Decision ID: d4222c8d-5942-436a-b517-927086b803e8
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die somalische Staatsangehörige A._ (nachfolgend: die Beschwer-
deführerin 1) suchte am 13. März 2022 für sich und ihre Tochter,
B._ (nachfolgend: die Beschwerdeführerin 2) in der Schweiz um
Asyl nach. Sie wurden daraufhin dem Bundesasylzentrum (BAZ)
C._ zugewiesen.
B.
B.a Ein Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerdeführerin 1 mit der eu-
ropäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab,
dass sie bereits am (...) 2018 sowie am (...) 2019 in Italien ein Asylgesuch
gestellt hatte.
B.b Am 18. März 2022 mandatierten die Beschwerdeführerinnen die ihnen
zugewiesene Rechtsvertretung.
B.c Am 24. März 2022 wurde die Personalienaufnahme (PA) durchgeführt.
B.d Am 30. März 2022 erfolgte – ohne Beisein der Rechtsvertretung (Ver-
zicht der Rechtsvertretung) – das persönliche Gespräch der Beschwerde-
führerin 1 gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi-
schen Parlaments und des Rats vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kri-
terien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO). Angesichts ihres jungen Alters wurde die Be-
schwerdeführerin 2 nicht befragt.
Die Beschwerdeführerin 1 machte im Wesentlichen geltend, sie sei (...)
2018 nach Italien gelangt und habe dort ein Asylgesuch gestellt. Sie habe
in der Folge eine fünfjährige Aufenthaltsbewilligung erhalten, welche immer
noch gültig sei. Auch ihre Tochter, welche in D._ geboren sei, habe
eine Aufenthaltsbewilligung erhalten. Vom Kindsvater, E._, habe sie
sich im (...) 2020 scheiden lassen und seit dem (...) 2021 sei sie mit dem
Somalier F._, welcher in G._ lebe, religiös getraut. Vor Er-
halt der Aufenthaltsbewilligungen hätten sie in einem Camp gelebt und
seien finanziell unterstützt worden. Danach hätten sie nicht länger im Camp
bleiben dürfen und weder eine Unterkunft noch finanzielle Unterstützung
bekommen. Bevor sie in die Schweiz gereist seien, hätten sie sich zwei
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Monate in H._ aufgehalten, wo sie bei verschiedenen Familien un-
tergekommen seien.
Im Rahmen des ihr gewährten rechtlichen Gehörs zu einem allfälligen
Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) sowie zur Möglichkeit der Rückfüh-
rung nach Italien erklärte sie, in Italien habe sie nicht leben können, weil
sie dort hätte arbeiten müssen. Dies sei ihr aber wegen ihres kleinen Kin-
des und wegen ihrer (...) nicht möglich gewesen. Sie habe in Italien weder
eine Unterkunft noch Unterstützung erhalten. Obwohl ihre Tochter krank
sei und medizinische Versorgung benötigt hätte, habe sie diese nicht er-
halten. Weiter brachte sie vor, in der Schweiz würde ihre Schwester,
I._ (N [...]), leben.
Hinsichtlich des medizinischen Sachverhalts brachte sie vor, sie habe (...)-
und (...) sowie (...). Ausserdem könne sie nicht lange sitzen, da sie sonst
Schmerzen in den (...) bekomme. Sie selber habe sich wegen ihrer ge-
sundheitlichen Probleme noch nicht beim Gesundheitsdienst ihrer Unter-
bringung gemeldet, ihre Tochter sei jedoch bereits in medizinischer Be-
handlung. Diese leide seit Geburt an (...) sowie (...) und würde immer nach
dem Essen (...).
B.e Am 31. März 2022 ersuchte das Staatssekretariat für Migration (SEM)
die italienischen Behörden um Wiederaufnahme der Beschwerdeführerin-
nen gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Dublin-III-VO.
B.f Nachdem die italienischen Behörden das Wiederaufnahmegesuch un-
beantwortet liessen, teilte ihnen das SEM am 21. April 2022 mit, dass die
Zuständigkeit für die Behandlung des vorliegenden Asyl- und Wegwei-
sungsverfahrens aufgrund der Verfristung gestützt auf Art. 22 Abs. 7 Dub-
lin-III-VO an Italien übergegangen sei.
B.g Die italienischen Behörden informierten das SEM am 5. Mai 2022 dar-
über, dass dem Wiederaufnahmeersuchen gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO nicht entsprochen werden könne, da die Beschwerdeführe-
rinnen in Italien bereits eine bis am (...) 2024 gültige Aufenthaltsbewilligung
für anerkannte Flüchtlinge erhalten hätten. Somit würde das Verfahren
nicht mehr in den Zuständigkeitsbereich der Dublin-Einheit fallen. Eine
mögliche Überstellung könne nur gestützt auf andere Abkommen erfolgen,
was die Einreichung eines entsprechenden Gesuchs erfordere.
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B.h Gleichentags ersuchte das SEM die italienischen Behörden gestützt
auf das bilaterale Rückübernahme-Abkommen zwischen der Schweiz und
Italien um Rückübernahme der Beschwerdeführerinnen.
B.i Die italienischen Behörden stimmten dem Rückübernahmeersuchen
des SEM am 8. Juni 2022 zu und bestätigten, dass die Beschwerdeführe-
rinnen in Italien als Flüchtlinge anerkannt worden seien.
B.j Mit Schreiben vom 9. Juni 2022 gewährte die Vorinstanz den Be-
schwerdeführerinnen schriftlich das rechtliche Gehör zum beabsichtigten
Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG und zur
Wegweisung nach Italien.
B.k Die Beschwerdeführerinnen führten in ihrer Stellungnahme vom
17. Juni 2022 aus, nach Anerkennung als Flüchtlinge sei ihnen in Italien
die Unterstützung, zu welchen die italienischen Behörden gemäss der
Richtlinie 2011/95/EU des Europäischen Parlaments und Rats vom 13. De-
zember 2011 (nachfolgend: Qualifikationsrichtlinie) verpflichtet wären,
gänzlich verwehrt worden und sie hätten weder Zugang zu Beschäftigung,
Bildung, Sozialhilfeleistungen, Integrationsmassnahmen noch zu medizini-
scher Versorgung erhalten. Die Beschwerdeführerin 1 habe als alleinerzie-
hende, hilfsbedürftige Mutter mit einem kranken Kind auf der Strasse unter
unmenschlichen Umständen leben und täglich für ihre Nahrung und Si-
cherheit kämpfen müssen. Sie sei als alleinstehende Frau mit einer min-
derjährigen Tochter als spezifisch vulnerabel einzustufen. Aufgrund ihrer
Gesundheitsprobleme, der nichtvorhandenen Integrationsmassnahmen in
Italien sowie ihrer minderjährigen Tochter, welche auf die Betreuung ihrer
Mutter angewiesen sei, sei es für sie im Falle einer Rückkehr als praktisch
unmöglich zu erachten, auf dem regulären Arbeitsmarkt ein Einkommen zu
generieren. Weiter sei davon auszugehen, dass sie erneut in der Obdach-
losigkeit landen würden, was eine unmenschliche Behandlung darstelle
und Art. 3 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grund-
freiheiten vom 4. November 1950 (EMRK; SR 0.101) sowie Art. 3 des
Übereinkommens über die Rechte des Kindes vom 20. November 1989
(KRK; SR 0.107) verletze, und sich ihrer beider Gesundheitszustand stark
verschlechtern würde. In Würdigung sämtlicher Umstände und unter Be-
rücksichtigung des Kindeswohls sei deswegen der Vollzug der Wegwei-
sung nach Italien im gegenwärtigen Zeitpunkt als unzulässig und unzumut-
bar zu erachten. Ferner wurde beantragt, den medizinischen Sachverhalt
vertiefter abzuklären und betreffend die Beschwerdeführerin 1 ein fachärzt-
licher psychiatrischer/psychologischer Bericht sowie ein fachärztliches
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Gutachten darüber einzuholen, wie sich die Folgen der (...) bei nicht adä-
quater medizinischer Behandlung auf ihren psychischen und körperlichen
Gesundheitszustand auswirken könnten. Zudem sei die erforderliche ope-
rative (...) abzuwarten. Schliesslich wurde beantragt, es sei eine individu-
elle schriftliche Garantieerklärung der italienischen Behörden betreffend
die Einhaltung der Mindestansprüche gemäss der Qualifikationsrichtlinie
einzuholen.
C.
Mit Zuweisungsentscheid vom 29. Juli 2022 wurden die Beschwerdeführe-
rinnen für den weiteren Verlauf des Verfahrens dem Kanton (...) zugewie-
sen.
D.
D.a Am 31. August 2022 übermittelte das SEM der Rechtsvertretung der
Beschwerdeführerinnen den Entwurf des Entscheids betreffend Nichtein-
treten auf das Asylgesuch und Drittstaatenwegweisung nach Italien zur
Stellungnahme.
D.b In der Stellungnahme vom 6. September 2022 wurde festgehalten,
dass die notwendige Operation zur (...) bei der Beschwerdeführerin 1 noch
nicht stattgefunden habe. Ausserdem sei – trotz entsprechendem Antrag in
der Stellungnahme vom 17. Juni 2022 – bisher auch kein fachärztliches
psychiatrisches/psychologisches Gutachten eingeholt worden. Des Weite-
ren wurde vorgebracht, das Verfahren für die Aufnahme in den Servizio
Sanitario Nationale (SSN) sei in der Realität sehr langwierig und mühsam.
Die Wartelisten für den Zugang von Behandlungen seien extrem lang und
die Beschwerdeführerin 1 würde ohnehin keine wesentliche Beihilfe zu ih-
ren Gesundheitskosten erhalten. Selbst wenn sie beim SSN registriert
wäre, müsste sie einen Selbstbehalt für die erhaltenen Gesundheitsdienst-
leistungen bezahlen. Da ihr damit faktisch die medizinisch notwendige
Operation verwehrt bliebe, müsste mindestens bis zur Durchführung be-
ziehungsweise zu ihrer Genesung von der (...) abgewartet werden, um die
Beschwerdeführerinnen nach Italien zu überstellen. Ferner spreche sie
kein Wort Italienisch und könne sich nicht mit den italienischen Behörden
verständigen, womit die Geltendmachung von Ansprüchen jeglicher Art
verunmöglicht werde. Abgesehen davon, dass italienische Gerichtsverfah-
ren langwierig und kostenintensiv seien, herrsche grundsätzlich ein An-
waltszwang vor Gericht, was ebenfalls mit Kosten verbunden sei. Somit
würden ihr faktisch der Zugang zu einem Gericht sowie ihre Ansprüche aus
der geltenden Gesetzgebung verwehrt bleiben. Alsdann müssten sie –
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selbst wenn ihnen ein Platz im Sistema d’accoglienza e integrazione (SAI,
früher Sistema di protezione per titolari di protezione internazionale e per
minori stranieri non accompagnati [SIPROIMI]) zugewiesen werden könnte
– erneut mit Obdachlosigkeit rechnen, zumal der Zugang aufgrund der ak-
tuellen Krise im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine noch kom-
plexer geworden sei.
E.
Im Laufe des erstinstanzlichen Verfahrens wurden verschiedene medizini-
sche Unterlagen betreffend die Beschwerdeführerinnen zu den Akten ge-
reicht.
F.
Mit tags darauf eröffneter Verfügung vom 7. September 2022 trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch der Be-
schwerdeführerinnen nicht ein, verfügte die Wegweisung nach Italien und
forderte sie auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwer-
defrist zu verlassen. Gleichzeitig wurde der Kanton (...) mit dem Vollzug
der Wegweisung beauftragt. Schliesslich wurden den Beschwerdeführerin-
nen die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis ausgehändigt.
G.
G.a Mit Eingabe vom 15. September 2022 (Datum des Poststempels) er-
hoben die Beschwerdeführerinnen gegen die Verfügung des SEM beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragten in materieller
Hinsicht, die Verfügung vom 7. September 2022 sei vollständig aufzuhe-
ben und das SEM sei anzuweisen, sie vorläufig aufzunehmen. Eventualiter
sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und zur Beurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen, subeventualiter sei der Beschwerdeführerin 1
zu ermöglichen, in der Schweiz operiert zu werden und bis zur vollständi-
gen Genesung hier bleiben zu dürfen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht be-
antragten sie, es sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu ertei-
len, und der Vollzug der Wegweisung sei superprovisorisch auszusetzen.
Des Weiteren wurde um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht.
Der Beschwerde lagen die Empfangsbestätigung vom 8. September 2022,
eine Kopie der angefochtenen Verfügung des SEM vom 7. Septem-
ber 2022, das Aktenverzeichnis des SEM-Dossiers N (...), die Vollmacht
vom 18. März 2022, der am 8. Mai 2022 in der "il Post" erschienene Artikel
"Per i profughi non ucraini che arrivano in Italia i problemi sono sempre di
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più", der Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH), "Zusammen-
stellung Infos Italien, Aufnahmebedingungen für Dublin-Rückkehrende und
Statusinhabende", vom 6. Mai 2022, diverse medizinische Unterlagen, der
Bericht der SFH, "Situation of asylum seekers and beneficiaries of protec-
tion with mental health problems in Italy, Report and recommendations of
the Swiss Refugee Council", vom Februar 2022, der Bericht der SFH, "Auf-
nahmebedingungen in Italien, Aktualisierter Bericht zur Lage von Asylsu-
chenden und Personen mit Schutzstatus, insbesondere Dublin-Rückkeh-
renden, in Italien", vom Januar 2020 sowie eine Mittellosigkeitsbestätigung
der (...) vom 3. März 2022 bei.
G.b Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
16. September 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3
AsylG). Gleichentags bestätigte dieses den Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes über das Bundesverwaltungsge-
richt vom 17. Juni 2005 (VGG; SR 173.32) ist das Bundesverwaltungsge-
richt zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des
Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren vom 20. Dezember 1986
(VwVG; SR 172.021) zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls
in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 des Bundesgesetzes über das Bundesgericht vom 17. Juni
2005 [BGG; SR 173.110]).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist somit – unter nachstehendem Vorbehalt – einzutreten.
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Seite 8
1.4 Gemäss Art. 55 Abs. 1 VwVG hat die Beschwerde in Verwaltungssa-
chen aufschiebende Wirkung und das SEM hat der Beschwerde die auf-
schiebende Wirkung nicht entzogen (Art. 55 Abs. 2 VwVG). Die Beschwer-
deführerinnen dürfen den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwar-
ten (Art. 42 AsylG). Auf die Anträge, es sei der Beschwerde die aufschie-
bende Wirkung zu erteilen und der Vollzug der Wegweisung sei superpro-
visorisch zu sistieren (vgl. Ziffer 4 und 5 der Beschwerdeanträge), ist daher
mangels Rechtsschutzinteresses nicht einzutreten.
2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwerde-
instanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht
auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). Bezüglich der Frage der Wegweisung und des
Wegweisungsvollzugs hat die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorge-
nommen, weshalb dem Bundesverwaltungsgericht diesbezüglich volle
Kognition zukommt.
3.
Die vorliegende Beschwerde erweist sich – wie nachfolgend aufgezeigt –
als offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Durchführung eines
Schriftenwechsels zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
4.
Das Rechtsbegehren der Beschwerdeführerinnen, die Verfügung des SEM
sei aufzuheben und die Sache sei zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen, wurde in der Beschwerde inhaltlich nicht begründet. Man-
gels Hinweise in den Akten auf eine ungenügende Verfahrensführung
durch die Vorinstanz, welche eine Rückweisung der Sache zwecks erneu-
ter Prüfung rechtfertigen würde, ist auf dieses Eventualbegehren (vgl. Zif-
fer 2 der Beschwerdeanträge) nicht weiter einzugehen.
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Seite 9
5.
5.1 Das SEM führte zur Begründung des Nichteintretensentscheids aus,
der Bundesrat habe Italien als sicheren Drittstaat im Sinne von Art. 6a
Abs. 2 Bst. b AsylG bezeichnet. Abklärungen hätten ergeben, dass die Be-
schwerdeführerinnen in Italien als Flüchtlinge anerkannt worden seien und
Italien habe sich am 8. Juni 2022 bereit erklärt, sie zurückzunehmen, wes-
halb das Begehren um Feststellung der Flüchtlingseigenschaft abzuweisen
sei. Da ihnen das schutzwürdige Interesse gemäss Art. 25 Abs. 2 VwVG
fehle, sei in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG nicht auf ihre Asyl-
gesuche einzutreten.
Hinsichtlich des Vollzuges der Wegweisung stellte die Vorinstanz fest, die
Beschwerdeführerinnen könnten nach Italien zurückkehren, ohne eine
Rückschiebung in Verletzung des Non-Refoulement-Prinzips im Sinne von
Art. 5 Abs. 1 AsylG befürchten zu müssen. Der von ihnen geäusserte
Wunsch nach einem Verbleib in der Schweiz habe keinen Einfluss auf die
Zuständigkeit für das Asyl- und Wegweisungsverfahren. Weiter stünde
auch der Umstand, dass die Schwester der Beschwerdeführerin 1 in der
Schweiz lebe, der Wegweisung nach Italien und dessen Vollzug nicht ent-
gegen, da keine Hinweise auf ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis be-
stünden. Die Beschwerdeführerinnen seien in Italien als Flüchtlinge aner-
kannt worden und würden über gültige Aufenthaltstitel verfügen, weshalb
sie sich offiziell an die zuständigen italienischen Behörden wenden könn-
ten, um eine Unterkunft und sozialstaatliche Unterstützung zu beantragen
oder falls sie Hilfe bei der Arbeitssuche und allfälliger Kinderbetreuung in
Anspruch nehmen möchten. Da Italien die Qualifikationsrichtlinie umge-
setzt habe, könnten sie die ihnen zustehenden Ansprüche auch bei den
italienischen Behörden einfordern. Zudem könnten sie sich neben den
staatlichen Strukturen auch an private und internationale Hilfsorganisatio-
nen wenden. Gemäss Mitteilung der italienischen Behörden werde noch
abgeklärt, ob für die Beschwerdeführerinnen eine Unterbringung im SAI-
System gegeben sei. Selbst wenn sie nach ihrer Rückkehr nach Italien
nicht direkt in eine Unterbringung im SAI-System kämen, würden sie in ei-
ner Erstaufnahmestruktur untergebracht werden und müssten nicht auf der
Strasse leben. Damit könne auch auf das Einholen von Garantien verzich-
tet werden. Die gesundheitlichen Probleme der Beschwerdeführerinnen
seien weitestgehend abgeklärt worden und stünden der Zumutbarkeit des
Vollzugs der Wegweisung nicht im Wege, da diese nicht von einer derarti-
gen Schwere und insbesondere mit Blick auf die benötigten Behandlungen
nicht derart spezifisch seien, dass eine Überstellung nach Italien einen
Verstoss gegen die internationale Verpflichtung der Schweiz bedeuten
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Seite 10
würde. Italien verfüge über eine ausreichende medizinische Infrastruktur
und da die Beschwerdeführerinnen einen gültigen Aufenthaltstitel für Italien
hätten, könnten sie auch das nationale Gesundheitssystem beanspruchen.
Darüber hinaus hätten sie keine konkreten Hinweise vorgebracht, welche
belegen würden, dass Italien ihnen eine notwendige medizinische Behand-
lung verweigert habe oder künftig verweigern würde. Für das weitere Ver-
fahren sei einzig die Reisefähigkeit ausschlaggebend, welche erst kurz vor
der Überstellung definitiv beurteilt werde. Das SEM informiere die italieni-
schen Behörden vor dieser über den Gesundheitszustand und die notwen-
dige medizinische Behandlung. Da die Beschwerdeführerinnen zusammen
zurückkehren werden, verletze eine Wegweisung und der Vollzug der Weg-
weisung nach Italien weder Art. 3 EMRK noch Art. 3 KRK und sei auch mit
dem Schutzanliegen des Kindeswohls vereinbar. Schliesslich sei der Weg-
weisungsvollzug technisch möglich und durchführbar.
5.2 In der Beschwerde wendeten die Beschwerdeführerinnen ein, der Zu-
gang zum SAI-System sei aufgrund der Auswirkungen des Ukrainekriegs
zusätzlich erschwert worden. Zudem sei bezüglich der prioritären Behand-
lung bei einem Antrag auf Unterbringen im SAI-System unklar, ob sie wäh-
rend ihres Aufenthalts in Italien bereits in einer SAI-Unterkunft gewesen
seien. Sollte dies der Fall sein, hätten sei kein Recht mehr auf Zugang und
selbst wenn sie noch nicht in den SAI-Strukturen gewesen wären, habe es
zurzeit nicht mehr genügend Plätze. Zusätzlich sei auch die Art und Weise
der Zuweisung der Plätze schwierig bis unmöglich nachzuvollziehen. So-
weit das SEM davon ausgehe, dass die Beschwerdeführerinnen sowieso
in eine Erstaufnahmestruktur kommen würden, würden dadurch Fragen
über die Kenntnisse der Realität der Situation durch die Vorinstanz aufge-
worfen. Aufgrund der Verständigungsschwierigkeiten und des in Italien
herrschenden Anwaltszwangs vor Gericht, werde ihnen überdies faktisch
die Geltendmachung ihrer Ansprüche verunmöglicht. Ferner verkenne das
SEM die schlechte Lage von rückübernommenen Personen mit Schutzsta-
tus, welchen keine Unterstützung gewährt werde. Alsdann gehe aus den
ärztlichen Berichten klar hervor, dass bei der Beschwerdeführerin 1 eine
operative (...) der (...) notwendig sei. Ausserdem sei zu berücksichtigen,
dass eine (...) nicht nur körperliche, sondern auch langfristige psychische
Auswirkungen habe. Da ihr der Zugang zur Gesundheitsversorgung auf-
grund der Verpflichtung zur Zahlung eines Selbstbehaltes für Gesundheits-
dienstleistungen, der Sprachbarriere sowie der langen Wartezeiten faktisch
verwehrt bleiben würde, sei ihr zumindest zu ermöglichen, die notwendige
(...) in der Schweiz durchführen zu lassen und bis zur vollständigen Gene-
sung hier zu bleiben.
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Seite 11
6.
6.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch nicht ein-
getreten, wenn die asylsuchende Person in einen nach Art. 6a Abs. 2
Bst. b AsylG als sicheren bezeichneten Drittstaat zurückkehren kann, in
welchem sie sich vorher aufgehalten hat.
6.2 Die Vorinstanz stellte in der angefochtenen Verfügung zutreffend fest,
dass es sich bei Italien um einen verfolgungssicheren Drittstaat im Sinne
von Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG handelt und legte ausführlich und zutref-
fend dar, weshalb sie nicht auf die Asylgesuche der Beschwerdeführerin-
nen eingetreten ist. Den vorinstanzlichen Akten ist sodann zu entnehmen,
dass die Beschwerdeführerinnen in Italien als Flüchtlinge anerkannt wur-
den und ihnen eine bis am (...) 2024 gültige Aufenthaltsbewilligung erteilt
wurde (vgl. SEM-Akte [...]-27/1). Ausserdem stimmten die italienischen Be-
hörden ihrer Rückübernahme am 8. Juni 2022 ausdrücklich zu (vgl. SEM-
Akte [...]-39/2 [nachfolgend: SEM-Akte 39/2]), so dass sie nach Italien zu-
rückkehren können, ohne eine Rückschiebung in Verletzung des Non-Re-
foulement-Gebots befürchten zu müssen. Die Beschwerdeführerinnen ha-
ben denn auch weder im erstinstanzlichen Verfahren noch auf Beschwer-
deebene vorgebracht, es würde ihnen in Italien eine Rückschiebung in ih-
ren Heimatstaat unter Verletzung des Non-Refoulement-Verbots drohen.
6.3 Demnach sind die Voraussetzungen für einen Nichteintretensentscheid
nach Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG erfüllt, weshalb das SEM auf das Asyl-
gesuch der Beschwerdeführerinnen zu Recht nicht eingetreten ist.
7.
7.1 Tritt das SEM auf ein Asylgesuch nicht ein, so verfügt es in der Regel
die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berück-
sichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführerinnen verfügen derzeit weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je
m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
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Seite 12
Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Aus-
länderinnen und Ausländer und über die Integration [AIG; SR 142.20]).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insbesondere Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkom-
mens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK; SR 0.142.30], Art. 25
Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft
vom 18. April 1999 [BV; SR 101], Art. 3 des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe [FoK; SR 0.105] und Art. 3 EMRK) ei-
ner Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Her-
kunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
8.2.2 Nachdem die Beschwerdeführerinnen in Italien als Flüchtlinge aner-
kannt wurden, besteht kein Anlass zur Annahme, es drohe ihnen eine Ver-
letzung des in Art. 33 Abs. 1 FK verankerten Grundsatzes der Nichtrück-
schiebung. Italien ist Signatarstaat der EMRK, der FoK sowie des Zusatz-
protokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen
diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen nach. Zudem gibt es
keine Anhaltspunkte, dass Italien seine aus diesen Konventionen entste-
henden völkerrechtlichen Verpflichtungen nicht einhalten würde. Im Kapitel
VII werden die den Flüchtlingen und Personen mit subsidiärem Schutzsta-
tus zu gewährenden Rechte geregelt (u.a. Art. 26 [Zugang zu Beschäfti-
gung], Art. 29 Abs. 2 [Sozial- und Nothilfe] und Art. 30 Abs. 2 [medizinische
Versorgung]). Es besteht kein "real risk" im Sinne einer konkreten Verwei-
gerung von Italien, den Beschwerdeführerinnen die Minimalgarantien im
Sinne der genannten EU-Richtlinie zu gewähren (vgl. auch BVGE 2019/17
E. 5.5). Die italienischen Behörden hielten in ihrer E-Mail vom 8. Juni 2022
an die Vorinstanz ausdrücklich fest, die Beschwerdeführerinnen seien Be-
günstigte internationalen Schutzes und könnten gemeinsam nach Italien
zurückkehren. Die Behörde warte darauf, dass ihr das Datum der Überstel-
lung bekanntgegeben werde, um dann die spezifische Aufnahmestruktur
zu bestimmen (SEM-Akte [...]-39/2). Zudem indentifizierten die italieni-
schen Behörden die Beschwerdeführerin 1 und ihre minderjährige Tochter
bereits eindeutig als vulnerable und schützenswerte Familie, weshalb sie
– sofern die Voraussetzungen erfüllt seien – nach ihrer Ankunft in Italien in
die SAI-Strukturen aufgenommen werden würden (vgl. SEM-Akte [...]-
43/1). Vor diesen Hintergrund kann offenbleiben, ob das Vorbringen der
Beschwerdeführerinnen, sie hätten in Italien zeitweise kein Obdach ge-
habt, glaubhaft ist. Das Bundesverwaltungsgericht geht nicht davon aus,
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Seite 13
dass Italien Flüchtlingen systematisch die ihnen gemäss obengenannter
Richtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten
würde. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnten sich
die Beschwerdeführerinnen nötigenfalls an die italienischen Behörden
wenden und die ihnen zustehende Unterstützung auf dem Rechtsweg ein-
fordern. Zudem steht ihnen die Möglichkeit offen, sich für Hilfe ergänzend
an eine vor Ort tätige karitative Hilfsorganisation zu wenden, um beispiels-
weise eine dolmetschende Person für die von ihnen geltend bemachten
Verständigungsschwierigkeiten mit den italienischen Behörden zu organi-
sieren.
8.2.3 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Eine vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
(EGMR) definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Ab-
schiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Ziel-
staat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen
und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands
ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen
Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Pa-
poshvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer, 41738/10,
§§ 180–193 m.w.H.).
Eine solche Situation ist vorliegend eindeutig nicht gegeben. Aus den Akten
ist nicht ersichtlich, dass eine Überstellung die Gesundheit der Beschwer-
deführerinnen ernsthaft gefährden würde. Im Übrigen hat das SEM in der
angefochtenen Verfügung entsprechende Massnahmen zur Sicherung der
gesundheitlichen Versorgung zugesichert. Schliesslich ist festzustellen,
dass die tatsächliche Reisefähigkeit erst kurz vor dem Vollzug der Wegwei-
sung beurteilt werden kann.
8.2.4 Im Weiteren hat das SEM zutreffend festgestellt, dass die Beschwer-
deführerin 1 aus der Beziehung zu ihrer in der Schweiz lebenden Schwes-
ter, I._ (N [...]), unter dem Blickwinkel von Art. 8 EMRK nichts zu
ihren Gunsten abzuleiten vermag, da sich bei dieser weder um eine Ange-
hörige ihrer Kernfamilie handelt noch Hinweise auf ein besonderes Abhän-
gigkeitsverhältnis ergibt.
8.2.5 Es liegen keine konkreten Hinweise vor, dass die Beschwerdeführe-
rin 1 und ihre Tochter im Falle ihrer Rückkehr nach Italien einer unmensch-
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Seite 14
lichen oder erniedrigenden Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK ausge-
setzt wären. Der Vollzug der Wegweisung nach Italien erweist sich somit
als zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung die Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs mit zutreffender Begründung bejaht. Zur Ver-
meidung von Wiederholungen kann auf die diesbezüglichen Erwägungen
in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. dort E. III, S. 10 ff.
sowie die Zusammenfassung dieser Ausführungen in E. 5.1 hiervor). Die
diesbezüglichen Einwendungen in der Beschwerdeschrift vermögen zu
keiner anderen Betrachtungsweise zu führen. Als anerkannte Flüchtlinge
haben die Beschwerdeführerinnen Anspruch auf die gleiche Fürsorge und
öffentliche Unterstützung wie italienische Staatsbürger (Art. 23 FK) und
ihnen stehen in Italien die Rechte aus der erwähnten Richtlinie 2011/95/EU
zu. Dazu gehören Ansprüche bezüglich Zugang zu Wohnraum, Sozialleis-
tungen und medizinischer Versorgung. Es liegen keine erhärteten Hin-
weise vor, wonach sich Italien systematisch nicht an seine diesbezüglichen
Verpflichtungen halten würde. Die Ausführungen der Beschwerdeführe-
rin 1 rechtfertigen keine andere Einschätzung. Aus den vorliegenden Akten
geht insbesondere nicht hervor, dass sie wiederholt aktiv um Hilfe bei den
italienischen Behörden oder Hilfsorganisationen ersucht hätte oder ihr –
insbesondere hinsichtlich der Unterbringungsmöglichkeiten – dauerhaft
Unterstützung verweigert worden wäre. Es darf denn auch von ihr erwartet
werden, sich betreffend finanzielle oder anderweitige Unterstützung an die
zuständigen Behörden zu wenden und die erforderliche Hilfe nötigenfalls –
allenfalls mithilfe einer Nichtregierungsorganisation – auf dem Rechtsweg
einzufordern. Somit besteht auch unter Berücksichtigung der Situation der
Beschwerdeführerinnen kein Anlass zur Annahme, sie würden im Falle ei-
ner Rückführung nach Italien in eine existenzielle Notlage geraten (vgl.
hierzu etwa Urteil des BVGer E-5568/2021 vom 23. Februar 2022 E. 9.3.2).
An dieser Stelle ist erneut darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführe-
rinnen von den italienischen Behörden bereits als vulnerabel eingestuft
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Seite 15
wurden (vgl. E. 8.2.2). Die mit der Beschwerde erwähnten respektive ein-
gereichten Berichte (vgl. BVGer-Akte 1, Beilagen 3, 4, 7 und 8) vermögen
deshalb nicht zu einer anderen Beurteilung zu führen.
8.3.3 Die Rückkehr nach Italien erweist sich auch als mit dem Kindeswohl
und der Kinderrechtskonvention vereinbar. Die Beschwerdeführerin 2 ist im
Urteilszeitpunkt zwei Jahre und (...) Monate alt und damit noch vollständig
an ihre Mutter gebunden.
Da die italienischen Behörden bereits schriftlich zugesagt haben, für die
Familie eine entsprechende Unterkunft zu suchen (SEM-Akte [...]-39/2)
und über ihre Rückkehr auch die zuständige "Questura" (Polizeibehörde)
informiert wurde (SEM-Akte [...]-43/1), sind weitere – wie von den Be-
schwerdeführerinnen geforderte – Garantien nicht erforderlich.
8.3.4
8.3.4.1 Auch die gesundheitlichen Probleme der Beschwerdeführerinnen –
ohne diese zu verharmlosen – sind nicht derart gravierend, dass sie der
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs entgegenstehen würden.
8.3.4.2 Gemäss dem Notfallkonsultationsbericht vom 23. März 2022 wur-
den bei der Beschwerdeführerin 2 (...), (...) und (...) unklarer Ätiologie,
(...), (...) sowie (...) unklarer Ätiologie diagnostiziert. Ihr wurden die Medi-
kamente (...)-Kautabletten und (...) zur Behandlung gegeben und ein Ter-
min zur Nachkontrolle vereinbart (vgl. SEM-Akte [...]-9/1). Anlässlich der
Folgekonsultation vom 30. März 2022 wurden bei ihr zusätzlich (...) und
(...) festgestellt, weshalb ihr (...) sowie (...) verschrieben und eine Ernäh-
rungs- und Erziehungsberatung durch die (...) beantragt wurde (vgl. SEM-
Akte [...]-17/1). Am 9. April 2022 musste die Beschwerdeführerin 2 wegen
(...), (...) und (...) auf der Notfallstation für Kinder und Jugendliche des
Spitals (...) behandelt werden, wobei bei ihr (...) diagnostiziert wurde. Ihr
wurde (...) verschrieben und es wurde darauf hingewiesen, dass weiterhin
auf eine (...) zu achten sei (vgl. SEM-Akte [...]-22/1). Anlässlich des Ter-
mins bei der (...) am 13. April 2022 wurde empfohlen, der Beschwerdefüh-
rerin 2 die feste Nahrung zu zerdrücken und ihr in kleinen Mengen zu ver-
abreichen sowie die Milch zu reduzieren (vgl. SEM-Akte [...]-24/4). Beim
zweiten Termin bei der (...) am 12. Mai 2022 wurde festgehalten, dass die
Beschwerdeführerin 2 nach wie vor wenig esse, aber nicht mehr (...). Sie
spreche wenig, höre nicht zu und halte keinen Blickkontakt. Zur Abklärung
des (...) wurde sie an einen Kinderarzt verwiesen (vgl. SEM-Akte [...]-
33/4). Anlässlich der kinderärztlichen Untersuchung vom 17. Mai 2022
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wurde eine (...), welche in der Folge mit (...) und (...) behandelt wurde,
sowie eine (...) (Differentialdiagnose: [...]) diagnostiziert (vgl. SEM-Akte
[...]-56/2). Am 22. Mai 2022 wurde die Beschwerdeführerin 2 erneut wegen
(...) und (...) sowie (...) auf der Notfallstation für Kinder und Jugendliche
des Spitals (...) vorstellig. Sie wurde mit (...), (...) und (...) medikamentös
behandelt (vgl. SEM-Akte [...]-37/2). Anlässlich des dritten Termins bei der
(...) am 15. Juni 2022 wurde festgehalten, dass sie nachts gut schlafe,
aber immer wieder an (...) leide. Da die Beschwerdeführerin 2 laut ihrer
Mutter nicht spreche, wurde eine logopädische Abklärung in Erwägung ge-
zogen (vgl. SEM-Akte [...] 47/4). Gemäss ärztlichem Bericht von Dr. med.
J._ vom 17. Juni 2022 wurde bei der Beschwerdeführerin 2 eine
(...) sowie (...) festgestellt. Zur Behandlung wurde ihr (...), (...) und (...)
verordnet. Ausserdem wurde eine (...) unklarer Genese diagnostiziert (vgl.
SEM-Akte [...]-48/3). Anlässlich des Arztbesuchs vom 27. Juni 2022 stellte
Dr. med. K._ – nebst einer (...) – die Diagnose einer (...), wogegen
ihr (...) verabreicht wurde (vgl. SEM-Akte [...]-52/3). Am 8. Juli 2022 wurde
ein chronischer (...) (wahrscheinlich [...] nach viralem Infekt), eine (...), ins-
besondere eine (...), sowie eine (...) bei Fehlernährung festgestellt. Ihr
wurde in Ergänzung zu den bereits verschriebenen Medikamenten ein In-
halationsspray verordnet (vgl. SEM-Akte [...]-57/2). Während des letzten
Besuchs bei der (...) am 14. Juli 2022 liess sich die Beschwerdeführerin 2
zum Spielen animieren, sprach einzelne Wörter und hatte noch einen leich-
ten (...) (vgl. SEM-Akte [...]-58/1). In ihrer E-Mail vom 24. August 2022
führte die Kinderärztin Dr. med L._ aus, das Verhalten der Be-
schwerdeführerin 2 sei unberechenbar und unvernünftig und sie handle
nicht altersentsprechend. Zudem bestätigte sie, dass es sich beim (...) um
(...) handle, welche sich wahrscheinlich im Laufe der Jahre auswachse
(vgl. SEM-Akten [...]-61/2 respektive (...)-62/2 [anonymisierte Version]).
Gemäss Rückmeldung der kantonalen Asylunterbringung vom 29. Au-
gust 2022 bestehe der Verdacht auf eine (...), wobei bereits eine (...) auf-
gegleist werde (vgl. SEM-Akten [...]-59/2 respektive [...]-60/2 [anonymi-
sierte Version]).
8.3.4.3 Den ärztlichen Berichten vom 28. und 31. März 2022 lässt sich ent-
nehmen, dass sich die Beschwerdeführerin 1 wegen Schmerzen am rech-
ten (...) und zur Abklärung auf (...) behandeln liess. Dabei ergaben sich
keine Hinweise auf eine (...) und zur Behandlung der (...) erhielt sie (...)
verschrieben (vgl. SEM-Akte [...]-55/3). Gemäss ärztlichem Kurzbericht
vom 4. Mai 2022 leidet sie seit dem (...) im Jahr (...) an Schmerzen, wes-
halb eine (...) empfohlen wurde (vgl. SEM-Akte [...]-31/3). Während der
Behandlung vom 16. Mai 2022 wurde bei ihr eine (...) diagnostiziert. Diese
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wurde in der Folge mit (...) und (...) medikamentös behandelt (vgl. SEM-
Akte [...]-34/4). Am 18. Mai 2022 suchte die Beschwerdeführerin 1 wegen
(...) einen Arzt auf. Die Laborabklärungen ergaben einen deutlichen (...),
erhöhte (...) und einen tiefen (...) (vgl. SEM-Akte [...]-35/1). Zur Behand-
lung erhielt sie am 19. Mai 2022 und am 3. Juni 2022 (...) und (...) (vgl.
SEM-Akten [...]-36/1 und [...]-38/1). Am 10. Juni 2022 wurde die Be-
schwerdeführerin 1 erneut wegen (...) und (...) im (...) behandelt, wobei
bei ihr zur Behandlung (...) sowie zwei Salben verschrieben wurden (vgl.
SEM-Akte [...]-46/6). Am 24. Juni 2022 war die Beschwerdeführerin 1 we-
gen ihrer (...) zur Kontrolle, wobei eine deutliche Verbesserung der Symp-
tome festgestellt wurde. Ihr wurden (...) verschrieben (vgl. SEM-Akte [...]-
51/4). Anlässlich der Sprechstunde bei (...) vom 5. September 2022 wurde
erneut eine operative (...) besprochen (vgl. BVGer-Akte 1, Beilage 6).
8.3.4.4 Aus diesen Diagnosen kann nicht geschlossen werden, dass die
Beschwerdeführerinnen auf dringende oder spezielle und lückenlose me-
dizinische Behandlungen, welche zur Gewährleistung einer menschenwür-
digen Existenz notwendig sind, angewiesen sind. Solches ist auch auf-
grund der vorliegenden Akten nicht ersichtlich und wird auch von den Be-
schwerdeführerinnen nicht geltend gemacht. In diesem Zusammenhang ist
im Übrigen darauf hinzuweisen, dass insbesondere die Beschwerdeführe-
rin 1 ihre Leiden schon seit längerer Zeit hat, ohne dass dadurch ihre Rei-
setätigkeit beeinträchtigt worden wäre. Vor diesem Hintergrund ist der Sub-
eventualantrag, wonach es der Beschwerdeführerin 1 zu ermöglichen sei,
die empfohlene (...) in der Schweiz vornehmen zu lassen und bis zur voll-
ständigen Genesung hierbleiben zu dürfen (vgl. Ziffer 3 der Beschwerde-
anträge), abzuweisen. Die mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragten
schweizerischen Behörden haben jedenfalls die Reisefähigkeit zu prüfen
und die italienischen Behörden sind vor der Durchführung der Wegweisung
über allfällige besondere medizinische Bedürfnisse jeweils zu informieren.
In diesem Zusammenhang wird das SEM gehalten sein, die italienische
Partnerbehörde über den Grad der Vulnerabilität der Beschwerdeführerin-
nen zu informieren und die letzten medizinischen Diagnosen, vor allem in
Hinblick auf die Beschwerdeführerin 2, um so deren entsprechende Unter-
bringung in Italien zu befördern, zu übermitteln. Dem Zustand der Be-
schwerdeführerinnen kann sodann bei der Festlegung des Überstellungs-
zeitpunktes durch geeignete Massnahmen in Form einer medizinisch be-
gleiteten Ausreise (beispielsweise durch Heranziehen von medizinischem
Fachpersonal bei der Rückführung) nach Italien Rechnung getragen wer-
den.
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Seite 18
8.3.5 Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass bessere Lebensum-
stände für schutzberechtigte Personen in der Schweiz nicht für die Beja-
hung von Wegweisungsvollzugshindernissen ausreichen. Insbesondere
steht es den um Schutz ersuchenden Personen nicht frei, ihren Aufent-
haltsstaat selbst zu wählen, sondern bestimmen sich die Zuständigkeiten
für die Prüfung der Schutzberechtigung nach völkerrechtlichen Abkommen
der europäischen und anderen assoziierten Staaten. Auch wenn eine adä-
quate Eingliederung der Beschwerdeführerinnen in die sozialen Strukturen
Italiens als anerkannte Flüchtlinge mit nicht zu verkennenden Erschwernis-
sen verbunden ist, vermögen ihre Vorbringen die hohe Schwelle für die
Annahme einer konkreten Gefährdung.
8.3.6 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
8.4 Der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführerinnen nach Italien
ist schliesslich auch möglich, da keine Vollzugshindernisse bestehen
(Art. 83 Abs. 2 AIG) und es den Beschwerdeführerinnen obliegt, bei der
Beschaffung gültiger Reisepapiere mitzuwirken (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG
und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12). Überdies hat Italien der Rücküber-
nahme der Beschwerdeführerinnen explizit zugestimmt (vgl. SEM-Akte
[...]-39/2).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist demnach abzuweisen.
10.
10.1 Der Antrag um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
erweist sich mit vorliegendem Urteil als gegenstandslos.
10.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten grundsätzlich
den Beschwerdeführerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von
Art. 65 Abs. 1 VwVG ist abzuweisen, weil sich die Beschwerde entspre-
chend den vorstehenden Erwägungen bereits bei Eingang des Begehrens,
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unbesehen der finanziellen Verhältnisse der Beschwerdeführerinnen, als
aussichtlos erwiesen hat. Demzufolge sind die Verfahrenskosten in der
Höhe von Fr. 750.– den Beschwerdeführerinnen aufzuerlegen (Art. 1‒3
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE; SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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