Decision ID: 1d015ff6-2735-55fd-9621-55f0d624423b
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer – ein georgischer Staatsangehöriger – reiste
am 26. April 2017 zusammen mit seiner damaligen Ehefrau B._
und seinem ältesten Sohn C._ (beide N [...]) illegal in die Schweiz
ein und suchte am 28. April 2017 im damaligen Empfangs- und Verfahren-
szentrum (EVZ) des SEM in D._ um Asyl nach. Am 15. Mai 2017
wurde der Beschwerdeführer zu seiner Person, zum Reiseweg sowie sum-
marisch zu den Asylgründen befragt (Befragung zur Person, BzP). Am 5.
Juli 2017 trafen auch die Söhne E._ und F._ (ebenfalls N
[...]) im EVZ in D._ ein und wurden in das Verfahren ihrer Eltern
miteinbezogen.
A.b Mit Verfügung vom 25. August 2017 trat das SEM auf das Asylgesuch
des Beschwerdeführers und seiner Familie nicht ein und ordnete die Weg-
weisung nach Deutschland an, wo der Beschwerdeführer und seine Fami-
lie am 23. März 2015 bereits um Asyl nachgesucht hatten und welches der
Übernahme gestützt auf die Verordnung (EU) Nr. 604/2013 vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (Dublin-III-VO) am 16. August 2017 zugestimmt hatte. Eine ge-
gen die Verfügung vom 25. August 2017 erhobene Beschwerde wies das
Bundesverwaltungsgericht mit Urteil F-5095/2017 vom 6. März 2018 ab.
B.
Am 14. Mai 2018 reichten der Beschwerdeführer und seine Familie ein
Wiedererwägungsgesuch ein, welches vom SEM mit Verfügung vom
15. Juni 2018 abgelehnt wurde. Die gegen diese Verfügung erhobene Be-
schwerde wurde vom Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-4212/2018
vom 7. August 2018 abgewiesen. Am (...) 2018 wurde G._ (eben-
falls N [...]), das vierte Kind des Beschwerdeführers und seiner damaligen
Ehefrau, in der Schweiz geboren.
C.
C.a Am 7. Februar 2019 wurden der Beschwerdeführer und seine Familie
zwangsweise nach Deutschland überstellt, wobei sie bereits am 8. Feb-
ruar 2019 wieder in die Schweiz gelangten, wo sie sich bei der Migrations-
behörde des Kantons H._ meldeten, welche dem Beschwerdefüh-
rer und seiner Familie mit E-Mail vom 22. Februar 2019 mitteilte, dass ein
Folgeasylgesuch schriftlich und begründet an das SEM zu richten sei. Mit
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Eingabe vom 15. Mai 2019 (beim SEM am 16. Mai 2019 eingegangen)
ersuchten der Beschwerdeführer und seine Familie das SEM um Durch-
führung eines Asylverfahrens gemäss Art. 18 ff. AsylG und um Vorladung
zu einer Befragung zu den Asylgründen.
C.b Mit Verfügung vom 12. Juli 2019 trat das SEM auf das Asylgesuch des
Beschwerdeführers und seiner Familie nicht ein und ordnete die Wegwei-
sung nach Deutschland an, welches der Wiederaufnahme gestützt auf die
Dublin-III-VO am 21. Juni 2019 erneut zugestimmt hatte. Die gegen diese
Verfügung erhobene Beschwerde wies das Bundesverwaltungsgericht mit
Urteil D-3733/2019 vom 31. Juli 2019 ab.
D.
D.a Am 5. September 2019 wurden der Beschwerdeführer und seine Fa-
milie erneut zwangsweise nach Deutschland überstellt, wobei sie wiede-
rum umgehend in die Schweiz zurückkehrten und am 9. September 2019
erneut ein Asylgesuch einreichten.
D.b Mit Verfügung vom 3. Dezember 2019 trat das SEM auf das Asylge-
such des Beschwerdeführers und seiner Familie nicht ein und ordnete die
Wegweisung nach Deutschland an, welches der Wiederaufnahme gestützt
auf die Dublin-III-VO am 31. Oktober 2019 erneut zugestimmt hatte.
E.
Angesichts des Umstandes, dass die Frist zur Überstellung nach Deutsch-
land zwischenzeitlich abgelaufen war, hob die Vorinstanz mit Verfügung
vom 19. Juni 2020 ihre Verfügung vom 3. Dezember 2019 auf und nahm
das nationale Asylverfahren wieder auf.
F.
Am 13. Oktober 2020 wurde der Beschwerdeführer von der Vorinstanz ver-
tieft zu seinen Asylgründen angehört (Anhörung).
Zur Begründung seines Asylgesuchs sowie zu seinen persönlichen Ver-
hältnissen machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, dass
er in I._ (Region J._) geboren und aufgewachsen sei. Nach
seinem Schulabschluss sei er von I._ nach K._ gezogen,
um zu studieren. Im Jahr 2010 habe er seinen Abschluss als (...) gemacht
und anschliessend einige Monate auf einer (...) gearbeitet. 2012 habe er
seine Ehefrau geheiratet. In seiner Heimat sei er mehrmals in Schlägereien
geraten, weshalb er Probleme mit dem Gedächtnis habe. Seine Probleme
hätten ihren Ursprung im Erfolg des Familienbetriebs seiner Ehefrau. Da
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das Geschäft gut gelaufen sei, seien von der Familie Schutzgeldzahlungen
verlangt worden. Er habe zunächst versucht, sich von diesen Angelegen-
heiten fernzuhalten. Eines Tages, ungefähr im Jahr 2012, habe er seine
Ehefrau jedoch zu einem Treffen mit der Frau des Kriminellen L._
begleitet. Seine Frau habe das Gespräch aufgezeichnet und sei mit den
Beweisen zur Polizei gegangen, wovon L._ aufgrund seiner Bezie-
hungen zu den Polizeibehörden erfahren habe. Seine Familie habe sich
aufgrund der Probleme, welche die Familie seiner Ehefrau mit L._
gehabt habe, um ihn gesorgt und deshalb versucht, ihn und seine Ehefrau
auseinanderzubringen. Im Jahr 2013 sei er mit seiner Ehefrau das erste
Mal aus Georgien ausgereist. Nach erfolglosen Asylgesuchen in
M._ und Deutschland seien sie im Jahr 2016, mittlerweile als vier-
köpfige Familie nach Georgien zurückgekehrt. Zu dieser Zeit habe seine
Schwägerin N._ (N [...]) die verlangten Schutzgelder bezahlt ge-
habt, und er habe zusätzlich die Mitteilung erhalten, dass L._ fest-
genommen worden sei, was sich später jedoch als Falschinformation her-
ausgestellt habe. Nach seiner Rückkehr habe er ein Praktikum im (...) ab-
solvieren können. In dieser Zeit habe er anonyme Anrufe erhalten, in wel-
chen er aufgefordert worden sei, sich zwecks eines Treffens an bestimmte
Orte zu begeben. Diesen Aufforderungen, welche auch der Ehemann sei-
ner Schwägerin erhalten habe, sei er nicht nachgekommen. Wenige Tage
nach einem der Anrufe seien die Reifen seines Autos von Unbekannten
beschädigt worden und zwei Tage darauf habe ein unbekannter Mann ihn
in unmittelbarer Nähe seines Hauses in einen Streit verwickelt und ihn mit
einem Stein bewusstlos geschlagen. Anschliessend sei er wiederum tele-
fonisch bedroht und danach mitgenommen und mit einem Messer verletzt
worden. Diese Taten, welche sich alle innerhalb eines Monats ereignet hät-
ten, seien von fünfzehn- bis sechzehnjährigen Jugendlichen im Auftrag der
Kriminellen ausgeführt worden. Zuletzt sei eines seiner Kinder kurzzeitig
verschwunden, bis er es unversehrt wiedergefunden habe. Er selbst sei
nicht zur Polizei gegangen. Seine Schwägerin habe jedoch mehrmals er-
folglos versucht, betreffend diese Angelegenheit Schutz durch die Polizei
zu erhalten. Aufgrund der ihm zuletzt zugefügten Verletzungen sei er ge-
meinsam mit seiner Frau und dem ältesten Sohn am 11. April 2017, acht
Monate nach der Rückkehr in seine Heimat, nach O._ geflogen und
von dort aus mit dem Zug in die Schweiz gereist. Seine Eltern und seine
beiden Schwestern lebten weiterhin in Georgien, die Eltern in seinem Hei-
matdorf I._, eine Schwester in K._ und die andere in
P._. Zu seiner Familie, der es gut gehe, pflege er regen Kontakt. In
I._ sei seine Familie im Besitz des grössten Grundstückes im Dorf
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und nutze dieses landwirtschaftlich. Wirtschaftlich habe seine Familie ent-
sprechend keine Probleme. Er habe auch zahlreiche weitere Angehörige,
welche über das ganze Land verstreut seien. Momentan durchliefen er und
seine Ehefrau ein Scheidungsverfahren, wobei die Scheidung in beidseiti-
gem Einverständnis erfolge. Er lebe schon seit einigen Monaten getrennt
von seiner Familie. Aufgrund der Probleme mit den Kriminellen könne er
nicht nach Georgien zurückkehren.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer eine Kopie seines Passes
sowie das Scheidungsbegehren von ihm und seiner Ehefrau zu den Akten.
G.
Am 22. Oktober 2020 eröffnete die Vorinstanz aufgrund der anstehenden
Scheidung des Beschwerdeführers von seiner Ehefrau für ersteren unter
der Nummer N (...) ein eigenes Dossier.
H.
Mit Verfügung vom 23. Oktober 2020 – eröffnet am 30. Oktober 2020 –
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig wurde er aufge-
fordert, die Schweiz sowie den Schengen-Raum bis zum 18. Dezember
2020 zu verlassen, ansonsten die Wegweisung unter Zwang vollzogen
werden könne; sollte diese Frist wegen der ausserordentlichen Lage auf-
grund des Coronavirus nicht ausreichen, so stehe es ihm frei, vor Ablauf
der Frist schriftlich und begründet um Fristerstreckung zu ersuchen. Ferner
beauftragte das SEM den zuständigen Kanton (H._) mit dem Voll-
zug der Wegweisung.
I.
Mit Entscheid des Zivilgerichts des Kantons H._ vom 27. Okto-
ber 2020 wurde die Ehe des Beschwerdeführers und seiner Frau geschie-
den.
J.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 20. November 2020 erhob der
Beschwerdeführer gegen die vorinstanzliche Verfügung beim Bundesver-
waltungsgericht Beschwerde und beantragte sinngemäss ihre Aufhebung.
K.
Mit Schreiben vom 23. November 2020 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.
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Seite 6
L.
Das Bundesverwaltungsgericht zog die Akten der Ex-Frau des Beschwer-
deführers und der gemeinsamen Kinder (N [...]) sowie der Schwägerin (N
[...]) bei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 der COVID-19-Verordnung Asyl; Art. 48 Abs. 1
sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Weiterungen und mit summarischer
Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
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Seite 7
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Dabei umfasst die Furcht vor künftiger Verfolgung allgemein
ein auf tatsächlichen Gegebenheiten beruhendes objektives Element ei-
nerseits sowie die persönliche Furchtempfindung der betroffenen Person
als subjektives Element andererseits. Begründete Furcht vor Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG hat demnach, wer gute – d.h. von Dritten nachvoll-
ziehbare – Gründe (objektives Element) für seine Furcht (subjektives Ele-
ment) vorweist, mit gewisser Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft
das Opfer von Verfolgung zu werden (vgl. BVGE 2011/50 E. 3.1.1; BVGE
2011/51 E. 6.2). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
Im Rahmen der Prüfung der vom Beschwerdeführer vorgebrachten Furcht
vor Verfolgung ist festzustellen, dass es den Vorbringen wie von der Vor-
instanz zu Recht festgestellt am Erfordernis der flüchtlingsrechtlich rele-
vanten Verfolgungsmotivation mangelt, da die geltend gemachten Verfol-
gungsmassnahmen seitens Privatpersonen nicht aus einem in Art. 3 Abs. 1
AsylG aufgezählten Grund, sondern aus finanziellen Beweggründen, mit-
hin aus einem asylfremden Motiv erfolgt und somit asylrechtlich nicht von
Belang sind. Die Vorbringen in der Rechtsmitteleingabe vermögen den Ein-
wand der fehlenden Asylrelevanz nicht zu entkräften. Auf die Frage der Re-
levanz unter völkerrechtlichen Gesichtspunkten ist indes bei der Prüfung
von Wegweisungshindernissen in nachstehender Erwägung E. 6.2 einzu-
gehen.
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Seite 8
Das SEM hat das Asylgesuch des Beschwerdeführers demzufolge zu
Recht abgelehnt.
5.
5.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
5.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
6.
6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
6.2
6.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
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Seite 9
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
6.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
6.2.3 Sodann ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.).
Art. 3 EMRK und Art. 3 FoK verbieten – als Schutzbestimmungen für ele-
mentarste Werte demokratischer Gesellschaften – Folter sowie unmensch-
liche und erniedrigende Strafe oder Behandlung in absoluter Weise
(vgl. u.a. General Comment No. 2 des Komitees gegen Folter [CAT] vom
24. Januar 2008). In ihrem Entscheid vom 2. März 1995 (Nr. 24573/94) hat
die Europäische Menschenrechtskommission die Gefahr einer von nicht-
staatlichen Urhebern ausgehenden Verfolgung unter dem Blickwinkel von
Art. 3 EMRK geprüft und dabei unterstrichen, es komme allein auf das Be-
stehen einer objektiven Gefahr an. Auch der EGMR vertrat in seinem Urteil
Ahmed gegen Österreich die Auffassung des absoluten Charakters von
Art. 3 EMRK. Die Anwendbarkeit dieser Bestimmung auf nichtstaatliche
Akteure wurde mithin bejaht und ist vom Verhalten der betreffenden Person
unabhängig (vgl. Urteil des EGMR Ahmed gegen Österreich vom 17. De-
zember 1996, 25964/94, Recueil CourEDH 1996-VI S. 2195 Ziff. 46; seither
ständige Praxis). Bereits die ARK ging davon aus, die Anwendung von
Art. 3 EMRK setze nicht zwingend voraus, die drohende menschenrechts-
widrige Behandlung müsse von staatlichen Organen ausgehen (EMARK
2004 Nr. 14 E. 5b und 1996 Nr. 18 S. 182 ff.).
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Seite 10
6.2.4 In Übereinstimmung mit der Vorinstanz bestehen unabhängig von der
Beurteilung des Schutzwillens und der Schutzfähigkeit des georgischen
Staates in Bezug auf eine Gefährdung durch L._ entgegen den an-
derslautenden Beschwerdevorbringen keine Hinweise zur Annahme einer
begründeten Furcht vor künftigen Verfolgungsmassnahmen. So geht aus
den Aussagen des Beschwerdeführers hervor, dass L._ die Erpres-
sung von Schutzgeldern bezweckte. Mithin ist sein Interesse rein finanziel-
ler Natur gewesen. Es kann ferner mit der Vorinstanz davon ausgegangen
werden, dass das Interesse an seiner Person ausschliesslich im Zusam-
menhang mit der Stellung der Schwägerin als Verwalterin der Vermögens-
werte der Familie und als Ehefrau eines Mannes in hoher Position in einer
wichtigen staatlichen Behörde gestanden hat. Die Schwägerin wurde mitt-
lerweile in der Schweiz vorläufig aufgenommen. Das Unternehmen hat sie
bereits im Jahr 2015 verkauft und ihr Ehemann ist mittlerweile verstorben.
Entgegen den Ausführungen in der Beschwerde ist jedoch nicht erstellt,
dass er ermordet worden ist. So hat der Beschwerdeführer selber zu Pro-
tokoll gegeben, dass man die Ursache bis heute nicht kenne (vgl. [...]). Die
Vorinstanz schlussfolgerte sodann zu Recht, dass im Generellen kein An-
haltspunkt für ein aktuelles Interesse seitens L._ bestehe. Diesbe-
züglich ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer in der Anhörung ange-
geben hat, die angeblichen Vorfälle nach der Rückkehr nach Georgien hät-
ten sich im Jahr 2016 abgespielt (vgl. [...]). Wenn er nun demgegenüber in
der Rechtsmitteleingabe im Widerspruch dazu die Übergriffe im Jahr 2017
verortet, erweckt dies – insbesondere angesichts der Betonung des Um-
standes, dass ganze zwei Jahre seit dem Verkauf vergangen seien – den
Anschein, als wolle er einen allfälligen Kausalzusammenhang zum Verkauf
des Unternehmens respektive zu aufgrund dieses Verkaufs noch vorhan-
denen Vermögenswerten kappen und als Verfolgungsmotiv Rache geltend
machen, was angesichts der Diskrepanz zu den Aussagen an der Anhö-
rung nicht zu überzeugen vermag. Schliesslich ist der Beschwerdeführer
mittlerweile von seiner Frau geschieden worden, durch welche er mit
L._ in Berührung gekommen war (vgl. [...]). Auch hat er mit der
Scheidung von seiner Frau den familiären Bezugspunkt zu allfälligen noch
vorhandenen Vermögenswerten verloren. Nach dem Gesagten ist davon
auszugehen, dass ein Verfolgungsinteresse seitens L._, sollte ein
solches je bestanden haben, weggefallen ist. Mithin ist es dem Beschwer-
deführer nicht gelungen, eine tatsächlich bestehende konkrete Gefahr
("real risk") im Sinne der vorgängigen Erwägung nachzuweisen oder glaub-
haft zu machen.
D-5835/2020
Seite 11
Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt den
Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erschei-
nen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne
der landes- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
6.3
6.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
6.3.2 Wie das SEM in der angefochtenen Verfügung zutreffend festgehal-
ten hat, spricht die in Georgien herrschende politische Lage nicht gegen
die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs.
6.3.3 Weder die allgemeine Lage in Georgien noch individuelle Gründe
wirtschaftliche und sozialer Natur lassen auf eine konkrete Gefährdung des
Beschwerdeführers in seinem Heimatland schliessen. Der Beschwerdefüh-
rer verfügt in Georgien über ein grosses familiäres Beziehungsnetz und hat
oft Kontakt mit seinen Eltern und seinen Schwestern (vgl. [...]). Die Eltern,
welche nach wie vor im Heimatdorf leben sind in der Landwirtschaft tätig
und bewirtschaften eines der grössten Grundstücke des Ortes (vgl. [...]).
Der Beschwerdeführer hat einen Universitätsabschluss als (...) erlangt und
erste Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt (vgl. [...]).
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
6.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
6.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
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Seite 12
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und auch sonst nicht zu
beanstanden ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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