Decision ID: 8d1a9987-a455-565e-aebe-82421188f5f4
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X, Jahrgang 1990, wohnt in Rebstein bei ihren Eltern. Im Frühling 2009 bezog sie
zusammen mit ihrem Partner in Dullikon SO eine 2 1⁄2-Zimmerwohnung und meldete
sich dort als Wochenaufenthalterin an. Im Juni 2009 trat sie eine Arbeitsstelle bei einer
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Firma in Dullikon an, wo sie am 1. August 2009 eine Lehre als Fleischfachassistentin
begann.
B.- Mit Gesuch vom 12. Juni 2009 beantragte X beim Sozialamt Rebstein
Sozialhilfeleistungen. Von Juni 2009 bis Januar 2010 wurde sie vom Sozialamt
Rebstein mit insgesamt Fr. 4'901.20 finanziell unterstützt. Für die Monate Juni, Juli und
August 2009 erhielt sie je Fr. 497.60. Am 4. August 2009 unterzeichnete X eine
Abtretungserklärung für bevorschusste Leistungen zugunsten des Sozialamts Rebstein.
Sie trat dabei ihre Forderungen gegenüber dem Bildungsdepartement des Kantons St.
Gallen ab. Mit Verfügung vom 7. Januar 2010 sprach das Bildungsdepartement X für
die Zeit vom 1. August 2009 bis 31. Juli 2010 Stipendienleistungen in der Höhe von Fr.
12'400.-- zu. Dieser Betrag wurde am 15. Januar 2010 dem Sozialamt Rebstein
überwiesen.
Am 29. Januar 2010 beschloss das Sozialamt Rebstein die Unterstützung für X mit
Wirkung vom 31. Januar 2010 einzustellen und erklärte das Sozialhilfekonto mit der
Restüberweisung an X von Fr. 7'498.80 als ausgeglichen. Dagegen erhob X am 10.
Februar 2010 Einsprache mit dem Antrag, der Beschluss sei aufzuheben und der mit
den Stipendien verrechnete Betrag für Sozialhilfeleistungen der Monate Juni und Juli
2009 in der Höhe von Fr. 1'000.-- sei ihr auszuzahlen. Der Gemeinderat Rebstein wies
die Einsprache mit Entscheid vom 3. März 2010 ab.
C.- Mit Eingabe ihrer Vertreterin vom 17. März 2010 erhob X Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission. Sie beantragt, der Entscheid des Gemeinderates sei
aufzuheben und es seien der Rekurrentin für die Monate Juni und Juli 2009
Sozialhilfeleistungen in der Höhe von Fr. 2066.65 auszuzahlen. Der Rekurrentin sei die
unentgeltliche Prozessführung zu gewähren.
In ihrer Vernehmlassung vom 13. April 2010 beantragt die Vorinstanz die Abweisung
des Rekurses.
Auf die Akten sowie die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer
Anträge wird, soweit notwendig, in den Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
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1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurs-erhebung ist gegeben. Der Rekurs erfüllt in formeller und materieller Hinsicht
die gesetzlichen Voraussetzungen (Art. 41 lit. a, 45 Abs. 1, 47 Abs. 1 und 48 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Gegenstand des Rekurses ist der Entscheid des Gemeinderats Rebstein vom
3. März 2010 betreffend den Beschluss des Sozialamts Rebstein vom 29. Januar 2010.
Unbestritten ist die erfolgte Verrechnung der Nachzahlung der rückwirkend
ausgerichteten Stipendien mit den im Zeitraum von August 2009 bis Januar 2010
geleisteten Sozialhilfeleistungen. Umstritten ist jedoch, ob und in welcher Höhe
Leistungen für die Monate Juni und Juli 2009 mit den ausbezahlten Stipendien
verrechnet werden durften.
a) Wer für seinen Lebensunterhalt nicht hinreichend oder nicht rechtzeitig aus eigenen
Mitteln aufkommen kann, hat Anspruch auf finanzielle Sozialhilfe (Art. 9 des
Sozialhilfegesetzes; sGS 381.1, abgekürzt: SHG). Bei Bevorschussung von
Sozialversicherungs- oder anderen Sozialhilfeleistungen kann die politische Gemeinde
von der leistungspflichtigen Stelle verlangen, dass Nachzahlungen im Umfang der
geleisteten Vorschüsse an sie ausbezahlt werden (Art. 13 SHG). Gemäss Art. 18 Abs. 1
SHG erstattet derjenige, der für sich oder für Familienangehörige finanzielle Sozialhilfe
bezogen hat, diese zurück, wenn sich seine finanzielle Lage gebessert hat und die
Rückerstattung zumutbar ist.
b) Die Vorinstanz stellt sich auf den Standpunkt, die Rekurrentin habe einen Lehrvertrag
für die Dauer von 1. August 2009 bis 31. Juli 2011 abgeschlossen. Ihren Arbeitsplatz
habe sie bereits im Juni 2009 antreten können. Die nachträgliche Auszahlung der
Stipendien vermöge nichts daran zu ändern, dass die Rekurrentin lediglich eine
Bevorschussung der Stipendien benötigt habe. Die entsprechenden Abklärungen habe
sie bereits vor Antritt der Lehrstelle bzw. vor der Unterzeichnung des Lehrvertrags
getroffen. Die Unterscheidung zwischen Sozialhilfe und Vorschussleistung sei in
diesem Fall nebensächlich. Leistungen der Sozialhilfe seien in jedem Fall
rückerstattungspflichtig, sobald sich die finanzielle Situation des Empfängers gebessert
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habe und die Rückerstattung zumutbar sei. Auf die Beurteilung der Zumutbarkeit könne
hier ausnahmsweise verzichtet werden, da die Rekurrentin am 4. August 2009 eine
Abtretungserklärung unterzeichnet habe. Damit habe sie sich bereits zum Voraus mit
der Verrechnung der zukünftigen Stipendien bereit erklärt.
Dem hält die Rekurrentin entgegen, nachdem sich die Abtretungserklärung für
bevorschusste Leistungen lediglich auf das Stipendium des Bildungsdepartements des
Kantons St. Gallen für das Schuljahr 2009/2010 - also die Zeit vom 1. August 2009 bis
31. Juli 2010 beziehe - dürften darüber hinausgehende Sozialhilfeleistungen nicht mit
dem Stipendium verrechnet werden. Man könne ihr nicht zum Vorwurf machen, dass
sie im 19. Altersjahr nach zahlreichen erfolglosen Bemühungen endlich eine Lehrstelle
bekommen und anschliessend dem Wunsch des Lehrmeisters, die Arbeit bei ihm
schon zwei Monate früher, also per 1. Juni 2009, aufzunehmen, entsprochen habe.
c) Eine bevorschusste Sozialhilfeleistung liegt dann vor, wenn anderweitige Hilfe zwar
im Prinzip beanspruchbar, aber nicht rechtzeitig verfügbar ist (Richtlininen der
Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, Ausgabe April 2005, F. 2-1, abgekürzt:
SKOS-Richtlinien). Die Nachzahlung eine bevorschussten Leistung, beispielsweise
einer Invalidenrente, darf der bevorschussenden Stelle höchstens im Betrag der
Vorschussleistung und für den Zeitraum, in welchem diese erbracht worden ist,
ausbezahlt werden (vgl. Art. 85 Abs. 3 der Verordnung über die
Invalidenversicherung, SR 831.201, abgekürzt: IVV). Hinsichtlich der
Ergänzungsleistungen enthält Art. 22 Abs. 4 der Verordnung über die
Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (SR
831.301, abgekürzt: ELV) eine praktisch identische Regelung. Die Drittauszahlung von
Nachzahlungen von Sozialversicherungsleistungen ist also nur insoweit zulässig, als die
Vorschussleistungen die gleiche Zeitperiode betreffen (Zeitidentität; BGE 121 V 17 E.
4c; Richtlinien für die Ausgestaltung und Bemessung der Sozialhilfe, herausgegen von
der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, Ausgabe 2005, abgekürzt; SKOS-
Richtlinien, F. 2-2). Im Stipendiengesetz (sGS 211.5) und in der Stipendienverordnung
(sGS 211.51) findet sich keine diesbezügliche Regelung. Da es sich bei Stipendien aber
ebenfalls um Leistungen des Staates handelt, welche wie die
Sozialversicherungsleistungen der Sozialhilfe vorgelagert sind (vgl. F. Wolffers,
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Grundriss des Sozialhilferechts, 2. Auflage, Bern 1999, S. 26), gilt der Grundsatz der
Zeitidentität analog auch für Nachzahlungen von Stipendien.
aa) Die Auszahlung der Stipendien erfolgt für Lehrlinge in Jahresraten und in der Regel
während der Ausbildungsperiode, für die sie bestimmt ist (vgl. Art. 36
Stipendienverordnung). Der Rekurrentin wurde mit Verfügung des
Bildungsdepartements vom 7. Januar 2010 ein Stipendium von Fr. 12'400.--
zugesprochen. Der Betrag wurde am 15. Januar 2010 dem Sozialamt überwiesen.
Diese Stipendienleistung betrifft das Schuljahr vom 1. August 2008 bis 31. Juli 2010
(vgl. Berechnungsblatt zur Verfügung).
Die Rekurrentin hatte also ab Beginn ihrer Lehre Anspruch auf Stipendien. Diese
wurden aber erst im Januar 2010 ausbezahlt. Für die Zeit ab Beginn der Lehre, also ab
August 2010, hat ihr das Sozialamt Rebstein folglich die Stipendienleistungen
bevorschusst. Die im Januar 2010 teilweise nachbezahlten Stipendien durften deshalb
mit diesen Leistungen verrechnet werden. Anders verhält es sich aber für die Zeit vor
Beginn der Lehre. Für diese Zeitspanne (Juni und Juli 2009) hatte die Rekurrentin
keinen anderweitigen Anspruch auf Hilfeleistungen und hat deshalb vom Sozialamt
Rebstein keine Bevorschussung, sondern Leistungen zur materiellen Grundsicherung
erhalten. Darauf wies die Vertreterin der Rekurrentin bereits in ihrem Begleitschreiben
zum Sozialhilfe-Gesuch vom 12. Juni 2009 (act. 7/30) hin. Auch hielt das
Bildungsdepartement bereits im Schreiben vom 28. Mai 2009 bezüglich des Gesuchs
um Ausbildungsbeiträge sowie im beiliegenden Berechnungsblatt für provisorische
Vorabklärung fest, dass voraussichtlich ein Stipendienanspruch für das Schuljahr
2009/2010, d.h. vom 1. August 2009 bis 31. Juli 2010 bestehe (vgl. act. 7/22).
Schliesslich bezog sich auch die von der Rekurrentin am 4. August 2009
unterzeichnete Abtretungserklärung für die Forderungen gegenüber dem
Bildungsdepartement gemäss Überschrift des Formulars nur auf bevorschusste
Leistungen (vgl. act. 7/6). Die für die Monate Juni und Juli 2009 geleistete finanzielle
Sozialhilfe kann somit wegen fehlender Zeitidentität nicht mit den später ausbezahlten
Stipendien verrechnet werden.
bb) Im Rekurs wird geltend gemacht, gemäss Stipendien-Berechnung erhalte die
Rekurrentin monatlich Fr. 1'033.35 an Stipendien. Folglich habe sie für die zwei Monate
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Juni und Juli 2009 ein Anrecht auf Sozialhilfeleistungen in der Höhe von insgesamt
Fr. 2'066.65. Dem kann nicht gefolgt werden. Hätte die Vorinstanz nämlich die gesamte
Stipendiensumme auf zwölf Monate aufgeteilt und eine Verrechnung für acht Monate
(Juni 2009 bis Januar 2010) vorgenommen, so hätten sie der Rekurrentin nur noch
Fr. 4'133.30 (Fr. 12'400.-- minus Fr. 8'266.70) statt der tatsächlich ausbezahlten
Fr. 7'498.30 überwiesen und damit zusätzlich Fr. 3365.-- einbehalten, ohne dafür
jemals eine Gegenleistung erbracht zu haben. Massgebend können daher nur die
tatsächlich geleisteten Sozialhilfezahlungen sein, also für die Monate Juni und Juli 2009
jeweils Fr. 497.60, insgesamt Fr. 995.20.
d) Zusammenfassend ist festzuhalten, dass eine direkte Verrechnung der geleisteten
finanziellen Sozialhilfe mit der Nachzahlung der Stipendienleistungen für den Zeitraum
von Juni bis Juli 2009 ausgeschlossen ist. Der Rekurs ist deshalb teilweise
gutzuheissen und die Verfügung der Vorinstanz vom 3. März 2010 sowie Ziff. 2 des
Beschlusses des Sozialamts Rebstein vom 29. Januar 2010 sind aufzuheben. Der
Rekurrentin ist zusätzlich zur bereits erfolgten Auszahlung von Fr. 7'498.80 der nicht
mit den Stipendienzahlungen verrechenbare Betrag von Fr. 995.20 auszuzahlen.
Eine Rückerstattungspflicht der in den Monaten Juni und Juli 2009 bezogenen
Sozialhilfeleistungen aufgrund einer Verbesserung der finanziellen Situation ist im
vorliegenden Verfahren nicht zu prüfen, da die Vorinstanz in der angefochtenen
Verfügung explizit auf eine Beurteilung dieser Frage verzichtete. Eine solche müsste
daher in einem neuen Verfahren geprüft werden. Immerhin ist aber darauf hinzuweisen,
dass bei einer Person in Ausbildung, welche Stipendien erhält, wohl nicht von einer
verbesserten finanziellen Situation auszugehen ist und eine Rückerstattung nicht
zumutbar wäre.
3.- Nach Art. 95 Abs. 1 VRP hat in Streitigkeiten jener Beteiligte die Kosten zu tragen,
dessen Begehren ganz oder teilweise abgewiesen werden. Es gilt der Grundsatz der
Kostentragung nach Massgabe des Obsiegens und Unterliegens. Dem
Verfahrensausgang entsprechen sind die amtlichen Kosten je zur Hälfte der Rekurrentin
und der Politischen Gemeinde Rebstein aufzuerlegen. Eine Entscheidgebühr von Fr.
600.-- ist angemessen (Art. 13 Ziff. 512 des Gerichtskostentarifs, sGS 941.12).
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Auf die Erhebung der Kosten von der Politischen Gemeinde Rebstein ist nicht zu
verzichten, da das Gemeinwesen überwiegend finanzielle Interessen verfolgt (Art. 95
Abs. 3 VRP; VerwGE vom 14. Dezember 2000 in Sachen P.G.W., S. 13).
Die Rekurrentin erhält neben ihrem Lehrlingslohn Stipendien um ihren Lebensunterhalt
zu bestreiten. Es rechtfertigt sich daher, auf die Erhebung der amtlichen Kosten in
Anwendung von Art. 97 VRP zu verzichten. Damit ist das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung gegenstandslos.