Decision ID: 93c258e1-4641-593a-b585-6db9222a1834
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein somalischer Staatsangehöriger mit letztem
Aufenthalt in B._ (Provinz C._), verliess seine Heimat eige-
nen Angaben gemäss am 6. Januar 2015 auf dem Luftweg Richtung Khar-
tum (Sudan). Von Italien herkommend, gelangte er am 20. Oktober 2015
in die Schweiz, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte.
A.b Bei der Befragung zur Person (BzP) vom 27. Oktober 2015 erklärte
der Beschwerdeführer zu seinen Gesuchsgründen, er habe seine Heimat
wegen der Al-Shabaab verlassen müssen. Im Dezember 2014 seien drei
Leute in sein Haus gekommen und hätten auf ihn geschossen, als er ge-
schrien habe. Er sei ohnmächtig geworden und habe heute noch eine Ku-
gel im Kopf – einer seiner Onkel sei bei dem Überfall ums Leben gekom-
men. Grund für den Überfall sei der Verdacht der Al-Shabaab gewesen, er
habe einen Jungen, den er einmal mit nach D._ genommen habe,
bei den Regierungssoldaten verraten. Daraufhin korrigierte der Beschwer-
deführer, die Kugel sei wieder aus seinem Kopf herausgetreten. Ein ande-
rer Onkel habe die Tat bei den Behörden gemeldet, die gesagt hätten, sie
könnten nichts dagegen tun. Nach gesundheitlichen Problemen gefragt,
sagte der Beschwerdeführer, wegen der Schussverletzung am Kopf sehe
er auf dem linken Auge immer wieder fast nichts oder nur verschwommen.
A.c Das (...) übermittelte dem SEM am 6. Juni 2017 einen den Beschwer-
deführer betreffenden ärztlichen Bericht vom 2. Juni 2017. Am 12. Juni
2017 gingen beim SEM weitere Berichte des (...) vom 9. und 12. Juni 2017
ein. Ein Zweitbericht des (...) vom 9. Juni 2017 ging beim SEM am 15. Juni
2017 ein.
A.d Das Bezirksgericht E._ verurteilte den Beschwerdeführer mit
Urteil vom (...) 2017 wegen versuchter schwerer Körperverletzung im
Sinne von Art. 122 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB zu einer
Freiheitsstrafe von 36 Monaten. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wurde im
Umfang von 18 Monaten aufgeschoben und die Probezeit auf drei Jahre
festgesetzt.
A.e Das SEM hörte den Beschwerdeführer am 14. März 2018 einlässlich
zu seinen Asylgründen an. Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er
habe in seiner Heimat als (...) und (...) gearbeitet und dabei (...) bezie-
hungsweise (...). In dieser Zeit (2010) habe ein Mitglied der Al-Shabaab
um die Hand seiner Schwester angehalten. Sein Vater habe den Antrag
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abgelehnt. Kurze Zeit später sei seine Schwester entführt worden. Sie
habe die Familie einmal anrufen können, weshalb man gewusst habe, wer
der Entführer sei. Zirka eineinhalb Jahre danach sei dieser im Fahrzeug,
(...), mitgefahren. Bei einem Checkpoint namens (...) habe er den Mann
angezeigt. Der Mann habe aussteigen müssen und einen Monat später
habe man einen Drohzettel beim Haus seines Vaters angebracht. Man
habe ihn (den Beschwerdeführer) der Zusammenarbeit mit der Regierung
beschuldigt. Als er einmal zusammen mit einem Onkel beim Vater über-
nachtet habe, seien sie von Bewaffneten überfallen worden. Sein Onkel sei
erschossen worden und er habe zu fliehen versucht. Ein erster Schuss
habe seine Hüfte getroffen, ein weiterer Schuss habe seinen Hinterkopf
gestreift. Er sei zu einem anderen Onkel geflohen. Dieser habe ihn zu einer
Apotheke gebracht, wo man seine Wunde behandelt habe. Sein Onkel
habe gesagt, er müsse die Gegend sofort verlassen. Im Jahr 2014 habe
man ihm gesagt, er müsse das Land verlassen. Seine Schwester sei später
befreit worden und habe einen (...) geheiratet. Während er in der Schweiz
im Gefängnis gewesen sei, sei seine Familie Opfer eines Bombenangriffs
geworden, bei dem sein Vater sein halbes rechtes Bein verloren habe. Sei-
nem Bruder sei das Gleiche widerfahren. Im Oktober 2017 sei seine
Schwester bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen. Die Leute
der Al-Shabaab seien immer wieder beziehungsweise zweimal zu seiner
Mutter gekommen und hätten sich nach ihm erkundigt und das Haus durch-
sucht. Der Beschwerdeführer gab seine Identitätskarte und vier Fotogra-
fien zu den Akten (vgl. SEM-act. A41).
A.f Mit Strafbefehl vom (...) 2018 verurteilte die Staatsanwaltschaft
F._ den Beschwerdeführer wegen einfacher Körperverletzung im
Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB zu einer Geldstrafe von Fr. 1800.–; der Voll-
zug der Strafe wurde unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren auf-
geschoben.
A.g Das Obergericht des Kantons G._ erkannte den Beschwerde-
führer im Berufungsverfahren gegen das Urteil des Bezirksgerichts
H._ vom (...) 2017 am (...) 2018 der einfachen Körperverletzung im
Sinne von Art. 123 Ziff. 1 in Verbindung mit Ziff. 2 Abs. 2 StGB schuldig und
sprach ihn vom Vorwurf der versuchten schweren Körperverletzung frei. Es
setzte die bedingte Freiheitsstrafe auf 18 Monate fest. Dieses Urteil er-
wuchs unangefochten in Rechtskraft.
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B.
Das SEM stellte mit Verfügung vom 4. Februar 2019 fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte sein Asylge-
such ab. Zugleich verfügte es seine Wegweisung aus der Schweiz und ord-
nete den Vollzug der Wegweisung an. Einer allfälligen Beschwerde gegen
diese Verfügung entzog es die aufschiebende Wirkung.
C.
Mit Schreiben vom 20. Februar 2019 erstreckte das SEM auf Ersuchen der
den Beschwerdeführer behandelnden Ärztin vom 13. Februar 2019 hin die
Ausreisefrist bis längstens zum 30. September 2019.
D.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 6. März 2019 liess der Be-
schwerdeführer gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde erheben. In dieser wird beantragt, die angefochtene Verfü-
gung sei aufzuheben, es sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und
ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei seine Flüchtlingseigenschaft fest-
zustellen und er sei als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. Subeventualiter
sei er als Ausländer vorläufig aufzunehmen. Subsubeventualiter sei der
Fall an die Vorinstanz zur erneuten Abklärung und Beurteilung zurückzu-
weisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde beantragt, es sei auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten, die unentgeltliche Pro-
zessführung zu gewähren und in der Person der unterzeichnenden Rechts-
vertreterin ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu bestellen. Der Eingabe
lagen zwei Berichte des (...) vom 27. August und 6. Dezember 2018 bei.
Am 11. März 2019 übermittelte der Beschwerdeführer eine Sozialhilfebe-
stätigung vom 7. März 2019.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 14. März 2019 stellte der Instruktionsrichter
die aufschiebende Wirkung der Beschwerde wieder her. Das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung hiess er gut; dementspre-
chend verzichtete er auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Der
Rechtsvertreterin räumte er die Gelegenheit ein, bis zum 29. März 2019
mittels geeigneter Unterlagen den Nachweis zu erbringen, dass sie per-
sönlich die Voraussetzungen von aArt. 110a Abs. 3 AsylG (Person mit uni-
versitärem juristischem Hochschulabschluss, die berufliche Befassung mit
der Beratung und Vertretung von Asylsuchenden, Voraussetzungen von
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Art. 8 Abs. 1 Bst. a-c BGFA, Schweizer Bürgerrecht oder Niederlassungs-
bewilligung) erfüllt. Er teilte mit, dass über das Gesuch, die unterzeich-
nende Rechtsvertreterin sei dem Beschwerdeführer als unentgeltliche
Rechtsbeiständin beizuordnen, nach Eingang der dazu notwendigen Infor-
mationen beziehungsweise im Unterlassungsfall aufgrund der bestehen-
den Aktenlage entschieden werde. Zur Einreichung eines aktuellen ärztli-
chen Berichts und einer Entbindungserklärung von der ärztlichen Schwei-
gepflicht setzte er Frist bis zum 29. März 2019.
F.
Mit Eingabe vom 29. März 2019 reichte die Rechtsvertreterin diverse Un-
terlagen bezüglich des Antrags um Beiordnung als unentgeltliche Rechts-
beiständin ein. Hinsichtlich der Einreichung des ärztlichen Berichts er-
suchte sie um Erstreckung der Frist bis zum 5. April 2019.
G.
Am 2. April 2019 ging beim Bundesverwaltungsgericht ein ärztlicher Be-
richt der (...) vom 29. März 2019 ein.
H.
Mit Eingabe vom 2. April 2019 wurde von der Rechtsvertreterin der vorge-
nannte ärztliche Bericht und eine vom 20. März 2019 datierende Entbin-
dungserklärung von der ärztlichen Schweigepflicht zu den Akten gereicht.
I.
Der Instruktionsrichter wies das Gesuch um Beiordnung von MLaw Nadia
Zink als amtliche Rechtbeiständin mit Zwischenverfügung vom 2. Mai 2019
ab.
J.
Mit Eingabe vom 8. Mai 2019 ersuchte die Rechtsvertreterin um wiederer-
wägungsweise Aufhebung der Ziff. 1 der Zwischenverfügung vom 2. Mai
2019. Sie beantragte erneut, sie sei dem Beschwerdeführer als amtliche
Rechtsbeiständin beizuordnen.
K.
In seiner Vernehmlassung vom 10. Mai 2019 hielt das SEM an der ange-
fochtenen Verfügung fest. Das Bundesverwaltungsgericht setzte den Be-
schwerdeführer am 14. Mai 2019 von der Vernehmlassung in Kenntnis.
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Seite 6
L.
Die Rechtsvertreterin übermittelte am 27. Dezember 2019 eine Kosten-
note.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
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Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM begründet seinen Entscheid damit, dass der Beschwerdefüh-
rer in mehreren Punkten widersprüchlich ausgesagt habe. Bei der BzP
habe er vorgebracht, die Al-Shabaab habe ihn angegriffen, weil sie ihn ver-
dächtigt habe, einen ihrer Jungs an die Regierungssoldaten verraten zu
haben. Bei der Anhörung habe er ausgeführt, seine Schwester sei von der
Al-Shabaab entführt und zwangsverheiratet worden. Nachdem er den Ent-
führer an die Polizei übergeben habe, habe sich die Al-Shabaab an ihm
gerächt. Bei der BzP habe er zu Protokoll gegeben, er sei von einem
Schuss am Kopf getroffen worden und ohnmächtig geworden, während er
bei der Anhörung gesagt habe, er habe fliehen können, obwohl er von zwei
Kugeln getroffen worden sei. Bei der BzP habe er vorerst angegeben, die
Kugel stecke noch in seinem Kopf, um kurz darauf zu sagen, er habe am
Kopf einen Durchschuss erlitten. Bei der Anhörung habe er schliesslich
vorgebracht, die Kugel habe ihn am Hinterkopf gestreift. Des Weiteren
habe er bei der BzP gesagt, sein Onkel sei zu einer Apotheke gegangen
und habe seine Wunde behandelt, während er bei der Anhörung geschil-
dert habe, der Onkel habe ihn zu einer Apotheke gebracht, wo die Wunde
notfallmässig behandelt worden sei. Diese Widersprüche zu zentralen Er-
eignissen erweckten erhebliche Zweifel am Wahrheitsgehalt derselben.
Zur vorgebrachten Entführung der Schwester habe der Beschwerdeführer
keine substanziierten Angaben machen können; er sei einer substanziier-
ten Schilderung ausgewichen. Er sei nicht in der Lage gewesen, die «in-
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tensive» Suche nach seiner Schwester detailliert zu beschreiben. Sein Ant-
wortverhalten vermittle den Eindruck, dass er nicht auf selbst Erlebtes zu-
rückgreifen könne. Auch die Anzeigeerstattung habe er nicht erlebnisorien-
tiert wiedergeben können. So habe er lediglich ausgeführt, als er den Ent-
führer gesehen habe, habe er ihn sofort gemeldet; er habe gesagt, bei die-
sem Mann handle es sich um den Entführer seiner Schwester. Danach
habe «man» das Problem erkannt.
Gebeten, den Angriff der Al-Shabaab zu schildern, habe sich der Be-
schwerdeführer wiederholt. Der Mangel an Details weise darauf hin, dass
er das Geschilderte nicht selbst erlebt habe.
Aufgrund der Widersprüche und der nicht abschliessend aufgezeigten de-
tailarmen und unsubstanziierten Angaben gelinge es dem Beschwerdefüh-
rer nicht, eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG glaubhaft zu machen.
An dieser Feststellung könnten die eingereichten Fotografien von den Ver-
letzungen seines Vaters und seines Bruders nichts ändern, zumal diese
keine konkreten Hinweise auf die geltend gemachte Verfolgung enthielten.
Aufgrund der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen sei nicht davon auszuge-
hen, dass die Narben am Körper des Beschwerdeführers auf die geltend
gemachte Verfolgung in Somalia zurückzuführen seien.
4.2 In der Beschwerde wird einleitend der Sachverhalt geschildert und gel-
tend gemacht, die Hilfswerksvertretung habe im Anschluss an die Anhö-
rung festgehalten, dass bei der Übersetzung einige Fehler unterlaufen
seien, die bei der Rückübersetzung aufgefallen seien. Das Protokoll sei an
diversen Stellen geändert worden, wobei die Bedeutung der Worte deutlich
abgeändert oder gänzlich geändert worden sei. Es könne nicht ausge-
schlossen werden, dass auch bei der Rückübersetzung nicht alles richtig
übersetzt worden sei. Unter Hinweis auf die ärztlichen Berichte sei darauf
hinzuweisen, dass ein Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstö-
rung bestehe (PTBS). Eine Behandlung habe nicht durchgeführt werden
können, weil der Beschwerdeführer eine solche aufgrund der Flashbacks
nicht ausgehalten habe. Da er nicht zu allen Terminen erschienen sei, hät-
ten die Ärzte eine stationäre Therapie empfohlen.
Zwischen den Aussagen dazu, wen der Beschwerdeführer den Behörden
gemeldet habe, sei kein eigentlicher Widerspruch ersichtlich. Er habe beide
Male angegeben, er habe ein Mitglied der Al-Shabaab an die Behörden
verraten, was Auslöser des folgenden Angriffs gewesen sei. Bei der BzP
habe er gesagt, er sei in Ohnmacht gefallen, als ihn ein Schuss am Kopf
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getroffen habe. Bei der Anhörung habe er gesagt, er sei geflüchtet, als ihn
ein Schuss an der Hüfte getroffen habe, wonach ihn ein Schuss am Hinter-
kopf gestreift habe. Die Aussage, er sei «weiter geflüchtet», habe sich auf
den ersten Schuss bezogen, während die Aussage, er sei ihn Ohnmacht
gefallen, sich auf den Schuss am Kopf bezogen habe. Somit liege kein
Widerspruch vor. Bei der Anhörung habe er präzisiert, er sei erst nach der
Flucht zu seinem Onkel in Ohnmacht gefallen. Er habe bereits bei der BzP
klargestellt, dass die Kugel nicht mehr in seinem Kopf stecke, was sich mit
der Aussage bei der Anhörung decke, die Kugel habe ihn nur gestreift. Das
SEM schliesse aus seiner Aussage bei der BzP, dass die Kugel durch den
Kopf gegangen und wieder ausgetreten sei. Er habe auf die Frage, ob die
Kugel noch in seinem Kopf stecke, geantwortet, «sie sei wieder ausgetre-
ten». Dass das SEM angesichts der tatsächlich und offensichtlich vorhan-
denen Schusswunde am Kopf darauf bestehe, es liege ein Widerspruch
vor, sei unverständlich. Aus seinen Aussagen gehe hervor, dass er die
Wunden nicht ärztlich habe versorgen lassen. Er habe bei beiden Befra-
gungen gesagt, sein Onkel sei zu einer Apotheke gegangen, bei der Anhö-
rung habe er lediglich präzisiert, dass er mitgegangen sei. Es liege kein
Widerspruch in den Angaben, der Onkel habe die Wunde behandelt bezie-
hungsweise, die Wunde sei notfallmässig in der Apotheke behandelt wor-
den, da es sich einmal um die Person, das andere Mal um den Ort handle.
Der Beschwerdeführer habe einige Details zur Entführung seiner Schwes-
ter genannt. So habe er erwähnt, die Entführung sei der Polizei gemeldet
worden und man habe versucht, Informationen über die Angehörigen des
Mannes zu erhalten. Bezüglich seiner Meldung an die Behörden sei fest-
zuhalten, dass er die Fragen, die ihm dazu gestellt worden seien, allesamt
beantwortet habe. Es könne ihm nicht vorgeworfen werden, dass er sich
bei der Schilderung des Angriffs durch die Al-Shabaab teilweise wiederholt
habe, sei er doch aufgefordert worden, den Angriff nochmals zu schildern
und er habe weitere Details genannt. Die Angaben seien weder detailarm
noch unsubstanziiert gewesen. Es sei auch zu würdigen, dass beim Be-
schwerdeführer zwei traumatische Ereignisse katastrophenartigen Aus-
masses und damit zusammenhängende Nachhallerinnerungen, Ängste,
Hyperarousal und Vermeidung von Triggersituationen festgestellt worden
seien, die einen Verdacht auf eine PTBS begründeten. Schwer traumati-
sierte Personen seien nicht in der Lage, vollständige und widerspruchsfreie
Angaben zu erlittenen Misshandlungen zu machen. Es sei auf die Praxis
der Asylrekurskommission und des Bundesverwaltungsgerichts zu verwei-
sen. Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht der ärztlichen Berichte sei
nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer nicht durchwegs detaillierte
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Angaben zur Entführung seiner Schwester, die Suche nach ihr und den
folgenden Angriff auf ihn gemacht habe. Er habe selbst gesagt, er sei psy-
chisch kaputt und habe im Alltag Konzentrationsprobleme. Der Beschwer-
deführer habe auch den Ärzten gegenüber von den bei den Befragungen
geschilderten Vorkommnissen berichtet; im Bericht des (...) vom 6. De-
zember 2018 werde auf seine klaren Äusserungen zu Kriegstraumata ver-
wiesen. Die von der Vorinstanz erwähnten Widersprüche hätten entweder
aufgelöst werden können oder bezögen sich nur auf Details. Die Aussagen
seien teilweise detailliert und substanziiert, anderseits erkläre die ärztliche
Diagnose, weshalb er nicht durchwegs detaillierte Angaben habe machen
können. Seine Aussagen seien glaubhaft.
Da die Aussagen des Beschwerdeführers glaubhaft seien, sei davon aus-
zugehen, dass er bei einer Rückkehr nach Somalia asylrelevanten Nach-
teilen ausgesetzt wäre. Er sei als Flüchtling anzuerkennen und es sei ihm
Asyl zu gewähren.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen von Asylvorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt
und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1 mit Verweisen).
5.2
5.2.1 Bei der BzP erklärte der Beschwerdeführer, seine Familie sei von der
Al-Shabaab angegriffen worden, weil er einen Jungen, der auch im Dorf
gelebt habe, nach D._ gefahren habe. Später sei dieser von Solda-
ten der Regierung verhaftet worden; die Al-Shabaab habe ihn verdächtigt,
diesen Jungen verraten zu haben (vgl. SEM-act. A4/15 S. 10). Im Rahmen
der Anhörung brachte er erstmals vor, ein Al-Shabaab-Mann habe während
seiner (des Beschwerdeführers) Arbeitszeit um die Hand seiner Schwester
angehalten. Da sein Vater den Antrag abgelehnt habe, habe der Mann kurz
darauf seine Schwester entführt. Zirka eineinhalb Jahre später sei der Ent-
führer in sein (des Beschwerdeführers) Fahrzeug gekommen. An einem
zwischen I._ und D._ gelegenen Checkpoint habe er gemel-
det, dass dieser Mann der Entführer seiner Schwester sei (vgl. SEM-act.
A37/25 S. 4). Gefragt, weshalb er sich sicher gewesen sei, dass der Mann,
der ins Fahrzeug gestiegen sei, der Entführer gewesen sei, antwortete der
Beschwerdeführer, der Mann sei zu seinen Eltern gekommen und habe um
die Hand seiner Schwester angehalten – gerade in dieser Zeit sei er ihm
begegnet (vgl. SEM-act. A 37/25 S. 21).
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Seite 11
Es erstaunt vorweg, dass der Beschwerdeführer die Entführung seiner
Schwester, deren Schicksal gemäss seinen Aussagen eng mit seiner spä-
teren Verfolgung verknüpft gewesen sein soll, bei der BzP auch nicht an-
satzweise erwähnte. Auffallend sind zudem seine stark voneinander abwei-
chenden Angaben. Gemäss den Angaben bei der BzP sei ein im gleichen
Dorf lebender Junge, den er nach D._ mitgenommen habe, später
verhaftet worden, wonach die Al-Shabaab ihn verdächtigt habe, diesen ver-
raten zu haben. Bei der Anhörung sagte er indessen, er habe den Entführer
seiner Schwester – der gemäss seinen Angaben keineswegs im gleichen
Dorf gelebt habe – bei einem Checkpoint angezeigt und dieser sei sofort
festgenommen worden. Anfangs der Anhörung gab er an, der Entführer
habe um die Hand seiner Schwester angehalten, als er (der Beschwerde-
führer) bei der Arbeit gewesen sei, im weiteren Verlauf wiederum sagte er,
er habe den Mann gesehen, als er um die Hand seiner Schwester ange-
halten habe. An den geltend gemachten Problemen des Beschwerdefüh-
rers mit der Al-Shabaab bestehen vor diesem Hintergrund erhebliche Zwei-
fel.
5.2.2 Bei der BzP gab der Beschwerdeführer alsdann an, an einem Nach-
mittag seien verhüllte Männer zu ihrem Haus (in B._ [vgl. SEM-act.
A4/12 S. 9]) gekommen, sein Onkel und er seien zu Hause gewesen. Sie
hätten ihn mitnehmen wollen; weil er laut geschrien habe, habe man auf
ihn geschossen und ihn am Kopf getroffen, er sei zu Boden gefallen und
ohnmächtig geworden. Am rechten Oberschenkel habe er auch eine
Schusswunde gehabt. Später habe er erfahren, dass sein Onkel, der eben-
falls anwesend gewesen sei, umgebracht worden sei (vgl. SEM-act. A4/15
S. 9). Bei der Anhörung erklärte er hingegen, er habe eines nachts bei sei-
nem Vater (in J._ [vgl. SEM-act. A37/25 S. 4]) übernachtet, sein On-
kel sei auch noch dabei gewesen. Leute der Al-Shabaab hätten sie über-
fallen – der erste Schuss habe seinen Onkel getroffen, der sofort tot gewe-
sen sei. Er habe zu fliehen versucht und sei von einem Schuss an der
rechten Hüfte getroffen worden. Er sei weiter geflüchtet und ein weiterer
Schuss habe ihn am Hinterkopf gestreift (vgl. SEM-act. A37/25 S. 4).
Der Beschwerdeführer machte somit einerseits abweichende Angaben zur
Tageszeit, als sie überfallen worden seien, anderseits machte er solche
auch zu den anwesenden Personen, zum Ort des Überfalls und zum Ablauf
der Ereignisse, die miteinander nicht zu vereinbaren sind. Die Zweifel
dadurch begründeten Zweifel am Wahrheitsgehalt des geltend gemachten
Überfalles auf den Beschwerdeführer und seine Familie werden zudem
durch weitere Ungereimtheiten bestärkt. So brachte er bei der BzP vor, die
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Seite 12
Al-Shabaab-Leute hätten ihn mitnehmen wollen und hätten, weil er ge-
schrien habe, auf ihn geschossen, wobei aus seinen Aussagen eindeutig
hervorgeht, dass er, nachdem er am Kopf getroffen worden sei, zu Boden
gefallen und ohnmächtig geworden sei. Die Erklärung, er sei erst nach An-
kunft bei einem anderen Onkel ohnmächtig geworden, ist somit nicht stich-
haltig. Von einer Flucht, bei der er zweimal angeschossen worden sei, war
bei der BzP nie die Rede.
5.2.3 Gemäss dem auf Beschwerdeebene eingereichten ärztlichen Bericht
der (...) vom 29. März 2019 gab der Beschwerdeführer an, er habe bereits
als Jugendlicher seine Verwandten bei der Arbeit unterstützt und als (...)
gearbeitet. 2011 sei seine Schwester von der Al-Shabaab verschleppt und
2013 sei sie von der Polizei nach Hinweisen durch die Familie befreit wor-
den. Im Zusammenhang mit der Rache der Al-Shabaab sei ein Onkel im
September 2013 vor seinen Augen erschossen worden. Mitglieder der Al-
Shabaab hätten an die Türe geklopft und nach seinem Vater gefragt; als
sein Onkel die Türe geöffnet habe, sei er sofort erschossen worden. Er
habe sich auch im Flur befunden, sei nach hinten in die Wohnung gerannt
und sei durch Streifschüsse verletzt worden, bevor er aus dem Fenster
habe springen und wegrennen können.
Auch diese Schilderung des Überfalls durch die Al-Shabaab weicht in meh-
reren Punkten von den bisherigen Angaben des Beschwerdeführers ab.
Weder bei der BzP noch bei der Anhörung brachte er vor, dass die Al-
Shabaab-Leute nach seinem Vater gefragt hätten. Bei der Anhörung gab
der Beschwerdeführer an, zur Zeit des Überfalls habe er sich drinnen in
seinem Zimmer aufgehalten, sein Onkel sei draussen gewesen und habe
die Zähne geputzt (vgl. SEM-act. A37/25 S. 16). Dies steht im Widerspruch
zur Aussage, sein Onkel habe die Türe geöffnet und er sei auch im Flur
gewesen. Bei der Anhörung sagte er ferner, sein Zimmer habe aus Well-
blech bestanden und er sei auf das Wellblech gestürzt beziehungsweise,
er habe versucht, die Wellblechwand wegzustossen und zu fliehen, als er
den Schuss gehört habe (vgl. SEM-act. A37/25 S. 4 und S. 16). Diese Dar-
stellung weicht wiederum von derjenigen, die er gegenüber den Ärzten
machte, deutlich ab.
5.2.4 Auch zu seiner Biographie machte der Beschwerdeführer divergie-
rende Angaben. So gab er bei der BzP an, er habe seit seinem zweiten
Lebensjahr bis zur Ausreise in B._ gelebt (vgl. SEM-act. A4/12
S. 5), während er bei der Anhörung sagte, er habe von seinem 10. bis
15. Lebensjahr in B._ bei einem Onkel gelebt. Zirka drei Jahre lang
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Seite 13
habe er in K._ gelebt (vgl. SEM-act. A37/25 S. 3). Zu seinen beruf-
lichen Tätigkeiten befragt, machte er bei der BzP geltend, er habe von 2006
bis 2014 auf dem Markt von L._ in D._ (...) verkauft (vgl.
SEM-act. A4/12 S. 5). Bei der Anhörung sagte er, ab 2008 sei er stetig (...)
gewesen, der seinem Onkel gehört habe (vgl. SEM-act. A37/25 S. 3). Spä-
ter brachte er vor, er habe von 2010 bis zum März 2014 (...) transportiert.
Das Aussageverhalten des Beschwerdeführers erweckt den Eindruck,
dass er den Asylbehörden gegenüber in verschiedener Hinsicht unzutref-
fende Angaben machte.
5.2.5 Hinsichtlich der Entführung seiner Schwester äusserte sich der Be-
schwerdeführer zu verschiedenen Punkten nicht übereinstimmend. So
sagte er bei der Anhörung, sie sei 2010 entführt und zirka Mitte 2011 befreit
worden. Eine Gruppe von bewaffneten Soldaten sei an ihren Aufenthaltsort
gegangen und habe sie befreit – sein Vater habe die Befreiungsaktion mit-
organisiert (vgl. SEM-act. A37/25 S. 14). Gemäss dem ärztlichen Bericht
vom 29. März 2019 sei seine Schwester hingegen 2011 entführt und im
Jahr 2013 durch die Polizei befreit worden (vgl. S. 2 des Berichts).
5.3 In der Beschwerde wird zu Recht darauf hingewiesen, dass es bei der
Übersetzung der Aussagen des Beschwerdeführers zu Missverständnis-
sen kam, die im Rahmen der Rückübersetzung korrigiert wurden. Soweit
Fragestellungen korrigiert wurden, handelt es sich nicht um Übersetzungs-
fehler, sondern um eine fehlerhafte Protokollierung der Fragen. Hinsichtlich
der Kerngeschichte kam es indessen zu keinen nennenswerten Verständi-
gungsschwierigkeiten zwischen dem Beschwerdeführer und dem Dolmet-
scher. Angesichts der zahlreichen eklatanten Widersprüchen in den Aus-
sagen des Beschwerdeführers ist vielmehr der Schluss zu ziehen, dass die
von ihm geltend gemachte Verfolgung auf einem Konstrukt basiert. Daran
ändern auch die in der Beschwerde angeführten psychischen Probleme
des Beschwerdeführers nichts. Dem eingereichten ärztlichen Bericht vom
29. März 2019 ist zu entnehmen, dass er sich gut und detailliert an die Er-
eignisse der Belastungen erinnern könne (vgl. S. 3 des Berichts). Die Aus-
führungen in der Beschwerde, schwer traumatisierte Personen seien mehr-
heitlich nicht der Lage, präzise, vollständige und widerspruchsfreie Anga-
ben zu erlittenen Misshandlungen zu machen, vermögen somit nicht zu
erklären, weshalb der Beschwerdeführer in wesentlichen Punkten deutlich
voneinander abweichende «Verfolgungsgeschichten» schilderte.
5.4 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer angesichts der zahl-
reichen Widersprüche und den klaren Ungereimtheiten in seinen Aussagen
D-1135/2019
Seite 14
nicht gelungen, eine gezielt gegen ihn gerichtete Verfolgung durch die Al-
Shabaab glaubhaft zu machen. Es ist zwar nicht auszuschliessen, dass die
Schwester des Beschwerdeführers entführt und später befreit wurde.
Ebenfalls möglich erscheint, dass sich die Al-Shabaab an seinem Vater rä-
chen wollte, weil dieser an der Befreiungsaktion der Schwester beteiligt
gewesen sein soll. Sollte sich der Überfall so, wie ihn der Beschwerdefüh-
rer bei der (...) schilderte, zugetragen haben, wäre sein Onkel möglicher-
weise irrtümlich erschossen worden, weil der Überfall seinem Vater gegol-
ten hätte. Ob der Beschwerdeführer bei diesem Überfall, sollte er stattge-
funden haben, die den vorhandenen Narben zugrundeliegenden Verletzun-
gen erlitt, oder ob er sich diese Verletzungen bei anderer Gelegenheit zu-
zog, die er gegenüber den Asylbehörden nicht schildern will, kann mangels
glaubhafter Angaben des Beschwerdeführers nicht abschliessend beurteilt
werden. Gemäss den Aussagen des Beschwerdeführers sollen sein Vater
und ein Bruder, nachdem er (der Beschwerdeführer) ausgereist war, bei
einem Bombenangriff beziehungsweise einem Angriff mit Handgranaten
verletzt worden sein (ob es sich bei den auf den Fotografien abgebildeten
Personen um Verwandte des Beschwerdeführers handelt, kann nicht fest-
gestellt werden). Von wem dieser Anschlag ausging, steht nicht fest. Der
Vater des Beschwerdeführers lebt immer noch in Somalia und es wurden
auf ihn keine weiteren Anschläge verübt. Auch die Mutter und die Ge-
schwister des Beschwerdeführers werden offenbar von der Al-Shabaab
nicht verfolgt. Demnach kann nicht davon ausgegangen werden, dass er
bei einer Rückkehr ins Visier der Al-Shabaab geraten wird.
6.
6.1 Die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG
setzt voraus, dass die asylsuchende Person ernsthafte Nachteile von be-
stimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise solche im Fall einer Rück-
kehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in abseh-
barer Zukunft befürchten muss. Die Nachteile müssen gezielt und aufgrund
bestimmter Verfolgungsmotive drohen oder zugefügt worden sein. Die be-
troffene Person muss zudem einer landesweiten Verfolgung ausgesetzt
sein. Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die
Frage, ob im Zeitpunkt der Ausreise eine Verfolgung oder eine begründete
Furcht vor einer solchen bestand. Die Verfolgungsfurcht muss im Zeitpunkt
des Asylentscheids noch aktuell sein. Veränderungen der objektiven Situ-
ation im Heimatstaat zwischen dem Ausreisezeitpunkt und dem Zeitpunkt
des Asylentscheids sind deshalb zugunsten und zulasten der Asylsuchen-
den zu berücksichtigen (vgl. dazu BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2 und
2008/12 E. 5 je m.w.H.).
D-1135/2019
Seite 15
6.2 Wie vorstehend zur Frage der Glaubhaftigkeit erwogen wurde, ist es
dem Beschwerdeführer nicht gelungen, eine ihm persönlich drohende Ver-
folgung durch die Al-Shabaab glaubhaft zu machen. Ob er von den Leuten
der Al-Shabaab bei einem Überfall auf seinen Vater verletzt wurde, oder
sich die den Narben zugrundeliegenden Verletzungen bei einer anderen
Gelegenheit zuzog, kann angesichts der widersprüchlichen Angaben nicht
abschliessend beurteilt werden. Aufgrund der gesamten Aktenlage kann
jedoch nicht davon ausgegangen werden, dass die Al-Shabaab nach dem
Beschwerdeführer sucht, um gegen ihn vorzugehen. Sollten seine Ange-
hörigen anlässlich von Übergriffen der Al-Shabaab gezielt oder bei im Rah-
men der kriegerischen Auseinandersetzungen durchgeführten Aktionen
«zufällig» getötet beziehungsweise verletzt worden sein, wäre nachvoll-
ziehbar, dass der Beschwerdeführer sich vor einer Rückkehr nach Somalia
subjektiv gesehen fürchtet. Da eine ihm konkret drohende, gezielte Verfol-
gung als nicht glaubhaft zu erachten ist, kann ihm jedoch objektiv gesehen
keine begründete Furcht vor in naher Zukunft drohender asylrechtlich rele-
vanter Verfolgung zuerkannt werden.
6.3 Angesichts des vorstehend Gesagten erübrigt es sich, auf die weiteren
Vorbringen in der Beschwerde und die eingereichten Beweismittel im Ein-
zelnen einzugehen, da sie an der Würdigung des geltend gemachten Sach-
verhalts nichts zu ändern vermögen. Das SEM ist zutreffend zur Einschät-
zung gelangt, der Beschwerdeführer erfüllte die Flüchtlingseigenschaft
nicht, und hat das Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
D-1135/2019
Seite 16
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.
9.1 Das SEM führt in der angefochtenen Verfügung aus, der Vollzug von
Wegweisungen nach D._ sei nicht als generell unzulässig einzustu-
fen. Es bestünden keine Hinweise darauf, dass die somalischen Behörden
von den in der Schweiz begangenen Straftaten des Beschwerdeführers er-
fahren hätten und ihn deshalb bestrafen würden. Da verschiedene Flugge-
sellschaften Flüge dorthin anböten, bestehe auch kein «real risk», dass
ihm auf dem Reiseweg eine unmenschliche Behandlung widerfahre. Die
Prüfung der Zumutbarkeit des Vollzugs erübrige sich, wenn die betroffene
Person erheblich oder wiederholt gegen die öffentliche Sicherheit und Ord-
nung in der Schweiz oder im Ausland verstossen habe. Dies sei vorliegend
der Fall und eine Abwägung der öffentlichen und privaten Interessen er-
gebe, dass die Anwendung von Art. 83 Abs. 7 Bst. b AIG verhältnismässig
sei.
D-1135/2019
Seite 17
9.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, das Urteil des Bezirksge-
richts E._ sei nicht in Rechtskraft erwachsen, weshalb für den Be-
schwerdeführer die Unschuldsvermutung gelte. Die im Strafbefehlsverfah-
ren erfolgte Verurteilung wegen einfacher Körperverletzung reiche nicht
aus, darauf zu schliessen, dass der Beschwerdeführer auch in Zukunft der-
artige Delikte begehen werde.
9.3
9.3.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Vorliegend ist unter Hinweis auf die vorstehenden Erwägun-
gen zum Asylpunkt nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
seitens der Al-Shabaab eine zielgerichtete Verfolgung zu befürchten hat,
weshalb diesbezüglich eine konkrete Gefährdung ausgeschlossen werden
kann. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt
den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig er-
scheinen.
9.3.2 Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte
(EGMR) kann der Vollzug der Wegweisung eines abgewiesenen Asylsu-
chenden mit gesundheitlichen Problemen im Einzelfall einen Verstoss ge-
gen Art. 3 EMRK darstellen. Voraussetzung dafür sind jedoch ganz ausser-
gewöhnliche Umstände (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien
D-1135/2019
Seite 18
vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer, 41738/10, § 183). Solche Um-
stände liegen nicht nur in Fällen vor, in denen sich die von einer Ausschaf-
fung betroffene Person in unmittelbarer Lebensgefahr befindet, sondern
auch, wenn Personen, die angesichts fehlender Behandlungsmöglichkei-
ten im Staat, in den sie zurückkehren müssen, einem realen Risiko einer
schwerwiegenden, raschen und irreversiblen Verschlechterung des Ge-
sundheitszustands ausgesetzt werden, die zu heftigen Leiden oder einer
erheblichen Reduktion der Lebenserwartung führen, ausgesetzt wären.
Solche aussergewöhnlichen Umstände können vorliegend hinlänglich aus-
geschlossen werden (vgl. BVGE 2011/9 E. 7.1, 2009/2 E. 9.1.3). Dem beim
SEM eingereichten ärztlichen Bericht des (...) vom 7. Februar 2019 ist zu
entnehmen, dass die (...)-Therapie voraussichtlich im Sommer 2019 abge-
schlossen sein werde. Es wurde darum ersucht, die Ausschaffung des Be-
schwerdeführers auf Herbst 2019 aufzuschieben. Da der Beschwerdefüh-
rer im Rahmen seiner Mitwirkungspflicht keine weiteren ärztlichen Berichte
zur (...)-Behandlung einreichte, ist davon auszugehen, dass die notwen-
dige Therapie erfolgreich abgeschlossen wurde. Hinsichtlich der geltend
gemachten psychischen Probleme des Beschwerdeführers liegt es in sei-
ner Verantwortung, sich zusammen mit den ihn behandelnden Ärzten und
den Vollzugsbehörden auf eine Rückkehr in seine Heimat vorzubereiten,
wobei er allenfalls ein Gesuch um medizinische Rückkehrhilfe stellen kann.
Mit Blick auf die in den ärztlichen Berichten erwähnten suizidalen Gedan-
ken des Beschwerdeführers verpflichtet Art. 3 EMRK einen Konventions-
staat grundsätzlich nicht dazu, bei einer Konfrontation mit Suizidabsichten
von einer zu vollziehenden Weg- oder Ausweisung Abstand zu nehmen. Es
obliegt dem SEM im Rahmen des Vollzugs, Massnahmen zu ergreifen, um
die Umsetzung einer entsprechenden Suiziddrohung zu verhindern (vgl.
Unzulässigkeitsentscheid des EGMR vom 7. Oktober 2004 i.S. D. und an-
dere gegen Deutschland, Beschwerde Nr. 33743/03, angeführt in EMARK
2005 Nr. 23 E. 5.1 [S. 212]). Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Weg-
weisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestim-
mungen zulässig.
9.4
9.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
D-1135/2019
Seite 19
9.4.2 Gemäss Art. 83 Abs. 7 AIG wird die vorläufige Aufnahme nach
Art. 83 Abs. 4 AIG unter anderem nicht verfügt, wenn die weg- oder ausge-
wiesene Person zu einer längerfristigen Freiheitsstrafe im In- oder Ausland
verurteilt wurde oder wenn gegen sie eine strafrechtliche Massnahme im
Sinne von Art. 64 oder 61 des Schweizerischen Strafgesetzbuches vom
21. Dezember 1937 (StGB, SR 311.0) angeordnet wurde (Bst. a), oder sie
erheblich oder wiederholt gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in
der Schweiz oder im Ausland verstossen hat oder diese gefährdet oder die
innere oder die äussere Sicherheit gefährdet (Bst. b).
9.4.3 Das Bundesgericht hat in seiner Praxis den Begriff der "längerfristi-
gen Freiheitsstrafe" im Sinne von Art. 62 Bst. b AIG (und damit auch den
gleichlautenden Begriff von Art. 83 Abs. 7 Bst. a AIG) dahingehend konkre-
tisiert, dass darunter eine Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr zu ver-
stehen ist; dies unabhängig davon, ob die Strafe bedingt, teilbedingt oder
unbedingt zu vollziehen ist (vgl. BGE 135 II 377 E. 4.2).
Der Beschwerdeführer wurde gemäss Akten am 8. November 2018 zu ei-
ner längerfristigen Freiheitsstrafe (18 Monate) in obgenanntem Sinne ver-
urteilt (Art. 83 Abs. 7 Bst. a AIG). Zudem wurde er mit Strafbefehl vom
16. Oktober 2018 zu einer Geldstrafe von Fr. 1800 – verurteilt. Die Voraus-
setzungen für einen Ausschluss von der vorläufigen Aufnahme sind auf-
grund der erstgenannten Verurteilung grundsätzlich erfüllt. Die Anwendbar-
keit des Aufhebungsgrundes von Art. 83 Abs. 7 Bst. a AIG ist somit gege-
ben.
9.4.4 Bei Bejahung des Ausschlusstatbestands von Art. 83 Abs. 7 Bst. a
und/oder b AIG, erfolgt indessen kein automatischer Ausschluss von der
vorläufigen Aufnahme wegen Unzumutbarkeit. Es bedarf gemäss konstan-
ter Praxis vielmehr der Vornahme einer Interessenabwägung, da ein Auto-
matismus dem Verhältnismässigkeitsprinzip zuwiderlaufen würde (vgl.
dazu SPESCHA/THÜR/ZÜND/BOLZLI/HRUSCHKA, Kommentar Migrations-
recht, 4. Auflage, Zürich 2015, Rz. 23 zu Art. 83 AIG, m.w.H.); im Rahmen
dieser Beurteilung ist zu prüfen, ob der Ausschluss von der vorläufigen Auf-
nahme im konkreten Einzelfall verhältnismässig ist (vgl. Art. 5 Abs. 2 BV,
Art. 96 Abs. 1 AIG).
9.4.5 Bei der entsprechenden Prüfung haben die für die Anordnung einer
ausländerrechtlichen Massnahme zuständigen Behörden insbesondere
das Interesse der Schweiz, den Beschwerdeführer zur Verhinderung von
zukünftigen kriminellen Handlungen von der Schweiz fernzuhalten, dessen
D-1135/2019
Seite 20
privaten Interessen an einem Verbleib in der Schweiz gegenüber zu stel-
len. Zu berücksichtigen sind dabei namentlich die Schwere des Delikts und
des Verschuldens, die seit der Tat vergangene Zeit und das Verhalten des
Betroffenen in dieser Periode, der Grad seiner Integration, die Dauer seiner
Anwesenheit in der Schweiz sowie die ihm drohenden Nachteile. Es ist
nicht von einer schematischen Betrachtungsweise auszugehen, sondern
auf die gesamten Umstände des Einzelfalls abzustellen (vgl. BGE
135 II 377 E. 4.3, BGE 134 II 1 E. 2.2 m.w.H., Urteile des BVGer
E-5898/2017 vom 9. April 2019 E. 7.8, E-3152/2018 vom 22. Juni 2018
E. 8.3.3, je m.w.H.). Die Interessenabwägung soll jedoch nicht auf eine voll-
ständige Zumutbarkeitsprüfung hinauslaufen. Zudem darf dadurch nicht
der Wortlaut von Art. 83 Abs. 7 AIG unterlaufen werden (vgl. Urteil BVGer
F-177/2016 vom 7. Februar 2017 E. 5.3).
9.4.5.1 Das öffentliche Interesse am Vollzug der Wegweisung und damit
am Ausschluss der vorläufigen Aufnahme ist im vorliegenden Fall erheb-
lich, zumal der Beschwerdeführer zweimal wegen einfacher Körperverlet-
zung verurteilt wurde. Er hat mit seinen Taten besonders wertvolle Rechts-
güter wie die körperliche Integrität und Unversehrtheit anderer Menschen
verletzt. Dem Urteil des Obergerichts des Kantons G._ vom (...)
2018 ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer eine qualifizierte ein-
fache Körperverletzung beging, indem er ein Messer mit einer Klingen-
länge von zirka 7 cm behändigte, um dieses im Streit aus nichtigem Anlass
gegen einen anderen Menschen einzusetzen, ohne dass ein Angriff von
dessen Seite im Gange gewesen wäre oder gedroht hätte. Als Beweggrund
stellte das Gericht pure Streitlust und Aggressionsabbau bei übermässi-
gem Alkoholkonsum fest. Die Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit
des Beschwerdeführers erachtete das Obergericht als höchstens leicht
vermindert. Das Verschulden des Beschwerdeführers taxierte es als «kei-
neswegs mehr leicht». Dem Strafbefehl der Staatsanwaltschaft F._
vom 16. Oktober 2018 ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer einen
anderen Menschen mit der Faust ins Gesicht geschlagen habe, wobei die
Verletzungen des Opfers einen Spitalaufenthalt nach sich zogen. Der Be-
schwerdeführer sei sich bewusst gewesen, dass sein Verhalten dazu ge-
eignet war, beim Opfer Verletzungen hervorzurufen, was er zumindest in
Kauf genommen habe. Bei dieser Sachlage fällt die Prognose bezüglich
einer zukünftigen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung un-
günstig aus.
9.4.5.2 Hinsichtlich der privaten Interessen des Beschwerdeführers am
weiteren Verbleib in der Schweiz ist festzustellen, dass er sich hier trotz
D-1135/2019
Seite 21
bald viereinhalbjährigem Aufenthalt weder in wirtschaftlicher noch in per-
sönlicher Hinsicht integriert hat. Gemäss den Akten ist er in der Schweiz
seit seiner Ankunft im Oktober 2015 nie einer Arbeitstätigkeit nachgegan-
gen und es bestehen auch keine Hinweise darauf, dass er sich persönlich
in der hiesigen Gesellschaft zurechtgefunden hat. Da nicht davon auszu-
gehen ist, dem Beschwerdeführer drohten bei einer Rückkehr in sein Hei-
matland in persönlicher Hinsicht Nachstellungen, sind seine privaten Inte-
ressen am Verbleib in der Schweiz nicht als gewichtig zu bezeichnen.
9.4.5.3 Insgesamt ist – in Übereinstimmung mit der Vorinstanz – das öf-
fentliche Interesse am Wegweisungsvollzug im vorliegenden Einzelfall hö-
her zu gewichten als das private Interesse des Beschwerdeführers am wei-
teren Verbleib in der Schweiz. Die Anwendung der Ausschlussklausel ge-
mäss Art. 83 Abs. 7 AIG ist als verhältnismässig zu erachten.
9.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm mit Zwi-
schenverfügung vom 14. März 2019 die unentgeltliche Rechtspflege ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und sich an den Voraussetzun-
gen dazu nichts geändert hat, sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
12.
12.1 Mit Zwischenverfügung vom 2. Mai 2019 wurde das Gesuch um Bei-
ordnung von MLaw Nadia Zink als amtliche Rechtsbeiständin aufgrund der
nicht genügend langen beruflichen Tätigkeit im Bereich Asyl abgewiesen.
D-1135/2019
Seite 22
Gestützt auf das Gesuch vom 8. Mai 2019 wird die Zwischenverfügung
vom 2. Mai 2019 in Wiedererwägung gezogen und Frau MLaw Nadia Zink
als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt. Es erübrigt sich demnach auf die
diesbezüglichen weitergehenden Ausführungen in der Eingabe vom 8. Mai
2019 einzugehen.
12.2 Nachdem dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtsverbei-
ständung gewährt und MLaw Nadia Zink als amtliche Rechtsbeiständin ein-
gesetzt wurde, ist jener ein amtliches Honorar auszurichten.
12.3 Das Bundesverwaltungsgericht geht bei amtlicher Vertretung im Asyl-
bereich in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.–
für Anwältinnen und Anwälte und Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltli-
che Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 2 i.V.m Art. 10 Abs. 2 VGKE).
Es wird nur der notwendige Aufwand entschädigt.
12.4 Die Rechtsvertreterin hat eine Kostennote vom 27. Dezember 2019
eingereicht, in der ein zeitlicher Aufwand von 6 Stunden sowie Barauslagen
von Fr. 30.– aufgeführt werden. Der angeführte Aufwand und der Stunden-
ansatz von Fr. 220.– sind angemessen. Der Rechtsbeiständin ist durch das
Bundesverwaltungsgericht gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Be-
messungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) somit ein amtliches Honorar in der
Höhe von Fr. 1570.– (inkl. Auslagen) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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