Decision ID: 8a0a49ff-cc05-537c-b105-5c3cd00797b4
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch B._
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erlass (guter Glaube)
Sachverhalt:
A.
A.a Die Ausgleichskasse des Kantons St. Gallen sprach der im Senioren- und
Spitexzentrum C._ lebenden A._ am 21. Dezember 2010 mit Wirkung ab 1. Januar
2011 Leistungen aus der Restfinanzierung der Pflegekosten unter Berücksichtigung der
Pflegetaxe 6 von Fr. 39.45 pro Tag zu (act. G 3.1.33). Die Monatsrechnung März 2011,
die das Zentrum am 31. März 2011 an B._, den Sohn von A._, sandte, enthielt der
Pflegestufe 2 entsprechende Leistungen (act. G 3.1.32-4). In der Verfügung vom 9. Mai
2011 setzte die Ausgleichskasse die Leistungen neu auf Fr. 0.-- fest, da ab März 2011
von einem Pflegebedarf entsprechend der Stufe 2 auszugehen sei. Für die Dauer vom
1. März bis 31. Mai 2011 forderte sie einen Betrag von Fr. 3'629.40 (92 Tage à
Fr. 39.45) für zu viel ausgerichtete Leistungen zurück (act. G 3.1.31). Dagegen erhob
A._, vertreten durch B._, am 18. Mai 2011 Einsprache. Für sie sei es nicht
nachvollziehbar, dass sich bei unverändert gebliebenem Gesundheitszustand der
Pflegebedarf vom einen auf den anderen Monat um mehrere Stufen verändert habe
(act. G 3.1.30).
A.b In der Monatsrechnung Mai 2011 vom 31. Mai 2011 korrigierte das Pflegeheim die
Abrechnung für die Periode März bis und mit Mai 2011 dahingehend, dass Leistungen
für einen Pflegebedarf der Stufe 4 angerechnet wurden (act. G 3.1.26-4). Gestützt auf
eine entsprechende Mutationsmeldung des Heims nahm die Ausgleichskasse eine
weitere Neuberechnung vor und ermittelte für die Dauer vom 1. März bis 30. Juni 2011
unter Berücksichtigung einer Pflegetaxe der Stufe 4 einen Anspruch auf
Restfinanzierung der Pflegekosten von Fr. 15.90 pro Tag. Den neu berechneten Betrag
von insgesamt Fr. 1'939.80 (122 Tage à Fr. 15.90) überwies sie auf das Bankkonto von
A._ (Mitteilung vom 9. Juni 2011, act. G 3.1.25).
A.c Im Entscheid vom 27. Februar 2012 hiess die Ausgleichskasse die Einsprache vom
18. Mai 2011 insofern gut, als A._ ab März bis Ende Mai 2011 Pflegebeiträge von
Fr. 1'462.80 (92 Tage à Fr. 15.90) gemäss der Verfügung vom 9. Juni 2011
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zugesprochen worden seien. Die Höhe der Rückforderung betrage unverändert
Fr. 3'629.40 (act. G 3.1.23). Die dagegen gerichtete Beschwerde vom 4. März 2012
(act. G 3.1.21-2 f.) wies das Versicherungsgericht ab (Entscheid vom 30. Oktober 2012,
KV 2012/2, act. G 3.1.13).
A.d Am 18. November 2012 ersuchte A._ um Erlass der Rückforderung (act.
G 3.1.9). Die Ausgleichskasse wies dieses Gesuch in der Verfügung vom 19. Dezember
2012 mangels Bestehens des guten Glaubens ab (act. G 3.1.8). Die dagegen gerichtete
Einsprache vom 30. Dezember 2012 (act. G 3.1.6) wies sie im Einspracheentscheid
vom 2. Mai 2013 ab (act. G 3.2.9).
B.
B.a Gegen den Einspracheentscheid vom 2. Mai 2013 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 23. Mai 2013 (Datum Posteingang). Die Beschwerdeführerin
beantragt darin sinngemäss die Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheids
und die Gewährung des Erlasses der Rückforderung. Sie bringt vor, die Voraussetzung
des guten Glaubens sei erfüllt (act. G 1).
B.b Unter Verweis auf die Begründung des angefochtenen Einspracheentscheids
beantragt die Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort vom 7. Juni 2013 die
Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
B.c In der nach Akteneinsichtnahme erfolgten Stellungnahme vom 14. Juni 2013 hält
die Beschwerdeführerin unverändert an ihrer Beschwerde fest (act. G 5).

Erwägungen:
1.
Streitig und zu prüfen ist die Verweigerung des Erlasses der Rückerstattungsschuld
von Fr. 3'629.40 betreffend Pflegebeiträge für die Monate März bis und mit Mai 2011,
die bereits in Rechtskraft erwachsen ist (vgl. Entscheid des Versicherungsgerichts vom
30. Oktober 2012, KV 2012/2, act. G 3.1.13).
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nach Art. 25 Abs. 1 Satz 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) sind unrechtmässig bezogene Leistungen
zurückzuerstatten. Wer Leistungen in gutem Glauben empfangen hat, muss sie nicht
zurückerstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt (Satz 2).
2.1 Die Rechtsprechung unterscheidet zwischen dem guten Glauben als fehlendem
Unrechtsbewusstsein und der Frage, ob sich jemand unter den gegebenen Umständen
auf den guten Glauben berufen konnte oder bei zumutbarer Aufmerksamkeit den
bestehenden Rechtsmangel hätte erkennen können. Der gute Glaube entfällt nicht nur
bei wissentlichem Bezug zu Unrecht ausgerichteter Leistungen. Vielmehr darf sich die
leistungsempfangende Person nicht nur keiner böswilligen Absicht, sondern auch
keiner groben Nachlässigkeit schuldig gemacht haben. Der gute Glaube ist somit von
vornherein nicht gegeben, wenn die zu Unrecht erfolgte Leistungsausrichtung auf eine
arglistige oder grobfahrlässige Melde- oder Auskunftspflichtverletzung zurückgeht.
Demgegenüber kann sich die rückerstattungspflichtige Person auf den guten Glauben
berufen, wenn ihr fehlerhaftes Verhalten (beispielsweise die Meldepflichtverletzung) nur
eine leichte Fahrlässigkeit darstellt (BGE 112 V 103 E. 2c). Wie in anderen Bereichen
beurteilt sich die geforderte Sorgfalt nach einem objektiven Massstab, wobei jedoch
das den Betroffenen (in ihrer Subjektivität) Mögliche und Zumutbare (Urteilsfähigkeit,
Gesundheitszustand, Bildungsgrad usw.) nicht ausgeblendet werden darf (Urteil des
Bundesgerichts vom 2. Mai 2007, 9C_14/2007, E. 4.1). Das Verhalten und die
Kenntnisse des Vertreters sind der vertretenen Person anzurechnen (BGE 112 V 104
E. 3b; vgl. zum Ganzen Urteil des Bundesgerichts vom 19. Januar 2011, 9C_921/2010,
E. 2).
2.2 Weder aus den Akten noch aus den Ausführungen der Beschwerdegegnerin (vgl.
Einspracheentscheid vom 2. Mai 2013, act. G 3.2.9) lässt sich entnehmen, die
unrechtmässige Leistungsausrichtung sei auf ein Verschulden der Beschwerdeführerin
bzw. ihres Vertreters zurückzuführen. Die Verneinung des gutgläubigen
Leistungsbezugs begründete die Beschwerdegegnerin denn auch damit, dass der
Vertreter der Beschwerdeführerin sich bewusst gewesen sei, an der
Leistungsabrechnung des Pflegeheims vom 31. März 2011 für den Monat März 2011
könne die Berechnung der Betreuungsleistungen auf der Grundlage der Pflegestufe 2
nicht stimmen. Angesichts dieser Abrechnung hätte er aber bei zumutbarer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Aufmerksamkeit die Möglichkeit in Betracht ziehen müssen, dass sich an der
bisherigen Einstufung der Beschwerdeführerin in die Pflegestufe 6 durchaus etwas
geändert haben könnte. Folglich habe der Vertreter nicht darauf vertrauen dürfen, dass
der Beschwerdeführerin Restfinanzierungsleistungen in unveränderter Höhe
entsprechend der Pflegestufe 6 zustehen würden (act. G 3.2.9).
2.3 Die Beschwerdegegnerin erbrachte seit Januar 2011 Leistungen für die
Restfinanzierung für Pflegekosten entsprechend der "Pflegetaxe RAI/
RUG 6" (Mitteilung vom 21. Dezember 2010, act. G 3.1.33; auch in der "APF-
Anmeldung" vom November 2010 wurde aufgrund der Meldung des Heims von einem
Pflegebedarf gemäss Stufe 6 ausgegangen, act. G 3.1.34). Am 5. April 2011 reichte das
Pflegeheim eine Mutation ein, dergemäss die Beschwerdeführerin ab dem 1. März
2011 neu in der Pflegestufe 2 (act. G 3.1.32) und nicht mehr in der Stufe 6
(Stellungnahme Fachbereich vom 28. Januar 2012, act. G 3.1.24) sei. Für den Vertreter
der Beschwerdeführerin wurde eine Monatsrechnung für den März 2011 erstellt (Datum
des Schreibens: 31. März 2011, act. G 3.1.32-4). Die Beschwerdegegnerin machte im
Einspracheentscheid geltend, der Vertreter der Beschwerdeführerin habe diese
Abrechnung erhalten (act. G 3.2.9-2), was von diesem unbestritten blieb. Auch wenn
sich die in der Monatsrechnung für März 2011 vom 31. März 2011 vorgenommene
Reduktion der Pflegestufe um 4 Stufen nachträglich - und lediglich bezüglich des
Umfangs - als nicht zutreffend erwies (vgl. zur Korrektur die Verfügung vom 9. Juni
2011, worin der Pflegebedarf auf Stufe 4 festgesetzt wurde, act. G 3.1.25), fällt ins
Gewicht, dass der Sohn der Beschwerdeführerin den Fehler in der Abrechnung für
März 2011 erkannte und beim Heim eine Rückfrage tätigte, worauf dieses die
Korrekturmeldung an die Beschwerdegegnerin vornahm, wie in der
Rückforderungsverfügung ausdrücklich festgehalten wurde (act. G 3.1.8; vgl. auch die
Beschwerde an das Versicherungsgericht vom 4. März 2012, act. G 3.1.21-2, wo der
Sohn der Beschwerdeführerin den Ablauf nachzeichnete). Daraufhin korrigierte es seine
Abrechnung rückwirkend und stellte dem Sohn der Beschwerdeführerin am 31. Mai
2011 eine neue Abrechnung betreffend die Monate März bis Mai 2011 unter
Berücksichtigung der Pflegestufe 4 zu (vgl. act. G 3.1.26-4). Dieser wusste somit
aufgrund der Abrechnung für März 2011, dass eine Anpassung der Leistungen per
1. März 2011 infolge tieferen Pflegebedarfs erfolgen musste. Dabei ist nicht von
Bedeutung, dass die ursprüngliche Reduktion lediglich teilweise (nämlich um 2 Stufen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und nicht um 4 Stufen) richtig gewesen ist. Wesentlich ist einzig, dass sich der
Vertreter der Beschwerdeführerin bewusst gewesen ist, dass die Pflegebeiträge ab
März 2011 nicht mehr auf der Grundlage der Pflegestufe 6 geschuldet sind. Diese
Sichtweise wird dadurch bestätigt, als der Vertreter in der Beschwerde betreffend
Rückforderung vom 4. März 2012 einräumte, er verstehe eine gewisse "Überzahlung".
Auf dieser Basis, also dem Wissen des Vertreters der Beschwerdeführerin um die
Fehlerhaftigkeit der Pflegestufenzuordnung, kann sich aber keine Gutgläubigkeit
bezüglich der Entgegennahme dieser "Überzahlung" entwickeln, selbst wenn man die
nicht leichthin überschaubare Abrechnungsweise der Beschwerdegegnerin erneut
berücksichtigt. Mit der Ablehnung des Erlasses ist denn vorliegend auch kein irgendwie
gearteter Vorwurf an die Adresse der Beschwerdeführerin oder ihren Sohn verbunden.
Sie lässt einzig die Nachholung der versäumten Verrechnung der "Überzahlung" zu.
2.4 Vor diesem Hintergrund kann die Frage offen gelassen werden, ob die weitere
Erlassvoraussetzung der grossen Härte erfüllt ist.
3.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu
erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39
VRP entschieden:
1. Die Beschwerde wird abgewiesen.
2. Es werden keine Gerichtskosten erhoben.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 29.08.2013 Art. 25 Abs. 1 ATSG. Guter Glaube verneint, da sich die Beschwerdeführerin bzw. deren Vertreter angesichts der in der entsprechenden Monatsabrechnung enthaltenen Differenz bezüglich zu entschädigenden Pflegebedarfs bei der Verwaltung hätte erkundigen müssen (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 29. August 2013, KV 2013/9).
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
2021-09-19T12:19:12+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen