Decision ID: cde1cbfa-37ef-4753-9b17-18643042ea94
Year: 2015
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 07.05.2015 Art. 28 IVG. Würdigung Gutachten. Der Sachverhalt ist nicht mit der nötigen überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt. Rückweisung zur weiteren Abklärung (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 7. Mai 2015, IV 2012/457).
Entscheid vom 7. Mai 2015
Vizepräsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und Karin
Huber-Studerus; Gerichtsschreiberin Evelyn Heiniger
A._,
Beschwerdeführer,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
IV-Leistungen
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 3. Juni 2008 (Eingang SVA 7. Juli 2008) bei der IV-Stelle
zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1). Am 18. August 2008 nahm eine Ärztin des
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regionalen Ärztlichen Dienstes Ostschweiz (RAD) telefonisch Kontakt mit dem Hausarzt
des Versicherten auf (IV-act. 12). Im Protokoll wurden folgende Diagnosen festgehalten:
"- Cervikale Diskushernie C4/5 mit cervikaler Myelopathie
- St. n. Hemithyreoidektomie rechts am 19.03.2007 bei Struma
multinodosa rechts, Schilddrüsenhypoplasie links
- Hypertonie
- Hypercholesterinämie".
Ein operativer Eingriff wegen der Diskushernie sei vom Versicherten abgelehnt worden.
Kürzlich sei wegen Unterschenkelödemen und Gewichtszunahme von 15 kg in 11⁄2
Jahren eine Konsultation in der Sprechstunde erfolgt. Subjektiv gebe der Versicherte
eine verminderte Kraft in den Armen und Kribbelparästhesien an. Körperlich leichte
Tätigkeiten ohne Überkopfarbeit sollten zu 100% möglich sein. Die Prognose sei
ungewiss. Der Versicherte befinde sich in einer schwierigen psychosozialen Situation
mit sehr schwachem Selbstwertgefühl. Die IV-Stelle forderte daraufhin diverse
Arztberichte ein. Diese ergaben, dass der Beschwerdeführer im Dezember 2006 eine
Treppe hinunter gestürzt war. Als Folge dieses Sturzes hatte er Schmerzen im
Halswirbelsäulenbereich und Kribbelparästhesien in den Unterarmen. Das MRI zeigte
eine Myelopathie in Höhe C4-C6 (IV-act. 14-10). Ein Arzt des Regionalen Ärztlichen
Dienstes Ostschweiz (RAD) hielt am 19. September 2008 intern fest, ein
Gesundheitsschaden sei ausgewiesen. Der Gesundheitszustand des Versicherten sei
aktuell aber stabil; eine 100%ige adaptierte Arbeitstätigkeit sei zumutbar (IV-act. 16). In
der Folge traf sich die Eingliederungsberaterin der IV-Stelle mit dem Versicherten und
hielt am 14. November 2008 fest, dass dieser gerne eine Umschulung in Richtung
Informatik machen würde, dass aber aufgrund der Arbeitsfähigkeit im angestammten
Bereich davon abgesehen werde. Der Versicherte habe keinen Umschulungsanspruch,
da er im angestammten Bereich bei einer körperlich leichten Tätigkeit (Gewichtslimite
10-15 kg) und ohne Überkopfarbeiten voll arbeitsfähig sei (IV-act. 22). Der Versicherte
verfügte über ein Fähigkeitszeugnis als Werkzeugmaschinist/Schleifer (IV-act. 11).
Nach weiteren Terminen mit der Eingliederungsverantwortlichen gab der Versicherte
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an, er werde sich selbständig machen. Er wolle, dass das Dossier geschlossen werde,
er komme allein zurecht (IV-act. 25-4). Am 15. Januar 2009 wurde ihm mitgeteilt, dass
die Arbeitsvermittlung abgeschlossen werde und dass kein Rentenanspruch bestehe
(IV-act. 27).
A.b Am 23. Januar 2009 ersuchte der Versicherte darum, sein Eingliederungsgesuch
bis Juni 2009 pendent zu halten (IV-act. 28). Bereits am 30. März 2009 teilte er mit, er
habe den Versuch einer selbständig erwerbenden Tätigkeit aufgeben müssen und
suche nun erneut eine Arbeit (IV-act. 30). Am 6. Juli 2009 unterzeichnete der Ver
sicherte einen Eingliederungsplan für das konkrete Vorgehen (IV-act. 39). Am 9. Ok
tober 2009 teilte er mit, dass er sich nun doch einer Operation unterziehen müsse (IV-
act. 51). Abklärungen in der neurochirurgischen und der neurologischen Abteilung des
Kantonsspitals (IV-act. 58-5, 58-11) ergaben, dass der Vorfall C4/5 nicht mehr
nachweisbar war und sich auch keine Signaländerung im Myelon mehr zeigte. Daher
war keine Operation angezeigt. Der RAD beurteilte den Gesundheitszustand des Ver
sicherten als stabil. Bei der Erwerbstätigkeit sei aber auf die gesundheitliche
Problematik an Hals- und Lendenwirbelsäule (HWS, LWS) Rücksicht zu nehmen (IV-
act. 59). In der Folge wurde der Versicherte bei seinen Bewerbungen von einem IV-
Eingliederungsberater unterstützt (IV-act. 63ff.). Am 16. Juni 2010 teilte die B._ dem
Versicherten mit, dass er ab 2. August 2010 eine dreimonatige berufliche Abklärung
absolvieren könne (IV-act. 68, 76). Am 17. Dezember 2010 wurde diese berufliche
Abklärung bis April 2011 verlängert (IV-act. 87, 89, 90, 93). Sie ergab, dass die
Leistungsfähigkeit des Versicherten bei einem 100%-Pensum bei 40-60% lag. Ein
Einsatz im ersten Arbeitsmarkt wurde zum damaligen Zeitpunkt als nicht realistisch
betrachtet. Die Betreuenden empfahlen ein sechs Monate dauerndes Arbeitstraining
oder einen geschützten Arbeitsplatz. IV-intern wurde im März 2011 entschieden, dass
die Arbeitsfähigkeit nicht abschliessend beurteilt werden könne und deshalb ein
Gutachten notwendig sei (IV-act. 101).
A.c Vom 16. bis 18. Mai 2011 wurde der Versicherte in der MEDAS Ostschweiz einer
polydisziplinären medizinischen Begutachtung unterzogen; das Gutachten wurde am
28. Oktober 2011 erstattet (IV-act. 114). Die rheumatologisch-orthopädische
Sachverständige hielt darin fest, die demonstrierten Beschwerden im Bereich des
Haltungs- und Bewegungsapparates seien während der Begutachtung konstant und im
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klinisch demonstrierten Ausmass mit den genannten Befunden und den aufgeführten
Diagnosen plausibel erklärbar gewesen (IV-act. 114-15). Für die zuletzt ausgeübte
mittelschwere bis teilweise schwere Tätigkeit als Werkzeugmaschinist C (Schleifer)
lasse sich aus versicherungsmedizinischer Sicht keine Arbeitsfähigkeit mehr
attestieren. In einer optimal dem Leiden angepassten Tätigkeit (leichte
wechselbelastende, primär im Sitzen auszuübende Tätigkeit ohne einseitig langes
Gehen und Stehen, ohne das Tragen und Heben von Lasten körperfern, ohne das mehr
als gelegentliche Arbeiten über die Armhorizontale hinaus, ohne repetitive, stereotype
Bewegungsabläufe und ohne das Einnehmen von Zwangshaltungen) sei bezogen auf
ein Vollschichtpensum aus versicherungsmedizinischer Sicht eine unlimitierte
Arbeitsfähigkeit von 100% zu attestieren (IV-act. 114-17). Der psychiatrische
Sachverständige gab an, es handle sich aus psychiatrischer Sicht um eine Störung der
Persönlichkeitsentwicklung mit ängstlich-selbstunsicheren Anteilen (ICD-10: F60.6).
Aus psychiatrischer Sicht liege die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bei 50%. Eine
psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung sei indiziert. Der Versicherte sei
selbstunsicher, wenig stresstolerant und brauche für den Eingliederungsprozess
Verständnis und Geduld, was eine sofortige Eingliederung in der freien Wirtschaft
erschwere. Die Arbeitsleistung von 50% sei zuerst nur in einem geschützten Rahmen
umsetzbar. Wenn der Versicherte dann allmählich an Selbstwertgefühl und
Selbstsicherheit gewinne, könne die Arbeitsfähigkeit im geschützten Rahmen
gesteigert werden. Erst dann – allenfalls nach einer Neubeurteilung – wäre der Versuch
einer Wiedereingliederung in der freien Wirtschaft möglich (IV-act. 114-20 f.). Im
Rahmen der abschliessenden, interdisziplinären Konsensbeurteilung gelangten die
Gutachter zum Schluss, dass die 50%ige Arbeitsfähigkeit des Versicherten in der freien
Wirtschaft umgesetzt werden könne (IV-act. 114-25).
A.d Am 3. Januar 2012 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass die
Arbeitsvermittlung abgeschlossen werde und dass keine weiteren
Eingliederungsmassnahmen angezeigt seien (IV-act. 118). In einer internen
Stellungnahme hielt ein RAD-Arzt fest, die 100%ige Arbeitsunfähigkeit in der
angestammten Tätigkeit sei ab dem 22. Dezember 2006 anzunehmen. Das MEDAS-
Gutachten stütze die in der B._ im Frühjahr 2010 erlangte Einschätzung einer
50%igen Arbeitsfähigkeit des Versicherten. Eine 50%ige Arbeitsfähigkeit in der freien
Wirtschaft könne aber aus medizinischer Sicht noch nicht bestätigt werden. Dazu sei
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eine begleitende psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung sowie anfänglich
eine Stabilisierung bzw. ein Training in punkto Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit in
einem geschützten Rahmen erforderlich (IV-act. 121). Mit einem Vorbescheid vom
24. August 2012 kündigte die IV-Stelle dem Versicherten an, dass sie sein
Leistungsbegehren abweisen werde. Es liege eine Störung der
Persönlichkeitsentwicklung mit ängstlich-selbstunsicheren Teilen vor. Eine solche
Diagnose entspreche nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung keinem
invalidisierenden Gesundheitsschaden, weshalb von einer vollen Arbeitsfähigkeit
auszugehen sei (IV-act. 134). Dagegen wendete der Versicherte am 30. August 2012
ein, sowohl der Abklärungsbericht der B._ als auch das MEDAS-Gutachten hätten
ergeben, dass er lediglich zu 50% arbeitsfähig sei (IV-act. 135). Am 16. Oktober 2012
verfügte die IV-Stelle die Ablehnung des Leistungsbegehrens (IV-act. 136). Gemäss
dem Versandcouvert wurde die Verfügung am 17. Oktober 2012 der Post übergegeben
(act. G 1.1.1).
B.
B.a Dagegen erhob der Versicherte Beschwerde (act. G 1). Die Beschwerde war nicht
datiert; gemäss Versandcouvert wurde sie am 27. November 2012 bei der Post
aufgegeben (act. G 1.7). Der Beschwerdeführer machte geltend, er sei seit 2007 bei der
IV angemeldet, da er nicht mehr als Werkzeugmaschinist arbeiten könne. Er wolle
arbeiten und suche seither – leider erfolglos – eine Arbeit. Er finde in der freien
Wirtschaft keine Arbeit, die seinem Gesundheitszustand entspreche. Zur Begründung
ihres negativen Entscheides habe die Beschwerdegegnerin angeführt, er sei voll
arbeitsfähig und auch der MEDAS-Gutachter sei dieser Ansicht. Tatsächlich sei der
MEDAS-Gutachter aber der Ansicht gewesen, dass er nicht voll arbeitsfähig sei. Er
wolle arbeiten und wenn er wenigstens eine Teilrente hätte, könnte er in einer
geschützten Werkstätte arbeiten.
B.b Am 17. Dezember 2012 hielt die Beschwerdegegnerin zur Rechtzeitigkeit der
Beschwerde fest, die angefochtene Verfügung sei gemäss Poststempel am 17. Okto
ber 2012 bei der Post eingegangen. Es sei nicht bekannt, wann der Beschwerdeführer
die Verfügung erhalten habe. Die 30-tägige Beschwerdefrist wäre eingehalten, wenn
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der Beschwerdeführer die angefochtene Verfügung am 29. Oktober 2012 oder später
erhalten hätte (act. G 3).
B.c Die Beschwerdegegnerin stellte am 15. Januar 2013 den Antrag, auf die
Beschwerde sei infolge Fristversäumnis nicht einzutreten; eventualiter sei die
Beschwerde abzuweisen (act. G 6). Zur Begründung des Eventualantrages führte sie
an, die dem Beschwerdeführer von den MEDAS-Gutachtern attestierte
Persönlichkeitsstörung sei nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtes nicht per se
invalidisierend. Eine solche Krankheit entwickle sich im Laufe der Kindheit bzw. im
Jugendalter. Der Beschwerdeführer sei aber dennoch in der Lage gewesen, eine
dreijährige Lehre als Werkzeugmaschinist erfolgreich zu absolvieren und zwischen
2001 bis 2006 ein Einkommen von über Fr. 40'000 bzw. Fr. 50'000 im Jahr zu erzielen.
Demnach sei es nicht plausibel, dass der Beschwerdeführer aus psychischen Gründen
nur noch zu 50% arbeitsfähig sein solle. Daher sei sowohl aus körperlicher (bei einer
adaptierten Tätigkeit) als auch aus psychiatrischer Sicht von einer vollen
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers auszugehen.
B.d Am 30. Januar 2013 wurde dem Beschwerdeführer die unentgeltliche
Rechtspflege für das vorliegende Verfahren bewilligt (act. G 10).
B.e Am 21. November 2014 erkundigte sich das Gericht beim Beschwerdeführer,
wann er die Verfügung erhalten habe. Der Beschwerdeführer teilte daraufhin mit, er
wisse nicht mehr, wann die Verfügung bei ihm eingegangen sei (act. G 13-15).
B.f Am 13. Januar 2015 bat das Gericht den Hausarzt des Beschwerdeführers, den
Bericht über die neuropsychologische Abklärung einzureichen (act. G 17). Der Bericht
des Kantonsspitals St. Gallen über eine psychologische Untersuchung an der Klinik für
Neurologie vom 19. Juni 2013 traf am 25. Februar 2015 beim Gericht ein (act. G 19).
Die untersuchende Ärztin und der untersuchende Psychologe hatten im Bericht
festgehalten, der Beschwerdeführer habe bei der Untersuchung kooperativ
mitgearbeitet. Die Aufmerksamkeit und das Arbeitstempo seien mittel bis tief, im
Verlauf etwas schwankend gewesen. Die Spontansprache sei formal korrekt und
flüssig gewesen. Der Wortschatz sei leicht reduziert erschienen. Das
Instruktionsverständnis sei unauffällig gewesen. Im emotionalen und im
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Persönlichkeitsbereich habe der Beschwerdeführer offen, aber leicht kompliziert
gewirkt. Im sozialen Kontakt sei er freundlich und in der Grundstimmung affektiv bei
guter Schwingungsfähigkeit leicht vermindert gewesen. Auffällig hätten eine leicht
inadäquate Selbsteinschätzung und eine nicht ganz korrekte situative Orientierung
gewirkt. Aus neuropsychologischer Sicht bestehe beim Beschwerdeführer eine leichte
Lernbehinderung. Die durchgeführte Intelligenzdiagnostik habe einen Gesamt-IQ von
74 ergeben, was als grenzwertig gelte. In der weiterführenden neuropsychologischen
Diagnostik hätten sich insgesamt leichte bis mittelschwere kognitive
Funktionsstörungen gezeigt. Im Vordergrund stünden Beeinträchtigungen in den
Exekutivfunktionen und im Gedächtnisbereich. Im emotionalen und im
Persönlichkeitsbereich hätten sich aus den Angaben des Beschwerdeführers in den
Gesprächen und in den klinischen Fragebogen Hinweise für eine leichte depressive
Symptomatik und für milde Angstsymptome ergeben. Rein aufgrund der kognitiven
Defizite resultiere eine Arbeitsunfähigkeit von 35-50%. Es sei davon auszugehen, dass
eine Tätigkeit auf dem freien Arbeitsmarkt für den Beschwerdeführer erneut zu
Schwierigkeiten führen werde.
B.g Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine weitere Stellungnahme.

Erwägungen:
1. Die Beschwerdefrist beträgt 30 Tage nach der Eröffnung der Verfügung (Art. 60
Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
[ATSG, SR 830.1]). Diese gesetzliche Frist kann nicht erstreckt werden (Art. 40 Abs. 1
ATSG i.V.m. Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG,
SR 831.20]). Art. 38 bis 41 gelten sinngemäss auch im Beschwerdeverfahren (Art. 60
Abs. 2 ATSG). Berechnet sich eine Frist nach Tagen oder Monaten und bedarf sie der
Mitteilung an die Parteien, so beginnt sie am Tag nach ihrer Mitteilung zu laufen (Art. 38
Abs. 1 ATSG). Nach dem auch im Beschwerdeverfahren anwendbaren Art. 39 Abs. 1
ATSG ist die 30-tägige Frist nur gewahrt, wenn die Einsprache spätestens am letzten
Tag der Frist beim Versicherungsträger eingereicht oder zu dessen Handen der
Schweizerischen Post übergeben worden ist. Für den Zeitpunkt der Zustellung einer
Verfügung trägt grundsätzlich die Verwaltung die Beweislast. Dies betrifft nicht nur die
aus dem im Sozialversicherungsrecht geltenden Untersuchungsgrundsatz fliessende
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Beweisführungslast, sondern in diesem Fall auch den Nachteil der Beweislosigkeit.
Wird das Datum der Zustellung einer nicht eingeschriebenen Sendung bestritten, so
muss daher nach der Rechtsprechung im Zweifel auf die Angaben des Empfängers
abgestellt werden (so das Eidgenössische Versicherungsgericht bereits in ZAK 1984 S.
124, E. 1b, bestätigt etwa in BGE 124 V 402, E. 2a, und im Entscheid C 171/05 vom 16.
September 2005, E. 4.2). Die angefochtene Verfügung vom 16. Oktober 2012 ist nicht
eingeschrieben versandt worden. Die Beschwerdegegnerin macht geltend, es sei ihr
nicht bekannt, wann der Beschwerdeführer die Verfügung erhalten habe. Gemäss dem
Zustellcouvert habe sie die Verfügung am 17. Oktober 2012 der Post übergeben. Der
Beschwerdeführer weiss nicht mehr, wann ihm die Post das entsprechende Schreiben
ausgehändigt hat. Da die Beschwerdegegnerin nicht belegen kann, wann die
Verfügung beim Beschwerdeführer eingegangen ist, kann zumindest nicht
ausgeschlossen werden, dass die Beschwerde rechtzeitig erfolgt ist. Auf die
Beschwerde ist demnach einzutreten.
2.
2.1 Gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG haben Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die
Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können,
Anspruch auf eine Rente (lit. a), wenn sie während eines Jahres ohne wesentlichen
Unterbruch durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40% invalid sind (lit. c). Bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40% besteht Anspruch auf eine Viertelsrente, bei
einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% auf eine halbe Rente, bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 60% auf eine Dreiviertelsrente und ab einem
Invaliditätsgrad von mindestens 70% auf eine ganze Invalidenrente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares
Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen
könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen; Art. 16 ATSG).
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2.2 Für die Bemessung des Invaliditätsgrades sind die zuständige Behörde und später
das Gericht auf von den Ärzten zur Verfügung zu stellende Unterlagen angewiesen.
Aufgabe der Ärzte ist es denn auch, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten eine
versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261, E. 4). Im Rahmen der freien
Beweiswürdigung dürfen sich Verwaltung und Gericht weder über die medizinischen
Tatsachenfeststellungen hinwegsetzen, noch sind die ärztlichen Einschätzungen zur
Arbeitsfähigkeit unbesehen ihrer sozialversicherungsrechtlichen Tragweite zu
übernehmen. Die rechtsanwendende Behörde hat sorgfältig zu prüfen, ob die ärztliche
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit auch invaliditätsfremde Gesichtspunkte
(insbesondere psychosoziale und soziokulturelle Belastungsfaktoren) mitberücksichtigt,
welche vom sozialversicherungsrechtlichen Standpunkt aus, unbeachtlich sind
(BGE 130 V 356, E. 2.2.5).
3.
3.1 Vorliegend ist aufgrund der medizinischen Akten erstellt, dass der
Beschwerdeführer in seiner angestammten Tätigkeit als Werkmaschinist aus
somatischen Gründen nicht mehr arbeitsfähig ist. Die MEDAS-Gutachter haben
zusätzlich festgehalten, dass der Beschwerdeführer aus psychischen Gründen zu 50%
arbeitsunfähig sei. Es bestehe eine Störung der Persönlichkeitsentwicklung mit
ängstlich selbstunsicheren Anteilen. Der Beschwerdeführer sei selbstunsicher, wenig
stresstolerant und brauche für den Eingliederungsprozess Verständnis und Geduld,
was eine sofortige Wiedereingliederung in die freie Wirtschaft erschwere. Die
Arbeitsleistung von 50% sei zuerst nur im geschützten Rahmen umsetzbar. Auch die
zuständigen Betreuer in der B._ haben festgehalten, dass der Beschwerdeführer bei
einem Pensum von 100% eine Leistung von 40-60% habe erbringen können. Die
neuropsychologische Untersuchung vom 19. Juni 2013 hat zudem einen IQ von 74
(was als grenzwertig gilt) und leichte bis mittelschwere kognitive Funktionsstörungen
(vorwiegend Beeinträchtigungen in den Exekutivfunktionen und im Gedächtnisbereich)
gezeigt. Die Untersucher haben festgehalten, aus neuropsychologischer Sicht bestehe
eine leichte Lernbehinderung, was zur langsamen Entwicklung in der Kindheit und dem
Besuch einer Sonderschule passe. Rein aufgrund der kognitiven Defizite bestehe eine
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Arbeitsunfähigkeit von 35-50%. Es sei davon auszugehen, dass eine Tätigkeit im freien
Arbeitsmarkt erneut zu Problemen führen werde.
3.2 Die MEDAS-Gutachter sind von einer Einschränkung von ca. 50% ausgegangen,
wobei sie bei einer adäquaten Therapie mit einem Verbesserungspotenzial gerechnet
haben. Sie sind sich indessen nicht einig darüber gewesen, ob der Beschwerdeführer
in der Lage sei, seine Arbeitsfähigkeit in der freien Wirtschaft zu verwerten. Der
psychiatrische Gutachter ist der Ansicht gewesen, dass die Arbeitsleistung von 50%
zuerst nur in einem geschützten Rahmen umsetzbar sei. Wenn der Beschwerdeführer
an Selbstsicherheit und Selbstwertgefühl gewonnen habe, könne die Arbeitsfähigkeit
zuerst in geschütztem Rahmen gesteigert werden. Nach einer Neubeurteilung sei
allenfalls ein Versuch der Wiedereingliederung in der freien Wirtschaft möglich. Die
MEDAS-Gutachter hielten in ihrer abschliessenden Gesamteinschätzung fest, die
50%ige Arbeitsfähigkeit könne in der freien Wirtschaft umgesetzt werden, auch wenn
mit erschwerten Bedingungen beim Wiedereingliederungsprozess zu rechnen sei. Eine
100%ige Arbeitsfähigkeit, wie sie die Beschwerdegegnerin angenommen hat, ist damit
nicht erstellt, denn bei einer Störung der Persönlichkeitsentwicklung mit ängstlich-
selbstunsicheren Anteilen kann nicht unter Berufung auf eine (von der
Beschwerdegegnerin nicht dargelegte) medizinische "Erfahrungstatsache" davon
ausgegangen werden, dass bei einer entsprechenden Willensanstrengung trotz der
Symptome in jedem Fall eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit möglich und zumutbar
sei. Andernfalls hätte der psychiatrische Sachverständige der MEDAS mit Sicherheit
keine Arbeitsunfähigkeit angegeben. Auch die im Bericht über die neuropsychologische
Abklärung attestierte 35-50%ige Arbeitsunfähigkeit vermag nicht zu überzeugen. Aus
dem Bericht der Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen geht nämlich nicht
hervor, welche konkreten Beschwerden und Krankheitssymptome für gerade diesen
Arbeitsunfähigkeitsgrad verantwortlich sein sollen. Sowohl im MEDAS-Gutachten als
auch im Bericht über die neuropsychologische Abklärung fehlt also eine ausreichende
Begründung für die Arbeitsfähigkeitsschätzung. Die Sachverständigen der MEDAS
haben sich zudem nicht mit den – teilweise ihren Untersuchungsergebnissen
widersprechenden – Angaben der B._ auseinandergesetzt. So haben sie es
insbesondere unterlassen zu erklären, wieso es dem Beschwerdeführer in der B._
möglich gewesen ist, selbständig, ohne Hilfe, ausdauernd und konzentriert gute,
sorgfältige Arbeit zu leisten. Die Betreuer in der B._ haben dem Beschwerdeführer
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eine gute Lernfähigkeit attestiert, was auch in einem Widerspruch zu den
Feststellungen im Bericht der Klinik für Neurologie steht, in welchem dem
Beschwerdeführer eine leichte Lernbehinderung attestiert worden ist. Insgesamt ergibt
sich, dass die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers nicht mit dem notwendigen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt ist. Über einen allfälligen
Rentenanspruch kann deshalb vorliegend noch nicht entschieden werden. Die Sache
ist zu ergänzenden Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Diese wird
die Sachverständigen der MEDAS Ostschweiz aufzufordern haben, die angegebene
Arbeitsunfähigkeit von 50% bzw. die behauptete Unfähigkeit des Beschwerdeführers,
in der freien Wirtschaft einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, detailliert zu begründen,
also insbesondere anzugeben, welche Krankheitssymptome den Beschwerdeführer in
seiner Arbeitsfähigkeit in welchem Ausmass einschränken und welche Symptome eine
Erwerbstätigkeit in der freien Wirtschaft verunmöglichen oder erheblich erschweren.
Die Beschwerdegegnerin wird vorgängig zu prüfen haben, ob auf den
neuropsychologischen Bericht abgestellt werden kann oder ob sich eine Ergänzung der
Begutachtung in neuropsychologischer Hinsicht aufdrängt.
4. Sollten die weiteren Abklärungen einen Arbeitsunfähigkeitsgrad liefern, der bei
einer Invalidenkarriere des Beschwerdeführers als Hilfsarbeiter einen Invaliditätsgrad
von 40% oder mehr liefern würde, wird die Beschwerdegegnerin dem Grundsatz der
Eingliederung vor Rente (vgl. etwa Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. A.,
Vorbemerkungen N 47) Rechnung zu tragen haben. Da der Beschwerdeführer in
seinem erlernten Beruf aus somatischen Gründen definitiv vollständig arbeitsunfähig
ist, kommt als schadenmindernde berufliche Eingliederungsmassnahme nur die
Umschulung (Art. 17 Abs. 1 IVG) des Beschwerdeführers in einen rückenadaptierten
Beruf in Frage. Der psychiatrische Gutachter hat von einer pathologischen
Fehlentwicklung nach frustrierenden Kindheitserfahrungen mit Mangel an Geborgenheit
und Zuwendung, bei gleichzeitig fehlendem Urvertrauen und fehlender Entwicklung zu
einem reifen Selbst gesprochen. Der Beschwerdeführer hatte diese Störung in der
Persönlichkeitsentwicklung wohl schon, als er seine Lehre absolvierte. Die Tatsache,
dass es ihm gelungen ist, trotz dieser Störung eine Lehre abzuschliessen, zeigt, dass er
gewisse Ressourcen mitbringt und dass er gewillt ist zu arbeiten. Auch bei der
Abklärung in der B._ hat der Beschwerdeführer wieder einen vorbildlichen Einsatz
und eine pflichtbewusste Arbeitshaltung gezeigt. Das deutet darauf hin, dass er an sich
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umschulungsfähig ist. Ob er gegebenenfalls die nötigen Ressourcen für eine
Umschulung mitbringen würde, hätte die Beschwerdegegnerin durch ihre
Berufsberatung zu klären. Dazu wäre – wie von der B._ empfohlen – eine
umfassende berufliche Abklärung auf der Grundlage der ergänzten medizinischen
Sachlage notwendig. Die Eingliederungsbereitschaft des Beschwerdeführers dürfte
jedenfalls feststehen. Andernfalls müsste er gestützt auf Art. 21 Abs. 4 ATSG auf seine
Schadenminderungspflicht in Bezug auf eine allfällige psychiatrisch-
psychotherapeutische Behandlung hingewiesen und nötigenfalls gemahnt werden.
5. Demnach ist die Verfügung vom 16. Oktober 2012 aufzuheben und die Sache ist
zur weiteren Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Das
Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Sie ist von der unterliegenden Beschwerdegegnerin zu
bezahlen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39
VRP