Decision ID: 9a169109-9011-5eac-9d4c-e667b712324e
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die erstrubrizierte Beschwerdeführerin (im Folgenden: die Beschwer-
deführerin) stellte am 12. Juli 2017 im damaligen Empfangs- und Verfah-
renszentrum (EVZ) Bern ein Asylgesuch. Ein am 13. Juli 2017 vom SEM
durchgeführter Abgleich ihrer Daktyloskopierung mit der Eurodac-Daten-
bank ergab, dass sie am (...) 2012 in Deutschland ein Asylgesuch gestellt
hatte.
Anlässlich der im EVZ durchgeführten Befragung zur Person (BzP) vom
18. Juli 2017 gab sie im Wesentlichen Folgendes zu Protokoll: Sie stamme
aus C._, sei Maktumin (nicht registrierte und keine Staatsangehö-
rigkeit besitzende Kurdin aus Syrien) und vermutlich im Jahre (...) geboren.
Mit (...) habe sie das erste Mal geheiratet und sich im Jahre (...) wieder
scheiden lassen. Sie habe in Syrien an Demonstrationen gegen die Regie-
rung teilgenommen und sei deswegen inhaftiert und auch vergewaltigt wor-
den. Nach ihrer Freilassung hätten ein Bruder und ein Cousin sie umbrin-
gen wollen. Im Jahre 2012 habe sie Syrien verlassen, um ihren zweiten
Mann – wiederum einen (...) von ihr – in Deutschland religiös zu heiraten.
Dort habe sie zwecks Familienzusammenführung ein Asylgesuch gestellt
und subsidiären Schutz erhalten. Dieser Mann sei (...) und psychisch
krank. Die Ehe sei für sie unzumutbar gewesen, weshalb sie eine andere
Beziehung eingegangen sei. Ihr Mann und seine Familie seien gegen eine
Scheidung gewesen und deshalb sei sie mit ihrem Freund im Jahre 2015
in die Türkei durchgebrannt. Nach eineinhalb Jahren Aufenthalt dort sei ihr
Freund wegen Schlepperei inhaftiert worden und befinde sich immer noch
im Gefängnis. Da sie in der Türkei nun ohne Beziehungsnetz gewesen sei
und in Deutschland Racheakte der in ihrer Ehre verletzten Familie ihres
zweiten Mannes befürchtet habe, sei sie auf Anraten ihres in der Schweiz
lebenden Vaters und mit Hilfe eines Schleppers via Griechenland und Ita-
lien in die Schweiz zu ihren Eltern und Geschwistern gekommen, ohne auf
der Reise jemals kontrolliert oder daktyloskopiert worden zu sein. Als Be-
weismittel gab die Beschwerdeführerin im Verlaufe des erstinstanzlichen
Verfahrens ihren Maktumin-Ausweis zu den Akten. Im Rahmen der Befra-
gung erhielt die Beschwerdeführerin zudem das rechtliche Gehör zu einem
allfälligen Nichteintretensentscheid nach Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR
142.31) infolge der mutmasslichen Verfahrenszuständigkeit Deutschlands
aufgrund der Dublin-Vertragsgrundlagen sowie zur Überstellung in diesen
Staat. Dabei machte sie geltend, sie befürchte in Deutschland Übergriffe
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seitens der Familie ihres zweiten Mannes, da diese die Trennung von Letz-
terem nicht akzeptiere. Die deutschen Behörden könnten ihr nicht genü-
gend Schutz bieten und ein anderweitiges Beziehungsnetz habe sie in
Deutschland nicht.
Am 25. Juli 2017 ersuchte das SEM die deutschen Behörden um Wieder-
aufnahme der Beschwerdeführerin aufgrund der Dublin-Vertragsgrundla-
gen. Deutschland lehnte dieses Gesuch am 28. Juli 2017 mit der Begrün-
dung ab, dass die Beschwerdeführerin in Deutschland am (...) 2012 sub-
sidiären Schutz erhalten habe, weshalb ein Rückübernahmeersuchen al-
lenfalls auf bilaterale Abkommen abzustützen sei.
Mit Schreiben vom 28. Juli 2017 orientierte das SEM die Beschwerdefüh-
rerin über die Behandlung des Asylgesuchs im nationalen Verfahren und
über seine Absicht, auf das Asylgesuch in Anwendung von Art. 31a Abs. 1
Bst. a AsylG (Rückkehrmöglichkeit in einen sicheren Drittstaat) nicht ein-
zutreten und sie nach Deutschland wegzuweisen, wozu sie das rechtliche
Gehör erhalte. Mit fristgerecht eingereichtem Antwortschreiben vom 9. Au-
gust 2017 ihres am Vortag mandatierten Rechtsvertreters ersuchte die Be-
schwerdeführerin das SEM um Einsicht in sämtliche Akten, welche mit der
Gewährung des rechtlichen Gehörs im Zusammenhang stünden (insb. be-
treffend ihren subsidiären Schutz in Deutschland, die Rückübernahmebe-
stätigung dieses Landes sowie die von ihr gemachten Aussagen zu einer
Wegweisung dorthin und speziell zu ihrer Gefährdung durch einen Ehren-
mord), um Präzisierung des rechtlichen Gehörs sowie um anschliessende
Erstreckung der Frist zur Stellungnahme.
Mit Zwischenverfügung vom 14. August 2017 lehnte das SEM das Akten-
einsichtsgesuch unter Hinweis auf Art. 27 Abs. 1 Bst. c VwVG (noch nicht
abgeschlossene Untersuchung) und dementsprechend auch das Frister-
streckungsgesuch ab. Die Stellungnahme sei umgehend einzureichen und
auf das Akteneinsichtsgesuch werde das SEM nach Abschluss der Unter-
suchung zurückkommen.
Mit Stellungnahme vom 17. August und Ergänzung vom 4. September
2017 stellte die Beschwerdeführerin eine fundamentale Verletzung ihrer
Ansprüche auf rechtliches Gehör und auf Akteneinsicht durch diese Zwi-
schenverfügung des SEM fest, welche Rügen sie mittels Beschwerde noch
deponieren werde und die Aufhebung des Asylentscheides zur Folge ha-
ben müssten. In der Sache bekräftigte sie ihre geltend gemachten Vorbrin-
gen und betonte, dass sie über den aktuellen Bestand ihres subsidiären
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Schutzes in Deutschland keine Kenntnis habe, dieser vermutlich erloschen
sei und sie diesfalls mangels Aufenthaltsstatus in Deutschland nach Syrien
oder in die Türkei ausgeschafft werden könne. Zudem laufe sie in Deutsch-
land Gefahr, Opfer eines Ehrenmordes zu werden. Angesichts dessen sei
Deutschland für sie kein sicherer Drittstaat und Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG
dürfe nicht angewendet werden. Zum Beweis ihres Aufenthaltes in der Tür-
kei reichte sie einen auf sie lautenden und ab Januar 2016 wirksamen Miet-
vertrag einer Wohnung zu den Akten.
A.b Mit Verfügung vom 6. September 2017 trat das SEM in Anwendung
von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch nicht ein, unter gleich-
zeitiger Anordnung der Wegweisung und des Wegweisungsvollzuges nach
Deutschland. Weiter wurden ihr die nach Auffassung des SEM editions-
pflichtigen Akten ausgehändigt. Zur Begründung seines auf Art. 31a Abs. 1
Bst. a AsylG gestützten Nichteintretensentscheides hielt das SEM fest, der
Bundesrat habe Deutschland als sicheren Drittstaat im Sinne von Art. 6a
Abs. 2 Bst. b AsylG bezeichnet und gemäss Abklärungen habe die Be-
schwerdeführerin dort subsidiären Schutz erhalten. Das Land habe sich
am 4. September 2017 zur Rücknahme der Beschwerdeführerin (gestützt
auf das bilaterale Rückübernahmeabkommen zwischen der Schweiz und
Deutschland) bereit erklärt. Ihre sich in der Schweiz aufhaltenden Angehö-
rigen gehörten praxisgemäss nicht zur Kernfamilie und ebenso wenig lä-
gen besondere Umstände im Sinne eines eigentlichen Abhängigkeitsver-
hältnisses vor, welche dennoch eine Berufung auf den Schutz der Einheit
der Familie nach Art. 44 AsylG und Art. 8 EMRK rechtfertigten. Angesichts
ihres in Deutschland bestehenden subsidiären Schutzes lägen zwar Anzei-
chen zur Erfüllung der Bedingungen für eine vorläufige Aufnahme der Be-
schwerdeführerin nach Art. 83 AuG (heute AIG; vgl. unten E. 1.3) vor. Je-
doch sei für die Beurteilung eines allfälligen Ersuchens um Wiedererwä-
gung des Asylentscheides Deutschland zuständig, womit sie in der
Schweiz kein schutzwürdiges Interesse im Sinne von Art. 25 Abs. 2 VwVG
zur Feststellung der Flüchtlingseigenschaft oder von Wegweisungshinder-
nissen nachweisen könne. Der subsidiäre Schutzstatus ermögliche ihr die
Rückkehr nach Deutschland, ohne dort eine Rückschiebung in Verletzung
des Non-Refoulement-Prinzips befürchten zu müssen. Die Wegweisung
sei die Regelfolge des Nichteintretensentscheides. Der Vollzug der Weg-
weisung sei zulässig, weil die Beschwerdeführerin im Drittstaat Deutsch-
land Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG finde und
das Non-Refoulement-Gebot bezüglich des Heimat- oder Herkunftsstaates
nicht zu prüfen sei. Sodann sprächen weder die in Deutschland herr-
schende Situation noch andere, insbesondere individuelle Gründe gegen
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die Zumutbarkeit eines Wegweisungsvollzuges dorthin, zumal sie dort sub-
sidiären Schutz geniesse. Der zwischenzeitliche Aufenthalt in der Türkei
ändere daran nichts. Es dürfe davon ausgegangen werden, dass den deut-
schen Behörden genügend Informationen über die Beziehung zwischen ihr
und ihrem Ehemann in Deutschland vorlägen. Dieses Land sei gegenüber
allfälligen Übergriffen seitens der Familie dieses Ehemannes schutzfähig
und -willig. Hinsichtlich der geäusserten (...) Tendenzen stehe es ihr frei,
medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen; die entsprechende Infrastruktur
stehe auch in Deutschland zur Verfügung. Der Vollzug sei schliesslich mög-
lich, zumal die entsprechende Zustimmung Deutschlands vorliege. Die be-
antragte vollständige Akteneinsicht werde der Beschwerdeführerin nun-
mehr – nach Abschluss des Untersuchungsverfahrens – gewährt. Das
SEM stellte der Beschwerdeführerin die „editionspflichtigen Asylakten inkl.
Kopie des Aktenverzeichnisses“ sowie eine „Information zur Akteneinsicht
bei Nichteintretensentscheiden“ als Beilagen zum Asylentscheid zu.
A.c Mit Eingabe vom 21. September 2017 und Ergänzung vom 1. Novem-
ber 2017 erhob die Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde gegen diese Verfügung. Für die gestellten Anträge, deren Be-
gründung, die erhobenen Rügen und die vorgelegten Beweismittel wird auf
die Akten und – soweit für das vorliegende Verfahren wesentlich – auf die
nachfolgenden Erwägungen verwiesen.
A.d Mit Urteil E-5374/2017 vom 8. November 2017 hiess das Bundesver-
waltungsgericht diese Beschwerde insoweit als offensichtlich begründet
gut, als es die angefochtene Verfügung infolge mehrfacher Verletzung des
Anspruchs der Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör (insb. in Form
der Verletzung des Akteneinsichtsrechts) aufhob und die Sache zur Neu-
beurteilung an das SEM zurückwies. Zudem warf das Gericht im Hinblick
auf die Wiederaufnahme des erstinstanzlichen Verfahrens und die Neube-
urteilung der Sache durch das SEM die beiden Fragen auf, ob überhaupt
ein über ein rein ausländerrechtliches Familienzusammenführungsanlie-
gen hinausgehendes Asylgesuch im Sinne von Art. 18 AsylG vorliege und
– bejahendenfalls – Deutschland in der vorliegenden Konstellation die
Drittstaatqualität im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG zukommen
könne. Für die Begründung wird auf die Akten und – soweit für das vorlie-
gende Verfahren wesentlich – auf die nachfolgenden Erwägungen verwie-
sen.
B.
Das SEM nahm in der Folge das erstinstanzliche Verfahren wieder auf und
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liess sich hierzu am 10. Januar 2018 die Akten E-5374/2017 des Bundes-
verwaltungsgerichts überweisen. Bereits am 9. Januar 2018 gewährte es
der Beschwerdeführerin auf deren Ersuchen vom 16. November 2017 hin
sowie unter Bezugnahme auf das Kassationsurteil E-5374/2017 erweiterte
Einsicht in die N-Akten.
Am 16. Januar 2018 erteilten die zuständigen deutschen Behörden dem
SEM auf dessen Informationsbegehren vom 14. Dezember 2017 hin Aus-
kunft betreffend die Beschwerdeführerin. Demgemäss sei die Beschwer-
deführerin erstmals am (...) 2012 in Deutschland eingereist und am (...)
2012 sei ihr Asylgesuch abgelehnt worden. Am (...) 2014 sei sie erneut
eingereist. Sie habe in der Folge subsidiären Schutz erhalten und sei am
(...) 2015 verschwunden. Im Verfahren habe sie sich als ledig ausgegeben,
und den deutschen Behörden seien weder weitere Familienmitglieder noch
Probleme der geschilderten Art (Zwangsheirat und Bedrohung durch Ehe-
mann und dessen Familie in Deutschland, Furcht vor Ehrenmord) bekannt.
Mit dem oben erwähnten Schreiben vom 9. Januar 2018 (betr. Aktenein-
sicht) gewährte das SEM der Beschwerdeführerin gleichzeitig erneut das
rechtliche Gehör zur beabsichtigten Wegweisung nach Deutschland und
ersuchte sie um Beantwortung von Fragen betreffend ihre allenfalls erfolg-
ten Interventionen und Schutzersuchen bei den deutschen Behörden und
deren Reaktionen im Zusammenhang mit der angeblich von ihrem Ehe-
mann und dessen Familie in Deutschland ausgehenden Bedrohungslage.
Mit Stellungnahme vom 24. Januar 2018 beanstandete die Beschwerde-
führerin die aus ihrer Sicht nach wie vor ungenügend gewährte Aktenein-
sicht (insb. betr. die Akten A7, A11, A19, A27 und A30). Dadurch sei nicht
erkennbar, ob und inwiefern die deutschen Behörden über die Gefahr eines
Ehrenmordes informiert und welche Sicherheitsgarantien verlangt worden
seien; das rechtliche Gehör wäre entsprechend gegebenenfalls zu präzi-
sieren und zu ergänzen. Ferner sei unklar, ob sie in Deutschland weiterhin
subsidiären Schutz geniesse. Auch habe das SEM die deutschen Behör-
den bislang weder auf die in Deutschland erlittene Verfolgung hingewiesen
noch von diesen Schutzgarantien verlangt. Sie habe sich im Übrigen in
Deutschland – via die Leitung des Durchgangszentrums – an die Polizei
gewandt, welche ihr aber beschieden habe, dass sie momentan mangels
Anwesenheit des Ehemannes nichts unternehmen könne, sie (Beschwer-
deführerin) sich aber in diesem Fall wieder an die Polizei wenden könne.
Sie habe sich daraufhin im Stich gelassen gefühlt, keine weiteren Interven-
tionen bei den Behörden unternommen und keinen Anwalt kontaktiert. Die
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deutschen Behörden seien somit als schutzunfähig und schutzunwillig zu
bezeichnen und ein Nichteintretensentscheid sei daher nicht gerechtfertigt.
C.
Mit neuer Verfügung vom 11. April 2018 – eröffnet am 16. April 2018 – trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylge-
such der Beschwerdeführerin wiederum nicht ein, unter gleichzeitiger An-
ordnung der Wegweisung und des Wegweisungsvollzuges nach Deutsch-
land. Weiter wurden ihr die nach Auffassung des SEM editionspflichtigen
Akten ausgehändigt.
D.
Mit unangefochten gebliebenem Entscheid vom 17. April 2018 trat das
SEM auf ein Gesuch der Beschwerdeführerin vom 26. Februar 2018 um
formelle Anerkennung ihrer Staatenlosigkeit und Erteilung einer Aufent-
haltsbewilligung mangels eines schutzwürdigen Interesses nicht ein. Es sei
ihr unbenommen ein solches Gesuch in Deutschland einzureichen, wo sie
subsidiären Schutz geniesse und welches Land das Staatenlosenüberein-
kommen ratifiziert habe.
E.
Mit Eingabe vom 23. April 2018 erhob die Beschwerdeführerin beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde gegen die Verfügung vom 11. April
2018. Darin beantragt sie deren Aufhebung, die Rückweisung der Sache
an das SEM zur vollständigen und richtigen Abklärung und Feststellung
des rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung sowie eventu-
aliter Eintreten auf ihr Asylgesuch mit Durchführung des nationalen Asyl-
und Wegweisungsverfahrens. In prozessualer Hinsicht beantragte sie fer-
ner die Anordnung vollzugshemmender vorsorglicher Massnahmen, die
Gewährung aufschiebender Wirkung, die vollumfängliche Einsicht in die
vorinstanzlichen Akten und insbesondere in sieben konkret bezeichnete
Aktenstücke (A7, A11, A19, A27, A35, A42 und A43), eventualiter die Ge-
währung des rechtlichen Gehörs zu diesen Aktenstücken, nachfolgend die
Einräumung einer angemessenen Frist zur Beschwerdeergänzung sowie
die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege nach Art. 65 Abs. 1
VwVG mit Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Im Fliess-
text der Beschwerde (vgl. dort Art. 47 und 48) beantragte sie für den Fall
von bestehenden Zweifeln an ihrer Mittellosigkeit zudem die Einräumung
einer Frist zur Nachreichung einer Sozialhilfebestätigung.
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F.
Die damals zuständige Instruktionsrichterin trat mit Zwischenverfügung
vom 30. April 2018 auf die Gesuche um Gewährung der aufschiebenden
Wirkung und um Anordnung vollzugshemmender vorsorglicher Massnah-
men nicht ein, stellte jedoch den legalen Aufenthalt der Beschwerdeführe-
rin während des Beschwerdeverfahrens fest. Ferner wies sie mangels be-
stehender Mittellosigkeit die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung, um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und um Einräumung einer Frist zur Nachreichung einer Sozialhilfebestäti-
gung ab und erhob einen Kostenvorschuss von Fr. 750.–, zahlbar bis zum
15. Mai 2018. Entscheide über weitere Anträge und Instruktionsmassnah-
men stellte sie auf spätere Zeitpunkte in Aussicht.
Der eingeforderte Kostenvorschuss wurde am 7. Mai 2018 vollumfänglich
geleistet.
G.
Am 28. November 2018 wurde das zweitrubrizierte Kind der Beschwerde-
führerin geboren und am 5. Februar 2019 von einem in der Schweiz auf-
enthaltsberechtigten (...) Staatsangehörigen anerkannt. Das Bundesver-
waltungsgericht bezog es in der Folge in das vorliegende Beschwerdever-
fahren der Mutter ein.
H.
Nach Mitteilung des zuständigen kantonalen Migrationsamts vom 20. No-
vember 2019, wonach die Beschwerdeführenden seit Mai 2019 mehrmals
aus den ihr zugewiesenen Unterkünften verschwunden und jeweils unbe-
kannten Aufenthaltes gewesen seien, wurde ihr Rechtsvertreter mit Zwi-
schenverfügung der neu zuständigen Instruktionsrichterin vom 3. Dezem-
ber 2019 aufgefordert, innert Frist das fortbestehende Rechtsschutzinte-
resse darzulegen und insbesondere eine von der Beschwerdeführerin un-
terzeichnete Erklärung betreffend ihr aktuelles Rechtsschutzinteresse vor-
zulegen.
Dieser Aufforderung kam der Rechtsvertreter mit fristgerecht eingereichter
Stellungnahme vom 13. Dezember 2019 und unter Beilage einer persönli-
chen Erklärung der Beschwerdeführerin sowie weiterer Unterlagen nach.
Darin wurde erklärt, dass die Beschwerdeführerin am (...) März 2019 den
Kindsvater geheiratet habe und sie mit dem Kind zeitweise bei diesem
wohne. Die Mitteilung des kantonalen Migrationsamtes sei unzutreffend,
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denn dieses sei stets über den Stand der Dinge informiert und die Be-
schwerdeführenden seien nie unbekannten Aufenthaltes gewesen. Im Üb-
rigen wurde darauf hingewiesen, dass zum einen die Ehe unter den
Schutzbereich von Art. 8 EMRK falle und eine Wegweisung nach Deutsch-
land offensichtlich unzulässig sei, und zum andern die Beschwerdeführerin
psychisch angeschlagen und entsprechend in Behandlung sei.
I.
Am 20. und 28. Februar 2020 orientierte das SEM das Bundesverwaltungs-
gericht mittels Korrespondenzkopie beziehungsweise mittels Zemis-Aus-
zug über die Tatsache, dass die Beschwerdeführenden seit dem 18. De-
zember 2019 infolge Heirat der Beschwerdeführerin mit dem oben erwähn-
ten (...) Staatsangehörigen im Besitze ausländerrechtlicher Aufenthaltsbe-
willigen B sind.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
Bereits auf den 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. De-
zember 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Auslän-
der- und Integrationsgesetz (AIG, SR 142.20) umbenannt. Der vorliegend
bedeutsame Gesetzesartikel (Art. 83 Abs. 1-4) ist unverändert vom AuG
ins AIG übernommen worden.
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1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist, vorbehältlich nachfolgender Einschränkung, einzutre-
ten.
1.5 Nicht einzutreten ist auf den Antrag betreffend Durchführung des nati-
onalen Asyl- und Wegweisungsverfahrens. Das SEM hat die Beschwerde-
führerin mit Schreiben vom 28. Juli 2017 über die Beendigung des Dublin-
Verfahrens und über die Behandlung des Asylgesuchs im nationalen Ver-
fahren in Kenntnis gesetzt. Der nun auf Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG ge-
stützte Nichteintretensentscheid erging in diesem nationalen Verfahren
und eben – entgegen der ursprünglich geäusserten Absicht des SEM –
nicht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG gemäss Dublin-Vertrags-
grundlagen. Dies scheinen die Beschwerdeführenden abermals zu verken-
nen, nachdem auf denselben Antrag mit derselben Begründung schon im
Kassationsurteil E-5374/2017 nicht eingetreten werden konnte. Sie sind
betreffend den erwähnten Antrag nicht beschwert und nicht legitimiert.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.2 Hinsichtlich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs
hat die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb das
Bundesverwaltungsgericht diese Punkte insoweit grundsätzlich ohne Ein-
schränkung prüft.
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4.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
5.
5.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen, was sich entsprechend
in einer sachgerecht anfechtbaren Entscheidbegründung niederzuschla-
gen hat (vgl. Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 29, Art. 32 Abs. 1 und Art. 35 Abs. 1
VwVG). Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Partei-
standpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen
ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). Der Anspruch auf recht-
liches Gehör beschlägt nur die Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts, nicht aber dessen rechtliche Würdigung. Die unrichtige oder unvoll-
ständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts bildet einen Be-
schwerdegrund und dem Bundesverwaltungsgericht obliegt gemäss
Art. 49 Bst. b VwVG beziehungsweise Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG eine
umfassende Sachverhaltskontrolle. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststel-
lung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zu-
grunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollstän-
dig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachum-
stände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungs-
verfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013,
Rz. 1043). Ermittelt das Bundesverwaltungsgericht eine fehler- oder lü-
ckenhafte Feststellung des Sachverhalts, hebt es die Verfügung auf und
weist die Sache an die Vorinstanz zurück, damit diese den rechtserhebli-
chen Sachverhalt neu und vollständig feststellt (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEU-
BÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013,
Rz. 2.191; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 1155). Der Untersuchungs-
grundsatz gehört sodann zu den allgemeinen Grundsätzen des Verwal-
tungs- beziehungsweise Asylverfahrens (Art. 12 VwVG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Gemäss Art. 33
Abs. 1 VwVG nimmt sie ferner die ihr angebotenen Beweise ab, wenn
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diese zur Abklärung des Sachverhalts tauglich erscheinen. Sodann besteht
eine Aktenführungspflicht. Diese beinhaltet insbesondere die geordnete
Ablage, die Paginierung und die Registrierung der vollständigen Akten im
Aktenverzeichnis und ergibt sich aus dem Akteneinsichtsrecht des Ge-
suchstellers beziehungsweise Beschwerdeführers, welches in Art. 26 ff.
VwVG geregelt ist und ebenfalls Teilgehalt des Anspruchs auf rechtliches
Gehör darstellt (vgl. dazu ausführlich BVGE 2011/37 E. 5.4.1). Sie ist aber
auch für die rekursinstanzlichen Behörden von massgeblicher Bedeutung,
weil im Falle einer Unkenntnis über die von der Vorinstanz tatsächlich her-
angezogenen Akten die Gefahr eines unrichtigen – wenngleich grundsätz-
lich revisionsfähigen – Urteils besteht, wodurch erneut der Anspruch des
Betroffenen auf rechtliches Gehör verletzt wäre. Gegenstand der Aktenfüh-
rungspflicht sind sämtliche Akten. Eine Einschränkung des Akteneinsichts-
rechts gegenüber dem um Einsicht Ersuchenden ist grundsätzlich zulässig,
muss aber nach Art. 27 VwVG konkret begründet sein und sich im Rahmen
der Verhältnismässigkeitsprüfung auf das Erforderliche beschränken.
5.2 Vorab ist festzustellen, dass die im Kassationsurteil E-5374/2017 vom
8. November 2017 erkannten Mängel (vgl. dort E. 6.3 f. und E. 7 sowie
oben Bst. A.d) nach Wiederaufnahme des erstinstanzlichen Verfahrens
und nach Beizug der Beschwerdeakten durch das SEM behoben wurden.
Insbesondere hat das SEM das Aktenverzeichnis rechtsgenüglich bereinigt
sowie am 9. Januar 2018 erweiterte Akteneinsicht und zudem erneut das
rechtliche Gehör zu einer Wegweisung nach Deutschland gewährt. Gleich-
zeitig hat es mittels Fragestellungen an die Beschwerdeführerin betreffend
ihre allenfalls erfolgten Interventionen und Schutzersuchen bei den deut-
schen Behörden und deren Reaktionen im Zusammenhang mit der angeb-
lich von ihrem Ehemann und dessen Familie in Deutschland ausgehenden
Bedrohungslage weitere Abklärungen getätigt. Die in der Stellungnahme
vom 24. Januar 2018 an das SEM sowie in der Beschwerde (dort Art. 7-
21) dennoch erhobenen Einwände sind nicht gerechtfertigt. Eine Verlet-
zung des Akteneinsichtsrechts betreffend die Akte A30 wird in der Be-
schwerde nicht mehr aufrechterhalten und die Einsicht in die Aktenstücke
A7, A11, A19 und A27 wurde vom SEM offensichtlich zurecht und mit dem
korrekten Einsichtsverweigerungscode verweigert. Zu bemerken gilt dabei,
dass diese Aktenstücke nicht per se, sondern deren Anlagen eine mehr
oder weniger verfahrensbedeutsame Substanz aufweisen; diese Anlagen
als solche wurden den Beschwerdeführenden jedoch in Form separarierter
Aktenstücke (A5, A10, A18 und A26) zur Kenntnis gebracht. Betreffend die
Akten A7 und A11 ist zudem auf E. 6.3.4 des Urteils E-5374/2017 zu ver-
weisen. Die Akte A35 wurde vom SEM offensichtlich zutreffend als intern
E-2358/2018
Seite 13
bezeichnet, wenngleich deren Bezeichnung einen über die blosse Be-
schreibung als «Aktennotiz» hinausgehenden Konkretisierungsgrad ver-
tragen hätte (z.B. «Aktennotiz Vorgehen betr. Akteneinsichtsgesuch vom
14.9.2017»). Der diesbezügliche Einwand in der Beschwerde (dort Art. 7)
ist berechtigt, aber nicht kassationsauslösend.
5.3 Auch betreffend die Verfahrenssequenz ab Wiederaufnahme des erst-
instanzlichen Verfahrens erkennt das Bundesverwaltungsgericht keine neu
hinzugekommenen und kassationsauslösenden Verfahrensverletzungen
durch das SEM: Die betreffenden Rügen in der Beschwerde (dort Art. 13-
21) präsentieren sich zwar quantitativ gehaltvoll, jedoch rechtlich nicht
stichhaltig. Die Beschwerdeführerin fokussiert sich dabei in der Rechtsmit-
teleingabe (dort insb. Art. 14 und 15) auf die Aktenstücke A41 («Informati-
onsbegehren an D») und A48 («Antwortschreiben DE [anonymisiert]»). De-
ren Relevanz ist nicht in Abrede zu stellen. Sie wurden denn auch – rechts-
konform anonymisiert – mit dem angefochtenen Entscheid zur Einsicht ge-
geben. Der Umstand, dass diese Akten – auch im Hinblick auf die kurze
Beschwerdefrist – nicht bereits vor, sondern erst mit dem Entscheid zur
Einsicht gegeben wurden, stellt indessen keine Verletzung des rechtlichen
Gehörs dar. Eine vorgängige Einräumung des Rechts zur Stellungnahme
wäre zwar möglich oder gar sinnvoll gewesen sein. Ein zwingender An-
spruch auf eine Stellungnahme zu diesen Akten vor Ergehen der angefoch-
tenen Verfügung ist aber weder ersichtlich noch rechtlich abstützbar. Zur
Beantwortung der mit Schreiben des SEM vom 9. Januar 2018 gestellten
Fragen war die vorgängige Aktenkenntnis nicht notwendig. Die entspre-
chende Stellungnahme wurde denn auch am 24. Januar 2018 fristgerecht
beim SEM eingereicht. Dabei gilt es unter Bezugnahme auf die Ausführun-
gen am Ende von Art. 15 der Beschwerdeschrift festzuhalten, dass das
rechtliche Gehör zwar von einem Rechtsvertreter für seine Mandanten
wahrgenommen werden kann, die Wahrung des rechtlichen Gehörs aber
nicht ein Anspruch des Rechtsvertreters, sondern der das Asylgesuch stel-
lenden Person(en) selber ist. Es ist nicht ersichtlich, inwiefern die Be-
schwerdeführerin selbst zur Beantwortung der gestellten Fragen auf die
Kenntnis der beiden Aktenstücke bereits hätte angewiesen sein sollen. Im
Übrigen ist bereits an dieser Stelle auf die Erwägung E. 8.2 betreffend die
der Beschwerdeführerin obliegende Mitwirkungspflicht in diesem Zusam-
menhang zu verweisen. Auch hier zielt das Argument ins Leere, der
Rechtsvertreter hätte die Mitwirkung infolge unterbliebener vorgängiger Ak-
teneinsicht nicht rechtsgenüglich wahrnehmen können, denn nicht er per-
sönlich ist Adressat der Mitwirkungspflicht. Einzig die Beschwerdeführerin
E-2358/2018
Seite 14
ist fähig diese zu erfüllen. Ob sie dieser selber oder via eine Rechtsvertre-
tung nachkommt, ist eine andere, das Mandatsverhältnis beschlagende
und nicht verfahrensrelevante Frage. Die Akten A42 und A43 schliesslich
sind weder hinsichtlich ihrer Bezeichnung noch ihrer Einstufung als «in-
tern» zu beanstanden und beinhalten jedenfalls substanziell keinen «regen
Austausch zwischen dem SEM und den deutschen Behörden» (vgl. Be-
schwerde Art. 8). Beide Aktenstücke beziehen sich auf die substanzielle
Akte A41, die im Rahmen der Akteneinsicht offengelegt wurde.
5.4 Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass das SEM vorliegend entge-
gen der Auffassung der Beschwerdeführenden deren Anspruch auf Wah-
rung des rechtlichen Gehörs in seinen verschiedenen Erscheinungsformen
(insb. in Form des Anspruchs auf Akteneinsicht) gewahrt sowie den Sach-
verhalt vollständig und richtig festgestellt und genügend abgeklärt hat. An-
lass zur erneuten Rückweisung der Sache besteht somit insoweit nicht und
die Beschwerdeanträge Ziffern 3-6 sind abzuweisen. Weitere Rügen for-
meller Art werden zusammenhangsbezogen direkt in den nachfolgenden
materiellen Erwägungen gewürdigt, soweit sie nicht zwischenzeitlich ohne-
hin deshalb hinfällig geworden sind, weil sie gegenständlich auf die ange-
ordnete Wegweisung und deren Vollzug ausgerichtet sind (vgl. dazu E. 8.3
unten).
6.
6.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG tritt das SEM in der Regel auf ein
Asylgesuch nicht ein, wenn Asylsuchende in einen sicheren Drittstaat nach
Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG zurückkehren können, in welchem sie sich vor-
her aufgehalten haben.
Gestützt auf Art. 6a aAbs. 2 Bst. b AsylG bezeichnet der Bundesrat Staa-
ten, in denen nach seinen Feststellungen effektiver Schutz vor Rückschie-
bung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG besteht, als sichere Drittstaaten. Im
Dezember 2007 hat er alle EU- und EFTA-Staaten als sichere Drittstaaten
bezeichnet. Die EU- und EFTA-Staaten wurden zudem in die neue, am
1. März 2019 in Kraft getretene Fassung des Abs. 2 von Art. 6a AsylG auf-
genommen.
Nach Art. 5 Abs. 1 AsylG darf keine Person in irgendeiner Form zur Aus-
reise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre
Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in
dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu wer-
den.
E-2358/2018
Seite 15
6.2 Tritt das SEM auf ein Asylgesuch nicht ein, so verfügt es in der Regel
die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berück-
sichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG).
Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht
möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetz-
lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83
Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
7.
7.1 In der angefochtenen Verfügung nimmt das SEM zunächst Bezug auf
die vom Bundesverwaltungsgericht im Kassationsentscheid aufgeworfe-
nen Fragen betreffend das Vorliegen eines Asylgesuchs und betreffend die
Drittstaatqualität von Deutschland. Beide Fragen bejaht es. Ein Asylgesuch
liege vor, weil die Beschwerdeführerin um Schutz vor Verfolgung durch
Drittpersonen (Ehemann und ihre Schwiegerfamilie) in Deutschland gel-
tend mache. Die Drittstaatqualität Deutschlands bestehe deshalb, weil
nicht dieser Staat (sondern eben Dritte) als Urheber der Verfolgung auftrete
und nicht von dessen Schutzunfähigkeit auszugehen sei. Zur Begründung
seines auf Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG gestützten Nichteintretensent-
scheids hält das SEM sodann fest, der Bundesrat habe Deutschland als
sicheren Drittstaat im Sinne von Art. 6a aAbs. 2 Bst. b AsylG bezeichnet.
Gemäss Abklärungen habe die Beschwerdeführerin dort subsidiären
Schutz erhalten und das Land habe einer Rücknahme zugestimmt, was
Deutschland am 4. September 2017 und am 16. Januar 2018 bestätigt
habe. Die in der Stellungnahme vom 24. Januar 2018 geäusserten Zweifel
an diesem Schutz seien unberechtigt, da die entsprechenden Akten den
Beschwerdeführenden vorgelegt worden seien und die Garantie des
Schutzstatus erfolgt sei, nachdem die Schweiz Deutschland über den zwi-
schenzeitlichen längeren Aufenthalt der Beschwerdeführerin in der Türkei
in Kenntnis gesetzt habe. Angesichts des somit bestehenden subsidiären
Schutzes in Deutschland drohe den Beschwerdeführenden dort weder eine
Abschiebung in die Türkei noch eine solche nach Syrien. Sodann gehörten
sie nicht zur Kernfamilie der in der Schweiz wohnhaften Verwandten und
es lägen weder eine nahe, echte und tatsächlich gelebte Beziehung zu die-
sen noch ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis vor, die dennoch einen
auf Art. 44 AsylG beziehungsweise auf die Praxis zu Art. 8 EMRK gestütz-
ten Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsberechtigung zu begründen
vermöchten. Angesichts des in Deutschland bestehenden subsidiären
Schutzes lägen zwar Anzeichen zur Erfüllung der Bedingungen für eine
vorläufige Aufnahme nach Art. 83 AIG vor. Jedoch sei für die Beurteilung
E-2358/2018
Seite 16
eines allfälligen Ersuchens um Wiedererwägung des Asylentscheids
Deutschland zuständig, womit die Beschwerdeführenden in der Schweiz
kein schutzwürdiges Interesse im Sinne von Art. 25 Abs. 2 VwVG zur Fest-
stellung der Flüchtlingseigenschaft oder von Wegweisungshindernissen
nachweisen könnten. Der subsidiäre Schutzstatus ermögliche die Rück-
kehr nach Deutschland, ohne dort eine Rückschiebung in Verletzung des
Non-Refoulement-Prinzips befürchten zu müssen. Die Wegweisung sei die
gesetzliche Regelfolge des Nichteintretensentscheids. Der Vollzug der
Wegweisung nach Deutschland sei zulässig, zumutbar und möglich. Die
Beschwerdeführenden fänden dort Schutz vor einer Rückschiebung im
Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG. Das Land sei ferner ein Rechtsstaat, welcher
über ein funktionierendes Justizsystem sowie Polizeibehörden verfüge, die
sowohl schutzwillig als auch schutzfähig seien. Vorliegend bestünden
keine konkreten Anhaltspunkte, die gegen die Inanspruchnahme entspre-
chenden Schutzes der Beschwerdeführerin gegenüber allfälligen Übergrif-
fen durch ihren dort lebenden (Ex-)Mann und dessen Familie sprächen.
Auch weitere Rückkehrhindernisse bestünden nicht, zumal insbesondere
die geltend gemachten psychischen Beeinträchtigungen bei Bedarf in
Deutschland behandelbar seien.
7.2 In der Rechtsmitteleingabe hält die Beschwerdeführerin zunächst fest,
dass die Vorinstanz die vom Bundesverwaltungsgericht im Kassationsent-
scheid aufgeworfenen Fragen betreffend das Vorliegen eines Asylgesuchs
und betreffend die Drittstaatqualität von Deutschland nicht wirklich beant-
wortet habe. Klarzustellen sei, dass sie nie eine direkte Verfolgung durch
die deutschen Behörden, sondern eine solche durch ihren Ex-Mann und
dessen Familie sowie die Schutzunfähigkeit und –unwilligkeit der deut-
schen Behörden geltend gemacht habe. Sodann seien der aktuelle sub-
sidiäre Schutz und die aktuelle Rücknahmebereitschaft durch Deutschland
entgegen der Auffassung des SEM nicht erstellt, denn entsprechende Ga-
rantien seit Ergehen des Kassationsurteils des Bundesverwaltungsgerichts
vom 8. November 2017 lägen nicht vor. Das SEM habe Deutschland nicht
vollumfänglich über ihre (religiöse) Zwangsverheiratung mit einem (...)
Mann, ihre Flucht in die Türkei mit einem anderen Mann und die damit be-
stehenden Gefahren informiert und entsprechende Schutzgarantien einge-
holt. Die Gefahr eines Ehrenmordes bei einer Rückkehr nach Deutschland
sei deshalb zu hoch. Die Verwandten in der Schweiz (insb. [...]) seien in
der Folge – auch wenn sie nicht zur Kernfamilie gehörten – die einzigen
Bezugspersonen gewesen, an die sie sich habe wenden können; es be-
stehe daher durchaus ein Abhängigkeitsverhältnis und deshalb sei sie in
E-2358/2018
Seite 17
die Schweiz gekommen. Im Weiteren verweist sie nebst ihrer Verfolgungs-
situation in Deutschland auf die geltend gemachte Verfolgung in Syrien.
Sie sei somit seit Jahren insbesondere geschlechtsspezifischer Verfolgung
ausgesetzt gewesen, welchem Umstand im Übrigen in kassationsauslö-
sender Weise nicht Rechnung getragen worden sei, zumal die BzP nicht in
einer reinen Frauenrunde durchgeführt worden sei. Festzuhalten sei so-
dann zum einen, dass sie sich durchaus einmal bei den deutschen Behör-
den gemeldet habe, diese ihr aber keine ernsthafte Hilfe angeboten hätten;
Mittel für die Einschaltung eines Anwalts zwecks Einreichung einer formel-
len Strafanzeige habe sie nicht gehabt. Zum andern sei die Verheiratung
in Deutschland nur religiös und nicht zivilrechtlich erfolgt, weshalb sie keine
Scheidung einreichen oder die Ungültigkeit der Ehe geltend machen
könne, die Ehe aber nach syrischen Gebräuchen dennoch Bestand habe.
Aufgrund dieser Umstände, ihrer sich daraus ergebenden Gefährdungs-
lage sowie einer daraus resultierende (...) dränge sich die Feststellung der
Unzumutbarkeit einer Wegweisung nach Deutschland auf. Beschwerdeer-
gänzend wird darauf hingewiesen, dass zum einen die in der Schweiz am
(...) März 2019 geschlossene Ehe unter den Schutzbereich von Art. 8
EMRK falle und eine Wegweisung nach Deutschland offensichtlich unzu-
lässig sei, und zum andern die Beschwerdeführerin psychisch angeschla-
gen und entsprechend in Behandlung sei.
8.
8.1
8.1.1 Vorab trifft es entgegen der Beanstandung in der Beschwerde offen-
sichtlich nicht zu, dass die Vorinstanz die vom Bundesverwaltungsgericht
im Kassationsentscheid aufgeworfenen Fragen betreffend das Vorliegen
eines Asylgesuchs und betreffend die Drittstaatqualität von Deutschland
nicht wirklich beantwortet habe. Vielmehr nimmt das SEM in der angefoch-
tenen Verfügung auf Seite 5 (oben) Bezug auf diese beiden Fragen und es
bejaht beide ausdrücklich. Gemäss SEM liege ein Asylgesuch deshalb vor,
weil die Beschwerdeführerin um Schutz vor Verfolgung durch Drittperso-
nen (Ehemann und ihre Schwiegerfamilie) in Deutschland ersuche, und die
Drittstaatqualität Deutschlands bestehe deshalb, weil nicht dieser Staat –
sondern eben Dritte – als Urheber der Verfolgung auftrete und nicht von
dessen Schutzunfähigkeit auszugehen sei. Diese Antworten sind klar und
verständlich. Ob sie auch rechtskonform sind, ist nachfolgend (E. 8.1.2
bzw. E. 8.1.3) zu erörtern.
8.1.2 Nach Art. 18 AsylG liegt ein Asylgesuch dann vor, wenn eine Person
mit irgendeiner Äusserung zu erkennen gibt, dass sie in der Schweiz um
E-2358/2018
Seite 18
Schutz vor Verfolgung ersucht. Dabei ist der Begriff der Verfolgung gemäss
konstanter Praxis (vgl. bereits Entscheidungen und Mitteilungen der vor-
maligen Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 18 so-
wie z.B. die Urteile des BVGer E-938/2013 vom 18. März 2013 E. 5.1 oder
E-7073/2018 vom 31. Januar 2019 E. 5.2, je m.w.H.) nicht nur als Verfol-
gung im Sinne von Art. 3 AsylG zu verstehen. Er umfasst in einem weiten
Sinne auch gewisse Wegweisungsvollzugshindernisse, die allerdings ei-
nen menschlichen Akteur voraussetzen, weshalb es sich um Schutz vor
Gefahren handeln muss, die direkt oder indirekt von Menschen geschaffen
wurden oder drohen. Vom Verfolgungsbegriff im Sinne von Art. 18 AsylG
ausgenommen sind hingegen – neben den in Art. 31a Abs. 3 AsylG (2.
Satz) ausdrücklich erwähnten rein wirtschaftlichen oder medizinischen
Gründen – Gefahren, die sich einzig aus der persönlichen Situation (z.B.
Alter, Geschlecht) und der Lebenssituation der asylsuchenden Person
(z.B. familiäre Situation) ergeben.
Mit dem SEM und der Beschwerdeführerin ist festzuhalten, dass diese im
Asylverfahren in der Schweiz unbestrittenermassen eine Verfolgung durch
Drittpersonen (Ehemann und ihre Schwiegerfamilie) in Deutschland gel-
tend gemacht hat. Die Klarstellung in der Beschwerde, wonach sie nicht
eine direkte Verfolgung durch die deutschen Behörden, sondern eine sol-
che durch ihren Ex-Mann und dessen Familie geltend gemacht habe, än-
dert am Bestehen einer geltend gemachten Verfolgungslage an sich nichts,
sondern die allfällige Zurechenbarkeit einer privaten Drittverfolgung an den
Staat ist eine Frage der materiellen Prüfung nach Eintreten auf das Asyl-
gesuch. Im vorliegenden Fall ist es nun so, dass die Beschwerdeführerin
wie gesehen eine Verfolgung durch Dritte in Deutschland geltend gemacht
hat. Diese Verfolgung hat sie aber nicht spezifisch als Grund ihrer Reise in
die Schweiz im Juli 2017 erwähnt, sondern sie nannte als Beweggrund der
Reise von der Türkei in die Schweiz die Vermeidung ihres Alleinseins in der
Türkei (nach der Inhaftierung ihres dort als Schlepper tätigen Lebenspart-
ners) und die Türkei hat sie im Übrigen selber nie als Verfolgerstaat be-
zeichnet. Die Wahl der Schweiz als Gastland gründete einzig im Umstand,
dass sie hier Verwandte (Eltern und Geschwister) habe und zu diesen zie-
hen möchte. Die Annahme eines rein ausländer- statt flüchtlingsrechtlich
zu beurteilenden Migrationsgrundes läge insoweit auf der Hand. Daneben
erwähnte sie zwar am Rande auch noch eine Verfolgungslage in Syrien.
Diese wurde aber durch den für das betreffende Asylgesuch zuständigen
Dublin-Staat Deutschland teilgutheissend bereits beurteilt und auch diesen
Verfolgungsaspekt nannte die Beschwerdeführerin nicht als Grund für ihre
Einreise in die Schweiz. Das Bundesverwaltungsgericht gelangt vorliegend
E-2358/2018
Seite 19
in Übereinstimmung mit dem SEM und ebenso mit den Beschwerdeführen-
den, wenngleich mit anderer Begründung, dennoch zur Auffassung, dass
ein Asylgesuch im Sinne von Art. 18 AsylG vorliegt. Entscheidend hierfür
ist der Umstand, dass die Wahl der Schweiz als Gastland nicht nur in den
familiären Beziehungen begründet lag, sondern die Beschwerdeführerin
die Schweiz ebenso klar als Ausweichmöglichkeit und für sie gar einzige
Alternative zu einer Rückkehr nach Deutschland nannte, wo sie sich be-
hauptungsgemäss einer von Menschenhand ausgehenden Verfolgung
ausgesetzt gesehen habe. Es ist damit von einer geltend gemachten Ver-
folgungssituation und einem in der Schweiz erfolgten Ersuchen um Schutz
vor dieser Verfolgungssituation auszugehen.
Als Zwischenergebnis ist festzuhalten, dass das SEM vorliegend zutreffend
vom Bestehen eines Asylgesuchs ausgegangen ist.
8.1.3 Das SEM stellt sich auf den Standpunkt, die Drittstaatqualität
Deutschlands bestehe deshalb, weil nicht dieser Staat – sondern eben
Dritte – als Urheber der angeblichen Verfolgung auftrete und nicht von der
Schutzunfähigkeit Deutschlands auszugehen sei. Die Beschwerdeführerin
ihrerseits stellt ebenfalls klar, dass sie nie eine direkte Verfolgung durch die
deutschen Behörden, sondern eine solche durch ihren Ex-Mann und des-
sen Familie, aber auch die Schutzunfähigkeit und –unwilligkeit der deut-
schen Behörden geltend gemacht habe; dennoch wird in der Beschwerde
die Drittstaatqualität Deutschlands nicht in Abrede gestellt.
Das Bundesverwaltungsgericht gelangt diesbezüglich zu folgender Er-
kenntnis: Aus der in E. 6.1 oben gezeichneten gesetzlichen Konzeption
geht unschwer hervor, dass der in Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG erwähnte
«Drittstaat» nicht gleichzeitig Verfolgerstaat sein kann, andernfalls die An-
wendbarkeit dieser Bestimmung versagt bliebe (vgl. dazu z.B. das am
12. Juni 2017 ergangene Urteil des BVGer E-3189/2017 E. 6.2). Ziel der
Bestimmung ist offensichtlich die Vermeidung doppelten Schutzes für eine
im Heimat- oder im Herkunftsstaat verfolgte oder anderweitig gefährdete
Person. Genauso dient der Dublin-Nichteintretenstatbestand (Art. 31a Abs.
1 Bst. b AsylG) dem Zweck, mehrfache Zuständigkeiten für die Asylge-
suchsprüfung und damit allfällige doppelte Schutzgewährungen zu vermei-
den. Auch dort können «Drittstaat» und Verfolgerstaat nicht identisch sein
(vgl. dazu z.B. das am 25. Februar 2015 ergangene Urteil des BVGer
E-934/2015 E. 5). Nach dem Gesagten drängt sich für die vorliegende
Konstellation (angebliche, durch Menschenhand verursachte Verfolgung
im Drittstaat Deutschland) auf den ersten Blick ebenso das Ergebnis auf,
E-2358/2018
Seite 20
dass dem Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG die Anwendbarkeit versagt bliebe.
Das Argument des SEM, wonach nicht von der Schutzunfähigkeit Deutsch-
lands auszugehen sei, würde an diesem scheinbaren Ergebnis noch wenig
ändern, weil es vorliegend nicht um die Beantwortung der Frage geht, ob
der deutsche Staat gegenüber einer Verfolgung einer Person durch oder in
Deutschland schutzfähig wäre. Entscheidend ist im vorliegenden Fall der
Umstand, dass Deutschland von einer privaten Verfolgung der Beschwer-
deführerin durch Drittpersonen gar nichts weiss und dieser Staat somit gar
nicht als originärer oder mittelbarer Verfolger (infolge Zurechenbarkeit auf-
grund fehlender Schutzfähigkeit und/oder –bereitschaft) auftreten kann:
Eine ernsthafte Schutzsuche der Beschwerdeführerin bei den deutschen
Behörden gegenüber ihrer angeblichen, von der Familie ihres Ex-Mannes
ausgehenden Gefährdungs– und Bedrohungslage ist denn auch weder ir-
gendwie belegt (z.B. mittels Anzeige) noch plausibel. Vielmehr verneint
Deutschland ausdrücklich, von entsprechenden Schritten der Beschwerde-
führerin oder gar von einer Beziehung der Beschwerdeführerin zu dieser
Familie Kenntnis zu haben (vgl. A48). Insofern weiss Deutschland gar
nichts von seiner potenziellen Eigenschaft als Verfolgerstaat und kann so-
mit objektiv betrachtet auch nicht als direkter oder mittelbarer Verfolger
agieren (vgl. dazu ebenso das in einem Dublin-Kontext ergangene Urteil
des BVGer E-5615/19 vom 1. November 2019 E. 5.1).
Als weiteres Zwischenergebnis ist somit festzuhalten, dass das SEM vor-
liegend zutreffend von der Drittstaatqualität Deutschlands im Sinne des
Nichteintretenstatbestandes von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG ausgegangen
ist und die Anwendbarkeit dieser Bestimmung somit nicht zum vornherein
versagt bleibt.
8.2 Deutschlandland ist ein EU-Staat und wurde durch den Bundesrat am
14. Dezember 2007 bereits als sicherer Drittstaat im Sinne von Art. 6a
aAbs. 2 Bst. b AsylG bezeichnet. Die Beschwerdeführerin hat sich vor der
Einreise in die Schweiz unbestrittenermassen in Deutschland aufgehalten,
wo sie ein Asylverfahren durchlaufen sowie subsidiären Schutz und darauf
basierend eine Aufenthaltsbewilligung erhalten hat. Die deutschen Behör-
den haben dementsprechend wiederholt einer Rückübernahme zuge-
stimmt. Der Einwand der Beschwerdeführenden, wonach ein seit Ergehen
des Kassationsurteils des Bundesverwaltungsgerichts vom 8. November
2017 bestehender aktueller subsidiärer Schutz und die aktuelle Rücknah-
mebereitschaft durch Deutschland entgegen der Auffassung des SEM
mangels entsprechender Garantien nicht vorlägen, verfängt schon aus
E-2358/2018
Seite 21
dem folgendem Grund nicht: Die behördliche Untersuchungs- und Abklä-
rungspflicht findet ihre Grenze an der in Art. 8 AsylG verankerten und um-
fassenden Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person. Das wiederholte
Behaupten oder Mutmassen betreffend das Nicht(mehr)bestehen subsidi-
ären Schutzes in Deutschland beziehungsweise dessen Rücknahmebe-
reitschaft hätte die Beschwerdeführerin ohne Weiteres selbst durch blos-
ses Nachfragen in Deutschland abklären und das Ergebnis den hiesigen
Behörden entsprechend mitteilen können und müssen. Dabei hätte sie
Deutschland auch über ihre angebliche (religiöse) Zwangsverheiratung mit
einem (...) Mann, ihre Flucht in die Türkei mit einem anderen Mann und die
damit angeblich bestehenden Gefahren selber informieren können. Das
SEM hat solche Erkundigungen mittels eines Informationsbegehrens vom
14. Dezember 2017 durchaus vorgenommen und am 16. Januar 2018 Aus-
kunft erhalten. Dennoch ist nicht ersichtlich, wieso entsprechende Informa-
tionsbeschaffungen aus Sicht der Beschwerdeführenden primär Teil der
Abklärungspflicht des SEM sein sollten, solange klare Auskünfte der deut-
schen Behörden betreffend den subsidiären Schutz und die Rücknahme-
zusicherung durch Deutschland aktenkundig sind. Es ist vielmehr Sache
der beschwerdeführenden Partei, entsprechende Informationen selbst zu
beschaffen, wenn sie ein Asylgesuch schwergewichtig auf solche Behaup-
tungen abstützt, zumal sie als Direktbetroffene Zugang zu entsprechenden
Informationen in Deutschland hat. In diesem Zusammenhang bleibt auch
anzumerken, dass die Beschwerdeführerin ihre hier behauptete Verheira-
tung mit einem (...) Familienangehörigen in Deutschland offenbar gar nie
erwähnt, sondern sich als ledig bezeichnet hat. Deutschland ist im Übrigen
unter anderem Signatarstaat der FK und es bestehen weder objektive An-
haltspunkte noch substanzielle Hinweise für eine drohende Rückschiebung
der Beschwerdeführenden nach Syrien unter Verletzung des Refoulement-
Verbots. Das SEM ist daher in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG
zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten. In der Beschwerdebegrün-
dung finden sich keine weiteren Teile, die substanziell gegen das Bestehen
der erwähnten Nichteintretensvoraussetzungen gerichtet wären. Festzu-
halten ist dabei insbesondere, dass bei Nichteintretensentscheiden nach
Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG im Gegensatz zu Dublin-Nichteintretensent-
scheiden nach Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG allfällige Vollzugshindernisse
gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG durchaus separat zu prüfen sind (vgl.
dazu nachfolgend E. 8.3), denn das Fehlen von Überstellungshindernissen
ist – abgesehen vom in Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG erwähnten Refoule-
ment-Verbot – nicht bereits Voraussetzung des Nichteintretensentscheides
(vgl. im Dublin-Kontext BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.; vgl. ferner das Urteil
E-1755/2020 E. 7.2).
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Seite 22
8.3 Die Beschwerdeführenden verfügten im Zeitpunkt des angefochtenen
Entscheids insbesondere weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die
Wegweisung (Ziff. 2 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung) wurde
demnach vom SEM zu jenem Zeitpunkt ebenfalls zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Sie ist aber mit Ertei-
lung der ausländerrechtlichen Aufenthaltsbewilligung B hinfällig geworden.
Dies hat zur Folge, dass auch die mit der Wegweisungsverfügung akzesso-
risch verbundene Anordnung des Wegweisungsvollzuges (Ziff. 3 und 4 des
Dispositivs der angefochtenen Verfügung) hinfällig wird. Die Beschwerde
ist damit betreffend die Wegweisung und den Wegweisungsvollzug als ge-
genstandslos geworden abzuschreiben. Die betreffenden Ausführungen in
der angefochtenen Verfügung und die Gegenargumente in der Be-
schwerde sind somit nicht mehr zu überprüfen beziehungsweise zu würdi-
gen.
8.4 Es ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht
verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig fest-
stellt und – soweit überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist ab-
zuweisen, soweit darauf einzutreten ist beziehungsweise soweit sie nicht
als gegenstandslos geworden abzuschreiben ist. Es erübrigt sich, auf de-
ren Inhalt näher einzugehen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Sie sind durch den am 7. Mai 2018 geleisteten
Kostenvorschuss in gleicher Höhe gedeckt.
9.2 Anlass zur Ausrichtung einer auf Art. 64 VwVG gestützten Parteient-
schädigung betreffend den als gegenstandslos abzuschreibenden Teil der
Beschwerde (vgl. E. 8.3 oben) besteht nicht. Unter hypothetischer An-
nahme einer noch zugänglichen materiellen Beurteilung hat das SEM die
Voraussetzungen des Wegweisungsvollzuges (Zulässigkeit, Zumutbarkeit
und Möglichkeit; vgl. Art. 83 Abs. 1–4 AIG) nach einer summarischen Prü-
fung durch das Bundesverwaltungsgericht zu Recht als erfüllt betrachtet.
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