Decision ID: 7a467b4e-9867-5092-bd65-d7db8e047521
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden, aserbaidschanische Staatsangehörige mit
letztem Wohnsitz in E._, suchten am 20. Juni 2020 in der Schweiz
um Asyl nach. Nach der Personalienaufnahme am 26. Juni 2020 wurden
sie im Rahmen von Dublin-Gesprächen unter anderem zu ihrem Reiseweg
befragt. Dabei bestätigten sie, dass sie erstmals im Jahr 2016 in Deutsch-
land ein Asylgesuch gestellt hatten und nach dessen Ablehnung im Februar
2019 nach Aserbaidschan zurückgekehrt waren. Bereits im Juli 2019 ver-
liessen sie ihren Heimatstaat erneut und reisten wiederum nach Deutsch-
land, wo sie ein zweites Asylgesuch einreichten. Da sie über ein vom itali-
enischen Staat ausgestelltes Schengen-Visum verfügten, wurden sie nach
Durchführung eines Dublin-Verfahrens nach Italien überstellt. Dort suchten
sie im Februar 2020 um Asyl nach und wurden in einem Camp in
F._ untergebracht. Aufgrund der schlechten Sicherheitslage und
der mangelhaften medizinischen Versorgung hätten sie sich entschieden,
Italien nach einem viermonatigen Aufenthalt zu verlassen. In der Folge
seien sie mit dem Auto in die Schweiz gereist.
A.b Das SEM teilte den Beschwerdeführenden mit Schreiben vom 21. Ok-
tober 2020 mit, das Dublin-Verfahren sei beendet und ihr Asylgesuch
werde in der Schweiz geprüft. Daraufhin hörte es die Eltern am 10. Novem-
ber 2020 und die beiden Kinder am Folgetag einlässlich zu ihren Asylgrün-
den an.
A.c Mit Verfügung vom 16. November 2020 wies das SEM die Beschwer-
deführenden dem erweiterten Verfahren zu. Die Eltern wurden am 19. März
2021 ergänzend angehört.
B.
B.a Die Beschwerdeführenden machten geltend, sie seien im Jahr 2016
aus Aserbaidschan ausgereist, weil dem Sohn C._ die Fortsetzung
seiner vielversprechenden (...) verwehrt worden sei. Der Grund hierfür sei
die Parteizugehörigkeit des Vaters A._ (nachfolgend Beschwerde-
führer) gewesen, welcher seit vielen Jahren Mitglied der (...) gewesen sei.
Sie hätten deshalb in Deutschland um Asyl ersucht. Das Gesuch sei aber
abgelehnt worden, woraufhin sie im Februar 2019 nach Aserbaidschan zu-
rückgekehrt seien. Bei der Einreise seien sie anlässlich der Passkontrolle
am Flughafen angehalten worden. Während B._ (nachfolgend Be-
schwerdeführerin) mit den beiden Kindern nach einer kurzen Wartezeit
habe gehen können, sei der Beschwerdeführer festgenommen und von
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den Sicherheitskräften zu einem Gebäude gebracht worden. Dort hätten
sie ihn verhört und ihm vorgeworfen, dass er in Deutschland an Protestak-
tionen der Opposition teilgenommen habe. Dabei sei er geschlagen und
getreten worden. Nach vier Tagen hätten sie ihn freigelassen mit der An-
kündigung, er werde später vom Oberstaatsanwalt G._ vorgeladen.
Am (...) März 2019 sei er zu Hause von Polizisten abgeholt und zum Ober-
staatsanwalt gebracht worden. Dieser habe ihn wiederum zu den Protest-
aktionen befragt, ihm Fotos davon vorgelegt und wissen wollen, wer noch
an den Demonstrationen teilgenommen habe. Als er gesagt habe, er wisse
dies nicht, habe der Oberstaatsanwalt ihm zehn Tage Zeit gegeben, um
Informationen über die Demonstrationsteilnehmer zu beschaffen. Sollte er
dies nicht tun, werde er ins Gefängnis kommen und seine Familie werde
ebenfalls zu leiden haben. Zudem seien ihm Dokumente vorgelegt worden,
die er – ohne sie lesen zu können – habe unterschreiben müssen. Zu
Hause habe er unter anderem seinem Onkel mütterlicherseits von diesen
Ereignissen erzählt. Dieser habe Freunde im Iran und der Familie angebo-
ten, sie dorthin zu bringen. Am (...) März 2019 seien sie mit dem Onkel
sowie einem Freund von diesem nach H._ gefahren und dann zu
Fuss in Richtung Grenze gelaufen. Kurz vor Mitternacht seien sie nahe der
Grenze angekommen und der Onkel sei vorausgegangen, um den Über-
gang zu erkunden. Plötzlich hätten sie Schüsse gehört, woraufhin sie weg-
gerannt und mit dem Auto zurück nach Hause gefahren seien. Am nächs-
ten Tag hätten sie aus den Nachrichten erfahren, dass der Onkel am
Grenzübergang erschossen worden sei. Während der Trauerzeit hätten die
Behörden die Familie in Ruhe gelassen. Danach sei der Beschwerdeführer
am (...) Mai 2019 erneut ins Büro des Oberstaatsanwalts vorgeladen wor-
den. Dort habe man ihm eröffnet, er erhalte eine milde Strafe, wenn er
20'000 Euro Bestechungsgeld bezahle; andernfalls werde er für zehn
Jahre ins Gefängnis kommen. Er habe um etwas Zeit gebeten, um das
Geld auftreiben zu können. Dies sei ihm gewährt worden, woraufhin er mit-
hilfe eines Freundes die erneute Ausreise der Familie nach Deutschland
organisiert habe. Nachdem sie das Land verlassen hätten, sei der Bruder
des Beschwerdeführers mehrmals nach dessen Aufenthaltsort gefragt wor-
den.
B.b Als Beweismittel wurden namentlich die Identitätskarten der Be-
schwerdeführenden, ein Führerschein sowie ein internationaler Führer-
schein des Beschwerdeführers und die Heiratsurkunde der Eltern (alle im
Original) eingereicht. Weiter befinden sich Fotos im Zusammenhang mit
dem Tod des Onkels, ein Internet-Link mit einem Bericht über diesen Vorfall
sowie verschiedene Unterlagen aus den in Deutschland durchgeführten
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Asylverfahren (vgl. dazu die Auflistung auf S. 4 f. der angefochtenen Ver-
fügung) bei den Akten.
C.
Mit am Folgetag eröffneter Verfügung vom 27. Juli 2021 stellte das SEM
fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht.
Es lehnte ihre Asylgesuche ab, wies sie aus der Schweiz weg und ordnete
den Vollzug der Wegweisung an.
D.
Die Beschwerdeführenden erhoben mit Eingabe vom 27. August 2021
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen Entscheid. Da-
rin beantragten sie die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Fest-
stellung ihrer Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Eventu-
aliter sei wegen Unzulässigkeit/Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
eine vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht er-
suchten sie um unentgeltliche Rechtspflege und Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses. Der Beschwerde lagen – neben der angefoch-
tenen Verfügung – zwei Medienberichte über die Verfolgung von regime-
kritischen Personen in Aserbaidschan und ein Arztbericht der (...) vom
10. August 2021 betreffend die Tochter D._ bei.
E.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 30. August 2021 den Ein-
gang der Beschwerde.
F.
Mit Eingabe vom 7. September 2021 (Eingang beim Bundesverwaltungs-
gericht am 14. September 2021) reichten die Beschwerdeführenden einen
weiteren ärztlichen Bericht vom 19. August 2021 über den gesundheitli-
chen Zustand von D._ zu den Akten.
G.
Das (...) liess dem Gericht mit Schreiben vom 9. September 2021 eine
Unterstützungsbedürftigkeitserklärung betreffend die Beschwerdeführen-
den zukommen.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
In der Regel entscheidet das Bundesverwaltungsgericht in der Besetzung
mit drei Richtern beziehungsweise drei Richterinnen. Gestützt auf Art. 111a
Abs. 1 AsylG kann auch in diesen Fällen auf die Durchführung eines Schrif-
tenwechsels verzichtet werden.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
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des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung im Wesentlichen
aus, es gelinge den Beschwerdeführenden nicht, ihre Vorbringen glaubhaft
zu machen. So habe der Beschwerdeführer geltend gemacht, es sei gegen
ihn ein Strafverfahren eröffnet worden, weil er der (...) angehöre und in
Deutschland an Protestaktionen teilgenommen habe. Die Angaben zu sei-
nen politischen Aktivitäten erwiesen sich indessen als äusserst unsubstan-
ziiert. Er habe nicht konkret darlegen können, weshalb er sich für die (...)
entschieden habe und wie diese Partei ideologisch einzuordnen sei. Zu-
dem habe er unzutreffende Angaben zur Anzahl ihrer Abgeordneten im
Parlament gemacht. Ferner habe er bei den Befragungen in der Schweiz
angegeben, dass er bereits in Aserbaidschan an politischen Aktivitäten teil-
genommen habe. Gegenüber den deutschen Asylbehörden habe er indes-
sen erklärt, dass er zwar Parteimitglied gewesen sei, aber nicht aktiv; er
habe in der Partei nichts Besonderes zu tun gehabt. Auch die Angaben zur
Teilnahme an Kundgebungen in Deutschland müssten als widersprüchlich
eingestuft werden. Anlässlich der ergänzenden Befragung habe er ausge-
führt, er sei oft an solchen Veranstaltungen gewesen. Beim Interview in
Deutschland habe er dagegen bloss drei Demonstrationen erwähnt, an de-
nen er teilgenommen habe. Sodann habe der Beschwerdeführer bei der
Befragung in der Schweiz angegeben, ihm sei bei der Rückkehr nach Aser-
baidschan von den Behörden lediglich vorgeworfen worden, dass er an
Protestaktionen teilgenommen habe und gegen die Regierung sei. Dem-
gegenüber habe er im Asylverfahren in Deutschland ausgeführt, dass er
bei der Einreise aufgrund des Vorwurfs der Dokumentenfälschung verhaf-
tet worden sei. Seine diesbezügliche Erklärung, dies liege an der Dolmet-
scherin, sei als Ausflucht zu werten. Überdies seien die Angaben der Fa-
milienmitglieder zum Vorfall vom (...) März 2019 widersprüchlich ausgefal-
len. Die Eltern hätten dies wiederum mit Dolmetscherproblemen erklärt,
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was indessen nicht zu überzeugen vermöge. Schliesslich seien auch keine
Beweismittel eingereicht worden, um die Eröffnung eines Strafverfahrens
in Aserbaidschan zu belegen. Insgesamt hielten die Vorbringen den Anfor-
derungen an die Glaubhaftigkeit daher nicht stand. Die blosse Teilnahme
an Demonstrationen in Deutschland, die durch Fotos belegt sei, führe nicht
zur Annahme einer begründeten Furcht vor zukünftiger Verfolgung, da es
keine Hinweise darauf gebe, dass die aserbaidschanischen Behörden
Kenntnis davon hätten. Des Weiteren erwiesen sich allfällige Probleme,
welche die Beschwerdeführenden befürchteten aufgrund der versuchten
illegalen Grenzüberquerung – bei welcher der Onkel erschossen worden
sei –, als nicht asylrelevant. Es sei rechtsstaatlich legitim, wenn die aser-
baidschanischen Behörden die Hintergründe dieses Vorfalls aufzuklären
versuchten. Dabei gebe es keine Anhaltspunkte dafür, dass sie deswegen
mit einer unverhältnismässigen Strafe aufgrund eines der in Art. 3 AsylG
aufgeführten Motive rechnen müssten. Es bestünden auch erhebliche Vor-
behalte hinsichtlich der Glaubhaftigkeit dieser Ereignisse. Darauf müsse
indessen nicht näher eingegangen werden, da sich dieses Vorbringen,
ebenso wie die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Übergriffe
in ihrer Kindheit, als nicht asylrelevant erweise.
In Bezug auf den gesundheitlichen Zustand werde vorgebracht, die Be-
schwerdeführerin leide seit etwa zehn Jahren an (...) und es gehe ihr psy-
chisch nicht gut. In einem Arztbericht vom 17. April 2021 werde bei ihr (...)
diagnostiziert. Die Tochter D._ habe ihrerseits die Diagnosen (...)
sowie (...) erhalten. Aufgrund von suizidalen Absichten sei sie zweimal in
der (...) behandelt worden. Gemäss dem entsprechenden Arztbericht sei
eine (...) notwendig. Trotz dieser nicht zu verkennenden gesundheitlichen
Beeinträchtigungen führten derartige Beschwerden in der Regel nicht zu
einer lebensbedrohlichen medizinischen Notlage. Zudem habe die Be-
schwerdeführerin erklärt, sie sei wegen ihrer psychischen Probleme bereits
im Heimatstaat behandelt worden, weshalb davon auszugehen sei, ihr
werde auch bei einer Rückkehr eine adäquate Behandlung zur Verfügung
stehen. Weiter seien in Aserbaidschan kinderpsychiatrische Behandlungen
verfügbar, darunter die von der Tochter benötigten. Allfälligen suizidalen
Tendenzen könne durch eine angemessene Ausgestaltung der Vollzugs-
modalitäten Rechnung getragen werden. Sollte der Sohn C._ – wel-
cher seit seiner Kindheit an (...) leide und dem es eigenen Angaben zufolge
psychisch ebenfalls nicht gut gehe – eine medizinische oder psychologi-
sche Behandlung benötigen, wäre auch diese im Heimatstaat verfügbar.
Insgesamt seien den Akten weder medizinische noch andere Gründe für
die Annahme zu entnehmen, dass die Beschwerdeführenden bei einer
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Rückkehr in eine Notlage geraten würden. Abschliessend sei darauf hinzu-
weisen, dass der Vollzug der Wegweisung auch keinen Verstoss gegen
das Kindeswohl darstelle. Die beiden Kinder hielten sich erst seit rund ei-
nem Jahr in der Schweiz auf und hätten den grössten Teil ihrer Kindheit in
Aserbaidschan verbracht. Angesichts der kurzen Aufenthaltsdauer könne
noch nicht von einer Verwurzelung in der Schweiz ausgegangen werden
und sie seien mit der heimatlichen Sprache und Kultur vertraut, so dass
ihnen eine Reintegration gelingen dürfte.
5.2 In der Beschwerdeschrift wurde einleitend ausgeführt, Aserbaidschan
werde vom Aliyev-Clan beherrscht, welcher sich im Erdölgeschäft berei-
chere und seine Macht nicht zuletzt durch korrupte und menschenrechts-
widrige Praktiken ausübe. Der Beschwerdeführer sei der (...) beigetreten,
weil er mit den herrschenden Verhältnissen in Aserbaidschan nicht einver-
standen sei und es sich dabei um eine Oppositionspartei handle. Es sei für
ihn nicht von Bedeutung gewesen, wie diese Partei ideologisch zu verorten
sei. Der Umstand, dass er irrtümlicherweise angenommen habe, die (...)
habe nur einen Abgeordneten in der Nationalversammlung, sei darauf zu-
rückzuführen, dass er sich im Zeitpunkt der letzten Wahlen bereits nicht
mehr in Aserbaidschan aufgehalten habe. Es stimme zudem nicht, dass er
keine konkreten Angaben zur (...) habe machen können. Vielmehr habe er
gesagt, dass es eine gute, schöne Partei sei, welche die Gleichberechti-
gung für alle anstrebe und nicht – wie es zurzeit der Fall sei – die Erträge
aus dem Rohstoffgeschäft in die Taschen einiger weniger Reicher fliessen
lasse. Als ihm und seinem Sohn angedroht worden sei, dass Letzterer nicht
mehr zum (...) gehen dürfe, wenn sein Vater die Parteizugehörigkeit nicht
wechsle, habe dies die Familie veranlasst, ihren Heimatstaat zu verlassen.
Als sie nach Ablehnung des Asylgesuchs in Deutschland zurückgekehrt
seien, sei der Beschwerdeführer festgenommen und zu seiner Teilnahme
an Protestkundgebungen in Deutschland befragt worden, wobei ihm Fotos
von diesen Demonstrationen vorgelegt worden seien. Dies habe er sowohl
gegenüber den schweizerischen als auch den deutschen Asylbehörden
ausgeführt. Die Behauptung der Vorinstanz, es gebe keine Hinweise da-
rauf, dass die aserbaidschanischen Behörden Kenntnis von seiner Teil-
nahme an den Kundgebungen in Deutschland hätten, erweise sich daher
als aktenwidrig. Es sei davon auszugehen, dass das Regime von Aserbaid-
schan über Spitzel in Europa verfüge. Die Erlebnisse des Beschwerdefüh-
rers entsprächen denn auch dem üblichen Vorgehen in seinem Heimatland
und es gebe prominente Beispiele von Oppositionellen, welche aufgrund
von Demonstrationsteilnahmen ins Gefängnis geworfen worden seien.
Weiter ziehe die Vorinstanz die Protokolle der Anhörungen in Deutschland
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herbei und konstruiere daraus Widersprüche zu jenen in der Schweiz. Die
betreffenden Befragungen hätten aber über einen Zeitraum von knapp vier-
einhalb Jahren stattgefunden und es wäre ein ungemein präzises Gedächt-
nis vonnöten, um nach dieser Zeit noch im Einzelnen zu wissen, was er
wann, wo und wie genau gemacht habe. So habe er in Deutschland, als er
nach den Demonstrationen gefragt worden sei, lediglich jene genannt, die
ihm zuerst in den Sinn gekommen seien. Nach weiteren Demonstrationen
sei er nicht gefragt worden, weshalb es unzulässig sei, aus der entspre-
chenden Passage zu schliessen, dass er lediglich an drei Kundgebungen
teilgenommen habe. Im Rahmen des ersten Asylgesuchs in Deutschland
habe er sodann angegeben, dass er einfaches Mitglied der (...) gewesen
sei und nichts Besonderes zu tun gehabt habe. Damit habe er gemeint,
dass er kein "Leader" der Partei gewesen sei, sondern lediglich Hilfs-
dienste, wie Plakate anbringen, getätigt sowie an Versammlungen teilge-
nommen habe. Es bestehe somit kein Widerspruch zu seinen Angaben in
der ergänzenden Anhörung. Schliesslich beziehe sich die angebliche Wi-
dersprüchlichkeit hinsichtlich des Grundes für seine Verhaftung bei der Ein-
reise nach Aserbaidschan auf ein absolut nebensächliches Detail. Die Be-
hörden hätten sein Gepäck durchsucht und Dokumente gefunden, die auf
seine Verbindungen zur (...) hingewiesen hätten. Dies sei der Grund für
seine Verhaftung gewesen. Bei den folgenden Verhören hätten sie Namen
von Oppositionellen in Deutschland aus ihm herauspressen wollen, wobei
der Vorwurf der Dokumentenfälschung lediglich dazu gedient habe, ihn ein-
zuschüchtern. In der Schweiz sei ihm ausdrücklich die Frage nach "weite-
ren konkreten Tatvorwürfen" gestellt worden, um zu überprüfen, ob er die-
sen Fälschungsvorwurf erneut erwähne. Er habe daraufhin angegeben, er
sei verhaftet worden, weil er gegen die Regierung sei und an Demonstra-
tionen teilgenommen habe. Dies habe er gesagt, weil die Sache mit der
Dokumentenfälschung zwischenzeitlich aus seinem Gedächtnis ent-
schwunden und er sich bewusst gewesen sei, dass der tatsächliche Anlass
für die Verhaftung die (...)-Dokumente gewesen seien. Zum Vorfall vom
(...) März 2019 sei festzuhalten, dass sich diesbezüglich in seinen eigenen
Angaben keine wesentlichen Widersprüche fänden. Der Umstand, dass
sich seine Kinder und seine Ehefrau an den Vorfall aus ihrer persönlichen
Sichtweise anders erinnerten, könne nicht bedeuten, dass dieser nicht
stattgefunden habe respektive nicht geglaubt werden könne. Abschlies-
send sei nicht ersichtlich, wie er zu einem Strafverfahren, das auf abstru-
sen und konstruierten Anschuldigungen beruhe, Beweismittel hätte einrei-
chen können. Insgesamt seien die von der Vorinstanz festgestellten "Wi-
dersprüche" im Verhältnis zu seinen gesamten Darlegungen von höchst
untergeordneter Bedeutung. Er habe die Ereignisse in Deutschland und in
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der Schweiz ausführlich, in sich stimmig und mit zahlreichen Realkennzei-
chen versehen geschildert.
Zur Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs wurde in der Beschwerde-
schrift geltend gemacht, dass die Familie im Jahr 2016 erstmals aus Aser-
baidschan ausgereist sei und bei einer Rückkehr buchstäblich vor dem
Nichts stünde. Als den Behörden bekannter Oppositioneller wäre es dem
Beschwerdeführer nicht möglich, eine ausreichende Existenzgrundlage
aufzubauen. Aufgrund der Vorkommnisse im Heimatstaat, der Flucht und
den Aufenthalten in verschiedenen Ländern hätten die einzelnen Familien-
mitglieder zudem sehr gelitten. Die Beschwerdeführerin sei psychisch an-
geschlagen und der Zustand der Tochter sei derart schlecht, dass sie im
Alter von erst (...) Jahren anhaltend Suizidgedanken habe. Sie habe auch
bereits entsprechende Handlungen unternommen. Aus dem jüngsten kin-
derpsychiatrischen Bericht gehe hervor, dass sie deswegen erneut habe
hospitalisiert werden müssen. Sie habe Aserbaidschan im Alter von (...)
Jahren verlassen und werde seither umhergeschoben, ohne irgendwo Si-
cherheit zu finden. Die soziale Verpflanzung – welche einer Entwurzelung
gleichkomme – werde im ärztlichen Bericht auch als erheblicher Belas-
tungsfaktor bezeichnet. In der Schweiz habe sie kürzlich die Schule abge-
schlossen, wobei sie sich in der Klasse sehr wohlgefühlt habe. Mit der An-
ordnung einer vorläufigen Aufnahme erhielte sie endlich die Möglichkeit,
Wurzeln zu schlagen und sich zu integrieren.
6.
6.1 Glaubhaftmachung bedeutet – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein
reduziertes Beweismass und lässt Raum für gewisse Einwände und Zwei-
fel an den Vorbringen der Beschwerdeführenden. Eine Behauptung gilt be-
reits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völ-
lig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle
Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftmachung reicht es demgegenüber
nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdi-
gung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände ge-
gen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist
im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der
Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht, wobei auf eine
objektivierte Sichtweise abzustellen ist (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1 m.H.).
6.2 Nach eingehender Prüfung der Akten kommt das Gericht zum Schluss,
dass es den Beschwerdeführenden nicht gelingt, ihre Vorbringen glaubhaft
zu machen. Dabei ist vorab darauf hinzuweisen, dass die massgebenden
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Anhörungen durch die Asylbehörden – die sich auf die Ereignisse im Jahr
2019 in Aserbaidschan beziehen – zwischen August 2019 und März 2021
stattfanden. Es kann von asylsuchenden Personen ohne Weiteres erwartet
werden, dass sie bei mehreren Befragungen zu ihren Asylgründen über
einen solchen Zeitraum hinweg kohärente und in den zentralen Punkten
widerspruchsfreie Angaben machen können.
6.3 Die Vorinstanz hielt in der angefochtenen Verfügung zutreffend fest, es
sei nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer keine präziseren An-
gaben zu einer Partei machen konnte, deren Mitglied er bereits seit rund
zehn Jahren sein will (vgl. A172, F60). Die Angabe, es sei eine gute,
schöne Partei, welche die Gleichberechtigung für alle möchte, erweist sich
als äusserst oberflächlich (vgl. A172, F65 f.). Die auf Beschwerdeebene
vorgebrachte Erklärung, er sei einfach gegen die Regierung respektive die
herrschenden Verhältnisse in Aserbaidschan gewesen und habe sich ge-
rade dieser Partei angeschlossen, weil auch ein Freund bei der (...) gewe-
sen sei, erweist sich als wenig überzeugend. Es gibt in Aserbaidschan
mehrere oppositionelle Parteien, welche zwar alle mehr oder weniger stark
gegen die aktuelle Regierung sind, untereinander aber ebenfalls verschie-
dene Ansichten vertreten. Hätte der Beschwerdeführer tatsächlich jahre-
lang an Demonstrationen und Informationstagungen der (...) teilgenom-
men und in deren Auftrag Plakate angebracht (vgl. A172, F77 f.), darf an-
genommen werden, dass er deren Haltung oder Ideologie präziser einord-
nen könnte als mit der Angabe, diese unterstütze die Opposition und wolle
"das Gute" (vgl. A172, F72 ff.). Es erstaunt auch, dass er der Ansicht war,
die Partei verfüge lediglich über einen einzigen Abgeordneten im aserbaid-
schanischen Parlament (vgl. A172, F69 f.). Seine Erklärung, dass er sich
bei den letzten Wahlen bereits in Europa aufgehalten habe und mit den
Problemen der Flucht beschäftigt gewesen sei, erscheint dabei nicht nach-
vollziehbar. Einerseits verfügte die (...) bereits nach den vorangehenden
Wahlen im Jahr 2015 über (...) Parlamentsabgeordnete und gewann 2020
einen (...) Sitz hinzu (vgl. BAMF, Länderreport 23 Aserbaidschan, Das Par-
teiensystem, 04/2020, S.2). Andrerseits ist davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer, dessen geltend gemachte Probleme allesamt auf seine
Parteizugehörigkeit und sein (exil-)politisches Engagement zurückzufüh-
ren sein sollen, Kenntnis von derart grundlegenden Informationen wie dem
Abschneiden seiner Partei bei den jüngsten Wahlen hätte.
6.4 Entgegen der in der Beschwerdeschrift vertretenen Auffassung ist auch
nicht ersichtlich, weshalb der Beschwerdeführer im Rahmen der Asylver-
fahren in Deutschland und in der Schweiz verschiedene Gründe für seine
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Festnahme am Flughafen nennen sollte. So betonte er bei der ergänzen-
den Anhörung auf entsprechende Nachfrage hin mehrmals, ihm sei ledig-
lich vorgeworfen worden, dass er an Demonstrationen in Deutschland teil-
genommen habe und gegen die Regierung sei (vgl. A172, F32 ff.). Gegen-
über den deutschen Asylbehörden führte er dagegen aus, dass die Behör-
den ihm vorgehalten hätten, dass er mit gefälschten Dokumenten in
Deutschland um Asyl ersucht habe. Er sei gefragt worden, wie er an die
Dokumente gekommen sei und ob er in Deutschland Personen kenne, die
Mitglieder von oppositionellen Parteien seien (vgl. A163, S. 5 f. und S. 9).
Er erwähnte gerade nicht, dass er mit dem Vorwurf der Teilnahme an De-
monstrationen konfrontiert worden sei, während er in der Schweiz geltend
machte, die Teilnahme an den Protestkundgebungen respektive seine op-
positionelle Haltung sei der einzige Vorwurf gewesen, der ihm gemacht
worden sei (vgl. A125, F54 und A172, F36). Es handelt sich dabei keines-
wegs um eine blosse Nebensächlichkeit, zumal er aufgrund dieser Tatvor-
würfe angeblich rund vier Tage lang festgehalten und befragt worden sein
soll. Gerade weil er jeweils erklärte, ihm seien dabei immer wieder diesel-
ben Fragen gestellt worden (vgl. A163, S. 5 f. und A125, F54), wäre zu
erwarten gewesen, dass er sich an diese sowie die damit zusammenhän-
genden Vorwürfe erinnern kann.
6.5 Unterschiedliche Angaben wurden auch zu den Ereignissen bei der
Rückkehr des Beschwerdeführers gemacht. Er selbst führte aus, er sei
nach Hause gekommen und in einem schlechten Zustand gewesen. Seine
Ehefrau sei mit ihm ins Nebenzimmer gegangen und habe ihn gepflegt res-
pektive versorgt (vgl. A172, F38 und A163, S. 10). Die Beschwerdeführerin
gab dagegen an, ihr Mann sei in müdem, benommenem Zustand zurück-
gekommen und habe kurz erzählt, dass er verhört und misshandelt worden
sei. Dann habe er nicht weiter darüber sprechen wollen und sei eingeschla-
fen (vgl. A157, S. 7 und A171, F74 ff.). Auffallend ist auch, dass sowohl der
Beschwerdeführer als auch seine Ehefrau bei der Befragung in Deutsch-
land lediglich erwähnten, dass Ersterer bei seiner Rückkehr an den Beinen
verletzt gewesen sei (vgl. A163, S. 10; A157, S. 8). In der Schweiz gaben
beide an, dass er von den Schlägen auch eine Wunde oberhalb der Au-
genbraue davongetragen habe (vgl. A125, F54; A171, F72). Auf den ent-
sprechenden Vorhalt hin führte der Beschwerdeführer dies auf die Dolmet-
scherin zurück (vgl. A172, F41).
6.6 Der Vorfall vom (...) März 2019 wurde von den Familienmitgliedern
ebenfalls unterschiedlich dargestellt. Nach Angaben des Beschwerdefüh-
rers in Deutschland habe er drinnen fern geschaut und die Kinder hätten
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im Hof gespielt. Plötzlich seien die Kinder hineingekommen und hätten ihn
darüber informiert, dass die Polizei vor der Tür stehe (vgl. A163, S. 10).
Seine Ehefrau schilderte den Vorfall in Deutschland ähnlich, indem sie er-
klärte, die Kinder seien rausgegangen, hätten die Polizisten gesehen und
seien erschrocken zurückgekommen, woraufhin ihr Ehemann in den Hof
gegangen sei (vgl. A157, S. 8). In der Schweiz erklärte der Beschwerde-
führer, die Polizisten hätten geklopft und seine Frau habe die Türe geöffnet.
Dann habe sie ihn gerufen und gesagt, die Polizisten wollten ihn sehen
(vgl. A172, F42). Angesprochen auf den Widerspruch machte er erneut gel-
tend, die Dolmetscherin sei unfähig gewesen (vgl. A172, F46). Dieselbe
Erklärung wurde von der Beschwerdeführerin angeführt, als sie darauf an-
gesprochen wurde, dass sie die Ereignisse vom (...) März 2019 in der
Schweiz anders dargelegt habe als in Deutschland (vgl. A171, F86). Es
erstaunt, dass die beiden Elternteile den Vorfall gegenüber den deutschen
Behörden ähnlich schilderten, eine davon abweichende Version in der
Schweiz vorbrachten und die gleiche Erklärung für die unterschiedlichen
Angaben lieferten. Dazu kommt, dass beide bei den Befragungen in der
Schweiz darlegten, der Onkel des Beschwerdeführers sei bei dessen
Rückkehr – die am selben Tag erfolgt sei – anwesend gewesen und habe
vorgeschlagen, sie in den Iran zu bringen (vgl. A171, F73 und A172, F51).
Bei der Anhörung in Deutschland erklärte der Beschwerdeführer, sein On-
kel sei erst am (...) März 2019, mithin einige Tage später, zu Besuch ge-
kommen und habe gesagt, er habe Freunde im Iran und könne sie zu die-
sen bringen (vgl. A163, S. 6 f.). Als er auf diese Angaben angesprochen
wurde, meinte er, dies sei unzutreffend und es müsse sich um eine falsche
Übersetzung handeln (vgl. A172, F53).
6.7 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Aussagen der Beschwer-
deführenden zahlreiche Widersprüche und Ungereimtheiten enthalten,
welche sich durch die Ausführungen auf Beschwerdeebene nicht entkräf-
ten lassen. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung der Vorbringen kommt das
Gericht zum Schluss, dass vorliegend die Elemente, welche gegen die
Glaubhaftigkeit sprechen, überwiegen. Es kann daher nicht davon ausge-
gangen werden, dass sich die geltend gemachten Ereignisse bei der Rück-
kehr der Beschwerdeführenden nach Aserbaidschan im Februar 2019 so
zugetragen haben, wie es von ihnen geltend gemacht wird. Entsprechend
ist – entgegen der auf Beschwerdeebene vertretenen Auffassung – auch
nicht anzunehmen, dass die heimatlichen Behörden Kenntnis davon ha-
ben, dass sich der Beschwerdeführer und sein Sohn in Deutschland an
Demonstrationen gegen die aserbaidschanische Regierung beteiligt ha-
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ben. Hinsichtlich der weiteren Vorbringen – namentlich die von der Be-
schwerdeführerin erwähnten Übergriffe in ihrer Kindheit sowie die Befürch-
tungen im Zusammenhang mit der versuchten illegalen Ausreise in den
Iran – ist auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz zu verweisen,
wonach diese als nicht asylrelevant einzustufen sind. Den diesbezüglichen
Erwägungen werden in der Beschwerdeschrift keine massgeblichen Argu-
mente entgegengehalten. Die Vorinstanz hat folglich die Flüchtlingseigen-
schaft der Beschwerdeführenden zu Recht verneint und ihre Asylgesuche
abgelehnt.
7.
Lehnt das SEM die Asylgesuche ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz. Die Beschwerdeführen-
den verfügen weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung
noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (Art. 44 AsylG; vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die Wegweisung wurde
demnach zu Recht angeordnet.
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungs-
vollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigen-
schaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich
ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24
E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
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Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer Verfügung zutreffend darauf hin, dass das
Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen schützt,
die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den Beschwerdeführenden
nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen
oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz
der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung fin-
den. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden in den Heimatstaat ist dem-
nach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müssten sie eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft
machen, dass ihnen im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschli-
che Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien
28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Dies
gelingt den Beschwerdeführenden jedoch nicht, nachdem sie eine dro-
hende Gefährdung im Heimatstaat nicht glaubhaft machen konnten. Auch
die allgemeine Menschenrechtssituation in Aserbaidschan lässt den Weg-
weisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen.
Der Vollzug der Wegweisung erweist sich folglich sowohl im Sinne der asyl-
als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
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Seite 16
8.3.2 In Aserbaidschan herrscht weder Krieg noch Bürgerkrieg oder eine
Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG. Der Weg-
weisungsvollzug in den Heimatstaat der Beschwerdeführenden ist dem-
nach grundsätzlich als zumutbar zu qualifizieren.
8.3.3 In individueller Hinsicht führte das SEM aus, dass der Beschwerde-
führer eine gute Ausbildung absolviert habe und in der Folge als (...) den
Lebensunterhalt für die Familie verdient habe, wobei sie zum Mittelstand
gehört hätten. Zudem verfügten sie in der Heimat über ein soziales Bezie-
hungsnetz und eine gesicherte Wohnsituation, nachdem sie jeweils ihm
Haus des Vaters des Beschwerdeführers hätten leben können. Folglich
gebe es keine Anhaltspunkte dafür, dass sie bei einer Rückkehr in eine
finanzielle oder soziale Notlage geraten könnten. Das Gericht schliesst sich
diesen Ausführungen an. Trotz der nicht zu verkennenden Schwierigkeiten,
die mit einer wirtschaftlichen Reintegration im Heimatstaat verbunden sind,
kann vorliegend davon ausgegangen werden, dass es den Beschwerde-
führenden gelingen wird, sich erneut eine Existenz aufzubauen.
8.3.4 Auch in Bezug auf die gesundheitlichen Probleme der Beschwerde-
führenden und die entsprechenden Behandlungsmöglichkeiten in Aser-
baidschan kann vollumfänglich auf die zutreffenden Ausführungen der
Vorinstanz verwiesen werden. Die Beschwerdeführerin leidet bereits seit
längerer Zeit an psychischen Problemen und nahm deswegen im Heimat-
staat entsprechende Behandlungen in Anspruch (vgl. A126, F13 ff.). Es ist
nicht ersichtlich, weshalb dies bei einer Rückkehr nicht mehr möglich sein
sollte. Gemäss dem Arztbericht vom 10. August 2021 wurde die Tochter
D._ im Juli 2021 erneut einer stationären Behandlung zugewiesen
aufgrund (...). Dem ärztlichen Bericht vom 19. August 2021 lässt sich ent-
nehmen, dass sie zwischenzeitlich wieder entlassen werden konnte. Es
bestehe eine latente Suizidalität und es komme immer wieder reaktiv zu
suizidalen Krisen, zuletzt nach dem negativen Asylentscheid. Ihre Sympto-
matik müsse vor dem Hintergrund einer ausgeprägten psychosozialen Be-
lastungssituation verstanden werden, wobei als Belastungsfaktoren "Mig-
ration oder soziale Verpflanzung" genannt werden. Der psychische Zu-
stand der erst (...)-jährigen Tochter ist zwar sehr bedauernswert, führt in-
dessen nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Es ist auch
im Heimatstaat möglich, zukünftig (weiterhin) erforderliche – ambulante o-
der stationäre – psychiatrische Behandlungen in Anspruch zu nehmen. Es
wird in der Beschwerdeschrift nicht dargelegt und ist nicht ersichtlich, in-
wiefern D._ notwendige medizinische Leistungen in Aserbaidschan
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Seite 17
nicht erhältlich machen könnte. Im Zusammenhang mit allfälligen suizida-
len Absichten der Beschwerdeführerin oder ihrer Tochter wies die Vo-
rinstanz zutreffend darauf hin, dass diesen mit geeigneten Massnahmen
im Rahmen der Ausgestaltung der Vollzugsmodalitäten Rechnung getra-
gen werden kann.
8.3.5 Hinsichtlich des Kindeswohls ist festzuhalten, dass sich die Be-
schwerdeführenden erst seit gut einem Jahr und damit einer vergleichs-
weise kurzen Zeit in der Schweiz aufhalten. Konkrete Anhaltspunkte dafür,
dass sich C._ und D._ in der Schweiz besonders gut inte-
griert hätten, lassen sich den Akten nicht entnehmen. Es kann folglich nicht
von einer Verwurzelung in der Schweiz ausgegangen werden. Angesichts
des mehrmaligen Wechsels des Aufenthaltsstaates in den letzten Jahren
ist vielmehr anzunehmen, dass die Bindung der beiden Kinder an die Eltern
vergleichsweise stark ausgeprägt ist und die Kernfamilie eine wichtigere
Rolle spielt als ausserfamiliäre Beziehungen. Zwar lässt sich nicht von der
Hand weisen, dass der mit einer Rückkehr verbundene erneute Wechsel
des Wohnorts eine erhebliche Belastung für die psychisch angeschlagene
Tochter darstellt. Sollte dies zu einer Verschlechterung ihres Gesundheits-
zustands oder einer erneuten suizidalen Krise führen, wäre dem mit ent-
sprechenden therapeutischen Massnahmen zu begegnen. Beide Kinder
haben einen Teil ihrer Schulzeit in Aserbaidschan absolviert und sind mit
der heimatlichen Sprache und Kultur vertraut. Zudem verfügen sie im Hei-
matstaat über weitere Verwandte und damit ein familiäres Beziehungsnetz,
welches sie bei der sozialen Wiedereingliederung unterstützen kann. Ins-
gesamt ist daher nicht davon auszugehen, dass das Kindeswohl bei einer
Rückkehr nach Aserbaidschan gefährdet wäre.
8.3.6 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass nicht anzunehmen ist, die
Beschwerdeführenden würden bei der Rückkehr nach Aserbaidschan auf-
grund der allgemeinen Situation oder aus individuellen Gründen wirtschaft-
licher, sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine existenzielle Notlage
geraten. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich demnach als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zustän-
digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
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8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt und – soweit diesbezüglich überprüfbar –ange-
messen ist (Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätzlich
den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die Be-
schwerde war jedoch nicht von vornherein als aussichtslos zu bezeichnen.
Zudem wurde mit Eingabe vom 9. September 2021 eine Unterstützungs-
bedürftigkeitserklärung des zuständigen Kantonalen Sozialdienstes einge-
reicht, weshalb von der prozessualen Bedürftigkeit der Beschwerdeführen-
den auszugehen ist. Die Voraussetzungen für die Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG sind damit
erfüllt und das entsprechende mit der Beschwerde gestellte Gesuch ist gut-
zuheissen. Folglich sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. Das Ge-
such um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses erweist sich
mit dem vorliegenden Entscheid als gegenstandslos.
(Dispositiv nächste Seite)
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