Decision ID: 4754746a-74a0-4922-8824-0c870fc6fbd7
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1977, war seit
dem Jahr 2013
einerseits
bei der
Temporärarbeitsfirma
Z._
erwerbstätig
und bezog andererseits dazwischen während längeren Phasen wiederholt Taggelder der Arbeitslosenversicherung, zuletzt ab Januar 2016
(
Urk.
7/11)
. Im Juli 2016 stellte er eine plötzliche Schwäche seiner Ge
sichtsmuskulatur und drei Tage später
eine Geschmacks
störung
fest. Die ärztlichen Abklärungen ergaben in der Folge, dass eine HIV-Infektion besteht (vgl. Bericht des Kantonsspitals
A._
vom 8.
Dezember 2016,
Urk.
7/1). Wegen dieser Erkrankung meldete sich
X._
am 1
1.
Mai 2017 (Eingangsdatum) bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
7/5).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
holte die Arztberichte von
Dr.
med.
B._
, Neurologie FMH, vom
1.
Juni 2017 (
Urk.
7/13/5-
12) und
des Kantonsspitals
A._
vom 24. Juli 2017
(
Urk.
7/18) ein. Am 2
3.
Oktober 2017 teilte sie dem Versicherten mit, dass keine Eingliederungsmassnahme
n
durchgeführt werden könnten, da er angegeben habe, aus gesundheitlichen Gründen nicht daran teilnehmen zu kön
nen (
Urk.
7/24). Am 3
1.
Oktober 2017 nahm
Dr.
med.
Dr.
rer
. pol.
C._
, Facharzt für Innere Medizin, vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) der IV-Stelle Stellung (
Urk.
7/29/3).
Mit Vorbescheid vom 2
0.
November 2017 kündigte die IV-Stelle dem Versicherten an, dass sie den Anspruch auf eine Invalidenrente verneinen werde (
Urk.
7/30). Dagegen erhob
X._
durch die Aids-Hilfe Schweiz am 2
7.
De
zember 2017 Einwand (
Urk.
7/37), unter Beilage des neuropsychologischen Abklärungsberichts von
lic
. phil.
D._
, Neuropsychologin
,
und
Dr.
med.
E._
, F
M
H Neurologie, vom 1
1.
Dezember 2017 (
Urk.
7/36).
Die IV-Stelle holte die Arztberichte des Kantonsspitals
A._
vom
2.
März 2018 (
Urk.
7/48/7-8), vom 2
8.
Mai 2018 (
Urk.
7/52) und vom 1
3.
November 2018 (
Urk.
7/63) ein. Mit Verfügung vom 1
1.
März 2019 wies sie das Leistungsbegehren des Versicherten ab (
Urk.
2).
2.
Gegen diese Verfügung erhob
X._
durch die Aids-Hilfe Schweiz am
9.
April 2019 Beschwerde mit folgenden Anträgen (
Urk.
1 S. 2):
«1.
Die Verfügung vom 1
1.
März 2019 sei aufzuheben.
2.
Der Invaliditätsgrad sei basierend auf den aktuellen ärztlichen Berichten fest
zulegen.
3.
Gestützt darauf sei eine Invalidenrente zuzusprechen.
4.
Eventualiter sei ein medizinisches Gutachten einzuholen.
5.
Unter Kosten- und
Entschädigungsfolge.»
Die Beschwerdegegnerin ersuchte am 2
1.
Mai 2019 um Abweisung der Beschwer
de (
Urk.
6). Dies wurde dem Beschwerdeführer am 2
7.
Mai 2019 mitgeteilt (Urk. 8).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts [
ATSG
]
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (
IVG
)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
ti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Be
schwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebe
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arz
tes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versi
cherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärzt
lichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
1.4
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz
zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrelevante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene Verfügung vom 1
1.
März 2019 (
Urk.
2) damit, dass der Beschwerdeführer ohne gesundheitliche Einschrän
kungen als Bauarbeiter ein Einkommen von
Fr.
69'931.-- erzielen könnte. Diese Tätigkeit sei ihm nicht mehr zumutbar. In einer leichten bis mittelschweren Tätigkeit an einem ruhigen Arbeitsplatz mit regelmässigen Arbeitszeiten sei er aber voll arbeitsfähig und könne damit ein Einkommen von
Fr.
67'456.-- erzie
len. Die gesundheitsbedingte Einkommenseinbusse belaufe sich damit auf
Fr.
2'475.-- bzw. 4
%
. Ein Anspruch auf IV-Rentenleistungen habe der Beschwer
deführer nicht. Die Viruslasten lägen unter der Nachweisgrenze und er befinde sich nicht in Psychotherapie.
2.2
Demgegenüber machte der Beschwerdeführer geltend, wie die Beschwerde
gegne
rin zu
ihrer Einschätzung gelangt sei, sei nicht nachvollziehbar. Der Gesundheits
zustand des Beschwerdeführers habe sich trotz Heilung der Hepatitis C-Infektion nicht gebessert, was damit zusammenhänge, dass er an einer Vielzahl von Erkrankungen leide und die Arbeitsunfähigkeit multifaktoriell bedingt sei. Die
Aidserkrankung habe stabilisiert werden können, jedoch gelte es zu beachten, dass sich die Krankheit in einem weit fortgeschrittenen Zustand befinde, in wel
chem häufig eine starke Müdigkeit und Erschöpfbarkeit die Folge sei. Es treffe auch nicht zu, dass der Beschwerdeführer
wegen des
geringen Leidensdrucks keine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nehme. Er sei vielmehr psy
chisch derart angeschlagen, dass er teilweise absolut unfähig sei, Dinge anzuge
hen. Wenn die Beschwerdegegnerin schon so viele Vorbehalte gegenüber den vorliegenden Arztberichten habe, so sei nicht einsichtig, warum sie keine Begut
achtung angeordnet habe. Zusammenfassend sei den vorhandenen Arztberichten klar zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer sowohl aus physischen als auch aus psychischen Gründen in seiner Arbeitsfähigkeit stark eingeschränkt sei. Diese Arztberichte seien von der Beschwerdegegnerin nicht richtig gewürdigt worden.
Es sei deshalb nicht nachvollziehbar, wie die Beschwerdegegnerin zum Ergebnis gelangt sei, dass der Beschwerdeführer in einer angepassten Tätigkeit zu 100
%
arbeitsfähig sei.
3
.
3
.1
Laut dem Arztbericht von
Dr.
B._
vom
1.
Juni 2017 (
Urk.
7/13/5-12) besteht beim Beschwerdeführer eine bilaterale periphere
Facialisparese
bei HIV-Erkrankung.
Der Beschwerdeführer sei ihm –
Dr.
B._
– zugewiesen worden zur Abklärung der bilateralen
Facialisparesen
. Er habe die Diagnose einer HIV-Infektion gestellt und den Beschwerdeführer an die
Infektiologie
des Kantons
spi
tals
A._
weitergewiesen. Seither habe er den Beschwerdeführer nicht mehr gesehen.
3
.2
Laut dem neuropsychologischen Abklärungsbericht der Neuropsychologin
D._
und der Verhaltensneurologin
Dr.
E._
vom 1
1.
Dezember 2017 (Urk. 7/36) zeigten sich beim Beschwerdeführer folgende Befunde: Verbale Lern
störung sowie eingeschränkte verbale Erfassungsspanne, leichte verbale bzw. mittelschwere nonverbale Abrufstörung und aufgrund von Aufmerksamkeits
ein
schränkungen eine ebenfalls verminderte Speicherfähigkeit. Zudem finde sich ein schweres exekutiv-
attentionales
Ausfallmuster mit praktisch aufgehobener ver
baler Ideenproduktion auf ein phonematisches Kriterium bzw. deutlich ver
min
derte verbale Ideenproduktion auf ein semantisches Kriterium sowie eine deutlich verminderte figurale Ideenproduktion und eine schwer beeinträchtigte gerichtete und geteilte Aufmerksamkeit. Diese Befunde seien vereinbar mit einer schweren linksbetonten
fronto
-limbischen Funktionsstörung, multifaktoriell bedingt, Dif
ferentialdiagnose: assoziiert an eine mögliche HIV-Enzephalopathie, Differenti
aldiagnose:
aggraviert
durch Folgen des langjährigen Drogenkonsums, Differen
tialdiagnose: zusätzlich durch die derzeitige affektpathologische Störung erklär
bar. Aufgrund der Schwere der affektpathologischen Störung seien eine vorder
gründige fachpsychiatrische Behandlung sowie eine zusätzliche medika
mentöse Therapie dringend empfehlenswert, gegebenenfalls auch mit stationärer Weiter
behandlung. Aufgrund der Schwere der kognitiven Einschränkungen sei aktuell keine verwertbare Arbeitsfähigkeit gegeben.
3.3
3
.
3
.1
Gemäss dem Arztbericht des Kantonsspitals
A._
vom 2
4.
Juli 2017 (Urk. 7/18)
bestehen beim Beschwerdeführer eine (1.) HIV-Infektion CDC-Stadium C3, Erstdiagnose 13.07.2016, bei Candida-Stomatitis und
Oesophagitis
, Erst
diag
nose 15.07.2016, asymptomatischer HIV-
Encephalopathie
, MRI 15.07.2016,
HIV-assoziiertem Gewichtsverlust und
seborrhoischer
Dermatitis, eine (2.) bila
terale
Facialisparese
unklarer Ätiologie, Erstdiagnose 12.07.2016, eine (3.) chroni
sche Hepatitis C, Erstdiagnose 15.07.2016, bei Genotyp 1a und
Fibroscan
5.2kPa 10/2016, leichte diffuse Hepatopathie, eine (4.) Hepatitis B-Infektion, Erstdiag
nose 15.07.2016, bei anti-
HBc
-
only
Konstellation, HBV-DNA nicht nachweis
bar, und eine (5.)
chronische Bronchitis bei Nikotinabusus, 25 PY. Durch die lange Arbeitsunfähigkeit bei schwerer Erkrankung sei mit einer reduzierten Leistungs
fähigkeit, resp. mit Krafteinbussen zu rechnen. Zudem bestehe eine psychosoziale Belastungssituation aufgrund der Diagnose.
In einer angepassten Tätigkeit könne der Beschwerdeführer eine 100%ige Arbeitsfähigkeit erreichen.
3
.
3
.2
Am
2.
März 2018 (
Urk.
7/48/7-8) nahm
Dr.
med.
F._
, Leitende Ärztin
Infektiologie
am
Kantonsspital
A._
,
Stellung zum neuropsycholo
gischen Abklärungsbericht
(vgl. E. 3.2)
. Die Einschränkungen des Beschwerde
führers seien multifaktoriell bedingt, jedoch stehe die depressive Ent
wicklung im Vordergrund. Die psychosoziale Situation sei seit der Diagnose
stellung der
HIV- und Hepatitis C-Infektion schwer belastet, dazu komme eine Langzeit-Arbeitslo
sigkeit. Ein MRI des Schädels habe minimale Hyperdensitäten in der
Flairauf
nahme
parietal gezeigt, allerdings in derart geringem Ausmass, dass es ein Nor
malbefund sein könnte. Neben der psychischen
Aetiologie
könne ein möglicher Zusammenhang mit der chronischen Hepatitis C bezüglich Müdig
keit und Leis
tungsminderung bestehen. Es werde sich zeigen, ob die begonnene Hepatitis C-Therapie diesbezüglich eine Verbesserung erbringen werde. Im Übrigen werde dringend die Durchführung einer Psychotherapie mit Evaluation einer medika
mentösen Therapie (wie mehrfach empfohlen, aber nie durchgeführt) empfohlen.
Ebenfalls werde eine Physiotherapie für den allgemeinen Muskel
aufbau und Kon
ditionstraining empfohlen. Eine vermehrte Tagesstruktur mit viel
Aktivität sollte angestrebt werden. Aktuell sei der Beschwerdeführer aufgrund der kognitiven und psychoemotionalen Einschrän
kung nicht arbeitsfähig. Es bestehe aber durch
aus die Möglichkeit, eine Arbeits
fähigkeit in angepasster Tätigkeit langfristig wie
der zu erlangen.
3
.
3
.3
Am 2
8.
Mai 2018 (
Urk.
7/52) führte
Dr.
F._
aus
, die Hepatitis C-Therapie habe am
9.
April 2018 erfolgreich abgeschlossen werden können. Die Situation
bezüglich
der HIV-Infektion sei unter antiretroviraler Therapie stabil.
Bezüglich der Dermatitis seien mehrfache dermatologische Beur
teilungen und Therapien durchgeführt worden. Die psychosoziale Situation sei unverändert weiterhin sehr belastet.
Beim Wiedereinstieg in eine Erwerbstätigkeit müsse tiefprozentig (z.B. 20-30
%
) mit langsamem Aufbau gestartet werden. Insgesamt sei die Einschät
zung der Arbeitsfähigkeit im heutigen Zeitpunkt schwierig.
3
.
3
.4
Am 1
3.
November 2018 (
Urk.
7/63) hielt
Dr.
F._
fest, es habe sich seit dem Bericht vom 2
8.
Mai 2018 nichts verändert.
Eine Hepatitis C-Viruslast sei nach vollständiger Therapie nicht nachweisbar. Die Hepatitis C-Infektion sei geheilt und es seien diesbezüglich keine Kontrollen mehr notwendig.
3
.
4
3.
4
.1
Gemäss der Stellungnahme von RAD-Arzt
Dr.
C._
vom 3
1.
Oktober 2017 (
Urk.
7/29/3) sind Tätigkeiten mit regelmässigem mittelschweren und schweren Heben, Tragen und Transportieren von Lasten und ausschliesslich stehende Tätig
keiten zu vermeiden. Der Behinderung des Beschwerdeführers angepasst seien körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten in Wechselbelastung an einem ruhigen Arbeitsplatz unter Vermeidung von Wechselschichten und Wochenend
diensten.
In der bisherigen Tätigkeit als Bauarbeiter sei der Beschwerdeführer nicht mehr arbeitsfähig. Eine behinderungsangepasste Tätigkeit könne er zu 100 % ausüben.
3
.
4
.2
In der Stellungnahme vom 1
6.
März 2018 (
Urk.
7/74/4) führte RAD-Arzt
Dr.
C._
aus, der medizinische Sachverhalt erkläre eine instabile Situation. Ers
t nach abgeschlossener Hepatiti
s C-Therapie sowie weitergeführter fachpsy
chiatri
scher Behandlung sei eine abschliessende Beurteilung möglich.
3
.
4
.3
Am 1
1.
Dezember 2018 (
Urk.
7/74/8) gab
Dr.
C._
an, nach Eingang der somatischen Befunde (Neurologie und HIV-Labor) sowie abgeschlossener Abklä
rung sei eine abschliessende Beurteilung möglich.
3
.
4
.4
Am
7.
März 2019 (
Urk.
7/74/9) hielt die zuständige Kundenberaterin fest,
gemäss telefonischer Rücksprache mit dem RAD liege sowohl die HIV-Viruslast als auch die Hepatitis C-Viruslast unter der Nachweisgrenze. Eine fachpsychiatrische Behandlung sei trotz Empfehlung nicht zustande gekommen. Die Tätigkeit als
Bauarbeiter sei nachvollziehbar nicht mehr möglich. Dagegen sei in einer adap
tierten Tätigkeit nach rascher Steigerung (4-6 Wochen) eine volle Arbeits
fähigkeit möglich. Angepasst sei eine leichte bis mittelschwere wechselbelastende Tätigkeit an einem ruhigen Arbeitsplatz mit Vermeidung von Wechselschichten. Allenfalls sollten Massnahmen einer Mitwirkungspflicht bei fehlender Mitarbeit bezüglich einer fachpsychiatrischen Behandlung auferlegt werden. Aufgrund des Umstan
des, dass der Beschwerdeführer nicht in eine psychiatrische Behandlung gehe, könne aber davon ausgegangen werden, dass kein grosser Leidensdruck vorhan
den sei. Der Beschwerdeführer sage, dass er sich nicht arbeitsfähig fühle, weshalb auch davon ausgegangen werden könne, dass er keine Unterstützung bei der Wie
dereingliederung
möchte
.
4.
4.1
Mit Blick auf die Arztberichte des Kantonsspitals
A._
respektive von Dr.
F._
fällt auf, dass sie in der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in einer behin
derungsangepassten Tätigkeit
eher
vage sind.
Im Bericht vom 2
4.
Juli 2017
(Urk. 7/18/3)
wurde
die Ausübung einer angepass
ten Tätigkeit als zumutbar be
zeichnet mit dem Ziel einer 100%igen Arbeitsfähig
keit.
Im Bericht vom
2.
März 2018 (
Urk.
7/47/7-8) führ
t
e
Dr.
F._
aus, sie stimme mit dem neuropsychologischen Abklärungsbericht insofern überein, als die deutlich verminderte Belastbarkeit multifaktoriell bedingt sei. Für sie stehe jedoch die depressive Entwicklung im Vordergrund und ausserdem sei der Beschwerdeführer durch die psychosoziale Situation wegen der Diagnose der HIV- und Hepatitis C-Infektion sowie der Langzeitarbeitslosigkeit schwer belastet.
Man werde sehen, ob
sich
bezüglich der Müdigkeit und Leistungsminderung eine Besserung durch die am 1
5.
Januar 2018 begonnene Hepatit
is C-
Therapie einstel
len werde. Dringend empfohlen werde sodann die Durchführung einer Psycho- sowie Physiotherapie. Aktuell sei der Beschwerdeführer aufgrund der kognitiven und psychoemotionalen Einschränkung nicht arbeitsfähig, langfristig bestehe aber durchaus die Möglichkeit, dass er diese
in angepasster Tätigkeit
wieder erlange
.
Auch im Bericht vom 2
8.
Mai 2018 (
Urk.
7/52) schloss
Dr.
F._
die Wiedererlangung einer Arbeitsfähigkeit nicht aus, sie wies aber darauf hin, dass der Einstieg tiefprozentig (20-30
%
) mit langsamem
Aufbau
erfolgen müsse und die Einschätzung schwierig sei. Sowohl bezüglich der HIV- und der Hepatitis C-Infektion als auch der Hautproblematik wurde
eine gute Prognose gestellt
.
Wie sich die psychosoziale Belastungssituation entwickeln werde, sei schwierig zu beantworten, es sei insbesondere der Verlauf der Psychotherapie abzuwarten.
4.2
Warum der Beschwerdeführer trotz an sich guter Prognose keine Fortschritte bei der Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit er
zielen
konnte, lässt sich nicht fest
stellen. Es ist festzuhalten, dass sich aus dem Auszug aus dem Individuellen Konto (IK) des Beschwerdeführers ergibt, dass es
dem Beschwerdeführer nach seiner Ein
reise in die Schweiz im Jahr 2012 nicht gelungen ist, beruflich Fuss zu fassen und er wiederholt während längeren Perioden arbeitslos gewesen war (Urk. 7/11). Es bestehen Hinweise auf gesundheitliche Einschränkungen aus dem psychiatri
schen Bereich, eine psychiatrische Abklärung wurde
aber nicht vorgenommen. Es ist der Beschwerdegegnerin zwar darin beizupflichten, dass der Umstand, dass der Beschwerdeführer die Psychotherapie nach äusserst kurzer Zeit von sich aus abgebrochen hat, gegen einen grossen Leidensdruck spricht, nachdem es an einer psychiatrischen Diagnose fehlt, lässt sich aber letztlich nicht feststellen, ob der Beschwerdeführe
r
mangels Leidensdrucks oder
-
wie von ihm behauptet – wegen seiner krankheitsbedingten Antriebslosigkeit die Therapie nicht länger besuchte
. Befände sich der Beschwerdeführer in einem psychisch derart desolaten Zustand, würde sich die Frage stellen, ob nicht eine Therapie in stationärem Rahmen durchzuführen wäre.
4.3
Weiter lässt sich d
er Aktenlage entnehmen, dass beim Beschwerdeführer multi
faktorielle Einschränkungen in der Gesundheit bestehen.
Eine gesamtmedizini
sche (
fach
)ärztliche Beurteilung des Gesundheitszustandes ist den Akten
aber
nicht zu entnehmen.
4.4
Insgesamt ist aufgrund des Dargelegten darauf zu schliessen, dass der medizini
sche Sachverhalt im Zeitpunkt des Verfügungserlasses nicht umfassend abgeklärt war. In Aufhebung der Verfügung
vom 1
1.
März 2019 (
Urk.
2)
ist die Sache daher an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Diese hat den Beschwerdeführer einer umfassenden Begutachtung zu unterziehen und hernach neu über
seinen Leistungsanspruch
zu entscheiden.
5.
5.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrens
aufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1bis IVG) und auf
Fr.
6
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen,
weshalb der vertretene Beschwerdeführer Anspruch auf eine Prozessentschädi
gung hat. Diese ist unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses auf
Fr.
1'500.--
(inklusive Barauslagen und Mehr
wertsteuer) festzulegen.