Decision ID: 95475906-f2e2-4834-a7f1-6c8d9120144d
Year: 2009
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
J._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Kurt Gemperli, advokatur am brühl, Scheffel-
strasse 2, 9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
berufliche Massnahmen und Rente
Sachverhalt:
A.
A.a J._, geboren 1964, meldete sich am 31. Oktober 2005 zum Bezug von IV-
Leistungen an (Berufsberatung, Arbeitsvermittlung, eventuell Rente; act. G 4.1). Der
behandelnde Dr. med. A._, Facharzt FMH für Allgemeine Medizin, diagnostizierte im
Arztbericht vom 15. Dezember 2005 mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit der
Versicherten ein irritatives Karpaltunnelsyndrom links, eine radiale
Humerusepikondylopathie links, ein chronisches lumbovertebrales und
lumbospondylogenes Syndrom sowie rezidivierende depressive Episoden. Für ihre
angestammte Tätigkeit als Serviceangestellte bestehe seit dem 2. Mai 2005 eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit. Halbtags seien ihr körperlich leichte Tätigkeiten mit
Wechselbelastung zumutbar (act. G 4.14.5 ff.).
A.b Dr. med. B._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, welche die
Versicherte im Zeitraum vom 18. Februar bis 23. Juni 2004 vier Mal behandelte und am
1. Februar 2006 zur Berichterstattung an die IV-Stelle in die Sprechstunde aufgeboten
hat, gab am 3. Februar 2006 an, dass keine psychiatrischen Diagnosen mit Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit bestünden. Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
diagnostizierte sie eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) und eine
Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion (gegenwärtig leichte Episode;
ICD-10: F43.21). Die psychischen Leiden seien besserungsfähig. Aus psychiatrischer
Sicht bestehe keine Arbeitsunfähigkeit, wobei sie eine ergänzende medizinische
Abklärung für angezeigt erachtete (act. G 4.22).
A.c Am 6. September 2006 wurde die Versicherte in der ABI Aerztliches
Begutachtungsinstitut GmbH polydisziplinär (internistisch, rheumatologisch,
psychiatrisch) untersucht. Im Gutachten vom 31. Oktober 2006 stellten die Experten
folgende Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit: eine leichtgradige depressive
Episode (ICD-10: F33.0), ein chronisches lumbospondylogenes Schmerzsyndrom
(ICD-10: M54.4) bei leichter Wirbelsäulenfehlform sowie Chondrose L4/5 (Röntgen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
11/04), eine Epicondylopathia humeri radialis links (ICD-10: M77.0) und einen Verdacht
auf ein Karpaltunnelsyndrom links (ICD-10: G56.0). Ohne Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit bestünden eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10:
F45.4), eine Hypercholesterinämie (ICD-10: E78.0) und eine diabetogene
Stoffwechsellage (ICD-10: R73.0). Die Gutachter kamen zum Schluss, dass für
körperlich schwere Tätigkeiten mit starker Rückenbelastung und starker Belastung des
linken Arms eine bleibende volle Arbeitsunfähigkeit seit dem 2. Mai 2005 bestehe. Für
körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten und somit auch für die zuletzt
ausgeübte Tätigkeit als Serviceangestellte liege eine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit von 20% vor. Derartige Tätigkeiten seien ihr ganztägig zumutbar. Die
Prognose bezüglich einer Reintegration in den Arbeitsprozess sei aufgrund der
ausgeprägten subjektiven Krankheitsüberzeugung der Versicherten, wonach die zuletzt
ausgeübte Tätigkeit nicht mehr möglich sein soll, als sehr ungünstig zu bezeichnen
(act. G 4.31.1 ff.).
A.d Mangels subjektiver Eingliederungsfähigkeit schloss die IV-Stelle im Einverständnis
mit der Versicherten am 25. Juni 2007 die Eingliederungsberatung ab (act. G 4.49.2).
A.e Im Arztbericht vom 20. Juli 2007 gab Dr. A._ an, dass der Versicherten eine
körperlich leichte Tätigkeit, mit Wechsel zwischen Sitzen und Stehen sowie ohne
regelmässige Belastung der linken oberen Extremität insgesamt halbtags zumutbar sei.
In diesem zeitlichen Rahmen bestehe zusätzlich eine verminderte Leistungsfähigkeit
von 20% aufgrund der geringen psychischen Belastbarkeit. Mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit diagnostizierte er eine chronische Lumbago bei multisegmentaler
Discopathie "LW3K-S1", eine mittelgradige depressive Episode und eine
Zervikobrachialgie links (act. G 4.52).
A.f Der behandelnde Dr. med. C._, Facharzt FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie, berichtete am 14. November 2007, dass die Versicherte an einer
rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig leichte Episode mit somatischem
Syndrom (ICD-10: F33.01) und an einer Panikstörung (ICD-10: F41.0) auf dem
Hintergrund einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung (vom Borderline Typus;
ICD-10: F60.31) leide. Keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit habe die anhaltende
somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4). Seit dem 1. Mai 2005 sei die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherte in ihrer angestammten Tätigkeit als Serviceangestellte bis auf weiteres zu
100% arbeitsunfähig. Tätigkeiten ohne Kundenkontakt sowie ohne Anforderungen an
Konzentration und Eigeninitiative seien ihr 8 Stunden pro Tag zumutbar (act.
G 4.56.5 ff.).
A.g Die IV-Stelle teilte der Versicherten mit Schreiben vom 23. Januar 2008 mit, dass
die Arbeitsvermittlung abgeschlossen werde. Zur Begründung wies sie auf die
Besprechung vom 25. Juni 2007 und die damals angegebene subjektive
Eingliederungsunfähigkeit hin (act. G 4.63). Im Vorbescheid vom 24. Januar 2008 stellte
sie ihr in Aussicht, einen Rentenanspruch abzulehnen (act. G 4.65).
B.
B.a Zu diesen beiden Schreiben der IV-Stelle nahm die Versicherte am 12. März 2008
Stellung. Sie beantragte, es seien ihr die gesetzlichen Leistungen, insbesondere
Arbeitsvermittlung und eine Invalidenrente, zu gewähren (act. G 4.73).
B.b Die IV-Stelle teilte der Versicherten am 22. Juli 2008 mit, dass nach ihrer
Stellungnahme vom 12. März 2008 erneut ein Auftrag an die Eingliederungsberatung
ergangen sei. Mit Schreiben vom 3. Juni 2008 hätte sie (die Versicherte) angegeben,
dass ein 80%iges Arbeitspensum nicht realistisch sei. Da indessen weiterhin von einer
80%igen Arbeitsfähigkeit als Serviceangestellte ausgegangen werden könne, werde
die Arbeitsvermittlung abgeschlossen (act. G 4.83). Mit Verfügung vom 22. Juli 2008
lehnte die IV-Stelle bei einem ermittelten Invaliditätsgrad von 20% einen Anspruch auf
Rentenleistungen ab (act. G 4.84).
C.
C.a Dagegen richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 15. September 2008. Die
Beschwerdeführerin beantragt darin unter Kosten- und Entschädigungsfolgen, "die
Verfügungen" vom 22. Juli 2008 seien aufzuheben, und es seien ihr die gesetzlichen
Leistungen, namentlich berufliche Massnahmen im Rahmen der verbliebenen
Arbeitsfähigkeit sowie eine Invalidenrente, zuzusprechen. Zur Begründung bringt sie
vor, dass sie willens sei, alle zumutbaren Anstrengungen für eine mindestens teilweise
Wiedereingliederung zu unternehmen. Die Beschwerdegegnerin unterstelle ihr eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit, deren Realisierung sie krass überfordere. Deswegen sei es zu keinen
Eingliederungsmassnahmen seitens der Beschwerdegegnerin gekommen. Sie habe
sich selbst um Arbeit bemüht; die in Aussicht genommene Tätigkeit im Laden habe
sich jedoch als schwer und deshalb nicht geeignet erwiesen.
Eingliederungsmassnahmen sollten stattfinden, allerdings auf einem angemessenen
Niveau, das sie nicht erneut überfordere. Das ABI-Gutachten vom 31. Oktober 2006 sei
nicht beweistauglich. Es stütze sich auf veraltete Röntgenbilder vom 22. November
2004. Nur einen Monat nach den Untersuchungen in der ABI (6. September 2006) seien
im Kantonsspital St. Gallen (KSSG) neue Röntgenbilder und ein MRT angefertigt
worden. Die zugehörigen Berichte vom 11. und 13. Oktober 2006 würden die
Feststellungen des ABI-Rheumatologen als veraltet erscheinen lassen. Der Regionale
Ärztliche Dienst (RAD) halte in der Stellungnahme vom 23. April 2008 zu Unrecht fest,
dass sich den KSSG-Berichten keine relevante neuen Diagnosen entnehmen liessen.
Indessen ergebe sich daraus, dass die Degeneration viel weiter fortgeschritten sei, als
von der ABI aufgrund veralteter radiologischer Grundlagen festgestellt worden sei.
Auch der psychische Gesundheitszustand sei im Verwaltungsverfahren unzutreffend
erfasst worden. Der Beschwerdeeingabe legt die Beschwerdeführerin einen Bericht von
Dr. C._ vom 9. September 2008 bei (act. G 1.4). Diesem könne entnommen werden,
dass für Tätigkeiten ohne zu hohe Anforderungen an Kundenkontakte, Konzentration
und Eigeninitiative eine 50%ige Arbeitsfähigkeit bestehe. Dieser Einschätzung sei zu
folgen oder andernfalls eine neue Begutachtung zu veranlassen (act. G 1).
C.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 1. Dezember
2008 die Beschwerdeabweisung. Sie stellt sich im Wesentlichen auf den Standpunkt,
dass das ABI-Gutachten und deren Beurteilung der Arbeitsfähigkeit beweistauglich
seien. Die Einschätzungen der behandelnden Ärzte vermöchten daran nichts zu
ändern. Eine relevante Verschlechterung des Gesundheitszustandes seit der ABI-
Begutachtung sei nicht auszumachen. Berufliche Massnahmen seien nicht angezeigt.
Die Beschwerdeführerin wolle lediglich an Eingliederungsmassnahmen teilnehmen, die
auf einem angemessenen Niveau stattfänden und sie nicht überfordern würden.
Auszugehen sei indes von einer 80%igen Arbeitsfähigkeit. Dafür fühle sich die
Beschwerdeführerin jedoch nicht arbeitsfähig (act. G 4).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.c Innert erstreckter Frist reicht die Beschwerdeführerin am 8. Mai 2009 die Replik
ein. Sie bestreitet, dass seit der ABI-Begutachtung keine Verschlechterung eingetreten
sei und dass das Gutachten beweistauglich sei. Gestützt auf die Einschätzung von
Dr. C._ sei von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen. Auf dieser Basis hätten
geeignete Eingliederungsmassnahmen stattzufinden. An solchen
Eingliederungsmassnahmen werde sie mit bester Motivation mitwirken (act. G 13).
C.d Die Beschwerdegegnerin hat auf die Einreichung einer begründeten Duplik
verzichtet (act. G 15).

Erwägungen:
1.
Die Beschwerdeführerin beantragt nebst der Ausrichtung von Rentenleistungen auch
die Gewährung von beruflichen Massnahmen.
1.1 Im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren sind grundsätzlich
Rechtsverhältnisse zu überprüfen bzw. zu beurteilen, zu denen die zuständige
Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich - in Form einer Verfügung - Stellung
genommen hat. Insoweit bestimmt die Verfügung bzw. der Einspracheentscheid den
beschwerdeweise weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Umgekehrt fehlt es an
einem Anfechtungsgegenstand und somit an einer Sachurteilsvoraussetzung, wenn
und insoweit keine Verfügung bzw. kein Einspracheentscheid ergangen ist (BGE 131 V
164 E. 2.1; 125 V 413 E. 1a S. 414).
1.2 Was den Anspruch auf berufliche Massnahmen anbelangt, so ist festzustellen, dass
dieser nicht Gegenstand der Verfügung vom 22. Juli 2008 (act. G 4.84) bildete. Im
Hinblick darauf, dass darin ein nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad von 20%
ermittelt wurde, ist die Frage betreffend berufliche Massnahmen auch nicht
notwendigerweise deren Gegenstand. Die Beschwerdegegnerin äusserte sich lediglich
in der Mitteilung vom 22. Juli 2008 zu Eingliederungsmassnahmen und erklärte darin
die Arbeitsvermittlung für abgeschlossen. Aus der Mitteilung geht unmissverständlich
hervor, dass auf schriftlich kurz begründetes Gesuch hin eine beschwerdefähige
Verfügung bei der Beschwerdegegnerin verlangt werden kann (act. G 4.83). Ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entsprechendes Gesuch um Erlass einer Verfügung befindet sich nicht in den Akten.
Vielmehr erhob der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin unmittelbar gegen die
Mitteilung vom 22. Juli 2008 Beschwerde. Aus der Beschwerde vom 15. September
2008 geht hervor, dass er irrtümlich davon ausgegangen ist, die Mitteilung vom 22. Juli
2008 stelle eine beschwerdefähige Verfügung dar (act. G 1, S. 2). Unter diesen
Umständen ist der Anspruch auf berufliche Massnahmen, namentlich auf
Arbeitsvermittlung, nicht Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Verfahrens,
weshalb darauf nicht einzutreten ist.
2.
Zu prüfen bleibt damit der Rentenanspruch der Beschwerdeführerin.
2.1 Am 1. Januar 2008 sind die im Zug der 5. IV-Revision revidierten Bestimmungen
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20), der Verordnung
über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in Kraft getreten. In
materiellrechtlicher Hinsicht gilt jedoch der allgemeine übergangsrechtliche Grundsatz,
dass der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen sind, die bei Erlass des
angefochtenen Entscheids beziehungsweise im Zeitpunkt gegolten haben, als sich der
zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklicht hat (vgl. BGE 127 V
467 E. 1, 126 V 136 E. 4b, je mit Hinweisen). Die angefochtene Verfügung ist am
22. Juli 2008 ergangen, wobei ein Sachverhalt zu beurteilen ist, der vor dem
Inkrafttreten der revidierten Bestimmungen der 5. IV-Revision am 1. Januar 2008
begonnen hat. Daher und aufgrund dessen, dass der Rechtsstreit eine Dauerleistung
betrifft, über die noch nicht rechtskräftig verfügt wurde, ist entsprechend den
allgemeinen intertemporalrechtlichen Regeln für die Zeit bis 31. Dezember 2007 auf die
damals geltenden Bestimmungen und ab diesem Zeitpunkt auf die neuen Normen der
5. IV-Revision abzustellen (vgl. zur 4. IV-Revision: BGE 130 V 445 ff.; Urteil des
Bundesgerichts vom 7. Juni 2006, I 428/04, E. 1). Diese übergangsrechtliche Lage
zeitigt indessen keine materiellrechtlichen Folgen, da die 5. IV-Revision hinsichtlich des
Begriffs und der Bemessung der Invalidität keine substantiellen Änderungen gegenüber
der bis Ende 2007 gültig gewesenen Rechtslage gebracht hat. Nachfolgend werden die
seit 1. Januar 2008 gültigen Bestimmungen des ATSG und IVG wiedergegeben.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.2 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 ATSG). Erwerbsunfähigkeit
ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG). Der Grad der für einen allfälligen
Rentenanspruch massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16 ATSG durch einen
Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die versicherte Person
nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der notwendigen und
zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen
könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Einkommen,
das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70%, auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von
mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-Grad
von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
2.3 Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und
demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine zuverlässige Beurteilung
des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Die Rechtsprechung hat es mit dem
Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte
Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung
aufzustellen (BGE 125 V 351 E. 3b). Das im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
eingeholte Gutachten von externen Spezialärzten, die aufgrund eingehender
Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht
erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
besitzt bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft, solange nicht konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb).
3.
Zu prüfen ist vorab, ob die medizinische Aktenlage eine rechtsgenügliche Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin erlaubt.
3.1 In medizinischer Sicht stützte sich die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen
Verfügung vom 22. Juli 2008 (act. G 4.84) auf das ABI-Gutachten vom 31. Oktober
2006 (act. G 4.31). Die Beschwerdeführerin erachtet dieses für nicht beweistauglich.
3.2 Vorab bringt sie gegen das ABI-Gutachten vor, die Experten hätten sich auf
veraltete Röntgenbilder vom 22. November 2004 gestützt. Aus den vom KSSG am
11. Oktober 2006 erstellten Röntgenbildern gehe eine multisegmentale Discopathie
LW3/4, 4/5 und 5/S1 hervor. Die Degeneration sei viel weiter fortgeschritten als von der
ABI aufgrund veralteter radiologischer Grundlagen festgestellt worden sei (act. G 1,
S. 3 f.).
3.2.1 Die konventionelle Röntgenaufnahme gilt als Standarduntersuchung. In der Regel
werden Untersuchungen der zur Diskussion stehenden Regionen wiederholt, falls die
zur Verfügung stehenden Bilder älter als 6 Monate sind. Bei stabilem Beschwerdebild
und (gemäss Akten) unverändertem klinischen Befund reichen auch ältere
konventionelle Aufnahmen aus (Leitlinien der Schweizerischen Gesellschaft für
Rheumatologie für die Begutachtung rheumatologischer Krankheiten und Unfallfolgen,
in Schweizerische Ärztezeitung 2007; 88: 17).
3.2.2 Der rheumatologische ABI-Gutachter stellte die Diagnose eines chronischen
lumbospondylogenen Schmerzsyndroms (ICD-10: M54.4) bei leichter
Wirbelsäulenfehlform sowie bei Chondrose L4/5, eine Epicondylopathia humeri radialis
links (ICD-10: M77.0) und einen Verdacht auf Karpaltunnelsyndrom links (ICD-10:
G56.0; act. G 4.31.13). Das Vorgehen des rheumatologischen ABI-Gutachters, seine
Beurteilung auf die im Zeitpunkt der Begutachtung vom 6. September 2006 beinahe
zwei Jahre zurückliegenden Röntgenaufnahmen zu stützen, wirft in der Tat Fragen auf.
Dies umso mehr, als er in deren Würdigung "weitere pathologische Veränderungen" im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Begutachtungszeitpunkt für "nicht nachweisbar" hielt und nicht begründete, weshalb er
auf die Anfertigung aktueller Röntgenbilder verzichtete. Allerdings vermag dieser
Umstand im vorliegenden Fall die gutachterliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht
erheblich zu erschüttern. Wie aus dem neurochirurgischen Bericht des KSSG vom
13. Oktober 2006 hervorgeht, wurde zwar aufgrund aktueller Röntgenaufnahmen vom
11. Oktober 2006 eine multisegmentale Discopathie LW3/4, 4/5 und 5/S1 festgestellt.
Die Ärzte des KSSG verneinten aber das Bestehen einer Nervenwurzelkompression
und einer Instabilität. Die Lendenlordose beschrieben sie als normal; sie empfahlen zur
Behandlung keine operativen Massnahmen, sondern einzig Physiotherapie wie der
ABI-Gutachter (act. G 4.29.4). Eine degenerierte Bandscheibe an sich verursacht keine
Schmerzen. Schmerzhaft sind vielmehr die dadurch entstehenden Komplikationen:
Instabilität, Kompression von Nerven und mechanische Störungen im Wirbelgefüge
(Alfred M. Debrunner, Orthopädie, Orthopädische Chirurgie, 4. , vollständig neu
bearbeitete Auflage 2002, S. 852). Vor diesem Hintergrund ist mit der RAD-Ärztin
Dr. med. E._, Fachärztin FMH für Arbeitsmedizin, im vorliegend zu beurteilenden Fall
davon auszugehen, dass mangels ausgewiesener Instabilität, Nervenkompression und
mechanischer Störungen im Wirbelgefüge die von den Neurochirurgen des KSSG
festgestellte - den ABI-Gutachtern nicht bekannte - Ausweitung des
Bandscheibenschadens nicht mit einer zusätzlichen invalidisierenden Wirkung
verbunden ist (vgl. die RAD-Stellungnahme vom 23. April 2008 in act. G 4.77). Auch der
behandelnde Dr. A._ hat der Ausweitung des Bandscheibenschadens keine relevante
invalidisierende Wirkung beigemessen. So gab er im Bericht vom 20. Juli 2007 (act.
G 4.52.4) wie bereits zuvor im Bericht vom 15. Dezember 2005 (act. G 4.14.8) an, dass
der Beschwerdeführerin körperlich leichte Tätigkeiten mit Wechselbelastung halbtags
zumutbar seien. Zwar bescheinigte er im Vergleich zum Bericht vom 15. Dezember
2005 neu zusätzlich eine verminderte Leistungsfähigkeit um 20%. Diese begründete er
jedoch ausschliesslich mit der geringeren psychischen Belastbarkeit (act. G 4.52.4).
3.2.3 Nach dem Gesagten ist davon auszugehen, dass die aufgrund der neuen
Röntgenbilder vom 11. Oktober 2006 ausgewiesene Erweiterung des
Bandscheibenschadens die in einer leidensadaptierten Tätigkeit bestehende
Arbeitsfähigkeit nicht weiter beeinträchtigt hat, mithin die Beurteilung des
rheumatologischen ABI-Gutachters schliesslich nicht zu erschüttern vermag.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.3 Gegen das ABI-Gutachten bringt die Beschwerdeführerin weiter vor, dass dessen
Beurteilung ihres psychischen Beschwerdebildes unzutreffend sei (act. G 1, S. 4).
3.3.1 Der psychiatrische ABI-Gutachter diagnostizierte mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit eine leichtgradige depressive Episode (ICD-10: F33.0) und ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung
(ICD-10: F45.4). Er gelangte zur Auffassung, dass der Beschwerdeführerin aus
psychiatrischer Sicht zugemutet werde könne, zu 80% einer ihren körperlichen
Einschränkungen angepassten Tätigkeit nachzugehen (act. G 4.31.9 ff.). Die
Beschwerdeführerin benennt weder gegen die Gutachtenserstellung noch gegen das
psychiatrische Gutachten konkrete Mängel. Sie hält das psychiatrische ABI-Gutachten
einzig gestützt auf die Beurteilungen der behandelnden Dres. A._ und C._ für
unzutreffend (vgl. act. G 1, S. 4 f.).
3.3.2 Soweit sich die Beschwerdeführerin bei ihrer Kritik am psychiatrischen
Teilgutachten auf den Bericht von Dr. A._ vom 20. Juli 2007 stützt (act. G 4.52.1 ff.),
ist anzumerken, dass sich dieser nicht mit der Einschätzung des psychiatrischen
Gutachters auseinandersetzt und nicht aufzeigt, weshalb dessen Beurteilung
unzutreffend ist. Weiter sind seine Ausführungen zum psychischen Beschwerdebild
äusserst knapp begründet. Unter diesen Umständen und mit Blick auf dessen fehlende
fachpsychiatrische Ausbildung (zur Bedeutung einer fachärztlichen Qualifikation vgl.
etwa Urteil des Bundesgerichts vom 29. Mai 2009, 9C_53/2009, E. 4.2) vermag die
Einschätzung von Dr. A._ das psychiatrische ABI-Gutachten nicht in Zweifel zu
ziehen.
3.3.3 Dr. C._ diagnostizierte im Bericht vom 14. November 2007 mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte
Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F33.01) und eine Panikstörung (ICD-10:
F41.0) auf dem Hintergrund einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom
Borderline Typus (ICD-10: F60.31). Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bestehe
eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4). Er gab an, dass die
psychischen Beschwerden besserungsfähig seien und kam zum Schluss, dass der
Beschwerdeführerin Tätigkeiten ohne Kundenkontakt sowie ohne Anforderungen an
Konzentration und Eigeninitiative täglich 8 Stunden pro Tag ohne verminderte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Leistungsfähigkeit zumutbar seien (act. G 4.56.5 ff.). Folglich schätzte er die der
Beschwerdeführerin verbliebene Restarbeitsfähigkeit optimistischer als der
psychiatrische ABI-Gutachter ein, der von einer psychisch bedingten 20%igen
Arbeitsunfähigkeit in leidensadaptierten Tätigkeiten ausging (act. G 4.31.10). Damit ist
die Stellungnahme von Dr. C._ vom 14. November 2007 aber nicht geeignet, am
psychiatrischen ABI-Teilgutachten Zweifel hervorzurufen. Ihr kann im Vergleich zur ABI-
Begutachtung auch keine gesundheitliche Verschlechterung entnommen werden.
3.3.4 Was die Stellungnahme von Dr. C._ vom 9. September 2008 anbelangt, so
attestierte dieser der Beschwerdeführerin darin lediglich noch eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit für leidensadaptierte Tätigkeiten. Angesichts dessen, dass er im
Vergleich zur Beurteilung vom 14. November 2007 die gleichlautenden Diagnosen und
Befunde erhob, ist die erheblich geringere Einschätzung der Arbeitsfähigkeit mit der
RAD-Ärztin Dr. D._, Fachärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie (vgl. die
RAD-Stellungnahme vom 23. Oktober 2008 in act. G 4.91.2), als nicht nachvollziehbar
zu bezeichnen. Dies umso weniger, als er die Abweichung zur früheren Stellungnahme
nicht begründet und im Bericht vom 9. September 2008 sogar davon spricht, dass sich
der Zustand der Beschwerdeführerin seither gebessert habe (act. G 1.4, S. 2).
3.4 Insgesamt vermögen die Einschätzungen der behandelnden Dres. A._ und C._
den Beweiswert des ABI-Gutachtens nicht zu erschüttern. Mit Blick darauf, dass das
polydisziplinäre ABI-Gutachten - abgesehen von der Vornahme aktueller Röntgenbilder
(vgl. hierzu vorstehende E. 3.2.2) - auf umfassenden Untersuchungen beruht, in
Würdigung der Vorakten und in Auseinandersetzung mit den abweichenden ärztlichen
Stellungnahmen sowie unter Berücksichtigung des vollständigen Beschwerdebildes
erfolgte, ist mit der Beschwerdegegnerin gestützt darauf davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin für leidensadaptierte Tätigkeiten über eine Restarbeitsfähigkeit von
80% verfügt.
4.
Ausgehend von einer Restarbeitsfähigkeit von 80% bleiben noch die erwerblichen
Auswirkungen der Leistungsbeeinträchtigung zu prüfen. Die Beschwerdegegnerin
ermittelte sowohl das Validen- wie auch das Invalideneinkommen gestützt auf die LSE-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Durch-schnittslöhne (vgl. act. G 4.62). Dieses Vorgehen wird von der
Beschwerdeführerin nicht bestritten und es ergeben sich auch aus den Akten keine
Anhaltspunkte, die gegen das Heranziehen der Durchschnittslöhne sprechen würden.
Demnach ist einem Valideneinkommen von Fr. 48'036.-- ein Invalideneinkommen von
Fr. 38'428.-- (Fr. 48'036.-- x 0.8) gegenüberzustellen. Daraus resultiert eine
Erwerbseinbusse von Fr. 9'608.-- bzw. ein Invaliditätsgrad von 20%
([Fr. 9'608.-- / Fr. 48'036] x 100). Die Beschwerdegegnerin nahm keinen zusätzlichen
Abzugs vom Invalideneinkommen (sogenannter Leidensabzug; vgl. hierzu BGE 134
V 327 f. E. 5.2) vor. Die Beschwerdeführerin machte keinen Leidensabzug geltend. Ob
und in welchem Umfang ein Leidensabzug vorzunehmen ist, kann indessen vorliegend
offen bleiben. Denn vorliegend käme höchstens ein Leidensabzug von 10 bis 15% in
Frage. Selbst die Vornahme eines 15%igen Leidensabzuges würde indessen lediglich
zu einer Erwerbseinbusse von Fr. 15'372.-- (Fr. 48'036.-- - [Fr. 38'428.-- x 0.85]) bzw.
zu einem nicht rentenbegründenden Invaliditätsgrad von 32%
([Fr. 15'372.-- / Fr. 48'036.--] x 100) führen.
5.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf
einzutreten ist. Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach
dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem
Ausgang des Verfahrens entsprechend sind sie vollumfänglich der Beschwerdeführerin
aufzuerlegen. Der von ihr geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist daran
anzurechnen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens hat die Beschwerdeführerin
keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG