Decision ID: b5e53f0f-b65d-54dc-9c1e-258b5a986d64
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 10.11.2015 Art. 25 Abs. 1 ATSG. Erlass einer Rückforderung. Der gute Glaube ist zu verneinen, da der Beistand des Beschwerdeführers beim Empfang der Pflegekosten um deren Unrechtmässigkeit hätte wissen müssen. Zudem hat er seine Meldepflicht verletzt. Abweisung der Beschwerde (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 10. November 2015, KV 2014/5).Entscheid vom 10. November 2015BesetzungPräsident Joachim Huber, Versicherungsrichter Ralph Jöhl,Versicherungsrichterin Miriam Lendfers; Gerichtsschreiberin Lea LocherGeschäftsnr.KV 2014/5ParteienA._Beschwerdeführer,vertreten durch B._, Soziale Fachstelle C._gegenSozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,Beschwerdegegnerin,GegenstandErlass der Rückforderung (Pflegekosten)Sachverhalt
A.
A.a A._ wurde am 25. März 2013 von seinem Beistand D._ (KV-act. 26) für die
Pflegefinanzierung angemeldet (KV-act. 23 f.). Der Beistand gab u.a. an, dass der
Versicherte am 30. Januar 2012 (gemeint wohl: 30. Januar 2013) ins Alters- und
Pflegeheim E._ eingetreten sei. Es handle sich voraussichtlich um einen
vorübergehenden Heimaufenthalt. Am 4. April 2013 (KV-act. 22) wurde dem Beistand
mitgeteilt, dass der Versicherte ab dem 30. Januar 2013 einen Anspruch auf eine
Restfinanzierung der Pflegekosten von Fr. 52.40 pro Tag habe.
A.b Am 4. Juli 2013 (KV-act. 9-2; eingegangen am 5. Juli 2013, siehe act. G 8) teilte
der Beistand des Versicherten der Sozialversicherungsanstalt St. Gallen zuhanden der
EL-Durchführungsstelle und der IV-Stelle schriftlich mit, dass der Versicherte Ende Mai
2013 aus dem Pflegeheim ausgetreten sei und seither wieder in der eigenen Wohnung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
lebe. Die Kündigung des Heimplatzes sei wegen der zweimonatigen Kündigungsfrist
erst per 31. Juli 2013 möglich gewesen. Der Heimplatz werde also bis Ende Juli 2013 in
Rechnung gestellt werden. Am 21. August 2013 wurde B._ zum Beistand des
Versicherten ernannt (KV-act. 16). Anlässlich eines telefonischen Gesprächs vom 30.
August 2013 (KV-act. 17) informierte der ehemalige Beistand des Versicherten, D._,
die EL-Durchführungsstelle noch einmal darüber, dass der Versicherte Ende Mai 2013
aus dem Heim ausgetreten sei, der Heimplatz jedoch noch bis 31. Juli 2013 habe
bezahlt werden müssen.
A.c Am 18. September 2013 (KV-act. 12) teilte das Alters- und Pflegeheim E._ der
PF-Durchführungsstelle mit, dass der Versicherte per 23. Mai 2013 aus dem
Pflegeheim ausgetreten sei. Der zuständige PF-Mitarbeiter hielt in einer internen Notiz
vom 18. September 2009 fest (KV-act. 11), dass der Heimaustritt der PF-
Durchführungsstelle nie gemeldet worden sei, während die EL bereits angepasst
worden sei. Mit Verfügung vom 18. September 2013 (KV-act. 10) forderte die PF-
Durchführungsstelle die dem Versicherten für die Zeit vom 23. Mai bis 31. August 2013
ausbezahlte Restfinanzierung der Pflegekosten von Fr. 5'292.40 zurück. Am
26. September 2013 (KV-act. 41-1) stellte der amtierende Beistand ein Erlassgesuch
für diese Rückforderung. Zur Begründung machte er geltend, dass der Heimaustritt
vom ehemaligen Beistand am 4. Juli 2013 gemeldet worden sei. Trotzdem seien die
Leistungen von der PF-Durchführungsstelle weiterhin bezahlt worden.
A.d Mit Verfügung vom 28. Oktober 2013 (KV-act. 8) wies die PF-
Durchführungsstelle das Gesuch um den Erlass der Rückforderung der Pflegekosten
ab. Zur Begründung führte sie an, dass die Voraussetzungen des guten Glaubens nicht
erfüllt seien. Das Schreiben des ehemaligen Beistandes vom 4. Juli 2013 sei nicht in
die „PF-Abteilung“ gelangt. Diese habe erst durch die Mitteilung vom 30. August 2013
vom Heimaustritt erfahren. Dass die Meldung vom 4. Juli 2013 nicht umgehend erfasst
worden sei, sei ein Fehler der Sozialversicherungsanstalt. Allerdings sei dem
Versicherten bewusst gewesen, dass er eine monatliche Pflegefinanzierung erhalten
habe, auf die er keinen Anspruch mehr gehabt habe. Auch hätten der Versicherte oder
eventuell seine Angehörigen die Möglichkeit gehabt, die PF-Durchführungsstelle über
die Falschauszahlung zu informieren. Aufgrund dieser Meldepflichtverletzung könne
der gute Glaube nicht bejaht werden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.e Gegen die Verfügung vom 28. Oktober 2013 erhob der Beistand des
Versicherten am 15. November 2013 Einsprache (act. G 1.1 Beilage 10; in den Vorakten
nicht enthalten). Zur Begründung legte er ein Schreiben des ehemaligen Beistandes
vom 14. November 2013 bei (act. G 1.1. Beilage 9). Dieser hatte berichtet, ihm sei
tatsächlich nicht bewusst gewesen, dass die Pflegefinanzierung nur die effektiven
Aufenthaltstage abdecke und sie somit beim Austritt aus dem Heim wegfalle. Der
Versicherte sei verbeiständet; die Führung der Finanzen liege bei seinem Beistand.
Weder der Versicherte noch seine Angehörigen hätten daher Kenntnis von den
erfolgten Zahlungen gehabt, weshalb sie ihre Meldepflicht nicht hätten wahrnehmen
können.
A.f Am 29. Januar 2014 reichte der Beistand des Versicherten der EL-
Durchführungsstelle auf Anfrage die Heimrechnungen für die Monate Mai, Juni und Juli
2013 ein (act. G 7). Den Heimrechnungen war zu entnehmen, dass für die Zeit vom
23. Mai 2013 bis 22. Juli 2013 nur noch der Pensionspreis für das Zimmer in Rechnung
gestellt worden war.
A.g Der Fachbereich hielt in einer Stellungnahme vom 3. März 2014 fest (KV-act. 7),
dass der Heimaustritt erstmals am 4. Juli 2013 und damit anderthalb Monate nach dem
Heimaustritt gemeldet worden sei. Der "Heimplatz" habe aufgrund der zweimonatigen
Kündigungsfrist bis zum 22. Juli 2013 bezahlt werden müssen. Gemäss den
eingereichten Unterlagen betreffe dies nur die Hotelleriekosten (Pensionspreis)
abzüglich der Kosten für nicht eingenommene Mahlzeiten. Keinesfalls hätten die
Kosten für die Betreuung und für die Pflege weiterbezahlt werden müssen, weshalb
bezüglich dieser Leistungen der gute Glaube zu verneinen sei.
A.h Mit Entscheid vom 1. April 2014 wies die PF-Durchführungsstelle die Einsprache
ab (KV-act. 3). Zur Begründung führte sie an, dass sich eine verbeiständete Person den
fehlenden guten Glauben ihres Beistandes vollumfänglich anrechnen lassen müsse.
Gemäss Art. 31 Abs. 1 ATSG habe jeder Versicherte jede wesentliche Änderung in den
für seine Leistung massgebenden Verhältnissen dem Versicherungsträger zu melden.
Gegen diese Meldepflicht habe der ehemalige Beistand verstossen. Obwohl der
Versicherte bereits am 23. Mai 2013 aus dem Heim ausgetreten sei, habe der
ehemalige Beistand dies der Sozialversicherungsanstalt St. Gallen (SVA) erst mit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schreiben vom 4. Juli 2013 gemeldet. Zwar habe der ehemalige Beistand ab dem 4.
Juli 2013 keine Meldepflichtverletzung mehr begangen. Trotzdem habe sich kein guter
Glaube einstellen können, da ihm habe klar sein müssen, dass die Pflegebeiträge
aufgrund des Heimaustritts anzupassen bzw. einzustellen seien. Im Wissen darum
habe er am 30. August 2013 telefonisch gemeldet, dass die Pflegebeiträge noch nicht
angepasst worden seien. Der ehemalige Beistand habe sich somit für den gesamten
Zeitraum der Rückforderung ab 23. Mai bis Ende August 2013 zu Unrecht auf den
guten Glauben berufen.
B.
B.a Am 16. Mai 2014 erhob der Beistand des Versicherten gegen den
Einspracheentscheid vom 1. April 2014 wie auch gegen einen Einspracheentscheid der
EL-Durchführungsstelle betreffend den Erlass einer EL-Rückforderung (Verfahren EL
2014/23) gemeinsam in einem Dokument Beschwerde (act. G 1). Bezüglich des
Erlasses der Rückforderung der Pflegekosten beantragte der Beistand lediglich die
Vereinigung dieses Verfahrens mit den Verfahren EL 2014/23 und 25 und die
unentgeltliche Rechtspflege. Zur Begründung führte er aus, dass er die SVA am 4. Juli
2013 darüber informiert habe, dass der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer)
aus dem Heim ausgetreten sei. Da keine Meldepflichtverletzung begangen worden sei,
könne dem Beschwerdeführer auch kein unrechtmässiger Leistungsbezug vorgeworfen
werden. Die administrativen Probleme der SVA dürften nicht zum Nachteil des
Beschwerdeführers ausgelegt werden. Den EL-Bezügern obliege keine Pflicht,
sicherzustellen, dass die Meldung korrekt verarbeitet werde. Der gute Glaube sei daher
gegeben. Der Beistand machte zudem Ausführungen zum Vorliegen einer grossen
Härte. Am 4. Juni 2014 bestätigte das Gericht dem Beistand den Eingang der
Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 1. April 2014 (act. G 2).
B.b Am 6. Juni 2014 reichte der Beistand eine Prozessvollmacht des
Beschwerdeführers für das vorliegende Beschwerdeverfahren ein (act. G 4).
B.c Die PF-Durchführungsstelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am
11. Juni 2014 die Abweisung der Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung verwies sie
auf die Erwägungen im Einspracheentscheid.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Art. 25a des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG; SR 832.10) befasst
sich mit den Pflegeleistungen bei Krankheit. Nach Abs. 3 dieser Bestimmung
bezeichnet der Bundesrat die Pflegeleistungen und regelt das Verfahren der
Bedarfsermittlung. Art. 25a Abs. 4 KVG sieht vor, dass der Bundesrat die Beiträge
differenziert nach dem Pflegebedarf in Franken festsetzt. Massgebend ist der Aufwand
nach Pflegebedarf für Pflegeleistungen, die in der notwendigen Qualität, effizient und
kostengünstig erbracht werden. Die Pflegeleistungen werden einer Qualitätskontrolle
unterzogen. Der Bundesrat legt die Modalitäten fest. Gemäss Art. 25a Abs. 5 KVG
dürfen den versicherten Personen von den nicht von Sozialversicherungen gedeckten
Pflegekosten höchstens 20 Prozent des höchsten vom Bundesrat festgesetzten
Pflegebeitrages überwälzt werden. Die Kantone regeln die Restfinanzierung. In Art. 1
Abs. 1 KVG wird statuiert, dass die Bestimmungen des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) auf die
Krankenversicherung anwendbar sind, soweit das KVG nicht ausdrücklich eine
Abweichung vom ATSG vorsieht. Zwar ist die Restfinanzierung von der Anwendbarkeit
des ATSG nicht explizit ausgenommen worden; allerdings handelt es sich bei ihr auch
nicht um eine Krankenversicherung, sondern um eine Vergütung der öffentlichen Hand
(Kanton oder Gemeinden) für diejenigen Pflegekosten, die weder von der
Krankenversicherung noch von der leistungsempfangenden Person bezahlt werden
(vgl. BGE 138 V 377 E. 5.1). Allerdings gilt es zu beachten, dass Art. 25a KVG erst per
1. Januar 2011 in Kraft getreten ist und bei der Redaktion des KVG und damit auch des
Art. 1 Abs. 1 KVG nicht vorauszusehen war, dass im KVG einst eine Restfinanzierung
der Pflegekosten durch die Kantone statuiert würde. Der Wortlaut von Art. 1 Abs. 1
ATSG spricht somit nicht gegen die direkte Anwendbarkeit des ATSG im Bereich der
Pflegefinanzierung. Auch der Wortlaut von Art. 25a Abs. 5 KVG schliesst diese nicht
aus. Denn daraus geht nicht hervor, ob sich die Regelungskompetenz der Kantone auf
den gesamten materiell-rechtlichen Bereich wie auch auf das Verfahrensrecht erstreckt
oder ob sie nur die Finanzierungsmodalitäten im engeren Sinn umfasst (vgl. BGE 138 V
377 E. 5.3). Die Schweizerische Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen
und -direktoren wies in ihren Empfehlungen zur Umsetzung der Neuordnung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Pflegefinanzierung vom 22. Oktober 2009 darauf hin, dass die im Rahmen der
Restfinanzierung anerkannten und geleisteten Zahlungen als
sozialversicherungsrechtliche Beiträge nach KVG gälten und daher auch unter den
Anwendungsbereich des ATSG fielen (http://www.gdk-cds.ch/fileadmin/pdf/aktuelles/
empfehlungen/em_umsetzung_200910-d.pdf, besucht am 10. November 2015). Auch
in der Botschaft der Regierung vom 29. Juni 2010 zum Gesetz über die
Pflegefinanzierung (sGS 331.2) wurde festgehalten, dass das ATSG Geltung für die
Pflegefinanzierung habe (Amtsblatt des Kantons St. Gallen Nr. 29 vom 19. Juli 2010 S.
2252). Das Bundesgericht liess in BGE 138 V 377 zwar offen, ob das ATSG auf die
Pflegefinanzierung direkt anwendbar sei, es wies jedoch darauf hin, dass dafür
überzeugende Gründe sprächen (Erw. 5.3 und 5.5). Vor diesem Hintergrund ist von
einer direkten Anwendbarkeit des ATSG auf die Restfinanzierung der Pflegekosten
auszugehen.
2.
2.1 Als Nächstes ist zu klären, ob es sich bei der Eingabe des Beistandes vom 16.
Mai 2014 um eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 1. April 2014
gehandelt hat. Diese Eingabe trägt nämlich den Betreff „Einspracheentscheid vom
31.03.2014 in Sachen EL-Rückforderung“ und bezieht sich somit – zumindest gemäss
diesem Betreff – auf einen anderen Einspracheentscheid, nämlich jenen über den
Erlass der EL-Rückforderung für denselben Zeitraum. Zudem hat der Beistand nur die
Aufhebung des EL-Einspracheentscheides vom 31. März 2014 und nicht auch des PF-
Einspracheentscheides vom 1. April 2014 beantragt. Gleichwohl ist der
Beschwerdeschrift zu entnehmen, dass der Beistand auch gegen den
Einspracheentscheid vom 1. April 2014 Beschwerde erheben wollte. So hat er die
Vereinigung der Beschwerdeverfahren betreffend die Einspracheentscheide vom 31.
März 2014 und 1. April 2014 verlangt, was keinen Sinn machen würde, wenn er den
Entscheid vom 1. April 2014 nicht hätte anfechten wollen. Zudem hat er in Ziff. 8 der
Beschwerdebegründung erklärt, dass er die Beschwerde gegen den Entscheid vom 1.
April 2014 am 16. Mai 2014 eingereicht habe. Und schliesslich hat er das
Aktenverzeichnis mit dem Titel „Beschwerde gegen den Einspracheentscheid der SVA
betreffend den Erlass der Rückforderung Pflegekosten“ versehen. Insgesamt muss
daher davon ausgegangen werden, dass der Beistand mit der Eingabe vom 16. Mai
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2014 nicht nur Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 31. März 2014,
sondern auch gegen jenen vom 1. April 2014 erheben wollte und der Beschwerdewille
somit gegeben ist.
2.2 Gemäss Art. 61 lit. b Satz 1 ATSG muss die Beschwerde eine gedrängte
Darstellung des Sachverhaltes, ein Rechtsbegehren und eine kurze Begründung
enthalten. Den der Beschwerde zugrunde liegende Sachverhalt hat der Beistand in
seiner Eingabe vom 16. Mai 2014 ausführlich geschildert. Das Rechtsbegehren enthält
mit Bezug auf den Erlass der Rückforderung der Pflegekosten lediglich den Antrag,
dass dieses Verfahren mit dem Verfahren betreffend den Erlass der Rückforderung der
EL zu vereinen sei. Allerdings muss das Rechtsbegehren nicht ausdrücklich formuliert
sein, sondern es reicht aus, wenn es der Begründung der Beschwerde entnommen
werden kann (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Auflage, Zürich 2009, N 46 zu Art. 61
ATSG). Aus der Beschwerdebegründung geht hervor, dass der Beistand mit der
Verweigerung des Erlasses der Rückforderung der Pflegekosten nicht einverstanden
ist, da er seiner Meldepflicht nachgekommen und die Rückforderung auf einen Fehler
der SVA zurückzuführen sei. Hieraus lässt sich ableiten, dass der Beistand mit der
Beschwerde die Aufhebung des Einspracheentscheides vom 1. April 2014 und den
Erlass der zurückgeforderten Pflegekosten erreichen wollte. Somit enthält die Eingabe
des Beistandes auch ein (sinngemässes) Rechtsbegehren sowie eine kurze
Begründung. Die Anforderungen gemäss Art. 61 lit. b Satz 1 ATSG sind daher erfüllt.
2.3 Gemäss Art. 60 Abs. 1 ATSG ist die Beschwerde gegen einen
Einspracheentscheid innerhalb von 30 Tagen nach dessen Eröffnung einzureichen. Der
angefochtene Einspracheentscheid datiert vom 1. April 2014 und ist − gemäss dem
Eingangsstempel − am 2. April 2014 beim Beistand eingegangen (siehe act. G 1.1.12).
Die Beschwerdefrist hat somit am Donnerstag, 3. April 2014 zu laufen begonnen. Vom
siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern steht die Frist still
(Art. 60 Abs. 2 i.V.m. Art. 38 Abs. 4 lit. a ATSG). Der Ostersonntag fiel im Jahr 2014 auf
den 20. April. Das bedeutet, dass die Frist vom Sonntag, 13. April bis Sonntag, 27.
April 2014 stillgestanden hat. Vor dem Fristenstillstand sind zehn Tage der Frist (3. April
bis und mit 12. April) abgelaufen. Die Beschwerdefrist hat dann am 28. April 2014
wieder zu laufen begonnen. Der dreissigste Tag fiel auf den 17. Mai 2014 und damit auf
einen Samstag, sodass die Frist gestützt auf Art. 38 Abs. 3 ATSG am nächstfolgenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Werktag, d.h. am Montag, 19. Mai 2014 ablief. Der Beistand hat seine Beschwerde
bereits am 16. Mai 2014 und damit rechtzeitig erhoben.
3.
Der Beschwerdeführer hat die Vereinigung des vorliegenden Beschwerdeverfahrens mit
den Beschwerdeverfahren betreffend den Erlass der EL-Rückforderung für denselben
Zeitraum (EL 2014/23 und EL 2014/25) beantragt. Diese Verfahren können jedoch nicht
vereinigt werden, da an den EL-Verfahren und am KV-Verfahren verschiedene Parteien
beteiligt sind: Während in den EL-Verfahren die EL-Durchführungsstelle als
Beschwerdegegnerin auftritt, ist es im KV-Verfahren die PF-Durchführungsstelle. Zwar
befinden sich beide Gegenparteien unter dem (rein kantonalrechtlich errichteten) Dach
der SVA St. Gallen. Dies ändert jedoch nichts daran, dass es sich um zwei
selbständige Sozialversicherungsträger handelt, die mit der Erfüllung verschiedener
gesetzlicher Aufgaben betraut sind. So wäre es dem Kanton denn z.B. auch
freigestanden, den Vollzug des ELG und/oder den Vollzug der Restfinanzierung der
Pflegekosten nicht der Sozialversicherungsanstalt zu übertragen. Das Verfahren KV
2014/5 kann deshalb nicht mit den Verfahren EL 2014/23 und EL 2014/25 vereinigt
werden.
4.
4.1 Gegenstand des vorliegenden Verfahrens ist der Erlass der für den Zeitraum 23.
Mai 2013 bis 31. August 2013 zu Unrecht vergüteten Restfinanzierung der
Pflegekosten in der Höhe von Fr. 5‘292.40. Die Rückforderungsverfügung selbst (KV-
act. 10) erwuchs unangefochten in Rechtskraft. Sie erging zu Recht, da das Alters- und
Pflegeheim dem Beschwerdeführer ab dem 23. Mai 2013 keine Kosten für
Pflegeleistungen mehr in Rechnung gestellt hatte (siehe act. G 7). Nachfolgend ist zu
klären, ob der gute Glaube für die im Zeitraum 23. Mai bis 31. August 2013 zu Unrecht
bezogenen Pflegekosten zu bejahen ist. Der ehemalige Beistand des
Beschwerdeführers kümmerte sich um dessen finanziellen Angelegenheiten. So wurde
auch der Antrag auf Pflegefinanzierung vom ehemaligen Beistand gestellt (siehe KV-
act. 24). Der Beschwerdeführer muss sich daher das Verhalten seines damaligen
Beistandes anrechnen lassen (BGE 112 V 97 E. 3b).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2 Nach Art. 25 Abs. 1 ATSG sind unrechtmässig bezogene Leistungen
zurückzuerstatten. Wer die fraglichen Leistungen im guten Glauben entgegen
genommen hat, muss sie nicht zurück erstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt.
Voraussetzungen für den Erlass einer Rückforderung sind somit das Vorhandensein
des guten Glaubens beim Empfang der Leistungen und die grosse Härte. Der gute
Glaube wird vermutet. Ein gutgläubiger Bezug einer Sozialversicherungsleistung liegt
vor, wenn das Bewusstsein über den unrechtmässigen Leistungsbezug fehlt, sofern
dieses Fehlen in einer objektiven Betrachtungsweise unter den konkret gegebenen
Umständen entschuldbar ist. Es besteht insbesondere dann, wenn sich die
empfangende Person keiner groben Nachlässigkeit schuldig gemacht hat (Kieser,
a.a.O. N 33 zu Art. 25 ATSG). Nach der Rechtsprechung ist in Bezug auf die
Erlassvoraussetzungen zwischen dem guten Glauben als fehlendem
Unrechtbewusstsein und der Frage zu unterscheiden, ob sich jemand unter den
gegebenen Umständen auf den guten Glauben berufen kann oder ob jemand bei
zumutbarer Aufmerksamkeit den bestehenden Rechtsmangel hätte erkennen sollen
(BGE 122 V 223 E. 3). Wer einen Rechtsmangel kennt, gilt diesbezüglich nicht als
gutgläubig. Sodann darf sich eine Person nicht auf den guten Glauben berufen, wenn
ihr der Mangel bei Anwendung zumutbarer Aufmerksamkeit erkennbar gewesen wäre
(Art. 3 Abs. 3 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches [ZGB; SR 210]). Dabei ist
diejenige Aufmerksamkeit geboten, die nach den Umständen verlangt werden kann.
Dies lässt sich nur im Einzelfall in Würdigung aller Gegebenheiten beurteilen, wobei von
objektiven Kriterien auszugehen ist, das den Betroffenen in ihrer Subjektivität Mögliche
und Zumutbare (Urteilsfähigkeit, Gesundheitszustand, Bildungsgrad usw.) aber nicht
ausgeblendet werden darf. Hat die versicherte Person um die Unrechtmässigkeit der
Leistungen nicht gewusst und auch nicht darum wissen müssen, fehlt der gute Glaube,
wenn die zu Unrecht erfolgte Leistungsausrichtung auf eine arglistige oder grobe
Melde- oder Auskunftspflichtverletzung zurückzuführen ist (vgl. zum Ganzen BGE 138
V 218 E. 4 mit Hinweisen). Von einer groben Verletzung der Auskunfts- und
Meldepflicht ist auszugehen, wenn der Leistungsbezüger nicht das Mindestmass an
Aufmerksamkeit aufgewendet hat, welches von einem verständigen Menschen in
gleicher Lage und unter den gleichen Umständen verlangt werden muss (Urteil des
Bundesgerichts vom 26. November 2006, 8C_759/2008 E. 3.5).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2.1 Zunächst ist zu prüfen, ob der damalige Beistand gewusst hat oder hätte wissen
müssen, dass der Beschwerdeführer aufgrund des Heimaustritts zu Unrecht weiterhin
eine Restfinanzierung der Pflegekosten vergütet erhalten hat. Den Akten ist nicht zu
entnehmen, wann der Beistand über den Austritt des Beschwerdeführers aus dem
Alters- und Pflegeheim informiert worden ist. Die Heimrechnung für den Monat Mai
2013 ist dem damaligen Beistand am 3. Juni 2013 zugestellt worden (siehe act. G 7).
Dieser kann entnommen werden, dass das Heim nur für die Zeit vom 1. bis 22. Mai
2013 den Pflegezuschlag Restfinanzierung Kanton/Gemeinde von Fr. 52.40 am Tag in
Rechnung gestellt hat. Dem damaligen Beistand hätte deshalb bei der Durchsicht der
Heimrechnung auffallen müssen, dass vom Heim ab dem 23. Mai 2013 kein
Pflegekostenzuschlag mehr in Rechnung gestellt worden war. Daraus hätte er den
Schluss ziehen müssen, dass der Beschwerdeführer ab dem 23. Mai 2013 keinen
Anspruch mehr auf eine Restfinanzierung der Pflegekosten gehabt hat, da nur
tatsächlich angefallene Pflegekosten vergütet werden. Falls der damalige Beistand
beim Erhalt der Heimrechnung für den Mai 2013 noch nicht über den Heimaustritt des
Beschwerdeführers informiert gewesen war, hätte er sich nach Erhalt der
Heimrechnung für den Monat Mai 2013 zudem beim Heim oder beim
Beschwerdeführer über die Gründe für den Wegfall der Pflege- und Betreuungskosten
etc. ab dem 23. Mai 2013 erkundigen müssen und so vom Heimaustritt Kenntnis
erhalten. Die Pflegefinanzierung wird rückwirkend ausbezahlt (https://www.svasg.ch/
de/produkte/pf/Versicherungsleistungen/index.php, besucht am 10. November 2015).
Die Auszahlung der monatlichen Leistungen erfolgt immer am 4. Arbeitstag des Monats
(https://www.svasg.ch/de/produkte/ahv/3-ebene/auszahlungstermine.php, besucht am
10. November 2015). Die Pflegefinanzierung für den Monat Mai 2013 ist somit am 6.
Juni 2013 ausbezahlt worden. Da der damalige Beistand die Heimrechnung für den Mai
2013 am 3. Juni 2013 erhalten hat, hätte er bei der Auszahlung der Pflegefinanzierung
für den Monat Mai 2013 bereits wissen müssen, dass der Beschwerdeführer zu hohe
Leistungen aus der Pflegefinanzierung erhalten hat. Die Gutgläubigkeit ist deshalb für
die zu viel ausbezahlten Pflegekosten für den gesamten Zeitraum, d.h. vom 23. Mai
2013 bis 31. August 2013, zu verneinen.
4.2.2 Der Vollständigkeit halber ist anzumerken, dass der damalige Beistand auch
seine Meldepflicht verletzt hat. Denn er hat bereits am 3. Juni 2013 erfahren, dass ab
dem 23. Mai 2013 keine Pflegekosten mehr angefallen sind. Obwohl er gewusst hat,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dass die Leistungen jeweils anfangs Monat ausbezahlt werden, hat er diese
Veränderung der Beschwerdegegnerin nicht sofort gemeldet. Da die
Pflegefinanzierungsleistungen für den Monat Mai 2013 erst am 6. Juni 2013 ausbezahlt
worden sind, hätte die unrechtmässige Vergütung der Pflegekosten durch eine
sofortige Meldung durch den damaligen Beistand verhindert werden können. Der
damalige Beistand hat das Schreiben vom 4. Juli 2013 an die SVA (act. G 8) adressiert
und darin gebeten, dieses Schreiben der EL-Durchführungsstelle und der IV-Stelle
zukommen zu lassen. Aus dem Schreiben geht nicht hervor, dass der
Beschwerdeführer Bezüger von Pflegefinanzierungsleistungen war. Die EL-
Durchführungsstelle hat jedoch grundsätzlich Kenntnis davon gehabt, dass der
damalige Beistand für den Beschwerdeführer einen Antrag auf Pflegefinanzierung
gestellt hatte, da dieser Antrag von der AHV-Zweigstelle auch an sie weitergeleitet
worden war (EL-act. 79). Die EL-Durchführungsstelle hat aufgrund der ihr vorliegenden
Kostenübersicht über den Heimaufenthalt (EL-act. 78) auch gewusst, dass der
Beschwerdeführer einen Anspruch auf Pflegefinanzierung hatte. Sie hätte die
Beschwerdegegnerin deshalb gestützt auf Art. 31 Abs. 2 ATSG über den Heimaustritt
informieren müssen. Der damalige Beistand hat mit dem Schreiben vom 4. Juli 2013
also einen Versicherungsträger über den Heimaustritt informiert, der zur Weiterleitung
dieser Meldung an die Beschwerdegegnerin verpflichtet war. Dies bedeutet jedoch
nicht, dass er dadurch seine Meldepflicht gegenüber der Beschwerdegegnerin erfüllt
hätte, denn die Meldung hat an den Versicherungsträger oder an das zuständige
Durchführungsorgan zu erfolgen (Art. 31 Abs. 1 ATSG). Da es sich bei der
Beschwerdegegnerin und der EL-Durchführungsstelle um selbständige
Sozialversicherungsträger resp. um Durchführungsorgane verschiedener
Sozialversicherungsträger handelt, hätte der damalige Beistand den Heimaustritt direkt
der Beschwerdegegnerin melden müssen. Die Pflicht der EL-Durchführungsstelle, die
Meldung weiterzuleiten, hat ihn folglich nicht von seiner eigenen Meldepflicht befreit. Er
hätte seine Meldepflicht jedoch auch verletzt, wenn davon ausgegangen würde, dass
er mit dem Schreiben vom 4. Juli 2013 seiner Meldepflicht, wenn auch verspätet,
nachgekommen wäre. Denn die Pflegefinanzierungsleistungen für den Juni ist bereits
am 4. Juli 2013 und damit vor der Meldung ausbezahlt worden. Zudem beinhaltet die
Meldepflicht auch die Pflicht, sich nach der Meldung einer anspruchsrelevanten
Veränderung der Verhältnisse noch einmal bei der zuständigen Stelle nach dem Stand
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Dinge zu erkundigen, wenn diese innert angemessener Zeit keine Reaktion gezeigt
hat. Der damalige Beistand hätte somit spätestens Ende Juli 2013 Kontakt zur
Beschwerdegegnerin aufnehmen müssen, nachdem diese bis zu diesem Zeitpunkt die
Pflegefinanzierungsleistungen noch nicht eingestellt hatte. Dadurch hätte er verhindern
können, dass dem Beschwerdeführer im August und September 2013 zu Unrecht
Pflegefinanzierungsleistungen für die Monate Juli und August ausbezahlt worden
wären. Der damalige Beistand hat somit für den gesamten Rückforderungszeitraum
seine Meldepflicht verletzt. Das kann durch ein allfälliges Fehlverhalten der EL-
Durchführungsstelle (die möglicherweise eine Meldung nicht weitergeleitet hat) nicht
kompensiert werden.
4.3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der gute Glaube für die zu Unrecht
ausgerichteten Pflegekosten im Zeitraum 23. Mai bis 31. August 2013 zu verneinen ist,
da der damalige Beistand beim Empfang dieser Leistungen um deren
Unrechtmässigkeit hätte wissen müssen. Der Vollständigkeit halber ist anzumerken,
dass er für die gesamte Rückforderungsperiode auch seine Meldepflicht verletzt hat.
Da die Rückerstattung nur erlassen werden kann, wenn die Voraussetzungen des
gutgläubigen Empfangs und der grossen Härte kumulativ erfüllt sind, erübrigt sich die
Prüfung der grossen Härte. Die Beschwerdegegnerin hat den Erlass der Rückforderung
von Fr. 5‘292.40 daher zu Recht verweigert.
4.4 Demnach ist die Beschwerde abzuweisen.
5.
5.1 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 4a Abs. 1 des Gesetzes über die
Pflegefinanzierung i.V.m. Art. 61 lit. a ATSG).
5.2 Der Beistand hat ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gestellt. Dieser
Antrag ist so zu verstehen, dass er sich nur auf die Gerichtskosten bezieht und nicht
auf die Bewilligung einer unentgeltlichen Rechtsverbeiständung. Der Antrag um
Befreiung von den Gerichtskosten wurde offenbar versehentlich gestellt, da das
Beschwerdeverfahren kostenlos ist. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege ist
daher als gegenstandslos zu betrachten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte