Decision ID: 9f57c6c0-c97b-4224-8eac-e067aac46403
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ (nachfolgend: Versicherte) war seit März 2016 mit einem Pensum von zuletzt
49% als PRO agent professionnel bei der B._ tätig und dadurch bei der Vaudoise
Allgemeine, Versicherungs-Gesellschaft AG (nachfolgend: Vaudoise), gegen die Folgen
von Unfällen versichert. Am 1. Juli 2016 erlitt sie einen Verkehrsunfall. Sie sass als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angegurtete Beifahrerin in einem auf dem Pannenstreifen der Autobahn stillstehenden
Mercedes-Benz Viano mit Anhänger (UV-act. 19-5), welcher von hinten von einem mit
einem Tempo von über 80 km/h fahrenden Lastwagen gerammt wurde (UV-act. 1, 7,
7b, 19-5 ff.).
A.b Die im Universitätsspital C._ am 1. Juli 2016 durchgeführten Untersuchungen
(Polytrauma-CT, Labor und EKG) waren unauffällig; es konnten keine traumatischen
Läsionen im Sinne von Frakturen oder Blutungen festgestellt werden (UV-act. 2, 8). Der
Hausarzt der Versicherten, Dr. med. D._, Allgemeine Innere Medizin FMH,
diagnostizierte im Bericht vom 7. Juli 2016 über den Untersuch vom 4. Juli 2016
Schnittverletzungen am Oberkörper, muskuläre Verspannungen am Schultergürtel und
an der Halswirbelsäule sowie eine unklare Sehstörung (UV-act. 1b). Er bescheinigte der
Versicherten ab dem Unfallzeitpunkt eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit (vgl. unter
anderem UV-act. 1c, 6a). In der Folge sprach ihr die Vaudoise mit Schreiben vom 19.
Juli 2016 Kostenübernahme für die Behandlungsmassnahmen und Taggelder im
Zusammenhang mit dem Unfall vom 1. Juli 2016 zu (UV-act. 4).
A.c Anlässlich eines Gesprächs mit einem Mitarbeiter der Vaudoise vom 29. Juli 2016
klagte die Versicherte über stetige Kopfschmerzen, beidseitige Nackenbeschwerden
mit grossem Druck, einen verhärteten Schulterbereich und Rücken (ohne Ausstrahlung
in die Arme), diverse Prellungen und Quetschungen am Oberkörper (Rippen und
Brustbereich) sowie Probleme mit den Augen (Flimmern). Sie sei licht- und
geräuschempfindlich und habe ein konstantes Pfeifen/Sausen im linken Ohr. Im
Weiteren sei ihr aufgefallen, dass sich ihr Kurzzeitgedächtnis verschlechtert habe und
sie sich in grösseren Menschenmengen unwohl fühle (UV-act. 7).
A.d Mit ärztlichem Zwischenbericht vom 4. August 2016 diagnostizierte Dr. D._
einen Status nach Autounfall mit kranio-zervikalem Beschleunigungstrauma, diversen
Kontusionen und muskulären Verspannungen. Bezüglich Kopfschmerzen und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sehstörungen sei es zu keiner Besserung gekommen. Die Dauer der Behandlung sei
nicht abschätzbar (UV-act. 9). Bis 16. August 2016 attestierte Dr. D._ der
Versicherten weiterhin eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit (UV-act. 58).
A.e Mit Bericht vom 11. August 2016 diagnostizierten die Ärzte der Klinik für
Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) 1. bei klinisch-neurologisch
unauffälligem Befund holozephale symptomatische Kopfschmerzen, posttraumatisch
im Rahmen von Diagnose 3; 2. bei unklarer Ätiologie, differentialdiagnostisch im
Rahmen von Diagnose 3, Angabe von Kurzzeitgedächtnisstörungen und reduzierter
Belastbarkeit; 3. einen Status nach Autounfall am 1. Juli 2016 als Beifahrerin mit
möglicher Bewusstlosigkeit. Die am 5. August 2016 durchgeführten cMRI mit MR-
Angiographie sowie das MRI der Wirbelsäule hätten keine Hinweise auf strukturelle
Veränderungen nach dem Unfall vom 1. Juli 2016 ergeben, insbesondere keinen
Hinweis auf Shearing injuries oder eine Gefässdissektion (UV-act. 12). Ab dem 17.
August 2016 bescheinigte Dr. D._ eine 50%-ige Arbeitsunfähigkeit bezogen auf das
Arbeitspensum der Versicherten von rund 50% (UV-act. 18a, 20, 24).
A.f Am 18. August 2016 wurde die Versicherte im KSSG neuropsychologisch
untersucht. Es wurden dabei insgesamt leichte bis mittelschwere kognitive
Funktionsstörungen objektiviert. Die Befunde seien gut zu vereinbaren mit dem Status
nach Autounfall vom 1. Juli 2016 mit vermutlich erlittener leichter traumatischer
Schädelhirnverletzung ohne Contusio. Beeinträchtigungen in den Bereichen
Aufmerksamkeit, Gedächtnis und in exekutiven Teilbereichen sowie eine reduzierte
Belastbarkeit seien in den Wochen und Monaten nach entsprechendem Ereignis
häufig. Die Heilungsverläufe seien individuell unterschiedlich, in der Regel jedoch
günstig. Die Arbeitsfähigkeit liege aufgrund der Befunde bei ca. 70% bezogen auf die
Leistungskomponente. Bezüglich der möglichen zeitlichen Komponente sei aufgrund
der reduzierten Belastbarkeit von einem maximalen Pensum von 50% zum aktuellen
Zeitpunkt auszugehen. Insgesamt ergebe sich somit eine aktuelle Arbeitsfähigkeit von
35%, eine Steigerung im Verlauf sei zu erwarten (UV-act. 25a).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.g Mit Bericht vom 25. Oktober 2016 teilte Dr. D._ mit, dass die Arbeitsfähigkeit seit
dem 17. August 2016 nicht mehr habe gesteigert werden können. Die Versicherte
beklage nach wenigen Stunden Arbeit zunehmende Kopfschmerzen und Erbrechen,
zusätzlich mache sie vermehrt Fehler und könne sich nicht mehr richtig konzentrieren.
In der angestammten Tätigkeit betrage die Arbeitsfähigkeit 25%, in einer angepassten
maximal 50%, dies aufgrund progredienter Kopfschmerzen und kognitiver
Einschränkungen (UV-act. 27).
A.h Dr. med. E._, Facharzt Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, beratender Arzt der Vaudoise, erhob am 31. Oktober 2016 als
unfallkausale Diagnosen Verspannungen, Kopfschmerzen und
Konzentrationsprobleme. Für etwa drei Monate sei eine Physiotherapiebehandlung
aufgrund des Unfallereignisses medizinisch angezeigt. Der Status quo sine/ante sei
nach sechs Monaten erreicht. Es bestünden keine posttraumatischen strukturellen
Läsionen (UV-act. 32). Mit Schreiben vom 15. November 2016 erachtete Dr. E._ die
durchgeführte intensivierte Analgesie und Physiotherapie zur Erhöhung der
Arbeitsfähigkeit als angemessen. Die Betreuung durch den Hausarzt sei ausreichend,
da es ohne traumatischen Hirnschaden nicht zu neuropsychologischen Störungen
komme (UV-act. 34).
A.i Am 20. Dezember 2016 wurde die Versicherte im Schmerzzentrum des KSSG
ambulant behandelt. Gemäss Bericht vom 27. Dezember 2016 wurden chronifizierte
holozephale Kopfschmerzen bei Status nach Auffahrunfall im Juli 2016 (-Chronifi-
zierungsgrad I nach Gebershagen; Yellow Flags: Verdacht auf Anpassungsstörung)
diagnostiziert. Bei der Versicherten liege ein chronifiziertes Schmerzsyndrom im
Kopfbereich, ausgelöst durch einen massiven Auffahrunfall im Juli 2016, vor. Im
Gespräch sei deutlich geworden, dass der Unfall noch lange nicht verarbeitet sei.
Konzentriertes Arbeiten falle ihr schwer. Unter geistiger Anstrengung würden die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerden deutlich stärker, Ruhe und Entspannung führten zu einer Verbesserung
der Situation (UV-act. 43). Eine posttraumatische Belastungsstörung wurde in der
Folge verneint (UV-act. 47).
A.j Mit Schreiben vom 22. Februar 2017 führte Dr. E._ aus, dass die anhaltenden
Beschwerden und geplanten Behandlungen nicht überwiegend wahrscheinlich
unfallkausal seien. Ohne posttraumatische strukturelle Läsionen und ohne Vorzustände
sei der Status quo sine nach sechs Monaten erreicht und die Unfallfolgen spielten
überwiegend wahrscheinlich im Geschehen keine Rolle mehr (UV-act. 53).
A.k Mit Verfügung vom 8. März 2017 stellte die Vaudoise die Versicherungsleistungen
aus der obligatorischen Unfallversicherung per 1. Januar 2017 ein, da gestützt auf die
Ausführungen von Dr. E._ die natürliche Kausalität überwiegend wahrscheinlich nicht
mehr gegeben sei. Der Status quo sei nach sechs Monaten erreicht gewesen. Auf die
Rückforderung der nach dem 1. Januar 2017 erbrachten Leistungen werde indes
verzichtet (UV-act. 55).
B.
Am 7. April 2017 liess die Versicherte gegen die Verfügung vom 8. März 2017 durch die
Assista Rechtsschutz AG Einsprache erheben. Mit der Einsprache reichte sie mehrere
medizinische Beurteilungen ein, unter anderem einen Bericht von Dr. D._ vom 17.
März 2017, welcher der Versicherten bei unfallkausalen holozephalen Kopfschmerzen,
Gedächtnisstörungen und reduzierter Belastbarkeit ab 1. März 2017 weiterhin eine
Arbeitsunfähigkeit, neu im Umfang von 50%, bescheinigte (UV-act. 58). Der Fall wurde
nochmals Dr. E._ vorgelegt, welcher mit Bericht vom 19. April 2017 an seiner
Beurteilung festhielt (UV-act. 59). Am 30. Mai 2017 wies die Vaudoise die Einsprache
ab (UV-act. 61).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
C.a Gegen den Einspracheentscheid vom 30. Mai 2017 liess die Versicherte
(nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 27. Juni 2017 durch ihren neuen Rechtsvertreter
(Rechtsanwalt Marco Büchel, Oberuzwil) Beschwerde erheben mit folgenden
Rechtsbegehren: 1. Die Verfügung vom 8. März 2017 sowie der Einspracheentscheid
vom 30. Mai 2017 der Vaudoise (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) seien aufzuheben;
2. Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, ihre gesetzliche Leistungspflicht auch
über den 2. Januar 2017 hinaus zu erbringen; 3. Eventualiter sei die
Beschwerdegegnerin zu verpflichten, ein externes multidisziplinäres Gutachten in
Auftrag zu geben; 4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge (act. G 1).
C.b In der Beschwerdeantwort vom 30. August 2017 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
C.c Mit Replik vom 6. Oktober 2017 liess die Beschwerdeführerin unverändert an ihren
Anträgen festhalten (act. G 6).
C.d Die Beschwerdegegnerin reichte am 7. November 2017 eine Duplik ein, wobei
auch sie an ihrem Antrag auf Beschwerdeabweisung festhielt (act. G 8).
C.e Am 7. Dezember 2017 reichte der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin eine
nachträgliche Eingabe ein (act. G 10). Diese wurde der Beschwerdegegnerin zur
Kenntnis gebracht (act. G 11 f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.f Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie die Ausführungen in
den medizinischen Akten wird, soweit entscheidnotwendig, in den nachfolgenden

Erwägungen eingegangen.
Erwägungen
1.
Am 1. Januar 2017 sind die revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) und der Verordnung über die Unfallversicherung
(UVV; SR 832.202) in Kraft getreten. Gemäss den Übergangsbestimmungen werden
Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor Inkrafttreten der Änderung ereignet
haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach
bisherigem Recht gewährt. Vorliegend steht ein Unfall vom 1. Juli 2016 zur Diskussion.
Es finden daher die bis 31. Dezember 2016 gültigen Bestimmungen Anwendung.
2.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht per 1. Januar 2017 den
Fall mangels Kausalzusammenhangs der weiterhin geklagten Beschwerden zum Unfall
vom 1. Juli 2016 abgeschlossen hat.
2.1 Ist die versicherte Person infolge des Unfalls voll oder teilweise arbeitsunfähig (Art.
6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
[ATSG; SR 830.1]), so hat sie Anspruch auf ein Taggeld (Art. 16 Abs. 1 UVG). Sie hat
zudem Anspruch auf die zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen (Art. 10 UVG).
Wenn von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitszustands der versicherten Person mehr erwartet werden kann und allfällige
Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung abgeschlossen sind, entsteht
der Rentenanspruch. Mit dem Rentenbeginn fallen die Heilbehandlung und die
Taggeldleistungen dahin (Art. 19 Abs. 1 UVG). Anspruchsvoraussetzung für jegliche
Leistungen der Unfallversicherung bildet die Unfallkausalität. Eine Leistungspflicht des
Unfallversicherers besteht demnach nur für Gesundheitsschäden, die natürlich und
adäquat kausal mit einem versicherten Unfallereignis zusammenhängen (ALEXANDRA
RUMO-JUNGO/ANDRÉ PIERRE HOLZER, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 4. Aufl. Zürich/
Basel/Genf 2012, S. 53 ff.). Für die Beantwortung der Tatfrage nach dem Bestehen
natürlicher Kausalzusammenhänge im Bereich der Medizin ist das Gericht in der Regel
auf Angaben ärztlicher Experten und Expertinnen angewiesen. Die Frage nach dem
adäquaten Kausalzusammenhang ist demgegenüber eine Rechtsfrage, die vom Gericht
nach den von Doktrin und Praxis entwickelten Regeln zu beurteilen ist (BGE 123 III 110,
112 V 30, 107 V 173, RUMO-JUNGO/HOLZER, a.a.O., S. 54 f.). Die Adäquanz spielt im
Bereich organisch objektiv ausgewiesener Unfallfolgen indessen praktisch keine Rolle,
da sich hier die adäquate weitgehend mit der natürlichen Kausalität deckt (BGE 134 V
111 f. E. 2).
2.2 Hat der Unfallversicherer seine Leistungspflicht einmal anerkannt, so entfällt seine
Leistungspflicht erst dann, wenn der Unfall nicht mehr die natürliche Ursache der
fortdauernd geklagten Beschwerden darstellt, d.h. wenn die Beschwerden nur noch
und ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruhen. Ebenso wie der
leistungsbegründende natürliche Kausalzusammenhang muss das Dahinfallen jeder
kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens mit
dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sein (THOMAS LOCHER/THOMAS GÄCHTER,
Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. Bern 2014, § 70 N 58 f.). Dies trifft zu,
wenn entweder der (krankhafte) Gesundheitszustand, wie er unmittelbar vor dem Unfall
bestanden hat (Status quo ante) oder aber derjenige Zustand, wie er sich nach dem
schicksalsmässigen Verlauf eines krankhaften Vorzustands auch ohne Unfall früher
oder später eingestellt hätte (Status quo sine), erreicht ist (RKUV 1994 Nr. U 206 S. 328
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
E. 3b mit Hinweisen). Da es sich um eine anspruchsaufhebende Tatfrage handelt, liegt
die Beweislast – anders als bei der Frage, ob ein leistungsbegründender natürlicher
Kausalzusammenhang gegeben ist – nicht bei der versicherten Person, sondern beim
Unfallversicherer. Diese Rechtsprechung beschlägt dabei einzig die rechtlichen Folgen
der Abklärung, insofern als dem Unfallversicherer die Beweislast zugewiesen wird für
den Fall, dass ungeklärt bleibt, ob dem Unfall (noch) eine kausale Bedeutung für den
andauernden Gesundheitsschaden zukommt. Bevor sich aber überhaupt die Frage der
Beweislast stellt, ist der Sachverhalt im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes richtig
und vollständig zu klären (Urteil des Bundesgerichts vom 4. August 2008,
8C_354/2007, E. 2.2). Der Unfallversicherer muss jedoch nicht den Beweis für
unfallfremde Ursachen erbringen. Ebenso wenig geht es darum, von ihm den negativen
Beweis zu verlangen, dass kein Gesundheitsschaden mehr vorliege oder dass die
versicherte Person nun bei voller Gesundheit sei (Urteil des Bundesgerichts vom 29.
April 2008, 8C_465/2007, E. 3.1 mit Hinweisen).
2.3 Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben die
urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln
sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen und alle Beweismittel unabhängig
davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten. Bezüglich Beweiswert eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für
die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
der medizinischen Fachperson begründet und nachvollziehbar sind (BGE 125 V 352 E.
3a mit Hinweisen). Berichte und Gutachten, welche die Versicherungen während des
Administrativverfahrens von ihren eigenen Ärzten und Ärztinnen einholen, können
beweistauglich sein. An deren Beweiswürdigung sind indes strenge Anforderungen zu
stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der
versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorzunehmen (BGE 135 V 470 f. E. 4.4 mit Hinweis; bestätigt in Urteil des
Bundesgerichts vom 23. November 2012, 8C_592/2012, E. 5.3).
3.
3.1 Die Beschwerdegegnerin verneint eine natürliche Kausalität der über den 1. Januar
2017 hinaus geklagten Beschwerden zum Unfall vom 1. Juli 2016 gestützt auf die
Beurteilungen ihres Vertrauensarztes Dr. E._. Dieser erachtet den Status quo sine/
ante nach sechs Monaten als erreicht (UV-act. 32, 53, 59).
3.2 Im Erstbehandlungsbericht des Universitätsspitals C._ vom 2. Juli 2016 wird als
Einweisungsgrund (Motif de recours) ein Schädeltrauma (Traumatisme crânien)
angegeben (act. G 6.15). Traumatische Läsionen im Sinne von Frakturen oder
Blutungen wurden nicht festgestellt (UV-act. 2, 8). Dr. D._ diagnostizierte drei Tage
nach dem Unfall vom 1. Juli 2016 nebst Schnittverletzungen am Oberkörper muskuläre
Verspannungen am Schultergürtel und an der Halswirbelsäule sowie eine unklare
Sehstörung. Er notierte Schmerzen an den Rippen rechts, temporal links sowie
paravertebral links HWS bzw. eine Druckdolenz über den beschriebenen Stellen (UV-
act. 1b). Am 29. Juli 2016 klagte die Beschwerdeführerin anlässlich einer Besprechung
mit einem Mitarbeiter der Beschwerdegegnerin über stetige Kopfschmerzen,
beidseitige Nackenbeschwerden, einen verhärteten Schulterbereich und Rücken,
diverse Prellungen und Quetschungen am Oberkörper sowie Probleme mit den Augen
(Flimmern). Auch gab sie an, licht- und geräuschempfindlich zu sein sowie ein
konstantes Pfeifen/Sausen im linken Ohr zu haben. Im Weiteren habe sich ihr
Kurzzeitgedächtnis verschlechtert und sie fühle sich in grösseren Menschenmengen
unwohl (UV-act. 7). Am 4. August 2016 diagnostizierte Dr. D._ einen Status nach
Autounfall mit kranio-zervikalem Beschleunigungstrauma, diversen Kontusionen und
muskulären Verspannungen. Bezüglich Kopfschmerzen und Sehstörungen sei es zu
keiner Besserung gekommen (UV-act. 9). Am 11. August 2016 erhob das KSSG als
Diagnosen unter anderem holozephale symptomatische Kopfschmerzen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
posttraumatisch nach dem Autounfall vom 1. Juli 2016 (UV-act. 12). Am 18. August
2016 wurden im KSSG leichte bis mittelschwere kognitive Funktionsstörungen
objektiviert (UV-act. 25a).
3.3 Gestützt auf die vorstehenden medizinischen Unterlagen steht fest und wird nicht
bestritten, dass kein fassbarer organischer unfallbedingter Befund vorliegt (vgl. dazu
das Urteil des Bundesgerichts vom 7. August 2008, 8C_806/2007, E. 8.2 mit
Hinweisen). Die über den 1. Januar 2017 hinaus geklagten Beschwerden sind damit
nicht durch einen im Sinn der Rechtsprechung organisch nachweisbaren
Unfallschaden erklärbar. Im Raum stehen indessen eine beim Unfall vom 1. Juli 2016
erlittene Schädelkontusion bzw. Hirnerschütterung (Commotio cerebri) sowie ein
kranio-zervikales Beschleunigungstrauma. Diese Diagnosen führen bei
entsprechendem Nachweis in Anlehnung an die medizinische Forschung grundsätzlich
dazu, dass auch ohne nachweisbare pathologische bzw. organische Befunde noch
längere Zeit nach dem Unfall funktionelle Ausfälle verschiedenster Art auftreten können
(vgl. BGE 117 V 363 f. E. 5d/aa).
3.4 Schmerzen in der Halsregion sind gemäss Bericht von Dr. D._ vom 7. Juli 2016
(vgl. vorstehende E. 3.2) zeitnah zum Unfall dokumentiert (vgl. dazu Urteil des
Bundesgerichts vom 5. Januar 2009, 8C_413/2008, E. 5.2 mit zahlreichen Hinweisen).
In der Folge beklagte die Beschwerdeführerin innert Monatsfrist und damit innert einer
Frist, welche es erlaubt, von einem Kausalzusammenhang auszugehen (vgl. dazu Urteil
des Bundesgerichts vom 15. März 2007, U 258/06, E. 4), anhaltende Sehstörungen,
Nackenbeschwerden und kognitive Funktionsstörungen (unter anderem
Beeinträchtigungen in den Bereichen Aufmerksamkeit und Gedächtnis). Das
Beschwerdebild ähnelt damit, wenn auch erst am 4. August 2016 durch Dr. D._
explizit diagnostiziert (kranio-zervikales Beschleunigungstrauma; UV-act. 9), dem
Beschwerdebild, wie es bei einem Schleudertrauma der HWS oder einer äquivalenten
Verletzung der Halswirbelsäule vorkommen kann (vgl. dazu BGE 134 V 116 E. 6.2.1).
Somit und auch in Würdigung des Unfallmechanismus (ausgelöst durch seitlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Heckaufprall eines mit über 80 km/h fahrenden Lastwagens; vgl. dazu auch UV-act. 7b)
sowie des entstandenen Schadens am Mercedes (act. G 1.5) liegt der Schluss nahe,
dass die Beschwerdeführerin nebst einer allfälligen Hirnerschütterung auch ein
Beschleunigungstrauma der HWS erlitten hat.
3.5 Dr. E._, auf dessen Beurteilung sich die Beschwerdegegnerin abstützt, verneint
den natürlichen Kausalzusammenhang nach sechs Monaten hauptsächlich wegen
fehlender posttraumatischer struktureller Läsionen im Bereich des Gehirns und der
HWS (UV-act. 59-2). Wie vorstehend ausgeführt, kann die natürliche Kausalität
bestehender Beschwerden bei einem Schleudertrauma der HWS, einer äquivalenten
Verletzung der Halswirbelsäule oder einem Schädelhirntrauma auch ohne
nachweisbare organische Befunde noch längere Zeit nach dem Unfall zu funktionellen
Ausfällen führen, weshalb der Verweis einzig auf fehlende strukturelle Läsionen nicht zu
überzeugen vermag. Während der Beurteilung bezüglich einer allfällig erlittenen
Hirnerschütterung allenfalls gefolgt werden könnte (die Folgen daraus heilen gemäss
Erfahrungswerten in der Regel innert wenigen Wochen, allenfalls wenigen Monaten ab;
vgl. unter anderem GERHARD JENZER, Klinische Aspekte bei HWS-Belastungen durch
Kopfanprall oder Beschleunigungsmechansimus; Grenzbereich zu "leichten" Schädel-
Hirn-Trauma, in: SZS 1996, S. 462 ff., insbesondere S. 467), bestehen bezüglich
Zeitpunkt des Status quo sine/ante nach dem Beschleunigungstrauma, das die
Beschwerdeführerin wohl doch erlitten haben dürfte, zumindest geringe Zweifel, zumal
Dr. E._ das Vorliegen eines solchen nicht bestreitet (UV-act. 59). Er diskutiert dieses
aber weder inhaltlich noch bezüglich allfällig daraus resultierender Beschwerden. Auch
hat er die bestehende (medizinische) Aktenlage, worin mehrheitlich von einer
überwiegend wahrscheinlichen natürlichen Kausalität der nach dem 1. Januar 2017
noch bestehenden Beschwerden ausgegangen wird (UV-act. 58), nicht gewürdigt,
geschweige denn, die Einschätzungen der behandelnden Ärzte nachvollziehbar
widerlegt. Insbesondere hat er auch das schwere Unfallereignis
(Aufprallgeschwindigkeit von über 80 km/h) bzw. die dabei zweifelsohne massiven auf
den Körper einwirkenden Kräfte überhaupt nicht thematisiert. Insgesamt genügen die
Einschätzungen von Dr. E._ damit nicht, um die Unfallkausalität der per 1. Januar
2017 noch bestehenden Beschwerden zu verneinen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.6 Auch auf die Kausalitätsbeurteilungen der behandelnden Ärzte Dr. D._ und Dr.
med. F._, Administrativer Leiter der Klinik für Anästhesiologie, Intensiv-, Rettungs-
und Schmerzmedizin des KSSG, kann nicht ohne weitere Abklärungen abgestellt
werden. Zwar gehen sie – wie erwähnt – davon aus, dass die geklagten Beschwerden
über den 1. Januar 2017 hinaus in einem natürlichen Kausalzusammenhang zum Unfall
vom 1. Juli 2016 stehen. Dr. D._ erwähnt nach wie vor unfallkausale holozephale
Kopfschmerzen, Gedächtnisstörungen, Konzentrationsstörungen und eine reduzierte
Belastbarkeit und erachtet die Beschwerdeführerin aufgrund dessen per 1. Januar
2017 noch immer zu 75% arbeitsunfähig (UV-act. 58). Dr. F._ betrachtet die
chronifizierte Erkrankung (chronische Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren [ICD-10: F45.41]) als Folge des Unfalls (UV-act. 58). Bezüglich
der Einschätzungen dieser Ärzte ist aber zum einen zu beachten, dass Hausärzte und
behandelnde Spezialärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche
Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (vgl.
BGE 125 V 351 E. 3b/bb und cc; vgl. ferner auch Urteil des Bundesgerichts vom 28.
Oktober 2009, 8C_216/2009, E. 4.5). Weiter ist bei diesen zwei Ärzten aufgrund ihrer
Fachrichtung fraglich, ob auf deren Kausalitätsbeurteilung überhaupt abschliessend
abgestellt werden kann, unabhängig davon, dass auch aus ihren Beurteilungen nicht
rechtsgenüglich hervorgeht, dass sie sämtlichen Umständen Rechnung getragen
haben (Unfallmechanismus, allfällige psychische Überlagerung etc.).
3.7 Die Adäquanzbeurteilung, wie sie die Beschwerdegegnerin erstmals in der
Beschwerdeantwort vom 31. August 2017 vorgenommen hat (act. G 3 S. 3), darf erst
erfolgen, wenn rechtsgenüglich feststeht, dass von weiteren medizinischen
Massnahmen keine namhafte Besserung des Gesundheitszustands mehr erwartet
werden kann (Art. 19 Abs. 1 UVG; BGE 134 V 113 ff. E. 4), also ein medizinischer
Endzustand erreicht ist. Nur wenn dies der Fall ist, kann auch ohne abschliessende
Beurteilung der natürlichen Kausalität (vgl. dazu Urteil des Bundesgerichts vom 5.
September 2017, 8C_3303/2017, E. 6.1) der Fall mangels Adäquanz abgeschlossen
werden. Auch zur Beantwortung der Frage, ob eine namhafte Besserung des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin nach dem 1. Januar 2017 noch möglich
ist, genügen die vorhandenen medizinischen Unterlagen nicht. Keiner der involvierten
Ärzte äusserte sich dazu ausdrücklich bzw. hatte sich dazu ausdrücklich zu äussern.
Damit kann der Fall bei dieser ungenügenden Aktenlage auch nicht mangels Adäquanz,
wie es die Beschwerdegegnerin beantragt, abgeschlossen werden.
3.8 Zusammengefasst ist festzuhalten, dass der (medizinische) Sachverhalt per
Fallabschluss am 1. Januar 2017 bezüglich natürlicher Kausalität der noch
bestehenden Beschwerden und einer dadurch allenfalls resultierenden
Behandlungsbedürftigkeit und Arbeitsunfähigkeit nicht rechtsgenüglich abgeklärt
wurde. Dasselbe gilt für die Beurteilung der Frage, ob von weiteren medizinischen
Massnahmen eine namhafte Besserung des Gesundheitszustands erwartet werden
kann bzw. konnte. Es bedarf im Sinne von BGE 134 V 124 ff. E. 9.4 f. eines
polydisziplinären Gutachtens (mit psychiatrischer Exploration), das sich zu den
erwähnten Punkten inkl. allfälliger psychischer Überlagerung zu äussern hat. Gründe
für die Notwendigkeit eines Gerichtsgutachtens bestehen keine, zumal von der
Beschwerdegegnerin noch kein versicherungsexternes Administrativgutachten
eingeholt worden ist.
4.
4.1 Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde dahingehend
gutzuheissen, dass die Streitsache zu ergänzenden medizinischen Abklärungen und
neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist.
4.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG]). Hingegen hat die
obsiegende Beschwerdeführerin (als Obsiegen gilt auch die Rückweisung der Sache an
die Verwaltung zwecks ergänzender Abklärungen [BGE 127 V 234 E. 2b/bb) Anspruch
auf eine Parteientschädigung gegenüber der Beschwerdegegnerin (Art. 61 lit. g ATSG).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Es rechtfertigt sich, diese ermessensweise – wie in vergleichbar aufwändigen Fällen
üblich – auf pauschal Fr. 4'000.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer)
festzulegen.