Decision ID: e8a78d59-1105-5277-a4d2-76190edd1b4f
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich wegen Rückenproblemen und einem Beinleiden links im
November 1995 erstmals bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen zum Bezug von IV-
Leistungen an (IV-act. 2). Das Zentrum für Medizinische Begutachtung (ZMB) attestierte
dem Versicherten wegen eines lumbospondylogenen Syndroms bei degenerativen
Veränderungen eine volle Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als
Bauarbeiter. In einer rückenadaptierten Tätigkeit sei er jedoch zu 100% arbeitsfähig
(Gutachten vom 6. Juli 1999, IV-act. 90). Mit Verfügung vom 25. November 1999 wies
die IV-Stelle das Rentengesuch mit der Begründung ab, dass der Versicherte in einer
adaptierten Tätigkeit zu 100% arbeitsfähig sei (IV-act. 98). Das Gesuch um berufliche
Eingliederungsmassnahmen wies die IV-Stelle am 6. Januar 2000 ebenfalls ab (IV-act.
100). Die gegen beide Verfügungen erhobenen Rekurse wies das Versicherungsgericht
des Kantons St. Gallen am 28. September 2000 ab (IV 2000/3 und IV 2000/41, IV-act.
109).
A.a.
Im März 2007 meldete sich der Versicherte zum zweiten Mal bei der IV-Stelle zum
Bezug von IV-Leistungen an. Er machte geltend, dass er seit dem 18. April 2006 u.a.
wegen Nackenproblemen arbeitsunfähig sei (IV-act. 113). Die IV-Stelle trat auf die
Wiederanmeldung ein und liess den Versicherten im September 2008 vom Swiss
Medical Assessment- and Business-Center (SMAB) polydisziplinär begutachten. Die
Gutachter kamen zum Schluss, dass dem Versicherten die während 12 Jahren
ausgeübte körperlich schwere Tätigkeit im Tiefbau wegen eines zervikovertebralen und
zervikospondylogenen Syndroms und eines Schlafapnoe-Syndroms seit April 2006
nicht mehr zumutbar sei. Die zuletzt bis April 2006 ausgeübte Tätigkeit als Tankwart
gelte hingegen als ausreichend angepasst (Gutachten vom 15. Oktober 2008, IV-act.
215). Mit zwei Verfügungen vom 10. Mai 2010 verneinte die IV-Stelle einen Anspruch
auf berufliche Eingliederungsmassnahmen sowie auf eine Invalidenrente mit der
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Begründung, dass der Versicherte in seiner angestammten Tätigkeit als Hilfsarbeiter/
Tankwart voll arbeitsfähig sei (IV-act. 319 f.). Die gegen diese Verfügungen erhobenen
Beschwerden wies das kantonale Versicherungsgericht mit Entscheid vom 27. März
2012 ab (IV 2010/245, IV-act. 364).
Nachdem der Versicherte im März 2011 gegenüber der IV-Stelle eine
Verschlechterung des Gesundheitszustandes geltend gemacht hatte (IV-act. 348),
wurde er im April 2013 durch das Ärztliche Begutachtungsinstitut (ABI) polydisziplinär
begutachtet. Die Gutachter kamen zum Schluss, dass der Versicherte spätestens seit
dem Eingriff an der linken Ferse im August 2009 lediglich noch in einer körperlich
leichten, angepasstenTätigkeit zu 100% arbeitsfähig sei (Gutachten vom 17. Juni 2013,
IV-act. 388). Mit Verfügung vom 27. September 2013 wies die IV-Stelle das
Rentengesuch bei einem Invaliditätsgrad von 0% ab (IV-act. 400).
A.c.
Die gegen die Verfügung vom 27. September 2013 erhobene Beschwerde wies
das Versicherungsgericht mit Entscheid vom 5. Januar 2016 ab. Das Gericht erachtete
das ABI-Gutachten als überzeugend. Es ging gestützt auf die gutachterlichen
Schlussfolgerungen davon aus, dass sich der physische Gesundheitszustand des
Versicherten insoweit verschlechtert habe, als sich die Fersenschmerzen chronifiziert
hätten. Dadurch sei der Versicherte in qualitativer Hinsicht zusätzlich in seiner
Arbeitsfähigkeit eingeschränkt, sodass ihm auch die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als
Tankwart nicht mehr zumutbar sei. In einer adaptierten Tätigkeit sei der Versicherte
jedoch weiterhin zu 100% arbeitsfähig. Weiter hielt das Gericht fest, dass mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit davon auszugehen sei, dass der
Versicherte aus psychischen Gründen in seiner Arbeitsfähigkeit weiterhin nicht
eingeschränkt sei. Folglich bestehe in einer körperlich adaptierten Tätigkeit mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit eine 100%ige Arbeitsfähigkeit. Das Gericht
verneinte einen Rentenanspruch des Versicherten bei einem Invaliditätsgrad von 17%
(vgl. ausführlich den Entscheid des Versicherungsgerichtes vom 5. Januar 2016, IV
2013/545, IV-act. 418).
A.d.
Am 26. Januar 2016 stellte der Versicherte ein neues Gesuch um Ausrichtung von
IV-Leistungen (IV-act. 421). Er gab als gesundheitliche Beeinträchtigungen Probleme
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mit den Fersen, Nackenprobleme sowie seelische Probleme an (vgl. die IV-Anmeldung
vom 12. April 2016, IV-act. 426).
Med. pract. B._ berichtete am 3. Mai 2016, dass sich der Gesundheitszustand
des Versicherten im Vergleich zum Zustand am 17. Juni 2013 wesentlich verschlechtert
habe. Der Versicherte leide an einer schwergradig depressiven Episode (ICD-10 F32.2)
sowie an einer posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10 F43.1). Er sei aktuell
aufgrund der schwergradig depressiven Episode für alle Arbeiten zu 100%
arbeitsunfähig. Die Gründe für die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit seien der stark
eingeschränkte Antrieb, die rasch abnehmende Konzentration und Aufmerksamkeit, die
dazu führten, dass der Versicherte auch immer wieder Fehler mache und dadurch auch
sich selber oder andere Menschen gefährde. Der Versicherte habe auch einen kaum
spürbaren affektiven Rapport. Er wirke immer sehr ernst. Die Arbeitsfähigkeit des
Versicherten sei so stark eingeschränkt, dass er jetzt auch nicht mehr fähig sei, in das
C._ zu gehen. Der Versicherte sei aktuell in einer ambulanten psychiatrischen
Behandlung mit Sitzungen ca. einmal pro Monat (IV-act. 430).
B.b.
Auf Aufforderung des RAD vom 28. Juni 2016 (IV-act. 435) reichte der Versicherte
weitere Berichte ein. Vom 16. bis 31. März 2015 war er stationär zur multimodalen
rheumatologischen Komplexbehandlung im Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) und
anschliessend in der Klinik D._ in der stationären Rehabilitation gewesen. Die
behandelnden Ärzte hatten in den Berichten vom 11. Februar sowie vom 22. und 28.
April 2015 festgehalten, dass beim Versicherten eine chronische Ansatztendinose/
Tendinopathie der Achillessehne beidseits, ein chronisches zervikospondylogenes
Schmerzsyndrom, eine anhaltende Depression, eine Adipositas sowie eine
Hypovitaminose D bestehe (IV-act. 437-14 f.; IV-act. 437-24 ff.). Das Ambulatorium der
Klinik D._ hatte im Bericht vom 3. Juli 2015 eine detaillierte neuropsychologische
Testung aufgrund der ausgeprägten affektiven Störung als nicht aussagekräftig
erachtet (IV-act. 437-12 f.). Dr. med. E._, Facharzt für Otorhinolaryngologie, hatte am
10. Juli 2015 berichtet, dass die Rachenbeschwerden des Versicherten auf die
Schleimhautvernarbungsprozesse bei Status nach UPPP zurückzuführen seien (IV-act.
437-10 f). Vom 2. Juli bis 22. November 2015 war der Versicherte in der Klinik D._ bei
den Diagnosen einer Dysphagie nach Uvula Tonsolien OP, einer ausgeprägten
B.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
orofacialen Dysbalance/Funktion sowie einer dauernden schwergradigen depressiven
Episode logopädisch behandelt worden (IV-act. 437-8 ff.).
Die Ärzte des KSSG berichteten am 6. Juli 2016 über die psychologische
Abklärung des Versicherten vom 17. Mai 2016 im Schmerzzentrum, dass eine schwere
depressive Episode ohne psychotische Symptome (F32.2) bei einem Status nach einer
Hals-Operation und bei einer psychosozialen Belastungssituation bestehe. Beim
Versicherten liege ein Leidensdruck durch schwere depressive chronifizierte
Beschwerden mit einer nicht korrigierbaren Aufmerksamkeitsfokussierung auf
Schluckbeschwerden und Erstickungsängste vor (vgl. IV-act. 437-3 ff.). Der Hausarzt
des Versicherten hielt am 29. August 2016 fest, dass aus somatischer Sicht lediglich
leichte, wechselbelastende Tätigkeiten in einer angepassten Tätigkeit mit einem 50%
Pensum möglich seien. Die psychiatrische Arbeitsfähigkeit sei vom behandelnden
Psychiater festzulegen, jedoch sei bei der stark fluktuierenden psychischen Verfassung
des Versicherten keine volle Arbeitsfähigkeit gegeben (IV-act. 461).
B.d.
Der RAD erachtete im September 2016 eine polydisziplinäre Begutachtung als
notwendig (IV-act. 470). Daraufhin wurde der Versicherte im März 2017 von der SMAB
AG polydisziplinär begutachtet. Die Sachverständigen diagnostizierten im Gutachten
vom 29. März 2017 mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine rezidivierende
depressive Störung, mittelschwere depressive Episode (IV-act. 483-32). Der
psychiatrische Gutachter hielt fest, dass beim Versicherten eine rezidivierende
depressive Störung, mittelschwere depressive Episode bestehe. Der Versicherte erfülle
die drei Hauptkriterien einer depressiven Episode, nämlich eine depressive
Stimmungslage, eine deutliche Minderung der Fähigkeit, Freude zu empfinden, sowie
eine verminderte Antriebslage mit gesteigerter Ermüdbarkeit. Die acht Kriterien für die
Diagnosestellung einer schweren Depression seien nicht vollumfänglich erfüllt. Von den
drei Kernsymptomen sei die Antriebsminderung auch eher gering ausgeprägt, sodass
von einer mittelgradigen Depression ausgegangen werde. Die von med. pract. B._
diagnostizierte schwere depressive Episode sowie die posttraumatische
Belastungsstörung hätten anlässlich der psychiatrischen Exploration nicht bestätigt
werden können. Festzuhalten sei jedoch, dass sich gegenüber den Vorbegutachtungen
eine Befundverschlechterung eingestellt habe. In den früheren Begutachtungen hätten
auf psychiatrischem Fachgebiet zunächst keine Diagnosen mit Krankheitswert gestellt
B.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
werden können. Seit der letzten Begutachtung sei nun eine Progredienz der
Symptomatik eigetreten. Bei dem stark wechselhaften Verlauf lasse sich allerdings der
genaue Zeitpunkt des Eintrittes der Verschlechterung nicht abgrenzen, zumal die
Auffassung von med. pract. B._, dass eine schwere Depression bestehe, bereits im
SMAB-Gutachten von 2008 als auch im ABI-Gutachten vom Juni 2013 eindeutig
widerlegt worden sei. Als Zeitpunkt des Eintritts der Verschlimmerung sei daher
rückwirkend am ehesten der Bericht von med. pract. B._ vom 3. Mai 2016
anzunehmen. Aus rein psychiatrischer Optik bestehe eine Arbeitsunfähigkeit in der
Grössenordnung von 30%. Dabei würden auch gewisse Inkonsistenzen in der
Verhaltensbeobachtung, beispielsweise das Fehlen von Tagesmüdigkeit trotz der
Angabe extremer Schlafstörungen, berücksichtigt (IV-act. 483-43 ff.). Der
orthopädische Gutachter führte aus, dass keine Diagnosen mit Relevanz für die
Arbeitsfähigkeit vorlägen. Die chronischen Ansatztendinosen der Achillessehnen, das
chronische thorako-lumbovertebrale Schmerzsyndrom, die chronische
Zervikobrachialgie rechts sowie die partielle Schultersteife unklarer Ätiologie hätten
keine Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit des Versicherten. Bei der klinischen
Untersuchung sei die Funktion der Halswirbelsäule insbesondere für die Reklination
schmerzhaft eingeschränkt erschienen. Die Funktion der Brust- und Lendenwirbelsäule
hingegen hätte sich nicht wesentlich funktionseingeschränkt dargestellt. Die muskuläre
Kraft des linken Armes sei für alle Muskeln kraftgemindert demonstriert worden. Die
Umfangmessung der Armmuskulatur habe jedoch keine relevante
Umfangverminderung links gezeigt. Das radiologische Bild habe keine dem Alter
vorauseilende Degeneration gezeigt und könne deshalb die bestehende
Funktionseinschränkung nicht erklären. Die Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten
Tätigkeit als Tankwart sowie in einer leidensadaptierten Tätigkeit sei orthopädisch nicht
eingeschränkt. Nach der Achillessehnenoperation sei etwa mit einer Arbeitsunfähigkeit
von sechs Wochen zu rechnen gewesen; darüber hinausgehende Arbeitsunfähigkeiten
liessen sich orthopädisch nicht begründen (IV-act. 483-58 ff.). Der neurologische
Gutachter hielt fest, dass angesichts des auffallenden Ergebnisses der eingesetzten
Symptomvalidierungsverfahren und der teilweise inkonsistenten Befunde keinerlei
valide Befunde mit daraus resultierenden Aussagen über das aktuelle kognitive
Leistungsvermögen oder die Arbeitsfähigkeit des Versicherten hätten erhoben werden
können. Die Belastbarkeit des Versicherten sei aus neurologischer Sicht für körperlich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
leichte bis mittelschwere Arbeiten nicht beeinträchtigt (IV-act. 483-71 ff.). Auch der
internistische Gutachter konnte keine Diagnosen mit Relevanz für die Arbeitsfähigkeit
stellen (IV-act. 483-79 ff.). Die neuropsychologische Gutachterin führte aus, dass bei
der Untersuchung keine validen Befunde hätten erhoben werden können. Dies hätte
sich in zwei standardmässig eingesetzten Symptomvalidierungsverfahren gezeigt, die
beide auffällig ausgefallen seien. Deshalb müsse von einer negativen
Antwortverzerrung ausgegangen werden. Die erhobenen Befunde seien zudem
teilweise inkonsistent gewesen. Im visuellen Gedächtnisbereich sei z.B. der
schwierigere freie Abruf besser gelöst worden als das einfachere Wiedererkennen (IV-
act. 483-88 ff.). Die Gutachter gelangten in der interdisziplinären Konsensbeurteilung
zur Einschätzung, dass die Arbeitsfähigkeit des Versicherten massgeblich durch die
psychiatrische Grundproblematik begründet sei. Sowohl für die zuletzt ausgeübte
Tätigkeit als auch für leidensadaptierte Tätigkeiten bestehe eine Arbeitsfähigkeit von
70% (sechs Stunden täglich) ohne eine weitere Minderung der Leistungsfähigkeit. Der
Versicherte sei in der Lage, körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten mit Heben
und Tragen von Lasten bis zu 15kg durchzuführen. Die Tätigkeiten könnten
überwiegend bis ständig im Sitzen mit zeitweiligem Gehen und Stehen erfolgen.
Tätigkeiten, die ein erhöhtes Ausmass an Standsicherheit erforderten, Tätigkeiten auf
Leitern, Treppen und Gerüsten sowie Tätigkeiten in und über Kopfhöhe und mit
Zwangshaltungen sollten vermieden werden. Darüber hinaus sei der Versicherte
lediglich in der Lage, Tätigkeiten einfacher geistiger Art mit geringen
Verantwortungsbereichen ohne besondere Anforderungen an die Team- und
Konfliktfähigkeit, ohne psychisch belastende Faktoren wie Zeitdruck,
Akkordbedingungen und Nachtarbeit und ohne Tätigkeiten an schnell laufenden
Maschinen auszuführen (IV-act. 483-33). Die retrospektive Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit sei schwierig. Seit etwa Mai 2016 sei eine massgebliche
Verschlimmerung auf psychiatrischem Fachgebiet mit einer daraus resultierenden
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit festzustellen. Seither bestehe eine Arbeitsfähigkeit
von 70%. Aus orthopädisch-traumatologischer Sicht wäre mit einer
Arbeitsunfähigkeitszeit von etwa sechs Wochen nach der Achillessehnenoperation zu
rechnen gewesen. Die Prognose sei zweifelhaft, da der Versicherte kaum
Veränderungsmotivation aufweise. Eine Aggravation könne vor dem Hintergrund
einzelner Inkonsistenzen, die sich vor allem im psychiatrischen und im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
neuropsychologischen Teilgutachten hätten erkennen lassen, nicht vollständig
ausgeschlossen werden. Insoweit könne auch nur eine maximal mittelschwere
depressive Episode attestiert werden. Das Ausmass der vom Versicherten geltend
gemachten Einschränkungen in allen Lebensbereichen habe durch die
Verhaltensbeobachtung anlässlich der Begutachtung nicht hinlänglich begründet
werden können (IV-act. 483-34 ff.).
Am 24. April 2017 notierte der RAD, dass sowohl das Gesamt- als auch die
einzelnen Teilgutachten das Anforderungsprofil für Sozialversicherungsgutachten
entsprechend der gängigen Rechtsprechung erfüllten. Die Inkonsistenzen und das
limitierende Verhalten bei der neuropsychologischen Untersuchung seien in der
Beurteilung gebührend berücksichtigt worden (IV-act. 485).
B.f.
Am 2. Mai 2017 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die Ablehnung des
Leistungsbegehrens in Aussicht. Ohne gesundheitliche Einschränkung würde der
Versicherte in seiner angestammten Tätigkeit als Bauarbeiter gemäss dem Entscheid
des Versicherungsgerichtes ein Jahreseinkommen von Fr. 68'674.00 erzielen. Nach der
Verschlechterung des Gesundheitszustands sei dem Versicherte eine adaptierte
Tätigkeit weiterhin zu 70% zumutbar. Bei einem Jahreseinkommen gemäss der
Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamtes für Statistik von Fr. 46'517.00 und
einem Tabellenlohnabzug von 10% ergebe sich ein Invaliditätsgrad von 39% und
weiterhin kein Rentenanspruch (IV-act. 488).
B.g.
Am 30. Mai 2017 nahm med. pract. B._ Stellung zum psychiatrischen SMAB-
Gutachten. Er führte an, dass der Versicherte selbst gemäss dem Befund des
psychiatrischen Gutachters nur knapp keine schwergradige depressive Episode habe.
Allerdings sehe er das Kriterium der ausgeprägten, unangemessenen Schuldgefühle,
das der Gutachter als nicht erfüllt ansehe, ebenfalls als erfüllt an. Deshalb stelle er die
Diagnose einer schwergradigen depressiven Episode. Ausserdem sei er der Ansicht,
dass die Antriebsminderung des Versicherten sowie die Freud- und Interessenlosigkeit
stark ausgeprägt seien. Zudem wäre der Versicherte kaum fähig, alleine zu leben.
Insgesamt sei er mit der Diagnose des psychiatrischen Gutachters weitgehend, aber
nicht ganz einverstanden. Als Folge des etwas verschiedenen psychopathologischen
Befundes beurteile er den Schweregrad der depressiven Episode anders. Nicht
B.h.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
nachvollziehbar sei, dass der psychiatrische Gutachter von einer nur 30%igen
Arbeitsunfähigkeit ausgehe. Bei einer mittelgradigen depressiven Episode sei die
Arbeitsfähigkeit zu ca. 50% eingeschränkt (IV-act. 491).
Am 30. Juni 2017 wandte der Versicherte gegen den Vorbescheid ein, dass die
gutachterliche Einschätzung einer 30%igen Arbeitsunfähigkeit nicht bestritten worden
sei. Jedoch habe die IV-Stelle beim Einkommensvergleich auf das vom
Versicherungsgericht im Entscheid vom Januar 2016 festgestellte Invalideneinkommen
abzustellen und nicht die Tabellenlöhne heranzuziehen. Wenn sowohl beim
Valideneinkommen als auch beim Invalideneinkommen auf das Urteil des
Versicherungsgerichtes abgestellt werde, stehe ihm eine Viertelsrente zu. Darüber
hinaus benötige er Hilfe bei der Arbeitsintegration, damit er sich im 1. Arbeitsmarkt im
Rahmen der Restarbeitsfähigkeit eingliedern könne (IV-act. 492).
B.i.
Am 11. Juli 2017 verfügte die IV-Stelle gemäss ihrem Vorbescheid die Abweisung
des Leistungsbegehrens. Zum Einwand des Versicherten führte sie an, dass beim
Invalideneinkommen auf den aktuellen Tabellenlohn gemäss der LSE abzustellen sei.
Weiter hätten die gutachterlichen Abklärungen ergeben, dass sich der Versicherte
subjektiv nicht arbeitsfähig fühle, weshalb berufliche Massnahmen nicht zielführend
seien. Berufliche Massnahmen könnten mit einem separaten Gesuch geprüft werden,
wobei eine subjektive 70%ige Arbeitsfähigkeit vorausgesetzt sei. Aus dem Schreiben
von med. pract. B._ gingen in medizinischer Hinsicht keine neuen Tatsachen hervor.
Der SMAB-Gutachter habe die Einschätzung von med. pract. B._ ausführlich
gewürdigt (IV-act. 495).
B.j.
Am 29. August 2017 erhob der Versicherte Beschwerde gegen die Verfügung vom
11. Juli 2017 und beantragte die Zusprache einer Invalidenrente. Zudem ersuchte er
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung. Der Beschwerdeführer machte
geltend, dass bei den von den Gutachtern festgehaltenen Adaptionskriterien eine
Hilfstätigkeit im Bereich der Produktion klarerweise ausser Betracht falle. Demnach sei
auf die LSE-Tabelle TA1 und den Durchschnittslohn im Sektor 3 Dienstleistungen
abzustellen. Das Abstellen auf den Bereich Dienstleistungen entspreche zudem auch
den Ausführungen der Beschwerdegegnerin und der Gutachter, die eine Tätigkeit als
C.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tankwart als adaptiert betrachtet hätten. Damit betrage das Invalideneinkommen
angepasst an die Nominallohnentwicklung ohne Tabellenlohnabzug Fr. 62'810.40. Bei
einer 70%igen Arbeitsfähigkeit und einem Tabellenlohnabzug von 10% ergebe sich ein
Invaliditätsgrad von 42.38% und damit eine Viertelsrente (act. G 1).
In seiner Stellungnahme vom 7. August 2017 wiederholte med. pract. B._ im
Wesentlichen seine im Schreiben vom 30. Mai 2017 vorgebrachten Einwände zum
SMAB-Gutachten und er bestätigte im Wesentlichen seine Standpunkte (act. G 4).
C.b.
Am 19. September 2017 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde. Zur Begründung führte sie an, dass auf das SMAB-Gutachten abzustellen
sei. Es treffe nicht zu, dass es für den Beschwerdeführer auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt keine Arbeitsstellen im Produktionssektor mehr gebe. Sie habe zu Recht
auf den Durchschnittswert der Tabellenlöhne im gesamten privaten Sektor abgestellt.
Weil der Beschwerdeführer auch körperlich mittelschwere Tätigkeiten ausführen könne,
sei kein Tabellenlohnabzug vorzunehmen. Da die gesundheitlichen Einschränkungen
des Beschwerdeführers mit der attestierten Arbeitsfähigkeit von nur noch 70% in einer
adaptierten Tätigkeit bereits grosszügig berücksichtigt worden seien, sei auch aus
diesem Grund kein Abzug vom Tabellenlohn gerechtfertigt. Bei einem
Valideneinkommen von Fr. 67'118.00 und einem Invalideneinkommen von Fr.
43'337.00 ergebe sich ein rentenausschliessender Invaliditätsgrad von 35% (act. G 7).
C.c.
Am 25. September 2017 bewilligte das Versicherungsgericht die unentgeltliche
Rechtspflege (Befreiung von Gerichtskosten und unentgeltliche Rechtsverbeiständung)
für das Beschwerdeverfahren (act. G 8).
C.d.
Am 11. Oktober 2017 machte der Beschwerdeführer geltend, dass es unzulässig
sei, für das Valideneinkommen und das Invalideneinkommen auf verschiedene
Jahrgänge der LSE abzustellen. Auch sei zu bemängeln, dass die Beschwerdegegnerin
keinen Tabellenlohnabzug gewährt habe, wobei auch ohne die Gewährung eines
Tabellenlohnabzugs noch eine Viertelsrente resultieren würde (act. G 10).
C.e.
Am 21. November 2018 reichte med. pract. B._ einen weiteren Bericht ein. Er
führte im Wesentlichen aus, dass der Beschwerdeführer weiterhin für alle Arbeiten zu
100% arbeitsunfähig sei. Der Schweregrad der Erkrankungen sei weiterhin weitgehend
C.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
gleich stark ausgeprägt (act. G 13). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine
weitere Stellungnahme (vgl. act. G 14).
Der Beschwerdeführer meldete sich erstmals im November 1995 und ein zweites
Mal im März 2007 zum IV-Leistungsbezug an. Beide Gesuche wurden von der
Beschwerdegegnerin abgewiesen. Die gegen die jeweiligen Verfügungen erhobenen
Beschwerden (bzw. Rekurse) wies das Versicherungsgericht ebenfalls ab. Im März
2011 machte der Beschwerdeführer eine Verschlechterung seines
Gesundheitszustands geltend. Im September 2013 verfügte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung des neuen Leistungsgesuchs. Die dagegen erhobene Beschwerde hat
das Versicherungsgericht mit Entscheid vom 5. Januar 2016 erneut abgewiesen.
1.1.
Am 26. Januar 2016 hat sich der Beschwerdeführer ein weiteres Mal zum IV-
Leistungsbezug angemeldet. Gemäss Art. 87 Abs. 3 IVV wird auf eine neue Anmeldung
nur eingetreten, wenn glaubhaft gemacht wird, dass sich der Grad der Invalidität in
einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat. Diese Bestimmung soll
verhindern, dass sich der Sozialversicherungsträger nach vorangegangener
rechtskräftiger Leistungsverweigerung immer wieder mit gleichlautenden und nicht
näher begründeten, d.h. keine Veränderung des Sachverhalts darlegenden Gesuchen
befassen muss (BGE 117 V 198 E. 4a mit Hinweis).
1.2.
Der Beschwerdeführer hat zur Glaubhaftmachung einer gesundheitlichen
Verschlechterung diverse Berichte eingereicht. Der RAD hat mit Blick auf diese
Berichte festgehalten, dass, nachdem ausser von med. pract. B._ auch von anderen
Fachärzten eine chronifizierte Depression teils schweren Grades diagnostiziert worden
sei, allein schon aus diesem Grund die Glaubhaftigkeit einer Veränderung des
Gesundheitszustands mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nicht in Abrede zu stellen
sei. Ausserdem müsse durch einen Rheumatologen überprüft werden, ob der
Beschwerdeführer wie behauptet de facto nicht sitzen und gehen könne. Schliesslich
sei das zervikobrachiale Syndrom mit Ausstrahlungen in den linken Arm zu überprüfen
(IV-act. 470-8). Aufgrund der in den eingereichten Berichten festgehaltenen
Veränderungen des Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers hat die
Beschwerdegegnerin zu Recht davon ausgehen dürfen, dass eine erhebliche
gesundheitliche Verschlechterung glaubhaft gemacht worden war. Sie ist somit zu
Recht auf die Neuanmeldung eingetreten.
1.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Nachdem die Beschwerdegegnerin zu Recht auf die neue Anmeldung eingetreten
ist, ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer einen Anspruch auf eine Invalidenrente hat.
2.1.
Einen Rentenanspruch haben Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die
Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können,
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40% invalid
sind (Art. 28 Abs. 1 IVG). Invalidität ist gemäss Art. 8 Abs. 1 ATSG die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Gemäss
Art. 28a Abs. 1 des IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist die Invalidität grundsätzlich durch einen
Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares
Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte,
wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
2.2.
Um das Invalideneinkommen zu bestimmen und damit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, muss die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers im
Verfügungszeitpunkt feststehen.
2.3.
Zur Beantwortung der Frage nach der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
hat die Beschwerdegegnerin bei der Begutachtungsstelle SMAB AG ein
polydisziplinäres Gutachten eingeholt (IV-act. 483). Dieses hat auf fachärztlichen
internistischen, psychiatrischen, neurologischen, neuropsychologischen und
rheumatologischen Untersuchungen beruht und ist in Kenntnis der umfangreichen
medizinischen Aktenlage (vgl. S. 3-28 des Gutachtens) erstellt worden. Entgegen der
Ansicht des Beschwerdeführers haben die Gutachter detaillierte objektive Befunde
erhoben. Sie haben ihre Diagnosen schlüssig begründet und gestützt darauf eine
überzeugende und nachvollziehbare Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben. Die
Gutachter haben sich mit den vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden
auseinandergesetzt. In internistischer Hinsicht haben sie keine Diagnosen mit
2.3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gestellt. Auch aus orthopädischer Sicht ist die
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als
Tankwart sowie in allen leidensadaptierten Tätigkeiten als nicht eingeschränkt
qualifiziert worden. Als leidensadaptiert haben die Gutachter alle körperlich leichten bis
mittelschweren Tätigkeiten mit Heben und Tragen von Lasten bis zu 15kg,
überwiegend bis ständigem Sitzen und mit zeitweiligem Gehen und Stehen erachtet.
Dem neurologischerseits diagnostizierten, resuidualen sensiblen C6-Syndrom links
haben die Gutachter keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit in allen Tätigkeiten
beigemessen. In neuropsychologischer Hinsicht haben aufgrund von auffälligen
Symptomvalidierungsverfahren keine verwertbaren Ergebnisse erhoben werden
können. Lediglich der psychiatrische Gutachter hat eine Diagnose mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit gestellt und festgehalten, dass der Beschwerdeführer aufgrund der
diagnostizierten rezidivierenden depressiven Störung mit mittelschwerer Episode zu
30% in allen Tätigkeiten eingeschränkt sei. Vor diesem Hintergrund überzeugt die
interdisziplinäre Schlussfolgerung, dass die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers
massgeblich durch die psychiatrische Grundproblematik begründet ist. Der
psychiatrische Gutachter hat plausibel dargelegt, dass sich diagnostisch das Bild einer
höchstens mittelschweren depressiven Episode zeige, wobei der Ausprägungsgrad von
zwei der sieben erfüllten Diagnosekriterien, darunter von einem Hauptkriterium
(Antriebsminderung), sehr gering und überwiegend der subjektiven
Beschwerdeschilderung des Beschwerdeführers entnommen worden sei. Antriebslage
und Durchhaltevermögen seien nur leicht reduziert erschienen. Darüber hinaus seien
die Symptome hinsichtlich des geklagten eingeschränkten Konzentrationsvermögen
auf der Befundebene gering ausgeprägt gewesen. Bezüglich der subjektiv
vorgetragenen, extremen Schlafstörungen habe sich kein Nachweis einer
Tagesmüdigkeit führen lassen. Der Gutachter hat zudem festgehalten, dass der
Beschwerdeführer einerseits wenig Veränderungsmotivation und andererseits passive
Versorgungs- und Entpflichtungswünsche gezeigt habe. Zudem hätten erhebliche
psychosoziale Belastungsfaktoren bestanden. Zwar hat der Gutachter festgehalten,
dass eine Einschränkung des Aktivitätenniveaus in vielen vergleichbaren
Lebensbereich bestehe. Allerdings hat der Beschwerdeführer auch Ressourcen
gezeigt: So ist er beispielsweise in der Lage gewesen, eine zweiwöchige Reise in die
Heimat anzutreten (IV-act. 483-52 ff). Insgesamt hat der Gutachter nachvollziehbar
dargelegt, dass beim Beschwerdeführer die Kriterien einer mittelschweren depressiven
Episode zwar erfüllt, aber teilweise sehr gering ausgeprägt seien, sodass von einer
Depression an der unteren Grenze des mittelgradigen Bereichs auszugehen ist. Vor
diesem Hintergrund überzeugt die gutachterliche Einschätzung einer um 30%
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
reduzierten Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht. Diese ist gemäss der
gutachterlichen Einschätzung seit Mai 2016 objektivierbar, was mit Blick auf die
Vorakten ebenfalls überzeugt. Was die Einschätzung von med. pract. B._ betrifft, der
wiederholt die Diagnose einer schweren Depression gestellt hat, so vermag diese die
überzeugende Arbeitsfähigkeitsschätzung der SMAB-Gutachter nicht in Frage zu
stellen. Aus den Berichten des behandelnden Psychiaters ergeben sich keine
Gesichtspunkte, die vom psychiatrischen Gutachter ausser Acht gelassen worden
wären. Med. pract. B._ hat sich offenkundig im Wesentlichen auf die subjektiven
Angaben des Beschwerdeführers gestützt und diese weder hinterfragt noch
objektiviert.
Zusammenfassend ist gestützt auf das SMAB-Gutachten mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer ab Mai 2016
sowohl in seiner zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Tankwart als auch in einer anderen
adaptierten Tätigkeit aufgrund seiner psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung zu
30% arbeitsunfähig ist.
2.3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Die Beschwerdegegnerin hat bei der Invaliditätsbemessung auf das im
gerichtlichen Entscheid vom 5. Januar 2016 ermittelten Valideneinkommen abgestellt.
Beim Invalideneinkommen hat sie die Tabellen der LSE herangezogen und einen
Tabellenlohnabzug von 10% gewährt (IV-act. 486, 495). Bezüglich des
Valideneinkommens ist anzumerken, dass bei der vorliegenden Neuanmeldung keine
Bindung an den Entscheid des Versicherungsgerichtes vom 5. Januar 2016 besteht.
Allerdings ist den überzeugenden Darlegungen in diesem Entscheid zu folgen, wonach
der Beschwerdeführer heute ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen nicht als
Tankwart, sondern weiterhin als Bauarbeiter arbeiten würde. Da er aber zuletzt im Jahr
1995 als Bauarbeiter tätig gewesen ist, erscheint es als sachgerecht, für die
Bemessung des Valideneinkommens nicht auf das zuletzt erzielte Einkommen, sondern
auf die Tabellenlöhne abzustellen (vgl. IV-act. 418-15). Dabei rechtfertigt es sich
vorliegend, auf die aktuell geltende LSE 2016 abzustellen und das durchschnittliche
Einkommen eines Bauhilfsarbeiters (T1_tirage_skills_level, Baugewerbe
41-43, Kompetenzniveau 1, Männer) von Fr. 5'523.00 heranzuziehen. Angepasst an die
im Baugewerbe im Jahr 2017 betriebsübliche wöchentliche Arbeitszeit von 41.3
Stunden (x 12 / 40 x 41.3; vgl. die Tabelle Betriebsübliche Arbeitszeit nach
Wirtschaftsabteilungen, NOGA 2008) und an die Nominallohnentwicklung (Tabelle
T1.39; 2016: 2239, 2017: 2249) resultiert für das Jahr 2017 ein Valideneinkommen von
Fr. 68'735.60.
3.1.
Entgegen der Argumentation des Beschwerdeführers ist hinsichtlich des
Invalideneinkommens auf das durchschnittliche Einkommen aller Hilfsarbeiter gemäss
LSE 2016 abzustellen, da ihm Hilfsarbeitertätigkeiten in allen Branchen offenstehen und
es ihm zumutbar ist, in eine seinem Belastungsprofil angepasste Hilfsarbeitertätigkeit
einer anderen Branche zu wechseln. Das Ausgangseinkommen zur Ermittlung des
zumutbaren Invalideneinkommens entspricht folglich dem Zentralwert der
Hilfsarbeiterlöhne. Das durchschnittlich erzielte Jahreseinkommen eines Hilfsarbeiters,
angepasst an die betriebsübliche wöchentliche Arbeitszeit von 41.7 Stunden, hat im
Jahr 2016 Fr. 67'416.40 betragen (T1_tirage_skill_level, Total, Kompetenzniveau 1,
Männer). Angepasst an die Nominallohnentwicklung (Tabelle T1.39; 2016: 2239, 2017:
2249) ergibt sich für das Jahr 2017 ein Einkommen von Fr. 67'717.50.
3.1.1.
Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer einen Tabellenlohnabzug
von 10% gewährt. Mit einem Abzug vom Tabellenlohn soll dem Umstand Rechnung
getragen werden, dass es einer an einer Gesundheitsbeeinträchtigung leidenden
3.1.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
versicherten Person aus betriebswirtschaftlich-ökonomischer Sicht unter Umständen
nicht möglich sein wird, mit ihrer Arbeitsleistung denselben ökonomischen Mehrwert
wie eine gesunde, im selben Pensum tätige Person zu generieren. Entsprechende
Umstände liegen hier u.a. vor, weil die Arbeitsleistung des Beschwerdeführers
Schwankungen unterliegen wird; der Beschwerdeführer wird seine Arbeitsleistung also
nicht konstant zuverlässig erbringen können. Zudem muss ein potentieller Arbeitgeber
das Risiko von vermehrten krankheitsbedingten Ausfällen einkalkulieren. Auch muss
ein strikt betriebswirtschaftlich-ökonomisch denkender Arbeitgeber dem Umstand
Rechnung tragen, dass der Beschwerdeführer keine Überstunden leisten kann. Damit
wird der ökonomische Mehrwert der Arbeitsleistung des Beschwerdeführers unter dem
statistischen Zentralwert liegen, weshalb ein zusätzlicher Lohnabzug zu erfolgen hat.
Wenn man solche betriebswirtschaftlich-ökonomischen Zwänge ignoriert und die
Gleichwertigkeit von gesunden teilerwerbstätigen Hilfsarbeitern und gesundheitlich
angeschlagenen teilarbeitsfähigen Hilfsarbeitern fingiert, so bezieht man einen
Soziallohnanteil in den Einkommensvergleich ein, was offensichtlich gesetzwidrig ist
und mit dem Abzug vom Tabellenlohn ja gerade verhindert werden soll. Das
Versicherungsgericht hat in seinem Entscheid vom 5. Januar 2016 aufgrund der
qualitativen Einschränkungen aus somatischer Sicht einen 10%igen Abzug vom
Tabellenlohn gewährt. Da der Beschwerdeführer nun nicht mehr nur qualitativ
somatisch, sondern auch psychisch in seiner Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist,
sodass die betriebswirtschaftlichen Nachteile des Beschwerdeführers im Vergleich zu
einem zu 70% tätigen, gesunden Hilfsarbeiter höher sind. Das rechtfertigt einen
(höheren) Tabellenlohnabzug von 15%.
Bei einer 30%igen Arbeitsunfähigkeit und einem 15%igen Abzug ergibt sich ein
Invaliditätsgrad von rund 41% (Fr. 68'735.60 – Fr. 40'291.90 [Fr. 67'717.50 x 0.7 x
0.85] / Fr. 68'735.60 x 100) und damit ein Anspruch auf eine Viertelsrente. Damit hätte
der Beschwerdeführer grundsätzlich Anspruch auf die Durchführung von
Eingliederungsmassnahmen; insbesondere wäre eine Umschulung zu prüfen
(Grundsatz der Eingliederung vor Rente). Allerdings wären Eingliederungsmassnahmen
aufgrund des fortgeschrittenen Alters des Beschwerdeführers und der entsprechend
kurzen verbleibenden Aktivitätsphase offensichtlich unverhältnismässig. Deshalb ist
darauf zu verzichten.
3.2.
Bei der Leistungsanmeldung im Januar 2016 (Art. 29 Abs. 1 IVG) und einer
gutachterlich bestätigten Arbeitsunfähigkeit ab Mai 2016 hat der Beschwerdeführer ab
1. Mai 2017 (Ablauf des Wartejahres) Anspruch auf eine Viertelsrente der
Invalidenversicherung.
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.