Decision ID: 92b07656-103a-4d65-9f59-00fab289d004
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 16. April 2022 in der Schweiz um Asyl
nach. Dabei gab er an, am (...) geboren und damit noch minderjährig zu
sein.
B.
Ein Abgleich mit der Eurodac-Datenbank ergab, dass der Beschwerdefüh-
rer am 16. März 2022 in Bulgarien und am 2. April 2022 in Österreich um
Asyl nachgesucht hatte.
C.
Am 26. April 2022 bevollmächtigte der Beschwerdeführer die ihm zugewie-
sene Rechtsvertretung.
D.
Am 4. Mai 2022 führte das SEM eine Erstbefragung für unbegleitete min-
derjährige Asylsuchende (EB UMA) durch. Dabei wurden dem Beschwer-
deführer unter anderem Fragen zu seinen persönlichen Verhältnissen, zu
Identitätsdokumenten, zum Reiseweg sowie zum medizinischen Sachver-
halt gestellt. Dabei nannte der Beschwerdeführer als sein Geburtsdatum
den (...). Er wisse es nicht so genau. Er habe dies von seinem Vater vor
drei, vier Monaten erfahren. Er sei erstmals, als er 13 Jahre alt gewesen
sei, nach seinem Alter gefragt worden. Weiter machte er geltend, er habe
ab dem 7. Lebensjahr bis zur 7. Klasse die Schule besucht. Er sei zirka 14
oder 15 Jahre alt gewesen, als er die Schule abgebrochen habe, bevor er
ungefähr zwei Monate später ausgereist sei.
E.
Am 10. Mai 2022 reichte die Rechtsvertretung ein Foto der Tazkira des Be-
schwerdeführers ein.
F.
Gestützt auf die Angaben des Beschwerdeführers gab das SEM am
10. Mai 2022 eine Altersabklärung in Auftrag.
G.
Das Institut für Rechtsmedizin der Universität B._ erstellte am
17. Mai 2022 ein rechtsmedizinisches Gutachten (Alterseinschätzung),
welches auf einer körperlichen und einer radiologischen Untersuchung
E-3122/2022
Seite 3
(Röntgen Hand/Computertomographie [CT] mediale Anteile der Schlüssel-
beine sowie zahnärztliche Beurteilung [basierend auf einem OPG, Panora-
maschichtaufnahme des Gebisses]) – beruht. Dieses kam zum Schluss,
dass von einem Mindestalter des Beschwerdeführers von 17 Jahren aus-
gegangen werden könne. Das von ihm angegebene Lebensalter von
(...) Jahren und (...) Monaten sei mit dem erhobenen Befund nicht zu ver-
einbaren. Die Vollendung des 18. Lebensjahres und damit das Erreichen
der Volljährigkeit lasse sich nicht mit der notwendigen Sicherheit belegen.
H.
Mit Schreiben vom 30. Mai 2022 gewährte das SEM dem Beschwerdefüh-
rer das rechtliche Gehör zum Altersgutachten sowie zur allfälligen Zustän-
digkeit Bulgariens oder Österreichs für die Durchführung des Asylverfah-
rens.
I.
Der Beschwerdeführer nahm dazu in seiner Eingabe vom 16. Juni 2022
Stellung. Dabei hielt er an seiner Minderjährigkeit fest. Insbesondere stelle
seine Tazkira ein Indiz dafür dar. Er habe konsistente und widerspruchs-
freie Aussagen bezüglich seinem Alter im Zeitpunkt der Einschulung, des
Schulabbruchs und der Ausreise gemacht. Zudem möchte er unter keinen
Umständen nach Österreich oder nach Bulgarien zurückkehren. In Bulga-
rien sei er von der Polizei geschlagen und in ein geschlossenes Camp ge-
führt worden. Aus Sicht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) würden
wesentliche Mängel im Asylverfahren Bulgariens vorliegen.
J.
Das Geburtsdatum des Beschwerdeführers wurde in der Folge im Zentra-
len Migrationsinformationssystem (ZEMIS) auf den (...) angepasst und mit
einem Bestreitungsvermerk versehen.
K.
Das SEM ersuchte gestützt auf die Angaben des Beschwerdeführers und
die im Eurodac verzeichneten Asylgesuche am 17. Juni 2022 die bulgari-
schen und die österreichischen Behörden um Übernahme des Beschwer-
deführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. Die österreichi-
schen Behörden lehnten das Ersuchen am 21. Juni 2022 ab. Die bulgari-
schen Behörden hiessen das Gesuch am 30. Juni 2022 gut.
L.
Mit Verfügung vom 8. Juli 2022 trat das SEM auf das Asylgesuch des
E-3122/2022
Seite 4
Beschwerdeführers nicht ein, legte dessen Geburtsdatum im ZEMIS mit
einem Bestreitungsvermerk auf den (...) fest, ordnete die Wegweisung
nach Bulgarien an und forderte den Beschwerdeführer auf, die Schweiz
spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Zudem
wurde der zuständige Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragt,
die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis ausgehändigt und
festgehalten, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme
keine aufschiebende Wirkung zu.
M.
Mit Eingabe vom 18. Juli 2022 erhob der Beschwerdeführer durch seine
Rechtsvertretung beim Bundesverwaltungsgericht dagegen Beschwerde
und beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Das SEM sei
anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten und das Geburtsdatum im
ZEMIS auf den (...) zu berichtigen; eventualiter sei die Sache zur rechts-
genüglichen Abklärung des Sachverhalts und Neubeurteilung an das SEM
zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei im Sinne einer su-
perprovisorischen Massnahme der Beschwerde bezüglich Dublin die auf-
schiebende Wirkung zu erteilen und bezüglich ZEMIS festzustellen, dass
die aufschiebende Wirkung nicht entzogen werde. Die Vollzugsbehörden
seien anzuweisen, von einer Überstellung nach Bulgarien bis zur Rechts-
kraft der ZEMIS-Anpassung abzusehen. Ferner wurden die Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und der Verzicht auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses beantragt. Gleichzeitig reichte der Beschwerde-
führer ein Foto seines Impfausweises (mit Geburtsdatum [...], beziehungs-
weise gemäss gregorianischem Kalender [...]) als Beweismittel ein.
N.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
19. Juli 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). Glei-
chentags setzte die Instruktionsrichterin mit superprovisorischer Mass-
nahme den Vollzug der Überstellung einstweilen aus.
O.
Mit Verfügung vom 21. Juli 2022 erteilte die Instruktionsrichterin der Be-
schwerde die aufschiebende Wirkung und stellte fest, der Beschwerdefüh-
rer könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Ferner
wurde das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet.
Die Vorinstanz wurde zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen.
E-3122/2022
Seite 5
P.
Das SEM beantragte in seiner Vernehmlassung vom 17. August 2022 die
Abweisung der Beschwerde.
Q.
Der Beschwerdeführer nahm dazu in seiner Replik vom 7. September 2022
Stellung.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG in Verbindung mit Art. 31 VGG ist das Bundes-
verwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des
Asyls zuständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist
als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (Art. 108 Abs. 3 und 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
Die vorliegende Beschwerde richtet sich sowohl gegen den Nichteintre-
tensentscheid betreffend das Asylgesuch als auch gegen die Änderung
des Geburtsdatums des Beschwerdeführers im ZEMIS.
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwerde-
instanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht
auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
E-3122/2022
Seite 6
3.3 Hinsichtlich der ZEMIS-Berichtigung entscheidet das Bundesverwal-
tungsgericht grundsätzlich mit uneingeschränkter Kognition. Es überprüft
die angefochtene Verfügung auf Rechtsverletzungen – einschliesslich un-
richtiger oder unvollständiger Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts und Rechtsfehler bei der Ermessensausübung – sowie auf Angemes-
senheit hin (Art. 49 VwVG).
4.
4.1 Vorab ist zu prüfen, ob das Geburtsdatum des Beschwerdeführers im
ZEMIS zu berichtigen ist.
4.2 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, der Beschwer-
deführer habe die von ihm behauptete Minderjährigkeit nicht mit rechts-
genüglichen Identitätsdokumenten belegen können. Eine Tazkira sei erfah-
rungsgemäss nicht fälschungssicher und leicht käuflich erwerbbar. Es wür-
den aufgrund zahlreicher Gründe grosse Zweifel an den Altersangaben des
Beschwerdeführers bestehen. Seine Angaben auf die ihm anlässlich der
EB UMA gestellten Fragen zu seiner Biographie und seinem Alter liessen
keine Rückschlüsse auf sein Alter zu. Weiter sei er gemäss der Verfahrens-
karte der österreichischen Behörden als volljährig registriert worden. Seine
Angaben zu seiner Registrierung in Österreich und Bulgarien als (...)-Jäh-
riger würden nicht überzeugen. Er hätte seine Tazkira, die er auf seinem
Mobiltelefon abgespeichert habe, bereits dort digital übermitteln können.
Dass er zufällig und auf willkürliche Weise in Österreich und in Bulgarien
mit dem (...) als Geburtsdatum erfasst worden sei, ohne darauf eine Reak-
tion zu zeigen, erscheine nicht plausibel. Es wäre zu erwarten gewesen,
dass er bei allfälligen Missverständnissen bereits in Österreich oder Bulga-
rien Aufklärungsversuche unternommen hätte. Das Gutachten des IRM
vom 17. Mai 2022 habe ergeben, dass die Vollendung des 18. Lebensjah-
res nicht mit der notwendigen Sicherheit belegt werden könne. Es könne
(indes) in Zusammenschau der Befunde von einem Mindestalter von
17 Jahren ausgegangen werden. Das vom Beschwerdeführer angegebene
Lebensalter von (...) Jahren und (...) Monaten sei jedoch nicht mit den Be-
funden (Skelettalter, Zahnalter) zu vereinbaren. Gemäss dem Grundsatz-
urteil in BVGE 2018 VI/3 vom 8. August 2018 stellten medizinische Alters-
abklärungen unterschiedlich zu gewichtende Indizien für das Vorliegen der
Minder- respektive Volljährigkeit einer Person dar. Liege das Mindestalter
bei der Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse und der zahnärztli-
chen Untersuchung unter 18 Jahren, lasse sich anhand der medizinischen
Altersabklärung keine Aussage zur Minder- respektive Volljährigkeit einer
E-3122/2022
Seite 7
Person darstellen. Die üblichen verfahrensrechtlichen Regeln der Beweis-
würdigung seien zu beachten, wobei es umso mehr auf eine Gesamtwür-
digung der Umstände und Indizien ankomme, je schwächer die medizini-
schen Abklärungen ein Indiz für das Vorliegen der Minder- respektive Voll-
jährigkeit einer Person darstellen würden. Vorliegend sei das Gutachten
somit allein kein eigentliches Indiz für eine Voll- oder Minderjährigkeit.
Das SEM stellte im Rahmen einer Gesamtwürdigung sämtlicher Umstände
und Indizien in Zusammenhang mit der geltend gemachten Altersangabe
fest, dass der Beschwerdeführer seine behauptete Minderjährigkeit nicht
glaubhaft gemacht habe und daher im weiteren Verfahren als volljährig zu
behandeln sei.
Die Ausführungen in seiner Stellungnahme vom 16. Juni 2022 würden eine
Änderung der Einschätzung des SEM nicht rechtfertigen.
4.3 In der Beschwerdeeingabe wird geltend gemacht, der Beschwerdefüh-
rer habe in Bulgarien wiederholt mitgeteilt, dass er erst (...) Jahre alt sei.
Man habe ihn nicht nach einer Tazkira oder Kopie gefragt. Bei der Essens-
ausgabe im Camp habe ihm ein Kollege mitgeteilt, dass auf seiner Karte
stehe, er sei (...) Jahre alt. Er sei schockiert gewesen. Als er gefragt habe,
wie man das berichtigen könne, sei ihm erklärt worden, dass dies nicht
mehr möglich sei. Er sei in einem Zimmer mit 35 Personen eingesperrt ge-
wesen und habe nur für die Essensausgabe hinausgehen dürfen. Weiter
verweist er auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts A-1987/2016 vom
6. September 2016, worin festgestellt worden sei, dass im Asylverfahren
im Zweifelsfall von der Minderjährigkeit ausgegangen werden müsse.
Seine Aussagen und die Tazkira seien Indizien für die Minderjährigkeit, wo-
bei auch das Gutachten zu beachten sei. In seinen Aussagen seien keine
Widersprüche vorhanden. Die Vorinstanz habe die Tazkira zu Unrecht nicht
gewürdigt, sondern auf die Registrierung in Österreich und Bulgarien ab-
gestellt. Zudem sei das Altersgutachten bezüglich aller Untersuchungen zu
einem Mindestalter unter 18 Jahren gelangt. Es würden keine Indizien für
die Volljährigkeit vorliegen.
4.4 Die Vorinstanz hält in ihrer Vernehmlassung an ihrem Standpunkt fest.
Die Beschwerdeschrift enthalte zwei neue Widersprüche. Der Beschwer-
deführer habe darin bezüglich seiner Reaktion auf die Registrierung in Ös-
terreich vorgebacht, bei der Essensausgabe im Camp von seinem Kolle-
gen auf den Eintrag in seinem Ausweis angesprochen worden zu sein. Wei-
E-3122/2022
Seite 8
ter habe er ein Foto eines Impfausweises eingereicht, in dem sein Geburts-
datum mit "(...) ([...])" aufgeführt sei, was einem Alter von (...) Jahre ent-
spreche. Dies widerspreche allen bis dahin gemachten Aussagen, insbe-
sondere auch jener Information, die er vom Vater in der Türkei, drei bis vier
Monate vor der Einreise in die Schweiz, erhalten habe. Es sei auch nicht
erkennbar, wie er das Foto dieses Ausweises erhalten habe. Überdies er-
laube das Foto der nachträglich eingereichten Tazkira keine Identifizierung
des Inhabers.
4.5 Der Beschwerdeführer macht in seiner Replik unter Hinweis auf
BVGE 2018 VI/3 E.3.5 demgegenüber geltend, es sei der Vorinstanz nicht
gelungen, die Richtigkeit der von ihr vorgenommenen Altersanpassung
nachzuweisen und genügend zu begründen. Betreffend die falsche Regist-
rierung in Bulgarien respektive seine Reaktion darauf habe er auf Be-
schwerdeebene lediglich eine Ergänzung gemacht.
5.
5.1 Die Vorinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das
ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer-
und dem Asylbereich dient (Art. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 des Bundesgesetzes
über das Informationssystem für den Ausländer- und den Asylbereich
[BGIAA, SR 142.51]) und in der Verordnung über das Zentrale Migrati-
onsinformationssystem (ZEMIS-Verordnung, SR 142.513) näher geregelt
ist. Nach Art. 19 Abs. 1 ZEMIS-Verordnung richten sich die Rechte der Be-
troffenen, insbesondere deren Auskunfts-, Berichtigungs- und Löschungs-
recht sowie das Recht auf Informationen über die Beschaffung besonders
schützenswerter Personendaten, nach dem Bundesgesetz über den Da-
tenschutz (DSG, SR 235.1) und dem VwVG.
5.2 Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über deren Richtigkeit zu ver-
gewissern (Art. 5 Abs. 1 DSG). Werden Personendaten von Bundesorga-
nen bearbeitet, kann jede betroffene Person insbesondere verlangen, dass
unrichtige Personendaten berichtigt werden (Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 25
Abs. 3 Bst. a DSG). Ist die Unrichtigkeit erstellt, besteht ein uneinge-
schränkter Anspruch auf Berichtigung (vgl. statt vieler Urteil des BVGer
A-7615/2016 vom 30. Januar 2018 E. 3.2, m.w.H.).
5.3 Grundsätzlich hat die das Berichtigungsbegehren stellende Person die
Richtigkeit der von ihr verlangten Änderung, die Bundesbehörde im Be-
streitungsfall dagegen die Richtigkeit der von ihr bearbeiteten Personen-
daten zu beweisen (vgl. BVGE 2013/30 E. 4.1). Nach den massgeblichen
E-3122/2022
Seite 9
Beweisregeln des VwVG gilt eine Tatsache als bewiesen, wenn sie in Wür-
digung sämtlicher Erkenntnisse so wahrscheinlich ist, dass keine vernünf-
tigen Zweifel bleiben; unumstössliche Gewissheit ist dagegen nicht erfor-
derlich.
5.4 Kann bei einer verlangten oder von Amtes wegen beabsichtigten Be-
richtigung weder die Richtigkeit der bisherigen Personendaten noch dieje-
nige der neuen Personendaten bewiesen werden, dürfen grundsätzlich we-
der die einen noch die anderen Daten bearbeitet werden (vgl. Art. 5 Abs. 1
DSG). Dies ist jedoch nicht immer möglich, müssen doch bestimmte Per-
sonendaten zur Erfüllung wichtiger öffentlicher Aufgaben notwendiger-
weise bearbeitet werden. Das gilt namentlich auch für im ZEMIS erfasste
Daten. In solchen Fällen überwiegt das öffentliche Interesse an der Bear-
beitung möglicherweise unzutreffender Daten das Interesse an deren Rich-
tigkeit. Unter diesen Umständen sieht Art. 25 Abs. 2 DSG deshalb die An-
bringung eines Vermerks vor, in dem darauf hingewiesen wird, dass die
Richtigkeit der bearbeiteten Personendaten bestritten und/oder nicht gesi-
chert ist. Spricht dabei mehr für die Richtigkeit der neuen Daten, sind die
bisherigen Angaben zunächst zu berichtigen und die neuen Daten an-
schliessend mit einem derartigen Vermerk zu versehen. Ob die vormals
eingetragenen Angaben (als Neben- beziehungsweise Aliasidentität) wei-
terhin abrufbar bleiben sollen oder ganz zu löschen sind, bleibt grundsätz-
lich der Vorinstanz überlassen. Verhält es sich umgekehrt, erscheint also
die Richtigkeit der bisher eingetragenen Daten als wahrscheinlicher oder
zumindest nicht als unwahrscheinlicher, sind diese zu belassen und mit
einem Bestreitungsvermerk zu versehen. Über die Anbringung eines ent-
sprechenden Vermerks ist jeweils von Amtes wegen und unabhängig da-
von zu entscheiden, ob ein entsprechender Antrag gestellt worden ist (vgl.
zum Ganzen Urteil des BVGer A-7588/2015 vom 26. Februar 2016 E. 3.4
m.w.H.).
5.5 Es obliegt somit zunächst grundsätzlich der Vorinstanz zu beweisen,
dass der aktuelle ZEMIS-Eintrag des Geburtsdatums des Beschwerdefüh-
rers ([...]) korrekt beziehungsweise zumindest wahrscheinlich ist. Der Be-
schwerdeführer wiederum hat nachzuweisen, dass das von ihm geltend
gemachte Geburtsdatum ([...]) richtig beziehungsweise zumindest wahr-
scheinlicher ist als die derzeit im ZEMIS erfasste Angabe. Gelingt keiner
Partei der sichere Nachweis des Geburtsdatums, ist dasjenige Geburtsda-
tum im ZEMIS zu belassen oder einzutragen, dessen Richtigkeit wahr-
scheinlicher erscheint (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 3.5).
E-3122/2022
Seite 10
5.6 Ergänzend gilt es darauf hinzuweisen, dass im Asylverfahren das Ge-
burtsdatum von der asylsuchenden Person zumindest glaubhaft zu ma-
chen ist. Glaubhaft ist die Minderjährigkeit dann, wenn für deren Vorhan-
densein gewisse Elemente sprechen, selbst wenn das Gericht noch mit der
Möglichkeit rechnet, dass die gesuchstellende Person bereits volljährig ist
(vgl. BGE 140 III 610 E. 4.1). In einer Gesamtwürdigung müssen die
Gründe, welche für die Minderjährigkeit sprechen, überwiegen (vgl. BVGE
2010/57 E. 2.3). Gelingt es dem Beschwerdeführer nicht, seine Minderjäh-
rigkeit zumindest glaubhaft zu machen, respektive bleiben entsprechende
Behauptungen unsubstanziiert, so ist von der Beweislosigkeit und mithin
von einer Volljährigkeit auszugehen (vgl. Urteil des BVGer D-966/2022 vom
11. März 2022 E. 3.6 m.w.H.).
6.
6.1 Dem Gutachten zur Altersschätzung vom 17. Mai 2022 lässt sich ent-
nehmen, dass die radiologische Untersuchung von einer Ossifikation (Ver-
knöcherung) am linken Handskelett nach Tisè et al. [11] und Greulich und
Pyle [5] dem Referenzbild eines Jungen im Alter von (...) Jahren entspre-
che. Diejenige der medialen Schlüsselbeinepiphysen (Schlüsselbein-
Brustbein-Gelenke) entsprach einer Ossifikation gemäss einer Studie von
Kellinghaus et al. [12] einem Stadium 2b. Das Stadium 2b entspreche bei
Knaben einem mittleren Alter von (...)+/-(...) Jahren. Das minimale Alter,
bei welchem das vorliegende Stadium 2b in der Studie noch gesehen wer-
den könne, habe bei (...) Jahren gelegen. Gemäss Wittschieber et al. [13]
habe ein Mindestalter von (...) Jahren festgestellt werden können. Die
zahnärztliche Untersuchung des Beschwerdeführers habe ein Mindestalter
von (...) Jahren ergeben. Das Gutachten geht von einem Mindestalter von
(...) Jahren aus. Das angegebene Lebensalter von (...) Jahren und (...)
Monaten sei mit den erhobenen Befunden nicht zu vereinbaren. Es lasse
sich aber die Vollendung des 18. Lebensjahres nicht mit der notwendigen
Sicherheit belegen. In der Stellungnahme der Rechtsvertretung vom
16. Juni 2022 wird dazu vorgebracht, die Vorinstanz beurteile das Alters-
gutachten als kein eigentliches Indiz für die Voll- oder Minderjährigkeit. Es
sei nicht nachvollziehbar und nicht korrekt, dass sie dem Gutachten jegli-
chen Aussagewert abspreche. Im Gutachten werde die Volljährigkeit nicht
bestätigt. In der Beschwerdeschrift wird weiter ausgeführt, das Altersgut-
achten komme bezüglich aller Untersuchungen zu einem Mindestalter un-
ter 18 Jahre. Diesbezüglich sei festzuhalten, dass die Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts sowohl die Schlüsselbein- respektive Ske-
lettaltersanalyse als auch die zahnärztliche Untersuchung als geeignet an-
sehe, einen Beweis für die Minder- oder Volljährigkeit darzustellen. Wenn
E-3122/2022
Seite 11
das Mindestalter bei der Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse
und der zahnärztlichen Untersuchung unter 18 Jahren liege, lasse sich –
ähnlich wie bei der Handknochenanalyse – anhand der medizinischen Ab-
klärungen keine Aussage zur Minder- respektive Volljährigkeit einer Person
machen. In einem solchen Fall seien sowohl eine Voll- als auch eine Min-
derjährigkeit möglich, ohne dass sich eine verlässliche Aussage darüber
mache lasse, was wahrscheinlicher sei.
6.2 Gestützt auf die Beurteilung im Gutachten hat die Vorinstanz zutreffend
festgestellt, dass es umso mehr auf eine Gesamtwürdigung der Umstände
und Indizien ankomme, je schwächer die medizinischen Abklärungen ein
Indiz für das Vorliegen der Minder- respektive Volljährigkeit einer Person
darstellen würden. In der Folge hat sie zu Recht das Gutachten zusammen
mit den Aussagen des Beschwerdeführers und den von ihm eingereichten
Beweismitteln zu seinem Alter sowie der Registrierung seiner Personalien
in Österreich und Bulgarien einer Gesamtwürdigung unterzogen.
Wie von der Vorinstanz richtigerweise ausgeführt, erweisen sich die Anga-
ben des Beschwerdeführers zu seinem Alter aus mehreren Gründen als
unglaubhaft und ist von seiner Volljährigkeit auszugehen. Es kann vorab
auf die überzeugenden Argumente in der angefochtenen Verfügung und
die Vernehmlassung verwiesen werden. Insbesondere ergeben sich aus
seinen Angaben und Antworten im Zusammenhang mit seinem Alter – er
kennt Geburtsdatum im eigenen Kalender nicht, Erfahren des Alters vom
Vater, Fragen zu seinem Alter in der Schule, Alter seiner Einschulung, etc.
– erste Zweifel an den von ihm angegebenen Alter. Zudem misst auch das
Bundesverwaltungsgericht der afghanischen Tazkira nur einen reduzierten
Beweiswert zu (vgl. BVGE 2019 1/6 E.6.2). Angesichts dessen erscheint
die als Foto vorgelegte Tazkira des Beschwerdeführers nicht geeignet, die
geltend gemachte Minderjährigkeit als wahrscheinlich zu bezeichnen.
Schliesslich liess sich der Beschwerdeführer in Österreich und in Bulgarien
als volljährig registrieren. In der EB UMA reichte er eine österreichische
Verfahrenskarte ein, in der sein Geburtsdatum mit (...) – mithin heute voll-
jährig – aufgeführt ist. Seine diesbezüglichen Erklärungsversuche, wonach
er sich in beiden Ländern als (...) Jahre alt bezeichnet habe, er aber mit
(...) Jahre (willkürlich) registriert worden und es ihm nicht möglich gewesen
sei, dies zu korrigieren, überzeugen nicht. Auch sein Einwand, man habe
in Österreich die Angaben aus Bulgarien übernommen und ihm eine Karte
ausgestellt, ohne ihn nicht nach Identitätsdokumenten gefragt zu haben,
vermag die bestehenden Zweifel an der geltend gemachten Minderjährig-
keit nicht zu beseitigen. Schliesslich hat die Vorinstanz zu Recht eine neue
E-3122/2022
Seite 12
Ungereimtheit in der Beschwerdeschrift betreffend den Registrierungspro-
zess in Bulgarien festgestellt. Entgegen der Stellungnahme in der Replik
handelt es sich bei der Aussage in der Beschwerdeschrift, wonach der Be-
schwerdeführer von der falschen Registrierung bei der Essensausgabe
durch einen Kollegen erfahren habe, nicht um eine Ergänzung des Sach-
verhalts; vielmehr widerspricht dies seinen früheren Aussagen in der EB
UMA, gemäss der er die falsche Altersangabe bereits bei der Registrierung
bemerkt habe. In seiner Replik bringt er zudem vor, er habe seine Karte
von einem Freund übersetzen lassen und sei schockiert gewesen, dass er
mit einem falschen Alter registriert worden sei. Dies wiederum widerspricht
sowohl seinen bisherigen Angaben in der EB UMA als auch in der Be-
schwerdeschrift.
Darüber hinaus enthält der – im Übrigen bloss als Foto eingereichte – Impf-
ausweis nochmals ein anderes Geburtsdatum, das ihn um ein weiteres
Jahr jünger macht. Der diesbezügliche Erklärungsversuch in der Replik,
ungenaue Altersangaben seien unter Berücksichtigung des afghanischen
Kontextes nicht erstaunlich, muss als Schutzbehauptung bezeichnet wer-
den.
6.3 Vor diesem Hintergrund gelangt das Gericht im Rahmen einer Gesamt-
würdigung der genannten Umstände in Übereinstimmung mit der
Vorinstanz zum Schluss, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen
ist, die von ihm geltend gemachte Minderjährigkeit zum Zeitpunkt seiner
Gesuchseinreichung in der Schweiz glaubhaft zu machen weshalb die im
ZEMIS erfassten Angaben zum Geburtsdatum wahrscheinlicher sind als
das von ihm geltend gemachte Datum. Sein Begehren um Anpassung des
ZEMIS-Eintrags ist daher abzuweisen. Der Eintrag wird mit einem Bestrei-
tungsvermerk bei (...) belassen.
7.
Soweit der Beschwerdeführer die Rechtsauffassung vertritt, dass im Rah-
men des mit der vorliegenden Beschwerde ebenfalls angefochtenen Dub-
lin-Verfahrens die Vollzugsbehörden anzuweisen seien, von einer Über-
stellung nach Bulgarien bis zur Rechtskraft der von ihm anbegehrten
ZEMIS-Anpassung abzusehen, kann ihm nicht beigepflichtet werden. Der
Beschwerdeführer verkennt mit dem entsprechenden Antrag, dass nach
der ratio legis der Dublin-III-VO bei der Beurteilung einer Dublin-Be-
schwerde eine eigenständig materielle Prüfung der Frage der Glaubhaf-
tigkeit einer behaupteten Minderjährigkeit vorzunehmen ist. Widrigenfalls
würde die Einhaltung der vom Gesetzgeber bewusst kurz bemessenen Be-
handlungsfristen (vgl. Art 109 Abs. 3 AsylG) sowie der gemäss Dublin-III-
E-3122/2022
Seite 13
VO geltenden Überstellungsfristen vereitelt und dadurch dem klaren Willen
des Gesetz- respektive Verordnungsgebers, rasch den für die Prüfung des
Asylgesuchs zuständigen Staat zu bestimmen, zuwidergehandelt.
8.
8.1 Im Folgenden ist zu prüfen, ob die Vorinstanz zu Recht nicht auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers eingetreten ist.
8.2 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
8.3 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) – wie vor-
liegendes – findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständig-
keitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2
und 8.2.1 m.w.H.).
8.4 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
E-3122/2022
Seite 14
8.5 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
9.
9.1 Wie vorstehend (vgl. oben E. 6) ausgeführt ist davon auszugehen,
dass der Beschwerdeführer bereits volljährig ist und das SEM sein Ge-
burtsdatum zu Recht auf den (...) festgesetzt hat. Die Voraussetzungen für
die Annahme einer Zuständigkeit der Schweiz für das Asylverfahren ge-
stützt auf Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO sind somit – auch unter Berücksichti-
gung des Datums seines ersten Asylgesuchs in Bulgarien am 16. März
2022 – nicht gegeben und das SEM ist mit einem ordnungsgemässen Wie-
deraufnahmeersuchen an die bulgarischen Behörden gelangt (vgl. SEM-
Akte 1155173-35/5).
9.2 Vorliegend stimmten die bulgarischen Behörden dem Gesuch des SEM
vom 17. Juni 2022 um Übernahme zu.
Die Zuständigkeit Bulgariens ist somit grundsätzlich gegeben und wird vom
Beschwerdeführer auch nicht bestritten.
10.
10.1 Der Beschwerdeführer bringt gegen eine Überstellung nach Bulgarien
vor, die Aufnahmebedingungen in Bulgarien würden den rechtlichen Vor-
gaben widersprechen. Er sei wiederholt geschlagen worden, sei einge-
sperrt gewesen und habe keinen Zugang zu einer wirksamen Wahrneh-
mung seiner Rechte gehabt.
10.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Referenzurteil
F-7195/2018 vom 11. Februar 2020 ausführlich mit dem bulgarischen Asyl-
system und der Situation asylsuchender Personen in Bulgarien auseinan-
dergesetzt. Es hat festgehalten, dass das dortige Asylverfahren sowie die
Aufnahmebedingungen zwar gewisse Mängel aufweisen würden, diese
E-3122/2022
Seite 15
aber nicht systemischer Natur seien, weshalb von Überstellungen nach
Bulgarien grundsätzlich nicht abzusehen sei. Korrekte Asylverfahren seien
in Bulgarien nicht systembedingt unmöglich. Die tiefe Anerkennungsquote
gegenüber Staatsangehörigen gewisser Länder rechtfertige es nicht, keine
Überstellungen mehr vorzunehmen. Betroffene Personen könnten gegen
einen negativen Asylentscheid ein wirksames Rechtsmittel einlegen. Zu-
dem seien die Bedingungen in den Aufnahme- und Haftzentren zwar pre-
kär, könnten jedoch nicht als unmenschlich oder entwürdigend qualifiziert
werden (vgl. Referenzurteil F-7195/2018 E. 6.6.1 und 6.6.7). Auch heute
geht das Bundesverwaltungsgericht praxisgemäss nicht von systemischen
Mängeln im bulgarischen Asylverfahren aus (vgl. u.a. Urteile des BVGer E-
3163/2022 vom 4. August 2022 E. 6.3; D-3152/2022 vom 28. Juli 2022
E. 6.4; F-2956/2022 vom 14. Juli 2022 E. 6.3; E-2756/2022 vom 29. Juni
2022 E. 5.5 je m.w.H).
10.3 Bulgarien kommt somit seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen aus
der EMRK, dem Übereinkommen vom 10. Dezember 1984 gegen Folter
und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung
oder Strafe (FoK, SR 0.105) und dem Abkommen vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie dem Zusatz-
protokoll der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) grundsätzlich nach.
Im Weiteren darf davon ausgegangen werden, Bulgarien anerkenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben.
Prinzipiell ist davon auszugehen, dass der Zugang zu einer Asylunterkunft,
zu Nahrungsmitteln sowie medizinischer Grundversorgung und psycholo-
gischer Betreuung für Asylsuchende gewährleistet ist.
10.4 Systemische Mängel liegen in Bulgarien demnach nicht vor und eine
Übernahme der Zuständigkeit zur Behandlung des Asylgesuchs durch die
Schweiz in Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO fällt nicht in Betracht.
10.5 Es bleibt zu prüfen, ob die Vorinstanz trotz der grundsätzlichen Zu-
ständigkeit Bulgariens das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 erster
Satz Dublin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 AsylV 1, hätte ausüben
müssen. Zwar kann die Vermutung, Bulgarien halte seine völkerrechtlichen
Verpflichtungen nicht ein, im Einzelfall widerlegt werden. Dafür bedarf es
E-3122/2022
Seite 16
aber konkreter und ernsthafter Hinweise, die gegebenenfalls vom Betroffe-
nen glaubhaft darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.).
10.5.1 Der Beschwerdeführer vermag mit seinen Vorbringen (in der Befra-
gung sowie auf Beschwerdeebene) und den von ihm zitierten Quellen nicht
darzutun, dass die ihn bei einer Rückführung nach Bulgarien zu erwarten-
den Bedingungen derart schlecht sind, dass sie zu einer Verletzung von
Art. 4 der EU-Grundrechtecharta beziehungsweise Art. 3 EMRK führen
könnten, auch wenn angesichts der anerkannterweise teils schwierigen
Bedingungen in Bulgarien nicht ausgeschlossen werden kann, dass er dort
bei seiner Ankunft auf schwierige Umstände traf.
10.5.2 Es besteht auch kein Grund zur Annahme, die bulgarischen Behör-
den würden dem Beschwerdeführer nach einer Überstellung den Zugang
zum Asyl- respektive zu einem allfälligen Wiederaufnahmeverfahren unter
Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie verweigern.
10.5.3 Der Beschwerdeführer vermag mit seinen Vorbringen, wonach er
geschlagen worden und eingesperrt gewesen sei, auch nicht darzutun, er
laufe ernsthafte Gefahr bei einer Rückkehr nach Bulgarien diesbezüglich
unmenschlich im Sinne von Art. 3 EMRK behandelt zu werden. Auch in
diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass sich der Beschwer-
deführer nach seiner Überstellung in einem Asylverfahren, und damit in ei-
ner anderen Situation als wie bei seiner ersten Einreise nach Bulgarien,
befinden wird. Sodann hat die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung
zu Recht festgestellt, dass Bulgarien ein Rechtsstaat ist, welcher über eine
funktionierende Polizeibehörde – diese gelte als schutzwillig und schutzfä-
hig – und ein funktionierendes Justizsystem verfügt. Folglich ist von der
grundsätzlichen Schutzwilligkeit und Schutzfähigkeit dieses Staates aus-
zugehen. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung oder unge-
rechten Behandlung durch eine Behörde ist der Beschwerdeführer im Üb-
rigen gehalten, sich nötigenfalls an die bulgarischen Behörden zu wenden
und die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg ein-
zufordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Es ist ihm zuzumuten, sich an
das Justizwesen Bulgariens, dortige Aufsichtsbehörden oder eine in Bul-
garien tätige NGO zu wenden, wenn er in Bulgarien rechtswidrig behandelt
werden sollte.
10.6 Zusammenfassend ist kein Grund für eine zwingende Anwendung der
Ermessensklausel von Art. 17 Dublin-III-VO ersichtlich. Auch ist den Akten
nicht zu entnehmen, dass das SEM sein Ermessen bei der Prüfung von
E-3122/2022
Seite 17
allfälligen humanitären Überstellungshindernissen im Sinne von Art. 29a
Abs. 3 AsylV 1 nicht korrekt ausgeübt hätte.
11.
Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass das SEM zutreffend gestützt auf
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers
nicht eingetreten ist. Da der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gülti-
gen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstel-
lung nach Bulgarien in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht
angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1).
12.
Unter diesen Umständen sind allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83
Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) nicht mehr zu prüfen, da das Fehlen von
solchen bereits Voraussetzung des Nichteintretensentscheids gemäss
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.).
13.
Die in der Beschwerde erhobene formelle Rüge der unrichtigen und unvoll-
ständigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts hat sich als un-
begründet erwiesen. Deshalb ist das entsprechende Subeventualbegehren
auf Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz zur Neubeurteilung abzuweisen.
14.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und angemessen ist. Die
Beschwerde ist daher abzuweisen.
15.
In casu hat die materielle Prüfung wie aufgezeigt (vgl. E. 6) ergeben, dass
die vom Beschwerdeführer behauptete Minderjährigkeit offenkundig nicht
glaubhaft ist und deshalb von seiner Volljährigkeit auszugehen ist. Für den
Antrag des Beschwerdeführers, die Vollzugsbehörden anzuweisen, von ei-
ner Überstellung nach Bulgarien bis zur Rechtskraft der ZEMIS-Anpassung
abzusehen, besteht vor diesem Hintergrund somit weder Raum noch An-
lass. Das entsprechende Begehren ist daher abzuweisen.
16.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wurde mit Verfügung
E-3122/2022
Seite 18
vom 21. Juli 2022 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung gutgeheissen und ist den Akten keine entscheidrelevante Ände-
rung seiner finanziellen Lage zu entnehmen, weshalb keine Verfahrens-
kosten zu erheben sind.
(Dispositiv nächste Seite)
E-3122/2022
Seite 19