Decision ID: 31383717-8f39-4dd2-867f-27a030dd6715
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_003
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

I. Sachverhalt:
1. A._, geb. 1969, war zuletzt als Messtechniker bei der B._ AG
tätig. Seit der Erstmanifestation im Jahr 2005 leidet er an einer axialen
Spondylarthritis. Aufgrund dessen befand er sich ab Ende Oktober 2018
bis insgesamt zum 8. Dezember 2018 zunächst zur rheumatologischen
Schmerzkomplextherapie im Universitätsspital C._ und sodann zur
stationären Rehabilitation im Rehazentrum in der Klinik D._. Dabei
wurde nebenbefundlich namentlich ein cervicovertebrales und
lumbovertebrales Schmerzsyndrom sowie eine chronische
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren festgestellt.
Daneben wies der behandelnde Rheumatologe Dr. med. E._ in
seinem Bericht vom 24. Januar 2019 ein chronisches
Panvertebralsyndrom sowie einen Tramal-Überkonsum aus. Er attestierte
A._ – nachdem er vom 30. Oktober 2018 bis zum 27. Januar 2019 zu
100 % arbeitsunfähig war – ab dem 28. Januar 2019 eine Arbeitsfähigkeit
von 50 % in der Tätigkeit als Messtechniker.
2. Im April 2019 meldete sich A._ bei der IV-Stelle des Kantons
Graubünden (nachfolgend: IV-Stelle) zum Leistungsbezug an. Diese
tätigte in der Folge erwerbliche und medizinische Abklärungen. Im Juni
2019 führte A._ einen Entzug von Tramal und Wechsel auf eine
Behandlung mit Palexia durch. Daraufhin wies Dr. med. E._ eine
Arbeitsfähigkeit von 30 % infolge einer Schmerzzunahme aus. Zudem
stellte er gestützt auf ein MRI der Wirbelsäule vom 6. November 2019
akute Enthesitiden im Bereich der mittleren BWS und am thorakolumbalen
Übergang als Zeichen einer persistierenden Krankheitsaktivität fest.
Anlässlich der am 8. Januar 2020 durchgeführten Abklärung beim
Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) befand Dr. med. F._, Facharzt
für Chirurgie, dass die von A._ aktuell bei der B._ AG als
Techniker mit Montage- und Reparaturarbeiten an Kabelschäden
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durchgeführten, körperlich schweren Arbeiten auf Dauer nicht mehr
geeignet seien. Nach aktueller groborientierender Einschätzung und
gestützt auf die Aktenlage sei zukünftig von einer hochgradigen
Arbeitsfähigkeit für lediglich leichtere körperliche Arbeiten im
Wechselrhythmus von ca. 80 % bis 100 % auszugehen. Zusammen mit
der Eingliederungsberaterin entschied er, dass A._ aus dem
aktuellen angestammten Arbeitsverhältnis herausgenommen und eine
Integrationsmassnahme im Sinne eines Aufbaubelastungstrainings
durchgeführt werde.
3. Aufgrund einer ausgeprägten Beeinträchtigung der Stimmungslage und
des Antriebs wegen der Schmerzsymptomatik attestierte Oberärztin
G._ der Psychiatrischen Dienste Graubünden (PDGR) A._ ab
dem 25. Februar 2020 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit in jeder Tätigkeit.
Mit Verlaufsbericht vom 20. August 2020 wies sie eine chronische
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren aus und hielt
dazu fest, durch die psychopharmakologische Behandlung mit
Antidepressiva sei es bislang zu keiner Verbesserung des Zustands
gekommen. In somatischer Hinsicht zeigte das am 16. Dezember 2020
durchgeführte MRI im Wesentlichen unveränderte, tendenziell rückläufige
entzündliche Veränderungen an der mittleren BWS und am
thorakolumbalen Übergang. Im Bereich der HWS wurde eine leicht
aktivierte Osteochondrose mit linksseitiger Unkovertebralarthrose HWK5-
7 und neuroforaminaler Einengung für C6 und C7 links festgestellt.
4. Mit Verfügung vom 21. Dezember 2020 schloss die IV-Stelle die
beruflichen Massnahmen ab, nachdem sich A._ aufgrund seiner
gesundheitlichen Situation nicht in der Lage gesehen hatte, an
Eingliederungsmassnahmen teilzunehmen.
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5. In der Folge liess die IV-Stelle A._ polydisziplinär in den
Fachdisziplinen Allgemeine Innere Medizin, Psychiatrie und
Psychotherapie sowie Rheumatologie begutachten und eine Evaluation
der funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL) durchführen, wobei der Auftrag
der estimed AG zugeteilt wurde. In der am 27. Juli 2021 erstatteten
Expertise (nachfolgend: estimed-Gutachten) wiesen die Gutachter
folgende Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit aus:
Spondyloarthritis mit axialem Befall, nicht ankylosierend, chronisches
panvertebrales Schmerzsyndrom und psychologische Faktoren und
Verhaltensfaktoren bei andernorts klassifizierten Krankheiten. Sie
erachteten A._ in seiner angestammten Tätigkeit als Messtechniker
zu 50 % arbeitsfähig, während sie ihm in einer Verweistätigkeit eine
70%ige Arbeitsfähigkeit attestierten.
6. Nach Einholung der Beurteilung von RAD-Arzt Dr. med. F._ stellte
die IV-Stelle A._ mit Vorbescheid vom 3. September 2021 die
Zusprache einer Viertelsrente in Aussicht. Dabei errechnete sie aus dem
ohne gesundheitliche Beschwerden als Messtechniker erzielbaren
Einkommen von CHF 88'908.85 und einem gestützt auf die Tabellenlöhne
der Lohnstrukturerhebung des Bundesamts für Statistik (LSE) im
Kompetenzniveau 1 bei einer Leistungsfähigkeit von 70 % in adaptierter
Tätigkeit ermittelten Invalideneinkommen von CHF 48'831.30 einen
Invaliditätsgrad von 45 %. Dagegen liess A._ am 15. September 2021
bzw. 18. Oktober 2021 vorsorglich und am 16. November 2021 einen
begründeten Einwand erheben, wobei namentlich auf die Diskrepanz im
rheumatologischen Teilgutachten zwischen der darin für möglich
befundenen Präsenzzeit von vier Stunden und der daraus gefolgerten
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit um 30 % hingewiesen wurde.
7. Mit Verfügung vom 5. Mai 2022 entschied die IV-Stelle wie vorbeschieden
und sprach A._ ab dem 1. Oktober 2019 eine Viertelsrente zu. Zum
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Einwand hielt sie fest, die Gutachter hätten auf Rückfrage hin mitgeteilt,
dass im rheumatologischen Teilgutachten ein Schreibfehler unterlaufen
sei. Die korrekte Beurteilung laute, dass aus rheumatologischer Sicht eine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 30 % vorliege (vgl. dazu die
Stellungnahme von Prof. Dr. med. H._, Facharzt für Neurologie, vom
23. März 2022). Daraus resultiere folglich eine Arbeitsfähigkeit von 70 %
in angepassten Tätigkeiten. Der mit dem Einwand beigebrachte Bericht
von Dr. med. E._ vom 15. November 2021 vermöchte nach Ansicht
des RAD die bisherige Beurteilung nicht zu erschüttern.
8. Dagegen liess A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer) am 4. Juni 2022
Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden erheben,
wobei er was folgt beantragen liess:
1. Die Verfügung vom 5. Mai 2022 sei aufzuheben.
2. Es seien ihm die gesetzlichen Leistungen nach IVG, insbesondere eine ganze Rente zuzusprechen.
3. Eventualiter sei ein Gerichtsgutachten durchzuführen.
Zur Begründung führte er zusammenfassend aus, dem estimed-
Gutachten könne keine erhöhte Beweiskraft zukommen. Es liege keine
schlüssige und nachvollziehbare Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in einer
angepassten Tätigkeit vor, weshalb auf diejenige von Dr. med. E._
vom 15. November 2021 abzustellen sei. Zudem sei ein
Tabellenlohnabzug von 25 % geschuldet, was einen Anspruch auf eine
ganze Invalidenrente verleihe.
9. Die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) schloss in ihrer
Vernehmlassung vom 8. Juli 2022 auf Abweisung der Beschwerde.
Eventualiter sei dem Beschwerdeführer eine reformatio in peius in dem
Sinne anzudrohen, dass ihm in Abänderung der Verfügung vom 5. Mai
2022 keine Invalidenrente zugesprochen werde. Diese begründete sie
damit, dass es sich in Anbetracht der Berufskenntnisse des
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Beschwerdeführers im Bereich der Telekommunikation rechtfertigen
würde, für die Ermittlung des Invalideneinkommens auf das
Kompetenzniveau 2 abzustellen. Ansonsten nahm die
Beschwerdegegnerin in ablehnender Weise zu den
beschwerdeführerischen Vorbringen Stellung.
10. Der Beschwerdeführer replizierte am 19. August 2022 bei unveränderten
Rechtsbegehren. Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 29. August
2022 auf die Einreichung einer Duplik.
Auf die weiteren Ausführungen in den Rechtsschriften, die angefochtene
Verfügung sowie die übrigen Akten wird, soweit erforderlich, in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Die vorliegende Beschwerde richtet sich gegen die Verfügung der IV-
Stelle des Kantons Graubünden vom 5. Mai 2022. Eine solche Anordnung,
die laut Bundesrecht der Beschwerde an das Versicherungsgericht am Ort
der verfügenden IV-Stelle unterliegt, kann beim Verwaltungsgericht des
Kantons Graubünden als das örtlich und sachlich zuständige
Versicherungsgericht angefochten werden (vgl. Art. 49 Abs. 2 lit. a des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRG; BR 370.100] i.V.m.
Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
[IVG; SR 831.20] sowie Art. 57 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Als
formeller und materieller Verfügungsadressat ist der Beschwerdeführer
von der angefochtenen Verfügung unmittelbar betroffen und er hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung. Er ist somit
zur Beschwerdeerhebung legitimiert (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 59
ATSG). Die Beschwerde wurde zudem frist- und formgerecht eingereicht
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(Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 60 Abs. 1 und 2 ATSG, Art. 38 f. sowie Art. 61
lit. b ATSG). Darauf ist somit einzutreten.
2.1. Streitgegenstand bildet die Frage des Rentenanspruchs des
Beschwerdeführers, welcher angesichts der Anmeldung im April 2019
gestützt auf Art. 29 Abs. 1 IVG frühestens ab dem 1. Oktober 2019 (d.h.
sechs Monate nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs) entsteht,
sofern bis dahin das Wartejahr erfüllt ist (Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG), was
vorliegend unbestrittenermassen zutrifft (vgl. IV-act. 92 S. 22 [Case
Report]). Daran vorbeizielende Vorbringen des Beschwerdeführers,
namentlich zur strafrechtlichen Verantwortlichkeit der Gutachterpersonen,
sind von vornherein nicht zu hören. Nicht in Abrede gestellt wird das
gestützt auf die bisherige Tätigkeit des Beschwerdeführers als
Messtechniker ermittelte Valideneinkommen von CHF 88'908.85 für das
Jahr 2021 (vgl. Fragebogen für Arbeitgebende vom 12. April 2019 [IV-
act. 13 S. 2] und Case Report [IV-act. 92 S. 22]). Uneins sind sich die
Parteien beim Invalideneinkommen und dabei hinsichtlich der (Rest-
)Arbeitsfähigkeit in bisheriger und leidensangepasster Tätigkeit (vgl. dazu
nachstehende Erwägungen 7.1 ff.), der Vornahme eines Leidensabzugs
(vgl. dazu nachstehende Erwägungen 8.1 ff.) und der Anwendung des
Kompetenzniveaus 2 zur Bemessung des Invalideneinkommens (vgl.
dazu nachstehende Erwägung 10).
2.2. In Bezug auf das anwendbare Recht ist festzuhalten, dass seit dem
1. Januar 2022 die revidierten Bestimmungen des IVG (sowie des ATSG)
und der IVV in Kraft sind (Weiterentwicklung der IV). Da der hier
umstrittene Rentenanspruch seine Begründung jedoch noch vor dem
1. Januar 2022 findet, sind die bis zum 31. Dezember 2021 gültig
gewesenen Bestimmungen massgebend (vgl. Übergangsbestimmungen
des IVG zur Änderung vom 19. Juni 2020; Kreisschreiben über Invalidität
und Rente in der Invalidenversicherung [KSIR], gültig ab dem 1. Januar
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2022, Rz. 9101). Dies ergibt sich auch aus den allgemeinen Grundsätzen
des intertemporalen Rechts und des zeitlich massgebenden Sachverhalts
(statt vieler: BGE 144 V 210 E.4.3.1 und 129 V 354 E.1 m.w.H.; Urteil des
Bundesgerichts 8C_521/2021 vom 22. März 2022 E.2.2). Soweit der
Beschwerdeführer auf die neuen Bestimmungen der IVV Bezug nimmt, um
einen Teilzeitabzug zu rechtfertigen, zielt sein Vorbringen somit ins Leere.
3. In formeller Hinsicht ist zunächst auf die vom Beschwerdeführer gerügte
Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör einzugehen.
Zwar ist dem Beschwerdeführer darin beizupflichten, dass er im Einwand
vom 16. November 2021 nebenbei einen Tabellenlohnabzug von 10 %
genannt hat (vgl. IV-act. 85 S. 3), mit welchem sich die
Beschwerdegegnerin in der angefochtenen Verfügung nicht explizit
auseinandergesetzt hat (vgl. IV-act. 90 S. 1 f.). Im Einwand vom
16. November 2021 leitete der Beschwerdeführer aus dem
rheumatologischen estimed-Teilgutachten eine 50%ige Arbeitsfähigkeit in
angepassten Tätigkeiten ab und errechnete auf dieser Grundlage in
Anwendung der allgemeinen Methode des Einkommensvergleichs einen
Invaliditätsgrad von 60.77 %. Dazu hielt er fest, dass schon dieser
Invaliditätsgrad einen Anspruch auf eine Dreiviertelsrente verliehe (vgl. IV-
act. 85 S. 3). Sodann führte der Beschwerdeführer aus, mit einem
10%igen Leidens- bzw. Teilzeitabzug aufgrund der 50%igen
Arbeitsfähigkeit resultiere ein Invaliditätsgrad von 64.69 %, was ebenfalls
einer Dreiviertelsrente entspreche und ihm im Minimum zu gewähren sei
(vgl. IV-act. 85 S. 3). Da sich der genannte Leidensabzug bei dem dem
Einkommensvergleich zugrunde gelegten, auf einer Arbeitsfähigkeit von
50 % basierenden Invalideneinkommen insofern nicht als rentenrelevant
erwies, ist fraglich, ob sich die Beschwerdegegnerin dazu auch explizit
hätte äussern müssen. Denn sie ist rechtsprechungsgemäss nicht
gehalten, sich mit allen Parteistandpunkten einlässlich
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auseinanderzusetzen und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich zu
widerlegen. Sie darf sich vielmehr auf die wesentlichen Einwände
beschränken (siehe BGE 141 III 28 E.3.2.4, 141 V 557 E.3.2.1 und 134 I
83 E.4.1). Insoweit hat sich die Beschwerdegegnerin auch zur Diskrepanz
im rheumatologischen estimed-Teilgutachten hinsichtlich der
ausgewiesenen Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit sowie – unter
Hinweis auf die Stellungnahme von RAD-Arzt Dr. med. F._ (vgl.
hierzu IV-act. 92 S. 24) – zum beigebrachten Bericht von Dr. med.
E._ vom 15. November 2021, wenn auch nur kurz, geäussert. Die
Überlegungen, von denen sich die Beschwerdegegnerin leiten liess,
konnten daher zumindest im Kern nachvollzogen werden (vgl. BGE 145 III
324 E.6.1, 143 III 65 E.5.2 und 142 III 433 E.4.3.2). Selbst wenn jedoch
von einer Gehörsverletzung auszugehen wäre, wäre eine nicht besonders
schwerwiegende Verletzung praxisgemäss einer Heilung zugänglich,
wenn die betroffene Person die Möglichkeit erhält, sich vor einer
Rechtsmittelinstanz zu äussern, die sowohl den Sachverhalt wie auch die
Rechtslage frei überprüfen kann (BGE 140 III 159, nicht publ. E.3.2; BGE
137 I 195 E.2.3.2; Urteil des Bundesgerichts 8C_177/2022 vom 13. Juli
2022 E.7.2). Von einer Rückweisung der Sache an die Verwaltung wäre
sodann selbst bei einer gravierenden Verletzung des rechtlichen Gehörs
abzusehen, wenn und soweit die Rückweisung zu einem formalistischen
Leerlauf und damit zu unnötigen Verzögerungen führen würde, die mit
dem Interesse der betroffenen Partei an einer beförderlichen Beurteilung
der Sache nicht zu vereinbaren wären (vgl. BGE 137 I 195 E.2.3.2, 136 V
117 E.4.2.2.2; Urteile des Bundesgerichts 2C_259/2021 vom
30. November 2021 E.4.4.1, 2C_106/2021 vom 25. Juni 2021 E.2.3).
Aufgrund der einlässlichen Ausführungen des Beschwerdeführers zum
Tabellenlohnabzug in seiner Beschwerde vom 4. Juni 2022 (vgl. dortige
S. 14 ff.) und der Replik vom 19. August 2022 (vgl. dortige S. 9 ff.) und der
ebenfalls ausführlichen Stellungnahme der Beschwerdegegnerin dazu in
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ihrer Vernehmlassung vom 8. Juli 2022 (vgl. dortige S. 7 ff.) erwiese sich
eine Rückweisung als solchen formalistischen Leerlauf. Zudem kann das
Verwaltungsgericht bei der Frage, ob ein Leidensabzug vorzunehmen ist,
Rechtsverletzungen und Sachverhaltsfeststellungen prüfen (vgl. Art. 61
Ingress ATSG i.V.m. Art. 51 Abs. 1 VRG), weshalb hier kein
Kognitionsgefälle besteht. Da sich der Beschwerdeführer im vorliegenden
Beschwerdeverfahren zur im Streit liegenden Angelegenheit umfassend
äussern konnte, wäre eine Heilung der Gehörsverletzung vorzunehmen
(zum Leidensabzug vgl. nachstehende Erwägungen 8.1 ff.).
4.1. Bei der Feststellung des Gesundheitszustands und bei der Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit der versicherten Person ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachpersonen zur Verfügung stellen.
Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu
beurteilen und wenn nötig seine Entwicklung im Laufe der Zeit zu
beschreiben. Dies bedeutet in erster Linie, mit den Mitteln fachgerechter
ärztlicher Untersuchungen unter Berücksichtigung der subjektiven
Beschwerden die Befunde zu erheben und gestützt darauf die Diagnose
zu stellen. Bei der Folgenabschätzung der erhobenen gesundheitlichen
Beeinträchtigungen für die Arbeitsfähigkeit kommt der Arztperson
hingegen keine abschliessende Beurteilungskompetenz zu. Vielmehr
nimmt die Arztperson zur Arbeitsunfähigkeit Stellung, das heisst sie gibt
eine Schätzung ab, welche sie aus ihrer Sicht so substanziell wie möglich
begründet bzw. nimmt sie dazu Stellung, in welchem Umfang und
bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist.
Insoweit sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die
Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person
noch zugemutet werden können (siehe BGE 145 V 364 E.3.2.1 f., 140 V
193 E.3.1 f. und 132 V 93 E.4; Urteile des Bundesgerichts 8C_569/2021
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vom 2. Februar 2022 E.3.2.2, 8C_225/2021 vom 10. Juni 2021 E.3.2,
8C_144/2021 vom 27. Mai 2021 E.2.4, 8C_47/2021 vom 18. März 2021
E.5.2.3).
4.2. Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach dem für den
Sozialversicherungsprozess gültigen Grundsatz der freien
Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle anderen Beweismittel
– frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das
Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig davon, von
wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob
die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen
Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander
widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen,
ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe
anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische
These abstellt (siehe BGE 143 V 124 E.2.2.2 und 125 V 351 E.3a).
Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist demnach
entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf
allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der
Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die
Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (vgl.
BGE 134 V 231 E.5.1, 125 V 351 E.3a; Urteile des Bundesgerichts
8C_380/2021 vom 21. Dezember 2021 E.3.2, 8C_173/2021 vom
25. Oktober 2021 E.4.1, 8C_101/2021 vom 25. Juni 2021 E.5.1,
8C_225/2021 vom 10. Juni 2021 E.3.2, 8C_144/2021 vom 27. Mai 2021
E.2.4). Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit
weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der
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eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder
Gutachten (vgl. BGE 125 V 351 E.3a und 122 V 157 E.1c).
4.3. Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtsprechung mit dem
Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf
bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für
die Beweiswürdigung aufzustellen (vgl. die ausführliche
Zusammenstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 E.3b mit
zahlreichen Hinweisen). Den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten, welche aufgrund
eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in
die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu
schlüssigen Ergebnissen gelangen, ist bei der Beweiswürdigung volle
Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (vgl. BGE 137 V 210 E.1.3.4, 125
V 351 E.3b/bb; siehe auch Urteile des Bundesgerichts 8C_33/2021 vom
31. August 2021 E.2.2.2 und 9C_257/2020 vom 23. Juli 2020 E.3.2). In
Bezug auf Berichte von behandelnden Ärzten darf und soll der Richter
auch der Erfahrungstatsache Rechnung tragen, dass behandelnde Ärzte
mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in
Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (siehe BGE 135
V 465 4.5, 125 V 351 E.3b/cc). Insbesondere lässt es die unterschiedliche
Natur von Behandlungsauftrag der therapeutisch tätigen (Fach-)Person
einerseits und der Begutachtungsauftrag des amtlich bestellten
fachmedizinischen Experten (vgl. dazu BGE 124 I 170 E.4) andererseits
nicht zu, ein Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu
stellen und zum Anlass für weitere Abklärungen zu nehmen, wenn die
behandelnden Arztpersonen oder Therapiekräfte zu anderslautenden
Einschätzungen gelangen. Vorbehalten bleiben immerhin die Fälle, in
denen sich eine vom (amtlichen) Gutachten abweichende Beurteilung
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aufdrängt, weil die Berichte der behandelnden Ärzte wichtige – nicht rein
der subjektiven Interpretation entspringende – Aspekte benennen, die bei
der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (siehe
Urteile des Bundesgerichts 8C_491/2021 vom 20. Dezember 2021 E.4.1,
8C_277/2021 vom 25. August 2021 E.3 und 8C_105/2021 vom 8. Juni
2021 E.3).
5. Zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht auf das estimed-
Gutachten vom 27. Juli 2021 und die Stellungnahme von Prof. Dr. med.
H._ vom 23. März 2022 abgestellt hat oder ob konkrete Indizien
gegen deren Zuverlässigkeit sprechen bzw. ob diese von den übrigen
medizinischen Akten derart in Zweifel gezogen werden, dass von der
70%igen Arbeitsfähigkeitseinschätzung in adaptierten Tätigkeiten
abzuweichen wäre.
6. Vorab ist auf die formelle Kritik des Beschwerdeführers am bzw. in
Zusammenhang mit dem estimed-Gutachten vom 27. Juli 2021 und der
Involvierung von Prof. Dr. med. H._ einzugehen.
6.1. Diesbezüglich wirft der Beschwerdeführer der Beschwerdegegnerin
zunächst vor, der nicht als Gutachter bekannt gegebene Prof. Dr. med.
H._ habe als Geschäftsleitungsmitglied der estimed AG in
unzulässiger Weise auf die Beurteilung und Formulierung des Gutachtens
Einfluss genommen. Es stellt sich daher die Frage, ob das estimed-
Gutachten vom 27. Juli 2021 den Anforderungen von Art. 44 ATSG
entspricht.
6.1.1.1. Muss der Versicherungsträger zur Abklärung des Sachverhaltes ein
Gutachten einer oder eines unabhängigen Sachverständigen einholen, so
gibt er der Partei deren oder dessen Namen bekannt. Diese kann den
Gutachter aus triftigen Gründen ablehnen und kann Gegenvorschläge
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machen (Art. 44 ATSG in der bis zum 31. Dezember 2021 gültig
gewesenen Fassung). Als Experte im Sinne von Art. 44 ATSG ist derjenige
zu verstehen, der (als beauftragtes Subjekt) ein Gutachten erstellt und
dafür verantwortlich zeichnet. Es handelt sich zum einen um das mit der
Begutachtung beauftragte Subjekt und zum andern die natürliche Person,
die das Gutachten erarbeitet. Die Bekanntgabe des Namens des
Gutachters soll es dem Versicherten ermöglichen, zu erkennen, ob es sich
um eine Person handelt, gegen die ein Ausstandsgrund vorliegt. Die
Mitteilung muss zudem frühzeitig erfolgen, so dass der Versicherte in der
Lage ist, seine Mitwirkungsrechte vor Beginn der eigentlichen
Begutachtung geltend zu machen. Insbesondere wenn die betroffene
Person Einwände gegen die Person des Gutachters erhebt, muss sich die
IV-Stelle vor Beginn der Begutachtung dazu äussern (BGE 146 V 9 E.4.2.1
m.H.a. BGE 132 V 376 E.8.4, der sich insbesondere auf die Bekanntgabe
der Namen der ärztlichen Fachpersonen im Falle einer Begutachtung
durch eine medizinische Abklärungsstelle [MEDAS] bezieht; vgl. ferner
Urteile des Bundesgerichts 9C_525/2020 vom 29. April 2021 E.4.1.2 und
9C_228/2011 vom 10. August 2011 E.3.1).
6.1.1.2. Als Auftraggeber hat der Versicherungsträger Anspruch darauf, dass die
Begutachtung durch die beauftragte Person durchgeführt wird. Die
Substitution oder Weitergabe (selbst eines Teils) des Auftrags an einen
anderen Sachverständigen setzt grundsätzlich die Einwilligung des
Auftraggebers voraus. Die persönliche Leistungspflicht des Beauftragten
schliesst jedoch nicht aus, dass der Experte die Unterstützung einer
Hilfsperson in Anspruch nimmt, die unter seiner Anleitung und Aufsicht
handelt, um gewisse untergeordnete Hilfsarbeiten auszuführen, zum
Beispiel technische Aufgaben (Analysen) oder Recherchier- Schreib-,
Kopier- oder Kontrollarbeiten. Eine solche durch einen qualifizierten
Dritten vorgenommene Unterstützung für untergeordnete Hilfsarbeiten ist
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zulässig, ohne dass darin eine zustimmungsbedürftige Substitution zu
sehen ist, solange die Verantwortung für die Expertise, insbesondere die
Begründung und die Schlussfolgerungen sowie die Beantwortung der
Gutachterfragen, in den Händen des beauftragten Experten bleiben. Es ist
wichtig, dass der beauftragte Gutachter die grundlegenden Aufgaben im
Rahmen einer medizinischen Expertise im Sozialversicherungsrecht
persönlich erfüllt, da er genau aufgrund seines Fachwissens, seiner
besonderen wissenschaftlichen Fähigkeiten und seiner Unabhängigkeit
beauftragt wurde. Zu diesen Aufgaben, die nicht delegiert werden können,
gehören insbesondere die Kenntnisnahme vom Dossier in seiner
Gesamtheit und dessen kritische Analyse, die Untersuchung der zu
begutachtenden Person oder die Gedankenarbeit hinsichtlich der
Beurteilung des Falles und der Schlussfolgerungen, die gezogen werden
können, wenn nötig im Rahmen einer interdisziplinären Diskussion (BGE
146 V 9 E.4.2.2 m.w.H.; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_525/2020 vom
29. April 2021 E.4.1.2).
6.1.1.3. Im Zusammenhang mit Art. 44 ATSG resultiert aus dem Gesagten, dass
die Verpflichtung, den Namen der mit der Begutachtung beauftragten
Mediziner im Voraus zu kommunizieren, resp. das Recht des
Versicherten, diesen Namen zu kennen, diejenige Person betrifft, die
durch die Invalidenversicherung mit der Erstellung des Gutachtens
beauftragt wurde. Diese Verpflichtung erstreckt sich nicht auf den Namen
von Dritten, die den Experten mit Hilfsarbeiten unterstützen. Nicht als
blosse Hilfsperson, die eine untergeordnete Aufgabe ("tâche secondaire")
erfüllt, kann hingegen eine ärztliche Fachperson angesehen werden, die
vom Gutachter beauftragt wird, die grundlegende Anamnese der zu
begutachtenden Person zu erstellen, die Krankengeschichte zu
analysieren und zusammenzufassen oder das Gutachten auf die
Stichhaltigkeit seiner Schlussfolgerungen hin durchzulesen. Die
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intellektuelle Leistung dieser Person kann das Ergebnis des Gutachtens
beeinflussen. So beinhaltet beispielsweise das Erstellen einer
Zusammenfassung der Krankenakte eine Analyse, die bereits einen
gewissen Interpretationsspielraum beinhaltet; selbst wenn die
Zusammenfassung nur Auszüge aus den Akten enthalten soll, beruht sie
auf einer Auswahl der Daten, Informationen und Daten, die für den
Verfasser als massgeblich angesehen werden. Eine solche Auswahl trägt
zum Ergebnis des Gutachtens bei. In den erwähnten Konstellationen
gelten daher die Vorschriften von Art. 44 ATSG. Der Name der ärztlichen
Fachperson, die mit der Aufgabe betraut wird, die Basisanamnese oder
die Zusammenfassung der Akte zu erstellen oder das Gutachten
gegenzulesen, um dessen formale Richtigkeit zu gewährleisten, muss
dem Versicherten vorab mitgeteilt werden (BGE 146 V 9 E.4.2.3 m.w.H.;
vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_525/2020 vom 29. April 2021 E.4.1.2).
6.1.2.1. Vorliegend ergibt sich aus den Akten, dass RAD-Arzt Dr. med. F._
am 29. Januar 2021 eine polydisziplinäre Begutachtung für angezeigt hielt
(vgl. IV-act. 92 S. 10), nachdem die beruflichen Massnahmen
abgeschlossen worden waren, da sich der Beschwerdeführer aus
gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage gesehen hatte, an solchen
teilzunehmen (vgl. Verfügung vom 21. Dezember 2020 [IV-act. 59] und
Verlaufsprotokoll Berufsberatung vom 4. Dezember 2020 [IV-act. 54]).
Daraufhin teilte die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer mit, dass
zur Abklärung seines Leistungsanspruchs eine umfassende medizinische
Begutachtung in den Fachdisziplinen Allgemeine Innere Medizin,
Psychiatrie und Psychotherapie sowie Rheumatologie mit Durchführung
einer EFL notwendig sei (vgl. IV-act. 63). Der entsprechende Auftrag
wurde über die SuisseMED@P-Plattform der estimed AG zugeteilt (vgl.
IV-act. 64; vgl. für das Zufallsprinzip Art. 72bis Abs. 2 der Verordnung über
die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201] in der bis zum 31. Dezember
- 17 -
2021 gültig gewesenen Fassung). Diese informierte die
Beschwerdegegnerin sodann am 4. Februar 2021 über die Namen der
Expertin und Experten und hielt in einem Kommentar fest, dass das
Gutachten durch den ärztlichen Leiter supervidiert werde (vgl. IV-act. 68).
Gleichentags teilte die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer die
Namen der (ärztlichen) Fachpersonen mit, wobei es sich dabei um Dr.
med. I._ (Allgemeine Innere Medizin), med. pract. J._
(Psychiatrie und Psychotherapie), Dr. med. K._ (Rheumatologie) und
um die diplomierte Physiotherapeutin L._ (EFL) handelte. Ein Hinweis
auf die Supervision durch den ärztlichen Leiter der estimed AG unterblieb
indes (vgl. IV-act. 69). Nachdem die entsprechenden Explorationen und
Untersuchungen zwischen Mitte März und Anfang Juni 2021 stattgefunden
hatten (vgl. IV-act. 70), erstatteten die Expertin und Experten ihr
Gutachten am 27. Juli 2021 (vgl. IV-act. 71). Dieses enthält neben der
Konsensbeurteilung die jeweiligen Teilgutachten, in welchen die Experten
ihre Beurteilung in Kenntnis der medizinischen Vorakten und ihre
Schlussfolgerungen gestützt auf eigene klinische sowie sonografische
Untersuchungen sowie Laborbefunde getroffen haben (vgl. IV-act. 71
S. 66 f., S. 86 ff., S. 115 ff. und S. 128 ff.). Die Gutachter Dres. med.
I._ und K._ sowie med. pract. J._ und die Expertin L._
visierten die Konsensbeurteilung elektronisch (vgl. IV-act. 71 S. 14). Diese
führt zudem am Ende den Namen des medizinischen Leiters der estimed
AG, Prof. Dr. med. H._, auf (ohne Hinweis auf eine elektronische
Unterschrift [vgl. IV-act. 71 S. 14]).
6.1.2.2. Aus dem Dargelegten erhellt, dass der Name des ärztlichen Leiters der
estimed AG dem Beschwerdeführer nicht vorab bekanntgegeben worden
ist. Aufgrund der Funktion von Prof. Dr. med. H._ als Supervisor ist
hingegen davon auszugehen, dass dieser den Begutachtungsprozess
fachlich begleitet, das Gutachten durchgesehen und (allenfalls)
- 18 -
Rückmeldungen zu den darin enthaltenen Beurteilungen und
Schlussfolgerungen getätigt hat (vgl. zum Begriff der Supervision:
https://www.pschyrembel.de/Supervision/K0LXK/doc/, zuletzt besucht am
18. Oktober 2022). Konkrete Anhaltspunkte dafür, dass Prof. Dr. med.
H._ – wie vom Beschwerdeführer behauptet – die Beurteilungen der
am estimed-Gutachten beteiligten Experten als weisungsgebundene
Mitarbeiter der estimed AG derart beeinflusst hätte, dass diese ihre
Arbeitsfähigkeitseinschätzungen nach oben korrigiert hätten, weil er aus
geschäftlichen Gründen kein Interesse an hohen Arbeitsunfähigkeiten
habe, sind nicht ersichtlich. Derartiges hat denn auch die
Beschwerdegegnerin entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers
nicht eingestanden. Insbesondere lässt sich dies nicht aus der Diskrepanz
im rheumatologischen Teilgutachten zwischen der darin angegebenen, in
einer angepassten Tätigkeit möglichen Präsenz von täglich vier Stunden
und der letztlich – auch in der Konsensbeurteilung – ausgewiesenen
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit um 30 % ableiten (vgl. IV-act. 71 S. 94
und S. 11 f.). Denn wie noch aufzuzeigen sein wird (vgl. nachstehende
Erwägung 7.2.4.1), ist mit der Beschwerdegegnerin davon auszugehen,
dass es sich bei der genannten Einschränkung des zeitlichen
Arbeitspensums auf vier Stunden täglich in einer leidensangepassten
Tätigkeit bereits aufgrund der im rheumatologischen Teilgutachten von Dr.
med. K._ aufgezeigten Herleitung um einen Schreibfehler handeln
muss. Gleiches gilt mit Blick auf die im estimed-Gutachten ausgewiesene
Beurteilung der psychischen Leiden des Beschwerdeführers: Eine
etwaige, den geschäftlichen Interessen dienende Beeinflussung lässt sich
nicht aus der Bezugnahme auf somatoforme Schmerzstörungen herleiten,
da dies – wie noch darzulegen sein wird (vgl. nachstehende
Erwägung 7.2.1) – der Auseinandersetzung mit den vorbefundlichen
Diagnosen der behandelnden (Fach-)Personen geschuldet war. Auch
entbehrt die Vermutung des Beschwerdeführers jeglicher Grundlage, dass
- 19 -
eine – aus seiner Sicht – mangelhafte Handhabe des Datenschutzes bzw.
eine damit zusammenhängende, geltend gemachte
Amtsgeheimnisverletzung auf eine unzulängliche Darlegung der
medizinischen Situation schliessen liesse. Ebenso fehlen konkrete
Hinweise dafür, dass die Experten von Prof. Dr. med. H._ streng
überwacht worden wären und ihre Begutachtung aufgrund seiner
Einsichtnahme nicht frei, objektiv und unabhängig hätten vornehmen
können. Solche Anhaltspunkte werden denn auch nicht vom
Beschwerdeführer benannt. Vielmehr erklärten die am estimed-Gutachten
beteiligten Experten mit ihrer (elektronischen) Unterschrift, den Auftrag der
IV frei von Interessenbindungen, unparteiisch und in voller Unabhängigkeit
ausgeführt und in der Argumentation sowie bei der Beantwortung der
Fragen die allgemein anerkannten medizinischen Erkenntnisse und die
versicherungsmedizinischen Rahmenbedingungen berücksichtigt zu
haben (vgl. IV-act. 71 S. 73, S. 95 f. und S. 126). Der
Beschwerdegegnerin ist dabei darin beizupflichten, dass es keinen Grund
gibt, an diesen Erklärungen zu zweifeln. Insofern mutet die
beschwerdeführerische Behauptung einer unzulässigen, im Ergebnis auf
eine Manipulation hinauslaufende Einflussnahme von Prof. Dr. med.
H._ auf die am estimed-Gutachten beteiligten Experten rein
spekulativ an und findet keine Stütze in den Akten.
6.1.2.3. Allerdings liegt angesichts der von Prof. Dr. med. H._ ausgeübten
Supervisionstätigkeit nahe, dass dieser nicht bloss als Hilfsperson
einzustufen ist, zumal davon auszugehen ist, dass er das Gutachten vom
27. Juli 2021 gegengelesen hat, um dessen Kohärenz zu prüfen und
(allenfalls) Rückmeldungen zu tätigen. Insofern ist die Funktion von Prof.
Dr. med. H._ im Rahmen des Begutachtungsprozesses nicht als
untergeordnet zu betrachten. Vielmehr war diese grundsätzlich geeignet,
zum Ergebnis des Gutachtens beizutragen. Folglich hätte der Name des
- 20 -
ärztlichen Leiters der estimed AG dem Beschwerdeführer gemäss Art. 44
ATSG vorgängig bekannt gegeben werden müssen. Die Nichtbeachtung
dieses Erfordernisses stellt demnach eine Verletzung der
Mitwirkungsrechte und des rechtlichen Gehörs dar (vgl. BGE 146 V 9
E.4.3.2 m.w.H.). Dieser dem Begutachtungsverfahren anhaftende formelle
Mangel führt jedoch rechtsprechungsgemäss nicht dazu, dass das
estimed-Gutachten vom 27. Juli 2021 als solches aus dem Recht zu
weisen wäre und nicht darauf abgestellt werden könnte (vgl. BGE 146 V 9
E.4.4). Angesichts des Umstands, dass die daran beteiligten Experten die
grundlegenden Aufgaben der Begutachtung persönlich erfüllten, stellt die
Tatsache, dass der Beschwerdeführer vorab keine Kenntnis vom Namen
des ärztlichen Leiters der estimed AG hatte, von dem auszugehen ist, dass
er ohnehin nur punktuell im Rahmen der Begutachtung tätig geworden ist,
keine so schwerwiegende Verletzung seiner Ansprüche auf Mitwirkung
und rechtliches Gehör dar, dass diese keiner Heilung zugeführt werden
könnte (vgl. BGE 146 V 9 E.4.4). Vorliegend erübrigt sich eine
Rückweisung an die Beschwerdegegnerin, damit diese die notwendigen
Schritte unternehme und dem Beschwerdeführer den Namen des
ärztlichen Leiters eröffne, so dass dieser allfällige Ausstands- oder
Ablehnungsgründe geltend machen könnte (so in BGE 146 V 9 E.4.4).
Denn die (punktuelle) Mitwirkung von Prof. Dr. med. H._ am estimed-
Gutachten vom 27. Juli 2021 war dem Beschwerdeführer, wenn nicht
schon seit dem Einwand vom 16. November 2021, in welchem er sich
bereits mit dieser Expertise auseinandergesetzt hatte (vgl. IV-act. 85), so
dann spätestens mit der Erhebung der Beschwerde an das streitberufene
Gericht am 4. Juni 2022 bekannt (vgl. auch Schreiben der
Beschwerdegegnerin vom 18. Mai 2022 betreffend Zustellung der Akten
an den Beschwerdeführer [IV-act. 97]). Darin begnügte er sich jedoch
vorzubringen, ihm hätte die Gelegenheit eingeräumt werden müssen,
Ausstandsgründe geltend machen zu können, was nicht geschehen sei.
- 21 -
Einen eigentlichen Ausstands- oder Ablehnungsgrund gegen Prof. Dr.
med. H._ führt er indes nicht an. Anlass dazu hätte aber – wie
dargelegt – spätestens mit der Beschwerdeerhebung am 4. Juni 2022
bestanden. Denn Ausstands- und Ablehnungsgründe sind unverzüglich,
d.h. binnen sechs bis sieben Tage nach erstmaliger Kenntnisnahme durch
die versicherte Person geltend zu machen, ansonsten das Recht auf
Geltendmachung verwirkt (Urteil des Bundesgerichts 8C_828/2019 vom
17. April 2020 E.3.2 m.H.a. BGE 143 V 66 E.4.3, 138 I 1 E.2.2 und 132 II
485 E.4.3). Dies ist vorliegend geschehen. Allein der Umstand, dass Prof.
Dr. med. H._ die ärztliche Leitung der estimed AG innehat und
Mitglied des Verwaltungsrats ist (vgl. beschwerdeführerische Akten [Bf-
act.] 3), reicht für sich nicht aus, um Misstrauen in dessen Unparteilichkeit
zu erwecken, fehlt es doch bereits an einem spezifischen,
personenbezogenen Ablehnungsgrund, der seinen Ursprung im
Verhältnis zwischen ihm und dem Beschwerdeführer hat und sich aus den
konkreten Verhältnissen des Einzelfalls ergibt (vgl. Urteile des
Bundesgerichts 8C_218/2021 vom 6. Mai 2021 E.4.2, 8C_445/2018 vom
6. November 2018 E.3.2). Ebenso ins Leere zielt – wie bereits aufgezeigt
– die behauptete, nicht erhärtete unzulässige Einflussnahme durch Prof.
Dr. med. H._. Dass dessen Stellungnahme vom 23. März 2022, in
welcher dieser bestätigt, dass sich aus rheumatologischer Sicht eine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit um 30 % ergebe (vgl. IV-act. 89), nicht
beweiskräftig sein soll, braucht nicht abschliessend beurteilt zu werden.
Obschon wünschenswert gewesen wäre, wenn der rheumatologische
Experte Dr. med. K._ zur Rückfrage der Beschwerdegegnerin
Stellung genommen hätte (vgl. hierzu IV-act. 86), ergibt sich aus dessen
Teilgutachten – wie noch aufzuzeigen sein wird (vgl. nachstehende
Erwägung 7.2.4.1) – mit hinreichender Klarheit, dass es sich bei der als
möglich befundenen Präsenz von täglich vier Stunden in einer
Verweistätigkeit um einen Schreibfehler handeln muss.
- 22 -
6.2. Nachdem nun davon auszugehen ist, dass Prof. Dr. med. H._ als
Supervisor am Gutachten vom 27. Juli 2021 mitgewirkt hat, wie dies von
der beauftragten Begutachtungsstelle auch so ausgewiesen worden war
(siehe Nachricht der estimed AG vom 4. Februar 2021 [IV-act. 68]), zielt
damit auch der beschwerdeführerische Vorwurf einer krassen Verletzung
des Datenschutzes, weil einer Drittperson Zugang zu sensiblen
Gesundheitsdaten gewährt worden sei, ins Leere (vgl. dazu nachstehend).
6.2.1. Das kantonale Datenschutzgesetz (KDSG; BR 171.100) dient dem Schutz
von Personen vor widerrechtlichem Bearbeiten von Personendaten durch
Behörden, zu welchen auch die Beschwerdegegnerin als öffentlich-
rechtliche Anstalt des Kantons Graubünden zu zählen ist (Art. 1 Abs. 1
und Abs. 2 lit. b KDSG; vgl. https://www.sva.gr.ch/portrait.html, zuletzt
besucht am 18. Oktober 2022). Für das Bearbeiten von Personendaten
finden die Vorschriften des Bundesgesetzes über den Datenschutz (DSG;
SR 235.1) sinngemäss Anwendung (Art. 2 Abs. 2 KDSG). Insofern bedarf
es gemäss Art. 17 Abs. 2 DSG für das Bearbeiten – wozu auch die
Bekanntgabe gehört (vgl. Art. 3 lit. e DSG) – von besonders
schützenswerten Personendaten, wie solche über die Gesundheit (siehe
Art. 3 lit. c Ziff. 2 DSG), einer Grundlage in einem Gesetz im formellen Sinn
(Abs. 2) oder aber einer einzelfallweisen Einwilligung der betroffenen
Person (Abs. 2 lit. c; vgl. für die Bekanntgabe von Personendaten im
Speziellen auch Art. 19 Abs. 1 und Abs. 1 lit. b DSG, welcher ebenfalls
eine Rechtsgrundlage im Sinne von Art. 17 DSG oder aber eine
Einwilligung im Einzelfall voraussetzt).
6.2.2. Nach Art. 66 IVG sind für die Bearbeitung von Personendaten die
Vorschriften des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10) sinngemäss anwendbar,
wobei Art. 66a Abs. 2 IVG für die Bekanntgabe im Speziellen auf Art. 50a
AHVG verweist. In Art. 49b AHVG werden die mit der Durchführung,
- 23 -
Kontrolle oder Beaufsichtigung der Durchführung des Gesetzes betrauten
Organe – vorliegend mithin (sinngemäss) die Beschwerdegegnerin –
befugt, die Personendaten, einschliesslich besonders schützenwerter
Daten, zu bearbeiten oder bearbeiten zu lassen, die sie benötigen, um die
gesetzlichen Aufgaben zu erfüllen, namentlich um Leistungsansprüche zu
beurteilen (lit. b). Hierfür ist das Organ aufgrund der ihm obliegenden
Untersuchungspflicht hinsichtlich des rechtserheblichen Sachverhalts (vgl.
Art. 43 Abs. 1 und 3 ATSG; KIESER, ATSG-Kommentar, 4. Aufl.,
Zürich/Basel/Genf 2020, Art. 43 Rz. 13 ff. und 96 ff.) regelmässig auf
versicherungsexterne Begutachtungen angewiesen, andernfalls es seine
gesetzlichen Aufgaben nicht erfüllen könnte (vgl. hierfür Art. 57 Abs. 1 lit. c
und f IVG in der bis zum 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Fassung
sowie Art. 69 IVV). Dabei werden Begutachtungsaufträge für
polydisziplinäre Gutachten nach dem Zufallsprinzip an MEDAS vergeben
(vgl. Art. 72bis IVV in der bis zum 31. Dezember 2021 gültig gewesenen
Fassung), was auch vorliegend mit der Beauftragung der estimed AG als
Begutachtungsstelle der Fall war (vgl. IV-act. 64 f.). Insofern stand es ihr
bzw. den eingesetzten Gutachtern und Prof. Dr. med. H._ als
Supervisor auch zu, als an der Durchführung der
Sozialversicherungsgesetze Beteiligte besonders schützenswerte Daten
zu bearbeiten, sieht dies der ausdrückliche Gesetzeswortlaut von Art. 49b
AHVG (i.V.m. Art. 66 IVG), wonach die zuständige Behörde mitunter
befugt ist, solche Daten "bearbeiten zu lassen", doch so vor (vgl. auch
Botschaft vom 24. November 2009 über die Anpassung und
Harmonisierung der gesetzlichen Grundlagen für die Bearbeitung von
Personendaten in den Sozialversicherungen, BBl 2000 255, S. 263, wo
medizinische Gutachten als Beispiel für die Bearbeitung von Daten durch
Dritte explizit genannt werden). Damit übereinstimmend sieht Rz. 2075.7
des Kreisschreibens über das Verfahren in der Invalidenversicherung
(KSVI; gültig ab dem 1. Januar 2010, in der Fassung vom 1. Januar 2018)
- 24 -
vor, dass für die begutachtende Stelle in datenschutzrechtlicher Sicht die
gleichen Abklärungsmöglichkeiten gelten wie für die IV-Stellen und die
RAD.
Im Weiteren ist in diesem Zusammenhang auf Art. 28 ATSG zu verweisen.
Danach hat namentlich die versicherte Person beim Vollzug der
Sozialversicherungsgesetze unentgeltlich mitzuwirken (Abs. 1). Dazu
gehört auch die Teilnahme an ärztlichen oder fachlichen Untersuchungen
und an Begutachtungen, welche für die Beurteilung notwendig und
zumutbar sind (vgl. Art. 43 Abs. 2 ATSG; KIESER, a.a.O., Art. 28 Rz. 17
und Rz. 30 sowie Art. 43 Rz. 89). Zudem haben gemäss Art. 28 Abs. 3
ATSG Personen, die Versicherungsleistungen beanspruchen, alle
betroffenen Personen, namentlich Ärztinnen und Ärzte, im Einzelfall zu
ermächtigen, die Auskünfte zu erteilen, die insbesondere für die Abklärung
des Leistungsanspruchs erforderlich sind; diese Personen und Stellen
sind zur Auskunft verpflichtet. Für die Invalidenversicherung sieht Art. 6a
IVG im Speziellen eine generelle (und nicht nur einzelfallweise)
Ermächtigung zur Erteilung von Auskünften vor (vgl. PÄRLI/KUNZ, Basler
Kommentar zum ATSG, in: Frésard-Fellay/Klett/Leuzinger [Hrsg.],
Allgemeiner Teil des Sozialversicherungsrechts, Basel 2020, Art. 28
Rz. 38; KIESER, a.a.O., Art. 28 Rz. 86), welcher der Beschwerdeführer
vorliegend mit seiner Anmeldung zum Leistungsbezug zugestimmt hat
(vgl. IV-act. 2 S. 5). In praktischer Hinsicht entband der Beschwerdeführer
damit bestimmte Drittpersonen vom Amts- bzw. Berufsgeheimnis und
erteilte ihnen die Zustimmung zur Datenbekanntgabe an die Organe der
Invalidenversicherung (vgl. KIESER, a.a.O., Art. 28 Rz. 76).
6.2.3. Insgesamt ist somit entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers
aufgrund der Einsichtnahme von Prof. Dr. med. H._ in das estimed-
Gutachten vom 27. Juli 2021 (wie auch hinsichtlich einer weiteren
Datenbearbeitung) keine Verletzung des Datenschutzes auszumachen.
- 25 -
Hinzuweisen ist zudem, dass dieser als an der Durchführung der
Sozialversicherungsgesetze Beteiligter gegenüber Dritten zur
Verschwiegenheit verpflichtet ist (vgl. Art. 33 ATSG; vgl. auch BBl 2000
255, S. 264). Auch insofern wird der Datenschutz durch die Begutachtung
nicht gefährdet, abgesehen davon, dass die Experten bei der Erfüllung
ihres Mandats ohnehin die Grundsätze des Datenschutzes einhalten
müssen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_561/2020 vom 10. Juni 2021
E.4.1).
7.1. Soweit der Beschwerdeführer das estimed-Gutachten vom 27. Juli 2021
in mehrfacher Hinsicht als mängelbehaftet kritisiert und ihm den
Beweiswert abspricht, ist festzuhalten, dass die Gutachter ihre Beurteilung
in Kenntnis der medizinischen Vorakten und ihre Schlussfolgerungen
gestützt auf eigene klinische, laborchemische und sonografische
Untersuchungen getroffen haben (vgl. IV-act. 71 S. 17 ff., S. 66 f.,
S. 80 ff., S. 86 ff. und S. 103 ff.). Auch flossen die vom Beschwerdeführer
gemachten Angaben zur Krankheitsentwicklung und zum jetzigen Leiden
in die Würdigung mit ein (vgl. IV-act. 71 S. 8 f., S. 61 ff., S. 82 ff. und
S. 109 ff.). In der Konsensbeurteilung wiesen die Gutachter folgende
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit aus (vgl. IV-act. 71
S. 9):
1. Spondyloarthritis mit axialem Befall, nicht ankylosierend (ICD-10: M46.80)
 Enthesitis thorakal, thorakolumbal
2. Chronisches panvertebrales Schmerzsyndrom (ICD-10: M54.80)
 spondylogen  entzündlich im Rahmen der Spondylarthritis  Osteochondrosen HWS
3. Psychologische Faktoren und Verhaltensfaktoren bei andernorts klassifizierten Krankheiten (ICD-10: F54)
Dazu führten die Gutachter aus, im Vordergrund der subjektiven
Beschwerden stünden die chronischen Schmerzen in Folge der
- 26 -
Spondyloarthritis mit axialem Befall, was aufgrund der Befunde auch
nachvollziehbar sei (vgl. IV-act. 71 S. 10). Dem entsprechenden
Teilgutachten von Dr. med. K._ ist diesbezüglich zu entnehmen, aus
rheumatologischer Sicht fänden sich erklärende Befunde anhand einer im
Jahr 2005 erstdiagnostizierten, nicht-ankylosierenden, weiterhin
entzündlich aktiven Spondyloarthritis (MRI 12/2020), vornehmlich als
interspinale Enthesitis auftretend, und anhand der gering- bis
mässiggradigen degenerativen Veränderungen, insbesondere der HWS.
Insgesamt scheine eine begleitende zentrale
Schmerzsensibilisierungsstörung vorzuliegen, da nur in diesem Rahmen
die gesamte Ausprägung der subjektiven Schmerzwahrnehmung erklärt
werden könne. Die Spondyloarthritis sei mit diversen Biologika therapiert
worden. Aufgrund des frustranen Therapieerfolges bestehe derzeit keine
spezifische antientzündliche Therapie, sondern lediglich eine
medikamentös-analgetische Therapie. Da sich mittlerweile zusätzliche
zugelassene medikamentöse Therapieoptionen ergeben hätten, sollte ein
weiterer Versuch zur Therapie der Enthesitis im Rahmen der
Spondyloarthritis erfolgen. Aufgrund der aktuellen Anamnese, der
körperlichen Untersuchung sowie hinsichtlich der Aktenlage ergäben sich
auf rheumatologischem Fachgebiet die vorgenannten Diagnosen mit
entsprechenden Funktionseinschränkungen im Bereich des axialen
Halteapparats. Entsprechend sei die Arbeitsfähigkeit in der angestammten
Tätigkeit oder in einer etwaigen Verweistätigkeit aus rein
rheumatologischer Sicht beeinträchtigt (vgl. IV-act. 71 S. 90 ff.).
Diese Ausführungen zur Beurteilung der medizinischen Situation
erscheinen einleuchtend und die gezogenen Schlussfolgerungen zum
Gesundheitszustand decken sich auch mit jenen des behandelnden
Rheumatologen Dr. med. E._. So wies dieser in seinen zahlreichen
aktenkundigen Berichten namentlich eine Spondylarthritis mit axialem
- 27 -
Befall (Erstmanifestation im 2005) bei mitunter klinisch entzündlichen
Rückenschmerzen und ein chronisches Panvertebralsyndrom aus (so
zuletzt Bericht vom 29. Januar 2021 [vgl. IV-act. 71 S. 144 f.]; vgl.
insbesondere auch IV-act. 62 S. 1, S. 5 und S. 7). Zudem bestätigte er in
seiner Stellungnahme vom 15. November 2021 zum estimed-Gutachten
ausdrücklich, dass die darin ausgewiesenen Diagnosen mit den Seinigen
übereinstimmten (vgl. IV-act. 85 S. 5). Auch bildgebend zeigten sich in
dem am 16. Dezember 2020 durchgeführten MRI im Wesentlichen
unveränderte, tendenziell rückläufige entzündliche Veränderungen an der
mittleren BWS und am thorakolumbalen Übergang, wobei im Bereich der
HWS eine leicht aktivierte Osteochondrose mit linksseitiger
Unkovertebralarthrose HWK5-7 und neuroforaminaler Einengung für C6
und C7 links festgestellt wurde (vgl. IV-act. 62 S. 9). Dr. med. E._
folgerte daraus in seinem Bericht vom 29. Januar 2021, dass sich hieraus
keine Progredienz der seronegativen Spondylarthritis ergebe und sich
degenerative Veränderungen fänden, hauptsächlich linksseitig im unteren
HWS-Bereich (vgl. IV-act. 71 S. 144 f.).
7.2.1. Soweit der Beschwerdeführer es in medizinisch-psychiatrischer Hinsicht
als irritierend empfindet, dass im estimed-Gutachten auf eine Erkrankung
aus dem somatoformen Diagnosespektrum Bezug genommen wird, kann
ihm nicht gefolgt werden. Er übersieht dabei, dass diese Bezugnahme
dem Umstand geschuldet war, dass sich med. pract. J._ mit der von
den behandelnden ärztlichen (Fach-)Personen gestellten Diagnose einer
chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
auseinandergesetzt und aufgezeigt hat, weshalb er dieser nicht
beipflichten konnte. So führte er aus, die vom Beschwerdeführer beklagte
Symptomatik möge durchaus auf einer organischen Genese beruhen.
Obschon bereits Ende 2018 die Diagnose einer chronischen
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren, ED 11/2008
- 28 -
[recte: 2018], gestellt (Austrittsbericht von Dr. med. M._ vom
14. November 2018 [Anm. des Gerichts: vgl. IV-act. 11 S. 2]) und diese
Diagnose dann in den gesamten weiteren Berichten von Dr. med. E._
fortgeführt (Anm. des Gerichts: vgl. so zuletzt im Bericht vom 29. Januar
2021 [IV-act. 71 S. 144 f.]) und letztendlich sogar in den Berichten der
PDGR vom 20. August 2020 (Anm. des Gerichts: vgl. IV-act. 48) genannt
worden sei, erschliesse sich diese Diagnose heute nicht wirklich.
Wenngleich die auf organischer Grundlage beruhende
Schmerzsymptomatik und die daraus resultierenden Einschränkungen
etwas über das zu erwartende Ausmass hinausgingen, liessen sich
weitere Diagnosekriterien für eine Diagnose aus dem somatoformen
Diagnosespektrum nicht feststellen. So sei für die Diagnose einer
chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
nicht deutlich geworden, welchen psychischen Faktoren eine wichtige
Rolle für Schweregrad, Exazerbation und Aufrechterhalt des Schmerzes
hätte zukommen sollen. Wenn der Schmerz vom Beschwerdeführer als
einschränkend erlebt worden sei, möge dies zwar der Realität
entsprechen, erfüllte aber nicht die entsprechenden Diagnosekriterien für
eine chronische Schmerzstörung (vgl. IV-act. 71 S. 119 f.). Im Gegensatz
dazu trug med. pract. J._ der vom Beschwerdeführer erlebten
Belastung, etwa durch die schmerzbedingte Insomnie und das Erleben,
dass seine Zukunftspläne, -phantasien und -vorstellungen sich durch die
körperliche Erkrankung verändert hätten, mit der Diagnose einer
Verhaltensauffälligkeit mit körperlichen Störungen und Faktoren im Sinne
einer somatopsychischen Auswirkung der körperlichen Erkrankung
Rechnung. Eine Bestätigung hierfür erblickte er in der auch im
Verlaufsbericht der PDGR vom 20. August 2020 wiedergegebenen
Beeinträchtigung der psychischen Verfassung auf dem Boden einer
körperlichen Erkrankung bzw. eines chronischen Schmerzsyndroms (vgl.
hierfür IV-act. 48; ferner so schon Verlaufsbericht vom 2. April 2020 [IV-
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act. 41 S. 3]), welche seine Diagnose stütze und nicht eine solche aus dem
somatoformen Diagnosespektrum (vgl. IV-act. 71 S. 120 f.). Insofern
erkannte med. pract. J._ durchaus eine – wenn auch nicht vollständig
korrelierende – organische, primär in der Spondyloarthritis mit axialem
Befall zu verortende Ursache für die vom Beschwerdeführer beklagten
chronischen Schmerzen, was denn auch der Ansicht des
Beschwerdeführers entspricht. Damit im Einklang steht zudem, dass
anlässlich der im Rahmen der polydisziplinären Begutachtung
durchgeführten EFL keine Symptomausweitung festgestellt worden war
(vgl. IV-act. 71 S. 128), der vom Beschwerdeführer angegebene Schmerz
aus psychiatrischer Sicht als der Realität entsprechend befunden worden
ist (vgl. IV-act. 71 S. 120), der Beschwerdeführer trotz der
Erstmanifestation der axialen Spondyloarthritis im 2005 in beruflicher
Hinsicht über viele Jahre leistungsfähig war sowie verschiedene
firmeninterne Weiterbildungen absolvieren konnte und auch im Rahmen
der Frühintervention die Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit
aus gesundheitlichen Gründen nicht schrittweise gesteigert und stabilisiert
werden konnte (vgl. IV-act. 42 S. 7 f.). Demnach ist entgegen der
beschwerdeführerischen Auffassung nachvollziehbar, wenn med. pract.
J._ daraus folgerte, dass das Verhalten des Beschwerdeführers mit
einer Erkrankung aus dem somatoformen Diagnosespektrum nicht
kongruent sei (vgl. IV-act. 71 S. 120 mit Hinweis auf die durchgeführte
EFL, die Schmerzschilderung des Beschwerdeführers, seine
Erwerbsbiographie und den Eintrag im Verlaufsprotokoll vom 29. Mai
2020; vgl. auch Konsensbeurteilung [IV-act. 71 S. 11]). Insofern zeigte er
in begründeter und plausibler Weise auf, weshalb insbesondere der von
Oberärztin G._ gestellten Diagnose einer chronischen
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren sowie den
damit zusammenhängenden funktionellen Auswirkungen nicht gefolgt
werden konnte. Diesbezüglich erscheint es denn auch nicht überzeugend,
- 30 -
wenn Oberärztin G._ zwar ab dem 25. Februar 2020 eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit in jeglichen Tätigkeiten auswies, ohne dabei jedoch
eine funktionelle Auswirkungen zeitigende Diagnose zu stellen, und sie
namentlich mit der Beeinträchtigung des Antriebs durch die
Schmerzsymptomatik und die depressive Verfassung sowie mit den
Konzentrationsschwierigkeiten Funktionseinschränkungen aus dem
depressiven Formenkreis beschrieb, ohne aber eine entsprechende
Diagnose mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit zu stellen (vgl.
Berichte vom 2. April 2020 [IV-act. 41 S. 2 ff.] und vom 20. August 2020
[IV-act. 48]). Auch anlässlich der Begutachtung durch den psychiatrischen
estimed-Experten med. pract. J._ schloss dieser angesichts der
weitgehend unauffälligen Untersuchungsbefunde und dem vom
Beschwerdeführer erzielten tiefen Punktwert auf der Hamilton
Depressions-Skala (vgl. hierzu IV-act. 71 S. 116 ff.) nachvollziehbar eine
depressive Störung aus (vgl. IV-act. 71 S. 119 und S. 121).
7.2.2. Des Weiteren kritisiert der Beschwerdeführer die im psychiatrischen
estimed-Teilgutachten aufgeführten Inkonsistenzen, welche auch Einzug
in die Konsensbeurteilung gefunden haben (vgl. IV-act. 71 S. 10 f. und
S. 120). Zwar ist ihm darin beizupflichten, dass die im Gutachten
ausgewiesenen somatischen Diagnosen an sich kurzen Fahrten im Auto
nicht gänzlich entgegenzustehen scheinen. Immerhin ist aktenkundig,
dass er bei den bekannten Beschwerden in der Lage war, Fahrten bis zu
45 Minuten bzw. einer Stunde im Auto zurückzulegen, bis eine Pause nötig
geworden sei, während langes Autofahren nicht mehr möglich gewesen
sei (vgl. Evaluationsgespräch Eingliederung vom 16. April 2019 [IV-act. 18
S. 3]; ferner psychiatrisches estimed-Teilgutachten [IV-act. 71 S. 113]).
Allerdings gab er anlässlich der Begutachtung selbst an, dass er aufgrund
der Schmerzmittel gar nicht mehr fahren dürfte (vgl. rheumatologisches
Teilgutachten [vgl. IV-act. 71 S. 84]). Angesichts dessen ist nicht zu
- 31 -
beanstanden, wenn med. pract. J._ im Umstand, dass der
Beschwerdeführer trotz dauerhafter medikamentös-analgetischer
Therapie weiterhin selbstständig ein Fahrzeug führt, eine Inkonsistenz
erblickte. Dasselbe gilt hinsichtlich der vom Beschwerdeführer gemachten
(Flug-)Reisen in die Ferien. Hierbei mutet es widersprüchlich an, wenn er
aufgrund der Schmerzproblematik von einem Tagesablauf mit kaum
auffälligen Aktivitäten berichtet (vgl. hierzu IV-act. 71 S. 114) und angibt,
dass bereits 30 Minuten dauerndes Stehen oder Sitzen zu einer
Schmerzexazerbation führe (vgl. IV-act. 71 S. 109), sodann aber
aktenkundigerweise mehrere (Flug-)Reisen nach Q._ bzw. R._
oder aber in die Ferien unternommen hat (vgl. hierzu psychiatrisches
Teilgutachten [IV-act. 71 S. 112] mit dem Hinweis, dass der
Beschwerdeführer etwa zweimal im Jahr seine Mutter in Q._
besuche; ferner Berichte von Dr. med. E._ vom 22. Oktober 2020 [IV-
act. 62 S. 6], vom 13. August 2020 [IV-act. 52 S. 6] und vom
11. September 2019 [IV-act. 32 S. 2]). Eine weitere nachvollziehbare
Diskrepanz besteht hinsichtlich der Medikamentencompliance des
Beschwerdeführers. So führte med. pract. J._ gestützt auf die
durchgeführten laborchemischen Untersuchungen plausibel aus, dass die
gemessene Serumwirkstoffkonzentration der angegebenen
eingenommenen Psychopharmaka-Medikation (Sertralin) dafür spreche,
dass diese entgegen der Angaben des Beschwerdeführers nicht
verlässlich und regelmässig eingenommen worden sei (vgl. IV-act. 71
S. 118). Insofern leuchtet auch der Vermerk von med. pract. J._ ein,
wonach sich selbstverständlich keine Besserung einstellen könne, wenn
die Medikation nicht eingenommen werde, was auch die Aussagen im
Verlaufsbericht der PDGR vom 20. August 2020 erklären würden (vgl. IV-
act. 71 S. 120), in welchem Oberärztin G._ berichtete, dass es durch
die psychopharmakologische Behandlung mit Antidepressiva bislang zu
keiner Verbesserung des Zustands gekommen sei (vgl. IV-act. 48).
- 32 -
Insgesamt vermag sein Einwand, wonach die aufgezeigten
Inkonsistenzen nicht nachvollziehbar seien, somit nicht zu verfangen.
Gleiches gilt mit Blick auf die in der Replik erhobene Kritik, es sei keine
Indikatorenprüfung vorgenommen worden, hat sich med. pract. J._
doch nachweislich an den massgeblichen Beweisthemen orientiert (vgl.
IV-act. 71 S. 119 ff.).
7.2.3. Soweit der Beschwerdeführer sodann die im estimed-Gutachten vom
27. Juli 2021 ausgewiesene medizinisch-theoretische Arbeitsfähigkeit von
50 % in der angestammten Tätigkeit bemängelt (vgl. IV-act. 71 S. 11 f. und
S. 93), ist ihm entgegenzuhalten, dass diese ohnehin keinen Einfluss auf
den Verfahrensausgang hat. Abgesehen davon ist davon auszugehen,
dass Ärztinnen und Ärzte bei der Festlegung und Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit die betriebsübliche Arbeitszeit nach
Wirtschaftsabteilungen gemäss Erhebung des Bundesamtes für Statistik
(BfS) nicht bewusst als Basis für eine Umrechnung ihrer in Stunden pro
Tag ausgedrückten Arbeitsfähigkeit in eine prozentuale Quote im Hinblick
auf die Bemessung der Vergleichseinkommen zugrunde legen wollten.
Entsprechende Hinweise finden sich jedenfalls nicht in den Akten.
Vielmehr ist anzunehmen, dass bei der medizinischen Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit regelmässig von einem 8‐Stundenarbeitstag
ausgegangen wird (vgl. Urteile des Bundesgerichts 9C_317/2020 vom
10. Februar 2021 E.3.1, 8C_403/2017 vom 25. August 2017 E.4.1 ff.,
9C_22/2012 vom 4. Mai 2012 E.2.3 sowie 9C_260/2009 vom 25. Januar
2010 E.2.1 und 2.4, 8C_761/2008 vom 27. März 2009 E.4.3 und
9C_488/2008 vom 5. September 2008 E.3.2; Urteile des
Verwaltungsgerichts [VGU] S 21 113 vom 11. Januar 2022 E.3.2, S 20 79
vom 1. Dezember 2020 E.4.4, S 18 61 vom 2. April 2019 E.3.3, S 10 172
vom 13. Dezember 2011 E.4c und S 10 126 vom 11. Januar 2011 E.3a).
Mithin ist nicht zu beanstanden, wenn die Beschwerdegegnerin bei einem
- 33 -
medizinisch ausgewiesenen zeitlichen Arbeitspensum von vier Stunden
pro Tag (vgl. IV-act. 71 S. 93) – bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit
von acht Stunden täglich – auf eine prozentuale Arbeitsfähigkeit von 50 %
schloss.
7.2.4. Mit Blick auf die im rheumatologischen estimed-Teilgutachten
ausgewiesene Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit weist der
Beschwerdeführer gestützt auf den Bericht von Dr. med. E._ vom
15. November 2021 (vgl. IV-act. 85 S. 5 ff.) zu Recht auf eine Diskrepanz
hin. So führte der estimed-Gutachter Dr. med. K._ auf die Frage nach
der maximal möglichen Präsenz in einer leidensangepassten Tätigkeit
zunächst aus, aus rheumatologischer Sicht ergebe sich eine
Einschränkung des zeitlichen Arbeitspensums auf vier Stunden täglich
(vgl. IV-act. 71 S. 94). Nachdem er angab, dass während dieser
Anwesenheitszeit keine Einschränkung der Leistungsfähigkeit bestehe,
hielt Dr. med. K._ sodann fest, dass sich aus rheumatologischer Sicht
eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit um 30 % ergebe (vgl. IV-act. 71
S. 94). Diese letztere Arbeitsunfähigkeitsattestierung wurde schliesslich
auch in die Konsensbeurteilung aufgenommen (vgl. IV-act. 71 S. 11 f.).
Nachdem diese Diskrepanz im Einwand vom 16. November 2021 gestützt
auf die vorgenannte Stellungnahme von Dr. med. E._ moniert worden
war (vgl. IV-act. 85), bat die Beschwerdegegnerin die estimed AG um eine
Rückmeldung zur Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit, da sie
vermutete, dass sich ein Fehler eingeschlichen habe (vgl. IV-act. 86).
Daraufhin bestätigte Prof. Dr. med. H._ mit Schreiben vom 23. März
2022, dass es sich bei der Angabe zum zeitlichen Arbeitspensum in einer
adaptierten Tätigkeit (von vier Stunden pro Tag) um einen Schreibfehler
handle. Die korrekte Beurteilung laute, dass sich aus rheumatologischer
Sicht eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit um 30 % ergebe (vgl. IV-
act. 89). Dies hat sich die Beschwerdegegnerin sodann in der
- 34 -
angefochtenen Verfügung vom 5. Mai 2022 zugrunde gelegt und ist von
einer Arbeitsfähigkeit von 70 % in einer leidensadaptierten Tätigkeit
ausgegangen (vgl. IV-act. 90 und 94).
7.2.4.1. Unabhängig davon, ob letztendlich auf die Stellungnahme von Prof. Dr.
med. H._ vom 23. März 2022 abgestellt werden kann oder nicht (vgl.
hierfür vorstehende Erwägungen 6 ff. zur Bekanntgabe der Namen der am
Gutachten mitwirkenden Experten), liegt bereits aufgrund des estimed-
Gutachtens vom 27. Juli 2021 nahe, dass es sich bei der Angabe zur
maximal möglichen Präsenz in einer leidensangepassten Tätigkeit von
täglich vier Stunden um einen Schreibfehler handelt, wobei wohl
irrtümlicherweise die (gleiche) Angabe wie für die Arbeitsfähigkeit in der
bisherigen Tätigkeit übernommen worden ist (vgl. hierzu IV-act. 71 S. 93,
wonach sich in dieser Tätigkeit aktuell aus rheumatologischer Sicht eine
Einschränkung des zeitlichen Arbeitspensums auf vier Stunden täglich
ergebe). Denn angesichts der unterschiedlichen Belastungsprofile für die
bisherige und für eine Verweistätigkeit erschiene es in sich
widersprüchlich, wenn für beide Tätigkeiten dieselbe Arbeitsfähigkeit,
resultierend aus der maximal möglichen Präsenzzeit und der dabei
bestehenden Leistungsfähigkeit, attestiert würde. Wie aus dem
rheumatologischen Teilgutachten hervorgeht, wurde die bisherige
Tätigkeit des Beschwerdeführers als Messtechniker bei der B._ AG
als körperlich anstrengend angesehen, zumal sie auch Tätigkeiten in
Kabelschächten und in der Höhe umfasste (vgl. IV-act. 71 S. 90; vgl.
ferner Anforderungsprofil der bisherigen Tätigkeit gemäss
Konsensbeurteilung auf S. 7 f.). Auch wenn ihn der Arbeitgeber im
Rahmen der Frühintervention aktenkundigerweise von gewissen
schweren (Hebe-)Arbeiten zu entlasten versuchte (z.B. Hilfsmittel für das
Heben der rund 120 kg schweren Schachtdeckel [Einträge im
Verlaufsprotokoll Eingliederung vom 8. Mai 2019, IV-act. 42 S. 2, und vom
- 35 -
29. Mai 2020, IV-act. 42 S. 7 f.] oder Durchführen von einfacheren
Messarbeiten [RAD-Abklärungsbericht vom 14. Januar 2020, IV-act. 37
S. 2]), scheint die Einstufung dieser Tätigkeit als körperlich anspruchsvoll
nachvollziehbar zu sein. Denn die Behebung von Störungen und Schäden
an den Kabeln der N._ bedingte oft, dass in Kabelschächte
hinabgestiegen werden musste, um dort entsprechende Messungen und
Reparatur- bzw. Montagearbeiten durchzuführen (vgl. RAD-
Abklärungsbericht vom 14. Januar 2020 [IV-act. 37 S. 1 f.]). So bestätigte
auch der Arbeitgeber, dass die Arbeiten, welche sie verrichten würden,
nicht ergonomisch seien, da sie in einem engen Raum im Schacht über
mehrere Stunden ausgeführt werden müssten (vgl. Eintrag im
Verlaufsprotokoll Eingliederung vom 13. Juni 2019 [IV-act. 42 S. 2]). Des
Weiteren kamen auch anderweitige Tätigkeiten mitunter auf Dächern mit
Kabelarbeiten über der Horizontalen, über den Schultern oder über dem
Kopf hinzu (vgl. RAD-Abklärungsbericht vom 14. Januar 2020 [IV-act. 37
S. 1]). Dass diese – insbesondere in den Schächten häufig auch im
Bücken oder Knien unter engen Platzverhältnissen auszuübende –
Tätigkeit bei den vom Beschwerdeführer beklagten Rückenbeschwerden
nicht leidensangepasst ist, liegt dabei auf der Hand (vgl. hierzu auch RAD-
Abklärungsbericht vom 14. Januar 2020 [IV-act. 37 S. 2], wonach die
bisherige, körperliche schwere Tätigkeit des Beschwerdeführers als
Messtechniker auf Dauer nicht geeignet sei). Insofern ist nicht zu
beanstanden, wenn die Beschwerdegegnerin letztlich für adaptierte
Tätigkeiten von einer 70%igen und damit höheren Arbeitsfähigkeit ausging
als die 50%ige in der bisherigen Tätigkeit des Beschwerdeführers. Denn
wie dem gutachterlichen Zumutbarkeitsprofil zu entnehmen ist, sollte eine
leidensangepasste Tätigkeit aus rheumatologischer Sicht – im Gegensatz
zur bisherigen Tätigkeit – körperlich nicht belastend sein, wobei die
Möglichkeit flexibel wechselnder Körperhaltungen bestehen soll,
optimalerweise ohne statische Tätigkeiten (z.B. rein sitzend oder rein
- 36 -
stehend) (vgl. IV-act. 71 S. 94). Gleichermassen hielt bereits RAD-Arzt Dr.
med. F._ in seinem Abklärungsbericht vom 14. Januar 2020 fest,
dass dem Beschwerdeführer körperlich leichte Arbeiten im
Wechselrhythmus, mitunter durchaus auch mit einer häufig gehenden
Komponente zumutbar seien, wobei kniende, bückende, kauernde
Tätigkeiten oder solche mit Armarbeiten über der Horizontalen zu
vermeiden seien (vgl. IV-act. 37 S. 3). Dabei wird mit dem Einschluss der
Bewegungskomponente in die im Wechselrhythmus auszuübenden
körperlich leichten Tätigkeiten denn auch dem Umstand Rechnung
getragen, dass dem Beschwerdeführer gemäss seinen eigenen Angaben
das Gehen mit Blick auf die Schmerzsituation Entlastung verschafft (vgl.
psychiatrisches estimed-Teilgutachten [IV-act. 71 S. 109 und S. 114] und
Evaluationsgespräch Eingliederung vom 16. April 2019 [IV-act. 18 S. 1];
siehe zudem Austrittsbericht der Dres. med. M._ und O._ vom
14. November 2018, wonach sich hinsichtlich der Schmerzsituation bei
Wechselbelastung und Bewegung passend zu einer entzündlichen
Komponente eine Besserung einstellt [IV-act. 11 S. 2]; vgl. ferner Bericht
von Dr. med. E._ vom 11. Juni 2020 [IV-act. 52 S. 2]). Dass in einer
solchen ideal leidensangepassten Tätigkeit im Vergleich zur bisherigen
eine höhere Arbeits- und Leistungsfähigkeit angenommen und letztlich –
wie auch in der Konsensbeurteilung des estimed-Gutachtens vom 27. Juli
2021 ausgewiesen wird (vgl. IV-act. 71 S. 11 f.) – auf eine 70%ige
Arbeitsfähigkeit für Verweistätigkeiten abgestellt wird, ist somit entgegen
der Auffassung des Beschwerdeführers nachvollziehbar.
7.2.4.2. Wenn nun Dr. med. E._ in seiner Stellungnahme vom 15. November
2021 mit Blick auf adaptierte Tätigkeiten eine andere Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit trifft (vgl. IV-act. 85 S. 5 f.), ist dem sich darauf
abstützenden Beschwerdeführer entgegenzuhalten, dass ärztliche
Beurteilungen von der Natur der Sache her unausweichlich
- 37 -
Ermessenzüge aufweisen (vgl. BGE 145 V 361 E.4.1.2 und 4.3, 140 V 193
E.3.1 sowie 137 V 210 E.3.4.2.3; Urteile des Bundesgerichts 8C_153/2021
vom 10. August 2021 E.5.3.2, 8C_138/2021 vom 7. Juni 2021 E.4.2 und
8C_699/2018 vom 28. August 2019 E.4.2.2). Nur weil ein behandelnder
Arzt zu einer anderen Einschätzung gelangt bzw. an vorgängig
geäusserten, abweichenden Auffassungen festhält, kann dies nicht zum
Anlass weiterer Abklärungen genommen werden. Dr. med. E._ bringt
in seiner zuhanden der Vertretung des Beschwerdeführers verfassten
Stellungnahme vom 15. November 2021 denn auch nichts vor, was bei der
gutachterlichen Beurteilung durch die Fachärzte der estimed AG
unerkannt oder ungewürdigt geblieben sein soll (vgl. BGE 135 V 465 E.4.5
f.; Urteile des Bundesgerichts 8C_308/2021 vom 4. Oktober 2021 E.5.1.2,
8C_313/2020 vom 12. August 2020 E.8.2.3, 8C_143/2019 vom 21. August
2019 E.4.4.1 und 8C_379/2019 vom 21. August 2019 E.2). Vielmehr
stimmt er namentlich in medizinischer Hinsicht den im estimed-Gutachten
vom 27. Juli 2021 ausgewiesenen Diagnosen ausdrücklich zu (vgl. IV-
act. 85 S. 5). Die estimed-Gutachter haben ihre Beurteilung denn auch in
Kenntnis der zahlreichen, aktenkundigen Berichte von Dr. med. E._
getroffen (vgl. IV-act. 71 S. 25 ff., S. 81 und S. 105 f.). Wenn Dr. med.
E._ nun in einer leidensangepassten Tätigkeit – gleich wie in der
angestammten Tätigkeit – infolge eines vermehrten Pausenbedarfs auf
eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit auch während verkürzter
Präsenzzeit schliesst und im Ergebnis eine Arbeitsfähigkeit von 20 % bis
30 % annimmt (vgl. IV-act. 85 S. 6 mit Verweis auf S. 5), kann ihm nicht
gefolgt werden. Dabei scheint er insbesondere zu übersehen, dass – wie
in der vorstehenden Erwägung aufgezeigt – im Gegensatz zur Arbeit als
Messtechniker in einer körperlich leichten bzw. nicht anspruchsvollen,
wechselbelastenden Tätigkeit ohne kniende, bückende, kauernde oder
anderweitige nicht ergonomische Arbeiten und ohne statische, sondern
auch Bewegungskomponenten umfassende Tätigkeiten den mit der
- 38 -
Schmerzproblematik einhergehenden Funktionseinschränkungen
überwiegend Rechnung getragen werden kann, so dass nachvollziehbar
ist, dass sie – wenn auch nicht vollständig, so doch bis zu einem gewissen
Grad – auch ohne ausserordentliche Pausen kompensiert werden können.
Dieses leidensangepasste Zumutbarkeitsprofil berücksichtigt Dr. med.
E._ in seiner Stellungnahme vom 15. November 2021 nicht
gebührend, sondern er scheint von der irrigen Annahme auszugehen,
dass die angestammte Tätigkeit optimal leidensadaptiert sei (vgl. so auch
Bericht vom 3. Juni 2019 [IV-act. 22 S. 13 f.]; vgl. ferner Bericht von Dr.
med. P._, Facharzt für Innere Medizin, vom 12. April 2019 [IV-act. 16
S. 4]). Insofern vermag seine Arbeitsfähigkeitseinschätzung die
gutachterlich ausgewiesene 70%ige Arbeitsfähigkeit in
leidensangepasster Tätigkeit nicht in Zweifel zu ziehen. Daran ändert auch
die Aussage von Dr. med. E._, wonach der Beschwerdeführer
hinsichtlich der medikamentösen, physiotherapeutischen und
medizinischen Trainingstherapie compliant gewesen sei (vgl. IV-act. 85
S. 6), nichts. Denn mit der laborchemischen Untersuchung im Rahmen der
Begutachtung durch die estimed AG kann als erstellt gelten, dass der
Beschwerdeführer zumindest hinsichtlich der Einnahme der
psychopharmakologischen Medikation nicht therapieadhärent war (vgl. IV-
act. 71 S. 118).
7.3. Insgesamt ergibt sich daher, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers
und die Ausführungen in der von ihm beigebrachten Stellungnahme von
Dr. med. E._ nicht geeignet sind, den Beweiswert des estimed-
Gutachtens vom 27. Juli 2021 zu schmälern. Es ist daher nicht zu
beanstanden, wenn die Beschwerdegegnerin auf die in der
Konsensbeurteilung ausgewiesene 70%ige Arbeitsfähigkeit in einer
angepassten Tätigkeit abstellte. Die retrospektive
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung der estimed-Gutachter in der
- 39 -
Konsensbeurteilung (vgl. IV-act. 71 S. 12) präzisierte RAD-Arzt Dr. med.
F._ in seiner Abschlussbeurteilung vom 1. September 2021
dahingehend, als er die attestierte Arbeitsfähigkeit von 50 % in bisheriger
bzw. von 70 % in einer Verweistätigkeit ab Ende Januar 2019 annahm (vgl.
IV-act. 92 S. 19) und dabei – in plausibler Weise – auf die von Dr. med.
E._ ausgewiesene Verbesserung der Arbeitsfähigkeit von 100 %
Arbeitsunfähigkeit auf 50 % Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit, in
dessen Umfang der Beschwerdeführer seine Arbeit denn auch wieder
aufnahm, abstellte (vgl. hierzu Berichte von Dr. med. E._ vom 3. Juni
2019 [IV-act. 22 S. 11], vom 31. Mai 2019 [IV-act. 22 S. 8 f.], vom 2. April
2019 [IV-act. 16 S. 18 f.], vom 19. Februar 2019 [IV-act. 11 S. 9] und vom
24. Januar 2019 [IV-act. 16 S. 17]; ferner Bericht von Dr. med. P._
vom 12. April 2019 [IV-act. 16 S. 6]). Damit wurde entgegen der
Auffassung des Beschwerdeführers den Ende 2018 stattgehabten
stationären Aufenthalten zur rheumatologischen
Schmerzkomplextherapie im Universitätsspital C._ (vom 30. Oktober
bis zum 14. November 2018 [IV-act. 11 S. 1 ff.]) bzw. zur stationären
Rehabilitation im Rehazentrum in der Klinik D._ (vom 14. November
bis zum 8. Dezember 2018 [IV-act. 16 S. 9 ff.]) bereits hinreichend
Rechnung getragen. Zudem fanden diese – wie auch der rund
zweiwöchige, stationäre Tramal-Entzug im Juni 2019 (vgl. hierzu Bericht
von Dr. med. E._ vom 25. September 2019 [IV-act. 31 S. 3] und
Verlaufsprotokoll Eingliederung, Einträge vom 13. Juni 2019 [IV-act. 42
S. 2] und vom 25. Juli 2019 [IV-act. 42 S. 3 f.]) – ohnehin bereits vor dem
hier für den Rentenanspruch massgeblichen Zeitraum ab dem 1. Oktober
2019 statt, weshalb der Beschwerdeführer daraus nichts zu seinen
Gunsten ableiten kann. Ebenso wenig kann angesichts des vorstehend
zum estimed-Gutachten Ausgeführten dem Beschwerdeführer gefolgt
werden, wenn er aufgrund der Präzisierung zur retrospektiven
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung die Qualität des Gutachtens pauschal in
- 40 -
Zweifel zieht. Vor diesem Hintergrund kann auf die beantragte Einholung
eines Gerichtsgutachtens verzichtet werden, zumal das streitberufene
Gericht aufgrund der bereits abgenommenen Beweise seine Überzeugung
gebildet hat und annehmen darf, dass diese Überzeugung durch weitere
Beweiserhebungen nicht geändert würde (vgl. BGE 144 II 427 E.3.1.3, 141
I 60 E.3.3, 136 I 229 E.5.3 und 134 I 140 E.5.3; Urteile des Bundesgerichts
8C_411/2021 vom 27. August 2021 E.4.3.2, 9C_319/2020 vom 19. August
2020 E.2.2, 9C_89/2020 vom 18. Juni 2020 E.4.8 und 8C_709/2019 vom
19. Mai 2020 E.4.2.4).
8.1. Der Beschwerdeführer macht des Weiteren geltend, ihm sei insbesondere
aufgrund seiner gesundheitlichen Einschränkungen mit spezifischen
Anforderungen an eine adaptierte Tätigkeit, des fortgeschrittenen Alters,
der langjährigen Betriebszugehörigkeit, der fehlenden Berufserfahrung in
anderen als der angestammten Tätigkeit als Messtechniker, der nur noch
zumutbaren Teilzeittätigkeit und der reduzierten Leistungsfähigkeit
aufgrund der Schmerzexazerbation bzw. des vermehrten Pausenbedarfs
ein Leidensabzug von 25 % zu gewähren. Die Beschwerdegegnerin nahm
in der angefochtenen Verfügung vom 5. Mai 2022 keinen solchen Abzug
vor (vgl. IV-act. 90).
8.2.1. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung können persönliche und
berufliche Merkmale der versicherten Person wie Art und Ausmass der
Behinderung, Lebensalter, Dauer der Betriebszugehörigkeit, Nationalität
oder Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad je nach Ausprägung
Auswirkungen auf die Lohnhöhe haben, weshalb ein auf höchstens 25 %
begrenzter Leidensabzug von dem nach den LSE-Tabellenlöhnen zu
ermittelnden Invalideneinkommen vorgenommen werden kann, soweit
anzunehmen ist, dass die trotz des Gesundheitsschadens verbleibende
Leistungsfähigkeit infolge eines oder mehrerer dieser Merkmale auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt (vgl. dazu BGE 134 V 64 E.4.2.1) nur mit
- 41 -
unterdurchschnittlichem Einkommen verwertet werden kann (BGE 146 V
16 E.4.1, 135 V 297 E.5.2; Urteile des Bundesgerichts 8C_115/2021 vom
10. August 2021 E.3.2.1, 8C_330/2021 vom 8. Juni 2021 E.5.1 und
9C_283/2020 vom 17. August 2020 E.7.1.1). Bei der Bestimmung der
Höhe des Abzugs ist der Einfluss aller in Betracht fallender Merkmale auf
das Invalideneinkommen unter Würdigung der Umstände im Einzelfall
nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen und insgesamt,
wie erwähnt, auf höchstens 25 % des Tabellenlohnes zu begrenzen (BGE
135 V 297 E.5.2, 134 V 322 E.5.2, 126 V 75 E.5b/bb-cc; Urteile des
Bundesgerichts 9C_283/2020 vom 17. August 2020 E.7.1.1,
9C_787/2018 und 9C_795/2018 vom 19. Juli 2019 E.6.2). Die
Rechtsprechung gewährt insbesondere dann einen Abzug auf dem
Invalideneinkommen, wenn eine versicherte Person selbst im Rahmen
einer körperlich leichten Hilfsarbeitertätigkeit in ihrer Leistungsfähigkeit
eingeschränkt ist (BGE 126 V 75 E.5a/bb; Urteile des Bundesgerichts
8C_115/2021 vom 10. August 2021 E.3.2.1 und 9C_283/2020 vom
17. August 2020 E.7.1.1). Zu beachten ist jedoch, dass allfällige bereits in
der Beurteilung der medizinischen Arbeitsfähigkeit enthaltene
gesundheitliche Einschränkungen nicht zusätzlich in die Bemessung des
leidensbedingten Abzugs einfliessen und so zu einer doppelten
Anrechnung desselben Gesichtspunkts führen dürfen (BGE 146 V 16
E.4.1; Urteile des Bundesgerichts 8C_115/2021 vom 10. August 2021
E.3.2.1 und 9C_283/2020 vom 17. August 2020 E.7.1.1).
8.2.2. Soweit der Beschwerdeführer in der Beschwerde einen Leidensabzug
damit begründet, dass dieser dazu diene, jene Nachteile auszugleichen,
welche versicherte Personen bei den bei gesunden Arbeitnehmern
erhobenen statistischen Invalidenlöhnen erleiden würden, kann ihm
angesichts der vorgenannten Rechtsprechung nicht gefolgt werden.
Vielmehr bildet danach der ausgeglichene Arbeitsmarkt massgeblicher
- 42 -
Referenzpunkt (zum Begriff des ausgeglichenen Arbeitsmarkts vgl. BGE
148 V 174 E.9.1, 138 V 457 E.3.1 und 134 V 64 E.4.2.1; Urteile des
Bundesgerichts 8C_330/2021 vom 8. Juni 2021 E.5.3.1 und 8C_464/2019
vom 28. November 2019 E.5.4). Dabei bringt die Beschwerdegegnerin in
ihrer Vernehmlassung zu Recht vor, dass ein Leidensabzug
rechtsprechungsgemäss nicht generell und in jedem Fall zur Anwendung
gelangt. Ein Abzug soll nicht automatisch, sondern dann erfolgen, wenn
im Einzelfall Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die versicherte Person
wegen eines oder mehrerer einkommensbeeinflussender Merkmale ihre
gesundheitlich bedingte Restarbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen
Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg
verwerten kann (siehe BGE 146 V 16 E.4.1, 126 V 75 E.5a/bb und
E.5b/aa; Urteile des Bundesgerichts 8C_276/2021 vom 2. November 2021
E.5.1, 8C_115/2021 vom 10. August 2021 E.3.2.1, 9C_18/2020 vom
19. Mai 2020 E.6.1.1, 9C_323/2019 vom 2. September 2019 E.4.2 und
9C_549/2018 vom 20. Februar 2019 E.4.1). Anhaltspunkte dafür, dass
diese Rechtsprechung keine Geltung mehr beanspruchen sollte, sind nicht
ersichtlich. Insbesondere verneinte das Bundesgericht in dem auch vom
Beschwerdeführer angeführten und in Würdigung der jüngsten
Erkenntnisse aus der Wissenschaft (namentlich statistisches Gutachten
"Nutzung Tabellenmedianlöhne LSE zur Bestimmung der Vergleichslöhne
bei der IV-Rentenbemessung" des Büros für arbeits- und sozialpolitische
Studien BASS AG vom 8. Januar 2021, das Rechtsgutachten
"Grundprobleme der Invaliditätsbemessung in der Invalidenversicherung"
vom 22. Januar 2021 und der Beitrag "Der Weg zu einem
invaliditätskonformeren Tabellenlohn", publiziert in: SZS 6/2021, S. 287 ff.)
ergangenen BGE 148 V 174, dass die Ermittlung des
Invalideneinkommens anhand der Medianwerte der LSE, allenfalls
korrigiert um namentlich einen leidensbedingten Abzug, diskriminierend
sein soll (vgl. dortige E.9.2.3, Hervorhebung durch das streitberufene
- 43 -
Gericht). Daraus kann entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers
demnach weder geschlossen werden, es sei im Regelfall ein
leidensbedingter Abzug zu gewähren, noch, dass eine Bemessung des
Invalideneinkommens gestützt auf die LSE-Tabellenlöhne ohne
korrigierende Herabsetzung mittels Leidensabzugs in jedem Fall
diskriminierend sei. Auch wird in der jüngsten Rechtsprechung einem
statistisch begründeten Abzug vom Zentralwert die Anwendung versagt
(Urteil des Bundesgerichts 9C_339/2021 vom 27. Juli 2022 E.4.5.3).
Ausserdem ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesgericht im besagten
BGE 148 V 174 gestützt auf die angeführten Studien ausgeführt hat, dass
der Medianlohn teilweise auch von Personen mit gesundheitlichen
Beeinträchtigungen erzielt werde (vgl. dortige E.9.2.3). Indem das
Bundesgericht in BGE 148 V 174 letztlich an der bisherigen Praxis zur
Ermittlung des Invalideneinkommens anhand statistischer Werte festhielt,
verneinte es somit auch eine Verletzung von Bundes(verfassungs)- und
Konventionsrecht. Unter Verweis auf die vorgenannten jüngsten
Erkenntnisse aus der Wissenschaft wies es auf die überragende
Bedeutung des Abzugs als Korrekturinstrument für die Festsetzung eines
möglichst korrekten Invalideneinkommens hin (BGE 148 V 174 E.9.2.3).
Insofern ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt verglichen mit anderen Beschäftigten mit einem
Minderverdienst rechnen müsste.
8.3.1. Soweit der Beschwerdeführer einen Abzug mit dem Verweis auf seine
Leidensgeschichte und die gesundheitlichen Beeinträchtigungen geltend
macht, ist ihm entgegenzuhalten, dass die sich aus medizinischer Sicht
auf die Arbeitsfähigkeit auswirkenden Limitierungen, welche bereits in
qualitativer Hinsicht bei der Festlegung des Belastungsprofils bzw. in
quantitativer Hinsicht im Sinne einer reduzierten Arbeitsfähigkeit
berücksichtigt worden sind, nicht nochmals – als abzugsrelevant –
- 44 -
herangezogen werden dürfen. Dies käme einer unzulässigen doppelten
Anrechnung derselben Gesichtspunkte gleich (vgl. BGE 146 V 16 E.4.1;
Urteile des Bundesgerichts 8C_48/2021 vom 20. Mai 2021 E.4.3.3 f.,
8C_390/2020 vom 25. November 2020 E.4.3, 8C_393/2020 vom
21. September 2020 E.3.1, 9C_283/2020 vom 17. August 2020 E.7.1.1
und 8C_586/2019 vom 24. Januar 2020 E.4.1, 8C_94/2018 vom 2. August
2018 E.7.2 und 9C_771/2017 vom 29. Mai 2018 E.3.5.1). Insbesondere
kann mit Blick auf den geltend gemachten erhöhten Pausenbedarf infolge
Schmerzexazerbation auf das im Rahmen der optimal leidensadaptierten
Tätigkeit bereits Ausgeführte verwiesen werden (vgl. vorstehende
Erwägungen 7.2.4.1 f.). Zudem umfasst das hier anwendbare
Kompetenzniveau 1 ein genügend breites Spektrum an zumutbaren
leichten, wechselbelastenden Verweisungstätigkeiten (vgl. Urteile des
Bundesgerichts 8C_799/2021 vom 3. März 2022 E.4.3.2, 8C_301/2021
vom 23. Juni 2021 E.6.3, 8C_369/2021 vom 28. Oktober 2021 E.8.2.2,
9C_507/2020 vom 29. Oktober 2020 E.3.3.3.2, 8C_798/2019 vom 16. Juli
2020 E.5.2, 8C_151/2020 vom 15. Juli 2020 E.6.2, 9C_447/2019 vom
8. Oktober 2019 E.4.3.2, 8C_82/2019 vom 19. September 2019 E.6.3.2
und 9C_284/2018 vom 17. Juli 2018 E.2.2.1). Zu denken wäre
beispielsweise an leichte Kontroll- oder Überwachungstätigkeiten (vgl.
Urteile des Bundesgerichts 8C_535/2021 vom 25. November 2021
E.5.4.3, 9C_574/2019 vom 16. Oktober 2019 E.2.3 und 8C_77/2019 vom
8. März 2019 E.3.2.2). Angesichts dessen und dem hernach unter dem
Faktor Alter zu den persönlichen Merkmalen und beruflichen Fähigkeiten
des Beschwerdeführers Ausgeführten ist entgegen der Auffassung des
Beschwerdeführers nicht nachvollziehbar, inwiefern auf eine
Unverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit zu schliessen wäre.
8.3.2. Nicht abzugsrelevant ist sodann die vom Beschwerdeführer angeführte
fehlende oder geringe Berufserfahrung in anderen als der angestammten
- 45 -
Tätigkeit. Denn diesen Aspekten wird vorliegend mit der Anwendung des
Kompetenzniveaus 1 nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
bereits hinreichend Rechnung getragen (vgl. Urteile des Bundesgerichts
8C_350/2022 vom 9. November 2022 E.6.2.3, 8C_627/2021 vom 25.
November 2021 E.7.2, 8C_549/2019 vom 26. November 2019 E.7.7 und
9C_323/2019 vom 2. September 2019 E.4.2). Praxisgemäss werden für
Hilfsarbeiten weder eine Berufsausbildung noch Erfahrung oder sonstige
Vorkenntnisse vorausgesetzt (Urteil des Bundesgerichts 8C_55/2021 vom
9. Juni 2021 E.5.2.1). Insoweit kommt im Kompetenzniveau 1 auch dem
Umstand, dass der Beschwerdeführer in seiner angestammten Tätigkeit
eine langjährige Betriebszugehörigkeit aufwies und somit im Rahmen der
adaptierten Tätigkeit keine Dienstjahre aufweist, keine relevante
Bedeutung zu (vgl. Urteile des Bundesgerichts 9C_339/2021 vom 27. Juli
2022 E.4.5.4.3, 9C_498/2021 vom 18. Januar 2022 E.3.2.4, 9C_439/2018
vom 31. Januar 2019 E.4.3.2 und 9C_200/2017 vom 14. November 2017
E.4.6). Vielmehr ist eine lange Dienstdauer beim gleichen Arbeitgeber auf
dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt gemäss der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung grundsätzlich positiv zu werten, indem sich die durch die
langjährige Betriebstreue ausgewiesene Zuverlässigkeit und Tüchtigkeit
bei einem anderen Arbeitgeber im Anfangslohn niederschlägt (Urteile des
Bundesgerichts 9C_407/2019 vom 28. August 2019 E.4.4.3 und
8C_552/2017 vom 18. Januar 2018 E.5.4.1 m.H.).
8.3.3. Entgegen dem Beschwerdeführer stellt sein Alter (Jahrgang 1969) keinen
Grund dar, der einen leidensbedingten Abzug zu rechtfertigen vermöchte.
Denn insbesondere im Bereich der Hilfsarbeiten muss sich ein
fortgeschrittenes Alter auf dem hypothetischen ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (vgl. dazu BGE 134 V 64 E.4.2.1) praxisgemäss nicht
zwingend lohnsenkend auswirken. Gerade Hilfsarbeiten werden gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung auf dem massgebenden
- 46 -
ausgeglichenen Stellenmarkt altersunabhängig nachgefragt (siehe
BGE 146 V 16 E.7.2.1 m.w.H.; vgl. auch Urteile des Bundesgerichts
8C_799/2021 vom 3. März 2022 E.4.3.3, 8C_535/2021 vom
25. November 2021 E.5.4.3, 8C_176/2021 vom 18. Mai 2021 E.6.2.2 und
8C_393/2020 vom 21. September 2020 E.4.2). Bei Männern im
Alterssegment von 50 bis 64/65 wirkt sich das Alter gemäss der LSE bei
Stellen ohne Kaderfunktion sogar eher lohnerhöhend aus (vgl. Urteile des
Bundesgerichts 9C_206/2021 vom 10. Juni 2021 E.4.4.5 und
9C_702/2020 vom 1. Februar 2021 E.6.3.2; siehe auch LSE 2018, Tabelle
TA9 sowie die dem Kompetenzniveau 1 zuzuordnende
Berufshauptgruppe 9 "Hilfsarbeitskräfte" in der Tabelle T17), was das
Bundesgericht auch in seiner jüngsten Rechtsprechung bestätigte (vgl.
Urteil des Bundesgerichts 8C_292/2021 vom 21. April 2022 E.7). Hinzu
kommt, dass der Beschwerdeführer von seinen bisher gewonnenen
Berufserfahrungen und Kenntnissen, insbesondere als über viele Jahre
tätig gewesener Messtechniker mit firmeninternen Weiterbildungen als
Spleisser und bauführender Monteur, auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt profitieren kann (vgl. estimed-Gutachten vom 27. Juli 2021
[vgl. IV-act. 71 S. 63, S. 83 und S. 112] und Verlaufsprotokoll
Eingliederung, Zusammenfassung vom 29. Mai 2020 [IV-act. 42 S. 7 f.]).
Dabei war er in der Lage, die ihm übertragenen Aufgaben zur vollsten
Zufriedenstellung seiner Vorgesetzten auszuführen, was ihm sein
Arbeitgeber attestierte (vgl. Verlaufsprotokoll Eingliederung, Eintrag vom
13. Juni 2019 [IV-act. 42 S. 2], wonach er auf den Beschwerdeführer als
seinen besten Mitarbeiter angewiesen sei). Zudem hat der
Beschwerdeführer bisher praktische und handwerkliche Tätigkeiten
ausgeübt, weshalb der Umstellungs- und Einarbeitungsaufwand in eine
Verweistätigkeit gering sein dürfte. Dies ist mit Blick auf die kürzere
verbleibende Aktivitätsdauer positiv zu werten, genauso wie seine
Persönlichkeitsstruktur als grundsätzlich leistungswillige und im
- 47 -
beruflichen Kontext sehr geschätzte Person (vgl. Verlaufsprotokoll
Eingliederung, Einträge vom 13. Juni 2019 [IV-act. 42 S. 2] und vom
13. Dezember 2019 [IV-act. 42 S. 5], RAD-Abklärungsbericht vom
14. Januar 2020 [IV-act. 37 S. 2] sowie Evaluationsgespräch
Eingliederung vom 16. April 2019 [IV-act. 18 S. 3]). Es fehlen somit
konkrete Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt aufgrund seines Alters verglichen mit anderen
Beschäftigten seiner Alterskategorie mit einem geringeren Lohn rechnen
müsste.
8.3.4. Allerdings ist dem Beschwerdeführer darin beizupflichten, dass bei
Männern, die behinderungsbedingt nur mehr einer Teilzeitarbeit
nachgehen können, unter dem Titel Beschäftigungsgrad allenfalls ein
Abzug vom Tabellenlohn anerkannt wird. Ein solcher entfällt, wenn
grundsätzlich vollzeitlich arbeitsfähige Versicherte aus gesundheitlichen
Gründen lediglich reduziert leistungsfähig sind (Urteile des
Bundesgerichts 8C_395/2019 vom 20. September 2019 E.6.5.2,
9C_232/2019 vom 26. Juni 2019 E.2 und 3.1, 8C_211/2018 vom 8. Mai
2018 E.4.4 und 8C_344/2012 vom 16. August 2012 E.3.2, je mit
Hinweisen). Eine solche Konstellation liegt hier ausweislich der Akten nicht
vor. So wiesen die Gutachter im estimed-Gutachten vom 27. Juli 2021
eine 70%ige Arbeitsfähigkeit in leidensangepasster Tätigkeit aus (vgl. IV-
act. 71 S. 11 f.), welche aus rheumatologischer Sicht bei einer reduzierten
täglichen Präsenzzeit ohne Leistungseinschränkung verwertet werden
kann (vgl. IV-act. 71 S. 94, wobei es sich bei der dort ausgewiesenen
Einschränkung des zeitlichen Arbeitspensums auf vier Stunden am Tag
um einen Schreibfehler handelt [vgl. hierzu Erwägungen 7.2.4 ff.]). Selbst
wenn davon ausgegangen wird, dass Männer ohne Kaderfunktion mit
einem Beschäftigungsgrad von 50 bis 74 % gemäss der LSE-Tabelle T18
für das Jahr 2018 statistisch gut 4 % weniger verdienten als solche mit
- 48 -
einem Beschäftigungsgrad von 90 % und mehr und dies für sich allein
genommen rechtsprechungsgemäss keine überproportionale
Lohneinbusse darstellt (siehe Urteile des Bundesgerichts 8C_329/2021
vom 27. Oktober 2021 E.8.6, 8C_139/2020 vom 30. Juli 2020 E.6.3.2,
8C_151/2020 vom 15. Juli 2020 E.6.3.2, 9C_223/2020 vom 25. Mai 2020
E.4.3.2), ist zu berücksichtigen, dass vorliegend spezifische
Anforderungen hinzutreten, welche sich aus dem vorerwähnten
Belastungsprofil ergeben. So umfasst – wie bereits dargelegt (vgl.
vorstehende Erwägungen 7.2.4.1 f.) – eine leidensangepasste Tätigkeit
körperlich leichte bzw. nicht anspruchsvolle, wechselbelastende
Tätigkeiten ohne kniende, bückende, kauernde oder anderweitige nicht
ergonomische Arbeiten und ohne statische, sondern auch
Bewegungskomponenten aufweisende Tätigkeiten, wobei dabei gemäss
gutachterlichem Zumutbarkeitsprofil die Möglichkeit flexibel wechselnder
Körperhaltungen bestehen soll (vgl. IV-act. 71 S. 94; ferner RAD-
Abklärungsbericht vom 14. Januar 2020 [IV-act. 37 S. 3]). Insofern muss
es dem Beschwerdeführer bei der Ausführung der ihm übertragenen
Aufgaben gestattet sein, während der Arbeit je nach Schmerzsituation
flexibel zwischen sitzenden, stehenden und gehenden Tätigkeiten zu
wechseln, um sich dadurch Entlastung verschaffen bzw.
Schmerzexazerbationen vermeiden zu können. Dabei ist davon
auszugehen, dass eine solche gesundheitsbedingte Rücksichtnahme auf
flexible Wechsel der Körperhaltung und der damit einhergehenden
Ausgestaltung der Arbeitsverrichtungen aus betriebswirtschaftlicher Sicht
lohnmässig relevant ist. Hinzu kommt, dass dem estimed-Gutachten vom
27. Juli 2021 in anamnestischer Hinsicht zu entnehmen ist, dass sich der
Beschwerdeführer im Liegen hinsichtlich der Schmerzen Linderung
verschaffen kann (vgl. IV-act. 71 S. 109, S. 114 und S. 64; vgl. ferner
Bericht zur EFL vom 20. Mai 2021 [IV-act. 71 S. 133]). Daher müsste
idealerweise die Möglichkeit bestehen, dass sich der Beschwerdeführer
- 49 -
während der Pausen auch hinlegen kann. Insgesamt sind somit die
funktionellen Einschränkungen nicht ohne Weiteres mit den
Anforderungen vereinbar, welche sich aus den gewöhnlichen betrieblichen
Abläufen ergeben. Vielmehr ist aufgrund des vorerwähnten
Belastungsprofils davon auszugehen, dass die darin aufgeführten
Anforderungen auch im Rahmen einer adaptierten Tätigkeit eine
Verwertung der Arbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt nur
mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg erlauben würden.
9. Nach dem Gesagten rechtfertigt es sich vorliegend bei einer gesamthaften
Betrachtungsweise und unter der Berücksichtigung der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung, einen Leidensabzug von 15 % vom
statistisch bemessenen Invalideneinkommen vorzunehmen. Das
Invalideneinkommen per 2021 beläuft sich somit auf CHF 41'506.60 (LSE
2018, TA 1, Kompetenzniveau 1, Männer, umgerechnet auf die
wöchentliche durchschnittliche Arbeitszeit von 41.7 Stunden, aufindexiert,
Arbeitsfähigkeit von 70 %, Leidensabzug von 15 % = CHF 5'417.-- x 12 :
40 x 41.7 x 1.009117 x 1.01 x 1.01 x 0.7 x 0.85). Dabei resultiert bei einem
unbestritten gebliebenen, auf der Tätigkeit als Schichtmitarbeiter
basierenden und der Nominallohnentwicklung angepassten
Valideneinkommen per 2021 von CHF 88'908.85 ein Invaliditätsgrad von
gerundet 53.3 %, womit ein Anspruch auf eine halbe Invalidenrente
besteht. Dies ergäbe sich selbst dann, wenn von einem Leidensabzug von
20 % ausgegangen würde (Invalideneinkommen von CHF 39'065.05 =
CHF 5'417.-- x 12 : 40 x 41.7 x 1.009117 x 1.01 x 1.01 x 0.7 x 0.8).
10. Soweit die Beschwerdegegnerin in der Vernehmlassung eventualiter
anbegehrt, dem Beschwerdeführer sei eine reformatio in peius
anzudrohen, zumal für die Ermittlung des Invalideneinkommens
angesichts dessen Berufskenntnisse auf das Kompetenzniveau 2 im
Bereich der Telekommunikation abzustellen sei, kann ihr nicht gefolgt
- 50 -
werden. Zwar war der Beschwerdeführer – wie bereits aufgezeigt –
langjähriger Mitarbeiter bei der B._ AG und hat firmenintern
Weiterbildungen zum Spleisser, bauführenden Monteur und
Messtechniker absolviert. Welche Tätigkeiten mit diesen Kenntnissen dem
Beschwerdeführer im Bereich der dem Dienstleistungssektor
zuzuordnenden Telekommunikation im Kompetenzniveau 2, das
praktische Tätigkeiten wie Verkauf, Pflege, Datenverarbeitung und
Administration, Bedienen von Maschinen und elektronischen Geräten
sowie Sicherheits- und Fahrdienst umfasst, noch möglich sein sollen, die
zugleich dem vorerwähnten Zumutbarkeitsprofil entsprechen, zeigt die
Beschwerdegegnerin indes nicht auf und ist auch nicht ersichtlich. Zwar
ist dem Bericht zur durchgeführten EFL vom 20. Mai 2021 zu entnehmen,
dass Bürotätigkeiten bis maximal 6 Stunden täglich zumutbar sein sollen
(vgl. IV-act. 71 S. 129 und S. 133). Allerdings wurde eine solche bei
seinem ehemaligen Arbeitgeber bereits erfolglos erprobt. So führte dieser
im Rahmen der Frühintervention aus, dass der Beschwerdeführer bei
diesen Büroarbeiten immer Schmerzen gehabt habe und es ihm dabei
nicht gut gegangen sei (vgl. Verlaufsprotokoll Eingliederung, Eintrag vom
25. Juli 2019 [IV-act. 42 S. 4]; siehe ferner auch Zusammenfassung im
selbigen Verlaufsprotokoll [IV-act. 42 S. 7]). Auch RAD-Arzt Dr. med.
F._ bemerkte dazu in seinem Abklärungsbericht vom 14. Januar
2020, die Bürotätigkeit beim (ehemaligen) Arbeitgeber sei bald wegen
Zunahme von Rückenbeschwerden eingestellt worden, da überwiegend
sitzende Tätigkeiten ungünstig gewesen seien (vgl. IV-act. 37 S. 2; vgl.
ferner auch Angaben des Beschwerdeführers im psychiatrischen estimed-
Teilgutachten [IV-act. 71 S. 112]). Dies leuchtet insofern ein, als eine
solche Bürotätigkeit, auch wenn sie im angestammten Bereich der
Messtechnik anzusiedeln ist, mehrheitlich sitzend bzw. gelegentlich
stehend (am Stehpult) und daher relativ statisch ohne wirkliche,
entlastende Bewegungsmöglichkeiten ausgeübt werden muss, was dem
- 51 -
vorerwähnten Anforderungsprofil zuwiderläuft. Dieses zielt mit den als
zumutbar erachteten körperlich leichten bzw. nicht anspruchsvollen,
wechselbelastenden Verweisungstätigkeiten auf solche im
Kompetenzniveau 1 ab. Die Beschwerdegegnerin verhält sich denn auch
widersprüchlich, wenn sie in der Vernehmlassung zunächst die Vornahme
eines Leidensabzugs unter Hinweis auf Tätigkeiten im
Kompetenzniveau 1 negiert, sodann aber für die Ermittlung des
Invalideneinkommens auf den Tabellenlohn im Kompetenzniveau 2 im
Wirtschaftszweig Telekommunikation abstellen will. Aus diesen Gründen
ist somit von einer Androhung der reformatio in peius abzusehen.
11. Insgesamt erweist sich die Beschwerde somit als begründet. Die
angefochtene Verfügung vom 5. Mai 2022 ist in Gutheissung der
Beschwerde aufzuheben und dem Beschwerdeführer ab dem 1. Oktober
2019 eine halbe Invalidenrente zuzusprechen.
12.1. Laut Art. 69 Abs. 1bis IVG i.V.m. Art. 61 lit. fbis ATSG ist das
Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um Leistungen aus der
Invalidenversicherung vor dem kantonalen Versicherungsgericht
kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und
unabhängig vom Streitwert im Rahmen von CHF 200.-- bis CHF 1'000.--
festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein
überdurchschnittlicher Aufwand entstanden ist, setzt das Gericht die
Kosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens auf
CHF 1'000.-- fest. Betreffend die Parteientschädigung ist zu
berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer im vorliegenden Verfahren
zumindest dem Grundsatz nach obsiegt, weil er – wenn auch nicht in
quantitativer Hinsicht – mit seinem Antrag auf eine (unbefristete)
Weiterausrichtung einer höheren als die ihm zugesprochene
Invalidenrente durchgedrungen ist, wobei das ziffernmässig bestimmte
Begehren bzw. die "Überklagung" (ganze Invalidenrente) keine
- 52 -
massgeblichen Auswirkungen auf den Prozessaufwand hatte. Somit
besteht ein Anspruch auf eine ungekürzte Parteientschädigung (vgl.
Urteile des Bundesgerichts 8C_478/2015 vom 12. Februar 2016 E.5,
9C_288/2015 vom 7. Januar 2016 E.4.2, 9C_178/2011 vom 20. Mai 2011
E.3.3.1 m.H.a. 8C_568/2010 vom 3. Dezember 2010 E.4.1 und
9C_580/2010 vom 16. November 2010 E.4.1). Diese Rechtsprechung des
Bundesgerichts betrifft die Parteientschädigung gemäss Art. 61 lit. g
ATSG. Für die Verteilung der Gerichtskosten im Betrag von CHF 200.‐‐
bis CHF 1'000.‐‐ im Sinne von Art. 69 Abs. 1bis letzter Satz IVG besteht
hingegen keine entsprechende Rechtsprechung des Bundesgerichts. Die
Verteilung dieser Gerichtskosten erfolgt mangels gegenteiliger
Regelungen im Bundesrecht und in Nachachtung von Art. 61 Ingress
ATSG nach dem massgebenden kantonalen (Verfahrens‐)Recht und
somit nach Art. 72 ff. VRG (vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_176/2020
vom 9. April 2021 E.3, 9C_254/2018 vom 6. Dezember 2018 E.2.1,
8C_304/2018 vom 6. Juli 2018 E.4.2 und 8C_568/2010 vom 3. Dezember
2010 E.4.2; ferner VGU S 16 77 vom 18. Dezember 2018 E.11.1; siehe
aber immerhin BGE 137 V 57 E.2.2 betreffend Rückweisungen zu
ergänzenden Abklärungen). Gemäss Art. 73 Abs. 1 VRG hat in einem
Rechtsmittelverfahren in der Regel die unterliegende Partei die Kosten zu
tragen. Nach Ansicht des streitberufenen Gerichts rechtfertigt sich
namentlich in der vorliegenden Konstellation, wo ein reformatorischer
Entscheid gefällt wird und der Beschwerdeführer die Weiterausrichtung
einer (unbefristeten, höheren) Invalidenrente erreichen konnte, eine
Verlegung der Gerichtskosten analog zur rechtsprechungsgemässen
Festsetzung der (ungekürzten) Parteientschädigung (PVG 2020 Nr. 7,
VGU S 20 27 vom 23. Februar 2021 E.12). Somit sind die Gerichtskosten
im Betrag von CHF 1'000.-- vollumfänglich der Beschwerdegegnerin zu
überbinden. Damit wird auch der Verletzung des Mitwirkungsrechts und
- 53 -
des rechtlichen Gehörs durch die Beschwerdegegnerin Rechnung
getragen.
12.2.1. Der Beschwerdeführer hat gestützt auf Art. 61 lit. g ATSG Anspruch auf
Ersatz der Parteikosten zu Lasten der Beschwerdegegnerin. Die
Bemessung der Entschädigung erfolgt ohne Rücksicht auf den Streitwert
nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des
Prozesses, wobei der zeitliche Aufwand der Rechtsvertretung regelmässig
durch die Schwierigkeit des Prozesses mitbestimmt wird. Im Übrigen wird
die Bemessung der Parteientschädigung gemäss Art. 61 Ingress ATSG
nach dem kantonalen Recht bestimmt (siehe Urteile des Bundesgerichts
9C_714/2018 vom 18. Dezember 2018 E.9.2, 9C_321/2018 vom
16. Oktober 2018 E.6.1 und 9C_688/2009 vom 19. November 2009
E.3.1.1 f.). Gemäss Art. 78 VRG i.V.m. Art. 2 der Verordnung über die
Bemessung des Honorars der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte
(Honorarverordnung, HV; BR 310.250) wird die Parteientschädigung nach
Ermessen des Gerichts festgesetzt, wobei es grundsätzlich von dem in der
Honorarnote geltend gemachten (und als angemessen zu betrachtenden)
Aufwand sowie (üblichen) Stundenansatz ausgeht.
12.2.2. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers reichte dem Gericht am
16. September 2022 eine Honorarnote über CHF 5'541.-- (18.5 Stunden à
CHF 270.-- [CHF 4'995.--] zzgl. 3 % Auslagenpauschale [CHF 149.85]
und 7.7 % MWST [CHF 396.15]) ein. Da vorliegend keine
Honorarvereinbarung im Recht liegt, ist der Stundenansatz praxisgemäss
auf CHF 240.-- zu reduzieren (vgl. statt vieler VGU S 21 84 vom
2. November 2021 E.9.2, R 17 86 vom 17. April 2018 E.5.2). Insgesamt ist
somit eine Entschädigung von CHF 4'925.35 (18.5 Stunden à CHF 240.--
[CHF 4'440.--] zzgl. 3 % Auslagenpauschale [CHF 133.20] und 7.7 %
MWST [CHF 352.15]) angemessen. Der für die Urteilsbesprechung
- 54 -
geltend gemachte Aufwand von einer Stunde erscheint gerechtfertigt (vgl.
statt vieler VGU S 19 101 vom 7. Juli 2020 E.7.2.2).