Decision ID: 0a27f0a4-2a7a-531a-a892-83ad2a7e0c14
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 29.02.2012 Art. 46 Abs. 2 AHVG. Voraussetzungen für die ausnahmsweise Ausrichtung einer rückwirkenden Hilflosenentschädigung für mehr als ein Jahr vor Anmeldung (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 29. Februar 2012, AHV-H 2011/1).Aufgehoben durch Urteil des Bundesgerichts 9C_336/2012.Präsidentin Karin Huber-Studerus, Versicherungsrichterin Miriam Lendfers, a.o. Versicherungsrichter Christian Zingg; Gerichtsschreiber Tobias BoltEntscheid vom 29. Februar 2012in SachenA._,Beschwerdeführerin,vertreten durch Johannes Straub, Stäpflistrasse 9, 9442 Berneck,gegenEidgenössische Ausgleichskasse EAK, Rechtsdienst, Holzikofenweg 36, 3003 Bern,Beschwerdegegnerin,betreffendHilflosenentschädigung / VerzugszinsenSachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 29. April 2009 zum Bezug einer Hilflosenentschädigung der
Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) an (act. G 5.1.8).
A.b Nach Durchführung entsprechender Abklärungen sprach die Eidgenössische
Ausgleichskasse (EAK) der Versicherten mit Verfügung vom 2. September 2010 eine
Hilflosenentschädigung entsprechend einer Hilflosigkeit schweren Grades mit Wirkung
ab 1. April 2008 zu (act. G 5.1.23).
A.c Dagegen liess die Versicherte am 5. Oktober 2010 Einsprache (act. G 5.1.24–6)
erheben; diese wurde am 3. November 2010 (act. G 5.1.24–3 f.) und am 6. Dezember
2010 (act. G 5.1.29) ergänzt. Die Versicherte liess die Zusprache einer
Hilflosenentschädigung mit Wirkung ab 1. April 2004 sowie die Vergütung
entsprechender Verzugszinsen beantragen und zur Begründung im Wesentlichen
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festhalten, sie sei seit längerer Zeit dement, und es sei ihr zufolge ihrer kognitiven
Defizite wie auch aufgrund ihrer starken Sehbehinderung nicht möglich gewesen, den
anspruchsbegründenden Sachverhalt für eine Hilflosenentschädigung zu kennen; die
Hilflosigkeit bestehe seit dem Jahr 2003. Als Beilage liess sie einen Bericht von
Dr. med. B._, Facharzt FMH für Allgemeine Medizin, vom 21. Februar 2007
einreichen, in welchem ausgeführt worden war, es hätten sich „in zunehmendem Mass
... in den letzten Jahren kognitive Defizite im Sinne einer dementiellen Entwicklung
eingestellt“. Weiter wurde im Bericht von Dr. B._ eine Überdosierung des
Medikaments Marcoumar im September 2003 zufolge Einnahmefehler bzw.
Verwechslung von Tabletten erwähnt (act. G 5.1.30). Die Versicherte liess auch ein
Zeugnis von Dr. med. C._, Facharzt FMH für Ophthalmologie, vom 9. Januar 2006
einreichen, in welchem bestätigt wurde, dass die Sehfunktion seit 2002 stark
eingeschränkt sei; die Versicherte sei auf fremde Hilfe angewiesen (act. G 5.1.31).
A.d Mit Entscheid vom 14. Januar 2011 wies die EAK die Einsprache vom 5. Oktober
2010 ab. Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, die Hilflosigkeit der
Versicherten sei ihrem zur Anmeldung berechtigten Sohn bekannt gewesen; die
Anmeldung sei wohl aufgrund von Rechtsunkenntnis nicht erfolgt, was indessen nicht
zur ausnahmsweisen weitergehenden rückwirkenden Zusprache einer
Hilflosenentschädigung berechtige (act. G 5.1.34).
B.
B.a Dagegen richtet sich die am 16. Februar 2011 (Postaufgabe) erhobene und am
30. März 2011 ergänzte Beschwerde, mit der die Zusprache einer
Hilflosenentschädigung entsprechend einer Hilflosigkeit schweren Grades mit Wirkung
ab dem 1. April 2004 sowie die Vergütung entsprechender Verzugszinsen beantragt
und zur Begründung im Wesentlichen dieselben Argumente wie bereits im
Einspracheverfahren vorgebracht werden (act. G 1 und G 3).
B.b Die Beschwerdegegnerin schliesst gemäss Beschwerdeantwort vom 25. Mai
2011 auf Abweisung der Beschwerde, wobei sie zur Begründung im Wesentlichen
dieselben Argumente vorbringt wie bereits im Einspracheentscheid; der Antrag auf
Vergütung von Verzugszinsen sei angesichts der Verfügung vom 24. Mai 2011, mit der
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Verzugszinsen im Betrag von Fr. 598.-- zugesprochen worden seien, (teilweise)
gegenstandslos geworden (act. G 5, G 5.1 und G 5.2).
B.c Die Beschwerdeführerin liess am 14. Juli 2011 Replik erstatten und ausführen, für
die Beschwerdegegnerin sei eine mögliche Hilflosigkeit der Beschwerdeführerin
durchaus erkennbar gewesen, weshalb die Beschwerdegegnerin die
Beschwerdeführerin auf einen entsprechenden Anspruch hätte aufmerksam machen
müssen (act. G 11).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 13).

Erwägungen:
1.
Gemäss Art. 46 Abs. 2 Satz 1 des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10) ist die rückwirkende Ausrichtung einer
Hilflosenentschädigung der AHV grundsätzlich lediglich bis höchstens zwölf Monate
vor Geltendmachung des Anspruchs möglich. Hintergrund der Einführung dieser im
Vergleich zur Regelung betreffend Rentennachzahlungen kurzen Nachzahlungsdauer
war der Gedanke, eine zuverlässige Abklärung der Hilflosigkeit für einen weit
zurückliegenden Zeitraum wäre kaum zu bewerkstelligen (vgl. die Botschaft des
Bundesrates zur 7. AHV-Revision vom 4. März 1968, BBl 1968 I 662). Die in Art. 46
Abs. 2 Satz 2 AHVG vorgesehene Ausnahme von diesem Grundsatz, dass nämlich
weiter gehende Nachzahlungen erbracht werden, wenn die versicherte Person den
Sachverhalt nicht kennen konnte und die Anmeldung zwölf Monate nach
Kenntnisnahme vorgenommen wird, geht ursprünglich auf einen Entscheid des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts (EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts) aus dem Jahr 1962 zurück (vgl. die Botschaft des
Bundesrates zur 1. IV-Revision vom 27. Februar 1967, BBl 1967 I 690). Damals fehlte
es an einer entsprechenden gesetzlichen Ausnahmeregelung, doch hielt das EVG fest,
es dränge sich ungeachtet des klaren Wortlauts der gesetzlichen Bestimmung eine
Analogie zu den allgemeinen Grundsätzen der Wiederherstellung einer versäumten Frist
auf. Reine Rechtsunkenntnis rechtfertige eine solche Fristwiederherstellung allerdings
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nicht, weshalb auch im konkreten Fall die Beschwerde mit der Begründung
abgewiesen wurde, die Krankheit der Beschwerdeführerin sei nicht als derart schwer
zu qualifizieren und die mentalen Defizite seien nicht derart ausgeprägt, dass sie ihren
Anspruch nicht hätte geltend machen können, zumal auch ihr Ehemann für sie hätte
handeln können (EVGE 1962, S. 361 ff.). Nachdem diese Rechtsprechung Niederschlag
im Gesetz gefunden hat, ist heute primär der Wortlaut der gesetzlichen Bestimmung
ausschlaggebend. Dieser trägt der erwähnten Rechtsprechung unter anderem aber
auch dahingehend Rechnung, als eine weiter gehende Nachzahlung nur dann
ausnahmsweise möglich ist, wenn die versicherte Person den Sachverhalt – nicht die
Rechtslage – nicht kennen konnte. Dementsprechend hat das EVG auch etwa im
Entscheid H 374/00 vom 9. August 2002 ausgeführt, Rechtsunkenntnis führe nicht zu
entsprechenden weiter gehenden Nachzahlungen.
2.
2.1 In der ergänzten Anmeldung vom Januar 2010 wurde angegeben, die
Pflegebedürftigkeit im erwähnten Ausmass – infolge Sehbehinderung und Verwirrung
bzw. dementiellen Syndroms – bestehe seit dem Jahr 2002, die Hilflosigkeit seit dem
Jahr 2004 (act. G 5.1.14). Anlässlich einer telefonischen Abklärung der Verhältnisse
wurden diese Angaben vom Sohn der Beschwerdeführerin bestätigt (act. G 5.1.19).
Ärztlicherseits bestätigten Dr. C._ am 9. Januar 2006, dass die Sehfunktion seit dem
Jahr 2002 stark eingeschränkt und die Beschwerdeführerin auf fremde Hilfe
angewiesen sei (act. G 5.1.15), Dr. med. D._, Fachärztin FMH für Oto-Rhino-Laryngo-
logie, am 8. Januar 2007, dass die Beschwerdeführerin an einer – im Bericht mangels
entsprechender Fragestellung nicht näher spezifizierten – relevanten Sehbehinderung
leide (act. G 5.1.3), und Dr. B._ am 21. Februar 2007, dass die Beschwerdeführerin
an einem dementiellen Syndrom leide, welches sich „in den letzten Jahren“ in
zunehmendem Mass entwickelt habe (act. G 5.1.30).
2.2 Anhand dieser Angaben ist es zwar nicht ausgeschlossen, dass die
Beschwerdeführerin schon vor April 2008 (zwölf Monate vor Anmeldung) hilflos im
Sinne des Gesetzes war und entsprechend Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung
der AHV gehabt hätte. Nachgewiesen, zumindest nach dem Grad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit, ist der Anspruch aber nicht. Ein dementielles Syndrom begründet –
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zumindest im Anfangsstadium – nicht zwingend eine Hilflosigkeit in den massgeblichen
Lebensverrichtungen, ebensowenig wie eine Beeinträchtigung des Gehörs. Höchstens
die nachlassende Sehfähigkeit hätte vorliegend eine relevante Hilflosigkeit zur Folge
haben können, doch ist dies in den Akten nicht genügend ausgewiesen. Ohnehin lässt
sich aufgrund der Akten nicht beantworten, ab eine anspruchserhebliche Hilflosigkeit
bestand; auch deren Verlauf lässt sich nicht rekonstruieren. Da davon auszugehen ist,
dass keine weiteren Akten eingeholt werden können, anhand derer diese Fragen
zuverlässig beantwortet werden könnten, liegt Beweislosigkeit betreffend die
Hilflosigkeit der Beschwerdeführerin in der Zeit vor April 2008 vor. Das
Sozialversicherungsrecht kennt keinen Grundsatz „im Zweifel zugunsten des
Versicherten“; vielmehr haben Verwaltung und Gericht ihren Entscheiden den mit dem
Beweisgrad überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellten Sachverhalt zugrunde zu
legen. Bleibt ein Sachverhaltselement unbewiesen und kann der Beweis nicht erbracht
werden (liegt also Beweislosigkeit vor), so fällt der Entscheid zuungunsten derjenigen
Partei aus, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten will.
Bezogen auf die vorliegend zu beurteilende Angelegenheit bedeutet dies, dass ein
Anspruch auf Hilflosenentschädigung für die Zeit vor April 2008 nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit ausgewiesen ist, dass diesbezüglich Beweislosigkeit
vorliegt und dass deshalb die Zusprache einer Hilflosenentschädigung für die Zeit vor
April 2008 bereits aus diesem Grund nicht möglich ist.
2.3 Selbst wenn anhand der Akten davon auszugehen wäre, die Beschwerdeführerin
sei bereits vor April 2008 überwiegend wahrscheinlich hilflos im Sinne des Gesetzes
gewesen, müsste sie – um in den Genuss weiter gehender Nachzahlungen gemäss
Art. 46 Abs. 2 Satz 2 AHVG zu kommen – nachweisen können, dass sie den
anspruchsbegründenden Sachverhalt nicht kennen konnte. Zudem müsste sie
nachweisen können, dass sie sich zum Bezug einer Hilflosenentschädigung
angemeldet hätte, wenn sie den Sachverhalt gekannt hätte. Unter den Begriff des
anspruchsbegründenden Sachverhalts fällt lediglich die tatsächliche Hilflosigkeit, also
etwa die Unfähigkeit, selbständig zu essen, sich an- oder auszukleiden usw. Nicht
entscheidend ist, ob die Beschwerdeführerin wusste, dass sie damit als hilflos im Sinne
des Gesetzes zu qualifizieren ist, oder ob ihr bekannt war, dass sie unter Umständen
Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung hätte, denn dies betrifft Rechtsfragen, nicht
Sachverhaltsfragen; Rechtsunkenntnis rechtfertigt aber nicht zum Bezug weiter
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gehender Nachzahlungen. Der entsprechende Beweis könnte daher – bezogen auf die
vorliegend massgebenden Verhältnisse – lediglich mittels Nachweises einer
erheblichen Schwere des dementiellen Syndroms bereits in der Zeit vor Anmeldung
geführt werden. Massgebend wären dabei insbesondere entsprechende medizinische
Berichte. Zwar hat Dr. B._ tatsächlich bereits im Oktober 2006 einen Demenztest
durchgeführt, der einen langsamen progredienten Verlauf ergab. Allerdings veranlasste
er keine weiteren Massnahmen, insbesondere keine weiteren Abklärungen. Da das
dementielle Syndrom eine erhebliche Schwere aufgewiesen haben müsste, damit
davon ausgegangen werden könnte, die Beschwerdeführerin habe den
anspruchsbegründenden Sachverhalt nicht kennen können, reicht dies nicht aus. Auch
diesbezüglich liegt mithin Beweislosigkeit vor. Ein Anspruch auf weiter gehende
Nachzahlungen bestünde mithin auch dann nicht, wenn der Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung im fraglichen Zeitraum ausgewiesen wäre, da der Beweis des
nicht kennen Könnens des anspruchsbegründenden Sachverhalts nicht gelingt.
2.4 Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass sich die Beschwerdeführerin unter
Umständen die Unterlassung ihres Sohnes anrechnen lassen müsste, da dieser
offensichtlich ihre Angelegenheiten besorgte und mit ihr im gemeinsamen Haushalt
lebte, mithin die Voraussetzungen zur Anmeldung gemäss Art. 67 der Verordnung über
die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVV; SR 831.101) erfüllte. Wie es sich
diesbezüglich verhält, kann angesichts der oben dargestellten Beweislosigkeit offen
bleiben.
3.
Was den Hinweis auf die Beratungspflicht der Beschwerdegegnerin betrifft, so ist
festzustellen, dass der Beschwerdegegnerin vor Eingang der Anmeldung zum Bezug
einer Hilflosenentschädigung der AHV lediglich die Akten im Zusammenhang mit einer
früheren Hilfsmittelabgabe (Hörgerät) vorlagen. Abgesehen vom Hinweis im Bericht von
Dr. D._ vom 8. Januar 2007, neben der relevanten Hörbehinderung liege auch eine
relevante Sehbehinderung vor (vgl. act. G 5.1.3), lässt sich diesen Akten kein weiterer
Hinweis auf eine allfällige bereits damals bestandene Hilflosigkeit der
Beschwerdeführerin entnehmen. Damit stand für die Beschwerdegegnerin aber nicht
bereits fest, dass ein Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung der AHV bestehen
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könnte; vielmehr hätte sie weitere Nachforschungen anstellen müssen, bis sie hätte
feststellen können, dass ein entsprechender Leistungsanspruch bestand, was durch
die in Art. 27 Abs. 3 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) statuierte Aufklärungspflicht klarerweise
nicht erfasst gewesen wäre (vgl. Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Aufl., Zürich 2009,
Art. 27 N 35, mit Hinweisen auf Gesetzesmaterialien und Rechtsprechung). Eine
Pflichtverletzung der Beschwerdegegnerin, welche zu einem anderen als dem oben
dargelegten Ergebnis führen würde, ist deshalb nicht zu erblicken.
4.
Demnach ist die Beschwerde abzuweisen, soweit sie nicht zufolge
Gegenstandslosigkeit – für den anerkannten rückwirkenden Anspruch wurden mit
Verfügung vom 24. Mai 2011 Verzugszinsen ausbezahlt – abzuschreiben ist.
Gerichtskosten sind gemäss Art. 61 lit. a ATSG keine zu erheben.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP