Decision ID: 2964a6f8-179b-41e8-9cf3-0ae591574da6
Year: 2009
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
Z._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Marco Bivetti, Oberer Graben 42,
9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a Z._, Jahrgang 1961, meldete sich im Herbst 2001 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung (IV) an. Sie leide an chronischen Kopfschmerzen,
Schwächezuständen, Schmerzen der Halswirbelsäule (HWS), hypotonen
Kreislaufstörungen und depressiven Verstimmungen (IV-act. 1). Der Hausarzt der
Versicherten, Dr. med. A._, verwies im Arztbericht vom 30. November 2001 auf die in
der Anmeldung angegebenen Beschwerden. Die Versicherte arbeite seit drei Jahren
nicht mehr, sie sei nicht mehr arbeitsfähig (IV-act. 11-1 ff.).
A.b Betreffend die Folgen von im Dezember 1996, im September 1998, im Januar 1999
und im Oktober 1999 erlittenen Stürzen wurde im Mai 2005 ein Streit zwischen der
Versicherten und der Suva gerichtshängig. Mit Urteil UV 2005/43 vom 27. Februar 2006
wies das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen die Sache an die Suva zurück

und verpflichtete diese im Sinn der Erwägungen zu weiteren Abklärungen in Bezug auf
die Unfallkausalität der Beschwerden. Betreffend Darstellung des Sachverhalts wird auf
jenes Urteil verwiesen. Nach Einholung eines Gutachtens der Klinik für Ohren-, Nasen-,
Hals- und Gesichtschirurgie des Universitätsspitals Zürich vom 30. Mai 2007 lehnte die
Suva ihre Leistungspflicht mit Verfügung vom 7. Januar 2008 erneut ab. Die Versicherte
akzeptierte diese Leistungsverweigerung (IV-act. 35).
A.c Unter Berücksichtigung der medizinischen Akten der Suva, insbesondere von
Gutachten der Klinik für Ohren-, Nasen-, Hals- und Gesichtschirurgie des
Universitätsspitals Zürich vom 29. Juni 2004 und vom 30. Mai 2007, von
Einschätzungen von Dr. med. B._, Spezialarzt FMH für Oto-Rhino-Laryngologie, und
eines Gutachtens der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom 29. Mai 2000
kündigte die IV-Stelle mit Vorbescheid vom 14. Februar 2008 die Rentenverweigerung
an (IV-act. 39). Trotz eines dagegen von Rechtsanwalt lic. iur. Fredy Fässler in
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Vertretung der Versicherten gerichteten Einwands vom 1. April 2008 (IV-act. 42)
verfügte die IV-Stelle am 15. April 2008 gemäss Vorbescheid (act. G 1.1.1).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwalt lic. iur. Marco Bivetti in
Vertretung der Versicherten am 16. Mai 2008 erhobene Beschwerde. Er beantragt die
Aufhebung der Verfügung. Der Beschwerdeführerin sei ab 1. Oktober 2000 eine ganze
Invalidenrente zuzusprechen. Eventuell sei die Sache zur Wahrung des rechtlichen
Gehörs und zur Vornahme weiterer Abklärungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Der Beschwerdeführerin sei die unentgeltliche Rechtspflege und -
verbeiständung zu gewähren, alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen.
Vollkommen unbeeindruckt vom Einwand habe die Beschwerdegegnerin eine
Verfügung mit absolut identischem Wortlaut wie der Vorbescheid erlassen und damit
das rechtliche Gehör verletzt. Die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich habe eine
100%-ige Arbeitsunfähigkeit seit Mitte 1998 festgestellt. Trotz intensiver ärztlicher
Behandlung seien alle Versuche, die Arbeit wiederaufzunehmen, gescheitert. Der
Gutachter gehe davon aus, dass die psychischen Beschwerden bis ans Lebensende
der Beschwerdeführerin bestehen blieben bzw. ein ähnlich schweres Beschwerdebild
dauernd nachweisbar bleibe. Sämtliche Ärzte seien der Ansicht, dass die
Beschwerdeführerin nicht in der Lage sei, die Folgen der somatoformen
Schmerzstörung mit einer Willensanstrengung zu überwinden. Zudem bestünden
psychische Störungen mit Krankheitscharakter. Offenkundig sei von einer schweren
Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit mit erheblicher Komorbidität
(Gleichgewichtsschwierigkeiten, Schwindel, Stürze etc.) auszugehen (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt mit Beschwerdeantwort vom 13. Juni 2008 die
Abweisung der Beschwerde. Das rechtliche Gehör sei nicht verletzt worden, die
angefochtene Verfügung erfülle die Mindestanforderungen an die Begründungspflicht.
Diagnosen wie die somatoforme Schmerzstörung hätten von vornherein keinen
invalidisierenden Charakter, wenn die präsentierte Symptomatik auf einer Aggravation
oder ähnlichen Konstellationen beruhe. Dies sei bei der Beschwerdeführerin
ausgeprägt der Fall. Die Akten belegten, dass die Beschwerdeführerin in hohem
Ausmass aggraviere bzw. simuliere. Es lägen ausschliesslich ätiologisch-
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pathogenetisch unerklärliche syndromale Leidenszustände vor, denen infolge der
fehlenden Objektivierbarkeit keine invalidisierende Wirkung zukomme. Bei der
Beschwerdeführerin werde zudem keine Psychotherapie durchgeführt und sie nehme
keine Psychopharmaka ein. Auch dieser Umstand belege, dass sie nicht an einer
invalidisierenden psychischen Erkrankung leide. Es gebe auch keine Hinweise, dass
der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin zu wenig genau abgeklärt worden sei
(act. G 4).
B.c Die Beschwerdeführerin liess den Antrag um unentgeltliche Prozessführung am
18. Juni 2008 zurückziehen (act. G 5) und bezahlte am 2. Juli 2008 den
Gerichtskostenvorschuss (act. G 9). In der Replik vom 25. August 2008 lässt sie im
Übrigen an ihren Anträgen festhalten. Mit Ausnahme zweier interner Anfragen an ihren
Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) habe die Beschwerdegegnerin keinerlei
Abklärungen vorgenommen. Sie habe ihre Beurteilung auf die Akten der Suva gestützt.
Die Abklärungen der Suva hätten insbesondere bezweckt, einen Zusammenhang
zwischen den Unfallereignissen und den gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu
belegen bzw. zu widerlegen. Aus der Rentenabweisung der Suva mangels Kausalität
der Beschwerden zu den Unfallereignissen könne aber nicht geschlossen werden, es
bestünden keine Ansprüche gegenüber der Invalidenversicherung. Die
Beschwerdegegnerin nehme zum einzigen psychiatrischen Gutachten mit keiner Silbe
Stellung. Sie verkenne, dass von Aggravation keinesfalls auf fehlende Invalidität
geschlossen werden könne. Wie aus dem psychiatrischen Gutachten, aber auch aus
den weiteren medizinischen Stellungnahmen hervorgehe, sei die mögliche
Aggravationstendenz der Beschwerdeführerin Bestandteil der (psychiatrischen)
Diagnose und gehöre damit zum Krankheitsbild. Die Gutachten der Neuro-Ontologie
zeigten lediglich auf, dass die somatische Problematik psychischen Ursprungs sei und
nicht auf die Unfälle zurückgeführt werden könne (act. G 10).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 29. August 2008 auf die Einreichung einer
Duplik (act. G 12).
B.e Auf weitere Vorbringen der Parteien wird, sofern entscheidwesentlich, im Rahmen
der Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
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1.
Angefochten ist eine Verfügung, die nach Inkrafttreten der 5. IV-Revision am 1. Januar
2008 ergangen ist. Mangels einer übergangsrechtlichen Norm rechtfertigt es sich
allerdings, für die vor diesem Zeitpunkt massgebenden Verhältnisse (Rentenanspruch
mit Anspruchsbeginn bei Anmeldung unter altem Recht) die im Folgenden zitierten, bis
zum 31. Dezember 2007 gültig gewesenen Bestimmungen anzuwenden.
2.
2.1 Unter Invalidität wird bei als Gesunden voll erwerbstätigen Personen die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Erwerbsunfähigkeit
ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG). Der Grad der für einen allfälligen
Rentenanspruch massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16 ATSG durch einen
Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die versicherte Person
nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der notwendigen und
zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen
könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Einkommen,
das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Nach aArt. 28 Abs. 1 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn der Versicherte mindestens zu 70%, derjenige auf eine
Dreiviertelsrente, wenn er wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von
mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-Grad
von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
2.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
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zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 Erw. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von
Amtes wegen festzustellen und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel
eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Hinsichtlich
des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 Erw. 3a).
3.
3.1 Im April 2000 wurde die Beschwerdeführerin von med. pract. C._,
Assistenzärztin, und Dr. med. D._, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich,
begutachtet. Die Gutachter berichteten von einem deutlich reduzierten
Allgemeinzustand der auffallend blassen Beschwerdeführerin. Obschon sowohl die
Schmerzen wie auch die Schwindelbeschwerden somatisch wenigstens zum Teil
objektivierbar seien, lasse sich keine körperliche Krankheit erkennen, die die Schwere,
das Ausmass, die Ausweitung und die Dauer der Schmerzen sowie die darauf
zurückgeführte soziale Behinderung erklären könnte. Dass die Klagen der
Beschwerdeführerin eine demonstrative Komponente aufweisen würden, sei mit der
Diagnose der somatoformen Schmerzstörung ohne weiteres vereinbar. Die
Beschwerdeführerin zeige eine hartnäckige Weigerung, die medizinische Feststellung
zu akzeptieren, dass keine ausreichende körperliche Ursache für die körperlichen
Symptome vorliege. Auch die Unoffenheit der Beschwerdeführerin, ihre falschen
Angaben zur medizinischen Vorgeschichte und die Diskrepanz zwischen gezeigter
völliger Erschöpfung und dann doch erkennbarer wacher Aufmerksamkeit sprächen
nicht gegen die Diagnose (S. 26). Weiter diagnostizierten die Gutachter eine
Somatisierungsstörung und eine andauernde Persönlichkeitsänderung. Die
Beschwerdeführerin zeige zudem eine hochgradige Abhängigkeit von ihren
Familienangehörigen und eine ausgeprägte Anspruchshaltung. Sie sei überzeugt, durch
die Krankheit verändert zu sein, und zeige einen ausgeprägten und isolierenden
sozialen Rückzug. Sie habe ihre Interessen verloren und gehe früheren
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Freizeitbeschäftigungen nicht mehr nach; ihre Stimmung sei dysphorisch und labil, ihre
Funktionsfähigkeit in äusserst hohem Mass reduziert und das (zunehmende)
Störungsbild seit über zwei Jahren nachweisbar (S. 28 f.). Die Gutachter
schlussfolgerten, aus psychiatrischer Sicht liege bei der Beschwerdeführerin eine volle
Arbeitsunfähigkeit seit Mitte 1998 vor. Unter den zurzeit bestehenden Beschwerden sei
die Beschwerdeführerin in ihrer Leistungsfähigkeit maximal eingeschränkt. Dass sie seit
Monaten nicht mehr in der Lage sei, das Haus alleine zu verlassen oder irgendwelche
Arbeiten im Haushalt zu verrichten, entspreche durchaus dem möglichen
invalidisierenden Verlauf der Störung. Aus gutachterlicher Sicht sei der
Beschwerdeführerin eine Erwerbsarbeit trotz psychischer Störung nicht zumutbar, die
Tätigkeit als Hausfrau sei jedoch in stark eingeschränktem Ausmass und zeitlich über
den Tag verteilt möglich. Eine erneute (auch nur teilzeitliche) Arbeitstätigkeit
(ausserhalb des Haushalts) setze eine deutliche Besserung des Gesundheitszustands
voraus. Diese Besserung sei, wenn überhaupt, nur langfristig und unter intensiver
ärztlicher, v.a. psychiatrischer Behandlung zu erwarten. Vordringliches Ziel sei
allerdings eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit im Haushalt und eine damit
verbundene Entlastung der familiären Situation. Aus gutachterlicher Sicht könne nicht
erwartet werden, dass die Beschwerdeführerin in absehbarer Zeit einer
Erwerbstätigkeit werde nachgehen können. Auch bei adäquater Behandlung wäre die
Aussicht auf eine teilweise oder gar vollständige Heilung des psychischen
Beschwerdebilds sehr unsicher. Angesichts der Chronifizierung der Störung und ihrer
nachweisbaren schweren psychosozialen Folgen für die ganze Familie sei auch ein
begrenzter Therapieerfolg bestenfalls langfristig erwartbar. Dass die psychischen
Beschwerden bei der Beschwerdeführerin bis an ihr Lebensende bestehen würden
bzw. ein ähnlich schweres Beschwerdebild dauernd nachweisbar bleiben werde,
erscheine als möglich. Der chronisch fluktuierende Verlauf lasse zeitweilige
Besserungen, dann aber auch erneute Verschlechterungen durchaus als möglich
erscheinen. Dass es mit der Zeit zu einem weniger dramatischen Zustandsbild bei
kaum weniger grossen Einschränkungen in den alltäglichen Lebensvollzügen kommen
werde, sei durchaus möglich (S. 35). Spätere psychiatrische Begutachtungen oder
Einschätzungen liegen nicht vor.
3.2 Die Arbeitsfähigkeit, die der Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens und
damit der Bemessung des Invaliditätsgrads zugrunde zu legen ist, definiert sich u.a.
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auch unter Berücksichtigung der allgemeinen Schadenminderungspflicht. Das
bedeutet, dass nicht auf die subjektive Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung der
versicherten Person, sondern darauf abgestellt werden muss, in welchem Ausmass die
Ausübung einer Erwerbstätigkeit objektiv nicht mehr möglich und zumutbar ist. In
Erfüllung der Schadenminderungspflicht muss die versicherte Person allen guten Willen
aufbringen, um die objektiv verbliebene Arbeitsfähigkeit so weit als möglich in einer
Erwerbstätigkeit zu verwerten. Dieser Pflicht zu einer möglichen und zumutbaren
Willensanstrengung ist bei der Bemessung der Arbeitsfähigkeit Rechnung zu tragen,
d.h. die massgebende Arbeitsfähigkeit entspricht jener Leistungsfähigkeit am
Arbeitsplatz, die eine versicherte Person aufweisen würde, wenn sie sich unter
Aufbietung allen guten Willens bemühen und einsetzen würde. Die Fähigkeit, die
Schmerzen und die Begleiterscheinungen einer somatoformen Schmerzstörung oder
einer Depression zu überwinden und die Arbeit soweit als möglich wieder
aufzunehmen, hängt von den Mitteln ab, über die eine Person verfügt, um ihren Willen
zu beeinflussen. Da sich diese Mittel nicht im Einzelfall messen lassen, muss ein
allgemeiner Massstab angelegt werden (Renato Marelli, Nicht können oder nicht
wollen? Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei somatoformen Störungen, typische
Schwierigkeiten und ihre Überwindung, SZS 2007, S. 331). Bei leichten bis
mittelschweren depressiven Episoden, bei somatoformen Schmerzstörungen usw. ist
von der grundsätzlichen Fähigkeit zu einer Willensanstrengung auszugehen, die eine
Überwindung der subjektiven Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung erlaubt. Eine Ausnahme
von dieser Vermutung ist dann gegeben, wenn "eine mitwirkende, psychisch
ausgewiesene Komorbidität von erheblicher Schwere, Intensität, Ausprägung und
Dauer vorliegt oder andere qualifizierte, mit gewisser Intensität und Konstanz erfüllte
Kriterien vorliegen ..." (Marelli, a.a.O., S. 333). Die Gerichts- und Verwaltungspraxis zur
Überwindbarkeit der somatoformen Schmerzstörung scheinen nur ein Entweder-Oder
zu kennen: Entweder ist die durch die somatoformen Schmerzen bewirkte
Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung durch eine zumutbare Willensanstrengung vollständig
überwindbar oder sie ist überhaupt nicht überwindbar. Das entspricht nicht der
Realität, denn es ist davon auszugehen, dass die Überzeugung, wegen der subjektiv
empfundenen Schmerzen vollständig arbeitsunfähig zu sein, durch eine zumutbare
Willensanstrengung teilweise überwunden werden kann (und zwar u.U. sogar dann,
wenn ein qualifizierendes Kriterium erfüllt ist). In diesem Sinn sind Zwischenstufen
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durchaus möglich (vgl. etwa die Entscheide des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen IV 2008/124 vom 17. September 2009, Erw. 3.2; IV 2008/235 vom
20. Oktober 2009, Erw. 3; IV 2006/163 vom 22. November 2007, Erw. 4d).
3.3 Im vorliegenden Fall ist zu beachten, dass das Gutachten der Psychiatrischen
Universitätsklinik Zürich vom 29. Mai 2000 vor Durchsetzung der Rechtsprechung des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts (seit 2008: Bundesgericht, sozialrechtliche
Abteilungen) zur Überwindbarkeit von somatoformen Schmerzstörungen und ähnlichen
Gesundheitsschäden (vgl. etwa BGE 130 V 352) erstellt wurde. Die Gutachter
äusserten sich in Bezug auf die Beschwerdeführerin folglich nicht zu den sog. Foerster-
Kriterien und zur vollständigen oder teilweisen Überwindbarkeit der Störung. Ob die
weiteren Diagnosen Komorbiditäten im Sinn der Rechtsprechung darstellen, ist
ebenfalls bis heute ungeprüft. Zwar äusserte Dr. med. E._ vom RAD am 16. Januar
2008 seine Auffassung, wonach der Beschwerdeführerin eine uneingeschränkte
Arbeitsaufnahme zuzumuten sei, weil sie keine psychiatrische Therapie in Anspruch
nehme und auch keine psychoaktive Medikation einnehme, was darauf schliessen
lasse, dass keine psychiatrische Komorbidität als wesentliches Merkmal der Foerster-
Kriterien vorliege (IV-act. 34). Am 4. April 2008 hielt Dr. E._ erneut fest, eine
invalidisierende psychiatrische Diagnose sei aktuell nicht fachpsychiatrisch
ausgewiesen. Sollte eine psychiatrische Erkrankung vorliegen, müsste die
Beschwerdeführerin diese erst einmal fachgerecht behandeln lassen, was offenkundig
nicht der Fall sei (IV-act. 43). Soweit ein noch unbehandeltes, aber effektiv
vorhandenes Leiden mit wirksamen Invaliditätsfolgen vorliegt, ist diese Sicht eine
juristische, nicht eine medizinische. Die vorhandenen medizinischen Akten erlauben
den Rückschluss auf eine vollständige Überwindbarkeit der somatoformen
Schmerzstörung noch nicht. Die einzige durchgeführte psychiatrische Begutachtung
lag bei Erlass der angefochtenen Verfügung acht Jahre zurück und enthält obendrein
keine Ausführungen zu den Kapazitäten der Beschwerdeführerin zur zumutbaren
Schmerzüberwindung. Dr. E._ selbst führte keine Begutachtung der
Beschwerdeführerin durch. Auch wenn er den Fall am 22. Juni 2005 aus medizinischer
Sicht als klar bezeichnete, schlug er in Anbetracht der Komplexität eine Begutachtung
durch die MEDAS vor, sofern diese aus juristischer Sicht notwendig sein sollte (IV-
act. 28-3). Die Beschwerdegegnerin hat sich weitestgehend auf die medizinischen
Akten der Suva abgestützt. Abgesehen von einem Bericht von Dr. A._ vom
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30. November 2001 (IV-act. 11) holte sie selbst keine medizinischen Unterlagen ein.
Nicht geklärt ist somit auch, ob in den vergangenen Jahren psychotherapeutische oder
-pharmakologische Behandlungsversuche durchgeführt wurden. Weitere Abklärungen,
vorzugsweise in Form einer polydisziplinären Begutachtung, erscheinen bei dieser
Aktenlage folglich als angezeigt.
4.
4.1 Gemäss den obenstehenden Erwägungen ist die Sache unter Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 15. April 2008 teilweise gutzuheissen und die Sache im
Sinn der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese weitere
Abklärungen vornehme und anschliessend über den Rentenanspruch der
Beschwerdeführerin erneut verfüge bzw. gegebenenfalls berufliche Massnahmen prüfe
(Eingliederung vor Rente).
4.2 Bei diesem Verfahrensausgang braucht die Frage, ob die Beschwerdegegnerin in
der angefochtenen Verfügung ihre Begründungspflicht und damit das rechtliche Gehör
verletzt hat, nicht abschliessend beantwortet zu werden. Immerhin ist der Hinweis
anzubringen, dass sie wenigstens kurz auf den Einwand der Beschwerdeführerin
einging und somit ersichtlich war, dass der RAD die Argumente im Einwand überprüft
hatte. Die wesentlichen Überlegungen, die zur Abweisung des Rentenbegehrens
geführt hatten, waren für die anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin also ohne
weiteres erkennbar.
4.3 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis
Fr. 1000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.- erscheint
als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt in Bezug auf die Kosten-
und Entschädigungsfolgen praxisgemäss als volles Obsiegen (ZAK 1987 S. 268
Erw. 5a). Somit unterliegt die Beschwerdegegnerin vollumfänglich, sodass ihr als nicht
von der Pflicht zur Übernahme amtlicher Kosten befreiter selbstständiger öffentlich-
rechtlicher Anstalt die ganze Gerichtsgebühr aufzuerlegen ist. Der Beschwerdeführerin
ist der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.- zurückzuerstatten.
bis
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4.4 Die Beschwerdeführerin hat Anspruch auf eine ungekürzte Parteientschädigung,
die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache
und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen wird (Art. 61 lit. g ATSG; vgl.
auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Angemessen erscheint eine Parteientschädigung
von Fr. 3'500.- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG