Decision ID: c3e9b622-d01f-55ea-9eff-d5fb46a2786b
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer ist afghanischer Staatsangehöriger und ethni-
scher Tadschike mit letztem Wohnsitz in B._, Kabul; seine Familie
stammt gemäss seinen Angaben ursprünglich aus C._ in der Pro-
vinz Kapisa. Er habe seinen Heimatstaat im Frühjahr 2011 verlassen und
sei nach kurzem Aufenthalt im Iran über die Türkei und Griechenland zu-
nächst nach Italien und schliesslich am 20. Oktober 2011 illegal in die
Schweiz eingereist. Gleichentags ersuchte er im damaligen Empfangs-
und Verfahrenszentrum (EVZ) D._ um Asyl. In der Folge wurde er
für die Dauer des Verfahrens dem Kanton E._ zugewiesen, wo er
bis heute seinen Aufenthaltsort hat.
A.b Mit Verfügung vom 15. Januar 2014 verneinte das damalige Bundes-
amt für Migration (BFM) das Vorliegen der Flüchtlingseigenschaft und
lehnte das Asylgesuch ab. Es verfügte die Wegweisung aus der Schweiz
und ordnete den Vollzug an, den es für zumutbar erachtete, da der Be-
schwerdeführer in Kabul ein soziales Netz vorfinde. Eine gegen die Voll-
zugsanordnung gerichtete Beschwerde – in welcher der Beschwerdeführer
geltend machte, seine Familie habe Kabul inzwischen verlassen und sei
nach C._ gezogen, ferner habe es mit dem Onkel mütterlicherseits,
der die Familie bisher unterstützt habe, ein Zerwürfnis gegeben – erachtete
das Bundesverwaltungsgericht im Urteil D-803/2014 vom 10. April 2014 als
unbegründet, da er den Umzug der Familienmitglieder sowie auch den
Streit mit dem Onkel nicht habe glaubhaft machen können. Auf ein gegen
dieses Urteil gerichtetes Revisionsgesuch trat das Bundesverwaltungsge-
richt nicht ein, da der Beschwerdeführer den Kostenvorschuss nicht be-
zahlte (vgl. Urteil D-6119/2014 vom 20. November 2014).
A.c Mit Eingabe vom 14. April 2016 ersuchte der Beschwerdeführer betref-
fend den Vollzug der Wegweisung um Wiedererwägung des Entscheids
vom 15. Januar 2014. Er nahm Bezug auf die massiv verschlechterte Si-
cherheitslage in Kabul und legte neue Beweismittel vor, um neuerlich den
Umzug der Familie nach Kapisa zu belegen. Das SEM lehnte das Wieder-
erwägungsgesuch am 12. August 2016 ab. Es bezweifelte die Echtheit der
vorgelegten Beweismittel und erachtete den Vollzug nach Kabul deshalb
weiterhin als zumutbar.
B.
Mit erneuter Eingabe vom 26. Juli 2018 ersuchte der Beschwerdeführer
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nochmals um Wiedererwägung des Entscheids betreffend den Vollzug sei-
ner Wegweisung. Als neue Sachlage machte er geltend, seine Mutter und
die Brüder hätten Afghanistan im Oktober 2017 verlassen und seien in den
Iran gezogen. Der Kontakt zum Onkel mütterlicherseits bestehe auch wei-
terhin nicht, zudem müsse letzterer für die eigene Familie sorgen. Zum Be-
weis legte er einen iranischen Mietvertrag seiner Verwandten in Kopie vor,
sowie Kopien der ersten Seite der afghanischen Reisepässe von Mutter
und Bruder, jeweils versehen mit einem Visum für den Iran, und Familien-
fotos, welche die Angehörigen im Iran zeigen.
C.
Das SEM behandelte diese Eingabe als einfaches Wiedererwägungsge-
such gemäss aArt. 111b AsylG. Mit Verfügung vom 16. August 2018 lehnte
es auch dieses kostenpflichtig ab und hielt an der Vollzugsanordnung im
ursprünglichen Asylentscheid fest. Es erachtete die neuen Beweismittel
nicht als geeignet, um einen dauerhaften Umzug der Familienmitglieder in
den Iran glaubhaft zu machen. Den vorgelegten Mietvertrag hielt es für ver-
spätet eingereicht und es wies ferner auf aus seiner Sicht bestehende Un-
gereimtheiten in diesem Dokument hin. Im Übrigen habe der Beschwerde-
führer weder die von ihm geltend gemachten Tötungen seiner weiteren
Brüder F._ und G._ noch das angebliche Zerwürfnis mit
dem Onkel mütterlicherseits je hinreichend nachgewiesen.
D.
Am 18. September 2018 erhob der Beschwerdeführer mit Hilfe seiner
Rechtsvertreterin Beschwerde gegen diesen Entscheid. Er beantragte die
Aufhebung der Verfügung und die Aussetzung des Vollzugs wegen Unzu-
mutbarkeit, er sei vorläufig aufzunehmen; eventualiter sei die Sache zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hin-
sicht ersuchte er um Anordnung der aufschiebenden Wirkung der Be-
schwerde sowie um die unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65
Abs. 1 VwVG einhergehend mit dem Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses. Zudem sei das Gesuch um Befreiung von den vorinstanz-
lichen Verfahrenskosten gutzuheissen und es sei ihm die Pflicht zur Zah-
lung zu erlassen. In der Beschwerde wurde argumentiert, dass der Be-
schwerdeführer erst dann ein erneutes Wiedererwägungsgesuch einge-
reicht habe, als er über genügend Beweismittel verfügt habe, um den dau-
erhaften Wegzug der Familie in den Iran belegen zu können. Es sei ange-
sichts der verschiedenen Beweismittel nun erstellt, dass er in Kabul kein
soziales familiäres Netz mehr vorfinde; in Einklang mit dem Urteil
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D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 (als Referenzurteil publiziert) sei der
Vollzug seiner Wegweisung unzumutbar.
E.
In der Zwischenverfügung vom 21. September 2018 hiess die Instruktions-
richterin das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung gut,
ebenso wie auch die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und um Erlass des Kostenvorschusses. Den Entscheid über
die Kostenbefreiung im erstinstanzlichen Verfahren verschob sie auf einen
späteren Zeitpunkt. Sie lud die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
F.
Das SEM hielt in seiner Stellungnahme vom 25. September 2018 an der
Abweisung des Wiedererwägungsgesuchs fest. Bis anhin sei es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen, den Wegzug seiner Familie aus Kabul zu
belegen; die im bisherigen Verlauf des Verfahrens eingereichten Beweis-
unterlagen hätten den Wegfall eines Beziehungsnetzes in Kabul nicht be-
legt. Auch die neuerlich vorgelegten Dokumente vermöchten den dauer-
haften Wegzug der Angehörigen aus Kabul nicht zu belegen, zumal der
Beschwerdeführer sie auch schon viel früher hätte vorlegen können und
müssen. Darüber hinaus habe er bisher weder das Zerwürfnis mit seinem
Onkel noch die Tötungen der Brüder hinreichend glaubhaft machen kön-
nen.
G.
Am 3. Oktober 2018 teilte der Beschwerdeführer im Rahmen der Replik
mit, dass sein Bruder am 6. Oktober 2018 von einem Familienbesuch im
Iran in die Schweiz zurückkehren werde. Er werde neue Beweismittel vor-
legen können, weshalb er um Fristerstreckung ersuchte.
H.
Mit seiner Replik vom 25. Oktober 2018 reichte der Beschwerdeführer zum
Beleg des dauerhaften Umzugs der Familie in den Iran weitere Unterlagen
ein, Inzwischen hätten ein Freund des Beschwerdeführers sowie sein Bru-
der die Familie im Iran besucht.
I.
Am 17. Juni 2020 reichte der Beschwerdeführer nochmals weitere Famili-
enfotos sowie einen neuen Mietvertrag als Beweismittel ein. Er ersuchte
um einen baldigen Entscheid.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83) wurde unverändert vom AuG ins AIG übernommen,
weshalb nachfolgend die neue Gesetzesbezeichnung verwendet wird.
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
http://links.weblaw.ch/AS-2018/3171
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3.
3.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG, beziehungsweise aArt. 111b ff. AsylG). Ein
entsprechendes Gesuch ist dem SEM innert 30 Tagen nach Entdeckung
des Wiedererwägungsgrundes schriftlich und begründet einzureichen; das
Verfahren richtet sich nach den revisionsrechtlichen Bestimmungen von
Art. 66-68 VwVG (aArt. 111b Abs. 1 AsylG).
3.2 In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwä-
gungsgesuch die Anpassung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an
eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage
(vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). So liegt auch der vorliegende Fall. Die
angefochtene Verfügung vom 26. April 2019 stützt sich auf aArt. 111b
AsylG.
3.3 Die Wiedererwägung ist nicht beliebig zulässig. Sie darf nicht dazu die-
nen, die Rechtskraft von Verwaltungsentscheiden immer wieder infrage zu
stellen oder die Fristen für die Ergreifung von Rechtsmitteln zu umgehen.
Gründe, welche bereits im Zeitpunkt der verpassten Anfechtungsmöglich-
keit im ordentlichen Beschwerdeverfahren bestanden haben, können somit
nicht als Wiedererwägungsgründe vorgebracht werden (vgl. Art. 66 Abs. 3
VwVG und Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylre-
kurskommission [EMARK] 2000 Nr. 24 E. 5b S. 220).
4.
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens ist die Frage der Zumutbarkeit
des Vollzugs der Wegweisung des Beschwerdeführers nach Kabul. Zu klä-
ren ist, ob der Beschwerdeführer glaubhaft machen kann, dass seine Mut-
ter und die in Afghanistan verbliebenen Brüder H._ und I._
inzwischen das Land verlassen und sich dauerhaft im Iran niedergelassen
haben.
4.1 Das Bundesverwaltungsgericht erachtet die Lage in der Stadt Kabul
zum heutigen Zeitpunkt grundsätzlich als existenzbedrohend und somit
hinsichtlich des Wegweisungsvollzugs als unzumutbar im Sinne von
Art. 83 Abs. 4 AIG (Referenzurteil D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017,
E. 8.4 gestützt auf den damals gültigen, gleichlautenden Art. 83 Abs. 4
AuG). Von dieser Regel kann abgewichen werden, falls besonders be-
günstigende Faktoren vorliegen, aufgrund derer ausnahmsweise von der
Zumutbarkeit des Vollzugs ausgegangen werden kann. Wie bereits in
BVGE 2011/7 festgestellt, kann der Vollzug der Wegweisung zumutbar
http://links.weblaw.ch/BVGE-2014/39 http://links.weblaw.ch/EMARK-2000/24 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/7
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sein, wenn im Einzelfall besonders günstige Voraussetzungen vorliegen
und die nach Kabul zurückkehrende Person somit ausnahmsweise nicht in
eine existenzbedrohende Lage zu geraten droht. Solche günstigen Voraus-
setzungen können grundsätzlich namentlich dann gegeben sein, wenn es
sich beim Rückkehrer um einen jungen, gesunden Mann handelt. Unab-
dingbar ist in jedem Fall ein soziales Netz, das sich im Hinblick auf die
Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehrenden als tragfähig er-
weist. Dieses soziale Netz muss dem Rückkehrenden insbesondere eine
angemessene Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe zur sozialen und
wirtschaftlichen Reintegration bieten können.
4.2 Das SEM geht nach wie vor davon aus, dass der Beschwerdeführer in
Kabul ein soziales Netz vorfinde, weshalb auch im Hinblick auf die aktuali-
sierte Rechtsprechung zum Wegweisungsvollzug nach Kabul weiterhin
von begünstigenden Faktoren ausgegangen werden könne. Im Rahmen
einer Gesamtwürdigung aller Faktoren kommt es zum Schluss, dass es
dem Beschwerdeführer bis anhin nicht gelungen sei, den Wegzug der Fa-
milienmitglieder aus Kabul glaubhaft zu machen. Er habe in den vorherigen
Verfahren unter anderem gefälschte Beweismittel für den Wegzug nach
Kapisa vorgelegt. Zudem sei das behauptete Zerwürfnis mit dem Onkel,
der die Familie in Kabul unterstützte, nie belegt worden, gleiches gelte
auch für den Tod der Brüder G._ und F._. Die nun betreffend
den Wegzug in den Iran vorgelegten Beweisunterlagen seien nicht geeig-
net, das Vorbringen zu belegen, und seien teilweise auch verspätet einge-
reicht worden.
4.3 Der Beschwerdeführer behauptet dagegen, er habe in Kabul kein sozi-
ales Netz mehr, seit seine Mutter und seine Brüder H._ und
I._ in den Iran gezogen seien. Mit dem Onkel, der die Familie nach
dem Tod des Vaters ebenfalls unterstützt habe, liege man im Streit, der
Kontakt sei abgebrochen. Die beiden Brüder G._ und F._
seien verstorben. Seit der Einreichung des Wiedererwägungsgesuchs im
Juli 2018, gegen dessen Abweisung sich die vorliegend zu behandelnde
Beschwerde richtet, hat der Beschwerdeführer fortlaufend die ver-
schiedensten Dokumente vorgelegt, um den dauerhaften Wegzug seiner
Familienangehörigen in den Iran glaubhaft zu machen.
4.4 Mit dem Wiedererwägungsgesuch vom 26. Juli 2018 hatte der Be-
schwerdeführer Passkopien sowie Kopien der Visa für den Iran des Bru-
ders I._ sowie seiner Mutter vorgelegt. Des Weiteren hatte er Fotos
seiner Familienangehörigen vor einer Sehenswürdigkeit in Teheran sowie
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den Wohnungsmietvertrag seiner Mutter und seines Bruders I._
eingereicht. Er legte Fotos vor, auf denen der Bruder I._ bei der
Arbeit in einer iranischen Firma zu sehen war sowie Fotos der Familie (Mut-
ter, Bruder I._, Bruder H._ mit Frau und Kind) mit einer ira-
nischen Zeitung, wodurch die Fotos datiert werden konnten (vgl. Beilagen
15-18 des Wiedererwägungsgesuchs, umgerechnet trägt die Zeitung das
Datum des 18. Juli 2018).
Mit der Beschwerde reichte er die Kopie des Geburtsscheins seiner Nichte,
der Tochter des Bruders H._ ein, sowie weitere Fotographien, auf
denen der Bruder I._ sowie der Bruder H._ mit seiner Fami-
lie und der Mutter zu sehen sind. Auf einem Datenträger ist ein Video ge-
speichert, das die Familie vor dem Azadi Turm in Teheran zeigt. Der Be-
schwerdeführer legte mit den Dokumenten auch das Sendungscouvert vor
sowie den Beleg der Sendungsverfolgung des Couverts.
Auf Stufe der Replik erklärte der Beschwerdeführer, inzwischen habe der
ebenfalls in der Schweiz ansässige weitere Bruder J._ die Familie
besucht; ferner habe auch K._, ein Freund des Beschwerdeführers,
die Familie während eines Aufenthalts im September 2018 in Iran aufge-
sucht. Beide hätten weitere Dokumente beschaffen können. Der Be-
schwerdeführer legte einerseits Dokumente vor, um die Reise der beiden
in den Iran zu belegen (vgl. Beilagen zur Replik, Beweismittel Ziff. 13-18),
andererseits reichte er aktuelle Fotos der Brüder H._, I._
und J._ ein, aufgenommen während des Besuchs von J._
in Teheran Ende September, Anfang Oktober 2018 (vgl. Beilagen zur Rep-
lik, Beweismittel Ziff. 19-24). Schliesslich wurde auch die Kopie eines
neuen Mietvertrags vorgelegt, da die Familie erneut habe umziehen müs-
sen, sowie die Übersetzung der Geburtsurkunde der Nichte des Beschwer-
deführers. Zu diesem Dokument wurde angemerkt, es sei aus der Geburts-
urkunde die Adresse ersichtlich, wie sie auch dem ersten Mietvertrag (der
in Kopie dem Wiedererwägungsgesuch beilag) zu entnehmen sei.
Betreffend den Tod der beiden Brüder F._ und G._ wird gel-
tend gemacht, diesbezüglich könnten keine anderen Beweise als die be-
reits im ordentlichen Beschwerdeverfahren vorgelegten und gewürdigten
Unterlagen zum Tod von G._ (eine Foto des Verstorbenen und eine
Wohnsitzbestätigung vom 12. Februar 2014) beigebracht werden. Zum Tod
des Bruders F._ gebe es keine Belege; der Beschwerdeführer habe
bereits im erstinstanzlichen Asylverfahren zu Protokoll gegeben, dieser
Bruder sei tot (vgl. SEM-Akten A7 Ziff. 3.01 S. 7; A17 F29-31).
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Auch der letzten Eingabe vom 17. Juni 2020 liegen erneut aktuelle Famili-
enfotos bei, welche die Brüder H._ und I._ sowie die Mutter
mit einer Tageszeitung vom 9. Juni 2020 vor dem Fernsehturm Bordsch-e
Milad in Teheran zeigen, sowie ein weiterer Mietvertrag in Kopie.
4.5 Das SEM hatte dem Beschwerdeführer in seinem ablehnenden Ent-
scheid vorgehalten, er habe das Wiedererwägungsgesuch verspätet ein-
gereicht. Der als Beweismittel vorgelegte Mietvertrag sei bereits am 6. No-
vember 2017 geschlossen, das Gesuch jedoch erst am 26. Juli 2018 ein-
gereicht worden, was im Sinne des Art. 111b Abs. 1 AsylG als verspätet
gelten müsse. Ohnehin komme einem Mietvertrag nur geringer Beweiswert
zu, er sei zu leicht fälschbar. Des Weiteren monierte das SEM Auffälligkei-
ten betreffend das Mietverhältnis. Zu den Familienfotos hielt es fest, diese
könnten auch anlässlich einer einmaligen Besuchsreise in den Iran aufge-
nommen worden sein – als tauglicher Beweis für den dauerhaften Umzug
seien sie ungeeignet. Dies gelte auch für die Unterlagen betreffend die Ein-
reise von Bruder und Mutter in den Iran; sie belegten lediglich deren legale
Einreise, aber nicht eine dauerhafte Niederlassung.
In der Vernehmlassung erklärte das SEM, die Vorbringen in der Beschwer-
deschrift könnten die Einschätzung, wonach ein Beziehungsnetz in Kabul
vorliege, nicht erschüttern. Der Umstand, dass eine Nichte des Beschwer-
deführers im Iran geboren worden sei (beziehungsweise einer seiner Brü-
der mit seiner Familie dort lebe), vermöge den Wegfall eines tragfähigen
Beziehungsnetzes in Kabul noch nicht zu belegen. Auch die weiteren Fotos
sowie das eingereichte Video-Material wiesen nicht auf einen dauerhaften
Umzug der Familienmitglieder in den Iran hin. Möglich sei vielmehr, dass
die Mutter und der Bruder I._ bereits mehrfach (besuchshalber) in
den Iran und wieder zurück nach Afghanistan gereist seien, um die dort
lebenden Verwandten zu besuchen, was angesichts der Geburt der Nichte
am 4. März 2018 nicht abwegig erscheine. Zudem lägen mehrere Anhalts-
punkte für Zweifel an der Echtheit des eingereichten Mietvertrages vor –
und nicht nur die prozessuale Vorgeschichte. Nicht zuletzt seien bislang
weder die vorgebrachten Tötungen der Brüder F._ und G._
des Beschwerdeführers noch das angebliche Zerwürfnis mit dem Onkel
beziehungsweise dessen angebliches Unvermögen, den Beschwerdefüh-
rer im Falle einer Rückkehr zu unterstützen, hinreichend nachgewiesen be-
ziehungsweise glaubhaft gemacht worden.
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Seite 10
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht geht angesichts der heutigen Akten-
lage davon aus, dass der Beschwerdeführer im Fall einer Rückkehr in Ka-
bul kein tragfähiges soziales und familiäres Netz mehr vorfinden wird. In-
zwischen liegen dem Bundesverwaltungsgericht eine Fülle an verschiede-
nen Beweismitteln vor. Fortlaufend hat der Beschwerdeführer Belege vor-
gelegt, um den Umzug seiner Familie zu dokumentieren. Es liegt nicht völ-
lig ausserhalb des Vorstellbaren, dass die Familie des Beschwerdeführers
– wie vom SEM unterstellt – einen enormen Aufwand mit mehrfach wieder-
holten Auslandsreisen sowohl von Afghanistan in den Iran und zurück, als
auch von der Schweiz in den Iran und zurück, auf sich genommen haben
könnte, einzig um dem Beschwerdeführer einen Aufenthalt in der Schweiz
zu sichern. Plausibel ist ein solches Verhalten, mit dem inzwischen über
Jahre hinweg eine Art Legende aufgebaut worden wäre, jedoch nicht. Viel-
mehr ist davon auszugehen, dass die Familie tatsächlich Kabul verlassen
und sich inzwischen dauerhaft im Iran niedergelassen und dort eine neue
Existenz aufgebaut hat – wofür auch die Dokumentation betreffend die Ar-
beitsstelle des Bruders spricht. Durch die Vorlage der vielen unterschiedli-
chen Beweisstücke gelingt es dem Beschwerdeführer, das Gericht davon
zu überzeugen, dass seine Mutter und seine Brüder I._ und
H._ tatsächlich nicht länger in Kabul leben. Die Einwände des SEM
zum Inhalt des Mietvertrages konnte der Beschwerdeführer in der Be-
schwerdeeingabe entkräften (vgl. Beschwerde S. 6). Betreffend den Vor-
halt, dass das Zerwürfnis mit dem Onkel mütterlicherseits nicht belegt wer-
den konnte, ist zu sagen, dass der Beweis einer solchen Familienstreitig-
keit nur schwer zu führen sein dürfte, weshalb die Angaben des Beschwer-
deführers vorliegend zu seinen Gunsten ausgelegt werden müssen. Dar-
über hinaus kann von der Existenz eines einzigen Onkels noch nicht auf
ein besonders begünstigendes Umfeld geschlossen werden, zumal der Be-
schwerdeführer sich inzwischen seit fast zehn Jahren in der Schweiz auf-
hält und nicht davon auszugehen ist, dass er nach einer so langen Abwe-
senheit auf möglicherweise früher vorhandene Kontakte zurückgreifen
kann, beziehungsweise diese noch gleichermassen tragfähig wären wie
zum Zeitpunkt seiner Ausreise. Festzuhalten ist auch, dass der Vorhalt des
SEM, wonach das Wiedererwägungsgesuch verspätet eingereicht worden
sei, durch die Vorgeschichte des Verfahrens des Beschwerdeführers rela-
tiviert wurde. Gerade weil es ihm in den vorangegangenen Verfahren nicht
gelang, den Wegfall des Beziehungsnetzes glaubhaft zu machen, ist nach-
vollziehbar, dass er einen weiteren Anlauf nicht nur mit einem neu erhalte-
nen Dokument unternehmen wollte, sondern sein neues Vorbringen auf
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mehrere tragfähige Beweismittel abzustützen versuchte. Dass er diese Ab-
sicht rechtzeitig hatte, zeigt das Gesuch um Akteneinsicht, welches mit der
Beschwerde vorgelegt wurde (vgl. Beilage 3 zur Beschwerdeeingabe). Die
Einwände des SEM, wonach der Mietvertrag leicht fälschbar sei und ihm
nur geringer Beweiswert zukomme, illustrieren im Übrigen, dass sein Vor-
haben zum Zeitpunkt, als er den Mietvertrag im November 2017 erhalten
hatte, nicht chancenreich gewesen wäre.
Nach dem oben Gesagten hält es das Bundesverwaltungsgericht für über-
wiegend wahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer in Kabul kein soziales
Netz mehr vorfindet, das ihn im Fall der Rückkehr bei der Wiedereingliede-
rung unterstützen könnte. Der Beschwerdeführer kann den Wegfall des Be-
ziehungsnetzes glaubhaft machen, was gemäss Praxis des Bundesverwal-
tungsgerichts zum Beweisstandard bei der Geltendmachung von Wegwei-
sungsvollzugshindernissen als genügend zu erachten ist (vgl. BVGE
2014/26 E. 7.7.4 und 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). Da den zuvor angenomme-
nen besonders günstigen Bedingungen für eine Rückkehr nach Kabul, wie
sie das Referenzurteil des BVGer D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 in
Erwägung 7.6 und Erwägung 8 formuliert, durch den Wegfall des familiä-
ren und sozialen Netzes die Grundlage entzogen wurde, ist der Vollzug der
Wegweisung zum heutigen Zeitpunkt als unzumutbar zu erachten.
5.2 Die Beschwerde ist demnach – da keine Hinweise auf das Vorliegen
von Ausschlussgründen gemäss Art. 83 Abs. 7 AIG gegeben sind – gutzu-
heissen und die Verfügung des Bundesamtes vom 16. August 2018 ist auf-
zuheben. Das SEM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer in teilweiser
Wiedererwägung seiner Verfügung vom 15. Januar 2014 vorläufig in der
Schweiz aufzunehmen (vgl. Art. 44 AsylG und Art. 83 Abs. 4 AIG).
Sollte der Beschwerdeführer die mit Verfügung vom 16. August 2018 auf-
erlegten Verfahrenskosten von Fr. 600.– für das erstinstanzliche Wiederer-
wägungsverfahren bereits bezahlt haben, sind diese von der Vorinstanz
zurückzuerstatten.
6.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG). Die gewährte unentgeltliche Prozessführung wird da-
mit nachträglich obsolet.
7.
Die bei den Akten liegende Kostennote vom 25. Oktober 2018 erscheint
http://links.weblaw.ch/BVGE-2014/26 http://links.weblaw.ch/BVGE-2014/26 http://links.weblaw.ch/BVGer-D-5800/2016
E-5325/2018
Seite 12
den Verfahrensumständen als angemessen, zu ergänzen ist der Aufwand
für die Einreichung weiterer Beweismittel mit Eingabe vom 17. Juni 2020.
Die von der Vorinstanz auszurichtende Parteientschädigung ist demnach
auf insgesamt Fr. 1670.– (inkl. Auslagen) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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