Decision ID: 4ac321d6-c272-52e8-9fc3-dbf326b9413e
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 23. Juli 2021 unter Angabe der Identität
A._, geboren (...), in der Schweiz um Asyl nach; mithin machte er
geltend, noch minderjährig zu sein. Am 28. Juli 2021 mandatierte er die
ihm für das Asylverfahren zugewiesene Rechtsvertretung.
B.
Ein Abgleich der Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab, dass
der Beschwerdeführer am (...) Februar 2017 in Griechenland und am
(...) Juni 2021 in Kroatien um Asyl ersucht hatte.
C.
In der Folge erbat das SEM von den griechischen und den kroatischen
Behörden Informationen zur Registrierung des Beschwerdeführers. Die
griechischen Behörden teilten dem SEM mit, dass der Beschwerdeführer
unter der Identität C._, geboren (...), registriert worden sei, wäh-
rend die kroatischen Behörden das SEM darüber in Kenntnis setzten, dass
der Beschwerdeführer in Kroatien unter der Identität
D._, geboren (...), bekannt sei.
D.
Anlässlich der Erstbefragung vom 3. August 2021 wurde dem Beschwer-
deführer das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretens-
entscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Kroatien gewährt,
welches gemäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol-
gend: Dublin-III-VO), grundsätzlich für die Behandlung seines Asylgesuchs
zuständig sei. Die grundsätzliche Zuständigkeit dieses Mitgliedstaates
wurde vom Beschwerdeführer nicht bestritten. Jedoch machte dieser gel-
tend, er befürchte Probleme mit den kroatischen Behörden, weil er dort
falsche Angaben zu seiner Identität gemacht habe. Zudem sei er vom Per-
sonal des Flüchtlingscamps in Kroatien schlecht behandelt worden.
Seite 3
E.
Am 13. August 2021 wurde im Institut für Rechtsmedizin am Kantonsspital
E._ eine rechtsmedizinische Untersuchung des Beschwerdefüh-
rers durchgeführt und am 18. August 2021 ein entsprechendes Gutachten
erstellt.
F.
Mit Schreiben vom 26. August 2021 wurde dem Beschwerdeführer das
rechtliche Gehör zu den Ergebnissen der Abklärungen bei den griechi-
schen und kroatischen Behörden sowie des Altersgutachtens und zur ge-
planten Anpassung seines Geburtsdatums im ZEMIS gewährt.
G.
In seiner Stellungnahme vom 1. September 2021 beantragte der Be-
schwerdeführer, es sei von einer Anpassung des registrierten Geburts-
datums abzusehen.
H.
Am 9. September 2021 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer das
rechtliche Gehör zu einem allfälligen Verwandtschaftsverhältnis zu einem
anderen Asylsuchenden (F._, N [...]), bei welchem es sich gemäss
Auskunft der griechischen Behörden um einen Bruder von ihm handle.
In seiner diesbezüglichen Stellungnahme vom 15. September 2021
bestritt der Beschwerdeführer, dass es sich bei dieser Person um einen
Familienangehörigen handle.
I.
Am 23. September 2021 ersuchte das SEM die kroatischen Behörden um
Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO. Mit Schreiben vom 5. Oktober 2021 stimmten die kroati-
schen Behörden einer Rückübernahme des Beschwerdeführers zu.
J.
Im Zeitraum zwischen 18. August 2021 und 24. September 2021 wurden
vier ärztliche Kurzberichte sowie ein psychiatrisches Konsilium zu den Ak-
ten gereicht.
Seite 4
K.
Mit Verfügung vom 7. Oktober 2021 (eröffnet am 8. Oktober 2021) trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte die Überstellung
nach Kroatien, welches gemäss Dublin-III-VO für die Behandlung seines
Asylgesuche zuständig sei. Gleichzeitig verfügte das SEM den Vollzug der
Überstellung nach Kroatien und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde
gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu. Schliess-
lich wurde verfügt, die Personalien des Beschwerdeführers würden im
ZEMIS (mit Bestreitungsvermerk) wie folgt erfasst: A._, geboren
(...), Afghanistan.
L.
Mit Beschwerde vom 15. Oktober 2021 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte der Beschwerdeführer, die Verfügung vom 7. Oktober 2021 sei
aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf sein Asylgesuch ein-
zutreten. Ferner sei das SEM anzuweisen, sein Geburtsdatum im ZEMIS
auf den (...) anzupassen; eventualiter sei die Sache zur vollständigen Fest-
stellung des Sachverhalts und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen, subeventualiter das SEM anzuweisen, individuelle Zusiche-
rungen hinsichtlich des Zugangs zum Asylverfahren, adäquater medizinsi-
cher Versorgung und Unterbringung von den kroatischen Behörden einzu-
holen. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der aufschie-
benden Wirkung sowie der unentgeltlichen Prozessführung und den Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
M.
Am 18. Oktober 2021 ordnete der Instruktionsrichter einen superprovisori-
schen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsge-
richt die vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109
Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
Seite 5
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und insoweit auch vorliegend
– endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG); soweit die ZEMIS-
Berichtigung betreffend, steht gegen den vorliegenden Beschwerde-
entscheid hingegen ein Rechtsmittelweg an das Schweizerische Bundes-
gericht offen.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1, Art. 50 und Art. 52 VwVG).
1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Die vorliegende Beschwerde richtet sich sowohl gegen den Nicht-
eintretensentscheid betreffend das Asylgesuch als auch gegen die
Änderung der ZEMIS-Eintragung.
2.1.1 Praxisgemäss wird das Beschwerdeverfahren betreffend ZEMIS-
Datenbereinigung E-4570/2021 separat neben dem Dublin-Beschwerde-
verfahren E-4550/2021 geführt (vgl. BVGE 2018 VI/3). Vorliegend kann
– aufgrund der Verfahrenskonstellation und des Prozessausgangs – je-
doch in einem Urteil über beide Verfahren befunden werden.
2.2
2.2.1 Mit asylrechtlicher Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM
ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
Seite 6
2.2.2 Hinsichtlich der ZEMIS-Berichtigung entscheidet das Bundesverwal-
tungsgericht grundsätzlich mit uneingeschränkter Kognition. Es überprüft
die angefochtene Verfügung auf Rechtsverletzungen – einschliesslich un-
richtiger oder unvollständiger Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts und Rechtsfehler bei der Ermessensausübung – sowie auf Angemes-
senheit hin (Art. 49 VwVG).
3.
3.1 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem
Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im
Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet dem-
gegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach
Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zustän-
digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An-
nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An-
tragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen,
die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung
im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union
(2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist
zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zu-
ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zustän-
dig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat
zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.2 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an-
deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO).
Seite 7
Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen, einen
bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten An-
trag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser
Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht).
3.3 Gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO ist im Falle eines unbegleiteten
Minderjährigen ohne familiäre Anknüpfungspunkte (zu einem anderen
Mitgliedstaat) der Staat zuständig, in welchem er seinen Antrag gestellt hat.
Diese Bestimmung würde eine vorrangige Zuständigkeit der Schweiz be-
gründen (Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO), da nach der genannten Bestimmung
von Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO unbegleitete Minderjährige von Wiederauf-
nahmeverfahren ausgenommen sind (vgl. ULRICH KOEHLER, Praxis-
kommentar zum Europäischen Asylzuständigkeitssystem, Berlin 2018,
N. 33 zu Artikel 8).
4.
4.1 Die Vorinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das
ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer-
und dem Asylbereich dient. Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über
deren Richtigkeit zu vergewissern (Art. 5 Abs. 1 Datenschutzgesetz [DSG,
SR 235.1]). Werden Personendaten von Bundesorganen bearbeitet, kann
jede betroffene Person insbesondere verlangen, dass unrichtige Perso-
nendaten berichtigt werden (Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 25 Abs. 3 Bst. a DSG).
Grundsätzlich hat die das Berichtigungsbegehren stellende Person die
Richtigkeit der von ihr verlangten Änderung, die Bundesbehörde im
Bestreitungsfall dagegen die Richtigkeit der von ihr bearbeiteten Personen-
daten zu beweisen. Nach den massgeblichen Beweisregeln des VwVG gilt
eine Tatsache als bewiesen, wenn sie in Würdigung sämtlicher Erkennt-
nisse so wahrscheinlich ist, dass keine vernünftigen Zweifel bleiben;
unumstössliche Gewissheit ist dagegen nicht erforderlich.
4.2 Kann bei einer verlangten beziehungsweise von Amtes wegen beab-
sichtigten Berichtigung weder die Richtigkeit der bisherigen noch diejenige
der neuen Personendaten bewiesen werden, dürfen grundsätzlich weder
die einen noch die anderen Daten bearbeitet werden (vgl. Art. 5 Abs. 1
DSG). Dies ist jedoch nicht immer möglich, müssen doch bestimmte Per-
sonendaten zur Erfüllung wichtiger öffentlicher Aufgaben notwendiger-
weise bearbeitet werden. Dies gilt namentlich auch für die im ZEMIS
erfassten Namen und Geburtsdaten. In solchen Fällen überwiegt das
öffentliche Interesse an der Bearbeitung möglicherweise unzutreffender
Daten das Interesse an deren Richtigkeit. Unter diesen Umständen sieht
Seite 8
Art. 25 Abs. 2 DSG deshalb das Anbringen eines Vermerks vor, in dem
darauf hingewiesen wird, dass die Richtigkeit der bearbeiteten Personen-
daten bestritten ist. Erscheint die Richtigkeit der bisher eingetragenen
Daten als wahrscheinlicher oder zumindest nicht als unwahrscheinlicher,
sind diese zu belassen und mit einem Bestreitungsvermerk zu versehen
(vgl. zum Ganzen BVGE 2018 VI/3 E. 3).
5.
5.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihre Verfügung aus, es sei dem
Beschwerdeführer mit seinen insgesamt vagen und ungenauen Angaben
nicht gelungen, das von ihm geltend gemachte Alter glaubhaft zu machen.
Er habe keine rechtsgenüglichen Dokumente zum Beleg seiner Identität
eingereicht und seine Angaben betreffend die Registrierung in Griechen-
land und Kroatien stünden im Widerspruch zu den von den Behörden die-
ser Länder übermittelten Informationen. Dass der Beschwerdeführer, wel-
cher im Zeitpunkt der Einreise in Griechenland angeblich erst (...)-jährig
gewesen sei, von den dortigen Behörden irrtümlicherweise als (...)-jährig
registriert worden sei, sei nicht plausibel. Ein weiteres Indiz für die Volljäh-
rigkeit sei das vorliegende Altersgutachten. Die Skelettaltersanalyse weise
klar auf seine Volljährigkeit hin. Der Argumentation, dass das Ergebnis der
Handknochenanalyse die Altersangaben des Beschwerdeführers stütze,
könne nicht gefolgt werden, da sich gestützt auf diese keine zuverlässigen
Angaben zur Frage der Volljährigkeit machen liessen. Insgesamt würden
die Indizien, welche für die Volljährigkeit des Beschwerdeführers sprechen
würden, diejenigen zugunsten der behaupteten Minderjährigkeit über-
wiegen. Die Tatsache, dass der Beschwerdeführer sowohl in Griechenland
als auch in Kroatien unter dem Familiennamen C._ und jeweils in
Begleitung eines Bruders registriert worden sei, lasse Zweifel an seinen
Angaben betreffend diese Registrierungen aufkommen. Dies sei zwar nicht
als Indiz für seine Volljährigkeit zu werten, nähre aber die Zweifel an seiner
Glaubwürdigkeit. Im Weiteren vermöchten die Ausführungen des Be-
schwerdeführers die Zuständigkeit Kroatiens zur Durchführung des weite-
ren Asylverfahrens nicht zu widerlegen. Es gebe keine wesentlichen
Gründe für die Annahme, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedin-
gungen für Asylsuchende in Kroatien Schwachstellen aufweisen würden,
die eine der EU-Grundrechtecharta oder der EMRK widersprechende
Behandlung mit sich bringen würden. Nach aktuellen Erkenntnissen könne
die in letzter Zeit geübte Kritik am Vorgehen kroatischer Behörden im Zu-
sammenhang mit sogenannten Push-backs im Grenzgebiet nicht mit Rück-
führungen in dieses Land gestützt auf die Dublin-Verordnung im Verbin-
dung gebracht werden. Dublin-Rückkehrer hätten in Kroatien Zugang zu
einem rechtsstaatlichen Asyl- und Wegweisungsverfahren, und es sei
Seite 9
kaum denkbar, dass eine Kettenabschiebung drohe. Es würden auch keine
Gründe nach Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO vorliegen, welche die Schweiz
zur Prüfung seines Asylgesuchs verpflichten würden. Die Bedingungen für
Asylsuchende in Kroatien vermöchten zudem eine Anwendung der Souve-
ränitätsklausel im Sinne von Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom
11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) und Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO
nicht zu begründen. Der medizinische Sachverhalt sei aufgrund der Aus-
führungen des Beschwerdeführers sowie der vorliegenden Arztberichte
genügend erstellt. Kroatien verfüge über eine ausreichend medizinische
Infrastruktur und sei durch Art. 19 Abs. 1 der Richtlinie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) verpflich-
tet, dem Beschwerdeführer die erforderliche medizinische Versorgung zu
gewähren. Es würden keine stichhaltigen Hinweise dafür vorliegen, dass
Kroatien seinen Verpflichtungen in medizinsicher Hinsicht nicht nachkom-
men würde. Die Reisefähigkeit werde erst kurz vor der Überstellung be-
urteilt und es werde dem aktuellen Gesundheitszustand dadurch Rech-
nung getragen, dass die kroatischen Behörden diesbezüglich informiert
würden.
5.2
5.2.1 In der Beschwerdeeingabe wurde betont, der Beschwerdeführer
habe nachvollziehbare Aussagen zum Fehlen von Identitätspapieren, zu
seinem Schulbesuch sowie zum Alter von ihm und seinem Bruder im Zeit-
punkt seiner Ausreise gemacht. Diese sowie seine Aussagen zur Dauer
der jeweiligen Aufenthalte in Drittstaaten liessen sich rechnerisch verein-
baren und seien widerspruchsfrei. Er habe sein korrektes Geburtsdatum
auf dem Personalienblatt sowie bei der Erstbefragung gemäss europäi-
schem als auch afghanischem Kalender genannt. Es sei im soziokulturel-
len Kontext Afghanistans durchaus üblich, dass Jugendliche keine ge-
nauen Angaben zu ihrem Alter machen könnten. Zu berücksichtigen sei
auch, dass er die Schule nur wenige Jahre lang besucht habe und die
geschilderten Ereignisse bereits mehrere Jahre zurückliegen würden.
Er habe überzeugend erklären können, warum er nicht im Besitz von Iden-
titätspapieren sei. Den in Griechenland registrierten Daten komme nur ein
sehr verminderter Beweiswert zu. Es sei bei der Registrierung kein Dol-
metscher anwesend gewesen und es sei durchaus vorstellbar, dass sein
Alter sowie seine Personalien durch die griechischen Behörden falsch auf-
genommen worden seien. In Kroatien habe er sich als Mitglied einer ande-
ren Familie ausgegeben und unter falschem Namen registrieren lassen.
Das Altersgutachten stelle allein auf die Untersuchung der Schlüsselbeine
Seite 10
ab und sei daher nur ein sehr schwaches Indiz für seine Volljährigkeit. Her-
vorzuheben sei, dass sich aus der Handröntgenanalyse ergebende Min-
destalter von (...) Jahren, was mit der von ihm geltend gemachten Minder-
jährigkeit übereinstimme. Schliesslich spreche auch sein Verhalten und
seine Verunsicherung nach der Zuweisung in die Erwachsenenstrukturen
für seine Minderjährigkeit. Insgesamt würden die Indizien für seine Minder-
jährigkeit diejenigen, die für eine Volljährigkeit sprechen würden, klar über-
wiegen. Daher sei im ZEMIS das Geburtsdatum des (...) einzutragen.
5.2.2 Sollte das Gericht wider Erwarten von der Volljährigkeit des Be-
schwerdeführers ausgehen, sei dennoch auf sein Asylgesuch einzutreten.
Es sei ihm zunächst die Einreise nach Kroatien mehrmals verwehrt
worden, und auch nach der geglückten Einreise sei er im kroatischen
Flüchtlingscamp Drohungen und erniedrigender Behandlung ausgesetzt
gewesen. Angesichts der aktuellen Berichte über die Situation Asylsuchen-
der in Kroatien sei fraglich, ob dieser Staat willens und in der Lage sei, ein
faires Asylverfahren zu gewährleisten und die Gefahr einer unmenschli-
chen oder entwürdigenden Behandlung zu verhindern. Aus verschiedenen
Berichten würden sich Hinweise auf systemische Schwächen im kroati-
schen Asyl- und Aufnahmesystem ergeben, und es könne nicht von einem
fairen und funktionierenden Asylverfahren ausgegangen werden. Im
Weiteren leide er unter verschiedenen psychischen und psychischen
Gesundheitsproblemen. Es gebe ernstzunehmende Hinweise auf nicht un-
erhebliche Mängel in der Gesundheitsversorgung Kroatien, insbesondere
für psychisch kranke Asylsuchende. Die Gesundheitsdienstleistungen wür-
den mehrheitlich durch Nichtregierungsorganisationen übernommen, wel-
che jedoch nur über limitierte finanzielle Mittel verfügen würden. Das kroa-
tische Gesundheitswesen sei zudem durch die COVID-19-Pandemie stark
beansprucht, und der Zugang für Asylsuchende dadurch zusätzlich er-
schwert. Es könne daher nicht davon ausgegangen werden, dass er die
zwingend benötigte psychologische Betreuung und Behandlung erhalten
würde. Die grundsätzliche Vermutung, dass Kroatien die aus dem Völker-
recht fliesenden Verpflichtungen bei der Durchführung des Asylverfahrens
respektiere, sei durch diese Darlegungen widerlegt. Aufgrund seiner psy-
chischen Problemen und der nicht gewährleisteten Behandlungsmöglich-
keiten in Kroatien bestehe das konkrete Risiko einer Verletzung von Art. 3
EMRK. Er sei einem realen Risiko einer ernsten, raschen und unwieder-
bringlichen Verschlechterung seines Gesundheitszustands ausgesetzt.
Schliesslich sei festzustellen, dass der medizinische Sachverhalt unzu-
reichend abgeklärt worden sei. Der psychische Zustand des Beschwerde-
führers sei noch nicht abschliessen geklärt. Anlässlich des Arzttermins vom
Seite 11
23. September 2021 habe er von einer Verschlechterung seines psychi-
schen Gesundheitszustands berichtet, weshalb ein weiterer psychiatri-
scher Termin am 5. November 2021 vorgesehen sei. Die Vorinstanz habe
es unterlassen, konkret zu prüfen, ob die vom behandelnden Psychiater
empfohlene psychologisch-psychotherapeutische Behandlung in Kroatien
verfügbar wäre.
6.
6.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der
"Eurodac"-Datenbank ergab, dass er am (...) Februar 2017 in Griechen-
land und am (...) Juni 2021 in Kroatien Asylgesuche eingereicht hatte. Das
SEM ersuchte deshalb die kroatischen Behörden am 23. September 2021
um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 23 oder 24
Dublin-III-VO. Die kroatischen Behörden stimmten diesem Gesuch am
5. Oktober 2021 zu.
6.2 Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Kroatien ein Asylgesuch ein-
gereicht zu haben. Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen, sind seine
Vorbringen nicht geeignet, an der Zuständigkeit dieses Staats etwas zu än-
dern.
6.3 Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, aufgrund der von ihm
glaubhaft gemachten Minderjährigkeit sei gestützt auf Art. 8 Abs. 4 Dublin-
III-VO von der Zuständigkeit der schweizerischen Asylbehörden für sein
Asylgesuch auszugehen, ist Folgendes festzustellen:
6.3.1 Eine geltend gemachte Minderjährigkeit ist von der asylsuchenden
Person zu beweisen, soweit ihr ein Beweis möglich ist, und andernfalls we-
nigstens glaubhaft zu machen, da sie die Beweislast dafür trägt, auch wenn
das SEM die entscheidrelevanten Sachverhaltsmomente von Amtes we-
gen festzustellen hat (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.3 m.w.H., Entscheidun-
gen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 2004 Nr. 30 E. 5.3.3). Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist
eine Abwägung aller Anhaltspunkte, die für oder gegen die Richtigkeit der
betreffenden Altersangabe sprechen, vorzunehmen (vgl. BVGE 2009/54
E. 4.1). Wurde der Sachverhalt abschliessend festgestellt und ist es der
betroffenen Person nicht gelungen, die behauptete Minderjährigkeit glaub-
haft zu machen, hat sie die Folgen zu tragen und wird als volljährig be-
trachtet (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 5.4).
6.3.2 Der Beschwerdeführer hat keinerlei Identitätspapiere oder andere
Dokumente zum Beleg des von ihm behaupteten Alters eingereicht. Seine
Seite 12
Behauptung, nie einen Reisepass oder eine Identitätskarte besessen zu
haben, ist im afghanischen Kontext nicht gänzlich unplausibel. Zudem las-
sen sich seine Angaben hinsichtlich seines Alters im Zeitpunkt der Ausreise
aus Afghanistan sowie der Dauer der Aufenthalte im Iran, in der Türkei, in
Griechenland sowie auf der sogenannten Balkanroute grob mit dem in der
Schweiz geltend gemachten Geburtsdatum ([...]) in Einklang bringen. Dies
stellt ein (schwaches) Indiz zugunsten der behaupteten Minderjährigkeit
dar.
6.3.3 Hingegen ergab das beim Beschwerdeführer vorgenommene Alters-
gutachten ein durchschnittliches Lebensalter von (...) bis (...) Jahren und
im Zusammenschau aller Untersuchungsbefunde ein Mindestalter von (...)
Jahren im Zeitpunkt der Untersuchung. Entgegen der in der Beschwerde
vertretenen Auffassung wird der Beweiswert des Altersgutachtens durch
den Umstand, dass keine Altersbestimmung aufgrund des Zahnalters
durchgeführt werden konnte, nicht massgeblich vermindert, zumal die Er-
gebnisse der Untersuchung der Schlüsselbein-Brustbeingelenke sowie der
Handknochen übereinstimmend ein mittleres Skelettalter von mehr als (...)
Jahren ergaben. Praxisgemäss stellt dieses Ergebnis ein starkes Indiz da-
für dar, dass die Altersangaben des Beschwerdeführers nicht zutreffen und
er entgegen seiner Behauptung volljährig ist. Dass bei der Handröntgen-
untersuchung ein Mindestalter von (...) Jahren festgestellt wurde, steht die-
ser Feststellung angesichts des Gesamtergebnisses der Altersuntersu-
chung nicht entgegen.
6.3.4 Sodann wies die Vorinstanz zu Recht darauf hin, dass der Beschwer-
deführer gemäss Auskunft der griechischen und kroatischen Behörden in
diesen Ländern unter unterschiedlichen Personalien registriert wurde, wel-
che zudem nicht mit seinen Identitätsangaben gegenüber den schweizeri-
schen Asylbehörden übereinstimmen. Dass das in Griechenland vermerkte
Geburtsdatum ([...]) auf einem blossen, auf sprachliche Verständigungs-
schwierigkeiten zurückzuführenden Irrtum beruht, ist nicht plausibel, zumal
diese Erklärung die ebenfalls abweichend registrierten Vor- und Familien-
namen des Beschwerdeführers nicht zu erklären vermag. Nicht nachvoll-
ziehbar ist ferner seine – im Widerspruch zur Auskunft der griechischen
Behörden stehende – Aussage anlässlich der Erstbefragung, in Griechen-
land sei als Geburtsjahr "(...)" registriert worden (vgl. Protokoll A16 S. 6).
Gegen eine versehentliche Falsch-Registrierung des Namens des Be-
schwerdeführers in Griechenland spricht im Übrigen der Umstand, dass er
in Kroatien mit einem fast gleichlautenden Familiennamen
(D._) registriert wurde. Schliesslich steht seine Darstellung, er habe
Seite 13
sich gegenüber den kroatischen Behörden als Mitglied einer anderen Fa-
milie ausgegeben, welche er vor dem Grenzübertritt kennengelernt habe,
sowohl im Widerspruch zur Auskunft der kroatischen Behörden, wonach er
als unbegleiteter Minderjähriger zusammen mit einem Bruder registriert
worden sei, als auch zur Ähnlichkeit seiner in Griechenland und Kroatien
registrierten Namen. Auch wenn diese Ungereimtheiten nicht nur das Ge-
burtsdatum des Beschwerdeführers betreffen, schüren sie doch erhebliche
Zweifel an den von ihm im vorliegenden Verfahren vorgebrachten Perso-
nalien und damit insoweit auch an seinen Angaben zu seinem Alter.
6.4 Nach dem Gesagten gelangt das Gericht im Rahmen einer Gesamt-
würdigung aller Umstände (vgl. EMARK 2004 Nr. 30 E. 5.3.4 S. 210) in
Übereinstimmung mit der Vorinstanz zum Schluss, dass es dem Beschwer-
deführer nicht gelungen ist, die von ihm geltend gemachte Minderjährigkeit
zum Zeitpunkt seiner Gesuchseinreichung in der Schweiz glaubhaft zu ma-
chen.
6.5 Das SEM ist demnach mit einem ordnungsgemässen Wiederaufnah-
meersuchen an die kroatischen Behörden gelangt.
7.
7.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli-
che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Asylsuchende in Kroatien würden systemische Schwachstel-
len aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden
Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich
bringen würden.
7.1.1 Kroatien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus der Richt-
linie des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
aus der Aufnahmerichtlinie ergeben (vgl. hierzu etwa die Urteile BVGer
F-4018/2021 vom 15. September 2021 S. 5 f., D-3407/2021 vom 29. Juli
2021 S. 6 f., E-3281/2021 vom 22. Juli 2021 E. 6, F-3061/2021 vom 9. Juli
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2021 E. 5 oder D-1304/2021 vom 25. Mai 2021 E. 6.2, je mit weiteren Hin-
weisen; alle zitierten Verfahren betrafen – wie das vorliegende – Wieder-
aufnahmekonstellationen).
7.1.2 Aus der Formulierung der Angaben der kroatischen Behörden gegen-
über dem SEM (vgl. insbes. Antwort auf Informationsersuchen, 16. August
2021, A24 [S. 1], und Zustimmungsschreiben, 5. Oktober 2021, A42
[je S. 1]: "The procedure is still ongoing") ist zu schliessen dass das Asyl-
verfahren in Kroatien nach der der Rückkehr des Beschwerdeführers wei-
tergeführt wird.
7.1.3 Auch die geltend gemachten Drohungen und Erniedrigungen, welche
der Beschwerdeführer angeblich im Flüchtlingscamp in Kroatien erlebt
habe, rechtfertigen es nicht, davon auszugehen, dass er bei einer Rück-
kehr in die Dublin-Strukturen dieses Landes mit hoher Wahrscheinlichkeit
Opfer einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung im Sinne
von Art. 3 EMRK oder Art. 4 EU-Grundrechtecharta werden. Bei Fehlver-
halten einzelner Beamter oder von Privatpersonen hätte er sich an die zu-
ständigen kroatischen Stellen zu wenden.
7.1.4 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
7.2 Der Beschwerdeführer fordert die Anwendung der Ermessensklausel
von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbsteintrittsrecht
im Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1, gemäss welcher das SEM das Asylgesuch "aus humanitären
Gründen" auch dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO
ein anderer Staat zuständig wäre.
7.2.1 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die kroatischen Behörden würden sich weigern, ihn (wieder) aufzu-
nehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der
Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten und insbesondere
den vom Beschwerdeführer zitierten Länderberichten sind keine stichhalti-
gen Gründe für die Annahme zu entnehmen, Kroatien werde in seinem Fall
den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in
ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus
einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr
laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden.
Ausserdem hat der Beschwerdeführer nicht dargetan, die ihn bei einer
Rückführung erwartenden Bedingungen in Kroatien seien derart schlecht,
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dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3
EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Das Bundesverwaltungsgericht
geht aktuell in konstanter Praxis davon aus, dass, auch unter Würdigung
der kritischen Berichterstattung bezüglich Kroatien, keine Gründe für die
Annahme vorliegen, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Dublin-Rückkehrende, die in Kroatien bereits ein Asylgesuch stellen konn-
ten, würden systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2
Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO aufweisen (vgl. oben E. 7.1.1).
7.2.2 Soweit der Beschwerdeführer in diesem Zusammenhang auf das Re-
ferenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-3078/2019 vom 12. Juli
2019 verweist, verkennt er, dass das SEM in der angefochtenen Verfügung
– gerade anders als es dies in der Verfügung, die dem Verfahren
E-3078/2019 zu Grunde lag, getan hatte – ausdrücklich Stellung zur Kritik
an der Lage in Kroatien und insbesondere zur Situation betreffend die
illegalen sogenannten Push-Backs genommen hat. Das SEM ist nach Ab-
klärungen zum Schluss gekommen, dass Dublin-Rückkehrende, die alle
ausnahmslos über die Hauptstadt Zagreb überstellt würden, nicht von
Push-Backs betroffen seien und keine Hinweise auf generelle systemische
Schwachstellen im kroatischen Asyl- und Aufnahmesystem hätten festge-
stellt werden können. Zudem seien keine Hinweise vorhanden, die belegen
würden, dass den Dublin-Rückkehrern eine Rückschiebung nach Bosnien
und Herzegowina (Kettenabschiebung) oder systematische Gewalt seitens
der kroatischen Polizeibehörde drohe. Diese Ansicht wird, wie erwähnt,
vom Bundesverwaltungsgericht geteilt.
7.3
7.3.1 Der Beschwerdeführer beruft sich ferner darauf, sein Gesundheitszu-
stand stehe einer Überstellung entgegen; eine Überstellung nach Kroatien
setze ihn einer Gefahr für seine Gesundheit aus und verletze damit Art. 3
EMRK.
7.3.2 Gemäss den eingereichten ärztlichen Unterlagen wurden bei ihm fol-
gende gesundheitlichen Probleme diagnostiziert: Verdacht auf eine Post-
traumatische Belastungsstörung, Epistaxis (spontanes Nasenbluten),
Polyposis nasalis deformans (Polypen in der Nase), Schlafstörungen,
Lymphangitis (Entzündung des Lymphsystems).
7.3.3 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
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und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei-
tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch
die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
7.3.4 Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Aus den Akten ist
nicht ersichtlich, dass der Beschwerdeführer nicht reisefähig wäre oder
eine Überstellung seine Gesundheit ernsthaft gefährden würde. Die doku-
mentierten gesundheitlichen Probleme sind auch nicht von einer derartigen
Schwere, dass aus humanitären Gründen von einer Überstellung abgese-
hen werden müsste.
7.3.5 Im Übrigen hielt die Vorinstanz zutreffend fest, dass Kroatien über
eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt. Die Mitgliedstaaten
sind verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische Versor-
gung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Be-
handlung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst,
zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstel-
lern mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder
sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psychologi-
schen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Sodann
bestehen in Kroatien nebst den staatlichen Einrichtungen auch Angebote
von Nichtregierungsorganisationen für die psychische Betreuung, womit
von einem genügenden psychologischen Behandlungsangebot auszuge-
hen ist (vgl. Urteile BVGer E-3281/2021 a.a.O. E. 7.5.2, D-1304/2021
a.a.O. E. 7.3.1 oder F-4368/2020 vom 14. Januar 2021 E. 7.3, je m.w.H.).
Es liegen keine Hinweise vor, wonach Kroatien seinen Verpflichtungen im
Rahmen der Dublin-III-VO in medizinischer Hinsicht nicht nachkommen
würde. Der Zugang zu einer angemessenen psychiatrischen Behandlung
in Kroatien kann zwar unter Umständen erschwert sein, da kein Überwa-
chungsmechanismus besteht, um schutzbedürftige Asylsuchende mit be-
sonderen Bedürfnissen und die zu ihren Gunsten zu treffenden Maßnah-
men zu ermitteln (vgl. Asylum Information Database [AIDA], Länderbericht:
Kroatien, 2019, Aktualisierung April 2020, S. 80). Im vorliegenden Fall ist
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aber darauf hinzuweisen, dass die Diagnosen bereits in der Schweiz ge-
stellt und die erforderlichen Behandlungen definiert wurden, so dass die
obengenannten Schwierigkeiten in Bezug auf den Beschwerdeführer rela-
tiviert werden müssen. Sodann hat die Vorinstanz bereits dargelegt, dass
er sich bei allfälligen Schwierigkeiten beim Zugang zur medizinischen Ver-
sorgung an die in Kroatien vorhandenen karitativen Organisationen wen-
den könne (vgl. hierzu: Urteil BVGer E-4218/2020 vom 3. September 2020
E. 5.2.3).
7.3.6 Wie von der Vorinstanz festgehalten, werden die schweizerischen
Behörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt
sind, den medizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten
Modalitäten der Überstellung des Beschwerdeführers Rechnung tragen
und die kroatischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spe-
zifischen medizinischen Umstände informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-
VO). Hiermit kann eine ununterbrochene und angemessene Weiterbe-
handlung gewährleistet werden. Eine darüber hinausgehende Einholung
patientenspezifischer Zusicherungen hinsichtlich medizinischer Behand-
lung erachtet das Bundesverwaltungsgericht vorliegend nicht als erforder-
lich.
7.3.7 Im Übrigen ist nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz auf weitere
Abklärungen hinsichtlich der gesundheitlichen Probleme des Beschwerde-
führers verzichtet hat, da nicht ersichtlich ist, inwiefern solche einen Ein-
fluss auf die Einschätzung der Zulässigkeit und Zumutbarkeit einer Über-
stellung nach Kroatien hätten. Die Rüge der unvollständigen Sachverhalts-
abklärung erweist sich demnach als nicht berechtigt; der eventualiter ge-
stellte Antrag auf Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Neubeur-
teilung ist abzuweisen.
7.3.8 Der aktuelle Gesundheitszustand des Beschwerdeführers führt somit
für den Fall einer Überstellung nach Kroatien nicht zur Annahme einer dro-
henden Verletzung von Art. 3 EMRK.
7.4 Nach dem Gesagten konnte der Beschwerdeführer kein konkretes und
ernsthaftes Risiko dartun, wonach ihre Wegweisung nach Kroatien die Ver-
letzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte. Zudem darf da-
von ausgegangen werden, Kroatien beachte für die Zeit nach der Überstel-
lung die übrigen massgeblichen völkerrechtlichen Bestimmungen sowie
insbesondere die Verfahrensrichtlinie. Das Einholen entsprechender Ga-
rantien erübrigt sich demnach, weshalb der diesbezüglich subeventuell ge-
stellte Antrag abgewiesen wird.
Seite 18
7.5
7.5.1 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitions-
beschränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Strei-
chung der Angemessenheitskontrolle des Bundesverwaltungsgerichts ge-
mäss aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den
vorinstanzlichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht
mehr auf Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung
nunmehr im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbe-
züglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen
Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl.
Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
7.5.2 Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu be-
anstanden; insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermes-
sensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens
zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang
weiterer Äusserungen.
7.5.3 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist
festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3).
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7.6 Somit bleibt Kroatien der für die Behandlung der Asylgesuche des
Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO.
Kroatien ist verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 23, 24, 25 und 29
wiederaufzunehmen.
8.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten.
Da der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder
Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Kroatien in
Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32
Bst. a AsylV 1). Der Antrag auf Aufhebung des Asyl-Nichteintretens-
entscheids ist damit abzuweisen.
9.
Auch bezüglich des Antrags um Berichtigung des ZEMIS-Eintrages ist die
Beschwerde abzuweisen. Vorliegend lässt sich das exakte Geburtsdatum
des Beschwerdeführers nicht beweisen. Somit sind diejenigen Daten ein-
zutragen, welche am wahrscheinlichsten – respektive überwiegend wahr-
scheinlich – sind. Aufgrund aller Beweismittel und Indizien steht nach dem
oben Gesagten fest, dass die Volljährigkeit des Beschwerdeführers wahr-
scheinlicher ist als die behauptete Minderjährigkeit (vgl. E. 6.3). Das im
ZEMIS (mit einem Bestreitungsvermerk) eingetragene Geburtsdatum (...)
ist daher unverändert zu belassen.
10.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes-
halb sich die Anträge auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung sowie
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses als gegenstandslos
erweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem insbesondere
seine Rechtsbegehren im Zusammenhang mit dem Nichteintreten auf das
Asylgesuch und der Überstellung nach Kroatien nicht als aussichtslos im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG qualifiziert werden konnten und aufgrund
Seite 20
der Akten von seiner prozessualen Bedürftigkeit auszugehen ist, ist in Gut-
heissung des Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung auf eine Kostenauflage zu verzichten.
12.
Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts auf dem Gebiet des Daten-
schutzes sind gemäss Art. 35 Abs. 2 der Verordnung vom 14. Juni 1993
zum Bundesgesetz über den Datenschutz (VDSG, SR 235.11) dem Eidge-
nössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB) bekannt
zu geben.
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