Decision ID: 374ef7dc-5c3c-4d63-9905-0da1b534bb13
Year: 2015
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Christine Kessi, c/o Procap Schweiz,
Frohburgstrasse 4, Postfach, 4601 Olten,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 8. Januar 2008 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 4). Aus den Akten ergibt sich, dass der Versicherte
aufgrund seines Kommunikations- und Beziehungsverhaltens immer wieder
Schwierigkeiten mit Mitarbeitern und Vorgesetzen hatte und dass er häufig die
Arbeitsstelle wechselte. Seine letzte Stelle wurde dem Versicherten am 29. Januar
2008 per 31. März 2008 gekündigt (IV-act. 23-6).
A.b Am 20. Mai 2008 trat der Versicherte in die psychiatrische Klinik B._ ein. Im
Bericht der Klinik B._ vom 2. Juli 2008 wurden folgende Diagnosen mit Auswirkungen
auf die Arbeitsfähigkeit festgehalten: "Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung
(ADHS im Erwachsenenalter), mittelgradige depressive Episode mit somatischem
Syndrom vor dem Hintergrund einer psychosozialen Belastungssituation
(Arbeitslosigkeit) ICD-10: F32.10, Verdacht auf Persönlichkeitsstörung mit unreifen,
narzisstischen sowie emotional instabilen Zügen ICD-10: F60.8". Die
"Residualsymptomatik einer Legasthenie ICD-10: F81.0" habe keine Auswirkungen auf
die Arbeitsfähigkeit. Ab dem 1. April 2008 sei der Versicherte bis auf weiteres zu 100%
arbeitsunfähig (IV-act. 33). Im Verlaufsbericht der Klinik B._ vom 22./24. Oktober
2008 wurde vermerkt, dass sich durch die weitere Behandlung und die Beobachtungen
der Verdacht auf eine kombinierte Persönlichkeitsstörung erhärtet habe. Aus
psychotherapeutischer Sicht erschienen eine weitere intensive, ambulante
psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung und daneben eine unterstützte
Reintegration in den allgemeinen Arbeitsmarkt mit einem Teilpensum von 50% als
empfehlenswert. Der Versicherte hatte seinen stationären Aufenthalt am 3. Oktober
2008 beendet (IV-act. 40).
A.c Am 20. März 2009 berichtete die behandelnde Psychiaterin Dr. med. C._,
Fachärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, der Versicherte leide an einer
leichten depressiven Episode (F32.0), einer hyperkinetischen Störung des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sozialverhaltens (F90.1) und Problemen mit der Beziehung zum Ehepartner (Z63.8);
aktuell sei er noch zu 100% arbeitsunfähig. Eine engmaschige Sozio-/Psycho-und
medikamentöse Therapie sei empfehlenswert. Die Prognose sei mittel bis gut und es
könne mittelfristig mit einer Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit zu 100%
gerechnet werden (IV-act. 51-3 f.).
A.d Am 15. Juni 2009 wurde der Versicherte durch med. pract. D._ und Dr. med.
E._, Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, psychiatrisch abgeklärt (IV-
act. 56). Die Gutachter hielten die Diagnosen "Kombinierte Persönlichkeitsstörung mit
narzisstischen, sensitiven und emotional instabilen (impulsiver Typus) Zügen (ICD-10:
F61.0), rezidivierende depressive Störung, derzeit remittiert (ICD-10: F33.4) und
Verdacht auf einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung im Erwachsenenalter
ADHS (ICD-10: F90.0)" fest. Die Diagnose einer ADHS im Erwachsenenalter sei
nochmals zu diskutieren, da nicht alle erforderlichen Kriterien dieser Diagnose erfüllt
seien. Diagnostisch sei beim Versicherten von einer erheblichen strukturellen
Vulnerabilität im Sinne einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen,
sensitiven und emotional instabilen Zügen (impulsiver Typus) auszugehen. Daher
bestünden beim Versicherten nicht unerhebliche Defizite bezüglich der
Selbstwahrnehmung, der Fremdwahrnehmung, der Selbststeuerung, der
Kommunikation und der Bindung (IV-act. 56-18). Aus psychiatrischer Sicht seien die
therapeutischen Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft. Aufgrund der aufgeführten
psychischen Störungen bestünden leichte Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit und
der Leistungsfähigkeit, bedingt durch eine leichte Einschränkung der Stress- und
Frustrationstoleranz, sowie eine leichte bis mittelschwere Einschränkung der
emotionalen Belastbarkeit, insbesondere der Konflikt- und Anpassungsfähigkeit.
Tätigkeiten mit Anforderungen an die Teamfähigkeit oder Tätigkeiten mit
Kundenkontakt seien daher nicht zu empfehlen. Diese Einschränkungen seien
qualitativ, quantitativ bestünden keine Einschränkungen. Der Versicherte verfüge über
die besonderen Ressourcen einer überdurchschnittlichen Intelligenz und einer guten
Konzentrationsfähigkeit. Ab dem Zeitpunkt der gutachterlichen Untersuchung im Juni
2009 lasse sich eine Arbeitsunfähigkeit von 0% in der angestammten Tätigkeit als
Konstrukteur und in adaptierten Tätigkeiten belegen. Ideal adaptiert seien Tätigkeiten,
die keine erhöhten Anforderungen an die Stress- und Frustrationstoleranz und an die
sozialen Kompetenzen, insbesondere die Konflikt- und Anpassungsfähigkeit stellten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(IV-act. 56-19). Aus medizintheoretischer Sicht könne die berufliche Eingliederung
sofort beginnen, wobei eine empathische und wohlwollende Begleitung angestrebt
werden sollte. Nach der längeren Abwesenheit vom Arbeitsprozess erscheine es als
erforderlich, dem Versicherten eine längere Einarbeitungszeit von ca. 3-4 Monaten mit
einem schrittweise steigenden Pensum zu ermöglichen (IV-act. 56-20).
A.e Der Regionale Ärztliche Dienst Ostschweiz (RAD) hielt in einer internen
Stellungnahme vom 3. Juli 2009 fest, der Versicherte sei in der zuletzt ausgeübten
Tätigkeit nicht mehr arbeitsfähig. Denn entgegen der gutachterlichen Einschätzung
habe diese Tätigkeit nicht nur "fast ausschliesslich in PC-Tätigkeit" bestanden, sondern
auch die Beratertätigkeit beim Kunden umfasst. Ansonsten sei im Gutachten plausibel
dargelegt worden, dass sich die mittelgradige depressive Episode seit dem Frühjahr
2008 allmählich verbessert hat, so dass im März 2009 nur noch eine leichte depressive
Episode bestanden habe und zum Untersuchungszeitpunkt im Juni 2009 keine
depressiven Symptome mehr feststellbar gewesen seien (IV-act. 61).
A.f Am 14. Oktober 2009 führte die IV-Eingliederungsverantwortliche ein Gespräch mit
dem Versicherten. Dabei gab dieser an, er sehe keine Möglichkeit, in der freien
Wirtschaft tätig zu sein. Die einzige Möglichkeit sehe er in einem geschützten Rahmen.
Auf den Vorschlag, in die Arbeitsvermittlung einzusteigen, ging der Versicherte nicht ein
(IV-act. 60). Am 20. November 2009 wurde ihm mitgeteilt, dass die Arbeitsvermittlung
abgeschlossen werde, weil er sich subjektiv nicht arbeitsfähig fühle (IV-act. 66). Mit
einem Vorbescheid vom 20. November 2009 kündigte die IV-Stelle dem Versicherten
an, sie werde ihm bei einem IV-Grad von 41% eine Viertelsrente zusprechen (IV-
act. 68).
B.
B.a Am 5. Januar 2010 liess der Versicherte durch seine Rechtsvertreterin Einwand
erheben (IV-act. 75), worin diese die Aufhebung der Verfügung und die Anordnung
beruflicher Massnahmen beantragte. Die IV-Stelle holte daraufhin weitere Berichte ein.
B.b Die Ärzte des Psychiatriezentrums F._ (wo der Versicherte seit November 2009
in ambulanter Behandlung war) berichteten am 1. März 2010, der Versicherte leide an
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einer Dysthymie (ICD-10: F34.1) auf dem Boden einer gemischten
Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F61) und einer einfachen Aktivitäts- und
Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10: F90). Aus psychiatrischer Sicht sei im aktuellen
Zeitpunkt nicht zu erwarten, dass der Versicherte in einer beruflichen Tätigkeit, die
Teamarbeit erfordere, bestehen könne. Es seien wiederholt zwischenmenschliche
Konflikte zu erwarten, so dass der Versicherte im Gesamtrahmen eines
Arbeitsprozesses nicht tragbar sei. Sinnvoll wäre eine Arbeitsabklärung in einem
Arbeitsprogramm, um die Arbeitsfähigkeit abzuklären. Die Erfahrungen in der
Tagesklinik legten eine Einschränkung von mind. 60% nahe (IV-act. 90-2 f.).
B.c Am 22. Juni 2010 berichtete Dr. med. G._, Facharzt für Psychiatrie
und Psychotherapie, der Versicherte werde aktuell in der Klink H._ im Bereich
Akutpsychiatrie und Psychotherapie behandelt. Im Juli 2010 sei ein Eintritt in die
Tagesklink I._ geplant. Das Ziel sei eine Integration zurück ins Berufsleben beginnend
mit einer 50%igen Arbeitsbelastung im Anschluss an die tagesklinische Behandlung
(IV-act. 98-3). Dr. med. J._, Leiterin der Psychiatrischen Tagesklink, berichtete am
3. September 2010, der Versicherte sei vom 2. bis 27. August 2010 in der Tagesklinik in
Behandlung gewesen. Die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit sei schwierig. Aktuell sei
von ca. 50%, allerdings abhängig von gewissen Arbeitsbedingungen, auszugehen. Zu
empfehlen sei ein Arbeitsplatz mit wenig Team-Arbeit und wenig Personenkontakten.
Unter diesen Bedingungen müsse die Leistungsfähigkeit neu geprüft werden (IV-
act. 110).
B.d Dr. med. K._, Leiter des Ambulatoriums des Psychiatrischen Zentrums I._,
berichtete am 5. November 2010, der Versicherte befinde sich in psychiatrischer
Behandlung bei Frau med. prakt. L._. Er nehme Gesprächstermine in wöchentlichen
Abständen wahr. Die Verbesserung der sozialen Verhältnisse und der Aufbau einer
Tagesstruktur hätten eine stabilisierende Wirkung. Berufliche Massnahmen seien
angezeigt. Adaptierte Tätigkeiten (wenig Leistungsdruck, ruhige
Arbeitsplatzatmosphäre, vertrauensvolle Bezugsperson, wenig Personenkontakt, wenig
Teamkontakt und strukturiertes Arbeitsaufkommen) seien im Umfang von ca. 50%
vorstellbar (IV-act. 112).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.e Einer internen Stellungnahme der RAD-Ärztin Dr. med. M._, Fachärztin FMH für
Psychiatrie und Psychotherapie, ist zu entnehmen, dass der Versicherte von der
Eingliederungsberaterin als sehr auffällig, impulsiv, verbal selbst- und fremdaggressiv
wahrgenommen worden sei, so dass kein Eingliederungspotenzial vorhanden sei. Aus
medizinischer Sicht sei festzuhalten, dass sicher Ressourcen für angepasste
Tätigkeiten bestünden, diese aber aktuell unter 50% liegen dürften und auch nur in
einem geschützten Rahmen realisierbar seien (IV-act. 121). Am 1. Februar 2011 wurde
dem Versicherten mitgeteilt, dass aufgrund seines Gesundheitszustandes aktuell keine
beruflichen Massnahmen möglich seien (IV-act. 125).
B.f Am 7. Juli 2011 berichtete Dr. L._, der Versicherte sei für alle Tätigkeiten auf
dem ersten Arbeitsmarkt zu 100% arbeitsunfähig. Die Beziehungsfähigkeit habe sich
leicht verbessert. So habe der Versicherte vorsichtig begonnen, soziale Kontakte
aufzubauen. Eine ausgeprägte depressive Symptomatik mit Antriebslosigkeit,
Affektlabilität, Hoffnungslosigkeit, Insuffizienzgefühlen, Stimmungsschwankungen,
erhöhter Anspannung, Impulsivität und Kontrollverlust seien aber weiterhin vorhanden
(IV-act. 135).
B.g Am 2. Dezember 2011 wurde eine medizinische (psychiatrische)
Verlaufsbegutachtung angeordnet (IV-act. 137), die am 23. April 2012 durchgeführt
wurde (IV-act. 143). Die Gutachter med. pract. D._ und Dr. med. E._ hielten fest,
der Versicherte habe während der Untersuchung lebendig, aktiv und initiativ gewirkt.
Zwischen seiner Beschwerdeschilderung und den angegebenen Aktivitäten und
zwischenmenschlichen Kontakten hätten sich Diskrepanzen ergeben. Insgesamt sei
der Eindruck einer Verdeutlichungstendenz und punktuell auch der Eindruck einer
gewissen Aggravationstendenz entstanden. Die Grundstimmung des Versicherten sei
ausgeglichen, der Affekt angepasst und adäquat gewesen. Der Antrieb und die
Psychomotorik seien während der mehrstündigen Untersuchung unauffällig, die
Aufmerksamkeit und das Konzentrationsvermögen gut gewesen. Bei einem weitgehend
unauffälligen psychopathologischen Befund seien persönlichkeitsstrukturelle
Auffälligkeiten sowie psychosoziale Belastungsfaktoren in den Vordergrund gerückt (IV-
act. 143-15). Diagnostisch sei beim Versicherten von einer rezidivierenden depressiven
Störung, gegenwärtig voll remittiert, auszugehen, die auf dem Boden einer
kombinierten Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen, emotional instabilen und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sensitiven Zügen entstanden sei (IV-act. 143-17). Retrospektiv betrachtet, habe der
Gesundheitszustand des Versicherten seit Juni 2009 gewissen zu erwartenden
Schwankungen im Rahmen der rezidivierenden depressiven Störung und im Rahmen
von psychosozialen Belastungsfaktoren unterlegen. Neben leichten und mittelgradigen
depressiven Episoden hätten sich auch längere Zeiten der Remission der depressiven
Symptomatik eruieren und anhand der Aktenlage klar belegen lassen (IV-act. 143-18).
Aufgrund der psychischen Störungen bestünden leichte Einschränkungen der
Arbeitsfähigkeit und der Leistungsfähigkeit, bedingt durch eine leichte Einschränkung
der Stress-und Frustrationstoleranz sowie eine leichte bis mittelschwere Einschränkung
der emotionalen Belastbarkeit, insbesondere der Konflikt- und Anpassungsfähigkeit.
Tätigkeiten mit Anforderungen an die Teamfähigkeit oder mit Kundenkontakt seien
daher eher nicht zu empfehlen. Diese Einschränkungen seien als qualitativ zu
betrachten, quantitative Einschränkungen bestünden nicht. Als Ressourcen seien eine
überdurchschnittliche Intelligenz sowie gute kognitive Fähigkeiten einschliesslich einer
guten Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit zu nennen (IV-act. 143-19). Als
therapeutische Option sei eine kontinuierliche und längerfristige psychiatrisch
psychotherapeutische Behandlung zu empfehlen. Die Behandlung sei vor allem zur
Verbesserung der Lebensqualität und im Sinne einer Prophylaxe der rezidivierenden
depressiven Störung und Erhaltung der Arbeitsfähigkeit zu empfehlen. Aufgrund der
mehrjährigen körperlichen und psychischen Dekonditionierung erscheine es
erforderlich, dem Versicherten eine längere Einarbeitungszeit von ca. 3-4 Monaten mit
schrittweise steigendem Pensum bis zum Vollzeitpensum zu ermöglichen. Die
berufliche Eingliederung könne aus medizintheoretischer Sicht sofort beginnen (IV-
act. 143-20).
B.h Mit einem Vorbescheid vom 11. Oktober 2012 kündigte die IV-Stelle dem
Versicherten an, sie werde sein Leistungsbegehren bei einem IV-Grad von 0%
abweisen (IV-act. 148).
C.
C.a Am 9. November 2012 erhob die Vertreterin des Versicherten Einwand (IV-
act. 156). Am 4. Januar 2013 erfolgte eine ergänzende Begründung (IV-act. 161).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.b Die RAD-Ärztin Dr. M._ hielt am 29. Januar 2013 fest, es werde deutlich, dass
die Gutachter und die Eingliederungsverantwortlichen den Sachverhalt von zwei
verschiedenen Blickwinkeln aus beurteilten. Einerseits sei die fachliche Kompetenz
unbestritten und es liege keine psychische Störung vor, welche die Arbeitsfähigkeit als
Konstrukteur einschränke. Andererseits zeige sich das Kommunikationsverhalten des
Versicherten als so auffällig, dass die Interaktionen auf sozialer Ebene ausschlag
gebend seien, ob eine Tätigkeit nachhaltig möglich sei oder nicht. Von gutachterlicher
Seite sei die Arbeitsfähigkeit angestammt als Konstrukteur trotzdem als zu 100% ge
geben eingeschätzt worden. Von der Eingliederungsberaterin und der behandelnden
Psychiaterin hingegen sei ein Arbeitsplatz, der den geringen Sozialfertigkeiten des
Versicherten entspreche, nicht in der freien Wirtschaft gesehen worden. Die
gutachterliche Einschätzung einer 100%igen Arbeitsfähigkeit sei nachvollziehbar. Die
qualitativen Adaptionskriterien seien jedoch eng zu vermuten, so dass die
Verwertbarkeit im freien Arbeitsmarkt durchaus eingeschränkt sein könne (IV-act. 162).
C.c Mit einer Verfügung vom 28. März 2013 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren
des Versicherten ab. Zur Begründung führte sie an, der Versicherte sei in seiner
angestammten Tätigkeit als Konstrukteur zu 100% arbeitsfähig. Bei einem IV-Grad von
0% bestehe demnach kein Anspruch auf eine Rente (IV-act. 163).
D.
D.a Am 3. Mai 2013 liess der Versicherte durch seine Rechtsvertreterin Beschwerde
erheben und eine ganze Rente beantragen (act. G 1). Zur Begründung führte die
Rechtsvertreterin an, im Gutachten D._ werde eine Arbeitsfähigkeit definiert, die sich
im ersten Arbeitsmarkt nicht umsetzen lasse. Die Probleme, an denen der
Beschwerdeführer im Arbeitsalltag und im privaten Umfeld leide, seien beispielhaft
durch die ehemalige Arbeitgeberin beschrieben und durch verschiedene Ärzte bestätigt
worden. Es ziehe sich wie ein roter Faden durch das IV-Dossier, dass der
Beschwerdeführer aufgrund seiner Erkrankung keinen Zugang zu anderen Personen
mehr finde. So habe er den Zugang zu anderen Personen im Arbeitsverhältnis nicht
mehr gefunden, er habe Schwierigkeiten, Zugang zu einem Arzt zu finden,
Beziehungen im persönlichen Umfeld seien zerbrochen und er lebe heute sozial
zurückgezogen. Teil der Erkrankung sei, dass der Beschwerdeführer nicht in der Lage
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sei wahrzunehmen, was "falsch" an seinem Verhalten sei und wie er deshalb sein
Verhalten ändern solle. Die Einschränkungen des Beschwerdeführers verunmöglichten
ihm praktisch gänzlich die Zusammenarbeit in einem Betrieb. Es komme nurmehr eine
Tätigkeit in Frage, die losgelöst von anderen Mitarbeitern erfolgen könne. Als
Elektroingenieur (Konstrukteur) sei die Zusammenarbeit mit einem Auftraggeber und in
einem Team unerlässlich. Zu den Schlussfolgerungen im Gutachten sei zu bemerken,
dass die Arbeits-und Lebensverhältnisse des Beschwerdeführers weniger stabil
gewesen seien als im Gutachten beschrieben. Im letzen Arbeitsverhältnis hätten sich
bereits kurz nach Anstellungsbeginn die gewohnten Probleme gezeigt. Daher könne
nicht von einer zufriedenstellenden Leistung über drei Jahre hinweg gesprochen
werden. Zwar sei versucht worden, aufgrund des fachlichen Potenzials des
Beschwerdeführers eine gangbare Lösung für den Arbeitsalltag zu finden, das habe
aber letztlich nicht funktioniert. Tatsächlich sei es dem Beschwerdeführer trotz seiner
Persönlichkeitsstörung gelungen, immer wieder eine Anstellung zu finden und im
Privatbereich einigermassen stabile Strukturen zu erreichen. Längerfristig sei ihm dies
aber nicht möglich gewesen; die Persönlichkeitsstörung habe dies unterbunden. Dies
zeigten der Arbeitsplatzverlust im Jahr 2008, die Scheidung im Jahr 2010 und auch der
soziale Rückzug. Im Gutachten sei nicht aufgezeigt worden, welche Tätigkeiten dem
Beschwerdeführer noch möglich seien. Den Anforderungen als Konstrukteur sei der
Beschwerdeführer gerade nicht mehr gewachsen gewesen. Ein Konstrukteur sei
nämlich darauf angewiesen, mit Zeichnern, dem technischen Leiter, der Werkstatt und
der Produktion, den Lieferanten, den Auftraggebern und im Team mit anderen
Konstrukteuren zusammenarbeiten und kommunizieren zu können. Ein Konstrukteur
arbeite nicht im stillen Kämmerlein allein vor sich hin. Der Beschwerdeführer gehe
davon aus, dass 50% der Tätigkeit des Konstrukteurs in "Kommunikation" bestehe. Die
Beschwerdegegnerin habe das medizinische Anforderungsprofil nicht auf die
berufspraktische Umsetzung überprüft. Es hätte unbedingt von berufsberaterischer
Seite geprüft werden müssen, inwiefern eine konkrete Umsetzbarkeit der
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers im ersten Arbeitsmarkt als Konstrukteur bzw.
in einer andern leidensadaptierten Tätigkeit gegeben sei. In einem Umfeld, das auf
sämtliche Einschränkungen des Beschwerdeführers Rücksicht nehmen könne, er nach
genügender Einarbeitungszeit allenfalls eine Arbeitsfähigkeit von 100% erreichen. Auf
dem ersten Arbeitsmarkt sei seine Arbeitsfähigkeit jedoch nicht verwertbar. Weil dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer damit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt keine zumutbare
Tätigkeit mehr offen stehe, habe er nach Ablauf des Wartejahres einen Anspruch auf
eine ganze Rente.
D.b Am 7. August 2013 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie an, aus medizinischer Sicht stütze
sich die angefochtene Verfügung auf die beiden psychiatrischen Gutachten, laut denen
der Beschwerdeführer in der angestammten Tätigkeit als Konstrukteur sowie in einer
angepassten Tätigkeit, die keine hohen Anforderungen an die Stress- und
Frustrationstoleranz sowie an Konflikt- und Anpassungsfähigkeit stelle, als zu 100%
arbeitsfähig zu betrachten sei. Bei der Würdigung der Gutachten falle ins Gewicht,
dass diese die Leitlinien der Schweizerischen Gesellschaft für Versicherungspsychiatrie
und Begutachtung psychischer Störungen und die von der Rechtsprechung
aufgestellten Anforderungen an ein Gutachten erfüllten. In beiden Gutachten seien eine
rezidivierende depressive Störung, derzeit remittiert (ICD-10: F33.4), eine kombinierte
Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F61.0) und ein Verdacht auf ein ADHS im
Erwachsenenalter (ICD-10: F90) diagnostiziert worden. Die gutachterlichen
Schlussfolgerungen seien schlüssig und nachvollziehbar. Die Gutachter hätten die
Tätigkeiten beschrieben, die der Beschwerdeführer trotz seiner Einschränkungen noch
ausführen könne. Nicht zumutbar – im Sinne qualitativer Einschränkungen – seien
Tätigkeiten, die hohe Anforderungen an die Stress- und Frustrationstoleranz sowie an
die Konflikt- und Anpassungsfähigkeit stellten. Laut den Gutachtern erfülle die
angestammte Tätigkeit, mit überwiegender PC-Tätigkeit ohne hohe Anforderungen an
die Teamfähigkeit und ohne qualifizierten Kundenkontakt nachvollziehbar die
Anforderungen an eine adaptierte Tätigkeit. Trotz des eingeschränkten Spektrums der
dem Beschwerdeführer wegen der psychischen Beeinträchtigungen noch zumutbaren
Tätigkeiten sei also immer noch von einem hinreichend grossen Arbeitsmarkt mit
realistischen Betätigungsmöglichkeiten auszugehen; besonders wenn berücksichtigt
werde, dass der ausgeglichene Arbeitsmarkt auch sogenannte Nischenarbeitsplätze
umfasse. Im Übrigen seien an die Konkretisierung von Arbeitsgelegenheiten und
Verdienstaussichten keine übermässig hohen Anforderungen zu stellen. Angesichts der
vollen Arbeitsfähigkeit im angestammten Berufsfeld sei auch keine berufsberaterische
Abklärung erforderlich.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
D.c In ihrer Replik vom 26. September 2013 beantragte die Rechtsvertreterin
nochmals, die Verwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit auf dem freien Arbeitsmarkt sei
anhand der qualitativen Adaptionskriterien konkret zu prüfen (act. G 8).
D.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 10. Oktober 2013 auf eine Duplik und
hielt an ihren Ausführungen und ihrem Antrag vollumfänglich fest (act. G 10).

Erwägungen:
1.
1.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze
oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG, SR 830.1]), das heisst der
durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit
verursachte und nach ärztlicher Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Bestimmung des
Invaliditätsgrades wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach
Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und
allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei
ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in
Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht
invalid geworden wäre (Valideneinkommen; Art. 16 ATSG).
1.2 Gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG,
SR 831.20) haben Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im
Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wiederherstellen, erhalten oder verbessern können, Anspruch auf eine Rente (lit. a),
wenn sie während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40% invalid sind (lit. c). Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
besteht Anspruch auf eine Viertelsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
50% auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60% auf eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dreiviertelsrente und ab einem Invaliditätsgrad von mindestens 70% auf eine ganze
Invalidenrente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.3 Für die Bemessung des Invaliditätsgrades sind die zuständige Behörde und
später das Gericht auf von den Ärzten zur Verfügung zu stellende Unterlagen
angewiesen. Aufgabe der Ärzte ist es denn auch, den Gesundheitszustand zu
beurteilen und dazu Stellung zu nehmen in welchem Umfang und bezüglich welcher
Tätigkeiten der Versicherte arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261, E. 4 mit weiteren
Hinweisen). Im Rahmen der freien Beweiswürdigung dürfen sich Verwaltung und
Gericht weder über die medizinischen Tatsachenfeststellungen hinwegsetzen, noch
sind die ärztlichen Einschätzungen zur Arbeitsfähigkeit unbesehen ihrer
sozialversicherungsrechtlichen Tragweite zu übernehmen. Die rechtsanwendende
Behörde hat sorgfältig zu prüfen, ob die ärztliche Einschätzung der Arbeitsfähigkeit
auch invaliditätsfremde Gesichtspunkte (insbesondere psychosoziale und
soziokulturelle Belastungsfaktoren) mitberücksichtigt, welche vom
sozialversicherungsrechtlichen Standpunkt aus, unbeachtlich sind (BGE 130 V 356,
E. 2.2.5).
2.
2.1 Der Beschwerdeführer hat sich zum Bezug einer Invalidenrente/beruflicher
Massnahmen angemeldet, weil er aus krankheitsbedingten (psychischen) Gründen
wiederholt seine Stelle verloren hat. Im psychiatrischen Gutachten vom 22. Juni 2009
sind die Diagnosen "kombinierte Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen, sensitiven
und emotional instabilen (impulsiver Typus) Zügen (ICD-10: F61.0), rezidivierende
depressive Störung, derzeit remittiert (ICD-10: F33.4) und V.a. einfache Aktivitäts- und
Aufmerksamkeitsstörung im Erwachsenenalter" festgehalten worden. Aufgrund dieser
psychischen Störungen bestehe eine leichte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit und
der Leistungsfähigkeit, bedingt durch eine leichte Einschränkung der Stress- und
Frustrationstoleranz sowie eine leichte bis mittelschwere Einschränkung der
emotionalen Belastbarkeit insbesondere der Konflikt- und Anpassungsfähigkeit. Der
Beschwerdeführer könne erhöhte Anforderungen an die Teamfähigkeit und einen
qualifizierten Kundenkontakt nicht erfüllen, ansonsten bestehe aber eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit für die angestammte und andere Tätigkeiten. Eine Tätigkeit in einem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
geschützten Rahmen sei nicht erforderlich. Die Gutachter haben den Beschwerdeführer
auch für seine letzte Tätigkeit als zu 100% arbeitsfähig eingeschätzt.
2.2 Insgesamt ist der gutachterlichen Einschätzung zu folgen. Beide Gutachten
überzeugen inhaltlich, sind verständlich und die Begründung der
Arbeitsfähigkeitsschätzung ist gut nachvollziehbar. Die Gutachter haben argumentiert,
dass der Beschwerdeführer seine letzte Tätigkeit immerhin drei Jahre lang vollzeitlich
ausgeübt habe. Die Tatsache, dass das Arbeitsverhältnis dann aber letztlich doch
aufgelöst wurde, nachdem die Probleme bereits zu Beginn festgestellt worden waren,
deutet darauf hin, dass die Situation letztlich wohl für beide Seiten untragbar war. Der
RAD-Arzt Dr. med. N._ hat aufgezeigt, dass die zuletzt ausgeübte Tätigkeit nicht
ausschliesslich in PC-Arbeit bestanden, sondern auch die Beratertätigkeit beim
Kunden umfasst hat. Diese zusätzliche Aufgabe entspricht wohl nicht der
durchschnittlichen Tätigkeit eines Konstrukteurs. Den Qualifikationsprotokollen des
ehemaligen Arbeitgebers ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer in dieser
Tätigkeit aussergewöhnlich viel Kundenkontakt hatte. Sein Aufgabenbereich umfasste
auch die Beratertätigkeit beim Kunden; er musste die technischen Lösungen dem
Kunden vorstellen und erklären. Dies verlangt Anpassungsfähigkeit und
Kommunikationsfähigkeit; technische Lösungen müssen erklärt und vorgestellt werden
können. Eine Konsensfindung mit dem Kunden ist unabdingbar. Die Gutachter haben
aufgezeigt, dass der Beschwerdeführer einen solchen qualifizierten Kundenkontakt
nicht erfüllen kann. Unter Berücksichtigung dieser speziellen Voraussetzungen ist es
tatsächlich unwahrscheinlich, dass es dem Beschwerdeführer noch möglich ist, eine
Arbeitstätigkeit an exakt dieser Stelle auszuüben. Geht man aber davon aus, dass eine
durchschnittliche Tätigkeit als Konstrukteur nur wenige "Aussenkontakte" enthält und
die Tätigkeit als Konstrukteur tatsächlich vorwiegend aus PC-Arbeit besteht, leuchtet
es ein, dass der Beschwerdeführer als Konstrukteur überwiegend wahrscheinlich zu
100% arbeitsfähig ist. Im Verlaufsgutachten vom 23. April 2012 haben die
psychiatrischen Gutachter zudem anschaulich dargestellt, dass es dem
Beschwerdeführer trotz der seit der Jugend bzw. seit dem frühen Erwachsenenalter
bestehenden kombinierten Persönlichkeitsstörung und der ggf. vorliegenden ADHS
möglich gewesen sei, den Beruf Maschinenzeichner zu erlernen und nachfolgend
parallel zur Berufstätigkeit die Ausbildung zum Maschinentechniker sowie zum
Ingenieur HTZ der Elektrotechnik erfolgreich abzuschliessen. Er habe trotz der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
kombinierten Persönlichkeitsstörung vollzeitlich gearbeitet und sich parallel dazu
weitergebildet, was von einer uneingeschränkten (quantitativen) Arbeitsfähigkeit zeuge.
Hinzu komme, dass der Beschwerdeführer trotz seiner kombinierten
Persönlichkeitsstörung eine langjährige partnerschaftliche Beziehung aufrechterhalten,
eine Familie gründen und für deren Unterhalt habe sorgen können. Damit haben die
Gutachter überzeugend darzulegen vermocht, dass der Beschwerdeführer durch seine
Persönlichkeitsstörung in seiner Arbeitsfähigkeit nicht quantitativ eingeschränkt ist,
solange auf die genannten qualitativen Einschränkungen Rücksicht genommen wird.
2.3 Die behandelnde Psychiaterin hatte beim Beschwerdeführer zuletzt eine
mittelgradige depressive Episode diagnostiziert. Die Gutachter hingegen haben die
rezidivierende depressive Störung als im Untersuchungszeitpunkt remittiert bezeichnet.
Dazu haben sie festgehalten, dass sie die von den Ärzten des Psychiatrischen
Zentrums I._ beschriebene mittelgradige depressive Episode nicht bestätigen
könnten. Immerhin seien bereits mehrere Behandlungsmonate ohne wesentliche
Veränderung der Medikation vergangen und das Behandlungssetting sei gleichzeitig
auch reduziert worden. Falls eine mittelgradige depressive Episode tatsächlich
vorgelegen haben sollte, sei sie spätestens seit April 2012 remittiert. So hätten die
behandelnden Ärzte in ihrem Bericht von Juli 2011 denn auch eine Verbesserung des
Zustandes beschrieben. Die attestierte Arbeitsunfähigkeit von 100% sei daher nicht
nachvollziehbar. Aus gutachterlicher Sicht sei anzunehmen, dass die behandelnden
Psychiater die subjektiven Beschwerden des Beschwerdeführers zu stark gewichtet
bzw. ihre Einschätzung weitgehend, wenn nicht fast ausschliesslich, darauf abgestellt
hätten. Weiter hätten sie wohl ausgehend vom bio-psychosozialen Krankheitsbild die
psychosozialen Belastungsfaktoren in ihre Einschätzung mit einbezogen. Weiter haben
die Gutachter festgehalten, dass es dem Beschwerdeführer möglich sei, Hobbies zu
pflegen, v.a. das Motorradfahren. Aus gutachterlich-psychiatrischer Sicht hätten sich
beim Beschwerdeführer zwar zeitlich begrenzte quantitative Einschränkungen der
Arbeitsfähigkeit während seiner depressiven Episoden und während den stationären
Behandlungsphasen eruieren lassen; die depressiven Episoden seien aber leicht bis
mittelgradig ausgeprägt gewesen und sie seien unter einer adäquaten Behandlung
stets remittiert. Eine schwere depressive Symptomatik, die zu einer längeren
Arbeitsfähigkeit hätte führen können, habe beim Beschwerdeführer noch nie
vorgelegen. Hingegen hätten diverse psychosoziale Belastungsfaktoren, welche den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Krankheitsverlauf beeinflusst haben (subjektives Krankheitskonzept, berufliche
Dekonditionierung bei Arbeitslosigkeit seit April 2008, inzwischen eher mangelnder
beruflicher Ehrgeiz und mangelnde Motivation zur Wiederaufnahme der
Erwerbstätigkeit, partnerschaftliche und familiäre Konflikte, Trennung der Ehefrau,
Veränderung des bisherigen Wohnsitzes, Rentenwunsch), eruiert werden können.
Diese Faktoren, die Verdeutlichungstendenzen und z.T. auch die
Aggravationstendenzen sowie der hohe sekundäre Krankheitsgewinn spielten eine
wesentliche Rolle dafür, dass der Beschwerdeführer sich selbst nicht mehr als
arbeitsfähig einschätze. Die Diagnosen der Gutachter und ihre Einschätzung sind
nachvollziehbar begründet worden. Sie haben die psychosozialen Belastungsfaktoren
angegeben und diese bei der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit ausgeschlossen.
Weiter haben sie erklärt, dass die behandelnden Ärzte im Rahmen ihres
Heilungsauftrages auf ein bio-psycho-soziales Krankheitsbild bei ihren Patienten
abstellen und daher zu einer höheren Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit gelangen als
die Gutachter. Durch die andere (objektive) Perspektive der Gutachter, die jegliche
psychosozialen Belastungsfaktoren klar ausklammern müssen, gegenüber den
behandelnden Ärzten, die einen Heilungsauftrag haben und dem bio-psychosozialen
Behandlungsmodell verpflichtet sind, erklärt sich auch die abweichende Einschätzung
der Gutachter. Das Gutachten wurde entsprechend den von der Rechtsprechung
aufgestellten Kriterien erstellt; es beruht auf einer sorgfältigen Würdigung der Vorakten
und eigenen Untersuchungen der Gutachter. Es überzeugt inhaltlich und in seinen
Schlussfolgerungen vollständig. Damit kann auch auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung
der Gutachter abgestellt werden. Dementsprechend konnte beim Beschwerdeführer
keine Beeinträchtigung mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit festgestellt werden;
er ist in einer adaptierten Berufstätigkeit vollständig arbeitsfähig.
3.
Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers hat angeführt, die Gutachter hätten eine
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers definiert, die sich im ersten Arbeitsmarkt nicht
umsetzen lasse. Mit dieser Argumentation wirft sie die Frage nach der Verwertbarkeit
der Arbeitsfähigkeit auf. Es ist also zu prüfen, ob der Beschwerdeführer in einem
hypothetisch ausgeglichenen Arbeitsmarkt noch als vermittelbar gelten und seine
Arbeitsfähigkeit verwerten kann. Der Begriff des hypothetisch ausgeglichenen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsmarktes dient dazu, den Leistungsbereich der Invalidenversicherung von
demjenigen der Arbeitslosenversicherung abzugrenzen. Der theoretisch ausgeglichene
Arbeitsmarkt (Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage) umfasst einen breiten Fächer
verschiedenartiger Stellen. Bei der Frage nach der Verwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit
ist demnach nicht darauf abzustellen, ob die versicherte Person vermittelt werden kann
(oder konnte), sondern einzig, ob sie ihre Arbeitsfähigkeit noch wirtschaftlich zu nutzten
vermöchte. Bei der Prüfung der wirtschaftlichen Verwertbarkeit der
(Rest-)Arbeitsfähigkeit darf nicht von realitätsfremden Einsatzmöglichkeiten
ausgegangen werden. Dabei kann insbesondere dort nicht von einer
Arbeitsgelegenheit gesprochen werden, wo die zumutbare Tätigkeit nur in so
eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der allgemeine Arbeitsmarkt praktisch nicht
kennt oder diese nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines
durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre (Urteil des Bundesgerichts vom 21. Sep
tember 2010, 9C_124/2010, E. 2.2, Urteil des Bundesgerichts vom 17. Januar 2014,
8C_669/2013, E. 4.3.2). In jedem Einzelfall ist zu bestimmen, ob eine invalide Person
die Möglichkeit hat, ihre restliche Erwerbsfähigkeit zu verwerten und ob sie ein
rentenausschliessendes Einkommen zu erzielen vermag oder nicht. Dabei dürfen von
der versicherten Person keine Vorkehren verlangt werden, die unter Berücksichtigung
der gesamten objektiven und subjektiven Gegebenheiten des Einzelfalls nicht zumutbar
sind (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007:
Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 10. März 2003, I 617/02, E. 3.1
mit Hinweisen). Der Beschwerdeführer ist überdurchschnittlich intelligent, er verfügt
über eine gute Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit. Darüber hinaus ist er
sogar in seiner angestammten Tätigkeit – unter Berücksichtigung bestimmter
Bedingungen – weiterhin voll arbeitsfähig und verfügt bereits über grosse
Berufserfahrung. Dadurch hat er auch keinen Umstellungs- und Einarbeitungsaufwand
zu erwarten. Unter den Voraussetzungen, dass der Beschwerdeführer einen
verständnisvollen Vorgesetzten hat, er nur in sehr geringem Ausmass in einem Team
arbeiten muss und er nur geringen Kontakt zu "aussenstehenden" Auftraggebern hat,
ist es überwiegend wahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer eine Tätigkeit in seinem
angestammten Beruf als Konstrukteur ausüben und seine Arbeitsfähigkeit damit
vollständig wirtschaftlich verwerten kann. Zudem ist davon auszugehen, dass im
heutigen computerbasierten Arbeitsfeld des Beschwerdeführers ein allenfalls
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
notwendiger Austausch mit Mitarbeitern auch auf elektronischem Weg erfolgen könnte,
der weniger Konfliktpotenzial und Reibungsmöglichkeiten bietet, als der direkte
Kontakt. Die Persönlichkeitsstörung des Beschwerdeführers wirkt sich also, wenn in
ausreichender Weise darauf Rücksicht genommen wird, nicht auf seinen
Arbeitsfähigkeitsgrad aus. Dem Beschwerdeführer ist damit eine Verwertung seiner
Arbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zumutbar.
4.
4.1 Da der Beschwerdeführer auch mit seiner ihn beeinträchtigenden
Persönlichkeitsstörung in seiner angestammten Tätigkeit zu 100% arbeitsfähig ist und
damit das Validen- und das Invalideneinkommen auf der gleichen Basis zu erheben
sind, kann der Invaliditätsgrad mittels eines Prozentvergleichs ermittelt werden
(BGE 114 V 310, E. 3a). Der vom Beschwerdeführer zuletzt erzielte Verdienst entsprach
dem Durchschnittslohn in seiner Branche. Dem Beschwerdeführer ist es nach wie vor
zumutbar, seine angestammte Tätigkeit als Konstrukteur auszuüben. Zu
berücksichtigen ist aber, dass er dabei aufgrund seiner psychischen Störung leichte
qualitative Einschränkungen hat, auf die gebührend Rücksicht genommen werden
muss. Der Beschwerdeführer kann erhöhte Anforderungen an die Teamfähigkeit nicht
erfüllen und keinen qualifizierten Kundenkontakt bewältigen. Bei einem entsprechend
adaptierten Arbeitsplatz wirken sich diese Beeinträchtigungen grundsätzlich nicht aus.
Bei einer 100%igen Arbeitsfähigkeit würde selbst bei einem maximalen Abzug von
25% (zu Kompensation indirekt behinderungsbedingter Nachteile) kein IV-Grad
resultieren, der die rentenanspruchsbegründende Grenze von 40% erreicht.
4.2 Die psychiatrischen Sachverständigen haben beim Beschwerdeführer eine
rezidivierende depressive Störung diagnostiziert. Diese war aber sowohl im Gutachten
vom 22. Juni 2009 als auch im Gutachten vom 17. Juli 2012 als aktuell remittiert
beschrieben worden. Die Gutachter äusserten im Gutachten 2012 sogar Zweifel daran,
ob zuletzt überhaupt eine mittelgradige depressive Episode vorgelegen habe.
Jedenfalls ist gestützt auf die gutachterliche Einschätzung und in Würdigung der
gesamten Akten davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit nie während mehr als eines Jahres zu mindestens 40% andauernd
arbeitsunfähig gewesen ist. Ob die vorliegende Streitsache unter die vom Bundesamt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
für Sozialversicherung (BSV) festgelegte Ausnahmeregelung gemäss den IV-
Rundschreiben Nr. 253 vom 12. Dezember 2007 und Nr. 300 vom 15. Juli 2011 fällt –
weil sich der Beschwerdeführer noch innert der dort festgelegten Frist angemeldet hat
– kann dementsprechend offen bleiben.
4.3 Der Beschwerdeführer hat somit keinen Anspruch auf eine Rente.
Dementsprechend hat die Beschwerdegegnerin das Rentengesuch des
Beschwerdeführers zu Recht abgewiesen und die Beschwerde ist abzuweisen.
5.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Sie ist
vom unterliegenden Beschwerdeführer zu tragen. Sie ist durch den geleisteten
Kostenvorschuss in gleicher Höhe gedeckt. Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat
der Beschwerdeführer keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP