Decision ID: 4d67ae66-d2eb-4346-946d-3131c6608a40
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die Eltern des am
1.
Oktober 2010 geborenen
X._
(
Urk.
7/2) meldeten ihren Sohn am 2
2.
September 2019 unter Hinweis auf «ADHS: Anlage
bedingte Entwicklungsstörung (POS) gemäss Ziffer 404
GgV
» bei der Invaliden
versicherung zum Leistungsbezug
an (
Urk.
7/1)
. Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
tätigte
daraufhin
medizinische Abklärungen
(
Urk.
7/5). Nach Rücksprache mit dem
R
egionalen
Ä
rztlichen Dienst (RAD,
Urk.
7/6) stellte die IV-Stelle mit Vorbescheid vom 28. Oktober 2019 (Urk. 7/7) in Aussicht, keine Kostengutsprache für medizinische
Massnahmen
für das
Geburts
gebrechen Ziffer 404 zu
erteilen
. Nach erfo
lgten Einwänden (
Urk.
7/8 und
Urk.
7/19) sowie weiteren Abklärungen
verneinte
die IV-Stelle
mit Verfügung vom 1
9.
Februar 2020
einen Anspruch auf medizinische Massnahmen
für das
Geburts
gebrechen Ziffer 404
(
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob
die Mutter
de
s
Versicherte
n
am
12.
März 2020
unter Beilage diverser Unterlagen
Beschwerde
(Urk. 1)
und beantragte,
die Verfügung vom 19.
Februar 2020 sei aufzuheben (1.) und es sei Kostengutsprache für medizini
sche Massnahmen zu erteilen (2.).
Mit Beschwerdeantwort vom
23
.
März
2020 (Urk. 6
) schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde, was
dem Beschwerdeführer
am
30
.
April
2020
zur
Kenntnis gebracht wurde (Urk. 8
)
.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Versicherte haben bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen (
Art.
3
Abs.
2
des
Bundesgesetz
es
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
,
ATSG
) notwendigen medizini
schen Massnahmen (
Art.
13
Abs.
1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversi
cherung
,
IVG
). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche diese Mass
nahmen gewährt werden. Er kann die Leistung ausschliessen, wenn das Gebre
chen von geringfügiger Bedeutung ist (
Art.
13 Abs. 2 IVG).
Als Geburtsgebrechen gelten diejenigen Krankheiten, die bei vollendeter Geburt bestehen (
Art.
3
Abs.
2 ATSG in Verbindung mit
Art.
1
Abs.
1 Satz 1
Verordnung über Geburtsgebrechen
,
GgV
). Die blosse Veranlagung zu einem Leiden gilt nicht als Geburtsgebrechen. Der Zeitpunkt, in dem ein Geburtsgebrechen als solches erkannt wird, ist unerheblich (
Art.
1
Abs.
1
GgV
). Die Geburtsgebrechen sind in
der Liste im Anhang aufgeführt. Das Eidgenössische Departement des Innern kann die Liste jährlich anpassen, sofern die Mehrausgaben einer solchen Anpas
sung für die Versicherung insgesamt drei Millionen Franken pro Jahr nicht über
steigen (
Art.
1
Abs.
2
GgV
). Als medizinische Massnahmen, die für die Behand
lung eines Geburtsgebrechens notwendig sind, gelten sämtliche Vorkehren, die nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigt sind und den therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (
Art.
2
Abs.
3
GgV
).
1.2
Als Geburtsgebrechen im Sinne von Ziff. 404
GgV
-Anhang (ADS bzw. ADHS; vormals
«
psychoorganisches Syndrom
»
[POS]) gelten Störungen des Verhaltens bei Kindern mit normaler Intelligenz, im Sinne krankhafter Beeinträchtigung der Affektivität oder Kontaktfähigkeit, bei Störungen des Antriebes, des Erfassens, der perzeptiven Funktionen, der Wahrnehmung, der Konzentrations
fä
higkeit sowie der Merkfähigkeit, sofern sie mit bereits gestellter Diagnose als solche vor der Vollendung des 9. Altersjahres auch behandelt worden sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_932/2010 vom 11. Januar 2011 E. 2.2 mit Hinwei
sen).
1.3
Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) hat im Kreisschreiben über die medizinischen Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung (KSME,
in den ab
1.
Juli 2019 gültigen Fassungen
) die Voraussetzungen der Leistungspflicht für solche Geburtsgebrechen näher umschrieben. So muss die Störung zwingend vor dem vollendeten 9. Lebensjahr als solche diagnostiziert, dokumentiert und auch behandelt worden sein. Erworbene Störungen müssen sicher ausgeschlossen sein (
Rz
404.2 KSME). Nach
Rz
404.5 KSME müssen
die Symptome (vorstehend E. 1.2
) kumulativ nachgewiesen, jedoch nicht unbedingt gleichzeitig vorhanden sein, sondern können unter Umständen sukzessive auftreten. Wenn bis zum 9. Geburtstag nur einzelne der erwähnten Symptome ärztlich festgestellt wer
den, sind die Voraussetzungen für ein Geburtsgebrechen nach Ziff. 404
GgV
Anhang nicht erfüllt. Die Regionalen Ärztlichen Dienste (RAD) haben kritisch und streng zu überprüfen, ob die geforderten Kriterien effektiv erfüllt und nachvollziehbar belegt sind. Allenfalls sind externe Experten beizuziehen (Ziff. 2.1 des Anhangs 7 zum KSME [Geburtsgebrechen Ziff. 404
GgV
medizini
scher Leitfaden]).
Grundsätzlich ist es möglich, nach dem Erreichen des 9. Altersjahres eine erst
ma
lige Anerkennung der Problematik als Geburtsgebrechen Ziff. 404
GgV
Anhang zu erreichen. Nachgewiesen werden muss aber, dass vor dem 9. Altersjahr sowohl eine Diagnose gestellt wurde als auch eine medizinische Behandlung stattfand. Bei der Diagnosestellung reicht es nicht aus, eine ADS-Symptomatik als POS zu bezeichnen, sondern die Anerkennungskrite
rien nach
Rz
. 404.5 KSME müssen
mittels Untersuchung nachvollziehbar belegt worden sein (Ziff. 1.3 des An
hangs 7 zum KSME).
Die rechtzeitig vor Vollendung des neunten Altersjahres gestellte Diagnose und der vor demselben Zeitpunkt liegende Behandlungsbeginn sind Anspruchsvo
raussetzungen für die Anerkennung eines Leidens als Geburts
gebrechen im Sinne der Ziff. 404
GgV
Anhang. Auf diese beiden Vorausset
zungen kann nicht ver
zichtet werden. Sie beruhen auf der empirischen Erfahrung, dass ein erst später diagnostiziertes und behandeltes Leiden nicht mehr auf einem angebore
nen, son
dern einem erworbenen POS beruht, dessen Behandlungskosten nicht von der Invaliden-, sondern von der Krankenversi
cherung zu übernehmen sind. Erfolgen Diagnose und Behandlungsbeginn erst nach dem vollendeten neunten Altersjahr, besteht die unwiderlegbare Rechtsvermutung, dass ein erworbenes und kein an
geborenes POS vorliegt. Damit entfällt auch der nachträgliche Beweis, dass die Möglichkeit der Diag
nosestellung vor Vollendung des neunten Altersjahres bestanden hätte. Selbst wenn es, objektiv betrachtet, an sich mög
lich gewesen wäre, rechtzei
tig eine Diagnose zu stellen, dies aber im konkreten Einzelfall - aus welchen Gründen auch immer - nicht geschah, hat die Invali
denversicherung ge
stützt auf Ziff. 404
GgV
Anhang keine medizinischen Mass
nahmen zu erbringen. Zudem genügt eine Verdachtsdiagnose rechtsprechungs
gemäss den Voraus
set
zungen von Ziff. 404
GgV
Anhang nicht (Urteil des Bun
desgerichts 8C_23/2012 vom 5. Juni 2012 E. 5.1.1 mit Hinweisen).
Nach Ziffer 1.3 (Fussnote 6) des Anhangs 7 zum KSME gelten ärztliche oder kin
derpsychologische Abklärungen nicht als Behandlung, auch nicht alleinige Bera
tungen der Eltern. Da allerdings gerade bei jüngeren Kindern die Behandlung vorwiegend über die Eltern und andere Bezugspersonen als Mediatoren stattfin
den muss und die Kinder nur bedingt einzeln behandelt werden können, muss diese Therapiearbeit als kinderpsychiatrische Behandlung von Kind und Familie deklariert werden
(vgl. dazu auch Urteil des Bundesgerichts I 37/01 vom
7.
September 2001 E. 2.b)
.
1.
4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihre leistungsabweisende Verfügung vom 19. Februar 2020 (
Urk.
2) damit, dass beim Beschwerdeführer die Diagnose eines infantilen POS am 1
6.
Juli 2019 gestellt worden sei. Eine regelmässige länger
dauernde POS-spezifische Behandlung wie Medikation oder Therapie finde bis heute nicht statt. Die durchgeführte störungsspezifische Psychotherapie könne nicht als POS-spezifische Behandlung anerkannt werden, da es sich nicht um eine regelmässige und längerdauernde Therapie gehandelt habe. Ebenso könne die Anmeldung zu einer Therapie nicht als Beginn der Therapie gezählt werden. Um ein Geburtsgebrechen der Ziffer 404 anzuerkennen, müsse tatsächlich die erste Therapiesitzung vor Vollendung des
9.
Altersjahres stattgefunden haben. Die Frage nach der Verfügbarkeit eines Therapeuten werde dabei nicht berücksichtigt. Die Voraussetzungen für die Anerkennung des Geburtsgebrechens
der
Ziffer 404 seien deshalb nicht erfüllt.
2.2
Dagegen bracht
e
die Mutter des Versicherten
vor,
dass sowohl die Diagnosestel
lung als auch die Behandlung des Geburtsgebrechens vor Erreichen des
9.
Alters
jahres stattgefunden hätten. Die von den behandelnden Ärzten empfohlene Ergotherapie habe aus Gründen, welche nicht in der Person des Beschwerdefüh
rers liegen würden, erst nach einer Wartezeit begonnen werden können. Dies ändere jedoch nichts an der Tatsache, dass bereits eine Psychotherapie stattge
funden habe. Ausserdem sei festzuhalten, dass das Erfordernis einer regelmässi
gen und längerdauernden Therapie sich weder aus der Verordnung noch aus dem Kreisschreiben des Bundesamtes für Sozialversicherungen ergebe. Die Vorausset
zungen für die Erteilung der Kostengutsprache für medizinische Massnahmen seien damit erfüllt (S. 5).
3.
3.1
Mit Bericht vom 1
1.
Oktober 2019 (
Urk.
7/5) führten
Dr.
med.
A._
, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie FMH sowie
lic
. phil.
B._
, Psychologin,
vom
Sozialpädriatrischen
Zentrum des Kantonsspitals
C._
aus,
der Beschwerdeführer zeige eine stark erhöhte Impulsivität und es falle ihm schwer
,
sich an Regeln und Grenzen zu halten. Auch habe er häufig klare Vorstellungen
,
wie etwas verlaufen soll und wenn dies dann
nicht wie von
ihm erwartet stattfinde, reagiere er mit Wut und impulsive
n
Reaktionen. Die Schwierigkeiten würden sich insbesondere im familiären Umfeld zeigen, da reagiere er sehr wütend und impulsiv. Auch halte er Regeln und Grenzen nicht ein und reagiere auf Grenzsetzungen mit Wutausbrüchen (S. 3). Der Beschwerde
führer zeige zudem eine deutlich erhöhte motorische Unruhe. Während des Unterrichtes könne
er wohl auf dem Stuhl sitzenbleiben, sei dort aber
permanent in Bewegung, was auf seine innere Unruhe hindeute. Das ruhige Zuhören und Stillsitzen falle ihm daher ausserordentlich schwer. Beim Erfassen von Aufträgen benötige er mehrfache Wiederholungen, um die Informationen aufnehmen zu können. Bei der Rey
-Figur sei es ihm nicht gelungen die Gesamtfigur zu erfassen.
Es sei für den Beschwerdeführer äusserst anspruchsvoll
,
konzentriert an einer Aufgabe zu verweilen und die Auf
merksamkeitsspanne sei auf nur ganz kurze Zeiträume begrenzt. Er erscheine häufig mit seinen Gedanken weit weg und es falle ihm dann schwer, selbständig zur Aufgabe zurück zu finden. Die grosse Anstrengung, welche das konzentrierte Arbeiten für ihn darstelle, zeige sich im Anschluss daran auch in einer deutlichen Erschöpfung. Auch sei er schnell von Aufgaben abgelenkt. Im Untersuchungssetti
n
g hätten sich die Gedächtnis
schwie
rigkeiten auch im Bereich des visuellen Gedächtnisses gezeigt, wo die Leistungen des Beschwerdeführers im unterdurchschnit
tlichen Bereich gelegen hätten (S. 3).
Als Diagnosen nannten die Fachpersonen eine einfache Aktivitäts- und Aufmerk
samkeitsstöru
ng im Sinne eines
GgV
404 (F90.0
) sowie eine vorübergehende
Ticstörung
(F95.0).
Die Diagnosen seien am 1
6.
Juli 2019
gestellt worden.
Es hät
ten mehrere Termine mit dem Beschwerdeführer stattgefunden, bei denen sowohl kognitive wie auch emotionale Inhalte im Zentrum gestanden hätten. Testungen seien im Bereich Kognition, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Impulsivität und Befindlichkeit durchgeführt worden. Zudem hätten Elterngespräche stattgefun
den, Fragebogen seien ausgefüllt worden und Informationen aus dem Schulalltag seien mit in die Abklärung einbezogen worden. Die Abklärung
und begleitende störungsspezifische Psychotherapie am Sozialpädiatrischen Zentrum des Kantonsspitals
C._
habe vom 1
0.
Juli bis 2
1.
August 2019 stattgefunden (S. 4).
Mit der medikamentösen Therapie mit
Methylphenidat
woll
e die Familie noch zuwarten
,
dies werde aber spätestens in der Mittelstufe nötig werden. Die Ergotherapie werde im Dezember 2019 beginnen und wöchentlich stattfinden (S.
5).
3.2
Dr.
med.
D._
, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin,
vom
RAD, hielt in seiner Stellungnahme vom 2
1.
Oktober 2019 (Urk. 11/6/2) fest, dass das Geburts
gebrechen Ziffer 404 bis vorab des 14. Altersjahres zuzusprechen wäre, wenn aktuell eine kontinuierliche Therapie erfolgen würde. Dies sei jedoch gemäss An
gabe
erst im Dezember 2019 voraussichtlich. Es werde somit keine POS relevante Therapie durchgeführt und der Versicherte habe am
1.
Oktober 2019 das
9.
Lebensjahr erreicht.
4.
4.1
Vorgängig ist darauf hinzuweisen, dass es bei der Beurteilung eines Antrages um Kostengutsprache für medizinische Massnahmen um die Zuordnung des Leis
tungsträgers und nicht um die Beurteilung der Therapiebe
dürftigkeit geht. Die Ablehnung eines Antrags durch die I
nvalidenversicherung
ist mit anderen Worten nicht ein Entscheid gegen das Kind oder eine Verneinung seiner
Behand
lungsbedürftigkeit, sondern ein versicherungsrechtlicher Entscheid bezüg
lich der Zuordnung des Leistungsträgers. Bis zum Entscheid der I
nvalidenversicherung
ist nach Art. 70 ATSG grundsätzlich die Krankenversicherung leistungspflichtig (Ziff. 1.1 des Anhangs 7 zum KSME).
4.2
Aus dem Bericht
des
C._
vom 1
1.
Oktober 2019
(E. 3.1) ergibt sich zunächst, dass Dr.
A._
im Juli 2019 (
Urk.
11/5 S. 4) eine einfache Aktivitäts- und Auf
merksamkeitsstörung (ICD-10: F90.0) sowie eine vorübergehende
Ticstörung
(ICD-10: F95.0) diagnostizierte. Die Diagnose
n
beruhte
n
auf einer umfassenden Abklärung, die neben der Erhebung der Anamnese
auch eine eigene klinische sowie eine ergänzende testpsychologische Untersuchung und die Einholung fremdanamnestischer Angaben beinhaltete.
Im Rahmen der Untersuchung wur
den Testungen im Bereich Kognition, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Impulsivität und Befindlichkeit durchgeführt. Zudem fanden Elterngespräche statt, Fragebo
gen wurden ausgefüllt und Informationen aus dem Schulalltag miteinbezogen.
Dem entsprechenden Bericht ist ferner zu entnehmen, dass der Versicherte vom 1
0.
Juli bis 2
1.
August 2019 eine Psychotherapie beanspruchte, welche der Abklärung und störungsspezifischen
Behandlung
diente.
Die Beschwerdegegnerin stützte sich bei der Beurteilung der Frage, ob die Voraussetzungen für die Anerkennung eines Geburtsgebrechens im Sinne von
Ziff.
404
GgV
-Anhang erfüllt sind, auf die Stellungnahme des RAD-Arztes Dr.
D._
vom 2
1.
Oktober 2019
(vorstehend E. 3.2), welcher zum Schluss kam, dass die Kriterien
für eine Leistungspflicht erfüllt wären, wenn eine kontinuierli
che Therapie erfolgen würde
, was aber voraussichtlich erst im Dezember
mit Beginn der Ergotherapie
der Fall sein werde. In der Beschwerdeantwort hielt die Beschwerdegegnerin fest, die Besuche am Kantonsspital
C._
zwischen dem 1
0.
Juli 2019 und dem 2
1.
August 2019 könnten nicht mit dem Beginn einer eigentlichen störungsspezifischen Psychotherapie gleichgestellt werden (
Urk.
6).
Die Beschwerdegegnerin stellt
mi
t
hin einzig
in Abrede, dass der Beginn der Therapie mit fachärztlich festgestellter Indikation rechtzeitig vor dem 9. Geburts
tag des Versicherten
am
1.
Oktober 2010
erfolgt
ist
(
Urk.
2, 6 und 7/11)
.
4.
3
Der medizinischen Aktenlage ist zu entnehmen, dass
die Diagnose eine
r
Aktivi
täts
- und Aufmerksamkeitsstörung
erstmals am 1
6.
Juli 2019 (vgl. E. 3.1 hiervor) gestellt wurde
.
Die Diagnosestellung
ist
somit vor Vollendung des
9.
Altersjahres des am
1.
Oktober 2010 geborenen
Beschwerdeführers erfolgt.
Damit ist eine der zwingenden Voraussetzungen für die Anerkennung der Störung als Geburtsge
brechen nach Ziff. 404
GgV
Anhang - nämlich die Diagnosestellu
ng vor dem 9. Altersjahr
-
unstreitig
erfüllt.
Fraglich ist, ob die weitere zwingende Voraussetzung für die Anerkennung - der Behandlungsbeginn vor Vo
llendung des
9.
Altersjahres -
gegeben ist
.
4.4
Die zusätzlich eingereichten Unterlagen des Beschwerdeführers hinsichtlich der Anfrage um einen Therapieplatz für die Ergotherapie (
Urk.
3/9-11) zeigen, dass die Ergotherapie bis zum Verfügungserlass am 1
9.
Februar 2020 nicht aufgenom
men wurde. Anfragen bezüglich eines Therapieplatzes genügen
nach der Recht
sprechung klarerweise
nicht
, um die zwingende Voraussetzung des Therapiebe
ginns vor Vollendung des
9.
Altersjahres zu erfüllen
, zumal vorliegend auch bei einer nur «kurzen» Wartezeit auf einen Therapieplatz die Therapie nicht rechtzei
tig vor
Vollendung
des
9.
Altersjahres hätte begonnen werden können
, mithin nicht eine übermässig lange Wartezeit für den nach dem 1. Oktober 2010 erfolg
ten Beginn der Ergotherapie verantwortlich ist
(vgl.
Urteile
des
Bundesgerichts
9C_855/2017 vom 1
9.
Dezember 2018 E. 2.3 und
I 27/03 vom 1
2.
Dezember 2003 E. 2.6).
4.5
Die Abklärung und begleitende störungsspezifische Psychotherapie
am
C._
fand
vom 1
0.
Juli bis 21.
August 2019 statt.
Aufgrund des Berichts
des
C._
vom 1
1.
Oktober 2019
ist nicht klar
, ob die
durchgeführte Therapie
als
krankheitsre
levante
Therapie
in Bezug auf die Diagnose ADHS
betrachtet werden kann
.
Es kann
nicht ausgeschlossen werden, dass die Therapie zumindest teilweise zur Behandlung der Krankheit eingesetzt wurde. Dafür würde grundsätzlich auch die Formulierung „störungsspezifische Psychotherapie“ (vgl.
Urk.
7/5
Ziff.
4.5) spre
chen.
Mangels weiterer Angaben, kann jedoch auch nicht ausgeschlossen werden, dass die
„
Therapie
“
in erster Linie der Abklärung diente.
Ob die Voraussetzung des rechtzeitigen Behandlungsbeginns
insoweit
als
erfüllt
zu betrachten ist
, kann entgegen der Ansicht de
r
Parteien
anhand der Akten
damit
nicht klar beantwortet werden
.
Soweit
RAD-Arzt
Dr.
D._
jedoch voraussetzt, dass vor dem
9.
Altersjahr eine kontinuierliche Therapie im Sinne einer in der Folge ununterbrochenen Therapie stattgefunden haben müsse, ist ihm jedenfalls
nicht zu folgen.
4.6
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdegegnerin den Sachverhalt nicht genügend abgeklärt hat. Demzufolge ist die angefochtene Verfügung vom
19
.
Februar
2020
aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurück
zuweisen, damit sie ergänzende Abklärungen
vornehme und insbesondere Aus
künfte einhole
über
die Art
,
die Indikation
,
die Frequenz und den Inhalt
der bereits im Juli 2019 begonnenen
Behandlung
am
C._
.
D
ie
von ihr
einzuholen
de
n
Auskünfte sollen es ihr erlauben,
zu prüfen, ob von Abklärungsmassnahmen allein oder zusätzlich vom Beginn einer Behandlung
auszugehen ist.
Nicht geprüft hat die Beschwerdegegnerin sodann auch, ob die vor der Diagno
sestellung durchgeführten Therapien, insbesondere die
Psychomotoriktherapie
(vgl.
Urk.
1 S. 5)
, als medizinisch notwendige
ADHS-spezifische Behandlungen
zu betrachten sind und damit
als vor dem
9.
Altersjahr durchgeführte Behand
lungen gelten können (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_855/2017 vom 1
9.
Dezember 2018 E. 3.2 f.). Gegebenenfalls
wird die Beschwerdegegnerin auch dies zu prüfen und abzuklären haben
.
5.
5.1
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2)
. Die Kosten des Verfahrens gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind auf Fr. 600.-- festzusetzen und entsprechend dem Ausgang des Verfahrens der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.2
Der vertretene Beschwerdeführer hat Anspruch auf eine Parteientschädigung zu Lasten der Beschwerdegegnerin. Die Entschädigung ist nach Art. 61
lit
. g ATSG in Verbindung mit § 34
GSVGer
ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Be
deutung der Streit
sache, der Schwierigkeit des Prozesses auf Fr. 1'
2
00
.-- (inkl. Bar
auslagen und
MWSt
) festzusetzen.