Decision ID: 0c435e47-8dbf-5fe5-aa44-b1f81086ead0
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ X. Y., geboren am 10. August 1984, Staatsangehöriger von Eritrea, reiste am 22.
Dezember 2006 illegal in die Schweiz ein und stellte gleichentags ein Asylgesuch. Er
wurde dem Kanton St. Gallen zugewiesen. Am 27. August 2008 entsprach das
Bundesamt für Migration (BFM) dem Gesuch von X. Y. und anerkannte ihn als
Flüchtling im Sinn von Art. 3 Abs. 1 und 2 des Asylgesetzes (SR 142.31, abgekürzt
AsylG). Die Flüchtlingseigenschaft von X. Y. wurde anerkannt, weil er in Eritrea den
Militärdienst verweigert hatte. Das Ausländeramt (heute: Migrationsamt) erteilt ihm in
der Folge eine Aufenthaltsbewilligung, die letztmals bis 21. Dezember 2011 verlängert
wurde.
Am 25. August 2009 stellte X. Y. das Gesuch um Familienzusammenführung mit S. W.,
geboren am 28. August 1990, Staatsangehörige von Eritrea. Am 3. September 2009
wies das BFM das Gesuch mit der Begründung ab, nach Art. 51 Abs. 4 AsylG setze die
Familienzusammenführung voraus, dass eine Familienverbindung bereits vor der Flucht
bestanden habe. Den Akten könne aber nicht entnommen werden, X. Y. habe vor
seiner Ausreise in einer eheähnlichen Gemeinschaft gelebt. Im Verlauf des
Asylverfahrens habe er sich als ledig bezeichnet und nie erwähnt, dass er eine
Lebensgefährtin habe. X. Y. wurde darauf aufmerksam gemacht, dass er die
Möglichkeit habe, bei der Migrationsbehörde ein Gesuch um Familiennachzug zu
stellen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 30. Januar 2010 heiratete X. Y. im Sudan S. W., die dort seit dem 26. Mai 2009 den
Status eines Flüchtlings hatte. Am 18. Mai 2010 reichte er beim BFM ein zweites
Gesuch um Familienzusammenführung ein, das am 10. Juni 2010 abgewiesen wurde.
Eine Beschwerde X. Y.s beim Bundesverwaltungsgericht gegen diese Verfügung blieb
erfolglos.
Am 7. Februar 2010 reichte S. W. bei der Schweizer Botschaft in Khartum ein
persönliches Einreisegesuch ein. In der Folge, am 31. August 2010, ersuchte das
Migrationsamt X. Y., beim Einwohneramt D. bis 20. September 2010 verschiedene
Unterlagen einzureichen. Weil die Unterlagen trotz Fristerstreckung bis 31. Oktober
2010 nicht eingetroffen waren, wurde das Familiennachzugsgesuch am 24. November
2010 abgewiesen.
Am 8. Februar 2011 reichte X. Y. neuerlich ein Gesuch um Familiennachzug von S. W.
ein. Nachdem X. Y. das rechtliche Gehör gewährt worden war, wies das Migrationsamt
das Gesuch am 29. Juni 2011 ab.
B./ Am 13. Juli 2011 erhob X. Y., vertreten durch Rechtsanwältin A. B., gegen die
Verfügung des Migrationsamtes vom 29. Juni 2011 Rekurs beim Sicherheits- und
Justizdepartement. Er beantragte, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und es
sei S. W. eine Aufenthaltsbewilligung im Rahmen des Familiennachzugs zum Verbleib
beim Ehemann zu erteilen. Am 19. Oktober 2011 reichte X. Y. verschiedene Unterlagen
ein, darunter einen Arbeitsvertrag mit der Residenz R. AG, D., vom 23. September
2011. Am 8. November 2011 wies das Sicherheits- und Justizdepartement den Rekurs
von X. Y. ab und auferlegte ihm eine Entscheidgebühr von Fr. 1'000.--.
C./ Am 23. November 2011 erhob X. Y., wiederum vertreten durch Rechtsanwältin A.
B., gegen den Entscheid des Sicherheits- und Justizdepartements vom 8. November
2011 Beschwerde beim Verwaltungsgericht. Er beantragte, der angefochtene
Entscheid sei aufzuheben und es sei S. W. die Einreise- und Aufenthaltsbewilligung im
Rahmen des Familiennachzugs zum Verbleib beim Ehemann zu erteilen. Sodann stellte
er das Gesuch, für das Verfahren vor Verwaltungsgericht sei ihm die unentgeltliche
Rechtspflege und Rechtsverbeiständung zu gewähren.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 29. November 2011 wies der Vizepräsident des Verwaltungsgerichts das Gesuch
um unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung ab und forderte X. Y. auf,
bis 13. Dezember 2011 einen Kostenvorschuss von Fr. 2'000.-- zu leisten. Am 13.
Dezember 2011 teilte die Rechtsvertreterin von X. Y. mit, es werde eine Beschwerde
beim Bundesgericht eingereicht, weshalb von der Abschreibung des Verfahrens
abzusehen sei. Am 15. März 2012 hiess das Bundesgericht die Beschwerde von X. Y.
gut und hob die Verfügung des Vizepräsidenten des Verwaltungsgerichts vom 29.
November 2011 auf.
Am 22. März 2012 hiess der Präsident des Verwaltungsgerichts das Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung gut und bestimmte
Rechtsanwältin A. B. zur unentgeltlichen Rechtsbeiständin.
Am 26. März 2012 beantragte das Sicherheits- und Justizdepartement, die
Beschwerde sei unter Kostenfolge abzuweisen. Auf eine Begründung wurde verzichtet.
Am 16. August 2012 reichte X. Y. einen Arbeitsvertrag vom 18. Juli 2012 mit der Firma
C., E., ein.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. (...).
2. Nach Art. 44 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer
(SR 142.20, abgekürzt AuG) kann ausländischen Ehegatten von Personen mit
Aufenthaltsbewilligung eine Aufenthaltsbewilligung erteilt werden, wenn sie mit diesen
zusammenwohnen (lit. a), eine bedarfsgerechte Wohnung vorhanden ist (lit. b) und sie
nicht auf Sozialhilfe angewiesen sind (lit. c). Somit besteht gestützt auf Art. 44 AuG kein
Nachzugsanspruch. Vielmehr liegt die Bewilligung des Familiennachzugs im
behördlichen Ermessen, das aber pflichtgemäss auszuüben ist, weshalb Gesuchen
rechtsgleich und willkürfrei zu entsprechen ist, sofern die gesetzlichen
Voraussetzungen erfüllt sind (M. Spescha, in: Spescha/Thür/Zünd/Bolzli, Kommentar
zum Migrationsrecht, 3. Aufl., N 1 zu Art. 44 AuG).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3. Art. 8 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten
(SR 0.101, abgekürzt EMRK) gewährleistet den Schutz des Familienlebens. Die EMRK
verschafft an sich kein Recht auf Aufenthalt in einem bestimmten Konventionsstaat.
Hat ein Ausländer nahe Verwandte in der Schweiz und ist diese familiäre Beziehung
intakt und wird sie tatsächlich gelebt, kann es hingegen das in Art. 8 Ziff. 1 EMRK bzw.
Art. 13 Abs. 1 der Bundesverfassung (SR 101, abgekürzt BV) garantierte Recht auf
Achtung des Familienlebens verletzen, wenn ihm die Anwesenheit in der Schweiz
untersagt wird. Unbestritten ist, dass der Beschwerdeführer, der eine
Aufenthaltsbewilligung besitzt, über ein gefestigtes Anwesenheitsrecht verfügt (vgl. Art.
2 in Verbindung mit Art. 60 AsylG; BGE 130 II 285 E. 3.1), weshalb er grundsätzlich
Anspruch auf Nachzug seiner Ehefrau hat.
Nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK ist ein Eingriff in das durch Ziff. 1 geschützte Rechtsgut
statthaft, soweit er gesetzlich vorgesehen und in einer demokratischen Gesellschaft
notwendig ist für die nationale oder öffentliche Sicherheit, für das wirtschaftliche Wohl
des Landes, zur Aufrechterhaltung der Ordnung, zur Verhütung von Straftaten, zum
Schutz der Gesundheit oder der Moral oder zum Schutz der Rechte und Freiheiten
anderer. Die Konvention verlangt eine Abwägung zwischen den widerstreitenden
Interessen an der Erteilung der Bewilligung einerseits und an deren Verweigerung
andererseits, wobei letztere in dem Sinn überwiegen müssen, als sich der Eingriff als
notwendig erweist (BGE 137 I 249 E. 4.1.1 mit Hinweisen). Bei der Interessenabwägung
sind die gesamten persönlichen Verhältnisse des Ausländers zu würdigen, namentlich
die Dauer des Aufenthalts, die Integration in der Schweiz, die verbleibende Beziehung
zum Heimatstaat und straf- und fremdenpolizeilich verpöntes Verhalten (VerwGE B
2011/266 E. 2.2. mit Hinweisen, abrufbar unter www.gerichte.sg.ch).
4.
4.1. Nach Art. 62 lit. e AuG kann die Behörde auf die Erteilung einer
Aufenthaltsbewilligung verzichten, wenn die Ausländerin oder der Ausländer oder eine
Person, für die er zu sorgen hat, auf Sozialhilfe angewiesen ist bzw. wenn im Fall des
Familiennachzugs die Gefahr einer Sozialhilfeabhängigkeit besteht. Bloss finanzielle
Bedenken genügen für die Abweisung des Nachzugsgesuchs nicht, wenn gestützt auf
Art. 8 EMRK ein Anspruch auf Familiennachzug besteht. Es muss konkret die Gefahr
http://www.gerichte.sg.ch/
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einer fortgesetzten und erheblichen Fürsorgeabhängigkeit gegeben sein. Dabei ist von
den aktuellen Verhältnissen auszugehen und die wahrscheinliche finanzielle
Entwicklung ist auf längere Sicht abzuwägen. Sodann darf nicht einzig auf das
Einkommen des hier anwesenden Familienangehörigen abgestellt werden, sondern es
sind die finanziellen Möglichkeiten aller Familienmitglieder über längere Sicht in die
Beurteilung miteinzubeziehen. Das Einkommen des Angehörigen, der an die
Lebenshaltungskosten beitragen soll, ist daran zu messen, ob und in welchem Umfang
es tatsächlich realisierbar ist. In diesem Sinn müssen die Erwerbsmöglichkeiten und
das damit verbundene Einkommen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf mehr als
nur kurze Frist hin gesichert erscheinen (BGer 2C_31/2012 vom 15. März 2012 E. 2.2
mit Hinweis auf BGE 122 II 8 E. 3c und BGer 2C_452/2008 vom 13. Februar 2009 E. 2;
vgl. auch VerwGE B 2011/266 vom 3. Juli 2012, abrufbar unter www.gerichte.sg.ch).
4.2. Das Bundesgericht zieht mit dem Urteil vom 15. März 2012 (BGer 2C_31/2012 E.
2.2) betreffend unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung in Zweifel, ob
Art. 62 lit. e AuG auf anerkannte Flüchtlinge angewendet werden könne.
Der anerkannte Flüchtling hat eine bevorzugte Rechtsstellung (W. Stöckli, in: Uebersax/
Rudin/Hugi Yar/Geiser, Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2008, Rz. 11.46). Sie richtet sich
nach dem für Ausländerinnen und Ausländer geltenden Recht, soweit nicht besondere
Bestimmungen, namentlich des AsylG und des Abkommens über die Rechtsstellung
der Flüchtlinge (SR 0.142.20) anwendbar sind. So haben Personen, denen Asyl
gewährt wurde, gestützt auf Art. 60 Abs. 1 AsylG Anspruch auf eine
Aufenthaltsbewilligung im Kanton, in dem sie sich rechtmässig aufhalten. Nach
fünfjährigem rechtmässigem Aufenthalt in der Schweiz haben sie, Ausnahmen
vorbehalten, Anspruch auf die Niederlassungsbewilligung (Art. 60 Abs. 2 AsylG). Weil
Art. 60 AsylG den allgemeinen ausländerrechtlichen Bestimmungen des AuG vorgeht,
stellt die Sozialhilfeabhängigkeit keinen Grund zur Verweigerung der
Niederlassungsbewilligung dar (Spescha/Kerland/Bolzli, Handbuch zum
Migrationsrecht, Zürich 2010, Ziff. 5.2.1). Nach Art. 51 AsylG können Flüchtlinge mit
Asyl ihre engen Familienangehörigen sodann zu sich in die Schweiz kommen lassen.
Die Ehegatten, minderjährige Kinder und bei besonderen Gründen weitere
Familienangehörige erhalten Familienasyl. Sie werden in die Flüchtlingseigenschaft des
originär Verfolgten miteinbezogen (Spescha/Kerland/Bolzli, a.a.O., Ziff. 5.2.4). Sodann
http://www.ge-richte.sg.ch/
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
besteht die Möglichkeit des Familiennachzugs gemäss den allgemeinen
ausländerrechtlichen Bestimmungen über den Familiennachzug von Personen mit
Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung (Art. 43 ff. AuG; Schweizerische
Flüchtlingshilfe, Handbuch zum Asyl- und Wegweisungsverfahren, Bern 2009, S. 302).
Der Beschwerdeführer verfügt als anerkannter Flüchtling über eine
Aufenthaltsbewilligung. Sodann hat er beim BFM zweimal das Gesuch um
Familienzusammenführung mit S. W. gemäss Art. 51 AsylG gestellt. Beide Gesuche
sind abgewiesen worden, und eine Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht
gegen die Verfügung des BFM vom 10. Juni 2010 blieb erfolglos. Das
Bundesverwaltungsgericht führte in seinem Entscheid u.a. aus, die Voraussetzung der
eheähnlichen Gemeinschaft sei nicht erfüllt und es seien weder flüchtlingsrechtlich
relevante Gründe der Ehefrau des Beschwerdeführers vorgebracht worden noch seien
solche aus den Akten ersichtlich. Fest steht somit, dass ein Familiennachzug der
Ehefrau des Beschwerdeführers nach den asylrechtlichen Vorgaben nicht möglich ist,
weil die Voraussetzungen dazu nicht erfüllt sind. Demzufolge kommen die allgemeinen
ausländerrechtlichen Bestimmungen des AuG betreffend den Familiennachzug zur
Anwendung, und es gibt keinen Grund zur Annahme, der Familiennachzug müsse
einem Flüchtling mit Aufenthaltsbewilligung auch dann bewilligt werden, wenn die
konkrete Gefahr der Fürsorgeabhängigkeit im Sinn von Art. 62 lit. e AuG besteht (vgl.
BGE 122 II 8 E. 3c). Daran ändert nichts, dass Personen, denen, wie dem
Beschwerdeführer, Asyl gewährt worden ist, nach fünf Jahren rechtmässigem
Aufenthalt in der Schweiz grundsätzlich Anspruch auf die Niederlassungsbewilligung
haben und dass ausländische Ehegatten von Personen mit Niederlassungsbewilligung
Anspruch auf Erteilung und Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung haben, wenn sie
mit diesen zusammenwohnen (Art. 43 Abs. 1 AuG). Dieser Anspruch erlischt nach Art.
51 Abs. 2 lit. b AuG, wenn Widerrufsgründe nach Artikel 62 vorliegen. Dazu gehört
auch der Widerrufsgrund von Art. 62 lit. e AuG, der vorliegt, wenn die Ausländerin oder
der Ausländer oder eine Person, für die sie oder er zu sorgen hat, auf Sozialhilfe
angewiesen ist.
5. Der Beschwerdeführer stellt sich auf den Standpunkt, allein die vagen Bedenken,
dass es in Zukunft im Fall des Familiennachzugs seiner Ehefrau zu einer
Sozialhilfeabhängigkeit kommen könnte, stelle kein öffentliches Interesse dar, das
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegenüber seinem privaten Interesse, die Ehe mit der ebenfalls aus Eritrea
stammenden S. W. in der Schweiz leben zu können, überwiege. Er begründet dies
damit, er sei hier gut integriert und es sei ihm stets gelungen, für seinen
Lebensunterhalt aufzukommen. Deshalb dürfe nicht leichtfertig davon ausgegangen
werden, der Familiennachzug seiner Ehefrau führe dazu, dass Sozialhilfe beansprucht
werden müsse. Zutreffend sei zwar, dass er zur Zeit kein Einkommen erziele, das den
von der Vorinstanz berechneten Bedarf für ihn und seine Ehefrau zu decken vermöge,
doch verfüge er mittlerweise über ein unbefristetes Arbeitsverhältnis im Umfang von 60
% mit der Residenz R. AG in D. Sodann dürfe damit gerechnet werden, dass es ihm
gelingen werde, in Zukunft eine weitere Stelle im Umfang von 40 % zu finden oder aber
eine Vollzeitstelle - so auch bei der Residenz R. AG -, die es ihm erlaube, ein
ausreichendes Einkommen zu generieren. Sodann würden keine Hinweise dafür
bestehen, dass seine Ehefrau in der Schweiz nicht in der Lage sein könnte, ein eigenes
Einkommen zu erzielen und für ihren finanziellen Unterhalt aufzukommen.
5.1. Der Beschwerdeführer stellt die Berechnungen der Vorinstanz im angefochtenen
Entscheid nicht in Frage, wonach der Lebensbedarf im Fall des Familiennachzugs der
Ehefrau des Beschwerdeführers Fr. 3'208.95 beträgt. Gemäss Auszug aus dem
Betreibungsregister D. vom 7. Februar 2011 sind gegen den Beschwerdeführer keine
Betreibungen angehoben und es sind keine Pfändungen vollzogen und keine
Verlustscheine ausgestellt worden. Gemäss dem im Rahmen des Rekursverfahrens
eingereichten Arbeitsvertrag vom 23. September 2011 ist der Beschwerdeführer ab
1. Oktober 2011 bei der Residenz R. AG als Küchenhilfe und Raumpfleger im Rahmen
einer Festanstellung mit einem Arbeitspensum von 60 % tätig. Das Salär beträgt
Fr. 27'360.-- je Jahr und wird in 12 Monatslöhnen zu Fr. 2'280.-- ausbezahlt. Der
Beschwerdeführer bestreitet nicht, dass der Lebensbedarf im Fall des
Familiennachzugs damit nicht bestritten werden könnte bzw. dass ein Manko von
Fr. 978.05 resultieren würde. Die Lebenshaltungskosten des Beschwerdeführers und
seiner Ehefrau wären somit bei weitem nicht gedeckt, abgesehen davon, dass fraglich
ist, ob die 1 1⁄2-Zimmer-Wohnung, die der Beschwerdeführer gemäss Mietvertrag in Q.
bewohnt, für ein Paar als bedarfsgerecht bezeichnet werden kann. Der
Beschwerdeführer machte im Rahmen des Rekursverfahrens nicht geltend, der hohe
Fehlbetrag, der sich im Fall des Familiennachzugs von S. W. monatlich ergeben würde,
würde dadurch verringert oder beseitigt, dass seine Ehefrau ein Erwerbseinkommen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erzielen könnte oder dass Dritte dafür aufkommen würden. Die Vorinstanz durfte somit
davon ausgehen, im Fall des Familiennachzugs der Ehefrau des Beschwerdeführers
bestehe die Gefahr einer fortgesetzten und erheblichen Sozialhilfeabhängigkeit.
5.2. Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens reichte der Beschwerdeführer am 16.
August 2012 einen Arbeitsvertrag vom 18. Juli 2012 mit der Firma C. in E. ein
(www.xxx). Stellenantritt war aber am 6. Juli 2012. Nach dem Arbeitsvertrag beträgt die
normale "Monats Arbeit Menge" zwar 40 %, die Entlöhnung erfolgt aber
ausschliesslich auf Provisionsbasis für akquirierte und umgesetzte Reparaturaufträge.
Bei Arbeitsverhinderung besteht kein Anspruch auf Lohn und der Arbeitnehmer hat
Anspruch auf 8 Wochen unbezahlte Ferien je Jahr. Dieser Arbeitsvertrag ist nicht
geeignet, die Gefahr einer fortgesetzten und erheblichen Sozialhilfeabhängigkeit im Fall
des Familiennachzugs der Ehefrau des Beschwerdeführers zu bannen bzw.
anzunehmen, der Beschwerdeführer sei auf längere Sicht in der Lage, nicht nur seinen,
sondern auch den finanziellen Bedarf seiner Ehefrau zu decken. Offen ist, ob und wenn
ja in welchem Umfang der Beschwerdeführer als (Aussendienst)mitarbeiter der Firma
C. regelmässig ein Einkommen in einer bestimmten Höhe erzielen kann. Sodann macht
der Arbeitsvertrag deutlich, wie schwierig es für den Beschwerdeführer ist, eine oder
mehrere Arbeitsstellen zu finden, die es ihm erlauben, seinen und den Lebensunterhalt
seiner Ehefrau zu bestreiten, ohne auf die Unterstützung der Öffentlichkeit angewiesen
zu sein. Daran ändert nichts, dass er glaubhaft geltend macht, er bemühe sich intensiv
darum und es werde ihm in Zukunft gelingen, ein ausreichendes Einkommen zu
erzielen, zumal konkrete Anhaltspunkte dafür fehlen.
5.3. Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens beruft sich der Beschwerdeführer neu
darauf, es würden keine Hinweise dafür bestehen, dass seine Ehefrau nicht in der Lage
sein könnte, in der Schweiz ein eigenes Einkommen zu erzielen und für ihren Unterhalt
selber aufzukommen.
Der Untersuchungsgrundsatz, der im Verwaltungsverfahren gilt, wird durch die
Mitwirkungspflicht der Parteien relativiert (Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im
Kanton St. Gallen, St. Gallen 2003, Rz. 599). Sie führt dazu, dass die
Verfahrensbeteiligten vor allem dort, wo sie eine Bewilligung oder eine staatliche
Leistung beanspruchen und deren Erteilung nicht ausnahmsweise im öffentlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Interesse liegt, das tatsächliche Fundament ihres Begehrens weitgehend selbst
behaupten und die Beweise dafür anbieten müssen (Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz. 605 mit
Hinweis). Kann von den Privaten nach den Umständen eine Handlung oder eine
Äusserung erwartet werden und bleibt eine solche aus, so haben die Behörden nicht
nach Tatsachen zu forschen, die nicht aktenkundig sind. Eine Mitwirkungspflicht
besteht insbesondere für die Beschaffung von Unterlagen, welche nur die Parteien
liefern können, und für die Abklärung von Tatsachen, welche eine Partei besser kennt
als die Behörde (Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 5. Aufl.,
Zürich/Basel/Genf 2006, Rz. 1630 mit Hinweis auf BGE 130 II 499, 464 und 128).
Zur Person von S. W. ist wenig bekannt. Gemäss eigenen Angaben führte der
Beschwerdeführer bereits vor seiner Flucht in die Schweiz eine Beziehung mit ihr.
Sodann ist sie vor längerer Zeit in den Sudan geflohen, wo sie den Beschwerdeführer
am 30. Januar 2010 geheiratet hat und wo sie offenbar heute noch lebt. Es fehlen
insbesondere Angaben dazu, welche finanziellen Möglichkeiten die 22-jährige Ehefrau
des Beschwerdeführers in der Schweiz auf längere Sicht haben würde bzw. ob und
wenn ja in welchem Umfang sie ein Einkommen tatsächlich realisieren könnte. Somit
kann nicht davon ausgegangen werden, sie sei mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit
in der Lage, zu ihrem Lebensunterhalt auf mehr als nur kurze Zeit beizutragen oder für
diesen gar vollumfänglich aufzukommen.
6. Zu prüfen bleibt, ob die Verweigerung des Familiennachzugs von S. W.
verhältnismässig ist bzw. ob das öffentliche Interesse gegenüber dem privaten
Interesse des Beschwerdeführers und seiner Ehefrau überwiegt.
Es besteht ein erhebliches öffentliches Interesse daran, den Familiennachzug zu
verweigern, wenn, wie im vorliegenden Fall, offensichtlich ist, dass er zu fortgesetzter
und erheblicher Sozialhilfeabhängigkeit führt, weil die Betroffenen bei weitem nicht in
der Lage sind, ein Einkommen zu erzielen, das es ihnen ermöglicht, ihren
Lebensunterhalt zu bestreiten. Sodann hat der Beschwerdeführer gemäss
Polizeirapport vom 16. April 2009 im April 2009, somit einige Monate nachdem er als
Flüchtling anerkannt worden war, im Empfangszentrum für Asylsuchende in Couvet
(NE) einen Nachtwächter tätlich angegriffen ("coup de poing"). Was das private
Interesse des Beschwerdeführers und seiner Ehefrau, zusammen in der Schweiz leben
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zu können, anbetrifft, steht fest, dass der Beschwerdeführer S. W. am 30. Januar 2010
im Sudan geheiratet hat, rund eineinhalb Jahre nachdem er in der Schweiz als
Flüchtling anerkannt worden war. Nicht bekannt ist, wann und wo sich der
Beschwerdeführer und S. W. kennengelernt haben, wie gut sie sich tatsächlich kennen
und wie sie ihre Beziehung pflegen. In diesem Zusammenhang fällt in Betracht, dass
die Asylbehörden im Rahmen der Verfahren betreffend die Gesuche um
Familienzusammenführung, die der Beschwerdeführer gestellt hat, festgestellt haben,
vor der Flucht des Beschwerdeführers in die Schweiz habe keine Familienverbindung
bestanden bzw. im Verlauf des Verfahrens habe er sich als ledig bezeichnet und nie
erwähnt, dass er eine Lebensgefährtin habe. Zu berücksichtigen ist weiter, dass der
Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Eheschliessung nicht damit rechnen durfte, S. W.
in die Schweiz nachziehen zu können, zumal das BFM ein erstes Gesuch um
Familienzusammenführung bereits abgewiesen hatte und er auch damals nur über
bescheidene finanzielle Mittel verfügte.
Zusammenfassend ergibt sich somit, dass es dem Beschwerdeführer zumutbar ist,
seine Beziehung zu S. W. wie bisher von der Schweiz aus zu pflegen, zumal
aktenkundig ist, dass es ihm möglich ist, in den Sudan zu reisen. Das öffentliche
Interesse an der Verweigerung des Familiennachzugs überwiegt deshalb gegenüber
seinem privaten Interesse, seine Ehefrau in die Schweiz nachzuziehen.
7. Zusammenfassend ergibt sich, dass sich der angefochtene Entscheid als recht- und
verhältnismässig erweist. Demzufolge ist die Beschwerde abzuweisen.
7.1. (...).
7.2. (...).
Demnach hat das Verwaltungsgericht