Decision ID: cb9de0b4-a064-4ff8-bb56-95d6f36e6708
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1986 geborene
X._
, ohne Berufsausbildung
, seit dem 1.
Februar
2015 im
Rahmen eines
vorzeitigen Strafvollzug
s in der Justizvollzugsanstalt (JVA)
Y._
geschlossen untergebracht (
Urk.
5/10/1)
, war zuletzt bis 2013 als Sicherheitsfachmann bei der
Z._
angestellt (
Urk.
5/2/5
, Urk. 5/7
). Am 1
8.
Juni 2020 meldete er sich unter Hinweis auf eine Depression bei der
Sozial
versicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
, zum Leistungsbezug an (
Urk.
5/2).
Nach
ersten
Abklärungen
sowie
durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(
Urk.
5/12
f.) wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren mit Verfügung vom 2
1.
September 2020 ab (
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob
X._
am 2
8.
Oktober 2020 Beschwerde und be
antragte
im Wesentlichen
,
in Aufhebu
ng des angefochtenen Entscheids sei die Sache z
ur
Früherfassung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Zudem sei
festzustellen, dass eine
Rechtsverweigerung
vorliege
. In prozessualer Hinsicht ersuchte der Beschwerdeführer um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsver
tre
tung sowie Durchführung einer öffentlichen Verhandlung (
Urk.
1). Mit Beschwer
deantwort vom
4.
Januar 2021 schloss die Beschwerdegegnerin auf Nichtein
tre
ten bzw. Abweisung der Beschwerde, sowei
t darauf einzutreten sei (
Urk.
4
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Eine Verletzung von
Art.
29
Abs.
1
der Bundesverfassung (
BV
)
– sowie gegebe
nenfalls von
Art.
6
Ziff.
1
der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK,
BGE 130 I 174 mit Hinweisen) – liegt nach der Rechtsprechung unter anderem dann vor, wenn eine Gerichts- oder Verwaltungsbehörde ein Gesuch, dessen Erle
digung in ihre Kompetenz fällt, nicht an die Hand nimmt und behandelt. Ein solches Verhalten einer Behörde wird in der Rechtsprechung als formelle Rechts
verweigerung bezeichnet. Art. 29
Abs.
1 BV ist aber auch verletzt, wenn die zu
ständige Behörde sich zwar bereit zeigt, einen Entscheid zu treffen, diesen aber nicht binnen der Frist fasst, welche nach der Natur der Sache und nach der Ge
samtheit der übrigen Umstände als angemessen erscheint (sog. Rechtsverzö
ge
rung).
Für den Rechtsuchenden ist es unerheblich, auf welche Gründe – beispielsweise auf ein Fehlverhalten der Behörden oder auf andere Umstände – die Rechts
verweigerung oder Rechtsverzögerung zurückzuführen ist; entscheidend ist ausschliesslich, dass die Behörde nicht oder nicht fristgerecht handelt (SVR 2001 IV Nr. 24 S. 73 f. E. 3a und b, BGE 124 V 130, 117
Ia
116 E. 3a, 197 E. 1c, 103 V 190 E. 3c).
1.
2
Der Erlass einer Feststellungsverfügung setzt gemäss
Art.
49
Abs.
2
des Allge
meinen Teils des Sozialversicherungsgesetzes (
ATSG
)
– analog zu
Art.
25
Abs.
2 in Verbindung mit
Art.
5
Abs.
1
lit
. b
des Bundesgesetzes über das Verwal
tungs
verfahren (
VwVG
)
– ein schützenswertes Interesse voraus, worunter rechtspre
chungs
gemäss ein rechtliches oder tatsächliches und aktuelles Interesse an der sofortigen Feststellung des Bestehens oder Nichtbestehens eines Rechtsverhält
nisses zu verstehen ist, dem keine erheblichen öffentlichen oder privaten Inte
ressen entgegenstehen, und welches nicht durch eine rechtsgestaltende Verfü
gung gewahrt werden kann (BGE 129 V 289 E. 2.1, 126 II 300 E. 2c, 121 V 311 E. 4a). Nach der zu
Art.
25
Abs.
2
VwVG
ergangenen, auch auf
Art.
49
Abs.
2 ATSG anwendbaren Rechtsprechung des Bundesgerichts gilt das Erfordernis des schützenswerten Interesses auch für den Erlass von Feststellungsverfügungen, welche ein Hoheitsträger nicht auf Ersuchen, sondern von Amtes wegen (
vg
.
Art.
25
Abs.
1
VwVG
) erlässt (BGE 130 V 388 E. 2.4).
1.3
Zur Beschwerde ist berechtigt, wer durch den angefochtenen Entscheid berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung oder Änderung hat. Die Rechtsprechung betrachtet als schutzwürdiges Interesse im Sinne von
Art.
89
Abs.
1
lit
. c
des Bundesgesetzes über das Bundesgericht (
BGG
)
jedes praktische oder rechtliche Interesse, welches eine von einem Entscheid betroffene Person an dessen Änderung oder Aufhebung geltend machen kann. Das schutzwürdige Inte
resse besteht somit im praktischen Nutzen, den die Gutheissung der Beschwerde dem
Entscheidadressaten
verschaffen würde, oder – anders ausgedrückt – im Umstand, einen Nachteil wirtschaftlicher, ideeller, materieller oder anderweitiger Natur zu vermeiden, welchen der angefochtene Entscheid mit sich bringen würde. Das rechtliche oder auch bloss tatsächliche Interesse braucht somit mit dem Inte
resse,
das
durch die von der
beschwerdeführenden
Person als verletzt bezeichnete Norm geschützt wird, nicht übereinzustimmen. Immerhin wird verlangt, dass die Person durch den angefochtenen Entscheid stärker als jedermann betroffen sei und in einer besonderen, beachtenswerten, nahen Beziehung zur Streitsache stehe (BGE 133 V 188 E. 4.3.1, 239 E. 6.2; 131 II 361 E. 1.2; 131 V 298 E. 3; 130 V 560 E. 3.3).
1.4
Ein Interesse ist in der Regel nur dann schutzwürdig, wenn es sich nicht nur bei der Beschwerdeeinreichung, sondern auch noch im Zeitpunkt der Urteilsfällung als aktuell und praktisch erweist (BGE 123 II 285
, vgl. auch
Kieser
, ATSG-Kommentar,
4.
Auflage,
Art.
59 N 7
). Fällt das schutzwürdige Interesse im Laufe des Verfahrens dahin, ist die Beschwerde grundsätzlich als gegenstandslos abzu
schreiben; fehlt es schon bei der Beschwerdeeinreichung, ist auf die Eingabe nicht einzutreten (BGE 118
Ib
1 E. 2).
Zwischen dem schutzwürdigen Interesse im Sinne von
Art.
59 ATSG, welches bei der Legitimation zur Beschwerde massgebend ist und demjenigen, um eine Fest
stellungsverfügung zu verlangen, beste
ht Parallelität (vgl.
Kieser
, ATSG-Kom
mentar
,
4.
Auflage, 2020,
Art.
49 N 50)
.
1.
5
Nach
Art.
6
Ziff.
1 EMRK hat jedermann Anspruch darauf, dass seine Sache in billiger Weise öffentlich und innerhalb einer angemessenen Frist von einem unabhängigen und unparteiischen, auf Gesetz beruhenden Gericht gehört wird
(vgl. auch
§
24
des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVG
er
).
Das kantonale Gericht, welchem es primär obliegt, die Öffentlichkeit der
Verhandlung
zu gewährleisten, hat bei Vorliegen eines klaren und unmissverständlichen Par
teiantrages grundsätzlich eine öffentliche
Verhandlung
durchzuführen.
Von einer
ausdrücklich beantragten öffentlichen Verhandlung kann abgesehen werden, wenn sich ohne öffentliche Verhandlung mit hinreichender Zuverlässigkeit erkennen
lässt, dass eine Beschwerde offensichtlich unbegründet oder unzulässig ist
(
vgl.
Bundesgerichtsentscheid
8C_722/2019
vom 2
0.
Februar 2020, E
. 2.1 und 2.2 mit weiteren Hinweisen).
1.6
Die unentgeltliche Rechtspflege kann nur gewährt werden, wenn die Rechts
vor
kehr nicht aussichtslos ist. Als aussichtslos sind nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung Prozessbegehren anzusehen, bei denen die Gewinnaussichten (ex ante betrachtet) beträchtlich geringer sind als die Verlustgefahren und die deshalb kaum als ernsthaft bezeichnet werden können.
2.
2.1
Im angefochtenen Entscheid erwog die Beschwerdegegnerin, da sich der Be
schwerdeführer im vorzeitigen Strafvollzug befinde
,
bestehe k
ein Leistungsan
spruch;
entsprechend
seien
die
Abklärungen eingestellt
worden
(Urk. 2
).
2.2
Der Beschwerdeführer
begründete seine Beschwerde im Wesentlichen damit
, es
sei nur eine Frage der Zeit,
bis er [aus dem
Justizvollzug] entlassen werde,
wes
halb
eine Früherfassung
zufolge seiner Persönlichkeitsstörungen
v
on eminenter Be
deutung
sei
.
Mithin
ersuche er um «Wiedererwägung» der Früherfassung bzw. «Registrieru
ng mit voller Kognition» (
Urk.
1 S. 12 f.
).
3.
3.1
Zur Früherfassung einer versicherten Person werden gemäss Art. 3b
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (
IVG
)
der zuständigen IV-Stelle die Personalien und Angaben der versicherten Person und der meldenden Person od
er Stelle schriftlich gemelde
t
.
Die Früherfassung
begründet keine Rechte;
eben
so wenig besteht ein Rechtsanspruch
auf Massnah
men der Frühintervention
(
vgl.
Art.
7d
Abs.
3 IVG;
Meyer/
Reichmuth
, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG,
Art.
3a-3c N 1).
Von
«Rechtsverweigerung»
kann in diesem Kontext
nicht die Rede sein
.
Mithin
ist
mangels
Rechtsschutzinteresse
auf die Be
schwerde nicht einzutreten, soweit
der Beschwerdeführer
damit
beantragt,
es
sei
die
Rechtsver
weigerung festzustellen resp.
die Sache zwecks Früherfassung
im Sinne von
Art.
3b IVG
an die Beschwerdeführerin zurückzuweisen
(vgl.
Urk.
1 S. 12
f.
).
3.2
Soweit der Beschwerdeführer eine Feststellung
des Invaliditätsgrades (vgl.
Urk.
1 S.
1) resp.
der Invalidität (vgl.
Urk.
5/13) verlangt, fehlt es an einem aktuellen
und praktischen
Feststellungs- resp. Rechtsschutzinteresse
(vgl. E. 2
) und
ist
auf d
ie Beschwerde
nicht einzutreten
;
während de
r Dauer de
s
Justizvollzug
s
bleibt offensichtlich kein Raum für eine
invaliditäts
bedingte Arbeitsunfähigkeit
(
vgl.
Art. 8 Abs. 1 ATSG)
und fällt e
in Anspruch auf IV-Leistungen
von
Vornherein ausser Betracht.
Die aufgeworfenen Rechtsfragen sind
rein „vorsorglicher“ resp. hypothetis
c
her Natur und ohne (aktuelle) praktische Relevanz.
Als s
olche
können
sie
nicht zum Gegenstand eines Feststellungsurteils gemacht werden
(vgl.
Kies
er
, ATSG-Kommentar
Art.
59 N 14;
Urteile des Bu
ndesgerichts 5A_391/2013 vom 7.
November 2013
E
. 2.2,
5A_697/2013 vom 2
0.
Mai 2014
E
. 1.2
)
.
3.3
Da – wie unter E. 3.2 bereits gesagt – währen
d der Dauer des Justizvollzugs
ein An
spruch auf IV-Leistungen von Vornherein ausser Betracht fällt
, ist nicht zu beanstanden,
wenn
die Beschwerdegegnerin
die Abklärungen eingestellt und
das Leistungsbegehren
(
zur Zeit
)
abgewiesen hat.
Mit dem Entscheid der Beschwer
degegnerin in der Sache selbst (Verfügung vom
2
1.
September 2020,
Urk.
2), liegt auch unter diesem Titel keine Rechtsverweigerung vor und fehlt es auch dies
bezüglich an
einem Rechtsschutzinteresse; s
oweit
der Beschwerde
führ
er vorlie
gend IV-Leistungen beanspruchen wollte, ist die Beschwerde abzuweisen.
Zusammenfassend ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
4.
4.1
Da sich die vorliegende Beschwerde als
offensichtlich unbegründet
resp.
U
nzu
lässig
und damit aussichtslos erweist, ist
d
as
Gesuch um Bestellung eines
unent
gelt
lichen Rechtsvertreters in der Person von Rechtsanwalt/Rechtsanwältin Stepha
n Bernard, Thomas
Fingerhuth
oder
Gunhild
Godenzi
im vorliegenden Beschwe
rde
verfah
ren
zufolge Aussichtslosigkeit
abzuweisen.
Aus denselben Gründen
ist auch
von der Durchführung einer
öffentlichen V
erhandlung
abzusehen
(vgl.
Urk.
1 S. 1;
E. 1.
5
f.
).
4.2
Obschon das
Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über IV-Leistungen
vor dem kantonalen
Versicherungsgericht kostenpflichtig
ist
(
vgl.
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG
), ist auf
die Erhebung von Gerichtskosten umständehalber vorliegend
zu verzichten
(
§
33
Abs.
3
GSVG
er
, in der seit 1. Juni 2020 geltenden Fassung
)
.