Decision ID: 1353cebb-2245-5add-98e0-38a8f2ecd7c6
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 22. August 2008 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 3). Sie gab an, sie arbeite seit November 2002 im
Hausdienst des B._. Zu ihrer schulischen und beruflichen Ausbildung machte sie
keine Angaben. Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die medizinische Abklärungsstelle
(MEDAS) Ostschweiz (heute: medexperts AG) ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act.
25). Im Rahmen der Begutachtung gab die Versicherte an, eine angefangene
Ausbildung zur Krankenschwester im Herkunftsland wegen eines Bürgerkrieges
abgebrochen zu haben. Eine anerkannte Berufsbildung habe sie nicht abgeschlossen.
Der psychiatrische Sachverständige med. pract. C._ stellte fest, aus fachärztlicher
Sicht seien die Kriterien für die Diagnose einer psychischen Erkrankung nicht erfüllt.
Entsprechend sei die Arbeitsfähigkeit der Versicherten aus psychiatrischer Sicht nicht
beeinträchtigt. Der rheumatologische Sachverständige Dr. med. D._ führte aus, die
Versicherte leide an einem chronischen cervico-cephalen, panvertebralen und
lumbalen Schmerzsyndrom sowie an einer Eisenmangelanämie. Bei der Untersuchung
seien viele Faktoren für ein nichtorganisches Krankheitsverhalten aufgefallen. Der
Versicherten seien körperlich eher leichtere bis vereinzelt mittelschwere Tätigkeiten
ohne häufiges Bücken oder Heben und Tragen von Lasten von mehr als zehn
Kilogramm nur noch zu 80 Prozent zumutbar. Bis die Eisenmangelanämie behoben sei,
belaufe sich der Arbeitsunfähigkeitsgrad auf 30–40 Prozent.
A.a.
Am 17. Dezember 2008 notierte Dr. med. E._ vom IV-internen regionalen
ärztlichen Dienst (RAD), da die Eisenmangelanämie behoben werden könne, sei von
einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 20 Prozent auszugehen (IV-act. 26). Am
12. Januar 2009 gab der Vorgesetzte der Versicherten telefonisch an (IV-act. 30), das
A.b.
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Pensum sei zuerst von 70 Prozent auf 35 Prozent reduziert und schliesslich wieder auf
50 Prozent erhöht worden (bei einer Arbeitsleistung von 35 Prozent eines
Vollpensums). Für die andern 35 Prozent erhalte sie eine Rente. Leichtere Arbeiten
könnten ihr nicht zugewiesen werden. Ihre Chancen, in einem anderen Betrieb eine
geeignete Tätigkeit zu finden, seien gering, da sie praktisch über keine Ressourcen
verfüge, wahrscheinlich nicht lesen und schreiben könne und teilweise für Gespräche
einen Dolmetscher benötige. Die Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle notierte
am 26. Februar 2009, dass berufliche Massnahmen angesichts der Ausführungen des
Vorgesetzten nicht angezeigt seien (IV-act. 34). Am 2. März 2009 teilte die IV-Stelle der
Versicherten mit, dass sie keinen Anspruch auf berufliche Eingliederungsmassnahmen
habe (IV-act. 36).
Nach einer Haushaltsabklärung notierte die Abklärungsperson der IV-Stelle am 3.
September 2009 (IV-act. 48), die Versicherte habe vor dem Eintritt der Gesundheits
beeinträchtigung nicht nur für das B._, sondern auch für die F._ gearbeitet. Das
Pensum habe sich insgesamt auf 100 Prozent belaufen. Die Versicherte habe
angegeben, dass sie ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung weiterhin voll erwerbstätig
geblieben wäre. Der Invaliditätsgrad sei folglich mittels eines (reinen)
Einkommensvergleichs zu berechnen. Die SWICA bestätigte am 26. Januar 2010, die
Versicherte im Zeitraum vom 1. September 1999 bis zum 31. März 2008 als
Mitarbeiterin im Reinigungsdienst beschäftigt zu haben (IV-act. 56). Das Pensum habe
sich auf etwa vier bis acht Stunden pro Woche belaufen. Mit einem Vorbescheid vom
14. Oktober 2010 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie die Abweisung des
Rentenbegehrens vorsehe, weil der Invaliditätsgrad nur 20 Prozent betrage (IV-act. 68).
A.c.
Der Hausarzt Dr. G._ hielt am 6. Dezember 2010 fest, dass die Eisenmangel
anämie behoben worden sei, jedoch eine ausgeprägte Kniearthrose rechts vorliege.
Insgesamt sei die Versicherte nach wie vor nur zu 30–40 Prozent arbeitsfähig (IV-act.
74, 75–2 f.). Die Versicherte liess am 17. Dezember 2010 beantragen, dass geprüft
werde, ob seit der Begutachtung durch die MEDAS Ostschweiz eine Verschlechterung
ihres Gesundheitszustandes eingetreten sei (IV-act. 75–1). Am 7. Januar 2011 notierte
der RAD-Arzt Dr. med. H._, dass eine Verschlechterung jedenfalls nicht
ausgeschlossen sei; er empfahl die Einholung eines Verlaufsberichts (IV-act. 76). Nach
der Einholung verschiedener Arztberichte (IV-act. 86, 92, 98) empfahl der RAD-Arzt Dr.
A.d.
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E._ eine Verlaufsbegutachtung durch die MEDAS Ostschweiz (IV-act. 99). Im Auftrag
der IV-Stelle erstattete diese am 1. März 2012 ein entsprechendes Verlaufsgutachten
(IV-act. 106). Der psychiatrische Sachverständige C._ führte aus, anders als noch bei
der ersten Begutachtung leide sie nun an einer depressiven Störung mit einer
mittelgradigen Episode, die als eine eigenständige depressive Erkrankung zu
qualifizieren sei, aber auch von den psychosozialen Problemen und der
Schmerzproblematik überlagert werde. Zudem seien die Diagnosekriterien einer
anhaltenden somatoformen Schmerzstörung erfüllt. Es sei von einer erheblichen
Selbstlimitierung infolge subjektiver Krankheitsüberzeugung auszugehen. Die
Arbeitsfähigkeit der Versicherten sei um etwa 20–30 Prozent eingeschränkt. Die
depressive Störung sei bislang aber noch nicht regelrecht behandelt worden. Der
rheumatologische Sachverständige Dr. D._ hielt fest, aus seiner fachärztlichen Sicht
habe sich der Gesundheitszustand der Versicherten seit der ersten Begutachtung nicht
wesentlich verändert. Der RAD-Arzt Dr. E._ qualifizierte das Verlaufsgutachten als
überzeugend (IV-act. 107). Mit einem Vorbescheid vom 28. August 2012 teilte die IV-
Stelle der Versicherten mit, dass sie nach wie vor plane, das Rentenbegehren mangels
eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades abzuweisen (IV-act. 112).
Dagegen liess die Versicherte am 26. Oktober 2012 einwenden (IV-act. 120), ihr
Gesundheitszustand habe sich massiv verschlechtert. Von einer somatoformen
Schmerzstörung könne keineswegs die Rede sein. Am 7. März 2012 sei sie zudem an
der Lendenwirbelsäule operiert worden. Nach einer stationären Rehabilitation in den
I._ (21. März 2012 bis 14. April 2012) habe sie aufgrund der fehlenden
Schmerzreduktion erneut operiert werden müssen. Die behandelnden Ärzte hätten eine
Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent attestiert. Bei der Berechnung des Invaliditätsgrades
hätte ein „Leidensabzug“ von 25 Prozent berücksichtigt werden müssen. Der RAD-Arzt
Dr. E._ notierte am 30. Oktober 2012, dass sich der Gesundheitszustand der
Versicherten seit der Verlaufsbegutachtung verschlechtert habe, weshalb weitere
medizinische Abklärungen notwendig seien (IV-act. 123). Am 9. November 2012
berichtete Dr. med. J._ von der Klinik für Neurochirurgie des Kantonsspitals St.
Gallen (IV-act. 125), der postoperative Verlauf sei regelrecht gewesen. Eine
leidensadaptierte Tätigkeit sollte der Versicherten während drei bis maximal vier
Stunden pro Tag zumutbar sein.
A.e.
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Am 8. Januar 2013 empfahl der RAD-Arzt Dr. E._ eine weitere
Verlaufsbegutachtung durch die MEDAS Ostschweiz (IV-act. 137). Im Gutachten vom
17. Juli 2013 (IV-act. 140) hielt der psychiatrische Sachverständige med. pract. C._
fest, die bereits bei der letzten Begutachtung festgestellte depressive Störung sei
weiterhin vorhanden, wirke aber weniger ausgeprägt und sei von den psychosozialen
Problemen überlagert. Die Symptomatik habe sich insgesamt etwas gebessert. Aktuell
liege eine leichte bis mittelgradige depressive Episode vor. Die therapeutischen
Möglichkeiten seien weiterhin nicht ausgeschöpft, da die Versicherte entgegen ihrer
Angaben die Medikamente nicht regelmässig einnehme. Auch die
Somatisierungsstörung sei noch vorhanden, wobei die Schmerzen durch psychosoziale
Belastungen sowie emotionale Konflikte verstärkt würden. Der Arbeitsunfähigkeitsgrad
belaufe sich auf höchstens 20–30 Prozent. Der rheumatologische Sachverständige Dr.
D._ führte aus, anders als noch bei der letzten Begutachtung bestehe nun ein Status
nach einer operierten Discushernie. Angesichts der degenerativen Veränderungen und
der Folgen nach den beiden operativen Eingriffen sei die Wirbelsäulenbelastbarkeit
etwas reduziert, was sich aber auf eine leichtere Tätigkeit nicht auswirke. Die
Versicherte könnte ihre aktuelle Tätigkeit folglich vollschichtig und nicht nur zu 35
Prozent ausüben. Der RAD-Arzt Dr. E._ erachtete das Gutachten als überzeugend
(IV-act. 141). Mit einem dritten Vorbescheid vom 28. August 2013 teilte die IV-Stelle der
Versicherten mit, dass sie immer noch die Abweisung des Rentenbegehrens vorsehe
(IV-act. 145). Dagegen liess die Versicherte am 4. Oktober 2013 (Eingang bei der IV-
Stelle) einwenden (IV-act. 146), das Gutachten der MEDAS Ostschweiz überzeuge
nicht. Die Sachverständigen seien voreingenommen gewesen, da sie die Versicherte
vor der aktuellen Begutachtung schon zweimal begutachtet hätten.
Unverständlicherweise sei wiederum kein „Leidensabzug“ berücksichtigt worden. Der
RAD-Arzt Dr. E._ notierte am 15. November 2013, dass aus medizinischer Sicht kein
Grund ersichtlich sei, weshalb nicht auf das Gutachten der MEDAS Ostschweiz
abgestellt werden sollte (IV-act. 147). Mit einer Verfügung vom 18. November 2013
wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der Versicherten ab (IV-act. 148).
A.f.
Dagegen liess die Versicherte am 3. Januar 2014 eine Beschwerde erheben (IV-
act. 151). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung
und die Zusprache mindestens einer Dreiviertelsrente. Zur Begründung führte er aus,
A.g.
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B.
das Gutachten der MEDAS Ostschweiz sei unvollständig, weil die Versicherte auch
orthopädisch hätte untersucht werden müssen. Problematisch sei, dass die Versicherte
dreimal von denselben Sachverständigen begutachten worden sei. Bei der Berechnung
des Invaliditätsgrades müsse ein „Leidensabzug“ von 25 Prozent berücksichtigt
werden. Die IV-Stelle beantragte die Abweisung der Beschwerde mit der Begründung,
die Gutachten der MEDAS Ostschweiz belegten mit dem erforderlichen Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit, dass die Versicherte nur zu 20–30 Prozent
arbeitsunfähig sei. Die angefochtene Verfügung erweise sich damit im Ergebnis als
rechtmässig (IV-act. 160).
Nachdem die medexperts AG dem Versicherungsgericht diverse
Ergänzungsfragen beantwortet hatte, wies dieses die Beschwerde mit Entscheid vom
2. März 2017 ab (IV-act. 176). Es erachtete das Gutachten der MEDAS Ostschweiz als
überzeugend. Es verneinte eine Voreingenommenheit der Sachverständigen, da sich
diese intensiv mit den zwischenzeitlichen Entwicklungen auseinandergesetzt hätten
und bemüht gewesen seien, eine neue Arbeitsfähigkeitsschätzung abzugeben. Zudem
sah es keinen Anlass für eine orthopädische Begutachtung, da der rheumatologische
Sachverständige die massgebenden Befunde habe erheben und beurteilen können.
Schliesslich sei ein Tabellenlohnabzug von 10 Prozent angemessen. Insgesamt erweise
sich die Abweisung des Rentenbegehrens bei einem Invaliditätsgrad von 23,5 Prozent
als rechtmässig (IV 2014/1).
A.h.
Aufgrund einer erneuten Anmeldung vom 5. Februar 2015 nahm die IV-Stelle nach
dem Abschluss des Beschwerdeverfahrens am 1. September 2017 weitere
Abklärungen vor (IV-act. 177 ff.). In ihrem Auftrag erstattete die asim Begutachtung,
Universitätsspital Basel, ein polydisziplinäres Gutachten in den Disziplinen Allgemeine
Innere Medizin, Rheumatologie, Pneumologie und Psychiatrie (Gutachten vom 9. Juli
2018, IV-act. 204). Abgesehen von der Diagnose eines Asthmas bronchiale ergaben
sich aus somatischer Sicht keine Veränderungen zum letzten Gutachten. Die
Sachverständigen schätzten die Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit auf 30
Prozent. Sie führten aus, die Arbeitsfähigkeit habe sich in erster Linie durch die
psychiatrischen Diagnosen vermindert. Die psychiatrische Sachverständige Dr. med.
B.a.
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C.
K._ gab an, dass sich der Ausprägungsgrad und die Chronifizierung der Depression
seit 2013 verstärkt hätten. Zudem liege eine Reihe von psychosozialen Faktoren vor,
welche die depressive Symptomatik beeinflussten. Trotz einer Reihe von
Inkonsistenzen und dem Vorliegen einer Symptomausweitung sei von einer manifest
chronifizierten depressiven Störung auszugehen (IV-act. 204-40 ff.).
Am 17. Dezember 2018 nahm der Rechtsdienst der IV Stellung zum Gutachten; er
war nicht davon überzeugt, dass sich der Gesundheitszustand gegenüber der
Verfügung vom 18. November 2013 erheblich verändert haben sollte (IV-act. 207). Die
psychiatrische Sachverständige habe zudem die angebliche psychiatrische
Verschlechterung nicht plausibel begründet und sich bei der Diagnose
schwergewichtig auf die Schilderungen der Versicherten gestützt. Ausserdem habe der
Medikamentenspiegel der verschriebenen Psychopharmaka deutlich unter dem
therapeutischen Bereich gelegen. In Kombination mit dem ausgewiesenen
inkonsistenten Verhalten der Versicherten sei der Leidensdruck wohl nicht so gross,
wie diese geltend mache. Schliesslich seien bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung von 30
Prozent auch psychosoziale und soziokulturelle Faktoren berücksichtigt worden,
obwohl diese auszuklammern gewesen wären. Insgesamt sei weiterhin von einer
Arbeitsfähigkeit von 75 Prozent gemäss dem Gutachten vom 17. Juli 2013 auszugehen.
Mit einem Vorbescheid vom 28. Februar 2019 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit,
dass sie immer noch die Abweisung des Rentenbegehrens vorsehe (IV-act. 212).
Dagegen liess die Versicherte am 1. April 2019 einwenden (IV-act. 215), ihr
Gesundheitszustand habe sich massiv verschlechtert, was vom asim-Gutachten
korrekt widergespiegelt worden sei. Von einem geringen Leidensdruck könne
keineswegs die Rede sein. Es seien keine Gründe ersichtlich, welche eine Abweichung
vom asim-Gutachten erlauben würden. Mit einer Verfügung vom 25. April 2019 wies die
IV-Stelle das Rentenbegehren der Versicherten ab (IV-act. 219) .
B.b.
Dagegen liess die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 28. Mai 2019
eine Beschwerde erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung, die Zusprache einer ganzen Rente und eventualiter die
Rückweisung der Sache zur weiteren Abklärung an die IV-Stelle (nachfolgend:
C.a.
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Erwägungen
1.
Beschwerdegegnerin). Zur Begründung führte er aus, das asim-Gutachten sei
nachvollziehbar. Auch befinde sich die Beschwerdeführerin regelmässig in
psychiatrischer Behandlung, was für einen hohen Leidensdruck spreche. Aufgrund der
massiven Einschränkungen müsse ein „Leidensabzug“ von 25 Prozent gewährt
werden.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 19. Juni 2019 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung verwies sie auf die Ausführungen des Rechts
dienstes vom 13. Februar 2019 (IV-act. 207) sowie auf die Erwägungen in der
angefochtenen Verfügung.
C.b.
Die verfahrensleitende Richterin bewilligte am 13. August 2019 die unentgeltliche
Rechtspflege (act. G 9).
C.c.
Am 9. August 2020 teilte der Sohn der Beschwerdeführerin dem Gericht mit, seine
Mutter habe sich zwischenzeitlich wegen der Folgen eines Schlaganfalles erneut bei
der IV angemeldet. Vor diesem Hintergrund bat er um eine rasche Beurteilung des
Falles (act. G 11). Am 16. September 2020 ersuchte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin, die Fallbearbeitung vorzuziehen (act. G 13). Eine Nachfrage bei
der Beschwerdegegnerin ergab, dass die in der Zwischenzeit eingereichte Anmeldung
nicht sistiert worden war (act. G 15). An 1. Oktober 2020 wurde die Beschwerdeführerin
darüber informiert, dass die Behandlung des Beschwerdeverfahrens nicht vorgezogen
werde (act. G 16).
C.d.
Nach dem im Sozialversicherungsrecht allgemein geltenden
Untersuchungsgrundsatz haben Verwaltung und Sozialversicherungsgericht von sich
aus für die richtige und vollständige Abklärung des Sachverhaltes zu sorgen (Art. 43
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG;
SR 830.1]). Dieser Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt. Vielmehr bezieht er
sich nur auf den im Rahmen des streitigen Rechtsverhältnisses rechtserheblichen
Sachverhalt. Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob
über den streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen
1.1.
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haben Verwaltung und Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen stets
vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der Parteivorbringen oder
anderer sich aus den Akten ergebenden Anhaltspunkte hinreichender Anlass besteht
(BGE 117 V 282 E. 4a mit Hinweisen). Wenn der entscheidrelevante Sachverhalt
ungenügend abgeklärt wurde, kann das Gericht die Angelegenheit zur ergänzenden
Sachverhaltsermittlung und zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen.
Von weiteren Abklärungen kann unter anderem dann abgesehen werden, wenn
Behörde und Sozialversicherungsgericht bei pflichtgemässer Beweiswürdigung zur
Überzeugung gelangen, die weiteren Abklärungen seien nicht geeignet, neue
entscheidrelevante Erkenntnisse zu vermitteln (antizipierte Beweiswürdigung; BGE 122
V 162 E. 1d mit Hinweisen).
Entscheidend dafür, ob weitere Abklärungen zu veranlassen sind, ist, ob die
bereits vorliegenden Gutachten die praxisgemässen inhaltlichen und beweismässigen
Anforderungen erfüllen (Urteil des Bundesgerichts U 571/06 vom 29. Mai 2007 E. 4.2).
Dies hängt davon ab, ob die bestehenden Gutachten für die Beantwortung der
gestellten Fragen umfassend sind und in diesem Rahmen auf den erforderlichen
allseitigen Abklärungen beruhen; die geklagten Beschwerden wiedergeben und sich
damit auseinandersetzen; in Kenntnis der und gegebenenfalls in Auseinandersetzung
mit den Vorakten abgegeben worden sind; in der Darlegung der medizinischen
Zustände, Entwicklungen und Zusammenhänge einleuchten und die
Schlussfolgerungen der medizinischen Experten in einer Weise begründet sind, dass
die Rechtsanwendenden sie kritisch nachvollziehen können (Urteil des Bundesgerichts
vom 29. Mai 2007, U 571/2006, E. 4.2 mit Hinweis auf BGE 125 V 352 E. 3a).
1.2.
Die Einschätzung eines psychischen Krankheitsbilds und von dessen allfälligen
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit stützt sich zwangsläufig zunächst auf die
Angaben und das Verhalten der versicherten Person. Um eine ausreichende
Beweiskraft zu erlangen, muss eine objektive fachmedizinische Beurteilung
insbesondere diesem Umstand Rechnung tragen. Deshalb ist eine umfassende
Prüfung der Konsistenz und der Plausibilität der Leidensschilderung sowie -
präsentation für die Gewährleistung einer möglichst objektiven fachmedizinischen
Beurteilung der gesundheitlichen Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit von zentraler
Bedeutung (Entscheid des Versicherungsgerichts St. Gallen vom 1. März 2018, IV
2015/375, E. 2.1). Gemäss den Qualitätsleitlinien für versicherungspsychiatrische
Gutachten der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie SGPP
(3. Auflage vom 16. Juni 2016) ist eine Stellungnahme zur Authentizität von
Beschwerden, von präsentierten Symptomen und von Leistungseinschränkungen denn
1.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/15
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2.
Zunächst ist die zwischen den Parteien umstrittene Frage zu beantworten, ob der
medizinische Sachverhalt durch das asim-Gutachten vom 9. Juli 2018 spruchreif
abgeklärt worden ist. Die Beschwerdegegnerin bestreitet die Beweiskraft des asim-
Gutachtens und will stattdessen auf das Ergebnis des früheren Gutachtens abstellen.
Die Beschwerdeführerin hingegen stellt sich auf den Standpunkt, das asim-Gutachten
sei eine taugliche Grundlage, um insbesondere ihre Arbeitsfähigkeit von 30 % in einer
adaptierten Tätigkeit zu beweisen.
auch obligatorischer Bestandteil eines versicherungspsychiatrischen Gutachtens. Das
beinhaltet eine Stellungnahme zur Frage, ob die berichteten Beschwerden und die
präsentierten Symptome in sich konsistent sind oder ob Diskrepanzen, allenfalls sogar
Widersprüche bestehen. Dies gelingt am ehesten durch eine Gegenüberstellung der
erhobenen Informationen mit Hilfe der verschiedensten methodischen Zugänge.
Diesbezüglich sind Hinweise aus der Verhaltensbeobachtung und dem
Anamneseverlauf relevant (Qualitätsleitlinien für versicherungspsychiatrische Gutachten
der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie SGPP, 3. Auflage
vom 16. Juni 2016, S. 20).
Im rheumatologischen Teil des asim-Gutachtens sind als Diagnosen eine
chronische Cervikobrachialgie, chronische Handbeschwerden rechts, ein chronisches
lumbovertebrales Schmerzsyndrom sowie eine beginnende Gonarthrose rechts
genannt worden. Zusammengefasst ist der beurteilende Sachverständige zum Schluss
gekommen, dass die Diagnosen aus Anamnese und Befunden weitgehend vergleichbar
zu denjenigen der früheren Gutachten seien (IV-act. 204-66). Im Unterschied zum
Gutachten von 2013 sei jedoch die zuletzt ausgeübte Tätigkeit aufgrund einer
Verschlechterung aus muskuloskelettärer Sicht und von degenerativen Veränderungen
am Bewegungsapparat nicht mehr möglich (IV-act. 204-68). Der rheumatologische
Sachverständige hat sich dabei in seiner Beurteilung intensiv mit den medizinischen
Unterlagen sowie den früheren Gutachten auseinandergesetzt (vgl. etwa IV-act.
204-61 ff.). Angepasste Tätigkeiten, d.h. leichte bis gelegentlich mittelschwere
körperliche Arbeiten mit einer etwas verminderter Leistungsgeschwindigkeit und
vermehrten Pausen, hält er in einem 70%-Pensum für zumutbar (IV-act. 204-69). Weiter
hat er ausgeführt, dass in der Untersuchungssituation eine Reihe von verschiedenen
Verhaltensauffälligkeiten zu beobachten gewesen seien, was die Anamneseerhebung
deutlich erschwert habe (IV-act. 204-56 ff.). Diesen Umstand hat er im Rahmen einer
Konsistenzprüfung aufgegriffen und gewürdigt. Er hat in nachvollziehbarer Weise
2.1.
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dargelegt, welche eindeutigen rheumatolgischen Befunde trotz der intensiven
Leidenskommunikation vorgelegen sind und wie er die nicht muskuloskelettären
Faktoren im Leidensgeschehen bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit ausgeklammert
hat. In rheumatologischer Hinsicht liegt insgesamt eine medizinisch fundierte,
überzeugende und überwiegend wahrscheinliche Schätzung der Arbeitsfähigkeit im
Recht.
Im pneumologischen Teilgutachten ist festgestellt worden, dass sich der
Gesundheitszustand mit Ausnahme der Diagnose eines Asthmas bronchiale im
Vergleich zum Gutachten von 2013 nicht wesentlich verändert habe.
Funktionseinschränkungen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit bestünden bei der
Beschwerdeführerin dadurch nicht. Es ist nur darauf hingewiesen worden, dass
Tätigkeiten mit hoher Staubexposition gemieden oder mit entsprechenden
Schutzmassnahmen durchgeführt werden sollten (IV-act. 204-79). Diese Einschätzung
überzeugt.
2.2.
Aus den Ausführungen im psychiatrischen Teilgutachten geht eine deutliche
Verschlechterung des Gesundheitszustandes im Vergleich zum Gutachten von 2013
hervor. Während im Gutachten von 2013 bei der Beschwerdeführerin noch eine leichte
depressive Störung diagnostiziert worden war, liegt gemäss der psychiatrischen
Sachverständigen nun eine mittelgradige depressive Störung mit einer psychotischen
Symptomatik in Form von akustischen Halluzinationen vor. Die Gesamtsymptomatik ist
zwischenzeitlich fortgeschritten und hat sich chronifiziert (IV-act. 204-47). Die
Arbeitsfähigkeit hat sich dadurch von 75 Prozent (Gutachten von 2013) auf 30 Prozent
reduziert (IV-act. 48). Auch in diesem Teilgutachten sind eine Reihe von Inkonsistenzen
beschrieben worden (IV-act. 204-44). Die Sachverständige hat die Beurteilung der
Konsistenz und Plausibilität darauf beschränkt zu erwähnen, dass trotz der
Inkonsistenzen bei der Exploration eine manifest chronifizierte depressive Störung
mittleren Grades vorgelegen habe. Bezüglich der Inkonsistenzen hat sie bloss in
allgemeiner Weise darauf hingewiesen, dass diese vor allem die geltend gemachte
Schmerzsymptomatik beträfen, für die depressive Störung seien sie nicht relevant (IV-
act. 204-46). Dies hat sie damit begründet, dass die "Kardinalsymptome" einer
Depression zweifelsfrei vorhanden seien. Die geklagten und von der Sachverständigen
protokollierten Beschwerden beruhen weitestgehend auf den Selbstangaben der
Beschwerdeführerin; eine kritische Auseinandersetzung mit den Angaben oder eine
entsprechende Würdigung hat nicht stattgefunden. Ebenso fehlen Überlegungen oder
Ausführungen, die eine Plausibilisierung der subjektiven Beschwerdeangaben
ermöglichen würden. Weiter wird an mehreren Stellen die psychosoziale
2.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/15
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Belastungssituation und deren Einfluss auf das funktionelle Niveau der
Beschwerdeführerin erwähnt, wobei anzunehmen ist, dass diese auch in die
Arbeitsfähigkeitsschätzung eingeflossen sind (vgl. IV-act. 204-47). Das funktionelle
Niveau dürfte zudem nicht objektiviert worden sein. Vielmehr hat die psychiatrische
Sachverständige auch hier weitgehend die subjektiven Klagen der Beschwerdeführerin
aufgenommen, ohne die entsprechenden objektiven Befunde wiederzugeben. Die
angegebene Arbeitsfähigkeit von 30 Prozent ist nicht weiter begründet worden. Diese
hätte jedoch nur schon aufgrund der hohen Differenz zum vorherigen Gutachten
weiteren Erklärungen bedurft, um nachvollziehbar sein zu können. Eine Erklärung dafür,
dass eine Verschlimmerung der depressiven Störung von leicht- zu mittelgradig mehr
als eine Halbierung der Arbeitsfähigkeit zur Folge hat, fehlt im psychiatrischen
Teilgutachten. Sowohl in Bezug auf die Inkonsistenzen als auch in Bezug auf die
Arbeitsfähigkeitsschätzung vermögen die Angaben der psychiatrischen
Sachverständigen aus den genannten Gründen also nicht zu überzeugen.
Die Sachverständigen sind im Konsens zum Schluss gekommen, dass die Haupt
ursache der eingeschränkten Arbeitsfähigkeit von 30 % eine depressive Störung,
aktuell mittelgradiger Ausprägung mit psychotischer Symptomatik, ist (IV-act. 204-6).
Als Nebenursache für die Einschränkung des funktionellen Niveaus nennen sie die aus
rheumatologischer Sicht erhobenen Befunde, welche noch eine leichte bis gelegentlich
mittelschere körperliche Tätigkeit in einem 70 %-igen Pensum erlauben würden (IV-act.
204-7). Daneben bestehe eine chronische Schmerzstörung ohne Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit. Die vorgefundenen Diskrepanzen seien auf die Schmerzperzeption
und Verarbeitung bezogen, nicht jedoch auf die psychischen Symptome, welche klar
hätten objektiviert werden können (IV-act. 204-9). In der Konsensbeurteilung fehlt wie
schon im psychiatrischen Teilgutachten, eine plausible Erklärung dafür, dass das
inkonsistente und agitierte Verhalten der Beschwerdeführerin in Bezug auf die
depressive Störung objektiviert worden wäre. Dasselbe gilt für die psychosozialen
Umstände; die daraus resultierenden Belastungen im privaten/persönlichen Umfeld
hätten nämlich bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit keine Berücksichtigung finden
dürfen. Zusammenfassend vermag die Konsensbeurteilung bezüglich der
Konsistenzprüfung nicht zu überzeugen.
2.4.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das psychiatrische Teilgutachten und das
Ergebnis der Konsensbesprechung des asim-Gutachtens keine rechtsgenügliche
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin erlauben; der angegebene
Arbeitsunfähigkeitsgrad von 70 % ist nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad erstellt.
2.5.
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3.
Zu prüfen bleibt, ob das Gutachten der MEDAS Ostschweiz vom 17. Juli 2013 (siehe
hierzu IV-act. 140) zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
herangezogen werden kann. Die Beschwerdegegnerin hat die Rentenabweisung mit
der Begründung auf dieses Gutachten gestützt, der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin habe sich seither nicht massgeblich verändert (act. G 1.2). Dies
vermag aus zwei Gründen nicht zu überzeugen. Zum einen mutet die Vorgehensweise
der Beschwerdegegnerin widersprüchlich an: ursprünglich hat sie selbst aufgrund von
Anhaltspunkten für eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes eine erneute
Begutachtung veranlasst (vgl. IV-act. 194). Erst nachdem sich das entsprechende
Gutachten als nicht beweiskräftig erwiesen hat, vertritt sie neu den Standpunkt, der
Gesundheitszustand sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit unverändert geblieben.
Auf das Gutachten von 2013 könnte nur dann abgestellt werden, wenn überwiegend
wahrscheinlich wäre, dass der Gesundheitszustand seit dem Gutachtenszeitpunkt (17.
Juli 2013) noch derselbe wäre. Aufgrund des im Recht liegenden Gutachtens vom 9.
Juli 2018 ist es jedoch wahrscheinlich, dass sich der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin in der Zwischenzeit in rheumatologischer und psychiatrischer
Hinsicht verschlechtert hat. Lediglich das Ausmass der Verschlechterung und deren
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit muss noch ermittelt werden. Aus diesen Gründen
kann das Gutachten der MEDAS Ostschweiz vom 17. Juli 2013 entgegen der Ansicht
der Beschwerdegegnerin nicht zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung herangezogen werden.
4.
Zusammenfassend vermögen das psychiatrische Teilgutachten und das Ergebnis der
Konsensbesprechung des asim-Gutachtens nicht zu überzeugen. Die Abstützung auf
das Gutachten der MEDAS Ostschweiz vom 17. Juli 2013 fällt aufgrund einer
wahrscheinlichen seitherigen Verschlechterung des Gesundheitszustandes ausser
Betracht. Die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin ist somit noch nicht mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt. Die blosse Ergänzung eines
Gutachtens rechtfertigt nach der aktuellen bundesgerichtlichen Auffassung eine
Rückweisung (BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4 S. 264 f. mit Hinweisen). Die Sache ist deshalb
aus Gründen der Verhältnismässigkeit zur Vervollständigung der
Sachverhaltsabklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Diese wird die
notwendige Ergänzung des psychiatrischen Teilgutachtens und der
Konsensbeurteilung des asim anfordern.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.