Decision ID: 187f0613-eb11-5c01-a405-2dfff747ba53
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
B._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Peter Bürki, Auerstrasse 2, Postfach 91,
9435 Heerbrugg,
gegen
Kantonale Arbeitslosenkasse, Davidstrasse 21, 9001 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rückerstattung von Kurzarbeitsentschädigung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a Am 19. März 2009 reichte die B._ eine Voranmeldung von Kurzarbeit ein. Das
Amt für Arbeit erhob gegen die Auszahlung von Kurzarbeitsentschädigung für die Zeit
vom 1. April bis 30. September 2009 keinen Einspruch (Verfügung vom 1. April 2009;
act. G 3.1). Die Kantonale Arbeitslosenkasse erbrachte in der Folge
Kurzarbeitsentschädigungsleistungen. Die Leistungen für den Monat April 2009 in der
Höhe von Fr. 175'158.45 zahlte sie am 20. August 2009 (vgl. act. G 3.15) und
diejenigen für den Monat Mai 2009 in der Höhe von Fr. 109'243.50 am 1. September
2009 aus (act. G 3.9; irrtümlich als Abrechnungsperiode "Juli" 2009 deklariert).
A.b Im Schreiben vom 12. November 2009 forderte die Arbeitslosenkasse von der
B._ für den Monat Mai 2009 Fr. 25'366.10 zurück, da der "Auffahrtsfreitag"
fälschlicherweise als Kurzarbeit abgerechnet worden sei. Gemäss korrigierter
Abrechnung betrage der Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigungsleistungen für Mai
2009 Fr. 83'877.40 (vgl. act. G 3.11). Für den Monat April 2009 machte sie wegen
falsch abgezogener Mehrstunden eine Rückforderung von Fr. 92.-- geltend (act.
G 3.13). Am 21. Dezember 2009 verfügte die Arbeitslosenkasse entsprechend ihrem
Schreiben vom 12. November 2009 eine Rückforderung gegenüber der B._ von
Fr. 25'458.10 (act. G 3.15).
B.
Dagegen erhob die B._ am 19. Januar 2010 Einsprache (act. G 3.16), welche die
Kantonale Arbeitslosenkasse mit Entscheid vom 9. Februar 2010 abwies (act. G 3.18).
C.
C.a Gegen den Einspracheentscheid vom 9. Februar 2010 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 1. März 2010. Die Beschwerdeführerin beantragt darin unter Kosten-
und Entschädigungsfolge dessen Aufhebung. Zur Begründung führt sie unter Hinweis
auf ihr Arbeitszeitreglement im Wesentlichen aus, dass für den Freitag nach Auffahrt
(22. Mai 2009) kein Brückentag, der vor- oder nachgeholt bzw. mit Überzeit,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gleitzeitguthaben oder Ferien habe verrechnet werden müssen, gewährt worden sei.
Daher sei für den fraglichen Tag zu Recht Kurzarbeitsentschädigung ausbezahlt
worden. Ergänzend macht die Beschwerdeführerin geltend, dass sie ohnehin im
berechtigten Vertrauen auf eine konkrete behördliche Auskunft gehandelt habe und
auch aus diesem Grund eine Rückforderung unzulässig sei (act. G 1).
C.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 29. März 2010
die Beschwerdeabweisung. Sie stellt sich auf den Standpunkt, dass die
Kurzarbeitsentschädigung aufgrund der von der Beschwerdeführerin eingereichten
Unterlagen abgerechnet und ausbezahlt worden sei. Im Betriebskalender des Jahres
2009 werde ausdrücklich festgehalten, dass der Freitag, 22. Mai 2009, als Brückentag
gelte und dass je nach Auftragslage kompensiert werde oder nicht. Da die Auftragslage
nicht gerade erfreulich gewesen sei, habe nicht gearbeitet werden können. Daher sei
der Brückentag gemäss Arbeitszeitreglement mit Überzeit, Gleitzeitguthaben oder
Ferien zu verrechnen. Den Brückentag über die Kurzarbeitsentschädigung
abzurechnen käme daher einer Umgehung des Gesetzes gleich (act. G 3).
C.c In der Replik vom 3. Mai 2010 hält die Beschwerdeführerin unverändert an ihrer
Beschwerde fest (act. G 5).
C.d Die Beschwerdegegnerin wiederholt in der Duplik vom 7. Mai 2010 den von ihr
vertretenen Standpunkt, dass die Rückforderung zu Recht erfolgt sei (act. G 7).

Erwägungen:
1.
Zwischen den Parteien ist die Rückforderung von Kurzarbeitsentschädigungen streitig.
2.
Nach Art. 95 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) in
Verbindung mit Art. 25 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) sind unrechtmässig bezogene Leistungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zurückzuerstatten. Eine Leistung in der Sozialversicherung ist nach ständiger
bundesgerichtlicher Rechtsprechung nur zurückzuerstatten, wenn bei eingetretener
Rechtskraft der Leistungsentrichtung in verfahrensrechtlicher Hinsicht entweder die für
die (prozessuale) Revision oder die für die Wiedererwägung erforderlichen
Voraussetzungen erfüllt sind. Diese Voraussetzungen sind in Art. 53 Abs. 1 und 2 ATSG
umschrieben. Gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG müssen formell rechtskräftige Verfügungen
und Einspracheentscheide in Revision gezogen werden, wenn die versicherte Person
oder der Versicherungsträger nach deren Erlass erhebliche neue Tatsachen entdeckt
oder Beweismittel auffindet, deren Beibringung zuvor nicht möglich war. Nach Art. 53
Abs. 2 ATSG kann der Versicherungsträger auf formell rechtskräftige Verfügungen oder
Einspracheentscheide zurückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und wenn
ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist. Den formell rechtskräftigen
Verfügungen gleichgestellt sind auch die im formlosen Verfahren ergangenen
Entscheide, soweit sie eine mit dem Ablauf der Beschwerdefrist bei formellen
Verfügungen vergleichbare Rechtsbeständigkeit erreicht haben (Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 2. Auflage, Art. 53 N 28b). Leistungsabrechnungen der
Arbeitslosenversicherung, die - wie im vorliegenden Fall - nicht in die Form einer
formellen Verfügung gekleidet werden, weisen materiell Verfügungscharakter auf (Urteil
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit dem 1. Januar 2007:
Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 14. Juli 2003, C 7/02, E. 3.1;
BGE 125 V 476 E. 1 und 122 V 368 E. 2 mit Hinweisen). Sind formell oder formlos
zugesprochene Leistungen noch nicht rechtskräftig geworden, kann die Verwaltung
innert 30 Tagen darauf zurückkommen, ohne dass - wie dies im Fall des
Zurückkommens auf rechtskräftige Verfügungen der Fall ist - die Voraussetzungen für
eine Wiedererwägung oder Revision erfüllt sein müssen. Die Frist von 30 Tagen läuft ab
Erlass der zu berichtigenden Verfügung oder ab Leistungsausrichtung. Sie darf nicht
mit der «angemessenen Frist» von 90 Tagen verwechselt werden, die den Versicherten
eingeräumt wird, um eine formelle Verfügung zu verlangen (vgl. Kreisschreiben über
Rückforderung, Verrechnung, Erlass und Inkasso [KS-RVEI], April 2008, Rz A2 ff.).
3.
Aus den Akten ergibt sich nicht, dass die Beschwerdegegnerin innerhalb von 30 Tagen
nach den Auszahlungen der Kurzarbeitsentschädigungen für die Monate April und Mai
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2009 auf die Leistungsabrechnungen zurückgekommen wäre. Entsprechendes wird
von der Beschwerdegegnerin auch nicht geltend gemacht. Vielmehr ergingen die
korrigierten Abrechnungen erst am 4. November 2009 (act. G 5.11 und G 5.13). Zu
prüfen ist damit, ob ein Rückkommenstitel in Form der prozessualen Revision oder der
Wiedererwägung vorliegt. Die Beschwerdegegnerin legte weder im Verwaltungs- noch
im Beschwerdeverfahren dar, auf welchen Rückkommenstitel sie die Rückforderung
stützt.
4.
Die Voraussetzungen für eine prozessuale Revision sind nicht erfüllt. Denn es fehlt
vorliegend an prozessual-revisionsrechtlich relevanten Tatsachen oder Beweismitteln,
die zur Zeit der Leistungsauszahlung vom 20. August 2009 (für den Monat April 2009)
und vom 1. September 2009 (für den Monat Mai 2009) schon bestanden haben und
welche die Beschwerdegegnerin unverschuldeterweise nicht in das frühere Verfahren
einbringen konnte (vgl. SVR 1997 EL Nr. 36 S. 108 E. 3b/bb). Insbesondere war die
Beschwerdegegnerin spätestens am 12. August 2009 im Besitz des Betriebskalenders
und des Arbeitszeitreglements (act. G 5.5 f.). Die übrigen für die Leistungsberechnung
für den Monat Mai 2009 erforderlichen Unterlagen gingen noch vor dem 1. September
2009 bei der Beschwerdegegnerin ein (act. G 5.7 f.).
5.
Zu prüfen bleibt, ob die Beschwerdegegnerin die Leistungsabrechnungen für den
Monat April und Mai 2009 in Wiedererwägung ziehen durfte, weil sie zweifellos
unrichtig sind.
5.1 Ob die Unrichtigkeit im Sinn von Art. 53 Abs. 2 ATSG zweifellos ist, beurteilt sich
nicht nach der Grobheit des Fehlers. Massgebend muss vielmehr das Ausmass der
Überzeugung sein, dass die bisherige Entscheidung unrichtig war. Mit dem Kriterium
der Zweifellosigkeit wird dabei ein hoher Grad umschrieben, Es darf kein vernünftiger
Zweifel daran möglich sein, dass eine Unrichtigkeit vorliegt; es ist ein einziger Schluss -
eben derjenige auf eine Unrichtigkeit - möglich (Kieser, a.a.O., Art. 53 N 31 mit
Hinweisen). Eine Wiedererwägung kann des Weiteren nur dann vorgenommen werden,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wenn die infrage stehende Korrektur erheblich ist. Eine erhebliche Bedeutung ist
insbesondere dann noch nicht anzunehmen, wenn ein Betrag von wenigen Hundert
Franken auf dem Spiel steht (Kieser, a.a.O., Art. 53 N 33 f. mit Hinweisen auf die
Rechtsprechung).
5.2 Was die Rückforderung für den Monat April 2009 im Betrag von Fr. 92.-- anbelangt,
so kann die Frage nach der zweifellosen Unrichtigkeit mangels erheblicher Bedeutung
der Berichtigung offen gelassen werden. Eine Wiedererwägung der
Leistungsabrechnung für den Monat April 2009 ist daher nicht zulässig.
5.3 Die Rückforderung für den Monat Mai 2009 begründete die Beschwerdegegnerin
damit, sie habe nachträglich festgestellt, dass der Auffahrtsfreitag als Kurzarbeit
abgerechnet worden sei. Gemäss dem Betriebsreglement werde dieser Tag jedoch mit
der Überzeit, dem Gleitzeitguthaben oder mit den Ferien kompensiert (act. G 3.15).
5.3.1 Die für diesen Fall einschlägige Bestimmung des Arbeitszeitreglements der
Beschwerdeführerin mit der Überschrift "Vor- und Nachholzeit" lautet: "Die ordentliche
Arbeitszeit, welche auf Anordnung der Geschäftsleitung vor- oder nachgeholt werden
muss (z.B. ein Arbeitstag zwischen zwei Feiertagen = Brückentage), wird mit der
Überzeit, dem Gleitzeitguthaben (+8 1⁄2 Std.) oder mit den Ferien verrechnet" (act.
G 3.6). Im Betriebskalender "Produktion 2009" vom 18. Dezember 2008 wurde
festgehalten, dass der Freitag, 22. Mai 2009, je nach Auftragslage kompensiert werde
(act. G 3.5).
5.3.2 Die Parteien streiten sich um die korrekte Auslegung bzw. Würdigung der
vorstehend genannten Anordnungen. Diese Beweiswürdigung trägt notwendigerweise
Ermessenszüge. Vorliegend ist der von der Beschwerdeführerin geltend gemachte
Standpunkt, dass der 22. Mai 2009 kein Brückentag gewesen sei, in Würdigung der
gesamten Umstände als vertretbar zu bezeichnen, zumal im Monat vor Auffahrt -
anders als in den Jahren 2005 und 2008 (vgl. act. G 3.16) - eine ausdrückliche
Anordnung eines Brückentags offenbar nicht stattfand. Dabei erscheint die Auffassung
der Beschwerdeführerin nachvollziehbar, dass aufgrund der schlechten Auftragslage
für die Mitarbeitenden keine Möglichkeit bestand, den allfälligen Brückentag mit der
Leistung von Überstunden vor- oder nachzuholen, weshalb von der Anordnung eines
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Brückentags und des damit wohl verbundenen Zwangs zum Bezug eines Ferientags
abgesehen wurde. Scheinbar wollte es die Beschwerdeführerin den Mitarbeitenden
überlassen, ob sie "eine Brücke machen" bzw. einen Ferientag beziehen oder lieber
(Kurz-)Arbeit verrichten möchten. Damit geht einher, dass sich dem Betriebskalender
"Produktion 2009" (act. G 3.5) keine vorbehaltlose Anordnung eines Brückentags
entnehmen lässt. Die von der Beschwerdegegnerin ausgerichteten
Kurzarbeitsentschädigungsleistungen für den Monat Mai 2009 erscheinen somit
insgesamt als vertretbar, weshalb die Annahme einer zweifellosen Unrichtigkeit im
Zeitpunkt der rechtskräftigen Leistungszusprechung ausscheidet. Dies gilt umso mehr,
als die ursprüngliche Leistungsentrichtung nicht auf Grund falscher oder unzutreffender
Rechtsregeln erfolgte und dabei auch nicht massgebliche Bestimmungen unrichtig
angewandt wurden. Unter diesen Umständen kann offen bleiben, ob die weiteren von
der Beschwerdeführerin vorgebrachten Einwände gegen den angefochtenen
Einspracheentscheid zutreffend sind.
6.
In Gutheissung der Beschwerde ist der Einspracheentscheid vom 9. Februar 2010
aufzuheben. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Gemäss Art.
61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei Anspruch auf Ersatz der
Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom Versicherungsgericht festgesetzt und
ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der
Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22
Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin verzichtete auf das Einreichen einer
Kostennote. Im vorliegenden Fall erscheint eine pauschale Parteientschädigung von
Fr. 3'000.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53
GerG entschieden:
1. In Gutheissung der Beschwerde wird der Einspracheentscheid vom 9. Februar 2010
aufgehoben.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2. Es werden keine Gerichtskosten erhoben.
3. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung von
Fr. 3'000.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 16.12.2010 Art. 31 ff. AVIG; Art. 53 Abs. 1 und 2 ATSG. Rückerstattung von Kurzarbeitsentschädigung. Mangels Rückkommenstitels (Wiedererwägung, prozessuale Revision) ist das Zurückkommen auf bereits rechtskräftige Leistungsabrechnungen unzulässig (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 16. Dezember 2010, AVI 2010/24).
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
2021-09-19T16:51:46+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen