Decision ID: 554c8660-1db5-5ad2-9eb9-8daa110d84b9
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 3. Juni 2008 (Eingang IV-Stelle) bei der IV-Stelle St. Gallen
zum Bezug von IV-Leistungen an. Im Anmeldeformular gab sie an, keine
Berufsausbildung absolviert zu haben und seit 1981 als Näherin tätig zu sein (IV-act. 4).
Im Auftrag der IV-Stelle führte Dr. med. B._, Facharzt für Rheumatologie und Innere
Medizin, eine rheumatologische Begutachtung durch. Er diagnostizierte bei der
Versicherten eine Reihe von Haltungsdefiziten sowie ein chronisches
lumbospondylogenes Syndrom, weshalb sie spätestens ab November 2007 in einer
Tätigkeit wie der angestammten nur noch zu 30 % arbeitsfähig sei. In einer adaptierten
Tätigkeit bestehe aus rheumatologischer Sicht eine 100 %ige Arbeitsfähigkeit
(Gutachten vom 2. Oktober 2008, IV-act. 38). Da die Versicherte nach dem Verlust ihrer
Arbeitsstelle 2009 angegeben hatte, sich zu 100% arbeitsunfähig zu fühlen, verzichtete
die IV-Stelle auf die Durchführung beruflicher Eingliederungsmassnahmen (IV-act. 57,
62).
A.a.
Nach weiteren Abklärungen beauftragte die IV-Stelle Dr. med. B._ und Dr. med.
C._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, mit einer bidisziplinären
Begutachtung der Versicherten. Diese diagnostizierten bei der Versicherten ein
chronisches lumbovertebrales Schmerzsyndrom lumbal und in der rechten Hand sowie
eine erhebliche Adynamie bei anhaltender Schlafstörung. Ihrer Einschätzung gemäss
belief sich die Arbeitsfähigkeit der Versicherten in der angestammten Tätigkeit auf 0 %.
Aus rheumatologischer Sicht betrug die Arbeitsfähigkeit in einer
beschwerdeadaptierten Tätigkeit 70 %, aus psychiatrischer Sicht 60 %. Gesamthaft
betrachtet war die Versicherte in einer adaptierten Tätigkeit noch zu 60 % arbeitsfähig
(Gutachten vom 27. Juli 2011, IV-act. 145).
A.b.
In der Folge beauftragte die IV-Stelle am 22. November 2013 die Academy of
Swiss Insurance Medicine, Universitätsspital Basel, (nachfolgend: asim) mit einer
A.c.
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polydisziplinären Begutachtung (IV-act. 198, 203). Noch bevor das Gutachten vorlag,
wandte sich die Versicherte am 10. Juli 2014 an die IV-Stelle und liess die erfolgte
psychiatrische Begutachtung beanstanden sowie eine erneute Untersuchung
beantragen (IV-act. 212). Am 22. Juli 2014 lag das asim-Gutachten in den Disziplinen
Allgemeine Innere Medizin, Psychiatrie und Rheumatologie vor. Der psychiatrische
Sachverständige hatte festgehalten, es bestehe eine leichte depressive Episode; aus
rein psychiatrischer Sicht sei die Versicherte jedoch voll arbeitsfähig. Der
rheumatologische Sachverständige hatte die Diagnose eines lumbospondylogenen
Schmerzsyndroms bestätigt und degenerative Veränderungen der Hände sowie der
Segmente LWK4/5 und LWk5/SWK1 festgestellt. Die Sachverständigen kamen zum
Schluss, dass der Versicherten die angestammte Tätigkeit als Näherin spätestens ab
November 2007 nicht mehr zumutbar sei. In einer körperlich leichten Verweistätigkeit
ermittelten sie eine Arbeitsfähigkeit von 60 % (IV-act. 215). Gestützt auf diese
Einschätzung teilte die IV-Stelle der Versicherten mit einem Vorbescheid vom
28. August 2014 mit, dass sie das Rentengesuch aufgrund eines Invaliditätsgrades von
37 % abweisen werde (IV-act. 220 ff.). Mit einem Schreiben vom 24. September 2014
liess die Versicherte verschiedene Einwände geltend machen (IV-act. 223). Am 16.
Oktober 2014 verfügte die IV-Stelle die Abweisung des Leistungsbegehrens (IV-act.
227).
Dagegen liess die Versicherte am 17. November 2014 eine Beschwerde erheben.
Sie beantragte die Zusprache einer Rente und eventualiter die Anordnung eines
Obergutachtens zur objektiven Feststellung der psychischen Verfassung, der
Arbeitsfähigkeit sowie der Ursache der psychischen Erkrankung. Auch sei ein
Tabellenlohnabzug vorzunehmen (IV-act. 246-2 ff.). Während des
Beschwerdeverfahrens liess sie zusätzliche Stellungnahmen ihrer behandelnden Ärzte
einreichen (IV-act. 250 ff.). Die IV-Stelle beantragte die Abweisung der Beschwerde mit
der Begründung, auf das asim-Gutachten könne abgestützt werden. Zudem sei die
Vornahme eines Tabellenlohnabzugs nicht gerechtfertigt. Insgesamt erweise sich die
angefochtene Verfügung als rechtmässig (IV-act. 253). In der Replik vom 16. Februar
2015 liess die Versicherte im Wesentlichen an ihren Anträgen festhalten (IV-act. 258).
Nach Abschluss des Schriftenwechsels liess die Beschwerdeführerin diverse aktuelle
Arztberichte einreichen (IV-act. 259, 262 f., 266, 269, 274 f., 277, 280, 283). Das
A.d.
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B.
Versicherungsgericht wies die Sache am 15. Juni 2017 (IV 2014/527) zur weiteren
Abklärung an die IV-Stelle zurück (IV-act. 285). Es erachtete das asim-Gutachten vom
22. Juli 2014 als nicht überzeugend und wies die IV-Stelle deshalb an, erneut eine
interdisziplinäre Begutachtung sowie eine berufsberaterische Abklärung zu
veranlassen. Bei der psychiatrischen Begutachtung sei darauf zu achten, dass keine
sprachlichen Barrieren die Exploration behinderten. Auch sei die Notwendigkeit einer
neurochirurgischen Begutachtung zu prüfen. Im Sinne eines obiter dictum hielt das
Gericht fest, dass das Valideneinkommen der Versicherten entspreche dem
Durchschnittseinkommen der Hilfsarbeiterinnen und nicht demjenigen einer Näherin.
Zudem sei ein Tabellenlohnabzug von mindestens 10 % vorzunehmen.
Nach Abschluss des Beschwerdeverfahrens leitete die IV-Stelle weitere
Abklärungen ein (IV-act. 292 ff.). Am 10. Juli 2018 beauftragte sie die MEDAS Bern mit
der Erstellung eines polydisziplinären Gutachtens (IV-act. 326). Die MEDAS Bern legte
das Gutachten in den Disziplinen Allgemeine Innere Medizin, Neurologie, Orthopädie,
Psychiatrie und Ophthalmologie am 11. Juni 2019 vor (IV-act. 346). Der orthopädische
Sachverständige notierte, dass er bei der Versicherten trotz Überbetonung der
Beschwerden und Gegenhalten in der Untersuchung Einschränkungen an der
Wirbelsäule und an der rechten Hand habe feststellen können (IV-act. 246-123). Die
Versicherte sollte deshalb auf mittelschwere und schwerere Tätigkeiten, Feinarbeiten
mit der rechten Hand, die Überstreckung der Lendenwirbelsäule sowie auf
Akkordarbeiten verzichten (IV-act. 346-9). Im neuropsychologischen Fachgebiet
wurden nicht-authentisch präsentierte kognitive Minderleistungen in mehreren
Bereichen festgestellt (IV-act. 246-69). So habe die Versicherte zum Teil Testresultate
erzielt, die sich auf dem Niveau von Personen mit hochgradiger Demenz bewegten (IV-
act. 246-72); bei der Versicherten hätten sich jedoch keine Anzeichen von Demenz
feststellen lassen (IV-act. 362-77). Bei der psychiatrischen Untersuchung erfolgte die
Anamneseerstellung per Diktat im Beisein der Versicherten mit der Möglichkeit und der
expliziten Aufforderung, jederzeit Korrekturen anzubringen (IV-act. 136-59). Aus
psychiatrischer Sicht fanden sich gemäss dem Sachverständigen, im Gegensatz zu
den Einschätzungen der behandelnden Ärzte, keine Hinweise für eine valide relevante
Störung (IV-act. 246-10). Vielmehr ergaben sich Hinweise auf ungleiche
B.a.
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Einschränkungen des Aktivitätsniveaus in vergleichbaren Lebensbereichen (IV-act.
246-11). Aus internistischer, neurologischer sowie ophthalmologischer Sicht ergaben
sich keine zusätzlichen Einschränkungen. Als Diagnosen mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit hielten die Sachverständigen im interdisziplinären Konsens ein
chronisches lumbovertebrales Schmerzsyndrom sowie einen belastungsabhängigen
Reizzustand an der rechten Hand fest (IV-act. 346-8). Als medizinische Massnahmen
schlugen sie die Fortführung der Physiotherapie und der bisherigen internistischen
Massnahmen vor. In Bezug auf das Gutachten von 2014 und auf die nachgereichten
Berichte der behandelnden Ärzte hielten die Sachverständigen fest, dass diese vor
dem negativ leistungsverzerrenden Verhalten der Versicherten kritisch zu würdigen
seien. Dieses Verhalten erschwere insbesondere auch die retrospektive Beurteilung
des Verlaufs der Arbeitsfähigkeit (IV-act. 346-7). Insgesamt kamen die
Sachverständigen zum Schluss, aus orthopädischer Sicht könne der Versicherten die
angestammte Tätigkeit als Näherin nicht mehr zugemutet werden. Retrospektiv wurde
mit Verweis auf das Gutachten von 2011 und das asim-Gutachten von 2014 die
Arbeitsfähigkeit vom 23. September 2008 bis November 2011 auf 100 %, von 2011 bis
2014 auf 70 % und von 2014 bis 2019 auf 60 % geschätzt. In einer adaptierten
Tätigkeit bestehe ab Februar 2019 eine 80 %ige Arbeitsfähigkeit, wobei es hinreichend
Möglichkeiten zur Durchführung von Entlastungspausen und therapeutischen Übungen
geben sollte (IV-act. 346-11).
Am 27. Juni 2019 hielt der RAD fest, dass auf das Gutachten vom 11. Juni 2019
abgestellt werden könne (IV-act. 347). Der Rechtsdienst der IV bestätigte diese
Einschätzung (IV-act. 348). Gestützt darauf teilte die IV-Stelle der Versicherten mit
einem Vorbescheid vom 3. Juli 2019 mit, dass sie deren Rentengesuch aufgrund eines
mangelnden Vorliegens rentenbegründender IV-Grade abweisen werde (IV-act. 354).
Mit einem Schreiben vom 9. September 2019 liess die Versicherte im Wesentlichen
einwenden, dass der Berechnung des Invaliditätsgrades gemäss dem obiter dictum
des Versicherungsgerichts das Einkommen einer Hilfsarbeiterin zugrunde zu legen und
ein Tabellenlohnabzug in Höhe von 10 % vorzunehmen sei. Zudem liess sie die Länge
des Verfahrens kritisieren (IV-act. 357). Am 1. Oktober 2019 wies die IV-Stelle das
Rentenbegehren ab (IV-act. 359).
B.b.
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C.
Dagegen liess die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 4. November
2019 eine Beschwerde erheben. Darin beantragte ihr Rechtsvertreter die Aufhebung
der Verfügung vom 1. Oktober 2019, die Ausrichtung einer Teilrente sowie die
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (act. G 1). Innert erstreckter Frist liess die
Beschwerdeführerin am 3. Dezember 2019 Einsicht in die Stellungnahme des RAD zu
ihrem Einwand vom 9. September 2019 verlangen (act. G 3). Innert erstreckter Frist
liess die Beschwerdeführerin in der Beschwerdeergänzung vom 8. Januar 2020 an
ihren Anträgen festhalten und zusätzlich eventualiter die Einholung eines
Obergutachtens beantragen. Zur Begründung wurde auf die Beschwerde vom 14.
November 2014 verwiesen und die obengenannte RAD-Stellungnahme kritisiert.
Zudem wurde der IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) eine fortlaufende
Verletzung der Untersuchungsmaxime vorgeworfen. Schliesslich sei die
Restarbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin realistisch gesehen nicht verwertbar (act.
G 7). Mit einem Schreiben vom 21. Januar 2020 liess die Beschwerdeführerin
zusätzlich eine Klarstellung bezüglich der Untersuchungszeiten der Begutachtung bei
der MEDAS Bern einreichen (act. G 9).
C.a.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 4. Februar 2020 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Dem Gutachten der MEDAS
Bern komme voller Beweiswert zu, weshalb die darauf gestützte Verfügung vom
1. Oktober 2019 rechtmässig sei. Es lägen keine Faktoren vor, welche eine Verwertung
der Restarbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin unmöglich machen würden (act.
G 11).
C.b.
Am 11. Februar 2020 teilte die verfahrensleitende Richterin der
Beschwerdeführerin mit, dass dem Gesuch unentgeltliche Rechtspflege nicht
entsprochen werden könne (act. G 12).
C.c.
Am 20. April 2020 liess die Beschwerdeführerin innert notrechtlich erstreckter Frist
eine Replik einreichen, in der sie sinngemäss an den in der Beschwerde gestellten
Anträgen, deren Begründung und der geübten Kritik festhalten liess (act. G 15). Die
Beschwerdegegnerin verzichtete auf die Einreichung einer Duplik (vgl. act. G 16 f.).
C.d.
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Erwägungen
1.
Eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern kann, die
während eines Jahres durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen
ist und die nach dem Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, hat
einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung (Art. 28 Abs. 1 IVG). Für die
Bemessung der Invalidität wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person
nach dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in
Beziehung zu jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie
gesund geblieben wäre.
1.1.
Gemäss der bis 31. Dezember 2007 geltenden Regelung ist der Rentenanspruch
grundsätzlich vom Beginn des Monats an auszurichten, an dem der Anspruch entstand
(vgl. aArt. 29 Abs. 2 und Art. 48 IVG in der bis 31. Dezember 2007 gültig gewesenen
Fassung). In der seit dem 1. Januar 2008 in Kraft stehenden Fassung entsteht der
Rentenanspruch gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG hingegen frühestens nach Ablauf von
sechs Monaten nach Anmeldung. Im Hinblick auf die Gesetzesänderung vom 1. Januar
2008 wurde kein Übergangsrecht erlassen. Das Bundesgericht hat dies als Lücke
qualifiziert. Es hat diese Lücke mit einer Übergangsfrist von sechs Monaten gefüllt (vgl.
Urteil des Bundesgerichts vom 18. Oktober 2012, BGE 138 V 475 E. 3.4). Somit ist für
Anmeldungen bis zum 30. Juni 2008 die Regelung von aArt. 29 Abs. 2 und Art. 48 IVG
in der bis 31. Dezember 2007 gültig gewesenen Fassung anwendbar.
1.2.
Die Beschwerdeführerin hat sich am 3. Juni 2008 (Eingang IV-Stelle) bei der IV-
Stelle St. Gallen zum Bezug von IV-Leistungen angemeldet. Somit ist der früheste
mögliche Rentenanspruch der Beschwerdeführerin der erste Tag nach Ablauf der
Wartezeit. Dr. med. B._ hat in seinem Gutachten vom 2. Oktober 2008 überzeugend
dargelegt, dass die Beschwerdeführerin spätestens ab November 2007 in einer
Tätigkeit wie der angestammten nur noch zu 30 % arbeitsfähig gewesen ist (IV-act. 38).
Die Beschwerdeführerin hat danach nie mehr eine verwertbare Arbeitsfähigkeit für
diese Tätigkeit erlangt. Das Wartejahr gemäss aArt. 29 Abs. 2 IVG ist somit spätestens
im November 2008 abgelaufen. Deshalb ist ein Rentenanspruch ab 1. November 2008
zu prüfen.
1.3.
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2.
Die Beschwerdeführerin hat keine anerkannte Berufsausbildung abgeschlossen.
Vor dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung ist sie als Hilfsarbeiterin in einem
vollen Pensum erwerbstätig gewesen. Aus den Akten ergeben sich keine Hinweise
darauf, dass die Beschwerdeführerin auch ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung nur
unterdurchschnittlich leistungsfähig und dementsprechend nicht in der Lage gewesen
wäre, ein durchschnittliches Hilfsarbeiterinneneinkommen zu erzielen. Indizien dafür,
dass die Beschwerdeführerin eine Ausbildung absolviert oder sich Kenntnisse eines
spezifischen Berufs angeeignet hätte, wenn sie nicht krank geworden wäre, liegen
ebenfalls nicht vor, weshalb unwahrscheinlich ist, dass die Beschwerdeführerin im
fiktiven "Gesundheitsfall" eine qualifizierte Erwerbstätigkeit ausgeübt hätte. Die
Validenkarriere besteht folglich in der Ausübung einer durchschnittlich entlöhnten
Hilfsarbeit in einem Vollpensum, womit das Valideneinkommen praxisgemäss dem
statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne gemäss der vom Bundesamt für
Statistik regelmässig durchgeführten Lohnstrukturerhebung entspricht. Dieser hat sich
im Jahr 2008 auf Fr. 51'368 belaufen. Der effektive Jahreslohn der Beschwerdeführerin
vor Beginn der Einschränkungen hat lediglich Fr. 48'347 betragen. Diese Differenz
zwischen dem durchschnittlichen und dem effektiv erzielten Lohn ist mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nur auf konkrete arbeitsmarktliche Zwänge
zurückzuführen gewesen. Diese Zwänge können bei der Invaliditätsbemessung nicht
massgebend sein, weil nicht auf den tatsächlichen, sondern auf den allgemeinen und
ausgeglichenen Arbeitsmarkt abzustellen ist. Die Validenkarriere der
Beschwerdeführerin besteht deshalb in der Verrichtung einer durchschnittlich
entlöhnten Hilfsarbeit, womit das Valideneinkommen als Ausdruck der Erwerbsfähigkeit
der Beschwerdeführerin dem Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne entsprechen muss.
2.1.
Aus medizinischer Sicht ist es der Beschwerdeführerin grundsätzlich zumutbar,
eine leidensadaptierte Hilfsarbeit auszuführen. Die von den Sachverständigen der
MEDAS Bern formulierten Voraussetzungen, denen eine Tätigkeit genügen muss, damit
sie als leidensadaptiert qualifiziert werden kann, sind nicht so streng, dass
realistischerweise von einer Unverwertbarkeit der verbliebenen Arbeitsfähigkeit
ausgegangen werden müsste. Die Invalidenkarriere, die sich mittels medizinischer oder
beruflicher Eingliederungsmassnahmen nicht mehr relevant beeinflussen lässt, besteht
somit in der Verrichtung einer leidensadaptierten Hilfsarbeit, womit der Ausgangswert
des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens dem Valideneinkommen
entspricht. Der Betrag dieser beiden identischen Vergleichsgrössen kann bei der
Berechnung des Invaliditätsgrades mathematisch keine Rolle spielen; der
2.2.
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3.
Im Weiteren ist zu prüfen, ob der Grad der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht.
Invaliditätsgrad ist folglich mittels eines sogenannten Prozentvergleichs zu ermitteln,
das heisst er entspricht dem Arbeitsunfähigkeitsgrad, allenfalls korrigiert um einen
analog dem Tabellenlohn ermittelten Abzug von maximal 25 Prozent.
Die Beschwerdeführerin wird nicht in der Lage sein, ihre Restarbeitsfähigkeit mit
einem durchschnittlichen wirtschaftlichen Erfolg zu verwerten, d. h. dasselbe
Einkommen zu erzielen wie eine gesunde Hilfsarbeiterin, die zu 80 % erwerbstätig ist.
Sie kann ihre Arbeitsleistung nämlich nicht flexibel erbringen, sondern ist darauf
angewiesen, jeweils Zeit für Gymnastik und Entspannung zu haben. Teilweise wird sie
vermehrte Pausen einlegen müssen, die den Betriebsablauf stören können. Zudem
können Anpassungen des Arbeitsumfelds nötig sein, da die Beschwerdeführerin eine
Bandage an ihrer dominanten Hand tragen sollte. Aus diesen Gründen wird ein
wirtschaftlich denkender Arbeitgeber der Beschwerdeführerin nicht denselben Lohn
ausrichten wie einer gesunden Mitbewerberin. Den entsprechenden
unterdurchschnittlichen Lohnaussichten ist mit einem Abzug Rechnung zu tragen,
damit kein Soziallohnanteil in die Invaliditätsbemessung einfliesst. Da die Umstände,
welche die Lohnaussichten schmälern, zwar ein gewisses Gewicht haben, aber nicht
besonders schwer wiegen, rechtfertigt sich ein Abzug von höchstens zehn Prozent.
2.3.
Zur Ermittlung der Arbeitsfähigkeit hat die Beschwerdegegnerin bei der MEDAS
Bern ein polydisziplinäres Gutachten erstellen lassen (IV-act. 364). Im Gutachten vom
11. Juni 2019 sind als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ein
chronisches lumbovertebrales Schmerzsyndrom sowie ein belastungsabhängiger
Reizzustand an der rechten Hand festgestellt worden (IV-act. 346-8). Die angestammte
Tätigkeit als Näherin ist aus orthopädischen Gründen nicht mehr zumutbar. In einer
adaptierten Tätigkeit besteht ab Februar 2019 eine 80 %ige Arbeitsfähigkeit (IV-act.
346-11). Retrospektiv haben die Sachverständigen der MEDAS Bern mit Verweis auf
das frühere Gutachten von 2011 und das asim-Gutachten von 2014 die Arbeitsfähigkeit
vom 23. September 2008 bis November 2011 auf 100 %, von 2011 bis 2014 auf 70 %
und von 2014 bis 2019 auf 60 % geschätzt (IV-act. 346-7).
3.1.
Die Beschwerdeführerin bestreitet die Beweiskraft der interdisziplinären
Gesamtbeurteilung durch die MEDAS Bern. Zur Begründung bringt sie vor, dass den
Sachverständigen das Gutachten des asim vorgelegt worden sei, welches das
3.2.
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Versicherungsgericht im Entscheid vom 15. Juni 2017 als nicht beweiskräftig erachtet
habe. Dieses Gutachten sei nun in die interdisziplinäre Gesamtbeurteilung durch die
MEDAS eingeflossen, was in sinngemässer Anwendung der strafrechtlichen Theorie
des "fruit of the poisonous tree" ein schwerer Verfahrensfehler sei. Deshalb sei die
Veranlassung eines Obergutachtens unumgänglich (act. G 1 Ziff. I/2.). Die
Beschwerdegegnerin hingegen stellt sich auf den Standpunkt, dass keine Indizien
vorlägen, welche die Beweiskraft des MEDAS-Gutachtens schmälern würden. Weitere
medizinische Abklärungen seien nicht angezeigt (act. G 11 Ziff. II/2.).
Die Darstellung des medizinischen Sachverhalts sowie die daraus resultierenden
Einschränkungen am Bewegungsapparat und am Belastungsprofil sind vorliegend
nicht bestritten worden. Diesbezüglich erweist sich das MEDAS-Gutachten als
vollständig und plausibel, weshalb auf es abzustellen ist. Die Sachverständigen haben
bei ihrer Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin das umfangreiche
Aktenmaterial berücksichtigt und insbesondere auch die vorherigen Gutachten einer
kritischen Würdigung unterzogen (vgl. IV-act. 346-11). Im Ergebnis haben sie die
früheren Beurteilungen in nachvollziehbarer Weise bestätigt. Hierzu ist festzuhalten,
dass es die Aufgabe der Beschwerdegegnerin ist, den Sachverständigen alle
medizinischen Dokumente (Akten, bildgebende Untersuchungen, Laborwerte usw.)
vorzulegen. Dazu gehören nebst Arztberichten auch frühere Gutachten, selbst wenn
diese einmal zur Ergänzung zurückgewiesen wurden. Die vorgelegten Akten sind durch
die Sachverständigen gründlich zu studieren und zu würdigen. So wird auch in den
Leitlinien für die orthopädische Begutachtung von Swiss Orthopaedics die
Auseinandersetzung mit den Vorakten als ein wichtiger Bestandteil eines Gutachtens
hervorgehoben (Stand 2017, S. 3). Dem sind die Sachverständigen im vorliegenden Fall
nachgekommen. In Bezug auf das Gutachten von 2014 und die nachgereichten
Berichte der behandelnden Ärzte haben die Sachverständigen dann auch festgehalten,
dass diese vor dem negativ leistungsverzerrenden Verhalten der Beschwerdeführerin
kritisch zu würdigen seien. Dieses Verhalten erschwere insbesondere auch die
retrospektive Beurteilung des Verlaufs der Arbeitsfähigkeit vor allem aus
psychologischer Sicht. Damit erweist sich der Einwand der Beschwerdeführerin, dass
aufgrund eines schwerer Verfahrensfehlers eines Obergutachtens unumgänglich sei,
als nicht stichhaltig.
3.3.
Bezogen auf eine behinderungsadaptierte Tätigkeit haben die Sachverständigen
die früheren Beurteilungen bestätigt, die sich folgendermassen zusammensetzten:
100 %ige Arbeitsfähigkeit vom 23. September 2008 bis November 2011, 70 %ige
Arbeitsfähigkeit von 2011 bis 2014 und 60 %ige Arbeitsfähigkeit von 2014 bis 2019.
3.4.
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4.
Für die Zeit ab Februar 2019 sind die Sachverständigen von einer 80 %igen
Arbeitsfähigkeit ausgegangen. Als adaptiert haben sie eine Tätigkeit definiert, die
hinreichend Möglichkeiten zur Durchführung von Entlastungspausen und von
therapeutischen Übungen gibt (IV-act. 346-11). Dies ist mit Blick auf die medizinischen
Zusammenhänge und die gutachterlichen Erläuterungen dazu überzeugend. Damit
haben die Sachverständigen den physischen Einschränkungen der Beschwerdeführerin
genügend Rechnung getragen. Insgesamt ergibt das Gutachten ein stimmiges und
schlüssiges Bild über den Gesundheitszustand und die Restleistungsfähigkeit der
Beschwerdeführerin. Insgesamt leuchtet die Attestierung der obengenannten
Arbeitsfähigkeitsgrade in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der
Beurteilung der medizinischen Situation ein.
Soweit die Beschwerdeführerin die medizinische Arbeitsfähigkeitsschätzung von
80 % in einer adaptierten Tätigkeit in Frage stellt, ist ihr nicht zu folgen. Sie bestreitet
die medizinischen Feststellungen sowie die Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit in
einer geeigneten Tätigkeit samt deren Profil nicht. Diese erscheinen denn auch
schlüssig und nachvollziehbar. Ebenfalls sind keine medizinischen Aspekte erwähnt
worden, die von den Sachverständigen unerkannt geblieben wären. Es ist nach dem
Gesagten nicht ersichtlich und wird von der Beschwerdeführerin auch nicht dargetan,
inwiefern eine Arbeitsfähigkeit von 80 % unter Berücksichtigung der Adaptionskriterien
nicht nachvollziehbar sein soll. Auch in Bezug auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung ist
deshalb auf das Gutachten abzustellen. Die Beschwerdegegnerin hat damit der
Bestimmung des Invaliditätsgrades in den angefochtenen Verfügungen zu Recht die
gutachterliche Arbeitsfähigkeitsschätzung zugrunde gelegt.
3.5.
Anhand eines Prozentvergleichs ergeben sich damit die Invaliditätsgrade von 0 %
vom 23. September 2008 bis November 2011 und 37 % von 2011 bis 2014 (= 30% +
[70% × 10%]). Im Zeitraum von 2014 bis 2019 hat der Invaliditätsgrad 46 % betragen
(= 40% + [60% × 10%]). Ab Februar 2019 ergibt sich ein Invaliditätsgrad von 28 % (=
20% + [80% × 10%]).
4.1.
Gestützt auf den Art. 28 Abs. 2 IVG hat die Beschwerdeführerin folglich einen
Anspruch auf eine Viertelsrente der Invalidenversicherung für den Zeitraum von 2014
bis 2019, in welchem der Invaliditätsgrad 46 % betragen hat. Aufgrund der
Übergangsfrist von Art. 88a Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV;
SR 831.201) ist die Viertelsrente während dreier Monate nach Wegfall des
invalidisierenden Gesundheitszustandes weiterhin auszurichten. Folglich besteht ein
4.2.
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5.
6. Da die Gerichtsschreiberin verhindert gewesen ist, hat eine mitwirkende Richterin
das Urteil unterzeichnet (Art. 39 Abs. 2 VRP, sGS 951.1).