Decision ID: f29597b3-40e0-50dd-908b-ad2fc7a4453d
Year: 2014
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._, c/o B._,
Beschwerdeführer,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons
St. Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Entlassung aus der Versicherungs- und Beitragspflicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a A._, bezahlte - soweit ersichtlich - seit spätestens 1988 persönliche AHV/IV/EO-
Beiträge an die Ausgleichskasse des Kantons St. Gallen (act. G 9.48). Am 7. Mai 2013
verfügte diese die Entlassung von A._ aus der Versicherungs- und Beitragspflicht
rückwirkend ab 1. Januar 2003. Zur Begründung führte sie aus, anlässlich einer
Nachfrage bei der Gemeinde C._ sei im Nachhinein festgestellt worden, dass A._
zu Unrecht als Nichterwerbstätiger bei ihr unterstellt gewesen sei. Die Gemeinde C._
habe mitgeteilt, er habe seinen Wohnsitz bereits 19_ ins Ausland verlegt. Mit dem
Wegzug ins Ausland habe er den Lebensmittelpunkt verlegt. Er erfülle daher seit der
Erfassung als Nichterwerbstätiger ab 1. Januar 1984 keine obligatorische
Versicherungsvoraussetzung in der AHV/IV. Die ab 2003 bezahlten Beiträge würden
zurückbezahlt, was im Rahmen der 10-jährigen Verjährungsfrist ab zu Unrecht
geleisteter Zahlung zulässig sei (act. G 9.19).
A.b Dagegen liess A._ am 20. Mai 2013 vorsorglich Einsprache erheben (act.
G 9.22), die er am 20. Juni 2013 ergänzend begründete. Er brachte vor, von 1979 und
vor 1984 sei er in D._ gemeldet gewesen, wo ihm vom Lohn als Angestellter die AHV-
Beiträge abgezogen worden seien. 1984 sei seine AHV-Mitgliedschaft als
nichterwerbstätiger Weltenbummler im Einvernehmen mit der C._ AHV-Behörde
erfasst worden. Er habe seine AHV/IV/EO-Beiträge immer nach dem Grundsatz von
Treu und Glauben einbezahlt. Er habe bis 1984 und auch in den nachfolgenden Jahren
nie einen Wohnsitz oder eine Niederlassung in irgendeinem Ausland begründet. Ferner
habe er weiterhin Steuern sowie Krankenkassenprämien in der Schweiz bezahlt. Er
habe bei seiner Mutter und bei seiner Schwester gewohnt, kurz vorbeigeschaut und sei
dann wieder weggegangen. Zwischen seinen Reisen sei er immer wieder kurz in die
Schweiz zurückgekehrt und habe seine Planungen für die nachfolgende Reise
ausgeführt. 2003 habe er erstmals in seinem Leben einen offiziellen und legalen
Wohnsitz in E._ genommen. C._ sei weiterhin sein heimatlicher Stützpunkt. Die
Beamtin der schweizerischen Botschaft in F._ habe bei der Klärung der
Heiratsformalitäten gesagt: "Herr A._, Sie müssen noch AHV haben", worauf er
freundlich und stolz erwidert habe: "Ich habe schon AHV in C._". Die Beamtin habe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hierzu abschliessend gesagt: "Dann ist das alles in Ordnung." Dies zeige, dass keine
AHV-rechtliche Orientierung in der Botschaft stattgefunden habe, insbesondere auch
nicht bezüglich der freiwilligen Versicherungsmöglichkeit (act. G 9.29; vgl. auch E-Mail
vom 4. Juni 2013, act. G 4.25).
A.c In Würdigung der Vorbringen von A._ gelangte die zuständige Sachbearbeiterin
zur Auffassung, dass jener spätestens ab dem Jahr 2003 nicht mehr Wohnsitz in C._,
sondern in E._ habe. Damit sei der Ausschluss aus der AHV/IV/EO-Beitragspflicht für
Nichterwerbstätige (Weltreisender) zumindest ab dem Jahr 2003 gegeben (act. G 9.31).
Mit Entscheid vom 22. Juli 2013 wies die Ausgleichskasse die Einsprache ab.
Hinsichtlich des von A._ geschilderten Vorgangs auf der Botschaft führte sie aus, ob
diese ihre Pflichten korrekt wahrgenommen habe, könne an dieser Stelle nicht mehr
geprüft werden. Die Aussagen des Einsprechers liessen jedoch darauf schliessen, dass
die in der Einsprachebegründung erwähnte Botschaftsmitarbeiterin davon habe
ausgehen dürfen, dass die AHV/IV/EO-Angelegenheit bereits in der Schweiz vor der
Abreise geregelt worden sei, habe sie doch den Einsprecher explizit auf die
Problematik angesprochen. Dass dieser mangels Mitteilung der Wohnsitzverlegung ins
Ausland an ein zuständiges Amt in der Schweiz noch als obligatorisch versichert
angesehen worden sei, habe die Botschaftsmitarbeiterin wohl kaum erahnen können
(act. G 9.33).
B.
B.a Gegen den Einspracheentscheid vom 22. Juli 2013 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 6. September 2013. Der Beschwerdeführer beantragt darin
sinngemäss dessen Aufhebung. Die Begründung lautet im Wesentlichen ähnlich wie
diejenige der Eingabe vom 20. Juni 2013 (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt am 7. Oktober 2013 unter Verweis auf die
Erwägungen des Einspracheentscheids die Abweisung der Beschwerde (act. G 6).
B.c Am 4. März 2014 nimmt der Beschwerdeführer Stellung zu den von der
Beschwerdegegnerin edierten Akten. Er bringt vor, er habe nicht nur von 1984 bis 2003
nie einen Wohnsitz im Ausland begründet, sondern auch nach seiner Eheschliessung in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
E._. Er sei weiterhin auf Reisen gewesen und die Reiserei habe eigentlich erst mit der
internationalen Finanzkrise perpetuell an Schwung verloren. Er sei bloss
vorübergehend in F._ (act. G 16).
B.d Die Beschwerdegegnerin hat die Frist für eine Stellungnahme unbenützt
verstreichen lassen (act. G 17).

Erwägungen:
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist die Rechtmässigkeit
des per 1. Januar 2003 angeordneten Ausschlusses aus der obligatorischen AHV/IV/
EO-Versicherung.
1.1 Gemäss Art. 1a Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10) sind u.a. die natürlichen Personen mit
Wohnsitz in der Schweiz obligatorisch versichert. Nichterwerbstätige Versicherte
bezahlen einen Beitrag nach ihren sozialen Verhältnissen (Art. 10 Abs. 1 Satz 1 AHVG).
Die Beiträge werden für jedes Beitragsjahr festgesetzt. Als Beitragsjahr gilt das
Kalenderjahr (Art. 29 Abs. 1 der Verordnung über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung [AHVV; SR 831.101]). Die Beiträge bemessen sich
aufgrund des im Beitragsjahr erzielten Renteneinkommens und des Vermögens am
31. Dezember (Art. 29 Abs. 2 Satz 1 AHVV). Die kantonalen Steuerbehörden ermitteln
das für die Beitragsbemessung massgebende Vermögen auf Grund der
entsprechenden rechtskräftigen kantonalen Veranlagung (Art. 29 Abs. 3 Satz 1 AHVV).
1.2 Wer nicht geschuldete Beiträge entrichtet, kann sie von der Ausgleichskasse
zurückfordern (Art. 41 Satz 1 AHVV). Vorbehalten bleibt die Verjährung gemäss Art. 16
Abs. 3 AHVG (Art. 41 Satz 2 AHVV). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
findet die absolute Verwirkungsnorm gemäss Art. 16 Abs. 3 AHVG, wonach "zuviel
bezahlte Beiträge" an Beitragspflichtige nach fünf Jahren nicht mehr rückzahlbar sind,
keine Anwendung auf ungeschuldete Zahlungen Nichtversicherter. Dies bedeutet, dass
diese Zahlungen von der Behörde im Rahmen der allgemeinen Verjährungsfrist von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zehn Jahren zurückzuerstatten und insoweit nicht rentenbildend sind (BGE 97 V 144
und 127 V 210 f. E. 1a mit weiteren Hinweisen).
2.
Vorab ist die Frage zu beantworten, ob die Voraussetzungen für eine Wiedererwägung
der in Rechtskraft erwachsenen Beitragsverfügungen für die Jahre 2003 bis 2013 (act.
G 9.4 ff.) erfüllt sind.
2.1 Der Versicherungsträger kann nach Art. 53 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) auf formell
rechtskräftige Verfügungen zurückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und
wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist. Die nachträgliche Aberkennung
der Versicherteneigenschaft bedarf grundsätzlich eines Rückkommenstitels
(Wiedererwägung, prozessuale Revision; Art. 53 Abs. 1 und 2 ATSG), es sei denn, die
beantragte Unterstellung verstosse gegen das Rechtsmissbrauchsverbot nach Art. 2
Abs. 2 des Schweizerischen Zivilgesetzbuchs (ZGB; SR 210). Ein Rechtsmissbrauch ist
von der Beschwerdegegnerin weder geltend gemacht worden noch ergeben sich
hierfür Hinweise aus den Akten.
2.2 Die Wiedererwägung dient der Korrektur einer anfänglich unrichtigen
Rechtsanwendung einschliesslich unrichtiger Feststellung im Sinn der Würdigung des
Sachverhalts. Das Erfordernis der zweifellosen Unrichtigkeit ist in der Regel erfüllt,
wenn eine Verfügung aufgrund falsch oder unzutreffend verstandener Rechtsregeln
erfolgt ist oder wenn massgebliche Bestimmungen nicht oder unrichtig angewandt
wurden. Zweifellos ist die Unrichtigkeit, wenn kein vernünftiger Zweifel daran möglich
ist, dass die Verfügung unrichtig war. Es ist nur ein einziger Schluss - derjenige auf die
Unrichtigkeit der Verfügung - denkbar (Urteil des Bundesgerichts vom 23. November
2012, 8C_368/2012, E. 2.2).
2.3 Die Beschwerdegegnerin hat sich bislang nicht näher mit der Frage nach der
Zulässigkeit des Rückkommens auf die rechtskräftigen Beitragsverfügungen
auseinandergesetzt. Aus der Begründung des angefochtenen Einspracheentscheids
lässt sich indessen entnehmen, dass sie davon ausgeht, der Beschwerdeführer habe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gemäss seinen eigenen Angaben seit 2003 Wohnsitz in E._ und die den
Beitragsverfügungen der Jahre 2003 bis 2013 zugrunde liegende Annahme, der
Beschwerdeführer habe Wohnsitz in der Schweiz gehabt, sei zweifellos unrichtig. Was
die Beitragsverfügung für das Jahr 2003 vom 31. Januar 2003 anbelangt, gilt es zu
beachten, dass der Beschwerdeführer in der E-Mail vom 4. Juni 2013 ausführte,
"anschliessend" an seine Eheschliessung habe er Wohnsitz in E._ genommen (act.
G 9.25-2), wobei sich weder der genaue Zeitpunkt der Eheschliessung noch derjenige
der Wohnsitznahme aus den Akten ergibt.
2.4 Laut Art. 13 Abs. 1 ATSG in Verbindung mit Art. 23 Abs. 1 und 2 ZGB befindet
sich der Wohnsitz einer Person an dem Ort, wo sie sich mit der Absicht des dauernden
Verweilens aufhält, wobei niemand an mehreren Orten zugleich seinen Wohnsitz haben
kann. Der einmal begründete Wohnsitz einer Person bleibt bestehen bis zum Erwerb
eines neuen Wohnsitzes (Art. 24 Abs. 1 ZGB). Das Bundesgericht hat bereits
verschiedentlich festgehalten, dass als Wohnsitz einer Person der Ort gilt, an dem sich
faktisch der Mittel- oder Schwerpunkt (BGE 97 II 3 E. 3) ihrer Lebensinteressen
befindet. Dieser bestimmt sich nach der Gesamtheit der objektiven, äusseren
Umstände, aus denen sich die Interessen erkennen lassen. Dabei kommt es nicht auf
den inneren Willen, sondern darauf an, auf welche Absicht die erkennbaren Umstände
objektiv schliessen lassen (BGE 133 V 312 E. 3.1 mit Hinweisen).
2.5
2.5.1 Im Einspracheverfahren führte der Beschwerdeführer aus, "ich hatte bis
2003 nie einen neuen Wohnsitz im Ausland erworben", "ich bin seit 10 Jahren
Auslandschweizer mit Wohnsitz in F._", "anschliessend an meine Eheschliessung
habe ich Wohnsitz in E._ genommen" (act. G 9.25-2), "2003 habe ich erstmals in
meinem Leben einen offiziellen und legalen Wohnsitz im Ausland angenommen" (act.
G 9.29-1). Diese Angaben des Beschwerdeführers bilden ein wichtiges Indiz für die
Verlagerung des Wohnsitzes im Jahr 2003, auch wenn er im Beschwerdeverfahren
nachträglich hinsichtlich der Wohnsitznahme in E._ eine davon abweichende
Auffassung vertritt (act. G 1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.5.2 Entscheidend ist weiter, dass die sozialen Bindungen ihren Schwerpunkt in
E._ haben. Der Beschwerdeführer heiratete 2003 eine F._in (act. G 9.29-2) und hält
sich - wenn auch unterbrochen durch die geltend gemachte rege Reisetätigkeit - in
E._ auf (siehe auch die Aussage "ganz normal als anstaendiger Mensch in E._
lebend"; act. G 9.29-1; "Und meine Frau und ich, wir sind jetzt in E._, global vernetzt
und uebermorgen woanders", act. G 1, S. 4). Dort wohnt er im Hotel der Familie seiner
Ehegattin (act. G 16, S. 3). Als Hausmann in E._ beschäftige er sich vor allem mit
Haushalten etc. (act. G 9.29-2; siehe auch act. G 9.25-3). Weder aus den Akten noch
aus den Angaben des Beschwerdeführers ergeben sich ferner Hinweise für bedeutende
wirtschaftliche oder soziale Bindungen in der Schweiz, die der Annahme der
Verlagerung des Wohnsitzes nach E._ entgegenstünden.
2.5.3 Hinzu kommt, dass der Beschwerdeführer gemäss eigener Darstellung
lediglich bis ins Jahr 2003 in der Schweiz obligatorisch krankenversichert gewesen ist
("auch Kranken-Kassen Gebuehren von 1984 bis 2003 nachweislich bei G._ [...]
bezahlt". Auch sei dort bei letztwöchiger Nachfrage bestätigt worden, "mich jederzeit
wieder willkommen aufzunehmen"; act. G 9.25-2; zur in E._ bestehenden
Krankenversicherung siehe act. G 1, S. 3). Des Weiteren ist aus dem Vorbringen des
Beschwerdeführers, er habe in C._ zwischen 1984 und 2003 nachweislich auch
Steuern bezahlt (act. G 9.25-2), zu schliessen, dass seither keine Steuerpflicht mehr in
der Schweiz bestanden hat (vgl. auch die erwähnte Rechnung des "Notars" aus dem
Jahr 2004 für "AHV- und Steuerabklaerung", act. G 9.25-2).
2.6 Insgesamt ist deshalb davon auszugehen, dass sich der Schwerpunkt der
persönlichen Lebensinteressen des Beschwerdeführers nach der Eheschliessung im
Jahr 2003 von C._ nach E._ verlagert hat, weshalb er danach zu Unrecht
obligatorisch versichert war und die danach ergangenen Beitragsverfügungen
zweifellos unrichtig und einer Wiedererwägung zugänglich sind, zumal deren
Berichtigung auch von erheblicher Bedeutung ist.
3.
Der Beschwerdeführer macht weiter geltend, er habe anlässlich der Eheschliessung in
der schweizerischen Botschaft im Jahr 2003 eine falsche bzw. unvollständige Auskunft
erhalten (act. G 1, S. 5).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 Abgeleitet aus dem Grundsatz von Treu und Glauben (Art. 9 der
Bundesverfassung [BV; SR 101]), der den Bürger und die Bürgerin im berechtigten
Vertrauen auf behördliches Verhalten schützt, können falsche Auskünfte von
Verwaltungsbehörden unter bestimmten Voraussetzungen eine vom materiellen Recht
abweichende Behandlung der rechtsuchenden Person gebieten. Gemäss
Rechtsprechung und Doktrin ist dies der Fall, 1. wenn die Behörde in einer konkreten
Situation mit Bezug auf bestimmte Personen gehandelt hat; 2. wenn sie für die
Erteilung der betreffenden Auskunft zuständig war oder wenn die rechtsuchende
Person die Behörde aus zureichenden Gründen als zuständig betrachten durfte;
3. wenn die Person die Unrichtigkeit der Auskunft nicht ohne weiteres erkennen
konnte; 4. wenn sie im Vertrauen auf die Richtigkeit der Auskunft Dispositionen
getroffen hat, die nicht ohne Nachteil rückgängig gemacht werden können, und
5. wenn die gesetzliche Ordnung seit der Auskunftserteilung keine Änderung erfahren
hat. Bei unterbliebener - gebotener - Auskunft gelten diese Grundsätze analog (wobei
die dritte Voraussetzung diesfalls lautet: wenn die Person den Inhalt der unterbliebenen
Auskunft nicht kannte oder deren Inhalt so selbstverständlich war, dass sie mit einer
anderen Auskunft nicht hätte rechnen müssen; BGE 131 V 480 f. E. 5).
3.2 Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Dieser Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt; er findet sein Korrelat in den
Mitwirkungspflichten der Parteien (vgl. BGE 125 V 193 E. 2). Die Parteien tragen im
Sozialversicherungsverfahren in der Regel insofern eine objektive Beweislast, als im
Fall der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem
unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableitet (BGE 117 V 263 f. E. 3b). Die
Beweislast der falschen Auskunft trägt diejenige Partei, die aus ihrem Vorhandensein
Rechte ableitet, mithin im vorliegenden Fall der Beschwerdeführer.
3.3 Aus der knappen Darstellung des Beschwerdeführers ergibt sich, dass das Thema
AHV-Versicherung anlässlich der Eheschliessung in der schweizerischen Botschaft
zumindest angesprochen wurde (act. G 1, S. 5). Der konkrete und vollständige Inhalt
des damaligen Gesprächs, das inzwischen mehr als zehn Jahre zurückliegt, lässt sich
vorliegend nicht aus den Akten rekonstruieren. Aus der Antwort des Konsuls der
schweizerischen Botschaft in F._ vom 15. August 2013 ergibt sich, dass die fragliche
Botschaftsmitarbeiterin seit acht Jahren nicht mehr für die Botschaft tätig ist und die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
damaligen Umstände nicht mehr rekonstruierbar sind ("[...] wir wissen nicht, aus
welchem Grund Sie damals so schlecht behandelt wurden"; act. G 1, S. 9). Von
weiteren Abklärungen sind angesichts der seither vergangenen Zeit keine weiteren
Erkenntnisse zu erwarten (antizipierte Beweiswürdigung; BGE 134 I 148 E. 5.3; Urteil
des Bundesgerichts vom 15. November 2010, 8C_663/2010, E. 5.1). Der
Beschwerdeführer kann sich damit mangels Nachweises einer
Auskunftspflichtverletzung nicht erfolgreich auf Vertrauensschutz berufen.
4.
Nach dem Gesagten ist der von der Beschwerdegegnerin per Wohnsitznahme in E._
vorgenommene rückwirkende Ausschluss nicht zu beanstanden. Wie in E. 1.2 erwähnt,
gilt nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung für die Rückzahlbarkeit von
Beiträgen an nichtversicherte Personen eine 10-jährige Verwirkungsfrist, welche somit
die Rückwirkung des Ausschlusses aus der obligatorischen AHV/IV/EO-Versicherung
zeitlich begrenzt, da die weiter zurückliegenden Beiträge als rentenbildend zu
betrachten sind (vgl. BGE 97 V 144, 127 V 210 E.1a). Vorliegend können die nicht
geschuldeten Beiträge für maximal zehn Jahre, welche der Verfügung vom 7. Mai 2013
vorausgegangen sind, d.h. für die Zeit ab Januar 2003, zurückbezahlt werden (vgl. BGE
101 V 182 f. E. 1b); der Ausschluss kann ebenfalls maximal auf diesen Zeitpunkt zurück
verfügt werden, selbst wenn die Wohnsitzverlegung nach E._ noch vorher erfolgt sein
sollte. Soweit die Wohnsitzverlegung ins Ausland nach Januar 2003 erfolgt ist, hat
dieser Zeitpunkt als massgebend für die Rückzahlbarkeit und den Ausschluss zu
gelten. Allerdings ergibt sich weder der genaue Zeitpunkt der Eheschliessung noch
derjenige der im Anschluss ("anschliessend", act. G 9.25-2) daran erfolgten
Wohnsitznahme in E._ aus den Akten (vgl. vorstehende E. 2.3). Die Sache ist deshalb
zur Abklärung des genauen Zeitpunkts der Wohnsitznahme bzw. des damit
verbundenen Ausschlusses aus der obligatorischen AHV/IV/EO-Versicherung und zu
neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
5.
Der Vollständigkeit halber ist der Beschwerdeführer hinsichtlich der freiwilligen
Versicherungsmöglichkeit auf die Rechtsprechung aufmerksam zu machen, wonach
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die nach dem Ausscheiden aus der obligatorischen Versicherung gutgläubig
fortgesetzte Entrichtung der zuvor als Nichterwerbstätiger geschuldeten Beiträge
allenfalls der schriftlichen Beitrittserklärung zur freiwilligen Versicherung nach Art. 7 f.
der Verordnung über die freiwillige Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung
(VFV; SR 831.111) gleichzusetzen ist (Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts] vom 29. März 2005, H 245/04, E. 4.4 mit Hinweis). Da die freiwillige
Versicherung nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens ist, kann nicht geprüft
werden, ob vorliegend die unrichtige, fortgesetzte Beitragsentrichtung über das Jahr
2003 hinaus als Beitrittserklärung gewertet werden kann und ob die übrigen
Voraussetzungen für die Aufnahme in die freiwillige Versicherung erfüllt sind. Dem
Beschwerdeführer steht es indessen frei, sich erneut (eine erste Anfrage blieb offenbar
unbeantwortet: "Die ZAS hat keine Zeit mir zu antworten", act. G 9.29-2) bei der für die
freiwillige Versicherung zuständigen Behörde (Schweizerische Ausgleichskasse; Art. 2
VFV) zu melden.
6.
In teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist der angefochtene Einspracheentscheid
vom 22. Juli 2013 aufzuheben. Die Sache ist zur Vornahme weiterer Abklärungen
betreffend den Zeitpunkt der Wohnsitznahme in E._ und zu neuer Verfügung im Sinn
der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Gerichtskosten sind
keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP