Decision ID: 6009f07a-0bfe-515a-a574-2e32e2511b01
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 7. November 2016 in der Schweiz um
Asyl nach.
B.
Im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) vom 21. November 2017 und
der Anhörung vom 17. Mai 2017 machte er zur Begründung seines Asylge-
suches im Wesentlichen geltend, aufgrund seiner türkischen Abstammung
diskriminiert worden zu sein. Im Alter von drei Jahren sei er mit seiner aus
dem Dorf B._ (Provinz C._) stammenden Familie, das von
den Behörden abgebrannt worden sei, nach D._ geflohen. Dort sei
er in der Schule wegen seinen schlechten Türkischkenntnissen von den
Lehrern geschlagen worden. Auch hätten Spezialeinheiten der Sicherheits-
kräfte sein Elternhaus überfallen und seinen Vater und zwei Schwestern
wegen ihrer kurdischen Abstammung festgenommen. Sein Vater sei etwa
ein Jahr inhaftiert gewesen und dabei misshandelt worden. Ihn selbst hät-
ten die Behörden einmal am Rand einer Demonstration unter dem Vorwurf,
Steine geworfen zu haben, verhaftet und geschlagen. Im Spital habe er
aus Furcht vor den Behörden nichts von den erlittenen Behelligungen ge-
sagt. Am nächsten Tag sei er dem Richter vorgeführt worden, der seine
Vorbringen ignoriert habe. Während den nachfolgenden Gefängnisaufent-
halten in D._ und E._ im Jahre 2005 sei er misshandelt und
nach der Entlassung aus der Haft nach drei oder vier Monaten gerichtlich
freigesprochen worden. Während des Militärdienstes hätten ihn die Vorge-
setzten wegen seiner kurdischen Abstammung beschimpft und beleidigt.
Schliesslich sei er aufgrund seines psychisch angeschlagenen Zustands
als dienstuntauglich erklärt worden. Im Jahre 2009 hätten ihn die türki-
schen Behörden erneut festgenommen und angeklagt. Anlässlich der be-
hördlichen Durchsuchung eines Lebensmittelladens, in dem er sich auch
befunden habe, seien Bekannte von ihm «mit Drogen erwischt worden».
Die erste Gerichtsverhandlung habe etwa sechs Monate nach der Fest-
nahme stattgefunden, weitere seien erfolgt, wobei er schliesslich zu fünf
Jahren Haft verurteilt worden sei. Diese Haftstrafe habe er im Gefängnis
von D._ (teils im offenen Vollzug nach aufgehobener Bewährung
aufgrund eines Vorfalles mit Drogen) verbüsst. Im April 2016 sei er erneut
wegen angeblichem Drogenbesitz festgenommen worden. Das in der
Folge gegen ihn eingeleitete Verfahren sei noch hängig, wobei die nächste
Gerichtsverhandlung auf den 13. Juni 2017 angesetzt worden sei. Im Ok-
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tober 2016 habe er zusammen mit seinem Bruder F._ (N [...]) sei-
nen Heimatstaat illegal verlassen. In der Schweiz habe er mehrere Male
an exilpolitischen Demonstrationen im kurdischen Kontext teilgenommen.
C.
Mit Schreiben vom 3. März 2020 und vom 29. Juli 2020 forderte das SEM
den Beschwerdeführer dazu auf, ein Originalschreiben seines Anwalts in
der Türkei mit Auskunft zu sämtlichen gegen ihn in der Türkei geführten
Strafverfahren einzureichen.
D.
Mit Eingabe vom 26. August 2020 reichte der Beschwerdeführer ein Urteil
des 7. Strafgerichts E._ vom 17. Oktober 2007 (Verurteilung zu ei-
ner Haftstrafe von sechs Monaten und zwei Wochen wegen Terrorpropa-
ganda) samt Rechtskraftmitteilung des Berufungsgerichts vom 27. Novem-
ber 2007 und ärztliche Berichte vom 2. März 2017 und vom 21. August
2020, alle in Kopie, ein.
E.
In ihrer Eingabe vom 18. September 2020 machte die damalige Rechtsver-
tretung zu den eingereichten Beweismitteln ergänzende Angaben. So
wurde geltend gemacht, dass der Beschwerdeführer – neben seiner Ver-
urteilung wegen Terrorpropaganda – in der Türkei mehrfach wegen Kon-
sums von Cannabis verhaftet und deshalb insgesamt etwa vier Jahre im
Gefängnis gewesen sei. Vor der ersten Verhaftung sei er bei den kurdi-
schen Jugendlichen aktiv gewesen und habe gegen die Verbreitung von
Drogen gekämpft.
F.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer im vo-
rinstanzlichen Verfahren weitere Beweismittel ein (u.a. gerichtlicher Haft-
befehl vom 21. November 2005, Dienstuntauglichkeitserklärung vom
25. November 2014, beide in Kopie).
G.
Mit Entscheid vom 29. Oktober 2020 (Eröffnung am 2. November 2020)
lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab, ordnete die
Wegweisung aus der Schweiz an und erachtete den Vollzug als zulässig,
zumutbar und möglich.
H.
Mit Eingabe der neu mandatierten Rechtsvertretung vom 30. November
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2020 erhob der Beschwerdeführer gegen diesen Entscheid Beschwerde.
Er beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Eventualiter
sei der Entscheid des SEM zu weiteren Sachverhaltsabklärungen an die
Vorinstanz zurückzuweisen, subeventualiter sei festzustellen, dass der
Wegweisungsvollzug weder zulässig noch zumutbar sei. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht wurde unter Verzicht auf das Erheben eines Kosten-
vorschusses um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung ersucht.
Zur Stützung der Vorbringen wurden mehrere türkischsprachige Beweis-
mittel eingereicht (den Angaben nach u.a.: Urteil des 1. Schwurgerichts
D._ vom 28. November 2017 [Verurteilung zu einer bedingten Haft-
strafe wegen Drogenhandel] samt Rechtskraftmitteilung vom 12. Dezem-
ber 2017, Anklageschrift der Oberstaatsanwaltschaft D._ vom 7.
März 2018, Gerichtsverhandlungsprotokoll vom 27. Oktober 2020, alle in
Kopie).
I.
Mit Schreiben vom 2. Dezember 2020 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.
J.
Mit Eingabe vom 18. Dezember 2020 reichte die Rechtsvertretung die
Übersetzung bereits eingereichter Beweismittel ein (u.a. Urteil des 1.
Schwurgerichts D._ vom 28. November 2017, Rechtskraftmitteilung
des Berufungsgerichts vom 12. Dezember 2017, Anklageschrift der Ober-
staatsanwaltschaft D._ vom 7. März 2018).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
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Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters entschieden (Art. 111
Bst. e AsylG). Vorliegend handelt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt, um
eine solche, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu be-
gründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Auf die Durchführung eines Schriften-
wechsels wurde verzichtet (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
4.
4.1 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.2 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr
gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Hei-
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matstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind bezie-
hungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1,
2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5). Begründet ist die Furcht vor Verfolgung,
wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich – aus
der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger
Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirk-
lichen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Be-
drohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage
Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen
würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer objektivierten
Betrachtungsweise zu erfolgen und ist andererseits durch das von der be-
troffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in ver-
gleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmass-
nahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (sub-
jektive) Furcht (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.1 und 2010/57 E. 2).
4.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen
des Landes – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht
sogenannte subjektive Nachfluchtgründe geltend. Subjektive Nachflucht-
gründe begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3
AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, un-
abhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt
wurden (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
5.
5.1 Das SEM erachtete die Vorbringen des Beschwerdeführers, im Zusam-
menhang mit Drogendelikten mehrfach in Haft gewesen und dabei miss-
handelt worden zu sein, als nicht glaubhaft. Auch die weitere geltend ge-
machte Tatsache, dass im Jahre 2016 in diesem Kontext gegen ihn ein
noch hängiges Verfahren eröffnet worden sei, zog das SEM in Zweifel.
Es führte aus, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner ungereimten
Angaben (vgl. A32 [recte: A19] F16, F17, F21, F29) zur Einreichung ent-
sprechender Beweismittel (Schreiben des Anwalts in der Türkei mit einer
Stellungnahme zu sämtlichen gegen ihn geführten Strafverfahren und dem
jeweiligen Verfahrensstand) aufgefordert worden sei, dieser Aufforderung
indessen, obwohl im türkischen Kontext möglich und zumutbar, nicht nach-
gekommen sei. Im Übrigen sei festzustellen, dass es sich bei den Dro-
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gendelikten im Kern um gemeinrechtliche Straftaten handle, deren Ahn-
dung grundsätzlich rechtstaatlich legitim und in der Regel flüchtlingsrecht-
lich nicht relevant seien.
5.2 Hinsichtlich des in Rechtskraft erwachsenen Urteils des 7. Strafgerichts
E._ vom 17. Oktober 2007 (Verurteilung zu einer Haftstrafe von
sechs Monaten und zwei Wochen wegen Terrorpropaganda) wies das SEM
darauf hin, dass die damit verbundene Haftstrafe vom Beschwerdeführer
verbüsst worden und davon auszugehen sei, dass ihm in diesem Zusam-
menhang keine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung drohe.
5.3 Auch in Berücksichtigung der Herkunft aus einer politischen vorbelas-
teten Familie verneinte das SEM eine begründete Furcht vor künftiger Ver-
folgung.
Es führte aus, dass die angeblich politisch motivierte Verfolgung des Vaters
des Beschwerdeführers mit keinen Beweismitteln gestützt werde. Zudem
hätten sich die geltend gemachten Vorfälle, wenn überhaupt, lange vor der
Ausreise im Jahre 2016 ereignet. Der Beschwerdeführer habe auch nicht
geltend gemacht, dass er im Zusammenhang mit seinem Vater einer Re-
flexverfolgung ausgesetzt gewesen sei oder eine solche befürchte. Sein
älterer Bruder lebe seit 2012 als anerkannter Flüchtling in der Schweiz. Der
Beschwerdeführer selbst sei erst im Jahre 2016 ausgereist, um anschlies-
send ein Asylgesuch in der Schweiz zu stellen. Somit habe er sich zum
Zeitpunkt der in der Türkei gegen seinen älteren Bruder geführten Ermitt-
lungen beziehungsweise Strafverfahren noch im Heimatstaat aufgehalten,
ohne dass ihm darauf flüchtlingsrechtlich relevante Nachteile erwachsen
wären. Im Weiteren sei festzuhalten, dass der jüngere Bruder des Be-
schwerdeführers (N [...]) im Jahre 2016 mit diesem zusammen in die
Schweiz eingereist sei und um Asyl nachgesucht habe. Der Beschwerde-
führer habe angegeben, dass gegen diesen seit 2013 in der Türkei ein
Strafverfahren mit schwerwiegenden Vorwürfen und einer hohen Strafan-
drohung hängig sei. Demzufolge sei der Beschwerdeführer noch 2016 mit
ihm zusammen in der Türkei gewesen und es fehlten aufgrund der Akten-
lage konkrete Anhaltspunkte dafür, dass dem Beschwerdeführer zu dieser
Zeit aus der Situation des jüngeren Bruders Reflexverfolgung erwachsen
wäre. Weiter sei anzumerken, dass der Beschwerdeführer angegeben
habe, sein Vater sei nach der Ausreise des Beschwerdeführers von den
türkischen Behörden aufgesucht und befragt worden. Dies erscheine zwar
im türkischen Kontext realistisch, zeige aber auch, dass der Vater nicht mit
flüchtlingsrechtlich relevanten behördlichen Massnahmen konfrontiert sei.
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Besonders falle in diesem Zusammenhang auch auf, dass er trotz seiner
angeblich politischen Vorbelastung und des auffälligen Verhaltens seiner
Söhne offenbar immer noch bei der Gemeinde als Fahrer angestellt sei.
5.4 Auch die geltend gemachten exilpolitischen Tätigkeiten des Beschwer-
deführers und diejenigen seiner Brüder in der Schweiz im geringen Aus-
mass (Teilnahme an Demonstrationen und Veranstaltungen im kurdischen
Kontext) erachtete das SEM als nicht asylrelevant.
5.5 Schliesslich stellte das SEM fest, dass die geltend gemachten Schika-
nen und Benachteiligungen aufgrund der kurdischen Ethnie mangels erfor-
derlicher Intensität nicht asylrelevant seien. Dies gelte auch für diejenigen
im Militärdienst, zumal der Beschwerdeführer bereits nach einem Monat
des Dienstantritts als dienstuntauglich erklärt worden sei.
6.
6.1 In der Beschwerde wurde im Wesentlichen geltend gemacht, nach Aus-
kunft des in der Zwischenzeit kontaktierten türkischen Anwalts G._
sei der Beschwerdeführer im November 2017 wegen Drogenhandels zu
einer bedingten Haftstrafe von 1 Jahr und 8 Monaten verurteilt worden (vgl.
beiliegendes Urteil des 1. Schwurgerichts D._ vom 28. November
2017). Weil sich der Beschwerdeführer nach seiner (bedingt ausgespro-
chenen) Verurteilung bei den Behörden nicht mehr gemeldet habe, sei das
Verfahren wegen Drogenkonsum am 7. März 2018 wiederaufgenommen
und letztlich auf den 18. März 2021 vertagt worden. Es sei anzunehmen,
dass der Beschwerdeführer wegen Drogenkonsums verurteilt werde und
möglicherweise die bedingte Haftstrafe in eine unbedingte verwandelt
werde. Das SEM habe die geltend gemachten Verfahren wegen Drogende-
likten nicht geglaubt mit der Argumentation, dass der Beschwerdeführer die
geforderten Beweismittel nicht eingereicht habe. Jedoch habe der Be-
schwerdeführer sehr wohl bereits im vorinstanzlichen Verfahren mehrere
Beweismittel eingereicht (vgl. Urteil des 7. Strafgerichts E._ vom
17. Oktober 2007 samt Rechtskraftmitteilung). Auch im Beschwerdeverfah-
ren habe Anwalt F.F.C. einen Referenzbrief auf offiziellem Briefpapier nicht
ausstellen wollen. Es sei deshalb dem Beschwerdeführer nicht vorzuwer-
fen, dass er einen solchen nicht eingereicht habe; der schwierigen Situa-
tion der Anwälte in der Türkei sei Rechnung zu tragen. Die Vorinstanz habe
insofern den Sachverhalt nicht richtig festgestellt. Ebenso habe die Vo-
rinstanz mit der Feststellung, dass es sich bei den Drogendelikten im Kern
um gemeinrechtliche Straftaten handle, deren Ahndung grundsätzlich
rechtstaatlich legitim und in der Regel flüchtlingsrechtlich nicht relevant
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seien, nicht berücksichtigt, dass der Beschwerdeführer mehrfach behördli-
chen Misshandlungen ausgesetzt gewesen sei. Diese Misshandlungen
seien an der Anhörung kurz erwähnt worden, jedoch habe die befragende
Person den Beschwerdeführer mehrfach unterbrochen, weshalb der Sach-
verhalt auch in dieser Hinsicht nicht vollständig festgestellt worden sei.
6.2 Im Weiteren bestehe entgegen der Auffassung der Vorinstanz ein Kau-
salzusammenhang zwischen der Verurteilung wegen Terrorpropaganda
und der Gefahr, erneut verurteilt und dabei misshandelt zu werden. Auch
wenn der Beschwerdeführer die vorherige Haftstrafe verbüsst habe, müsse
aufgrund des entsprechenden, nicht löschbaren Registereintrags befürch-
tet werden, dass der Beschwerdeführer Misshandlungen erleiden werde.
Dabei sei zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer aus einer politi-
schen Familie stamme. Zwar habe der Beschwerdeführer bezüglich der ei-
genen politischen Haltung und derjenigen seiner Familie angegeben, kein
Mitglied einer politischen Partei zu sein, indessen auf Nachfrage der
Rechtsvertretung präzisiert, die kurdischen Parteien und Organisationen
zu unterstützen. Der Vater sei mit der zweiten Zwangsverwaltung der AKP
entlassen worden und es könne nicht ausgeschlossen werden, dass diese
letzte Entlassung mit seinen Söhnen zu tun habe. Auch sei zu berücksich-
tigen, dass sich der Beschwerdeführer exilpolitisch betätige (vgl. die mit
der Beschwerde eingereichten Fotografien), wovon die türkischen Behör-
den Kenntnis erlangt haben könnten. Gegen zwei Brüder seien politische
Verfahren eingeleitet worden. Es sei mit grosser Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer auch aufgrund seiner illegalen
Ausreise und der Einreichung eines Asylgesuches in der Schweiz bereits
bei der Einreise in die Türkei verhaftet und misshandelt werde.
7.
7.1 Zunächst ist festzuhalten, dass sich die Rügen der unvollständigen be-
ziehungsweise unrichtigen Sachverhaltsfeststellung als unzutreffend er-
weisen.
7.2 In der Beschwerde wurde geltend gemacht, die mit den Verhaftungen
verbundenen Misshandlungen seien an der Anhörung kurz erwähnt wor-
den, jedoch habe die befragende Person den Beschwerdeführer mehrfach
unterbrochen, weshalb der Sachverhalt in dieser Hinsicht nicht vollständig
festgestellt worden sei. Aus den von der Rechtsvertretung genannten Pro-
tokollstellen der Anhörung (vgl. SEM-Protokoll A19 F13-F15, F-25-F27,
F77) ergibt sich, dass der Beschwerdeführer in seiner jeweils freien Rede
die während der Haft angeblich erlittenen Misshandlungen in hinreichend
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ausführlicher Weise schildern konnte und die Zwischenfragen der befra-
genden Person der notwendigen Präzisierung des chronologischen Ab-
laufs dienten. Im Weiteren fanden diese Erwähnung in der angefochtenen
Verfügung, weshalb keine unvollständige Sachverhaltsfeststellung vorliegt.
Hinsichtlich der Rüge in der Beschwerde, wonach unberücksichtigt geblie-
ben sei, dass der Beschwerdeführer mehrere Beweismittel bezüglich der
Verfahren gegen ihn eingereicht habe und damit entgegen der Auffassung
des SEM der Aufforderung zur Einreichung entsprechender Beweismittel
nachgekommen sei, ist festzuhalten, dass die eingereichten Beweismittel
vom SEM erwähnt und berücksichtigt wurden. Ob der Beschwerdeführer
damit der Aufforderung der Vorinstanz um Einreichung eines Original-
schreibens seines Anwalts in der Türkei mit Auskunft zu sämtlichen gegen
ihn in der Türkei geführten Strafverfahren im Ergebnis nachgekommen ist,
betrifft die Frage der rechtlichen Würdigung und nicht der Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts.
8.
8.1 In materieller Hinsicht ist hierbei festzuhalten, dass der Beschwerde-
führer der Aufforderung der Vorinstanz, ein Originalschreiben seines An-
walts in der Türkei mit Auskunft zu sämtlichen gegen ihn in der Türkei ge-
führten Strafverfahren einzureichen, ohne ersichtlichen Grund nicht nach-
gekommen ist. Vielmehr gab er lediglich ein Urteil des 7. Strafgerichts
E._ vom 17. Oktober 2007 (Verurteilung zu einer Haftstrafe von
sechs Monaten und zwei Wochen wegen Terrorpropaganda) samt Rechts-
kraftmitteilung des Berufungsgerichts vom 27. November 2007 in Kopie zu
den Akten. Bei dieser Sachlage erachtete das SEM die geltend gemachten
Strafverfahren und Haftstrafen im Zusammenhang mit Drogendelikten in
der Türkei als nicht hinreichend substantiiert. Auf Beschwerdeebene wurde
geltend gemacht, dass nach Auskunft des in der Zwischenzeit kontaktier-
ten türkischen Anwalts G._ der Beschwerdeführer im November
2017 wegen Drogenhandels zu einer bedingten Haftstrafe von einem Jahr
und acht Monaten verurteilt worden sei (vgl. beiliegendes Urteil des 1.
Schwurgerichts D._ vom 28. November 2017 in Kopie). Weil sich
der Beschwerdeführer nach seiner (bedingt ausgesprochenen) Verurtei-
lung bei den Behörden nicht mehr gemeldet habe, sei das Verfahren wegen
Drogenkonsums am 7. März 2018 wiederaufgenommen und letztlich auf
den 18. März 2021 vertagt worden (vgl. Anklageschrift der Oberstaatsan-
waltschaft D._ vom 7. März 2018, Gerichtsverhandlungsprotokoll
vom 27. Oktober 2020, beide in Kopie). Mit der Einreichung der genannten
Beweismittel vermag der Beschwerdeführer weder die behauptete (bedingt
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ausgesprochene) Verurteilung im November 2017 wegen angeblichen Dro-
genhandels noch die Wiederaufnahme des Verfahrens am 7. März 2018
wegen Drogenkonsum zu belegen. Zum einen liegen die eingereichten Do-
kumente nur in Kopie vor, was deren Beweiskraft herabsetzt, zum anderen
ist nicht einsehbar – und wird in der Beschwerde auch nicht erklärt – warum
die aus den Jahren 2017 und 2018 stammenden Dokumente erst jetzt ein-
gereicht werden. Schliesslich hat der Beschwerdeführer auch im vorliegen-
den Beschwerdeverfahren ohne überzeugenden Grund kein Original-
schreiben seines Anwalts in der Türkei eingereicht. Daher erscheinen die
genannten Vorbringen wenig glaubhaft. Selbst bei Wahrunterstellung han-
delt es sich hierbei ohnehin bloss um gemeinrechtliche Straftaten, deren
Ahndung grundsätzlich rechtstaatlich legitim und in der Regel flüchtlings-
rechtlich nicht relevant sind.
8.2 Hinsichtlich des in Rechtskraft erwachsenen Urteils des 7. Strafgerichts
E._ vom 17. Oktober 2007 (Verurteilung zu einer Haftstrafe von
sechs Monaten und zwei Wochen wegen Terrorpropaganda) wies das SEM
zutreffend darauf hin, dass die damit verbundene Haftstrafe vom Be-
schwerdeführer verbüsst worden und davon auszugehen sei, dass ihm in
diesem Zusammenhang keine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung
drohe. An dieser Einschätzung vermag die pauschale Behauptung in der
Beschwerde, wonach aufgrund des nicht löschbaren Registereintrags be-
fürchtet werden müsse, dass der Beschwerdeführer Misshandlungen erlei-
den werde, nichts zu ändern. Der Beschwerdeführer gab denn auch nicht
an, nach der Verbüssung der Haftstrafe (ausgenommen der wegen Dro-
gendelikten erfolgten Verhaftungen) behördlich behelligt worden zu sein.
Aus den Vorbringen ergeben sich auch keine Anhaltspunkte auf eine poli-
tische Tätigkeit des Beschwerdeführers. Bezüglich der eigenen politischen
Haltung gab er an, kein Mitglied einer politischen Partei zu sein, und be-
hauptete erst auf Nachfrage, die kurdischen Parteien und Organisationen
zu unterstützen. Es ist somit nicht davon auszugehen, dass der Beschwer-
deführer bei seiner Ausreise im Fokus der Behörden stand.
An dieser Einschätzung vermag das weitere Vorbringen, aus einer politi-
schen Familie zu stammen, nichts zu ändern. Zum einen scheinen die an-
geblichen Behelligungen des Vaters, wenn überhaupt, lange vor der Aus-
reise des Beschwerdeführers erfolgt zu sein und der Beschwerdeführer
machte auch nicht geltend, wegen seinem Vater einer Reflexverfolgung
ausgesetzt gewesen zu sein oder eine solche zu befürchten. Beim Vorbrin-
gen in der Beschwerde, wonach der Vater mit der zweiten Zwangsverwal-
tung der AKP entlassen worden sei und es nicht ausgeschlossen werden
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Seite 12
könne, dass diese letzte Entlassung mit seinen Söhnen zu tun habe, han-
delt es sich um eine nicht belegte, spekulative Behauptung. Zum anderen
ergibt sich zwar aus dem beigezogenen Dossier des Bruders des Be-
schwerdeführers H._ (N [...]), dass diesem im Jahre 2014 in der
Schweiz Asyl gewährt wurde (Ausreise im Jahre 2013). Indessen ist zu
berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer erst im Jahre 2016 seinen
Heimatstaat verliess und er zum Zeitpunkt der gegen seinen Bruder
H._ geführten Ermittlungen beziehungsweise Strafverfahren kei-
nen flüchtlingsrechtlich relevanten Nachteilen ausgesetzt war. Der Be-
schwerdeführer reiste im Jahre 2016 zusammen mit seinem Bruder
F._ (N [...]) aus, der ebenfalls in der Schweiz um Asyl nachsuchte
und dessen Asylverfahren (nach Wiederaufnahme des vorinstanzlichen
Verfahrens) noch hängig ist. Der Beschwerdeführer gab an, dass gegen
diesen seit 2013 ein Strafverfahren mit schwerwiegenden Vorwürfen und
einer hohen Strafandrohung hängig sei. Indessen ergeben sich aufgrund
der Aktenlage keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerde-
führer in der Zeit bis zu seiner Ausreise im Jahre 2016 deswegen behörd-
lichen Behelligungen ausgesetzt gewesen war. Bei dieser Sachlage ist
eine begründete Furcht des Beschwerdeführers vor Reflexverfolgung zu
verneinen.
8.3 Mit dem SEM ist festzustellen, dass die geltend gemachten Schikanen
und Benachteiligungen aufgrund der kurdischen Ethnie mangels erforder-
licher Intensität nicht asylrelevant sind. Dies gilt auch für diejenigen im Mi-
litärdienst, zumal der Beschwerdeführer bereits nach einem Monat des
Dienstantritts als dienstuntauglich erklärt worden war.
8.4 Schliesslich ist nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
aufgrund der exilpolitischen Tätigkeiten in der Schweiz im geringen Aus-
mass (Teilnahme an Demonstrationen und Veranstaltungen im kurdischen
Kontext) die Aufmerksamkeit der türkischen Behörden auf sich gezogen
hat oder auf sich zieht. Etwas anderes ergibt sich auch nicht aus den im
Beschwerdeverfahren eingereichten Fotografien. Auch ist entgegen der
Auffassung der Rechtsvertretung in der Beschwerde nicht anzunehmen,
dass der Beschwerdeführer alleine aufgrund der illegalen Ausreise und der
Einreichung eines Asylgesuches in der Schweiz behördliche Behelligungen
zu befürchten hat.
8.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass das SEM die Vorbringen des
Beschwerdeführers zu Recht als nicht glaubhaft beziehungsweise nicht
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Seite 13
asylrelevant erachtet hat. Das SEM hat demzufolge die Flüchtlingseigen-
schaft zu Recht verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
9.
9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
9.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
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Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
10.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass für den Fall einer Ausschaf-
fung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wären. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr («real risk») nach-
weisen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im
Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht
als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Weg-
weisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestim-
mungen zulässig.
10.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
Auch in Berücksichtigung des Wiederaufflammens des türkisch-kurdischen
Konfliktes sowie der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der
PKK und den staatlichen Sicherheitskräften seit Juli 2015 in verschiedenen
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Provinzen im Südosten des Landes (im Einzelnen: Batman, Diyarbakir,
Mardin, Siirt, Urfa und Van, anders als die Provinzen Hakkari und Sirnak,
zu den Letzteren BVGE 2013/2 E. 9.6) sowie der Entwicklungen nach dem
Militärputschversuch vom 15./16. Juli 2016 ist gemäss konstanter Praxis in
der Türkei nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt oder bürgerkriegs-
ähnlichen Verhältnissen – auch nicht für Angehörige der kurdischen Eth-
nie – auszugehen (vgl. Urteile des BVGer E-341/2019 vom 10. April 2019
E. 7.3 und E-2420/2017 vom 8. Mai 2017 E. 6.2).
Die Vorinstanz verweist darauf, dass der 31-jährige Beschwerdeführer in
der Provinz D._ über ein intaktes familiäres Beziehungsnetz und
über berufliche Erfahrung als Betreiber eines Internetcafes verfüge. Sie
stellt bezüglich des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers fest,
dass ihm im ärztlichen Bericht vom 3. März 2020 eine komplexe chronische
und schwere posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und eine rezidi-
vierende depressive Störung mit einer akuten schwergradigen depressiven
Episode attestiert werde. Als Behandlung werde eine ambulante Weiterbe-
handlung mit wöchentlichen Gesprächen und eine antidepressive Medika-
tion empfohlen. Ähnlichen Inhalts sei der psychologische Bericht vom
21. August 2020. Es falle auf, dass der Beschwerdeführer trotz der angeb-
lich schweren psychischen Probleme zwischen 2017 und 2020 nicht mehr
in psychotherapeutischer Behandlung gewesen sei. Dies stelle bis zu ei-
nem gewissen Grad den geltend gemachten Schweregrad der angeblichen
Erkrankung und eine damit zusammenhängende Behandlungsnotwendig-
keit in Frage. Ungeachtet dessen sei festzustellen, dass die psychischen
Beschwerden des Beschwerdeführers in der Türkei gut behandelbar seien.
Das Gericht teilt die Ansicht der Vorinstanz. Die vorinstanzlichen Ausfüh-
rungen sind zu bestätigen, zumal der Beschwerdeführer diesen auf Be-
schwerdeebene nichts Substanzielles entgegenhält. Nach dem Gesagten
erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar.
10.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
http://links.weblaw.ch/BVGE-2013/2
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11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
12.1 Mit dem vorliegenden Direktentscheid wird das Gesuch um Verzicht
auf das Erheben eines Kostenvorschusses gegenstandslos.
12.2 Der Beschwerdeführer ersuchte um die Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung. Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich,
dass seine Begehren als aussichtslos zu bezeichnen sind. Damit ist eine
der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen nicht gegeben, weshalb das
Gesuch ungeachtet einer allfälligen Mittellosigkeit abzuweisen ist Bei die-
sem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwerdeführenden
aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzuset-
zen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Ebenso ist das weitere Gesuch um Beiordnung eines unent-
geltlichen Rechtsbeistandes abzuweisen.
(Dispositiv nächste Seite)
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