Decision ID: 6a492cba-e323-53d2-bd4e-ba48cf272d5d
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerschaft reichte am 17. Februar 2017 ein Baugesuch für den
Neubau eines Einfamilienhauses mit Garage auf den Parzellen Ligerz Grundbuchblatt-
Nrn. G._ und H._ ein. Die Parzellen liegen in der Wohnzone. Gegen
das Bauvorhaben erhoben u.a. die Beschwerdeführenden Einsprache.
Mit Gesamtbauentscheid vom 16. Juli 2018 erteilte das Regierungsstatthalteramt
Biel/Bienne die Baubewilligung sowie die Bewilligung für die Unterschreitung des
Strassenabstands.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 15. August 2018 Beschwerde bei
der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen
die Aufhebung des Gesamtbauentscheids vom 16. Juli 2018 und die Erteilung des
Bauabschlags. Eventualiter sei die Sache zur neuen Beurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Sie rügen insbesondere, die geplante Einstellhalle sei nicht
verkehrssicher und verletzte die Normen zum Ortsbild- und Landschaftsschutz. Auch
würde sie die baupolizeilichen Masse nicht einhalten. Überdies erfordere die
Einstellhalle eine Ausnahme zum Unterschreiten des Abstands zur Rebenschutzzone.
Das Vorhaben sei zudem auch aus privatrechtlicher Sicht nicht realisierbar.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Die Beschwerdegegnerschaft
beantragt in ihrer Beschwerdeantwort die Abweisung der Beschwerde und die Erteilung
bzw. Bestätigung der Baubewilligung. Die Vorinstanz beantragt ebenfalls die Abweisung
der Beschwerde. Die Gemeinde Ligerz befürwortet die Bewilligung, ohne einen
ausdrücklichen Antrag zu stellen. Das Rechtsamt holte anschliessend einen Fachbericht
beim Tiefbauamt des Kantons Bern, Oberingenieurkreis III (TBA OIK III) zur
Verkehrssicherheit ein und gab den Beteiligten Gelegenheit zum Einreichen von
Schlussbemerkungen. Die Beschwerdeführenden reichten ihre Schlussbemerkungen am
7. Februar 2019 ein. Die Beschwerdegegnerschaft teilte dagegen mit Eingabe vom
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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5. Februar 2019 mit, sie benötige mehr Zeit für die Analyse des Fachberichts.
Gegebenenfalls werde sie eine Projektänderung einreichen. Auf Ersuchen der
Beschwerdegegnerschaft sistierte das Rechtsamt daher das Beschwerdeverfahren. Mit
Eingabe vom 30. April 2019 reichte die Beschwerdegegnerschaft geänderte Pläne ein.
Zudem reichte sie ein Ausnahmegesuch für das Unterschreiten des Abstands zur
Rebenschutzzone nach. Das Rechtsamt gab den Beteiligten daraufhin Gelegenheit, zur
Projektänderung Stellung zu nehmen. Ausserdem ersuchte es die Gemeinde Ligerz um
ergänzende kommunale Pläne. Schliesslich erhielten die Beteiligten erneut Gelegenheit
zum Einreichen von Schlussbemerkungen.
4. Auf die Rechtsschriften, den Fachbericht des TBA OIK III und die Projektänderung
wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG
kann er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem
Rechtsmittel angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das
Leitverfahren ist im vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG).
Bauentscheide können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der
Beschwerde gegen den Gesamtentscheid zuständig.
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die
Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG
i.V.m. Art. 40 Abs BauG). Die Beschwerdeführenden sind als im vorinstanzlichen
Verfahren beteiligte Einsprechende zur Beschwerde legitimiert. Die 30-tägige
2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
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Beschwerdefrist ist mit der am 15. August 2018 bei der Post aufgegebenen Beschwerde
gewahrt. Auf die frist- und formgerechte Beschwerde ist einzutreten.
2. Überbauung J._
a) Das Baugrundstück der Beschwerdegegnerschaft grenzt südlich an die
I._strasse. Westlich, östlich und nördlich der noch unüberbauten Bauparzelle
befinden sich bereits Wohnhäuser. Für diese «Überbauung J._» erteilte das
damalige Regierungsstatthalteramt Nidau im Jahr 1998 eine generelle Baubewilligung.
Im Anschluss hat die damalige Baugesuchstellerin eine öffentliche Urkunde über die
«rechtliche Ordnung der Überbauung» erstellen lassen. Diese öffentliche Urkunde
enthält privatrechtliche Bestimmungen für die Überbauung.4
b) Auf dem Baugrundstück Ligerz Grundbuchblatt Nr. G._ befindet sich im
südlichen Teil bei der I._strasse die Baurechtsparzelle Ligerz Grundbuchblatt
Nr. H._. Auf der Baurechtsparzelle soll eine gemeinsame Einstellhalle für die
Bauparzelle Nr. G._ und die westliche Nachbarparzelle Nr. K._
realisiert werden. Die Parzelle Nr. K._ wurde im Jahr 2002 überbaut. Mit dem
damaligen Wohnhaus wurde auch der erste Teil der Einstellhalle errichtet. Im Rahmen
des vorliegend umstrittenen Vorhabens ist die Erstellung des zweiten Einstellhallenteils
auf der Baurechtsparzelle vorgesehen.
3. Projektänderung
a) Das TBA OIK III kam im Fachbericht vom 11. Dezember 2018 zum Schluss, die
Verkehrssicherheit sei mit der geplanten Einstellhalle nicht gewährleistet. Um die
Verkehrssicherheit zu verbessern, reichte die Beschwerdegegnerschaft mit Eingabe vom
30. April 2019 Projektänderungspläne mit rev. Datum 15. April 2019 ein. Sie verzichtete
darin auf ein Garagentor und nahm kleinere Änderungen des Grundrisses der
Einstellhalle vor. Namentlich soll der ursprünglich vorgesehene Veloabstellplatz
entfallen. Zudem sollen die sich im Sichtfeld der Ausfahrt befindenden Rebenmauern
teilweise abgetragen werden, so dass die Mauern neu nicht mehr höher als 60 cm sein
4 Vgl. Beilage 2 der Beschwerdeantwort vom 20. September 2018
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sollen. Die Bepflanzung der Mauern wurde ebenfalls angepasst. Weiter befindet sich auf
dem östlichen Nachbargrundstück Ligerz Grundbuchblatt Nr. L._ eine Treppe.
Die Treppe führt von der I._strasse über die Rebmauern zu den weiter oben am
Hang liegenden Häusern. Aufgrund der Absenkung der Rebenmauern sind mit der
Projektänderung neu auch bauliche Eingriffe an dieser Treppe vorgesehen.
b) Nach Art. 43 BewD5 kann der Baugesuchsteller während der Hängigkeit eines
Baubewilligungsverfahrens oder eines nachfolgenden Beschwerdeverfahrens vor der
BVE eine Projektänderung einreichen, ohne dass deshalb ein neues
Baubewilligungsverfahren eingeleitet werden muss. Eine Projektänderung liegt vor,
wenn das Bauvorhaben in seinen Grundzügen gleich bleibt. Dies ist dann nicht mehr der
Fall, wenn ein Hauptmerkmal, wie Erschliessung, Standort, äussere Masse,
Geschosszahl, Geschosseinteilung, Zweckbestimmung, wesentlich verändert wird oder
wenn eine Mehrzahl geringer Änderungen dem Bau eine gegenüber dem ursprünglichen
Projekt veränderte Identität verleiht.6 Projektänderungen können ohne erneute
Veröffentlichung behandelt werden, wenn öffentliche oder wesentliche nachbarliche
Interessen nicht zusätzlich betroffen sind (Art. 43 Abs. 2 BewD). In diesem Fall genügt
es, die Verfahrensbeteiligten und allenfalls neu betroffene Dritte anzuhören. Werden
jedoch öffentliche oder wesentliche nachbarliche Interessen zusätzlich betroffen, ist die
Projektänderung, die während eines Baubewilligungsverfahrens erfolgt, unter
Gewährung der ordentlichen Einsprachemöglichkeiten bekanntzumachen. Die Änderung
eines rechtskräftig bewilligten Projekts vor oder während der Bauausführung braucht
eine Zusatzbewilligung zur Baubewilligung. Sind in einem solchen Fall öffentliche oder
wesentliche nachbarliche Interessen zusätzlich betroffen, ist ein neues
Baubewilligungsverfahren erforderlich.7
Liegt eine Projektänderung vor, tritt nach ständiger Rechtsprechung des
Verwaltungsgerichts das geänderte Projekt an die Stelle des ursprünglichen
Bauvorhabens.8 Das ursprüngliche Projekt steht ab diesem Zeitpunkt im Umfang der
Projektänderung nicht mehr zur Diskussion. Verfahrensinhalt bildet von nun an allein
das geänderte Projekt. Erfolgt eine Projektänderung im Baubeschwerdeverfahren kann
5Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 6 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 32–32d N. 12a 7 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 32-32d N 13 ff. 8 BVR 2012 S. 463 E. 2.2 mit Hinweisen
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die Beschwerdeinstanz die Sache selber entscheiden oder zur Weiterbehandlung an die
Vorinstanz zurückweisen (Art. 43 Abs. 3 BewD).
c) Die Beschwerdeführenden machen geltend, die Änderungen würden den Rahmen
einer Projektänderung sprengen. So würden mit der Projektänderung Bauarbeiten auf
fremdem Grund vorgenommen. Dies betreffe zunächst Anpassungen an der Treppe auf
der Parzelle Ligerz Grundbuchblatt Nr. L._. Hierfür hätten die betroffenen
Grundeigentümerinnen und Grundeigentümer keine Zustimmung erteilt. Weiter sei
insbesondere auch die Parzelle der Beschwerdeführenden selbst betroffen: Die
Projektänderung sehe eine Abtragung der Rebenmauer vor, die ihr Terrain von der
I._strasse abgrenzt. Mit der Abtragung müsse auch ihr dahinterliegendes
Terrain angepasst werden. Hierfür würden sie die Zustimmung verweigern. Die
vorgesehene Abtragung der Rebenmauern sei zudem mit dem Orts- und
Landschaftsbild nicht vereinbar. Durch die Projektänderung würden also sowohl
wesentliche nachbarliche als auch öffentliche Interessen zusätzlich tangiert, weshalb ein
neues Baubewilligungsverfahren notwendig sei.
d) Mit den oben umschriebenen Anpassungen wird das Projekt – der Neubau eines
Einfamilienhauses mit Garage – in den Grundzügen nicht verändert. Die Identität des
Vorhabens bleibt gewahrt. Der Rahmen einer Projektänderung wird somit nicht
gesprengt. Gemäss den Projektänderungsplänen soll jedoch die Treppe auf der Parzelle
Ligerz Grundbuchblatt Nr. L._ teilweise umgestaltet und mit einem Geländer
versehen werden. Die Parzelle mit der Treppe wird dominiert von insgesamt sechs
Grundstücken, auf die jeweils ein Eigentumsanteil von je 1/6 entfällt. Der
Beschwerdegegner 1 verfügt als Eigentümer des Baugrundstücks, das eines der
dominierenden Grundstücke der Parzelle Ligerz Grundbuchblatt Nr. L._ ist,
daher über einen Eigentumsanteil von 1/6. Die verbleibenden Anteile von insgesamt 5/6
an der Parzelle Ligerz Grundbuchblatt Nr. L._ stehen im Eigentum von
Nachbarinnen und Nachbarn, die die übrigen dominierenden Grundstücke besitzen. Die
vorgesehenen Arbeiten an der Treppe finden also teilweise auf fremdem Grund statt.
Damit sind von der Projektänderung wesentliche nachbarliche Interessen zusätzlich
betroffen. Die teilweise Höhenreduktion der Rebenmauer entlang der I._strasse
erfordert überdies eine ästhetische Beurteilung durch eine Fachinstanz (vgl. E. 5). Die
Projektänderung berührt daher auch öffentliche Interessen. Sie muss somit publiziert
werden. Ein neues Baubewilligungsverfahren, wie es die Beschwerdeführenden
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verlangen, ist dagegen nicht erforderlich: Das ursprüngliche Baubewilligungsverfahren
wird gemäss dem Ausgang des Beschwerdeverfahrens weitergeführt werden müssen
(vgl. insbesondere E. 9). Dem Schutz der von der Projektänderung zusätzlich berührten
Interessen wird mit der Publikation der Projektänderung und der erstinstanzlichen
Fortführung des Baubewilligungsverfahrens ausreichend Rechnung getragen. Es ist
nicht ersichtlich, inwiefern ein vollständig neues Baubewilligungsverfahren die
betroffenen Interessen besser schützen würde.
4. Zivilrechtliche Fragen
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, für die Realisierung des geänderten
Bauvorhabens fehle die erforderliche Zustimmung der betroffenen
Grundeigentümerinnen und Grundeigentümer. Zunächst stünden die Rebenmauern, die
teilweise abgetragen werden sollen, nicht im Eigentum der Bauherrschaft. Die
höhenmässige Abtragung der Mauern mache zudem eine Anpassung des hinter den
Mauern liegenden Terrains der Beschwerdeführenden notwendig. Weiter werde auch
die Treppe auf der Parzelle Ligerz Grundbuchblatt Nr. L._ verändert. Für keine
dieser Arbeiten hätte die jeweilige Eigentümerschaft zugestimmt. Im Rahmen der
Begründung des Baurechts sei zudem einzig gestattet worden, eine unterirdische
Autoeinstellhalle zu errichten. Dennoch sei die geplante Einstellhalle nicht unterirdisch.
Zudem würden die Grenzen des gewährten Baurechts nicht eingehalten und die in der
öffentlichen Urkunde vorgegebene Lage der Parkplätze stimme nicht mit den Plänen
überein.
b) Die Beschwerdegegnerschaft hält dem entgegen, Eigentümerin der zu kürzenden
Rebenmauern sei die Gemeinde. Diese habe dem geplanten Eingriff zugestimmt. Die
privatrechtliche Ordnung der Überbauung sehe zudem eine Parkierungsanlage in Form
einer Einstellhalle vor. Diese bezwecke, aufwändige Eingriffe in die Landschaft zu
verhindern. Die vorgeschriebene Einstellhalle solle also vermeiden, dass unschöne
Autoabstellplätze auf dem freien Gelände errichtet würden. Dies sei mit der
vorgesehenen Einstellhalle erreicht. Aufgrund der Topographie könne eine Einstellhalle
ohnehin nicht vollständig unterirdisch erstellt werden. Die Eintragungen in der notariellen
Urkunde hätten zudem lediglich provisorischen Charakter gehabt. Die genaue örtliche
RA Nr. 110/2018/116 8
Lage des zur Regelung der Eigentumsverhältnisse vorgesehenen Überbaurechts sollte
nach der Planung festgehalten werden.
c) Die Baubewilligung ist eine Polizeibewilligung. Sie stellt fest, dass das ihr
zugrundeliegende Bauvorhaben mit den öffentlich-rechtlichen Rechtsregeln und
insbesondere mit der Bau- und Planungsgesetzgebung übereinstimmt (Art. 2 BauG). Die
Baubewilligungsbehörde hat daher einem Gesuch um Erteilung einer Baubewilligung zu
entsprechen, wenn dieses die formellen Voraussetzungen erfüllt und dem öffentlich-
rechtlichen Baupolizeirecht, den Vorschriften über Raumplanung und Umweltschutz
sowie weiteren öffentlich-rechtlichen Vorschriften nicht widerspricht, ungeachtet
allfälliger Privatrechte wie z.B. Dienstbarkeiten. Für die Durchsetzung von
Zivilansprüchen steht der zivilrechtliche Rechtsweg offen. Im Baubewilligungsverfahren
bleibt daher die Baubewilligung von der privatrechtlichen Klage auf Verbot eines Baus
unabhängig. Der Grundsatz der strikten Trennung zwischen Privat- und
Verwaltungsrecht wird gemäss herrschender Praxis und Lehre einzig in zwei Fällen
durchbrochen: Zivilrechtliche Bestimmungen werden im Baubewilligungsverfahren
einerseits angewendet, wenn die Baugesetzgebung privatrechtliche Tatbestände
voraussetzt oder ausdrücklich als massgebend erklärt, wie beispielsweise zur Sicherung
einer über fremden Boden führenden Zufahrt. Andererseits ist das Zivilrecht zu
berücksichtigen, wenn die Bauherrschaft auf fremdem Boden baut.9 Für solche Fälle,
also wenn die Bauherrschaft nicht mit der Grundeigentümerschaft des Baugrundstücks
identisch ist, ist das Baugesuch auch von den Grundeigentümerinnen und
Grundeigentümern zu unterzeichnen (Art. 10 Abs. 2 BewD). Nach ständiger
Rechtsprechung der BVE und des Verwaltungsgerichts handelt es sich beim
Unterzeichnungserfordernis nach Art. 10 Abs. 2 BewD um eine Ordnungsvorschrift.10 Sie
zielt darauf ab, unnötigen Verwaltungsaufwand zu vermeiden, bezweckt aber nicht,
umstrittene private Rechte, die dem Bauvorhaben entgegenstehen könnten, im
Baubewilligungsverfahren statt im dafür vorgesehenen Zivilprozess zu überprüfen. Auf
die Mitunterzeichnung durch den Grundeigentümer oder die Grundeigentümerin kann
verzichtet werden, wenn die gesuchstellende Person ein eigenes schutzwürdiges
Interesse an der Beurteilung des Baugesuchs hat. Dies ist dann der Fall, wenn sie ein
Bauvorhaben ohne Zustimmung der Grundeigentümerschaft verwirklichen darf,
beispielsweise weil sie Inhaberin eines Baurechts ist oder Stockwerkeigentum besitzt
9 Vgl. zum Ganzen BVR 2003, S. 385 E. 4 10 Vgl. statt vieler BVR 2005 S. 130 ff. E. 3.1; VGE 2017/215 vom 12. April 2018 E. 3.3 und E. 3.5
RA Nr. 110/2018/116 9
und das Bauvorhaben nur ihr Sonderrecht betrifft. Kein schutzwürdiges Interesse an der
Durchführung des Baubewilligungsverfahrens ist gegeben, wenn dessen Ergebnis von
vornherein ohne Belang ist, weil ein fremdrechtliches Hindernis das Bauvorhaben
offensichtlich verhindert oder die Realisierung des Bauvorhabens mangels Zustimmung
der Grundeigentümerin bzw. des Grundeigentümers völlig ungewiss ist. Diesfalls hat die
Baubewilligungsbehörde aus formellen Gründen nicht auf das Baugesuch einzutreten.11
Ist dagegen lediglich unklar, ob einem Bauvorhaben ein zivilrechtliches Hindernis
entgegensteht, ginge es nach verwaltungsgerichtlicher Praxis nicht an, der
Bauherrschaft allein wegen der fehlenden Zustimmung nach Art. 10 Abs. 2 BewD das
Rechtsschutzinteresse abzusprechen.12 Die Baubewilligungsbehörden haben deshalb
das schutzwürdige Interesse an der Durchführung des Baubewilligungsverfahrens nur in
eindeutigen Fällen zu verneinen.
d) Die öffentliche Urkunde zur Überbauung J._, auf die sich die Parteien
berufen, hat rein zivilrechtlichen Charakter. Aus öffentlich-rechtlicher Sicht ist es nicht
von Bedeutung, ob die Einstellhalle als unterirdisch im Sinne der Urkunde gilt oder ob
die Parkplätze wie in der Urkunde vorgesehen angeordnet sind. Allfällige Verstösse
gegen die Urkunde sind damit nicht im Baubewilligungsverfahren zu prüfen. Die
privatrechtlichen Verhältnisse stehen diesbezüglich der Durchführung des
Baubewilligungsverfahrens nicht entgegen.
e) Dasselbe gilt für die Eigentumsverhältnisse der von der Abtragung betroffenen
Rebenmauer, die zwischen der I._strasse und den betroffenen Grundstücken
verläuft: Bei der I._strasse handelt es sich unbestritten um eine
Gemeindestrasse. Eigentümerin dieser Strassenparzelle (Ligerz Grundbuchblatt
Nr. 1390) ist die Gemeinde Ligerz (vgl. auch Art. 11 Abs. 2 SG13). Auch die Bestandteile
der I._strasse stehen daher im Eigentum der Gemeinde (vgl. Art. 11 Abs. 3
i.V.m. Art. 5 SG). Entsprechend sieht sich Gemeinde Ligerz nachvollziehbar als
Eigentümerin der Rebenmauer. Die Gemeinde hat der geplanten Höhenreduktion der
11 VGE 2014/176 vom 10. Februar 2015 E. 3.2 12 Siehe zum Ganzen BVR 2005 S. 130 E. 3.1; VGE 2017/215 vom 12. April 2018 E. 3.3 und E. 3.5, VGE 2012/262 vom 8. November 2013 E. 1.2.1, VGE 2014/176 vom 10. Februar 2015 E. 3.1; Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 34 N. 10; Monika Hintz, Zivilrechtliche Vorfragen im Baubewilligungsverfahren, in KPG-Bulletin 2/2014, S. 71 ff. 13 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11)
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Mauer zugestimmt.14 Die zivilrechtliche Ausgangslage betreffend die
Eigentumsverhältnisse der Natursteinmauer lässt die Realisierung des Bauvorhabens
somit nicht als völlig ungewiss erscheinen. Dies ist für die Bejahung des rechtlich
geschützten Interessens der Beschwerdegegnerschaft an der Behandlung ihres
Baugesuchs ausreichend. Eine abschliessende Klärung der Eigentumsfrage der Mauern
ist im Baubewilligungsverfahren daher nicht notwendig.
f) Anders könnte es sich mit allfälligen Eingriffen in das Terrain der
Beschwerdeführenden sowie mit baulichen Massnahmen an der Treppe auf der Parzelle
Ligerz Grundbuchblatt Nr. L._ verhalten:
Gemäss den Projektänderungsplänen soll die Treppe auf der Parzelle Ligerz
Grundbuchblatt Nr. L._ nicht nur unmittelbar bei den Rebenmauern an der
I._strasse angepasst werden, sondern es sind auch die ersten Meter des
dahinterliegenden Treppenteils betroffen. Namentlich soll dort offenbar ein Geländer
montiert und die Stufen angepasst werden. Zurzeit ist unklar, ob die betroffenen
Grundeigentümerinnen und Grundeigentümer der Parzelle Ligerz Grundbuchblatt
Nr. L._, die dem Vorhaben zustimmen müssten, bereits Kenntnis von diesen
geplanten Arbeiten haben. Wie dargelegt, ist die Projektänderung zunächst zu
publizieren. Sodann ist abzuklären, ob die Grundeigentümerinnen und Grundeigentümer
mit dem Vorhaben einverstanden sind und ob das notwendige Beschlussquorum
voraussichtlich erreicht werden könnte. Solange dies nicht geschehen ist, kann nicht
beurteilt werden, ob die zivilrechtliche Ausgangslage diesbezüglich dem Bauvorhaben
offensichtlich entgegensteht.
Betreffend die allfälligen Eingriffe in das Terrain der Beschwerdeführenden ist zudem
zunächst genauer abzuklären, ob solche überhaupt notwendig sind. Den Plänen lassen
sich zwar keine Baumassnahmen am Terrain der Beschwerdeführenden entnehmen. Es
ist jedoch nicht auszuschliessen, dass aufgrund der teilweisen Abtragung der
Rebenmauer die dahinterliegende Böschung der Beschwerdeführenden ebenfalls
angepasst werden muss. Sollte tatsächlich in das Terrain eingegriffen werden müssen,
wäre hierfür die Zustimmung der Beschwerdeführenden als Grundeigentümerschaft
notwendig. Sollte diese nicht eingeholt werden können, stünden auch hier die
privatrechtlichen Verhältnisse der Durchführung des Baubewilligungsverfahrens
entgegen.
14 Vgl. Schreiben der Gemeinde Ligerz an die Beschwerdegegnerschaft vom 27. März 2019
RA Nr. 110/2018/116 11
5. Ästhetik
a) Die Beschwerdeführenden rügen, die Einstellhalle beeinträchtige das Orts- und
Landschaftsbild. An der I._strasse gebe es keinen anderen, derart grossen
Baukörper im Strassenraum wie die geplante Einstellhalle. Sämtliche Überbauungen in
der Umgebung seien überdies deutlich von der Strasse zurückversetzt. Die
Bauherrschaft habe im Baubewilligungsverfahren ästhetisch bessere Alternativszenarien
präsentiert, diese dann aber verworfen. Der Architekt bzw. Bauberater M._, der
für das Netzwerk Bielersee die positive Stellungnahme vom 20. April 2018 verfasst
habe, sei aufgrund einer geschäftlichen Verbindung zur Projektverfasserin befangen
gewesen. Es hätte ein OLK-Gutachten eingeholt werden müssen.
b) Die Beschwerdegegnerschaft macht zur Ästhetik geltend, der vorgesehene
Einstellhallenteil übernehme die Konturen des bereits bestehenden Teils. Die Gestaltung
der betroffenen Einstellhalle integriere sich in das Orts- und Landschaftsbild. Die Kritik
an den beigezogenen Fachinstanzen sei ebenfalls unbegründet. Allerdings würde die
Beschwerdegegnerschaft keine Einwände gegen einen allfälligen Beizug der OLK
erheben. Die Alternativszenarien seien sodann aus gestalterischer Sicht nachteiliger als
die angestrebte Lösung. Die Gemeinde vertritt im Wesentlichen dieselbe Ansicht und
hält zusätzlich fest, sollte die BVE auf Befangenheit von Herrn M._ erkennen,
sei das Vorhaben durch einen anderen Bauberater des Netzwerks Bielersee und nicht
durch die OLK beurteilen zu lassen. Die Vorinstanz stützt sich im angefochtenen
Entscheid auf die positive Beurteilung des Netzwerks Bielersee und des Berner
Heimatschutzes. In der Stellungnahme vom 14. September 2018 führte die Vorinstanz
im Beschwerdeverfahren jedoch aus, sie begrüsse ausdrücklich die Einholung eines
OLK-Berichts in dieser wertvollen Umgebung.
c) Bei Bedenken hinsichtlich einer Beeinträchtigung des Ortsbilds konsultiert die
Baubewilligungsbehörde die OLK als zuständige kantonale Fachstelle. Dies gilt
namentlich für prägende Vorhaben in einem Gebiet des Bundesinventars der
Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN). Besteht eine
leistungsfähige örtliche Fachstelle, so kann sie diese anstelle der OLK konsultieren (vgl.
Art. 22a BewD). Doppelbegutachtungen sind im Baubewilligungsverfahren zu
RA Nr. 110/2018/116 12
vermeiden. Eine erneute gestalterische Beurteilung kann indes dann angezeigt sein,
wenn eine Projektänderung die ästhetische Wirkung des Vorhabens beeinflusst. Wenn
ästhetische Fragen im Beschwerdeverfahren umstritten sind, ist die OLK Fachstelle der
BVE. Die BVE kann auch dann einen Fachbericht der OLK einholen, wenn bereits ein
Bericht einer leistungsfähigen Behörde vorliegt.
d) Das Netzwerk Bielersee und der Berner Heimatschutz äusserten sich im
Baubewilligungsverfahren mit einer gleichlautenden Stellungnahme positiv zum
Vorhaben.15 Sie führten insbesondere aus, für die geplante Einstellhalle mache es aus
gestalterischer Sicht Sinn, auf der Flucht des bereits bestehenden Einstellhallenteils
weiterzubauen. Das Netzwerk Bielersee und der Berner Heimatschutz gelten als
leistungsfähige Behörden im Sinn von Art. 22a BewD. Die Vorinstanz musste somit die
OLK nicht mehr beiziehen. Im Beschwerdeverfahren vor der BVE ist daher zu prüfen, ob
die Ästhetik anhand der Vorakten ausreichend beurteilt werden kann. Die Bauparzelle
liegt in einem Gebiet des Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler von
nationaler Bedeutung (BLN). Ligerz ist zudem als Dorf im Bundesinventar für
schützenswerte Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS) aufgeführt.
J._ gehört zur Umgebungsrichtung I (steiler Rebhang, mehrfach terrassiert,
Ortsbildhintergrund) und wird im ISOS umschrieben als hochgelegener Weiler von
regionaler Bedeutung mit zahlreichen Einfamilienhäusern. Das Vorhaben befindet sich
schliesslich in unmittelbarer Nähe einer Rebenschutzzone, die im kommunalen
Baureglement als Landschaft von besonderer Schönheit, Eigenart und geschichtlichem
Wert definiert ist (Art. 13.1 Abs. 1 GBR). Die Rebmauern, die neu teilweise abgetragen
werden sollen, sind ein wichtiger Teil der Rebenlandschaft. Das Vorhaben befindet sich
also in einer landschaftlich wertvollen Umgebung. Die Projektänderung bedarf daher
einer einlässlichen ästhetischen Beurteilung. Zwar haben sich das Netzwerk Bielersee
und der Berner Heimatschutz offenbar mündlich bereits positiv zum geänderten Projekt
geäussert.16 Eine Begründung findet sich jedoch nicht in den amtlichen Akten, weshalb
die Beurteilung nicht überprüft werden kann. Die ursprünglichen Stellungnahmen des
Netzwerks Bielersee und des Berner Heimatschutzes thematisieren zudem die von den
Beschwerdeführenden gerügte Dimensionierung der Einstellhalle nicht. Die Wirkung des
Vorhabens auf das Orts- und Landschaftsbild lässt sich anhand der vorliegenden Akten
15 Vorakten, p. 156 und p. 183 16 Schreiben der Gemeinde Ligerz an die Beschwerdegegnerschaft vom 27. März 2019; Schlussbemerkungen der Beschwerdegegnerschaft vom 8. August 2019
RA Nr. 110/2018/116 13
daher nicht ausreichend beurteilen. Hinzu kommt, dass die Beschwerdegegnerschaft
Ausnahmen vom Strassenabstand und vom Abstand zur Rebenschutzzone verlangt. Für
beide Ausnahmen spielt die ästhetische Beurteilung eine massgebende Rolle (vgl. E. 6
und 7). Die Beschwerdeführenden verlangen in ihrer Beschwerde daher zu Recht das
Einholen eines OLK-Gutachtens. Die Beschwerdegegnerschaft führt in ihrer
Beschwerdeantwort aus, sie sei mit dem Beizug der OLK einverstanden. Die Vorinstanz
begrüsst den Beizug der OLK sogar ausdrücklich. Das Rechtsamt der BVE hätte daher
zur Frage der Ästhetik einen Bericht der Fachstelle, also der OLK, eingeholt. Weil das
Baubewilligungsverfahren aber ohnehin von der Vorinstanz fortzusetzen sein wird (vgl.
E. 9), ist der OLK-Bericht von der Vorinstanz einzuholen. Damit kann offen bleiben, ob
M._ vom Netzwerk Bielersee befangen gewesen ist.
6. Verkehrssicherheit und Ausnahme zur Unterschreitung des Strassenabstands
a) Gemäss Art. 80 Abs. 1 SG gilt für Bauten und Anlagen an Kantonsstrassen ein
Abstand von 5 m ab Fahrbahnrand. An Gemeindestrassen gilt ein Abstand von 3.60 m
ab Fahrbahnrand. Das zuständige Gemeinwesen kann in Nutzungsplänen oder in der
Gesetzgebung andere Abstände festlegen. Dies hat die Gemeinde Ligerz getan und in
Art. 4.2 Abs. 3 GBR17 für Strassen der Basiserschliessung einen Strassenabstand von
5 m vorgesehen. Die Einstellhalle unterschreitet unbestrittenermassen diesen
Strassenabstand und erfordert daher eine Ausnahme.
b) Die Beschwerdeführenden rügen, die Vorinstanz habe für die Einstellhalle zu
Unrecht eine Ausnahme zum Unterschreiten des Strassenabstands gewährt. Die
Einstellhallenzufahrt sei nicht verkehrssicher. Zudem handle es sich bei der Einstellhalle
um einen Neubau, bei dem die Gestaltungsmöglichkeiten gross seien. So seien ohne
Weiteres Alternativen denk- und umsetzbar, bei welchen der geltende Strassenabstand
eingehalten werden könne. Damit würden auch keine besonderen Verhältnisse für eine
Ausnahme vorliegen.
c) Die Vorinstanz, die Beschwerdegegnerschaft und auch die Gemeinde Ligerz sind
der Ansicht, die besonderen Umstände seien darin begründet, dass der erste Teil der
17 Baureglement der Gemeinde Ligerz vom 3. Dezember 2015 (GBR)
RA Nr. 110/2018/116 14
Einstellhalle bereits bestehend sei. Für diesen bestehenden Teil sei bereits eine
Unterschreitung des Strassenabstands bewilligt worden. Die nun geplante, zweite
Etappe der Einstellhalle solle an den bereits bestehenden Teil anschliessen. Eine
Rückversetzung wäre zudem die ästhetisch schlechtere Lösung. Die Verkehrssicherheit
werde durch die Unterschreitung des Strassenabstands zudem nicht gefährdet.
d) Wie bereits dargelegt, erteilte das damalige Regierungsstatthalteramt Nidau im
Jahr 1998 die generelle Baubewilligung für eine Wohnüberbauung mit 9 Wohnhäusern.
Bestandteil der generellen Baubewilligung war auch eine Ausnahmebewilligung zum
Unterschreiten des Strassenabstands. Im Jahr 2002 erteilte die Gemeinde für die
westliche Nachbarparzelle Ligerz Grundbuchblatt Nr. K._ die Bewilligung für
den Neubau eines Einfamilienhauses. Die Bewilligung umfasste auch die Erstellung
einer Einstellhalle im Strassenabstand. Den Baugesuchsunterlagen aus dem Jahr 2002
lässt sich entnehmen, dass die Bewilligung der Gemeinde ausschliesslich die erste
Etappe der Einstellhalle betraf.18 Für das Unterschreiten des Strassenabstands wurden
also bereits in den Jahren 1998 und 2002 Ausnahmen erteilt. Gemäss dem damaligem
Recht fiel die generelle Baubewilligung dahin, sofern das Gesuch für die
Ausführungsbewilligung nicht innert zwei Jahren seit ihrer Rechtskraft eingereicht wurde
(Art. 32 Abs. 4 Bst. b BauG 97). Nach heutigem Recht erlischt die generelle
Baubewilligung, wenn nicht innerhalb von drei Jahren seit ihrer rechtskräftigen Erteilung
das Baugesuch für das Ausführungsprojekt eingereicht wird. Das Baugesuch für das
vorliegende Ausführungsprojekt wurde im Jahr 2017 und damit lange nach der
generellen Baubewilligung von 1998 eingereicht. Die generelle Baubewilligung ist in
Bezug auf das vorliegende Vorhaben damit erloschen. Die Bewilligung aus dem Jahr
2002 betraf ein anderes Vorhaben und klammerte die vorliegend umstrittene Fortführung
der Einstellhalle ausdrücklich aus. Zudem wäre auch diese mittlerweile erloschen (vgl.
Art. 42 Abs. 1 BauG; Art. 42 Abs. 2 BauG 97). Beide Bewilligungen gewährten zudem
eine Ausnahme, ohne die Verkehrssicherheit zu thematisieren. Diese Bewilligungen
können also nicht als Begründung für die nunmehr zu beurteilende Ausnahme
herangezogen werden. Der vorliegend umstrittene Einstellhallenteil erfordert eine
eigenständigen Prüfung der Ausnahmevoraussetzungen.
18 Plan «GRUNDRISS MIT E.H., EG MIT UMGEBUNG, OG UND SCHNITT» im Massstab 1:100 (genehmigt am 29. Oktober 2002); Plan «FASSADEN UND EINSTELLHALLENANSICHT» im Massstab 1:100 (genehmigt am 29. Oktober 2002), Baubewilligungsformular 1.0, Ausnahmegesuch
RA Nr. 110/2018/116 15
e) Nach Art. 81 Abs. 1 SG kann das zuständige Gemeinwesen von den gesetzlichen
Strassenabständen Ausnahmen bewilligen, wenn besondere Verhältnisse, insbesondere
des Ortsbilds, es rechtfertigen und wenn dadurch weder öffentliche Interessen noch
wesentliche nachbarliche Interessen beeinträchtigt werden. Anders als bei der
allgemeinen Ausnahmeregelung von Art. 26 BauG nennt Art. 81 SG explizit das Ortsbild
als mögliche besondere Verhältnisse.19 Ästhetische Aspekte stellen dann besondere
Verhältnisse dar, wenn ohne die Ausnahme keine architektonisch befriedigende Lösung
erreicht werden kann. Dies ist in erster Linie bei Umbauten der Fall, da die
Gestaltungsmöglichkeiten beim Umbau eines bestehenden Gebäudes angesichts der
Ausgangslage oftmals stark eingeschränkt sind. Anders liegen die Dinge in der Regel im
Falle eines Neubaus. Dort hat sich die Gestaltung zwar ebenfalls an gewissen
bestehenden Elementen zu orientieren, die Gestaltungsmöglichkeiten sind jedoch
wesentlich grösser als beim Umbau eines bestehenden Gebäudes. Bei Neubauten kann
es wohl nur in speziellen Situationen vorkommen, dass ohne Ausnahme keine
architektonisch befriedigende Lösung erreicht werden kann.20 Im Übrigen ist die
Ausnahmeregelung von Art. 81 Abs. 1 SG jener von Art. 26 BauG nachgebildet.21 Zur
Konkretisierung von Art. 81 Abs. 1 SG kann daher auch die Rechtsprechung zu Art. 26
BauG herangezogen werden.22
f) Auf den Plänen von 200223 war nur die erste Etappe der Einstellhalle enthalten.
Die zweite Etappe war bloss mit gestrichelten Linien angedeutet. Die Pläne wiesen
folgende Bemerkung zum angedeuteten, zweiten Einstellhallenteil auf: «2. Etappe
Einstellhalle. Da noch nicht festgelegt ist, ob auf der Parzelle Nr. G._ ein
Einfamilienhaus oder ein Doppeleinfamilienhaus entsteht, kann die 2. Etappe der
Einstellhalle erst dann vollendet werden, wenn ein weiteres Baugesuch auf der
erwähnten Parzelle erfolgt». Es war also bereits bei Beginn der Bauarbeiten im
Jahr 2002 klar, dass der damals erstellte Einstellhallenteil bloss die erste Etappe der
gesamten Garage darstellen soll. Beim vorliegend umstrittenen, zweiten Etappenteil der
19 Vgl. BDE 110/2018/19; BDE vom 25. August 2014 E. 3 (RA Nr. 110/2014/6), siehe dazu Daniel Gallina in: KPG-Bulletin 2002, Die Ausnahme bestätigt die Regel, S. 52, BDE 110 2015 125 20 Vgl. BDE 110/2004/16 21 Siehe dazu Vortrag des Regierungsrates an den Grossen Rat zum Strassengesetz, in Tagblatt des Grossen Rates des Kantons Bern, Januarsession 2008, Beilage 2, Erläuterungen zu den einzelnen Bestimmungen Artikel 77, S. 24 22 Siehe dazu Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 12 N. 18 23 Plan «GRUNDRISS MIT E.H., EG MIT UMGEBUNG, OG UND SCHNITT» im Massstab 1:100 (genehmigt am 29. Oktober 2002)
RA Nr. 110/2018/116 16
Einstellhalle handelt es sich daher um eine Fortsetzung der bereits bestehenden Baute.
Es ist nachvollziehbar, dass die beiden Teile eine zusammenhängende
Einstellhallenfläche ergeben sollen. Die Projektierungsmöglichkeiten bei einer solchen
Etappierung sind planerisch eingeschränkter als bei einem isolierten Neubau. Überdies
befindet sich die Einstellhalle an einer Hanglage. Der Beschwerdegegnerschaft ist darin
zuzustimmen, dass hier aufgrund der Topographie die Errichtung einer Einstellhalle
erschwert ist.24 Die Ausgestaltung des geplanten Einstellhallenteils ist also in mehrerer
Hinsicht eingeschränkt. Daran ändert nichts, dass die Bauherrschaft während der
Planungsphase auch Alternativszenarien ausarbeitete. Überdies kamen das Netzwerk
Bielersee und der Berner Heimatschutz zum Ergebnis, es mache aus ästhetischer Sicht
Sinn, auf der Flucht des bestehenden Einstellhallenteils weiterzubauen. Die Vorinstanz
bejahte aus heutiger Sicht daher zu Recht das Vorliegen von besonderen Umständen.
Das Bauvorhaben wird jedoch, wie dargelegt, noch von der Kommission zur Pflege der
Orts- und Landschaftsbilder (OLK) zu beurteilen sein. Sollte der noch einzuholende
Bericht der OLK der Beurteilung des Netzwerks Bielersee bzw. des Berner
Heimatschutzes widersprechen, hätte die Vorinstanz die Ausnahmevoraussetzungen
erneut zu prüfen.
g) Zur Beurteilung der Verkehrssicherheit holte das Rechtsamt beim TBA OIK III
einen Fachbericht ein. Die Fachstelle führt im Bericht vom 11. Dezember 2018
insbesondere aus, bei der I._strasse handle es sich um eine
Basiserschliessungsstrasse mit einem geschätzten täglichen Verkehr von einigen
hundert Fahrzeugen. In Längsrichtung sei die Strasse übersichtlich. Die signalisierte
Höchstgeschwindigkeit betrage 40 km/h. Die Strasse weise ein Längsgefälle von
einigen Prozent auf. Für die Begegnungsfälle zwischen Personenwagen (PW) seien die
Verhältnisse generell beengt, so dass zwei PWs nicht überall kreuzen könnten. Deshalb
seien Ausweichstellen vorhanden. Oberhalb und unterhalb des Bauvorhabens würden
sich neuere Garagen befinden. Diese seien mit einem Abstand von 5 m zur
I._strasse erstellt worden und würden grosszügige Vorplätze aufweisen, die der
Verkehrssicherheit dienen würden. Dort, wo das Projekt realisiert werden solle, würden
die heutigen Sichtweiten auf beide Seiten zwischen 8 m bis 10 m betragen. Verlangt sei
gemäss der VSS-Norm 640 273a jedoch eine Knotensichtweite von 35 m aus einem
Beobachtungspunkt von 3 m Abstand ab Fahrbahnrand. Dieser Sichtfeldbereich müsse
in der Höhe zwischen 0.60 m und 3 m frei einsehbar sein. Der heute bestehende
24 Vgl. Beschwerdeantwort vom 20. September 2018, Rz. 46
RA Nr. 110/2018/116 17
Strassenanschluss und die Sichtverhältnisse aus der Einstellhalle seien daher
ungenügend. Es würde sozusagen den Verkehrsteilnehmenden auf der
I._strasse überlassen, auf ein die Einstellhalle ausfahrendes Fahrzeug zu
reagieren. Gute Sichtverhältnisse seien für die Verkehrssicherheit entscheidend. Vor
einer Garage müsse zudem genügend Platz vorhanden sein, damit ein Fahrzeug bei
geschlossenem Tor von der öffentlichen Strasse abfahren und vor der Garage anhalten
könne. Dies sei mit dem geplanten Garagentor nicht der Fall. Weiter dürfe zwingend nur
vorwärts von der Garage auf die I._strasse gefahren werden. Ob für alle
Parkplätze die notwendigen Manöver in der Einstellhalle möglich seien, könne nicht
abschliessend beurteilt werden. Die Fahrgasse zwischen den Parkplätzen mit rund 8 m
sollte jedoch genügen. Einzelne Parkplätze könnten indes nur mit mehreren Manövern
erreicht oder verlassen werden. Auf die Frage, ob sich aus Sicht des TBA etwas an der
Beurteilung der Verkehrssicherheit ändern würde, falls der geplante Teil der Einstellhalle
den Strassenabstand einhalten würde, antwortete die Fachstelle mit «grundsätzlich eher
ja». Der eingehaltene Strassenabstand sage jedoch über die tatsächlichen
Sichtverhältnisse noch nichts aus. Im Baugesuch müssten daher die Sichtlinien in den
Plänen überprüfbar eingezeichnet und nachgewiesen werden.
h) In der Projektänderung verzichtete die Bauherrschaft zunächst auf das
Garagentor. Einfahrende Fahrzeuge müssen dank dieser Anpassung nun nicht mehr
teilweise auf der Strasse warten, bis sie in die Garage fahren können. Die Bauherrschaft
konnte mit dieser Änderung den diesbezüglichen Einwänden der Fachbehörde
Rechnung tragen. Zur Verbesserung der Sicht hat die Bauherrschaft zudem eine
teilweise Abtragung der Rebenmauern auf eine Höhe von max. 60 cm vorgesehen und
auf eine Bepflanzung verzichtet. Zudem hat die Bauherrschaft in den angepassten
Plänen, wie von der Fachstelle verlangt, die Sichtweiten eingezeichnet. Demnach
beträgt bei einer Beobachtungsdistanz von 3 m die Knotensichtweite neu beidseitig
35 m. Das Sichtfeld ist mit der Kürzung der Mauern auf 60 cm und der Anpassung der
Bepflanzung zudem frei. Die von der Fachstelle verlangten Sichtweiten sind nunmehr
eingehalten. Schliesslich hat die Fachstelle verlangt, dass zwingend nur vorwärts von
der Einstellhalle auf die Strasse gefahren werden dürfe. Diese Forderung ist
überzeugend und für die Verkehrssicherheit zwingend einzuhalten. Die Bauherrschaft
hat daher den Grundriss der Einstellhalle leicht angepasst und die Verkehrsfläche von
ursprünglich 56 m2 auf neu 69 m2 vergrössert. Damit konnte die Bauherrschaft das
Manövrieren und so auch die Praktikabilität des vorwärts Ausfahrens verbessern. Dies
RA Nr. 110/2018/116 18
alleine reicht indes noch nicht, um sicherzustellen, dass tatsächlich nur vorwärts auf die
Strasse gefahren wird. Vielmehr ist die Pflicht zum vorwärts Ausfahren mit einer Auflage
in der allfälligen Baubewilligung zu verankern (vgl. Art. 38 Abs. 3 BauG). Eine solche
Auflage ist geeignet, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Sie ist der
Beschwerdegegnerschaft auch zumutbar. Sollte sich das Projekt als bewilligungsfähig
erweisen, wäre die Baubewilligung daher nur mit einer entsprechenden Auflage zu
erteilen. Die Verkehrssicherheit ist damit gewährleistet. Ob das Vorhaben andere
öffentliche Interessen wie namentlich den Ortsbild- und Landschaftsschutz tangiert, kann
erst nach Vorliegen des OLK-Berichts definitiv beurteilt werden. Wesentliche
nachbarliche Interessen sind indessen nicht betroffen.
i) Die Beschwerdeführenden machen zwar geltend, eine Ausnahmebewilligung sei
auch aus Gründen der Rechtsgleichheit nicht zu erteilen. Sie hätten bei ihrem
Bauprojekt ebenfalls keine Ausnahme erhalten und eine Wand der Garage um rund
40 cm nach hinten versetzen müssen, um den Strassenabstand einzuhalten.
Das Gebot rechtsgleicher Behandlung nach Art. 8 Abs. 1 BV25 garantiert in allgemeiner
Weise die Gleichbehandlung von Personen durch alle staatlichen Organe. Die
Rechtsgleichheit gebietet, Gleiches nach Massgabe seiner Gleichheit gleich und
Ungleiches nach Massgabe seiner Ungleichheit ungleich zu behandeln. Ein Entscheid
verletzt den Grundsatz der Rechtsgleichheit und damit Art. 8 Abs. 1 BV, wenn er
rechtliche Unterscheidungen trifft, für die ein vernünftiger Grund in den tatsächlichen
Verhältnissen, über die zu entscheiden ist, nicht ersichtlich ist, oder Unterscheidungen
unterlässt, die sich aufgrund der Verhältnisse aufdrängen. Der Umstand, dass das
Gesetz in anderen Fällen nicht oder nicht richtig angewandt worden ist, gibt dem Bürger
grundsätzlich keinen Anspruch darauf, ebenfalls abweichend vom Gesetz behandelt zu
werden. Denn der Grundsatz der Gesetzmässigkeit der Verwaltung geht dem
Rechtsgleichheitsprinzip, und damit dem Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht, in
der Regel vor.26
Die Beschwerdeführenden verlangen nicht eine Ausnahme für ihr abgeschlossenes
Projekt, sondern das Verbot einer Ausnahmeerteilung für das Projekt der
25 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) 26 Vgl. zum Ganzen BGE 144 I 113 E. 5.1.1; BGE 127 I 1 E. 3.a; BGE 123 II 248 E. 3.c; BGE 122 II 451 E. 4, m.w.H.
RA Nr. 110/2018/116 19
Beschwerdegegnerschaft. Es ist fraglich, ob das Gebot der Gleichbehandlung auf solche
Konstellationen überhaupt anwendbar ist. Dies kann indes offen bleiben, da ohnehin
offenkundig unterschiedliche Sachverhalte vorliegen: Während bei der
Beschwerdegegnerschaft ein Teil der Einstellhalle bereits vorbestehend ist, war dies bei
den Beschwerdeführenden nicht der Fall. Damit können die Beschwerdeführenden aus
dem Grundsatz der Gleichbehandlung so oder anders nichts zu ihren Gunsten ableiten.
j) Dem Gesagten zufolge hat die Vorinstanz die Ausnahme nach heutigem
Kenntnisstand zu Recht gewährt. Eine abschliessende Beurteilung wird jedoch erst nach
Vorliegen der ästhetischen Beurteilung durch die OLK möglich sein. Sollte sich das
Projekt als bewilligungsfähig erweisen, wäre die Baubewilligung indes mit einer Auflage
zu erteilen, wonach nur vorwärts aus der Einstellhalle gefahren werden darf.
7. Abstand zur Rebenschutzzone
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, die Einstellhalle verletzte den im
Baureglement vorgesehenen Abstand zur Rebenschutzzone. Dennoch sei kein
Ausnahmegesuch eingereicht und auch keine Ausnahme erteilt worden.
Ausnahmegründe seien ohnehin nicht ersichtlich.
b) Die Beschwerdegegnerschaft bringt dagegen vor, die I._strasse liege voll
im Abstandsbereich zur Schutzzone. Der Abstand werde also generell unterschritten und
mit der Strasse im Abstandsbereich werde eine Zäsur zur Rebenschutzzone geschaffen.
Die Vorschrift, einen minimalen Abstand von der Rebenschutzzone einzuhalten, verliere
unter solchen Umständen ihre Bedeutung. Es stelle sich damit die Frage, ob für die
Unterschreitung des Abstands zur Rebenschutzzone überhaupt eine eigene
Ausnahmebewilligung notwendig sei, oder ob diese nicht durch die Ausnahme zum
Unterschreiten des Strassenabstands übersteuert werde.
Die Gemeinde führt aus, gemäss dem Baureglement gelte für den Abstand zur
Rebenschutzzone der grosse Grenzabstand 1. Weil der grosse Grenzabstand 1 nur im
Zusammenhang mit Hauptgebäuden zur Anwendung gelange, müsse die Einstellhalle
diesen gegenüber der Rebenschutzzone nicht einhalten. Als Nebenbaute dürfe die
Einstellhalle bis zu 2 m von der Rebenschutzzone entfernt stehen.
RA Nr. 110/2018/116 20
c) Die Gemeinde Ligerz hat die baupolizeilichen Masse in Art. 4.2 GBR geregelt.
Massgebend für den Abstand zur Rebenschutzzone ist Art. 4.2 Abs. 2 Bst. l GBR, der
lautet wie folgt: «Gegenüber der Rebenschutzzone gilt in jedem Fall der grosse
Grenzabstand 1. Wegbreiten zwischen den Reben und dem Baugrundstück werden
mitgerechnet.»
Der Bestimmung lässt sich nicht explizit entnehmen, ob der Abstand zur
Rebenschutzzone auch für Einstellhallen gilt. Die Norm ist damit auszulegen. Zur
Anwendung gelangen die üblichen Methoden der Gesetzesauslegung.27 Für die Frage,
ob die Auslegung der Gemeinde haltbar ist, ist weiter von Bedeutung, wie sie die zur
Diskussion stehende Gemeindevorschrift bisher in der Praxis verstanden und
gehandhabt hat.28 Da es um die Auslegung einer kommunalen Vorschrift geht, ist zudem
die Gemeindeautonomie zu beachten. Es ist vorab Sache der Gemeinde, zu bestimmen,
wie sie eine kommunale Vorschrift verstanden haben will. Wird die Anwendung einer
solchen Bestimmung Gegenstand eines Beschwerdeverfahrens, haben die kantonalen
Rechtsmittelinstanzen zu prüfen, ob die von der Gemeinde geltend gemachte Auslegung
rechtlich haltbar ist.29
d) Gemäss dem Wortlaut von Art. 4.2 Abs. 2 Bst. l GBR gilt als Abstand zur
Rebenschutzzone «in jedem Fall» der grosse Grenzabstand 1. Der Wortlaut lässt also
darauf schliessen, dass nicht nur Hauptgebäude, sondern auch alle anderen Arten von
Bauten den grossen Grenzabstand 1 einzuhalten haben. Systematisch sind die Masse
und Abstände für Hauptgebäude in Abs. 1 von Art. 4.2 GBR geregelt. Demnach gilt in
der Wohnzone, in der sich das Vorhaben befindet, ein grosser Grenzabstand 1 von
10 m. In Abs. 2 von Art 4.2 GBR werden für bestimmte Bau- und Gebäudeteile wie
namentlich (un-)bewohnte An- und Nebenbauten (Bst. a und b), unterirdische
Bauten (Bst. c) oder Tiefbauten (Bst. d) Spezialmasse festgelegt. Erst im Anschluss an
diese speziellen Be-stimmungen folgt in Abs. 2 Bst. l die Vorschrift zu Rebenschutzzone,
wonach «in jedem Fall» der grosse Grenzabstand 1 als Abstand zur Rebenschutzzone
gilt. Von der Systematik her bezieht sich der Abstand zur Rebenschutzzone also sowohl
27 BGE 140 II 289 E. 3.2; Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016, 177 ff. 28 BVR 2010 S. 113 E. 4.4, m.w.H. 29 BGer 1C_484/2016 vom 28. Juni 2017 E. 2.1.2; BVR 2007 S. 58 E. 4.3, m.w.H.; Häfelin/Müller/Uhlmann, a.a.O. N 1902 ff.
RA Nr. 110/2018/116 21
auf Hauptgebäude als auch auf sämtliche vorgenannten anderen Bau- und
Gebäudeteile. Dem grossen Grenzabstand kommt zudem in erster Linie
nachbarschützende Funktion zu.30 Beim Abstand zur Rebenschutzzone handelt es sich
dagegen um einen Abstand, der dem Schutz der Rebenlandschaft dienen soll (vgl.
Art. 13.1 Abs. 1 GBR). Weil eine Baute den grossen Grenzabstand 1 nicht einzuhalten
hat, bedeutet dies also auch hinsichtlich der Schutzfunktion nicht automatisch, dass sie
den Abstand zur Rebenschutzzone ebenfalls nicht einhalten muss. Art. 4.2 Abs. 2
Bst. l GBR ist demnach so zu verstehen, dass sich die Grösse des Abstands zur
Rebenschutzzone am Mass des grossen Grenzabstands 1 orientiert. In der Wohnzone,
in der sich das Vorhaben befindet, beträgt der grosse Grenzabstand 1 und damit der
Abstand zur Rebenschutzzone 10 m. Diese Abstandsvorschrift hat nicht ihre Bedeutung
verloren, wie dies die Beschwerdegegnerschaft geltend macht: Die Regelung wurde erst
mit der Revision der baurechtlichen Grundordnung vom 28. November 2013 ins
Baureglement Ligerz aufgenommen. Die Situation an der I._strasse im Bereich
der Bauparzelle war also bestehend, als die heutige Rechtslage in Kraft trat. Die
Gemeinde bringt sodann nicht vor, sie wolle die Norm an der I._strasse generell
nicht anwenden. Sie macht einzig geltend, sie wolle die Norm auf unbewohnte An- und
Nebenbauten nicht anwenden. Diese Auslegung der Gemeinde widerspricht dem
Gesagten zufolge jedoch der grammatikalischen, systematischen und auch
teleologischen Auslegung der Bestimmung und ist rechtlich nicht haltbar.
Die Einstellhalle müsste also einen Abstand von 10 m gegenüber der Rebenschutzzone
einhalten. Eine Unterschreitung dieses Abstands erfordert eine Ausnahmebewilligung.
Die Bauherrschaft hat während des Beschwerdeverfahrens ein solches
Ausnahmegesuch eingereicht. Dieses muss publiziert und geprüft werden.
8. Baupolizeiliche Masse der Einstellhalle
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, die Garageneinfahrt sei zu breit. Die
nach Baureglement maximal zulässige Gesamtbreite für Abtragungen für Hauseingänge
und Garageneinfahrten betrage 5 m. Die vorliegende Garageneinfahrt sei allerdings
6.64 m breit, womit die Einfahrt zu breit und nicht bewilligungsfähig sei.
30 BGer 1P.468/2002 vom 9. Januar 2003 E. 4.4
RA Nr. 110/2018/116 22
Die Beschwerdegegnerschaft bringt dagegen vor, die Einfahrt sei bereits bestehend und
bewilligt. Sie werde lediglich ergänzt und in den neuen Baukörper integriert. Zudem
würden die Abgrabungen weniger als 5 m betragen. Die Vorinstanz und die Gemeinde
führen aus, die von den Beschwerdeführenden zitierte Vorschrift diene der Bemessung
der Gebäudehöhe. Sie habe keinen Einfluss auf die Breite von Garageneinfahrten und
komme daher nicht zur Anwendung.
b) Art. 4.2. Abs. 2 Bst. f GBR bestimmt, dass Abgrabungen für Hauseingänge und
Garageneinfahrten maximal 5 m betragen dürfen. Diese Vorgabe wird in Anhang 1 des
GBR unter dem Titel «Abgrabungen» konkretisiert. Dort wird festgehalten, dass
Abgrabungen des gewachsenen Bodens für Hauseingänge und Garageneinfahrten bis
zur zulässigen Gesamtbreite unberücksichtigt bleiben. Die Beschwerdeführenden
scheinen die Bestimmung so zu verstehen, dass Garageneinfahrten nicht breiter als 5 m
sein dürfen. Bei dieser Bestimmung handelt es sich jedoch nicht um eine Regelung zur
Breite von Garageneinfahrten, sondern um eine in Baureglementen gängige
Bestimmung, die in Zusammenhang mit der Messung von Gebäudehöhen zur
Anwendung kommt. Die Norm ist so zu verstehen, dass Abgrabungen bei der
Gebäudehöhe nicht mitberücksichtigt werden, falls die Garageneinfahrt weniger als 5 m
beträgt. Auch die Gemeinde Ligerz weist korrekt darauf hin, dass es sich bei Art. 4.2.
Abs. 2 Bst. f GBR nicht um eine Regelung von Garageneinfahrten handelt. Diese
Leseart ergibt sich auch aus dem Vortrag der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion
(JGK) zur BMBV. Dort wird unter dem Titel «Art. 14 ff. Höhen» festgehalten, dass die
Gemeinden Regelungen, wonach Abgrabungen für Hauseingänge bis zu einer Breite
von 5 Metern zugelassen sind, weiterhin beibehalten können. Die vorliegende
Garageneinfahrt darf demnach auch mehr als 5 m breit sein und widerspricht nicht
kommunalem Recht.
c) Die Beschwerdeführenden machen weiter geltend, die Einstellhalle sei grösser als
40 m2 und daher keine abstandsprivilegierte Nebenbaute. Es handle sich auch nicht um
einen unterirdischen Bau im Sinn des Baureglements. Vielmehr sei die gesamte
Einstellhalle als Hauptbaute zu qualifizieren. Damit seien der grosse Grenzabstand und
der entsprechende Gebäudeabstand einzuhalten. Beide Abstände würden verletzt. Aus
den Plänen sei zudem nicht ersichtlich, welcher Teil der Einstellhalle bestehen bleibe
und welcher abgerissen und neu aufgebaut werde.
RA Nr. 110/2018/116 23
Die Gemeinde ist dagegen der Ansicht, soweit die Einstellhalle unter dem gewachsenen
Terrain liege bzw. nur maximal 1.2 m darüber hinausrage, gelte sie als unterirdische
Baute. Die baupolizeilichen Masse würden vom unterirdischen Teil eingehalten. Die
Prüfung beschränke sich auf denjenigen Teil der Einstellhalle, der das gewachsene
Terrain um 1.2 m überrage. Dieser Bauteil sei weniger als 40 m2 gross und daher eine
Nebenbaute. Damit halte auch der oberirdische Teil der Einstellhalle die baupolizeilichen
Masse ein. Die Beschwerdegegnerschaft führt zudem aus, alternativ könnte der Bauteil
gemäss einer Empfehlung des Amts für Gemeinden und Raumordnung (AGR) auch als
unbewohntes, eingeschossiges Hauptgebäude qualifiziert werden. Auch in diesem Fall
seien alle baupolizeilichen Masse eingehalten.
d) Gemäss Art. 4.2 Abs. 2 Bst. b GBR darf die Gebäudefläche von unbewohnten An-
und Nebenbauten maximal 40 m2 betragen. Der Grenzabstand beträgt 2 m und die
Gebäudehöhe maximal 4 m. Zu den unterirdischen Bauten bestimmt das GBR, dass
diese bis zu 1.2 m über das massgebende Terrain ragen dürfen. Diese haben einen
Grenzabstand von 1 m einzuhalten (Art. 4.2 Abs. 2 Bst. c GBR).
e) Es ist unbestritten, dass ein Teil der geplanten Einstellhalle weniger als 1.2 m über
das massgebende Terrain ragt und ein anderer, freiliegender Teil der Einstellhalle
dieses Mass überschreitet. Umstritten ist, ob die Einstellhalle daher in einen unter- und
oberirdischen Teil aufgeteilt und der oberirdische Teil entsprechend als unbewohnte An-
und Nebenbaute qualifiziert werden kann, oder ob die Einstellhalle als Ganzes zu
betrachten ist.
Die Baugesetzgebung gebietet in der Regel eine ganzheitliche Betrachtungsweise von
Bauten und Anlagen: Wird beispielsweise die zulässige Höhe eines Gebäudes an bloss
einem Punkt überschritten, gilt das gesamte Gebäude als zu hoch. Dasselbe gilt für den
Grenzabstand oder die Gebäudelänge. Auch wenn Bauten etappenweise erstellt
werden, sind die baupolizeilichen Masse nicht einzeln pro Etappe, sondern gesamthaft
einzuhalten. So hat die BVE in einem Fall, wo auf einen Carport ein Geräteschopf
erstellt worden ist, die beiden Bauten für die Frage der Gebäudehöhe und des
Grenzabstands als Einheit betrachtet.31 Unterirdische Bauten werden zudem in der
BMBV32 als «vollständig» unter dem massgebenden Terrain definiert (Art. 5 BMBV).
Würden Bauten in verschiedene Abschnitte aufgegliedert und die jeweiligen Teile
31 BDE vom 5. März 2015, RA-Nr. 110/2014/144 32 Verordnung vom 25. Mai 2011 über die Begriffe und Messweisen im Bauwesen (BMBV; BSG 721.3)
RA Nr. 110/2018/116 24
separat beurteilt, wäre sowohl die Frage nach der Baubewilligungspflicht als auch nach
der Baubewilligungsfähigkeit kaum mehr nach klaren Regeln beurteilbar. Ausserdem
wäre eine solche Betrachtungsweise missbrauchsanfällig. Eine entsprechende Praxis
der Gemeinde Ligerz ist damit rechtlich nicht haltbar. Die vorliegende Einstellhalle ist
also ganzheitlich zu betrachten und zu qualifizieren. Ein Teil der Einstellhalle ragt über
1.20 m über den Boden, womit die Einstellhalle als Ganzes nicht als unterirdisch im Sinn
von Art. 4.2 Abs. 2 Bst. c GBR gilt. Will die Bauherrschaft den geplanten
Einstellhallenteil zudem als Fortsetzung zum bereits bestehenden Teil verstanden
haben, hat dem Gesagten zufolge auch die gesamte Einstellhalle – d.h. einschliesslich
des bereits bestehenden Teils – die massgebenden baupolizeilichen Masse einzuhalten.
f) Aus dem Baureglement geht nicht klar hervor, welche Masse die Einstellhalle
einzuhalten hat. Somit ist die BSIG-Empfehlung Nr. 7/721.0/10.1 des AGR beizuziehen,
die sich mit Sonderfällen von baubewilligungspflichtigen Vorhaben befasst.33 Als einen
solchen Sonderfall bezeichnet die Empfehlung in Ziff. 2.5 die sog. «unbewohnten
eingeschossigen Hauptgebäude». Darunter sind unbewohnte Bauten zu verstehen,
welche die Flächenlimiten von unbewohnten An- und Nebenbauten überschreiten, die
Höhenlimite aber einhalten. Zwar liegen die Baubewilligungsunterlagen zum ersten
Einstellhallenteil nicht vollständig vor. Gemäss den vorhandenen Unterlagen und den
von der Bauherrschaft eingereichten Plänen dürfte die betroffenen Einstellhalle aber die
Voraussetzungen eines unbewohnten eingeschossigen Hauptgebäudes erfüllen: Die
Einstellhalle ist gemäss den Akten unbewohnt, weist mehr als 40 m2 Fläche auf und
dürfte weniger als 4 m hoch sein. Damit überschreitet sie zwar die Flächenlimite für
unbewohnte An- und Nebenbauten gemäss Art. 4.2 Abs. 2 Bst. b GBR, nicht aber die
Höhenlimite. Laut den Empfehlungen des AGR haben solche Gebäude keinen grossen
Grenzabstand einzuhalten. Als kleiner Grenzabstand gilt der im Gemeindebaureglement
vorgesehene, kleinste Grenzabstand und die Gebäudehöhe darf maximal 4 m betragen.
Betreffend die Gebäudelänge und den parzelleninternen Gebäudeabstand und den
Strassenabstand gelten keine besonderen Regelungen.34 Die umstrittene Einstellhalle
hält gemäss den Unterlagen sämtliche Vorgaben mit Ausnahme des Strassenabstands
ein. Für die Unterschreitung des Strassenabstands hat die Bauherrschaft allerdings ein
Ausnahmegesuch gestellt.
33 Bernische Systematische Information der Gemeinden [BSIG] 34 Vgl. zum Ganzen Anhang I BSIG-Empfehlung Nr. 7/721.0/10.1
RA Nr. 110/2018/116 25
g) Die geplante Einstellhalle erweist sich somit aus baupolizeilicher Sicht
voraussichtlich als zulässig. Sollte die Bauherrschaft Veränderungen am bestehenden
Teil der Einstellhalle vornehmen, die nicht entsprechend in den Plänen gekennzeichnet
sind, wird sie während der Weiterführung des Baubewilligungsverfahrens entsprechende
Pläne einzureichen haben. Dasselbe gilt, falls die Geländehöhen nicht korrekt verkotet
sein sollten. Auf das Einholen eines baupolizeilichen Mitberichts, wie dies die
Beschwerdeführenden verlangen, kann dem Gesagten zufolge jedoch verzichtet
werden.
9. Strassenanschlussbewilligung
a) Zwar ist ein Teil der Einstellhalle bereits bestehend. Mit dem umstrittenen
Bauvorhaben geht aber eine gesteigerte Nutzung des Strassenanschlusses einher.
Daher ist eine Strassenanschlussbewilligung der Gemeinde erforderlich (Art. 85 Abs. 1
SG). In koordinierten Verfahren wie dem vorliegenden wird die
Strassenanschlussbewilligung Bestandteil des Gesamtentscheides und ist im Dispositiv
des Entscheides zu nennen (Art. 9 Abs. 2 Bst. a KoG). Die notwendige
Strassenanschlussbewilligung der Gemeinde wurde vorliegend im vorinstanzlichen
Verfahren weder erteilt noch im Dispositiv des angefochtenen Entscheids
aufgenommen.
b) Voraussetzung für eine Strassenanschlussbewilligung ist, dass die Zu- und
Wegfahrten die öffentliche Strasse nicht beeinträchtigen (vgl. dazu Art. 73 Abs. 1 SG
und Art. 21 Abs. 1 BauG in Verbindung mit Art. 57 BauV35). Zur Beurteilung kann die
VSS-norm 640 050 «Grundstückzufahrten» herangezogen werden. Im weiteren Verlauf
des Baubewilligungsverfahrens wird die Strassenanschlussbewilligung zu prüfen und bei
erfüllten Voraussetzungen zu erteilen sein.
10. Rückweisung an die Vorinstanz
35 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1)
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a) Nach Art. 72 Abs. 1 VRPG36 entscheidet die Beschwerdeinstanz in der Sache oder
weist die Akten ausnahmsweise mit verbindlichen Anordnungen an die Vorinstanz
zurück. Erweist sich die Beschwerde als begründet, soll die Beschwerdeinstanz das
streitige Rechtsverhältnis wenn möglich nach ihrer eigenen Erkenntnis und in
Abweichung der angefochtenen Verfügung neu regeln. Das Gesetz verbietet ihr jedoch
nicht, kassatorisch zu entscheiden. Die Beschwerdeinstanz soll von der Möglichkeit der
Rückweisung aber nur ausnahmsweise Gebrauch machen. Es müssen besondere
Gründe dafür sprechen, welche die prozessökonomischen Gesichtspunkte überwiegen.
Mangelnde Entscheidreife der Angelegenheit kann einen solchen Grund darstellen,
sofern die Beschwerdebehörde selber umfassende Beweismassnahmen durchführen
müsste.37
b) Die Beschwerdegegnerschaft reichte während des Beschwerdeverfahrens eine
Projektänderung ein. Diese muss zusammen mit dem Ausnahmegesuch zum
Unterschreiten des Abstands zur Rebenschutzzone publiziert werden. Weiter ist
abzuklären, ob die Grundeigentümerinnen und Grundeigentümer der Parzelle Ligerz
Grundbuchblatt Nr. L._ mit den Bauarbeiten an der dortigen Treppe
einverstanden sind. Überdies ist unklar, ob aufgrund der neu vorgesehenen Kürzung der
Mauern ein Eingriff in das dahinterliegende Terrain der Beschwerdeführenden
notwendig ist. Sollte dies der Fall sein, müsste eine Zustimmung der
Beschwerdeführenden als Grundeigentümerschaft eingeholt werden. Das geänderte
Vorhaben ist zudem der OLK zur ästhetischen Beurteilung zu unterbreiten. Schliesslich
wurde die notwendige Strassenanschlussbewilligung nicht erteilt. Dies muss allenfalls
nachgeholt werden. Die Angelegenheit ist daher noch nicht entscheidreif. Es ist nicht
Aufgabe der BVE als Beschwerdeinstanz, in diesem Umfang weitere Abklärungen und
Publikationen vorzunehmen. Der angefochtene Entscheid des
Regierungsstatthalteramts Biel/Bienne wird daher aufgehoben und die Sache wird zur
Fortführung des Verfahrens bzw. zur vollständigen Prüfung im Sinne der Erwägungen
an die Vorinstanz zurückgewiesen.
11. Beweisanträge
36 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 37 Zum Ganzen: Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, Bern 1997, Art. 72, N. 2 f.
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Die Beschwerdeführenden stellen mehrere Beweisanträge. Sie verlangen einen
baupolizeilichen Mitbericht bei der Abteilung der JGK, einen Fachbericht der OLK und
der OIK sowie die Überprüfung der Pläne durch einen Geometer. Sowohl die
Beschwerdeführenden als auch die Beschwerdegegnerschaft beantragen zudem einen
Augenschein. Ein Bericht des OIK zur Verkehrssicherheit wurde eingeholt. Betreffend
Fachberichte der OLK und JGK kann auf das Gesagte verwiesen werden. Ein
Augenschein sowie die Überprüfung der Pläne durch einen Geometer sind sodann
aufgrund der Rückweisung an die Vorinstanz im Beschwerdeverfahren nicht notwendig.
12. Kosten
a) Zusammengefasst wird die Beschwerde gutgeheissen, der Bauentscheid des
Regierungsstatthalteramts Biel/Bienne vom 16. Juli 2017 wird aufgehoben und die
Sache wird zur Fortsetzung des Baubewilligungsverfahrens an die Vorinstanz
zurückgewiesen. Die Beschwerdegegnerschaft gilt damit als unterliegend und hat die
Verfahrenskosten zu tragen (vgl. Art. 108 Abs. 1 und 3 VRPG). Die Verfahrenskosten
werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 1'800.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG in
Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 GebV38).
b) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen
als gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Parteikosten umfassen den
durch die berufsmässige Parteivertretung anfallenden Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG).
Nach Art. 11 Abs. 1 PKV39 beträgt das Honorar in verwaltungsrechtlichen
Beschwerdeverfahren Fr. 400.-- bis Fr. 11'800.-- pro Instanz. Innerhalb des
Rahmentarifs bemisst sich der Parteikostenersatz nach dem in der Sache gebotenen
Zeitaufwand sowie der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses
(Art. 41 Abs. 3 KAG40). Der Anwalt der Beschwerdeführenden macht ein Honorar von
Fr. 11'400.--, Auslagen von Fr. 477.50.-- und Mehrwertsteuern geltend. Im vorliegenden
38 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21) 39 Verordnung vom 17. Mai 2006 über die Bemessung des Parteikostenersatzes (Parteikostenverordnung; PKV; BSG 168.811) 40 Kantonales Anwaltsgesetz vom 28. März 2006 (KAG; BSG 168.11)
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Fall war der gebotene Zeitaufwand angesichts des mehrmaligen Schriftenwechsels,
insbesondere der Stellungnahme zum Fachbericht des TBA OIK III, zur Projektänderung
sowie die zweifachen Schlussbemerkungen, leicht überdurchschnittlich. Dasselbe gilt
angesichts der Bausumme von rund Fr. 2'259'440.-- für die Bedeutung der Streitsache.
Die Schwierigkeit des Prozesses war dagegen unterdurchschnittlich. Daher erscheint
eine Ausschöpfung des Gebührenrahmens zu 50 % und damit ein Honorar von
Fr. 6'100.-- als angemessen. Die Beschwerdegegnerschaft hat den
Beschwerdeführenden somit Parteikosten von insgesamt Fr. 7'083.95 zu bezahlen
(Honorar Fr. 6'100.--, Auslagen Fr. 477.50, Mehrwertsteuer Fr. 506.45).
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