Decision ID: 23e73fdc-85ba-4d45-83e3-bb1b4eb86821
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ P. K., geboren am 18. Februar 1978, chinesische Staatsangehörige, reiste am
26. November 2003 im Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz zu ihrem
Ehemann P. G. in R., ein, den sie am 23. Oktober 2003 geheiratet hatte. In der Folge
erhielt sie die Aufenthaltsbewilligung.
Ihr Ehemann ist Staatsangehöriger von Iran. Er stellte am 8. Oktober 1999 in der
Schweiz einen Asylantrag. Das Bundesamt für Flüchtlinge anerkannte ihn mit
Asylentscheid vom 13. Juli 2001 als Flüchtling, worauf er im Kanton Graubünden die
Aufenthaltsbewilligung erhielt. Seit 7. Oktober 2004 ist er in der Schweiz
niedergelassen.
Am 9. April 2006 kam ihr gemeinsamer Sohn D. zur Welt. Er verfügt wie sein Vater über
die Niederlassungsbewilligung.
B./ P. K. stellte am 18. Januar 2010 das Gesuch um Erteilung der
Niederlassungsbewilligung. Das Ausländeramt des Kantons St. Gallen (heute
Migrationsamt) wies dieses ab, weil die Familie G.-Y. bezogene Sozialhilfegelder noch
nicht zurückbezahlt habe. Gegen die ablehnende Verfügung liess P. K. am 15. April
2010 beim Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen mit dem Antrag
Rekurs erheben, die angefochtene Verfügung sei unter Kostenfolge aufzuheben und ihr
sei die Niederlassungsbewilligung zu erteilen. Das Departement wies den Rekurs mit
Entscheid vom 15. März 2011 ab. Den Entscheid begründete es damit, dass es die
Rekurrentin mutwillig unterlassen habe, dem Sozialamt R. die bezogenen
Fürsorgegelder zurückbezahlen. Die Verweigerung der nachgesuchten Bewilligung sei
recht- und verhältnismässig.
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C./ Mit Eingabe vom 30. März 2011 liess die Rekurrentin beim Verwaltungsgericht des
Kantons St. Gallen mit dem Antrag Beschwerde erheben, der angefochtene Entscheid
sei aufzuheben und ihr sei gestützt auf Art. 43 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die
Ausländerinnen und Ausländer (SR 142.20, abgekürzt AuG) die
Niederlassungsbewilligung zu erteilen. Sie machte dabei geltend, dass sie auf dem
Existenzminimum lebten, weshalb ihr eine frühere Rückzahlung der bezogenen
Sozialhilfe nicht möglich und zumutbar gewesen sei. Die Vorinstanz beantragt mit
Vernehmlassung vom 27. April 2011 die kostenpflichtige Abweisung der Beschwerde.
Auf eine Begründung verzichtete sie.
D./ Auf die weiteren von den Verfahrensbeteiligten vorgebrachten Ausführungen wird,

soweit erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.
Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. (...).
2. Die Niederlassungsbewilligung ist auf eine dauerhafte und gefestigte Anwesenheit
des Ausländers in der Schweiz ausgelegt. Sie schliesst im Normalfall an die befristete
Aufenthaltsbewilligung an und wird unbefristet und ohne Bedingungen erteilt (Art. 34
Abs. 1 AuG).
2.1. Auf die Niederlassungsbewilligung besteht grundsätzlich kein gesetzlicher
Anspruch. Ihre Erteilung ist ein Ermessensentscheid der Behörden, selbst wenn die
gesetzlichen Voraussetzungen nach Art. 34 Abs. 2 AuG erfüllt sind (P. Bolzli in:
Spescha/Thür/Zünd [Hrsg.] und Bolzli, Migrationsrecht, 2. Auflage, 2009 Zürich, Rz. 4
zu Art. 34 AuG). Aus diesem Grund sind vor ihrer Erteilung insbesondere das bisherige
Verhalten und der Grad der Integrierung des Gesuchstellenden zu prüfen (Art. 60 der
Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit, SR 142.201, abgekürzt
VZAE).
2.2. Ein Anspruch auf Erteilung der Niederlassungsbewilligung besteht demgegenüber
im Rahmen des Familiennachzugs für Ehegatten und Kinder von Schweizern und
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Niedergelassenen, für anerkannte Flüchtlinge mit Asyl bzw. auf Grund von so
genannten Niederlassungsvereinbarungen (P. Uebersax in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/
Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Auflage, Basel 2009, Rz. 7.248). Dies trifft auf die
Beschwerdeführerin zu. Als Ehefrau eines Niedergelassenen hat sie nach einem
ordnungsgemässen und ununterbrochenen Aufenthalt von über fünf Jahren prinzipiell
einen Anspruch auf die Erteilung der nachgesuchten Bewilligung (Art. 43 Abs. 2 AuG).
3. Ansprüche nach Art. 43 AuG erlöschen, wenn sie rechtsmissbräuchlich geltend
gemacht werden oder wenn Widerrufsgründe nach Art. 62 AuG vorliegen (Art. 51
Abs. 2 AuG). Ein solcher besteht unter anderem, wenn der Ausländer erheblich oder
wiederholt gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der Schweiz oder im
Ausland verstossen hat oder diese gefährdet (Art. 62 lit. c AuG) oder wenn der
Ausländer bzw. eine Person, für die er zu sorgen hat, auf Sozialhilfe angewiesen ist
(Art. 62 lit. e AuG).
3.1. Art. 62 lit. e AuG setzt eine konkrete Gefahr der Fürsorgeabhängigkeit voraus,
blosse finanzielle Bedenken genügen nicht. Für die Beurteilung der Gefahr der
Sozialhilfeabhängigkeit ist von den aktuellen Verhältnissen auszugehen, wobei die
wahrscheinliche finanzielle Entwicklung auf längere Sicht abzuwägen ist. Abzustellen
ist dabei auf die finanziellen Möglichkeiten aller Familienmitglieder (BGE 2C_685/2010
vom 30. Mai 2011 E. 2.3.1).
3.1.1. Anders als beim Widerruf der Niederlassungsbewilligung nach Art. 63 Abs. 2 lit. c
AuG verlangt Art. 62 lit. e AuG nicht, dass der Ausländer dauerhaft und erheblich auf
Sozialhilfe angewiesen ist. Für Ausländer, die nur über eine Aufenthaltsbewilligung
verfügen, gilt dies zumindest dann aber trotzdem, wenn sie schon lange in der Schweiz
anwesend sind. Bei (sehr) kurzen Aufenthalten dürfte dagegen der blosse Umstand,
dass Sozialhilfe bezogen wird, für einen Widerruf ausreichen (Zünd/Arquint Hill in:
Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], a.a.O., Rz. 8.30). Von einer erheblichen
Fürsorgeabhängigkeit muss in der Regel gesprochen werden, wenn die
Sozialhilfebezüge Fr. 80'000.-- übersteigen und der Bezug mindestens zwei bis drei
Jahre gedauert hat (www.bfm.admin.ch -> Dokumentation -> Rechtsgrundlagen ->
Weisungen und Kreisschreiben -> I. Ausländerbereich -> 8 Entfernungs- und
Fernhaltemassnahmen -> 8.2.1.5.2 Widerruf der Niederlassungsbewilligung). Trotzdem
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ist der Widerrufsgrund nach Art. 62 lit. e AuG nicht bei jedem Sozialhilfebezug erfüllt.
Insbesondere soll darunter nicht eine unverschuldete Notlage bzw. Arbeitslosigkeit
fallen. Nötig ist vielmehr ein erhebliches vorwerfbares Verhalten (M. Spescha in:
Spescha/Thür/Zünd [Hrsg.] und Bolzli, a.a.O., Rz. 10 zu Art. 62 lit. e AuG).
3.1.2. Die Familie G.-Y. hat in der Zeit vom 22. Oktober 2004 bis 7. März 2007 vom
Sozialamt R. Unterstützungsleistungen im Umfang von Fr. 38'302.65 bezogen. Diese
sind im Umfang von Fr. 31'464.35 rückerstattungspflichtig. Grund ihrer
Fürsorgebedürftigkeit war der Umstand, dass sie während zweieinhalb Jahren keiner
existenzsichernden Erwerbstätigkeit nachgegangen sind bzw. nachgehen konnten.
Anzeichen dafür, dass ihre Arbeitslosigkeit selbstverschuldet war, lassen sich den
Akten jedenfalls keine entnehmen. Im Zeitpunkt der Beschwerdeeinreichung betrug der
offene Saldo noch Fr. 29'064.--, und es werden unbestrittenermassen weiterhin - wenn
auch bescheidene - Abschlagszahlungen geleistet. Der noch offene Betrag relativiert
sich in Bezug auf die Beschwerdeführerin insofern, als die Fürsorgeleistungen nicht für
sie allein, sondern auch für ihren niedergelassenen Ehemann und ihren ebenfalls
niedergelassenen Sohn ausgerichtet wurden. Ferner kommt die Familie seit über vier
Jahren wieder für sich selber auf. Ins Gewicht fällt weiter, dass die Beschwerdeführerin
mittlerweile seit beinahe acht Jahren bzw. ihr Ehemann seit über zehn Jahren in der
Schweiz leben und während dieser Zeit, jedenfalls soweit es aus den Akten ersichtlich
ist, keinen Anlass zu Klagen gegeben haben. Unter diesen Umständen ist der
Widerrufsgrund nach Art. 62 lit. e AuG nicht gegeben.
3.2. Die Vorinstanz wirft der Beschwerdeführerin denn auch nur vor, dass sie bzw. ihr
Mann mit der Rückerstattung der bezogenen Fürsorgegelder nicht früher begonnen
haben, weshalb sie der Beschwerdeführerin eine Verletzung gegen die öffentliche
Ordnung im Sinn von Art. 62 lit. c AuG vorwirft.
3.2.1. Ein Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung liegt nach Art. 80
Abs. 1 VZAE insbesondere bei der Missachtung von gesetzlichen Vorschriften und
behördlichen Verfügungen (lit. a) oder bei mutwilliger Nichterfüllung öffentlich-
rechtlicher oder privatrechtlicher Verpflichtungen (lit. b) vor. Eine absichtliche
Nichteinhaltung von öffentlich-rechtlichen Verbindlichkeiten kann sich in Betreibungen
und Verlustscheinen niederschlagen (Spescha/Kerland/Bolzli, Handbuch zum
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Migrationsrecht, Zürich 2010, S. 223). Nebst erheblichen oder wiederholten
Verletzungen gesetzlicher Vorschriften und behördlicher Verpflichtungen kann aber
auch die Summierung von Verstössen, die für sich genommen für einen Widerruf nicht
ausreichen, Grund für einen Bewilligungsentzug bilden, wenn die betroffene Person mit
ihrem negativen Verhalten objektiv zeigt, dass sie auch künftig weder willens noch
fähig ist, sich in die geltende Rechtsordnung einzufügen.
3.2.2. Die zur Diskussion stehende Rechtspflicht, welche die Beschwerdeführerin
verletzt haben soll, ist in 18 Abs. 1 des Sozialhilfegesetzes (sGS 381.1., abgekürzt
SHG) festgehalten. Demnach erstattet derjenige, der für sich, für Familienangehörige,
für eine Person, die mit ihm in eingetragener Partnerschaft lebt, oder für ein Kind, das
in der Gemeinschaft der eingetragenen Partnerschaft lebt, finanzielle Sozialhilfe
bezogen hat, diese zurück, wenn sich seine finanzielle Lage gebessert hat und die
Rückerstattung zumutbar ist.
3.2.3. Konkret machte das Sozialamt den Ehemann der Beschwerdeführerin am
12. August 2009 auf die grundsätzliche Rückzahlungspflicht der bezogenen
Fürsorgeleistungen aufmerksam. Dabei hielt es fest, dass es auf Grund der aktuellen
Steuerfaktoren davon ausgehe, dass die bezogenen Fürsorgegelder zurückbezahlt
werden könnten. Für den Fall, dass dem nicht so sei, war der Angeschriebene
eingeladen, sich beim Amt zu melden. Die Behörde hat ihre Vermutung aber weder
begründet, noch hat sie eine Rückerstattungsverfügung erlassen.
3.2.4. Dem Ehemann und damit der Beschwerdeführerin muss in diesem
Zusammenhang vorgeworfen werden, dass sie auf das Schreiben des Sozialamtes erst
fünf Monate später reagiert haben, obwohl der Angeschriebene dazu aufgefordert war,
sich innert Monatsfrist für einen Teilzahlungsvorschlag oder anderweitige Mitteilungen
zu melden. Dass sich der Ehemann der Beschwerdeführerin schliesslich doch noch
beim Sozialamt gemeldet hat, dürfte im Zusammenhang mit dem negativen
Vorbescheid des Migrationsamts vom 22. Januar 2010 bzw. der darin enthaltenen
Mitteilung stehen, dass eine Aufenthaltsbewilligung praxisgemäss nicht in eine
Niederlassungsbewilligung umgewandelt werde, solange der Gesuchsteller bezogene
Sozialhilfe nicht zurückerstattet hat.
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3.2.5. Dieser Nachlässigkeit des Ehepaars G.-Y. steht allerdings gegenüber, dass
unklar ist, ob ihnen eine Rückzahlung der bezogenen Fürsorgegelder überhaupt
möglich und zumutbar gewesen wäre. In den Unterlagen befindet sich dazu einzig die
mit der Beschwerde eingereichte Veranlagungsberechnung vom 4. Januar 2011 über
die Steuerperiode für das Jahr 2009. Daraus lässt sich lediglich entnehmen, dass das
Ehepaar samt Kinderzulagen ein Einkommen von Fr. 31'591.-- erzielt und über
Fr. 72'000.-- Schulden verfügt hat. Mit Blick auf diese bescheidenen finanziellen
Verhältnisse ist ohne Einblick in die weiteren finanziellen Verpflichtungen des Ehepaars
nicht klar, ob die monatlichen Raten von Fr. 150.--, welche es seit Februar 2010
freiwillig leistet, rechtlich hätten durchgesetzt werden können. Eine entsprechende
Berechnung jedenfalls haben weder die Gemeinde noch die Ausländerbehörde
vorgenommen. Auch haben sie die Betroffenen nicht aufgefordert, die massgeblichen
Eckwerte ihrer Einnahmen und Ausgaben auszuweisen. Dem Schreiben des
Sozialamtes vom 12. August 2009 muss im Gegenteil entnommen werden, dass sie
sich ihrer Sache nicht sicher war. Unter diesen Umständen kann jedenfalls nicht gesagt
werden, die Beschwerdeführerin habe arglistig gegen die öffentliche Ordnung
verstossen, indem sie und ihr Ehemann nicht schon fünf Monate früher mit der
Ratenzahlung begonnen haben. Dazu kommt, dass sich damit der Ausstand von rund
Fr. 30'000.-- lediglich um weitere Fr. 750.-- reduziert hätte. Dass sich die
Beschwerdeführerin sonst nicht an die geltende Rechtsordnung halten würde, kann
ebenfalls nicht gesagt werden. Davon abgesehen, dass sie weder im Betreibungs-
noch im Strafregister vermerkt ist, lässt sich den Akten auch sonst nichts entnehmen,
dass sie ihren öffentlich-rechtlichen oder privatrechtlichen Verpflichtungen nicht
nachkommen würde.
3.2.6. Aus dem Gesagten folgt, dass der Beschwerdeführerin nicht vorgeworfen
werden kann, sie bzw. ihr Ehemann hätten die bezogene Sozialhilfe mutwillig nicht
vollends zurückbezahlt. Dafür wäre nötig gewesen, dass die zuständige Behörde den
zumutbaren Rückerstattungsbetrag ermittelt und die entsprechende
Rückerstattungspflicht verfügt hätte.
4. Zusammenfassend erweisen sich der angefochtene Rekursentscheid vom 15. März
2011 und die Verfügung des Migrationsamtes vom 31. März 2010 als nicht
rechtmässig, weshalb sie aufzuheben sind.
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