Decision ID: 18ba2bb9-01b8-581e-bc1b-6a62e9d5ae8d
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer − ein Tamile mit letztem Wohnsitz in B._
(Distrikt Jaffna) − reiste am (...) Juli 2016 in die Schweiz ein und stellte am
gleichen Tag im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) C._ ein
Asylgesuch. Am 21. Juli 2016 fand seine summarische Befragung zur Per-
son (BzP) statt. Eine erste Anhörung des Beschwerdeführers zu den Asyl-
gründen gemäss Art. 29 Abs. 1 AsylG (SR 142.31) vom 14. Juni 2019
wurde abgebrochen, weil der Beschwerdeführer geschlechtsspezifische
Verfolgung geltend machte. Am 23. Juli 2019 wurde eine erneute Anhörung
mit einem reinen Männerteam durchgeführt.
B.
B.a Der Beschwerdeführer brachte in der BzP vor, er habe bis zu seiner
Ausreise in seinem Herkunftsort gelebt. Sein in die Schweiz geflüchteter
Bruder D._ (N [...]) sei von der Armee/Spionageabteilung gesucht
worden. Er selber sei ab 2013 mehrmals mitgenommen und zum Verbleib
seines Bruders befragt worden. Vier oder fünf Tage vor seiner Ausreise sei
er während zweier Tage in einem Bunker festgehalten, geschlagen und ge-
quält worden. Einen Tag später seien Angehörige des CID (Criminal Inves-
tigation Department) bei ihm zu Hause erschienen um ihn mitzunehmen.
Sie hätten in Erfahrung gebracht, dass sein Bruder noch lebe, weil dieser
einen Brief wegen seines Führerscheins verschickt habe. Er (Beschwerde-
führer) habe sich vor diesen Männern versteckt und sei fünf oder sechs
Tage später, am (...) Mai 2016, ausgereist, weil er um sein Leben gefürch-
tet habe. Er sei mithilfe eines Schleppers per Flugzeug via E._ nach
F._ gereist und von dort auf dem Landweg über die sogenannte
Balkan-Route in die Schweiz weitergereist. Im Übrigen habe er sich vor
mehr als einem Jahr (vor Juli 2015) in Katar und vor sieben oder acht Mo-
naten (November/ Dezember 2015) in Indien aufgehalten.
B.b In der ersten Anhörung brachte der Beschwerdeführer vor, sein Bruder
D._ sei unter der Anschuldigung, bei der "Bewegung" zu sein, ge-
sucht worden, und habe Sri Lanka im Jahr 2006 verlassen. Er selber und
sein Vater seien wiederholt zum Verbleib des Bruders befragt worden; zu-
erst sei sein Vater deswegen vorgeladen worden und später auch er. Er sei
während eines Tages im Armee-Camp festgehalten und wieder über den
Verbleib seines Bruders befragt und geschlagen worden. Erst nach einer
Intervention seiner Eltern beim Camp sei er unter der Auflage freigelassen
worden, das Dorf nicht zu verlassen und den Behörden den Aufenthaltsort
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seines Bruders zu verraten. Zwei oder drei Tage später seien sie wieder zu
ihm nach Hause gekommen und hätten ihn nach einer Hausdurchsuchung
geschlagen und für einen Tag ins Armee-Camp mitgenommen. Dort sei er
von zwei Armeeangehörigen vergewaltigt worden. Er habe sich etwa 2015,
respektive im Alter von (...) oder (...) Jahren, während sechs Monaten in
Katar und auch für eine gewisse Zeit bei Verwandten in Indien aufgehalten,
sei aber jeweils wieder zu seiner Familie nach Sri Lanka zurückgekehrt. Ab
Januar 2016 habe er sich während zwei bis drei Monaten bei einer Cousine
in G._ und vor seiner Ausreise im März 2016 für drei Monate in
H._ aufgehalten.
B.c Im Rahmen der ergänzenden Anhörung machte der Beschwerdeführer
geltend, sein Bruder sei im Jahr 2006 aus seinem Herkunftsdorf ver-
schwunden. Er wisse nicht, welche Funktion dieser bei den LTTE (Libera-
tion Tigers of Tamil Eelam) bekleidet habe. Behördenvertreter hätten sich
bei einer Razzia nach diesem erkundigt und ein Foto von ihm verlangt. In
der Folge hätten sie ihn zweimal sowie auch seinen Vater ins Camp mitge-
nommen und zu D._ befragt. Etwa sechs Monate später sei er we-
gen der Probleme im Zusammenhang mit der Suche nach D._ nach
Indien gegangen und habe sich dort etwa sechs bis sieben Monate aufge-
halten. Nachdem er von seiner Mutter erfahren habe, dass die Besuche
des Militärs abgenommen hätten, sei er nach Sri Lanka zurückgekehrt. Im
Zeitraum zwischen seiner Rückkehr aus Indien und seiner erneuten Aus-
reise nach Katar hätten die Behörden seinen Vater einmal für eine Befra-
gung mitgenommen, wobei sie sich auch nach seinem Aufenthaltsort er-
kundigt hätten. Er sei rund drei Monate nach der Rückkehr aus Indien wie-
der aus seinem Heimatstaat ausgereist, respektive er sei drei bis vier Mo-
nate nach der Rückkehr aus Indien wieder von den Behörden aufgesucht
worden, weswegen er zu seiner Cousine nach G._ gezogen sei, wo
er sich etwa ein halbes Jahr aufgehalten habe, um dann – wahrscheinlich
Ende 2015 – nach Katar zu reisen. Nach einigen Monaten sei er wiederum
nach Sri Lanka zu seiner Cousine zurückgegangen. Nach seiner Rückkehr
aus Kater sei er dreimal vom Militär zu Befragungen mitgenommen wor-
den. Beim ersten Mal sei er ins Militär-Camp mitgenommen und über sei-
nen Bruder befragt worden. Nach einem Tag sei er infolge einer Interven-
tion seiner Mutter freigelassen worden. Drei bis vier Monate später habe er
erneut eine Vorladung der Armee erhalten, welcher er Folge geleistet habe.
Im Camp habe man ihn wiederum über seinen Bruder befragt und geschla-
gen, obwohl er beteuert habe, nicht zu wissen, wo sein Bruder sei. Zwei
Tage später sei er nach einer erneuten Vorsprache seiner Mutter wieder
freigelassen worden. Er habe daraufhin versucht, Sri Lanka zu verlassen,
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was aber misslungen sei. Im Frühsommer 2016 hätten ihn etwa neun Per-
sonen ein drittes Mal mitgenommen und ihn ins (...)-Camp gebracht. Dort
sei er in einen kleinen Raum gesperrt und von zwei Personen über seinen
Bruder befragt und geohrfeigt worden; er habe sich auch ausziehen müs-
sen. Gegen Abend seien zwei andere Soldaten in seinen Haftraum gekom-
men und hätten ihn geschlagen und sexuell missbraucht. Einer der Solda-
ten habe von ihm Oralsex verlangt; nachdem er sich geweigert habe, hät-
ten sie ihn anal vergewaltigt. Nach ungefähr eineinhalb bis zwei Tagen
habe man ihn wieder gehen lassen, nachdem seine Mutter vor dem Camp
geweint und geschrien habe und ein höherer Offizier ins Camp gekommen
sei. Ohne mit jemandem über diesen Vorfall gesprochen zu haben, sei er
zu seiner Cousine nach G._ gegangen. Weil es ihm nicht gut ge-
gangen sei und er seiner Mutter telefonisch mitgeteilt habe, dass er nicht
mehr leben möchte, habe diese mit der Hilfe eines Schleppers seine Aus-
reise organisiert. Er habe sich vor seiner Ausreise etwa einen Monat in
I._ (H._) aufgehalten. Von seiner Familie habe er erfahren,
dass sie seit seiner Ausreise zweimal von den Behörden aufgesucht wor-
den sei, letztmals einen Monat vor der Anhörung.
C.
Mit Verfügung vom 11. September 2019 (eröffnet am 13. September 2019)
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, wies sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Vollzug an.
D.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 14. Oktober 2019 erhob der Be-
schwerdeführer gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde und beantragte die angefochtene Verfügung sei aufzuheben,
eventualiter sei ihm die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Zum Beleg sei-
ner Vorbringen reichte er mehrere Patientenrechnungen mit Übersichten
über vorgenommene Untersuchungen und verschriebene Medikamente,
ein Sprachkurs-Zertifikat (...) vom 19. Mai 2017 sowie eine Kopie des Auf-
enthaltsausweises seines Bruders D._ zu den Akten.
E.
Mit ergänzender Eingabe vom 25. Oktober 2019 reichte der Beschwerde-
führer weitere Dokumente als Beweismittel nach (Unterstützungsschreiben
eines Parlamentsabgeordneten des Jaffna-Distrikts vom 5. Oktober 2019,
mit Übersetzung, sowie eines Pfarrers, beide inklusive Versandscheine
und Zustellcouverts).
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Seite 5
F.
Mit Instruktionsverfügung vom 31. Oktober 2019 forderte der Instruktions-
richter den der Beschwerdeführer auf, innert Frist seine Rechtsbegehren
zu präzisieren, ansonsten angesichts der Begründung der Beschwerde
von einer vollumfänglichen Anfechtung der Verfügung des SEM vom
11. September 2019 ausgegangen werde. Ferner wurde der Beschwerde-
führer zur Nachreichung der in Aussicht gestellten Arztberichte sowie, unter
Androhung des Nichteintretens im Unterlassungsfall, zur Einbezahlung ei-
nes Kostenvorschusses aufgefordert.
Der eingeforderte Kostenvorschuss wurde am 6. November 2019 fristge-
recht einbezahlt.
G.
Mit Eingabe vom 13. November 2019 ersuchte der Beschwerdeführer um
Erstreckung der Frist zur Einreichung der verlangten Arztberichte. Ferner
wurden die Beschwerdeanträge dahingehend ergänzt, dass er als Flücht-
ling anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren sei.
H.
Innert erstreckter Frist reichte der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
13. Dezember 2019 einen ausführlichen Arztbericht von Dr. med.
J._ und lic. phil. K._, vom 12. Dezember 2019 zu den Akten.
I.
Mit Instruktionsverfügung vom 17. Dezember 2019 wurde das SEM zur
Vernehmlassung eingeladen.
J.
In ihrer Vernehmlassung vom 20. Dezember 2019 hielt die Vorinstanz an
ihrer Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
K.
Mit Eingabe vom 8. Januar 2020 machte der Beschwerdeführer von dem
ihm (mit Instruktionsverfügung vom 30. Dezember 2019) eingeräumten
Recht zur Replik Gebrauch und hielt seinerseits an seinen Beschwerdean-
trägen fest.
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Seite 6

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht
ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines
Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerde-
führende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Das SEM stellte sich in seiner Verfügung auf den Standpunkt, dass
die Vorbringen des Beschwerdeführers den Anforderungen an die Glaub-
haftigkeit nicht zu genügen vermöchten.
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Seite 7
3.1.1 Zur Begründung führte es aus, seine Asylvorbringen seien überwie-
gend unstimmig, unsubstanziiert und insgesamt nicht überzeugend ausge-
fallen. Er habe kein stimmiges Bild über seine Aufenthaltsorte in den Jah-
ren 2015 und 2016 abgeben können, da er diesbezüglich in den Befragun-
gen verschiedene Angaben gemacht habe. Auch zum Zeitpunkt seiner
Ausreise habe der Beschwerdeführer sich unterschiedlich geäussert.
Da dieses Zeitfenster noch nicht weit zurückliege und mit der geltend ge-
machten Verfolgung in Zusammenhang stehe, wäre zu erwarten gewesen,
dass er in der Lage gewesen wäre, hierzu schlüssige und widerspruchs-
freie Angaben zu machen. Weiter habe der Beschwerdeführer in der BzP
erwähnt, vier oder fünf Tage vor seiner Ausreise während zweier Tage in
einem Bunker festgehalten und gequält worden zu sein; dieses Vorbringen
habe er aber im Rahmen der Anhörungen nicht erwähnt, sondern zu Pro-
tokoll gegeben, die Vergewaltigung habe sich in diesem unterirdischen
Raum ereignet. In der BzP habe er ausgesagt, er sei am Tag nach der
Freilassung aus dem Bunker von mehreren Personen zu Hause aufge-
sucht worden, während er im Rahmen der Anhörungen angegeben habe,
er sei beim dritten Vorfall von mehreren Personen ins Camp gebracht wor-
den und nach der Freilassung zu seiner Cousine in G._ gegangen;
mithin habe er geltend gemacht, es habe sich bei dem Vorfall, bei welchem
er sexuell missbraucht worden sei, um den dritten und letzten Kontakt mit
den Armeebehörden gehandelt. Der Beschwerdeführer habe diese Unstim-
migkeiten nicht überzeugend zu erklären vermocht. Stattdessen hätten die
von ihm auf Nachfrage hin gemachten Aussagen weitere Unstimmigkeiten
erzeugt, namentlich in Bezug auf die Dauer seiner letzten Festnahme. Wei-
tere Vorbehalte würden sich daraus ergeben, dass der von ihm vorge-
brachte sexuelle Übergriff nachgeschoben dargelegt worden sei. Der Be-
schwerdeführer habe dieses Sachverhaltselement anlässlich der BzP nicht
erwähnt, obwohl ihm Gelegenheit zu einer relativ ausführlichen Gesuchs-
begründung gegeben worden sei. Hätte er das Gesagte tatsächlich erlebt,
wäre zu erwarten gewesen, dass er dies trotz der erschwerten Erzählsitu-
ation bereits anlässlich der BzP vorgebracht hätte. Weitere Sachverhalts-
elemente habe der Beschwerdeführer sowohl während der zweiten Anhö-
rung als auch im Vergleich zu der vorangegangenen Befragung unstimmig
geschildert. Er habe widersprüchliche Angaben zum LTTE-Profil seines
Bruders sowie zu den sich für ihn daraus ergebenden Problemen gemacht.
Ebenso wenig habe er überzeugend zu erklären vermocht,
weshalb er erst neun Jahre nach dem Verschwinden des Bruders von der
sri-lankischen Armee behelligt worden sei. Es sei dem Beschwerdeführer
deshalb nicht gelungen, ein aktuelles Verfolgungsinteresse der Armee
im Zeitpunkt seiner Ausreise glaubhaft darzutun.
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Seite 8
3.1.2 Eine Prüfung anhand der vom Bundesverwaltungsgericht in seinem
Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 definierten Risikofaktoren
lasse ebenfalls nicht auf eine begründete Furcht des Beschwerdeführers
vor asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen im Falle einer Rückkehr nach
Sri Lanka schliessen. Die bei der Wiedereinreise am Flughafen zu erwar-
tende Befragung sowie allfällige Kontrollmassnahmen am Wohnort würden
keine asylrelevante Verfolgungsmassnahme darstellen. Er habe nicht
glaubhaft gemacht, vor seiner Ausreise relevanten Verfolgungsmassnah-
men ausgesetzt gewesen zu sein; vielmehr habe er nach dem Kriegsende
noch rund sieben Jahre lang in seinem Heimatstaat gelebt. Allfällige im
Zeitpunkt seiner Ausreise bestehenden Risikofaktoren hätten folglich kein
Verfolgungsinteresse seitens der sri-lankischen Behörden auszulösen ver-
mocht. Es sei nicht ersichtlich weshalb der Beschwerdeführer bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka in den Fokus der Behörden geraten sollte. Somit
bestehe kein begründeter Anlass zur Annahme, dass er bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zu-
kunft asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt sein würde.
3.1.3 Im Weiteren habe der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte
(EGMR) mehrfach festgestellt, es sei nicht generell davon auszugehen,
dass zurückkehrenden Tamilinnen und Tamilen in Sri Lanka eine un-
menschliche Behandlung drohe, sondern es müsse im Einzelfall eine Risi-
koeinschätzung vorgenommen werden. Vorliegend würden sich weder aus
den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte
dafür ergeben, dass ihm eine durch Art. 3 EMRK verbotene Bestrafung o-
der Behandlung drohe. Schliesslich würden auch keine Gründe gegen die
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sprechen. Der vom Staatspräsi-
denten Sirisena ausgerufene Notstand vermöge an der Einschätzung
nichts zu ändern, dass in Sri Lanka keine Situation allgemeiner Unruhe
herrsche, die zu einer Gefährdung aller Rückkehrer unabhängig von deren
individuellem Hintergrund führen würde. Somit sei in Sri Lanka aktuell nicht
von einer Situation allgemeiner Gewalt auszugehen. Ferner würden auch
keine individuellen Gründe vorliegen, welche der Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs entgegenstehen würden. Der Beschwerdeführer verfüge
in seinem Herkunftsort über ein tragfähiges Beziehungsnetz sowie über
eine schulische Ausbildung und mehrere Jahre Berufserfahrung. Es könne
daher davon ausgegangen werden, dass er in der Lage sei, seinen Le-
bensunterhalt selbständig zu finanzieren.
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Seite 9
3.2
3.2.1 Zur Begründung der Beschwerde wurde zunächst darauf hingewie-
sen, dass der Beschwerdeführer unter schweren somatischen Beschwer-
den leide und ein dringender Verdacht auf das Vorliegen einer psychischen
Belastungsstörung bestehe. Dies sei bei den Befragungen nicht berück-
sichtigt worden. Sein Bruder sei wegen LTTE-Zugehörigkeit in der Schweiz
als Flüchtling anerkannt worden, und er habe eine Reflexverfolgung zu be-
fürchten. Gemäss Berichten verschiedener Quellen müssten Personen mit
vermuteten Verbindungen zu den LTTE mit Verfolgungsmassnahmen
durch die sri-lankischen Behörden, namentlich mit willkürlicher Verhaftung
und Misshandlungen, rechnen. Gemäss einem Bericht der Schweizeri-
schen Flüchtlingshilfe (SFH) sei die Praxisänderung des SEM verfrüht, und
es gebe Berichte, wonach Tamilen mit zum Teil nur marginalen LTTE-
Kontakten Opfer von staatlichen Misshandlungen geworden seien.
Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts seien neben
einer vermeintlichen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE
auch ein längerer Aufenthalt in der Schweiz, eine frühere Verhaftung durch
die sri-lankischen Behörden sowie das Fehlen von Identitätspapieren als
Risikofaktoren zu bewerten.
3.2.2 Im Weiteren seien inkohärente Aussagen vor dem Hintergrund einer
Traumatisierung aus psychiatrischer Sicht nicht erstaunlich. Die Interview-
Situation sei für betroffene Personen stark stressgeladen, und dies könne
zu Erinnerungslücken und Gedächtnisstörungen führen. Aufgrund seiner
sexuellen Gewalterfahrung und seiner psychischen Verfassung sei es ihm
nicht möglich gewesen, seine Asylgründe detailliert und widerspruchsfrei
vorzutragen, und er habe das Protokoll der zweiten Anhörung kaum bei
klarem Bewusstsein unterzeichnet. Traumatisierende Erlebnisse könnten
sich in solchem Mass auf die Gedächtnisleistungen niederschlagen, dass
gewisse Fehlleistungen bei der Wiedergabe des Erlebten unvermeidlich
seien, die sich auf Logik, Widerspruchsfreiheit, Vollständigkeit und Konsis-
tenz der Aussagen auswirken würden. Widersprüche und Unvollständig-
keiten in den Aussagen seien dementsprechend bei der Prüfung der
Glaubhaftigkeit zu würdigen. Zu beachten sei auch, dass es bei den Befra-
gungen aufgrund kulturspezifischer Gewohnheiten zu Missverständnissen
kommen könne. Hieraus ergebe sich, dass er im Falle einer Rückkehr nach
Sri Lanka nicht nur retraumatisiert würde, sondern auch die erforderliche
therapeutische und medikamentöse Behandlung nicht erhältlich machen
könnte. Er habe im Rahmen der Befragungen an einer Vielzahl von Stellen
darauf aufmerksam gemacht, dass er an Amnesien, Stress, Nervosität und
Konzentrationsschwierigkeiten leide. Die Vorinstanz habe sich jedoch mit
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diesen klaren Hinweisen auf eine psychische Erkrankung aufgrund erlitte-
ner Traumata in keiner Weise auseinandergesetzt und auch seine Anga-
ben zu der erlittenen Vergewaltigung in unzureichender Weise gewürdigt.
Hierin sei eine Verletzung seines Anspruchs auf rechtliches Gehör zu er-
blicken.
3.2.3 Die Argumentation der Vorinstanz, wonach seine Asylvorbringen un-
stimmig und unsubstanziiert seien, sei nicht zutreffend. Die festgestellten
Ungereimtheiten seien durch seine Traumatisierung zu erklären und nach-
vollziehbar. Seine Erklärung in der zweiten Anhörung, dass er viele Sachen
vergesse, sei schlüssig und wissenschaftlich erklärbar. Zudem seien die
Ansprüche des SEM hinsichtlich der Aussagen zu Abläufen, Zeiten und Or-
ten generell sehr hochgesteckt. Namentlich die Inkonsistenzen bei den
Aussagen zur Festhaltung in einem Bunker und zum Ort der Vergewalti-
gung liessen sich durch seine schwere Persönlichkeitsstörung aufgrund
des erlebten gewaltsamen Übergriffs erklären. Die Folgerung des SEM,
der sexuelle Übergriff sei nachgeschoben, ungeachtet der klaren Hinweise
auf eine Traumatisierung, sei willkürlich und verkenne die Realität. Die Ar-
gumentation, es sei ihm bei der BzP Gelegenheit zu einer relativ ausführli-
chen Gesuchsbegründung gegeben worden, sei rechtswidrig. Die BzP
diene in erster Linie der Feststellung der Personalien, und die Gesuchstel-
lenden würden in der Regel dazu aufgefordert, sich kurz zu fassen. Die
Vorinstanz habe auch ausser Acht gelassen, dass es einem Mann aus der
tamilischen Kultur fast unmöglich sei, über Eingriffe in seine sexuelle Integ-
rität zu berichten. Im Übrigen könne nicht ernsthaft erwartet werden, dass
er über klandestine Aktivitäten seines Bruders für die LTTE Bescheid
wisse. Er sei nicht erst neun Jahre nach dem Verschwinden seines Bru-
ders, sondern schon wesentlich früher in Schwierigkeiten geraten. Zudem
könne ihm nicht vorgeworfen werden, dass er die Gründe für die Vor-
gehensweise der sri-lankischen Sicherheitskräfte nicht kenne. Gerade die
Unstimmigkeiten in seinen Aussagen seien zusammen mit den Hinweisen
auf eine Traumatisierung als Indizien für die Wahrheit seiner Aussagen zu
bewerten. Ein Verfolgungsinteresse der sri-lankischen Behörden sei zu-
dem zweifelsfrei weiterhin gegeben. Er habe bei dieser Ausgangslage be-
gründete Furcht vor künftigen Verfolgungsmassnahmen im Sinne von
Art. 3 AsylG.
3.2.4 Im Weiteren drohe ihm aufgrund der erwähnten Risikofaktoren Folter
und unmenschliche Behandlung von Seiten der sri-lankischen Behörden,
welche mit Art. 3 EMRK nicht vereinbar wäre. Die Wegweisung von Perso-
nen mit Familienangehörigen, die LTTE-Kämpfer oder -Sympathisanten
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Seite 11
seien, sei offensichtlich unzulässig. Schliesslich sei der Wegweisungsvoll-
zug auch als unzumutbar zu erachten, weil keine begünstigenden Faktoren
vorliegen würden. Seine Existenz wäre nicht gesichert, weil seine Familie
ihn aufgrund ihrer schwierigen ökonomischen Situation nur unzureichend
unterstützen könnte. Zudem sei die Arbeitslosigkeit hoch und er habe
"kaum einen regulären Schulabschluss" und vor seiner Ausreise nur nied-
rigqualifizierte berufliche Tätigkeiten verrichtet.
3.3 In der ergänzenden Eingabe vom 13. Dezember 2019 wurde unter Ver-
weis auf das psychiatrische Gutachten vom 12. Dezember 2019 insbeson-
dere darauf hingewiesen, dass die beim Beschwerdeführer festgestellten
Befunde eindeutig die Folge einer fortschreitenden Traumatisierung seien.
Die traumatischen Erlebnisse hätten seine Persönlichkeit nachhaltig ge-
schädigt. In Sri Lanka bestehe kulturell bedingt ein kollektives Tabu betref-
fend sexuellen Missbrauch, was die krankheitsbedingten Symptome noch
verstärke. Er benötige dringend eine spezifische psychiatrisch-psycho-
therapeutische Behandlung. Die Psychiatrie sei in Sri Lanka jedoch weder
gefestigt noch anerkannt. Es sei zu erwarten, dass eine zwangsweise
Rückführung in den Heimatstaat die Traumatisierung noch verstärken
würde.
3.4 Die Vorinstanz hielt in ihrer Vernehmlassung im Wesentlichen an ihrer
Einschätzung fest, wonach nicht davon auszugehen sei, dass der Be-
schwerdeführer im Zeitpunkt seiner Ausreise eine Reflexverfolgung zu be-
fürchten gehabt habe. Deshalb sei auch nicht ersichtlich, aus welchem
Grund ihm im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka eine solche drohen
sollte. Die Tatsache allein, dass Familienangehörige und Verwandte von
Gesuchstellern in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt worden seien,
reiche praxisgemäss nicht für die Annahme einer Reflexverfolgung aus.
Das eingereichte psychiatrische Gutachten vom 12. Dezember 2019 sei
nicht geeignet, die Asylvorbringen des Beschwerdeführers zu belegen.
Ferner deute nichts darauf hin, dass er bei der zweiten Anhörung nicht bei
klarem Bewusstsein gewesen sei. Er habe ausdrücklich zu Protokoll gege-
ben, bei guter Gesundheit zu sein. In Bezug auf die geltend gemachten
gesundheitlichen Beschwerden wurde darauf verwiesen, dass entspre-
chende Medikamente in Sri Lanka verfügbar seien und im Distrikt Jaffna
staatliche Institutionen existieren würden, die eine ambulante psychiatri-
sche Gesundheitsversorgung anbieten würden.
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Seite 12
3.5 In der Replik wurde zunächst gerügt, die Vorinstanz habe sich in ihrer
Vernehmlassung nicht mit den in der Beschwerde vorgebrachten Argumen-
ten auseinandergesetzt. Sie habe sich auch nur oberflächlich mit den
Asylakten seines Bruders D._ auseinandergesetzt, und ihre dies-
bezüglichen Feststellungen würden bestritten. Es sei in der Beschwerde
nicht geltend gemacht worden, dass der Beschwerdeführer nur deshalb
Asyl erhalten solle, weil sein Bruder in der Schweiz als Flüchtling anerkannt
wurde; vielmehr sei die Anerkennung des Bruders ein klares Indiz dafür,
dass er ebenfalls gefährdet sei. Ferner sei nicht rechtsgenüglich ausge-
führt worden, welche zusätzlichen Kriterien für die Annahme einer Re-
flexverfolgung erfüllt sein müssten. Im Weiteren habe das SEM seine
schwere psychische Erkrankung und die sich daraus ergebende Ein-
schränkung seiner Aussagefähigkeit fundamental verkannt. Die Argumen-
tation, das eingereichte Gutachten könne seine Asylvorbringen nicht bele-
gen, sei rechtlich unhaltbar und abwegig. Im Lichte der Befunde im Gut-
achten sei es gut möglich, dass es sich bei seiner Aussage im Rahmen der
zweiten Anhörung, es gehe ihm gut, um eine Zwangshandlung gehandelt
habe. Viele psychisch Kranke würden gar nicht wissen oder verstehen,
dass sie krank seien. Dass eine medikamentöse Behandlung in Sri Lanka
problemlos möglich sei, werde bestritten. Das diesbezüglich von der Vor-
instanz zitierte Urteil des Bundesverwaltungsgerichts sei nicht mehr aktu-
ell. Zudem werde verkannt, dass er auch eine umfassende Therapie benö-
tige. Schliesslich sei die Vorinstanz nicht auf die Rüge der unzureichenden
Sachverhaltsabklärung eingegangen. Die Vernehmlassung sei in erster
Linie selbstreferenziell, unzureichend begründet, oberflächlich und un-
zureichend; sie setze sich mit der Beschwerde und insbesondere dem
beigebrachten Gutachten überhaupt nicht auseinander.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie ge-
nügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich
nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht
widersprüchlich sein, der inneren Logik entbehren oder den Tatsachen
oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Vorbringen sind substan-
ziiert, wenn sie sich auf detaillierte, präzise und konkrete Schilderungen
stützen. Als schlüssig gelten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer Anhö-
rung, zwischen Anhörungen oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine
Widersprüche aufweisen. Allerdings sollten kleine, marginale Widersprü-
che sowie solche, die nicht die zentralen Asylvorbringen betreffen, zwar in
die Gesamtbetrachtung einfliessen, jedoch nicht die alleinige Begründung
für die Verneinung der Glaubhaftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die
gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbe-
sondere dann nicht der Fall ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt
oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen aus-
wechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt oder die nötige Mitwir-
kung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der
gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, welche für die
Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht.
Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2012/5
E. 2.2, BVGE 2010/57 E. 2.2 und 2.3; EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.;
ANNE KNEER / LINUS SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asyl-
verfahren – Ein Überblick über die Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts, in: ASYL 2015/2 S. 5).
5.2 Die Glaubhaftigkeit von Aussagen asylsuchender Personen kann im
Rahmen eines inhaltsorientierten Ansatzes aufgrund sogenannter Real-
kennzeichen beurteilt werden. Die Realkennzeichen ermöglichen eine Dif-
ferenzierung zwischen erlebnisbasierten und erfundenen respektive ver-
fälschten Aussagen. Zu den Realkennzeichen gehören insbesondere die
logische Konsistenz, die ungeordnete, aber inhaltlich letztlich stimmige
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Darstellung, der quantitative Detailreichtum, raum-zeitliche Verknüpfun-
gen, die Wiedergabe von Gesprächen, ausgefallene Einzelheiten, spon-
tane Verbesserungen der eigenen Aussagen, das Eingeständnis von Erin-
nerungslücken sowie die Schilderung von Interaktionen, Komplikationen,
Nebensächlichkeiten, unverstandenen Handlungselementen und eigenen
psychischen Vorgängen (vgl. ANGELIKA BIRCK, Traumatisierte Flüchtlinge,
Wie glaubhaft sind ihre Aussagen?, Heidelberg 2002, S. 82 ff. und
S. 139 ff.; REVITAL LUDEWIG / DAPHNA TAVOR / SONJA BAUMER, Wie können
aussagepsychologische Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und An-
wälten helfen?, in: AJP 11/2011, S. 1423 ff.; sowie BVGE 2015/3 E. 6.5.1;
2013/11 E. 5.1 und 2012/5 E. 2.2, jeweils m.w.H.).
5.3 Bei Berücksichtigung dieser Kriterien sind den Akten erhebliche Indi-
zien für die Glaubhaftigkeit der Aussagen des Beschwerdeführers betref-
fend den durch Soldaten im Armee-Camp im Jahre 2016 erlittenen sexuel-
len Missbrauch zu entnehmen: Seine diesbezüglichen Ausführungen sind
schlüssig und plausibel, weisen einen hinreichenden Detaillierungsgrad
auf (beispielsweise betreffend den Raum, wo die Misshandlungen stattfan-
den), und enthalten auch eine Vielzahl weiterer Realkennzeichen, wie etwa
Schilderungen eigener Gefühle und Gedanken (vgl. Akten SEM A16 F48,
F52 ff., F65). Zudem lässt sich den Befragungsprotokollen entnehmen,
dass die Schilderung dieses Vorfalls bei ihm auffällige und starke Emotio-
nen auslöste (vgl. die verbalisierten nonverbalen Reaktionen im Protokoll
1. Anhörung [A12 F108] und im Protokoll 2. Anhörung [A16 F48, 52, 54,
55, S. 6 f.]). Zu beachten ist sodann, dass beim Beschwerdeführer fach-
ärztlich eine komplexe posttraumatische Belastungsreaktion sowie eine
schwere depressive Episode diagnostiziert worden sind, wobei er in allen
gemessenen Störungsbereichen jeweils die höchste Kriterienanzahl
erreicht habe (vgl. Gutachten vom 12. Dezember 2019 S. 4). Diese Diag-
nosen bilden zwar für sich allein naturgemäss noch keinen Beweis für die
attestierten, zugrunde gelegten Gewalterfahrungen; die auf einer klini-
schen Beobachtung beruhende Einschätzung einer Fachärztin bezie-
hungsweise eines Facharztes kann aber als Indiz für die Glaubhaftigkeit
der Vorbringen beigezogen werden (vgl. BVGE 2015/11 E. 7.2.1 und
7.2.2).
5.4 Der Argumentation des SEM, dass zu erwarten gewesen wäre, dass
der Beschwerdeführer dieses Sachverhaltselement bereits anlässlich der
BzP erwähnt hätte, kann nicht gefolgt werden. Nach konstanter Rechtspre-
chung des Gerichts kann ein verspätetes Vorbringen sexueller Gewalter-
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fahrungen durch kulturell bedingte Schuld- und Schamgefühle beziehungs-
weise einen entsprechenden Selbstschutzmechanismus erklärbar sein. Es
ist bekannt, dass Opfer von sexueller Gewalt in der Regel Mühe haben,
umfassend über das Erlebte zu sprechen. Der Grund dafür liegt im oft vor-
kommenden Vermeidungsverhalten hinsichtlich Gedanken, Gefühlen und
Gesprächen mit Bezug auf die traumatischen Erlebnisse (vgl. BVGE
2013/22 E. 5.5, 2009/51 E. 4.2.3 mit Verweis auf Entscheidungen und Mit-
teilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2003
Nr. 17, E. 4b). Aus den Befragungsprotokollen wird ersichtlich, dass es
dem Beschwerdeführer offenkundig sehr schwer fiel, über den erlebten se-
xuellen Missbrauch zu sprechen, was diese Einschätzung untermauert.
Überdies ist zu berücksichtigen, dass bei der BzP mit der Dolmetscherin
eine Frau anwesend war, diese Befragung mithin nicht in einer reinen Män-
nerrunde stattfand.
5.5 Der vom SEM thematisierte angebliche Aussagewiderspruch, der Be-
schwerdeführer habe in der BzP davon gesprochen, er sei in einem
"Bunker" festgehalten worden, den er bei den folgenden Anhörungen nicht
mehr erwähnt habe, löst sich bei Durchsicht des Protokolls der Anhörung
vom 23. Juli 2019 weitgehend auf, wo der Beschwerdeführer den Raum
beschrieb, in dem er misshandelt worden sei (vgl. Protokoll A16 ad F110:
"Die Hälfte war unterirdisch, es ging ein bisschen runter in einen Ort, der
mit Sandsäcken gefüllt war. Das ist ein grosses Camp, draussen hat man
trainiert. Wenn man runter geht, das war ein unterirdischer Raum").
5.6
5.6.1 Im Weiteren fällt zwar auf, dass der Beschwerdeführer sehr grosse
Mühe bei der zeitlichen Einordnung der vorgebrachten Verfolgungsmass-
nahmen durch die sri-lankische Armee sowie seiner Auslandsaufenthalte
in Indien und Katar bekundete und seine Aussagen zu zahlreichen Elemen-
ten seiner Vorbringen (Anzahl der Mitnahmen zu Befragungen ins Armee-
Camp, Zeitpunkt des Beginns der Behelligungen durch die sri-lankische
Armee, Zeitpunkt seiner definitiven Ausreise aus Sri Lanka, Dauer seines
Aufenthalts in Colombo vor der Ausreise) deutliche Widersprüche enthal-
ten. Bei der Prüfung der Glaubhaftigkeit dieser Vorbringen ist indes zu be-
rücksichtigen, dass gemäss den Ausführungen im eingereichten ärztlichen
Fachbericht vom 12. Dezember 2019 die Konzentrations- und Merkfähig-
keit, Auffassung, und Gedächtnisleistung des Beschwerdeführers stark
herabgesetzt sind. Die Anamnese des Gutachtens beginnt mit der Feststel-
lung der behandelnden Psychiaterin, der Patient habe "aufgrund der neu-
rologischen Verarbeitung erlebter Traumata grosse Mühe mit biografischen
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Erinnerungen und zeitlichen Abläufen" (vgl. Gutachten S. 1). Es wird zu-
dem festgehalten, es liege beim Beschwerdeführer eine komplexe dissozi-
ative Störung der gesamten Persönlichkeit vor, die namentlich zu wider-
sprüchlichen Verhaltensweisen und Äusserungen führe. Demnach seien
vor dem Hintergrund der Komplextraumatisierung und in Anbetracht der
grossen Belastung durch die Interview-Situation inkohärente Aussagen
nicht erstaunlich. Durch die eintretende Dissoziierung könnten Erinne-
rungslücken und Gedächtnisstörungen auftreten (vgl. hierzu auch:
ANGELIKA BIRCK a.a.O. S. 40 ff.). Diesen Erkenntnissen entsprechen die
wiederholten Hinweise des Beschwerdeführers im Rahmen der Anhörun-
gen, dass er vieles vergessen habe – beziehungsweise zu vergessen ver-
suche – sowie dass er sehr angespannt sei und sich deswegen nicht kon-
zentrieren könne (vgl. Protokoll 1. Anhörung [A12 F77], Protokoll 2. Anhö-
rung [A16 F22, F52, F100, F113, F116, F124, F126]).
5.6.2 Unter Würdigung der gesamten Akten liegen nach dem Gesagten
stichhaltige Gründe für die Annahme vor, dass die erwähnten (insbeson-
dere zeitlichen und chronologischen) Ungenauigkeiten und Widersprüche
in den Aussagen des Beschwerdeführers in Zusammenhang mit seiner
starken psychischen Beeinträchtigung stehen. Unter diesen Umständen
vermögen diese Ungereimtheiten die oben dargelegten Indizien, die für die
Authentizität der von ihm vorgebrachten Misshandlungen durch die sri-lan-
kische Armee sprechen (welche den Kern der Begründung seines Asylge-
suchs darstellen), nicht zu entkräften. Ob auch von der Glaubhaftigkeit der
darüber hinausgehenden Darlegungen des Beschwerdeführers auszuge-
hen ist, kann unter diesen Umständen offenbleiben.
5.7 Bei Durchsicht der beigezogenen Akten des Bruders D._ sticht
ins Auge, dass dieser zu Protokoll gegeben hatte, er habe bei einem Tele-
fonat mit seiner Mutter in der Schweiz erfahren, dass nach seiner (im Jahr
2009 erfolgten) Ausreise Armeeangehörige im Haus der Familie nach ihm
gesucht hätten; dabei hätten sie seinen Bruder mitgenommen und geschla-
gen (vgl. Akten N [...], Protokoll der Anhörung vom 20. Januar 2010 ad
F29 f.). D._ präzisierte dabei zwar nicht, welcher seiner beiden
Brüder – L._ oder A._ (Beschwerdeführer) – von dieser
Mitnahme betroffen gewesen sei; die Aussage ist aber immerhin als Indiz
für die Richtigkeit des Vorbringens des Beschwerdeführers zu werten, dass
die Angehörigen des in der Schweiz als Flüchtling anerkannten Bruders
nach dessen Ausreise von der sri-lankischen Armee behelligt worden
seien.
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5.8 Schliesslich hat der Beschwerdeführer Schreiben eines Parlamentsmit-
glieds und eines Pfarrers zu den Akten gereicht, in welchen die schwierige
Situation, in welche der Beschwerdeführer und die anderen Familienange-
hörigen von D._ nach dessen Ausreise geraten seien, bestätigt
werden. Der Beweiswert solcher Dokumente für sri-lankische Asylverfah-
ren wird praxisgemäss grundsätzlich tief eingeschätzt; im Kontext des vor-
liegenden Verfahrens stellen sie demnach nur schwache Indizien für die
Richtigkeit des Sachvortrags des Beschwerdeführers dar.
5.9 In einer Gesamtwürdigung gelangt das Gericht zum Schluss, dass die
vom Beschwerdeführer geschilderten Übergriffe durch die sri-lankischen
Behörden vor seiner Ausreise als glaubhaft zu qualifizieren sind.
6.
6.1 Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die
Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder
begründeten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asyl-
entscheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Ver-
folgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situa-
tion im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zu-
gunsten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berück-
sichtigen (vgl. zum Ganzen BVGE 2011/51 E. 6 S. 1016 f. oder 2011/50
E. 3.1.1 und 3.1.2 S. 996 ff., m.w.H.).
6.2 Der Beschwerdeführer hat glaubhaft dargelegt, dass er vor seiner Aus-
reise von sri-lankischen Armeeangehörigen vor dem Hintergrund seiner
Verwandtschaft mit seinem Bruder D._, der von den sri-lankischen
Sicherheitskräften der Mitgliedschaft bei den LTTE beschuldigt wurde, wie-
derholt befragt und misshandelt wurde. Diese ihm gezielt zugefügten Ver-
folgungsmassnahmen erfüllen hinsichtlich des Motivs, der Intensität sowie
der betroffenen Rechtsgüter die Anforderungen, um als ernsthafte Nach-
teile im Sinne von Art. 3 AsylG qualifiziert zu werden. Demnach ist davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt seiner Ausreise be-
gründete Furcht vor asylrelevanter Verfolgung hatte.
6.3 Praxisgemäss ist von erlittener, mit der Ausreise in Kausalzusammen-
hang stehender Vorverfolgung ohne weiteres auf das Bestehen einer be-
gründeten Furcht vor weiterer, zukünftiger Verfolgung zu schliessen (vgl.
BVGE 2009/51 E. 4.2.5 m.w.H.). Dabei ist auch zu beachten, dass eine
Person, die bereits einmal staatlicher Verfolgung ausgesetzt war, objektive
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Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht hat als jemand, der erst-
mals in Kontakt mit staatlichen Sicherheitskräften kommt (vgl. BVGE
2011/51 E. 6.2 m.w.H.). Vorliegend besteht kein Grund, von dieser Regel-
vermutung abzuweichen, zumal in Anbetracht der allgemeinen Situation in
Sri Lanka die Verfolgungsfurcht als im heutigen Zeitpunkt noch immer ak-
tuell zu erachten ist.
6.4 Der Beschwerdeführer müsste bei einer Rückkehr nach Sri Lanka be-
rechtigterweise befürchten, asylrelevante Nachteile im Sinne von Art. 3
Abs. 2 AsylG zu erleiden. Die Voraussetzungen für die Zuerkennung der
originären Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG sind demnach
erfüllt.
6.5 Aus den Akten sind sodann keine Hinweise ersichtlich, die auf das
Bestehen von Asylausschlussgründen hindeuten würden. Insbesondere
liegen keinerlei Anhaltspunkte für die Annahme vor, der Beschwerdeführer
habe Taten begangen, die unter dem Gesichtspunkt der Asylunwürdigkeit
im Sinne von Art. 53 AsylG zu beurteilen wären.
7.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen. Die Verfügung des
SEM ist aufzuheben und die Vorinstanz ist anzuweisen, dem Beschwerde-
führer in der Schweiz Asyl zu gewähren.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Der vom Beschwerdeführer geleistete Kos-
tenvorschuss von Fr. 750.– ist ihm rückzuerstatten.
9.
Dem Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung
von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
(VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise
erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde keine Kostennote zu
den Akten gereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten aufgrund der
Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Die von der Vor-
instanz auszurichtende Parteientschädigung wird in Anwendung der ge-
nannten Bestimmungen und unter Berücksichtigung der massgeblichen
Bemessungsfaktoren demnach von Amtes wegen auf insgesamt
Fr. 3000.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteueranteil) festgelegt.
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