Decision ID: 659371b8-0286-44b3-8b15-f2ec3dc2d074
Year: 2009
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1949, bezieht seit dem 1. Juni 1998 eine ganze Rente der Invalidenversicherung (Verfügung vom 10. November 2000, Urk. 7/39). Am 18. bzw. 25. April 2006 leitete die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zü
rich, IV-Stelle, mit der Zustellung des "Fragebogens für Revision der Invaliden
rente/Hilflosenentschädigung" eine Rentenrevision ein (Urk. 7/74 und 7/87). Nachdem die Versicherte trotz Mahnungen und mehrerer telefonischer Kontakte mit der IV-Stelle (Urk. 7/75-77) den Fragebogen nicht zurückgeschickt hatte, wurde ihr am 11. September 2006 eine Frist bis am 10. Oktober 2006 zur Rücksendung des ausgefüllten Fragebogens angesetzt, ansonsten die Rente we
gen Verletzung der Mitwirkungspflicht aufgehoben werde (Urk. 7/80). Gleich
zeitig wurde mittels Vorbescheid der in Aussicht genommene Einstellungsent
scheid mitgeteilt (Urk. 7/79). Am 2. Oktober 2006 faxte die Tochter der Versi
cherten den bereits am 25. April 2006 versandten Fragebogen, ohne Name und Adresse des behandelnden Arztes anzugeben (Urk. 7/87). Am 17. Oktober 2006 verlangte die IV-Stelle Name und Adresse des behandelnden Arztes bis am 31. Oktober 2006 und stellte bei Nichtbeachtung erneut die Einstellung der Rente in Aussicht (Urk. 7/91). Wie bereits die eingeschriebenen Sendungen zu
vor wurde auch diese von der Versicherten nicht bei der Post abgeholt (Urk. 7/93/2). Mit Verfügung vom 1. November 2006 stellte die IV-Stelle die Rentenzahlungen per sofort ein. Auch diese Verfügung kam mit dem Vermerk "Nicht abgeholt" zurück (Urk. 7/95).
1.2
Am 28. Juni 2007 wandte sich der damalige Recht
s
vertreter der Versicherten an die IV-Stelle, teilte Name und Adresse des Hausarztes mit und ersuchte um Wiederaufnahme der Rentenzahlungen (Urk. 7/96). Mittels Vorbescheid vom 6. August 2007 kündigte die IV-Stelle an, sie werde die bisherige ganze IV-Rente ab Juni 2007 wieder ausrichten (Urk. 7/116). Am 22. August 2007 nahm die Versicherte hierzu Stellung und machte geltend, die Einstellungsverfügung vom 1. November 2006 sei nie rechtskräftig geworden, weshalb die Rente seit November 2006 nachzuzahlen sei (Urk. 7/125). Mit Verfügung vom 11. Oktober 2007 sprach die IV-Stelle die seit November 2006 sistierte Rente rückwirkend ab 1. Juni 2007 wieder zu (Urk. 2).
2.
Hiergegen liess
X._
durch Rechtsanwalt Dr. André
Largier
mit Ein
gabe vom 12. November 2007 (Urk. 1) Beschwerde erheben und beantragen, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, und die Rentenbetreffnisse für die Monate November 2006 bis Mai 2007 seien nachzuzahlen. Das gleichzeitig ge
stellte
Gesuch um unentgeltliche Prozessführung und um Bestellung eines un
entgeltlichen Rechtsvertreters liess sie am 5. März 2008 wieder zurückziehen (Urk. 10).
Mit Beschwerdeantwort vom 12. Dezember 2007 ersuchte die Beschwerdegegne
rin unter Hinweis auf die Begründung der angefochtenen Verfügung um Abweisung der Beschwerde (Urk. 6). Mit Verfügung vom 11. März 2008 wurde der Schriftenwechsel geschlossen (Urk. 11).
Der Einzelrichter

zieht in Erwägung:
1.
Da der Streitwert Fr. 20’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der Be
schwerde in die einzelrichterliche Zuständigkeit (§ 11 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht).
2.
2.1
Nach der Rechtsprechung des Eidgenössischen Versiche
rungsgerichts kann das verwaltungsgerichtliche Verfahren aus prozessökonomischen Gründen auf eine ausserhalb des Anfechtungsgegenstandes, d.h. ausserhalb des durch die Ver
fü
gung bzw. durch den
Einspracheentscheid
bestimmten Rechtsverhältnisses lie
gende spruchreife Frage ausgedehnt werden, wenn diese mit dem bisherigen Streitgegenstand derart eng zusammenhängt, dass von einer Tatbestandsge
samtheit gesprochen werden kann, und wenn sich die Verwaltung zu dieser Streitfrage mindestens in Form einer Prozesserklärung geäussert hat (BGE 130 V 503, 122 V 36
Erw
. 2a mit Hinweisen).
2.2
Anfechtungsgegenstand im vorliegenden Fall bildet die Verfügung vom 11. Oktober 2007, womit die bisherige Rente ab Juni 2007 wieder ausgerichtet und gleichzeitig die Nachzahlung für die Zeit von November 2006 bis Mai 2007 abgelehnt wurde (vgl. Dispositiv Urk. 2). Da die Beschwerdegegnerin sich dabei auf die ihrer Auffassung nach korrekt eröffnete und in Rechtskraft erwachsene Verfügung vom 1. November 2006 (Urk. 7/95) beruft, ist das Verfahren auf die Frage auszudehnen, ob die Verfügung vom 1. November 2006 in Rechtskraft erwachsen ist. Sollte dem nicht so sein, wäre die Nichtausrichtung der Rente von November 2006 bis Mai 2007 ohne Rechtsgrundlage erfolgt.
2.3
Die eingeschrieben versandte Verfügung vom 1. November 2006 kam mit dem Vermerk "Nicht abgeholt" an die Beschwerdegegnerin zurück (Urk. 7/95/3). Die Beschwerdegegnerin geht davon aus, dass die Sendung nicht innert der Abhol
frist
von sieben Tagen gemäss den von der Post gestützt auf Art. 11 des Post
gesetzes vom 30. April 1997 erlassenen Allgemeinen Geschäftsbedingungen „Postdienstleistungen“, abgeholt wurde und somit rechtsprechungsgemäss am letzten Tag dieser Frist als zugestellt gilt (vgl. Urk. 2 Begründung Ziff. 3c). Diese Zustellfiktion gilt dann, wenn der Adressat mit der Zustellung hatte rechnen müssen (BGE 127 I 34
Erw
. 2a/
aa
mit weiteren Hinweisen).
2.4
Letzteres bestreitet die Beschwerdeführerin. Sie macht geltend, im Zustel
lungs
zeit
punkt sei sie im Ausland gewesen und habe keine Post abholen können. Die Beschwerdegegnerin sei durch ihre Tochter über ihre Abwesenheit informiert gewesen. Sie habe auch nicht mit einem eingeschriebenen Brief rechnen müssen, da sie über ihre Tochter den Rentenrevisionsbogen eingereicht habe und im Glauben gewesen sei, die Beschwerdegegnerin verfüge nun über alle benötigten Informationen (Urk. 1 S. 6).
Der Auffassung der Beschwerdeführerin ist in keinem Punkt zu folgen. Ein Blick auf den Verlauf des Revisionsverfahrens zeigt, dass dieses mit der Zustellung des Fragebogens an die Beschwerdeführerin am 25. April 2006 eröffnete wurde. Ohne Zweifel hat die Beschwerdeführerin diesen Fragebogen erhalten, was sich aus der Aktennotiz der Sachbearbeiterin (Urk. 7/75) und dem schliesslich am 2. Oktober 2006 durch die Tochter der Beschwerdeführerin per Fax zugestellten Formular ergibt (Urk. 7/87). Wenn die Beschwerdeführerin nach dem 25. April 2006 trotzdem noch zweimal einen neuen Fragebogen verlangte (am 26. Juni und am 8. September 2006, Urk. 7/76-77), dann sind darin nichts anderes als Verzögerungsmanöver zu erblicken. In diesen Rahmen passt, dass sie durch ihre Tochter am 22. September 2007 ein drittes Mal behaupten liess, sie habe den Revisionsfragebogen nicht erhalten (Urk. 7/81). Schliesslich konnten die Schrei
ben vom 25. September 2007 (Urk. 7/84-85) samt den nicht abgeholten Mittei
lungen vom 11. September 2007 (Urk. 7/82-83) doch noch zugestellt werden, wie die Reaktion vom 2. Oktober 2007 zeigt (Fax-Zustellung des Fragebogens, Urk. 7/87-88).
Die Beschwerdeführerin wusste seit Ende April 2006, dass die Beschwer
de
geg
ne
rin ein neues Revisionsverfahren eröffnet hatte. Auch wenn sie schliesslich am 2. Oktober 2007 den Fragebogen zurückschicken liess, musste ihr klar sein, dass das Verfahren damit nicht beendet war. Einerseits durfte sie nicht einfach annehmen, die Sache wäre mit der Rücksendung des Fragebogens erledigt (dies umso weniger, als sie die verlangten Angaben über den behandelnden Arzt [Name, Adresse] nicht geliefert hatte, vgl. Urk. 7/87), andererseits musste sie je
derzeit auch mit einem Revisionsentscheid rechnen, der allenfalls eine Rechts
mittelfrist enthalten konnte. Aus all diesen Gründen wäre sie gehalten gewesen, bei Abwesenheiten dafür zu
sorgen, dass insbeson
dere eingeschriebene Post entgegengenommen und ihr zur Kenntnis gebracht wird. Nicht nachvollziehbar ist, weshalb sie die Tochter nicht damit beauftragte. Im Übrigen muss aus der Telefonnotiz der Sachbearbeiterin vom 2. Oktober 2007 (Tochter teilte u.a. mit, ihre Eltern seien z. Zt. in den Ferien und könnten die eingeschriebene Post nicht rechtzeitig abholen, Urk. 7/88) geschlossen wer
den, dass die Beschwerdeführerin sehr wohl mit eingeschriebenen Sendungen rechnete, ansonsten hätte es dieser Mitteilung an die Beschwerdegegnerin gar nicht bedurft. Nach dem Gesagten ist nicht zu beanstanden, wenn die Be
schwerdegegnerin die Zustellung der Verfü
gung vom 1. November 2007 spä
testens am 9. November 2007 als erfolgt ange
nommen hat. Damit wurde die 30tägige Rechtsmittelfrist eröffnet, welche unbe
strittenermassen unbenutzt blieb. Die Verfügung vom 1. November 2007 ist damit rechtskräftig geworden.
3.
Die anwaltlichen Schreiben vom 28. Juni 2007 (Urk. 7/96) und vom 22. August 2007 (Urk. 7/125) können sinngemäss als Wiedererwägungsgesuche betreffend die Verfügung vom 1. November 2006 interpretiert werden. Die Beschwerde
gegnerin hat denn auch materiell zur Einstellung der Invalidenrente Stellung genommen und festgestellt, dass diese korrekt erfolgt sei.
Nach Art. 53 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozial
ver
sicherungsrechts (ATSG) kann der Versicherungsträger auf formell rechts
kräftige Verfügungen oder
Einspracheentscheide
zurückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeu
tung ist. Die Beschwerdegegnerin hat ausführlich dargelegt, dass es der Be
schwer
deführerin ohne weiteres zumutbar gewesen wäre, die für das Revisions
verfahren unabdingbaren Angaben über die aktuell behandelnden Ärzte zu machen (vgl. Urk. 2 Ziff. 5b). Dem hat das Gericht nichts weiter beizufügen. Die Einstellung der Rente wegen Verletzung der Mitwirkungspflicht ist nicht offen
sichtlich unrichtig, weshalb die Aufhebung der Verfügung vom 1. November 2007 auch unter diesem Titel nicht in Frage kommt.
4.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerdegegnerin die Wiederausrich
tung der Rente auf einen früheren Zeitpunkt als den 1. Juni 2007 bzw. die Nachzahlung der sistierten Rentenbetreffnisse November 2006 bis Mai 2007 zu Recht abgelehnt hat. Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.
5.
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das vorliegende Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG in der seit dem 1. Juli 2006 in Kraft stehenden Fassung) und er
messensweise auf Fr. 600.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Ver
fahrens sind sie der Beschwerdeführerin aufzuerlegen.