Decision ID: 4ae42b11-e769-4a68-bf4c-66e4f97e8bfc
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Anklagekammer, 12.04.2017 Art. 307 Abs. 4 StPO (SR 312.0). Verzicht auf Berichterstattung an die Staatsanwaltschaft nach Anzeigeerstattung bei der Polizei. Der Beschwerdeführer reichte bei der Polizei eine Strafanzeige "wegen Kindesentführung" ein, welche die Anforderungen an eine hinreichende Substantiierung offensichtlich nicht erfüllte. Die Schilderung in der Anzeige deutete zudem von Beginn weg auf eine besuchs- bzw. kontaktrechtliche, d.h. rein zivilrechtliche, Streitigkeit hin. Dieser Eindruck verstärkte sich in der Folge durch von der Polizei vorgenommene Abklärungen. Darüber hinaus vereitelte der Beschwerdeführer selber die (unbestrittenermassen) von der Polizei vorgenommenen Bemühungen zur Klärung der Sachverhalts, indem er die vereinbarten bzw. vorgeschlagenen Besprechungstermine ohne nachvollziehbare Gründe nicht wahrnahm und auch keine zusätzlichen Unterlagen einreichte. In dieser Situation durfte die Polizei i.S.v. Art. 307 Abs. 4 StPO von einer Berichterstattung an die Staatsanwaltschaft absehen, zumal angesichts des angezeigten Sachverhalts und der Aktenlage offensichtlich nur der Erlass einer Nichtanhandnahmeverfügung infrage gekommen wäre und weder Zwangsmassnahmen noch andere formalisierte Ermittlungshandlungen durchgeführt worden waren (Anklagekammer, 12. April 2017, AK.2017.49).Das Bundesgericht wies eine gegen diesen Entscheid erhobene Beschwerde mit Urteil vom 20. September 2017 ab, soweit es darauf eintrat (BGer 1B_237/2017 neues Fenster).

Aus den Erwägungen:
II. 3.a) Die Polizei stellt im Ermittlungsverfahren auf der Grundlage von Anzeigen,
Anweisungen der Staatsanwaltschaft oder eigenen Feststellungen den für eine Straftat
relevanten Sachverhalt fest (Art. 306 Abs. 1 StPO). Ihre Feststellungen und die von ihr
getroffenen Massnahmen hält die Polizei laufend in schriftlichen Berichten fest und
übermittelt diese nach Abschluss ihrer Ermittlungen zusammen mit den Anzeigen,
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Protokollen, weiteren Akten sowie sichergestellten Gegenständen und
Vermögenswerten umgehend der Staatsanwaltschaft (Art. 307 Abs. 3 StPO).
b) Gemäss Art. 307 Abs. 4 StPO kann die Polizei von der Berichterstattung an
die Staatsanwaltschaft absehen, wenn zu weiteren Verfahrensschritten der
Staatsanwaltschaft offensichtlich kein Anlass besteht (lit. a) und keine
Zwangsmassnahmen oder andere formalisierte Ermittlungshandlungen durchgeführt
worden sind (lit. b). Unter diese Bestimmung sind Sachverhalte zu subsumieren, bei
denen feststeht, dass eine Orientierung der Staatsanwaltschaft lediglich zum Erlass
einer Nichtanhandnahme (Art. 310 StPO) oder einer Sistierung (Art. 314 StPO) führen
muss. Ist von Beginn an ersichtlich, dass dem infrage stehenden Sachverhalt
offensichtlich keine strafrechtlich relevante Bedeutung zukommt (z.B. weil das
Verhalten bloss zivilrechtliche Relevanz hat), braucht keine Meldung an die
Staatsanwaltschaft zu erfolgen. Ebenso besteht keine Rapportierungspflicht, wenn sich
der Anfangsverdacht im Laufe der polizeilichen Ermittlungen nicht bestätigt hat und
keine formalisierten Ermittlungshandlungen gegen eine bestimmte Person
vorgenommen wurden. Die Polizei braucht in diesen Fällen keine weiteren Erhebungen
vorzunehmen und kann von einer Rapportierung an die Staatsanwaltschaft absehen,
wenn der Deliktsverdacht durch die Ermittlungen eindeutig entkräftet ist. Auch bei
einem Verzicht auf die Berichterstattung an die Staatsanwaltschaft hat die Polizei
jedoch die entsprechenden Vorgänge hinreichend zu dokumentieren (Landshut/
Bosshard in: Donatsch/Hansjakob/Lieber, StPO Komm., Art. 307 N 39, 40 f.; Schmid,
StPO Praxiskommentar, Art. 307 N 8 f.; BSK StPO – Rüegger, Art. 307 N 14).
4. Das Kommando der Kantonspolizei St. Gallen legt in seiner Stellungnahme
dar, der Beschwerdeführer sei nach Eingang der Strafanzeige am 25. Januar 2016 von
einem polizeilichen Sachbearbeiter telefonisch kontaktiert worden. Dabei sei ein
Besprechungstermin auf den folgenden Tag vereinbart worden und der
Beschwerdeführer habe die Aufforderung erhalten, zu diesem Termin alle im
Zusammenhang mit der Strafanzeige relevanten Unterlagen mitzunehmen. Am
26. Januar 2016 habe der Beschwerdeführer den Besprechungstermin sodann
kurzfristig per Telefon abgesagt und mitgeteilt, dass er nur bei der Polizei erscheinen
würde, wenn er dazu schriftlich vorgeladen werde. Diesem Anliegen sei nicht
entsprochen worden, weshalb das Telefongespräch ohne Einigung beendet worden
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sei. Nach Eingang der "Mahnung" vom 29. Februar 2016 habe der polizeiliche
Sachbearbeiter am 3. März 2016 wiederum telefonischen Kontakt mit dem
Beschwerdeführer aufgenommen. Da der Beschwerdeführer weiterhin beharrlich auf
eine schriftliche Vorladung durch die Polizei bestanden habe, sei das Gespräch wieder
ohne Einigung beendet worden. Im Anschluss an dieses Gespräch habe der
polizeiliche Sachbearbeiter weitere Abklärungen bei diversen Amtsstellen durchgeführt,
wobei unter anderem die Vaterschaft des Beschwerdeführers habe bestätigt werden
können. Weiter habe in Erfahrung gebracht werden können, dass die Kindsmutter in
Deutschland gerichtliche Massnahmen gegen den Beschwerdeführer erwirkt habe. Am
4. März 2016 habe sodann die Kindsmutter (X.) am Telefon angegeben, dass das
gemeinsame Sorgerecht beim Amtsgericht [Ort] per 18. August 2015 in ein alleiniges
Sorgerecht zu ihren Gunsten umgewandelt worden sei und dem polizeilichen
Sachbearbeiter per E-Mail zwei Gerichtsbeschlüsse des Amtsgerichts [Ort] zugestellt.
Gestützt auf diese Erkenntnisse sei davon ausgegangen worden, dass keine
Kindesentführung vorliege.
5. Vorliegend erstattete der Beschwerdeführer bei der Polizei Strafanzeige. Als
Anzeiger oblag es dabei ihm, einen sachlich, örtlich, zeitlich und inhaltlich hinreichend
substantiierten Sachverhalt vorzutragen und diesen, soweit möglich, zu belegen (vgl.
GVP 2012 Nr. 68 und BGer. 1B_316/2012 E. 2.2.3). Diesen Anforderungen an eine
hinreichende Substantiierung genügte die Strafanzeige vom 25. Januar 2016
offensichtlich nicht. Vielmehr ging daraus lediglich hervor, dass der Beschwerdeführer
bereits seit über einem Jahr keinen persönlichen Kontakt mehr mit seinem – bei der
Mutter in Deutschland lebenden – Sohn gehabt haben soll. Die Schilderung in der
Anzeige deutete damit von Beginn weg auf eine besuchs- bzw. kontaktrechtliche, d.h.
rein zivilrechtliche, Streitigkeit zwischen den Eltern des Kindes hin. Dieser Eindruck
verstärkte sich in der Folge durch die gemäss Stellungnahme des Kommandos der
Kantonspolizei erfolgte Kontaktaufnahme mit der Kindsmutter und der von dieser
offenbar zugestellten deutschen Gerichtsbeschlüsse. Hinzu kommt, dass der
Beschwerdeführer die (unbestrittenermassen) von der Polizei vorgenommenen
Bemühungen zur Klärung der Sachverhalts selbst vereitelte, indem er die vereinbarten
bzw. vorgeschlagenen Besprechungstermine ohne nachvollziehbare Gründe nicht
wahrnahm und auch keine zusätzlichen Unterlagen einreichte. Somit hat nicht die
Polizei, sondern allein der Beschwerdeführer selbst zu verantworten, dass seine
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Strafanzeige weitgehend unsubstantiiert blieb. Entsprechend durfte die Kantonspolizei
St. Gallen in dieser Situation i.S.v. Art. 307 Abs. 4 StPO von einer Berichterstattung an
die Staatsanwaltschaft absehen, zumal angesichts des angezeigten Sachverhalts und
der Aktenlage offensichtlich nur der Erlass einer Nichtanhandnahmeverfügung infrage
gekommen wäre und weder Zwangsmassnahmen noch andere formalisierte
Ermittlungshandlungen durchgeführt worden waren. Mit Blick auf die fehlende
Einreichung entsprechender Akten durch das Kommando der Kantonspolizei St. Gallen
bleibt jedoch darauf hinzuweisen, dass auch polizeiliche Vorgänge, die zu keiner
Berichterstattung an die Staatsanwaltschaft geführt haben, hinreichend zu
dokumentieren sind, damit auch solche Vorgänge im Bedarfsfall durchgehend belegt
werden können.
6. Insgesamt ergibt sich, dass vorliegend der Verzicht auf eine Rapportierung an
die Staatsanwaltschaft unter den gegebenen Umständen rechtmässig war und im
Vorgehen der Kantonspolizei St. Gallen somit keine Rechtsverweigerung oder
Rechtsverzögerung erkannt werden kann. Die Beschwerde ist demzufolge abzuweisen.
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2021-08-06T06:35:22+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen