Decision ID: 9d6f92ab-781a-4541-8c3d-870f6241490a
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_BRK
Chamber: ZH_BRK_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: public_law

hat sich ergeben:
A.
Mit Verfügung Nr. 1124/21 vom 14. Januar 2022 (publiziert am 17. Januar
2022) setzte die Baudirektion Kanton Zürich, Amt für Raumentwicklung
(ARE), das Kantonale Inventar der Landschaftsschutzobjekte (nachfolgend
Landschaftsschutzinventar bzw. KILO) fest. Im Einzelnen wurde verfügt, der
Teilbereich "Landschaftsschutz" mit den Landschaftsschutzobjekten von
überkommunaler Bedeutung werde vom Inventar der Natur- und Land-
schaftsschutzobjekte von überkommunaler Bedeutung vom 4. Januar 1980
(RRB Nr. 0126/1980; "Inventar 80") in das neue kantonale Inventar der Land-
schaftsschutzobjekte überführt (Dispositivziffer I), wobei für den Teilbereich
"Naturschutz" das "Inventar 80" weiterhin seine Gültigkeit behalte (Disposi-
tivziffer II). In Dispositivziffer III werden sodann - im Sinne der eigentlichen
Festsetzung des kantonalen Inventars der Landschaftsschutzobjekte - zu-
nächst die 229 vom Landschaftsschutzinventar umfassten Objekte aufge-
führt (Ziff. 1), und sodann diejenigen überkommunal eingestuften Objekte
aus dem Inventar 80 aufgelistet, bei denen vollständig (Ziff. 2) oder teilweise
(Ziff. 3) auf eine Festsetzung verzichtet wird. Dabei gehört zu den in Dispo-
sitivziffer III.2 genannten Objekten, für die auf eine Festsetzung verzichtet
wird, unter anderem das vorliegend streitbetroffene, auf dem Gebiet der Ge-
meinde Lindau gelegene Objekt Nr. 9237 (entsprechend Obj.-Nr. I80 [Inven-
tar 80] 101_106), "Glazial geprägte Form Vorwalden", das im Inventar 80 als
Geomorphologisches Objekt mit regionaler Bedeutung (Region Winterthur
und Umgebung) erfasst war (act. 3 S. 19).
B.
Mit gemeinsamer Eingabe vom 16. Februar 2022 erhoben die A AG und die
B AG fristgerecht Rekurs an das Baurekursgericht des Kantons Zürich und
stellten folgende Anträge:
" 1. Die Entlassung des Objekts 101_106 "Glazial geprägte Form ", Lindau, aus dem Inventar der Natur- und  von überkommunaler Bedeutung (alt) bzw. dem Kantonalen  der Landschaftsschutzobjekte (neu) sei aufzuheben.
R3.2022.00033 Seite 3
2. Dementsprechend sei das Objekt 101_106 "Glazial geprägte Form ", Lindau, in das Kantonale Inventar der  aufzunehmen.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten des ."
C.
Mit Präsidialverfügung vom 18. Februar 2022 wurde vom Rekurseingang
Vormerk genommen und das Vernehmlassungsverfahren eröffnet, wobei der
Gemeinderat Lindau als Mitbeteiligter in das Rekursverfahren einbezogen
wurde. Die aufschiebende Wirkung des Rekurses wurde "auf die Entlassung
des Objekts Nr. 9237 (alt Nr. 101_106) beschränkt".
D.
Mit Vernehmlassung vom 9. März 2022 beantragte der Gemeinderat Lindau,
der Rekurs sei vollumfänglich abzuweisen. Die Baudirektion beantragte mit
Schreiben vom 17. März 2022 unter Verweis auf den Mitbericht des ARE
vom 13. März 2022 ebenfalls die Abweisung des Rekurses (wobei der Antrag
im Mitbericht dahingehend lautet, der Rekurs sei abzuweisen, soweit darauf
einzutreten sei, unter Kostenfolge zulasten der Rekurrentinnen).
E.
Mit Replik vom 11. April 2022 und Duplik vom 2. Mai 2022 (unter Verweis auf
den Mitbericht des ARE vom gleichen Datum) hielten die Rekurrentinnen und
die Vorinstanz an ihren Anträgen fest. Die Mitbeteiligte verzichtete still-
schweigend auf Einreichung einer Duplik. Mit Eingabe vom 16. Mai 2022 ha-
ben die Rekurrentinnen eine weitere Stellungnahme eingereicht.
F.
Auf die Vorbringen der Parteien wird, soweit zur Entscheidbegründung erfor-
derlich, in den nachfolgenden Erwägungen Bezug genommen.
R3.2022.00033 Seite 4

Es kommt in Betracht:
1.1
Das streitbetroffene, südwestlich des Dorfes Tagelswangen (Gemeinde
Lindau) und nördlich der in diesem Bereich befindlichen Kreuzung von Nati-
onalstrasse und Eisenbahnlinie liegende Landschaftsschutzobjekt "Glazial
geprägte Form Vorwalden" war im Inventar der Natur- und Landschafts-
schutzobjekte von überkommunaler Bedeutung (Inventar 80) als Teil der
Drumlinlandschaft Nürensdorf-Lindau-Illnau (Nr. 101_106 bzw. gemäss dem
Objektblatt Nr. 101; vgl. act. 6.8 sowie [derzeit noch] die Angaben in der
Karte "Natur- und Landschaftsschutzinventar 1980" und in der Ebene "Land-
schaftsschutz-Inventar 80" der Karte "Kantonales Inventar der Landschafts-
schutzobjekte" im Geoinformationssystem des Kantons Zürich [GIS-
Browser; https://maps.zh.ch/], auch zum Folgenden) verzeichnet. Diese
wurde wie folgt umschrieben: "Drumlinflur des Linthgletschers, die während
der Hochwürmzeit geprägt wurde. Durch die Bewaldung der Kuppen und die
Felder in den Senken dazwischen tritt die typische Hügelform noch verstärkt
in Erscheinung." Als Ziel wurde die "ungeschmälerte Erhaltung des glazial
geprägten und bislang unversehrt gebliebenen Landschaftsbildes" und als
Massnahmen "keine beeinträchtigenden Geländeveränderungen" genannt;
die Bedeutung wurde als regional eingestuft. Zur genannten Drumlinland-
schaft zählten neben der streitbetroffenen "Glazial geprägten Form Vorwal-
den" (Nr. 101.1) die weiter nördlich gelegenen Drumlins Müliberg-Büel
(101.2), Buech (101.3), Linggisbüel/Hakaberg (101.4) und Herdloh (101.5)
sowie die östlich gelegenen Drumlins Tannenberg-Holziberg-Schlimperg
(101.6).
Im Rahmen der Neufestsetzung des Kantonalen Inventars der Landschafts-
schutzobjekte (Landschaftsschutzinventar; KILO) wurden die genannten
Drumlins Nrn. 101.2 und 101.5 zusammen mit der - gemäss Inventar 80 -
Drumlinlandschaft Lattenbuck-Chellerholz-Egg (Nr. 103_57 bzw. im Objekt-
blatt Nr. 103) sowie gewissen zusätzlichen Verbindungsflächen neu als
"Drumlinlandschaft Lindau - Nürensdorf" in der Objektkategorie "Geomor-
phologisch geprägte Landschaften" unter der Nr. 1091 als Objekt regionaler
Bedeutung erfasst (vgl. act. 16.6 sowie die Karte "Kantonales Inventar der
Landschaftsschutzobjekte" im GIS-Browser, auch zum Folgenden). Die
Drumlins Nrn. 101.4 und 101.5 wurden je selbständig in der Objektkategorie
R3.2022.00033 Seite 5
"Geologische Zeitzeugen" unter den Nrn. 7053 und 7054, ebenfalls mit regi-
onaler Bedeutung, verzeichnet. Die Drumlins Nr. 101.6 bilden neu - zusam-
men mit anderen, weiter östlich gelegenen Drumlins - Teil des Objekts
"Drumlins bei Illnau-Effretikon" (Nr. 7179, kantonale Bedeutung), das eben-
falls zur Kategorie "Geologische Zeitzeugen" gehört. Demgegenüber wurde
die streitbetroffene Glazial geprägte Form Vorwalden (Nr. 101.1) nicht ins
neue Landschaftsschutzinventar aufgenommen.
1.2
Die Grundstücke der Rekurrentin 1 (Kat.-Nr. 1) und der Rekurrentin 2 (Kat.-
Nrn. 2 und 3) liegen am westlichen Dorfrand von Tagelswangen in der Ge-
werbezone G3b. Gemäss den im GIS-Browser überprüfbaren Angaben der
Rekurrentinnen befindet sich das erstgenannte Grundstück in einem Ab-
stand von (minimal) ca. X m zur Perimetergrenze des streitbetroffenen Land-
schaftsschutzobjekts (das seinerseits zur kantonalen Landwirtschaftszone
gehörende sowie als Wald ausgewiesene Flächen umfasst), während das
Grundstück Kat.-Nr. 2 einen (minimalen) Abstand zur fraglichen Perimeter-
grenze von ca. Y m aufweist.
2.
Es wird - im Sinne einer Beweisofferte - die Durchführung eines Augen-
scheins beantragt (vgl. § 7 des Verwaltungsrechtspflegegesetzes [VRG]).
Das Baurekursgericht hat unbesehen von Parteianträgen nur dann einen Au-
genschein durchzuführen, wenn die Verhältnisse vor Ort zwar entscheidre-
levant, auf Grund der Akten aber noch unklar sind. Diese Voraussetzung ist
vorliegend nicht erfüllt, so dass kein Augenschein durchzuführen war.
3.1.1
Die Rekurrentinnen halten einleitend fest, beim im angefochtenen Beschluss
erwähnten Verzicht auf eine Festsetzung handle es sich in Tat und Wahrheit
um eine Entlassung aus dem Inventar.
Spezifisch unter dem Titel der Legitimation führen die Rekurrentinnen so-
dann aus, das Gebiet des streitbetroffenen Landschaftsschutzobjekts solle
durch ein grosses Kiesabbauprojekt zerstört werden, wobei sich der im kan-
tonalen Gestaltungsplan - der im Oktober/November 2020 zur Mitwirkung
R3.2022.00033 Seite 6
aufgelegen sei - ersichtliche Nordteil des Abbaugebiets tief in den Perimeter
des Landschaftsschutzobjekts hineinerstrecke. Während aktuell aufgrund
des Landschaftsschutzes eine Wiederherstellung des heutigen Terrains ge-
plant sei, würde die Entlassung aus dem Inventar die ursprünglich vorgese-
hene Überfüllung des Geländes um mehrere Meter ermöglichen, womit die
bestehende, geomorphologisch interessante Landschaft in der Aussicht der
rekurrentischen Liegenschaften nachhaltig negativ verändert würde. Vor al-
lem aber sei ungeachtet der Frage der Wiederherstellung - die ohnehin nur
eine "künstliche Disney-Land-Landschaft" schaffen würde - ein Kiesabbau
im Perimeter des Schutzobjekts nicht zulässig, da es sich um eine beein-
trächtigende Geländeveränderung handle, die massiv gegen das Schutzziel
der ungeschmälerten Erhaltung verstosse. Das inventarisierte Landschafts-
schutzgebiet stelle somit für das Kiesabbauprojekt ein Hindernis dar bzw.
werde der Kiesabbau durch die Inventarentlassung ermöglicht. Der Kiesab-
bau werde für die Anstösser - auch aufgrund der erhöhten Lage der Häuser
am Ortsrand von Tagelswangen - massive Immissionen mit Lärm, Staub und
Erschütterungen und entsprechende Beeinträchtigungen zur Folge haben.
Der Rekurrentin 1 würden aufgrund der Immissionen und der dadurch be-
dingten Mietzinsreduktionen für ihre Gewerbeliegenschaft bezogen auf die
gesamte Dauer des Abbaus bei Vollvermietung Fr. 1,5 bis 1,75 Mio. Verlust
entstehen, wobei überdies zu befürchten sei, dass das Kiesgrubenprojekt zu
grossen Leerständen führen werde. Hinzu kämen erhebliche Reinigungskos-
ten. Für die Rekurrentin 2, die hauptsächlich in der [...] tätig sei, ergebe sich
das Problem, dass die Anlagen für den Auswuchtungsprozess (als Kernpro-
zess in der Fertigung und grösstes Know-How des Unternehmens) auf die
kleinsten Erschütterungen reagieren würden, was zu erheblichen Produkti-
onsverzögerungen, Preiserhöhungen, Verlust der Konkurrenzfähigkeit oder
gar Verunmöglichung der Produktion führe. Probleme bereiteten weiter der
erhöhte Lärm, da für verschiedene Produkte Schallmessungen vorzuneh-
men seien, sowie die erhöhte Staubbelastung. Die Rekurrentin 2 würde bei
Realisierung der Kiesgrube diverse bauliche Massnahmen treffen müssen,
wobei mit Investitionskosten von über zwei Millionen Franken zu rechnen sei.
Hinzu kämen die erhöhten Reinigungskosten.
3.1.2
Die Vorinstanz hält dafür, auf den Rekurs sei nicht einzutreten. Beim ange-
fochtenen Beschluss handle es sich um eine Neufestsetzung im Sinne von
§ 7 Abs. 1 lit. b der Kantonalen Natur- und Heimatschutzverordnung (KNHV)
R3.2022.00033 Seite 7
und nicht um eine Nachführung, wobei Aufnahmekriterien und Methodik für
das Landschaftsschutzinventar wesentlich von denjenigen des Inventars 80
abweichen würden. Während im Stand der Anhörung noch von einer Über-
arbeitung des Inventars 80 mit entsprechenden Entlassungen und Neuauf-
nahmen ausgegangen worden sei, habe der Methodenwechsel mit neuen
Aufnahmekriterien dazu geführt, ein neues separates Inventar für den Sach-
bereich Landschaft festzusetzen, das den Teil Landschaft des Inventars 80
vollständig ablöse, wobei insgesamt 136 Objekte aus dem Inventar 80 nicht
ins neue Landschaftsschutzinventar aufgenommen worden seien. Gemäss
ständiger Rechtsprechung sei die Aufnahme eines Schutzobjekts in ein In-
ventar eine blosse Verwaltungshandlung ohne Verfügungscharakter, wes-
halb denn auch mit der Publikation des neuen Landschaftsschutzinventars
kein Rechtsmittel eröffnet worden sei.
Selbst wenn sodann entgegen der dargelegten Auffassung von einer Nach-
führung und damit einer Entlassung des streitbetroffenen Objekts ausgegan-
gen würde, fehle es den Rekurrentinnen an der erforderlichen Beziehungs-
nähe und am Berührtsein von qualifizierten eigenen Interessen. Mit einer
Aufnahme des Objekts in das Landschaftsschutzinventar würde der Kiesab-
bau in diesem Gebiet nicht verhindert. Im Zeitpunkt der Auflage zur Mitwir-
kung im Jahr 2020 sei das streitbetroffenen Objekt im Gestaltungsplan als
Inventarobjekt des Inventars 80 berücksichtigt worden und eine Wiederher-
stellung des heutigen Terrains vorgesehen worden. Auch mit einer Auf-
nahme im Landschaftsschutzinventar wäre wiederum im Rahmen einer Inte-
ressenabwägung ein vorübergehender Eingriff in das Schutzobjekt zu beur-
teilen. Würde ein solcher als zulässig beurteilt, hätte der Gestaltungsplan
entsprechende Vorgaben und Auflagen einzuhalten. Im Stand Entwurf sei
der Eingriff in das Inventarobjekt aus dem Inventar 80 als vertretbar beurteilt
worden. Selbst wenn schliesslich ein Eingriff als nicht zulässig erachtet
würde, führte die Aufnahme des Objekts ins Landschaftsschutzinventar
höchstens zu einer Reduktion des Abbaugebiets. Namentlich befände sich
die am nächsten bei den rekurrentischen Grundstücken befindliche nördlich
gelegene Abbaufläche nicht im Perimeter des streitbetroffenen Inventarob-
jekts, so dass in diesem Bereich der Kiesabbau unabhängig vom Bestand
oder Nichtbestand des Inventareintrags möglich wäre. Auch eine Inven-
taraufnahme des Objekts führe damit nicht zum angestrebten Ziel der Re-
kurrentinnen, den Kiesabbau im näheren Umfeld ihrer Liegenschaften zu
R3.2022.00033 Seite 8
verhindern, so dass diese zur Rekurserhebung nicht legitimiert seien. Auch
aus diesen Gründen sei auf den Rekurs nicht einzutreten.
3.1.3
In der Replik führen die Rekurrentinnen aus, es treffe zu, das der Status als
Inventarobjekt für sich allein die Zerstörung durch den Kiesabbau noch nicht
zwingend verhindere. Der Entwurf des Gestaltungsplans habe die Zerstö-
rung trotz des Inventareintrags vorgesehen. Diese Frage sei aber noch nicht
geklärt. Es bestehe eine realistische Möglichkeit, dass die Zerstörung im
Rahmen des Verfahrens betreffend den kantonalen Gestaltungsplan als un-
zulässig taxiert werde. Weiter habe die K. AG, welche den Kiesabbau betrei-
ben möchte, mehrfach ausdrücklich klargestellt, dass sich die Erstellung der
Infrastruktur finanziell nur lohne, wenn das gesamte Abbaugebiet im geplan-
ten Ausmass abgebaut werden könne. Sollte dies seitens der Vorinstanz be-
stritten werden, werde die Nennung von Zeugen vorbehalten. Könne auf-
grund des Landschaftsschutzes ein Teil im Norden nicht abgebaut werden,
falle somit das gesamte Projekt mangels Wirtschaftlichkeit dahin.
Die Vorinstanz hält in der Duplik fest, wie sich bei Erarbeitung des Gestal-
tungsplans unter Berücksichtigung des im Inventar 80 enthaltenen Objekts
gezeigt habe, sei bei Wiederherstellung des ursprünglichen Reliefs ein land-
schaftsverträglicher Kiesabbau gewährleistet, weshalb die rekurrentische Ar-
gumentation betreffend die finanzielle Sinnhaftigkeit der Erstellung der Infra-
struktur ins Leere ziele. Ob der Kiesabbau finanziell für die Betreiberin at-
traktiv sei, wenn nur Teilflächen abgebaut werden könnten, sei eine offene
Frage, die nicht vorliegend, sondern im Rahmen eines Gestaltungsplanver-
fahrens zu klären sei. Grundsätzlich könne Kies auch ausserhalb des Inven-
tarobjekts abgebaut werden.
In einer triplizierenden Eingabe legen die Rekurrentinnen dar, der kantonale
Gestaltungsplan sei nun am 6. Mai 2022 publiziert und der Kiesabbau im
Landschaftsschutzperimeter zugelassen worden. Die Rekurrentinnen wür-
den auch dort u.a. wegen der Verletzung der Anliegen des Landschafts-
schutzes Rekurs einlegen.
3.2
Im angefochtenen Beschluss wird ausgeführt, mit Beschluss Nr. 126/1980
vom 4. Januar 1980 habe der Regierungsrat das Inventar der Natur- und
R3.2022.00033 Seite 9
Landschaftsschutzobjekte von überkommunaler Bedeutung (Inventar 80)
festgesetzt. Seit der Festsetzung seien - mit Ausnahme von Nachträgen bei
den Naturschutzobjekten - keine Aktualisierungen vorgenommen worden.
Viele Landschaftsschutzobjekte des Inventar 80 hätten zwischenzeitlich
starke Veränderungen wie Überbauungen, Geländeveränderungen oder
Trennwirkungen durch Verkehrsinfrastrukturen erfahren. Sodann seien unter
den Landschaftsschutzobjekten im Inventar 80 vorwiegend Einzelobjekte in-
ventarisiert worden, während § 19 KNHV als Landschaftsschutzgebiete
ganze Landschaften und damit zusammenhängende Räume bezeichne. Im
Sinne von § 8 KNHV sei deshalb für die Landschaftsschutzobjekte eine ge-
samthafte Prüfung und Aktualisierung erforderlich gewesen. § 7 KNHV for-
dere die jeweils separate Erstellung von Fachinventaren. Das Sachgebiet
Landschaftsschutz mit den Landschaftsschutzobjekten von überkommunaler
Bedeutung werde deshalb aus dem Inventar 80 herausgelöst und gestützt
auf § 7 lit. b KNHV in ein separates neues kantonales Inventar der Land-
schaftsschutzobjekte (Landschaftsschutzinventar) überführt. Dabei sei bei
einzelnen Objekten aufgrund von irreversibler Beeinträchtigung oder auf-
grund von geringer landschaftlicher Prägnanz und Einzigartigkeit der Objekte
im kantonalen Vergleich auf die Überführung ins neue Inventar verzichtet
worden. Das Inventar 80 werde für den Sachbereich Landschaftsschutz
durch das neue Landschaftsschutzinventar ersetzt (vgl. zum Ganzen act. 3
S. 1). Insgesamt seien 136 Objekte aus dem Inventar 80 nicht im neuen
Landschaftsschutzinventar aufgenommen worden (act. 3 S. 5 und S. 15 ff.).
Wie sich dieser Darstellung entnehmen lässt, trifft es zwar zu, dass vorlie-
gend formell die Neufestsetzung eines Inventars erfolgt ist. Dies war schon
allein deshalb geboten, weil § 7 KNHV für fünf im Einzelnen genannte Sach-
gebiete - zu denen unter anderem Objekte des Naturschutzes (lit. a) und
Objekte des Landschaftsschutzes (lit. b) gehören - die Erstellung je separater
Inventare verlangt, so dass eine Aufteilung des bisherigen Inventars 80, das
diese beiden Sachgebiete vereinte, bzw. die Herauslösung des einen Be-
reichs aus dem Inventar 80 zwingend erforderlich war. Nichtsdesto-trotz han-
delt es sich bei der Festsetzung des Landschaftsschutzinventars (KILO)
nach dem Gesagten gerade nicht um die erstmalige Erfassung der Land-
schaftsschutzobjekte von überkommunaler Bedeutung. Entsprechend bil-
dete Ausgangspunkt des zur Festsetzung des neuen Landschaftsschutzin-
ventars führenden Inventarisierungsprozesses denn auch die Überprüfung
der bereits im Inventar 80 erfassten Landschaftsschutzobjekte (vgl. act. 3 S.
R3.2022.00033 Seite 10
3). Auch wenn in der Folge eine Neuausrichtung und Neukategorisierung der
bisherigen Landschaftsschutzobjekte nach Massgabe einer angepassten
Methodik erfolgte (act. 3 S. 2 f.; vgl. näher E. 4.3.1), vermag dies nichts daran
zu ändern, dass sich aufgrund des angefochtenen Beschlusses - der sich
explizit dazu äussert, dass (lediglich) für den Teilbereich "Naturschutz" das
Inventar 80 seine Gültigkeit behalte (vgl. Dispositiv-Ziff. II), womit es diese
bezüglich des Bereichs "Landschaftsschutz" aufgrund dieses Beschlusses
verliert) - der Status derjenigen Objekte, die im Inventar 80 verzeichnet wa-
ren, jedoch nicht ins Landschaftsschutzinventar aufgenommen wurden, da-
hingehend ändert, dass eine bisher gegebene Inventarisierung als Land-
schaftsschutzobjekt überkommunaler Bedeutung zukünftig entfällt. Damit
handelt es sich jedenfalls materiell - wenn nicht sogar formell aufgrund der
Teilaufhebung des Inventars 80 - um eine Inventarentlassung, wofür im Üb-
rigen auch der Umstand spricht, dass die fraglichen 136 Objekte (wie auch
weitere 67 mit gegenüber dem Inventar 80 verändertem Perimeter festge-
setzte Objekte) im Dispositiv des angefochtenen Beschlusses ausdrücklich
und im Einzelnen aufgeführt sind (was bei einer erstmaligen Inventarisierung
praxisgemäss nicht der Fall wäre). Entgegen der Vorinstanz steht somit der
Umstand, dass es sich bezüglich des neuen Landschaftsschutzinventars for-
mell um eine Neufestsetzung handelt, der Anfechtung der Nichtberücksichti-
gung eines Objekts (die bei erstmaliger Inventarisierung - gleich wie umge-
kehrt die Inventarisierung - nicht justiziabel wäre) nicht entgegen. Vielmehr
kann gegen diese unter den gleichen Voraussetzungen, wie sie für eine förm-
liche Inventarentlassung gelten würden, rekurriert werden (weshalb insbe-
sondere auch hinsichtlich der nachfolgend zu prüfenden Legitimation die für
Inventarentlassungen entwickelten Grundsätze zumindest analog anwend-
bar sind). Dass der angefochtene Beschluss keine Rechtsmittelbelehrung
enthält, erweist sich insofern als fehlerhaft, woraus den Rekurrierenden in-
dessen - wie diese selbst anerkennen (vgl. act. 2 Rz. 4) - kein Nachteil er-
wachsen ist.
3.3.1
Zum Rekurs und zur Beschwerde ist berechtigt, wer durch die angefochtene
Anordnung berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse an ihrer Aufhebung
oder Änderung hat (§ 338a Satz 1 des Planungs- und Baugesetzes [PBG]).
R3.2022.00033 Seite 11
Mit dieser Umschreibung der Legitimation verlangt das Gesetz zunächst,
dass der Rekurrent über eine hinreichend enge nachbarliche Raumbezie-
hung zum Baugrundstück verfügt, kraft derer er stärker als beliebige Dritte
oder die Allgemeinheit von der angefochtenen Anordnung betroffen ist. Das
vom Gesetz alsdann verlangte schutzwürdige Interesse (Anfechtungsinte-
resse) setzt voraus, dass der Rekurrent mit der Gutheissung des Rechtsmit-
tels einen Nutzen erlangt bzw. einen Nachteil abwendet. Das Interesse des
Rekurrenten kann rechtlicher oder tatsächlicher Natur sein. Allerdings ver-
mag nicht jeder noch so geringfügige Nachteil ein schutzwürdiges Interesse
zu begründen (BRGE II Nr. 0124/2013 in BEZ 2013 Nr. 46; www.baurekurs-
gericht-zh.ch). Der angestrebte Nutzen muss stets ein eigener sein. Der Re-
kurrent muss zudem von der Anordnung unmittelbar betroffen sein. Mithin ist
zu prüfen, ob die Gutheissung des Rekurses für sich betrachtet ausreicht,
um den angestrebten Nutzen herbeizuführen (Martin Bertschi, in: Kommen-
tar VRG, 3. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2014, § 21 Rz. 10 ff. und 53 ff.).
Ein legitimationsbegründender Nachteil kann für den Rekurrenten auch dann
vorliegen, wenn mit der angefochtenen Anordnung die Entlassung eines Ob-
jekts aus einem Schutzinventar erfolgt und die damit verbundene, rein abs-
trakte Möglichkeit der Neuüberbauung eines Grundstücks eine Minderung
des ideellen oder materiellen Werts der Liegenschaft des Nachbarrekurren-
ten zur Folge hat (VB.2009.00498 vom 25. Mai 2011, E. 1.2.2; Bertschi,
a.a.O., § 21 Rz. 61; vgl. zur zumindest analogen Anwendbarkeit dieser
Rechtsprechung vorstehend E. 3.2).
3.3.2
Wie vorstehend dargelegt, leiten die Rekurrentinnen ihre Legitimation aus
dem Umstand her, dass ihres Erachtens die Frage der Inventarisierung des
streitbetroffenen Objekts sich (zumindest potentiell) auf die Realisierung ei-
nes Kiesabbauprojekts in ihrer Nachbarschaft auswirken würde, von dessen
Immissionen sie nachteilig betroffen wären. Wie sich dem seitens der Rekur-
rierenden ins Recht gelegten Situationsplan - Stand Herbst 2020 (öffentliche
Auflage zur Mitwirkung) - entnehmen lässt, befände sich ein Teil des geplan-
ten Abbaugebiets innerhalb des Perimeters des streitbetroffenen Inventarob-
jekts, der am nächsten bei den rekurrentischen Grundstücken gelegene Teil
des Abbaugebiets indessen ausserhalb des fraglichen Perimeters (vgl.
act. 6.6), was zwischen den Parteien nicht umstritten ist (vgl. die - anhand
von act. 6.6 sowie der Karte "Amtliche Vermessung in Farbe" im GIS-
R3.2022.00033 Seite 12
Browser näherungsweise verifizierbare - Angabe der Rekurrentinnen, wo-
nach sich ihre Grundstücke in einem Abstand von ca. X m von der Grenze
der geplanten Kiesgrube - und damit im Lichte des in E. 1.2 Ausgeführten
näher bei derselben als beim streitbetroffenen Inventarobjekt - befinden wür-
den).
Mit Blick auf die Legitimation der Rekurrentinnen ist vorab zu berücksichti-
gen, dass sich die Frage der Inventarisierung des streitbetroffenen Objekts
jedenfalls insoweit auswirken dürfte, als bei gegebener Inventarisierung im
fraglichen Bereich eine Wiederherstellung der heute vorhandenen Topogra-
phie und entsprechend der Verzicht auf eine Überhöhung angeordnet würde.
Zumindest sieht Art. 29 der als act. 6.7 im Recht liegenden Gestaltungsplan-
vorschriften (Stand Herbst 2020 [öffentliche Auflage zur Mitwirkung]), der von
der Erfassung des streitbetroffenen Objekts im Inventar 80 ausging, dies so
vor. Würde bei Wegfall der Inventarisierung stattdessen eine Überfüllung er-
möglicht, so ergäbe sich bereits in optischer Hinsicht eine (nachteilig) verän-
derte Situation, die überdies für die Rekurrentinnen aufgrund der Randlage
ihrer Grundstücke, der konkret gegebenen Höhenlagen (vgl. die Karte "Digi-
tale Höhenmodelle 2017 Bund" im GIS-Browser) sowie der Dimensionen des
geplanten Kiesabbauprojekts trotz der relativ grossen Distanz zwischen re-
kurrentischen Liegenschaften und Inventarobjekt (vgl. E. 1.2) wahrnehmbar
wäre. Schon dies spricht dafür, ihnen die Legitimation zum vorliegenden Re-
kurs nicht abzusprechen.
Es kommt hinzu, dass die Realisierbarkeit des Kiesabbauvorhabens im Pe-
rimeter eines Landschaftsschutzobjekts - sofern dessen Inventarisierung
(bzw. materiell: der Verzicht auf die Inventarentlassung) im vorliegenden
Verfahren durchgesetzt werden könnte - jedenfalls nicht von vornherein of-
fenkundig ist. Vielmehr wäre die entsprechende Frage - wie von den Rekur-
rentinnen in Aussicht gestellt - im Rahmen eines allfälligen Rekursverfahrens
betreffend den kantonalen Gestaltungsplan zu klären, wobei aber die Inven-
tarisierung des Objekts gerade Voraussetzung einer entsprechenden Über-
prüfung wäre. In diesem Sinn lässt sich nicht von der Hand weisen, dass eine
Inventarisierung zunächst hinsichtlich des Umfangs des Kiesabbaus poten-
tiell ein zusätzliches Hindernis darstellen könnte. Dass offenbar bereits im
öffentlich aufgelegten wie auch im nunmehr festgesetzten und genehmigten
Gestaltungsplan keine entsprechende Einschränkung vorgesehen ist,
R3.2022.00033 Seite 13
spricht nicht gegen diese - einzig die Legitimationsfrage betreffende - Be-
trachtungsweise, da andernfalls gestützt auf den Inhalt des Gestaltungsplans
eine gerichtliche Überprüfung der Frage der Inventarisierung und damit - zu-
folge Wegfalls der Inventarisierung - indirekt eine auf den Gestaltungsplan
selbst bezogene gerichtliche Überprüfung der Zulässigkeit des Kiesabbaus
im Perimeter des entsprechenden Objekts von vornherein verunmöglicht
würde.
Zwar macht nun die Vorinstanz wie gesehen geltend, dass selbst bei Unzu-
lässigkeit des Kiesabbaus im Perimeter des streitbetroffenen Objekts für die
Rekurrentinnen kein Vorteil resultieren würde, da der Kiesabbau im näher
bei den rekurrentischen Grundstücken gelegenen Teil des Abbaugebiets
hiervon gar nicht betroffen wäre. Auch wenn dieser Hinweis wie vorstehend
dargelegt (vgl. auch act. 6.6) grundsätzlich zutreffend ist, erscheint es nicht
ausgeschlossen, dass - wie von den Rekurrentinnen behauptet - die Reali-
sierung des Abbauvorhabens faktisch von der umfassenden Inanspruch-
nahme des geplanten Abbaugebiets abhängen könnte, da andernfalls die
Wirtschaftlichkeit des Vorhabens in Frage gestellt wäre. Zwar unterlassen es
die Rekurrentinnen, die Behauptung entsprechender Aussagen der vorgese-
henen Betreiberin des Kiesabbaus zu belegen, wobei allerdings auch die in
der Duplik erfolgenden Entgegnungen der Vorinstanz in diesem Punkt wenig
substantiiert erscheinen (vgl. E. 3.1.3). Da nun ein rekurrentisches Interesse
tatsächlicher Natur für die Anerkennung der Legitimation ausreichend ist und
die Argumentation, wonach sich eine allfällige Verunmöglichung des Kiesab-
baus im Perimeter des streitbetroffenen Objekts faktisch auf die Realisierung
des gesamten Abbauvorhabens auswirken könnte, nicht von vornherein ab-
wegig erscheint, kann entgegen der Vorinstanz im Rahmen der Prüfung der
Legitimationsvoraussetzungen auch ein entsprechend umschriebenes (indi-
rektes und teilweise hypothetisches) Interesse als ausreichend erachtet wer-
den. Umgekehrt betrachtet würden die Rekurrentinnen im Falle des bean-
tragten Nichteintretens auf ihren Rekurs (womit die fehlende Inventarisierung
nicht mehr hinterfragt werden könnte) von vornherein der Möglichkeit be-
raubt, das Kiesabbauprojekt zunächst im Rahmen eines gegen den Gestal-
tungsplan gerichteten Rekurses mit entsprechenden (auf die Lage des vor-
liegend streitbetroffenen Landschaftsschutzobjekts bezogenen) Argumenten
zu bekämpfen und damit - im Obsiegensfall - zumindest die Attraktivität des
gesamten Vorhabens für die zukünftige Betreiberin qua Verschlechterung
der Wirtschaftlichkeit zu reduzieren bzw. auf diese Weise gegebenenfalls die
R3.2022.00033 Seite 14
Realisierung faktisch überhaupt zu verunmöglichen. Anzumerken ist, dass in
einem entsprechenden Szenario die Abwendung eines nicht lediglich gering-
fügigen Nachteils offenkundig erscheint, dürften doch mit dem Kiesabbau-
projekt in der Tat erhebliche Immissionen wie Lärm, Staub und Erschütterun-
gen verbunden sein, wobei die Rekurrentinnen - auch unter Berücksichti-
gung der Distanz ihrer Liegenschaften zum Perimeter des Abbauvorhabens
- plausibel dargetan haben, inwiefern sie hiervon in besonderer Weise be-
troffen wären (was im Übrigen seitens der Vorinstanz nicht in Frage gestellt
wird, weshalb sich auch der angebotene Augenschein zur Verifizierung na-
mentlich der betrieblichen Prozesse der Rekurrentin 2 erübrigt).