Decision ID: 2dc9e972-950c-579b-a938-c642551e36c1
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
Die Q._ AG mit Sitz in X._ ist seit dem 26. Februar 1985 im Handelsregister des
Kantons St. Gallen eingetragen und bezweckt die Verwaltung von Vermögenswerten
und die Durchführung von Finanzgeschäften aller Art; die Gesellschaft kann Patente
und Lizenzen erwerben, solche erteilen sowie sich an anderen Unternehmen im In- und
Ausland beteiligen (vgl. www.zefix.ch).
B.
Die Q._ AG hielt seit mehreren Jahren einen Aktienanteil von 10.86 Prozent am
gesamten Aktienvolumen der Y._ AG. Per 30. April 2014 veräusserte sie insgesamt
1'020'000 Aktien (= 3.14 Prozent des gesamten Aktienvolumens) der Y._ AG und
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erhielt dafür einen Betrag von netto CHF 50'918'400. Der Buchwert dieser Aktien
betrug CHF 1'407'600. Nach Abzug des Buchwerts als Gestehungskosten vom
Veräusserungserlös resultierte ein Kapitalgewinn von CHF 49'510'800. In der
Steuererklärung 2014 machte die Q._ AG einen Beteiligungsabzug von 97.58 Prozent
geltend (act. 7/7/I/4). Am 8. August 2018 veranlagte das kantonale Steueramt die
Q._ AG für die direkte Bundessteuer 2014 mit einem steuerbaren Reingewinn von
CHF 59'772'900. Anstelle der beantragten 97.58 Prozent berücksichtigte es lediglich
einen Beteiligungsabzug von 5.549 Prozent, was ein Steuerbetrag von
CHF 4'798'768.65 ergab (vgl. act. 7/3). Die gegen die Veranlagungsverfügung vom
8. August 2018 erhobene Sprungbeschwerde wies die Verwaltungsrekurskommission
mit Entscheid vom 29. August 2019 ab (act. 2/2).
C.
Die Q._ AG (Beschwerdeführerin) erhob gegen den Entscheid der
Verwaltungsrekurskommission (Vorinstanz) vom 29. August 2019 mit Eingabe ihres
Rechtsvertreters vom 27. September 2019 Beschwerde beim Verwaltungsgericht. Sie
beantragte, unter Kosten- und Entschädigungsfolge (zzgl. 7.7 Prozent MwSt.) seien
sowohl der Entscheid der Vorinstanz als auch die Veranlagungsverfügung des
kantonalen Steueramts (Beschwerdegegner) vom 8. August 2018 aufzuheben und die
Gewinnsteuer für das Jahr 2014 unter Gewährung des Beteiligungsabzugs für den
Gewinn aus der Veräusserung von 1'020'000 Namenaktien der Y._ AG von
CHF 49'510'800 mit 97.58 Prozent anzusetzen; allenfalls sei die Beschwerdegegnerin
bzw. eventualiter die Vorinstanz hierzu anzuweisen. Subeventualiter sei die
Veranlagungsverfügung aufzuheben und im Sinn der Erwägungen zur Berechnung und
Neuveranlagung an die Beschwerdegegnerin bzw. allenfalls an die Vorinstanz
zurückzuweisen (act. 1).
Die Vorinstanz beantragte mit Vernehmlassung vom 16. Oktober 2019 die Abweisung
der Beschwerde und verwies zur Begründung auf die Erwägungen im angefochtenen
Entscheid (act. 6). Der Beschwerdegegner verzichtete am 23. Oktober 2019
ausdrücklich (act. 9) und die Eidgenössische Steuerverwaltung (Beschwerdebeteiligte)
stillschweigend auf eine Vernehmlassung.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten und die Akten wird, soweit wesentlich,
in den Erwägungen eingegangen.
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Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
(...)
Da der angefochtene Beschwerdeentscheid an die Stelle der ihm zugrundeliegenden
Veranlagungsverfügung des Beschwerdegegners vom 8. August 2018 getreten ist
("Devolutiveffekt", BGE 134 II 142 E. 1.4; BGer 1C_166/2013 vom 27. Juni 2013 E. 1.1;
2C_204/2015 vom 21. Juli 2015 E. 1.2), kann auf die Beschwerde, soweit damit die
Aufhebung dieser Verfügung beantragt wird, nicht eingetreten werden.
2.
Gemäss Art. 69 DBG ermässigt sich die Gewinnsteuer einer Kapitalgesellschaft im
Verhältnis des Nettoertrags aus den Beteiligungsrechten zum gesamten Reingewinn,
wenn die Gesellschaft zu mindestens 10 Prozent am Grund- oder Stammkapital einer
Gesellschaft beteiligt ist (lit. a); zu mindestens 10 Prozent am Gewinn und an den
Reserven einer anderen Gesellschaft beteiligt ist (lit. b); oder Beteiligungsrechte im
Verkehrswert von mindestens einer Million Franken hält (lit. c). Gemäss Art. 70 Abs. 1
DBG gehören zum Ertrag aus Beteiligungen auch die Kapitalgewinne auf diesen
Beteiligungen sowie die Erlöse aus dazugehörigen Bezugsrechten. Nach Art. 70 Abs. 4
lit. b DBG wird der Beteiligungsabzug für Kapitalgewinne jedoch nur gewährt, wenn die
veräusserte Beteiligung mindestens 10 Prozent des Grund- oder Stammkapitals einer
anderen Gesellschaft betrug oder einen Anspruch auf mindestens 10 Prozent des
Gewinns und der Reserven einer anderen Gesellschaft begründete und während
mindestens eines Jahres im Besitz der veräussernden Kapitalgesellschaft oder
Genossenschaft war; fällt die Beteiligungsquote infolge Teilveräusserung unter
10 Prozent, so kann die Ermässigung für jeden folgenden Veräusserungsgewinn nur
beansprucht werden, wenn die Beteiligungsrechte am Ende des Steuerjahres vor dem
Verkauf einen Verkehrswert von mindestens einer Million Franken hatten.
3.
Unbestritten ist, dass die Beschwerdeführerin seit mehreren Jahren einen Aktienanteil
von 10.86 Prozent am gesamten Aktienvolumen der Y._ AG hielt und per 30. April
2014 einen Anteil von 3.14 Prozent veräusserte, wofür sie einen Erlös von für
CHF 50'918'400 erhalten hat. Fest steht auch, dass der erste Halbsatz von Art. 70
Abs. 4 lit. b DBG vorliegend nicht zur Anwendung gelangt. Strittig und zu klären ist
jedoch, ob sie die erstmalige Veräusserung von 3.14 Prozent an einer Beteiligung von
ursprünglich 10.86 Prozent gestützt auf Art. 70 Abs. 4 lit. b zweiter Halbsatz DBG zur
Vornahme des Beteiligungsabzugs berechtigt. Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG (Nettoertrag aus
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Beteiligungen) hat folgenden Wortlaut:
"Kapitalgewinne werden bei der Berechnung der Ermässigung nur berücksichtigt, wenn
die veräusserte Beteiligung mindestens 10 Prozent des Grund- oder Stammkapitals
einer anderen Gesellschaft betrug oder einen Anspruch auf mindestens 10 Prozent des
Gewinns und der Reserven einer anderen Gesellschaft begründete und während
mindestens eines Jahres im Besitz der veräussernden Kapitalgesellschaft oder
Genossenschaft war; fällt die Beteiligungsquote infolge Teilveräusserung unter
10 Prozent, so kann die Ermässigung für jeden folgenden Veräusserungsgewinn nur
beansprucht werden, wenn die Beteiligungsrechte am Ende des Steuerjahres vor dem
Verkauf einen Verkehrswert von mindestens einer Million Franken hatten."
Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG wurde anlässlich der Unternehmenssteuerreform II (UStR II) in
drei Punkten geändert bzw. ergänzt. Einerseits wurde die Beteiligungsschwelle von
20 Prozent auf 10 Prozent abgesenkt; andererseits wurde klargestellt, dass für die
Gewährung des Beteiligungsabzugs Genussscheine den Aktien bzw. GmbH-Anteilen
gleichgestellt werden. Zudem wurde der zweite Halbsatz von Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG
neu eingeführt. Die entsprechende Botschaft des Bundesrats (vgl. Botschaft zum
Bundesgesetz über die Verbesserung der steuerlichen Rahmenbedingungen für
unternehmerische Tätigkeiten und Investitionen [UStR II], nachfolgend: BBl 2005 4733)
begründete die Gesetzesnovelle wie folgt: Für die Erlangung des Beteiligungsabzuges
auf Veräusserungsgewinnen solle wie bisher nur das Quotenkriterium massgebend sein
(Beteiligung von mindestens 10 Prozent statt bisher 20 Prozent am Grund- oder
Stammkapital bzw. an den Gewinnen und Reserven). Auch die Besitzesdauer von
mindestens einem Jahr bleibe unerlässlich, damit der Wertschriftenhändler vom
Beteiligungsabzug auf Veräusserungsgewinnen ausgeschlossen bleibe. Wer einmal die
zu erfüllenden objektiven Voraussetzungen zur Erlangung des Beteiligungsabzuges auf
Veräusserungsgewinnen (Quotenkriterium von 10 Prozent und Mindestbesitzdauer von
einem Jahr) kumulativ erfüllt habe, solle in der Praxis nicht mehr gezwungen werden,
jeweils bzw. im gleichen Geschäftsjahr eine Mindestquote von 10 Prozent zu
veräussern. Er solle nunmehr das Recht haben, für die betreffende Beteiligung auch bei
sukzessiven, sich über mehr als ein Geschäftsjahr erstreckenden Veräusserungen den
Beteiligungsabzug zu beanspruchen, sofern am Ende des dem Verkauf
vorangegangenen Steuerjahres das wertmässige Alternativkriterium (Verkehrswert von
mindestens einer Million Franken) erfüllt worden sei. Es solle somit der Grundsatz
"einmal erfüllt, immer erfüllt" gelten. Bei den Erläuterungen zu den einzelnen
Gesetzesbestimmungen hält die Botschaft folgendes fest: In Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG
3.1.
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seien seit der Unternehmenssteuerreform 1997 die Voraussetzungen verankert, bei
deren Erfüllung der Beteiligungsabzug auch auf Kapitalgewinnes gewährt werde. Dafür
seien seit jeher nur das Quotenkriterium massgebend, das nunmehr auf 10 Prozent
reduziert worden sei, und die Besitzesdauer von mindestens einem Jahr
vorgeschrieben (vgl. BBl 2005 4733, 4812 f.). Gemäss Botschaft soll die praktische
Anwendung dieser kumulativen Voraussetzungen gelockert werden. Wer einmal beide
Voraussetzungen erfüllt habe, solle bei Teilveräusserungen den Beteiligungsabzug
auch für Quoten beanspruchen können, die unter 10 Prozent liegen, sofern am Ende
des Steuerjahres vor dem Verkauf das wertmässige Kriterium – Beteiligungsrechte im
Verkehrswert von mindestens einer Million – für den Beteiligungsabzug auf Dividenden
qualifizierte. Diese Präzisierung sei erforderlich; denn es wäre kaum erklärbar gewesen,
wenn eine unter einer Million Verkehrswert liegende Beteiligung bei Veräusserung in
den Genuss der Ermässigung gelangen würde, obschon sie im Vorjahr nicht mehr für
die Ermässigung auf Dividenden qualifizierte (BBl 2005 4733, 4848). Die Bedeutung des
Grundsatzes "Einmal erfüllt, immer erfüllt" ist gemäss zitierter Botschaft klar: Eine
Kapitalgesellschaft oder Genossenschaft, die einmal eine Beteiligung an einer anderen
Kapitalgesellschaft (inkl. Genussscheine) von mindestens 10 Prozent hatte und diese
Beteiligung während mindestens einem Jahr gehalten hat, soll gemäss der Botschaft
des Bundesrats Anspruch auf den Beteiligungsabzug auch für sukzessive sich über
verschiedene Jahre erstreckende Veräusserungen von weniger als 10 Prozent haben,
und zwar unabhängig davon, ob die Beteiligung vor der Veräusserung über oder unter
10 Prozent betrug. Im letzteren Fall mit der Einschränkung, dass die Beteiligungsrechte
am Ende des Steuerjahres vor dem Verkauf die wertmässige Schwelle für die
Gewährung des Beteiligungsabzuges für Dividenden (mindestens eine Million Franken)
erreichten.
Wenngleich vorliegend lediglich die Veranlagung der direkten Bundessteuer im Streit
liegt, rechtfertigen sich Ausführungen zu den harmonisierungsrechtlichen Vorgaben. Im
Zusammenhang mit der UStR II wurde Art. 28 des Bundesgesetzes über die
Harmonisierung der direkten Steuern der Kantone und Gemeinden
(Steuerharmonisierungsgesetz, SR 642.14, StHG) ebenfalls angepasst, indem die
Mindestbeteiligungsquote von 20 Prozent auf 10 Prozent gesenkt und eine Regelung
für den Einbezug von Kapitalgewinnen nach Teilveräusserungen geschaffen wurde,
indem der Beteiligungsabzug beansprucht werden kann, wenn die Beteiligungsrechte
am Ende des Steuerjahres vor dem Verkauf einen Verkehrswert von mindestens
CHF 1 Mio. hatten (vgl. Art. 28 Abs. 1 StHG). Obwohl es sich dabei um eine Kann-
Vorschrift handelt, haben sämtliche Kantone vom Recht, den Beteiligungsabzug auf
3.2.
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Kapitalgewinne auszudehnen, Gebrauch gemacht. Die im Zusammenhang mit dem
Beteiligungsabzug auf Kapitalgewinne enthaltenen Regelungen in Art. 28 Abs. 1
StHG entsprechen hinsichtlich der verwendeten Begrifflichkeit und der Formulierung
Art. 70 Abs. 4 DBG. Es bestehen zwar Unterschiede im Satzaufbau; darüber hinaus
sind jedoch keine materiellen Unterschiede erkennbar. Soweit bundessteuergesetzliche
und harmonisierungsrechtliche Regelungen dem Wortlaut bzw. Sinn nach
übereinstimmen, ist aus Gründen der vertikalen Steuerharmonisierung (Art. 129 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, SR 101, BV) eine
identische Auslegung geboten (vgl. Felber/Duss, in: Zweifel/Beusch, [Hrsg.],
Bundesgesetz über die Harmonisierung der direkten Steuern der Kantone und
Gemeinden, 3. Aufl. 2017, N 73 ff. zu Art. 28 StHG).
Im Kanton St. Gallen stimmt der Wortlaut der Bestimmung mit derjenigen in Art. 28
Abs. 1 StHG bzw. Art. 70 Abs. 4 DBG überein, wenngleich auch in zwei Absätzen
(vgl. Art. 91 Abs. 2 und 3 des st. gallischen Steuergesetzes, sGS 811.1). Die
Ausführungen in der Botschaft der Regierung zum entsprechenden III. und IV. Nachtrag
zum Steuergesetz (vgl. ABl 2008 105 ff.) stimmen dabei mit denjenigen der
bundesrätlichen Botschaft (vgl. vorstehende E. 3.1) überein. Ausführlicher damit
befasst hat sich hingegen der Regierungsrat des Kantons Zürich in seinem Antrag zum
Nachvollzug des Unternehmenssteuerreformgesetzes II des Bundes. Zum
entsprechenden § 72a Abs. 1 des Steuergesetzes des Kantons Zürich (LS 631.1, StG
ZH) hielt er insbesondere fest, dass nur das Quotenkriterium massgebend sei, das
nunmehr ebenfalls auf 10 Prozent gesenkt werde. Wer jedoch einmal das
Quotenkriterium von 10 Prozent erfüllt habe, solle bei Teilveräusserungen den
Beteiligungsabzug auch für Quoten beanspruchen können, die unter 10 Prozent liegen,
sofern die Beteiligung am Ende des Geschäftsjahres bzw. der Steuerperiode vor dem
Verkauf einen Verkehrswert von mindestens CHF 1 Mio. gehabt habe (vgl. Amtsblatt
des Kantons Zürich Nr. 9 vom 8. März 2013, Vorlage Nr. 4965/2013). Gestützt darauf
erhob der zürcherische Gesetzgeber folgenden Wortlaut zum Gesetz (Hervorhebungen
und Auslassungen nur hier): "Der Beteiligungsabzug wird ebenfalls gewährt für
Kapitalgewinne auf Beteiligungen, (...), wenn die Beteiligung mindestens 10 Prozent
des Grund- oder Stammkapitals einer anderen Gesellschaft betrug (...)." Sowohl aus
dem Wortlaut von § 72a Abs. 1 Satz 1 StG ZH als auch aus den erläuternden
Ausführungen des Regierungsrats geht hervor, dass weder vorangegangene
Teilveräusserungen noch ein Unterschreiten der Beteiligungsschwelle Voraussetzungen
für die Gewährung des Beteiligungsabzugs bilden. Damit stimmt der zürcherische
Gesetzeswortlaut jedoch nicht mit Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG und Art. 28 Abs. 1 StHG
überrein.
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Das Bundesgericht hat sich mit der Auslegung von Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG schon
verschiedentlich befasst. Beim Entscheid BGer 2C_787/2012, 2C_788/2012 vom
15. Januar 2013 ging es um Frage, ob bei der Berechnung der Haltedauer von einem
Jahr bei einer AG, die aus der Umwandlung einer Personenunternehmung
hervorgegangen ist, auch die Haltedauer der Personenunternehmung angerechnet
werden könne. Dies hat das Bundesgericht verneint und festgestellt, dass
diesbezüglich der Wortlaut von Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG klar sei. Beim Entscheid BGer
2C_469/2015 vom 22. Februar 2016 war die Frage strittig, ob eine Gesellschaft, die
eine Beteiligung von ca. 4 Prozent länger als ein Jahr gehalten hat, und ca. 8 Prozent
innerhalb eines Jahres dazu erworben hat (und damit erst durch diese Zukäufe von
8 Prozent auf die Beteiligungsschwelle von mindestens 10 Prozent gekommen ist), für
die ca. 4 Prozent, die sie schon länger gehalten hat, den Beteiligungsabzug geltend
machen kann, oder nicht. Zu dieser Frage hat das Bundesgericht festgestellt, dass der
Wortlaut bezüglich der Umschreibung der Haltedauer klar sei und entschieden, dass
auch für den Anteil von ca. 4 Prozent des Kapitalgewinns der Beteiligungsabzug nicht
zu gewähren ist. Im vorliegenden Fall geht es aber nicht um die Frage der Haltedauer,
sondern um jene der Gewährung des Beteiligungsabzugs bei Teilveräusserungen von
weniger als 10 Prozent der Anteile an einer anderen Kapitalgesellschaft, also die Frage
der Mindestveräusserungsquote. Für diese Frage können deshalb die beiden Urteile
des Bundesgerichts BGE 2C_787/788/2012 und 2C_469/2015 nicht als Präjudizen
herangezogen werden.
Einschlägig ist vielmehr einzig BGer 2C_701/2015, 2C_702/2015 vom 22. April 2016,
der sich mit der vorliegend zu entscheidenden Streitfrage auseinandergesetzt hat. Im
entsprechenden Urteil kommt das Bundesgericht zum Schluss, dass die
Mindestveräusserung im Regelfall einen Umfang von 10 Prozent aufzuweisen habe,
solle sie für den Beteiligungsabzug qualifiziert werden. Der Normtext von Art. 70 Abs. 4
lit. b erster Halbsatz DBG gehe dahin, dass Kapitalgewinne bei der Berechnung der
Ermässigung nur dann berücksichtigt würden, wenn die veräusserte Beteiligung
mindestens 10 Prozent des Grund- oder Stammkapitals einer anderen Gesellschaft
betrage (E. 3.3.3). In Bezug auf den zweiten Halbsatz von Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG hielt
das Bundesgericht lediglich fest, es ergebe sich nichts Anderes, wenn dem Normalfall
(Art. 70 Abs. 4 lit. b erster Halbsatz DBG) der Sonderfall (Art. 70 Abs. 4 lit. b zweiter
Halbsatz DBG) entgegengehalten werde. Die Wendung "fällt die Beteiligungsquote
infolge Teilveräusserung unter 10 Prozent" bestätige vielmehr das bisherige
Auslegungsergebnis und verdeutliche, dass der Beteiligungsabzug gemäss zweiter
Halbsatz (nur noch dann) beansprucht werden könne, wenn "die Beteiligungsrechte am
3.3.
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Ende des Steuerjahres vor dem Verkauf einen Verkehrswert von mindestens einer
Million Franken hatten" (E. 3.3.5). Gemäss diesem Bundesgerichtsentscheid ist der
Beteiligungsabzug daran geknüpft, dass "die veräusserte Beteiligung mindestens
10 Prozent" erreicht (französisch: "la participation aliénée"; italienisch: "la
partecipazione alienata"). Das Bundesgericht verstehe das Quotenkriterium daher nicht
als Mindestbeteiligungsquote, sondern als Mindestveräusserungsquote (vgl.
M. Simonek, Unternehmenssteuerrecht – Grundlagen für das Studium und die Praxis,
Zürich 2019, § 12 Rz. 23). Gemäss Zigerlig/Oertli/Hofmann (Zigerlig/Oertli/ Hofmann,
Das st. gallische Steuerrecht, 7. Aufl. 2014, S. 290) würde mit dem zweiten Halbsatz
von Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG zeitlich gestaffelte Veräusserungen erfasst: Wer folglich
einmal bei einem Verkauf beide Voraussetzungen gemäss Art. 70 Abs. 4 lit. b erster
Halbsatz DBG erfüllt habe (Haltedauer von einem Jahr und mindestens 10 Prozent
Beteiligung), könne bei weiteren Teilverkäufen den Beteiligungsabzug auch für Quoren
geltend machen, die unter 10 Prozent liegen, sofern die Beteiligungsrechte am Ende
des Steuerjahrs vor dem Verkauf zwar weniger als 10 Prozent ausmachten, aber einen
Verkehrswert von mindestens CHF 1 Mio. hätten. Gemäss dem französischen Wortlaut
der Bestimmung kann, wenn die Beteiligung "à la suite d’une aliénation partielle" unter
10 Prozent fällt, die Reduktion nur "sur chaque bénéfice d’aliénation ultérieur" gewährt
werden. Die italienische Fassung ("in seguito", "per ciascun utile ulteriore") entspricht
dem französischen Wortlaut.
Das Bundesgericht hat somit Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG so ausgelegt, dass die beiden
Halbsätze dieser Bestimmung je einen eigenständigen Anwendungsbereich umfassen.
Der erste Halbsatz regelt demgemäss die Fälle bei denen vor der massgeblichen
Veräusserung die Beteiligungsquote von 10 Prozent noch überschritten war, während
der der zweite Halbsatz jene Sachverhalte zum Gegenstand hat, bei denen es infolge
von früheren Teilveräusserungen zu einem Unterschreiten der Beteiligungsquote von
10 Prozent gekommen ist. Im ersten Fall soll der Beteiligungsabzug für Kapitalgewinne
nur dann gewährt werden, wenn eine Veräusserungsquote von mindestens 10 Prozent
gegeben ist, während dies im letzteren Fall sachverhaltsmässig ausgeschlossen ist,
und deshalb der Beteiligungsabzug in jedem Fall zu gewähren ist, sofern die
Beteiligungsrechte am Ende des Steuerjahres vor dem Verkauf einen Verkehrswert von
mindestens einer Million Franken hatten (und damit für eine für dieses Jahr bezahlte
Dividende der Beteiligungsabzug für Dividenden zu gewähren gewesen wäre).
Dieses bundesgerichtliche Verständnis des Wortlauts stiess in der Lehre
verschiedentlich auf Kritik. Dabei wurde insbesondere die Frage der Bedeutung des
3.4.
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zweiten Halbsatzes von Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG und dessen Zusammenhang mit dem
ersten Halbsatz dieser Bestimmung aufgeworfen. Eine, dem bundesgerichtlichen
Verständnis widersprechende Auslegung des Wortlauts von Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG
ergibt sich nämlich dann, wenn der zweite Halbsatz dieser Bestimmung nicht als
eigenständige Anwendungsvoraussetzung für die Gewährung des Beteiligungsabzugs
auf Kapitalgewinnen verstanden wird, sondern lediglich als eine im Vergleich zum
ersten Halbsatz zusätzliche Anwendungsvoraussetzung im Sinne einer wertmässigen
Einschränkung für den Fall, dass die Beteiligungsquote aufgrund von
Teilveräusserungen unter die Schwelle von 10 Prozent gefallen ist. Bei diesem
Verständnis des zweiten Halbsatzes von Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG ergibt sich somit,
dass er nicht nur für den dort geregelten Sonderfall einer Teilveräusserung den
Anspruch auf den Beteiligungsabzug einräumt, sondern einzig das vorstehend
erwähnte Ziel verfolgt, zu verhindern, dass eine Gesellschaft, welche im Jahr vor der
Veräusserung für eine Dividende den Beteiligungsabzug nicht erhalten hätte, diesen für
einen Kapitalgewinn geltend machen könnte. Wird dieser Auslegung gefolgt, ist der
zweite Halbsatz so zu interpretieren, dass er verlangt, dass eine Gesellschaft, welche
die erste Voraussetzung für die Gewährung des Beteiligungsabzugs für eine Dividende
nicht erfüllt (Beteiligung ist als Folge von früheren Teilveräusserungen unter 10 Prozent
gesunken) die zweite Bedingung (Verkehrswert von mindesten CHF 1 Mio.) erfüllen
muss, dass jedoch der Anspruch auf den Beteiligungsabzug für sämtliche
Teilveräusserungen von weniger als 10 Prozent besteht, sofern die übrigen
gesetzlichen Voraussetzungen (Haltedauer von mindestens einem Jahr und
Überschreiten der Beteiligungsschwelle von 10 Prozent zu irgendeinem Zeitpunkt)
gegeben sind.
R. Waldburger setzte sich ausführlich mit der Auslegung der streitbetroffenen
Bestimmung auseinander und führte im Wesentlichen Folgendes aus: Im
Kreisschreiben der Eidgenössischen Steuerverwaltung Nr. 27 (nachfolgend: KS 27)
bestätige die EStV, dass die 10 Prozent nicht wörtlich aufzufassen seien, sondern der
Beteiligungsabzug sei auch zu gewähren, wenn einzelne Beteiligungspakete von
weniger als 10 Prozent, die aber insgesamt die Quote von 10 Prozent erreichten,
veräussert würden. Die Teilveräusserungen müssten aber innerhalb des gleichen
Geschäftsjahres erfolgen. Dies sei aber ein Widerspruch zu den eigenen Ausführungen
in der Botschaft zur UStR II. Im ersten Halbsatz von Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG werde der
Beteiligungsabzug von einer veräusserten Beteiligung von 10 Prozent abhängig
gemacht, während im zweiten Halbsatz angeordnet werde, dass der Beteiligungsabzug
3.4.1.
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auch bei der Beteiligungsveräusserung von weniger als 10 Prozent zu gewähren sei,
sofern die Wertschwelle erreicht sei. Auf den ersten Blick erscheine es, dass der
Gesetzgeber unterschiedliche Regelungen angeordnet habe, abhängig davon, ob eine
Beteiligung vor einer Teilveräusserung mehr oder weniger als 10 Prozent betragen
habe. Steuersystematisch solle mit dem Beteiligungsabzug auf
Veräusserungsgewinnen die Gleichstellung mit den Dividenden erreicht werden und
damit die wirtschaftliche Doppelbelastung in Konzernen vermieden werden. Das
Rechtsgleichheitsverbot verlange, dass Beteiligungen von weniger als 10 Prozent
unabhängig von der Beteiligungshöhe vor der Veräusserung von mehr oder weniger als
10 Prozent gleichbehandelt würden. Eine solche Rechtsungleichheit habe der
Gesetzgeber wohl kaum schaffen wollen. Er habe nur eine zusätzliche
Anwendungsvoraussetzung schaffen wollen im Sinne einer wertmässigen
Einschränkung für den Fall, dass die Beteiligungsquote aufgrund von
Teilveräusserungen unter die Schwelle von 10 Prozent gefallen sei. Sinn sei es, dass
eine Gesellschaft nicht einen Beteiligungsabzug auf dem Veräusserungsgewinn geltend
machen könne, wenn sie im Vorjahr keinen Anspruch auf den Beteiligungsabzug für
Dividende gehabt habe. Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Harmonisierung
der direkten Steuern der Kantone und Gemeinden (Steuerharmonierungsgesetz,
SR 642.14, StHG) kleide den Text, den das DBG in zwei Halbsätzen aufführe, in je
einen vollen Satz. Sinn und Zweck des Beteiligungsabzugs bestehe darin, die
wirtschaftliche Doppel- und Mehrfachbesteuerung des gleichen wirtschaftlichen
Substrats mit der Gewinnsteuer im Konzern zu vermeiden und zwar im Sinne von einer
Erleichterung im Bereich der Teilveräusserungen von Beteiligungen von unter
10 Prozent. Dieses Problem stelle sich bei jeder Dividende und bei jedem
Kapitalgewinn. Der Gesetzgeber habe drei Grundsatzentscheide betr. Kapitalgewinn
getroffen:
bis
Kapitalgewinne seien im vollen Umfang (d. h. auch die noch nicht mit Gewinnsteuer
vorbelastete Goodwill-Komponente) dem Beteiligungsabzug zugänglich;
–
Kapitalgewinne könnten nur dann vom Beteiligungsabzug profitieren, wenn die
Gesellschaft, die einen Kapitalgewinn auf Anteilen erzielt habe, zu irgendeinem
Zeitpunkt die Schwelle von 10 Prozent erreicht oder überschritten habe;
–
Die Voraussetzungen für die Gewährung des Beteiligungsabzugs seien für
Kapitalgewinne einschränkender als für Dividenden. Deshalb sehe Art. 70 Abs. 4
lit. b zweiter Halbsatz DBG vor, dass bei einem Unterschreiten der
Beteiligungsschwelle von 10 Prozent infolge von Teilveräusserungen der
–
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In keinem Fall könne es jedoch Sinn und Zweck des Beteiligungsabzugs auf
Kapitalgewinnen sein, Veräusserungen von Beteiligungspaketen von weniger als 10
Prozent anders zu behandeln, je nachdem ob die Beteiligung vor einer
Teilveräusserung 10 Prozent oder mehr betragen habe oder unter dieser Schwelle
liege. Wie sich aus der Botschaft zu diesem Artikel ergebe, gelte es zu verhindern, dass
ein Kapitalgewinn Anspruch auf den Beteiligungsabzug gebe, wenn auf einer Dividende
des Vorjahres aus der gleichen Beteiligung wegen der Unterschreitung der
betragsmässigen Schwelle von einer Million Franken kein Anspruch auf den
Beteiligungsabzug bestanden habe. Art. 62 Abs. 4 DBG bestimme sodann, dass
Wertberichtigungen und Abschreibungen auf den Gestehungskosten von
Beteiligungen, welche die Voraussetzungen von Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG erfüllen, dem
steuerbaren Gewinn zuzurechnen seien, soweit sie nicht mehr geschäftsmässig
begründet seien. Würde sich Art. 62 Abs. 4 DBG nur auf veräusserte Beteiligungen von
mindestens 10 Prozent beziehen, so wäre er inhaltsleer, da schon Art. 70 Abs. 4 lit. a
DBG diesen Kapitalgewinn definiere. Auch das weise darauf hin, dass Art. 70 Abs. 4
lit. b erster Halbsatz DBG nicht für sich alleine wörtlich verstanden werden dürfe,
sondern als Bestandesgrösse zu verstehen sei (d.h. als Beteiligung von mindestens 10
Prozent, aus welcher ein Beteiligungspaket veräussert werde). Der Autor kommt
zusammenfassend zum Schluss, die Auslegung von Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG führe zum
eindeutigen Ergebnis, dass für Kapitalgewinne aus jeder Teilveräusserung von
Beteiligungspaketen, auch wenn diese weniger als 10 Prozent umfasse, der Anspruch
auf Gewährung des Beteiligungsabzugs bestehe. Dem Urteil des Bundesgerichts
2C_701/2015, 2C_702/2015 vom 22. April 2016 komme dabei aufgrund mangelhafter
Begründung keine Überzeugungskraft zu (vgl. zum Ganzen Waldburger,
Voraussetzungen für den Anspruch auf den Beteiligungsabzug auf Kapitalgewinnen
aus Veräusserungen von Beteiligungspaketen von weniger als 10 Prozent gemäss
Art. 70 Abs. 4 Bst. b DBG, in: FStR 2017/4, S. 333 ff.)
3.4.2.
S. Osterhelt vertritt die Auffassung, dass ab dem 1. Januar 2011 der Beteiligungsabzug
bei der Veräusserung von Aktien auch dann zu gewähren sei, wenn innerhalb eines
Beteiligungsabzug auf Kapitalgewinnen nur dann gewährt werde, wenn auf einer
Dividende des Vorjahres der Beteiligungsabzug ebenfalls gewährt worden wäre.
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Jahres weniger als 10 Prozent der Aktien veräussert würden, selbst dann, wenn die
innerhalb eines Jahres veräusserten Aktien den Verkehrswert von CHF 1 Mio. nicht
erreichten. Der Beteiligungsabzug sei aber nach wie vor nur dann zu gewähren, wenn
die veräussernde Aktionärin einmal in ihrer Geschichte das Quotenkriterium von
10 Prozent während mindestens eines Jahres erfüllt habe. Sobald die veräussernde
Aktionärin zu weniger als 10 Prozent am Kapital oder Gewinn einer Gesellschaft
beteiligt sei, profitierten Teilveräusserungen in künftigen Steuerperioden nur dann vom
Beteiligungsabzug, wenn die Gesellschaft zu Beginn der jeweiligen Steuerperiode
mindestens das alternative Wertkriterium von CHF 1 Mio. erfülle (vgl. Osterhelt,
Beteiligungsabzug bei Teilveräusserungen, in: StR 65/2010, S. 911 ff.).
3.4.3.
Simonek/von Ah erachten die Erweiterung des Beteiligungsabzuges bei
Teilveräusserungen erfreulich und sachrichtig. Mit Hinblick auf den Grundsatz "einmal
erfüllt, immer erfüllt" werde gewährleistet, dass ein Anteilsinhaber nicht mehr
gezwungen sei, im gleichen Geschäftsjahr eine Quote von mindestens 10 Prozent zu
veräussern, sondern er könne eine Beteiligung auch sukzessive und in kleineren
Tranchen veräussern und dennoch den Beteiligungsabzug beanspruchen, sofern er die
10 Prozent Veräusserungsquote einmal erfüllt habe und die veräusserten
Beteiligungsrechte während mindestens eines Jahres gehalten worden seien.
Bezüglich der Haltedauererfordernis sei es fraglich, ob es auf die gesamthafte
Beteiligung, welche die Gesellschaft an der teilweise veräusserten Gesellschaft halte
(oder gehalten habe) anzuwenden sei oder auf die veräusserten Beteiligungsrechte.
Oesterhelt lege den Grundsatz "einmal erfüllt, immer erfüllt" sehr weit aus, indem er
sage, eine Gesellschaft müsse einmal in ihrer Geschichte eine mindestens 10 Prozent-
Beteiligung an einer anderen Gesellschaft während mindestens eines Jahres halten.
Danach könne die Gesellschaft den Beteiligungsabzug für die Veräusserung einer
einzelnen Aktie geltend machen (immer vorausgesetzt des Verkehrswerts von
CHF 1 Mio.). Für diese Auslegung bestehe dogmatisch Verständnis, da auf dem
Gewinn aus der Veräusserung jeder Aktie eine Drei- und Mehrfachbelastung resultiere,
die theoretisch mittels Beteiligungsabzug zu eliminieren sei. Allerdings decke sich diese
Auslegung nicht mit dem gesetzlichen Wortlaut von Art. 70 Abs. 4 lit. b erster Halbsatz
DBG, der eine bestimmte veräusserte Quote (10 Prozent) und eine Haltedauer der
veräusserten Beteiligung von mindestens einem Jahr verlange. Der neu eingefügte
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zweite Halbsatz ordne zusätzlich, dass auch für eine Restquote von unter 10 Prozent,
welche nach teilweiser Veräusserung der Beteiligung entsteht, der Beteiligungsabzug
geltend gemacht werden könne, auch wenn das Quotenerfordernis (der veräusserten
Beteiligung) des ersten Halbsatzes nicht erfüllt sei. Ihrer Auffassung nach könne der
Beteiligungsabzug auf Teilveräusserungen unterhalb der 10 Prozent-Grenze für
beliebige (während mindestens eines Jahres gehaltenen) Beteiligungen beansprucht
werden, sofern vorgängig eine 10 Prozent Beteiligung (die während mindestens eines
Jahres gehalten worden war) veräussert worden sei und die gesamte Beteiligung am
Ende des eine Teilveräusserung vorangehenden Steuerjahres einen Verkehrswert von
mindestens CHF 1 Mio. habe (vgl. Simonek/von Ah, in: H.-U. Vogt [Hrsg.],
Unternehmenssteuerrecht – Entwicklungen 2010, Zürich 2011, S. 37 ff.).
3.4.4.
U. Schenker hält hierzu fest, der Beteiligungsabzug für Folgeveräusserungen falle
gemäss Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG nicht dahin, wenn eine Teilveräusserung
vorgenommen werde und die Beteiligungsquote dementsprechend unter 10 Prozent
falle. Der Beteiligungsabzug könne für weitere Veräusserungen, bei denen dann
notgedrungen nicht mehr 10 Prozent veräussert werden könnten, insofern beansprucht
werden, als die gesamte Beteiligung am Ende des Steuerjahres vor dem Verkauf einen
Verkehrswert von mindestens CHF 1 Mio. aufgewiesen habe (Schenker,
Unternehmenssteuerreform II – Auswirkungen auf M&A-Transaktionen, in: R. Tschäni,
Mergers & Acquisitions XIV, Zürich 2012, S. 204 ff.).
3.4.5.
Altorfer/Duss teilen die Meinung von Oesterhelt insofern, als dass keine vorangehende
Teilveräusserung eine Quote von mindestens 10 Prozent erreicht haben müsse, damit
das alternative Wertkriterium zur Anwendung komme. Würden also von 15 Prozent
zunächst 6 Prozent veräussert, sei der Beteiligungsabzug auf diesem Verkauf nicht
anwendbar, weil die Mindestveräusserungsquote von 10 Prozent nicht erreicht sei,
wohl aber auf die darauffolgenden Verkäufe der Restbeteiligung von 9 Prozent, wenn
das alternative Wertkriterium erfüllt sei. Die Auffassung, dass jede Teilveräusserung,
auch solche, die zu einer Restbeteiligungsquote von mehr als 10 Prozent führten, unter
den Beteiligungsabzug fallen sollen, sofern die Beteiligungsquote irgendwann einmal
mindestens 10 Prozent betragen habe und die Mindestbesitzdauer von einem Jahr
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eingehalten sei, gehe aber zu weit. Oesterhelt begründe seine Meinung damit, dass es
nicht ersichtlich sei, weshalb Teilveräusserungen oberhalb der Restquote von 10
Prozent schlechter gestellt werden sollten. Es sei jedoch auf den klaren Wortlaut des
Gesetzes verwiesen, wonach das Unterschreiten der 10 Prozent-Marke
Anwendungsvoraussetzung sei. Die Absicht des Gesetzgebers bestehe wohl darin, die
Veräusserung von Restposten zu erleichtern. Gemäss Botschaft zur UStR II soll, wer
einmal die Voraussetzungen von Art. 70 Abs. 4 lit. b erster Halbsatz DBG
(Mindestveräusserungsquote von 10 Prozent und Mindestbesitzdauer von einem Jahr)
kumulativ erfüllt habe, den Beteiligungsabzug auch für Veräusserungsquoten
beanspruchen können, die unter 10 Prozent liegen, sofern die Beteiligungsquote
zufolge vorangehender Teilveräusserungen unter 10 Prozent gesunken sei und am
Ende des Steuerjahres vor dem Verkauf das wertmässige Kriterium – Verkehrswert von
mindestens einer Million – erfüllt gewesen sei (Altorfer/Duss, in: Zweifel/Beusch [Hrsg.],
Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer, 3. Aufl. 2017, N 30c und 30e zu Art. 70
DBG).
3.4.6.
P. Hongler sagt Folgendes: Das KS 27 halte unter Ziff. 2.3.3. fest, dass mindestens
einmal während der Investitionsphase eine Beteiligung von 10 Prozent hätte veräussert
werden müssen. Simonek/von Ah seien überdies der Meinung, dass diese veräusserte
Beteiligung mindestens ein Jahr hätte gehalten werden müssen. Oesterhelt käme aber
zur Auffassung, dass der Investor während der Investitionsphase mindestens einmal
eine 10-prozentige Beteiligung hätte besessen haben müssen und die Haltedauer sich
auf die Beteiligung beziehe, mit derer die Mindestquote zu irgendeinem Zeitpunkt
während der Investition erfüllt worden ist. Diese beiden gegensätzlichen
Auslegungsergebnisse basierten auf dem unterschiedlichen Verständnis des in der
Botschaft statuierten "einmal erfüllt, immer erfüllt"-Grundsatzes. Werde verlangt, dass
mindestens einmal während der Investitionsphase eine zehnprozentige Beteiligung
veräussert werde, die mindestens ein Jahr lang gehalten worden sei, oder reiche es
aus, dass einmal während der Investitionsphase der Investor während mindestens
eines Jahres eine Beteiligung von mindestens zehn Prozent gehalten habe? (Hongler,
"Hybride Finanzierungsinstrumente im nationalen und internationalen Steuerrecht der
Schweiz", in: Schriften zum Steuerrecht, Zürich 2012, S. 1 ff.).
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3.4.7.
Insgesamt ist festzustellen, dass in der Literatur unterschiedliche Auffassung vertreten
werden, wobei die Bearbeitungstiefe sehr unterschiedlich ist. Simonek/von Ah vertreten
die Meinung, dass, wenn einmal eine Veräusserungsquote von 10 Prozent erfüllt sei,
der Beteiligungsabzug auch auf sukzessive, in kleineren Tranchen veräusserten
Beteiligungen, beansprucht werden könne. Der neu eingefügte Halbsatz ordne
zusätzlich an, dass auch für eine Restquote von unter 10 Prozent, welche nach einer
teilweisen Veräusserung der Beteiligung bestehe, der Beteiligungsabzug gelten
gemacht werden könne, auch wenn das Quotenerfordernis (der veräusserten
Beteiligung) des ersten Halbsatzes nicht erfüllt sei. Schenker ist ebenfalls der Meinung,
dass der Beteiligungsabzug bei einer vorgängigen Teilveräusserung mit der Folge, dass
die Beteiligung dementsprechend unter 10 Prozent falle, gemäss Art. 70 Abs. 4 lit. b
DBG beansprucht werden könne. Gemäss Altorfer/Duss muss die vorangehende
Teilveräusserung nicht 10 Prozent betragen, damit das alternative Wertkriterium zur
Anwendung kommt. Das Unterschreiten der 10 Prozent-Marke sei aber die
Anwendungsvoraussetzung von Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG, der Gesetzgeber
beabsichtige die Veräusserung von Restposten zu erleichtern. Oesterhelt ist der
Meinung, dass der Beteiligungsabzug auch dann zu gewähren sei, wenn innerhalb
eines Jahres weniger als 10 Prozent der Aktien veräussert würden. Die veräussernde
Aktionärin müsse aber das Quotenkriterium von 10 Prozent und die Haltedauer von
mindestens einem Jahr einmal in ihrer Geschichte erfüllt haben. Wenn die
veräussernde Aktionärin zu weniger als 10 Prozent am Kapital /Gewinn der
Gesellschaft beteiligt sei, profitiere sie vom Beteiligungsabzug nur dann, wenn sie das
alternative Wertkriterium erfülle. Waldburger vertritt ebenfalls die Meinung, dass, wenn
das Quotenkriterium sowie die Haltedauer von einem Jahr einmal erfüllt ist, alle
Kapitalgewinne vom Beteiligungsabzug profitieren könnten. Es sei nicht Sinn und
Zweck des Beteiligungsabzuges auf Kapitalgewinnen, Veräusserungen von
Beteiligungspaketen von weniger als 10 Prozent anders zu behandeln, je nachdem ob
die Beteiligung vor einer Teilveräusserung 10 Prozent oder mehr betragen habe oder
unter dieser Schwelle liege.
3.5.
Das Gesetz muss in erster Linie aus sich selbst heraus, das heisst nach dem Wortlaut,
Sinn und Zweck und den ihm zugrundeliegenden Wertungen auf der Basis einer
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teleologischen Verständnismethode ausgelegt werden. Die Gesetzesauslegung hat sich
vom Gedanken leiten zu lassen, dass nicht schon der Wortlaut die Norm darstellt,
sondern erst das an Sachverhalten verstandene und konkretisierte Gesetz. Gefordert
ist die sachlich richtige Entscheidung im normativen Gefüge, ausgerichtet auf ein
befriedigendes Ergebnis der ratio legis. Dabei befolgt das Bundesgericht einen
pragmatischen Methodenpluralismus und lehnt es namentlich ab, die einzelnen
Auslegungselemente einer hierarchischen Prioritätsordnung zu unterstellen.
Ausgangspunkt jeder Auslegung ist der Wortlaut. Vom klaren, d.h. eindeutigen und
unmissverständlichen Wortlaut darf nur ausnahmsweise abgewichen werden, unter
anderem, wenn triftige Gründe dafür vorliegen, dass der Wortlaut nicht den wahren
Sinn der Norm wiedergibt. Solche Gründe können sich aus der Entstehungsgeschichte
der Bestimmung, aus ihrem Sinn und Zweck oder aus dem Zusammenhang mit
anderen Vorschriften ergeben. Eine historisch orientierte Auslegung ist für sich allein
nicht entscheidend; anderseits vermag aber nur sie die Regelungsabsicht des
Gesetzgebers (die sich insbesondere aus den Materialien ergibt) aufzuzeigen, welche
wiederum zusammen mit den zu ihrer Verfolgung getroffenen Wertentscheidungen
verbindliche Richtschnur des Gerichts bleibt, auch wenn es das Gesetz mittels
teleologischer Auslegung oder Rechtsfortbildung veränderten, vom Gesetzgeber nicht
vorausgesehenen Umständen anpasst oder es ergänzt (BGE 143 III 646 E. 3 mit
zahlreichen Hinweisen).
Auch wenn in der Literatur heftig diskutiert, sind keine triftigen Gründe ersichtlich,
aufgrund welcher vom Wortlaut von Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG und der vom
Bundesgericht im Urteil 2C_701/2015, 2C_702/2015 vom 22. April 2016 vertretenen
Auffassung abgewichen werden dürfte oder gar müsste. Wie dargelegt ergibt sich eine,
dem bundesgerichtlichen Verständnis widersprechende Auslegung des Wortlauts der
umstrittenen Gesetzesbestimmung dann, wenn der zweite Halbsatz dieser
Bestimmung nicht als eigenständige Anwendungsvoraussetzung für die Gewährung
des Beteiligungsabzugs auf Kapitalgewinnen verstanden wird, sondern lediglich als
eine im Vergleich zum ersten Halbsatz zusätzliche Anwendungsvoraussetzung im Sinne
einer wertmässigen Einschränkung für den Fall, dass die Beteiligungsquote aufgrund
von Teilveräusserungen unter die Schwelle von 10 Prozent gefallen ist. Wird der zweite
Halbsatz als zusätzliche Anwendungsvoraussetzung verstanden, muss rechtslogisch
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der im zweiten Halbsatz enthaltene Sachverhalt der Veräusserung von Beteiligungen
von weniger als 10 Prozent im Sachverhalt des ersten Halbsatzes bereits enthalten
sein. Bei diesem Verständnis des zweiten Halbsatzes von Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG
ergibt sich somit, dass er nicht nur für den dort geregelten Sonderfall einer
Teilveräusserung den Anspruch auf den Beteiligungsabzug einräumt, sondern einzig
das vorstehend erwähnte Ziel verfolgt, zu verhindern, dass eine Gesellschaft, welche
im Jahr vor der Veräusserung für eine Dividende den Beteiligungsabzug nicht erhalten
hätte, diesen für einen Kapitalgewinn geltend machen könnte. Wird dieser Auslegung
gefolgt, ist der zweite Halbsatz so zu interpretieren, dass er verlangt, dass eine
Gesellschaft, welche die erste Voraussetzung für die Gewährung des
Beteiligungsabzugs für eine Dividende nicht erfüllt (Beteiligung ist als Folge von
früheren Teilveräusserungen unter 10 Prozent gesunken) die zweite Bedingung
(Verkehrswert von mindesten CHF 1 Mio.) erfüllen muss, dass jedoch der Anspruch auf
den Beteiligungsabzug für sämtliche Teilveräusserungen von weniger als 10 Prozent
besteht, sofern die übrigen gesetzlichen Voraussetzungen (Haltedauer von mindestens
einem Jahr und Überschreiten der Beteiligungsschwelle von 10 Prozent zu irgendeinem
Zeitpunkt) gegeben sind. Der erste Halbsatz von Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG regelt
demgemäss die Fälle bei denen vor der massgeblichen Veräusserung die
Beteiligungsquote von 10 Prozent noch überschritten war, während der der zweite
Halbsatz jene Sachverhalte zum Gegenstand hat, bei denen es infolge von früheren
Teilveräusserungen zu einem Unterschreiten der Beteiligungsquote von 10 Prozent
gekommen ist. Dementsprechend genügt vorliegend die erstmalige Veräusserung von
3.14 Prozent an einer Beteiligung von ursprünglich 10.86 Prozent gestützt auf Art. 70
Abs. 4 lit. b zweiter Halbsatz DBG nicht zur Vornahme des Beteiligungsabzugs. Auch
wenn dieser enge Anwendungsbereich des Beteiligungsabzugs mit Blick auf seine
Zwecksetzung nicht sachgerecht erscheinen mag, ist es angesichts des
Gesetzeswortlauts und der klaren bundesgerichtlichen Rechtsprechung jedoch nicht
möglich, auf dem Auslegungsweg ein anderes Ergebnis zu konstruieren (vgl. auch
Simonek, a.a.O., § 12 Rz. 23).
Schliesslich kann der Beschwerdeführerin nicht gefolgt werden, soweit sie der
Vorinstanz eine Verletzung der Begründungspflicht vorwirft. Diese hat sich mit der
Auslegung von Art. 70 Abs. 4 lit. b DBG hinreichend auseinandergesetzt. Dass sie
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dabei nicht in dem von der Beschwerdeführerin gewünschten Masse auf den Aufsatz
von Waldburger eingegangen ist, stellt jedenfalls noch keine Verletzung der
Begründungspflicht dar. Die Vorinstanz brachte im angefochtenen Entscheid die
entscheidwesentlichen Fragen zur Sprache und legte ihren Standpunkt dar; ebenso
zeigte sie die für sie wesentlichen Überlegungen in zureichender Weise auf und setzte
sich mit den wesentlichen Gesichtspunkten hinreichend auseinander (vgl. dazu statt
vieler BGer 1C_138/2014 vom 3. Oktober 2014 E. 4.1 mit Hinweisen). Die
Beschwerdeführerin hatte sodann Gelegenheit, sich im Rahmen des vorliegenden
Beschwerdeverfahrens hierzu vernehmen zu lassen, was sie in der Folge auch tat. Ein
Begründungsmangel bzw. eine Gehörsverletzung liegen angesichts dieser
Gegebenheiten offenkundig nicht vor.
4.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerde abzuweisen ist, soweit darauf
einzutreten ist. Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten der
Beschwerdeverfahren der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP;
Art. 145 in Verbindung mit Art. 144 Abs. 1 DBG). Eine Entscheidgebühr von CHF 3'000
ist angemessen (Art. 145 in Verbindung mit Art. 144 Abs. 5 DBG; Art. 7 Ziff. 222
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Sie ist mit dem von der Beschwerdeführerin
in der gleichen Höhe geleisteten Kostenvorschuss zu verrechnen. Ausseramtliche
Kosten sind aufgrund des vollständigen Unterliegens nicht zu entschädigen (Art. 98
Abs. 1 und 98 VRP).