Decision ID: 636ecba6-bd61-57a6-9395-a9a17974fbf6
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste mit einem humanitären Visum (ausgestellt
aus medizinischen Gründen) am 21. Februar 2017 in die Schweiz ein und
suchte gleichentags in der Schweiz um Asyl nach. Am 24. Februar 2017
wurde er summarisch zur Person, dem Reiseweg und den Asylgründen
befragt (Befragung zur Person; BzP). Am 11. Juni 2018 wurde er vom SEM
einlässlich zu seinen Asylgründen angehört.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte er im Wesentlichen geltend,
sudanesischer Staatsangehöriger aus B._, Region Darfur, zu sein.
Er habe die Koranschule und während drei Jahren die öffentliche Schule
besucht. Aufgrund immer wiederkehrender und gewalttätiger Angriffe der
Janjaweed-Miliz, denen unter anderem zwei seiner Familienmitglieder zum
Opfer gefallen seien, habe er in B._ Demonstrationen organisiert
und selbst daran teilgenommen. Er sei aufgrund dessen in den Jahren
1999 bis 2001 mehrmals vom Sicherheitsdienst mitgenommen und
inhaftiert worden. Im Rahmen der insgesamt drei Inhaftierungen sei er
verhört, massiv gefoltert und sexuell misshandelt worden. Es sei ihm
jeweils beim Toilettengang die Flucht aus der Haft gelungen. Im Jahre 2001
habe er eine gewisse Zeit in C._ bei der Opposition verbracht.
Mithilfe eines Mannes aus seinem Dorf habe er den Sudan im Jahre 2001
oder 2002 verlassen können und sei illegal in den Tschad gelangt. Von dort
sei er 2002 beziehungsweise 2004 nach Libyen gereist, wo er bis 2007
gelebt habe. Über Ägypten sei er am 15. Januar 2008 nach Israel gereist
und sei dort vom Hochkommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen
(UNHCR) als Flüchtling registriert worden.
In der Schweiz sei er Mitglied des D._ mit Sitz in E._ sowie
der Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung (SPLM) geworden.
Zum Beleg seiner Vorbringen und seiner Identität reichte er seinen
Nationalitätenausweis, einen Mitgliedsausweis der SPLM, einen
Flüchtlingsausweis des UNHCR sowie eine Mitgliederkarte der F._
zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 30. August 2019 – eröffnet am 4. September 2019 –
stellte die Vorinstanz fest, dass der Beschwerdeführer die
Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, lehnte das Asylgesuch ab und ordnete
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die Wegweisung aus der Schweiz an. Wegen Unzumutbarkeit wurde dem
Beschwerdeführer die vorläufige Aufnahme in der Schweiz gewährt.
C.
Die Verfügung der Vorinstanz focht der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
4. Oktober 2019 beim Bundesverwaltungsgericht an. Er beantragte die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung in den Dispositivpunkten 1–3
und die Gewährung von Asyl unter Anerkennung seiner Flüchtlings-
eigenschaft. Eventualiter sei die Sache zur vollständigen Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhalts und Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um amtliche Rechts-
verbeiständung durch seine mandatierte Rechtsvertreterin.
D.
Am 8. Oktober 2019 wurde dem Beschwerdeführer der Eingang der
Beschwerde bestätigt.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 9. Dezember 2019 wurden die Gesuche um
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und um Beiordnung der
mandatierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin
gutgeheissen und die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung
aufgefordert.
F.
Mit Vernehmlassung vom 11. Dezember 2019 hielt die Vorinstanz mit
ergänzenden Ausführungen an ihrem Entscheid fest.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 18. Dezember 2019 wurde der
Beschwerdeführer zur Einreichung einer Replik eingeladen.
H.
Mit Schreiben vom 14. Januar 2020 reichte der Beschwerdeführer eine
Replik ein und stellte einen ärztlichen Bericht der G._ seine
psychische Verfassung betreffend in Aussicht. Zudem wurde eine
Honorarnote eingereicht.
I.
Am 16. März 2020 wurde der in Aussicht gestellte ärztliche Bericht,
datierend vom 21. Februar 2020, zu den Akten gereicht.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht
Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu
den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des
Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme
im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist
daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines
Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerde-
führende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG
liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig
entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise
Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
(Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Die Vorinstanz erachtete die vom Beschwerdeführer geltend
gemachten Asylvorbringen aufgrund bestehender Widersprüche in
wesentlichen Aspekten als nicht glaubhaft gemacht. So habe er an der BzP
erklärt, in seinem Heimatstaat zwei Demonstrationen organisiert zu haben,
die erste am 15. Februar 2002 und die zweite am 5. April 2002. Das erste
Mal sei er am 15. Januar 2001 und das zweite Mal am 5. April 2002
festgenommen worden. An der Anhörung hingegen habe er ausgeführt, in
den Jahren 1999, 2000 und 2001 drei Demonstrationen organisiert zu
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haben. In Bezug auf seine Inhaftierungen habe er im Rahmen der BzP
vorgebracht, das erste Mal etwa eine Woche, das zweite Mal etwa einen
Monat lang und das dritte Mal eineinhalb Monate inhaftiert gewesen zu
sein. An der Anhörung habe er jedoch angegeben, die zweite Haftzeit habe
zehn Tage und die dritte rund 15 Tage lang gedauert. Des Weiteren habe
er an der BzP zunächst geschildert, im Jahre 2001 für drei Monate bei der
Opposition gewesen zu sein, um später an der BzP auszuführen, vom
20. Januar bis am 20. November 2001 bei der Befreiungsarmee gewesen
zu sein. Wiederum abweichend habe er an der Anhörung vorgebracht,
möglicherweise zwei oder drei Monate in C._ bei der Opposition
verweilt zu haben. Auch in Bezug auf seine Funktion bei der Opposition
habe er unterschiedliche Angaben gemacht, indem er an der BzP keine
bestimmte Funktion genannt habe, an der Anhörung jedoch zu Protokoll
gegeben habe, dass er Verletzte betreut und Waren transportiert habe.
Schliesslich habe er sich widersprüchlich dahingehend geäussert, ob er
einen Pass erhalten habe oder nicht. Die vom Beschwerdeführer zur
Rechtfertigung der Widersprüche angebrachte Begründung, dass die
asylrelevanten Ereignisse schon lange her seien, könne die
Unstimmigkeiten zwischen seinen Aussagen an der BzP und der Anhörung
nicht erklären. Soweit er die Widersprüche mit Verständigungs-
schwierigkeiten zwischen ihm und dem Arabisch sprechenden
Dolmetscher begründe, sei auszuführen, dass der Beschwerdeführer zu
Beginn der Anhörung zwar angemerkt habe, dass Arabisch nicht seine
Muttersprache sei. Zudem gebe es durchaus sprachliche Unterschiede im
Arabischen, so dass sich eine Verständigung als problematisch erweisen
könne. Den Protokollen der BzP und der Anhörung sei aber nicht zu
entnehmen, dass es bei den Befragungen zu sprachlichen
Missverständnissen gekommen sein soll. Die Protokolle seien dem
Beschwerdeführer rückübersetzt worden und er habe mit seiner
Unterschrift bestätigt, alles verstanden zu haben. Auch habe er im Rahmen
der BzP zweimal bestätigt, die dolmetschende Person gut zu verstehen.
Auch für den Einwand, dass es ihm psychisch nicht gut gegangen sei, gebe
es keine Grundlage. Insgesamt seien die Diskrepanzen zwischen den
Aussagen an der BzP und der Anhörung derart frappant, dass sie nicht
alleine mit Verständigungsschwierigkeiten begründet werden könnten.
Zudem handle es sich bei den vom Beschwerdeführer geschilderten
Ereignissen um einschneidende Erlebnisse, von denen auch nach Jahren
noch ein einigermassen konsistentes Aussagebild erwartet werden könne.
Bezeichnenderweise seien seine Antworten in Bezug auf die Inhaftierung
vage und unpersönlich ausgefallen. Auch der Umstand, dass er drei Mal
inhaftiert, gefoltert und verhört worden und ihm dabei jedes Mal beim
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Toilettengang die Flucht gelungen sein soll, erscheine äusserst fragwürdig
– insbesondere in Anbetracht der Verletzungen, die ihm während der Haft
zugefügt worden sein sollen. Ferner sei unplausibel, dass er nach der
Flucht aus der Haft jeweils nach Hause zurückgekehrt sei, ohne von den
Sicherheitskräften, die ihn eigenen Angaben zufolge identifiziert hätten,
sogleich wieder inhaftiert worden zu sein. Fragen in Bezug auf die Flucht
habe er nicht nachvollziehbar beantworten können. Dasselbe gelte auch
bezüglich der Frage, wieso er nicht bereits früher zur Opposition geflüchtet
sei. Schliesslich sei auch seine Aussage, als einziger von über 100
Demonstranten verfolgt worden zu sein, anzuzweifeln.
Selbst wenn die Vorbringen des Beschwerdeführers als glaubhaft erachtet
würden, sei des Weiteren festzuhalten, dass seit seiner Ausreise aus dem
Heimatstaat mindestens 17 Jahre vergangen seien. Dass er nach all dieser
Zeit noch in den Fokus der Janjaweed-Miliz oder der sudanesischen
Sicherheitsbehörden geraten würde, sei durchaus fraglich, insbesondere
in Anbetracht der aktuellen politischen Entwicklungen im Sudan. Auch
seine geltend gemachten exilpolitischen Tätigkeiten – namentlich
Gespräche mit anderen Personen und Sammeln von freiwilligen Spenden
– könnten keine Furcht vor flüchtlingsrelevanter Verfolgung bei einer
Rückkehr in den Sudan begründen. Obschon sich die sudanesischen
Behörden grundsätzlich für die exilpolitischen Aktivitäten ihrer
Staatsangehörigen interessieren würden, sei nicht davon auszugehen,
dass der Beschwerdeführer besonders exponiert gewesen sei und damit
die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich gezogen habe. Die blosse
Mitgliedschaft bei einer oppositionellen Organisation beziehungsweise die
alleinige Teilnahme an exilpolitischen Veranstaltungen führe nicht
automatisch dazu, dass die sudanesischen Behörden oder der
Geheimdienst Interesse an der betroffenen Person hätten.
3.2 Der Beschwerdeführer brachte auf Beschwerdeebene zunächst vor,
dass der rechtserhebliche Sachverhalt nicht korrekt und somit ungenügend
erstellt worden sei, da sowohl die BzP wie auch die Anhörung auf Arabisch
durchgeführt worden seien, obwohl seine Muttersprache Masalit sei. Er
verfüge zwar über Arabischkenntnisse, habe jedoch einen sudanesischen
Dialekt, den die Dolmetschenden an den Befragungen nicht beherrscht
hätten. Obwohl er an den Befragungen Verständigungsprobleme
kundgetan habe, seien seine Einwände nicht protokolliert worden. Auch
habe an der BzP ein Hilfswerksvertreter gefehlt, der dies hätte vermerken
können. Bereits an der BzP sei fälschlicherweise angegeben worden, dass
er der arabischen Ethnie angehöre und seine Arabischkenntnisse gut
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genug für eine Anhörung wären. Insgesamt hätte er sich in seiner
Muttersprache Masalit besser ausdrücken können. Entsprechend sei die
Kommunikation insbesondere an der BzP sehr prekär gewesen. Dem
Anhörungsprotokoll seien jedoch glaubhafte Hinweise darauf zu
entnehmen, dass es an beiden Befragungen zu sprachlichen
Schwierigkeiten gekommen sei. Der Beschwerdeführer führte sodann
weiter aus, sollte seinem Antrag auf Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz zur vollständigen Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts und zur Neubeurteilung nicht Folge geleistet werden, seien
seine Aussagen an den Befragungen unter Berücksichtigung der
offensichtlichen Verständigungsprobleme zu würdigen. Die sprachlichen
Schwierigkeiten hätten auch dazu beigetragen, dass seine Aussagen
weniger detailliert ausgefallen seien. Zudem sei es bei Folteropfern nicht
unüblich, dass die Schilderungen in Bezug auf das Erlittene eher spärlich
seien. Ferner weise er offensichtlich psychische Probleme auf, auf die er
an der Anhörung regelmässig hingewiesen habe. Diese hätten sich negativ
auf sein Erinnerungsvermögen ausgewirkt, wie dies im Übrigen vom
Hilfswerksvertreter im Protokoll der Anhörung vermerkt worden sei. Soweit
die Vorinstanz ihm vorwerfe, dass seine Ausführungen unplausibel seien,
sei dem zu entgegnen, dass er insbesondere die letzte Inhaftierung und
Flucht sehr plausibel und mit diversen Realkennzeichen versehen
geschildert habe, so dass dieses Ereignis glaubhaft sei. Aufgrund der
Traumatisierung und der grossen Zeitspanne seit dem Vorfall könne zwar
nicht ausgeschlossen werden, dass er die drei Inhaftierungen nicht mehr
genau auseinanderhalten könne. Es stehe aber fest, dass er bei allen drei
Inhaftierungen habe flüchten können. Es könne aber auch sein, dass er die
ersten beiden Male freigelassen worden sei und die sudanesische
Regierung gehofft habe, er sei genügend eingeschüchtert, um von
weiteren politischen Aktionen abzusehen. Er verfüge, insbesondere im
Vergleich zu anderen Mitdemonstrierenden, über ein verschärftes
politisches Profil, zumal er bereits vor dem ersten Angriff der Janjaweed-
Miliz auf sein Heimatdorf politisch aktiv gewesen sei und daher den
Behörden bekannt gewesen sein dürfte. Ausserdem sei er der Organisator
der Demonstrationen und aufgrund des Megaphons als Kopf der
Kundgebung erkennbar gewesen. Er habe im Übrigen niemanden in seine
Probleme hineinziehen wollen, was auch der Grund dafür gewesen sei,
dass er jeweils nach der Flucht aus der Inhaftierung nach Hause
zurückgekehrt und nicht bei anderen untergetaucht sei. Die BzP habe
überdies nur summarischen Charakter und in Bezug auf die Beurteilung
der Glaubwürdigkeit nur einen beschränkten Beweiswert. Die
Verfolgungssituation sei aufgrund seiner politischen Aktivität vor und nach
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seiner Flucht und den Angriffen und Tötungen seiner Familienmitglieder
durch die Janjaweed-Miliz im Übrigen noch immer aktuell. Auch die
Situation im Sudan habe sich zwischenzeitlich nicht verändert. Er sei
dazumal mit seinem Namen verzeichnet und sein Pass sei vom
sudanesischen Sicherheitsdienst konfisziert worden, so dass nicht
ausgeschlossen werden könne, dass er im Falle einer Rückkehr nach wie
vor als politisch unliebsame Person verfolgt werde. Vorliegend sei ebenfalls
das Vorliegen triftiger Gründe zu bejahen, so dass eine Rückkehr in den
früheren Verfolgerstaat auch nach Wegfall der Verfolgungsgefahr nicht
zumutbar sei, da er ein Überlebender einer gezielten ethnisch-motivierten
Verfolgung unter anderem der Masalit durch die Janjaweed-Milizen in den
Jahren 1999–2001 sei. In Bezug auf seine gesundheitliche Verfassung sei
zu ergänzen, dass er, obschon nie in psychologischer Behandlung, unter
Schlafstörungen, Albträumen und Erinnerungslücken leide. Seit er sich in
der Schweiz befinde, habe er sich aber vor allem auf sein (...) und die
kürzlich erfolgte (...) fokussiert, so dass eine psychiatrische Behandlung
noch nicht begonnen worden sei.
3.3 In der Vernehmlassung führte das SEM insbesondere aus, dass eine
Verständigung an der Anhörung wie auch bereits an der BzP trotz der
unterschiedlichen Dialekte gut funktioniert habe, zumal der
Beschwerdeführer zweimal bestätigt habe, den Dolmetscher gut zu
verstehen. Die Erfassung der Ethnie als Araber sei zwar auf einen
offensichtlichen Fehler zurückzuführen. Die vom Beschwerdeführer
aufgeführten Stellen im Protokoll, die auf Verständigungsschwierigkeiten
hindeuten sollen, seien aber nicht einschlägig. Insgesamt sei die
Verständigung gewährleistet gewesen. Mit der Anordnung der vorläufigen
Aufnahme sei der weiterhin volatilen Situation in Darfur Rechnung
getragen worden. Der Beschwerdeführer unterliege aber alleine aufgrund
seiner ethnischen Zugehörigkeit zu den Darfuri nicht einer asylrelevanten
Kollektivverfolgung.
3.4 In der Replik hielt der Beschwerdeführer fest, das SEM habe den
Fehler eingeräumt, der ihm bei der Erfassung seiner Ethnie unterlaufen sei.
Es ziehe ebenfalls in Betracht, dass es anlässlich der BzP zu
Verständigungsproblemen gekommen sei. Zudem sei gerade die
Schilderung von mehreren vergleichbaren Sachverhalten, wie die drei
Inhaftierungen und die anschliessenden Fluchterfolge, sehr anfällig,
Missverständnisse und Widersprüche zu erzeugen. Entgegen der
Ausführungen des SEM würden die bereits erwähnten Protokollstellen
zudem durchaus auf Verständnisschwierigkeiten hinweisen. Des Weiteren
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habe die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung anerkannt, dass die
Asylvorbringen asylrelevant seien, indem sie ausgeführt habe, die
Situation in Darfur sei weiterhin volatil und von Gewalt geprägt.
Mit Verweis auf den nachgereichten ärztlichen Bericht weise er Symptome
auf, die auf eine posttraumatische Belastungsstörung hinweisen würden.
Diese seien zu beobachten und bei einer Verstärkung derselben werde
eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung empfohlen. Zudem
leide er an einer Anpassungsstörung mit depressiven Symptomen, so dass
eine medikamentöse Behandlung und der Aufbau beziehungsweise die
Aufrechterhaltung einer Tagesstruktur notwendig seien.
4.
4.1 In der Beschwerde werden Verständigungsprobleme anlässlich der
Befragung und Anhörung geltend gemacht und damit eine Verletzung des
rechtlichen Gehörs gerügt, welche vorab zu beurteilen ist, da sie allenfalls
geeignet wäre, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu
bewirken.
4.2 Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29
VwVG, Art. 32 Abs. 1 VwVG) verlangt, dass die verfügende Behörde die
Vorbringen des Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft
und in der Entscheidfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in der
Entscheidbegründung niederschlagen muss (vgl. Art. 35 Abs. 1 VwVG).
Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst diverse Teilgehalte, unter
anderem auch das Recht auf Anhörung (Art. 30 Abs. 1 VwVG). Die
Anhörung stellt nicht nur ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht
der asylsuchenden Person und einen Teilgehalt des rechtlichen Gehörs dar
sondern dient auch der materiellen Sachverhaltsabklärung, die im
Asylverfahren grundsätzlich von Amtes wegen durchzuführen ist (Art. 6
AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG).
Die asylsuchende Person hat im Asylverfahren im Sinne von Art. 29 Abs. 1
AsylG grundsätzlich das Recht, wenigstens einmal mündlich ihre
Asylgründe vorzubringen und umfassend darzulegen. Damit trägt das
Asylgesetz dem Umstand Rechnung, dass den Angaben der
asylsuchenden Person bei der Ermittlung des rechtserheblichen
Sachverhalts entscheidende Bedeutung zukommt. Nötigenfalls hat das
SEM für die Anhörung einen Dolmetscher beizuziehen (Art. 29 Abs. 1bis
AsylG). Das bei der Anhörung zu erstellende Protokoll soll alle Fragen und
Antworten wortgetreu wiedergeben (Art. 29 Abs. 3 AsylG); es wird nach der
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Anhörung rückübersetzt und ist von den Beteiligten zu unterzeichnen. Die
asylsuchende Person ist vor der Rückübersetzung darauf hinzuweisen,
dass sie auf allfällige Übersetzungs- oder Protokollfehler aufmerksam zu
machen hat. Zusammenfassend kann die Anhörung als die wichtigste
Grundlage für den Entscheid im Asylverfahren bezeichnet werden,
weshalb gerade auch angesichts der hochrangigen Rechtsgüter strenge
Anforderungen an deren Qualität zu stellen sind (vgl. zum Ganzen BVGE
2007/30 E. 5.5).
4.3 Dem Vorbringen des Beschwerdeführers ist Folgendes zu entgegnen:
Aus dem Protokoll der BzP ergibt sich nicht, dass sprachliche Probleme
den Beschwerdeführer an der korrekten und präzisen Wiedergabe seiner
Asylgründe gehindert hätten. Im Gegenteil hat er zweimal bestätigt, den
Dolmetscher gut zu verstehen (act. A14/13 Antworten h und F9.02), die auf
Arabisch erhaltenen Merkblätter gelesen und verstanden zu haben
(act. A14/13 Antworten d und e). Dies steht auch im Einklang mit den
Ausführungen zu seinem Lebenslauf, wonach er mehrere Jahre im Tschad,
in Libyen und in Israel gelebt habe, wo Arabisch gesprochen wird. Weiter
ist aufgrund des Protokollverlaufs und der jeweils schlüssigen Antworten
auf die gestellten Fragen zu schliessen, dass die BzP in sprachlicher
Hinsicht ohne Probleme durchgeführt wurde. Überdies bestätigte der
Beschwerdeführer nach Rückübersetzung seiner Aussagen die Korrektheit
und Vollständigkeit derselben mit seiner Unterschrift (act. A14/13 S. 9 f.).
Deshalb erweisen sich die Entgegnungen des Beschwerdeführers, es sei
an der BzP zu Verständigungsproblemen gekommen und diese seien
protokollarisch nicht festgehalten worden, als nicht überzeugend, zumal
der Beschwerdeführer Entsprechendes auch nicht im Rahmen der
Anhörung ausführte (act A23/30). Dass die Vorinstanz die Ethnie des
Beschwerdeführers zunächst nicht korrekt erfasst hat, ändert an dieser
Einschätzung nichts.
Dasselbe gilt auch für die Anhörung. Zwar merkte der Beschwerdeführer
zu Beginn der Anhörung an, den Dolmetscher «ein bisschen» zu
verstehen, da er den sudanesischen Dialekt des Arabischen sprechen
würde und der Dolmetscher hocharabisch, und dass er darum bitte,
nachfragen zu dürfen, wenn er oder der Dolmetscher etwas nicht verstehen
würde (act. A23/30 Antwort F1). Auf die Frage, wie der Dolmetscher ihn bis
jetzt verstanden habe, antwortete dieser «bis jetzt gut» (act. A23/30
Antwort F2). Auch als sich im späteren Verlauf der Anhörung der
Sachbearbeiter danach erkundigte, ob der Beschwerdeführer den
Dolmetscher gut verstehe, bejahte er dies (act. A23/30 Antwort F77 und
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F198). Während der gesamten rund sechsstündigen Anhörungen hat der
Beschwerdeführer lediglich einmal eine Frage nicht verstanden (act.
A23/30 F34) und musste nur vereinzelt um eine Präzisierung nachfragen,
wobei sich jeweils herausstellte, dass er den Dolmetscher stets von Anfang
an korrekt verstanden hatte (z.B. act. A23/30 F67, F70, F133). Aus dem
Anhörungsprotokoll geht insgesamt hervor, dass die Befragung ohne
nennenswerte sprachliche Probleme hat durchgeführt werden können.
Dem Verlauf der Anhörung sind keine Hinweise darauf zu entnehmen, dass
der Beschwerdeführer den Dolmetscher nicht verstanden hätte. Die
Hilfswerksvertretung führte im Beiblatt zur Anhörungssituation aus, dass
der Beschwerdeführer Mühe gehabt habe, die Ereignisse zu schildern.
Grund dafür seien aber nebst dem Umstand, dass die Anhörung nicht in
seiner Muttersprache durchgeführt worden sei, vor allem die Umstände
gewesen, wonach der Beschwerdeführer verunsichert gewesen sei, unter
Erinnerungslücken gelitten habe, der Beschwerdeführer an mehreren
Stellen länger überlegt oder Sätze wieder abgebrochen habe, dies könnten
Zeichen für eine Traumatisierung sein (act. A23/30 S. 30). Dass es zu
wesentlichen Verständnisschwierigkeiten gekommen sein soll, wie dies der
Beschwerdeführer nunmehr auf Beschwerdeebene vorbringt, hat die
Hilfswerksvertretung nicht angemerkt. Schliesslich bestätigte der
Beschwerdeführer nach Rückübersetzung seiner Aussagen an der
Anhörung die Korrektheit und Vollständigkeit derselben mit seiner
Unterschrift (act. A23/30 S. 29).
4.4 Insgesamt ist somit nicht davon auszugehen, dass es an der BzP und
der Anhörung zu sprachlichen Schwierigkeiten gekommen ist und sich die
Dolmetscher und der Beschwerdeführer nicht hätten verständigen können.
Der Antrag auf Rückweisung der Sache an die Vorinstanz wegen
Verletzung des rechtlichen Gehörs und zur weiteren Abklärung ist damit
abzuweisen und die Vorinstanz konnte sich in ihrer Beurteilung auf die
erstellten Protokolle stützen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen
grundsätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat
oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion,
Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder
wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt
sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich
die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie
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Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3
Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für
gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in
wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich
sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte
oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
5.3 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG
aufgezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt
zu werden drohen. Die Furcht vor künftiger Verfolgung umfasst allgemein
ein auf tatsächlichen Gegebenheiten beruhendes objektives Element
einerseits sowie die persönliche Furchtempfindung der betroffenen Person
als subjektives Element andererseits. Begründete Furcht vor Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG hat demnach, wer nachvollziehbare Gründe
(objektives Element) für seine Furcht (subjektives Element) vorweist, mit
gewisser Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft das Opfer von
Verfolgung zu werden (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1; 2011/50 E. 3.1.1;
2011/51 E. 6; 2008/4 E. 5.2, je m.w.H.).
5.4 Die erlittene Verfolgung beziehungsweise die begründete Furcht vor
künftiger Verfolgung muss sachlich und zeitlich kausal für die Ausreise aus
dem Herkunftsstaat und grundsätzlich auch im Zeitpunkt des
Asylentscheids noch aktuell sein. Massgeblich für die Beurteilung der
Flüchtlingseigenschaft ist somit die Situation im Zeitpunkt des Entscheides.
Veränderungen der Situation zwischen Ausreise und Asylentscheid sind zu
Gunsten und zu Lasten der asylsuchenden Person zu berücksichtigen (vgl.
BVGE 2010/57 E. 2, 2010/9 E. 5.2, 2007/31 E. 5.3 f.).
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5.5 Gemäss Art. 54 AsylG wird Flüchtlingen kein Asyl gewährt, wenn sie
erst durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen
ihres Verhaltens nach der Ausreise Flüchtlinge im Sinne von Art. 3 wurden.
Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen werden jedoch als
Flüchtlinge vorläufig aufgenommen. Massgebend ist dabei einzig, ob die
heimatlichen Behörden das Verhalten des Asylsuchenden als
staatsfeindlich einstufen und dieser deswegen bei einer Rückkehr in den
Heimatstaat eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG befürchten muss.
Es bleiben damit die Anforderungen an den Nachweis einer begründeten
Furcht massgeblich (Art. 3 und 7 AsylG; vgl. zum Ganzen auch BVGE
2009/29 E. 5.1; BVGE 2009/28 E. 7.1).
6.
6.1 Die Vorinstanz hält in der angefochtenen Verfügung fest, die
Vorbringen des Beschwerdeführers seien nicht glaubhaft gemacht worden.
Das Bundesverwaltungsgericht ist nicht an die Begründung der Vorinstanz
gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG); es kann die Beschwerde auch aus
anderen Überlegungen als jenen der Vorinstanz abweisen (sog.
Motivsubstitution; vgl. MADELEINE CAMPRUBI in: Auer/Müller/Schindler
[Hrsg.], VwVG, Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren, 2. Aufl. 2018, N 16 zu Art. 62 VwVG; KÖLZ/HÄNER/
BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des
Bundes, 3. Aufl. 2013, S. 398, Rz. 1136).
Das Gericht gelangt zum Schluss, dass sich in Anbetracht der teils
widersprüchlichen Ausführungen des Beschwerdeführers zu den
behaupteten Verhaftungen und den erfolgreichen Fluchtversuchen Zweifel
an diesen Vorbringen rechtfertigen. Die lange zeitliche Dauer, die seit den
Ereignissen im Sudan vergangen ist, relativieren aber diese Zweifel an der
Glaubhaftigkeit der Vorbringen. Die Frage, ob die Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG erfüllt sind, kann jedoch im
vorliegenden Fall offengelassen werden, da dem Vorbringen, wie
nachfolgend ausgeführt wird, zum heutigen Zeitpunkt keine asylrechtliche
Relevanz mehr beigemessen werden kann.
6.2 In seinem Referenzurteil D-2899/2016 vom 24. August 2017 befasste
sich das Bundesverwaltungsgericht mit der aktuellen Rechtsprechung des
Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) betreffend den
Sudan. In den Entscheiden A. I. gegen die Schweiz (Beschwerde
Nr. 23378/15) und N. A. gegen die Schweiz (Beschwerde Nr. 50364/14)
vom 30. Mai 2017 habe der Gerichtshof seine bisherige Einschätzung,
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/29 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/29 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/28
E-5170/2019
Seite 14
dass sich die Gefährdung des sudanesischen Staats nicht ausschliesslich
auf Oppositionelle mit ausgeprägtem Profil zu beschränken scheine,
sondern jede Person treffen könne, die sich dem Regime widersetze oder
entsprechend verdächtigt werde, wiederholt. Auch habe der Gerichtshof
erneut darauf hingewiesen, dass das sudanesische Regime die Aktivitäten
der politischen Opposition im Ausland überwache. In beiden Urteilen habe
der EGMR allerdings auch eine gewisse Präzisierung vorgenommen.
Gestützt auf die Feststellung, dass die Überwachung der Aktivitäten der
regimekritischen Opposition im Ausland durch die sudanesischen
Geheimdienste nicht systematisch sei, habe der Gerichtshof festgehalten,
dass bei der Beurteilung des Verfolgungsrisikos bei einer Rückkehr in den
Sudan verschiedene Kriterien zu berücksichtigen seien, namentlich das
allfällige Interesse der sudanesischen Behörden an den Betroffenen
aufgrund deren Vergangenheit, sei es im Sudan oder Ausland; die
Zugehörigkeit im Sudan zu einer regimekritischen Organisation unter
Berücksichtigung des Charakters und der Weise, in welcher diese
Organisation durch die sudanesische Regierung anvisiert werde; der
Charakter des politischen Engagements der Betroffenen in ihrem
Aufenthaltsland, insbesondere ihre Beteiligung an Versammlungen und
Kundgebungen sowie ihre Aktivitäten im Internet; ihre persönlichen oder
familiären Verbindungen mit prominenten Mitgliedern der Opposition im
Exil (ebenda E. 4.4.5).
6.3 Der Beschwerdeführer hat eigenen Aussagen zufolge in den Jahren
1999–2002 beziehungsweise 2001–2002 in seinem Heimatstaat
insgesamt drei Demonstrationen organisiert respektive daran
teilgenommen. Im Nachgang an die Demonstrationen ist er jeweils
inhaftiert worden. Es ist daher möglich, dass er den Behörden mithin als
Veranstalter und politischer Oppositioneller bekannt gewesen ist. Zudem
hat er zwei bis drei Monate bei der Opposition beziehungsweise bei der
Befreiungsarmee verbracht und dabei Verletzte und Waren transportiert.
Ein politisches Profil könnte ihm somit bei unterstellter Glaubhaftigkeit der
Vorbringen nicht gänzlich abgesprochen werden. Innerhalb einer
Zeitspanne von drei bis vier Jahren hat er jedoch an drei Demonstrationen
teilgenommen beziehungsweise diese organisiert. Seine drei
Inhaftierungen standen jeweils im Zusammenhang mit dieser Teilnahme.
Aufgrund der Angaben auf Beschwerdeebene ist unklar, ob der
Beschwerdeführer jeweils aus der Haft hat fliehen können oder ob er
freigelassen wurde (vgl. Beschwerde S. S. 9 Ziff. 4.2.3). Schliesslich hat er
auch bei der Opposition eigenen Angaben gemäss lediglich während einer
kurzen Dauer eine politisch untergeordnete Arbeit verrichtet. All diese
E-5170/2019
Seite 15
Ereignisse haben sich zudem, wie bereits erläutert, vor rund 18 Jahren
zugetragen.
6.4 Auch sein exilpolitisches Wirken in der Schweiz – seine Mitgliedschaft
beim D._ sowie der Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung
(SPLM) – kann lediglich als niederschwellig bezeichnet werden. Er ist als
einfaches Vereinsmitglied zu betrachten, ohne nennenswerte
Exponierung. Es kann diesbezüglich auf die zutreffenden Erwägungen der
Vorinstanz verwiesen werden (act. 25/9 S. 5 Ziff. 4). Es ist nicht davon
auszugehen, dass er deshalb von den sudanesischen Behörden als
Regimekritiker registriert wurde. Ebenso wenig macht der
Beschwerdeführer geltend, mit prominenten Mitgliedern der Opposition in
Kontakt zu stehen oder sonstwie über ein verschärftes politisches Profil zu
verfügen.
Unter Berücksichtigung der von der Rechtsprechung aufgestellten Kriterien
ist daher nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer aufgrund
seiner Vergangenheit und seiner exilpolitischen Aktivitäten bei einer
Rückkehr in den Sudan einem Verfolgungsrisiko ausgesetzt wäre.
Diese Einschätzung rechtfertigt sich umso mehr vor dem Hintergrund der
aktuellen Entwicklungen im Sudan. Nach den monatelang anhaltenden
Protesten und dem Sturz von Präsident Omar Al-Bashir durch das Militär
im April 2019 unterzeichneten die Führung des militärischen
Übergangsrates und der Oppositionsbewegung im August 2019 eine
Verfassungserklärung. Gemäss dieser wird für einen Zeitraum von
39 Monaten eine Übergangsregierung («sovereign council») bestehend
aus sechs Zivilpersonen sowie fünf Militärangehörigen eingesetzt. Nach
rund drei Jahren sollen Wahlen stattfinden. Die Übergangsregierung wird
von Sudans Ministerpräsident Abdulla Hamdok angeführt. Die Staatspartei
von Omar Al-Bashir (Nationale Kongresspartei) wurde aufgelöst. Zudem
hat die Übergangsregierung einen Justizminister und eine
Generalstaatsanwältin («chief justice and attorney general») bestimmt,
welche Strafverfahren gegen die Angehörigen des vorherigen Regimes
durchführen. Omar Al-Bashir wurde am 14. Dezember 2019 wegen
Korruption zu zwei Jahren Hausarrest verurteilt. Ein Verfahren im
Zusammenhang mit der Tötung von Demonstranten ist noch hängig.
Darüber hinaus wurden auch Strafverfahren gegen Führungskräfte des
vormaligen Regimes von Omar Al-Bashir, namentlich betreffend den
Putsch von 1989, eingeleitet. Der «National Intelligence and Security
Service» (NISS) wurde unter der Bezeichnung «General Intelligence
E-5170/2019
Seite 16
Service» reorganisiert. 98 hohe Funktionäre des NISS wurden ihres Amtes
enthoben, so auch der Direktor. Nachdem im Dezember 2019 zwischen
der Regierung Sudans und Rebellen Friedensgespräche aufgenommen
wurden, kündigte die sudanesische Regierung im Februar 2020 an, Omar
Al-Bashir und weitere Angeklagte an den International Criminal Court (ICC)
in Den Haag ausliefern zu wollen, sobald die Friedensgespräche mit
oppositionellen Rebellen erfolgreich verlaufen seien (vgl. Dabanga, Sudan
govt to extradite Al Bashir to ICC, 11.02.2020,
https://www.dabangasudan.org/en/all-news/article/sudan-govt-to-extradite
-al-bashir-to-icc; The National, Sudan’s government restarts peace talks
with rebel groups, 11.12.2019, https://www.thenational.ae/world/africa
/sudan-s-government-restarts-peace-talks-with-rebel-groups-1.949621;
BBC News, Sudan crisis: Military and opposition sign constituational
declaration, 04.08.2019, https://www.bbc.com/news/world-africa-
49226130?intlink_from_url=https://www.bbc.com/news/topics/cq23pdgvg
m8t/sudan&link_location=live-reporting-story; BBC News, Sudan crisis:
What you need to know, 16.08.2019, https://www.bbc.com/news/world-
africa-48511226; Middle East Monitor, Sudan Sovereignty Council appoints
Chief Justice and Attorney General, 11.10.2019,
https://www.middleeastmonitor.com/20191011-sudanese-sovereignty-cou
ncil-appoints-chief-justice-and-attorney-general/; Dabanga, Sudan’s
Attorney General to lift immunity of former NISS members, 24.10.2019,
https://www.dabangasudan.org/en/all-news/article/sudan-s-attorney-gene
ral-to-lift-immunity-of-former-niss-members; Country Policy and
Information Note, Sudan: Non-Arab Darfuris, November 2019, Ziff. 3, Neue
Zürcher Zeitung [NZZ], Wie ein kleiner Protest zur Revolution anschwoll:
Fünf Szenen eines Jahres, in dem im Sudan fast alles auf den Kopf gestellt
wurde, 19.12.2019, https://www.nzz.ch/international/sudan-wie-ein-
kleiner-protest-zur-revolution-anschwoll-ld.1529602; NZZ, Tauwetter im
Sudan, 15.12.2019, https://www.nzz.ch/international/tauwetter-im-sudan-
ld.1527547; NZZ, Zwei Jahre Hausarrest für Sudans Ex-Machthaber Omar
al-Bashir, 14.12.2019, https://www.nzz.ch/international/zwei-jahre-
hausarrest-fuer-sudans-ex-machthaber-omar-al-bashir-ld.1528566; Da-
banga, Sudan court prepares murder charges against Al-Bashir and NISS
chief Gosh, 22.09.2019, https://www.dabangasudan.org/en/all-
news/article/sudan-court-prepares-murder-charges-against-bashir-and-ni
ss-chief-gosh; Dabanga, Sudan junta retires 98 senior NISS officers,
11.06.2019, https://www.dabangasudan.org/en/all-news/article/sudan-
junta-retires-98-senior-niss-officers; Dabanga, Sudanese lawyers open
proceedings against Al Bashir regime leaders, 12.05.2019,
https://www.dabangasudan.org/en/all-news/article/sudanese-lawyers-ope
E-5170/2019
Seite 17
n-legal-proceedings-against-al-bashir-regime-leaders, alle abgerufen am
06.04.2020).
Angesicht dieser seit nunmehr einem Jahr fortschreitenden positiven
Entwicklungen auf politischer Ebene ist nicht davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer staatliche oder mittelbar staatliche Verfolgung zu
befürchten hätte (vgl. auch Urteile des BVGer E-303/2018 vom
16. September 2019 E. 3.6 und E-4301/2017 vom 27. Januar 2020 E. 6.5).
Dabei wird die Volatilität der Situation, die sich auch im jüngsten
Attentatsversuch auf den Ministerpräsidenten zeigt, nicht in Abrede
gestellt.
6.5 Nach dem Gesagten liegen unter Berücksichtigung der vorstehend
dargelegten Rechtsprechung keine ausreichenden Anhaltspunkte dafür
vor, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner früheren Beteiligung an
politischen Aktivitäten bei einer Rückkehr in den Sudan einer spezifischen
Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt sein könnte. Eine
begründete Furcht vor einer Verfolgung ist mithin zum heutigen Zeitpunkt
zu verneinen. Wie bereits erläutert liegen auch keine ausreichenden
Anhaltspunkte dafür vor, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner
Beteiligung an exilpolitischen Aktivitäten bei einer Rückkehr in den Sudan
einer spezifischen Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt sein
könnte. Das Vorliegen von subjektiven Nachfluchtgründen ist zu verneinen.
6.6 Eine erlittene Vorverfolgung ist sodann nur ausnahmsweise auch nach
Wegfall einer zukünftigen Verfolgungsgefahr im Sinne von Art. 3 AsylG als
asylrechtlich relevant zu betrachten, nämlich dann, wenn eine Rückkehr in
den früheren Verfolgerstaat aus zwingenden, auf diese Verfolgung
zurückgehenden Gründen nicht zumutbar ist. Als «zwingende Gründe»
sind in erster Linie traumatisierende Erlebnisse zu betrachten, die es der
betroffenen Person angesichts erlebter schwerwiegender Verfolgungen im
Sinne einer Langzeittraumatisierung psychologisch verunmöglichen, ins
Heimatland zurückzukehren (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.4 S. 380). Von einer
entsprechenden Traumatisierung ist jedoch unter Berücksichtigung des
eingereichten medizinischen Berichts vom 21. Februar 2020 nicht
auszugehen (Beschwerdedossier act. 9 Beilage).
7.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer weder
Vorfluchtgründe noch subjektive Nachfluchtgründe hat glaubhaft machen
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Seite 18
können. Die Vorinstanz hat seine Flüchtlingseigenschaft zu Recht verneint
und das Asylgesuch abgewiesen.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an (Art. 44 AsylG).
8.2 Die Vorinstanz hat in der Verfügung vom 30. August 2019 mangels
Zumutbarkeit die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers in der
Schweiz angeordnet, womit auch den geltend gemachten Gesundheits-
beeinträchtigungen des Beschwerdeführers Rechnung getragen wurde.
Demnach erübrigen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit und
Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist
abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
unterliegenden Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit
Zwischenverfügung vom 9. Dezember 2019 wurde ihm jedoch die
unentgeltliche Prozessführung gewährt. Aufgrund der Akten ist heute auch
nicht von einer Veränderung der finanziellen Verhältnisse auszugehen,
weshalb von der Erhebung der Verfahrenskosten abzusehen ist.
10.2 Ebenfalls mit Zwischenverfügung vom 9. Dezember 2019 wurde das
Gesuch um eine amtliche Verbeiständung gutgeheissen und dem
Beschwerdeführer Fabienne Zannol als amtliche Rechtsbeiständin
beigeordnet. Ihr ist ein amtliches Honorar für die notwendigen
Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten (vgl. aArt. 110a
Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 9–14 des Reglements vom 21. Februar 2008 über
die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
Mit Kostennoten vom 4. Oktober 2019 und 14. Januar 2020 macht die
Rechtsvertreterin einen Aufwand von 14.75 Stunden zu einem Ansatz von
Fr. 180.– sowie eine Spesenpauschale von Fr. 50.–, mithin ein
Gesamthonorar von Fr. 2'698.25, geltend. Der Ansatz scheint in zeitlicher
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Seite 19
Hinsicht zu hoch. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden
Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) wird der Rechtsbeiständin zu
Lasten der Gerichtskasse eine Entschädigung von pauschal Fr. 2’000.–
(inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) zugesprochen.
(Dispositiv nächste Seite)
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