Decision ID: bed15d0f-c01a-4bd8-834c-92596532f73c
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
Der Sachverhalt gemäss Anklage der Staatsanwaltschaft Baden vom
26. Oktober 2021 lautet wie folgt:
1. Mord
Der Beschuldigte hat vorsätzlich einen Menschen getötet und handelte besonders skrupellos, namentlich war sein Beweggrund, der Zweck der Tat oder die Art der Ausführung besonders verwerflich.
Einleitung: Der Beschuldigte ist der Ehemann der Nichte von +G. und es bestand seit mehreren Jahren zwischen der Opferfamilie und derjenigen des Beschuldigten eine angespannte Situation. Der Beschuldigte unterhielt zu +G. im Zeitraum vom 07.10.2018 bis am 27.10.2018 mit dem fiktiven Facebook Benutzername ‘ H. 927' und im Zeitraum vom 02.11.2018 bis am 22.03.2019 mit dem fiktiven Facebook Anzeigename 'I.' Kontakt. Im Rahmen erfolgter Kommunikationen, welche über den Facebook Messenger getätigt wurden, gab sich der Beschuldigte gegenüber +G. als Frau aus. Beim Inhalt der Kommunikationen ging es primär um sexuelle Anmache. +G. wurde entsprechendes Fotomaterial zugeschickt.
Tatvorbereitung und Tathandlung: Am 05.05.2019, ca. 02:53 Uhr, folgte der Beschuldigte spätestens ab Schlieren, Bernstrasse, auf Höhe der Mercedes-Garage mit seinem Personenwagen 'Audi A4', [Kennzeichen], dem vor ihm von +G. gelenkten Lieferwagen 'Peugeot Expert', [Kennzeichen], in allgemeine Richtung Dietikon. +G. hielt sich zuvor in der Sporthalle 'Unterrohr' in Schlieren an einem Montenegrinischen Fest als Mitorganisator und Helfer auf. Um ca. 02:49 Uhr fuhr +G. vom Parkplatz der Sporthalle 'Unterrohr' in Schlieren weg.
Nach der Ankunft vor dem Wohnort von +G. in Killwangen, X-Strasse um ca. 03:01 Uhr, kam es zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und +G. Beide befanden sich zu diesem Zeitpunkt ausserhalb ihrer Fahrzeuge. Im Verlauf des Streites stach der Beschuldigte sieben Mal mit einem einschneidigen Messer ohne Wellenschliff und einer Klingenbreite von mindestens 1.3 cm auf +G. ein.
Der verletzte +G. begab sich um ca. 03:05 Uhr via Tiefgarage in seine Wohnung, in der ihn seine Ehefrau in Empfang nahm. Um 03:16 Uhr erfolgte durch Familienangehörige, welche erste Hilfe leisteten, die Alarmierung der Ambulanz. Das Opfer wurde in der Folge durch die Ambulanz unter Reanimation in den Schockraum des Kantonsspital Baden überführt, in dem dieses um 05:10 Uhr an den Folgen der Verletzungen verstarb.
Der Beschuldigte fügte +G. folgende Schnitt- und Stichverletzungen zu:
Schnittverletzungen: 1) Halbkreis- bzw. lappenförmige Abhebung der Kopfschwarte im Bereich der rechten
Geheimratsecke auf einer Fläche von 8 cm im Durchmesser. Im Zentrum eine ca. 2.5 cm lange und 0.1 cm tiefe, quer zur Pfeilachse ausgerichtete Kerbe an der äusseren Knochentafel.
2) 2 cm lange und maximal 1 cm tiefe Läsion über dem rechten Unterkieferast (oben). 3) 3.8 cm lange und maximal 1 cm tiefe Läsion über dem rechten Unterkieferast (unten).
Stichverletzungen: 1) 4.5 cm lange, schräg von oben-aussen nach unten-innen ausgerichtete Läsion mit
Eröffnung der Brusthöhle und umschriebener Verletzung des Lungenfells des rechten Lungenoberlappens.
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2) Durchstich des linken Oberarms mit L-förmiger, 7 cm langer Läsion an der Vorderseite und schräg von aussen-unten nach innen-oben ausgerichtetem Stichkanal. Vollständige Durchtrennung der Oberarmarterie und schlitzförmige Eröffnung der Oberarmvene.
3) 1.3 cm lange Läsion an der Aussenseite des linken Oberschenkels mit einem annähernd parallel zur Körperlängsachse bzw. steil nach oben ausgerichteten und blind in der Muskulatur endenden Stichkanals.
4) 2.8 cm lange Läsion an der Rückseite des rechten Oberschenkels mit einem annähernd horizontal bzw. von aussen nach innen ausgerichteten Stichkanals.
+G. verstarb durch Verbluten. Als wesentlicher Befund konnte der Durchstich des linken Oberarms mit vollständiger Durchtrennung der Oberarmarterie und schlitzförmiger Eröffnung der Oberarmvene (Stichverletzung Nr. 2) festgestellt werden. Die weiteren Stich- und Schnittverletzungen haben über einen zusätzlichen Blutverlust zum Todeseintritt beigetragen, hätten für sich alleine aber nicht zum Tod geführt.
Nachdem der Beschuldigte +G. mehrere Stich- und Schnittverletzungen zugefügt hatte, stieg er um ca. 03:05 Uhr am Tatort in Killwangen, X-Strasse, in sein Fahrzeug und fuhr mit diesem um ca. 03:07 Uhr am Kamerastandort S., V-Strasse in Killwangen vorbei, in allgemeine Richtung Spreitenbach.
Indem der Beschuldigte in der oben beschriebenen Art und Weise mit einem einschneidigen Messer mit einer Klingenbreite von mindestens 1.3 cm, mehrfach derart heftig gegen den Kopf- und Körperbereich von +G. einstach handelte er vorsätzlich. Indem der Beschuldigte sieben Mal auf +G. einstach und es ihm lediglich um die Elimination eines ihm lästig empfundenen Menschen ging, handelte der Beschuldigte besonders verwerflich und aus skrupellosem Beweggrund.
2. Pornographie
Der Beschuldigte hat Bildaufnahmen, welche sexuelle Handlungen mit Tieren zum Inhalt haben, zum Eigenkonsum besessen.
Der Beschuldigte besass zum Zeitpunkt seiner Festnahme am 17.10.2019, 05:37 Uhr, in Q., ein Mobiltelefon iPhone 6S, auf welchem sich ein Video befindet, welches einen jungen Mann beim Geschlechtsverkehr mit einem Esel während einer Minute und 22 Sekunden zeigt. Das Video erhielt der Beschuldigte per WhatsApp am 09.10.2019 zugestellt. Der Beschuldigte hat dieses Video gesehen und war wissentlich und willentlich im Besitz des fraglichen Videos.
Der Beschuldigte wusste, nahm aber zumindest in Kauf und rechnete damit, dass das obgenannte Video verbotene Tierpornografie beinhaltete.
2.
Das Bezirksgericht Baden fällte am 19. Mai 2021 folgendes Urteil:
1. Der Beschuldigte E. ist schuldig - des Mordes i.S.v. Art. 112 i.V.m. Art. 111 StGB sowie - der Pornographie i.S.v. Art. 197 Abs. 5 Satz 1 i.V.m. Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird hierfür in Anwendung der genannten Gesetzesbestimmungen sowie Art. 34, Art. 40 und Art. 47 StGB bestraft mit
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einer Freiheitsstrafe von 17 Jahren und
30 Tagessätzen Geldstrafe zu Fr. 10.00, d.h. total Fr. 300.00.
3. Die ausgestandene Untersuchungs- und Sicherheitshaft von 581 Tagen (17. Oktober 2019 bis und mit 19. Mai 2021) wird dem Beschuldigten gemäss Art. 51 StGB auf die Freiheitsstrafe angerechnet.
4. Der Vollzug der ausgefällten Geldstrafe wird gestützt auf Art. 42 StGB aufgeschoben. Die Probezeit wird gemäss Art. 44 Abs. 1 StGB auf 2 Jahre festgesetzt.
5. 5.1 Die folgenden, aus dem Besitz des Beschuldigten stammenden beschlagnahmten Gegenstände werden diesem auf Verlangen innert 20 Tagen nach Rechtskraft des Urteils zurückgegeben bzw. nach unbenutztem Ablauf der Frist ohne weitere Mitteilung vernichtet:
- Mobiltelefon Apple iPhone 6S (IMEI [...], mit SIM-Karte) - Mobiltelefon Apple iPhone 6, IMEI [...], ohne SIM-Karte - Mobiltelefon Apple iPhone 5, mit Schutzhülle, IMEI [...], ohne SIM-Karte - Mobiltelefon Samsung SM-G928F Galaxy S6 Edge, IMEI [...], mit SIM-Karte
5.2 Die folgenden, aus dem Besitz des Opfers stammenden beschlagnahmten Gegenstände werden den Angehörigen des Opfers (Privatklägerschaft) auf Verlangen innert 20 Tagen nach Rechtskraft des Urteils zurückgegeben bzw. nach unbenutztem Ablauf der Frist ohne weitere Mitteilung vernichtet:
- Mobiltelefon Apple iPhone Xs Max mit Schutzhülle, IMEI [...], mit SIM-Karte - Mobiltelefon Samsung SM-J330F Galaxy mit Schutzhülle, IMEI [...] und IMEI [...],
inkl. zwei SIM-Karten - Mobiltelefon Apple iPhone 6 mit Schutzhülle, IMEI [...], ohne SIM-Karte - Mobiltelefon Nokia 2220 slide, IMEI [...], ohne SIM-Karte - Mobiltelefon Apple iPhone 3 GS, IMEI [...], ohne SIM-Karte - Mobiltelefon Samsung GT-E1080i, IMEI [...], mit SIM-Karte - lose SIM-Karte M-Budget Mobile, Nr. [...] - lose SIM-Karte M-Budget Mobile, Nr. [...]
5.3 Die beschlagnahmten Waschpläne für die Monate Januar bis März 2019 (ab Abreisskalender in der Waschküche des Beschuldigten) werden eingezogen und nach Rechtskraft des Urteils vernichtet.
5.4 Das von der Anklägerin rechtshilfeweise in den Niederlanden beschlagnahmte und gegen Auszahlung des Dritteigentümers in die Schweiz zurückgeführte Fahrzeug
- Audi A4, grau, Jahrgang 2003 [...] wird eingezogen und nach Eintritt der Rechtskraft durch die Oberstaatsanwaltschaft verwertet bzw. vernichtet, sollte sich herausstellen, dass der voraussichtliche Verwertungserlös die Kosten nicht zu decken vermag.
Ein allfälliger Verwertungserlös ist nach Abzug der Kosten dem Strafgericht Baden, Abteilung 1, zur Deckung der Verfahrenskosten auszuhändigen bzw. zu überweisen.
Es wird von der (bereits mit Verfügung vom 10. September 2019 gestützt auf Art. 434 Abs. 2 StPO von der Staatsanwaltschaft zugesprochenen und ausgerichteten)
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Entschädigung von K., NL-[...], in der Höhe von EUR 6'185.38 bzw. Fr. 7'020.40 Vormerk genommen.
5.5 Es wird Vormerk genommen, dass die Anklägerin zu Ermittlungszwecken (Durchführung von Vergleichsfahrten) folgende zwei weitere Fahrzeuge zu Eigentum des Kantons Aargau gekauft hat:
- Audi A61.9 TDi Automat, grau, Jahrgang 2004, und - Seat Exeo ST 1.8 TFSI, grau, Jahrgang 2011
Die Oberstaatsanwaltschaft wird mit der Verwertung der genannten Fahrzeuge beauftragt bzw. mit deren Vernichtung, sollte sich herausstellen, dass der voraussichtliche Verwertungserlös die Kosten nicht zu decken vermag. Ein allfälliger Verwertungserlös ist nach Abzug der Kosten dem Strafgericht Baden, Abteilung 1, zur Deckung der Verfahrenskosten auszuhändigen bzw. zu überweisen.
6. 6.1 Der Beschuldigte wird in teilweiser Gutheissung der Zivilklagen verpflichtet,
- der Zivil- und Strafklägerin 1, D., Schadenersatz in der Höhe von Fr. 498’482.55 sowie eine Genugtuung von Fr. 55'000.00, insgesamt Fr. 553'482.55, zu bezahlen,
- dem Zivil- und Strafkläger 2, C., Schadenersatz in der Höhe von Fr. 217.70 sowie eine Genugtuung von Fr. 30'000.00, insgesamt Fr. 30'217.70, zu bezahlen,
- dem Zivil- und Strafkläger 3, B., Schadenersatz in der Höhe von Fr. 47'017.00 sowie eine Genugtuung von Fr. 30'000.00, insgesamt Fr. 77'017.00, zu bezahlen,
- der Zivil- und Strafklägerin 4, A., Schadenersatz in der Höhe von Fr. 278.60 sowie eine Genugtuung von Fr. 20'000.00, insgesamt Fr. 20'278.60, zu bezahlen,
alles je zzgl. Zins zu 5 % seit 5. Mai 2019.
6.2 Es wird Vormerk genommen, dass die bezifferten Schadenersatzforderungen der Privatkläger 1 bis 4 im Sinne von Teilklagen mit ausdrücklichem Nachklagevorbehalt erhoben worden sind.
6.3 In Bezug auf die künftigen Schadenersatzforderungen (insbesondere allfälliger Versorgerschaden, allfällige künftige Behandlungskosten in Folge der Straftat etc.) der Zivil- und Strafkläger 1 bis 4 wird der Beschuldigte dem Grundsatze nach zu 100 % schadenersatzpflichtig erklärt; im Übrigen werden die diesbezüglichen Ansprüche auf den Zivilweg verwiesen (Art. 126 Abs. 3 StPO).
6.4 Im Übrigen werden die Zivilklagen abgewiesen.
6.5 Der Beschuldigte hat den Zivil- und Strafklägern 1-4 je eine gerichtlich auf Fr. 5'319.95 (je inkl. MwSt. von Fr. 380.35) festgesetzte Prozessentschädigung (total Fr. 21'279.80 inkl. MwSt. von Fr. 1'521.40) zu entrichten (Art. 433 Abs. 1 StPO).
7. 7.1 Die Verfahrenskosten bestehen aus:
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a) der Gerichtsgebühr Fr. 15’000.00 b) der Anklagegebühr Fr. 9'500.00 c) den Kosten für die amtliche Verteidigung Fr. 93'360.80 d) den Kosten für die Übersetzung Fr. 1’320.00 e) den Beweiskosten des Gerichts Fr. 1’755.00 f) den Kosten für die Mitwirkung anderer Behörden Fr. 212’182.17 g) den Spesen des Gerichts (inkl. laufende
Autoeinstellkosten) Fr. 5’982.10 h) den Spesen für das begründete Urteil Fr. 135.00
Total Fr. 339'235.07
7.2 Dem Beschuldigten werden die Gebühren gemäss Dispositiv-Ziff. 0 lit. a) und b) sowie die Kosten gemäss Dispositiv-Ziff. 0 lit. e) –h) im Gesamtbetrag von Fr. 244'554.27 auferlegt.
7.3 Die Kosten für die Übersetzung gemäss Dispositiv-Ziff. 0 lit. d) gehen zu Lasten des Staates (Art. 426 Abs. 3 lit. b StPO).
8. 8.1 Der amtlichen Verteidigerin des Beschuldigten, P., Fürsprecherin, wird eine Entschädigung von Fr. 93'360.80 (inkl. 7.7 % MwSt. von Fr. 6'674.80) zu Lasten der Staatskasse zugesprochen (Kosten gemäss Dispositiv-Ziff. 0 lit. c) und die Gerichtskasse Baden angewiesen, die Auszahlung vorzunehmen.
Die Entschädigung wird einstweilen auf der Gerichtskasse Baden vorgemerkt. Der Betrag von Fr. 93'360.80 wird vom Beschuldigten zurückgefordert, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse zulassen (Art. 135 Abs. 4 i.V.m. Art. 426 Abs. 1 StPO).
8.2 Im Übrigen hat der Beschuldigte seine Parteikosten selber zu tragen.
3.
3.1.
Mit Berufungserklärung vom 30. November 2021 beantragte der
Beschuldigte, er sei vom Vorwurf des Mordes sowie der Pornografie
freizusprechen.
3.2.
Die Berufungsverhandlung fand am 11. Mai 2022 statt.
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Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Der Beschuldigte beantragt mit Berufung, er sei vom Vorwurf des Mordes
gemäss Art. 112 StGB sowie der Pornografie gemäss Art. 197 Abs. 5
Satz 1 i.V.m. Abs. 1 StGB freizusprechen.
2.
2.1.
2.1.1.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten des Mordes an G. gemäss Art. 112
StGB schuldig gesprochen. Sie erwog nach einer Würdigung der Beweise
(insbesondere Auswertungen des das Opfer verfolgenden Autos,
Blutrückstandsanalyse im ehemaligen Fahrzeug des Beschuldigten,
Telefonauswertungen, Facebook-Chat-Auswertungen des Opfers,
Aussageverhalten des Beschuldigten, Nachtatverhalten des
Beschuldigten, Hinweise aus abgehörten Gesprächen), dass der
Beschuldigte G. in der Nacht vom 4. auf den 5. Mai 2019 vor seinem
Wohnhaus in Killwangen mit sieben Schnitt- und Stichverletzungen auf
besonders verwerfliche Art und Weise und mit einem skrupellosen
Beweggrund ermordet habe. Dass eine dem Opfer unbekannte Täterschaft
das Tötungsdelikt verübt haben könnte, schloss die Vorinstanz aus
(vorinstanzliches Urteil E. I/1.5.3 – I/1.5.12).
2.1.2.
Der Beschuldigte bestreitet seine Täterschaft. Er bringt im Wesentlichen
vor, es fehle das Tatmotiv sowie die Tatwaffe. Auch in Würdigung der
einzelnen Indizien, die grösstenteils als Beweis untauglich seien, könne
nicht nachgewiesen werden, dass er die Tat verübt habe. Vielmehr lägen
entlastende Beweise vor und würden andere Abläufe in der Tatnacht
weitaus wahrscheinlicher erscheinen (GA act. 254 f.; Berufungs-
begründung vom 11. Mai 2022, S. 2 ff.; Plädoyer der Verteidigung, S. 2 ff.).
2.2.
Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, erfüllt den Grundtatbestand der
vorsätzlichen Tötung gemäss Art. 111 StGB. Ist der Täter zudem
besonders skrupellos vorgegangen, hat er den qualifizierten Tatbestand
des Mordes gemäss Art. 112 StGB verwirklicht. Besondere Skrupellosigkeit
liegt namentlich dann vor, wenn der Beweggrund des Täters, der Zweck
der Tat oder die Art der Tatausführung besonders verwerflich sind. Nach
der Rechtsprechung zeichnet sich Mord durch eine aussergewöhnlich
krasse Missachtung fremden Lebens bei der Durchsetzung seiner eigenen
Absichten aus. Es geht um die besonders verwerfliche Auslöschung eines
Menschenlebens. Für die Qualifikation verweist das Gesetz in nicht
abschliessender Aufzählung auf äussere (Ausführung) und innere
Merkmale (Beweggrund, Zweck). Diese müssen nicht alle erfüllt sein, um
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Mord anzunehmen. Entscheidend ist eine Gesamtwürdigung der äusseren
und inneren Umstände der Tat. Die für eine Mordqualifikation konstitutiven
Elemente sind jene der Tat selber, während Vorleben und Verhalten nach
der Tat nur heranzuziehen sind, soweit sie tatbezogen sind und ein Bild der
Täterpersönlichkeit geben (BGE 141 IV 61 E. 4.1; Urteil des
Bundesgerichts 6B_271/2015 vom 26. August 2015 E. 2.3.1; jeweils mit
Hinweisen). Affekt und verminderte Schuldfähigkeit schliessen die
Qualifizierung einer Tötung als Mord nicht aus (Urteil des Bundesgerichts
6B_305/2013 vom 22. August 2013 E. 4.6 mit Hinweisen).
2.3.
In tatsächlicher Hinsicht ist gestützt auf den Obduktionsbericht (UA
[Untersuchungsakten] BO [Bundesordner] 16 Reg. [Register] 3), die
Spurensicherung am Tatort (UA BO 6 Reg. 2) sowie die edierten
Überwachungskameraaufnahmen entlang der gefahrenen Strecke (vgl.
Bericht der Kriminaltechnik der Kantonspolizei Aargau vom 14. August
2019, UA BO 26 Reg. 2) erstellt sowie unbestritten geblieben, dass G. am
Abend des 4. Mai 2019 in der Sporthalle Unterrohr in Schlieren an einem
montenegrinischen Fest als Mitorganisator teilnahm. Er verliess das Fest
um ca. 02:49 Uhr als einer der letzten Besucher, stieg in den weissen
Peugeot Expert Lieferwagen seines Geschäfts und fuhr damit auf direktem
Weg an seinen Wohnort an der X-Strasse in Killwangen. Kurz nach seiner
Ankunft um ca. 03:01 Uhr, nachdem er den Lieferwagen gewendet und
entlang des Trottoirs der X-Strasse – auf Höhe der Einfahrt zur Tiefgarage
– parkiert hatte, wurden ihm durch Fremdeinwirkung mit einem
einschneidigen Messer ohne Wellenschliff und einer Klingenbreite von
mindestens 1.3 cm die in der Anklageschrift aufgelisteten sieben Schnitt-
und Stichverletzungen beigefügt (Anklage Ziff. I/1). Der Angriff wurde von
vorne her durchgeführt, wobei fehlende Abwehrverletzungen einerseits auf
einen Überraschungseffekt bei einem Übergriff in der Dunkelheit
zurückgeführt sowie durch ein Packen des rechten Unterarms (Bluterguss)
bei gleichzeitigen Einstechen gegen Kopf, Brust und Oberarm erklärt
werden. Es war G. noch möglich, sich trotz grossen Blutverlusts in seine
Wohnung zu begeben, wo er zu Boden sank. Seine Ehefrau D. sowie seine
von der Ehefrau dazu geholte Nichte AA. leisteten erste Hilfe.
Letztgenannte alarmierte die Rettungskräfte. Auf Nachfrage der
Anwesenden, was passiert sei, sagte G. lediglich auf montenegrinisch «Wir
wurden angegriffen» (UA BO 10 Reg. 1 act. 2963 f.; UA BO 11 Reg. 16
act. 3577 und 3579). Fast zeitgleich trafen Polizei und Ambulanz ein (UA
BO 16 Reg. 8 act. 4829 f.). G. verstarb trotz Reanimationen im
Krankenwagen sowie im Kantonsspital Baden schliesslich um 05:10 Uhr
(UA BO 16 Reg. 5 act. 4793 f.) durch Verbluten nach aussen aufgrund der
Durchtrennung der Oberarmarterie (UA BO 16 Reg. 3 act. 4749).
Umstritten ist, wer G. die tödlichen Verletzungen zugefügt hat. Der
Beschuldigte bestreitet, G. getötet zu haben.
- 9 -
2.4.
Das Gericht würdigt die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten
Verfahren gewonnenen Überzeugung (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen
unüberwindliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen
Voraussetzungen der angeklagten Tat, d.h. solche, die sich nach der
objektiven Sachlage aufdrängen, so geht das Gericht von der für den
Beschuldigten günstigeren Sachlage aus (vgl. Art. 10 Abs. 3 StPO; «in
dubio pro reo»). Bloss abstrakte und theoretische Zweifel sind nicht
massgebend, weil solche immer möglich sind. Der Grundsatz «in dubio pro
reo» verlangt indes nicht, dass bei sich widersprechenden Beweismitteln
unbesehen auf den für den Beschuldigten günstigeren Beweis abzustellen
wäre. Die Entscheidregel «in dubio pro reo» ist erst anwendbar, nachdem
alle aus Sicht des urteilenden Gerichts notwendigen Beweise erhoben und
ausgewertet worden sind und nach erfolgter Beweiswürdigung als Ganzem
relevante Zweifel bestehen, wobei nur das Übergehen offensichtlich
erheblicher Zweifel eine Verletzung des Grundsatzes «in dubio pro reo» zu
begründen vermag (BGE 144 IV 345; Urteil des Bundesgerichts
6B_295/2021 vom 31. März 2022 E. 3.3.2).
Liegen keine direkten Beweise vor, ist nach der Rechtsprechung auch ein
indirekter Beweis zulässig. Beim Indizienbeweis wird aus bestimmten
Tatsachen, die nicht unmittelbar rechtserheblich, aber bewiesen sind
(Indizien), auf die zu beweisende, unmittelbar rechtserhebliche Tatsache
geschlossen. Eine Mehrzahl von Indizien, welche für sich allein betrachtet
nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf eine bestimmte Tatsache
oder Täterschaft hindeuten und insofern Zweifel offenlassen, können in
ihrer Gesamtheit ein Bild erzeugen, das den Schluss auf den vollen
rechtsgenüglichen Beweis von Tat und Täter erlauben (statt vieler: Urteil
des Bundesgerichts 6B_1302/2020 vom 3. Februar 2021 E. 1.2.3 mit
Hinweisen).
2.5.
Es gibt keine direkten Beweise für eine Täterschaft des Beschuldigten. Es
liegen jedoch zahlreiche Indizien und Umstände vor, die es erlauben, die
Geschehnisse, die einen zuverlässigen Rückschluss auf die Täterschaft
des Beschuldigten ermöglichen, zu rekonstruieren:
2.5.1.
G. verbrachte den Abend des 4. Mai 2019 als Mitorganisator an einem
montenegrinischen Fest in der Sporthalle Unterrohr in Schlieren (ZH). Der
weisse Lieferwagen seines Geschäfts war von 16:53 Uhr bis 02:49 Uhr vor
der Festlokalität parkiert. Eine in unmittelbarer Nähe stehende
Überwachungskamera beim Green Data Center, Unterrohrstrasse 4 in
Schlieren, zeichnete dies auf (Bericht vom 14. August 2019, UA BO 26,
Reg. 2, act. 7527). Auf ebendiesem Gelände zeichnete eine weitere
Überwachungskamera im späteren Verlauf des Abends auf, wie ein grauer
- 10 -
Kombi (vgl. unten) zwei Mal jeweils um 22:31 Uhr sowie um 00:28 Uhr auf
das Gelände fuhr und wendete (Bericht vom 14. August 2019, UA BO 26,
Reg. 1, act. 7521 ff.). Dazu passt auch die Videoaufzeichnung von einer
ca. 290 Meter von der Festlokalität entfernten Überwachungskamera auf
dem Mercedes Benz Areal, Bernstrasse in Schlieren, wonach jeweils einige
Minuten vor bzw. nach dem Wendemanöver (22:19 Uhr bzw. 22:37 Uhr
sowie 00:22 Uhr bzw. 00:34 Uhr) ein grauer Kombi von bzw. in Richtung
Dietikon (ZH) fährt (Bericht vom 14. August 2019, UA BO 26, Reg. 1,
act. 7521 ff.). Die letztgenannte Überwachungskamera zeigt im Verlauf des
Abends zwei weitere Hin- bzw. Rückfahrten des grauen Kombis (01:19 Uhr
bzw. 01:43 Uhr sowie 02:38 Uhr bzw. 02:53 Uhr; Bericht vom 14. August
2019, UA BO 26, Reg. 1, act. 7521 ff.). Anlässlich seiner letzten Wegfahrt
fährt der graue Kombi dem weissen Lieferwagen von G. auf seiner
Heimfahrt an die X-Strasse in Killwangen hinterher (Bericht vom 14. August
2019, UA BO 26, Reg. 1, act. 7523; Bericht vom 14. August 2019, UA
BO 26, Reg. 2, act. 7527). Der von G. gefahrene weisse Lieferwagen
wurde dabei von weiteren Überwachungskameras aufgezeichnet
(Mercedes Benz Areal, Bernstrasse in Schlieren um 02:53 Uhr; Shell-
Tankstelle, Überlandstrasse in Fahrweid um 02:55 Uhr; Avia-Tankstelle
/Shop, Überlandstrasse 150 in Dietikon um 02:59; Bertani Baugerüste AG,
Überlandstrasse in Dietikon um 02:58 Uhr; Kamerastandort S., V-Strasse
in Killwangen um 03:01 Uhr; Kamerastandort T., V-Strasse in Killwangen
um 03:00 Uhr; Kamerastandort U., V-Strasse in Killwangen um 03:00 Uhr;
Bericht vom 14. August 2019, UA BO 26, Reg. 2, act. 7527 ff.; vgl. Bericht
vom 16. April 2020, BO 26, Reg. 4, act. 7574 f.). Jede der
Überwachungsaufnahmen zeigt jeweils acht bis 22 Sekunden später den
dem weissen Lieferwagen von G. nachfolgenden grauen Kombi (Bericht
vom 14. August 2019, UA BO 26, Reg. 2, act. 7527 ff.). Ob es sich bei
einem Abstand von 22 Sekunden noch um ein «Verfolgen» im eigentlichen
Sinn handeln kann, wie von der Verteidigung negiert, kann offengelassen
werden, zumal die Täterschaft genauso gut den Wohnort von G. gekannt
haben kann (GA act. 263 f.). Die letzte Aufnahme, auf der beide Autos
nacheinander ersichtlich sind, wurde beim Kamerastandort U., V-Strasse
in Killwangen zwischen 03:00 Uhr und 03:01 Uhr aufgezeichnet (Bericht
vom 14. August 2019, UA BO 26, Reg. 2, act. 7527 ff.), was mithin nur ca.
[...] Meter vom Wohnort von G. entfernt ist. Ein entgegenkommender
RVBW-Nachtbus, der zwischen 03:01 Uhr bis 03:02 Uhr ebenfalls auf der
V-Strasse in Gegenrichtung unterwegs war, konnte mit seiner Frontkamera
keines der beiden Fahrzeuge erfassen. Daraus ist zu schliessen, dass
keines der beiden Fahrzeuge ab deren letztbekannten Erfassung beim
Kamerastandort U., V-Strasse in Killwangen in gleichbleibender Richtung
auf der V-Strasse weitergefahren sein kann, da sie sonst den
heranfahrenden Bus hätten kreuzen müssen und von dessen Frontkamera
erfasst worden wären. Der graue Kombi fuhr – dazu passend – einige
Minuten später zumindest einen Teil der Strecke in Richtung der
Festlokalität zurück (Kamerastandort S., V-Strasse in Killwangen um
- 11 -
03:08 Uhr; Bericht vom 14. August 2019, UA BO 26, Reg. 2, act. 7530 f.;
vgl. Bericht vom 16. April 2020, BO 26, Reg. 4, act. 7574 f.). Das
Tötungsdelikt hat sich denn auch in diesem Zeitraum zwischen 03:01 Uhr
und 03:08 Uhr vor der Garage des Wohnorts von G. ereignet, zumal die
Blutspuren dort beginnen, dieser bereits um ca. 03:15 Uhr mit den Schnitt-
und Stichverletzungen in seiner Wohnung war (UA BO 10, Reg. 1,
act. 2964), der Notruf um 03:18 Uhr erging (Bericht vom 8. Mai 2019, UA
BO 16 Reg. 8, act. 4826) und die Nachbarin AB. ca. 15 bis 20 Minuten vor
dem Eintreffen der Rettungskräfte mindestens zwei Männer für maximal
eine Minute laut streiten gehört habe. Sie ergänzte, dass sie nach der
Auseinandersetzung ein Auto laut aufheulend wegfahren gehört habe
(Einvernahme von AB. vom 14. Juni 2019, UA BO 12, Reg. 10,
act. 3752 f.).
Aufgrund des Abpassens von G. an der Festlokalität, der Verfolgung bis in
die Nähe seines Wohnorts sowie der sofort im Anschluss an die Tatzeit
angetretenen Rückfahrt ist davon auszugehen, dass es sich beim gefilmten
grauen Kombi – wie von der Staatsanwaltschaft dargelegt – um das von
der Täterschaft gelenkte Fahrzeug handelt. Hingegen gibt es für ein von
der Verteidigung vor Vorinstanz vorgebrachtes Auflauern einer
unbekannten Täterschaft in der Tiefgarage von G. keinerlei Hinweise (GA
act. 266 f.). Insbesondere erschöpft sich die von der Verteidigung
vorgebrachte Sachverhaltsversion, wonach G. von einer unbekannten
Drittperson – mitunter, weil er aus Montenegro stamme und dem
muslimischen Glauben angehöre – getötet worden sei (GA act. 281 f.), in
einer bloss theoretischen Möglichkeit, welche nicht geeignet ist,
massgebliche Zweifel zu wecken. Es ist denn auch nicht bekannt, dass G.
im Zusammenhang mit dem montenegrinischen Fest bedroht oder
angefeindet worden wäre.
Auch das von der Verteidigung vor Vorinstanz vorgebrachte
Alternativszenario, wonach der graue Kombi eine Person am Bahnhof
Killwangen abgeholt haben könnte (GA act. 264), liegt ausserhalb einer
vernünftigen Betrachtungsweise. Der graue Kombi fuhr an sämtlichen
geeigneten Haltemöglichkeiten in Bahnhofsnähe vorbei. Die letztmögliche
Haltemöglichkeit auf der verlassenen Westseite des Bahnhofs ist als
Abholpunkt wenig naheliegend, da sie sich rund 100 Meter weit weg von
der Unterführung zu den zwei Perrons befindet, wo sich auch eine
ausgeschilderte Haltezone sowie ein grösserer Parkplatz befindet. Ein
Stopp an jenem Ort, d.h. vor dem Passieren der Kamera des
Kamerastandorts U., ist jedoch aufgrund des sich verringernden Abstands
zum Opferfahrzeug auszuschliessen (beim Kamerastandort S. hatte der
Abstand noch 21 Sekunden betragen, beim Kamerastandort T. und U.
jedoch nur noch 13 Sekunden [Bericht vom 14. August 2020, UA BO 26,
Reg. 2, act. 7529]).
- 12 -
2.5.2.
Zum Fahrzeug des grauen Kombis ergibt sich Folgendes: Aufgrund der
Analyse der Kriminaltechnik, Fachbereich Film, handle es sich bei dem G.
nachfahrenden und im Vorfeld an seine Heimfahrt mehrmals in der Nähe
der Festlokalität aufgezeichneten Autos mutmasslich um einen
Personenwagen Kombi Audi A4 älterer Ausführung in grauer oder silberner
Farbe (vgl. Bericht vom 14. August 2019, UA BO 26, Reg. 2, act. 7526; GA
act. 127 f und 129). Dies wurde durch informell befragte Mitarbeiter des
Autohauses AC. bestätigt, welche das Fahrzeugmodell auf einen Audi A4
oder A6 des Jahrgangs 2003 eingrenzten (GA Beilage zur Eingabe der
Staatsanwaltschaft vom 30. November 2020, Erhebungsbericht vom
26. November 2020; vgl. Rapport vom 4. September 2020, UA BO 1,
Reg. 3, act. 49.88, Ziff. 3.7). Entgegen der Verteidigung (Plädoyer der
Verteidigung, S. 3) ist auf die Erkenntnisse und Einschätzungen dieser
Fachpersonen abzustellen, zumal sie selbst auf mögliche Unsicherheiten
hingewiesen haben und die Erkenntnisse der Kriminaltechnik sowie der
Mitarbeiter des Autohauses AC. unabhängig voneinander entstanden sind
(vgl. GA Beilage zur Eingabe der Staatsanwaltschaft vom 30. November
2020, Erhebungsbericht vom 26. November 2020, S. 3).
Der Beschuldigte verfügte im Tatzeitpunkt über einen «hellgrauen-met.»-
farbenen Audi A4 mit Erstinverkehrsetzung am tt.mm.2003 (vgl.
Fahrzeugausweis, UA BO 15, Reg. 16, act. 4718) und somit ein
Fahrzeugmodell, wie es auf den Videoaufnahmen zu erkennen ist.
2.5.3.
Der zeitliche Ablauf der Geschehnisse in der Tatnacht, insbesondere die
mit den Überwachungskameras aufgenommenen Standorte des
Fahrzeugs der Täterschaft stehen im Einklang mit den Auswertungen der
Rand- und Bewegungsdaten des Mobiltelefons des Beschuldigten mit der
Telefonnummer [...] sowie den Auswertungen der auf selbigem Gerät
installierten «Health App». Konkret sind die Verbindungen des
Mobiltelefons zu den jeweiligen Antennen so erfolgt, dass der Beschuldigte
die durch die Überwachungskameras ermittelten Standorte des grauen
Audis der Täterschaft abgefahrenen haben kann (vgl. oben; Antenne
Badenerstrasse 21 in Dietikon um 22:13 Uhr im Einklang mit
Kameraaufnahme auf dem Mercedes Benz Areal, Bernstrasse in Schlieren
um 22:19 Uhr; Antenne Brandstrasse 24 in Schlieren um 22:33 Uhr im
Einklang mit Kameraaufnahmen beim Green Data Center,
Unterrohrstrasse 4 in Schlieren um 22:31 Uhr sowie auf dem Mercedes
Benz Areal, Bernstrasse in Schlieren um 22:37 Uhr; Antenne
Steinackerstrasse 31 in Urdorf (ZH) um 00:19 Uhr im Einklang mit
Kameraaufnahmen auf dem Mercedes Benz Areal, Bernstrasse in
Schlieren um 00:22 Uhr sowie beim Green Data Center, Unterrohrstrasse 4
in Schlieren um 00:28 Uhr; Antenne Engstringerstrasse 55 in Schlieren um
01:21 Uhr im Einklang mit Kameraaufnahmen auf dem Mercedes Benz
- 13 -
Areal, Bernstrasse in Schlieren um 01:19 Uhr sowie um 01:43 Uhr; Bericht
vom 15. August 2019, UA BO 26, Reg. 8, act. 7646 ff.). Um 02:21 Uhr, kurz
nachdem G. um 02:09 Uhr sein Auto auf dem Parkplatz des Festlokals zu
beladen begonnen hat (Bericht vom 14. August 2019, UA BO 26, Reg. 2,
act. 7527), erfolgte die letzte Verbindung des Mobiltelefons des
Beschuldigten vor der Tat in die Antenne, Brandstrasse 24 in Schlieren nur
wenige hundert Meter von der Festlokalität entfernt, die in die
Netzabdeckung dieser Antenne fällt (Bericht vom 15. August 2019, UA
BO 26, Reg. 8, act. 7646; Vollzugsbericht vom 1. April 2020, UA BO 26,
Reg. 9, act. 7722 f.). Zwischen 02:21 Uhr und 03:22 Uhr und somit zur
Tatzeit erfolgte keine Verbindung zu einer Antenne, insbesondere nicht in
der Nähe des Wohnortes von G. (Erhebungsbericht vom 21. August 2019,
UA BO 26, Reg. 12, act. 7788). Das Verschieben in eine Funkzelle bei
eingeschaltetem Mobiltelefon bedeutet hingegen nicht zwingend, dass
Randdaten generiert werden, welche bei einer rückwirkenden
Teilnehmeridentifikation abgerufen werden können. Nur wenn es
tatsächlich zu einer Netzwerkbeanspruchung kommt, weil beispielsweise
ein ein- oder ausgehender Anruf oder eine Internetverbindung aufgebaut
wird, werden Randdaten generiert (GA act. 208 f.). Folglich entlastetet es
den Beschuldigten mit der Vorinstanz nicht, dass sein Mobiltelefon um den
Zeitpunkt des Delikts keine Antenne in der Region Spreitenbach-
Killwangen beanspruchte, zumal das Mobiltelefon im fraglichen Zeitpunkt –
soweit ersichtlich – auch nicht mit einer anderen Antenne ausserhalb der
Region verbunden war (vgl. vorinstanzliches Urteil, E. 1.5.5.1.3). Das
Vorbringen der Verteidigung, wonach die Täterschaft des Beschuldigten
ausgeschlossen werde, da eine Suchanfrage auf «localsearch» unmittelbar
vor der Tat am 5. Mai 2019 um 02:55 Uhr mit den Begriffen «X-Strasse +
Killwangen» (Strasse an der G. wohnte) erfolgt sei (Berufungsbegründung
vom 11. Mai 2022, S. 7; Vollzugsbericht vom 30. Januar 2020, BO18, Reg.
26, act. 5354 f.), ist abwegig. Die Suchanfragen beziehen sich nicht
spezifisch auf das Opfer, sondern vielmehr auf die gesamte X-Strasse.
Eine Verbindung zu der Täterschaft ist nicht eruierbar. Erst um 03:22 Uhr
beanspruchte das Mobiltelefon des Beschuldigten wieder eine
Netzverbindung. Die Verbindung erfolgte mit der Antenne der Y-Strasse in
Q., die insbesondere den Wohnort des Beschuldigten abdeckt (Bericht vom
15. August 2019, UA BO 26, Reg. 8, act. 7646 ff.; Bericht vom 8. Mai 2020,
UA BO 26, Reg. 10, act. 7744).
Die Daten der auf dem Mobiltelefon des Beschuldigten installierten «Health
App» zeigen sodann auf, dass er bereits um 03:16 Uhr 235.62 Meter sowie
ein Stockwerk zurücklegte und dabei sein Mobiltelefon auf sich trug
(Beilage zur Einvernahme vom 2. Juli 2020, UA BO 7, Reg. 11, act. 2344 f.;
für die vollständigen Daten seit 2016 vgl. separaten Datenträger
«Mobiltelefonauswertungen», Ordner H-2019-450). Gemäss durch-
geführten Zeitmessungen der Polizei ist es möglich, die Strecke zwischen
dem Tatort und dem Wohnort des Beschuldigten je nach Geschwindigkeit
- 14 -
und gewählter Strecke innert 7.83 bis 11.93 Minuten zurückzulegen und
nicht wie vom Beschuldigten an der Berufungsverhandlung behauptet
innert 18 Minuten (Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 8). Das
entspricht dem Zeitfenster, das mit dem Geschehen am Tatort, den
Auswertungen der Überwachungskameras, den Rand- und
Bewegungsdaten sowie der «Health App» übereinstimmt (Bericht vom
19. März 2020, UA BO 26, Reg. 5, act. 7584 f.; Protokoll der Berufungs-
verhandlung, S. 15: Bei Einhaltung der jeweiligen Geschwindigkeiten
dauere der Fahrweg vom Tatort bis zum Wohnort des Beschuldigten rund
9 Minuten und 20 Sekunden).
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die ermittelten Daten zu den
Bewegungen des Beschuldigten sich in den zeitlichen Ablauf der
Geschehnisse in der Tatnacht nahtlos einfügen lassen. Bei weiteren
Verbindungen des Mobiltelefons des Beschuldigten vor der Tatzeit in
Zürich (zwischen 22:52 Uhr und 23:40 Uhr), Dietikon (zwischen 00:16 Uhr
und 00:17 Uhr) und Urdorf (zwischen 00:18 Uhr und 00:19 Uhr) liegen
keine Aufnahmen von Überwachungskameras vor (vgl. Bericht vom
15. August 2019, UA BO 26, Reg. 8, act. 7647 ff.). Jedoch lassen sich
diese Daten ebenso in das Gesamtbild einordnen und widersprechen den
von den Aufnahmen der Überwachungskameras aufgezeichneten
Standorten des grauen Audis zu keinem Zeitpunkt. Vielmehr sind die
Verbindungen in Zürich, Dietikon und Urdorf insofern in sich stimmig, als
von einem Auflauern des Täters auf G. auszugehen ist (vgl. unten) und
dessen Heimfahrt aufgrund seines Status als Mitorganisator erst zum Ende
des Festes zu erwarten war. Das mehrfache Überprüfen, ob sich das Fest
dem Ende zuneigt und damit einhergehende mehrmalige Hinfahrt nach
Schlieren erscheint vor diesem Hintergrund stimmig.
2.5.4.
Der Beschuldigte hat kein Alibi für den Tatzeitpunkt. Dass er sich ab
spätestens 02:00 Uhr, wie von ihm in seinen ersten Einvernahmen
(Einvernahme als Auskunftsperson am 11. Juli 2019, UA BO 7, Reg. 1,
act. 2128 f.; Einvernahme vor dem Zwangsmassnahmengericht vom
18. Oktober 2019, UA BO 2, Reg. 3 act. 431 f.) und von seiner Ehefrau AD.
ausgesagt wurde (Einvernahme AD. vom 11. Juli 2019, UA BO 8, Reg. 1,
act. 2354; Einvernahme AD. vom 17. Oktober 2019, UA BO 8, Reg. 2,
act. 2368), zuhause befand, ist nach dem oben Gesagten nicht möglich.
Andere Beweise für ein Alibi sind weder ersichtlich noch vom Beschuldigten
vorgebracht worden. Es liegen einzig seine Aussagen zu möglichen
Alternativerklärungen vor, wie es insbesondere zu den Verbindungen
seines Mobiltelefons sowie den Daten des «Health Apps» gekommen sein
könnte. Seine diesbezüglichen Aussagen sind jedoch nicht konstant und
als in verschiedener Hinsicht nicht nachvollziehbar, in sich widersprüchlich
sowie widerlegt und damit insgesamt als nicht glaubhaft anzusehen. Seine
- 15 -
Aussage, wonach die Verbindungen in der Tatnacht mit Antennen des
Raums Schlieren (um 21:51 Uhr, 22:33 Uhr, 01:21 Uhr und 02:21 Uhr; vgl.
oben) zum Teil aufgrund der Zumba-Veranstaltung seiner Tochter erfolgt
seien, ist auszuschliessen (Einvernahme vom 5. Februar 2020, UA BO 7,
Reg. 5, act. 2185; vgl. Einvernahme vor dem Zwangsmassnahmengericht
vom 18. Oktober 2019 BO 2, Reg. 3, act. 431: Ohne Bezugnahme auf
Verbindungen in Antennenstandorte im Raum Schlieren). Die Zumba-
Veranstaltung endete gemäss Angaben der Tochter bereits um 20:30 Uhr
(Einvernahme vom 17. Oktober 2019, UA BO 9, Reg. 5, act. 2786).
Als nicht glaubhafte Schutzbehauptungen sind seine Aussagen zu
qualifizieren, wonach er sich in der Tatnacht in seinem Schrebergarten-
häuschen mit ein bis zwei Prostituierten/Tänzerinnen aufgehalten habe, die
er kurz zuvor an der Langstrasse in Zürich in verschiedenen Bars getroffen
habe oder die mit einem Chauffeur zu einem Treffpunkt gefahren worden
seien und er sie dort abgeholt habe (vgl. Einvernahme vom 20. November
2019, UA BO 7, Reg. 3, act. 2159; Einvernahme vom 11. Dezember 2019,
UA BO, 7, Reg. 4, act. 2175 f.; Einvernahme vom 5. Februar 2020, UA
BO 7, Reg. 5, act. 2185; vgl. GA act. 150; vgl. Protokoll der Berufungs-
verhandlung, S. 8 f.). Diese abenteuerlich anmutende Geschichte konnte
denn auch von niemandem bestätigt werden.
Sodann konnte seine weitere Aussage widerlegt werden, wonach eine
serbische Prostituiertenvermittlerin (vgl. unten) seine SIM-Karte in der
Tatnacht in ihr Mobiltelefon eingelegt habe, etwas einkaufen gegangen sei
und dabei die Rand- und Bewegungsdaten in Schlieren erzeugt haben soll,
währendem er sich in seinem Schrebergartenhäuschen mit den
Prostituierten/Tänzerinnen vergnügt haben will (Einvernahme vor dem
Zwangsmassnahmengericht vom 10. Juli 2020, UA BO 4A, Reg. 2,
act. 1480 f.; GA act. 141 S. 45 f. und act. 150: Ohne Erwähnung der SIM-
Karte). Es steht jedoch fest, dass die SIM-Karte in der Tatnacht einzig mit
dem Mobiltelefon des Beschuldigten verwendet worden ist (Bericht vom
15. Juli 2020, UA BO 25, Reg. 10; vgl. auch Bericht vom 8. Mai 2020, UA
BO 26, Reg. 10, act. 7744).
Schliesslich erklärt der Beschuldigte seine getätigten Schritte ab 03:16 Uhr
wie folgt: Er sei vom Schrebergartenhäuschen zur Wohnung gegangen und
habe dort gesehen, dass das Licht in der Wohnung gebrannt habe. Durch
die sich im Wohnzimmer befindende Kamera habe er sehen können, dass
sein Sohn AE. wach gewesen sei. Er habe deswegen seine Frau angerufen
und sie zudem nach den Einstellungen der Waschmaschine gefragt, weil
sie Waschtag gehabt hätten (Einvernahme vor dem
Zwangsmassnahmengericht vom 10. Juli 2020, UA BO 4A, Reg. 2,
act. 1480 f.; GA act. 141, S. 46 und 142, S. 47; Protokoll der
Berufungsverhandlung, S. 10 f.). Auch dabei handelt es sich um eine
offensichtliche Schutzbehauptung zur Erklärung der getätigten Schritte
- 16 -
sowie der Nachfrage nach den Einstellungen der Waschmaschine. Der
Beschuldigte hatte vorher noch nie die Waschmaschine bedient (vgl.
Einvernahme vor dem Zwangsmassnahmengericht vom 10. Juli 2020, UA
BO 4A, Reg. 2, act. 1480; Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 10) und
es liegt ausserhalb einer vernünftigen Betrachtungsweise, dass er dies
genau in der Tatnacht um 03:22 Uhr hätte tun sollen. Auffällig erscheint in
diesem Zusammenhang auch, dass der Waschplan im Wohnhaus der
Familie des Beschuldigten einzig für den Monat Mai verschwunden ist,
sodass nicht verifiziert werden konnte, ob sie an diesem Tag effektiv
Waschtag hatten (Bericht vom 5. August 2020, UA BO 26, Reg. 13).
2.5.5.
Auffällig, wenn auch nicht von entscheidender Bedeutung, erscheint das
Verhalten des Beschuldigten in Bezug auf seinen grauen Audi A4 und den
WhatsApp-Chatverlauf. Die Ausserverkehrsetzung des grauen Audi A4 ist
am 16. Juli 2019 erfolgt (vgl. Fahrzeugausweis, UA BO 15, Reg. 16,
act. 4718), mithin fünf Tage nach der Befragung des Beschuldigten als
Auskunftsperson vom 11. Juli 2019 und erst rund zwei Jahre nach dessen
Erwerb. Der Grund der Ausserverkehrsetzung sowie des späteren
Verkaufs konnte nicht abschliessend geklärt werden. Der Beschuldigte
äusserte sich dahingehend, dass das Fahrzeug reparaturbedürftig
gewesen sei und aufgrund eines anstehenden Vorführtermins verkauft
worden sei, was durchaus im Bereich des Möglichen liegt, zumal effektiv
ein Aufgebot der Motorfahrzeugkontrolle vorlag (vgl. Anzeigerapport vom
4. September 2020, UA BO 1 Reg. 3 act. 49.103). Ob der graue Audi A4
des Beschuldigten reparaturbedürftig war, konnte hingegen nicht
abschliessend geklärt werden. Insgesamt kann nicht erstellt werden, ob der
Verkauf des grauen Audi A4 im Zusammenhang mit der Ermordung an G.
oder aus anderen Gründen erfolgte, weshalb nicht weiter darauf
einzugehen ist. Ebenso wenig gelang der Nachweis oder der Ausschluss
der Annahme, dass sich Rückstände von menschlichem Blut an besagtem
Auto befunden hätten (GA act. 124, S. 12). Der Beschuldigte löschte
zudem sämtliche WhatsApp-Nachrichten vor dem 4./5. Juli 2019 manuell.
Die Löschung erfolgte lediglich einen Tag nachdem er telefonisch zur
Einvernahme als Auskunftsperson vorgeladen worden war (vgl. Aktennotiz
UA BO 7, Reg. 1, act. 2133). Wie es sich damit genau verhält, kann jedoch
ebenfalls offenbleiben.
2.5.6.
Bemerkenswert sind die Chat-Unterhaltungen via Facebook-Messenger,
die im Zeitraum vom 7. Oktober 2018 bis 22. März 2019 zwischen G. und
dem Beschuldigten mit den Profilen unter den weiblichen Anzeigenamen
«H.» und/oder «I.» stattfanden. Die mit G. chattende «Frau» forderte ihn
wiederholt zur Übermittlung von Fotos seines Penis auf (grafische
Aufbereitung nach Wochentagen und Uhrzeit, UA BO 21, Reg. 4, act. 6206
bis 6211 und 6241 f.). Sie behauptete, dass sie einander schon lange
- 17 -
kennen würden, verwandt seien und früher, als sie noch ledig gewesen sei,
miteinander sexuell verkehrt hätten (grafische Aufbereitung nach
Wochentagen und Uhrzeit, UA BO 21, Reg. 4, act. 6201 ff., 6206 und
6207). In der Nacht vom 26. auf den 27. Oktober 2018 wurden G. Fotos
zugesandt, welche eine in Reizwäsche bekleidete, anzüglich posierende
Frau von hinten mit abgewandtem Gesicht zeigen. Gleichzeitig fragte «sie»
ihn mehrfach, ob er sie denn nicht erkenne (grafische Aufbereitung nach
Wochentagen und Uhrzeit in BO 21, Reg. 4, act. 6204 f.) bzw. forderte ihn
auf, zu erraten, wer sie sei (grafische Aufbereitung nach Wochentagen und
Uhrzeit, UA BO 21, Reg. 4, act. 6236). Die aufreizenden Fotos zeigen die
Ehefrau des Beschuldigten AD. (Einvernahme AD. vom 17. Oktober 2019,
UA BO 8, Reg. 2, act. 2372; Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 8). Die
Verbindung zum Beschuldigten ist neben den anzüglichen Fotos seiner
Ehefrau – in deren Besitz lediglich sie selbst sowie der Beschuldigte waren
–, insofern erstellt, als das Facebook-Profil von I. mit dem Benutzernamen
« E. 9» erstellt und mit dem Mobiltelefon des Beschuldigten benutzt worden
ist. Am 4. Juni 2019 und damit rund einen Monat nach der Tat wurde das
Facebook-Profil gelöscht (Bericht vom 4. Dezember 2019, BO 25, Reg. 5,
act. 7230, Ziff. 4; Bericht vom 24. März 2020, BO 25, Reg. 7). Ähnliches
ergibt sich auch in Bezug auf das Facebook-Profil von H. (Benutzername
« H. 927»), welches mittels einer Mobiltelefonnummer, die auf AD. lautet,
verifiziert wurde (Bericht vom 4. Dezember 2019, BO 25, Reg. 5, act. 7230,
Ziff. 4), wobei letztgenannte selbst weder über ein Mobiltelefon noch über
ein Facebook-Profil verfügt hat (Einvernahme AD. vom 17. Oktober 2019,
B 8, Reg. 2, act. 2366; Einvernahme AE. vom 17. Oktober 2019, UA BO 8,
Reg. 5, act. 2506). Zudem sind Anmeldungen in dieses Facebook-Profil
vom selben Gerät aus zu verzeichnen, wie auch Anmeldungen in das
Facebook-Profil des Beschuldigten erfolgten. Am 30. Oktober 2018 und
damit rund ein halbes Jahr vor der Tat wurde das Profil deaktiviert (Bericht
vom 4. Dezember 2019, BO 25, Reg. 5, act. 7230, Ziff. 4).
Der Beschuldigte bestreitet die falschen Facebook-Profile erstellt und die
anzüglichen Chatunterhaltungen mit G. geführt zu haben. Seine
diesbezüglichen in verschiedenster Hinsicht inkonsistenten, wider-
sprüchlichen und nicht nachvollziehbaren Aussagen entbehren jedoch
jeglichen Realitätsbezugs. Kurz nach seiner Festnahme führte der
Beschuldigte aus, dass eine brasilianische Frau aus der Langstrasse etwas
damit zu tun haben könnte. Sie habe von ihm ein altes Samsung
Mobiltelefon mit kaputtem Display ausgeliehen, das unter anderem die
erotischen Bilder seiner Frau enthalten haben soll. Er habe jedoch weder
das Gerät noch die Frau jemals wiedergesehen (Eröffnung Festnahme vom
17. Oktober 2019, UA BO 2, Reg. 2, act. 327 f.). Im Verlauf der Zeit änderte
er seine diesbezügliche Aussage komplett, wobei sich deren Inhalt als noch
abstruser darstellt: Es sei möglich, dass eine serbische Prostitutions-
vermittlerin namens Mara, die ihm jeweils Frauen vermittle und ihm zum
Teil beim Sex mit den Frauen zuschaue, Zugriff auf ein im Gartenhaus
- 18 -
deponiertes Mobiltelefon von ihm gehabt habe – und somit auch auf die
darin enthaltenen erotischen Bilder von AD.. Darüber habe sie die
genannten Fake-Profile erstellen und mit G. in Kontakt treten können
(Einvernahme vom 12. Februar 2020, UA BO 7, Reg. 6, act. 2207 und
2209 f.; Einvernahme vom 12. März 2020, UA BO 7, Reg. 9, act. 2235 ff.;
GA act. 144 ff.; Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 7 f.). Dass die
Chatnachrichten ausschliesslich in den kühleren Monaten stattfanden
(Ende Oktober, Anfang und Ende November, Anfang Dezember, Mitte
Januar und Ende März) verstärkt den Widerspruch seiner Aussagen. Die
Vorstellung, dass der Beschuldigte selbst im Winter bei Temperaturen um
die Minusgrade herum Stunden mit mehreren Tänzerinnen/Prostituierten
und einer Vermittlerin im kleinen Schrebergartenhäuschen verbracht haben
will, obschon er dort nach eigenen Angaben nie geheizt habe, sie lediglich
Kerzen gehabt hätten und es sehr kalt gewesen sein soll, ist lebensfremd.
Ebenso abwegig ist das Vorbringen des Beschuldigten, wonach es nicht
möglich sei, dass er die Facebook-Nachrichten geschrieben habe, weil er
einen montenegrinischen Dialekt mit einem albanischen Akzent habe
(Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 7). Die vom Forensischen Institut
Zürich durchgeführte linguistische Untersuchung zeigte eine
Identitätstendenz zwischen dem Vergleichsmaterial des Beschuldigten aus
seinen WhatsApp-Chats und den Facebook-Chatnachrichten der
genannten Profile auf. Insbesondere konnten bei beiden Merkmale für
regional bedingte Eigenheiten aus der Grenzregion zwischen Montenegro
und Serbien festgestellt werden (Linguistischer Untersuchungsbericht des
Forensischen Instituts Zürich vom 18. September 2020, UA BO 25, Reg. 9,
act. 7358.12 und 7358.14). Auf die offensichtlichen Schutzbehauptungen
des Beschuldigten kann nicht abgestellt werden.
Nach dem Gesagten ist die Urheberschaft der Chatverläufe durch den
Beschuldigten erstellt. Aus diesen ergibt sich auch ein mögliches Tatmotiv
des Beschuldigten. Der Beschuldigte deutet in den Chatverläufen eine
sexuelle Beziehung zwischen seiner Ehefrau AD. und dem Adressaten der
Chat-Nachrichten, G., vor der Heirat von AD. an. Das lässt auf ein
Eifersuchtsmotiv schliessen, zumal in der Kommunikation des
Beschuldigten die Suche nach einer Bestätigung hervorgeht, dass G. die
Frau auf den Fotos – AD. – erkennt und ein sexuelles Verhältnis zu ihr
zugibt. Als dies nicht funktionierte, wird ein mögliches Rachemotiv sichtbar,
wonach der Beschuldigte mit immer grösser werdender Insistenz
versuchte, G. ein Penisfoto zu entlocken, was G. zumindest in eine
erpressbare Lage gebracht hätte.
Gestärkt werden die Erkenntnisse aus den Facebook-Chatverläufen zum
Motiv des Beschuldigten durch den vom Beschuldigten initiierten und nicht
nachvollziehbaren Kontaktabbruch zu der Familie von G. (Einvernahme
AD. vom 11. Juli 2019, UA BO 8, Reg. 1, act. 2350; Einvernahme AF. vom
9. Oktober 2019, UA BO 10, Reg. 4, act. 3105; Einvernahme AG. vom
- 19 -
8. Oktober 2019, UA BO 11, Reg. 17, act. 3609: «von heute auf morgen»).
Zum anderen zeichnet die systematische Überwachung und
Unterdrückung von AD. durch den Beschuldigten eine hochgradig
eifersüchtige Persönlichkeit des Beschuldigten. AD. verfügte denn auch
über kein eigenes Mobiltelefon, keine eigene E-Mailadresse oder Social
Media-Konten (Einvernahme AE. vom 17. Oktober 2019, UA BO 8, Reg. 5,
act. 2495; Fragen 98; vgl. OSINT-Bericht vom 24. Oktober 2019, UA BO
31, Reg. 1, act. 8959). Darüber hinaus war das Wohnzimmer der Familie
des Beschuldigten ca. seit 2017 rund um die Uhr videoüberwacht mit einer
Kamera, auf die einzig der Beschuldigte mobilen Zugriff hatte
(Einvernahme AH. vom 17. Oktober 2019, UA BO 9, Reg. 5, act. 2782 f.;
Einvernahme AI. vom 17. Oktober 2019, UA BO 9, Reg. 1, act. 2491).
Die Facebook-Chatverläufe erlauben einen Einblick in die inneren
Vorgänge des Beschuldigten. Aus ihnen erhellt, dass der Beschuldigte
Gefühle von Eifersucht und Hass gegenüber G. aufgrund eines vermuteten
Verhältnisses mit der eigenen Ehefrau gehabt haben muss, was ohne
Weiteres ein plausibles Motiv für die Tatbegehung darstellt.
2.6.
Zusammengefasst ist gestützt auf die Gesamtheit der vorgenannten
Indizien und Umstände folgender Kernsachverhalt erstellt:
Der Beschuldigte lauerte G. in der Nacht vom 4. auf den 5. Mai 2019 bei
der Festlokalität eines montenegrinischen Fests in Schlieren auf.
Spätestens ab 02:53 Uhr folgte der Beschuldigte mit seinem grauen Audi
A4 G., der mit dem weissen Peugeot Expert Lieferwagen seines Geschäfts
auf dem Heimweg von Schlieren nach Killwangen war. Sein Fahrzeug,
diverse Aufzeichnungen von Überwachungskameras in Verbindung mit
Verbindungen des Mobiltelefons des Beschuldigten in angrenzende
Antennenstandorte sowie die Datenauswertungen der «Health App»
zeigen auf, dass es sich beim Verfolger von G. um den Beschuldigten
gehandelt haben muss. Nach der Ankunft am Wohnort von G. an der X-
Strasse in Killwangen um ca. 03:01 Uhr kam es vor dessen
Garageneinfahrt zu einem lauten, ca. einminütigen Streit zwischen dem
Beschuldigten und G., was durch Vorgenanntes und die Zeugenaussage
der Nachbarin AB. belegt ist. In der Folge fügte der Beschuldigte G.
insgesamt drei Schnittverletzungen und vier Stichverletzungen mit einem
einschneidigen Messer gemäss Anklage zu. Auf die Tat folgend fuhr der
Beschuldigte mit seinem Audi A4 an seinen Wohnort in Q. zurück, wo er
um 03:16 Uhr ankam. G. konnte sich zuerst noch in seine Wohnung
begeben, ist dann aber als Folge des Blutverlustes im Spital verstorben.
Der Beschuldigte verfügt über kein Alibi. Er verwickelt sich vielmehr in
lebensfremde Konstrukte einer serbischen Prostitutionsvermittlerin und
vermag keine nachvollziehbaren Erklärungen für seine Bewegungen bis
- 20 -
zur Tatzeit liefern. Ebenso wenig überzeugen die Erklärungen seiner
Handlungen nach der Tatzeit. Vielmehr ist davon auszugehen, dass der
Beschuldigte wenige Minuten nach dem Tatzeitpunkt Spuren auf seiner
Kleidung vernichten wollte und deshalb gezwungenermassen seine
Wäsche selbst waschen musste. Weitere Spuren hat er mit dem Entfernen
des Wäscheplans sowie der Löschung sämtlicher WhatsApp-Nachrichten
vernichtet.
Währenddessen zeigt das alltägliche Verhalten des Beschuldigten vor
allem gegenüber AD. eine systematische Überwachungs- und
Unterdrückungstendenz und lässt auf einen hochgradig eifersüchtigen
Mann schliessen. Darin sieht das Obergericht auch das Motiv des
Beschuldigten: Indem der Beschuldigte in diversen Facebook-Chats unter
dem Deckmantel von Frauennamen G. unterstellte, eine sexuelle
Beziehung mit AD. gehabt zu haben und versuchte, ihn durch das
Entlocken eines Penisfotos erpressbar zu machen, zeigte er Eifersuchts-
und Rachemotive gegenüber G.. Dass ein unbekannter Dritter der Täter
sein könnte, liegt ausserhalb einer vernünftigen Betrachtungsweise.
Unter diesen Umständen bestehen keine rechtserheblichen Zweifel daran,
dass der Beschuldigte G. getötet hat.
2.7.
Die Aussagen des Beschuldigten vermögen das Beweisergebnis nicht zu
erschüttern. Der Beschuldigte bestreitet zwar konstant die Ermordung von
G. begangen zu haben. Ansonsten vermögen seine Aussagen in vielerlei
Hinsicht keine Konstanz aufzuweisen, sind widersprüchlich und nicht
schlüssig, mithin sogar lebensfremd und folglich nicht glaubhaft (vgl. oben).
Sein Aussageverhalten gleicht vielmehr einer systematischen Anpassung
an neue Ermittlungsergebnisse. Je mehr Ergebnisse ihm präsentiert
wurden, desto konkreter und detaillierter konnte er sich im Verlauf der
Untersuchung an seinen Aufenthalt und seine Aktivitäten in der Tatnacht
erinnern. Es handelt sich dabei um offensichtliche Schutzbehauptungen.
Bei seiner ersten Einvernahme als Auskunftsperson vom 11. Juli 2019
behauptete er beispielsweise, in der Tatnacht spätestens um 02:00 Uhr
zuhause gewesen zu sein (vgl. oben; Einvernahme vom 11. Juli 2019, UA
BO 7, Reg. 1, act. 2127 f.; Einvernahme vom 17. Oktober 2019, UA BO 2,
Reg. 2, act. 395 f.; Einvernahme vor dem Zwangsmassnahmengericht vom
18. Oktober 2019, UA BO 2, Reg. 3, act. 431). Nach Vorhalt der
Ermittlungsergebnisse bei seiner Einvernahme anlässlich seiner
Inhaftierung vom 17. Oktober 2019, dass sich sein Mobiltelefon in der
Tatnacht um 02:21 Uhr mit einer Antenne in Schlieren verband und folglich
im offenen Widerspruch zu seiner vorhergehenden Aussage war, nach
02:00 Uhr zuhause gewesen zu sein, änderte er seine Aussage bei seiner
Einvernahme vom 20. November 2019 – mithin nach einmonatiger
- 21 -
Bedenkzeit – komplett und gab an, um 02:21 Uhr auf dem Weg nach Zürich
gewesen zu sein und sich zur Tatzeit (zwischen 03:00 Uhr und 03:15 Uhr)
im Schrebergartenhäuschen befunden zu haben (Einvernahme vom
20. November 2019, UA BO 7, Reg. 3, act. 2159). Bei seiner Einvernahme
vom 11. Dezember 2019 ergänzte er, sich dort mit ein oder zwei
Prosituierten/Tänzerinnen aufgehalten zu haben (Einvernahme vom
11. Dezember 2019, UA BO 7, Reg. 4, act. 2175 f.). Diese habe er um
01:20 Uhr bzw. um 02:21 Uhr in Zürich abholen wollen (Einvernahme vom
5. Februar 2020, UA BO 7, Reg 5, act. 2105). Später änderte er auch diese
Aussage ab und ging davon aus, dass sich neben den Prostituierten auch
eine serbische Prostitutionsvermittlerin bei ihm im Schrebergarten
befunden habe (vgl. oben; Einvernahme vom 12. Februar 2020, UA BO 7,
Reg. 6, act. 2207, Einvernahme vom 12. März 2020, UA BO 7, Reg. 9, act.
2237; GA act. 143, S. 49) und diese um 01:20 Uhr sowie um 02:21 Uhr mit
seiner Sim-Karte ausgestattet etwas einkaufen gegangen sei und so die
Verbindungen zur Antenne in Schlieren zustande gekommen seien,
währendem er sich mit den Prostituierten im Gartenhäuschen vergnügt
habe (vgl. oben; Einvernahme vor dem Zwangsmassnahmengericht vom
10. Juli 2020, UA BO 4A, Reg. 2, act. 1480 f.; GA act. 141, S. 45 f. und
act. 150, S. 63: Ohne Erwähnung der SIM-Karte). Der Beschuldigte
verwendete das Konstrukt der serbischen Prostitutionsvermittlerin auch zur
Erklärung weiterer Unstimmigkeiten. Nachdem seine Mutmassungen nicht
schlüssig erschienen, wonach eine brasilianische Prostituierte ein altes
Mobiltelefon von ihm gestohlen habe und so an die aufreizenden Fotos von
AD. gekommen sein könnte, die G. in den Facebook-Chats zugesandt
wurden (vgl. oben; Einvernahme vom 17. Oktober 2019, UA BO 2, Reg. 2,
act. 327 f.), zumal die Facebook-Chats in serbischer Sprache geführt
worden sind, änderte der Beschuldigte seine Geschichte mit der neuen
Erklärung ab, wonach die bei seiner Einvernahme vom 12. Februar 2020
ins Spiel gebrachte Prostitutionsvermittlerin Zugriff auf sein Mobiltelefon
gehabt habe und die Chatnachrichten mit dem aufreizenden Foto von AD.
an G. versandt haben könnte (vgl. oben; Einvernahme vom 12. Februar
2020, UA BO 7, Reg. 6, act. 2267).
2.8.
Indem der Beschuldigte G. von Schlieren aus bis an seinen Wohnort folgte
und umgehend innerhalb von wenigen Augenblicken mit einem
mitgebrachten Messer sieben Mal auf ihn einstach, wobei drei
Schnittverletzungen in den Kopf sowie vier Stichverletzungen in Brust,
Oberarm und Oberschenkel gingen, der Beschuldigte ihn stark blutend auf
der Strasse zum Sterben zurückliess und dieser im Anschluss auch an den
Folgen der Verletzungen verstarb, tötete er ihn nicht nur vorsätzlich,
sondern geplant, kaltblütig, heimtückisch und brutal und handelte folglich
besonders verwerflich. Auch in Bezug auf den Beweggrund ist von einer
besonderen Verwerflichkeit auszugehen: Der Beschuldigte tötete G.
aufgrund von Eifersuchts- und Rachemotiven, ausgelöst durch die von ihm
- 22 -
angenommenen früheren sexuellen Kontakten von G. zu seiner Ehefrau.
Er handelte damit ausschliesslich aus egoistischen Motiven, die einer
Elimination einer lästig gewordenen Person immanent sind.
Die äusseren und die durch die Tatbegehung demonstrierten inneren Tat-
umstände sowie die Motivlage des Beschuldigten zeugen insgesamt von
einer Geringschätzung des Lebens, welche als «besonders verwerflich» im
Sinne von Art. 112 StGB zu qualifizieren ist. Rechtfertigungs- oder
Schuldausschlussgründe sind nicht ersichtlich. Der Beschuldigte hat sich
somit des Mordes gemäss Art. 112 StGB schuldig gemacht.
3.
3.1.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten hinsichtlich des auf seinem
Mobiltelefon festgestellten Videos, das einen jungen Mann beim
Geschlechtsverkehr mit einem Esel zeigt, der Pornografie gemäss Art. 197
Abs. 5 Satz 1 i.V.m. Abs. 1 StGB schuldig gesprochen.
Der Beschuldigte bringt dagegen vor, das Video sei aufgrund einer «fishing
expedition» nicht verwertbar. Eventualiter habe er ohne Vorsatz bzw.
Eventualvorsatz gehandelt (GA act. 292 f.; Berufungsbegründung vom
11. Mai 2022 S. 8 f.).
3.2.
Gemäss Art. 197 Abs. 5 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr
oder Geldstrafe bestraft, wer u.a. tierpornografische Videodateien
konsumiert oder zum eigenen Konsum herstellt, einführt, lagert, erwirbt,
sich über elektronische Mittel oder sonst wie beschafft oder besitzt.
3.3.
In tatsächlicher Hinsicht erstellt und unbestritten geblieben ist, dass das
fragliche Video tierpornografisches Material enthält, auf dem Mobiltelefon
des Beschuldigten gespeichert war und dort anlässlich einer Durchsuchung
als Zufallsfund entdeckt wurde. Umstritten ist hingegen, ob das Video
verwertet werden darf und ob der Beschuldigte vorsätzlich gehandelt hat.
Die Einwände der Verteidigung sind unbegründet. Von einer «fishing
expedition» spricht man, wenn einer Zwangsmassnahme kein genügender
Tatverdacht zugrunde lag, sondern planlos Beweisabnahmen getätigt
wurden (vgl. BGE 137 I 218 E. 2.3.2). Das war vorliegend nicht der Fall.
Das in der Anklage umschriebene Video wurde anlässlich einer
umfassenden Auswertung bzw. Durchsuchung des Mobiltelefons des
Beschuldigten festgestellt (Anzeigerapport vom 9. Juli 2020, UA BO 1,
Reg. 4). Die Auswertung basierte auf einem ordnungsgemässen
schriftlichen Durchsuchungsbefehl des verfahrensleitenden Staats-
anwaltes (Art. 241 Abs. 1 i.V.m. Art. 246 StPO; UA BO 5, Reg. 2, act. 1505)
- 23 -
und wurde mit der Beweissicherung im Zusammenhang mit dem Verdacht
auf eine schwere Straftat, namentlich der vorsätzlichen Tötung, evtl. Mord
begründet. Dieser Tatverdacht war vorbestehend und, wie sich gezeigt hat,
begründet. Bei dieser Sachlage kann nicht von einer unzulässigen «fishing
expedition» ausgegangen werden. Auch die Voraussetzung der
hypothetischen Zulässigkeit der Zwangsmassnahme ist zu bejahen, da es
sich beim Tatbestand der Pornografie um ein Vergehen handelt (Art. 197
Abs. 5 StGB i.V.m. Art. 10 Abs. 3 StGB) und das Mobiltelefon des
Beschuldigten auch im Hinblick darauf hätte durchsucht werden dürfen.
Folglich steht einer Verwertung des Videos nichts im Weg.
Anlässlich seiner Einvernahme vom 26. Februar 2020 gab der
Beschuldigte auf Vorhalt des Tatvorwurfs mitsamt Fotovorlage zu Protokoll,
das Video angeschaut zu haben, sich aber nicht mehr genau daran zu
erinnern. Wenn ihm ein Video nicht gefalle, schaue er es sich nicht zu Ende
an. Er habe vergessen, das Video zu löschen (Einvernahme vom
26. Februar 2020, UA BO 7, Reg. 7, act. 2215 und 2217). In seinen
weiteren Einvernahmen insbesondere vor dem Zwangsmassnahmen-
gericht vom 10. Juli 2020, seiner Schlusseinvernahme vom 23. September
2020, an der erstinstanzlichen Hauptverhandlung sowie an der
Berufungsverhandlung bestritt der Beschuldigte hingegen, das Video
angesehen zu haben. Dies ist als Schutzbehauptung zu werten. Die
Behauptung des Beschuldigten, dass seine erste Aussage auf den Vorhalt
unrichtig protokolliert worden sei, ist nicht glaubhaft (Einvernahme vor dem
Zwangsmassnahmengericht vom 10. Juli 2020, BO 4a, Reg. 2,
act. 1488 f.; Schlusseinvernahme vom 23. September 2020, BO 7,
Reg. 12, act. 2347.8; GA act. 136 S. 35 und 154, S. 72: Ohne Äusserung,
dass seine Aussage falsch protokolliert worden sei; Protokoll der
Berufungsverhandlung, S. 11 f.). Das Protokoll wurde nach Rück-
übersetzung vom Beschuldigten unterschrieben. Die Einvernahme wurde
überdies im Beisein der amtlichen Verteidigung geführt, welche bei einem
derart wesentlichen Protokollierungsfehler mit Sicherheit interveniert hätte.
Entsprechend ist trotz des Widerrufs auf das Geständnis des Beschuldigten
vom 26. Februar 2020 abzustellen und davon auszugehen, dass er das
Video gesehen, es jedoch vergessen hat zu löschen. Indem der
Beschuldigte das Video nicht sofort nach Erhalt oder bei einer anderen
Gelegenheit löschte, nahm er in Kauf, das Video weiterhin zu besitzen.
Der Beschuldigte hat sich folglich der Pornografie gemäss Art. 197 Abs. 5
Satz 1 StGB schuldig gemacht.
4.
4.1.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313; BGE
- 24 -
144 IV 217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4. ff.; je mit
Hinweisen). Darauf kann verwiesen werden.
4.2.
4.2.1.
Hinsichtlich des Mordes an G. ergibt sich Folgendes:
Wer vorsätzlich einen Menschen tötet und dabei skrupellos handelt, wird
nach Art. 112 StGB mit lebenslänglicher Freiheitsstrafe oder Freiheitsstrafe
nicht unter zehn Jahren bestraft.
Die Vernichtung fremden Lebens ist immer von einer extremen Schwere.
Allein der Umstand, dass der Beschuldigte das höchste Rechtsgut eines
Menschen, das Leben, verletzt hat, rechtfertigt aber nicht per se die Aus-
fällung der Maximalstrafe. Die Rechtsgutverletzung als solche ist
unergiebig, wenn es um eine Tötung geht. Die Vernichtung des höchsten
Rechtsguts begründet den Tatbestand des Art. 111 StGB. Der mit der
Tötung als solcher verbundene Unrechtsgehalt kann aber – anders als
etwa bei einer Körperverletzung – nicht abgestuft werden. Insoweit ist aus
der Rechtsgutverletzung allein nichts für die Strafzumessung abzuleiten.
Die objektive Tatschwere bestimmt sich vielmehr anhand des Tathergangs
und der Tatumstände. Es wäre jedoch unzulässig, die objektive Tatschwere
rein anhand des äussern Tatablaufs und der unmittelbaren Vorbereitungs-
handlungen – gleichsam aus der Sicht eines unwissenden Beobachters –
zu bewerten. Eine solche aus jeglichem Kontext gelöste Betrachtung wäre
mit der tatbeständlichen Struktur der Tötungsdelikte nicht vereinbar. Bei
Totschlag (Art. 113 StGB) und bei Mord (Art. 112 StGB) kennzeichnen
subjektive Elemente (eine entschuldbare heftige Gemütsbewegung oder
eine grosse seelische Belastung resp. eine besondere Skrupellosigkeit)
den privilegierten resp. qualifizierten Tatbestand. Subjektive Merkmale wie
Motive, Beweggründe und Absichten des Täters sind implizit aber auch
beim hier einschlägigen Grundtatbestand des Art. 111 StGB massgeblich,
wenn es um die Festlegung des (objektiven) Schweregrades geht. Dieser
bestimmt sich mit andern Worten anhand aller Tatkomponenten, welche
einem gesetzlichen Tatbestandsmerkmal zuzuordnen sind (Urteil des
Bundesgerichts 6B_1038/2017 vom 31. Juli 2018 E. 2.6.1).
Zu beachten ist, dass Umstände, die zur Anwendung eines höheren
Strafrahmens führen, innerhalb des geänderten Strafrahmens nicht noch
einmal als Straferhöhungs- oder Strafminderungsgrund berücksichtigt
werden dürfen. Sonst würde dem Täter der gleiche Umstand zweimal zur
Last gelegt. Indes ist es dem Gericht nicht verwehrt, bei der
Strafzumessung zu berücksichtigen, in welchem Ausmass ein
qualifizierender oder privilegierender Tatumstand gegeben ist. Das Gericht
verfeinert damit nur die Wertung, die der Gesetzgeber mit der Festsetzung
des Strafrahmens vorgezeichnet hat (Urteil des Bundesgerichts
- 25 -
6B_592/2014 vom 25. September 2014 E. 2; BGE 120 IV 67 E. 2b S. 72
mit Hinweis). Es liegt denn auch auf der Hand, dass die Bemessung der
konkreten Strafe innerhalb des weiten Strafrahmens für Mord gerade auch
vom Ausmass der besonderen Skrupellosigkeit abhängt, welches die
Schwere des Verschuldens wesentlich mitbestimmt (Urteil des
Bundesgerichts 6B_55/2015 vom 7. April 2015 E. 3.3).
Mit Blick auf die Art und Weise der Tatausführung ist Folgendes
festzuhalten: Der Beschuldigte lauerte G. mehrere Stunden lang auf und
wartete darauf, dass dieser nach Hause fuhr. Er passte ihn schliesslich kurz
vor 03:00 Uhr nachts ab und folgte ihm planmässig bis an seinen Wohnort.
Den Entscheid, G. zu töten, hatte er bereits Stunden zuvor gefasst. Am
Wohnort angekommen fügte er ihm sieben Schnitt- und Stichverletzungen
zu, wobei drei Schnittverletzungen in den Kopf sowie vier
Stichverletzungen in Brust, Oberarm und Oberschenkel gingen. Die
planmässige und besonders brutale Ausführung der zugefügten Schnitt-
und Stichverletzungen wird durch ausserordentliche Heimtücke und
Kaltblütigkeit in der Tatumsetzung übertroffen. G. war mitten in der Nacht
nichtsahnend auf dem Heimweg. An seinem Wohnort angekommen nutzte
der Beschuldigte den Überraschungseffekt aus, hielt G. am linken
Unterarm fest und stach ihm ohne Skrupel innerhalb weniger Augenblicke
in Kopf, Brust und Oberarm, sodass sich dieser nicht einmal wehren
konnte. Abwehrverletzungen liessen sich keine finden. Schliesslich
überliess er das schwerstverletzte und stark blutende Opfer sich selbst und
einem langsamen Todeskampf durch Verbluten. Nach dem Gesagten ist
festzuhalten, dass die Art und Weise der Tatausführung in erheblicher
Weise über die blosse Erfüllung des Tatbestands hinausgeht und mithin
besonders verwerflich erscheint.
Die Höhe des Verschuldens variiert sodann mit dem Mass an
Entscheidungsfreiheit, das dem Täter zugeschrieben werden muss: Je
leichter es für den Täter gewesen ist, die von ihm übertretene Norm zu
respektieren, desto schwerer wiegt seine Entscheidung gegen deren
Befolgung und damit seine Schuld (BGE 127 IV 101 E. 2a; 116 IV 296
E. 2b; 117 IV 7 E. 3a/aa). Der Beschuldigte ging G. bereits seit einigen
Jahren gewollt aus dem Weg. Es bestand auch weder ein offener Streit,
noch gab es regelmässige Berührungspunkte der beiden. Rache- sowie
Eifersuchtsmotive gegenüber G. sind folglich absolut unverständlich.
Selbst in der Annahme, es habe tatsächlich eine sexuelle inzestuöse
Beziehung zwischen G. und AD. vor ihrer Heirat mit dem Beschuldigten im
Jahr 1997 stattgefunden, wären allfällige Rache- und Eifersuchtsmotive
mehr als 20 Jahre später nicht nachvollziehbar. Es wäre dem
Beschuldigten ein leichtes gewesen, G. weiterhin aus dem Weg zu gehen.
Gründe für eine verminderte Schuldfähigkeit sind keine ersichtlich.
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- 26 -
Nach dem Gesagten ist für den vollendeten Mord in Relation zum
Strafrahmen insgesamt von einem schweren Tatverschulden und einer
angemessenen Strafe von 18 Jahren auszugehen.
4.2.2.
Hinsichtlich der Täterkomponente ergibt sich Folgendes: Der Beschuldigte
ist nicht vorbestraft und befand sich in stabilen Verhältnissen, was
allerdings den Normalfall darstellt und deshalb neutral zu beurteilen ist
(BGE 136 IV 1 E. 2.6.4).
Der Beschuldigte hat sich zwar weder geständig noch kooperativ gezeigt,
was sich nicht zu seinen Lasten auswirkt, da sich eine beschuldigte Person
nicht selbst belasten muss und namentlich das Recht hat, die Aussage und
Mitwirkung im Strafverfahren zu verweigern (vgl. Art. 113 Abs. 1 StPO).
Damit steht aber auch fest, dass eine Strafminderung, wie sie bei einem
von Anfang an geständigen, einsichtigen und reuigen Täter möglich ist,
vorliegend ausscheidet.
Damit wirkt sich die Täterkomponente neutral aus. Aufgrund des
Verschlechterungsverbotes bleibt es hingegen bei der von der Vorinstanz
ausgesprochenen Freiheitsstrafe von 17 Jahren (Art. 391 Abs. 2 StPO).
4.3.
Hinsichtlich der Pornografie ergibt sich Folgendes:
Wer Gegenstände oder Vorführungen, die sexuelle Handlungen mit Tieren
zum Inhalt haben, besitzt, wird nach Art. 197 Abs. 5 StGB mit
Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe bestraft.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten zu einer bedingten Geldstrafe von
30 Tagessätzen à Fr. 10.00 bei einer Probezeit von zwei Jahren verurteilt.
Sie begründete in nachvollziehbarer Weise die Wahl der Sanktionsart
(vorinstanzliches Urteil E. 4.2), die Anzahl sowie die Höhe der Tagessätze
(vorinstanzliches Urteil E. 4.3) und das Aussprechen der Sanktion als
bedingte Strafe mit einer Probezeit von zwei Jahren (vorinstanzliches Urteil
E. 4.4). Die Geldstrafe von 30 Tagessätzen befindet sich im untersten
Bereich des Strafrahmens der Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder
Geldstrafe und kann unter keinem Titel herabgesetzt werden. Der
Beschuldigte macht denn auch für den Fall der Abweisung der Berufung im
Schuldpunkt der Pornografie keine Ausführungen zur Strafzumessung.
Folglich kann auf die unbestritten gebliebenen sowie korrekten
Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden. Somit ist der Beschuldigte
hinsichtlich der Pornografie zu einer bedingten Geldstrafe von 30
Tagessätzen à Fr. 10.00, Probezeit 2 Jahre, zu verurteilen.
- 27 -
5.
In der Berufung des Beschuldigten findet sich hinsichtlich der vorinstanzlich
vorgenommenen Einziehungen und Herausgaben von Gegenständen und
Beweismitteln keine Ausführungen. Es kann dazu deshalb auf die
Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO).
6.
6.1.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten verpflichtet, den Privatklägern
Schadenersatz sowie Genugtuungen nebst Zins zu bezahlen.
Der Beschuldigte beantragt die Abweisung der Zivilforderungen mit der
Begründung, im Falle eines Freispruchs fehle es an einer Grundlage für die
Gutheissung von Zivilansprüchen.
6.2.
Aufgrund des Ausgangs des Berufungsverfahrens besteht kein Grund, auf
die von der Vorinstanz vollumfänglich gemäss Anträgen zugesprochenen
Schadenersatzforderungen sowie die teilweise gutgeheissenen
Genugtuungsforderungen zurückzukommen, zumal der Beschuldigte für
den Fall eines Schuldspruchs explizit keine substantiierten Einwendungen
erhoben hat (Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 4).
7.
7.1.
Die Berufung des Beschuldigten ist vollumfänglich abzuweisen.
Ausgangsgemäss hat der Beschuldigte die obergerichtlichen Verfahrens-
kosten von Fr. 10'000.00 zu bezahlen (Art. 428 Abs. 1 StPO; Art. 422
Abs. 2 lit. e StPO; § 18 VKD).
7.2.
Die amtliche Verteidigerin ist für das Berufungsverfahren aus der
Staatskasse zu entschädigen (Art. 135 Abs. 1 StPO i.V.m. § 9 Abs. 1 und
Abs. 3bis AnwT). Auf die eingereichte Kostennote kann jedoch nur teilweise
abgestellt werden.
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist im Rahmen der
amtlichen Verteidigung nicht jeder Aufwand zu entschädigen, der im
Strafverfahren entstanden ist, sondern nur die Aufwendungen für eine
angemessene Ausübung der Verfahrensrechte (BGE 138 IV 197 E. 2.3.4
mit Hinweisen). Entschädigungspflichtig sind mithin nur jene Bemühungen,
die in einem kausalen Zusammenhang mit der Wahrung der Rechte im
Strafverfahren stehen und die notwendig und verhältnismässig sind (BGE
141 I 124 E. 3.1). Als Massstab für die Beantwortung der Frage, welcher
Aufwand für eine angemessene Verteidigung notwendig ist, hat der
erfahrene Anwalt zu gelten, der im Bereich des materiellen Strafrechts und
- 28 -
des Strafprozessrechts über fundierte Kenntnisse verfügt und seine
Leistungen von Anfang an zielgerichtet und effizient erbringen kann (Urteil
des Bundesgerichts 6B_74/2014 vom 7. Juli 2014 E. 1.4.2). Den Kantonen
steht bei der Bemessung des Honorars des amtlichen Anwalts ein weites
Ermessen zu (BGE 141 I 124 E. 3.2).
Die amtliche Verteidigerin war mit dem Sachverhalt und den sich in
tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht stellenden Fragen bereits aus dem
erstinstanzlichen Verfahren, für das sie mit Fr. 93'360.80 entschädigt
wurde, bestens vertraut. Obwohl der Aktenumfang beachtlich war und
aufgrund des Mordvorwurfs eine hohe Freiheitsstrafe im Raum stand,
stellten sich weder in tatsächlicher noch rechtlicher Hinsicht besonders
schwierige Fragen und die zu studierenden Akten waren weitgehend
bekannt. Entsprechend geringer ist der dafür angemessene Aufwand im
Berufungsverfahren zu veranschlagen.
Der geltend gemachte Aufwand betreffend die Berufungsanmeldung wird
grundsätzlich mit der Entschädigung für das erstinstanzliche Verfahren
abgegolten. Dass dieser Aufwand teilweise nur geschätzt werden kann,
ändert daran nichts.
Bei den Positionen «Schreiben an Klient» vom 30. November 2021 sowie
vom 14. Februar 2022 dürfte es sich – da im Zusammenhang mit
(eingereichten sowie erhaltenen) Eingaben erfolgt – um Weiterleitungen an
den Beschuldigten zur Kenntnis und damit um Orientierungskopien, mithin
um Sekretariatsarbeit, handeln. Sekretariatsarbeit ist grundsätzlich nicht
separat zu entschädigen, da sie bereits im Stundenansatz der Verteidigerin
enthalten ist, ausgenommen sind die hierfür notwendigen Auslagen (vgl.
Urteil SK.2017.58 des Bundesstrafgerichts vom 4. Dezember 2018
E. 5.4.2.3 i.V.m. E. 3.1.3). Da die Aufwände nicht separat ausgewiesen
wurden, ist der Aufwand bezüglich den nicht bereits aus anderen Gründen
gekürzten Positionen ermessensweise um 0.5 Stunden zu kürzen.
Der Aufwand von 9.5 Stunden für die Berufungserklärung sowie
vorgängige Fallbearbeitung und Aktenstudium vom 16., 26. und
30. November 2021 (Kürzung von ermessensweise 0.25 Stunden für das
«Schreiben an Klient» vom 30. November 2021 bereits abgezogen [vgl.
oben]) ist massiv überhöht und um 8.5 Stunden auf 1 Stunde zu kürzen. Es
wurde an den bisherigen erstinstanzlichen Anträgen festgehalten.
Entsprechend geringer fällt der notwendige Aufwand auch unter
Berücksichtigung einer (nochmaligen) Auseinandersetzung mit dem
vorinstanzlichen Urteil aus.
Der geltend gemachte Aufwand von 66.85 Stunden für die 11-seitige
Berufungsbegründung mit vorgängiger Fallbearbeitung, Aktenstudium und
Indizienrecherche ist ebenfalls massiv überhöht und um 61.85 Stunden auf
- 29 -
angemessene 5 Stunden zu kürzen. Es wurde an der
Verteidigungsstrategie weitgehend festgehalten, so dass grundsätzlich auf
den Ausführungen vor Vorinstanz aufgebaut werden konnte. Einzig das
Indiz der Suchabfrage beim «localsearch»-Anbieter in der Tatnacht (vgl.
oben) wurde zusätzlich aufgenommen. Die Stellungnahme zur
Berufungsantwort der Staatsanwaltschaft sowie der Privatkläger konnte
nur ad hoc erfolgen, weshalb dieser Aufwand bereits mit der Entschädigung
für die Verhandlung abgegolten ist (vgl. unten).
Der Aufwand für die Vorbereitung der Berufungsverhandlung insbesondere
inklusive dem 17-seitigen Plädoyer von 31.9 Stunden ist um 27.9 Stunden
auf 4 Stunden zu kürzen. Es erfolgten im Wesentlichen keine neuen
Ausführungen, sondern es wurde ein prägnantes Schlussplädoyer mit einer
Zusammenfassung bzw. einer Rekapitulation der Indizien gehalten,
teilweise wörtlich mit dem Plädoyer vor Vorinstanz übereinstimmend mit
zusätzlicher Bezugnahme auf das umfangreiche Urteil der Vorinstanz von
122 Seiten.
Der geltend gemachte Aufwand für vier Besprechungen mit dem
Beschuldigten im Zentralgefängnis in Lenzburg von insgesamt 11.15
Stunden (inkl. Weg) ist nicht mehr angemessen. Es ist nicht ersichtlich,
weshalb dazu vier Treffen notwendig waren. Es ist allein der notwendige
Zeitaufwand für das konkrete Strafverfahren zu vergüten, nicht hingegen
z.B. Aufwand für bloss soziale Betreuung (Urteil des Bundesgerichts
6B_824/2016 vom 10. April 2017 E. 18.4.3, nicht publ. in: BGE 143 IV 214).
Dem Obergericht erscheint ein Besuch zur Vorbereitung der
Berufungsverhandlung ausreichend, womit der Aufwand um 7.75 Stunden
auf den Aufwand für die längste Besprechung (inkl. Weg) von 3.4 Stunden
zu kürzen ist.
Der geschätzte Aufwand von 8 Stunden für die Berufungsverhandlung
sowie der Nachbesprechung mit dem Klienten ist aufgrund der effektiven
Verhandlungsdauer von rund 4.75 Stunden zuzüglich Wegzeit von 0.5
Stunden und einer Nachbesprechung mit dem Beschuldigten von 0.5
Stunden um 2.25 Stunden auf 5.75 Stunden zu reduzieren.
Der geltend gemachte Aufwand für die Durchsicht und Prüfung des
Berufungsurteils sowie Erklärungen und Telefonat mit dem Beschuldigten
von 2.5 Stunden erscheint hoch, zumal das Urteil bereits mündlich eröffnet
und begründet wurde und ist um 1.5 Stunde auf angemessene 1 Stunden
zu reduzieren.
In Anbetracht der vorstehenden Ausführungen sowie unter Berück-
sichtigung angemessener Honorarnoten in vergleichbaren Fällen – das
Obergericht verfügt bei zahlreichen Berufungen pro Jahr über einen
grossen Erfahrungswert – ergibt dies gesamthaft einen um 110.75 Stunden
- 30 -
reduzierten Aufwand von 22.9 Stunden. Hinzu kommen die Auslagen von
Fr. 1'098.30 und die gesetzliche Mehrwertsteuer, woraus eine
Entschädigung für das Berufungsverfahren von gerundet Fr. 6'120.00
resultiert.
Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten zurückzufordern, sobald es
seine finanziellen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 StPO). Der
Beschuldigte hat der amtlichen Verteidigung ausserdem die Differenz
zwischen der amtlichen Entschädigung (Stundenansatz Fr. 200.00) und
dem vollen Honorar (Stundenansatz Fr. 220.00), zuzüglich der auf dieser
Differenz geschuldeten Mehrwertsteuer zu erstatten, ausmachend total
Fr. 490.00, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse zulassen (Art. 135
Abs. 4 lit. b StPO).
7.3.
Der Beschuldigte hat zudem den Privatklägern die von ihnen beantragte
und mit eingereichter Kostennote substantiierte Parteientschädigung von je
rund Fr. 1'390.00 (Aufwand von insgesamt 22.75 Stunden à Fr. 220.00
zuzüglich Auslagenpauschale und Mehrwertsteuer) zu bezahlen (Art. 436
Abs. 1 i.V.m. Art. 433 Abs. 1 lit. a und b StPO).
8.
8.1.
Fällt die Rechtsmittelinstanz selber einen neuen Entscheid, so befindet sie
darin auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428
Abs. 3 StPO). Gemäss Art. 426 Abs. 1 StPO trägt die beschuldigte Person
die Kosten, wenn sie verurteilt wird. Nachdem die Berufung des
Beschuldigten abzuweisen und er bereits im erstinstanzlichen Verfahren
vollumfänglich schuldig gesprochen worden ist, ist die vorinstanzliche
Kostenverlegung nach wie vor korrekt. Die vorinstanzlichen
Verfahrenskosten sind dem Beschuldigten vollumfänglich aufzuerlegen
(Art. 426 Abs. 1 StPO).
8.2.
Die der amtlichen Verteidigerin für das erstinstanzliche Verfahren
zugesprochene Entschädigung von Fr. 93'360.80 ist mit Berufung nicht
angefochten worden, weshalb darauf im Berufungsverfahren nicht mehr
zurückgekommen werden kann (Urteil des Bundesgerichts 6B_1299/2018
vom 28. Januar 2019). Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten
ausgangsgemäss zurückzufordern, sobald es seine finanziellen
Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO). Der Beschuldigte hat
zudem der amtlichen Verteidigerin die Differenz zwischen der amtlichen
Entschädigung (Stundenansatz Fr. 200.00) und dem vollen Honorar
(Stundenansatz Fr. 220.00) zu erstatten, d.h. gerundet insgesamt
Fr. 8'450.00, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse zulassen
(Art. 135 Abs. 4 lit. b StPO).
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Die Parteikosten für den Beizug des freigewählten Verteidigers hat der
Beschuldigte ausgangsgemäss selbst zu tragen (Art. 429 Abs. 1 StPO e
contrario).
8.3.
Die Höhe der Entschädigung des Vertreters der Privatkläger aus dem
erstinstanzlichen Verfahren ist im Berufungsverfahren unbestritten
geblieben, weshalb darauf nicht zurückzukommen ist (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 6B_1299/2018 vom 28. Januar 2019 E. 2.4). Der
Beschuldigte ist zu verpflichten, den Privatklägern für das erstinstanzliche
Verfahren je eine Parteientschädigung von Fr. 5'319.95 zu bezahlen (Art.
433 Abs. 1 lit. a StPO).
9.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO). Das ist auch der Fall, wenn eine Berufung vollumfänglich
abgewiesen wird (Urteil des Bundesgerichts 6B_761/2017 vom 17. Januar
2018 E. 4 mit Hinweisen).
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