Decision ID: fca63247-d35a-4de3-92a8-756f255f1730
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1975, ist deutscher Staatsangehöriger und zog im Jahr 2007 in die Schweiz (vgl. die Sachverhaltsdarstellung in der Einsprache vom 1
6.
Februar 2021,
Urk.
7/4 S. 1). Hier war
er
zunächst bei der
Group
e
Mutuel
für die Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung versichert. Per
1.
Januar 2019 schloss er
bei der
Globality
S
.A. mit Sitz in Luxemburg die private Versicherung
Globality
CoGenio
® Top ab (vgl. die Unterlagen hierzu in
Urk.
3/2+3,
Urk.
7/2/2-4 und
Urk.
7/6)
und
kündigte in diesem Zusammenhang die Versicherung bei der
Groupe
Mutuel
per
Ende 2018 (vgl. die E-Mail-Korre
spondenz vom 2
9.
November
2018,
Urk.
3/4).
Am 2
7.
April 2020 stellte
X._
bei der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich unter Hinweis auf seine Versicherung bei der
Globality
S.A. ein Gesuch um Befreiung vom schweizerischen
Krankenversicherungsobligatorium
und brachte hierzu vor, die
Groupe
Mutuel
habe seine Kündig
ung akzeptiert, die Stadt Y._
, in die er per
1.
April 2020 übersiedelt sei (vgl.
die Wohnsitzbestä
tigung in
Urk.
7/2/5)
,
anerkenne jedoch die
Versicherung bei der
Globality
S.A.
nicht als Krankenpflegeversicherung im Sinne de
s schweizerischen
O
bligato
riums
(
Urk.
7/1 und
Urk.
7/2/1
).
Mit Verfügung vom 1
5.
Januar
2021 wies die Gesundheitsdirektion das Befrei
ungsgesuch ab (
Urk.
7/3).
X._
erhob mit E-Mail vom 16.
Februar 202
1
Einsprache (
Urk.
7/4)
,
worauf sich die Gesundheitsdirektion von ihm zu
sätzliche Unterlagen zustellen liess (
Urk.
7/
5-7) und von der
Groupe
Mutuel
eine Auskunft zur Beendigung des Versicherungsverh
ältnisses mit ihm
einholte (E
Mails vom 2
9.
November und vom 1
0.
Dezember 2021,
Urk.
7/9+10; Telefon
notiz vom 1
3.
Dezember
2021,
Urk.
7/11). Mit
Entscheid vom 14.
Dezember
2021 wies die Gesundheitsdirektion die Einsprache ab (
Urk.
2 =
Urk.
7/12).
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom 1
4.
Dezember
2021 erhob
X._
mit Eingabe vom 2
3.
Januar 2022 Beschwerde m
i
t dem sinngemässen An
trag
, seinem Befreiungsgesuch sei stattzugeben (
Urk.
1). Die Gesundheits
direktion erstattete am
2.
März 2022 die Beschwerdeantwort und beantragte, die Be
schwerde sei abzuweisen (
Urk.
6). Mit Verfügung vom 1
0.
März 2022 wurde der Beschwerdeführer von der Beschwerdeantwort und den damit eingereichten Un
terlagen (
Urk.
7/1-14) in Kenntnis gesetzt.
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Gegenstand des angefochtenen
Einspracheentscheids
ist die Frage der Befreiung des Beschwerdeführers vom schweizerischen
Krankenversicherungsobligatorium
in der Zeit ab dem
1.
Januar 2019.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht ist vorab darauf hinzuweisen, dass rechtspre
chungsgemäss eine Eingabe mit einfachem E-Mail die Anforderungen an eine rechtsgültige Einsprache- oder Beschwerdeschrift mangels eigenhändiger Unter
schrift oder elektronischer Signatu
r nicht zu erfüllen vermag (vgl. BGE 142 V 152
E. 2). Im Widerspruch zu dieser Rechtslage
wies die Beschwerdegegnerin aller
dings in der Rechtsmittelbelehrung
der Verfügung vom 1
5.
Januar 2021
explizit auf die Möglichkeit hin, entweder auf dem Postweg oder aber per E-Mail Ein
sprache zu erheben, und stellte für die Einreichung der Einsprache per E-Mail sogar die eigens dafür konzipierte Adresse «
kvgeinsprachen@gd.ch
» zur Verfü
gung
(
Urk.
7/3
S. 2; vgl. auch die Telefonnotiz vom
8.
März 2022,
Urk.
8)
.
Unter diesen Umständen durfte der Beschwerdeführer darauf vertrauen, mit der
Ein
spracheerhebung
per E-Mail den
formellen Anforderungen zu
genügen.
Da er das E-Mail vom 1
6.
Februar 2021 zudem rechtzeitig innert der 30-tägigen Frist ver
sandte, nachdem ihm die Verfügung vom 1
5.
Januar
2021 am 1
8.
Januar
2021 zugestellt worden war (vgl. die Sendungsverfolgungsdaten der Post in
Urk.
7/8)
, besteht für das Gericht kein Anlass, den angefochtenen
Einspracheentscheid
in
folge mangelhafter Einsprache aufzuheben, sondern er ist im Folgenden auf seine materielle Rechtmässigkeit hin zu überprüfen.
2.
2.1
Der Beschwerdeführer ist deutscher Staatsangehöriger und lebt seit dem Jahr 2007 in der Schweiz. Es liegt somit
ein Sachverhalt vor, der
in persönlicher Hin
sicht
vom Personenfreizügigkeitsabkommen (Abkommen vom 2
1.
Juni 1999 zwi
schen der Schweizerischen Eidgenossenschaft einerseits und der Europäi
schen Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaaten andererseits über die Freizügig
keit [FZA]) erfasst ist.
Anhang II des FZA erklärt ausserdem die
Verord
nung (E
G)
Nr.
883/2004 vom 29. April
2004 zur Koordinierung der Systeme der sozia
len Sicherheit (VO 883/2004) und die
Verordnung (EG) Nr. 987/2009
vom 1
6.
September
2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung der VO
883/2004
(
VO 987/2009
) als anwendbar.
In sachlicher Hinsicht s
ind das FZA und die VO 883/2004 ebenfalls anwendbar, da Leistungen bei Krankheit im Sinne von
Art.
3 Abs. 1
li
t
. a der Verordnung
zur Diskussion stehen.
Damit ist nach den Regeln in Art. 11 ff. VO 883/2004 das anwendbare Landes
recht festzulegen. Nach dem Grundsatz in Art. 11 Abs. 1 VO 883/2004 unter
liegen Personen, für welche die Verordnung gilt, den Rechtsvorschriften nur eines Mitgliedstaats. Nach Art. 11 Abs. 3
lit
. a VO 883/2004 sind dies für Personen, die in einem Mitgliedsta
at eine Beschäftigung oder selbständige Erwerbs
tätigkeit ausüben, die Rechtsvorschriften dieses Mitgliedstaates.
Des Weiteren werden in
Art.
13 VO 883/2004
Regeln für die Bestimmung des anwendbaren Rechts bei
erwerblicher Tätigkeit in mehr als einem Mitgliedstaat aufgestellt.
Der Beschwerdeführer war gemäss
seinen Vorbringen
im Befreiungsgesuch und in der
Einspracheschrift
in der Schweiz zunächst als Arbeitnehmer tätig und nahm hier im Jahr 2018 eine selbständige Erwerbstätigkeit auf (
Urk.
7/2/1 und
Urk.
7/4). Seiner Angabe im Antragsformular zufolge spielte sich seine Erwerbs
tätigkeit zudem in der zur Diskussion stehenden Zeit ab dem
1.
Januar 2019 ausschliesslich in der Schweiz
ab
.
Dies führt gestützt auf
Art. 11 Abs. 3
lit
.
a VO
883/2004
zur Anwendbarkeit des schweizerischen Rechts, was nicht um
stritten ist.
2.2
Art. 3 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG) schreibt vor, dass sich jede Person mit Wohnsitz in der Schweiz innert drei Monaten nach der
Wohnsitznahme
oder der Geburt in der Schweiz für Krankenpflege versichern oder von ihrem gesetzlichen Vertreter beziehungsweise ihrer gesetzlichen Vertre
terin versichern lassen muss. Der Wohnsitz bestimmt sich nach Art. 23-26 des Zivilgesetzbuches (ZGB; Art. 13 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG] und Art. 3 Abs.
1 KVG); die versiche
rungspflichtigen Personen
können
nach
Art.
4 KVG
unter den Versicherern, die nach dem
Bundesgesetz betreffend die Aufsicht über die soziale Krankenversi
cherung (Krankenversicherungsaufsichtsgesetz, KVAG) eine
Bewilligung zur Durchführung der sozialen Krankenversicherung haben, frei wählen.
Gestützt auf die Kompetenzübertragung in Art. 3 Abs. 2 KVG hat der Bundesrat in
Art.
2
Abs.
2-8 der Verordnung über die Krankenversicherung (KVV)
in einer abschliessenden Aufzählung (vgl.
Eugster
, Krankenversicherung, in: Schweizeri
sches Bundesverwaltungsrecht [SBVR],
3.
Auflage, Basel 2016,
S. 423
Rz
46)
für verschiedene Personenkategorien die Möglichkeit geschaffen, auf Gesuch hin vom
Versicherungsobligatorium
befreit zu werden. Dazu gehören Personen,
die nach dem Recht eines Staates, mit dem keine Regelung über die Abgrenzung der Versicherungspflicht besteht, obligatorisch krankenversichert sind, sofern der Einbezug in die schweizerische Versicherung für sie eine
Doppelbelastung bedeu
ten würde (
Art.
2
Abs.
2 KVV), Personen, die sich im Rahmen einer Aus- oder
Weiterbildung in der Schweiz aufhalten (
Art.
2
Abs.
4 KVV),
i
n die Schweiz ent
sandte Arb
eitnehmer und Arbeitnehmerinnen (
Art.
2
Abs.
5 KVV), Personen, die in einem Mitgliedstaat der Europäischen Union wohnen und nach dem Freizü
gigkeitsabkommen sowie seinem Anhang II von der Versicherungspflicht befreit werden können (
Art.
2
Abs.
6 KVV), und Personen,
die über eine
Aufenthaltsbe
willigung für Pers
onen ohne Erwerbstätigkeit nach dem Freizügigkeitsabkommen
oder dem EFTA
-Abkommen verfügen (
Art.
2 Abs.
7 KVV). Schliesslich können nach
Art.
2
Abs.
8 KVV
Personen auf Gesuch hin von der
Versicherungspflicht
befreit werden,
für die
eine Unterstellung unter die schweizerische Versicherung eine klare Verschlechterung des bisherigen Versicherungsschu
tzes oder der bis
herigen Kosten
deckung zur Folge hätte und die sich auf Grund ihres Alters und/oder ihres Gesundheitszustandes nicht oder nur zu kaum tragbaren Bedin
gungen im bisherigen Umfang zusatzversichern könnten.
Dabei kann die
betref
fende Person die Befreiung oder einen Verzicht auf die Befreiung ohne besonde
ren Grund nicht widerrufen.
3.
3.1
Unter den Parteien ist nicht strittig, dass der Beschwerdeführer mit seinem Zuzug in die Schweiz im Jahr 2007 hier Wohnsitz im Sinne von
Art.
23
Abs.
1 ZGB begründete. Die grundsätzliche Versicherungspflicht des Beschwerdeführers nach
Art.
3
Abs.
1 KVG ist dementsprechend nicht in Frage gestellt, sondern dieser anerkannte sie in der Einsprache ausdrücklich (
Urk.
7/4 S. 1)
, brachte jedoch vor,
er
sei der Auffassung gewesen, der schweizerischen Versicherungspflicht mit dem Abschluss der Versicherung bei der
Globality
S.A. nachgekommen zu sein (Urk.
1 S. 1,
Urk.
7/2/1,
Urk.
7/4 S. 1).
Dass es sich bei der
Globality
S.A. um keinen Versicherer handelt, der im Sinne von
Art.
4 KVG
über eine Bewilligung
zur Durchführung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung nach KVG verfügt, steht fest und wurde vom Be
schwerdeführer ebenfalls anerkannt.
Der Beschwerdeführer muss somit einen der Befreiungstatbestände in
Art.
2
Abs.
2-8 KVV erfüllen, damit er davon absehen kann, sich zusätzlich zur Versicherung bei der
Globality
S.A. oder anstelle dieser Versicherung bei einer schweizerischen Krankenkasse für die Leistungen nach KVG zu versichern.
3.2
Unbestrittenermassen fällt d
er Beschwerdeführer in keine der Personenkatego
rien, die in
Art.
2
Abs.
2-7 KVV aufgezählt sind, sondern in Betracht kommt ein
zig der Befreiungstatbestand nach
Art.
2
Abs.
8 KVV
.
Der Beschwerdeführer hielt die Voraussetzungen für eine Befreiung gestützt auf
Art.
2
Abs.
8 KVV für erfüllt und führte hierzu aus, seine Versicherung bei der
Globality
S.A
. gewähre ihm Leistungen, die weit über diejenigen nach dem KVG hinausgingen, und er habe wegen gesundheitlicher Schwierigkeiten nicht die Möglichkeit, eine Versicherung nach KVG durch eine Zusatzversicherung zu er
gänzen, die ihm einen Versicherungsschutz biete, der demjenigen bei der
Globality
S.A. ebenbürtig sei (
Urk.
1,
Urk.
7/2/1,
Urk.
7/4).
3.3
Wie die Beschwerdegegnerin im ang
e
fochtenen
Eins
pracheentscheid
festhielt (Urk.
2 S. 2 f.), ist d
er Befreiungstatbestand nach
Art.
2
Abs.
8 KVV für die Kon
ste
llation konzipiert, dass eine Person
bereits bei Eintreten des Sachverhalts, der zur Unterstellung unter das schweizerische
Krankenversicherungsobligato
rium
führt,
über einen privaten
Versicherungsschutz verfügt,
der die Leistungen nach KVG ü
bertrifft und dessen Aufgabe zu einer
klaren Verschlechterung führen würde. D
ieses Erfordernis ergibt sich
aus der Formulierung, dass die
Unterstellung
unter die schweizerische Versicherung eine Verschlechterung des
bisherigen
Ver
sicherungsschutzes bewirken muss,
und es wird ergänzt durch die Klausel,
dass
die Befreiung, aber auch der Verzicht auf die Befreiung ohne besonderen Grund nicht widerrufen werden können.
Der vorliegend zur Diskuss
ion stehende Sachverhalt fällt indessen nicht unter diese Konstellation, da der Beschwerdeführer
die Versicherung bei der
Globality
S.A. erst abschloss, nachdem er bereits während mehrerer Jahre bei einer schwei
zerischen Krankenkasse für die Leistungen der obligatorischen Krankenpflegever
sicherung nach KVG versichert gewesen war. Es galt in seinem Fall somit nicht, einen Besitzstand zu wahren, den er bereits vor seiner Unterstellung unter das schweizerische
Versicherungsobligatorium
erworben hatte.
Damit hat die Be
schwerdegegnerin die V
oraussetzungen nach
Art.
2 Abs.
8 KVV für eine Befrei
ung des Beschwerdeführers vom
Versicherungsobligatorium
zu Recht als nicht gegeben beurteilt.
3.4
Soweit der Beschwerdeführer geltend machte, er sei falsch informiert worden, indem der
ehemalige
Krankenversicherer
Groupe
Mutuel
seine Kündigung per E
nde 2018 akzeptiert habe und die frühere
Wohngemeinde
Z._
die Einhaltung des schweizerischen
Versicherungsobligatoriums
nicht kontrolliert habe
(
Urk.
1 S. 1,
Urk.
7/2/1,
Urk.
7/4 S. 2), so
lässt es die Rechtsprechung unter bestimmten Voraussetzungen zwar zu, dass eine
Person
im Falle einer unrichtigen behördlichen Auskunft oder der Unterlassung einer
gebotenen
Auskunft
zum Schutz ihres Vertrauens abweichend von der materiellen Rechtsl
age behandelt wird (vgl. BGE
143 V 341
E
. 5.2.1
)
.
Vorliegendenfalls
steht allerdings
kein irre
führendes Verhalten
der Beschwerdegegnerin
zur Diskussion, sondern vielmehr
ein
solches
der K
rankenkasse und der Gemeinde. Ein allfälliger Vertrauensschutz ist daher nicht über die Befreiung vom
Versicherungsobligatorium
- nur dafür ist die Beschwerdegegnerin zuständig - zu gewährleisten. Andere Vorkehren des Vertrauensschutzes, wie etwa der Verzicht auf
die Nachforderung der Prämien aus der nicht ordentlich beendeten obligatorischen Krankenpflegeversicherung bei de
r
Groupe
Mutuel
(vgl.
Urk.
2 S.
3 f.,
Urk.
6 S. 3) oder die Wiederinkraftset
zung allfällig gekündigte
r Zusatzversicherungen, fallen indessen nicht in die Kompetenz
der Beschwerdegegnerin und sind daher nicht Gegenstand des vorlie
genden Verfahrens.
3.5
Diese Erwägungen führen zur Abweisung der Beschwerde.