Decision ID: 01470a2f-351a-50d8-88e8-ad513896fdd0
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer stellte am 20. Januar 2020 in der Schweiz ein Asyl-
gesuch. Am 24. Januar 2020 fand die Aufnahme seiner Personalien und
am 28. Januar 2020 das sogenannte Dublin-Gespräch statt. Der Be-
schwerdeführer machte dabei geltend, er habe mit seiner Ehefrau und zwei
Kindern (darunter ein gemeinsames) im Herbst 2018 in Griechenland Asyl-
gesuche gestellt. Am 10. Januar 2020 habe er sich allein auf die Reise in
die Schweiz gemacht; seine Angehörigen würden sich weiterhin in Grie-
chenland aufhalten. Auf die Frage nach seinem Gesundheitszustand gab
der Beschwerdeführer an, abgesehen von seinen verstümmelten Händen
und Schmerzen in den Beinen gehe es ihm gut; er sei aber durch die
schlimmen Erlebnisse in Afghanistan vergesslich geworden.
B.
In der Folge wurden verschiedene Unterlagen der Pflegeabteilung des
Bundesasylzentrums zu den Akten des Beschwerdeführers gereicht. Am
19. März 2020 legte die ihm zugewiesene Rechtsvertretung die Original-
Tazkira ihres Mandanten ins Recht.
Mit Zwischenverfügung vom 27. März 2020 beendete das SEM das (zuvor
eingeleitete) Dublin-Zuständigkeitsverfahren.
C.
Am 14. April 2020 wurde der Beschwerdeführer vom SEM zu seinen Asyl-
gründen angehört.
Er brachte dabei zur Begründung seines Asylgesuchs im Wesentlichen vor,
er sei ein Hazara aus der Provinz Ghazni. Er habe als (...) gearbeitet und
sich später ein Auto gekauft, mit dem er Personen und Güter transportiert
habe. In diesem Zusammenhang habe er auch für seinen Schwager gear-
beitet, der als Ingenieur bei einer Telefonantennen-Gesellschaft angestellt
gewesen sei. In seinem Auftrag habe er defekte Antennen nach B._
transportiert und diese nach der Reparatur zurück zum Schwager ge-
bracht, damit sie wieder hätten montiert werden können. Bei solchen
Transporten sei er zweimal von den Taliban angehalten worden. Die erste
Kontrolle sei glimpflich abgelaufen. Beim zweiten Mal sei er aber gezwun-
gen worden, die Taliban in eine abgelegene Gegend zu begleiten, wo sein
Fahrzeug und auch er selber durchsucht worden seien. Im Auto seien Spei-
cherkarten seines Schwagers mit Videoaufnahmen zum Vorschein gekom-
men, auf denen defekte Mastanlagen sowie der Schwager und sein Bruder
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Seite 3
an dessen Arbeitsplatz in der Kommandantur zu sehen gewesen seien. In
den auf seinem Mobiltelefon gespeicherten persönlichen Fotodateien sei
er (Beschwerdeführer) mit dem Kommandanten auf dem Polizeiposten ab-
gebildet gewesen. Er sei daraufhin von den Taliban aufgefordert worden,
die Wohnadressen des Schwagers und des Kommandanten anzugeben,
was er verweigert habe. Die Taliban hätten ihn einem ihrer Anführer vorge-
führt, der ihn das Gleiche gefragt habe. Als er gesagt habe, den Aufent-
haltsort der beiden nicht zu kennen, hätten die Taliban begonnen, mit den
auf ihren Gewehren aufgesteckten Bajonetten auf ihn einzustechen – zu-
nächst immer wieder in seine Hände und dann auch in seinen rechten
Oberschenkel. Er habe sehr stark geblutet und rasch das Bewusstsein ver-
loren. Ein Transporteur habe ihn später in einer Blutlache neben der
Strasse gefunden und ihn in ein Spital gebracht, wo er nach einigen Stun-
den wieder zu Bewusstsein gekommen sei. Als er am nächsten Tag aufge-
wacht sei, habe er bemerkt, dass die Verbände um seine Hände kleiner als
am Vortag gewesen seien; ein Arzt habe ihm dann erklärt, dass man seine
Finger habe amputieren müssen. Er habe dann knapp einen Monat in Spi-
talpflege verbracht und sei dort auch noch mehrmals operiert worden. Ei-
nige Monate nach seiner Entlassung habe ihn seine erste Ehefrau verlas-
sen und sich von ihm scheiden lassen. Später sei er einmal in einem Sam-
meltaxi unterwegs gewesen, das von den Taliban angehalten worden sei.
Diese hätten ihn erkannt und ihm eine Nachricht an zwei Personen über-
geben, die sich an eine bestimmte Adresse zu begeben und eine Telefon-
nummer anzurufen hätten. Dabei sei ihm bedeutet worden, dass ihm weit
Schlimmeres passieren würde, falls er diesen Auftrag nicht erfüllen würde.
Aus Furcht davor sei er – trotz seiner noch nicht verheilten Hände und
Beine – am folgenden Tag ausser Landes geflohen und habe sich in den
Iran begeben. Dort habe er bei der Tochter seines Onkels wohnen dürfen,
die kurz zuvor mit einem Neugeborenen Witwe geworden sei. Im (...) hät-
ten sie dann im Iran geheiratet. Später sei die Familie dann wegen der
drohenden Abschiebung nach Afghanistan nach Griechenland weiterge-
reist.
D.
Am 21. April 2020 wurde der Beschwerdeführer vom SEM dem erweiterten
Asylverfahren zugeteilt. Seine zugewiesene Rechtsvertretung erklärte da-
raufhin das Mandat für beendet. Am 25. Mai 2020 reichte ein Mitarbeiter
der (...) seine Vertretungsvollmacht zu den Akten.
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Seite 4
E.
E.a Am 31. Juli 2020 teilte das SEM dem neuen Rechtsvertreter mit, die
griechischen Behörden hätten am 23. Juli 2020 ein Gesuch um Über-
nahme der Familienangehörigen des Beschwerdeführers an die Schweiz
gerichtet, dem das SEM am 27. Juli 2020 zugestimmt habe.
E.b Den Akten der Angehörigen und den Eintragungen im Zentralen
Migrationssystem ist zu entnehmen, dass die Ehefrau des Beschwerde-
führers mit den beiden Kindern (im Rahmen eines Dublin-IN-Verfahrens)
am (...) April 2021 legal in die Schweiz einreiste und sie für sich und die
Kinder gleichentags Asylgesuche stellte. Mit (unangefochten gebliebener)
Verfügung vom 25. Mai 2021 wies das SEM ihre Asylgesuche ab, ordnete
aber ihre vorläufige Aufnahme infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs an. Am gleichen Tag wurden die Angehörigen dem Aufenthalts-
kanton ihres Ehemanns / Vaters zugewiesen.
F.
Mit Verfügung vom 2. September 2020 (eröffnet am 4. September 2020)
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, wies sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz an, wobei es den Vollzug der Wegweisung wegen Unzumutbarkeit
zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufschob.
G.
G.a Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 5. Oktober 2020 liess der
Beschwerdeführer den Asylentscheid der Vorinstanz beim Bundesverwal-
tungsgericht anfechten und inhaltlich beantragen, diese Verfügung sei im
Hauptpunkt aufzuheben und es sei ihm unter Feststellung seiner Flücht-
lingseigenschaft Asyl in der Schweiz zu gewähren. In einem Eventual-
begehren wurde beantragt, die Sache sei zur rechtskonformen Neu-
beurteilung an das SEM zurückzuweisen.
G.b Mit der Beschwerde wurden unter anderem Fotografien der Hände und
Beine des Beschwerdeführers sowie zwei Arztberichte vom 30. März und
29. September 2020 zu den Akten gereicht.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 16. Oktober 2020 hiess die damalige Instruk-
tionsrichterin die prozessualen Anträge des Beschwerdeführers auf Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung
gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses; der
Rechtsvertreter wurde als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt und das
SEM zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen.
E-4920/2020
Seite 5
I.
In ihrer Vernehmlassung vom 30. Oktober 2020 hielt die Vorinstanz an ihrer
Verfügung fest. Diese Stellungnahme wurde dem Beschwerdeführer am
9. November 2020 zur Kenntnis gebracht.
J.
Am 10. November 2020 reichte der amtliche Rechtsbeistand seine Kosten-
note zu den Akten.
K.
K.a Mit Schreiben vom 29. Oktober 2021 erkundigte sich der amtliche
Rechtsbeistand nach dem Stand des Beschwerdeverfahrens.
K.b Der vorsitzende Richter teilte dem Beschwerdeführer am 3. November
2021 mit, die Leitung der Abteilung V des Bundesverwaltungsgerichts habe
sein Verfahren aus organisatorischen Gründen ihm zur weiteren Bearbei-
tung zugewiesen. Der Wunsch nach einem baldigen Ende des Verfahrens
sei zur Kenntnis genommen worden, und das (derzeit mit vielen älteren
Verfahren belastete) Gericht bemühe sich um einen baldigen Verfahrens-
abschluss.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
E-4920/2020
Seite 6
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz begründete ihren Entscheid im Asylpunkt in erster Linie
damit, dass der Beschwerdeführer wegen seiner Arbeitstätigkeit und seiner
Beziehung zu einem Polizeikommandanten Probleme mit den Taliban ge-
habt habe. Aus seinen Schilderungen könnten aber "keine offensichtlichen
Verfolgungsmotive" im Sinn von Art. 3 Abs. 1 AsylG abgeleitet werden. Die
von ihm geltend gemachten Motive für die Übergriffe der Taliban seien nicht
nachvollziehbar. Soweit der Beschwerdeführer angebe, die Taliban seien
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Seite 7
grundsätzlich gegen gewisse Firmen und Leute und würden oft Antennen-
masten in die Luft sprengen, habe er diese pauschalen Feststellungen
nicht zu konkretisieren oder in Beziehung zu seinen konkreten Vorbringen
zu setzen vermocht. Dass die Taliban keine flüchtlingsrechtlich relevanten
Verfolgungsmotive gehabt hätten, zeige sich auch daran, dass er anläss-
lich seiner ersten Anhaltung keine Probleme mit ihnen gehabt habe, ob-
wohl er schon damals grosse Batterien im Auto mitgeführt habe und als
Besitzer des Wagens ganz genau ausgefragt worden sei. Angesichts der
offensichtlich fehlenden flüchtlingsrechtlichen Relevanz könne auf die Be-
urteilung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers ver-
zichtet werden. Trotzdem sei darauf hinzuweisen, dass er mit dem Vorbrin-
gen einer Reflexverfolgung offensichtlich versucht habe, sich mit der Auf-
bauschung des Sachverhalts ein Risikoprofil anzueignen, das eine "chan-
cenreichere Grundlage zur Erlangung der Flüchtlingseigenschaft" geboten
hätte. Es sei auch nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer oder
sein Schwager so unvorsichtig gewesen wären, in einem Gebiet, in dem
sie mit Kontrollen durch die Taliban hätten rechnen müssen, kompromittie-
rendes Bildmaterial in Form von Videos und Fotos mit sich zu führen; dass
die Taliban auf die geltend gemachte Art und Weise Kenntnis von der Ar-
beitstätigkeit und den persönlichen Beziehungen des Beschwerdeführers
erlangt hätten, sei demnach nicht glaubhaft. Es sei zwar nicht von der Hand
zu weisen, dass das Anhörungsprotokoll teilweise Realkennzeichen ent-
halten würden. In der Gesamtwürdigung seien seine Ausführungen jedoch
nicht glaubhaft, weil er teilweise auch "ausweichend, vage und wider-
sprüchlich" geantwortet habe. Zudem habe der Beschwerdeführer zu Über-
treibungen geneigt und beispielsweise angegeben, die Taliban hätte sich
bei einem erneuten Zusammentreffen nicht mehr damit begnügt, seine
Hände abzuhacken – gemäss seinen Aussagen hätten sie dies aber gar
nicht getan, sondern seine Finger seien im Spital wegen Komplikationen
amputiert worden.
Die vom Beschwerdeführer beschriebene Präsenz der Taliban oder ande-
rer bewaffneter Gruppierungen und die ungenügende staatliche Schutz-
Infrastruktur in seiner Heimatregion sei flüchtlingsrechtlich nicht relevant,
weil die schlechte Sicherheitslage eine Vielzahl von Menschen betreffe und
daher keine gezielte Verfolgung im Sinn von Art. 3 AsylG darstelle.
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Seite 8
4.2
4.2.1 In der Beschwerde wurde vorab gerügt, die Vorinstanz habe ihre Ver-
fügung nur sehr rudimentär begründet und insbesondere die Glaubhaf-
tigkeit im Wesentlichen mit pauschalen Argumenten verneint, zu denen be-
schwerdeweise gar nicht Stellung genommen werden könne. Dass dem
Beschwerdeführer vorgeworfen werde, seine Asylvorbringen aufbauschen
zu wollen und zu Übertreibungen zu neigen, sei befremdlich angesichts
seiner körperlichen Verstümmelungen und der äusserst substanziierten
freien Sachverhaltsschilderung. In diesem Zusammenhang sei darauf hin-
zuweisen, dass die Behörden gerade bei Opfern von massiven Gewalt-
taten zu einem respektvollen Umgang angehalten seien. Es sei von der
Vorinstanz sodann nicht erkennbar in Betracht gezogen worden, dass es
sich beim Beschwerdeführer um einen schiitischen Hazara handle (eine
Personengruppe, die bekanntlich besonders im Visier der Taliban stehe).
Mit diesem Vorgehen habe das SEM seine Untersuchungs- und Begrün-
dungspflicht verletzt.
4.2.2 Angesichts der ausserordentlich substanziierten, realitätsnahen und
stringenten Sachverhaltsschilderung sei offensichtlich von der Glaubhaf-
tigkeit der geltend gemachten Asylgründe des Beschwerdeführers auszu-
gehen.
4.2.3 Die Vorinstanz verkenne offenkundig die flüchtlingsrechtliche Rele-
vanz der Verfolgungsmassnahmen der Taliban gegenüber dem Beschwer-
deführer. Mehrere Quellen würden beschreiben, dass die gezielte Zerstö-
rung der staatlichen Telekommunikations-Infrastruktur in Afghanistan seit
einem guten Jahrzehnt zur Taktik der Taliban gehöre. Diese wolle damit
einerseits die Kommunikation des Gegners unterbrechen und die Bereit-
stellung dieser Infrastruktur durch das offizielle Afghanistan – eine der we-
nigen staatlichen Erfolge der letzten Jahre – sabotieren. Zudem würden sie
offenbar vermuten, dass die westlichen Militärs und die Regierungstruppen
die Mobilfunksignale zur Ortung ihrer Kämpfer verwenden würden. Dar-
über habe der Guardian schon im Jahr 2011 berichtet, und diverse Artikel
jüngeren Datums würden zeigen, dass die Telekommunikations-Infrastruk-
tur bis heute im Visier der Taliban geblieben sei. Der Beschwerdeführer sei
wegen der vermuteten Kollaboration mit den Behörden respektive den
ebenfalls im Fokus stehenden Telekommunikations-Providern ins Blickfeld
der Taliban geraten. Sie hätten ihn wegen der aufgefundenen Fotografien
zudem mit der afghanischen Polizei in Verbindung gebracht. Im afghani-
schen Kontext würden die Taliban Kollaborateuren der Regierung und den
mit ihr zusammenarbeitenden Infrastruktur-Providern – gerade in einem
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Seite 9
sensiblen Bereich wie der Telekommunikation – politische Motive unterstel-
len. Der Beschwerdeführer habe sich zudem ja geweigert, ihnen seinen
Schwager und dessen Bruder auszuliefern. Schliesslich komme hinzu,
dass es sich bei ihm um einen Hazara und Schiiten handle, mithin also
sowohl die Ethnie als auch die Religion als zusätzliche Verfolgungsmotive
mitgespielt hätten, worauf der Beschwerdeführer schon anlässlich der An-
hörung hingewiesen habe. Bei ihm seien demnach gleich mehrere ein-
schlägige Verfolgungsmotive gegeben. Er sei in seinem Heimatland wegen
seiner Rasse, seiner Religion sowie der ihm unterstellten politischen An-
schauung an Leib und Leben und in seiner Freiheit gefährdet worden und
erfülle die Flüchtlingseigenschaft.
4.2.4 Mit der Beschwerde wurden unter anderem mehrere Fotografien der
verstümmelten Hände und Beine des Beschwerdeführers, ein Arztbericht
vom 30. März 2020 und ein Bestätigungsschreiben eines Psychologen
vom 29. September 2020 zu den Akten gereicht.
4.3 In ihrer Vernehmlassung vom 30. Oktober 2020 verzichtete die Vor-
instanz auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Beschwerde-
vorbringen. Sie merkte inhaltlich einzig an, die in ihrer Verfügung nicht ex-
plizit erwähnte Glaubenszugehörigkeit des Beschwerdeführers ergebe sich
aus seiner (im Asylentscheid thematisierten) Ethnie.
5.
5.1 Bei Durchsicht der angefochtenen Verfügung fällt zunächst auf, dass
die Vorinstanz darin einerseits die flüchtlingsrechtliche Relevanz (Motiva-
tion) der geltend gemachten Asylgründe verneinte und zweimal ausdrück-
lich festhielt, angesichts der "offenkundig" beziehungsweise "offensichtlich"
fehlenden flüchtlingsrechtlichen Relevanz könne auf eine Beurteilung der
Glaubhaftigkeit der Vorbringen verzichtet werden (vgl. Verfügung S. 3
und 4). Trotzdem wurde die Glaubhaftigkeit anschliessend geprüft, was mit
folgender Feststellung abgeschlossen wurde: "Sie konnten nicht glaubhaft
darlegen, dass Sie zum Zeitpunkt Ihrer Ausreise aus dem Heimatland aus
den von Ihnen genannten Gründen einer individuellen Verfolgung durch die
Taliban ausgesetzt waren. Deshalb ist auch nicht davon auszugehen, dass
Sie bei einer allfälligen Rückkehr alleine aufgrund der Tatsache, dass Sie
als einfacher Fahrer einer Antennenfirma gearbeitet hätten, ernsthaften
Nachteilen im Sinne des Asylgesetzes ausgesetzt wäre[n]".
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Seite 10
5.2 Das Bundesverwaltungsgericht befasst sich in der nachfolgenden E. 6
mit der Frage der Glaubhaftigkeit der Vorbringen und bejaht diese. Nach-
dem in E. 7 auch die flüchtlingsrechtliche Relevanz der Sachverhaltsdar-
stellung zu bestätigen sein wird, kann auf die Behandlung des – ausdrück-
lich eventualiter gestellten (vgl. hierzu auch Beschwerdebegründung S. 9)
– Rückweisungsantrags unterbleiben.
6.
6.1 Grundsätzlich sind Vorbringen glaubhaft gemacht, wenn sie genügend
substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich nicht in
vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht wider-
sprüchlich sein, der inneren Logik entbehren oder den Tatsachen oder der
allgemeinen Erfahrung widersprechen. Vorbringen sind substanziiert,
wenn sie sich auf detaillierte, präzise und konkrete Schilderungen stützen.
Als schlüssig gelten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer Anhörung, zwi-
schen Anhörungen oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine Widersprü-
che aufweisen. Kleine, marginale Widersprüche sowie solche, die nicht die
zentralen Asylvorbringen betreffen, sollen zwar in die Gesamtbetrachtung
einfliessen, jedoch nicht die alleinige Begründung für die Verneinung der
Glaubhaftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die gesuchstellende Per-
son persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der
Fall ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch dar-
stellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder un-
begründet nachschiebt oder die nötige Mitwirkung am Verfahren verwei-
gert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im Gegensatz zum strikten Be-
weis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse
Einwände und Zweifel an den Vorbringen der gesuchstellenden Person.
Entscheidend ist, ob die Gründe, welche für die Richtigkeit der Sachver-
haltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objek-
tivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2 und 2010/57
E. 2.2 f.; KNEER / SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asylverfah-
ren – Ein Überblick über die Rechtsprechung des Bundesverwaltungs-
gerichts, in: ASYL 2/2015 S. 5 ff).
6.2 Nach Auffassung des Gerichts vermögen die Vorbringen des
Beschwerdeführers zu den Geschehnissen vor seiner Ausreise aus Afgha-
nistan diesen Anforderungen zu genügen:
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Seite 11
6.3 Bei Durchsicht des Anhörungsprotokolls hinterlassen die Aussagen
des Beschwerdeführers einen substanziierten, authentischen und – gerade
auch im Länderkontext – plausiblen Eindruck. Dass die protokollierten Vor-
bringen Realitätskennzeichen aufweisen, scheint auch die Vorinstanz an-
zuerkennen (vgl. Verfügung S. 5: "Zwar ist nicht von der Hand zu weisen,
dass Sie einen Teil der Vorbringen ausschweifend und mit Details, die als
Realkennzeichen gewertet werden könnten, erzählen konnten [...]"). Der
unmittelbar anschliessenden pauschalen Feststellung, die protokollierten
Antworten des Beschwerdeführers seien "In der Gesamtwürdigung [...]
ausweichend, vage und widersprüchlich" zu qualifizieren (vgl. a.a.O.), kann
sich das Gericht nicht anschliessen. Vielmehr fielen die Aussagen des Be-
schwerdeführers sowohl betreffend die Umstände der zweiten Anhaltung
durch die Taliban als auch hinsichtlich seiner Tätigkeit für seinen Schwager
sehr konkret und detailliert aus (vgl. A30 ad F56 zu den Einzelheiten seiner
Reiseroute, zum genauen Ort seiner Übernachtung sowie die Uhrzeit sei-
ner Weiterreise am Folgetag und ad F60 f. sowie F68 zur Antennenfirma).
Der Beschwerdeführer antwortete sodann keineswegs ausweichend auf
Folgefragen, sondern machte stets nachvollziehbare ausführliche Anga-
ben (vgl. beispielsweise a.a.O., ad F67, F70 f., F80. und F83).
6.4 Zu den wenigen konkreten Unglaubhaftigkeitsargumenten des SEM ist
Folgendes festzuhalten:
6.4.1 Der einzige vom SEM thematisierte Aussagewiderspruch betrifft den
Umstand, dass der Beschwerdeführer einmal gesagt habe, die Taliban hät-
ten sich bei einer nächsten Begegnung nicht damit begnügt, seine Hände
abzuhacken, während er an anderer Stelle angegeben habe, die Finger
seien erst im Spital amputiert worden (vgl. Verfügung a.a.O. unter Hinweis
auf die Protokollstellen). Diese Vorhaltung ist in der Tat gesucht (vgl. Be-
schwerde S. 9 f.). Aus den Schilderungen des Beschwerdeführers ist zu
schliessen, dass die Bajonett-Verletzungen seiner Hände derart schlimm
waren, dass seine Finger unmittelbar nach der Einlieferung in das Spital
amputiert werden mussten (vgl. Anhörungsprotokoll A30 ad F56: "Als ich
dann wieder zu mir kam, sah ich mich in einem Krankenhaus bei einem
Arzt. Als ich zu mir kam, habe ich gesehen, dass meine Hände verbunden
waren. Es hat zwei, drei, vier Stunden gedauert, bis ich zu mir kam. Ich
fragte den Arzt, was mit meinen Händen sei. Er hätte mir meine Hände
verbunden, damit sie abheilen. Er hat mir nicht gesagt, was genau passiert
ist. Am nächsten Tag sah ich, dass der Verband meiner Hand kleiner
wurde. Ich fragte: 'Warum ist der Verband jetzt so klein?'. Er sagte: 'Ihre
Hand ist zerstört gewesen. Die mussten wir amputieren. Hätten wir das
nicht gemacht, wäre die Entzündung weitergegangen und man hätte weiter
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Seite 12
oben amputieren müssen')". Die Bajonett-Attacke war gemäss diesen Aus-
sagen unmittelbar ursächlich für die Amputation der Finger.
Die Aussage, die Taliban hätten die Hände abgehackt (vgl. a.a.O. ad F58
"[...] Beim letzten Mal hätten sie mir die Hände abgehackt, dieses Mal wür-
den sie mir den Hals abschneiden" [...]), mag etwas verkürzt erscheinen;
dies kann unter den gegebenen Umständen bei der Glaubhaftigkeitsbeur-
teilung aber nicht im Ernst gegen den Beschwerdeführer ins Feld geführt
werden.
6.4.2 Soweit das SEM dem Beschwerdeführer vorzuhalten scheint, die
Verfolgungsmassnahmen durch die Taliban seien auch deshalb nicht
glaubhaft, weil die erste Kontrolle der Taliban schliesslich glimpflich verlau-
fen sei, obschon er bereits damals grosse Batterien im Auto mitgeführt
habe (vgl. Verfügung S. 4), erweist sich auch diese Vorhaltung bei Betrach-
tung der protokollierten Angaben des Beschwerdeführers – auf die Frage,
wie diese erste Kontrolle sich abgespielt habe – als schwer nachvollziehbar
(vgl. Anhörungsprotokoll A30 ad F67: "[...] Ich habe die Batterien abgeholt
und bin nach B._ gefahren. Unterwegs habe ich dann noch fünf,
sechs Passagiere mitgenommen. Als wir unterwegs waren, haben die Ta-
liban uns angehalten und weil das Auto mir gehörte, haben die Taliban mich
ganz fest ins Visier genommen und mich wegen der Batterien ausgefragt.
Wem die gehören? Wohin ich die bringen würde? Solche Sachen. Ein paar
Passagiere haben dann auf die Taliban eingeredet. Der eine sagte, die eine
Batterie gehöre ihm. Der andere sagte, die andere gehöre ihm, und so
habe ich mich von den Taliban retten können [...]").
Auch dieses Unglaubhaftigkeitsargument des SEM vermag demnach nicht
zu überzeugen.
6.4.3 Schliesslich hielt das SEM in seiner Verfügung fest, es sei wenig
glaubhaft, dass der Beschwerdeführer so unvorsichtig gewesen wäre, sei-
nen Verfolgern kompromittierendes Bildmaterial in Form von Videos und
Fotos zu liefern; dass die Taliban auf diese Art und Weise Kenntnis von
seiner Arbeitstätigkeit und seinen persönlichen Beziehungen erlangt
hätten, sei demnach ebenfalls nicht glaubhaft (vgl. Verfügung S. 5).
In der Beschwerde wird zu Recht einerseits darauf hingewiesen, dass es
zur Aufgabe des Beschwerdeführers gehört habe, das Material der Anten-
nenfirma zu transportieren, zu welchem neben den Batterien oft auch eine
Kamera und/oder Speicherkarten gehört hätten (vgl. Anhörungsprotokoll
A30 ad F56 sowie F68: "Es waren Fotos der Anlagen. Wenn irgendwelche
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Seite 13
Seiten nicht funktioniert haben, gab es Störungen bei den Anlagen. So
haben sie die Anlagensysteme der Antennen fotografiert oder gefilmt. Sie
wurden dann auf diese RAM/Speicherkarte gespeichert und im Büro von
NTN konnten sie genau sehen, wo die Störung an der Anlage war und was
kaputt war. Wenn ich diese Speicherkarten in die Vertretung nach
B._ brachte, haben sie es angeschaut und gesehen, was und wo
kaputt war. So haben sie nach C._ angerufen und gebeten, dass
die von C._ die Ersatzteile schicken. Als die Ersatzteile von
C._ kamen, musste ich die wieder abholen und wieder an die An-
lage bringen. Diese Antennen hatten ja so satellitenartige Schüsseln. Die
musste man mit so einem Seil runterbringen und reparieren und das alles
wurde gefilmt, um zu zeigen, was man alles repariert hatte"). Andererseits
lässt der Beschwerdeführer in seinem Rechtsmittel vorbringen, dass er
beim zweiten Transport mit seinem Mobiltelefon auch noch die Speicher-
karte mit seinen privaten Aufnahmen mitgeführt habe, könne im Nach-
hinein sicher als Fehler bezeichnet werden; gleichzeitig sei es nach allge-
meiner Lebenserfahrung aber auch nachvollziehbar, dass man sich im All-
tag nicht ständig jedes Risikos bewusst sei. Jedenfalls scheine diese Un-
vorsichtigkeit nach allgemeiner Lebenserfahrung nicht unplausibel, son-
dern durchaus realitätsnah und menschlich (vgl. Beschwerde S. 10).
Hingegen schliesst sich das Gericht der Argumentation der Vorinstanz
in diesem Punkt insoweit an, dass das Mitführen des persönlichen Mobil-
telefons respektive der Speicherkarte mit den privaten Fotografien anläss-
lich der zweiten Taliban-Kontrolle als (schwaches) Indiz gegen die Glaub-
haftigkeit der Sachverhaltsdarstellung zu werten ist.
6.5
6.5.1 Der Beschwerdeführer hat mit seinem Rechtsmittel einerseits Foto-
grafien zu den Akten gereicht, welche seine verstümmelten Hände und
sein (...) Bein zeigen, das insbesondere im Bereich des unteren
Oberschenkels ebenfalls Spuren massiver Verletzungen aufweist. Der
eingereichte "Sprechstundenbericht" der Orthopädie-Abteilung der Univer-
sitätsklinik D._ vom 30. März 2020 (im Zusammenhang mit Knie-
beschwerden respektive der Gehbehinderung des Beschwerdeführers)
diagnostiziert unter anderem einen "St.n. Bajonett-Trauma Oberschenkel
(...)". Dabei dürfte es sich zwar nur um einen anamnestisch erhobenen
Befund handeln; immerhin ist aber davon auszugehen, dass die behan-
delnden Ärzte der Universitätsklinik es in ihrem Bericht erkennbar gemacht
hätten, wenn sie das Bild der angetroffenen Körpernarben als nicht verein-
bar mit der geltend gemachten Ursache eingeschätzt hätten. Soweit im
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Arztbericht von einer "operativen Versorgung [des Bajonetttraumas]
02/2019 in Afghanistan" die Rede ist, beruht diese Aussage offensichtlich
auf einem – vermutlich sprachlich bedingten – Missverständnis: Der Be-
schwerdeführer hat angegeben, bereits im Herbst 2018 in Griechenland
eingereist zu sein (vgl. Protokoll Personalienaufnahme A9 S. 5), was durch
die beim SEM eingereichten Asylausweise der griechischen Behörden be-
stätigt wird (vgl. Beweismittelverzeichnis A19: "Date of application:
06/10/2018"; vgl. auch die identische Angaben im Informationsschreiben
der griechischen Behörden an das SEM vom 24. März 2020, Aktenstück
A25).
6.5.2 Andererseits bestätigt der Psychologe FSP in seinem Schreiben vom
29. September 2020, dass der Beschwerdeführer seit 27. Mai 2020 wegen
einer Posttraumatischen Belastungsstörung bei ihm in Behandlung stehe.
6.5.3 Diese Beweismittel stehen in Einklang mit der Sachverhaltsdarstel-
lung des Beschwerdeführers und sind bei der Beurteilung der Glaubhaf-
tigkeit zu seinen Gunsten zu berücksichtigen.
6.6
6.6.1 Ein Beizug der Akten der Ehefrau (gleiche N-Nummer [...]) ergibt,
dass deren Sachverhaltsschilderung mit derjenigen ihres Mannes überein-
stimmen. In ihrem Anhörungsprotokoll ist im Zusammenhang mit der Er-
werbstätigkeit ihres (heutigen) Ehemannes im Iran zunächst folgender Di-
alog aufgeführt: "F72: Hat Ihr jetziger Mann im Iran gearbeitet? A: Als er zu
mir kam, konnte er nicht arbeiten. F73: Und danach? A: Danach
reisten wir aus. F74: Heisst das, dass er im Jahr als er in Teheran gelebt
hat, gar nicht gearbeitet hat? A: Er konnte nicht arbeiten. F75: Also nein?
A: Nein." (vgl. Anhörungsprotokoll A17 S. 7). Erst ganz am Ende dieser
Anhörung wurde die Ehefrau gefragt, ob sie wisse, welche Probleme der
Beschwerdeführer in Afghanistan gehabt habe. Ihre Antwort lautete: "Mein
Mann hatte Probleme mit den Taliban. Seine körperlichen Verletzungen
wurden ihm auch durch die Taliban zugefügt. Er wurde von den Taliban
gefoltert und bedroht" (vgl. a.a.O. ad F107).
6.6.2 Naturgemäss haben verheiratete oder verwandte Asylsuchende ein
Interesse daran, die Asylgründe ihrer Angehörigen nicht durch ihre Aussa-
gen zu schwächen. Es darf auch ohne Weiteres vermutet werden, dass sie
sich über ihre Erlebnisse – und über allfällige diesbezüglichen Angaben
gegenüber den schweizerischen Asylbehörden – aussprechen. Aus die-
sem Grund stellen die bestätigenden Angaben der Ehefrau grundsätzlich
nicht ein sehr starkes Indiz für die Richtigkeit des Sachvortrags dar.
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Verstärkend wirken vorliegend allerdings die auffällig zurückhaltende
Beschreibung der Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers und ins-
besondere die Tatsache, dass die Ehefrau seine Sachverhaltsdarstellung
nicht von sich aus, sondern erst auf konkrete Frage hin erwähnte: Beides
deutet darauf hin, dass es ihr nicht darum ging, das SEM von den (allenfalls
nicht-authentischen) Asylgründen ihres Mannes überzeugen zu wollen.
6.7 Die Asylentscheide der Ehefrau und des Beschwerdeführers wurden
von unterschiedlichen Mitarbeitenden des SEM verfasst. Dass die
Vorinstanz vor dem Erlass der hier zu beurteilenden Verfügung vom
2. September 2020 die zuvor protokollierten Aussagen seiner Ehefrau zur
Kenntnis genommen hätte, ist diesem Asylentscheid (und auch sonst den
Akten) nicht zu entnehmen.
6.8 Bei Durchsicht der Akten fällt auf, dass die chronologische Einordnung
der geltend gemachten Ereignisse schwerfällt, weil trotz der wenigen (teil-
weise nur ungefähren) zeitlichen Angaben des Beschwerdeführers durch
das SEM diesbezüglich nicht gezielt nachgefragt wurde. So lässt sich auf-
grund der beiden Befragungsprotokolle namentlich nicht feststellen, wann
genau die folgenschwere zweite Begegnung mit den Taliban stattgefunden
haben soll und wie lange es dann bis zur dritten Konfrontation dauerte.
Immerhin ergibt sich unmissverständlich, dass die Ausreise aus dem
Heimatstaat innert weniger Tage nach der dritten Taliban-Kontrolle organi-
siert wurde und die mühsame Reise bis zur iranischen Landesgrenze,
die im November / Dezember 2015 überschritten worden sei, ungefähr
zwei bis drei Wochen dauerte (vgl. Protokoll Anhörung F58 S. 11, Protokoll
Personalienaufnahme A9 S. 5). Nachdem sich demnach der zeitliche und
inhaltliche Kausalzusammenhang zwischen diesem fluchtauslösenden
Vorbringen und der Ausreise klar feststellen lässt (und die zeitlich zusätz-
lich einzuordnenden Ereignisse sich vor sechs bis sieben Jahren ab-
gespielt haben müssen), kann auf eine Rückweisung der Sache an die Vor-
instanz zur Abklärung der chronologisch noch offenen Punkte verzichtet
werden. Der rechtserhebliche Sachverhalt erweist sich insoweit als hin-
reichend erstellt.
6.9 Nach einer Gesamtwürdigung aller aktenkundigen Umstände gelangt
das Gericht zum Schluss, dass zwar gewisse Zweifel an der Sachverhalts-
darstellung des Beschwerdeführers verbleiben, seine Asylvorbringen
jedoch überwiegend glaubhaft erscheinen. Die Vorinstanz hat zu hohe
Anforderungen an das Glaubhaftmachen eines flüchtlingsrechtlich relevan-
ten Sachverhalts gestellt und mit diesem Vorgehen Bundesrecht verletzt.
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Seite 16
7.
7.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinn von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu
werden drohen, und vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen Schutz
erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f. und 2008/4 E. 5.2, je m.w.H.).
Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage
nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begrün-
deten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylent-
scheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung der Aktualität der Verfolgungs-
furcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation im Hei-
matstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zugunsten
und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen
(vgl. zum Ganzen BVGE 2011/51 E. 6 S. 1016 f. oder 2011/50 E. 3.1.1 und
3.1.2 S. 996 ff., m.w.H.).
7.2 Die massive Vorverfolgung des Beschwerdeführers durch die Taliban
erfolgte offensichtlich, weil sie ihn als Kollaborateur der staatlichen Behör-
den betrachteten. Das Verfolgungsmotiv der (unterstellten) politischen
Anschauungen ist offensichtlich gegeben; das Bundesverwaltungsgericht
schliesst sich hier den überzeugenden Beschwerdevorbringen an, denen
es nichts beizufügen gibt (vgl. Beschwerde S. 12 ff. und die Ausführungen
in der vorstehenden E. 4.2.3).
Ob darüber hinaus auch die Ethnie und die Glaubenszugehörigkeit des Be-
schwerdeführes einen Grund für seine Misshandlungen durch die Taliban
bildeten, kann damit offenbleiben.
7.3 Die übrigen materiellen Voraussetzungen für die Anerkennung der
Flüchtlingseigenschaft im Zeitpunkt der Ausreise aus dem Heimatstaat
(Gezieltheit, Intensität und Aktualität der Verfolgung, Fehlen einer zumut-
baren innerstaatlichen Flucht- bzw. Schutzalternative) sind ebenfalls klar
erfüllt.
7.4 Praxisgemäss besteht die Regelvermutung, dass von erlittener, mit der
Ausreise in Kausalzusammenhang stehender Vorverfolgung ohne Weite-
res auf das Bestehen einer begründeten Furcht vor weiterer, zukünftiger
Verfolgung zu schliessen ist (vgl. BVGE 2009/51 E. 4.2.5 m.w.H.). Dabei
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ist auch zu beachten, dass eine Person, die bereits einmal Verfolgung aus-
gesetzt war, objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht
vor erneuten Verfolgungsmassnahmen hat (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2,
2011/50 E. 3.1.1 und 2010/57 E. 2, jeweils m.w.H.). Vorliegend besteht
schon aufgrund der zwischenzeitlich erfolgten Übernahme der Macht über
das ganze Staatsgebiet durch die Taliban kein Grund, von dieser Regel-
vermutung abzuweichen. Die Voraussetzungen für die Anerkennung der
originären Flüchtlingseigenschaft im Sinn von Art. 3 AsylG sind demnach
auch im heutigen Zeitpunkt erfüllt.
7.5 Aus den Akten sind sodann auch keine Hinweise ersichtlich, die auf
das Bestehen von Asylausschlussgründen (insbesondere im Sinn von
Art. 53 AsylG) hindeuten würden.
8.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen. Die Verfügung des
SEM vom 2. September 2020 ist aufzuheben und die Vorinstanz ist anzu-
weisen, dem Beschwerdeführer in der Schweiz Asyl zu gewähren.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG)
10.
Dem Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung
von Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm not-
wendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der aus-
gewiesene zeitliche Aufwand in der am 10. November 2020 eingereichten
Kostennote (111⁄2 Honorarstunden) ist als angemessen zu qualifizieren;
der – für den Fall des Obsiegens relevante – Stundenansatz von Fr. 300.–
ist reglementskonform (Art. 10 Abs. 2 VGKE). Die von der Vorinstanz aus-
zurichtende Parteientschädigung ist unter Berücksichtigung des Aufwands
für die nachträgliche Eingabe vom 29. Oktober 2021 demnach auf ins-
gesamt Fr. 3800.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteueranteil) festzulegen.
(Dispositiv nächste Seite)
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