Decision ID: ab7fbfef-8712-5178-8968-f3e843c2a6e0
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden – türkische Staatsangehörige kurdischer Ethnie
aus dem Dorf C._ bei D._ – verliessen ihren Heimatstaat
eigenen Angaben zufolge am 10. Februar 2020 mit einem am 29. Januar
2020 vom schweizerischen Konsulat in Istanbul ausgestellten Visum und
gelangten gleichentags über den (...) E._ legal in die Schweiz. Sie
hielten sich daraufhin bei ihren beiden Töchtern in E._ auf. Am
26. Juni 2020 verlängerte das (...) E._ die Aufenthaltserlaubnis bis
am 23. September 2020. Am 21. September 2020 stellten die Beschwer-
deführenden ein Asylgesuch.
B.
Am 24. September 2020 wurden die Beschwerdeführenden im Bundes-
asylzentrum E._ zu ihrer Person und dem Reiseweg befragt. Dabei
reichten sie ihre Reisepässe und Identitätskarten ein.
C.
Am 28. Oktober und 12. November 2020 liess die damalige Rechtsvertre-
tung dem SEM Arztberichte vom 21. Oktober und 4. November 2020 be-
treffend die Beschwerdeführerin zukommen.
D.
Am 23. November 2020 reichten die Beschwerdeführenden verschiedene
Beweismittel ein. Es handelte sich um einen «Beschluss in sonstigen Sa-
chen» des zweiten Friedensstrafrichteramtes vom 30. Juni 2020 (in Kopie),
einen Festnahmebefehl des zweiten Friedensstrafrichteramtes vom
30. Juni 2020 (in Kopie), ein Dokument der Oberstaatsanwaltschaft vom
9. Oktober 2020 betreffend die Anzeige ihres türkischen Rechtsanwalts
F._ (in Kopie), ein Schreiben ihres türkischen Rechtsanwaltes an
das zuständige Gericht vom 29. September 2020 (in Kopie) und sechs Fo-
tos (in Kopie), welche die Sachbeschädigungen am Haus dokumentieren
würden.
E.
Am 26. November 2020 fand die Erstbefragung nach Art. 26 Abs. 3 AsylG
(SR 142.31) und die Anhörung des Beschwerdeführers zu den Asylgrün-
den nach Art. 29 AsylG statt. Tags darauf wurde die Beschwerdeführerin
befragt und zu den Asylgründen angehört.
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Zur Begründung der Asylgesuche wurde im Wesentlichen geltend ge-
macht, im Jahr 1997 habe der Beschwerdeführer in D._ mit dem
Erbe seines Vaters ein (...)geschäft eröffnet. lm 2017/2018 sei es zweimal
zu Trickdiebstählen im (...)geschäft gekommen. Vermeintliche Kunden hät-
ten echten (...) entwendet und durch unechten ersetzt. Sie hätten erhebli-
che Einbussen erlitten. Sie würden vermuten, dass Anhänger der MHP
(Milliyetgi Hareket Partisi) für die Diebstähle verantwortlich gewesen seien.
Als Angehörige der kurdischen Bevölkerung habe er (der Beschwerdefüh-
rer) der HDP (Halkların Demokratik Partisi) monatlich Geld gespendet und
wenn es dazu gekommen sei, heimlich an Sitzungen teilgenommen, und
vor Wahlen für die Partei geworben. Sie hätten unter der hohen Präsenz
von MHP-Anhängern in ihrem Quartier und den damit einhergehenden
Schikanen und Beleidigungen gelitten. Die Polizei habe die Diebe nie ge-
fasst. Aus Angst vor erneuten Diebstählen hätten sie einen Teil des Vermö-
gens in Immobilien und Autos angelegt. Dabei hätten sie jedoch Verluste
gemacht. So seien sie in einen finanziellen Engpass geraten. Sie seien
gezwungen gewesen, Schulden zu machen. Die Schulden hätten sich über
zwei, drei Jahre hinweg angehäuft. Der Druck ihrer Gläubiger habe allmäh-
lich zugenommen. Zudem habe der Beschwerdeführer damals gesundheit-
liche Probleme gehabt. Schliesslich hätten sie ihr Hab und Gut verkauft.
Dies habe aber nicht ausgereicht, um die Schulden zu begleichen. Am
3. Dezember 2019 seien sie nach G._ und später nach H._
gegangen. Der Beschwerdeführer habe dort seine medizinischen Prob-
leme behandeln lassen. Das Geschäft hätten sie für rund zwei Wochen
geschlossen. Danach habe ihr Sohn das Geschäft wieder geöffnet und für
kurze Zeit weitergeführt. Ihre Gläubiger hätten den Druck in diesem Zeit-
raum zusätzlich erhöht. Diese hätten den Beschwerdeführer aufgrund der
Insolvenz bei der Staatsanwaltschaft und beim Betreibungsamt angezeigt.
Gegen ihn und den Sohn sei ein strafrechtliches (Ermittlungs-)Verfahren
eingeleitet worden. Zudem hätten die Gläubiger die sogenannte «Check-
und Schuldenmafia» (nachfolgend: Mafia) eingeschaltet. Es handle sich
bei diesen Personen um einen Familienclan namens «Alanlar». Der Clan
sei in ihrer Region für sein unbeirrbares Vorgehen und die guten Verbin-
dungen zur Polizei bekannt. Ende Dezember 2019 seien innerhalb einer
Woche mehrfach Angehörige der Mafia im Geschäft aufgetaucht. Ihr Sohn
sei von diesen unter Druck gesetzt beziehungsweise mit dem Tod bedroht
worden. Glücklicherweise hätten die Besitzer der benachbarten Geschäfte
eingegriffen und Schlimmeres verhindern können. Von den Besitzern der
Nachbargeschäfte hätten sie erfahren, dass die Gläubiger beziehungs-
weise die Mafia ihren Aufenthaltsort ausfindig gemacht hätten, nachdem
sie aus D._ weggegangen seien. Aufgrund der Arztbesuche habe
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die Personennummer des Beschwerdeführers zurückverfolgt werden kön-
nen. Am 24. Januar 2020 habe es in D._ ein starkes Erdbeben mit
etlichen Todesopfern gegeben. Dies habe die Situation noch zusätzlich ver-
schärft. Ihr Sohn sei aufgrund der Bedrohungssituation nach Kirgistan ge-
flohen, wo er sich bis heute aufhalte. Sie seien nach den Ereignissen nicht
mehr nach D._ zurückgekehrt. Bereits in G._ hätten sie sich
Identitätskarten und Pässe ausstellen lassen. Bis am 10. Februar 2020
hätten sie sich in H._ bei den Schwestern der Beschwerdeführerin
und anderen Verwandten aufgehalten. Danach seien sie mit ihren Pässen
und Besuchervisa zu ihren Töchtern in die Schweiz gereist.
Mittlerweile sei in der Türkei gegen den Beschwerdeführer ein Festnahme-
befehl ergangen. Die Anwälte der Gläubiger hätten die Sache nach ihrer
Ausreise vor Gericht weitergezogen. Der Beschwerdeführer wisse nicht,
ob ihm in diesem Zusammenhang allenfalls eine Haftstrafe drohen würde.
Ihr türkischer Rechtsanwalt habe ihnen jedenfalls nahegelegt, nicht zurück-
zukommen, weil ihr Leben in Gefahr sei. Nach ihrer Ausreise seien Droh-
schreiben an der Haustüre ihres Mietshauses – das Mietsverhältnis be-
stehe bis heute fort – angebracht worden. Dem Beschwerdeführer sei darin
mit dem Tod gedroht worden. Der Gemeindevorsteher habe die Schreiben
fotografiert. Der Text sei allerdings verwittert und auf den Fotos nicht mehr
lesbar gewesen. Zudem sei es im Oktober 2020 zu einem Angriff mit Sach-
beschädigungen am Haus gekommen. Der Gemeindevorsteher habe
diese Vorfälle bei der Gendarmerie zur Anzeige gebracht. Auch ihr türki-
scher Rechtsanwalt habe diese Vorfälle und die Drohungen bei der Polizei
angezeigt. Die Gendarmerie habe vor Ort keine Hinweise auf die Täter-
schaft gefunden und gehe deshalb von einer unbekannten Täterschaft aus.
Der Beschwerdeführer sei jedoch überzeugt, dass die Mafia hinter diesem
Angriff und den Drohungen stecke.
Anlässlich der Anhörung vom 26. November 2020 reichten die Beschwer-
deführenden ein Schreiben des türkischen Anwalts inklusive Übersetzung,
ein Schreiben des Gemeindevorstehers von C._ inklusive Überset-
zung, Fotos der Bedrohungsschreiben an der Haustür und ihre Flugunter-
lagen ein.
F.
Die Vorinstanz gab der Rechtsvertretung der Beschwerdeführenden am
3. Dezember 2020 Gelegenheit, zum Entscheidentwurf Stellung zu neh-
men.
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G.
Die Rechtsvertretung reichte am 7. Dezember 2020 eine entsprechende
Stellungnahme ein, worin sie ausführte, aus welchen Gründen die Be-
schwerdeführenden mit dem Entscheidentwurf nicht einverstanden seien.
H.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 8. Dezember 2020 stellte das
SEM fest, die Beschwerdeführenden würden die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfüllen, lehnte deren Asylgesuche vom 21. September 2020 ab, ver-
fügte die Wegweisung der Beschwerdeführenden aus der Schweiz und
ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
I.
Am 9. Dezember 2020 legte die Rechtsvertretung das Mandat nieder.
J.
Mit Eingabe vom 29. Dezember 2020 liessen die Beschwerdeführenden
durch den rubrizierten Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde erheben und beantragen, die angefochtene Verfügung sei auf-
zuheben, die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihnen Asyl zu ge-
währen. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die
Sache zur neuen Abklärung und Feststellung des asylrelevanten Sachver-
halts sowie zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Sube-
ventualtiter sei die Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen
und die Beschwerdeführenden als Flüchtlinge vorläufig aufzunehmen oder
ihnen die vorläufige Aufnahme wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs zu gewähren.
Mit der Beschwerde reichten sie ein Fact Sheet zur Türkei der Schweizeri-
schen Flüchtlingshilfe (SFH) vom Februar 2020 und verschiedene Zei-
tungsberichte mit den Titeln: «das Brutale Erbe der Grauen Wölfe», «Frei-
gelassener Mafiaboss Cakici droht CHP-Chef Kilicdaroglu offen», «Folter-
vorwürfe im Gefängnis Diyarbakir untersuchen» und «Frauen in türkischer
U-Haft vollständig entblösst» ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
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Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teil-
genommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs-
weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legiti-
miert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 10 der
Verordnung über Massnahmen im Asylbereich im Zusammenhang mit dem
Coronavirus [SR 142.318; Covid-19-Verordnung Asyl]; 105 AsylG i.V.m.
Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der asylrelevante Sachver-
halt sei von der Vorinstanz ungenügend und unvollständig festgestellt und
in inhaltlicher Sicht entweder nicht ganz richtig wiedergegeben oder falsch
und zu Ungunsten der Beschwerdeführenden gewürdigt. Zudem sei der
Anspruch der Beschwerdeführenden auf rechtliches Gehör verletzt wor-
den. Die Behauptung der Vorinstanz, dass der Beschwerdeführer angege-
ben habe, er sei niemals politisch aktiv gewesen, sei nicht korrekt. Der Be-
schwerdeführer habe bei der Frage 31 ausdrücklich angegeben, dass er
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der HDP monatlich Geld gespendet und heimlich an Sitzungen teilgenom-
men sowie vor den Wahlen für die Partei geworben habe.
4.2 Das SEM legte die Asylgründe der Beschwerdeführenden in der ange-
fochtenen Verfügung ausführlich dar und erwähnte, dass der Beschwerde-
führer die HDP heimlich finanziell unterstützt hat. Dabei stellt es auch fest,
dass die Beschwerdeführenden niemals politisch aktiv gewesen seien. Es
erklärte aber auch, wie dies zu verstehen sei, indem es festhielt, die Be-
schwerdeführenden hätten keiner Partei angehört. Der Beschwerdeführer
habe die HDP lediglich als Sympathisant heimlich finanziell unterstützt. In-
sofern das SEM im Sachverhalt nicht erwähnte, dass der Beschwerdefüh-
rer heimlich an Sitzungen der HDP teilgenommen und vor den Wahlen für
diese geworben habe, handelt es sich nicht um wesentliche Vorbringen.
Die Beschwerdeführenden gaben beide an, sie seien ausgereist, weil sie
Schulden gehabt hätten, welche von den Gläubigern eingefordert worden
seien, und nicht, weil sie politisch aktiv gewesen seien. Die politischen Un-
terstützungen für die HDP wurden von den Beschwerdeführenden nur am
Rande erwähnt und diese sind nicht der Grund für die Ausreise bezie-
hungsweide die geltend gemachte Verfolgung gewesen. Insofern bestand
für das SEM kein Anlass, jegliche Unterstützungsformen für die HDP auf-
zuzählen. Eine unzureichende Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts oder eine Verletzung des rechtlichen Gehörs der Beschwerdefüh-
renden kann demnach nicht festgestellt werden. Der Rückweisungsantrag
ist abzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Zur Begründung seiner Verfügung führte das SEM aus, es sei grund-
sätzlich legitim, wenn ein Staat in Erfüllung seiner rechtsstaatlichen Pflich-
ten eine Straftat ahnde respektive ein strafrechtliches Verfahren einleite.
Ausnahmsweise könne aber die Durchführung eines Strafverfahrens res-
pektive die Verurteilung wegen eines Delikts eine Verfolgung im flüchtlings-
rechtlichen Sinne darstellen. Dies treffe unter anderem dann zu, wenn ei-
ner Person eine solche Tat untergeschoben werde, um sie wegen ihrer
äusseren oder inneren Merkmale, namentlich ihrer Rasse, Religion, Natio-
nalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder ihrer poli-
tischen Anschauungen, zu verfolgen, oder wenn die Situation eines Täters,
der ein Delikt tatsächlich begangen habe, aus einem solchen Motiv in be-
deutender Weise erschwert werde. lm Fall des Beschwerdeführers würden
die staatlichen Verfolgungsmassnahmen jedoch durchaus legitim erschei-
nen. Wie beide Beschwerdeführende übereinstimmend erklärt hätten, wür-
den die staatlichen Massnahmen, namentlich auch die ihnen bei einer
Rückkehr drohende Inhaftierung, ausschliesslich in den vermögensrechtli-
chen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit ihrer Insolvenz begründet lie-
gen. Ihre Gläubiger hätten die Sache vor Gericht (weiter)gezogen, weil sie
sich deren Zugriff durch ihre Ausreise entzogen hätten. Entsprechend sei
nach ihrer Ausreise ein Festnahmebefehl gegen sie ergangen (vgl. Akten
1076110-26/20 [nachfolgend A26/20] F126, F146 f., F140; A27/18 F83 f.).
Es lägen keine Anhaltspunkte vor, die Grund zur Annahme gäben, dass
das eingeleitete gerichtliche Verfahren mit einem Politmalus behaftet und
demnach rechtsstaatlich nicht legitim wäre. Bei rein zivil- und gemeinrecht-
lichen Verfahren sei davon auszugehen, dass sie in der Regel rechtsstaat-
lich korrekt abliefen. Sie seien strafrechtlich nicht vorbelastet, hätten kein
politisches Profil und würden auch keine anderen Risikofaktoren aufweisen
(vgl. Akte A27/18 F125). Sie hätten erklärt, niemals politisch aktiv gewesen
zu sein. Der Beschwerdeführer habe die HDP lediglich als Sympathisant
heimlich finanziell unterstützt (vgl. Akten A26/20 F29 ff.; A27/18 F49 f.).
Auch liessen sich den vagen Prognosen des Beschwerdeführers in Bezug
auf eine allenfalls zu erwartende Untersuchungshaft keine Hinweise dafür
entnehmen, dass er in der Türkei eine unrechtsmässige Strafverfolgung
befürchten müsste (vgl. Akte A26/20 F129, F141). Die von der Beschwer-
deführerin geäusserte Befürchtung, dass sie als Kurden bei einer Fest-
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nahme mit Folter und Misshandlungen rechnen müssten, würden im fall-
spezifischen Kontext nicht begründet erscheinen. Es werde nicht in Abrede
gestellt, dass aufgrund der verschärften Menschenrechtslage nach dem
Militärputschversuch vom 15./16. Juli 2016 für Personen, die in Verfahren
mit «politischem» Hintergrund verwickelt seien, ein erhöhtes Risiko von
Misshandlungen und Folter bei Festnahmen und ausstehenden Haftstrafen
bestehe. In ihrem Fall handle es sich jedoch, wie aufgezeigt, um Vorwürfe
rein gemeinrechtlicher Natur und es seien auch sonst keine Risikofaktoren
erkennbar, die eine derartige Behandlung befürchten liessen (vgl. Akte
A27/18 F87 ff., F124 f.). An dieser Einschätzung könnten auch die in die-
sem Zusammenhang eingereichten Gerichtsdokumente nichts ändern.
Diese enthielten keine über ihre Schilderungen hinausgehenden Hinweise,
welche die Rechtsstaatlichkeit des gerichtlichen Verfahrens zweifelhaft er-
scheinen lassen würden.
Betreffend die geltend gemachte Verfolgung durch die Gläubiger bezie-
hungsweise die Angehörigen der Mafia sei grundsätzlich davon auszuge-
hen, dass die türkischen Behörden im Stande und willens seien, einen adä-
quaten Schutz vor Übergriffen und Behelligungen durch private Dritte zu
gewähren. Die Beschwerdeführenden würden in ihren Schilderungen eine
behördliche Untätigkeit aufgrund ihrer kurdischen Ethnie und der guten Be-
ziehungen, welche die mutmasslichen Verfolger zu den Polizeibehörden
pflegen würden, implizieren (vgl. Akte A26/20 F124, F105). Das SEM er-
achte diese Bedenken als nicht begründet. Die Polizei habe die Anzeigen
des Gemeindevorstehers und ihres türkischen Rechtsanwaltes aufgenom-
men und Ermittlungen eingeleitet. Sie hätten in diesem Zusammenhang
ein Dokument der Oberstaatsanwaltschaft vom 9. Oktober 2020 sowie das
Schreiben ihres türkischen Rechtsanwaltes vom 29. September 2020 ein-
gereicht. Sie hätten sich zum relevanten Zeitpunkt bereits nicht mehr in der
Türkei aufgehalten, weshalb sie zumindest nicht unmittelbar an Leib und
Leben gefährdet gewesen seien. Ihre Schilderungen bezüglich der Vor-
fälle, die sich alle in ihrer Abwesenheit ereignet hätten, liessen keine ein-
deutigen Rückschlüsse auf eine bestimmte Täterschaft zu (vgl. Akten
A26/20 F106 ff.; A27/18 F85 ff.). Auch das Schreiben ihres Anwalts enthalte
keine konkreten Hinweise auf eine mögliche Täterschaft (vgl. Akte A26/20
F144). Es erstaune daher nicht, dass die zuständigen Behörden keine So-
fortmassnahmen ergriffen hätten und von einer unbekannten Täterschaft
ausgingen. Zudem sei von einem lokal oder regional beschränkten Ein-
flussbereich des Clans auszugehen, welcher mutmasslich für die Verfol-
gungsmassahmen verantwortlich sei (vgl. Akte A26/20 F105 ff.). Es sei
ihnen deshalb durchaus zuzumuten, sich allfälligen gegen sie gerichteten
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Verfolgungsmassnahmen zu entziehen, indem sie ihren Aufenthaltsort bei-
spielsweise nach H._ verlegen würden. Zwei Schwestern der Be-
schwerdeführerin und weitere Verwandte würden dort leben. Sie hätten
sich bereits vor ihrer Ausreise bei diesen aufgehalten (vgl. Akte A27/18
F42 ff.). Selbst wenn ihre Verfolger die Möglichkeit hätten, sie dort ausfin-
dig zu machen, wäre es ihnen ebenfalls zuzumuten, sich in H._ um
behördlichen Schutz zu bemühen.
Auch die im vorliegenden Fall geltend gemachten Schikanen und Beleidi-
gungen, welche die Beschwerdeführenden nicht weiter konkretisiert hät-
ten, gingen in ihrer Intensität nicht über die Nachteile hinaus, welche weite
Teile der kurdischen Bevölkerung in der Türkei in ähnlicher Weise treffen
könnten. Ihre Theorien, wonach Anhänger der MHP für die Diebstähle in
ihrem Geschäft oder die Verfolgungsmassnahmen durch Angehörige der
Mafia verantwortlich seien, hätten sie nicht weiter substantiieren können.
Aufgrund ihrer gesamten Angaben sei jedoch nicht davon auszugehen,
dass es sich dabei um gezielte gegen sie als Kurden gerichtete Angriffe
durch eine bestimmte Gruppierung gehandelt habe (vgl. Akten A26/20 F74
ff., F150 ff.; A27/18 F125 ff.). Die geltend gemachten Nachteile seien somit
im Sinne der obigen Erwägungen nicht als ernsthaft zu qualifizieren und
damit flüchtlingsrechtlich nicht relevant.
Ihre Vorbringen würden damit den Anforderungen an die Flüchtlingseigen-
schaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten. Auf eine Glaubhaftigkeitsprü-
fung könne deshalb verzichtet werden.
In der Stellungnahme werde im Wesentlichen festgehalten, dass sie mit
dem geplanten Entscheid des SEM nicht einverstanden und über diesen
sehr enttäuscht seien. Das SEM verkenne ihre ausweglose Situation. Ent-
gegen der Ansicht des SEM könnten sie aus den bereits erwähnten Grün-
den nicht auf den Schutz der türkischen Polizei zählen. Auch die Annahme,
dass sie in H._ über eine innerstaatliche Fluchtalternative verfügen
würden, sei nicht korrekt. Wie erwähnt, seien sie auch dort ausfindig ge-
macht worden, als sie sich vor der Ausreise in H._ aufgehalten hät-
ten. Überdies müssten sie, wie vorgebracht, bei einer Rückkehr in die Tür-
kei eine Inhaftierung und damit einhergehend Folterungen befürchten.
Schliesslich würden sie darum bitten, zu berücksichtigen, dass sie bereits
ältere Personen seien.
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Das SEM verkenne nicht, dass die Situation für die Beschwerdeführenden
als ältere Personen keine einfache sei und die Rückkehr in den Heimat-
staat für sie mit einigen Strapazen und Unsicherheiten verbunden sei. Was
jedoch ihre Befürchtungen in Bezug auf eine konkrete (flüchtlingsrele-
vante) Gefährdung angehe, könne vollumfänglich auf die Erwägungen in
der vorliegenden Verfügung verwiesen werden. Somit seien keine Tatsa-
chen oder Beweismittel vorgelegt worden, welche eine Änderung des
Standpunktes des SEM rechtfertigen könnten.
6.2 In der Beschwerde wird demgegenüber geltend gemacht, gemäss
Art. 3 Abs. 2 AsylG stelle das gegen den Beschwerdeführer eröffnete Straf-
verfahren und der erlassene Haftbefehl klarerweise eine Gefährdung der
Freiheit und damit einen flüchtlingsrechtlich relevanten und ernsthaften
Nachteil im Sinne des Gesetzes dar. Die Beschwerdeführenden würden
grundsätzlich nicht bestreiten und hätten auch anlässlich der Anhörungen
mehrmals angegeben, dass der gegen den Beschwerdeführer erlassene
Haftbefehl und das eingeleitete gerichtliche Strafverfahren wegen unge-
treuer Geschäftsbesorgung gemäss Art. 155 des türkischen StGB von ge-
meinrechtlicher Natur und damit auch grundsätzlich legitim sei (vgl. Akten
A26/20 F20, F65, F126, F136, F140, F145, F147; A27/18 F66, F83 f.). Wie
sie aber ebenfalls mehrmals angegeben hätten, hätten sie die Befürchtung,
für den Fall einer Rückkehr bereits im Flughafen wegen des bestehenden
Haftbefehls verhaftet, einer unmenschlichen Behandlung ausgesetzt und
unverhältnismässig bestraft zu werden (vgl. Akten A26/20 F129, F135,
F141, F146 f.; A27/18 F66-67, F87-88, F97, F124). Diese Befürchtung des
Beschwerdeführers sei vorliegend entgegen der Behauptung der Vo-
rinstanz begründet. Der Beschwerdeführer sei von kurdischer Ethnie und
in seinem Wohnort D._ als Unterstützer der HDP bekannt. Aus die-
sem Grund seien er und seine Ehefrau bereits von örtlichen türkischen Na-
tionalisten unter Druck gesetzt worden (vgl. Akten A26/20 F74, F76-78;
A27/18 F27, F125, F127-128). Gemäss beiliegendem Datenblatt SFH vom
Februar 2020 würden auch Unterstützer der Parteien HDP und DBP (De-
mokratik Bölgeler Partisi) ein Risikoprofil aufweisen. Wie die Vorinstanz
selbst einräume und auch im zitierten Auszug und der teilweise aktualisier-
ten Übersetzung der im August 2020 veröffentlichten englischen COI Com-
pilation führt ACCORD (Austrian Centre for Country of Origin & Asylum Re-
search and Dokumentation) sehr detailliert dargestellt werde, bestehe in
der Türkei derzeit kein faires Zivil- und Strafverfahren. Menschen, die ein
Risikoprofil aufweisen würden, würden bei Festnahmen Misshandlungen
und Folter ausgesetzt werden. Hinzu komme die Tatsache, dass die Judi-
kative in der Türkei derzeit vollständig von der Regierung kontrolliert werde.
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Weiter sei auch vor dem angeblichen Putschversuch vom 2016 gerichts-
notorisch, dass weder die türkische Gesetzgebung noch die Polizei und
Justizbehörden in allen Fällen rechtsstaatlichen Anforderungen zu genü-
gen vermöchten (vgl. BVGE 2013/25 E. 5.4.2). Gemäss Art. 155 Abs. 2 des
türkischen StGB drohe dem Beschwerdeführer eine Freiheitsstrafe von ei-
nem Jahr bis zu sieben Jahren Freiheitsstrafe und bis zu 3000 türkische
Lira Geldstrafe. Wie aktenkundig sei, bestehe für ihn derzeit in der Türkei
ein Haftbefehl. Daher werde er, falls er freiwillig oder unfreiwillig in die Tür-
kei zurückkehre, bereits am Flughafen beziehungsweise bei einer Einreise
auf dem Landweg an der Grenze wegen des bestehenden Haftbefehls ver-
haftet und zur zuständigen Staatsanwaltschaft (Staatsanwaltschaft
D._) zugeführt. Im Haftbefehl werde zwar erwähnt, dass er nach
seiner Einvernahme freigelassen werde. Weil er aber den türkischen Be-
hörden wegen seiner eigenen Tätigkeiten für die HDP bekannt und damit
auch in ihren Fokus geraten sei, werde er mit grösster Wahrscheinlichkeit
als Staatsfeind angesehen und deshalb und in Anbetracht des ihm andro-
henden Strafmasses nicht freigelassen. Dies insbesondere deswegen, weil
die türkische Regierung und der Staatspräsident Erdogan seit 2015 einen
sehr verstärkten nationalistischen Kurs verfolge, dessen Kernelement das
bedingungslose Vorgehen im Kurdenkonflikt sei. Unter diesen Umständen
werde der Beschwerdeführer definitiv nicht fair oder gleich wie andere Be-
schuldigte behandelt. Im Übrigen sei die Praxis von Folter und Misshand-
lung in türkischen Haftanstalten immer noch weitverbreitet. Deshalb drohe
dem heute (...) Jahre alten Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr eine
unmenschliche Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK. Damit sei aber die
Furcht des Beschwerdeführers, für den Fall einer Rückkehr in die Türkei
aufgrund seines persönlichen Profils mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
und in absehbarer Zukunft einer menschenrechtswidrigen Behandlung
ausgesetzt zu werden, auch im heutigen Zeitpunkt objektiv begründet be-
ziehungsweise nachvollziehbar, weshalb seine Flüchtlingseigenschaft an-
zuerkennen und ihm Asyl zu gewähren sei.
Die MHP sei allgemein dafür bekannt, dass sie mit der Mafia enge Verbin-
dungen pflege beziehungsweise mit den nationalistischen Mafia-Gruppen
kooperiere. So habe der Parteichef der MHP Devlet Bahceli vor Kurzem
den Mafiaboss Alattin Cakici aIs Kameraden und Patrioten genannt, nach-
dem Cakici den Chef der grössten Oppositionspartei Herr Kemal Ki-
licdaroglu in einem offenen Brief mit dem Tod bedroht gehabt habe. Die
nationalistischen Mafiagruppen in der Türkei hätten heutzutage nichts zu
befürchten, da ihre Partei als Koalitionspartner die Türkei regiere. Wie die
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Beschwerdeführenden übereinstimmend vorgebracht hätten, seien die Mit-
glieder der Mafiagruppe «Alanlar» türkische Nationalisten und MHP-Leute.
Weil sie mit der Polizei enge Verbindungen hätten und auch teilweise zu-
sammen kooperieren würden, hätten sie die Aufenthaltsorte der Beschwer-
deführenden jeweils sehr einfach und schnell ausfindig gemacht (vgl. Akten
A26/20 F107 f., F130; A27/18 F41, F46, F78 f., F84, F104-106, F108 f.).
Zudem sei die Erwartung der Vorinstanz, dass sowohl der Beschwerdefüh-
rer als auch sein türkischer Anwalt die Täterschaft bestimmen sollten, un-
realistisch. Dies weil sich die Beschwerdeführenden im Zeitpunkt der An-
griffe nicht mehr in D._ aufgehalten hätten und andererseits die Ma-
fia sie durch ihre den Beschwerdeführenden unbekannten Mitglieder be-
droht habe. Trotz der unbekannten Täterschaft habe der Beschwerdeführer
aber ganz genau gewusst, welcher Mafiagruppe diese Angreifer angehör-
ten (vgl. Akte A26/20 F105 f.). Ferner sei auch die Behauptung der Vo-
rinstanz, dass sich die Beschwerdeführenden durch Verlegung ihres Woh-
nortes in eine andere Stadt von der gegen sie gerichteten Verfolgungs-
massnahmen entziehen könnten, unzutreffend und widerspreche der ak-
tenkundigen Tatsachen. Die Mafia habe ihren jeweiligen Aufenthaltsort in
G._ und H._ aufgrund eines Arztbesuches oder Medika-
mentenbezugs ausfindig machen können. Da sie sowohl für die Erledigung
ihrer bürokratischen Angelegenheiten jeweils ihre nationale Identifikations-
nummer benützen müssten, und auch aufgrund ihrer bestehenden chroni-
schen Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes Mellitus auf ärztliche
und medikamentöse Behandlung angewiesen seien, werde ihr Aufenthalts-
ort für den Fall einer Rückkehr erneut sehr schnell ausfindig gemacht (vgl.
Akten A26/20 F107 f., F130; A27/18 F41, F46, F78 f., F84 F104-106, F108
f.). Für diesen Fall würde auch eine Anzeige bei der Polizei nichts nützen,
da auch in diesem Fall die Täter weiterhin unbekannt bleiben würden, falls
davon ausgegangen werden könnte, dass die Polizei gegen die Täterschaft
auch tatsächlich vorgehen würde. Da die türkische Polizei aus oben er-
wähnten Gründen weder im Stande noch gewillt sein werde, sie zu schüt-
zen, würden die Beschwerdeführenden für den Fall einer Rückkehr auf sich
allein gestellt sein. Für den Fall eines gewaltsamen Übergriffs würden sie
sich aber wegen ihres fortgeschrittenen Alters kaum verteidigen können.
Weiter hätten die Verfolger bereits durch die Sachbeschädigungen sowie
ihre verbale und schriftliche Androhung ihre Bereitschaft und Absicht zur
Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit der Beschwerdeführen-
den gezeigt, weshalb die Beschwerdeführenden in Angst und Schrecken
geraten seien und unter diesen Umständen keinesfalls zurückkehren woll-
ten. Zudem seien sie bereits vorher von Anhängern der MHP in ihrem
Quartier mehrmals attackiert und wegen ihrer Ethnie auch erniedrigt und
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beschimpft worden (vgl. Akten A26/20 F74, F76, F150; A27/18 F27, F125-
128). Die Nachteile würden zwar für sich allein betrachtet die für die
Schutzgewährung verlangte Intensität noch nicht erreichen. Wenn sie aber
mit den subjektiven Erlebnissen der Beschwerdeführenden und mit den
Verfolgungshandlungen der Mafia zusammen betrachtet würden, würden
sie schon die für die Schutzgewährung verlangte Intensität erreichen. So-
mit sei die Furcht der Beschwerdeführenden vor einem erneuten Übergriff
seitens der Mafia begründet, weshalb sie die Flüchtlingseigenschaft im
Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG erfüllen würden und weshalb ihnen Asyl zu
gewähren sei.
7.
7.1 Die Beschwerdeführenden führten aus, sie seien verschuldet und wür-
den deswegen einerseits von den türkischen Behörden verfolgt, weil die
Gläubiger ein Betreibungsverfahren beziehungsweise ein strafrechtliches
Ermittlungsverfahren eingeleitet hätten und andererseits durch die Mafia,
welche ebenfalls von den Gläubigern zur Eintreibung der Schulden ange-
heuert worden sei.
Der geltend gemachten Verfolgung der türkischen Behörden und der An-
hänger der Mafia beziehungsweise der Gläubiger liegen einzig und allein
finanzielle Motive zugrunde. Mehrmals betonten die Beschwerdeführenden
selbst, dass sie nur aus vermögensrechtlichen Gründen verfolgt werden.
Den Aussagen der Beschwerdeführenden können keine Hinweise dafür
entnommen werden, dass dies bloss ein Vorwand wäre, um sie aufgrund
ihrer kurdischen Ethnie zu verfolgen. Es bestehen auch keine Hinweise
dafür, dass der Beschwerdeführer als Kurde im Falle einer strafrechtlichen
Verurteilung einem höheren Strafmass ausgesetzt wäre. Im eingereichten
Festnahmebefehl vom 30. Juni 2020 steht sogar in Grossbuchstaben, dass
er nach der Befragung wieder zu entlassen sei. Auch die HDP-Unterstüt-
zung lässt keinen anderen Schluss zu. Einerseits gab der Beschwerdefüh-
rer an, er habe dies nur heimlich gemacht (vgl. Akte A26/20 F30). Anderer-
seits soll dies den MHP-Leuten aber bekannt geworden sein, woraufhin sie
ihm das Leben schwergemacht hätten, indem sie ihn zwei Mal bestohlen
und sich gegenseitig nicht respektiert hätten (vgl. Akte A26/20 F76 ff.). Wei-
tergehende Konsequenzen hatte dies nicht. Abgesehen von den eingelei-
teten Verfahren wegen vermögensrechtlichen Delikten hatte der Be-
schwerdeführer mit den türkischen Behörden keine Probleme geltend ge-
macht. Zudem stellte das SEM zutreffend fest, dass die Beschwerdefüh-
renden strafrechtlich nicht vorbelastet seien, kein politisches Profil hätten
und auch keine anderen Risikofaktoren aufweisen würden. Es bestehen
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deshalb keine konkreten Anhaltpunkt dafür, dass den Beschwerdeführer
bei einer Rückkehr in die Türkei ein rechtsstaatlich unfaires Verfahren für
sein vermögensrechtliches Delikt in der Türkei erwarten würde. Es handelt
sich demnach um eine Verfolgung, die nicht auf einem der in Art. 3 AsylG
erwähnten Motive wie der Ethnie oder auf ihrer politischen Anschauung
beruht. Somit vermag dieses Vorbringen keine Asylrelevanz zu entfalten.
An dieser Feststellung vermögen auch die eingereichten Beweismittel
nichts zu ändern. Die eingereichten Zeitungsberichte stehen überdies in
keinem persönlichen Zusammenhang mit den Beschwerdeführenden.
7.2 Ferner brachten die Beschwerdeführenden vor, sie seien aufgrund ih-
rer kurdischen Ethnie Benachteiligungen und Beschimpfungen ausgesetzt
gewesen. Diese beruhen zwar auf einem flüchtlingsrechtlich relevanten
Motiv, erreichen jedoch keine Intensität einer asylrechtlichen Verfolgung.
7.3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es den Beschwerdeführen-
den nicht gelungen ist, asylrechtlich relevante Verfolgungsgründe im Sinne
von Art. 3 AsylG glaubhaft zu machen, weshalb das SEM zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft verneint und ihre Asylgesuche abgelehnt hat.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
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9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den Be-
schwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden
in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG recht-
mässig.
Sodann ist nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführenden im
Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe
oder Behandlung ausgesetzt wären. Gemäss der Praxis des Europäischen
Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Fol-
terausschusses müssten die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefahr
("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer
Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl.
Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kam-
mer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Die Beschwerdeführenden führten
aus, sie fürchteten sich vor der Mafia, welche ihre Gläubiger zur Eintrei-
bung der Schulden eingesetzt hätten. Diese habe sie bereits im Dezember
2019 bedroht und nach ihrer Ausreise Sachbeschädigungen an ihrem
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Haus und Drohschreiben an ihrer Tür angebracht. Auch ihre Aufenthalts-
orte in H._ und G._ habe sie mittels der Identifikationsnum-
mer ausfindig gemacht. Das SEM hat zutreffend festgehalten, dass die tür-
kischen Behörden im Stande und willens seien, einen adäquaten Schutz
vor Übergriffen und Behelligungen durch private Dritte zu gewähren. Ge-
mäss den Aussagen der Beschwerdeführenden hat die Polizei die Anzeige,
welche sie durch ihren türkischen Anwalt eingereicht hätten, entgegenge-
nommen und Ermittlungen eingeleitet. Der Gemeindevorsteher von
C._ hat die Drohschreiben an der Tür fotografiert und eine Anzeige
bei der Gendarmerie aufgegeben. Insofern bestehen keine Hinweise, dass
die Behörden nicht gewillt wären, gegen die Täter vorzugehen. Schliesslich
ist festzuhalten, dass die Mafia den Beschwerdeführenden in den zweiein-
halb Monaten bei den Verwandten in G._ und H._ bis zur
Ausreise nichts angetan hatte, obwohl sie ihren Aufenthaltsort angeblich
hatte ausfindig machen können. Das SEM ist deshalb zu Recht von einem
regional beschränkten Einflussbereich der Mafia ausgegangen, weshalb
sich die Beschwerdeführenden den Drohungen der Mafia durch einen Auf-
enthalt bei den Verwandten entziehen könnten. Bezüglich dem eingeleite-
ten Strafverfahren beziehungsweise Betreibungsverfahren gegen den Be-
schwerdeführer wurde bereits festgehalten (vgl. E.7.1), dass keine konkre-
ten Hinweise für ein rechtsstaatlich illegitimes Verfahren vorliegen bezie-
hungsweise er einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe
oder Behandlung ausgesetzt wäre. Auch die allgemeine Menschenrechts-
situation in der Türkei lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit-
punkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug
der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen
Bestimmungen zulässig.
9.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
Die allgemeine Situation im Heimatstaat der Beschwerdeführenden ist
nicht von einer landesweiten Situation von Krieg, Bürgerkrieg oder allge-
meiner Gewalt geprägt. Auch in individueller Hinsicht sind keine Gründe
ersichtlich, welche eine Wegweisung als unzumutbar erscheinen liessen.
Bei den Beschwerdeführenden handelt es sich zwar um ältere Personen,
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welche in der Türkei vor ihrer Ausreise finanzielle Probleme hatten. Gleich-
zeitig sind sie aber immer noch im Besitz eines (...)geschäftes und das
Mietverhältnis in C._ besteht weiterhin. Zudem verfügen sie sowohl
in der Türkei wie auch in Europa über Familienangehörige, welche sie un-
terstützen können, was in der Beschwerde bestätigt wurde. Der Beschwer-
deführer stammt sodann aus wohlhabenden Verhältnissen (vgl. Akten
A26/20 F27, F45 ff.; A27/18 F26) und sie haben sich bereits vor ihrer Aus-
reise bei Verwandten in G._ und H._ aufgehalten. Gemäss
ihren Aussagen anlässlich der Anhörung sprechen keine gesundheitlichen
Probleme gegen eine Rückkehr in die Türkei (vgl. Akten A26/20 F49 f.;
A27/18 F62 ff.). Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegwei-
sung nicht als unzumutbar.
9.5 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zustän-
digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
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