Decision ID: c75800d2-350b-58e7-9654-3965d80f094e
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 25. Oktober 2016 zum Bezug einer Hilflosenentschädigung
der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) an. Sie gab an, dass sie seit einem
Trümmerbruch am rechten Oberschenkel im Juli 2013 dauernde medizinisch-
pflegerische Hilfe benötige. Seit September 2013 sei sie zudem bei der Körperpflege
und bei der Fortbewegung bzw. der Pflege gesellschaftlicher Kontakte auf Hilfe
angewiesen (act. G 5.1.1). Der Hausarzt der Versicherten, Dr. med. C._, gab im
Beiblatt zur Anmeldung am 31. Oktober 2016 an, die Versicherte leide insbesondere an
einer Gonarthrose beidseits, einer Gangunsicherheit, einem Lymphödem rechter
Unterschenkel, einer Cervicobrachialgie bei ausgeprägter muskulärer Verspannung
links betont, einer arteriellen Hypertonie sowie einer beidseitigen Visus- und
Hörminderung. Ausserdem bestehe ein Status nach Gammanagel-Implantation rechts
am 4. Juli 2013 bei per-/subtrochantärer Femurfraktur rechts. Die Versicherte sei rasch
niedergeschlagen, gehemmt, sehr ängstlich und es mangle ihr an Selbstvertrauen. Der
Hausarzt bestätigte die Angaben der Versicherten zur Hilflosigkeit (act. G 5.1.1-8 f.).
A.b Anlässlich einer telefonischen Abklärung der Hilflosigkeit gab die damalige Leiterin
des Bereichs Pflege der Spitex D._ gemäss Protokoll vom 14. Dezember 2016 an,
dass man seit dem Trümmerbruch am rechten Oberschenkel im Juli 2013 fünf Mal pro
Woche bei der Versicherten zur Hilfe vorbeigehe. Die Versicherte sei adipös und werde
daher seit September 2013 fünf Mal wöchentlich in der Haut- und Wundpflege
unterstützt. Ebenfalls seit September 2013 sei die Versicherte zwei Mal wöchentlich
beim Duschen in der Badewanne und beim Abtrocknen auf die Hilfe der Spitex
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angewiesen. Beim An- und Auskleiden benötige die Versicherte keine Unterstützung.
Auch beim Aufstehen, Absitzen und Abliegen sei sie nicht auf Hilfe angewiesen. Sie
könne selbständig vom Stuhl oder Bett aufstehen und wieder absitzen bzw. abliegen.
Sie besitze ein Spezialkissenbett. Beim Essen und beim Verrichten der Notdurft
bedürfe sie ebenfalls keiner Dritthilfe. Sie besitze eine WC-Erhöhung. Schliesslich
benötige sie auch bei der Fortbewegung bzw. bei der Pflege gesellschaftlicher
Kontakte keine Hilfe. Sie könne sich mit Hilfe des Rollators alleine in der Wohnung
fortbewegen. Spaziergänge draussen in der näheren Umgebung unternehme sie mit
dem Rollator alleine und sie benötige auch für die Kontaktpflege keine Dritthilfe. Bei
weiteren Strecken, beim Einkaufen und bei Arztbesuchen werde sie begleitet. An den
Tagen, an denen die Spitex nicht vor Ort sei, versorge sich die Versicherte
altersbedingt reduziert alleine. Eine zeitliche und örtliche Desorientierung und kognitive
Einschränkungen lägen nicht vor (act. G 5.1.2).
A.c Mit Verfügung vom 9. Februar 2017 wies die Ausgleichskasse St. Gallen das
Leistungsbegehren der Versicherten ab. Sie begründete die Abweisung damit, dass die
Versicherte ausser bei der Körperpflege in allen Alltagsverrichtungen mehrheitlich
selbständig sei. Damit sei der Anspruch auf eine leichte Hilflosenentschädigung nicht
erfüllt. Der Hilfsbedarf im Bereich des Haushaltes (Waschen/Kochen/Einkaufen/
Transport) sei leider für den Anspruch nicht massgebend (act. G 5.1.4).
B.
B.a Am 14. Februar bzw. 29. April 2017 (vgl. act. G 5.1.5-G 5.1.8) liess die Versicherte
durch ihre Vertreterin Einsprache gegen die Verfügung vom 9. Februar 2017 erheben
und sinngemäss die Zusprache einer Entschädigung bei einer leichtgradigen
Hilflosigkeit beantragen. Im Wesentlichen wurde geltend gemacht, dass die Versicherte
auch bei der Fortbewegung und der Pflege gesellschaftlicher Kontakte auf die Hilfe
Dritter angewiesen sei (act. G 5.1.9).
B.b Im Mai 2017 fand eine weitere telefonische Abklärung der Hilflosigkeit statt.
Gemäss dem Abklärungsprotokoll vom 24. Mai 2017 gab die aktuelle Leiterin des
Bereichs Pflege der Spitex D._ an, dass die Spitex der Versicherten jeweils drei Mal
in der Woche bei der Körperpflege helfe. Einmal in der Woche helfe man ihr im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Haushalt. Die Angaben zur Hilflosigkeit in den fünf Lebensbereichen An- und
Auskleiden, Aufstehen, Absitzen und Abliegen, Essen, Körperpflege und Verrichten der
Notdurft wurden von der Spitex-Mitarbeiterin übereinstimmend zur ersten telefonischen
Abklärung vom Dezember 2016 beantwortet. Analog zum ersten Gespräch wurde der
Hilfsbedarf in der Lebensverrichtung Fortbewegung bzw. Pflege gesellschaftlicher
Kontakte verneint. Zusätzlich wurde angegeben, dass sich die Versicherte mit Hilfe des
Rollators in der Wohnung von Raum zu Raum selbständig fortbewegen könne. Ohne
den Rollator wäre die Fortbewegung kaum möglich bzw. aufgrund der Sturzgefahr sehr
riskant. lm Aussenbereich benötige die Versicherte für die Fortbewegung ebenfalls den
Rollator. Dadurch gelinge es ihr beispielsweise, die nächste Einkaufsmöglichkeit zu
erreichen. Wenn sie einkaufen gehe, könne sie jeweils nur so viel einkaufen, wie sie
auch mit dem Rollator transportieren könne. Sie müsse lediglich für die Grosseinkäufe
eine Fahrgelegenheit organisieren. Die Versicherte benötige jeweils eine Begleitperson,
wenn sie zum Arzt gehe. Aufgrund der dortigen Infrastruktur spiele die Begleitperson
eine tragende Rolle, da es keinen Aufzug gebe und somit ein paar Treppen
überwunden werden müssten. Auf geraden Strecken könne die Versicherte den
Rollator hingegen benutzen. Termine beim Coiffeur vereinbare die Versicherte noch
selber; sie organisiere auch die Fahrgelegenheiten. Die Versicherte lebe in einem
Quartier mit sehr gutem Zugang zu Fuss zu Einkaufsmöglichkeiten, Post, Kiosk etc.
Dies sei bezüglich ihrer Angst vor der Benützung öffentlicher Verkehrsmittel äusserst
vorteilhaft. Die Versicherte habe angegeben, dass kaum Kontakte zur Familie
bestünden und dass der Bekannten- bzw. Freundeskreis eher bescheiden sei. Eine
Möglichkeit für die Pflege von zwischenmenschlichen Kontakten habe sich durch ein
Projekt der Hochschule St. Gallen ergeben. Dieses erlaube es Studenten, bei
Menschen, welche die Kontaktpflege wünschten, vorbeizugehen und ihnen
Gesellschaft zu leisten oder mit ihnen etwas zu unternehmen. Die Versicherte sei über
dieses Angebot sichtlich erfreut und werde einmal in der Woche von einer Studentin
besucht (act. G 5.1.10).
B.c Am 10. Juli 2017 liess die Versicherte durch ihre Vertreterin zum
Gesprächsprotokoll vom 24. Mai 2017 Stellung nehmen. Es wurde im Wesentlichen
angeführt, dass die Versicherte entgegen der Behauptung der Spitex regelmässige
erhebliche Hilfe bei der Fortbewegung und der Pflege gesellschaftlicher Kontakte
benötige (act. G 5.1.13).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.d Mit Entscheid vom 26. Juli 2017 wies die Ausgleichskasse die Einsprache der
Versicherten ab. Zur Begründung führte sie an, es sei unbestritten, dass sich die
Versicherte mit Hilfe ihres Rollators fortbewegen könne. Der Rollator stelle ein
geeignetes Hilfsmittel dar, die Gehschwierigkeiten im Rahmen zu halten, zumal er im
Bedarfsfall auch als Sitzgelegenheit benutzt werden könne. Es gebe auch keine
Hinweise darauf, dass die Versicherte in der Kontaktpflege eingeschränkt wäre. Sie sei
in der Lage, Termine selbständig zu organisieren und wahrzunehmen. Damit sei die
Versicherte bei objektiver Betrachtung in der genannten Lebensverrichtung nicht auf
eine regelmässige Dritthilfe angewiesen (act. G 5.1.14).
C.
C.a Dagegen liess die Versicherte am 30. August 2017 Beschwerde erheben und die
Zusprache einer Hilflosenentschädigung leichten Grades beantragen. Zur Begründung
wurde angeführt, dass die Beschwerdeführerin sowohl in der Lebensverrichtung
Körperpflege als auch bei der Fortbewegung und bei der Kontaktaufnahme
Unterstützung benötige (act. G 1). Der Beschwerde lag ein von einem Mitarbeiter der
Spitex D._ in Zusammenarbeit mit der Bereichsleiterin Pflege der Spitex D._ sowie
dem Hausarzt der Versicherten verfasstes Schreiben bei. Darin war insbesondere
festgehalten worden, dass die Beschwerdeführerin im öffentlichen Bereich auch bei der
Benutzung des Rollators im mittleren Grad sturzgefährdet sei. Die Risikofaktoren seien
die traumatisierende Erinnerung des Sturztraumas vom Juli 2013, die Hochaltrigkeit,
der risikohafte öffentliche Verkehr sowie das instabile Gehen aufgrund der
Muskelschwäche. Weiter habe die Beschwerdeführerin ein durch Härten geprüftes
Leben gehabt, was sich im Sinne einer hohen Ängstlichkeit auswirke. Ausserdem
bestünden ein Kontaktmangel und eine soziale Isolation, welche sich negativ auf die
psychische und körperliche Gesundheit auswirkten. Aus diesen Gründen sei es aus
medizinischer und gerontologischer Sicht nicht zu verantworten, die
Beschwerdeführerin im öffentlichen Raum sowie bei Arztbesuchen, Einkäufen und der
Pflege persönlicher Kontakte alleine zu lassen (act. G 1.1).
C.b Am 19. September 2017 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde. Sie verwies zur Begründung auf ihre Ausführungen im
Einspracheentscheid (act. G 5).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.c Am 4. Oktober 2017 (act. G 7) liess die Beschwerdeführerin an den
beschwerdeweise vorgebrachten Standpunkten festhalten. Ergänzend wurde
angeführt, dass die verneinende Aussage der Spitex betreffend die Fortbewegung
lediglich die Dienste der beträfen. Die Spitex habe die gestellten Fragen somit nur aus
Sicht der Spitex beantwortet (act. G 7).
C.d Am 10. Dezember 2017 wurde sinngemäss um eine rasche Behandlung der
Beschwerde ersucht. Die Beschwerdeführerin sei am 29. November 2017 erneut
gestürzt und habe wiederum einen Bruch an der Hüfte erlitten (act. G 9).
C.e Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine weitere Stellungnahme (vgl. act. G
10).

Erwägungen
1.
1.1 Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung haben Bezüger von Altersrenten oder
Ergänzungsleistungen mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz, die
in schwerem, mittlerem oder leichtem Grad hilflos sind (Art. 43bis Abs. 1 AHVG). Als
hilflos gilt nach Art. 9 ATSG eine Person, die wegen der Beeinträchtigung der
Gesundheit für alltägliche Lebensverrichtungen dauernd der Hilfe Dritter oder der
persönlichen Über-wachung bedarf.
1.2 Für die Bemessung der Hilflosigkeit sind nach Art. 43bis Abs. 5 AHVG i.V.m. Art.
66bis Abs. 1 AHVV die Bestimmungen des IVG sinngemäss anwendbar. Gemäss Art.
37 Abs. 3 IVV gilt die Hilflosigkeit als leicht, wenn die versicherte Person trotz der
Abgabe von Hilfsmitteln in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen
regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist (lit. a), einer
dauernden persönlichen Überwachung bedarf (lit. b), einer durch das Gebrechen
bedingten ständigen und besonders aufwendigen Pflege bedarf (lit. c), oder wegen
einer schweren Sinnesschädigung oder eines schweren körperlichen Gebrechens nur
dank regelmässiger und erheblicher Dienstleistungen Dritter gesellschaftliche Kontakte
pflegen kann (lit. d).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.3 Praxisgemäss betreffen die massgebenden alltäglichen Lebensverrichtungen
folgende sechs Bereiche: An- und Auskleiden, Aufstehen/Absitzen/Abliegen, Essen,
Körperpflege, Verrichten der Notdurft und Fortbewegung (BGE 121 V 90 E. 3a; Rz 8010
des vom Bundesamt für Sozialversicherungen herausgegebenen Kreisschreibens über
Invalidität und Hilflosigkeit [KSIH]). Eine dauernde persönliche Überwachung liegt vor,
wenn eine Drittperson mit kleineren Unterbrüchen bei der versicherten Person
anwesend sein muss, weil diese nicht allein gelassen werden kann (vgl. Rz 8035 KSIH).
2.
2.1 Vorliegend strittig und zu prüfen ist der Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine
Entschädigung wegen einer Hilflosigkeit leichten Grades. Dabei ist der Sachverhalt bis
zum Erlass der abweisenden Verfügung vom 9. Februar 2017 (act. G 5.1.4) zu
beleuchten.
2.2 Zu prüfen ist, ob die Beschwerdeführerin in den Lebensverrichtungen der
Körperpflege und der Fortbewegung bzw. der Pflege gesellschaftlicher Kontakte auf
regelmässige und erhebliche Hilfe angewiesen ist. Unbestrittenermassen nicht
hilfsbedürftig ist die Beschwerdeführerin in den alltäglichen Lebensverrichtungen des
An- und Ausziehens, des Aufstehens, Absitzens, Abliegens, des Essens und des
Verrichtens der Notdurft. Ebenso wenig bedarf sie der ständigen und besonders
aufwendigen Pflege oder der regelmässigen persönlichen Überwachung.
2.3 Die Hilfe ist als regelmässig zu erachten, wenn sie die versicherte Person täglich
benötigt oder eventuell täglich nötig hat. Gelegentliche Zwischenfälle der
Hilfsbedürftigkeit können nicht zur Annahme einer Notwendigkeit regelmässiger
Dritthilfe führen (ZAK 1984 S. 354, Rz 8025 KSIH). Erheblich ist die Hilfe, wenn die
versicherte Person mindestens eine Teilfunktion einer einzelnen Lebensverrichtung
nicht mehr, nur mit unzumutbarem Aufwand oder nur auf unübliche Art und Weise (ZAK
1981 S. 387) selbst ausüben kann oder wegen ihres psychischen Zustandes ohne
besondere Aufforderung nicht vornehmen würde (vgl. Rz 8026 KSIH). Ob eine Dritthilfe
notwendig ist, ist im Sinne einer objektiven Betrachtung einzig nach dem Zustand der
versicherten Person zu beurteilen. Grundsätzlich unerheblich ist die Umgebung, in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
welcher sie sich aufhält (vgl. Urteil des Bundesgerichtes vom 5. März 2009,
8C_912/2008, E. 3.2.3).
2.4 Die Beschwerdegegnerin hat eine Hilflosigkeit der Beschwerdeführerin in der
Lebensverrichtung Körperpflege ohne weitere Begründung bejaht. Hilflosigkeit im
Bereich der Körperpflege liegt vor, wenn die versicherte Person eine täglich
notwendige Verrichtung im Rahmen der Körperpflege (Waschen, Kämmen, Rasieren,
Baden/Duschen) nicht selber ausführen kann (vgl. Rz 8020 KSIH). Nach Lage der Akten
ist die Beschwerdeführerin bei der täglichen Morgentoilette (Gesicht waschen und
Haare kämmen) selbständig. Beim Duschen ist sie zwei bzw. drei Mal in der Woche auf
die Hilfe der Spitex angewiesen (vgl. act. G 5.1.2, 5.1.10). Entgegen der Auflistung im
KSIH ist Duschen bzw. Baden allerdings nicht als täglich notwendige Verrichtung im
Bereich der Körperpflege anzusehen. Entsprechend ist davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin auch nicht mehr als zwei bis drei Mal in der Woche duscht bzw.
dies täglich nötig hätte (vgl. E. 2.3). Ob die Hilfe beim Duschen für sich alleine dem
Erfordernis der (täglichen) Regelmässigkeit zu genügen vermöchte, erscheint damit
zumindest als fraglich. Im vorliegenden Fall wird die Beschwerdeführerin jedoch nicht
nur bei den Duschvorgängen, sondern zusätzlich fünf Mal wöchentlich in der Haut- und
Wundpflege unterstützt. Diese Unterstützung ist zwar zu einem gewissen Teil auch
medizinisch bedingt. Vor dem Hintergrund des wegen der Adipositas erhöhten Bedarfs
an gründlicher Hautpflege ist sie jedoch in überwiegendem Masse als Hilfeleistung im
Lebensbereich der Körperpflege anzusehen. Gesamthaft betrachtet ist damit aufgrund
der notwendigen Hilfe beim Duschen sowie wegen der Unterstützung in der Haut- und
Wundpflege ein regelmässiger und erheblicher Bedarf an Dritthilfe in der Körperpflege
überwiegend wahrscheinlich ausgewiesen. Die Beschwerdegegnerin hat eine
Hilflosigkeit in dieser Lebensverrichtung somit zu Recht bejaht.
2.5 Weiter ist zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin auch im Bereich der
Fortbewegung bzw. der Pflege gesellschaftlicher Kontakte auf erhebliche und
regelmässige Dritthilfe angewiesen ist.
2.5.1 In dieser Lebensverrichtung liegt eine Hilflosigkeit vor, wenn sich die
versicherte Person auch mit einem Hilfsmittel nicht mehr alleine im oder ausser Haus
fortbewegen oder wenn sie keine gesellschaftlichen Kontakte pflegen kann. Unter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gesellschaftlichen Kontakten sind die zwischenmenschlichen Beziehungen zu
verstehen, wie sie der Alltag mit sich bringt (z.B. Lesen, Schreiben, Besuch von
Konzerten und von politischen oder religiösen Anlässen; Rz 8022 und 8023 KSIH).
2.5.2 Gemäss den telefonischen Auskünften der Spitex vom Dezember 2016 und
Mai 2017 besteht im Bereich der Fortbewegung und der Pflege gesellschaftlicher
Kontakte kein regelmässiger erheblicher Hilfsbedarf. Wenn die Spitex nicht anwesend
sei, versorge sich die Beschwerdeführerin alleine. Sie könne sich mit Hilfe ihres
Rollators sowohl drinnen in ihrer Wohnung als auch draussen in der näheren
Umgebung alleine fortbewegen. Sie sei in der Lage, Spaziergänge zu unternehmen und
auch kleinere Einkäufe selbst zu erledigen. Lediglich bei Grosseinkäufen, bei
Arztbesuchen oder bei weiteren Strecken sei die Beschwerdeführerin auf Hilfe
angewiesen. (act. G 5.1.2, 5.1.10). Diese Aussagen stimmen im Wesentlichen mit den
Angaben im Anmeldeformular überein. Zwar wurde dort bei der Fortbewegung die
Hilfsbedürftigkeit bejaht, jedoch wurde ebenfalls lediglich bei Transporten, beim
Einkaufen sowie bei Spaziergängen ein Hilfsbedarf angegeben (act. G 5.1.1). Auch im
beschwerdeweise eingereichten Schreiben vom 30. August 2017 (act. G 1.1) wird
ausgeführt, dass die Beschwerdeführerin den grössten Teil ihres Alltages selbständig
und mit Initiative und Eigenwille bewältige. Bei der Fortbewegung im Haus sei sie mit
dem Rollator selbständig. Im Aussenbereich sei sie jedoch aufgrund verschiedener
Risikofaktoren und gerontologischer Aspekte, wie insbesondere wegen der
Sturzgefahr, ihres fortgeschrittenen Alters, ihrer ängstlichen Persönlichkeit sowie
wegen des risikohaften und rücksichtslosen Strassenverkehrs, als hilflos zu
bezeichnen.
2.5.3 Nach Lage der Akten ist somit überwiegend wahrscheinlich erstellt, dass die
Beschwerdeführerin im Innenbereich grösstenteils selbständig ist und keiner
wesentlicher Dritthilfe bedarf. Was die Fortbewegung im Freien betrifft, so werden mit
den im Schreiben vom 30. August 207 aufgeführten „Risikofaktoren“ im Aussenbereich
überwiegend theoretische Problemfelder aufgezählt, mit denen sich der Grossteil der
älteren Bevölkerung konfrontiert sieht. Die konkrete Situation der Beschwerdeführerin
wird nur am Rande beleuchtet, indem auf die diagnostizierte Muskelschwäche und ihre
ängstliche Persönlichkeit hingewiesen wird. Dass die Beschwerdeführerin, wie
anlässlich der telefonischen Abklärungen angegeben worden ist, im strittigen Zeitraum
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(vgl. E. 2.1) mit Hilfe ihres Rollators selbständig das Haus verlassen hat, draussen
unterwegs gewesen ist und kleinere Einkäufe erledigt hat, wird im Bericht nicht
überzeugend widerlegt. Die pauschalisierten gerontologischen Aussagen vermögen
jedenfalls nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zu belegen, dass die
Beschwerdeführerin im strittigen Zeitraum nicht gemäss den telefonischen Angaben im
Freien unterwegs gewesen ist.
2.6 Ein erheblicher und regelmässiger Bedarf an Dritthilfe bei der Pflege von
gesellschaftlichen Kontakten geht aus den Akten ebenfalls nicht hervor. Die
Beschwerdeführerin leidet auch nicht an einer diagnostizierten psychischen
Gesundheitsbeeinträchtigung, welche eine Hilfe bei der Kontaktpflege zur Vorbeugung
einer sozialen Isolation erforderlich machen würde (vgl. 8024, 8048 KSIH). Auch wenn
die Beschwerdeführerin gemäss den Angaben ihres Hausarztes gehemmt, ängstlich
und rasch niedergeschlagen ist (vgl. act. G 5.1.1-8), pflegt sie dennoch Kontakt zu
einer Studentin, welche sie einmal die Woche besucht, bestreitet ihren Alltag zu einem
grossen Teil selbst und organisiert ihre Termine und Aktivitäten im Wesentlichen
eigenständig (vgl. act. G 5.1.10, E. 2.5.2). Dabei ist insbesondere auch nicht weiter
erheblich, dass ihr Coiffeur aus Rücksichtnahme in der Regel Hausbesuche macht (vgl.
act. G 7). Eine regelmässige und erhebliche Hilfe bei der Pflege gesellschaftlicher
Kontakte ist damit ebenfalls nicht überwiegend wahrscheinlich ausgewiesen.
3.
3.1 Nach Lage der Akten besteht somit entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin
auch bei der Fortbewegung im Freien und bei der Kontaktpflege mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit kein erheblicher und regelmässiger Bedarf an Hilfe. Entsprechend
ist die Beschwerdeführerin nur im Bereich der Körperpflege und damit lediglich in einer
der sechs alltäglichen Lebensverrichtungen als hilflos zu betrachten. Damit besteht
kein Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung (leichten Grades).
3.2 Das erwähnte Sturzereignis vom 29. November 2017 (vgl. act. G 9) hat sich nach
dem Erlass der massgebenden Verfügung vom 9. Februar 2017 ereignet und ist damit
im vorliegenden Verfahren nicht näher zu prüfen. Im Sinne eines obiter dictums ist das
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entsprechende Schreiben vom 10. Dezember 2017 jedoch als formlose Neuanmeldung
zu qualifizieren.
4.
Die Beschwerde ist abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu erheben.