Decision ID: abddcb92-fb23-4ebb-90f8-6bded2777dd9
Year: 2015
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Markus Roos, Postgasse 5, Postfach,
9620 Lichtensteig,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a Mit Entscheid vom 31. Januar 2013 sprach das Versicherungsgericht A._,
gestützt auf das AEH-Gutachten vom 1. April 2008 (IV-act. 64 im Verfahren IV 2011/26),
worin für leidensangepasste Tätigkeiten eine 30%ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt
wurde, mit Wirkung ab 1. Dezember 2006 eine Viertelsrente zu (siehe hierzu sowie zum
massgebenden Sachverhalt Entscheid des Versicherungsgerichts vom 31. Januar
2013, IV 2011/26, act. G 1.1). Die dagegen von der IV-Stelle erhobene Beschwerde in
öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten hiess das Bundesgericht im Entscheid vom
2. Dezember 2013, 8C_139/2013, teilweise gut. Es wies die Sache an das
Versicherungsgericht zur Vornahme eines Gerichtsgutachtens und zu neuer
Entscheidung zurück (act. G 1).
A.b Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs (vgl. act. G 2; die Parteien erhoben keine
Einwände gegen die in Aussicht gestellte Begutachtung) beauftragte das
Versicherungsgericht die MEDAS asim Begutachtung Universitätsspital Basel mit einer
polydisziplinären Begutachtung (act. G 3). Am 24. Juni 2014 wurde der Versicherte
polydisziplinär (internistisch, psychiatrisch und rheumatologisch) in der MEDAS asim
untersucht. Im Gesamtgerichtsgutachten vom 30. Dezember 2014 diagnostizierten die
Experten mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit: eine mindestens mittelgradig (bis
schwergradig) depressive Episode im Rahmen einer rezidivierenden depressiven
Störung mit somatischem Syndrom (ICD-10: F33.2); eine chronische Schmerzstörung
(ICD-10: F45.41), einen Verdacht auf eine emotional-instabile Personlichkeitsstörung
(ICD-10: F60.3); ein chronisches zervikovertebrales Schmerzsyndrom mit nicht-
radikulären Schmerzausstrahlungen in beide Arme mit diffusen Parästhesien und ein
chronisches lumbovertebrales Schmerzsyndrom. Aus somatischer Sicht wurde eine
volle Arbeitsunfähigkeit für die angestammte Tätigkeit als Maschinenführer bescheinigt.
Für leidensangepasste Tätigkeiten attestierten die Experten aufgrund der
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psychiatrischen Diagnosen eine 50%ige Arbeitsfähigkeit. Aus somatischer Sicht
ergäben sich qualitative Limiten. Auf die Frage nach dem Vorliegen pathogenetisch-
ätiologisch unklarer syndromaler Beschwerdebilder ohne nachweisbare organische
Grundlage antworteten die Experten: "Entfällt." Es liege sowohl ein klarer somatischer
Kern als auch eine fassbare affektive Störung mit Krankheitswert vor (act. G 6).
A.c In der Stellungnahme vom 26. Januar 2015 vertritt der Beschwerdeführer die
Auffassung, das Gerichtsgutachten sei beweiskräftig. Bei der Bestimmung des
Invalideneinkommens sei auf den tatsächlich noch erzielten Verdienst abzustellen,
womit ein Anspruch auf eine ganze Rente resultiere (act. G 9). Die Beschwerdegegnerin
hat auf eine Stellungnahme verzichtet.

Erwägungen:
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der Rentenanspruch
des Beschwerdeführers. Hinsichtlich der massgebenden Rechtsgrundlagen kann auf
den Entscheid des Versicherungsgerichts vom 31. Januar 2013, IV 2011/26, E. 1.1 ff.,
3.1 und 3.4 (act. G 1.1), verwiesen werden. Ergänzend ist mit Blick auf
Gerichtsgutachten anzuführen, dass das Gericht "nicht ohne zwingende Gründe" von
den Einschätzungen der medizinischen Experten abweicht. Auch der Europäische
Gerichtshof für Menschenrechte hat diesbezüglich erwogen, der Meinung der von
einem Gericht ernannten Experten komme bei der Beweiswürdigung vermutungsweise
hohes Gewicht zu (BGE 135 V 469 f. E. 4.4 mit Hinweisen).
2.
Bei der Würdigung des Gerichtsgutachtens fällt ins Gewicht, dass es auf
eigenständigen gründlichen Abklärungen beruht und für die streitigen Belange
umfassend ist. Die medizinischen Vorakten wurden verwertet und die vom
Beschwerdeführer geklagten Beschwerden berücksichtigt und gewürdigt. Die
Attestierung einer 50%igen Arbeitsfähigkeit für leichte bis gelegentlich mittelschwere
leidensadaptierte Tätigkeiten leuchtet in der Darlegung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein. Weiter
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bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass objektiv wesentliche Tatsachen nicht
berücksichtigt worden wären. Aus medizinischer Sicht ist deshalb davon auszugehen,
dass der Beschwerdeführer für eine leidensangepasste Tätigkeit - auch im
Längsverlauf (act. G 6, S. 21) - über eine 50%ige Arbeitsfähigkeit verfügt. Schliesslich
haben auch die Parteien keine Mängel am Gerichtsgutachten geltend gemacht.
3.
Zu prüfen bleibt die invalidenversicherungsrechtliche Erheblichkeit der bescheinigten
Arbeitsunfähigkeit.
3.1 Zunächst gilt es zu beachten, dass eine somatoforme Schmerzstörung
ausgeschlossen wurde (act. G 6, S. 21). Zwar diagnostizierte die psychiatrische
Gerichtsgutachterin u.a. eine chronische Schmerzstörung (ICD-10: F45.41). Diese
wurde aber nicht zur Begründung der für leidensangepasste Tätigkeiten bestehenden
bzw. die Erwerbsfähigkeit im Sinn von Art. 7 ATSG einschränkenden
Beeinträchtigungen herangezogen. Vielmehr führte die psychiatrische
Gerichtsgutachterin wiederholt aus, dass die quantitative Einschränkung der für
leidensangepasste Tätigkeiten bestehenden Arbeitsfähigkeit allein durch das
erhebliche, seit 2005 rezidivierend auftretende (act. G 6, S. 10), eigenständige
depressive Leiden ("Hauptdiagnose", act. G 6, S. 21; mindestens mittelgradig bis
schwergradig depressive Episode im Rahmen einer rezidivierenden depressiven
Störung mit somatischem Syndrom [ICD-10: F33.2], act. G 6, S. 18) bedingt wird
("aufgrund der deutlichen depressionsbedingten Leistungseinschränkung", act. G 6,
S. 11 und S. 23; Hinweise auf Major Depression, act. G 6, S. 10; aufgrund der
mittelgradigen Depression sei eine leidensangepasste Tätigkeit im Umfang von 50%
umsetzbar, act. G 6, S. 20). Die Somatisierung ist vielmehr Ausfluss des depressiven
Leidens ("Somatisierung bei Depression", act. G 6, S. 10). Damit geht einher, dass die
chronische Schmerzstörung "nebst" der depressiven Hauptdiagnose besteht (act. G 6,
S. 21). Sodann verneinten die Gerichtsgutachter das Vorliegen eines (relevanten)
pathogenetisch-ätiologisch unklaren syndromalen Beschwerdebilds ohne
nachweisbare organische Grundlage mit der schlüssigen Begründung, dass sowohl ein
klarer somatischer Kern als auch eine fassbare affektive Störung mit Krankheitswert
vorliege (act. G 6, S. 20).
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3.2 Im Licht dieser Umstände ergibt sich, dass die für leidensangepasste Tätigkeiten
bestehende Leistungseinschränkung einzig durch ein (objektivierbares) erhebliches,
eigenständiges depressives Leiden bedingt ist. Es besteht daher kein Anlass, die
bescheinigte Arbeitsunfähigkeit aus rechtlicher Sicht in Frage zu stellen. Daran ändert
die u.a. mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit diagnostizierte chronische Schmerzstörung
(ICD-10: F45.41) nichts. Denn die Rechtsprechung zu den syndromalen
Gesundheitsschädigungen (BGE 130 V 352) kommt hier nicht zum Tragen, weil sich die
chronische Schmerzstörung (wenn überhaupt) nur auf die Rahmenbedingungen einer
zumutbaren Tätigkeit auswirkt. Die zentrale Frage, wie weit das anrechenbare
Leistungsvermögen quantitativ eingeschränkt ist, stellt sich nur mit Blick auf die
Depression (vgl. vorstehende E. 3.1). Hierfür ist die erwähnte Rechtsprechung nicht
einschlägig (Urteil des Bundesgerichts vom 7. Januar 2015, 9C_140/2014, E. 2).
Schliesslich ergeben sich auch aus dem Gerichtsgutachten keine Hinweise, dass das
depressive Leiden in psychosozialen oder soziokulturellen Umständen aufginge (vgl.
ferner die Ausführungen im Entscheid vom 31. Januar 2013, IV 2011/26, E. 3.5.1, act.
G 1.1) bzw. welche die Selbstständigkeit des depressiven Leidens in Frage zu stellen
vermögen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 7. Januar 2015, 9C_140/2014, E. 3.4.1).
4.
Ausgehend von einer 50%igen Restarbeitsfähigkeit resultieren unter Berücksichtigung
der bereits im Entscheid vom 31. Januar 2013 festgesetzten Vergleichseinkommen
(E. 4.1 ff., act. G 1.1: Valideneinkommen 2007: Fr. 81'004.--; Hilfsarbeiterlohn 2007:
Fr. 60'167.--), an denen - abgesehen des nun neu zu gewährenden Teilzeitabzugs von
5% beim Invalideneinkommen und der 50%igen Arbeitsfähigkeit - festzuhalten ist, ein
Invalideneinkommen von Fr. 28'579.-- (Fr. 60'167.-- x 0.5 x 0.95), eine
Erwerbseinbusse von Fr. 52'425.-- (Fr. 81'004.-- - Fr. 28'579.--) bzw. ein
Invaliditätsgrad von aufgerundet 65% ([Fr. 52'425.-- / Fr. 81'004.--] x 100). Vorliegend
erscheint fraglich, ob das aus der im Rahmen eines Arbeitslosenprogramms
ausgeübten Tätigkeit in der Kehrrichtbeseitigung (act. G 6, S. 17) im Jahr 2014 erzielte
(Brutto-)Einkommen von Fr. 27'928.-- (act. G 9.1) als Grundlage für das
Invalideneinkommen herangezogen werden kann. Denn diese noch nicht über einen
längeren Zeitraum ausgeübte Tätigkeit ist aus medizinischer Sicht "mittelfristig
reintegrativ ungeeignet" bzw. mittelfristig nicht zumutbar (act. G 6, S. 17).
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Entscheidend in diesem Zusammenhang ist schliesslich, dass der Beschwerdeführer
bei dem von ihm vorgenommenen Einkommensvergleich (act. G 9, Rz 3) übersehen
hat, dass bei den Vergleichseinkommen der massgebliche Lohn gemäss des
Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10)
bzw. die Bruttolöhne einschliesslich Bonuszahlungen und Gratifikationen massgebend
sind (siehe etwa Urteil des Bundesgerichts vom 12. Februar 2010, 8C_465/2009, E. 2.1
und 2.2; vorliegend Fr. 27'928.--, act. G 9.1). Auch wenn auf das vom
Beschwerdeführer geltend gemachte Valideneinkommen von Fr. 88'000.-- (act. G 9,
Rz 3) und als Invalideneinkommen auf den tatsächlichen Verdienst von Fr. 27'928.--
(act. G 9.1) abgestellt würde, resultieren eine Erwerbseinbusse von Fr. 60'072.--
(Fr. 88'000.-- - Fr. 27'928.--) und ein Invaliditätsgrad von abgerundet 68%
([Fr. 60'072.-- / Fr. 88'000.--] x 100). Damit hat der Beschwerdeführer unabhängig der
in Frage stehenden Höhe der Vergleichseinkommen ab 1. Dezember 2006 Anspruch
auf eine Dreiviertelsrente (zur Bestimmung des Rentenbeginns kann auf E. 4.4 des
Entscheids vom 31. Januar 2013, IV 2011/26, verwiesen werden).
5.
5.1 In Gutheissung der Beschwerde vom 20. Januar 2011 ist die angefochtene Ver
fügung vom 1. Dezember 2010 aufzuheben und dem Beschwerdeführer mit Wirkung ab
1. Dezember 2006 eine Dreiviertelsrente zuzusprechen. Die Sache ist zur Festsetzung
der Rentenhöhe sowie zur Ausrichtung der geschuldeten Leistungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von insgesamt
Fr. 1'000.-- für die Verfahren IV 2011/26 und IV 2013/616 erscheint als angemessen.
Die Beschwerdegegnerin hat ausgangsgemäss die gesamte Gerichtsgebühr von
Fr. 1'000.-- zu bezahlen. Der geleistete Kostenvorschuss des Beschwerdeführers von
Fr. 600.-- ist ihm zurückzuerstatten.
5.3 Die Kosten für das Gerichtsgutachten im Betrag von Fr. 10'589.65 (act. G 6.1) sind
der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen (Urteil des Bundesgerichts vom 2. Dezember
2013, 8C_139/2013, E. 2.3.2 am Schluss).
bis
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5.4 Bei diesem Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Diese ist vom Gericht ermessensweise festzusetzen, wobei
insbesondere der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand Rechnung zu tragen
ist (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Der Rechtsvertreter
des Beschwerdeführers hat auf die Einreichung einer Honorarnote verzichtet. Der
Bedeutung und dem Aufwand der Streitsache angemessen erscheint - unter
Berücksichtigung des im Verfahren IV 2011/26 angefallenen Aufwands - eine
Parteientschädigung von pauschal Fr. 4'000.-- (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP