Decision ID: e2920630-349e-4175-840b-fe2c57b4ac71
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ (nachfolgend: Versicherter), geboren 19_ und über die
Arbeitslosenversicherung bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva)
gegen die Folgen von Unfällen versichert (vgl. Suva-act. 2, 5, 24), meldete am 19.
Februar 2015 einen Unfall an, der sich im August 2009 ereignet habe. Der Unfall wurde
wie folgt beschrieben: "Verkehrsunfall mit Partnerin, Verletzung (Intimbereich
Nerv)" (Suva-act. 1). Anlässlich eines Telefongesprächs mit der Suva vom 20. Februar
2015 erläuterte der Versicherte, der Unfall sei im August 2009 beim
Geschlechtsverkehr passiert. Seine Partnerin habe auf ihm gesessen und es sei etwas
wild gewesen. Sie sei dann aus-/abgerutscht, wobei es ihm den Penis verdreht oder
abgebogen habe. Es hätten sich daraufhin eine Schwellung und ein Bluterguss
entwickelt, weshalb er später den mittlerweile pensionierten Dr. med. B._, Facharzt
FMH für Allgemeinmedizin, konsultiert habe. Aktuell sei Dr. med. C._, Facharzt FMH
für Allgemeinmedizin, sein Hausarzt. Aus dem Telefongespräch ging zudem hervor,
dass der Versicherte ausserdem Dr. med. D._, Facharzt für Urologie FMH, sowie
einen Psychologen konsultiert hatte (Suva-act. 3). Mit Schreiben vom 20. Februar 2015
ersuchte die Suva Dr. C._ um Übermittlung sämtlicher Unterlagen seit 2009 (inklusive
allfälliger Berichte anderer Ärzte; Suva-act. 7). Dr. D._ stellte sie mit Schreiben vom
23. Februar 2015 das Formular Arztzeugnis UVG zum Ausfüllen zu (Suva-act. 8). Am
10. März 2015 reichte Dr. C._ der Suva diverse Berichte ein (Suva-act. 10). Auf deren
weitere Nachfrage vom 10. März 2015 gab Dr. C._ am 24. März 2015 Auskunft über
den effektiven Behandlungsbeginn (Erstvorstellung) bei ihm (Suva-act. 11, 13). In
Bezug auf Dr. B._ vermochte er keine Auskunft zu geben (Suva-act. 13), worauf die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Suva mit Schreiben vom 24. März 2015 den Praxisnachfolger von Dr. B._, Dr. med.
E._, Facharzt Allgemeine Innere Medizin FMH, um Zustellung sämtlicher Unterlagen
seit 2009 und die Bekanntgabe des Behandlungsbeginns bei Dr. B._ ersuchte (Suva-
act. 14). Am 27. März 2015 reichte Dr. D._ das Arztzeugnis UVG ein (Suva-act. 15).
Mit Schreiben vom 30. März 2015 nahm Dr. E._ zur Anfrage der Suva vom 24. März
2015 Stellung (Suva-act. 16).
A.b Mit Schreiben vom 13. April 2015 teilte die Suva dem Versicherten mit, dass
aufgrund der diversen medizinischen Unterlagen davon ausgegangen werden müsse,
dass sich weder ein Unfallereignis im Sinne des Gesetzes zugetragen habe noch die
Voraussetzungen zur Übernahme des Schadenfalls als unfallähnliche
Körperschädigung erfüllt seien, weshalb keine Leistungen aus der Unfallversicherung
erbracht werden könnten (Suva-act. 17). Am 14. August 2015 ersuchte der Versicherte
die Suva telefonisch um eine nochmalige Prüfung seines Falles. Indem er den Unfall
beim Geschlechtsverkehr gehabt habe, würden eindeutig Unfallfolgen vorliegen. Er sei
bei Dr. C._ in Behandlung und sei ausserdem im Kantonsspital St. Gallen
(nachfolgend: KSSG) gewesen (Suva-act. 21). Am 20. August 2015 reichte der
Versicherte weitere Arztberichte ein (Suva-act. 22).
A.c Am 8. Oktober 2015 unterbreitete die Suva den Schadenfall ihrer Kreisärztin med.
pract. F._, Fachärztin Chirurgie FMH, welche gleichentags ihre Beurteilung vornahm
(Suva-act. 25).
A.d Nachdem die Suva dem Versicherten anlässlich eines Telefongesprächs vom 9.
Oktober 2015 mitgeteilt hatte, dass nach wie vor keine Leistungen erbracht werden
könnten, weil die Beschwerden am Glied nicht auf das Ereignis vom August 2009
zurückzuführen seien, ersuchte der Versicherte um Erlass einer anfechtbaren
Verfügung (Suva-act. 26).
A.e Mit Verfügung vom 12. Oktober 2015 teilte die Suva dem Versicherten mit, dass
sie keine Versicherungsleistungen erbringen könne, da aufgrund der medizinischen
Unterlagen kein sicherer oder wahrscheinlicher Kausalzusammenhang zwischen dem
Ereignis vom August 2009 und den gemeldeten Beschwerden am Glied bestehe (Suva-
act. 27).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Die am 5. November 2015 vom Versicherten gegen diese Verfügung eingereichte
Einsprache (Suva-act. 30) wies die Suva mit Einspracheentscheid vom 8. März 2016 ab
(Suva-act. 33).
C.
C.a Gegen den Einspracheentscheid vom 8. März 2016 reicht der Versicherte
(nachfolgend: Beschwerdeführer) am 7. April 2016 eine Eingabe ein (act. G 1).
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 9. Mai 2016 beantragte die Suva (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei, unter
Bestätigung des angefochtenen Einspracheentscheids (act. G 3).
C.c Der Beschwerdeführer verzichtete auf die Einreichung einer Replik (act. G 4 f.).
C.d Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften und die Ausführungen in
den medizinischen Akten wird, soweit entscheidnotwendig, in den nachfolgenden

Erwägungen eingegangen.
Erwägungen
1.
1.1 Die Beschwerdegegnerin macht in formeller Hinsicht geltend, aus der Eingabe des
Beschwerdeführers vom 7. April 2016 (act. G 1) ergebe sich gegenüber dem
Einspracheentscheid vom 8. März 2016 kein klarer Beschwerdewille, weshalb das
Gericht von Amtes wegen zu prüfen habe, ob die Eingabe als Beschwerde materiell zu
beurteilen sei bzw. auf die Eingabe überhaupt eingetreten werden könne (act. G 3).
1.2 Gemäss Art. 61 lit. b des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) muss die Beschwerde eine gedrängte
Darstellung des Sachverhalts, ein Rechtsbegehren und eine kurze Begründung
enthalten. Die formellen Anforderungen an eine Beschwerde sind grundsätzlich gering
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2015, Art. 61 N 75) und
können in Bezug auf die Eingabe des Beschwerdeführers vom 7. April 2016 als erfüllt
betrachtet werden. In der Eingabe wird ausdrücklich auf den Einspracheentscheid vom
8. März 2016 (Angabe der Referenz-Nr. E 3354/2015) verwiesen und ein
entsprechender Sachverhalt dargestellt. In Bezug auf das Rechtsbegehren wird
vorausgesetzt, dass der Wille der Beschwerde führenden Partei erkennbar wird, die sie
betreffende Rechtslage zu ändern. Das Rechtsbegehren muss nicht ausdrücklich
formuliert sein, sondern kann auch der Begründung entnommen werden (KIESER,
a.a.O., Art. 61 N 78). Aus der vorliegenden Eingabe ist herauszulesen, dass der
Beschwerdeführer bis heute die Kosten selbst übernommen habe und Auskunft
darüber wünsche, wer für die entstandenen Kosten leistungspflichtig sei. Zudem ergibt
sich aus der Eingabe, dass der Beschwerdeführer in Bezug auf seine Schmerzen bzw.
die von Dr. D._ und den Ärzten des KSSG angeführten Diagnosen einer narbigen
Veränderung im Bereich der Corpora cavernosa und Dysästhesien in der Glans penis
von Unfallfolgen ausgeht. Es steht ausser Frage, dass der Beschwerdeführer die
Übernahme von Heilbehandlungskosten durch die Beschwerdegegnerin wünscht. Der
Beschwerdeführer bekundet damit in seiner Eingabe vom 7. April 2016 einen klaren
Anfechtungswillen, d.h. in der Eingabe kann eindeutig eine Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid vom 8. März 2016 erblickt werden, auf welche einzu¬treten ist.
Dies zumal er ausdrücklich von "meine Beschwerde" spricht.
2.
Am 1. Januar 2017 sind die revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) und der Verordnung über die Unfallversicherung
(UVV; SR 832.202) in Kraft getreten. Gemäss Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung vom 25. September 2015 werden Versicherungsleistungen für Unfälle, die
sich vor deren Inkrafttreten ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem
Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt. Vorliegend finden,
nachdem ein Ereignis von 2009 streitig ist, die bis 31. Dezember 2016 gültigen
Bestimmungen Anwendung.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 Nach Art. 6 Abs. 1 UVG werden die Versicherungsleistungen, soweit das Gesetz
nichts anderes bestimmt, bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und
Berufskrankheiten gewährt. Unfall ist die plötzliche, nicht beabsichtigte, schädigende
Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die
eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit oder den Tod zur
Folge hat (Art. 4 ATSG). Eine Leistungspflicht des Unfallversicherers setzt mithin weiter
voraus, dass die geltend gemachten Beschwerden zum Unfallereignis in einem
natürlichen und adäquaten Kausalzusammenhang stehen (vgl. Art. 6 UVG; BGE 129 V
181 E. 3.1 f.; ALEXANDRA RUMO-JUNGO/ANDRÉ PIERRE HOLZER, Rechtsprechung
des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, 4. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2012, S. 53 ff.).
3.2 Für die Beantwortung der Tatfrage nach dem Bestehen natürlicher
Kausalzusammenhänge im Bereich der Medizin ist das Gericht in der Regel auf
Angaben ärztlicher Experten oder Expertinnen angewiesen. Die Frage nach dem
adäquaten Kausalzusammenhang ist demgegenüber eine Rechtsfrage, die vom Gericht
nach den von Doktrin und Praxis entwickelten Regeln zu beurteilen ist (BGE 129 V 181
E. 3.1, 123 III 110, 112 V 3; PVG 1984 Nr. 82, 174). Bei physischen Unfallfolgen spielt
indessen die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der aus dem natürlichen
Kausalzusammenhang sich ergebenden Haftung des Unfallversicherers praktisch keine
Rolle (BGE 118 V 291 f. E. 3a, 117 V 365 mit Hinweisen; SVR 2000 Nr. 14 S. 45). Die
Prüfung der Rechtsfrage, ob eine versicherte Person mit Blick auf Art. 10 Abs. 1 UVG
Anspruch auf die zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen hat und ob die Akten
eine genügende Beweislage dafür bilden, stellt sich erst bzw. überhaupt nur bei
Bejahung kausaler Unfallfolgen.
3.3 Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch
die beklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
des Experten oder der Expertin begründet sind. Insofern sind auch Berichte und
Gutachten, welche die Versicherungen im Administrativverfahren von ihren eigenen und
beratenden Ärzten und Ärztinnen einholen, beweistauglich, solange ihre Richtigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht durch konkrete Indizien erschüttert wird (BGE 125 V 353 E. 3bb/cc; RKUV 2000
Nr. U 377 S. 186 E. 4a).
3.4 Der im Sozialversicherungsprozess herrschende Untersuchungsgrundsatz (BGE
125 V 195 E. 2, 122 V 158 E. 1a, je mit Hinweisen; vgl. auch BGE 130 I 183 f. E. 3.2)
schliesst die Beweislast im Sinn der Beweisführungslast begriffsnotwendig aus. Im
Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien die Beweislast nur insofern, als
im Fall der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus
dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Da es dem
Leistungsansprecher obliegt, das Vorliegen eines (leistungsbegründenden) natürlichen
Kausalzusammenhangs zwischen dem gemeldeten Beschwerdebild und dem Unfall
nachzuweisen, liegt die entsprechende Beweislast bei ihm. Diese Beweisregel greift
jedoch erst Platz, wenn im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes kein
wahrscheinlicher (die blosse Möglichkeit genügt nicht; BGE 117 V 360 E. 4a mit
Hinweisen; THOMAS LOCHER/THOMAS GÄCHTER, Grundriss des
Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. Bern 2014, § 70 N. 58 f.) Sachverhalt ermittelt
werden kann (RKUV 1994 Nr. U 206 S. 328 E. 3b, 1999 Nr. U 86 S. 50; RUMO-JUNGO/
HOLZER, a.a.O., S. 29).
4.
Der Beschwerdeführer beschrieb am 20. Februar 2015 gegenüber der
Beschwerdegegnerin, seine Partnerin habe im August 2009 bei wildem
Geschlechtskehr auf ihm gesessen und sei dann aus-/abgerutscht. Dabei habe sich
sein Penis verdreht, was eine Schwellung und einen Bluterguss zur Folge gehabt habe
(Suva-act. 3). Das Unfallbegriffsmerkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors
gemäss Art. 4 ATSG könnte allenfalls ausgehend von dieser Sachverhaltsschilderung
als erfüllt betrachtet werden. Wie es sich damit genau verhält, kann jedoch - wie die
nachfolgenden Erwägungen zur Kausalität zeigen (vgl. dazu nachfolgende Erwägung 5)
- offen bleiben.
5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.1 Laut medizinischen Akten leidet der Beschwerdeführer unter einer sexuellen
Funktionsstörung, d.h. unter einer Erektionsstörung beim Geschlechtsverkehr, sowie
unter Dysästhesien im Bereich der Glans penis bzw. an der Corona glandis und dies
laut eigenen Angaben seit besagtem Ereignis im August 2009 (Suva-act. 10, 22). Die
Frage, ob diese Beschwerden mit dem gemeldeten Unfall vom August 2009 natürlich
kausal zusammenhängen, wird von der Beschwerdegegnerin insbesondere gestützt auf
die Beurteilung ihrer Kreisärztin med. pract. F._ vom 8. Oktober 2015 (Suva-act. 25)
verneint.
5.2 Med. pract. F._ weist zunächst auf den aussergewöhnlichen Umstand hin, dass
sechs Jahre nach einem fraglichen bagatellären Ereignis beim Geschlechtsverkehr nun
vom Beschwerdeführer Unfallfolgen beklagt würden und ein Schaden gemeldet
worden sei. Wenn der Beschwerdeführer um das Ereignis beim Geschlechtsverkehr
wusste, danach Beschwerden im Genitalbereich hatte, in den folgenden Jahren immer
wieder wegen Erektionsproblemen und Dysästhesien in ärztlicher Behandlung war und
nun Unfallrestfolgen geltend macht, ist nicht nachvollziehbar, weshalb er nicht bereits
früher einen Zusammenhang zum Ereignis vom August 2009 herstellte und eine
Unfallmeldung einreichte. Natürlich stellt die Latenzzeit bis zur Unfallmeldung keine
medizinische Aussage dar, doch ist das subjektive Empfinden, ob eine Unfallverletzung
vorliegt und damit im Regelfall eine Unfallmeldung gemacht wird, durchaus ein
Beurteilungskriterium bezüglich der Kausalität gesundheitlicher Störungen. Insofern ist
zu sagen, dass der dargelegte zeitliche Ablauf im vorliegenden Fall zumindest als
Hinweis gegen das Vorliegen bedeutsamer Unfallfolgen zu werten ist. Im Übrigen ist an
dieser Stelle anzufügen, dass ein Unfall (beispielsweise ein Sturz, Stolpern oder
Anschlagen) nicht zwingend zu einer Verletzung führen muss, weil man im Sinn einer
einfachen Lebensweisheit auch Glück im Unglück haben kann. Insofern ist letztlich
entscheidend, welche Verletzungen die verunfallte Person im konkreten Fall tatsächlich
erlitten hat bzw. welche Unfallrestfolgen sie davon trägt. Demgemäss ist auch das
Unfalltatbestandsmerkmal einer schädigenden Einwirkung auf den menschlichen
Körper gemäss Art. 4 ATSG im Sinne der für die Leistungspflicht des Unfallversicherers
entscheidenden Frage nach dem Vorliegen kausaler Unfallverletzungen zu verstehen
(vgl. dazu RUMO-JUNGO/HOLZER, a.a.O., S. 53 ff.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.3 Für die Annahme unfallkausaler Restfolgen wird im Regelfall eine strukturelle
Läsion bzw. eine schlecht verheilte strukturelle Läsion als objektivierbares Korrelat
verlangt. Med. pract. F._ kommt aufgrund der vorliegenden Aktenlage zum
überzeugenden Schluss, im konkreten Fall lägen keine strukturellen Läsionen
(insbesondere auch keine unfallbedingten Läsionen) vor (Suva-act. 25).
5.3.1 Laut Bericht von Dr. B._ vom 13. Dezember 2010 (Suva-act. 10-9) litt der
Beschwerdeführer im August 2009 unter einem kleinen Riss am Frenulum. Zufolge des
Berichts von Dr. E._ vom 30. März 2015 lässt sich entsprechendes der Patientenakte
des Beschwerdeführers entnehmen (Suva-act. 16-2). Ein echtzeitlicher Arztbericht von
Dr. B._ mit Angabe eines Sprechstundentermins, eines Befundes, einer Diagnose,
deren Einstufung als Unfallverletzung oder Krankheit sowie eines Therapievorschlags,
anhand dessen der genaue Inhalt und die Bedeutung der vorgenannten Situation
beurteilt werden könnte, liegt indessen nicht bei den Akten. Hingegen ist ein Bericht
von Dr. med. G._, Facharzt für Urologie FMH, vom 19. Januar 2010 aktenkundig, der
den Beschwerdeführer klinisch untersucht hatte und keinen Anhalt für ein wirkliches
urologisches Leiden diagnostizierte. Dr. G._ hielt explizit fest, dass er auch keinen
Zustand nach Frenulumriss gesehen habe (Suva-act. 10-10). Am 9. September 2010
wurde der Beschwerdeführer sodann in der Klinik für Urologie untersucht, wobei
gemäss Bericht vom 13. September 2010 der Befund eines verkürzten Frenulum
erhoben wurde, was zumindest keine Unfallverletzung darstellt (Suva-act. 10-5).
5.3.2 Am 27. August 2013 konsultierte der Beschwerdeführer den Urologen Dr.
D._, der in der klinischen Untersuchung eine druckschmerzhafte Verhärtung am
Schwellkörper mittig im Bereich des Sulcus coronarius feststellte. Die Sonographie
zeigte zwischen den Corpora cavernosa und dem corpus spongiosum eine 3x9x4mm
hyperechoische Läsion, welche Dr. D._ am ehesten für eine Narbe nach einer
Penisverletzung im Rahmen des Geschlechtsverkehrs hielt. Dr. D._ diagnostizierte
sodann eine narbige Veränderung im Bereich der Corpora cavernosa sowie
Dysästhesien an der Glans penis (Suva-act. 22-2 f.). Seine Formulierung "am ehesten"
ist vage und vermag damit höchstens auf eine mögliche Penisverletzung beim
Geschlechtsverkehr hinzudeuten. Gleiches gilt in Bezug auf die anlässlich der
Untersuchung der Ärzte der Klinik für Urologie des KSSG vom 16. Januar 2014
gestellte Diagnose einer (nur) minimal narbigen Veränderung im Bereich der Corpora
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
cavernosa dorsal, welche auf dem "allenfalls" klinisch bzw. palpatorisch erhobenen
Befund einer minimalen Verhärtungszone basiert. Inspektorisch ergaben sich im
Übrigen normale Befunde (Suva-act. 22-4 f.). Aus dem Gesagten ist abzuleiten, dass
die Verhärtungszone, wenn sie denn überhaupt als objektiviert zu betrachten ist, keine
überwiegend wahrscheinliche Unfallverletzung beschreibt. Wesentlich ist schliesslich,
dass eine MRI-Untersuchung des Penis/Beckenbodens in der Radiologie H._,
Diagnosezentrum I._ vom 26. Januar 2015 ein normales Kernspintomogramm des
Penis mit symmetrisch normaler Darstellung der Corpora cavernosa ohne
kernspintomographisch fassbare posttraumatische Veränderungen zeigte (Suva-act. 9).
5.3.3 Der Feststellung von med. pract. F._ kann auch insofern gefolgt werden, als
sich aus den weiteren medizinischen Akten keine Anhaltspunkte für durch das Ereignis
vom August 2009 hervorgerufene Erektionsstörungen und Dysästhesien an der Glans
penis entnehmen lassen; zumindest keine, die einen solchen Sachverhalt mit dem im
Sozialversicherungsrecht geforderten Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit belegen würden. So werden darin keine objektivierbaren
organischen Substrate beschrieben, welche das Beschwerdebild des
Beschwerdeführers begründen könnten oder gar eine Unfallverletzung darzustellen
vermöchten (vgl. dazu nachfolgende Erwägungen 5.3.4 - 5.3.6).
5.3.4 Laut Bericht von Dr. E._ vom 30. März 2015 litt der Beschwerdeführer am
23. Oktober 2009 und 7. Januar 2010 jeweils an einer Balanitis (Suva-act. 16-2).
Weitere Informationen dazu sind jedoch nicht aktenkundig. Die Aussage von Dr. E._
ist damit weder allgemein noch hinsichtlich der Frage des Vorliegens von Unfallfolgen
überprüfbar. Im Übrigen ist zu sagen, dass die Annahme einer Unfallverletzung bei
einer Balanitis - einer Entzündung an der Eichel - im Regelfall nicht in Betracht kommt.
Laut medizinischer Literatur ist die Balanitis krankhafter Natur (vgl. ROCHE LEXIKON,
Medizin, 5. Aufl. München 2003, S. 178 f., vgl. auch S. 534; PSCHYREMBEL,
Klinisches Wörterbuch, 266. Aufl. Berlin 2014, S. 227 f., vgl. auch S. 600; DAS MSD
MANUAL, 6. Deutsche Aufl. München 2000, S. 1619).
5.3.5 Gemäss Bericht der Klinik für Urologie des KSSG vom 13. September 2010
stellten deren Ärzte beim Beschwerdeführer anlässlich der Untersuchung vom 9.
September 2010 eine leicht bläuliche Verfärbung im dorsalen Bereich der Kranzfurche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
fest, welche jedoch indolent war, worauf die Diagnose eines Verdachts auf Status nach
altem Kranzfurchenhämatom dorsal bei unklarem Trauma Januar 2010 beim
Geschlechtsverkehr gestellt wurde (Suva-act. 10-5). Abgesehen davon, dass das
Hämatom ebenfalls nur verdachtsmässig und damit im Sinne eines möglichen
Sachverhalts (vgl. dazu Erwägung 3.4; vgl. auch Erwägung 5.3.2) mit dem Ereignis
beim Geschlechtsverkehr in Zusammenhang gebracht wurde, wurde bei der folgenden
Untersuchung vom 25. November 2010 ein vollkommen blander lokaler Normalbefund
des Penis ohne Rötung, ohne Verfärbung und ohne Hinweise auf eine Hautläsion
erhoben (Suva-act. 10-7). Aus der bläulichen Verfärbung im dorsalen Bereich der
Krankfurche lässt sich damit ebenfalls keine Unfallverletzung herleiten.
5.3.6 Im Untersuchungsbericht vom 22. Januar 2014 zu einer Untersuchung vom
16. Januar 2014 sprachen die Ärzte der Klinik für Urologie des KSSG schliesslich von
chronischen Dysästhesien an der Glans penis sowie am dorsalen Penisschaft,
aufgetreten nach geschlechtsverkehrverursachtem Penistrauma vor 4 Jahren bzw. von
einem chronischen, vermutlich neurogen etablierten Schmerzsyndrom (Suva-act. 22-4
f.). Der Begriff "chronisch" steht dem Begriff "traumatisch" entgegen. Während letzterer
einen akut aufgetretenen Zustand beschreibt, bedeutet chronisch "langsam sich
entwickelnd, langsam verlaufend" (PSCHYREMBEL, a.a.O., S. 390; ROCHE LEXIKON,
a.a.O., S. 334). Mit der Erwähnung des Penistraumas wird sodann einzig eine zeitliche
Einordnung - die Dysästhesien bzw. das Schmerzsyndrom traten zeitlich betrachtet
nach einem Trauma auf - vorgenommen. Dass vor einem Unfallereignis keine
entsprechenden Beschwerden beklagt worden sind, bildet für sich allein nach
konstanter bundesgerichtlicher Recht¬sprechung keinen Beweis für eine
Unfallkausalität. Der zeitliche Aspekt besitzt keine wissenschaftlich genügende
Erklärungskraft. Andernfalls würde man sich mit dem blossen Anschein des Beweises
bzw. mit der blossen Möglichkeit begnügen und davon ausgehen, dass eine
gesundheitliche Schädigung schon dann durch den Unfall verursacht sei, wenn sie
nach diesem auftrat (KIESER, a.a.O., Art. 4 N 69; ALFRED MAURER, Schweizerisches
Unfallversicherungsrecht, 2. Aufl. Bern 1989, S. 460 N 1205 [Beweisführung nach der
Formel "post hoc ergo propter hoc"]; SVR 2009 UV Nr. 13 [8C_590/2007], S. 52 E.
7.2.4 mit weiteren Hinweisen; BGE 119 V 340 E. 2b/bb). Bei einem Syndrom handelt es
sich sodann laut ROCHE LEXIKON (a.a.O., S. 1791) um ein sich stets mit etwa den
gleichen Krankheitszeichen, d.h. einer Symptomatik mit weitgehend identischem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
"Symptommuster" manifestierendes Krankheitsbild mit unbekannter, vieldeutiger,
durch vielfältige Ursachen bedingter oder nur teilweiser bekannter Ätiogenese. Im
konkreten Fall wird das Syndrom nicht als Unfallfolge, sondern als neurogen etabliert
und damit offensichtlich krankheitsbedingt gewertet.
5.3.7 Massgebliche Hinweise in den Akten stützen schliesslich die Feststellung von
med. pract. F._, es würden sich zunehmend vor allem nichtorganische Gründe für
das Beschwerdebild des Beschwerdeführers als verantwortlich darstellen. Auch wenn
in Anbetracht des von ihm gemeldeten Unfalls vom August 2009 und den grundsätzlich
körperlichen Beschwerden vornehmlich die Frage nach dem Vorliegen unfallkausaler
somatischer Ursachen gestellt wird, können psychische Unfallfolgen nur in
Ausnahmefällen (vgl. dazu psychische Fehlentwicklungen nach einem Unfall [BGE 115
V 133]) nicht von vornherein ausgeschlossen werden. Von einem Ausnahmefall ist
vorliegend nicht auszugehen, weshalb sich eine psychische Komponente als
zusätzlicher Hinweis für das Nichtvorliegen somatischer Unfallfolgen in die
vorstehenden Erwägungen einfügt. Laut Bericht von Dr. J._ vom 9. März 2011 (Suva-
act. 10-2 ff.) steht beim Beschwerdeführer die seit ca. 1 1/2 Jahren vorliegende
sexuelle Funktionsstörung mit Schmerzen beim Samenerguss im Bereich der Glans
penis sowie die Erektionsstörungen in Diskrepanz zu den vergleichsweise nur geringen
objektivierbaren urologischen Befunden. Es überwiege die psychosomatische
Komponente mit Ausbildung einer auf sexuelle Betätigungen begrenzten
Angstsymptomatik und einem daraus resultierenden Vermeidungsverhalten, welches
Begegnungen oder Kontakte mit dem anderen Geschlecht verhindere. Dr. J._ stellte
die Diagnosen Anpassungsstörungen, Angst und depressive Reaktion gemischt
(F43.22) sowie nicht näher bezeichnete Angststörung (F41.9).
5.4 Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass med. pract. F._ in ihrer
Beurteilung vom 8. Oktober 2015 (Suva-act. 25) die wesentlichen Umstände für die
Beurteilung der Unfallkausalität der vom Beschwerdeführer gemeldeten Beschwerden -
zeitlicher Ablauf, objektivierbare strukturelle Unfallverletzungen bzw. aktenkundige
Diagnosen und Befunde, Hinweise auf eine unfallfremde psychische Komponente -
anführt und daraus den überzeugenden Schluss zieht, dass die vom Beschwerdeführer
geklagten Dysästhesien an der Glans penis sowie seine Erektionsstörungen nicht in
einem überwiegend wahrscheinlich kausalen Zusammenhang zum Ereignis vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
August 2009 stehen. Der Umstand, dass med. pract. F._ ihre Beurteilung
ausschliesslich aufgrund der Akten abgegeben und den Beschwerdeführer nicht selbst
untersucht hat, steht dem Beweiswert ihrer Beurteilung nicht entgegen (vgl. dazu RKUV
1993 Nr. U 167 S. 95, 1988 Nr. U 56 S. 371 E. 5b; Urteile des Bundesgerichts vom 1.
Februar 2010, 8C_792/2009, E. 5, und 26. Januar 2010, 8C_833/2009, E. 5.1). Der
Beschwerdeführer wurde umfassend (radiologisch sowie fachärztlich) abgeklärt, womit
med. pract. F._ genügend Unterlagen von persönlichen Untersuchungen zur
Verfügung standen, welche es ihr ermöglichten, sich ein vollständiges Bild zu
verschaffen. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang insbesondere auch, dass die
vorliegenden medizinischen Akten ein übereinstimmendes Bild abgeben und keine ihrer
Beurteilung widersprechende Hinweise enthalten. Auf die Beurteilung von med. pract.
F._ kann damit ohne weiteres abgestellt werden. Mit ihrer überzeugenden
Beurteilung steht mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest,
dass zwischen den am 19. Februar 2015 gemeldeten Beschwerden und dem Ereignis
vom August 2009 kein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Weitere Abklärungen
vermöchten an diesem Ergebnis nichts zu ändern, weshalb darauf zu verzichten ist (vgl.
BGE 135 V 469 E. 4.3.2 mit Hinweisen). Damit hat der Beschwerdeführer die Folgen
der Beweislosigkeit zu tragen, und die Beschwerdegegnerin hat ihre Leistungspflicht
aus der obligatorischen Unfallversicherung zu Recht verneint. Von einer Prüfung der
Rechtsfrage, ob eine versicherte Person mit Blick auf Art. 10 Abs. 1 UVG Anspruch auf
die zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen hat, kann damit abgesehen werden.
Der Vollständigkeit halber ist dennoch festzuhalten, dass eine trotz des Unfalls
un¬eingeschränkte Arbeitsfähigkeit allein nicht gegen einen Anspruch auf
Heilbehandlung sprechen würde (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 10. Juli 2014,
8C_354/2014, E. 3.2).
6.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Bestätigung des
Einspracheentscheids vom 8. März 2016 abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu
erheben (Art. 61 lit. a ATSG).