Decision ID: 44779320-6607-4ab1-bbd9-704b4c01ee13
Year: 2009
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Am 1. Januar 2004 übernahm die Schweizerische Bundesanwaltschaft (nachstehend „Bundesanwaltschaft“) das bis dahin vom kantonalen  Thurgau geführte Strafverfahren gegen A._ (nachstehend „A._“) und B._ (nachstehend „B._“) wegen des Verdachts der qualifizierten Widerhandlung gegen das , Beteiligung an bzw. Unterstützung einer kriminellen Organisation und Geldwäscherei. B._ befand sich seit dem 10. Juni 2003 im  Strafvollzug und wurde auch nach der Verfahrensübernahme  der Bundesanwaltschaft mit seinem Einverständnis sowie – mangels ausdrücklicher gesetzlicher Grundlage in der BStP – in Analogie zu den kantonalen Regelungen unter diesem Regime belassen. A._  befand sich zum Zeitpunkt der Verfahrensübernahme seitens der  nach wie vor in Untersuchungshaft. Seinen am 29. April 2004 gestellten Antrag auf vorzeitigen Strafantritt wies das Eidgenössische Untersuchungsrichteramt (nachstehend „Untersuchungsrichteramt“) wegen nach wie vor bestehender Kollusionsgefahr mit Verfügung vom 1. Juni 2004 ab (BK act. 1.4). Mit Gesuch vom 29. Juni 2004 beantragte A._ erneut die Gewährung des vorzeitigen Strafantritts. Diesem wurde am 26. August 2004 nunmehr entsprochen (BK act. 1.1).
B. Dagegen führt die Bundesanwaltschaft mit Eingabe vom 1. Septem-
ber 2004 Beschwerde und beantragt die Aufhebung der Verfügung sowie die Abweisung des Gesuchs von A._ um Gewährung des vorzeitigen Strafantritts (BK act. 1). Sie führt im Wesentlichen an, die Kollusionsgefahr sei noch nicht gebannt, bestünden doch nach wie vor Widersprüche in  auf angebliche Drogengeschäfte zwischen A._ und dem in einem separaten Strafverfahren u.a. wegen Verstosses gegen das  angeklagten C._ (nachstehend „C._“). Zudem sei der Bundesstrafprozessordnung das Institut des vorzeitigen Strafantritts unbekannt.
In seiner Stellungnahme vom 27. September 2004 beantragt der  die Abweisung der Beschwerde sowie die Bewilligung des vorzeitigen Strafantritts, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Ebenso beantragt die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung vom 27. September 2004 die Abweisung der Beschwerde.
Die Beschwerdeführerin und der Beschwerdegegner hielten in der Replik vom 22. Oktober 2004 resp. Duplik vom 2. November 2004 an ihren  Anträgen fest. Die Vorinstanz verzichtete auf eine zweite Stellung-
- 3 -
nahme. Um allfällige Fortschritte der Untersuchung im Entscheid  zu können, wurde die Beschwerdeführerin in der Folge zu einer weiteren Stellungnahme aufgefordert und diese dem Beschwerdegegner sowie der Vorinstanz mit der Möglichkeit der Vernehmlassung zugestellt. Alle Beteiligten hielten in ihren jeweiligen Eingaben an ihren ursprünglich gestellten Rechtsbegehren fest (BK act. 13, 14, 16, 19).
Auf die Ausführungen in den Eingaben und Akten wird, soweit diese für den vorliegenden Entscheid relevant sind, im Rahmen der nachfolgenden  eingegangen.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1. 1.1 Wie zuvor die Anklagekammer des Bundesgerichts prüft die Beschwerde-
kammer des Bundesstrafgerichts die Zulässigkeit der bei ihr eingereichten Rechtsmittel von Amtes wegen und mit freier Kognition (BGE 122 IV 188, 190 E. 1, 121 II 72, 74 E. 1a).
1.2 Die Zuständigkeit der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts zum
Entscheid über die vorliegende Beschwerde ergibt sich aus Art. 28 Abs. 1 lit. a des Strafgerichtsgesetzes (SGG, SR 173.71). Aufgrund der  der Bundesanwaltschaft (Art. 34 BStP) ist diese gestützt auf Art. 214 BStP zur Erhebung der Beschwerde grundsätzlich legitimiert. Die konkrete Beschwer ergibt sich aufgrund ihrer strafprozessualen Verantwortung für die Anklageerhebung und -vertretung, woraus sie ein aktuelles Interesse am Ergebnis der Strafuntersuchung und an der Verhinderung von Kollusion hat. Sie ist darauf angewiesen, dass der Untersuchungsrichter seiner  nachkommt, den Sachverhalt soweit festzustellen, dass die  über die Anklageerhebung oder Verfahrenseinstellung entscheiden kann (Art. 113 Abs. 1 BStP), sowie die Beweismittel für die Hauptverhandlung zu sammeln (Art. 113 Abs. 2 BStP).
Die angefochtene, verfahrensleitende Verfügung bewilligt das Gesuch des Beschwerdegegners um Versetzung aus der Untersuchungshaft in den vorzeitigen Strafantritt. Diese Verfügung stellt grundsätzlich eine  Amtshandlung dar (Art. 214 Abs. 1 i.V.m. Art. 115 Abs. 2 BStP). Die  ist innert der erforderlichen Frist eingereicht worden. Auf die  ist daher einzutreten.
- 4 -
2. 2.1 Die Möglichkeit für den Beschuldigten, seine Strafe vor Erlass eines
rechtskräftigen Strafurteils anzutreten, ist von der  nicht explizit vorgesehen. Sie hat sich aber in der Praxis bewährt und wird in verschiedenen kantonalen Strafprozessordnungen geregelt. Mit der Einführung der vereinheitlichten Strafprozessordnung soll der vorzeitige Straf- und Massnahmenvollzug schweizweit eine einheitliche Regelung  (vgl. Art. 249 des Vorentwurfs zu einer Schweizerischen  [VE StPO]). Neu wird der vorzeitige Strafvollzug im revidierten allgemeinen Teil des Strafgesetzbuches auch eine materielle  erhalten (nArt. 75 Abs. 2 StGB, beschränkt auf Freiheitsstrafen). Der vorzeitige Straf- und Massnahmenvollzug hat sich in der Praxis  für Beschuldigte als sinnvoll erwiesen, die sich seit längerer Zeit in Untersuchungshaft befinden und längere, unbedingte Freiheitsstrafen oder entsprechende freiheitsentziehende Massnahmen zu gewärtigen haben (vgl. Begleitbericht VE StPO, S. 169 f.).
Angesichts dieser praktischen Entwicklung und ihrer bevorstehenden  auf gesetzlicher Ebene ist evident, dass die aus dem Jahr 1934  Bundesstrafprozessordnung mit Bezug auf den vorzeitigen Straf- und Massnahmenvollzug lückenhaft ist. Weder aus den  noch aus der praktischen Handhabung der BStP ergibt sich indessen, dass von einem qualifizierten Schweigen des Gesetzgebers ausgegangen werden müsste. Die Tatsache, dass der vorzeitige Straf- und  die Freiheitsrechte des Beschuldigten im Vergleich zur  weniger stark einschränkt und dessen  verbessert, spricht vielmehr dafür, diese sinnvolle und in der  Praxis bewährte Einrichtung im Sinne der Lückenfüllung per  auch im Bundesstrafprozess zuzulassen (vgl. auch Entscheid der  des Bundesstrafgerichts vom 22. September 2004 [BK_H 125/04], E. 7). Dies wurde zugunsten des im Strafverfahren gegen den Beschwerdegegner Mitbeschuldigten B._ denn auch getan (vgl. Schreiben der Bundesanwaltschaft an die Vertreterin von B._ vom 14. Januar 2004; BK act. 1.12).
2.2 Soll die Möglichkeit des vorzeitigen Strafvollzugs auch im Bundesstrafpro-
zess bestehen, stellt sich die Frage nach deren Voraussetzungen. Die  strafprozessualen Regelungen der Kantone knüpfen die  zum vorzeitigen Strafantritt daran, dass der Zweck des Verfahrens dadurch nicht gefährdet wird (vgl. § 71a StPO ZH) resp. der Stand der  diesen erlaubt (Art. 132 StPO SG, Art. 197 StrV BE) oder dass kein Haftgrund mehr besteht (vgl. § 89 StPO BL). Angesichts der in diesem
- 5 -
Bereich bevorstehenden einheitlichen Regelung gemäss der  Strafprozessordnung erscheint es sinnvoll, sich für den  an den im VE StPO statuierten Voraussetzungen für den  Strafantritt zu orientieren. Art. 249 Abs. 1 VE StPO lässt diesen zu, „..., sofern der Stand des Verfahrens dies erlaubt“. Dafür bedarf es mindestens, dass keine erkennbare Kollusionsgefahr mehr besteht. Darin sind sich die Beschwerdeführerin und die Vorinstanz im Übrigen einig. Es ist notorisch, dass die Sicherungszwecke, die mit der Untersuchungs- und  angestrebt werden, im Vollzugsregime nur unvollkommen erreicht  können. Hier bestehen grundsätzlich offene , die es zulassen, dass nach Aussen relativ ungehindert kolludiert werden kann.
Während beim Entscheid über die Versetzung in die Untersuchungshaft das Vorliegen von Kollusionsgefahr massgebend ist, hat die zuständige Behörde für die Gewährung des vorzeitigen Strafantritts somit gerade das Fehlen von Kollusionsgefahr darzutun, ist doch dies zum Schutz des  erforderlich.
3. 3.1 Art. 44 Ziff. 2 BStP umschreibt die Kollusionsgefahr mit dem Vorliegen be-
stimmter Umstände, welche den Verdacht begründen, dass der  Spuren der Tat vernichten, Zeugen oder Mitbeschuldigte etc. zu  Aussagen verleiten oder sonst den Zweck der Untersuchung  könnte (vgl. zur Kollusionsgefahr auch BGE 117 Ia 257, 261 E. 4c). Kollusionsgefahr muss in objektiver Hinsicht (Kollusionsmöglichkeit) wie in subjektiver Hinsicht (Kollusionsbereitschaft) erfüllt sein.  besteht in der Regel so lange, als die Ermittlungsbehörde die Beweise noch nicht vollständig erhoben hat.
3.2 Der zuständige Untersuchungsrichter wies in der angefochtenen Verfügung
auf die den Beschwerdegegner belastende Aussage des Mitbeschuldigten B._ hin, wonach sie angeblich im Juli 2001 gemeinsam einen  Abnehmer, C._, mit 5 kg Heroin beliefert hätten. Gemäss der Schilderung B._ seien die in den Seitenteilen des Wagens  Drogen von Z._ nach Y._ transportiert worden. B._ nannte dabei auch den Namen eines weiteren Komplizen (D._). Die Übergabe habe in einer Garage von C._ in Y._ stattgefunden (vgl. Protokoll Konfrontationseinvernahme A._ – B._ vom 27. Juni 2004, BK act. 7.1, S. 27 f.).
- 6 -
Zum Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung war dieser  noch nicht weitergehend abgeklärt worden und wurde vom  zudem bestritten. In der Zwischenzeit erfolgte eine  zwischen B._ und C._, anlässlich welcher B._ seine belastenden Aussagen in Bezug auf das angebliche  zwischen ihm und dem Beschwerdegegner als Lieferanten und C._ als Abnehmer sowie die Rolle des Komplizen D._ . Ferner gab er zu Protokoll, der Beschwerdegegner habe ihm von anderen Drogengeschäften mit C._ erzählt, er wisse aber nichts  darüber (vgl. Protokoll Konfrontationseinvernahme B._ – C._ vom 9. November 2004, pag. 114 ff.; BK act. 14.2). C._ seinerseits bestritt nicht nur diese konkreten Tatvorwürfe, sondern gar B._ und den Beschwerdegegner überhaupt zu kennen (vgl. Protokoll Konfrontationseinvernahme B._ – C._ vom 9. November 2004, pag. 109 f.). Der Beschwerdegegner selber wurde mit diesen erneuten resp. neuen Tatvorwürfen hingegen bis dato nicht konfrontiert. Damit liegen zum jetzigen Zeitpunkt in Bezug auf das angebliche Drogengeschäft mit B._ und C._ von Seiten des Beschwerdegegners bestreitende und in Bezug auf die angeblichen weiteren Drogengeschäfte mit C._ noch keinerlei Aussagen vor. Damit sind die relevanten Beweise zur  dieses Sachverhaltskomplexes nicht vollständig erhoben, weshalb  Kollusionsmöglichkeit zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden kann. Den Strafakten ist zudem zu entnehmen, dass zwei Männer im Namen des Beschwerdegegners in der Wohnung der Ehefrau des B._ in Deutschland erschienen sind und erwirken wollten, dass B._ seine belastenden Aussagen gegenüber dem  zurückzieht (vgl. Einvernahme E._ vom 29. Juli 2004 vor dem Amtsgericht Lemgo, S. 4; BK act. 1.8). Dass es dabei zu keiner Drohung kam, ist nicht relevant, war dieser „Besuch“ doch eindeutig darauf , das Aussageverhalten des B._ zu beeinflussen. Beim  ist somit auch eine hohe Kollusionsbereitschaft . Insgesamt kann daher eine Kollusionsgefahr nach dem heutigen  nicht ausgeschlossen werden.
Der Tatvorwurf einer Drogenlieferung über 5 kg Heroin stellt eine  zusätzliche Belastung gegenüber dem Beschwerdegegner dar und stützt sich den entsprechenden Einvernahmeprotokollen zufolge auf sehr konkrete Angaben. Vor einer Versetzung des Beschwerdegegners in den vorzeitigen Strafvollzug ist die Ausräumung einer Kollusionsmöglichkeit hinsichtlich dieses von ihm nach wie vor bestrittenen  abzuwarten.
- 7 -
3.3 Im Ermittlungs- und Untersuchungsverfahren stellt der vorzeitige  nicht die Regel dar. Nur in hinsichtlich des Verfahrensstandes  (Ausnahme-)Fällen kommt dieser, wie oben ausgeführt, in  und ist er sinnvoll. Angesichts der noch offenkundig bestehenden  in Bezug auf einen wesentlichen Sachverhaltskomplex,  auch Verhältnismässigkeitsüberlegungen in Bezug auf die Haftdauer eine Entlassung des Beschwerdegegners aus der Untersuchungshaft und Überführung in den vorzeitigen Strafvollzug nicht zu rechtfertigen. Das grundsätzlich offene Vollzugsregime lässt bekanntermassen keine  Freiheitsbeschränkung zur Sicherung des  zu. Letztere kann und soll einzig mit der Untersuchungshaft  werden.
3.4 Gestützt auf diese Erwägungen ist die Beschwerde zu schützen und die
angefochtene Verfügung aufzuheben.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens stellt sich die Frage nach der  der Vollzugsmodalitäten nicht, weshalb sich deren Beantwortung .
4. Nachdem eine Behörde der Eidgenossenschaft gegen die Verfügung einer
anderen Bundesbehörde Beschwerde erhoben hat und diese unterlegen ist, sind gemäss Art. 245 BStP i.V.m. Art. 156 Abs. 2 OG keine Kosten zu erheben und aufzuerlegen, wenngleich die Gegenpartei im formellen Sinn ein Privater ist.
- 8 -