Decision ID: 1f4bc694-0feb-515c-97b3-f4f027e18d63
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 21. Juli 2020 in der Schweiz um Asyl.
Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab,
dass er am 5. März 2019 in Frankreich um Asyl ersucht hatte.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 30. Juli 2020 das rechtliche
Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit
der Überstellung nach Frankreich, dessen Zuständigkeit für die Behand-
lung des Asylgesuches grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwerde-
führer machte geltend, in Frankreich kein Geld erhalten zu haben und ohne
festen Wohnsitz gewesen zu sein. Er sei ein Mensch mit Gefühlen, wie
könne er unter solchen Bedingungen nach Frankreich zurückkehren? Seit
dem Jahr 2018 leide er an Depressionen und Schlaflosigkeit. Obwohl er
dies in Frankreich angemerkt habe, habe er keine Hilfe erhalten. In der
Schweiz sei er bis anhin noch nicht in der Pflege gewesen und habe noch
keine Medikamente erhalten.
C.
Die französischen Behörden hiessen das Gesuch des SEM vom 30. Juli
2020 um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d
der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur
Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO),
am 6. August 2020 gut.
D.
Gemäss Arztbericht vom 4. August 2020 der Akutambulanz der Universitä-
ren Psychiatrischen Kliniken (UPK) (...) (vgl. SEM-act. 23/2) leidet der Be-
schwerdeführer an einer depressiven Episode, differentialdiagnostisch an
einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Ihm wurde ein Antide-
pressivum in geringer Dosis abgegeben und er erhielt Tipps zur Schlafhy-
giene (insbesondere den Hinweis «kein Tagesschlaf»). Zudem wurde ein
weiterer ärztlicher Termin vereinbart (Folgetermin am 24. August 2020) und
eine hausärztliche Untersuchung (EKG) empfohlen.
E.
Mit Verfügung vom 11. August 2020 (eröffnet am 12. August 2020) trat das
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SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte des-
sen Überstellung nach Frankreich und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag
nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die
Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen
Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung
zu.
F.
Mit Beschwerde vom 18. August 2020 gelangte der Beschwerdeführer an
das Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen, die vorinstanzliche Ver-
fügung sei aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, sich für das vorlie-
gende Asylgesuch als zuständig zu erklären. Eventualiter sei die Verfügung
zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Im Sinne einer vorsorglichen Massnahme sei der Beschwerde die
aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörde unverzüglich
anzuweisen, von einer Überstellung nach Frankreich abzusehen, bis das
Bundesverwaltungsgericht über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung
entschieden habe. Zudem sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu
gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
G.
Am 19. August 2020 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisori-
schen Vollzugsstopp an.
H.
Am 25. August 2020 ging beim Bundesverwaltungsgericht per Fax der
Kurzbericht der UPK (...) vom 24. August 2020 ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri-
gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offensichtlich erfüllt.
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
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2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde erweist sich als offen-
sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän-
digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schrif-
tenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer moniert, die Vorinstanz habe ihre Untersu-
chungspflicht verletzt, weil der entscheidrelevante Sachverhalt im Hinblick
auf den medizinischen Sachverhalt sowie die «offenkundigen Mängel» im
französischen Asylverfahren nicht ausreichend erstellt respektive nicht
rechtsgenüglich abgeklärt worden sei. Sodann wird die Rüge erhoben, die
gesundheitlichen Probleme des Beschwerdeführers seien nur pauschal er-
wähnt, nicht aber in ausreichender Weise gewürdigt worden. Trotz Kennt-
nis der bei ihm diagnostizierten PTBS und einer damit verbundenen allfäl-
ligen Suizidalität habe das SEM in der angefochtenen Verfügung mit text-
bausteinartigen Formulierungen lediglich ausgeführt, dass Frankreich über
eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfüge. Zudem sei nicht
nachvollziehbar, dass das SEM schon am 11. August 2020 eine Verfügung
erlassen habe obwohl im Arztbericht vom 4. August 2020 weitere medizini-
sche Abklärungen bereits angesetzt gewesen seien.
3.1.1 Soweit der Beschwerdeführer damit eine Verletzung des rechtlichen
Gehörs (unzulässige antizipierte Beweiswürdigung, vgl. BGE 141 I 60 E.
3.3) geltend machen will, ist ihm entgegen zu halten, dass die Vorinstanz
angesichts der medizinischen Diagnose «depressive Episode» (wobei sie
nicht erkannte, dass die Diagnose «PTBS» nur differentialdiagnostisch ge-
stellt worden war) auf die Erhebung weiterer Beweise (d.h. einen weiteren
Arztbericht) verzichten durfte, ohne durch diese antizipierte Beweiswürdi-
gung den Anspruch auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 Abs. 2 BV zu
verletzen (BGE 141 I 60 E. 3.3 m.H.).
3.1.2 Die (sinngemäss erhobene) Rüge der Verletzung der Begründungs-
pflicht (Art. 35 VwVG) ist ebenfalls unbegründet. Die Behörde hat kurz die
wesentlichen Überlegungen zu nennen, von denen sie sich leiten liess und
auf die sie ihren Entscheid stützt. Dabei ist sie nicht gehalten, zu jedem
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Argument der Partei explizit Stellung zu nehmen. Es genügt, wenn aus der
Gesamtheit der Begründung implizit hervorgeht, weshalb das Vorge-
brachte als unrichtig oder unwesentlich übergangen wird (vgl. BGE 137 II
266 E. 3.2 m.H.; BVGE 2012/24 E. 3.2). Die Begründung der Vorinstanz
erfüllt diese Anforderungen, weshalb auch diesbezüglich keine Verletzung
des Anspruchs auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV) vorliegt.
3.2 Soweit der Beschwerdeführer geltend machen will, die Vorinstanz habe
den Sachverhalt nicht vollständig festgestellt, ist darauf im Rahmen der
nachfolgenden materiellen Prüfung einzugehen.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art.
8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mit-
gliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein
Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wie-
deraufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
4.3 Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Frankreich ein Asylgesuch
gestellt zu haben. Die französischen Behörden hiessen das Gesuch der
Vorinstanz um Wiederaufnahme gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-
III-VO am 6. August 2020 ausdrücklich gut (SEM-act. 21/1). Die Zuständig-
keit Frankreichs steht somit grundsätzlich fest.
5.
Der Beschwerdeführer macht geltend, er sei bereits in der Vergangenheit
ein Opfer der mangelhaften Strukturen geworden. Im Falle einer Rückkehr
müsse davon ausgegangen werden, dass ihm die notwendige Behandlung
seiner psychischen Erkrankung nicht zur Verfügung stünde. Bei einer Über-
stellung nach Frankreich werde er bewusst erneut in die Obdachlosigkeit
ohne Zugang zur Gesundheitsversorgung geschickt.
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5.1 Mit seinen unzureichend substantiierten Vorbringen kann er jedoch
kein konkretes und ernsthaftes Risiko dafür dartun, die französischen Be-
hörden würden sich weigern, ihm dauerhaft die ihm gemäss Aufnahme-
richtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen sowie die von ihm
benötigen medizinische Hilfeleistung zu gewähren. Mangels konkreter An-
gaben vermögen auch die auf Beschwerdeebenen eingereichten Unterlan-
gen (eine Notiz der Schweizerischen Flüchtlingshilfe [SFH] betreffend Dub-
lin-Überstellungen nach Frankreich vom 25. Januar 2020 sowie ein AIDA
[Asylum Information Database] Country-Report, France [Update 2019]) zu
keiner anderen Einschätzung der Situation des Beschwerdeführers in
Frankreich führen.
5.2 Soweit der Beschwerdeführer auf das am 2. Juli 2020 ergangene Urteil
des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) verweist, wo-
nach Frankreich wegen Verletzung von Art. 3 EMRK betreffend 3 (von 5)
klagenden Asylsuchenden verurteilt wurde, ist ihm Folgendes entgegenzu-
halten: Festgestellt wurde eine Konventionsverletzung für den Zeitraum, in
welchem die Kläger ihren Status als Asylsuchende noch nicht mit einem
entsprechenden Ausweis belegen konnten und ihnen daher der Zugang zu
den Unterbringungseinrichtungen des Asylverfahrens verweigert worden
war. Neben den Konventionsverletzungen in den drei Einzelfällen hat der
Gerichtshof zwar gewisse Kapazitätsmängel im Aufnahmeverfahren erwo-
gen, indessen keine systemischen Mängel festgestellt (vgl. Urteil des
EGMR N.H. und Andere gegen Frankreich vom 2. Juli 2020, Beschwerde
n° 28820/13 u.a., §§ 155–209 m.w.H.). Auch das Bundesverwaltungsge-
richt geht in seiner Rechtsprechung davon aus, dass Frankreichs Auf-
nahme- und Asylverfahrenseinrichtungen keine systemischen Schwach-
stellen aufweist, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigen-
den Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit
sich bringen würden (vgl. Urteil des BVGer E-3733/2020 vom 31. Juli 2020
E. 6.3).
5.3 Bezüglich der vom Beschwerdeführer geltend gemachten gesundheit-
lichen und psychischen Probleme ist festzuhalten, dass die Vorinstanz die
im Arztbericht festgestellten Diagnosen (vgl. Bst. D des Sachverhalts) nicht
in Frage stellt und sie für ausreichend erachtet, um den Gesundheitszu-
stand des Beschwerdeführers bezüglich der Zumutbarkeit und Zulässigkeit
einer Wegweisung nach Frankreich beurteilen zu können. Der Beschwer-
deführer wird weiterhin ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Es ist
jedoch nicht ersichtlich, weshalb die bereits geplante Folgeuntersuchung
und (allfällige) weitere Behandlungen beziehungsweise Untersuchungen in
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der Schweiz stattfinden sollen, zumal der Zugang zu allen notwendigen
medizinischen Untersuchungen und Behandlungen in Frankreich gewähr-
leistet sein dürfte. Zudem wird der Beschwerdeführer medikamentös (An-
tidepressivum) versorgt, und die übrigen ärztlichen Anordnungen (Ent-
spannungstechniken, Orangenblütentee, Schlafhygiene) lassen erkennen,
dass keine akute bzw. schwere Erkrankung vorliegt, welche der Überstel-
lung entgegenstehen würde. Daran ändert auch der ärztliche Kurzbericht
vom 24. August 2020 nichts, in dem eine Erhöhung der Dosis des Antide-
pressivums angeordnet, ein Schlaf- sowie ein Schmerzmittel verschrieben
sowie ein Folgetermin am 15. September 2020 angesetzt wurden. Die Be-
handlung kann in Frankreich fortgesetzt werden; ein Selbsteintritt aus hu-
manitären Gründen ist bei dieser Sachlage nicht angezeigt. Die Vorinstanz
ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und hat zu Recht die
Überstellung nach Frankreich angeordnet.
5.4 Im Übrigen werden die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug
der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, die französischen Behörden
vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen medizinischen Um-
stände des Beschwerdeführers informieren (Art. 31 f. Dublin-III-VO). Der
Vollständigkeit ist an dieser Stelle noch anmerken, dass das SEM erst mit
dem Arztzeugnis vom 4. August 2020 Näheres über die im Rahmen des
rechtlichen Gehörs am 30. Juli 2020 geltend gemachten gesundheitlichen
Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers (Schlafprobleme und eine De-
pression) erfahren hat. Auch hat der Beschwerdeführer damals ausdrück-
lich erklärt, er habe sich in der Schweiz noch nicht in ärztliche Pflege be-
geben (vgl. Bst. B des Sachverhalts). Folglich konnte das SEM im glei-
chentags erfolgten Rückübernahmeersuchen keine konkreten Angaben
zum Gesundheitszustand des Beschwerdeführers machen.
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, weshalb das Gesuch
um Erteilung der aufschiebenden Wirkung gegenstandslos geworden ist.
7.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei-
sen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt
– als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.- festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
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über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
8.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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