Decision ID: b0416cac-e7ff-45dd-801e-c9c987defd39
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im März 2020 zum Bezug von Ergänzungsleistungen zu einem
Taggeld der Invalidenversicherung an (EL-act. 7). Sie gab an, dass sie bei ihren Eltern
lebe. Dem Anmeldeformular lag eine „Bestätigung“ bei, laut der die EL-Ansprecherin
ihre gesamten Einnahmen bis auf 150 Franken pro Monat ihren Eltern abgab (EL-act.
8). Mit einer Verfügung vom 29. April 2020 sistierte die EL-Durchführungsstelle das
Verwaltungsverfahren mit der Begründung (EL-act. 6), beide Eltern der EL-
Ansprecherin hätten sich zum Leistungsbezug bei der Invalidenversicherung
angemeldet. Bei einer allfälligen Rentenzusprache werde auch eine Kinderrente für die
EL-Ansprecherin ausgerichtet, was einen Einfluss auf die finanzielle Situation der EL-
Ansprecherin haben werde. Solange die IV-Rentenverfahren der Eltern hängig seien,
stehe folglich nicht fest, wie hoch die anrechenbaren Einnahmen seien, weshalb das
Verfahren betreffend Begehren um die Zusprache einer Ergänzungsleistung vorläufig
nicht weitergeführt werden könne.
B.
Am 26. Mai 2020 erhob die EL-Ansprecherin (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen die Sistierungsverfügung vom 29. April 2020 (act. G 1). Sie
beantragte die unverzügliche Berechnung und Festsetzung der Ergänzungsleistungen.
Zur Begründung führte sie aus, die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin) könne bei einer allfälligen Rentenzusprache an die Eltern den EL-
Anspruch problemlos neu berechnen und die zu viel ausgerichteten
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Ergänzungsleistungen mit der IV-Nachzahlung verrechnen. Folglich bestehe keine
Gefahr eines finanziellen Schadens. Die Ergänzungsleistung sei deshalb unverzüglich
und vorerst ohne Berücksichtigung von Kinderrentenleistungen zu berechnen. Der
Beschwerdegegnerin stehe es frei, die Verrechnung bei der zuständigen IV-Stelle zu
beantragen. Eine Unterhaltspflicht der Eltern ihr gegenüber sei nicht zu
berücksichtigen, da beide Elternteile sozialhilfeabhängig und deshalb nicht in der Lage
seien, ihr Unterhaltsleistungen zu erbringen. Die Beschwerdegegnerin beantragte am
25. Juni 2020 die Abweisung der Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung führte sie an,
der Kinderrentenanspruch bestehe unabhängig von einer zivilrechtlichen
Unterhaltspflicht, weshalb diese keine Rolle spielen könne. Allfällige
Kinderrentenleistungen müssten vollumfänglich der Beschwerdeführerin zufliessen,
wodurch sich deren Einnahmensituation verändern würde. Solange die beiden IV-
Rentenverfahren noch hängig seien, stehe der massgebende Sachverhalt deshalb nicht
mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest,
weshalb das Begehren der Beschwerdeführerin um die Zusprache einer
Ergänzungsleistung vorläufig nicht weiter behandelt werden könne. Die
Ergänzungsleistungen bezweckten nicht die Überbrückung von akuten finanziellen
Notlagen, sondern dienten der langfristigen Verhinderung von Armut als Folge einer zu
tiefen Rente der ersten Säule. Bei einer akuten Notlage liege ein typischer
Anwendungsfall des Sozialhilferechtes vor. Die Beschwerdeführerin verzichtete auf eine
Replik (act. G 5).

Erwägungen
1.
Die angefochtene Verfügung hat das Verwaltungsverfahren nicht abgeschlossen,
weshalb sie als eine verfahrensleitende Verfügung zu qualifizieren ist. Gegen
verfahrensleitende Verfügungen kann gemäss dem Art. 52 Abs. 1 ATSG keine
Einsprache erhoben werden. Vielmehr muss laut dem Art. 56 Abs. 1 ATSG gegen
solche Verfügungen direkt eine Beschwerde erhoben werden. Weder das
Verwaltungsrechtspflegegesetz des Kantons St.Gallen (VRP) noch der Art. 61 ATSG
sehen besondere Eintretensvoraussetzungen bezüglich einer Beschwerde gegen eine
verfahrensleitende Verfügung vor. Allerdings ist die selbständige Anfechtung einer
verfahrensleitenden Verfügung kantonalrechtlich auf wenige Fälle beschränkt (vgl. Urs
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Peter Cavelti/Thomas Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl.
2003, Rz. 564 f.). Diese Regelung wird vom Verwaltungsgericht des Kantons St. Gallen
und vom Schrifttum als unbefriedigend qualifiziert, weshalb lückenfüllend eine
selbständige Anfechtung von verfahrensleitenden Verfügungen in analoger Anwendung
der Art. 45 f. VwVG bejaht wird (vgl. Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz. 566, mit Hinweisen).
Auch das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen tritt gemäss seiner ständigen
Praxis unter den – analog anzuwendenden – Voraussetzungen der Art. 45 f. VwVG auf
Beschwerden gegen verfahrensleitende Verfügungen ein (vgl. etwa den Entscheid
IV 2015/356 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 8. Dezember 2017, E. 1). Die
hier angefochtene verfahrensleitende Sistierungsverfügung vom 29. April 2020 ist
geeignet, einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil im Sinne des Art. 46 Abs. 1 lit. a
VwVG zu bewirken. Die Beschwerdeführerin wird nämlich jedenfalls so lange keine
Ergänzungsleistungen erhalten, bis die Beschwerdegegnerin über ihre Anmeldung
entschieden haben wird. Als Folge davon könnte eine Sozialhilfeabhängigkeit der
Beschwerdeführerin entstehen beziehungsweise bereits entstanden sein. Darin ist ein
Nachteil zu erblicken, der selbst durch eine spätere rückwirkende Leistungszusprache
nicht wieder gutgemacht werden kann. Die Beschwerdeführerin ist nämlich
gezwungen, sich für die Zeit bis zum Abschluss des Verwaltungsverfahrens mit dem
sozialhilferechtlichen statt mit dem in der Regel höheren
ergänzungsleistungsrechtlichen Existenzminimum zu begnügen. Auch wenn sie später
eine entsprechende Nachzahlung erhalten sollte, die diesen Nachteil rein
buchhalterisch ausgleichen würde, würde dies nichts am Umstand ändern, dass sie
sich bis dahin finanziell stark hätte einschränken müssen. Die Situation der
Beschwerdeführerin stellt sich zudem ähnlich dar wie bei einem Entzug der
aufschiebenden Wirkung einer Beschwerde, weil die Beschwerdeführerin für die Dauer
des Verfahrens gezwungen ist, ohne Ergänzungsleistungen auszukommen. Bei der
Beurteilung von Gesuchen um die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung einer
Beschwerde ist die Vermeidung einer auch nur vorübergehenden
Sozialhilfeabhängigkeit gemäss der konstanten bundesgerichtlichen Rechtsprechung
als ein schützenswertes Interesse anerkannt (vgl. statt vieler das Urteil des
Bundesgerichtes 8C_276/2007 vom 20. November 2007, E. 3, mit zahlreichen
Hinweisen). Dies rechtfertigt es, im Risiko einer allenfalls auch nur vorübergehenden
Sozialhilfeabhängigkeit einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil zu erblicken (vgl.
zum Ganzen auch den Entscheid EL 2016/12, EL 2016/16 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 13. Dezember 2016, E. 2). Folglich ist auf die Beschwerde
gegen die (zu Recht förmlich verfügte) Sistierung des Verwaltungsverfahrens
einzutreten.
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2.
Die Beschwerdeführerin hat geltend gemacht, dass die Beschwerdegegnerin die
Ergänzungsleistung problemlos sofort zusprechen und bei einer späteren Zusprache
von Kinderrentenleistungen korrigieren könne; die entsprechende Rückforderung von
Ergänzungsleistungen könne sie dann ebenso problemlos mit der Nachzahlung der
Kinderrentenleistungen verrechnen. Diese Auffassung ist unzutreffend, denn im
Zeitpunkt der Eröffnung der angefochtenen Sistierungsverfügung hat aus dem
folgenden Grund nicht einmal festgestanden, ob die Beschwerdeführerin überhaupt die
persönlichen Anspruchsvoraussetzungen für einen eigenen EL-Anspruch erfüllt hat: Die
Beschwerdeführerin lebt mit ihren Eltern zusammen, die beide eine Rente der
Invalidenversicherung beantragt haben. Sollte auch nur einem Elternteil eine solche
Rente und (bei einer entsprechenden Anmeldung) später auch rückwirkend auf den
Zeitpunkt der Entstehung des Rentenanspruchs hin eine Ergänzungsleistung
zugesprochen werden, wird die Beschwerdeführerin keinen eigenen EL-Anspruch
begründen können. Laut dem Art. 9 Abs. 2 ELG werden nämlich im selben Haushalt
wie der eine Ergänzungsleistung beziehende Elternteil lebende Kinder in die
Anspruchsberechnung betreffend die Ergänzungsleistung des Elternteils
miteinbezogen. Dieser Grundsatz gilt selbst dann, wenn das Kind an sich einen
eigenen EL-Anspruch begründen könnte (auch die Eltern der Beschwerdeführerin
könnten im Übrigen nicht je einen eigenen EL-Anspruch, sondern nur einen
gemeinsamen Anspruch auf eine Ergänzungsleistung haben, solange sie
zusammenleben). Solange nicht feststeht, ob die Eltern der Beschwerdeführerin einen
Anspruch auf eine Ergänzungsleistung haben, kann folglich nicht einmal die Frage
beantwortet werden, ob die Beschwerdeführerin überhaupt die persönlichen
Anspruchsvoraussetzungen für eine „eigene“ Ergänzungsleistung erfüllt, weshalb es
unsinnig wäre, das Verfahren betreffend den möglichen EL-Anspruch der
Beschwerdeführerin fortzusetzen, solange noch die Möglichkeit im Raum steht, dass
zumindest einem der beiden Eltern der Beschwerdeführerin eine Ergänzungsleistung
zugesprochen werden könnte. Hätte die Beschwerdegegnerin dessen ungeachtet der
Beschwerdeführerin „vorläufig“ eine Ergänzungsleistung zugesprochen, hätte sie
folglich vorsätzlich eine von Beginn weg falsche Leistungszusprache in Kauf
genommen. Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin hätte dies später nicht
korrigiert werden können, denn die im ATSG geregelten Instrumente zur Korrektur einer
formell rechtskräftigen Verfügung lassen die Korrektur eines bei der ursprünglichen
Leistungszusprache vorsätzlich in Kauf genommenen Fehlers nicht zu: Die Revision
nach Art. 17 Abs. 2 ATSG kann gar keine bei der ursprünglichen Leistungszusprache
begangenen Fehler korrigieren, die sogenannt prozessuale Revision nach Art. 53 Abs.
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1 ATSG setzt voraus, dass die von Beginn weg bestehende Fehlerhaftigkeit einer
formell rechtskräftigen Verfügung auf eine Tatsache zurückzuführen ist, die bei der
ursprünglichen Leistungszusprache noch nicht hat bekannt sein können, und die
Wiedererwägung nach Art. 53 Abs. 2 ATSG erfordert eine bereits bei der
ursprünglichen Leistungszusprache bestehende zweifellose Unrichtigkeit mit Blick auf
die damalige Sach- und Rechtslage, die nicht vorliegen kann, wenn erst später
rückwirkend Rentenleistungen der IV zugesprochen werden. Der Beschwerdegegnerin
bleibt also nichts anderes übrig, als den Abschluss der beiden Rentenverfahren
betreffend die Eltern der Beschwerdeführerin abzuwarten (vgl. zum Ganzen auch den
Entscheid EL 2018/19 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 30. August 2018, E.
2.2). Die angefochtene Sistierungsverfügung vom 29. April 2020 ist deshalb als
rechtmässig zu qualifizieren, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.
3.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).