Decision ID: dde61fe2-7112-5eb8-90a2-88d5c5804fef
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 17. Dezember 2019 in der Schweiz um
Asyl. Am 15. Januar 2020 trat die Vorinstanz auf sein Asylgesuch nicht ein
und wies ihn nach Frankreich weg, das für die Durchführung des Asyl- und
Wegweisungsverfahren zuständig sei (vgl. Verordnung [EU] Nr. 604/2013
des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Fest-
legung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist [Dublin-III-VO]). Eine dagegen erhobene Beschwerde wies das
Bundesverwaltungsgericht mit Urteil E-469/2020 vom 30. Januar 2020 ab.
Der Beschwerdeführer wurde in der Folge am 3. März 2020 nach Frank-
reich überstellt.
B.
Am 26. August 2020 teilte das Migrationsamt des Kantons Zürich der Vor-
instanz mit, dass der Beschwerdeführer sich wiederum in der Schweiz auf-
halte. Gleichentags wurde sie um Einleitung eines Dublin-Verfahrens ge-
beten (vgl. Akten der Vorinstanz [SEM act.] 1). Ein Abgleich seiner Finger-
abdrücke mit der «Eurodac»-Datenbank ergab, dass er am 5. März 2020
in Frankreich erneut ein Asylgesuch gestellt hatte (SEM act. 3). Dem Pro-
tokoll einer am 24. August 2020 durchgeführten polizeilichen Befragung
betreffend rechtliches Gehör zur Anordnung einer Administrativhaft konnte
entnommen werden, dass er ungefähr drei Wochen nach seiner Überstel-
lung nach Frankreich wieder zurück in die Schweiz gelangt war (SEM
act. 2).
Vom 24. August bis 3. September 2020 befand sich der Beschwerdeführer
in Administrativhaft.
C.
Am 28. August 2020 ersuchte das SEM die französischen Behörden ge-
stützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO um erneute Aufnahme des
Beschwerdeführers (SEM act. 5). Diese hiessen das Ersuchen am 7. Sep-
tember 2020 gut (SEM act. 8 und 9).
D.
Am 14. September 2020 liess der Beschwerdeführer mitteilen, sobald
Frankreich seiner Rückübernahme zugestimmt habe, sei er bereit zu ko-
operieren und dorthin zurückzukehren, sofern seine medizinischen Akten
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Seite 3
den Behörden übermittelt würden (SEM act. 11). Wegen psychischer Prob-
leme begab er sich anschliessend in stationäre psychiatrische Behandlung
(SEM act. 13 und 14).
E.
Mit Verfügung vom 17. September 2020 (eröffnet am 21. September 2020)
wies die Vorinstanz den Beschwerdeführer gestützt auf Art. 64a Abs. 1 des
Ausländer- und Integrationsgesetzes (AIG, SR 142.20) nach Frankreich
weg. Gleichzeitig forderte sie ihn – unter Androhung von Zwangsmitteln im
Unterlassungsfall – auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerde-
frist zu verlassen, beauftragte den Kanton Zürich mit dem Vollzug der Weg-
weisung, händigte ihm die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenver-
zeichnis aus und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den
Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme (SEM act. 15).
F.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 27. September
2020 beantragt der Beschwerdeführer, die angefochtene Wegweisungs-
verfügung sei aufzuheben und auf sein Asylgesuch sei einzutreten; even-
tualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen,
subeventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, von den französischen Be-
hörden individuelle Zusicherungen bezüglich des Zugangs zum Asylverfah-
ren, zu adäquater medizinischer Versorgung sowie zur Unterbringung ein-
zuholen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses, unentgeltliche Prozessführung, Ertei-
lung der aufschiebenden Wirkung und Erlass vorsorglicher Massnahmen
(BVGer act. 1).
G.
Am 30. September 2020 setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der
Überstellung per sofort einstweilen aus (BVGer act. 2).
H.
Mit Zwischenverfügung vom 7. Oktober 2020 wies das Bundesverwal-
tungsgericht die Gesuche des Beschwerdeführers um unentgeltliche
Rechtspflege und Verbeiständung sowie um Erteilung der aufschiebenden
Wirkung ab und forderte ihn zur Leistung eines Kostenvorschusses auf
(BVGer act. 3). Dieser Aufforderung kam er am 7. November 2020 nach
(BVGer act. 4).
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Seite 4
I.
Das SEM schliesst schloss in seiner Vernehmlassung vom 3. Dezember
2020 auf Abweisung der Beschwerde.
Die Vernehmlassung enthielt den Hinweis auf eine vom 25. November
2020 datierende Meldung der kantonalen Migrationsbehörde, wonach der
Beschwerdeführer seit dem 22. Oktober 2020 unbekannten Aufenthalts sei
(BVGer act. 6).
J.
Mit Zwischenverfügung vom 9. Dezember 2020 wurde der Beschwerdefüh-
rer unter Beilage eines Doppels der Vernehmlassung aufgefordert, dem
Bundesverwaltungsgericht bis zum 4. Januar 2021 mittels einer eigenhän-
dig unterzeichneten Erklärung mitzuteilen, ob er an der Beschwerde fest-
halte (BVGer act. 7).
K.
Replikweise liess der Beschwerdeführer am 4. Januar 2021 am eingereich-
ten Rechtsmittel, an den Rechtsbegehren und an deren Begründung fest-
halten (BVGer act. 8). Gleichentags reichte er die verlangte unterzeichnete
Erklärung ein und bestätigte seinen Wunsch nach Fortführung des vorlie-
genden Verfahrens in der Schweiz (BVGer act. 9).
L.
Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit rechtserheblich, in den Erwägun-
gen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist für Beschwerden gegen Verfügun-
gen der Vorinstanz betreffend Wegweisung aufgrund der Dublin-Assoziie-
rungsabkommen (Art. 64a AIG) zuständig (Art. 31 ff. VGG i.V.m. Art. 5
VwVG; Art. 112 Abs. 1 AIG). Das Gericht entscheidet endgültig (Art. 83
Bst. c Ziff. 4 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG oder die
Spezialgesetzgebung nichts anderes bestimmen (Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m.
Art. 37 VGG).
F-4800/2020
Seite 5
1.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht ein-
gereichte Beschwerde ist einzutreten (vgl. Art. 64a Abs. 2 AIG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl.
Art. 112 Abs. 1 AIG), womit im Zusammenhang mit der vorliegend zu beur-
teilenden Frage des Wegweisungsvollzugs die Verletzung von Bundes-
recht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) so-
wie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts gerügt werden können (BVGE 2014/26 E. 5.5).
3.
Die angefochtene Verfügung stützt sich auf die ausländerrechtliche Be-
stimmung von Art. 64a AIG (Wegweisung aufgrund des Dublin-Assoziie-
rungsabkommens). Verfahrensgegenstand bildet somit einzig die Frage,
ob die Anordnung der Wegweisung des Beschwerdeführers nach Frank-
reich rechtmässig war. Über die Zuständigkeit für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens wurde mit dem erstinstanzlichen Ent-
scheid im Dublin-Verfahren vom 15. Januar 2020 – bestätigt durch das Ur-
teil E-469/2020 des Bundesverwaltungsgerichts vom 30. Januar 2020 –
bereits rechtskräftig entschieden (siehe Sachverhalt, Bst. A.). Auf den An-
trag, es sei auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers einzutreten und
das Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen, kann entsprechend nicht
eingetreten werden.
4.
4.1 Der Beschwerdeführer rügt zunächst eine Verletzung des rechtlichen
Gehörs, da er vor Erlass der angefochtenen Verfügung nicht zur beabsich-
tigten Wegweisung nach Frankreich angehört worden sei. Aus den Akten
geht allerdings hervor, dass ihm die Kantonspolizei Zürich am 24. August
2020 hinsichtlich «Wegweisung/Einreiseverbot», «Administrativhaft» und
«Ein-/Ausgrenzung» ausdrücklich das rechtliche Gehör gewährt hatte.
Wohl hatte die Kantonspolizei Zürich in diesem Zusammenhang andere
Oberbegriffe gewählt; aufgrund der Fragestellung musste dem Beschwer-
deführer, der schon im Januar 2020 ein Dublin-Verfahren in der Schweiz
durchlaufen hatte, jedoch bewusst sein, dass ihm eine erneute Wegwei-
sung und Überstellung nach Frankreich drohen kann. Dementsprechend
hatte er sich in den fraglichen Einvernahmen u.a. auch dazu geäussert,
F-4800/2020
Seite 6
weshalb er sein Asylgesuch lieber in der Schweiz als in Frankreich behan-
delt haben möchte (siehe hierzu BVGer act. 1, Beschwerdebeilagen 11).
Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs ist insoweit nicht zu erkennen.
4.2 Der Beschwerdeführer rügt zudem, die Verfügung sei widersprüchlich
und daher mangelhaft begründet, indem er im angefochtenen Entscheid
aufgefordert werde, seiner Pflicht zur Ausreise nicht allein nachzukommen
und die diesbezüglichen Anweisungen der Migrationsbehörden einzuhal-
ten. Im Dispositiv fordere ihn das SEM aber auf, die Schweiz spätestens
am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Dadurch seien der
Grundsatz von Treu und Glauben und das Verbot widersprüchlichen Ver-
haltens verletzt worden. Dies erschliesst sich dem Gericht nicht. Mit einem
Wegweisungsentscheid wird ein ausländischer Staatsangehöriger aus
dem schweizerischen Staatsgebiet weggewiesen, d.h. zum Verlassen der
Schweiz verpflichtet. Dies wurde im Dispositiv so zum Ausdruck gebracht.
Dass die verpflichtete Person sich dabei an die Vorgaben der vollziehen-
den Migrationsbehörden zu halten hat, stellt keinen Widerspruch hierzu
dar. Für eine Rückweisung an die Vorinstanz besteht deswegen kein An-
lass.
4.3 Nicht zu hören ist mit Blick auf die Begründungspflicht schliesslich die
Rüge, die Vorinstanz habe sich nicht ausreichend mit der Lage von Asyl-
suchenden in Frankreich und der persönlichen Situation des Beschwerde-
führers auseinandergesetzt. Bezüglich des Asyl- und Wegweisungsverfah-
rens in Frankreich durfte die Vorinstanz aufgrund des rechtskräftigen Ur-
teils E-469/2020 vom 30. Januar 2020 davon ausgehen, dass keine syste-
mischen Mängel vorliegen. Auch über die – damals wie heute bestehenden
– psychischen Probleme des Beschwerdeführers hat das Bundesverwal-
tungsgericht im fraglichen Urteil befunden. In der angefochtenen Verfü-
gung hat das SEM auf die medizinischen Akten, insbesondere einen stati-
onären Aufenthalt des Beschwerdeführers in einer psychiatrischen Klinik
vom September 2020, hingewiesen und sich – wenn auch kurz – dazu ge-
äussert. Zusammen mit den ergänzenden Ausführungen in der Vernehm-
lassung vom 3. Dezember 2020 (darin wird inhaltlich auf einen Kurzaus-
trittsbericht der Integrierten Psychiatrie Y._ [...] vom 5. November
2020 Bezug genommen) ist es seiner Begründungspflicht hinreichend
nachgekommen. Die Schlussfolgerung, dass eine Überstellung nach
Frankreich möglich, zulässig und zumutbar sei, bildet derweil Gegenstand
der nachfolgenden materiell-rechtlichen Beurteilung. Dem Eventualantrag,
die Sache wegen Verletzung der Begründungspflicht zur Neubeurteilung
an die Vorinstanz zurückzuweisen, ist daher nicht stattzugeben.
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Seite 7
4.4 Die erhobenen formellen Rügen erweisen sich somit als unbegründet.
Im Folgenden gilt es demnach zu prüfen, ob sich die Wegweisungsverfü-
gung materiell als rechtmässig erweist.
5.
5.1 Die Vorinstanz kommt im Wesentlichen zum Schluss, aufgrund des
rechtskräftigen vorinstanzlichen Entscheids vom 15. Januar 2020 im Dub-
lin-Verfahren (Nichteintreten auf Asylgesuch und Überstellung nach Frank-
reich) sei Frankreich für die Behandlung des Asyl- und Wegweisungsver-
fahrens des Beschwerdeführers zuständig. Die dortigen Behörden hätten
das entsprechende Übernahmeersuchen gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO gutgeheissen. Frankreich habe die Aufnahmerichtlinie umge-
setzt, der Beschwerdeführer könne sich gestützt darauf an die zuständigen
Behörden wenden, um eine Unterkunft und sozialstaatliche Unterstützung
zu erhalten. Auch bei den dort Frankreich zahlreich vorhandenen karitati-
ven Organisationen könne er um Hilfe ersuchen. Das Land verfüge zudem
über eine ausreichende medizinische Infrastruktur und sei verpflichtet, ihm
die erforderliche medizinische Versorgung, welche zumindest die Notver-
sorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und
schweren psychischen Störungen umfasse, zu gewähren. Somit könne
sich der Beschwerdeführer an die französischen Stellen wenden, um Zu-
gang zu medizinischer oder psychologischer Versorgung zu erlangen. Der
Vollzug der Wegweisung sei möglich, zulässig und zumutbar.
5.2 Der Beschwerdeführer bringt hiergegen hauptsächlich vor, er sei na-
hezu während seines gesamten Aufenthalts in Frankreich gezwungen ge-
wesen, auf der Strasse zu leben. Nach der Eröffnung seines zweiten Asyl-
verfahrens im Sommer 2019 habe er erneut um finanzielle Unterstützung
bzw. Wiederherstellung der materiellen Aufnahmebedingungen ersucht,
was ihm jedoch am 23. Oktober 2019 verweigert worden sei. Auch einem
im selben Jahr gestellten Gesuch um Behandlung als vulnerable Person
aufgrund seiner psychischen und physischen Probleme hätten die franzö-
sischen Behörden nicht stattgegeben. Er habe sich deshalb entschlossen,
in die Schweiz zu kommen. Nach seiner Rücküberstellung im März 2020
sei ihm wiederum keine Hilfe zuteilgeworden. Er habe erneut auf der
Strasse leben müssen und keinen Zugang zu medizinischer Betreuung ge-
habt. Daher habe er sich gezwungen gesehen, ein weiteres Mal in die
Schweiz zu kommen. Die Lage von Asylsuchenden in Frankreich sei gene-
rell schlecht, wie der Länderbericht von Asylum Information Database
(AIDA, Country Report France, Update 2019) belege. Die prekären Le-
bensumstände seien vom EGMR im Urteil Nr. 28820/13 vom 2. Juli 2020
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Seite 8
i.S. N.H. und anderen gegen Frankreich als Verstoss gegen Art. 3 EMRK
gewertet worden. Der Beschwerdeführer habe sich in einer vergleichbaren
Situation befunden. Wegen seines psychisch nach wie vor sehr schlechten
Zustands sei er am 16. September 2020 in die Y._ eingewiesen
worden. Bei einer Überstellung nach Frankreich würde er nicht die notwen-
dige intensive medizinische Betreuung erhalten, weshalb davon auszuge-
hen sei, dass sich sein Zustand erheblich verschlechtern würde. Wegen
der anhaltenden COVID-19-Pandemie sei das Gesundheitssystem in
Frankreich ohnehin überlastet.
6.
6.1 Eine Wegweisungsverfügung gemäss Art. 64a Abs. 1 AuG setzt die Zu-
ständigkeit eines anderen, an das Dublin-Assoziierungsabkommen gebun-
denen Staates für die Durchführung des Asylverfahrens gemäss Art. 24
Abs. 1 i.V.m. Art. 18 Abs. 1 Bst. b-d Dublin-III-VO voraus. Die betroffene
Person darf in der Schweiz keinen (erneuten) Antrag auf internationalen
Schutz gestellt haben und nicht über eine ausländerrechtliche Anwesen-
heitsbewilligung oder einen Anspruch auf Erteilung einer solchen verfügen.
Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates hat das SEM
die Zuständigkeitskriterien nach der Dublin-III-VO zu prüfen.
6.2 Die Vorinstanz ist mit Verfügung vom 15. Januar 2020 nicht auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers eingetreten und hat seine Wegwei-
sung nach Frankreich angeordnet, das nach Dublin-III-Verordnung für die
Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens zuständig sei. Dieser
Entscheid erwuchs mit Urteil E-469/2020 vom 30. Januar 2020 in Rechts-
kraft und wurde am 3. März 2020 vollzogen. Am 7. September 2020 haben
die französischen Behörden explizit bestätigt, gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO für die Behandlung des Asylgesuchs des Beschwerdeführers
zuständig zu sein (SEM act. 8 und 9). Damit ist und bleibt Frankreich ge-
mäss Art. 24 Abs. 1 i.V.m. Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO für die Durch-
führung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens zuständig, was der Be-
schwerdeführer auch nicht bestreitet. Seine erneute Einreise und sein der-
zeitiger Aufenthalt in der Schweiz sind demnach illegal. Er verfügt hier we-
der über eine ausländerrechtliche Anwesenheitsbewilligung noch einen
Anspruch auf Erteilung einer solchen im Sinn der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung (vgl. BGE 144 I 266 E. 3.3). Insoweit er geltend macht,
die Schweiz sei verpflichtet, das Selbsteintrittsrecht auszuüben, ist der
diesbezüglichen Argumentation die Grundlage entzogen, wurde die Aus-
übung des Selbsteintrittsrechts doch bereits im erwähnten rechtskräftigen
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Nichteintretens- und Wegweisungsentscheids geprüft (zum Verfahrensge-
genstand (siehe E. 3 hiervor).
6.3 Nach dem Gesagten ist die Vorinstanz zu Recht von der Zuständigkeit
Frankreichs ausgegangen. Damit sind die Voraussetzungen für eine Weg-
weisung in dieses Land nach Art. 64a Abs. 1 AIG gegeben.
7.
Zu prüfen bleibt, ob dem Vollzug der Wegweisung Hindernisse im Sinne
von Art. 83 Abs. 1-4 AIG entgegenstehen. Gemäss dieser Bestimmung hat
das SEM eine vorläufige Aufnahme anzuordnen, wenn sich der Wegwei-
sungsvollzug als unzulässig, unzumutbar oder unmöglich erweist.
7.1 Frankreich ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Ferner ist davon auszugehen, dass Frankreich die
Rechte anerkennt, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (Aufnahmerichtlinie) ergeben. Ins-
besondere ist Frankreich verpflichtet, dem gesundheitlich angeschlagenen
Beschwerdeführer adäquate Unterstützung zukommen zu lassen und ihn
angemessen unterzubringen. Soweit er auf das am 2. Juli 2020 ergangene
Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte verweist, wo-
nach Frankreich wegen Verletzung von Art. 3 EMRK betreffend drei (von
fünf) klagenden Asylsuchenden verurteilt wurde, ist ihm Folgendes entge-
genzuhalten: Festgestellt wurde eine Konventionsverletzung für den Zeit-
raum, in welchem die Kläger ihren Status als Asylsuchende noch nicht mit
einem entsprechenden Ausweis belegen konnten und ihnen daher der Zu-
gang zu den Unterbringungseinrichtungen des Asylverfahrens verweigert
worden war. Gemäss den Beschwerdebeilagen 7 und 8 («Attestation de
demande d’asile» sowie «Notification à se présenter au service d’accom-
pagnement des demandeurs d’asile», beide datierend vom 5. März 2020)
wurde der Beschwerdeführer nach seiner Überstellung nach Frankreich
anfangs März 2020 indes erneut im Asylverfahren registriert. Neben den
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Seite 10
Konventionsverletzungen in den drei Einzelfällen hat der Gerichtshof zwar
gewisse Kapazitätsmängel im Aufnahmeverfahren erwogen, indessen
keine systemischen Mängel festgestellt (vgl. Urteil des EGMR N.H. und
andere gegen Frankreich vom 2. Juli 2020, Nr. 28820/13 u.a., §§ 155-209
m.w.H.). Auch das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtspre-
chung davon aus, dass Asylsuchende in Frankreich die von der Aufnahme-
richtlinie garantierten Grundleistungen erhalten und somit keine un-
menschliche oder erniedrigende Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK zu
befürchten haben (vgl. zuletzt Urteile des BVGer F-5189/2020 vom 26. Ok-
tober 2020 E. 5.2; F-4871/2020 vom 26. Oktober 2020 E. 6.1; F-4995/2020
vom 15. Oktober 2020 E. 5.2; F-4865/2020 vom 8. Oktober 2020 E. 5.1).
7.2 Der Beschwerdeführer macht in der Rechtsmitteleingabe vom 27. Sep-
tember 2020 geltend, er habe nach seiner Überstellung nach Frankreich
im März 2020 wiederum auf der Strasse leben müssen. In diesem Zusam-
menhang reichte er vier Beweismittel ein. Zwei dieser Belege (Beschwer-
debeilagen 3 und 4) datieren vom 23. Oktober 2019 bzw. 7. November
2019 und somit noch aus einer Zeit vor seiner ersten Einreise in die
Schweiz. Daraus geht hervor, dass er die «conditions matérielles d’accu-
eil» aufgrund seines Untertauchens verloren habe und ihm die unentgeltli-
che Rechtspflege zur Anfechtung des entsprechenden Entscheids verwei-
gert wurde. Über seine Situation nach der Überstellung im März 2020 sa-
gen diese Dokumente hingegen nichts aus. Dasselbe gilt hinsichtlich des
mit der Replik nachgereichten Urteils des Tribunal Administratif de
Grenoble vom 25. Oktober 2019 (Beilage zu BVGer act. 8). Wie schon im
Urteil E-469/2020 vom 30. Januar 2020 dargetan (siehe dortige E. 5.3.1),
hat der Beschwerdeführer sein Recht auf Unterbringung und angemes-
sene Unterstützung gegebenenfalls bei den an die Aufnahme- und Verfah-
rensrichtlinien gebundenen französischen Behörden einzufordern und sich
nötigenfalls an Hilfswerke vor Ort zu wenden.
7.2.1 Bereits anlässlich der polizeilichen Befragung vom 24. August 2020
hatte der Beschwerdeführer ausgesagt, er habe nach seiner Überstellung
in Frankreich erneut um Asyl ersucht, sei aber «wieder ohne Hilfe auf die
Strasse gestellt» worden (SEM act. 2). Wie an anderer Stelle erwähnt,
kann den Beschwerdebeilagen 7 und 8 allerdings entnommen werden,
dass er damals Kontakt mit den französischen Behörden hatte und am
5. März 2020 ein zweites Mal im Asyl- und Wegweisungsverfahren regis-
triert wurde. Gemäss den Beschwerdebeilagen 7 und 8 war Frankreich
hierbei bereit, ihm die «conditions matérielles d’accueil» zu gewähren und
verwies ihn für den «service de premier accueil» an eine Hilfsorganisation.
F-4800/2020
Seite 11
Da er eigenen Angaben zufolge gerade mal drei Wochen nach seiner
Rücküberstellung nach Frankreich erneut in die Schweiz einreiste, wo er
sich bis zu seiner polizeilichen Anhaltung Ende August 2020 an einem un-
bekannten Ort aufhielt, ist kaum davon auszugehen, dass er sich in Frank-
reich ins Asyl- und Wegweisungsverfahren eingefügt hat und dort ernsthaft
um Unterbringung und medizinische Versorgung bemüht war. Die vorge-
legten Dokumente vermögen jedenfalls nicht zu belegen, dass er als Dub-
lin-Rückkehrer dort keine Unterkunft erhalten oder eine adäquate, ihm auf-
grund der Aufnahmerichtlinie zustehende Unterbringung verlangt hat. Des-
halb kann auch der Länderbericht von AIDA nicht zu einer anderen Ein-
schätzung führen. Der Wegweisungsvollzug erweist sich insoweit als zu-
lässig im Sinne von Art. 83 Abs. 3 AIG.
7.3 Auf Beschwerdeebene wird ferner geltend gemacht, der Gesundheits-
zustand des Beschwerdeführers stehe einer Überstellung entgegen. Was
den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so kann eine zwangsweise
Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur ganz
ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist ins-
besondere dann der Fall, wenn die betroffene Person sich in einem fortge-
schrittenen oder terminalen Krankheitsstadium befindet oder bei einer
Überstellung mit einem realen Risiko einer ernsten, raschen und unwieder-
bringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands konfrontiert ist
(vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
7.4 Eine solche Konstellation liegt nicht vor. Die eingereichten Unterlagen,
soweit in die Zeit nach dem Urteil E-469/2020 vom 30. Januar 2020 fallend,
diagnostizieren beim Beschwerdeführer eine posttraumatische Belas-
tungsstörung (vorläufiger Austrittsbericht vom 30. Januar 2020) bzw. eine
posttraumatische Belastungsstörung, eine rezidivierende depressive Stö-
rung und eine Panikstörung (Austrittsbericht vom 12. März 2020). Vom
16. bis 30. Januar 2020 sowie vom 19. Februar bis 2. März 2020 wurde er
deswegen stationär behandelt (Beschwerdebeilagen 5). Nach der Wieder-
einreise in die Schweiz befand er sich vom 16. September bis 22. Oktober
2020 nochmals in stationärer Behandlung. Laut dem Kurzaustrittsbericht
der Y._ vom 5. November 2020 leidet er nach wie vor an einer post-
traumatischen Belastungsstörung; von Suizidalität hat er sich (wie schon
im März 2020) aber distanziert. Zur Behandlung der aufgeführten Leiden
wurden dem Patienten die Medikamente Quetiapin, Deroxat und Trittico
verschrieben. Aus den in den aktenkundigen Arztberichten festgehaltenen
Diagnosen ergibt sich mithin, dass er sich aus medizinischer Sicht nicht
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Seite 12
zwingend in der Schweiz aufhalten muss, sondern eine adäquate Behand-
lung der Leiden in Frankreich möglich ist. Dementsprechend gelingt es ihm
nicht, nachzuweisen, dass er nicht reisefähig sei oder eine Überstellung
nach Frankreich seine Gesundheit ernsthaft gefährden würde. Sein Ge-
sundheitszustand vermag eine Unzulässigkeit einer Wegweisung im Sinne
dieser restriktiven Rechtsprechung nicht zu rechtfertigen. Auch Gründe hu-
manitärer Natur oder die konkrete Gefahr eines akuten medizinischen Not-
falls oder einer existenziellen Notlage durch die Überstellung nach Frank-
reich, welche die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Frage stellen
würden, sind vorliegend nicht ersichtlich (Art. 83 Abs. 4 AIG).
7.5 Der Beschwerdeführer wurde in der Schweiz, wie eben dargetan, me-
dizinisch versorgt. Dem SEM waren seine psychischen Probleme bekannt.
In Bezug auf das Vorliegen einer schwerwiegenden Erkrankung wären von
zusätzlichen medizinischen Abklärungen keine neuen Erkenntnisse zu er-
warten gewesen (zur antizipierten Beweiswürdigung vgl. BGE 141 I 60
E. 3.3 oder BGE 136 1 229 E. 5.3). Entgegen der Auffassung des Be-
schwerdeführers ist deshalb nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz im
Hinblick auf das vorliegende Verfahren keine weiteren Vorkehren getroffen
hat. Die auf Beschwerdeebene erhobene Rüge der unvollständigen Sach-
verhaltsabklärung erweist sich somit als nicht stichhaltig. Ebenso wenig ist
mit Blick auf die Abklärung der Gesundheitssituation eine Verletzung des
rechtlichen Gehörs erkennbar.
7.6 Abgesehen davon ist allgemein bekannt, dass Frankreich über eine
ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt. Die Mitgliedstaaten sind
verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung,
die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behand-
lung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zu-
gänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 und 2 Aufnahmerichtlinie). Es liegen
keine Hinweise vor, wonach Frankreich dem Beschwerdeführer eine adä-
quate medizinische Behandlung (konkret Fortführung der Medikation, al-
lenfalls psychiatrische oder psychotherapeutische Betreuung) verweigern
würde. Wie der Beschwerdebeilage 10 entnommen werden kann, erhielt er
dort im Übrigen im Jahr 2019 nachweislich medizinische Hilfe. Laut dem
vorläufigen Austrittsbericht vom 30. Januar 2020 hat er in Frankreich «spo-
radisch auch verschiedene Psychiater gesehen».
Bei dieser Sachlage besteht kein Anlass, individuelle Garantien seitens der
französischen Behörden einzuholen, weshalb dem entsprechenden Sube-
ventualantrag nicht stattzugeben ist.
F-4800/2020
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7.7 Anzumerken gilt es darüber hinaus, dass die schweizerischen Behör-
den, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind,
den medizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modali-
täten der Überstellung des Beschwerdeführers Rechnung tragen und die
französischen Behörden vorgängig über die spezifischen medizinischen
Umstände informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO). Zu ergänzen ist, dass
die herrschende Situation im Zusammenhang mit der COVID-19-Pande-
mie ein bloss temporäres Vollzugshindernis darstellt, welchem im Rahmen
der Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen ist (vgl. etwa Urteile des
BVGer F-3004/2020 vom 17. Juni 2020 E. 7.5 oder F-2489/2020 vom
3. Juni 2020 E. 6.3 m.H.).
7.8 Nach dem Gesagten erweist sich der Wegweisungsvollzug als zulässig
(Art. 83 Abs. 3 AIG) und zumutbar (Art. 83 Abs. 4 AIG). Zudem ist der Voll-
zug der Wegweisung nach Frankreich auch möglich (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
nicht zu beanstanden und als rechtmässig im Sinne von Art. 49 VwVG zu
bestätigen ist. Die Beschwerde ist daher abzuweisen, soweit darauf einzu-
treten ist.
9.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
F-4800/2020
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