Decision ID: f5416810-534f-5368-b469-6ba1e268dc1a
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 28. November 2020 suchte der Beschwerdeführer in der Schweiz um
Asyl nach und gab unter Einreichung einer afghanischen Identitätskarte
(Taskera) in Kopie an, am 1. Januar 2006 geboren und damit noch minder-
jährig zu sein.
B.
Er wurde dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region Nordwestschweiz zu-
gewiesen. Am 28. Dezember 2020 fand die Erstbefragung eines minder-
jährigen unbegleiteten Asylsuchenden (UMA EB) – in dessen Verlauf das
Geburtsdatum des Beschwerdeführers anhand der Taskera auf den
21. März 2006 geändert wurde – und am 26. Januar 2021 die Anhörung
statt.
C.
Zur Begründung seines Asylgesuches machte der – nach eigenen Anga-
ben aus dem Dorf B._ (Distrikt C._, Provinz D._)
stammende – Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, vor mehreren
Jahren sei sein Vater von den Taliban getötet und sein Bruder E._
in der Folge zu dessen Schutz ins Ausland geschickt worden (beziehungs-
weise sei sein Vater nach dem Wegzug von E._ getötet worden).
Sein Onkel mütterlicherseits habe mit den Amerikanern kooperiert und sei
deshalb von den Taliban gesucht worden. Im Sommer 2020 hätten Ange-
hörige der Taliban von ihm und seinen beiden Brüdern verlangt, sich ihnen
anzuschliessen. Der Mullah habe mit den Taliban aber vereinbart, dass der
Beschwerdeführer und seine Brüder noch das dreitägige Opferfest bei ihrer
Mutter verbringen dürften. Er habe dafür gebürgt, dass sie sich drei Tage
nach dem Fest den Taliban anschliessen würden, worauf sich diese ent-
fernt hätten. Aus Furcht vor der angekündigten Zwangsrekrutierung seien
er und seine Brüder am nächsten Tag ausgereist. Auf der Flucht in die
Schweiz habe er seine Brüder aus den Augen verloren und sei alleine wei-
tergereist.
D.
Der Entscheidentwurf vom 2. Februar 2021 wurde der Rechtsvertretung
gleichentags zur Stellungnahme übereicht, welche am 3. Februar 2021 er-
folgte.
E.
Mit gleichentags eröffnetem Entscheid vom 4. Februar 2021 wies das SEM
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das Asylgesuch des Beschwerdeführers vom 28. November 2020 ab und
ordnete dessen Wegweisung an, erachtete indessen den Vollzug der Weg-
weisung als nicht zumutbar und nahm den Beschwerdeführer in der
Schweiz vorläufig auf.
F.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 8. März 2021 erhob der Be-
schwerdeführer gegen diesen Entscheid Beschwerde. Er beantragte die
Aufhebung der Ziffern 1-3 der angefochtenen Verfügung, die Anerkennung
der Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung. Eventualiter sei die Sa-
che zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht wurde die Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung inklusive Verzicht auf das Erheben eines Kostenvorschusses bean-
tragt.
G.
Am 9. März 2021 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang
der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
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angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters entschieden (Art. 111
Bst. e AsylG). Vorliegend handelt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt, um
eine solche, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu be-
gründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Auf die Durchführung eines Schriften-
wechsels wurde verzichtet (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM erachtete den geltend gemachten Zwangsrekrutierungsver-
such der Taliban sowohl als nicht asylrelevant (fehlende Gezieltheit der
Verfolgung) als auch nicht glaubhaft (teils widersprüchliche, teils nicht sub-
stantiierte Schilderung).
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Es führte aus, dass sich aus der Schilderung der Zwangsrekrutierung er-
gebe, dass diese die gesamte Bevölkerung in der Herkunftsregion des Be-
schwerdeführers betroffen habe. So habe der Beschwerdeführer angege-
ben, es seien immer wieder viele Männer mitgenommen worden. Dies sei
jedoch nicht nur in seinem Heimatdorf geschehen. Die Taliban seien von
Dorf zu Dorf gezogen, um Männer zu rekrutieren (vgl. 1082566-24/12; F37,
F50, F60). Den Angaben des Beschwerdeführers seien somit keine kon-
kreten Hinweise dafür zu entnehmen, die eine gezielte und intensive gegen
ihn persönlich gerichtete Verfolgung aus den in Art. 3 AsylG genannten
Gründen erkennen liessen. Daran vermöge auch die angebliche Ermor-
dung des Vaters, die Flucht des Bruders und die Tätigkeit des Onkels für
die Amerikaner etwas zu ändern, habe der Beschwerdeführer in diesem
Zusammenhang doch keinerlei persönlich Probleme geltend gemacht (vgl.
1082566-24/12; F47, F54).
Aufgrund der fehlenden Asylrelevanz könne grundsätzlich auf die Prüfung
der Glaubhaftigkeit verzichtet werden. Der Vollständigkeitshalber sei je-
doch anzumerken, dass die Schilderung der Vorbringen nicht nur wider-
sprüchlich, sondern auch repetitiv ausgefallen sei (vgl. 1082566-24/12;
F37-F41; F45-F49). Die Rechtsvertretung habe in ihrer Stellungnahme
vom 3. Februar 2021 geltend gemacht, dass der Beschwerdeführer nur
dank eines glücklichen Zufalls nicht gleich von den Taliban mitgenommen
worden sei. Die Taliban seien zwar unangekündigt, jedoch nicht unerwartet
erschienen. Die Rekrutierung von Kindern unter 15 Jahren stelle gemäss
dem BVGer-Urteil E-5072/18 vom 17. Dezember 2020 ein Kriegsverbre-
chen dar. Gestützt auf das genannte Urteil knüpfe die drohende Verfolgung
aufgrund des Alters, des Geschlechts und des Wohnorts an ein nicht ab-
änderbares Merkmal und somit an ein Verfolgungsmotiv im Sinne von Art. 3
AsylG an. Hierzu sei festzuhalten, dass es sich beim referenzierten Urteil
nicht um eine Zwangsrekrutierung durch Taliban, sondern um eine Auffor-
derung des Mullahs und des Dorfrates, gegen die Taliban zu kämpfen,
handle. Vorliegend habe die versuchte Zwangsrekrutierung durch die Tali-
ban den Zweck, die Reihen der Taliban zu stärken und nicht, den Be-
schwerdeführer in einer von Art. 3 AsylG geschützten Eigenschaft oder Ge-
sinnung zu treffen; seien wie im vorliegenden Fall alle jungen Männer der
Dörfer zum Beitritt aufgefordert, seien die Voraussetzungen von Art. 3
AsylG nicht gegeben (vgl. BVGer-Urteil D-3014/2018 vom 6. Februar 2020,
E-4984/2019 vom 14. Oktober 2019).
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5.2 In der Beschwerde wurde hinsichtlich der vom SEM bezweifelten
Glaubhaftigkeit der Vorbringen darauf hingewiesen, dass der Beschwerde-
führer minderjährig sei und deswegen an ihn weniger hohe Ansprüche ge-
stellt werden könnten. Hinzu komme eine vermutete PTBS (Posttraumati-
sche Belastungsstörung) aufgrund der wiederholten Trennungen und der
erlebten Misshandlung auf dem Reiseweg (Tod des Vaters, Trennung von
der Mutter und der Brüder, Hundebiss). Nichtsdestotrotz seien die Angaben
des Beschwerdeführers in den zentralen Punkten deckungsgleich ausge-
fallen. Ausserdem seien Realkennzeichen vorhanden.
Im Weiteren sei entgegen der Auffassung der Vorinstanz im vorliegenden
Fall ein Verfolgungsmotiv zu bejahen. In diesem Zusammenhang sei auf
das kürzlich ergangene Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-
5072/2018 vom 17. Dezember 2020 hinzuweisen, in dem die drohende
Zwangsrekrutierung durch quasistaatliche Machthaber (Aufforderung der
Dorfgemeinschaft, sich dem Kampf gegen die Taliban zur Verfügung zu
stellen) aufgrund der Minderjährigkeit des Gesuchstellers als eine nicht le-
gitime Einberufung zu einer militärischen Dienstleistung qualifiziert worden
sei. Im genannten Urteil sei festgehalten worden, dass die Zwangsrekru-
tierung des Gesuchstellers aufgrund seines Alters, seines Geschlechts und
seines Wohnorts erfolgt sei und damit an nicht abänderbare Merkmale, die
untrennbar mit der Person oder Persönlichkeit des Opfers verbunden
seien, anknüpfe. Aus diesen Gründen habe das Bundesverwaltungsgericht
die bevorstehende Zwangsrekrutierung des Minderjährigen für einen
Kampf- oder Kriegseinsatz durch lokale Machtinhaber als ernsthaften
Nachteil – zumindest im Sinne eines unerträglich psychischen Drucks –
anerkannt (vgl. BVGer-Urteil E-5072/2018 vom 17. Dezember 2020 E. 5.4).
Dieser Fall habe Gemeinsamkeiten mit dem Fall des Beschwerdeführers,
so dass «die neue Rechtsprechung analog angewendet werden könne».
Auch bei den Taliban handle es sich um eine nichtstaatliche Organisation.
5.3 Aufgrund der offensichtlich zutage tretenden Unglaubhaftigkeit des
geltend gemachten Zwangsrekrutierungsversuchs bedarf die in der Be-
schwerde aufgeworfene Frage einer analogen Anwendung nicht einer ab-
schliessender Würdigung. Insbesondere mutet das behauptete Vorgehen
der Taliban, wegen der Teilnahme des Beschwerdeführers an einem be-
vorstehenden Fest von der gewaltsamen Zwangsrekrutierung temporär ab-
zusehen (und ihm damit Gelegenheit zur Flucht zu gewähren), klar reali-
tätsfremd an. Im Weiteren fielen die Angaben des Beschwerdeführers
(auch in Berücksichtigung des noch jugendlichen Alters) teils widersprüch-
lich aus. So gab der Beschwerdeführer an, beim Besuch der Taliban hätten
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sich diese bei der Mutter nach dem Verbleib ihrer Söhne erkundigt, obwohl
nach den Angaben des Beschwerdeführers einer seiner Brüder zusammen
mit der Mutter die Türe geöffnet habe (vgl. 1082566-24/12; F37-F41). Im
Weiteren machte der Beschwerdeführer abweichend von seiner Angabe im
Rahmen der Befragung, wonach der Vater nach dem Wegzug seines Soh-
nes E._ von den Taliban getötet worden sei (vgl. 1082566-16/12
F7.01), anlässlich der Anhörung geltend, dass E._ erst nach dem
Tod des Vaters ins Ausland geschickt worden sei (vgl. 1082566-24/12 F48).
Bei dieser Sachlage sind die Vorbringen des Beschwerdeführers als un-
glaubhaft zu erachten. An dieser Einschätzung vermag der pauschale Hin-
weis in der Beschwerde auf eine vermutete PTBS nichts zu ändern, zumal
keine Anhaltspunkte für eine verminderte Urteils- und Aussagefähigkeit des
Beschwerdeführers während den Befragungen vorliegen.
5.4 Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass das SEM zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und dessen Asyl-
gesuch abgewiesen hat.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht ein-
tritt. Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrecht-
liche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl.
BVGE 2013/37 E 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
6.3 Mit der angefochtenen Verfügung wurde der Beschwerdeführer wegen
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufge-
nommen. Da die Wegweisungsvollzugshindernisse alternativer Natur sind
(vgl. BVGE 2009/51), besteht kein schutzwürdiges Interesse an der Über-
prüfung, aus welchen Gründen die Vorinstanz den Vollzug aufgeschoben
hat (Art. 48 Abs. 1 Bst. c VwVG).
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
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sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Auf deren Erhebung ist jedoch
aufgrund der Minderjährigkeit und offensichtlichen Mittellosigkeit des Be-
schwerdeführers in Anwendung von Art. 6 Bst. b des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) von Amtes wegen zu verzich-
ten. Bei dieser Sachlage wird das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung gegenstandslos. Mit dem vorliegenden Urteil wird im
Übrigen auch der Antrag auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses gegenstandslos.
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