Decision ID: 421d19fb-6543-425e-b23f-0b29967fbf31
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1972 und zuletzt tätig im Verkehrsdienst, meldete sich erstmals am 1
3.
Dezember 2011 (Eingangsdatum) unter Hinweis auf eine Depres
sion bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle zum Leis
tungsbezug an (
Urk.
6/4).
Nachdem die IV-Stelle Abklärungen getätigt hatte und ein Gutachten einholen wollte, wurde mitg
eteilt, dass die Versicherte nach
Y._
ausgewandert sei. In der Folge nahm
sie
nicht mehr an den zumutbaren Ab
klärungen
teil
, woraufhin die IV-Stelle das Leistungsbegehren mit Verfügung vom
2
5.
September 2012 abwies (
Urk.
6/31).
Am
1
9.
April 2017 (Eingangsdatum) meldete sich die Versicherte erneut bei der IV-Stelle unter Hinweis auf Depressionen, Angstzustände sowie Angst vor frem
den Menschen zum Leistungsbe
zug an (
Urk.
6/34). Mit Mitteilung vom 1
9.
März 2018 wurden die Eingliederungsmassnahmen abgeschlossen, da die Versicherte ihren befristeten Arbeitsvertrag verlängern konnte (
Urk.
6/60).
1.2
Die Versicherte
reichte
am 2
7.
Dezember 2018 (Eingangsdatum) erneut
ein Leis
tungsbegehren
bei der IV-Stelle
ein
. Als gesundheitliche Beeinträchtigung gab sie eine Operation an der linken Hand und am linken Oberarm an (
Urk.
6/65).
Die IV-Stelle tätigte medizinische und erwerbliche Abklärungen und holte die Akten der zuständigen Unfall- und Krankentaggeldversicherung ein (
Urk.
6/92 und
Urk.
6/99 sowie
Urk.
6/93 und
Urk.
6/100). Am 2
2.
August 2019 teilte die IV-Stelle
mit, dass aufgrund des Gesundheitszustandes keine Eingliederungsmass
nahmen möglich seien und ein Rentenanspruch geprüft werde (
Urk.
6/94). Die IV-Stelle plante eine Haushaltsabklärung, welche allerdings nicht stattfand, da die Ver
sicherte nicht auffindbar war und sich
danach trotz mehrmaliger teilweise mit eingeschriebener Post versandter, schriftlicher Aufforderung
nicht zurück
meldete (Bericht vom
4.
März
2020,
Urk.
6/106; Aufforderung vom
5.
März
2020,
Urk.
6/108). Am 2
7.
März 2020
teilte
die Versicherte
telefonisch
mit, dass sie in
Y._
sei und aufgrund der Quarantänebestimmungen aktuell nicht in die Schweiz
zurückkehren
könne (
Urk.
6/110). Nach durchgeführtem
Vorbescheid
verfahren
(Vorbescheid vom 2
2.
April 2020,
Urk.
6/113) wies die IV-Stelle das Leistungs
begehren mit Verfügung vom
2.
Juni 2020 ab (
Urk.
2).
2.
Hiergegen erhob die Versicherte am
2.
Juli 2020 Beschwerde (
Urk.
1) und bean
tragte, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die vorliegende Streit
sache zu weiteren Abklärungen (insbesondere
zur Einholung eines
polydiszipli
nären Gutachten
s
) an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Mit Beschwerde
antwort vom 1
9.
August 2020 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
5 unter Beilage ihrer Akten,
Urk.
6/1-118), worüber die Be
schwerdeführerin am 2
4.
August 2020 in Kenntnis gesetzt wurde (
Urk.
7).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Die Beschwerdegegnerin hielt dafür
(
Urk.
2)
, dass
die Beschwerdeführerin seit de
m
2.
Juli 2018 erheblich eingeschränkt sei,
aber
seit Juli 2019
in einer angepassten Tätigkeit
von einer Leistungsfähigkeit von 80
%
bei voller Anwesenheit aus
zu
gehen sei. Da sowohl das Validen- als auch das Invalideneinkommen gestützt auf den Tabellenlohn für Hilfsarbeiterinnen festzusetzen sei, liege
ein anspruchs
aus
schliessender Invaliditätsgrad von 20
%
vor.
Die Beschwerdeführerin brachte demgegenüber im Wesentlichen vor (
Urk.
1), dass
die Beschwerdegegnerin den Fall ohne genügende Abklärungen habe abschliessen
wollen. Der Regionale Ärztliche Dienst habe zwar Stellung genommen, aber er habe sich auf eine nicht vollständige und nicht aktuelle medizinische Doku
men
tation gestützt.
Die Beschwerdegegnerin habe zwar versucht, einen Bericht des
behandelnden
Psychiaters einzuholen, dieser
sei der
Aufforderung
allerdings
nicht
nachge
kommen. Ein aktueller Bericht des behandelnden
Hausarztes hätten sie ebenfalls
nicht eingeholt, was allerdings erforderlich gewesen wäre.
Es liege ent
sprechend keine schlüssige und sämtliche Beschwerden berücksichtigende Beur
teilung vor.
Aufgrund der komplexen somatischen und psychiatrischen Proble
matik hätte die Beschwerdegegnerin ein polydisziplinäres Gutachten in Auftrag geben müssen. Darüber hinaus ha
be die Beschwerdegegnerin gewusst, dass die Beschwerde
füh
rerin in
Y._
weile und keine Stellung nehmen könne, so dass das Erlassen und Fortführen des Verfahrens den fundamentalen Grundrechten widerspreche.
Ent
sprechend sei der Untersuchungsgrundsatz verletzt worden und es seien weitere Abklärungen vorzunehmen.
2.
2.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil
des Sozialversicherungsrechts,
ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.2
2.2.1
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines aner
kannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend ob
jektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.2.2
Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen, nach BGE 143 V 409 namentlich auch leichte bis mittelschwere Depressionen, für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem strukturierten Beweisverfahren nach Massgabe von BGE 141 V 281 zu unterziehen (Änderung der Rechtsprechung). Speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere depressive Störungen hielt das Bundesgericht in BGE 143 V 409 – ebenfalls im Sinne einer Praxisänderung – fest, dass eine invalidenversicherungsrechtlich relevante psychische Gesundheits
schädigung nicht mehr allein mit dem Argument der fehlenden Therapieresistenz auszuschliessen sei (E. 5.1; zur bisherigen Gerichtspraxis vgl. statt vieler: BGE 140 V 193 E. 3.3; Urteil des Bundesgerichts 9C_13/2016 vom 1
4.
April 2016
E. 4.2). Für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sind somit auch bei den leichten bis mittelgradigen depressiven Störungen systematisierte Indikatoren beachtlich, die es – unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits – erlau
ben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1). Die Therapierbarkeit ist dabei als Indiz in die ge
samthaft vorzunehmende allseitige Beweiswürdigung miteinzubeziehen (BGE 143 V 409 E. 4.2.2; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_449/2017 vom
7.
März 2018 E.
4.2.1).
Die Anerkennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheit
lichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig
und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrschein
lich
keit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweis
belastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Januar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
2.3
Versicherungsträger und das Sozialversicherungsgericht haben den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Sie haben alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuver
lässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere dürfe
n sie bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu
geben, warum sie auf die eine und nicht auf die andere medizinische These ab
stellen (BGE 125 V 351 E. 3a).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist also entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Her
kunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag
gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a).
Der Beweiswert von RAD-Berichten nach Art. 49 Abs. 2
der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV)
ist mit jenem externer medizinischer Sachverständi
gen
gutachten vergleichbar, sofern sie den praxisgemässen Anforderungen an ein ärztliches Gutachten (
BGE 134 V 231
E. 5.1) genügen und die Arztperson über
die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügt (
BGE 137 V 210
E. 1.2.1).
S
oll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Be
stehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 145 V 97 E. 8.5, 142 V 58 E. 5.1 mit Hinweisen).
Reine Aktengutachten sind beweiskräftig, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich fest
stehenden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztliche Be
fas
sung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt (Urteil des Bun
des
ge
richts 8C_750/2020 vom 23. April 2021 E. 4 mit Hinweisen).
2.4
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwierige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrele
vante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
3.
Die Beschwerdegegnerin stützte sich in ihrer Verfügung auf die Aktenstel
lung
nahme von
Dr.
med.
Z._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie, des Regionalen Ärztlichen Dienstes vom 1
7.
Dezember
2019 (
Urk.
6/112/5 ff.).
Dieser hielt folgende Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit fest:
-
Double
crush
-Syndrom beidseits (links mehr als rechts) mit Schmerzen,
Dysästhesien
und Schwächegefühl bei
-
Zustand nach endoskopischer Dekompression des
Nervus
medianus
links
-
in der
Pronator
teres
-Loge am 2
8.
September 2018
-
im Karpaltunnel/Spaltung des
Retinakulum
flexorum
am 2
9.
Juni 2018
-
Zustand nach endoskopischer Dekompression des
Nervus
medianus
rechts
-
in der
Pronator
teres
-Loge plus Spaltung des
Retinakulum
flexorum
am 2
6.
März 2019
-
residuell
ohne sichere Nervenschädigungszeichen
-
belastungsabhängiges Lumbalsyndrom mit schwerer bilateraler Face
tten
arthrose L5/S1 und L4/5 mit/
bei
-
Fehlstatik mit Hyperlordose und Skoliose sowie muskulärer
Dysbalance
-
MRI vom 2
4.
Juni 2019: leichte
osteodiskoligamentäre
Kompression der Wurzel L5
foraminal
links und Kontakt zur Wurzel L4
foraminal
links;
Osteochondrose
und
Diskopathie
L4/5
-
Zustand nach Facettengelenkinfiltration L4/5 beidseits am 2
7.
Juni 2019 mit gutem Erfolg
-
subacromiales
Impingementsyndrom
der Schulter links mit ACG-
Arthropathie
bei
-
Zustand nach Treppensturz am 2./
3.
Juli 2018
-
Arthro
-MRI vom
2
2.
Januar 2019: komplexer Labrumriss
postero
-Superior mit zwei
paralabralen
Ganglien und kleinem Einriss am Labrum-Knorpelübergang
anterosuperior
;
Rotatorenmanschette
intakt; keine
Omarthrosezeichen
Zusätzlich lägen (1) eine
oligosymptomatische
Rhizarthrose
beidseits, Stadium 2, (2) Adipo
sitas (BMI 32.5) sowie (3) ein
Verdacht auf eine Depression, medika
mentös versorgt, vor
,
die keine Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit zeitigten
.
Im diesem Fall lägen bei sehr unübersichtlicher, medizinischer Berichtslage ver
schiedene Diagnosen vor, welche laut den Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigungen aber auch der Taggeld-Übersicht der Krankentaggeldversicherung eine volle Arbeitsunfähigkeit bedingt habe ab dem
2.
Juli 2018 durchgehend bis zumindest Anfang September 201
9.
Dies sei angesichts des
Betroffenseins
beider Hände/
Arme, der linken Schulter und der Lendenwirbelsäule (LWS) aus versicherungs
medizinisch-orthopädischer Sicht plausibel, zumindest für die zuletzt au
sgeübte Tä
t
i
gkeit als «Betriebsmitarbeiterin» in der Poststelle eines Betriebes, weil diese Tätigkeit einerseits fast ausschliesslich im Stehen ausgeführt worden sei und andererseits auch die Hände/Handgelenke beansprucht habe in puncto Sensibi
lität und Feinmotorik. Diese Tätigkeit sei schon längst beendet worden. Die andere Tätigkeit im «Verkehrsdienst» sei ebenfalls praktisch ausschliesslich stehend aus
geführt worden und sei dementsprechend aus versicherungsmedizinischer Sicht
ebenfalls rückenbelastend. Wirklich aktuelle Angaben zur Arbeitsfähigkeit, vor allem in angepasster Tätigkeit, lägen allerdings nicht vor.
Für die zuletzt ausgeübten
Tätigkeiten (Poststellenmitarbeiterin; Mitarbeiterin im Verkehrsdienst) bestehe im Hinblick auf die jeweiligen Anforderungsprofile eine volle Arbeitsunfähigkeit seit dem
2.
Juli 2018 und bis auf weiteres.
Für eine behinderungsangepasste Tätigkeit gebe es in den Berichten keine Anga
ben, wie meistens. Rein medizinisch-theoretisch wäre eine optimal behinderungs
angepasste Tätigkeit bei strikter Beachtung des entsprechenden Belastungsprofils spätestens ab
1.
Juli 2019 mit einer Arbeitsfähigkeit von 80
%
möglich, resul
tierend aus einer vollzeitigen Präsenz und einer Leistungsminderung von ca. 20
%
aufgrund einer reduzierten Arbeitsgeschwindigkeit aufgrund der Belas
tungs
ein
schränkung der Hände sowie der Notwendigkeit häufigerer Ruhepausen wegen der LWS-Problematik.
Eine körperlich leichte bis sehr leichte Tätigkeit, welche wechselbelastend und dabei oft sitzend, ohne besondere Anforderungen an die Griffkraft und Fein
motorik beider Hände, ohne Heben und Tragen von Lasten selten über 2 kg und maximal 5 kg, ohne längere Arbeiten in Schulterhöhe und nie darüber, ohne längeres Stehen in vornübergebeugter Haltung ausgeübt werden könnte, sei als optimal angepasst zu beurteilen.
4.
Die medizinische Aktenlage ist ungenügend und lässt eine abschliessende Beur
teilung des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin nicht zu:
4.1
In Bezug auf die
somatischen Diagnosen, welche insbesondere aufgrund der ein
geholten Akten der Krankentaggeld-
(vgl.
Urk.
6/75;
Urk.
6/93;
Urk.
6/100)
und
der
Unfallversicherung
(vgl.
Urk.
6/74;
Urk.
6/92;
Urk.
6/99) gut dokumentiert sind, führte
Dr.
Z._
aus, dass gestützt auf die vorliegenden Befunde und Dia
gnosen von einer vollzeitigen Präsenz und einer Leistungsminderung von 20 % in einer optimal angepassten Tätigkeit auszugehen sei.
4.2
Nebst den somatischen Diagnosen bestehen allerdings zahlreiche Hinweise darauf
, dass die Beschwerdeführerin
allenfalls
auch aus psychiatrischer Sicht in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sein könnte:
4.2.1
Die ersten beiden Anmeldungen bei der Beschwerdegegnerin erfolgten infolge
des
psychischen Gesundheitszustandes
der Beschwerdeführerin
, wobei der Erstanmel
dung
ein dokumentierter
Suizidversu
ch
mit anschliessendem stationären Aufent
halt vorausging
(Austrittsbericht
Spital A._
vom
3.
November 2011,
Urk.
6/12/7 f.; Bericht der
Psychiatrie B._
vom 2
4.
Februar 2012,
Urk.
6/15
; Bericht Ambulatorium der
Psychiatrie B._
vom 2
3.
April 2012,
Urk.
6/16).
Gemäss den Angaben im Anmeldeformular
der zweiten Anmeldung
vom 1
9.
April
2017 befand sich die Beschwerdeführerin seit
Januar 2017 bei
Dr.
med.
C._
, Facharzt
für Psychiatrie und Psychother
a
p
ie, aufgrund von Depressionen und Ängsten in Behandlung (
Urk.
6/34).
Entspreche
nd konstatierte im Rahmen der zweiten Anmeldung
Dr.
med.
D._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, in seinem von der Beschwer
de
gegnerin eingeholten Bericht vom 1
9.
Mai 2017 (
Urk.
6/41), dass die Beschwerde
führerin nebst den somatischen Problemen auch durch eine Depression ein
ge
schränkt sei. Je nach psychischem Zustandsbild sei mit einer Verbesserung der Beschwerden zu rechnen.
Dr.
D._
rezeptierte entsprechend nebst
Mefenacid
auch
Dormicum
,
Escitalopram
,
Trittico
und
Xanax
(
Urk.
6/43).
Anlässlich
der Eingliederungsberatung im Rahmen der
zweiten Anmeldung
gab die Beschwerdeführerin an, dass ihr Hauptproblem die Ängste und ihre psy
chi
schen Probleme seien (
Urk.
6/61/3).
4.2.2
Im
aktuellen Verfahren
fand am 2
8.
Januar 2019 ein Standortgespräch statt,
in welchem die Beschwerdeführerin wiederum ausführte
, durch die fehlende Kraft in den Händen, täglich
es
Kopfweh, Schulter- und Nackenschmerzen sowie schwer durch die Depression eingeschränkt zu sein (
Urk.
6/69/4). Sie nehme
Trittico
,
Sirdalud
,
Novalgin
,
Dafalgan
,
Escitalopram
und bei Bedarf
Xanax
und befinde sich - ne
bst den somatischen Behandlern -
bei
Dr.
C._
in Behandlung.
Dr.
med.
E._
, Facharzt für Orthopädie und Traumatologie, welcher
die Beschwerdeführerin
am 1
2.
Januar 2019 für die Krankentaggeldversicherung untersuchte, erhob in der Anamnese, dass
sie
eine psychotherapeutische Behand
lung abgebrochen habe aufgrund der Unzuverlässigkeit und Unregelmässigkeit des Therapeuten. Die Termine seien sehr oft ausgefallen, einen Effekt habe sie nicht empfunden (
Urk.
6/75/16). Er diagnostizierte einen Verdacht auf Depres
sion, medikamentös versorgt
,
(
Urk.
6/75/19) und führte aus, dass die Arbeits
fähig
keit durch die dramatische Gewichtszunahme innerhalb des letzten Jahres (20 kg), die
Dekonditionierung
und sehr wahrscheinlich auch durch eine depres
sive Schmerzverarbeitungsstörung beeinflusst werde. Dies müsste gegebenenfalls durch einen psychiatrischen Fachkollegen beurteilt werden (
Urk.
6/75/23).
Auch aus den Berichten der weiteren somatischen Behandler geht mehrfach her
vor, dass nebst den somatischen Einschrän
kungen auch psychische Probleme, welche funktionelle Auswirkungen nach sich ziehen könnten,
nicht auszu
schliessen
sind (vgl. Bericht von
Dr.
med.
F._
, Fachärztin für Allge
meine Innere
Medizin vom
6.
September 2018,
Urk.
6/92/44;
Eintrag
Dr.
F._
vom 2
2.
Januar 2018,
Urk.
6/92/60; Verlaufsbericht
Dr.
D._
vom
1.
Januar 20
00 bis 3
1.
Dezember 2018,
Urk.
6/84 ff.).
Am
9.
August 2019 teilte die Beschwerdeführerin der Beschwerdegegnerin unter anderem telefonisch mit, dass sie bei
Dr.
C._
in psychiatrisc
her Behandlung sei (
Urk.
6/90) - womit davon auszugehen ist, dass sie die Behandlung
wieder
aufgenommen
hat
te
.
Aufgrund der Hinweise
auf eine mögliche psychiatrische Einschränkung bzw. die psychiatrische Behandlung
versuchte die Beschwerdegegnerin mehrfach, einen Bericht bei
Dr.
C._
einzuholen (
Urk.
6/81;
Urk.
6/83;
Urk.
6/86;
Urk.
6/95
,
Urk.
6/96), was allerdings nicht gelang (vgl.
Urk.
6/112/5).
RAD-Arzt
Dr.
Z._
hielt einen Verdacht auf Depression, medikamentös versorgt, als Diagnose ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit fest. Darüber hinaus
nahm
er
aber keine Stellung zu einer allfälligen psychiatrischen Einschränkung
bzw. allfälligen funktionellen Einschränkungen, welche daraus resultieren könnten
- wobei ohnehin
fraglich
wäre, inwieweit er als Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie fachlich hierzu befähigt wäre.
4.2
.3
Zusammenfassend bestehen zahlreiche gewichtige Hinweise, dass die Beschwer
de
führerin in psychiatrischer Behandlung ist und
psychische Probleme
vorliegen. Ob diese allerdings aktuell kompensiert sind oder funktionelle Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit zeitigen, ist aufgrund der fehlenden Abklärung dessen völlig offen.
4.3
Damit
erweist sich die medizinische Aktenlage als ungenügend
bzw. unvoll
ständig
abgeklärt. Die Sache ist daher in Aufhebung der angefochtenen Ver
fügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie den Gesundheits
zu
stand der Beschwerdeführerin sowie den Verlauf ihrer Arbeits- und Leis
tungs
fähigkeit
mittels polydisziplinären Gutachtens abklärt und hernach neu über den
Leistungsanspruch entscheidet (vgl. E. 2.4).
5.
5.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG) und auf Fr. 800.-- anzusetzen. Ausgangsgemäss sind sie der Beschwerdegegnerin aufzu
erlegen.
5.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Ver
wal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (B
GE 137 V 57 E. 2.2), weshalb die
vertretene Beschwerdeführer
in
Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat.
Diese ist gestützt auf Art. 61
lit
. g ATSG in Verbindung mit § 34 Abs. 1 und 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) unter Berücksich
ti
gung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses auf Fr.
1’700
.-- (inklusive Mehrwertsteuer und Barauslagen) festzusetzen.