakte und stabile eheliche Gemein-
schaft im Sinne von Art. 27 Abs. 1 Bst. c aBüG besteht:
5.1 Die Vorinstanz geht davon aus, dass die Beschwerdeführerin und ihr
Schweizer Ehemann keine stabile und intakte eheliche Gemeinschaft im
Sinne des Gesetzes führen. Diese Wertung stützt sie ausschliesslich auf
den Umstand, dass die Beschwerdeführerin gewerbsmässig der Prostitu-
tion nachgeht. Die Vorinstanz beruft sich in diesem Zusammenhang auf die
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Rechtsprechung des Bundesgerichts und des Bundesverwaltungsgerichts,
der sie zu entnehmen meint, dass der ehelichen Gemeinschaft im Sinne
des Gesetzes das traditionelle Bild der Ehe als einer ungeteilten, von Treue
und Beistand getragenen Geschlechtergemeinschaft zwischen Mann und
Frau zugrunde liege, und daher die eheliche Untreue oder jedenfalls die
gewerbsmässig ausgeübte Prostitution eine den gesetzlichen Anforderun-
gen genügende eheliche Gemeinschaft von vornherein ausschliesse. Aus
ihrer Sicht folgerichtig verzichtete die Vorinstanz auf eine gesamthafte Wür-
digung der ehelichen Situation der Beschwerdeführerin und lehnte ohne
weitere Beweiserhebungen die erleichterte Einbürgerung ab.
5.2 Die Rechtsauffassung der Vorinstanz ist unzutreffend. Zwar hat das
Bundesverwaltungsgericht wiederholt betont, dass die gewerbsmässig
ausgeübte Prostitution im Widerspruch steht zum traditionellen, trotz Wan-
dels der Moralvorstellungen immer noch gültigen Bild der Ehe als einer un-
geteilten, von Treue und Beistand getragenen Geschlechtergemeinschaft
zwischen Mann und Frau. Das heisst jedoch nicht, dass die gewerbsmäs-
sige Prostitution den Bestand einer stabilen und intakten ehelichen Ge-
meinschaft von vornherein ausschliesst. Das Bundesverwaltungsgericht
hat sich vielmehr dahingehend geäussert, dass die gewerbsmässige Pros-
titution die tatsächliche und damit widerlegbare Vermutung für das Fehlen
einer stabilen und intakten ehelichen Gemeinschaft begründet (BVGE
2016/32 E. 5.2.3 m.H., Urteile des BVGer C-4192/2012 vom 29.04.2013 E.
4.3, C-6690/2011 vom 23.12.2013 E. 4.2 und 5.5, C-7487/2006 vom
28.05.2008 E. 3.2 m.H.; vgl. auch Urteil des BGer 1C_324/2009 vom
16.11.2009). Diese Aussage ist insoweit zu präzisieren, als die tatsächliche
Vermutung eine Beweiserleichterung zugunsten der beweisbelasteten Par-
tei bezweckt, vorliegend jedoch die Beweislast ohnehin die gesuchstel-
lende Partei trifft (vgl. oben E. 4.2). Es ist daher zutreffender, von einem
gewichtigen Indiz zu sprechen, das geeignet ist, erhebliche Zweifel am Be-
stand einer intakten und stabilen Ehe zu wecken.
5.3 Ob nun die gewerbsmässige Ausübung der Prostitution eine tatsächli-
che Vermutung für das Nichtbestehen einer intakten und stabilen ehelichen
Gemeinschaft begründet oder als Indiz zu verstehen ist, das darauf hin-
deutet – im einen wie im anderen Fall stellt eine derartige Verhaltensweise
nur ein, wenn auch bedeutsames Element neben anderen dar, die in eine
gesamthafte Würdigung einzubeziehen sind. Die Rechtsprechung nennt
beispielhaft die Intensität der Tätigkeit im Rotlichtmilieu, die Art und Weise
des Kennenlernens der Ehegatten, den Altersunterschied zwischen ihnen,
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die Dauer der Ehe, die Existenz gemeinsamer Kinder und sonstige Aus-
prägungen der ehelichen Gemeinschaft (BVGE 2016/32 E. 5.2.3 m.H., Ur-
teile des BVGer C-4192/2012 vom 29.04.2013 E. 4.3 m.H., C-5145/2007
vom 14.04.2009 E. 4.2 m.H., C-7487/2006 vom 28.05.2008 E. 3.2 m.H.;
diese Rechtsprechung ist im Übrigen unter Ziff. 4.2.2.1 und 4.2.2.7 des An-
hangs II zum Handbuch Bürgerrecht für Gesuche bis 31.12.2017 darge-
stellt, online unter: www.sem.admin.ch > Publikationen & Service > Wei-
sungen und Kreisschreiben > V. Bürgerrecht, abgerufen am 09.04.2018).
Eine erleichterte Einbürgerung vermag die gewerbsmässige Ausübung der
Prostitution nur dann zu verhindern, wenn im Rahmen dieser gesamthaften
Würdigung begründete Zweifel an einer intakten und stabilen ehelichen
Gemeinschaft bestehen bleiben und auf weitere Abklärungen willkürfrei
verzichtet werden kann, weil von ihnen kein Erkenntnisgewinn zu erwarten
ist oder weil die gesuchstellende Person die ihr zumutbare Mitwirkung an
der Abklärung des Sachverhalts verweigert (vgl. oben E. 4.1).
5.4 Die Vorinstanz geht daher zu Unrecht davon aus, dass die gewerbs-
mässige Prostitution eine intakte und stabile eheliche Gemeinschaft im
Sinne von Art. 27 Abs. 1 Bst. c aBüG von vornherein ausschliesst. Als Folge
davon negierte sie ihren Bestand und lehnte das Gesuch um erleichterte
Einbürgerung ab. Eine gesamthafte Würdigung aller relevanten Umstände
des konkreten Einzelfalles im Hinblick auf den Zustand der ehelichen Ge-
meinschaft, in deren Rahmen die gewerbsmässige Prostitution nur ein,
wenn auch bedeutsames Indiz darstellt, wurde von der Vorinstanz nicht
durchgeführt. Erst recht nahm sie keine weiteren Abklärungen vor. Gestützt
auf die bestehende Beweislage scheint es jedoch durchaus möglich, dass
zwischen der Beschwerdeführerin und ihrem Ehemann trotz gewerbsmäs-
siger Prostitution eine intakte und stabile eheliche Gemeinschaft besteht
bzw. dass weitere Beweiserhebungen eine Klärung offener Fragen herbei-
führen können. Es ist etwa darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdefüh-
rerin nach eigenen Angaben seit Januar 2015 nicht mehr der Prostitution
nachgeht, ferner dass sie und ihr Ehemann zum Zeitpunkt der angefochte-
nen Verfügung bereits seit fast 10 Jahren verheiratet waren, die Eheleute
nach eigener, mit Fotographien belegter Darstellung in der Vergangenheit
regelmässig gemeinsame Ferien verbrachten und die von der Vorinstanz
eingeholten Referenzschreiben sowie die sonstigen Erkundigungen den
Standpunkt der Beschwerdeführerin zu stützen scheinen, dass sie mit ih-
rem Ehemann in einer intakten und stabilen ehelichen Gemeinschaft lebt.
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6.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht verletzt (Art. 49 VwVG). Indem die Vorinstanz von einem
rechtsfehlerhaft ausgelegten Begriff der „ehelichen Gemeinschaft“ im
Sinne von Art. 27 Abs. 1 Bst. c aBüG ausging, klärte sie den rechtserheb-
lichen Sacherhalt fehlerhaft bzw. unvollständig ab. Eine Prüfung weiterer
Voraussetzungen der erleichterten Einbürgerung unterblieb. Die Unterlas-
sungen erreichen qualitativ und quantitativ ein Ausmass, das es dem Bun-
desverwaltungsgericht verbietet, die Spruchreife des Falles selbst herbei-
zuführen. Die angefochtene Verfügung ist daher aufzuheben und die An-
gelegenheit zur integralen Abklärung des Sachverhalts und zum neuen
Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen. Dabei wird allfälligen neuen
Sachverhaltsentwicklungen namentlich hinsichtlich der Erwerbstätigkeit
der Beschwerdeführerin im Rotlichtmilieu und ihrer ehelichen Beziehung
Rechnung zu tragen sein. Die Vorinstanz wird dabei zu beachten haben,
dass die gewerbsmässig ausgeübte Prostitution – wie weiter oben ausführ-
lich dargelegt wurde – eine intakte und stabile ehelichen Gemeinschaft im
Sinne von Art. 27 Abs. 1 Bst. c aBüG nicht von vorherein ausschliesst, son-
dern nur ein (wenn auch gewichtiges) Indiz gegen ihren Bestand darstellt.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
7.
Bei diesem Verfahrensausgang sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG), und der Beschwerdeführerin ist für die ihr im
Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht erwachsenen notwendigen
und verhältnismässig hohen Kosten eine Parteientschädigung zu Lasten
der Vorinstanz zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG, Art. 7 Abs. 1 und 4 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Diese ist man-
gels einer Kostennote nach pflichtgemässem Ermessen auf Grund der Ak-
ten festzusetzen (Art. 14 Abs. 2 VGKE). In Beachtung des aktenkundigen
Aufwands sowie der Komplexität des Falles und in Anwendung der gesetz-
lichen Bemessungskriterien der Art. 8 ff. VGKE erscheint der Betrag von
Fr. 1‘600.- als angemessen. In diesem Betrag eingeschlossen ist der Mehr-
wertsteuerzuschlag nach Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE.
Dispositiv S. 11
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