Decision ID: 16eb73a7-f19d-43d3-af81-bc0620692418
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
versuchte Körperverletzung und Drohung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Dielsdorf, Einzelgericht in Strafsachen, vom 23. November 2015 (GG150018)
- 2 -
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 31. März
2015 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 40).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 83 S. 55 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
− der versuchten einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1
Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB sowie
− der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB.
2. Vom Vorwurf der versuchten (qualifizierten) einfachen Körperverletzung im Sinne
von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 1 und 2 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB wird
der Beschuldigte A._ freigesprochen.
3. Der Beschuldigte A._ wird bestraft mit einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen
zu Fr. 10.– als Zusatzstrafe zu der mit Urteil des Bezirksgerichtes Uster vom 18.
Oktober 2012 ausgefällten Strafe (Geldstrafe von 90 Tagessätze zu Fr. 10.–, wo-
von 37 Tagessätze als durch Haft geleistet gelten, sowie Busse von Fr. 100.–).
4. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf vier Jahre
festgesetzt.
5. Das Genugtuungsbegehren des Privatklägers B._ wird abgewiesen.
- 3 -
6. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf
Fr. 1'800.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 3'000.00 Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 187.50 Entschädigung Dolmetscher (Vorverfahren)
Fr. 170.00 Zeugenentschädigungen (Hauptverfahren)
Fr. 5'157.50 Total
Wir auf eine Begründung verzichtet, reduziert sich die Gerichtsgebühr um einen
Drittel auf Fr. 1'200.–.
7. Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten A._, Rechtsanwalt lic. iur.
X._, wird wie folgt entschädigt:
Fr. 5'830.00 ; Honorar
Fr. 203.10 ; Auslagen
Fr. 482.65 MWST
Fr. 6'515.75
8. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen
diejenigen der amtlichen Verteidigung, werden dem Beschuldigten A._ aufer-
legt.
9. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse genommen;
vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
10. Der Beschuldigte A._ wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ für das ge-
samte Verfahren eine Prozessentschädigung von Fr. 8'000.– (inkl. MWSt.) zu be-
zahlen.
11. (Mitteilungen)
12. (Rechtsmittel)"
- 4 -
Berufungsanträge:
a) Des Beschuldigten:
(Urk. 97 S. 1 f.)
"1. Ziff. 1., 3, 4, 8 und 10 des vorinstanzlichen Urteilsdispositivs seien aufzu-
heben.
2. Der Beschuldigte sei in Gutheissung seiner Berufung vollumfänglich, also
auch vom Vorwurf der versuchten einfachen Körperverletzung und der Dro-
hung freizusprechen.
3. Eventualiter wäre gestützt auf Art. 54 StGB zumindest von einer Bestrafung
des Beschuldigten abzusehen.
4. Alles unter gesetzlichen Kosten- und Entschädigungsfolgen."
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 91, schriftlich)
Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils
c) Des Privatklägers B._:
(Urk. 99 S. 1)
"1. Das Urteil vom 23. November 2015 des Bezirksgerichts Dielsdorf sei voll-
umfänglich zu bestätigen.
2. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Privatkläger für das Berufungs-
verfahren eine Prozessentschädigung von ca. Fr. 1'615.80 zu bezahlen.
3. Die Verfahrenskosten seien ausgangsgemäss dem Beschuldigten aufzu-
erlegen."
- 5 -

Erwägungen:
1. Verfahrensgang / Umfang der Berufung
1.1. Mit dem eingangs im Dispositiv wiedergegebenen Urteil der Vorinstanz
vom 23. November 2015 wurde der Beschuldigte der versuchten einfachen Kör-
perverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 SGB in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB sowie der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB schuldig ge-
sprochen und mit einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu Fr. 10.– als Zusatz-
strafe bestraft, unter Gewährung des Aufschubs des Vollzugs der Geldstrafe bei
einer Probezeit von vier Jahren. Schliesslich wurde das Genugtuungsbegehren
des Privatklägers abgewiesen. Für die wechselvolle Prozessgeschichte dieses
und des damit verknüpften Verfahrens gegen den Privatkläger sei auf das vor-
instanzliche Urteil verwiesen (Urk. 83 S. 3-8).
1.2. Der Beschuldigte meldete am 25. November 2015 rechtzeitig Berufung ge-
gen das vorinstanzliche Urteil an (Urk. 78). Die Berufungserklärung datiert vom
15. Februar 2016 (Urk. 87) und erfolgte damit ebenfalls fristgerecht (vgl.
Urk. 80/2). Die Staatsanwaltschaft hat auf Anschlussberufung verzichtet (Art. 400
Abs. 2 f. und Art. 401 StPO) und erklärt, dass sie sich am weiteren Verfahren
nicht aktiv beteiligen werde (Urk. 91); ihr wurde das Erscheinen an der Beru-
fungsverhandlung freigestellt (Urk. 93).
1.3. Der Beschuldigte hat die Berufung gegen das angefochtene Urteil be-
schränkt (Urk. 87 S. 1, Urk. 97 S. 1 f.; Art. 399 Abs. 4 StPO). Die Staatsanwalt-
schaft sowie die Privatklägerschaft beantragen die Bestätigung des vorinstanzli-
chen Urteils (Urk. 91, Urk. 99). Im Berufungsverfahren sind demzufolge die Rege-
lung der Zivilansprüche (Urteilsdispositiv-Ziffer 5) sowie die Kostenfestsetzung
(Urteilsdispositiv-Ziffern 6 und 7) nicht angefochten. Die Rechtskraft dieser Rege-
lung ist vorab mit Beschluss festzuhalten. Der Freispruch wegen der versuchten
qualifizierten einfachen Körperverletzung (Urteilsdispositiv-Ziffer 2) beschlägt den
selben Sachverhalt wie Urteilsdispositiv-Ziffer 1 und hat bereits aufgrund des
Grundsatzes der reformatio in peius keine eigenständige Bedeutung.
- 6 -
2. Prozessuales
2.1. Anlässlich der Berufungsverhandlung stellte der Verteidiger eventualiter für
den Fall der Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils den Beweisantrag, es seien
die Akten der Invaliden- sowie der Unfallversicherung beizuziehen. Zur Be-
gründung führte er aus, diese Unterlagen würden die schwere Betroffenheit im
Sinne von Art. 54 StGB belegen. Das Verfahren sei sehr langwierig und es sei
auch bereits das Bundesgericht involviert gewesen. Zudem habe letzthin eine Be-
gutachtung des Beschuldigten stattgefunden (Prot. II S. 5).
2.2. Die Verteidigung bringt zwar vor, der Beschuldigte werde immer wieder
von Schmerzen geplagt, leide an Angstzuständen und Depressionen sowie an ei-
ner posttraumatischen Belastungsstörung (Urk. 97 S. 13). Allerdings werden kei-
nerlei Unterlagen wie beispielsweise Arztzeugnisse oder das erwähnte Gutachten
eingereicht, um den Zustand des Beschuldigten zu belegen. Es wäre dem Be-
schuldigten aber ohne Weiteres möglich gewesen, selber entsprechende Arzt-
berichte einzureichen. Auffallend ist auch, dass der Beschuldigte zwar angibt, in
psychologischer Behandlung zu sein, jedoch weder den Namen des Psychologen
noch die Namen der Medikamente, welche er angeblich einnehmen muss, nennt
(Urk. 96 S. 3). Ohne Anhaltspunkte wie ein Arztzeugnis, die den Zustand des Be-
schuldigten erhärten könnten, ist auch keine Notwendigkeit ersichtlich, die ent-
sprechenden Unterlagen der Invaliden- sowie Unfallversicherung beizuziehen
(vgl. Art. 389 Abs. 3 StPO). Dementsprechend ist der Beweisergänzungsantrag
des Beschuldigten abzuweisen.
3. Sachverhalt
3.1. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten zunächst vor, er habe den
Privatkläger am 12. April 2010 um etwa 15 Uhr an dessen Arbeitsplatz in der Lie-
genschaft ...strasse ... in C._ aufgesucht, habe ihn dort mit einem Rad-
schlüssel und dem Tod bedroht und ihm zudem einen leichten Fusstritt gegen die
rechte Hüfte versetzt, was den Privatkläger geängstigt habe, was wiederum der
Beschuldigte zumindest in Kauf genommen habe (Urk. 40 S. 2).
- 7 -
3.2. Der Beschuldigte gesteht ein, den Privatkläger aufgesucht zu haben, be-
streitet aber, einen Radschlüssel mitgeführt zu haben. Im Zusammenhang mit
seinem Verdacht eines ausserehelichen Verhältnisses seiner Schwägerin zum
Privatkläger habe er letzteren zur Rede stellen wollen. Er habe den Privatkläger
nicht provoziert, geschweige denn bedroht oder angegriffen (vgl. Urk. 4 S. 2). Es
sei der Plan des Privatklägers gewesen, ihn umzubringen; jener habe direkt auf
ihn geschossen (Urk. 50A/80 S. 8).
3.3. Die Verteidigung kritisiert, die Vorinstanz habe sich willkürlich und borniert
geweigert, den Grundsatz in dubio pro reo im vorliegenden Verfahren gegen den
Beschuldigten anzuwenden. Es gebe mehrere Zeugen, die die Version des Be-
schuldigten stützten und von einem angeblichen Radschlüssel nichts mitbekom-
men hätten. Aufgrund der Unverwertbarkeit der Aussagen der Zeugin D._
fehle es neben den Zeugen E._ an einer unabhängigen Person, die das be-
stätigen könne. Nach dem Grundsatz in dubio pro reo sei daher von dem für den
Beschuldigten günstigeren Sacherhalt auszugehen, wonach dieser keinen Rad-
schlüssel auf sich getragen habe, als er den Privatkläger am 12. April 2010 an
dessen Arbeitsplatz aufgesucht habe (Urk. 97 S. 5 ff.).
3.4. Es ist angesichts der Beweislage zu überprüfen, inwiefern sich der Vorwurf
der Anklage erstellen lässt. Die Vorinstanz hat zu Recht darauf hingewiesen, dass
es sich um ein "Vier-Augen-Delikt" handelt, bei welchem im Wesentlichen auf die
Aussagen der beiden Beteiligten abzustellen ist. Vorab darauf hinzuweisen ist
ferner, dass das erstinstanzliche Gericht ausführliche und zutreffende Aus-
führungen zu den Grundsätzen und Regeln der Beweiswürdigung machte, worauf
vollumfänglich verwiesen werden kann (Art. 82 Abs. 4 StPO; Urk. 83 S. 10 f.).
3.5. Klarzustellen ist sodann, dass keine Bindungswirkung der Rechtskraft des
Parallelverfahrens betreffend den Beschuldigten im vorliegenden Prozess be-
steht, wie es aber der Staatsanwalt (Urk. 38/14), der Privatkläger (vgl. bspw.
Urk. 66) und teilweise auch die Vorinstanz (Urk. 37 S. 10, richtig aber im Urteil;
Urk. 83 S. 21) dartaten (vgl. dazu bereits Art. 11 StPO) und worauf auch die Ver-
teidigung zurecht hinweist (Urk. 97 S. 5).
- 8 -
3.6. Die Vorinstanz hat sich eingehend mit den Aussagen des Privatklägers und
des Beschuldigten auseinander gesetzt. Sie hat sie gewürdigt und einer um-
fassenden Glaubwürdigkeits- und Glaubhaftigkeitsprüfung unterzogen. Zur Ver-
meidung von Wiederholungen kann auf diese Ausführungen verwiesen werden
(Urk. 83 S. 12 ff. und S. 21 ff.). Die nachfolgenden Erwägungen verstehen sich als
Hervorhebungen und Präzisierungen:
3.6.1. Es sind sämtliche Aussagen beider Verfahrensbeteiligter sowohl im vorlie-
genden als auch im Parallelverfahren verwertbar. In seiner Funktion als Beschul-
digte verwies A._ im vorliegenden Verfahren sowohl in den staatsanwalt-
schaftlichen Einvernahmen vom 18. August 2010 (Urk. 4 S. 2) und 4. März 2015
(Urk. 38/1 S. 2) als auch anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung auf die
bisherigen Einvernahmen und erklärte zudem, dass das in den Akten stimme
(Urk. 67 S. 5). Der Privatkläger wurde von der Staatsanwaltschaft im vorliegenden
Verfahren am 4. März 2015 als Auskunftsperson einvernommen, wobei dem Be-
schuldigten das Recht auf Ergänzungsfragen und Stellungnahme gewährt wurde
(Urk. 38/2). Die Frage, ob auf frühere in Abwesenheit der beschuldigten Person
erfolgten Aussagen (allenfalls auch widersprüchliche Aussagen) abgestellt wer-
den kann, betrifft nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung nicht die Ver-
wertbarkeit, sondern die Würdigung der Beweise (vgl. dazu Urteil des BGer
6B_518/2014 E. 4.2 f. vom 4. Dezember 2014 m.w.H.).
3.6.2. Weshalb der Beschuldigte den Privatkläger an der ...strasse ... in C._
aufsuchte, vermochte ersterer nicht plausibel zu erklären. Insbesondere ist nicht
verständlich, wieso er ihn als Nachbarn nicht zu Hause um ein Gespräch gebeten
hat. Die zuletzt zu Protokoll gegebene Variante, der Privatkläger habe mehrmals
angerufen und mit ihm reden wollen (Urk. 50A/80 S. 8), war zuvor nie zur Sprache
gekommen und steht auch im Widerspruch zu den früheren Aussagen des Be-
schuldigten, er sei auf seinem Arbeitsweg an der ...strasse ... vorbeigefahren, ha-
be dort einen Firmenwagen der Gesellschaft gesehen, bei welcher der Privatklä-
ger arbeite und sei dann ausgestiegen, weil er mit dem Privatkläger habe reden
wollen / bzw. diesen zur Rede habe stellen wollen (vgl. Urk. 50A/8/1 und 8/2 S. 4
sowie 8/3 S. 3). Mit Blick auf das Kerngeschehen sagte der Beschuldigte zwar
- 9 -
konstant aus, der Privatkläger habe unvermittelt die Pistole gezückt und geschos-
sen, insgesamt bleibt die Darstellung aber detailarm und eindimensional (vgl. Urk.
83 S. 23). Beispielhaft sei dazu die Aussage anlässlich der staatsanwaltschaftli-
chen Konfrontationseinvernahme vom 6. September 2010 angeführt Urk. 5 S. 3):
"Es ist alles gelogen, was Herr B._ sagt. Ich hatte keine solche Eisenstange.
Ich kämpfte nur um mein Leben."
3.6.3. Der Privatkläger führte aus, er habe vom 7. Stock des Gebäudes aus nach
unten die Treppe gereinigt, als im 4. Stock der Privatkläger die Treppe hoch ge-
kommen sei. Dieser habe einen etwa 40 cm langen Radschlüssel in der Hand ge-
halten und ihn damit bedroht, seine Mutter und ihn beschimpft und gesagt, er ha-
be ihn schon lange gesucht. Ferner habe der Beschuldigte ihm einen Fusstritt in
die rechte Hüfte versetzt (Urk. 5 S. 3 f.; vgl. Urk. 31 S. 10 m.w.H.). Die Darstellung
des Privatklägers wirkt grundsätzlich konstant, detailreich und mit Realitätskenn-
zeichen versehen. Mit zunehmender Verfahrensdauer ist aber eine Aggravation
der Darstellung der angeblichen Handlungsweise des Beschuldigten zu erkennen,
worauf die Vorinstanz zu Recht hinwies (Urk. 83 S. 24). Für die Glaubhaftigkeit
der Aussagen des Privatklägers spricht aber, dass er den Aussagen des Be-
schuldigten selbst dann eine eigene Darstellung entgegenhielt, wenn die Be-
hauptungen des Beschuldigten für ihn vorteilhafter gewesen wären: So befand
sich der Privatkläger zu Beginn der Auseinandersetzung nach eigenen Aussagen
im Treppenhaus (Urk. 38/2 S. 3), nach Aussagen des Beschuldigten im engen Lift
(Urk. 50A/8/3 S. 3; vgl. Urk. 50A/12/1 S. 6), was als grössere Bedrängnis er-
schiene. Schliesslich spricht für die Glaubhaftigkeit der Sachverhaltsdarstellung
des Privatklägers, dass er einen L-förmigen Radschlüssel als Angriffsmittel des
Beschuldigten umschrieb. Bei einer erfundenen Darstellung würde eher auf ein
Messer oder einen Hammer zurückgegriffen. Insgesamt sind die Aussagen des
Privatklägers glaubhaft.
3.7. Die Vorinstanz hat sich in der Folge intensiv mit den mittelbaren Zeugen
F._, G._, E._, D._, I._, J._, K._ und L._
hinsichtlich der Frage, ob der Beschuldigte einen Radschlüssel zur Drohung ein-
setzte, auseinander gesetzt (Urk. 83 S. 25 ff.).
- 10 -
3.7.1. Es stellt sich diesbezüglich die Frage der Verwertbarkeit einer Zeugen-
einvernahme aus dem Parallelverfahren:
3.7.1.1. Im Verfahren gegen den Privatkläger sagte D._ (damals noch unter
dem Namen D._) als Zeugin anlässlich der Hauptverhandlung vom
16. November 2011 aus, wobei der Beschuldigte – in seiner damaligen Funktion
als Privatkläger – Ergänzungsfragen stellen liess (Urk. 50A/77 S. 17). Im vor-
liegenden Verfahren gegen ihren Ex-Mann machte D._ schriftlich darauf
aufmerksam, vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen zu wollen
(Urk. 57).
3.7.1.2. Der Beschuldigte hielt dafür, die Angaben von D._ seien im Verfah-
ren gegen ihn gestützt auf Art. 147 StPO, Art. 29 Abs. 2 BV und Art. 6 EMRK
nicht verwendbar, da er als Beschuldigter nie habe Fragen an sie richten können
und sich D._ zudem ausdrücklich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht berufen
habe (Urk. 74 S. 9, Urk. 97 S. 3 ff.).
3.7.1.3. Die Vorinstanz erwog im Wesentlichen, der Beschuldigte habe die Mög-
lichkeit gehabt, der Zeugin im Parallelverfahren Ergänzungsfragen zu stellen.
Zwar sei ihm eine andere Parteirolle zugekommen, die Teilnahmerechte würden
aber als hinreichend gewahrt erscheinen. Angesichts der eher geringen Entschei-
dungsrelevanz sei die Einvernahme ohne weiteres verwertbar (Urk. 83 S. 29). Mit
Verfügung vom 19. November 2014 vertrat die Vorinstanz (wenn auch in anderer
personeller Besetzung) demgegenüber die gegenteilige Meinung (Urk. 37 S. 12).
3.7.1.4. Gemäss Art. 177 Abs. 3 StPO ist eine Zeugin auf ihre Verweigerungs-
rechte aufmerksam zu machen, sobald solche Rechte aufgrund der Befragung
und der Akten erkennbar sind. Die Belehrung über die Zeugnisverweigerungs-
rechte ist kein Gültigkeitserfordernis schlechthin. Die Belehrung gilt erst dann als
Gültigkeitserfordernis, wenn der einvernommenen Person ein Zeugnisverweige-
rungsrecht zustand, auf das sie nicht aufmerksam gemacht wurde und sie sich
nachträglich darauf beruft (Kerner, in: BSK StPO, 2. Auflage, Basel 2014, Art. 177
N 14). Diese Gesetzesbestimmung wurde selbstredend nicht mit Blick auf die hier
fragliche Konstellation geschaffen, erscheint aber gleichwohl als anwendbar: Die
- 11 -
ursprüngliche Zeugeneinvernahme erfolgte im Verfahren gegen den Privatkläger;
ein Verweigerungsrecht nach Art. 168 StPO bestand damals nicht, weshalb die
Zeugin auch nicht darauf aufmerksam gemacht wurde. Gegen den Beschuldigten
besteht aber ein Zeugnisverweigerungsrecht im Sinne von Art. 168 Abs. 1 lit. a
und b i.V.m. Abs. 2 StPO, auf welches sich die Zeugin berief. Wäre das ursprüng-
liche Zeugnis gegen den Beschuldigten verwertbar, so würde die Bestimmung
Art. 177 Abs. 3 StPO umgangen, was gegen den Sinn und Zweck dieser Norm
verstossen würde. Es kommt hinzu, dass die Parteirolle (Privatklä-
ger/Beschuldiger) für das Stellen von Ergänzungsfragen von gewichtiger Bedeu-
tung ist, weshalb einer Verwertung der Zeugenaussage D._s zulasten des
Beschuldigten auch Art. 147 Abs. 1 und 4 entgegensteht. Ihre Einvernahme ist
folglich zulasten des Beschuldigten nicht verwertbar.
3.7.2. Der Verteidiger des Beschuldigten macht geltend, mehrere Zeugen würden
die Version des Beschuldigten stützen, wonach der Beschuldigte gegenüber den
Zeugen E._ bei der zufälligen Begegnung im ...zentrum höchstens erwähnt
habe, dass der Privatkläger fälschlicherweise Notwehr geltend machen würde und
zu seiner Rechtfertigung behaupte, der Beschuldigte hätte eine Eisenstange in
der Hand gehabt, was nicht der Fall gewesen sei (Urk. 97 S. 7).
3.7.3. Die Vorinstanz hat die Aussagen der mittelbaren Zeugen sowie ihre Er-
wägungen dazu ausführlich wiedergegeben; es ist – mit Ausnahme der nicht ver-
wertbaren Beweismittel gemäss obiger Erwägung – grundsätzlich darauf zu ver-
weisen (HD Urk. 83 S. 25-41). Zusammenfassend und ergänzend sei Folgendes
festgehalten:
3.7.4. Den Aussagen des Zeugen F._s sowie J._s kann zur Frage, ob
der Beschuldigte einen Radschlüssel mit sich führte nichts Entscheidendes ent-
nommen werden (vgl. Urk. 83 S. 26 f. und 36).
3.7.5. Die übrigen Zeugenaussagen beschlagen ein Gespräch der Zeugen
E._ mit dem Beschuldigten, die sich nach dem Vorfall zufällig im ...zentrum
trafen. Die Zeugen E._ halten dafür, der Beschuldigte habe Ihnen – ange-
sprochen auf das Pflaster am Hals – entgegnet, es habe gewisse familiäre Prob-
- 12 -
leme gegeben, aufgrund derer er sich vorbereitet habe, den Beschuldigten zu
verprügeln und dazu einen Autopneuschlüssel im Ärmel versteckt mitgenommen
habe. Der Beschuldigte sei jedoch schneller gewesen und habe auf ihn geschos-
sen (Urk. 38/3 S. 3; Urk. 38/4 S. 3). Der Beschuldigte, dessen Bruder, Schwager
sowie L._ bestätigten, dass es zu einem Gespräch im ...zentrum gekommen
sei. Während Letzterer angab, aufgrund des Lärms den Gesprächsinhalt nicht
verstanden zu haben (Urk. 70 S. 3 ff.), hielten die ersteren dagegen, der Beschul-
digte habe nur erzählt, dass der Privatkläger ihn belaste, ihn (den Privatkläger)
mit einer Eisenstange aufgesucht zu haben.
3.7.6. Die Glaubwürdigkeit des Bruders des Beschuldigten, I._, ist getrübt, da
auch er unmittelbar in die Familienfehde involviert war. Seine Darstellung, dass er
noch ganz genau wisse, was der Beschuldigte erzählt habe, erstaunt bereits des-
halb, weil der Kollege L._ den Gesprächsinhalt aufgrund des Lärms nicht
verstand. Das Aussageverhalten I._s war sodann auch von Gegenangriffen
gekennzeichnet, indem er – unzutreffenderweise – ausführte, dass es immer wie-
der ein anderes Angriffswerkzeug (Radschlüssel, L-Schlüssel, Kreuz, Haken,
Baseballschläger) gewesen sein soll (vgl. Urk. 68 S. 3 ff.). Insgesamt erscheint
seine Darstellung als wenig glaubhaft. Nämliches trifft auf die Aussagen des
Schwagers des Beschuldigten zu (Urk. 70 S. 3 f.).
3.7.7. Der Zeuge E._ verneinte als Zeuge im Parallelverfahren die Frage ob
er vorbestraft sei, trotz eines eingetragenen Strafbefehls (Urk. 50A/75 S. 8). Dar-
aus leitete der Beschuldigte die Unglaubhaftigkeit der Darstellung dieses Zeugen
ab (Urk. 74 S. 11, Urk. 97 S. 12). Es ist leider notorisch, dass Verurteilungen im
Strafbefehlsverfahren häufig gar nicht als solche wahrgenommen werden oder
schlicht vergessen gehen; aus der Fehlaussage des Zeugen E._ auf die ge-
nerelle Unglaubhaftigkeit der Aussagen zu schliessen, geht also fehl. Einherge-
hend mit den Erwägungen der Vorinstanz ist vielmehr von einer realitätsnahen
und glaubhaften Schilderung beider Zeugen E._s auszugehen. Zureichende
Anhaltspunkte für eine Falschbelastung liegen entgegen der Verteidigung allein
aufgrund des Umstandes, dass E._ zur selben Zeit wie der Privatkläger im
Gefängnis Horgen inhaftiert war (vgl. Urk. 97 S. 12 f.), nicht vor (vgl. Urk. 83 S. 38
- 13 -
und 40). Gleichermassen ist weitgehend auszuschliessen, es habe ein Missver-
ständnis vorgelegen. Einerseits hätte das Missverständnis beide Zeugen E._
betreffen müssen, andererseits bliebe unerklärt, weshalb sie verstanden, der Be-
schuldigte habe den Radschlüssel im Ärmel versteckt, zumal dieses Sachver-
haltselement weder Teil dieses Strafprozesses war noch eine Entsprechung in
der Darstellung des Beschuldigten zum Treffen im ...zentrum findet.
3.7.8. Insgesamt erscheint hinsichtlich der mittelbaren Zeugen die Darstellung der
Zeugen E._ als überzeugend, werden doch die ohnehin schon weniger
glaubhaften Aussagen der beiden Verwandten des Beschuldigten durch die Dar-
stellung von L._s noch weitergehend relativiert. Die Zeugen E._ haben
auch kein erkennbares Interesse am Prozessausgang. Schliesslich erscheint ge-
stützt auf die eigene Zugabe des Beschuldigten, er hätte mit Freuden davon er-
zählt, hätte er wirklich eine Eisenstange dabei gehabt, die Bekanntgabe eines
Angriffs an Bekannte keineswegs als abwegig.
3.8. Hinzu kommen folgende Rahmenumstände, die den fraglichen Sachverhalt
indizieren: Fest steht, dass der Privatkläger eine Faustfeuerwaffe mit sich führte,
welche er in Richtung des Kopfes des Beschuldigten abfeuerte und letzteren am
Hals verletzte. Damit wird grundsätzlich die Glaubhaftigkeit der Ausführungen des
Beschuldigten untermauert. Gleichermassen verhält es sich damit, dass kein
Radschlüssel sichergestellt wurde. Fest steht aber auch, dass der Beschuldigte
den Privatkläger aufsuchte und nicht umgekehrt. Dieser Umstand ist eher ein
Hinweis für die Glaubhaftigkeit der Ausführungen des Privatklägers. Wäre es
nämlich dessen erklärte Absicht gewesen, den Beschuldigten zu töten – wie vom
Beschuldigten behauptet –, so wäre es viel wahrscheinlicher, der Privatkläger hät-
te sich nicht des Vorteils des Überraschungsmoments begeben, sondern selber
die Initiative ergriffen. Fest steht angesichts des Schusskanals schliesslich auch,
dass sich die beiden bei der Schussabgabe frontal gegenüber standen (vgl.
Urk. 80A/32/1 S. 17). Der Beschuldigte muss sich in der Folge gedreht oder rück-
wärts laufend davon gemacht haben; in dieser Phase fiel kein erneuter Schuss,
was gleichermassen für die Sachverhaltsdarstellung des Privatklägers spricht.
Selbst der Beschuldigte räumte ein, dass es dem Privatkläger möglich gewesen
- 14 -
wäre, mehr als einmal auf ihn zu schiessen (Urk. 50A/8/3 S. 5). Hinzu kommt
schliesslich, dass sich der Privatkläger innerhalb einer Dreiviertelstunde eigen-
ständig der Polizei stellte (Urk. 50A/1).
3.9. Der Verbund der abgehandelten Aspekte – glaubhaftere Aussagen des
Privatklägers versus unglaubhafte Aussagen des Beschuldigten, den Anklage-
sachverhalt untermauernde mittelbare Zeugen und überwiegend für den Anklage-
sachverhalt sprechende Rahmenumstände – lassen den Anklagesachverhalt als
erstellt erscheinen. Die verbleibenden Zweifel sind untergeordneter Natur, dass
nur eine theoretische dahingehende Wahrscheinlichkeit verbleibt; ein Freispruch
in dubio pro reo für den ersten Absatz des Anklagesachverhalts fällt also ausser
Betracht. Erstellt ist damit insbesondere, dass der Beschuldigte einen Rad-
schlüssel mit sich führte, als er den Privatkläger zur Rede stellen wollte und die-
sen drohend anhob. Die Vorinstanz schloss zugleich auch auf den zweiten Absatz
der Anklage und hielt fest, der Beschuldigte sei im Begriffe gewesen, den Privat-
kläger mit dem Radschlüssel zu schlagen. Diesbezüglich hat aber eine gesonder-
te Prüfung zu ergehen.
3.10. Dem zweiten Absatz des Anklagesachverhalts zufolge sei der Beschuldigte
im Begriff gewesen, den Privatkläger mit dem Radschlüssel zu schlagen und ent-
sprechend zu verletzen, wozu es indes nicht gekommen sei, da der Privatkläger
mit einer Faustfeuerwaffe auf den Beschuldigten geschossen, diesen am Hals
verletzt und so vertrieben habe (Urk. 40 S. 2).
3.11. Der Beschuldigte bestreitet diesen Sachverhalt. Er habe den Privatkläger
weder schlagen noch verletzen wollen (Urk. 4 S. 2). Bei der Prüfung des Anklage-
sachverhalts sind alle äusseren Umstände heranzuziehen, welche auf Wissen
und Willen des Beschuldigten schliessen lassen, den Privatkläger über das Dro-
hen hinaus in seiner Integrität zu beeinträchtigen.
3.12. Auch diesbezüglich ist zur Hauptsache auf die Ausführungen des Beschul-
digten und jene des Privatklägers abzustellen:
- 15 -
3.13. Gemäss den Aussagen des Privatklägers im Parallelverfahren habe der
Beschuldigte einen Radschlüssel in der rechten Hand gehalten, wie wenn der Be-
schuldigte zuschlagen würde; er habe die Pistole aus der Arbeitshose ge-
nommen, dabei sei ihm die Waffe zu Boden gefallen, wobei der Beschuldigte
leicht zurückgewichen sei als er (der Beschuldigte) die Pistole gesehen habe
(Urk. 50A/7/1 S. 13 f. und Urk. 50A/7/2 S. 3). Bei der Schussabgabe sei der Be-
schuldigte still gestanden (Urk. 50A/7/1 S. 15). Im vorliegenden Verfahren führte
der Privatkläger aus, der Beschuldigte habe den Radschlüssel in der Höhe über
dem Kopf gehalten, habe auf ihn los gehen und schlagen wollen; zugleich gab er
aber auch zu Protokoll, der Beschuldigte und er seien von dem Augenblick an, als
er den Beschuldigten erstmals gesehen habe, in der gleichen Position stehen ge-
blieben um im Folgesatz wieder zu ergänzen, der Beschuldigte sei auf ihn los ge-
kommen (Urk. 38/2 S. 4 f.). Einzig in der erstinstanzlichen Hauptverhandlung des
Parallelverfahrens schilderte der Privatkläger – als Beschuldigter – konkret und
detailliert, wie der Beschuldigte versucht habe, ihn mit dem Radschlüssel zu tref-
fen (Urk. 50A/73 S. 3 und S. 8 f.). Diese Aussagen korrespondieren aber weder
mit früheren Aussagen im dortigen Verfahren, noch wurden sie im vorliegenden
Verfahren wiederholt. Damit gebricht es aber bereits zureichender direkter objek-
tiver Anhaltspunkte, dass der Beschuldigte über eine drohende Haltung mit dem
Radschlüssel hinaus auch schlagen und verletzen wollte. Zwar indizieren auch
hier wiederum die Aussagen der Zeugen E._ mittelbar den Anklagesachver-
halt, die Rahmenumstände hingegen lassen keinen überwiegenden dahingehen-
den Schluss zu, zumal die diesbezüglichen Aussagen des Privatklägers auffallend
aggravieren. Insbesondere erscheint auch fraglich, weshalb der Beschuldigte
nicht mit dem Radschlüssel hätte zuschlagen sollen, als dem Privatkläger die
Waffe zu Boden fiel, wenn dies seine Absicht gewesen wäre. Mithin kann dem
Beschuldigten kein entsprechender Vorsatz nachgewiesen werden. Einhergehend
mit der Auffassung des Beschuldigten (vgl. Urk. 74 S. 4, Urk. 97 S. 10) besteht
demzufolge kein zureichendes Beweisfundament für den zweiten Anklagesach-
verhalt; der Beschuldigte ist hinsichtlich der versuchten Körperverletzung freizu-
sprechen.
- 16 -
4. Rechtliche Würdigung
4.1. Wer jemanden durch schwere Drohung in Schrecken oder Angst versetzt,
wird, auf Antrag, mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft
(Art. 180 Abs. 1 StGB).
4.2. Für die rechtliche Würdigung ist wiederum auf die zutreffenden Aus-
führungen der Vorinstanz hinzuweisen (Art. 82 Abs. 4 StPO; HD Urk. 83 S. 45).
Das Verhalten des Beschuldigten ist unter den Tatbestand der Drohung zu sub-
sumieren.
4.3. Mangels Rechtfertigungs- oder Schuldausschlussgründen ist der Beschul-
digte demzufolge schuldig der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB.
5. Sanktion
5.1. Die Vorinstanz bestrafte den Beschuldigten mit einer bedingten Geldstrafe
von 150 Tagessätzen zu Fr. 10.– (Urk. 83 S. 55). Der Beschuldigte stellte sich wie
schon vor Vorinstanz wiederum auf den Standpunkt, es sei für den Fall eines
Schuldspruchs im Sinne von Art. 54 StGB von einer Bestrafung Umgang zu neh-
men (Urk. 74 S. 12; Urk. 97 S. 13).
5.2. Nach Art. 54 StGB, sieht die zuständige Behörde von einer Bestrafung ab,
wenn der Täter durch die unmittelbaren Folgen seiner Tat so schwer betroffen ist,
dass eine Strafe unangemessen wäre. Eine Strafbefreiung hat zu erfolgen, wenn
er schon genug bestraft erscheint und die Ausgleichsfunktion der Strafe bereits
erfüllt ist. Art. 54 StGB kann selbst auf Vorsatzdelikte Anwendung finden (vgl.
BGE 121 IV 162 E. 2e). Unmittelbar betroffen ist ein Täter auch dann, wenn er bei
der Notwehr eines Dritten gegen sein Delikt verletzt wird (BSK StGB I-Riklin,
3. Aufl. 2013, Art. 54 N 63). Zur Beurteilung einer Strafbefreiung ist die Schwere
der Betroffenheit und die Schwere der Schuld zu ermitteln. In einem weiteren
Schritt erfolgt eine Gegenüberstellung:
5.3. Der Beschuldigte erlitt durch die Gegenwehr des Privatklägers eine ca.
0.5 cm durchmessende Einschussverletzung am Hals, unmittelbar rechtsseitig
des Adamsapfels. Der Schusskanal befand sich dabei in der Nähe grosser Blut-
- 17 -
gefässe und wichtiger Nervenbahnen sowie weiterer lebenswichtiger Strukturen.
Jedoch wurden keine dieser Strukturen verletzt und bestand für den Privatkläger
zu keinem Zeitpunkt eine unmittelbare Lebensgefahr. Selbst vom Tatort fuhr der
Beschuldigte eigens mit dem Auto nach Hause. Auch ohne ärztliche Versorgung
wäre keine unmittelbare Lebensgefahr eingetreten. Der Beschuldigte musste sich
zwei Operationen unterziehen. Es blieb eine kleine Narbe im Halsbereich zurück.
Vom 25. April bis 18. Mai 2012 sowie vom 6. Juni bis 28 August 2012 war der Be-
schuldigte in der Integrierten Psychiatrie Winterthur hospitalisiert. Im Austrittsbe-
richt wurde ihm die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung gestellt
(vgl. Urk. 32/2 S. 14 und 21 ff.). Angesichts dieser Umstände sowie den heutigen
Ausführungen des Beschuldigten, wonach es ihm zwar psychisch und physisch
sehr schlecht gehe, er aber andererseits weder den Namen seiner Medikamente
noch seines Psychologen nennen konnte oder ein diesbezügliches Arztzeugnis
einreichte (Urk. 96 S. 2 f.), besteht kein Anlass davon auszugehen, dass der Be-
schuldigte von den Folgen seiner Tat so schwer betroffen ist, dass eine Strafe
unangemessen wäre. Stattdessen ist die Strafe angemessen zu mindern.
5.4. Der Vorderrichter hat den anzuwendenden ordentlichen Strafrahmen, das
Vorgehen bei mehrfacher Tatbegehung sowie die Grundsätze der Straf-
zumessung im engeren Sinne vollständig und richtig dargestellt. Sodann hat er
korrekt erwogen, dass vorliegend infolge retrospektiver Konkurrenz gemäss
Art. 49 Abs. 2 StGB eine Zusatzstrafe zum Urteil des Bezirksgerichts Uster vom
18. Oktober 2012 auszufällen ist. Auf all diese Ausführungen ist integral zu ver-
weisen (Urk. 83 S. 47 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
5.4.1. Der Beschuldigte bedrohte den Privatkläger in einem schon lange schwe-
lenden Konflikt mit dem Tode und unterstrich diese Aussage zudem mit dem Er-
heben eines Radschlüssels sowie einem Fusstritt. Dabei überraschte er den Pri-
vatkläger bei der Arbeit, wobei sich dieser im Treppenhaus regelrecht in die Enge
getrieben fühlte. In subjektiver Hinsicht nahm der Beschuldigte in Kauf, den Pri-
vatkläger in Angst und Schrecken zu versetzen. Es war ihm bekannt, dass der
Privatkläger das angebliche Verhältnis zu seiner Schwägerin bestritt. Ihn mit ei-
nem Radschlüssel zur Rede stellen zu wollen, ist einhergehend mit der Argumen-
- 18 -
tation der Vorinstanz als nichtiger Anlass zu bezeichnen. Das von der Vorinstanz
angenommene gerade noch leichte Verschulden und die bemessene hypotheti-
sche Einsatzstrafe von 180 Tagessätzen ist dem Verschulden angemessen.
5.4.2. Für die Drohung vom 6. November 2011 gegenüber seiner damaligen Ehe-
frau D._, er werde sie und ihre Familie umbringen, sollte sie im Parallelver-
fahren als Zeugin aussagen, ist die Einsatzstrafe angemessen um 60 Tagessätze
zu asperieren.
5.4.3. Zum Vorleben und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten kann
auf die Ausführungen im vorinstanzlichen Urteil verwiesen werden (Urk. 83 S. 50).
Anlässlich der Berufungsverhandlung führte der Beschuldigte ergänzend aus, er
wohne nach wie vor bei seinen Eltern. Zu seiner Tochter habe er regelmässig
Kontakt, nicht aber zu seiner Exfrau. Er gehe keiner Erwerbstätigkeit nach und le-
be von der Sozialhilfe. Es gehe im psychisch und physisch sehr schlecht seit die-
sem Vorfall (Urk. 96 S. 2 f.). Aus der Biographie und den persönlichen Verhält-
nissen des Beschuldigten ergeben sich keine Anhaltspunkte, die für die Straf-
zumessung von wesentlicher Bedeutung wären.
5.4.4. Die von der Vorinstanz leicht straferhöhend gewürdigte Vorstrafe wegen
mehrfachem betrügerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage (vgl.
Urk. 83 S. 50) wurde zwischenzeitlich gelöscht (vgl. Urk. 101). Entsprechend ist
seine Vorstrafenlosigkeit neutral zu gewichten.
5.4.5. Der Beschuldigte zeigte sich während des ganzen Verfahrens nicht ge-
ständig und dementsprechend auch nicht einsichtig oder reuig. Eine besondere
Strafempfindlichkeit, über die persönliche Betroffenheit hinaus, ist ebenso wenig
ersichtlich. Diese Faktoren bleiben somit ohne Einfluss auf die Strafzumessung.
5.4.6. In Würdigung dieser Strafzumessungsgründe erwiese sich – noch unter
Ausklammerung der persönlichen Betroffenheit – eine hypothetische Gesamt-
strafe von 240 Tagessätzen als angemessen, was einer Zusatzstrafe von
150 Tagessätzen entspricht.
- 19 -
5.5. Es rechtfertigt sich, die Verletzung des Beschuldigten samt Folgen in der
Gegenüberstellung zur angemessenen Strafe etwa mit knapp einem Drittel zu
quantifizieren, weshalb die Strafe auf 110 Tagessätze zu mildern ist.
5.6. Als Ausfluss des Verschlechterungsverbots kann die vorinstanzlich festge-
setzte, minimale Tagessatzhöhe von Fr. 10.– nicht überschritten werden; der Be-
schuldigte ist demzufolge zu bestrafen mit einer Geldstrafe von 110 Tagessätzen
zu Fr. 10.– als Zusatzstrafe zu der mit Urteil des Bezirksgerichtes Uster vom
18. Oktober 2012 ausgefällten Strafe.
5.7. Da vorliegend eine Geldstrafe auszufällen ist, sind in objektiver Hinsicht die
Voraussetzungen zur Gewährung des bedingten Strafvollzuges erfüllt. Die Vor-
instanz hat in Berücksichtigung der konkreten Anhaltspunkte zutreffend erwogen,
dass die Strafe zur Bewährung auszusetzen ist (vgl. Urk. 83 S. 52 f.). Angesichts
der verbleibenden Bedenken ist eine Probezeit von drei Jahren anzusetzen.
6. Kosten- und Entschädigungsfolge
6.1. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist auf Fr. 3'000.– festzu-
setzen.
6.2. Die Untersuchung wurde sowohl bezüglich der Drohung als auch der ver-
suchten Körperverletzung geführt; entsprechend wurde der Beschuldigte auch
angeklagt.
6.3. Wird die beschuldigte Person verurteilt, so trägt sie die Verfahrenskosten
(Art. 426 Abs. 1 StPO). Wird sie freigesprochen, können ihr die Verfahrenskosten
ganz oder teilweise auferlegt werden, wenn sie rechtswidrig und schuldhaft die
Einleitung des Verfahrens bewirkt oder dessen Durchführung erschwert hat
(Art. 426 Abs. 2 StPO). Erfolgt der Freispruch nur in einzelnen Anklagepunkten,
ist die Kostenauflage für jeden Verfahrensbereich separat zu prüfen (SCHMID,
StPO Praxiskommentar, N 8 zu Art. 426).
6.4. Es kann nicht gesagt werden, dass der Beschuldigte die Untersuchung be-
treffend die versuchte Körperverletzung rechtswidrig und schuldhaft verursacht
- 20 -
hätte. Grossteils wären aber die Kosten auch angefallen, wäre nur die Drohung
untersucht, angeklagt und beurteilt worden. Es rechtfertigt sich deshalb die Kos-
ten der Untersuchung und des erstinstanzlichen Verfahrens zu drei Vierteln dem
Beschuldigten aufzuerlegen und im Übrigen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
6.5. Im Berufungsverfahren erfolgt die Kostenauflage an die Parteien nach
Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Nachdem
der Beschuldigte mit seinen Berufungsanträgen ebenfalls etwa zu einem Viertel
obsiegt, sind auch die Kosten des Berufungsverfahrens zu drei Vierteln dem Be-
schuldigten aufzuerlegen. Davon auszunehmen sind die Kosten der amtlichen
Verteidigung. Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten, Rechtsanwalt lic. iur.
X._, bezifferte seine Aufwendungen für das Berufungsverfahren mit Hono-
rarnote vom 13. Juni 2016 auf Fr. 4'129.20 (Urk. 98). Diese Aufwendungen sind
ausgewiesen, weshalb der Verteidiger mit Fr. 4'129.20 (inkl. MwSt.) zu entschädi-
gen ist. Diese Kosten sind einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen, wobei
die Rückzahlungspflicht des Beschuldigten zu drei Vierteln im Sinne von Art. 135
Abs. 4 StPO vorbehalten bleibt.
6.6. Gleichermassen ist schliesslich auch die Entschädigungsforderung des
Privatklägers um knapp einen Viertel zu kürzen (vgl. Art. 433 Abs. 1 lit. a StPO).
Der Vertreter des Privatklägers, Rechtsanwalt Dr. iur. Y._, bezifferte seine
Aufwendungen für das gesamte Verfahren auf ca. Fr. 9'600.– (Urk. 73, Urk. 99
und Urk. 100). Entsprechend ist der Beschuldigte zu verpflichten, dem Privat-
kläger für das gesamte Verfahren eine reduzierte Prozessentschädigung von
Fr. 7'500.– zu bezahlen (Urk. 99, Urk. 100).
- 21 -