Decision ID: 8f4c9596-f4b7-4037-a800-619faabf1553
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 16.03.2017 Art. 28 IVG. Beweiskräftiges Gutachten. Da der Versicherte in einer körperlich adaptierten Tätigkeit bei einer Arbeitsfähigkeit von mindestens 90 % ein rentenausschliessendes Einkommen erzielen kann, hat er keinen Anspruch auf eine IV-Rente. Abweisung der Beschwerde (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 16. März 2017, IV 2014/113). Entscheid vom 16. März 2017 Besetzung Vizepräsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Karin Huber-Studerus und Miriam Lendfers; Gerichtsschreiberin Lea Hilzinger Geschäftsnr. IV 2014/113 Parteien A._, Beschwerdeführer, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Kreso Glavas, Advokatur Glavas AG, Haus zur alten Dorfbank, 9313 Muolen, gegen  des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen, Beschwerdegegnerin, Gegenstand Rente Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich erstmals im April 2004 wegen einer Knieverletzung und
Rückenschmerzen bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen zum Bezug von IV-
Leistungen an (IV-act. 1). Er gab an, in B._ als Goldschmied tätig gewesen zu sein; in
der Schweiz habe er eine Anlehre in der Textil-Fabrikation absolviert.
A.b Die C._ AG berichtete am 19. Mai 2004 (IV-act. 9), dass der Versicherte zu 100
% als Schichtmeister Nachtschicht für sie tätig gewesen sei. Sein Jahreslohn habe seit
dem 1. Januar 2001 Fr. 65'000.-- betragen (siehe auch IK-Auszug, IV-act. 7). Das seit
dem 1. Januar 1989 bestehende Arbeitsverhältnis sei wegen mangelnder Leistung und
Fehlverhaltens auf den 31. Dezember 2003 gekündigt worden, wobei die
Kündigungsfrist infolge eines Arbeitsunfalls am 25. November 2003 unterbrochen
worden sei.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.c Im Dezember 2005 wurde der Versicherte im Zentrum für Medizinische
Begutachtung (ZMB) polydisziplinär (allgemein-internistisch, orthopädisch und
psychiatrisch) begutachtet (Gutachten vom 17. Januar 2006, IV-act. 29). Als Diagnosen
mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gaben die Gutachter ein lumbospondylogenes
Syndrom, eine Gonarthrose rechtes Knie, ein cervicospondylogenes Syndrom
linksbetont und Schulterschmerzen rechts an. Als Nebendiagnosen nannten sie eine
depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode mit somatischem Syndrom und eine
anhaltende somatoforme Schmerzstörung im Sinne einer Verschiebung der
depressiven Symptomatik auf die somatische Ebene. Der orthopädische Gutachter Dr.
med. D._ hielt fest, dass die Instabilitätsbeschwerden am rechten Kniegelenk aktuell
sowohl subjektiv als auch objektiv weitgehend kompensiert zu sein schienen. Im
Vordergrund stünden belastungsabhängige Beschwerden im LWS-Bereich. Die
subjektiv angegebenen Beschwerden in diesem Bereich seien im Vergleich zu den
objektivierbaren klinischen und radiologischen Befunden übersteigert. Die
Schmerzangabe im Nackenbereich korreliere mit den degenerativen Veränderungen
der Bildgebung. Die starke Schmerzangabe im Bereich der rechten Schulter mit
anamnestisch bestehender Kraftlosigkeit lasse sich nicht eindeutig objektivieren. Die
Schulterbeschwerden seien eher als reaktiv bzw. funktionell im Rahmen einer diskreten
Impingementsituation zu werten. Aus rein orthopädischer Sicht bestehe für leichte,
rückenadaptierte Tätigkeiten ohne Heben und Tragen von Lasten über 10 kg, ohne
Zwangshaltungen und mit der Möglichkeit, die Arbeitspositionen mehrfach zu
wechseln, eine volle Arbeitsfähigkeit. Der psychiatrische Gutachter Dr. med. E._
erklärte, dass die Diskrepanz zwischen den eher bescheidenen somatischen Befunden
und dem Ausmass der subjektiv geklagten Beschwerden einer
Schmerzfehlverarbeitung zuzuschreiben sei. Es sei anzunehmen, dass der eher einfach
strukturierte Versicherte die Einschränkung der rohen Arbeitskraft als existentiell
bedrohlich und als Entwertung erlebt und diesen Umstand depressiv verarbeitet habe.
Dem Versicherten scheine es nicht gegeben zu sein, Gefühle differenziert
wahrzunehmen, geschweige denn zu äussern. Aufgrund dieser psychischen
Konstellation verwundere es wenig, dass sich die depressive Symptomatik mit der Zeit
auf die funktionelle Ebene verlagert habe. Es sei jedoch in aller Deutlichkeit
festzuhalten, dass das psychische Leiden keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
nach sich ziehe. In polydisziplinärer Sicht schätzten die Gutachter die Arbeitsfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
in der angestammten Tätigkeit auf 0 % und in einer körperlich adaptierten Tätigkeit auf
100 %.
A.d Mit Verfügung vom 22. November 2006 (IV-act. 67) wies die IV-Stelle das
Rentengesuch des Versicherten bei einem IV-Grad von 21 % ab. Das
Valideneinkommen bezifferte sie auf Fr. 66'235.-- (Lohn Schichtarbeiter Textilbranche
im Jahr 2006), das Invalideneinkommen auf Fr. 52'488.-- (LSE 2006, 100 %
Arbeitsfähigkeit, 10 % Tabellenlohnabzug, IV-act. 50-2).
A.e Im März 2011 meldete sich der Versicherte unter Verweis auf Knie- und
Rückenbeschwerden erneut bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen zum Bezug von
IV-Leistungen an (IV-act. 69). Am 4. April 2011 forderte die IV-Stelle ihn auf, eine
relevante Änderung der tatsächlichen Verhältnisse seit Erlass der
Rentenabweisungsverfügung glaubhaft zu machen (IV-act. 70). Der Versicherte liess
die ihm angesetzte Frist unbenutzt verstreichen, weshalb die IV-Stelle auf die neue
Anmeldung nicht eintrat (IV-act. 72).
B.
B.a Am 31. Mai 2012 meldete sich der Versicherte ein weiteres Mal zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 73). Er gab an, er habe seit Mai 2011
in einem Vollpensum als Hilfskoch-Allrounder für die F._ GmbH gearbeitet. Sein
Monatslohn habe Fr. 4'500.-- betragen (siehe auch IK-Auszug, IV-act. 86). Seit dem 28.
November 2011 sei er zu 100 % arbeitsunfähig. Als gesundheitliche
Beeinträchtigungen nannte er Rücken- und Nackenschmerzen. Am 1. Juni 2012
forderte die IV-Stelle den Versicherten auf, eine Veränderung in den tatsächlichen
Verhältnissen glaubhaft zu machen (IV-act. 74). Dieser teilte am 14. Juni 2012 mit, dass
er wegen einer Operation seit dem 28. November 2011 zu 100 % arbeitsunfähig sei (IV-
act. 77). Zudem reichte er ein Arztzeugnis von Dr. med. G._, Neurochirurgie FMH,
zuhanden der Krankentaggeldversicherung ein, wonach er seit dem 28. November
2011 als Hilfskoch voll arbeitsunfähig sei. Der letzte Eintrag datierte vom 23. Mai 2012
(IV-act. 78). Die zuständige IV-Sachbearbeiterin notierte am 23. Juni 2012 (IV-act. 80),
dass eine Verschlechterung der medizinischen Situation gegenüber der letzten
materiellen Prüfung gemäss dem RAD plausibel sei. Aktuell bestehe keine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit. Am 17. Juli 2012 informierte die IV-Stelle den Versicherten darüber,
dass sie auf die Wiederanmeldung eingetreten sei (IV-act. 89).
B.b Dr. med. H._, Allgemeinmedizin FMH, reichte anfangs September 2012 weitere
medizinische Unterlagen ein (IV-act. 94). Gemäss dem Austrittsbericht vom 3. März
2010 (IV-act. 94-7 ff.) war der Versicherte am 25. Februar 2010 von Dr. G._ in der
Klinik I._ an der Halswirbelsäule operiert worden (mikrochirurgische vordere
Diskektomie und Abtragen der Spondylosis sowie Einsetzen einer
Bandscheibenprothese C5/C6). Der postoperative Verlauf sei gut gewesen. Dr. med.
J._, Orthopädie K._, hatte am 23. Juli 2012 erklärt, dass am 11. September 2012
ein arthroskopisches, intraartikuläres Debridement am rechten Knie vorgenommen
werde (IV-act. 94-10 f.). RAD-Arzt Dr. med. L._ notierte am 26. April 2013 (IV-act.
110), dass mittels einer bidisziplinären Verlaufsbegutachtung (orthopädisch und
psychiatrisch) zu klären sei, wie sich die Arbeitsfähigkeit in einer leidensangepassten
Tätigkeit seit dem Jahr 2006 entwickelt habe.
B.c Am 10. Juli 2013 wurde der Versicherte von der Medizinisches Gutachtenzentrum
Region St. Gallen GmbH (MGSG) bidisziplinär (orthopädisch und psychiatrisch)
begutachtet (Gutachten vom 8. August 2013, IV-act. 115). Als Diagnose mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gaben die Gutachter eine femoropatelläre
Chondropathie Grad II bis III (mit Status nach Mikrofrakturierung trochlear 07/2012
sowie vorderer Kreuzbandinsuffizienz nach Ersatzplastik 04/1994 und Chondropathie
Grad II bis III des lateralen Tibiaplateaus nach lateraler Teilmeniskektomie 1993, 1999
und 2004 rechts bei reduziertem femorotibialem Alignement) an. Die Diagnosen ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit lauteten:
• Cervicovertebrales Syndrom bei Status nach Implantation einer
Bandscheibenprothese C5/C6 02/2010 bei Blockwirbelbildung C6/7
• lumbovertebrales Syndrom
• Senk-/Spreizfüsse
• Adipositas
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
• chronische depressive Verstimmung (Dysthymie), bestehend seit mindestens
01/2012 (ICD: F34.1)
• anhaltende somatoforme Schmerzstörung, bestehend seit Jahren (F45.4).
Der Versicherte gab anlässlich der Begutachtung an, dass die brennenden
Nackenschmerzen seit dem Eingriff im Februar 2010 im Vergleich zum präoperativen
Zustand zugenommen hätten und in den Kopf und die Brustwirbelsäule ausstrahlten,
wodurch der Nachtschlaf häufig gestört sei. Das Sitzen sei schmerzbedingt auf 30
Minuten und das Laufen auf 45 Minuten limitiert. Beim Bücken sowie beim Heben und
Tragen von Lasten verspüre er Schmerzen. Nach der letzten Operation im September
2012 hätten die stechenden Schmerzen medial und lateral im rechten Kniegelenk im
Vergleich zum präoperativen Zustand zugenommen. Knien sei rechts schmerzbedingt
nicht möglich. Der Gutachter Dr. med. M._ führte im orthopädischen Teilgutachten
aus, dass das Ausmass der Nackenschmerzen und der subjektiven Einschränkung der
körperlichen Leistungsfähigkeit bei nur geringen abnormen Untersuchungsbefunden
der HWS und trotz dem Metallartefakt (normaler MRI-Befund nach
Bandscheibenprothesenimplantation C5/C6) nicht nachvollzogen werden könne. Auch
das Ausmass der lumbalen Schmerzen habe bei einem fast normalen
Untersuchungsbefund der LWS und bei einem altersentsprechend normalen MRI-
Befund der LWS nicht plausibilisiert werden können. Die Kniegelenksbeschwerden
rechts und die objektiven pathologischen Befunde des rechten Kniegelenks könnten
grösstenteils auf die bekannte bikompartimentale Chondropathie und die vordere
Kreuzbandinsuffizienz bei einem Zustand nach 6-facher Vororperation zurückgeführt
werden. Körperlich schwere Arbeiten, die vorwiegend sitzend oder gehend,
insbesondere auf Treppen, Leitern, schrägen Ebenen und auf unebenem Boden
ausgeübt werden müssten und die mit häufigen knienden Positionen verbunden seien,
könnten dem Versicherten wegen der Knieproblematik nicht mehr vollumfänglich
zugemutet werden. Die Beurteilung des ZMB, wonach in der angestammten Tätigkeit
keine Arbeitsfähigkeit mehr bestehe, sei nicht nachvollziehbar. Die Beurteilung von Dr.
G._ vom Dezember 2012 sei widersprüchlich: Einerseits habe er festgehalten, dass
es dem Versicherten nicht mehr zumutbar sei, irgendeine Tätigkeit auszuüben.
Andererseits habe er erklärt, dass der Versicherte eine wechselbelastende, leichte
Tätigkeit während höchstens eineinhalb Stunden ausüben könne. Die Arbeitsfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
als Küchenhilfe, d.h. einer vorwiegend stehenden und gehenden Tätigkeit, betrage seit
dem Zeitpunkt der jetzigen Begutachtung bei einer vollen Stundenpräsenz 60 %. Aus
orthopädischer Sicht sei der Versicherte in einer adaptierten, körperlich leichten,
abwechslungsweise sitzend und stehend ausgeübten Tätigkeit seit dem
Begutachtungszeitpunkt bei voller Stundenpräsenz zu 90 % arbeitsfähig. Rückwirkend
könne die Arbeitsfähigkeit nicht eindeutig bestimmt werden, da die jetzigen Diagnosen
von denjenigen anlässlich der Begutachtung im Januar 2006 differierten und seither
zwei Operationen durchgeführt worden seien. Gegenüber dem psychiatrischen
Gutachter Dr. med. N._ gab der Versicherte an, dass er manchmal unruhig und
aufgeregt sei und zittere, wenn ihn etwas belaste. Er könne nicht mehr arbeiten und
mache sich Sorgen und Gedanken darüber, wie es weitergehe. Zudem leide er wegen
der Schmerzen unter Schlafstörungen und fühle sich seit der letzten Arthroskopie im
September 2012 vermehrt müde. Die Stimmung sei relativ ausgeglichen. Er habe mit
Ausnahme von Zukunftsängsten keine wesentlichen Angstzustände. Ab etwa Januar
2012 habe sich sein psychisches Zustandsbild verschlechtert. Davor hätten keine
psychischen Probleme bestanden. Dr. N._ führte aus, dass der Versicherte seit
Jahren an leichten depressiven Stimmungsschwankungen leide. Bei dieser leichten
depressiven Störung handle es sich nicht um eine psychische Komorbidität von
erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer. Der Versicherte verfüge über
ausreichende Ressourcen für den Umgang mit den Schmerzen, die mit einer
zumutbaren Willensanstrengung überwindbar erschienen. Auch liessen sich keine
weiteren massgebenden Faktoren wie chronische körperliche Begleiterkrankungen
(ausgenommen der orthopädisch festgestellten Befunde) erheben und es liege kein
ausgewiesener sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens vor. Ein sekundärer
Krankheitsgewinn könne bei existentieller Bedrohung aufgrund der Arbeitslosigkeit
angenommen werden. Unbefriedigende Behandlungsergebnisse trotz konsequenter
Behandlungsbemühungen bei vorhandener Motivation und Eigenverantwortung liessen
sich keine erheben. Der Versicherte habe sich bisher keiner psychiatrischen,
psychotherapeutischen oder psychosomatischen Behandlung unterzogen. Die
therapeutischen Optionen seien also nicht ausgenützt. Da der Versicherte nur an einer
leichten depressiven Störung leide, sei von einer zumutbaren Willensanstrengung zur
Wiederaufnahme einer beruflichen Tätigkeit auszugehen. Aufgrund der chronischen
depressiven Verstimmung seien die emotionale Belastbarkeit, die geistige Flexibilität,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Antrieb, die Interessen, die Motivation und die Dauerbelastbarkeit jedoch gering
beeinträchtigt. Der Versicherte sei in der angestammten Tätigkeit als
Betriebsmitarbeiter/Küchenhilfe wie auch in einer adaptierten Tätigkeit aus
psychiatrischer Sicht mindestens seit Januar 2006 zu 100 % arbeitsfähig. RAD-Arzt Dr.
L._ empfahl am 9. September 2013, auf das MGSG-Gutachten abzustellen (IV-act.
116).
B.d Mit Vorbescheid vom 17. Oktober 2013 stellte die IV-Stelle dem Versicherten bei
einem IV-Grad von 10 % die Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 120).
Das Valideneinkommen bezifferte sie auf Fr. 61'776.-- (durchschnittliches Einkommen
eines Hilfsarbeiters gemäss der LSE 2011). Das Invalideneinkommen berechnete sie
ebenfalls anhand des durchschnittlichen Einkommens eines Hilfsarbeiters, wobei sie
von einer 90 %igen Arbeitsfähigkeit ausging (IV-act. 117). Dagegen liess der
Versicherte am 29. Oktober 2013 (IV-act. 121) einwenden, dass der
Rentenabweisungsverfügung vom 14. September 2006 noch ein Valideneinkommen
von Fr. 66'235.-- zugrunde gelegen habe. Heute würde er mindestens Fr. 70'000.--
verdienen, wenn er gesund geblieben wäre. Zudem sei das Invalideneinkommen viel zu
hoch ausgefallen. Er sei nicht von einem Rückenspezialisten begutachtet worden. Es
sei falsch, dass die Gutachter der Rückenproblematik keinen Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit beigemessen hätten. Demnach sei eine polydisziplinäre Abklärung
notwendig.
B.e RAD-Arzt Dr. L._ notierte am 10. Januar 2014 (IV-act. 132), dass Dr. M._ die
Beschwerden des Versicherten im Bereich des Achsenskeletts detailliert aufgenommen
habe. Es sei eine umfassende klinische Untersuchung aller Wirbelsäulenabschnitte
erfolgt, die Gesundheitsschäden seien diagnostisch beschrieben und klassifiziert, die
entsprechenden Bildgebungen aufgeführt und die Vorbeurteilungen kritisch
kommentiert worden. Das geklagte Beschwerdeausmass im Bereich der Wirbelsäule
lasse sich durch Untersuchungsbefunde nicht objektivieren. Die anwaltlichen Einwände
lieferten keinen Grund, um von der RAD-Stellungnahme vom September 2013
abzurücken.
B.f Mit Verfügung vom 27. Januar 2014 (IV-act. 133) wies die IV-Stelle das
Rentengesuch des Versicherten aus den im Vorbescheid angegebenen Gründen ab.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bezüglich des Einwandes verwies sie auf die RAD-Stellungnahme vom 10. Januar
2014. Ergänzend merkte sie an, dass der Auszug aus dem individuellen Konto zeige,
dass der Versicherte seit dem Jahr 2004 häufig arbeitslos gewesen sei. Da der
Versicherte die ihm zumutbare Arbeitsfähigkeit in der Vergangenheit nicht verwertet
habe, sei es gerechtfertigt, bezüglich des Valideneinkommens auf den Tabellenlohn
abzustellen. Im Übrigen würde selbst dann kein Rentenanspruch bestehen, wenn auf
das von der Rechtsvertretung genannte Valideneinkommen abgestellt würde.
B.g Am 4. Februar 2014 gingen bei der IV-Stelle diverse Unterlagen der
Arbeitslosenkasse ein (IV-act. 139 f.). Dr. G._ hatte dem Versicherten von November
2011 bis Januar 2014 eine 100 %ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt. Dr. med. O._,
Chefarzt der Klinik P._, hatte am 1. November 2013 berichtet, dass sich der
Versicherte seit dem 21. Oktober 2013 in ambulanter ärztlich-psychotherapeutischer
Behandlung befinde (IV-act. 140-8). Vom 11. November bis voraussichtlich 6.
Dezember 2013 werde der Versicherte an einer ambulanten psychosomatischen
Rehabilitationsbehandlung teilnehmen.
C.
C.a Gegen die Verfügung vom 27. Januar 2014 liess der Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführer) am 21. Februar 2014 Beschwerde erheben (act. G 1). Sein
Rechtsvertreter beantragte die Zusprache mindestens einer halben IV-Rente und die
Gewährung beruflicher Eingliederungsmassnahmen. Eventualiter sei vom Gericht eine
polydisziplinäre Abklärung in Auftrag zu geben. Ergänzend zur Begründung im
Vorbescheidverfahren machte er geltend, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner
Knie- und Rückenbeschwerden als Hilfskoch nicht mehr arbeitsfähig sei, da diese
Tätigkeit das Heben schwerer Pfannen und Getränke- und Weinharasse, ständiges
Stehen und Gehen sowie Kochen in vorgeneigter Stellung beinhalte. Auf das
bidisziplinäre Gutachten des MGSG könne nicht abgestellt werden, da der
Beschwerdeführer nicht von einem Neurochirurgen oder Rückenspezialisten untersucht
worden sei. Dr. M._ sei ein Schulterspezialist und habe möglicherweise deshalb
insbesondere die Rückenbeschwerden bagatellisiert. Hinzu komme, dass die
Impingementsymptomatik der rechten Schulter keinen Eingang in die Beurteilung
gefunden habe. Entgegen der Angabe der Gutachter befinde sich der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer in psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung. Weiter sei der
Bericht von Dr. G._ vom 4. Dezember 2012 bei der Begutachtung nicht
berücksichtigt worden. Die Aussage des psychiatrischen Gutachters, dass keine
chronischen körperlichen Begleiterscheinungen mit Ausnahme der orthopädisch
feststellbaren Befunde vorlägen, sei nicht nachvollziehbar und widersprüchlich.
Insgesamt könne nicht auf das Gutachten des MGSG abgestellt werden. Der Vorwurf,
der Beschwerdeführer habe in den letzten Jahren nur kurzfristige Arbeitseinsätze
absolviert, zeuge von einer Unkenntnis der Kranken- und Unfallgeschichte. Obwohl der
Beschwerdeführer bereits im Jahr 1993 einen Knieunfall erlitten habe, habe er längere
Zeit voll gearbeitet. Ab dem Jahr 2004 seien die Beschwerden schlimmer und
zahlreicher geworden, bis er schliesslich kein rentenausschliessendes Einkommen
mehr habe erzielen können. Der Beschwerde lag unter anderem ein Bericht der Klinik
für Orthopädische Chirurgie des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) vom 11. Oktober
2006 bei (act. G 1.1 Beilage 4). Der Beschwerdeführer hatte damals über
belastungsabhängige Schulterschmerzen rechts geklagt; beim Heben schwerer Lasten
trete im Oberarm ein Ziehen auf. Die Ärzte waren zum Schluss gekommen, dass
allenfalls eine milde Impingement-Symptomatik vorliege. Dr. G._ hatte der
Krankentaggeldversicherung am 4. Dezember 2012 berichtet (act. G 1.1 Beilage 5),
dass der Beschwerdeführer vom 1. bis 31. Mai 2010 zu 50 % arbeitsunfähig gewesen
sei. Vom 1. Juni 2010 bis 27. November 2011 habe eine volle Arbeitsfähigkeit
bestanden. Seit dem 28. November 2011 sei der Beschwerdeführer voll arbeitsunfähig.
Aus neurochirurgischer Sicht sei es ihm nicht mehr zumutbar, irgendeine Tätigkeit
auszuüben. In Widerspruch dazu hielt Dr. G._ im nächsten Abschnitt fest, dass der
Beschwerdeführer eine leichte Tätigkeit höchstens eineinhalb Stunden pro Tag
ausüben könne.
C.b Die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am 3. April 2014 die
Abweisung der Beschwerde (act. G 4). Sie brachte vor, dass das bidisziplinäre
Gutachten die von der Rechtsprechung aufgestellten formellen und materiellen
Voraussetzungen an ein lege artis abgefasstes, beweiskräftiges Gutachten erfülle. Dr.
M._ sei als Spezialarzt für Orthopädie kompetent, die im Vordergrund stehenden
Knie- und Rückenbeschwerden zu beurteilen. Zudem habe der RAD die
Fachrichtungen Orthopädie und Psychiatrie für die Begutachtung vorgesehen. Von
einer Bagatellisierung der Rücken- und Kniebeschwerden durch Dr. M._ könne keine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rede sein. Mangels Vorliegens eines entsprechenden Berichts sei nicht ersichtlich,
wann die psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung begonnen habe. Bei
Verfügungserlass hätten noch keine Hinweise darauf bestanden, dass eine solche
Behandlung stattfinde. Es fehle an konkreten Anhaltspunkten, die geeignet wären,
Zweifel am psychiatrischen Abklärungsergebnis zu wecken.
C.c In seiner Replik vom 12. Juni 2014 (act. G 8) machte der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers ergänzend geltend, allein die Tatsache, dass die erste
Begutachtung polydisziplinär gewesen sei, zeige, dass bei der aktuellen bidisziplinären
Begutachtung nicht alle medizinischen Aspekte berücksichtigt worden seien. Bevor
über die Rente entschieden werde, seien die Ergebnisse der aktuellen
Wiedereingliederungsbemühungen abzuwarten. Der Rechtsvertreter verlangte, dass bei
der Klinik P._ ein Verlaufsbericht eingeholt werde. Der Replik lagen zwei
Arztzeugnisse bei. Dr. G._ hatte dem Beschwerdeführer am 28. Mai 2014 für den
Monat Juni 2014 eine 50 %ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt (act. G 8.1). Gleich hoch
lautete die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. O._ für die Zeit vom 16. Mai bis 13.
Juni 2014 (Attest vom 6. Juni 2014, act. G 8.2).
C.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 10).
C.e Am 24. Februar 2015 reichte die Beschwerdegegnerin eine Kopie einer Verfügung
vom 24. Februar 2015 ein (act. G 12), mit welcher das Gesuch des Beschwerdeführers
um berufliche Eingliederungsmassnahmen abgewiesen worden war, weil es trotz der
Bemühungen und Unterstützung seit Juni 2014 nicht gelungen sei, ihn in den
Arbeitsmarkt zu integrieren.
C.f Am 11. August 2016 forderte das Gericht die Beschwerdegegnerin auf, die seit
Verfügungserlass aufgelaufenen IV-Akten einzureichen (act. G 14). Die eingeforderten
Akten gingen am 22. August 2016 beim Gericht ein (act. G 15). Sie enthielten u.a. einen
Bericht vom 6. Oktober 2014 über einen Arbeitsversuch in der Q._ (act. G 15.1.1).
Der Einsatz hatte vom 22. April bis 21. Oktober 2014 gedauert; der Beschwerdeführer
habe das Einsatzprogramm mit einem Beschäftigungsgrad von 50 % begonnen und ab
dem 8. August 2014 auf 80 % gesteigert. Der Projektleiter war zum Schluss
gekommen, dass eine Tätigkeit im Umfang von 80 % auf dem ersten Arbeitsmarkt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht realistisch sei, weil der Leistungsgrad des Beschwerdeführers lediglich ungefähr
40 % betragen habe.
C.g Ebenfalls am 11. August 2016 forderte das Gericht den behandelnden Psychiater
Dr. O._ auf, mitzuteilen, ob sich der psychische Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers seit Behandlungsbeginn am 21. Oktober 2013 verändert und wie
sich die Arbeitsfähigkeit seit Behandlungsbeginn entwickelt habe (act. G 13). Trotz
zweimaliger Erinnerung (act. G 16, 18) und der Aufforderung des Rechtsvertreters, Dr.
O._ um die Einreichung eines Berichts zu ersuchen (act. G 19), ging beim Gericht nie
eine Antwort auf die Anfrage ein.
C.h Am 3. Februar 2017 reichte der Beschwerdeführer diverse Unterlagen ein, darunter
auch einen Bericht der Klinik P._ über eine ambulante Rehabilitationsbehandlung
vom 25. November bis 20. Dezember 2013 (act. G 24.2). Dr. O._ hatte am 24. Juni
2014 berichtet, dass der Beschwerdeführer an einer mittelgradigen bis schweren
depressiven Episode im Rahmen einer atypischen Depression (F32.8) leide. Beim
Erstgespräch habe sich im Bereich des formalen Denkens eine leichte Einengung auf
die gegenwärtige persönlich-soziale Situation, einhergehend mit Grübeltendenz,
gezeigt. Im Bereich der Affektivität habe der Beschwerdeführer affektarm und
mittelgradig deprimiert gewirkt. Es habe eine deutliche Antriebsarmut bestanden. Im
Rahmen der Gesprächspsychotherapie habe die jahrelang anhaltende Ängstlichkeit im
Vordergrund gestanden, die auf eine sehr schwierige Kindheit und Angsterfahrung im
Elternhaus zurückzuführen sei. Dank der vielen intellektuellen Ressourcen sei es dem
Beschwerdeführer gelungen, den sozialen Anforderungen jahrelang gerecht zu werden,
wobei der Verlust der Arbeitsstelle vor über zehn Jahren die Ängstlichkeit verstärkt
habe; seither habe er nie mehr innerlich frei und ohne Sorgen gelebt. Die
therapeutischen Massnahmen hätten zur Verbesserung der depressiven Symptomatik,
zur Verbesserung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit sowie zum
deutlichen Abbau der Vermeidungshaltung geführt.

Erwägungen
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.1 Der Beschwerdeführer hatte sich erstmals im April 2004 zum Bezug von IV-
Leistungen angemeldet. Mit Verfügung vom 22. November 2006 hatte die
Beschwerdegegnerin einen Rentenanspruch bei einem IV-Grad von 21 % verneint.
Diese Verfügung war in Rechtskraft erwachsen. Bei der Anmeldung vom Mai 2012
handelt es sich somit um eine sog. Neuanmeldung.
1.2 Gemäss Art. 87 Abs. 3 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV, SR
831.201) wird eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn darin glaubhaft gemacht wird,
dass sich der Grad der Invalidität in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert
hat. Der Beschwerdeführer hat geltend gemacht, seit einer Operation am 28. November
2011 voll arbeitsunfähig zu sein. Gleichzeitig hat er ein Arztzeugnis des Neurochirurgen
Dr. G._ zuhanden der Krankentaggeldversicherung eingereicht, gemäss welchem er
in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Hilfskoch seit dem 28. November 2011 zu 100 %
arbeitsunfähig sei; der letzte Eintrag datiert vom 23. Mai 2012. Damit hat der
Beschwerdeführer eine erhebliche gesundheitliche Verschlechterung glaubhaft
gemacht. Die Beschwerdegegnerin ist daher zu Recht auf die Neuanmeldung
eingetreten.
2.
2.1 Der Beschwerdeführer hat sich im Mai 2012 zum Leistungsbezug angemeldet. Da
gemäss Art. 29 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG, SR
831.20) ein Rentenanspruch frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach dessen
Geltendmachung entsteht, ist nachfolgend ein Rentenanspruch ab 1. November 2012
zu prüfen.
2.2 Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (Art. 28 Abs. 1 IVG). Invalidität ist gemäss Art.
8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG, SR 830.1) die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine Beeinträchtigung
der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach
zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust
der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
2.3 Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist der Invaliditätsgrad
grundsätzlich durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen).
3.
3.1 Um das Invalideneinkommen und damit den IV-Grad festlegen zu können, muss
die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit feststehen.
3.2 In somatischer Hinsicht beklagt der Beschwerdeführer insbesondere
Nackenschmerzen mit Ausstrahlung in den Kopf und in die Brustwirbelsäule,
Schmerzen im rechten Kniegelenk und lumbale Schmerzen. Der orthopädische
Gutachter Dr. M._ hat ausgeführt, dass das Ausmass der Nackenschmerzen trotz
des Metallartefakts nicht nachvollziehbar sei. Aufgrund des fast normalen
Untersuchungsbefundes der LWS und einem altersentsprechend normalen MRI-
Befund könne auch das Ausmass der lumbalen Schmerzen nicht erklärt werden.
Demgegenüber hat Dr. M._ die Kniegelenksbeschwerden rechts aufgrund der
bekannten bikompartimentalen Chondropathie und der vorderen Kreuzbandinsuffizienz
bei einem Zustand nach 6-facher Voroperation als plausibel erachtet. Die
Arbeitsfähigkeit als Küchenhilfe, bei der es sich um eine stehende und gehende
Tätigkeit gehandelt habe, sei dem Beschwerdeführer wegen der Knieproblematik
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
lediglich noch zu 60 % zumutbar. In einer adaptierten, körperlich leichten Tätigkeit
bestehe demgegenüber eine 90 %ige Arbeitsfähigkeit.
3.2.1 Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat geltend gemacht, allein die
Tatsache, dass die erste Begutachtung polydisziplinär gewesen sei, zeige, dass bei der
aktuellen bidisziplinären Begutachtung nicht alle medizinischen Aspekte berücksichtigt
worden seien. Bei der ersten Begutachtung im Dezember 2005 durch das ZMB war
neben der orthopädischen und psychiatrischen tatsächlich eine allgemein-
internistische Untersuchung durchgeführt worden. Diese hatte allerdings keine
invalidisierenden Diagnosen ergeben (IV-act. 29-12). Im Rahmen der IV-Anmeldung
vom Mai 2012 hat der Beschwerdeführer wiederum Rücken-, Nacken- und
Kniegelenksbeschwerden rechts beklagt. Da keine gesundheitlichen
Beeinträchtigungen zur Diskussion gestanden haben, die dem internistischen
Fachgebiet zuzuordnen gewesen wären, ist nicht zu bemängeln, dass die
Beschwerdegegnerin lediglich eine bidisziplinäre (orthopädische und psychiatrische)
Verlaufsbegutachtung als notwendig erachtet und in Auftrag gegeben hat.
3.2.2 Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat zudem vorgebracht, dass Dr.
M._ ein Schulterspezialist sei und möglicherweise deshalb insbesondere die
Rückenbeschwerden bagatellisiert habe. Dr. M._ verfügt über den Facharzttitel
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates
(www.doctorfmh.ch, besucht am 17. Februar 2017). Das Fachgebiet der Orthopädie
erkennt und behandelt die Funktionsstörungen des muskulo-skelettären Systems, zu
dem der Stützapparat (Knochenskelett mit Gelenken und Bändern), die
Bewegungsmotoren (quer gestreifte Muskulatur mit zugehörigen Sehnen) und der
Steuermechanismus (Nervensystem mit motorischen, sensiblen und zentralen Anteilen
sowie die dazugehörigen Gefässe und die Haut) gehören. Der Bewegungsapparat ist in
drei Systeme gegliedert, das Achsenskelett (Wirbelsäule und Becken), die unteren
Extremitäten (Beine) und die oberen Extremitäten (Arme und Hände; ALFRED M.
DEBRUNNER, Orthopädie, Orthopädische Chirurgie, 4. Auflage, Bern 2002, S. 26).
Auch wenn sich Dr. M._ im Verlauf seines beruflichen Werdeganges also nicht auf
Funktionsstörungen der Wirbelsäule spezialisiert hat, so verfügt er aufgrund seiner
Facharztausbildung dennoch über das notwendige Fachwissen, um
Funktionsstörungen der Wirbelsäule zu erkennen und beurteilen zu können. Der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einwand des Rechtsvertreters ist somit nicht stichhaltig. Dr. M._ hat bei der
klinischen Untersuchung der LWS einen fast normalen Befund erhoben. Die aktuellen
bildgebenden Befunde der LWS vom 10./22. Juli 2013 (siehe IV-act. 115-9 f.) hat er
zudem als altersentsprechend interpretiert. Die Einschätzung von Dr. M._, dass die
geltend gemachten lumbalen Beschwerden aus somatischer Sicht keinen Einfluss auf
die Arbeitsfähigkeit haben, überzeugt daher.
3.2.3 Der Rechtsvertreter hat weiter moniert, dass die Impingement-Symptomatik der
rechten Schulter keinen Eingang in die Beurteilung von Dr. M._ gefunden habe. Die
Schulterbeschwerden rechts werden im Gutachten − ausser im Aktenauszug −
tatsächlich nicht erwähnt. Aus dem Gutachten geht allerdings auch nicht hervor, dass
der Beschwerdeführer anlässlich der aktuellen Begutachtung über
Schulterbeschwerden geklagt hätte. Dr. M._ hat die Schultern klinisch untersucht (IV-
act. 115-9). Hätte der Beschwerdeführer bei dieser Untersuchung Schmerzen verspürt
oder wäre die Schulterbeweglichkeit eingeschränkt gewesen, hätte Dr. M._ dies in
seinem Gutachten vermerkt und diskutiert. Im Übrigen sind bei der ersten
Begutachtung im Dezember 2005 lediglich diskrete subacromiale Impingement-
Zeichen festgestellt worden. Die starke Schmerzangabe im Bereich der rechten
Schulter hat sich damals nicht eindeutig objektivieren lassen. Einen quantitativen
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit ist der Impingement-Symptomatik damals nicht
beigemessen worden (IV-act. 29-14 f.). Im Oktober 2006 ist die Schulterproblematik
noch einmal durch die Klinik für Orthopädische Chirurgie des KSSG untersucht worden
(IV-act. 64-4 f.). Die Ärzte sind in Übereinstimmung mit den Gutachtern des ZMB davon
ausgegangen, dass allenfalls eine milde Impingement-Symptomatik vorliege. Der
Beschwerdeführer hatte damals insbesondere über ein Ziehen im Oberarm beim Heben
schwerer Lasten geklagt. Diese Einschränkung ist insoweit irrelevant, als dem
Beschwerdeführer körperlich schwere Tätigkeiten unbestrittenermassen ohnehin nicht
mehr zumutbar sind. Somit steht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit fest, dass der
Beschwerdeführer wegen allfälliger Schulterbeschwerden in einer körperlich
adaptierten Tätigkeit in seiner Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt ist.
3.2.4 Der Rechtsvertreter hat sodann argumentiert, dass der Bericht von Dr. G._
vom 4. Dezember 2012 (act. G 1.1 Beilage 5) bei der Begutachtung nicht berücksichtigt
worden sei. Der Bericht von Dr. G._ hat Dr. M._ vorgelegen (siehe IV-act. 115-4).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entgegen der Behauptung des Rechtsvertreters hat sich Dr. M._ auch mit der
Beurteilung von Dr. G._ auseinandergesetzt. Er hat nämlich festgehalten, dass die
Beurteilung von Dr. G._ widersprüchlich sei: Während er zunächst angegeben habe,
dass es dem Beschwerdeführer nicht mehr zumutbar sei, irgendeine Tätigkeit
auszuüben, habe er später erklärt, dass der Beschwerdeführer eine leidensangepasste
Tätigkeit während höchstens eineinhalb Stunden verrichten könne. Hierbei handelt es
sich nicht um den einzigen Widerspruch in den Arbeitsfähigkeitsschätzungen von Dr.
G._. Während er im Dezember 2012 sinngemäss die Wiedererlangung einer
relevanten Arbeitsfähigkeit verneint hat, hat er dem Beschwerdeführer später wieder
eine 50 %ige Arbeitsfähigkeit attestiert (vgl. z.B. act. G 8.1). Hinzu kommt, dass die
Angaben von Dr. G._ im Bericht vom 4. Dezember 2012 darauf hindeuten, dass er
nicht nur die objektivierbaren Beschwerden, sondern auch die rein subjektiven, nicht
auf ein organisches Korrelat zurückführbaren Beschwerden in seiner
Arbeitsfähigkeitsschätzung berücksichtigt hat. Schliesslich ist auch der
Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen, dass Hausärzte und behandelnde
Spezialärzte mitunter wegen ihrer auftragsrechtlichen Vertrauensstellung im Zweifel
eher zugunsten ihrer Patienten aussagen (vgl. Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts vom 5. April 2004, I 814/03 E. 2.4.2). Die
Arbeitsfähigkeitsschätzungen von Dr. G._ vermögen daher keine Zweifel an der
Einschätzung von Dr. M._ zu wecken.
3.2.5 Der Rechtsvertreter hat ausserdem geltend gemacht, dass der
Beschwerdeführer wegen seiner Knie- und Rückenbeschwerden als Hilfskoch nicht
mehr arbeitsfähig sei. Ob der Beschwerdeführer in dieser Tätigkeit noch teilweise
arbeitsfähig ist, ist nicht von Relevanz. Der Beschwerdeführer hat diese Tätigkeit
lediglich acht Monate lang im Jahr 2011 ausgeübt (IV-act. 26 Dossier 2, act. G 15.1).
Zum damaligen Zeitpunkt ist die Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit,
nämlich jener als Schichtmeister in einem Textilunternehmen, bereits eingetreten
gewesen (siehe ZMB-Gutachten vom 17. Januar 2006). Bei der Tätigkeit als
Schichtführer ist der Beschwerdeführer viel auf den Beinen gewesen (siehe Suva-
Bericht vom 26. April 2004, Fremdakten, nicht nummeriert). Eine vorwiegend gehende
Tätigkeit ist dem Beschwerdeführer gemäss Dr. M._ aufgrund der Kniebeschwerden
jedoch nicht mehr zumutbar (IV-act. 115-35). In der angestammten Tätigkeit als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schichtführer in einem Textilunternehmen ist der Beschwerdeführer aus somatischer
Sicht daher mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht mehr arbeitsfähig.
3.2.6 Dr. M._ hat den Nackenbeschwerden keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
beigemessen. Angesichts der nur geringen abnormen Untersuchungsbefunde der HWS
(IV-act. 115-8) und des regelrechten Ergebnisses des operativen Eingriffs (siehe
Röntgenbefunde vom 10. Juli 2013, IV-act. 115-9) überzeugt die Einschätzung, dass
der Beschwerdeführer in einer körperlich leichten Tätigkeit wegen der
Nackenbeschwerden in seiner Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt ist.
3.2.7 Dr. M._ hat dem Beschwerdeführer wegen der Kniegelenksbeschwerden
rechts eine 10 %ige Arbeitsunfähigkeit (bei voller Stundenpräsenz) bescheinigt. Dr.
M._ hat weder begründet, weshalb neben den qualitativen Einschränkungen eine 10
%ige Arbeitsunfähigkeit in quantitativer Hinsicht besteht, noch ob die
Arbeitsunfähigkeit auf die Notwendigkeit vermehrter Pausen oder auf eine
Verlangsamung zurückzuführen ist. Ob aus somatischer Sicht in einer adaptierten
Tätigkeit eine 10 %ige Arbeitsunfähigkeit besteht oder nicht, kann jedoch offen
gelassen werden, da dies, wie nachfolgend aufzuzeigen sein wird, für den
Rentenanspruch nicht entscheidend ist.
3.2.8 Der Beschwerdeführer hat im Rahmen eines (nach Verfügungserlass
durchgeführten) Arbeitsversuchs bei einem Arbeitspensum von 80 % lediglich eine
ungefähr 40 %ige Leistung erbracht. Welche Leistung eine versicherte Person
anlässlich eines Arbeitsversuchs erbringt, wird wesentlich durch subjektive Faktoren
wie die empfundenen Schmerzen, die Motivation und die Willenskraft bestimmt. Im
vorliegenden Fall kommt erschwerend hinzu, dass sich eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung gerade dadurch auszeichnet, dass die subjektive Leistungsfähigkeit
und die aus objektiver Sicht erbringbare Arbeitsleistung stark differieren. Die im
Arbeitsversuch gezeigte, stark verminderte Leistungsfähigkeit vermag daher keine
Zweifel an der gutachterlichen Arbeitsfähigkeitsschätzung zu wecken.
3.2.9 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass auf das Gutachten von Dr. M._
abzustellen ist. Die angestammte Tätigkeit als Schichtführer ist dem Beschwerdeführer
nicht mehr zumutbar. In einer körperlich adaptierten Tätigkeit ist er hingegen zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
höchstens 10 % arbeitsunfähig. Dr. M._ hat erklärt, dass seine
Arbeitsfähigkeitsschätzung ab dem Begutachtungszeitpunkt (Juli 2013) gelte, da er die
rückwirkende Arbeitsfähigkeit nicht eindeutig bestimmen könne (IV-act. 115-35).
Gestützt auf das Gutachten des ZMB und die rechtskräftige
Rentenabweisungsverfügung vom 22. November 2006 steht fest, dass der
Beschwerdeführer in einer körperlich adaptierten Tätigkeit bis November 2006 mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit voll arbeitsfähig gewesen ist. Im Februar 2010 ist er
an der Halswirbelsäule operiert worden. Diese Operation hat gemäss Dr. M._ jedoch
nicht zu einer längerfristigen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in einer
leidensangepassten Tätigkeit geführt. Im September 2012 hat sich der
Beschwerdeführer einem arthroskopischen, intraartikulären Debridement am rechten
Knie unterzogen. Auch dieser Eingriff hat mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nur
eine vorübergehende höhere Arbeitsunfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit zur Folge
gehabt. Demzufolge ist auch für die Zeit vor der Begutachtung (d.h. ab Beginn des
potentiellen Wartejahres am 1. November 2011) auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung von
Dr. M._ abzustellen.
3.3 In psychiatrischer Hinsicht liegt das Teilgutachten von Dr. N._ im Recht. Dieser
hat als psychiatrische Diagnosen eine chronische depressive Verstimmung (Dysthymie)
und eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung angegeben, diesen jedoch keinen
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit beigemessen.
3.3.1 Die Diagnose einer Dysthymie überzeugt angesichts der geringen
pathologischen Befunde, die Dr. N._ erhoben hat (ausgeglichene bis leicht bedrückte
Stimmungslage, überwiegend gut mitschwingend, teils etwas vermindert
mitschwingend und klagsam, psychomotorisch und im Antrieb unauffällig, intakte
Auffassung, Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit, keine Hinweise für
Gedächtnisstörungen, keine formalen oder inhaltlichen Denkstörungen, negativistische
Einengung auf die Beschwerden und die soziale Situation, äussert mangelnde
Zukunftsperspektiven, keine Angstsymptome, IV-act. 115-49). Nach dem Erlass des
negativen Vorbescheids im Oktober 2013 hat sich der Beschwerdeführer erstmals in
psychiatrische Behandlung begeben. Das Gericht hat Dr. O._ mehrfach vergeblich
aufgefordert, Auskunft über den psychischen Gesundheitszustand und die
Arbeitsfähigkeit während der Dauer der Behandlung zu geben. Nachdem der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer einen Bericht von Dr. O._ vom 24. April 2014 über eine
einmonatige ambulante Rehabilitationsbehandlung (November bis Dezember 2013)
eingereicht hatte, ist die Beantwortung der Fragen vom 11. August 2016 obsolet
geworden. Dr. O._ hat dem Beschwerdeführer damals eine mittelgradige bis schwere
depressive Episode im Rahmen einer atypischen Depression (F32.8) diagnostiziert. Dr.
O._ hat ausgeführt, dass sich die im Vordergrund stehende Ängstlichkeit durch den
Verlust der Arbeitsstelle vor über zehn Jahren verstärkt habe und der
Beschwerdeführer seither nie mehr innerlich frei und ohne Sorgen gelebt habe. Aus
dem Bericht von Dr. O._ geht nicht hervor, dass sich die depressive Symptomatik
zwischen der Begutachtung (Juli 2013) und dem Rehabilitationsaufenthalt
verschlechtert hätte. Der Beschwerdeführer hat gegenüber Dr. N._ und Dr. O._
weitgehend über dieselben Beschwerden berichtet (innere Unruhe, Anspannung/
Nervosität, Schlafstörungen, Zukunftssorgen). Auch die von Dr. N._ und Dr. O._
erhobenen Befunde unterscheiden sich nicht wesentlich; als zusätzliche Symptome hat
Dr. O._ lediglich eine deutliche Antriebsarmut (Dr. N._: Im Antrieb unauffällig) und
eine mittelgradige Deprimiertheit (Dr. N._: leicht bedrückte Stimmungslage) erwähnt.
Der Antrieb ist ein vitaler Impuls, der sich in Trieb, Wollen und Motorik auswirkt (Roche
Lexikon Medizin, 5. Auflage, München 2003, S. 101). Da Dr. O._ nicht angegeben
hat, dass die Psychomotorik des Beschwerdeführers beeinträchtigt gewesen sei, muss
davon ausgegangen werden, dass die beschriebene deutlichen Antriebsarmut lediglich
auf der Aussage des Beschwerdeführers beruht, dass ihm der Antrieb und die Lust
fehle, positive Dinge zu unternehmen (S. 2 des Berichts von Dr. O._). Aus dem
Bericht von Dr. O._ geht auch nicht hervor, woraus er eine mittelgradige
Deprimiertheit hergeleitet hat. Entscheidend ist jedoch, dass Beschwerdeführer
gegenüber Dr. N._ und Dr. O._ im Wesentlichen die gleichen Beschwerden
angegeben hat und dass nichts im Bericht von Dr. O._ darauf hindeutet, dass
zwischen der Begutachtung durch Dr. N._ und der ambulanten
Rehabilitationsbehandlung von November bis Dezember 2013 eine psychische
Verschlechterung eingetreten wäre. Demzufolge kann davon ausgegangen werden,
dass sich der psychische Gesundheitszustand des Beschwerdeführers zwischen der
Begutachtung (Juli 2013) und dem Verfügungserlass (Januar 2014) nicht wesentlich
verschlechtert hat; die Einschätzung von Dr. O._ ist also als andere Einschätzung des
im wesentlichen gleichen Sachverhalts zu bewerten. Das Attest von Dr. O._ vom 6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Juni 2014, wonach der Beschwerdeführer vom 16. Mai bis 13. Juni 2014 zu 50 %
arbeitsunfähig gewesen sei (act. G 8.2), betrifft einen Zeitraum nach Verfügungserlass
(27. Januar 2014). Da für das vorliegende Verfahren nur der Gesundheitszustand resp.
die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers bis zum Verfügungserlass entscheidend ist
und das Attest somit nichts über die Arbeitsfähigkeit bis und mit Verfügungserlass
aussagt, hat es keinen Beweiswert. Demnach ist auf die Einschätzung von Dr. N._
abzustellen, wonach der Beschwerdeführer an einer Dysthymie ohne Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit leidet.
3.3.2 Zu prüfen bleibt, ob Dr. N._ der Diagnose einer anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung zu Recht keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit beigemessen hat. Mit
BGE 141 V 281 vom 3. Juni 2015 hat das Bundesgericht seine Praxis zur Beurteilung
des Anspruchs auf eine Invalidenrente wegen somatoformer Schmerzstörungen und
vergleichbarer psychosomatischer Leiden geändert (vgl. z.B. IV-Rundschreiben Nr.
334). Nach dem alten Verfahrensstandard eingeholte Gutachten haben durch die
Praxisänderung jedoch nicht per se ihren Beweiswert verloren. Vielmehr ist im Rahmen
einer gesamthaften Prüfung des Einzelfalls mit seinen spezifischen Gegebenheiten und
den erhobenen Rügen entscheidend, ob ein abschliessendes Abstellen auf die
vorhandenen Beweisgrundlagen vor Bundesrecht standhält. In jedem einzelnen Fall ist
zu prüfen, ob die beigezogenen administrativen und/oder gerichtlichen
Sachverständigengutachten ‒ gegebenenfalls im Kontext mit weiteren fachärztlichen
Berichten ‒ eine schlüssige Beurteilung im Lichte der massgeblichen Indikatoren
erlauben oder nicht (BGE 141 V 281 E. 8).
3.3.3 Das Bundesgericht hat mit BGE 141 V 281 die bisherige Vermutung, dass der
versicherten Person eine Willensanstrengung zuzumuten sei, mit welcher die Folgen
einer somatoformen Schmerzstörung oder eines vergleichbaren psychosomatischen
Leidens überwunden werden könnten, aufgegeben. Neu muss eine ergebnisoffene
symmetrische Beurteilung anhand eines Kataloges von Indikatoren des tatsächlich
erreichbaren Leistungsvermögens erfolgen. Die Handhabung des Katalogs muss stets
den Umständen des Einzelfalls gerecht werden; es handelt sich nicht um eine
"abhakbare Checkliste". Die im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren sind:
1. Funktioneller Schweregrad:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
- Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde und Symptome;
- Behandlungserfolg oder -resistenz;
- Komorbiditäten;
- "Persönlichkeit" (Persönlichkeitsentwicklung und -struktur, grundlegende psychische
Funktionen);
- sozialer Kontext.
2. Konsistenz (Gesichtspunkte des Verhaltens):
- Gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen vergleichbaren
Lebensbereichen (sozialer Rückzug, Ressourcen);
- Inanspruchnahme von therapeutischen Optionen;
- Verhalten im Rahmen der beruflichen (Selbst-)Eingliederung.
Der Beschwerdeführer hat anlässlich der Begutachtung über (somatisch in ihrem
Ausmass nicht erklärbare) Nackenschmerzen mit Ausstrahlung in den Kopf und in die
Brustwirbelsäule und lumbale Schmerzen geklagt. Durch die Schmerzen sei der
Nachtschlaf häufig gestört, das Sitzen auf 30 Minuten und das Laufen auf 45 Minuten
limitiert. Das Bücken sowie das Heben und Tragen von Lasten seien dolent.
Schmerzmittel würden bei Bedarf eingenommen. Der Beschwerdeführer hat einen
wenig aktiven Tagesablauf beschrieben: Vormittags und nachmittags gehe er kurz
spazieren, ansonsten halte er sich meistens in der Wohnung auf und lese etwas oder
sehe fern. Daneben besuche er die Therapien. Zudem besuche er öfters seine
Angehörigen (IV-act. 115-27). Ein sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens liegt
nicht vor; der Beschwerdeführer verfügt über normale Kontakte (IV-act. 115-27).
Insgesamt erscheint die Ausprägung der Schmerzen weder gering noch erheblich, also
etwa mittelgradig. Der Beschwerdeführer hat im Zeitpunkt der Begutachtung noch nie
in psychotherapeutischer, psychiatrischer oder psychosomatischer Behandlung
gestanden. Von einer Behandlungsresistenz kann daher keine Rede sein.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Pathologische Persönlichkeitszüge sind keine vorhanden. Der Beschwerdeführer ist
verheiratet und es haben sich anlässlich der Begutachtung keine Partnerprobleme oder
familiären Probleme erheben lassen (IV-act. 115-25). Als Komorbiditäten können die
Kniegelenksbeschwerden rechts und die Dysthymie genannt werden, wobei es sich
von der Ausprägung her nicht um Komorbiditäten von erheblicher Schwere handelt. Ein
sekundärer Krankheitsgewinn liegt gemäss Dr. N._ insoweit vor, als sich der
Beschwerdeführer aufgrund der Arbeitslosigkeit in seiner Existenz bedroht sehe. Wie
bereits erwähnt, hat der Beschwerdeführer bis zum Begutachtungszeitpunkt nie eine
spezifische Therapie zur Behandlung der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung
absolviert, obwohl diese bereits vor Jahren diagnostiziert worden ist. Zudem haben die
Gutachter eine mangelnde Motivation hinsichtlich einer beruflichen
Wiedereingliederung festgestellt (IV-act. 115-13). Unter Berücksichtigung aller
Umstände ist mit Dr. N._ davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer über
ausreichende Ressourcen für den Umgang mit den Schmerzen verfügt und in der Lage
ist, die (organisch nicht begründbaren) Schmerzen willentlich zu überwinden und − aus
rein psychiatrischer Sicht − einer vollen Erwerbstätigkeit in einer körperlich adaptierten
Tätigkeit nachzugehen. Der Beschwerdeführer ist daher in psychiatrischer Hinsicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt. Diese
Einschätzung gilt gemäss Dr. N._ rückwirkend ab der letzten Begutachtung, d.h. seit
Anfang 2006 (IV-act. 115-29).
3.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer in seiner
angestammten Tätigkeit als Schichtführer in einem Textilunternehmen nicht mehr
arbeitsfähig ist. In einer körperlich adaptierten Tätigkeit besteht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit eine mindestens 90 %ige Arbeitsfähigkeit.
4.
4.1 Somit bleibt noch der von der Beschwerdegegnerin vorgenommene
Einkommensvergleich zu überprüfen. Die Beschwerdegegnerin ist beim Validen- wie
auch beim Invalideneinkommen von Tabellenlöhnen ausgegangen und hat einen
Prozentvergleich vorgenommen. Sie hat also unberücksichtigt gelassen, dass der
Beschwerdeführer bis ins Jahr 2003 als Schichtmeister in einem Textilunternehmen
tätig gewesen ist. In dieser Tätigkeit hat er einen überdurchschnittlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hilfsarbeiterlohn verdient (im Jahr 2003 Fr. 65'000.--). Zwar ist die Kündigung gemäss
der Arbeitgeberin nicht krankheitshalber, sondern wegen mangelnder Leistung und
Fehlverhaltens seitens des Beschwerdeführers erfolgt. Die Validenkarriere entspricht
jedoch unabhängig vom Kündigungsgrund der Arbeit als Schichtmeister in einem
Textilunternehmen: Wäre der Beschwerdeführer nämlich in der Tätigkeit als
Schichtmeister nicht arbeitsunfähig geworden, hätte er sich wieder um eine
Arbeitsstelle als Schichtmeister bemüht und eine solche auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt auch gefunden. Die Tätigkeit als Hilfskoch hat er erst zu einem Zeitpunkt
angenommen, als er in seiner angestammten Tätigkeit als Schichtmeister bereits
arbeitsunfähig gewesen ist; es hat sich hierbei also um einen Versuch gehandelt, sich
selber wieder einzugliedern. Die Validenkarriere entspricht somit der Arbeit als
Schichtmeister in einem Textilunternehmen. Das Validen- und Invalideneinkommen
sind anhand der Einkommenszahlen des Jahres des frühestmöglichen Rentenbeginns
zu berechnen, d.h. des Jahres 2012. Angepasst an die Nominallohnentwicklung hätte
der Beschwerdeführer als Schichtführer im Jahr 2012 einen Jahreslohn von Fr.
72'635.-- erzielt (Lohnentwicklung 2012 des Bundesamtes für Statistik, T39, Männer;
Fr. 65'000.-- x 2188 / 1958). Das Valideneinkommen beträgt folglich Fr. 72'635.--. Für
die Ermittlung des Invalideneinkommens hat die Beschwerdegegnerin zu Recht auf
Tabellenlöhne abgestellt. Der durchschnittliche Lohn eines Hilfsarbeiters hat im Jahr
2012, angepasst an die betriebsübliche wöchentliche Arbeitszeit von 41.7 Stunden, Fr.
65'177.-- betragen (Anhang 2 der IVG-Ausgabe der Informationsstelle AHV/IV, Ausgabe
2015). Bei einer Arbeitsfähigkeit von 90 % beträgt das Invalideneinkommen noch Fr.
58'659.--. Ob ein Tabellenlohnabzug von 10 oder 15 % angemessen ist, kann offen
gelassen werden, da der Beschwerdeführer auch bei einem Tabellenlohnabzug von 15
% keinen Anspruch auf eine IV-Rente hätte; in diesem Fall würde der IV-Grad nämlich
lediglich 31 % betragen (100 % - [100 % x {Fr. 58'659.-- x 0.85} / Fr. 72'635.--]). Da
der IV-Grad unter 40 % liegt, hat der Beschwerdeführer keinen Anspruch auf eine IV-
Rente.
4.2 Demnach ist die Beschwerde abzuweisen.
5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend ist sie vollumfänglich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen.
Die Gerichtsgebühr ist durch den von ihm geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 600.--
gedeckt. Der Beschwerdeführer hat bei diesem Verfahrensausgang keinen Anspruch
auf eine Parteientschädigung (vgl. Art. 61 lit. g ATSG).