Decision ID: 358c929d-bc14-5e23-96cb-a7effda7fd30
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer – ein 1974 geborener ägyptischer Staatsange-
höriger – im Jahr 2018 mit einem italienischen Visum in das Hoheitsgebiet
der Dublin-Mitgliedstaaten gelangte und nacheinander in Luxemburg
(19. Oktober 2018), Italien (30. April 2019) und zuletzt in der Schweiz
(19. November 2019) um Asyl ersuchte (elektronische Akten des SEM [...]
/ N [...] [SEM-act.] 1, 10),
dass sich der Beschwerdeführer in der Schweiz mit einer heimatlichen
ägyptischen Identitätskarte im Original auswies, welche das SEM zu den
Akten nahm (SEM-act. 12/4),
dass der Beschwerdeführer zum Verbleib seines heimatlichen Reisepas-
ses (wie zuvor schon gegenüber den luxemburgischen und italienischen
Behörden) erklärte, dieser sei ihm in Luxemburg verloren gegangen (SEM-
act. 12/4, 7/2, 24/9),
dass die italienischen Behörden am 12. Dezember 2019 gestützt auf
Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO, ABl. L 180/31 vom 29.6.2013), die Zuständig-
keit Italiens zur Durchführung des Asylverfahrens anerkannten und der
Wiederaufnahme des Beschwerdeführers zustimmten (SEM-act. 22),
dass das SEM mit in Rechtskraft erwachsener Verfügung vom 17. Dezem-
ber 2019 gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch nicht eintrat, die Wegweisung aus der Schweiz nach Italien an-
ordnete und den Beschwerdeführer aufforderte, die Schweiz am Tag nach
Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen (SEM act. 25),
dass der Beschwerdeführer am 15. Februar 2020 festgenommen und am
17. Februar 2020 in Dublin-Ausschaffungshaft nach Art. 76a AIG (SR
143.20) versetzt, aus dieser Haft aber wegen der corona-bedingten Aus-
setzung aller Dublin-Überstellungen durch die italienischen Behörden am
11. März 2020 wieder entlassen wurde, worauf er untertauchte,
F-2907/2020
Seite 3
dass im Rahmen der Dublin-Ausschaffungshaft das Original des heimatli-
chen ägyptischen Reisepasses von den kantonalen Vollzugsbehörden si-
chergestellt werden konnte und von diesen an das SEM weitergeleitet
wurde, welches ihn zu den Akten nahm (SEM-act. 38, 41),
dass bereits zuvor das SEM mit in Rechtskraft erwachsener Verfügung
vom 21 Februar 2020 gestützt auf Art. 67 Abs. 2 Bst. c AIG (SR) ein 3-jäh-
riges Einreiseverbot verhängte und die Ausschreibung des Beschwerde-
führers im Schengener Informationssystem SIS II veranlasste,
dass der Beschwerdeführer, der sich zwischenzeitlich nach Deutschland
begeben und dort zum insgesamt vierten Mal im Hoheitsgebiet der Dublin-
Mitgliedstaaten ein Asylgesuch gestellt hatte, mit Eingaben vom 20. und
29. April 2020 an das SEM gelangte und um Aushändigung seiner Identi-
tätsausweise im Original ersuchte (SEM-act. 42 und 44),
dass das SEM das Gesuch des Beschwerdeführers mit einer Verfügung
vom 12. Mai 2020 abwies (SEM-act. 45),
dass der Beschwerdeführer dagegen am 4. Juni 2020 Rechtsmittel beim
Bundesverwaltungsgericht erhob (Akten des Bundesverwaltungsgerichts
[Rek-act.] 1),
dass er in der Sache beantragte, die Verfügung vom 12. Mai 2020 sei auf-
zuheben und die Vorinstanz anzuweisen, ihm umgehend seinen Reisepass
und seine Identitätskarte im Original auszuhändigen, eventualiter sei die
Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen,
dass er des Weiteren um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege
samt Verbeiständung nach Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG ersuchte,
dass das Bundesverwaltungsgericht mit Zwischenverfügung vom 10. Juni
2020 das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege abwies (Rek-act. 2),
dass die Vorinstanz mit Vernehmlassung vom 14. August 2020 die Abwei-
sung der Beschwerde beantragte (SEM-act. 6),
dass der Beschwerdeführer mit Replik vom 17. September 2020 an seinem
Rechtsmittel festhielt (Rek-act. 8),
F-2907/2020
Seite 4

und zieht in Erwägung,
dass mit der angefochtenen Verfügung über die Beendigung eines nach
Art. 10 Abs. 1 AsylG bestehenden Sicherstellungsverhältnisses – die Rei-
sedokumente des Beschwerdeführers betreffend – entschieden wurde,
dass Verfügungen des SEM, die im Anwendungsbereich des AsylG erge-
hen, der Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht unterliegen
(Art. 105 AsylG, Art. 31, 32 und 33 Bst. d VGG),
dass sich das Verfahren nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG richtet,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG),
dass der Beschwerdeführer zur Beschwerde legitimiert und auf sein frist-
und formgerecht eingereichtes Rechtsmittel einzutreten ist (Art.49 VwVG,
Art. 108 Abs. 6 AsylG),
dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht einschliesslich die
Überschreitung oder der Missbrauch des Ermessens sowie die unrichtige
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes ge-
rügt werden kann (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass das SEM im Interesse der Sicherung des Identitätsnachweises und
der Durchsetzbarkeit einer möglichen Ausreiseverpflichtung des Betroffe-
nen Reisepässe und Identitätsausweise von Asylsuchenden zu den Akten
nimmt (Art. 10 Abs. 1 AsylG),
dass die Behörden und Amtsstellen zuhanden des SEM Reisepapiere,
Identitätsausweise oder andere Dokumente von asylsuchenden Personen
sicherstellen, sofern diese Dokumente Hinweise auf die Identität der be-
treffenden Person geben (Art. 10 Abs. 2 AsylG).
dass dies gilt, bis den Betroffenen – anerkannte Flüchtlinge ausgenommen
– nach rechtskräftigem Abschluss des Asylverfahrens eine Aufenthalts-
oder Niederlassungsbewilligung erteilt wird (Art. 2b Abs. 3 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen (AsylV 1, SR 142.311)
oder sie das Land definitiv verlassen,
dass zwar mit dem Wegfall der Möglichkeit der Sicherstellung von Reise-
dokumenten im Sinne des vorstehenden Absatzes der Rechtsgrund für die
Einbehaltung bereits sichergestellter Reisedokumente dahinfällt, sie mithin
dem Berechtigten auszuhändigen sind,
F-2907/2020
Seite 5
dass sich aber die Frage stellt, wie mit den sichergestellten Ausweisdoku-
menten zu verfahren ist, wenn die völkerrechtliche Zuständigkeit zur
Durchführung des Asylverfahrens nach Massgabe der Dublin-III-VO bei ei-
nem anderen Mitgliedstaat liegt und der Asylsuchende dorthin überstellt
werden soll,
dass Art. 7 Abs. 3 der Verordnung (EG) Nr. 1560/2003 der Kommission
vom 2. September 2003 mit Durchführungsbestimmungen zur Verordnung
(EG) Nr. 343/2003 des Rates zur Festlegung der Kriterien und Verfahren
zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem
Drittstaatsangehörigen in einem Mitgliedstaat gestellten Asylantrags zu-
ständig ist (nachfolgend: DVO, ABl. L 222/2 vom 5.9.2003), diesbezüglich
unter dem Titel «Durchführung der Überstellung» eine spezifische Rege-
lung enthält,
dass danach der Mitgliedstaat, der die Überstellung vornimmt, dafür Sorge
zu tragen hat, dass sämtliche Unterlagen des Asylbewerbers diesem vor
seiner Ausreise zurückgegeben bzw. den Mitgliedern seiner Eskorte zum
Zweck der Übergabe an die Behörden des zuständigen Mitgliedstaates an-
vertraut oder diesen Behörden auf geeignetem Wege übermittelt werden,
dass diese Bestimmung sicherstellen will, dass die asylrelevanten Unterla-
gen den Behörden des zuständigen Mitgliedstaates zur Verfügung stehen,
eine Aushändigung an den Asylsuchenden daher nur in Betracht fällt, wenn
dieser angesichts seiner Kooperationsbereitschaft und Vertrauenswürdig-
keit hierfür hinreichende Gewähr bietet,
dass den Behörden des Mitgliedstaates, der die Überstellung vornimmt, bei
der Beurteilung dieser Frage naturgemäss ein breites Ermessen zukommt,
dass der Beschwerdeführer die Voraussetzungen für eine Aushändigung
seiner Ausweisdokumente für den Fall seiner Überstellung nach Italien
ganz offensichtlich nicht erfüllt hätte, hat er doch die Existenz seines hei-
matlichen Reisepasses gegenüber den Behörden Luxemburgs, Italiens
und der Schweiz verschwiegen und musste er zur Sicherung der Überstel-
lung in Ausschaffungshaft genommen werden,
dass die Beurteilung der tatsächlich gegebenen Situation (der Beschwer-
deführer tauchte unter, begab sich rechtswidrig nach Deutschland, reichte
dort sein insgesamt viertes Asylgesuch ein und verlangte anschliessend
F-2907/2020
Seite 6
die Aushändigung seiner Ausweisdokumente nicht an die deutschen Be-
hörden, sondern an sich selbst) mit Blick auf die Zielsetzung von Art. 7
Abs. 3 DVO nicht anders ausfallen kann,
dass unter den gegebenen Umständen nicht beanstandet werden kann,
wenn die Vorinstanz die Originaldokumente nicht dem Beschwerdeführer
direkt, sondern den Behörden des für die Durchführung des Asyl- und Weg-
weisungsverfahrens zuständigen Mitgliedstaates aushändigen will,
dass dem Einwand des Beschwerdeführers, wonach damit Art. 10 Abs. 1
AsylG eine ihm nicht zustehende extraterritoriale Wirkung zuerkannt
werde, angesichts des alle Mitgliedstaaten bindenden, ihren nationalen
Rechtsordnungen übergeordneten Dublin-Regelwerks nicht gefolgt wer-
den kann,
dass entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers in der andauernden
Sicherstellung auch keine Grundrechtsverletzung erblickt werden kann,
besitzt sie doch in dem im Licht des Dublin-Regelwerks ausgelegten Art. 10
Abs. 1 AsylG eine ausreichende gesetzliche Grundlage,
dass ferner die Rüge des Beschwerdeführers, wonach die Vorinstanz mit
ihrem Verhalten das durch die Staatsanwaltschaft Zürich – Limmat gegen
ihn geführte Strafverfahren wegen illegaler Einreise blockiere, womit das
Beschleunigungsverbot verletzt werden, offensichtlich unbegründet ist,
dass zum einen dem Beschwerdeführer während des laufenden Asylver-
fahrens in Deutschland eine Ausreise in die Schweiz ohnehin nicht gestat-
tet war, wie er selbst gegenüber der Staatsanwaltschaft Zürich – Limmat
vorbrachte (Sistierungsverfügung der Staatsanwaltschaft Zürich – Limmat
vom 3. September 2020, Beilage zu Rek-act. 8),
dass zum anderen das SEM dem Beschwerdeführer am 23. Juni 2020
zwar auf Gesuch hin eine Suspension des Einreiseverbots gewährte, die
ihrem Wortlaut nach nur in Verbindung mit einem für den Grenzübertritt
anerkannten Reisepapier gültig war, das der Beschwerdeführer nicht hat,
dass diese Anordnung jedoch offensichtlich darauf zurückzuführen ist,
dass der Beschwerdeführer in seinem Suspensionsgesuch vom 26. Mai
2020 auf das Fehlen von Reisepapieren infolge Sicherstellung nicht hin-
wies und die Suspension in Unkenntnis des Sachverhaltes durch eine (an-
dere) Organisationseinheit innerhalb des SEM geprüft und gewährt wurde,
F-2907/2020
Seite 7
dass nämlich visumspflichten Drittstaatsangehörigen die Einreise trotz feh-
lender Reisepapiere aus wichtigen Gründen bewilligt und ihnen ein Visum
erteilt werden kann (vgl. Art. 3 Abs. 4 und 5 der Verordnung vom 22. Okto-
ber 2008 über die Einreise und die Visumerteilung [VEV, SR 142.204]),
dass der Beschwerdeführer schliesslich stets die Aushändigung seiner
Ausweisdokumente im Original an sich selbst verlangte, weshalb nicht zu
prüfen ist, ob die Vorinstanz für die Weiteleitung der Dokumente an die
deutschen Behörden zu Recht einen Antrag dieser Behörden erwartet,
dass die angefochtene Verfügung somit im Lichte von Art. 106 Abs. 1 AsylG
nicht zu beanstanden und die Beschwerde abzuweisen ist,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 1’000.–
(Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG),
dass dieses Urteil endgültig ist (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
F-2907/2020
Seite 8