Decision ID: e62f70bd-4d76-5fc5-b0a6-52c9fdfd923f
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X erwarb den Führerausweis für Personenwagen am 6. August 1980; ferner besass
er auch den Führerausweis für Lastwagen. Letzterer wurde ihm mit Verfügung des
Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamts des Kantons St. Gallen vom 19. Juni 2015 auf
unbestimmte Zeit entzogen, nachdem er sich der periodischen verkehrsmedizinischen
Kontrolluntersuchung nicht unterzogen hatte. Am 17. Mai 2015 lenkte X auf der
Autobahn ein Motorfahrzeug mit einer Geschwindigkeit von 151 km/h. Am 17. August
2015 war er ausserorts mit 125 km/h und tags darauf innerorts mit 67 km/h unterwegs.
B.- Aufgrund dieser drei Geschwindigkeitsüberschreitungen innert kurzer Zeit eröffnete
das Strassenverkehrsamt ein Verfahren zur Abklärung der Fahreignung und ordnete mit
Verfügung vom 20. Oktober 2015 eine verkehrspsychologische Untersuchung an. Im
Gutachten vom 26. November 2015 kam Dr.Dr. E. Kocsis, Sargans, zum Schluss, dass
eine abschliessende Beurteilung der charakterlichen Eignung derzeit nicht möglich sei.
Diese könne nach dem Vorliegen eines verkehrsmedizinischen Gutachtens, das über
das Ausmass der Stoffwechselstörung und der Art der Muskelerkrankung von X
Auskunft geben sollte, sowie nach dem Absolvieren kognitiver Trainingsprogramme
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erfolgen. Gestützt auf dieses Gutachten verfügte das Strassenverkehrsamt am
1. Dezember 2015 den vorsorglichen Entzug des Führerausweises.
Am 18. Februar 2016 fand die verkehrsmedizinische Untersuchung von X am Institut für
Rechtsmedizin des Kantonsspitals St. Gallen, Abteilung Verkehrsmedizin (IRM), statt.
Im Gutachten vom 4. Mai 2016 hielt der Verkehrsmediziner Dr. J. Gelbke fest, dass X
an einer Muskeldystrophie Typ II, an einem Diabetes mellitus Typ II und einem
beidseitigen Katarakt (grauer Star) leide. Wegen des derzeit unzureichend eingestellten
Diabetes mellitus könne die Fahreignung aus verkehrsmedizinischer Sicht nicht
befürwortet werden. Mit Verfügung vom 11. Juli 2016 entzog das Strassenverkehrsamt
X in der Folge den Führerausweis auf unbestimmte Zeit. Die Sperrfrist wurde auf einen
Monat festgesetzt. Als Bedingungen für eine Aufhebung wurden eine regelmässige und
erfolgreiche hausärztliche und – wenn erforderlich – eine Behandlung des Diabetes
mellitus, das Einreichen eines augenärztlichen Zeugnisses nach der Operation des
grauen Stars, welches die Fahreignung befürwortet, die Komplettierung der
verkehrspsychologischen Diagnostik nach der Absolvierung kognitiver
Trainingsprogramme, eine verkehrsmedizinische Aktenbeurteilung sowie eine
Vorstellung beim Technischen Dienst des Strassenverkehrsamts zwecks Überprüfung
einer allfälligen Kraftminderung genannt.
In der Folge lenkte X wiederholt ein Fahrzeug trotz Entzugs des Führerausweises, so
am 22. Januar, 8. Februar und 26. Mai 2017 sowie am 26. Februar und 23. Juni 2018.
C.- Am 15. Mai 2018 liess sich X von Dr.Dr. J. Graf von Bernstorff, St. Gallen,
verkehrspsychologisch untersuchen. Dieser kam im Gutachten vom 16. Mai 2018 zum
Schluss, dass keine charakterliche Problematik bestehe und die Fahreignung gegeben
sei. Das Strassenverkehrsamt erachtete dieses Gutachten als nicht schlüssig und
ordnete mit Verfügung vom 30. Mai 2018 eine weitere verkehrspsychologische
Untersuchung bei Dr. M. Keller, St. Gallen, an. Dieser kam zum Schluss, dass die
Einsicht von X ungenügend sei, weshalb eine Rückfallgefahr bestehe. Zudem sei die
Leistungsfähigkeit für alle Kategorien nicht gegeben.
X beantragte mit Schreiben vom 10. September 2018 die Erteilung des
Führerausweises für alle Kategorien, eventualiter zumindest für Traktoren. Das
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Strassenverkehrsamt lehnte die Wiedererteilung des Führerausweises für sämtliche
Kategorien mit Verfügung vom 17. September 2018 ab. Gleichzeitig führte es aus, nach
Abschluss des Strafverfahrens zu den Fahrten ohne Führerausweis sei die Verfügung
eines Führerausweisentzugs für immer beabsichtigt.
D.- Mit Entscheid des Kreisgerichts A vom 20. Dezember 2018 wurde X unter anderem
wegen mehrfachen Führens eines Motorfahrzeugs trotz Verweigerung, Entzugs oder
Aberkennung des Ausweises, begangen am 22. Januar, 8. Februar und 26. Mai 2017
sowie am 26. Februar und 23. Juni 2018, schuldig gesprochen. Das Urteil erwuchs
unangefochten in Rechtskraft. Das Verfahren hinsichtlich Führens eines
Motorfahrzeugs trotz Verweigerung, Entzugs oder Aberkennung des Ausweises am
23. August 2016 wurde mit Verfügung des Untersuchungsamts B vom 20. Februar
2019 eingestellt.
Das Strassenverkehrsamt setzte daraufhin das Administrativverfahren fort. X nahm mit
Schreiben vom 14. Januar 2019 Stellung. Er beantragte die sofortige Herausgabe des
Führerausweises ohne Bedingungen oder Auflagen. Am 1. März 2019 verfügte das
Strassenverkehrsamt gegenüber X einen Führerausweisentzug für immer.
Der dagegen erhobene Rekurs wurde von der Verwaltungsrekurskommission des
Kantons St. Gallen (VRK) mit Entscheid vom 28. November 2019 teilweise
gutgeheissen, die angefochtene Verfügung aufgehoben, die Sperrfrist auf sieben
Monate festgesetzt und die Sache im Sinn der Erwägungen zu weiteren Abklärungen
und neuer Verfügung an das Strassenverkehrsamt zurückgewiesen (Verfahren
IV-2019/44). Gegen die Kostenregelung erhob X Beschwerde beim Verwaltungsgericht;
das entsprechende Verfahren ist, soweit ersichtlich, noch hängig.
E.- Gestützt auf den Entscheid der VRK vom 28. November 2019 ordnete das
Strassenverkehrsamt mit Verfügung vom 19. Dezember 2019 eine dritte
verkehrspsychologische Untersuchung von X bei Katrin Bürer in Rapperswil an. Der
Termin für die Untersuchung war für den 27. Februar 2020 vorgesehen.
Am 15. Januar 2020 lenkte X trotz Führerausweisentzugs in Montlingen einen Traktor
ohne Kontrollschild. Das Strassenverkehrsamt eröffnete deswegen ein
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Administrativmassnahmeverfahren und gewährte X mit Schreiben vom 22. Januar 2020
das rechtliche Gehör. Mit Verfügung vom 24. Januar 2020 widerrief es die Verfügung
vom 19. Dezember 2019 und damit die Anordnung einer verkehrspsychologischen
Untersuchung. Die Gebühr wurde auf Fr. 150.– festgesetzt. Der Termin für die
Untersuchung am 27. Februar 2020 wurde abgesagt. Die vorgesehene Gutachterin bat
am 29. Januar 2020, X an eine andere Untersuchungsstelle zu verweisen, wenn er
nochmals einen Untersuchungstermin vereinbaren wolle.
F.- Mit Eingabe vom 3. Februar und Ergänzung vom 20. Februar 2020 erhob X gegen
den Widerruf Rekurs mit dem Antrag, dieser sei aufzuheben, eventualiter sei die
Angelegenheit zur Gewährung des rechtlichen Gehörs und zu neuer Verfügung an die
Vorinstanz zurückzuweisen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
Mit Vernehmlassung vom 4. März 2020 beantragte die Vorinstanz die Abweisung des
Rekurses. Auf die Ausführungen der Beteiligten wird, soweit erforderlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
G.- Mit Verfügung vom 6. März 2020 setzte die Vorinstanz die Sperrfrist wegen des
neuerlichen Führens eines Motorfahrzeugs trotz Führerausweisentzugs (schwere
Widerhandlung) vom 15. Januar 2020 auf 13 Monate fest (15. Januar 2020 bis
14. Februar 2021). Einen dagegen zunächst erhobenen Rekurs zog X am 8. Mai 2020
wieder zurück.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rechtsmittelerhebung ist gegeben. Der
Rekurs vom 3. Februar 2020 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt zusammen
mit der Ergänzung vom 20. Februar 2020 in formeller und inhaltlicher Hinsicht die
gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Der Rekurrent rügt eine Verletzung des rechtlichen Gehörs. Ihm sei vor Erlass der
Widerrufsverfügung keine Gelegenheit zur Stellungnahme eingeräumt worden, was
unzulässig sei.
bis
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a) Der in Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung (SR 101, abgekürzt: BV) verankerte
Anspruch auf rechtliches Gehör ist das Recht des Privaten, in einem vor einer
Verwaltungs- oder Justizbehörde geführten Verfahren mit seinen Begehren angehört zu
werden, Einblick in die Akten zu erhalten und zu den für die Entscheidfindung
wesentlichen Punkten vorgängig Stellung nehmen zu können. Er umfasst auch das
Recht auf die Vertretung und Verbeiständung sowie auf die Begründung von
Verfügungen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör dient einerseits der Sachaufklärung
und stellt andrerseits zugleich ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht der
Parteien dar. Der Grundsatz verlangt, dass die Behörde die Vorbringen der vom
Entscheid oder der Verfügung in ihrer Rechtsstellung Betroffenen auch tatsächlich hört,
prüft und berücksichtigt und ihren Entscheid oder ihre Verfügung vor diesem
Hintergrund begründet (vgl. G. Steinmann, St. Galler Kommentar, 3. Aufl. 2014, N 49 zu
Art. 29 BV). Nach Art. 15 Abs. 2 VRP sind Verfügungen, die erheblich belasten, nur
zulässig, wenn die Betroffenen den wesentlichen Sachverhalt kennen und Gelegenheit
zur Stellungnahme hatten. Seit jeher gilt jedoch, dass das rechtliche Gehör vor Erlass
jeder Verfügung zu gewähren ist, die in die Rechtssphäre des Betroffenen eingreift (PK
VRP/SG-Rizvi/Risi, Art. 15 - 17 N 34 mit Hinweis). Auch der Widerruf stellt eine
Verfügung dar und unterliegt den Anforderungen an ein korrektes
Verwaltungsverfahren, weshalb dem Betroffenen vorab das rechtliche Gehör zu
gewähren ist (Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016,
Rz. 1218). Das Bundesgericht lässt in Ausnahmefällen die Heilung des Anspruches auf
rechtliches Gehör im Rechtsmittelverfahren zu, um einen prozessualen Leerlauf und
damit verbunden eine zeitliche Verzögerung zu vermeiden (BGE 137 I 195 E. 2.3.2).
Vorausgesetzt wird, dass der betroffenen Partei daraus kein Nachteil erwächst, das
heisst, dass sie ihre Rechte im Rechtsmittelverfahren voll wahrnehmen und die zweite
Instanz alle Tat- und Rechtsfragen frei nachprüfen kann (Häfelin/Müller/Uhlmann,
a.a.O., Rz. 1175).
b) Die Vorinstanz erfuhr mit der Zustellung des Polizeirapports am 21. Januar 2020 von
der Fahrt des Rekurrenten trotz Führerausweisentzugs vom 15. Januar 2020. Mit
Schreiben vom 22. Januar 2020 gewährte sie dem Rekurrenten das rechtliche Gehör
zu diesem neuerlichen Vorfall (act. 13/615). Von einem Widerruf der Verfügung vom 19.
Dezember 2019 war darin jedoch keine Rede, sondern nur, dass dies eine schwere
Widerhandlung gemäss Art. 16c Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.10,
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abgekürzt: SVG) darstelle. Der Widerruf wurde ohne vorgängige Ankündigung am 24.
Januar 2020 erlassen. Da die vorgesehene Untersuchung erst mehr als einen Monat
später, am 27. Februar 2020, stattgefunden hätte, wäre indes genügend Zeit geblieben,
um dem Rekurrenten die Gelegenheit zur Stellungnahme einzuräumen. Eine zeitliche
Dringlichkeit bestand nicht.
Das rechtliche Gehör des Rekurrenten – namentlich sein Recht, vor Erlass des ihn
(zumindest subjektiv) belastenden Widerrufs der Zwischenverfügung vom 19.
Dezember 2019 angehört zu werden – wurde somit in unzulässiger Weise verletzt. Auf
die Rückweisung der Angelegenheit an die Vorinstanz zu neuer Verfügung ist trotzdem
zu verzichten, da die Gehörsverletzung im vorliegenden Rekursverfahren geheilt
werden kann. Das Gericht verfügt über volle Überprüfungsbefugnis (Art. 46 Abs. 1
VRP). Der Umstand, dass die Vorinstanz das rechtliche Gehör des Rekurrenten
verletzte, ist jedoch bei der Kostenverlegung zu berücksichtigen.
3.- Umstritten ist die Verfügung vom 24. Januar 2020, worin die Vorinstanz die
Zwischenverfügung vom 19. Dezember 2019 widerrief.
a) Der Rekurrent macht im Wesentlichen geltend, die Voraussetzungen für einen
Widerruf seien nicht erfüllt gewesen. Es bestehe keine Notwendigkeit, die angeordnete
verkehrspsychologische Untersuchung zu widerrufen. Es fehle ein wichtiges
öffentliches Interesse. Bis die Untersuchung positiv ausgefallen sei und auch weitere
Abklärungen getätigt worden seien, dürfe der Rekurrent ohnehin kein Fahrzeug lenken,
weshalb der Widerruf unverhältnismässig sei. Die Beweislast für die Fahreignung liege
bei ihm. Der Nachweis derselben werde nun mit dem Widerruf vereitelt, was unhaltbar
sei. Die neuerliche Fahrt ohne Führerausweis zeige gerade, dass eine Untersuchung
notwendig sei. Zudem sei sie kein Grund, von den Vorgaben gemäss Urteil der VRK
vom 28. November 2019 abzuweichen. Der Rekurrent habe sich am 15. Januar 2020 in
einer Ausnahmesituation befunden. Er habe zwingend Milch benötigt. Die Fahrt sei
deshalb sachlich gerechtfertigt gewesen und stelle eine Bagatelle dar. Hintergrund der
gesamten Probleme bilde ein Streit mit dem Bruder des Rekurrenten. Dieser rufe jedes
Mal die Polizei an, wenn er ihn mit einem Fahrzeug sehe. Der Widerruf bewirke, dass
dem Rekurrenten verunmöglicht werde, seinen Führerausweis zeitnah wieder zu
erhalten. Der sinnlose Widerruf sei auch prozessökonomisch nicht zu verantworten.
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b) Nach kantonalem Verfahrensrecht kann eine Verfügung widerrufen werden, wenn
der Widerruf den Betroffenen nicht belastet oder wenn er aus wichtigen öffentlichen
Interessen geboten ist (Art. 28 Abs. 1 VRP). Anders als Gerichtsurteile erwachsen
Verfügungen von Verwaltungsbehörden nicht in materielle Rechtskraft. Die Verwaltung
darf daher grundsätzlich jederzeit auf eine Verfügung zurückkommen. Allerdings sind
die Behörden bei der Ausübung des einseitigen Widerrufsrechts an den
verfassungsrechtlichen Rahmen gebunden. Ein Widerruf kommt nur bei fehlerhaften
Verfügungen in Betracht. Widerrufen werden können sowohl Verfügungen, die schon
bei ihrem Erlass fehlerhaft waren, als auch solche, die erst nach ihrem Erlass infolge
einer Änderung der Sach- oder Rechtslage rechtswidrig geworden sind (sog.
Anpassung).
Ein Widerruf zugunsten der betroffenen Person ist an keine weiteren Bedingungen
geknüpft und aus Sicht des Vertrauensschutzes in der Regel unproblematisch, wobei
auch hier schutzwürdige Interessen allfälliger Drittpersonen einem Widerruf
entgegenstehen können. Sind jedoch keine solchen vorhanden, steht das abstrakte
öffentliche Interesse an der Rechtssicherheit allein einem Widerruf kaum je entgegen
(PK VRP/SG-Tschumi, Art. 28 N 9).
Ein Widerruf zulasten des Adressaten erweist sich demgegenüber nur als zulässig,
wenn ihm die Grundsätze der Rechtssicherheit und von Treu und Glauben nicht
entgegenstehen. Erforderlich ist daher stets eine Interessenabwägung. Das öffentliche
Interesse an der richtigen Anwendung des objektiven Recht muss dasjenige an der
Rechtssicherheit und am Vertrauensschutz im konkreten Fall überwiegen (Häfelin/
Müller/Uhlmann, a.a.O., Rz. 1228). Gemäss verwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung
muss der Widerruf aus wichtigen öffentlichen Interessen geboten sein (PK VRP/SG-
Tschumi, Art. 28 N 8 mit Hinweisen).
c) Im Entscheid der VRK vom 28. November 2019 wurde erwogen, aufgrund der für
verkehrspsychologische Laien nicht nachvollziehbaren unterschiedlichen Resultate in
zwei Gutachten bestehe Klärungsbedarf. Es sei daher eine dritte
verkehrspsychologische Begutachtung durch einen bisher noch nicht involvierten
Gutachter durchzuführen. Die Streitsache wurde dazu an die Vorinstanz
zurückgewiesen. Diese ordnete mit Verfügung vom 19. Dezember 2019 eine dritte
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verkehrspsychologische Untersuchung bei einer vom Rekurrenten vorgeschlagenen
Expertin an. Der Rekurrent wurde darin aufgefordert, innert 40 Tagen einen
Untersuchungstermin bekanntzugeben. Der Termin für die Untersuchung wurde in der
Folge auf den 27. Februar 2020 vereinbart. Aufgrund der neuerlichen Fahrt des
Rekurrenten trotz Führerausweisentzugs vom 15. Januar 2020 widerrief die Vorinstanz
ihre Verfügung vom 19. Dezember 2019 am 24. Januar 2020. Sie bezog sich darin auf
"die neuen Fakten, die im vorliegenden Administrativmassnahmeverfahren nicht
unberücksichtigt bleiben können." Der Rekurrent habe am 15. Januar 2020
zugegebenermassen ein Motorfahrzeug trotz Führerausweisentzugs gelenkt. Es stehe
unzweifelhaft im öffentlichen Interesse, dass sich Betroffene an Verfügungen halten
würden.
Aus der Vernehmlassung ergibt sich, dass die Vorinstanz mit dem Widerruf bezwecken
wollte, die dritte verkehrspsychologische Untersuchung im Hinblick auf die damals
noch zu verfügende und mittlerweile verfügte rechtskräftige Sperrfrist für den Vorfall
vom 15. Januar 2020 am 27. Februar 2020 nicht stattfinden zu lassen. Aufgrund des
Fahrens trotz Entzugs des Führerausweises vom 15. Januar 2020 (gemäss Gesetz eine
schwere Widerhandlung und keine Bagatelle) war die Verfügung einer Sperrfrist von
mindestens zwölf Monaten absehbar. Am 6. März 2020 verfügte die Vorinstanz gestützt
auf Art. 16c Abs. 4 SVG eine solche von 13 Monaten, somit bis zum 14. Februar 2021.
Dadurch wurde die allfällige Wiedererteilung des auf unbestimmte Zeit entzogenen
Führerausweises hinausgeschoben (vgl. Art. 17 Abs. 3 SVG; Urteil des Bundesgerichts
[BGer] 1C_29/2015 vom 24. April 2015 E. 2.3). Insbesondere ist der Beweis der
Fahreignung während der gesetzlichen Sperrfrist ausgeschlossen. Die betroffene
Person soll kein Gesuch um Wiedererteilung stellen können, auch wenn der
Entzugsgrund nach Art. 16d SVG weggefallen ist (BGer 1C_21/2016 vom
12. September 2016 E. 3.2 und 3.3). Ein im Februar/März 2020 verfasstes
verkehrspsychologisches Gutachten wäre im frühestmöglichen Zeitpunkt der
Wiedererteilung, das heisst Mitte Februar 2021, nicht mehr aktuell gewesen und hätte
deshalb für die Verfügung über die Wiedererteilung nicht herangezogen werden dürfen.
Nach der Annullierung des Führerausweises auf Probe gilt, dass ein Gutachten, das die
Fahreignung bejaht, frühestens einen Monat vor Ablauf der Sperrfrist eingereicht
werden und dabei nicht älter als drei Monate sein darf (vgl. Art. 11 Abs. 4 der
Verordnung über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum Strassenverkehr,
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SR 741.51, abgekürzt: VZV). Es spricht nichts dagegen, diese Regel auch im
vorliegenden Verfahren analog anzuwenden. Der Rekurrent kann demnach frühestens
Mitte Januar 2021 unter Beilage eines positiv lautenden verkehrspsychologischen
Gutachtens, das dannzumal nicht älter als drei Monate sein wird, um Wiedererteilung
des Führerausweises ersuchen. Reicht er ein entsprechendes Wiedererteilungsgesuch
früher ein, ist dieses unbeachtlich. Im Zeitpunkt des Widerrufs der Verfügung zeichnete
sich damit ab, dass der Untersuch am 27. Februar 2020 einen unnötigen Leerlauf
darstellen würde, und die Verfügung vom 19. Dezember 2019 erwies sich aufgrund der
veränderten Sachlage nachträglich als fehlerhaft. Da der Widerruf den Rekurrenten –
wenn überhaupt – nicht sonderlich belastete und zudem das Interesse an der
Durchsetzung des objektiven Rechts das Interesse an der Rechtssicherheit klar
überwog, war der Widerruf zulässig, ja aus prozessökonomischer Hinsicht gar geboten.
Hätte die Vorinstanz im Wissen um die Unverwertbarkeit des Gutachtens auf jenem
Untersuch bestanden, hätte dies von ihrer Seite her zudem einen Verstoss gegen Treu
und Glauben dargestellt, und zwar unabhängig davon, dass der Rekurrent den
Untersuch nicht hätte bezahlen müssen.
Entgegen der Ansicht des Rekurrenten werden mit dem Widerruf weder der Nachweis
der Fahreignung noch damit zusammenhängend die zeitnahe Wiedererteilung vereitelt.
Die Rückweisung zur weiteren Abklärung gemäss Entscheid der VRK vom
28. November 2019 und damit die Pflicht der Vorinstanz zur Anordnung einer weiteren
verkehrspsychologischen Untersuchung auf Kosten des Staates werden vom Widerruf
nicht berührt. Die Vorinstanz wird die neue Verfügung dafür rechtzeitig zu erlassen
haben, so dass sich der Rekurrent frühestens ab Mitte Oktober 2020 einer
verkehrspsychologischen Untersuchung unterziehen kann, stets vorausgesetzt, dass
es bis dahin zu keinen weiteren Verstössen gegen das Strassenverkehrsgesetz kommt.
Andernfalls würde sich die theoretisch frühestmögliche Wiedererteilung des
Führerausweises weiter nach hinten verschieben.
d) Nachdem sich der Widerruf vom 24. Januar 2020 als rechtmässig erweist, ist auch
die dafür erhobene Gebühr von Fr. 150.– zu bestätigen. Der Rekurs ist demnach
abzuweisen.
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4.- a) Dem materiellen Verfahrensausgang entsprechend – Abweisung des Rekurses –
wären die amtlichen Kosten dem Rekurrenten aufzuerlegen (vgl. Art. 95 Abs. 1 VRP).
Zufolge Verletzung des rechtlichen Gehörs durch die Vorinstanz sind sie indessen zur
Hälfte vom Staat zu tragen (vgl. Art. 95 Abs. 2 VRP). Angemessen erscheint eine
Entscheidgebühr von Fr. 800.– (Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung,
sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von Fr. 800.– ist bis zum Betrag von Fr. 400.– mit
der Entscheidgebühr zu verrechnen und dem Rekurrenten im Restbetrag von Fr. 400.–
zurückzuerstatten.
b) Aufgrund des Nichtgewährens der Gelegenheit zur Stellungnahme zum Widerruf
(Verletzung des rechtlichen Gehörs) ist der Rekurrent vom Staat, welcher den
schwerwiegenden Verfahrensfehler begangen und damit das vorliegende Verfahren
verursacht hat, zu entschädigen (vgl. PK VRP SG-von Rappard-Hirt, Art. 95 N 7;
R. Hirt, Die Regelung der Kosten im st. gallischen Verwaltungsrechtspflegegesetz,
Lachen/St. Gallen 2004, S. 185 f.). Die Geltendmachung der Verletzung des rechtlichen
Gehörs war weder in tatsächlicher noch in rechtlicher Hinsicht schwierig. Entsprechend
ist der Staat zu verpflichten, den Rekurrenten ausseramtlich mit Fr. 500.– zuzüglich
Fr. 20.– Barauslagen (4% von Fr. 500.–) und Fr. 40.05 Mehrwertsteuer (7,7% von
Fr. 520.–) zu entschädigen (Art. 22 Abs. 1 lit. c, Art. 28 Abs. 1 und Art. 29 der
Honorarordnung, sGS 963.75). Die Entschädigung beträgt damit insgesamt Fr. 560.05;
entschädigungspflichtig ist die Vorinstanz.