Decision ID: d3778f25-6882-4003-82e3-f83587c82012
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren
1959, absolvierte erfolgreich eine Lehre als Verkäuferin.
Eine
kurze Zeit später begonnene
Bürolehre
beendete sie ohne Abschluss.
In der Folge war
die Versicherte
mit Unterbrüchen
in wechselnden Anstellungsverhältnissen
erwerbstätig
, zumeist als Verkaufs- oder
Servicemitar
beiterin
(
Urk.
8/12 und 8/25)
.
Während rund zehn Jahren
war sie
bei
der Y._
AG (später
Y._
AG)
angestellt, für welche sie
zuerst als Verkäuferin und
zu
letzt
als Geschäftsführerin
eines Kiosks tätig war
.
Das
Arbeitsverhältnis
wurde durch die Arbeitgeberin
per Ende März 2006
gekündigt
(
Urk.
8/12/1, 8/14/6,
8/23
und 8/25
)
. In der Folge b
ezog die Versicherte Arbeitslos
enentschädigung und erzielte mit gelegentlichen Einsätzen im Gastgewerbe
diverse
Zwischenver
dienst
e
(Urk.
8/12/1
, 8/14/7
und 8/25/2
). Ab
d
em 1.
Mai 2008
war
sie als
Kas
siererin
bei der
Z._
AG
angestellt
, welche das Arbeitsverhältnis
noch in der Probezeit
per
9.
Juni 2008
kündigte
, weil die Versicherte das
Kas
sensystem
trotz intensiver Schulung
nicht selbständig bedienen könne
(Urk.
8/12, 8/14/5
und 8/24
)
.
1.2
Am
1
0.
August 2008
meldete sich die Versicherte bei der
Sozialversicherungs
anstalt
des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungsbezug an
, da bei ihrer Geburt die Nabelschnur um ihren Hals gewickelt gewesen sei und sie an
Stim
mungs
schwankungen
und an einer Konzentrationsschwäche leide (vgl.
Urk.
8/14, 8/16 und 8/17)
. Die IV-Stelle
nahm darauf medizinische
(
Urk.
8/18
, 8/26 und 8/27
)
und erwerbliche
(
Urk.
8/23
bis 8/25
)
Unterlagen zu den Akten.
Überdies
gab
sie
ein rheumatologisch-psychiatrisches G
utachten in Auftrag (
Urk.
8/34). Dieses wurde
am 1
8.
Juli und am
7.
August 2009
von
Dr.
med. und
Dr.
sc. nat. ETH
A._
, Fachärztin FMH für Innere Medizin, und
Dr.
med.
B._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie,
erstattet (Urk. 8/36 und 8/37).
Darauf übernahm
die IV-Stelle
die
Kosten für ein Aufbautraining
vom
6.
April
bis zum
1.
Oktober
2010
bei der
C._
(Urk. 8/40).
Am 6.
Juli 2010 erteilte
sie
überdies
Kostenguts
prache für zwei
neue
Hörgeräte (Urk.
8/54
).
Nach dem Aufbautraining
sprach
die IV-Stelle
der Versi
cherten
auch
die Übernahme der Kosten für
ein Arbeitstraining bei der
C._
zu, das
vom
2.
Oktober 2010 bis zum 5.
April 2011 dauern sollte (Urk. 8/60).
Es
wurde jedoch
frühzeitig per 11.
Februar 2011 abgebrochen (
Urk.
8/78), nachdem die
Leitung der
C._
die Auffassung vertreten hatte, dass ein 50%iges Arbeitsverhältnis im ersten Arbeitsmar
kt nicht mehr möglich sei (Urk.
8/77
)
.
Seither
arbeitet die Versicherte
mit einem Pensum von 50
%
an einem gesc
hützten Arbeitsplatz der
w
ohnstätte
n
D._
(
vgl.
Urk.
8/72, 8/75 und
8/104
).
Mit Vorbescheid vom
5. Mai 2011 stellte die IV-Stelle der Versi
cherten eine ganze Invalidenrente ab August 2007 in Aussicht (
Urk.
8/83). Da
gegen erhob die
Y._
Pensionskasse Einwand (Urk.
8/88).
Hernach gab d
ie IV-Stelle ein neuropsychologis
ches Gutachten in Auftrag (Urk.
8/91), das
Dr.
phil.
E._
am 2
8.
Juli 2011 erstattete
(Urk.
8/95).
Die Rechtsvertreterin der Versicherten reichte
in der Folge
eine Stellungnahme der
C._
vom
7.
September 2011 (
Urk.
8/101)
, einen Arbeitsbericht der W
ohnstätten
D._
vom
9.
November 2011 (
Urk.
8/104)
und
ein neurolo
gisches
-
psychiatrisches
Parteig
utachten
von
Dr.
med.
F._
, Facharzt FMH für Neurologie
,
Psychiatrie und Psychotherapie,
vom 11.
Januar 2012 ein (
Urk.
8/109).
Zum
neuen Gutachten
nahm
Dr.
E._
auf Ersuchen der IV-Stelle am 3
0.
Januar 2012 schriftlich Stellung (
Urk.
8/111).
Mit Vorbescheid
vom 2
6.
März 2012
stellte die IV-S
telle der Versicherten
darauf
ab dem
1.
März 2008 bis zum 3
1.
Oktober 2011 eine halbe Invalidenrente in Aussicht, abzüglich des Zeitraums vom 2. Oktober 2010 bis zum 1
1.
Februar 2011, während welchem der Versicherten
während des Arbeitstrainings
Taggel
der ausgerichtet worden
waren
(
Urk.
8/116).
Die Rechtsvertreterin der Versi
cherten erhob
dagegen
Einwand (
Urk.
8/119 und 8/122)
und
reichte
einen wei
teren Bericht der W
ohnstätten
D._
vom
4.
Juni 2012 ein (
Urk.
8/123)
.
Mit Schreiben vom
8.
Januar 2013 nahm
Dr.
B._
unter Bezugnahme auf eine schriftliche Auf
forderung der IV-Stelle vom 13.
September 2012
zum neurops
y
chologischen Gutachten vom 28.
Juli 2011 und zum neurologisch-psychiatri
sc
hen Gutachten vom 11.
Januar 2012 Stellung
und beantwortete vier Zusatz
fragen
(
Urk.
8/125).
Hierzu äusserten sich wiederum
Dr.
F._
und die Rechtsvertrete
rin der Versicherten (vgl. Urk.
8/127 und 8/128).
Am 3
0.
August 2013 hielt
Dr.
E._
an seiner Beurteilung vom 2
8.
Juli 2011 fest (
Urk.
8/129). Mit Zuschrift vom
6.
September 2013 und unter Beilage neuer medizinischer Unterlagen liess die
Versicherte
geltend machen, dass sie aktuell unter
Handge
lenksbeschwerden
leide (
Urk.
8/132 und 8/133). Nach einer abschliessenden Stellungnahme der Rechtsvert
r
eterin der Versicher
te
n vom 30.
September 2013 (
Urk.
8/134)
wurde
n
ein Schreiben
eines ehemaligen Mitglieds des Verwal
tungs
rats der
Y._
AG
vom 1
0.
Dezember 20
13 (
Urk.
8/146) und ein
Arbeits
un
fähigkeitszeugnis
von
Prakt. med
.
G._
, praktischer Arzt,
vom 1
2.
Dezember 2013 eingereicht (
Urk.
8/148).
Mit Verfügung vom
7.
Juli 2014 sprach die IV-Stelle der Versicherten
wie angekündigt
ab dem 1. März 2008 bis zum 3
1.
Oktober 2011 eine halbe Invalidenrente zu,
abzüglich des Zeitraumes
vom 2. Oktober 2010 bis zum 1
1.
Februar 2011, während welchem der Versi
cherten im Zusammenhang mit
den
beruflichen Massnahmen Taggelder aus
gerichtet worden
waren
(
Urk.
2 = 8/156).
2.
Gegen die Verfügung vom
7.
Juli 2014 liess die Versicherte mit Eingabe vom 8. September 2014 Beschwerde erheben
(
Urk.
1)
. Ihre Rechtsvertreterin bean
trag
te, die angefochtene Verfügung sei vollumfänglich aufzuheben und der Beschwerdeführerin sei eine ganze Invalidenrente zuzusprechen. Überdies ersuchte sie um Durchführung einer parteiöffentlichen Verhandlung und um Ersatz der Kosten für das Gutachten von
Dr.
F._
. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwerdegegnerin (
Urk.
1 S. 2).
Zusam
men mit der Beschwerdeschrift
wurde ein
Bericht der
W
ohnstätten
D._
vom 2
7.
August 2014 ein
gereicht
(
Urk.
3).
Die IV-Stelle beantragte mit
Beschwerde
antwort
vom 1
4.
Oktober 2014, es sei vom Gericht ein Gutachten der
Fachdis
ziplinen
Psychiatrie, Neurologie und Neuropsychologie einzuholen (
Urk.
7). Die Replik wurde am 2
5.
Februar 2015 erstattet (
Urk.
14)
.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf
das Einreichen einer Duplik (
Urk.
16),
wovon
der Gegenpartei mit Schreiben vom 2
4.
März 2015
Kenntnis gegeben
wurde (
Urk.
17).
Auf die einzelnen Ausführungen in den Rechtsschriften und die im
Beschwerde
verfahren
neu eingereichten Unterlagen (vgl.
Urk.
3) wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
In prozessualer Hinsicht
wird
in der Beschwerdeschrift
die Durchführung einer p
arteiöffentliche
n
Verhandlung
beantragt
(
Urk.
1 S. 2)
, damit sich die am Entscheid mitwirkenden Personen ergänzend zu den Akten ein Bild über eine mög
li
che berufliche Integration der Beschwerdeführerin auf dem ersten Arbeitsmarkt machen könnten (
Urk.
1 S. 10).
Diesen Antrag präzisierte
die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin
dahingehend, dass zur
Instruktions
verhandlung
vorzuladen sei (
Urk.
9).
Die Instruktionsverhandlung dient der freien Erörterung des Streitgegenstandes, der Ergänzung des Sachverhaltes, dem Versuch einer Einigung und der Vorbe
reitung der Hauptverhandlung (
Art.
226
Abs.
2 der Schweizerischen Zivilpro
zessordnung [ZPO] in Verbindung mit
§
28
lit
. b des Gesetzes über das Sozial
versicherungsgericht [
GSVGer
]). Das Gericht kann Beweise abnehmen (
Art.
226
Abs.
3 ZPO in Verbindung mit
§
28
lit
. b
GSVGer
).
D
ie Beschwerdeführerin hatte
im Rahmen des doppelten Schriftenwechsels
hin
reichend Gelegenheit, ihren Standpunkt darzulegen.
Im Hinblick auf die nach
folgenden Ausführungen
sin
d
zudem
weder die Abnahme von Beweisen noch das Führen von Vergleichsgesprächen angezeigt. Es ist folglich auf eine
Instruktionsver
handlung
zu verzichten.
1.2
Des W
eiteren wird
mit der Beschwerde
erstmals
der
Ersatz der Kosten des Gut
achtens von
Dr.
F._
vom 11.
Januar 2012
verlangt
, obwohl dieses
bereits bei der Beschwerdegegnerin eingereicht
wurde
(vgl.
Urk.
8/109 und 8/110)
.
Dementsprechend äussert sich die angefochtene Verfügung vom
7.
Juli 2014 auch nicht zur Frage,
ob die Voraussetzungen gemäss
Art.
45
Abs.
1
des Bun
desgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) in Verbindung mit Art. 1
Abs.
1 des Bun
desgesetzes über die Invalidenversiche
rung (IVG) für eine Kostenübernahme gegeben sind (
Urk.
2). Es mangelt in die
sem Punkt folglich an einer anfechtbaren Verfügung, weshalb auf die
Beschwer
de nicht einzutreten
ist, soweit sie auf die neu beantragte Übernahme der Gutachtenskosten abzielt.
2.
2
.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (
Art.
8 Abs. 1 ATSG
). Die Invalidität kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (
Art.
4
Abs.
1
IVG
).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmög
lichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (
Art.
7 Abs. 1 ATSG). Für die Beur
teilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berück
sichtigen. Eine Erwerbsunfä
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (
Art.
7 Abs. 2 ATSG).
2
.2
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertels
rente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
2.3
Versicherungsträger und Sozialversicherungsgerichte haben die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass
das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfüg
baren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines
Arztbe
richtes
ist also entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfas
send ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwer
den berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grund
sätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gut
achten (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a).
3
.
3.1
In der angefochtenen Verfügung
vom
7.
Juli 2014
zog die Beschwerdegegnerin in Betracht, die medizinischen Abklärungen hätten ergeben, dass die Beschwer
deführerin seit März 2007 in der Arbeitsfähigkeit erheblich eingeschränkt sei. Die bisherige Tätigkeit als Kioskverkäuferin oder eine andere
be
hinder
ungsan
gepasste
Tätigkeit sei ihr bis Juli 2011 zu 50
%
zumutbar gewesen. Spätestens ab dem Zeitpunkt der Begutachtung vom 2
1.
Juli 2011 sei ihr die bisherige Tätigkeit als Kioskverkäuferin oder eine andere be
hinder
ungsangepasste Tätig
keit in einem 70%igen Pensum zumutbar. Die Beschwerdegegnerin führte ent
spre
ch
ende Einkommensvergleiche durch
und ermittelte
einen Invaliditätsgrad von
zuerst
52
%
und
ab dem 2
1.
Juli 2011 von
33
%
(
Urk.
2)
.
In der Beschwerdeantwort
vert
ritt
die Beschwerdegegnerin
neu den Standpunkt,
dass
vom Gericht ein Gutachten der Fachdisziplinen Psychiatrie, Neurologie und Neuropsychologie einzuholen
sei
(
Urk.
7).
3.2
Demgegenüber lässt die Beschwerdeführerin geltend machen, dass sie bereits grösste Mühe habe, in einem geschützten Arbeitsumfeld ein Pensum von 50
%
zu erfüllen (
Urk.
1 S. 7). Es sei auf das von ihr eingereichte Gutachten von
Dr.
F._
vom 1
1.
Januar 2012 abzustellen
und von einer 50%igen Arbeits
fähig
keit auf dem zweiten Arbeitsmarkt auszugehen
(
Urk.
1 S. 5 und
8
sowie 14 S. 2
).
4
.
4
.1
Aus dem Bericht von
Dr.
med. U.
H._
, Fachärztin FMH
für
Oto
-
Rhino
-Laryngologie, Hals- und Gesichtschirurgie, vom
8.
September 2008 geht hervor, dass die Beschwerdeführerin seit ihrer Geburt unter einer hochgradigen kombinierten Schwerhörigkeit beidseits leidet.
Dr.
H._
ermittelte
aktuell einen
Hörverlust rechts
von
83,6
%
und links
von
89,8
%
.
Sie beurteilte die Beschwerdeführerin in der
zuletzt ausgeübten Tätigkeit
als Verkäuferin
als zu
50
%
arbeitsunfähig
(
Urk.
8/26).
4
.2
Dr.
med.
I._
, Fachärztin FMH für Psychiatrie und Psychothera
pie in der Psychiatrischen
J._
, hielt in ihrem Bericht vom 2
6.
September 2008 fest, dass sie
die Beschwerdeführerin seit dem
7.
März 2008 therapeutisch und medikamentös (
mit
Concerta
zur Verbesserung der Konzent
ration und Aufmerksamkeit
) behandle. Sie diagnostizierte ein ADHS (
Aufmerk
samkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom
) aufgrund eines Sauerstoff
mangels bei der Geburt (ICD-10: F90.9) und äusserte den Verdacht auf einen etwa
seit
2008 bestehenden Weichteilrheumatismus,
wobei beide Diagnosen Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit hätten
. Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit seien die beidseitige Schwerhörigkeit und die Sehschwäche, welche seit der Geburt be
stünden.
Die Arbeitsfähigkeit belaufe sich auf
50 bis 80
%
. Als die Gesundheit und/oder die Arbeitstätigkeit beeinflussende soziale Faktoren vermerkte
Dr.
I._
, dass die Beschwerdeführerin (wegen ihrer Leistungsschwä
che) einen
Durch
setzungswillen
entwickelt habe, der ihre Umgebung vor den Kopf stossen könne
(
Urk.
8/27).
4
.3
Das
bidisziplinäre
Gutachten von
Dr.
A._
u
nd
Dr.
B._
vom 18.
Juli und 7.
August 2009
beruht auf Untersuchungen vom
6.
und 1
3.
Juli 2009
sowie den zur Verfügung gestellten und beigezogenen
Akten
(
Urk.
8/36
/1
und 8/39
/1
).
Es enthält
keine internistisch-rheumatologischen Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (
Urk.
8/36/12).
Im psychiatrischen Teilgutachten
diag
nostizierte
Dr.
B._
eine nicht näher bezeichnete hyperkinetische Störung (ICD-10: F90.9), bestehend seit der Kindheit, und
eine Akzentuierung der abhän
gigen Persönlichkeitszüge (ICD-10: Z73.1), bestehend seit etwa 2006 nach dem Verlust der Arbeitsstelle, welche sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirkten (Urk. 8/37/6).
Dr.
B._
legte dar, dass d
ie Explorandin trotz der vorhandenen Defizite immer wieder gearbeitet
habe
, zum Teil über Jahre,
was bestätige, dass sie die Mindestanforderungen am Arbeitsplatz erfüllt habe. Sie habe aber sehr glaub
haft in Druck- oder Stresssituationen
eine
vermehrte Affektlabilität und
wahr
schein
lich
Logorr
hoe
gezeigt, was häufig zwischenmenschliche Probleme aus
löse.
Gleichzeitig sei
festzustellen, dass sich die ganze Familie (zuerst die Eltern und die Schwestern, anschliessend noch die Schwestern) um die Explorandin gekümmert habe. Seines Erachtens habe die Explorandin nur wegen des echten Halts in der Familie über Jahre mehr oder weniger unauffällig funktionieren können. Dies habe aber
auch
zur Entstehung und Förderung der abhängigen Persönlichkeitszüge geführt, welche sich nach dem Verlust der Arbeitsstelle
im
Jahr
2006 deutlich akzentuiert hätten. Die Akzentuierung der ängstlichen
(ge
meint wohl: abhängigen)
Persönlichkeitszüge habe gleichzeitig zur Verstärkung der Konzentrationsschwierigkeiten und
zur
Affektlabilität geführt, so dass eine psychiatrische Behandlung notwendig geworden sei (
Urk.
8/37/6).
Während der Exploration vom 1
3.
Juli 2009
hätten sich
weder objektiv noch testpsychologisch auffällige Konzentrationsleistungen
gezeigt
. Andererseits
habe er
eine Affektlabilität und
eine reduzierte psychische Belastbarkeit
fest
stellen können
. Er teile deshalb die Einschätzung der behandelnden Psychiate
rin, dass eine Arbeitsfähigkeit von 50
%
als Kassiererin bestehe.
Die 50%ige Arbeitsunfähigkeit sei auf die reduzierte psychische Belastbarkeit, die reduzierte Flexibilität, das leicht verlangsamte Arbeitstempo sowie objektiv erwartete
Kon
zentrationsstörungen
in Stresssituationen zurückzuführen. Die Explorandin benötige eine wohlwollende Umgebung, welche Verständnis für ihre Defizite habe. Falls es ihr gelingen sollte, eine entsprechende Arbeitsstelle zu finden, wäre eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit auf 100
%
innerhalb von etwa drei Monaten zu erwarten
. Nicht zu empfehlen seien Tätigkeiten mit sehr hohen Anforderungen an die Konzentration und an die Flexibilität, Arbeiten in einem grossen Team und Nachtarbeiten
(Urk. 8/37/7).
4
.4
Dr.
H._
erhob am
8.
Juni 2010 einen Hörverlust rechts von 92,2
%
und links von 97
%
(
Urk.
8/50).
Nach der Versorgung mit neuen Hörgeräten wurde am 2
4.
Juni 2010 beim Freiburger-Einsilber-Test ohne Störschall ein
bin
au
rales
Sprachverstehen von 90
%
ermittelt. Auf d
ie Durchführung des Basler Satz
tests wurde verzichtet.
Z
ur Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführerin
wurden keine Angaben
gemacht (
Urk.
8/51).
4.5
Das
neuropsychologische G
utachten
von
Dr.
E._
wurde am
2
8.
Juli 2011
, das heisst nach dem Abbruch des Arbeitstrainings per 1
1.
Februar 2011 (Urk. 8/78)
,
erstellt.
Darin wurden
leichte neuropsychologische Defizite
festge
halten
, welche die präzise Sprachwahrnehmung, das auditive
Sprachverständ
nis
, die komplexere Sprachaufnahme/-verarbeitung, die sprachliche und visuell-räumliche Erfassungsspanne, die
Daueraufmerksam
keit
/
Alert
ness
, die geteilte Aufmerksamkeit, das Arbeitsgedächtnis, das Erfassen von Zusammenhängen (sprach
lich und visuell-räumlich
)
, das Allgemeinwisse
n und die Rechenfertigkeit
betra
fen. Die intellektuelle Leistungsfähigkeit sei leicht unterdurchschnittlich (WIE: IQ 84, PR 14).
Im ICD-10 entsprächen die Befunde der Diagnose:
F07.8: Sonstige organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen auf
grund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns,
Vereinbar mit der vordiagnostizierten hyperkinetischen Störung (ICD-10: F90.9) seit der Kindhei
t (
Urk.
8/95/17)
.
Die Arbeitsfähigkeit als Geschäftsführerin eines Ki
osks sei deutlich einge
schränkt
(
Urk.
8/95/17)
.
Als Kioskverkäuferin sei die Arbeitsfähigkeit
weniger als 30
%
eingeschränkt.
In einer leidensangepassten Tätigkeit sei die Arbeits
fähig
keit weniger als 20
%
eingeschränkt (
Urk.
8/95/18).
Aus neuropsy
cholo
gischer Sicht sei die Beschwerdeführerin nicht auf einen geschützten Rahmen angewiesen (Urk. 8/95/20).
4
.
6
Dr.
F._
erstattete sein Parteigutachten am 1
1.
Januar 2012 (Urk. 8/109).
Dieses beruht auf psychiatrischen und neurologischen Untersuchungen vom 27. Oktober 201
1.
Es berücksichtigt
e
überdies fremdanamnestische Auskünfte einer Schweste
r der Beschwerdeführerin und diverse Unterlagen, die
Dr.
F._
zur Verfügung
gestellt oder von ihm beigezogen worden waren
.
Darunter
befand sich
auch
ein Bericht der
K._
vom 27.
Oktober 2011 mit den Diagnosen einer
diskreten neuropsych
ologischen Be
einträch
ti
gung im Rahmen einer
congenitalen
Erkrankung und
eines
ADHS im Erwachse
nenalter (
Urk.
8/109/19). Offenbar
verfügte
Dr.
F._
auch über
ein
en
Untersuchungsbericht der Neuroradiologie Schanz
e
vom 29.
September 2011
betreffend
eine
magnetresonanztomographi
sche Untersuchung des Gehirns (
Urk.
8/109/1)
, welche milde Fehlbildungen, aber keinen Hinweis auf einen sig
nifikanten frühkindlichen (
hypoxämischen
) Hirnschaden beziehungsweise einen Status nach relevanter germinaler Matrixblutung erg
ab
(
Urk.
8/109/9)
.
Aus neurologischer Sicht diagnostizierte
Dr.
F._
eine leichte Extremitä
ten-, Stand- und Gangataxie, eine hochgradige Hypakusis beidseits (ICD-10: H90.0)
und eine hochgradige
Visusminderung
links (ICD-10: H54.4) bei früh
kindlicher Hirnschädigung. Differentialdiagnostisch vermerkte er einen
peri
par
talen
hypoxischen
Hirnschaden (ICD-10: P91.0) oder eine Entwicklungsstörung mit angeborener Fehlbildung des Gehirns aus anderer Ursache (ICD-10: Q04). Als psychiatrische Diagnosen hielt
Dr.
F._
multiple
leichtgradige
neu
ropsychologische Defizite bei nicht näher bezeichneter Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten (ICD-10: F81.9)
im Rahmen
einer frühkindlichen
Hirn
schädigung
, eine hyperkinetische Störung mit Aufmerksamkeits- und
Konzent
rationsstörung
(ICD-10: F90.0) und eine organische Persönlichkeits- und Ver
haltensstörung aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns (ICD-10: F07.8) fest (Urk. 8/109/13).
Zur Begründung der letztgenannten psychiatrischen Diagnose führte
Dr.
F._
aus, dass aus den eigen- und fremdanamnestischen Angaben und aus den vorliegenden Dokumenten regelmässig sich wiederholende dysfunktio
nale Denk- und Verhaltensmuster der Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit der Berufstätigkeit zu erkennen seien. So werde mehrfach beschrieben, dass
sie
sich zunächst aussergewöhnlich motiviert zeige. Mehrere Berichte stellten sie dabei sogar als recht dominant dar.
Zum Beispiel beanspruche si
e
in einem Team offenbar rasch eine Führungsposition für sich. In der Folge komme es i
m
Zusammenhang mit den bestehenden neuropsychologischen Defiziten und wohl auch der AHDS-Symptomatik
einerseits
mehr oder weniger rasch zu psycho
physischen Überforderungssituationen, da sie versuchen müsse, ihre einge
schränkte Leistungsfähigkeit durch vermehrten Einsatz zu kompensieren. An
de
rer
seits träten zwischenmenschliche Schwierigkeiten in der Interaktion mit Mitarbeitern und Vorgesetzten auf, unter anderem weil die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer Einschränkungen in der Effektivität ihrer
Arbeitsleistungen begrenzt sei,
d
ies jedoch nicht
selbst
wahrnehmen und auf Kritik
nicht
e
ntspre
chend adäquat reagieren könne. Sie fühle sich in solchen Situationen vermut
lich ungerechtfertigt angegriffen und reagiere dann offenbar recht stereotyp mit Gegenangriffen und Übergriffen in die Kompetenzbereiche anderer Mitarbeiter. Solche längerfristig über mehrere Jahrz
ehnte bestehende dysfunktionale
Denk- und Verhaltensmuster mit im Verlauf weitgehend fehlender Flexibilität in Bezug auf entsprechende Verhaltensänderungen seien diagnostisch als pathologische Persönlichkeitszüge beziehungsweise als manifeste Persönlichkeitsstörung zu bewerten. Diese Diagnose werde auch im psychiatrischen Gutachten von
Dr.
B._
erwähnt, allerdings müsse die Interpretation als „abhängige
Persön
lichkeitszüge
“ bezweifelt werden (
Urk.
8/109/15).
Hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit zog
Dr.
F._
in Betracht, dass die
beidsei
tige Schwerhörigkeit durch den Einsatz der Hörgeräte gut kompensiert
sei
, glei
ches gelte für die brillenkorrigierte
Visusminderung
des linken Auges, so dass
sich diesbezüglich keine Einschränkungen ergäben
.
Die
leichtgradige
Ataxie und insbesondere die Störung der Feinmotorik beider Hände führten zu einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit für handwerkliche Tätigkeiten mit mittleren bis hohen Anforderungen im Bereich
der manuellen Feinmotorik (Urk.
8/109/14).
Die kombinierte psychiatrische Erkrankung bewirke eine vollständige Arbeits
un
fähigkeit für Tätigkeiten auf dem freien Arbeitsmarkt (
Urk.
8/109/16). An einer geschützten Arbeitsstelle, wie
an
de
r
jenige
n
, an welcher die Beschwerde
führerin aktuell tätig sei, bestehe aus psychiatrischer Sicht noch eine 50%ige Arbeitsfähigkeit (
Urk.
8/109/180).
4
.
7
In seiner Stellungnahme vom 3
0.
Januar 2012 vertrat
Dr.
E._
den Stand
punkt, dass die Ausführungen von
Dr.
F._
nichts an seiner gutachterli
chen Einschätzung zu ändern vermöchten. Zu den von
Dr.
F._
gestellten psychiatrischen Diagnosen und deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit könne er sich aus neuropsychologischer Sicht
nicht
äussern (
Urk.
8/111).
4.8
Dr.
B._
nahm am
8.
Januar 2013 zum neuropsychologischen Gutachten vom 2
8.
Juli 2011
(von
Dr.
E._
)
und zum neurologisch-ps
ychiatrischen Gut
achten vom 11.
Januar 2012
(von
Dr.
F._
)
Stellung und beantwortete vier Zusatzfragen, wie es ihm von der IV-Stelle mit
Schreiben vom 13.
September 2012 aufgetragen worden sei
(
Urk.
8/125
/1
).
Beide Gutachter
hätten
leichtgradige
neuropsychologische Defizite diagnosti
ziert,
die
auf eine frühkindliche Hirnschädigung zurückzuführen seien. Sie hät
ten seine
eigene
Beurteilung bestätigt, dass die Beschwerdeführerin
auch
an einer hyperkinetischen Störung, bestehend seit der Kindheit im Rahmen der frühkindlichen Hirnschädigung
,
leide. Trotz der festgestellten leichten neuro
psychologischen Einschränkungen habe die Beschwerdeführerin eine Verkäu
ferinnenlehre
abschliessen können. In ihrem B
eruf habe sie jahrelang eine kon
stante Arbeitsleistung erbracht.
Aufgrund des
im Gutachten von
Dr.
F._
erwähnten
Bericht
es
der MRI-U
ntersuchung des Gehirns vom 29.
September 2011
könne eine erneute und zusätzliche Hirnschädigung ausgeschlossen wer
den. Deswegen könne er die Beurteilung von
Dr.
F._
nicht nachvollzie
hen,
dass
der
Beschwerdeführerin
nach 37-jähriger voller Arbeitsfähigk
eit auf dem freien Arbeitsmarkt
aufgrund der frühkindlichen Hirnschädigung
eine Arbeitsfähigkeit
von
50
%
im geschützten Rahmen
zu attestieren sei
. In seinem Gutachten diagnostiziere
Dr.
F._
auch eine organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörung. Die Beschwerdeführerin sei über 30 Jahre im Erwachse
nenalter den sozialen Anforderungen ohne Probleme gewachsen gewesen, habe konstante zwischenmenschliche Beziehungen gepflegt und eine konstante Arbeits
leistung erbracht. Die anhaltende Störung der Impuls- oder
Affektkon
trolle
sei weder anamnestisch erhoben noch aktenmässig dokumentiert. Damit könne eine Persönlichkeitsstörung klar ausgeschlossen werden.
Dr.
F._
h
abe in seinem Gutachten vom 11.
Januar 2012 kein Störungsbild diagnosti
ziert,
das
im Zeitraum nach seinem
eigenen
Gutachten vom 1
3.
Juli 2009 neu aufgetreten sei. Damit sei
die
Beurteilung
von
Dr.
F._
noch weniger nachvollziehbar.
Dr.
B._
hielt
an seiner Beurteilung fest, dass die Beschwerdeführerin
ab März 2007 bis zum Ende des dreimonatigen Arbeitstrainings
zu 50
%
arbeits
un
fähig gewesen sei.
Die aus neuropsychologischer Si
cht
attestierte Arbeitsfä
higkeit von 70
%
ab August 2011 erachte er als plausibel. Es sei davon auszu
gehen, dass es zur Rückbildung der Akzentuierung der Persönlichkeitszüge gekommen sei
(
Urk.
8/125/3)
.
Die Beschwerdeführerin sei für Tätigkeiten mit sehr hohen Anforderungen an die Konzentration (z.B. längere PC-Arbeiten oder Fliessbandarbeit), Tätigkeiten mit sehr hohen Anforderungen an die geistige Flexibilität (Arbeit in einem grossen Team), führende Funktionen und Nachtar
beit nicht geeignet
.
Zur Frage, ob es aufgrund der aktuellen Aktenlage eine Erklärung dafür gebe, weshalb sich der Gesundheitszustand nach den Fortschritten im Aufbautraining kontinuierlich vers
chlechtert habe und die Versich
erte sogar in de
n
W
ohnstätte
n
D._
,
im
zweiten Arbeitsmarkt, Mühe bekunde, ihre Leistung zu erbringe
n
, führte
Dr.
B._
aus, dass dies aus psychiatrischer Sicht nicht erklärbar
oder höchstens auf
die vorübergehende Akzentuierung der Persönlichkeitszüge zu
rück
zuführen
sei
. Auch
Dr.
F._
habe keine seit 2009 neu aufgetretenen psychischen Probleme mit Krankheitswert dokumentiert (
Urk.
8/125/4).
4.9
Dr.
F._
führte
in seiner
ergänzenden
Stellungnahme vom 2
8.
Januar 2013
(
Urk.
8/127)
aus
, dass die MRI-Untersuc
hung des Gehirnschädels vom 29.
September 2011 deutliche pathologische Auffälligkeiten ergeben habe, die auf eine frühkindliche Gehirnerkrankung oder Gehirnentwicklungsstörung
hin
wiesen. Diese pathologischen
Auffälligkeiten seien gut zu vereinbaren mit
den
im Rahmen der beiden neuropsychologischen Untersuchung
en
festgestellten Defizite
n
. Diese seien mit grosser Wahrscheinlichkeit auch als organische Grundlage für die mangelnde Anpassungsfähigkeit und für die Entstehung stereotyper dysfunktionaler Verhaltensmuster der B
e
schwerdeführerin bei kom
plexeren Anforderungen, zum Beispiel in zwischenmenschlichen Situationen im beruflichen Kontext
,
anzusehen. Zutreffend sei, dass sich der Befund der MRI-Untersuchung vom 2
9.
September 2011
im Vergleich zu demjenigen von
Vor
unter
suchungen
nicht wesentlich verändert habe. Dies passe
zur genannten diagnostischen Einschätzung einer frühkindlichen Gehirnerkrankung
(
Urk.
8/127/1)
.
Anhand der biographischen Anamnese und insbesondere aufgrund der
fremd
anam
nestischen
Angaben seit
en
s einer Schwester der Patientin
müssten alle
von
Dr.
B._
gegen die Annahme einer Persönlichkeitsstörung angeführte
n
Punkte entschieden in Frage gestellt werden. Die Beschwerdeführerin sei gemäss diesen Angaben fast zu keinem Zeitpunkt in ihrem Leben in der Lage gewesen, konstante zwischenmenschliche Beziehungen zu pflegen. Genauso wenig sei sie den sozialen Anforderungen ohne Probleme gewachsen gewesen beziehungs
weise gewachsen. Die berufliche Anamnese spreche nicht wirklich für eine konstante Arbeitsleistung. An den verschiedenen Arbeitsstellen sei es
innert
kurze
r
oder etwas längere
r
Frist immer wieder zu ziemlich ähnlichen Problemen und deshalb schliesslich immer wieder zum Verlust des jeweiligen Arbeitsplat
zes gekommen. Eine Störung der Impuls- und Affektkontrolle werde nicht nur bei der psychiatrischen Untersuchung und Exploration deutlich, sondern
sie
werde auch fremdanam
nestisch eindrucksvoll berichtet und sei auch in den Berichten über die Beschwerdeführerin an mehreren Stelle
n deutlich zu erken
nen, so zum B
ei
s
piel im Abschlussberi
cht der
C._
vom 14.
Februar 201
1.
Aus der Stellungn
ahme von
Dr.
B._
gehe leide
r
nicht hervor, ob er diesen für die Beurteilung der aktuellen Arbeitsfähigkeit wichtigen Bericht, der nach
seinem Gutachten
erstellt worden sei, überhaupt zur Kenntnis genommen habe
,
und wie er ihn bewerte. Ebenso wenig sei zu erkennen, bei wem er
fremd
anamnestische
Angaben über die Beschwerdeführerin eingeholt habe. Für eine seriöse Begutachtung einer Explorandin wie
der
Beschwerdeführerin, von der wiederholt in den verschiedenen vorliegenden Dokumenten berichtet werde, da
s
s sie zunächst einen sehr engagierten und kompetenten Eindruck hinterlas
sen könne, während ihre erheblichen Defizite erst im Alltag, zum Beispiel am Arbeit
s
platz, aber auch im Privatleben, deutlich würden, könne auf
fremdanam
nestische
Informationsquellen nicht verzichtet werden.
Die Kriterien gemäss ICD-10 einer org
anischen Persönlichkeitsstörung
oder Ver
haltensstörung aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns (ICD-10: F07.8) seien erfüllt.
Bei der Beschwerdeführerin seien dys
funkt
i
onale und unflexible Verhaltensmuster in typischer Form zu erkennen, was auch der Abschlussbericht der
C._
illustriere.
Im Zusammen
hang mit den organisch bedingten kognitiven Einschränkungen könne von der Beschwerdeführern nicht erwartet werden, dass sie diese Verhaltensmuster selb
ständig (oder auch mit zum Beispiel psychotherapeutischer Hilfe) nennens
wert verändern könne. Im Gegenteil lege der berufliche Lebenslauf nahe, dass sich die
genannten Verhaltensmuster und die geschilderten Abläufe gerade in den letzten Jahren immer weiter zugespitzt hätten. Dies könne vielleicht auch als Erklärung dafür dienen, dass die psychi
sch
e Krankheitsbelastung und die damit verbundene medizinisch begründete Arbeitsunfähigkeit zum Zeitpunkt der gut
ach
terlichen Untersuchung durch
Dr.
B._
2009 noch nicht so offen
kundig gewesen sei wie in der Gegenwart (
Urk.
8/127/2).
4.
10
Am 3
0.
August 2013 bestätigte
Dr.
E._
, dass auch die neuen Berichte von
Dr.
B._
vom
8.
Januar 2013 und
Dr.
F._
vom 2
8.
Januar 2013
sowie
die ihm neu zugesandten internen Akten (Feststellungsblätter für den Beschluss, Stellungnahme Rechtsdienst) an seiner Einschätzung nichts zu ändern ver
möchten. Aus neuropsychologischer Sicht lasse sich die während der
Integrati
onsmassnahme
eingetretene Verschlechterung nicht erklären. Als Neurologe stelle er sozusagen immer fest, dass es bei
m
Vorliegen von neuropsychologi
schen Defiziten und einem diskrepanten Leistungsprofil, wie es bei der Beschwer
deführerin der Fall sei, früher oder später zu psychoreaktiven Auswir
kungen und in manchen Fällen zu einer psychischen Fehlentwicklung komme, in welchem Bereich auch immer (
Urk.
8/129).
4.11
Aus dem Verlaufsbericht der
L._
vom
4.
September 2013 geht hervor, dass die Beschwerdeführerin ab dem 1
1.
Juni 2013 wegen
Handgelenks
beschwerden
behandelt wurde.
Dr.
med.
M._
, Fachärztin FMH für Innere Medizin
in der
L._
, hatte ih
r
mit Arztzeugnis vom 1
7.
Juni 2013 vom 11. bis zum 2
1.
Juni 2013 eine 100%ige Arbe
itsunfähigkeit attestiert (Urk.
8/132).
Auch
Dr.
G._
bestätigte mit
Arbeitsunfähigkeits
zeugnis
vom 1
2.
Dezember 2013, dass die Beschwerdeführerin ihr wöchentliches Arbeitspensum von bisher 20 Stunden pro Woche auf 13 Stunden p
ro Woche reduzieren müsse
, ohne Gründe dafür zu nennen
(Urk.
8/148).
5.
5.1
Es ist insoweit unbestritten und ergibt sich aus den Akten, dass die Beschwerde
führerin unter neuropsychologischen Einschränkungen leidet (Urk. 8/78 und 8/109/19).
Für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin kann jedoch nicht einfach auf das
neuropsychologische Gutachten
vom
28.
Juli 2011 (
Urk. 8/95
) samt der
Stellung
nahme
n
vom 30.
Januar 2012 (Urk.
8/111)
und vom 3
0.
August 2013 (
Urk.
8/129)
von
Dr.
E._
abgestellt werden.
Dieser ist nicht nur keine medizinische Fachperson, sondern er
hat
auch
bei seiner Einschätzung – insoweit korrekt –
lediglich neuropsychologische Einschränkun
gen berücksichtigt und sich nicht zu psychiatrischen Diagnosen und sich daraus ergebenden Einschränkungen auf die Arbeitsfähigkeit geäussert
, welche
hier
ebenfalls zur Diskussion stehen
.
5.2
Uneinigkeit besteht
hinsichtlich der psychiatrischen Diagnosen und der Beurtei
lung der Arbeitsfähigkeit.
Hierzu enthalten insbesondere die Gutachten
und die
ergänzenden Stellungnahmen
von
Dr.
B._
und
Dr.
F._
voneinander divergierende Angaben.
Diesbezüglich ist vorab zu bemerken, dass beide Gut
ach
ter über die erforderliche fachliche Eignung verfügen.
Zur Beurteilung
der medizinischen Situation durch
Dr.
B._
ist festzuhalten, dass dieser die Beschwerdeführerin letztmals
am 1
3.
Juli 2009 untersucht hatte
.
Die damalige Annahme einer 50%ige
n
Arbeitsunfähigkeit wegen reduzierter psychischer Belastbarkeit, reduzierte
r
Flexibilität, leicht verlangsamtem
Arbeits
tempo
und objektiv erwartete
r
Konzentrationsstörungen in Stresssituati
onen
hat er in seinem Gutachten vom
7.
August 2009
nicht hinreichend nach
vollziehbar begründet.
Insbesondere führte er die Notwendigkeit einer psychiat
rischen Behandlung und die Verminderung der Arbeitsfähigkeit
in einem wesentlichen Ausmass
auf die von ihm diagnostizierte Akzentuierung der abhängigen Persönlichkeitszüge (ICD-10: Z73.1) zurück, welche aus Sicht der Invaliden
ver
sicherung nicht als rechtserheblicher Gesundheitsschaden zu quali
fizieren ist (vgl. das Urteil des Bundesgerichts 8C_897/2013 vom 1
8.
Februar 2014 E. 3.9 mit Hinweisen). Die Korrektheit der gestellten Diagnose wird
denn auch
von
Dr.
F._
ausdrücklich in Frage gestellt (Urk. 8/109/15) und
bedarf der Klärung, ohne welche nicht einfach auf die Einschätzung von
Dr.
B._
abgestellt werden kann
.
Soweit sich
Dr.
B._
für die Zeit
nach der Untersuchung vom 1
3.
Juli 2009
zur Arbeitsfähigkeit äussert, kann er sich nicht auf von ihm erhobene aktuelle Befunde stützen.
Insbesondere setzt er sich
in seiner ergänzenden Stellungnahme vom
8.
Januar 2013 (
Urk.
8/125)
nicht
mit dem Abschlussbericht der
C._
vom 1
4.
Februar 2011 (
Urk.
8/77)
auseinander
, in welchem die Beschwerdeführerin als in einem geschützten Arbeitsbereich zu
50
% arbeitsfähi
g beurteilt wird. Ebenso wenig
behandelt
er
die damals
vorhandenen Berichte der W
ohnstätten
D._
, welche
die
Probleme der Beschwerdeführerin im zweiten Arbeitsmarkt
eindrücklich
schildern
(Urk.
8/75, 8/104 und 8/123).
Es stellt sich deshalb die
Frage, ob
Dr.
B._
überhaupt über die entsprechenden Unterlagen und damit über die erforderliche
Aktenkenntnis
verfügte. Dies
lässt sich mit den vorhandenen
Unterlagen
nicht positiv beantworten.
In
seiner
Stellungnahme
vom
8.
Januar 2013
erwäh
nte Dr.
B._
weder die Berichte selbst noch deren Erhalt
.
Er bezog sich zwar
auf ein Schreiben der Beschwerdegegnerin vom 13. September 2012 (
Urk.
8/125/1)
.
E
in solches lässt sich
im Dossier der Beschwe
rdegegnerin jedoch nicht finden,
e
benso wenig ein entsprechendes Dokument anderen Datums, das
Dr.
B._
vor dem 8. Januar 2013 erhalten haben könnte
(vgl. das Aktenverzeichnis).
Auf die Ausführungen von
Dr.
B._
kann somit nicht abgestellt werden.
Mit Bezug auf das Gutachten vom 1
1.
Januar 2012 (
Urk.
8/109) und die ergän
zende Stellungnahme vom 2
8.
Januar 2013 (
Urk.
8/127) von
Dr.
F._
ist
ebenfalls zu bemerken, dass sich daraus nicht
ergibt
, dass sie auf der vollständi
gen Aktenlage basieren. Namentlich
fehlt die Erwähnung und Diskussion der Zwischenberichte der
C._
über das Aufbautraining (
Urk.
8/47, 8/48, 8/55, 8/56 und 8/57). In denselben wurden nebst der bekannten Problematik zum Teil auch (grosse) Fortschritte und eine positive Entwicklung verzeichnet (
Urk.
8/48/1, 8/52/1 und 8/57/2). Eine Anstellung im ersten Arbeitsmarkt mit einem Pensum von 50
%
wurde
damals
auch
noch als möglich erachtet (
Urk.
8/57/3).
Es kann folglich
den Darlegungen von Dr.
F._
bereits aus formellen Gründen nicht
gefolgt werden, wobei heute offen bleiben kann, ob diese schlüssig sind.
Aus dem Gesagten folgt, dass weder auf das von der IV-Stelle in Auftrag gege
bene
psychiatrische Teilg
utachten
von
Dr.
B._
samt
ergänzende
r
Stellung
nahme vom
8.
Januar 2013
noch auf das
von Seiten der Beschwerdeführerin eingereichte neurologisch-
psychiatrische Gutachten von
Dr
.
F._
samt
ergänzende
r
Stellungnahme
vom 2
8.
Januar 2013
abgestellt werden kann. Die vorliegenden Akten enthalten keine hinreichende Grundlage zur Klärung der
entscheidrelevanten
medizinischen Fragen. Die Sache erweist sich demnach als nicht spruchreif.
Vielmehr erscheint die Einholung
ergänzender gutachterlicher Stellungnahmen in Kenntnis der Aktenlage und
aktueller Befunde,
hernach allenfalls
auch
eines polydisziplinären Gutachtens
,
als geboten.
Es ist der
Beschwer
degegnerin
dahingehend beizupflichten, dass
Letzteres
zumindest die Fachbereiche Psychiatrie, Neurologie und Neuropsychologie abdecken sollte (
Urk.
7 S. 2).
5
.
3
Angesichts dessen, dass
es die
Beschwerdegegnerin
versäumt hat, ergänzende gutachterliche Ausführungen einzuholen, welche auf der gesamten Aktenlage basieren,
rechtfertigt es sich entgegen der von ihr vertretenen Ansicht nicht, bereits im heutigen Zeitpunkt ein Gerichtsgutachten einzuholen (
Urk.
1 S. 2). Vielmehr ist im Sinne der von ihr angeführten bundesgerichtlichen Rechtspre
chung (BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4) die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Vornahme der erforderlichen Ergänzungen
und
zu
neuer Ent
scheidung
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen
(
§
26
GSVGer
)
. Dafür spricht zusätzlich, dass die
erhebliche
n
Beeinträchtigungen des Gehörs, soweit aus den Akten ersichtlich, mit Hörgeräten zwar gut, aber nicht vollständig kompensiert sind
(Urk. 8/109/14 und 8/51)
. Allfällige Einschränkungen auf die Arbeitsfähigkeit wurden bisher nicht
fachärztlich abgeklärt, obwohl die behan
delnde Ärztin
H._
aus
oto-rhino-laryngologischer
Sicht eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert hatte
(Urk.
8/26).
Schliesslich hat es die Beschwerde
gegn
erin auch versäumt, den
sich
bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung vom
7.
Juli 2014
ergebenden
Hinweisen auf weitere (somatische)
Beeinträchtigungen des Gesundheits
zustandes
(vgl.
Urk.
8/132,
8/133
8/148 und 8/149)
nachzugehen.
Dies wird nachzuholen sein.
Die Beschwerde erweist sich in diesem Sinne als begründet, soweit darauf einzutreten ist.
6.
6
.1
Soweit
es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem
Ver
fahrens
aufwand
und unabhäng
ig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis 1‘000.-- festzulegen
(
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG)
und auf Fr. 8
00.--
fest
zusetzen.
Nach ständi
ger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen der
beschwerdeführenden
Partei (BGE 137 V 57 E. 2.1 mit Hinweisen). Entsprechend dem Ausgang des
Verfahrens sind die Kosten der unterliegenden
Beschwerde
gegnerin
aufzuerlegen.
6
.2
Überdies hat die obsiegende Beschwerdeführerin
Anspruch auf
den Ersatz der Parteikosten (§ 34 Abs. 1
GSVGer
)
.
Die Höhe der gerichtlich festzusetzenden Entschädigung
wird ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens be
messen (
§ 34 Abs.
3
GSVGer
). Vorliegend erscheint eine Prozessentschädigung von Fr.
2‘1
00.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemes
sen, wobei zu bemerken ist, dass für Bemühungen ab dem
1.
Januar 2015 ein
Stun
denansatz
von
Fr.
220.-- und für diejenigen davor ein solcher von
Fr.
200.-- zu veranschlagen ist.