Decision ID: bb890f90-6949-5144-a1eb-2c2eb0ba7c00
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Advokat lic. iur. Martin Boltshauser, c/o procap, Froburgstrasse 4,
Postfach, 4601 Olten,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
IV-Leistungen
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Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 28. September 2005 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 1).
A.b Am 25. November 2005 erstattete Dr. med. B._, Facharzt FMH für Allgemeine
Medizin, einen Arztbericht. Er diagnostizierte ein Mammakarzinom links (Erstdiagnose
März 2002) bei Status nach Lumpektomie und Radiotherapie, eine unklare
granulomatöse Entzündung im Sinus ethmoidalis rechts sowie eine reaktive Depression
und führte aus, die Leistungsfähigkeit der Versicherten sei um etwa einen Drittel
eingeschränkt (IV-act. 10–1 ff.). Seinem Bericht legte er weitere medizinische Berichte
bei (IV-act. 10–5 ff.). Am 13. Dezember 2005 erstattete sodann Dr. med. C._,
Facharzt FMH für Oto-Rhino-Laryngologie, einen Arztbericht. Er diagnostizierte einen
chronisch entzündlichen Prozess der Nasennebenhöhlen rechts, zum Teil destruierend,
und attestierte eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für den Zeitraum vom 24. August bis
zum 27. September 2004 sowie eine 25%ige Arbeitsunfähigkeit ab dem 28. September
2004 (IV-act. 17)
A.c Mit Vorbescheid vom 17. Oktober 2006 teilte die IV-Stelle mit, dass die
Abweisung des Rentengesuchs vorgesehen sei (IV-act. 27). Dagegen erhob die
Versicherte am 13. November 2006 Einwand; sie beantragte die Einholung aktueller
Arztberichte (IV-act. 28).
A.d Am 4. Januar 2007 verfügte die IV-Stelle gemäss Vorbescheid vom 17. Oktober
2006 (IV-act. 30).
A.e Dagegen liess die Versicherte am 1. Februar 2007 Beschwerde erheben (IV-
act. 31). Infolgedessen widerrief die IV-Stelle am 30. März 2007 ihre Verfügung vom
4. Januar 2007 (IV-act. 44); das Beschwerdeverfahren wurde entsprechend als
gegenstandslos abgeschrieben (vgl. IV-act. 48).
B.
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B.a Im Auftrag der IV-Stelle erstattete das Begutachtungszentrum Basel-Landschaft
(BEGAZ) am 30. Januar 2008 ein polydisziplinäres Gutachten. Die Gutachter
diagnostizierten im Wesentlichen eine Agoraphobie mit Panikstörung, ein
Mammakarzinom sowie einen chronisch entzündlichen Prozess der Nasennebenhöhlen
rechts und attestierten eine Arbeitsfähigkeit von 75 % in leidensangepassten
Tätigkeiten (IV-act. 56).
B.b Mit Vorbescheid vom 22. Mai 2008 teilte die IV-Stelle mit, dass bei einem
Invaliditätsgrad von 25 % die Abweisung des Rentengesuchs vorgesehen sei (IV-
act. 72). Dagegen liess die Versicherte am 13. Juni 2008 Einwand erheben; ihr
Gesundheitszustand habe sich zwischenzeitlich verschlechtert (IV-act. 73).
B.c Am 21. Juli 2008 verfügte die IV-Stelle gemäss Vorbescheid vom 22. Mai 2008
(IV-act. 76). Gleichentags verfügte die IV-Stelle den Abschluss der Arbeitsvermittlung
(IV-act. 75).
B.d Dagegen liess die Versicherte am 15. September 2008 unter Beilage
verschiedener medizinischer Berichte (IV-act. 85) Beschwerde erheben (IV-act. 83 und
86), was zur Folge hatte, dass die IV-Stelle am 13. Oktober 2008 ihre Verfügungen vom
21. Juli 2008 erneut widerrief (IV-act. 90) und auch das zweite Beschwerdeverfahren
entsprechend abgeschrieben wurde (vgl. IV-act. 98).
C.
C.a Auf Anfrage der IV-Stelle hin erstattete Dr. med. D._, Fachärztin FMH für
Psychiatrie und Psychotherapie, am 4. November 2008 einen Arztbericht. Sie
diagnostizierte im Wesentlichen eine mittelgradige depressive Episode mit
somatischen Symptomen, eine Agoraphobie mit Panikstörung, ein Mammakarzinom
links sowie einen chronisch entzündlichen Prozess der Nasennebenhöhlen rechts und
attestierte eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit ab dem 24. Juli 2008 (IV-act. 99). Auf
weitere Anfrage der IV-Stelle hin erstattete Dr. D._ am 12. Februar 2009 einen
Verlaufsbericht, in welchem sie eine Verschlechterung des Zustands attestierte; die
Versicherte habe am 3. Februar 2009 wegen akuter depressiver Dekompensation auf
die Kriseninterventionsstation des Psychiatrischen Zentrums E._ aufgenommen
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werden müssen (IV-act. 101). Am 11. Juni 2009 erstattete Dr. D._ einen weiteren
Verlaufsbericht, in welchem sie einen unveränderten Zustand im Vergleich zu jenem im
November 2008 beschrieb (IV-act. 105). Ihrem Bericht legte sie den Austrittsbericht des
Psychiatrischen Zentrums E._ vom 9. Februar 2009 bei, in welchem eine
mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom und Störungen durch
Sedativa und Hypnotika diagnostiziert worden waren (IV-act. 104).
C.b Am 6. November 2009 erstattete das BEGAZ ein weiteres polydisziplinäres
Gutachten. Die Gutachter diagnostizierten eine Agoraphobie mit Panikstörung, eine
leicht- bis mittelgradige depressive Episode, eine Abhängigkeit durch ärztlich
verordnete Sedativa und Hypnotika sowie ein Mammakarzinom links und attestierten
eine 70%ige Arbeitsfähigkeit für leidensadaptierte Tätigkeiten (IV-act. 114).
C.c Mit Vorbescheid vom 1. Dezember 2009 teilte die IV-Stelle mit, dass bei einem
Invaliditätsgrad von 30 % die Abweisung des Rentengesuchs vorgesehen sei (IV-
act. 118). Dagegen liess die Versicherte am 18. Januar 2010 Einwand erheben (IV-
act. 120). Am 12. Februar 2010 liess die Versicherte einen Arztbericht von Dr. D._
vom 26. Januar 2010 nachreichen, in welchem eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
attestiert worden war (IV-act. 122 und 124).
C.d Am 30. März 2010 verfügte die IV-Stelle gemäss Vorbescheid vom 1. Dezember
2009 (IV-act. 127).
D.
D.a Dagegen richtet sich die am 11. Mai 2010 erhobene Beschwerde, mit der die
Rückweisung der Angelegenheit zu weiteren Abklärungen beantragt und zur
Begründung im Wesentlichen ausgeführt wird, die Eingliederungsbemühungen der IV-
Stelle seien ungenügend, und der Arbeitsunfähigkeitsgrad sei nicht zuverlässig ermittelt
worden, da die fachärztlichen Schätzungen stark divergieren würden (act. G 1).
D.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde. In ihrer
Beschwerdeantwort vom 28. Juni 2010 führte sie zur Begründung aus, es gehe nicht
an, immer wieder neue Abklärungen zu verlangen, nur weil das Ergebnis der bisherigen
Untersuchungen nicht so ausgefallen sei, wie man es sich gewünscht habe. Es sei auf
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das Gutachten des BEGAZ abzustellen; ein Abzug vom Tabellenlohn sei nicht zu
gewähren. Die Beschwerdeführerin habe schliesslich Anspruch auf Arbeitsvermittlung;
deren Ergebnisse würden sich aber nicht auf den Rentenanspruch auswirken, weshalb
diese nicht abzuwarten seien (act. G 5).
D.c Am 29. Juni 2010 wurden der Beschwerdeführerin die unentgeltliche
Prozessführung und die unentgeltliche Rechtsverbeiständung bewilligt (act. G 7).
D.d Mit Replik vom 20. August 2010 liess die Beschwerdeführerin an ihrem Antrag
festhalten (act. G 8).
D.e Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 10).

Erwägungen:
1.
Anfechtungsgegenstand der vorliegenden Beschwerde ist die Verfügung der
Beschwerdegegnerin vom 30. März 2010, mit welcher das Rentengesuch der
Beschwerdeführerin abgewiesen wurde. Über einen allfälligen Anspruch auf berufliche
Massnahmen oder Arbeitsvermittlung ist daher grundsätzlich nicht zu befinden. Was
den in der Beschwerdebegründung enthaltenen Antrag auf Vereinigung mit der am
15. September 2008 eingereichten Beschwerde betrifft (vgl. act. G 1), so handelt es
sich dabei offensichtlich um ein Versehen, wurden doch beide am 15. September 2008
erhobenen Beschwerden mit dem Widerruf vom 13. Oktober 2008 gegenstandslos und
entsprechend abgeschrieben, und handelt es sich beim entsprechenden Absatz, wie
auch bei den vorangehenden Absätzen, in der Beschwerde augenscheinlich um eine
Kopie der Begründung der Beschwerde vom 15. September 2008 (vgl. IV-act. 86). Da
allerdings der Grundsatz „Eingliederung vor Rente“ gilt, wie beispielsweise der Wortlaut
der Art. 7 und 16 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) zeigt, ist über berufliche Massnahmen
insofern zu befinden, als mit Blick auf eine allfällige Rente der Invalidenversicherung
vorgängig eine entsprechende Pflicht zur Durchführung derselben besteht. Dies kommt
vorliegend aber nicht zum Tragen, denn die Beschwerdeführerin arbeitete vor Eintritt
der Gesundheitsbeeinträchtigung als Hilfsarbeiterin und erzielte dabei einen
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entsprechenden Lohn, und ihr sind nach wie vor gewisse Hilfsarbeitertätigkeiten
zumutbar, weshalb Berufsberatung und Umschulung zum Vorneherein nicht geeignet
sind, einen allfälligen Rentenanspruch zu tangieren; bezüglich der weiteren beruflichen
Massnahmen besteht aufgrund der nachfolgenden Ausführungen ebenfalls keine
Durchführungspflicht, sondern lediglich ein allfälliger Anspruch. Da die angefochtene
Verfügung aber einzig den Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung zum
Gegenstand hat, ist darüber im vorliegenden Verfahren nicht zu befinden.
2.
In medizinischer Hinsicht ist insbesondere umstritten, wie schwer die von den
Gutachtern der BEGAZ und von Dr. D._ diagnostizierte depressive Störung
ausgeprägt ist, und in welchem Grad dadurch die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin beeinträchtigt wird. Die übrigen Beeinträchtigungen, namentlich
das Mammakarzinom und der chronisch entzündliche Prozess der Nasennebenhöhlen,
wirken sich anerkanntermassen insofern auf die Arbeitsfähigkeit aus, als dadurch
einerseits die körperliche Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin beeinträchtigt –
die Gutachter des BEGAZ attestierten gestützt darauf eine 20%ige bzw. 25%ige
Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 56 und 114) – und andererseits die psychische
Beeinträchtigung in gewissem Grad unterhalten wird (vgl. IV-act. 99). Während
Dr. D._ eine mittelgradige depressive Episode diagnostizierte und eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit attestierte, diagnostizierte der psychiatrische Consiliarius des
BEGAZ eine leicht- bis mittelgradige depressive Episode – „eher leicht- denn
mittelgradig“ (IV-act. 114–37) – und attestierte eine 30%ige Arbeitsunfähigkeit. Seine
von der Einschätzung von Dr. D._ abweichenden Schlussfolgerungen begründete der
Gutachter wie folgt: Im Vergleich mit den Befunden seines früheren Gutachtens vom
Januar 2008 seien die subjektiv geklagten Beschwerden bezüglich depressiver
Symptomatik in qualitativer und quantitativer Hinsicht als intensiver zu beurteilen, was
es rechtfertige, eine eigenständige Diagnose einer depressiven Episode zu stellen.
Allerdings sei beim Gespräch über Themen, die nicht in direktem Zusammenhang mit
den Beschwerden stehen, ein eher selbstbewusster und bestimmter Eindruck bei
ausgeglichener Stimmung entstanden (IV-act. 114–37). Daneben seien auch
Inkonsistenzen und Widersprüchlichkeiten aufgefallen. Die Beschwerdeführerin habe
beispielsweise ausgeführt, kaum mehr lesen zu können, in einem anderen
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Zusammenhang aber berichtet, sie würde gerne morgens die Zeitung lesen und pro
Tag insgesamt etwa eine Stunde mit Lesen verbringen (IV-act. 114–36). Gesamthaft sei
die depressive Störung im Rahmen der Begutachtung deutlich weniger ausgeprägt ge
wesen als im Bericht von Dr. D._ vom 4. November 2008 beschrieben, was
weitgehend die Diskrepanz in der Beurteilung erkläre (IV-act. 114–40). Diese
Ausführungen erscheinen nachvollziehbar und überzeugend. Dr. D._ nahm dazu nicht
Stellung (IV-act. 120), attestierte in ihrer Stellungnahme vom 26. Januar 2010 aber
wiederum eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit, wobei sie sich allerdings massgeblich auf
die anamnestischen Angaben der Beschwerdeführerin stützte und ergänzend auf die
zeitliche Inanspruchnahme der Beschwerdeführerin durch die „zahlreichen
Untersuchungen und Eingriffe bezüglich der körperlichen Erkrankung“ hinwies (IV-
act. 125). Diese Ausführungen sind nicht geeignet, Zweifel an der Einschätzung des
Psychiaters des BEGAZ aufkommen zu lassen. Auffällig ist auch, dass sich die
Beschwerdeführerin im Rahmen der stationären Krisenintervention im Februar 2009
sehr rasch erholte und entsprechend nach sieben Tagen bereits wieder entlassen
wurde (IV-act. 104). Gesamthaft erscheint die Einschätzung gemäss Gutachten des
BEGAZ überzeugender als jene von Dr. D._ (die ohnehin keine eigentliche
Zumutbarkeitsbeurteilung vornahm) bzw. sind die Berichte von Dr. D._ nicht
geeignet, den Beweiswert des Gutachtens des BEGAZ so zu schwächen, dass die
Einholung eines Obergutachtens notwendig wäre. Es ist mit anderen Worten mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin in
einer leidensadaptierten Tätigkeit zu 30 % in ihrer Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt ist.
3.
Da gesamthaft ein Abzug vom Tabellenlohn (vgl. BGE 126 V 75) von mehr als 10 %
nicht angemessen erscheint und da die Beschwerdeführerin kein
überdurchschnittliches Einkommen erzielte, resultiert selbst dann kein
rentenbegründender Invaliditätsgrad, wenn die Beschwerdeführerin als vollzeitig
Erwerbstätige qualifiziert würde (sie arbeitete offenbar ab 1989 stets nur zu 70–80 %;
vgl. IV-act. 56–6); der Invaliditätsgrad würde sich auf höchstens 37 % (= 100 % – 70 %
× 90 %) belaufen, was gemäss Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) nicht zum Bezug einer Rente der
Invalidenversicherung berechtigt.
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4.
Die Beschwerde ist mithin abzuweisen. Die gemäss Art. 69 Abs. 1 IVG zu
erhebenden und angesichts des durchschnittlichen Aufwandes auf Fr. 600.--
festzusetzenden Gerichtskosten sind deshalb vollumfänglich der Beschwerdeführerin
aufzuerlegen, doch ist sie zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung von
der Bezahlung zu befreien. Der Staat hat sodann den Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung mit
einer Pauschale von Fr. 3’500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu
entschädigen, die allerdings gemäss Art. 31 Abs. 3 des St. Galler Anwaltsgesetzes
(sGS 963.70) um einen Fünftel zu kürzen ist. Sollten es die wirtschaftlichen Verhältnisse
der Beschwerdeführerin erlauben, kann sie zur Nachzahlung der Gerichtskosten und
Rückerstattung der Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsverbeiständung
verpflichtet werden.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht