Decision ID: 64437824-17fb-44a4-a006-3f86105124db
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren am 2
8.
September 2005, wurde im Zusammenhang mit
dem Geburtsgebrechen
Ziff.
404 des Anhangs der Verordnung über Geburtsgebrechen
(
GgV
;
ADS bzw. ADHS; vormals „p
sychoorganisches Syndrom“, POS
)
von seiner Mutter
Y._
am 2
3.
Oktober 2014 bei der Inva
lidenversicherung zum B
ezug
von medizinischen
Massnahmen
angemeldet (
Urk.
5/1
Ziff.
5.1
).
Nachdem die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich,
IV-Stelle
,
einen
Bericht von
Dr.
med.
Z._
, praktische Ärztin,
und
Dr.
med.
A._
,
Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
(
Urk.
5/7/1-3) sowie deren Beantwortung des
entsprechenden
Fragebogens vom
8.
Dezember
2014 (
Urk.
5/7/4-7)
eingeholt hatte,
stellte sie mit Vorbescheid vom
9.
April
2015 (
Urk.
5/9) in Aussicht, dass keine Kostengutsprache für medizinische
Massnahmen
erteilt werde.
Dagegen
erhoben
die
Eltern des Versicherten am 2
0.
April und am
7.
Mai
2015 (
Urk.
5/13,
Urk.
5/19)
und die
Swica
Gesundheitsorganisation (nachfolgend
Swica
) am
6.
Mai 2015 (
Urk.
5/17) Einwände
. Mit Verfügung vom
2.
Oktober
2015
lehnte die IV-Stelle das Begehren um Kostenübernahme für medizinische
Massnahmen
ab
(
Urk.
5/24 =
Urk.
2)
.
2.
Die
Swica
erhob gegen die Verfügung vom
2.
Oktober
2015 (
Urk.
2) am 1
5.
Oktober
2015
Beschwerde und beantragte, es sei die IV-Stelle
zu verpflic
h
ten
,
das
Geburtsgebrechen
Ziff.
404
GgV
-Anhang
anzuerkennen und die ent
sprechenden Eingliederungsmassnahmen zuzusprechen (
Urk.
1 S.
2). Mit
Be
schwerdeantwort
vom 1
0.
November 2015 (
Urk.
4) beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde. Mit Gerichtsverfügung vom
8.
Dezember
2015 (
Urk.
6) wurde
X._
, gesetzlich vertreten durch die Mutter
Y._
, zum Prozess beigeladen. Dieser liess sich innert Frist nicht vernehmen, was den Parteien am
8.
Februar 2016 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
8).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Versicherte haben bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen (
Art.
3
Abs.
2
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts; ATSG
) notwendigen medizini
schen Massnahmen (
Art.
13
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invaliden
versicherung; IVG
). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche diese Massnahmen gewährt werden. Er kann die Leistung ausschliessen, wenn das Gebrechen von geringfügiger Bedeutung ist (
Art.
13 Abs. 2 IVG).
Als Geburtsgebrechen gelten diejenigen Krankheiten, die bei vollendeter Geburt bestehen (
Art.
3
Abs.
2 ATSG in Verbindung mit
Art.
1
Abs.
1 Satz 1
GgV
).
Die blosse Veranlagung zu einem Leiden gilt nicht als Geburtsgebrechen. Der Zeit
punkt, in dem ein Geburtsgebrechen als solches erkannt wird, ist unerheblich (
Art.
1
Abs.
1
GgV
).
Die Geburtsgebrechen sind in der Liste im Anhang aufge
führt. Als medizinische Massnahmen, die für die Behandlung eines
Geburtsge
brechens
notwendig sind, gelten sämtliche Vorkehren, die nach bewährter Er
kenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigt sind und den therapeuti
schen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben
(
Art.
2
Abs.
3
GgV
)
.
1.2
Als Geburtsgebrechen im Sinne von
Ziff
.
404
GgV
-Anhang
gelten Störungen des Verhaltens bei Kindern mit normaler Intelligenz, im Sinne krankhafter Beein
trächtigung der Affektivität oder Kontaktfähigkeit, bei Störungen des Antriebes, des Erfassens, der perzeptiven Funktionen, der Wahrnehmung, der Konzentra
tionsfähigkeit sowie der Merkfähigkeit, sofern sie mit bereits gestellter Diagnose als solche vor der Vollendung des 9. Altersjahres auch behandelt worden sind
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_932/2010 vom 11. Januar
2011 E. 2.2 mit Hinweisen).
1.3
Bei der Beurteilung eines Antrages um Kostengutsprache für
medizinische
Mass
nahmen
geht es um die Zuordnung des Leistungsträgers und nicht um die Beurteilung der Therapiebedürftigkeit eines Kindes. Die Ablehnung eines Antra
ges durch die IV-Stelle
ist nicht ein Entscheid gegen das Kind oder eine Vernei
nung seiner Behandlungsbedürftigkeit, sondern ein versicherungsrechtlicher Entscheid bezüglich der Zuordnung des Leistungsträgers (Einleitung des An
hangs 7 zum
Kreisschreiben über die medizinischen
Eingliederungsmassn
ahmen
der Invalidenversicherung;
KSME
, gültig ab Juli 2016
).
2.
2.1
Streitig und zu prüfen ist, ob der minderjährige Versicherte gestützt auf
Art.
13 IVG Anspruch auf Kostengutsprache für medizinische
Massnahmen
hat. D
er Versicherte hat am 2
7.
September 2014
das
9.
Altersjahr vollendet.
2
.
2
Die
Beschwerdegegnerin
verneinte
in ihrer Verfügung (
Urk.
2)
den Anspruch
auf medizinische
Massnahmen
mit der Begründung, dass vor Vollendung des
9.
Altersjahres des Versicherten
zwar am 1
2.
September 2014 die Diagnose einer ADS gestellt worden
sei
,
jedoch
keine gezielte
n
Therapie
n
eingeleitet worden sei
en
.
Mit
der
Psychotherapie sei erst ab November
2014 begonnen worden. Der Versicherte habe jedoch sein
9.
Altersjahr schon am 2
7.
September
2014 beendet, wes
halb das Geburtsgebrechen
Ziff.
404
GgV
-Anhang
nicht mehr anerkannt
werden könne. Die reine Anmeldung zu einer Therapie zähle nicht als Beginn der Therapie. Die Frage der Verfügbarkeit eines Therapeuten
werde nicht berück
sichtig
(S. 1 f.
).
2.3
Dagegen machte die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerde (
Urk.
1) geltend,
die Diagnose des
Geburtsgebrechen
s
Ziff.
404
GgV
-Anhang
sei am 1
2.
September 2014 gestellt worden.
Nachweislich seien Psychomotorik
-
und
Neurofeedback
therapien
durchgeführt worden, nachdem der Versicherte bereits seit dem Kleinkindalter Verhaltensauffäl
ligkeiten habe erkennen lassen.
Die Anmeldung beim Arzt zur spezifischen Therapie sei
durch die Mutter des Versicherten am 1
8.
September 2014 und
damit rechtzeitig vor dem
9.
Altersjahr erfolgt. Die Gründe für den späteren Beginn
der Therapie erst am
8.
November 2014
h
ätten
im Kapazitätsengpass bei
m Arzt und in den Herbstferien
gelegen
(S. 3 f.
Ziff.
2
3).
3.
3.1
Dr.
Z._
und
Dr.
A._
nannten
in ihrem
undatierten, am
9.
Dezember
2014 bei der Beschwerdegegnerin eingegangenen Bericht
(
Urk.
5/7/1-3)
folgende, erstmals
am 1
2.
September
2014 gestellten
Diagnose
n (
Ziff.
1.1):
ADHS (ICD-10 F90.0) im Sinne einer anlagebedingten Entwicklungsstö
rung, die dem Symptomkomplex gemäss
Geburtsgebrechen
Ziff.
404
GgV
-Anhang
entspreche
dissoziiertes altersentsprechendes kognitives Entwicklungsprofil
Teilleistungsstörung in der auditiven und visuellen serielle
n Merk
fähigkeit (ICD-10 F80.2)
kombinierte Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten (ICD-10 F81.0)
umschriebene Entwicklungsstörung de
r motorischen Funktionen (ICD-1
0 F82)
Dr.
Z._
und
Dr.
A._
führten aus, d
er Versicherte habe seit
Kleinkindesalter Verhaltensauffälligkeiten gezeigt und ein hohes Mass an strukturierend
er Präsenz von Seiten
der Lehrpersonen und der Familie gebrauch
t (
Ziff.
1.2
).
Die
Psychomotoriktherapie
sei im März 2014 sistiert worden, da der Versicherte keine Fortschritte mehr mache. Aufgrund einer Lese-Rechtschreibestörung werde
seit 2014 eine logopädische Therapie durchgeführt (
Ziff.
1.6).
Zum
Behandlungspla
n führten
Dr.
Z._
und
Dr.
A._
aus, es sei eine Verhaltenstherapie bei
Dr.
med.
B._
, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie
,
geplant
,
un
d es werde von ihm eine medikamentöse Therapie mit Ritalin erwogen (
Ziff.
2.7).
3.2
In Beantwortung des Fragboge
ns
der Beschwerdegegnerin zum
Geburtsgebre
chen
Ziff.
404
GgV
-Anhang
führten
Dr.
Z._
und
Dr.
A._
aus, sie hätten die Diagnose am 1
2.
September 2014 gestellt (
Ziff.
4.1-2).
Zu der Frage, wann mit den spezifischen Massnahmen, die sich gezielt auf die Therapie des diagnostizierten POS bezögen, begonnen worden sei
,
führten sie aus,
zur
Ver
besserung der Konzentrationsfähigkeit sei eine Neurofeedbacktherapie bei Frau
C._
von September
2013 bis Juni
2014 durchgeführt worden.
Seit Schulbeginn werde IF-Unterricht erteilt. Im Anschluss an die Abklärung (November
2014)
werde eine verhaltenstherapeutische Unterstützung
des Versicherten
durch
Dr.
B._
du
rchgeführt,
und
in diesem Rahmen werde eine
medikamentös
e Therapie
mit Ritalin
erwogen
.
3.3
Dr.
med.
D._
, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), führte in ihrer Stellungnahme vom 1
3.
März
2015 (
Urk.
5/8/2) aus, gemäss
Dr.
A._
sei die Diagnose eines ADS beim Versicherten am 1
2.
September 2014 gestellt worden. Es seien nachvollziehbare Befunde angegeben worden für die fünf Störungsbereiche gemäss Anhang
7 KSME. Bisher seien aber nur Psychomotorik und Neurofeedback als Therapien durchgeführt worden. Beide Therapien könnten von der Invalidenversicherung
nicht als spezifische medizinische Behandlung anerkannt werden. Für die Aner
kennung eines
Geburtsgebrechens
Ziff.
404
GgV
-Anhang müsse sowohl die
Diag
nosestellung
als auch der Beginn einer anerkannten medizinischen Therapie vor Vollendung
des
9.
Altersjahres dokumentiert sein. Die Psychotherapie sei erst ab
November
2014 und damit nach Beendung des
9.
Altersjahres am 2
7.
September 2014 begonnen worden. Daher könne das Gebu
rtsgebrechen
Ziff.
404
GgV
-Anhang nicht anerkannt werden.
Ab dem
2.
Behandlungsjahr könne die
Kosten
übernahme
der Psychotherapie unter
Art.
12 IVG geprüft werden.
3.4
Dr.
B._
führte in seiner
E-Mail vom
4.
Mai
2015 (
Urk.
5/16) sowie in seiner
Bestätigung vom
6.
Mai 2015 (
Urk.
5/18) aus, die Anmeldung zur
Kinderpsychi
atrischen
Behandlung des Versicherten sei am 1
8.
September 2014 durch dessen Mutter erfolgt.
Aufgrund der bevorstehenden Herbstferien und aus
Kapazitäts
gründen
habe die Behandlung jedoch erst am
8.
November 2014 begonnen wer
den können.
4.
4.1
Unbestrittenermassen
ist
die Diagnose des
Geburtsgebrechens
Ziff.
404
GgV
-Anhang
am 1
2.
September
2014 und damit vor Vollendung
des
9.
Lebensjahres
des Versicherten
am 2
7.
September
2014
gestellt
worden
(vgl. vorstehend
E.
2.2-3
und E. 3.1-3
)
.
Zu prüfen ist jedoch, wie es sich mit dem Zeitpunkt des Behandlungsbeginns verhält.
4.2
Den Berichten von
Dr.
Z._
und
Dr.
A._
(vorstehend E. 3.1-2)
lässt sich entnehmen, dass bis März
2014 eine
Psychomotoriktherapie
und
von Sep
tem
ber
2013 bis Juni
2014 eine Neurofeedbacktherapie
durchgeführt
wurde
.
Zudem besucht der
Versicherte
eine logopädische Therapie und es w
ird
IF-Unterricht erteilt.
Diese Massnahmen wurden jedoch nicht spezifisch zur Behandlung des
Geburtsgebrechens
Ziff.
404
GgV
-Anhang durchgeführt.
Dies wurde sodann auch nicht
von der Beschwerdeführerin geltend gemacht. Vielmehr beantragte sie die Gleichsetzung der Anmeldung zu einer spezif
ischen Therapie
mit deren
Behandlungsbeginn (vgl. vorstehend E. 2.3).
4.3
Wie ausgeführt (vorstehend E. 1.2) ist zur Anerkennung eines
Geburtsgebre
chens
Ziff.
404
GgV
-Anhang
nebst der Diagnosestellung vor Vollendung des
9.
Lebensjahres der
rechtzeitige
Behandlungsbeginn
ebenfalls vor Vollendung des
9.
Lebensjahres kumulative
Anspruchsvoraussetzung für entsprechende Leistungen der Invalidenversicherung.
Fehlende Diagnose und fehlende Behandlung vor Vollendung des neunten Altersjahres schaffen die unwiderlegbare Rechtsvermutung, dass es sich nicht um ein angeborenes
Geburtsgebrechen
Ziff.
404
GgV
-Anhang
handelt (BGE 122
V 113 E. 3c/
bb
, Urteil des Bundesgerichts I 451/06 vom 2
3.
Januar
2007, E.
3.1).
Wird die Behandlung aufgrund von langen Wartezeiten bei den mit dem Versicherten befassten Ärzten erst nach dem neunten Geburtstag begonnen, ändert dies nichts daran, dass die Behandlung für die Annahme eines angeborenen
Geburtsgebrechens
Ziff.
404
GgV
-Anhang
zu spät begonnen wurde (Urteil des Bundesgerichts I 508/06 vom
6.
Februar
2007, E. 4). Ebenso wenig reicht eine
blosse
Behandlungsbedürftigkeit vor dem neunten Geburtstag aus, um die Leistungspflicht der Invalidenversicherung
gemäss
der erwähnten
GgV
-Ziffer auszulösen (Urteil des Bundesgerichts I 52/04 vom 1
6.
Juli
2004, E
2.1 mit Hinweisen). An den klaren Kriterien der rechtzeitigen
Diagnose
stellung
und des rechtzeitigen
Behandlungsbeginn
s
ist aus Gründen der Rechts
sicherheit festzuhalten (Urteil des Bundesgerichts I 362/02 Urteil vom 1
3.
Januar 2003, E.
2.2 mit Hinweis).
In Anbetracht dessen, dass diese Kriterien streng gehandhabt werden und eine Planung der Behandlung nicht mit dem Beginn gleichgesetzt werden kann
, geht das
Vorbringen der Beschwerdeführerin
, dass die
Anmeldung zur Behandlung rechtzeitig erfolgt und
lediglich aus organisatorischen Gründen nicht r
echtzeitig
mit der Behandlung
begonnen worden sei,
somit fehl.
4.4
Aufgrund des Gesagten kann der Zeitpunkt der Anmeldung zu einer spezifi
schen Therapie nicht mit deren Behandlungsbeginn gleichgestellt werden, wes
halb der Behandlungsbeginn am
8.
November
2014
beim
am 28. September 2005 geborenen Versicherten
als nach Vollendung des
9.
Lebensjahres zu sehen ist.
Damit sind die Voraussetzungen einer Leistungspflicht der
Beschwerdegeg
nerin
aus
Art.
13
Abs.
1 IVG mangels Erfüllen
s
der Voraussetzungen für das Vorliegen eines
Geburtsgebrechen
s
Ziff.
404
GgV
-Anhang
nicht gegeben.
Die angefochtene Verfügung erweist sich damit als rechtens, was zur Abwei
sung der Beschwerde führt.
5.
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und auf
Fr.
6
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Aus
gang des Verfahrens sind sie der
unterliegenden Be
schwerdeführer
in aufzuerlegen.