Decision ID: e84d3fcf-87e0-4709-ad3a-daaf4abf5796
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1965, Mutter dreier erwachsener Kinder, erlangte das Fähigkeitszeugnis als
Coiffeuse
und war seit 1991 im eigenen Salon selbständig erwerbstätig.
Am 2
8.
Mai 2019 (
Urk.
7/6) meldete sie sich unter Hinweis auf Be
schwerden im Unterschenkel nach am 3
1.
Dezember 2017 erlittener Fraktur rechts
nach einem Fehltritt und anschliessendem Sturz
(
Urk.
7/5/30
) bei der Eidge
nössi
schen Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an.
Die Sozialversiche
rungsan
stalt
des Kantons Zürich, IV-Stelle, tätigte medizinische und erwerbliche Abklä
rungen, wobei sie die Versicherte durch
Dr.
med.
Y._
, Facharzt für Orthopä
d
ische Chirurgie und Traumatologie, vom regionalen ärztlichen Dienst (RAD) untersu
chen liess (Bericht vom 2
2.
November 2019,
Urk.
7/30) und die Verhältnisse vor Ort erhob (Abklärungsbericht für
Selbständigerwerbende
vom 3
1.
Januar 2020,
Urk.
7/33). Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(
Urk.
7/38 und
Urk.
7/43)
verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom
9.
Oktober 2020 (
Urk.
2) basierend auf einem errechneten Invaliditätsgrad von 11
%
einen Anspruch auf IV-Leistungen.
2.
Hiergegen erhob die Versicherte am 2
9.
Oktober 2020 Beschwerde mit dem Rech
ts
begehren, es sei ihr ab
1.
November 2019 eine
Dreiviertelsrente
der Inva
lidenver
sicherung zuzusprechen (
Urk.
1 S. 2). Die IV-Stelle ersuchte am
2.
Dezem
ber 2020 (
Urk.
6) um Abweisung der Beschwerde, was der Versicherten am
7.
Dezember 2020 (
Urk.
8) zur Kenntnis gebracht wurde.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei aus
geglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), in Bezie
hung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie
nicht in
valid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
). Der Einkommensver
gleich
hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Er
werbs
einkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegen
übergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditäts
grad bestimmen lässt (sog. allgemeine Methode des Einkommensvergleichs; BGE 130 V 343 E. 3.4.2 mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin führte zur Begründung ihrer Verfügung aus, es liege eine 50%ige Arbeitsfähigkeit in einer den gesundheitlichen Einschränkungen ange
passten Tätigkeit vor, wozu auch jene als selbständige
Coiffeuse
zähle. Der Ein
kommensvergleich ergebe eine Einschränkung von 11
%
, was unter der renten
begründenden Schwelle von 40
%
liege (
Urk.
2).
2.2
Die Beschwerde
führerin
hielt dagegen, sie sei in verschiedener Hinsicht in der Ausübung der Restarbeitsfähigkeit eingeschränkt (
Urk.
1 S. 5
Ziff.
11). Diese ver
werte sie im eigenen Salon in bester Weise
(S. 6
Ziff.
15). Mit ihren starken ge
sundheitlichen Einschränkungen beziehungsweise dem stark eingeschränkten Belastungsprofil finde sie in der freien Wirtschaft keine Stelle. Es bes
t
ehe somit kein Anlass, auf ein theoretisches Invalideneinkommen aufgrund von LSE-Tabel
len abzustellen. Vielmehr sei von einem Invaliditätsgrad von 65.38
%
auszugehen (S. 9 f.
Ziff.
21).
3.
Die Parteien sind sich dahingehend einig, dass die Beschwerdeführerin in einer behinderungsangepassten Tätigkeit im Umfang von 50
%
arbeitsfähig ist. Dies ist aufgrund der Akten denn auch ausgewiesen.
Dr.
Y._
diagnostizierte in seinem Bericht vom 2
2.
November 2019 (
Urk.
7/30)
eine
schmerzhafte, erhebliche Bewegungs- und Belastungseinschränkung des oberen und unteren Sprunggelenkes, eine muskuläre
Verschmächtigung
des Unter
schenkels sowie ein chronisches neuropathisches Schmerzsyndrom des Unter
schen
kels und Fusses rechts mit/bei Zustand nach
trimalleollärer
OSG-Luxations
fraktur und distaler
Tibiaschaftfraktur
vom 3
1.
Dezember 2017 mit Osteosynthese
am
5.
J
an
u
a
r 2018, Zustand nach vollständiger
Osteosynthesematerial
-Entfer
nun
g und Abtragung eines Knochensporns am
3.
Januar 2019 sowie mässigen post
trau
matischen degenerativen Veränderungen des rechten OSG. Keine Auswir
kungen auf die Arbeitsfähigkeit mass
er einem Zustand nach nicht-dislozierter,
subchondraler
lateraler
Tibiakopf
-Impressionsfraktur rechts vom
2.
Oktober 2019
(konservativ behandelt), einer bekannten chronischen
Epicondylitis
radialis
humeri
links sowie einer anamnestischen Osteoporose (medikamentös therapiert) bei (S. 9
oben). In der bisherigen Tätigkeit als selbständige
Coiffeuse
attestierte er unter den nur im eigenen Salon zu realisierenden, speziellen Arbeitsbedingungen eine 40-50%ige Arbeitsfähigkeit. Diese Tätigkeit erachtete er als optimal angepasst, da es der Beschwerdeführerin möglich sei, sich sowohl die Arbeitszeit als auch die Arbeitshaltung selbst einzuteilen, zwischendurch die Arbeit im Stehen zu unter
brechen, sich hinzusetzen und dabei das rechte Bein hochzulegen (S. 9 unten).
Am
8.
Mai 2020 (
Urk.
7/37/7) beschrieb
er
das Belastungsprofil wie folgt:
K
ör
perlich leichte Tätigkeit, wechselbelastend und dabei häufig sitzend, wobei Zeit
punkt und Dauer der jeweiligen Körperposition ebenso wie der Zeitpunkt des Wechsels selbst frei wählbar sein sollte
n
, ohne häufiges Treppensteigen oder längeres Gehen auf unebenem Boden. Sehr wichtig: Es muss die Möglichkeit
bestehen, zwischendurch mal im
S
itzen das rechte Bein für etwa 15-20 Minuten hochzulegen.
4.
4.1
Ebenso einig sind sich
die
Parteien in Bezug auf
die Höhe des
Validen
ein
kom
mens
. Die Beschwerdegegnerin berechnete dieses ausgehend vom durchschnitt
lichen Betriebsgewinn der Jahre 2014 bis 2017 unter Berücksichtigung der AHV-Beiträge und stellte auf einen Wert von
Fr.
31'102.20 ab. Berücksichtigt man die
mittlere
Nomi
n
allohnentwicklung bis zum Zeitpunkt des frühestmöglichen Ren
tenbeginns im November 2019 (Anmeldung am 2
8.
Mai 2019 plus sechs Monate gemäss
Art.
29
Abs.
1 IVG), ergibt sich ein Wert von
Fr.
31'
941.95
(Nominal
lohnindex Frauen
2016-2020
, Bundesamt für Statistik, Tabelle T1.2.1
5
, Index 10
0
[2015] auf Index 10
2
.
7
[
2019
]).
4.2
Uneinigkeit besteht einzig in Bezug auf das Invalideneinkommen. Die Beschwer
deführerin geht davon aus, dass sie in ihrem Salon bestmöglich eingegliedert ist und sie verwies auf die Invaliditätsgradberechn
ung der Abklärungsperson. Diese
ging vom durchschnittlichen Betriebsertrag der Jah
r
e 2014 bis 2017 von
Fr.
56'643.65 aus,
legte einen Wert von 45
%
zugrunde (angenommene Rest
arbeits
fähigkeit),
subtrahierte die durchschnittlichen Kosten für Waren-/Mate
rial
aufwand, Raumkosten, übrigen Betriebsaufwand sowie AHV-Beiträge und errech
nete ein Invalideneinkommen von
Fr.
10'746.8
0.
Verglichen mit dem
Vali
den
ein
kommen
von
Fr.
31'
1
02.20
ergab sich ein Invaliditätsgrad von 65
%
(
Urk.
7/33/7-8).
4.3
4.
3
.
1
Die Aufnahme einer unselbständigen Erwerbstätigkeit kann nach der Rechtspre
chung als
zumutbar
erscheinen, wenn hiervon
eine bessere erwerbliche Verwer
tung der Arbeitsfähigkeit erwartet werden kann und der berufliche Wechsel unter Berücksichtigung der gesamten Umstände (Alter, Aktivitätsdauer, Ausbildung, Art der bisherigen Tätigkeit, persönliche Lebensumstände) als
zumutbar
erscheint. Im Gebiet der Invalidenversicherung gilt ganz allgemein der Grundsatz, dass die invalide Person, bevor sie Leistungen verlangt, alles ihr Zumutbare selber vorzu
kehren hat, um die Folgen ihrer Invalidität bestmöglich zu mildern. Dieses Gebot
der Selbsteingliederung ist Ausdruck des in der ganzen Sozialversicherung gel
ten
den Grundsatzes der Schadenminderungspflicht, wobei jedoch von der versi
cher
ten Person nur Vorkehren verlangt werden können, die unter Berücksichti
gung der gesamten objektiven und subjektiven Gegebenheiten des Einzelfalls
zu
mutbar
sind. Als Ausdruck der allgemeinen Schadenminderungspflicht geht die Pflicht, die notwendigen Schritte zur Selbsteingliederung zu unternehmen, nicht nur dem Renten-, sondern auch dem gesetzlichen Eingliederungsanspruch vor (Urteil des
Bundesgerichts 9C_356/2014 vom 14. November
2014 E. 3.1 mit Hinweisen).
Recht
sprechungsgemäss
ist eine Betriebs
aufgabe
nur unter strenger Voraus
setz
ung un
zumutbar
und es kann ein Betrieb selbst dann nicht auf Kosten der Inva
lidenversicherung
aufrecht erhalten
werden, wenn die versicherte Person darin Arbeit von einer gewissen erwerblichen Bedeutung leistet (Urteil des Bundes
gerichts 9C_834/2011 vom 2. April 2012 E. 4).
4.3.2
Die Beschwerdeführerin brachte als Argument gegen die Zumutbarkeit der Auf
gabe der selbständigen und die Aufnahme einer unselbständigen Erwerbstätigkeit vor, sie sei 55-jährig und seit 29 Jahren
selbständigerwerbend
. Sie wohne
un
mittelbar
über ihrem Geschäft und ihre schwerwiegenden orthopädischen Beein
trächtigungen wirkten sich nicht ber
e
its
auf dem
Arbeitsweg aus, sondern erst während der Arbeit. Sie sei mit ihrem Geschäft am Wohnort verwurzelt und habe eine Stammkundschaft, welche sich von
ihr
bedienen lasse, obwohl der Haar
schnitt weniger effizient von statten gehe als bei einer uneingeschränkt leis
tungsfähigen Fachkraft. Dass die verbliebene Leistungsfähigkeit überhaupt andern
orts verwertet werden könnte, sei nicht realistisch (
Urk.
1 S. 9
Ziff.
19).
4.3.3
Das Bundesgericht hat die
Zumutbarkeit
der
Aufgabe
der selbständigen Erwerbs
tätigkeit mit Hinweis auf die noch verbleibende Aktivitätsdauer bejaht bei einem Landwirt im Alter von 49 Jahren (Urteil 9C_834/2011 vom 2. April 2012 E. 4), bei einem Landwirt im Alter von 53 beziehungsweise 56 Jahren (Urteil 9C_624/2013 vom 11. Dezember 2013 E. 3.2) und bei einem Rollladen- und
Storenmonteur
im Alter von 57 Jahren (Urteil 8C_748/2011 vom 11. Juni 2012 E. 6.4).
4.3.4
Das Alter der Beschwerdeführerin spricht nach Blick in die Rechtsprechung nicht gegen die Aufgabe der selbständigen Erwerbstätigkeit. Die übrigen von der Be
schwerdeführerin vorgebrachten Argumente sind wohl einleuchtend, vermögen aber - Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit vorausgesetzt - nichts an der Betrachtung zu ändern, dass das erzielbare Resteinkommen derart tief ist, dass sich die Beschwerdeführerin nicht damit begnügen
kann
. Bereits vor ihrem Unfall war das mit der selbständigen Erwerbstätigkeit erzielte Einkommen derart be
schei
den, dass die Lebenshaltungskosten offensichtlich nur mit ergänzenden Zah
lungen bestritten werden konnte
n
.
So wird ihr etwa seit dem Tod des Kindsvaters am 1
7.
November 2015 (
Urk.
7/6/2
Ziff.
2.2) eine Witwenrente in der Höhe von monatlich
Fr.
1'800.-- ausgerichtet (
Urk.
7/33/8).
In der aktuellen Situation mit noch teilweiser Arbeitsfähigkeit hat die Beschwerdeführerin alles daran zu setzen, diese bestmöglich zu verwerten. Bei dieser Ausgangslage ist die Nähe des Betrie
bes im Wohnhaus ebenso wenig ausschlaggebend wie die Verankerung am Wohn
ort,
wobei diese mit rund 15 Kunden pro Woche (
Urk.
7/30/5) durchaus vor
handen sein mag, bei den frappanten Zahlen aber nur bedingt ins Gewicht fällt.
Die Investitionen sind mit rund
Fr.
20'000.-- (
Urk.
7/15/12) überschaubar
und jedenfalls nicht dergestalt, dass sie gegen die Zumutbarkeit der Aufgabe der selb
ständigen Erwerbstätigkeit sprechen würden.
4.4
4.4.1
Ist nach dem Gesagten erstellt, dass der Beschwerdeführerin die Aufgabe ihrer selbständigen Erwerbstätigkeit
grundsätzlich zumutbar ist, bleibt die wirtschaft
liche Verwertbarkeit ihrer Restarbeitsfähigkeit ausserhalb des eigenen Betriebes zu prüfen.
4.4.2
Das trotz der gesundheitlichen Beeinträchtigung
zumutbarerweise
erzielbare Ein
kommen ist bezogen auf einen ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu ermitteln (Art. 16 ATSG; BGE 138 V 457 E. 3.1 mit Hinweis). Dabei ist nicht von realitätsfremden Einsatzmöglichkeiten auszugehen. Es können nur Vorkehren verlangt werden, die unter Berücksichtigung der gesamten objektiven und subjektiven Gegebenheiten des Einzelfalles zumutbar sind. An die Konkretisierung von Arbeitsgelegenheiten und Verdienstaussichten sind jedoch rechtsprechungsgemäss
keine übermässigen Anforderungen
zu stellen (Urteil des Bundesgerichts 9C_910/2011 vom 30. März 2012 E. 3.1 mit Hinweis; vgl. BGE 138 V 457 E. 3.1). Der ausgeglichene Arbeits
markt umfasst auch sogenannte Nischenarbeitsplätze, also Stellen- und Arbeits
angebote, bei denen Behinderte mit einem sozialen Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers rechnen können. Von einer Arbeitsgelegenheit kann nicht mehr gesprochen werden, wenn die zumutbare Tätigkeit nur noch in so eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der ausgeglichene Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden einer entsprechenden Stelle daher von vornherein als ausgeschlossen erscheint (vgl. statt vieler: Urteile des Bundesge
richtes 8C_434/2017 vom 3. Januar 2018 E. 7.2.1 und 9C_253/2017 vom 6. Juli 2017 E. 2.2.1, je mit weiteren Hinweisen).
Für die Invaliditätsbemessung ist nicht massgebend, ob eine invalide Person unter den konkreten Arbeitsmarktverhältnissen vermittelt werden kann, sondern einzig, ob sie die ihr verbliebene Arbeitskraft noch wirtschaftlich nutzen könnte, wenn ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage nach Arbeitsplätzen bestünde (statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 8C_645/2017 vom 23. Januar 2018 E. 4.3.2 mit Hinweis; Meyer/
Reichmuth
, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, 3. Auflage 2014,
Rn
132 zu Art. 28a).
Das fortgeschrittene Alter wird, obgleich an sich ein invaliditätsfremder Faktor, in der Rechtsprechung als Kriterium anerkannt, welches zusammen mit weiteren persönlichen und beruflichen Gegebenheiten dazu führen kann, dass die einer versicherten Person verbliebene Resterwerbsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
realistischerweise
nicht mehr nachgefragt wird, und dass ihr deren Verwertung auch gestützt auf die Selbsteingliederungspflicht nicht mehr
zumut
-
bar
ist. Der Einfluss des Lebensalters auf die Möglichkeit, das verbliebene Leis
tungsvermögen auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu verwerten, lässt sich nicht nach einer allgemeinen Regel bemessen, sondern hängt von den Umständen des Einzelfalles ab. Massgebend können die Art und Beschaffenheit des Gesund
heitsschadens und seiner Folgen, der absehbare Umstellungs- und Einarbei
tungsaufwand und in diesem Zusammenhang auch Persönlichkeitsstruktur, vor
handene Begabungen und Fertigkeiten, Ausbildung, beruflicher Werdegang oder Anwendbarkeit von Berufserfahrung aus dem angestammten Bereich sein (BGE
138 V 457 E. 3.1 mit Hinweisen). Die Möglichkeit, die verbliebene Arbeitsfähig
keit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu verwerten, hängt nicht zuletzt davon ab, welcher Zeitraum der versicherten Person für eine berufliche Tätigkeit und vor allem auch für einen allfälligen Berufswechsel noch zur Verfügung steht (BGE 138 V 457 E. 3.2 mit Hinweisen; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 8C_645/2017 vom 23. Januar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
4.4.3
Das Alter der Beschwerdeführerin spricht nicht gegen eine Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit. Mit gut 55 Jahren ist sie noch erheblich vom Alter entfernt, in welchem die Rechtsprechung eine altersbedingte Unverwertbarkeit annimmt.
Eine verbleibende Aktivitätsdauer von rund fünf Jahren bis zum Erreichen des AHV-Pensionsalters
etwa
schliesst die Verwertbarkeit der verbleibenden Rest
arbeitsfähigkeit für sich alleine nicht aus (vgl. BGE
143
V
431 E.
4.5.2 mit Hinweis; vgl.
Urteil des Bundesgerichts 8C_28/2017 vom 1
9.
Juni 2017 E.
5.2 mit Hinweis).
Bei einer Zeitspanne von gut neun Jahren kann nicht von einer Unver
wertbarkeit ausgegangen werden (Urteil des Bundesgerichts 8C_330/2021 vom
8.
Juni 2021 E. 5.3.3 mit Hinweisen).
Die Einschränkungen der Beschwerdeführerin im zumutbaren Pensum von 50
%
sind mehrschichtig. Das Erfordernis einer körperlich leichten, wechselbelastenden Tätigkeit mit freier Wählbarkeit der Körperposition erscheint nicht als ausser
gewöhnlich. Ebenso wenig der Verzicht auf häufiges Treppensteigen oder län
geres Gehen auf unebenem Boden.
Ins Gewicht fällt dagegen die Notwendigkeit, zwischendurch das Bein für 15-20 Minuten hochzulegen.
Ein vermehrter Pausen
bedarf wird von der Rechtsprechung regelmässig nicht unter dem Titel «Verwert
barkeit», sondern unter dem Titel «Abzug vom Tabellenlohn» abgehandelt. Ein solcher ist indes praxisgemäss nicht zu gewähren, wenn der vermehrte Pausen
bedarf im Pensum der Restarbeitsfähigkeit berücksichtigt ist (Urteil des Bundes
gerichts 9C_134/2016 vom 1
2.
April 2016 E. 3.2). Dies ist vorliegend der Fall, bemass
Dr.
Y._
die Restarbeitsfähigkeit doch mit 40 bis 50
%
und erachtete die bisherige Tätigkeit als ideal, weil die Beschwerdeführerin flexibel die notwen
di
gen Pausen einlegen kann. Von einer zusätzlichen Einschränkung im zumut
baren Pensum war nicht die Rede.
Wenn der zusätzliche Pausenbedarf schon keinen Abzug vom Tabellenlohn rechtfertigt, ist umso weniger von einer wirt
schaftlichen Unverwertbarkeit auszugehen.
4.4.4
Damit ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin in der Stellenwahl wohl ein
geschränkt ist, indessen nicht davon ausgegangen werden kann, dass sich auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt keine zumutbare Tätigkeit mehr finden lässt.
4.5
Die Beschwerdegegnerin bemass das Invalideneinkommen mit
Fr.
27'812.-- und stützte sich dabei auf die Tabellenlöhne des Bundesamtes für S
tatistik. Die praxisgemäss beizuziehenden Löhne gemäss der Lohnstrukturerhebung weisen im Jahr 2018 für Frauen im Kompetenzniveau 1 einen Lohn von
Fr.
4'371.--
aus
, was angepasst an die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von 41.7 Stun
den (Betriebsübliche Arbeitszeit, Tabelle T 03.02.03.01.04.01) und unter Berück
sichtigung der Nominallohnentwicklung (Index 101.7 [2018] auf 102.7 [2019]) sowie entsprechend dem noch zumutbaren Pensum von 50
%
einen Wert von
Fr.
27'609.45 ergibt.
Wollte man vom ärztlich attestierten Mindes
t
wert (40
%
) ausgehen, ergäbe sich ein mögliches Einkommen von
Fr.
22'087.55.
4.6
Die Beschwerdegegnerin gewährte keinen Abzug vom Tabellenlohn, was in Bezug
auf den zusätzlichen Pausenbedarf grundsätzlich nicht zu beanstanden ist (E.
4.
4.3). Dass die Beschwerdeführer
in
im Rahmen dieser Pausen sitzen und das Bein hochlagern muss, ist auch nicht derart aussergewöhnlich, dass sie deswegen mit einem Minderverdienst rechnen müsste. Dass die Tätigkeit körperlich leicht, wechselbelastend und dabei häufig sitzend ausgestaltet sein muss, wobei Zeit
punkt und Dauer der jeweiligen Körperposition ebenso wie der Zeitpunkt des Wechsels selbst frei wählbar sein sollte,
könnte sich allenfalls als lohnmässig einschränkend auswirken. Denn Tätigkeiten in einer Fabrik, etwa sitzend an einem Fliessband, fallen damit weg.
4.7
Angesichts der eindeutigen Verhältnisse ist diese Frage jedoch nicht von weiterer Bedeutung. Denn bei einem - diskutierbaren - Abzug von 10
%
ergibt sich ein
Invalideneinkommen von
Fr.
24'848.50 und verglichen mit dem
Validenein
kom
men
von
Fr.
31'941.95 ein Invaliditätsgrad von 22
%
. Wollte man gar das red
u
zierte
zumutbare
Pensum von 40
%
zugrunde legen, was nicht statthaft ist,
ergäbe
sich ein Invalideneinkommen von
Fr.
19'878.80 und verglichen mit dem
Vali
deneinkommen
von
Fr.
31'941.95 ein Invaliditätsgrad von 38
%
, welcher eben
falls unter der anspruchsbegründen
d
en Schwelle liegt.
Damit erweist sich die angefochtene Verfügung als rechtens, was zur Abweisung der Beschwerde führt.
5.
Die Kosten des Verfahrens
gemäss
Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise auf
Fr.
6
00.-- festzusetzen und
der
Beschwerdeführerin
aufzuerlegen.