Decision ID: 3247c890-8ea6-4256-a33b-0c9c83c3afae
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1989 geborene X._
meldete sich am 18. Januar 2021 beim Regio
nalen Arbeitsvermittlungszentrum
(RAV)
Y._
zur Arbeits
vermitt
lung an (Urk. 7/48).
Am
2.
Februar 2021 stellte sie Antrag auf Arbeits
losenent
schädigung ab dem 30. Januar 2021 (Urk. 7/43).
Mit Verfügung Nr. 2300087229 vom 28. April 2021 stellte die Arbeitslosenkasse
syndicom
(nachfolgend:
syndicom
) die Versicherte wegen selbstverschuldeter Arbeitslosigkeit für 35 Tage ab dem 30. Januar 2021 in der Anspruchsberech
tigung ein, weil sie per Ende des Mutterschaftsurlaubes am 2
9.
Januar 2021 gekündigt habe, ohne dass ihr eine neue Stelle zugesichert worden sei (
Urk.
7/20).
Mit undatiertem Schreiben, welches am 2
9.
Juni 2021 bei der
syndicom
einging, erhob die Versicherte Einsprache gegen die Verfügung vom 2
8.
April 2021 (
Urk.
7/10).
Mit
Einspracheentscheid
vom
6.
August 2021 trat die
syndicom
nicht auf die Ein
sprache ein (
Urk.
7/6 = Urk. 2).
2.
Gegen diesen
Einspracheentscheid
erhob die Versicherte mit Eingabe vom
6.
September 2021 Beschwerde beim Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich mit dem sinngemässen Antrag, diesen aufzuheben und auf eine Einstel
lung in der Anspruchsbe
rech
ti
gung zu verzichten (Urk. 1).
In der Beschwerdeant
wort vom
8.
Oktober 2021 schloss
die
syndicom
auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 6). Die Beschwerdeantwort wurde der Versicherten mit Verfügung vom 1
1.
Oktober 2021 zur Kenntnis gebracht (Urk. 9).
Die Einzelrichterin

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Streitgegenstand des
Nichteintretensentscheids
bilden die 35 Einstelltage, welche
die Beschwerdegegnerin wegen selbstverschuldeter Arbeitslosigkeit der Beschwer
deführerin verfügt hatte. Da der Streitwert Fr. 30’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der
Beschwerde
in die einzel
richterliche Zuständigkeit (§ 11 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversiche
rungsgericht;
GSVGer
).
1.2
Gegen Verfügungen kann innerhalb von 30 Tagen bei der verfügenden Stelle Ein
sprache erhoben werden (Art. 52 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Die Einsprache ist schriftlich
zu erheben, wenn die angefochtene Verfügung eine Leistung nach dem Bundes
gesetz über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insol
venzent
schädigung (AVIG) oder deren Rückforderung zum Gegenstand hat (Art. 10 Abs. 2
lit
. a der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversi
cherungs
rechts, ATSV). Die schriftlich erhobene Einsprache muss ins
besondere die Unter
schrift der Einsprache führenden Person oder ihres Rechts
beistands enthalten (Art. 10 Abs. 4 ATSV). Fehlt die Unterschrift, so setzt der Versicherer eine ange
messene Frist zur Behebung der Mängel an und verbindet damit die Androhung, dass sonst auf die Einsprache nicht eingetreten wird (Art. 10 Abs. 5 ATSV).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete den angefochtenen Entscheid (Urk. 2) damit, dass
die Verfügung vom 2
8.
April 2021 der Beschwerdeführerin am 2
9.
April 2021 zugestellt worden sei und diese mit undatiertem Schreiben, welches am 2
9.
Juni 2021 eingegangen sei
,
Einsprache dagegen erhoben habe. Die Einsprache sei nicht fristgerecht eingegangen
,
und es sei somit nicht darauf einzutreten.
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demg
egenüber auf den Standpunkt
(
Urk.
1)
,
der Entscheid vom 2
8.
April 2021 sei falsch, weil bei diesem die psychosoziale Belastungssituation bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber nicht miteinbezogen worden sei. Ihre Einsprache sei zudem nur aufgrund von Falschaussagen der Beschwerdegegnerin nicht fristgerecht eingegangen.
Sie habe die Beschwerde
gegnerin nach dem Entscheid vom 2
8.
April 2021 mehrmals angerufen und diese habe ihr versichert, dass der Entscheid vom 2
8.
April 2021 nicht zu berücksich
tigen sei und ein neuer Entscheid erfolgen werde.
3.
Der streitige
Einspracheentscheid
lautet auf Nichteintreten, was auch seinem rechtlichen Gehalt entspricht. So wurde darin die verfügte Einstellung in der Anspruchsberechtigung inhaltlich nicht nochmals überprüft. Die Prüfung des kan
to
nalen Gerichts hat sich daher auf die Rechtmässigkeit dieses Vorgehens zu be
schränken (vgl. dazu Urteil des Bundesgerichts 8C_882/2009 vom 19. Februar 2010
E. 3.2). Soweit die Beschwerdeführerin darüber hinaus geltend machte, es sei auf die Einstell
tage zu verzichten, ist auf diesen materiellen Antrag nicht einzutreten. Mit ande
ren Worten ist das Geri
cht nur befugt zu prüfen, ob die
Beschwerdegeg
ner
in
auf die Einsprache hätte eintreten müssen; ist dies zu beja
hen, so hat es die Sache an diese zurückzuweisen, damit
sie
die Sanktion – in Ausei
nandersetzung mit
den Vorbringen
der Beschwerdeführerin in der Einspra
che – nochmals mate
riell prüft.
4.
4.1
Gemäss Art. 52 Abs. 1 Satz 1
ATSG kann gegen Verfügungen innerhalb von 30 Ta
gen bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben werden. Diese Bestim
mung stellt in formeller Hinsicht keinerlei Anforderungen an die Einsprache.
Der Bundesrat hat jedoch in Art. 10 bis 12 ATSV Bestimmungen zu Form und Inhalt der Einsprache sowie zum
Einspracheverfahren
erlassen. Gemäss Art. 10 Abs. 1 ATSV müssen Einsprachen ein Rechtsbegehren und eine Begründung enthalten. Nach Abs. 2
lit
. a derselben Bestimmung sind Einsprachen, die eine Leis
tung nach dem AVIG oder deren Rückforderung zum Gegenstand haben, schrift
lich einzureichen. In allen übrigen Fällen kann die Einsprache wahlweise schrift
lich oder bei persönlicher Vorsprache mündlich erhoben werden (Art. 10 Abs. 3 ATSV). Die schriftlich erhobene Einsprache muss die Unterschrift der Ein
sprache führenden Person oder ihres Rechtsbeistands enthalten (Art. 10 Abs. 4 Satz 1 ATSV). Die Unterschrift hat (soweit eine elektronische Signatur ausser Betracht fällt) eigenhändig zu sein (vgl. BGE 142 V 152 E. 2.4).
Genügt die Einsprache den Anforderungen nach Art. 10 Abs. 1 ATSV nicht oder fehlt die Unterschrift, so setzt der Versicherer eine angemessene Frist zur Behe
bung des Mangels an und verbindet damit die Androhung, dass sonst auf die Einsprache nicht eingetreten werde (Art. 10 Abs. 5 ATSV). Sind die
Eintretens
voraussetzungen
nicht erfüllt, wird das
Einspracheverfahren
mit einem
Nichtein
tretensentscheid
abgeschlossen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_775/2016 vom 1. Februar 2017 E. 2.2; BGE 142 V 152 E. 2.2 mit Hinweisen).
4.2
Aktenkundig ist, dass
sich die Beschwerdeführerin per 3
0.
Januar 2021 zum Bezug von Arbeitslosenentschädigung bei der Beschwerdegegnerin angemeldet hat (
Urk.
7/43), nachdem sie ihr Arbeitsverhältnis vom
4.
März 2019 (
Urk.
7/47) am 1
0.
Juni 2020 gekündigt hatte (
Urk.
7/46).
Mit Schreiben vom 1
0.
März 2021 (
Urk.
7/44)
räumte die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin die Möglich
keit ein, sich innert 10 Tagen zum Kündigungsgrund zu äussern, ansonsten auf
grund der vorhandenen Akten entschieden werde.
Mit Schreiben vom 1
7.
März 2021 (
Urk.
7/23) wurde die Beschwerdeführerin
sodann
aufgefordert, einen Fra
ge
bogen von ihrem Arzt ausfüllen zu lassen und diesen so rasch als möglich zu retournieren.
Mit undatiertem Schreiben, welches am
6.
April 2021 bei der Beschwerdegegnerin einging (
Urk.
7/22), nahm die Beschwerdeführerin
– wie mit Schreiben vom 1
0.
März 2021
der Beschwerdegegnerin
darauf hingewiesen -
Stellung zum Kün
digungsgrund.
Am 2
8.
April 2021 verfügte die Beschwerdegegnerin 35 Einstell
tage wegen selbstverschuldeter Arbeitslosigk
eit
(
Urk.
7/20)
.
Mit E-Mail vom
3.
Mai 2021 (
Urk.
3/3) sowie vom
6.
Mai 2021 (
Urk.
3/4 =
Urk.
7/14) schickte die Beschwerdeführerin der Beschwerdegegnerin den vom Arzt ausgefüllten Frage
bogen – wie
mit Schr
e
iben vom
1
7.
März 2021
der Beschwerdegegnerin
aufge
fordert – zurück.
Mit undatiertem Schreiben, welches am 2
9.
Juni 2021 bei der Beschwerdegegnerin einging (
Urk.
7/10)
, erhob
die Beschwerdeführerin Einspra
che gegen die Verfügung vom 2
8.
April 2021 betreffend Einstelltage
.
Mit
Ein
spracheentscheid
vom
6.
August 2021 trat die Beschwerdegegnerin wegen ver
späteter Einsprache nicht auf diese ein (
Urk.
2).
4.3
Die Verfügung
der Beschwerdegegnerin
vom 2
8.
April 2021 wurde der Beschwer
deführerin am 2
9.
April 2021 zugestellt (
Urk.
7/19), womit die
Einsprachefrist
am 3
1.
Mai 2021 endete. Die
schriftliche
Einsprache der Beschwerdeführerin, welche am 2
9.
Juni 2021 bei der Beschwerdegegnerin einging, erfo
lgte somit offenkun
dig zu spät. Es stellt sich die Frage, ob die Beschwerdeführerin innert der 30
tägigen
Einsprachefrist
sinngemäss Einspra
che erhoben hat.
Gestützt auf die Dokumentation in den Akten kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin innert der bis zum 3
1.
Mai 2021 laufenden
Einsprachefrist
– insbesondere durch das Einreichen der
vom Arzt ausgefüllten Fragebogen am
3.
beziehungsweise
6.
Mai 2021
–
sinngemäss Einsprache erhob. Ein
Einsprachewille
war nicht ersichtlich
.
Demgemäss kann der Beschwerdegeg
nerin auch nicht vorgeworfen werden, dass sie der Beschwerdeführerin zur
Ein
spracheverbesserung
hätte eine Nachfrist ansetzen müs
sen (vgl.
vorstehend
E.
1.2).
Dies hat umso mehr zu gelten, als die Beschwerdegegnerin die Beschwer
de
führerin bereits mit Schreiben vom 1
7.
März 2021 (
Urk.
7/23) – und somit vor Erlass der Verfügung vom 2
8.
April 2021
–
aufforderte, den Fragebogen so rasch als möglich ausgefüllt einzureichen.
Dass
nicht auf einen
Einsprachewillen
der Beschwerdeführerin
geschlossen werden konnte
, ergibt sich schliess
lich auch aus ihren E-Mails. So brachte sie
mit keinem Wort vor,
sie
habe
–
wie von ihr geltend gemacht (
Urk.
1) – telefonisch
Einsprache gegen die Verfügung vom 2
8.
April 2021
erhoben.
Die Eingaben der Beschwerdeführerin innert der 30-tägigen
Ein
sprachefrist
nach Zustellung der Verfü
gung vom 2
8.
April 2021 wurden nach dem Gesagten weder als Einsprache bezeichnet noch wurde dieses Wort jemals gebraucht, erfolgten also
ohne klare Manifesta
tion eines
Einsprachewillens
.
4.4
A
us
ihren
Ausführungen, wonach
sie
sich bereits
Ende
April 20
21 telefonisch bei der Beschwerdegegnerin
habe
erkundig
en wollen
,
wie sie die Einsprache am besten erheben solle
, sie aber niemanden erreicht habe
(
Urk.
1 S. 1)
, worauf sie anfangs Mai 2021 erneut die Beschwerdegegnerin angerufen habe und
ihr münd
lich mitgeteilt worden sei, es werde ein neuer Entscheid ergehen (S. 2), kann die
Beschwerdeführerin nichts zu ihren Gunsten ableiten.
Der Nachweis einer Partei
handlung im Verwaltungsverfahren obliegt grundsätz
lich der Partei, welche diese Handlung vorzunehmen hat (BGE 103 V 66 E. 2a, Urteil des Bundesgerichts 9C_171/2007 vom 24. Juli 2007 E. 3). Im Falle der Beweislosig
keit fällt der Ent
scheid zu Ungunsten jener Partei aus, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sach
verhalt Rechte ableiten wollte (BGE
117 V 264 E. 3b). Somit muss die
Beschwer
de
führer
in
den Beweis für
die Rechtzeitigkeit der Einsprache erbringen
und trägt die Folgen der Beweislosigkeit, wenn die Beschwerdegeg
nerin
diese
bestreitet.
Die Beschwerdeführerin reichte mit der Beschwerde ledig
lich einen Auszug mit getätigten Telefonaten mit der Beschwerdegegnerin (
Urk.
3/2) zu den Akten. Daraus geht jedoch weder hervor, was anlässlich dieser Telefongespräche bespro
chen wurde, noch mit wem die Beschwerdeführerin diese Gespräche geführt hatte. In der Beschwerdeantwort (
Urk.
6) führte die Beschwer
degegnerin aus, ein Fristverlängerungsgesuch oder die Aufhebung einer Verfü
gung werde von ihr immer schriftlich bestätigt. Die Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter seien dahingehend geschult worden, dass sie ein schriftliches Ver
längerungsgesuch respektive eine schriftliche Einsprache verlangen würden und die Versicherten bei telefonischen Anfragen ausdrücklich darauf hinweisen müssten (S.
2
). Von der Beschwerdeführerin befinde sich nichts Schriftliches in den Akten. Es sei daher wenig glaubwürdig, wenn die Beschwerdeführerin vor
bringe, ihr sei mündlich die Aufhebung der Verfügung bestätigt worden (S.
3
).
Dieses von der Beschwerdegegnerin geschilderte Vorgehen bei telefonischen Anfrage
n
erscheint plausibel und
insbesondere mit Blick auf das Erfordernis der Schriftlichkeit einer Einsprache (vgl. vorstehend E. 1.2)
der Norm entsprechend.
Diesbezüglich bleibt anzumerken, dass eine vom Gesetz abweichende Behand
lung eines Rechtsu
chen
den als Folge des Vertrauensschutzes rechtsprechungs
gemäss nur in Betracht fallen kann, wenn die Voraussetzungen des Vertrauens
schutzes klar und eindeu
tig erfüllt sind.
I
n Bezug auf mündliche und namentlich telefonische Zusicherun
gen und Auskünfte hat die Rechtsprechung erkannt, dass die blosse, unbelegte Behauptung einer telefonischen Auskunft oder Zusage nicht genügt, um einen Anspruch aus dem Grundsatz des Vertrauensschutzes zu begründen. Praxisge
mäss ist eine nicht schriftlich belegte telefonische Auskunft zum Beweis von vornherein kaum geeignet (BGE 143 V 341 E. 5.3.1).
Die
von der Beschwerdeführerin geltend gemachte
telefonische Auskunft ist in
den Akten nicht dokumentiert. In Anbetracht der weder hinreichend noch glaub
haft dargetanen, geschweige denn na
chgewiesenen Auskunft bleibt der
Beschwer
deführer
in
eine erfolgreiche Berufung auf
den Vertrauensschutz ver
wehrt.
Nach dem Gesagten ist a
ufgrund der Akten
die
rechtzeitige Manifestation des
Einsprachewillens
vorl
iegend nicht ersichtlich
,
und die
Beschwerdeführer
in
ver
mag denn eine solche auch nicht nachzuweisen.
Der
Nichteintretensentscheid
ist daher nicht zu beanstanden.
Gründe für eine Wie
derherstellung der versäumten
Einsprachefrist
nach Art. 41
ATSG sind vorliegend keine ersichtlich. Eine materielle Anspruchsprüfung ist wie erwähnt von vornhe
rein ausgeschlossen. Die Beschwerde ist folglich abzuweisen, soweit darauf ein
zutreten ist.