Decision ID: 0275f761-ab60-43a7-9927-2414b94aca27
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die beiden unbegleiteten minderjährigen Beschwerdeführer stellten am
(...) Mai 2022 im Bundesasylzentrum (BAZ) der Region C._ Asyl-
gesuche. Am 24. Mai 2022 mandatierten sie je die ihnen im BAZ zugewie-
sene Rechtsvertretung zur Vertretung im Asylverfahren. Am 1. Juni 2022
(Beschwerdeführer 2) beziehungsweise am 2. Juni 2022 (Beschwerdefüh-
rer 1) erfolgten die Erstbefragungen (EB) und am 21. Juni 2022 (Beschwer-
deführer 2) beziehungsweise am 22. Juni 2022 (Beschwerdeführer 1) die
Anhörungen zu den Asylgründen.
Anlässlich der EB und der Anhörungen machten die Beschwerdeführer im
Wesentlichen Folgendes geltend: Sie seien kurdischer Ethnie und stamm-
ten aus der Gemeinde D._ (Provinz E._), wo sie stets gelebt
und die Schule besucht hätten, zuletzt (...). Ihre Leben seien seit einigen
Jahren nicht mehr sicher gewesen, weil ein in der Gemeinde wohnhafter,
mit ihnen entfernt verwandter und dem Staat nahestehender Sohn eines
vor vielen Jahren durch die Guerilla («HDP und so») getöteten (...) ihren
Vater grundlos für dessen Tötung (mit-)verantwortlich gemacht habe und
sich an ihnen beiden habe rächen wollen. Sie seien von diesem Mann
(F._) nicht mehr in Ruhe gelassen worden und hätten die Schule
nicht mehr richtig besuchen können. Zunächst habe der Mann die familien-
eigenen (...) beschädigt und danach im Jahr 2020 erfolglos versucht, ihren
Vater zu erschiessen. Sie beide seien in der Folge von F._ bei fast
jeder Begegnung mit ihrer Tötung bedroht worden, beispielsweise auf dem
Schulweg oder auf den Feldern. Ihr Vater habe die Vorfälle der Polizei ge-
meldet, welche zwar dem Tötungsversuch an diesem, nicht aber den an
ihnen verübten Drohungen nachgegangen sei. Der Vater selber habe seit
2020 keine Probleme mehr mit F._ gehabt. Die letzte Tötungsdro-
hung ihnen gegenüber habe F._ zwei bis drei Wochen vor ihrer Aus-
reise ausgesprochen; dabei sei er wiederum bewaffnet gewesen. Weiter
machten die Beschwerdeführer geltend, Kurden seien in der Türkei nicht
beliebt und die finanzielle Situation der Familie sei schlecht. Aus diesen
Gründen seien sie auf Anweisung ihres Vaters am (...) Mai 2022 zusam-
men legal auf dem Luftweg aus der Türkei ausgereist und am (...) Mai 2022
in die Schweiz gelangt. Hier lebe bereits ihre (durch Familiennachzug) auf-
enthaltsberechtigte (...); die weiteren (...) lebten in der Türkei.
E-3319/2022 und E-3320/2022
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Als Beweismittel reichten die Beschwerdeführer ihre Identitätskarten sowie
Kopien verschiedener Unterlagen betreffend ihren Vater (darunter gericht-
liche und staatsanwaltschaftliche Akten) ein. Ihre ein halbes Jahre vor der
Ausreise im Hinblick auf eine Migration in die Schweiz ausgestellten Rei-
sepässe seien ihnen bei der Ankunft in der Schweiz durch die Schlepper
abgenommen worden.
B.
Am 29. Juni 2022 erhielten die Beschwerdeführer je Einsicht in ihre Akten
und in die Entwürfe ihrer Asylentscheide, welche im Wesentlichen die defi-
nitiven Fassungen (vgl. nachfolgend Bst. C) vorwegnahmen.
Gleichentags nahmen die Beschwerdeführer mit im Wortlaut weitgehend
übereinstimmenden schriftlichen Eingaben an das SEM Stellung zu den
Entscheidentwürfen. Darin erklärten sie unter Bekräftigung ihrer Verfol-
gungslage, mit den Entwürfen und insbesondere mit den darin befindlichen
Unglaubhaftigkeitserwägungen nicht einverstanden zu sein, weshalb das
SEM die Entscheide nochmals überprüfen möge.
C.
Mit inhaltlich weitgehend übereinstimmenden Verfügungen vom 1. Juli
2022 – eröffnet am selben Tag – stellte das SEM fest, die Beschwerdefüh-
rer erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte deren Asylgesuche ab
und ordnete ihre Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
Noch gleichentags informierte die Rechtsvertretung das SEM über die Be-
endigung der Mandatsverhältnisse mit den beiden Beschwerdeführern.
D.
Mit inhaltlich weitgehend identischen Eingaben vom 2. August 2022 erho-
ben die Beschwerdeführer gegen diese beiden Verfügungen Beschwerden
beim Bundesverwaltungsgericht. Darin beantragen sie die Aufhebung der
angefochtenen Verfügungen, die Gewährung von Asyl unter Feststellung
ihrer Flüchtlingseigenschaft, (sinngemäss eventualiter) die Gewährung der
vorläufigen Aufnahme unter Feststellung der Unzulässigkeit, Unzumutbar-
keit und Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzuges sowie in prozessualer
Hinsicht die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und den Erlass separater
Verfügungen im Falle bereits erfolgter Datenweitergabe.
E.
Mit Verfügungen vom 4. August 2022 stellte die Instruktionsrichterin den
E-3319/2022 und E-3320/2022
Seite 4
einstweilen rechtmässigen Aufenthalt der Beschwerdeführer in der
Schweiz fest.
F.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 3. Au-
gust 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG
[SR 142.31]).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerden und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerden sind frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführer haben an den Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtenen Verfügungen besonders berührt und
haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise
Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerden legitimiert
(Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerden ist somit einzutreten, zumal das Ergreifen
eines Rechtsmittels ein relativ höchstpersönliches Recht ist, welches von
den beiden zweifellos urteilsfähigen minderjährigen Beschwerdeführern
auch selbst ausgeübt werden kann.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
E-3319/2022 und E-3320/2022
Seite 5
3.
Aufgrund des engen sachlichen und persönlichen Zusammenhangs der
beiden Asylverfahren in sachverhaltlicher und prozessualer Hinsicht, des
einheitlichen Ausgangs der beiden Beschwerdeverfahren und aus prozess-
ökonomischen Gründen werden die Beschwerdeverfahren E-3319/2022
und E-3320/2022 vereinigt. Mit dem vorliegenden gemeinsamen Urteil wird
daher über beide Beschwerden gleichzeitig befunden. Das Vorgehen
rechtfertigt sich auch deshalb, weil das SEM die beiden Asylverfahren be-
reits koordiniert geführt hat.
4.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um solche, weshalb das Urteil nur sum-
marisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet. Damit wird der im Fliesstext der Beschwer-
den (dort Ziff. II/2.2) gestellte Antrag auf Einräumung des Replikrechts hin-
fällig.
5.
Den identischen Anträgen, wonach die Beschwerdeführer im Falle bereits
durchgeführter Datenweitergaben mittels separater Verfügungen darüber
zu informieren seien, ist keine Folge zu leisten. Die Anträge werden weder
substanzliiert noch konkretisiert, und die bestehenden Akten enthalten je-
denfalls keine Hinweise auf eine Bekanntgabe von in Art. 97 AsylG erwähn-
ten Personendaten gegenüber der zuständigen ausländischen Behörde.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
E-3319/2022 und E-3320/2022
Seite 6
Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder
zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen von Asylvorbringen
in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis;
darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, 2013/11
E. 5.1 und 2010/57 E. 2.3, je m.w.H.).
6.2 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.3 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 FK, Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der
Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im
Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürger-
krieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet
sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von
Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Der Vollzug ist
schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder
in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat ausrei-
sen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
E-3319/2022 und E-3320/2022
Seite 7
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.
7.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids qualifizierte das
SEM die von den Beschwerdeführern geltend gemachten Verfolgungsvor-
bringen einenteils als den Anforderungen von Art. 7 AsylG an die Glaub-
haftmachung eines Asyl begründenden Sachverhalts und andernteils jenen
von Art. 3 AsylG an die flüchtlingsrechtliche Beachtlichkeit nicht genügend.
Zwar sei nicht auszuschliessen, dass ihr Vater in einen Konflikt mit einem
Dorfbewohner involviert (gewesen) sei. Die vorgebrachte, von F._
ausgehende und die Beschwerdeführer betreffende Bedrohungslage sei
jedoch unglaubhaft. Sie entbehre – auch unter Berücksichtigung des Alters
der Beschwerdeführer – der nötigen Substanz und Details sowie eines per-
sönlichen Erlebnisbezugs. Die betreffenden Ausführungen seien trotz
mehrmaliger konkreter Nachfragen, Aufforderungen zur ausführlichen Prä-
sentation und Beispielgebungen gänzlich substanzlos, allgemein und nicht
erlebnisecht geblieben. An dieser Einschätzung änderten die vorgelegten
Beweismittel nichts, da die Dokumente den Vater beträfen und keinerlei
Rückschluss auf die konkreten Gründe der Auseinandersetzung des Vaters
mit einer Drittperson oder gar auf eine darauf basierende Verfolgungslage
der Beschwerdeführer zuliessen. Es erübrige sich mithin, die geltend ge-
machte Bedrohungslage auf ihre Asylrelevanz hin zu prüfen. Im Weiteren
gehe den bekanntermassen verschiedenartigen allgemeinen Schikanen
und Benachteiligungen der Angehörigen der kurdischen Bevölkerung in der
Türkei sowie der seit 2016 allgemein verschlechterten Menschenrechts-
lage dort mangels genügender Ernsthaftigkeit die flüchtlingsrechtliche Be-
achtlichkeit ab. Dies gelte ebenso für die angespannte Wirtschaftslage in
der Türkei und die deshalb finanziell schwierige Situation der Familie. Von
solchen auf persönliche, familiäre und soziale Lebenssituationen zurück-
zuführenden Schwierigkeiten seien aktuell viele Menschen in der Türkei
gleich oder ähnlich betroffen. Die in den Stellungnahmen vom 29. Juni
2022 erhobenen Einwände (Bekräftigung der Bedrohungslage; in Berück-
sichtigung ihres Alters und ihrer eher geringen Schulbildung ausreichend
erlebnisorientierte und detailreiche sowie übereinstimmende Schilderun-
gen mit Realkennzeichen; persönliche Glaubwürdigkeit; Unterlegung mit
Beweisdokumenten) führten nicht zu einer anderen Einschätzung. An den
getroffenen Erwägungen sei daher festzuhalten, zumal die Beschwerde-
führer über durchaus gute Schulbildungen verfügten und ihre fast identi-
sche Schilderung der Fluchtgründe gerade gegen deren Glaubhaftigkeit
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spreche, insbesondere wenn persönliche Erlebnisbezüge und eigene Ge-
dankengänge fehlten.
Die gesetzliche Regelfolge der Ablehnung der Asylgesuche sei die Weg-
weisung aus der Schweiz. Deren Vollzug in den Heimatstaat sei mangels
Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft unter dem Aspekt von Art. 5 Abs. 1
AsylG, ferner unter praxisgemässer Berücksichtigung der allgemeinen
Menschenrechtslage in der Türkei sowie mangels Anhaltspunkten für die
beachtliche Wahrscheinlichkeit der Gewärtigung einer nach Art. 3 EMRK
verbotenen Strafe oder Behandlung völkerrechtlich zulässig. Auch das
Übereinkommen über die Rechte des Kindes vom 20. November 1989
(KRK) und die entsprechende bundesgerichtliche Rechtsprechung stün-
den der Zulässigkeit nicht entgegen. Der Vollzug erweise sich ebenso als
zumutbar. Auch nach der Niederschlagung des Militärputschversuchs vom
Juli 2016 herrsche keine landesweite Situation allgemeiner Gewalt. Dies
gelte, abgesehen von den Provinzen Sirnak und Hakkari, ebenso für die
südöstlichen Provinzen, trotz gewaltsamer Auseinandersetzungen in den
letzten Jahren zwischen der PKK (Kurdische Arbeiterpartei) und staatli-
chen Sicherheitskräften. Die Einschätzungen stünden im Einklang mit der
Wegweisungspraxis des Bundesverwaltungsgerichts. Die Beschwerdefüh-
rer stammten aus der Provinz E._. Dort lebten ihre (...) betreiben-
den Eltern, (...)Geschwister und weitere Verwandte. Die Beschwerdeführer
könnten in ihrer Heimatregion (...) weiterführen und abschliessen. Abgese-
hen davon stünden ihnen auch Aufenthaltsalternativen in anderen Provin-
zen zur Verfügung, beispielsweise in G._, wo zwei Schwestern mit
ihren Familien in normalen finanziellen Verhältnissen lebten, oder in
H._ (Tante). Auch das praxisgemäss zu berücksichtigende Kindes-
wohl sei gewahrt, weil die Beschwerdeführer mit ihren Familienangehöri-
gen telefonisch in Kontakt stünden, die Rückreise gemeinsam antreten und
am Flughafen von den Angehörigen abgeholt werden könnten. Eine Rein-
tegration sollte problemlos möglich sein, weil sie sich nur kurz in der
Schweiz aufgehalten und ihr ganzes Leben sonst in der Türkei verbracht
hätten. Ausserdem sei der Vollzug der Wegweisung technisch möglich und
praktisch durchführbar.
7.2 In ihren Rechtsmitteleingaben bekräftigen die Beschwerdeführer ihre
geltend gemachte Bedrohungslage und ergänzen diese durch das Vorbrin-
gen einer Suche nach ihnen durch die türkischen Sicherheitskräfte auf-
grund eines offenbar gegen sie erhobenen Vorwurfs der Propaganda für
eine Terrororganisation. Am 20. Juni 2022 hätten sie erfahren, dass ihre
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Wohnung bei einer Razzia durch die Gendarmerie durchsucht und verwüs-
tet worden sei und man nach ihrem Aufenthaltsort gefragt habe. Gemäss
einem von ihrem Vater konsultierten türkischen Anwalt hätten sie Miss-
handlungen und Folterungen sowie die Verurteilung zu einer Haftstrafe von
ein bis fünf Jahren zu gewärtigen. Diese neue Furcht vor ernsthaften Nach-
teilen sei «beweisbar und glaubhaft» und asylrelevant, zumal eine bloss
vermutete Verbindung zur PKK praxisgemäss für eine strafrechtliche Ver-
folgung genüge. Sie seien derzeit bemüht, einen Anwalt in dieser Sache zu
bevollmächtigen und Beweismittel zu beschaffen; allerdings sei dies auf-
grund der aktuellen Gerichtsferien in der Türkei derzeit noch schwierig.
Weiter äussern die Beschwerdeführer ihr Bedauern, dass das SEM ihre
erstinstanzlich deponierten und politisch motivierten Verfolgungsvorbrin-
gen als unglaubhaft erkannt habe. Sie hätten nämlich alles mit bestem Wis-
sen und Gewissen geschildert. Die anderslautende Beurteilung in der an-
gefochtenen Verfügung sei pauschal, undifferenziert und basiere auf einem
unvollständig und falsch erstellten Sachverhalt. Sie hätten mithin Anspruch
auf Gewährung des Asyls, andernfalls die Sache zur Neubeurteilung an
das SEM zurückzuweisen sei.
8.
8.1 Das SEM ist nach korrekter und vollständiger Sachverhaltsabklärung
und -feststellung mit einlässlicher und überzeugender Begründung sowie
hinlänglicher Aktenabstützung zur zutreffenden Erkenntnis gelangt, die gel-
tend gemachten Verfolgungsvorbringen würden den Anforderungen von
Art. 7 AsylG an die Glaubhaftigkeit respektive jenen von Art. 3 AsylG an die
flüchtlingsrechtliche Beachtlichkeit nicht genügen, weshalb kein Anspruch
auf Anerkennung als Flüchtlinge und auf Gewährung des Asyls bestehe.
Diese Erwägungen und die darin enthaltenen Beweismittelwürdigungen
geben zu keinen Beanstandungen Anlass und es kann insoweit zur Ver-
meidung von Wiederholungen auf den Inhalt der angefochtenen Verfügun-
gen (vgl. dort je E. II und III) sowie auf die zusammenfassende Wiedergabe
oben (E. 7.1) verwiesen werden. Die Beschwerde führt diesbezüglich zu
keiner anderen Betrachtungsweise, zumal sie sich in pauschalen Bekräfti-
gungen und Gegenbehauptungen erschöpft, ohne sich konkret mit den Er-
wägungen der Vorinstanz zu befassen. Die Beanstandung einer undiffe-
renzierten und auf einem unvollständig und falsch erstellten Sachverhalt
basierenden Beurteilung durch das SEM bleibt ihrerseits pauschal und –
wie bereits die Asylvorbringen – ohne jegliche Substanz. Soweit die Be-
schwerdeführer auf Beschwerdeebene nun einen gänzlich neuen Sachver-
halt zusätzlich vorlegen, ist diesem keine Beachtung zu schenken. Dieser
ist offensichtlich ohne zureichende Begründung nachgeschoben und stützt
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Seite 10
sich auf reine Behauptungen. Die Beschwerdeführer sind denn auch an
ihre umfassende und ihnen hinlänglich bekannte Mitwirkungspflicht nach
Art. 8 AsylG zu erinnern. In diesem Zusammenhang ist nicht einzusehen,
weshalb es ihnen (bzw. ihrer Rechtsvertretung) bei Anwendung der zumut-
baren Sorgfalt nicht hätte möglich sein sollen, den ergänzenden Sachver-
haltsteil noch im erstinstanzlichen Verfahren dem SEM zu präsentieren,
zumal er gemäss eigenen Angaben spätestens seit dem 20. Juni 2022 be-
kannt gewesen sei und sie neun Tage später Stellungnahmen zu den Ent-
scheidentwürfen vorgelegt haben, ohne die angeblich neue Verfolgungs-
lage auch nur im Ansatz zu erwähnen. Die ergänzenden Sachverhaltsvor-
bringen sind daher als nachgeschoben und mithin unglaubhaft im Sinne
von Art. 7 AsylG zu erkennen und die in Aussicht gestellten, aber sowohl
sachlich als auch betreffend den Einreichungszeitpunkt nicht näher kon-
kretisierten Beweismittel sind nicht abzuwarten.
Das Gericht gelangt zur klaren Auffassung, dass es sich beim deponierten
persönlichen Verfolgungssachverhalt der Beschwerdeführer um ein Kon-
strukt handelt. Das SEM hat somit das Bestehen einer Verfolgungssituation
der Beschwerdeführer und mithin deren behauptungsgemässe Ansprüche
auf Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und Gewährung des Asyls
nach rechtsgenüglicher Abklärung des relevanten Sachverhalts und unter
Wahrung der den Beschwerdeführenden zustehenden Verfahrensrechte
zu Recht verneint.
8.2 Die Beschwerdeführer verfügen insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Dies wird
in der Beschwerde substanziell auch nicht bestritten.
8.3 Die Vorinstanz hat im Weiteren den Wegweisungsvollzug zu Recht als
zulässig, zumutbar und möglich erkannt. Zur Vermeidung von Wiederho-
lungen kann hierzu wiederum vollumfänglich auf die zu bestätigenden Aus-
führungen des SEM in der angefochtenen Verfügung sowie auf die vorste-
hende Zusammenfassung (E. 7.1) verwiesen werden. Auch diesbezüglich
führt die Beschwerde nicht zu einer anderen Betrachtungsweise, zumal sie
wiederum keine substanziellen Bestreitungen enthält. Es gilt abschlies-
send festzuhalten, dass mit einer gemeinsamen Rückkehr der beiden min-
derjährigen Beschwerdeführer in ihre Heimat – bei Bedarf in Begleitung
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ihrer in der Schweiz wohnhaften (...) – und in ein dort tragfähig bestehen-
des familiäres Beziehungsnetz dem in Art. 3 der KRK verbrieften Grund-
satz des Kindeswohls bestmöglich Rechnung getragen wird.
Der Vollzug der Wegweisung ist nach dem Gesagten als zulässig, zumut-
bar und möglich zu bezeichnen. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme
fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde-
führern aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Auf deren Erhebung ist jedoch
aufgrund ihrer Minderjährigkeit ausnahmsweise zu verzichten (vgl. Art. 63
Abs. 1 [letzter Satz] VwVG). Damit erweist sich das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung als hinfällig. Jenes um Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ist schon angesichts des vor-
liegenden, instruktionslos ergehenden Direktentscheids in der Sache hin-
fällig.
(Dispositiv nächste Seite)
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