Decision ID: 69368164-96a6-4b47-94ea-f76f6092eefd
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Die Beschwerdekammer entnimmt den Akten:
1.
C.X. und B.X. stellten mit Eingabe vom 15. Mai 2020 bei der Staatsanwalt-
schaft Zofingen-Kulm Strafantrag gegen Unbekannt, evtl. gegen A.X., we-
gen Missbrauchs einer Fernmeldeanlage i.S.v. Art. 179septies StGB.
Mit Eingabe vom 25. August 2020 reichte A.X. bei der Staatsanwaltschaft
Zofingen-Kulm gegen C.X. Strafantrag wegen übler Nachrede i.S.v.
Art. 173 StGB und Strafanzeige wegen falscher Anschuldigung i.S.v.
Art. 303 Ziff. 2 StGB ein. C.X. wurde vorgeworfen, A.X. mit dem Strafantrag
vom 15. Mai 2020 wider besseres Wissen des Missbrauchs einer Fernmel-
deanlage beschuldigt zu haben. Aufgrund des gemeinsam gestellten Straf-
antrags vom 15. Mai 2020 prüfte die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm
auch die Einleitung einer Strafuntersuchung gegen B.X. wegen falscher
Anschuldigung i.S.v. Art. 303 Ziff. 2 StGB.
2.
Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm verfügte am 31. März 2022 gestützt
auf Art. 310 Abs. 1 lit. a StPO, dass die Strafsache gegen B.X. nicht an die
Hand genommen werde.
Diese Nichtanhandnahmeverfügung wurde am 5. April 2022 von der Ober-
staatsanwaltschaft des Kantons Aargau genehmigt.
3.
3.1.
Gegen die ihm am 11. April 2022 zugestellte Nichtanhandnahmeverfügung
erhob A.X. mit Eingabe vom 16. April 2022 (Postaufgabe am 18. April
2022) bei der Beschwerdekammer in Strafsachen des Obergerichts des
Kantons Aargau Beschwerde mit folgenden Anträgen:
" 1. Die Nichtanhandnahmeverfügung der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm vom 31. März 2022 i.S. B.X. (Beschuldigte) wegen falscher Anschuldigung sei aufzuheben und die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm sei , den Sachverhalt rechtsgenügend abzuklären und eine  gegen die Beschuldigte im Sinne der Strafanzeige vom 25. August 2020 zu eröffnen.
2. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zzgl. Mehrwertsteuer)  des Staates."
3.2.
Mit Eingabe vom 9. Mai 2022 ersuchte der Beschwerdeführer um Bewilli-
gung der unentgeltlichen Rechtspflege.
- 3 -
3.3.
Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm ersuchte mit Beschwerdeantwort
vom 25. Mai 2022 um Abweisung der Beschwerde unter Kostenfolgen.
3.4.
Die Beschuldigte beantragte mit Beschwerdeantwort vom 25. Mai 2022, die
Beschwerde sei abzuweisen, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu-
lasten des Beschwerdeführers.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1.
Nichtanhandnahmeverfügungen der Staatsanwaltschaft sind gemäss
Art. 310 Abs. 2 i.V.m. Art. 322 Abs. 2 und Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO mit
Beschwerde anfechtbar. Nachdem vorliegend keine Beschwerdeaus-
schlussgründe i.S.v. Art. 394 StPO bestehen, ist die Beschwerde zulässig.
Die übrigen Eintretensvoraussetzungen sind erfüllt und geben zu keinen
Bemerkungen Anlass. Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde (vgl. Art. 396 Abs. 1 i.V.m. Art. 385 Abs. 1 StPO) ist somit einzu-
treten.
2.
2.1.
Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm führte zur Begründung der Nichtan-
handnahme aus, in der Anzeige vom 15. Mai 2020 habe der Rechtsvertre-
ter der Beschuldigten auf die E-Mails von C.X. vom 14. und 15. Mai 2020
verwiesen, in welchen dieser geschildert habe, dass die Beschuldigte
mehrfach belästigende Anrufe erhalten habe und diese von A.X. gekom-
men sein müssten. In der Strafanzeige sei allerdings explizit betont worden,
dass es sich bei der Benennung des Urhebers der Telefonanrufe um eine
Vermutung handle. Es sei somit davon auszugehen, dass die Beschuldigte
und deren Sohn C.X. nicht wider besseres Wissen Anzeige erhoben hätten,
sondern selber der Überzeugung gewesen seien, dass sich A.X. strafbar
gemacht habe. Dass dieser sich zum relevanten Tatzeitpunkt in Polizeige-
wahrsam befunden habe und die fraglichen Anrufe nicht getätigt haben
könne, sei der Beschuldigten nicht bekannt gewesen. Somit sei der fragli-
che Tatbestand eindeutig nicht erfüllt, weshalb die Strafanzeige gegen die
Beschuldigte betreffend falscher Anschuldigung gestützt auf Art. 310
Abs. 1 lit. a StPO nicht an die Hand zu nehmen sei.
2.2.
Der Beschwerdeführer wandte in seiner Beschwerde im Wesentlichen ein,
gemäss den Angaben der Beschuldigten in ihrer Strafanzeige vom 15. Mai
2020 solle ein Anrufer sie am 14. Mai 2020 um ca. 11 Uhr in Anwesenheit
- 4 -
ihres Sohnes C.X. angerufen haben und ihr gegenüber gesagt haben. "Ich
hasse dich." Dabei solle es sich um die Nummer xxx gehandelt haben, die
der Beschuldigten bislang nicht bekannt gewesen sei. Nach Ansicht der
Beschuldigten müsse es sich dabei um den Beschwerdeführer gehandelt
haben. Dabei hätten die Beschuldigte bzw. ihr Rechtsvertreter sehr wohl
gewusst, dass der Beschwerdeführer von vornherein nicht als Täter habe
in Frage kommen können, da er zu jener Zeit in Polizeigewahrsam gewe-
sen sei. Dennoch sei er wider besseres Wissen des besagten Delikts be-
zichtigt worden. Die Wortwahl in der Strafanzeige ziele einzig auf die Per-
son des Beschwerdeführers. Der Rechtsvertreter der Beschuldigten habe
dann auch selber nochmals betont, es würde sich um eine "erhebliche Ver-
mutung" betreffend die Täterschaft des Beschwerdeführers handeln und
eine andere Person würde sinngemäss gar nicht in Frage kommen. Aus-
serdem sei der Rechtsvertreter der Beschuldigten schon im Vorfeld der
Verhaftung und Hausdurchsuchung darüber orientiert worden. Schliesslich
habe er auch beides explizit beantragt und just einen Tag vor der Haus-
durchsuchung die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm nochmals darauf hin-
gewiesen, wonach man suchen müsse. Sodann habe der Rechtsvertreter
der Beschuldigten von der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm verlangt,
über die Freilassung umgehend orientiert zu werden, was implizit bedeute,
dass er auch über die Verhaftung des Beschwerdeführers orientiert gewe-
sen sei. Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm habe die Vorhalte in der
Strafanzeige vom 25. August 2020 betreffend falsche Anschuldigung erst
gar nicht näher geprüft. Dennoch behaupte sie, der Beschuldigten sei an-
geblich nicht bekannt gewesen, dass der Beschwerdeführer sich zum rele-
vanten Tatzeitpunkt in Polizeigewahrsam befunden habe und von daher
von vornherein nicht als Täter in Frage habe kommen können. Somit sei
der Tatbestand der falschen Anschuldigung eindeutig nicht erfüllt. Bezeich-
nenderweise lasse es die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm jedoch offen,
wie sie zu dieser Annahme gelangt sei, obwohl sie keine einzige Untersu-
chungshandlung durchgeführt habe. Sie habe weder die Beschuldigte be-
fragt noch anderweitige Abklärungen vorgenommen. Es lägen auch keine
Äusserungen der Beschuldigten vor, worin sie die Behauptung der Staats-
anwaltschaft Zofingen-Kulm, ihr sei die Untersuchungshaft des Beschwer-
deführers nicht bekannt gewesen, bestätigt hätte.
2.3.
Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm hielt dem in ihrer Beschwerdeant-
wort entgegen, der Rechtsvertreter der Beschuldigten sei nachweislich erst
am 19. Mai 2020 durch die verfahrensleitende Staatsanwältin telefonisch
über die Inhaftierung des Beschwerdeführers informiert worden und habe
diese Information erst an diesem Tag per E-Mail an C.X. weitergegeben.
Die Anzeige gegen den Beschwerdeführer sei bereits am 15. Mai 2020 der
Post übergeben worden. Damit sei erstellt, dass der Beschuldigten zum
Zeitpunkt der Einreichung der Strafanzeige nicht bekannt gewesen sei,
- 5 -
dass sich der Beschwerdeführer zum relevanten Tatzeitpunkt in Polizeige-
wahrsam befunden habe, und somit der Tatbestand der falschen Anschul-
digung eindeutig nicht erfüllt sei. Es seien keine Untersuchungshandlungen
ersichtlich, die zu einem anderen Resultat führen würden. Im Zeitpunkt der
Einreichung der Strafanzeige am 15. Mai 2020 habe die Staatsanwaltschaft
Zofingen-Kulm auch weder der Beschuldigten noch anderen Verfahrens-
beteiligten Akteneinsicht gewährt. Entgegen dem Beschwerdeführer sei
der Rechtsvertreter der Beschuldigten auch nicht im Vorfeld der Verhaftung
und Hausdurchsuchung darüber orientiert worden. Nur weil der Rechtsver-
treter der Beschuldigten diese Zwangsmassnahmen beantragt und darauf
hingewiesen habe, welche Gegenstände es zu suchen gelte, bedeute dies
nicht, dass er auch gewusst habe, ob und allenfalls wann die besagten
Zwangsmassnahmen tatsächlich durchgeführt würden. Ebenso wenig
lasse sich dies aus dem Umstand ableiten, dass mit dem Antrag auf An-
ordnung von Untersuchungshaft vom 15. Mai 2020 darum ersucht worden
sei, das Opfer via seine Rechtsvertretung über eine allfällige Haftentlas-
sung des Beschwerdeführers zu informieren. Vielmehr nehme die Staats-
anwaltschaft Zofingen-Kulm gerade in Fällen von physischen Auseinander-
setzungen - wie vorliegend mutmasslich zwischen dem Beschwerdeführer
und der Beschuldigten am 13. April 2020 - eine Bitte um Opferbenachrich-
tigung i.d.R. selbständig in ihre Anträge auf. Die Beschuldigte habe auf-
grund ihrer Vermutung eine Strafanzeige eingereicht, was dem üblichen
Vorgehen entspreche. Von einem Anzeiger könne nicht erwartet werden,
vor der Anzeigeerstattung quasi ein privates Beweisverfahren durchzufüh-
ren. Schliesslich könne das blosse Nichtzurückziehen der Strafanzeige den
Straftatbestand der falschen Anschuldigung nicht erfüllen, zumal es sich
hierbei um ein Offizialdelikt handle, das unabhängig von einer allfälligen
Strafanzeige verfolgt werde.
2.4.
Die Beschuldigte brachte in ihrer Beschwerdeantwort im Wesentlichen vor,
mit den Formulierungen des Tatverdachts gegen den Beschwerdeführer
sei deutlich ausgedrückt worden, dass es sich um eine Vermutung und
nicht um eine Gewissheit handle. Schon deshalb liege keine wider besse-
res Wissen erfolgte Beschuldigung vor. Zudem hätten weder sie noch der
Mitbeschuldigte C.X. gewusst, dass der Beschwerdeführer bereits am
14. Mai 2020 in Polizeigewahrsam genommen worden und aus diesem
Grund als Anrufer nicht in Betracht gekommen sei. Ihr Anwalt sei darüber
erst am Vormittag des 19. Mai 2020 informiert worden. Mit dem Ersuchen
um Benachrichtigung des Opfers im Haftantrag der Staatsanwaltschaft Zo-
fingen-Kulm habe diese lediglich auf die entsprechende Vorschrift von
Art. 214 Abs. 4 StPO hingewiesen. Aus den Akten ergebe sich klar, dass
die Beschuldigte nicht gewusst habe und nicht habe wissen können, dass
der Beschwerdeführer wegen seiner Festnahme als Anrufer nicht habe in
Frage kommen können. Aufgrund der Vorgeschichte habe sie zum Ver-
- 6 -
dacht gelangen dürfen, es habe sich beim Anrufer um den Beschwerdefüh-
rer gehandelt. Damit entfalle das Tatbestandsmerkmal des Handelns wider
besseres Wissen, so dass der Tatbestand der falschen Anschuldigung
nicht einmal ansatzweise habe erfüllt werden können. Die Nichtanhand-
nahme sei deshalb zu Recht erfolgt.
3.
3.1.
Die Staatsanwaltschaft eröffnet insbesondere dann eine Untersuchung,
wenn sich aus den Informationen und Berichten der Polizei, aus der Straf-
anzeige oder aus ihren eigenen Feststellungen ein hinreichender Tatver-
dacht ergibt (Art. 309 Abs. 1 lit. a StPO). Ein hinreichender Tatverdacht
setzt voraus, dass die erforderlichen Hinweise auf eine strafbare Handlung
konkreter Natur sind. Konkret ist der Tatverdacht dann, wenn eine gewisse
Wahrscheinlichkeit für eine strafrechtliche Verurteilung des Beschuldigten
spricht. Die Gesamtheit der tatsächlichen Hinweise muss die plausible
Prognose zulassen, dass der Beschuldigte mit einiger Wahrscheinlichkeit
verurteilt werden wird. Diese Prognose geht über die allgemeine theoreti-
sche Möglichkeit hinaus. Ein blosser Anfangsverdacht, d.h. eine geringe
Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung aufgrund vager tatsächlicher An-
haltspunkte (z.B. ungenaue Schilderungen eines Anzeigeerstatters), ge-
nügt nicht (NATHAN LANDSHUT/THOMAS BOSSHARD, in: Kommentar zur
Schweizerischen Strafprozessordnung, 3. Aufl. 2020, N. 25 f. zu Art. 309
StPO).
Sobald aufgrund der Strafanzeige oder des Polizeirapports feststeht, dass
die fraglichen Straftatbestände oder die Prozessvoraussetzungen eindeu-
tig nicht erfüllt sind, verfügt die Staatsanwaltschaft die Nichtanhandnahme
(Art. 310 Abs. 1 lit. a StPO). Die Situation muss sich für den Staatsanwalt
folglich so präsentieren, dass gar nie ein Verdacht hätte angenommen wer-
den dürfen oder der Anfangsverdacht vollständig entkräftet wurde. Bei
missbräuchlichen und von vornherein aussichtslosen Strafanzeigen hat
ebenfalls eine Nichtanhandnahme zu erfolgen (LANDSHUT/BOSSHARD,
a.a.O., N. 4 zu Art. 310 StPO). Es muss mit anderen Worten sicher sein,
dass der Sachverhalt unter keinen Straftatbestand fällt, was etwa der Fall
ist bei rein zivilrechtlichen Streitigkeiten. Eine Nichtanhandnahme darf nur
in sachverhaltsmässig und rechtlich klaren Fällen ergehen. Im Zweifelsfall
ist folglich eine Untersuchung zu eröffnen. Ergibt sich nach durchgeführter
Untersuchung, dass kein Straftatbestand erfüllt ist, stellt die Staatsanwalt-
schaft das Strafverfahren gestützt auf Art. 319 StPO ein (BGE 137 IV 285
E. 2.3).
3.2.
3.2.1.
Gemäss Art. 303 Ziff. 1 Abs. 1 StGB macht sich der falschen Anschuldi-
gung insbesondere schuldig, wer einen Nichtschuldigen wider besseres
- 7 -
Wissen bei der Behörde eines Verbrechens oder Vergehens beschuldigt,
in der Absicht, eine Strafverfolgung gegen ihn herbeizuführen. Betrifft die
falsche Anschuldigung eine Übertretung, wird der Täter milder bestraft
(Art. 303 Ziff. 2 StGB).
Der Tatbestand der falschen Anschuldigung schützt in erster Linie die Zu-
verlässigkeit der Rechtspflege. Die Tathandlung führt zu einem unnützen
Einsatz öffentlicher Mittel. Daneben handelt es sich bei der falschen An-
schuldigung aber auch um ein Delikt gegen die Person. Geschützt werden
danach die Persönlichkeitsrechte zu Unrecht Angeschuldigter mit Bezug
auf deren Ehre, Freiheit, Privatsphäre, Vermögen usw. Die Tathandlung
richtet sich gegen eine in Bezug auf die behauptete Straftat nichtschuldige
Person. Nicht schuldig ist die Person, welche die strafbare Handlung nicht
begangen hat. Als solche gilt auch diejenige, deren Nichtschuld - vorbe-
hältlich einer Wiederaufnahme des Verfahrens - durch Freispruch oder Ein-
stellungsbeschluss verbindlich festgestellt worden ist. Der subjektive Tat-
bestand erfordert Vorsatz und in Bezug auf die Unwahrheit der Beschuldi-
gung Handeln wider besseres Wissen. Das Bewusstsein, die Behauptung
könnte möglicherweise falsch sein, genügt mithin nicht. Der Täter muss
vielmehr sicher darum wissen, dass die Anschuldigung unwahr ist. Eventu-
alvorsatz scheidet insofern somit aus (BGE 136 IV 170 E. 2.1; Urteil des
Bundesgerichts 6B_1352/2021 vom 2. Mai 2022 E. 5). Aus dem Umstand,
dass das gegen eine angezeigte Person eröffnete Strafverfahren später
eingestellt wird, lässt sich nicht ableiten, die Strafanzeige selbst sei wider
besseres Wissen gegen Nichtschuldige erhoben worden. Wer zu Unrecht
beschuldigt wird, darf nicht im Umkehrschluss unbesehen eine Strafklage
wegen falscher Anschuldigung einreichen (BGE 136 IV 170 E. 2.2; Urteil
des Bundesgerichts 6B_1352/2021 vom 2. Mai 2022 E. 5).
3.2.2.
Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm verfügte am 31. März 2022 gestützt
auf Art. 310 Abs. 1 lit. a StPO die Nichtanhandnahme der Strafsache gegen
den Beschwerdeführer wegen Missbrauchs einer Fernmeldeanlage. Zur
Begründung wurde ausgeführt, der Beschwerdeführer sei im Zusammen-
hang mit dem Strafverfahren ST.2020.2574 am 14. Mai 2020, 07.10 Uhr,
von der Kantonspolizei Aargau festgenommen worden und habe sich bis
am 16. Mai 2020 in Haft befunden. Deshalb sei es ihm nicht möglich gewe-
sen, die ihm zur Last gelegten Anrufe zu tätigen. Folglich sei der in Frage
stehende Straftatbestand des Missbrauchs einer Fernmeldeanlage eindeu-
tig nicht erfüllt. Diese Nichtanhandnahmeverfügung ist unangefochten in
Rechtskraft erwachsen und kommt daher - wie eine Einstellungsverfügung
- einem freisprechenden Erkenntnis gleich (Art. 310 Abs. 2 i.V.m. Art. 320
Abs. 4 StPO). Der Beschwerdeführer hat damit als nicht schuldig zu gelten.
- 8 -
Nach der zitierten bundesgerichtlichen Rechtsprechung darf aus der
rechtskräftigen Nichtanhandnahme der Strafsache gegen den Beschwer-
deführer wegen Missbrauchs einer Fernmeldeanlage allerdings nicht ohne
weiteres der Schluss gezogen werden, dass die Beschuldigte und der Mit-
beschuldigte C.X. den entsprechenden Strafantrag gegen ihn wider besse-
res Wissen gestellt haben.
3.2.3.
In der mit Eingabe vom 15. Mai 2020 erstatteten "Strafanzeige 3", die sich
gemäss Rubrum gegen Unbekannt richtete, liessen die Beschuldigte und
der Mitbeschuldigte C.X. vor der Sachverhaltsdarstellung ausführen: "Die
geschilderten Verdachtsmomente werden durch die beantragten Untersu-
chungshandlungen abzuklären sein. Für den resp. die Beschuldigten gilt
bis zu einer allfälligen rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermu-
tung." Bei der Benennung des Urhebers der Telefonanrufe vom 14. und
15. Mai 2020 in den E-Mails des Mitbeschuldigten C.X. an Rechtsanwalt
Leuenberger vom 14. und 15. Mai 2020 handle es sich um eine Vermutung
(Untersuchungsakten [UA] Do. 2, Eingabe vom 15. Mai 2020, S. 3). Auf-
grund der Vorgeschichte und der beiden bereits eingereichten Strafanzei-
gen bestehe eine erhebliche Vermutung, dass es sich beim Anrufer um den
Beschwerdeführer handeln könnte. Eine andere Person, die als Anrufer in
Betracht gezogen werden könnte, sei den Anzeigeerstattern nicht bekannt.
Hinsichtlich des Anrufs vom 14. Mai 2020 sei zu erwähnen, dass der Be-
schwerdeführer (auch) ein "glasklares Hochdeutsch" spreche (UA Do. 2,
Eingabe vom 15. Mai 2020, S. 5).
Aus den Formulierungen in der Eingabe vom 15. Mai 2020 ergibt sich so-
mit, dass die Beschuldigte und der Mitbeschuldigte C.X. den Beschwerde-
führer als möglichen Urheber der belästigenden Telefonanrufe verdächtigt
haben. In Anbetracht des unbestrittenermassen seit längerer Zeit schwe-
lenden Familienstreits, des Wortlauts der am 14. Mai 2020 gemachten
Äusserung ("Ich hasse dich!) und des Umstands, dass diese offenbar in
"glasklarem Hochdeutsch" erfolgte (wobei die Familie X. aus Deutschland
stammt), erscheint es naheliegend, dass die Beschuldigte und der Mitbe-
schuldigte C.X. den mutmasslichen Täter in der Familie des Beschwerde-
führers vermutet haben. Aus den Akten ergeben sich allerdings keine Hin-
weise, dass sie im Zeitpunkt der Einreichung des Strafantrags gegen den
Beschwerdeführer am 15. Mai 2020 wussten, dass sich dieser seit dem
14. Mai 2020, 07.10 Uhr, in polizeilichem Gewahrsam befand und deshalb
die zur Anzeige gebrachten Telefonanrufe in der Zeit vom 14. Mai 2020,
ca. 11.00 Uhr, bis 15. Mai 2020, ca. 02.00 Uhr, nicht getätigt haben konnte.
Über die am 14. Mai 2020 erfolgte Festnahme des Beschwerdeführers (und
die bei ihm durchgeführte Hausdurchsuchung) wurde ihr Anwalt von der
Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm vielmehr erst am 19. Mai 2020 telefo-
nisch orientiert. Diese Information leitete er gleichentags per E-Mail an die
Beschuldigte und den Mitbeschuldigten C.X. weiter (Beschwerdeantwort
- 9 -
der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm S. 2; UA Do. C1, Beilage 3 zur Ein-
gabe vom 26. November 2021). Eine vorgängige Information der Beschul-
digten und des Mitbeschuldigten C.X. über am 14. Mai 2020 vorgesehene
Zwangsmassnahmen gegen den Beschwerdeführer durch die Staatsan-
waltschaft Zofingen-Kulm wäre auch aus untersuchungstaktischen Grün-
den problematisch gewesen und erscheint daher völlig unglaubhaft. Sol-
ches ergibt sich auch nicht aus dem E-Mail ihres Anwalts vom 13. Mai 2020
(Beschwerdebeilage 4), wird die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm darin
doch lediglich darum ersucht, "bei einer Hausdurchsuchung auch auf den
Erbvertrag zu achten". Auf eine konkret am 14. Mai 2020 vorgesehene
Hausdurchsuchung wird nicht Bezug genommen. Aus dem Antrag der
Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm betreffend Benachrichtigung der Be-
schuldigten über eine Haftentlassung des Beschwerdeführers gemäss
Art. 214 Abs. 4 StPO im Antrag auf Anordnung der Untersuchungshaft vom
15. Mai 2020 kann der Beschwerdeführer ebenfalls nichts zu seinen Guns-
ten ableiten, konnte doch die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm einen sol-
chen Antrag von Amtes wegen stellen.
In Übereinstimmung mit der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm ist demzu-
folge davon auszugehen, dass die Beschuldigte im Zeitpunkt der Stellung
des Strafantrags am 15. Mai 2020 nicht sicher darum wusste, dass der Be-
schwerdeführer die fraglichen Telefonanrufe nicht getätigt haben konnte
und der gegen ihn erhobene Verdacht des Missbrauchs einer Fernmelde-
anlage i.S.v. Art. 179septies StGB deshalb unwahr war.
3.3.
Der vom Beschwerdeführer beanstandete Strafantrag der Beschuldigten
erfüllt den Tatbestand der falschen Anschuldigung (Art. 303 Ziff. 2 StGB)
somit eindeutig nicht. Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm hat die Sache
folglich zu Recht gestützt auf Art. 310 Abs. 1 lit. a StPO nicht an die Hand
genommen. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
4.
4.1.
Der Beschwerdeführer ersuchte mit Eingabe vom 9. Mai 2022 um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtspflege für das Beschwerdeverfahren.
4.2.
4.2.1.
Nach Art. 29 Abs. 3 BV hat jede Person, die nicht über die erforderlichen
Mittel verfügt, Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege, wenn ihr Rechts-
begehren nicht aussichtslos erscheint. Soweit es zur Wahrung ihrer Rechte
notwendig ist, hat sie ausserdem Anspruch auf unentgeltlichen Rechtsbei-
stand. Art. 29 Abs. 3 BV soll jedem Betroffenen ohne Rücksicht auf seine
finanzielle Situation tatsächlichen Zugang zum Gerichtsverfahren vermit-
teln und die effektive Wahrung seiner Rechte ermöglichen. Es handelt sich
- 10 -
hierbei um eine verfassungsmässige Minimalgarantie, welche für das Straf-
verfahren von der StPO umgesetzt und konkretisiert wird, wobei die StPO
über die Garantie von Art. 29 Abs. 3 BV hinausgehen kann. Art. 136 StPO
konkretisiert die Voraussetzungen für die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege für die Privatklägerschaft im Strafprozess (Urteil des Bundes-
gerichts 1B_355/2012 vom 12. Oktober 2012 E. 3).
Gemäss Art. 136 Abs. 1 StPO gewährt die Verfahrensleitung der Privatklä-
gerschaft für die Durchsetzung ihrer Zivilansprüche ganz oder teilweise die
unentgeltliche Rechtspflege, wenn die Privatklägerschaft nicht über die er-
forderlichen Mittel verfügt und die Zivilklage nicht aussichtslos erscheint.
Die unentgeltliche Rechtspflege umfasst die Befreiung von Vorschuss- und
Sicherheitsleistungen, die Befreiung von den Verfahrenskosten sowie die
Bestellung eines Rechtsbeistands, soweit dies zur Wahrung der Rechte der
Privatklägerschaft notwendig ist (Art. 136 Abs. 2 StPO).
Als aussichtslos sind nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung Pro-
zessbegehren anzusehen, bei denen die Gewinnaussichten beträchtlich
geringer sind als die Verlustgefahren und sie deshalb kaum als ernsthaft
bezeichnet werden können, so dass eine Partei, die über die nötigen finan-
ziellen Mittel verfügt, bei vernünftiger Überlegung den Prozess auf eigene
Rechnung und Gefahr nicht führen würde. Dagegen gilt ein Begehren nicht
als aussichtslos, wenn sich Gewinnaussichten und Verlustgefahren unge-
fähr die Waage halten oder jene nur wenig geringer sind als diese (BGE
133 III 614 E. 5 = Pra 97 [2008] Nr. 50).
4.2.2.
Aus den obigen Ausführungen (E. 3) ergibt sich, dass die Gewinnaussich-
ten der vorliegenden Beschwerde von Beginn an so gering waren, dass sie
kaum als ernsthaft bezeichnet werden konnten. Die Beschwerde war daher
offensichtlich aussichtslos. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege ist deshalb abzuweisen.
5.
5.1.
Bei diesem Ausgang sind die Kosten des Beschwerdeverfahrens dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 428 Abs. 1 StPO) und es ist ihm keine
Entschädigung auszurichten.
5.2.
5.2.1.
Die Entschädigung der beschuldigten Person für die angemessene Aus-
übung ihrer Verfahrensrechte geht bei einer Einstellung des Strafverfah-
rens oder bei einem Freispruch zulasten des Staates, wenn es sich um ein
Offizialdelikt handelt (Art. 429 Abs. 1 StPO), und zulasten der Privatkläger-
schaft, wenn es um ein Antragsdelikt geht (Art. 432 Abs. 2 StPO). Dies gilt
- 11 -
aufgrund von Art. 310 Abs. 2 StPO auch im Falle einer Nichtanhandnahme.
Im Berufungsverfahren betreffend Offizialdelikte wird die unterliegende Pri-
vatklägerschaft entschädigungspflichtig, im Beschwerdeverfahren hinge-
gen der Staat. Geht es um ein Antragsdelikt, wird sowohl im Berufungs- als
auch im Beschwerdeverfahren die Privatklägerschaft entschädigungs-
pflichtig (Art. 436 Abs. 1 i.V.m. Art. 432 Abs. 2 StPO; vgl. BGE 147 IV 47
E. 4.2.6).
Beim der Beschuldigten vorgeworfenen Tatbestand der falschen Anschul-
digung (Art. 303 Ziff. 2 StGB) handelt es sich um ein Offizialdelikt. Folglich
ist die Beschuldigte für das vorliegende Beschwerdeverfahren aus der
Staatskasse zu entschädigen.
5.2.2.
Gemäss § 9 Abs. 1 AnwT bemisst sich die Entschädigung in Strafsachen
nach dem angemessenen Zeitaufwand des Anwalts. Der Stundenansatz
beträgt in der Regel Fr. 220.00 und kann in einfachen Fällen bis auf
Fr. 180.00 reduziert und in schwierigen Fällen bis auf Fr. 250.00 erhöht
werden. Auslagen und Mehrwertsteuer werden separat entschädigt (§ 9
Abs. 2bis AnwT).
Der Verteidiger der Beschuldigten machte für die Erstattung der weitestge-
hend übereinstimmenden Beschwerdeantworten im vorliegenden Verfah-
ren (SBK.2022.136) und im Verfahren gegen den Mitbeschuldigten C.X.
(SBK.2022.137) einen Aufwand von total 6,8 Stunden à Fr. 280.00 zuzüg-
lich einer Auslagenpauschale von 3 % geltend. Die Beschwerdekammer in
Strafsachen erachtet für die Erstattung der beiden Beschwerdeantworten
einen Aufwand von insgesamt vier Stunden als angemessen, welcher hälf-
tig auf die beiden Verfahren aufzuteilen ist. Im vorliegenden Fall ist mithin
von einem Aufwand von zwei Stunden auszugehen. Da es sich um einen
Fall von mittlerer Schwierigkeit handelt, ist der Stundenansatz von
Fr. 220.00 anzuwenden. Daraus ergibt sich ein Honorar von Fr. 440.00.
Hinzu kommt die Auslagenpauschale von 3 % des Honorars, ausmachend
Fr. 13.20. Da ihr Verteidiger nicht mehrwertsteuerpflichtig ist, ist der Be-
schuldigten kein Kostenersatz für die Mehrwertsteuer zuzusprechen. Dem-
nach ist der Beschuldigten eine Entschädigung von Fr. 453.20 auszurich-
ten.