Decision ID: 00fd7335-c611-53f8-af96-4e87d76c50f2
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer) – ukrainischer Staatsan-
gehöriger aus E._ – suchte am 13. August 2015 in der Schweiz um
Asyl nach.
A.b Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte er anlässlich der Befra-
gung zur Person (BzP) vom 19. August 2015 sowie der Anhörung zu den
Asylgründen vom 2. März 2016 im Wesentlichen vor, er habe sich seit dem
Jahr (...) aktiv für die Organisation "(...)" engagiert, welche sich für die Le-
galisierung des privaten Abbaus von (...) ([...]) einsetze und die mit dessen
Kriminalisierung verbundenen Missstände – namentlich hätten sich Behör-
denvertreter daran bereichert, dass die Förderung von (...) illegal sei – be-
enden wolle. Die Tätigkeit von "(...)" habe einige Leute massiv gestört. So
sei deren Gründer (F._) angegriffen worden; jemand habe (...). Im
(...) seien zwei respektive drei Mitglieder der Organisation entführt worden
(G._, H._ und I._), wobei eines danach tot aufgefun-
den worden sei (H._).
Er selbst sei seit dem (...) immer wieder vom Innenministerium (MVS) der
Oblast E._ angerufen und (bei den letzten Anrufen) – ultimativ unter
der Androhung der Einleitung eines Strafverfahrens – aufgefordert worden,
zu einem persönlichen Gespräch zu erscheinen. Am (...) und (...) habe er
auch zwei Anrufe vom Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU) der Oblast
E._ – im Auftrag des (...) (J._) – mit der gleichen Aufforde-
rung erhalten beziehungsweise sei er unter Drohungen gegen Leib und
Leben aufgefordert worden, seine Tätigkeiten einzustellen. Am (...) respek-
tive (...) habe ihm sodann F._ telefonisch mitgeteilt, dass er (der
Beschwerdeführer) gesucht werde und sich verstecken solle. Er sei daher
am (...) aus der Ukraine ausgereist. Von seiner Ehefrau habe er am glei-
chen Tag bei einem Anruf erfahren, dass anfangs (...) Unbekannte an die
Wohnungstür geklopft hätten, wobei seine Frau – er habe sich seit dem
(...) nicht mehr zuhause aufgehalten – nicht geöffnet habe. Später habe er
von ihr zudem erfahren, dass er am (...) – vermutlich vom Sicherheitsdienst
– bei sich zuhause gesucht worden sei. Dabei sei die ganze Wohnung
durchsucht und es seien diverse Dokumente (u.a. sein Reisepass) mitge-
nommen worden. Weitergehend wird auf die Protokolle in den Akten ver-
wiesen.
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A.c Der Beschwerdeführer reichte dem SEM zwei ukrainische Fahrauswei-
se, ein Gesundheitszertifikat und eine (auszugsweise) Kopie seines Inland-
passes zu den Akten.
B.
B.a Mit Verfügung vom 3. März 2016 – tags darauf eröffnet – lehnte das
SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete seine Weg-
weisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
B.b Es begründete die Ablehnung des Asylgesuchs mit der Unglaubhaftig-
keit der Vorbringen des Beschwerdeführers und führte dazu im Wesentli-
chen an, er habe im Rahmen der BzP die telefonischen Bedrohungen
durch den Sicherheitsdienst und das Innenministerium mit keinem Wort ge-
nannt, weshalb diese als nachgeschoben und somit nicht als glaubhaft zu
werten seien. Davon abgeleitet würden erste Zweifel an der Glaubhaftigkeit
seiner Kernvorbringen aufkommen. Widersprüche in seinen Aussagen (be-
treffend Anzahl der Hausdurchsuchungen, Benennung der die Hausdurch-
suchung durchführenden Personen [Unbekannte bzw. Mitarbeiter des Si-
cherheitsdienstes], Beginn der telefonischen Drohungen) würden diese
Zweifel verstärken. Schliesslich seien seine Vorbringen zu den geltend ge-
machten "Übergriffen" durch den Sicherheitsdienst und das Innenministe-
rium wenig genau ausgefallen (Häufigkeit der angeblichen telefonischen
Drohungen, exemplarische Schilderung des Inhaltes dieser Gespräche so-
wie seine Antworten dazu, Daten und genaue Orte der Treffpunkte, welche
ihm bei den angeblichen Drohanrufen mitgeteilt worden seien) und auch
die beiden angeblichen Hausdurchsuchungen im (...) habe er nur ober-
flächlich beschrieben (Vorgehen der Behörden, Information zu den angeb-
lich beschlagnahmten Dokumenten, allfällige Informationen zu einem ein-
geleiteten Gerichtsverfahren gegen ihn). Seine diesbezüglichen Aussagen
seien teils allgemein, teils abschweifend ausgefallen und würden nicht den
Eindruck von persönlich Erlebtem vermitteln. Er erfülle demzufolge die
Flüchtlingseigenschaft nicht. Den Vollzug der Wegweisung bezeichnete
das SEM sodann als zulässig, zumutbar und möglich.
C.
C.a Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer mit undatierter
Eingabe (Datum Poststempel: 4. April 2016) Beschwerde beim Bundesver-
waltungsgericht und beantragte dabei in materieller Hinsicht, die angefoch-
tene Verfügung sei aufzuheben und es sei die Flüchtlingseigenschaft an-
zuerkennen sowie Asyl zu gewähren, eventualiter sei das Asylgesuch zur
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vollständigen Sachverhaltsabklärung und zum Erlass einer neuen Verfü-
gung an die Vorinstanz zurückzuweisen, subeventualiter sei festzustellen,
dass der Vollzug der Wegweisung unzulässig und unzumutbar sei und es
sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, um Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Zuordnung ei-
nes unentgeltlichen Rechtsbeistands für das weitere Verfahren.
C.b Der Beschwerdeführer machte in der Beschwerdeschrift – unter dem
Vorwurf an das SEM, er sei in der Anhörung immer wieder unterbrochen
worden und habe nicht alles erzählen können – insbesondere (ergänzen-
de) Ausführungen zum (illegalen) (...)abbau und –handel in der (...) sowie
den angeblich darin verwickelten Personen (u.a. den bereits genannten
J._), der Organisation "(...)", seinen Tätigkeiten für diese Organisa-
tion und den Ereignissen ab (...) beziehungsweise den Verfolgungsmass-
nahmen gegen ihn sowie andere Organisationsmitglieder.
Konkret brachte er – zusammengefasst – vor, er habe sich im (...), auf
seine eigene Initiative hin, einmal mit K._ ([...] des MVS der Oblast
E._) und einmal mit J._ getroffen, um über die Festlegung
von Regeln im Zusammenhang mit dem (illegalen) (...)abbau zu sprechen,
wobei er damals noch nicht gewusst habe, dass diese beiden Personen an
den mafiösen Prozessen beteiligt seien. Es sei ihm geraten worden, sich
nicht einzumischen und J._ habe ihm offen gedroht. Des Weiteren
habe er an Patrouillen an den Orten des (...)abbaus teilgenommen, unter
anderem mit G._, der später ebenfalls telefonisch zu einem Treffen
aufgefordert worden und danach spurlos verschwunden sei, sowie
H._, der später tot aufgefunden worden sei. Sie hätten etwa die an-
geheuerten Brigaden der Polizeimitarbeiter und örtlichen Machthaber nicht
zu diesen Orten gelassen. Dabei sei es teilweise zu Gewaltanwendungen
sowie Drohungen gekommen; einmal sei er von einer unbekannten Person
angeschossen worden. Zudem habe er mehrmals Dokumente über unge-
setzliche Handlungen von Behördenvertreter an Juristen/Menschenrecht-
ler in Kiew überbracht. Letztmals habe er am (...) ein Treffen mit Juristen
in Kiew gehabt, bei welchem er diesen unter anderem aus einem Auto von
Strafverfolgungsbehörden gestohlene Dokumente übergeben habe, die er
zuvor von I._ erhalten habe. Am (...) habe er sich sodann mit
K._, den er (...), getroffen, weil er die Gründe der Anrufe und gegen
ihn gerichteten Drohungen habe wissen wollen. K._ habe ihm ge-
antwortet, er solle zu einem offiziellen Gespräch in seinem Büro erschei-
nen, andernfalls ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet und er grosse
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Probleme erhalten werde. Am (...) sei schliesslich I._ verschwun-
den. Hinsichtlich der weiteren Aktivitäten des Beschwerdeführers für "(...)"
wird auf die Beschwerdeeingabe verwiesen.
Der Beschwerdeschrift lagen Informationen zum (...)abbau in der Ukraine,
mehrere fremdsprachige Online-Zeitungsartikel über verschiedene Proble-
me im Zusammenhang mit dem (...)business, Scankopien von fremdspra-
chigen Dokumenten über die Probleme eines Mitglieds von "(...)"
(L._) sowie eine Fotografie, die den Beschwerdeführer zusammen
mit F._ und zwei weiteren Personen zeige, bei.
D.
Das Bundesverwaltungsgericht eröffnete für die Eingabe vom 4. April 2016
das Beschwerdeverfahren D-2089/2016. Mit Schreiben vom 8. April 2016
bestätigte es dem Beschwerdeführer den Eingang der Beschwerde.
E.
E.a Mit Verfügung vom 13. Juli 2016 hielt die Instruktionsrichterin fest, der
Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz ab-
warten. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG – unter Vorbehalt
einer nachträglichen Veränderung der finanziellen Verhältnisse des Be-
schwerdeführers – gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses. Sie forderte den Beschwerdeführer auf, bis zum 28. Juli 2016
bekanntzugeben, welcher Rechtsvertreter oder welche Rechtsvertreterin
ihm amtlich beigeordnet werden solle, wobei sie festhielt, dass über das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung erst
nach Ablauf dieser Frist zu entscheiden sei. Ausserdem lud sie das SEM
zur Einreichung einer Vernehmlassung bis zum 28. Juli 2016 ein. Diese
Frist wurde am 18. Juli 2016 auf Ersuchen des SEM bis zum 28. August
2016 erstreckt.
E.b Mit Schreiben vom 27. Juli 2016 beantragte der Beschwerdeführer
durch den rubrizierten Rechtsvertreter dessen Beiordnung als amtlicher
Rechtsvertreter. Die Instruktionsrichterin hiess daraufhin mit Verfügung
vom 29. Juli 2016 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
verbeiständung gut und bestellte den rubrizierten Rechtsvertreter zum amt-
lichen Rechtsbeistand.
E.c Das SEM nahm in seiner Vernehmlassung vom 25. August 2016 zu
den Beschwerdevorbringen Stellung. Es hielt an seinen Erwägungen in der
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angefochtenen Verfügung vom 3. März 2016 fest und führte ausserdem die
Gründe an, aufgrund derer es den Asylvorbringen des Beschwerdeführers
– bei hypothetischer Wahrunterstellung – auch an der erforderlichen Asyl-
relevanz fehlen würde.
F.
F.a Am 14. September 2016 suchten die Ehefrau (B._ [nachfol-
gend: Beschwerdeführerin]) und die Töchter des Beschwerdeführers im
damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum M._ um Asyl nach.
F.b Mit zwei separaten Schreiben ebenfalls vom 14. September 2016 er-
suchten die Beschwerdeführenden das SEM um Zuteilung der Beschwer-
deführerinnen in den Kanton M._, wo der Beschwerdeführer wohn-
haft sei, sowie um Vereinigung ihrer Verfahren. Ausserdem wiesen sie da-
rauf hin, dass es ihrer Tochter D._ psychisch sehr schlecht gehe.
F.c Am 21. September 2016 fand die BzP der Beschwerdeführerin statt.
F.d Mit Verfügung vom 23. September 2016 wurden die Beschwerdeführe-
rinnen dem Kanton M._ zugewiesen.
G.
Mit Verfügung vom 5. Oktober 2016 sistierte die Instruktionsrichterin – auf
entsprechenden Antrag des SEM vom 4. Oktober 2016 hin – das Be-
schwerdeverfahren des Beschwerdeführers bis zum vorinstanzlichen Ent-
scheid über die Asylgesuche der Beschwerdeführerinnen. Sie überwies die
vorinstanzlichen Akten an das SEM und bat dieses, die Akten nach Ab-
schluss des erstinstanzlichen Asylverfahrens der Beschwerdeführerinnen
zu retournieren.
H.
H.a Am 17. Juli 2017 fand eine erste Anhörung der Beschwerdeführerin
durch das SEM statt. Aufgrund ihrer Vorbringen wurde am 21. August 2017
eine zweite Anhörung in einem reinen Frauenteam durchgeführt.
H.b Die Beschwerdeführerin brachte zur Begründung ihres Asylgesuchs im
Wesentlichen vor, im (...) seien Leute respektive Polizisten ein erstes Mal
bei ihr zuhause vorbeigekommen. Sie habe die Tür nicht geöffnet, worauf-
hin die Männer bei den Nachbarn nach ihrem Ehemann und ihr gefragt
hätten. Drei bis fünf Tage beziehungsweise eineinhalb Wochen später sei-
en die Männer erneut gekommen. Dieses Mal habe sie die Tür geöffnet.
Die Männer hätten ihr einen Ausweis sowie einen Durchsuchungsbefehl,
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den sie allerdings nicht habe lesen können, vorgelegt. Sie hätten sich nach
ihrem Ehemann erkundigt, eine Hausdurchsuchung durchgeführt und di-
verse Dokumente sowie ein Notebook mitgenommen. Im Rahmen dieser
Hausdurchsuchung sei sie von einem der Männer vergewaltigt respektive
sexuell genötigt und verbal mit Misshandlungen ihrer Kinder bedroht wor-
den, falls sie nicht helfe, ihren Ehemann ausfindig zu machen. Am darauf-
folgenden Tag respektive ein paar Tage später habe ein Bekannter ihres
Ehemannes sie und ihre Kinder auf seine Datscha in die Ortschaft
N._ gebracht, wo sie bis (...) gelebt hätten. Anschliessend seien sie
in ein (...) gebracht worden, wo sie sich bis zu ihrer Ausreise aus der Uk-
raine am (...) aufgehalten hätten. Weitergehend wird auf die Protokolle in
den Akten verwiesen.
H.c Die Beschwerdeführerin reichte im vorinstanzlichen Verfahren ihren
Reisepass und die Reisepässe ihrer Töchter, eine (auszugsweise) Kopie
ihres Inlandpasses, ihren Eheschein, die Geburtsurkunden ihrer Töchter
sowie eine (...) zu den Akten.
I.
I.a Mit Schreiben vom 1. September 2017 gewährte das SEM den Be-
schwerdeführenden das rechtliche Gehör zu Widersprüchen in ihren Aus-
sagen sowie zum Umstand, dass aus den Visaunterlagen des Beschwer-
deführers hervorgehe, dass ihm am (Zeitpunkt nach Asylgesuchstellung in
der Schweiz) durch die (...) Vertretung in der ukrainischen Ortschaft
O._ ein Schengen-Visum ausgestellt worden sei, wobei er sich mit
seinem ukrainischen Pass ausgewiesen habe.
I.b Die Beschwerdeführerin nahm dazu mit Schreiben vom 11. September
2017 durch ihre vormalige Rechtsvertreterin Stellung und verwies betref-
fend den Beschwerdeführer auf dessen hängiges Beschwerdeverfahren
respektive auf dessen Rechtsvertreter.
J.
J.a Mit Verfügung vom 2. Oktober 2017 – eröffnet am 5. Oktober 2017 –
lehnte das SEM das Asylgesuch der Beschwerdeführerinnen ab und ord-
nete ihre Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug
an.
J.b Zur Begründung führte das SEM in Bezug auf Flüchtlingseigenschaft
und Asylgewährung an, die Vorbringen der Beschwerdeführerin würden
den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG
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(SR 142.31) nicht standhalten. Es verwies dazu auf Widersprüche zwi-
schen ihren Aussagen und denjenigen ihres Ehemannes (Datierung der
Vorfälle respektive dazwischenliegende Zeitspanne), auf dessen erfolgte
Rückreise in die Ukraine im (...) sowie auf Widersprüche in ihren eigenen
Aussagen (Datierung der Vorfälle und dazwischenliegende Zeitspanne,
Nichterwähnung des Durchsuchungsbefehls und der angeblichen Verge-
waltigung bei der BzP). Es folgerte daraus, dass erste Zweifel an der
Glaubhaftigkeit der Verfolgung ihres Ehemannes sowie der "beiden Haus-
durchsuchungen" im Jahr (...) aufkommen würden. Diese Zweifel würden
unter anderem durch ihre wenig differenzierten und substanziierten Anga-
ben zur angeblichen sexuellen Misshandlung durch einen Polizisten bei
der Hausdurchsuchung (genaue Schilderung des Vorgehens des Polizis-
ten, Beschreibung desselben, wahrgenommene Sinneseindrücke ihrer-
seits im Rahmen dieses Übergriffs, Beschreibung des Verhaltens der an-
deren anwesenden Personen, stattgefundene Gespräche zwischen ihr und
dem Polizisten) und die wenig überzeugenden und lebensnahen Schilde-
rungen der nachfolgenden Ereignisse (unterbliebenes Hilfeersuchen bei
Drittpersonen oder einem Arzt, Art und Weise der Verarbeitung dieses Er-
lebnisses) verstärkt. Den Vollzug der Wegweisung bezeichnete es sodann
als zulässig, zumutbar und möglich.
K.
Gegen diesen Entscheid liess die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom
6. November 2017 durch ihre vormalige Rechtsvertreterin Beschwerde
beim Bundesverwaltungsgericht erheben und dabei im materieller Hinsicht
beantragen, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei ihr das
nachgesuchte Asyl zu erteilen, eventualiter sei festzustellen, dass der Voll-
zug der Wegweisung unzulässig, unzumutbar und unmöglich sei, und sie
sei in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. In verfahrensrechtlicher Hin-
sicht liess sie um Koordination mit dem Beschwerdeverfahren ihres Ehe-
mannes, um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Bei-
ordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes ersuchen.
Auf die Begründung der Beschwerdebegehren und das eingereichte Be-
weismittel (Kurzbericht der bei der zweiten Anhörung anwesenden Hilfs-
werksvertretung [HWV]) wird – soweit für den Entscheid wesentlich – in
den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
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L.
Das Bundesverwaltungsgericht eröffnete hinsichtlich der Beschwerdefüh-
rerinnen das Beschwerdeverfahren D-6276/2017. Mit Schreiben vom
9. November 2017 bestätigte es ihnen den Eingang der Beschwerde.
M.
M.a Mit Zwischenverfügung vom 20. November 2017 (im Verfahren
D-6276/2017) hielt die Instruktionsrichterin zunächst fest, dass die Töchter
der Beschwerdeführerin nicht auf dem Rubrum der Beschwerdeschrift vom
6. November 2017 aufgeführt seien, das Gericht allerdings – ohne gegen-
teiligen Bericht der Rechtsvertreterin – davon ausgehe, dass es sich dabei
um ein Versehen handle und auch die beiden Töchter Beschwerdeführe-
rinnen seien. Weiter hielt sie fest, dass die Beschwerdeführerinnen den
Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten dürften. Sie hiess das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von
Art. 65 Abs. 1 VwVG unter der Voraussetzung des Nachreichens einer Für-
sorgebestätigung (und unter Vorbehalt der Veränderung der finanziellen
Lage der Beschwerdeführerinnen) gut und forderte die Beschwerdeführe-
rinnen auf, bis zum 5. Dezember 2017 eine Fürsorgebestätigung nachzu-
reichen oder einen Kostenvorschuss von Fr. 750.– zu leisten, verbunden
mit der Androhung, bei ungenutzter Frist werde auf die Beschwerde nicht
eingetreten. Gleichzeitig forderte sie die Beschwerdeführerinnen auf, dem
Bundesverwaltungsgericht bis zum 5. Dezember 2017 eine Person zu nen-
nen, welche amtlich als Rechtsvertretung beigeordnet werden solle, und
eine Einwilligung dieser Person sowie eine entsprechende von der Be-
schwerdeführerin unterzeichnete Vollmacht einzureichen.
M.b Mit Eingabe vom 30. November 2017 reichten die Beschwerdeführe-
rinnen eine Fürsorgebestätigung nach. Sie ersuchten um Beiordnung des
Rechtsvertreters des Beschwerdeführers als amtlicher Rechtsbeistand,
wobei sie diesbezüglich eine von diesem sowie von der Beschwerdeführe-
rin unterzeichnete Vollmacht einreichten. Des Weiteren reichten sie einen
die Beschwerdeführerin betreffenden ärztlichen Bericht von med. pract.
P._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom
14. November 2017 zu den Akten. Diesem sei unter anderem zu entneh-
men, dass die Beschwerdeführerin zurzeit an einer rezidivierenden depres-
siven Störung (aktuell mittelgradige depressive Episode mit somatischem
Syndrom) und einer Posttraumatischen Belastungsstörung leide. Auf die
damit verbundenen Vorbringen respektive die weiteren Ausführungen im
genannten ärztlichen Bericht wird – soweit für den Entscheid wesentlich –
in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
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Seite 10
M.c Mit Verfügung vom 2. Februar 2018 (im Verfahren D-6276/2017) hiess
die Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung gut und bestellte den Rechtsvertreter des Be-
schwerdeführers auch den Beschwerdeführerinnen zum amtlichen Rechts-
beistand. Ausserdem hiess sie das Gesuch um Koordination des Verfah-
rens der Beschwerdeführerinnen mit demjenigen des Beschwerdeführers
gut.
N.
N.a Mit Verfügung gleichen Datums hob die Instruktionsrichterin (im Ver-
fahren D-2089/2016) die Sistierung des Beschwerdeverfahrens des Be-
schwerdeführers auf. Zudem räumte sie dem Beschwerdeführer die Gele-
genheit ein, eine Stellungnahme zu den im Schreiben des SEM vom
1. September 2017 genannten Ungereimtheiten und Widersprüchen einzu-
reichen (vgl. Bst. I.a vorstehend), verbunden mit der Androhung, bei unge-
nutzter Frist werde das Beschwerdeverfahren aufgrund der derzeitigen Ak-
tenlage fortgeführt. Es wurde dabei festgehalten, dass sowohl das Schrei-
ben des SEM vom 1. September 2017, als auch die Stellungnahme der
Beschwerdeführerin vom 11. September 2017 als dem Rechtsvertreter
(und dem Beschwerdeführer) bekannt vorausgesetzt würden.
N.b Mit Eingabe vom 19. Februar 2018 ersuchte der Beschwerdeführer um
Zustellung des Schreibens des SEM vom 1. September 2017 und um Er-
streckung der Frist zur Stellungnahme.
N.c Mit Verfügung vom 21. Februar 2018 (im Verfahren D-2089/2016)
stellte die Instruktionsrichterin dem Rechtsvertreter das Schreiben des
SEM vom 1. September 2017 und die Stellungnahme der Beschwerdefüh-
rerin vom 11. September 2017 (je in Kopie) zu und wies das Gesuch um
Erstreckung der mit Verfügung vom 2. Februar 2018 angesetzten Frist zur
Stellungnahme ab, gewährte indes eine Nachfrist von drei Tagen ab Erhalt
der Verfügung.
N.d In der Eingabe vom 1. März 2018 wurde – unter Bezugnahme auf die
damit eingereichte schriftliche Stellungnahme des Beschwerdeführers vom
27. Februar 2018 – im Wesentlichen geltend gemacht, der Beschwerde-
führer sei im (...) gegen seinen Willen respektive unter Gewaltandrohung
von der Schweiz in die Ukraine verbracht und dort unter Folter gezwungen
worden, Informationen über andere Personen sowie Verstecke von (...),
Geld und Dokumenten preiszugeben. Für ihn sei klar, dass diese Leute von
den Machtstrukturen seien, weshalb es nicht erstaune, dass sie seinen bei
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Seite 11
der Hausdurchsuchung beschlagnahmten Reisepass gehabt hätten und
problemlos das Visum für seine Rückreise in die Schweiz hätten ausstellen
lassen können. Er sei in die Schweiz zurückgefahren worden, weil er beim
Verhör preisgegeben habe, dass er Dokumente in die Schweiz mitgenom-
men habe, welche er ihnen hier habe aushändigen müssen. Weitergehend
wird auf die Ausführungen in der Eingabe des Rechtsvertreters und der
schriftlichen Stellungnahme des Beschwerdeführers verwiesen.
O.
Mit Eingabe vom 17. Mai 2018 reichte der Beschwerdeführer fremdspra-
chige Unterlagen im Zusammenhang mit einer Anfrage an die Staatsan-
waltschaft der Oblast E._ zum Bestehen eines ihn betreffenden
Strafverfahrens und allfälliger Ermittlungs-/Fahndungsaktionen (mehrheit-
lich im Original, inkl. deutschsprachige Übersetzungen) zu den Akten.
Dazu führte er im Wesentlichen an, die Antwort der Staatsanwaltschaft
laute, dass er über den Verdacht des Begehens von Verbrechen benach-
richtigt worden sei und die Durchführung allfälliger Suchaktivitäten Staats-
geheimnis sei, weshalb diese Informationen nicht herausgegeben würden.
Ausserdem reichte er mehrere fremdsprachige Online-Zeitungsartikel, die
aufzeigen würden, dass im (...)geschäft sehr viel Korruption und Gewalt im
Spiel sei (inkl. deutschsprachige Übersetzungen), sowie eine deutschspra-
chige Übersetzung eines fremdsprachigen offenen Briefes betreffend den
Zustand des ukrainischen Rechtsstaats ein.
P.
Mit Instruktionsverfügung vom 16. April 2019 (im Verfahren D-6276/2017)
wurde das SEM ersucht, eine Vernehmlassung zur Beschwerde der Be-
schwerdeführerinnen einzureichen. Dieses hielt in seiner Vernehmlassung
vom 25. April 2019 an seinen Erwägungen in der angefochtenen Verfü-
gung vom 2. Oktober 2017 fest und machte aufgrund des eingereichten
ärztlichen Berichts ergänzende Ausführungen im Zusammenhang mit dem
Wegweisungsvollzug.
Q.
Q.a Mit Verfügungen vom 29. April 2019 räumte die Instruktionsrichterin
den Beschwerdeführenden die Gelegenheit ein, Repliken zu den vorin-
stanzlichen Vernehmlassungen vom 25. August 2016 respektive vom
25. April 2019 einzureichen.
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Seite 12
Q.b Mit Eingaben vom 14. Mai 2019 machten die Beschwerdeführenden
von ihrem Replikrecht Gebrauch. Den Eingaben lagen eine Zusammenfas-
sung eines Berichtes des OHCHR (Büro des Hohen Kommissars für Men-
schenrechte) betreffend die Menschenrechtslage in der Ukraine vom
16. November 2018 bis 15. Februar 2019 sowie eine Stellungnahme des
Beschwerdeführers zu den Vernehmlassungen des SEM bei.
R.
Mit Eingabe vom 16. Mai 2019 liessen die Beschwerdeführerinnen einen
die Beschwerdeführerin betreffenden Verlaufsbericht von med. pract.
P._ vom 14. Mai 2019 zu den Akten reichen.
S.
Mit Eingabe vom 26. August 2019 liess der Beschwerdeführer fremdspra-
chige Unterlagen im Zusammenhang mit einer Anfrage an die Nationalpo-
lizei und den SBU (in E._) respektive einer Beschwerde an die
Staatsanwaltschaft der Oblast E._ (inkl. deutschsprachige Überset-
zungen) zu den Akten reichen. Er führte dazu im Wesentlichen aus, die
Staatsanwaltschaft habe geantwortet, dass er wegen des Verdachts eines
Verstosses gegen Art. (...) ([...]) sowie Art. (...) des ukrainischen Strafge-
setzbuches ([...]) verfolgt werde. Des Weiteren liess er eine deutschspra-
chige Übersetzung der genannten Gesetzesartikel einreichen.
T.
Mit Eingaben vom 29. März 2021 reichten die Beschwerdeführenden zahl-
reiche Unterlagen zu den Akten, welche ihre herausragende Integration in
der Schweiz belegen und zeigen würden, dass ihre Ausschaffung eine un-
zumutbare Härte bedeuten würde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerden und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
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Seite 13
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember 2005
(AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und Integ-
rationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Geset-
zesartikel sind unverändert vom AuG ins AIG übernommen worden.
1.4 Die Beschwerden sind frist- und formgerecht eingereicht worden. Wie
bereits in der Zwischenverfügung vom 20. November 2017 im Verfahren
D-6276/2017 festgehalten (vgl. Bst. M.a vorstehend), sind die Töchter der
Beschwerdeführenden auf dem Rubrum der Beschwerdeschrift vom 6. No-
vember 2017 nicht aufgeführt und beziehen sich im Übrigen auch die dor-
tigen Beschwerdeanträge nur auf die Beschwerdeführerin. Das Gericht
geht allerdings – mangels gegenteiligen Berichts der vormaligen Rechts-
vertreterin – davon aus, dass es sich dabei um ein Versehen handelt und
auch die beiden Töchter Beschwerdeführerinnen sind. Der Beschwerde-
führer und die Beschwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der Vorin-
stanz teilgenommen, sind durch die angefochtenen Verfügungen beson-
ders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung
beziehungsweise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwer-
den legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie
Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerden ist einzutreten.
1.5 Aufgrund der sachlichen und persönlichen Nähe rechtfertigt es sich, die
Beschwerden der Beschwerdeführenden nicht nur – wie bisher – koordi-
niert zu behandeln, sondern darüber im selben Urteil zu befinden. Zu die-
sem Zweck sind die Beschwerdeverfahren zu vereinigen.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 14
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer rügt in seiner Beschwerde in verfahrensrechtli-
cher Hinsicht im Wesentlichen, dass ihm in der Anhörung nicht Gelegenheit
gegeben worden sei, ausführlich zu seinen Fluchtgründen Stellung zu neh-
men, sondern er durch die befragende Person immer wieder unterbrochen
worden sei. Dadurch sei sowohl sein Anspruch auf rechtliches Gehör, als
auch der Untersuchungsgrundsatz verletzt und mithin der rechtserhebliche
Sachverhalt unvollständig abgeklärt worden. Des Weiteren habe die Anhö-
rung ohne Hilfswerkvertretung stattgefunden und ihm seien die in der an-
gefochtenen Verfügung aufgezeigten Widersprüchen in seinen Aussagen
vor deren Erlass nicht vorgehalten worden, wodurch ebenfalls sein An-
spruch auf rechtliches Gehör verletzt worden sei. Diese verfahrensrechtli-
chen Rügen sind vorab zu prüfen, da sie allenfalls geeignet wären, eine
Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
3.2
3.2.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör (vgl. auch Art. 29 Abs. 2 BV). Das rechtliche Gehör dient einerseits
der Sachaufklärung, anderseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mit-
wirkungsrecht beim Erlass eines Entscheides dar, welcher in die Rechts-
stellung des Einzelnen eingreift. Dazu gehört insbesondere das Recht des
Betroffenen, sich vor Erlass eines solchen Entscheides zur Sache zu äus-
sern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen,
mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung
wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Be-
weisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu be-
einflussen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungs-
recht somit alle Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in
einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl.
BGE 135 II 286 E. 5.1 m.w.H.).
Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin-
gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidung an-
gemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss so abgefasst sein,
dass die betroffene Person den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht an-
fechten kann. Die Behörde muss die wesentlichen Überlegungen nennen,
von denen sie sich hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt.
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 15
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1 m.w.H.).
3.2.2 Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsät-
zen des Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach
hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklä-
rung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Dieser Grundsatz gilt
indes nicht uneingeschränkt; er findet seine Grenzen an der Mitwirkungs-
pflicht des Asylsuchenden (vgl. Art. 8 AsylG).
3.3
3.3.1 Was die Rüge der fehlenden Konfrontation mit den in der angefoch-
tenen Verfügung aufgezeigten Widersprüchen in den Aussagen des Be-
schwerdeführers betrifft, ist festzuhalten, dass es zwar wünschenswert ist,
dass Asylsuchende in ihrer Anhörung in geeigneter Weise auf allfällige Wi-
dersprüche angesprochen werden. Indessen stellt das Ausbleiben einer
entsprechenden Konfrontation keine Verletzung des rechtlichen Gehörs
dar (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der [vormaligen] Asylrekurs-
kommission [EMARK] 1994 Nr. 13 E. 3.b). Auch ist nicht ersichtlich und
wird in der Beschwerdeschrift nicht aufgezeigt, inwiefern das SEM den Be-
schwerdeführer unter dem Blickwinkel des Untersuchungsgrundsatzes
respektive der Sachverhaltsermittlung mit seinen tatsächlich abweichen-
den Aussagen (insb. Ausbleiben seines Vorbringens betreffend erhaltene
Telefonate durch den Sicherheitsdienst und das Innenministerium in der
BzP) hätte konfrontieren müssen.
3.3.2
3.3.2.1 Hinsichtlich des Einwandes des Beschwerdeführers, er habe in der
Anhörung nicht ausführlich zu seinen Fluchtgründen Stellung nehmen kön-
nen, weil er durch die befragende Person immer wieder unterbrochen wor-
den sei, ist festzuhalten, dass er zwar wiederholt aufgefordert wurde, sich
auf seine persönlichen Probleme zu konzentrieren (vgl. Akten SEM A 10/15
F35, 103 f.) respektive nicht hypothetisch zu antworten (vgl. A 10/15 F98).
Es ist nicht auszuschliessen, dass er dabei in seinen Schilderungen unter-
brochen wurde, wobei sich allerdings nur aus einer Protokollstelle eindeu-
tig eine solche Unterbrechung ergibt (vgl. A 10/15 F102). Daraus resultiert
indessen noch keine Verletzung seines Anspruchs auf rechtliches Gehör
und des Untersuchungsgrundsatzes durch das SEM, zumal er in der An-
hörung ausreichend Gelegenheit gehabt hätte, über die für die Behandlung
seines Asylgesuchs in erster Linie relevanten persönlichen Probleme (etwa
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 16
auch eine allfällig aus dem von ihm erwähnten Treffen am [...] mit dem
Rechtsanwalt Q._ resultierende Gefährdung) zu sprechen (vgl.
A 10/15 F35 f.). Insbesondere ist der Umstand, dass die befragende Per-
son im Rahmen der Schlussfrage insistierte, dass er nur (noch) persönliche
Gründe erwähne, nicht zu beanstanden. Auch hier hätte der Beschwerde-
führer die Gelegenheit gehabt, seine (wiederholenden) Ausführungen zu
Problemen anderer Mitglieder von "(...)" in einen direkten Zusammenhang
mit seiner eigenen Gefährdung zu stellen (vgl. A 10/15 F105). Für den nicht
weiter substanziierten Einwand des Beschwerdeführers, er sei in der An-
hörung unterbrochen worden, sobald eine Antwort seinerseits etwas länger
ausgefallen sei (vgl. Beschwerdeschrift S. 20), finden sich im Anhörungs-
protokoll im Übrigen keine Hinweise.
3.3.2.2 Soweit in der Beschwerde geltend gemacht wird, der Sachverhalt
sei mangels "richtiger" Fragen respektive wegen des Ausbleibens von Fra-
gen seitens des SEM (etwa zu seinen Aktivitäten für "[...]" sowie zum Ver-
schwinden von zwei Mitgliedern, zum Grund der Warnung von F._,
zum Grund für sein Vermeiden von Treffen mit dem Innenministerium bzw.
dem SBU, zum angesprochenen informellen Treffen mit K._) un-
vollständig festgestellt worden, ist darauf hinzuweisen, dass die Untersu-
chungspflicht der Behörden ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht eines
Gesuchstellers findet (vgl. Art. 8 AsylG), der auch die Substanziierungslast
trägt (vgl. Art. 7 AsylG). Der Beschwerdeführer wurde in der BzP – entge-
gen seiner Behauptung in der Beschwerde, ihm seien seine Pflichten im
Asylverfahren nie erklärt worden (vgl. Beschwerdeschrift S. 25) – auf seine
Mitwirkungspflicht hingewiesen (vgl. A 4/14 S. 2). In der Anhörung erklärte
er sodann auf entsprechende Frage, er habe keine Fragen zu seinen
Pflichten im Asylverfahren (vgl. A 10/15 F3). Darauf muss er sich behaften
lassen, auch wenn es ihm – wie in der Beschwerdeschrift vorgebracht –
nicht bewusst war, worum es dabei überhaupt gegangen sei. Er hätte in
der Anhörung zudem – wie bereits angeführt – ausreichend Gelegenheit
gehabt, über seine persönlichen Probleme zu sprechen respektive konkret
darzulegen, weshalb er davon ausgegangen sein soll, nächstes Opfer von
Verfolgungsmassnahmen zu werden (vgl. insb. A 10/15 F34 ff., 102 ff.).
Dem SEM kann damit nicht vorgeworfen werden, seine Untersuchungs-
pflicht verletzt zu haben.
3.3.3 Betreffend Abwesenheit der Hilfswerkvertretung ist sodann festzuhal-
ten, dass aArt. 30 Abs. 1 AsylG eine HWV bei den Anhörungen über die
Asylgründe vorsah. Bereits die Asylrekurskommission (ARK) hielt jedoch
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 17
in ihrem Grundsatzentscheid vom 19. Dezember 1995 fest, die Anwesen-
heit einer Hilfswerkvertretung bei der Anhörung stelle keine aus dem An-
spruch auf rechtliches Gehör fliessende Regel dar, deren Verletzung zwin-
gend die Aufhebung der angefochtenen Verfügung zur Folge habe. Es
müsse aufgrund der gesamten Umstände des konkreten Falls beurteilt
werden, ob der Verfahrensmangel von wesentlicher Bedeutung gewesen
sei (vgl. EMARK 1996 Nr. 13). Ein solcher respektive ein konkreter mit der
Abwesenheit der HWV verbundener Nachteil für den Beschwerdeführer
kann vorliegend nicht festgestellt werden. Im Übrigen ergibt sich auch aus
dem Gesetz der Grundsatz, dass eine Anhörung, deren Termin der HWV
mindestens fünf Arbeitstage im Voraus mitgeteilt wurde, trotz Nichterschei-
nens der HWV volle Rechtswirkung entfaltet (vgl. aArt. 30 Abs. 3 AsylG,
aArt. 25 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR
142.311]). Wie bereits in der vorinstanzlichen Vernehmlassung vom
25. August 2016 festgehalten, wurde der HWV der Anhörungstermin recht-
zeitig mitgeteilt und hat sich diese am Tag der Anhörung krankheitshalber
abgemeldet (vgl. A 9/2 und A 10/15 S. 15). Aus diesen Gründen stellt das
Nichterscheinen der HWV bei der Anhörung des Beschwerdeführers ent-
gegen dessen Auffassung keinen wesentlichen Verfahrensmangel dar.
3.3.4 Auch sonst sind keine Gründe ersichtlich, die zur Aufhebung der vom
Beschwerdeführer angefochtenen Verfügung aus formellen Gründen und
zur Rückweisung der Sache an die Vorinstanz führen müssten. Der Even-
tualantrag auf Rückweisung der Sache ist daher abzuweisen. Es erübrigt
sich auf die weiteren in diesem Zusammenhang stehenden Vorbringen des
Beschwerdeführers auf Beschwerdeebene einzugehen, da sie nicht geeig-
net sind, eine Änderung dieser Einschätzung zu bewirken.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 18
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Gegen-
satz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Beschwer-
deführers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sach-
verhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Bei der Beurteilung
der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente
(Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanzi-
iertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.),
die für oder gegen die beschwerdeführende Person sprechen. Glaubhaft
ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen.
Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt
der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte
wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sach-
verhaltsdarstellung sprechen (vgl. zum Ganzen BVGE 2015/3 E. 6.5.1;
2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
5.
5.1 Das Gericht kommt nach Prüfung der Akten – in Übereinstimmung mit
der Vorinstanz – zum Schluss, dass die Asylvorbringen der Beschwerde-
führenden den Anforderungen an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7
AsylG nicht standzuhalten vermögen.
5.2
5.2.1 Betreffend Unglaubhaftigkeit der vom Beschwerdeführer in der Anhö-
rung erwähnten Anrufe seitens des Sicherheitsdienstes und des Innenmi-
nisteriums kann zunächst auf die entsprechenden Erwägungen in der an-
gefochtenen Verfügung vom 3. März 2016 verwiesen werden. Dabei ist ins-
besondere das Ausbleiben dieser Vorbringen in der BzP hervorzuheben. In
der Beschwerdeschrift wird diesbezüglich nichts Stichhaltiges entgegenge-
halten. Das Beschwerdevorbringen, wonach sich der Beschwerdeführer in
der BzP nicht auf die angeblichen Anrufe habe "fokussieren" können, weil
er versucht habe, seine Fluchtgründe (im Kontext) zu erklären, ist ange-
sichts der diesen Anrufen von ihm selbst zugeschriebenen Wichtigkeit für
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 19
seine Ausreise (vgl. Beschwerdeschrift S. 15 Mitte) sowie der in der BzP
gestellten Fragen zu seinem (konkreten) Problem innerhalb des von ihm
geschilderten Sachverhalts (vgl. A 4/14 Ziff. 7.01) als Schutzbehauptung
zu qualifizieren. Insbesondere ist nicht nachvollziehbar, weshalb er die be-
haupteten Anrufe respektive die Aufforderungen, zu einem persönlichen
Treffen zu erscheinen, nicht im Zusammenhang mit dem Verschwinden von
G._ nannte, der gemäss seinen Ausführungen in der Beschwerde-
schrift nach einem solchen Treffen verschwunden sein soll. Selbst bei
Problemen mit der "Fokussierung" wäre sodann spätestens bei der Frage,
ob er – neben dem bereits Erwähnten – je konkrete persönliche Probleme
mit den Behörden, der Polizei oder irgendwelchen anderen Organisationen
gehabt habe, die Nennung dieser Anrufe zu erwarten gewesen. Der Be-
schwerdeführer antwortete auf diese Frage dagegen, er habe nie direkte
Probleme mit den Behörden gehabt, in keiner Weise, und sei weder krimi-
nell noch administrativ straffällig geworden (vgl. A 4/14 Ziff. 7.02). Sein Ein-
wand in der Beschwerde, er habe diese Frage so verstanden, ob er abge-
sehen von den Problemen im Zusammenhang mit seiner Flucht bereits
Probleme mit den Behörden gehabt habe, ist unbehelflich.
5.2.2 Wie vom SEM weiter zu Recht festgehalten, sind sodann die Aussa-
gen des Beschwerdeführers in der Anhörung zu den angeblich erfolgten
Anrufen durch das Innenministerium – namentlich betreffend Häufigkeit
und Zeitpunkt – unsubstanziiert ausgefallen (vgl. A 10/15 F39 ff. und 70 ff.).
Zudem vermochte er den Inhalt der behaupteten Telefongespräche mit
dem Sicherheitsdienst nur in groben Zügen zu schildern (vgl. A 10/15
F54 ff. und 63 ff.). Seine knappen Ergänzungen in der Beschwerdeschrift
zu den dabei verwendeten Schimpfwörtern respektive einer (weiteren) kon-
kreten Drohung (vgl. Beschwerdeschrift S. 21 f.) vermögen – abgesehen
davon, dass sie als nachgeschoben zu qualifizieren sind – keinen massge-
blichen Beitrag zur Substanziierung zu leisten. Erstaunlich ist in diesem
Zusammenhang, dass er seine ihm durch den Sicherheitsdienst konkret
vorgeworfenen Tätigkeiten, mit welchen er hätte aufhören sollen, nicht be-
zeichnete respektive keine diesbezüglichen Ausführungen machte (vgl.
A 10/15 F54 ff.), zumal nicht davon auszugehen ist, dass der Sicherheits-
dienst – wären solche Anrufe tatsächlich erfolgt – ihm lediglich in unsub-
stanziierter Weise mitgeteilt hätte, dass er sich "mit etwas Falschem" be-
fasse und er "etwas Unrichtiges" tue.
5.2.3 Ferner ist darauf hinzuweisen, dass die Ausführungen des Beschwer-
deführers zu den behaupteten Telefonaten widersprüchlich ausgefallen
sind. So erklärte er zunächst, der Grundton der beiden Gespräche mit dem
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 20
Sicherheitsdienst sei sehr aggressiv gewesen und er habe sofort feststel-
len können, dass man nicht nur bei Drohungen bleiben, sondern diese um-
setzen würde (vgl. A 10/15 F55). Etwas später brachte er dagegen vor, er
habe sich beim ersten Telefonat keine grossen Gedanken gemacht und es
schlicht ignoriert (vgl. A 10/15 F63). Bezüglich der behaupteten Telefonate
durch das Innenministerium brachte er sodann zunächst vor, in diesem Zu-
sammenhang seien ab dem (...) Drohungen erfolgt (vgl. A10/15 F42). In
der Folge nannte er dann aber nur für das allerletzte Telefonat anfangs (...)
eine konkrete Drohung (Einleitung eines Strafverfahrens im Falle des
Nichterscheinens zu einem persönlichen Treffen; vgl. A 10/15 F71) und
antwortete auf die anschliessende Frage, ob es bereits zuvor solche Tele-
fonate gegeben habe, in denen das Innenministerium ihn zu einem Treffen
aufgefordert habe, man habe ihn immer korrekt und höflich aufgefordert,
zu einem Gespräch zu kommen (vgl. A 10/15 F75 f.).
5.2.4 Zusammenfassend sind die Vorbringen des Beschwerdeführers zu
den Anrufen durch den Sicherheitsdienst und das Innenministerium als un-
glaubhaft zu qualifizieren. Demzufolge ist auch das Vorbringen des Be-
schwerdeführers in seiner Beschwerdeschrift, wonach er sich am (...) we-
gen der angeblichen Anrufe sowie Drohungen zu einem informellen Treffen
mit K._ getroffen habe und dabei mit der Einleitung eines Strafver-
fahrens bedroht worden sei, wenn er nicht zu einem offiziellen Treffen er-
scheine, als unglaubhaft zu bezeichnen. Die Unsubstanziiertheit der dies-
bezüglichen Ausführungen in der Beschwerdeschrift bestätigen diese Ein-
schätzung. Darin wird insbesondere weder aufgezeigt, wie es zu diesem
Treffen gekommen sein soll, noch wo sich der Beschwerdeführer und
K._ genau getroffen haben sollen. Dass scheinbar tatsächlich ein
Strafverfahren gegen den Beschwerdeführer eingeleitet worden sein soll
(vgl. E. 6.4 nachfolgend) vermag nichts an dieser Einschätzung zu ändern.
5.3
5.3.1 Betreffend die von den Beschwerdeführenden geltend gemachte
zweimalige Suche nach dem Beschwerdeführer und damit verbunden die
Hausdurchsuchung an ihrer Wohnadresse ist zwar festzuhalten, dass dies-
bezüglich – in Übereinstimmung mit dem entsprechenden Beschwerdevor-
bringen – insbesondere die vorinstanzlichen Erwägungen zu den angebli-
chen Widersprüchen in den Aussagen des Beschwerdeführers nicht zu
überzeugen vermögen. Das SEM hielt dem Beschwerdeführer vor, er habe
in der BzP von lediglich einer durch unbekannte Drittpersonen erfolgten
Hausdurchsuchung, in der Anhörung dagegen von zwei durch Mitarbeiter
des Sicherheitsdienstes erfolgten Hausdurchsuchungen gesprochen. Es
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 21
ignorierte dabei allerdings die Erklärung des Beschwerdeführers in der An-
hörung zum Grund, weshalb er in der BzP nur von einer "Hausdurchsu-
chung" (eigentlich: Erscheinen von Personen an seiner Wohnungstür, wo-
bei seine Ehefrau die Tür nicht geöffnet habe) sprach und die zweite Suche
respektive die eigentliche Hausdurchsuchung nicht erwähnte. So soll er
davon erst nach der BzP bei einem Telefonat mit seiner Ehefrau erfahren
haben (vgl. A 10/15 F80 f., 87 f.; vgl. dagegen die Aussagen seiner Ehe-
frau, gemäss welchen er bereits im Zeitpunkt der BzP darüber hätte Be-
scheid wissen müssen: A 34/13 F24 ff., 67). Ausserdem sprach er nur be-
züglich der eigentlichen Hausdurchsuchung von Mitarbeitern des Sicher-
heitsdienstes (vgl. A 10/15 F83 und 86), während er betreffend die erste
Suche nach ihm, anlässlich welcher seine Ehefrau die Tür nicht geöffnet
haben soll, von (unbekannten) Personen redete (vgl. A 10/15 F90). An der
Glaubhaftigkeit dieser Vorfälle bestehen dennoch aufgrund des Umstan-
des, dass sich der Beschwerdeführer für die Begründung seines Asylge-
suchs eines Sachverhaltskonstrukts bediente (unglaubhafte Ausführungen
zu den angeblichen Telefonaten durch das Innenministerium und den Si-
cherheitsdienst), erste Zweifel.
5.3.2
5.3.2.1 Diese Zweifel werden durch die als unglaubhaft zu bezeichnenden
Vorbringen der Beschwerdeführerin bestätigt. Wie schon in der sie betref-
fenden Verfügung aufgezeigt, widersprach sie sich hinsichtlich der zwi-
schen den beiden geltend gemachten Vorfällen liegenden Zeitspanne. So
erklärte sie in der BzP, es seien drei bis fünf Tage vergangen (vgl. A 9/15
[A 27] Ziff. 7.01), während sie in der zweiten Anhörung von eineinhalb Wo-
chen sprach (vgl. A 34/13 F34). In jener Anhörung datierte sie selbst so-
dann die Vorfälle zwar nicht wie in der vorinstanzlichen Verfügung festge-
halten auf den (...), sondern – jedenfalls zumindest den zweiten Vorfall –
auf etwa den 10. Tag im (...) (vgl. A 34/13 F20 und 26), was gemäss ihren
Ausführungen in der Stellungnahme vom 11. September 2017 und der Be-
schwerdeschrift dem (...) entspreche. Nichtsdestotrotz besteht diesbezüg-
lich offensichtlich ein Widerspruch zu ihren unsubstanziierten Aussagen
während der BzP, gemäss welchen beide Vorfälle im (...) stattgefunden
hätten (vgl. A 9/15 [A 27] Ziffn. 4.03 und 7.01). Das SEM hielt in der ange-
fochtenen Verfügung ferner zu Recht fest, dass die Beschwerdeführerin in
der BzP den Durchsuchungsbefehl und die behauptete Vergewaltigung
respektive sexuelle Nötigung noch nicht erwähnte (vgl. A 9/15 [A 27] Ziff.
7.01).
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 22
5.3.2.2 Den diesbezüglichen Beschwerdevorbringen, wonach die Be-
schwerdeführerin mit Daten generell Mühe habe beziehungsweise sich die
Anzahl Tage zwischen den Vorfällen nicht gemerkt habe und in der BzP
unkonzentriert gewesen sei, ist zunächst entgegenzuhalten, dass sie – wie
bereits in der vorinstanzlichen Verfügung angeführt – die Richtigkeit und
Vollständigkeit ihrer Aussagen nach Rückübersetzung sämtlicher Protokol-
le mit ihrer Unterschrift bestätigt hat, so dass sie sich auf diesen behaften
lassen muss. Ihre angebliche Mühe mit Daten und Zeitintervallen, aufgrund
welcher es zu den Widersprüchen in ihren zeitlichen Angaben gekommen
sein soll, ist angesichts der Relevanz der geltend gemachten Ereignisse
für ihr Asylgesuch denn auch als Schutzbehauptung zu qualifizieren. In die-
sem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass sie in der BzP sowohl
ihre Ausreise aus der Ukraine, als auch ihre Ankunft in der Schweiz genau
datierte (vgl. A 9/15 [A 27] Ziffn. 2.01 und 5.01 f.), was sich nicht mit ihrem
Vorbringen, wonach sie Mühe mit Daten habe, vereinbaren lässt.
Ferner treffen die Erwägungen des SEM zu, wonach sich den Protokollen
(vor allem jenem der BzP) keine konkreten Hinweise entnehmen lassen,
dass sich die Beschwerdeführerin – wie von ihr bereits und insbesondere
in der Stellungnahme vom 11. September 2017 vorgebracht – damals in
einem schwierigen psychischen und unkonzentrierten Zustand befunden
hätte (vgl. dagegen ihre Antwort auf die Frage nach ihrer Gesundheit, wo-
nach sie sich gut fühle und alles okay sei: A 9/15 [A 27] Ziff. 8.02). Solche
werden auch in der Beschwerdeschrift nicht geltend gemacht. Darin wird
lediglich (erneut) auf die angeblichen Umstände während der BzP (nicht
protokollierte Anwesenheit ihrer jüngeren Tochter, die psychisch in einem
sehr schlechten Zustand gewesen sei und [...] habe sowie damit verbun-
dener Stress ihrerseits) verwiesen, jedoch keine konkreten Protokollstellen
genannt, die nahelegen würden, dass sie sich während der Befragung und
der Rückübersetzung nicht konzentrieren konnte respektive die BzP
schnell zu Ende bringen wollte. Aus der Anwesenheit der Tochter während
der BzP lässt sich nichts zu Gunsten der Beschwerdeführerin ableiten.
5.3.2.3 In ihren Aussagen lassen sich sodann weitere Unstimmigkeiten fin-
den, welche die bereits bestehenden Zweifel an der Glaubhaftigkeit des
von ihr geschilderten Sachverhalts bestärken: So lässt sich aus ihren Aus-
sagen in der BzP schliessen, dass sie bis (...) und damit bis zu ihrer an-
geblichen Verbringung in das (...) als (...) arbeitete und sie damit aufhörte,
weil dieser Wohnort es ihr nicht erlaubt haben soll, zur Arbeit zu fahren (vgl.
A 9/15 [A 27] Ziff. 1.17.05). Ihren Aussagen in der ersten Anhörung zufolge
soll sie jedoch bereits während ihres Aufenthalts in N._ und somit
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 23
ab (...) nicht mehr gearbeitet haben (vgl. A 31/11 F63 f.). Gemäss ihren
Ausführungen in der BzP sollen ferner sie und ihre Töchter erst mehrere
respektive zehn Tage nach der angeblichen Hausdurchsuchung, anlässlich
welcher sie auch sexuell genötigt worden sein soll, von einem Freund ihres
Ehemannes abgeholt und nach N._ gebracht worden sein, wobei
sie auch erklärte, dass sich dieser Freund nach der angeblichen Haus-
durchsuchung um eine neue Bleibe für sie gekümmert habe (vgl. A 9/15
[A 27] Ziffn. 4.03 und 7.01). Ihren Aussagen in den Anhörungen zufolge
sollen sie jedoch bereits am nächsten Tag abgeholt worden sein, wobei
schon vor der behaupteten Hausdurchsuchung die neue Bleibe organisiert
und sie über den Tag der bevorstehenden Abholung informiert gewesen
sein soll (vgl. A 31/11 F62, A 34/13 F21 und 49 ff.). Zwar stimmten die An-
gaben anlässlich der zeitlich nahe beieinanderliegenden Anhörungen über-
ein, der Widerspruch zu den Aussagen anlässlich der BzP bleibt indessen
bestehen. Selbst wenn die Beschwerdeführerin Probleme mit dem Merken
von Daten und Zeitspannen haben sollte, sind diese Unstimmigkeiten we-
nig nachvollziehbar.
5.3.2.4 Es ist sodann festzuhalten, dass ihre Ausführungen im Zusammen-
hang mit den beiden Vorfällen unsubstanziiert ausgefallen sind. Ihre Schil-
derungen zum ersten Vorfall, bei welchem Polizisten respektive "Leute" an
ihrer Tür geklingelt haben sollen, beschränken sich jeweils auf wenige Sät-
ze, denen insbesondere weder das genaue Verhalten dieser Personen an
ihrer Tür, noch innere Gedankengänge oder Gefühle ihrerseits entnommen
werden können (vgl. A 9/15 [A 27] Ziff. 7.01, A 31/11 F61, A 34/13 F34).
Obwohl sie nicht weiter dazu befragt wurde, wären spontan detailliertere
Angaben zu diesem einschneidenden Ereignis zu erwarten gewesen. Ins-
besondere ist nicht nachvollziehbar, weshalb sie nicht mindestens so aus-
führlich wie der Beschwerdeführer (vgl. A 10/15 F90 ff. und dessen Be-
schwerdeschrift S. 22 f.) über diesen Vorfall berichtete, hat sie ihn doch im
Gegensatz zum Beschwerdeführer selber erlebt. Auch ihre Ausführungen
im Zusammenhang mit der angeblichen Hausdurchsuchung sind sowohl in
der BzP, als auch in der ersten Anhörung oberflächlich ausgefallen (vgl.
A 9/15 [A 27] Ziff. 7.01, A 31/11 F60 f.). In der zweiten Anhörung erzählte
sie darüber zwar einiges ausführlicher, letztlich jedoch immer noch detail-
arm (vgl. A 34/13 F13 ff. und insb. 21 ff.). In Übereinstimmung mit dem
SEM sind gerade auch ihre Vorbringen zum behaupteten sexuellen Über-
griff durch einen Polizisten zu unsubstanziiert ausgefallen. Das SEM führte
diesbezüglich in der angefochtenen Verfügung – wenn auch stichwortartig
– zu Recht an, die Beschwerdeführerin habe diesen Polizisten nicht be-
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 24
schrieben und keine Sinneseindrücke ihrerseits im Rahmen dieses Über-
griffs dargelegt. Auch wenn die Befragerin an einer Stelle sagte, die Be-
schwerdeführerin müsse nicht jedes Detail erzählen (vgl. A 34/13 F23) und
später keine weiteren entsprechenden Fragen stellte, wären dazu – bei
Wahrunterstellung des Vorfalls – spontan detaillierte(re) und erlebnisge-
prägte Schilderungen der Beschwerdeführerin zu erwarten gewesen.
5.3.2.5 Einzelne in den Schilderungen der Beschwerdeführerin zu findende
für die Glaubhaftigkeit sprechende Elemente (bspw. in den Anhörungen er-
kennbare Emotionen ihrerseits [vgl. A 31/11 F61, A 34/13 F23], überein-
stimmendes Vorbringen an den Anhörungen, wonach ein Polizist [...] ha-
ben soll) vermögen die oben dargelegten Unglaubhaftigkeitselemente nicht
aufzuwiegen. Soweit die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerde vor-
bringt, die an der zweiten Anhörung anwesende HWV habe eine komplett
andere Einschätzung der Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen vorgenommen
und sei mithin zum Schluss gekommen, dass angesichts ihrer äusserst de-
taillierten und sehr emotionalen Schilderungen keine Zweifel an der Glaub-
haftigkeit bestehen würden, ist festzuhalten, dass es sich dabei um eine
persönliche Einschätzung der HWV handelt. Eine solche Einschätzung
wird vom gesetzlichen Auftrag und Kompetenzumfang nach aArt. 30 Abs. 4
AsylG nicht erfasst, sondern ist Aufgabe der Vorinstanz und letztlich des
Gerichts. Auch aus dem Umstand, dass in der zweiten Anhörung seitens
der Befragerin nicht noch (zahlreiche) weitere Fragen gestellt wurden, kann
– entgegen der in der Beschwerdeschrift der Beschwerdeführerin vertrete-
nen Auffassung – nicht auf die Glaubhaftigkeit der vorgebrachten Asyl-
gründe geschlossen werden.
Des Weiteren kann die Beschwerdeführerin hinsichtlich der Beurteilung der
Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Hausdurchsuchung respektive der
dabei erfolgten sexuellen Nötigung nichts aus den im Beschwerdeverfah-
ren eingereichten ärztlichen Berichten von med. pract. P._ zu ihren
Gunsten ableiten. Der Umstand, dass diese – im Übrigen ohne Details zu
kennen – die entsprechenden Erzählungen der Beschwerdeführerin als
glaubhaft beurteilte und dieses Ereignis zum grossen Teil als Auslöser des
Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin (mittelgradige depressive
Episode, posttraumatische Belastungsstörung) bezeichnete (vgl. insb. de-
ren ärztlicher Bericht vom 14. November 2017) ändert nichts an der Ein-
schätzung des Gerichts. Dasselbe gilt für die darin erwähnten Hinweise auf
entsprechende Konzentrations- und Gedächtnisfunktionsstörungen der
Beschwerdeführerin.
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 25
5.3.3
5.3.3.1 Für die Unglaubhaftigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführen-
den spricht sodann die Tatsache, dass der Beschwerdeführer in seiner An-
hörung noch nicht erwähnte, dass sein Notebook bei der geltend gemach-
ten Hausdurchsuchung beschlagnahmt worden sei (vgl. A 10/15 F98). Dies
ist angesichts dessen, dass darauf – seinem Vorbringen in der Stellung-
nahme vom 1. März 2018 zufolge – sehr viele Informationen im Zusam-
menhang mit seinen Aktivitäten für "(...)" gespeichert gewesen sein sollen,
nicht nachvollziehbar. Insbesondere ist aber – wie vom SEM im Schreiben
vom 1. September 2017 und in der Verfügung betreffend die Beschwerde-
führerinnen festgehalten – darauf hinzuweisen, dass sich das Vorbringen
des Beschwerdeführers, wonach bei der behaupteten Hausdurchsuchung
sein Reisepass mitgenommen worden sein soll (vgl. etwa A 10/15 F98),
nicht mit dem Umstand vereinbaren lässt, dass ihm gemäss Visaunterla-
gen am (...) durch die (...) Vertretung in der ukrainischen Ortschaft
O._ ein Schengen-Visum ausgestellt wurde, wobei er sich mit sei-
nem ukrainischen Reisepass auswies (vgl. A 30/2). Dazu wurde ihm durch
das Bundesverwaltungsgericht mit Verfügung vom 2. Februar 2018 das
rechtliche Gehör gewährt. Seine Schilderungen im Rahmen der Eingabe
vom 1. März 2018 (vgl. Bst. N.d vorstehend) sind zwar eher ausführlich
ausgefallen, vermögen letztlich aber nicht zu überzeugen.
5.3.3.2 Zunächst ist festzuhalten, dass er bis zu dieser Eingabe mit keinem
Wort erwähnte, dass er über Kenntnisse zu Verstecken von Geld und (...)
im Wert von über einer Million Dollar verfügen soll, obwohl naheliegend
wäre, dass deswegen ein Verfolgungsinteresse an seiner Person bestehen
könnte. Dieses Vorbringen ist insofern – wie im Übrigen seine erst im Rah-
men der Eingabe vom 14. Mai 2019 vorgebrachte Erklärung, wonach er
diese Mittel für verschieden Leute als Spareinlage aufbewahrt habe – als
unbegründet nachgeschoben zu bezeichnen. Sodann erscheint es unlo-
gisch, dass seine Verfolger ihn wegen angeblich hier befindlicher Doku-
mente, die sie sicherlich auch ohne ihn hätten beschaffen können, (legal)
in die Schweiz zurückbrachten, wobei ihm ohnehin nicht geglaubt werden
kann, dass er einige Ordner von heiklen Dokumenten in die Schweiz mit-
nahm. Seine Ausführungen im Rahmen der Eingabe vom 14. Mai 2019
zum Verstecken dieser Dokumente sind oberflächlich ausgefallen und es
ist nicht nachvollziehbar, weshalb er sie in die Obhut von Freunden eines
Ukrainers, den er hier kennenlernte, und somit ihm fremden Leuten ge-
bracht haben soll. Mit seinem Vorbringen, er habe nicht gewusst, was ihn
hier erwarte und er habe zuerst die Situation verstehen wollen, in welcher
er sich befinde, vermag er auch nicht überzeugend zu erklären, weshalb er
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 26
die entsprechenden Dokumente nicht sofort dem SEM abgab, obwohl sie
allenfalls geeignet gewesen wären, als Beweismittel in seinem Asylverfah-
ren zu dienen.
Schliesslich ist insbesondere festzuhalten, dass angesichts der Bedeutung
des im Rahmen der Eingabe vom 1. März 2018 geschilderten Sachverhalts
für die Beurteilung seines Asylgesuchs zu erwarten gewesen wäre, dass
sich der Beschwerdeführer umgehend beim SEM gemeldet beziehungs-
weise bereits während der Anhörung oder spätestens in der Beschwerde-
schrift davon erzählt hätte. Dem Anhörungsprotokoll sind keine Hinweise
dafür zu entnehmen, dass er anlässlich der Anhörung – wie in seiner per-
sönlichen Stellungnahme vom 27. Februar 2018 vorgebracht – vorsichtig,
unausgeglichen oder verängstigt und deshalb nicht in der Lage gewesen
wäre, (diesbezüglich) "klare Erklärungen" zu geben. Sein Vorbringen, wo-
nach er bei der Beschwerdeerhebung mangels Kraft und Stärke nicht über
den angeblichen Vorfall im (...) berichtet habe, ist angesichts der bereits
erwähnten Bedeutung des behaupteten Sachverhalts – und im Übrigen un-
ter Berücksichtigung des Umfangs der Beschwerde (25 Seiten) – ebenfalls
unbehelflich. Auch vermag das unsubstanziierte Vorbringen in der Stel-
lungnahme der Beschwerdeführerin vom 11. September 2017, wonach
sich der Beschwerdeführer bis zu ihrer Einreise in die Schweiz um ihre Si-
cherheit gesorgt und sich deshalb gefürchtet habe, über den Vorfall zu be-
richten, nicht zu überzeugen.
Der vom Beschwerdeführer im Rahmen der Eingabe vom 1. März 2018
geltend gemachte Sachverhalt ist nach dem Gesagten als nachgeschoben
und damit unglaubhaft zu qualifizieren. Somit ist auch sein Vorbringen zur
Beschlagnahmung seines Reisepasses unglaubhaft.
5.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die von den Beschwerdefüh-
renden geltend gemachten Verfolgungsmassnahmen den Anforderungen
an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG nicht standzuhalten vermö-
gen.
6.
6.1 Soweit der Beschwerdeführer insbesondere mit Hinweis auf gegen an-
dere Mitglieder der Organisation "(...)" gerichtete Verfolgungsmassnahmen
und seine konkreten Aktivitäten vorbringt, ihm hätten wegen seines Enga-
gements für diese Organisation im Zeitpunkt seiner Ausreise aus der Uk-
raine asylrelevante Verfolgungsmassnahmen gedroht beziehungsweise
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 27
würden ihm im heutigen Zeitpunkt solche Verfolgungsmassnahmen dro-
hen, ist Folgendes festzuhalten:
6.2
6.2.1 Zunächst ist die persönliche Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers
angesichts der obigen Erwägungen respektive aufgrund des Umstandes,
dass er sich für die Begründung seines Asylgesuchs eines Sachverhalts-
konstrukts bediente, erheblich beeinträchtigt. Mithin besteht Grund zur An-
nahme, dass auch seine Beschwerdevorbringen zu seinen Aktivitäten für
"(...)" und den weiteren Verfolgungsmassnahmen nicht der Wahrheit ent-
sprechen. Er reichte denn auch weder zu seiner Mitgliedschaft bei "(...)" an
sich, noch zu seinen Aktivitäten für diese Organisation Beweismittel zu den
Akten. Allein die eingereichte Fotografie, die ihn unter anderem mit dem
Gründer der Organisation zeige, vermag seine Mitgliedschaft nicht zu be-
legen. Seine sprung- und lückenhaften Ausführungen in der Beschwerde-
schrift sowie sein offenbar ausgeprägtes Bedürfnis, den gesamten Kontext
seiner angeblichen Verfolgung darzulegen, lassen zusätzlich darauf
schliessen, dass er basierend auf den (bekannten) Problemen in seinem
Heimatland eine persönliche Gefährdung zu konstruieren versuchte.
6.2.2 Im Zusammenhang mit den gegen andere Organisationsmitglieder
gerichteten Verfolgungsmassnahmen ist sodann darauf hinzuweisen, dass
der Beschwerdeführer in der BzP drei Mitglieder der Organisation nament-
lich nannte, welche verschwunden respektive ermordet worden sein sollen
(vgl. A 4/14 Ziff. 7.01), in der Anhörung indessen nur noch von deren zwei
sprach, wobei er diese – obwohl er die Möglichkeit gehabt hätte – nicht
mehr namentlich erwähnte (vgl. A 10/15 F36 und 56). Das Nichterwähnen
eines Organisationsmitglieds anlässlich der Anhörung erstaunt umso mehr,
als der Beschwerdeführer in der Beschwerdeschrift in Bezug auf das Ver-
schwinden aller drei Organisationsmitglieder implizit eine eigene Gefähr-
dung geltend machte. So habe er mit G._ und H._ an Pat-
rouillen teilgenommen und von I._ kurz vor dessen Verschwinden
heikle Dokumente erhalten, die er am (...) Juristen in Kiew gebracht haben
soll (vgl. Beschwerdeschrift S. 11 und 14).
6.3 Selbst bei Wahrunterstellung seines behaupteten Engagements für
"(...)" ist angesichts des Umstandes, dass er sich zur Begründung seines
Asylgesuchs eines Sachverhaltskonstrukts bedienen musste, nicht davon
auszugehen, dass ihm deswegen asylrelevante Verfolgungsmassnahmen
in seinem Heimatland drohen würden. Auch ist nach den obigen Ausfüh-
rungen (vgl. E. 5.3.3.2) davon auszugehen, dass seine Rückreise in die
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 28
Ukraine im (...) freiwillig erfolgte, was darauf schliessen lässt, dass er
selbst im damaligen Zeitpunkt nicht mit entsprechenden Verfolgungsmass-
nahmen rechnete. Es erübrigt sich deshalb, auf seine Ausführungen in der
Beschwerdeschrift zu seinen angeblichen Tätigkeiten für diese Organisa-
tion sowie die angeblich erlittenen Verfolgungsmassnahmen, die er in der
Beschwerdeschrift ergänzte, einzugehen.
6.4
6.4.1 Der Beschwerdeführer kann sodann aus den in seinem Beschwerde-
verfahren eingereichten Unterlagen im Zusammenhang mit einem ihn be-
treffenden Strafverfahren (vgl. Bst. O. und S. vorstehend) nichts zu seinen
Gunsten ableiten, zumal an deren Authentizität – trotz teilweise eingereich-
ter Versandbelege – angesichts seiner erheblich reduzierten persönlichen
Glaubwürdigkeit sowie folgender Unstimmigkeiten ernsthafte Zweifel be-
stehen. So ist etwa darauf hinzuweisen, dass die Anschrift auf den angeb-
lichen Couverts der Staatsanwaltschaft an seinen Anwalt einmal hands-
chriftlich und einmal gedruckt ist. Zudem wird in der Anwaltsanfrage vom
(...) und in der Beschwerde an die Staatsanwaltschaft vom (...) festgehal-
ten, dass der Anwalt in einem Gespräch mit seinem Klienten (also dem
Beschwerdeführer) erfahren habe, dass dieser von Sicherheitskräften we-
gen seiner pazifistischen Weltanschauung verfolgt werde, was der Be-
schwerdeführer in seinem gesamten Verfahren an keiner Stelle vorbrachte.
6.4.2 Selbst wenn es sich dabei um authentische Dokumente handeln wür-
de, ergäbe sich daraus respektive aus der Einleitung eines Strafverfahrens
noch keine asylrelevante Gefährdung des Beschwerdeführers. Mangels
Ausführungen insbesondere in den Schreiben der Staatsanwaltschaft zu
den ihm konkret vorgeworfenen Tätigkeiten bestehen keine Anhaltspunkte
dafür, dass dieses Strafverfahren im Zusammenhang mit seinem behaup-
teten Engagement für "(...)" steht. Auch bestehen keine konkreten Hin-
weise für die Annahme, dass sein Strafverfahren in der Ukraine nicht kor-
rekt durchgeführt würde. Daran vermögen die generellen Ausführungen in
der Eingabe vom 17. Mai 2018 respektive die damit eingereichten Beweis-
mittel, die sich nicht direkt auf den Beschwerdeführer beziehen, nichts zu
ändern. Im Übrigen ist offenbar bis zum heutigen Zeitpunkt keine Verurtei-
lung des Beschwerdeführers erfolgt.
7.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das SEM (im Ergebnis) zu Recht
die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden verneinte und deren
Asylgesuche abwies. Es erübrigt sich, auf die weiteren Erwägungen des
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 29
SEM und die entsprechenden Entgegnungen der Beschwerdeführenden
respektive deren sonstigen Beschwerdevorbringen und eingereichten Be-
weismittel einzugehen, da sie nicht geeignet sind, eine Änderung dieser
Einschätzung zu bewirken. Mithin können vorliegend die Fragen der
Schutzfähigkeit und –willigkeit des ukrainischen Staates sowie des Vorlie-
gens einer allfälligen innerstaatlichen Fluchtalternative offengelassen wer-
den. An dieser Stelle ist immerhin darauf hinzuweisen, dass unter dem neu-
en ukrainischen Präsidenten Massnahmen gegen den illegalen (...)abbau
durchgeführt wurden. So wurde Ende 2019 ein neues Gesetz für die Lega-
lisierung des (...)abbaus vom ukrainischen Parlament angenommen und
vom Präsidenten unterzeichnet (vgl. CMS, Ukraine: important changes to
subsoil use legislation, 06.01.2020, https://www.cms-
lawnow.com/ealerts/2020/01/ukraine-important-changes-to-subsoil-use-
legislation, abgerufen am 05.07.2021). Ausserdem heisst es auf der offizi-
ellen Webseite des Präsidenten, dass alle Personen, die in den illegalen
(...)-Abbau involviert gewesen seien, bestraft werden sollen ([...]).
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 30
9.2
9.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
9.2.2 Die Vorinstanz wies in ihren Verfügungen zutreffend darauf hin, dass
das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen
schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den Beschwerdefüh-
renden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nach-
zuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte
Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine An-
wendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden in den Heimat-
staat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müssten die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefahr ("real risk") nach-
weisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rückschiebung
Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des
EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Dies ist ihnen unter Hinweis auf die Erwägungen zum
Asylpunkt nicht gelungen. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in
der Ukraine lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht
als unzulässig erscheinen. Daran vermag die mit den Repliken eingereich-
te Zusammenfassung eines Berichtes des OHCHR betreffend die Men-
schenrechtslage in der Ukraine nichts zu ändern. Nach dem Gesagten ist
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 31
der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völ-
kerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht davon aus, dass die allgemeine
Lage in der Ukraine trotz des immer noch andauernden bewaffneten Kon-
flikts in einem Teil des Staatsgebiets nicht landesweit durch Krieg oder eine
Situation allgemeiner Gewalt gekennzeichnet ist, aufgrund derer die Zivil-
bevölkerung als generell konkret gefährdet bezeichnet werden müsste (vgl.
bspw. das Urteil des BVGer D-3865/2020 vom 27. August 2020 E. 10.2
m.w.H.).
9.3.3 Vorliegend kann sodann nicht auf die Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs aufgrund in der Person der Beschwerdeführenden liegen-
den Gründen geschlossen werden. Die Beschwerdeführenden brachten
zwar – insbesondere auch auf Beschwerdeebene – vor, in der Ukraine
nicht über ein tragfähiges (familiäres) Beziehungsnetz zu verfügen. Auf-
grund ihrer sich aus den vorstehenden Erwägungen ergebenden reduzier-
ten persönlichen Glaubwürdigkeit bestehen an diesem Vorbringen indes-
sen gewisse Zweifel (vgl. denn auch die Aussage des Beschwerdeführers
im vorinstanzlichen Verfahren, wonach er in der Ukraine [...] [gehabt] habe,
mit welchen er aufgewachsen sei [A 10/15 F30 ff.]). Sodann dürfte es den
Beschwerdeführenden ohnehin möglich sein, innerhalb eines absehbaren
Zeitraums wieder den Einstieg in die Berufstätigkeit zu finden, mit welcher
sie selbständig für ihren Lebensunterhalt sorgen können. Sie verfügen
über einen Mittel- respektive Hochschulabschluss und Berufserfahrung,
wobei die Beschwerdeführerin gemäss ihren Angaben erfolgreich ein eige-
nes (...) führte und der Beschwerdeführer als (...) sowie als (...) für eine
Firma tätig war, die (...) verkaufte (vgl. A 4/14 Ziffn. 1.17.04 f., A 9/15 [A 27]
Ziffn. 1.17.04 f., Beschwerde des Beschwerdeführers S. 7, ärztlicher Be-
richt von med. pract. P._ vom 14. November 2017). Auch die neu
eingereichten Unterlagen über die durchaus anerkennenswerte Integration
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 32
in der Schweiz lassen im Übrigen darauf schliessen, dass die Beschwer-
deführenden über die notwendigen Ressourcen für eine Reintegration im
Heimatland verfügen.
9.3.4
9.3.4.1 Den eingereichten ärztlichen Berichten von med. pract. P._
ist zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin an einer rezidivierenden
depressiven Störung ("aktuell" Teilremission unter der Dauermedikation mit
dem Antidepressivum Sertralin) sowie einer posttraumatischen Belas-
tungsstörung leidet und im Alter von (...) Jahren einen Suizidversuch un-
ternommen hatte.
9.3.4.2 Gesundheitliche Probleme führen nur dann zur Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs, wenn eine notwendige medizinische Behand-
lung im Heimatland nicht zur Verfügung steht und die Rückkehr zu einer
raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesundheitszu-
standes der betroffenen Person führen würde. Als wesentlich wird die all-
gemeine und dringende medizinische Behandlung erachtet, die zur Ge-
währleistung einer menschenwürdigen Existenz absolut notwendig ist, wo-
bei die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs jedenfalls noch nicht
vorliegt, wenn im Heimatstaat eine nicht dem schweizerischen Standard
entsprechende medizinische Behandlung möglich ist (vgl. BVGE 2011/50
E. 8.3; 2011/24 E. 11.1; 2009/2 E. 9.3.2).
9.3.4.3 Vorliegend ist – in Übereinstimmung mit den Erwägungen des SEM
in dessen Vernehmlassung vom 25. April 2019 und entgegen den diesbe-
züglichen unsubstanziierten Behauptungen in der Replik vom 14. Mai 2019
– von der Behandelbarkeit der gesundheitlichen Beschwerden der Be-
schwerdeführerin in der Ukraine auszugehen, da dort gestützt auf die Er-
kenntnisse des Bundesverwaltungsgerichts psychiatrisch-psychothera-
peutische Behandlungen grundsätzlich vorhanden und erhältlich sind (vgl.
bspw. das Urteil des BVGer D-3865/2020 vom 27. August 2020 E. 10.2.2).
Gemäss dem eingereichten Verlaufsbericht vom 14. Mai 2019 wurde die
Beschwerdeführerin in ihrem Heimatland denn auch bereits in der Vergan-
genheit wegen depressiver Zustände medikamentös behandelt. Im Falle
der Rückkehr ist somit – entgegen dem entsprechenden Vorbringen in der
Eingabe vom 16. Mai 2019 – keine drastische und lebensbedrohende Ver-
schlechterung ihres Gesundheitszustands anzunehmen. Daran vermag
der Umstand, dass die behandelnde Ärztin weiterhin stabile Wohn- und
Sozialverhältnisse für eine positive Prognose hinsichtlich der psychiatri-
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 33
schen Gesundheit und der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin vo-
raussetzt, nichts zu ändern, zumal keine konkreten Anhaltspunkte beste-
hen, dass sich die Beschwerdeführenden nicht innerhalb eines absehba-
ren Zeitraums in stabilen Wohnverhältnissen befinden werden. Den Be-
schwerdeführenden bleibt es zudem unbenommen, sich für die Anfangs-
phase ihrer Rückkehr um Rückkehrhilfe – einschliesslich medizinischer Art
– zu bemühen. Angesichts der bestehenden Behandelbarkeit der psychi-
schen Leiden der Beschwerdeführerin spricht sodann eine allfällige – im
Übrigen nur vom Rechtsvertreter, nicht jedoch von der behandelnden Ärz-
tin angesprochene – Möglichkeit der Retraumatisierung, die indes nicht mit
den als unglaubhaft qualifizierten Ereignissen vor ihrer Ausreise in einem
Zusammenhang stehen kann, nicht gegen die Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs.
9.3.4.4 Hinsichtlich einer allfälligen Gefahr der Suizidalität bei einem
zwangsweisen Wegweisungsvollzug ist darauf hinzuweisen, dass vom
Vollzug der Wegweisung gemäss konstanter Rechtsprechung nicht Ab-
stand zu nehmen ist, solange Massnahmen zwecks Verhütung der Umset-
zung einer Suiziddrohung getroffen werden können (vgl. hierzu bspw. Urteil
des BVGer D-3574/2016 vom 14. Juli 2016 E. 5.3.2, vgl. auch Urteil des
BGer 2C_856/2015 vom 10. Oktober 2015 E. 3.2.1). Einer allfälligen Suizi-
dalität ist Rechnung zu tragen. Der Wegweisungsvollzug ist unter Einbezug
der gegenwärtigen ärztlichen Betreuung sorgfältig vorzubereiten. Die Be-
schwerdeführerin ist bei der Rückführung soweit nötig ärztlich zu begleiten
und es sind ihr allenfalls benötigte Medikamente im Sinne einer Erstversor-
gung mitzugeben.
9.3.4.5 Nach dem Gesagten ist hinsichtlich des Gesundheitszustands der
Beschwerdeführerin nicht vom Vorliegen einer medizinischen Notlage im
Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG auszugehen.
9.3.5 Schliesslich sind unter dem spezifischen Aspekt des Kindeswohls
keine konkreten Gründe ersichtlich, die gegen die Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs sprechen. Die (...)jährige D._ ist noch in einem
stark von der Familie geprägten Alter und wird bei einer Rückkehr zusam-
men mit ihrer Familie daher kaum aus stabilen Beziehung herausgerissen
und sich aufgrund ihrer Alters in ihrem Heimatland problemlos integrieren
können. Die mittlerweile (...)jährige C._ war im Zeitpunkt der Aus-
reise aus der Ukraine (...) Jahre alt. Mangels gegenteiliger Anhaltspunkte
ist davon auszugehen, dass sie in der Ukraine somit bereits mehrere Jahre
die Schule besuchte und das Schulsystem kennt. Es sind keine konkreten
D-2089/2016, D-6276/2017
Seite 34
Anhaltspunkte ersichtlich und werden insbesondere seitens der Beschwer-
deführenden nicht vorgebracht, die darauf schliessen lassen würden, dass
sie sich in der Ukraine nicht wieder im Schul- und Alltagsleben eingliedern
kann. Das Bundesverwaltungsgericht verkennt dabei nicht, dass eine
Rückkehr für C._ keine leichte Situation darstellen dürfte, indessen
rechtfertigt sich gestützt auf die Akten die Annahme, ihre Eltern könnten ihr
die notwendige Unterstützung für eine erfolgreiche Reintegration bieten.
9.3.6 Schliesslich ist betreffend die mit Eingaben vom 29. März 2021 ein-
gereichten Unterlagen, mit welchen sie eine herausragende Integration in
der Schweiz geltend machen, festzuhalten, dass der Grad der Integration
in der Schweiz grundsätzlich kein Kriterium für die Beurteilung der Zumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG darstellt.
Die Beurteilung einer Härtefallsituation infolge fortgeschrittener Integration
im Sinne von Art. 14 Abs. 2 Bst. c AsylG fällt in die Zuständigkeit der kan-
tonalen Migrationsbehörden (vgl. BVGE 2009/52 E. 10.3). Auf die entspre-
chenden Dokumente ist daher nicht weiter einzugehen.
9.3.7 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
9.4 Schliesslich ist der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu be-
zeichnen (Art. 83 Abs. 2 AIG), zumal die Beschwerdeführerin über einen
gültigen Reisepass verfügt und es den Beschwerdeführenden obliegt, bei
der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr not-
wendigen Reisedokumente für den Beschwerdeführer und die beiden
Töchter zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12).
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtenen Verfügungen
Bundesrecht nicht verletzen, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellen (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüg-
lich überprüfbar – angemessen sind. Die Beschwerden sind abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements
D-2089/2016, D-6276/2017
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vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihnen jedoch die unent-
geltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde
(vgl. Bstn. E.a und M.a f. vorstehend) und aufgrund der Aktenlage weiterhin
von der prozessualen Bedürftigkeit auszugehen ist, ist von der Kostener-
hebung abzusehen.
11.2 Der rubrizierte Rechtsvertreter wurde sowohl dem Beschwerdeführer
als auch den Beschwerdeführerinnen als amtlicher Rechtsbeistand beige-
ordnet (vgl. Bstn. E.b und M.c vorstehend) und ist unbesehen des Aus-
gangs des Verfahrens zu entschädigen (vgl. für die Grundsätze der Be-
messung der Parteientschädigung Art. 7 ff. VGKE). Bei amtlicher Vertre-
tung geht das Gericht in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.–
bis Fr. 220.– für Anwältinnen und Anwälte aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10
Abs. 2 VGKE), wobei nur der notwendige Aufwand zu entschädigen ist (vgl.
Art. 8 Abs. 2 VGKE). Der Rechtsvertreter hat keine Kostennoten zu den
Akten gereicht, weshalb das Gericht die auszurichtende Entschädigung
von Amtes wegen festsetzt. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Be-
messungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE), die erst nach Einreichung der (um-
fangreichen) Beschwerdeschriften erfolgten Mandatierungen sowie die teil-
weise unnötigen Eingaben respektive weitschweifigen Ausführungen (vgl.
Eingaben vom 19. Februar und 17. Mai 2018), ist das amtliche Honorar auf
Fr. 1'500.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteueranteil) festzusetzen.
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D-2089/2016, D-6276/2017
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