Decision ID: 3f8f0590-4bd7-5697-b355-ff0ca1dcfc6d
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführer ersuchten am 4. November 2019 gemeinsam in der
Schweiz um Asyl. Am 11. November 2019 fanden die Personalienaufnah-
men statt. Die Erstbefragung des Beschwerdeführers fand am 9. Januar
2020 und die ergänzende Anhörung am 24. Februar 2020 statt. Die Be-
schwerdeführerin wurde am 25. Februar 2020 zu ihren Asylgründen ange-
hört. Mit Zwischenverfügungen vom 27. Februar 2020 wurden die Be-
schwerdeführer dem erweiterten Verfahren zugeteilt. Zur Begründung ihrer
Asylgesuche führten sie im Wesentlichen aus, sie seien albanische Staats-
angehörige. Die Beschwerdeführerin stamme aus dem Bezirk D._,
Albanien, und der Beschwerdeführer aus E._ im Bezirk F._,
Albanien. Nachdem der Beschwerdeführer 1998 jemanden erschossen
habe, sei er in den Kosovo geflohen, wo er zehn Jahre lang gelebt habe.
Nach seiner Rückkehr nach Albanien sei er 2009 wegen vorsätzlicher Tö-
tung zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Beschwerdeführerin
habe seine Schwester gekannt und diese bei Besuchen im Gefängnis be-
gleitet. So hätten sich die Beschwerdeführer kennengelernt und seien ein
Paar geworden. Nach der Freilassung des Beschwerdeführers 2013 seien
beide aufgrund der drohenden Blutrache von Seiten der Familie des Getö-
teten im August 2013 nach Schweden gereist, wo sie ein Asylgesuch ge-
stellt hätten und die gemeinsame Tochter zur Welt gekommen sei. Weil das
Gesuch abgelehnt worden sei, sei die Familie in den Kosovo gereist. Sie
hätten sich dort nicht sicher gefühlt und seien deshalb 2016 nach Frank-
reich gegangen. Der Schwager des Beschwerdeführers sei von der Opfer-
familie angegriffen worden, um Informationen über dessen Aufenthaltsort
zu erhalten. Nachdem das Asylgesuch in Frankreich ebenfalls abgelehnt
worden sei, seien sie Mitte 2019 nach Albanien zurückgekehrt und hätten
in einer Wohnung in G._ gelebt. Zehn Tage nach der Ankunft hätten
sie die Anwesenheit unbekannter Personen festgestellt. Eine Anzeige bei
der Polizei sei erfolglos geblieben. Sie hätten Angst bekommen und seien
nach H._, Albanien, gezogen. Wenige Tage später habe jemand
Feuer an der Haustüre der Wohnung in G._ gelegt. Bereits während
der Haftzeit habe der Beschwerdeführer mehrfach unter Vermittlung von
Verwandten, Dorfältesten und Behördenmitgliedern versucht, Friedensver-
handlungen mit der Opferfamilie in die Wege zu leiten, welche jeweils ab-
gelehnt worden seien. Zuletzt habe ein staatlich anerkannter Vermittler ver-
geblich im (...) 2019 in Begleitung von anderen wichtigen Persönlichkeiten
versucht, das Gespräch mit der Opferfamilie zu suchen. Am 31. Oktober
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2019 seien die Beschwerdeführer mit der gemeinsamen Tochter in die
Schweiz gereist.
Die Beschwerdeführerin und der Beschwerdeführer reichten ihre Pässe,
die Geburtsurkunden und die Familienbüchlein sowie den Pass und die
Geburtsurkunde der Tochter – alle im Original – ein. Die Beschwerdefüh-
rerin reichte zudem ihre Identitätskarte im Original zu den Akten.
Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer fol-
gende Beweismittel zu den Akten:
 Dokumente betreffend (...) Brüder, die in I._ den Flücht-
lingsstatus erhalten hätten
 Urteil des Regionalgerichts von J._ vom 7. April 2009 (inklu-
sive Übersetzung, Verurteilung wegen vorsätzlicher Tötung und Be-
sitz von Schusswaffen)
 Befehl zur vorzeitigen Haftentlassung des Gerichts K._ vom
5. Juni 2013 (inklusive Übersetzung)
 Auszug aus dem albanischen Vorstrafenregister vom 4. Februar
2016 (inklusive Übersetzung)
 Bericht der Polizei vom 5. Mai 2017 betreffend bewaffneten Angriffs
gegen den Schwager, Einstellung des Verfahrens (inklusive Über-
setzung)
 Erklärung des Schwagers vor Versöhnungsorganisation und Be-
richt zu den vergeblichen Vermittlungsversuchen (inklusive Über-
setzung)
 Anzeige bei der Polizei G._ vom 29. September 2019 be-
züglich der Präsenz von unbekannten Personen im Quartier (inklu-
sive Übersetzung)
 Polizeibericht vom 4. Oktober 2019 betreffend den Brandanschlag
auf das Haus in G._ (inklusive Übersetzung)
 Unterlagen vom 4. Oktober 2019 hinsichtlich der Übermittlung von
Akten an die Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit dem
Brandanschlag auf das Haus in G._ (inklusive Übersetzung)
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 5 Zeitungsauschnitte zu Fällen von Blutrache in Albanien (ohne per-
sönlichen Bezug)
 Fotos des Cousins mit Verletzungen und Kopie des Passes
 zwei Gutachten des Versöhnungskomitees von Herrn L._
vom 3. März 2020 und vom 15. Mai 2020 mit der Bestätigung von
sechs erfolglosen Versöhnungsversuchen im Zeitraum zwischen
2008 und 2013 (inklusive Übersetzung)
 diverse Dokumente hinsichtlich der Einsetzung des Versöhnungs-
komitees (inklusive Übersetzung)
 zwei Schreiben des Anwalts in Albanien vom 25. Januar 2021 be-
treffend Aufforderung der Staatsanwaltschaft und der Polizeibe-
hörde von G._, Auskünfte über den Stand der Ermittlungen
im Zusammenhang mit den vorgenommenen Anzeigen zu erteilen
(inklusive Übersetzung)
 mehrere Unterlagen betreffend den Gesundheitszustand, nament-
lich die Vornahme eines operativen Eingriffs (...), ein kardiologi-
sches Leiden, die psychische Betreuung
B.
Am 27. August 2020 stellte das SEM eine Anfrage an die Schweizerische
Botschaft in Tirana, Albanien. Mit Schreiben vom 13. Januar 2021 ge-
währte das SEM den Beschwerdeführern das rechtliche Gehör zur Bot-
schaftsabklärung in Albanien vom 6. Oktober 2020 und zu den erhaltenen
Schreiben der Polizei sowie des Staatsanwaltes in J._, Albanien,
vom 22. September 2020. Die Beschwerdeführer nahmen mit Schreiben
vom 25. Februar 2021 dazu Stellung.
C.
Mit separaten Entscheiden vom 31. März 2021 (eröffnet am 1. April 2021)
verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführer und
der gemeinsamen Tochter, lehnte die Asylgesuche ab und verfügte die
Wegweisungen aus der Schweiz. Es stellte fest, der Beschwerdeführer sei
wegen Unzulässigkeit und die Beschwerdeführerinnen wegen Unzumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen.
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D.
Mit Eingaben vom 3. Mai 2021 erhoben die Beschwerdeführer gegen diese
Verfügungen Beschwerde. Sie beantragen die Vereinigung der beiden Be-
schwerdeverfahren aus Kosten- und Effizienzgründen, die Aufhebung der
Verfügungen (Ziffern 1-3 der Dispositive), die Feststellung der Flüchtlings-
eigenschaft und die Gewährung von Asyl. In prozessualer Hinsicht wurde
jeweils um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung samt Verzicht
auf das Erheben eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung der rubri-
zierten Rechtsvertreterin als unentgeltliche Rechtsbeiständin ersucht.
Der Beschwerde lagen die Honorarnote und die Vollmacht bei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerde-
führer sind als Verfügungsadressaten zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Die Beschwerdeführer stellen Antrag auf Vereinigung der Beschwerde-
verfahren E-2084/2021 und E-2085/2021, dem hiermit aufgrund des engen
sachlichen Zusammenhangs der Vorbringen entsprochen wird.
2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
2.2 Der Wegweisungsvollzug wurde zugunsten der vorläufigen Aufnahme
aufgeschoben und bildet deshalb nicht Gegenstand des Beschwerdever-
fahrens.
2.3 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie
nachstehend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Ur-
teil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
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Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
3.
Der Antrag der Beschwerdeführer, wonach die Gehörsverletzung im Ent-
scheid über die Kostenverteilung berücksichtigt werden solle, ist nicht nä-
her begründet und wird hiermit abgewiesen. Es ist zwar ein bedauerlicher
Umstand, dass jeweils die zweiten Seiten der vorinstanzlichen Verfügun-
gen fehlten und diese den Beschwerdeführern nachgereicht werden muss-
ten. Sie erwähnten in der Beschwerde jedoch selber, die Gehörsverletzung
sei damit geheilt. Im Übrigen handelte es sich bei den fehlenden Seiten
jeweils um die Zusammenfassung der Sachverhalte, welche sich auch aus
den Protokollen ergeben und den Beschwerdeführern zugänglich waren.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3 und Art. 3 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz kommt in den angefochtenen Verfügungen im Wesent-
lichen zum Schluss, die Verfolgung durch die Familie des Getöteten gründe
in der Rache. Nach konstanter bundesverwaltungsgerichtlicher Rechtspre-
chung mangle es bei privaten Familienfehden am Erfordernis der flücht-
lingsrechtlich relevanten Verfolgungsmotivation. Es liege keine Verfol-
gungsabsicht nach einem der unter Art. 3 AsylG in abschliessender Weise
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aufgeführten Gründe vor. In Betracht käme allenfalls der Aspekt der Zuge-
hörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe. Vorliegend würden sich die
Drohungen allerdings gegen den Beschwerdeführer als Individuum richten
und nicht als Mitglied seiner Familie und demnach komme der Gruppenas-
pekt nicht zum Tragen. Es handle sich vielmehr um eine Situation einer
klassischen Vergeltungsandrohung gegen den Urheber einer vorangegan-
genen Tat. Somit könne grundsätzlich die Annahme einer flüchtlingsrecht-
lich relevanten Drohung ausgeschlossen werden. Die eingereichten Unter-
lagen und die im Rahmen des rechtlichen Gehörs aufgeworfenen Fragen
seien nicht in der Lage, die vorangegangenen Schlussfolgerungen hin-
sichtlich der Frage der Flüchtlingseigenschaft anderweitig zu beeinflussen.
Sie würden hingegen bei der Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvoll-
zugs berücksichtigt werden. Die Bedrohung durch Familienmitglieder der
vom Beschwerdeführer getöteten Person sei asylrechtlich nicht relevant
und das Vorbringen halte den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft
gemäss Art. 3 AsylG nicht stand.
5.2 Auf Beschwerdeebene führen die Beschwerdeführer aus, dass ihnen
in formeller Hinsicht die Asylentscheide erst mit E-Mails der Vorinstanz vom
26. April 2021 vollständig eröffnet worden seien. In den ursprünglich zuge-
stellten Asylentscheiden habe jeweils die zweite Seite der Verfügungen ge-
fehlt. Diese seien erst nach dem dritten Akteneinsichtsgesuch nachgereicht
worden. Im Hinblick auf den Anspruch auf rechtliches Gehör sowie das Be-
schwerderecht der Beschwerdeführer erscheine das Verhalten der Vor-
instanz problematisch. Die Beschwerdefrist sei aus Sicht der Rechtsvertre-
tung erst mit der Zustellung der vollständigen Entscheide ausgelöst wor-
den. Diese Frage spiele vorliegend jedoch keine Rolle, da die Beschwerde
in jedem Fall fristgerecht erhoben worden sei. Durch das Nachreichen der
fehlenden Seiten sei auch die Gehörsverletzung geheilt worden. Die Be-
schwerdeführer bitten das Gericht jedoch, die Gehörsverletzung im Ent-
scheid über die Kostenverteilung zu berücksichtigen, soweit die Be-
schwerde abgewiesen werden sollte. Es sei eine Beschwerdeschrift für
beide Beschwerdeführer eingereicht worden, da die Fälle auf dem gleichen
Sachverhalt beruhten und sich rechtlich die gleichen Fragen stellten. In
diesem Sinne würden die Beschwerdeführer aus Kosten- und Effizienz-
gründen die Vereinigung der beiden Beschwerdeverfahren beantragen.
Unbestritten sei, dass dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in den
Heimatstaat Verfolgungsmassnahmen durch die Familie des Getöteten
und damit eine Verletzung von Art. 3 EMRK drohen würde. Dieser Ent-
scheid sei beachtlich, gelte Albanien laut Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG i.V.m.
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Anhang 2 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1,
SR 142.311) als verfolgungssicherer Heimat- beziehungsweise Herkunfts-
staat. Es stelle sich folglich die Frage, warum der funktionierende Rechts-
staat Albanien gerade dem Beschwerdeführer den Schutz verweigere,
wenn alle anderen Bürgerinnen und Bürger laut Schweizer Behörden in
Albanien Schutz erhielten. Es sei nicht nur zu prüfen, ob sich die privaten
Verfolger auf ein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv stützten, sondern
auch, ob die Schutzunwilligkeit des albanischen Staates durch ein solches
begründet sei. Die Blutrache sei gemäss albanischem Gesetz verboten.
Der albanische Staat unternehme jedoch nicht genug, um Personen, die in
Blutfehden involviert seien, zu beschützen und Täter strafrechtlich zu ver-
folgen. Auch die Präventivmassnahmen seien ungenügend. Die Tatsache,
dass die betroffenen Personen isoliert leben würden, um sich selbst zu
schützen, beweise, dass effektiver und genügender Schutz durch den
Staat fehle. Polizei und Richterschaft blieben entweder passiv, um sich kei-
ner Gefahr auszusetzen oder seien selber in Blutfehden involviert. Eine
Einmischung in Familienfehden sei für Polizistinnen und Polizisten sehr ge-
fährlich, weshalb die Polizei selten etwas gegen Blutfehden unternehme.
Es handle sich um ein Kollektiv von Personen, das sich durch ihre Opfer-
eigenschaft mit einem gemeinsamen sozialen Merkmal auszeichne. Sie
würden sozial gemieden, ausgegrenzt und in absolute Isolation gezwun-
gen. Die Eigenschaft als Opfer von Blutrache biete Anknüpfungspunkt und
Anlass für eine sachlich nicht gerechtfertigte Diskriminierung betreffend die
Schutzwilligkeit des albanischen Staates, wodurch für die Betroffenen eine
Gefahr für Leib und Leben und ein unerträglicher psychischer Druck infolge
der jahrelangen Isolation entstehe. Die Diskriminierung erfolge aufgrund
eines «Anders-Seins» – nämlich der Opfereigenschaft in einer Blutrache –
und nicht aufgrund einer vorangegangenen Tat. Der fehlende Schutzwille
des albanischen Staates sei Ausdruck des geächteten gesellschaftlichen
Status der betroffenen Personen. Betroffene beziehungsweise Opfer von
Blutrache müssten als bestimmte soziale Gruppe im Sinne von Art. 3 Abs. 1
AsylG qualifiziert werden. Das Verfolgungsmotiv der Zugehörigkeit zu einer
bestimmten sozialen Gruppe sei folglich zu bejahen. Der Beschwerdefüh-
rer beziehungsweise seine Angehörigen würden seit mehr als zwanzig
Jahren versuchen, eine Konfliktlösung mit der Opferfamilie des Getöteten
zu erreichen. Diese verweigere jegliche Versöhnung und beharre darauf,
den Tod zu sühnen. Von den albanischen Behörden würde der Schutz ver-
weigert werden. Die Polizei stelle sich auf den Standpunkt, dass sie gegen
die Verfolgungsmassnahmen nichts ausrichten könne und unterlasse jeg-
liche Hilfeleistung. Der albanische Staat sei gegenüber den Beschwerde-
führern als Opfer von Blutrache schutzunwillig.
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Alle nahen männlichen Familienmitglieder des Beschwerdeführers hätten
das Heimatland verlassen müssen. (...) Brüder seien in I._ und
M._ als Flüchtlinge anerkannt worden. Es sei stossend, wenn den
Beschwerdeführern nicht der gleiche Schutz zuteilwerde. Der Beschwer-
deführer sei als Flüchtling anzuerkennen und es sei ihm Asyl zu gewähren.
Der Brandanschlag auf das Wohnhaus zeige, dass auch die Beschwerde-
führerin und die gemeinsame Tochter im Visier der Familie des Getöteten
seien. Sie erfüllten die Flüchtlingseigenschaft demzufolge bereits in eige-
ner Person und es sei ihnen Asyl zu gewähren.
6.
6.1 Nach Prüfung der Akten durch das Gericht ist in Übereinstimmung mit
der Vorinstanz festzustellen, dass die Asylvorbringen der Beschwerdefüh-
rer den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG
nicht standzuhalten vermögen, weshalb auf die Erwägungen der Vor-
instanz zu verweisen ist. Die Beschwerdevorbringen sind nicht geeignet,
zu einer von der Vorinstanz abweichenden Betrachtungsweise zu gelan-
gen.
6.2 Das Verfolgungsmotiv «Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen
Gruppe» bezieht sich auf Personen, die ein Kollektiv bilden, das sich durch
ein gemeinsames soziales Merkmal auszeichnet, welches Anknüpfungs-
punkt und Anlass für sachlich nicht gerechtfertigte Verfolgungsmassnah-
men bildet. Die Beschwerdeführer versuchen, von Blutrache bedrohte Per-
sonen als bestimmte soziale Gruppe im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG zu
qualifizieren, indem diese Eigenschaft Anknüpfungspunkt und Anlass für
eine sachlich nicht gerechtfertigte Diskriminierung durch den albanischen
Staat biete. Albanien zählt zu den verfolgungssicheren Staaten (sog. Safe
Country) im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG (vgl. dazu Anhang 2 der
AsylV 1). Insofern gilt die Regelvermutung, dass eine flüchtlingsrechtlich
bedeutsame staatliche Verfolgung nicht stattfindet und der behördliche
Schutz vor nichtstaatlicher Verfolgung gewährleistet ist. Es handelt sich da-
bei um eine relative Verfolgungssicherheit, weshalb im Einzelfall aufgrund
konkreter und substantiierter Hinweise diese Regelvermutung umgestos-
sen werden kann. Es besteht damit keine systematische Verweigerung des
Schutzes der von Blutrache bedrohten Personen durch die albanischen
Behörden. So wurde auch in zahlreichen bundesverwaltungsgerichtlichen
Urteilen die Schutzfähigkeit und -willigkeit des albanischen Staates bei von
Blutrache bedrohten Personen bejaht (Urteile des BVGer E-4982/2020
vom 15. Januar 2021 E. 5.1 und E-4687/2019 vom 7. Oktober 2019 E. 4.1).
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Seite 10
Gemäss vorinstanzlicher Verfügung gelang es den Beschwerdeführern je-
doch, diese Regelvermutung umzustossen, indem sie ausnahmsweise hät-
ten glaubhaft machen können die albanischen Behörden würden ihnen den
nötigen Schutz nicht gewähren. In der Tat ist kein Staat in der Lage, die
Sicherheit der Bürger und Bürgerinnen im Falle von Übergriffen durch Dritt-
personen vollumfänglich zu gewährleisten. Aus dem Umstand, dass den
Beschwerdeführern vorliegend die nötige Hilfe von den albanischen Behör-
den nicht zukam, kann jedoch nicht geschlossen werden, dass das Ersu-
chen um staatlichen Schutz von vornherein ein nutzloses Unterfangen ist
oder der albanische Staat seiner Schutzpflicht grundsätzlich nicht nach-
kommt. Ferner sind weder den Akten noch den eingereichten Beweismit-
teln Anhaltspunkte für die Annahme zu entnehmen, dass der albanische
Staat in diskriminierender Weise allen von Blutrache bedrohten Personen
die Hilfe verweigert. Das Vorhandensein des flüchtlingsrechtlich relevanten
Verfolgungsmotivs der «Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen
Gruppe» ist folglich zu verneinen. Dass in den Asylverfahren der Brüder
des Beschwerdeführers in anderen Staaten aufgrund der drohenden Blut-
rache die Flüchtlingseigenschaft bejaht wurde, vermag daran nichts zu än-
dern. Die Beschwerdeführer können daraus nichts für ihre Asylgesuche in
der Schweiz ableiten.
Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass die Vorinstanz der den Be-
schwerdeführern bei einer Rückkehr in den Heimatstaat drohenden kon-
kreten Gefahr einer – zwar nicht flüchtlingsrechtlich, aber menschenrecht-
lich – durch Art. 3 EMRK verbotenen Strafe oder Behandlung durch die
Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Unzulässigkeit beziehungs-
weise bei den Beschwerdeführerinnen wegen Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs Rechnung getragen hat.
6.3 Den Beschwerdeführern ist es unter Hinweis auf die vorstehenden Er-
wägungen insgesamt nicht gelungen, eine im Sinne von Art. 3 AsylG rele-
vante Verfolgungsgefahr nachzuweisen. Es erübrigt sich, auf die weiteren
Ausführungen in der Beschwerdeeingabe im Einzelnen einzugehen, weil
sie an der vorgenommenen Würdigung des Sachverhalts nichts zu ändern
vermögen. Die Vorinstanz hat die Asylgesuche zu Recht abgelehnt.
6.4 Lehnt die Vorinstanz das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein,
so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
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Seite 11
6.5 Die Beschwerdeführer verfügen insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisungen wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9).
6.6 Die Vorinstanz hat in ihren Verfügungen vom 31. März 2021 die vorläu-
fige Aufnahme der Beschwerdeführer in der Schweiz angeordnet, weshalb
sich weitere Ausführungen zum Wegweisungsvollzug – wie bereits in E. 2.2
erwähnt – erübrigen.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtenen Verfügungen
Bundesrecht nicht verletzen, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellen (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
8.
8.1 Die gestellten Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb die
Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und Beiordnung einer amtli-
chen Rechtsbeiständin ungeachtet einer allfälligen prozessualen Bedürf-
tigkeit abzuweisen sind (Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG).
8.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE], SR 173.320.2)
den Beschwerdeführern aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
8.3 Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
ist mit vorliegendem Urteil gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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