Decision ID: b93a4bcd-8f0e-598f-952b-7dacce7b01d8
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) meldete sich am 29. März 2009 bei der
Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an. Die Versicherte war seit 2. Januar
2002 in einem Pensum von 80 % bei der B._ in der Kommissionierung erwerbstätig
(IV-act. 1; Angaben Arbeitgeberin vom 25. Mai 2009, IV-act. 17).
A.a.
Bei der Versicherten war am 5. September 2009 eine Repositionsspondylodese
L5/S1 und transforaminale lumbale interkorporelle Fusion L5/S1 bei Spondylolisthesis
Meyerding Grad II vorgenommen worden (Klinik für Orthopädische Chirurgie des
Kantonsspitals St. Gallen [KSSG], Operationsbericht, IV-act. 37-69, und Austrittsbericht
vom 17. September 2008, IV-act. 37-66 f.). Die Klinikärzte hatten zunächst von einem
unauffälligen postoperativen Verlauf (Bericht Klinik für Orthopädische Chirurgie des
KSSG vom 15. Oktober 2008, IV-act. 64 f.) und später von persistierenden tieflumbalen
Schmerzen bei längerem Sitzen oder Stehen (Berichte vom 26. November 2008, IV-
act. 37-62, und vom 19. März 2009, IV-act. 37-60 f.) berichtet.
A.b.
Im Arztbericht der Klinik für Orthopädische Chirurgie des KSSG vom 8. Juli 2009
wurde festgehalten, es bestünden therapierefraktäre Rückenschmerzen, und eine
Repositionsoperation wurde erwogen (IV-act. 24; vgl. auch Bericht vom 20. Oktober
A.c.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2009, IV-act.39). Dr. med. C._, Facharzt für Allgemeine Medizin, attestierte gemäss
Arztbericht vom 22. August 2009 eine Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit von
35 % (IV-act. 27; vgl. auch Arztbericht vom 24. Oktober 2009, IV-act. 37-1 ff.). Die IV-
Stelle sprach der Versicherten durch Mitteilung vom 17. September 2009 Massnahmen
zum Erhalt des Arbeitsplatzes zu (IV-act. 34). Im Verlaufsbericht vom 23. Januar 2010
hielt Dr. C._ eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit bis 50 % (vier Stunden täglich in der
bisherigen und viereinhalb Stunden täglich in einer angepassten Tätigkeit) für möglich
(IV-act. 42-1 ff.).
In seinem Gutachten im Auftrag der IV-Stelle vom 31. August 2010 kam Dr. med.
D._, Facharzt für Rheumatologie FMH (Untersuch 2. Juni 2010, IV-act. 62), zum
Schluss, eine Arbeitsunfähigkeit in körperlich leichten, wechselbelastenden und im
Wesentlichen rückenadaptierten Tätigkeiten könne aus rheumatologischer Sicht
lediglich im Rahmen von etwa 20 % attestiert werden. Die Versicherte benötige über
das betriebsübliche Mass hinausgehende Pausen von total 60 bis 90 Minuten zur
Durchführung von Dehnungsübungen und Einnahme von Entlastungsstellungen. Aus
somatischer Sicht könne mit einer weiteren Steigerung der Leistungsfähigkeit
gerechnet werden (IV-act. 62-14).
A.d.
Vom 15. November bis 11. Dezember 2010 unterzog sich die Versicherte einer
stationären muskuloskelettalen Rehabilitationsbehandlung in der Klinik Valens. Die
Ärzte beurteilten die Versicherte als ab Austritt für zu Beginn leichte,
wechselbelastende und nach weiterem intensiven Training auch für mittelschwere
Arbeiten zu 100 % arbeitsfähig (ärztliches Zeugnis vom 11. Dezember 2020, IV-act. 71;
Bericht vom 4. Januar 2011, IV-act. 77). Dr. C._ attestierte der Versicherten mit
Zeugnis vom 3. Februar 2011 eine bereits vor dem 28. Januar 2011 und bis auf
Weiteres bestehende 100%ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 79).
A.e.
Am 27. April 2011 wurde die Versicherte in der Klinik für Neurologie des KSSG
abgeklärt (Bericht vom 28. April 2011, IV-act. 184). Die Klinik für Orthopädische
Chirurgie des KSSG hielt im Bericht vom 26. Mai 2011 fest, gemäss CT vom 25. März
2011 liege die L5-Schraube rechtsseitig zu medial und tangiere so den Spinalkanal
bzw. die Wurzel rechts. Angesichts dieser neuen Erkenntnis sei der Versicherten klar
die Osteosynthesematerialentfernung L5/S1 mit Neurolyse L5 vorgeschlagen worden.
A.f.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Inwiefern durch die chronische Drucksituation bereits eine Chronifizierung der
Beschwerden eingesetzt habe, könne nicht abgeschätzt werden (Befund CT, IV-
act. 172; Bericht Klinik für Orthopädische Chirurgie des KSSG vom 26. Mai 2011, IV-
act. 174). Daraufhin schloss die IV-Stelle die Arbeitsvermittlung ab (Verlaufsprotokoll
Eingliederung, IV-act. 86; Schlussbericht Eingliederungsberater vom 27. Mai 2011, IV-
act. 87; Mitteilung vom 5. Juli 2011, IV-act. 93).
Am 11. Juli 2011 erfolgte die vorgeschlagene Osteosynthesematerialentfernung
L5/S1 rechts mit Dekompensation/Neurolyse L5 rechts (Operationsbericht, IV-act. 173;
Kurzaustrittsbericht Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie vom 15. Juli
2011, IV-act. 123-1 f.).
A.g.
Nachdem eine Ischialgie rechts persistierte (Bericht Klinik für Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des KSSG vom 25. November 2011, IV-act. 113), wurde
die Versicherte in die Schmerzsprechstunde des interdisziplinären Ambulatoriums
E._ überwiesen, wo ein chronifiziertes neuropathisches Schmerzsyndrom,
Chronifizierungsstadium nach Gerbershagen III bei Status nach TLIF L5/S1 mit
Schraubenfehllage L5 rechts und Radikulopathie L5 rechts, eine persistierende
Ischialgie rechts bei Status nach Osteosynthesematerialentfernung L5/S1 mit
Neurolyse L5 rechts sowie eine mittelschwere depressive Episode diagnostiziert
wurden (Berichte vom 27. Februar 2012, IV-act. 114-2, vom 29. Mai 2012, IV-act. 117,
und vom 2. Juli 2012, IV-act. 125-8). Nach einer stationären psychosomatischen
Rehabilitation in der Klinik F._ vom 18. Juli bis 14. August 2012 wurde festgehalten,
die Arbeitsfähigkeit betrage weiterhin 40 %, wobei sich eine Aufteilung des Pensums in
zweimal zwei Stunden empfehle (Austrittsbericht vom 23. August 2012, IV-
act. 125-1 ff.). Eine neuropsychologische Abklärung vom 17. Oktober 2012 in der Klinik
für Neurologie des KSSG ergab, im Vordergrund stünden Hinweise für ein
unterdurchschnittliches intellektuelles Leistungsvermögen vor allem im Bereich der
Verbal-IQ. Es liessen sich leichte bis mittelschwere Störungen der exekutiven
Funktionen, der metakognitiven und Selbstregulationsfähigkeiten (desorganisiertes
Vorgehen, mangelnder Überblick, erhöhte Anfälligkeit auf äussere Störeinflüsse,
vermindertes selektives Denken, deutliche Schwierigkeiten in der selbständigen
Aufmerksamkeits- und Handlungsüberwachung) objektivieren (IV-act. 123-6 ff.).
A.h.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Auftrag eines Privatversicherers erfolgte am 13./14. Juni 2013 eine
funktionsorientierte medizinische Abklärung (FOMA) durch das Zentrum für
Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene AG (AEH). Diese kam laut Gutachten vom
27. September 2013 (Fremdakten, act. 4) zum Ergebnis, rheumatologischerseits liege
eine erhebliche, zumindest mittelgradige Funktionseinschränkung der
Lendenwirbelsäule vor. Dies sei nach durchgeführter Spondylodeseoperation L5/S1
auch strukturell nachvollziehbar (Fremdakten, act. 4-4). Aufgrund der Selbstlimitierung
bei mehreren Tests könne die Zumutbarkeit gestützt auf die Evaluation der
arbeitsbezogenen funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL) nicht abschliessend beurteilt
werden. Diese müsse medizin-theoretisch erfolgen (Fremdakten, act. 4-5).
Rheumatologischerseits bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 50 % bezogen auf eine
Ganztagesarbeit, bei verlängerter Pause zwischen zwei Zweistundenblöcken. Aufgrund
der chronischen Schmerzstörung sei eine Möglichkeit der Pensumserhöhung nicht
einschätzbar (Fremdakten, act. 4-5).
A.i.
Die IV-Stelle erteilte einen Auftrag zur polydisziplinären Begutachtung, welcher der
Aerztliches Begutachtungsinstitut GmbH (ABI) Basel zugeteilt wurde (Gutachten vom
14. Oktober 2013, Dr. med. G._, Neurologie; Dr. med. H._, Allgemeine Innere
Medizin; Dr. med. I._, Psychiatrie; lic. phil. J._, Neuropsychologie; Dr. med. K._,
Orthopädie; Untersuchungen 1. bis 3. Juli 2013; IV-act. 142-4 ff.). Die Gutachter kamen
zum Schluss, die Versicherte sei seit der ersten Operation im September 2008 in einer
leichten, wechselbelastenden Tätigkeit mit einer Gewichtsbelastung bis maximal 10 kg
zu 80 % arbeitsfähig (ganztägiges Pensum, um 20 % reduziertes Rendement; IV-
act. 142-32).
A.j.
Mit Vorbescheid vom 17. Januar 2014 gewährte die IV-Stelle der Versicherten das
rechtliche Gehör zur vorgesehenen Abweisung des Leistungsbegehrens (IV-act. 146).
Mit Einwand vom 21. bzw. 24. Februar 2014 liess die Versicherte geltend machen, das
Gutachten berücksichtige nicht, dass sie infolge der Fehllage einer Schraube, die direkt
auf eine Nervenwurzel im Rücken drücke, neuropathische Schmerzen entwickelt habe
(IV-act. 148-1, 4; IV-act. 147). Die behandelnde Ärztin im interdisziplinären
Ambulatorium E._ (Bericht vom 26. Mai 2014, IV-act. 153) sowie die therapierende
Psychologin der Klinik für Psychosomatik des KSSG (Bericht vom 29. Juli 2014, IV-act.
A.k.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
159) hielten im Wesentlichen fest, ein Fahrradunfall im Herbst 2013 habe die
Versicherte zusätzlich psychisch destabilisiert.
Die Versicherte liess am 31. Oktober 2014 zur Begründung ein Parteigutachten von
Prof. Dr. med. L._, Facharzt für Neurochirurgie, einreichen (IV-act. 161). Das
Gutachten vom 25. Oktober 2014 (Untersuchungen 19. August 2013, 24. Januar 2014
und 8. September 2014; IV-act. 164) erging im Auftrag der Versicherten in Abstimmung
mit dem Haftpflichtversicherer des KSSG unter der Annahme, dass die
Sorgfaltspflichtverletzungen von diesem "anerkannt" bzw. die am Haftpflichtfall
Beteiligten davon ausgingen, dass die Schraubenimplantation und in der Folge die
Nichterkennung der klinischen Problematik fehlerhaft gewesen seien (IV-act. 164-1 f.).
Der Gutachter legte im Wesentlichen dar, im CT-Bild vom 25. März 2011 zeige sich,
dass die Pedikelschraube L5 rechts voll durch den Recessus lateralis (lateraler
intraspinaler Raum rechts) verlaufe und nicht nur die Wurzel L5 rechts tangiert, sondern
diese und weitere Faszikel sowie der annuklus fibrosus verletzt worden seien. Dies
erkläre die neuropathischen Schmerzen sowie die ausgeprägte Fussheber- und
Fusssenkerparese (IV-act. 164-12 f.). Die Schmerzen seien eindeutig morphologisch
bedingt durch die Schraubenfehllage in Höhe von L5/S1 rechts (IV-act. 164-15). Die
Diagnostik des orthopädischen und des neurologischen ABI-Gutachters sei
unvollständig, da letztere die Auswirkungen der Läsion der Wurzeln L5 und S1 mit
Zerreissung der Nervenhüllen und feinster Nervenstrukturen nicht richtig gewürdigt
hätte (IV-act. 164-30 ff.). Langfristig sei eine Arbeitsfähigkeit von 40 %, bei guter
sozialer Betreuung von 50 %, realistisch (IV-act. 164-39 ff.).
A.l.
RAD-Ärztin Dr. med. M._, Fachärztin für Physikalische Medizin und
Rehabilitation, führte in ihrer Stellungnahme vom 1. Juli 2016 aus, dass auf das
Gutachten von Prof. L._ alleine könne nicht abgestellt werden könne, da bei
Schmerzsyndromen grundsätzlich auch eine psychiatrische Begutachtung erforderlich
sei (IV-act. 202). Aufgrund dessen gab die IV-Stelle ein weiteres polydisziplinäres
Gutachten im Auftrag, welches der PMEDA (Polydisziplinäre Medizinische Abklärungen)
zufiel. Diese hielt im Gutachten vom 3. Januar 2017 (Dr. med. N._, Allgemeine Innere
Medizin; Prof. Dr. med. O._, Neurologie; Dipl-Psych. P._, Neuropsychologie; Dr.
med. Q._, Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates;
Dr. med. R._, Psychiatrie und Psychotherapie; Untersuchungen 13, 19. und
A.m.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
20. Oktober 2016; IV-act. 212) fest, es bestehe kein ausreichender Anhalt für eine die
Arbeitsfähigkeit mindernde Läsion am zentralen oder peripheren Nerensystem (IV-
act. 212-33). Es bestünden wesentliche Inkonsistenzen (IV-act. 212-57). Die
Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten sowie in jeder vergleichbaren körperlich
leichten bis mittelschweren, wechselbelastend oder überwiegend sitzend ausgeübten
Tätigkeit des allgemeinen Arbeitsmarkts sei mit 100 % einzuschätzen. Dies gelte seit
der Korrekturoperation im Jahr 2011. Von 2008 bis 2011 möge eine höhergradige
spinal begründete Beeinträchtigung bestanden haben, so dass aus Sicht der Gutachter
für diesen Zeitraum auch eine generelle Arbeitsunfähigkeit von 100 % für jedwede
Tätigkeit zuerkannt werden könne (IV-act. 212-56 f., 66 f.).
Prof. L._ nahm am 19. Januar 2017 im Wesentlichen Stellung zur Entstehung
der neuropathischen Schmerzen (IV-act. 227-4 ff.; vgl. dazu auch die Erwägungen).
A.n.
Mit Vorbescheid vom 8. Februar 2017 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Zusprache einer ganzen Rente mit Wirkung vom 1. Oktober 2009 bis 31. Oktober 2011
in Aussicht (IV-act. 220). Hiergegen liess die Versicherte am 15. März 2017 Einwand
erheben (IV-act. 223) und am 16. Juni 2017 einen weiteren Bericht von Prof. L._ vom
15. Juni 2017 einreichen (IV-act. 231; IV-act. 233). Danach schätze er die aktuelle
Arbeitsfähigkeit der Versicherten in Beruf und Haushalt auf zwischen 20 % und 30 %,
wobei zu berücksichtigen sei, dass die Versicherte auf eine Morphin-Medikation
angewiesen sei, die zu Müdigkeit und zu einer Einschränkung der Merk- und
Konzentrationsfähigkeit führen könne, ganz besonders aber eine Konstanz der
psychischen und physischen Belastung fast unmöglich mache (IV-act. 233-11).
Dr. med. S._, Facharzt für Psychosomatische und Psychosoziale Medizin,
Schmerzzentrum KSSG, hielt im ebenfalls mit dem Einwand eingereichten Bericht vom
12. September 2017 fest, die dargestellte Nervenwurzelverletzung könne bei
bildgebend nachgewiesener Schraubenfehllage mit topografisch bei der Nervenwurzel
L5 liegender Schraubenspitze auf diese zurückgeführt werden. Die Entfernung des
Spondylodesematerials habe erwartungsgemäss keinen Einfluss auf den
Beschwerdeverlauf gehabt, da einmal gesetzte Nervenverletzungen in vielen Fällen
irreversibel seien (IV-act. 242).
A.o.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die um Stellungnahme ersuchte Gutachterstelle äusserte sich am 18. Oktober
2017. Die von Prof. L._ am 19. Januar 2017 erhobenen Befunde würden von den
eigenen abweichen und die von ihm angenommene schwerwiegende multiradikuläre
Läsion stehe zumindest mit dem gutachterlichen Befund nicht in Einklang. Es sei daher
eine Verlaufsbegutachtung erforderlich (IV-act. 240).
A.p.
RAD-Ärztin Dr. M._ nahm am 12. November 2017 Stellung. Gemäss den von
Prof. L._ erhobenen Befunden hätte es seit Oktober 2014 zu einer deutlichen
Verschlechterung kommen müssen, was er aber implizit verneine. Seine Ausführungen
seien widersprüchlich und wenig überzeugend. Eine neuerliche neurologische
Untersuchung oder Verlaufsbegutachtung sei nicht erforderlich (IV-act. 244). Die
Versicherte liess dazu im Rahmen der zweiten Anhörung am 31. Januar 2018 Stellung
nehmen. Die Ausführungen von Prof. L._ deckten sich mit denjenigen weiterer Ärzte,
insbesondere von Dr. S._. Die Gutachten der ABI und PMEDA seien nicht verwertbar
und aus den Akten zu entfernen (IV-act. 246, 248). Prof. L._ berichtete am 12. März
2018 über eine weitere Untersuchung der Versicherten (IV-act. 250). Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin beschwerte sich am 26. April 2018 über die
lange Verfahrensdauer (IV-act. 251). Die PMEDA nahm am 23. Mai 2018 nochmals
Stellung: Im Wesentlichen beschreibe das neurologische Gutachten im Befund das
fehlende klinische Korrelat für die reklamierten Schmerzen und diskutiere diese
nochmals in der Beurteilung. Versicherungsmedizinisch seien nicht die
bildmorphologischen, sondern die klinischen Befunde massgebend (IV-act. 256). Am
20. September 2018 berichtete Prof. L._ über eine weitere Konsultation der
Versicherten (IV-act. 265).
A.q.
Dr. med. T._, Facharzt für Neurologie FMH, berichtete am 27. November 2019
von den Diagnosen radikulärer Schmerzen S1 links (richtig wohl: rechts) bei
transpedikulärer Verschraubung L5/S1 mit Fehlplatzierung der Schraube am
5. September 2008 und Revisionsoperation am 7. November 2011 und eines
persistierenden lumbovertebralen radikulären/pseudoradikulären Schmerzsyndroms
rechts. Die Versicherte zeige ein chronisches und auch deutlich funktionell überlagertes
Schmerzsyndrom der LWS sowie des rechten Beines mit subjektiv sensomotorischer
Ausfallsymptomatik (IV-act. 271). RAD-Ärztin Dr. M._ kommentierte am 8. Januar
2019, bei der ausführlichen neurologischen Untersuchung bei Dr. T._ vom
A.r.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
27. November 2018 sei nicht die Diagnose eines neuropathischen Schmerzes im
rechten Bein gestellt worden. Die Schmerzen im rechten Bein seien als radikulär bzw.
pseudoradikulär intepretiert worden. Die neurologische Untersuchung von Dr. T._
decke sich im Prinzip mit der gutachterlichen Einschätzung der PMEDA (IV-act. 274).
Prof. L._ berichtete am 27. Februar 2019 von einer erneuten Untersuchung der
Versicherten und führte unter anderem aus, die Gutachter hätten die neuropathischen
Schmerzen als direkte Folge einer Schädigung oder Erkrankung somatosensorischer
Nervenstrukturen im peripheren Nervensystem nicht verstanden und somit nicht
anerkannt (IV-act. 285).
Mit Vorbescheid vom 10. April 2019 gewährte die IV-Stelle der Versicherten das
rechtliche Gehör zur vorgesehenen Zusprache einer ganzen Invalidenrente mit Wirkung
vom 1. Oktober 2009 bis 31. Oktober 2011 (IV-act. 288). Dagegen liess die Versicherte
am 29. Mai 2019 Einwand erheben und geltend machen, es habe keine Verbesserung
stattgefunden und Dr. T._ sei zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht beauftragt
gewesen (IV-act. 293). Die RAD-Ärztin Dr. M._ befand am 29. Juni 2019, aus dem
aktuellen Einwand ergäben sich keine neuen medizinischen Erkenntnisse (IV-act. 294).
A.s.
Am 16. Juli 2019 verfügte die IV-Stelle entsprechend dem Vorbescheid. Die
Versicherte sei vom 4. September 2008 bis 10. Juli 2011 sowohl in der angestammten
als auch in adaptierten Tätigkeiten zu 100 % arbeitsunfähig gewesen. Entsprechend
bestehe bei einem Invaliditätsgrad von 100 % vom 1. Oktober 2009 bis 31. Oktober
2011 Anspruch auf eine ganze Rente. Spätestens seit der Korrektionsoperation vom
11. Juli 2011 habe sich der Gesundheitszustand stark verbessert, so dass von einer
vollen Arbeitsfähigkeit auszugehen sei. Bei deren Verwertung könne sie auf dem offen
stehenden Arbeitsmarkt ein gleich hohes Einkommen erzielen wie bisher
(Invaliditätsgrad 0 %). Im Einwand seien keine neuen medizinischen Unterlagen
eingereicht worden, die es dem RAD ermöglicht hätten, eine neue Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit vorzunehmen. Auch der Bericht von Dr. T._ sei berücksichtigt
worden. Mangels neuer objektivierbarer Befunde werde an der bisherigen Beurteilung
festgehalten (IV-act. 300, 304).
A.t.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gegen die Verfügung vom 16. Juli 2019 lässt A._ (nachfolgend:
Beschwerdeführerin), vertreten durch Rechtsanwalt M. Bader, MLaw, Beschwerde
erheben mit den Anträgen, die angefochtene Verfügung sei unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen aufzuheben und es seien ihr Leistungen aus IVG zuzusprechen,
insbesondere eine unbefristete ganze Rente über den 31. Oktober 2011 hinaus. Es sei
ein Gerichtsgutachten zu ihrer Arbeitsfähigkeit einzuholen. Die Verrechnungen der AXA
Versicherungen AG von Fr. 14'823.50 (für Krankentaggeldleistungen [vgl. IV-act. 313])
und der SWICA Gesundheitsorganisation von Fr. 4'842.-- (für Vorschussleistungen
[vgl. IV-act. 312]) seien aufzuheben und ihr die Beträge auszuzahlen. Zur Begründung
liess sie ausführen, auch aktuell leide sie unter den chronifizierten neuropathischen
Schmerzen mit depressiver Störung (eventuell Episode), beides zurückzuführen auf die
Schraubenfehllage. Es sei keine Restarbeitsfähigkeit mehr gegeben. Ebenfalls
beeinträchtigend wirke sich die seit Jahren bestehende versicherungsrechtliche
Situation aus. Es lägen Schmerzen mit nachgewiesenem organischen Korrelat vor
(Nervenverletzung), weshalb auf die Beurteilung von Prof. L._ und Dr. S._
abzustellen und ihr infolge der 100%igen Arbeitsunfähigkeit eine ganze Rente
zuzusprechen sei. Eventualiter sei dieser Umstand anhand eines Gerichtsgutachtens
nachzuprüfen. Es sei willkürlich, den chronifizierten Schmerzen das organische Korrelat
abzusprechen, obwohl eine Nervenverletzung/-kompression aktenkundig sei. Sollte
nicht von einem vollinvalidisierenden Schmerz mit organischem Korrelat ausgegangen
werden, hätte die Beschwerdegegnerin den Fall nach dem strukturierten
Beweisverfahren zu beurteilen und die mehrfach diagnostizierte Depressivität und
diese Ressourcenhemmung berücksichtigen müssen. Für die Feststellung, der
Gesundheitszustand habe sich nach der Operation vom 11. Juli 2011 stark verbessert,
finde sich keine medizinische Grundlage in den Akten. Hingegen fänden sich mehrere
Berichte, wonach die Entfernung des Osteosynthesematerials keine Besserung
gebracht habe. Es sei folglich willkürlich und widersprüchlich, zuerst vom Vorliegen
einer Arbeitsunfähigkeit auszugehen und diese dann, ohne dass es zu einer relevanten
Änderung des Sachverhalts gekommen wäre, zu verneinen. Auf das Gutachten der
PMEDA könne aus verschiedenen Gründen nicht abgestellt werden. Es seien
abwertende Ausdrücke verwendet und die Tragweite der Nervenverletzung und des
durch diese verursachten neuropathischen Schmerzes verkannt worden. Dies zeige,
dass die Beurteilung der Gutachterstelle einseitig zu Gunsten der Auftraggeber
B.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausgefallen sei. Das Gutachten sei nicht umfassend und Widersprüche mit den
vorhandenen Akten seien nicht diskutiert worden. Die neurologische Untersuchung sei
in vielerlei Hinsicht mangelhaft gewesen. Die neurologischen Ausfälle und die
Schieflage des Beckens seien nicht erkannt worden, und die Beschwerdeführerin habe
die Kleidung nicht ablegen müssen. Auch dass die Einschätzung der PMEDA einen
zurückliegenden Zeitraum betreffe, bedinge, diese zurückhaltend zu gewichten und
besonders auf Übereinstimmung mit den echtzeitlichen Akten zu überprüfen. Die
PMEDA habe selbst eine Verlaufsgutachtung empfohlen, was nicht erfolgt sei. In
Anbetracht der verzögerten Verfahrensdauer und der einschlägigen Rechtsprechung
sei ein Gerichtsgutachten einzuholen, sofern nicht auf das Gutachten von Prof. L._
und die übrigen Akten abgestellt werde. Die Voraussetzungen für die Rückforderung
der AXA Versicherungen AG von Fr. 14'823.50 und der SWICA
Gesundheitsorganisation von Fr. 4'842.-- seien nicht gegeben, da keine
unterzeichneten Abtretungen vorhanden seien und die Forderungen inzwischen verjährt
seien. Eventuell seien die Voraussetzungen eines Härtefalls gegeben und es werde
nach Rechtskraft ein Erlassgesuch gestellt (act. G 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 2. Dezember 2019 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt sie an,
einer polydisziplinären Begutachtung durch eine MEDAS komme aufgrund ihrer
Aufgabe grösseres Gewicht zu als Einschätzungen behandelnder Ärzte. Das PMEDA-
Gutachten sei ausführlich, dessen Schlussfolgerungen zusammen mit der
Arbeitsfähigkeitseinschätzung seien in jeder Hinsicht nachvollziehbar, es sei eine
fundierte Indikatorenprüfung vorgenommen worden. Die Gutachter seien rechtlich
verpflichtet, ihre Beobachtungen während der Untersuchung für die Beurteilung von
Inkonsistenzen, aggravatorischem oder gar simulatorischem Verhalten zu schildern,
darin liege keine Parteinahme. Die Einwände von Prof. L._ seien nicht plausibel,
zudem trete er als engagierter Vertreter der Beschwerdeführerin auf. Seine
Ausführungen belegten deutlich seine Befangenheit. Auch äussere er sich zu Belangen
ausserhalb seiner fachärztlichen Kompetenz. Die Beschwerdeführerin bringe keine
objektiv feststellbaren Gesichtspunkte vor, die unerkannt geblieben und geeignet seien,
zu einer von der PMEDA abweichenden Beurteilung zu führen. Es sei daher ohne
weitere Abklärungen auf das Gutachten der PMEDA abzustellen. Die
B.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Verrechnungsforderungen der AXA Versicherungen AG und der Swica habe die
verrechnende Stelle lediglich summarisch zu überprüfen. Es reiche aus, dass die
Forderung als plausibel erscheine, was vorliegend der Fall sei. Zudem enthielten die
jeweiligen AVB der Versicherungen jeweils ein eindeutiges Rückforderungsrecht
(act. G 4).
In ihrer Replik vom 20. Januar 2020 lässt die Beschwerdeführerin im Wesentlichen
geltend machen, die Beurteilungen von Dr. D._ und des ABI wären anders
ausgefallen, wenn ihnen die Schraubenfehllage bekannt gewesen wäre. Es sei der
Einschätzung von Prof. L._ zu folgen. Der RAD-Ärztin Dr. M._ würden die
erforderlichen Kenntnisse zur Beurteilung der Nervenwurzelverletzung fehlen. Den
Akten lasse sich entnehmen, dass sie starke Schmerzen habe und dies von den Ärzten
auch als glaubhaft bezeichnet werde. Die Beschwerdegegnerin nehme zur
Verwertbarkeit des ABI- und des PMEDA-Gutachtens nicht Stellung. Die Feststellung,
sie erscheine nicht schmerzgeplagt, widerspräche den Akten. Die Begutachtung der
PMEDA sei wenig sorgfältig und oberflächlich vorgenommen worden, wofür die
Gutachterstelle auch in den Medien bekannt geworden sei. Insbesondere treffe dies auf
die neurologische Untersuchung zu. Zudem habe die IV-Stelle das verlangte
Verlaufsgutachten nicht eingeholt. Bezüglich der Verrechnungsforderungen liege keine
gültige schriftliche Zustimmung vor und die Beschwerdeführerin habe die
Verjährungseinrede erhoben (act. G 6).
B.c.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet stillschweigend auf die Einreichung einer
Duplik (act. G 8).
B.d.
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
1.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden setzt eine auf
objektivierten Beschwerden beruhende fachärztlich gestellte Diagnose nach einem
wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 141 V 289 E. 3.2;
BGE 130 V 396 E. 5.3 und E. 6; Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016,
8C_1/2016, E. 4.3). Erforderlich ist zudem, dass die geltend gemachten Beschwerden
objektiviert werden können und sich auf die Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit auswirken
(BGE 143 V 427 E. 6; vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 27. März 2015, 8C_673/2014,
E. 5.1.1). Für somatisch unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und
gleichgestellte Diagnosen) sowie psychische Erkrankungen wie namentlich
Depressionen ist der Beweis nach dem strukturierten Verfahren mittels Indikatoren zu
führen (vgl. dazu BGE 141 V 281 und BGE 143 V 428, E. 7.1). Der Beweis für eine lang
andauernde und erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als
geleistet betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im
Rahmen einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer
Einschränkung in allen Lebensbereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer
Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143 V 427, E. 6 a. E.).
1.2.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60 %, auf eine
halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 %, und auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40 % invalid ist. Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen, Art. 16 ATSG.
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Die urteilenden
1.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Instanzen haben die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie
umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines
Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob
die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind (BGE 141 V 14 E. 6.3.1; BGE
125 V 352 E. 3a mit Hinweisen). Im Sinne einer Richtlinie ist den im Rahmen des
Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten und -
ärztinnen, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie
nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu
schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht
konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (Urteile des
Bundesgerichts vom 15. Juli 2020, 8C_335/2020, E. 4.1, und vom 13. Februar 2019,
8C_801/2018, E. 4.3; BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/bb). Es ist eine
Erfahrungstatsache, dass behandelnde Ärzte nicht nur in ihrer Funktion als Hausärzte,
sondern auch als spezialärztlich behandelnde Medizinalpersonen im Hinblick auf ihre
auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zugunsten ihrer Patienten
aussagen. Dies ist bei der Beweiswürdigung zu berücksichtigen (Urteil des
Bundesgerichts vom 27. September 2017, 8C_295/2017, E. 6.4.2 mit Hinweisen).
Die Rechtsanwender prüfen insbesondere, ob die Ärzte ausschliesslich funktionelle
Ausfälle berücksichtigt haben, welche Folge der gesundheitlichen Beeinträchtigung
sind (Art. 7 Abs. 1 erster Satz ATSG), sowie, ob die versicherungsmedizinische
Zumutbarkeitsbeurteilung auf objektiver Grundlage erfolgt ist (Art. 7 Abs. 2 zweiter Satz
ATSG). Recht und Medizin tragen je nach ihren fachlichen und funktionellen
Zuständigkeiten zur Festlegung ein und derselben Arbeitsunfähigkeit bei. Es soll keine
losgelöste juristische Parallelüberprüfung nach Massgabe des strukturierten
Beweisverfahrens stattfinden, sondern im Rahmen der Beweiswürdigung überprüft
werden, ob die funktionellen Auswirkungen medizinisch anhand der Indikatoren
widerspruchsfrei festgestellt wurden und somit den normativen Vorgaben Rechnung
tragen (BGE 141 V 307, E. 5.2.2 f., BGE 144 V 54, E. 4.3). Berücksichtigen die Experten
die in BGE 141 V 281 normierten Beweisthemen überzeugend, hat ihre
Arbeitsfähigkeitsschätzung auch aus Sicht des Rechtsanwenders Bestand. Andernfalls
liegt ein triftiger Grund vor, der rechtlich ein Abweichen davon gebietet (BGE 145 V
368 f., E. 4.3).
1.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 15/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Die Begründung in der angefochtenen Verfügung beruht in medizinischer Hinsicht auf
dem Gutachten der PMEDA vom 3. Januar 2017. Im Folgenden ist dessen umstrittene
Beweistauglichkeit zu prüfen.
3.
Im Sozialversicherungsrecht gelten der Untersuchungsgrundsatz und der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Rechtserheblich sind alle
Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den streitigen Anspruch so oder
anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben Verwaltungsbehörden und das
Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen stets dann vorzunehmen oder zu
veranlassen, wenn hierzu aufgrund der Parteivorbringen oder anderer sich aus den
Akten ergebenden Anhaltspunkte hinreichender Anlass besteht (Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 4. Aufl., Bern/St. Gallen/Zürich 2020, Art. 61 N 107).
1.6.
Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz
nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 353 E. 5b; BGE 125 V 193 E. 2, je mit
Hinweisen).
1.7.
Die Versicherte beklagte anlässlich der Begutachtung bei der PMEDA im Oktober
2016 lumbale Rückenschmerzen mit Ausstrahlung in das rechte Bein, Taubheit im
rechten Vorfuss und gehäufte Krämpfe der rechten Wade. Die Schmerzen strahlten
auch nach oben entlang der Brustwirbelsäule aus und es lägen teils auch
Schulterschmerzen beidseits vor, gelegentlich bestehe auch eine Schmerzausstrahlung
in das linke Bein. Der Schmerzcharakter werde als ziehend beschrieben. Aktuell
betrage die Schmerzintensität auf der visuell analogen Skala VAS 9/10. Ferner leide sie
unter Schlafstörungen; sie könne teilweise nur zwei Stunden am Stück schlafen und
müsse sich dann etwas bewegen, bevor sie sich wieder hinlegen könne. Weiter
bestehe eine Gangstörung, sie könne eine Gehzeit von maximal 30 Minuten auf
ebenem Gelände zurücklegen, meist müsse sie hinken (IV-act. 212-23, 29, 34 f., 43).
Sie könne das rechte Bein kaum heben und müsse es bei Bewegungen mit den
Händen passiv anheben (IV-act. 212-28). Der neurologische Gutachter erhob im
Befund, die Versicherte habe lieber stehen als sitzen wollen und sich leicht
vornübergebeugt mit den Händen auf dem Schreibtisch abgestützt und sei im
3.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 16/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Untersuchungsraum auf und ab gegangen (IV-act. 212-29 f.; vgl. auch orthopädische
Begutachtung, IV-act. 212-36). Es habe kein konsistent schmerzgeplagter klinischer
Eindruck bestanden (IV-act. 212-32). Es finde sich keine Seitendifferenz der
Unterschenkel- und Fussmuskulatur. Der Hacken- und Zehenstand sei rechts nicht
ausgeführt worden. Die Kraft für die Fusshebung und -senkung habe formal 4/5, für die
Grosszehenhebung 2/5 und für die Fusspronation und -supination 2/5 betragen. Der
Achillessehnenreflex (ASR, Anmerkung: betrifft den Fusssenker, M. triceps surae) sei
rechts leicht abgeschwächt, links mittellebhaft. Der Adduktorenreflex (AdR, auch ADR)
und der Patellarsehnenreflex (PSR, Anmerkung: betrifft den Fussheber, M. tibialis
anterior) seien seitengleich mittellebhaft (IV-act. 212-31). Das hiesige MRI der LWS
(vom 20. Oktober 2016, IV-act. 212-74) belege einen objektiv guten postoperativen
Zustand und weise keine Kompression nervaler Stukturen aus (IV-act. 212-34). Der
orthopädische Gutachter hielt fest, die Beschwerdeführerin beklage durch
Haltungskonstanz verstärkte lumbale und lumboischialgieforme Schmerzen rechts. Er
erhob unter anderem Klopf- und Druckschmerzen im lumbosakralen Übergang über
den Dornfortsätzen, eine subjektive Druckdolenz der lumbosakralen Muskulatur
einschliesslich Beckenkämme, betont über dem Glutaeus medius rechts (IV-
act. 212-36). Die aktive Beweglichkeit des Rumpfes werde in allen Ebenen
eingeschränkt und zögerlich dargeboten. Bei endgradiger Rumpfbeugung stütze sich
die Beschwerdeführerin an den Beinen bzw. einem Stuhl ab. Rotation, Lateralflexion
und die weiteren Bewegungsproben des Rumpfes seien nicht kooperiert bzw. durch
frühzeitige aktive Gegenspannung limitiert worden. Es seien dabei keine
ausstrahlenden Beschwerden ausgelöst worden (IV-act. 212-37). Das Gangbild sei
leicht rechts akzentuiert mit verkürzter Schrittlänge, jedoch bestehe kein namhaftes
Hinken. Der Zehenspitzen- und Fersengang sei rechts nicht ausgeführt worden, die
Muskulatur sei seitengleich ausgeprägt (IV-act. 212-39). Es werde ein passiver
Dehnungsschmerz der Achillessehne angegeben. Die passive Funktionsprüfung des
Sprunggelenks sei durch aktive willentliche Gegenspannung limitiert (IV-act. 212-40).
Der ASR und der PSR seien beidseits erhältlich (IV-act. 212-41), die Kraft der
Fussheber- und -senkerfunktion gegen Widerstand sei vermindert, bei fehlender
Atrophie aber nicht plausibel. Die Fusssohlen seien seitengleich beschwielt (IV-
act. 212-41).
Prof. L._ konstatierte bei seinen lediglich kurze Zeit nach der PMEDA-
Begutachtung durchgeführten Untersuchungen vom 12. Dezember 2016 und
16. Januar 2017 eine komplette Fussheber-, Grosszehenstrecker- und
Fusssenkerparese und weitere Funktionsausfälle bis in den Oberschenkel rechts (IV-
act. 227-7 f.). Im Bereich der unteren Extremitäten seien die Eigenreflexe rechts
3.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 17/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erloschen, links deutlich abgeschwächt. Es bestehe eine ausgedehnte Hypästhesie
und Hypalgesie für den gesamten Fussrücken rechts und eine Anästhesie für die
laterale Fusseite rechts. Im Unterschenkelbereich bestehe eine deutliche Differenz
zwischen rechts und links in der Wahrnehmung von spitz und stumpf, die sich auch bei
den Dermatomen im Oberschenkelbereich auf der ventralen Seite fortsetze (IV-
act. 227-12). Wegen der kompletten Fussheber- und Fussenkerparese komme es zu
einem zirkumduzierenden Gang. Ein Abrollen auf der Fusssohle sei rechts nicht
möglich (IV-act. 227-11). Wie bei früheren Untersuchungen klage die
Beschwerdeführerin über brennende Schmerzen im rechten Bein, die vom Rücken über
die rechte Gesässhälfte ausstrahlten und sich über den Ober- und Unterschenkel bis
auf die rechte Seite des rechten Fusses fortsetzten. Sie schildere ein brennendes
Gefühl, als ob Strom durch ihr Bein geleitet würde; deshalb sei es ihr so gut wie nicht
möglich, für längere Zeit zu sitzen. Es bestehe ein ständiges Unruhegefühl im ganzen
Körper; nachts gehe sie im Haus umher, weil sie nicht einschlafen könne (IV-
act. 227-10). Eine besonders ausgeprägte Druckdolenz finde sich im Bereich des M.
gluteus, der rechts nicht in gleicher Weise wie links innerviert werde, sodass in
Bauchlage ein deutliches unterschiedliches Muskelrelief der Glutealseiten zu
Ungunsten von links (richtig wohl: rechts) auffalle. Das gestreckte rechte Bein könne
bei Rückenlage kaum von der Unterlage angehoben werden. Auch bei der
Untersuchung der Unterschenkelfunktion rechts bestehe eine erhebliche
Krafteinschränkung. Am 13. Februar 2018 erhob Prof. L._ weitgehend dieselben
Beschwerden und Befunde (vgl. IV-act. 250-2). Die Plantarflexion (Anmerkung:
Beugung Richtung Fusssohle) der Zehen und des Fusses rechts und die Innervation
der Fusssenker- und -heberfunktion bzw. der Wurzeln L5 und S1 seien nicht gelungen.
ASR und PSR seien beidseits erloschen, selbst unter Bahnung hätten sich an den
Beinen keine Reflexe auslösen lassen (IV-act. 250-4). Bei der Untersuchung vom
20. August 2018 stellte Prof. L._ im Vergleich zur Voruntersuchung deutlich
ausgeprägtere skoliotisch bedingten Bewegungsschmerzen und eindeutige
Verspannungen im Schulterbereich fest, die sich entlang der Wirbelsäule nach kaudal
bis zum thorako-lumbalen Übergang und bis nach lumbo-sakral fortsetzten. In
Bauchlage erkenne man eine deutliche Minderinnervation der Gluteus-Muskulatur,
auch deren Muskeltonus sei reduziert; bei seitengleicher Innervation sei nur eine
geringere Anspannung der Muskulatur rechts zu erkennen. Die Beuge- und
Lateralflexion sei zu Ungunsten rechts eingeschränkt. Motorisch sei auch die
Unterschenkelfunktion rechts eingeschränkt. Die Unterschenkelstreckung rechts werde
mit (erheblich reduziertem Kraftgrad von) M2/5 beurteilt (IV-act. 265-5). Der Befund
vom 18. Februar 2019 entspreche wieder weitestgehend jenem der Voruntersuchungen
(vgl. IV-act. 285-4 f.). Trotz Einsatz aller Techniken hätten die Muskeleigenreflexe der
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
unteren Extremität - bis auf einen kaum erkennbaren ASR - wiederum nicht ausgelöst
werden können (IV-act. 285-5).
Im Vergleich der Befunde ist zusammenfassend festzustellen, dass Reflexe und
Kraftentfaltung im rechten Bein, insbesondere im Zusammenhang mit der Fusshebung
und Fusssenkung, gemäss den Gutachtern der PMEDA deutlich weniger eingeschränkt
sind als gemäss Prof. L._. Weiter fällt auf, dass die Beschwerdeführerin bei
Prof. L._ brennende und einschiessende und anlässlich der Begutachtung bei der
PMEDA ziehende Schmerzen schilderte.
4.1.
Der neurologische und der orthopädische Gutachter schliessen eine bedeutende
Kraftminderung der Fussheber und -senkerfusion vor allem aus, weil die Muskulatur im
Vergleich zwischen den Beinen eine Inaktivitätsatrophie als nicht plausibel bzw. als
unwahrscheinlich erscheinen lasse (IV-act. 212-31, 39, 41) und weil die Fusssohlen
gleichmässig beschwielt seien (vgl. IV-act. 212-12). Es bestehe keine Parese des
Kennmuskels von L5 und die gezeigten Bewegungsstörungen umfassten die
Kennmuskeln für L4, L5 und S1; das gesamte neurologische Bild sei also topisch
unschlüssig (IV-act. 212-71). Auch die MRI-Untersuchung vom 19. Oktober 2019 (IV-
act. 212-74) lasse keine gravierende Auffälligkeit objektivieren, es bestehe ein reizloser
postoperativer Zustand. Schliesslich sei das Führen eines PKW mit einer Störung der
Motorik des rechten Beins nicht in Einklang zu bringen (IV-act. 212-42). Die
dargebotene motorische Störung des rechten Beins bleibe (somit) ohne plausible
neurogene Ursache, ein nachvollziehbares nervales Defizit sei nicht zu erheben
gewesen (IV-act. 212-34, 42).
4.2.
Der orthopädische Gutachter fügte bei, die gezeigte Kraftentfaltungsstörung der
Fusshebung und -senkung liesse sich nur im Kontext mehrerer
Spinalnervenwurzelläsionen (hier von L4 bis S1) oder des Nervus ischiadicus erklären.
Die erhaltenen Kennreflexe für L4 und S1, robuste objektive und weitgehend
kooperationsunabhängige, sensitive Parameter, und die fehlende Atrophie der
Kennmuskulatur sowie die seitengleiche Beschwielung der Fusssohlen machten dies
jedoch hochgradig unwahrscheinlich (IV-act. 212-42). Damit diskutiert der Gutachter
letztlich die Argumentation von Prof. L._: Dieser legte im Wesentlichen dar, im CT-
Bild vom 25. März 2011 zeige sich, dass die Pedikelschraube L5 rechts voll durch den
Recessus lateralis (lateraler intraspinaler Raum rechts) verlaufe und somit nach den
anatomischen Gegebenheiten nicht nur die Wurzel L5 rechts tangiere, sondern mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit diese auch über ihre Durahülle hinaus verletzt
4.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 19/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe, was die ausgeprägte Fussheberparese und die neuropathischen Schmerzen
erkläre. Da auch eine fast komplette Fusssenkerparese bestehe, seien mit derselben
hohen Wahrscheinlichkeit auch weitere Faszikel mitverletzt worden (IV-act. 164-12 f.).
Durch den Eintritt der scharfen Gewinde in den Spinalkanal L5/S1 sei es zu erheblichen
Verletzungen der Wurzeln L5 und S1 rechts gekommen. Nach den klinisch-
neurologischen Ausfällen seien weitere intradurale Nervenfasern betroffen, die
zusätzlich in höheren Segmenten bis mindestens L3 rechts zu sensiblen motorischen
Ausfällen am rechten Bein geführt hätten (IV-act. 227-4). Sowohl nach den motorischen
Ausfällen und sensiblen Störungen sowie nach den Ergebnissen der fehlenden
Differenzierung zwischen kalt und warm zu Ungunsten rechts an den Beinen müsse
von einer Schädigung der sensiblen Hinterwurzeln und motorischen Vorderwurzeln von
S1/2 rechts, L5 rechts bis zu den Wurzeln L3/4 rechts ausgegangen werden, wobei bei
neuropathischen Schmerzen auch von einer Läsion der intraduralen Nervenstrukturen
und der Hinterhörner auszugehen sei. Folglich würden auch die schmerzmodulierenden
und -kontrollierenden Faktoren im Rückenmark und im Gehirn selbst ausfallen, was zu
den von der Beschwerdeführerin beklagten neuropathischen Schmerzen führe. Durch
die Auswirkung auf die höheren Zentren der Thalamus- und Grosshirnrinde
(transneurale Degeneration) werde die Symptomatik mit der Zeit grösser und vielfältiger
als sie alleine durch die primäre Läsion der Wurzel L5 rechts verursacht gewesen sei
(Deafferenzierung des Hinterhorns; IV-act. 227-12; vgl. zum Ganzen auch die Bericht
vom 15. Juni 2017, IV-act. 233, und vom 27. Februar 2019, IV-act. 285).
Mit Bezug auf das ABI-Gutachten ist vorab zu bemerken, dass sich die Frage nach
dessen Beweistauglichkeit erübrigt, nachdem die Begründung in der angefochtenen
Verfügung auf dem später verfassten PMEDA-Gutachten beruht. Gleichwohl kann dazu
erwähnt werden, dass das MRI der LWS vom 17. März 2011 mit Befund der in den
Spinalkanal führenden Pedikelschraube L5 den ABI-Gutachtern bekannt war (vgl. IV-
act. 142-19) und dass der neurologische Gutachter diese Bildgebung beurteilend
festhielt, der Spinalkanal sei weit, und - soweit bei nicht schön axialem Schnitt
beurteilbar - finde sich keine Wurzelkompression (IV-act. 142-25). Unabhängig davon
besteht kein Grund, die klinischen Befunde der ABI-Gutachter nicht im Verlauf und
vergleichend zu berücksichtigen. Der neurologische Gutachter des ABI erhob am 2. Juli
2013 symmetrisch schwache ADR und symmetrisch schwache bis mittellebhafte ASR
und beidseits nicht auslösbare TPR sowie bei der formalen Kraftprüfung eine
vollständige Plegie für die Fusshebung und Fusssenkung auf der rechten Seite (IV-
act. 142-23). Das Gangbild zeigte ein massives Schon-/Entlastungshinken (IV-
act. 142-25, 42), wobei der orthopädische Gutachter festhielt, die Treppenbenutzung
sei zügig im Wechselschritt erfolgt (IV-act. 142-17) und der neurologische Experte
4.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 20/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anmerkte, beim Gehen seien gute Anspannungen sowohl der Tibialis anterior- wie auch
der Achillessehne rechts und kein Steppern zu beobachten gewesen. Der Befund der
Plegie sei daher als klar funktionell zu beurteilen, jedoch sei aufgrund des andauernden
und positionsunabhängigen Schmerzcharakters von einer neuropathischen
Komponente auszugehen bzw. könne eine solche nicht ausgeschlossen werden (IV-
act. 142-25). Auch Prof. L._ erhob bei seinen ersten Untersuchungen zu seinem
Gutachten vom 25. Oktober 2014 noch schwache und seitengleiche Muskelreflexe an
den unteren Extremitäten, obwohl er bereits damals eine komplette Parese rechts für
die Fusshebung, Fusssenkung, Zehenstreckung sowie die In- und Eversion konstatierte
(IV-act. 164-23 f.). Bereits in diesem Zeitpunkt überzeugen die von Prof. L._
getroffenen Feststellungen nicht. Übereinstimmend damit hielt die RAD-Ärztin
Dr. M._ in ihrer viel später ergangenen Stellungnahme vom 12. November 2017
plausibel fest, ein plötzlicher Ausfall sämtlicher Eigenreflexe des rechten Beines
zwischen der PMEDA-Begutachtung im Oktober 2016 und den Untersuchungen durch
Prof. L._ am 12. Dezember 2016 und 16. Januar 2017 sei aus medizinischer Sicht
nicht nachvollziehbar (IV-act. 244). Dies bestätigte sich nachträglich insofern, als Dr.
T._ anlässlich seiner Untersuchung am 26. November 2018 den wiederum AdR, PSR
und ASR seitengleich und schwach auslösbar und ein ausgeprägtes hinkendes
Gangbild rechts mit Nachziehen des rechten Fusses am Boden ohne Steppergang
beschrieb (Bericht vom 27. November 2018, IV-act. 271-3).
Zusammenfassend begründet Prof. L._ zwar plausibel die Verletzung der
Nervenwurzeln und weiterer nervaler Strukturen als Ursache der geltend gemachten
Beschwerden und von ihm erhobenen Befunde. Indes finden sich nach dem Gesagten
Hinweise, dass die Schwäche im rechten Bein nicht derart ausgeprägt ist wie von der
Beschwerdeführerin geltend gemacht und von Prof. L._ festgehalten. Im Gegensatz
dazu haben die Gutachter des ABI, der PMEDA sowie Dr. T._ wie auch Prof. L._
selbst noch 2014 seitengleiche Reflexe erhoben. Auch elektrophysiologisch konnte
eine Parese nicht nachgewiesen werden, da die Beschwerdeführerin die Untersuchung
schmerzbedingt mehrfach nicht tolerierte (Bericht Klinik für Neurologie des KSSG vom
28. April 2011, IV-act. 184; Gutachten ABI vom 14. Oktober 2013, IV-act. 142-24;
Bericht Dr. S._ vom 12. September 2017, IV-act. 242; Bericht Dr. T._ vom
29. November 2019, IV-act. 271). Sodann ist die geltend gemachte rechtsseitige
Fussheber- und Fusssenkerparese nachvollziehbar diskrepant zur fehlenden Atrophie,
zum flüssigen Begehen von Treppen, zur gleichmässigen Beschwielung beider
Fusssohlen und zur Fähigkeit, ein Auto zu fahren. Demnach ist mit dem PMEDA-
Gutachten davon auszugehen, dass die geltend gemachten Beschwerden zu einem
wesentlichen Teil nicht durch ein organisches Korrelat begründet werden können.
4.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 21/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Dem psychiatrischen Gutachter schilderte die Beschwerdeführerin, sie könne sich teils
noch freuen und lachen, die Stimmung sei aber durch die Schmerzen belastet. Antrieb
und Motivation seien vorhanden, jedoch fühle sie sich häufig müde und insgesamt
deutlich weniger belastbar. Ihre phasenweise Dünnhäutigkeit und Reizbarkeit hätten
sich zwischenzeitlich deutlich gebessert. Termine mit der Psychiaterin fänden nur noch
"bei Bedarf" statt (IV-act. 212-43 f.). Sie treffe sich alle zwei Monate mit Freundinnen
und pflege Kontakt zu ihren vier Geschwistern (IV-act. 212-29, 45). Der psychiatrische
Gutachter erhob einen unauffälligen Befund nach AMDP, aufgrund dessen keine
namhaften Beeinträchtigungen zu objektivieren seien. Er schloss insbesondere das
Vorliegen einer die Arbeitsfähigkeit einschränkenden somatoformen Schmerzstörung
aus, da ein den Schmerzen zugrundeliegender unbewältigter, erheblicher seelischer
Schmerz oder psychosozialer Konflikt nicht herauszuarbeiten sei und weil die
Beschwerdeführerin nicht schmerzgeplagt gewirkt habe (IV-act. 212-49). Im ABI-
Gutachten vom 14. Oktober 2013 war der Beschwerdeführerin aus psychiatrischer
Sicht zwar unter anderem eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren (ICD-10: F45.51) diagnostiziert worden, jedoch wurde keine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht angenommen (IV-
act. 142-15). Unauffällig waren sodann auch die Beobachtung und die Ergebnisse der
neuropsychologischen Abklärung (IV-act. 212-52 f., 55 f.). In der neuropsychologischen
Untersuchung im Rahmen des ABI-Gutachtens war eine leichte neuropsychologische
Störung infolge von Schmerzen und Interferenz von morphinhaltigen Medikamenten
festgestellt worden, welche vor allem zu einer Verlangsamung führe und die
Arbeitsfähigkeit um 10 % einschränke (IV-act. 142-30). Die in einer ersten
neuropsychologischen Abklärung vom 18. Oktober 2012 erhobenen
unterdurchschnittlichen Leistungen im Bereich der Verbalintelligenz und
mittelschweren Störungen der exekutiven Funktionen (IV-act. 123-6 ff.) konnten somit
zweimalig nicht bestätigt werden. Hinsichtlich der Persönlichkeit wurde lediglich
anlässlich der neuropsychologischen Abklärung vom 18. Dezember 2012 festgehalten,
es falle eine sehr ängstliche und unsichere Persönlichkeit auf (IV-act. 123-6 ff.).
Ansonsten wurde eine Akzentuierung oder Störung der Persönlichkeit laut den
vorliegenden Akten nie diskutiert oder diagnostiziert. Zur Konsistenz der geklagten
Schmerzen ist anzuführen, dass die Beschwerdeführerin trotz angegebener hoher
Schmerzintensität nicht namhaft schmerzgeplagt wirkte (IV-act. 212-49, so auch der
internistische, IV-act. 212-27, und der neurologische Gutachter, IV-act. 212-32, und
bereits viel früher der Eingliederungsberater, vgl. IV-act. 86-5). Auch die in den
somatischen Gutachten diskutierte fehlende Inaktivitätsatrophie und die gleichmässige
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 22/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sohlenbeschwielung sprechen gegen dauerhafte schwere Schmerzen, unabhängig
davon, ob deren Ursprung organisch ist oder nicht. Nicht zuletzt könnte die
Beschwerdeführerin eine Verbesserung der von ihr geltend gemachten
Schmerzsituation durch eine Anpassung der Medikation erreichen (vgl. die
Ausführungen des psychiatrischen Gutachters zur Opiat-Medikation, IV-act. 212-49,
sowie jene in der Konsensbeurteilung, IV-act. 212-60).
6.
Zusammenfassend hat die Beschwerdegegnerin zu Recht auf das PMEDA-Gutachten
abgestellt. Das Gutachten äussert sich in genügendem Ausmass zu den nach dem
strukturierten Beweisverfahren massgeblichen Indikatoren. Was die von der
Beschwerdeführerin angeführte Einseitigkeit zu ihren Ungunsten anbelangt, werden
zwar Ausdrücke verwendet, die auch als auf eine Voreingenommenheit hindeutend
interpretiert werden könnten, so etwa "darbieten" oder "kooperieren". Solche finden
sich in Administrativgutachten immer wieder. Diesbezüglich ist auch auf die
Rechtsprechung hinzuweisen, wonach sich für die Annahme des Vorliegens einer
Befangenheit die konkrete Begutachtung betreffende Umstände bedarf (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 20. April 2020, 9C_25/2020, E. 5.1.2.2). Weiter protokollierte der
internistische Gutachter ein betont langsames An- und Auskleiden der
Beschwerdeführerin (IV-act. 212-26). Der neurologische und der orthopädische
Gutachter notierten die Narbe der Operationen im Befund (IV-act. 212-31; IV-
act. 212-36), und es wird eine seitengleiche Beschwielung der Fusssohlen beschrieben
(IV-act. 212-39). Demnach erscheint das Vorbringen der Beschwerdeführerin, sie habe
Kleider und Schuhe für die Begutachtung nicht ausziehen müssen, nicht plausibel.
Retrospektiv attestierten die Gutachter für die Zeitspanne zwischen den Operationen
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 212-57) aufgrund einer höhergradigen spinal
begründeten Beeinträchtigung, was einleuchtet. Somit ist auf das PMEDA-Gutachten
abzustellen und bis zur zweiten Operation eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % und
danach eine volle Arbeitsfähigkeit anzunehmen.
7.
Die Beschwerdegegnerin legte den Beginn des befristeten Anspruchs auf eine ganze
Rente gestützt auf Art. 29 IVG und die bei ihr am 1. April 2009 eingegangene
Anmeldung auf den 1. Oktober 2009 fest. In Anbetracht von Art. 29 Abs. 3 ATSG,
wonach der der Zeitpunkt der Postübergabe bzw. Einreichung beim
Versicherungsträger ausschlaggebend ist, kann in der IV nicht mehr an der
Massgeblichkeit des Zeitpunkts des Posteingangs festgehalten werden (Kieser, a.a.O.,
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 23/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Art. 29 N 37 f.). Fristauslösend ist daher die noch im März 2009 erfolgte Postaufgabe.
Der befristete Anspruch besteht daher bereits ab 1. September 2009. Insoweit ist die
angefochtene Verfügung zu korrigieren.
8.
Abschliessend bleibt über die Verrechnung der Rentennachzahlung mit ausgerichteten
Taggeldern der SWICA Gesundheitsorganisation und der AXA Versicherungen zu
befinden.
Die SWICA als Taggeldversicherer gemäss Bundesgesetz über den
Versicherungsvertrag (VVG; SR 221.229.1) ersuchte am 24. Juni 2009 (IV-act. 21) und
die AXA Winterthur als Kollektivtaggeldversicherer nach VVG am 19. Januar 2010 (IV-
act. 41) die IV um Verrechnung bzw. Auszahlung der Rentennachzahlung in der Höhe
von ihrerseits erbrachten Leistungen. Die SWICA bezifferte ihre Rückforderung für vom
1. Oktober 2009 bis 31. Dezember 2009 ausbezahlte Taggelder auf Fr. 4'842.-- (IV-
act. 312-5) und die AXA Winterthur beantragte Verrechnung von zwischen dem
1. Januar und 13. Oktober 2010 geleisteten Taggeldern im Umfang von Fr. 14'823.50
(IV-act. 313). Die Verrechnungen wurden gemäss angefochtener Verfügung vom
16. Juli 2019 gutgeheissen (IV-act. 300-3). Die Beschwerdeführerin lässt geltend
machen, es fehle an einer Abtretungserklärung und die Forderungen seien inzwischen
verjährt (act. G 1-16). Die Beschwerdegegnerin bringt vor, sie habe den
Verrechnungsantrag nur summarisch zu überprüfen. Zudem sei gerichtsnotorisch, dass
die entsprechenden Allgemeinen Versicherungsbedigungen (AVB) jeweils ein
eindeutiges Rückforderungsrecht statuierten (act. G 4). Die Beschwerdeführerin wendet
ein, das Verrechnungsrecht sei nicht eindeutig, da sie die Verjährungseinrede erhoben
habe. Es obliege nicht ihr, den Nachweis der fehlenden Eindeutigkeit zu erbringen
(act. G 6-4 f.).
8.1.
Gemäss Art. 22 Abs. 1 lit. b ATSG können Nachzahlungen von Leistungen des
Sozialversicherers einer Versicherung, die Vorleistungen erbringt, abgetreten werden.
Für das Invalidenversicherungsrecht verweist Art. 50 Abs. 2 IVG auf Art. 20 Abs. 2 des
Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10);
dessen lit. c sieht unter anderem die Verrechnung fälliger Leistungen mit der
Rückforderung von Taggeldern der Krankenversicherung vor. Krankenversicherungen,
welche im Hinblick auf eine Rente der Invalidenversicherung Vorschussleistung
erbracht haben, können verlangen, dass die Nachzahlung dieser Rente bis zur Höhe
ihrer Vorschussleistung verrechnet und an sie ausbezahlt wird. Als Vorschussleistung
gelten unter anderem vertraglich oder aufgrund eines Gesetzes erbrachte Leistungen,
8.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 24/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
soweit aus dem Vertrag oder Gesetz ein eindeutiges Rückforderungsrecht infolge der
Rentennachzahlung abgeleitet werden kann (Art. 85 Abs. 1 und Abs. 2 lit. b IVV). Es
handelt sich hierbei um Drittauszahlungen von Nachzahlungen, die nicht gestützt auf
eine Abtretungserklärung, sondern auf ein "eindeutiges Rückforderungsrecht"
vorgenommen wurden. Die Bestimmung bezieht sich auch auf Taggeldversicherungen
nach VVG (vgl. Kieser, a.a.O., Art. 22 N 71, vgl. auch Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 1. Juli 2014, IV 2013/74, E. 2.2 f.).
bis
Ziff. 28 AVB der SWICA, Ausgabe 2006 für die kollektive Taggeldversicherung
nach VVG lautet wie folgt: Steht der Rentenanspruch einer staatlichen oder
betrieblichen Versicherung noch nicht fest, so kann SWICA das versicherte Taggeld
freiwillig bevorschussen. In diesem Fall fordert SWICA die zuviel erbrachten Leistungen
ab Beginn des Rentenanspruchs zurück. Hierbei steht es ihr frei, diese
Rückforderungen bei der versicherten Person oder bei dem die Rente auszahlenden
Versicherungsträger zu stellen. Die allfällige Bevorschussung erfolgt deshalb unter dem
ausdrücklichen Vorbehalt der Rückforderung anlässlich der Rentennachzahlung. Die
Rückforderung erfolgt im Umfang der für die gleiche Zeit zugesprochenen Rente. Die
versicherte Person tritt im Umfang der Vorleistungen von SWICA ihre Ansprüche
gegenüber den anderen Versicherungsträgern an SWICA ab. Die Bestimmung C4 Abs.
2 und Abs. 3 AVB Krankentaggeldversicherung der AXA Versicherung, Ausgabe
7/2006, sieht Folgendes vor: Steht der Rentenanspruch einer staatlichen oder
betrieblichen Versicherung noch nicht fest, so erbringt die AXA im Rahmen ihrer
Leistungspflicht für die Periode ausgewiesener krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit
das Taggeld im Sinne einer Vorleistung. Bei nachträglicher Gewährung einer Rente der
Invalidenversicherung (IVG) ... hat die AXA gegenüber diesen Versicherungen einen
direkten Anspruch auf Rückforderungen beziehungsweise Verrechnung der erbrachten
Leistung. Die AXA ist berechtigt, von der versicherten Person das Einverständnis für die
direkte Verrechnung bzw. Rückforderung der von ihr erbrachten Vorleistungen
gegenüber den vorerwähnten Versicherungen zu verlangen. Verweigert die versicherte
Person die Zustimmung, werden die Taggeldleistungen eingestellt.
8.3.
Gemäss Rechtsprechung ist im Rahmen von Art. 85 Abs. 2 lit. b IVV - im
Gegensatz zu den freiwilligen Leistungen nach lit. a - keine Zustimmung der
versicherten Person nötig; vielmehr wird diese durch das Erfordernis eines "eindeutigen
Rückforderungsrechts" ersetzt (BGE 131 V 249, E. 6.2). Sollte die Beschwerdeführerin
gegenüber der AXA Winterthur kein Einverständnis zur direkten Verrechnung erklärt
haben, schadet dies folglich nicht. Verrechenbar sind sodann nur Nachzahlungen
(Entscheid des Versicherungsgerichts vom 1. Juli 2014, IV 2013/74, E. 3.1) mit
8.4. bis
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 25/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
9.
Vorschussleistungen. Darunter fallen Leistungen, die dasselbe soziale Risiko wie die
Invalidenrente (krankheitsbedingte Erwerbseinbusse) decken, aber entsprechend der
koordinationsrechtlichen Rangfolge erst nach der Invalidenrente erscheinen und
deshalb koordinationsrechtlich zu Unrecht ausgerichtet worden sind (sogenannte
sachlich kongruente Leistung; auch Entscheid des Versicherungsgerichts vom 1. Juli
2014, IV 2013/74, E. 3.2). Ein eindeutiges Rückforderungsrecht im Sinne von Art. 85
Abs. 2 lit. b IVV besteht, wenn es sich an die betreffende (nachzahlende)
Sozialversicherung richtet, wenn sich aus der betreffenden Formulierung (in den
Allgemeinen Geschäfts- oder Versicherungsbedingungen) ohne Weiteres ergibt, dass
beim Tatbestand der Nachzahlung bezogen auf die bereits erbrachte Leistung eine
Rückforderung eintritt und wenn klar geregelt ist, wie die Rückforderung masslich zu
bestimmen ist (Kieser, a.a.O., Art. 22, N 84). Diese Voraussetzungen erfüllen die AVB-
Bestimmungen der SWICA und der AXA Winterthur (vgl. E. 8.3).
bis
Der Sozialversicherungsträger darf die Verrechnung anordnen, wenn die Existenz
der Forderung der anderen Verwaltungseinheit gegeben ist (Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 1. Juli 2014, IV 2013/74, E. 4.1). Hinsichtlich der zeitlichen
Kongruenz ist zu beachten, dass der Rentenanspruch nach dem Gesagten bereits ab
dem 1. September 2009 und nicht seit dem 1. Oktober 2009 besteht, so dass die
SWICA auch die für diesen Monat ausgerichteten Taggelder zur Verrechnung bringen
kann. Die angefochtene Verfügung ist in diesem Sinn zu korrigieren. Was die von der
Beschwerdeführerin geltend gemachte Verjährung anbelangt, betrifft diese den
Bestand der Rückforderung. Die Beschwerdeführerin ist daher auf den Zivilrechtsweg
zu verweisen (vgl. Entscheid des Versicherungsgerichts vom 1. Juli 2014, IV 2013/74,
E. 4.5; F. Schlauri, Die zweigübergreifende Verrechnung und weitere Instrumente der
Vollstreckungskoordination des Sozialversicherungsrechts in:
Sozialversicherungsrechtstagung 2004, St. Gallen 2004, S. 192).
8.5.
Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung insoweit aufzuheben, als die
Beschwerdeführerin vom 1. September 2009 bis 31. Oktober 2011 Anspruch auf eine
ganze Rente hat. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen.
9.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Die
Beschwerdeführerin obsiegt lediglich in Bezug auf einen befristeten Rentenanspruch
9.2.
bis
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 26/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte