Decision ID: acfd41de-9643-5c7d-8712-29577f734c5f
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein Angehöriger der Ethnie Hazara aus der Pro-
vinz Daikondi (Zentralafghanistan) – verliess gemäss eigenen Angaben un-
gefähr mit zwölf/dreizehn Jahren Anfang 2018 sein Heimatland Richtung
Iran. Am 19. April 2018 reichte er in Moria (auf der Insel Lesbos) bei den
griechischen Behörden ein Asylgesuch ein. Als Geburtsdatum wurde der
(...) 2003 registriert. Am 7. April 2020 wurde er von Griechenland als
Flüchtling anerkannt. Am 20. April 2021 sei er in die Schweiz eingereist;
gleichentags suchte er um Asyl nach. Er reichte keine Identitätspapiere zu
den Akten. Auf die Frage, ob er jemals eine Tazkira gehabt habe, gab er
an, sein Vater habe ihm gesagt, er werde nach Kabul gehen, um eine zu
beantragen, eine elektronische. Dann sei aber seine Familie in den Iran
gegangen und der Vater habe sich deshalb nicht mehr weiter darum be-
müht.
Am 3. Mai 2021 unterzeichnete der Beschwerdeführer eine Vertretungs-
vollmacht in Sachen Asyl/Wegweisung zu Gunsten der Mitarbeitenden des
Rechtsschutzes für Asylsuchende im Rahmen des Asylverfahrens im Bun-
desasylzentrum (BAZ) B._.
B.
Am 10. Mai 2021 fand im Beisein der zugewiesenen Rechtsvertretung res-
pektive Vertrauensperson eine Erstbefragung (EB) für unbegleitete Minder-
jährige Asylsuchende statt (UMA; EB UMA, Protokoll in den SEM-Ak-
ten 1094058 [nachfolgend: A] 22). Bezüglich seiner persönlichen Situation
erklärte der Beschwerdeführer, er sei in Afghanistan nie zur Schule gegan-
gen, sein Vater habe ihn zuhause unterrichtet als er etwa elf oder zwölf
Jahre alt gewesen sei. Kurz danach habe er seinen Heimatstaat verlassen.
Seine Mutter lebe zusammen mit seinen jüngeren Geschwistern seit 2019
in C._. Ferner hielt er fest, dass sein Geburtsdatum der (...) 2005
sei, was er letztes Jahr von seinem inzwischen verstorbenen Vater erfah-
ren habe. Bis zu diesem Zeitpunkt habe er nur ungefähr sein Alter, nicht
jedoch sein konkretes Geburtsdatum gekannt. In Griechenland habe er
sich ungefähr eineinhalb Jahre älter gemacht, weil Gerüchte umgegangen
seien, dass er sonst länger auf der Insel hätte bleiben müssen. Später habe
er erfahren, dass dies nicht vom Alter abhänge, doch habe er das Datum
nicht mehr ändern können.
Einen Monat nach seiner Ankunft in Griechenland sei er nach Kastoria (im
Nordwesten Griechenlands) gebracht worden. Neun Monate nach seiner
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Ankunft in Griechenland habe eine Befragung zu seiner Person von unge-
fähr 40 Minuten stattgefunden. Er habe versucht, eine Änderung seines
Geburtsdatums anzuregen, doch die Betreuer hätten nichts gemacht, son-
dern nur «Zigaretten geraucht und Kaffee getrunken» (A22 Ziff. 2.06 S. 6).
Auch die Rechtsvertretung habe nichts unternommen. Ein Jahr später sei
er zunächst nach Igoumenitsa und später nach Ioannina, wo er neun Mo-
nate bis zu seiner Ausreise geblieben sei, transferiert worden.
Aufgrund von Zweifeln am in der Schweiz angegebenen Geburtsdatum
wurde dem Beschwerdeführer anlässlich der EB UMA das rechtliche Gehör
gewährt (A22 Ziff. 8.01). Anschliessend wurde ihm erklärt, dass dieses auf
den (...) 2003 angepasst und auf eine Altersabklärung verzichtet werde, er
jedoch weiterhin als minderjährig gelte. Die Rechtsvertretung beantragte
darauffolgend eine Abklärung des Alters sowie einen Bestreitungsvermerk
im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS). Ferner wurde der Be-
schwerdeführer aufgefordert, sich schriftlich zur geplanten Rücküberstel-
lung nach Griechenland zu äussern.
C.
Am 3. Mai 2021 ersuchte die Vorinstanz die griechischen Behörden um
weitere Informationen bezüglich des Beschwerdeführers und – gestützt auf
die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Verfahren in den
Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Drittstaatsangehöriger
(sog. Rückführungsrichtlinie) und das bilaterale Rückübernahmeabkom-
men zwischen der Schweiz und Griechenland – um dessen Rücküber-
nahme. Ferner sei zu bestätigen, dass der unbegleitete Minderjährige nach
seiner Rücküberführung nach Griechenland eine entsprechende Unter-
kunft erhalte.
D.
Am 5. Mai 2021 stimmte Griechenland der Rücküberstellung des Be-
schwerdeführers zu. Ferner teilten die griechischen Behörden mit, dieser
sei als Flüchtling anerkannt und habe eine Aufenthaltsbewilligung, welche
bis zum 6. April 2023 gültig sei. Mit einem weiteren Schreiben mit Datum
vom 10. Mai 2021 informierten sie, dass er keine Identitätspapiere auf sich
getragen habe und das Geburtsdatum ([...] 2003) aufgrund seiner Aussa-
gen registriert worden sei.
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E.
Am 11. Mai 2021 wurde das Geburtsdatum im ZEMIS auf den (...) 2003
(mit Bestreitungsvermerk) geändert.
F.
Mit Eingabe vom 17. Mai 2021 nahm der Beschwerdeführer durch seine
Rechtsvertreterin Stellung zu einer möglichen Rücküberstellung nach Grie-
chenland. Im Wesentlichen wurde dabei auf die schlechte Unterkunftssitu-
ation, insbesondere für Minderjährige, die mangelhafte finanzielle, medizi-
nische sowie soziale Unterstützung, die fehlenden Integrations- und Aus-
bildungsmöglichkeiten und die Gefährdung des Kindeswohls hingewiesen,
weshalb ein Wegweisungsvollzug nach Griechenland als unzulässig res-
pektive unzumutbar zu betrachten sei.
G.
Am 21. Mai 2021 wurde der Rechtsvertreterin ein Entwurf des Asylent-
scheides zugestellt.
H.
Mit Eingabe vom 25. Mai 2021 nahm die Rechtsvertreterin hierzu Stellung
und verwies nochmals auf die unhaltbare Situation für minderjährige
Flüchtlinge in Griechenland.
I.
Mit Verfügung vom 26. Mai 2021 – eröffnet am gleichen Tag – trat das SEM
gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch
des Beschwerdeführers nicht ein, wies ihn aus der Schweiz weg und ord-
nete den Wegweisungsvollzug an. Ferner händigte es ihm die editions-
pflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und hielt fest, dass im
ZEMIS als Geburtsdatum der (...) 2003 (mit Bestreitungsvermerk) regis-
triert sei.
J.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
2. Juni 2021 durch seine Rechtsvertreterin Beschwerde beim Bundesver-
waltungsgericht. Er beantragt dabei, dass nach Aufhebung der Verfügung
die Unzulässigkeit respektive Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
festzustellen sei. Ferner sei die Vorinstanz anzuweisen, das Geburtsdatum
des Beschwerdeführers im ZEMIS auf den (...) 2005 anzupassen. Eventu-
aliter sei die Sache zur vollständigen Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventualiter sei das
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SEM anzuweisen, von den griechischen Behörden individuelle Garantien
betreffend die adäquate Unterbringung und den Zugang zu nahtloser fach-
ärztlicher Behandlung einzuholen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei die
unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses zu verzichten.
K.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
4. Juni 2021 in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG). Am glei-
chen Tag bestätigte dieses den Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.2 Die Beschwerde richtet sich sinngemäss sowohl gegen den Wegwei-
sungsvollzug des Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1
Bst. a AsylG betreffend das Asylgesuch des Beschwerdeführers (Ziff. 3 und
4 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung) als auch gegen die
ZEMIS-Eintragung betreffend dessen Geburtsdatum (Ziffer 6 des Verfü-
gungsdispositivs). Nicht Verfahrensgegenstand sind demgegenüber das
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Nichteintreten auf das Asylgesuch selbst und die Anordnung der Wegwei-
sung (Ziff. 1 und 2 des Verfügungsdispositivs).
2.3 Praxisgemäss wird das Beschwerdeverfahren betreffend ZEMIS-Da-
tenbereinigung (E-2726/2021) vom vorliegenden getrennt behandelt (vgl.
BVGE 2018 VI/3). Aufgrund der vorliegenden Verfahrenskonstellation wer-
den auch separate Urteile erlassen. Eine Koordination erfolgt insofern, als
in beiden Verfahren derselbe Spruchkörper eingesetzt ist.
2.4 Auf die Beschwerde ist im Umfang des Verfahrensgegenstandes des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens (Ziffer 3 und 4 der angefochtenen
Verfügung) einzutreten.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
4.
Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend
aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur summa-
risch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a
Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzich-
tet.
5.
5.1 Das SEM erachtet in seiner Verfügung das in der Schweiz dargelegte
Geburtsdatum des Beschwerdeführers ([...] 2005) als unglaubhaft und be-
gründet dies dahingehend, dass er erst vor einem Jahr von diesem Datum
erfahren habe. Dennoch habe er anlässlich der EB UMA sein Alter im Zeit-
punkt des Heimunterrichts nennen können und sich in Griechenland – ge-
mäss seinen Angaben – absichtlich eineinhalb Jahre älter gemacht. Zudem
sei nicht plausibel, dass er sein Geburtsdatum gegenüber diversen Perso-
nen in Griechenland erwähnt habe, gegenüber den griechischen Behörden
aber nicht. Es sei nicht davon auszugehen, dass sowohl die Betreuer wie
auch die Rechtsvertretung solche Informationen unberücksichtigt lassen
würden. Ferner habe er Griechenland nach einem dreijährigen Aufenthalt
verlassen, nachdem ihm mitgeteilt worden sei, mit dem Erreichen der Voll-
jährigkeit müsse er die Unterkunft verlassen. Dies lasse vermuten, dass er
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mit der Angabe eines tieferen Alters beabsichtige, das Asylverfahren in der
Schweiz zu seinen Gunsten zu beeinflussen.
Die Registrierung des (...) 2003 als Geburtsdatum in Griechenland sei im
Übrigen nicht als fehlerhaft zu bezeichnen, wie die Rechtsvertretung mo-
niert habe. Dies, weil er selber an der EB UMA bestätigt habe, dieses Da-
tum angegeben zu haben. Das SEM gehe dementsprechend davon aus,
dass dieses Datum wahrscheinlicher sei, als dasjenige, welches er in der
Schweiz angegeben habe.
Weil der Beschwerdeführer auch nach dem in Griechenland registrierten
Geburtsdatum als minderjährig gelte, sehe das SEM keinen Anlass für die
Durchführung einer medizinischen Altersabklärung (Art. 17 Abs. 3bis
AsylG).
Bezüglich des Wegweisungsvollzugs hielt die Vorinstanz weiter fest, dass
die Ausreisefrist bis am (...) 2021 verlängert worden sei. Somit sei gewähr-
leistet, dass der Beschwerdeführer bis zum Erreichen der Volljährigkeit in
einer altersgerechten Struktur untergebracht sei, weshalb der Vollzug der
Wegweisung zulässig sei. Ferner würden weder die Situation in Griechen-
land noch andere Gründe gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs sprechen. Gemäss den Schilderungen des Beschwerdeführers habe
er die notwendige Versorgung, wie beispielsweise eine Unterbringung und
Verpflegung, erhalten, auch wenn er damit nicht zufrieden gewesen sei.
Griechenland habe die entsprechende Richtlinie (Richtlinie 2011/95/EU
des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. Dezember 2011
über Normen für die Anerkennung von Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen als Personen mit Anspruch auf internationalen Schutz, für einen
einheitlichen Status für Flüchtlinge oder für Personen mit Anrecht auf sub-
sidiären Schutz und für den Inhalt des zu gewährenden Schutzes; sog.
Qualifikationsrichtlinie) umgesetzt, weshalb ihm die in diesem Zusammen-
hang stehenden Rechte zustehen würden und er diese selbständig einkla-
gen könne. Schliesslich sei der Wegweisungsvollzug auch technisch mög-
lich.
5.2 Dieser Argumentation wird in der Beschwerde entgegengehalten, dass
die Aussagen des Beschwerdeführers sein Alter betreffend glaubhaft, plau-
sibel und widerspruchsfrei seien. So habe er sein Geburtsdatum ([...] 2005)
nach dem afghanischen Kalender genau benennen können, wie sein Vater
es ihm letztes Jahr gesagt habe. Auch habe er erwähnt, dass er bis unge-
fähr zum Alter von elf oder zwölf Jahren zuhause unterrichtet respektive
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bis zwölf in seinem Dorf gelebt habe. Ferner habe er plausibel erklären
können, wie es in Griechenland zur Registrierung des falschen Alters ge-
kommen sei. Er sei dahingehend informiert worden, dass er bis zur Voll-
jährigkeit auf der Insel Lesbos hätte bleiben müssen, weshalb er sein Alter
um eineinhalb Jahre höher angegeben habe. Erst später habe er erfahren,
dass der Verbleib auf der Insel nicht im Zusammenhang mit dem Alter
stehe. Daraufhin habe er den Betreuern und der Rechtsvertretung – no-
tabene den Vertrauenspersonen – versucht zu erklären, dass das angege-
bene nicht sein richtiges Geburtsdatum sei. Doch niemand habe sich um
dieses Anliegen gekümmert, was sinnbildlich für das griechische Asylver-
fahren sei. Folglich sei die Registrierung in Griechenland kein Indiz für die
Richtigkeit des Geburtsdatums. Bei Vorliegen von Zweifeln wäre es daher
angebracht gewesen, seitens der Vorinstanz weitere Abklärungen bezüg-
lich des Alters des Beschwerdeführers vorzunehmen.
Des Weiteren wurde auf die prekäre Situation für Flüchtlinge sowie sub-
sidiär Geschützte in Griechenland hingewiesen, die durch zahlreiche Be-
richte belegt sei und eine Gefahr der Verletzung von Art. 3 EMRK in Bezug
auf den Beschwerdeführer wahrscheinlich mache, mindestens aber die
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs bedeute.
6.
6.1 Als erstes ist die Rüge der unvollständigen Sachverhaltsfeststellung
hinsichtlich des Alters des Beschwerdeführers zu prüfen, da ein allenfalls
ungenügend abgeklärter Sachverhalt eine materielle Behandlung verun-
möglichen würde. Er rügt diesbezüglich einerseits, es seien trotz Aufforde-
rung der Rechtsvertretung seitens des SEM keine Abklärungen sein Alter
betreffend vorgenommen worden. Andererseits macht er geltend, bei der
Prüfung der Glaubhaftigkeit des Alters seien einseitig die zu seinen Lasten
sprechenden Elemente berücksichtigt und jene zu seinen Gunsten spre-
chenden ausser Acht gelassen worden.
6.2
6.2.1 Grundsätzlich gilt festzustellen, dass von der Vorinstanz nicht be-
zweifelt wird, dass es sich beim Beschwerdeführer um einen derzeit unbe-
gleiteten minderjährigen Asylsuchenden handelt (Art. 1a Bst. d AsylV 1
[Asylverordnung 1 über Verfahrensfragen, SR 142.311]).
Der speziellen Situation von unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden
wird im Asylverfahren unter anderem dadurch Rechnung getragen, dass
die Anhörung in der Regel in Anwesenheit des gesetzlichen Vertreters oder
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der Vertrauensperson erfolgen muss und die Behörde hinsichtlich der Min-
derjährigkeit gewisse Durchführungsmodalitäten zu beachten hat (Art. 7
Abs. 5 AsylV 1). Dabei sind insbesondere das Alter, der Reifegrad und ge-
gebenenfalls besondere Verletzlichkeiten der minderjährigen Person sowie
die Komplexität der Vorbringen zu berücksichtigen (vgl. hierzu BVGE
2014/30). Diesen formellen Anforderungen ist das SEM vorliegend nach-
gekommen. Ob es bei der Prüfung der Glaubhaftigkeit des Alters die As-
pekte der Minderjährigkeit hinreichend berücksichtigt hat, wird eine mate-
rielle Frage unter der folgenden Erwägung 6.3 sein.
6.2.2 Festzuhalten ist demgegenüber, dass das Vorgehen des SEM, das
Ausreisedatum des Beschwerdeführers auf den (...) 2021 zu setzen, einen
Tag, nachdem der Beschwerdeführer nach seiner Meinung volljährig sei,
als unzulässig zu bezeichnen ist und für sich alleine einen Kassationsgrund
darstellen dürfte. Angesichts der folgenden Erwägungen, erübrigen sich
aber weitere Ausführungen dazu.
6.3
6.3.1 Als nächstes ist auf die Frage der Glaubhaftigkeit des Alters des Be-
schwerdeführers einzugehen. Im Asylverfahren ist die Minderjährigkeit –
der allgemeinen asylrechtlichen Beweisregel folgend – von der beschwer-
deführenden Person zumindest glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2018 VI/3
E. 3 und 4.2.3).
Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 AsylG bedeutet – im Gegensatz
zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt Raum für ge-
wisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Ent-
scheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der gesuchstellerischen
Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf
eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Bei der Einschätzung des Alters
des Beschwerdeführers ist eine Gesamtwürdigung vorzunehmen, bei der
auch die protokollierten Aussagen zu den persönlichen Lebensumständen
zu berücksichtigen sind (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schwei-
zerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 30 E. 6.4.3 f.: insbes.
[übereinstimmende] Angaben zum Alter, zu Identitätspapieren bzw. zu den
Gründen für deren Nichteinreichung, zu den familiären Umständen, zum
Schulbesuch, zu Berufsbildung / Berufstätigkeit und zu den Ausreiseum-
ständen sowie nachvollziehbare länderspezifische Angaben zum behaup-
teten Herkunftsgebiet). Wie erwähnt, erachtete die Vorinstanz zwar die
Minderjährigkeit des Beschwerdeführers als glaubhaft gemacht. Demge-
genüber glaubt sie ihm das an der EB UMA angegebene Alter von knapp
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(...) Jahren nicht respektive hält es insbesondere das in Griechenland re-
gistrierte Geburtsdatum vom (...) 2003 als wahrscheinlicher als das vom
Beschwerdeführer geltend gemachte ([...] 2005).
Wie nun zu zeigen sein wird, ist der Einwand des Beschwerdeführers, das
SEM habe im Rahmen der Glaubhaftigkeitsprüfung eine einseitige Gewich-
tung zu seinen Lasten vorgenommen, zutreffend.
6.3.2
6.3.2.1 Vorab ist festzuhalten, dass sich aus den Akten keine Hinweise da-
rauf ergeben, der Beschwerdeführer könnte versucht haben, die Vor-
instanz über seine Identität zu täuschen. Insbesondere sind auch seine Er-
klärungen, weshalb er keine Tazkira einreichen könne, gut nachvollziehbar
(A22 Ziff. 4.03). Generell hinterlässt er einen glaubwürdigen Eindruck. Er
gibt bereitwillig Auskunft und seine Aussagen wirken insgesamt authen-
tisch, ungezwungen und sind gut vereinbar mit dem von ihm geltend ge-
machten Alter.
6.3.2.2 Im Einzelnen hat der Beschwerdeführer nachvollziehbare und stim-
mige Angaben zu seiner Herkunft aus einem Dorf des sogenannten Haza-
radschat (Bergregion im zentralen Hochland Afghanistans, umfassend un-
ter anderem die Provinz Daikondi und Heimat der ethnischen Hazara), zu
seiner Familie und zu seiner Aus- und Weiterreise gemacht. Lebensnah
sind aber auch seine Angaben zu seinem rund dreijährigen Aufenthalt in
Griechenland ausgefallen. Dies auch, weil sich immer wieder Realzeichen
darunter befinden, etwa wie er angibt die Betreuer hätten lieber «Zigaretten
geraucht und Kaffee getrunken» und nichts getan (A22 S. 6). Dabei wirkt
seine diesbezügliche Hilflosigkeit in Griechenland echt, auch weil er später
immer wieder darauf Bezug nimmt (ebd. Ziff. 8.01).
6.3.2.3 Was das geltend gemachte Alter von rund (...) Jahren im Spezifi-
schen betrifft, ist festzuhalten, dass auch diesbezüglich die Angaben des
Beschwerdeführers überwiegend stimmig sind:
So konnte er ohne zu zögern sein Geburtsdatum gemäss dem afghani-
schen Kalender, so wie er es von seinem Vater erfahren habe, nennen res-
pektive darlegen, dass er in drei Monaten (...) Jahre alt werde. Seine Ant-
wort auf die Frage, woher er sein genaues Geburtsdatum kenne: "Mein
Vater kannte mein genaues Geburtsdatum..." ist präzise und seine spon-
tane Ergänzung, er sei letztes Jahr verstorben und er habe es auch seiner
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Mutter genannt, wirkt echt, auch, weil sie gänzlich unwesentlich ist. Glei-
ches wiederholt sich kurz danach, als er auf Nachfrage hin klar bestätigt,
ja, sein Vater habe es ihm gesagt, und die Frage nach dem Zeitpunkt prä-
zise wiederum mit der Aussage beantwortet, letztes Jahr, und zwar bevor
er mit der Mutter gesprochen habe. Auch hier fügt er spontan eine Neben-
sächlichkeit an, indem er ergänzt, er sei das älteste Kind. Schliesslich gibt
er auch auf eine dritte Nachfrage deutlich an, nein, er habe vorher das Ge-
burtsdatum nicht gewusst, sondern einfach gedacht, dass er (damals) 14
oder 15 Jahre alt gewesen sei (A22 Ziff.1.06). Dies wiederum lässt sich
ohne Weiteres damit vereinbaren, dass der Beschwerdeführer für den Zeit-
raum, bevor er sein genaues Alter vom Vater erfahren habe, durchwegs
ungefähre Angaben gemacht hat (vgl. auch hinsichtlich seines Alters beim
Heimunterricht: A:"Wissen Sie, wie alt Sie waren, als Ihr Vater Sie unter-
richtet hat?" F: "Ich war etwa 11 oder 12" [A22 Ziff. 1.17.04] oder bei den
Fragen zu seiner letzten Adresse: A:"Von wann bis wann haben Sie in
D._ gewohnt?" F:"Etwa bis zu meinem 12. Lebensjahr. Ich war
glaube ich 12-jährig, als ich ausreiste,..." [ebd. Ziff. 2.02] oder wiederum
zum Reiseweg, er sei Anfang 2018 ausgereist und etwa zwölfeinhalb oder
dreizehn Jahre alt gewesen [ebd. Ziff. 5.01]). Zu Gunsten des Beschwer-
deführers ist in diesem Zusammenhang zu gewichten, dass es im afghani-
schen Kontext für im ländlichen Gebiet aufwachsende Jugendliche (vorlie-
gend: Dorf D._, Provinz Daikundi) durchaus üblich ist, dass sie ihr
Alter nicht mit Sicherheit angeben können und dieses von Drittpersonen im
Verlauf ihres Lebens erfahren (vgl. Urteil des BVGer D-3375/2016 vom 10.
August 2016 E. 5.2). Auch nicht von der Hand zu weisen ist, dass sich einer
asylsuchenden Person aus Afghanistan der Sinn von differenzierten Fra-
gestellungen nach Alter und Geburtsdatum nicht unbedingt erschliesst.
Vorliegend kommt die unbestrittenermassen geringe Schulbildung und das
– unabhängig vom wahrscheinlichsten Geburtsdatum – sehr junge Alter
des Beschwerdeführers hinzu, in dem er seinen Heimatstaat verlassen,
eine zweifellos strapaziöse Flucht erlebt hat und auch in Griechenland mit
schwierigen Umständen konfrontiert war.
Sodann ist die Erklärung des Beschwerdeführers, weshalb er sich älter ge-
macht habe, alles andere als abwegig. Vielmehr ist vor dem Hintergrund
der bekannten Umstände auf Lesbos in jenem Zeitraum gut nachvollzieh-
bar, dass er möglichst rasch von dort wegwollte. Ebenso, dass er sich von
entsprechenden Informationen, die sich dann als falsch herausstellten, be-
einflussen liess; erst später habe er herausgefunden, dass der Transfer
aufs griechische Festland nicht vom Alter abhänge, sondern wenn «der
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Name drankommt» (A22 S. 6). Soweit das SEM festhält, es sei nicht plau-
sibel, dass er sein Geburtsdatum gegenüber seinen Betreuern und seiner
Rechtsvertretung erwähnt habe, jedoch nicht gegenüber den griechischen
Behörden, konnte er, davon ausgehend, dass er sein genaues Geburtsda-
tum zum damaligen Zeitpunkt noch nicht gekannt hatte, das registrierte
Datum ([...] 2003) kaum auf den (...) 2005 ändern lassen. Er hätte sich
höchstens jünger als angegeben registrieren lassen können. Dass seine
Vertrauenspersonen sich diesem, wohlgemerkt eher vagen, Anliegen nicht
angenommen haben, muss – angesichts der bekannten Zustände im grie-
chischen Asylsystem – nicht als unplausibel erachtet werden.
Aus dem Protokoll ist zwar nicht ersichtlich, auf welchen Angaben das
exakte Geburtsdatum, das in Griechenland registriert worden ist, basiert.
Zu Unrecht hält das SEM dem Beschwerdeführer aber jedenfalls entgegen,
er selber habe an der EB UMA bestätigt, dieses Datum in Griechenland
angegeben zu haben; so etwas wird aus dem Protokoll gerade nicht er-
sichtlich. Auf die einzige diesbezügliche Frage machte er nämlich wiede-
rum nur eine ungefähre Angabe (nämlich, er habe sich eineinhalb Jahre
älter gemacht; A22 S. 6). Der Vorhalt des SEM, der Beschwerdeführer
habe ja sein Alter gar (noch) nicht gekannt und sich deshalb auch nicht
eineinhalb Jahre älter machen können, ist in dieser Absolutheit unberech-
tigt. Denn es ist nach dem bisher Gesagten durchaus naheliegend, dass er
sich dabei auf das damals von ihm vermutete Alter von rund dreizehn Jah-
ren bezog. Hätte er bei der Ankunft im Frühjahr 2018 in Griechenland an-
gegeben etwa vierzehneinhalb Jahre alt zu sein (statt richtigerweise drei-
zehn), liegt das dort registrierte Geburtsdatum ([...] 2003) nahe, auch wenn
damit noch nicht erklärt ist, worauf der exakte Monatstag basiert. Wie be-
reits erwähnt, geht es aber vorliegend um die Glaubhaftigkeit des geltend
gemachten Alters und nicht etwa, wie im ZEMIS-Verfahren, um das wahr-
scheinlichere Geburtsdatum
6.3.3 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Einwand in der Be-
schwerde, das SEM habe einseitig die zu Ungunsten des vom Beschwer-
deführer geltend gemachten Alters sprechenden Elemente gewichtet, zu-
treffend ist. Eine Gesamtwürdigung fällt zu Gunsten der Glaubhaftigkeit
des Alters des Beschwerdeführers von ungefähr (...) Jahren aus, auch
wenn nicht sämtliche Zweifel beseitigt sind. Letztere betreffen insbeson-
dere die Frage, wie die Registrierung des (...) 2003 in Griechenland zu-
stande gekommen ist. Letztlich kann diese Frage im vorliegenden Verfah-
ren angesichts des anzuwendenden Beweismasses offenbleiben. Ob die
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Angaben des Beschwerdeführers hinsichtlich seines exakten Geburtsda-
tums ([...] 2005) den (strengeren) massgeblichen Beweisregeln des VwVG
standhalten, wonach eine Tatsache als bewiesen gilt, wenn sie in Würdi-
gung sämtlicher Erkenntnisse so wahrscheinlich ist, dass keine vernünfti-
gen Zweifel bleiben, und damit dieses Geburtsdatum wahrscheinlicher ist
als jenes (...) 2003, das von den griechischen Behörden registriert worden
ist, wird im Rahmen des Verfahrens betreffend Datenänderung im ZEMIS
(E-2726/2021) zu beurteilen sein.
Aus dem Gesagten folgt, dass sich eine Rückweisung der Angelegenheit
unter dem Aspekt des glaubhaft gemachten Alters – namentlich zur Durch-
führung einer entsprechenden Abklärung – nicht rechtfertigt. Die Akten wa-
ren hinreichend liquid, um diesbezüglich den rechtserheblichen Sachver-
halt zu eruieren. Demgegenüber liegen hinsichtlich des angeordneten
Wegweisungsvollzugs Kassationsgründe vor, wie nachfolgend zu zeigen
sein wird.
7.
7.1
7.1.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Ver-
pflichtungen der Schweiz (insbesondere Art. 33 Abs. 1 des Abkommens
über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30], Art. 25 Abs. 3
BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 und 4 EMRK) einer Weiterreise der Aus-
länderin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Dritt-
staat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann
der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie
im aufnehmenden Staat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg,
allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
7.1.2 Gemäss Art. 6a AsylG besteht zugunsten sicherer Drittstaaten – wie
Griechenland einer ist – die Vermutung, dass diese ihre völkerrechtlichen
Verpflichtungen, darunter im Wesentlichen das Refoulement-Verbot und
grundlegende menschenrechtliche Garantien, einhalten (vgl. FANNY
MATTHEY, in: Cesla Amarelle/Minh Son Nguyen, Code annoté de droit des
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migrations, Bern 2015, Art. 6a AsylG N 12 S. 68). Gestützt auf Art. 83
Abs. 5 AIG besteht ferner die Vermutung, dass eine Wegweisung in einen
EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist.
Diese Legalvermutung kann allerdings umgestossen werden, wenn ernst-
hafte Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass die Behörden des in Frage ste-
henden Staates im konkreten Fall das Völkerrecht verletzen, der betroffe-
nen Person nicht den notwendigen Schutz gewähren oder sie menschen-
unwürdigen Lebensumständen aussetzen würden respektive dass sie im
in Frage stehenden Staat aufgrund von individuellen Umständen sozialer,
wirtschaftlicher oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle Notlage ge-
raten würde (vgl. Urteil des BVGer E-2617/2016 vom 28. März 2017
E. 4.8).
7.1.3 Im Zusammenhang mit der Anordnung des Wegweisungsvollzugs
von unbegleiteten Minderjährigen ist das SEM von Amtes wegen verpflich-
tet, das Kindeswohl zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2015/30 E. 7.2 und
2009/51 E. 5.6). Unter anderem sind spezifische Abklärungen der persön-
lichen Situation der betroffenen minderjährigen Person nach ihrer Rück-
kehr unter dem Blickwinkel des Kindeswohls vorzunehmen und die zustän-
dige Behörde hat gemäss Art. 69 Abs. 4 AIG sicherzustellen, dass die UMA
im Rückkehrstaat einem Familienmitglied oder einer Aufnahmeeinrichtung
übergeben werden kann, welche den Schutz des Kindes gewährleisten.
Das SEM darf sich nicht darauf beschränken, pauschal auf das grundsätz-
liche Vorliegen entsprechender sozialer Institutionen im Rückkehrstaat zu
verweisen (vgl. BVGE 2015/30 E. 7.3 mit Hinweisen auf EMARK 2006
Nr. 24 E. 6.2.4 und 1998 Nr. 13 E. 5e).
8.
8.1 Der in Art. 29 Abs. 2 BV garantierte und in den Art. 26–33 VwVG kon-
kretisierte Grundsatz des rechtlichen Gehörs umfasst das Recht, mit eige-
nen Begehren angehört zu werden, Einblick in die Akten zu erhalten und
zu den für die Entscheidung wesentlichen Punkten Stellung nehmen zu
können. Der Anspruch auf rechtliches Gehör dient einerseits der Sachauf-
klärung und stellt anderseits ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungs-
recht der Parteien dar. Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs beinhaltet,
dass die Vorbringen des vom Entscheid in seiner Rechtsstellung Betroffe-
nen sorgfältig sowie ernsthaft geprüft und in der Entscheidfindung berück-
sichtigt werden (Art. 32 Abs. 1 VwVG). Zudem müssen die angebotenen
Beweismittel abgenommen werden, wenn sie zur Abklärung des Sachver-
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halts tauglich erscheinen (Art. 33 Abs. 1 VwVG). Daraus folgt die grund-
sätzliche Pflicht der Behörden, sich mit den wesentlichen Vorbringen des
Rechtssuchenden zu befassen und Entscheide zu begründen (Art. 35
Abs. 1 VwVG). Die Begründung eines Entscheides muss so abgefasst
sein, dass der Betroffene ihn sachgerecht anfechten kann. In diesem Sinne
müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, die für den
Entscheid bedeutsam sind (vgl. BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.w.H.).
Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes we-
gen fest und bedient sich nötigenfalls der unter dieser Norm aufgelisteten
Beweismittel. Die behördliche Untersuchungspflicht beinhaltet die richtige
und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes, die Be-
schaffung der für das Verfahren notwendigen Unterlagen, die Abklärung
der rechtlich relevanten Umstände sowie die entsprechende, ordnungsge-
mässe Beweisführung. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der Untersuchungspflicht bil-
det einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird; unvollständig ist sie, wenn nicht alle
für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt wer-
den (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-
rechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). Der Untersuchungs-
grundsatz wird durch die Mitwirkungspflicht der Parteien (Art. 13 VwVG;
Art. 8 AsylG) beschränkt.
8.2 Beim Beschwerdeführer handelt es sich im heutigen – massgeblichen
– Zeitpunkt um eine unbegleitete minderjährige Person. Im Zusammen-
hang mit der Anordnung des Wegweisungsvollzugs ist die Vorinstanz dem-
nach von Amtes wegen verpflichtet, das Kindeswohl zu berücksichtigen
und es sind spezifische Abklärungen der persönlichen Situation unter dem
Blickwinkel des Kindeswohls vorzunehmen (vgl. oben E. 7.1.3). Daran än-
dert die Legalvermutung von Art. 83 Abs. 5 AIG nichts.
8.2.1 Das SEM begründet die Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs
unter anderem damit, dass der Beschwerdeführer gemäss seinen Schilde-
rungen alles Notwendige erhalten habe, auch wenn er mit der Art der Un-
terbringung und den Unterstützungsleistungen nicht zufrieden gewesen
sei. Weil er schon ein bisschen Griechisch sprechen könne und in guter
gesundheitlicher Verfassung sei, sollte es ihm möglich sein, sich bei Voll-
jährigkeit auf Arbeits- und Wohnungssuche zu begeben und die griechi-
schen Behörden bei Bedarf um Unterstützung zu ersuchen. Nebenbei
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habe Griechenland die Qualifikationsrichtlinie umgesetzt, deren Rechte
einklagbar seien. Ausserdem bestünden neben staatlichen Strukturen
auch private sowie internationale Organisationen, an welche sich der Be-
schwerdeführer wenden könne.
Das SEM hat sich zwar anlässlich seiner Anfrage um Rückübernahme des
Beschwerdeführers vom 3. Mai 2021 um eine altersgerechte Unterkunft in
Griechenland bemüht (A11). Diese wurden von den griechischen Behörden
indes nicht zugesagt. Das SEM steht gemäss der massgeblichen Recht-
sprechung aber in der Pflicht, von Amtes wegen konkret abzuklären, in wel-
che Institution der Beschwerdeführer gegebenenfalls zurückgeführt wer-
den kann, und ob dem Kindeswohl damit hinreichend Rechnung getragen
wird. In diesem Zusammenhang ist festzustellen, dass die Ausführungen
des Beschwerdeführers zu seinem Aufenthalt in Griechenland ebenfalls als
glaubhaft zu erachten sind, er ist seiner Mitwirkungspflicht umfassend
nachgekommen und hat ausführlich berichtet (A22 Ziff. 2.06 und insbeson-
dere Ziff. 5.02). Das SEM stellt seine Sachdarstellung zu Recht auch gar
nicht in Frage. Ob allerdings diese Lebensumstände mit dem Kindeswohl
vereinbar sind, ist zumindest fraglich, auch wenn der Beschwerdeführer
jeweils mit Minderjährigen untergebracht worden sei. So gab er etwa an,
nichts zu tun gehabt zu haben, weder eine Freizeitbeschäftigung oder eine
Schule, die Betreuer hätten sich nicht gut gekümmert. Jedenfalls wird das
SEM nach der Abklärung, in welche konkrete Institution der Beschwerde-
führer zurückgeführt werden kann gegebenenfalls einlässlich zu begrün-
den haben, weshalb auch bei Berücksichtigung des Kindeswohls und der
in Griechenland bekanntermassen prekären Umstände für anerkannte
Flüchtlinge sich der Vollzug der Wegweisung für den minderjährigen Be-
schwerdeführer als zulässig erachtet werden kann, und inwiefern in seinem
Fall die Legalvermutung von Art. 83 Abs. 5 AIG nicht umgestossen ist.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorinstanz den Sachverhalt
hinsichtlich des angeordneten Wegweisungsvollzugs nur unvollständig
festgestellt hat. Gleichzeitig hat es das rechtliche Gehör des Beschwerde-
führers – insbesondere auch seine Begründungspflicht – verletzt, indem es
seine Minderjährigkeit nicht berücksichtigt hat.
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9.
9.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung der
Sache an die Vorinstanz ist insbesondere dann gerechtfertigt, wenn wei-
tere Tatsachen festgestellt werden müssen sowie ein umfassendes Be-
weisverfahren durchgeführt werden muss. Die in diesen Fällen fehlende
Entscheidreife kann grundsätzlich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz
selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomi-
schen Gründen angebracht erscheint (vgl. BVGE 2012/21 E. 5). Eine sol-
che Konstellation liegt offensichtlich nicht vor. Zudem handelt es sich um
eine schwere Rechtsverletzung.
9.2 Nach dem Gesagten verletzt die angefochtene Verfügung Bundesrecht
(Art. 49 Bst. a und b VwVG). Die Beschwerde ist gutzuheissen, die ange-
fochtene Verfügung vom 26. Mai 2021 im Umfang des Verfahrensgegen-
standes (Ziffer 3 und 4 des Dispositivs) aufzuheben und die Sache in An-
wendung von Art. 61 Abs. 1 VwVG zur vollständigen und richtigen Sach-
verhaltsermittlung und Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an das
SEM zurückzuweisen. Auf weitere Vorbringen in der Rechtsmitteleingabe
ist nicht näher einzugehen, vielmehr wird die Beschwerde inklusive der Be-
weismittel integraler Bestandteil des neu aufzunehmenden erstinstanzli-
chen Asylverfahrens und hat in diesem Rahmen Beachtung zu finden.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
10.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung
auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche
Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen
vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl.
auch Art. 111ater AsylG).
10.3 Die Anträge um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sind mit vorliegen-
dem Entscheid in der Sache gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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