Decision ID: 50026292-874c-4446-9964-17e2f8fc9861
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der türkische Staatsangehörige B._ (geb. 1965) reiste am
25. März 1987 in die Schweiz ein, wo er am 6. April 1987 ein Asylgesuch
stellte. Dieses zog er wieder zurück, nachdem er am 29. November 1991
eine Schweizerbürgerin (geb. 1945) geheiratet hatte und ihm in der Folge
eine Aufenthaltsbewilligung im Kanton Zürich erteilt wurde. Nach seiner
Ehescheidung vom 18. Januar 1996 blieben drei Gesuche von B._
um Erteilung einer Niederlassungsbewilligung erfolglos, bis ihm am 26. Juli
2005 eine Niederlassungsbewilligung im Kanton Zürich ausgestellt wurde.
Er ist in zweiter Ehe mit einer Landsfrau (geb. 1977) verheiratet, welche
1996 im Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz einreiste. Mit die-
ser hat er zwei Söhne (geb. 1997 und 2006), die inzwischen eingebürgert
sind.
A.b B._ wurde in der Schweiz in erheblichem Ausmass straffällig:
Nachdem er mit Strafbefehl der Bezirksanwaltschaft Winterthur vom
25. August 2003 eines Vergehens gegen das Waffengesetz schuldig er-
kannt worden war, verurteilte ihn das Obergericht des Kantons Zürich am
16. Januar 2009 wegen qualifizierter Widerhandlung gegen das Betäu-
bungsmittelgesetz zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren; dem Urteil des
Obergerichts lag zugrunde, dass sich B._ aus rein finanziellen Mo-
tiven, ohne selbst rauschgiftsüchtig zu sein, am organisierten Drogenhan-
del beteiligt und insbesondere an der Umsetzung von mehreren Kilogramm
Heroin mitgewirkt hatte.
Als Folge dieser Delinquenz widerrief das Migrationsamt des Kantons Zü-
rich (im Folgenden: Migrationsamt) am 26. Juli 2010 die Niederlassungs-
bewilligung von B._ und wies diesen auf den Zeitpunkt seiner Ent-
lassung aus dem Strafvollzug aus der Schweiz weg. Dieser Entscheid er-
wuchs mit Urteil des Bundesgerichts 2C_296/2011 vom 25. August 2011 in
Rechtskraft, wobei das Bundesgericht in seinem Urteil explizit festhielt, an-
gesichts der Schwere der von B._ begangenen Drogendelikte sei
ein Widerruf seiner Niederlassungsbewilligung ferner unabhängig davon
gerechtfertigt, ob den Familienangehörigen eine Ausreise zumutbar sei
(BGE 135 II 377 E. 4.4 m.H.).
A.c Gestützt auf den obgenannten Sachverhalt erliess die Vorinstanz am
26. Oktober 2011 gegen B._ ein unbefristetes Einreiseverbot, gültig
ab dem 1. November 2011, ordnete die Ausschreibung der Massnahme im
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Schengener Informationssystem (SIS II) an und entzog gleichzeitig einer
allfälligen Beschwerde vorsorglich die aufschiebende Wirkung.
A.d Während der Dauer der Fernhaltemassnahme reichte B._ am
20. Januar 2017 beim Migrationsamt ein Gesuch um Familiennachzug ein,
welches mit Verfügung vom 30. Mai 2017 abgewiesen wurde. Diese er-
wuchs unangefochten in Rechtskraft.
A.e Auf Gesuch des früheren Rechtsvertreters vom 29. Oktober 2019 hin
hob das SEM das ursprünglich auf unbestimmte Zeit ausgesprochene bzw.
am 17. Juni 2015 auf zehn Jahre begrenzte Einreiseverbot am 2. Dezem-
ber 2019 auf.
A.f Am 13. Januar 2020 wurde B._ durch die Schweizer Vertretung
in Istanbul ein Schengen-Visum zwecks Besuchs seiner Familie, gültig vom
20. Januar 2020 bis zum 18. April 2020, erteilt. Daraufhin reiste er am 20.
Januar 2020 in die Schweiz ein und stellte am 28. Februar 2020 erneut ein
Gesuch um Familiennachzug. Das Migrationsamt trat auf das (Wiederer-
wägungs-)Gesuch mit Verfügung vom 29. April 2020 nicht ein und setzte
ihm aufgrund der Corona-Pandemie eine Frist zur Ausreise bis zum 30.
Juni 2020, worauf B._ am 29. Juni 2020 in sein Heimatland zurück-
kehrte (vgl. Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 9/S. 336-339).
B.
Am 25. November 2020 ersuchte B._ (nachfolgend: Gesuchsteller
bzw. Beschwerdeführer) bei der schweizerischen Auslandvertretung in Is-
tanbul erneut um Ausstellung eines Schengen-Visums, um seine Familie
in der Schweiz während drei Monaten besuchen zu können (SEM-act. 2/S.
285 ff.).
C.
Mit Formular-Verfügung vom 27. November 2020 lehnte das Generalkon-
sulat in Istanbul den Visumsantrag mit der Begründung ab, die fristgerechte
Ausreise des Gesuchstellers aus dem Schengen-Raum könne nicht als
hinreichend gesichert betrachtet werden (SEM-act. 2/S. 289 ff.).
D.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am 22. Dezember
2020 Einsprache (SEM-act. 3/S. 299 ff.), welche er mit Eingabe vom
20. Januar 2021 ergänzte (SEM-act. 7/S. 309 ff.). Daraufhin liess die Vor-
instanz durch die kantonale Migrationsbehörde weitere Abklärungen zum
Sachverhalt vornehmen (SEM-act. 9/S. 313 ff.).
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Seite 4
E.
Mit Entscheid vom 19. März 2021 wies die Vorinstanz die Einsprache ab.
Zur Begründung wurde zusammenfassend ausgeführt, die fristgerechte
und anstandslose Wiederausreise des Gesuchstellers nach einem Be-
suchsaufenthalt in der Schweiz könne nicht als gesichert betrachtet wer-
den, zumal er anlässlich seines letzten Besuchsaufenthaltes in der
Schweiz erneut ein Gesuch um Familiennachzug gestellt habe. Zudem
würden weder die wirtschaftlichen Verhältnisse im Herkunftsgebiet des Ge-
suchstellers noch seine persönliche Situation Gewähr für eine fristge-
mässe Rückkehr in sein Heimatland bieten (SEM-act. 10/S. 342 f.).
F.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 20. April 2021 beantragt der Beschwerdefüh-
rer die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung sowie die Ausstellung
des beantragten Schengen-Visums. Zur Begründung bringt er im Wesent-
lichen vor, der vorinstanzliche Vorwurf, wonach sein Verhalten im Rahmen
des letzten Besuches klar gezeigt habe, dass er einen längerfristigen Auf-
enthalt in der Schweiz anstrebe, sei haltlos, sei er doch während der jewei-
ligen Suspendierung seines Einreiseverbots stets fristgerecht ausgereist.
Wenngleich Besuchsaufenthalte der Angehörigen in der Türkei möglich
wären, stelle es einen unverhältnismässigen Eingriff in das konventions-
rechtlich geschützte Familienleben dar, ihm in Zukunft jegliches Treffen mit
seinen Angehörigen in der Schweiz zu verwehren (Akten des Bundesver-
waltungsgerichts [BVGer-act.] 1).
G.
Mit Vernehmlassung vom 4. Juni 2021 beantragt die Vorinstanz die Abwei-
sung der Beschwerde und stellt in Abrede, dass aus der Nichterteilung des
Visums faktisch ein lebenslängliches Einreiseverbot resultiere. Das Vor-
bringen des Beschwerdeführers, er habe sich inzwischen mit der Situation
in der Türkei abgefunden und der Familiennachzug werde nun auch von
seiner Ehefrau nicht mehr gewünscht, reiche nicht aus, um nunmehr von
einer gesicherten Wiederausreise auszugehen, zumal ein entsprechendes
Gesuch noch im letzten Jahr gestellt worden sei. Zudem bleibe es seinen
Familienangehörigen möglich und zumutbar, ihn in der Türkei zu besuchen
(BVGer-act. 5).
H.
In seiner Replik vom 24. Juni 2021 hält der Beschwerdeführer an seinem
Antrag und dessen Begründung vollumfänglich fest (BVGer-act. 7) und
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weist erneut darauf hin, er habe in der Vergangenheit mehrfach den Tatbe-
weis erbracht, Ausreisefristen zu beachten und sei auch nach Stellung des
Nachzugsgesuchs in der Schweiz ordnungsgemäss innert der gesetzten
Ausreisefrist ausgereist (BVGer-act. 7).
I.
Mit Eingabe vom 2. Februar 2022 erkundigte sich der Rechtsvertreter nach
dem Verfahrensstand (BVGer-act. 9), wobei das Gericht auf die hohe Ar-
beitslast sowie die geltende Prioritätenordnung der Beschwerdeverfahren
hinwies, die eine exakte Voraussage des Zeitpunkts des Entscheides nicht
zulassen würden (BVGer-act. 11).
In einer weiteren Eingabe vom 10. Mai 2022 ersucht der Rechtsvertreter
um eine rasche Verfahrenserledigung und reicht gleichzeitig seine Hono-
rarnote ein (BVGer-act. 12).
J.
Auf den weiteren Akteninhalt wird – soweit rechtserheblich – in den Erwä-
gungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Von der Vorinstanz erlassene Einspracheentscheide bezüglich Schen-
gen-Visa sind mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht anfechtbar
(vgl. Art. 31 ff. VGG i.V.m. Art. 5 VwVG). Das Rechtsmittelverfahren richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.2 Der Beschwerdeführer ist zur Erhebung des Rechtsmittels legitimiert
(Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist einzutreten (vgl. Art. 50 und 52 VwVG).
1.3 In der vorliegenden Beschwerdeangelegenheit entscheidet das Bun-
desverwaltungsgericht endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
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Seite 6
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhalts und – sofern nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerde-
verfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62
Abs. 4 VwVG nicht an die Begründung der Begehren gebunden und kann
die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen
gutheissen oder abweisen. Massgebend sind grundsätzlich die tatsächli-
chen Verhältnisse zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BVGE 2014/1
E. 2 m.H.).
3.
Dem angefochtenen Entscheid liegt das Gesuch eines türkischen Staats-
angehörigen um Erteilung eines Visums zu Besuchszwecken in der
Schweiz zugrunde. Da sich der Gesuchsteller nicht auf die EU/EFTA-Per-
sonenfreizügigkeitsabkommen berufen kann und die beabsichtigte Aufent-
haltsdauer 90 Tage nicht überschreitet, fällt die vorliegende Streitsache in
den persönlichen und sachlichen Anwendungsbereich der Schengen-As-
soziierungsabkommen, mit denen die Schweiz den Schengen-Besitzstand
und die dazugehörigen gemeinschaftsrechtlichen Rechtsakte übernom-
men hat (BVGE 2014/1 E. 3; 2011/48 E. 3). Das Ausländer- und Integrati-
onsgesetz (AIG, SR 142.20) und dessen Ausführungsbestimmungen ge-
langen nur soweit zur Anwendung, als die Schengen-Assoziierungsabkom-
men keine abweichenden Bestimmungen enthalten (Art. 2 Abs. 2-5 AIG).
4.
4.1 Das schweizerische Ausländerrecht kennt weder ein allgemeines
Recht auf Einreise noch gewährt es einen besonderen Anspruch auf Ertei-
lung eines Visums. Die Schweiz ist daher – wie andere Staaten auch –
grundsätzlich nicht gehalten, Ausländerinnen und Ausländern die Einreise
zu gestatten. Vorbehältlich völkerrechtlicher Verpflichtungen handelt es
sich dabei um einen autonomen Entscheid (vgl. Botschaft zum Bundesge-
setz über Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002
3774; BGE 135 II 1 E. 1.1 m.H.). Das Schengen-Recht schränkt die natio-
nalstaatlichen Befugnisse insoweit ein, als es einheitliche Voraussetzun-
gen für Einreise und Visum aufstellt und die Mitgliedstaaten verpflichtet, die
Einreise bzw. das Visum zu verweigern, wenn die Voraussetzungen nicht
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Seite 7
erfüllt sind. Einen Anspruch auf Einreise bzw. Visumserteilung vermittelt
auch das Schengen-Recht nicht (vgl. BVGE 2014/1 E. 4.1.5).
4.2 Drittstaatsangehörige benötigen zur Einreise in den Schengen-Raum
für einen Aufenthalt von höchstens 90 Tagen innerhalb eines Zeitraums
von 180 Tagen gültige Reisedokumente, die zum Grenzübertritt berechti-
gen, und ein Visum, sofern dieses – wie im Falle des aus der Türkei stam-
menden Gesuchstellers – erforderlich ist (vgl. Anhang I zur Verordnung
(EU) 2018/1806, ABl. L 303/39 vom 28.11.2018; zum vollständigen Quel-
lennachweis vgl. Fussnote zu Art. 8 Abs. 1 VEV). Im Weiteren müssen
Drittstaatsangehörige den Zweck und die Umstände ihres beabsichtigten
Aufenthalts belegen und hierfür über ausreichende finanzielle Mittel verfü-
gen. Namentlich haben sie in diesem Zusammenhang zu belegen, dass
sie den Schengen-Raum vor Ablauf des bewilligungsfreien Aufenthalts ver-
lassen, bzw. ausreichende Gewähr für eine fristgerechte Wiederausreise
bieten. Des Weiteren dürfen Drittstaatsangehörige nicht im Schengener In-
formationssystem (SIS) zur Einreiseverweigerung ausgeschrieben sein
und keine Gefahr für die öffentliche Ordnung, die innere Sicherheit, die öf-
fentliche Gesundheit oder die internationalen Beziehungen eines Mitglied-
staats darstellen (vgl. zu den Einreisevoraussetzungen: Art. 5 Abs. 1 und
2 AIG; Art. 3 und 8 VEV i.V.m. Art. 6 Abs. 1 und 2 der Verordnung [EG]
Nr. 2016/399 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 9. März
2016 [kodifizierter Text] über einen Gemeinschaftskodex für das Über-
schreiten der Grenzen durch Personen [nachfolgend: Schengener Grenz-
kodex, SGK, ABl. L 77/1 vom 23. März 2016]; Art. 14 Abs. 1 und Art. 21
Abs. 1 der Verordnung [EG] Nr. 810/2009 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 13. Juli 2009 über einen Visakodex der Gemeinschaft
[nachfolgend: Visakodex]; CARONI et al., Migrationsrecht, 4. Aufl. 2018,
S. 141 ff.).
4.3 Eine Gefahr für die öffentliche Ordnung im Sinne von Art. 6 Abs. 1
Bst. e SGK ist auch dann anzunehmen, wenn die drittstaatsangehörige
Person nicht bereit ist, das Hoheitsgebiet des Schengen-Raums fristge-
recht wieder zu verlassen (vgl. EGLI/MEYER, in: Caroni/Gächter/Thurnherr
[Hrsg.], Stämpflis Handkommentar zum AuG; 2010, Art. 5 N 33). Die Be-
hörden haben daher zu prüfen und Drittstaatsangehörige zu belegen, dass
die Gefahr einer rechtswidrigen Einwanderung oder einer nicht fristgerech-
ten Ausreise nicht besteht (Art. 14 Abs. 1 Bst. d und Art. 21 Abs. 1 Visako-
dex). Die Gewähr für eine gesicherte Wiederausreise, wie sie Art. 5 Abs. 2
AIG verlangt, wenn nur ein vorübergehender Aufenthalt vorgesehen ist,
steht mit dieser Regelung im Einklang (vgl. BVGE 2009/27 E. 5.2).
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Seite 8
4.4 Sind – abgesehen vom Visum selbst – die vorerwähnten Einreisevor-
aussetzungen nicht erfüllt, kann in Ausnahmefällen ein Visum mit räumlich
beschränkter Gültigkeit erteilt werden, das nur für das Hoheitsgebiet des
betreffenden Mitgliedstaats gilt. Von dieser Möglichkeit kann der in Frage
stehende Mitgliedstaat u.a. Gebrauch machen, wenn er es aus humanitä-
ren Gründen, aus solchen des nationalen Interesses oder aufgrund inter-
nationaler Verpflichtungen für erforderlich hält (vgl. Art. 5 Abs. 3 AIG; Art. 3
Abs. 4 VEV; Art. 25 Abs. 1 Bst. a VK; Art. 6 Abs. 5 Bst. c SGK).
5.
5.1 Aufgrund seiner Staatszugehörigkeit unterliegt der Gesuchsteller der
Visumspflicht (vgl. E. 4.2 hiervor). Bei der Prüfung der Einreisevorausset-
zungen nach Art. 6 Abs. 1 SGK ist die Frage der gesicherten Wiederaus-
reise zentral. Eine solche erachtete die Vorinstanz aufgrund der allgemei-
nen Situation im Heimatland, der persönlichen Verhältnisse des Betroffe-
nen sowie des erst kürzlich eingereichten Familiennachzugsgesuchs als
nicht genügend gewährleistet.
5.2 In der Regel lassen sich keine gesicherten Feststellungen darüber tref-
fen, ob eine drittstaatsangehörige Person tatsächlich beabsichtigt, vor Ab-
lauf des Visums den Schengen-Raum zu verlassen, weshalb darüber eine
Prognose zu erstellen ist. Hierzu sind alle Umstände des Einzelfalles zu
würdigen. Die Beweisführungslast obliegt dabei der drittstaatsangehörigen
Person (Art. 14 Abs. 1 Bst. d VK; Art. 14 Abs. 3 i.V.m. Anhang II VK; Art. 5
Abs. 1 Bst. c SGK; Art. 5 Abs. 2 AIG; BVGE 2014/1 E. 4.4 und E. 6.1). An-
haltspunkte zur Beurteilung der Gewähr für eine fristgerechte Wiederaus-
reise können sich zunächst aus der allgemeinen Situation im Herkunftsland
der drittstaatsangehörigen Person ergeben. Namentlich bei Einreisegesu-
chen von Personen aus Staaten bzw. Regionen mit politisch, wirtschaftlich
und sozial ungünstigen Verhältnissen rechtfertigt sich eine strenge Praxis,
da die persönliche Interessenlage in solchen Fällen erfahrungsgemäss
häufig nicht mit dem Ziel und Zweck einer zeitlich befristeten Einreisebe-
willigung im Einklang steht (BVGE 2014/1 E. 6.1 m.H.).
5.3 Die Türkei stürzte im Sommer 2018, ausgelöst durch den Kurszerfall
der türkischen Lira, in eine schwere Wirtschaftskrise. Rund ein Jahr später
verzeichnete die Wirtschaft zwar wieder ein leichtes Wachstum, trotzdem
dürfte die Krise noch nicht überwunden sein. Weiter bleibt die innenpoliti-
sche Lage in der Türkei angespannt. Mit der Aufhebung des seit dem
Putschversuch vom Juli 2016 anhaltenden Notstands wurden die damit
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Seite 9
verbundenen Einschränkungen und Sonderregelungen im Juli 2018 teil-
weise in permanentes Recht überführt. Es ist weiterhin von einem erhöhten
Risiko der Festnahme oder der Verhängung einer Ausreisesperre auszu-
gehen. Seit Mitte 2015 ist es wiederholt zu terroristischen Anschlägen ge-
kommen. Es ist keinesfalls auszuschliessen, dass terroristische Gruppie-
rungen vor dem Hintergrund türkischer Militäraktionen in Syrien weiterhin
versuchen werden, Anschläge auszuüben (vgl. zum Ganzen «www.aus-
waertiges-amt.de» > Aussen- und Europapolitik > Länder > Türkei > Reise-
und Sicherheitshinweise, Stand: 13. Mai 2022; «www.eda.admin.ch» >
Reisehinweise & Vertretungen > Länderauswahl > Türkei > Reisehinweise
für die Türkei, publiziert am 7. April 2022, abgerufen im Mai 2022).
5.4 Vor diesem Hintergrund ist grundsätzlich nicht zu beanstanden, dass
die Vorinstanz das Risiko einer nicht fristgerechten Wiederausreise von
Besuchern aus der Türkei grundsätzlich als hoch einstuft. Allerdings wäre
es zu schematisch und nicht haltbar, generell und ohne spezifische An-
haltspunkte ausschliesslich aufgrund der allgemeinen Lage in der Her-
kunftsregion auf eine nicht hinreichend gesicherte Wiederausreise zu
schliessen. Es gilt vielmehr, über die Situation im Herkunftsland hinaus,
ebenfalls die weiteren Umstände zu würdigen. Dabei sind in die Prognose
über die Absicht einer gesuchstellenden Person, den Schengen-Raum
fristgerecht zu verlassen, deren persönliche, familiäre und berufliche bzw.
wirtschaftliche Situation sowie deren Interessenlage miteinzubeziehen
(BVGE 2014/1 E. 6.3.1). Obliegt einer gesuchstellenden Person im Hei-
matland beispielsweise eine besondere berufliche, gesellschaftliche oder
familiäre Verantwortung, kann dies die Prognose für eine anstandslose
Wiederausreise begünstigen. Umgekehrt muss bei Personen, die in ihrer
Heimat keine besonderen Verpflichtungen haben, das Risiko eines auslän-
derrechtlich nicht regelkonformen Verhaltens nach einer bewilligten Ein-
reise als hoch eingeschätzt werden (BVGE 2014/1 E. 6.3.1 m.H.; 2009/27
E. 8).
6.
6.1 Aus den Akten ist nicht ersichtlich, inwiefern der mittlerweile 57-jährige
Beschwerdeführer über aussergewöhnliche gesellschaftliche oder famili-
äre Bindungen und Verpflichtungen in der Türkei verfügt, welche Gewähr
für eine fristgerechte Wiederausreise bieten würden. Als IV-Rentner, wel-
cher von einer Rente von lediglich 700 Euro leben soll, geht er selbstre-
dend keiner Erwerbstätigkeit im Heimatland nach. Weitere Angaben zu sei-
nem persönlichen Umfeld in der Türkei werden denn auch keine gemacht.
F-1803/2021
Seite 10
6.2 Ausschlaggebend für den (negativen) Einspracheentscheid des SEM
dürfte jedoch der Umstand sein, dass der Beschwerdeführer – anlässlich
seiner letzten, von der Schweizervertretung in Istanbul für einen Besuchs-
aufenthalt von 90 Tagen bewilligten Einreise in die Schweiz – am 28. Feb-
ruar 2020 um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung zum Verbleib bei sei-
ner Ehegattin ersucht hatte. Mit der Vorinstanz ist deshalb davon auszuge-
hen, der Beschwerdeführer strebe mit seinem Verhalten einen längerfristi-
gen Aufenthalt in der Schweiz an, was klar seinen Absichtserklärungen be-
treffend die fristgerechte Wiederausreise nach Ablauf des Besuchervisums
widerspricht. In diesem Zusammenhang gilt es jedoch auch der Tatsache
Rechnung zu tragen, dass der Beschwerdeführer – noch während gültigem
Einreiseverbot – bereits am 20. Januar 2017 beim Migrationsamt ein Ge-
such um Familiennachzug eingereicht hatte, welches mit Verfügung vom
30. Mai 2017 abgewiesen wurde (vgl. Bst. A.d des Sachverhalts). Nach
dem Gesagten kann deshalb nicht ausgeschlossen werden, dass er auch
nach einer erneuten Einreise wiederum versucht sein könnte, den Aufent-
halt auf eine andere rechtliche oder faktische Basis zu stellen, um sich so
der Pflicht zur Wiederausreise zu entziehen. Vor diesem Hintergrund ver-
mag sein Vorbringen, er habe sich inzwischen mit der Situation in der Tür-
kei abgefunden und der Familiennachzug werde nun auch von seiner Ehe-
frau nicht (mehr) gewünscht, nicht zu überzeugen. Ebenso unbehelflich er-
weist sich sein Einwand, nach den zeitlich befristeten Suspendierungen
stets fristgerecht ausgereist zu sein, bestand doch damals gegen ihn ein
langjähriges Einreiseverbot, welches nur unter strengen Auflagen für eine
kurze Zeit ausgesetzt werden konnte. Die von der Schweizervertretung so-
wie der Vorinstanz geäusserten Zweifel am deklarierten Aufenthaltszweck
(Besuchsaufenthalt), welche vom Beschwerdeführer im Verlaufe des Ver-
fahrens nicht ausgeräumt werden konnten, erscheinen als durchaus be-
gründet.
6.3 Vor dem dargelegten allgemeinen und persönlichen Hintergrund durfte
die Vorinstanz demnach willkürfrei davon ausgehen, dass keine hinrei-
chende Gewähr für eine fristgerechte und anstandslose Wiederausreise
des Beschwerdeführers nach einem Besuchsaufenthalt besteht. An dieser
Beurteilung ändert die Tatsache nichts, dass die Gastgeber die fristge-
rechte Ausreise ihres Ehegatten bzw. Vaters zusichern und damit ihr Ver-
trauen in ein rechtskonformes Verhalten ihres Gastes zum Ausdruck ge-
bracht haben. Bei der Risikobeurteilung ist in erster Linie das mögliche Ver-
halten des Gastes selbst von Bedeutung. Gastgeber und Garanten können
mit rechtlich verbindlicher Wirkung zwar für gewisse finanzielle Risiken im
Zusammenhang mit dem Besuchsaufenthalt, nicht aber für ein bestimmtes
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Seite 11
Tun oder Unterlassen ihrer Gäste einstehen (vgl. in diesem Zusammen-
hang auch BVGE 2009/27 E. 9).
6.4 Mit der fehlenden Gewähr für eine anstandslose Wiederausreise ist
eine zwingende Voraussetzung zur Erteilung eines Schengen-Visums nicht
erfüllt. Die Frage, ob allenfalls noch weitere Gründe – beispielsweise Si-
cherheitsbedenken im Sinne von Art. 5 Abs. 1 Bst. c AIG, Art. 5 Abs. 1
Bst. e SGK (vgl. E. 4.2 hievor) aufgrund des in den fremdenpolizeilichen
Verfahren beurteilten Rückfallrisikos des Beschwerdeführers (vgl. zuletzt
Verfügung des Migrationsamtes vom 29. April 2020 E. 1) – gegen die Aus-
stellung des beantragten Visums sprechen würden, kann demnach offen
gelassen werden.
Als Zwischenergebnis gilt es folglich festzuhalten, dass in Anwendung von
Art. 5 Abs. 1 und 2 AIG bzw. nach Art. 5 Abs. 1 SGK und Art. 32 Abs. 1
Bst. b Visakodex ein für den gesamten Schengen-Raum gültiges einheitli-
ches Visum aufgrund der nicht gesicherten Wiederausreise nicht erteilt
werden darf.
7.
7.1 Es bleibt zu prüfen, ob die Voraussetzungen für ein Visum mit räumlich
beschränkter Gültigkeit vorliegen.
7.2 Ein Visum mit räumlich beschränkter Gültigkeit kann erteilt werden,
wenn ein Mitgliedstaat es aus humanitären Gründen, aus Gründen des na-
tionalen Interesses oder aufgrund internationaler Verpflichtungen für erfor-
derlich hält, von den allgemeinen Einreisevoraussetzungen des Art. 5
Abs. 1 Bst. a, c, d und e SGK abzuweichen (Art. 25 Abs. 1 Bst. a Ziff. i
Visakodex, Art. 12 Abs. 1 VEV; vgl. E 4.4). Die Voraussetzungen für ein
Abweichen von den allgemeinen Einreisevoraussetzungen sind nicht
leichthin anzunehmen. Namentlich ist dem Umstand angemessen Rech-
nung zu tragen, dass die Erteilung eines Visums mit räumlich beschränkter
Geltung nicht nur eigene Interessen berührt, sondern infolge des Wegfalles
der Personenkontrollen an den Innengrenzen des Schengen-Raums auch
die Interessen der übrigen Schengen-Staaten beeinträchtigen kann (vgl.
BVGE 2011/48 E. 6.1).
7.2.1 Als zureichender Grund für die Erteilung eines Visums mit räumlich
beschränkter Gültigkeit kommt in der vorliegenden Streitsache das Völker-
recht in Gestalt von Art. 8 EMRK in Betracht. Der Beschwerdeführer beruft
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sich ausdrücklich darauf und macht geltend, faktisch generelle Kontaktver-
weigerungen in der Schweiz seien im Lichte der Konventionsgarantie nicht
gerechtfertigt.
7.2.2 Art. 8 EMRK und der inhaltlich deckungsgleiche Art. 13 Abs. 1 BV
dienen allgemein dem Schutz des Familien- und Privatlebens. Auf die Teil-
garantie des Familienlebens können sich namentlich ausländische Perso-
nen berufen, die nahe Familienangehörige mit hinreichend gefestigtem An-
wesenheitsrecht in der Schweiz haben, sofern das Familienleben intakt ist
und gelebt wird. Wird ihnen die Einreise oder der Aufenthalt verweigert, so
kann darin eine Verletzung der EMRK begründet sein. Die Konventionsga-
rantie schützt allerdings nur das Familienleben als solches, nicht aber die
freie Wahl des für den Aufbau und die Führung des Familienlebens güns-
tigsten Ortes. Ein Eingriff in den Schutzbereich des Familienlebens liegt
daher in aller Regel nicht vor, wenn den Beteiligten ohne Weiteres zuge-
mutet werden kann, das Familienleben bzw. die familiären Kontakte aus-
serhalb der Schweiz zu pflegen. Eine Interessenabwägung nach Art. 8
Abs. 2 EMRK erübrigt sich unter diesen Umständen. Anders verhält es
sich, wenn den Beteiligten nicht oder nicht ohne Weiteres zugemutet wer-
den kann, in das Ausland auszuweichen. In diesem Fall ist immer eine In-
teressenabwägung nach Art. 8 Abs. 2 EMRK bzw. Art. 36 BV geboten, die
sämtlichen Umständen des Einzelfalls umfassend Rechnung trägt (BGE
135 I 153 E. 2.1 S. 154 ff. m.H.; BVGE 2011/48 E. 6.3.1).
7.2.3 Die angefochtene Einreiseverweigerung betrifft bezüglich der in der
Schweiz lebenden Ehefrau, die seit geraumer Zeit über eine Niederlas-
sungsbewilligung verfügt, die Kernfamilie. Damit sind die Voraussetzungen
an die verwandtschaftliche Beziehungsnähe zwischen den beteiligten Per-
sonen und die Qualität ihrer Beziehung zur Schweiz erfüllt, von denen das
Bundesgericht die Berufung auf Art. 8 EMRK im Zusammenhang mit der
Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung abhängig macht (vgl. statt vieler
BGE 130 II 281 E. 3.1 S. 285 f. m.H.; BGE 120 Ib 257). A fortiori ist der
Anwendungsbereich des Art. 8 EMRK geöffnet, wenn es um die Bewilli-
gung der Einreise zu Besuchszwecken geht (vgl. BVGE 2011/48 E. 6.3.2).
Anhaltspunkte dafür, dass das Familienleben der Betroffenen nicht intakt
wäre oder innerhalb der vom Ausländerrecht gewährten Möglichkeiten
nicht gelebt würde, bestehen nicht.
Dass die Wahrnehmung familiärer Kontakte in zumutbarer Weise nur durch
Besuche des Beschwerdeführers in der Schweiz zu verwirklichen wäre,
wird zu Recht nicht behauptet. Aus den Akten ergeben sich denn auch
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keine Anhaltspunkte für die Annahme, der in der Schweiz niedergelasse-
nen Ehegattin bzw. den beiden (in der Zwischenzeit eingebürgerten) Söh-
nen sei es in Zukunft aus rechtserheblichen Gründen nicht mehr möglich,
ihren Ehemann respektive Vater in dessen ursprünglichen Heimat zu be-
suchen. Die Visumsverweigerung erscheint daher auch nicht als unverhält-
nismässig, zumal der Beschwerdeführer in den letzten Jahren regelmässig
die Gelegenheit hatte, seine Familie in der Schweiz zu besuchen. Der (an
sich verständliche) Wunsch des Beschwerdeführers, Ehefrau und weitere
Familienangehörige in der Schweiz treffen zu können, hat demnach in den
Hintergrund zu treten. Den Betroffenen ist es unbenommen, die familiären
Kontakte weiterhin in der Türkei zu pflegen (vgl. BGE 144 II 1 E. 6.1; BVGE
2011/48 E. 6.3.2 sowie zum Ganzen auch Urteil des BVGer C-6581/2013
vom 19. Mai 2015 E. 7).
7.3 Andere Sachverhaltselemente, die unter dem Gesichtspunkt der huma-
nitären Gründe, des nationalen Interesses oder der völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen die Erteilung eines Visums mit räumlich beschränkter Geltung
rechtfertigen würden, werden weder geltend gemacht noch ergeben sie
sich aus den Akten.
8.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass dem Beschwerdeführer weder
ein einheitliches Visum noch ein Visum mit beschränkter räumlicher Gül-
tigkeit erteilt werden kann. Die angefochtene Verfügung ist deshalb im
Lichte von Art. 49 VwVG nicht zu beanstanden und die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen und auf Fr. 1'000.- festzusetzen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG
i.V.m. Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Die Verfahrenskosten sind durch den geleisteten Kostenvor-
schuss gedeckt.
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F-1803/2021
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