Decision ID: a33b89b2-d43d-503e-be13-ad39c5cc85c3
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 6. August 2015 in der Schweiz um Asyl
nach. Am 19. August 2015 wurde er im Rahmen einer Befragung zur Per-
son (BzP) zu seinen persönlichen Umständen, seinem Reiseweg sowie
summarisch zu seinen Gesuchsgründen befragt. Am 1. November 2017
hörte ihn das SEM einlässlich zu seinen Asylgründen an.
Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen vor, er sei chinesischer Staatsangehöriger tibetischer Ethnie.
Er habe von Geburt bis zu seiner Ausreise im Dorf B._ in der Ge-
meinde C._ (Kreis D._, Provinz E._) in der autono-
men Region Tibet gelebt. Er sei lediglich ein halbes Jahr zur Schule ge-
gangen, ansonsten habe er sich um seine kranke Mutter gekümmert und
auf den Feldern gearbeitet. Am (...) 2014 habe er via W-Shing einige Fotos
von verbrannten Landsleuten an seine engsten Freunde geschickt. Zwei
Tage später sei er von chinesischen Polizisten verhaftet worden. Sie hätten
ihn verhört und dabei gefoltert. Da es ihm deshalb sehr schlecht gegangen
sei, sei er nach vier Tagen wieder aus der Haft entlassen worden. Aller-
dings habe er das Dorf nicht verlassen dürfen. Aus Wut über das Verhalten
der Chinesen habe er am (...) 2014 in F._ eine Plakataktion durch-
geführt. Die Texte auf den Plakaten seien für ein freies Tibet beziehungs-
weise gegen die Unterdrückung durch die Chinesen gewesen. Noch am
selben Tag habe er sein Heimatdorf verlassen und sei nach G._
gelangt. Von dort sei er mit einem LKW nach Nepal gefahren, von wo aus
er mit dem Flugzeug und dem Auto über ihm unbekannte Länder in die
Schweiz eingereist sei.
Zur Stützung dieser Vorbringen reichte der Beschwerdeführer im vorinstanz-
lichen Verfahren die folgenden Beweismittel zu den Akten: eine chinesi-
sche Identitätskarte seiner verstorbenen Mutter, einen aus China stam-
menden Brief und Briefumschlag seines Vaters, drei Fotos, auf denen der
Beschwerdeführer in H._ abgebildet sei, seine handgeschriebene
Adresse in Tibet, eine Liste von Ortschaftsnamen, ein Foto des Büros in
C._ sowie einen Arztbericht.
B.
Am 2. März 2017 anerkannte der Beschwerdeführer seinen in der Schweiz
geborenen Sohn I._, geb. (...) 2017, der zusammen mit seiner Mut-
ter (J._, N ...) am 14. April 2015 beziehungsweise am 29. Januar
2017 aus der Schweiz weggewiesen wurde.
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Seite 3
C.
Im Auftrag des SEM wurde am 22. November 2017 zum Zwecke der Her-
kunfts- und Sprachabklärung ein telefonisches Interview mit dem Beschwer-
deführer durch eine sachverständige Person der Fachstelle LINGUA durch-
geführt. Das aufgezeichnete Gespräch wurde durch zwei sachverständige
Personen ausgewertet. Beide sachverständigen Personen kamen in ihrem
jeweiligen Bericht vom 4. Januar 2018 nach Evaluation seiner landeskund-
lich-kulturellen Kenntnisse beziehungsweise einer linguistischen Analyse
zum Schluss, ein Aufenthalt des Beschwerdeführers in der angegebenen
Region sei durchaus möglich, allerdings sei unwahrscheinlich, dass er so
lange im behaupteten geographischen Raum gelebt habe, wie geltend ge-
macht.
Mit Schreiben vom 17. Januar 2018 wurde dem Beschwerdeführer die
Möglichkeit gewährt, zu den Abklärungsergebnissen Stellung zu nehmen.
Nach verschiedenen Anfragen des Beschwerdeführers, das Telefoninter-
view beim SEM anhören und die Gesprächsaufzeichnungen der LINGUA-
Analyse einsehen zu können, nahm er mit Eingabe vom 5. März 2018 pro-
visorisch Stellung zum Resultat jener Analysen (Stellungnahme vor Ein-
sicht „SVE“). Gleichzeitig hielt er am Gesuch um Einsichtnahme in die Ge-
sprächsaufzeichnungen der LINGUA-Analyse fest und beantragte als zu-
sätzliche Beweismassnahme ein Telefoninterview mit seinem Vater oder
seinem Freund, um einen Vergleich der Aussprache und des Dialekts zu
ziehen.
Am 1. Juni 2018 wurde das Gesuch um Vergleich der Aussprachen wegen
Untauglichkeit abgewiesen, aber die Anhörung der Gesprächsaufzeich-
nung der LINGUA-Analyse wurde dem Beschwerdeführer gewährt. Mit
Schreiben vom 12. Juni 2018 nahm der Beschwerdeführer dazu Stellung
(Stellungnahme nach der Einsicht „SNE“).
D.
Mit Eingabe vom 2. Juli 2018 reichte der Beschwerdeführer beim SEM eine
Wohnsitzbestätigung des Dorfoberhaupts (K._) aus der Heimat als
weiteres Beweismittel ein.
D-6139/2018
Seite 4
E.
Mit Verfügung vom 28. September 2018 lehnte das SEM das Asylgesuch
des Beschwerdeführers ab und ordnete dessen Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an, unter ausdrücklichem Aus-
schluss des Wegweisungsvollzuges in die Volksrepublik China.
F.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer mittels Eingabe vom
26. Oktober 2018 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und bean-
tragte die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft sowie die Gewährung
von Asyl, eventualiter sei ihm eine vorläufige Aufnahme aus humanitären
Gründen zu gewähren.
In formeller Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Mit der Eingabe reichte der Beschwerdeführer elf Beilagen zu den Akten,
unter anderem verschiedene Aktenstücke des vorinstanzlichen Verfahrens
und Kopien der bisher bereits eingereichten Beweismittel, eine Fürsorge-
bestätigung sowie einen Auszug aus dem Geburtsregister über die Geburt
seines Sohnes (I._, geb. [...] 2017) sowie die Kopie einer Erklärung
über die gemeinsame elterliche Sorge mit seiner Partnerin (J._, N
...).
G.
Mit Zwischenverfügung vom 1. November 2018 gewährte das Bundesver-
waltungsgericht die unentgeltliche Prozessführung inklusive Kostenvor-
schusserlass. Gleichzeitig wurde das SEM eingeladen, sich zur eingereich-
ten Beschwerde vernehmen zu lassen.
H.
Mit Schreiben vom 9. November 2018 reichte das SEM eine Vernehmlas-
sung zu den Akten, in der es unter vollständigem Festhalten an der ange-
fochtenen Verfügung die Abweisung der Beschwerde beantragte. Die Ver-
nehmlassung wurde dem Beschwerdeführer mit dem Entscheid zur Kennt-
nisnahme zugestellt.
I.
Der Beschwerdeführer und seine Partnerin (J._, N ...) wurden am
(...) 2019 zum zweiten Mal Eltern eines Sohnes (L._).
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Seite 5
J.
Am 17. Januar 2020 reichte der Beschwerdeführer weitere Beweismittel zu
den Akten, mit welchen er belegte, dass er sowohl die indische als auch
die nepalesische Botschaft aufgesucht hatte, um seiner Mitwirkungspflicht
bei der Beschaffung von Ausweispapieren nachzukommen. Zudem erläu-
terte er, seine Partnerin habe in ihrem Verfahren (D-2990/2019) auch das
Original seiner «Identitätskarte», die er von der exiltibetischen Regierung
in Genf erhalten habe, eingereicht und bat, dieses in sein Dossier überzu-
führen.
K.
Mit Eingabe vom 16. März 2020 erkundigte sich der Migrationsdienst des
Kantons M._ nach dem Stand des Verfahrens, da der Beschwerde-
führer mit einer rechtskräftig abgewiesenen Person zusammen lebe. Die
Anfrage wurde am 20. März 2020 beantwortet.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist unter anderem zuständig für die Be-
handlung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM. Dabei entschei-
det das Gericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser – was hier nicht
zutrifft – bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor wel-
chem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (vgl. Art. 105 AsylG
[SR 142.31] i.V.m. Art. 31–33 VGG und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Der Beschwerdeführer ist legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG) und seine
Beschwerde erfolgte frist- und formgerecht (aArt. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 52
Abs. 1 VwVG), womit auf die Beschwerde einzutreten ist.
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1.5 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.
2.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
2.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
2.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
3.
3.1
3.1.1 Das SEM kam im angefochtenen Entscheid zum Schluss, die Vor-
bringen des Beschwerdeführers würden den Anforderungen an die Glaub-
haftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten. Zudem sei es ihm nicht
gelungen, glaubhaft zu machen, im angegeben Zeitraum als Tibeter in der
von ihm angegebenen Provinz in der VR China hauptsozialisiert und sein
ganzes Leben bis im (...) 2014 dort wohnhaft gewesen zu sein.
3.1.2 Zur Begründung ihres ablehnenden Entscheids hielt die Vorinstanz
fest, der Beschwerdeführer sei zwar unbestrittenermassen tibetischer Eth-
nie, seine Vorbringen zur Herkunft aus Tibet seien jedoch unglaubhaft. Auf-
grund der erheblichen Zweifel an seiner Herkunft habe sie die Fachstelle
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LINGUA mit einem Sprach- und Herkunftsgutachten beauftragt. Dabei habe
eine sachverständige Person seine Kenntnisse in den Bereichen Regional-
kenntnisse, Arbeit, Schulwesen, Einkaufen, Verkehrsmittel, Tradition und
Ausweisdokumente ausgewertet und eine andere sachverständige Person
habe seine Sprache analysiert.
3.1.3 Gemäss Evaluation seines Alltagswissens verfüge der Beschwerde-
führer zwar durchaus über gewisse Kenntnisse und habe beispielsweise
korrekte Wegbeschreibungen machen und Dorfnamen in der Umgebung
benennen können. Auch habe er die Gemeinden in seinem Heimatkreis
– bis auf eine – korrekt nennen und grundlegende Fragen zur administra-
tiven Einteilung und geographischen Lage seiner Heimat, den Distanzen
und weiteren örtlichen Gegebenheiten, zur landwirtschaftlichen Arbeit und
der Grösse der im Familienbesitz befindlichen Anbaufläche sowie dem Vor-
gehen beim Ausstellen von Identitätsdokumenten korrekt beantworten kön-
nen. Allerdings habe er erklärt, dass er seinen Ausweis in C._ habe
erstellen lassen. Dies sei jedoch nicht möglich, weil die zuständige Be-
hörde nicht dort lokalisiert sei. Das Foto eines Hauses, das der Beschwer-
deführer als Beweismittel eingereicht habe, genüge nicht, um zu beweisen,
dass es sich dabei um ein Büro in C._ handle, in dem er seine Do-
kumente erhalten habe. Weiter habe er die in der Heimatregion geläufige
Feldbestellung ungewöhnlich beschrieben und das in seinem Heimatbezirk
sehr beliebte Sonam-Fest nicht datieren können und es zudem fälschlicher-
weise als Erntefest bezeichnet, was bei einem Bauern, der angeblich über
(...) Jahre in Tibet gelebt habe, erstaune. Auch habe er nur wenig Chinesisch
sprechen können. Das Gutachten zur Evaluation des Alltagswissens sei
zum Schluss gekommen, dass der Beschwerdeführer zwar durchaus über
gewisses Wissen verfüge, das für einen Aufenthalt in der angegebenen
Region in Tibet spreche. Allerdings seien bei verschiedenen abgefragten
Themen wiederholt unerwartete oder falsche Angaben aufgetreten, die
nicht damit vereinbar seien, dass er fast sein gesamtes Leben in Tibet ver-
bracht habe. Aufgrund einiger Kenntnisse sei es indes wahrscheinlich, dass
der Beschwerdeführer tatsächlich während einiger Jahre in der angegebe-
nen Region in Tibet gelebt habe, die Ausreise jedoch deutlich früher als
angegeben angetreten habe. Dieser Eindruck sei vom zweiten Gutachten
zur linguistischen Analyse noch verstärkt worden. So sei dieses zum
Schluss gekommen, dass der Beschwerdeführer sehr wahrscheinlich nicht
im behaupteten geographischen Raum hauptsozialisiert worden sei, son-
dern in einer exiltibetischen Gemeinschaft ausserhalb der VR China. Der
Beschwerdeführer sei er zu Beginn des Telefongesprächs ausdrücklich
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aufgefordert worden, seinen Heimatdialekt zu sprechen. Da er geltend ge-
macht habe, sich bis zu seiner Ausreise (...) Jahre lang im Kreis D._
aufgehalten zu haben, wäre zu erwarten gewesen, dass er den in seiner
Heimatregion vorherrschenden tibetischen Dialekt gesprochen hätte, der
sich von dem von Exil-Tibetern regelmässig gesprochenen "Koine" stark
unterscheide. Bei seiner Sprache seien jedoch auf allen Ebenen aus-
schliesslich oder fast ausschliesslich Merkmale festzustellen gewesen, die
dem Lhasa-Dialekt oder der exiltibetischen Koine zuzuordnen seien. Auf
einen längeren Aufenthalt ausserhalb Tibets lasse überdies schliessen,
dass er aktiv Formen verwendet habe, die im Innertibetischen ungramma-
tisch seien und er fünf Lexeme in einer für das Innertibetische unidiomati-
schen Weise gebraucht habe. Zudem wäre zu erwarten gewesen, dass er
mindestsens einfache chinesische Sätze korrekt verstanden hätte. Das
Gutachten zur linguistischen Analyse komme in der Gesamtwürdigung zum
Schluss, dass der Beschwerdeführer höchstwahrscheinlich nicht im be-
haupteten geographischen Raum hauptsozialisiert worden sei, sondern in
einer exiltibetischen Gemeinschaft ausserhalb der VR China.
3.1.4 Zusammenfassend sei davon auszugehen, dass die hauptsächliche
Sozialisation des Beschwerdeführers nicht in der von ihm angegebenen
Region stattgefunden habe. Ein Aufenthalt in dieser Region sei zwar durch-
aus möglich, falls er sich jedoch in der angegebenen Region aufgehalten
habe, sei der Aufenthalt nicht lange genug gewesen, um seine Sprache zu
prägen.
3.1.5 Seine beiden Stellungnahmen zu den Ergebnissen (SVE und SNE)
seien nicht geeignet, an der Einschätzung, dass seine Herkunft aus
B._ unglaubhaft sei, etwas zu ändern (vgl. im Detail den angefoch-
tenen Entscheid). Der Beschwerdeführer versuche insbesondere mit Ver-
weis auf die Einschätzung seines Dolmetschers zu belegen, dass er den
Dialekt seiner Heimatregion spreche. Dies sei jedoch nicht geeignet, die
Resultate des LINGUA-Gutachtens zu entkräften. Zum einen habe sein
Dolmetscher als tibetischer Sprachlehrer allenfalls eine Affinität zu Spra-
chen, jedoch sei seiner Einschätzung keine wissenschaftliche Auseinan-
dersetzung zu entnehmen. Im Gegenteil seien seine Argumente überwie-
gend allgemeingültig und oberflächlich ausgefallen. So handle es sich bei-
spielsweise bei der Aussage, der Beschwerdeführer spreche dieselbe
Sprache wie sein Vater, um eine unbelegte Parteibehauptung ohne eine
differenzierte Erklärung. Zudem entspreche die Einschätzung des Dolmet-
schers, dass die Interviewerin aufgrund ihrer Sprache eindeutig in Osttibet
anzusiedeln sei, nicht der Tatsache. Diese habe Standard-Zentraltibetisch
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mit zwischendurch einer östlichen Variation des Standard-Zentraltibeti-
schen gesprochen, worum es sich jedoch gerade nicht um eine khamtibe-
tische beziehungsweise «osttibetische» Variation handle. Somit vermöge
die Einschätzung des Dolmetschers diejenige der sachverständigen Per-
sonen des SEM nicht umzustossen. Ungeachtet dessen eigne sich die er-
wähnte und von ihm geforderte Beweisführung, seine Sprache mit derjeni-
gen seines Vaters zu vergleichen, nicht, um die wissenschaftliche Bericht-
erstattung der sachverständigen Personen zu entkräften, weshalb nicht da-
rauf eingetreten werde.
3.1.6 Die eingereichten Beweismittel würden keiner materiellen Prüfung
unterzogen, da sie entweder nicht fälschungssicher oder untauglich seien.
So könnten beispielsweise die eingereichten Fotos auch ausserhalb Tibets
aufgenommen worden sein und seien daher als Beweis für seine Herkunft
und Sozialisierung in Tibet ungeeignet. Das Gleiche gelte für die chinesi-
sche Identitätskarte seiner Mutter, die allenfalls Hinweise auf seine Her-
kunft geben könnte, da es bereits nicht belegt sei, dass es sich bei der
fraglichen Person wirklich um seine Mutter gehandelt habe.
3.1.7 Sodann verwies die Vorinstanz auf die Nichtvorlage von Reisepapie-
ren und auf nicht nachvollziehbare Angaben zum angeblichen Reiseweg,
weshalb davon auszugehen sei, dass der Beschwerdeführer entgegen sei-
nen Angaben sehr wahrscheinlich in einer exiltibetischen Gemeinschaft
ausserhalb der VR China sozialisiert worden sei. Dies beeinträchtige frei-
lich ebenfalls die Glaubhaftigkeit seines Vorbringens, da er geltend mache,
die verfolgungsbegründenden Ereignisse hätten sich in Tibet, VR China,
zugetragen.
3.1.8 Die Einschätzung, dass der Beschwerdeführer sehr wahrscheinlich
in einer exiltibetischen Gemeinschaft ausserhalb Tibets sozialisiert worden
sei, werde durch die Ungereimtheiten in seinen Verfolgungsvorbringen un-
termauert. Der Beschwerdeführer habe geltend gemacht, aufgrund des
Versendens von Bildern via W-Shing durch die Behörden festgenommen
und während vier Tagen festgehalten worden zu sein. Danach sei er nach
einer Plakataktion erneut von den Behörden gesucht worden. Vorerst sei
zu erwähnen, dass das vom Beschwerdeführer Geschilderte, die politi-
schen Aktionen, die Inhaftierung und die Suche durch die Behörden, nicht
an einen Ort gebunden sei und sich überall – auch ausserhalb Chinas –
hätte ereignen können. Diese Einschätzung werde durch diverse Aussa-
gen des Beschwerdeführers gestützt, die darauf hinweisen würden, dass
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er Tibet bereits viel früher verlassen habe, als geltend gemacht. Beispiels-
weise erstaune seine Beschreibung, dass seine Mutter die Teppiche für
den Handel seines Vaters hergestellt habe oder dass er meistens zu Hause
gewesen sei und seiner Schwester und Mutter auf dem Feld geholfen
habe, obwohl seine Mutter bereits im Jahr (...) verstorben sei (A12 F5,
F184-187). Weiter sei zu erwähnen, dass er anlässlich der BzP angegeben
habe, zwei Tage nach dem Versand des Bildes am (...) 2014, also am (...)
2014, von der Polizei zu Hause festgenommen worden zu sein (A3
Ziff.7.01), hingegen anlässlich der Anhörung erklärt habe, er sei vom (...)
2014 inhaftiert gewesen (A12 F64, F85, F203). Darauf angesprochen sei
es ihm nicht gelungen, den Widerspruch aufzulösen (A12 F193-204). Viel-
mehr habe er weitere unstimmige Angaben zur Inhaftierung gemacht.
3.1.9 Gesamthaft sei davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer nicht
in Tibet sozialisiert worden sei oder zumindest deutlich früher ausgereist
sei, als er vorgebracht habe. Es könne darauf verzichtet werden, auf wei-
tere Unglaubhaftigkeitselemente in seinen Vorbringen einzugehen.
3.1.10 In Anwendung der Rechtsprechung der vormaligen Asylrekurskom-
mission (ARK) sowie des Bundesverwaltungsgerichts sei angesichts der
erstellten tibetischen Ethnie eine chinesische Staatsangehörigkeit des Be-
schwerdeführers nicht auszuschliessen, weshalb ein Wegweisungsvollzug
in die VR China auszuschliessen sei. Dennoch sei angesichts der unglaub-
haften Angaben zur Sozialisierung in Tibet davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer vor seiner Ankunft in die Schweiz nicht in der VR China
sondern in der exiltibetischen Diaspora gelebt habe. Da er keine Angaben
zu einem längeren Aufenthalt in einem Drittstaat gemacht habe, sei anzu-
nehmen, dass keine flüchtlings- oder wegweisungsrechtlichen Gründe ge-
gen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort bestünden.
3.2
3.2.1 Auf Beschwerdeebene hält der Beschwerdeführer an der Glaubhaf-
tigkeit seiner Aussagen fest. Er betont, ihm werde zu Unrecht vorgeworfen,
nicht in Tibet, China, sozialisiert worden zu sein. Er habe sein ganzes
Leben in Tibet verbracht und habe sich lediglich auf der Flucht während
eines Jahres und vier Monaten illegal in Nepal aufgehalten. Er verstehe
nicht, wieso ihm dies nicht geglaubt werde.
3.2.2 Er habe versucht, von der nepalesischen und der indischen Vertre-
tung in der Schweiz eine Bestätigung zu erhalten, dass er dort nie eine
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Aufenthaltsbewilligung besessen habe. Leider seien seine Briefe nicht be-
antwortet worden. Er kenne das Gebiet, in dem er gewohnt habe, genau
und sei sich sicher, die Angaben zur administrativen Einteilung und weite-
ren örtlichen Gegebenheiten, wie die Namen der Gemeinden und Kreise,
korrekt genannt zu haben. Er würde gerne erfahren, welche zwei Kreise er
angeblich falsch genannt habe. Weiter werde die Landwirtschaft nicht in
jedem Dorf gleich betrieben. Er verstehe nicht, dass ihm nicht geglaubt
werde, wie er die Arbeit mit seiner Familie erledigt habe. Betreffend das
Sonam-Fest gelte es festzuhalten, dass dieses in B._ erst drei Mo-
nate nach der Ernte gefeiert werde. Unmittelbar nach der Ernte finde weder
in seinem Heimatdorf noch in den Nachbarsdörfern ein Fest statt.
3.2.3 Mit dem eingereichten Dokument des Dorfvorstehers habe er seine
Herkunft belegen können. Die Unterstellung, dass er das Dokument irgend-
wie beschafft haben könnte, werde bereits durch den Stempel des Dorfbü-
ros widerlegt. In Bezug auf die Preisangaben gelte es zunächst festzustel-
len, dass er nur selten etwas eingekauft habe und weiter, dass auch in Tibet
– wie in der Schweiz – die Preise in den wenigen Läden recht unterschied-
lich gewesen seien (mit Verweis auf einige eingereichte Quittungen zu Prei-
sen in der Schweiz).
3.2.4 In Bezug auf den Vorwurf, er spreche nicht den Dialekt seiner Hei-
matregion, gelte es schliesslich zu betonen, dass er mehrfach darum ge-
beten habe, dass das SEM seinen Dialekt mit demjenigen seines Vaters
oder dessen Freund vergleiche. Sein tibetischer Vertrauter und Dolmet-
scher habe mit seinem Vater telefoniert und eindeutig festgestellt, dass er
(der Beschwerdeführer) und sein Vater identisch sprechen würden. Dies
würde sein Vertrauter auch gerne mündlich weiter ausführen. Zudem gelte
es zu betonen, dass die Dialekte von Lhasa und seinem Dorf B._
fast identisch seien. Deshalb dürfe ihm nicht vorgeworfen werden, dass er
einen ortsfremden Dialekt spreche. Schliesslich verweise er auf die Stel-
lungnahme des Hilfswerks-Vertreters, in der festgehalten werde, dass die
Dolmetscherin zum Teil lange und ausführliche Antworten zusammenzu-
fassen schien, da die Übersetzung zum Teil markant kürzer ausgefallen
sei. Vor der Rückübersetzung habe zudem seine Begleitperson, die sowohl
Deutsch als auch Tibetisch spreche, die Möglichkeit erhalten, Fragen und
Anmerkungen zu äussern. Sie habe ebenfalls angemerkt, dass nicht immer
alles Wort für Wort übersetzt worden sei und zum Teil einzelne Aussagen
gar nicht übersetzt worden seien. Vor diesem Hintergrund sei es sehr frag-
lich, ob der Sachverhalt korrekt erstellt sei. Aufgrund der langen Dauer der
Anhörung und der ungewohnten Stresssituation sei er zum Schluss des
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Interviews zudem nicht mehr ganz er selber gewesen und habe sich zum
Teil verhaspelt. Dies und sein Gehörschaden seien wohl der Grund für all-
fällige Missverständnisse gewesen. Er könne nicht nachvollziehen, wieso
ihm seine Vorbringen in Anbetracht der stimmigen Angaben nicht geglaubt
würden. Es müsse davon ausgegangen werden, dass er tatsächlich aus
Tibet stamme und illegal von dort ausgereist sei, weshalb er in der Schweiz
als Flüchtling anzuerkennen sei.
3.3
Mit Eingabe vom 17. Januar 2020 reichte der Beschwerdeführer weitere
Beweismittel zu den Akten. Er führte aus, er versuche mit der beigelegten
Identitätskarte der exiltibetischen Regierung im Original zu beweisen, dass
er durchaus in der VR China sozialisiert worden sei. Er sei sich bewusst,
dass es sich dabei um kein staatliches beziehungsweise offizielles Doku-
ment handle, allerdings werde mit diesem Dokument seitens der exiltibeti-
schen Regierung anerkannt und bestätigt, dass er aus der autonomen Re-
gion Tibet in der VR China stamme. Mit den eingereichten Berichten von
den Besuchen bei den Botschaften von Nepal und Indien zeige er ergän-
zend, dass er weiterhin bemüht sei, seiner gesetzlichen Mitwirkungspflicht
zur Papierbeschaffung nachzukommen. Indes seien weder die indische
noch die nepalesische Botschaft hilfsbereit gewesen.
4.
4.1 Das SEM hat die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zu
Recht verneint. In BVGE 2009/29 hielt das Bundesverwaltungsgericht fest,
dass illegal ausgereiste Tibeter verdächtigt würden, den Dalai Lama zu un-
terstützen. Somit liefen sie Gefahr, als separatistisch gesinnte Oppositio-
nelle zu gelten. Bei einer Rückkehr müssten sie Haft und Misshandlungen
in einem flüchtlingsrechtlich relevanten Ausmass befürchten. In BVGE
2014/12 präzisierte das Gericht seine Praxis, die sich auf EMARK 2005
Nr. 1 abstützte, dahingehend, dass bei Personen tibetischer Ethnie, die
ihre wahre Herkunft verschleiern oder verheimlichen würden, vermutungs-
weise davon auszugehen sei, dass keine flüchtlings- oder wegweisungs-
beachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an ihren bisherigen Aufent-
haltsort bestünden. Denn die Abklärungspflicht der Asylbehörden finde ihre
Grenze an der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person. Verunmögli-
che ein tibetischer Asylsuchender durch die Verletzung seiner Mitwirkungs-
pflicht die Abklärung, welchen effektiven Status er in Nepal respektive in
Indien innehabe, könne namentlich keine Drittstaatenabklärung im Sinne
von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG stattfinden. Überdies werde durch die Ver-
heimlichung und Verschleierung der wahren Herkunft auch die Prüfung der
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Flüchtlingseigenschaft der betreffenden Person in Bezug auf ihr effektives
Heimatland verunmöglicht (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.9 f.).
4.2 Aufgrund der Aktenlage besteht Grund zur Annahme, dass der Be-
schwerdeführer seine wahre Herkunft zu verschleiern versucht. Bei ent-
scheidwesentlichen Zweifeln an der geltend gemachten Herkunft von asyl-
suchenden Personen hat das SEM in der Vergangenheit in der Regel eine
von den Befragungen zur Person und zu den Asylgründen unabhängige
Herkunftsanalyse durch eine amtsexterne, von der Fachstelle LINGUA des
SEM beauftragte und mit den entsprechenden Sprach- und Länderkennt-
nissen ausgestattete sachverständige Person durchführen lassen, bei der
neben den landeskundlich-kulturellen Kenntnissen üblicherweise auch die
sprachlichen Fähigkeiten der asylsuchenden Person geprüft wurden (vgl.
Urteil des BVGer D-5708/2017 vom 18. März 2019 E. 6.2). In jüngerer Zeit
hat die Fachstelle LINGUA unter dem Titel "Evaluation des Alltagswissens"
vergleichbare Analysen ebenfalls durch amtsexterne Sachverständige,
aber beschränkt auf landeskundlich-kulturelle Elemente und ohne linguis-
tische Komponente erstellen lassen. Vorliegend stützt sich das SEM auf
ein LINUGA-Gutachten, das sowohl aus einer "Evaluation des Alltagswis-
sens" durch die Alltagsspezialistin TAS09 als auch aus einem "LINGUA-
Bericht" durch den Experten AS19 besteht. Sowohl die LINGUA-Analyse
als auch der Alltagswissenstest haben nicht den Stellenwert eines Sach-
verständigengutachtens im Sinne von Art. 12 Bst. e VwVG (vgl. hierzu Art.
57 - Art. 61 Bundesgesetz über den Bundeszivilprozess [BZP, SR 273]
i.V.m. Art. 19 VwVG). Vielmehr handelt es sich jeweils um eine schriftliche
Auskunft einer Drittperson im Sinne von Art. 12 Bst. c VwVG. Sofern be-
stimmte Anforderungen an die fachliche Qualifikation, Objektivität und
Neutralität des Experten sowie die inhaltliche Schlüssigkeit und Nachvoll-
ziehbarkeit erfüllt sind, ist entsprechenden Analysen durch die Fachstelle
LINGUA jedoch erhöhter Beweiswert zuzusprechen (vgl. dazu BVGE
2014/12 E. 4.2.1 und 2015/10 E. 5.1, je m.w.H.).
4.3 Dies ist vorliegend zu bejahen. Vorliegend stützt sich das SEM sowohl
auf eine Evaluation des Alltagswissens als auch auf einen LINGUA-Bericht,
beide vom 4. Januar 2018. Diese sind fundiert und mit einer überzeugen-
den sowie ausgewogenen Begründung versehen, die zu keinen Beanstan-
dungen Anlass geben. Die sachverständigen Personen bezogen den vom
Beschwerdeführer geltend gemachten biografischen Hintergrund mit ein
und würdigten auch die Elemente, die für eine Sozialisation in der angebli-
chen Region sprechen. Zudem bestehen an der fachlichen Qualifikation
der sachverständigen Personen keine Zweifel, weshalb der vorliegenden
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Sprach- und Herkunftsanalyse nach den erwähnten Kriterien erhöhter Be-
weiswert zugemessen und von ihrer inhaltlichen Richtigkeit und Vollstän-
digkeit ausgegangen wird.
So kam die Alltagsspezialistin TAS 09 aufgrund der Kenntnisse des Be-
schwerdeführers in Bezug auf die Region beziehungsweise Geographie,
Arbeit, Schulwesen, Einkaufen, Sonstiges, Verkehrsmittel, Ausweisdoku-
mente und Sprachkenntnisse zum Schluss, dass der Beschwerdeführer
zwar über einiges Wissen verfüge, das für einen Aufenthalt in der angege-
benen Region in Tibet spreche, sein Wissen aber auch auffallende Lücken
aufweise. Es trifft zu, dass der Beschwerdeführer einige geographische
und landeskundliche Gegebenheiten der von ihm angegebenen Herkunfts-
region korrekt zu benennen vermochte, indem er in der Lage war, korrekte
Wegbeschreibungen zu machen und Dorfnamen in seiner Umgebung zu
nennen. Andererseits weisen seine Angaben aber auch auffallende Lücken
und Fehler auf.
Allerdings kam der Experte AS19 aufgrund der linguistische Analyse der
Sprache des Beschwerdeführers zum Ergebnis, dass sich in der Sprache
des Beschwerdeführers auf der Ebene der Morphologie/Morphosyntax und
im lexikalischen Bereich ausschliesslich Übereinstimmungen mit dem Dia-
lekt von Lhasa beziehungsweise der exiltibetischen Koine ergeben wür-
den. Eine gewisse Verwendung von Formen des Lhasa-Tibetischen und
der exiltibetischen Koine liesse sich zwar durch den Aufenthalt im Exil so-
wie Akkommodation an die Sprache der Interviewerin erklären, nicht aber
deren ausschliesslicher Gebrauch. Auch wenn es zum tibetischen Dialekt
in D._ gemäss dem Lingua-Experten offenbar keine wissenschaft-
liche Forschung gibt und nicht ausgeschlossen werden kann, dass es Ab-
weichungen zwischen diesem und dem als Referenz herangezogenen Di-
alekt von N._ sowie dem als weitere Referenz herangezogenen Di-
alekt der Gebietshauptstadt E._ gibt, kann festgestellt werden, dass
jedenfalls mehr Gemeinsamkeiten der vom Beschwerdeführer gesproche-
nen Sprache mit dem Dialekt von E._ oder N._ als mit dem-
jenigen von Lhasa zu erwarten wäre. So gehören D._, E._
und N._ dem westlichen Zentraltibetisch und somit derselben Dia-
lektuntergruppe an; dies im Gegensatz zum Lhasa-Tibetischen, das dem
östlichen Zentraltibetischen angehört. Das Argument auf Beschwerde-
ebene, dass die Dialekte von Lhasa und dem Dorf B._ fast identisch
seien, weshalb ihm nicht vorgeworfen werden dürfe, einen ortsfremden Di-
alekt zu sprechen, vermag demnach nicht zu überzeugen. Die Eigenheiten
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der von dem Beschwerdeführer gesprochenen Sprache lassen sich somit
nicht in Einklang mit der von ihm behaupteten Herkunft zu bringen.
Aufgrund der LINGUA-Analyse ("Evaluation des Alltagswissens" i.V.m.
"LINGUA-Bericht") besteht somit Grund zur Annahme, dass der Beschwer-
deführer eine gewisse Zeit lang in der von ihm angegebenen Heimatregion
gelebt hat, aber entweder nicht dort sozialisiert wurde oder deutlich früher
ausgereist ist als angegeben. Wie das SEM überzeugend ausführt (vgl.
dazu vorstehend E. 3.1.7), wird dieser Eindruck durch die Angaben des
Beschwerdeführers im Rahmen der BzP und der Anhörung verstärkt, in
welchen er unter anderem geltend machte, er sei in Tibet meistens zu
Hause gewesen und habe seiner Mutter auf dem Feld geholfen. Dabei sei
diese bereits (...) verstorben und er erst 2014 ausgereist.
Die Einschätzung, dass der Beschwerdeführer seine Herkunft verschleiert,
wird dadurch untermauert, dass auch seine Ausführungen zur Versendung
von Bildern via W-Shing, der darauffolgenden Haft und insbesondere der
Plakataktion, die das Kernvorbringen seiner Asylbegründung sind, wider-
sprüchlich und unsubstantiiert ausgefallen sind. Das Hauptargument auf
Beschwerdeebene, um Widersprüche, angebliche Missverständnisse und
die fehlende Substanz in seinen Vorbringen anlässlich der Befragungen
(A3 und A12) zu erklären, sind eine angeblich unvollständige Übersetzung,
bei der seine Ausführungen teilweise zusammengefasst und gewisse Aus-
sagen gar nicht übersetzt worden seien. Es stimmt, dass bei der Anhörung
seine Begleitung (A12 F213) und auch die HWV (A12 S.27) angemerkt ha-
ben, dass möglicherweise nicht alles wörtlich übersetzt worden sei. Des-
halb hat das SEM den Beschwerdeführer am Schluss der Rücküberset-
zung ausdrücklich gefragt, wie er das Protokoll finde, da er nur einige An-
merkungen gemacht habe. Worauf er antwortete: «Ich finde die Dolmet-
scherin hat sehr gut übersetzt. Vielleicht einige Kleinigkeiten hat sie ver-
gessen, aber die Hauptsache ist, sie hat sehr gut übersetzt.» (A12 F214).
Somit überzeugt das Argument der mangelhaften Übersetzung nicht. Mit
der Vorinstanz ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer die Frage nach
den persönlichen Beweggründen für die Plakataktion ausweichend und
oberflächlich beantwortet hat. Trotz wiederholter Nachfrage blieben seine
Aussagen stereotyp und rudimentär. Um Wiederholungen zu vermeiden,
kann vollumfänglich auf die zutreffenden Ausführungen in der angefochte-
nen Verfügung verwiesen werden. Schliesslich machte der Beschwerde-
führer kaum Angaben zu seiner Zeit in Nepal oder zu seinem Reiseweg
von Nepal in die Schweiz, womit die Schlussfolgerung bekräftigt wird, dass
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er an der Bekanntgabe seines tatsächlichen Herkunftsortes nicht interes-
siert ist.
4.4 Nach dem Gesagten ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer vor seiner Ankunft in der Schweiz
nicht in der VR China, sondern in der exil-tibetischen Diaspora gelebt hat.
Namhafte exil-tibetische Gemeinschaften gibt es – nebst der Schweiz und
Nordamerika – lediglich in Indien und Nepal. Es ist somit im Sinne einer
Vermutung anzunehmen, dass der Beschwerdeführer in den vergangenen
Jahren in Indien oder Nepal gelebt hat. Folglich wäre grundsätzlich zu prü-
fen, ob er über die chinesische Staatsangehörigkeit verfügt, was eine Prü-
fung der Drittstaatenregelung im Sinne von Art. 31a Abs. 1 AsylG mit sich
bringen würde, oder ob er die indische oder nepalesische Staatsangehö-
rigkeit erworben hat, was zur Folge hätte, dass das Vorliegen einer asylre-
levanten Gefährdung hinsichtlich eines jener Staaten zu prüfen wäre. Das
Gericht ist indes wie das SEM der Auffassung, dass der Beschwerdeführer
seine Mitwirkungspflicht in nicht entschuldbarer Weise verletzt hat und
dadurch den Behörden nähere Abklärungen sowie eine Rückschaffung in
seinen tatsächlichen Heimatstaat verunmöglicht. Der Beschwerdeführer
hat die Folgen dieses Verhaltens zu tragen (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.10).
4.5 Zusammenfassend ist demnach festzuhalten, dass zwar davon auszu-
gehen ist, dass der Beschwerdeführer tibetischer Ethnie ist, jedoch seine
geltend gemachten Vorbringen hinsichtlich des Ortes seiner hauptsächli-
chen Sozialisation und seine Asylvorbringen insgesamt der Glaubhaftigkeit
entbehren. Die Vorinstanz hat demnach zu Recht die Flüchtlingseigenschaft
verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
5.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die
Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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6.
6.1 In Bezug auf den Vollzug der Wegweisung hält die Vorinstanz vorab
fest, der Beschwerdeführer habe die geltend gemachte Hauptsozialisie-
rung nicht glaubhaft gemacht. Das Gericht folgt der Vorinstanz sowohl in
diesem Punkt als auch hinsichtlich der weiteren diesbezüglichen Erwägun-
gen. Die Herkunft und Staatsangehörigkeit des Beschwerdeführers gelten
deshalb als unbekannt.
Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit eines Wegweisungsvollzugs sind
zwar von Amtes wegen zu prüfen, die Untersuchungspflicht findet aber, wie
bereits vorstehend ausgeführt, ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht des
Beschwerdeführers. Es ist nicht Sache der Behörden, bei fehlenden Hin-
weisen nach etwaigen Wegweisungsvollzugshindernissen in hypotheti-
schen Herkunftsländern zu forschen. Der Beschwerdeführer hat die Folgen
seiner fehlenden Mitwirkung insofern zu tragen, als seitens der Asylbehör-
den der Schluss gezogen werden muss, es spreche nichts gegen eine
Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort, da dieser den Behörden unbe-
kannt ist und der Beschwerdeführer damit keine konkreten, glaubhaften
Hinweise geliefert hat, die gegen eine Rückkehr dorthin sprechen würden.
6.2 In Übereinstimmung mit der Dispositivziffer 5 der angefochtenen Ver-
fügung ist im Übrigen darauf hinzuweisen, dass für alle Exil-Tibeterinnen
und -Tibeter ein Vollzug der Wegweisung nach China im Sinne von Art. 45
Abs. 1 Bst. d AsylG ausgeschlossen wird, da ihnen dort gegebenenfalls
Verfolgung im flüchtlingsrechtlichen Sinn beziehungsweise eine men-
schenunwürdige Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK droht (vgl. BVGE
2014/12 E. 5.11).
6.3 Der Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass beim Vollzug
der Wegweisung auf die Familiengemeinschaft des Beschwerdeführers mit
seiner Partnerin (N 607 012) und den gemeinsamen Kindern Rücksicht zu
nehmen ist.
6.4 Es obliegt dem Beschwerdeführer, sich die für eine Rückkehr allenfalls
benötigten Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist. Damit fällt die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme aus-
ser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AIG).
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7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art.
106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung nach Art. 65 Abs. 1 VwVG aber
mit Zwischenverfügung vom 1. November 2018 gutgeheissen worden ist
und den Akten keine Hinweise auf eine relevante Veränderung der finanzi-
ellen Verhältnisse des Beschwerdeführers zu entnehmen sind, ist von einer
Kostenauflage abzusehen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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