Decision ID: e885b909-6989-524d-b3b5-7677d567e322
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöriger aus der Pro-
vinz B._ – ist gemäss eigenen Angaben am 29. März 2021 in die
Schweiz eingereist, wo er am gleichen Tag um Asyl nachsuchte (SEM-Ak-
ten 1092117 [nachfolgend: A]). Ein Abgleich mit der europäischen Finger-
abdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) vom 31. März 2021 ergab,
dass er am 23. Juli 2019 in Bulgarien und am 28. November 2020 in Ru-
mänien je ein Asylgesuch eingereicht hatte.
B.
Der Beschwerdeführer unterzeichnete am 1. April 2021 eine Vertretungs-
vollmacht in Sachen Asyl/Wegweisung im Rahmen eines Asylverfahrens
im Bundesasylzentrum (BAZ) C._.
C.
Am 19. April 2021 fand im Beisein seiner Rechtsvertretung respektive Ver-
trauensperson eine Erstbefragung für unbegleitete Minderjährige Asylsu-
chende (EB UMA) statt. Dabei wurde dem Beschwerdeführer das rechtli-
che Gehör bezüglich einer Rückweisung nach Rumänien respektive Bul-
garien sowie bezüglich einer medizinischen Altersabklärung gewährt.
D.
Ein Gutachten des Kantonsspitals D._ (Institut für Rechtsmedizin)
vom 27. April 2021 hielt nach einer eingehenden Untersuchung das durch-
schnittliche Alter des Beschwerdeführers ([...] Jahre) fest. Das angege-
bene Datum (chronologisches Lebensalter von [...]) könne somit aufgrund
der Ergebnisse der forensischen Altersschätzung zutreffen.
E.
Am 1. April 2021 ersuchte das SEM – gestützt auf Art. 34 der Verordnung
(EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) – die bulgari-
schen sowie die rumänischen Behörden um weiterführende Informationen
den Beschwerdeführer betreffend.
E-2851/2021
Seite 3
F.
Am 13. April 2021 informierten die bulgarischen Behörden, dass der Be-
schwerdeführer am 23. Juli 2019 ohne Identitätsausweise unter dem Na-
men E._, geboren am (...), um Asyl nachgesucht habe. Nachdem
er am 19. August 2019 untergetaucht sei, hätten sie das Verfahren am
16. Januar 2020 geschlossen. Ihm seien weder Reisedokumente noch Auf-
enthaltstitel oder ein Visum ausgestellt worden. Ausserdem seien keine fa-
miliären Beziehungen des Beschwerdeführers in Europa bekannt.
G.
Nach dreimaligen Ersuchen der Vorinstanz, teilten die rumänischen Behör-
den am 5. Mai 2021 mit, dass das Asylgesuch von F._ (geboren am
[...]) vom 29. November 2020 am 29. März 2021 abgeschrieben worden
sei, nachdem er seit dem 18. Januar 2021 als verschwunden gegolten
habe.
H.
Nachdem die Vorinstanz am 5. Mai 2021 das rumänische Dublin-Office um
weitere Informationen den Beschwerdeführer betreffend ersucht hatte, be-
richtete dieses am 26. Mai 2021, dieser habe keine Identitätsausweise auf
sich getragen, weshalb sich die registrierten Daten auf seine Angaben stüt-
zen würden. Gleichzeitig wurde eine Seite des rumänischen Befragungs-
protokolls den Beschwerdeführer betreffend eingereicht, aus welchem sich
entnehmen lässt, dass er für zehn Jahre (zwischen [...]) in Afghanistan die
Schule besucht habe.
I.
Im Rahmen der Gewährung eines rechtlichen Gehörs vom 26. Mai 2021
hielt das SEM dem Beschwerdeführer entgegen, seine Angaben zu seinem
Alter, Geburtsdatum, zu seiner Schulbildung, zu seinen Familienangehöri-
gen und zur Registrierung in anderen Dublin-Mitgliedstaaten seien in wei-
ten Teilen vage, unglaubhaft, unplausibel und widersprüchlich ausgefallen.
Das Gutachten des Kantonsspitals D._ mache ferner keine verläss-
lichen Angaben zur Frage, ob der Beschwerdeführer das 18. Lebensjahr
bereits überschritten habe. Ausserdem habe er sich in Bulgarien, Rumä-
nien und Deutschland je unter verschiedenen Namen und anderen Ge-
burtsdaten registrieren lassen. Folglich gehe das SEM in einer Gesamt-
würdigung aller Anhaltspunkte von der Volljährigkeit des Beschwerdefüh-
rers aus, weshalb es auch beabsichtige, sein Geburtsdatum im Zentralen
Migrationsinformationssystem (ZEMIS) auf den 1. Januar 2000 anzupas-
sen (mit Bestreitungsvermerk).
E-2851/2021
Seite 4
J.
Mit Eingabe vom 28. Mai 2021 nahm der Beschwerdeführer hierzu Stellung
und unterstrich, dass er mit der geplanten Altersanpassung nicht einver-
standen sei. Er habe anlässlich der EB UMA glaubhaft erklären können,
weshalb er von einem Alter von (...) Jahren ausgehe. Dabei sei daran zu
erinnern, dass er aus einfachen Verhältnissen stamme und (wie seine Fa-
milienmitglieder) nie eine Schule besucht habe, sondern nur von seinem
Vater, der als einziger nicht Analphabet gewesen sei, ein wenig Lesen und
Schreiben gelernt habe. Ferner lasse sich das vom Beschwerdeführer an-
gegebene Alter gemäss dem Gutachten des Kantonsspitals D._ mit
dem Untersuchungsergebnis vereinbaren. Die verschiedenen Schreibwei-
sen seines Namens in Bulgarien, Rumänien und Deutschland komme da-
her, dass jeweils ein Dolmetscher seine Personalien aufgenommen habe.
Der Beschwerdeführer bestritt, dass er in Rumänien das Jahr (...) als Ge-
burtsjahr genannt habe; ferner stimme der dort erfasste Schulbesuch von
zehn Jahren nicht.
K.
Am 31. Mai 2021 ersuchte das SEM gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dub-
lin-III-VO die rumänischen Behörden um Übernahme des Beschwerdefüh-
rers, welche diesem Gesuch am 10. Juni 2021 zustimmten.
L.
Mit Verfügung vom 10. Juni 2021 – tags darauf eröffnet – trat das SEM in
Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylge-
such des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz nach Rumänien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach
Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte es den
zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte dem Be-
schwerdeführer die editionspflichtigen Akten aus und stellte fest, dass einer
allfälligen Beschwerde gegen diesen Entscheid keine aufschiebende Wir-
kung zukomme. Schliesslich stellte es fest, das Geburtsdatum des Be-
schwerdeführers im ZEMIS laute auf den (...), mit Bestreitungsvermerk.
M.
Mit Beschwerde vom 18. Juni 2021 an das Bundesverwaltungsgericht be-
antragt der Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertreterin, dass das
SEM nach Aufhebung der Verfügung anzuweisen sei, auf das Asylgesuch
einzutreten. Eventualiter sei das Verfahren zwecks vollständiger Abklärung
des Sachverhalts und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Ferner sei diese anzuweisen, das Geburtsdatum des Beschwerdeführers
E-2851/2021
Seite 5
im ZEMIS auf den (...) anzupassen. In prozessualer Hinsicht ersucht er um
Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde, um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung sowie um Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses. Schliesslich seien die Behörden anzuweisen,
bis zum Entscheid von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte er je ein Foto seiner Tazkera sowie
einer Übersetzung derselben ein (vgl. Beilagen 4 f.).
N.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 21. Juni 2021 setzte die Instruk-
tionsrichterin den Vollzug der Überstellung des Beschwerdeführers ge-
stützt auf Art. 56 VwVG per sofort einstweilen aus. Gleichentags lagen dem
Bundesverwaltungsgericht die vorinstanzlichen Akten in elektronischer
Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1 Die Beschwerde richtet sich sowohl gegen den Nichteintretensent-
scheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG als auch gegen die ZEMIS-
Eintragung betreffend das Geburtsdatum des Beschwerdeführers. Praxis-
gemäss wird das Beschwerdeverfahren betreffend ZEMIS-Datenbereini-
gung (E-2870/2021) neben dem Asyl-Beschwerdeverfahren (E-2851/2021)
separat geführt (vgl. BVGE 2018 VI/3). Aufgrund der vorliegenden Verfah-
renskonstellation werden separate Urteile erlassen, vorliegend bilden die
Ziffern 1 bis 5 Gegenstand des Verfahrens.
E-2851/2021
Seite 6
2.2 Die Beschwerde gegen den Nichteintretensentscheid ist frist- und form-
gerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor
der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung be-
sonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung
beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde
legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52
Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche. Gestützt auf
Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwech-
sels verzichtet.
4.
4.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
4.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1
und 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
5.
5.1
5.1.1 Zur Begründung seines Nichteintretensentscheides qualifizierte das
SEM zunächst die Angaben des Beschwerdeführers hinsichtlich seines Al-
ters, und damit die geltend gemachte Minderjährigkeit, als unglaubhaft.
Gestützt auf die Angaben bezüglich des Asylverfahrens in Rumänien habe
das SEM die rumänischen Behörden um Übernahme ersucht, welche dem
Gesuch zugestimmt hätten. Folglich liege die Zuständigkeit für die Durch-
führung des Asylverfahrens bei diesem Staat. Weil keine Gründe vorlägen,
die gegen eine Überstellung in dieses Land sprächen, sei der Beschwer-
deführer zur Ausreise aus der Schweiz verpflichtet.
E-2851/2021
Seite 7
5.1.2 Zur den unglaubhaften Angaben hinsichtlich seines Alters führte es
insbesondere an, der Beschwerdeführer habe an der EB UMA vorgebracht,
sein Alter nicht zu kennen, auch besitze er keine Tazkera. Als er (...) Jahre
alt gewesen sei, habe ein Junge gesagt, sie seien zur gleichen Zeit auf die
Welt gekommen und somit gleich alt. Dieser Junge habe in Kabul gelebt
und kenne daher sein Alter. Nebst dem Umstand, so das SEM, dass diese
Begründung unplausibel sei, komme dieser Altersangabe kaum Beweis-
kraft zu. Ferner sei widersprüchlich, dass dieser Junge einerseits aus dem
Dorf des Beschwerdeführers stamme und anderseits in Kabul gelebt habe.
Bezüglich seiner Schulbildung habe der Beschwerdeführer angegeben,
nicht zur Schule gegangen zu sein. Lesen und Schreiben habe er auf der
Flucht gelernt, teilweise auch von seinem Bruder. Dass ein Bruder zur
Schule gegangen sei und die anderen Geschwister (so auch der Be-
schwerdeführer) nicht, sei unplausibel. Ferner wisse er weder das jeweilige
Alter seiner Geschwister noch könne er sagen, in welchem Jahr oder Mo-
nat er aus Afghanistan ausgereist sei. Im Gegensatz zu diesen Aussagen
gehe das SEM davon aus, dass er eine zehnjährige Schulbildung genos-
sen habe, wie noch erläutert werde.
Bezüglich den in Bulgarien und Rumänien registrierten Daten habe er aus-
gesagt, nie seinen richtigen Namen oder sein Geburtsdatum angegeben
zu haben. Abklärungen des SEM hätten aber ergeben, dass er in Deutsch-
land unter den Personalien G._ (geboren am [...]) bekannt sei.
Diese Daten würden sich in keiner Weise mit seinen in der Schweiz getä-
tigten Aussagen vereinbaren lassen. Auffallend sei zudem, dass seine Re-
gistrierung in Deutschland und Rumänien unter identischen Nachnamen
erfolgt sei, weshalb ein diesbezüglicher Fehler unwahrscheinlich sei. Viel-
mehr sei davon auszugehen, dass er jeweils willentlich unterschiedliche
Personalien angegeben habe, um seine wahre Identität zu verschleiern.
Zudem habe er sich in Rumänien als (...) Person ausgegeben, welche für
zehn Jahre die Schule besucht habe.
Gemäss dem Altersgutachten des Kantonsspitals D._ könne zwar
das von ihm angegebene Alter zutreffen. Im Lichte von BVGE 2018 VI/3
lasse sich anhand des Gutachtens indes keine klare Aussage zu seinem
Alter machen, weshalb dieses weder als Indiz für seine Minder- noch für
seine Volljährigkeit verwendet werden könne.
Auch die Stellungnahme vom 28. Mai 2021 stehe in einem klaren Wider-
spruch zu den protokollierten Aussagen. So sei unklar, ob sein Bruder tat-
E-2851/2021
Seite 8
sächlich die Schule besucht habe. Auch habe er die abweichende Regist-
rierung seiner Personalien in Rumänien wie auch in Bulgarien nicht zu er-
klären vermocht. Die Namen «H._» und «I._» seien zu un-
terschiedlich, um als phonetisch falsch geschrieben zu werten, zumal in
Deutschland wie in Rumänien der Name «I._» – beide Male gleich
geschrieben – verwendet worden sei. Sodann seien im Protokoll der rumä-
nischen Behörden, wo die zehnjährige Schulbildung notiert sei, mit Blick
auf die EU-Gesetzgebung keine Korrekturen angebracht worden. Ausser-
dem sei der Zeitrahmen des angegebenen Schulbesuchs mit seinem dort
angegebenen Geburtsdatum ([...]) vereinbar.
Aufgrund diesen Erwägungen sei von einer deutlich eingeschränkten
Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers auszugehen, weshalb auch der
Verweis auf seine Herkunft seine Schlagkraft verliere.
5.2 In der Beschwerde wird dahingehend argumentiert, dass das Altersgut-
achten des Kantonsspitals D._ im Rahmen einer ausgewogenen
Gesamtwürdigung nicht ausser Acht gelassen werden könne. Namentlich
sei zu beachten, dass dieses die geltend gemachte Minderjährigkeit sowie
das von ihm angegebene Alter stütze. Hingegen würden sich die Erkennt-
nisse des Gutachtens nicht mit der Annahme der Vorinstanz, der Be-
schwerdeführer sei (...), vereinbaren lassen. Ferner sei er bis anhin der
Ansicht gewesen, er verfüge über keine Identitätsdokumente, welche sein
Alter belegen könnten. Auch wenn der Kontakt mit seiner Familie nur
schwer herzustellen sei, habe er sich anlässlich einer Besprechung mit der
Rechtsvertretung bereit erklärt, sich um ein entsprechendes Beweismittel
zu bemühen. Schliesslich sei es ihm wenige Tage vor Erhalt der Verfügung
gelungen, mit seiner Familie in Kontakt zu treten, welche ihm sodann er-
klärt habe, dass er eine Tazkera besitze. Anschliessend sei dieses Doku-
ment offiziell übersetzt worden. Das Foto auf der Übersetzung sei im Mo-
biltelefon der Mutter gespeichert gewesen. Die Fotos der Tazkera sowie
deren Übersetzung würden nun zu den Akten gereicht, die Originale seien
auf dem Postweg in die Schweiz. Dem Beschwerdeführer sei erst in der
Schweiz bewusst geworden, wie wichtig eine Tazkera sei. Aus dieser lasse
sich nun entnehmen, dass er im Zeitpunkt ihres Erlasses (28.03.1388 nach
afghanischem Kalender, was dem 18. Juni 2009 entspreche) fünf Jahre alt
gewesen sei. Dies lasse sich mit dem heute angegebenen Alter von (...)
Jahren vereinbaren.
E-2851/2021
Seite 9
Bezüglich den in anderen europäischen Ländern registrierten Daten sei
darauf hinzuweisen, dass die Dolmetscher jeweils die Personalien aufge-
schrieben hätten. Bekannterweise leide das Asylsystem in Rumänien unter
gravierenden Mängeln; insbesondere würden auch die Übersetzer oft
keine Qualitätsstandards erfüllen. Bei der einzelnen Seite des rumäni-
schen Befragungsprotokolls («Copy oft he preliminary interview in Roma-
nia») müsse es sich um die gesamte Erstbefragung handeln. Daraus lasse
sich indes nicht entnehmen, wie diese Angaben gemacht worden seien;
auch würden allfällige Unterschriften, welche die Richtigkeit bezeugen wür-
den, fehlen. Folglich sei die Aussagekraft dieser Erstbefragung äusserst
fraglich. Ferner lasse sich nicht erschliessen, weshalb ausgerechnet das
in Rumänien angegebene Datum das wahrscheinlichste Geburtsdatum
sein solle. Im Zentrum stehe schliesslich die Frage, ob der Beschwerde-
führer minderjährig sei, und nicht sein effektives Geburtsdatum.
Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass der Beschwerdeführer an der
EB UMA nur vage ausgesagt habe. Dies sei mit Blick auf seine Herkunft
jedoch erklärbar. Ausserdem habe er als Minderjähriger eine strapaziöse
Flucht hinter sich, so dass nicht erwartet werden könne, sich an jeden Zeit-
punkt zu erinnern.
Zusammenfassend sei der Beschwerdeführer als unbegleitete minderjäh-
rige Person zu erfassen. Weil sich keine Familienangehörigen in einem an-
deren Mitgliedstaat aufhalten würden, falle er in den Anwendungsbereich
von Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO. Die Zustimmung von Rumänien vermöge
an der Zuständigkeit der Schweiz nichts zu ändern.
6.
6.1 Vorweg ist die Rüge der unvollständigen Sachverhaltsfeststellung zu
prüfen, da ein allenfalls ungenügend abgeklärter Sachverhalt eine materi-
elle Behandlung verunmöglichen würde. Der Beschwerdeführer moniert
diesbezüglich, er sei nie zu den Vorkommnissen in Rumänien weiterge-
hend befragt worden. Auf die geltend gemachten Misshandlungen durch
die Polizei sowie die schlechten Erfahrungen seien keine weiteren Fragen
durch die Vorinstanz erfolgt. Am Gespräch mit der Rechtsvertretung habe
er ausgeführt, dass er sich vor den Polizisten habe ausziehen müssen, kalt
abgeduscht und nach draussen geschickt worden sei. Nachdem er meh-
rere Stunden in der Kälte gewesen sei, hätten ihm Leute vom Dorf Kleider
geschenkt. Andere Jugendliche seien sexuell misshandelt worden. Diese
Ausführungen, so der Beschwerdeführer, hätten eine einzelfallspezifische
E-2851/2021
Seite 10
Auseinandersetzung mit der Situation von Asylsuchenden in Rumänien er-
forderlich gemacht.
6.2 Das Verfahren nach dem VwVG wird vom Untersuchungsgrundsatz
(Art. 12 VwVG) beherrscht. Als Verfahrensmaxime besagt dieser, dass die
Verwaltungsbehörden für die Beschaffung des die Urteilsgrundlage bilden-
den Tatsachenmaterials zuständig sind. Er auferlegt der Behörde die
Pflicht, von Amtes wegen den rechtserheblichen Sachverhalt vollständig
und richtig zu ermitteln und beinhaltet gewissermassen eine Art «behördli-
che Beweisführungspflicht» (vgl. KRAUSKOPF/EMMENEGGER/BABEY, in: Pra-
xiskommentar VwVG, Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], 2. Auflage 2016,
Art. 12 N. 16). Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der
gesetzlichen Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person (Art. 13 VwVG
und Art. 8 AsylG). Diese Pflicht betrifft insbesondere Tatsachen, die ihre
persönliche Situation oder Erlebnisse betreffen, welche sie besser kennt,
als die Behörden (vgl. BVGE 2008/24 E. 7.2 m.w.H.). Diese dürfen sich in
der Regel darauf beschränken, die Vorbringen der asylsuchenden Person
zu würdigen und die von ihr angebotenen Beweismittel abzunehmen, ohne
weitere Abklärungen vornehmen zu müssen (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1).
Anlässlich der EB UMA gab der Beschwerdeführer im Rahmen der Gewäh-
rung des rechtlichen Gehörs zu Protokoll, er sei in Rumänien oft von Poli-
zisten misshandelt worden, sie hätten ständig «private Gegenstände wie
Handys oder Geld genommen». Er habe ferner keine Schule besuchen
können (A21 S. 10). Es ist nicht ersichtlich, inwiefern das SEM gehalten
gewesen wäre, diesbezüglich weitere Abklärungen zu tätigen. Es hat sich
in seiner Verfügung mit diesen Ausführungen genügend auseinandersetzt
und dargetan, weshalb die Vorbringen an der vorgenommenen Einschät-
zung nichts zu ändern vermögen. Insbesondere hat sich die Vorinstanz –
nachdem sie dargelegt hat, weshalb sie bezüglich des Beschwerdeführers
von dessen Volljährigkeit ausgehe – ausführlich zu den völkerrechtlichen
Verpflichtungen Rumäniens geäussert. Weitergehende Ausführungen zur
Lage in Rumänien waren angesichts dieser Sach- und Rechtslage nicht
erforderlich. Somit liegt keine Verletzung der Abklärungspflicht der Vo-
rinstanz vor.
7.
7.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
E-2851/2021
Seite 11
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
7.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (take charge) sind die in
Kapitel III (Art. 8-15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufge-
führten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl.
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im
Zeitpunkt, in dem die antragstellende Person erstmals einen Antrag in ei-
nem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im
Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (take back) findet demgegen-
über grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zustän-
digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An-
nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An-
tragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen,
die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung
im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union
(EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser
Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann kein anderer zuständiger Mitgliedstaat bestimmt werden, wird der die
Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3
Abs. 2 Dublin-III-VO).
7.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Drittstaatsangehörigen oder einen Staatenlosen, der seinen Antrag
während der Antragsprüfung zurückgezogen und in einem anderen Mit-
gliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich ohne Aufenthaltstitel im
Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats aufhält, nach Massgabe von
Art. 23, Art. 24, Art. 25 und Art. 29 Dublin-III-VO wiederaufzunehmen
(Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO).
E-2851/2021
Seite 12
Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO be-
schliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen gestellten An-
trag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser
Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht).
8.
8.1 In der Beschwerde wird gerügt, gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO sei
die Schweiz für das Asylverfahren des Beschwerdeführers zuständig. Da-
her ist zunächst auf die Alters- respektive Minderjährigkeitsfrage einzuge-
hen.
8.1.1 Dem SEM ist zuzustimmen, wenn es erwägt, dass die Aussagen des
urteilsfähigen Beschwerdeführers an der EB UMA äusserst vage und wi-
dersprüchlich ausgefallen sind. Zwar ist es im afghanischen Kontext für im
ländlichen Gebiet aufgewachsene Jugendliche durchaus üblich, dass sie
ihr Alter nicht mit Sicherheit angeben können und dieses teilweise von Dritt-
personen erfahren. Doch der Beschwerdeführer brachte vorliegend schon
fast notorisch jeweils vor, überhaupt nichts zu wissen. Auch der Umstand,
dass er sein Alter von einem Jungen erfahren habe, ist wenig beweiskräf-
tig, zumal unklar ist, ob dieser Junge im Heimatdorf des Beschwerdefüh-
rers oder in Kabul aufgewachsen sei. Zur Vermeidung von Wiederholungen
kann daher vollumfänglich auf die nicht zu beanstandenden Erwägungen
in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden.
Verschiedene Male betonte er überdies, kein Identitätsdokument, so auch
keine Tazkera, zu besitzen. Es erstaunt daher, dass er nun plötzlich, im
Widerspruch dazu, Fotos seiner Tazkera zu den Akten reichen kann. Dies-
bezüglich ist auffällig, dass das angeblich originale Dokument die Nummer
666461 trägt, deren Übersetzung indes die Nummer 17665848 aufführt.
Die Übersetzung, welche nicht von einer Behörde stammt, trägt denn auch
kein Datum, indes ist davon auszugehen, dass diese nach dem 7. Juli 2020
(17.04.1399 nach dem afghanischen Kalender) ausgestellt wurde. Es
scheint, dass das Übersetzungsbüro gemäss einem sichtbaren Stempel
eine Akkreditierung vom 17.04.1399 bis zum 16.04.1402 besitzt. Nichts-
destotrotz ist die Beweiskraft der Fotos der Dokumente – insbesondere in
Berücksichtigung der undurchsichtigen Angaben zu deren Verbleib – als
äusserst gering einzustufen, zumal bis dato keine Originale vorliegen.
Bezüglich den unterschiedlichen Angaben des Beschwerdeführers in ver-
schiedenen Ländern brachte er zur Erklärung vor, dass die Dolmetscher
E-2851/2021
Seite 13
vor Ort seine Personalien aufgeschrieben hätten. Es ist jedoch davon aus-
zugehen, dass diese Personen die Personalien so aufgenommen haben,
wie er es ihnen vorgetragen hat. Ausserdem ist die Vielzahl der verschie-
denen Angaben – E._, (...) (Bulgarien), F._, (...), (Rumä-
nien), G._, (...) (Deutschland) und schliesslich A._, (...)
(Schweiz) – erstaunlich. Zwar sind die Vornamen immer ähnlich, doch kön-
nen die verschiedenen Variationen des Familiennamens nicht auf eine fal-
sche sprachliche Interpretation zurückgeführt werden. Bezüglich der ein-
zelnen Seite des rumänischen Befragungsprotokolls («Copy oft he prelimi-
nary interview in Romania») geht das Gericht davon aus, dass es sich hier-
bei nicht um die gesamte Befragung handelt, sondern um die erste Seite
des Protokolls, welche die Angaben wiedergibt, welche vom SEM ange-
fragt wurden. Dies ergibt sich auch daraus, dass etliche Angaben, wie bei-
spielsweise zum Reiseweg oder zu Familienangehörigen, fehlen. Dass
diese einzelne Seite vom Beschwerdeführer nicht visiert ist (respektive
nicht erkennbar visiert ist), spricht nicht dagegen, dass diese Angaben auf
seinen Aussagen beruhen. Demzufolge durfte das SEM davon ausgehen,
dass der Beschwerdeführer in Rumänien – in völligem Widerspruch zu sei-
nen in der Schweiz gemachten Angaben – ausgesagt hatte, zehn Jahre
lang (von [...]) in B._ die Schule besucht zu haben. Hinzu kommt,
dass die Aussage, er habe das Lesen mit seinem Handy auf der Flucht
(A21 S. 4) respektive von seinem Vater (vgl. Eingabe vom 28. Mai 2021)
gelernt, nicht überzeugt. Auch ist unklar, ob sein Bruder die Schule besucht
habe (A21 S. 4) oder auch ein Analphabet sei (vgl. Eingabe vom 28. Mai
2021).
8.1.2 Gemäss BVGE 2018 VI/3 sind von in der Schweiz angewandten Me-
thoden der medizinischen Altersabklärung nur die Schlüsselbein- respek-
tive Skelettaltersanalyse und die zahnärztliche Untersuchung (nicht jedoch
die Handknochenaltersanalyse und die ärztliche körperliche Untersu-
chung) zum Beweis der Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Per-
son geeignet. Anhand der medizinischen Altersabklärung lässt sich keine
Aussage zur Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Person machen,
wenn das Mindestalter bei der zahnärztlichen Untersuchung und der
Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse unter 18 Jahren liegt (vgl.
ebenda E. 4.2.1 f.).
Das Gutachten des Kantonsspitals D._ stützt seine Ergebnisse auf
rechtsmedizinische sowie radiologische Untersuchungen, wobei die kör-
perliche Untersuchung nicht der Altersschätzung, sondern dem Ausschluss
altersrelevanter Entwicklungsstörungen dient. Die Handknochenanalyse
E-2851/2021
Seite 14
ergab ein Mindestalter von (...) Jahren, die Schlüsselbeinanalyse konnte
vorliegend nicht für eine Altersdiagnostik herangezogen werden und die
zahnärztliche Untersuchung ergab ein Durchschnittsalter von (...) Jahren
(es wurde kein Mindestalter angegeben). Zusammenfassend ergab sich
ein durchschnittliches Lebensalter von (...) Jahren, wobei das (...) Lebens-
jahr mit Sicherheit vollendet sei. Anhand dieser Abklärung lässt sich folglich
keine Aussage zur Minder- beziehungsweise Volljährigkeit des Beschwer-
deführers machen, da das Mindestalter bei der zahnärztlichen Untersu-
chung und der Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse unter 18
Jahren liegt.
8.1.3 In Würdigung der gesamten Umstände ist nicht glaubhaft, dass der
Beschwerdeführer minderjährig ist, zumal der Beschwerdeführer aufgrund
seiner widersprüchlichen und äusserst vagen Aussagen anlässlich der EB
UMA und auch in Berücksichtigung der Eingabe vom 28. Mai 2021 auch
persönlich nicht glaubwürdig wirkt. Dazu trägt bei, dass der Beschwerde-
führer in verschiedenen Ländern unter verschiedenen Namen registriert ist
(und dafür keine nachvollziehbare Erklärung vorliegt) und er stets aus-
sagte, keine Tazkera zu besitzen, von einer solchen dann aber doch plötz-
lichen Fotos einreicht.
Demzufolge ist Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO (Minderjährige) nicht als Krite-
rium zur Bestimmung des für das Asylverfahren zuständigen Mitgliedstaats
heranzuziehen.
8.2 Nachdem die Minderjährigkeit des Beschwerdeführers nicht glaubhaft
gemacht worden ist, fällt Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO (Minderjährige) nicht
als Kriterium zur Bestimmung des für das Asylverfahren zuständigen Mit-
gliedstaats in Betracht. Zu Recht geht das SEM von der Zuständigkeit Ru-
mäniens aus, nachdem der Beschwerdeführer dort am 29. November 2020
ein Asylgesuch eingereicht hatte. Dieses Verfahren wurde – nachdem er
untergetaucht war – am 29. März 2021 geschlossen. Rumänien hat so-
dann gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO der Wiederaufnahme
zugestimmt. Ein Erlöschungstatbestand gemäss Art. 19 Dublin-III-VO ist
nicht erkennbar. Die grundsätzliche Zuständigkeit Rumäniens ist somit ge-
geben.
8.3
8.3.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist festzustellen, dass Ru-
mänien Signatarstaat des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der
E-2851/2021
Seite 15
FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301), der EMRK und des Übereinkom-
mens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, un-
menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105)
ist und seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen nach-
kommt. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben.
8.3.2 In Übereinstimmung mit der Vorinstanz und ständiger Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts weist das Asylverfahren in Rumä-
nien keine systemischen Schwachstellen auf (vgl. statt vieler Urteil BVGer
F-2677/2021 vom 14. Juni 2021 E. 5.2 m.w.H.). Mit dem Hinweis des Be-
schwerdeführers, generell könne in Rumänien eine starke Zunahme von
Polizeigewalt und sogenannten Push-Backs festgestellt werden, wie ver-
schiedene Berichte belegen würden, sowie auf die schwierigen Lebensbe-
dingungen für Asylsuchenden, die als unmenschlich zu bezeichnen seien,
vermag der Beschwerdeführer nicht, diesen Schluss in Frage zu stellen.
Eine Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO fällt nicht in Betracht.
8.4
8.4.1 Es besteht vorliegend auch kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Droht ein Verstoss gegen über-
geordnetes Recht, namentlich gegen eine Norm des Völkerrechts, so be-
steht ein einklagbarer Anspruch auf Ausübung des Selbsteintrittsrechts
(vgl. BVGE 2010/45 E. 7.2). Die Schweiz ist demnach zum Selbsteintritt
verpflichtet, wenn andernfalls eine Verletzung des Non-Refoulement-Ge-
bots nach Art. 33 FK, von Art. 3 EMRK, Art. 7 des Internationalen Paktes
über bürgerliche und politische Rechte (UNO-Pakt II, SR 0.103.2) oder
Art. 3 FoK droht.
Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass der Dublin-Mitgliedstaat, in den
eine Überstellung erfolgen soll, bei der Durchführung des Asyl- und Weg-
weisungsverfahrens die aus dem Völkerrecht fliessenden Verpflichtungen
respektiert. Diese Vermutung kann im Einzelfall widerlegt werden. Die be-
schwerdeführende Person muss jedoch konkret darlegen, dass eine aktu-
elle und ernsthafte Gefahr einer Verletzung einer direkt anwendbaren
Norm des Völkerrechts droht, wobei es genügt, wenn eine solche Gefahr
E-2851/2021
Seite 16
glaubhaft gemacht wird (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f. und Urteil BVGer D-
5698/2017 vom 6. März 2018 E. 5.3.1).
8.4.2 Der Beschwerdeführer bringt auf Beschwerdeebene vor, er sei in Ru-
mänien von der Polizei misshandelt worden. Er habe sich vor Polizisten
ausziehen müssen, diese hätten ihn mit kaltem Wasser abgeduscht und
sodann nach draussen geschickt. Erst nach mehreren Stunden in der Kälte
habe er von Dorfbewohnern Kleider bekommen. Andere Jugendliche seien
«sexuell angefasst» worden.
Mit diesen Einwänden vermag er Beschwerdeführer nicht darzutun, mit ei-
ner Überstellung nach Rumänien verletze die Schweiz in seinem Fall völ-
kerrechtliche Verpflichtungen. Hinsichtlich der geltend gemachten Vor-
kommnisse die rumänische Polizei betreffend, die er erstmals auf Be-
schwerdestufe in dieser Weise schildert, kann er nicht dartun, Rumänien
würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie zustehenden mi-
nimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Er hätte sich sodann gegebe-
nenfalls in Rumänien künftig die zuständigen Behörden, an eine Rechts-
vertretung oder eine Ombudsstelle zu wenden, die ihn entsprechend bera-
ten respektive ihm Schutz gewähren werden. Die Vermutung, Rumänien
respektiere seine völkerrechtlichen Verpflichtungen, konnte somit nicht um-
gestossen werden.
8.4.3 Der Beschwerdeführer hat ferner kein konkretes und ernsthaftes Ri-
siko dargetan, die rumänischen Behörden würden sich weigern, ihn wie-
deraufzunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Ein-
haltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind auch
keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Rumänien werde in seinem
Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise
in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus
einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr
laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden.
Ausserdem hat der Beschwerdeführer nicht dargetan, die ihn bei einer
Rückführung erwartenden Bedingungen in Rumänien seien derart
schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten.
8.4.4 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist
E-2851/2021
Seite 17
festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3).
8.5 Es bleibt zu prüfen, ob eine Verletzung der Souveränitätsklausel vor-
liegt.
Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der
Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV1 über einen
Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Aufgrund der Kognitions-
beschränkung gemäss Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG überprüft das Gericht
den vorinstanzlichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV1
nicht auf Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung
im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüglich kor-
rekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen Rechnung ge-
tragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1
Bst. a und b AsylG).
Es ist nicht ersichtlich, dass das SEM die spezifischen Umstände des Ein-
zelfalls nicht genügend berücksichtigt hätte. Ein Ermessensmissbrauch
liegt demnach nicht vor.
8.6 Somit bleibt Rumänien der für die Behandlung des Asylgesuchs des
Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO. Rumä-
nien ist verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 23, Art. 24, Art. 25 und
Art. 29 Dublin-III-VO wiederaufzunehmen.
9.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Der
Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine gültige Aufent-
halts- oder Niederlassungsbewilligung noch über einen entsprechenden
Anspruch (Art. 44 AsylG; Art. 32 Bst. a AsylV1), wobei festzustellen ist,
dass dies bereits Voraussetzung für die Anwendbarkeit des vorliegenden
Nichteintretenstatbestandes ist.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
E-2851/2021
Seite 18
11.
11.1 Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen,
weshalb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als
gegenstandslos erweist.
11.2 Die Behandlung des Gesuchs um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses erübrigt sich mit dem vorliegenden abschliessenden
Urteil in der Sache.
12.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten grundsätzlich dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG ist abzuweisen, weil sich die Beschwerde entsprechend den
vorstehenden Erwägungen bereits bei Eingang der Begehren, unbesehen
der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers, als aussichtlos er-
wiesen hat. Demzufolge hat der Beschwerdeführer die Verfahrenskosten
in der Höhe von Fr. 750.– zu tragen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
E-2851/2021
Seite 19