Decision ID: 60799d68-06e0-489f-b506-ea8ff7d72b45
Year: 2009
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
Am Freitag, 27. Juni 2008, lenkte X (geb. 1973) einen Personenwagen "Chrysler
Crossfire" auf der Rickenstrasse von Jona in Richtung Eschenbach. Eine bei Wagen
von der Kantonspolizei St. Gallen mittels Lasermessung durchgeführte
Geschwindigkeitskontrolle ergab, dass er bei einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit
von 80 km/h mit einer rechtlich relevanten Geschwindigkeit von 179 km/h unterwegs
war. Der Führerausweis wurde auf der Stelle polizeilich abgenommen. Das
Untersuchungsamt Uznach verurteilte X mit Bussenverfügung vom 4. September 2008
wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln zu einer bedingten Geldstrafe von 60
Tagessätzen zu je Fr. 100.-- bei einer Probezeit von zwei Jahren und zu einer Busse
von Fr. 4'800.--.
Mit Verfügung vom 19. August 2008 entzog das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt
des Kantons St. Gallen X den Führerausweis wegen schwerer Widerhandlung gegen
die Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer von elf Monaten.

Aus den Erwägungen:
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2.- Die Vorinstanz hat die Verkehrsregelverletzung des Rekurrenten vom 27. Juni 2008
als schwere Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften eingestuft und in
Anwendung von Art. 16c Abs. 1 lit. a des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01,
abgekürzt: SVG) einen zeitlich befristeten Warnungsentzug des Führerausweises
verfügt. Angesichts der konkreten Umstände fragt sich allerdings, ob Zweifel an der
Fahreignung des Rekurrenten bestehen, die entsprechende Abklärungen erfordern.
Das Ausmass der Überschreitung der allgemeinen Höchstgeschwindigkeit ausserorts
von 80 km/h um knapp 100 km/h nach Berücksichtigung der Geräte- und
Messunsicherheit mit einem Abzug von 5 km/h ist sehr auffällig. Hinzu kommt, dass
dem Rekurrenten der Führerausweis weniger als ein Jahr vor der erneuten
Verkehrsregelverletzung, nämlich vom 26. Juli 2007 bis und mit 25. August 2007,
wegen Nichtanpassens der Geschwindigkeit an die Strassenverhältnisse und
Verursachens eines Verkehrsunfalls entzogen war.
3.- Der Führerausweis ist zu entziehen, wenn festgestellt wird, dass die gesetzlichen
Voraussetzungen zur Erteilung nicht oder nicht mehr bestehen (Art. 16 Abs. 1 SVG).
Sicherungsentzüge dienen - wie die Bezeichnung schon zum Ausdruck bringt - der
Sicherung des Verkehrs vor ungeeigneten Führern (Art. 30 Abs. 1 VZV). Nach Art. 14
Abs. 2 lit. d SVG darf der Führerausweis nicht erteilt werden, wenn der Bewerber
aufgrund seines bisherigen Verhaltens nicht Gewähr bietet, dass er als
Motorfahrzeugführer die Vorschriften beachten und auf die Mitmenschen Rücksicht
nehmen wird. Der Ausweis wird dementsprechend auf unbestimmte Zeit entzogen,
unter anderem wenn der Führer aufgrund seines bisherigen Verhaltens nicht Gewähr
bietet, dass er künftig beim Führen eines Motorfahrzeugs die Vorschriften beachten
und auf die Mitmenschen Rücksicht nehmen wird (Art. 16d Abs. 1 lit. c SVG).
Anzeichen hierfür bestehen, wenn Charaktermerkmale des Betroffenen, die für die
Eignung im Verkehr erheblich sind, darauf hindeuten, dass er als Lenker eine Gefahr für
den Verkehr darstellt (vgl. BGE 104 Ib 95 E. 1). Für den Sicherungsentzug aus
charakterlichen Gründen ist die schlechte Prognose über das Verhalten als
Motorfahrzeugführer massgebend. Die Behörden müssen gestützt hierauf den Ausweis
verweigern oder entziehen, wenn hinreichend begründete Anhaltspunkte vorliegen, der
Führer werde rücksichtslos fahren. Die Frage ist anhand der Vorkommnisse (unter
anderem Art und Zahl der begangenen Verkehrsdelikte) und der persönlichen
Umstände zu beurteilen; in Zweifelsfällen ist ein verkehrspsychologisches oder
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psychiatrisches Gutachten gemäss Art. 9 Abs. 1 VZV anzuordnen (vgl. BGE 125 II 492
E. 2a mit Hinweisen; 6A.15/2000 vom 28. Juni 2000, E. 3a).
Im Leitfaden für die Administrativ-, Justiz- und Polizeibehörden vom 26. April 2000
(nachfolgend: Leitfaden) hat die Expertengruppe Verkehrssicherheit unter anderem
Sachverhalte formuliert, bei denen praxisgemäss von einem Verdacht fehlender
Fahreignung im Sinn von Art. 14 Abs. 2 lit. d bzw. Art. 16d Abs. 1 lit. c SVG
ausgegangen wird und weitere Abklärungen gerechtfertigt sind. Dazu gehören unter
anderem das vorsätzliche Herbeiführen einer schweren konkreten Verkehrsgefährdung
(Ziff. 6.1) und strafbare Handlungen, welche die Bereitschaft zeigen, bei der Verfolgung
eigener Interessen und Ziele Leben und Gesundheit anderer Personen aufs Spiel
zusetzen und so auf Rücksichtslosigkeit schliessen lassen (Ziff. 6.3). Indessen ist dieser
Leitfaden für die Verwaltungs- und Gerichtsbehörden nicht verbindlich, sondern gibt
nur Hinweise auf allfällige Verhaltensweisen, die im Hinblick auf die
Fahreignungsprüfung dienlich sein können (vgl. Urteile des Bundesgerichts 6A.57/2001
vom 16. August 2001 E. 4a, 6A.38/2003 vom 12. August 2003 E. 4 und 1C_140 /2007
vom 7. Januar 2008 E. 2.4). Deshalb können weitere Abklärungen aufgrund der
konkreten Umstände auch dann gerechtfertigt sein, wenn keine der im Leitfaden
genannten Voraussetzungen nach ihrem Wortlaut vollständig erfüllt ist.
4.- Der Rekurrent hat am Freitag, 27. Juni 2008, abends gegen 20.30 Uhr mit einem
Personenwagen "Chrysler Crossfire" auf der Rickenstrasse kurz nach dem Ortsende
Wagen auf der Höhe "Wagnerfeld" in Richtung Eschenbach die allgemeine
Höchstgeschwindigkeit ausserorts von 80 km/h nach Abzug der Geräte- und
Messunsicherheit von 5 km/h um 99 km/h überschritten. Das erste, fünf Sekunden vor
der verwerteten Aufnahme entstandene Bild erweckt den Eindruck, das Fahrzeug des
Rekurrenten befinde sich auf der Gegenfahrbahn und sei im Begriff, einen
Personenwagen zu überholen. Die Aufnahme ist allerdings als unbrauchbar bezeichnet
("disable") und aufgrund der Struktur des Bildes sind eine Spiegelung oder eine
Bildüberlagerung nicht auszuschliessen. Auch im Polizeirapport wird nicht erwähnt, der
Rekurrent habe unter Überschreitung der allgemeinen Höchstgeschwindigkeit ein
anderes Fahrzeug überholt. Anhaltspunkte dafür, dass andere Verkehrsteilnehmer
durch das Verhalten des Rekurrenten konkret gefährdet wurden, bestehen nicht.
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Das Ausmass der Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit bewegt sich
mit wesentlich mehr als 100 Prozent in einem sehr auffälligen Bereich. Auch wenn eine
konkrete Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer aus den Akten nicht ersichtlich wird,
hat sie ein besonders hohes Mass an abstrakter Gefährdung nach sich gezogen. Der
Verordnungsgeber erachtet eine allgemeine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h
ausserhalb von Ortschaften, ausgenommen auf Autobahnen, unter günstigen
Strassen-, Verkehrs- und Sichtverhältnissen als vertretbar (Art. 4a Abs. 1 lit. b der
Verkehrsregelnverordnung; SR 741.11, abgekürzt: VRV). Bei einer Geschwindigkeit von
180 km/h beträgt der Anhalteweg bei einer Reaktionszeit von einer Sekunde und guten
bis sehr guten Bremsen mit einer Verzögerung zwischen 5.5 und 6 m/sec zwischen
260 und 280 Metern, bei 80 km/h zwischen 63 und 67 Metern, also weniger als einen
Viertel (vgl. www.2cu.at, aufgesucht am 26. Februar 2009). Verschiedene Strassen und
Wege, die insbesondere der Landwirtschaft dienen und bei denen auch zur fraglichen
Zeit mit entsprechendem landwirtschaftlichem Verkehr gerechnet werden muss,
münden im betreffenden Streckenabschnitt in die Rickenstrasse ein. Da die Strecke in
Waldnähe verläuft, ist nicht ausgeschlossen, dass Wildtiere die Fahrbahn überqueren.
Schliesslich können auch unwillkürliche Bewegungen des Lenkers bei dieser
Geschwindigkeit zu einem Selbstunfall führen, der geeignet ist, andere, insbesondere
auf der Gegenfahrbahn entgegenkommende Verkehrsteilnehmer zu gefährden.
Der Rekurrent begründete die ausserordentlich massive
Geschwindigkeitsüberschreitung gegenüber der Polizei damit, er habe "totalen Stress
im privaten Bereich" und "schnell nach Hause" gewollt. Konkrete Angaben, die auf eine
einmalige Situation schliessen lassen, machte er nicht. Dies deutet darauf hin, dass der
Rekurrent bereit ist, zur Verfolgung eigener Interessen Leben und Gesundheit anderer
Personen aufs Spiel zu setzen. Wenn er auf das Erleben von Stress mit einem
Verkehrsverhalten reagiert, das geeignet ist, andere Verkehrsteilnehmer in schwerer
Weise zu gefährden, bestehen konkrete Anhaltspunkte für einen Hang zur
Rücksichtslosigkeit.
Das mit eingeschriebenem Brief im Rekursverfahren zugesandte Schreiben der
Verwaltungsrekurskommission vom 22. Januar 2009 holte der Rekurrent bei der Post
nicht ab. Auf die Zustellung des Schreibens mit normaler Post hat er nicht reagiert. Die
Gründe dieses Verhaltens sind zwar nicht bekannt. Es kann aber als Hinweis auf ein
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wenig stabiles persönliches Umfeld und auf eine reduzierte Bereitschaft, an den
üblichen Abläufen menschlichen Zusammenlebens teilzunehmen, verstanden werden.
Schliesslich begründete der Rekurrent anlässlich der polizeilichen Befragung zum
Unfall vom 16. Mai 2007 den Umstand, dass er im Fahrzeugausweis die Änderung
seiner Adresse nicht hat nachführen lassen, mit "ganz anderen Sorgen". Er sei letztes
Jahr nach einem Suizidversuch im Spital gewesen. In diesen Zusammenhang taucht
zwangsläufig die Frage auf, inwieweit suizidale Handlungsimpulse unter Benutzung
eines Motorfahrzeugs ausgelebt werden könnten (vgl. Madea/Musshoff/Berghaus,
Verkehrsmedizin, Köln 2007, S. 413). Früheres suizidales Verhalten kann zu
fortlaufender Lebensmüdigkeit disponieren, so dass sich gehäuft "unklare Autounfälle"
finden, welche die Frage nach einem Autosuizid aufwerfen (vgl. V. Faust, Psychiatrie
heute, Suizid und Suizidversuch, publiziert auf www.psychosoziale_gesundheit.net,
aufgesucht am 26. Februar 2009). Das Ausmass der Geschwindigkeitsüberschreitung
deutet darauf hin, dass der Rekurrent bereit ist, im Verkehr erhebliche Risiken für sein
eigenes Leben und seine eigene Gesundheit einzugehen und dabei die Interessen
anderer Verkehrsteilnehmer aus dem Auge zu verlieren droht.
Insgesamt hinterlässt das Verhalten des Rekurrenten am Abend des 27. Juni 2008
zusammen mit seiner Vorgeschichte den Eindruck eines Mangels an
Verantwortungsbewusstsein im Strassenverkehr, welcher dessen Eignung zum Führen
von Motorfahrzeugen, sei es aus charakterlichen, sei es aus medizinischen Gründen,
ernsthaft bezweifeln lässt. Die Vorinstanz hätte dementsprechend vorab die
Fahreignung des Rekurrenten abklären müssen. Dementsprechend ist die
angefochtene Verfügung vom 19. August 2008 aufzuheben und die Angelegenheit in
Anwendung von Art. 56 Abs. 2 VRP zur Abklärung der Fahreignung und zum neuen
Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen. Unter diesen Umständen erübrigt es sich,
den Rekursantrag, die Dauer des Führerausweisentzugs sei auf sechs bis acht Monate
herabzusetzen, zu behandeln.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Verwaltungsrekurskommission, 26.02.2009 Art. 16 Abs. 1, Art. 16d Abs. 1 lit. c SVG (SR 741.01), Art. 9 Abs. 1 VZV (SR 741.51). Eine Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit ausserorts um wesentlich mehr als 100 Prozent und Hinweise auf einen Mangel an Verantwortungsbewusstsein im Strassenverkehr lassen Zweifel an der Fahreignung aufkommen, weshalb ein verkehrspsychologisches oder psychiatrisches Gutachten einzuholen ist (Verwaltungsrekurskommission, Abteilung IV, 26. Februar 2009, IV-2008/127).
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