Decision ID: d22acd87-7cb1-5843-ae37-b9d8be16c053
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – eigenen Angaben zufolge eine somalische
Staatsangehörige – suchte am 19. Juli 2015 in der Schweiz um Asyl nach.
Am 19. August 2015 erhob das SEM im damaligen Empfangs- und Verfah-
renszentrum (EVZ) C._ ihre Personalien und befragte sie zu ihrem
Reiseweg sowie summarisch zu den Asylgründen. Die einlässlichen Anhö-
rungen zu den Asylgründen fanden am 26. Oktober 2016 (erste Anhörung),
am 29. Juni 2017 (ergänzende Anhörung; Zweitanhörung) sowie am
16. Oktober 2017 (Drittanhörung) statt.
Dabei brachte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen vor, sie sei soma-
lische Staatsangehörige und gehöre dem Clan R._ an. Sie sei in
D._ geboren. Im Alter von fünf beziehungsweise sechs Jahren sei
sie mit ihrer Mutter und ihren vier Geschwistern in die Umgebung des Dor-
fes E._ (ungefähr zwei Autostunden vom Dorf entfernt) in der Pro-
vinz F._ gezogen, wo sie bis zum Alter von 17 Jahren und an-
schliessend bis zu ihrer Ausreise im Jahr 2015 im Dorf E._ gelebt
habe. Sie selbst habe nie eine Schule besucht. Ihr Vater sei im Jahr 2005,
ihre Mutter im Jahr 2011 gestorben.
In E._ habe sie mit 17 Jahren einen Mann, G._, kennen-
und liebengelernt. In der Folge sei sie von ihm schwanger geworden. Nach-
dem ihre Mutter dies bemerkt habe, sei sie zur ebenfalls in E._
wohnhaften Familie von G._ gegangen und habe dessen Mutter er-
öffnet, ihr Sohn müsse nunmehr ihre Tochter (die Beschwerdeführerin) hei-
raten. In der Folge sei es zu Unstimmigkeiten gekommen, wobei ihre Mut-
ter von Angehörigen der anderen Familie beleidigt worden sei. Daraufhin
sei sie nachhause zurückgekehrt. Später habe sich ihre Mutter – diesmal
in Begleitung ihrer drei Söhne – abermals zur Farm der Familie von
G._ begeben. In der Folge sei es zu einer tätlichen Auseinander-
setzung zwischen den beiden Familien gekommen, in deren Verlauf ihre
drei Brüder entführt und ihre Mutter infolge erlittener Schläge und ihres ho-
hen Blutdruckes verstorben sei. Sie (die Beschwerdeführerin) und
G._ hätten später heimlich geheiratet und in E._ in einer
Hütte gelebt. Ihr Mann sei tagsüber einer unbekannten Erwerbstätigkeit
nachgegangen und habe sie nur nachts aufgesucht und Essen mitge-
bracht. Im September 2011 habe sie Zwillinge auf die Welt gebracht. Am
(...) habe sie die Tochter H._ geboren. Die Wesensart ihres Mannes
habe sich im Laufe der Zeit ihr gegenüber verändert. So habe er begonnen,
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sie einzusperren und ihr verboten, Kontakte zu anderen Menschen zu pfle-
gen. Ausserdem habe er den Wunsch geäussert, dass ihre Kinder be-
schnitten würden, womit sie nicht einverstanden gewesen sei. Deswegen
habe sie beschlossen, E._ gemeinsam mit ihren Kindern zu verlas-
sen. Ein Kollege ihres Mannes habe sie jedoch unterwegs angetroffen.
Kurz darauf sei ihr Mann erschienen und habe die Kinder wieder nach-
hause mitgenommen. Sie sei ihm gefolgt, da sie die Kinder nicht habe al-
leine lassen wollen. Ungefähr einen Tag später habe ihr Mann sie bei ei-
nem Streit mit einem Holzstück am Kopf verletzt, wobei sie ohnmächtig
geworden sei. Beim Aufwachen habe sie festgestellt, dass ihre Zwillinge
von ihrem Mann getötet worden seien. Ihre jüngste Tochter, welche ge-
schlafen habe, sei von ihm verschont worden. Unmittelbar danach habe
sie E._ verlassen und sei mit H._ nach I._ gereist.
Nach ein bis zwei Tagen Aufenthalt in I._ sei sie via J._ und
K._ im April 2015 nach L._ ausgereist, wo sie H._ in
M._ bei ihrer Schwester zurückgelassen habe. Anschliessend sei
sie via den Sudan und Libyen nach Italien weitergereist und anschliessend
am 19. Juli 2015 illegal in die Schweiz eingereist.
B.
Bereits am 18. Februar 2017 brachte die Beschwerdeführerin die Tochter
B._ zur Welt. Der Vater des Kindes ist N._ (N ...), welcher
die Vaterschaft für das Kind am (...) anerkannt hat.
Im Übrigen reichte die Beschwerdeführerin im Rahmen des erstinstanzli-
chen Verfahrens einen Geburtsschein und eine Zivilstandsbescheinigung
der somalischen Vertretung in Genf vom 21. März 2017 beziehungsweise
vom 5. Mai 2017, jeweils als Kopie, indessen keinerlei aus ihrem angebli-
chen Heimatstaat stammende Ausweispapiere zu den Akten.
C.
Mit Verfügung vom 6. November 2017 – eröffnet am 8. November 2017 –
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin und ihr Kind würden die
Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, lehnte ihre Asylgesuche ab und ord-
nete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug der Wegweisung
an.
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D.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 6. Dezember 2017 liess die Be-
schwerdeführerin gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsge-
richt Beschwerde erheben. Darin wird beantragt, die Verfügung der Vor-
instanz sei aufzuheben, es sei die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerde-
führerinnen festzustellen und es sei ihnen Asyl zu gewähren. Eventualiter
sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht wurde
ferner beantragt, es sei die unentgeltlichen Prozessführung zu bewilligen,
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und den Be-
schwerdeführerinnen in der Person ihres Rechtsvertreters ein unentgeltli-
cher Rechtsbeistand zu bestellen.
Der Beschwerde beigefügt wurden namentlich ein Geburtsregisterauszug
bezüglich des Kindes B._ der Beschwerdeführerin, die Mitteilung
einer Kindesanerkennung, eine vom 6. Dezember 2017 datierte und auf
die Person der Beschwerdeführerin ausgestellte Sozialhilfebestätigung der
(...) sowie eine Substitutionsvollmacht.
E.
Mit Schreiben vom 15. Dezember 2017 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.
F.
Am 15. Dezember 2017 ging dem Bundesverwaltungsgericht eine Eingabe
der Rechtsvertretung vom 14. Dezember 2017 zu. Darin wird – unter Ein-
reichung der Kopie einer von der somalischen Vertretung in Genf am 1. De-
zember 2017 für die Beschwerdeführerin ausgestellten "Attestation de pas-
seport" – geltend gemacht, durch die Ausstellung dieses Dokuments werde
die Beschwerdeführerin offiziell von der somalischen Regierung als soma-
lische Staatsangehörige anerkannt. Das Original der "Attestation de pass-
eport" befinde sich derzeit beim Zivilstandsamt O._, wo es jederzeit
herausverlangt werden könne. Weiter wird in der Eingabe vom 14. Dezem-
ber 2017 ausgeführt, sowohl der – als Kopie – bei den Akten befindlichen
Kindesanerkennung als auch derjenigen des Geburtsregisterauszuges des
Zivilstandsamts O._ sei zu entnehmen, dass die Beschwerdeführe-
rin als Somalierin mit Geburtsort D._ eingetragen sei. Die Originale
der beiden Dokumente befänden sich ebenfalls beim Zivilstandsamt
O._. Soweit das Gericht wünsche, dass sämtliche Originaldoku-
mente durch die Rechtsvertretung beschafft und dem Gericht zugestellt
werden, sei ihr dies mitzuteilen.
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Seite 5
G.
Mit Zwischenverfügung vom 21. Dezember 2017 hielt der zuständige In-
struktionsrichter des Bundesverwaltungsgerichts fest, die Beschwerdefüh-
rerin und ihre Tochter dürften den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz
abwarten. Im Weiteren hiess er die Gesuche um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung und um Einsetzung ihres Rechtsvertreters als
amtlicher Rechtsbeistand gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses. Schliesslich lud er die Vorinstanz zur Einreichung einer
Vernehmlassung bis zum 5. Januar 2018 ein.
H.
Das SEM beantragte in seiner Vernehmlassung vom 28. Dezember 2017
die Abweisung der Beschwerde.
I.
Am 4. Januar 2018 sandte das Bundesverwaltungsgericht der Beschwer-
deführerin die Vernehmlassung zu und räumte ihr die Gelegenheit ein, bis
zum 19. Januar 2018 eine Replik einzureichen.
J.
Am 19. Januar 2018 reichte die Beschwerdeführerin mittels ihrer Rechts-
vertretung eine Replik ein, der eine Honorarnote selben Datums beiliegt.
K.
Mit Eingabe vom 13. Februar 2018 verwies die Rechtsvertretung der Be-
schwerdeführerin auf den Entscheid des UNO-Ausschusses für die Rechte
der Kinder vom 25. Januar 2018 in Sachen I.A.M. gegen Dänemark, Com-
munication Nr. 3/2016. Dabei sei der UNO-Ausschuss in I.A.M. gegen Dä-
nemark zum Schluss gelangt, dass der Tochter der Beschwerdeführerin in
Puntland Genitalverstümmelung drohe und Dänemark Art. 3 und 19 des
Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes
(nachfolgend: KRK, SR 0.107) verletzt habe. Da die Schweiz das dritte Fa-
kultativprotokoll (individuelles Beschwerdeverfahren) zum UNO-Überein-
kommen über die Rechte der Kinder am 24. April 2017 ratifiziert habe
(Rechtskraft am 24. Juli 2017), sei der zitierte Entscheid des UNO-Aus-
schusses über die Rechte der Kinder für die Schweiz wegweisend und es
werde evident, dass eine Wegweisung der Beschwerdeführerinnen nach
Somalia in Verletzung von Art. 3 und 19 KRK erfolgen würde. Aufgrund der
drohenden Genitalverstümmelung in Somalia erfülle B_ somit die
Voraussetzungen für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft, weshalb
ihr und ihrer Mutter Asyl zu gewähren sei.
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Seite 6
L.
Gemäss dem der Vorinstanz am 14. Februar 2019 zugekommenen und
von dieser am 21. Februar 2019 zuständigkeitshalber an das Bundesver-
waltungsgericht weitergeleiteten Familienausweis des Zivilstandsamts
O._ hat die Beschwerdeführerin am (...) N._ geheiratet. Das
damalige BFM (Bundesamt für Migration) lehnte dessen Asylgesuch vom
26. Mai 2005 mit Verfügung vom 5. Juli 2005 ab, ordnete indessen gleich-
zeitig die vorläufige Aufnahme wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs an. Am 17. Juni 2010 erhielt N._ auf Gesuch hin wegen
Vorliegens eines schwerwiegenden persönlichen Härtefalls gemäss Art. 84
Abs. 5 AuG in Verbindung mit Art. 30 Abs. 1 Bst. b AuG (seit dem 1. Januar
2019: Ausländer- und Integrationsgesetz [AIG]) eine kantonale Aufent-
haltsbewilligung B.
M.
Mit Zwischenverfügung vom 13. März 2020 ersuchte der Instruktionsrichter
die Beschwerdeführerin, bei den zuständigen kantonalen Behörden ein
Gesuch um Familiennachzug durch ihren Ehemann einreichen zu lassen
und dem Gericht bis zum 30. März 2020 eine Kopie desselben zuzustellen
beziehungsweise dem Gericht schriftlich mitzuteilen, aufgrund welcher
Umstände davon abgesehen werde. Bei Ausbleiben eines entsprechenden
ausländerrechtlichen Gesuchs um Familiennachzug werde praxisgemäss
davon ausgegangen, die Beschwerdeführerin verzichte auf das Geltend-
machen eines allfälligen, aus dem Eheschluss resultierenden Wegwei-
sungshindernisses im Rahmen des vorliegenden Asylverfahrens.
N.
Mit – innert einmalig erstreckter Frist eingereichtem – Schreiben vom
6. April 2020 teilte der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin mit, er habe
mit Eingabe gleichem Datums beim Migrationsamt des Kantons P._
unter Hinweis auf die Zwischenverfügung des Bundesverwaltungsgerichts
vom 13. März 2020 ein zweites Gesuch um Erteilung einer Aufenthaltsbe-
willigung für seine Mandantin gestellt, nachdem ein erstes Gesuch um Fa-
miliennachzug vom Kanton am 31. Januar 2019 mit der Begründung, der
Ehemann der Beschwerdeführerin verfüge lediglich über eine Aufenthalts-
bewilligung B und damit über kein gefestigtes Aufenthaltsrecht, abschlägig
beschieden worden sei. Da gegen den damaligen Entscheid des Migrati-
onsamtes des Kantons P._ kein Rekurs erhoben worden sei, be-
stünde nun die Gefahr, dass das zweite Gesuch abgewiesen oder darauf
gar nicht eingetreten werden könnte, da keine wiedererwägungsweise re-
levanten neuen Tatsachen vorliegen würden. Deswegen werde das Gericht
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Seite 7
darum ersucht, "nicht bloss die Wegweisung nicht zu verfügen, sondern die
Vorinstanz zumindest anzuweisen, vom Wegweisungsvollzug infolge Un-
zulässigkeit abzusehen und stattdessen die vorläufige Aufnahme anzuord-
nen".

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge-
gen Verfügungen, die gestützt auf das AsylG durch das SEM erlassen wor-
den sind, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich (mit
Ausnahme von Verfahren betreffend Personen, gegen die ein Ausliefe-
rungsersuchen des Staates vorliegt, vor welchem sie Schutz suchen) end-
gültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen-
dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Bereich des Ausländerrechts richtet
sich die Kognition des Gerichts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
1.3 Für das vorliegende Verfahren gilt nach der am 1. März 2019 in Kraft
getretenen Änderung des AsylG das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Über-
gangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
2.
Die Beschwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und
haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise
Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
(Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist-
und formgerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutre-
ten.
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Seite 8
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in ihrem
Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Re-
ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen aus-
gesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von
Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist
Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlings-
eigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM begründet seine Verfügung im Wesentlichen damit, die An-
gaben der Beschwerdeführerin zu ihrem Herkunftsort seien äusserst vage
und oberflächlich geblieben. Soweit sie sich doch auf eine Aussage festge-
legt habe, habe sie diese schlicht an die jeweiligen Fragen angepasst, was
zu teils krassen Widersprüchen geführt habe. So habe sie beispielsweise
einerseits als Erklärung ihrer Unkenntnis bezüglich der Nachbardörfer
E._ ausgeführt, dass sie sich nicht hätte draussen bewegen dürfen,
da ihr die Mutter dies nicht erlaubt habe, um andererseits zu erklären, sie
habe G._ kennengelernt, weil sie an seiner Farm vorbeigelaufen
sei, welche mindestens eine Stunde von ihrem Zuhause entfernt gelegen
habe. In der Folge habe sie sich jeweils mit ihm an einem Ort getroffen, der
etwa eine bis zwei Stunden Fussmarsch von ihrem Zuhause entfernt gele-
gen habe. Zudem habe sie in der ersten Anhörung gesagt, dass sie mit
ihrer Mutter etwa zwei Stunden Autofahrt ausserhalb E._ gelebt
habe und in der zweiten Anhörung, dass sie sich innerhalb des Dorfes
E._ frei habe bewegen dürfen. In der ersten Anhörung habe sie er-
klärt, dass sie D._ mit sechs Jahren verlassen und in der Folge 18
Jahre lang mit ihrer Mutter in E._ gelebt habe. In der zweiten Anhö-
rung habe sie behauptet, mit fünf Jahren nach E._ gezogen zu sein
und zwölf Jahre lang, also bis im Alter von 17 Jahren, dort gelebt zu haben.
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In der BzP habe sie demgegenüber ausgesagt, dass sie E._ am
1. April 2015, also im Alter von 21 Jahren, verlassen habe. Somit bleibe
bereits die Zeitdauer, die sie in E._ verbracht haben wolle, völlig
unklar. Weiter habe sie in der ersten Anhörung gesagt, dass es in der di-
rekten Nachbarschaft der Farm ihrer Mutter etwa zehn Häuser gegeben
habe und in der zweiten Anhörung, dass der nächste Nachbar eine Stunde
entfernt gewohnt habe. Sie habe keinen einzigen Nachbarort von
E._ nennen können und auch nicht gewusst, wer das Oberhaupt
von E._ gewesen sei, obwohl sie gemäss eigenen Angaben mehr
als ein Jahrzehnt in E._ beziehungsweise dessen Umgebung ge-
lebt haben wolle.
Aufgrund ihrer äusserst vagen und widersprüchlichen Aussagen zu ihren
biographischen Daten dürfe eine Herkunft aus Nordsomalia oder einem
Nachbarland angenommen werden. Da diese aber ebenso wenig gesichert
sei wie eine Herkunft aus Somalia, blieben ihre Staatsangehörigkeit und
ihre Herkunft offensichtlich unbekannt, zumal sie bis heute keinerlei rechts-
genügliche und fälschungssichere Identitätspapiere abgegeben habe. Da-
ran würden auch der von ihr eingereichte Geburtsschein und die Zivil-
standsbescheinigung, welche von der somalischen Vertretung in der
Schweiz ausgestellt worden sein sollen, nichts zu ändern, da die Doku-
mente einerseits nur als Kopie vorlägen, und andererseits offensichtlich
aufgrund ihrer eigenen Angaben und nicht aufgrund rechtsgenüglicher Pa-
piere ausgestellt worden seien. Dies zeige sich allein schon an ihrer Aus-
sage, sie hätte angeben können, ledig zu sein, obschon sie in Somalia ver-
heiratet gewesen sei.
Allein schon deswegen sei ihre Glaubwürdigkeit zutiefst erschüttert und ih-
ren Asylvorbringen jegliche Grundlage entzogen.
Diese Schlussfolgerung ergebe sich aber auch aus ihren widersprüchli-
chen und unsubstanziierten Aussagen zu ihren Asylgründen. So wolle sie
sich jeweils eine Fussstunde von zuhause entfernt mit G._ getroffen
haben, indem sie ihrer Mutter gesagt habe, sich mit einer Freundin zu tref-
fen, obwohl ihre Mutter ihr nicht erlaubt habe, nach draussen zu gehen, da
dies für Mädchen gefährlich gewesen sei. Zudem habe sie in der ersten
Anhörung gesagt, jeweils nicht die ganze Nacht mit G._ verbracht
zu haben, um in der zweiten Anhörung zu behaupten, sie habe sich nur
tagsüber mit diesem getroffen. Weiter habe sie in der ersten Anhörung aus-
geführt, dass sie bei der Auseinandersetzung zwischen der Familie ihres
Mannes und ihrer eigenen Familie nicht zugegen gewesen sei, um in der
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zweiten Anhörung zu behaupten, sie habe gesehen, wie ihre Mutter aus
dem Mund geschäumt habe und zu Boden gefallen sei, nachdem sie von
der Mutter ihres späteren Ehemannes verletzt worden sei. In der BzP habe
sie ausgeführt, dass G._ ihren Zwillingen die Kehle durchgeschnit-
ten habe, in der ersten Anhörung dagegen, sie habe nicht gesehen, wie ihr
Mann die Zwillinge getötet habe, da sie dies nicht richtig angeschaut habe.
Auch habe sie in der ersten Anhörung erklärt, nachts nach I._ ge-
flohen zu sein, wogegen sie in der zweiten Anhörung erzählt habe, es sei
bei ihrer Flucht nach I._ hell gewesen. Schliesslich sei es ihr nicht
ansatzweise gelungen, erlebnisbasiert zu schildern, wie sie G._
kennengelernt und geheiratet haben wolle, fehle ihren diesbezüglichen
Schilderungen doch jeglicher persönliche Bezug und jegliche Tiefe. Ihre
Asylvorbringen seien folglich unglaubhaft, weshalb deren Asylrelevanz
nicht geprüft werden müsse.
4.2 In der Beschwerde wird namentlich geltend gemacht, die Beschwerde-
führerin habe zusammen mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern etwa
zwei Autostunden Fahrt ausserhalb des Dorfes E._ gelebt, wo sie
auf ihrer Farm Hirse und Mais angebaut hätten. Der Ort, wo sich ihre Farm
befunden habe, habe keinen Namen gehabt. Bis zur Farm, bei welcher die
Beschwerdeführerin sich jeweils mit G._ getroffen habe, sei ein
Fussmarsch von ungefähr ein bis zwei Stunden vonnöten gewesen. Die
Farm der Familie von G._ sei etwa drei Stunden Fussmarsch ent-
fernt gewesen. Angesichts der Tatsache, dass sich die Bevölkerungsdichte
in der Provinz F._ auf (...) Personen pro Quadratkilometer beziffere
und sich gemäss Google Maps insbesondere südwestlich von I._
eine riesige Fläche von Wildnis und zum Teil von Ackerfeldern befinde,
aber ohne jegliche Ansammlung von Hütten, welche als Dorf bezeichnet
werden könnten, seien die Aussagen der Beschwerdeführerin plausibel.
Selbst eine gebildete Person hätte wohl Schwierigkeiten, die Umgebung,
in welcher sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern gewohnt habe, an-
schaulich zu beschreiben, zumal es dort nichts als Land gebe. So habe die
Beschwerdeführerin ihren Wohnort durch den Hinweis zu beschreiben ver-
sucht, dass sich ihre Farm ungefähr in der Mitte befunden habe und dass
es auf der einen Seite etwa vier, auf der anderen Seite ungefähr sechs
weitere (weit entlegene) Farmen gegeben habe. In Anbetracht der dünnen
Besiedelung und Weitläufigkeit der Umgebung erstaune es auch nicht,
dass sie nicht konkret habe beschreiben können, wie man von E._
zu ihrer Farm gelange, finde sich doch unterwegs weder ein Haus noch ein
irgendwie spezieller Ort. Auch trügen die Strassen keine Namen. Das Dorf
E._ habe sie dahingehend zu beschreiben vermocht, dass es dort
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Seite 11
viele Hütten gebe, die Bauern in Hütten aus Ästen lebten und die Erde
rötlich sei. Wie den zu den Akten gereichten Fotografien von E._
aus Google Maps (Beschwerdebeilage 4) zu entnehmen sei, sei die Erde
dort tatsächlich rötlich. Im Weiteren habe sie korrekt angegeben, dass die
nächsten Städte von E._ aus Q._ und I._ seien. Der
Umstand, dass sie keine Namen von Nachbardörfern gekannt habe, sei
dem Umstand geschuldet, dass es in der Nähe ihres Wohnortes schlicht
keine Nachbardörfer gegeben habe. Entgegen der Annahme der Vo-
rinstanz habe sie auch keine widersprüchlichen Angaben dazu gemacht,
wie lange sie in E._ gelebt habe. So habe sie übereinstimmend so-
wohl in der Erst- als auch in der Zweitanhörung erklärt, bis zum Alter von
17 Jahren bei ihrer Mutter und anschliessend bis zu ihrer Ausreise Anfang
April 2015 zusammen mit ihrem früheren Ehemann in E._ gelebt zu
haben. Ausserdem habe sie auch kongruente und ausführliche Angaben
zu ihrer Clanfamilie, weiteren zu den R._ gehörenden Clanfamilien,
ihrem Stammbaum und typischen Arbeiten, welche von ihren Clanangehö-
rigen verrichtet würden, machen können. Weiter sei zu berücksichtigen,
dass die Beschwerdeführerin sich in einem Beweisnotstand befinde, da sie
keine Möglichkeit habe, ihre Identität mit amtlichen Beweisen (bis auf die
Dokumente der somalischen Mission in Genf) zu untermauern. Die Folgen
der Beweislosigkeit habe aber nicht sie zu tragen, zumal sie alles Mögliche
und ihr Zumutbare unternommen habe, um zur Abklärung ihrer Identität
beizutragen. Aus diesen Gründen erscheine ihre somalische Staatsange-
hörigkeit als glaubhaft.
Hinsichtlich der Asylvorbringen wird in der Beschwerde namentlich ausge-
führt, die Beschwerdeführerin habe sich hinsichtlich der Tageszeit, in der
sie sich mit G._ getroffen habe, entgegen der Annahme der Vor-
instanz nicht widersprochen. Im Weiteren liege auch kein Widerspruch be-
züglich der Frage vor, ob sie bei der Auseinandersetzung zwischen den
Familien anwesend gewesen sei oder nicht, habe sie doch einen Teil der
Auseinandersetzung persönlich miterlebt. Ausserdem habe sie sich auch
hinsichtlich der Art, wie ihr früherer Ehemann die Zwillinge getötet habe,
nicht widersprochen. Ausserdem sei es angesichts der traumatisierenden
Geschehnisse verständlich, dass sie bei der Zweitanhörung nicht mehr ge-
nau gewusst habe, ob es nun Tag oder Nacht gewesen sei, als sie geflüch-
tet sei. Nicht zutreffend sei ferner der Vorwurf der Vorinstanz, sie hätte nicht
erlebnisbasiert schildern können, wie sie G._ kennengelernt habe.
Schliesslich hielt die Rechtsvertretung im Zusammenhang mit der Ausreise
(vgl. Beschwerde S. 10 Ziff. 3.3) fest, es sei für ihre Mandantin heute nicht
mehr eruierbar, ob sie nach der Tötung der Zwillinge durch ihren Mann am
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Seite 12
29. März 2015 noch am selben Abend erwacht und geflüchtet oder ob dies
erst am 1. April 2015 der Fall gewesen sei.
4.3 Das SEM hält in seiner Vernehmlassung vom 28. Dezember 2017 fest,
die Beschwerde enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweis-
mittel, welche eine Änderung seiner Verfügung rechtfertige. Ergänzend
führt es aus, die Rechtsvertretung berufe sich in der Beschwerde mehrmals
auf "Google Maps", um die angebliche Herkunftsregion der Beschwerde-
führerin zu beschreiben und so auf ihre somalische Staatsangehörigkeit
hinzuweisen (vgl. Beschwerde S. 6, 7 und 8). So zeige Google Maps süd-
östlich (recte: südwestlich; vgl. Beschwerde S. 6 oben) von I._
Ackerflächen, ohne jegliche Ansammlung von Hütten. Dazu sei zu sagen,
dass es sich bei Google Maps um ausserordentlich oberflächliches, wenig
detailliertes Kartenmaterial handle. So sei beispielsweise auf der Karte von
"OCHA Administrative Map" (https://www.gate.sem.admin.ch/kompass/pa-
ges/retrieval/information/viewInformation.xhtml?knumber=1000411) zu se-
hen, dass die Region südöstlich von I._ sehr wohl besiedelt sei und
viele "Ansammlungen von Hütten" über Namen verfügen würden.
4.4 Die Rechtsvertretung entgegnete in der Replik, die Vorinstanz verweise
mittels Link auf eine "Administrativ Map" von OCHA. Der Link führe auf
eine SEM-interne Website, für welche Zugriffsrechte nötig seien. Es werde
aber davon ausgegangen, dass die Vorinstanz auf die ohnehin auch öffent-
lich zugängliche OCHA "Somalia Administrative Map" habe verweisen wol-
len, die unter dem Link "https.//reliefweb.int/map/somalia/-reference-map-
country-a0-8-may-2012" eingesehen werden könne. Ausserdem werde in
Beilage 1 der relevante herangezoomte Ausschnitt der Karte zu den Akten
gereicht.
Auf der Karte sei zwar, wie die Vorinstanz richtig schreibe, zu erkennen,
dass es südöstlich von I._ Dörfer mit Namen gebe. Dies sei für den
vorliegenden Fall irrelevant, da die Beschwerdeführerin ja südlich von
E._, das heisst südwestlich von I._ gelebt habe, wie dies
auch stets in der Beschwerde vorgebracht worden sei. Zwar sei festzustel-
len, dass auf der Karte generell auch südwestlich von I._ mit Na-
men bezeichnete Orte zu finden seien. Von Relevanz sei vorliegend aber,
dass es auch gemäss dem Ausschnitt der detaillierten OCHA-Karte rund
um E._ und insbesondere südlich von E._, wo die Be-
schwerdeführerin mit ihrer Mutter gelebt habe, keine "Ansammlungen von
Hütten mit Namen" beziehungsweise Dörfer gebe. Das nächst gelegene
südliche Dorf heisse "S._" und sei etwa 30 Kilometer vom Dorf
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E._, jedoch ohne jegliche Wegverbindung, entfernt. Es sei dabei zu
beachten, dass die Beschwerdeführerin lediglich zu Fuss unterwegs gewe-
sen sei und damit keine allzu grossen Distanzen zurückgelegt habe. Durch
die gegenüber den Google-Maps genauere Darstellung in der OCHA-Karte
werde aufgezeigt, dass südlich von E._ Wildnis herrsche, womit
klar werde, dass beispielsweise die Wegbeschreibung vom früheren Woh-
nort der Beschwerdeführerin ausserhalb und südlich von E._ ins
Dorf E._ äusserst schwierig sei.
Die Beschwerdeführerin habe zu Protokoll gegeben, dass es ungefähr
zehn Häuser in der Nachbarschaft (zur Farm ihrer Mutter) gebe. Gleichzei-
tig habe sie auch gesagt, dass der nächste Nachbar weit entfernt gewohnt
habe. Die Beschwerdeführerin habe gegenüber der Rechtsvertretung im
Beisein eines Dolmetschers angegeben, die Nachbarhäuser vom eigenen
Haus aus nicht gesehen zu haben. Es habe in der weiteren Umgebung
ungefähr zehn Hütten und Farmen gegeben, die sie gekannt habe, wobei
diese alle sehr entfernt voneinander gelegen hätten. Auch diese Ausfüh-
rungen der Beschwerdeführerin gegenüber der Rechtsvertretung würden
gut zu den tatsächlichen vegetativen und demographischen Gegebenhei-
ten südlich von E._ passen, gebe es doch dort keine Dörfer, wohl
aber einzelne verstreute Farmen beziehungsweise Hütten.
Hinsichtlich ihrer Beziehung zu G._ habe die Beschwerdeführerin
in der Bundesanhörung (erste Anhörung) ausgesagt: "Er kam nachts zu
mir. Ich hatte viele Probleme mit ihm" (vgl. act. A25/21 S. 11 F129). In der-
selben Anhörung habe sie nochmals wiederholt, dass er jeweils nachts
nachhause gekommen sei, ihr Probleme bereitet und sie schlecht behan-
delt habe.
Beim persönlichen Gespräch habe die Beschwerdeführerin ihr zusätzlich
mitgeteilt, sie habe nach der Heirat und vor allem nach der Geburt der Zwil-
linge immer im Haus bleiben müssen. Da G._ das Essen jeweils
spätabends nachhause gebracht habe, hätte sie auch zwecks Tätigung
von Einkäufen das Haus nicht verlassen müssen. Oft sei ihr Mann derart
spät nach Hause gekommen, dass sie bereits geschlafen habe. Er habe
sie oft geweckt und Geschlechtsverkehr haben wollen. Wenn sie sich ihm
verweigert habe, habe er gewalttätig reagiert. Sie habe sich gefügt, um die
Situation nicht noch schlimmer zu machen. G._ habe ihr gefallen.
Sie habe ihn allerdings nicht gut gekannt, als sie schwanger geworden sei
und sie dann geheiratet hätten. Sie hätte damals nie gedacht, was sie we-
gen ihm in Zukunft noch durchstehen müsse.
D-6924/2017
Seite 14
Die Beschwerdeführerin habe versucht, ihren Mann davon zu überzeugen,
dass eine Genitalverstümmelung nicht notwendig sei und deswegen oft
Streit mit ihm gehabt. Ihre Mutter habe ihr nie erklärt, weshalb sie sie habe
genitalverstümmeln lassen, wiewohl sie sich später Vorwürfe gemacht
habe. G._ habe eine Genitalverstümmelung (bei seinen Kindern)
auch aus religiösen Gründen gewollt. Weil sie damit nicht einverstanden
gewesen sei, habe er sie immer wieder als Ungläubige beschimpft.
5.
5.1 Im Asylverfahren gilt gemäss Art. 12 VwVG in Verbindung mit Art. 6
AsylG, dass der Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen ist. Diese be-
hördliche Untersuchungspflicht wird im Asylverfahren insbesondere durch
Art. 8 Abs. 1 Bst. a AsylG eingeschränkt, wonach Asylsuchende im Rah-
men ihrer Mitwirkungspflicht gehalten sind, ihre Identität offenzulegen. Die
Staatsangehörigkeit fällt als Begriffselement der Identität im Sinne von
Art. 1a Bst. a der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1,
SR 142.311) unter diese Offenlegungspflicht. Sie muss in jedem Asylver-
fahren erstellt werden. Dies ergibt sich einerseits aus der systematischen
Stellung von Art. 8 AsylG und andererseits aus dem Zweck des Asylverfah-
rens, das der Ermittlung von Verfolgung beziehungsweise von Wegwei-
sungshindernissen mit Bezug auf einen konkreten Heimatstaat dient. Ein
Asylverfahren kann nicht sinnvoll geführt werden, wenn die Asylsuchenden
ihre Staatsangehörigkeit nicht offenlegen beziehungsweise durch die Ver-
heimlichung und Verschleierung der wahren Herkunft wird auch die Prü-
fung der Flüchtlingseigenschaft der betreffenden Person in Bezug auf ihr
effektives Heimatland verunmöglicht (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.9 und 6; Ent-
scheidungen und Mitteilungen der vormaligen Schweizerischen Asylre-
kurskommission [EMARK] 2005 Nr. 8 E. 3.1). Dabei trägt nach der Bestim-
mung von Art. 8 ZGB, die als allgemeiner Rechtsgrundsatz auch im öffent-
lichen Recht Anwendung findet, die asylsuchende Person die Beweislast
und damit die Folgen der Beweislosigkeit. Mit Bezug auf das Beweismass
ist von der allgemeinen Regel von Art. 7 AsylG auszugehen, das heisst, die
behauptete Staatsangehörigkeit muss zumindest glaubhaft erscheinen
(vgl. EMARK 2004 Nr. 30 E. 5).
5.2 In diesem Zusammenhang ist vorab festzuhalten, dass die Beschwer-
deführerin bezüglich ihrer angeblichen früheren Wohngegend in und um
das Dorf E._ auffallend vage und unsubstanziierte Angaben ge-
macht hat, welche Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie dort tatsäch-
lich, wie von ihr behauptet, rund fünfzehn Jahre gelebt haben soll. So schil-
D-6924/2017
Seite 15
derte sie die Gegend der Farm ihrer Mutter ausserhalb E._ folgen-
dermassen: "In E._ gibt es Gebäude aus Ästen. Die Leute sind Far-
mer. Wir haben in einer Hütte gelebt, wir hatten einen Raum aus Ästen,
eine Hütte" (vgl. act. A25/21 S. 7 f. F81 i.V.m. F82). Dazu aufgefordert, das
Dorf E._ selbst zu beschreiben, erklärte sie: "E._ ist ein nor-
males Land. Die Erde ist rötlich. Es gibt dort viele Hütten" (vgl. a.a.O. S. 8
F82). Diese Schilderungen sind – ungeachtet der fehlenden schulischen
Bildung der Beschwerdeführerin – derart allgemein und detailarm ausge-
fallen, dass sie keine auch nur annähernd verbindlichen Rückschlüsse zu-
lassen, wo die Beschwerdeführerin vor ihrer Ausreise tatsächlich gelebt
hat. Die Tatsache allein, dass die Umgebung von E._ tatsächlich
rötliche Erde hat und ihre Familie dort Hirse und Mais angebaut habe (vgl.
Beschwerde S. 6 unten i.V.m. Beschwerdebeilage 4), vermag daran nichts
zu ändern.
Im Weiteren fällt auf, dass sie kein einziges Nachbardorf von E._
zu nennen wusste. Nach dem Grund hierfür gefragt, erklärte sie zunächst,
ihre Mutter habe ihr nicht erlaubt, nach draussen zu gehen, da dies für
Mädchen gefährlich sei (vgl. act. A33/18 S. 12 F100), um auf Vorhalt hin,
wie sie dann G._ kennengelernt habe, modifizierend zu erklären,
sie hätte sich (nur) in E._ frei bewegen dürfen (vgl. a.a.O. F101). In
der Replik wird ergänzend ausgeführt, aus der OCHA-Somalia Administra-
tive Map gehe hervor, dass es rund um und insbesondere südlich von
E._ keine Dörfer gebe. Das nächst gelegene südliche Dorf heisse
S._ und sei 30 Kilometer vom Dorf E._ entfernt. Die Be-
schwerdeführerin habe demgegenüber keine allzu grossen Distanzen zu-
rücklegen können, da sie lediglich zu Fuss unterwegs gewesen sei (vgl.
a.a.O. S. 1/2). Sinngemäss wird damit geltend gemacht, die Beschwerde-
führerin habe die Nachbardörfer ihrer langjährigen Wohnumgebung nicht
zu nennen vermocht, weil sie diese nie erwandert habe. Kenntnisse bezüg-
lich der näheren Umgebung eines langjährigen Wohnsitzes, also auch die
Namen von Nachbardörfern, werden im Allgemeinen jedoch unabhängig
davon erworben, ob man diese tatsächlich jemals gesehen hat oder nicht.
So vermochte die Beschwerdeführerin beispielsweise ohne Weiteres die
Namen von zwei grösseren Städten in der weiteren Umgebung ihres an-
geblichen langjährigen Wohnsitzes, I._ und Q._ zu nennen,
ohne jemals dort gewesen zu sein (vgl. act. A25/21 S. 4 F33 bis 37). Die
Unkenntnis der Beschwerdeführerin bezüglich der Namen einzelner Nach-
bardörfer von E._ bildet somit ein weiteres Indiz dafür, dass sie nie
dort gelebt hat.
D-6924/2017
Seite 16
Weiter erklärte die Beschwerdeführerin in der Erstanhörung, dass es etwa
zehn Häuser in der direkten Nachbarschaft der Farm ihrer Mutter gegeben
habe (vgl. act. A25/21 S. 7 F76). Auf die Frage hin, wie sie jemandem be-
schreiben würde, wo sie wohne, erklärte sie, auf der einen Seite ihrer Farm
hätten sich vier, auf der anderen Seite sechs Häuser befunden, während
ihre Farm "in der Mitte gewesen sei" (vgl. a.a.O. F76 f.). Auch letztere Aus-
sage vermittelt bildlich den Eindruck, dass die zehn Häuser ein kompaktes
Ensemble gebildet haben, wobei sich ihr Haus in der Mitte der Häuserge-
meinschaft befunden habe. Demgegenüber gab die Beschwerdeführerin
bei der zweiten Anhörung an, der nächste Nachbar habe etwa eine Fuss-
stunde von ihrer Farm entfernt gelebt (vgl. act. A33/18 S. 8 F69), und in der
Replik wird ergänzend ausgeführt, die zehn Häuser hätten sich jeweils in
weiter Entfernung voneinander befunden und man habe von ihrer eigenen
Farm aus kein einziges Haus erblicken können (vgl. a.a.O. S. 2 Ziff. 2.1).
Es macht nun freilich einen Unterschied, ob sich die zehn Häuser in unmit-
telbarer Nähe oder aber kilometerweit voneinander entfernt befunden ha-
ben sollen. Auch angesichts dieses Widerspruchs gelangt das Gericht zum
Schluss, dass die Beschwerdeführerin nicht in der fraglichen Gegend um
E._ gelebt haben und somit nicht aus Südsomalia stammen kann.
Das SEM äusserte in seiner Verfügung vom 6. November 2017 die Ansicht,
aufgrund der äusserst vagen und widersprüchlichen Aussagen der Be-
schwerdeführerin zu ihren biografischen Daten sowie zu ihrem Reiseweg
dürfe eine Herkunft aus Nordsomalia oder einem Nachbarland angenom-
men werden (vgl. a.a.O. S. 3 unten). Auffällig sind in diesem Zusammen-
hang die Kenntnisse der Beschwerdeführerin über die Minderheit der
R._ (vgl. act. A10/13 S. 3 Ziff. 1.08; act. A25/21 S. 8 f. F83 ff.), die
es nicht als ausgeschlossen erscheinen lassen, dass sie den R._
angehört. Letztere leben mehrheitlich in Somaliland, also im Norden So-
malias (vgl. ...). Es bestehen somit auch aufgrund der möglichen Zugehö-
rigkeit der Beschwerdeführerin zur Minderheit der R._ Hinweise da-
für, dass sie somalische Staatsangehörige sein könnte. Zu beachten ist
ferner, dass die Beschwerdeführerin diverse von der somalischen Vertre-
tung in Genf für sie ausgestellte Ausweispapiere (einen Geburtsregister-
auszug, eine Zivilstandsbescheinigung sowie eine Attestation de passeport
[Bestätigung, dass die somalischen Vertretungen im Ausland bis auf Wei-
teres angewiesen werden, keine somalischen Identitätspapiere respektive
Reisepässe mehr auszustellen]) eingereicht hat. Wiewohl festzuhalten
bleibt, dass es sich bei den vorgenannten Ausweispapieren nicht um
rechtsgenügliche Identitätspapiere handelt, deutet die Tatsache, dass die
D-6924/2017
Seite 17
somalische Vertretung entsprechende Dokumente zugunsten der Be-
schwerdeführerin ausgestellt hat, doch darauf hin, dass die somalische
Vertretung in der Schweiz die Beschwerdeführerin als somalische Staats-
angehörige betrachtet. Daran ändert der Umstand nichts, dass die Identität
der Beschwerdeführerin letztlich nicht belegt werden kann, weil in Somalia
keine Personenregister (mehr) existieren, aufgrund welcher die somalische
Vertretung in Genf die Angaben der Beschwerdeführerin hätte überprüfen
können. Gleichwohl erscheint nach dem Gesagten überwiegend wahr-
scheinlich, dass die Beschwerdeführerin somalische Staatsangehörige ist.
5.3
5.3.1 Die inhaltliche Prüfung der Asylvorbringen der Beschwerdeführerin
ergibt indessen, dass diese zufolge diverser Widersprüche beziehungs-
weise Ungereimtheiten unglaubhaft sind.
5.3.2 So erklärte die Beschwerdeführerin bei der ersten Anhörung, sie sei
bei der tätlichen Auseinandersetzung zwischen den beiden Familien nicht
dabei gewesen (vgl. act. A25/21 S. 17 F175). Demgegenüber sagte sie bei
der zweiten Anhörung aus, sie habe gesehen, wie ihre Mutter aus dem
Mund geschäumt habe und auf den Boden gefallen sei, nachdem sie von
der Mutter von G._ im Rahmen des Streits zwischen den beiden
Familien verletzt worden sei (vgl. act. A33/18 S. 9 F73 bis 76). In der Be-
schwerde wird diesbezüglich ausgeführt, die Beschwerdeführerin sei zu
Beginn des Streits zugegen gewesen, als ihre Mutter verletzt worden sei
und aus dem Mund geschäumt habe. Danach (also vor dem Tod der Mut-
ter) sei sie gemeinsam mit G._ vom Ort der Auseinandersetzung
nach E._ geflohen, nachdem dieser sie davor gewarnt habe, sie
könnte von seiner Familie getötet werden. Später habe sie durch
G._ erfahren, dass ihre Mutter an besagtem Tag getötet worden sei
(vgl. a.a.O. S. 12). Dieser Erklärungsversuch überzeugt indessen in keiner
Weise, geht doch aus der Aussage der Beschwerdeführerin bei der ersten
Anhörung klar hervor, dass sie während der ganzen Zeit der Schlägerei
nicht anwesend gewesen sei (act. A25/21 S. 17 F175). Dieser Widerspruch
wiegt derart schwer, dass der Streit zwischen den beiden Familien, in deren
Verlauf die Mutter der Beschwerdeführerin getötet und ihre drei Brüder ent-
führt worden seien, als unglaubhaft zu beurteilen ist.
5.3.3 Darüber hinaus bestehen auch Widersprüche im Zusammenhang mit
der Aussage der Beschwerdeführerin, ihr Mann habe sie beim Streit, ob die
gemeinsamen Kinder zwangsbeschnitten werden sollten, mit einem Schlag
an den Kopf betäubt und anschliessend die Zwillinge getötet.
D-6924/2017
Seite 18
So gab die Beschwerdeführerin bei der BzP explizit zu Protokoll, ihr Mann
habe den Zwillingen die Kehle durchschnitten (vgl. act. A10/13 S. 8
Ziff. 7.01). Bei der ersten Anhörung gab sie indessen an, sie habe damals
nicht richtig hingeschaut (vgl. act. A25/21 S. 14 F145), also nicht gesehen,
wie ihr Mann die Zwillinge getötet habe. Diese beiden Aussagen der Be-
schwerdeführerin sind nicht miteinander in Einklang zu bringen. Ihre auf
Vorhalt hin abgegebene – gleichsam subtile – Erklärung, sie habe damals
zwar nicht richtig hingeschaut, aber gleichzeitig ein Messer gesehen, wes-
halb sie angenommen habe, ihr Mann habe den Zwillingen die Kehle
durchschnitten (vgl. act. A25/21 S. 17 F176), vermag nicht zu überzeugen.
Im Weiteren erklärte die Beschwerdeführerin bei der ersten Anhörung, sie
habe E._ nach der Tötung der Kinder zusammen mit ihrem dritten
Kind in der Nacht verlassen (vgl. act. A25/21 S. 13 F132), wogegen sie in
der zweiten Anhörung behauptete, es sei hell gewesen, als sie damals die
Hütte verlassen habe (vgl. act. A33/18 S. 10 F89).
All diese, zentrale Begebenheiten betreffende, Widersprüche führen zur
Schlussfolgerung, dass auch die angebliche Tötung der Zwillinge der Be-
schwerdeführerin durch ihren früheren Ehemann unglaubhaft ist.
5.3.4 Ergänzend ist anzumerken, dass auch am Wahrheitsgehalt der Be-
hauptung der Beschwerdeführerin, sie habe bei ihrer Weiterreise vier Tage
lang bei ihrer Schwester T._ in M._ gelebt, dort ihre (überle-
bende) Tochter H._ zurückgelassen, indessen bis heute keinen
Kontakt mit T._ mehr herstellen können, weil sie sich damals deren
Adresse in M._ nicht gemerkt habe (vgl. act. A10/14 S. 7 Ziff. 5.02,
act. A25/21 S. 3 F12 bis 21, act. A33/18 S. 3 f. F8 bis 22 und act. A39/7
S. 2 F5 bis F10), erhebliche Zweifel bestehen. So bleibt unverständlich,
weshalb die Beschwerdeführerin und ihre Schwester im Zeitraum ihres im-
merhin viertägigen Beisammenseins keine Kontaktdaten ausgetauscht ha-
ben sollten, um sicherzustellen, dass die Schwestern respektive Mutter und
Tochter weiterhin eine Verbindung zueinander aufrechterhalten können.
Dies umso mehr, als sich die Beschwerdeführerin wiederholt dahingehend
geäussert hat, Angst um H._ gehabt zu haben (vgl. act. A33/18 S. 4
F20 f. und act. A39/7 S. 2 F 8 und 10). Diese Überlegungen lassen im Er-
gebnis vielmehr daran zweifeln, dass die Beschwerdeführerin tatsächlich
eine Tochter aus einer früheren Beziehung hat, die sie bei ihrer Schwester
in M._ zurückgelassen hat.
D-6924/2017
Seite 19
5.4 Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, sie sei im Falle einer
Rückkehr nach Somalia zufolge ihrer Zugehörigkeit zur Minderheiten-
gruppe der R._ gefährdet beziehungsweise ihrer Tochter drohe bei
einer Rückkehr dorthin eine Zwangsbeschneidung (vgl. Beschwerde
S. 18), bleibt folgendes festzuhalten: Im Gegensatz zum im Urteil des Bun-
desverwaltungsgerichts E-1425/2014 vom 6. August 2014 zu beurteilen-
den Sachverhalt ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin in
ihrer Heimat immer noch über ein familiäres Beziehungsnetz und insbe-
sondere über mehrere erwachsene männliche Verwandte verfügt, da sich
die Umstände des Verschwindens ihrer drei Brüder als unglaubhaft erwie-
sen haben. Ausserdem ist aktenkundig, dass der leibliche Vater der Be-
schwerdeführerin 2 als Teilinhaber der elterlichen Gewalt in der Schweiz
lebt und die Beschwerdeführerin selbst die Praktiken der Genitalverstüm-
melung strikt ablehnt. Vor diesem Hintergrund bestehen keine hinreichen-
den Hinweise dafür, dass der Beschwerdeführerin als Angehörige einer
Minderheitengruppe bei einer Rückkehr nach Somalia eine geschlechts-
spezifische Verfolgung beziehungsweise ihrer Tochter B._ eine
Zwangsbeschneidung droht.
5.5 Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass es den Beschwerde-
führerinnen nicht gelungen ist, eine asylrechtliche Verfolgungssituation
nachzuweisen beziehungsweise glaubhaft zu machen. Das SEM hat ihre
Asylgesuche demnach zu Recht abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie.
Im Übrigen finden für die Anordnung des Vollzugs der Wegweisung die Ar-
tikel 83 und 84 AIG Anwendung.
6.2 Im Asyl- und Wegweisungsverfahren ist die Wegweisung nicht zu ver-
fügen, wenn ein Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung be-
steht, wobei die kantonale Ausländerbehörde zuständig ist, über den An-
spruch konkret zu befinden (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; EMARK 2006
Nr. 23 E. 3.2; 2001 Nr. 21 E. 9). Ist die asylsuchende Person nicht im Be-
sitze einer Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung, ist im Asyl- und
Wegweisungsverfahren mit Blick auf die mögliche Zuständigkeit der kanto-
nalen Ausländerbehörde daher vorfrageweise zu prüfen (vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4.2.2; EMARK 2001 Nr. 21 E. 10), ob die asylsuchende Per-
D-6924/2017
Seite 20
son sich im Sinne von Art. 14 Abs. 1 AsylG auf einen grundsätzlichen An-
spruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung berufen kann. Soweit
nicht das Gesetz oder das Freizügigkeitsabkommen einen Anspruch auf
Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung vermittelt, kommt als Anspruchs-
grundlage Art. 8 EMRK in Betracht, wobei diesbezüglich die bundesge-
richtliche Rechtsprechung massgeblich ist (vgl. BVGE 2013/37 E. 5;
EMARK 2001 Nr. 21 E. 8a und b sowie E. 9). Diese besagt, dass Auslän-
derinnen und Ausländern gestützt auf den in Art. 8 EMRK und Art. 3 BV
gewährleisteten Schutz des Familienlebens ein potenzieller Anspruch auf
Aufenthalt in der Schweiz erwächst, wenn eine intakte und tatsächlich ge-
lebte Familienbande zu nahen Verwandten (sogenannte Kernfamilie) be-
steht, die über ein gefestigtes Anwesenheitsrecht in der Schweiz verfügen.
Letzteres ist der Fall, wenn der sich in der Schweiz aufhaltende Angehörige
das Schweizer Bürgerrecht oder eine Niederlassungsbewilligung besitzt
oder über eine Aufenthaltsbewilligung verfügt, die ihrerseits auf einem ge-
festigten Rechtsanspruch beruht. Von einem gefestigten Rechtsanspruch
ist unter anderem auch bei einer rechtmässigen Aufenthaltsdauer von zehn
Jahren anzunehmen, da nach Ablauf dieser Zeitdauer regelmässig davon
auszugehen ist, dass die sozialen Bindungen in diesem Land so eng ge-
worden sind, dass es für eine Aufenthaltsbeendigung besonderer Gründe
bedarf (vgl. BGE 144 I 266 E. 3.9).
6.3 Diesbezüglich ist festzuhalten, dass der Ehemann der Beschwerdefüh-
rerin seit dem 17. Juni 2010, mithin seit bald zehn Jahren, im Besitze einer
Aufenthaltsbewilligung B ist, und er darüber hinaus vorgängig ihrer Ertei-
lung mehr als fünf Jahre lang wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs nach Somalia in der Schweiz vorläufig aufgenommen worden war.
Somit ist im vorliegenden Fall von einem gefestigten Aufenthaltsrecht des
Ehemannes der Beschwerdeführerin und mithin im Sinne von Art. 14
Abs. 1 AsylG von einem grundsätzlichen Anspruch der Beschwerdeführe-
rin auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung auszugehen. Zudem haben
die Beschwerdeführerin und deren Tochter am 6. April 2020 mittels ihres
Rechtsvertreters bei der zuständigen kantonalen Behörde einen (zweiten)
Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung eingereicht, der rechts-
hängig ist.
6.4 Nach dem Gesagten ist die Zuständigkeit für die eventuelle Anordnung
der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs respektive für die allfällige
Prüfung von Wegweisungsvollzugshindernissen auf das kantonale Migra-
tionsamt übergegangen. Daran vermag der in der Eingabe vom 6. August
2020 geltend gemachte Einwand nichts zu ändern, dass der Kanton das
D-6924/2017
Seite 21
zweite Gesuch allenfalls aus prozessrechtlichen Gründen abweisen oder
darauf nicht eintreten könnte, da für die Frage des Übergangs der Zustän-
digkeit für die Prüfung der Wegweisung respektive des Wegweisungsvoll-
zugs von den Asyl- auf die ausländerrechtlichen Behörden allein entschei-
dend ist, ob ein grundsätzlicher Anspruch auf die Erteilung einer kantona-
len Aufenthaltsbewilligung besteht, was vorliegend zu bejahen ist. Da das
ausländerrechtliche Verfahren um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung
hängig ist, ist die in der angefochtenen Verfügung des SEM verfügte Weg-
weisung und deren Vollzug aufgrund der weggefallenen Zuständigkeit der
Asylbehörden aufzuheben. Damit erübrigen sich weitere Ausführungen zur
Frage der Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungs-
vollzugs.
7.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung vom
6. November 2017 betreffend deren Dispositivziffern 1 und 2 (Flüchtlings-
eigenschaft, Asyl) Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sach-
verhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Be-
schwerde ist daher abzuweisen, soweit in dieser beantragt wird, es sei die
Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerinnen festzustellen und es sei
ihnen Asyl zu gewähren. Hinsichtlich der von der Vorinstanz verfügten
Wegweisung sowie des Wegweisungsvollzugs ist die Beschwerde – soweit
deren Aufhebung beantragt wird – aufgrund der am (...) erfolgten Heirat mit
ihrem Landsmann N._, der in der Schweiz über ein gefestigtes An-
wesenheitsrecht verfügt (vgl. E. 6.2 und 6.3), sowie des aktuell rechtshän-
gigen ausländerrechtlichen Verfahrens hinsichtlich der Erteilung einer Auf-
enthaltsbewilligung B indessen gutzuheissen, und die entsprechenden Dis-
positivziffern 3 bis 5 der vorinstanzlichen Verfügung sind aufzuheben.
8.
8.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung
sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63
Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerdeführerin ist bezüglich ih-
rer Anträge auf Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und Gewährung
von Asyl unterlegen. Bezüglich der Wegweisung sowie der Anordnung des
Wegweisungsvollzugs hat sie obsiegt. Praxisgemäss ist bei dieser Sach-
lage von einem hälftigen Obsiegen auszugehen.
8.2 Der Beschwerdeführerin wären somit die um die Hälfte reduzierten Ver-
fahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG, Art. 16 Abs. 1 Bst. a
D-6924/2017
Seite 22
VGG i.V.m. Art. 2, 3 und 5 des Reglements über die Kosten und Entschä-
digungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom 21. Februar 2008
[VGKE, SR 173.310.2]). Vorliegend wurde indes der Antrag auf unentgelt-
liche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Verfügung vom
21. Dezember 2017 gutgeheissen. Aufgrund der Akten ist nicht davon aus-
zugehen ist, die finanziellen Verhältnisse der Beschwerdeführerin hätten
sich seither derart verändert, dass sie nicht mehr als prozessual bedürftig
erwachtet werden könnte. Es sind daher keine Verfahrenskosten zu erhe-
ben.
8.3
8.3.1 Soweit die Beschwerdeführerin obsiegt, hat sie Anspruch auf eine
Parteientschädigung für die ihr erwachsenen notwendigen Kosten, die vom
SEM auszurichten ist (Art. 64 Abs. 1 VwVG, Art. 7 Abs. 1 und 4 VGKE). In
der mit der Replik vom 19. Januar 2018 eingereichten Kostennote werden
ein zeitlicher Aufwand der Rechtsvertretung von 15 Stunden und 5 Minuten
zu einem Stundenansatz von Fr. 300.– sowie Auslagen in der Höhe von
Fr. 53.90.– (Porti, Kopien, Telefon) geltend gemacht, wobei pro futuro noch
die Entscheidzustellung und -besprechung mit einer halben Stunde veran-
schlagt werden. Der Totalaufwand inklusive Mehrwertsteuer wird auf
Fr. 4'932.60 beziffert. Der zeitliche Aufwand als solcher erscheint ange-
messen. Für die beiden in der Honorarnote vom 19. Januar 2018 nicht ent-
haltenen Eingaben vom 13. Februar 2018 und vom 6. April 2020 ist ein
zeitlicher Aufwand von 2 Stunden zu veranschlagen. Unter Berücksichti-
gung der für die Parteientschädigung (Fr. 300.–) einerseits und das amtli-
che Honorar andererseits (s. sogleich E. 8.3.2) sowie der zu berücksichti-
genden unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze von 8% ist die hälftige Par-
teientschädigung auf Fr. 2'781.– (inkl. Mehrwertsteuerzuschlag und Ausla-
gen) festzusetzen und das SEM anzuweisen, der Beschwerdeführerin die-
sen Betrag als Parteientschädigung zu entrichten.
8.3.2 Der Beschwerdeführerin wurde am 21. Dezember 2017 gestützt auf
aArt. 110a Abs. 1 AsylG eine unentgeltliche Rechtsbeistandschaft bestellt.
Die Festsetzung des amtlichen Honorars erfolgt in Anwendung der Art. 8–
11 sowie Art. 12 VGKE. Angesichts der Tatsache, dass das gesamte Be-
schwerdeverfahren mit Ausnahme der letzten kurzen Eingabe vom 6. April
2020 ausschliesslich durch die damalige Substitutin von Rechtsanwalt Urs
Ebnöther, MLaw Natalie Perino-Bowman, geführt wurde, ist der Stunden-
ansatz für das amtliche Honorar auf Fr. 150.– festzulegen (Art. 10 Abs. 2
VGKE). Soweit die Beschwerdeführerin – zur Hälfte – unterliegt, ist dem-
D-6924/2017
Seite 23
nach der faktisch als unentgeltlicher Rechtsbeiständin fungierenden Sub-
stitutin beziehungsweise ihrem Arbeitgeber zu Lasten der Gerichtskasse
ein Honorar im Betrage von Fr. 1'405.– (inkl. Mehrwertsteuerzuschlag und
Auslagen) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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