Decision ID: a499b46b-7d04-5281-a356-0a42f1f513dc
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Verfügung vom 23. Juli 2019 trat das SEM auf das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers vom 8. Juli 2019 nicht ein und ordnete seine Wegweisung
nach Deutschland an (Akten der Vorinstanz betreffend das Dublin-Verfah-
ren [SEM-act. D] 21). Die dagegen erhobene Beschwerde wies das Bun-
desverwaltungsgericht mit Urteil F-3872/2019 vom 6. August 2019 vollum-
fänglich ab.
B.
Am 19. August 2019 reichte der Beschwerdeführer ein Wiedererwägungs-
gesuch ein. Zur Begründung führte er an, weder das SEM noch das Bun-
desverwaltungsgericht hätten die Tatsache gewürdigt, dass er bereits von
1998 bis 2011 in der Schweiz gelebt habe. Auch seiner schweren psychi-
schen Erkrankung sei im Dublin-Verfahren nicht Rechnung getragen wor-
den (Akten der Vorinstanz betreffend das erste Wiedererwägungsverfah-
ren [SEM-act. W1] 3). Mit Verfügung vom 18. September 2019 trat das
SEM auf das Wiedererwägungsgesuch des Beschwerdeführers vom 19.
August 2019 nicht ein (SEM-act. W1 13). Die dagegen erhobene Be-
schwerde hiess das Bundesverwaltungsgericht aufgrund eines Verfahrens-
fehlers der Vorinstanz mit Urteil F-4954/2019 vom 1. Oktober 2019 gut und
wies die Sache zur Neubeurteilung des Wiedererwägungsgesuchs zurück.
C.
Am 24. Oktober 2019 erliess die Vorinstanz einen neuen Entscheid betref-
fend das Wiedererwägungsgesuch und trat mangels Vorliegens neuer Tat-
sachen nicht auf das Gesuch ein (SEM-act. W1 23). Die dagegen erhobene
Beschwerde wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil F-5661/2019
vom 7. November 2019 ab, da keine neuen Tatsachen vorlagen, die den
ursprünglichen Entscheid infrage gestellt hätten.
D.
Am 12. November 2019 reichte der Beschwerdeführer ein zweites Wieder-
erwägungsgesuch ein. Zur Begründung machte er geltend, die bereits in
den vorangegangenen Verfahren geltend gemachte psychische Erkran-
kung des Beschwerdeführers habe sich erst anlässlich einlässlicher ärztli-
cher Untersuchungen als schwer herausgestellt. Dies sei erst jetzt akten-
kundig geworden und aufgrund der herrschenden Zustände im deutschen
Gesundheitssystem und der schlechten Gesundheitsversorgung von Asyl-
suchenden entscheidrelevant (SEM-act. betreffend das zweite Wiederer-
wägungsgesuch [W2] 1).
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E.
Die Vorinstanz forderte den Beschwerdeführer mit Verfügung vom 10. De-
zember 2019 zur Leistung eines Kostenvorschusses bis zum 24. Dezem-
ber 2019 auf, andernfalls nicht auf das Wiedererwägungsgesuch eingetre-
ten werde (SEM-act. W2 4).
F.
Am 27. Dezember 2019 trat die Vorinstanz nicht auf das Wiedererwä-
gungsgesuch des Beschwerdeführers ein, da dieser den Gebührenvor-
schuss innerhalb der angesetzten Frist nicht einbezahlt habe (SEM-act.
W2 6).
G.
Hiergegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 2. Januar 2020
unter Beilage der Kopie eines vom 23. Dezember 2019 datierenden Ein-
zahlungsbelegs Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er bean-
tragt die Aufhebung der Verfügung vom 27. Dezember und die Rückwei-
sung zur Neubeurteilung der Sache an die Vorinstanz, die Feststellung,
dass der Gebührenvorschuss am 23. Dezember 2019 einbezahlt worden
sei, sowie die Eröffnung des nationalen Asylverfahrens. In verfahrensrecht-
licher Hinsicht ersucht er um Gewährung der aufschiebenden Wirkung so-
wie der unentgeltlichen Prozessführung (Akten des Bundesverwaltungsge-
richts [BVGer-act.] 1).
H.
Am 3. Januar 2020 setzte die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56
VwVG den Vollzug der Überstellung einstweilen aus (BVGer-act. 2).
I.
Mit Verfügung vom 6. Januar 2020 erkannte die Instruktionsrichterin der
Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu und forderte die Vorinstanz zur
Einreichung einer Vernehmlassung auf (BVGer-act. 3).
J.
Mit Eingabe vom 10. Januar 2020 hielt die Vorinstanz vollumfänglich an
ihrer Verfügung fest (BVGer-act. 5).
K.
Auf den weiteren Akteninhalt wird – soweit rechtserheblich – in den Erwä-
gungen eingegangen.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie-
dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung
auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist
das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
(Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
1.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
1.3 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich begründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) und mit sum-
marischer Urteilsbegründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
2.
Verfahrensgegenstand ist einzig die Frage nach der Zulässigkeit des Nicht-
eintretensentscheids der Vorinstanz. Nicht zu beurteilen ist vorliegend die
materielle Begründetheit des Gesuchs um Wiederaufnahme des Asyl- und
Wegweisungsverfahrens (Dublin-Verfahren), weshalb auf den entspre-
chenden Antrag des Beschwerdeführers, es sei das nationale Asylverfah-
ren zu eröffnen, nicht eingetreten werden kann.
3.
3.1 Strittig ist, ob der Beschwerdeführer den von der Vorinstanz einverlang-
ten Gebührenvorschuss fristgemäss einbezahlt hat und das SEM entspre-
chend zur Behandlung seines Wiedererwägungsgesuchs verpflichtet ge-
wesen wäre. Die Vorinstanz stellt sich auf den Standpunkt, der Gebühren-
vorschuss sei per Valuta vom 27. Dezember 2019 und damit nach Ablauf
der Frist geleistet worden. Der Beschwerdeführer hält entgegen, er habe
die Einzahlung am 23. Dezember 2019 noch vor Fristablauf gemacht und
reicht mit seiner Beschwerdeeingabe zum Beleg die Kopie des von der
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Post am 23. Dezember 2019 abgestempelten Einzahlungsscheins zu den
Akten.
3.2 Gemäss Art. 21 Abs. 3 VwVG ist die Frist für die Zahlung eines Vor-
schusses gewahrt, wenn der Betrag rechtzeitig zu Gunsten der Behörde
der Schweizerischen Post übergeben oder einem Post- oder Bankkonto in
der Schweiz belastet worden ist. Die Frist wird gewahrt durch Einzahlung
bei der Schweizerischen Post, hingegen genügt der Zahlungsauftrag zu
Lasten eines Post- oder Bankkontos nicht. Massgebend ist diesfalls die
Belastung des entsprechenden Kontos, nicht erforderlich ist hingegen,
dass der Betrag der Behörde innerhalb der Frist auch bereits gutgeschrie-
ben wurde (BGE 139 III 364 E. 3.1 und 3.2.1 f.; Urteil des BGer
9C_410/2018 vom 19. Juli 2018; 2C_795/2016 vom 10. Oktober 2016
E. 4.2; URS PETER CAVELTI, in: Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Rz. 27 zu Art. 21 VwVG).
3.3 Der Beschwerdeführer hat den Gebührenvorschuss am 23. Dezember
2019 auf der Post X._ zuhanden des SEM einbezahlt, wie der
Stempel auf dem Einzahlungsschein belegt. Er hat den Betrag somit unter
Einhaltung der Anforderung von Art. 21 Abs. 3 VwVG einen Tag vor Frist-
ablauf der Schweizerischen Post übergeben. Die Argumentation der Vo-
rinstanz, wonach es nicht reiche, am letzten Tag der Frist den Zahlungs-
auftrag zu erteilen, stösst ins Leere. Der Beschwerdeführer hat nicht bloss
einen Zahlungsauftrag erteilt (bei dem dem Beschwerdeführer die Beweis-
last obliegen würde, wann die Belastung des Kontos erfolgte), sondern den
Betrag direkt fristwahrend der Post übergeben.
3.4 Der Gebührenvorschuss wurde nach dem Gesagten rechtzeitig einbe-
zahlt, weshalb der Nichteintretensentscheid der Vorinstanz wegen Nicht-
bezahlens des Kostenvorschusses zu Unrecht erfolgt ist. Die Sache ist zur
Behandlung des Wiedererwägungsgesuchs an die Vorinstanz zurückzu-
weisen.
4.
4.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind weder dem Beschwerdefüh-
rer noch der Vorinstanz Kosten aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 und 2
VwVG). Der Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
wird demzufolge gegenstandslos.
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4.2 Dem Beschwerdeführer ist zulasten der Vorinstanz für die ihm erwach-
senen notwendigen Kosten eine angemessene Parteientschädigung zuzu-
sprechen (vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG). Diese ist auf Basis der eingereichten
Kostennote vom 7. Januar 2020 und in Anwendung von Art. 7 ff. des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) auf den geltend ge-
machten und als angemessen erscheinenden Betrag von Fr. 720.- festzu-
setzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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