Decision ID: 9156c6ff-f56e-5e1f-ad97-4a8f380d12ae
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 14. Februar 2017 in der Schweiz um Asyl
nach. Auf dieses Asylgesuch trat das SEM mit Verfügung vom 7. April 2017
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) nicht ein und
verfügte die Wegweisung des Beschwerdeführers nach Italien. Dieser Ent-
scheid blieb durch den Beschwerdeführer unangefochten.
B.
Am 3. April 2020 stimmte das SEM einem Übernahmeersuchen von
E._ gestützt auf Art. 18 Abs. 1 b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013
des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Fest-
legung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (Neufassung) (ABl. L 180/31 vom 29.6.2013; nachfolgend: Dub-
lin-III-VO) zu. Der Beschwerdeführer wurde zwecks Prüfung seines Asyl-
gesuches durch die Schweiz am 20. September 2020 in die Schweiz über-
stellt. Das SEM nahm das Asylverfahren am 22. September 2020 auf.
C.
Am 19. Oktober 2020 hörte das SEM den Beschwerdeführer einlässlich zu
seinen Asylgründen im Beisein einer Hilfswerkvertretung an.
Im Rahmen dieser Anhörung machte der Beschwerdeführer im Wesentli-
chen geltend, er sei in B._ aufgewachsen. Die Schule habe er nach
acht Jahren abgebrochen. Als er ungefähr zwölf, dreizehn Jahre alt gewe-
sen sei, sei er wiederholt von Quartierbewohnern respektive Nachbarn und
auch einmal von seinem Bruder vergewaltigt worden. Mit sechzehn Jahren
habe er B._ erstmals verlassen. Er habe Kontakte zu Personen aus
dem Norden Marokkos gehabt, von denen er aufgefordert worden sei, Ha-
schisch in verschiedenen Städten seines Heimatlandes zu verkaufen. Als
er im Alter von achtzehn Jahren nicht mehr habe mitmachen wollen, hätten
sie ihm mehrfach gedroht und ihn tätlich angegriffen. Einmal wäre er dabei
beinahe gestorben. Er habe Anzeige bei der Polizei erstattet. Weil er zu
wenig Angaben über die Angreifer habe machen können, habe die Polizei
jedoch nichts unternommen. Nach seiner Kuriertätigkeit habe ihm ein On-
kel einen Job in einem (...) in B._ besorgt. Später sei er auch als
(...) tätig gewesen und danach nach B._ zurückgekehrt und habe
in verschiedenen (...) sowie bei einer (...) gearbeitet. Da ihn erwähnte Per-
sonen, für die er als Drogenkurier tätig gewesen sei, jahrelang weiterhin
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bedroht hätten, habe er sich schliesslich zur Ausreise aus seinem Heimat-
land entschlossen. Im Jahr 2012 habe er daher vermittelt und gegen Zah-
lung von 8000 Euro in Marokko eine Italienerin geheiratet. Im Jahr 2013
habe er ein Visum erhalten und sei nach Italien gereist. Da der Heiratsver-
mittler der Italienerin nicht die vereinbarte Summe respektive kein Geld
überwiesen habe, habe er mit dieser Frau und ihrem Ex-Ehemann Prob-
leme bekommen. Die Frau, die im Süden Italiens wohnhaft gewesen sei,
habe ihn aus dem Haus getrieben. Er sei dann in den Norden Italiens ge-
flohen. Eine Aufenthaltsbewilligung habe er in Italien nicht erhalten. Er sei
daher nach D._ zu Familienangehörigen gereist und habe dort zwei
Jahre gearbeitet. Danach sei er in die Schweiz gereist, wo er im Februar
2017 um Asyl ersucht habe.
Zu seinem gesundheitlichen Zustand befragt, erklärte der Beschwerdefüh-
rer, er leide an (...)problemen, sei an einer (...) erkrankt gewesen und er-
halte verschiedene Medikamente, darunter auch eines wegen der (...). In
der Vergangenheit habe er auch Medikamente gegen Stress eingenom-
men. Hinsichtlich seiner Familienangehörigen führte der Beschwerdeführer
aus, mit seiner Schwester und seinem Vater, die beide in B._ leben
würden, habe er noch Kontakt. Sein Vater erhalte eine Rente. Seine
Schwester arbeite nicht, ihr Ehemann nur gelegentlich. Er habe zudem
eine Schwester, die in C._ lebe und eine, die in D._ leben
würde. Auch seine Mutter lebe in D._. Zu seinem Bruder, der zu-
sammen mit seinem Vater in B._ wohne, habe er keinen Kontakt.
Sein Vater werde durch erwähnten Bruder finanziell unterstützt.
D.
Mit Verfügung vom 29. Oktober 2020 – eröffnet am 3. November 2020 –
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, wies sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung und
deren Vollzug an.
Zur Begründung führte die Vorinstanz im Wesentlichen aus, die vom Be-
schwerdeführer dargelegten Behelligungen durch private Dritte infolge sei-
ner Kuriertätigkeit, gründeten nicht auf einem der in Art. 3 AsylG genannten
Motive. Auch könne von einem adäquaten staatlichen Schutz der heimatli-
chen Behörden ausgegangen werden, da es dem Beschwerdeführer mög-
lich gewesen sei, sich diesbezüglich an die Polizei zu wenden. Den Vor-
bringen des Beschwerdeführers komme auch mangels zeitlichen Kausal-
zusammenhangs zwischen den bereits seit 2004 bestehenden Behelligun-
gen und seiner Ausreise im Jahre 2013 keine asylrechtliche Relevanz zu.
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Das SEM erachtete zudem den Vollzug der Wegweisung als zulässig, zu-
mutbar und möglich. Insbesondere erkannte es in den gesundheitlichen
Problemen des Beschwerdeführers kein Unzumutbarkeitskriterium. Die
medizinischen Leiden seien in Marokko in zahlreichen Krankenhäusern
und Einrichtungen behandelbar. Ausserdem verfüge er in Marokko mit sei-
nem Vater und der Schwester über ein Beziehungsnetz.
E.
Gegen die Verfügung des SEM vom 29. Oktober 2020 erhob der Be-
schwerdeführer mit Eingabe der rubrizierten Rechtsvertreterin vom 27. No-
vember 2020 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht.
Darin wurde beantragt, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben und
die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventu-
aliter sei die Verfügung aufzuheben und infolge Unzulässigkeit und Unzu-
mutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung die vorläufige Aufnahme anzu-
ordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde beantragt, es sei dem Be-
schwerdeführer die unentgeltliche Prozessführung und unentgeltliche
Rechtsverbeiständung zu gewähren und auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses sei zu verzichten.
In der Beschwerde wurde dem SEM hinsichtlich der von ihm festgestellten
Zumutbarkeit des Vollzuges der Wegweisung im Wesentlichen eine man-
gelhafte Sachverhaltserhebung und eine ungenügende Begründung vor-
geworfen, da der Beschwerdeführer entgegen der Behauptung des SEM
in B._ nicht über ein tragfähiges Beziehungsnetz verfüge respektive
sich das SEM in der Verfügung diesbezüglich widerspreche. Ausserdem
habe es den medizinischen Sachverhalt nicht genügend abgeklärt, indem
es weder aktuelle Behandlungen noch Medikamente, die der Beschwerde-
führer erhalte, erwähnt noch dessen psychische Beschwerden berücksich-
tigt habe. Einem Bericht der SFH zufolge würde es nämlich in Marokko
gerade im Bereich der Psychiatrie an entsprechendem Fachpersonal feh-
len, Medikamente seien zudem teuer und in ungenügender Menge vorhan-
den.
F.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 1. Dezember 2020 den Ein-
gang des Rechtsmittels.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt.
2.
Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwer-
den gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Be-
hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwal-
tungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Ausliefe-
rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
3.
Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
4.
Wie sich den Rechtsbegehren und insbesondere der Begründung der Be-
schwerde entnehmen lässt (vgl. insbesondere S. 3 und S. 6 der Be-
schwerde) richtet sich diese ausschliesslich gegen den von der Vorinstanz
angeordneten Vollzug der Wegweisung. Die Verneinung der Flüchtlingsei-
genschaft und die Ablehnung des Asylgesuchs sind demnach in Rechts-
kraft erwachsen. Somit ist praxisgemäss auch die Wegweisung als solche
nicht mehr zu überprüfen. Gegenstand des Beschwerdeverfahrens bildet
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Seite 6
folglich lediglich die Frage, ob die Wegweisung des Beschwerdeführers
nach Marokko zu vollziehen oder ob anstelle des Vollzugs eine vorläufige
Aufnahme anzuordnen ist.
5.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich der vorliegend interessierenden Normen des Aus-
länderrechts (Art. 83 Abs. 1 bis 4 AIG) nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
6.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver-
fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Weiterungen und mit summarischer
Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungs-
vollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigen-
schaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich
ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24
E. 10.2 m.w.H.).
7.2
7.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
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Seite 7
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
7.2.2 Der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung
kommt im vorliegenden Verfahren – wie vom SEM in der Verfügung zu
Recht erwogen – nicht zur Anwendung, da gemäss der Feststellung des
SEM der Beschwerdeführer nicht Flüchtling ist. Eine Rückkehr des
Beschwerdeführers nach Marokko ist demnach unter dem Aspekt von
Art. 5 AsylG rechtmässig.
7.2.3 Gemäss Art. 3 EMRK ist der Wegweisungsvollzug unzulässig, wenn
ernsthafte Gründe glaubhaft gemacht werden, dass die betroffene Person
im Falle der Wegweisung respektive ihres Vollzugs tatsächlich Gefahr läuft,
sich im Zielland einer menschenrechtswidrigen Behandlung ausgesetzt zu
sehen. Wird ein solches Risiko mit stichhaltigen Gründen konkret und
ernsthaft glaubhaft gemacht ("real risk"), ist der Wegweisungsvollzug un-
zulässig (vgl. Urteil des EGMR F.G. gegen Schweden vom 23. März 2016,
Grosse Kammer 43611/11, § 110 m.w.H.). Art. 3 EMRK bietet zudem auch
Schutz vor entsprechenden verpönten Handlungen, denen kein Motiv im
Sinne von Art. 3 AsylG zugrunde liegt, die von Privaten – sogenannten
nichtstaatlichen Akteuren – ausgehen, wenn die staatlichen Behörden nicht
schutzfähig beziehungsweise – willig sind (vgl. statt vieler: Urteil des
BVGer D-1836/2020 vom 16. April 2020 E. 3.2.7 m.w.H.).
Gemäss den Aussagen des Beschwerdeführers wurde seine Anzeige bei
der Polizei gegen die Drogenbande, für die er als Haschischkurier unter-
wegs gewesen sei, deshalb nicht weiterverfolgt, weil er zu den Tätern keine
Angaben habe machen können (vgl. act. A50/23 F119, F121). Die marok-
kanischen Behörden haben sich demnach als schutzwillig gezeigt und sind
zudem grundsätzlich als schutzfähig zu erachten. Auch unter diesem As-
pekt erweist sich der Vollzug der Wegweisung mithin als zulässig.
7.2.4 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK
darstellen. Dies ist insbesondere der Fall, wenn die betroffene Person sich
in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und bereits
in Todesnähe befindet, nach der Überstellung mit dem sicheren Tod rech-
nen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwarten könnte (vgl.
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Seite 8
BVGE 2011/9 E. 9 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des EGMR). Ge-
mäss Praxis des EGMR kann ein Verstoss gegen Art. 3 EMRK auch vor-
liegen, wenn eine schwer kranke Person durch die Abschiebung – mangels
angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen
Risiko konfrontiert würde, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen
Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die
zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwar-
tung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien vom
13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180-193 m.w.H.).
Aufgrund der Akten lässt sich indes vorliegend nicht auf eine derart
schwere Erkrankung des Beschwerdeführers schliessen. Wie aus den
nachstehenden Erwägungen folgt, wird auch auf Beschwerdeebene keine
derart gravierende gesundheitliche Situation aufgezeigt, die einen Weg-
weisungsvollzug nach Marokko als unzulässig erscheinen lassen würde.
7.3
7.3.1 Nach Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.3.2 Unter Berücksichtigung der allgemeinen heutigen Sicherheitslage in
Marokko sind keine Hinweise dafür ersichtlich, dass der Beschwerdeführer
bei einer Rückkehr in sein Heimatland in konkreter Weise gefährdet wäre.
Eine Situation allgemeiner Gewalt oder kriegerischer oder bürgerkriegs-
ähnlicher Verhältnisse liegt in Marokko nicht vor.
7.3.3
7.3.3.1 Individuelle Gründe, die gegen die Zumutbarkeit des Vollzuges
sprechen liegen ebenfalls keine vor:
7.3.3.2 So ist mit dem SEM einherzugehen, dass der Beschwerdeführer in
Marokko nach wie vor Familienangehörige hat, nämlich seine Schwester
und seinen Vater (vgl. act. A50/23 F22) und damit – entgegen der in der
Beschwerde vertretenen Ansicht – über ein familiäres Beziehungsnetz ver-
fügt, auch wenn er zu diesen – wie in der Beschwerde moniert wird – le-
diglich noch losen Kontakt haben will. Sollte die Schwester und deren Ehe-
mann sowie der Vater den Beschwerdeführer weder in persönlicher oder
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Seite 9
finanzieller Hinsicht unterstützen können oder wollen, kann er sich nach
Ansicht des Gerichts bei Bedarf auch an seinen Onkel wenden, der ihm
bereits früher behilflich war (vgl. a.a.O. F93). Zu berücksichtigen ist auch,
dass es dem Beschwerdeführer, wie vom SEM dahingehend zutreffend er-
wogen – freisteht, sich ausserhalb seines früheren Wohnquartiers in
B._ oder aber ausserhalb dieser Stadt niederzulassen, zumal es
ihm bereits früher – und trotz seiner damaligen Suchtproblematik – möglich
war, ausserhalb seines Wohnorts zu leben und zu arbeiten. Seine Berufs-
erfahrung in verschiedenen Berufssparten dürften ihm dabei behilflich sein
(er war seinen Angaben zufolge unter anderem als (...), in einem (...), in
einer (...) und im (...) tätig und hat auch in D._ zwei Jahre lang
Arbeitserfahrung sammeln können; vgl. a.a.O. F28, F128). Seine im Aus-
land lebenden Familienangehörigen (Mutter und zwei Schwestern, vgl.
a.a.O. F22) könnten ihn gegebenenfalls in finanzieller Hinsicht bei seiner
Wiedereingliederung im Heimatland ebenfalls unterstützen.
7.3.3.3 Aus diesen Erwägungen folgt zugleich, dass das SEM seiner Be-
gründungspflicht durchaus nachgekommen ist (vgl. dazu BVGE 2016/9
E. 5.1). Es hat dem Umstand, dass der Beschwerdeführer in Marokko über
einen Vater und eine Schwester verfügt in der angefochtenen Verfügung
Rechnung getragen und ist in dieser Hinsicht zutreffend von einem famili-
ären Beziehungsnetz ausgegangen. Indem es sodann erkannte, dass der
Beschwerdeführer auch ausserhalb von B._ Wohnsitz nehmen
könne, kann ebenfalls keine Verletzung der Begründungspflicht respektive
ein Widerspruch erkannt werden. Denn – wie besehen – steht es dem Be-
schwerdeführer auch nach Auffassung des Gerichts frei, ausserhalb von
B._ zu leben, auch wenn er dort nicht über Verwandte verfügt. Eine
Verletzung der Begründungspflicht liegt damit nicht vor. Eine Rückweisung
der Sache an die Vorinstanz zwecks Neubeurteilung in diesem Punkt fällt
damit nicht in Betracht.
7.3.3.4 Der Beschwerdeführer machte im Rahmen der Anhörung gegen-
über dem SEM gesundheitliche Probleme in Form von (...), Problemen
beim (...) und einer (...), die er erlitten habe und aufgrund derer er Medi-
kamente erhalte, geltend (vgl. act. A50/23 F7 ff., F93, F139). Ausserdem
ergibt sich aus den Akten, dass er gemäss den 2017 erfolgten ärztlichen
Abklärungen in der Schweiz damals (...) und (...) sowie (...) konsumierte,
mithin von einem (...) gesprochen wurde, weswegen er auch verschiedene
Medikationen erhielt (vgl. A30/8 S. 1 ff.).
E-5976/2020
Seite 10
7.3.3.5 Der (...)problematik hat das SEM ebenso wie erwähnten weiteren
medizinischen Krankheiten in seiner Verfügung Rechnung getragen. Diese
wurden vom SEM erwähnt und gewürdigt. Dass das SEM dabei nicht ex-
plizit von psychischen Beschwerden, sondern von "Stressbeschwerden"
spricht, stellt keine Verletzung des Untersuchungsgrundsatz (vgl. Art. 12
VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG; vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1 S. 414 f. mit weiteren
Hinweisen) dar, zumal der vom Beschwerdeführer verwendete Begriff
"Stress" mithin auch die von ihm zugleich erwähnte psychische Angeschla-
genheit beinhalten kann. Den Akten kann sodann nicht entnommen wer-
den, dass er in all den Jahren, in denen er sich in Europa aufgehalten hat,
wegen psychischer Probleme in therapeutische Behandlung begeben
hätte. Mit Bezug auf die von ihm erwähnte (...)erkrankung ist nicht davon
auszugehen, diese bedinge zwingend einen weiteren Aufenthalt des Be-
schwerdeführers in der Schweiz. Seinen Aussagen gemäss war er deswe-
gen nämlich bereits in E._ in Behandlung und erhielt in der Schweiz
dagegen Medikamente (vgl. act. A50/23 F8 ff.). Die letzte spitalärztliche
Konsultation der (...)erfolgte in der Schweiz am 16. September 2020.
Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass allfällige psychologische Be-
schwerden ebenso – wie die anderen vom SEM zutreffend erwähnten ge-
sundheitlichen Leiden – im Heimatstaat des Beschwerdeführers behandelt
werden können. Diesbezüglich ist insbesondere darauf hinzuweisen, dass
Marokko über ein – wenn auch nicht dem schweizerischen Standard ent-
sprechend – funktionierendes Gesundheitssystem verfügt. Entgegen dem
Hinweis auf einen Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) von
2016 sind in Marokko auch Behandlungsmöglichkeiten für allfällige psychi-
sche Probleme sowie für eine – wie beim Beschwerdeführer wohl nach wie
vor vorhandene – (...)problematik vorhanden. Die Inanspruchnahme von
Hilfe der entsprechenden Institutionen ist im Bedarfsfall in finanzieller Hin-
sicht entweder mit der in Marokko vorhandenen RAMED-Karte für Bedürf-
tige oder allenfalls auch mittels finanzieller Unterstützung von Verwandten
möglich (vgl. Urteile des BVGer E-2647/2020 vom 2. September 2020 E.
9.3.3, D- 1836/2020 16. April 2020 E. 3.3.2 sowie E- 285/2020 vom 25. Ja-
nuar 2020 S. 6). Schliesslich ist auf die vom SEM erwähnte Möglichkeit der
medizinischen Rückkehrhilfe zu verweisen.
Aufgrund dieser Sachlage kann dem SEM demnach auch nicht – wie in der
Beschwerde geltend gemacht – vorgehalten werden, es hätte weiterge-
hende Abklärungen zum psychischen Gesundheitszustand vornehmen
müssen. Es ist zudem darauf hinzuweisen, dass es dem Beschwerdeführer
im Sinne von Art. 8 AsylG obliegen hätte, allfällige (weitere) ärztliche Be-
E-5976/2020
Seite 11
richte einzureichen. Obwohl dies in der Rechtsmittelschrift in Aussicht ge-
stellt wurde, wurde bis dato kein medizinischer Bericht, wonach der Be-
schwerdeführer etwa aufgrund einer psychischen Erkrankung oder infolge
anderer gesundheitlichen Leiden derzeit in regelmässiger Therapie wäre,
nachgereicht. Eine unvollständige Sachverhaltsfeststellung durch das
SEM respektive eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes liegt nicht
vor. Die Rüge erweist sich als unbegründet, weshalb der Antrag auf Rück-
weisung der Sache auch in diesem Punkt abzuweisen ist.
7.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung als möglich zu be-
zeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.5 Aus diesen Erwägungen folgt, dass die Vorinstanz weder die Begrün-
dungspflicht noch den Untersuchungsgrundsatz verletzt hat. Den Wegwei-
sungsvollzug hat das SEM zudem zu Recht als zulässig, zumutbar und
möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit
ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und – soweit diesbezüglich überprüfbar – ange-
messen ist. Eine Rückweisung an die Vorinstanz fällt ausser Betracht. Die
Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Das Gesuch um Kostenvorschussverzicht ist mit dem vorliegenden Di-
rektentscheid gegenstandslos geworden. Der Beschwerdeführer ersuchte
weiter um die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (Art. 65 Abs. 1
VwVG). Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass seine Begeh-
ren als aussichtslos zu gelten haben. Damit ist eine der kumulativ zu erfül-
lenden Voraussetzungen nicht gegeben, weshalb das Gesuch ungeachtet
der vom Beschwerdeführer belegten Mittellosigkeit abzuweisen ist. Infolge
der festgestellten Aussichtslosigkeit der Rechtsbegehren ist daher auch
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung ab-
zuweisen.
9.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
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Seite 12
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 13