Decision ID: e1a9d013-b589-58db-8275-12fac749b3bd
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer stellte am 29. September 2021 ein Asylgesuch in
der Schweiz (Akten der Vorinstanz [SEM act.] 1). Ein Abgleich mit der eu-
ropäischen Fingerabdruck-Datenbank Eurodac ergab, dass er bereits
mehrere Asylgesuche in diversen europäischen Staaten gestellt hatte, in
Deutschland (20. Mai 2021), Rumänien (26. August 2021) und Österreich
(11. September 2021 [SEM act. 8]).
B.
Am 6. Oktober 2021 wurden die Personalien des Beschwerdeführers auf-
genommen (SEM act. 12). Weiter führte das SEM am 15. Oktober 2021 mit
ihm das persönliche Gespräch nach Art. 5 der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen
oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) und gewährte ihm
das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständigkeit Rumäniens bzw.
Österreichs für die Behandlung seines Asylgesuchs sowie zu seinem Ge-
sundheitszustand (SEM act. 14).
C.
Gestützt auf den Eurodac-Abgleich und die Angaben des Beschwerdefüh-
rers ersuchte die Vorinstanz am 29. Oktober 2021 die rumänischen Behör-
den um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d
Dublin-III-VO. Am 10. November 2021 hiessen diese das Übernahmeersu-
chen gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO gut. Gleichzeitig informier-
ten sie die Vorinstanz dahingehend, dass der Beschwerdeführer am 26.
August 2021 in Rumänien ein Asylgesuch gestellt habe, welches noch in
Bearbeitung sei (SEM act. 23 und 29). Davor lehnten die österreichischen
Behörden das Ersuchen des SEM um Übernahme des Beschwerdeführers
mit Entscheid vom 27. Oktober 2021 ab (SEM act. 22).
D.
Mit Verfügung vom 22. November 2021 (eröffnet tags darauf) trat die Vor-
instanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete des-
sen Wegweisung nach Rumänien an und forderte ihn auf, die Schweiz am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Zudem stellte sie fest,
einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschie-
bende Wirkung zu (SEM act. 33).
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E.
Am 30. November 2021 erhob der Beschwerdeführer beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde. Er beantragte, es sei die Verfügung der
Vorinstanz vom 22. November 2021 vollständig aufzuheben und die
Vorinstanz anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten und in der
Schweiz ein materielles Asylverfahren durchzuführen. Eventualiter sei die
Verfügung der Vorinstanz vollständig aufzuheben und die Sache zur Neu-
beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es sei der vorliegenden Be-
schwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen. Im Sinne einer superpro-
visorischen vorsorglichen Massnahme seien die Vollzugsbehörden unver-
züglich anzuweisen, von seiner Überstellung nach Rumänien abzusehen,
bis das Bundesverwaltungsgericht über die Erteilung der aufschiebenden
Wirkung entschieden habe. Es sei ihm die unentgeltliche Prozessführung
zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzich-
ten (Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer act.] 1).
F.
Am 1. Dezember 2021 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovi-
sorischen Vollzugsstopp an (BVGer act. 2). Gleichentags lagen die
vorinstanzlichen Akten dem Bundesverwaltungsgericht in elektronischer
Form vor.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur
Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
In formeller Hinsicht wird vorerst gerügt, das SEM habe in mehrfacher Hin-
sicht seine Pflicht zur vollständigen und richtigen Sachverhaltsermittlung
sowie seine Begründungspflicht und damit den Anspruch des Beschwer-
deführers auf rechtliches Gehör verletzt (Beschwerde S. 6 ff.).
3.1 Dazu wurde in Bezug auf die Prüfung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO
beschwerdeweise zusammenfassend geltend gemacht, das SEM habe
sich in seiner Verfügung vom 22. November 2021 nicht einmal ansatzweise
mit der aktuellen Berichterstattung bezüglich der Situation in Rumänien
auseinandergesetzt. Es wäre gehalten gewesen auf der Grundlage der
heute vorliegenden Erkenntnisse zu überprüfen, ob in Rumänien für Asyl-
suchende generell die Gefahr einer unmenschlichen oder erniedrigenden
Behandlung bestehe. Das SEM gehe zudem kaum auf die individuell vor-
gebrachten Erlebnisse des Beschwerdeführers ein. Auch der medizinische
Sachverhalt sei mangelhaft ermittelt worden. So halte die Vorinstanz fest,
aus den medizinischen Akten gehe hervor, der Beschwerdeführer könne
nicht schlafen und erhalte hierfür Trittico und Relaxane. Hierbei verkenne
das SEM, dass diese beiden Medikamente keine Schlafmittel seien. Viel-
mehr handle es sich bei Trittico um ein Antidepressivum mit beruhigender,
angstlösender und stimmungsaufhellender Wirkung. Bei der Behandlung
mit Trittico sei ein stetiger Kontakt mit einem Arzt unerlässlich, da Stim-
mungsänderungen während der Behandlung mit dem Medikament umge-
hend einem Arzt gemeldet werden müssten. Während der Behandlung
könnten sich die Symptome der Depression und insbesondere das Suizid-
verhalten verändern. Die Beendigung dürfe überdies nicht abrupt gesche-
hen und nur in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt vorgenommen
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werden. Dieser Umstand und die Möglichkeit der Weiterführung der Medi-
kation würden im Entscheid in keiner Weise berücksichtigt. Auch sei mit
keinem Wort auf die Zuweisung an [...] (bekannt als [...]) eingegangen wor-
den. Die Bitte um psychiatrische Unterstützung seitens des Beschwerde-
führers werde zudem nicht erwähnt. Überdies werde nicht begründet, wie
eine solche in Rumänien möglich sei. Weiter rügt der Beschwerdeführer
auch in Bezug auf Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO eine mangelhafte Sachver-
haltsabklärung und eine Verletzung der Begründungspflicht (Beschwerde
S. 8 ff.). Die angefochtene Verfügung lasse zudem die gebotene Ermes-
sensprüfung bezüglich des Art. 29a Abs. 3 Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) vermissen (Beschwerde S. 10 f.).
3.2 Das SEM führte in seiner Verfügung vom 22. November 2021 an, dass
es nicht davon ausgehe, bei einer Überstellung nach Rumänien würden
dem Beschwerdeführer gravierende Menschenrechtsverletzungen drohen;
ebenso sei nicht anzunehmen, dass er in eine existenzielle Notlage gera-
ten oder in seinem Fall das Non-Refoulment-Gebot verletzt würde. Das
Vorliegen von systemischen Mängeln in Rumäniens Asyl- und Aufnahme-
system wurde ausdrücklich verneint (S. 3 der angefochtenen Verfügung).
Diese Ausführungen implizieren, dass sich das SEM mit der aktuellen Lage
für Asylsuchende in Rumänien auseinandergesetzt hat. Die Vorinstanz hat
seine Verfügung in dieser Hinsicht zwar knapp, aber rechtsgenüglich be-
gründet. Dies gilt auch für seine individuellen Vorbringen, welche in den
Erwägungen des vorinstanzlichen Entscheids (zusammengefasst) aufge-
nommen wurden.
3.3 Bezüglich des medizinischen Sachverhalts ergibt sich Folgendes: An-
lässlich des Dublin-Gesprächs gab der Beschwerdeführer an, er habe ei-
nige gesundheitliche Probleme; wenn er unter Druck gerate, erleide er ei-
nen Anfall: er breche zusammen. Dies habe er aber noch nicht der Pflege
gemeldet. Aus einem zahnärztlichen Bericht vom 7. Oktober 2021 ergibt
sich, dass er damals starke Schmerzen im Oberkiefer hatte (SEM act. 17).
Nach einem internen Arztbesuch im [...] am 26. Oktober 2021 wurde im
medizinischen Datenblatt vermerkt, dass er seit einem Jahr nicht mehr
schlafen könne und ohne Lust sei und sich depressiv fühle; er könne sich
nicht kontrollieren, wenn er Sachen sehe, die ihm nicht gefielen. Als weite-
res Prozedere wurde angegeben «Vitale und EKG machen dann Beginn
Trittico wenn EKG ok sowie Zuweisung [...]» (SEM act. 26). Gemäss dem
Eintrag vom 28. Oktober 2021 wurde die Behandlung mit Trittico weiterge-
führt (SEM act. 28). Am 4. November 2021 erfolgte eine ärztliche Bespre-
chung ohne den Beschwerdeführer. In der Folge wurde die Dosierung von
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Trittico in der Nacht reduziert (Beschwerdebeilage 3). Am 16. November
2021 wurde auf dem medizinischen Datenblatt für interne Arztbesuche im
[...] vermerkt, der Beschwerdeführer könne nicht schlafen und führe nachts
Selbstgespräche; er müsse viel Grübeln und leide unter Albträumen; er sei
depressiv verstimmt und leide unter vermindertem Antrieb. Er sei sehr sen-
sibel, habe sich in den letzten drei Jahren psychisch sehr verändert und
wolle verstehen, was mit ihm los sei; er wolle psychiatrische Unterstützung.
Weiter wurde die Therapie mit Trittico und Relaxane fortgeführt (SEM act.
31).
In den medizinischen Akten befinden sich zwar Hinweise auf eine Zuwei-
sung des Beschwerdeführers zum [...], allerdings ist den Akten nicht zu
entnehmen, dass seit dem ersten Eintrag am 26. Oktober 2021 im medizi-
nischen Datenblatt eine solche tatsächlich erfolgte. Es kann nicht von einer
dringlichen Behandlung ausgegangen werden, zumal der Beschwerdefüh-
rer selbst darauf hinweist, dass er diese Probleme schon längere Zeit habe.
Suizidabsichten wurden vom Beschwerdeführer ausserdem nie geäussert.
Auf Beschwerdeebene wurden ebenfalls keine weiteren relevanten medi-
zinischen Unterlagen eingereicht, was auf einen ausreichend erstellten
Sachverhalt hinweist. Weiter vertrat das SEM die Ansicht, der Beschwer-
deführer erhalte in Rumänien die erforderliche gesundheitliche Betreuung
(Verfügung S. 4). Die Vorinstanz war angesichts dieser Umstände nicht ge-
halten, zusätzliche medizinische Abklärungen zu veranlassen. Es liegt
keine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes vor.
3.4 Weiter begründete das SEM in der angefochtenen Verfügung seine An-
sicht, weshalb es davon ausgehe, dass eine Überstellung des Beschwer-
deführers im Rahmen der Dublin-III-VO zulässig sei und ein Selbsteintritt
gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO bzw. Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht an-
gezeigt erscheine. Auch wenn die Begründung eher pauschal ausfiel, war
es für den Beschwerdeführer ohne weiteres erkennbar, von welchen Moti-
ven sich die Vorinstanz bei ihrem Entscheid leiten liess (vgl. Verfügung
S. 3 f.) und er war in der Lage, seine Parteirechte sachgerecht wahrzuneh-
men. Dass das SEM in einem Abschnitt der Verfügung fälschlicherweise
Italien anstatt Rumänien erwähnte, ist zwar bedauerlich, kann aber im Kon-
text der vorangegangenen Erwägungen nicht zum Schluss führen, dass
sich der darin aufgeführte Text nicht auf Rumänien bezieht. Entgegen dem
Vorbringen des Beschwerdeführers hat sich das SEM auch mit dem Non-
Refoulement-Gebot befasst und diesbezüglich ausgeführt, es gehe nicht
davon aus, der Beschwerdeführer würde unter Verletzung dieses Gebots
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in sein Heimat- oder Herkunftsland überstellt (vgl. S. 3 der angefochtenen
Verfügung).
3.5 Der Umstand, dass der Beschwerdeführer die vom SEM gezogenen
Schlüsse nicht teilt, stellt überdies weder eine Verletzung der Begrün-
dungspflicht beziehungsweise des Anspruchs auf rechtliches Gehör noch
eine Verletzung der Abklärungspflicht dar, sondern ist eine materielle
Frage.
3.6 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als un-
begründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die angefochtene Verfü-
gung aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das
entsprechende Rechtsbegehren ist somit abzuweisen.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
4.3 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der "Eu-
rodac"-Datenbank ergab, dass dieser am 26. August 2021 in Rumänien ein
Asylgesuch eingereicht hatte. Das SEM ersuchte deshalb die rumänischen
Behörden um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf
Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO. Diese stimmten dem Gesuch gestützt
auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO zu. Die grundsätzliche Zuständigkeit
Rumäniens ist somit gegeben und wird auch auf Beschwerdeebene nicht
bestritten (vgl. Beschwerde S. 12).
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5.
5.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
5.2 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 konkretisiert.
Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch aus humani-
tären Gründen auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein
anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Über-
stellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9
E. 8.2.1).
6.
6.1 Der Beschwerdeführer bringt im Wesentlichen vor, das rumänische
Asylverfahren und das Aufnahmesystem wiesen systemische Mängel auf.
Er habe bereits anlässlich des Dublin-Gesprächs die katastrophale Lage in
Rumänien und die dort erfahrene Gewalt geschildert. Hervorzuheben sei
auch die Deportation nach Serbien, welche ihm nach wie vor drohe. Diese
Gefahr der möglichen Kettenabschiebung verstosse gegen das Non-Re-
foulment-Prinzip (Beschwerde S. 12 f.). Weiter sei er zwar nicht physisch
aber psychisch gefoltert worden (Beschwerde S. 5 in fine).
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6.2 Rumänien ist Signatarstaat der EMRK, der FoK und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben. Zwar ist die Situation für Asylsuchende in Rumänien
teilweise problematisch, worauf auch der Beschwerdeführer hinweist. Den-
noch geht das Gericht nicht davon aus, die bekannten Unzulänglichkeiten
würden in einer Weise auftreten, welche darauf schliessen liesse, Rumä-
nien sei grundsätzlich nicht gewillt oder nicht fähig, Schutzberechtigten die
ihnen zustehenden Rechte zu gewähren beziehungsweise dass diese An-
sprüche bei Bedarf nicht auf dem Rechtsweg durchgesetzt werden könn-
ten. Bislang haben weder das Bundesverwaltungsgericht noch der Euro-
päische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) – und im Übrigen auch
nicht der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) – systemische
Schwachstellen im rumänischen Asylsystem erkannt. Für eine Änderung
der geltenden Rechtsprechung besteht denn auch – selbst unter Berück-
sichtigung der vom Beschwerdeführer gemachten Äusserungen zu seiner
Behandlung in Rumänien – keine Veranlassung (vgl. etwa Urteile des
BVGer D-4730/2021 vom 3. November 2021 E. 8.2.2, F-2570/2021 vom
7. Juni 2021 E. 7.1, F-1123/2021 vom 24. März 2021 E. 4.2, F-1186/2021
vom 24. März 2021 E. 4, E-350/2021 vom 1. Februar 2021 E. 8.1, E-
5656/2020 vom 22. Januar 2021 E. 6.1).
6.3 Den Akten sind zudem keine hinreichenden Gründe für die Annahme
zu entnehmen, Rumänien missachte in seinem Fall den Grundsatz des
Non-Refoulement und werde ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem
sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3
Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder ihm drohe eine Kettenabschiebung. Sol-
ches lässt sich auch aus der mit Beschwerde eingereichten rumänischen
Verfügung nicht ableiten (Beschwerdebeilage 5). Der Entscheid der rumä-
nischen Behörden betreffend Wegweisung und Fernhaltemassnahme da-
tiert vom 25. Juni 2021. Einem Eurodac-Eintrag zufolge ergibt sich, dass
es ihm ohne weiteres möglich war, am 26. August 2021 in Rumänien ein
Asylgesuch zu stellen (SEM act. 10). Das Asylverfahren ist gemäss dem
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Schreiben der rumänischen Behörden vom 10. November 2021 noch in
Bearbeitung (SEM act. 29). Ein negativer Asylentscheid liegt demnach –
entgegen den beschwerdeweisen Behauptungen – gerade nicht vor. Viel-
mehr hat er Rumänien nach weniger als drei Wochen wieder verlassen,
was sich aus dem am 11. September 2021 in Österreich gestellten Asylge-
such ergibt (SEM act. 22).
6.4 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
7.
7.1 Der Beschwerdeführer fordert die Anwendung der Ermessensklauseln
von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO und von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 ein. Es ist
daher zu prüfen, ob aufgrund seiner persönlichen Situation von einer Über-
stellung nach Rumänien abzusehen ist, weil sie für ihn das reelle und na-
heliegende Risiko einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Art. 4 EU-Grundrechtecharta und Art. 3 EMRK mit sich
bringen würde (vgl. BVGE 2012/27 E. 6.4; 2010/45 E. 7.4; Urteile des
BVGer F-7195/2018 vom 11. Februar 2020 E. 6.6.9; E-3356/2018 vom
27. Juni 2018 E. 4.2; Urteil des EGMR Tarakhel gegen Schweiz vom 4. No-
vember 2014, Grosse Kammer 29217/12, § 104).
7.2 Die rumänischen Behörden stimmten der Wiederaufnahme des Be-
schwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO zu und
wiesen gleichzeitig darauf hin, dass das Asylverfahren noch in Bearbeitung
sei (SEM act. 29). Damit haben sie klar signalisiert, dass das Asylverfahren
des Beschwerdeführers weitergeführt werde. Ein konkretes und ernsthaf-
tes Risiko dafür, dass sich die rumänischen Behörden nach seiner Rück-
überstellung dorthin weigern könnten, ihn wiederaufzunehmen oder ihm
den Zugang zum Asylverfahren zu ermöglichen, ist nicht ersichtlich.
7.3 In den Akten finden sich weiter keine konkreten Hinweise für die An-
nahme, Rumänien würde dem Beschwerdeführer dauerhaft die ihm ge-
mäss Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vor-
enthalten. Der Beschwerdeführer erklärte zwar anlässlich des Dublin-Ge-
sprächs, dass er in Rumänien (mit einem Schlagstock) geschlagen worden
sei. Dieser Vorfall lässt hingegen nicht bereits den Schluss zu, die ihn bei
einer Rückführung nach Rumänien zu erwartenden Bedingungen seien
derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der Grund-
rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Es steht ihm
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zudem – sofern erforderlich – die Möglichkeit offen, die vor Ort tätigen ka-
ritativen Organisationen zu kontaktieren. Wie bereits das SEM ausführte
(S. 2 der angefochtenen Verfügung) ist Rumänien zudem ein Rechtsstaat
und die Behörden sind grundsätzlich gewillt sowie fähig, staatlichen Schutz
zu gewähren, weshalb sich der Beschwerdeführer gegebenenfalls an die
dafür zuständigen Stellen beziehungsweise an die Justiz wenden kann.
7.4 In Bezug auf den medizinischen Sachverhalt ist zu erwähnen, dass
eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Prob-
lemen nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK dar-
stellt. Ein solcher würde voraussetzen, dass eine bereits schwer kranke
Person durch die Abschiebung mit dem realen Risiko konfrontiert würde,
einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres
Gesundheitszustandes ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden
oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Eine solche Situation liegt
in casu nicht vor (vgl. E. 3.3). Die gesundheitlichen Beschwerden des Be-
schwerdeführers stellen keine derart gravierenden Beeinträchtigungen dar,
dass im Falle der Überstellung nach Rumänien mit dem Risiko einer erns-
ten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung des Gesundheits-
zustandes des Betroffenen gerechnet werden müsste. Eine Überstellung
des Beschwerdeführers steht Art. 3 EMRK somit nicht entgegen.
7.5 Im Übrigen geht das Bundesverwaltungsgericht in ständiger Recht-
sprechung davon aus, dass Rumänien über eine ausreichende medizini-
sche Infrastruktur verfügt (vgl. nebst vielen Urteil des BVGer F-3952/2021
vom 16. September 2021 E. 5.3). Es liegen keine substanziierten Hinweise
zur Annahme der Gefahr vor, dass Rumänien dem Beschwerdeführer im
Falle der Überstellung eine adäquate medizinische Behandlung verwei-
gern würde. Festzuhalten ist darüber hinaus, dass die schweizerischen Be-
hörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind,
allfällig bestehenden besonderen medizinischen Bedürfnissen bei der Be-
stimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung des Beschwerdefüh-
rers Rechnung tragen und die rumänischen Behörden vorgängig darüber
informieren werden, worauf bereits die Vorinstanz in ihrer Verfügung hin-
gewiesen hat (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO).
7.6 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspiel-
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raum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter die-
sem Blickwinkel – entgegen den beschwerdeweisen Ausführungen – nicht
zu beanstanden. Insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen
Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Er-
messens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zu-
sammenhang weiterer Äusserungen (zur Kognitionsbeschränkung vgl. Ur-
teil des BVGer D-3325/2021 vom 2. August 2021 E 6.4.5.1).
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt der 1. Dezember 2021 angeordnete Vollzugsstopp dahin.
Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ist gegenstandslos
geworden.
9.
9.1 Die Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ungeachtet einer allfälli-
gen prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
9.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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