Decision ID: 4b1a1a76-9dc1-4b87-809f-e090f1bd3cc6
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_HG
Chamber: ZH_HG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: civil_law

betreffend Forderung
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Inhaltsverzeichnis
Sachverhalt und Verfahren................................................................................................... 4
A. Sachverhaltsübersicht .................................................................................................. 4
B. Prozessverlauf .............................................................................................................. 7
Erwägungen .......................................................................................................................... 8
1. Formelles ...................................................................................................................... 8 1.1. Anwendbares Prozessrecht ................................................................................. 8 1.2. Zuständigkeit ........................................................................................................ 8 1.3. Teilweiser Klagerückzug ...................................................................................... 9 1.4. Vorbringen in Triplik und Quadruplik ................................................................... 9 1.5. Fazit ...................................................................................................................... 9
2. Haftungsvoraussetzungen .......................................................................................... 10 2.1. Im Allgemeinen................................................................................................... 10 2.2. Natürlicher Kausalzusammenhang .................................................................... 10 2.3. Bei HWS-Schleuderverletzungen im Besonderen............................................. 11
3. Unfallereignis vom 7. April 1997................................................................................. 12
3.1. Unbestrittener Sachverhalt ................................................................................ 12 3.2. Umstrittene Einzelaspekte ................................................................................. 14 3.2.1. Sitz des Versicherten löste sich beim Aufprall (Beweissatz 6.4)......................... 14 3.2.2. Maximales Delta-v unter 10 km/h infolge Stillstands des Fahrzeugs.................. 15 3.3. Fazit zum Unfallhergang .................................................................................... 16
4. Parteibehauptungen zu unfallbedingten Gesundheitsbeeinträchtigungen................ 17 4.1. Klägerin .............................................................................................................. 17 4.2. Beklagte.............................................................................................................. 20 4.3. Beweisverfahren................................................................................................. 22
5. Widersprüchliche medizinische Aktenlage der ersten Jahre (1997-1999) ................ 23 5.1. Einleitend zur Beweislage .................................................................................. 23 5.2. Übersicht über die medizinischen und weiteren Berichte (1997 - 1999) .......... 24
6. Vorliegen einer HWS-Schleuderverletzung / C5-Senke, Tinnitus und
muskuloskelettalen Zeichen ............................................................................................... 39
6.1. Anforderungen an das Vorliegen einer HWS-Schleuderverletzung.................. 39 6.2. Würdigung der Beweismittel der ersten Jahre (1997 bis 1999) ........................ 40 6.2.1. Keine objektiv nachweisbaren Beschwerden ...................................................... 40 6.2.2. Anforderungen an den Nachweis nicht objektivierbarer Beschwerden............... 42 6.2.3. Keine echtzeitliche Dokumentation von Initialbeschwerden (Latenzzeit) trotz
behaupteter Erstuntersuchung........................................................................... 42
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6.2.4. Widersprüchliche Angaben des Versicherten zu Initialbeschwerden ................. 52 6.2.5. Zu den einzelnen medizinischen Berichten (1997 – 1999) ................................. 59 6.2.5.1. Behandlungsverlauf und Beweiswert der Berichte ........................................... 59 6.2.5.2. Hauptbeweismittel der Klägerin ........................................................................ 62 6.2.5.3. Gegenbeweismittel der Beklagten .................................................................... 84 6.2.5.4. Fazit zur Beweislage (HWS-Distorsion) der Jahre 1997 bis 1999 ................... 92 6.3. Neurologisches Gutachten J._ zuhanden Versicherungsgericht vom 11.
August 2000 ....................................................................................................... 97 6.3.1. Wesentlicher Inhalt des Gutachtens .................................................................... 97 6.3.2. Würdigung des Gutachtens.................................................................................. 99 6.3.3. Fazit zum Beweiswert des Gutachtens .............................................................. 106 6.4. Urteil Versicherungsgericht vom 27. März 2002 (act. 4A/II/100) .................... 107 6.5. Spätere medizinische und weitere angerufene Urkunden (ab 2001).............. 108 6.5.1. Einleitend zum Beweiswert der später erstellten Berichte ................................ 108 6.5.2. Die Hauptbeweismittel der Klägerin (ab 2001) .................................................. 109 6.5.3. Gegenbeweismittel der Beklagten ..................................................................... 111 6.6. Weitere angerufene Urkunden ab 2001 (der Vollständigkeit halber) .............. 116 6.7. Fazit zum Vorliegen einer HWS-Schleuderverletzung .................................... 118
7. Zum Vorliegen einer unfallbedingten MTBI.............................................................. 119
7.1. Einleitend .......................................................................................................... 119 7.2. Hauptbeweismittel der Klägerin ....................................................................... 119 7.3. Gegenbeweismittel der Beklagten ................................................................... 122 7.4. Fazit zum Vorliegen einer MTBI ...................................................................... 124
8. Zum Vorliegen einer unfallbedingten posttraumatischen Anpassungsstörung ....... 125
8.1. Vorliegen einer psychischen Störung .............................................................. 125 8.2. Diagnose „posttraumatische Anpassungsstörung“.......................................... 125 8.3. Fehlen einer HWS-Distorsion als Ursache ...................................................... 126 8.4. Beweisverfahren (Beweissätze 1.5 und 3.1) ................................................... 128 8.5. Zusammenfassung der Ergebnisse der Beweiswürdigung ............................. 142
9. Adäquanz der psychischen Störung ........................................................................ 147 9.1. Zur Adäquanz von psychischen Folgen .......................................................... 147 9.2. Zurechenbarkeit im vorliegenden Fall.............................................................. 148
10. Zusammenfassung der Tat- und Rechtsfragen ....................................................... 150
11. Kosten- und Entschädigungsfolgen ......................................................................... 153
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Rechtsbegehren: (act. 1 S. 2)
"1. Es sei die Beklagte zu verurteilen, an die Klägerin einen Betrag von CHF 2'519'309.00, zuzüglich Zins zu 5 % auf CHF 2'190'426.00 ab 1. November 2009 zu bezahlen.
2. Unter o/e-Kostenfolge."
Rechtsbegehren gemäss Triplik: (act. 29 S. 4)
"1. In Abänderung der Rechtsbegehren in der Klage vom 30. November 2009 sei die Beklagte zu verurteilen, an die  einen Betrag von CHF 2'452'132.00, zuzüglich Zins zu 5 % auf CHF 2'134'726.00 ab 1. November 2009 zu bezahlen.
2. Unter o/e-Kostenfolge."
Sachverhalt und Verfahren
A. Sachverhaltsübersicht
1. Die Klägerin ist eine öffentlich-rechtliche Anstalt mit eigener Rechtspersönlich-
keit und Sitz in Luzern (Art. 61 Abs. 1 UVG). Sie betreibt die obligatorische Unfall-
versicherung. Bei der Beklagten handelt es sich um eine Versicherungsgesell-
schaft mit Sitz in Zürich. Ihr Zweck ist der Betrieb von Versicherungen aller Art
und von Rückversicherungen (act. 4/5).
2. Am 7. April 1997 erlitt C._ (in der Folge: Versicherter) einen Heckauffahr-
unfall, während er im Feierabendverkehr mit seinem Fahrzeug in einer Kolonne
stand. Unfallverursacher war ein bei der Beklagten versicherter Lenker. Hinsicht-
lich des Behandlungsverlaufs nach dem Schadenereignis ist unbestritten, dass
der ORL-Facharzt Dr. med. D._ am 10. April 1997 (drei Tage nach dem
Schadenereignis) wegen eines geklagten Tinnitus ein Tonaudiogramm erstellte
und der Versicherte gleichentags im Medizinisch-Radiologischen Institut von Dr.
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med. E._ geröntgt wurde (act. 21 Rz. 15 f.; act. 12 Rz. 45 und 139). Eben-
falls drei Tage nach dem Schadenereignis erstattete die Arbeitgeberin eine Un-
fallmeldung an die Klägerin. Zwei Wochen nach dem Heckauffahrunfall diagnosti-
zierte der Hausarzt des Versicherten, Dr. med. F._, in seinem Arztzeugnis
vom 21. April 1997 ein Schleudertrauma der HWS und attestierte dem Versicher-
ten rückwirkend per 8. April 1997 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Nach einer
ersten neurologischen Untersuchung durch den vom Hausarzt beigezogenen
Facharzt Dr. med. G._ drei Wochen nach dem Ereignis (30. April 1997) und
weiteren neurologischen Untersuchungen durch den A._-Kreisarzt und Neu-
rologen Dr. med. H._ (22. und 30. Mai 1997) weilte der Versicherte zwecks
interdisziplinärer Behandlung vom 4. Juni bis 30. Juli 1997 in der Rehaklinik Belli-
kon und sodann vom 19. November bis zum vorzeitigen Abbruch am
28. November 1997 in der Klinik Valens.
3. Mit Verfügung vom 12. Januar 1998 (act. 4A/I/66) stellte die Klägerin ihre Ver-
sicherungsleistungen per 31. Januar 1998 ein mit der Begründung, dass keine
behandlungsbedürftigen Unfallfolgen mehr vorlägen und die zu jenem Zeitpunkt
noch geklagten Beschwerden in keinem ursächlichen Zusammenhang zum Auf-
fahrereignis vom 7. April 1997 stünden. Die dagegen erhobene Einsprache wies
die Klägerin mit Entscheid vom 21. April 1998 ab (act. 4A/I/87). Gegen den Ein-
spracheentscheid führte der Versicherte Beschwerde an das Versicherungsge-
richt des Kantons Solothurn. Mit Urteil vom 27. März 2002 (act. 4A/I/100) bejahte
das Versicherungsgericht gestützt auf ein von ihm eingeholtes neurologisches
Gutachten das Vorliegen eines für HWS-Schleudertraumata typischen Beschwer-
debildes, weshalb der natürliche Kausalzusammenhang mit dem Schadenereignis
vom 7. April 1997 anzunehmen sei. Der Entscheid blieb unangefochten. Die Klä-
gerin und weitere Sozialversicherer erbrachten in der Folge Leistungen, die Ge-
genstand dieses Regressprozesses sind (act. 1 Rz. 37 ff.; act. 12 Rz. 107 ff.).
4. Der am tt. Januar 1958 geborene Versicherte arbeitete seit dem 19. Oktober
1983 bei der Firma I._ AG als Vorarbeiter in der Heizkörperfabrikation. Mit
Schreiben seines Arbeitgebers vom 22. Dezember 1997 wurde ihm aus wirt-
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schaftlichen Gründen und unter Einhaltung der Sperrfrist per 31. März 1998 ge-
kündigt (act. 1 Rz. 16; act. 12 Rz. 32).
5. Gemäss einem früheren Tonaudiogramm bestand beim Versicherten seit
1992 unstreitig ein binauraler Hörschaden von 14.9% (act. 12 Rz. 47; act. 21
Rz. 14 ff.; act. 25 Rz. 24; act. 4A/I/49, Audiogramm vom 2. Juli 1992). Unbestrit-
ten blieb weiter, dass der Versicherte als Vorarbeiter in einer Heizkörperfabrik
Lärmimmissionen ausgesetzt und mit dem Heben von schweren Lasten körperlich
sehr beansprucht war (act. 25 Rz. 74, act. 29 Rz. 39). Unbestritten ist sodann,
dass der Versicherte im August 1994 beim Zügeln ein Verhebetrauma erlitt und
nach einer mehrmonatigen Phase der Arbeitsunfähigkeit vom 24. Mai bis 14. Juni
1995 in der Rehaklinik Rheinfelden weilte, wo neben einer schmerzbedingten
Einschränkung der HWS-Rotation und Muskelhartspann im Bereich LWS eine re-
aktive depressive Verstimmung festgestellt wurde (act. 12 Rz. 82; act. 21 Rz. 20).
Unbestritten blieb schliesslich, dass ein MRI vom September 1994 eine leichte
Hyperlordose der LWS mit weitgehend erhaltenen Bandscheibenräumen und ei-
ner ausladenden Diskusprotrusion L4/L5 zeigt (act. 25 Rz. 25, act. 29 Rz. 21
i.V.m act. 21 Rz. 14-27).
6. Die Klägerin macht geltend, dass der Versicherte beim Heckauffahrunfall vom
7. April 1997 ein HWS-Schleudertrauma und eine milde traumatische Hirnverlet-
zung erlitten habe und an einer posttraumatischen Anpassungsstörung leide. Der
Nachweis des natürlichen Kausalzusammenhangs sei mittels des neurologischen
Gerichtsgutachtens J._ aus dem Jahre 2000 und der weiteren zum Beweis
angerufenen Urkunden erbracht und vom Versicherungsgericht bejaht worden.
Hierauf sei nicht zurückzukommen. Die Beklagte schliesst auf Abweisung der
Klage. Sie anerkennt zwar ihre grundsätzliche Schadenersatzpflicht, bestreitet je-
doch das Vorliegen von unfallbedingten Gesundheitsbeeinträchtigungen, die zur
Arbeits- resp. Erwerbsunfähigkeit des Versicherten geführt hätten. Sie hält dafür,
dass die beim Versicherten schon kurz nach dem Unfall im Vordergrund stehen-
den psychischen Beschwerden nicht auf das Schadenereignis vom 7. April 1997
zurückzuführen seien. Sie erachtet den Nachweis des Auftretens von initialen
HWS- oder Nackenbeschwerden während der Latenzzeit als nicht erbracht und
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äussert Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Aussagen des Versicherten. Sie nimmt
sodann kritisch Stellung zum Beweiswert mehrerer der im Recht liegenden medi-
zinischen Berichte, insbesondere des erwähnten neurologischen Gerichtsgutach-
tens aus dem Jahre 2000. Auf diese und weitere Vorbringen der Parteien wird,
soweit für den Entscheid relevant, nachfolgend eingegangen.
B. Prozessverlauf
1. Am 30. November 2009 (Datum Poststempel) reichte die Klägerin Weisung
(act. 3) und Klageschrift samt Beilagen ein (act. 1; act. 4/2-9; act. 4A/I-III; act. 4B;
act. 4C/1-2). Nach Eingang der Klageantwortschrift am 15. März 2010 (act. 12)
wurde mit Verfügung vom 2. September 2010 die schriftliche Fortsetzung des
Verfahrens angeordnet. Eine Referentenaudienz und Vergleichsverhandlung fand
nach Rücksprache mit den Parteien nicht statt (Prot. S. 7). Nach Eingang der
Replik vom 1. November 2010 (act. 21) und der Duplik vom 24. Januar 2011 (act.
25) wurde der Klägerin Frist angesetzt, um sich ausschliesslich zu neuen Behaup-
tungen bzw. Beilagen der Duplik zu äussern (Prot. S. 9).
2. Am 27. April 2011 erstattete die Klägerin eine ausführliche Triplik (act. 29). Mit
Eingabe vom 4. Mai 2011 stellte die Beklagte den Antrag, die Triplik sei aus dem
Recht zu weisen, eventualiter sei ihr das Recht auf eine Quadruplik einzuräumen
(act. 32). Mit Verfügung vom 5. Mai 2011 (Prot. S. 11 f.) wurde der Antrag, die
Triplik aus dem Recht zu weisen, abgewiesen und der Beklagten Frist angesetzt,
um sich ausschliesslich zu allfälligen neuen Behauptungen und Beilagen in der
Triplik zu äussern. Am 20. Juni 2011 (act. 35) reichte die Beklagte eine Quadrup-
lik als Stellungnahme zur Triplik ein. Darin stellte sie den Antrag, das vorliegende
Verfahren auf die Frage der natürlichen Kausalität zu beschränken (Rz. 101). In-
nert der ihr mit Verfügung vom 27. Juni 2011 angesetzten Frist zur Stellungnahme
beantragte die Klägerin die Abweisung des Antrags (Prot. S. 13, act. 38).
Am 4. April 2013 erging der Beweisauflagebeschluss, mit welchem zugleich der
Antrag der Beklagten auf Prozessbeschränkung abgewiesen wurde (act. 46). Am
24. Mai 2013 erstattete die Klägerin ihre Beweisantretungsschrift samt Beilagen
(act. 52; act. 53/1-11). Die Beweisantretungsschrift der Beklagten datiert vom
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27. Mai 2013 (act. 54). Mit Beschluss vom 26. August 2013 erfolgte die Be-
weisabnahme (act. 55). Mit Verfügung vom 3. Februar 2015 wurde den Parteien
Frist zur Stellungnahme zum vorläufigen Beweisergebnis angesetzt (act. 59). Die
Stellungnahme der Klägerin datiert vom 25. März 2015 (act. 64), jene der Beklag-
ten vom 5. Mai 2015 (act. 70). Mit Eingabe vom 16. April 2015 (act. 66) reichte die
Klägerin eine weitere Urkunde als Novum ins Recht (act. 67). Mit Eingabe vom
13. Mai 2015 (act. 72) nahm die Beklagte dazu Stellung. Das Verfahren ist
spruchreif (§ 188 Abs. 1 ZPO/ZH).

Erwägungen
1. Formelles
1.1. Anwendbares Prozessrecht
Gemäss Art. 404 Abs. 1 der am 1. Januar 2011 in Kraft getretenen eidgenössi-
schen Zivilprozessordung (ZPO) gilt für Verfahren, die bei Inkrafttreten dieses
Gesetzes rechtshängig sind, das bisherige Verfahrensrecht bis zum Abschluss
vor der betroffenen Instanz. Auf das vorliegende Verfahren sind demnach die Zi-
vilprozessordnung des Kantons Zürich (ZPO/ZH) und das Gerichtsverfassungs-
gesetz des Kantons Zürich (GVG) anwendbar. Für die Rechtsmittel gilt hingegen
das Recht, das bei der Eröffnung des Entscheides in Kraft ist (Art. 405 Abs. 1
ZPO), somit das neue Prozessrecht.
1.2. Zuständigkeit
Die örtliche Zuständigkeit bestimmt sich nach dem neuen Recht, wobei eine nach
dem alten Recht bestehende Zuständigkeit erhalten bleibt (Art. 404 Abs. 2 ZPO).
Das angerufene Gericht ist sowohl örtlich (Art. 26 Abs. 1 GestG) als auch sachlich
(§ 62 GVG resp. § 64 Ziff. 1 GVG, act. 7) zuständig. Die Klage wurde gehörig ein-
geleitet (act. 3; § 102 ZPO/ZH).
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1.3. Teilweiser Klagerückzug
Mit Eingabe vom 26. April 2011 ("Triplik"; act. 29 Rz. 61) reduzierte die Klägerin
ihre Forderung für zukünftige Heilungskosten um CHF 67'177.–. Eine Beschrän-
kung der Klage, sei es durch Verzicht auf einzelne Rechtsbegehren oder, wie vor-
liegend, durch Reduktion eines Leistungsanspruchs, ist jederzeit zulässig
(FRANK/STRÄULI/MESSMER, Kommentar zur zürcherischen ZPO, 3. Aufl., Zürich
1997, § 107 N 7). Das Verfahren ist in diesem Umfang als durch Rückzug erledigt
abzuschreiben.
1.4. Vorbringen in Triplik und Quadruplik
Die Parteien haben das Streitverhältnis im Hauptverfahren darzustellen (§ 113
Satz 1 ZPO/ZH). Grundsätzlich sind sie mit Tatsachenbehauptungen, Einreden
und Bestreitungen ausgeschlossen, die sie mit ihrem letzten Vortrag oder ihrer
letzten Rechtsschrift nicht vorgebracht haben (§ 114 ZPO/ZH). Weitere Vorträge
werden nur aus zureichenden Gründen gestattet und können auf das in der Duplik
oder in späteren Vorträgen neu Vorgebrachte beschränkt werden (§ 128 i.V.m.
§ 121 Abs. 2 ZPO/ZH). Sie sind anzuordnen, wenn in der Duplik neue tatsächli-
che Behauptungen aufgestellt werden, über welche sich die Klägerin noch nicht
aussprechen konnte, zur Behebung unklarer oder unvollständiger Parteivorbrin-
gen oder wenn eine Partei (echte) Noven nach § 115 ZPO/ZH vorbringt
(FRANK/STRÄULI/MESSMER, a.a.O., N 3 zu § 121 ZPO).
Vorliegend wurde der Klägerin, wie dargelegt, Frist angesetzt, um sich aus-
schliesslich zu neuen tatsächlichen Behauptungen sowie neuen Beilagen der
Duplik zu äussern (Prot. S. 9). Dabei wurde festgehalten, dass neues Vorbringen
vorbehältlich § 115 ZPO/ZH nicht mehr zulässig ist. Mit der am 27. April 2011 er-
statteten Triplik (act. 29) reichte die Klägerin eine umfassende Rechtsschrift ein.
Inwieweit es sich dabei um zulässige neue Vorbringen handelt, ist nachfolgend
bei den einzelnen Haftungsvoraussetzungen, soweit entscheidrelevant, zu prüfen.
1.5. Fazit
Die Prozessvoraussetzungen sind damit im Ergebnis erfüllt (§ 108 ZPO/ ZH).
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2. Haftungsvoraussetzungen
2.1. Im Allgemeinen
Wird durch den Betrieb eines Motorfahrzeuges ein Mensch getötet oder verletzt
oder Sachschaden verursacht, so haftet der Halter für den Schaden (Art. 58 Abs.
1 SVG). Art. 58 SVG statuiert eine Gefährdungshaftung. Art und Umfang des
Schadenersatzes richten sich nach den Grundsätzen des Obligationenrechts für
unerlaubte Handlungen (Art. 62 Abs. 1 SVG). Der Versicherte hat im Rahmen der
vertraglichen Versicherungsdeckung der obligatorischen Haftpflichtversicherung
für Motorfahrzeughalter ein Forderungsrecht unmittelbar gegen den Haftpflicht-
versicherer des Unfallverursachers (Art. 65 Abs. 1 i.V.m. Art. 63 Abs. 1 SVG). Die
Beweislast für die positiven Haftungsvoraussetzungen trägt der Versicherte.
Der zu beurteilende Sachverhalt hat sich vor Inkrafttreten des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; in Kraft seit 1.
Januar 2003) zugetragen, weshalb die materiellrechtlichen Bestimmungen dieses
Erlasses nicht anwendbar sind (Art. 82 Abs. 1 Satz 1 ATSG; Art. 72 ff. ATSG).
Gemäss aArt. 41 UVG, aArt. 52 IVG und aArt. 48ter AHVG traten die Klägerin, die
IV und die AHV im Zeitpunkt des Unfallereignisses am 7. April 1997 bis auf die
Höhe der gesetzlichen Leistungen in die Ansprüche des Versicherten ein. Die von
der Klägerin geltend gemachte Regressforderung hat ihre Grundlage in aArt. 41
ff. UVG, aArt. 48ter ff. AHVG, aArt. 79quater AHVV und aArt. 52 IVG, wonach die
Klägerin auch die Rückgriffsansprüche der AHV und IV geltend zu machen hat
Die entsprechende Vereinbarung zwischen den Sozialversicherern wurde getrof-
fen (act. 4/3). Das Subrogations- und Regressrecht der Klägerin wird von der Be-
klagten nicht bestritten (act. 12 Rz. 6 ff., 122).
2.2. Natürlicher Kausalzusammenhang
a) Gemäss ständiger Praxis ist der natürliche Kausalzusammenhang gegeben,
wenn das schadensstiftende Verhalten eine notwendige Bedingung für den einge-
tretenen Schaden ist (BGE 132 III 715 E. 2.2), das fragliche Verhalten demnach
nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene gesundheitliche
Störung entfiele bzw. nicht als in gleicher Weise bzw. zur gleichen Zeit eingetre-
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ten gedacht werden könnte. Nicht erforderlich ist, dass ein Schadenereignis die
alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; vielmehr ge-
nügt es, dass dieses zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder
geistige Integrität des Versicherten beeinträchtigt hat (BGE 129 V 177 E. 3.1 mit
Hinweisen).
b) Soweit der Kausalzusammenhang nicht mit wissenschaftlicher Genauigkeit
nachgewiesen werden kann, genügt, dass er als überwiegend wahrscheinlich er-
scheint (BGE 107 II 269 E. 1b; 128 III 271 E. 2b/aa, je mit Hinweisen). Dies ist zu
bejahen, wenn für die Richtigkeit der Sachbehauptung nach objektiven Gesichts-
punkten derart gewichtige Gründe sprechen, dass andere denkbare Möglichkeiten
vernünftigerweise nicht massgeblich in Betracht fallen (BGE 130 III 321 E. 3.3).
2.3. Bei HWS-Schleuderverletzungen im Besonderen
a) Gemäss ständiger Praxis des Bundesgerichts (BGE 117 V 359 E. 4b, bestätigt
u.a mit BGE 134 V 109) kann ein Unfall mit Distorsion der Halswirbelsäule (HWS)
in der charakteristischen Erscheinungsform einer Häufung von typischen Be-
schwerden eine Arbeits- resp. Erwerbsunfähigkeit verursachen, auch wenn die
festgestellten Funktionsausfälle organisch nicht nachweisbar sind. Sind für beste-
hende Beschwerden keine organischen Ursachen nachweisbar, so wird der natür-
liche Kausalzusammenhang dann vermutet, wenn ein für diese Verletzung als ty-
pisch bezeichnetes "buntes" Beschwerdebild – diffuse Kopfschmerzen, Schwin-
del, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit,
Visusstörungen, Reizbarkeit, Schlafstörungen, Affektlabilität, Depression, We-
sensveränderung usw. (BGE 134 V 116 E. 6.2.1, 117 V 360 E. 4a) – vorliegt, wel-
ches im Sinne einer der medizinischen Forschung entnommenen Vermutung an-
nehmen lässt, die Beschwerden seien durch die diagnostizierte HWS-Verletzung
verursacht worden (BGE 117 V 364 E. 5b/bb).
b) Im Gegenzug zu dieser Kausalitätsvermutung sind an die Grundlagen für den
Schluss auf das Vorliegen solcher typischer Verletzungen hohe Anforderungen zu
stellen. Zum einen können HWS-Schleuderverletzungen zwar klinisch untersucht,
aber abgesehen von ossären Läsionen und dergleichen nicht bildgebend objekti-
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viert werden, weshalb den Angaben des Versicherten über bestehende Be-
schwerden zwangsläufig eine ausschlaggebende Bedeutung zukommt, was ein
gewisses Missbrauchspotenzial birgt. Zum anderen können die erhobenen Be-
funde aus dem Katalog des für derartige Verletzungen als typisch erachteten Be-
schwerdebildes bei identischer Symptomatik auch nichttraumatischer Genese
sein. Aus den genannten Gründen kommt der möglichst genauen und verifizierba-
ren Dokumentation des Unfallhergangs einerseits und der anschliessend auftre-
tenden Beschwerden andererseits als den ersten tatbeständlichen Grundlagen
gemäss Praxis grosses Gewicht zu (BGE 134 V 109).
c) Es ist nachfolgend zunächst auf das Unfallereignis vom 7. April 1997 und her-
nach auf das Vorliegen der geltend gemachten Beschwerden resp. Diagnosen
einzugehen.
3. Unfallereignis vom 7. April 1997
3.1. Unbestrittener Sachverhalt
Der Versicherte fuhr am 7. April 1997 abends innerhalb einer kompakten Fahr-
zeugkolonne in Aarau auf der Bahnhofstrasse, vom Aargauerplatz her kommend,
in Richtung Bahnhof. Die Kolonne bewegte sich mehr oder weniger zähflüssig.
Auf der Höhe der Bahnhofsapotheke kam die Kolonne nach einem kurzen An-
fahrmanöver erneut zum Stillstand. Während der Versicherte sein Auto abbrems-
te, realisierte der nachfolgende Lenker in seinem Opel Frontera dies zu spät und
fuhr auf den Personenwagen des Versicherten auf, dessen PW dadurch nach
vorne in das vor ihm stehende Auto geschoben wurde (act. 1 Rz. 14; act. 12
Rz. 20).
Unbestritten und belegt ist, dass das Fahrzeug des Versicherten im Zeitpunkt der
Kollision bis zum Stillstand abgebremst war (act. 1 Rz. 14; act. 12 Rz. 104), dass
der Versicherte keinen Kopfanprall erlitt (act. 1 Rz. 18 ff.; act. 12 Rz. 20 ff.; act. 21
Rz. 3 und 27; act. 25 Rz. 3 ff.) und der Unfall weder zu Bewusstlosigkeit des Ver-
sicherten führte noch bei diesem Schwindel vorlag. Der Versicherte war angegur-
- 13 -
tet und sein Fahrzeug mit Kopfstützen ausgerüstet. Unbestritten und belegt ist
weiter, dass der Versicherte gegenüber der Polizei am Unfallort angab, nicht ver-
letzt zu sein (act. 12 Rz. 20 ff.; act. 21 Rz. 3; act. 4B). Weiter ist erstellt, dass der
Versicherte nach Erledigung der Formalitäten mit seinem Wagen bis zum Bahn-
hof Aarau fuhr. Da er den Eindruck hatte, dass sein Fahrzeug nicht mehr fahrfähig
sei, organisierte er einen Bekannten zum Abschleppen des Wagens und liess sich
hernach im von ihm gesteuerten Auto bis nach K._ abschleppen (act. 12
Rz. 25; act. 21 Rz. 3).
Die Parteien äussern sich weiter gestützt auf die Feststellungen des Berichts des
Expertenbüros L._ vom 8. April 1997 (vgl. act. 4A/I 38) übereinstimmend
zum Schadensbild am Fahrzeug des Versicherten, wonach Front und Heck des
Fahrzeugs des Versicherten eingedrückt waren, wobei der Frontschaden nicht gut
erkennbar war (act. 1 Rz. 34; act. 12 Rz. 103). Unbestritten blieb sodann das
Vorbringen der Beklagten, dass das im Unfallzeitpunkt 13-jährige Fahrzeug des
Versicherten wohl einen wirtschaftlichen, nicht aber einen mechanischen Total-
schaden erlitten habe (act. 12 Rz. 103; act. 21 Rz. 31).
Die Parteien sind sich weiter einig, dass mittels des Gutachtens des M._
(M._) vom 19. Januar 1999 (act. 4A/II vor 97) einschliesslich Beantwortung
der Zusatzfragen vom 19. Februar 1999 ein maximaler Grenzwert der Geschwin-
digkeitsänderung (Delta-v) von 11 km/h ermittelt wurde (act. 1 Rz. 34 ff.; act. 12
Rz. 104 f.; act. 21 Rz. 31). Unbestritten ist sodann, dass die an die Heckkollision
anschliessende Frontalkollision nur eine untergeordnete Rolle spielte (act. 1
Rz. 35; act. 21 Rz. 3). Weiter bringen die Parteien übereinstimmend und unter
Bezugnahme auf den biomechanischen Bericht Prof. Dr. med. N._ vom 12.
September 1999 (A._-Akten 4A/II vor act. 97) vor, dass hinsichtlich des ma-
ximalen Grenzwerts von einer Toleranz von +/- 1 km/h auszugehen und das Kolli-
sionsereignis aus technischer und biomechanischer Sicht knapp geeignet sei, die
initial festgestellten Beschwerden zu erklären (act. 1 Rz. 36; act. 12 Rz. 106).
- 14 -
3.2. Umstrittene Einzelaspekte
3.2.1. Sitz des Versicherten löste sich beim Aufprall (Beweissatz 6.4)
Die Beklagte macht geltend, dass der Versicherte am 18. September 1997 ge-
genüber dem Schadeninspektor der A._ bei der Befragung zum Unfallher-
gang zu Protokoll gegeben habe (act. 4A/I26), dass sein Auto mit Kopfstützen
ausgerüstet gewesen und sein Sitz durch den Aufprall nach hinten verschoben
worden sei. Die Arretierung habe sich gelöst. Dieser Umstand sei weder in der
Unfallanalyse noch im biomechanischen Bericht berücksichtigt worden und führe
zu einem zusätzlichen effektiven Schutz vor Verletzungen (act. 12 Rz. 24).
Diesem Vorbringen hält die Klägerin entgegen, dass die technischen Gutachten
M._ vom 19. Januar resp. 19. Februar 1999 sowie der biomechanische Be-
richt Prof. Dr. med. N._ vom 12. September 1999 unter Berücksichtigung
sämtlicher Akten, einschliesslich medizinischer Beurteilungen, erstellt worden sei-
en (act. 21 Rz. 3).
Die Behauptung der Beklagten fand Eingang in Beweissatz 6.4. Aus den angeru-
fenen Beweismitteln (vgl. act. 55) ergibt sich, dass der Versicherte die vorgenann-
te Angabe gegenüber dem Schadeninspektor der A._ im September 1997 so
machte (act. 4A/I/26) und dass Prof. Dr. med. N._ bei der Erstellung des bi-
omechanischen Berichts (act. 4A/II/vor 97) – nebst den technischen Analysen,
dem Polizeirapport und verschiedenen medizinischen Berichten aus den Jahren
1997 und 1998 – der Bericht des Schadeninspektors vorlag. Der Gutachter nimmt
zwar zunächst Bezug auf die Aussage des Versicherten (sein Sitz habe sich nach
hinten bewegt, die Arretierung habe sich gelöst, vgl. S. 2). In seiner Beurteilung
(S. 6) zu den Einzelheiten des Bewegungsablaufs berücksichtigt Prof. Dr. med.
N._ den Umstand allerdings nicht, noch bezeichnet er ihn als irrelevant. Der
Umstand findet damit nicht Eingang in die Beurteilung des Biomechanikers, dem-
gemäss das Kollisionsereignis aus technischer und biomechanischer Sicht nur
knapp geeignet gewesen sei, die initial festgestellten Beschwerden zu erklären.
- 15 -
In der Kurzbeurteilung der Arbeitsgruppe für Unfallmechanik (O._) vom 6.
April 1999, dem Technischen Gutachten M._ vom 19. Januar 1999 (vgl. ins-
besondere S. 8 ff. zur Insassenbelastung) und der Beantwortung von Zusatzfra-
gen durch das M._ vom 19. Februar 1999 (alle in act. 4A/II/vor 97) wird der
Umstand (Verschiebung des Sitzes nach hinten zufolge gelöster Arretierung) nicht
erwähnt. Es findet sich kein Hinweis darauf, dass die Ersteller der technischen
Berichte Kenntnis vom Bericht des Schadeninspektors der A._ und der darin
protokollierten Angabe hatten.
Gemäss den ohne Weiteres nachvollziehbaren Erläuterungen zum grundsätzli-
chen Bewegungsablauf eines Körpers bei einer Heckkollision und dessen zeitli-
cher Abfolge gemäss M._-Bericht vom 19. Februar 1999 wird dem Oberkör-
per des Insassen durch den Sitz die von der Heckkollision bewirkte Vorwärtsbe-
wegung aufgezwungen, nicht aber dem Kopf, da dieser bei normaler Körperhal-
tung häufig nicht direkt an der Kopfstütze anliege. Der Oberkörper vollziehe daher
in einer ersten Phase eine Bewegung relativ zum Kopf, die zu Scherkräften im
oberen HWS-Bereich führe, was der Hauptgrund für HWS-Verletzungen sei. Löst
sich der Sitz und bewegt er sich bei der Heckkollision mangels Arretierung nach
hinten, mithin in die gleiche Richtung wie der Kopf, so ist die relative Bewegung
des Oberkörpers zum Kopf zwangsläufig eine geringere und sind die Scherkräfte,
die für das Verletzungsrisiko massgeblich sind, dementsprechend ebenfalls ge-
ringer.
Aufgrund des Beweisergebnisses ist somit davon auszugehen, dass der erstellte
(und im Übrigen kaum substantiiert bestrittene) Umstand, dass sich die Arretie-
rung des Sitzes beim Aufprall löste und sich dieser nach hinten bewegte, zu einer
Verminderung des Verletzungsrisikos führte.
3.2.2. Maximales Delta-v unter 10 km/h infolge Stillstands des Fahrzeugs
Die Beklagte macht geltend, dass ein maximaler Grenzwert für die Geschwindig-
keitsänderung von 11 km/h ermittelt worden sei, was unter Berücksichtigung des
unbestrittenen Umstands (vgl. act. 1 Rz. 14), dass das Fahrzeug des Versicherten
im Kollisionszeitpunkt bis zum Stillstand abgebremst gewesen sei, zu einem tiefe-
- 16 -
ren maximalen Delta-v von unter 10 km/h führe. Gemäss dem technischen Er-
gänzungsgutachten M._ vom 2. März 2010 sei für das gebremste Fahrzeug
von einer kollisionsbedingten Geschwindigkeitsänderung von maximal 10 bis 11
km/h auszugehen (act. 12 Rz. 104 f.).
Die Klägerin verweist auf das technische Gutachten M._ vom 19. Januar
1999 mit ermitteltem maximalem Delta-v von 11 km/h resp. die Ergänzung vom
19. Februar 1999 betreffend die Frontalkollision unter Berücksichtigung des Um-
stands, dass der Versicherte eigenen Angaben zufolge auf der Bremse stand (act.
21 Rz. 31). Mit Triplik verweist die Klägerin auf ihre Replik (act. 29 Rz. 6). Dieser
ist zur Frage, ob der Stillstand des Fahrzeugs des Versicherten zu einem maxi-
malen Delta-v von 10 km/h führe, ein Festhalten am maximalen Wert von 11 km/h
zu entnehmen.
Die Behauptung fand Eingang in Beweissatz 6.3. Aus den angerufenen Beweis-
mitteln aus dem Jahre 1999 ergeben sich die Werte gemäss klägerischem Vor-
bringen (max. delta-v von 11 km/h). Das Ergänzungsgutachten M._ vom 2.
März 2010 (act. 13/6) hält fest, dass beim Test M._ gemäss technischer Ana-
lyse vom 19. Januar 1999 vom ungebremsten Fahrzeug des Versicherten ausge-
gangen worden sei. Es kommt zum Schluss, dass von einer maximalen kollisi-
onsbedingten Geschwindigkeit von 10 bis 11 km/h auszugehen sei. Im Übrigen
behalte das technische Gutachten vom 19. Januar 1999 seine volle Gültigkeit. Es
ist somit von einer Heckkollision mit maximalem delta-v von 10 bis 11 km/h aus-
zugehen.
3.3. Fazit zum Unfallhergang
In Ergänzung des unbestrittenen Sachverhalts ist von einem maximalen delta-v
von 10 bis 11 km/h und davon auszugehen, dass die gelöste Arretierung des Sit-
zes des Versicherten zu einem zusätzlichen Schutz vor Verletzungen führte.
Anhand der Schwere des Kollisionsereignisses allein lässt sich der natürliche
Kausalzusammenhang zwischen Unfallereignis und zuverlässig medizinisch do-
kumentierten Beschwerden des Versicherten nicht mit dem erforderlichen Be-
- 17 -
weismass nachweisen. Die Unfallschwere ist einer von mehreren zu berücksichti-
genden Faktoren. Dem erstellten Unfallsachverhalt als einer der tatbeständlichen
Grundlagen für die Prüfung des Kausalzusammenhangs ist schliesslich bei der
Würdigung der medizinischen Berichte Rechnung zu tragen.
4. Parteibehauptungen zu unfallbedingten Gesundheitsbeeinträchtigungen
4.1. Klägerin
Die Vorbringen der Klägerin zum Vorliegen von unfallbedingten Gesundheitsbe-
einträchtigungen bestehen im Wesentlichen in Zitaten aus den zahlreichen im
Recht liegenden medizinischen Akten (act. 1 Rz. 18 bis 33; act. 21 Rz. 14 bis 28).
Zusammengefasst wird vorgetragen:
a) Der Versicherte habe am 7. April 1997 eine HWS-Distorsion Grad II gemäss
Québec-Task-Force erlitten und leide an deren typischen Folgeerscheinungen.
Dabei handle es sich vorwiegend um muskuloskelettale Zeichen, die in ausrei-
chender Weise dokumentiert seien. Letztere seien nicht als psychogen bzw. psy-
chosomatisch zu werten. Organische Unfallfolgen würden nebst diesen initial
festgestellten muskuloskelettalen Zeichen zudem die initial durchgeführte audio-
metrische Untersuchung von Dr. D._ mit einer festgestellten C5-Senke beid-
seits und dem Nachweis eines Tinnitus im gleichen Frequenzbereich darstellen.
Das Ohrgeräusch habe sich im Rahmen des Schleudertraumas der Wirbelsäule
entwickelt.
b) Am Tag nach dem Unfall habe der Versicherte an einer Vielzahl von Be-
schwerden gemäss dem typischen Beschwerdebild nach HWS-Distorsion gelitten.
Gemäss Arztzeugnis des Hausarztes Dr. med. F._ vom 21. April 1997 sei die
Beweglichkeit der HWS wegen muskulärer Verspannungen deutlich einge-
schränkt gewesen, die Rotation nach rechts habe 30°, nach links 20° betragen;
auch seien Inklination und Reklination eingeschränkt gewesen. Weiter sei eine
Sensibilitätsstörung im Bereich C4 links aufgetreten (act. 1 Rz. 19)
- 18 -
c) Weiter leide der Versicherte unter einer schweren posttraumatischen An-
passungsstörung mit agitiert-depressiven Zügen und prononcierter psychovegeta-
tiver Symptomatik. Er leide an Depression, Hoffnungslosigkeit ohne Zukunftsper-
spektive sowie fehlender Konzentrationsfähigkeit. Festgestellt worden seien wei-
ter kognitive Störungen als Folge der emotionellen Verarbeitungsstörung oder ei-
ner leichten traumatischen Hirnverletzung.
d) Sämtliche Diagnosen stünden in natürlichem Kausalzusammenhang zum Un-
fall vom 7. April 1997. Dieser sei mit dem vorliegenden neurologischen Gutachten
von Prof. J._ vom 11. August 2000, erstattet zuhanden des Versicherungs-
gerichts des Kantons Solothurn, nachgewiesen. Das Versicherungsgericht habe
gestützt auf das Gutachten das Vorliegen des typischen Beschwerdebilds bejaht
und das Bestehen eines natürlichen Kausalzusammenhangs zwischen Gesund-
heitsbeschwerden einschliesslich posttraumatischer Anpassungsstörung und Un-
fall angenommen (act. 1 Rz. 78). Im Gerichtsgutachten werde festgestellt, dass
zum einen die audiometrisch festgestellte C5-Senke sowie der Tinnitus, zum an-
deren die initial durch den Hausarzt festgestellten muskuloskelettalen Zeichen or-
ganische Unfallfolgen darstellen würden. Durch das Unfallereignis sei eine rich-
tungsgebende Verschlimmerung eines die Arbeitsfähigkeit bisher nicht behin-
dernden Zustands eingetreten. Die Beschwerden seien mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit auf den Unfall vom 7. April 1997 zurückzuführen (act. 1 Rz. 27;
act. 21 Rz. 28).
e) Zur Frage des Auftretens von HWS- oder Nackenbeschwerden während der
Latenzzeit von 72 Stunden und der mangelnden Dokumentation der (behaupte-
ten) Erstbehandlung bringt die Klägerin vor, der Versicherte habe sich unmittelbar
nach dem Unfall zu Dr. med. P._, dem Ferienvertreter seines Hausarztes
Dr. F._, begeben, der ihn an den ORL-Facharzt Dr. med. D._ überwie-
sen habe. Dr. D._ habe in seinem Bericht vom 11. April 1997 festgehalten,
dass im Anschluss an ein Schleudertrauma vom 7. April 1997 (Akzeleration)
nebst starken Schmerzen im Halsbereich ein starkes Ohrgeräusch bei audiomet-
risch nachweisbaren C5-Senken aufgetreten sei (act. 1 Rz. 18). Weiter ergebe
sich aus der Unfallmeldung des Arbeitgebers des Versicherten vom 10. April 1997
- 19 -
an die Klägerin, dass der Versicherte wegen eines Schleudertraumas bei
Dr. med. P._ in Erst- und bei Dr. med. F._ in Nachbehandlung stehe
(act. 21 Rz. 15 f.). Zudem sei dem Arztzeugnis des Hausarztes Dr. med. F._
vom 21. April 1997 ebenso wie dessen Zuweisungsschreiben vom 25. April 1997
an den Neurologen Dr. med. G._ zu entnehmen, dass Dr. med. P._
dessen Ferienvertretung wahrgenommen und der Versicherte bei diesem am
8. April 1997 in Behandlung gestanden habe, sowie weiter, dass am 10. April
1997 ein Röntgenbild der HWS durchgeführt worden sei. Solches wäre wohl
kaum angeordnet worden, wenn keine Beschwerden an der HWS geklagt worden
seien (act. 21 Rz. 15 f.). Gemäss Bericht des Neurologen Dr. med. G._ vom
1. Mai 1997 habe der Geschädigte bei der Untersuchung vom 30. April 1997 an-
gegeben, es seien einen Tag nach dem Unfall Kopfweh, Schwindel, Ohrensau-
sen, Nackenschmerzen, Schwächegefühl im linken Arm mit Gefühlsstörungen,
Steifigkeit der Finger, Gefühllosigkeit beider Beine linksbetont, begleitet von ab-
normer Nervosität und zeitweise Taubheitsgefühl in beiden Armen aufgetreten
(act. 1 Rz. 20).
f) Was den von der Beklagten geltend gemachten „Crescendo-Verlauf" der ge-
klagten Beschwerden anbetreffe, so sei es eine medizinische Frage, ob dieser
Verlauf so stattgefunden habe (act. 21 Rz. 8).
g) Dem Einwand, dass die geklagten Beschwerden auf Vorzustände zurückzu-
führen seien, sei entgegen zu halten, dass der schicksalsmässige Verlauf nicht zu
einer entsprechenden schwerwiegenden psychischen Fehlentwicklung geführt
hätte. Vorbestehend sei keine relevante Psychopathologie von Krankheitswert di-
agnostiziert worden; unfallfremde Faktoren seien keine zu erkennen (act. 1 Rz. 27
f.).
h) Aus technischer und biomechanischer Sicht sei das Kollisionsereignis mit ei-
nem Delta-v von maximal 11 km/h knapp geeignet, die initial festgestellten Be-
schwerden im HWS-Kopfbereich zu erklären (act. 1 Rz. 35 f.).
i) Schliesslich gibt die Klägerin, wie dargelegt, den Inhalt diverser ärztlicher Be-
richte auszugsweise wieder. Auf diese Vorbringen zur Vielzahl von medizinischen
- 20 -
Berichten und weiteren Urkunden wird, soweit entscheidrelevant, im Rahmen der
Beweiswürdigung (vgl. nachfolgend 6.) eingegangen.
4.2. Beklagte
a) Die Beklagte bestreitet das Bestehen von unfallbedingten Gesundheitsschä-
den des Versicherten im Einzelnen, indem sie sich ihrerseits mit den zitierten me-
dizinischen und anderen Akten auseinandersetzt (act. 12 Rz. 43-97; act. 25
Rz. 23-87). Es seien keine objektivierbaren organischen Beschwerden diagnosti-
ziert worden. Das typische Beschwerdebild bestehe nicht. Sämtliche Untersu-
chungen hätten gezeigt, dass eine starke posttraumatische Anpassungsstörung
vorliege, die sich aber mit dem Unfallereignis nicht in Einklang bringen lasse (act.
12 Rz. 98 f.). Der Versicherte habe binnen kurzer Zeit überaus massiv psychogen
reagiert (act. 25 Rz. 97).
b) Zusammengefasst macht die Beklagte weiter geltend, dass das Aussagever-
halten des Versicherten zu Art und Zeitpunkt des Auftretens der Beschwerden
Widersprüche aufweise:
Gemäss unbestrittenem Sachverhalt habe sich der Versicherte am Unfalltag ge-
genüber der Polizei auf deren ausdrückliche Nachfrage nach Verletzungen als
nicht verletzt bezeichnet (act. 12 Rz. 23). Gegenüber dem Schadeninspektor der
A._ habe der Versicherte am 18. September 1997 zu Protokoll gegeben,
dass er am Unfalltag weder Schwindel verspürt habe noch bewusstlos geworden
sei. Der Versicherte, der gemäss unbestrittenem Sachverhalt sein Fahrzeug beim
Abschleppen nach dem Unfall habe steuern können, habe nach dem Unfall klare
Gedanken fassen und Entscheide treffen können. Die kognitiven Fähigkeiten sei-
en intakt gewesen (act. 12 Rz. 25). Eine Mild Traumatic Brain Injury, wie sie spä-
ter in Arztberichte Eingang gefunden habe, liege nicht vor. Der Versicherte habe
gemäss unbestrittenem Sachverhalt und Aktenlage keinen Kopfanprall erlitten
und sich nach dem Unfall wohl gefühlt (act. 12 Rz. 38, 72; act. 25 Rz. 55).
Gemäss dem vorerwähntem Protokoll des Schadeninspektors A._ vom 18.
September 1997 habe der Versicherte beim Hausbesuch des Inspektor messer-
- 21 -
stichartige Schmerzen zwischen den Schultern angegeben, die unmittelbar nach
dem Unfall aufgetreten seien und die er gegenüber dem Lenker des Vorderfahr-
zeugs geäussert haben wolle. Demgegenüber habe er solche messerstichartigen,
sofortigen Schmerzen trotz expliziter Nachfrage weder gegenüber der Polizei am
Unfalltag, noch gegenüber den behandelnden Ärzten P._, D._, F._
und G._ in den folgenden Wochen erwähnt. Vor dem Besuch des Scha-
deninspektors am 18. September 1997 habe der Versicherte andere Angaben zu
initialen Schmerzen gemacht (act. 12 Rz. 26).
Dem Bericht des Hausarztes Dr. F._ vom 21. April 1997 und dessen Zuwei-
sungsschreiben an den Neurologen Dr. G._ vom 25. April 1997 lasse sich zu
den geklagten Beschwerden demgegenüber einzig eine Sensibilitätsstörung C4
links entnehmen (act. 12 Rz. 26). Eigentliche Nackenschmerzen fänden sich
erstmals im Bericht des Neurologen Dr. med. G._ vom 1. Mai 1997 betref-
fend die Untersuchung vom 30. April 1997, in welchem auch erstmals das typi-
sche Beschwerdebild erscheine. So halte Dr. G._ als Angaben des Versi-
cherten u.a. fest, dass dieser am Tag nach dem Unfall „Kopfweh, Schwindel, Oh-
rensausen, Nackenschmerzen, Schwächegefühl im linken Arm mit Gefühlsstö-
rungen, Steifigkeit der Finger, Gefühllosigkeit beider Beine linksbetont“ verspürt
habe. Am Tag vor der vorerwähnten Begutachtung durch den Neurologen
Dr. G._ und der erstmaligen Angabe des typischen Beschwerdebildes habe
der Versicherte unbestrittenermassen die Anwaltskanzlei Q._ mandatiert,
obwohl zu jenem Zeitpunkt weder eine Ablehnung von Versicherungsleistungen
im Raum gestanden habe noch sich komplexe Rechtsfragen gestellt hätten (act.
12 Rz. 26 ff.).
Trotz der genannten Widersprüche hätten weder der medizinische Dienst der
Klägerin noch die folgenden behandelnden Ärzte die Aussagen des Versicherten
zu Unfallhergang und Beschwerden kritisch anhand der erhobenen Befunde und
der vorhandenen weiteren Angaben zum Unfallhergang überprüft, weshalb die
betreffenden Berichte den Anforderungen an beweiskräftige medizinische Unter-
lagen nicht genügen würden (act. 12 Rz. 29).
- 22 -
c) Innert der Latenzzeit von 24 bis 72 Stunden nach dem Unfall seien die für ein
Schleudertrauma typischen Schmerzen an der HWS, Hartspann resp. Muskelbe-
schwerden an der HWS und Nackenschmerzen nicht geltend gemacht resp. nicht
beobachtet oder dokumentiert worden (act. 12 Rz. 44, 84, 88; act. 25 Rz. 73). Erst
am 30. April 1997 bei der Untersuchung durch Dr. G._ sei eine Auswahl der
Beschwerden gemäss dem typischen Beschwerdebild vom Versicherten vorge-
bracht worden (act. 12 Rz. 38). Die Beweglichkeit der HWS habe wegen der un-
kooperativen Haltung des Versicherten nicht überprüft werden können (act. 12
Rz. 54 f. und 88). Es sei unwahrscheinlich, dass der Versicherte die gemäss
Anamnese von Dr. G._ vom 30. April 1997 bereits am Unfallfolgetag aufge-
tretenen Beschwerden gegenüber dem erstbehandelnden Arzt verschwiegen hät-
te (act. 12 Rz. 30). Es finde sich kein Bericht des erstbehandelnden Arztes
Dr. P._ bei den Akten (act. 12 Rz. 43). Es sei anhand der Aktenlage weder
belegt, dass der Versicherte am Unfallfolgetag tatsächlich in die Sprechstunde
des Ferienvertreters seines Hausarztes gegangen sei, noch welche Beschwerden
der Versicherte gegenüber Dr. P._ beschrieben habe (act. 12 Rz. 43 f.; act.
25 Rz. 9 und 28).
d) Die Beklagte nimmt sodann ihrerseits im Einzelnen Stellung zu Inhalt und Be-
weiswert der von der Klägerin zitierten und kommentierten medizinischen Berich-
te, worauf, soweit entscheidrelevant, bei der Beweiswürdigung einzugehen ist
(vgl. 6.2 nachfolgend).
4.3. Beweisverfahren
a) Der Klägerin wurde mit Beweisauflagebeschluss vom 4. April 2013 (act. 46)
der Nachweis auferlegt, dass der Versicherte beim Unfall vom 7. April 1997 ein
Schleudertrauma der HWS erlitten hat und seither am typischen Beschwerdebild
leidet (Beweissätze 1.1, 1.4), sowie dass insbesondere organische Unfallfolgen in
Form einer C5-Senke und eines Tinnitus im gleichen Frequenzbereich einerseits
und muskuloskelettale Zeichen im Sinne von Grad II der Québec-Task-Force an-
dererseits bestehen (Beweissatz 1.3), auf welche die Klägerin – gestützt auf das
Gutachten J._ – das Vorliegen eines HWS-Schleuderverletzung im Wesentli-
chen stützt (vgl. act. 1 Rz. 27, act. 21 Rz. 28). Der Klägerin wurde weiter der
- 23 -
Nachweis auferlegt, dass beim Versicherten innert der Latenzzeit von 24 bis 72
Stunden nach dem Schadenereignis zumindest HWS- oder Nackenschmerzen
auftraten und er wegen solcher Beschwerden innert der genannten Latenzzeit an-
lässlich einer behaupteten Erstkonsultation am Unfallfolgetag von einem Arzt an
der Wirbelsäule untersucht wurde (Beweissätze 3.2 und 3.3). Schliesslich wurde
ihr der Nachweis auferlegt, dass der Versicherte beim Schadenereignis eine milde
traumatische Hirnverletzung erlitten hat (Beweissatz 1.2), dass er an einer schwe-
ren posttraumatischen Anpassungsstörung leidet (Beweissatz 1.5) und sämtliche
genannten Beschwerden resp. Diagnosen gemäss den Beweissätzen 1.1 bis 1.5
auf das Schadenereignis vom 7. April 1997 zurückzuführen sind (Beweissatz 3.1).
Die Beklagte wurde zum Gegenbeweis insbesondere ihrer Behauptungen zuge-
lassen, dass der Versicherte aggraviere bzw. simuliere (Gegenbeweissatz 2.1),
dass er ein deutlich dysfunktionales Schmerzverhalten zeige (Gegenbeweissatz
2.2) und dass schon nicht ganz zwei Monate nach dem Schadenereignis psycho-
vegetative Symptome im Vordergrund gestanden hätten (Gegenbeweissatz 2.3).
5. Widersprüchliche medizinische Aktenlage der ersten Jahre (1997-1999)
5.1. Einleitend zur Beweislage
a) Mit der Klägerin (act. 12 Rz. 78; act. 29 Rz. 4) und dem Versicherungsgericht
des Kantons Solothurn (act. 4A/II/100 S. 7) ist festzustellen, dass die medizini-
sche Aktenlage der ersten Jahre widersprüchlich ist, was das Versicherungsge-
richt zur Einholung eines neurologischen Gutachtens veranlasste, welches
schliesslich alleinige Grundlage für seinen Entscheid vom 27. März 2002 bildete
(vgl. act. 4A/II/100 S. 8 E. 3a). Die Klägerin stützt sich zwar massgeblich auf das
vom Versicherungsgericht eingeholte Gutachten des Neurologen Prof. Dr.
J._ vom 11. August 2000 (vgl. act. 21 Rz. 28), ruft daneben jedoch eine Viel-
zahl weiterer medizinischer und anderer Berichte als Beweismittel an. Ein poly-
oder interdisziplinäres Gutachten zum Gesundheitszustand oder dessen Unfall-
kausalität wurde nicht eingeholt und wird von der Klägerin in diesem Verfahren
- 24 -
nicht beantragt (vgl. act. 52). Das neurologische Gutachten Prof. Dr. J._ fasst
die Vorakten, soweit dem Gutachter vorliegend, zwar grob zusammen, setzt sich
jedoch nur mit wenigen resp. im Wesentlichen den initialen Berichten des ORL-
Facharztes Dr. D._ und dem initialen Befund des Hausarztes Dr. med.
F._ auseinander (vgl. nachfolgend 6.3). Auf Inhalt und Beweiswert der ange-
rufenen medizinischen Berichte ist daher nachfolgend im Einzelnen einzugehen.
b) Der wesentliche Inhalt der von den Parteien zum Beweis- resp. Gegenbeweis
eines unfallbedingten Gesundheitsschadens angerufenen medizinischen und wei-
teren Urkunden, die in den ersten Jahren nach dem Schadenereignis vom 7. April
1997 bis zur Erstattung des Gerichtsgutachtens vor Versicherungsgericht Solo-
thurn vom 11. August 2000 verfasst wurden, wird nachfolgend chronologisch wie-
dergegeben.
5.2. Übersicht über die medizinischen und weiteren Berichte (1997 - 1999)
- In der Unfallmeldung des Arbeitgebers vom 10. April 1997 (act. 4A/I/1) wurden
drei Tage nach dem Schadenereignis als erstbehandelnder Arzt Dr. med.
P._ und als nachbehandelnder Arzt Dr. med. F._ angegeben. Unter "Art
der Schädigung" wird "Schleudertrauma" angegeben.
- Ebenfalls am 10. April 1997 wurden von Dr. E._ vom Medizinisch-
Radiologischen Institut in Olten Röntgenaufnahmen gemacht. Nach ausführlichem
Befund hielt Dr. E._ folgende Beurteilung im Bericht vom 10. April 1997
(act. 13/4) fest: "Keine nachweisbare Wirbelkörperfraktur oder Zeichen einer Ro-
tationsdislokation. Vorbestehende Chondrosis intervertebralis C5/C6." Die Erhe-
bung dieses Befunds ist unbestritten (act. 12 Rz. 52, act. 21 Rz. 14 ff.).
- Bei der Untersuchung vom 10. April 1997, wiederum drei Tage nach dem Scha-
denereignis, erstellte der ORL-Facharzt Dr. D._ (Bericht vom 11. April 1997)
(act. 4A/I/9) ein Tonaudiogramm wegen eines geklagten Ohrgeräusches und hielt
in seinem Bericht fest:
"Angeblich keine früheren Ohrerkrankungen. Vor einigen Jahren sei ein A._-Audiomobiltest durchgeführt worden am Arbeitsplatze, dessen Resultat uns nicht bekannt ist. [...] Im Anschluss an das Schleudertrauma vom
- 25 -
07.04.1997 (Akzeleration) traten nebst starken Schmerzen im Halsbereich auch ein starkes beidseitiges hochfrequentes Ohrgeräusch auf linksbetont, subjektiv keine sichere Gehörsverminderung. [...] die Wirbelsäule und Kopfgelenke sind durch den Stützkragen ruhig gestellt. [...]. Im heutigen Reintonaudiogramm  man eine leichtgradige hochtonbetonte Schallempfindungshörstörung im Sinne von beidseitigen C5-Senken von max. -40 dB rechts bei 6‘000 Hz bzw. -35 dB links zwischen 4‘000 und 6‘000 Hz. Das Ohrgeräusch ist zwischen 4‘000 und 6‘000 Hz an der Hörschwelle lokalisierbar."
Es ergaben sich im Übrigen anatomisch Normalbefunde. Der ORL-Facharzt kam
zu folgender Beurteilung:
"Im Rahmen des Schleudertraumas der Wirbelsäule Entwicklung eines akuten starken Ohrgeräusches bei audiometrisch nachweisbaren C5-Senken. Es wird eine Behandlung mit Trental [...] eingeleitet."
- Gemäss Polizeirapport vom 21. April 1997 (act. 4B) gab der Versicherte am Un-
fallort auf Nachfrage an, keine Verletzung erlitten zu haben.
- Zwei Wochen nach dem Unfall verfasste Dr. med. F._ als Hausarzt des
Versicherten ein Arztzeugnis (21. April 1997) (act. 4A/I/2) zuhanden der Klägerin.
Als Erstbehandlungsdatum wurde der 8. April 1997 angegeben. Dr. F._ hielt
die Angaben des Patienten wie folgt fest: "Am 07.04.1997 Auffahrunfall in Aarau.
Anfänglich nur wenig Schmerzen, erst Schmerzen am nächsten Morgen, einige
Tage später Auftreten eines lästigen Tinnitus.“ Unter „Allgemeinzustand“ hält der
Hausarzt fest:
"a) Besondere Wahrnehmungen (Gemütsverfassung, Alkohol, Drogen usw.)
Gemäss meinem Ferienvertreter Dr. P._ unauffällig
b) Folgen von Krankheiten und Unfällen sowie Körperanomalien (Invalidität)
Status nach Diskushernieoperation mit entsprechenden Restbeschwerden"
Der Hausarzt erhob folgenden Befund:
"Die Beweglichkeit der HWS ist deutlich eingeschränkt, die Rotation nach rechts beträgt 30°, nach links 20°. Auch Inklination und Reklination sind deutlich . Bei der Untersuchung findet man zudem eine Sensibilitätsstörung im Bereiche von C4 links. Wegen des Tinnitus ist der Patient bei Herrn Dr. D._ untersucht worden, eine Berichtskopie hat man Ihnen zugestellt.
Röntgenbefund: HWS ap/seitl.: Keine ossäre Läsion"
- 26 -
Der Arzt stellt die Diagnose "Schleudertrauma der HWS". Unter Kausalität wird
bei der Frage, ob ausschliesslich Unfallfolgen vorliegen würden, „Ja“ angekreuzt“.
In Bezug auf die Therapie wird eine "Immobilisation mit Kragen, ab nächster Wo-
che sorgfältige Physiotherapie ohne allzu eingreifende Mobilisationen" angege-
ben.
- Dem vier Tage nach Erstellen des Arztzeugnisses UVG vom 21. April 1997 ver-
fassten Zuweisungsschreiben des Hausarztes Dr. med. F._ vom 25. April
1997 (act. 4A/I/3) an den von ihm beigezogenen Facharzt Neurologie, Dr. med.
G._, "für eine Beurteilung bei einem Schleudertrauma" ist zu entnehmen:
"Am 07.04.97 erlitt der Patient einen Auffahrunfall. Anfänglich verspürte er keine Schmerzen, am Tage danach hatte er jedoch die typischen Beschwerden als Folge eines Schleudertraumas, gleichzeitig ist auch ein Tinnitus aufgetreten, weswegen mein Vertreter Dr. P._ den Patienten D._ zugewiesen hat. Anfänglich ging es dem Patienten recht gut, er klagte jedoch schon von  über Sensibilitätsausfälle im Bereiche der linken Schulter, welche ich auf das Dermatom C4 zurückgeführt habe. In der Zwischenzeit haben die  zugenommen, der Patient klagt auch über Sensibilitätsstörungen im  des ganzen Armes, ohne dass speziell ein Dermatom angegeben werden kann. Der Händedruck ist symmetrisch."
- Am 30. April 1997 wurde der Geschädigte vom Neurologen Dr. med. G._
nach Zuweisung durch den Hausarzt Dr. med. F._ untersucht. Dr. med.
G._ erhob in seinem Bericht vom 1. Mai 1997 (act. 4A/I/6) folgende Anamne-
se:
"Am 07.04.97 in Auffahrunfall verwickelt, dabei wurde sein Fahrzeug von einem schweren Geländewagen von hinten gerammt. Am darauffolgenden Tag Kopfweh, Schwindel, Ohrensausen, Nackenschmerzen, Schwächegefühl im linken Arm mit Gefühlsstörungen, Steifigkeit der Finger, Gefühllosigkeit beider Beine linksbetont. Begleitend abnorme Nervosität, zeitweise Taubheitsgefühl in beiden Armen.  keine nachweisbaren Wirbelkörperfrakturen oder Rotationsdislokation im Bereiche der HWS.
Vor rund 2 Jahren offenbar mehrmonatige Arbeitsunfähigkeit wegen chronischen Rückenschmerzen, damals Aufenthalt in der Rehabilitationsklinik Rheinfelden. [...]"
Er erhob folgenden Befund:
"Gesichtsfeld digital intakt, normale Pupillen- und Augenmotorik, kein Spontan-  Lagensystagmus, Cornealreflex seitengleich lebhaft. Komplette Blockierung der
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HWS-Beweglichkeit, Verspannung und Gegenstemmen bei Lasègue-Prüfung bds. Reflexe an oberen und unteren Extremitäten seitengleich auslösbar, Babinski . Normale Trophik der Muskulatur, grobe Kraft kooperationsbedingt nicht prüfbar, Gangbild normal, schwierige Gangarten nicht prüfbar, Angabe einer Hypästhesie [Anm.: Vermindertes Berührungsempfinden] am linken Arm, Schulterbeweglichkeit schmerzhaft eingeschränkt, passiv bis in Endstellung mobilisierbar. BD 140/100."
Dr. med. G._ kam zu folgender Beurteilung:
"Der Patient klagt über multiple diffuse subjektive Beschwerden, wie sie im  mit einer Distorsion der Halswirbelsäule charakteristischerweise  können. Klinisch imponiert ein schweres linksbetontes cervikobrachiales Schmerzsyndrom [Anm.: Schulter-Arm-Syndrom]. Der Patient bewegt sich überdies wie bei einer akuten Lumbago, was im Zusammenhang mit dem abgelaufenen  nicht plausibel ist.
Sämtliche klinischen Befunde, die nicht willkürlich beeinflusst werden können, sind unauffällig, insbesondere finden sich seitengleiche Reflexe und die Beobachtung der Bewegungsabläufe ausserhalb des Untersuchungsganges erlaubt zuverlässig, motorische Lähmungen auszuschliessen. (...) Trotz der bei mangelhafter  erschwerten Untersuchung finden sich schliesslich keine Hinweise für  Ausfälle oder eine cervikale Rückenmarksläsion.
3 Wochen nach dem fraglichen Unfall sind die geklagten Beschwerden glaubhaft. So wie sich der Patient aber präsentiert, besteht der Verdacht auf eine massive funktionelle Überlagerung. Aufgrund der Vorgeschichte mit mehrmonatiger  wegen Rückenbeschwerden vor 2 Jahren ist die Prognose auch beim derzeitigen Ereignis eher ungünstig."
- Nachdem am 2. Mai 1997 ein zweites Tonaudiogramm erstellt worden war
(act. 4A/I/9), stellte der ORL-Facharzt Dr. D._ im Zwischenbericht vom 5. Mai
1997 (act. 4A/I/8) die Diagnose
"Ohrgeräusch links mit linksbetonter C5-Senke, Zustand nach einem Schleuder-
trauma der Halswirbelsäule vom 07.04.1997."
Zum Verlauf hält Dr. D._ fest, dass "subjektiv immer noch störendes Ohrge-
räusch links, angeblich auch Hörstörung links und Lärmempfindlichkeit" bestehe,
sowie weiter, dass „das subjektiv starke Ohrgeräusch [...] nach Angabe des Pati-
enten erst im Anschluss an das Wirbelsäulentrauma aufgetreten“ sei. Der Versi-
cherte sei aus ohrenärztlicher Sicht im Prinzip arbeitsfähig, doch bestünden er-
hebliche Beschwerden im Zusammenhang mit der Halswirbelsäule, weshalb die
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Bestimmung der weiteren Arbeitsunfähigkeit seitens des Hausarztes erforderlich
sei.
- Mit Schreiben vom 5. Mai 1997 (act. 4A/I/7) ersuchte der Hausarzt den A._-
Kreisarzt Dr. med. H._ um Aufbietung des Versicherten zu einer Standortbe-
stimmung. Gemäss Bericht des A._-Kreisarztes Dr. med. H._ vom 22.
Mai 1997 (act. 4A/I/10) an den Hausarzt über die gleichentags durchgeführte Un-
tersuchung klagte der Versicherte bei der Untersuchung über „multiple Beschwer-
den, welche von Vergesslichkeit über Schwindel, Erbrechen, HWS-Beschwerden, Rückenbeschwerden sowie Beinbeschwerden gehen“. Es bestehe keine
Schmerzarchitektur und es würden vom Patienten keine schmerzauslösenden Momente angegeben.
Der Arzt erhob folgenden Befund:
"[...] Die Untersuchung ist mangels Kooperation erschwert. Die Befunde können  über Trickbewegungen evaluiert werden. Die Beweglichkeit der Halswirbelsäule ist unbeobachtet spontan normal. Bei der Untersuchung wird die Halswirbelsäule  steif gehalten. Bei mehrmaliger Umlagerung auf der Untersuchungsliege konnte ich ebenfalls eine gute Beweglichkeit der Halswirbelsäule feststellen. Die  Muskulatur ist weich. Eine segmentale Untersuchung ist mangels Kooperation nicht durchführbar, obwohl dies an und für sich nicht zu Schmerzen führen sollte. Die Globalfunktionen des Rückens sind nicht zu untersuchen. Beim Inklinationsversuch bewegt sich der Patient höchstens einige Grade. Andererseits kann er sich im Sitzen bei ausgestreckten Beinen problemlos halten. Auch beim Besteigen der  sind keine typischen Probleme zu sehen, welche vom Patienten bei  normalerweise angegeben werden. Radikulär kann ich auch heute keine Probleme feststellen. Die Reflexe sind symmetrisch. Der Lasègue-Test [....] kann im Liegen nicht geprüft werden, da schon bei ungefähr 60° eine massive  eintritt, welche sich aber durch etwas Geduld plötzlich löst. Auch bei der Prüfung des Lasègue im Sitzen (straight leg distraction test) sind keine Zeichen für ein Lasègue zu finden. Sensibilitätsstörungen werden keine angegeben. Die  Muskulatur ist gesamthaft weich. Die Kraftverhältnisse können nicht geprüft werden, da hier keine Kooperation, auch nicht für die kleinsten Kraftversuche, vorhanden ist. Allgemein kann auch bei der schon leichtesten Berührung eine Überreaktion  werden. Bei Rotation der Wirbelsäule bei fixiertem Becken gibt der Patient  Schmerzen an als bei der Rotation unter passiver Mitführung des Beckens. Beim Burn's hysterical bench test praktisch Steifhaltung des Rückens."
Er gelangte zu folgender Beurteilung:
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"Der Patient erlitt eine HWS-Distorsion anlässlich eines Auffahrunfalls vor sieben Wochen. [...]
Aufgrund der erst nach 12 Stunden aufgetretenen Beschwerden darf hier von einer leichten HWS-Distorsion ausgegangen werden und man sollte unter diesen  auch von einer kurzfristigen Arbeitsunfähigkeit ausgehen dürfen.
[...] Der Patient weist bei der Untersuchung verschiedene Unregelmässigkeiten auf. Der Patient kann durch einfache Trickuntersuchungen in praktisch jedem Fall  werden.
[...] Das heutige Benehmen des Patienten spricht aber nicht mehr gross für , sondern für eine bewusste oder unbewusste funktionelle Überlagerung. Ich glaube, dass diesem Zustand durch eine vorsichtige Reintegration im  am besten ein Ende gesetzt werden kann. Es geht darum, dem Patienten wieder Vertrauen in seinen Rücken und in seine Halswirbelsäule zu geben, was er am ehesten im Betrieb [...] wieder erwerben kann [...].
Auf jeden Fall ist eine weitere spezialärztliche Abklärung (...) kontraindiziert. [...] Es würde die ganze Problematik der meines Erachtens sicher vorliegenden  Überlagerung nur noch verstärken.
Konkret habe ich dem Patienten ab Morgen, 23.5.97 eine Arbeitsfähigkeit zu 25% während eines halben Tages attestiert [...]."
- Entsprechend der Empfehlung von Dr. med. H._ zur vorsichtigen Rein-
tegration in den Arbeitsprozess (25% Arbeitsfähigkeit während eines halben Ta-
ges, vgl. hiervor) unternahm der Versicherte einen kurzen Arbeitsversuch. Ge-
mäss Schreiben des Hausarztes Dr. med. F._ an Dr. med. H._ vom 27.
Mai 1997 (act. 4A/I/111) zum Arztbesuch vom gleichen Tag brach der Versicherte
die Arbeit nach wenigen Stunden ab wegen Auftretens von Konzentrationsstörun-
gen, Schwindel, Nausea und Magenbeschwerden. Der Hausarzt Dr. med.
F._ erachtete es zwar als dem Arbeitsbetrieb des Versicherten nicht zumut-
bar, einen solchen Patienten „zu hüten“, doch dürfe man „den Patienten nicht wei-
terhin damit belohnen, ihn weiterhin voll arbeitsunfähig zu schreiben“. Er empfahl
eine raschmöglichste Anmeldung in der Rehaklinik Bellikon, da man mit ambulan-
ten Methoden nicht weiterkomme.
- Nach der erneuten kreisärztlichen Untersuchung hielt Dr. med. H._ im Be-
richt an den Hausarzt vom 30. Mai 1997 (act. 4A/I/12) fest:
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"Diagnose: 07.04.1997 Auffahrunfall mit Schmerzauftreten ungefähr 12 Stunden nach dem Unfallereignis mit jetzt schon wesentlichen Zeichen von somatoformen Schmerzen. [...]
Angaben: Der Patient berichtet heute über massivste Beschwerden. Er kommt bei mir schon nach kurzem Sitzen ins Zittern und ins Schwitzen. Eine Untersuchung ist wegen Steifhaltung der Halswirbelsäule nicht möglich. Periphere  nach wie vor ungestört.
Procedere: Bei Status nach typischem Auffahrunfall mit einer Noncontactverletzung der Halswirbelsäule bestehen heute im wesentlichen psychovegetative , welche meines Erachtens interdisziplinär angegangen werden müssen. [...]"
Im Hinblick auf das weitere Vorgehen schloss der Neurologe Dr. med. H._
auf die Notwendigkeit eines interdisziplinären Vorgehens und schlug dem Versi-
cherten eine Hospitalisation in Bellikon vor.
- Vom 4. Juni bis 30. Juli 1997 weilte der Versicherte in der Rehaklinik Bellikon
zur stationären Behandlung. Im Austrittsbericht Bellikon vom 26. August 1997
(act. 4A/I/20) werden folgende „Angaben des Patienten“ festgehalten: Er sei total
ruiniert, habe Kopfschmerzen unterschiedlicher Intensität, Ohrgeräusche, Na-
ckenschmerzen, lumbale Rückenschmerzen, es tue ihm überall weh. Er habe
Schmerzen über und im Auge. Er leide an Übelkeit und Erbrechen und sei  am Boden.
Zum Verlauf der Therapie wird festgehalten, dass es nicht möglich gewesen sei,
einen therapeutischen Zugang zum Patienten zu finden. Das somatische Problem
habe kaum angegangen werden können. Er sei durch seine psychische Verfas-
sung nicht in der Lage mitzuarbeiten. Der Patient wirke immer sehr nervös und
unruhig. Er zeige ein sehr tiefes Leistungsniveau. Er zittere fast immer am ganzen
Körper.
Gemäss der "Beurteilung bei Austritt: Organische Schädigung und funktionelle
Störung", wird festgehalten:
„Bewegungseinschränkung der HWS und LWS wegen muskulären . Depression und Hoffnungslosigkeit ohne Zukunftsperspektive. Feh-
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lende Konzentrationsfähigkeit. Er hat dauernde Schmerzen und gibt keine Schmerzlinderung beim Sitzen oder Liegen an. Ausgeprägte  Anpassungsstörung.
Behinderung/Fähigkeitsstörung: Der Patient ist depressiv, hoffnungslos und ohne Zukunftsperspektive [...]"
Bis zur erneuten Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch die Klägerin sei die Psy-
chotherapie weiterzuführen, die Physiotherapie wegen fehlender Wirkung nicht.
Der Patient wird in die hausärztliche Weiterbetreuung entlassen.
Im Bericht zum psychosomatischen Konsilium der Reha-Klinik Bellikon vom
13. Juni 1997 (act. 4A/I/vor20), auf welchen im obigen Austrittsbericht (Seite 3)
verwiesen wird, wird unter „Angaben des Patienten“ u.a. festgehalten:
"Er sei allgemein am Boden mit den Nerven, es gehe immer schlechter. [...] Am schlimmsten zu ertragen seien die permanenten, stechenden  (im ganzen Kopf lokalisiert) [...]. Schmerzverstärkend seien  Sitzen und Gehen (Schwindel), Lärm und Wetterwechsel. Neben dem Kopfweh habe er auch Schmerzen vom Nacken bis ins Kreuz ausstrahlend, manchmal seien Arme und Beine ganz steif, die Augenbewegungen seien schmerzhaft, in beiden Ohren habe er einen Tinnitus, er leide unter Übelkeit, Lärmempfindlichkeit, Appetit- und Libidoverlust sowie Schlaflosigkeit.
Angst habe er lediglich bei Höhenexpositionen; als Beifahrer im Auto ängstige er sich nicht sonderlich, aber selber würde er seit dem Unfall aufgrund der gestörten Befindlichkeit nicht mehr Auto fahren.
Vom Unfall habe er nie geträumt, dieser sei nicht so sehr dramatisch . Jedenfalls habe er nach dem Heckaufprall lediglich ein Stechen  den Schulterblättern gespürt. Erst am anderen Morgen sei er ‚völlig blockiert’ gewesen und habe vor lauter Schmerzen kaum noch aufstehen können.
Eine spezialärztliche Untersuchung beim Neurologen Dr. R._ in Basel sei ihm verweigert worden, und anlässlich der kreisärztlichen Untersuchung habe er vor Schmerzen laut aufgeschrien [...]. Er fühle sich in seinen  nicht ernst genommen und als Simulant hingestellt.
Unter "Eigene Beobachtungen" wird festgehalten:
"[...] Auffallend ist die innere Gespanntheit mit motorischer Unruhe [...]. Das Denken ist auf die zahlreichen Beschwerden inkl. die psychische  eingeengt und fixiert. Der Patient macht einen glaubhaft verzweifelten  und leidet unter tiefsitzenden Zukunftsängsten [...]. Von den  sind inzwischen fast der ganze Körper mit sämtlichen Organsystemen betroffen, so dass der Patient psychovegetativ völlig entgleist erscheint."
- 32 -
Es wird folgende psychopathologische Beurteilung abgegeben:
"Ausgeprägte posttraumatische Anpassungsstörung mit agitiert-depressiven Zügen und prononcierter psychovegetativer Symptomatik bei  Persönlichkeit mit hohem Autarkie- und internalem Kontrollbedürfnis. (ICD-10: F 43.25)"
- Dem Bericht der behandelnden Assistenzärztin Dr. med. S._ des Ambula-
toriums der psychiatrischen Klinik Solothurn vom 7. Oktober 1997 (act. 4A/I/44),
visiert von der Oberärztin Dr. med. S._, ist zu entnehmen, dass der Versi-
cherte nach initialer medikamentöser Behandlung durch den ORL-Facharzt seit
dem Austritt in Bellikon von seinem Hausarzt weiterbetreut werde. Seit dem 7.
August 1997 werde er im psychiatrischen Ambulatorium Solothurn betreut auf-
grund einer „posttraumatischen Anpassungsstörung mit agitiert-depressiven Zü-
gen“. Zur „aktuellen Situation“ werden (nebst Angaben des Versicherten zu seit
dem Schadenereignis vorliegenden Kopfschmerzen, Tinnitus, Zittern an oberer
und unterer Extremität links usf.) insbesondere Zukunftsängste in beruflicher wie
familiärer Hinsicht, eine zunehmende depressive Entwicklung mit sozialem Rück-
zug, eine Störung der Vitalgefühle und latente Suizidalität festgehalten. In der
Familie seien grosse Spannungen aufgetreten, es sei zu Streitigkeiten zwischen
den Ehepartnern und zu schwierigen Situationen vor allem mit dem Sohn ge-
kommen. Unter „Psychostatus bei Eintritt“ wird nebst Normalbefunden festgehal-
ten, dass die Konzentration vermindert sei und das Denken auf seine Schmerz-
problematik und Zukunftsängste konzentriert sei. Gemäss „Beurteilung“ liege eine
„traumatische Anpassungsstörung mit Angst und depressiver Reaktion gemischt“
(IDC-10 F 43.22) vor.
- Die Beurteilung des ORL-Facharztes Dr. U._ (A._-Ärzteteam) vom
14. November 1997 (act. 4A/I/49) nimmt Bezug auf das Audiogramm des behan-
delnden ORL-Facharztes Dr. D._ vom 10. April 1997 mit beidseitiger C5-
Senke mit einem binauralen Hörverlust von 16,4%, wobei das intakte Gesamtge-
hör mit 200% veranschlagt wird. Die Erheblichkeitsgrenze bei binauralem Hör-
schaden liege bei 70% Hörverlust. Der ORL-Facharzt nimmt sodann Bezug auf
den unstreitig seit 1992 vorbestehenden binauralen Hörschaden von 14,9%. Im
- 33 -
Vergleich zur Voruntersuchung vom 2. Juli 1992 habe sich das Gehör nur sehr
schwach im Rahmen der physiologischen Alterung verschlechtert. Durch das Un-
fallereignis vom April 1997 sei damit zumindest kein organischer Hörschaden ver-
ursacht worden. Ohne Vorliegen eines unfallbedingten Gehörschadens sei ein als
erheblich zu bezeichnender Tinnitus unfallbedingter Art sehr unwahrscheinlich.
Den subjektiv geklagten Tinnitus des Versicherten erachtet er aus ORL-ärztlicher
Sicht als nicht plausibel resp. kein ORL-ärztliches Problem.
- Im Austrittsbericht der Klinik Valens vom 11. Dezember 1997 (act. 4A/I/55), wo
sich der Versicherte vom 19. bis 28. November 1997 (vorzeitiger Abbruch) zu ei-
ner weiteren stationären Behandlung aufhielt, diagnostizierten die Ärzte ein HWS-
Distorsionstrauma mit ausgeprägter posttraumatischer Anpassungsstörung mit
agitiert-depressiven Zügen und prononcierter psychovegetativer Symptomatik bei
leistungsorientierter Persönlichkeit. Gemäss Beurteilung stehe beim Versicherten
„zur Zeit die psychiatrische Problematik, die sich nach dem Unfall vor allem se-
kundär entwickelt habe, deutlich im Vordergrund.“ Eine somatische Rehabilitation
sei daher überhaupt nicht möglich. Der Versicherte werde daher an die Privatkli-
nik Wyss (an welche der Austrittsbericht gerichtet ist) überwiesen zwecks statio-
närer psychiatrischer Behandlung. Radiologische Abklärungen ergaben nebst un-
auffälligen Befunden den „Verdacht auf kleine Retroosteophyten“, die „wahr-
scheinlich posttraumatisch bedingt“ seien. Zu geklagten Beschwerden ist dem Be-
richt zu entnehmen: Kopfschmerzen vom Nacken bis frontal. Konstantes Ohrge-
räusch beidseits, ständige Übelkeit mit gelegentlichem Erbrechen und allgemeiner
Appetitlosigkeit, Schmerzausstrahlung vom Nacken bis gegen lumbal, Gedächtnis
generell und Konzentrationsfähigkeit klar reduziert, Dysästhesien [Anm. PSCHY-
REMBEL: Empfindungsstörungen] in Extremitäten beim Liegen, aber auch Stehen
und Sitzen, in beiden Armen und ventral an beiden Oberschenkeln; könne maxi-
mal noch 15 Minuten gehen; Schlafprobleme. Zum objektiven Befund ist dem Be-
richt zu entnehmen: Unauffälliger Allgemeinstatus; neurologisch keine sensomo-
torischen Ausfälle, Muskeleigenreflexe symmetrisch normal auslösbar und keine
pathologischen Reflexe. Rheumatologisch: Im Waddell-Test seien alle einzelnen
Punkte positiv; eine aussagekräftige Untersuchung der Beweglichkeit der HWS
sei nicht möglich, da der Geschädigte bei kleinster Bewegung starke Schmerzen
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angebe und stark zu zittern beginne. Die gesamte Wirbelsäule sei stark druckdo-
lent.
Es folgte eine Überweisung an die Privatklinik Wyss in Münchenbuchsee zwecks
stationärer psychiatrischer Behandlung. Zu dortigen Befunden wurde nicht plä-
diert und ein Bericht nicht ins Recht gelegt.
- Mit Einsprache des Hausarztes Dr. med. F._ vom 29. Januar 1998 (act.
4A/I/69) gegen die Verfügung der Klägerin vom 12. Januar 1998 ersucht der
Hausarzt um ein Zurückkommen auf den Entscheid (Leistungseinstellung). Es sei
eine interdisziplinäre Beurteilung der ganzen Situation angezeigt.
- Dem Arztbericht des Hausarztes Dr. med. F._ vom 25. März 1998 an die
IV -Stelle Solothurn (inkl. Beiblatt zum Arztbericht, S. 2, act. 53/1) sind die Diag-
nosen „HWS Distorsionstrauma vom 7. April 1997“ und "ausgeprägte posttrauma-
tische Anpassungsstörung mit depressiven Zügen und psychovegetativer Symp-
tomatik" zu entnehmen. In Bezug auf den Befund hält der Hausarzt fest, dass
chronische Beschwerden im Bereich des Nackens mit Ausstrahlung in den Rü-
cken bestehen würden. Hinsichtlich des Status führt er aus, dass sämtliche Kopf-
bewegungen schmerzbedingt eingeschränkt seien. Der Geschädigte trage stets
einen Halskragen. Während allen Arztbesuchen zeige sich eine ausgeprägte
psychomotorische Unruhe.
- Die Beurteilung von Dr. med. V._ vom 30. März 1998 (Facharzt Chirurgie,
Ärzteteam Unfallmedizin der A._) wurde in Zusammenhang mit dem Ein-
spracheverfahren gestützt auf die Akten einschliesslich Röntgenbilder erstattet.
Nebst einer Zusammenfassung der bisherigen Einschätzungen seitens der Kläge-
rin (die zum Fallabschluss führten) äusserte er sich insbesondere zur Feststellung
gemäss Austrittsbericht der Klinik Valens, wonach die radiologischen Verände-
rungen C5/6 in den Röntgen vom 21.11.1997 „wahrscheinlich posttraumatisch“
seien:
"Hingegen belegen die Aufnahmen vom 10.4.97 vorbestehende degenerative Veränderungen C5/6 (kleine Osteophyten dorsal, Verkalkung des vorderen Längsbandes). Für eine Verschlimmerung derselben ergeben sich auf den späteren Röntgen keine objektiven Hinweise.
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Wenn ein Assistenzarzt im Austrittsbericht von Valens einfach behauptet ( unkritisch vom Oberarzt visiert), die radiologischen Veränderungen C5/6 in den Röntgen vom 21.11.97 seien "posttraumatisch", so ist das schlicht leichtfertig. Man hat sich leider nicht die Mühe genommen, mit den ersten Aufnahmen vom 10.04.97 zu vergleichen. Der direkte Vergleich zeigt nun aber eindeutig, dass die Bilder unverändert sind. Der Radiologe Dr. W._ hatte am 21.11.97 noch seriös auf die Differentialdiagnose (DD) "degenerativ" verwiesen. Auch er hatte die früheren Röntgen nicht zur Verfügung. Für einen erfahrenen Traumatologen ist es auch sonst klar, dass solche (noch ) degenerativen Veränderungen an typischer Stelle  in so kurzer Zeit "posttraumatisch" entstehen können, ausser bei  Bandverletzungen im Rahmen von Frakturen oder (Sub-)Luxationen mit sofortigen sehr starken Schmerzen und evtl. neurologischen Ausfällen. Das ist jedoch mit dem konkreten Unfall, speziell den intakten Kopfstützen und der deutlichen Beschwerde-Latenz nicht vereinbar.“
- Dr. med. R._ stellte mit Schreiben vom 25. März 1998 (act. 4A/I/84) an die
Rehaklinik Rheinfelden ein Kostengutsprachegesuch für eine erneute Hospitalisa-
tion des Versicherten. Dr. R._ geht von einem HWS-Distorsionstrauma sowie
einer milden traumatischen Hirnverletzung aus:
"Als Folge dieser Verletzung besteht noch heute ein deutliches links betontes Cervicalsyndrom sowie cervicocephale Beschwerden. Zusätzlich ergeben sich anhand der Anamnese Anhaltspunkte für leichte kognitive Störungen. Als u.a. Folge der Einbussen kam es zu einer ausgeprägten posttraumatischen Anpassungsstörung mit agitiert depressiven Zügen.
[...] [Der Versicherte] befindet sich in einer schwierigen sozialen Situation; er fühlt sich verlassen und hat Angst vor seiner Zukunft. Aufgrund seiner  ergeben sich auch familiäre Probleme. Ehefrau und Kinder 'halten den Patienten kaum noch aus'.
Heute leidet [der Versicherte] noch immer unter ständigen Kopfschmerzen, Schwindelbeschwerden, Ohrschmerzen, einem Schulter-Arm-Schmerz links, einer ausgeprägten Lärm- und Lichtempfindlichkeit, Konzentrations- und , einer Schlafstörung, Sehstörungen, einem vollkommenen Libidoverlust sowie unter einer ausgeprägten quälenden Angst. Ferner  Rückenschmerzen. (...)"
- Das weitere Schreiben des Neurologen Dr. med. R._ vom 22. Juni 1998
(act. 4A/II/vor 95) richtet sich an den drei Wochen nach dem Schadenereignis
mandatierten Rechtsanwalt des Versicherten (Dr. AA._) und enthält eine
Stellungnahme zum Gesundheitszustand auf Nachfrage des Rechtsvertreters. Es
hält wiederum fest, dass der Versicherte am 7. April 1997 eine HWS-Verletzung
sowie eine milde traumatische Gehirnverletzung erlitten habe. Organisch habe
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sich konsistent ein deutliches linksbetontes Cervicalsyndrom objektivieren lassen.
Das Cervicalsyndrom sei belegt durch eine verspannte Muskulatur im Genick-
bereich sowie im oberen Brustwirbelsäulenbereich mit in diesem Bereich auch
sogenannten "Myogelosen". Bei diesen handle es sich um schmerzhafte "Verkle-
bungen" der Muskulatur. Es gebe keinen Grund anzunehmen, dass der Zustand
des Versicherten nicht Folge der Auffahrkollision vom 7. April 1997 sei. Daneben
bestehe eine emotionelle Verarbeitungsstörung mit auch kognitiven Störungen,
eventuell als Folge der emotionellen Verarbeitungsstörung oder einer MTBI, wel-
che sehr ausgeprägt sei.
- Der Bericht des Instituts Dr. AB._ vom 25. Mai 1998 (act. 4A/II/vor 95) zu
den am 11. Mai 1998 erstellten MRI enthält folgende radiologische Diagnose:
"Kopf: Keine postkontusionellen Hirnparenchymläsionen.
HWS: Streckhaltung der HWS mit lokaler Kyphose C2 - C5. Osteochondrose C5 / 6 mit ventraler hypostotischer Spondylose. Blockierung der Segmente C5 und C6 in Inklination. Normale Reklination. Keine Discushernien oder  Neurokompressionen C2 - Th4. Keine fokalen Läsionen des cervicalen Rückenmarks. Keine posttraumatische Syrinx. Rotationsfehlstellung C2 ( spinosus ragt nach rechts). Schiefhaltung der HWS nach links ( durch leichte Kyphoskoliose der oberen BWS).
Craniocervicaler Uebergang [Anm.: Übergang zwischen Kopf und Hals] Diskrete Arthrose in den atlantooccipitalen Gelenken und in der gelenkigen Verbindung zwischen vorderem Atlasbogen und Dens. Rotationsfehlstellung C2 (Dens ragt nach rechts). Die direkte Darstellung der craniocervicalen  zeigt diese kontinuierlich, normointens und normal breit. Beidseits massiv eingeschränkter Rotationsumfang C0 - C2, wahrscheinlich  Blockierung."
- Dem Schreiben der Psychiatrischen Dienste des Kantons Solothurn an die IV-
Stelle Solothurn vom 20. Mai 1998 (act. 53/2) ist zu entnehmen, dass der Versi-
cherte aktuell aufgrund eines HWS-Distorsionstraumas und einer milden trauma-
tischen Hirnverletzung 100% arbeitsunfähig sei und die IV ihren Fragenkatalog an
die Rehaklinik Rheinfelden richten solle.
- Der Arztbericht der Rehaklinik Rheinfelden, Dr. med. AC._, vom 11. Au-
gust 1998 (inkl. einseitiges und siebenseitiges Beiblatt) richtet sich an die IV-
- 37 -
Stelle (act. 53/3). Dem Bericht ist zu entnehmen, dass der Versicherte weiterer
ärztlicher Behandlung durch seinen Hausarzt und seinen Psychotherapeuten be-
dürfe. Auf Seite 1 des Beiblatts hält Dr. med. AC._ unter dem Titel "Diagno-
se" Folgendes fest: "Heckauffahr- und Frontalkollision am 07.04.1997 mit St.n.
HWS-Distorsion und leichter traumatischer Hirnverletzung mit cervio-cephalem
Syndrom, neuropsychologischen Defiziten, schwerer posttraumatischer Anpas-
sungsstörung mit agitierten Zügen, schwere psychovegetative Erschöpfung". Der
Bericht basiert auf dem Aufenthalt des Versicherten im Juni/Juli 1998 in Rheinfel-
den (vgl. S. 2), wozu sich das siebenseitige Beiblatt äussert. Dieses Beiblatt zum
Arztbericht ist inhaltlich im umfangreicheren Austrittsbericht von Dr. med.
AC._ vom Vortag zuhanden des zuweisenden Neurologen Dr. med. R._
(act. 4A/II/vor 95, vgl. sogleich) enthalten, der ebenfalls als Beweismittel angeru-
fen wird.
- Mit Schreiben der Rehaklinik Rheinfelden, Dr. med. AC._, an Dr. med.
R._ vom 10. August 1998 (act. 4A/II/vor 95) wurde dem zuweisenden Neuro-
logen der Austrittsbericht nach Abschluss des stationären Aufenthalts (4. Juni bis
zum 29. Juli 1998) erstattet. Nach ausführlicher Anamnese (S. 1-5) werden als bei
Eintritt geklagte Beschwerden u.a. cervicale Dauerschmerzen und permanente
Kopfschmerzen, häufig auch hinter den Augen, Schmerzausstrahlung in den
Schultergürtel, zeitweise auch in beide Arme, Kribbelparästhesien in den Fingern
III bis V, lumbale Dauerschmerzen von wechselnder Intensität, zunehmend im
Sitzen und beim Gehen nach einer halben Stunde, Schmerzausstrahlung in beide
Beine, häufig verbunden mit Kribbelparästhesien, zeitweise blitzartig auftretende
Schmerzen im rechten Bein bei Belastung, Sehstörungen mit Verschwommense-
hen, Nebelsehen, vor allem rechts, beidseitigem dauernd vorhandenem Tinnitus,
Schwindel, etwas gelindert durch das Tragen des Halskragens, Schluckstörun-
gen, Kiefergelenksschmerzen, Lärm- und Lichtempfindlichkeit, Vergesslichkeit,
Traurigkeit, Aggressivität angegeben. Unter "Diagnosen" wird festgehalten::
"Heckauffahr- und Frontalkollision am 07.04.1997 mit - St. n. HWS-Distorsion mit leichter traumatischer Hirnverletzung mit - cervico-cephalem Syndrom - neuropsychologischen Defiziten - schwerer posttraumatischer Anpassungsstörung mit agitierten Zügen
- 38 -
- schwere psychovegetative Erschöpfung"
Unter "Beurteilung und Verlauf" (S. 6 ff.) wird festgehalten:
"Die Schilderung des Unfallherganges, das Auftreten und der Verlauf der Symptome und die heute noch feststellbaren neuroorthopädischen Befunde belegen eine durch den Unfall erlittene Ligament- bzw. Weichteilläsion im  der oberen HWS. Zusätzlich erlitt der Patient auch eine leichte  Hirnverletzung. [...] Gemäss Kriterien [...] ist für die Diagnose eines MTBI keine Bewusstlosigkeit erforderlich. Es genügt eine quantitative oder qualitative Bewusstseinsstörung und/oder eine amnestische Lücke. [Der ] gab uns in der Unfallanamnese an, dass er sich nicht mehr erinnere, wie er in das vordere Auto hineingeschoben wurde. Den Aufprall und auch den Knall der Kollision habe er nicht wahrgenommen. Es besteht somit eine klare anamnestische Lücke [...]"
Der Austrittsbericht geht gestützt auf die Anamnese von einem sofortigen Auftre-
ten von messerstichartigen Schmerzen zwischen den Schulterblättern aus. Er hält
weiter fest, dass beim Geschädigten zweifellos eine schwerste posttraumatische
Anpassungsstörung vorliege, hinter welcher allerdings Begleitumstände seit dem
Unfall stünden, die zur heutigen Beurteilung berücksichtigt werden müssten: So
u.a. der Umstand, dass dem Geschädigten der Eindruck vermittelt worden sei, er
simuliere resp. aggraviere, und dass ihm die gewünschte Beurteilung durch Dr.
R._, der dem Versicherten von Bekannten als Schleudertraumaspezialist
empfohlen worden sei, abgelehnt worden sei. Der Bericht befasst sich weiter kri-
tisch mit den Beurteilungen durch die A._-Ärzte und hält abschliessend fest,
dass aufgrund dieser sehr ungünstigen Begleitumstände der Verlauf aufs
schwerste ungünstig beeinflusst worden sei.
- Der biomechanische Bericht von Prof. Dr. N._ vom 12. September 1999
(act. 4A/II/vor 97) hält gestützt auf die technischen Berichte des M._ vom 19.
Januar 1999 samt Beantwortung der Zusatzfragen vom 19. Februar 1999 sowie
die dem Biomechaniker vorliegenden medizinischen Berichte aus den Jahren
1997 und 1998 fest, dass das Kollisionsereignis aus technischer und biomechani-
scher Sicht nur knapp geeignet gewesen sei, die initial festgestellten Beschwer-
den zu erklären. Hinsichtlich der unfalltechnischen Berichte wird auf 3.1 hiervor
verwiesen.
- 39 -
6. Vorliegen einer HWS-Schleuderverletzung / C5-Senke, Tinnitus und  Zeichen
6.1. Anforderungen an das Vorliegen einer HWS-Schleuderverletzung
a) Wie hiervor dargelegt, ist der natürliche Kausalzusammenhang zwischen Unfall
und danach eingetretener Erwerbsunfähigkeit auch bei einem nicht objektivierba-
ren Befund in der Regel anzunehmen, wenn ein für HWS-Schleuderverletzungen
typisches Beschwerdebild vorliegt und ein Schleudertrauma der HWS diagnosti-
ziert ist (BGE 117 V 360).
b) Mit BGE 119 V 340 ff. wurde klargestellt, dass bei HWS-Schleuderverletzungen
der Normalverlauf durch eine initiale Symptomatik mit schmerzhafter Bewegungs-
hemmung im Nacken-/Kopfbereich und Begleiterscheinungen wie Schwindel ge-
prägt sind, sowie weiter, dass blosse Klagen über diffuse Beschwerden, die nach
einem Unfall aufgetreten seien, für den Beweis der Unfallkausalität nicht genügen.
Vielmehr bilden auch bei Schleuderverletzungen zuallererst die medizinischen
Fakten – fachärztliche Erhebungen über Anamnese, objektive Befunde, Diagno-
se, Verletzungsfolgen, unfallfremde Faktoren und Vorzustand – die massgebli-
chen Grundlagen für die Kausalitätsbeurteilung. Bei HWS-Distorsionen ohne
nachweisbar unfallbedingtes organisches Beschwerdesubstrat besteht die Ge-
fahr, dass im Sinne von "post hoc ergo propter hoc" die natürliche Kausalität be-
jaht wird, wo die Angaben des Versicherten sowohl bezüglich Existenz und Aus-
mass der Beschwerden als auch des Beschwerdebeginns unbesehen übernom-
men werden. Im Gegenzug zur vorerwähnten Kausalitätsvermutung sind an die
Grundlagen für den Schluss auf das Vorliegen von Schleuderverletzungen daher
hohe Anforderungen zu stellen (BGE 134 V 109; zur Anwendbarkeit des Ent-
scheids auf Unfälle vor Ergehen dieses Entscheids vgl. 6.2.3 hiernach). Zum ei-
nen können HWS-Schleuderverletzungen zwar klinisch untersucht, aber abgese-
hen von ossären Läsionen und dergleichen nicht bildgebend objektiviert werden,
weshalb den Angaben des Versicherten über Art und Beginn der Beschwerden,
wie dargelegt, zwangsläufig ausschlaggebende Bedeutung zukommt, was ein
gewisses Missbrauchspotential birgt. Zum anderen können die erhobenen Befun-
de aus dem Katalog des für derartige Verletzungen als typisch erachteten Be-
- 40 -
schwerdebilds bei identischer Symptomatik auch nichttraumatischer Ursache
sein. Aus den genannten Gründen kommt der möglichst genauen und verifizierba-
ren Dokumentation nicht nur des Unfallhergangs, sondern auch der anschlies-
send auftretenden Beschwerden als den ersten tatbeständlichen Grundlagen
grosses Gewicht zu.
c) Die in der Lehre vertretene Harmlosigkeitsgrenze bei anstossbedingten Ge-
schwindigkeitsveränderungen von 10 bis 15 km/h ist, wie dargelegt, ein Aspekt
unter anderen bei der Beurteilung des natürlichen Kausalzusammenhangs.
6.2. Würdigung der Beweismittel der ersten Jahre (1997 bis 1999)
6.2.1. Keine objektiv nachweisbaren Beschwerden
Der Bericht von Dr. E._ vom 10. April 1997 (act. 13/4, Medizinisch-
Radiologisches Institut in Olten), drei Tage nach dem Unfall von einem unabhän-
gigen Facharzt auf der Grundlage von gleichentags erstellten Röntgenaufnahmen
verfasst, hält fest, dass keine Schädigung der HWS nach dem Unfall mit bildge-
benden Mitteln objektivierbar war. Wie vom Hausarzt Dr. med. F._ in der
Folge ebenfalls festgehalten, ergab der Röntgenbefund keine nachweisbare Wir-
belkörperfraktur oder Zeichen einer Rotationsdislokation. Der Befund weist zudem
auf altersbedingte degenerative Veränderungen hin (vgl. zum unbestritten geblie-
benen Vorbringen der Beklagten act. 12 Rz. 52, act. 21 Rz. 14 ff.).
Der Bericht von Dr. med. G._ vom 1. Mai 1997 (act. 4/I/6) betreffend die ers-
te neurologische Untersuchung vom 30. April 1997 (act. 4/I/6) ergab ebenfalls
(objektive) Normalbefunde.
Dem Bericht des Instituts Dr. AB._ vom 25. Mai 1998 (act. 4A/II/vor95) zu
den MRI-/CT-Aufnahmen ist u.a. eine „beidseits eingeschränkte Wirbelsäulenbe-
weglichkeit“ zu entnehmen, die auf eine „wahrscheinlich schmerzbedingte Blo-
ckierung“ zurückgeführt wird. Dies ist kein objektiver, mittels eines bildgebenden
Verfahrens ermittelter Befund, sondern eine Mutmassung („wahrscheinlich“) auf-
grund von Patientenangaben („wahrscheinlich schmerzbedingt“). Unbestritten
blieb das Vorbringen der Beklagten, wonach gemäss Beurteilung des A._-
- 41 -
Unfallmediziners Dr. V._ vom 10. August 1998 das MRI vom 11. Mai 1998
Normalbefunde ergeben und der Radiologe Dr. AB._ keine körperlichen Un-
fallfolgen nachgewiesen habe (act. 12 Rz. 74; act. 21 Rz. 14 ff., insb. 17).
Die im Bericht der Klinik Valens vom 11. Dezember 1997 (act.4A/I/55) enthaltene
Feststellung, wonach radiologische Abklärungen nebst unauffälligen Befunden
den „Verdacht auf kleine Retroosteophyten“, die „wahrscheinlich posttraumatisch
bedingt“ seien, ergeben hätten, ist nicht nachvollziehbar begründet. Es ist nicht
ersichtlich, dass dem Berichtsverfasser die drei Tage nach dem Schadenereignis
erstellten Röntgenbilder vorlagen. Wohl deshalb wird lediglich eine Vermutung
("wahrscheinlich posttraumatisch") geäussert. Diese Vermutung wird von Dr. med.
V._ in dessen medizinscher Beurteilung vom 30. März 1998 (act. 4A/I/81,
von der Beklagten als Gegenbeweismittel angerufen) mit schlüssigen und nach-
vollziehbaren Argumenten widerlegt: Der Unfallmediziner und Chirurg Dr. V._
legte durch Vergleich zwischen den am 10. April 1997 (Dr. E._) und im No-
vember 1997 (Valens) erstellten Bildern dar, dass die kleinen Osteophyten [Anm.:
kleine Knochenveränderungen/-neubildungen], die als „wahrscheinlich posttrau-
matisch“ bezeichnet worden waren, unverändert seien und derartige, noch alters-
entsprechende degenerative Veränderungen an typischer Stelle selbst bei mas-
sivsten Bandverletzungen unmöglich in so kurzer Zeit „posttraumatisch“ entstehen
würden. Dr. V._ hält weiter fest, dass der Radiologe Dr. W._ (in Valens)
selber am 21. November 1997 noch seriös auf die Differentialdiagnose (DD) "de-
generativ“ hingewiesen habe; Dr. W._ hätten die früheren Röntgen nicht zur
Verfügung gestanden. Das entsprechende Vorbringen der Beklagten in Zitierung
des Berichts von Dr. V._ blieb unbestritten (act. 12 Rz. 65; act. 21 Rz. 14 ff.
zu „erlittene Verletzungen“). Die Einschätzung von Dr. V._ wird zudem durch
den biomechanischen Bericht von Dr. N._ vom 12.09.1999 bestätigt (vgl. act.
4A/II/vor 97).
Auch die weiteren medizinischen Berichte der ersten Jahre ergaben keine objektiv
nachweisbaren Beschwerden im Sinne der Rechtsprechung (BGE 134 V 321
E. 5.1; vgl. hiernach 6.3 zur damit übereinstimmenden Einschätzung des Gutach-
ters und Neurologen Prof. Dr. J._ zuhanden des Versicherungsgerichts).
- 42 -
6.2.2. Anforderungen an den Nachweis nicht objektivierbarer Beschwerden
Wie eingangs dargelegt, bilden bei Schleudermechanismen der HWS zuallererst
die medizinischen Fakten, wie die fachärztliche Erhebung über Anamnese, objek-
tiven Befund, Diagnose, Verletzungsfolgen, unfallfremde Faktoren, Vorzustand
usw. die massgeblichen Grundlagen für die Kausalitätsbeurteilung. Sowohl das
Vorliegen eines Schleudertraumas wie seine Folgen müssen durch zuverlässige
ärztliche Angaben gesichert sein (BGE 119 V 335, 340). HWS-Verletzungen kön-
nen eine Vielzahl unspezifischer, nicht objektiv nachweisbarer Beschwerden aus-
lösen. Dies gilt unter anderem für Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Depressi-
onen, Antriebsverlust, rasche Ermüdbarkeit, neurologische Defizite sowie das
Auftreten eines Tinnitus ohne organische Schädigung (Urteile 8C_948/2012 vom
7. März 2013 E. 2; 4A_549/2014 vom 28. Januar 2015 E. 4.2.). Sämtliche der ge-
nannten Beschwerden können auch nichttraumatischen Ursprungs sein.
Fehlt es, wie vorliegend, an einer direkten Verifizierbarkeit der Beschwerden mit
apparativen/bildgebenden Abklärungen, so kommt denjenigen Beweismitteln, die
der Versicherte beibringen kann, insbesondere seiner Schilderung von Art und
Zeitpunkt des Auftreten initialer und späterer Beschwerden, umso mehr Bedeu-
tung zu. Grundvoraussetzung für den Nachweis entsprechender gesundheitlicher
Einschränkungen ist folglich, dass die Angaben des Versicherten glaubwürdig
sind, da sich auch die untersuchenden Ärzte zwangsläufig auf diese Angaben
(und das weitere Verhalten des Versicherten) abstützen. Ergeben sich in den
Darstellungen des Versicherten Widersprüche in sich und zum weiteren Beweis-
ergebnis, so misslingt der Schadensnachweis und erscheinen weitere medizini-
sche Abklärungen unbehelflich (Urteil 4A_549/2014 vom 28. Januar 2015 E. 4.2.).
6.2.3. Keine echtzeitliche Dokumentation von Initialbeschwerden (Latenzzeit) trotz
behaupteter Erstuntersuchung
a) Wie eingangs dargelegt, kommt angesichts der fehlenden Objektivierbarkeit
von HWS-Schleuderverletzungen der genauen und verifizierbaren Dokumentation
der Erstabklärung und der initial geklagten Beschwerden sowie von deren Verlauf
grosses Gewicht zu. Gemäss BGE 134 V 109 sind die nach dem Schadenereignis
- 43 -
auftretenden Beschwerden möglichst genau zu dokumentieren und ist der erstbe-
handelnde Arzt gehalten, den Versicherten sorgfältig abzuklären (in der Regel
eingehende Befragung, auch zum gesundheitlichen Vorzustand einschliesslich
psychischer Beschwerden vor oder im Zeitpunkt des Unfalls; klinische und gege-
benenfalls röntgenologische Untersuchungen, kritische Prüfung der Aussagen
des Versicherten zu Unfallhergang und bestehenden Beschwerden gestützt auf
die erhobenen Befunde und weitere zur Verfügung stehende Angaben zu Unfall-
hergang und anschliessendem Verlauf; Angabe, ob die Diagnose HWS-
Distorsionstrauma aufgrund vorhandener zuverlässiger Anhaltspunkte nur Ver-
dachts- oder Differentialdiagnose ist; Angabe von der Diagnosestellung zugrunde
gelegten Überlegungen sowie genaue Beschreibung des Verlaufs der Beschwer-
den ab Unfallzeitpunkt; gegebenenfalls Anhaltspunkte für einen protrahierten Ver-
lauf und/oder ein Chronifizierungsrisiko).
Es wird nicht verkannt, dass sich das streitgegenständliche Schadenereignis vom
7. April 1997 Jahre vor Ergehen des Entscheids BGE 134 V 109 E. 9.2, der auf
dem Stand der medizinischen Erkenntnisse im Jahre 2008 beruht, ereignet hat.
Praxisänderungen sind grundsätzlich auf alle noch nicht rechtskräftigen Verfahren
anwendbar (Urteil 8C_987/2008 vom 31. März 2009 E. 3). Gemäss Rechtspre-
chung darf indes die unterbliebene und nicht nachholbare polydisziplinä-
re/interdisziplinäre Begutachtung bei einem Jahre vor der Praxisänderung stattge-
fundenen Unfallereignis nicht dem Versicherten angelastet werden. Es ist kein
Grund ersichtlich, weshalb es sich bei den mit BGE 134 V 109 E. 9.2 präzisierten
Anforderungen an die medizinische Erstabklärung anders verhalten sollte. Es darf
der Klägerin somit vorliegend nicht zum Nachteil gereichen, dass sich die behaup-
tete Erstabklärung vom 8. April 1997 nicht nach dem medizinischen Kenntnis-
stand von 2008 resp. den in BGE 134 V 109 formulierten Kriterien richtete. Im vor-
liegenden Verfahren steht indes nicht die Frage, ob eine umfassende Erstabklä-
rung im Sinne der Praxis gemäss BGE 134 V 109 vorgenommen wurde, im Vor-
dergrund, sondern geht es vielmehr um das gänzliche Fehlen eines echtzeitlichen
medizinischen Berichts aus der Latenzzeit trotz behaupteter Erstuntersuchung am
Unfallfolgetag.
- 44 -
b) Die unmittelbar nach dem Schadenereignis erstellten, echtzeitlichen Berichte
über medizinische Untersuchungen und geklagte Beschwerden sind in der Regel
am aussagekräftigsten; spontane "Aussagen der ersten Stunde" sind in der Regel
unbefangener und zuverlässiger als spätere Darstellungen, die bewusst oder un-
bewusst von nachträglichen Überlegungen beeinflusst sein können (BGE 115 V
133 E. 8c). Hiervon geht wohl auch der Neurologe Prof. J._ in seinem zu-
handen des Versicherungsgerichts erstatteten Gutachten aus, wenn er seine Ein-
schätzung einzig mit "initial festgestellten muskulo-skelettalen Zeichen" und den
Befunden des ORL-Facharztes vom 10. April 1997 begründet (vgl. nachfolgend
6.3.2).
Besondere Bedeutung kommt den Feststellungen des erstbehandelnden Arztes,
wie dargelegt, insbesondere deshalb zu, weil sich nach herrschender Lehre und
Rechtsprechung resp. medizinischem Kenntnisstand innert einer Latenzzeit von
24 bis höchstens 72 Stunden nach dem Schadenereignis zumindest HWS- oder
Nackenbeschwerden manifestieren (Urteil des Eidgenössischen Versicherungs-
gerichts U 359 vom 12. August 1999 E. 5e, bestätigt u.a. mit den Urteilen des
Bundesgerichts 8C_574/2009 vom 9. Dezember 2009 E. 5.3.1 m.w.H.,
8C_1021/2009 vom 3. November 2010 E. 5.2, 8C_619/2007 vom 29. Januar 2008
E. 3.2.1).
c) Die Klägerin macht geltend, dass der Versicherte während der Latenzzeit von
Dr. med. P._, dem Ferienvertreter seines Hausarztes Dr. med. F._, ei-
nerseits an den ORL-Facharzt Dr. med. D._ und andererseits an das Medizi-
nisch-Radiologische Institut Olten für HWS-Aufnahmen überwiesen worden sei
(act. 1 Rz. 18; act. 2 Rz. 15 f.). Weder im Rahmen des ordentlichen Schriften-
wechsels (act. 1 und 21) noch in der ausführlichen Stellungnahme zur Duplik (act.
29) wird behauptet, welche Beschwerden (Art und Zeitpunkt des erstmaligen Auf-
tretens) der Versicherte gegenüber dem erstbehandelnden Arzt geklagt habe,
welche klinischen Untersuchungen dieser vorgenommen habe, welche Unfall-
schilderung er seiner – ebenfalls nicht behaupteten – Beurteilung zugrunde gelegt
habe. Die Klägerin verweist im Wesentlichen darauf, dass eine Zuweisung für ei-
ne Röntgenaufnahme der HWS an Dr. E._ vom Medizinisch-Radiologischen
- 45 -
Institut in Olten wohl kaum stattgefunden hätte, wenn keine Nackenschmerzen
geklagt worden wären. Ebenso habe der ORL-Facharzt, dem der Versicherte we-
gen eines Tinnitus zugewiesen worden sei, festgehalten, dass "im Anschluss an
das Schleudertrauma vom 7. April 1997 (Akzeleration) nebst starken Schmerzen
im Halsbereich auch ein beidseitiges hochfrequentes Ohrgeräusch linksbetont
aufgetreten sei". Weiter zitiert sie aus einer Vielzahl von Berichten, die voneinan-
der abweichende Angaben des Versicherten zu Art und Zeitpunkt des Auftretens
initialer Beschwerden wiedergeben. Mit Replikschrift folgert die Klägerin das Vor-
liegen entsprechender geklagter Beschwerden einerseits aus der UVG-Meldung
des Arbeitgebers vom 10. April 1997, die Dr. med. P._ als erstbehandelnden
Arzt und als Art der Schädigung "Schleudertrauma" nenne, sowie weiter aus dem
Arztzeugnis (21. April 1997) des zwei Wochen nach dem Auffahrereignis konsul-
tierten Hausarztes Dr. med. F._, wonach Dr. med. P._ sein Ferienver-
treter sei und "anfänglich nur wenig Schmerzen, erst Schmerzen am nächsten
Morgen, einige Tage später Auftreten eines lästigen Tinnitus" vorgelegen hätten.
Die Klägerin schliesst sodann aus den Angaben des Hausarztes Dr. med.
F._ zu anfänglichen resp. am Unfallfolgetag aufgetretenen Beschwerden in
dessen Zuweisungsschreiben vom 25. April 1997 (an den Neurologen Dr. med.
G._) auf das Vorliegen von initialen, typischen Beschwerden nach HWS-
Distorsionstrauma (act. 21 Rz. 15).
d) Trotz entsprechender Hinweise der Beklagten hat die Klägerin während des
Hauptverfahrens (§ 113 ZPO/ZH) – ebenso wenig wie schon im vergleichsweise
zeitnah auf das Unfallereignis folgenden Verfahren vor Versicherungsgericht So-
lothurn (1998 - 2001) – weder einen entsprechenden Arztbericht, ein Patienten-
blatt (Krankengeschichte) oder zumindest ein Überweisungsschreiben des erst-
behandelnden Arztes (P._) ins Recht gelegt, aus dem sich irgendwelche
Feststellungen des Erstbehandlers – zu Anamnese, Untersuchungen, Befunden
etc. – ergäben, noch hat sie dessen Einvernahme als Zeuge beantragt. Die Be-
klagte rügte im Rahmen des ordentlichen Schriftenwechsels denn auch wieder-
holt, dass allfällige Beschwerden und Abklärungen in der Latenzzeit zu wenig do-
kumentiert seien und fraglich sei, ob der Versicherte Dr. med. P._ überhaupt
aufgesucht habe.
- 46 -
e) Der Klägerin wurde der Nachweis ihrer Behauptungen auferlegt, dass inner-
halb der Latenzzeit von 24 bis 72 Stunden nach dem Schadenereignis zumindest
HWS- oder Nackenschmerzen aufgetreten (Beweissatz 3.2) und der Versicherte
wegen solcher Beschwerden innerhalb der Latenzzeit von einem Arzt an der Wir-
belsäule untersucht worden sei (Beweissatz 3.3, act. 46).
Den direkten Nachweis dafür, dass Nacken- oder HWS-Beschwerden während
der Latenzzeit auftraten und eine Untersuchung während einer (angeblichen)
Erstkonsultation stattfand, vermöchte einzig ein mündliches (Zeugeneinvernah-
me) oder schriftliches Zeugnis (echtzeitlicher Arztbericht, Überweisungsschreiben
etc.) des erstbehandelnden Arztes – die Anwesenheit einer anderen, während der
behaupteten Erstkonsultation anwesenden Person wird nicht behauptet – zu er-
bringen. Auch mit Beweisantretungsschrift der Klägerin wurde weder das eine
noch das andere offeriert (vgl. act. 52 S. 16 ff. zu den Beweissätzen 3.2 und 3.3).
e) Im Hinblick auf die Erheblichkeit und Beweistauglichkeit der von der Klägerin
angerufenen Urkunden ist daher vorab festzuhalten, dass es sich um indirekte
Beweismittel handelt, die für sich genommen die Tatsachenbehauptung nicht zu
beweisen vermögen. Es braucht vielmehr weitere Annahmen, damit die Behaup-
tung für wahr erachtet werden kann. Hat ein Beweismittel keine direkte Aussage-
kraft in Bezug auf eine umstrittene Tatsache, so reduziert sich sein Wert (ZR 104
2005 Nr. 11 S. 36). Ein allfälliges Nichtaufbewahren eines Überweisungsschrei-
bens oder Konsultationsblattes des erstbehandelnden Arztes ist vorliegend schon
angesichts der gesetzlichen Aufbewahrungspflicht nicht mit dem Zeitablauf er-
klärbar, da eine solche Urkunde, wie erwähnt, bereits in den A._-Unterlagen
ab 1997, ebenso wie in den Akten des versicherungsgerichtlichen Verfahrens (ab
1998), fehlte und anscheinend auch seither nicht angefordert wurde. Ebenso we-
nig tut die Klägerin dar, weshalb ihr – heute wie damals – die Beibringung eines
direkten Beweismittels nicht möglich oder nicht zumutbar wäre, mithin ein Fall von
Beweisnot vorläge.
Die Tatsachenbehauptungen gemäss den Beweissätzen 3.2 und 3.3 – das Vor-
liegen von (geklagten) Hals- oder HWS-Schmerzen innerhalb der Latenzzeit und
das Stattfinden einer Untersuchung durch den erstbehandelnden Arzt – sind ei-
- 47 -
nem direkten Beweis (mündliches oder schriftliches Zeugnis des Erstbehandlers)
somit zugänglich. Kann eine Tatsache, die ihrer Natur nach ohne weiteres dem
unmittelbaren Beweis zugänglich ist, nicht bewiesen werden, weil der beweisbe-
lasteten Partei die Beweismittel fehlen, so begründet dies noch keine Beweisnot.
Blosse Beweisschwierigkeiten im konkreten Einzelfall führen nicht zu einer Be-
weiserleichterung.
g) In Würdigung der zu den Beweissätzen 3.2 und 3.3 angerufenen Urkunden
(vgl. act. 52 S. 16 ff.) ergibt sich Folgendes:
- In der Unfallmeldung UVG des Arbeitgebers des Versicherten, datierend vom
10. April 1997 (act. 4A/I/1), wird Dr. med. P._ als erstbehandelnder Arzt ge-
nannt. Belegt ist damit der Umstand, dass dem Arbeitgeber der betreffende Arzt –
sei es durch den Versicherten selber, sei es durch einen Dritten – angegeben
wurde. Für die Fragen, ob eine Erstkonsultation tatsächlich stattgefunden hat und
ob das erstmalige Auftreten von HWS- oder Nackenschmerzen geklagt resp. fest-
gestellt wurde, ergibt sich daraus nichts.
- Beim Arztzeugnis des Hausarztes Dr. med. F._ vom 21. April 1997 (act.
4A/I/2), erstellt zwei Wochen nach dem Unfall, handelt es sich um das A._-
Formular. Es geht aus dem Formular nicht hervor, wann eine Untersuchung des
Versicherten erfolgte, die dem Befund des Hausarztes (Beweglichkeitseinschrän-
kung der HWS und Sensibilitätsstörung der linken Schulter) zugrunde liegt. Aus
dem Arztzeugnis ergibt sich die Angabe, dass die Erstbehandlung am 8. April
1997 stattgefunden habe; angekreuzt ist sodann "während Sprechstunde" (vgl.
Punkt 1 des Formulars). Weiter sei der Allgemeinzustand "gemäss meinem Feri-
envertreter Dr. P._ unauffällig". Unter "Angaben des Patienten" wird ver-
merkt: "Anfänglich nur wenig Schmerzen, erst Schmerzen am nächsten Morgen,
einige Tage später Auftreten eines lästigen Tinnitus". Welche Schmerzen „anfäng-
lich“ und welche „erst am nächsten Morgen“ aufgetreten sein sollen, ergibt sich
daraus nicht. Es folgen ein Befund des Hausarztes Dr. med. F._ und der
Hinweis, dass ein Röntgenbefund "keine ossäre Läsion" ergeben habe und der
Versicherte wegen eines Tinnitus vom ORL-Facharzt Dr. med. D._ unter-
sucht worden sei. Da der Hausarzt Dr. F._ den Versicherten während der La-
- 48 -
tenzzeit infolge Ferienabwesenheit unbestrittenermassen nicht gesehen hat, kann
sich sein Befund im Arztzeugnis nicht auf eine entsprechende eigene Untersu-
chung während der Latenzzeit von 72 Stunden ab Schadenereignis beziehen,
noch ergibt sich daraus, welche Beschwerden unmittelbar nach dem Unfall resp.
während der Latenzzeit geklagt wurden. In den vorzitierten Angaben zu Art und
Zeitpunkt des Auftretens initialer Schmerzen sind Angaben des Patienten gegen-
über seinem Hausarzt Dr. med. F._ rund zwei Wochen nach dem Unfaller-
eignis zu sehen. Die Angabe des Hausarztes, wonach gemäss seinem Stellvertre-
ter ein unauffälliger Allgemeinzustand vorliege, vermag eine Untersuchung wäh-
rend der Latenzzeit und einen dort erhobenen Befund über HWS- oder Nacken-
schmerzen nicht rechtsgenüglich zu belegen.
- Das Überweisungsschreiben des Hausarztes Dr. F._ vom 25. April 1997 an
den Neurologen Dr. med. G._ (act. 4A/I/3) enthält soweit ersichtlich keine
Befunde aufgrund neuerlicher Untersuchung, sondern eine Zusammenfassung
seines Befunds resp. eine Wiedergabe der Anamnese (Angaben des Versicher-
ten). Soweit sich das Schreiben des Hausarztes des Versicherten dazu äussert,
dass „anfänglich keine Schmerzen“ vorlagen, einen Tag nach dem Unfall jedoch
die „typischen Beschwerden als Folge eines Schleudertraumas“ vorlagen, beruht
dies wiederum nicht auf eigenen Feststellungen des Hausarztes, der den Versi-
cherten, zufolge Ferienabwesenheit erst zwei Wochen nach dem Unfallereignis
gesehen und in seinem Arztzeugnis eine Bewegungseinschränkung der HWS
sowie eine Sensibilitätsstörung im Bereich der linken Schulter festhielt. Insofern
muss sich auch die Aussage des Hausarztes, der Versicherte habe „von Anbe-
ginn über Sensibilitätsstörungen im Bereich der linken Schulter“ geklagt, die er
(der Hausarzt) auf das Dermatom C4 zurückgeführt habe, auf den späteren
Hausarztbesuch des Versicherten und dort erhobene (subjektive) Befunde bezie-
hen. Mit „Von Anbeginn“ kann demnach auch erst ein Zeitpunkt nach der Ferien-
abwesenheit des Hauarztes gemeint sein. Woher die unspezifische Angabe
stammt, wonach der Versicherte einen Tag nach dem Unfall an den „typischen
Beschwerden“ als Folge eines Schleudertraumas gelitten habe, ohne dass kon-
krete Symptome genannt würden und obwohl eine solche Feststellung nach er-
folgter Untersuchung durch den Hausarzt gerade nicht Eingang in dessen Arzt-
- 49 -
zeugnis vom 21. April 1997 fand, lässt sich nicht nachvollziehen. Zur Frage einer
Erstuntersuchung während der Latenzzeit findet sich in der Urkunde einzig der
Hinweis auf die Zuweisung durch den Ferienvertreter Dr. P._ an den ORL-
Facharzt Dr. D._.
- Aus den Berichten des ORL-Facharztes Dr. D._ (Arztbericht vom 11. April
1997 und Zwischenbericht vom 5. Mai 1997 inkl. Audiogramme vom 10. April und
vom 2. Mai 1997, act. 4A/I/8-9) ergibt sich zu den Beweisthemen, dass der Versi-
cherte durch Dr. P._ zugewiesen worden sei ("Vielen Dank für die Zuweisung
[...] wegen eines starken Ohrgeräusches linksbetont bei Zustand nach frischem
Schleudertrauma“) und dass er anlässlich der Untersuchung vom 10. April 1997
beim ORL-Arzt einen Stützkragen trug. Aus den Berichten des ORL-Facharztes
kann weder abgeleitet werden, dass bzw. welche Beschwerden der Versicherte
gegenüber dem erstbehandelnden Arzt geklagt hat, noch ob eine entsprechende
Untersuchung stattgefunden hat. Geschlossen werden kann daraus einzig auf ei-
ne (telefonische?) Überweisung des Versicherten an den ORL-Facharzt.
- Der Bericht der Aussendienstmitarbeiterin der A._ vom 18. September 1997
(Hausbesuch beim Versicherten, act. 4A/I/26) dokumentiert eine Schilderung des
Versicherten von initialen Beschwerden gegenüber der A._-Mitarbeiterin
rund fünf Monate nach dem Unfallereignis. Zur Frage der Erstkonsultation wäh-
rend der Latenzzeit und dort festgestellten (subjektiven) Beschwerden und vorge-
nommenen Untersuchungen lässt sich dem Bericht die Angabe des Versicherten
gegenüber der A._-Mitarbeiterin entnehmen, dass er am Unfallfolgetag sei-
nen Hausarzt angerufen habe und wegen dessen Abwesenheit mit dessen Stell-
vertreter Kontakt aufgenommen habe. Ob der Versicherte den Stellvertreter sei-
nes Hausarztes tatsächlich aufsuchte und dort klinisch untersucht wurde, lässt
sich daraus nicht ableiten, ebenso wenig, welche Schilderung von Initialbe-
schwerden (und des Unfallereignisses) der Versicherte während der Latenzzeit
abgab.
- Der MRI-Bericht Dr. E._ vom 10. April 1997 (act. 53/11) vom Medizinisch-
Radiologischen Institut in Olten ist an Dr. med. P._ als überweisenden Arzt
gerichtet, bezieht sich auf "HWS-Aufnahmen ap und seitl./10.4.1997" und hält u.a.
- 50 -
fest, dass "keine nachweisbare Wirbelkörperfraktur oder Zeichen einer Rotations-
dislokation" bestehe und eine "vorbestehende Chondrosis intervertebralis C5/C6"
festgestellt worden sei. Zu den Beweisthemen – während der Latenzzeit geklagte
Beschwerden und durchgeführte Untersuchung an der Wirbelsäule – lässt sich
dem Bericht nichts entnehmen. Zu schliessen ist auf eine (telefonische?) Über-
weisung des Versicherten an das Röntgeninstitut. Auf ein Überweisungsschreiben
wird nicht Bezug genommen.
- Der Arztbericht der Reha-Klinik Rheinfelden, Dr. med. AC._, vom 11. Au-
gust 1998 an die IV-Stelle Solothurn (inkl. 1-seitiges Beiblatt zu Arztbericht und 7-
seitiges Beiblatt zu Arztbericht, S. 1, act. 53/3) wurde im Nachgang zur dortigen
Hospitalisation des Versicherten vom 4. Juni bis 29. Juli 1998 verfasst. Aus der
Anamnese (S. 1 des Beiblattes) ergibt sich, welche Schilderung von initialen Be-
schwerden der Versicherte über ein Jahr nach dem Schadenereignis gegenüber
dem Verfasser des Berichts abgab und dass der Versicherte eigenen Angaben
zufolge wegen ferienbedingter Abwesenheit seines Hausarztes dessen Stellver-
treter Dr. med. P._ aufgesucht habe, der ihm einen weichen Halskragen und
Schmerzmedikamente verordnet habe. Der Bericht belegt damit einzig, dass der
Versicherte die genannten Angaben gegenüber dem Verfasser des Berichts im
Zeitpunkt der Anamneseerhebung gut ein Jahr nach dem Schadenereignis mach-
te, nicht aber, dass während der Latenzzeit Hals- oder Nackenschmerzen auftra-
ten oder dass er diesbezüglich anlässlich der Erstkonsultation von einem Arzt un-
tersucht worden wäre. Die Angaben zur Anamnese im angerufenen Bericht vom
11. August 1998 stellen keinen verlässlichen medizinischen Bericht zu den wäh-
rend der Latenzzeit aufgetretenen (geklagten) Beschwerden im Sinne der Recht-
sprechung dar.
h) Zusammenfassend ist zum Beweisergebnis zu den Beweissätzen 3.2 und 3.3
festzuhalten, dass mit den angerufenen Urkunden der echtzeitliche Nachweis
nicht erbracht wurde, dass beim Versicherten während der Latenzzeit HWS- oder
Nackenschmerzen auftraten und er von einem Arzt überhaupt resp. an der Wir-
belsäule untersucht wurde. Die angerufenen indirekten Beweismittel vermögen
den rechtsgenüglichen Nachweis von Patientenangaben zu Art und Zeitpunkt des
- 51 -
erstmaligen Auftretens von initalen Beschwerden, geschweige denn eine entspre-
chende Abklärung – Anamnese, klinische Untersuchung an der Wirbelsäule, al-
lenfalls Erfragen von Vorzuständen – durch den Stellvertreter des Hausarztes
nicht zu erbringen. Zu schliessen ist auf eine Überweisung durch Dr. med.
P._ an den Facharzt ORL wegen eines Ohrgeräusches sowie an das
Röntgeninstitut in Olten. Ob diese Überweisung aufgrund einer eigenen Untersu-
chung oder allenfalls einer telefonischen Kontaktnahme des Versicherten (vgl.
"während Sprechstunde", act. 4A/I/2) stattfand, ergibt sich aus der Urkunde nicht.
Dasselbe gilt für das Tragen eines Stützkragens am 10. April 1997; dieser im Be-
richt des ORL-Facharztes vom 11. April 1997 dokumentierte Umstand vermag ei-
nen echtzeitlichen Bericht zur (vermeintlichen) Erstabklärung – selbst wenn dieser
den Anforderungen der späteren Rechtsprechung nicht genügt hätte – nicht zu
ersetzen. Weder der erste Bericht des Facharztes ORL (11. April 1997) noch der
MRI-Bericht von Dr. E._ (act. 53/11) nehmen im Übrigen Bezug auf ein
Überweisungsschreiben des (vermeintlich) erstuntersuchenden Arztes.
Da die Beweisthemen, wie dargelegt, dem direkten Nachweis zugänglich sind,
dieser somit möglich und zumutbar ist, greift keine Beweiserleichterung Platz. Zu
erinnern ist an die vorerwähnte Pflicht des behandelnden Arztes zur Führung und
Aufbewahrung der Krankengeschichte/Patientendokumentation, soweit eine Erst-
konsultation tatsächlich stattgefunden hätte (vgl. § 20 Abs. 3 Gesundheitsgesetz
des Kantons Solothurn).
Damit verbleiben nach objektiven Gesichtspunkten gewichtige Zweifel daran,
dass beim Versicherten innerhalb der Latenzzeit von 24 bis maximal 72 Stunden
seit dem Schadenereignis HWS- oder Nackenschmerzen vorlagen und ein ent-
sprechender Befund vom als erstbehandelnder Arzt genannten Allgemeinpraktiker
Dr. med. P._ aufgrund eigener Untersuchung erhoben wurde. Eine echtzeitli-
che Urkunde, der zuverlässige ärztliche Angaben hierzu zu entnehmen wären,
wurde nicht ins Recht gelegt und ein mündliches Zeugnis nicht anerboten. Der
Schluss aus Indizien auf geäusserte Klagen über Nackenschmerzen reicht nicht.
Der fehlenden Dokumentation der behaupteten Erstabklärung ist insofern Rech-
nung zu tragen, als dass dem unbestrittenen Unfallhergang, dem unmittelbar da-
- 52 -
ran anschliessenden Nachunfallverhalten und den ersten echtzeitlichen medizini-
schen Berichten sowie der biomechanischen Beurteilung, welche auf der Unfall-
schwere als einem objektiven Kriterium fusst, entsprechend grösseres Gewicht
zukommt.
6.2.4. Widersprüchliche Angaben des Versicherten zu Initialbeschwerden
a) Die zum Haupt- und Gegenbeweis angerufenen medizinischen Berichte stüt-
zen sich hinsichtlich Art, Umfang und Zeitpunkt des (initialen) Auftretens von ge-
klagten Beschwerden (ausschliesslich) auf die Angaben des Versicherten. Für die
behandelnden Ärzte (Hausarzt, behandelnder Facharzt, Schmerztherapeut) be-
stand angesichts ihrer therapeutischen Aufgabe grundsätzlich keine Veranlas-
sung, an den Schilderungen des Versicherten über nicht objektivierbare Be-
schwerden zu zweifeln. Es ist daher von wesentlicher Bedeutung, was der Versi-
cherte den Ärzten schilderte. Bei unzutreffenden Angaben des Patienten zu nicht
objektivierbaren Beschwerden ist zwangsläufig auch die darauf fussende Beurtei-
lung des Arztes nicht korrekt.
b) Aus den medizinischen Berichten gehen verschiedene Ungereimtheiten und
Widersprüche in den Angaben des Versicherten hinsichtlich Art und Zeitpunkt des
Auftretens initialer Beschwerden hervor:
Gegenüber der Polizei am Unfallort (7. April 1997) bezeichnete sich der Versi-
cherte auf Nachfrage als unverletzt (act. 12 Rz. 23; unbestritten in act. 21 Rz. 3,
14 ff.). Er war in der Folge unbestrittenermassen in der Lage, seinen Wagen zu-
nächst zum Bahnhof Aarau zu fahren und hernach den Wagen im Schlepptau ei-
nes Kollegen selber über eine längere Distanz bis zur Garage nach K._ zu
steuern. Demgegenüber machte der Versicherte anlässlich seiner ersten stationä-
ren Therapie (Bellikon) gut zwei Monate später erstmals geltend, unmittelbar nach
der Heckkollision messerstichartige Schmerzen zwischen den Schulterblättern
verspürt zu haben (act. 4A/I/vor 20, psychosomatisches Konsilium). Solche sofor-
tigen, heftigen initialen Schmerzen wurden weder gegenüber dem Hausarzt Dr.
med. F._ zwei Wochen nach dem Schadenereignis (Arztzeugnis vom 21. Ap-
ril 1997) noch gegenüber den untersuchenden Neurologen Dr. med. G._ (30.
- 53 -
April 1997) und Dr. med. H._ (22. und 30. Mai 1997) in den darauffolgenden
Wochen gemacht. Allfällige gegenüber dem erstkonsultierten (aber nicht erstun-
tersuchenden, vgl. hiervor 6.2.3) Allgemeinpraktiker Dr. med. P._ am Unfall-
folgetag konkret geklagte Beschwerden sind, wie aufgezeigt, weder behauptet
noch belegt.
Gegenüber dem ORL-Facharzt Dr. D._ erwähnte der Versicherte drei Tage
nach dem Schadenereignis nebst dem geklagten Tinnitus starke Schmerzen im
Halsbereich und verneinte eine unstreitig vorbestehende Hörschädigung. Als der
Versicherte zwei Wochen (21. April 1997) nach dem Schadenereignis erstmals
und just wegen der Unfallfolgen seinen Hausarzt Dr. med. F._ aufsuchte,
hielt dieser als Befund eine – nicht objektivierbare, somit auf Patientenangaben
beruhende – Empfindungsstörung der linken Schulter sowie eine – von der Ko-
operation des Versicherten abhängige – Bewegungseinschränkung der HWS fest.
Hals- oder Nackenschmerzen wurden ausweislich dieses frühesten Arztberichts
(ausser ORL-Facharzt und Röntgen) nicht geklagt, jedenfalls nicht dokumentiert.
Gegenüber dem vom Hausarzt zugezogenen Neurologen Dr. med. G._ klag-
te der Versicherte drei Wochen nach dem Schadenereignis am 30. April 1997
demgegenüber erstmals über Kopfweh, Schwindel, Steifigkeit der Finger, Gefühl-
losigkeit beider Beine linksbetont, zeitweise Taubheitsgefühl in beiden Armen,
nebst Ohrensausen, Nackenschmerzen und Schwächegefühl im linken Arm, an
denen er seit dem Unfallfolgetag leide. Auch diese neu geklagten Beschwerden –
ebenso wie die vorerwähnten, sofort aufgetretenen messerstichartigen Schmer-
zen, schilderte der Versicherte seinem eigens wegen der Unfallfolgen aufgesuch-
ten Hausarzt wenige Tage vor der neurologischen Untersuchung nicht. Es ist kein
Grund ersichtlich, dessentwegen eine Schilderung hätte unterbleiben sollen. Ins-
besondere kann dieser Grund nicht in einem gestörten Vertrauensverhältnis zum
Hausarzt gesehen werden, zumal Dr. F._ den Versicherten gemäss Aktenla-
ge (vgl. zu Beweissatz 1.5 angerufener Verlaufsbericht vom 27. Oktober 2003,
act. 53/4) in den folgenden Jahren weiter betreute. Nach der Lebenserfahrung ist
davon auszugehen, dass Beschwerden der geschilderten Art, die zweifellos ge-
eignet sind, das Wohlbefinden zu beeinträchtigen, gegenüber dem eigens wegen
- 54 -
der Unfallfolgen aufgesuchten Hausarzt geschildert werden, wenn man darunter
leidet; sie werden erfahrungsgemäss nicht einfach vergessen. Da der Versicherte
gegenüber nachfolgenden behandelnden Ärzten klar die Aussage machte, dass
diese Schmerzen sofort (messerstichartige Schmerzen) resp. bereits am Unfall-
folgetag (diverse Schmerzen bei Dr. G._) und damit vor der Untersuchung
beim Hausarzt Dr. med. F._ aufgetreten seien, diese dort aber nicht geklagt
wurden, sind diese Angaben des Versicherten zu Art und Zeitpunkt des erstmali-
gen Auftretens initialer Beschwerden nicht glaubhaft.
Bei sich widersprechenden Angaben des Versicherten hat sich die Klägerin die
Beweismaxime, wonach die sogenannten spontanen "Aussagen der ersten Stun-
de" in der Regel unbefangener und zuverlässiger sind als spätere Darstellungen,
die bewusst oder unbewusst von nachträglichen Überlegungen beeinflusst sein
können (vgl. BGE 115 V 133 E. 8c), entgegenhalten zu lassen. Allfällige "Aussa-
gen der ersten Stunde" während der Latenzzeit werden, wie dargelegt, weder
rechtsgenüglich behauptet, noch findet sich dazu ein verlässlicher bzw. überhaupt
ein medizinischer Bericht. Der früheste Bericht (ausser ORL-Facharzt und Rönt-
genbericht) ist vorliegend das Arztzeugnis des Hausarztes Dr. med. F._ vom
21. April 1997.
Somit ergibt sich aus den angerufenen medizinischen Berichten, dass die Anga-
ben des Versicherten zu Art und Zeitpunkt der Initialbeschwerden eine zuneh-
mende Ausweitung in dessen Schilderungen gegenüber behandelnden resp. un-
tersuchenden Ärzten erfahren und zueinander in Widerspruch stehen. Weiter ist
festzuhalten, dass auch Umfang und Intensität der initialen Beschwerden in den
Schilderungen des Versicherten mit zunehmender zeitlicher Distanz zum Scha-
denereignis zunehmen. Aufgrund der ersten echtzeitlichen Berichte (ORL-
Facharzt Dr. D._, Hausarzt Dr. med. F._) ist rechtsgenüglich erstellt,
dass der Versicherte innert der Latenzzeit von drei Tagen nach dem Schadener-
eignis über einen (subjektiven bzw. nicht objektivierbaren) Tinnitus klagte (vgl.
hiernach 6.2.5.2 h) und zwei Wochen nach dem Schadenereignis gegenüber sei-
nem Hausarzt eine Empfindungsstörung in der linken Schulter angab.
- 55 -
c) Eine kontinuierliche Ausweitung von Art und Heftigkeit geklagter Beschwerden
ist nicht nur hinsichtlich der Initial-, sondern auch der im weiteren Behandlungs-
verlauf angegebenen Beschwerden mit zunehmender zeitlicher Distanz zum
Schadenereignis festzustellen:
Gegenüber der Polizei am Unfallort wurden auf Nachfrage keine Beschwerden
angegeben (Unfalltag), gegenüber dem ORL-Facharzt drei Tage später zunächst
ein geklagter Tinnitus nebst Halsschmerzen, aber subjektiv keine Gehörsvermin-
derung, bei der Zweituntersuchung beim ORL-Facharzt (2. Mai 1997) nebst dem
„subjektiv immer noch störenden Ohrgeräusch links“ nun „angeblich auch Hörstö-
rung links und Lärmempfindlichkeit“.
Gegenüber dem Hausarzt wird zwei Wochen nach dem Schadenereignis (21. Ap-
ril 1997) nebst Tinnitus eine Empfindungsstörung in der linken Schulter geklagt,
die gemäss Schreiben des Hausarztes vier Tage später (25. April 1997) zuge-
nommen habe und nun auch den ganzen linken Arm erfasse, „ohne dass speziell
ein Dermatom [Anm. PSCHYREMBEL: Hautareal mit Bezug zum Rückenmarkseg-
ment und dem zugehörigen Spinalnerv] angegeben werden könnte“.
Bei der neurologischen Erstuntersuchung (Dr. G._, 30. April 1997) wird erst-
mals die vorgenannte Vielfalt an Beschwerden (Kopfweh, Schwindel, Ohrensau-
sen, Nackenschmerzen, Schwächegefühl im linken Arm mit Gefühlsstörungen,
Steifigkeit der Finger, Gefühllosigkeit beider Beine linksbetont, begleitend abnor-
me Nervosität, zeitweise Taubheitsgefühl in beiden Armen) als seit dem Unfallfol-
getag vorhanden geklagt (act. 4A/I/6), drei Wochen später gegenüber dem vom
Hausarzt um eine Standortbestimmung ersuchten Kreisarzt und Neurologen Dr.
H._ (22. Mai 1997) wiederum multiple Beschwerden, darunter erstmals auch
Vergesslichkeit, Erbrechen, Rückenbeschwerden (act. 4A/I/10).
Nach den erfolgten neurologischen Untersuchungen im Mai 1997 resp. ab dem
Bericht der Rehaklinik Bellikon, aber auch gemäss den folgenden Berichten, be-
klagte der Versicherte eine Ausweitung der Beschwerden mehr oder minder auf
den ganzen Körper, gab aber auch erstmals im Juni 1997 in Bellikon (erste statio-
näre Behandlung) eine psychische Beeinträchtigung an: Der Versicherte bezeich-
- 56 -
nete sich als „total ruiniert“. In physischer Hinsicht wurden als am schlimmsten
beklagt: permanente, stechende Kopfschmerzen, daneben Ohrgeräusche, Na-
ckenschmerzen, lumbale Rückenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, bzw. „Dau-
erschmerzen ohne Linderung beim Sitzen oder Liegen“. Neu kamen Schmerzen
über und im Auge bzw. schmerzhafte Augenbewegungen dazu (act. 4A/I/vor 20
und 20). In Bellikon wird denn auch erstmals eine psychiatrische Störung diagnos-
tiziert, im Übrigen in der „Beurteilung“ einzig eine Bewegungseinschränkung der
HWS und LWS wegen muskulärer Verspannungen festgehalten. Die geklagten
somatischen Beschwerden konnten gemäss Austrittsbericht überhaupt nicht an-
gegangen werden, und entsprechend wurde der Versicherte in die „hausärztliche
Weiterbetreuung“ entlassen und einzig eine Fortführung der in Bellikon begonne-
nen Psychotherapie als angezeigt erachtet (act. 4A/I/20).
Dasselbe wurde im Austrittsbericht Valens (zweite stationäre Behandlung ab 19.
November 1997) festgehalten, wo die Behandlung nach zehn Tagen abgebrochen
wurde zwecks Zuweisung des Versicherten an die psychiatrische Privatklinik
Wyss (Münchenbuchsee): Eine somatische Rehabilitation wurde als gar nicht
möglich bezeichnet wegen der „psychiatrischen Problematik, die sich nach dem
Unfall vor allem sekundär entwickelt“ habe. Geklagt wurden in Valens Kopf-
schmerzen vom Nacken bis frontal, konstantes Ohrgeräusch nun beidseits, stän-
dige Übelkeit mit gelegentlichem Erbrechen, allgemeine Appetitlosigkeit, Schmer-
zausstrahlung vom Nacken bis lumbal, Empfindungsstörungen (Dysästhesien) in
den Extremitäten beim Liegen, Stehen und Sitzen in beiden Armen und ventral an
beiden Oberschenkeln sowie nun auch eine Reduktion des „Gedächtnisses gene-
rell“ und der Konzentrationsfähigkeit. Objektiv ergab sich nebst Normalbefunden,
dass eine Untersuchung der Wirbelsäule gar nicht möglich sei, sowie die Angabe
von starken Druckdolenzen der gesamten Wirbelsäule (act. 4A/I/55).
Beim dritten stationären Aufenthalt (Rheinfelden), angetreten über ein Jahr nach
dem Schadenereignis (ab 4. Juni 1998), wurden nebst cervicalen Dauerschmer-
zen und permanenten Kopfschmerzen, lokalisiert häufig hinter den Augen, eine
Schmerzausstrahlung in den Schultergürtel, zeitweise in beide Arme, lumbale
Dauerschmerzen, zunehmend im Sitzen und beim Gehen nach einer halben
- 57 -
Stunde, Schmerzausstrahlung in beide Beine, häufig verbunden mit Kribbelparäs-
thesien, Tinnitus sowie neu auch „zeitweise blitzartig auftretende Schmerzen im
rechten Bein bei Belastung“, Sehstörungen mit Verschwommensehen, Nebelse-
hen vor allem rechts, Schwindel, der durch das Tragen des Halskragens etwas
gelindert werde, Schluckstörungen, Kiefergelenksschmerzen, sowie weiter Lärm-
und Lichtempfindlichkeit, Vergesslichkeit, Traurigkeit, Aggressivität angegeben
(act. 4A/II/vor 95). Festgestellt wurden zum Status des Bewegungsapparates wie-
derum eine druckdolent verspannte Muskulatur, weiter die schon im Schreiben
des zuweisenden Arztes Dr. R._ vom 22. Juni 1998 (Kopie an Rheinfelden)
festgehaltenen Muskelverklebungen (Myogelosen) und eine schmerzbedingte
Einschränkung der HWS-Beweglichkeit. Hauptziel des Aufenthalts in Rheinfelden
war denn auch nicht die Behandlung geklagter körperlicher Beschwerden, son-
dern eine Verbesserung des psychischen Zustands („Verarbeitung der traumati-
schen Erlebnisse des in seinem Selbstbewusstsein tief gekränkten Patienten“,
vgl. act. 4A/II/vor 95, S. 9).
Gegenüber dem Gutachter Prof. Dr. J._ berichtete der Versicherte im Rah-
men der Anamnese (April 1999) über „wahnsinnige Schmerzen, ihm wäre es lie-
ber, tot zu sein, als mit diesen weiterleben zu müssen“, gefolgt von einer Vielzahl
von Beschwerden, bei "objektivem" Befund von Druckdolenzen im Bereich des
Schädels, Nackens und Rückens mit Angabe von Ameisenlaufen, Visusminde-
rung.
Gemäss Ziff. 4 des Konsenspapiers der Schweizerischen Neurologischen Gesell-
schaft (act. 13/3: Beschwerdebild nach kraniozervikalem Beschleunigungstrauma,
Bericht der Kommission "whiplash-associated disorder", in: Schweizerische Ärz-
tezeitung, 2000, 81: Nr. 39, 2218 ff.), zitiert von der Beklagten (act. 12 Rz. 41),
sind sekundäre Verschlechterungen von Beschwerden (z.B. Nackenschmerzen)
unter Belastungssituationen auch nach mehreren Wochen oder Monaten möglich.
Das Auftreten von neuartigen Symptomen ist jedoch unwahrscheinlich.
d) Zusammenfassend ist festzuhalten: Aus der Zuweisung an einen ORL-
Facharzt und das Röntgeninstitut Dr. E._ ist zu schliessen, dass der Versi-
cherte innert der Latenzzeit bis 10. April 1997 ein Ohrgeräusch und Hals-/
- 58 -
Nackenschmerzen wohl geklagt hat (daher die Überweisungen), dass eine tat-
sächlich stattgehabte Untersuchung während der Latenzzeit, wie hiervor aufge-
zeigt, aufgrund der Beweislage nicht rechtsgenüglich erstellt ist, sowie dass wäh-
rend der Latenzzeit konkret geklagte Beschwerden (ausser Tinnitus) auch nicht
behauptet, sondern aus der Überweisung zum Röntgen geklagte „HWS- oder Na-
ckenbeschwerden“ gefolgert werden. Angesichts der aufgezeigten Widersprüche
in den Angaben des Versicherten zu initialen, entweder sofort (messerstichartige
Schmerzen zwischen den Schulterblättern) oder am Unfallfolgetag (Vielfalt an Be-
schwerden) aufgetretenen Beschwerden sind die geklagten Nackenbeschwerden
nicht glaubhaft: Sie wurden anlässlich der ersten dokumentierten, echtzeitlichen
Untersuchung beim Hausarzt Dr. med. F._ zwei Wochen nach dem Scha-
denereignis nicht erwähnt. Festgehalten anhand der Angaben des Versicherten
wurden im Arztzeugnis vom 21. April 1997, wie dargelegt, eine – nicht objektivier-
bare – Empfindungsstörung im Bereich der linken Schulter sowie eine – nicht ob-
jektivierbare, da von der Kooperation des Patienten abhängige – eingeschränkte
Beweglichkeit der HWS. Dieses Ergebnis steht denn auch im Einklang mit dem
Verhalten des Versicherten anlässlich der Untersuchungen der ersten beiden Mo-
nate sowie der Einschätzung dieses Verhaltens durch nahezu sämtliche behan-
delnden und untersuchenden Ärzte in den ersten beiden Monaten, einschliesslich
des Hausarztes. Hierauf wird nachfolgend unter 6.2.5 eingegangen.
Weiter ist festzustellen, dass bereits ab dem Klinikaufenthalt in Bellikon zwei Mo-
nate nach dem Schadenereignis eine Behandlung der in Art und Intensität aus-
weitend geklagten Beschwerden gar nicht möglich war und nicht als indiziert er-
achtet wurde und die weitere Behandlung im Wesentlichen in Psychotherapie be-
stand.
Dies hat zur Folge, dass auf Beurteilungen in echtzeitlichen Berichten, die auf
nicht glaubhaften, da mit zunehmender zeitlicher Distanz zum Schadenereignis
kontinuierlich ausweitend geschilderten initialen Beschwerden im Rahmen der
Anamnese fussen, nicht ohne Weiteres abgestellt werden kann. Dasselbe gilt für
eine gestützt darauf gestellte Diagnose.
- 59 -
Aufgrund des Gesagten erübrigen sich Ausführungen zur zum Gegenbeweis ver-
stellten Behauptung der Beklagten (Beweissatz 4.1), wonach der Versicherte
erstmals in der neurologischen Untersuchung bei Dr. med. G._ Nacken-
schmerzen, Kopfweh, Schwindel, Ohrensausen erwähnt habe. Die Erwähnung
von Nackenschmerzen, vor dem 30. April 1997 einzig im Bericht des ORL-
Facharztes Dr. med. D._ drei Tage nach dem Schadenereignis festgehalten,
reicht für den Nachweis initialer HWS- oder Nackenbeschwerden nicht. Nicht ob-
jektivierbare Beschwerden müssen durch zuverlässige ärztliche Berichte im Sinne
der Rechtsprechung dokumentiert sein. Wie ausgeführt, sind im Bericht des ei-
gens wegen des Schadenereignisses aufgesuchten Hausarztes vom 21. April
1997 geklagte Nackenschmerzen nicht dokumentiert (vgl. act. 4A/I/2), so wenig
wie im Bericht von Dr. med. E._, Medizinisch-Radiologisches Institut Olten,
vom 10. April 1997 (act. 13/4).
6.2.5. Zu den einzelnen medizinischen Berichten (1997 – 1999)
6.2.5.1. Behandlungsverlauf und Beweiswert der Berichte
a) Der Versicherte wurde, wie dargelegt, drei Tage nach dem Schadenereignis
am 10. April 1997 und erneut am 2. Mai 1997 ohrenärztlich untersucht und drei
Tage nach dem Schadenereignis geröntgt. Zwei Wochen nach dem Unfall stellte
der Hausarzt das Arztzeugnis vom 21. April 1997 aus und veranlasste zügig die
neurologischen Untersuchungen bei Dr. med. G._ (30. April 1997) und Dr.
med. H._ (22. und 30. Mai 1997). Im Recht liegen zudem die Austrittsberich-
te der Kliniken Bellikon (Juni/Juli 1997), Valens (Ende November 1997, nach 10
Tagen Abbruch) und Rheinfelden (Juni/Juli 1998) zu stationären Aufenthalten des
Versicherten sowie schliesslich zwei Schreiben des behandelnden Neurologen
Dr. med. R._ vom März resp. Juni 1998.
b) Die Klägerin erachtet – unter Zitierung des Gutachtens Prof. Dr. J._ – die
HWS-Schleuderverletzung (Beweissätze 1.1/1.4) insbesondere durch organische
Unfallfolgen in Form von C5-Senke, Tinnitus und muskuloskelettalen Zeichen
ausgewiesen (act. 1 Rz. 27; act. 21 Rz. 28). Diese Behauptung fand Eingang in
Beweissatz 1.3. Die hierzu angerufenen Beweismittel wurden durchwegs auch
- 60 -
zum allgemeineren Beweissatz des Vorliegens einer HWS-Schleuderverletzung
(Beweissätze 1.1/1.4) angerufen. Die Beklagte bestreitet das Vorliegen einer
HWS-Verletzung resp. unfallbedingter Beschwerden u.a. damit, dass sich aus
verschiedenen Berichten insbesondere der Frühphase nach dem Schadenereig-
nis zahlreiche Anzeichen dafür ergäben, dass der Versicherte aggraviere oder
simuliere, er ein deutlich dysfunktionales Schmerzverhalten zeige und nicht ganz
zwei Monate nach dem Unfall psychovegetative Symptome im Vordergrund ge-
standen hätten. Diese Behauptungen fanden Eingang in die Gegenbeweissätze
2.1 bis 2.3.
c) Bei der Würdigung der angerufenen Urkunden ist Folgendem Rechnung zu
tragen: Die Angabe einer Diagnose in einem medizinischen Bericht ist für sich
genommen nicht beweisbildend für den Nachweis einer HWS-Verletzung. Ent-
scheidend für den Beweiswert eines medizinischen Berichts ist gemäss gefestig-
ter Rechtsprechung, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) erstattet wird, in der Beurteilung der medizini-
schen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Experten begrün-
det sind (BGE 125 V 351 E. 3a). Ebenso wenig genügen Angaben von Ärzten wie
"Status nach Distorsionstrauma der Halswirbelsäule" für sich allein für den Nach-
weis der Kausalität, soweit es sich um eine anamnetische Feststellung handelt.
Sie stellen keine zuverlässigen ärztlichen Angaben im Sinne der Rechtsprechung
dar, wonach medizinische Fakten wie fachärztliche Erhebungen (über Anamnese,
objektiven Befund, Diagnose, Verletzungsfolgen, unfallfremde Faktoren, Vorzu-
stand etc., vgl. BGE 119 V 335 E. 2b/aa) die massgeblichen Grundlagen für die
Kausalitätsbeurteilung bilden.
Aus dem Gesagten folgt, dass die Zuverlässigkeit der Beurteilung und der Diag-
nosestellung wesentlich davon abhängt, ob einem (Fach)Arzt bei der Untersu-
chung resp. Erstellung seines Berichts der tatsächliche Unfallhergang, bereits be-
stehende Beeinträchtigungen und echtzeitliche Feststellungen der erstbehan-
delnden Ärzte bekannt waren oder ob er seiner Einschätzung und damit seiner
Diagnose ausschliesslich Angaben des Versicherten zugrunde legt. Im vorliegen-
- 61 -
den Verfahren ist zu ersterem (Kenntnis vom Unfallhergang) dem Umstand Rech-
nung zu tragen, dass die unfalltechnischen Berichte M._ (maximales Delta-v
von 10-11 km/h) erst im Januar resp. Februar 1999 und der biomechanische Be-
richt Prof. Dr. N._ erst im September 1999 (alle in act. 4A/II/vor 97) vorlagen.
Die Berichte der ersten Jahre stützten sich somit hinsichtlich der Schwere des
Schadenereignisses zwangsläufig ausschliesslich auf die Angaben des Versicher-
ten.
d) Bei der Würdigung der Berichte ist weiter zu berücksichtigen, dass behandeln-
de Ärzte (Hausarzt, behandelnder Facharzt, Schmerztherapeut) nicht dazu ange-
rufen wurden herauszufinden, ob die Beschwerden des Patienten auf das Scha-
denereignis vom 7. April 1997 zurückzuführen sind. Ihre Aufgabe ist die Linderung
von Beschwerden. Soweit bekundeten Beschwerden keine objektiv feststellbare
Schädigung zugrunde liegt, beruht die Einschätzung des behandelnden Arztes
damit auf den Angaben des Patienten, an denen zu zweifeln für ihn in der Regel
kein Anlass besteht. Sind die Angaben des Patienten unzutreffend, sind es
zwangsläufig auch die Einschätzung und die Diagnose des behandelnden Arztes.
Wie erwogen, sind kurz nach dem Schadenereignis gemachte Angaben („Aussa-
gen der ersten Stunde“) in der Regel unbefangener und zuverlässiger als spätere
Darstellungen (vgl. BGE 115 V 133 E. 8c.).
e) Rechnung zu tragen ist sodann der Erfahrungstatsache, dass bei später er-
stellten Berichten schon aufgrund der zeitlichen Distanz und der vorerwähnten
höheren Verlässlichkeit der frühesten Angaben des Patienten zu geklagten Be-
schwerden die Gefahr besteht, dass Einschätzungen und Diagnosen von Vorbe-
handlern relativ unbesehen übernommen werden. Das Gesagte gilt umso mehr
dort, wo Fachärzte in ihren Berichten fachfremde Diagnosen wiedergeben, die
von vornherein nicht auf eigenen entsprechenden Untersuchungen unter Berück-
sichtigung von allfälligen (wiederum nicht ihr Fachgebiet betreffenden) Vorzustän-
den basieren. Solchen Wiedergaben kommt ein entsprechend geringer Beweis-
wert zu. Die fachliche Qualifikation eines Experten oder eines Arztes spielt für die
richterliche Würdigung eine erhebliche Rolle, da sich das Gericht auf die medizi-
nische Stichhaltigkeit eines Gutachtens oder eines medizinischen Berichts verlas-
- 62 -
sen können muss (Urteile I 142/07 vom 20. November 2007 E. 3.2.3 und I 178/00
E. 4a vom 3. August 2000).
6.2.5.2. Hauptbeweismittel der Klägerin
a) Unfallmeldung des Arbeitgebers
Der Unfallmeldung des Arbeitgebers vom 10. April 1997 (act. 4A/I/1) kommt für
das Vorliegen einer HWS-Schleuderverletzung kein Beweiswert zu. Es handelt
sich nicht um einen Arztbericht, sondern um die Anmeldung eines Versicherungs-
falls unter Weitergabe von Informationen („Schleudertrauma“), die dem Arbeitge-
ber entweder vom Arbeitnehmer oder von dritter Seite gemeldet wurden.
b) Berichte des Hausarztes Dr. med. F._
- Frühester medizinischer Bericht (ausser ORL und Röntgen) vom 21. April 1997
Beim Arztzeugnis des Hausarztes Dr. med. F._ vom 21. April 1997 (act.
4A/I/2), erstellt zwei Wochen nach dem Unfall, handelt es sich um den Formular-
bericht zuhanden der Klägerin. Die Angaben des Hausarztes sind knapp gehal-
ten, ohne Beiblatt zum Formular. Es geht aus dem Formular nicht hervor, wann
die Untersuchung des Versicherten erfolgte, die dem Befund des Hausarztes
(Beweglichkeitseinschränkung der HWS und Empfindungsstörung im Bereich der
linken Schulter, C4 links) zugrunde lag. Die Angaben des Hausarztes zur Anam-
nese ("Angaben des Patienten") sind sehr knapp und allgemein gehalten: Es
ergibt sich daraus weder, welche Schmerzen mit "anfänglich nur wenig Schmer-
zen" gemeint sind bzw. geklagt wurden, noch welche "Schmerzen erst am nächs-
ten Morgen" auftraten. Die betreffenden Angaben können zufolge Ferienabwe-
senheit des Hausarztes nicht auf dessen eigener Wahrnehmung von (geklagten)
Beschwerden zu den genannten Zeitpunkten („anfänglich“, „am nächsten Mor-
gen“) beruhen. Ein "lästiger Tinnitus" ist gemäss Anamnese "einige Tage später"
aufgetreten, was mit der andernorts behaupteten Überweisung an den ORL-
Facharzt am Unfallfolgetag in Widerspruch steht. Es ergibt sich aus dem Arzt-
zeugnis weiter nicht, von welcher Unfallschilderung des Versicherten nebst der
Angabe "Auffahrunfall am 07.04.1997" der Hausarzt ausging. Das Arztzeugnis
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erwähnt den Röntgenbefund vom 10. April 1997 (keine ossäre Läsion und keine
Rotationsdislokation), nicht aber den Polizeibericht (mit Angabe des Versicherten:
„keine Verletzungen“). Objektive Angaben (M._-Berichte zu Unfalltechnik,
delta-v etc.) lagen, wie erwähnt, erst knapp zwei Jahre später vor. Es ist davon
auszugehen, dass der Hausarzt, der vom Patienten wegen eines Unfalls und nicht
einer Erkrankung aufgesucht wurde, die Frage, ob mit dem festgestellten Befund
Unfallfolgen vorlägen, einzig und unkritisch aufgrund der Angaben des Versicher-
ten durch Ankreuzen des betreffenden Kästchens beantwortete. Der im kurzen
Formularbericht über das Gesagte (Empfindungsstörung linke Schulter und ein-
geschränkte HWS-Beweglichkeit) hinaus nicht weiter begründeten Diagnose
„Schleudertrauma“ (ohne ICD-10-Einordnung) kommt, da basierend einzig auf der
Patientenangabe einer Sensibilitätsstörung und eines (wohl) geschilderten Unfal-
lereignisses, nur beschränkter Beweiswert zu.
Als Hausarzt des Versicherten, dessen Aufgabe aufgrund des Vertrauensverhält-
nisses zum Patienten in der zur Linderung geklagter Beschwerden bestand, war
Dr. med. F._ weder mit der Klärung der Ursache der angegebenen Be-
schwerden – Beweglichkeitseinschränkung der HWS und Sensibilitätsstörung
(PSCHYREMBEL: Veränderte Wahrnehmung von Sinnesreizen, hier C4: Im Bereich
der linken Schulter, vgl. auch Schreiben des Hausarztes vom 25. April 1997, act.
4/A/I/3) – befasst, noch hatte er – bei der ersten Konsultation – konkrete Veran-
lassung, die Angaben seines Patienten kritisch zu hinterfragen.
Der Formularbericht des Hausarztes und Allgemeinpraktikers Dr. med. F._
zuhanden der A._ stellt damit keinen verlässlichen medizinischen Bericht im
Sinne der Rechtsprechung und insbesondere keine fachärztliche Erhebung, die
für eine Kausalitätsbeurteilung massgebend wäre, dar (BGE 119 V 335 E. 2b/aa).
Aus den dargelegten Gründen (keine Kenntnis vom Unfallhergang, keine daraus
hervorgehende, einlässliche Anamnese, rein subjektiver Befund, unklar, wann
welche Untersuchung erfolgte, zwei Wochen nach dem Schadenereignis verfass-
ter Formularbericht, Vertrauensverhältnis als Hausarzt) kommt dem Bericht hin-
sichtlich der Frage von unfallkausalen Beschwerden ein nur sehr beschränkter
Beweiswert zu. Kein Beweiswert kommt ihm zufolge Ferienabwesenheit des
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Hausarztes für die Frage zu, wann welche Initialbeschwerden innert der Latenz-
zeit („anfänglich“, „am nächsten Morgen“) geklagt wurden.
Das Arztzeugnis des Hausarztes ist – abgesehen vom Tonaudiogramm des ORL-
Facharztes und des Röntgenbefundes – der früheste Bericht zu einer vorgenom-
menen Untersuchung des Versicherten nach dem Unfall. Der Hausarzt wurde ei-
gens und erstmals wegen der Unfallfolgen aufgesucht (vgl. die rückwirkend attes-
tierte Arbeitsunfähigkeit ab 8. April bis voraussichtlich Ende April 1997). Er doku-
mentiert nebst der erwähnten Empfindungsstörung der linken Schulter und der –
von der Kooperation des Versicherten abhängigen – Beweglichkeitseinschrän-
kung der HWS keine weiteren Angaben zu geklagten Beschwerden, insbesondere
nicht zu geklagten HWS- oder Nackenschmerzen oder Beschwerden im Sinne
des typischen Beschwerdebilds. Da nebst der Empfindungsstörung auch das ge-
klagte Ohrgeräusch im Arztzeugnis erwähnt wird, ist aufgrund der allgemeinen
Lebenserfahrung davon auszugehen, dass weitere in den zwei Wochen seit dem
Schadenereignis aufgetretene und den Versicherten nach wie vor beeinträchti-
gende Beschwerden gegenüber dem Hausarzt geäussert worden wären, sofern
solche vorhanden waren.
- Zuweisungsschreiben des Hausarztes vom 25. April 1997: Veranlassung der
ersten neurologischen Untersuchung
Das vier Tage nach dem Arztzeugnis vom 21. April 1997 verfasste Zuweisungs-
schreiben des Hausarztes Dr. med. F._ vom 25. April 1997 an den Neurolo-
gen Dr. med. G._ (act. 4A/I/3) zwecks „Beurteilung nach einem Schleuder-
trauma“ weist in mehrfacher Hinsicht Unklarheiten auf: Es enthält zunächst wiede-
rum die Angabe, dass der Versicherte „anfänglich“ keine Schmerzen verspürt ha-
be, führt dann aber aus, dass „am Tage danach die typischen Beschwerden als
Folge eines Schleudertraumas“ und „gleichzeitig auch ein Tinnitus aufgetreten“
seien. Zu dieser Angabe des Hausarztes, der seinen Patienten zufolge Ferienab-
wesenheit erst nach der Latenzzeit (Arztzeugnis vom 21. April 1997, act. 4A/I/2)
sah, ist auf das Gesagte zu verweisen. Woraus der Hausarzt vier Tage nach dem
Arztzeugnis (vgl. oben) auf das Vorliegen „der typischen Schleudertraumabe-
schwerden“ am Unfallfolgetag schloss, ist aus dem Zuweisungsschreiben – ins-
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besondere vor dem Hintergrund der Feststellungen im Arztzeugnis – nicht ersicht-
lich und auch nicht nachvollziehbar. Im Widerspruch zum Arztzeugnis wird ein
gleichzeitiges Auftreten eines Tinnitus (mithin nicht einige Tage später) geschil-
dert. Es gilt das zum Arztzeugnis vom 21. April 1997 Gesagte, wonach der Haus-
arzt keine eigene Wahrnehmung von geklagten Initialbeschwerden während der
Latenzzeit hatte und haben konnte.
Erwähnung finden weiter „von Anbeginn“ geklagte Sensibilitätsausfälle im Bereich
der linken Schulter, die der Hausarzt auf das Dermatom C4 zurückführt. Hinsicht-
lich der zeitlichen Verortung „von Anbeginn“ ist erneut auf die Ferienabwesenheit
des Hausarztes zu verweisen. Da sich der Hausarzt im Zuweisungsschreiben auf
seine eigene Beurteilung bezieht („die ich auf [...] zurückgeführt habe“), kann sich
die Angabe der „von Anbeginn“ geklagten Sensibilitätsausfälle folglich einzig auf
die erste Untersuchung des Versicherten durch den Hausarzt beziehen. Festge-
halten wird weiter, dass der Patient „in der Zwischenzeit“ über eine Zunahme der
Schmerzen klage mit neu „Sensibilitätsstörungen im Bereiche des ganzen Armes,
ohne dass speziell ein Dermatom angegeben werden kann. Der Händedruck ist
symmetrisch.“ Zu schliessen ist aus dem Zuweisungsschreiben, dass der Versi-
cherte wenige Tage nach dem Verfassen des Arztzeugnisses eine für den Haus-
arzt unklare ("ohne dass speziell ein Dermatom angegeben werden kann") Aus-
weitung der Beschwerden in der linken Schulter (so ursprünglich, act. 4A/I/2) über
den ganzen linken Arm geklagt hat. Abgesehen von Letzterem (ausweitende
Schilderung der geklagten Beschwerden in der linken Schulter/im linken Arm)
kommt dem Zuweisungsschreiben vor dem Hintergrund der Rechtsprechung und
aus den analogen Gründen wie dem Arztzeugnis vom 21. April 1997 (vgl. hiervor)
für die Frage einer erlittenen HWS-Distorsion nur sehr beschränkter Beweiswert
zu.
cc) Bericht des Hausarztes Dr. med. F._ an die IV-Stelle vom 25. März 1998
Beim rund ein Jahr nach dem Schadenereignis erstatteten Bericht des Hausarz-
tes Dr. med. F._ an die IV-Stelle Solothurn (inkl. Beiblatt zum Arztbericht, S.
2, act. 53/1) handelt es sich um einen Verlaufsbericht, der nicht auf neuerlicher
Untersuchung basiert (vgl. S. 2). Er wiederholt die Diagnosen „HWS Distorsions-
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trauma vom 7. April 1997“ sowie einer in der Folge aufgekommenen posttrauma-
tischen Anpassungsstörung. Hinsichtlich der letzteren fachfremden, somit über-
nommenen Diagnose hat der Bericht keinen eigenständigen Beweiswert. Hin-
sichtlich der Wiederholung der Diagnose „HWS-Distorsionstrauma“ basiert er, wie
erwähnt, nicht auf neuerlicher Untersuchung, sondern den Angaben des Patien-
ten, wonach chronische Beschwerden im Bereich des Nackens mit Ausstrahlung
in den Rücken bestünden und die Kopfbewegungen schmerzbedingt einge-
schränkt seien. Es ist mangels ersichtlicher anderweitiger Grundlage von einer
Übernahme früherer Diagnosen auszugehen. Die Diagnose ist im Übrigen nicht
begründet. Hinsichtlich der „chronischen Beschwerden im Bereich des Nackens“
ist sodann zu berücksichtigen, dass der Versicherte gemäss Bericht des Hausarz-
tes auch rund ein Jahr nach dem Schadenereignis nach wie vor stets einen Hals-
kragen trug und seit dem ersten Aufenthalt in Bellikon (Juni/Juli 1997) einzig psy-
chotherapeutisch behandelt wurde.
Zu entnehmen ist dem Bericht weiter, dass der Hausarzt berufliche Massnahmen
als dringend angezeigt erachtet (Hervorhebung angefügt): Man müsse „unbedingt
darauf tendieren, den Patienten in einen neuen Arbeitsprozess einzuschleusen,
da dies den Patienten zwingen würde, sein Leiden etwas zu vergessen. Ob er al-
lerdings unter den jetzigen Umständen integrierbar ist, ist fraglich“ sowie weiter
„es sollte ein Arbeitsplatzversuch gestartet werden“. Daraus ist zu schliessen,
dass der Hausarzt Dr. F._ von einer hauptsächlich psychischen Problematik
ausgeht, der dringend mit Reintegration zu begegnen sei, und dass aus seiner
Sicht körperliche Beschwerden einer beruflichen Wiedereingliederung nicht im
Wege standen. Dies ergibt sich auch aus der weiteren Angabe, wonach das
Schadenereignis „etwas pathologisch“ verarbeitet werde. Hinsichtlich des psychi-
schen Befindens seines Patienten findet sich die Feststellung, dass der zwi-
schenzeitliche Arbeitsplatzverlust „weiterhin einen psychischen Knick“ des Versi-
cherten zur Folge gehabt habe. Der Bericht ist aufgrund des Gesagten – Über-
nahme früherer, teils fachfremder Diagnosen, aber dringend empfohlene Rein-
tegration in den Arbeitsprozess und Einschätzung der Beschwerden als psy-
chisch, Hinweis auf weitere Ursachen für den „psychischen Knick“ – nicht geeig-
net, das Vorliegen einer HWS-Schleuderverletzung resp. das Leiden am typi-
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schen Beschwerdebild zu belegen, insbesondere aber nicht das Vorliegen einer
die Arbeitsfähigkeit des Versicherten beeinträchtigenden Gesundheitsschädigung.
c) Erste neurologische Untersuchung (Dr. med. G._, 30. April 1997)
Die Beurteilung gemäss Bericht des vom Hausarzt beigezogenen Facharztes für
Neurologie, Dr. med. G._, vom 1. Mai 1997 (act. 4A/I/6) basiert auf der frü-
hesten neurologischen Untersuchung des Versicherten, die rund drei Wochen
nach dem Schadenereignis am 30. April 1997 stattfand.
Nachdem der Versicherte beim Hausarzt noch über eine Sensibilitätsstörung in
der linken Schulter (nebst dem Tinnitus) geklagt hatte, gibt er bei der neurologi-
schen Untersuchung im Rahmen der Anamnese erstmals eine Vielzahl von typi-
schen Beschwerden nach Schleudertrauma – namentlich Kopfweh, Schwindel,
Ohrensausen, Nackenschmerzen, Schwächegefühl im linken Arm mit Gefühlsstö-
rungen, Steifigkeit der Finger, Gefühllosigkeit beider Beine linksbetont, begleitend
abnorme Nervosität, zeitweise Taubheitsgefühl in beiden Armen etc. – an, an de-
nen er seit dem Unfallfolgetag leide. Wie hiervor erwogen, ist nicht nachvollzieh-
bar (und nicht dargetan), weshalb der Versicherte diese (Vielzahl an massiven)
Beschwerden gegenüber seinem Hausarzt Dr. med. F._, den er wenige Tage
zuvor just wegen des Schadenereignisses aufgesucht hatte, hätte verschweigen
sollen. Diese Beschwerden werden vom Versicherten nicht als während des seit-
herigen Verlaufs neu aufgetreten beklagt, sondern als seit dem Unfallfolgetag be-
stehend. Kein Grund für die Nichterwähnung beim Hausarzt kann, wie dargelegt,
ein gestörtes Vertrauensverhältnis zum Allgemeinpraktiker Dr. med. F._ sein,
zumal der Versicherte auch in den Folgejahren von Dr. med. F._ hausärztlich
versorgt wurde (vgl. die späteren Statusberichte zuhanden der Klägerin, z.B. act.
53/4 vom 27. Oktober 2003). In der erstmaligen Angabe der genannten Palette
von nicht objektivierbaren Initialbeschwerden gegenüber dem Neurologen kann
auch keine Verdeutlichung von gegenüber dem Hausarzt gemachten Angaben
gesehen werden. Es liegt vielmehr sowohl qualitativ als auch quantitativ eine
massive Ausweitung der geklagten, durchwegs nicht mittels bildgebenden Verfah-
ren objektivierbaren Initialbeschwerden vor. Wie dargelegt, erweisen sich die neu
geklagten Beschwerden daher als nicht glaubhaft.
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Mit dieser Schlussfolgerung in Einklang steht der Befund des Neurologen. Nebst
Normalbefunden wird festgehalten (Hervorhebung angefügt): "komplette Blockie-
rung der HWS-Beweglichkeit, Verspannung und Gegenstemmen bei Lasègue-
Prüfung bds.", "grobe Kraft kooperationsbedingt nicht prüfbar". Ebenfalls damit in
Einklang steht schliesslich die Beurteilung des Neurologen, wonach sämtliche kli-
nischen Befunde, die nicht willkürlich beeinflusst werden könnten, unauffällig sei-
en. Trotz der bei mangelhafter Kooperation erschwerten Untersuchung fänden
sich keine Hinweise für zentralnervöse Ausfälle oder eine cervikale Rückenmarks-
läsion. Der Patient bewege sich "wie bei einer akuten Lumbago" (PSCHYREMBEL:
Hexenschuss; akut auftretender, heftiger Kreuzschmerz ohne Ausstrahlung in die
untere Extremität), was in Zusammenhang mit dem abgelaufenen Ereignis nicht
plausibel sei.
Dr. med. G._ erstattete seinen Bericht in Kenntnis der radiologischen Ergeb-
nisse vom 10. April 1997 (keine nachweisbaren Schäden) ebenso wie der frühe-
ren, neurologisch relevanten Episode mit Rückenschmerzen (vgl. Anamnese) und
der Erstuntersuchung beim ORL-Facharzt wegen eines geklagten Ohrgeräuschs
(vgl. act. 4/I/3, Zuweisungsschreiben des Hausarztes samt Beilagen). Er geht ge-
stützt auf die Schilderung des Versicherten von einem (zu) heftigen Unfallereignis
aus ("gerammt"; die M._-Berichte lagen erst im 1999 vor) und berücksichtigt
die – nun erstmals vom Versicherten vorgetragene Vielzahl von – geklagten Be-
schwerden, von deren erstmaligem Auftreten am Unfallfolgetag er aufgrund des
Zuweisungsschreibens des Hausarztes ausgeht. Der Bericht basiert auf einer ein-
lässlichen Untersuchung (vgl. Befund), trifft auch Feststellungen zum Verhalten
des Patienten und ist in seiner Beurteilung nachvollziehbar. Dem zeitnah erstell-
ten Bericht des Facharztes für Neurologie kommt damit im Lichte der Rechtspre-
chung grundsätzlich hoher Beweiswert zu.
Der Neurologe erachtet 23 Tage nach dem Schadenereignis – unter den unzutref-
fenden, sich zugunsten des Versicherten auswirkenden Annahmen eines heftigen
Schadenereignisses und des Auftretens des „typischen Beschwerdebilds“ am Un-
fallfolgetag – die nun erstmals geklagte Vielfalt an Beschwerden als noch glaub-
haft. Aus diesem ersten neurologischen Untersuchungsbericht rund drei Wochen
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nach dem Schadenereignis geht indes der klar geäusserte Verdacht des Facharz-
tes auf eine massive funktionelle Überlagerung hervor angesichts des detailliert
beschriebenen Verhaltens des Versicherten bei und ausserhalb des Untersu-
chungsgangs (mangelhafte Kooperation, Gegenstemmen, unplausible Bewegung
wie bei akutem Hexenschuss, Feststellung, dass sämtliche klinischen Befunde,
die nicht willkürlich beeinflusst werden können, unauffällig seien etc.). Eine Diag-
nose stellt der Facharzt Neurologie, der vom Hausarzt um eine baldmöglichste
Beurteilung ersucht worden war, nicht.
Aufgrund des Gesagten ist dieser früheste Untersuchungsbericht eines Facharz-
tes für Neurologie von hohem Beweiswert, aber nur sehr bedingt geeignet zum
Nachweis einer erlittenen HWS-Schleuderverletzung: Er dokumentiert eine mas-
sive Ausweitung geklagter und vom Versicherten auf den Unfallfolgetag verorteter
Beschwerden. Zwar werden die geklagten Beschwerden vom Berichtsverfasser
als noch glaubhaft bezeichnet, doch basiert diese Einschätzung drei Wochen
nach dem Schadenereignis, wie aufgezeigt, auf der Schilderung eines (zu) hefti-
ges Heckauffahrereignisses und auf dem im Zuweisungsschreiben angegebenen
initialen Auftreten von „typischen Beschwerden“ am Unfallfolgetag. Insbesondere
aber äussert der Neurologe, wie aufgezeigt, unter Darlegung einer Vielzahl von
konkret genannten Anzeichen bereits drei Wochen nach dem Schadenereignis
den Verdacht auf eine massive funktionelle Überlagerung. Die Einschätzung des
Neurologen ist damit nicht geeignet zum Nachweis einer - auch nicht diagnosti-
zierten – HWS-Schleuderverletzung und dadurch ausgelöster körperlicher Be-
schwerden als Ursache für das dokumentierte Verhalten und die geklagten Be-
schwerden des Versicherten.
d) Austrittsberichte der Kliniken Bellikon und Valens
- Erste Hospitalisation (Reha-Klinik Bellikon, Juni/Juli 1997)
Der Versicherte trat nach drei neurologischen Untersuchungen zwischen dem 30.
April und dem 30. Mai 1997 (Dres. G._ und H._) am 4. Juni 1997 in die
Rehaklinik Bellikon ein zwecks einer interdisziplinären Therapie. Zum Beweiswert
des Austrittsberichts Bellikon ist viererlei festzuhalten: Zum einen standen dem
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Verfasser nur wenige Vorakten zur Verfügung: der Bericht des Hausarztes Dr.
F._ betreffend Beweglichkeitseinschränkung HWS und Sensibilitätsstörung
C4 links, der fälschlicherweise auf den Unfallfolgetag vom 8. April 1997 (statt auf
den 21. April 1997) verortet wird, der neurologische Bericht Dr. med. G._
vom 1. Mai 1997, der Bericht der ersten ORL-Untersuchung Dr. D._ vom 11.
April 1997, verfasst in Unkenntnis der unstreitig vorbestehenden Hörschädigung
aus dem Jahre 1992, sowie der Kurzbericht des Neurologen Dr. med. H._
vom 30. Mai 1997, nicht aber der Bericht über die ausführliche erste Untersu-
chung des Kreisarztes vom 22. Mai 1997. Zum anderen geht eine Kenntnis von
vorbestehenden Schäden (Verhebetrauma, ORL etc.) seitens des Berichtsverfas-
sers aus dem Bericht nicht hervor. Zum Dritten wurde von einer Eintrittsdiagnose
einer HWS-Distorsion mit Bewegungseinschränkung der HWS und psychovegeta-
tiver Symptomatik ausgegangen. Zweck des Aufenthalts war, wie erwogen, die
Therapierung mittels eines interdisziplinären Ansatzes und nicht eine gutachterli-
che Abklärung; der Austrittsbericht äussert sich daher nicht zur Ursache der ge-
klagten Beschwerden. Schliesslich wird im Austrittsbericht – mit Ausnahme der
Einreihung der psychischen Beschwerden gemäss Bericht zum psychosomati-
schen Konsilium (vgl. sogleich) – keine Diagnose gestellt. Ebenso wenig wird ein
„Status nach Schleudertrauma“ oder ein cervicobrachiales Schmerzsyndrom fest-
gehalten.
Aus dem Austrittsbericht ebenso wie dem Bericht des psychosomatischen Konsi-
liums ergibt sich zur Anamnese die Angabe des Versicherten von (neu) Schmer-
zen „überall“, darunter Kopfschmerzen unterschiedlicher Intensität, Ohrgeräu-
sche, Nackenschmerzen, lumbale Rückenschmerzen, erstmals auch Schmerzen
über und im Auge. Er leide an Übelkeit und Erbrechen und sei psychisch am Bo-
den. Bekundet werden Dauerschmerzen ohne Linderung beim Sitzen oder Lie-
gen. Erstmals erwähnt der Versicherte messerstichartige Schmerzen zwischen
den Schulterblättern, die sofort nach dem Heckauffahrunfall aufgetreten seien, die
er indes gegenüber keinem der vorbehandelnden Ärzte, einschliesslich seines
Hausarztes, angegeben hat. Zum Therapieverlauf während dieser ersten stationä-
ren Behandlung rund zwei Monate nach dem Schadenereignis wird festgehalten,
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dass es nicht möglich gewesen sei, einen therapeutischen Zugang zum Patienten
zu finden. Das somatische Problem habe kaum angegangen werden können.
Gemäss Beurteilung (act. 4A/I/20) lag eine Bewegungseinschränkung der HWS
und LWS wegen muskulärer Verspannungen vor, im Übrigen psychische Be-
schwerden (Depression und Hoffnungslosigkeit). Muskuläre Verspannungen ge-
hören, ebenso wie Druckdolenzen und Triggerpunkte, zu den muskuloskelettalen
Zeichen gemäss Grad II der Québec Task Force. Aus dem Bericht geht hervor,
dass die Beschwerden nach Einschätzung der Ärzte nicht somatischer Natur wa-
ren. Entsprechend wurde der Versicherte in die „hausärztliche Weiterbetreuung“
entlassen und als weitere Behandlung einzig die Fortführung der begonnenen
Psychotherapie vorgesehen und empfohlen. Inwiefern die (einzig) festgestellten
muskulären Verspannungen auf den Umstand zurückzuführen sind, dass der Ver-
sicherte auch Monate nach dem Schadenereignis (vgl. 5.2 zur unveränderten Si-
tuation im Folgejahr) nicht vom dauernden Tragen des Halsstützkragens entwöhnt
werden konnte, dass er gemäss Austrittsbericht ein sehr tiefes Leistungsniveau
zeigte und bei den Therapieübungen nicht mitmachte, ist dem Austrittsbericht
nicht zu entnehmen. Die Ursache der muskulären Verspannungen mit dadurch
bewirkter Bewegungseinschränkung der HWS wird nicht diskutiert oder dargelegt.
Eine Auseinandersetzung mit den in den Berichten der Neurologen Dr. med.
G._ und Dr. med. H._ erhobenen Befunden, soweit überhaupt vorlie-
gend, findet sich im Austrittsbericht schliesslich nicht.
Damit ergibt sich aus dem Austrittsbericht Bellikon im Wesentlichen, dass die
psychischen Beschwerden klar im Vordergrund standen und eine Therapierung
der geklagten, nunmehr den ganzen Körper betreffenden körperlichen Beschwer-
den nicht möglich war und als nicht angezeigt erachtet wurde. Ein HWS-
Distorsionstrauma wird nicht diagnostiziert. Festgehalten wird ohne Erörterung
der Ursache eine verspannte Muskulatur und dadurch eingeschränkte Beweglich-
keit der HWS. Aus dem psychosomatischen Konsilium ergibt sich die Einschät-
zung, dass der Versicherte psychovegetativ völlig entgleist erscheine (vgl.
4A/I/vor 20). Zum Nachweis einer HWS-Schleuderverletzung, die denn auch nicht
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diagnostiziert wird, ist er mangels Diskussion möglicher Ursachen der Verspan-
nungen von geringem Beweiswert.
bb) Zweite Hospitalisation (Klinik Valens, 10 Tage im November 1997)
Im kurzen Austrittsbericht (resp. Zuweisungsbericht, vgl. nachfolgend) der Klinik
Valens vom 11. Dezember 1997 (act. 4A/I/55) wird die Diagnose eines HWS-
Distorsionstraumas und einer posttraumatischen Anpassungsstörung gestellt.
Dem Bericht liegt wegen des vorzeitigen Abbruchs des Aufenthalts und der Über-
weisung an die psychiatrische Klinik Wyss ein lediglich 10-tägiger Aufenthalt des
Versicherten zugrunde. Dem Berichtsverfasser (Assistenzarzt Dr. med.
AD._, visiert von Dr. med. AE._, Rheumatologe) lagen gemäss Zusam-
menfassung als Vorakten das Arztzeugnis Dr. med. F._, die ORL-
Untersuchung Dr. D._, die Berichte Dr. med. G._ vom 1. Mai 1997 und
Dr. med. H._ vom 30. Mai 1997 – nicht jedoch die ausführliche kreisärztliche
Untersuchung vom 22. Mai 1997 – sowie der Austrittsbericht der Klinik Bellikon
vor. Geklagt wurden Beschwerden am ganzen Körper, zudem Tinnitus, Schwin-
del, trockener Mund und Konzentrationsschwierigkeiten. Der Bericht geht von ei-
nem (zu) heftigen Auffahrereignis gemäss Schilderung des Versicherten („wurde
wohl durch den Aufprall zunächst nach hinten, dann beim Aufprall in den vorderen
Wagen geschleudert“, Hervorhebung angefügt) und einem Auftreten heftiger ini-
tialer Schmerzen nach zwölf Stunden, letzteres wohl gestützt auf die Vorakten,
aus (S. 3). Der Berichtsverfasser hat sodann Kenntnis vom Verhebetrauma im
August 1994 (Lumbovertebralsyndrom).
Dem Bericht ist an Befunden lediglich die Druckschmerzhaftigkeit der Wirbelsäule
zu entnehmen, die wiederum auf Patientenangaben beruht. Eine aussagekräftige
Untersuchung der Beweglichkeit der HWS sei nicht möglich gewesen wegen star-
ker Schmerzangabe bei kleinster Bewegung. Weiter wird festgehalten, dass sämt-
liche Punkte im Waddell-Test positiv gewesen seien. Die neurologischen Befunde
und der Allgemeinstatus werden als unauffällig bezeichnet. Zu entnehmen ist dem
Bericht weiter, dass die psychiatrische Problematik, die sich sekundär entwickelt
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habe, deutlich im Vordergrund stehe und eine somatische Rehabilitation deshalb
gar nicht möglich gewesen sei, weshalb der Aufenthalt abgebrochen und der Ver-
sicherte zur Behandlung in die psychiatrische Klinik Wyss überwiesen werde.
Weiter ergibt sich aus dem Austrittsbericht, dass der Versicherte nach wie vor ei-
nen Halskragen trage, den er sehr ungern abnehme, in den Therapien nicht habe
kooperieren können, da sämtliche Bewegungen die Beschwerden verschlimmern
würden, und eine weitere Physiotherapie nicht indiziert sei. Die einzige Therapie
seit Austritt aus Bellikon im August 1997 habe in einer wöchentlichen psychiatri-
schen Sitzung bei Dr. med. S._ (Psychiatrisches Ambulatorium in Olten) be-
standen (S. 3).
Der Bericht befasst sich nicht mit der Ursache der Beschwerden, weder jener der
Druckschmerzhaftigkeit der Wirbelsäule noch jener der als im Vordergrund ste-
hend bezeichneten psychischen Problematik. Letzteres wäre, da fachfremd, auch
nicht beweiskräftig. Es ist mangels ersichtlicher Begründung davon auszugehen,
dass die Diagnose eines HWS-Distorsionstraumas einzig aufgrund der Vorakten
resp. des Einweisungsgrundes des Hausarztes „therapieresistente Entwicklung
mit schweren psychovegetativen Symptomen nach HWS-Distorsionstrauma“ und
des geschilderten Schadenereignisses erfolgte. Angesichts des zum rheumatolo-
gischen Befund vermerkten Ergebnisses des Waddell-Tests bei gleichzeitigem
Fehlen einer Begründung der Diagnose „HWS-Distorsionstrauma“ ist der Bericht
nicht geeignet zum Nachweis einer beim Schadenereignis erlittenen HWS-
Schleuderverletzung. Auf die im Bericht als „wahrscheinlich posttraumatisch“ be-
zeichneten „kleinen Retroostheophyten“ wurde hiervor unter 6.2.1 eingegangen.
Auf die Bedeutung des positiven Waddell-Tests wird nachfolgend in Zusammen-
hang mit den Gegenbeweissätzen eingegangen (vgl. 6.2.5.3).
e) Zwei Schreiben des Neurologen Dr. med. R._ (März/Juni 1998)
aa) Beim Schreiben von Dr. med. R._ vom 25. März 1998 (act. 4A/I/84)
handelt es sich um ein Kostengutsprachegesuch. Dr. med. R._ ist Neurolo-
ge, dessen Beizug als Schleudertraumaexperte vom Versicherten frühzeitig ge-
wünscht wurde (act. 12 Rz. 56; unbestritten act. 21 Rz. 13 ff.). Es werden die ak-
tuell geklagten Beschwerden wiedergegeben und festgehalten, dass „noch heute
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ein deutliches linksbetontes Cervicalsyndrom sowie cervicocephale Beschwer-
den“ bestünden. Aus dem Schreiben geht nicht hervor, wann Dr. med. R._
den Versicherten erstmals untersuchte, ob ihm Vorakten einschliesslich des Un-
fallrapports vorlagen, welche Unfallschilderung er seinen Angaben zugrunde leg-
te. Eine Bezugnahme auf die von voruntersuchenden und –behandelnden Ärzten
erhobenen Befunde in den ersten rund 11 Monaten nach dem Schadenereignis
fehlt. Im Schreiben von Dr. R._ wird erstmals eine milde traumatische Hirn-
verletzung erwähnt. Wie der im Folgejahr nach dem Schadenereignis beigezoge-
ne Arzt zu dieser Diagnose gelangte, ergibt sich aus dem ersten aktenkundigen
Schreiben von Dr. med. R._ mit Ausnahme des Hinweises auf Angaben des
Versicherten nicht. Soweit Dr. med. R._ ohne weitere Erläuterung eine in der
Folge aufgetretene „posttraumatische Anpassungsstörung“ erwähnt, kommt dem
Schreiben kein Beweiswert hinsichtlich der (fachfremden) Diagnose zu. Mit der
Ursache der geklagten Beschwerden befasst sich Dr. R._ nicht: In der Anga-
be „als Folge dieser Verletzung [HWS-Distorsionstrauma] besteht noch heute ein
deutliches linksbetontes Cervicalsyndrom sowie cervicocephale Beschwerden“ ist
keine Begründung, sondern mangels weiterer Ausführungen eine anamnetische
Feststellung zu sehen. Dr. med. R._ hatte aufgrund seines Vertrauensver-
hältnisses zum Versicherten im Übrigen keine Veranlassung, die Angaben seines
Patienten kritisch zu hinterfragen. Es ist daher davon auszugehen, dass die An-
gabe eines HWS-Distorsionstraumas einzig auf Patientenangaben beruht. Zweck
des Schreibens war schliesslich „die wohlwollende Beurteilung dieses Kostengut-
sprachegesuchs“. Der Beweiswert des Schreibens für den Nachweis einer erlitte-
nen HWS-Schleuderverletzung (Beweissätze 1.1, 3.1) ist aus den aufgezeigten
Gründen als gering einzustufen.
bb) Mit weiterem Schreiben vom 22. Juni 1998 des Neurologen Dr. med.
R._ (act. 4A/II/vor95) erstattete dieser dem Rechtsanwalt des Versicherten
im Hinblick auf die Beschwerde an das Versicherungsgericht Bericht. Aus dem
Schreiben geht wiederum nicht hervor, welche Vorakten dem Neurologen zur Ver-
fügung standen; jedenfalls findet eine Auseinandersetzung mit echtzeitlichen me-
dizinischen Unterlagen der ersten zwölf Monate nach dem Schadenereignis oder
ein Einbezug von Vorzuständen nicht statt. Nicht ersichtlich ist wiederum, welche
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Unfallereignisschilderung des Versicherten der Einschätzung des Neurologen zu-
grunde lag resp. ob der Neurologe Kenntnis davon hatte, dass sich der Versicher-
te gegenüber der Polizei als unverletzt bezeichnete und beim Schadenereignis
weder eine Bewusstlosigkeit, noch eine Amnesie oder eine vorübergehende Ver-
wirrtheit erlitt. Soweit über ein Jahr nach dem Schadenereignis zum Nachweis
des Cervikalsyndroms auf eine „verspannte Muskulatur im Genickbereich“ und
Verklebungen der Muskulatur verwiesen wird, ist nicht ersichtlich, ob die Umstän-
de, dass der Versicherte nunmehr seit über einem Jahr einen Halskragen trug
(vgl. Bericht Rheinfelden sogleich) und bereits zwei Monate nach dem Schaden-
ereignis keinerlei Physio-, sondern einzig eine Psychotherapie besuchte (vgl.
hiervor zum Austrittsbericht Valens) Berücksichtigung fanden. Es ist weiter nicht
ersichtlich, worauf sich die Diagnose einer MTBI stützt. Soweit der Neurologe sich
dahingehend äussert, dass es „keinen Grund gebe anzunehmen“, dass der Zu-
stand des Versicherten nicht auf das Schadenereignis zurückzuführen sei, spricht
daraus zum einen eine unkritische Haltung des Neurologen und kommt darin zum
Ausdruck, dass nach dem Schadenereignis geklagte Beschwerden vermutungs-
weise auf dieses zurückgeführt werden. Damit kommt nicht nur den fachfremden
Angaben des Neurologen, sondern dem Schreiben insgesamt mangels nachvoll-
ziehbarer Grundlage und Begründung kein Beweiswert zu.
f) Stationäre Behandlung Rheinfelden im Unfallfolgejahr (Juni/Juli 1998)
Zum Aufenthalt des Versicherten in der Rehaklinik Rheinfelden im Unfallfolgejahr
werden einerseits der Bericht an die IV-Stelle vom 11. August 1998 (act. 53/3)
und andererseits das Schreiben (Austrittsbericht) vom 10. August 1998 an den
zuweisenden Arzt Dr. med. R._ (act. 4A/II vor 95), je einschliesslich Beiblät-
tern, angerufen.
Der Arztbericht zuhanden der IV-Stelle wurde von Dr. med. AC._, Facharzt
für Rheumatologie und innere Medizin, erstellt. Er verweist hinsichtlich Diagnose,
Anamnese und Befund auf das siebenseitige Beiblatt, das im ausführlicheren
Austrittsbericht zuhanden des zuweisenden Neurologen Dr. med. R._ inhalt-
lich enthalten ist (dazu nachfolgend zu act. 4A/II vor 95). Aus dem IV-
Formularbericht selbst sowie dem einseitigen Beiblatt (betreffend Arbeitsfähigkeit)
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ergibt sich die Angabe, dass der Gesundheitsschaden seit dem 7. April 1997 be-
stehe. Da der Versicherte erst über ein Jahr nach dem Schadenereignis nach
Zuweisung durch Dr. med. R._ in die Klinik Rheinfelden eintrat, die Antwor-
ten im Formularbericht sich ausdrücklich auf die Phase der Hospitalisation ab 6.
Juni 1998 stützen und Dr. med. AC._ den Versicherten somit frühestens 14
Monate nach dem Schadenereignis erstmals befragt und untersucht haben kann,
kann dieser Angabe keine eigene Feststellung und damit keine objektive Grund-
lage zugrunde liegen. Weiter geht aus dem Formularbericht hervor, dass ausser
hausärztlicher Weiterbetreuung und Psychotherapie kein Behandlungsbedarf,
insbesondere kein Behandlungsbedarf im Fachgebiet des Verfassers des Arztbe-
richts (Facharzt Rheumatologie und innere Medizin) besteht. Hinsichtlich des In-
halts des siebenseitigen Beiblatts zum Arztbericht, das einer gekürzten Variante
des ebenfalls zum Beweis angerufenen Austrittsbericht an Dr. med. R._ ent-
spricht, vgl. sogleich. Dem Formularbericht samt einseitigem Beiblatt kommt über
die Feststellung hinaus, dass der Versicherte auch nach Einschätzung in Rhein-
felden einzig der psychotherapeutischen Betreuung bedarf, mangels Diagnose-
stellung und Erläuterungen kein eigenständiger Beweiswert für die Frage des Vor-
liegens von unfallbedingten Beschwerden zu.
Dem Austrittsbericht (Schreiben) der Rehaklinik Rheinfelden an Dr. med. R._
vom 10. August 1998 (act. 4A/II/vor 95), wiederum verfasst von Dr. med.
AC._, Facharzt für Rheumatologie und innere Medizin, kommt, soweit der
Verfasser fachfremde Einschätzungen abgibt resp. Diagnosen stellt, kein Be-
weiswert zu. Gestellt wird die Diagnose „St. n. HWS-Distorsion und leichter trau-
matischer Hirnverletzung [...] mit schwerer posttraumatischer Anpassungsstörung
mit agitierten Zügen, schwere psychovegetative Erschöpfung“ (vgl. zur Zusam-
menfassung des Berichts hiervor 5.2). Zur Beurteilung der ausschliesslich auf Pa-
tientenangaben gestützten Diagnose einer MTBI wird nachfolgend unter 7.2 und
auf die Ausführungen zu psychischen Beschwerden und deren Ursachen unter
8.4 eingegangen.
Aus dem Bericht geht hervor, dass sich die ambulante Therapie des Versicherten
bereits seit dem ersten Klinikaufenthalt in Bellikon, mithin gut zwei Monate nach
- 77 -
dem Schadenereignis, in regelmässiger psychotherapeutischer Betreuung (Dr.
med. S._, Olten) erschöpfte, mithin keine Behandlung von physischen Be-
schwerden stattfand (S. 5). Diese Angabe steht in Einklang mit den Angaben in
den Austrittsberichten Bellikon und Valens, aber auch dem späteren Verlaufsbe-
richt des Hausarztes von 2003 (vgl. 6.5.2 hiernach). Aus dem Bericht geht weiter
hervor, dass der Versicherte auch während des Aufenthalts in Rheinfelden, nun-
mehr über 15 Monate nach dem Schadenereignis, "vom permanenten Tragen des
Halskragens nicht entwöhnt werden" konnte (vgl. S. 5, 10). Aus der Anamnese im
Austrittsbericht geht sodann eine weitere Ausweitung der Vielzahl an geklagten
Beschwerden hervor, so u.a. Sehstörungen mit Verschwommensehen, Nebelse-
hen, blitzartig auftretende Schmerzen im rechten Bein bei Belastung, Kieferge-
lenksschmerzen, Herzklopfen (S. 5).
Der Austrittsbericht geht einzig gestützt auf Patientenangaben davon aus, dass
der Versicherte sofort messerstichartige Schmerzen zwischen den Schulterblät-
tern verspürt habe, weshalb nach Ansicht des Berichtsverfassers voruntersu-
chende Ärzte zu Unrecht von einem initialen Schmerzauftreten erst nach zwölf
Stunden ausgegangen seien (S. 7 ff.). Dass solche sofortigen starken Schmerzen
zwischen den Schulterblättern gegenüber keinem der erstbehandelnden und
-untersuchenden Ärzte in den ersten Monaten nach dem Schadenereignis, eben-
so wenig wie auf Nachfrage gegenüber der Polizei am Unfallort, überhaupt ge-
klagt wurden, lässt der Berichtsverfasser ausser Acht. Er stützt sich somit hin-
sichtlich initialer Beschwerden – trotz Kenntnis der Vorberichte – einzig auf die
nun deponierten Angaben des Versicherten. Eine unbesehene Übernahme von
Patientenangaben kommt weiter in der Stellungnahme des Berichtsverfassers zu
Beurteilungen von voruntersuchenden Ärzten (S. 7 ff.) zum Ausdruck, so zu ge-
genüber dem Versicherten erhobenen "Vorwürfen" der mangelhaften Kooperation
und der funktionellen Überlagerung. Widersprüchlich erscheint in diesem Zusam-
menhang, dass einerseits die nicht frühzeitig erfolgte Zuweisung an den Spezia-
listen Dr. med. R._ zwecks umfassender Beurteilung bemängelt (S. 9), ande-
rerseits eine frühzeitige Überweisung in die Rehaklinik Bellikon zwecks interdis-
ziplinärer Therapie anerkannt wird (S. 2).
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Eine nachvollziehbare Begründung für die Diagnose „St. n. HWS-Distorsion“
ergibt sich aus der Beurteilung nicht (S. 5 ff.): Die "Beurteilung" setzt sich aus Kri-
tik an den voruntersuchenden Neurologen, die das Vorliegen einer MTBI verneint
und zu Unrecht auf mangelnde Kooperation des Versicherten bei der Untersu-
chung geschlossen hätten, aus dem Hinweis, dass ein Tinnitus Zusatzsymptom
bei allen Schweregraden gemäss Quebec Task Force sein könne, und aus einer
Auseinandersetzung mit den Gründen für die Leistungseinstellung durch die Klä-
gerin per Ende Januar 1998 zusammen. Soweit eine Begründung des „St.n.
HWS-Distorsion“ darin zu sehen wäre, dass der Berichtsverfasser von noch am
Unfallort geklagten thorakalen Schmerzen und einer unmittelbar nach dem Unfall
vom Hausarzt festgestellten Verminderung der HWS-Beweglichkeit ausgeht, fusst
sie auf unzutreffenden Angaben. Weder wurden sofortige messerstichartige
Schmerzen vor Eintritt in die Rehaklinik Bellikon je geklagt, noch konnte der
Hausarzt, da ferienabwesend, unmittelbar nach dem Unfall entsprechende Fest-
stellungen machen. Eine Feststellung einer verminderten HWS-Beweglichkeit
durch den Hausarzt erfolgte, wie mehrfach dargelegt, erst zwei Wochen später im
Arztzeugnis vom 21. April 1997. Soweit zur weiteren Begründung einer HWS-
Schleuderverletzung auf „mögliche vorhandene Weichteil- und ligamentäre Läsio-
nen, wie bei dem Patienten sicherlich vorhanden aufgrund nach dem Unfall aufge-
tretener und seither konsistenter Befunde, die im Schreiben von Dr. R._ vom
22. Juni 1998 erläutert werden“ Bezug genommen wird, sind diese Ausführungen
resp. Verweisungen nicht nachvollziehbar und nicht schlüssig. Mit der angespro-
chenen „Erläuterung“ im Schreiben von Dr. med. R._ sind wohl die „ver-
spannte Muskulatur im Genickbereich“ und „Verklebungen“ der Muskulatur im
gleichen Bereich gemeint. Diesbezüglich ist zu verweisen auf das zum Schreiben
von Dr. R._ hiervor Ausgeführte.
Aus den dargelegten Gründen (keine nachvollziehbare Begründung der Diagno-
se, unzutreffende Annahmen zum Auftreten von Initialbeschwerden etc.) kommt
dem über ein Jahr nach dem Schadenereignis erstellten Austrittsbericht der
Rehaklinik Rheinfelden im Schreiben an Dr. med. R._, gekürzt enthalten im
Beiblatt zum Arztbericht zuhanden der IV, kein Beweiswert für das Vorliegen einer
HWS-Schleuderverletzung zu.
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f) Zum Bericht Institut Dr. AB._ (MRI, CT) vom 25. Mai 1998 (act. 4A/II/vor
95) ist auf die Ausführungen hiervor (vgl. 6.2.1: "wahrscheinlich schmerzbedingte
Blockierung") zu verweisen. Dem über ein Jahr nach dem Schadenereignis er-
stellten Bericht lässt sich insbesondere nichts zu initial festgestellten muskuloske-
lettalen Zeichen oder dem Vorliegen des typischen Beschwerdebildes entneh-
men. Mit der Ursache von Gesundheitsbeeinträchtigungen ist der Bericht nicht be-
fasst.
g) Der Wiedergabe der zwei fachfremden Diagnosen "HWS-Distorsionstrauma"
und "milde traumatische Hirnverletzung" im Schreiben der Psychiatrischen Diens-
te des Kantons Solothurn an die IV-Stelle Solothurn vom 20. Mai 1998 (act. 53/2),
die von den Verfassern weder erhoben wurden noch – da ein anderes Fachgebiet
betreffend – erhoben werden konnten, kommt kein Beweiswert zu. Das Schreiben
stellt keinen medizinischen Bericht im Sinne der Rechtsprechung dar.
g) Biomechanischer Bericht Prof. Dr. N._ vom 12. September 1999
(act. 4A/II/vor 97)
Der biomechanische Bericht Prof. Dr. N._ vom 12. September 1999 (act.
4A/II/vor 97), wonach „das Kollisionsereignis aus technischer und biomechani-
scher Sicht nur knapp geeignet [war], die initial festgestellten Beschwerden zu er-
klären“, basiert einerseits auf den technischen Berichten M._, andererseits
auf den dem Biomechaniker vorliegenden medizinischen Berichten (vgl. S. 3 ff.).
Gemäss Anhang II, der als „expliziter Bestandteil des Gutachtens“ bezeichnet
wird (S. 9 unten), nimmt der Biomechaniker „die Resultate der medizinischen und
unfallanalytischen Untersuchungen bezogen auf die Befunde für gegeben an, da
sie von entsprechenden Fachleuten (Ärzten, Polizeibeamten, Unfallanalytikern)
erhoben wurden.“
Prof. Dr. N._ ging in seinem Bericht unzutreffenderweise davon aus (Hervor-
hebung angefügt), dass gemäss dem „ersten uns zur Verfügung stehenden Arzt-
zeugnis (Dr. F._, ...) [...] die am Unfallfolgetag (8.4.1997) erfolgte Untersu-
chung“ eine Beweglichkeitseinschränkung der HWS und eine Sensibilitätsstörung
C4 ergeben habe (S. 3). Dies sind indes, wie dargelegt, die Feststellungen des
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Hausarztes Dr. med. F._ zwei Wochen nach dem Schadenereignis. Dem Bi-
omechaniker lag – so wenig wie dem Versicherungsgericht im Jahre 2002, dem
Gerichtsgutachter im Jahre 2000 oder diesem Gericht – ein (echtzeitlicher) Be-
richt über eine am Unfallfolgetag stattgehabte Erstuntersuchung und dort erhobe-
ne Befunde vor. Dementsprechend bezeichnet der Biomechaniker das Arztzeug-
nis Dr. med. F._, aus welchem zitiert wird, an erwähnter Stelle auch als „ers-
tes uns zur Verfügung stehendes Arztzeugnis“ (vgl. S. 3).
Der Biomechaniker fasst den wesentlichen Inhalt der ihm vorliegenden medizini-
schen Berichte zwar zunächst grob (und wie gezeigt, nicht durchwegs zutreffend)
zusammen und gibt somit die gegenüber den jeweiligen Ärzten gemachten, sich
widersprechenden Angaben des Versicherten zu geklagten Beschwerden wieder.
Welche geklagten initialen Beschwerden („Befund“, vgl. Anhang II) er seiner Ein-
schätzung als gegeben zugrunde legte, geht aus der Beurteilung von
Prof. Dr. N._ (S. 6 ff.) einzig in Form geäusserter Kritik an den Berichten des
Kreisarztes Dr. med. H._ hervor: Dieser sei von einem „kleinen Unfallereig-
nis“ und von einem „späten Auftreten der Beschwerden“ ausgegangen, obwohl
bezüglich des Unfallereignisses damals noch keine quantitativen Unterlagen vor-
gelegen hätten und obwohl „aus den Aussagen von [Versicherter] und dem erst-
behandelnden Arzt Dr. F._“ hervorgehe, dass die Beschwerden nicht ‚spät‘,
sondern relativ bald nach der Kollision aufgetreten seien (vgl. S. 6). Weshalb ers-
teres – das Vorliegen der technischen Unfallanalyse erst im Januar 1999 – nicht
auch für sämtliche weiteren vor diesem Zeitpunkt erstellten Berichte gleichermas-
sen gelten und Berücksichtigung finden sollte, ist nicht nachvollziehbar und nicht
dargetan. Sämtliche der in den Jahren 1997 und 1998 verfassten ärztlichen Be-
richte, von denen im Übrigen keiner Bezug nimmt auf den Polizeirapport (auf
Nachfrage: „keine Verletzungen“, act. 4B), fussten im Wesentlichen auf der Unfal-
lereignisschilderung des Versicherten. Aus der zweiten Anmerkung erhellt, dass
Prof. Dr. N._, wie von ihm selbst festgehalten, von einer Untersuchung am
Unfallfolgetag mit den Feststellungen, die in Tat und Wahrheit erst zwei Wochen
später vom Hausarzt im ersten Arztzeugnis festgestellt wurden, ausgeht und die-
se seiner Schlussfolgerung, wonach das Schadenereignis nur knapp geeignet
gewesen sei, „die initial festgestellten Beschwerden“ auszulösen, zugrunde legt.
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Schliesslich ist dem biomechanischen Bericht Prof. Dr. med. N._ zu entneh-
men, dass eine „Pseudo-Ruhigstellung der Halswirbelsäule“ mittels eines Hals-
Stützkragens der Heilung nicht förderlich sei, da die Muskulatur sich rasch ab-
schwäche. Er erläutert unter Bezugnahme auf diesbezügliche Studien, dass es
seit längerer Zeit resp. seit 1993 unter Fachleuten gefestigter Erkenntnis entspre-
che, dass sich das Tragen eines Halskragens in den meisten Fällen negativ aus-
wirke. Der Bericht von Prof. Dr. N._, der unzutreffenderweise von einer initial
am Unfallfolgetag und damit während der Latenzzeit festgestellten Sensibilitäts-
störung und Beweglichkeitseinschränkung der HWS ausgeht, ist aufgrund des
Gesagten nur bedingt geeignet zum Nachweis einer beim Schadenereignis erlit-
tenen HWS-Distorsion, die im Übrigen, basierend auf den technischen Erkennt-
nissen des M._, ohnehin als nur knapp erklärbar bezeichnet wird. Hinsicht-
lich der zu den Beweissätzen 1.1 und 3.1 ebenfalls angerufenen technischen
Analysen M._ vgl. hiervor 3.1.
h) Berichte des ORL-Facharztes vom April/Mai 1997 (C5-Senke und Tinnitus)
Der unabhängige ORL-Facharzt Dr. med. D._ untersuchte den Versicherten,
wie dargelegt, zunächst drei Tage nach dem Schadenereignis (10. April 1997)
und hernach rund einen Monat später (2. Mai 1997) ein zweites Mal aufgrund ei-
nes geklagten Ohrgeräusches. Beide Berichte werden sowohl zum Vorliegen ei-
ner HWS-Schleuderverletzung resp. organischen Unfallfolgen im Bereich ORL als
auch zur Unfallkausalität angerufen (Beweissätze 1.1, 1.3 und 3.1).
- Dem ersten Bericht von Dr. D._ vom 10. April 1997 (act. 4A/I/9) kommt,
soweit das eigene Fachgebiet betreffend (Erstellung des Tonaudiogramms),
grundsätzlich hoher Beweiswert zu. Soweit sich der Bericht (fachfremd) zum Vor-
liegen eines Schleudertraumas äussert, mangelt es ihm an Beweiswert (vgl.
schon hiervor 6.2.5.2 h). Dr. D._ stellte mittels Tonaudiogramm eine leicht-
gradige hochtonbetonte Schallempfindungshörstörung im Sinne von beidseitigen
C5-Senken und die Entwicklung eines akuten starken Ohrgeräuschs fest. Eine
C5-Senke ist eine Hörschwellenkurve bei etwa 4000 Hz, wo sich eine Lärmschä-
digung zuerst in Form einer Senke bemerkbar macht. Im Übrigen ergaben sich
Normalbefunde.
- 82 -
Zu berücksichtigen ist zunächst, dass der Ersteller eines Tonaudiogramms zwin-
gend auf die Mitwirkung des Patienten angewiesen ist und die Zuverlässigkeit des
Audiogramms damit von dessen Angaben abhängt. Hinsichtlich des Beweiswerts
des Berichts ist wesentlich, dass der ORL-Facharzt nicht über die Vorakten ver-
fügte (Tonaudiogramm von 1992), aus denen unbestrittenermassen ein binauraler
Hörschaden von 14.9% (ausgehend von einem Gesamtgehör von 200%), mithin
nur geringfügig weniger als der vom Facharzt ermittelte Hörschaden von 16.4%
hervorgeht (vgl. schon hiervor A.5; act. 4A/I/49, Audiogramm vom 2. Juli 1992).
Unbestritten ist weiter, dass der Versicherte als Vorarbeiter in einer Heizkörper-
fabrik Lärmimmissionen ausgesetzt war (act. 25 Rz. 74, act. 29 Rz. 39). Damit ist
aufgrund des Tonaudiogramms vom 10. April 1997 nicht erstellt, dass die leicht-
gradigen C5-Senken resp. die geringfügige Veränderung seit 1992 Folge des
Schadenereignisses vom 7. April 1997 sind. Dr. D._ ist als behandelnder
Facharzt mit der Feststellung und der Linderung des geklagten Tinnitus befasst,
nicht mit der Frage der Unfallkausalität. Soweit er sich zur zeitlichen Nähe des
geklagten Tinnitus zum Unfallereignis äussert ("im Anschluss an das Schleuder-
trauma [...] trat auch ein [...] Ohrgeräusch auf"), ist dies eine Wiedergabe von Pa-
tientenangaben, die zu hinterfragen nicht Aufgabe des behandelnden Arztes und
diesem bei einem subjektiven, mithin nicht objektivierbaren Tinnitus auch gar
nicht möglich ist.
Dies geht klar aus dem Bericht zum zweiten Tonaudiogramm vom 5. Mai 1997
(act. 4A/I/8) hervor, wonach der Versicherte "subjektiv immer noch störendes
Ohrgeräusch links, nun angeblich auch Hörstörung links und Lärmempfindlichkeit"
beklagte und „das subjektiv starke Ohrgeräusch [...] nach Angabe des Patienten
erst im Anschluss an das Wirbelsäulentrauma aufgetreten“ sei (Hervorhebungen
angefügt). Damit findet auch im Bereich ORL eine Ausweitung der geklagten Be-
einträchtigung zwischen erster (10.04.1997: „subjektiv keine sichere Gehörsver-
minderung“) und zweiter Untersuchung (02.05.1997: „angeblich auch Hörstörung
links und Lärmempfindlichkeit“) statt, die der ORL-Facharzt in keiner Weise objek-
tivieren konnte ("angeblich"). Hinsichtlich der diagnostizierten linksbetonten C5-
Senke geht auch aus dem zweiten Bericht hervor, dass der ORL-Facharzt nach
wie vor keine Kenntnis von der unbestrittenermassen seit 1992 bestehenden Hör-
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verminderung hatte ("Frühere Audiogrammbefunde liegen nicht vor"), mithin seine
Diagnose einer C5-Senke in Unkenntnis der diesbezüglichen Vorakten abgab.
Wenn Dr. D._ im Formularbericht zuhanden der A._ schliesslich an-
kreuzt, dass keine unfallfremden Faktoren im Heilungsverlauf mitspielen, und wei-
ter festhält, dass "das subjektive Ohrgeräusch nach Angabe des Patienten erst im
Anschluss an das Wirbelsäulentrauma aufgetreten" sei, so kommt darin wiederum
die mangelnde Objektivierbarkeit des subjektiven Tinnitus, aber auch der vorer-
wähnte Umstand zum Ausdruck, dass der behandelnde Ohrenarzt nicht mit der
Ermittlung der Ursache befasst ist. Schliesslich wurde der Versicherte "aus oh-
renärztlicher Sicht" als arbeitsfähig bezeichnet.
Aus den dargelegten Gründen ist aufgrund der Berichte von Dr. med. D._
nicht rechtsgenüglich erstellt, dass der vom Versicherten geklagte Tinnitus sowie
die geringfügige Veränderung vorbestehender C5-Senken Unfallfolgen darstellen
(vgl. zudem hiernach 6.2.5.3 zum Gegenbeweis) und kommt ihm hinsichtlich der
Wiedergabe fachfremder Diagnosen kein Beweiswert zu.
i) Zusammenfassend ist zur Beweislage aufgrund der Hauptbeweismittel der ers-
ten drei Jahre nach dem Schadenereignis zum Vorliegen einer HWS-Distorsion
(einschliesslich Unfallfolgen in Form von muskuloskelettalen Zeichen und C5-
Senke sowie Tinnitus) somit Folgendes festzuhalten: Aus verschiedenen Berich-
ten ergeben sich Feststellungen einer muskulären Verspannung oder von Druck-
dolenzen und eine dadurch bedingte Bewegungseinschränkung (muskuloskeletta-
le Zeichen). Diese überwiegend von behandelnden Ärzten verfassten Berichte
waren indes mehrheitlich nicht mit der Ursache des Befunds befasst (so Dres.
F._, D._, E._, AB._, R._, ebenso die Verfasser der Aus-
trittsberichte Bellikon und Valens), basierten auf unvollständiger Aktenlage (so
Bellikon, Valens, Rheinfelden, Dr. D._) resp. gingen von einer falschen Inter-
pretation der Vorakten und unzutreffenden Annahmen zu Initialbeschwerden aus
(so Dres. N._, G._, R._, ebenso die Verfasser der Austrittsberichte
Bellikon, Valens und Rheinfelden). Die Mehrzahl der Verfasser geben sodann
(auch) fachfremde Diagnosen wieder (so Dres. F._, R._, die Verfasser
der Austrittsberichte Bellikon, Valens und Rheinfelden). In zwei Berichten wird die
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Diagnose einer HWS-Distorsion gar nicht gestellt und auch kein "Status nach" ei-
nem solchen angegeben (so der Neurologe Dr. med. G._, ebenso im Aus-
trittsbericht Bellikon) resp. es wird der Verdacht auf eine funktionelle Überlage-
rung geäussert (so Dr. G._). Dem Verlaufsbericht von Dr. med. F._ vom
Unfallfolgejahr ist schliesslich die Einschätzung einer dringend gebotenen Rein-
tegration in den Arbeitsprozess zu entnehmen, der demnach aus Sicht des Haus-
arztes weder physische noch psychische Beschwerden entgegenstanden. Vor
dem Arztbericht vom 21. April 1997 wurde ein muskuloskelettales Zeichen in
Form einer Bewegungseinschränkung nicht festgestellt resp. dokumentiert. Den
Berichten liegen zunehmend ausweitend geklagte (Initial)Beschwerden zugrunde,
die von den behandelnden Ärzten gemäss den als Hauptbeweismittel angerufe-
nen Berichten mit wenigen Ausnahmen nicht hinterfragt wurden. Schliesslich
ergibt sich aus sämtlichen medizinischen Berichten ab dem Austrittsbericht Belli-
kon (August 1997), soweit diesen ein gewisser Beweiswert zukommt, dass eine
Behandlung von körperlichen Beschwerden weder stattfand, noch möglich war
oder als indiziert erachtet wurde und eine psychische Problematik des Versicher-
ten im Vordergrund stand. Damit ist der Nachweis des Vorliegens einer HWS-
Schleuderverletzung anhand der angerufenen Beweismittel der ersten drei Jahre
nach dem Schadenereignis nicht erbracht.
6.2.5.3. Gegenbeweismittel der Beklagten
a) Dieses Ergebnis wird durch die von der Beklagten zum Gegenbeweis dafür,
dass der Versicherte keine HWS-Schleuderverletzung erlitten habe, sondern An-
zeichen für eine Simulation oder Aggravation resp. ein deutlich dysfunktionales
Schmerzverhalten vorlägen und schon nach kurzem psychovegetative Symptome
im Vordergrund gestanden hätten (Gegenbeweissätze 2.1 bis 2.3), angerufenen
Berichte der behandelnden und untersuchenden Ärzte in den ersten beiden Mo-
naten (Hausarzt, Neurologen G._ und H._, ORL-Facharzt) und die Aus-
trittsberichte der Kliniken Bellikon und Valens zusätzlich gestützt.
b) Im Entscheid vom 19. Januar 2005 (Urteil U 330/2005 vom 19. Januar 2006
E. 4.2.2) stellte das Bundesgericht auf die Ergebnisse eines Waddell-Tests ab
und hielt dazu Folgendes fest: Sind mindestens drei von fünf Waddell-Zeichen
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positiv, spricht dies für eine nicht-nozizeptive – eine nicht an der Aufnahme, Wei-
terleitung und zentralnervösen Verarbeitung von noxischen Signalen beteiligte –
Schmerzursache. Zum dem Entscheid des Bundesgerichts zugrundeliegenden
Fall wurde festgehalten, dass der angerufene neurologische Bericht die Unfall-
kausalität zwar bejahe, allerdings ohne Belege oder nachvollziehbare Begrün-
dung. Vielmehr werde darin festgehalten, dass sich die Exploration schwierig ge-
stalte und die klinischen Untersuchungsbefunde und auch das spontane Bewe-
gungsverhalten in einem gewissen Kontrast zum subjektiv geltend gemachten
massiven Leidensdruck stünden. In der Untersuchungssituation gebe es deutliche
Zeichen der funktionellen Überlagerung mit positiv geprüften Waddell-Zeichen.
Dies seien Indizien für eine nicht-organische Pathologie, welche die Annahme
stützen, dass keine organischen Ursachen für die vom Beschwerdeführer geklag-
ten (körperlichen) Leiden vorhanden seien (unter Bezugnahme auf STEBLER/
PUTZI/MICHEL, Lumbale Rückenschmerzen: Diagnostik, in: Schweiz Med Forum
Nr. 9, 2001, S. 205 ff.).
Ein dysfunktionales Schmerzverhalten (vgl. Beweissatz 2.2) ist eine Fehlentwick-
lung auf der Verhaltensebene. Eine eigene F-Diagnose gemäss ICD-10 (vgl.
DILLING/FREYBERGER [Hrsg.], Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer
Störungen, 7. A., 2014, S. 175 ff.) besteht nicht. Anzeichen für ein dysfunktionales
Schmerzverhalten sind übervorsichtige Bewegungen, starre/abnorme Haltung,
häufiges Reiben/Halten des Schmerzbereichs, häufige Schmerzmimik, häufiges
Seufzen, häufige verbale Schmerzäusserung, übertriebene Abwehrreaktion bei
klinischer Untersuchung (act. 25 Rz. 101 mit Verweis auf: Keefe et al., Behavorial
Dysfunction Index [BDI] von 1985; unbestritten in act. 29 Rz. 47 f.). Es wirkt sich
in einer übermässig starken, undifferenzierten, allenfalls topografisch ausgeweite-
ten Schmerzbeschreibung (Symptomausweitung), einem inadäquaten, demonst-
rativen Schmerzverhalten, einem inadäquaten, auf Selbstlimitierung beruhenden
Leistungsverhalten (Vermeidungsverhalten) sowie zahlreichen Unregelmässigkei-
ten aus (Oliveri M et al [2006], Schweiz Med Forum, S. 420 ff.).
Als Psychovegetativ (vgl. Beweissatz 2.3) werden Symptome bezeichnet, die die
Psyche und das vegetative Nervensystem betreffen. Sie beruhen auf einer durch
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seelische Vorgänge ausgelösten Störung des vegetativen Nervensystems (des
Nervensystems, das die willentlich nicht beeinflussbaren Prozesse steuert), be-
sonders bei organisch nicht fassbaren Krankheitssymptomen (DUDEN). Verein-
facht ausgedrückt sind darunter Symptome zu verstehen, die nicht auf einer kör-
perlichen, sondern einer seelischen resp. psychischen Ursache beruhen.
Eine Simulation ist eine bewusste, durch externe Anreize motivierte Vortäuschung
von Krankheitszuständen (PSCHYREMBEL, Klinisches Wörterbuch, 2014, S. 1964),
eine Aggravation das bewusste Übertreiben vorhandener Symptome durch den
Patienten (DUDEN), (vgl. Beweissatz 2.1).
c) Vor dem Hintergrund des Gesagten ergibt sich in Würdigung der angerufenen
Gegenbeweismittel (Gegenbeweissätze 2.1 bis 2.3) aus den ersten drei Jahren
nach dem Schadenereignis das Folgende:
- Aus dem Polizeirapport (act. 4B) ergibt sich, wie erwähnt, die Angabe des Ver-
sicherten am Unfallort auf Nachfrage, unverletzt zu sein. Dies steht im Wider-
spruch zur erstmals in Bellikon gemachten Angabe, wonach er sofort messer-
stichartige Schmerzen zwischen den Schulterblättern verspürt habe. Wie erwo-
gen, wurden solche sofortigen und heftigen initialen Schmerzen gegenüber dem
eigens wegen des Schadenereignisses aufgesuchten Hausarzt zwei Wochen spä-
ter, aber auch gegenüber den Neurologen Dres. med. G._ und H._,
nicht geklagt (vgl. schon hiervor 6.2.4). Darin kann ein Anzeichen für Aggravation
resp. Simulation gesehen werden.
- Aus dem ersten Bericht des ORL-Facharztes Dr. med. D._ vom 11. April
1997 (act. 4A/I/9) ergibt sich, dass der Facharzt aufgrund unzutreffender Patien-
tenangabe davon ausging, dass kein ORL-relevanter Vorzustand vorliege. Hier-
von ging der Facharzt auch einen Monat später noch aus.
- Aus dem Bericht von Dr. med. G._ zur ersten neurologischen Untersuchung
vom 30. April 1997 (act. 4A/I/6) ergibt sich nebst Normalbefunden eine komplette
Blockierung der HWS-Beweglichkeit, ein Gegenstemmen bei der Lasègue-
Prüfung, eine mangelnde Kooperation, ein nicht überprüfbares Gangbild. Gemäss
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Beurteilung des Neurologen zeigte der Versicherte ein nicht plausibles Bewe-
gungsverhalten wie bei einem akuten Hexenschuss und es seien sämtliche klini-
schen Befunde, die nicht willkürlich beeinflusst werden könnten, unauffällig gewe-
sen. Dr. med. G._ äussert den Verdacht auf eine massive funktionelle Über-
lagerung. Der Bericht enthält somit eine Vielzahl an deutlichen Zeichen für eine
funktionelle Überlagerung resp. für ein dysfunktionales Verhalten und damit Indi-
zien für eine nicht-organische Ursache der ausweitend geklagten Beschwerden.
Aus der Erwähnung eines unplausiblen Bewegungsverhaltens und dem Hinweis
auf die „nicht willentlich beeinflussbaren“ Befunde, die mangelnde Kooperation
und das „Gegenstemmen“ ist zu schliessen, dass eine willentliche Beeinflussung
der Untersuchungsergebnisse durch den Versicherten, wo dies möglich war, ge-
mäss der Einschätzung des Neurologen stattgefunden haben könnte. Damit ist
der Bericht zur ersten neurologischen Untersuchung geeignet, die Vorbringen der
Beklagten, wonach Anzeichen für Aggravation oder Simulation vorlägen und der
Versicherte ein dysfunktionales Schmerzverhalten (starre Haltung, übertriebene
Abwehrreaktion) bei der Untersuchung gezeigt habe, zu stützen und als Gegen-
beweismittel geeignet, (weitere) Zweifel am Vorliegen einer HWS-
Schleuderverletzung und unfallbedingten körperlichen Beschwerden zu wecken.
- Die Einschätzung des Neurologen Dr. med. H._ im Bericht vom 22. Mai
1997 (act. 4A/I/10) basiert auf der gleichentags durchgeführten, ersten kreisärztli-
chen Untersuchung vom 22. Mai 1997 (act. 4A/I/11). Dr. med. H._ zieht die
geklagten Beschwerden mit in die Beurteilung ein und geht gestützt auf das Zu-
weisungsschreiben des Hausarztes von einem Schmerzauftreten am Unfallfolge-
tag aus. Gestützt auf diese – vom Kreisarzt nicht überprüfbare – Information zur
Latenzzeit schliesst der Neurologe auf eine leichte HWS-Distorsion. Gemäss
Anamnese klagte der Versicherte über multiple Beschwerden, ohne dass vom Pa-
tienten schmerzauslösende Momente angegeben würden. Aus dem Bericht geht
damit eine weitere Ausweitung der geklagten Beschwerden hervor (vgl. hiervor
6.2.4). Weiter hatte der Kreisarzt Kenntnis von den Berichten des ORL-
Facharztes Dr. med. D._. Berichten versicherungsinterner Ärzte kommt Be-
weiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie
in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit beste-
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hen. Anhaltspunkte für eine Voreingenommenheit oder eine Befangenheit gegen-
über dem Beschwerdeführer sind nicht auszumachen. Insbesondere können sol-
che nicht darin gesehen werden, dass Feststellungen zum Verhalten des Versi-
cherten gemacht werden. Bei nicht objektivierbaren Beschwerden ist es vielmehr
die Aufgabe des Facharztes, geklagte Beschwerden anhand der weiteren vor-
handenen Informationen zum Schadenereignis, aber auch des Verhaltens des
Patienten, kritisch zu prüfen (Urteil 8C_802/2007 vom 5. Mai 2008 E. 5).
Zur Untersuchung wird festgehalten, dass die Muskulatur des Versicherten bei
der Prüfung gesamthaft weich sei. Der Kreisarzt hält fest, dass gewisse Restbe-
schwerden 6 bis 7 Wochen nach dem Unfall nicht abzustreiten seien, was prob-
lemlos akzeptiert werden könne. Aufgrund der Untersuchung des Versicherten
und dessen Verhalten kommt der Neurologe Dr. H._ – wie schon der erstun-
tersuchende Facharzt Neurologie Dr. G._ drei Wochen nach dem Schaden-
ereignis (30. April 1997) – zum Schluss, dass das Verhalten des Versicherten
nicht mehr gross für Unfallfolgen, sondern für eine bewusste oder unbewusste
funktionelle Überlagerung spreche: Diverse Untersuchungen könnten wegen
mangelnder Kooperation nicht durchgeführt werden, der Patient weise verschie-
dene Unregelmässigkeiten auf und könne „durch einfache Trickuntersuchungen in
praktisch jedem Fall“ überführt werden, zeige Überreaktionen bei der leichtesten
Berührung. Er empfiehlt eine vorsichtige Reintegration in den Arbeitsprozess.
Die Ausführungen zum Befund sind detailliert und die Beurteilung und Schlussfol-
gerung aufgrund der gemachten Feststellungen nachvollziehbar und schlüssig.
Die Feststellung einer bewussten oder unbewussten funktionellen Überlagerung
aufgrund der medizinisch nicht erklärbaren Diskrepanzen (Unregelmässigkeiten)
zwischen dem Verhalten des Versicherten und dem Befund bei der Untersuchung
(soweit bei mangelnder Kooperation überhaupt erhebbar) lässt offen, ob nach
Einschätzung des Facharztes eine willentliche oder eine unbewusste Verdeutli-
chung durch den Versicherten vorliegt. Damit ist der Bericht geeignet, die Gegen-
behauptungen der Beklagten, wonach Anzeichen für eine Simulation oder Aggra-
vation vorlägen („bewusste oder unbewusste..“) zu stützen. Er ist weiter geeignet,
die weitere Behauptung der Beklagten, wonach psychovegetative Symptome im
- 89 -
Vordergrund stünden (Beweissatz 2.3), zu stützen. Psychovegetativ sind, wie
dargelegt, Symptome, die nicht auf einer körperlichen, sondern einer seelischen
resp. psychischen Ursache beruhen. Das im Bericht dokumentierte Verhalten
enthält demgegenüber, wie schon die früheren Berichte, keinen Hinweis auf psy-
chische Symptome einer Anpassungsstörung (Depression, Angst, Sorge oder ei-
ne Mischung von diesen).
- Mit Schreiben des Hausarztes vom 27. Mai 1997 (act. 4A/I/11) an den Neurolo-
gen Dr. H._ orientierte der Hausarzt über den Arbeitsversuch des Versicher-
ten (25% an einem halben Tag) resp. dessen Abbruch. Aus dem Schreiben des
Hausarztes ergibt sich zum einen, dass der Versicherte den kurzen Arbeitsver-
such nicht wegen Nacken- oder Rückenbeschwerden (oder allenfalls einer Sensi-
bilitätsstörung der linken Schulter), sondern wegen beklagter Nausea, Magenbe-
schwerden, Konzentrationsstörungen und Schwindel abbrach. Weder Nacken-,
noch HWS- oder Kopfschmerzen verunmöglichtem dem Versicherten demnach
die versuchsweise Wiederaufnahme der Arbeit. Zum anderen hält der Hausarzt
fest, dass der Versicherte nicht weiter damit „belohnt“ werden solle, dass man ihn
vollständig krankschreibe. Diese Einschätzung legt den Schluss nahe, dass aus
Sicht des Hausarztes die Attestierung weiterer Arbeitsunfähigkeit kontraproduktiv
ist, der Wiederaufnahme der Arbeit mithin keine vom Hausarzt als glaubhaft er-
achteten körperlichen Beschwerden entgegenstanden. Daraus, dass der Versi-
cherte nicht mehr mit der Attestierung von 100%iger Arbeitsunfähigkeit zu „beloh-
nen“ sei, ist weiter zu schliessen, dass der Versicherte aus Sicht des Hausarztes
mit seinem Verhalten entweder einen sekundären Krankheitsgewinn anstrebte
oder aber psychische Gründe für dessen Verhalten resp. die geschilderten nicht
objektivierbaren Beschwerden verantwortlich waren. Es ergibt sich aus dem
Schreiben über den gleichentags (27. Mai 1997) erfolgten Besuch des Versicher-
ten beim Hausarzt denn auch eine weitere Ausweitung der geklagten Beschwer-
den. Das Schreiben des Hausarztes ist damit geeignet, das Vorbringen der Be-
klagten gemäss Beweissatz 2.1 zu stützen und weitere Zweifel am Vorliegen ei-
ner HWS-Schleuderverletzung oder dadurch bewirkter körperlicher Beschwerden
zu wecken.
- 90 -
- Gemäss Bericht des A._-Neurologen Dr. med. H._ vom 30. Mai 1997
(act. 4A/I/12) klagte der Versicherte bei der neuerlichen Untersuchung über „mas-
sivste Beschwerden" bei gleichzeitig unauffälligem objektivem Befund, kam nach
kurzem Sitzen ins Zittern und Schwitzen, und war eine Untersuchung wegen
Steifhaltung der HWS nicht möglich. Gemäss Dr. med. H._ lagen bei der Un-
tersuchung eine funktionelle Überlagerung resp. im Wesentlichen psychovegetati-
ve Symptome vor, die interdisziplinär angegangen werden müssten. Unter Diag-
nose werden „jetzt schon wesentliche Zeichen von somatoformen Schmerzen“
festgehalten. Der Bericht ist damit geeignet, die Behauptungen der Beklagten
gemäss den Beweissätzen 2.1 (vgl. „Steifhaltung der HWS“ und Unmöglichkeit
der Untersuchung) resp. 2.3 (psychovegetative Symptome) zu stützen.
- Gemäss Austrittsbericht Bellikon vom 26. August 1997 samt Bericht zum psy-
chosomatischen Konsilium vom 13. Juni 1997 (act. 4A/I/vor20; vgl. hiervor
6.2.5.2 d zum Beweiswert) fand eine neuerliche Ausweitung der geklagten Be-
schwerden mehr oder minder auf den ganzen Körper statt, konnte kein therapeu-
tischer Zugang zum Patienten gefunden und konnten die geklagten somatischen
Beschwerden nicht angegangen werden. Der Versicherte wirke immer sehr ner-
vös und unruhig und zeige ein sehr tiefes Leistungsniveau. Wie erwogen, wurde
der Versicherte in die „hausärztliche Betreuung“ entlassen und einzig eine Psy-
chotherapie als indiziert erachtet. Der Patient erscheine „psychovegetativ völlig
entgleist“. Unter „Beurteilung“ wurde eine Bewegungseinschränkung der HWS
und LWS wegen muskulären Verspannungen festgehalten. Eine Diagnose „HWS-
Distorsion“ wurde, wie bereits dargelegt, nicht gestellt. Der Bericht ist damit ge-
eignet, die Behauptung gemäss Gegenbeweissatz 2.3 zu stützen.
- Zum Austrittsbericht der Klinik Valens vom 11. Dezember 1997 (act. 4A/I/55) vgl.
hiervor 6.2.5.2, wonach dem Bericht an Befunden lediglich die Druckschmerzhaf-
tigkeit der Wirbelsäule zu entnehmen ist, die wiederum auf Patientenangaben be-
ruht, sowie dass eine Untersuchung der HWS deswegen (Angabe von starken
Schmerzen bei kleinster Bewegung) gar nicht möglich sei. Die Feststellung, dass
sämtliche Punkte im Waddell-Test positiv gewesen seien, stützt die Annahme,
dass keine körperlichen Ursachen für die vom Versicherten geklagten Leiden vor-
- 91 -
handen sind. Wie hiervor dargelegt, ist das Vorliegen von mindestens drei positi-
ven von fünf Waddell-Zeichen ein Indiz dafür, dass den geklagten Beschwerden
keine organischen Ursachen zugrunde liegen. Daraus ist zu schliessen, dass die
geklagten Beschwerden entweder vom Versicherten aggraviert oder simuliert wa-
ren, oder aber, dass sie Ausdruck einer psychischen Ursache sind. Klar zu ent-
nehmen ist dem Bericht, dass die psychiatrische Problematik, die sich nach dem
Unfall sekundär entwickelt habe, deutlich im Vordergrund stehe. Dies führte denn,
wie aufgezeigt, schon nach zehn Tagen zum Abbruch des Aufenthalts. Damit ist
der Bericht geeignet, die Vorbringen der Beklagten gemäss den Gegenbeweiss-
ätzen 2.1 und 2.3 zu stützen.
- Die Beurteilung des ORL-Facharztes Dr. med. U._ gemäss Bericht vom
14. November 1997 (act. 4A/I/49) stützt sich einerseits auf die ORL-Befunde des
behandelnden Facharztes Dr. D._ mit dem aktuellen Stand der Hörverminde-
rung (16.4% von insgesamt 200%) und andererseits den unstreitig im 1992 fest-
gestellten vorbestehenden Hörschaden des Versicherten (14,9% bei Gesamtge-
hör 200%). Er nimmt mithin eine fachärztliche Beurteilung eines feststehenden
Sachverhalts aufgrund der Vorakten vor, weshalb der Umstand, dass Dr. U._
den Versicherten nicht einem weiteren Tonaudiogramm unterzog, dem Beweis-
wert seiner Beurteilung nicht abträglich ist. Ebenso wie der behandelnde ORL-
Facharzt geht er davon aus, dass kein organischer Hörschaden vorliegt. Er ver-
weist auf die Erheblichkeitsgrenze bei binauralem Hörschaden von 70 von 200%
und beurteilt die in den fünf Jahren seit dem Test von 1992 eingetretene sehr ge-
ringfügige Verschlechterung des Gehörs als der physiologischen Alterung ent-
sprechend. Weiter erachtet es der Facharzt als sehr unwahrscheinlich, dass ohne
unfallbedingten Hörschaden ein als erheblich zu bezeichnender Tinnitus unfallbe-
dingter Art vorliege. Der Bericht zeigt, wie schon jener des behandelnden ORL-
Facharztes Dr. med. D._, auf, dass Letzterer aufgrund der Angaben des
Versicherten unzutreffenderweise von einer unfallbedingten Hörschädigung aus-
ging. Insofern, als eine Nichtoffenlegung eines vorbestehenden Hörschadens
durch den Versicherten gegenüber seinem behandelnden Arzt (auch) aus diesem
Bericht hervorgeht, kommt dem Bericht eine Eignung zu, die Behauptung der Be-
klagten gemäss Gegenbeweissatz 2.1 zu stützen.
- 92 -
- Im Bericht des versicherungsinternen Facharztes für Psychiatrie, Dr. med.
AF._, vom 28. August 2003 (act. 4A/III/154) wird im Rahmen des psychopa-
thologischen Befunds zum Verhalten des Versicherten festgehalten, dass er deut-
lich hinke, während des ganzen Gesprächs seine rechte Hand an den Hals halte,
auf Nachfrage mit der Begründung, dass der Kopf sich schwer anfühle und er ihn
stützen wolle. Weiter wird ein fast permanentes Augenzwinkern festgehalten,
dass der Versicherte bei jedem Schluck Mineralwasser das Gesicht verziehe, auf
Nachfrage, weil das Schlucken schmerze, und dass das Gespräch immer wieder
durch Schmerzäusserungen unterbrochen werde. Im Übrigen werden Normalbe-
funde festgestellt. Festgehalten werden im Bericht eine Mehrzahl von Anzeichen
für ein dysfunktionales Schmerzverhalten (vgl. hiervor 6.2.5.3 b). Damit ist der Be-
richt geeignet, die Behauptung gemäss Gegenbeweissatz 2.2 zu stützen.
e) Zusammenfassend ist zu den als Gegenbeweismitteln angerufenen Berichten
festzuhalten, dass sie geeignet sind, die Vorbringen der Beklagten gemäss den
Gegenbeweissätzen 2.1 bis 2.3 zu stützen und erhebliche Zweifel am Vorliegen
einer HWS-Schleuderverletzung und dadurch verursachter Beschwerden zu we-
cken.
6.2.5.4. Fazit zur Beweislage (HWS-Distorsion) der Jahre 1997 bis 1999
a) Sämtliche Berichte der den Versicherten zeitnah untersuchenden resp. be-
handelnden Ärzte halten eine Ausweitung der geklagten Initialbeschwerden mit
zunehmender Distanz zum Schadenereignis fest. Diese nachträglich vorgetrage-
nen Initialbeschwerden, die das Befinden erheblich zu beeinträchtigen geeignet
sind und gemäss Angabe des Versicherten sofort resp. am Unfallfolgetag aufge-
treten seien, wurden gegenüber dem eigens wegen des Unfallereignisses aufge-
suchten Hausarzt des Versicherten gemäss dem frühesten echtzeitlichen Bericht
(ausser ORL und Röntgen) vom 21. April 1997 nicht geklagt und sind daher nicht
glaubhaft. Aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung ist davon auszugehen,
dass Beschwerden wie die nachträglich als initial beklagten gegenüber dem just
wegen des Schadenereignisses aufgesuchten Hausarzt genannt werden, wenn
man daran leidet.
- 93 -
b) Wie erwogen, ist eine Erstuntersuchung am Unfallfolgetag nicht rechtsgenüg-
lich erstellt. Der aus der Überweisung zum Röntgen gezogene Schluss auf wohl
initial geklagte Nackenbeschwerden vermag das Vorliegen solcher Initialbe-
schwerden nicht rechtsgenüglich nachzuweisen. Dies umso mehr, als die behaup-
tete Erstuntersuchung einem direkten Nachweis ohne Weiteres zugänglich ist. Die
Schlussfolgerung, dass der Versicherte initial wohl HWS-/Nackenbeschwerden
geklagt haben muss, reicht für den Nachweis der während der Latenzzeit aufge-
tretenen Beschwerden nicht.
c) Annähernd sämtliche der behandelnden und untersuchenden Ärzte in den ers-
ten zwei Monaten nach dem Schadenereignis, einschliesslich des Hausarztes des
Versicherten, bringen Zweifel an der Glaubhaftigkeit der geklagten, nicht objekti-
vierbaren Beschwerden resp. deren Unfallkausalität zum Ausdruck und halten in
ihren Berichten mangelnde Kooperation, Gegenstemmen, Steifhaltung bei der Un-
tersuchung, nicht plausibles Bewegungsmuster, Befürchtung einer kontraproduk-
tiven Begutachtungsodyssee, keine „Belohnung“ des Verhaltens in Form weiterer
Attestierung von Arbeitsunfähigkeit etc. fest.
d) Die von der Beklagten zu den (Gegen)beweissätzen 2.1 bis 2.3 angerufenen
Gegenbeweismittel sind, wie aufgezeigt, geeignet, zusätzliche erhebliche Zweifel
am Vorliegen einer HWS-Schleuderverletzung oder dadurch verursachter, geklag-
ter Beschwerden zu wecken. Ausweislich der Aktenlage besteht eine Vielzahl von
Hinweisen dafür, dass die vom Versicherten geklagten Beschwerden nicht auf ei-
ne körperliche Ursache zurückzuführen sind. Es ist auf die Ausführungen zum
Vorliegen einer funktionellen Überlagerung, von psychovegetativen Symptomen
resp. der mangelnden Plausibilität des Verhaltens und der Angaben des Versi-
cherten zu verweisen.
e) Unbestritten blieben die Vorbringen, dass der Versicherte gut drei Wochen
nach dem Schadenereignis einen Anwalt mit der Wahrung seiner Interessen aus
dem Schadenereignis betraute, obwohl sich weder Haftungsfragen stellten noch
die Ablehnung von Versicherungsleistungen im Raum stand (act. 12 Rz. 28; act.
21 Rz. 8). Unbestritten blieb weiter, dass der Hausarzt Dr. med. F._ schon in
seinem ersten Schreiben an den A._-Kreisarzt, Dr. med. H._, vom 5.
- 94 -
Mai 1997 (act. 4A/I/7), mithin noch vor Vorliegen der Ergebnisse der ersten neuro-
logischen Untersuchung (Dr. G._), die Befürchtung mitteilte, dass „eine gros-
se Odyssee von Spezialist zu Spezialist planlos“ erfolgen könnte, da der Versi-
cherte den Wunsch geäussert habe, er wolle "den Schleudertraumaspezialisten
Dr. R._ in Basel aufsuchen" (act. 12 Rz. 56; act. 21 Rz. 13 ff.). Dieser durch-
aus legitime Wunsch lässt sich nicht mit dem Wunsch nach fachärztlicher Abklä-
rung (die stattfand: Röntgen, ORL, Neurologie) oder dem Einholen einer Zweit-
meinung begründen: Zu diesem Zeitpunkt lag der Bericht des Neurologen Dr.
med. G._ (die „Erstmeinung“) noch nicht vor (vgl. act. 4A/I/7) und konnte der
nach wie vor krankgeschriebene Versicherte folglich um allfällige Empfehlungen
betreffend das weitere Vorgehen (Physiotherapie, Arbeitsunfähigkeitsattest) auch
nicht wissen.
f) Erstellt ist weiter, dass ein kurzer Arbeitsversuch vom Versicherten wegen ge-
klagter Konzentrationsstörungen, Schwindel, Nausea und Magenbeschwerden
abgebrochen wurde, mithin weder wegen Hals-, noch Nacken-, HWS- oder
Rückenbeschwerden.
g) Muskuloskelettale Zeichen (Verspannungen, Druckdolenzen, Triggerpunkte,
Bewegungseinschränkungen als klinisch erhobene, objektive Zeichen, vgl. Grad II
Québec Task Force; vgl. auch Schreiben des Gutachters Prof. Dr. med. J._
vom 22. August 2001, act. 4A/II/vor 98) wurden erstmals zwei Wochen nach dem
Schadenereignis im Arztzeugnis des Hausarztes Dr. med. F._ vom 21. April
1997 festgehalten (Bewegungseinschränkung der HWS). Aufgrund des fehlenden
Nachweises einer behaupteten Erstuntersuchung innert der Latenzzeit und den
zahlreichen Widersprüchen in den Angaben des Versicherten zu Art und Zeit-
punkt des Auftretens von Initialbeschwerden ist aufgrund der medizinischen Ak-
tenlage der ersten drei Jahre nicht rechtsgenüglich erstellt, dass objektive musku-
loskelettale Zeichen innert drei Tagen nach dem Schadenereignis klinisch erho-
ben wurden oder vorhanden waren.
Hinsichtlich der in späteren Berichten festgehaltenen klinischen Befunde zu Zei-
chen im Sinne von Grad II (Bewegungseinschränkung wegen muskulärer Ver-
spannung in Bellikon, act. 4A/I/20; Angabe von starker Druckdolenz mit Unmög-
- 95 -
lichkeit einer Beweglichkeitsprüfung in Valens, act. 4A/I/55; druckdolent verspann-
te Muskulatur und Muskelverklebungen in Rheinfelden, act. 4A/II/vor 95) geht aus
den betreffenden Berichten nicht hervor, inwiefern den Umständen Rechnung ge-
tragen wurde, dass der Versicherte während Monaten bzw. über einem Jahr
(Rheinfelden) nicht vom Tragen des Halsstützkragens abgehalten werden konnte
und er seit dem Klinikaufenthalt in Bellikon keinerlei Physiotherapie, sondern ein-
zig eine Psychotherapie machte.
h) Weiter sind organische Unfallfolgen in Form einer C5-Senke und eines Tinni-
tus im gleichen Frequenzbereich aufgrund der Beweislage der ersten drei Jahre
nicht erstellt: Aufgrund der unbestrittenen und ausgewiesenen vorbestehenden
Hörschädigung von 14.9% (von 200%), die dem behandelnden Facharzt ORL bei
Erstellen seiner Berichte ausweislich der Akten nicht bekannt war, sowie der
schlüssigen Ausführungen in der Beurteilung Dr. med. U._ ist von einer ge-
ringfügigen, der Alterung entsprechenden Verschlechterung des Gehörs in den
fünf Jahren vor dem Schadenereignis auszugehen (auf 16.4% von total 200%).
Dies steht in Einklang mit dem weiteren unbestrittenen Umstand, dass der Versi-
cherte in den fünf Jahren ab 1992 bis zum Schadenereignis weiterhin in der Heiz-
körperproduktion tätig war, wo er Lärmimmissionen ausgesetzt war. Damit fehlt es
am Nachweis eines unfallbedingten Hörschadens.
Gemäss neuerer Praxis des Bundesgerichts (BGE 138 V 238 ff.) kann an der Auf-
fassung, dass ein Tinnitus – ein regelmässiges, mehr oder weniger dauernd vor-
handenes, in einem Ohr oder beiden Ohren lokalisiertes, diffus im Kopf empfun-
denes Geräusch – ein körperliches Leiden darstellt oder zumindest (zwingend)
auf eine körperliche Ursache zurückzuführen sei, nicht festgehalten werden. Ein
subjektiver (oder nicht objektivierbarer) Tinnitus (wahrnehmbar nur vom Betroffe-
nen) könne nicht objektiv gemessen werden. Die Einstufung in Schweregrade er-
folge denn auch nicht aufgrund audiometrischer oder anderer Messungen, son-
dern nach der subjektiv empfundenen Beeinträchtigung. Dementsprechend wür-
den die Schweregrade des Tinnitus den subjektiven Leidensdruck wiedergeben.
Der Schweregrad eines (subjektiven) Tinnitus werde demzufolge nicht mittels ob-
jektiver Messungen, sondern ausschliesslich aufgrund der Angaben der betroffe-
- 96 -
nen Person und deren subjektiv empfundenen Beeinträchtigung festgelegt. Dar-
aus erhelle auch, dass der nur so bestimmbare Schweregrad keine verlässlichen
Rückschlüsse auf eine organische Unfallfolge als Ursache des Tinnitus bieten
könne. Damit ist festzuhalten, dass keine medizinisch gesicherte Grundlage be-
steht, um einen Tinnitus als körperliches Leiden zu betrachten oder ihn (zwin-
gend) einer organischen Ursache zuzuordnen. Auch lässt sich nicht vom Schwe-
regrad eines Tinnitus auf eine organische Unfallfolge als Ursache schliessen.
Dies ergibt sich denn auch aus den Berichten des ORL-Facharztes Dr. D._,
der festhält, dass der ausdrücklich als subjektiv bezeichnete Tinnitus „angeblich“
erst nach dem Schadenereignis aufgetreten sei. Ein unfallbedingter Tinnitus ist
damit nicht nachgewiesen. An diesem Beweisergebnis ändert das Vorbringen in
der Triplik (act. 29 Rz. 40 ff.), wonach auch ein Tinnitus, der sich nicht objektivie-
ren lasse, eine für den Betroffenen äusserst unangenehme Erscheinung sei,
nichts. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass der Versicherte gemäss Bericht
des ORL-Facharztes vom 5. Mai 1997 aus ohrenärztlicher Sicht arbeitsfähig sei
(act. 4A/I/8).
i) Das Versicherungsgericht des Kantons Solothurn zitierte in seinem Entscheid
vom 27. März 2002 auszugsweise aus einigen Berichten aus den Jahren 1997 bis
1999, ohne diese zu würdigen resp. auf die aufgezeigten Umstände einzugehen.
Unter Verweis auf die als widersprüchlich bezeichnete medizinische Aktenlage
der ersten Jahre wurde das von der Klägerin sowohl zum Vorliegen von Be-
schwerden (Beweissätze 1.1, 1.3 bis 1.5) als auch von deren Unfallkausalität
(Beweissatz 3.1) offerierte neurologische Gerichtsgutachten Prof. Dr. med.
J._ vom 11. August 2000 (act. 4A/II/vor 98) eingeholt. Dieses bildete in der
Folge die alleinige Grundlage für die Bejahung einer HWS-Schleuderverletzung
einschliesslich unfallkausaler psychischer Folgen durch das Versicherungsgericht.
Auf das Gerichtsgutachten J._ sowie die Erwägungen im Entscheid des Ver-
sicherungsgerichts vom 27. März 2002 wird nachfolgend eingegangen.
- 97 -
6.3. Neurologisches Gutachten J._ zuhanden Versicherungsgericht vom
11. August 2000
6.3.1. Wesentlicher Inhalt des Gutachtens
Das Neurologische Gutachten vom 11. August 2000 samt Beantwortung der Er-
gänzungsfragen vom 22. August 2001 (act. 4A/I/vor 98) äussert sich zu den Un-
fallfolgen und der Arbeitsunfähigkeit des Versicherten. Grundlage des Gut-
achtens sind eine neurologische Untersuchung des Geschädigten am 21. April
1999 durch den Gutachter sowie die Akten des Versicherungsgerichts, ein-
schliesslich jener der A._ (vgl. act. 4A/I/vor 98 S. 1).
Nach Anamnese ("Aktuelle Beschwerden", S. 3) und einer zusammenfassenden
Wiedergabe der beigezogenen Akten (S. 3-10) erhob der Gutachter diverse eige-
ne Befunde (S. 10 f.) und stellte die Diagnose (S. 11):
"- Z.n. Halswirbelsäulendistorsionstrauma Grad II nach Quebec-Task-Force mit schwerer
posttraumatischer Anpassungsstörung.
- Tinnitus"
Unter „Beurteilung“ hält Prof. J._ zunächst unter anderem fest, dass der Ge-
schädigte nicht wisse, wie er auf das Vorderfahrzeug aufgeschoben worden sei,
dass er unmittelbar über stechende Schmerzen zwischen den Schulterblättern be-
richtet und sich das Bild seiner aktuellen Beschwerden am darauffolgenden Tag
entwickelt habe. Im Anschluss an die Beantwortung der Expertenfragen nimmt
der Gutachter sodann ausführlich und kritisch Stellung zur „Diskussion“, die sich
um das „richtige Vorgehen“ zwischen A._, Hausarzt und Anwalt des Ge-
schädigten ergeben habe (S. 17 ff.).
In der neurologischen Untersuchung hätten sich ausgeprägte Druckdolenzen im
Bereich des Schädels, Nackens und Rückens mit Angabe von Ameisenlaufen, ei-
ne Visusminderung rechts mehr als links ergeben, im Übrigen jedoch keine objek-
tivierbaren Befunde.
In Beantwortung der Expertenfragen kam Prof. J._ zum Schluss (S. 13 ff.),
- 98 -
- dass kein objektiver, unfallbedingter organischer Hirnschaden oder Schaden an der HWS vorliege;
- dass eine kurze posttraumatische Amnesie durch eine MTBI bedingt sein könne;
- dass auch ohne objektive Befunde an der HWS sich schon aus der Erstuntersuchung von Dr. F._ und den diversen Nachuntersuchungen typische Folgeerscheinungen einer HWS-Distorsion Grad II nach der Quebec-Task-Force ergäben. Hierbei handle es sich um vorwiegend muskuloskelettale Zeichen, die in ausreichender Weise  seien. Letztere seien nicht als psychogen bzw. psychosomatisch zu werten. Zusätzlich sei allerdings eine schwere posttraumatische Anpassungsstörung , die in ihrer natürlichen Kausalität auf das Unfallereignis zurückgeführt  müsse;
- dass das heutige Beschwerdebild nicht als rein psychosomatisch bezeichnet werden könne im Sinne einer „somatoformen Schmerzstörung“;
- dass die vom Geschädigten geäusserten Beschwerden (inkl. Tinnitus) mit  Wahrscheinlichkeit auf das Unfallereignis zurückzuführen seien. Organische Unfallfolgen würden die audiometrische Untersuchung von Dr. D._ mit  beidseits und Nachweis des Tinnitus im gleichen Frequenzbereich sowie die initial durch den Hausarzt festgestellten muskuloskelettalen Zeichen darstellen. Auf die übrigen Untersuchungen, die z.T. wesentlich später durchgeführt worden seien,  nicht weiter eingegangen zu werden, da sie weitgehend Normalbefunde ergeben hätten. Die Untersuchungen des Neurologen Dr. G._ drei Wochen nach dem  seien nicht relevant, da diese allesamt nur dem Ausschluss schwerwiegender Schädigung des peripheren oder zentralen Nervensystems dienen würden.
- Der Unfall sei eine wesentlich mitwirkende Teilursache der geklagten Beschwerden und auch der erhobenen Befunde. Die Episode von 1994 (Rehaklinik Rheinfelden, schwere psychovegetative Störungen) zeige, dass der Geschädigte zu schweren psychovegetativen Störungen neige, und dass das in Frage stehende Unfallereignis zu einer schweren Exazerbation zumindest richtunggebender Verschlimmerung eines die Arbeitsfähigkeit nicht behindernden Zustands geführt habe.
- Unfallfremde Faktoren seien die genannte Neigung des Geschädigten zu schweren psychovegetativen Störungen sowie die bekannte Bandscheibenerkrankung. Diese Faktoren hätten ohne das aktuelle Unfallereignis nicht mit Wahrscheinlichkeit aus  Dynamik heraus zu den aktuell geklagten Beschwerden geführt.
- Der Geschädigte sei zur Zeit der Begutachtung arbeitsunfähig krank und es sei nicht absehbar, wie lange dieser Zustand anhalte. Aufgrund des bisherigen Verlaufs könne nach seiner Einschätzung bei adäquater Behandlung resp. geeigneter Führung eine Arbeitsfähigkeit – auch in der angestammten Tätigkeit – innert zwei Jahren wieder  werden.
- 99 -
Unter „Bemerkungen“ kritisiert der Gutachter sodann ausführlich das „Prozedere“
der Klägerin; so, dass dem Wunsch des Geschädigten nach weitergehender Un-
tersuchung durch den Arzt seiner Wahl (Dr. med. R._) nicht entsprochen
worden sei, dass durch die A._ geführte, z.T. stationäre Untersuchungen ei-
ne Eskalation der posttraumatischen Anpassungsstörung erst verursacht haben,
dass interdisziplinäre Therapieansätze verzögert worden seien und die Kosten-
übernahme restriktiv gehandhabt worden sei.
In Beantwortung der Ergänzungsfragen des Versicherungsgerichts Solothurn
nahm der Gutachter rund ein Jahr später mit einseitigem Schreiben vom 22. Au-
gust 2001 (act. 4A/II/vor98) dahingehend Stellung,
- dass die Diagnose eines HWS-Distorsionstraumas Grad II Quebec-Task-Force durch den Nachweis muskuloskelettaler Zeichen – Verspannungen, Druckdolenzen,  u.ä. – gestellt werde, wobei diese Zeichen rein organischer Natur seien;
- dass die Arbeitsfähigkeit des Geschädigten in seinem bisherigen Beruf durch die  Beschwerden einschliesslich Tinnitus, der ebenfalls als organisch  sei, eingeschränkt sei und dass diese Arbeitsunfähigkeit auch bestünde, wenn keine posttraumatische Anpassungsstörung vorläge;
- dass die beschriebenen Beschwerden typische Folgeerscheinungen eines  und nicht auf eine posttraumatische Anpassungsstörung  seien;
- dass die Gesundheitsstörung im Zusammenhang mit dem typischen Beschwerdebild des HWS-Distorsionstraumas gegenüber der diagnostizierten posttraumatischen  nicht in den Hintergrund trete und keinesfalls zu vernachlässigen sei.
Diese Antworten werden über das Zitierte hinaus nicht weiter begründet.
6.3.2. Würdigung des Gutachtens
Dem neurologischen Gutachten von Prof. J._, erstattet am 11. August 2000
zuhanden des Versicherungsgerichts des Kantons Solothurn, kommt insofern er-
hebliches Gewicht zu, als dass das Versicherungsgericht ausschliesslich gestützt
auf das Gutachten das Vorliegen eines Schleudertraumas und die Unfallkausalität
bejahte. Nach dem Dafürhalten der Klägerin erübrigt sich damit ein weiteres Ge-
richtsgutachten, wohingegen die Beklagte dem Gutachten aus verschiedenen
Gründen seine Tauglichkeit im vorliegenden Verfahren abspricht.
- 100 -
Das von Prof. Dr. med. J._ erstattete neurologische Gutachten weist als ein
vom Versicherungsgericht eingeholtes Gutachten grundsätzlich einen hohen Be-
weiswert auf (BGE 125 V 351 E. 3). Das Zivilgericht ist allerdings an die Beweis-
würdigung des Versicherungsgerichts nicht gebunden, wird diese aber unter Um-
ständen berücksichtigen (BGE 134 V 306 E. 4.2.; 119 V 86 E. 5b). Das Gutachten
ist nachfolgend unter Einbezug der Stellungnahme der Beklagten, welche im Ver-
fahren vor Versicherungsgericht nicht Parteistellung hatte, im Lichte der Recht-
sprechung zu würdigen.
Zunächst ist mit der Beklagten festzustellen, dass es sich bei dem von Prof. Dr.
med. J._ erstatteten Gutachten um ein rein neurologisches Gutachten han-
delt. Äusserungen von medizinischen Fachpersonen kommt nur in ihrem eigenen
Fachgebiet gesteigerter Beweiswert zu, was auch für einen vom Gericht bestell-
ten Gutachter gilt. Soweit der Gutachter – dessen Diagnose wie erwähnt auf
HWS-Distorsionstrauma Grad II, schwere posttraumatische Anpassungsstörung
und Tinnitus lautet – sich zu ORL- oder psychiatrischen Diagnosen äussert,
kommt seiner Einschätzung damit kein erhöhter Beweiswert zu.
Der Gutachter verneint das Vorliegen eines objektiven unfallbedingten organi-
schen Schadens an der HWS (S. 13). Er begründet seine Diagnose einer HWS-
Distorsion damit, dass auch ohne objektivierbare Befunde sich schon (a) aus der
Erstuntersuchung von Dr. F._ und (b) den diversen Nachuntersuchungen ty-
pische Folgeerscheinungen einer HWS-Distorsion Grad II Québec Task Force
ergäben in Form von ausreichend dokumentierten muskuloskelettalen Zeichen.
(S. 14). Im Widerspruch hierzu hält der Gutachter fest (S. 15), dass einzig die ini-
tiale audiometrische Untersuchung ORL und die "initial vom Hausarzt festgestell-
ten musculo-skelettalen Zeichen" massgeblich seien und "auf die übrigen Unter-
suchungen, [...] inkl. der eigenen gutachterlichen elektrophysiologischen Untersu-
chungen", nicht eingegangen zu werden brauche, da zum Teil wesentlich später
durchgeführt und im Übrigen weitgehend Normalbefunde ergebend. Nach Ansicht
des Gutachters ergeben sich "organische Unfallfolgen" somit allein aus der initia-
len Untersuchung von Dr. D._ sowie den initialen Feststellungen des Haus-
arztes und bestehen diese in einer C5-Senke und Tinnitus (ORL) sowie in musku-
- 101 -
loskelettalen Zeichen (Hausarzt). Auf sämtliche weiteren Berichte geht der Gut-
achter (abgesehen von Hinweisen zu deren Irrelevanz, vgl. S. 15) denn auch nicht
ein.
Mit der Beklagten (act. 12 Rz. 88) ist daher festzuhalten, dass der Gutachter sich
nicht mit dem Befund gemäss Bericht des Kreisarztes Dr. med. H._ zur aus-
führlichen Untersuchung vom 22. Mai 1997 befasst, wonach die Muskulatur des
Geschädigten weich und die Beweglichkeit der HWS unbeobachtet spontan nor-
mal gewesen sei. Der Gutachter geht nicht auf den Bericht von Dr. med. G._
ein, welcher drei Wochen nach dem Unfall (30. April 1997) bereits festhielt, dass
angesichts der mangelnden Kooperation (Gegenstemmen etc.) und des unplau-
siblen Bewegungsverhaltens des Versicherten (wie bei einem akuten Hexen-
schuss) der Verdacht auf eine massive funktionelle Überlagerung bestehe (vgl.
act. 4A/I/3). Dasselbe gilt für die in Bellikon festgestellte „völlige psychovegetative
Entgleisung“ und das in Valens festgehaltene Ergebnis des Waddell-Tests sowie
die Gründe für den Behandlungsabbruch nach nur zehn Tagen. Nicht eingegan-
gen wird auf die vom Hausarzt am 27. Mai 1997 gemeldeten Gründe für den Ar-
beitsabbruch, zu denen weder Kopf-, noch Nacken-, noch HWS-, noch Rücken-
beschwerden gehörten. Dem Gutachter lagen die A._-Akten vor (vgl. S. 2).
Eine (kritische) Auseinandersetzung mit sich widersprechenden medizinischen
Akten erfolgt nicht. Erwähnung finden demgegenüber weniger gewichtige Urkun-
den, so das Schreiben des Rechtsvertreters des Versicherten drei Wochen nach
dem Schadenereignis, wonach er vom Versicherten mit dessen Interessenwah-
rung in der Unfallsache betraut worden sei (vgl. S. 4).
Wie erwogen, stellte der Gutachter für seine Diagnose einzig auf die Feststellun-
gen des ORL-Arztes Dr. med. D._ – betreffend Tinnitus resp. C5-Senke –
sowie die bei der „Erstuntersuchung von Dr. F._“ festgestellten muskuloske-
lettalen Zeichen ab. Damit fusst das Gutachten auf einer falschen Grundlage: Wie
in Zusammenhang mit dem Arztzeugnis des Hausarztes vom 21. April 1997 als
des frühesten medizinischen Berichts (ausser ORL und Röntgen) ausgeführt, sah
der Hausarzt den Patienten zufolge Ferienabwesenheit erst rund zwei Wochen
nach dem Unfallereignis. Ein Bericht des Hausarztes Dr. F._, der muskulos-
- 102 -
kelettale Zeichen initial, während der Latenzzeit, festgestellt hätte, existiert daher
nicht. Prof. Dr. med. J._ bemerkte nicht, dass die Befunde im Arztzeugnis
des Hausarztes zwei Wochen nach dem Unfall keine echtzeitlichen Feststellun-
gen vom Unfallfolgetag sind und sein können. Dem Gutachter lag ebenso wenig
wie dem Versicherungsgericht oder diesem Gericht ein Bericht betreffend die
(vermeintliche) Erstuntersuchung beim Ferienvertreter des Hausarztes vor. Wie
erwogen, gehen aus dem Arztzeugnis ausser einer – von der Kooperation des
Versicherten abhängigen – eingeschränkten Beweglichkeit der HWS und einer –
geklagten und nicht objektivierbaren – Empfindungsstörung der linken Schulter
keine Befunde hervor (vgl. S. 3 des Gutachtens). Gemäss den im Polizeirapport
getroffenen Feststellungen bezeichnete sich der Versicherte am Unfallort auf
Nachfrage, wie dargelegt, als unverletzt. Dieser Polizeirapport, der das Fehlen
von initial geklagten Beschwerden echtzeitlich dokumentiert, lag dem Gutachter
augenscheinlich nicht vor (vgl. S.2: „Es existiere ein Polizeirapport“).
Hinsichtlich der weiteren „organischen Unfallfolge“ einer C5-Senke und eines Tin-
nitus trägt der Gutachter dem unbestrittenen und bei der Klägerin seit 1992 mittels
Tonaudiogramm dokumentierten Umstand, dass beim Versicherten bereits fünf
Jahre vor dem Schadenereignis eine nur geringfügig kleinere Hörverminderung
vorlag (14.9 statt 16.4% von insgesamt 200% Hörvermögen), als vom ORL-
Facharzt am 10. April 1997 festgestellt, nicht Rechnung. Dem Gutachter lag der
Bericht des ORL-Facharztes Dr. U._ hierzu vor (vgl. S. 6); dieser wurde in-
dessen – so wenig wie sämtliche weiteren Berichte ausser den vorgenannten „ini-
tialen Berichten“ Dres. D._ und F._ – nicht in die gutachterliche Beurtei-
lung mit einbezogen. Dr. D._ ging, wie hiervor ausgeführt, bei der Erstellung
seines initialen Berichts aufgrund der Angaben des Versicherten unzutreffender-
weise davon aus, dass keine vorbestehende Hörverminderung vorliege. Aus den
Angaben des Gutachters zu ihm bekannten Vorzuständen (S. 16) ist zu schlies-
sen, dass der Gutachter seinen Bericht in Unkenntnis dieses Umstands erstattete.
Schliesslich ist nicht nachvollziehbar, dass der Gutachter den geklagten Tinnitus
trotz der Angabe im „initialen Bericht“ Dr. D._, wonach „subjektiv“ ein Hörge-
räusch vorliege, das „angeblich erst nach dem Unfall aufgetreten sei“, ohne weite-
res und noch dazu fachfremd als eine organische Unfallfolge bezeichnet. Auch
- 103 -
diesbezüglich erweist sich das Gutachten als nicht nachvollziehbar begründet und
die Schlussfolgerung als nicht überzeugend.
Der Gutachter legt seinem Bericht unkritisch und ohne Plausibilisierung anhand
der Akten Patientenangaben zu Art und Zeitpunkt des Auftretens initialer Be-
schwerden zugrunde: Er geht in seiner „Beurteilung“ davon aus, dass der Versi-
cherte „unmittelbar [...] über stechende Schmerzen zwischen den Schulterblät-
tern“ berichtet habe, aber „aus dem Wagen habe aussteigen können“ und dann
„das Bild seiner aktuellen Beschwerden am folgenden Morgen entwickelt“ habe.
Obwohl dem Gutachter die betreffenden Berichte vorlagen (ausser dem Polizeibe-
richt), stellte der Gutachter nicht fest, dass solche sofortigen stechenden Schmer-
zen gegenüber keinem der Ärzte Dres. F._, G._ und H._, somit
auch nicht gegenüber seinem eigens wegen des Schadenereignisses aufgesuch-
ten Hausarzt, in den ersten zwei Monaten nach dem Schadenereignis geklagt
wurden, sondern (stets) andere Beschwerden. Er legt diese erst später geklagten,
sofortigen (messerstichartigen, also sehr heftigen) Schmerzen seiner Beurteilung
nichtsdestotrotz zugrunde.
Dasselbe gilt für „das aktuelle Beschwerdebild“ – mithin das vom Gutachter zwei
Jahre nach dem Schadenereignis erfragte –, von dessen Auftreten am Unfallfol-
getag der Gutachter wiederum unkritisch ausgeht, trotz Fehlens eines echtzeitli-
chen medizinischen Berichts aus der Latenzzeit und trotz Kenntnis der von sämt-
lichen zeitnah untersuchenden und behandelnden Ärzten mehrfach und klar ge-
äusserten Zweifel an der Glaubhaftigkeit der vom Versicherten später geklagten
Beschwerden. Mit diesen Vorakten setzt sich der Gutachter, wie erwähnt, ausser
extensiver Kritik am Umgang der Klägerin mit dem Versicherten nicht auseinan-
der, sondern bezeichnet sämtliche späteren Untersuchungen einschliesslich sei-
ner eigenen als irrelevant. Die Beurteilung erweist sich somit als lückenhaft, auf
einer falschen Grundlage fussend und nicht schlüssig und nachvollziehbar be-
gründet. Auch aus diesem Grund – unzutreffende Annahmen zu Initialbeschwer-
den und keinerlei Auseinandersetzung mit den Vorakten – ist auf das Gutachten
nicht abzustellen.
Obwohl der Gutachter das Vorliegen eines objektiven unfallbedingten organi-
- 104 -
schen Schadens an der HWS klar verneint (vgl. S. 13) und somit einzig auf eine
subjektive, nicht überprüfbare Schädigung schliesst, findet keinerlei Plausibilisie-
rung der Patientenangaben statt. Fehlt es an objektivierbaren Schäden, so kommt
den Angaben des Versicherten als der einzigen Beurteilungsgrundlage zwangs-
läufig ausschlaggebendes Gewicht zu und wären diese – zumal angesichts der
erwähnten Zweifel in mehreren frühen Berichten, einschliesslich solchen des
Hausarztes – zumindest zu plausibilisieren gewesen. Gemäss bundesgerichtli-
cher Rechtsprechung gehört es zur Aufgabe des Gutachters, die Glaubwürdigkeit
der Schmerzschilderung soweit möglich zu überprüfen und die Auswirkungen der
Schmerzen bei der Untersuchung substantiiert darzulegen. Dies umfasst insbe-
sondere Angaben zum beobachteten Verhalten, Feststellungen über Inkonsistenz
und Vagheit der gemachten Angaben und über Hinweise für Aggravation oder
Simulation. Weil die Qualität der Begutachtung weitgehend von der Motivation
und Mitarbeit des Patienten/Exploranden abhängt, hat sich der Gutachter nötigen-
falls auch hierüber auszusprechen. Die einzige diesbezügliche Feststellung findet
sich in Zusammenhang mit der neurologischen Untersuchung ("z.T. eingeschränkt
beurteilbare Untersuchungsergebnisse"), ohne Erläuterung der Ursache (Gegen-
stemmen?) und ohne Schlussfolgerung (Klagen plausibel oder nicht). Aufgabe
des Gutachters ist es überdies, auf offene Fragen oder Widersprüche aufmerk-
sam zu machen und Diskrepanzen zwischen Angaben des Exploranden und dem
Befund zu erläutern (Urteil 8C_802/2007 vom 5. Mai 2008 E. 5).
Als widersprüchlich und daher nicht nachvollziehbar erweisen sich weiter die gut-
achterlichen Ausführungen zu eigenen Befunden: Zu diesen sind seiner Beurtei-
lung im eigenen Fachgebiet (neurologisch, S. 12) Druckdolenzen im Bereich
Schädel, Nacken und Rücken mit Angabe von Ameisenlaufen und Visusminde-
rung, „im Übrigen jedoch keine objektivierbaren Befunde“ zu entnehmen (Hervor-
hebung angefügt). Dazu ist zweierlei festzuhalten: Erstens widerspricht der Gut-
achter damit seiner eigenen Aussage (vgl. S. 13 ff.), wonach „auch ohne objektive
Befunde an der HWS" sich aus der "Erstuntersuchung" des Hausarztes typische
Folgeerscheinungen einer HWS-Distorsion Grad II ergäben. Objektive – somit
auch "objektivierbare" – Befunde lagen demnach nicht vor. Zum zweiten ist eine
Druckdolenz (PSCHYREMBEL: Druckschmerzhaftigkeit, mithin Angabe von Schmerz
- 105 -
bei Berührung) kein objektivierbarer – unabhängig von der Angabe des Patienten
überprüfbarer (vgl. Urteile 8C_216/2009 vom 28. Oktober 2009 E. 2,
8C_584/2010 vom 11. März 2011 E. 2) – Befund, ebenso wie die „Angabe von
Ameisenlaufen“. Die Beurteilung auch im eigenen Fachgebiet des Gutachters er-
scheint somit widersprüchlich, nicht nachvollziehbar und nicht schlüssig begrün-
det (vgl. BGE 125 V 351 E. 3a).
Prof. Dr. J._ verweist in seinem Gutachten auf die Notwendigkeit einer früh-
zeitigen interdisziplinären Diagnostik und Therapie (S. 18) sowie darauf, dass es
in keinem Falle medizinischem Wissen entspreche, interdisziplinäre Ansätze von
Diagnostik und Therapie bei drohenden chronischen Schmerzsyndromen zu be-
hindern (S. 19). Daraus ist zu schliessen, dass der Gutachter eine interdisziplinä-
re Diagnostik im ihm zur Beurteilung vorgelegten Fall als nicht oder ungenügend
stattgehabt erachtet. Angesichts dieser Feststellung ist nicht nachvollziehbar,
dass der Neurologe J._ die fachfremden Diagnosen "schwere posttraumati-
sche Anpassungsstörung" und "Tinnitus" stellt resp. wiedergibt (S. 11), denen von
vornherein und ausweislich des Gutachtens keine eigene (fachärztliche) Untersu-
chung des Neurologen zugrunde liegt und liegen kann. Nicht nachvollziehbar ist
weiter, dass der Gutachter vom Beizug von Ärzten bzw. Untergutachtern der ent-
sprechenden Fachrichtungen absieht und sich überdies mit keinem Wort mit den
sich widersprechenden Beurteilungen der Fachärzte der genannten Richtungen
gemäss den ihm vorliegenden Vorakten auseinandersetzt. Hinsichtlich der nicht
sein Fachgebiet betreffenden Fragen hätte es dem Gutachter oblegen, auf die
Notwendigkeit des Beizugs von Kollegen anderer Fachrichtungen für deren Be-
antwortung hinzuweisen.
Schliesslich bezieht der Gutachter unter "Bemerkungen" (ab S. 17) klar Stellung
zum „Prozedere, was schlussendlich durch die A._ in Gang gebracht wurde“.
Er kritisiert die dem Versicherten verweigerte frühzeitige Zuweisung an den Arzt
seiner Wahl (Dr. med. R._), weiter die „durch die A._ geführten, z.T. sta-
tionären Untersuchungen“, die eine Eskalation der posttraumatischen Anpas-
sungsstörung erst verursacht habe, was zur schwerwiegenden Chronifizierung
habe führen können. Für den Gutachter ist „auffällig“, dass beim Kreisarzt, eben-
- 106 -
so in Bellikon und in Valens, eine körperliche Untersuchung und Therapie gerade
nicht möglich gewesen sei. Mit den Resultaten der betreffenden Untersuchungen
(positive Zeichen im Waddell-Test, Unregelmässigkeiten, Tricküberführungen,
unplausibles Verhalten kurz nach dem Schadenereignis, ausweitende Schilde-
rung von nicht objektivierbaren Beschwerden, aber auch Hinweise auf Aggravati-
on/Simulation u.a. im Bericht des Hausarztes etc.) setzt sich der Gutachter indes,
wie dargelegt, nicht auseinander. Er macht sich vielmehr die Sicht des Geschä-
digten zu eigen. Dass es die Aufgabe des untersuchenden Facharztes ist, bei
nicht objektivierbaren Beschwerden die Angaben des Patienten anhand der weite-
ren Informationen, aber auch von dessen Verhalten, zu plausibilisieren und nicht
unkritisch auf dessen Klagen abzustellen, wird nicht erwogen. Schliesslich kriti-
siert er die nicht nachvollziehbare „restriktive Handhabung der Kostenübernahme"
und sieht „als Neurologe und Schmerztherapeut [...] zahlreiche Faktoren, die ei-
nerseits durch das Unfallereignis selbst verursacht, anderseits iatrogen zu einer
Chronifizierung [...]" geführt hätten. Bei diesen „zahlreichen Faktoren“, die durch
das Unfallereignis selbst verursacht wurden, kann es sich wiederum einzig um die
vorgenannten initialen ORL-Befunde und die „initial vom Hausarzt“ festgestellten
muskuloskelettalen Zeichen handeln. Etwas anderes als diese "initialen organi-
schen Unfallfolgen" hat der Gutachter seiner Einschätzung nicht zugrundegelegt.
Die Stellungnahme zum „Prozedere“ der Klägerin, die zumindest auf eine unkriti-
sche Übernahme der Sicht des Versicherten schliessen lässt, ist damit ein weite-
rer Mangel des Gutachtens, der dessen Beweiswert Abbruch tut (vgl. Urteil
9C_603/2009 vom 2. Februar 2010, E. 4.2).
Schliesslich ergibt sich aus dem Gutachten, dass Prof. Dr. J._ von einer
Wiedererlangung vollständiger Arbeitsfähigkeit innert zwei Jahren ab Begutach-
tungszeitpunkt ausging "unter adäquater Behandlung" resp. "bei geeigneter Füh-
rung", dies selbst für eine Tätigkeit im angestammten Bereich mit mittelstarker
körperlicher Beanspruchung (S. 16 f.).
6.3.3. Fazit zum Beweiswert des Gutachtens
Aufgrund der aufgezeigten Mängel des Gutachtens (widersprüchliche Aussagen,
weitestgehend fehlende Auseinandersetzung mit zueinander in Widerspruch ste-
- 107 -
henden ärztlichen Berichten, Zugrundelegung falscher Annahmen zu initial fest-
gestellten Befunden, unvollständige Aktenlage, unkritische Zugrundelegung von
im Widerspruch zu echtzeitlichen Berichten stehenden Patientenangaben, Anzei-
chen für mangende Unvoreingenommenheit, kein Beizug von Ärzten der Fach-
richtungen ORL und Psychiatrie und kein Hinweis auf die Notwendigkeit eines
solchen Beizugs) kann auf das Gutachten von Prof. Dr. J._ – auch im eige-
nen Fachgebiet – nicht abgestellt werden. Somit verbleiben auch unter Berück-
sichtigung des Gutachtens erhebliche Zweifel daran, dass der Versicherte ein
HWS-Schleudertrauma erlitten hat, und ist der Nachweis damit nicht zu erbringen.
6.4. Urteil Versicherungsgericht vom 27. März 2002 (act. 4A/II/100)
a) Das Zivilgericht ist an die Beweiswürdigung des Sozialversicherungsgerichts
nicht gebunden, hat diese aber, wie erwogen, gegebenenfalls zu berücksichtigen.
b) Das Versicherungsgericht des Kantons Solothurn kam mit Urteil vom 27. März
2002 gestützt ausschliesslich auf das neurologische Gerichtsgutachten von
Prof. Dr. J._ zum Schluss, dass der Versicherte am 7. April 1997 ein Schleu-
dertrauma der Halswirbelsäule erlitten habe und ein für diese Verletzung typi-
sches Beschwerdebild vorliege (vgl. S. 8). Den Erwägungen ist die Kurzzusam-
menfassung einiger weniger (genau fünf) medizinischer Berichte aus den Jahren
1997 bis 1999 sowie eine Kurzzusammenfassung der Stellungnahme des Neuro-
logen Dr. med. AG._ (A._-Ärzteteam) vom 14. September 2001 (act.
4A/II/98) zum eingeholten Gerichtsgutachten zu entnehmen. Eine Beweiswürdi-
gung – weder eine solche der früheren Berichte, noch eine solche des Gerichts-
gutachtens oder der Stellungnahme dazu – ist dem Urteil nicht zu entnehmen.
Festgehalten wird einzig, dass „angesichts der widersprüchlichen medizinischen
Aktenlage“ ein neurologisches Gerichtsgutachten sowie ein Ergänzungsgutachten
bei Prof. Dr. med. J._ eingeholt worden sei. Hieran schliesst ohne jegliche
Begründung die Schlussfolgerung an, dass „gestützt auf die erwähnten medizini-
schen Gutachten“ von Prof. Dr. med. J._ erstellt sei, dass der Versicherte am
7. April 1997 ein Schleudertrauma der HWS erlitten habe und das typische Be-
schwerdebild vorliege, womit der natürliche Kausalzusammenhang anzunehmen
sei. Damit fehlt es an Erwägungen, auf die eingegangen werden könnte.
- 108 -
c) Dem Urteil des Versicherungsgerichts vom 27. März 2002 kommt aufgrund des
Gesagten weder für das Vorliegen von Beschwerden noch für deren Unfallkausa-
lität ein eigenständiger Beweiswert zu.
6.5. Spätere medizinische und weitere angerufene Urkunden (ab 2001)
6.5.1. Einleitend zum Beweiswert der später erstellten Berichte
Die später erstellten Berichte konnten, da nach dem Gerichtsgutachten von Prof.
Dr. J._ vom 11. August 2000 verfasst, von vornherein nicht Berücksichtigung
in Letzterem finden, ebenso wenig wie im Urteil des Versicherungsgerichts, das
sich, wie erwogen, ohnehin und ohne Begründung auf das Gerichtgutachten
stützte. Damit ist auch gesagt, dass die später erstellten Berichte (mit Ausnahme
der erwähnten Stellungnahme des A._-Neurologen Dr. med. AG._ vom
14. September 2001) nach Bejahung der Leistungspflicht des Unfallversicherers
gemäss Entscheid des Versicherungsgerichts erstellt wurden, was die Gefahr ei-
ner unkritischen Übernahme früherer Diagnosen in den Verlaufsberichten der be-
handelnden Ärzte nicht gering erscheinen lässt. In Übereinstimmung damit, dass
der Versicherte, wie ausgeführt, schon wenige Monate nach dem Schadenereig-
nis (vgl. Austrittsbericht Bellikon) nebst der "hausärztlichen Weiterbetreuung"
ausschliesslich psychotherapiert wurde, handelt es sich bei den angerufenen spä-
teren Berichten einerseits um Verlaufsberichte dieser beiden behandelnden Ärzte,
andererseits um Untersuchungsberichte der A._-Ärzte im 2003 im Hinblick
auf die Berentung des Versicherten (Dres. AG._ und AF._ im 2003) und
Privatgutachten der Beklagten.
Soweit sich Berichte auf die Angaben des Versicherten zu länger zurückliegenden
Umständen (Unfallhergang, initiale Beschwerden, Verlauf in den ersten Jahren)
stützen, ist zu berücksichtigen, dass zeitnahe Aussagen, wie erwogen, zuverläs-
siger und unbefangener sind als spätere Darstellungen, die von nachträglichen
Überlegungen oder seitherigen Erfahrungen beeinflusst sein mögen.
Zu prüfen ist auch hinsichtlich der vier Jahre und mehr nach dem Schadenereig-
nis erstellten Berichte (vgl. BGE 125 V 351 E. 3a), ob sie für die streitigen Belan-
- 109 -
ge umfassend sind, auf allseitigen Untersuchungen beruhen, in Kenntnis der
Vorakten abgegeben werden, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigen,
in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchten und ob die Schlussfol-
gerungen begründet sind. Je mehr ein Bericht von diesen Anforderungen ab-
weicht, desto geringer ist sein Beweiswert.
6.5.2. Die Hauptbeweismittel der Klägerin (ab 2001)
a) In Würdigung der von der Klägerin zum Vorliegen einer HWS-
Schleuderverletzung (Beweissätze 1.1/1.4), insbesondere organischen Unfallfol-
gen in Form von C5-Senke, Tinnitus und muskuloskelettale Zeichen (Beweissatz
1.3) und deren Unfallkausalität (Beweissatz 3.1) angerufenen medizinischen Be-
richten ab dem Jahr 2001 (vgl. act. 52) ergibt sich das Folgende:
- Zum psychiatrischen Aktengutachten (Konsilium) von Dr. med. AH._ vom
15. Oktober 2001 zuhanden der Beklagten (act. 4A/II/vor 99, angerufenen auch
zu Beweissatz 1.4): Auf Inhalt und Stellenwert des Parteigutachtens des Facharz-
tes für Psychiatrie, erstattet zuhanden der Beklagten, ist nachfolgend in Zusam-
menhang mit den psychischen Beschwerden des Versicherten einzugehen. Es
lässt sich daraus zur fachfremden Frage des Vorliegens einer HWS-
Schleuderverletzung nichts ableiten (vgl. im Einzelnen nachfolgend 8.4).
- Zum angerufenen Schreiben von Dr. med. AI._ vom 27. Februar 2002 [rec-
te: 2003] (act. 4A/III/133), verfasst vom behandelnden Psychotherapeuten des
Versicherten sechs Jahre nach dem Schadenereignis, siehe wiederum nachfol-
gend unter 8.4, da Feststellungen des Psychiaters mit Wiedergabe von allfälligen
Diagnosen ausserhalb seines Fachgebiets mangels einer objektiven Grundlage in
Form von eigenen Untersuchungen kein Beweiswert zukommt.
- Zum Bericht Dr. med. AF._ (A._) vom 28. August 2003 betreffend die
psychiatrische Untersuchung vom 26. August 2003, S. 7 (act. 4A/III/154) gilt das
soeben Gesagte: Der versicherungsinterne Facharzt setzt in seiner psychiatri-
schen Beurteilung ein erlittenes "kranio-zervikales Beschleunigungstrauma" ge-
mäss Diagnose seines Kollegen Dr. med. AG._ (versicherungsinterner Neu-
- 110 -
rologe) als gegeben voraus, weshalb ihm für das Vorliegen eines HWS-
Distorsionstraumas kein Beweiswert zukommt (vgl. zur psychiatrischen Einschät-
zung hiernach 8.4).
- Die Neurologische Beurteilung von Dr. med. AJ._ vom 13. September
2004 (act. 4A/III/175), angerufen zur Frage der Unfallkausalität der Beschwerden
und Diagnosen gemäss den Beweissätzen 1.1 bis 1.5, befasst sich ausschliess-
lich mit der Überprüfung der Integritätsentschädigung, wie verfügt von der Kläge-
rin am 23. Dezember 2003 aufgrund der psychiatrischen Beurteilung von Dr. med.
AF._ vom 28. August 2003 und der neurologischen Beurteilung von Dr. med.
AG._ vom 6. Oktober 2003 bestätigt diese. Es werden weder eigene Befun-
de erhoben, noch eine Analyse der Vorakten vorgenommen, noch liegt der Beur-
teilung eine Untersuchung des Versicherten zugrunde, noch beinhaltet sie eine
neue Beurteilung eines feststehenden medizinischen Sachverhalts. Der knapp
gehaltenen Beurteilung, wonach korrekt verfügt worden sei, kommt hinsichtlich
der Frage der Unfallkausalität von Beschwerden, zu der sie angerufen wird (Be-
weissatz 3.1), kein Beweiswert zu.
- Der Verlaufsbericht des Hausarztes Dr. med. F._ vom 27. Oktober 2003
(act. 53/4) an die IV-Stelle Solothurn (Revision von IV-Leistungen bei Erwachse-
nen) verweist als knapper Formularbericht auf die kürzliche Untersuchung durch
die A._-Ärzte Dres. med. AF._ und AG._, wonach neben Restbe-
schwerden auch eine "posttraumatische Anpassungsstörung mit agitiert-
depressiven Zügen und prononcierter psychovegetativer Symptomatik bei leis-
tungsorientierter Persönlichkeit“ erwähnt werde. Dem Bericht des Hausarztes des
Versicherten kommt damit kein eigenständiger Beweiswert für die Frage der Un-
fallkausalität zu. Zu verweisen ist im Übrigen auf das zur Aufgabe des Hausarztes
(Behandlung und Betreuung, nicht Ursachenanalyse) und zum besonderen Ver-
trauensverhältnis mit dem Patienten bereits Ausgeführte.
b) Aus den dargelegten Gründen vermögen die als Hauptbeweismittel angerufe-
nen, ab dem Jahr 2001 erstellten späteren Berichte am Beweisergebnis aufgrund
der Berichte aus den früheren Jahren (vgl. 6.2.5.4) und des Gutachtens J._
(vgl. 6.3.3) nichts zu ändern.
- 111 -
6.5.3. Gegenbeweismittel der Beklagten
a) Eventualiter ist nachfolgend aufzuzeigen, dass die von der Beklagten angeru-
fenen Gegenbeweismittel geeignet sind bzw. wären, weitere erhebliche Zweifel
daran zu wecken, dass der Versicherte beim Schadenereignis vom 7. April 1997
eine HWS-Distorsion erlitten hat. In Würdigung der von der Beklagten als Ge-
genbeweismittel zu den genannten Beweissätzen (1.1, 1.3, 3.1) sowie den Ge-
genbeweissätzen 2.1 bis 2.3 angerufenen medizinischen und weiteren Berichten
ab dem Jahr 2001 ergibt sich das Folgende:
- Die Stellungnahme von Dr. med. AG._ vom 14. September 2001
(act. 4A/II/98), versicherungsinterner Facharzt für Neurologie, befasst sich aus-
schliesslich mit den im Gerichtsgutachten gezogenen Schlüssen aus dem Vorlie-
gen von muskuloskelettalen Zeichen. Dr. med. AG._ nimmt Stellung zu fol-
genden Aussagen des Gerichtsgutachters Prof. Dr. med. J._: "Es liegt kein
objektiver, unfallbedingter, organischer Schaden an der HWS vor." An anderer
Stelle (Frage 4) werde festgehalten: "Auch ohne objektive Befunde an der Hals-
wirbelsäule ergeben sich schon aus der Erstuntersuchung durch Herrn Dr.
F._ sowie bei diversen Nachuntersuchungen typische Folgeerscheinungen
einer HWS-Distorsion Grad II. Hierbei handelt es sich vorwiegend um muskulos-
kelettale Zeichen, die in ausreichender Weise dokumentiert sind." Aus der Beant-
wortung der Ergänzungsfrage 2.1 vom 22. August 2001 ergebe sich schliesslich:
"Die Diagnose eines HWS-Distorsionstraumas Grad II wird durch den Nachweis
muskuloskelettaler Zeichen wie Verspannungen, Druckdolenzen, Triggerpunkten
und ähnlichem gestellt. Hierbei handelt es sich um Zeichen, die rein organischer
Natur sind." Dazu hält Dr. med. AG._ fest: Muskelverspannungen und druck-
dolente Ansatzpunkte der Muskulatur (Trigger-Punkte) seien – naturgemäss – or-
ganische Beschwerden, deswegen aber keineswegs Ausdruck einer zugrunde
liegenden organischen Schädigung. Es folgen Ausführungen zur Jahresprävalenz
von Nackenbeschwerden bei der Normalbevölkerung. Weiter nimmt Dr. med.
AG._ Stellung zur Aussage des Gutachters, wonach die C5-Senke und der
geklagte Tinnitus organische Unfallfolgen darstellen würden. Er verweist auf den
dokumentierten Vorzustand von 1992 und die Ausführungen des ORL-Facharztes
- 112 -
Dr. med. U._ sowie das Fehlen eines organischen Korrelats bei subjektivem
Tinnitus.
Die Beurteilung mit Bezug auf die gutachterlichen Aussagen zu muskuloskeletta-
len Zeichen beruht nicht auf einer eigenen Untersuchung des Versicherten, was
ihr indes keinen Abbruch tut: Die Stellungnahme von Dr. med. AG._ befasst
sich, wie dargelegt, ausschliesslich mit der Schlussfolgerung des Gutachters.
Dr. med. AG._ geht somit vom medizinischen Befund, der dem Gutachten
zugrunde liegt (verspannte Muskeln und Triggerpunkte), als gegeben aus und
nimmt eine fachärztliche Beurteilung vor. Diese Beurteilung der medizinischen Si-
tuation – dass aus einer geklagten körperlichen Beschwerde nicht ohne Weiteres
auf eine (hier unfallbedingte) körperliche Schädigung geschlossen werden kann –
leuchtet ohne Weiteres ein. Damit ergibt sich aus der Beurteilung des Neurologen
Dr. med. AG._, soweit sein Fachgebiet betreffend, das in Würdigung des
Gutachtens bereits Erwogene. Soweit Dr. med. AG._ sich als Neurologe un-
ter Bezugnahme auf den Bericht des ORL-Facharztes Dr. med. U._ zu ORL-
Befunden äussert, kommt der Stellungnahme keine eigenständige Bedeutung zu,
ebenso wenig wie der fachfremden Einschätzung zur Frage der Ursachen der
Chronifizierung der im Vordergrund stehenden psychischen Beschwerden des
Versicherten. Die Stellungnahme des versicherungsinternen Facharztes, soweit
"muskuloskelettale Zeichen" betreffend, ist bzw. wäre somit geeignet, (weitere)
Zweifel an der Schlüssigkeit des Gutachtens Prof. Dr. J._ zu wecken.
Aufgrund des zu Letzterem bereits Ausgeführten erübrigen sich weitere
Ausführungen.
- Der Bericht zur neurologischen Untersuchung von Dr. med. AG._ vom
6. Oktober 2003 (act. 4A/III/155), versicherungsinternen Facharzt, basiert auf der
zusammen mit dem versicherungsinternen Facharzt für Psychiatrie Dr. med.
AF._ durchgeführten Untersuchung des Versicherten vom 26. August 2003
(vgl. act. 4a/III/154). Zum Beweiswert von Berichten von versicherungsinternen
Fachärzten ist auf das hiervor (6.2.5.3 c) Ausgeführte zu verweisen. Der Bericht
wird von der Beklagten im Rahmen der Gegenbeweissätze, wonach Zeichen für
- 113 -
eine Aggravation oder Simulation vorliegen resp. der Versicherte ein deutlich dys-
funktionales Schmerzverhalten zeige (Beweissätze 2.1 und 2.2) angerufen.
In der "Vorgeschichte nach Aktenlage" finden sich Ungenauigkeiten bei der Wie-
dergabe der Vorakten, wie sie schon in früher erstellte ärztliche Berichte Eingang
gefunden haben: So, dass der Hausarzt Dr. F._ bei einer Erstkonsultation
am Unfallfolgetag eine eingeschränkte Beweglichkeit der HWS und eine Empfin-
dungsstörung der linken Schulter festgestellt habe. Wie erwogen, wurden die
fälschlicherweise auf den Unfallfolgetag verorteten Feststellungen des Hausarztes
Dr. med. F._ erstmals zwei Wochen nach dem Unfall im ersten Arztzeugnis
zuhanden der Klägerin festgehalten. Unzutreffend ist auch die weitere Feststel-
lung im Bericht, dass der Versicherte "gleichzeitig" über "multiple Symptome wie
Kopfschmerzen, Schwindel, Ohrensausen, Schwächegefühl im linken Arm" etc.
geklagt habe. Konkrete Angaben des Versicherten ähnlichen Inhalts finden sich
ausweislich der echtzeitlichen medizinischen Berichte erstmals drei Wochen nach
dem Schadenereignis bei Dr. med. G._ (vgl. hiervor 5.2). Nebst diesen Un-
genauigkeiten in der Zusammenfassung der Vorakten – die sich durchwegs "zu-
gunsten" des Versicherten auswirken in Form einer Vorverlagerung des Zeit-
punkts des erstmaligen Auftretens initialer Beschwerden und insbesondere von
deren erstmaliger Untersuchung – stützt sich der Berichtsverfasser auf sämtliche
in diesem Verfahren angerufenen medizinischen Berichte der ersten Jahre
(Hausarzt, Neurologen Dres. G._, H._ und R._, ORL-Fachärzte
Dres. D._ und U._, Klinikaufenthalte Bellikon, Valens, Rheinfelden, bio-
mechanischer Bericht Prof. N._, zudem neurologisches Gutachten Prof.
J._).
Zum Verhalten des Versicherten anlässlich der Untersuchung wird festgehalten:
Während der Anamneseerhebung halte der Geschädigte die ganze Zeit seine
rechte Hand am Hals, grimassiere ständig und zwinkere fortwährend mit den Au-
gen. Der Gang sei äusserst mühsam mit Hinken links und angedeutetem Schlep-
pen des linken Beines. Beim Sitzen sei ein ausgeprägtes Zittern der rechten Kör-
perhälfte, vor allem des rechten Beines, zu beobachten. In regelmässigen Ab-
ständen unterbreche der Versicherte das Gespräch und laufe hinkend im Zimmer
- 114 -
umher (S. 5). Die neurologische Untersuchung habe sich aufgrund einer massi-
ven psychischen Problematik ausserordentlich schwierig gestaltet. Bei der HWS-
Beweglichkeitsprüfung zeige sich eine massive Gegeninnervation in alle Richtun-
gen. Bei der Anamneseerhebung aber zeige der Geschädigte eine uneinge-
schränkte und wahrscheinlich schmerzfreie Beweglichkeit der HWS. Alle weite-
ren, nicht beeinflussbaren Untersuchungsbefunde seien normal ausgefallen. In
seiner Beurteilung (nach Auseinandersetzung mit der Aktenlage sowie ausführli-
cher Anamnese) kommt der Neurologe zum Schluss (Hervorhebung angefügt):
„Aufgrund der fehlenden Hinweise auf eine objektive somatische Läsion [kann]  Schätzung der Integritätsentschädigung [vorgenommen werden]. Nur basierend auf den Angaben dieses psychisch sehr auffälligen Patienten, bei radiologisch  Hinweisen auf irgendwelche strukturelle Läsion, würde ich ein  nur vermuten, welches m.E. eine Integritätsentschädigung von max. 5%  würde. Bei klinisch und radiologisch fehlenden Hinweisen auf eine  Läsion im Bereich des Achsenskeletts, der Weichteile oder im Bereich des Nervensystems, welche aufgrund des ermittelten Delta-V (11 km/h) nicht zu erwarten sind, stehen bei der heutigen neurologischen Untersuchung in Luzern psychische Beschwerden im Vordergrund, die m.E. in keinem Verhältnis zur  banalen Heckauffahrkollision stehen. “
Der Bericht berücksichtigt die geklagten Beschwerden, so unter anderem gegen-
über dem Hausarzt nicht geklagte initiale Schmerzen "in beiden Beinen". Im
Rahmen des Befunds sowie der Beurteilung finden sich die vorzitierten Beobach-
tungen zum Verhalten des Versicherten, daneben die Unmöglichkeit der Beurtei-
lung der Pupillen zufolge dauernden Zwinkerns, dass ein Finger-Nase-Versuch
demonstrativ beidseits daneben liege, keine schlüssigen Resultate resp. man-
gelnde Beurteilbarkeit der Sensibilität vorliege. Angesichts des beschriebenen
Verhaltens des Versicherten, der von Dr. med. AG._ aufgezeigten frühen
Ausweitung der Beschwerden und der ebenfalls schon in den Berichten der vor-
untersuchenden Ärzte festgehaltenen Hinweise auf eine psychische Überlagerung
ist der Schluss von Dr. med. AG._, dass das Vorliegen eines Zervikalsyn-
droms einzig aufgrund der Angaben des psychisch sehr auffälligen Patienten nur
vermutet werden könne, begründet und nachvollziehbar. Der Bericht ist damit ge-
eignet, die Behauptungen der Beklagten gemäss den Beweissätzen 2.1 und 2.2
zu stützen und (weitere) Zweifel am Vorliegen einer HWS-Schleuderverletzung
resp. dem Vorliegen von unfallbedingten Beschwerden zu wecken.
- 115 -
- Konsilium Prof. Dr. med. AK._, Schulthess Klinik, vom 13. Januar 2004
(act. 4B)
Prof. Dr. med. AK._, ... Arzt des Schmerzzentrums der Schulthess Klinik und
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, erstattete zuhanden der Beklagten
am 13. Januar 2004 ein Gutachten gestützt auf ihm in anonymisierter Form zur
Verfügung gestellte Akten (vgl. act. 4B). Das Aktengutachten wird von der Beklag-
ten im Rahmen des Gegenbeweises, dort zu Beweissatz 2.3, wonach nicht ganz
zwei Monate nach dem Unfall psychovegetative Symptome im Vordergrund ge-
standen hätten, angerufen.
Als Parteigutachten kommt dem Konsilium AK._ nicht der Stellenwert eines
Beweismittels, sondern von substantiierten Parteivorbringen zu (BGE 135 III 670
E. 3.3.1; 132 III 83 E. 3.4; 127 I 73 E. 3 f/bb; je mit Hinweisen). Wird darin eine
ernsthafte Auseinandersetzung einer fachlich kompetenten Person mit der Mate-
rie vorgenommen, so ist ein Parteigutachten im Rahmen der Beweiswürdigung zu
beachten (Urteile 4A_193/2008 vom 8. Juli 2008 E. 4.1; 4P.120/2005 vom
29. August 2005 E. 3). Es kann geeignet sein, die Erstellung eines (zusätzlichen)
Gutachtens zu rechtfertigen oder darzulegen, dass ein gerichtliches oder amtli-
ches Gutachten mangelhaft oder nicht schlüssig ist (Urteile 6B_829/2013 vom
6. Mai 2014 E. 4.1; 6B_215/2013 vom 27. Januar 2014 E. 1.2; je mit Hinweisen).
Dr. med. AK._ zeigt im Wesentlichen anhand der Vorakten auf, dass ab den
neurologischen Untersuchungen – nicht aber vorher – eine Nervosität beschrie-
ben worden sei, verweist auf die Gründe für den Arbeitsabbruch des Versicherten,
zeigt anhand der Vorakten Widersprüche im Verhalten und den Angaben des
Versicherten auf und setzt sich detailliert mit den früheren objektiven und subjek-
tiven Befunden und den ausführlichen Anamnesen auseinander. Er weist darauf
hin, dass der Versicherte in der Folge nicht in besonderer Art und Weise gefordert
gewesen sei; da keine Arbeitsleistung gefordert worden sei, hätten sich auch die
geklagten somatischen Beschwerden gar nicht auswirken können.
Das Parteigutachten wäre geeignet aufzuzeigen, dass das vom Versicherungsge-
richt eingeholte neurologische Gutachten mit der darin gestellten Diagnose resp.
https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/4b9693f3-8be1-4264-bc54-de2fbee0640b?citationId=e66a9ca7-b4da-4f02-a57a-a199b15df224&source=document-link&SP=2|q5p2vn https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/4b9693f3-8be1-4264-bc54-de2fbee0640b?citationId=e66a9ca7-b4da-4f02-a57a-a199b15df224&source=document-link&SP=2|q5p2vn https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/44e265a0-964d-4fb2-962e-354fad022197?citationId=20334dde-448c-4408-8874-b4cb0e26a3fb&source=document-link&SP=2|q5p2vn
- 116 -
eines "Status nach" Schleudertrauma sowie die darin – zudem fachfremd – wie-
dergegebene Diagnose einer posttraumatischen Anpassungsstörung mangelhaft
und nicht schlüssig ist. Zum nämlichen Ergebnis hat bereits die Würdigung des
Gutachtens geführt. Darüber hinaus kommt dem Parteigutachten, da kein Be-
weismittel, keine eigenständige Bedeutung zu.
b) Damit sind bzw. wären die von der Beklagten als Gegenbeweismittel angeru-
fenen Urkunden geeignet, weitere Zweifel am Vorliegen einer HWS-
Schleuderverletzung zu wecken.
c) Angesichts der erheblichen (zusätzlichen) Zweifel, die die von der Beklagten
zum Gegenbeweis angerufenen, echtzeitlichen medizinischen Berichte am Vor-
liegen einer HWS-Distorsion zu erwecken vermöchten, ist die beantragte Einho-
lung eines – einzig zum Gegenbeweis (Beweissätze 1.1, 1.3, Gegenbeweissätze
2.1 – 2.3) angerufenen – polydisziplinären Gutachtens entbehrlich. Ein solches
vermöchte am Beweisergebnis gemäss den im Recht liegenden Urkunden nichts
zu ändern: Wie aufgezeigt, fehlt es an objektiv nachweisbaren Beschwerden. All-
fällige im heutigen Zeitpunkt feststellbare objektivierbare Beschwerden liessen
sich aufgrund des Zeitablaufs nach 18 Jahren nicht mehr rechtsgenüglich auf das
Schadenereignis vom 7. April 1997 zurückführen. Damit hätte sich ein Gutachten
einerseits mit den im Recht liegenden, echtzeitlichen medizinischen Berichten
(Vorakten) und andererseits mit vom Versicherten im Rahmen einer neuerlichen
Anamnese geklagten Beschwerden zu befassen. Erstere (echtzeitliche medizini-
sche Berichte) wurden vorliegend eingehend gewürdigt; auf allfällige Angaben
des Versicherten wäre angesichts der aufgezeigten Vielzahl an widersprüchlichen
Angaben zu initialen Beschwerden nicht abzustellen. Damit hat es beim Beweis-
ergebnis gemäss den im Recht liegenden, echtzeitlichen Berichten sein Bewen-
den.
6.6. Weitere angerufene Urkunden ab 2001 (der Vollständigkeit halber)
a) Die Klägerin ruft zum Nachweis des Kausalzusammenhangs (Beweissatz 3.1)
schliesslich sechs Schreiben der Beklagten, datierend zwischen dem 10. Dezem-
ber 2001 und dem 4. Dezember 2003, an die Klägerin resp. die IV an (vgl.
- 117 -
act. 52). Da es sich dabei nicht um fachärztliche Berichte handelt, kommt diesen
zur Frage der Unfallkausalität von Beschwerden kein Beweiswert zu (BGE 119 V
335 E. 2b/aa). Die Schreiben beschlagen im Übrigen Ersuchen der Beklagten um
Informationen zu den Wiedereingliederungsbemühungen der IV, dies unter Hin-
weis darauf, dass auch gemäss Gutachten J._ eine vollständige Arbeitsfä-
higkeit innert ein bis zwei Jahren ab Begutachtungszeitpunkt bei geeigneter Hin-
führung wiedererlangt werden könne (act. 53/6, 53/7, act. 53/9, act. 4A/III/165),
weiter ein Ersuchen um Aktenzustellung (53/8) und eine Anfrage betreffend die
Bereitschaft der Klägerin zu einer interdisziplinären Begutachtung (act. 53/10).
Aus diesen Anfragen nach Wiedereingliederungsmassnahmen und interdisziplinä-
rer Begutachtung lässt sich jedenfalls eine Anerkennung von unfallkausalen Ge-
sundheitsbeeinträchtigungen nicht ableiten. Was darüber hinaus daraus abgelei-
tet wird, ist nicht ersichtlich.
b) Mit Noveneingabe vom 16. April 2015 (act. 66) reicht die Klägerin eine Verein-
barung zwischen der Beklagten und dem Versicherten vom 3./4. März 2015 zu
den Akten (act. 67), wonach die Beklagte ohne Präjudiz und ohne Anerkennung
einer Rechtspflicht in Abgeltung jeglicher Direktansprüche des Versicherten eine
Zahlung von CHF 120'000 geleistet habe. Weiter ergebe sich daraus, dass "of-
fenbar zuvor Akontoleistungen" von CHF 75'000 erbracht worden seien. Da ein
Grossteil des Schadenersatzanspruchs des Versicherten durch Subrogation auf
die Klägerin übergegangen sei, rechtfertige sich eine abweichende Behandlung
der Frage des Ersatzanspruchs im vorliegenden Verfahren nicht (act. 66 S. 3).
Die Noveneingabe ist zulässig (§ 115 ZPO/ZH). Die Vergleichsvereinbarung wird
als Hauptbeweismittel zu sämtlichen der Klägerin auferlegten Beweisen anerbo-
ten. Die Beklagte verweist auf den Wortlaut, wonach die Zahlung ausdrücklich
ohne Anerkennung einer Rechtspflicht erfolgt sei, sowie darauf, dass der Versi-
cherte auch einen Sachschaden erlitten und die Zahlung auch allfällige Ansprü-
che unter den Titeln Haushaltschaden, Genugtuung und insbesondere Anwalts-
kosten umfasst habe. Da der Versicherte bereits im sozialversicherungsgerichtli-
chen Verfahren anwaltlich vertreten gewesen sei, entfalle auf die Anwaltskosten
ein Betrag von rund CHF 50'000.- bis CHF 80'000.-. Eine Haftung, insbesondere
- 118 -
in Bezug auf den vorliegend geltend gemachten Dauerschaden mit Invaliditätsfol-
ge, sei seitens der Beklagten nie anerkannt worden (act. 72).
Aus der von der Klägerin eingereichten Vereinbarung vom 3./4. März 2015
(act. 67), wonach, wie zutreffend ausgeführt, ohne Anerkennung einer Rechts-
pflicht und per Saldo aller Ansprüche 18 Jahre nach dem Schadenereignis ein
Pauschalbetrag von CHF 120'000 geleistet wird, lässt sich weder zur Frage des
Gesundheitszustands noch zur Ursächlichkeit des Schadenereignisses vom 7.
April 1997 etwas ableiten. Wie erwogen, sind für die Beurteilung der natürlichen
Kausalität die möglichst frühzeitigen Einschätzungen von Fachärzten, soweit die-
se mit der Kausalitätsfrage (und nicht nur der Linderung von Schmerzen) befasst
waren, resp. ein zu dieser Frage eingeholtes, mängelfreies Gutachten massge-
blich. Entgegen der Auffassung der Klägerin ist eine Grundlage für einen An-
spruch auf "Gleichbehandlung" der eingeklagten Regressforderung mit der ver-
gleichsweise geregelten Direktforderung des Versicherten nicht ersichtlich. Mut-
massungen über mögliche Gründe für eine 18 Jahre nach dem Schadenereignis
getroffene Vereinbarung per Saldo aller Ansprüche mit dem bereits drei Wochen
nach dem Schadenereignis anwaltlich vertretenen Versicherten können daher un-
terbleiben, ebenso wie die Ergänzung des Beweisabnahmebeschlusses um die
zu sämtlichen Beweissätzen angerufene Vereinbarung.
6.7. Fazit zum Vorliegen einer HWS-Schleuderverletzung
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die angerufenen medizinischen Berichte
ab dem Jahr 2001 am Beweisergebnis gemäss den vorstehenden Erwägungen
nichts zu ändern vermögen. Damit ist der Nachweis, dass der Versicherte beim
Schadenereignis vom 7. April 1997 eine HWS-Schleuderverletzung erlitten hat
und seither daran leidet (Beweissätze 1.1, 1.3, 1.4 sowie 3.1), misslungen.
- 119 -
7. Zum Vorliegen einer unfallbedingten MTBI
7.1. Einleitend
Die Vorbringen der Klägerin in der Klageschrift zu erlittenen Gesundheitsbeein-
trächtigungen bestehen, wie erwähnt, im Wesentlichen in Zitaten aus einer Viel-
zahl von medizinischen und anderen Urkunden. Aufgrund der Ausführungen in
der Replik verblieb unklar, ob die Klägerin unter diesem Titel (auch) eine milde
traumatische Hirnverletzung (MTBI) geltend macht (vgl. act. 21 Rz. 28). Der Voll-
ständigkeit halber wurde auch diese, sich erst aus späteren medizinischen Berich-
ten ergebende Diagnose zum Beweis verstellt (Beweissatz 1.2). Mit Stellungnah-
me zum einstweiligen Beweisergebnis (act. 52 S. 3) hielt die Klägerin fest, dass
„die Frage des Erleidens einer leichten traumatischen Hirnverletzung nicht von
absolut zentraler Bedeutung sein dürfte“.
Die Diagnose einer MTBI steht in diesem Verfahren nicht im Vordergrund, zumal
daraus keine die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigenden Beschwerden abgeleitet
werden. Sie wurde vom Gerichtsgutachter Prof. Dr. J._ – dem als Vorakten
das Schreiben von Dr. R._ und der Austrittsbericht der Klinik Rheinfelden
(vgl. 4A/II/vor 98 S. 8 f.) vorlagen – nicht gestellt und in nur sehr allgemeiner, nicht
schlüssiger Form im Gutachten thematisiert. Die Diagnose fand dementsprechend
auch nicht Eingang in den Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons So-
lothurn.
7.2. Hauptbeweismittel der Klägerin
a) Zwei Schreiben von Dr. med. R._ vom 25. März und vom 22. Juni 1998
Die Diagnose einer MTBI wird erstmals im Kostengutsprachegesuch von Dr. med.
R._ vom 25. März 1998 (act. 4A/I/84) und dessen Schreiben vom 22. Juni
1998 an den Anwalt des Versicherten (act. 4A/II/vor 95) erwähnt. Zu verweisen ist
zunächst auf das zum geringen Beweiswert der Schreiben bereits Ausgeführte
(vgl. 6.2.5.2 e hiervor). Anzufügen bleibt im Rahmen des Beweissatzes 1.2 (Vor-
liegen einer MTBI) Folgendes:
- 120 -
Dr. med. R._ lagen weder die Berichte des M._ noch der biomechani-
sche Bericht (da alle erst im 1999 erstellt) vor noch wird Bezug genommen auf
den Polizeirapport und die vom Hausarzt bei der erstmaligen Untersuchung do-
kumentierten Angaben des Versicherten noch findet eine Auseinandersetzung mit
unbestrittenen Umständen des Nachunfallverhaltens statt (Angabe von keinerlei
Verletzungen am Unfallort, keinerlei Verwirrung, kein Kopfanprall, keine Sympto-
me einer MTBI gegenüber dem Hausarzt erwähnt). Ebenso wenig wird in Betracht
gezogen, dass nebst dem Zeitablauf als solchem weitere Umstände im Verlaufe
des Jahres seit dem Heckauffahrunfall bis zur erstmaligen Diagnose einer MTBI
dazugekommen sein können, derentwegen sich der Versicherte an einen spezifi-
schen Aspekt des gemäss biomechanischem Bericht (act. 4A/II/vor 97, S. 6) ins-
gesamt maximal eine Sekunde dauernden, überraschenden und gemäss Angabe
des Versicherten nicht eindrücklichen Geschehens ein Jahr später nicht zu erin-
nern vermag (oder dies zumindest so aussagt), so beispielsweise die dokumen-
tierte Einnahme einer Vielzahl von Psychopharmaka. Die Erwähnung einer MTBI
basiert damit ausschliesslich auf den Angaben des Versicherten annähernd ein
Jahr nach dem Schadenereignis und wird weder durch einen Verweis auf einen
zeitnah nach dem Schadenereignis erhobenen Hirnnervenbefund noch ein Re-
flexbild etc. gestützt. Die in den Schreiben erwähnte Diagnose einer MTBI ist da-
mit weder nachvollziehbar begründet, noch trägt sie den unbestrittenen konkreten
Umständen des Unfallhergangs Rechnung, noch wird den Vorakten Rechnung
getragen. Mit den angerufenen Schreiben ist das Vorliegen einer MTBI nicht
nachgewiesen.
b) Arztbericht/Austrittsbericht der Klinik Rheinfelden vom 10./11. August 1998
Wie hiervor dargelegt, ist der Arztbericht der Klinik Rheinfelden, Dr. med.
AC._, an die IV-Stelle vom 11. August 1998 (act. 53/3, dort 7-seitiges Bei-
blatt) im umfassenderen Austrittsbericht im Schreiben von Dr. med. AC._
vom 10. August 1998 an den zuweisenden Neurologen Dr. med. R._ (act.
4A/II/vor 95) enthalten. Der Formularbericht zuhanden der IV (samt 1-seitigem
Beiblatt) enthält weder Befunde noch Diagnosen.
- 121 -
Der Rheumatologe und Facharzt für innere Medizin Dr. med. AC._ stellt 15
Monate nach dem Schadenereignis im Austrittsbericht vom 10. August 1998 (act.
4A/II vor 95) die Diagnose einer milden traumatischen Hirnverletzung (MTBI). Er
stützt diese einzig und ausdrücklich auf die Angabe des Versicherten, sich nicht
daran zu erinnern, wie er in das vor ihm stehende Fahrzeug gestossen worden
sei, und auch nicht an den Knall des Aufpralls (S. 1), und hält gleichzeitig fest,
dass der Versicherte nach der Kollision klar im Kopf und weder verwirrt noch des-
orientiert gewesen sei. Unberücksichtigt blieb, dass der Versicherte nach dem
Schadenereignis sein abgeschlepptes Fahrzeug selber über eine längere Distanz
steuerte (Aarau bis ...). Einzig aufgrund der erwähnten Patientenangabe über ein
Jahr nach dem Schadenereignis wird eine klare amnestische Lücke festgehalten.
Zu verweisen ist auf das hiervor zu den Schreiben von Dr. med. R._ bereits
Ausgeführte.
Die Diagnose einer MTBI, die erstmals rund ein Jahr nach dem Schadenereignis
ohne Begründung in das vorerwähnte Zuweisungsschreiben von Dr. med.
R._ Eingang fand, steht schliesslich im Widerspruch zu den Einschätzungen
von Prof. Dr. med. N._, aber auch des Gutachters zuhanden des Versiche-
rungsgerichts (vgl. nachfolgend). Von früheren behandelnden und untersuchen-
den Ärzten wurde die Diagnose weder gestellt noch auch nur diskutiert. Einzig auf
Grund einer vom Patienten rund ein Jahr nach dem Schadenereignis geschilder-
ten mangelnden Erinnerung daran, wie er genau in das vordere Fahrzeug ge-
schoben worden sei, eine milde traumatische Hirnverletzung (MTBI) zu diagnosti-
zieren, erscheint als eine Mutmassung, zumal die Diagnose sich auf nichts ande-
res als diese Patientenangabe stützt und angesichts des Zeitablaufs auch stützen
kann. Es wird auch im Bericht Rheinfelden weder auf einen zeitnah nach dem
Schadenereignis erhobenen Hirnnervenbefund noch ein Reflexbild Bezug ge-
nommen. Es ist davon auszugehen, dass die erstmals von Dr. med. R._
(aufgrund einer Patientenangabe) gestellte Diagnose einer MTBI unbesehen in
den Austrittsbericht Rheinfelden übernommen wurde.
c) Dem Schreiben der Psychiatrischen Dienste des Kantons Solothurn an die IV-
Stelle vom 20. Mai 1998 (act. 53/2) kommt, wie hiervor dargelegt (vgl. 6.2.5.2 g),
- 122 -
kein Beweiswert zu. Es handelt sich weder um einen medizinischen Bericht im
Sinne der Rechtsprechung, noch werden die wiedergegebenen fachfremden Di-
agnosen begründet.
d) Dem Schreiben von Dr. med. AI._ vom 27. Februar 2002 [recte: 2003]
(act. 4A/III/133), verfasst vom behandelnden Psychotherapeuten des Versicherten
sechs Jahre nach dem Schadenereignis, kommt, da eine Diagnose ausserhalb
seines Fachgebiets betreffend, mangels einer objektiven Grundlage in Form von
eigenen Untersuchungen, aber auch aufgrund des genannten Erstellungszeit-
punktes sechs Jahre nach dem Schadenereignis, zur Frage des Vorliegens einer
beim Schadenereignis vom 1997 erlittenen MTBI kein Beweiswert zu.
e) Dasselbe gilt für die "neurologische Beurteilung" von Dr. med. AJ._ vom
13. September 2004 (act. 4A/III/175), die zur Unfallkausalität angerufen wird (Be-
weissatz 3.1). Der Bericht befasst sich einzig mit der Überprüfung der verfügten
Höhe der Integritätsentschädigung. Die unter diesem Titel (erlittene MTBI) vom
Versicherten geforderte Entschädigung erachtet der Verfasser als richtigerweise
mit der Entschädigung für die psychiatrische Störung abgegolten und verweist im
Übrigen auf die kontroverse Beurteilung eines solchen Befunds. Damit lässt sich
aus der Urkunde nichts für das Vorliegen einer MTBI ableiten.
7.3. Gegenbeweismittel der Beklagten
a) Prof. Dr. med. N._ hält im biomechanischen Bericht vom 12. September
1999 (act. 4A/II/vor 97 S. 6 f.) fest, dass die Entstehungsmöglichkeit einer MTBI
bei Fehlen eines Kopfanpralls an harte Strukturen (d.h. Kopfstütze ausgenom-
men) und fehlender Bewusstlosigkeit und Amnesie bei den vorliegend nicht
übermässigen biomechanischen Belastungen aus biomechanischer Sicht nicht
erklärbar sei. Die Diagnose werde leider häufig fast automatisch und oft nur ver-
dachtsmässig gestellt, ohne dass die Umstände der Kollision technisch-
unfallanalytisch und biomechanisch genügend genau bekannt seien. Er verweist
sodann auf den psychologisch ungünstigen Einfluss einer solchen Diagnose, die
zu einer weiteren Traumatisierung des Patienten führen könne. Der Einschätzung
von Prof. Dr. med. N._ kommt erhebliches Gewicht zu, da sie sich – im Ge-
- 123 -
gensatz zu den Schreiben von Dr. med. R._ und dem Austrittsbericht Rhein-
felden – auf die nunmehr technisch erstellte, unbestrittene (geringe) Heftigkeit des
Unfallereignisses und die sich daraus ergebenden Konsequenzen in biomechani-
scher Hinsicht stützt. Die Berichte des M._ wie auch der biomechanische Be-
richt lagen, wie erwähnt, erst im 1999, rund ein Jahr nach der von Dr. med.
R._ erstmals gestellten Diagnose, vor. Damit ist der zum Gegenbeweis an-
gerufene biomechanische Bericht geeignet, weitere erhebliche Zweifel an den Di-
agnosen der Dres. R._ und AC._ zu wecken.
b) Die Diagnose einer MTBI wird von Prof. Dr. med. J._ im zuhanden des
Versicherungsgerichts erstatteten neurologischen Gutachten vom 11. August
2000 (act. 4A/II/vor 98), dem als Vorakten auch die Schreiben von Dr. R._
und der Austrittsbericht Rheinfelden vorlagen, nicht gestellt und die Frage nur in
nur sehr allgemeiner, nicht schlüssiger Form überhaupt thematisiert.
c) Der Bericht von Dr. med. AG._, Facharzt Neurologie, vom 14. September
2001 (act. 4A/II/98) ist eine Stellungnahme zum Gerichtsgutachten Prof. Dr. med.
J._. Es äussert sich zu den vom Gutachter gezogenen Schlussfolgerungen
aus dem Vorliegen von muskuloskelettalen Zeichen, nicht aber zur Frage einer
MTBI, zumal eine solche Diagnose, wie gesehen, auch im Gutachten Prof. Dr.
med. J._ nicht gestellt wurde.
d) Hinsichtlich des Konsiliums von Prof. Dr. med. AK._, Schulthess Klinik,
vom 13. Januar 2004 (act. 4B) ist auf 6.5.3 hiervor zu verweisen. Es handelt sich
um ein Parteigutachten anhand der Vorakten, dem der Stellenwert von substanti-
ierten Parteibehauptungen zukommt. Die Ausführungen erschöpfen sich in einer
Zusammenfassung von in diesem Verfahren angerufenen, echtzeitlichen medizi-
nischen Berichten. Dem Parteigutachten kommt vorliegend nicht die Funktion zu
aufzuzeigen, dass die Erstellung eines (zusätzlichen) Gutachtens zur Frage einer
MTBI angezeigt oder ein eingeholtes gerichtliches oder amtliches Gutachten
mangelhaft oder nicht schlüssig ist (vgl. Urteile 6B_829/2013 vom 6. Mai 2014 E.
4.1; 6B_215/2013 vom 27. Januar 2014 E. 1.2; je mit Hinweisen), zumal die Diag-
nose einer MTBI im Gerichtsgutachten J._ nicht gestellt wurde und der Par-
teigutachter zum gleichen Schluss gelangt.
https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/4b9693f3-8be1-4264-bc54-de2fbee0640b?citationId=e66a9ca7-b4da-4f02-a57a-a199b15df224&source=document-link&SP=2|q5p2vn https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/4b9693f3-8be1-4264-bc54-de2fbee0640b?citationId=e66a9ca7-b4da-4f02-a57a-a199b15df224&source=document-link&SP=2|q5p2vn https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/44e265a0-964d-4fb2-962e-354fad022197?citationId=20334dde-448c-4408-8874-b4cb0e26a3fb&source=document-link&SP=2|q5p2vn
- 124 -
7.4. Fazit zum Vorliegen einer MTBI
Eine MTBI wird anhand klinischer Kriterien im Akutstadium diagnostiziert. In der
Postakutphase ist die Diagnosestellung bedeutend schwieriger. Relevant ist in
dieser Situation vor allem die Wertung der dokumentierten klinischen Symptome
Bewusstseinsverlust, Amnesie, qualitative Bewusstseinsveränderung. Solche kli-
nischen Symptome sind vorliegend nicht dokumentiert.
Gemäss unbestrittenem Sachverhalt kam es weder zu einem Kopfanprall an harte
Strukturen noch zu einer Bewusstlosigkeit noch wurde eine retro- und/oder an-
terograde Amnesie dokumentiert. Der Versicherte war eigenen Angaben zufolge
nicht verwirrt, sondern in der Lage, Entscheidungen zu treffen und Fragen zu be-
antworten (vgl. Polizeirapport). Er war weiter in der Lage, seinen Wagen zunächst
selber zum Bahnhof Aarau und hernach den abgeschleppten Wagen über eine
längere Distanz von Aarau nach ... zu steuern. Eine MTBI wurde von keinem der
untersuchenden Ärzte in den ersten 11 Monaten nach dem Schadenereignis di-
agnostiziert noch auch nur in Erwägung gezogen. Gegenüber dem eigens wegen
des Schadenereignisses aufgesuchten Hausarzt erwähnte der Versicherte zwei
Wochen nach dem Schadenereignis keines der typischen Symptome einer MTBI
(Verwirrung, Schwerbesinnlichkeit, Benommenheit etc.). Die erstmals knapp ein
Jahr nach dem Schadenereignis einzig aufgrund der Angaben des Versicherten
gestellte Diagnose in den Schreiben von Dr. med. R._ und dem Austrittsbe-
richt Rheinfelden stützt sich auf keine objektive Grundlage. Der zum Gegenbe-
weis angerufene Bericht Prof. Dr. med. N._ erachtet unter Berücksichtigung
der unbestrittenen konkreten Umstände des Schadenereignisses und der ihm vor-
liegenden technischen Unfalldaten das Vorliegen eines MTBI denn auch als bio-
mechanisch nicht erklärbar. Die weiteren angerufenen Beweismittel ab dem Jahr
2001 vermögen hieran, wie dargelegt, nichts zu ändern. In Würdigung der angeru-
fenen Beweismittel ist aus den dargelegten Gründen nicht erstellt, dass der Versi-
cherte beim Schadenereignis vom 7. April 1997 eine MTBI erlitten hat.
- 125 -
8. Zum Vorliegen einer unfallbedingten posttraumatischen Anpassungsstörung
8.1. Vorliegen einer psychischen Störung
Bevor auf die angerufenen Beweismittel zu den Beweissätzen 1.5 (Vorliegen ei-
ner posttraumatischen Anpassungsstörung) und 3.1 (Unfallkausalität der Störung)
eingegangen wird, ist festzuhalten, dass ausweislich der Akten als erstellt zu be-
trachten ist, dass beim Versicherten einige Monate nach dem Schadenereignis
erstmals Anzeichen einer psychischen Störung festgestellt und die zum Beweis
verstellte Diagnose gestellt wurde.
Auch nach dem Dafürhalten der Beklagten standen bereits früh psychische Be-
schwerden beim Versicherten im Vordergrund. Diese würden sich jedoch nicht auf
das objektiv geringfügige und subjektiv ebenso empfundene Schadenereignis als
Ursache zurückführen lassen (act. 12 Rz. 60, 67, 99; act. 25 Rz. 62, 75). Weder
seien beim Versicherten die entsprechenden Symptome (so Angst) festgestellt
worden, noch habe er sich gegenüber den Ärzten dahingehend geäussert, dass
er das Schadenereignis als belastend empfunden habe (act. 25 Rz. 63). Bestritten
werden somit die Diagnose einer posttraumatischen Anpassungsstörung und die
Ursächlichkeit des Schadenereignisses für die Störung.
8.2. Diagnose „posttraumatische Anpassungsstörung“
Eine posttraumatische Anpassungsstörung ist ein Zustand von subjektiver Be-
drängnis und emotionaler Beeinträchtigung, der während eines Anpassungspro-
zesses nach einer entscheidenden Lebensveränderung oder nach belastenden
Ereignissen (posttraumatisch) auftritt. Die Bandbreite möglicher belastender Er-
eignisse ist gross und reicht vom Trauerfall bis zu einer persönlichen Krise des
Betroffenen (Arbeitsplatzverlust). Die individuelle Prädisposition oder Vulnerabili-
tät spielt beim möglichen Auftreten und bei der Form der Anpassungsstörung eine
bedeutsame Rolle; es ist jedoch davon auszugehen, dass das Krankheitsbild oh-
ne die Belastung nicht entstanden wäre. Die Symptome umfassen depressive
Stimmung, Angst, Sorge oder eine Mischung derselben (DILLING/FREYBERGER
a.a.O., S. 175 ff.).
- 126 -
Zu den obligatorischen diagnostischen Kriterien einer Anpassungsstörung gehö-
ren eine identifizierbare psychosoziale Belastung von nicht aussergewöhnli-
chem/katastrophalem Ausmass und der Beginn der Symptome innerhalb eines
Monats. Es zeigen sich Symptome und Verhaltensstörungen, wie sie auch bei af-
fektiven Störungen, somatoformen Störungen und Störungen des Sozialverhal-
tens auftreten, ohne dass die obligatorischen Kriterien einer dieser Störungen er-
füllt sind. Die Symptome einer Anpassungsstörung dauern nicht länger als sechs
Monate nach Ende der Belastung oder ihrer Folgen an, ausser bei einer längeren
depressiven Reaktion (F 43.21), die bis zu zwei Jahre ab dem belastenden Ereig-
nis diagnostiziert werden kann. Diese Diagnose (F 43.21) wurde in keinem der
angerufenen medizinischen Berichte gestellt.
8.3. Fehlen einer HWS-Distorsion als Ursache
Wie gezeigt, ist gemäss Ergebnis des Beweisverfahrens nicht erstellt, dass der
Versicherte beim Schadenereignis eine HWS-Schleuderverletzung erlitten hat.
Damit sind durch einen Schleudermechanismus verursachte, nicht objektivierbare
körperliche Beschwerden nicht Ursache für die nachfolgend eingetretene psychi-
sche Störung. Bereits nach dem ersten Klinikaufenthalt (Bellikon) wurde einzig die
Weiterführung der dort begonnenen Psychotherapie als angezeigt erachtet, nicht
aber eine Behandlung von geklagten körperlichen Beschwerden.
Durch einen Schleudermechanismus verursachte körperliche Beschwerden führ-
ten demnach auch nicht zu einer Arbeitsunfähigkeit des Versicherten, die ihrer-
seits eine initiale psychische Reaktion hätte bewirken können. Wie im Einzelnen
ausgeführt, brachten sämtliche Ärzte, einschliesslich des Hausarztes, die den
Versicherten in den ersten beiden Monaten nach dem Schadenereignis behandel-
ten oder untersuchten, Zweifel an der Glaubhaftigkeit der geklagten Beschwerden
zum Ausdruck. Mehrere Ärzte, darunter der Hausarzt, bezeichneten in ihren Be-
richten eine schnelle Reintegration des Versicherten in den Arbeitsprozess viel-
mehr als notwendig und dem Versicherten zumutbar bzw. eine "Belohnung" durch
weitere Attestierung von Arbeitsunfähigkeit, so der Hausarzt, als kontraproduktiv.
Wie zu den angerufenen Gegenbeweismitteln hiervor erwogen, bezeichnete Dr.
- 127 -
med. F._, der die hausärztliche Betreuung in den Jahren nach dem Scha-
denereignis leistete, auch im Unfallfolgejahr die Reintegration in den Arbeitspro-
zess als dringend angezeigt.
In Einklang mit dem Gesagten werden zum Vorliegen einer posttraumatischen
Anpassungsstörung und zur Unfallkausalität der psychischen Störung keine Be-
richte und Schreiben der Ärzte, die den Versicherten in den ersten Monaten nach
dem Schadenereignis vom 7. April 1997 behandelt oder untersucht haben, ange-
rufen. Der früheste angerufene Bericht datiert vom 26. August 1997 (Austrittsbe-
richt Bellikon). Ein Auftreten von Symptomen einer posttraumatischen Anpas-
sungsstörung innerhalb der ersten Monate nach dem Schadenereignis ist weder
behauptet noch anhand der Beweislage zu Beweissatz 1.5 (Vorliegen einer post-
traumatischen Anpassungsstörung) nachweisbar. Damit fehlt es am Nachweis
des Beginns der Symptome innerhalb eines Monats nach dem Schadenereignis
und damit eines obligatorischen diagnostischen Kriteriums, weshalb sich die Fra-
ge stellt, ob das Schadenereignis die identifizierbare psychosoziale Belastung
(das belastende Ereignis) darstellt. Festzuhalten ist, dass aus der Diagnose einer
posttraumatischen Anpassungsstörung als solcher, soweit in einem beweiskräfti-
gen medizinischen Bericht gestellt (vgl. nachfolgend im Einzelnen), nicht ohne
Weiteres der Schluss gezogen werden kann, dass die psychische Störung durch
das Schadenereignis verursacht wurde (vgl. die Beweissätze 1.5 und 3.1). Dies
käme der beweisrechtlich unzulässigen Vermutung gleich, dass Beschwerden, die
zeitlich nach einem Schadenereignis aufgetreten sind, ohne Weiteres auf dieses
zurückzuführen sind (post hoc ergo propter hoc). Definitionsgemäss liegt eine
posttraumatische Anpassungsstörung, wie erwogen, vor bei einer psychischen
Reaktion auf eine identifizierbare psychosoziale Belastung mit Symptomen, wie
sie auch bei anderen psychischen Störungen vorliegen können (ICD-10 F 43.2).
Damit ist wesentlich, auf welchen initialen tatbeständlichen Grundlagen die ange-
rufenen Berichte fussen und somit insbesondere, ob der Diagnose einer post-
traumatischen Anpassungsstörung eine – nunmehr als nicht stattgehabt erstellte
– HWS-Schleuderverletzung aufgrund anamnetischer Feststellungen als gegeben
- 128 -
zugrunde gelegt wird. Im Übrigen gelten die Anforderungen an den Beweiswert
von Arztberichten gemäss ständiger Praxis des Bundesgerichts (BGE 125 V 351).
8.4. Beweisverfahren (Beweissätze 1.5 und 3.1)
a) Die zum Nachweis des Vorliegens einer posttraumatischen Anpassungsstö-
rung (Beweissatz 1.5) angerufenen Berichte werden – mit Ausnahme des Schrei-
bens von Dr. med. R._ vom 22. Juni 1998 (act. 4A/II/vor 95) und des Arztbe-
richts der behandelnden Ärztin Dr. med. S._ vom 7. Oktober 1997 (act.
4A/I/44) – durchwegs auch zur Frage der Unfallkausalität (Beweissatz 3.1) ange-
rufen (vgl. act. 55 S. 8 und 12). In Würdigung der Berichte (chronologisch) ergibt
sich das Folgende:
- Der Bericht zum psychosomatischen Konsilium der Rehaklinik Bellikon vom
13. Juni 1997 (act. 4A/I/vor 20) ist der früheste medizinische Bericht, der psychi-
sche Beschwerden des Versicherten nach dem Schadenereignis festhält. Er geht
von der Eintrittsdiagnose „Status nach HWS-Distorsionstrauma infolge Auffahrun-
fall“ aus und stellt die Diagnose einer posttraumatischen Anpassungsstörung mit
agitiert-depressiven Zügen und prononcierter psychovegetativer Symptomatik
(ICD-10: F 43.25). Dem Bericht ist unter „Angabe des Patienten“ zum Vorliegen
von Angstsymptomen zu entnehmen, dass der Versicherte lediglich bei Höhenex-
position Angst habe, nicht sonderlich als Beifahrer im Auto, und dass er vom Un-
fall nie geträumt habe; dieser sei nicht so dramatisch gewesen. Darüber hinaus
führt der Versicherte aus, dass er bei der kreisärztlichen Untersuchung stärksten
Schmerzen ausgesetzt gewesen („laut aufgeschrien“), er „als Simulant hingestellt“
worden und ihm eine Behandlung beim Spezialisten Dr. R._ in Basel verwei-
gert worden sei. Sorge bereite ihm seine Zukunft, insbesondere, wie es mit seiner
Familie weitergehen solle, die er aufgrund seines gereizten Verhaltens wegen
Lärmintoleranz zu zerstören glaubt. Soweit sich der Austrittsbericht Bellikon bzw.
der Bericht zum psychosomatischen Konsilium zu den Umständen, die aus Sicht
des Versicherten belastend waren, äussert, ergibt sich daraus, dass das Scha-
denereignis als solches nicht eindrücklich war und nach eigener Angabe des Ver-
sicherten keine Angstsymptome auslöste. Als psychosozial belastend bzw. krän-
- 129 -
kend und verletzend empfunden wurde vom Versicherten die ihm widerfahrene
Behandlung bei der Untersuchung und Schadenfallbearbeitung. Im Übrigen äus-
sert sich der Bericht zur Frage der Unfallkausalität nicht. Der Berichtsverfasser
setzt die Diagnose einer HWS-Distorsion als gegeben voraus und äussert sich
nicht dazu, dass in den ersten Monaten nach dem Schadenereignis keine Symp-
tome einer Anpassungsstörung festgehalten wurden. Zu verweisen ist im Übrigen
auf das bereits Ausgeführte zur unvollständigen Aktenlage (vgl. 6.2.5.2 d). Soweit
im Rahmen der Exploration der Frage des belastenden Ereignisses als erstem
obligatorischem Kriterium einer posttraumatischen Anpassungsstörung nachge-
gangen wurde, sind die diesbezüglichen Ausführungen nicht geeignet, die Ur-
sächlichkeit des Schadenereignisses als solches nachzuweisen.
- Zum Bericht Dr. med. S._ des Ambulatoriums der psychiatrischen Klinik
Solothurn vom 7. Oktober 1997 (act. 4A/I/44) ist festzuhalten, dass er nicht auf ei-
ner vollständigen Aktenlage beruht: Bezug genommen wird einzig auf die initiale
ORL-Behandlung sowie den Aufenthalt in Bellikon. Der Patient befinde sich seit-
her (einzig) in hausärztlicher Weiterbetreuung. Da Dr. med. S._ den Patien-
ten erst seit dem Austritt aus der Rehaklinik Bellikon bzw. dem 7. August 1997 im
psychiatrischen Ambulatorium Solothurn betreute, konnte die behandelnde Ärztin
von vornherein keine eigenen Feststellungen zum psychischen Befinden des Ver-
sicherten und damit allfälligen Symptomen einer Anpassungsstörung in den ers-
ten vier Monaten nach dem Schadenereignis machen. Zu den Versicherten belas-
tenden Faktoren geht aus dem Bericht hervor, dass der Versicherte „Zukunfts-
ängste in beruflicher wie familiärer Hinsicht“ habe, dass in der Familie grosse
Spannungen aufgetreten seien und es zu Streitigkeiten zwischen den Ehepart-
nern und zu schwierigen Situationen mit dem Sohn gekommen sei. Feststellun-
gen dazu, dass das Unfallereignis als solches bzw. eine subjektive Eindrücklich-
keit desselben Grund für die psychischen Beschwerden des Versicherten wären,
finden sich keine. Weiter ist festzustellen, dass sowohl bei der als Behandlungs-
grund wiedergegebenen Diagnose der Klinik Bellikon („posttraumatische Anpas-
sungsstörung [...]“) als auch der unter „Beurteilung“ gestellten Diagnose („trauma-
tische Anpassungsstörung [...]“) die Worte „posttraumatisch“ resp. „traumatisch“
im Originalbericht in den A._-Akten nachträglich durchgestrichen wurden.
- 130 -
Festzustellen ist schliesslich, dass sich die behandelnde Assistenzärztin im psy-
chiatrischen Ambulatorium zur Frage der Unfallkausalität der psychischen Be-
schwerden nicht äussert, was allerdings auch nicht ihre Aufgabe als betreuende
Ärztin war. Dementsprechend wurde der Bericht zwar zum Vorliegen einer „post-
traumatischen Anpassungsstörung“ (Beweissatz 1.5), nicht aber dazu angerufen,
ob die (psychischen) Beschwerden resp. die zum Beweis verstellte Störung auf
das Schadenereignis vom 7. April 1997 zurückzuführen ist (Beweissatz 3.1). Dem
Bericht kommt insofern ein Beweiswert zu, als die behandelnde Ärztin im psychi-
atrischen Ambulatorium für die Zeit zwischen August und Oktober 1997 die vom
Versicherten selbst angegebenen, ihn belastenden Faktoren festhielt, wozu das
Schadenereignis als solches oder eine subjektive Eindrücklichkeit desselben, wie
aufgezeigt, nicht gehört. Damit ist der Bericht nicht geeignet (und nicht angerufen)
zum Nachweis der Unfallkausalität der psychischen Beschwerden.
- Im Austrittsbericht der Klinik Valens vom 11. Dezember 1997 (act. 4A/I/55, vgl.
hiervor 6.2.5.2 d) wird eine posttraumatische Anpassungsstörung diagnostiziert
und nach zehntägigem Aufenthalt eine Zuweisung an die psychiatrische Klinik
veranlasst, da eine somatische Rehabilitation gar nicht möglich sei. Festgehalten
wird, dass sämtliche Punkte im Waddell-Test positiv gewesen seien und die psy-
chiatrische Problematik, die sich sekundär entwickelt habe, deutlich im Vorder-
grund stehe. Der Bericht befasst sich nicht mit der Ursache der Beschwerden,
einschliesslich der als im Vordergrund stehend bezeichneten psychischen Prob-
lematik. Erstellt wurde er vom Assistenzarzt Dr. med. AD._, visiert vom
Rheumatologen Dr. med. AE._. Eine Exploration der Ursache der psychi-
schen Störung findet sich darin dementsprechend nicht. Zu verweisen ist auf das
bereits Ausgeführte (vgl. 6.2.5.2 d), wonach der Bericht auf einer unvollständigen
Voraktenlage basiert und aufgrund der Angaben des Versicherten von einem zu
heftigen Auffahrereignis ("geschleudert") sowie einem nicht erstellten Auftreten
heftiger initialer Schmerzen nach 12 Stunden ausgeht. Die Diagnose einer post-
traumatischen Anpassungsstörung setzt sodann die Diagnose "HWS-
Distorsionstrauma" als gegeben voraus. Aus den aufgezeigten Gründen kommt
dem Bericht, in welchem die fachfremde Diagnose einer posttraumatischen An-
passungsstörung gestellt wird und der sich zu den Ursachen im Übrigen nicht
- 131 -
äussert, keine Eignung zum Nachweis einer unfallbedingten posttraumatischen
Störung zu.
- Der Einsprache des Hausarztes Dr. med. F._ vom 29. Januar 1998 (act.
4A/I/69), angerufen zur Frage der Unfallkausalität (Beweissatz 3.1), kommt kein
eigenständiger Beweiswert zu, da der Hausarzt darin auf den Bericht der psychi-
atrischen Klinik Wyss, der in diesem Verfahren nicht als Beweismittel angerufen
wurde, und den Bericht der behandelnden Ärztin Dr. S._, der zur Frage der
Unfallkausalität ebenfalls nicht angerufen wurde, verweist.
- Im Arztbericht des Hausarztes Dr. med. F._ vom 25. März 1998 an die IV -
Stelle Solothurn (act. 53/1) werden die Diagnosen „HWS Distorsionstrauma“ und
„posttraumatische Anpassungsstörung [...]“ wiedergegeben. Es handelt sich um
einen Verlaufsbericht, der nicht auf neuerlicher Untersuchung basiert (vgl. S. 2).
Da Dr. F._ Allgemeinmediziner und zudem der Hausarzt des Versicherten
ist, war er mit der Ursache der Beschwerden nicht befasst. Es ist dem Bericht
immerhin zu entnehmen, dass der Allgemeinpraktiker Dr. F._, der den Versi-
cherten schon vor, aber auch Jahre nach dem Schadenereignis (vgl. act. 53/4)
hausärztlich begleitete, berufliche Reintegrationsmassnahmen als dringend ange-
zeigt erachtete und solchen aus Sicht des Berichtsverfassers somit weder psychi-
sche noch physische Beschwerden entgegenstanden. Hinsichtlich des psychi-
schen Befindens seines Patienten findet sich die Feststellung, dass der zwi-
schenzeitliche Arbeitsplatzverlust „weiterhin einen psychischen Knick“ des Versi-
cherten zur Folge gehabt habe. Der Bericht ist damit nicht geeignet, eine unfall-
bedingte posttraumatische Anpassungsstörung (insbesondere keine eine Arbeits-
unfähigkeit bewirkende) nachzuweisen.
- Den Schreiben des Neurologen Dr. med. R._ vom 25. März resp. 22. Juni
1998 (act. 4A/I/84 und 4A/II/vor 95) kommt kein Beweiswert für die Frage der Un-
fallkausalität von psychischen Beschwerden zu, da Dr. med. R._ weder
Facharzt für Psychiatrie ist noch die wiedergegebene fachfremde Diagnose be-
gründet wird. Vgl. im Übrigen schon hiervor 6.2.5.2.
- 132 -
- Der Austrittsbericht im Schreiben der Rehaklinik Rheinfelden an Dr. med.
R._ vom 10. August 1998 (act. 4A/II/vor95), darin enthalten der ebenfalls an-
gerufene Arztbericht Rheinfelden vom 11. August 1998 an die IV-Stelle Solothurn
(act. 53/3), wurde von Dr. med. AC._, Facharzt Rheumatologie und innere
Medizin, und damit nicht von einem Facharzt für Psychiatrie verfasst. Erwähnt
wird im Bericht eine Betreuung durch einen Psychologen während des Aufent-
halts. Damit ist der Bericht, da nicht von einem Facharzt erstellt, nicht geeignet
zum Nachweis einer posttraumatischen Anpassungsstörung oder der Unfallur-
sächlichkeit einer solchen psychischen Störung. Dem Bericht kommt insofern ein
Beweiswert zu, als er die Angaben des Versicherten zu den von ihm als traumati-
sierend empfundenen "Begleitumständen" im Rahmen der Anamnese dokumen-
tiert.
Der Bericht setzt sich an mehreren Stellen mit diesen "Begleitumständen" ausei-
nander, die als "traumatische Erlebnisse" den Versicherten in seinem Selbstbe-
wusstsein tief gekränkt und den Krankheitsverlauf "auf das Schwerste ungünstig
beeinflusst" hätten. Keinerlei Erwähnung in Zusammenhang mit der Traumatisie-
rung des Versicherten findet das Schadenereignis selbst, eine allfällige subjektive
Eindrücklichkeit desselben, dadurch ausgelöste Angstsymptome oder ähnliches.
Zu diesen traumatisierenden Erlebnissen oder Begleitumständen wird ausgeführt,
dass dem Versicherten in mehreren ärztlichen Untersuchungen der Eindruck
vermittelt worden sei, er simuliere resp. aggraviere. Es sei ihm die gewünschte
Beurteilung durch Dr. med. R._, der dem Versicherten von Bekannten als
Schleudertraumaspezialist empfohlen worden sei, verweigert worden. Der Versi-
cherte habe seit dem Schadenereignis "zahlreiche für ihn als schwere Kränkung
erlebte Ereignisse" durchgemacht. Aufgrund dieser sehr ungünstigen Begleitum-
stände sei der Verlauf aufs Schwerste ungünstig beeinflusst worden. In der Pri-
vatklinik Wyss in Münchenbuchsee, in welche der Versicherte nach vorzeitigem
Abbruch des Aufenthalts in der Klinik Valens überwiesen worden sei, sei zudem
festgehalten worden sei, dass die Existenzängste des Versicherten durch die
Kündigung durch den Arbeitgeber Ende 1997 noch verstärkt worden seien (S. 3).
Hauptziel der Hospitalisation in Rheinfelden war gemäss Bericht die "Verarbeitung
- 133 -
der traumatischen Erlebnisse des in seinem Selbstbewusstsein tief gekränkten
Patienten".
Dem Schadenereignis kommt aufgrund des Austrittsberichts der Rehaklinik
Rheinfelden einzig der Stellenwert des äusseren Anlasses zu, der zu den für den
Versicherten traumatisierenden Ereignissen geführt hat: Die erhobenen „Vorwür-
fe“ der mangelnden Kooperation, der Aggravation oder Simulation in den Unter-
suchungen der ersten beiden Monate, die Verweigerung der Behandlung durch
den ihm von Bekannten frühzeitig empfohlenen Schleudertraumaspezialisten.
Soweit im Bericht vom "aufgrund dieser sehr ungünstigen Begleitumstände [...]
aufs Schwerste ungünstig beeinflussten Verlauf" die Rede ist, ist festzuhalten,
dass sich der Berichtsverfasser nicht aus eigener Anschauung dazu äussern
konnte, ob initial, vor den "sehr ungünstigen Begleitumständen“, bereits psychi-
sche Symptome einer Anpassungsstörung vorlagen (Angst, Depressionen, Kom-
bination davon). Der Versicherte trat im Juni 1998, 15 Monate nach dem Scha-
denereignis, in Rheinfelden ein. Auf solche initialen Symptome einer durch das
Schadenereignis ausgelösten, posttraumatischen Anpassungsstörung konnte der
Berichtsverfasser auch nicht aus echtzeitlichen medizinischen Berichten, soweit
ihm vorliegend, schliessen: Die im Recht liegenden medizinischen Berichte aus
den ersten Monaten nach dem Schadenereignis enthalten keine Feststellungen
im Rahmen der Anamnese, wonach der Versicherte Angstsymptome, depressive
Verstimmung oder ähnliches beklage. Die Berichte wurden denn auch nicht als
Beweismittel zum Beweissatz 1.5 (Anpassungsstörung) angerufen (wohl aber zu
Beweissatz 3.1 betreffen die Kausalität auch der psychischen Beschwerden). Der
Bericht geht zudem von einem "St. n. HWS-Distorsion" und einer MTBI aus (vgl.
hiervor 6.2.5.2 f und 7.2 b zum Beweiswert bezüglich dieser Diagnosen). Aus den
genannten Gründen kommt der fachfremd gestellten Diagnose einer Anpas-
sungsstörung kein Beweiswert im Rahmen von Beweissatz 1.5 zu. Soweit er die
Angaben des Versicherten zu den Ursachen seiner psychischen Probleme doku-
mentiert, ist der Bericht nicht geeignet zum Nachweis des Schadenereignisses als
Ursache der Beschwerden.
- 134 -
- Dasselbe gilt für das neurologische Gutachten von Prof. Dr. J._ vom 11.
August 2000 zuhanden des Versicherungsgerichts (act. 4A/II/vor98): Einer fach-
fremden Diagnose des Neurologen kommt von vornherein kein erhöhter Beweis-
wert zu (vgl. schon hiervor 6.3.2). Zur Frage des auslösenden belastenden Ereig-
nisses der psychischen Beschwerden ist der Anamnese zu entnehmen, dass sich
der Versicherte eigenen Angaben zufolge erst etwa nach einem Zeitraum von drei
Monaten nach dem Unfallereignis psychisch beeinträchtigt gefühlt habe und sich
insbesondere durch die "brutale" Untersuchung durch einen Arzt der Klägerin ver-
letzt fühle. Er sei als Simulant bezeichnet worden (S. 2). Der Vollständigkeit hal-
ber ist auf die (fachfremde) eigene Einschätzung des Gutachters zu verweisen,
wonach die durch die Klägerin geführten Untersuchungen eine Eskalation der
posttraumatischen Anpassungsstörung erst verursacht hätten, was zur schwer-
wiegenden Chronifizierung habe führen können. An anderer Stelle wird auf weite-
re, sich schädigend auswirkende „Fehler“ bei der Schadenfallbearbeitung durch
die Klägerin hingewiesen, so u.a. die verweigerte Behandlung durch den frühzei-
tig bekanntgegebenen Wunscharzt. Damit kommt dem Gutachten Prof. Dr. med.
J._, auf das sich die Klägerin wesentlich stützt, lediglich insofern Gewicht zu
für die Frage der Unfallkausalität der psychischen Beschwerden, als darin die An-
gaben des Versicherten zu den ihn belastenden Ereignissen dokumentiert wer-
den. Zu diesen gehört weder das Schadenereignis als solches noch eine subjekti-
ve Eindrücklichkeit desselben, noch gehören dazu die geklagten Beschwerden.
Die Angaben des Versicherten stehen in Einklang mit den schon in Bellikon und
Rheinfelden als Ursache für seine psychische Beeinträchtigung genannten. Damit
kommt dem Gutachten hinsichtlich der Übernahme der (fachfremden) Diagnose
einer Anpassungsstörung kein Beweiswert zu. Offen bleiben kann damit, ob eine
solche Diagnose (von einem Facharzt) über zwei Jahre nach dem Schadenereig-
nis noch begründet hätte gestellt werden können (vgl. zu ICD-10 F 43.2). Soweit
dem Gutachten ein Beweiswert zuerkannt werden kann (Dokumentation der be-
lastenden Ereignisse aus Sicht des Versicherten), ist es nicht geeignet zum
Nachweis der Ursächlichkeit des Schadenereignisses für die psychischen Be-
schwerden. Der Nachweis von psychischen Beschwerden vor der Eskalation und
vor der daraus resultierenden Chronifizierung infolge der als verletzend und krän-
- 135 -
kend empfundenen Behandlung im Rahmen der Untersuchung und Schadenfall-
bearbeitung kann mittels des Gutachtens von vornherein nicht erbracht werden.
Auf solche konnte der Gutachter, wie aufgezeigt, auch nicht aufgrund der Vorak-
ten, die im Übrigen als irrelevant bezeichnet wurden (vgl. hiervor 6.3.2), schlies-
sen.
- Dem Schreiben von Prof. Dr. J._ vom 22. August 2001 zu den Ergän-
zungsfragen zum Gutachten (act. 4A/II/vor 98) kommt neben dem Gutachten kein
eigenständiger Beweiswert zu, da die Antworten nicht begründet werden und zu-
dem, soweit hier interessierend, fachfremd sind.
- Dem Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons Solothurn vom 27. März
2002 (act. 4A/II/100) kommt, wie an anderer Stelle dargelegt, kein eigenständiger
Beweiswert zu, da die Begründung des Kausalzusammenhangs sich im Hinweis
auf das Gutachten Prof. Dr. J._ erschöpft und eine über diesen Verweis hin-
ausgehende Beweiswürdigung fehlt.
- Dem psychiatrischen Aktengutachten (Konsilium) von Dr. med. AH._ vom
15. Oktober 2001 (act. 4A/II/vor 99) zuhanden der Beklagten kommt als Partei-
gutachten nicht die Qualität eines Beweismittels, sondern von Parteivorbringen zu
(Urteil 4A_286/2011 vom 30. August 2011 E. 4; BGE 132 III 83 E. 3.4). Als sol-
ches kann es geeignet sein, die Erstellung eines Gutachtens zu rechtfertigen
resp. dessen Notwendigkeit aufzuzeigen oder darzulegen, dass ein gerichtliches
oder amtliches Gutachten mangelhaft oder nicht schlüssig ist (Urteile
6B_829/2013 vom 6. Mai 2014 E. 4.1, und 6B_215/2013 vom 27. Januar 2014 E.
1.2; je mit Hinweisen). Privatgutachten sind im Rahmen der Beweiswürdigung zu
beachten, wenn darin eine ernsthafte Auseinandersetzung einer fachlich kompe-
tenten Person mit der Materie vorgenommen wurde (Urteile 4A_193/2008 vom
8. Juli 2008 E. 4.1 und 4P.120/2005 vom 29. August 2005 E. 3).
Das Parteigutachten AH._ ist weiter ein reines Aktengutachten. Den darin
enthaltenen Einschätzungen kommt somit dann Gewicht im Sinne von substanti-
ierten Behauptungen zu, wenn sich die Beurteilung auf einen lückenlosen Befund
https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/4b9693f3-8be1-4264-bc54-de2fbee0640b?citationId=e66a9ca7-b4da-4f02-a57a-a199b15df224&source=document-link&SP=2|q5p2vn https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/44e265a0-964d-4fb2-962e-354fad022197?citationId=20334dde-448c-4408-8874-b4cb0e26a3fb&source=document-link&SP=2|q5p2vn https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/44e265a0-964d-4fb2-962e-354fad022197?citationId=20334dde-448c-4408-8874-b4cb0e26a3fb&source=document-link&SP=2|q5p2vn
- 136 -
stützt und es im Wesentlichen nur um die ärztliche Beurteilung eines an sich fest-
stehenden medizinischen Sachverhalts geht. Auch daran mangelt es vorliegend:
Weder liegt ein lückenloser Befund vor, noch geht es um die ärztliche Beurteilung
eines an sich feststehenden medizinischen Sachverhalts. Der Aktengutachter
nennt die ihm seitens der Beklagten zur Verfügung gestellten Akten ausdrücklich
nicht (vgl. S. 1), hält andererseits fest, dass sich in den Angaben zur Anamnese in
den Akten diverse Widersprüche fänden, die der Rückfrage bedürften (S. 2). Zu-
mindest ergibt sich aus der „Beurteilung“ keinerlei Bezugnahme auf die Berichte
der behandelnden Ärztin Dr. med. S._ (Oktober 1997), das psychosomati-
sche Konsilium Rheinfelden (Juni 1997) und den Austrittsbericht der Klinik Valens
(November 1997).
Aus dem Parteigutachten ergibt sich immerhin, dass die psychische Störung des
Versicherten von behandelnden Fachärzten mit einer breiten Palette von unter-
schiedlichen Diagnosen versehen wurde: Bezug genommen wird auf die – in die-
sem Verfahren nicht ins Recht gelegte – Beurteilung in der Privatklinik Wyss im
Januar 1998 und die dort gestellten Diagnosen einer Persönlichkeitsstörung im
Sinne von ICD-10 F 60.8 und einer verlängerten depressiven Reaktion ICD-10
F 43.21. Bezug genommen wird weiter auf die im Jahr 2000 gestellte Diagnose
einer Somatisierungsstörung (ICD 10 F 45.0) des psychiatrischen Ambulatoriums
Olten und eine anscheinend erfolgte Korrektur der Diagnose auf eine rezidivie-
rende depressive Störung mit somatischem Syndrom (ICD 10 F 33.11). Dr.
AH._ selber diskutiert verschiedene mögliche Einordnungen, so in die Kate-
gorie depressiver Störungen (bei unklarem ICD 10-Code) und die Kategorie undif-
ferenzierter Somatisierungsstörungen (ICD F45.1). Er erachtet eine eindeutige di-
agnostische Klassifizierung und ein Ursachen- und Therapiemodell als sehr
schwer zu finden.
Aus den Einschätzungen Dr. AH._s in Beantwortung der ihm (nur) von der
Beklagten unterbreiteten Fragen kann aufgrund des Gesagten (Parteigutachten,
Aktengutachten gestützt auf unbekannte, augenscheinlich unvollständige Akten-
lage) nichts für die Frage der diagnostischen Einordnung, geschweige denn der
Unfallkausalität der psychischen Störung des Versicherten abgeleitet werden. Zu
verweisen ist auf die Mutmassungen des Gutachters zu möglichen Analogie-
- 137 -
schlüssen des Versicherten ("self-fullfilling prophecy") aufgrund des Schicksals
seines Bruders (MS-Erkrankung nach erlittener Verletzung), die auch nach eige-
ner Einschätzung Dr. AH._s keine Stütze in den Akten finden und somit spe-
kulativ sind. Das Parteigutachten äussert sich weder zum Zeitpunkt des erstmali-
gen Auftretens von Symptomen der psychischen Störung, noch setzt sich der
Gutachter damit auseinander, dass Symptome einer Anpassungsstörung in den
ersten Monaten nach dem Schadenereignis nicht festgestellt wurden. Nicht nach-
vollziehbar ist, dass die Frage der Plausibilität der ausweitend geklagten, nicht ob-
jektivierbaren Beschwerden nicht angesprochen wird, diesen dennoch die auslö-
sende Funktion für die psychische Entwicklung zugeschrieben wird. Die geklagten
Beschwerden werden vom Gutachter unkritisch als gegeben angenommen.
Ebenso wenig finden die von sämtlichen behandelnden resp. untersuchenden
Ärzten des Versicherten in den ersten Monaten, einschliesslich des Hausarztes,
zum Ausdruck gebrachten Zweifel und Hinweise auf Unregelmässigkeiten Erwäh-
nung. Schliesslich fehlt eine Auseinandersetzung mit den vom Versicherten selbst
gegenüber mehreren untersuchenden und behandelnden Ärzten – mithin im di-
rekten Gespräch – als Grund für seine psychischen Probleme benannten Ursa-
chen.
Zu entnehmen ist dem Aktengutachten im Sinne einer substantiierten Behaup-
tung, dass die psychische Störung des Versicherten, wie darin aufgezeigt, von
den behandelnden Fachärzten sehr unterschiedlich diagnostiziert wurde resp.
verschiedene mögliche Diagnosen mit klarerem oder unklarerem ICD-10-Code
diskutiert wurden. Die Diagnose einer posttraumatischen Anpassungsstörung wird
auch vom Parteigutachter nicht gestellt; das Aktengutachten wurde denn auch
vier Jahre nach dem Schadenereignis erstellt (vgl. ICD-10 F 43.2). Hervorgeho-
ben wird vielmehr, wie erwähnt, die sehr schwierige diagnostische Klassifizierung
und das nur sehr schwer zu findende Ursachen- und Therapiemodell und die
dringend empfohlene pluridisziplinäre Beurteilung mit psychiatrischer Exploration
des Versicherten. Aufgrund des Gesagten ist das Parteigutachten, dem wie dar-
gelegt, der Stellenwert von Parteibehauptungen zukommt, aufgrund der darin
aufgezeigten Vielfalt von voneinander stark abweichenden Diagnosen einzig ge-
eignet, Zweifel an der behaupteten Diagnose einer posttraumatischen Anpas-
- 138 -
sungsstörung zu wecken und die Notwendigkeit einer psychiatrischen Begutach-
tung des Versicherten aufzuzeigen. Ein Beweiswert für die Frage der Unfallkausa-
lität der psychischen Störungen kommt dem Parteigutachten nicht zu.
- Beim Schreiben von Dr. med. AI._ vom 27. Februar 2002 [recte: 2003]
(act. 4A/III/133) handelt es sich um einen Verlaufsbericht des behandelnden Psy-
chiaters des Versicherten, weshalb aufgrund des besonderen Vertrauensverhält-
nisses des Therapeuten (die Therapiegespräche werden in der Muttersprache
des Versicherten geführt) dem Umstand Rechnung zu tragen ist, dass er sich im
Zweifelsfalle eher im Sinne des Versicherten äussert. Der Bericht wurde sechs
Jahre nach dem Schadenereignis und rund ein Jahr nach Ergehen des Ent-
scheids des Versicherungsgerichts mit Bejahung der fortdauernden Zahlungs-
pflicht des Unfallversicherers erstellt. Gestellt wird die Diagnose einer posttrauma-
tischen Anpassungsstörung, obwohl eine solche spätestens zwei Jahre nach dem
belastenden Ereignis nicht mehr zutreffend gestellt werden kann (vgl. ICD-10).
Dies legt den Schluss nahe, dass die Diagnose von vorbehandelnden Ärzten
übernommen wurde. Es bleibt unklar, seit wann Dr. AI._ den Versicherten
psychotherapierte, zumal aus der Angabe (Fettdruck angefügt) „seit dem 20.09.200 ununterbrochen in psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung
bei mir, worauf sich dieser Bericht stützt“ wohl nur geschlossen werden darf, dass
der Beginn der Behandlung auf einen Zeitpunkt nach der Jahrtausendwende zu
verorten ist, mithin drei oder mehr Jahre nach dem Schadenereignis. Nicht
schlüssig, begründet oder nachvollziehbar ist daher – nebst der schon aus zeitli-
chen Gründen unzutreffenden Diagnose und der unklar verbleibenden Behand-
lungsdauer als Grundlage des Berichts –, wie sich Dr. AI._ zum psychischen
Befinden des Versicherten in den ersten drei Jahren aus eigener Anschauung
hätte äussern können. Dasselbe gilt für die Angabe, dass sich „prätraumatisch“
keine relevante Psychopathologie von Krankheitswert eruieren lasse; weder ergibt
sich aus dem Bericht, dass der behandelnde Psychotherapeut Kenntnis von der
früheren depressiven Episode des Versicherten (1994/1995) hatte, noch dass ihm
die relevanten Vorakten von vorbehandelnden Ärzten vorgelegen hätten, noch
dass er den psychischen Zustand des Versicherten vor dem Schadenereignis aus
eigener Wahrnehmung gekannt hätte. Dr. med. AI._ äussert sich jedenfalls
- 139 -
nicht zum Verlauf der diagnostizierten Anpassungsstörung oder zur Frage des
Vorliegens einer somatoformen Schmerzstörung, die bereits in der kreisärztlichen
Untersuchung vom 30. Mai 1997 Erwähnung fand. Soweit sich Dr. AI._ so-
dann fachfremd (HWS-Trauma, muskuloskelettale Zeichen, Ohrgeräusch, neu-
ropsychologische Defizite) äussert, kommt dem Bericht kein Beweiswert zu. Aus
den dargelegten Gründen ist der im 2003 erstattete Verlaufsbericht des behan-
delnden Psychotherapeuten zum Nachweis einer unfallbedingten posttraumati-
schen Anpassungsstörung nicht geeignet.
- Im Bericht Dr. med. AF._ (A._) vom 28. August 2003 betreffend die
psychiatrische Untersuchung vom 26. August 2003 (act. 4A/III/154) setzt der Ver-
fasser in seiner Beurteilung die Diagnose seines Kollegen aus dem A._-
Ärzteteam, des Neurologen Dr. med. AG._, wonach der Versicherte beim
Schadenereignis vom 7. April 1997 ein kranio-zervikales Beschleunigungstrauma
erlitten habe, als gegeben voraus. Er verweist hinsichtlich der „somatischen Vor-
geschichte“ insbesondere auf das neurologische Gutachten J._ sowie die
neurologische Beurteilung von Dr. med AG._ vom 14. September 2001 (S.
1).
Der Bericht hält im Rahmen der Zusammenfassung der Vorakten fest, dass das
Schadenereignis vom Exploranden gemäss eigenen Aussagen gegenüber vorun-
tersuchenden und –behandelnden Ärzten als nicht als dramatisch erlebt worden
sei, er keine mit dem Schadenereignis verbundenen Angstgefühle (sondern Hö-
henangst) habe und dass familiäre und berufliche Probleme (Kündigung Dezem-
ber 1997, Streitigkeiten) als belastende Faktoren dazu gekommen seien. Weiter-
hält Dr. AF._ fest, dass mehrfach eine psychische Überlagerung beschrieben
worden sei, und dass in den Vorakten die Ausweitung der geklagten Beschwer-
den zum Ausdruck komme. Im Bericht werden die Angaben des Versicherten
festgehalten („persönlichen Angaben“), wonach unmittelbar nach dem Schaden-
ereignis keine psychischen Beschwerden aufgetreten seien, sondern erst im An-
schluss an die kreisärztliche Untersuchung (Vorwürfe der Simulation etc.). Darauf
habe er mit zunehmenden Zukunftsängsten, Nervosität und Unruhe reagiert. Ein
zweiter Schock sei für ihn die Kündigung durch den Arbeitgeber (Dezember 1997)
gewesen. Diese Kündigung sei für ihn eine Katastrophe gewesen.
- 140 -
Festgehalten werden vom Berichterstatter sodann eine Vielzahl von Anzeichen für
ein dysfunktionales Schmerzverhalten (Verdeutlichung durch Hinken, den Kopf
stützen, permanentes Augenzwinkern, Schmerzäusserungen während des Ge-
sprächs etc.; vgl. hiervor 6.2.5.3).
Dem Bericht eines versicherungsinternen Facharztes kommt Beweiswert zu, so-
fern er als schlüssig erscheint, nachvollziehbar begründet sowie in sich wider-
spruchsfrei ist und keine Indizien gegen seine Zuverlässigkeit bestehen (BGE 125
V 351 E. 3). Hinweise auf mangelnde Objektivität oder auf Befangenheit liegen
keine vor. Der Bericht basiert auf der am 26. August 2003 durchgeführten Unter-
suchung des Versicherten. Er berücksichtigt die geklagten Beschwerden und
macht Feststellungen zum Verhalten des Exploranden. Ferner wird er in Kenntnis
der Vorakten (mit Ausnahme des Berichts der psychiatrischen Klinik Wyss) erstat-
tet.
Er leuchtet indes bei der Beurteilung der medizinischen Situation nicht ein und ist
insofern nicht schlüssig begründet: Der Verfasser stellt zwar fest, dass der Versi-
cherte das Schadenereignis nach eigenen Aussagen bereits in Bellikon als nicht
dramatisch bezeichnet und von diesem nie geträumt habe. In Übereinstimmung
damit stehen die neuerlichen Angaben des Versicherten, zunächst keine bzw. erst
im Anschluss an die kreisärztliche Untersuchung psychische Probleme gehabt zu
haben: Er habe sich vom untersuchenden Arzt nicht verstanden und als „Simu-
lant“ behandelt gefühlt. Dazu sei im Dezember 1997 mit der Kündigung seiner Ar-
beitsstelle ein eigentlicher „zweiter Schock“ resp. eine „Katastrophe“ gekommen.
Diese Angaben des Versicherten zur (mangelnden) Bedeutung des Schadener-
eignisses selbst oder dadurch bewirkter somatischer Beschwerden werden fest-
gehalten, aber mit keinem Wort gewürdigt. Dr. med. AF._ legt nicht dar, in-
wiefern dem Schadenereignis angesichts dieser Angaben die Bedeutung einer
identifizierbaren psychosozialen Belastung zukommt resp. zukommen kann. Das
Trauma bestand nach eigenen Angaben des Versicherten nicht im Schadenereig-
nis, noch in dadurch bewirkten physischen Beschwerden, sondern initial in der
von ihm (auch) gegenüber Dr. AF._ geschilderten verletzenden und krän-
kenden Behandlung resp. Untersuchung, gefolgt von der Kündigung seiner Ar-
beitsstelle. Die Angaben des Versicherten entsprechen den gegenüber vorbehan-
- 141 -
delnden resp. untersuchenden Ärzten deponierten. Dr. AF._ lässt diese An-
gaben des Exploranden und damit den Stellenwert, der dem Schadenereignis und
allfälligen somatischen Beschwerden aus eigener Sicht des Versicherten zu-
kommt –unkommentiert. Ebenso wenig äussert er sich dazu, worin das belasten-
de Moment des Schadenereignisses für den Versicherten dennoch zu sehen wä-
re. Nicht nachvollziehbar ist schliesslich, dass der Facharzt seine Feststellungen
zum Verhalten des Versicherten bei der Untersuchung nicht fachärztlich würdigt.
Auch hierzu wäre eine Einschätzung aus psychiatrischer Sicht angezeigt gewe-
sen. Der Bericht erweist sich auch insofern als nicht nachvollziehbar.
Nicht nachvollziehbar begründet ist weiter die Diagnosestellung: Dr. AF._
verweist auf die Austrittsberichte Bellikon, Valens (mit fachfremder Diagnose), das
Fehlen eines Berichts der Klinik Wyss, auf die Jahre nach dem Schadenereignis
wiedergegebene Diagnose des behandelnden Psychotherapeuten AI._ und
schliesst sich sodann "diagnostisch" [...] den voruntersuchenden Kollegen" resp.
der Diagnose einer "chronifizierten Anpassungsstörung mit agitiert-depressiven
Symptomen" an. Weder wird die Frage des Beginns der Symptome innerhalb ei-
nes Monats nach einem belastenden Ereignis, noch deren Vorliegen und die Ab-
grenzung zu anderen Störungen mit gleichen Symptomen thematisiert (vgl. ICD-
10 F 43.2), noch wird dargelegt, worin die chronifizierenden Faktoren bestanden,
noch weshalb sechs Jahre nach dem Schadenereignis nach wie vor auf eine An-
passungsstörung zu schliessen ist.
Zur natürlichen Kausalität mit dem Schadenereignis äusserte sich der versiche-
rungsinterne Facharzt nicht, zumindest nicht nachvollziehbar begründet. Festzu-
halten ist schliesslich, dass der Facharzt eine „chronifizierte Anpassungsstörung
[...]“, nicht jedoch eine posttraumatische Anpassungsstörung diagnostiziert. Da-
rauf, ob der Facharzt damit dem Umstand Rechnung trug, dass der Explorand ei-
genen Angaben zufolge wegen der vorerwähnten Begleitumstände und dem als
Katastrophe empfundenen Stellenverlust psychisch beeinträchtigt war, bleibt der
Bericht eine Antwort schuldig. Dem Bericht von Dr. AF._ kommt somit Be-
weiswert einzig hinsichtlich des darin zum Ausdruck kommenden Stellenwerts des
Unfallereignisses nach eigener Darstellung des Versicherten sechs Jahre nach
dem Schadenereignis zu. Nicht schlüssig begründet ist demgegenüber die „Über-
- 142 -
nahme“ der Diagnose einer Anpassungsstörung, allerdings unter Weglassung der
Bezeichnung als „posttraumatisch“. Eine nachvollziehbare und begründete Aus-
sage zur Ursächlichkeit des Schadenereignisses für die nachfolgende psychische
Störung ist dem Bericht nicht zu entnehmen.
- Der weiteren angerufenen „psychiatrischen Beurteilung“ von Dr. med. AF._
vom 16. Dezember 2003 (act. 4A/III/166) kommt kein eigenständiger Beweiswert
für die Diagnose "chronifizierte Anpassungsstörung“ zu. Die wenige Zeilen umfas-
sende Urkunde enthält eine Schätzung des Integritätsschadens aufgrund psychi-
scher Unfallfolgen (30%) nebst eines Anteils von 5% gemäss Dr. med. AG._
für somatische Unfallfolgen und verweist im Übrigen auf die Untersuchung vom
26. August 2003 (vgl. hiervor). Immerhin fehlt wiederum die Bezeichnung der Stö-
rung als posttraumatisch.
- Der Verlaufsbericht des Hausarztes Dr. med. F._ vom 27. Oktober 2003
(act. 53/4) an die IV-Stelle Solothurn hält fest, dass der Versicherte an Restbe-
schwerden nach einem Auffahrunfall leide, verweist auf die kürzliche Untersu-
chung durch die A._-Ärzte Dres. med. AF._ und AG._ und wieder-
holt die Diagnose „posttraumatische Anpassungsstörung". Dem Bericht kommt
kein eigenständiger Beweiswert für die Frage der Einordnung (ICD-10) und Un-
fallkausalität der psychischen Beschwerden zu, zumal Dr. med. F._ als All-
gemeinmediziner eine psychiatrische Diagnose wiedergibt.
8.5. Zusammenfassung der Ergebnisse der Beweiswürdigung
Die zum Nachweis einer unfallbedingten posttraumatischen Anpassungsstörung
angerufenen medizinischen Berichte können sich aus chronologischen Gründen
nicht zum Auftreten einer Anpassungsstörung resp. von typischen Symptomen ei-
ner solchen in den ersten beiden Monaten nach dem Schadenereignis vom 7. Ap-
ril 1997 äussern. Damit ist ein Beginn von Symptomen einer posttraumatischen
Anpassungsstörung innerhalb eines Monats (F 43.2) nach dem Schadenereignis
nicht nachgewiesen und anhand der Beweislage nicht nachweisbar. Die angeru-
fenen medizinischen Berichte von Fachärzten der Psychiatrie äussern sich
durchwegs nicht zur Frage des erstmaligen Auftretens von psychischen Sympto-
- 143 -
men einer Anpassungsstörung (vgl. das psychosomatische Konsilium Bellikon
und die Berichte der Dres. S._, AH._, AI._, AF._).
Wie aufgezeigt, wurde ausweislich der angerufenen Beweismittel eine breite Pa-
lette von Diagnosen gestellt und die Einordnung und Ursachenzuordnung als sehr
schwierig bezeichnet. Keine Diagnose einer posttraumatischen Anpassungsstö-
rung findet sich in den fachärztlichen Berichten von Dr. AF._ (nicht posttrau-
matisch), Dr. S._ ("posttraumatisch" resp. "traumatisch" durchgestrichen)
und Dr. AH._ (Diskussion verschiedener möglicher Diagnosen, keine eigene
Diagnosestellung). Der Bericht des psychosomatischen Konsiliums Bellikon äus-
sert sich nicht zur Unfallursächlichkeit der psychischen Beschwerden. Der Bericht
von Dr. med. S._ wurde zur Frage des Kausalzusammenhangs nicht angeru-
fen. Nicht thematisiert wird in den Berichten, dass die Diagnose einer posttrauma-
tischen Anpassungsstörung bis zu einer Dauer von sechs Monaten gestellt wer-
den kann, ausser bei einer längeren depressiven Reaktion (F 43.21). Eine solche
wurde in den vorliegend angerufenen fachärztlichen Berichten nicht diagnostiziert.
Sämtliche Diagnosen von Fachärzten mit Ausnahme des psychosomatischen
Konsiliums Bellikon und dem Bericht Dr. med. S._ wurden im Unfallfolgejahr
gestellt. Zu verweisen ist im Übrigen auf die vorstehenden Ausführungen zum
Beweiswert der Diagnosen in den einzelnen Berichten. Damit ist anhand der
echtzeitlichen medizinischen Berichte aus den in Würdigung der einzelnen Berich-
te ausgeführten Gründen nicht rechtsgenüglich erstellt, dass der Versicherte an
einer posttraumatischen Anpassungsstörung leidet.
Zur Frage, ob das Schadenereignis die identifizierbare psychosoziale Belastung
(das belastende Ereignis) und damit Ursache für die Monate später erstmals fest-
gestellte psychische Störung ist, ist sämtlichen Berichten, die sich hierzu äussern,
zu entnehmen, dass der objektiv leichte Heckauffahrunfall vom Versicherten auch
subjektiv als solcher empfunden wurde und diesem aus Sicht des Versicherten
weder eine besondere Eindrücklichkeit eignete, noch bei ihm Angstsymptome
auslöste. Ebenso wenig werden als Gründe für die Monate nach dem Schadener-
eignis aufgetretene psychische Störung die geklagten Beschwerden oder eine
Sinnkrise infolge Arbeitsunfähigkeit genannt.
- 144 -
Aus den angerufenen Berichten geht, soweit sich diese mit den aus Sicht des
Versicherten belastenden Faktoren befassen, durchwegs hervor, dass der Versi-
cherte gemäss eigener, wiederholter Darstellung die Behandlung bei den Unter-
suchungen (Vorwürfe der Simulation, Aggravation, verweigerte Zuweisung an den
Wunscharzt) als traumatisierende und kränkende Erlebnisse empfand, die ihn in
seinem Selbstwert tief verletzt hätten. Er verortete den Beginn seiner psychischen
Beschwerden denn auch auf rund drei Monate nach dem Schadenereignis resp.
durchwegs auf einen Zeitpunkt nach den erfolgten neurologischen Untersuchun-
gen, was sich mit der Aktenlage zu Beweissatz 1.5 deckt. Ebenso ist den Berich-
ten, soweit mit der Frage des belastenden Faktors aus Sicht des Versicherten
überhaupt befasst, zu entnehmen, dass der Verlust der Arbeitsstelle im Dezember
1997 vom Versicherten als sehr belastend resp. als eigentliche Katastrophe erlebt
wurde. Bei gestellter Diagnose einer (posttraumatischen) Anpassungsstörung und
gleichzeitiger Feststellung in der Anamnese, dass dem Schadenereignis als sol-
chem aus der Sicht des Versicherten keine Eindrücklichkeit anhaftete, sondern
vielmehr die vorgenannten Erlebnisse resp. Ereignisse als traumatisierend emp-
funden wurden, kann aus der Diagnosestellung, wie eingangs dargelegt, nicht auf
die Ursächlichkeit des Schadenereignisses geschlossen werden. Zu verweisen ist
auf das zu den einzelnen Berichten ausgeführte.
Hinsichtlich der (relativen) zeitlichen Nähe des Auftretens von psychischen Be-
schwerden nach dem Schadenereignis ist auf das eingangs Erwogene zu verwei-
sen. Aus diesem Umstand allein – trotz des Gesagten und trotz insbesondere der
eigenen Angaben des Versicherten gegenüber mehreren Ärzten – kann nicht auf
eine Ursächlichkeit des sowohl objektiv als auch subjektiv aufgrund der Auswir-
kungen im individuellen Fall geringfügigen Schadenereignisses als auslösendes
Moment geschlossen werden. Es gibt mithin auch für psychische Beschwerden im
Nachgang zu einem Schadenereignis keine Kausalitätsvermutung, wonach diese,
da zeitlich nach einem Schadenereignis aufgetreten, als durch dieses verursacht
zu gelten haben. Dies käme einem unzulässigen Beweisschluss gleich. Es ist
vielmehr mit dem Beweismass der überwiegenden Wahrscheinlichkeit der Nach-
weis der Kausalität durch den Ansprecher zu erbringen.
- 145 -
Dieser Nachweis ist erbracht, wenn für die Richtigkeit der Sachbehauptung nach
objektiven Gesichtspunkten derart gewichtige Gründe sprechen, dass andere
denkbare Möglichkeiten vernünftigerweise nicht massgeblich in Betracht fallen.
Umgekehrt ist der Beweis misslungen, wenn nach den besonderen Umständen
des Falles neben den behaupteten weitere Ursachen ebenso ernst in Frage
kommen oder sogar näher liegen (Urteil 4A_494/2009 vom 17. November 2009
E. 2.1; BGE 132 III 715 E. 3.1; 107 II 269 E. 1b).
Aufgrund des Dargelegten ist Letzteres vorliegend der Fall: Aus den angerufenen
medizinischen Berichten ergibt sich durchwegs, dass der Versicherte die Behand-
lungen und Untersuchungen in den ersten beiden Monaten mit kritischer Prüfung
der geklagten Beschwerden, die Verweigerung einer frühzeitigen Überweisung an
den gewünschten Schleudertraumaspezialisten sowie das ihm unterstellte Simu-
lieren von Beschwerden als verletzende Behandlung, persönliche Kränkung und
Nichternstnehmen der geklagten Beschwerden empfand. Diese „Begleitumstän-
de“ (vgl. auch Entscheid des EVG vom 11. Juli 1995, publ. in: SVR 10/1996 UV-
Nr. 58, S. 194 E. 4e), deren ausschlaggebende Bedeutung für das Auftreten von
psychischen Beschwerden des Versicherten in sämtliche medizinische Berichten
Eingang fand und die in der Folge durch den als Katastrophe empfundenen Ver-
lust der Arbeitsstelle verstärkt wurden, sind das (einzige) identifizierbare belas-
tende Ereignis, das sich aus den angerufenen medizinischen Berichten ergibt,
soweit diese sich mit der Ursache der psychischen Störung überhaupt befassen.
In keinem der angerufenen medizinischen Berichte kommt demgegenüber zum
Ausdruck, dass das objektiv geringfügige Schadenereignis vom Versicherten auf-
grund einer besonderen Vulnerabilität als eindrücklich empfunden worden wäre.
Vor den genannten „Begleitumständen“ (Untersuchungen, verweigerte Überwei-
sung an den Schleudertraumaspezialisten) finden sich in keinem der Berichte der
ersten beiden Monate Hinweise auf das Vorliegen einer posttraumatischen An-
passungsstörung resp. von Symptomen einer solchen. Diese vom Versicherten
als Kränkung resp. Verletzung empfundenen Erlebnisse überwiegen vorliegend
das Unfallereignis als solches und lassen dessen ausschlaggebenden Charakter
als Ursache für die in der Folge eingetretene psychische Störung als sehr zwei-
felhaft erscheinen, weshalb der natürliche Kausalzusammenhang zwischen Unfall
- 146 -
und psychischer Beeinträchtigung anhand der angerufenen medizinischen Berich-
te nicht mit dem Beweismass der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt ist.
Der Unfall ist einzig insofern conditio sine qua non für die in der Folge eingetrete-
ne psychische Störung, als es Anlass für die nachfolgende Behandlung und die
Schadenfallbearbeitung war, in deren Verlauf es zu den aus Sicht des Versicher-
ten (und mehrerer Ärzte) traumatisierenden Ereignissen kam. Damit kommt dem
Unfall indes die Bedeutung einer Zufallsursache zu: Jeder andere, geringfügige
Anlass ohne somatische Schäden, dem eine vom Versicherten als kränkend oder
verletzend empfundene, da kritische Behandlung gefolgt wäre, hätte an dessen
Stelle treten können. Ein ungewöhnlicher Kausalverlauf, bei dem eine konstitutio-
nelle Prädisposition eine massgebliche Rolle spielt (so, wie eingangs erwogen,
definitionsgemäss bei der Anpassungsstörung), lässt nicht schon per se auf eine
Gelegenheitsursache schliessen. Vorliegend war der nicht alltägliche, spezifische
weitere Faktor, der aufgrund einer bestehenden Vulnerabilität den Schadensver-
lauf auslöste, ausweislich der angerufenen, diesbezüglich übereinstimmenden
medizinischen Berichte indes nicht das Schadenereignis als solches oder eine
subjektive Eindrücklichkeit desselben, noch eine dadurch ausgelöste Arbeitsunfä-
higkeit, die zu einer initialen psychischen Reaktion geführt hätte. Nach eigenem,
wiederholten Bekunden des Versicherten waren es vielmehr die als traumatisie-
rend empfundenen Begleitumstände (Untersuchung und Schadenfallbearbeitung
durch Ärzte der Klägerin) sowie der Verlust seiner Arbeitsstelle im Dezember
1997. Das Schadenereignis war damit ein gleichsam beliebiger, austauschbarer
Anlass, der zu einer vom Versicherten aufgrund einer besonderen Vulnerabilität
als kränkend und verletzend empfundenen Behandlung führte. Damit kommt dem
Schadenereignis vorliegend einzig die Bedeutung einer Gelegenheits- oder Zu-
fallsursache zu. Damit ist die Ursächlichkeit des Schadenereignisses vom 7. April
1997 für die einige Monate später aufgetretene psychische Störung in Würdigung
der dazu angerufenen medizinischen Berichte nicht mit dem Beweismass der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen.
- 147 -
9. Adäquanz der psychischen Störung
9.1. Zur Adäquanz von psychischen Folgen
Im Übrigen müsste vorliegend auch die Adäquanz verneint werden. Nach kon-
stanter Praxis ist ein Ereignis dann als adäquate Ursache anzusehen, wenn es
nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung an
sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des eingetretenen herbeizuführen, der
Eintritt des Erfolgs also durch das Ereignis als allgemein begünstigt erscheint (Ur-
teil 4C.402/2006 vom 27. Februar 2007 E. 4.1.). Die Adäquanz fusst nicht auf ei-
ner naturwissenschaftlichen Kausalitätstheorie, sondern bezweckt eine normative,
juristisch wertende Schadenszurechnung im Sinne eines Werturteils nach Ermes-
sen. Das Gericht stellt eine objektiv-nachträgliche Prognose und entscheidet auf-
grund sämtlicher Umstände im Einzelfall (Art. 4 ZGB), ob eine Schädigung billig-
erweise noch dem Haftpflichtigen zugerechnet werden kann (BGE 123 III 110
E. 3a und 132 III 715 E. 2.2 m.w.H.). Es ist mithin von den tatsächlichen Auswir-
kungen auszugehen und rückblickend zu entscheiden, ob und inwiefern der Unfall
noch als deren wesentliche Ursache erscheint (BGE 70 II 177). Rechtspolitischer
Zweck der Adäquanz bildet die Begrenzung der Haftung für mittelbare Schäden
(Urteile 4A_7/2007 vom 18. Juni 2007 E. 5.1 und 5.4 und 4C.327/2004 vom
22. Dezember 2004 E. 4.2.).
Die Adäquanzprüfung ist nicht allein nach der Schwere des Unfallereignisses vor-
zunehmen; die sozialversicherungsrechtlichen Adäquanzkriterien finden im Haft-
pflichtrecht keine Anwendung (BGE 123 III 110, 127 III 403 E. 3a, Urteil
4A_171/2012 vom 26. Juni 2012). Das Bundesgericht lehnte es denn auch ab, fi-
xe Adäquanz-Grenzwerte einzuführen bzw. eine Bagatell- oder "Harmlosigkeits-
grenze" festzulegen (vgl. BGE 134 V 109 E. 8.3). Die Beurteilung ist nach rechtli-
chen Gesichtspunkten, nicht nach der medizinisch-biologischen Betrachtungswei-
se, mithin nicht in Würdigung der ärztlichen Befunde vorzunehmen (BGE 96 II 392
E. 2; BGE 123 III 110 E. 2; Urteile 4C.222/2004 vom 14. September 2004 E. 3;
4C.402/2006 vom 27. Februar 2007 E. 4.3.). Gemäss Rechtsprechung sind so-
dann auch geringfügige Unfälle geeignet, eine HWS-Schleuderverletzung im Sin-
ne des vorerwähnten bunten Beschwerdebildes (BGE 131 III 12), eine komplexe
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=4A_275%2F2013&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F123-III-110%3Ade&number_of_ranks=0#page110
- 148 -
Anpassungsstörung oder ein Schleudertrauma mit posttraumatischer Belastungs-
störung und vollständiger Arbeitsunfähigkeit herbeizuführen (Urteil 4A_307/2008
vom 27. November 2008 E. 2.4.). Bei der Frage der Zurechenbarkeit von Unfall-
folgen ist sodann auf eine weite Bandbreite von Versicherten abzustellen, mithin
auch auf solche, die aufgrund ihrer Veranlagung anfälliger für psychische Störun-
gen sind und einen Unfall seelisch weniger gut verkraften (BGE 117 V 362).
9.2. Zurechenbarkeit im vorliegenden Fall
Somit ist aufgrund sämtlicher Umstände des vorliegenden konkreten Falls, aus-
gehend von den tatsächlichen Auswirkungen, rückblickend zu prüfen, ob dem
Haftpflichtigen die geltend gemachten Folgen billigerweise noch zugerechnet
werden dürfen.
Zunächst ist festzuhalten, dass in der "massiv psychogenen Reaktion" des Versi-
cherten eine aussergewöhnliche Folge im Sinne der Rechtsprechung zu sehen
ist. Gemäss Rechtsprechung darf die Adäquanz nicht mit der Begründung ver-
neint werden, dass ein Mensch erfahrungsgemäss in der Lage sei, ein harmloses
Ereignis zu verkraften, und dass eine singuläre psychische Labilität zum vom
Versicherten zu tragenden Lebensrisiko gehöre. Dem vorzitierten Entscheid
4C.402/2006 vom 27. Februar 2007 lag, wie dem vorliegenden Fall, ein bagatell-
haftes Ereignis zugrunde. Die Zurechenbarkeit von Folgeschäden des Ereignis-
ses wurde mit der Begründung bejaht, dass die Versicherte eine hohe Leistungs-
bereitschaft aufweise, ihre Leistungsfähigkeit aber aufgrund der initial vorhande-
nen Schmerzsymptome herabgesetzt gewesen sei, was die initialen psychischen
Beschwerden ausgelöst habe. Die – aus psychiatrischer Sicht – nachher eingetre-
tene komplexe Anpassungsstörung, bei welcher das Ereignis selbst mit zuneh-
mender Dauer in den Hintergrund getreten sei, habe den Unfall als Auslöser,
weshalb dieser als wesentliche Ursache anzusehen und der adäquate Kausalzu-
sammenhang zu bejahen sei (Urteil 4C.402/2006 vom 27. Februar 2007 E. 4.2.).
Hiervon unterscheiden sich die Umstände des vorliegenden Falls in mehrerer
Hinsicht: Wie dargelegt, sind initiale unfallbedingte – nicht objektivierbare – Be-
schwerden aufgrund der Beweisergebnisses nicht erstellt. Diese konnten dem-
nach auch nicht Auslöser von initialen psychischen Beschwerden sein und waren
- 149 -
es nach eigener Einschätzung des Versicherten gegenüber sämtlichen Ärzten, die
die Ursache der psychischen Störungen im Rahmen der Anamnese erfragen,
denn auch nicht. Dem Unfallereignis eignete nach eigenem Bekunden des Versi-
cherten nichts Belastendes an, das zu einer initialen psychischen Reaktion hätte
führen können. Dem Heckauffahrereignis ging mithin nicht nur objektiv, sondern
auch subjektiv, aus der Warte des konkreten Versicherten, das traumatisierende
Element ab. Ebenso wenig war eine aufgrund initial vorhandener Schmerzsymp-
tome herabgesetzte Leistungsfähigkeit Auslöser der initialen psychogenen Reak-
tion: Gemäss erstelltem Sachverhalt stand vielmehr die Frage der Glaubhaftigkeit
der geklagten Beschwerden und die Notwendigkeit einer möglichst schnellen
Wiederaufnahme der Arbeitstätigkeit in den ersten beiden Monaten im Vorder-
grund. Damit konnte eine unfallbedingte, initiale psychische Reaktion auch nicht
Auslöser von Folgebeschwerden psychischer Natur sein. War ein Unfall objektiv
leicht, führte er nicht zu initialen Schmerzsymptomen und einer dadurch beding-
ten Arbeitsunfähigkeit und wurde er überdies subjektiv auch so empfunden, so ist
er nicht geeignet, eine bleibende psychische Beeinträchtigung zu verursachen. Es
liegt mithin weder ein seelisch weniger gutes Verkraften des Schadenereignisses
als solches noch von dadurch bedingten initialen Beschwerden und damit auch
nicht einer dadurch bedingten Arbeitsunfähigkeit vor.
c) Damit liegt mangels objektiver Schwere des Ereignisses und subjektiver – aus
der Warte des konkreten Versicherten – Schwere der Auswirkung im konkreten
Fall mit dem Schadenereignis vom 7. April 1997 keine taugliche Ursache für eine
psychische Erstreaktion vor, die ihrerseits (vgl. Urteil 4C.402/2006 vom
27. Februar 2007) geeignet gewesen wäre, eine bleibende psychische Beein-
trächtigung auszulösen. Vielmehr liegt mit der vom Versicherten als äusserst
kränkend und verletzend empfundenen Behandlung bei der Untersuchung und
Schadenfallbearbeitung, auf die der Versicherte nach eigenem Bekunden mit
psychischen Beschwerden reagierte, eine Ursache vor, die das haftungsbegrün-
dende Ereignis als solches überlagert, sodass Letzteres im Geschehensablauf als
nicht mehr relevant erscheint. Die Rechtserheblichkeit eines ursächlichen Zu-
sammenhangs zwischen dem Schadenereignis vom 7. April 1997 und der erst
Monate nach dem nichttraumatisierenden Schadenereignis aufgetretenen psychi-
- 150 -
schen Beschwerden resp. einer dadurch bedingten Erwerbsunfähigkeit ist auf-
grund der konkreten Umstände des vorliegenden Falls zu verneinen.
Soweit man die natürliche Kausalität bejahten wollte, weil es ohne das Schaden-
ereignis nicht zu einer Behandlung durch Ärzte der Klägerin im Rahmen der
Schadenfallbearbeitung gekommen wäre, die der Versicherte als traumatisieren-
de Erlebnisse und Auslöser für seine psychische Störung empfunden hat, so wäre
es jedenfalls unbillig und mit dem Rechtsempfinden nicht in Einklang zu bringen,
die wirtschaftlichen Folgen der eingetretenen psychischen Folgeentwicklung, die
durch den als eigentlichen Schock empfundenen Verlust des Arbeitsplatzes zu-
sätzlich verstärkt wurde, dem Halter des unfallverursachenden Fahrzeugs resp.
der Beklagten zuzurechnen.
Damit stehen mit den genannten Begleitumständen unfallfremde Faktoren, die im
Verlauf der Behandlung nach dem Schadenereignis vom Versicherten als trauma-
tisierend und kränkend empfunden wurden, im Vordergrund als Auslöser für die
psychische Störung und kommt dem Unfallereignis als solchem keine Bedeutung
für die psychogene Erstreaktion zu. Diese traumatisierenden Begleitumstände
lassen den leichten Unfall derart in den Hintergrund treten (vgl. Urteil
4C.402/2006 vom 27. Februar 2007 E. 4.3.), dass er nicht mehr in einem adäqua-
ten Kausalzusammenhang zur psychischen Störung steht.
10. Zusammenfassung der Tat- und Rechtsfragen
Zusammenfassend ist aufgrund des Behauptungssubstrats und der Beweislage
festzuhalten, dass während der Latenzzeit von 72 Stunden nach dem Schadener-
eignis und darüber hinaus weder Kopf- noch Nackenschmerzen rechtsgenüglich
nachgewiesen wurden. Ob der Versicherte anlässlich der behaupteten medizini-
schen Erstkonsultation untersucht wurde, welche Angaben dem Hausarzt-
Stellvertreter zum Unfallereignis vorlagen, ob vorbestehende Beschwerden erfragt
wurden und schliesslich, welche Beschwerden geklagt wurden, wurde, soweit
überhaupt behauptet, nicht rechtsgenüglich nachgewiesen.
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Weiter ist festzuhalten, dass keine objektiv nachweisbaren Beschwerden im Sinne
der Rechtsprechung festgestellt werden konnten. Damit kommt den Angaben des
Versicherten zu geklagten Beschwerden entscheidendes Gewicht zu. Aufgrund
der aufgezeigten Vielzahl an Widersprüchen und Ungereimtheiten in den Anga-
ben des Versicherten zu Art, Intensität und Zeitpunkt des Auftretens erster Be-
schwerden gegenüber behandelnden und untersuchenden Ärzten, aber auch des
von verschiedenen Ärzten geschilderten Verhaltens des Versicherten, fehlt es am
rechtsgenüglichen Nachweis, dass die mit zunehmendem zeitlichem Abstand zum
Schadenereignis qualitativ und quantitativ ausweitend geschilderten Beschwerden
in den Tagen resp. Wochen und Monaten nach dem Schadenereignis tatsächlich
aufgetreten sind. Eine Vielzahl von Berichten der behandelnden und untersu-
chenden Ärzte fusst einzig auf der Anamnese des Versicherten. Unbestritten
blieb, dass gemäss Schreiben des Hausarztes vom 27. Mai 1997 ein kurzer Ar-
beitsversuch des Versicherten weder wegen Hals-, noch Nacken-, noch HWS-
oder Rückenbeschwerden abgebrochen wurde.
Nahezu sämtliche der den Versicherten in den ersten beiden Monaten behan-
delnden resp. untersuchenden Ärzte brachten in ihren Berichten Zweifel an der
Wahrhaftigkeit der geklagten Beschwerden resp. einer organischen Ursache für
solche zum Ausdruck. Insbesondere erachtete es der Hausarzt des Versicherten
nach sechs Wochen als kontraproduktiv, den Versicherten weiterhin mit Attestie-
rung einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit zu "belohnen", verwies auf den
Wunsch des Versicherten nach Zuweisung an den Schleudertraumaspezialisten
wenige Wochen nach dem Schadenereignis und vor Vorliegen der Resultate der
ersten neurologischen Untersuchung und brachte Befürchtungen einer Begutach-
tungsodyssee zum Ausdruck. Ebenso empfahl der Hausarzt auch im Unfallfolge-
jahr dringend eine Reintegration in den Arbeitsprozess; einer solchen stand dem-
nach nach Einschätzung des Hausarztes weder das körperliche noch das psychi-
sche Befinden des Versicherten entgegen.
Nicht abgestellt werden kann auf das an einer Vielzahl an Mängeln leidende Gut-
achten J._ zuhanden des Versicherungsgerichts Solothurn, dessen Ent-
scheid eine Würdigung des Gutachtens als der einzigen Grundlage für die Beja-
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hung einer HWS-Schleuderverletzung und eines natürlichen Kausalzusammen-
hangs vermissen lässt. Es wurde weder von der Klägerin noch vom Versiche-
rungsgericht ein psychiatrisches Gutachten eingeholt, obwohl ab dem ersten Kli-
nikaufenthalt (Bellikon) eine Therapierung von körperlichen Beschwerden weder
stattfand noch als indiziert erachtet wurde. Trotz der widersprüchlichen Aktenlage
der ersten Jahre auch zum Vorliegen von psychischen Beschwerden und trotz der
von mehreren Ärzten festgehaltenen Hinweise auf eine Aggravation, Simulation
oder auf eine psychische Überlagerung wurde ein rein neurologisches Gutachten
eingeholt, das sich, wie aufgezeigt, mit den genannten Aspekten, einschliesslich
der widersprüchlichen Berichte aus dem eigenen Fachbereich des Gutachters,
nicht befasst.
Erstellt ist aufgrund des Beweisergebnisses, dass beim Versicherten rund zwei
Monate nach dem Schadenereignis psychische Beschwerden auftraten, bezüglich
derer verschiedene voneinander abweichende Diagnosen von Fachärzten vorlie-
gen. Sämtlichen Berichten von Fachärzten (und Nichtfachärzten), soweit diese mit
der Ursache der psychischen Beschwerden überhaupt befasst waren, ist zu ent-
nehmen, dass dem objektiv als geringfügig einzustufenden Schadenereignis auch
subjektiv, aus der Warte des konkreten Versicherten, keine besondere Eindrück-
lichkeit eignete und er dieses weder selber als schlimm erlebt hat, noch dieses bei
ihm Gefühle der Angst ausgelöst hat. Im Einklang mit dem Gesagten geht aus
sämtlichen medizinischen Berichten, soweit mit der Frage der Kausalität befasst,
hervor, dass die vom Versicherten als traumatisierend empfundene Behandlung
im Rahmen der Untersuchung und Schadenfallbearbeitung Auslöser der initialen
psychischen Reaktion des Versicherten waren und diese in der Folge durch den
als Katastrophe empfundenen Arbeitsplatzverlust verstärkt wurde. Eine besonde-
re Vulnerabilität des Versicherten in Stresssituationen und eine damit einherge-
hende Neigung zu psychovegetativen Reaktionen wurde von verschiedenen
Fachärzten, aber auch dem langjährigen Arbeitgeber des Versicherten bejaht (vgl.
die Anamnese im Gutachten J._). Der die psychogene Erstreaktion auslö-
sende Stressfaktor war vorliegend indes, wie aufgezeigt, nicht das Schadenereig-
nis als solches, sondern die vom Versicherten als überaus kränkend und verlet-
zend empfundene Behandlung bei der Schadenfallbearbeitung, die verweigerte
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Zuweisung an den von ihm bezeichneten Wunscharzt sowie die noch im Unfall-
jahr ausgesprochene Kündigung seiner langjährigen Arbeitsstelle, die er als ei-
gentliche Katastrophe erlebte. Damit kommt dem Unfallereignis die Bedeutung ei-
ner Gelegenheitsursache zu, an deren Stelle jeder andere, alltägliche Vorfall, der
zu einer als verletzend und kränkend empfundenen Behandlung geführt hätte,
stehen könnte. Aufgrund der dargelegten konkreten Umstände des vorliegenden
Falls (keine initiale Schmerzsymptomatik ausser subjektivem Befund betreffend
Tinnitus und zwei Wochen später festgestellter Empfindungsstörung der linken
Schulter, keine Anzeichen einer Anpassungsstörung in den ersten beiden Mona-
ten, sondern Hinweise auf mangelnde Kooperation, auf Verdeutlichungstenden-
zen etc., keine Anhaltspunkte für ein seelisch weniger gutes Verkraften der vom
Versicherten selbst als nicht eindrücklich empfundenen Heckkollision, Vielzahl
von Nachweisen für eine heftige psychische Reaktion auf eine in mehrerer Hin-
sicht als verletzend empfundene Behandlung bei der Schadenfallbearbeitung) ist
schliesslich ein rechtserheblicher, adäquater Zusammenhang zwischen dem
Schadenereignis vom 7. April 1997 und der nachfolgend aufgetretenen psychi-
schen Störung unklarer Diagnose zu vereinen. Dies führt zur Abweisung der Kla-
ge.
11. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Gemäss § 23 der Gebührenverordnung des Obergerichts vom 8. September
2010 bleibt die alte Verordnung des Obergerichts über die Gerichtsgebühren vom
4. April 2007 anwendbar, da für das Verfahren die Bestimmungen des kantonalen
Prozessrechts anwendbar bleiben (vgl. Art. 404 Abs. 1 ZPO). Ebenso gilt die An-
waltsgebührenverordnung vom 21. Juni 2006 (§ 25 der Verordnung über die An-
waltsgebühren vom 8. September 2010).
2. Der Streitwert beträgt vorliegend CHF 2'519'309.–. Die Kosten- und Entschädi-
gungsfolgen sind nach Obsiegen und Unterliegen zu regeln (§§ 64 Abs. 2 und 68
Abs. 1 ZPO/ZH). Die Gerichtsgebühr ist in Anwendung von § 4 Abs. 1 aGebV OG
auf CHF 46‘000.– festzusetzen. Da die Klage, soweit nicht zufolge Teilrückzugs
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abzuschreiben, abzuweisen ist, sind die Gerichtskosten der Klägerin aufzuerle-
gen. Die Klägerin ist entsprechend der Kostenverteilung zu verpflichten, der Be-
klagten eine Prozessentschädigung in Höhe von CHF 69'000.– zu bezahlen (§ 68
Abs. 1 ZPO/ZH sowie § 3 Abs. 1 i.V.m. § 6 aAnwGebV).
Das Handelsgericht beschliesst:
1. Die Klage wird im Umfang von CHF 67'177.– als durch Rückzug erledigt ab-
geschrieben.
2. Schriftliche Mitteilung und Rechtsmittel gemäss nachfolgendem Erkenntnis.
Das Handelsgericht erkennt:
1. Die Klage wird abgewiesen.
2. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf CHF 46'000.–.
3. Die Gerichtskosten werden der Klägerin auferlegt.
4. Die Klägerin wird verpflichtet, der Beklagten eine Prozessentschädigung von
CHF 69'000.– zu bezahlen.
5. Schriftliche Mitteilung an die Parteien und die Eidgenössische Finanzmarkt-
aufsicht FINMA.
6. Eine bundesrechtliche Beschwerde gegen diesen Entscheid ist innerhalb
von 30 Tagen von der Zustellung an beim Schweizerischen Bundesgericht,
1000 Lausanne 14, einzureichen. Zulässigkeit und Form einer solchen Be-
schwerde richten sich nach Art. 72 ff. (Beschwerde in Zivilsachen) oder Art.
113 ff. (subsidiäre Verfassungsbeschwerde) in Verbindung mit Art. 42 und
90 ff. des Bundesgesetzes über das Bundesgericht (BGG). Der Streitwert
beträgt CHF 2'519'309.–.
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