Decision ID: ae00a35e-6bb2-4891-a8d1-ecc452315463
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im November 2018 zum Bezug von Ergänzungsleistungen zu
einer Altersrente der AHV an (EL-act. 24). Sie wies im Anmeldeformular darauf hin, dass
ihr Ehemann schon „seit zwei Jahren bei der IV angemeldet“ sei (EL-act. 24–5). Im
Dezember 2018 gingen der EL-Durchführungsstelle unter anderem verschiedene
medizinische Berichte zu, laut denen der Ehemann der EL-Ansprecherin an einer
generalisierten obliterierenden Arteriosklerose mit einer cerebralen arteriellen
Verschlusskrankheit, einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit der Beine und an
einer chronischen venösen Insuffizienz respektive an einer coronaren Drei-Gefäss-
Erkrankung bei einem Status nach einer vierfachen aorto-coronaren Bypassoperation
litt (EL-act. 15). Die IV-Stelle hatte ihm im Mai 2018 mitgeteilt, dass angesichts seines
Gesundheitszustandes keine beruflichen Massnahmen möglich seien (EL-act. 15–6 f.).
A.a.
Mit einer Verfügung vom 21. Dezember 2018 sistierte die EL-Durchführungsstelle
das Verwaltungsverfahren bis zum Abschluss des IV-Rentenverfahrens betreffend den
Ehemann der EL-Ansprecherin (EL-act. 14). Zur Begründung führte sie aus, sie könne
das Gesuch um Ergänzungsleistungen nicht abschliessend prüfen, bevor das IV-
Rentenverfahren abgeschlossen sei. Am 18. März 2019 liess die nun anwaltlich
vertretene EL-Ansprecherin geltend machen (EL-act. 12), die EL-Durchführungsstelle
sei verpflichtet, den Gesundheitszustandes des Ehemannes selbst zu beurteilen. Sie
dürfe sich nicht auf Entscheide eines anderen Sozialversicherers abstützen. Die EL-
A.b.
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B.
Durchführungsstelle wies die EL-Ansprecherin am 25. März 2019 darauf hin, dass sie
das Verfahren mit einer Verfügung vom 21. Dezember 2018 sistiert habe (EL-act. 11).
Die EL-Ansprecherin liess am 28. März 2019 erneut darauf hinweisen, dass die EL-
Durchführungsstelle den Sachverhalt selbst erheben müsse (EL-act. 9). Es bestehe kein
Raum für eine Verfahrenssistierung, weshalb das Verwaltungsverfahren nun fortgesetzt
werden müsse. Am 12. April 2019 antwortete die EL-Durchführungsstelle, dass sie an
ihrer rechtskräftigen Sistierungsverfügung festhalte (EL-act. 8). Bereits am 11. April
2019 hatte die EL-Ansprecherin geltend machen lassen (EL-act. 7), dass die IV-Stelle
mit einem Vorbescheid vom 5. März 2019 eine Abweisung des Rentenbegehrens des
Ehemannes angekündigt habe, weshalb nun kein Sistierungsgrund mehr vorliege.
Sollte die EL-Durchführungsstelle das Verwaltungsverfahren nicht fortsetzen, müsse sie
die Sistierung mit einer anfechtbaren Verfügung anordnen. Am 18. April 2019 liess die
EL-Ansprecherin erneut den Erlass einer anfechtbaren Sistierungsverfügung verlangen
(EL-act. 6). Am 7. Mai 2019 erliess die EL-Durchführungsstelle eine Verfügung, mit der
sie das Begehren der EL-Ansprecherin um die Aufhebung der rechtskräftigen
Sistierungsverfügung vom 21. Dezember 2018 abwies und das Verwaltungsverfahren
(weiterhin) bis zum rechtskräftigen Abschluss des IV-Rentenverfahrens betreffend den
Ehemann der EL-Ansprecherin sistiert hielt (EL-act. 5).
A.c.
Am 11. Juni 2019 liess die EL-Ansprecherin (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 7. Mai 2019 erheben (act. G 1). Sie liess
eine gerichtliche Feststellung beantragen, dass die EL-Durchführungsstelle
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) mit der Sistierung des Verwaltungsverfahrens
eine Rechtsverweigerung begehe. Weiter liess sie die Aufhebung der
Sistierungsverfügung und die Anweisung an die Beschwerdegegnerin, das EL-
Verfahren wieder aufzunehmen und ihr die gesetzlichen Leistungen zuzusprechen,
beantragen. Zur Begründung liess sie insbesondere geltend machen, der
Rentenentscheid der Invalidenversicherung betreffend ihren Ehemann sei für ihren EL-
Anspruch gar nicht massgebend. Die Beschwerdegegnerin dürfe ohnehin kein
hypothetisches Erwerbseinkommen anrechnen. Zudem hätte die Beschwerdegegnerin
den Sachverhalt selbst abklären müssen.
B.a.
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Erwägungen
1.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 19. Juli 2019 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie aus, aufgrund des hängigen IV-
Verfahrens könnten mehrere Positionen für die EL-Anspruchsberechnung noch nicht
bestimmt werden. Das Verwaltungsverfahren sei deshalb zu Recht sistiert worden.
B.b.
Die Beschwerdeführerin verzichtete auf eine Replik (act. G 6).B.c.
Am 20. September 2019 liess die Beschwerdeführerin mitteilen (act. G 8), dass sie
die Beschwerdegegnerin mit einem Schreiben vom selben Datum aufgefordert habe
(act. G 8.1), innert 20 Tagen eine Revisionsverfügung zu erlassen. Andernfalls werde sie
eine weitere Rechtsverweigerungsbeschwerde erheben.
B.d.
Laut dem Art. 56 Abs. 2 ATSG kann eine Rechtsverweigerungsbeschwerde
erhoben werden, wenn der Versicherungsträger entgegen dem Begehren der
versicherten Person keine Verfügung erlässt. Der Sinn und Zweck der
Rechtsverweigerungsbeschwerde besteht also offenkundig darin, die versicherte
Person in die Lage zu versetzen, ein Handeln oder ein „Nicht-Handeln“ des
Versicherungsträgers auch ohne einen Anfechtungsgegenstand beschwerdeweise
beim zuständigen Versicherungsgericht anzufechten. Das entsprechende
Beschwerdeverfahren zielt darauf ab, den Versicherungsträger anzuhalten, der
versicherten Person möglichst rasch einen solchen Anfechtungsgegenstand zu
verschaffen, den diese dann mit einer „ordentlichen“ Beschwerde im Sinne des Art. 56
Abs. 1 ATSG anfechten kann. Vorliegend hat die Beschwerdegegnerin zwar noch nicht
über das Gesuch der Beschwerdeführerin um die Zusprache einer Ergänzungsleistung
verfügt, aber sie hat sich mit einer beschwerdeweise anfechtbaren Verfügung
geweigert, die formell rechtskräftige Sistierung des Verwaltungsverfahrens aufzuheben.
Damit hat sie einen Anfechtungsgegenstand „produziert“, der es der
Beschwerdeführerin erlaubt hat, sich mittels einer Beschwerde gegen die weitere
Sistierung des Verwaltungsverfahrens zur Prüfung des EL-Anspruchs zur Wehr zu
setzen. In dieser Situation hat kein schützenswertes Interesse der Beschwerdeführerin
an einer auf das Verwaltungsverfahren zur Prüfung des EL-Anspruchs bezogenen
Rechtsverweigerungsbeschwerde bestehen können. Auf die am 11. Juni 2019
erhobene Rechtsverweigerungsbeschwerde kann das Versicherungsgericht deshalb
nicht eintreten. Die Frage, ob sich die Beschwerdegegnerin mit der Weiterführung der
1.1.
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Sistierung des Verwaltungsverfahrens zur Prüfung des EL-Anspruchs rechtsverzögernd
verhalten hat, wird bei der Prüfung der Rechtmässigkeit der angefochtenen
Zwischenverfügung vom 7. Mai 2019 zu beantworten sein.
Die angefochtene Verfügung hat das Verwaltungsverfahren zur Prüfung eines EL-
Anspruchs nicht abgeschlossen, weshalb sie als eine verfahrensleitende Verfügung zu
qualifizieren ist. Gegen verfahrensleitende Verfügungen kann gemäss dem Art. 52 Abs.
1 ATSG keine Einsprache erhoben werden. Vielmehr muss laut dem Art. 56 Abs. 1
ATSG gegen solche Verfügungen direkt eine Beschwerde erhoben werden. Weder der
Art. 61 ATSG noch das Verwaltungsrechtspflegegesetz des Kantons St. Gallen (VRP)
sehen besondere Eintretensvoraussetzungen bezüglich einer Beschwerde gegen eine
verfahrensleitende Verfügung vor. Allerdings ist die selbständige Anfechtung einer
verfahrensleitenden Verfügung kantonalrechtlich auf wenige Fälle beschränkt (vgl. Urs
Peter Cavelti/Thomas Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl.
2003, Rz 564 f.). Diese Regelung wird vom Verwaltungsgericht des Kantons St. Gallen
und von der Lehre als unbefriedigend qualifiziert, weshalb lückenfüllend eine
selbständige Anfechtung von verfahrensleitenden Verfügungen in analoger Anwendung
der Art. 45 f. VwVG bejaht wird (vgl. Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz 566, mit Hinweisen).
Auch das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen tritt gemäss seiner ständigen
Praxis unter den Voraussetzungen der Art. 45 f. VwVG auf Beschwerden gegen
verfahrensleitende Verfügungen ein (vgl. etwa den Entscheid IV 2015/356 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 8. Dezember 2017, E. 1). Die hier angefochtene
verfahrensleitende Verfügung vom 7. Mai 2019, mit der die Beschwerdegegnerin die
am 21. Dezember 2018 angeordnete Sistierung des Verwaltungsverfahrens trotz des
zwischenzeitlich ergangenen Vorbescheides im IV-Rentenverfahren betreffend den
Ehemann der Beschwerdeführerin nicht aufgehoben hat, ist geeignet, einen nicht
wieder gutzumachenden Nachteil im Sinne des Art. 46 Abs. 1 lit. a VwVG zu bewirken.
Die Beschwerdeführerin wird nämlich jedenfalls so lange keine Ergänzungsleistungen
erhalten, bis die Beschwerdegegnerin über ihre Anmeldung entschieden hat. Als Folge
davon ist offenbar bereits eine Sozialhilfeabhängigkeit der Beschwerdeführerin
entstanden. Darin ist ein Nachteil zu erblicken, der selbst durch eine spätere
rückwirkende Leistungszusprache nicht wieder gutgemacht werden kann. Die
Beschwerdeführerin ist nämlich gezwungen, sich für die Zeit bis zum Abschluss des
Verwaltungsverfahrens mit dem sozialhilferechtlichen statt mit dem höheren
ergänzungsleistungsrechtlichen Existenzminimum zu begnügen. Auch wenn sie später
eine entsprechende Nachzahlung erhalten sollte, die diesen Nachteil rein
buchhalterisch ausgleichen würde, würde dies nichts am Umstand ändern, dass sie
sich bis dahin finanziell hätte über Gebühr einschränken müssen. Die Situation der
1.2.
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2.
Die Beschwerdeführerin hat geltend gemacht, dass der Ausgang des hängigen IV-
Rentenverfahrens betreffend ihren Ehemann für das Verfahren betreffend ihren
(allfälligen) Ergänzungsleistungsanspruch gar keine Rolle spielen könne. Diese Ansicht
ist unzutreffend, denn der Ergänzungsleistungsanspruch hängt massgebend davon ab,
ob dem Ehemann eine Rente der Invalidenversicherung zugesprochen wird, die
selbstverständlich – rückwirkend ab dem allfälligen Beginn des Anspruchs auf eine
Rente der Invalidenversicherung – frankengenau bei der EL-Anspruchsberechnung als
anrechenbare Einnahme zu berücksichtigen wäre. Auch weitere Positionen der EL-
Anspruchsberechnung sind davon abhängig, ob dem Ehemann eine Rente der
Invalidenversicherung zugesprochen wird, wie die Beschwerdegegnerin in ihrer
Beschwerdeantwort zutreffend dargelegt hat. Auch das zweite Argument der
Beschwerdeführerin, dass nämlich die Beschwerdegegnerin die notwendigen
Abklärungen selbst vornehmen müsse, überzeugt nicht. Es wäre
verfahrensökonomisch unsinnig, im EL-Verfahren genau dieselben medizinischen
Abklärungen wie im IV-Rentenverfahren durchzuführen. Zudem würde dadurch die
Gefahr von sich teilweise widersprechenden Entscheidungen geschaffen. Zu
berücksichtigen ist auch, dass das EL-Verfahren insgesamt wohl länger dauern würde,
wenn die Beschwerdegegnerin sich nicht auf die Ergebnisse der medizinischen
Abklärungen der IV-Stelle abstützen könnte, sondern nicht nur eigene medizinische
Abklärungen vornehmen, sondern auch noch die frankengenaue Berechnung einer
allfälligen Invalidenrente des Ehemannes durchführen müsste. Das wäre nicht im
Interesse der Beschwerdeführerin, die möglichst rasch einen materiellen EL-Entscheid
in der Hand haben möchte. Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass die
Beschwerdeführerin stellt sich zudem ähnlich dar wie bei einem Entzug der
aufschiebenden Wirkung einer Beschwerde, weil die Beschwerdeführerin für die Dauer
des Verfahrens gezwungen ist, ohne Ergänzungsleistungen auszukommen. Bei der
Beurteilung von Gesuchen um die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung einer
Beschwerde ist die Vermeidung einer auch nur vorübergehenden
Sozialhilfeabhängigkeit gemäss der konstanten bundesgerichtlichen Rechtsprechung
als ein schützenswertes Interesse anerkannt (vgl. statt vieler das Urteil des
Bundesgerichtes 8C_276/2007 vom 20. November 2007, E. 3, mit zahlreichen
Hinweisen). Dies rechtfertigt es, im Risiko einer allenfalls auch nur vorübergehenden
Sozialhilfeabhängigkeit einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil zu erblicken (vgl.
zum Ganzen auch den Entscheid EL 2016/12, EL 2016/16 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 13. Dezember 2016, E. 2). Folglich ist auf die Beschwerde
gegen die Verfügung vom 7. Mai 2019 einzutreten.
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Beschwerdegegnerin keine Möglichkeit hat, vor der vollständigen Ermittlung des EL-
rechtlich massgebenden Sachverhaltes über das Gesuch der Beschwerdeführerin um
eine Ergänzungsleistung zu entscheiden, denn ein solcher Entscheid kann erst gefällt
werden, wenn der gesamte massgebende Sachverhalt mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit ermittelt worden ist. Ansonsten
wäre der Art. 43 Abs. 1 ATSG verletzt. Zum massgebenden Sachverhalt gehört hier der
verbindlich festgesetzte Betrag einer allfälligen Invalidenrente des Ehemannes, was
bedeutet, dass der Sachverhalt jedenfalls so lange nicht vollständig ermittelt ist, als
noch keine formell rechtskräftige IV-Rentenverfügung vorliegt. Die
Beschwerdegegnerin hat deshalb die formell rechtskräftige Sistierungsverfügung vom
21. Dezember 2018 nach der Eröffnung des IV-Vorbescheides völlig zu Recht nicht (ex
nunc et pro futuro) aufgehoben. Die angefochtene Verfügung vom 7. Mai 2019 erweist
sich somit als rechtmässig, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist, soweit sie sich
gegen diese Verfügung richtet.
3.
Gerichtskosten sind keine zu erheben. Die unterliegende Beschwerdeführerin hat
keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.