Decision ID: 8189f3af-3d10-515c-9cbb-084db8c9cf1a
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a Die Mutter von A._ bezog Ergänzungsleistungen zu einer Rente der
Invalidenversicherung (vgl. EL-act. 29–5). Im Januar 2016 wurde der damals noch
provisorisch, ab Mai 2016 definitiv bei einer Pflegefamilie lebende A._ zum Bezug
von Ergänzungsleistungen angemeldet (EL-act. 29). Am 28. Mai 2016 verfügte die EL-
Durchführungsstelle mit Wirkung ab dem 1. Mai 2016 eine für A._ gesondert
berechnete, formal der Mutter zustehende Ergänzungsleistung von 1’002 Franken pro
Monat (EL-act. 14). Bei der Anspruchsberechnung hatte sie die kantonale
Durchschnittsprämie für die obligatorische Krankenpflegeversicherung, die maximale
Tagestaxe für den Heimaufenthalt (12’045 Franken = 365 × 33 Franken) sowie die
Pauschale für die persönlichen Auslagen als Ausgaben und die Kinderrente zur
Invalidenrente der Mutter sowie einen geringfügigen Vermögensertrag als Einnahme
berücksichtigt (EL-act. 15). In der Verfügungsbegründung hatte sie ausgeführt, gemäss
dem Art. 1b Abs. 2 der kantonalen Verordnung über die nach dem ELG anrechenbaren
Tagespauschalen sei bei einem Aufenthalt in einer anerkannten Pflegefamilie von
Kindern, die einen Anspruch auf eine Kinderrente begründeten, die anrechenbare
Tagespauschale auf den im Art. 11 Abs. 1 AHVV enthaltenen Ansatz für Verpflegung
und Unterkunft (33 Franken) begrenzt. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in
formelle Rechtskraft.
A.b Mit einer Verfügung vom 19. Dezember 2016 erhöhte die EL-Durchführungsstelle
die laufende Ergänzungsleistung mit Wirkung ab dem 1. Januar 2017 auf 1’008
Franken pro Monat (EL-act. 11). Die Anspruchsberechnung (EL-act. 10) entsprach
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abgesehen von einer leicht höheren kantonalen Durchschnittsprämie für die
obligatorische Krankenpflegeversicherung jener zur Verfügung vom 28. Mai 2016.
A.c Am 10. Januar 2017 liess A._ eine Einsprache gegen die Verfügung vom 19.
Dezember 2016 erheben (EL-act. 7). Seine Beiständin beantragte die Anrechnung der
vollen Kosten der Pflegefamilie. Zur Begründung führte sie an, die
Ergänzungsleistungen müssten auch bei einem Heimaufenthalt oder bei einem
Aufenthalt bei einer bewilligten Pflegefamilie sicherstellen, dass keine finanzielle
Sozialhilfeabhängigkeit eintrete. Mit einem Entscheid vom 9. März 2017 wies die EL-
Durchführungsstelle die Einsprache ab (EL-act. 4). Zur Begründung führte sie aus,
A._ befinde sich nicht in einem Pflegeheim, weshalb er kantonalrechtlich keinen
Anspruch auf eine Bewahrung vor einer Sozialhilfeabhängigkeit habe. Die Anrechnung
der Maximaltagestaxe sei folglich rechtmässig.
B.
B.a Am 21. April 2017 liess der nun durch einen Rechtsagenten vertretene A._
(nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid vom 9. März 2017 erheben (act. G 1). Sein Rechtsvertreter
beantragte die Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheides und die
Zusprache einer unter Berücksichtigung der gesamten Auslagen für die
Fremdplatzierung berechneten Ergänzungsleistung für die Zeit ab dem 1. Januar 2017.
Zur Begründung führte er an, das Bundesgericht habe zwar offenbar kürzlich seine
Rechtsprechung geändert, aber das ändere nichts an der Tatsache, dass die
Tagestaxe von 33 Franken die effektiven Kosten nicht einmal im Ansatz decke. Die
fehlenden Leistungen würden bei einer Platzierung in einer Pflegefamilie nicht durch
Staatsbeiträge aufgefangen.
B.b Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am
17. Mai 2017 unter Hinweis auf die Erwägungen im angefochtenen
Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 5).

Erwägungen
1.
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Der Beschwerdeführer bezieht selbst keine Ergänzungsleistung, sondern erhält
lediglich einen – gesondert berechneten – Teil der Ergänzungsleistung der eigentlichen
EL-Bezügerin, nämlich seiner Mutter, direkt ausbezahlt. Zur Erhebung einer
Beschwerde ist allerdings gemäss dem Art. 59 ATSG nicht nur der Bezüger einer
Sozialversicherungsleistung, sondern jede Person legitimiert, die durch eine Verfügung
oder durch einen Einspracheentscheid berührt ist und die ein schutzwürdiges Interesse
an der Aufhebung oder Abänderung der Verfügung respektive des
Einspracheentscheides hat. Als Empfänger eines Teils der Ergänzungsleistung seiner
Mutter ist der Beschwerdeführer durch den angefochtenen Einspracheentscheid
offensichtlich berührt. Da die Höhe des ihm direkt ausbezahlten Teils der
Ergänzungsleistung seiner Mutter einen unmittelbaren Einfluss auf seine finanzielle
Lage hat und unter anderem für die Beantwortung der Frage entscheidend ist, ob der
Beschwerdeführer Sozialhilfeleistungen beziehen muss, hat er ein schutzwürdiges
Interesse an der Abänderung oder Aufhebung des angefochtenen
Einspracheentscheides, weshalb er im Sinne des Art. 59 ATSG zur Erhebung einer
Beschwerde gegen den angefochtenen Einspracheentscheid legitimiert ist. Da auch die
übrigen Eintretensvoraussetzungen erfüllt sind, ist auf die Beschwerde einzutreten.
2.
2.1 Bei der Verfügung vom 19. Dezember 2016 hat es sich ganz offensichtlich um eine
gewöhnliche Revisionsverfügung im Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG gehandelt, deren
Inhalt sich allein darauf beschränkt hat, die laufende Ergänzungsleistung mit Wirkung
ab dem 1. Januar 2017 an eine Erhöhung der kantonalen Durchschnittsprämie für die
obligatorische Krankenpflegeversicherung anzupassen. Die Verfügung enthält nicht
einen einzigen Hinweis darauf, dass die Beschwerdegegnerin die „Kalenderjahr-Praxis“
hätte zur Anwendung bringen wollen. Mit der Verfügung vom 19. Dezember 2016 hat
die Beschwerdegegnerin die Ergänzungsleistung also offenkundig nicht für die Zeit ab
dem 1. Januar 2017 komplett und ohne jede Bindung an ihre früheren Verfügungen neu
festsetzen wollen. Auch die Akten jenes Verwaltungsverfahrens, das mit dieser
Verfügung abgeschlossen worden ist, enthalten keine entsprechenden Hinweise. Im
Übrigen entspricht es der ständigen Praxis der Beschwerdegegnerin, die
„Kalenderjahr-Praxis“ nicht anzuwenden, denn in den allermeisten Fällen erlässt sie auf
einen Kalenderjahrwechsel hin ganz gewöhnliche Revisionsverfügungen; sie setzt die
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Ergänzungsleistung also jeweils gerade nicht umfassend neu fest. Ganz offensichtlich
würde es gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz verstossen, wenn die
Beschwerdegegnerin in einem Einzelfall – entgegen ihrer eigenen ständigen Praxis –
eine Verfügung in Anwendung der „Kalenderjahr-Praxis“ erlassen würde. Mit ihrer aus
nicht nachvollziehbaren Gründen vorgenommenen Umdeutung der Revisionsverfügung
vom 19. Dezember 2016 im Einspracheverfahren hat die Beschwerdegegnerin den
Inhalt der Revisionsverfügung vom 19. Dezember 2016 komplett „ausgewechselt“.
Dieses Vorgehen muss als rechtsmissbräuchlich und – wegen der damit verbundenen
Verletzung des Gleichbehandlungsgebotes – als verfassungswidrig qualifiziert werden.
2.2 Das Urteil des Bundesgerichtes 9C_480/2018 vom 30. Januar 2019 in einem
ähnlich gelagerten Fall ändert daran nichts, denn das Bundesgericht hat in jenem Fall
ganz offensichtlich übersehen, dass die EL-Durchführungsstelle – wie hier – eine ganz
gewöhnliche Revisionsverfügung nachträglich in rechtsmissbräuchlicher Weise
umgedeutet hat. Zudem konnte das Bundesgericht nicht wissen, dass die
Beschwerdegegnerin die „Kalenderjahr-Praxis“ konsequent nicht anwendet, musste
doch die Sachlage in jenem Fall den falschen Eindruck erwecken, die
Beschwerdegegnerin würde die „Kalenderjahr-Praxis“ befolgen, was aber gerade nicht
zutrifft. Im vorliegenden Verfahren muss der Inhalt der Verfügung vom 19. Dezember
2016 ernst genommen werden, was bedeutet, dass die nachträgliche Umdeutung der
Verfügung im Einspracheverfahren zu ignorieren ist. Zu prüfen ist also nur, ob die
Anpassung der laufenden Ergänzungsleistung an eine Erhöhung der kantonalen
Durchschnittsprämie für die obligatorische Krankenpflegeversicherung per 1. Januar
2017 rechtmässig gewesen ist. Diese Frage ist zu bejahen, denn jene Prämie hat sich
tatsächlich per 1. Januar 2017 erhöht und die Beschwerdegegnerin hat dieser
Erhöhung korrekt Rechnung getragen. Die anrechenbare Tagestaxe hat sich dagegen
per 1. Januar 2017 nicht verändert, weshalb die Beschwerdegegnerin in ihrer
Revisionsverfügung vom 19. Dezember 2016 zu Recht auch für die Zukunft die
bisherige Tagestaxe bei der Anspruchsberechnung berücksichtigt hat. Das Dispositiv
des angefochtenen Einspracheentscheides ist damit im Ergebnis richtig gewesen, auch
wenn die Begründung unhaltbar gewesen ist. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
2.3 Im Sinne eines obiter dictum ist darauf hinzuweisen, dass wohl auch eine strikte
Anwendung der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zu einer Abweisung der
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Beschwerde führen dürfte. Denn wenn das Versicherungsgericht die „Kalenderjahr-
Praxis“ angewendet und die Höhe des Tagessatzes materiell geprüft hätte, hätte es
sich dabei mit dem Urteil des Bundesgerichtes 9C_884/2018 vom 1. Mai 2019
befassen müssen, in dem die Begrenzung der anrechenbaren Tagestaxe auf 33
Franken als gesetzmässig qualifiziert worden ist, obwohl die Kosten für den
Heimaufenthalt in jenem Fall nicht von der Wohngemeinde und dem Kanton
mitfinanziert worden sind. Vor diesem Hintergrund muss davon ausgegangen werden,
dass das Bundesgericht auch im vorliegenden Fall angesichts der aktuell
massgebenden Fassung der Verordnung über die nach dem ELG anrechenbare
Tagespauschale (sGS 351.52) die Begrenzung der Tagestaxe auf 33 Franken als
gesetzmässig qualifizieren würde.
3.
Gerichtskosten sind keine zu erheben. Zufolge der Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung hat der Staat dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers eine
Entschädigung auszurichten. Angesichts des sehr geringen Aktenumfangs und unter
Berücksichtigung des Umstandes, dass sich das Verfahren auf eine isolierte
Rechtsfrage beschränkt hat, ist der erforderliche Vertretungsaufwand als deutlich
unterdurchschnittlich zu qualifizieren. Die Entschädigung wird deshalb auf 80 Prozent
(Art. 31 Abs. 3 AnwG) von 2’000 Franken festgesetzt. Sollten es seine wirtschaftlichen
Verhältnisse dereinst gestatten, wird der Beschwerdeführer zur Rückerstattung dieser
Entschädigung verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m. Art. 123 ZPO).