Decision ID: 7e8cd7f9-01a1-5735-83cd-3bfe5423e18c
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Auf ein erstes Asylgesuch des Beschwerdeführers vom 1. November 2011
trat das damalige BFM (Bundesamt für Migration, heute SEM) mit Verfü-
gung vom 24. Februar 2012 in Anwendung des damals in Kraft gewesenen
und per 1. Februar 2014 durch den gleichlautenden neuen Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG (SR 142.31) ersetzten aArt. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG nicht ein.
Das BFM verfügte gleichzeitig die Wegweisung des Beschwerdeführers in
den Dublin-Vertragsstaat Italien und ordnete den Vollzug an. Die Verfügung
blieb unangefochten. Am 18. Mai 2012 wurde der Beschwerdeführer nach
Italien überstellt. Der Beschwerdeführer wurde während des Verfahrens
nie zu seinen Asylgründen befragt.
B.
Trotz Einreiseverbot reiste der Beschwerdeführer im Verlaufe des Jahres
2013 wieder in die Schweiz ein. In der Folge trat er mehrfach strafrechtlich
in Erscheinung. Mit Verfügung vom 10. Januar 2014 ordnete das BFM die
Wegweisung des Beschwerdeführers nach Italien gestützt auf Art. 64a
Abs. 1 des damals in Kraft gewesenen Ausländergesetzes (AuG, heute
AIG; SR 142.20) an. Die Verfügung blieb unangefochten. Am 12. Februar
2014 wurde der Beschwerdeführer nach Italien überstellt.
C.
Trotz Einreiseverbot reiste der Beschwerdeführer im Verlaufe des Jahres
2014 wieder in die Schweiz ein und trat erneut strafrechtlich in Erschei-
nung. Seit dem 4. September 2014 befindet er sich entweder im Strafvoll-
zug oder in Ausschaffungs- beziehungsweise Vorbereitungshaft (aktuell
gerichtlich bewilligt bis zum 20. Dezember 2021).
D.
Am 22. Januar 2019 richtete der sich in jenem Zeitpunkt im Strafvollzug
befindliche Beschwerdeführer ein Schreiben an das Migrationsamt Zürich
(vgl. elektronisches Beweismittelverzeichnis N (...) vom 19. Oktober 2021,
ID-Nr. 003). Darin äusserte er im Hinblick auf eine mögliche bevorstehende
Entlassung und eine damit befürchtete Abschiebung nach Tunesien seine
grosse Sorge, dass ihm dort aufgrund des in Kopie beigelegten Militärge-
richtsurteils schwerwiegende Konsequenzen drohten. Er bitte um Überset-
zung und Kenntnisnahme des Dokumentes, damit seine Sorge nachvollzo-
gen werden könne.
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Anlässlich einer «Einvernahme RG Einleitung Dublin-III (wiederholte Ein-
reise)» vom 20. Januar 2021 durch die Kantonspolizei im Flughafenge-
fängnis (...) äusserte der sich immer noch im Strafvollzug befindliche Be-
schwerdeführer seine Befürchtung, in Tunesien aufgrund der in seinem Be-
sitz befindlichen Beweismittel aus politischen Gründen ins Gefängnis ge-
steckt zu werden, weshalb er nicht dorthin zurückkehren könne. Zudem
machte er darauf aufmerksam, in der Schweiz eine Freundin mit Schweizer
Bürgerrecht zu haben und im Gefängnis in der Schweiz an (...) erkrankt zu
sein.
Am 8. Februar 2021 richtete der sich nach wie vor im Strafvollzug befindli-
che Beschwerdeführer ein (nicht unterzeichnetes) Schreiben an das Mig-
rationsamt Zürich. Darin bekräftigte er, nicht nach Tunesien ausgeschafft
werden zu wollen, denn dort drohe ihm ein unfairer Militärgerichtsprozess
mit zu befürchtender grausamer Folterung oder gar seiner Tötung. Deswe-
gen habe er psychische Probleme und Angstzustände. Er wolle auch nicht
nach Italien zurückkehren, weil er hier eine Freundin habe und mit dieser
zusammenleben wolle. Er bitte um Beiordnung eines Migrationsrechtsan-
walts zwecks Hilfestellung bei seinen Anliegen. Als Beweismittel legte er
seinem Schreiben eine weitere Kopie des bereits erwähnten Militärge-
richtsurteils bei.
Nachdem die italienischen Behörden am 19. Februar 2021 ein Rücküber-
nahmeersuchen der Schweiz abschlägig beantworten hatten, beendete
das SEM das Dublin-Verfahren.
Anlässlich einer Anhörung des Beschwerdeführers vom 22. Mai 2021 vor
dem für eine Bestätigung der angeordneten Ausschaffungshaft zuständi-
gen Bezirksgericht erklärte dieser, er habe in Tunesien Probleme. Dort er-
warte ihn eine Gefängnisstrafe und er könne nicht dorthin zurückkehren.
Wenn er nicht nach Italien gehen könne, beabsichtige er in ein anderes
Land weiterzureisen, um ein Asylgesuch zu stellen.
E.
Am 31. Mai 2021 erklärte der Beschwerdeführer gegenüber der Flughafen-
polizei Zürich formell und unterschriftlich, in der Schweiz ein Asylgesuch
stellen zu wollen, woraufhin ihm das Merkblatt für Asylsuchende ausge-
händigt wurde.
Mit Schreiben vom 9. Juni 2021 zeigte B._ von Asylex dem SEM
unter Hinweis auf die beigelegte Vollmacht ihre Mandatierung für die
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Rechtsvertretung im Asylverfahren des Beschwerdeführers an. Gleichzei-
tig ersuchte sie um Akteneinsicht. Nachdem das SEM die Rechtsvertretung
auf die Tatsache aufmerksam gemacht hatte, dass die Vollmacht nicht un-
terzeichnet und der Mangel umgehend zu verbessern sei, teilte die Rechts-
vertretung dem SEM am 14. Juni 2021 mit, «dass wir über ein laufendes
Asylverfahren nicht informiert sind und folglich das Mandat von N (...) in
Asylsachen niederlegen. Wir gehen davon aus, dass der Betroffene – wie
es ihm rechtlich zusteht (bspw. BVG Urteil D-5480/2020) – bereits durch
eine HEKS/BAZ Rechtsvertretung in seinem Asylverfahren vertreten wird
und eine Intervention unsererseits daher nicht notwendig ist».
Anlässlich der im Flughafengefängnis durchgeführten Anhörung vom
16. Juni 2021 zu den Asylgründen erklärte der Beschwerdeführer eingangs
seinen Wunsch nach Beiordnung eines Anwalts, woraufhin er darauf auf-
merksam gemacht wurde, dass er das Recht auf Mandatierung eines sol-
chen habe, nicht aber einen Anspruch auf Beiordnung einer unentgeltli-
chen Rechtsvertretung. Zu seinen Asylgründen machte er in der Anhörung
sowie in ergänzenden brieflichen Eingaben vom 25. Juni und vom 27. Juli
2021 im Wesentlichen Folgendes geltend: Er habe sich zusammen mit
Gleichgesinnten in der Revolution während des arabischen Frühlings mit-
tels Demonstrationsteilnahmen engagiert. Im Vorfeld einer weiteren gegen
das Regime gerichteten Demonstration vom (...) Mai 2011 sei es zu – auch
gewaltsamen und bewaffneten – Auseinandersetzungen zwischen einer-
seits ihnen und anderseits dem einflussreichen und stadtbekannten Krimi-
nellen (...) und dessen Bande sowie der Polizei und dem Militär gekom-
men. Anlässlich der Demonstration hätten er und seine Mitstreiter (...).
Während mehrere seiner Mitstreiter – darunter einer seiner (...) – in der
Folge durch die Polizei und das Militär und mit Unterstützung von (...)’s
Leuten festgenommen worden seien, habe er sich versteckt halten können.
Die Polizei habe ihn jedoch gesucht und an seiner statt seine Familienan-
gehörigen geschlagen und bedroht sowie einen (...) festgenommen. Nach
rund zehn Tagen habe er angesichts dieser Bedrohungslage Tunesien in
Richtung Italien verlassen, um schliesslich am 1. November 2011 in die
Schweiz weiterzureisen und ein Asylgesuch zu stellen. In den heimatlichen
(...) sei er als Terrorist und Anhänger des gestürzten Regimes dargestellt
worden. Im Jahre 2013 (recte: 2012) sei dann in dieser Sache ein Urteil
des Militärgerichts gegen ihn (in Abwesenheit) und seine Mitstreiter ergan-
gen. Er sei zu (...) Jahren Haft verurteilt worden, aber die Sache sei für die
nicht am Gericht Anwesenden noch nicht ausgestanden und es drohe ihre
Verhaftung und Untersuchungshaft nach ihrer Habhaftmachung. Schon vor
den geschilderten Ereignissen sei er im Jahre (...) zu Unrecht zu einer
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(...)jährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil er eine Person ge-
schlagen habe. Während der Strafverbüssung habe er viel Leid erfahren.
Durch die Revolution sei er im Frühling 2011 vorzeitig aus dem Strafvollzug
freigekommen. Der Beschwerdeführer machte ergänzend auf seine Bezie-
hung zu seiner in der Schweiz lebenden Freundin aufmerksam, mit der er
eine Zukunft in der Schweiz aufbauen möchte.
Als Beweismittel gab der Beschwerdeführer vorerst eine Kopie und später
das Original des Urteils des ständigen erstinstanzlichen Militärgerichts Tu-
nis vom (...) 2012 zu den Akten. Aus verschiedenen vorgelegten Arztbe-
richten des Universitätsspitals Zürich aus den Jahren 2019 bis 2021 geht
ferner eine (...) hervor, deren Behandelbarkeit in Tunesien zudem mittels
eines medizinischen Consultings des SEM vom 6. September 2021 näher
abgeklärt wurde. Identitätsdokumente reichte der Beschwerdeführer keine
ein; er habe nie solche besessen. Für den detaillierten Inhalt der Vorbrin-
gen und der eingereichten Beweismittel wird auf die Akten verwiesen.
F.
Mit Verfügung vom 15. September 2021 stellte die Vorinstanz fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylge-
such ab und ordnete dessen Wegweisung aus der Schweiz sowie den Voll-
zug an. Mit dem Entscheid erhielt der Beschwerdeführer Einsicht in die
editionspflichtigen Akten.
Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids führte das SEM aus, die
geltend gemachten Verfolgungsvorbringen würden den Anforderungen an
die flüchtlingsrechtliche Beachtlichkeit nach Art. 3 AsylG und im Übrigen
(summarisch) auch jenen an die Glaubhaftmachung gemäss Art. 7 AsylG
nicht genügen. Die gesetzliche Regelfolge der Ablehnung des Asylgesuchs
sei die Wegweisung aus der Schweiz und deren Vollzug sei zulässig, zu-
mutbar und möglich. Zudem begründete das SEM ausführlich und mittels
umfassender Auslegung von Art. 102f AsylG die von ihm erkannte fehlende
Rechtsgrundlage für einen unentgeltlichen Rechtsschutz nach dieser Be-
stimmung für Personen, die ihr Asylgesuch aus der Haft stellen. Für die
detaillierte Begründung wird, soweit wesentlich, auf die nachfolgenden Er-
wägungen und im Übrigen auf die Akten verwiesen.
G.
Mit Schreiben vom 24. September 2021 (Datum des Poststempels) und
vom 30. September 2021 zeigte die Rechtsvertretung des Beschwerdefüh-
rers (wiederum Asylex) dem SEM unter Hinweis auf die beiliegende (und
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unterzeichnete) Vollmacht vom 22. September 2021 ihre Mandatierung für
die Rechtsvertretung im Asylverfahren des Beschwerdeführers an und er-
suchte gleichzeitig um Akteneinsicht.
Das SEM gewährte die Akteneinsicht am 12. Oktober 2021 im Umfang der
editionspflichtigen Akten.
H.
Mit Eingabe vom 18. Oktober und Ergänzung vom 8. November 2021 er-
hob der Beschwerdeführer persönlich und ohne Beizug seiner rechtsgültig
mandatierten Rechtsvertretung gegen die Verfügung des SEM vom
15. September 2021 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Darin
beantragt er deren Aufhebung und die Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz zur «Durchführung des korrekten Verfahrens gemäss gelten-
dem Asylgesetz», eventualiter die Gewährung von Asyl unter Feststellung
seiner Flüchtlingseigenschaft, subeventualiter die Anordnung der vorläufi-
gen Aufnahme sowie in prozessualer Hinsicht die Gewährung der unent-
geltlichen Rechtspflege mit Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses.
Zur Begründung des Rückweisungsantrags rügt er einen Verfahrensman-
gel insoweit, als das SEM ihm – trotz Anspruchs auf Behandlung nach dem
am 1. März 2019 in Kraft getretenen revidierten Asylrecht – die kostenlose
Rechtsberatung und –vertretung nach Art. 102f ff. AsylG verweigert habe,
obwohl er eine solche explizit verlangt habe. Die Bestimmung sei entgegen
der Auffassung des SEM nicht auf Asylsuchende beschränkt, die sich im
BAZ befänden; die Tatsache einer Asylgesuchstellung in Haft befreie das
SEM nicht von der Anwendung dieser Bestimmungen. Den Anspruch auf
eine Rechtsberatung und –vertretung nach Art. 102f ff. AsylG auch bei Asyl-
gesuchen aus der Haft habe das Bundesverwaltungsgericht schon in ver-
schiedenen Urteilen bestätigt. Die weitere Beschwerdebegründung richtet
sich gegen die materiellen Erkenntnisse des SEM, wonach der Beschwer-
deführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, mithin keinen Anspruch
auf Asyl habe und auch keine Wegweisungsvollzugshindernisse bestün-
den.
Für die detaillierte Begründung der Beschwerde und die eingereichten Be-
weismittel wird auf die Akten verwiesen, soweit darauf nicht in den nachfol-
genden Erwägungen spezifisch einzugehen ist.
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I.
Am 19. Oktober 2021 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht dem Be-
schwerdeführer den Eingang seiner Rechtsmitteleingabe.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101). Für das vorliegende Verfahren stellt sich die Frage nach
der Anwendbarkeit des revidierten oder des bisherigen Rechts. Sowohl das
SEM als auch der Beschwerdeführer erachten vorliegend übereinstim-
mend das neue Recht als anwendbar. Dies erscheint auf den ersten Blick
angesichts von Absatz 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des
AsylG vom 25. September 2015 auch naheliegend, denn das formelle Asyl-
gesuch datiert vom 31. Mai 2021 und besagter Absatz 1 lässt das bisherige
Recht grundsätzlich nur für vor dem 1. März 2019 (Inkrafttreten der Teilre-
vision des AsylG) gestellte Asylgesuche zu. Zudem scheint die in Absatz 3
der Übergangsbestimmungen erwähnte Zweijahresfrist irrelevant zu sein,
da das formelle Asylgesuch nach dem 1. März 2021 datiert und somit auch
unter diesem Aspekt die Anwendbarkeit des alten Rechts versagt bliebe.
Von Bedeutung ist die Frage der alt- oder neurechtlichen Gesetzesanwen-
dung u.a. im Zusammenhang mit dem formellrechtlichen Hauptstreitpunkt
im vorliegenden Verfahren, nämlich der Auslegung des neurechtlichen
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Art. 102f AsylG betreffend die Frage des Anspruchs des Beschwerdefüh-
rers auf unentgeltliche Beratung und Rechtsvertretung. Für die Klärung der
Frage ist auf die Erwägungen in E. 4 unten zu verweisen.
1.4 Die Beschwerde ist unzweifelhaft frist- und formgerecht eingereicht
worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teil-
genommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und
hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise
Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. [bzw. aArt.] 108 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Nach Art. 18 AsylG gilt jede Äusserung, mit der eine Person zu erken-
nen gibt, dass sie die Schweiz um Schutz vor Verfolgung nachsucht, als
Asylgesuch. Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen
grundsätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat
oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion,
Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder we-
gen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt
sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu wer-
den (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die
Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen,
die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 83 Abs. 1
AIG [SR 142.20]).
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4.2
4.2.1 Ein Asylgesuch nach Art. 18 AsylG liegt dann vor, wenn eine Person
mit irgendeiner Äusserung zu erkennen gibt, dass sie in der Schweiz um
Schutz vor Verfolgung ersucht. Dabei ist der Begriff der Verfolgung gemäss
konstanter Praxis (vgl. bereits Entscheidungen und Mitteilungen der vor-
maligen Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 18 so-
wie z.B. die Urteile des BVGer E-938/2013 vom 18. März 2013 E. 5.1,
E-7073/2018 vom 31. Januar 2019 E. 5.2 oder E-2358/2018 vom 3. August
2021 E. 8.1.2, je m.w.H.) nicht nur als Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG
zu verstehen. Er umfasst in einem weiten Sinne auch gewisse Wegwei-
sungsvollzugshindernisse, die allerdings einen menschlichen Akteur vo-
raussetzen, weshalb es sich um Schutz vor Gefahren handeln muss, die
direkt oder indirekt von Menschen geschaffen wurden oder drohen. Vom
Verfolgungsbegriff im Sinne von Art. 18 AsylG ausgenommen sind hinge-
gen – neben den in Art. 31a Abs. 3 AsylG (2. Satz) ausdrücklich erwähnten
rein wirtschaftlichen oder medizinischen Gründen – Gefahren, die sich ein-
zig aus der persönlichen Situation (z.B. Alter, Geschlecht) und der Lebens-
situation der asylsuchenden Person (z.B. familiäre Situation) ergeben.
4.2.2 Das SEM hat vorliegend als Asylgesuchsdatum den 31. Mai 2021 er-
fasst. An jenem Tag hat der Beschwerdeführer gegenüber der Flughafen-
polizei erklärt, in der Schweiz ein Asylgesuch stellen zu wollen, ohne ir-
gendwelche Angaben dazu zu machen. Ob diese blosse und unbegründete
Absichtserklärung bereits als Asylgesuch im obgenannten Sinne zu quali-
fizieren ist, kann insofern dahingestellt bleiben, als der Beschwerdeführer
anlässlich der in der Folge durchgeführten vorinstanzlichen Anhörung vom
16. Juni 2021 unmissverständlich eine Verfolgung im (weiten) Sinne von
Art. 18 AsylG geltend gemacht und eine allfällige diesbezügliche Unklarheit
beseitigt hat; Kernpunkt war dabei das mit einem Militärgerichtsurteil un-
terlegte Vorbringen einer politisch motivierten Verfolgung durch die tunesi-
schen Behörden sowie durch (...). und dessen Gefolgschaft. Bei Annahme
eines Asylgesuchsdatums vom 31. Mai 2021 stünde daher die Anwendbar-
keit des neuen, revidierten Asylgesetzes unbestreitbar fest. Das Bundes-
verwaltungsgericht erkennt jedoch in den oben unter Bst. D erwähnten ins-
gesamt vier Interventionen des Beschwerdeführers an die kantonalen Be-
hörden ebenfalls Gesuche um Schutz vor Verfolgung, und zwar allesamt
mit demselben Haupthintergrund: Am 22. Januar 2019 äusserte er im Hin-
blick auf eine mögliche bevorstehende Abschiebung nach Tunesien seine
grosse Sorge, dass ihm dort aufgrund des Militärgerichtsurteils schwerwie-
gende Konsequenzen drohten und er bat die Behörde um Übersetzung des
Dokumentes, damit seine Sorge nachvollzogen werden könne. Anlässlich
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einer «Einvernahme RG Einleitung Dublin-III (wiederholte Einreise)» vom
20. Januar 2021 äusserte er seine Befürchtung, in Tunesien angesichts
seiner Beweismittel aus politischen Gründen ins Gefängnis gesteckt zu
werden. In seinem Schreiben vom 8. Februar 2021 an das Migrationsamt
Zürich bekräftigte er unter abermaliger Vorlegung des Militärgerichtsurteils
ebenfalls, nicht nach Tunesien ausgeschafft werden zu wollen, weil ihm
dort ein unfairer Militärgerichtsprozess mit zu befürchtender grausamer
Folterung oder gar seiner Tötung drohe; er bitte in dieser Sache um Bei-
ordnung eines Migrationsrechtsanwalts. Und auch anlässlich seiner Anhö-
rung vom 22. Mai 2021 vor dem Bezirksgericht erklärte er, in Tunesien
Probleme im Zusammenhang mit einer Gefängnisstrafe zu haben. Für das
Bundesverwaltungsgericht ist nun nicht einzusehen, weshalb als Asylge-
suchsdatum erst der 31. Mai 2021 mit der damaligen klaren, aber unbe-
gründeten Absichtserklärung gelten sollte, nicht aber bereits die genannten
früheren Daten. Mit Bezug auf die Anwendbarkeit des alten oder neuen
Asylgesetzes würde sich bei hypothetischer Annahme eines auf den
22. Mai 2021 korrigierten Asyldatums noch nichts ändern (Anwendbarkeit
des neuen Rechts gemäss oben E. 1.3). Eine andere Betrachtung ergibt
sich bei allen drei erwähnten früheren Daten (22. Januar 2019, 20. Januar
2021, 8. Februar 2021), an denen der Beschwerdeführer ebenfalls unmiss-
verständlich Schutz vor Verfolgung im Sinne von Art. 18 AsylG erbat. Der
20. Januar 2021 und der 8. Februar 2021 fallen beide in die Zweijahresfrist
gemäss Übergangsbestimmung Abs. 3 zur (am 1. März 2019 in Kraft ge-
tretenen) Änderung des AsylG vom 25. September 2015. Zumindest ge-
mäss dem Wortlaut käme hierbei somit das bisherige Recht zur Anwen-
dung (in diesem Sinne auch die Urteile E-3159/2020 vom 8. Juli 2020
E. 6.2.1 [2. Abschnitt] und E-510/2020 vom 20. Februar 2020 E. 1.3
m.w.H.). Der 22. Januar 2019 liegt sogar vor dem Inkrafttreten des neuen
AsylG und hier ist die Anwendbarkeit des alten Rechts somit indiskutabel
(vgl. wiederum das Urteil E-3159/2020 vom 8. Juli 2020 E. 6.2.1 [3. Ab-
schnitt]). Da die an allen erwähnten Daten geäusserte Furcht vor politisch
motivierter Verfolgung den identischen Haupthintergrund aufweist, ist von
einer Einheit des Schutzersuchens auszugehen. Als Asylgesuchsdatum ist
daher der 22. Januar 2019 zu qualifizieren. Dies wiederum hat zur Konse-
quenz, dass für das vorliegende aus der Haft gestellte Asylgesuch das bis-
herige Recht zur Anwendung gelangt und die Diskussion um die Auslegung
der neurechtlichen Art. 102f ff. AsylG (Anspruch auf unentgeltliche Bera-
tung und Rechtsvertretung) daher hinfällig wird.
Es ist somit betreffend die Erfassung des Asylgesuchsdatums von einem
falsch festgestellten Sachverhalt durch das SEM auszugehen. Der Mangel
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hat gleichsam zur Folge, dass eine unheilbar fehlerhafte Rechtsanwen-
dung (neues statt altes AsylG) und mithin eine Bundesrechtsverletzung
vorliegt. Die angefochtene Verfügung ist daher aufzuheben und die Sache
zur Wiederaufnahme des erstinstanzlichen Verfahrens und zur Neubeur-
teilung an das SEM zurückzuweisen. Der Vollständigkeit halber bleibt an-
zufügen, dass dem Beschwerdeführer der Vorwurf einer Asylgesuchsein-
reichung an die falsche Behörde nicht entgegengehalten werden kann, weil
gemäss dem (unverändert gebliebenen) Art. 8 Abs. 3 der Asylverordnung
1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) Asylgesuche von Personen,
die sich in Haft oder im Strafvollzug befinden, durch die kantonalen Behör-
den entgegenzunehmen sind.
4.3 Zusammenfassend ist die angefochtene Verfügung aufzuheben. Das
SEM ist anzuweisen, das erstinstanzliche Verfahren unter Anwendung des
bisherigen, vor dem 1. März 2019 in Kraft gewesenen Asylrechts wieder-
aufzunehmen, den Sachverhalt (insb. das Asylgesuchsdatum) richtig fest-
zustellen und das Asylgesuch (inkl. das Gesuch um Beiordnung einer un-
entgeltlichen Rechtsvertretung) neu zu beurteilen. Die Beschwerdeakten
werden hierfür dem SEM zur Verfügung gestellt. Nach dem Erwogenen er-
übrigt es sich, auf die weiteren Inhalte der Beschwerde und die vorgelegten
Beweismittel näher einzugehen.
5.
5.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG), womit der prozessuale Antrag auf Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG
hinfällig wird. Jener auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses wird mit dem vorliegend instruktionslos ergehenden Direktentscheid in
der Sache ohnehin hinfällig.
5.2 Der Beschwerdeführer ist mit seinem Antrag auf Aufhebung der ange-
fochtenen Verfügung durchgedrungen, weshalb sich die Frage der Ausrich-
tung einer Parteientschädigung (vgl. Art. 64 VwVG) für die ihm notwendi-
gerweise erwachsenen und verhältnismässig hohen Parteikosten stellt.
Hierzu besteht aber vorliegend kein Anlass, da der Beschwerdeführer
seine Beschwerde vertretungslos eingereicht hat und es ist nicht ersicht-
lich, dass und inwieweit ihm durch die Beschwerdeführung verhältnismäs-
sig hohe Kosten erwachsen wären. Solche macht er auch nicht geltend.
Immerhin erweckt das Verhalten der zweitweisen Rechtsvertretung (Asy-
lex) beim Bundesverwaltungsgericht insoweit gewisse Verwirrung, als
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diese im Asylverfahren verschiedentlich zugunsten des Beschwerdefüh-
rers auftritt, sich aber offensichtlich nicht im Klaren darüber ist, ob und
wann sie für den Beschwerdeführer bevollmächtigt oder mandatslos in das
Verfahren eingreifen soll.
(Dispositiv nächste Seite)
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