Decision ID: 2372741b-5445-5d2d-b8c8-41ebc3c23f5d
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 10. Juni 2016 im Empfangs- und Ver-
fahrenszentrum (EVZ) B._ um Asyl. Im Rahmen der Befragung zur
Person (BzP; Protokoll in den SEM-Akten A8/10) vom 16. Juni 2016 wurde
dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zustän-
digkeit Italiens für die Durchführung des Asylverfahrens, zu einer allfälligen
Wegweisung nach Italien sowie zu einem allfälligen Nichteintretensent-
scheid gemäss Art. 31a Abs. 1 lit. b AsylG. Mit Schreiben vom 10. August
2016 orientierte die Vorinstanz den Beschwerdeführer über die Beendi-
gung des Dublin-Verfahrens und die Durchführung des nationalen Asyl-
und Wegweisungsverfahrens in der Schweiz. Die Vorinstanz hörte ihn am
5. Februar 2018 vertieft zu seinen Asylgründen an (Anhörung; Protokoll in
den SEM-Akten A22/16).
B.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, syrischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie zu
sein und aus der Region C._ zu stammen; vor seiner Ausreise habe
er in D._ gelebt. Vom (...) bis zum (...) habe er Militärdienst geleis-
tet. Am 21. März (...) habe er am kurdischen Neujahrsfest Newroz in
E._ teilgenommen, wo auch seine Einheit zu diesem Zeitpunkt sta-
tioniert gewesen sei. Bei diesem Fest sei es zu Ausschreitungen gekom-
men als Soldaten der (...) Division Mädchen belästigt und daraufhin junge
kurdische Männer die Soldaten angegriffen hätten. Die Soldaten hätten da-
raufhin um sich geschossen und dabei zwei Personen getötet sowie rund
vierzig weitere verletzt. Als der Beschwerdeführer zu seiner Einheit habe
zurückkehren wollen, sei er vom militärischen Sicherheitsdienst mitgenom-
men und immer wieder verhört, geschlagen und als Kurde beleidigt wor-
den. Man habe ihn verdächtigt, beim Angriff auf die Soldaten beteiligt ge-
wesen zu sein oder zumindest die Namen der Angreifer zu kennen. Nach
einer Woche sei er freigelassen worden, nachdem sein Oberst mit dem
Sicherheitsdienst gesprochen und seine Freilassung habe erwirken kön-
nen. Er habe aber ein Strafdokument mit seinen Fingerabdrücken bestäti-
gen müssen. Die Strafe habe auf 16 Tage gelautet, sei aber umgewandelt
worden in eine Verlängerung seines Militärdienstes um einen Monat. Vier
Monate später habe Präsident Assad eine Amnestie für solche Strafen er-
lassen. Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst im (...) sei er nach
D._ gegangen und habe dort als (...) gearbeitet bis er ein Aufgebot
für den Reservedienst in der syrischen Armee erhalten habe. Diesem habe
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er aufgrund seiner früheren Erlebnisse während des Militärdienstes nicht
nachkommen wollen. Deshalb sei er ins Dorf F._ gegangen, wo er
etwa einen Monat lang geblieben sei. Mittels Bestechung habe er sich im
(...) 2012 eine Identitätskarte ausstellen lassen. Am (...) 2012 sei er in den
Nordirak gereist, wo er dann ungefähr drei Jahre gelebt habe. Rund einen
Monat nach seiner Ausreise seien ein- oder zweimal Polizisten zu seiner
Familie gegangen und hätten nach ihm gefragt. Aufgrund des Vormarsches
des sogenannten «islamischen Staats» und der damit verbundenen deso-
laten wirtschaftlichen Lage habe er sich entschlossen, die Region zu ver-
lassen und nach Europa zu gehen.
Mit Hilfe eines Schleppers sei er über die Türkei, Griechenland, Mazedo-
nien, Serbien und weitere Länder nach Italien gereist, von wo aus er am
10. Juni 2016 in die Schweiz eingereist sei.
Zum Beleg seiner Identität und Vorbringen reichte der Beschwerdeführer
folgende Beweismittel zu den Akten:
– seine syrische Identitätskarte im Original; ausgestellt am (...) 2012,
– ein Aufgebot für den Militärdienst (Fotografie) sowie eine Bescheinigung
für die Ableistung des 21 Monate dauernden Militärdienstes am (...)
2010 (im Original),
– zwei Bescheinigungen für die Entlassung aus dem Militärdienst (im Ori-
ginal),
– Fotografie eines Aufgebotes für den Reservedienst mit vermerktem Ein-
rückungsdatum am (...) 2012, ausgestellt am (...) 2012; Einrückungsort
Rekrutierungsbüro G._,
– Fotografie einer Ehrenkarte des Cousins väterlicherseits.
C.
Am 5. Juli 2019 gewährte ihm die Vorinstanz schriftlich das rechtliche Ge-
hör zu von ihm gemachten widersprüchlichen Angaben in der BzP und der
Anhörung. Mit Schreiben vom 18. Juli 2019 nahm der Beschwerdeführer
fristgerecht Stellung dazu.
D.
Mit Verfügung vom 5. August 2019 – eröffnet am 8. August 2019 – stellte
die Vorinstanz fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfülle, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus
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der Schweiz an. Gleichzeitig ordnete sie wegen Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzuges die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers in der
Schweiz an.
E.
Mit Eingabe vom 4. September 2019 erhob der Beschwerdeführer Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er beantragt darin sinngemäss
die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung in den Dispositivziffern 1 bis
3. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung sowie um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschus-
ses.
F.
Am 5. September 2019 bestätigte die zuständige Instruktionsrichterin den
Eingang der Beschwerde und stellte das einstweilige Anwesenheitsrecht
des Beschwerdeführers in der Schweiz fest.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 16. September 2019 hiess sie das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz
zum Schriftenwechsel ein.
H.
In ihrer Vernehmlassung vom 27. September 2019 hielt die Vorinstanz mit
ergänzenden Erwägungen an ihrer Verfügung vom 5. August 2019 fest und
beantragte sinngemäss die Abweisung der Beschwerde.
I.
Am 16. Oktober 2019 nahm der Beschwerdeführer sein Replikrecht wahr.
Er hielt im Wesentlichen an seinen bereits in der Beschwerdeschrift vorge-
brachten Argumenten fest.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
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Seite 5
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 aAsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.3 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, so-
weit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG)
Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie-
gende Verfahren gilt das alte Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmun-
gen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts richtet sich im Asylbereich
nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. Entsprechend kann mit Beschwerde die Ver-
letzung von Bundesrecht, einschliesslich Missbrauch und Überschreitung
des Ermessens, sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
5.
5.1 Zur Begründung des ablehnenden Entscheids führt die Vorinstanz im
Wesentlichen aus, dass aufgrund widersprüchlicher Angaben Zweifel an
der Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers bestünden. So
habe er an der BzP angegeben, ein schriftliches Aufgebot für den Reser-
vedienst sei zu ihm nach D._ gekommen. In der Anhörung habe er
jedoch gesagt, das Aufgebot sei an sein Elternhaus geschickt und er sei
telefonisch von seinem Bruder darüber informiert worden. Weiter habe er
in der BzP angegeben, er habe sich in H._ in D._ für den
Reservedienst melden müssen, während er an der Anhörung ausgeführt
habe, er habe dafür in sein Dorf zurückkehren müssen.
Zu den Diskrepanzen habe der Beschwerdeführer im Wesentlichen ausge-
führt, diese seien das Resultat des zeitlich gedrängten Befragungsstils der
BzP und des Umstandes, dass er sich bei seinen Antworten habe kurzfas-
sen müssen. Weiter habe die Dolmetscherin seine Antworten unpräzise
und unvollständig übersetzt. Diese Erklärungen seien nicht überzeugend,
da aus den BzP-Protokollen keine Hinweise auf Verständigungsprobleme
ersichtlich seien und der Beschwerdeführer selbst angegeben habe, die
Dolmetscherin gut zu verstehen. Mit seiner Unterschrift habe er zudem die
Richtigkeit des Protokolls bestätigt.
Weiter würden die als Beweismittel eingereichten Dokumente keinerlei fäl-
schungssicheren Merkmale aufweisen. In Syrien könne fast jede Art von
Dokument käuflich erworben werden, womit die Beweiskraft der einge-
reichten Dokumente gering sei. Für weitere Verwirrung sorge, dass auf
dem Aufgebot zum Reservedienst das Ausstellungs- mit dem Einrückda-
tum übereinstimme. Schliesslich habe sich der Beschwerdeführer am
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(...) 2012 eine syrische Identitätskarte ausstellen lassen, obwohl er sich
bereits am (...) 2012 für den Antritt seines Reservediensts hätte melden
müssen. Daraus werde ersichtlich, dass er trotz nicht angetretenem Reser-
vedienst Kontakt zu den syrischen Behörden gehabt habe.
Die Vorbringen des Beschwerdeführers gründeten weiter nicht auf asylre-
levanten Verfolgungsmotiven. Weder werde aus seinen Schilderungen er-
sichtlich, dass er je politisch aktiv gewesen wäre noch, dass er sonst in den
Augen des syrischen Regimes ein Risikoprofil erfüllen würde. Daher sei
nicht anzunehmen, dass die syrischen Behörden seine geltend gemachte
Wehrdienstverweigerung als regierungsfeindliche Handlung betrachten
und entsprechend bestrafen würden.
5.2 Der Beschwerdeführer hält dem im Wesentlichen entgegen, dass es
sich bei den von der Vorinstanz aufgeführten Widersprüchen um Missver-
ständnisse, Mutmassungen und Spekulationen handle. Die Unterbrechun-
gen und Aufforderungen zu kurzen Antworten im Rahmen der BzP hätten
bei ihm für Unsicherheit und Angst gesorgt und ihn unter Druck gesetzt.
Die von der Vorinstanz behaupteten Ungereimtheiten seien nicht ihm vor-
zuwerfen, sondern seien das Resultat dieser Art der Befragung und Über-
setzung. Insbesondere habe bei der BzP eine Dolmetscherin übersetzt, die
kein syrisches Kurdisch gesprochen habe.
Er habe glaubhaft dargelegt, von den syrischen Behörden zum Reserve-
dienst einberufen worden zu sein. Durch seine Dienstverweigerung sei
zweifellos erwiesen, dass er als politischer Gegner des syrischen Regimes
registriert worden und somit an Leib und Leben gefährdet sei. Die syri-
schen Behörden würden Deserteuren und Militärdienstverweigerern grund-
sätzlich unterstellen, eine regierungsfeindliche Haltung zu haben. Eine in-
nerstaatliche Fluchtalternative bestehe nicht und bei einer Rückkehr würde
ihm ein sehr hohes Strafmassmass und brutale Massnahmen drohen. Zu-
dem sei bekannt, dass die Namen von nicht eingerückten Wehr- oder Re-
servedienstpflichtigen den zuständigen Stellen in Syrien bekannt seien und
auch an Checkpoints elektronisch überprüft würden. Viele Männer würden
auf diese Weise auf offener Strasse direkt eingezogen. Der syrischen Ar-
mee würden zahlreiche Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Auch
willkürliche Gräueltaten und massive Gewalt gegen die Zivilbevölkerung
seien verbreitet. Wer in der syrischen Armee diene, beteilige sich zwangs-
läufig an solchen Taten. Er habe dies nicht gewollt und deshalb seinen
Dienst verweigert.
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Ebenso glaubhaft habe er dargelegt, dass er auch aufgrund eines Ereig-
nisses bei den syrischen Behörden registriert worden sei.
Die pauschale Behauptung der Vorinstanz, in Syrien könne jegliche Art von
Dokument käuflich erworben werden, entspreche nicht den Tatsachen.
Eine ID-Karte werde in Syrien circa sechs Monate nach einem entspre-
chenden Antrag ausgestellt. Er habe seine ID-Karte nicht am (...) 2012 be-
antragt. Seine Vorsprache bei den syrischen Behörden sei vor dem Erhalt
des Aufgebots zum Reservedienst erfolgt.
5.3 Im Rahmen ihrer Vernehmlassung hielt die Vorinstanz an ihrer Ein-
schätzung fest, dass es sich bei den Widersprüchen um sachliche Diskre-
panzen handle, die nicht durch eine ungenaue Übersetzung erklärbar
seien. Übersetzungsprobleme seien aus den Protokollen zudem nicht er-
sichtlich. Des Weiteren gehe aus den Aussagen des Beschwerdeführers
hervor, dass es nach seiner Befragung durch den Sicherheitsdienst im (...)
bis zu seiner Entlassung aus der Armee im (...) 2010 sowie während seiner
gesamten Arbeitstätigkeit in D._ bis Mai 2012 zu keinem weiteren
Kontakt mit den syrischen Behörden gekommen sei. Somit seien auch
keine konkreten Hinweise auf eine begründete Furcht vor weiteren Nach-
teilen erkennbar.
5.4 In seiner Replik wiederholt der Beschwerdeführer im Wesentlichen
seine Argumente aus seiner Beschwerdeschrift und verweist auf die Lage
in seiner Herkunftsregion, die sich verschlechtert habe. Er sei insbeson-
dere aufgrund der Registrierung politischer Verfolgung ausgesetzt.
6.
6.1 Das Gericht teilt nach Prüfung der Akten die Einschätzung der
Vorinstanz, dass der Beschwerdeführer seine Flüchtlingseigenschaft nicht
glaubhaft machen konnte respektive eine asylrelevante Verfolgung im Hei-
matstaat zu verneinen ist.
6.2
6.2.1 Zu Recht verweist das SEM auf diverse Widersprüche zum vorge-
brachten Aufgebot für den Reservedienst der syrischen Armee. Dies betrifft
insbesondere den Zustellungsort des Reservedienstaufgebots, wo er sich
hätte melden müssen und die Umstände, wie der Beschwerdeführer davon
erfahren habe (vgl. A8 Ziff.7.01; A22 F25, F40, F56 ff.). Diesbezüglich ist
vollumfänglich auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz zu ver-
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weisen (angefochtene Verfügung II, Ziff. 1, S. 3 f. sowie oben E. 5.1). Nach-
dem er an der Anhörung angab, er habe zum Dienstantritt in sein Dorf zu-
rückkehren müssen, wurde er gefragt, wieso das Aufgebot nicht an seine
Adresse in D._ verschickt worden sei. Darauf gab der Beschwerde-
führer erklärend an, in D._ in einer Mietwohnung ohne Adresse ge-
wohnt zu haben, seine Post sei somit an seine bekannte Adresse im Hei-
matdorf verschickt worden (vgl. A22 F59). Eine konkrete Erklärung für die
Diskrepanz bringt der Beschwerdeführer auch auf Beschwerdeebene nicht
vor, sondern er führt die Unterschiede erneut in pauschaler Weise auf den
in seinen Augen fraglichen Befragungsstil sowie Übersetzungsprobleme
allgemein, respektive dass die Dolmetscherin an der BzP kein syrisches
Kurdisch gesprochen habe, zurück. Das Gericht teilt allerdings diesbezüg-
lich die Einschätzung des SEM in der angefochtenen Verfügung und der
Vernehmlassung, wonach die Protokolle keinerlei Hinweise auf Überset-
zungsprobleme enthalten, die geeignet wären, diese stark voneinander ab-
weichenden Angaben zu erklären. Auch geht weder aus der BzP noch aus
der Anhörung hervor, dass der Beschwerdeführer immer wieder unterbro-
chen und aufgefordert worden wäre, kurz zu antworten, wie er dies geltend
macht.
Sodann betreffen die Widersprüche ein Kernvorbringen des Beschwerde-
führers, soll doch der Erhalt des Aufgebots konstitutives Element für seinen
Entscheid gewesen sein, seinen Heimatstaat zu verlassen. Dieses Doku-
ment stellte für ihn nach eigener Aussage die Materialisierung seiner Angst
dar, erneut in der syrischen Armee dienen und das während seinem or-
dentlichen Militärdienst Geschehene allenfalls erneut durchleben zu müs-
sen. Die Begleitumstände – ob er das Dokument in D._ in seine
Hände erhalten oder eben nur telefonisch über seine Familie davon in
Kenntnis gesetzt worden war – wären ihm ohne jeden Zweifel in Erinnerung
geblieben, hätte er tatsächlich ein solches Aufgebot erhalten.
6.2.2 Zutreffend sind schliesslich auch die Zweifel, die das SEM am einge-
reichten Aufgebot für den Reservedienst erhebt. Entgegen dem Einwand
in der Beschwerde stützt es sich dabei gerade nicht alleine auf den allge-
mein geringen Beweiswert solcher Dokumente, sondern auch auf materi-
elle Fragen, die das Aufgebot aufwerfe (vgl. angefochtene Verfügung, II,
Ziff. 1, S. 4). Vorliegend sind die formellen Einwände allerdings umso be-
rechtigter, als einzig eine Fotografie des Aufgebots eingereicht wurde. Eine
nachvollziehbare Erklärung, weshalb das Original nicht habe beigebracht
werden können, gibt der Beschwerdeführer nicht (vgl. A22 F5ff.). Gerecht-
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fertigt sind sodann die vom SEM erhobenen Zweifel hinsichtlich des iden-
tischen Datums der Ausstellung des Dokumentes und des Einrückungs-
zeitpunktes. Sie werden zudem bestätigt durch die Angaben des Be-
schwerdeführers an der BzP, wo er ausdrücklich präzisieren liess, er habe
das Aufgebot wohl im (...) 2012 erhalten (vgl. A8 Ziff. 7.01). Schliesslich
sind auch die Vorhalte des SEM hinsichtlich des Ausstellenlassens einer
Identitätskarte am (...) 2012 zutreffend. Während der Beschwerdeführer
auf Vorhalt des SEM hin, weshalb er sich dazu an die Behörden gewandt
habe, nachdem er bereits längst hätte in den Reservedient einrücken sol-
len (gemäss entsprechendem Aufgebot am [...] 2012) gab er an, es sei ihm
nichts anderes übriggeblieben, da er für seine Flucht ein Identitätspapier
benötigt habe; er habe sich aber abgesichert und die ID dann mittels Be-
stechung erhalten (vgl. A22 F68f.). Der Einwand in der Beschwerde auf
den Vorhalt des SEM hin, er habe sich vor dem Erhalt des Aufgebotes für
die Ausstellung der ID an die Behörden gewandt, und diese nur nachher
erhalten, ist mit diesen Angaben offensichtlich nicht vereinbar.
6.2.3 Insgesamt sind die Vorbringen des Beschwerdeführers in Bezug auf
die Aufbietung zum Reservedienst aufgrund verschiedener Unstimmigkei-
ten und Widersprüche nicht im Sinne von Art. 7 AsylG glaubhaft gemacht.
6.3 Ungeachtet der Frage nach der Glaubhaftigkeit ist die geltend ge-
machte Refraktion des Beschwerdeführers vor dem Hintergrund der Recht-
sprechung des Bundverwaltungsgerichts nicht asylrelevant.
6.3.1 Mit dem Grundsatzentscheid BVGE 2015/3 vom 18. Februar 2015
hat das Bundesverwaltungsgericht festgestellt, eine Wehrdienstverweige-
rung oder Desertion vermöge die Flüchtlingseigenschaft nicht per se zu
begründen, sondern nur dann, wenn damit eine Verfolgung im Sinne von
Art. 3 Abs. 1 AsylG verbunden sei. Mit anderen Worten muss die betroffene
Person aus den in dieser Norm genannten Gründen (Rasse, Religion, Na-
tionalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politi-
sche Anschauungen) wegen ihrer Wehrdienstverweigerung oder Desertion
eine Behandlung zu gewärtigen haben, die ernsthaften Nachteilen gemäss
Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt. In Bezug auf die spezifische Situation in
Syrien erwog das Gericht weiter, die genannten Voraussetzungen seien im
Falle eines syrischen Refraktärs erfüllt, welcher der kurdischen Ethnie an-
gehöre, einer oppositionell aktiven Familie entstamme und bereits in der
Vergangenheit die Aufmerksamkeit der staatlichen syrischen Sicherheits-
kräfte auf sich gezogen habe (a.a.O. E. 6.7.3). Im Entscheid
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Seite 11
BVGE 2020 VI/4 vom 30. Juni 2020 hat das Gericht seine Praxis bestätigt
(a.a.O. E. 5.1 ff.).
6.3.2 Die Konstellation des vorliegenden Falles ist nicht mit jener im Urteil
BVGE 2015/3 oder BVGE 2020 VI/4 vergleichbar. Der Beschwerdeführer
ist zwar kurdischer Ethnie, macht jedoch weder geltend, je politisch aktiv
gewesen zu sein noch aus einer oppositionell aktiven Familie zu stammen.
Das Argument, das syrische Regime erachte Deserteure und Wehrdienst-
verweigerer allgemein als regimekritisch, ändert vor dem Hintergrund der
aufgezeigten Rechtsprechung an dieser Einschätzung nichts.
6.3.3 Soweit der Beschwerdeführer vorbrachte, nach dem Ereignis an
Newroz (...) in Haft genommen und während den Verhören jeweils massiv
geschlagen und beleidigt worden zu sein, ist vorab festzustellen, dass das
SEM in der angefochtenen Verfügung seine Begründungspflicht verletzt
hat. Die Schilderungen des Beschwerdeführers sind diesbezüglich sub-
stanziiert ausgefallen und enthalten auch Realkennzeichen (vgl. u.a. A22
F40ff., F54). Der Beschwerdeführer ist kurdischer Ethnie und die geltend
gemachten Nachteile dürften als ernsthaft zu qualifizieren sein und erfolg-
ten seitens syrischer Behördenmitglieder. Damit handelt es sich grundsätz-
lich um ein unter dem Aspekt von Art. 3 AsylG wesentliches Sachverhalts-
element, das Eingang in die Würdigung und entsprechend in die Begrün-
dung hätte finden müssen. Nachdem das SEM aber in der Vernehmlas-
sung das Versäumte nachgeholt hat und dem Beschwerdeführer ein Rep-
likrecht eingeräumt wurde, kann der Mangel als geheilt betrachtet werden.
Materiell ist allerdings aufgrund dieses Ereignisses nicht mit der notwendi-
gen hohen Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, die syrischen Behörden
würden den Beschwerdeführer deswegen als Regimekritiker qualifizieren.
Auch wenn der Beschwerdeführer als einziger aus seiner militärischen Ein-
heit festgenommen, verhört und misshandelt worden sei, lassen die Um-
stände darauf schliessen, es habe der Massnahme kein flüchtlingsrechtlich
relevantes Motiv zugrunde gelegen. Der Beschwerdeführer hatte nämlich
angegeben, als einziger Kurde seiner Einheit und auch als Einziger an die-
sem Newrozfest teilgenommen zu haben. Dass sich die syrischen Behör-
den bei ihrer Untersuchung deshalb auf ihn fokussiert haben, da er zum
interessierenden Zeitpunkt am relevanten Ort war, ist ebenso nachvollzieh-
bar wie die Vermutung, er habe Teilnehmer des Festes gekannt, auch wenn
damit die Vorgehensweise in keiner Hinsicht beschönigt werden soll. Somit
ist davon auszugehen, seine Anwesenheit während des Angriffs sei Anlass
für die Festnahme und die Verhöre gewesen und nicht seine Ethnie als
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Seite 12
Kurde oder seine politische Einstellung. Dass er dabei auch als Kurde be-
leidigt worden sei, ändert daran noch nichts. Zutreffend ist sodann die Wür-
digung des SEM im Rahmen der Vernehmlassung, wonach das Ereignis
nach seiner Entlassung aus der Haft keine weiteren Folgen mehr gehabt
habe. Der Beschwerdeführer selbst hatte sodann angegeben, im Rahmen
einer Amnestie sei er auch von der umgewandelten Strafe befreit worden.
6.3.4 Zusammenfassend verleihen die Ereignisse im Frühjahr 2010, wenn
auch in nachvollziehbarer Weise vom Beschwerdeführer als traumatisie-
rend empfunden, weder damals noch heute, weder für sich alleine noch in
Berücksichtigung der geltend gemachten Refraktion, ein asylrelevantes
politisches Profil. Es erübrigt sich, weiter auf Einwände des Beschwerde-
führers oder zu den Akten gereichte Beweismittel einzugehen, da sie an
diesem Ergebnis nichts zu ändern vermögen.
6.4 Eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung des Beschwerdeführers
allein aufgrund seiner Ausreise aus Syrien und der Asylgesuchstellung in
der Schweiz ist gemäss konstanter Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
(vgl. Urteil des BVGer D-3839/2013 vom 28. Oktober 2015 E. 6.4.3 [als
Referenzurteil publiziert]) ebenfalls nicht anzunehmen, weshalb auch das
Vorliegen subjektiver Nachfluchtgründe zu verneinen ist.
6.5 Zusammenfassend ergibt sich, dass es dem Beschwerdeführer nicht
gelungen ist, eine asyl- respektive flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung
im Sinne von Art. 3 AsylG nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Die
Vorinstanz hat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers abgelehnt.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange-
ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Soweit der Beschwerdeführer in seiner Replik auf die desolate Situation in
seiner Herkunftsregion verweist, ist präzisierend ist festzuhalten, dass aus
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Seite 13
den Erwägungen hinsichtlich der Flüchtlingseigenschaft und Asyl nicht der
Schluss gezogen werden kann, der Beschwerdeführer sei zum heutigen
Zeitpunkt in seinem Heimatstaat nicht gefährdet. Eine solche Gefähr-
dungslage ist jedoch auf die in Syrien herrschende Bürgerkriegssituation
zurückzuführen. Das SEM hat dieser generellen Gefährdung Rechnung
getragen und den Beschwerdeführer, wie bereits erwähnt, mit Verfügung
vom 5. August 2019 wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
vorläufig aufgenommen. Unter diesen Umständen erübrigen sich – auf-
grund der alternativen Natur der Wegweisungsvollzugshindernisse – ins-
besondere Ausführungen zur Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG), wobei zu be-
rücksichtigen wäre, dass die angefochtene Verfügung an einem – auf Be-
schwerdestufe geheilten – Fehler litt (vgl. oben E. 6.3.3). Mit Zwischenver-
fügung vom 16. September 2019 wurde aber sein Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen. Von einer wesentlichen
Veränderung in den finanziellen Verhältnissen des Beschwerdeführers im
heutigen Zeitpunkt ist aufgrund der Akten aber nicht auszugehen, weshalb
sich weitere Ausführungen dazu erübrigen und auf die Erhebung von Ver-
fahrenskosten zu verzichten ist.
10.2 Grundsätzlich wäre der formelle Verfahrensfehler trotz Heilung auch
bei der Ausrichtung einer allfälligen Parteientschädigung zu berücksichti-
gen. Der Beschwerdeführer ist aber nicht vertreten, weshalb ihm keine ver-
hältnismässig hohen Kosten im Sinne von Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) entstanden
sind und eine Parteientschädigung nicht in Betracht fällt.
(Dispositiv nächste Seite)
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