Decision ID: cc4db3a6-bf5c-43ce-96e5-815b55fe5f51
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Mord etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 9. Abteilung, vom 9. März 2020 (DG180309)
sowie
X1._, lic. iur. Beschwerdeführer
Beschwerde gegen Dispositivziffern 31 und 35 des Urteils des Bezirksge- richts Zürich, 9. Abteilung, vom 9. März 2020, DG180309-L
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Inhaltsverzeichnis
Anklage 7 Urteil der Vorinstanz 7
Berufungsanträge Beschuldigter A._ 14 Beschuldigter B._ 14 Staatsanwaltschaft 15 Privatkläger D._ 16
I. Verfahrensgang 1. Erstinstanzliches Verfahren 17 2. Berufungsverfahren 18 2.1. Berufungserklärungen 18 2.2. Weitere Parteien 18 2.3. Anschlussberufungserklärung 19
II. Umfang der Berufungen 1. Beschuldigter A._ 19 2. Beschuldigter B._ 19 3. Staatsanwaltschaft 20 4. Anschlussberufung des Privatklägers D._ 20 5. Rechtskraft 20
A. Tötungsdelikt (Dossier 1)
III. Kernsachverhalt und Parteistandpunkte 1. Sachverhalt 21 2. Vorbemerkungen 21 3. Standpunkte der Parteien 22 3.1. Staatsanwaltschaft 22 3.2. Beschuldigter A._ 22 4. Täterschaft 23
IV. Prozessuale Einwendungen und Anträge 1. Einschränkung der Öffentlichkeit des Verfahrens 26 2. Verletzung des rechtlichen Gehörs (Verweigerung d. Akteneinsicht) 26 3. Ergänzung der Anklage bzw. Rückweisung zur Ergänzung der Unter-
suchung 27 4. Unverwertbarkeit der Einvernahme A._ wegen Täuschung 28 5. Verspätete schriftliche Delegationsverfügung 29 6. Verletzung von Teilnahmerechten 30 7. Fehlendes Logbuch betreffend der Überwachungsmassnahmen 30
8. Tatrekonstruktion mit einer 3D-Visualisierung 32
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9. Unverwertbarkeit des psychiatrischen Gutachtens 33 10. Unmittelbare Einvernahme von Auskunftspersonen und Zeugen 34 10.1. Befragung von Zeuge E._ und Zeuge F._ 34 10.2. Befragung von Zeuge G._ 35 10.3. Befragung der Zeugen H._ und I._ 36 10.4. Befragung der Auskunftsperson D._ (Privatkläger) 37 10.5. Befragung des Schusswaffen-Sachverständigen Dr. J._ 37 10.6. Befragung des vormaligen fallführenden Staatsanwaltes K._ 38 10.7. Befragung der Tatzeugin L._ 39
11. Verwertbarkeit der polizeilichen Aussagen der Tatzeugin L._ 39 12. Entfernung unverwertbarer Aussagen aus den Akten 41 13. Zweiteilung der Hauptverhandlung (Tatinterlokut) 41 14. Ausstandsbegehren 42
V. Weiterer Sachverhalt 1. Facebook-Posts und SMS-Kontakte 42 2. Mitnahme der Schusswaffe 43 3. Bewaffnung der Gegenseite 45 4. Übernahme der Schusswaffe von B._ durch A._ 46 5. Pfefferspray 46 6. Schussabgabe durch A._ 49 7. Vorsatz von A._ bezüglich der Schüsse auf M._ 50 8. Eventualvorsatz von A._ bezüglich der Schüsse auf D._ 52 9 Eventualvorsatz von B._ 52 10. Fazit Sachverhalt 55
VI. Rechtliche Würdigung 1. Beschuldigter A._ 56 1.1. Notwehr 56 1.2. Qualifikation als Mord 56 2. Beschuldigter B._ 59
B. Weitere Delikte (Dossiers 2 - 6)
VII. Weitere Delikte des Beschuldigten A._ 60
VIII. Weitere Delikte des Beschuldigten B._ 60
C. Sanktion
IX. Strafzumessung Beschuldigter A._ 1. Strafrahmen und Strafschärfung 60 2. Tatverschulden und Einsatzstrafe 61 3. Versuchte eventualvorsätzliche Tötung von D._ 63 4. Strafe gemäss Urteil des Obergerichts vom 23. Okt. 2015 64 5. Strafart in Bezug auf die weiteren Delikte 64
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6. Widerhandlungen gegen das Waffengesetz 65 7. Beteiligung am Angriff auf N._ 66 8. Führen eines Motorfahrzeuges trotz Entzug des Führerausweises 66 9. Fahren in fahrunfähigem Zustand 67 10. Falsche Anschuldigung 67 11. Strafschärfung 68 12. Hinderung einer Amtshandlung 68 13. Täterkomponenten 68 13.1. Geständnis, Reue und Einsicht 68 13.2. Vorstrafen 69 13.3. Persönliche Verhältnisse 70 13.3.1. Lebenslauf 70 13.3.2. Psychiatrisches Gutachten 70 13.3.3. Finanzielle und berufliche Verhältnisse 71 13.3.4. Verhalten im Strafvollzug 73 13.3.5. Zusammenfassung der persönlichen Verhältnisse 74 14. Strafhöhe 74 15. Anrechnung Haft 75 16. Vollzug 75
X. Strafzumessung Beschuldigter B._ 1. Strafrahmen für die Gehilfenschaft zur Tötung 75 2. Tatverschulden und Einsatzstrafe 75 3. Strafart in Bezug auf die weiteren Delikte 76 4. Mehrfache Widerhandlung gegen das Waffengesetz 78 5. Mehrfache Drohung 79 6. Falsche Anschuldigung 80 7. Hehlerei 81 8. Mehrfache Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz 81 9. Beschimpfung 82 10. Strafbefehl vom 21. Dezember 2015 82 11. Täterkomponenten 83 11.1. Geständnis, Reue und Einsicht 83 11.2. Vorstrafen 83 11.3. Persönliche Verhältnisse 84 12. Strafhöhe 84 13. Anrechnung Haft 85 14. Höhe des Tagessatzes 85 15. Vollzug 86
XI. Verwahrung des Beschuldigten A._ 86
D. Zivilforderungen
XII. Privatkläger D._ 87 1. Genugtuung 87 2. Gesetzliche Grundlagen 87
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3. Würdigung 88
XIII. Privatkläger T._ 89 1. Schadenersatz 89 2. Genugtuung 90
XIV Privatkläger O._, P._ und Q._ 90 1. Schadenersatz 90 2. Genugtuung 91
E. Kosten- und Entschädigungsfolgen
XV. Verfahrenskosten 1. Kosten der Untersuchung und des erstinstanzlichen Verfahrens 91 2. Kosten des Berufungsverfahrens 91
XVI. Entschädigungen 93
F. Honorarbeschwerde
1. Höhe der Honorarforderung 94 2. Beschwerde 94 3. Honorar für das Vorverfahren 95 4. Entschädigung für das erstinstanzliche Gerichtsverfahren 96 5. Fazit 99
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I (vormals Staatsanwaltschaft IV) des
Kantons Zürich vom 30. November 2018 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 192
b).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 368 S. 363 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Das Verfahren gegen den Beschuldigten C._ wegen Raufhandels im Sinne
von Art. 133 Abs. 1 StGB gemäss Dossier 14 wird eingestellt.
2. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
− der mehrfachen, teilweise versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111, teilweise in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB,
− des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB, − der falschen Anschuldigung im Sinne von Art. 303 Ziff. 1 in Verbindung mit
Ziff. 2 StGB, − der Hinderung einer Amtshandlung im Sinne von Art. 286 Abs. 1 StGB, − der mehrfachen Widerhandlung gegen das Waffengesetz im Sinne von Art.
33 Abs. 1 lit. a WG, − des mehrfachen Fahrens ohne Berechtigung im Sinne von Art. 95 Abs. 1 lit. b
in Verbindung mit Art. 10 Abs. 2 SVG und − des Fahrens in fahrunfähigem Zustand im Sinne von Art. 91 Abs. 2 lit. b SVG.
3. Der Beschuldigte B._ ist schuldig
− der Gefährdung der öffentlichen Sicherheit mit Waffen im Sinne von Art. 260 quater StGB,
− der mehrfachen Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB, − der falschen Anschuldigung im Sinne von Art. 303 Ziff. 1 StGB, − der Beschimpfung im Sinne von Art. 177 StGB, − der Hehlerei im Sinne von Art. 160 StGB, − der mehrfachen Widerhandlung gegen das Waffengesetz im Sinne von Art.
33 Abs. 1 lit. a WG in Verbindung mit Art. 7 Abs. 1 WG und Art. 12 Abs. 1 lit. g WV und
− der mehrfachen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von Art. 19 Abs. 1 lit. c und d BetmG.
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4. Der Beschuldigte B._ ist nicht schuldig und wird freigesprochen von den Vor-
würfen
− der Gehilfenschaft zu mehrfacher, teilweise versuchter vorsätzlicher Tötung im Sinne von Art. 111 in Verbindung mit Art. 25 und teilweise Art. 22 Abs. 1 StGB gemäss Dossier 1,
− der Begünstigung im Sinne von Art. 305 StGB gemäss Dossier 9, − der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB gemäss
Dossier 12/3, − des Angriffs im Sinne von Art. 134 gemäss Dossier 12/4, − der Widerhandlung gegen das Waffengesetz im Sinne von Art. 33 Abs. 1 lit. a
WG in Verbindung mit Art. 7 Abs. 1 WG und Art. 12 Abs. 1 lit. g WV gemäss Dossier 12/4 und
− der mehrfachen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von Art. 19 Abs. 1 lit. c und d BetmG gemäss Dossier 13 Randziffer 86 der Anklageschrift.
5. Der Beschuldigte C._ ist schuldig
− des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB, − der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB und − der Widerhandlung gegen das Waffengesetz im Sinne von Art. 33 Abs. 1 lit. a
WG.
6. Der Beschuldigte C._ ist nicht schuldig und wird freigesprochen vom Vorwurf
der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB gemäss Dossier
1.
7. Der Beschuldigte A._ wird bestraft mit einer Freiheitsstrafe von 16 1⁄2 Jahren
als Zusatzstrafe zum Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich vom 23. Oktober
2015, wovon 836 Tage durch Untersuchungshaft erstanden sind, sowie mit einer
Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu CHF 10.
Es wird vorgemerkt, dass sich der Beschuldigte A._ seit dem 20. Juni 2017 im
vorzeitigen Strafvollzug befindet.
8. Die Freiheitsstrafe und die Geldstrafe des Beschuldigten A._ werden voll-
zogen.
9. Der Beschuldigte B._ wird bestraft mit einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren, wo-
von 286 Tage durch Untersuchungshaft erstanden sind, sowie mit einer Geldstrafe
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von 300 Tagessätzen zu CHF 100 als teilweise Zusatzstrafe zum Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 21. Dezember 2015.
10. Der Vollzug der Freiheitsstrafe des Beschuldigten B._ wird im Umfang von 18
Monaten aufgeschoben unter Ansetzung einer Probezeit von 4 Jahren. Im Umfang
von 18 Monaten wird die Freiheitsstrafe vollzogen. Der Vollzug der Geldstrafe wird
aufgeschoben unter Ansetzung einer Probezeit von 4 Jahren.
11. Der Beschuldigte C._ wird bestraft mit einer Freiheitsstrafe von 12 Monaten,
wovon 167 Tage durch Untersuchungshaft erstanden sind, sowie mit einer Geld-
strafe von 60 Tagessätzen zu CHF 30.–.
12. Der Vollzug der Freiheitsstrafe und der Geldstrafe des Beschuldigten C._ wird
aufgeschoben unter Ansetzung einer Probezeit von 3 Jahren.
13. Von der Anordnung einer Verwahrung im Sinne von Art. 64 Abs. 1 StGB des
Beschuldigten A._ wird abgesehen.
14. Von der Anordnung einer Landesverweisung im Sinne von Art. 66abis StGB des
Beschuldigten B._ wird abgesehen.
15. Auf das Genugtuungsbegehren des Privatklägers R._ wird nicht eingetreten.
16. Der Privatkläger N._ wird mit seinem Schadenersatzbegehren gegen die Be-
schuldigten A._ und C._ auf den Zivilweg verwiesen, soweit darauf einge-
treten wird.
17. Der Beschuldigte C._ wird verpflichtet, dem Privatkläger N._ CHF 1'000
als Genugtuung zu bezahlen. Im weiteren Betrag wird das Genugtuungsbegehren
des Privatklägers N._ gegen den Beschuldigten C._ abgewiesen. Bezüg-
lich des Beschuldigten A._ wird darauf nicht eingetreten.
18. Der Privatkläger S._ wird mit seinem Schadenersatzbegehren gegen den Be-
schuldigten B._ auf den Zivilweg verwiesen.
19. Der Beschuldigte B._ wird verpflichtet, dem Privatkläger S._ CHF 1'000
zuzüglich 5% Zins seit 12. November 2016 als Genugtuung zu bezahlen. Im weite-
ren Betrag wird das Genugtuungsbegehren des Privatklägers S._ abgewiesen.
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20. Der Beschuldigte A._ wird dem Grundsatz nach verpflichtet, den Privatklägern
T._, O._, P._ und Q._ Schadenersatz zu leisten. Zur genauen
Bezifferung ihrer Schadenersatzbegehren sowie vollumfänglich bezüglich der Be-
schuldigten B._ und C._ werden die Privatkläger auf den Zivilweg verwie-
sen.
21. Der Beschuldigte A._ wird verpflichtet, den nachfolgenden Privatklägern
Genugtuung wie folgt zu bezahlen:
- D._ CHF 10'000 zuzüglich 5% Zins seit tt. März 2015; - T._ CHF 8'000 zuzüglich 5% Zins seit tt. März 2015; - O._ CHF 20'000 zuzüglich 5% Zins seit tt. März 2015; - P._ CHF 20'000 zuzüglich 5% Zins seit tt. März 2015.
In den weiteren Beträgen werden die Genugtuungsbegehren abgewiesen.
22. Das Genugtuungsbegehren von Q._ gegenüber dem Beschuldigten A._
wird abgewiesen.
23. Die Genugtuungsbegehren gegenüber den Beschuldigten B._ und C._
werden auf den Zivilweg verwiesen, soweit darauf eingetreten wird.
24. Die polizeilich sichergestellten Kleidungsstücke des Beschuldigten A._,
1 Pullover "Nike", 1 Jeanshose "Philipp Plein", sowie die mit Verfügung der Staats-
anwaltschaft vom 4. Oktober 2017 beschlagnahmten Gegenstände des Beschuldig-
ten A._, ein Mobiltelefon Samsung und ein Mobiltelefon iPhone 6 Plus, werden
dem Beschuldigten A._ nach Eintritt der Rechtskraft auf erstes Verlangen zu-
rückgegeben. Werden die Gegenstände nicht innert drei Monaten seit Eintritt der
Rechtskraft herausverlangt, werden sie der Lagerbehörde zur Vernichtung überlas-
sen.
25. Das polizeilich vom Beschuldigten A._ sichergestellte Minigrip, enthaltend 3.4
Gramm Marihuana (Asservate-Nr. A4006'215'743, BM-Lager-Nr. 803572-2013,
Dossier 4) und das polizeilich vom Beschuldigten A._ sichergestellte Kokain
(0.25 Gramm) aus dessen Portemonnaie (Asservate-Nr. A008'019'043, Lager-
Nr. B00980-2015, Dossier 7) wird eingezogen und der Lagerbehörde nach Eintritt
der Rechtskraft zur Vernichtung überlassen.
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26. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 4. Oktober 2017 beschlagnahmte
SIM-Karte, Rufnummer 1, von U._ wird nach Eintritt der Rechtskraft U._
auf erstes Verlangen herausgegeben. Wird die SIM-Karte nicht innert drei Monaten
seit Eintritt der Rechtskraft herausverlangt, wird sie der Lagerbehörde zur Vernich-
tung überlassen.
27. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 4. Oktober 2017 beschlagnahmten
Gegenstände von †M._, ein Mobiltelefon Nokia, Rufnummer 2, ein Mobiltele-
fon iPhone 6, Rufnummer 3, ein Mobiltelefon Nokia Rufnummer, 4, ein Mobiltelefon
iPhone 5S, ebenfalls Rufnummer 3, ein Messer und ein Dolch, sowie die polizeilich
sichergestellten Kleidungsstücke von †M._, 1 Kapuzenjacke, 1 Pullover "Clo-
ckhouse", 1 Cargohose H&M, 1 Ledergurt dunkelbraun, 1 Unterhose "Ronaldinjo",
1 Paar Schuhe "converse", 1 Paar schwarze Socken, werden den Hinterbliebenen
von †M._ auf erstes Verlangen herausgegeben. Werden die Gegenstände
nicht innert drei Monaten seit Eintritt der Rechtskraft herausverlangt, werden sie der
Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen.
28. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft am 3. November 2017 beschlagnahmte
Klappmesser, Marke "Marine", des Beschuldigten C._ wird eingezogen und
der Lagerbehörde nach Eintritt der Rechtskraft zur Vernichtung überlassen.
29. Der mit Verfügung vom 3. Oktober 2017 beschlagnahmte Pfefferspray 400 ml
(Sachkaution 10495) von I._ wird eingezogen und der Lagerbehörde nach
Eintritt der Rechtskraft zur Vernichtung zu überlassen.
30. Der polizeilich sichergestellte und beim Forensischen Institut Zürich gelagerte
Revolver der Marke "Webley&Scott", Modell MK 4, Serien-Nr. 5 (Asservate-Nr.
A009'994'934, Dossier 11) wird V._, ... [Adresse] auf erstes Verlangen her-
ausgegeben. Wird der Revolver nicht innert drei Monaten seit Eintritt der Rechts-
kraft herausverlangt, wird er der Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen.
31. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
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CHF 45'000.00 ; die weiteren Auslagen betragen:
CHF 70'000.00 Gebühr Strafuntersuchung §4 GebStrV (Beschuldigter 1),
CHF 40'000.00 Gebühr Strafuntersuchung §4 GebStrV (Beschuldigter 2 ),
CHF 10'000.00 Gebühr Strafuntersuchung §4 GebStrV (Beschuldigter 3),
CHF 39'193.00 Kosten Kantonspolizei Zürich,
CHF 116'517.90 amtliche Verteidigung (Beschuldigter 1),
CHF 78'847.35 amtliche Verteidigung (Beschuldigter 2),
CHF 53'769.85 amtliche Verteidigung (Beschuldigter 3),
CHF 121'427.70 Gutachten/Expertisen etc.,
CHF 123'055.15 Auslagen Untersuchung,
CHF 70.00 ausserkantonale UKO,
CHF 3'862.65 Vertreter Privatkläger 3,
CHF 33'313.00 Vertreter Privatkläger 4,
CHF 78'153.30 Vertreter Privatkläger 5, 6, 8,
CHF 59'208.60 Vertreterin Privatkläger 7.
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
32. Die separat ausgewiesenen Kosten der Untersuchung werden den jeweiligen
Beschuldigten auferlegt, dem Beschuldigten A._ vollumfänglich, den
Beschuldigten B._ und C._ je zur Hälfte. Im weiteren Betrag werden die
Untersuchungskosten auf die Gerichtskasse genommen.
33. Die Kosten des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen diejenigen ihrer amtlichen
Verteidigung und diejenigen der unentgeltlichen Rechtsvertretungen der Geschä-
digten, werden dem Beschuldigten A._ zur Hälfte, dem Beschuldigten B._
zu einem Sechstel und dem Beschuldigten C._ zu einem Zwölftel auferlegt. Im
weiteren Betrag werden die Kosten des gerichtlichen Verfahrens auf die Gerichts-
kasse genommen.
34. Die Kosten der amtlichen Verteidigungen und der unentgeltlichen Rechtsvertretun-
gen der Geschädigten werden auf die Gerichtskasse genommen; vorbehalten bleibt
eine Nachforderung für die Kosten der jeweiligen amtlichen Verteidigungen gemäss
Art. 135 Abs. 4 StPO, beim Beschuldigten A._ vollumfänglich, bei den
Beschuldigten B._ und C._ je zur Hälfte.
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35. Rechtsanwalt lic. iur. X1._ wird für seine Bemühungen und Barauslagen als
amtlicher Verteidiger des Beschuldigten A._ mit CHF 67'688.95 (inkl. Mehr-
wertsteuer) aus der Gerichtskasse entschädigt.
36. Rechtsanwältin lic. iur. Y._ wird für ihre Bemühungen und Barauslagen als
amtliche Verteidigerin des Beschuldigten B._ mit CHF 78'847.35
(inkl. Mehrwertsteuer und Akontozahlung in der Höhe von CHF 30'000) aus der
Gerichtskasse entschädigt.
37. Rechtsanwältin lic. iur. Z1._ wird für ihre Bemühungen und Barauslagen als
amtliche Verteidigerin des Beschuldigten C._ mit CHF 51'611.65 (inkl. Mehr-
wertsteuer und Akontozahlung in der Höhe von CHF 15'112.20) aus der Gerichts-
kasse entschädigt.
38. Rechtsanwalt lic. iur. W._ wird für seine Bemühungen und Barauslagen als
unentgeltlicher Rechtsvertreter des Privatklägers S._ mit CHF 3'862.65 (inkl.
Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse entschädigt.
39. Rechtsanwalt lic. iur. Z2._ wird für seine Bemühungen und Barauslagen als
unentgeltlicher Rechtsvertreter des Privatklägers D._ mit CHF 33'313 (inkl.
Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse entschädigt.
40. Rechtsanwalt lic. iur. AA._ wird für seine Bemühungen und Barauslagen
als unentgeltlicher Rechtsvertreter der Privatkläger/innen T._, O._ und
Q._ mit CHF 78'153.30 (inkl. Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse entschä-
digt.
41. Rechtsanwältin lic. iur. AB._ wird für ihre Bemühungen und Barauslagen als
unentgeltliche Rechtsvertreterin des Privatklägers P._ mit CHF 59'208.50 (inkl.
Mehrwertsteuer und Akontozahlung von CHF 16'820) aus der Gerichtskasse ent-
schädigt.
42. (Mitteilungen)
43. (Rechtsmittel)"
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Berufungsanträge: (Prot. II S. 10 ff.)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten A._:
(Urk. 453 S. 2)
1. A._ sei vom Vorwurf der mehrfachen, teilweise versuchten vorsätz-
lichen Tötung im Sinne von Art. 111, teilweise in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB freizusprechen;
2. A._ sei zu bestrafen mit einer Freiheitsstrafe von höchstens 4 Jahren,
dies teilweise als Zusatzstrafe zum Urteil des Obergerichts vom 23. Oktober
2015, sowie einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu Fr. 10.00, unter An-
rechnung der bereits erstandenen Haft;
3. Auf die Anordnung einer Massnahme, insbesondere einer Verwahrung sei
zu verzichten;
4. Die Zivilforderungen der Privatkläger seien allesamt abzuweisen, eventuali-
ter auf den Zivilweg zu verweisen;
5. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zzgl. MwSt.) gemäss dem Aus-
gang des Verfahrens.
b) Der Verteidigung des Beschuldigten B._:
(Urk. 452 S. 2)
1. Der Beschuldigte sei vom Vorwurf der Gefährdung der öffentlichen Sicher-
heit mit Waffen im Sinne von Art. 260quaterStGB freizusprechen.
2. Der Beschuldigte sei mit einer Geldstrafe von 300 Tagessätzen zu Fr. 100.–,
wovon 313 Tage durch Haft (Untersuchungshaft und Auslieferungshaft)
erstanden sind, als teilweise Zusatzstrafe zum Strafbefehl der Staatsanwalt-
schaft IV des Kantons Zürich vom 21. Dezember 2015 zu bestrafen.
3. Der Vollzug der Geldstrafe sei aufzuschieben unter Ansetzung einer Probe-
zeit von 2 Jahren.
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4. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien auf die Gerichtskasse zu neh-
men.
5. Die Entschädigung für die amtliche Verteidigung für das Berufungsverfahren
sie gemäss den eingereichten Honorarnoten festzusetzen.
c) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 455 S. 1 f.)
1. Dispositiv Ziff. 2, erster Schuldspruch (A._) sei wie folgt zu ändern:
"Der Beschuldigte A._ ist schuldig des mehrfachen, teilweise
versuchten vorsätzlichen Mords im Sinne von Art. 112 StGB, teilweise in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB."
2. Dispositiv Ziff. 7 (A._) sei wie folgt zu ändern:
"Der Beschuldigte A._ wird bestraft mit einer lebenslänglichen
Freiheitsstrafe und einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu Fr. 10.–."
3. Dispositiv Ziff. 13 (A._) sei wie folgt zu ändern:
"Der Beschuldigte A._ wird im Sinne von Art. 64 Abs. 1 lit. a StGB ver-
wahrt."
4. Dispositiv Ziff. 4 (B._) sei wie folgt zu ändern bzw. zu ergänzen:
"Der Beschuldigte B._ ist schuldig der Gehilfenschaft zu mehrfacher,
teilweise versuchter vorsätzlicher Tötung im Sinne von Art. 111 in
Verbindung mit Art. 25 und teilweise Art. 22 Abs. 1 StGB (Dossier 1)."
5. Für den Fall des Schuldspruchs wegen Gehilfenschaft zur mehrfachen Tö-
tung (Ziff. 1) sei Dispositiv Ziff. 3 bzw. Dispositiv Ziff. 4 des Urteils wie folgt
zu ändern bzw. zu ergänzen:
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"Der Beschuldigte B._ ist hinsichtlich des Eventualantrags der
Gefährdung der öffentlichen Sicherheit mit Waffen im Sinne von Art. 250quater
StGB freizusprechen."
6. Dispositiv Ziff. 9 sie wie folgt zu ändern:
"Der Beschuldigte B._ wird bestraft mit einer Freiheitsstrafe von
5 Jahren und einer Geldstrafe von 300 Tagessätzen zu Fr. 100.– als teilwei-
se Zusatzstrafe zum Strafbefehl der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zü-
rich vom 21. Dezember 2015."
d) Der Vertretung des Privatklägers D._:
(Urk. 456 S. 2 f.)
1. Die Berufungsanträge (Vorfragen, Beweisanträge und Anträge in der Haupt-
sache) des Beschuldigten A._ seien vollumfänglich abzuweisen und die
Ziffer 2 des Dispositivs des Urteils des Bezirksgerichts Zürich vom 9. März
2020 (DG180309) sei umfassend zu bestätigen.
2. Es seien die Ziffer 2, 1. Aufzählungszeichen, und Ziff. 3, 1. Aufzählungs-
zeichen, des Dispositivs des Urteils des Bezirksgerichts Zürich vom 9. März
2020 (DG180309) aufzuheben und der Beschuldigte B._ sei der Gehil-
fenschaft zur mehrfacher. teilweise versuchter vorsätzlicher Tötung im Sinne
von Art. 111 in Verbindung mit Art. 25 und teilweise mit Art. 22 Abs. 1 StGB
(Dossier 1) schuldig zu sprechen und entsprechend zu verurteilen.
3. Der Beschuldigte A._, B._ und C._ seien solidarisch zu ver-
pflichten, dem Privatkläger D._ eine Genugtuung von Fr. 20'000.–, zu-
züglich 5% Zins seit dem tt. März 2015, zu bezahlen.
4. Die Kosten dieses Berufungsverfahrens seien den Beschuldigten aufzuer-
legen.
5. Die Kosten (zuzüglich der gesetzlichen MwSt.) der unentgeltlichen Vertre-
tung des Privatklägers und Anschlussberufungskläger D._ seien, nach
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Genehmigung der eingereichten Kostennote, ebenso den Beschuldigten
aufzuerlegen, jedoch vorab aus der Staatskasse zu entschädigen.

Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Erstinstanzliches Verfahren
1.1. Am 7. Dezember 2018 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage beim Be-
zirksgericht Zürich (Urk. 95, Datum Eingang). Die vorinstanzliche Ansetzung eines
Termins für die Hauptverhandlung mit allen Parteien und Parteivertretern erwies
sich als schwierig. So erklärte beispielsweise der amtliche Verteidiger des Be-
schuldigten A._, dass ihm ein halbes Jahr für die Vorbereitung des Plädoyers
für die Hauptverhandlung nicht ausreiche (Urk. 99). Weiter musste die Vorinstanz
über mehrere prozessuale Anträge, die jeweils der Gegenpartei zur Stellungnah-
me zugestellt werden mussten, entscheiden (Urk. 368 S. 18). Um Wiederholun-
gen zu vermeiden, wird auf die mehrseitige Darstellung der Vorinstanz verwiesen
(Urk. 368 S. S. 18 - 23). Am 9. März 2020 fällte die Vorinstanz das eingangs auf-
geführte Urteil.
1.2. Die Verteidigung des Beschuldigten A._ (Urk. 352 und 353) und jene
des Beschuldigten B._ (Urk. 356), die Vertretung der Privatkläger 5, T._,
und 7, P._, (Urk. 360), und der Privatklägerinnen 6, O._ und 8, Q._
(Urk. 354), sowie die Staatsanwaltschaft (Urk. 357 - 359) meldeten innert der 10-
tägigen Frist von Art. 399 Abs. 1 StPO Berufung an. Sodann reichte der amtliche
Verteidiger Rechtsanwalt lic. iur. X1._ gegen die Festsetzung seines Hono-
rars durch die Vorinstanz eine Beschwerde ein (Urk. 411/2), welche mit Beschluss
der III. Strafkammer des Obergerichts vom 13. Juli 2020 zur Erledigung im Zu-
sammenhang mit dem Berufungsverfahren der I. Strafkammer des Obergerichts
überwiesen wurde (Urk. 411/1).
- 18 -
2. Berufungsverfahren
2.1. Berufungserklärungen
Alle Berufungserklärungen gingen rechtzeitig innert der 20-tägigen Frist von
Art. 399 Abs. 3 StPO ein (Empfang des begründeten vorinstanzlichen Urteils
jeweils in Klammern):
- Staatsanwaltschaft am 4. Mai 2020 (Urk. 371, 373; Empfang 20. April 2020,
Urk. 367/1),
- Beschuldigter 1, A._, am 12. Mai 2020 (Poststempel 11. Mai 2020,
Urk. 382; Empfang 20. April 2020, Urk. 367/2)
- Beschuldigter 2, B._, am 11. Mai 2020 (Poststempel 8. Mai 2020, Urk.
378; Empfang am 20. April 2020, Urk. 367/3),
2.2. Weitere Parteien
2.2.1. Der Beschuldigte 3, C._, meldete keine Berufung an. Die Staatsan-
waltschaft zog ihre Berufung gegen den Beschuldigten C._ zurück, was vor-
zumerken ist (Urk. 369). Die Rechtskraft des vorinstanzlichen Urteils hinsichtlich
des Beschuldigten C._ ist mit diesem Entscheid festzustellen, zumal einzelne
Dispositivziffern auch die anderen Beschuldigten betreffen (vgl. Urk. 390).
2.2.2. Die Privatkläger 5, T._, 6, O._, und 8, Q._, meldeten zwar
Berufung an, verzichteten aber ausdrücklich auf Berufungserklärungen (Urk. 380).
Gleichzeitig hielten sie fest, dass daraus nicht geschlossen werden dürfe, dass
sie keine härtere Bestrafung der Beschuldigten wünschten (Urk. 380). Da die Er-
klärung innert Frist für die Berufungserklärung erfolgte, sind den Privatklägern
keine Kosten aufzuerlegen. Von den Rückzügen ist Vormerk zu nehmen (vgl. Urk.
390 S. 3).
2.2.3. Auf die Berufung des Privatklägers 7, P._, wurde mit Beschluss der
hiesigen Kammer vom 5. Juni 2020 nicht eingetreten (Urk. 394).
- 19 -
2.3. Anschlussberufungserklärung
Mit Präsidialverfügung vom 3. Juni 2020 wurde den Parteien Frist zur Anschluss-
berufung angesetzt (Urk. 390). Am 25. Juni 2020 ging die Anschlussberufungs-
erklärung des Privatklägers 4, D._, rechtzeitig ein (Poststempel 24. Juni
2020, Urk. 402; Empfang 4. Juni 2020, Urk. 391).
Der Vertreter des Privatklägers D._ erklärte "bezüglich der Berufungen der
Gegenparteien" Anschlussberufung (Urk. 402). Da diese Erklärung zu unbestimmt
war, wurde ihm mit Verfügung vom 16. Juli 2020 eine Frist zur Präzisierung seiner
Anschlussberufungserklärung angesetzt (Urk. 408). In der Folge verzichtete er
jedoch auf eine Stellungnahme bzw. eine Präzisierung (Urk 412). Soweit es die
Sanktionen betrifft, ist ein Privatkläger gemäss Art. 382 Abs. 2 StPO nicht zu ei-
nem Rechtsmittel befugt. Ist unklar, ob eine Berufungserklärung auf einzelne
Punkte beschränkt wird, ist diese dahingehend auszulegen, dass das vorinstanz-
liche Urteil als gesamthaft angefochten gilt (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom
12. April 2007, 1P.69/2007).
II. Umfang der Berufungen
1. Beschuldigter A._ Der Beschuldigte A._ liess mit der Berufungserklärung das gesamte Urteil
vollumfänglich anfechten (Urk. 382 Rz 6). Mit Eingaben von 7. und 10. Dezember
2021 bzw. anlässlich der Berufungsverhandlung zog er die Berufung in folgenden
Punkten zurück: Dispositivziffern 1, 2 Lemma 2-7, Ziff. 3-6, 9-19, 22-30, 36-41
(Urk. 444, Urk. 446; Prot. II S. 15; Urk. 453 S. 2). Davon ist Vormerk zu nehmen.
2. Beschuldigter B._ Der Beschuldigte B._ beschränkte seine Berufung auf den Schuldpunkt
betreffend Gefährdung der öffentlichen Sicherheit mit Waffen (Dispositivziffer 3,
erster Spiegelstrich) sowie auf die Bemessung der Strafe und der Anzahl anzu-
rechnender Hafttage (Dispositivziffern 9 und 10). In den übrigen Schuldpunkten ist
das Urteil der Vorinstanz vom Beschuldigten B._ nicht angefochten worden
(Urk. 378 S. 2; Prot. II S. 15; Urk. 452 S. 2).
- 20 -
3. Staatsanwaltschaft
3.1. Hinsichtlich des Beschuldigten A._ verlangt die Staatsanwaltschaft
anstelle des Schuldspruchs wegen mehrfacher, teilweise versuchter vorsätzlicher
Tötung einen solchen wegen mehrfachen, teilweise versuchten vorsätzlichen
Mordes. Beantragt wird anstelle der 16-1/2-jährigen Freiheitsstrafe eine lebens-
längliche Freiheitsstrafe. Schliesslich verlangt sie eine Verwahrung (Urk. 371;
Prot. II S. 16; Urk. 455 S. 1 f.).
3.2. Hinsichtlich des Beschuldigten B._ wird der Freispruch von der Gehil-
fenschaft zu mehrfacher, teilweise versuchter vorsätzlicher Tötung angefochten.
Anstelle der 3-jährigen Freiheitsstrafe wird eine solche von 5 Jahren gefordert
(Urk. 373; Prot. II S. 16; Urk. 455 S. 1 f.).
4. Anschlussberufung des Privatklägers D._ Der Privatkläger D._ erhob Anschlussberufung hinsichtlich der Berufungen
der Gegenparteien (Urk. 402, 408 und 412). Anlässlich der Berufungsverhandlung
zog der Vertreter des Privatklägers D._ seine Anschlussberufung in den fol-
genden Punkten zurück bzw. die Anschlussberufung ist in diesen Punkten infolge
Rückzugs der Berufung der Staatsanwaltschaft und des Beschuldigten A._
gegenstandslos geworden: Dispositivziffern 1, Ziff. 2 Lemma 2-7, Ziff. 3 Lemma 2-
7, Ziff. 4 Lemma 2-6, Ziff. 5-20, Ziff. 21 Lemma 2-4, Ziff. 22-41 (Prot. II S. 15 f.).
Davon ist Vormerk zu nehmen. Sodann ist auf den Antrag des Privatklägers
D._, der Beschuldigte C._ sei zu einer Genugtuungszahlung zu ver-
pflichten, nicht einzutreten.
5. Rechtskraft
5.1. Entsprechend ist der erstinstanzliche Entscheid in den Dispositiv-Ziff. 1,
Ziff. 2 Lemma 2-7, Ziff. 3 Lemma 2-7, Ziff. 4 Lemma 2-6, Ziff. 5-6, Ziff. 11-12,
Ziff. 14-19, Ziff. 22-30, Ziff. 31 (mit Ausnahme der Entschädigung der amtlichen
Verteidigung des Beschuldigten 1) und Ziff. 36-41 nicht angefochten und damit in
Rechtkraft erwachsen, was vorab mittels Beschlusses vorzumerken ist (Art. 399
Abs. 3 in Verbindung mit Art. 437 StPO).
5.2. Im Übrigen steht der angefochtene Entscheid zur Disposition.
- 21 -
A. Tötungsdelikt (Dossier 1)
III. Kernsachverhalt und Parteistandpunkte
1. Sachverhalt
Am Sonntagmorgen des tt. März 2015 um ca. 5:00 Uhr kam es in der Nähe der
AC._-Tankstelle in Zürich AD._, genauer gesagt an der AE._-
strasse ... gegenüber dem Autocenter AF._ (Urk. 5/1 S. 29), zu einer Ausei-
nandersetzung zwischen zwei feindseligen Gruppierungen, in deren Verlauf Pfef-
fersprays und eine Schusswaffe eingesetzt wurden. M._ wurde von einer
Kugel tödlich in den Rücken getroffen. Als Täter erachtet die Anklagebehörde den
Beschuldigten A._. Den Revolver nahm der Beschuldigte B._ zum Tref-
fen der feindseligen Gruppen mit. Nachdem der Streit eskalierte und B._ ei-
nen Warnschuss in die Luft abgegeben hatte, behändigte A._ die Waffe von
diesem und schoss auf die flüchtenden M._ und D._. Die beiden Grup-
pen setzten sich wie folgt zusammen: auf der einen Seite die Beschuldigten
A._, B._, C._ und G._, auf der andere Seite M._,
D._, H._ und I._ (Urk. 5/1 Antworten 126 und 137, 8/1 S. 6).
2. Vorbemerkung
Die Verteidigung des Beschuldigten A._ stellte im Laufe des Verfahrens im-
mer wieder zahlreiche prozessuale Anträge, einschliesslich einem 47-seitigen
Ausstandsbegehren gegen die Mitglieder des vorinstanzlichen Spruchkörpers,
welches von der III. Strafkammer des Obergerichts abgewiesen wurde (Urk. 267).
Ebenso beantragte sie die Abnahme verschiedener zusätzlicher Beweismittel. Sie äusserte sich dabei wenig zur Sache selbst, sondern stellte umso mehr theore-
tisch denkbare Hypothesen in den Raum, teilweise losgelöst vom
Untersuchungsergebnis (Urk. 258 S. 14 - 32), oder machte Ausführungen über
den Zustand der schweizerischen Strafjustiz und allgemeine Feststellungen über
Verfahrensrechte nach EMRK und UNO Pakt II (Urk. 260). Deshalb ist es nötig, vorab die Parteistandpunkte und den rechtsgenügend erwiesenen Sachverhalt
darzustellen, um den Fokus nicht zu verlieren, worum es materiell in diesem
- 22 -
Strafprozess geht, und um die Tragweite der Anträge der Verteidigung im konkre-
ten Fall vor Augen zu führen.
Im Übrigen ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich die Berufungs-
instanz auf die für ihren Entscheid wesentlichen Punkte beschränken kann
(vgl. BGE 146 IV 297 E. 2.2.7; BGE 141 IV 249 E. 1.3.1 S; BGE 141 III 28
E. 3.2.4; je mit Hinweisen).
3. Standpunkte der Parteien
3.1. Staatsanwaltschaft
Die Staatsanwaltschaft hält im Berufungsverfahren an der Darstellung in der
Anklageschrift fest und qualifiziert das Handeln des Beschuldigten A._, der
das flüchtende Opfer M._ kaltblütig von hinten erschossen habe, als beson-
ders skrupellos. Deshalb sei der Beschuldigte A._ des mehrfachen, teilweise
versuchten Mordes schuldig zu sprechen, da er auch in Kauf genommen habe,
den zusammen mit M._ wegrennenden Privatkläger D._ tödlich zu tref-
fen. Der Beschuldigte B._ sei aufgrund der Mitnahme des Revolvers der Ge-
hilfenschaft zur mehrfachen, teilweise versuchten Tötung schuldig zu sprechen
(Urk. 371; Urk. 373; Urk. 455).
3.2. Beschuldigter A._
Die Verteidigung des Beschuldigten A._ verlangt einen Freispruch. A._
selbst stellte sich im Laufe der Untersuchung auf den Standpunkt, er habe die
Waffe B._ weggenommen und einfach blind zwei- bis dreimal in Richtung
von M._ geschossen (Urk. 5/24 Antworten 83, 96 und 104). Er habe Todes-
angst gehabt und nicht mehr klar denken können (Urk. 5/24 Antwort 105). Vor Vo-
rinstanz wie auch anlässlich der Berufungsverhandlung verweigerte er jegliche
Aussagen zur Sache (Urk. 268; Urk. 451A/1).
4. Täterschaft
4.1. Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten A._ machte vor Vo-
rinstanz zunächst geltend, dass nicht ausgeschlossen werden könne, dass der
- 23 -
tödliche Schuss durch einen Dritten abgegeben worden sei (Urk. 335 S. 6 - 9).
Daran hielt er auch im Rahmen des Berufungsverfahrens fest (Urk. 450 S. 35 ff.;
Urk. 453 S. 49 ff.). Damit plädierte er an seinem eigenen Klienten vorbei, der die
Schussabgabe im Laufe der Untersuchung zugab. Einvernahme vom 31. Januar
2017, Frage des Staatsanwaltes: "Wer hat geschossen?"; Antwort des Beschul-
digten A._: "Ich" (Urk. 5/24 Antwort 5). A._ machte dann im weiteren
Verlauf der Untersuchung geltend, er habe M._ nicht töten wollen, aber we-
gen Pfeffersprays in den Augen nicht gesehen, wohin er schiesse (Urk. 5/6 Ant-
worten 13 und 17), und er habe Angst gehabt, attackiert zu werden, und aus Pa-
nik geschossen (Urk. 5/6 Antwort 15). "Die Situation war einfach Scheiss. Er
[M._] hatte mir schon genügend Gründe dafür gegeben" (Urk. 5/6 Antwort
15). Er habe blind in Richtung M._ geschossen, ungefähr dahin, wo er ge-
standen habe (Urk. 5/24 Antworten 96 und 97). In der Konfrontationseinvernahme
vom 18. August 2015 gab der Beschuldigte A._ zu Protokoll: "Es ist etwas
passiert und ich gehe zu 100 Prozent aus, dass ich es gewesen bin. Ich habe in
die Richtung gezielt, wo sich die anderen befunden haben. Ich habe ganz klar
dorthin geschossen" (Urk. 5/10 S. 25).
4.2. Darüber hinaus liegen die glaubhaften Aussagen des Beschuldigten
B._ vor. Er gab zu Protokoll, dass er die Waffe zur Sicherheit mitgenommen
habe, falls es brenzlig würde. "Ich nahm die Waffe dann hervor und schoss direkt
nach oben in die Luft. Danach kam A._ und nahm mir die Waffe weg. Ich
wollte niemanden umbringen" (Urk. 6/1 Antwort 118). "Ich schoss einmal in die
Luft. Danach schoss A._ zweimal. Ein Schuss ging ins Auto und einer hatte
M._ getroffen" (Urk. 6/1 Antwort 127). "Ich dachte, es sei vorbei. Nachdem
ich geschossen hatte, wollte ich den Revolver wieder in meine Jacke nehmen. Er
[A._] nahm mir dann die Waffe weg. Niemand rechnete damit, dass er damit
schiessen würde." (Urk. 6/1 Antwort 117). Und auf die Frage, wo die Waffe ge-
blieben sei, erwiderte B._: "Das weiss ich nicht. Das müssen Sie Herrn
A._ fragen" (Urk. 6/1 Antwort 108). Seine Aussagen bestätigte er auch an-
lässlich der Berufungsverhandlung (Urk. 451A/2 S. 8 ff.).
- 24 -
4.3. Schliesslich wird das Bild abgerundet durch die Aussage der völlig unbe-
teiligten und deshalb neutralen Augenzeugin L._, einer Nachbarin, welche
die Auseinandersetzung vom Fenster aus beobachtete (Urk. 12/44 S. 3 f.). Sie
gab zu Protokoll: "Er schoss in die Richtung, in welche die anderen Männer ge-
rannt waren. Nicht in die Luft. Nach vorne, wobei ich die anderen wie gesagt zum
Zeitpunkt der Schussabgabe nicht sah. (...) Der Schütze trug keine Mütze. Er hat-
te ein Glatze. Keine Vollglatze meiner Meinung nach, nur oben kahl. (...) Er war in
Bewegung. Er war ja zuvor den anderen nachgerannt. Möglich, dass er zur
Schussabgabe etwas verzögert hat oder vielleicht ganz kurz stehen geblieben ist.
Das ging so schnell. Er hielt die Waffe bereits in der Hand, als ich ihn bemerkte.
Er musste sie nicht erst auf der Strasse irgendwo hervorziehen."(Urk. 12/44 S. 4).
Weder der Beschuldigte B._ noch der Beschuldigte C._ hatten eine
Glatze. Die Beschreibung passt einzig auf den Beschuldigten A._ (vgl. Foto
des Beschuldigten A._ anlässlich seiner Verhaftung, Urk. 73/4).
4.4. Dafür, dass irgendwelche anderen Schusswaffen im Laufe der Auseinan-
dersetzung im Spiel waren, liegen – entgegen der Verteidigung des Beschuldigten
A._ – weder objektive Beweismittel noch glaubhafte Aussagen vor. So gab
der Beschuldigte A._ zunächst an: "Ich sah eine Waffe in unserer Gruppe.
(...) Ich kann sagen, es war ein Revolver da." und "Es war eine Schusswaffe da,
es war klar eine da. Ich habe es einfach nicht gesehen. Ich habe nicht gesehen,
wer geschossen hat. Ich weiss aber, wer eine Waffe hatte. (...) Ob eine zweite
Waffe dabei war, weiss ich nicht." (Urk. 5/1 S. 13 f.). In einer späteren Einver-
nahme stellte A._ die Möglichkeit weiterer Schüsse in den Raum, indem er
aussagte: "Ich hatte einfach das Gefühl, dass B._ geschossen hat, weil der
Schuss unmittelbar von dort tönte, wo B._ war." (Urk. 5/2 S. 5). "Danach tön-
te es noch ein bis drei weitere Male. Diese Töne kamen mir nicht so nahe vor. Ich
weiss es nicht. Ich habe das Gefühl, sie seien nicht von B._" (Urk. 5/2 S. 5).
So tönt keine realitätsbezogene Aussage. Bereits die völlig schwammige Formu-
lierung entlarvt die Aussage von A._ als blosse Schutzbehauptung. Auch in
der gemeinsamen Konfrontationseinvernahme erwähnte keiner der Mitbeschuldig-
ten B._, G._ und C._, dass eine weitere Schusswaffe im Spiel ge-
wesen sei, nicht einmal der Beschuldigte A._ selbst (Urk. 6/12). Erst im Ver-
- 25 -
laufe der weiteren Einvernahmen, nachdem A._ zugegeben hatte, zwei bis
viermal kurz nacheinander geschossen zu haben (Urk. 5/2 S. 7, 5/3 S. 3, 5/4 S. 3,
19 ff., 5/19 S. 6), verlegte sich A._ dann auf vage Behauptungen, wonach
weitere Schüsse gefallen seien: "Dann habe ich noch weitere Schüsse gehört.
Die sind nicht von mir gewesen. Die einen sagten, mein Bruder habe geschossen.
Von der anderer Seite her hiess es, M._ habe geschossen." (Urk. 5/24 S. 3).
Auf die Frage, wer dies denn gesagt habe, verfiel der Beschuldigte A._ wie-
der in Unverbindlichkeit: "Unabhängige Personen" (Urk. 5/24 S. 3). Kommt hinzu,
dass die Aussagen des Beschuldigten A._ aufgrund seines anfänglichen Ab-
streitens der Tat (Urk. 5/1 S. 22) und seiner zahlreichen ausweichenden Antwor-
ten unglaubhaft erscheinen. Bereits der Umstand, dass er den Revolver, mit wel-
chem er in der Tatnacht geschossen hatte, verschwinden liess, spricht Bände. Ei-
ne ballistische Analyse hätte schnell und klar ergeben können, ob der tödliche
Schuss aus dieser Waffe abgefeuert wurde oder nicht. Kein Unschuldiger lässt
die Waffe verschwinden, mit welcher er seine Unschuld hätte beweisen können.
Auch die Weigerung des Beschuldigten A._ kund zu tun, wem er die Waffe
nach seiner Flucht vom Tatort übergeben habe (Urk. 5/2 S. 7), sowie seine Flucht
nach Deutschland, um sich der polizeilichen Verhaftung zu entziehen, beeinträch-
tigt die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen. Gleiches gilt für die Feststellung des
psychiatrischen Gutachters, wonach es dem Beschuldigten A._ leicht falle,
die Unwahrheit zu sagen und Dinge zu erfinden (Urk. 83/11 S. 126). Bei gesamt-
hafter Würdigung der vorliegenden Beweise bestehen an der Täterschaft des Be-
schuldigten A._ deshalb keine ernsthaften Zweifel. Die Vorinstanz hat den
entsprechenden Sachverhalt auf über 130 Seiten mehr als ausführlich dargelegt.
Auf ihre zutreffenden Erwägungen kann verwiesen werden (Urk. 368 S. 73 - 200;
Art. 82 Abs. 4 StPO). Sachverhaltsmässig gilt es im Wesentlichen einzig zu ent-
scheiden, ob der Beschuldigte A._ "sehenden Auges" bzw. mit direktem Vor-
satz das Opfer, M._, erschossen hat oder nicht und ob das Tatbestandsele-
ment der besonderen Skrupellosigkeit gegeben ist oder nicht.
- 26 -
IV. Prozessuale Einwendungen und Anträge
1. Einschränkung der Öffentlichkeit des Verfahrens
1.1. Der unentgeltliche Vertreter der Privatkläger T._, O._ und
Q._, Rechtsanwalt lic. iur. AA._ stellte im Rahmen der Vorfragen den
Antrag, den Medien beziehungsweise den anwesenden Gerichtsberichterstattern
sei die Auflage zu erteilen, so vom Fall zu berichten, dass keinerlei Rückschlüsse
auf die Person des Getöteten möglich seien (Prot. II S. 14 f.).
1.2. Die Namen der Beteiligten im Berufungsverfahren sind öffentlich bekannt.
Es wurde bereits über viele Jahre ausgiebig über den Prozess berichtet, wobei
auch Familienangehörige von Beteiligten medial präsent waren. Die Medienschaf-
fenden sind gestützt auf die Informations- und Akteneinsichtsverordnung der
obersten kantonalen Gerichte (IAV) verpflichtet, in sachlicher, angemessener
Weise und unter gebührender Rücksichtnahme auf die schutzwürdigen Interessen
der Verfahrensbeteiligten zu berichten (vgl. § 37 Abs. 1 IAV). Es besteht keine
Notwendigkeit, den Gerichtsberichterstattern unter den gegebenen Umständen
weitere Auflagen zu erteilen.
2. Verletzung des rechtlichen Gehörs (Verweigerung der Akteneinsicht) [Urk. 450 S. 2, 10 ff.]
2.1. Die amtliche Verteidigung des Beschuldigten A._ rügt, ihm sei die Ak-
teneinsicht verweigert worden (Urk. 450 S. 10 ff.). Die amtliche Verteidigung des
Beschuldigten A._ hat mit Schreiben vom 3. November 2021 ein Aktenein-
sichtsgesuch gestellt (Urk. 429). Mit Schreiben vom 4. November 2021 wurde
dieses Akteneinsichtsgesuch beantwortet und mitgeteilt, dass der Aktenversand
in diesem Zeitpunkt nicht mehr in Frage komme, da die Akten dem Gericht zur
Vorbereitung der Berufungsverhandlung zur Verfügung stehen müssten. Gleich-
zeitig wurde der Verteidigung die Möglichkeit eingeräumt, die Akten am Oberge-
richt einzusehen und Kopien zu machen (Urk. 431). Von dieser Möglichkeit wurde
kein Gebrauch gemacht. Zweifelsfrei waren der Verteidigung im damaligen Zeit-
punkt die Untersuchungsakten sowie die vorinstanzlichen Akten bereits bestens
bekannt und sie hatte davon zumindest von den gesamten wesentlichen Akten-
- 27 -
stücken Kopien angefertigt, zumal sie in ihrer Honorarnote vor Vorinstanz gut
16'000 Kopien geltend machte (Urk. 330). Die Akten des Berufungsverfahrens
sind sodann sehr überschaubar, was auch aus dem der Verteidigung zugestellten
aktuellen Aktenverzeichnis ersichtlich war. Diese hätte man innert kürzester Zeit
kopieren können. Entsprechend ist der Einwand der Verletzung des Rechts auf
Akteneinsicht unbehilflich, zumal dem Verteidiger zu keiner Zeit eine wirksame
Akteneinsicht verwehrt wurde und sachlich begründet war, weshalb die Akten fünf
Wochen vor der Berufungsverhandlung nicht mehr ausser Haus gegeben wurden.
2.2. Des Weiteren rügt die Verteidigung des Beschuldigten A._, das Ober-
gericht habe den Beizug der Tonträger der erstinstanzlichen Verhandlung zu den
Verfahrensakten verweigert (Urk. 450 S. 14 ff.). Wie bereits in den Schreiben vom
22. bzw. 30. Dezember 2020 an die Verteidigung darauf hingewiesen wurde, bil-
det das Tonprotokoll der vorinstanzlichen Hauptverhandlung nicht Bestandteil der
Akten des Berufungsverfahrens (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 7. Februar
2012, 6B_676/2011, Erw. 1.2.2; Urk. 418, Urk. 421) und wäre insofern bei der
Vorinstanz einzufordern gewesen – worauf ebenfalls hingewiesen wurde
(Urk. 418, Urk. 421) –, was die Verteidigung indes unterliess. Die Rüge ist ent-
sprechend ebenfalls unbegründet. Nachdem auch kein Protokollberichtigungsbe-
gehren gestellt wurde, ist das ausgearbeitete beurkundete Protokoll massgebend.
Dass das Protokoll inhaltlich nicht korrekt abgefasst worden wäre, wurde denn
bezeichnenderweise von der Verteidigung auch nie behauptet.
3. Ergänzung der Anklage bzw. Rückweisung zur Ergänzung der  zwecks Ermittlung eines anderen Schützens [Urk. 258 S. 14 - 32; Urk. 368 S. 29 f.; Urk. 450 S. 19 ff., S. 35 ff.]
Die Verteidigung von A._ stellte erneut den Antrag, das Verfahren sei
zwecks Beweisergänzung bzw. zwecks Abklärung einer möglichen Schussabga-
be durch einen Dritten an die Vorinstanz, eventualiter an die Staatsanwaltschaft,
zurückzuweisen (Urk. 450 S. 19 ff.). Der Beschuldigte A._ hat zugegeben,
mit dem Revolver geschossen zu haben (Urk. 5/24 Antwort 5). Es bestehen kei-
nerlei objektiven Hinweise, insbesondere nicht aufgrund der Aussagen der Mitbe-
schuldigten oder dem Gutachten des Forensischen Instituts (Urk. 18), dass im
- 28 -
Laufe der Auseinandersetzung eine weitere Schusswaffe im Spiel war oder abge-
feuert wurde. Deshalb spielt auch die exakte Anzahl der Schüsse keine Rolle
(Urk. 258 S. 15). Dass insbesondere der Privatkläger D._ den aus seiner
Gruppe stammenden und mit ihm gemeinsam flüchtenden M._ in den Rü-
cken geschossen haben soll, wie die Verteidigung unterstellt, ist abwegig. Die
Schmauchspurenuntersuchung bei D._ ergab ein negatives Resultat (Urk. 18
S. 15). Selbst A._ führte lediglich aus, es könne sein, dass D._ eine
Waffe getragen habe, aber mit dieser nicht geschossen habe (Urk. 5/19 Antwort
29). Es kann auf die Erwägungen der Vorinstanz sowie auf die nachfolgenden
Ausführungen im Rahmen der Sachverhaltes verwiesen werden. Art. 6 Abs. 2
StPO verpflichtet die Untersuchungsbehörde nicht, entlastenden Momenten
nachzugehen, welche rein theoretischer Natur sind. Der Antrag auf Rückweisung
zwecks Ergänzung der Untersuchung ist deshalb abzuweisen.
4. Unverwertbarkeit der Einvernahme des Beschuldigten A._ wegen  [Urk. 258 S. 20 f. und 32; Urk. 368 S. 30 f.; Urk. 450 S. 42 f.]
Die Verteidigung des Beschuldigten A._ rügt, dass der ehemals fallführende
Staatsanwalt in seiner Einvernahme vom 15. März 2016 dem Beschuldigten
A._ gegenüber geäussert habe, dass die Schmauchspurenuntersuchung an
den Händen der vor Ort verhafteten Personen negativ verlaufen sei, weshalb die-
sen Personen eine Schussabgabe nicht nachgewiesen werden könne (Urk. 5/19
Frage 29). Dies sei eine Täuschung gewesen, weil bis in jenem Zeitpunkt noch
andere Personen als Täter in Frage gekommen seien, bei welchen (noch) gar
keine Schmauchspurenuntersuchung stattgefunden habe. Die Einvernahme des
Beschuldigte A._ sei aus diesem Grund gestützt auf Art. 140 Abs. 1 StPO
prozessual absolut unverwertbar (Urk 258 S. 20 f. und 32; Urk. 450 S. 42 f.). Dass
die Aussage des damaligen Staatsanwaltes falsch gewesen sei, behauptet selbst
der amtliche Verteidiger nicht. Er vertritt vielmehr die Auffassung, dass der
Staatsanwalt den Beschuldigten A._ hätte darauf hinweisen müssen, dass
auch noch eine andere Person den tödlichen Schuss hätte abgegeben haben
können, bei welcher noch keine Schmauchspurenuntersuchung stattgefunden
habe. Eine solche Pflicht, den Beschuldigten auf theoretisch denkbare andere
Handlungsabläufe oder Täter hinzuweisen, lässt sich aus der Strafprozessord-
- 29 -
nung nicht ableiten. Von einer Täuschung kann keine Rede sein. Ergänzend ist
darauf hinzuweisen, dass der Beschuldigte A._ zum Zeitpunkt dieser Einver-
nahme am 15. März 2016 bereits sieben Mal befragt worden war, die Einvernah-
me im Beisein seines Verteidigers stattfand und aus dem Protokoll nicht erkenn-
bar ist, inwieweit besagte Bemerkung des Staatsanwaltes den Beschuldigten
A._ veranlasst hat, eine für ihn nachteilige Aussage zu machen.
5. Verspätete schriftliche Delegationsverfügung für von der Polizei  Einvernahmen [Urk. 258 S. 32 - 35; Urk. 368 S. 31; Urk. 450 S. 54 ff.]
Die Verteidigung des Beschuldigten A._ rügt, dass die schriftliche Delegati-
onsverfügung, womit die Staatsanwaltschaft die Durchführung von Einvernahmen
an die Polizei delegierte, erst am 3. November 2016 erfolgt sei. Sämtliche vorher-
gehenden delegierten Einvernahmen seien deshalb prozessual unverwertbar
(Urk. 258 S. 32 - 35; Urk. 450 S. 54 - 57).
Bei der Vorschrift von Art. 312 StPO geht es darum, dass die Parteien überprüfen
können, dass die delegierte Einvernahme im Rahmen der staatsanwaltlichen
Strafuntersuchung erfolgt (Cornu, Commentaire romand CP, N 5 zu Art. 312). Die
Dokumentationspflicht ist zwar wichtig, aber durch das Fehlen einer rechtzeitigen
schriftlichen Delegationsverfügung wurden die Verteidigungsrechte des Beschul-
digten vorliegend in keiner Weise tangiert. Die Polizei befragte nicht auf eigene
Faust, sondern es gab vor der ersten delegierten Einvernahme durch die Polizei
am 20. April 2016 (Urk. 5/21) bereits deren neun staatsanwaltlich geleitete Ein-
vernahmen des Beschuldigten A._, und zwar mit Ausnahme der ersten
Hafteinvernahme, alle im Beisein seines Verteidigers (Urk. 5/1, 5/2, 5/6, 5/7, 5/9,
5/10, 5/18, 5/19, 5/20). Der Beschuldigte A._ wusste deshalb, dass auch je-
ne delegierten Einvernahmen im Rahmen der Strafuntersuchung der Staatsan-
waltschaft erfolgten. Gemäss herrschender Lehrmeinung ist das Vorliegen einer
schriftlichen Delegationsverfügung bloss eine Ordnungsvorschrift (ZK-
Landshut/Bosshard, N 1 zu Art. 312; BSK StPO-Omlin, N 14 zu Art. 312;
Schmid/Jositsch, Praxiskommentar, 3. Aufl., Zürich 2017, N 6 zu Art. 312; vgl.
auch BGE 139 IV 128 E. 1.7 und das Urteil des Bundesgerichts vom 5. November
2015, 6B_17/2015 Erw. 2.3.). Insofern spielt es auch keine Rolle, wenn der amtli-
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=str&query_words=delegation+schriftlich+312&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F139-IV-128%3Ade&number_of_ranks=0#page128
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che Verteidiger die delegierten Einvernahmen von Dritten mangels rechtzeitiger
Delegationsverfügung als unverwertbar aus dem Recht weisen will (Urk. 258 S
34; Urk. 450 S. 54 ff.). Der vorliegende Fall zeigt exemplarisch, dass die Vorschrift
der Schriftlichkeit der Delegationsverfügung nicht eine derart grundlegende, für
die Verteidigungsrechte wichtige Norm ist, deren Nichteinhaltung absolute Un-
verwertbarkeit erheischen würde. Es ist auch nicht so, dass sich Untersuchungs-
behörden um strafprozessuale Vorschriften foutieren, wenn diese vom Bundesge-
richt nicht als Gültigkeitsvorschrift qualifiziert werden. Der Einwand der Verteidi-
gung ist deshalb zu verwerfen.
6. Verletzung von Teilnahmerechten [Urk. 258 S. 35 - 39; Urk. 450 S. 57 ff.]
Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten A._ bringt vor, wenn die Einver-
nahmen nicht wegen der fehlenden Delegationsverfügung unverwertbar seien, so
doch aufgrund der Verletzung von Teilnahmerechten (Urk. 258 S. 35; Urk. 450
S. 57). Welche Einvernahmen und welche Teilnehmer er damit meinte, benannte
er nicht. Soweit er sich auf die polizeilichen Einvernahmen des Beschuldigten
A._ vor der schriftlichen Delegationsverfügung bezieht, ist der Einwand
grundlos. Der Beschuldigte A._ war bei diesen Einvernahmen anwesend,
weshalb seine Teilnahmerechte von vornherein nicht verletzt wurden. Soweit der
Verteidiger andere Mitbeschuldigte meint, ist der Einwand ebenfalls grundlos, da
ein Beschuldigter nur die Verletzung eigener Teilnahmerechte rügen kann.
7. Fehlendes Logbuch betreffend der Überwachungsmassnahmen [Urk. 258 S. 39 - 46; Urk. 368 S. 32 ff.; Urk. 450 S. 61 ff.]
7.1. Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten A._ macht geltend, die
Überwachungen des Fernmeldeverkehrs seien ungenügend in den Akten doku-
mentiert (Urk. 258 S. 39; Urk. 450 S. 61 ff.). Er verlangt eine lückenlose Aufstel-
lung der Gespräche mit Angabe von Ort, Zeit, Datum, Gesprächsteilnehmer und
Gesprächsthema sowie Angaben dazu, wie und von wem die Überwachungs-
massnahme in welcher Art und wo und mit welchem Resultat produziert worden
seien, in Form eines Logbuches (Urk. 258 S. 40 und 41.; Urk. 450 S. 69).
- 31 -
Die Staatsanwaltschaft entgegnete diesem Einwand, die Überwachungen seien
ergebnislos geblieben und hätten im Wesentlichen lediglich den Zweck gehabt,
der nach der Tat flüchtigen und unter Tatverdacht stehenden verschiedenen Be-
schuldigten habhaft zu werden. Auf eine Einverleibung der Aufzeichnungen in die
Akten hätte deshalb auch verzichtet werden können (Urk. 192 S. 1 f.). Vom auf-
gezeichneten Fernmeldeverkehr seien lediglich zwei Gespräche verschriftlicht
worden, welche dann auch zur Verhaftung des Beschuldigten A._ beigetra-
gen hätten (Urk. 150 1 S. 2 und Urk. 40/2). Diese beiden Aufzeichnungen spielen
für die Entscheidfindung vorliegend keine Rolle. Wenn der Verteidiger somit vor-
bringt, die Staatsanwaltschaft habe die Aufzeichnungen der Überwachungsmass-
nahmen nicht mit gleicher Sorgfalt auf belastende und entlastende Momente hin
untersucht und damit gegen Art. 6 Abs. 2 StPO verstossen, so ist dies eine aus
der Luft gegriffene Vermutung. Auch der Verteidiger hat nicht geltend gemacht, er
sei bei der Sichtung dieses Materials durch die Untersuchungsbehörden präsent
gewesen.
7.2. Die Aufzeichnungen der Überwachungsmassnahmen wurden auf 54 DVD's
samt 172-seitigem Verzeichnis zu den Akten genommen (Urk. 40/2 und 150/2).
Das Verzeichnis listet die Tonaufzeichnungen auf nach abgehörter Mobiltelefon-
nummer samt IMEI-Nummer, Abonnent, Standort, Ort- und Zeitangabe sowie
Dauer des Gesprächs. Die DVD's sind einzeln beschriftet, unter anderem nach
der abgehörten Mobiltelefonnummer, der IMEI-Nummer und dem Zeitraum
(Urk. 150/2). Es ist somit problemlos möglich, die einzelnen aufgelisteten Gesprä-
che auf den DVD's zu finden. Das erste auf der Liste aufgeführte Gespräch von
Montag, den 2. März 2015 um 11:01, auf der Mobiltelefonnummer 6, Abon-
nent/Benutzer ... A._, findet sich beispielsweise auf der ersten DVD, welche
mit 02.03.2015 - 09.03.2015 und der Mobiltelefonnummer 6 angeschrieben ist.
Daran ändert nichts, dass die Bezeichnung der polizeilichen Ermittlungsaktionen
(z.B. AC._ - A1a oder AC._-D) teilweise auf der Liste und den DVD's
nicht übereinstimmt. Die gesamte Aktion lief unter dem Codewort "Aktion
AC._" und die rein interne Unterteilung durch die Polizei in AC._-A bis
AC._-D spielt keine Rolle. Die Unterbezeichnung der Aktionsbezeichnung
- 32 -
wird gar nicht benötigt, um die entsprechenden Gespräche auf den DVD's aufzu-
finden.
7.3. Tatsache ist, dass sich die einzelnen Gespräche auf den DVD's nicht
schnell auffinden lassen. Das liegt aber naturgemäss in der sequentiellen Auf-
zeichnung von Daten auf einem Datenträger. Wenn der Verteidiger verlangt, dass
die DVD Marker oder Kapitel enthalten müssten, damit er zielgenau auf das ent-
sprechende abgehörte Gespräche gemäss Liste springen könne, dann verkennt
er, dass die Staatsanwaltschaft trotz Art. 6 Abs. 2 StPO nicht der Gehilfe der Ver-
teidigung ist. Es wird nochmals daran erinnert: die Staatsanwaltschaft erachtet
sämtliche abgehörten Gespräche als ohne Beweiswert für ihre Anklage. Irgendei-
nen Anhaltspunkt oder einen halbwegs konkreten Verdacht, dass eines der Ge-
spräche für den Beschuldigten A._ entlastendes Material enthielte, lieferte
auch der Verteidiger nicht. Wenn er mit Nichtwissen geltend macht, eines der Ge-
spräche könnte den Beschuldigten A._ entlasten, müsste er ohnehin auch al-
le Aufzeichnungen abhören und mit der DVD Nr. 1 beginnen und mit der DVD Nr.
54 aufhören. Ein detailliertes Verzeichnis der Speicherorte der aufgelisteten Ge-
spräche wäre dazu jedenfalls nicht nötig.
8. Tatrekonstruktion mit einer 3D-Visualisierung [Urk. 258 S. 46 - 65; Urk. 450 S. 70 ff.]
Die Verteidigung des Beschuldigten A._ verlangt eine Tatrekonstruktion mit
einer 3D-Visualisierung (Urk. 258 S. 46 - 65; Urk. 450 S. 70 ff.). Eine solche Un-
tersuchungsmassnahme ist unnütz bzw. kann nicht mehr Erkenntnisse liefern, als
die 3D-Visualisierung des forensischen Instituts Zürich bereits ergab (Urk. 18 S.
31 - 35). Der Gutachter hielt fest: "Allein anhand dieser Daten kann weder der
räumliche Standort noch die genaue Körperposition von M._ zum Zeitpunkt
dargestellt werden, als die tödliche Schussabgabe erfolgte" (Urk. 18 S. 31). Der
Beschuldigte A._ hat die Schussabgabe zugegeben und die Aussagen der
Beteiligten blieben hinsichtlich der exakten Positionen und Bewegungen der Be-
teiligten im Laufe des Vorfalles völlig unbestimmt, insbesondere jene des Be-
schuldigten A._ selbst. Da die exakte Körperstellung von M._ im Mo-
ment, als er vom Projektil in den Rücken getroffen wurde, nie mehr rückwirkend
- 33 -
festgestellt werden kann, sind auch irgendwelche Mutmassungen über Schuss-
bahnen rein spekulativ und deshalb sinnlos. Das Gutachten äusserte sich klar da-
hingehend, dass die Schützenposition nicht genau bestimmt werden könne und
die Schussdistanz im Bereich von einigen Metern bis zu 30 Metern liege (Urk. 18
S. 35). Der Verteidiger plädiert an den Aussagen seines Klienten und den Er-
kenntnissen des Gutachters vorbei und stützt sich allein auf theoretische Hypo-
thesen. Es wäre im konkreten Fall denn auch völlig lebensfremd, wenn die Kon-
trahenten Positionsangaben von Mitbeteiligten auf Meter genau und während des
ganzen Ablaufes hätten machen können. Es war ein hochdynamisches, emoti-
onsgeladenes dramatisches Geschehen. Es bestehen keine vernünftigen Zweifel
an der Täterschaft des Beschuldigten A._. Auch die Vorinstanz hat in Bezug
auf die räumlichen Verhältnisse nur soweit darauf abgestellt, wie sie sich aufgrund
der Aussagen der Parteien und der Endlage des Opfers rechtsgenügend erstellen
lassen, und nicht blosse Vermutungen angestellt. Eine Tatrekonstruktion, die sich
auf so spekulative Grundlagen stützt, kann im vorliegenden Fall auch von vornhe-
rein nicht ergeben, wie stark der Beschuldigte A._ durch den Pfefferspray in
seiner Sicht- und Handlungsfähigkeit beeinträchtigt worden war (Urk. 258 S. 60-
65; Urk. 450 S. 84). Ebenso sinnlos sind Versuche im Rahmen eines medizini-
schen Gutachtens (vgl. Urk. 450 S. 84 ff.), wenn völlig unbestimmt ist, wie gross
die Distanz war, aus welcher Richtung gesprüht wurde, welches Fabrikat der Pfef-
ferspray war und wie viel von der Substanz eine Person abbekommen hat (Urk.
106 S. 2).
9. Unverwertbarkeit des psychiatrischen Gutachtens [Urk. 258 S. 68 - 76; Urk. 450 S. 92 ff.]
Der Verteidiger des Beschuldigten A._ moniert, dass nicht ersichtlich sei,
welche Akten dem Gutachter vorgelegen hätten (Urk. 258 S. 69 ff.; Urk. 450 S. 93
ff.). Dem Gutachtensauftrag ist zu entnehmen, dass dem Gutachter sämtliche Un-
tersuchungsakten und Beizugsakten zugestellt wurden (Urk. 81/1 S. 5). Der Gut-
achter erhielt auch die alternative Sachdarstellung der Verteidigung (Urk. 83/7
und 83/10). Anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung bestätigte der
Gutachter zudem, dass er sämtliche ihm zugestellten Akten studiert habe (Urk.
272 S. 14 und 17 f.). Von der Verletzung des Grundsatzes eines fairen Verfahrens
- 34 -
kann entgegen der Meinung des Verteidigers keine Rede sein. Sinngemäss ver-
tritt der Verteidiger den Standpunkt, dass einem Gutachter gar keine nicht rechts-
genügend erwiesene Sachdarstellung bzw. nur die Sachverhaltsdarstellung der
Verteidigung unterbreitet werden dürfe (Urk. 258 S. 74 f.; Urk. 450 S. 95 ff.). Eine
solche Auffassung würde jedoch bedeuten, dass bis zur rechtskräftigen Feststel-
lung eines Sachverhaltes nie ein Gutachter beauftragt werden dürfte. Davon ist in
der Strafprozessordnung keine Rede. Ebenso unzutreffend bzw. unbelegt ist die
Unterstellung der Verteidigung, dass der Gutachter die von ihr unterbreitete alter-
native Variante des Tatablaufs nicht geprüft habe. Dieser Schluss kann nicht ge-
zogen werden, bloss weil der Gutachter nicht in ihrem Sinne entschieden und ei-
ne affektähnliche Situation verneint hat (Urk. 258 S. 75; Urk. 450 S. 97 ff.).
10. Unmittelbare Einvernahme verschiedener Auskunftspersonen und Zeugen [Urk. 258 S. 76 - 93; Urk. 450 S. 101 ff.]
10.1. Befragung von Zeuge E._ und Zeuge F._
Die Verteidigung des Beschuldigten A._ beantragte eine erneute Einvernah-
me des Zeugen E._ (Urk. 450 S. 107 ff.). Gemäss Art. 343 Abs. 3 StPO er-
hebt das Gericht im Vorverfahren erhobene Beweise nochmals, sofern deren un-
mittelbare Kenntnis für die Urteilsfällung notwendig ist. Der Zeuge E._ sagte
in seiner polizeilichen Befragung aus, er sei ein Kollege von M._ und
A._ und er habe den Streit zwischen den beiden entschärfen wollen. Er sage
absichtlich entschärfen, weil schlichten nicht mehr möglich gewesen sei. Jeder
der beiden Kontrahenten sei über den anderen "hergezogen" (Urk. 12/15 S. 1 ff.).
Er bestätigte den Vorhalt, dass der Beschuldigte A._ am Vorabend der Tat
bei ihm zuhause vorbei gekommen und eine Waffe auf den Tisch gelegt habe
(Urk. 12/15 Antworten 33 und 34). In seiner späteren staatsanwaltlichen Einver-
nahme rund ein Jahr nach besagter polizeilicher Befragung gab er dann vor, er
könne sich nicht mehr an den Vorfall erinnern oder er wolle dazu nichts aussagen
(Urk. 12/16). Der Polizeibeamte habe anlässlich der polizeilichen Befragung ein-
fach Dinge ins Protokoll geschrieben und er sei ein "Tubel" gewesen, dass er das
Protokoll unterschrieben habe (Urk. 12/15 S. 6). Dies obschon der Polizeibeamte
F._ als Zeuge bestätigte, dass E._ seinerzeit genau dies ausgesagt ha-
- 35 -
be, was im Polizeiprotokoll stehe und keinerlei Missverständnisse vorgelegen hät-
ten (Urk. 12/12). Bei dieser Ausgangslage kann in antizipierter Beweiswürdigung
und zu Gunsten des Beschuldigten A._ davon ausgegangen werden, dass
sich E._ auch bei einer erneuten Einvernahme auf sein fehlendes Erinne-
rungsvermögen und eine falsche Protokollierung berufen würde. Seine Aussage
ist zudem kein entscheidendes Beweismittel, zumal zweifelsfrei erwiesen ist, dass
der Beschuldigte B._ eine Schusswaffe zur angeklagten Auseinandersetzung
mitgenommen hatte und der Beschuldigte A._ zugab, diese Schusswaffe
auch mehrfach in Richtung des Opfers abgefeuert zu haben. Insofern kann auf
eine Wiederholung der Einvernahme sowohl des Zeugen E._ als auch des
Zeugen F._ verzichtet werden. Es kann zwanglos davon ausgegangen wer-
den, dass nicht erwiesen ist, dass der Beschuldigte A._ seinem Kollegen
E._ am Vorabend eine Waffe gezeigt hat.
10.2. Befragung von Zeuge G._
Der Verteidiger des Beschuldigten A._ beantragte die erneute Befragung von
G._ (Urk. 258 S. 80; Urk. 450 S. 106 f.), wobei er dies einzig damit
begründete, dass dieser aufgrund seines nahen Verhältnisses zum Beschuldigten
als "problematischer Zeuge" gelte und vom urteilenden Gericht persönlich einver-
nommen werden müsse, um sich ein Bild der Aussagen aller Beteiligten machen
zu können. Es sind weder Anhaltspunkte ersichtlich noch wurde vorgebracht,
inwiefern eine erneute Befragung von G._ – nach so vielen Jahren – neue
Erkenntnisse bringen könnte. Sodann war ein Verteidiger des Beschuldigten
A._ bei der Konfrontationseinvernahme vom 18. August 2015 mit A._,
B._, C._, G._, D._, I._ und H._ bzw. bei der Kon-
frontationseinvernahme vom 19. Juni 2017 mit A._, B._, C._ anwe-
send und hatte die Möglichkeit, G._ Ergänzungsfragen zu stellen, was er bei
der ersteren denn auch tat (Urk. 5/10 S. 39 ff.; Urk. 5/27). Des Weiteren kann auf
die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden, wonach bei
G._ eine eklatante Tendenz der Anpassung seiner Aussagen an die späte-
ren Aussagen des Beschuldigten A._ festzustellen ist, weshalb diese späte-
ren Aussagen als Schutzbehauptungen zugunsten des Beschuldigten A._
- 36 -
entlarvt werden konnten und entsprechend nicht zu überzeugen vermögen (vgl.
Urk. 368 S. 116, S. 156). Insofern ist eine erneute Einvernahme von G._
nicht angezeigt.
10.3. Befragung der Zeugen H._ und I._
Der Verteidiger des Beschuldigten A._ stellte den Antrag, H._ und
I._ seien erneut zu befragen, ohne dies allerdings konkret zu begründen
(Urk. 450 S. 105 f.). Die Verteidigung des Beschuldigten A._ war bei der
Konfrontationseinvernahme mit H._ und I._ anwesend und hatte die
Möglichkeit, Ergänzungsfragen zu stellen, was sie denn in Bezug auf I._
auch tat (Urk. 5/10 S. 39 f.). Wie bereits die Vorinstanz feststellte, glänzten
H._ und I._, welche beide an der Auseinandersetzung beteiligt waren,
während der gesamten Untersuchung mit Nichtwissen und ihrem offenkundigen
Bestreben, niemand anderen belasten zu wollen (Urk. 5/10, Urk. 368 S. 82 ff.).
Wenn diese beiden nun Jahre nach dem Vorfall vorgeben würden, sich plötzlich
wieder an Details zu erinnern, wären solche Aussagen von vornherein unglaub-
haft. Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass das Gedächtnis mit der Zeit
nachlässt und nicht zunimmt. Da I._ und H._ der Gruppe um das Opfer
M._ angehörten, ist auch nicht wahrscheinlich, dass sie den Beschuldigten
A._ nun plötzlich entlasten würden, es sei denn, sie seien aus dem Umfeld
des Beschuldigten A._ beeinflusst, massiv bedroht oder unter Druck gesetzt
worden. Es handelt sich beim Antrag der Verteidigung um blindes Fischen nach
Entlastungen für seinen Mandanten, obschon er selbst keinerlei Anhaltspunkte
vorbringen kann, weshalb eine erneute Befragung neue Erkenntnisse bringen
könnte. Tatsache bleibt, dass H._ und I._ keine Aussagen machten,
welche im Widerspruch zum Anklagesachverhalt stünden oder diesen in Frage
stellten. Zu bemerken ist einzig, dass I._ zugegeben hat, einen Pfefferspray
eingesetzt zu haben, allerdings nach seiner Version erst, nachdem der Beschul-
digte A._ zuerst Pfefferspray gesprüht habe (Urk. 5/10 S. 5 f). Davon wird al-
lerdings ohnehin zugunsten des Beschuldigten A._ nicht ausgegangen, wes-
halb es auch diesbezüglich nichts zu klären gilt.
- 37 -
10.4. Befragung der Auskunftsperson D._ (Privatkläger)
Die Ausführungen zu H._ und I._ können sinngemäss auch dem Antrag
des Verteidigers des Beschuldigten A._ auf erneute Einvernahme des Privat-
klägers D._ (Urk. 450 S. 105 f.) entgegen gehalten werden. Seiner Aussage
kommt im vorliegenden Verfahren keine ausschlaggebende Bedeutung zu. Da er
zusammen mit M._ ebenfalls vor dem Beschuldigten A._ flüchtete,
konnte er dessen Schussabgabe auch kaum beobachten. Im Übrigen hat bereits
die Vorinstanz festgehalten, dass zugunsten des Beschuldigten A._ davon
auszugehen ist, dass D._ den Vorfall etwas tendenziös bzw. übersteigert ge-
schildert hat (Urk. 368 S. 82). Auch hier wurde zugunsten des Beschuldigten
A._ davon ausgegangen, dass die Aussagen von D._ in gewissen
Punkten nicht rechtsgenügend verlässlich sind. Deshalb braucht auch nicht auf
sie abgestellt werden, sondern es reicht die Feststellung, dass D._ Aussage
nicht im Widerspruch zum Anklagesachverhalt steht.
10.5. Befragung des Schusswaffen-Sachverständigen Dr. J._
Auch der Antrag des Verteidigers des Beschuldigten A._, der Schusswaffen-
sachverständige J._ sei nochmals zu befragen, ist ohne Grundlage. Allein
mit seiner pauschalen Feststellung, wonach noch einige Fragen zu den Schuss-
bahnen und zu einem möglichen anderen Schützen zu klären seien, lässt sich der
Antrag nicht begründen (Urk. 258 S. 85 - 87). Da die exakten örtlichen Positionen
der Beteiligten im Moment der Schussabgaben gar nicht feststehen, kann auch
ein Ballistiker anhand der untersuchten Projektilteile nicht mehr über die konkre-
ten Schussbahnen aussagen, als im Gutachten bereits dargelegt wurde (Urk. 18
S. 29 - 31), und entsprechend auch nicht die im Rahmen des Vorfragenplädoyers
aufgeworfenen Fragen in diesem Zusammenhang (Urk. 450 S. 112 ff.) klären.
Auch der Vorschlag des Verteidigers des Beschuldigten A._, die metallurgi-
sche Zusammensetzung der aufgefundenen Projektile sei zu untersuchen, denn
wenn eines der Projektile eine andere metallurgische Zusammensetzung aufwei-
se, sei dies ein Indiz, dass noch eine weitere Waffe im Spiel gewesen sei, über-
zeugt nicht (Urk. 258 S. 87 f.; Urk. 450 S. 112). Die metallurgische Zusammen-
setzung von Projektilen hängt nicht von der Waffe ab, aus welcher sie abgefeuert
- 38 -
wurden. Es können auch Projektile unterschiedlicher Art mit derselben Waffe ver-
schossen werden. Das sehr sorgfältig verfasste und rund 60-seitige Gutachten
des Forensischen Instituts Zürich vom 1. Juni 2017 hat die sichergestellten Pro-
jektilteile minutiös untersucht und festgehalten, dass der Geschossmantel aus der
Kupferlegierung Tombak bestehe und der Kern aus Blei (Urk. 18 S. 7). Ob die
beiden Mantelteile durch denselben Waffenlauf getrieben worden seien, könne
nicht festgestellt werden (Urk. 18 S. 8 Erw. 4.3). Als Hersteller der Munition ver-
mutete der Gutachter Sellier & Bellot, wobei für diese Angabe keine absolute Ge-
währ geboten werden könne (Urk. 18 S. 8). Es kann deshalb ausgeschlossen
werden, dass weitere metallurgische Analysen mehr Erkenntnisse zur rein hypo-
thetischen Frage erbringen könnten, ob zwei Waffen abgefeuert worden seien.
Wiederum versucht der Verteidiger des Beschuldigten A._ erfolglos einen
ominösen weiteren Schützen herbeizureden. Zum einen steht fest, dass M._
von einem Projektil tödlich getroffen wurde, zum andern gibt der Beschuldigte
A._ die Schussabgabe zu, wobei die Schussabgaben durch den Beschuldig-
ten A._ auch vom Mittäter und ebenfalls Beschuldigten B._ bestätigt
wurden, und schliesslich kann keiner der Tatbeteiligten auch nur halbwegs ernst-
hafte Angaben zu einem weiteren Schützen oder einer weiteren Schusswaffe ma-
chen, welche über eine bloss spekulative Vermutung hinausgingen.
10.6. Befragung des vormaligen fallführenden Staatsanwaltes K._
Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten A._ stellte den Antrag auf Ein-
vernahme des früheren fallführenden Staatsanwalts, weil ihm unerklärlich sei,
weshalb dieser gewisse sich aufdrängende Verfahrenshandlungen nicht bzw.
nicht rechtzeitig vorgenommen habe (Urk. 258 S. 91; Urk. 450 S. 116). Dieser An-
trag ist abzuweisen. Die Einvernahme des vormaligen Staatsanwalts erscheint
nicht angezeigt (Art. 343 Abs. 1 StPO). Der vormalige fallführende Staatsanwalt
kann keinerlei Aussagen zum Tathergang machen und ist entgegen der Auffas-
sung der Verteidigung auch nicht verpflichtet, der Verteidigung vor Obergericht
Red und Antwort zu stehen und sich zu rechtfertigen, weshalb und wann er ge-
wisse Untersuchungsmassnahmen vorgenommen hat und weshalb gewisse nicht.
- 39 -
Abgesehen vom aufgezeigten pauschalen Vorwurf hat die Verteidigung keine
konkrete Begründung für diesen Antrag vorgebracht.
10.7. Befragung der Tatzeugin L._
Die Verteidigung des Beschuldigten A._ beantragte sodann anlässlich der
Berufungsverhandlung eine erneute Befragung der Zeugin L._ (Urk. 450
S. 109 f.), worauf nachfolgend (Ziff. IV 11.4.) einzugehen ist.
11. Verwertbarkeit der polizeilichen Aussagen der Tatzeugin L._
11.1. Die Tatzeugin L._ wurde lediglich polizeilich und ohne Anwesenheit
des Beschuldigten A._ befragt (Urk. 12/44). Auf Vorladung zur staatanwaltli-
chen Befragung (Urk. 12/45) reichte sie ein Arztzeugnis von Dr. med. AG._
vom 3. April 2017 ein, welcher sie aus psychischen Gründen als nicht einvernah-
mefähig taxierte (Urk. 12/46). Der Arzt hielt auf telefonische Anfrage des Staats-
anwalts fest, dass es für die Zeugin aus psychischen Gründen auch in Zukunft
nicht zumutbar sein werde, im Prozess auszusagen (Urk. 12/46).
11.2. Die Vorinstanz hat zur Frage der prozessualen Verwertbarkeit der Aussage
der Tatzeugin L._ trotz fehlender Konfrontation mit dem Beschuldigten
A._ folgende Ausführungen gemacht, denen uneingeschränkt zuzustimmen
ist (Urk. 368 S. 63 - 66):
Dem Anspruch, den Belastungszeugen Fragen zu stellen, kommt grundsätzlich
absoluter Charakter zu (BGE 131 I 476 E. 2.2 S. 481; 129 I 151 E. 3.1 S. 154).
Nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte
(EGMR) kann jedoch auf eine Konfrontation des Angeschuldigten mit dem Belas-
tungszeugen oder auf die Einräumung der Gelegenheit zu ergänzender Befra-
gung des Zeugen unter besonderen Umständen verzichtet werden. So unter an-
derem, wenn der Belastungszeuge berechtigterweise das Zeugnis verweigerte, in
der Zwischenzeit stirbt oder einvernahmeunfähig wird und daher nicht mehr be-
fragt werden kann (BGE 105 Ia 396 S. 397; BGE 124 I 274 E. 5b S. 285 f.). Erfor-
derlich war in diesen Fällen jedoch, dass der Angeschuldigte zu den belastenden
Aussagen hinreichend Stellung nehmen konnte, die Aussagen sorgfältig geprüft
- 40 -
wurden und ein Schuldspruch nicht allein darauf abgestützt wurde (EGMR vom
26. März 1996, Doorson gegen die Niederlande, § 76; BGE 131 I 476 E. 2.2
S. 481 f. mit Hinweisen). Sowohl der EGMR als auch das Bundesgericht relativier-
ten ihre Rechtsprechung hinsichtlich des Kriteriums, dass ein Zeugnis, das unter
Verletzung des Konfrontationsanspruchs zustande gekommen ist, nicht alleinige
oder ausschlaggebende Bedeutung haben darf. So entschied der EGMR Im Urteil
i.S. Al-Khawaja und Tahery gegen Grossbritannien vom 15. Dezember 2011,
dass unter Umständen auch ein streitiges Zeugnis von ausschlaggebender Be-
deutung ("preuve unique ou déterminante") ohne Konfrontation mit dem Belas-
tungszeugen verwertbar sein kann, wenn ausreichend kompensierende Faktoren
gegeben sind, um den Anspruch des Angeschuldigten auf ein faires Verfahren
und die Überprüfung der Verlässlichkeit des Beweismittels zu gewährleisten (Al-
Khawaja und Tahery gegen Grossbritannien, a.a.O., § 147; vgl. auch BGer
6B_75/2013 E. 3.3.1 mit zahlreichen Hinweisen auf die Literatur).
11.3. Wie aus den oben aufgeführten Erwägungen zur Täterschaft bereits her-
vorgeht, kommt der Aussage der Tatzeugin L._ keine ausschlaggebende
Bedeutung zu, da der Beschuldigte A._ die Schussabgabe in Richtung der
Flüchtenden selbst zugegeben hat. Das Geschehen davor hat die Tatzeugin nur
akustisch in dem Sinne wahrgenommen, dass auf der Strasse gestritten worden
sei. Ihre Aussage ist deshalb prozessual im Lichte der vorstehenden Erwägungen
der Vorinstanz voll verwertbar.
11.4. Die Verteidigung des Beschuldigten A._ beantragte sodann anlässlich
der Berufungsverhandlung eine erneute Befragung der Zeugin L._, um an-
gesichts ihrer psychischen Probleme ihre allgemeine Glaubwürdigkeit zu prüfen
(Urk. 450 S. 109 f.). Es ist – wie bereits ausgeführt – ärztlich attestiert, dass
L._ aus psychischen Gründen nicht einvernahmefähig ist und das auch in
Zukunft nicht sein wird (Urk. 12/46). Daher kommt eine neue Einvernahme schon
aufgrund dieser medizinischen Erkenntnisse nicht in Frage. Anzeichen dafür,
dass die Tatzeugin im Tatzeitpunkt in ihrer Wahrnehmung eingeschränkt gewe-
sen wäre, liegen sodann keine vor. Entgegen der Ansicht der Verteidigung kann
aufgrund der ärztlich attestierten Einvernahmeunfähigkeit für die Zukunft mitnich-
- 41 -
ten geschlossen werden, dass dieser Umstand ihren detaillierten und lebensna-
hen Schilderungen noch am Tattag (Urk. 12/44; vgl. auch Urk. 368 S. 128 f.,
S. 167 ff.) einen Abbruch täte bzw. deren Glaubhaftigkeit in Frage zu stellen oder
an der Glaubwürdigkeit ihrer Person Zweifel zu wecken vermöchte. Ihre Aussa-
gen sind des Weiteren – wie bereits ausgeführt – nicht das alleinige entscheiden-
de Beweismittel, sondern bloss weiteres Indiz in einer Reihe von Indizien und
Beweismitteln. Entsprechend konnte auch unter diesem Gesichtspunkt auf eine
weitere Einvernahme verzichtet werden, ohne die Verwertbarkeit der ersten Ein-
vernahme zu tangieren. Zudem ist an dieser Stelle erneut in Erinnerung zu rufen,
dass der Glaubwürdikeit einer Person im Vergleich zur Glaubhaftigkeit derer Aus-
sagen nach ständiger bundesgerichtlicher Praxis eine lediglich marginale Bedeu-
tung zukommt.
12. Entfernung unverwertbarer Aussagen aus den Akten
Nachdem die Einwendungen der Verteidigung des Beschuldigten A._ betref-
fend Unverwertbarkeit von Beweismitteln zu verwerfen sind, wird auch der Antrag
auf Entfernung aus den Akten gestützt auf Art. 141 Abs. 5 StPO gegenstandlos.
Im Übrigen geht es rechtsstaatlich auch nicht an, Beweismittel, deren (Un-
)verwertbarkeit umstritten ist, einseitig zu Gunsten der rügenden Partei aus den
Akten zu entfernen, ohne dass über deren prozessuale Verwertbarkeit rechtskräf-
tig entschieden worden ist.
13. Zweiteilung der Hauptverhandlung (Tatinterlokut)
Für die von der Verteidigung des Beschuldigten A._ beantragte Zweiteilung
der Hauptverhandlung (Urk. 450 S. 89 ff.) gibt es keine Veranlassung, nachdem
keine weiteren Beweismittel zu erheben sind und die aufgeworfenen Vorfragen
der Verteidigung keine ernsthaften Zweifel an der prozessualen Rechtmässigkeit
der erhobenen Beweise geweckt haben. Nach dem Gesagten ist es gestützt auf
das vorliegende Akten- und Beweisfundament ohne weiteres möglich, die Ankla-
ge einer Würdigung zu unterziehen.
- 42 -
14. Ausstandsbegehren
Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten A._ stellte anlässlich der Beru-
fungsverhandlung, nachdem seine Anträge im Rahmen der Vorfragen durch das
Gericht abgewiesen worden waren, ein Ausstandsbegehren gegen das Gericht
(Prot. II S. 24 f.). Dieses Ausstandsbegehren zog er in der Folge mit Eingabe vom
16. Dezember 2021 zurück (Urk. 460), weshalb nicht weiter darauf einzugehen
ist.
V. Weiterer Sachverhalt
Der weitere Sachverhalt ist vor allem für das subjektive Tatverschulden von Be-
deutung, ändert aber nichts am rechtsgenügenden Nachweis der Tötung von
M._ durch den Beschuldigten A._.
1. Facebook-Posts und SMS-Kontakte
1.1. Im Oktober 2014 schrieb der Beschuldigte A._ auf Facebook, wobei
die Mitteilung an die Gruppe um M._ gerichtet war: "(...) ich ficke am
M._ nöd nur sini qetnik muetter ich fick ihm sine welt ta qifsha familien ich bi
überall zum atreffe meischtens allei nöd mit 5bis 10 lüt mit mir ihr huren. ich ha ei-
sen für eu ihr kinderschänder ich trinke eues bluet wie wasser ihr hunde. ich bin
es immer noch eure albtraum vergesse..." (Urk. 5/32 S. 4). Weiter ist erwiesen,
dass der Beschuldigte A._ am tt. Februar 2015, einen Tag vor der Tötung
von M._, auf Facebook folgende, an M._ gerichtete Mitteilung schrieb:
"M._ ich fick dis läbe du gasch uf AH._ los du ehrelose hund chum zu
mir chum zu dim albtraum ich wird die letzte sekunde si wo du i dim läbe wirsch
ha du hundesohn" (Urk. 5/6 S. 23, 31). Um 20:22 Uhr schrieb er an M._ u.a.
eine SMS mit folgendem Text: "du drohsch mir du bisch tod" (Urk. 5/32 S. 26).
Um 20:33 Uhr am selben Abend schrieb er in einer SMS-Kommunikation mit
AI._, der sich danach erkundigte, was zwischen dem Beschuldigten A._
und M._ laufe, die Antwort: "er will sterbe" (Urk. 5/6 S. 32). AI._ bestä-
tigte in seiner Zeugeneinvernahme vom 15. März 2016, dass der Beschuldigte
A._ wütend gewesen sei und gedroht habe, M._ umzubringen (Urk.
12/16 S. 5). Der Beschuldigte A._ gab an, er habe M._ mit dem Face-
- 43 -
book-Post imponieren wollen, damit er sich bedroht fühle und von ihm – dem Be-
schuldigten A._ – ablasse (Urk. 5/32 S. 26). So eine Erklärung ist völlig le-
bensfremd und deshalb eine reine Schutzbehauptung. Es gibt keinen Grund,
weshalb eine solche Drohung und Beleidigung deeskalierend wirken sollte. Das
Gegenteil ist der Fall. Auch wenn Worte nicht immer auf die Goldwaage zu legen
sind, belegen diese Facebook-Mitteilungen und SMS des Beschuldigten A._
vor dem Hintergrund der seit Monaten schwelenden, tiefen Feindschaft, dass der
Hass des Beschuldigten A._ auf sein späteres Opfer gross war. Dies wiede-
rum entlarvt seine Behauptung, er habe M._ nicht mit Absicht getötet, als
wenig glaubhaft. Dafür sprechen auch die schwachen Ausreden, mit welchen der
Beschuldigte A._ seine Facebook-Mitteilung vom Vorabend der Tat in Abre-
de stellen oder abschwächen wollte. Zu seinem bedenklichen Aussagenverhalten
kann auf die zutreffenden vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden
(Urk. 368 S. 85 Erw, 3.2.2.; Urk. 5/1 S. 17).
1.2. Nicht überzeugend ist der Einwand der Verteidigung, dass es sich bei den
verbalen Drohungen von A._ gegenüber M._ bloss um szenenübliches
Geschwätz handle, die nicht auf Verwirklichung abzielten (Urk. 335 S. 11;
Urk. 453 S. 11). Nicht nur der vorliegende Fall, sondern auch pressebekannte
schwere Auseinandersetzungen zwischen Gangs belegen eindrücklich, dass die
Verteidigung hier erfolglos zu verharmlosen versucht. Zudem wurde für den
Showdown eine geladene Schusswaffe mitgenommen, was beweist, dass zumin-
dest die Beschuldigten A._ und B._ mit einer Eskalation rechneten, was
wiederum die Ernsthaftigkeit der gegenseitigen Drohungen untermauert.
2. Mitnahme der Schusswaffe
2.1. Der Beschuldigte B._ sagte in mehreren Einvernahmen stets aus,
dass der Revolver dem Beschuldigten A._ gehört habe (Urk. 6/1 Antwort 30).
Bevor sie zum Tatort gegangen seien, habe der Beschuldigte A._ die Waffe
aus dem schwarzen Sofa im Tattoo-Studio genommen, wo sie versteckt gewesen
sei, und ihm übergeben (Urk. 5/18 S. 7, Urk 6/1 S. 9; Urk. 6/24 S. 4). Dieses Stu-
dio führte der Beschuldigte A._ zusammen mit seinem Bruder (Urk. 5/1 S.
13). Angesichts dieser Belastung erscheint die vage Aussage des Beschuldigten
- 44 -
A._ nicht glaubhaft, wonach die Waffe einem Dritten gehört habe, dessen
Namen er nicht nennen wolle (Urk. 5/22 S. 4). Wenn er dann weiter ausführte, er
habe die Waffe zwei bis drei Tage nach dem Vorfall jenem Dritten zurückgege-
ben, der sie im Tattoo-Studio gelassen habe, belegt dies zumindest, dass er zu-
mindest der vorübergehende Besitzer der Waffe war, ansonsten er nicht persön-
lich die Rückgabe besorgt hätte. Ebenso unglaubhaft ist seine spätere Wendung
in der Einvernahme vom 6. April 2017, mehr als zwei Jahre nach der Tat, als er
plötzlich geltend machte, die Waffe habe B._ gehört (Urk. 5/26 S. 2). Wer
Aussagen so spät in der Untersuchung macht und im Widerspruch zu ersten Be-
hauptungen abändert, ist unglaubwürdig, seine Aussagen unglaubhaft. Wenn er
zudem ausführte, B._ habe die Waffe aus Angst mitgenommen, belegt dies,
dass er von der Mitnahme der Waffe Kenntnis hatte (Urk. 5/2 Antwort 41). Dies
gestand A._ in seiner Einvernahme vom 7. März 2015 auch ausdrücklich ein
(Urk. 5/1 Antworten 60 und 65). Er habe B._ noch ermahnt, mit dem Revol-
ver nicht so herumzufuchteln (Urk. 5/1 Antwort 65).
2.2. Im Laufe der Untersuchung wurde Bildmaterial vom Beschuldigten A._
sichergestellt, auf welchem er mit Schusswaffen posierte. Das Forensische Insti-
tut hielt fest, dass es sich bei der Waffe auf zwei Bildern mutmasslich um das
Fabrikat Smith & Wesson handle (Urk. 18 S. 11 f.). Die Untersuchung der Projek-
tilteile ergab, dass als Hersteller der Tatwaffe Smith & Wesson oder Taurus im
Vordergrund stehe (Urk 18 S. 8). Mit Sicherheit konnte der Gutachter eine Über-
einstimmung der Tatwaffe mit jener auf dem Foto des Beschuldigten A._
nicht feststellen. Immerhin sagte B._ aber aus, bei der Waffe, welche der
Beschuldigte A._ auf dem Foto in der Hand halte, handle es sich um die
Tatwaffe (Urk. 6/21 S. 15). Eine bemerkenswerte Übereinstimmung, welche den
Besitz der Waffe durch den Beschuldigten A._ untermauert. Dies vor allem
deshalb, weil der Beschuldigte A._ zur Herkunft der Waffe auf besagten Bil-
dern nur schwammige, unbestimmte Aussagen machte, welche zum Vornherein
nicht überprüfbar waren (Urk. 5/1 S. 15). Kein typisches Aussageverhalten eines
Unschuldigen.
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2.3. Erwiesen ist, dass der Beschuldigte B._ die Waffe mit sich trug, als
sich die Gruppe um den Beschuldigten A._ an den Tatort begeben hatte.
Nicht bewiesen werden kann demgegenüber, dass der Beschuldigte A._ den
Beschuldigten B._ verbal zur Mitnahme der Waffe aufgefordert hat, weil das
Aussageverhalten des Beschuldigten B._ diesbezüglich schwankend war. Es
kann auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 368 S. 89 ff.).
3. Bewaffnung der Gegenseite
Dass die Gegenseite bewaffnet gewesen sei, behauptete niemand ausser der
Beschuldigte A._ (Urk. 5/10 S. 10). Dabei waren seine Aussagen aber derart
wechselhaft und schwammig, dass ihnen kein Glauben geschenkt werden kann.
So behauptete er in seiner ersten Einvernahme vom 7. März 2015 zunächst, einer
der Kollegen von M._ habe ein offenes Messer in der Hand gehabt (Urk. 5/1
S. 4). Er kenne diesen anderen aber nicht. Jener sei grösser als er und habe
schwarze Haare (Urk. 5/1 Antwort 28 ff.). Eine Schusswaffe erwähnte er zunächst
nicht. Im Laufe seiner Befragung brachte er dann vor: "M._ hatte auch ein
Messer. (...) Ich habe das gesehen" (Urk. 5/1 S. 9). Völlig unglaubhaft erscheint
dann seine kurz darauf folgende Aussage: "I._ erzählte uns, dass M._
ein Messer dabei gehabt habe und uns habe abstechen wollen." (Urk. 5/1 S. 10).
Wenn man etwas mit eigenen Augen gesehen hat, erweckt es Zweifel, wenn man
sich kurz darauf auf "Hörensagen" berufen muss. Nicht weniger diffus dann das
folgende Statement von A._: "Vielleicht war es auch eine kleine Pistole, es
war auf jeden Fall kantig. (...). Ich sah aber das Messer nicht in seinem Hosen-
sack und auch die Pistole nicht. Ich sah einfach etwas Kantiges. Ich bin über-
zeugt, dass er ein Messer hatte, wenn nicht eine kleine Pistole" (Urk. 5/1 S. 10).
In seiner Einvernahme vom 19. Mai 2015 gab der Beschuldigte A._ dann an,
er selbst habe einen Pfefferspray im Hosenbund versteckt und seine Jacke offen
gehalten, damit er den Pfefferspray schnell habe einsetzen können (Urk. 5/2 S.
4). Nachdem er vom Pfefferspray getroffen worden sei, habe er mit seinem Spray
zurückgespritzt (Urk. 5/2 S. 4). Zudem gab er an: "als ich in die Jacke griff, hatte
einer der anderen eine Pistole bereit" (Urk. 5/2 S 4). Später in dieser Einvernah-
me gab er dann wieder eine neue Version über das Messer zu Protokoll: "Was ich
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vergessen habe zu sagen ist, dass M._ ein Messer hatte. Ich habe dieses
Messer gesehen. Die haben ihm das weggenommen. Ich sah den Griff des Mes-
sers. Man sah, dass ein Klappmesser dort war." (Urk. 5/2 S. 7). Sehr verräterisch
tönt hier die Formulierung "die haben ihm das weggenommen". Dafür gibt es nur
eine vernünftige Erklärung: Der Beschuldigte A._ passte sein Aussagever-
halten an, nachdem er erfahren hatte, dass beim Opfer ein Messer in der Jacken-
tasche sichergestellt worden war. In der Konfrontationseinvernahme vom 18. Au-
gust 2015 erklärte der Beschuldigte A._ dann: "M._ hatte ein Messer
dabei und D._ den Abdruck eines Revolvers. Dieser Abdruck war im Hosen-
bund. Es hat leicht geblitzt. Er hat es eigentlich versteckt." (Urk. 10/5 S. 10). Be-
merkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass von den anderen Beteiligten
niemand eine Waffe gesehen hat, abgesehen von der späteren Tatwaffe
(B._, Urk. 5/10 S. 10; C._, Urk. 5/10 S. 10; G._, Urk. 5/10 S. 10;
I._, Urk. 5/10 S. 10; H._ Urk. 5/10 S. 10). Es ist somit erwiesen, dass
die Gegenseite der Beschuldigten A._ und B._ – entgegen der Behaup-
tungen der Verteidigung des Beschuldigten A._ (Urk. 453 S. 39 ff., S. 49 ff.)
– keine Waffe, weder ein Messer noch eine Schusswaffe, einsetzten.
4. Übernahme der Schusswaffe von B._ durch A._
B._ sagte aus: "Er [Beschuldigter A._] kam zu mir, riss mir die Waffe
aus der Hand und das wars." (Urk. 5/10 S. 27). Auch in anderen Einvernahmen
verwendete er die Formulierung, dass A._ ihm die Waffe "genommen" habe
(Urk. 6/1 Antwort 53; Urk. 5/32 S. 32; vgl. auch Urk. 5/10 S. 28). Die Frage, wes-
halb er sich nicht gegen die Wegnahme der Waffe durch A._ gewehrt habe,
erwiderte B._ mit den Worten: "Ich dachte, es sei vorbei. Nachdem ich ge-
schossen hatte, wollte ich den Revolver wieder in meine Jacke nehmen. Er nahm
mir dann die Waffe weg. Niemand rechnete damit, dass er damit schiessen wür-
de." (Urk. 6/1 Antwort 117). Der Beschuldigte A._ gab in seiner Einvernahme
vom 19. Mai 2015 zu Protokoll: "Ich griff auf die Pistole, die er in der Hand hatte
und nahm sie ihm weg." (Urk. 5/2 S. 5).
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5. Pfefferspray
5.1. Der Beschuldigte A._ machte geltend, er sei vom Pfefferspray so ge-
troffen worden, dass es ihn auf den Boden geworfen und er kaum mehr etwas ge-
sehen habe (Urk. 5/1 S. 19). Er sei fast ohnmächtig geworden und kurz auf die
Knie gegangen (Urk. 5/2 S. 4). In der Konfrontationseinvernahme vom 18. August
2015 zwischen A._, B._, G._, C._, D._, I._ und
H._ wurden diese ausdrücklich danach gefragt, ob sie gesehen hätten, dass
A._ nach dem Pfeffersprayeinsatz zu Boden gegangen sei, doch niemand
meldete sich auf diese Frage (Urk. 5/10 S. 7). Die Aussage von A._, wonach
er fast ohnmächtig zu Boden gegangen sei, ist deshalb eine blosse Dramatisie-
rung und lässt darauf schliessen, dass er in diesem Zusammenhang auch bei
seiner weiteren Schilderung, insbesondere in Bezug auf die angebliche Blindheit,
übertrieben hat. Dies umso mehr, als nicht nachvollziehbar wäre, wie er fast blind
oder beinahe bewusstlos gezielt nach der Waffe hätte greifen und diese dem Be-
schuldigten B._ entreissen können. Entsprechend ist auf die weiteren Aus-
führungen seiner Verteidigung diesbezüglich nicht näher einzugehen (vgl.
Urk. 453 S. 44 ff.). Es ist denn auch nicht bekannt, dass Pfeffersprays Bewusstlo-
sigkeit verursachen können.
5.2. Dann fuhr A._ fort, er habe "B._ [gemeint ist B._] hilf mir"
gerufen, und habe mit seinem Pfefferspray zurück gesprayt, was er auch im
Rahmen des Berufungsverfahrens anerkannte (vgl. auch Urk. 453 S. 46 und
S. 63). Er habe nichts mehr gesehen und sich blind orientiert. Als dieser ihm ge-
holfen habe, habe er "auf die Pistole gegriffen", welche B._ in der Hand ge-
habt habe, und habe sie ihm weg genommen (Urk. 5/2 S. 5). Er habe dann in die
Richtung geschossen, wo er das Gefühl gehabt habe, die anderen seien dort ge-
wesen (Urk. 5/2 S. 5). Diese Aussage ist bereits deshalb nicht glaubhaft, weil
M._ und D._ nach dem Schuss durch B._ weggerannt waren, mit
anderen Worten gar nicht mehr dort standen, wo der Pfeffersprayeinsatz erfolgte.
Der Beschuldigte A._ musste mit anderen Worten gesehen haben, wohin
M._ und D._ gerannt waren, nämlich auf die andere Strassenseite. Ge-
stützt auf die glaubhafte Aussage des Beschuldigten B._ steht fest, dass der
- 48 -
Beschuldigte A._ diesen ein paar Schritte nachgeilt ist (vgl. Urk. 451A/2
S. 14), was in Einklang mit den Erkenntnissen des FOR-Gutachten steht (Urk.
18). Dies korreliert mit der Aussage der Tatzeugin L._, die erwähnte, dass
der Schütze den Flüchtenden vor den Schussabgaben auf die Strasse nachge-
rannt sei (Urk. 12/44 Antworten 15 und 21). Nach ihrer präzisen Darstellung fand
der Streit auf der rechten Seite der AE._-strasse (stadtauswärts gesehen)
vor dem Garagenanbau der Liegenschaft ... statt und die beiden Flüchtenden
rannten in der Folge auf die andere Seite der AE._-strasse (Urk. 12/44). Der
Fundort der Leiche lag denn auch ca. 50 Meter vom ursprünglichen Ort der Aus-
einandersetzung auf der anderen Strassenseite bei der Liegenschaft ... (Urk. 4/1).
Bemerkenswert ist an der Darstellung der Augenzeugin L._, dass auf dem
Foto, welches vom Ort ihrer Schilderung gemacht und ihr vorgehalten wurde,
auch das Mäuerchen erkennbar ist, welches der Beschuldigte A._ erwähnte,
auf welchem er gesessen habe vor dem Pfeffersprayeinsatz (Urk. 12/44 S. 7; Urk.
5/1 Antwort 38 und Foto S. 29). Die örtliche Beschreibung stimmt mit jener von
A._ überein, was auf eine hohe Glaubhaftigkeit der Aussage von L._
hinweist. Auch dies belegt in Kombination mit den Gutachten des FOR, dass der
Beschuldigte A._ rund zehn bis zwanzig Meter auf die Strasse gerannt ist,
bevor er auf die Flüchtenden schoss. Auch wenn zu dieser Nachtzeit die Strasse
nicht intensiv befahren worden sein dürfte, so handelt es sich bei der mehrspuri-
gen AE._-strasse immerhin um die Hautverkehrsachse von Zürich Richtung
Autobahneinfahrt AJ._-tunnel. Auf eine solche Strasse rennt man nicht hin-
aus, wenn man überhaupt nichts sieht. Es kann deshalb ausgeschlossen werden,
dass der Beschuldigte A._ wegen des Pfeffersprays nichts mehr gesehen
hat. Glaubhaft ist einzig, dass ihm die Augen vom Pfefferspray etwas gebrannt
haben und diese wohl tränten.
5.3. Sodann gab A._ auch an, G._ habe ihm nach den Schüssen ge-
holfen und er habe sich an ihm gehalten (Urk. 5/24 S. 12 f.). Eine Version, wel-
che notabene im Widerspruch zu seiner Darstellung steht, wonach er nach
B._ gerufen habe und dieser ihm nach dem Pfeffersprayeinsatz geholfen ha-
be (Urk. 5/2 S. 4). Dann sei er mit G._ joggenderweise weggerannt, wobei er
sich an G._ gehalten und dieser ihn gezogen habe (Urk. 5/24 S. 12 f.).
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Merkwürdigerweise stimmt diese Darstellung überhaupt nicht überein mit der
ersten Schilderung von G._. Dieser gab nämlich an: "Als "klöpft" hat, bekam
ich es mit der Angst und rannte rechts am Tattoo-Studio vorbei in den Hinterhof.
Ich war sehr geschockt und rannte weiter. Ich merkte, dass hinter mir auch zwei
Personen rannten." (Urk. 8/1 Antwort 46). Das deckt sich im Wesentlichen auch
mit seiner Aussage anlässlich seiner Einvernahme am 3. März 2015, als er aus-
führte, er sei wie ein Irrer recht weit weggerannt und dann langsam nach Hause
gegangen (Urk. 8/2 Antwort 29). Er habe gesehen, dass noch Leute in seiner Nä-
he gestanden seien, aber er habe nicht mehr nach hinten geschaut (Urk. 8/2 Ant-
wort 30). Solch eine Darstellung wirkt erlebnisbasiert und es kann deshalb ausge-
schlossen werden, dass er gegenüber dem "blinden" Beschuldigten A._ den
barmherzigen Samariter gespielt hat, wie dieser es glaubhaft machen will. Daran
ändert nichts, dass G._ dann ein halbes Jahr später, in der Konfrontations-
einvernahme vom 18. Dezember 2015 plötzlich und im Widerspruch zu seinen
früheren Aussagen vorbrachte, er habe A._ nach AK._ geführt, weil die-
ser nichts mehr gesehen habe (Urk. 5/18 S. 5). Diese Aussage machte er nota
bene direkt nach seinem Hinweis, dass der Vater von A._ ihm gegenüber
geäussert habe, dass er [der Vater des Beschuldigten A._] enttäuscht von
dessen [G._'s] Aussage gewesen sei (Urk. 5/18 S. 5).
5.4. Wahr ist an der Darstellung von A._ deshalb, dass er in derselben
Richtung floh wie G._, allerdings einige Meter hinter diesem und ohne dass
er wie ein Blinder hätte geführt werden müssen. Nicht ausgeschlossen werden
kann einzig, dass A._ durch den Pfeffersprayeinsatz allgemein bekannte
Symptome hatte, brennende und tränende Augen, aber keinesfalls, dass er völlig
blind gewesen wäre.
6. Schussabgabe durch A._
6.1. Das Gutachten erachtet es aufgrund der Analyse der sichergestellten
Projektilteile als erwiesen, dass – in Abweichung von der Anklage, welche fälsch-
licherweise von drei Schussabgaben ausgeht (Urk. 192b S. 9; Urk. 275 S. 26) –
insgesamt vier Schussabgaben in Richtung des Flüchtenden M._ erfolgten
(Urk. 18 S. 29 Erw. 6.3). Auf diesen Standpunkt stellt sich auch die Verteidigung
- 50 -
(Urk. 258 S. 14; Urk. 450 S. 35 ff.; Urk. 453 S. 34 ff., 57). Es kann deshalb als
nachgewiesen erachtet werden, dass A._ insgesamt vier Schüsse abgefeu-
ert hat (vgl. Ziff. III. 4.4). Der Umstand, dass nicht das gesamte Material, insbe-
sondere keine Projektilteile des Geschosses, welches M._ getroffen hat, si-
chergestellt werden konnte (Urk. 18 S. 28 Erw. 6.1) vermag in Anbetracht der
Umstände, dass keine Anhaltspunkte für den Einsatz einer weiteren Schusswaffe
vorliegen (vgl. Ziff. V 3), den Beschuldigten A._ nicht zu entlasten.
6.2. Der Beschuldigte B._ gab zu Protokoll: "Meine Augen haben auch ge-
brannt vom Pfefferspray, aber man kann immer noch blinzeln." (Urk. 6/1 Antwort
63). Dies präzisierte er anlässlich der Berufungsverhandlung insofern als er aus-
führte, er sei vom Pfefferspraystrahl auch getroffen worden und sein Gesicht habe
gebrannt, seine Sehfähigkeit sei indes nicht beeinträchtigt gewesen (Urk. 451A/2
S. 12). Die Distanz zwischen A._ und den beiden Flüchtenden gab er mit ei-
ner Strassenbreite an (Urk. 6/1 Antwort 69).
6.3. Der Privatkläger D._ sagte aus, dass er bei der Flucht ca. ein bis zwei
Meter neben M._ gerannt sei (Urk. 5/10 S. 14). Daraus kann zwanglos
geschlossen werden, dass es einem blossen Zufall zu verdanken war, dass er
nicht von einem Projektil getroffen worden war. Bei so einem emotional gelade-
nen hochdynamischen Geschehen besteht ein erhebliches Risiko für einen Kolla-
teralschaden. Das gilt umso mehr, wenn der Schütze hochaufgeregt ist.
7. Vorsatz von A._ bezüglich der Schüsse auf M._
7.1. Die Vorinstanz nahm an, der Beschuldigte A._ habe den Tod von
M._ nicht direkt gewollt, sondern diesen bei seinen Schüssen zumindest in
Kauf genommen (Urk. 368 S. 191). Sie begründete ihre Auffassung des Eventual-
vorsatzes jedoch mit keinem Wort, was bei einem wesentlichen Tatbestandsele-
ment wie die Art des Vorsatzes im Lichte der Begründungspflicht gemäss Art. 29
Abs. 2 BV als unzulässig erscheint.
7.2. Bei Vorsatzdelikten ist entweder direkter Vorsatz oder Eventualvorsatz
nachgewiesen oder es fehlt gänzlich an einem Vorsatz. Es gibt weder dazwi-
- 51 -
schenliegende Varianten noch Mindestannahmen. Lässt sich mit andern Worten
nicht mehr als ein Eventualvorsatz rechtsgenügend nachweisen, so liegt auch nur
Eventualvorsatz vor und nicht "mindestens Eventualvorsatz". Letztere Formulie-
rung drückt richterliche Zweifel aus und provoziert den Vorwurf, dass beim Ver-
schulden "von etwas mehr" als Eventualvorsatz ausgegangen worden sei (vgl.
Urk. 368 S. 269 Erw. 3.1.2).
7.3. Direkter Vorsatz liegt auch vor, wenn der Täter zwar andere Zwecke mit
seinem Handeln verfolgt, jedoch weiss oder als sicher voraussieht, dass sein
Handeln zum Tod des Opfers führt (Donatsch/Tag, Strafrecht I, 9. Aufl. Zürich
2013, a.a.O., S. 119).
7.4. Wer mit einer Handfeuerwaffe drei bzw. vier Schüsse auf eine fliehende,
d.h. sich schnell bewegende Person abgibt, kann nie ganz sicher sein, dass er
das Opfer tödlich trifft bzw. dass das Opfer die Aktion nicht überleben wird. Das
gilt insbesondere für nicht geübte Schützen und/oder Faustfeuerwaffen mit kur-
zem Lauf wie Revolver oder Pistolen. Allein diese fehlende hundertprozentige
Gewissheit über die Treffsicherheit und die Letalität eines Treffers lässt einen di-
rekten Vorsatz noch nicht entfallen. Ebenso wenig der Umstand, dass zwei von
drei zur Anklage gebrachten Schüssen in Richtung des Opfers dieses knapp ver-
fehlten.
7.5. Wer in heftiger Gemütsbewegung und mit hasserfüllten Gefühlen gegen-
über dem Opfer diesem nachrennt und aus einer Entfernung von 10 - 30 Metern
(mindestens) drei Mal auf dieses schiesst, obschon das Opfer flieht und kein
Rechtfertigungsgrund wie z.B. Notwehr gegeben ist, nimmt dessen Tod nicht
bloss als unerwünschte Folge in Kauf, sondern handelt in diesem Moment direkt-
vorsätzlich. Man darf mit Fug die Frage stellen, was denn der Beschuldigte
A._ im Moment der Schussabgaben anderes gewollt hätte, als M._ "zu
erledigen". Um M._ bloss Angst einzujagen und ihn definitiv zu vertreiben,
wäre es ihm beispielsweise ein Leichtes gewesen, in die Luft zu schiessen. Dies
gilt insbesondere auch dann, wenn er, wie er vorgab, wegen des Pfeffersprays
nichts mehr gesehen und blind in Richtung der Fliehenden geschossen habe. Al-
lein die Dislokation der beiden Flüchtenden auf die andere Strassenseite, das
- 52 -
kurze Nachsetzen von A._ in deren Richtung und die Schussabgabe genau
in deren Richtung belegen, dass der Beschuldigte A._ nicht einfach nichts
mehr gesehen hat und der tödliche Treffer nicht ein reiner unglücklicher Zufall
war.
7.6. Es ist deshalb von direktem Vorsatz im Moment der Schussabgaben aus-
zugehen. Zu den rechtlichen Anforderungen an den rechtsgenügenden Nachweis
des subjektiven Tatbestandes kann sinngemäss auf die nachfolgenden Ausfüh-
rungen zum Vorsatz des Beschuldigten B._ verwiesen werden (Ziff. V 9.3.
und V 9.4.).
8. Eventualvorsatz von A._ bezüglich der Schüsse auf D._
Dem Beschuldigten A._ konnte nicht entgangen sein, dass M._ zusam-
men mit D._ in dieselbe Richtung flüchtete. D._ sagte aus, er sei unmit-
telbar neben M._ weggerannt (Urk. 5/10 S. 14). Allerdings ist davon auszu-
gehen, dass sich der Hass des Beschuldigten A._ gegen M._ richtete
und er diesen und nicht D._, der auch nicht den Pfefferspray versprühte, tref-
fen wollte. Die von der Verteidigung des Beschuldigten A._ ins Feld geführte
Theorie, dass sich die Schussabgaben des Beschuldigten A._ nicht gegen
M._ sondern gegen den Privatkläger D._ gerichtet hätten, welcher be-
waffnet und damit bedrohlich für den Beschuldigten gewesen sei (Urk. 335 S. 50;
Urk. 453 S. 48), findet in den Akten keine Stütze und wird denn auch nicht vom
Beschuldigten A._ vorgebracht (vgl. Urk. 5/22 S. 5). Trotzdem hat er in Kauf
genommen, dass auch D._ hätte tödlich getroffen werden können. Die zur
Anklage gebrachten zwei weiteren Schüsse, welche M._ knapp verfehlten,
untermauern dies.
9. Eventualvorsatz von B._
9.1. Nach Art. 12 Abs. 2 StGB handelt bereits vorsätzlich, wer die Verwirkli-
chung der Tat für möglich hält und dies für den Fall des Eintritts in Kauf nimmt
(BGE 131 IV 4, 125 IV 251, 103 IV 68; Donatsch/Tag, a.a.O., S. 119). Der even-
- 53 -
tualvorsätzlich Handelnde will die Erfüllung des Tatbestandes nicht mit gleicher
Intensität wie der Täter, welcher mit direktem Vorsatz handelt.
9.2. Die Vorinstanz befand, es sei zwar möglich, dass der Beschuldigte
B._ vor dem Hintergrund der Konfliktsituation damit rechnete, dass der
Beschuldigte A._ die Waffe auch allenfalls ohne Bestehen einer direkten Le-
bensgefahr einsetzen könnte (Urk. 368 S. 96). Indessen sei aber auch nicht aus-
zuschliessen, dass er sich darüber keine Gedanken gemacht habe. Dass er im
Moment der Wegnahme der Waffe durch A._ in Kauf genommen habe, dass
Letzterer diese auch einsetzen und jemand töten würde, könne deshalb nicht mit
rechtsgenügender Weise erstellt werden (Urk. 368 S. 96). Diese gleich in doppel-
ter Hinsicht nicht überzeugende Sichtweise wiederspiegelt einerseits eine etwas
gar naive Betrachtung der Dinge, verkennt aber auch Lehre und Rechtsprechung
zum Eventualvorsatz.
9.3. Das Wissen und der Wille als subjektive Elemente des Tatbestandes las-
sen sich nie im wissenschaftlichen Sinne nachweisen oder eben auch nie aus-
schliessen. Was im Kopf eines Täters im Laufe des Tatgeschehens vorgegangen
ist oder nicht, kann man nach dem heutigen Stand der Wissenschaft nicht anhand
eines individuellen Elektro-Enzephalogramms rückwirkend ablesen. Anzuwenden
ist vielmehr ein objektivierter Massstab nach allgemeinen Erkenntnissen und Le-
benserfahrungen. Der Nachweis gilt gemäss Bundesgericht dann als erbracht,
wenn sich jemandem mit den intellektuellen Fähigkeiten des Täters der Erfolg
seines Verhaltens als so wahrscheinlich aufdrängte, dass sein Verhalten vernünf-
tigerweise nur als Inkaufnahme des Erfolges ausgelegt werden kann (BGE 101 IV
46; Donatsch/Tag, a.a.O. S. 121). Dabei schliesst ein Vertrauen auf das Ausblei-
ben des Erfolges den Eventualvorsatz nur aus, wenn konkrete Gründe dafür be-
stehen (Donatsch/Tag, a.a.O. S. 121). Dies ist vorliegend zu verneinen. Wer mor-
gens kurz nach 5 Uhr eine geladene Schusswaffe zu einem Showdown zweier
verfeindeter Gruppierungen mitnimmt, zwischen denen schon seit Längerem ein
hasserfüllter Konflikt herrscht, von welchem der Beschuldigte B._ zumindest
in den Grundzügen wusste, nimmt immer in Kauf, dass es zum lebensgefährli-
chen Einsatz der mitgenommenen Waffe kommt. Insbesondere bei der Auseinan-
- 54 -
dersetzung zwischen "Gangs", die bekanntlich oft völlig verfehlte Ehrbegriffe in ih-
rem Kodex haben, ist gemäss Bundesgericht mit solchen Eskalationen mit Todes-
folge stets zu rechnen (BGE 103 IV 65 Erw. I.2.). Dem ist uneingeschränkt zuzu-
stimmen. Der Erfolg wird dann in Kauf genommen und damit gewollt, wenn der
Täter ernsthaft mit dessen Eintritt rechnen musste und er dennoch handelt, mag
ihm dieser Erfolg, für sich allein genommen, auch unerwünscht sein (BGE 103 IV
65 Erw. I.2.). Hinzu kommt, dass dem Beschuldigten B._ bekannt war, dass
er keinen Waffentragschein besass (Urk. 6/1 Antwort 82). Er hat den Revolver al-
so nicht einfach wie einen gewöhnlichen Alltagsgegentand unbewusst eingepackt,
sondern bereits damit eine illegale Handlung vorgenommen und sich somit Ge-
danken über seine Handlungsweise gemacht. Daran vermag der Umstand, dass
der Beschuldigte B._ die Waffe nicht genauer geprüft hat und entsprechend
nicht wusste, ob sie geladen ist, nichts zu ändern. Er hat angesichts der konkre-
ten Umstände davon ausgehen müssen bzw. es zumindest in Kauf genommen.
9.4. Ebenso wenig fordert Eventualvorsatz, dass sich der Täter während des
ganzen Geschehens die möglichen Konsequenzen des Handelns überlegt im
Sinne eines konstanten, sich laufend wiederholenden aktiven Denkprozesses.
Das menschliche Gehirn funktioniert nicht so. Auch ein Raubmörder denkt im Se-
kundenbruchteil der Schussabgabe vielleicht nicht unbedingt an den Tod des Op-
fers, sondern vielleicht an das grosse Geld, das er zu erbeuten gedenkt. Deshalb
entfällt noch lange nicht sein Vorsatz. Es reicht, wenn der Täter zumindest im
Laufe des Geschehens, beispielsweise beim Einstecken des Revolvers oder auf
dem Weg zum Tatort die Möglichkeit eines tödlichen Verlaufes in Kauf nimmt. Wie
dieser Verlauf dann erfolgt, braucht er sich nicht im Voraus genau auszumalen.
Es ist mit anderen Worten beim Eventualvorsatz nicht gefordert, dass der Be-
schuldigte B._ exakt im Moment, als ihm A._ die Waffe entriss, überlegt
haben müsste, "oh, ich überlasse sie ihm lieber nicht, denn sonst könnte er ja je-
manden töten". Bereits durch sein vorhergegangenes Tun schuf der Beschuldigte
B._ unter den bekannten Umständen die konkrete Gefahr eines Tötungsde-
liktes, was für jeden vernünftigen Menschen, auch für den Beschuldigten
B._, klar erkennbar war. Trotzdem nahm er die Waffe mit und setzte diese
auch als Erster ein. Es ist eine ganz lapidare Erkenntnis, dass bei Mitnahme von
- 55 -
Schusswaffen zu einem Showdown mehr Menschen sterben als bei Auseinander-
setzungen ohne Waffen.
9.5. Vorliegend kommt hinzu, dass es der Beschuldigte B._ selbst war, der
den ersten Schuss – wenn auch in die Luft – abfeuerte. Er war es also, der die
Waffe als Erster einsetzte und mit ins Geschehen bzw. den dramatischen Aus-
gang ins Rollen brachte. Dass es in solch hochexplosiven Situationen zu unerwar-
teten Reaktionen und lebensgefährlichen Wendungen kommen kann, weiss jeder
durchschnittliche Erwachsene, nicht nur aus Film und Fernsehen, sondern bei-
spielsweise auch aus Medienberichten. Es ist eine allgemein bekannte Tatsache,
dass Schusswaffen in hochemotionalen Streitigkeiten nicht für mehr Sicherheit
sorgen, sondern das Geschehen in hochriskanter Weise auf Messers Schneide
bringen: Entweder die Kontrahenten flüchten, oder es kommt zu einer tödlichen
Eskalation. Auf welche Seite "die Kugel" fällt, wenn mehrere Personen an der
Auseinandersetzung beteiligt sind, kann kein Mensch mit Sicherheit voraussagen,
auch der Beschuldigte B._ nicht. Dass A._, nachdem der Beschuldigte
B._ den Revolver hervorgenommen und einen Warnschuss abgefeuert hatte,
seine Schusswaffe von diesem wieder behändigte und damit ebenfalls schoss, ist
keinesfalls derart aussergewöhnlich, als dass ein vernünftiger Mensch nicht hätte
damit rechnen müssen. Schliesslich gehörte die Waffe A._ und der Beschul-
digte B._ behändigte diese im Tattoo-Studio, welches A._ führte, wes-
halb naheliegend war, dass sich dieser der Waffe "im Notfall" bzw. bei einer Eska-
lation von B._ auch wieder bemächtigen würde. Dass der Beschuldigte
B._ die Facebook-Posts mit den Todesdrohungen von A._ an M._
nicht kannte, ändert nichts daran (Urk. 6/1 Antwort 180). Der schwelende Konflikt
zwischen den beiden Gruppen war ihm bekannt und als Anwesender beim Streit
hat er die emotional höchst brenzlige Situation erkannt, ansonsten er keinen
Warnschuss abgegeben hätte. Es ändert nichts am Eventualvorsatz, dass er mit
den Schüssen von A._ auf die Fliehenden nicht einverstanden war.
10. Fazit Sachverhalt
Der Beschuldigte A._ hat M._ vorsätzlich getötet und in Kauf genom-
men, dass er auch den in unmittelbarer Nähe von M._ fliehenden D._
- 56 -
töten könnte. Der Beschuldigte B._ hat – entgegen der Ansicht ihrer Vertei-
digung (Urk. 452 S. 4 ff.) – durch seine Handlungsweise, insbesondere durch den
Transport von A._s Revolver an den Ort der Auseinandersetzung, A._
Hilfe geleistet und dessen nachfolgende Handlungen, die Tötung von M._
und die versuchte Tötung von D._ in Kauf genommen.
VI. Rechtliche Würdigung
1. Beschuldigter A._
1.1. Notwehr
Dass nach dem Warnschuss von B._ noch ein Angriff von M._s Gruppe
erfolgte, ist rechtsgenügend widerlegt. Die Kontrahenten flüchteten unter dem
Eindruck des Warnschusses vielmehr sofort und ohne zu zögern. Die Behauptung
der Verteidigung des Beschuldigten A._, dieser sei noch von einem drohen-
den oder laufenden Angriff ausgegangen (Urk. 335 S. 42 ff.; Urk. 453 S. 28 ff.,
S. 65 ff.), lässt sich weder auf Fakten noch auf Indizien abstützen. Wer Flüchten-
den nachrennt und auf diese schiesst, kann dies jedenfalls nicht ernsthaft be-
haupten. Illustrativ ist in diesem Zusammenhang auch die Aussage von B._,
wonach niemand damit gerechnet habe, dass A._ schiessen würde (Urk. 6/1
Antwort 117). Eine solche Aussage lässt sich nur damit erklären, dass offenkun-
dig kein Angriff der Gegenseite mehr drohte. Ein Rechtfertigungsgrund bzw. eine
Notwehr-
oder Notstandsituation kann deshalb ausgeschlossen werden.
1.2. Qualifikation als Mord
1.2.1. Die Vorinstanz lehnte die Qualifikation als Mord im Sinne von Art. 112 StGB
ab und sprach den Beschuldigten A._ der mehrfachen, teilweise versuchten
vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111, teilweise i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB,
schuldig.
1.2.2. Die Staatsanwaltschaft ist demgegenüber der Auffassung, dass die Tötung
von M._ besonders skrupellos gewesen sei, zumal das Opfer bereits durch
- 57 -
einen Schlag ins Gesicht eine Mittelgesichtsverletzung erlitten habe und mit Pfef-
ferspray besprüht worden sei. Es habe deshalb keinen Grund mehr gegeben, den
wehrlosen und flüchtenden M._ durch einen Schuss in den Rücken nieder-
zustrecken. Wäre der Beschuldigte A._ infolge des Pfeffersprayeinsatzes
wütend geworden, hätte er stattdessen auf I._, von welchem er mit Pfeffer-
spray besprüht worden war, geschossen. Der Beschuldigte A._ habe in die-
sem Moment den verhassten Konkurrenten bzw. Kontrahenten schlicht und ein-
fach eliminieren wollen (Urk. 371 S. 2; Urk. 455 S. 5 ff.).
1.2.3. Zur Lehre und Rechtsprechung kann auf die zutreffenden vorinstanzlichen
Erwägungen verwiesen werden (Urk. 368 S. 189 f.):
Mord im Sinne von Art. 112 StGB liegt vor, wenn der Täter einen Menschen be-
sonders skrupellos tötet, namentlich wenn sein Beweggrund, der Zweck der Tat
oder die Art der Ausführung besonders verwerflich sind. Diese Formulierung
macht deutlich, dass es sich bei den für die Erfüllung des Tatbestandes erhebli-
chen Umständen nur um die Tatumstände im eigentlichen Sinn, also um solche
handelt, die unmittelbar mit der Begehung der Tat zusammenhängen. Mord
zeichnet sich durch aussergewöhnlich krasse Missachtung fremden Lebens bei
der Durchsetzung eigener Absichten aus. Als Mörder qualifiziert werden soll jener
Tätertyp, der sich besonders skrupellos, d.h. gemütskalt, mit einer Gesinnung von
krassestem und primitivstem Egoismus, aus besonders gemeinem und nieder-
trächtigem Antrieb und weitgehend ohne soziale Regungen zur Verfolgung seiner
eigenen Interessen rücksichtslos über das Leben anderer Menschen hinwegsetzt
(BGE 120 IV 274, BBl 1985 II S. 1022 und Binder, Der juristische und psychiatri-
sche Massstab bei der Beurteilung der Tötungsdelikte, Zeitschrift für Strafrecht,
67 (1952), S. 314 und 322 ff.). Das in Art. 112 StGB als Mordqualifikation aufge-
stellte Erfordernis des besonders skrupellosen Handelns stellt eine Generalklau-
sel dar, welche durch die beispielhafte Erwähnung von Hauptfällen, die der vom
Bundesgericht entwickelten Praxis zum Begriff der besonders verwerflichen Ge-
sinnung der bis zum 31. Dezember 1989 geltenden Fassung von Art. 112 StGB
entsprechen, konkretisiert wird. Als besonders verwerfliche Beweggründe oder
Tatzwecke fallen Mordlust, Rache, Geld- und Habgier (Raubmord bzw. auftrags-
- 58 -
gemässe Tötung gegen Entgelt), Verdeckung oder Erleichterung einer anderen
Straftat, Tötung einer vom Täter als lästig empfundenen Person (Eliminations-
mord) oder um sich Unannehmlichkeiten zu ersparen in Betracht. Bei der beson-
ders verwerflichen Art der Tatbegehung kommen die Tötung unter Offenbarung
spezieller Grausamkeit (zu Tode Foltern, Verwendung qualvoller Tötungsmetho-
den), die Anwendung bestimmter qualvoller und grausamer Tötungsmittel (wie
Gift und Feuer), umsichtig geplantes, routinemässiges und kaltblütiges Tatvorge-
hen sowie heimtückische Tatverübung, verstanden als vertrauenswidrige Ausnut-
zung besonderer Arg- und Wehrlosigkeit, in Frage (vgl. zum Ganzen: Straten-
werth/Jenny/Bommer, Schweizerisches Strafrecht, Besonderer Teil I, 7. A., Bern
2010, § 1 N. 16 ff. und Donatsch, Strafrecht III, 11. A. Zürich 2018, § 1, S. 3 ff.;
beide mit Verweisungen auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung). Die vom
Gesetz angeführte Aufzählung von Beispielen besonderer Skrupellosigkeit – be-
sonders verwerflicher Beweggrund, Zweck oder Ausführung der Tat – ist nicht ab-
schliessend. Sie dient lediglich der Begriffserläuterung. Es darf nicht bereits dann
auf Mord geschlossen werden, wenn irgendein Element einer konkreten Tat ihr
eine besondere Schwere verleiht. Es ist eine Bewertung der Tat als Ganzes vor-
zunehmen, um sagen zu können, ob diese, von allen Seiten betrachtet, der Tat
die Charakterzüge eines Mordes gibt (Pra 82 [1993] Nr. 18, S. 52 = BGE 118 IV
122 ff., mit Verweisung auf Lehre und Rechtsprechung; BGE 120 IV 274).
1.2.4. Der Staatsanwaltschaft ist beizupflichten, dass es keinen Grund mehr gab,
den flüchtenden M._ zu erschiessen. Der Streit war nach dem Warnschuss
von B._ mit der Flucht der Kontrahenten einstweilen beendet. Die Grund-
losigkeit einer Tötung spielt allerdings als Qualifikationsmerkmal für Mord vor al-
lem dort eine Rolle, wo der Täter durch sein Opfer gar nicht beeinträchtigt bzw.
nur unwesentlich tangiert wurde, wenn er das Opfer mit anderen Worten bloss als
"lästig" empfand und ihn in emotionaler Hinsicht überhaupt nicht berührte und
seinen Lauf der Dinge gar nicht tangierte (BGE 120 IV 265 Erw. 3b). Öffnet man
im vorliegenden Fall den zeitlichen Rahmen aber etwas, kann nicht unbeachtet
gelassen werden, dass der Konflikt zwischen dem Beschuldigten A._ und
dem Opfer M._ schon mehrere Monate lang schwelte und teilweise mit har-
ten Bandagen geführt wurde. Es ist davon auszugehen, dass an diesem frühen
- 59 -
Morgen die Nerven blank lagen und die Gemüter dementsprechend hocherregt
waren. Zudem wurde A._ vorgängig mit Pfefferspray besprüht und so seine
ohnehin schon schwache Frustrationsintoleranz strapaziert. Die Tat des Beschul-
digten A._ liegt deshalb mehr in der Nähe einer affektartigen Handlung als
einer solchen ohne jegliche Gefühlsregung. Dafür spricht auch die ganze hochex-
plosive Dynamik des Geschehens. Auch wenn jede Tötung eines Menschen äus-
serst verwerflich und skrupellos ist und deshalb im Volksmund schnell der Begriff
Mord verwendet wird, darf nicht vergessen werden, dass nach Auffassung des
Gesetzgebers zwischen dem privilegierten Tatbestand des Totschlags nach Art.
113 StGB und dem qualifizierten Tatbestand des Mordes nach Art. 112 StGB ein
grösserer Raum für dazwischenliegende Tatvarianten im Sinne von Art. 111 StGB
verbleiben muss.
1.2.5. Die Vorinstanz hat deshalb eine besondere Skrupellosigkeit, wie sich vom
Gesetz in Art. 113 StGB gefordert ist, zu Recht verneint (Urk. 368 S. 192).
2. Beschuldigter B._
Es kann weitgehend auf die Ausführungen zum Eventualvorsatz vom Beschuldig-
ten B._ verwiesen werden (oben Ziff. V 9.). Der Beschuldigte B._ hat mit
der Mitnahme von A._s geladenem Revolver an den Ort des vereinbarten
Showdowns und dem Überlassen der Waffe am Tatort an den Beschuldigten
A._ einen wesentlichen Tatbeitrag geleistet. Ohne diesen Beitrag wäre es
weder zur Tötung von M._ noch der versuchten Tötung von D._ durch
A._ gekommen. Dabei war der fatale Verlauf des Geschehens klar voraus-
sehbar. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung genügt bei Gehilfenschaft
in Bezug auf den Taterfolg des Haupttäters Eventualvorsatz (BGE 109 IV 147,
Erw. 4.). Er ist deshalb der Gehilfenschaft zur Tötung im Sinne von Art. 111 StGB
i.V.m. Art. 25 StGB sowie der Gehilfenschaft zu versuchter Tötung im Sinne von
Art. 111 StGB i.V.m. Art. 25 StGB und Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
Der subsidiäre Tatbestand der Gefährdung der öffentlichen Sicherheit durch
Waffen im Sinne von Art. 260quater StGB kommt somit gemäss Wortlaut dieser
Bestimmung nicht zum Tragen, weshalb auch der entsprechende Schuldspruch
- 60 -
der Vorinstanz entfällt. Ein expliziter Freispruch, wie von der Staatsanwaltschaft
beantragt, ist nicht nötig, da es sich lediglich um eine Frage der rechtlichen Wür-
digung handelt.
B. Weitere Delikte (Dossiers 2 - 6)
VII. Weitere Delikte des Beschuldigten A._
Die Berufungen des Beschuldigten A._ betreffend die Schuldsprüche für die
weiteren Delikte wurden zurückgezogen (Urk. 444; Urk. 446; Prot. II S. 15). Sie
sind demgegenüber im Zusammenhang mit der Strafzumessung von Bedeutung.
VIII. Weitere Delikte des Beschuldigten B._
Die Schuldsprüche für die weiteren Delikten von B._ wurden nicht angefoch-
ten bzw. die entsprechenden Berufungen wurden zurückgezogen (Urk. 387 S. 2;
Urk. 373 S. 1; Prot. II S. 15). Sie sind demgegenüber im Zusammenhang mit der
Strafzumessung von Bedeutung.
C. Sanktionen
IX. Strafzumessung Beschuldigter A._
1. Strafrahmen für das schwerste Delikt (Tötung M._) und Strafschärfung
1.1. Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, ohne dass eine der besonderen
Voraussetzungen für Mord oder Totschlag zutreffen, wird mit Freiheitsstrafe nicht
unter fünf Jahren bestraft (Art. 111 StGB). Die Höchstdauer der Freiheitsstrafe ist
gemäss Art. 40 Abs. 2 StGB 20 Jahre. Demzufolge ist für den Beschuldigten
A._ für das Tötungsdelikt eine Freiheitsstrafe im Bereich von 5 - 20 Jahren
festzulegen. Innerhalb dieses Rahmen bemisst sich die Strafe nach dem Grad
des Verschuldens. Dazu dient unter anderem ein Vergleich der konkreten Tat mit
theoretisch denkbaren, leichteren und schwereren Varianten, welche alle im ge-
setzlichen Strafrahmen Platz haben müssen.
- 61 -
1.2. Da der Beschuldigte A._ nebst dem Tötungsdelikt weitere Straftaten
begangen hat, ist die Einsatzstrafe mit den Strafen der weiteren Delikte – soweit
für diese je eine Freiheitsstrafe auszusprechen ist – zu erhöhen (Strafschärfung,
Art. 49 Abs. 1 StGB). Allerdings darf vorliegend trotzdem keine Strafe über das
Höchstmass von 20 Jahren ausgesprochen werden (Art. 49 Abs. 1 StGB i.V.m.
Art. 40 Abs. 2 StGB).
2. Tatverschulden und Einsatzstrafe
2.1. In objektiver Hinsicht ist bei Tötungsdelikten der Deliktserfolg für die Straf-
zumessung kein taugliches Kriterium; er ist immer gleich, das Opfer ist tot. Dies
impliziert, dass grundsätzlich von der Mitte des Strafrahmens auszugehen ist. Im
Gegensatz dazu ist die Art und Weise des Vorgehens ein individuell stark variie-
rendes Kriterium.
2.2. Die Handlung des Beschuldigten A._ ist im Gesamtkontext, auch un-
ter Berücksichtigung der ganzen Vorgeschichte und den anderen Delikten zu be-
trachten. Seine Taten dokumentieren eine hohe kriminelle Energie, weil der Be-
schuldigte A._ in einer Welt von Banden mit rückständigen Auffassungen von
Ehre und Rache lebte, einer Gemeinschaft, in der das Faustrecht gilt. Er bediente
sich Wildwest-Methoden und hierzulande anerkannte Verhaltensregeln waren ihm
egal. Wer mitten in der Stadt in einem Wohngebiet – selbst wenn es noch früh am
Morgen war – über eine Strasse schiesst, bekundet auch, dass er in Kauf nimmt,
völlig Unbeteiligte im Sinne von nebensächlichen Kollateralschäden tödlich zu
treffen. Es ist daran zu erinnern, dass ein Projektil in ein nahestehendes Auto ein-
schlug (Urk. 18, Bilddokumentation S. 14). Insofern ist von einer beträchtlichen
Gefährlichkeit des Beschuldigten A._ auszugehen. Man wäre versucht zu
seinen Gunsten in die Waagschale zu legen, dass die Tat im Zusammenhang mit
seiner adoleszenten Entwicklung gestanden habe und sich sein kollegiales Um-
feld mit zahlreichen halbstarken Hitzköpfen kaum förderlich auswirkte. Allerdings
ist dem entgegen zu halten, dass der Beschuldigte A._ im Tatzeitpunkt der
Tötung bereits 30 Jahre alt war und insofern reifemässig die alleinige Verantwor-
tung für sein Handeln zu tragen hatte.
- 62 -
2.3. Konkret fällt beim objektiven Tatverschulden ins Gewicht, dass das Opfer
am Fliehen war und der Beschuldigte A._ ihm feige in den Rücken schoss.
Es war für den Beschuldigten A._ offenkundig, dass die Auseinandersetzung
beendet war und dass keine Bedrohungslage mehr bestand. Das Opfer war völlig
wehrlos, und dies, nachdem es mit seiner Flucht für Deeskalation sorgte. Die Tat
des Beschuldigten A._ rückt damit in die Nähe einer Hinrichtung aus Rache.
Verschuldensmässig bleibt gegen oben nur noch Raum für Taten, bei welchen
das Opfer besonders leidet, beispielsweise durch besonders schmerzhafte Ver-
letzungen. Nicht umsonst bewegt man sich vorliegend tatbestandsmässig in der
Nähe von Mord, ohne dass allerdings das hierfür notwendige Qualifikationsmerk-
mal der besonderen Skrupellosigkeit gegeben ist.
2.4. In subjektiver Hinsicht ist von Bedeutung, dass der Beschuldigte A._
wusste, dass in seiner Gruppe eine geladene Schusswaffe zum "Showdown" mit-
genommen wurde und dass kein Hinweis darauf vorlag, dass die Gegenseite
ebenfalls Schusswaffen mit sich trug. Wenn die Waffe bloss zur Abschreckung
mitgenommen worden wäre, hätte der Beschuldigte A._ dem fliehenden Op-
fer nicht in den Rücken schiessen müssen. Ebenso offenbarte er mit seiner Tat,
dass die Waffe nicht bloss der Selbstverteidigung diente. Nicht beigepflichtet wer-
den kann der Vorinstanz, wenn sie lediglich von Eventualvorsatz ausging (Urk.
368 S. 269). Wenn der Beschuldigte A._ nicht direkt beabsichtigte, M._
zu treffen, dann hätte er nicht in seine Richtung bzw. in die Luft schiessen kön-
nen. Allein am allgemeinen Umstand, dass ein Schütze nie zu 100% sicher sein
kann, dass das Projektil ein Opfer trifft und tödliche Verletzungen verursacht,
scheitert ein direkter Vorsatz nicht. Wer mit einer Schusswaffe auf den Oberkör-
per eines Opfers zielt bzw. schiesst, kann nicht ernsthaft behaupten, er habe im
Moment der Schussabgabe dessen Tod nicht gewollt. Dies umso mehr, wenn wie
vorliegend, eine schwere offene Feindschaft besteht und im Vorfeld Todesdro-
hungen ausgestossen wurden. Der Beschuldigte A._ handelte im Moment
der Tatausführung mit direktem Vorsatz ersten Grades. Entlastend wirkt für ihn
einzig, dass die Stimmung emotional aufgeheizt war und auch die Gegenseite
nicht vor der Konfrontation zurückschreckte, wenngleich aber sehr wohl vom Ein-
satz tödlicher Waffen. Zudem war es die Gegenseite, welche als erste den Pfef-
- 63 -
ferspray einsetzte und zwar gegen den Beschuldigten A._. Es kann dem Be-
schuldigten A._ somit nicht nachgewiesen werden, dass er die Tat im Voraus
mit kühlem Kopf geplant hatte, was noch verwerflicher gewesen wäre. Insofern
war sein Handeln teilweise situationsbedingt. Allerdings darf dies nicht dazu füh-
ren, dass das Verschulden von Leuten, die eine so kurze "Zündschnur" haben wie
der Beschuldigte A._, milder zu beurteilen wäre. Insbesondere das Verhalten
der Mitbeteiligten, welche in derselben aufgeregten Gemütslage waren, zeigt
exemplarisch, dass es natürlich auch in solchen Situationen problemlos möglich
ist, nicht auf fliehende Gegner zu schiessen. Zudem dokumentieren die vorgängi-
gen Todesdrohungen des Beschuldigten A._, dass er zumindest mit dem
Gedanken an die Tötung des Opfers bereits früher gespielt hat. Dies führt oft da-
zu, dass dann in Extremsituationen die Hemmschwelle zur Tatausführung gerin-
ger ist.
2.5. Insgesamt ist von einem Tatverschulden im oberen mittleren Bereich des
Strafrahmens bzw. von einem schweren Verschulden auszugehen und die Ein-
satzstrafe auf 15 Jahre festzulegen.
3. Versuchte eventualvorsätzliche Tötung von D._
3.1. Der Beschuldigte A._ feuerte mehrere Schüsse auf die beiden flie-
henden Kontrahenten ab. Dabei nahm er in Kauf, dass er auch D._, welcher
mit M._ in die gleiche Richtung floh, hätte tödlich treffen können. Seine
Handlung ist jedoch grösstenteils kongruent mit jener der Tötung von M._.
Deshalb ist sie ganz anders zu beurteilen, als wenn es zwei gänzlich verschiede-
ne Vorfälle gewesen wären. Deshalb muss unter Berücksichtigung des Eventual-
vorsatzes eine Strafe im Bereich der Mitte des Strafrahmens von Art. 111 StGB
resultieren. Da technisch gesehen der Erfolg, der Tod von D._, ausgeblieben
ist, ist die Handlung als blosser Versuch im Sinne von Art. 22 Abs. 1 StGB zu
qualifizieren. Das Gesetz gibt keine Richtlinien, in welchem Umfang die Strafe in
diesem Falle zu mildern ist. Tatsache ist aber, dass das Schweizerische Strafge-
setzbuch zu einem erheblichen Teil Erfolgsstrafrecht ist. Hätte der Beschuldigte
A._ auf den alleinfliehenden D._ geschossen, ohne diesen zu verletzen,
- 64 -
fiele für das als nicht mehr leicht zu qualifizierende Tatverschulden eine Freiheits-
strafe im Bereich von 4-5 Jahren Einzelstrafe in Betracht.
3.2. Es erscheint deshalb als angemessen, die obgenannte Einsatzstrafe um
drei Jahre auf 18 Jahre zu schärfen.
4. 3 1/2-jährige Freiheitsstrafe gemäss Urteil des Obergerichts vom 23.  2015
4.1. Der Beschuldigte A._ wurde mit Urteil des Obergerichts des Kantons
Zürich, II. Strafkammer, vom 23. Oktober 2015 mit einer Freiheitsstrafe von
3 1⁄2 Jahren unter Anrechnung von 53 Tagen Untersuchungshaft als teilweise
Zusatzstrafe zum Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom
24. November 2011 bestraft, wobei das Obergericht damals unter Berücksichti-
gung jenes Strafbefehls eine hypothetische Gesamtstrafe von 48 Monaten an-
nahm (Urk. 82/6).
4.2. Die vorliegend zu beurteilenden Delikte beging der Beschuldigte A._
alle vor der zitierten Verurteilung vom 23. Oktober 2015. Deshalb ist, soweit
gleichartige Strafen für die einzelnen Delikte auszufällen sind, so vorzugehen, wie
wenn alle Delikte am 23. Oktober 2015 beurteilt worden wären (Art. 49 Abs. 2
StGB). Es liegt vollständige retrospektive Konkurrenz vor. Das bedeutet, dass
auch in Bezug auf die Strafe gemäss Urteil vom 23. Oktober 2015 keine Addition,
sondern eine Strafschärfung vorzunehmen ist. Dabei ist zu berücksichtigen, dass
es sich bereits bei jener Strafe um eine Zusatzstrafe zum einem Strafbefehl ge-
handelt hat und die hypothetische Gesamtstrafe auf 48 Monate beziffert wurde.
Es erscheint deshalb angemessen, vorliegend eine Strafschärfung um 2 1/2 Jahre
auf 20 1/2 Jahre festzulegen.
5. Strafart in Bezug auf die weiteren Delikte
Bei der Wahl der Sanktionsart ist als wichtiges Kriterium die Zweckmässigkeit ei-
ner bestimmten Sanktion, ihre Auswirkungen auf den Täter und sein soziales Um-
feld sowie ihre präventive Effizienz zu berücksichtigen. Die Geldstrafe ist die Re-
gelstrafe im Bereich der leichten Kriminalität, wovon vorliegend aufgrund der
- 65 -
intensiven und schweren Delinquenz des Beschuldigte A._ nicht mehr ge-
sprochen werden kann.
Im Strafregister sind zwei Strafen des Beschuldigten A._ verzeichnet. Die
dritte Strafe vom 3. Oktober 2007 wegen Gewalt und Drohung gegen Behörden
und Beamte und Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz ist inzwi-
schen gelöscht worden (vgl. Urk. 82/6 S. 70; Urk. 441). Am 24. November 2011
wurde der Beschuldigte A._ wegen Angriffs, mehrfachen Diebstahls, Sach-
beschädigung, Hausfriedensbruchs, Erlangung harter Pornografie und Vergehen
gegen das Waffengesetz zu einer Freiheitstrafe von 6 Monaten verurteilt, deren
bedingter Vollzug später widerrufen wurde (Urk. 375; Urk. 441). Vorliegend ste-
hen wiederum einschlägige Delikte zur Beurteilung an, insbesondere erneut Wi-
derhandlungen gegen das Waffengesetz. Mit Urteil vom 23. Oktober 2015 wurde
der Beschuldigte A._ wegen mehrfachem Angriff, mehrfachem Diebstahl,
Hehlerei, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Vergehen gegen das Waffen-
gesetz und Übertretungen des Betäubungsmittelgesetzes zu einer Freiheitsstrafe
von 3 Jahren und 6 Monaten sowie einer Busse von Fr. 600.– verurteilt
(Urk. 441). Daraus erhellt, dass der Beschuldigte A._ in den letzten Jahren
eine breite Palette von Delikten begangen hat und sich auch nicht von Untersu-
chungshaft hat abschrecken lassen. Die Delikte sind teilweise einschlägig. Inso-
fern kann ihm weder eine gute Prognose gestellt werden noch ist davon auszuge-
hen, dass er sich nun von einer milderen Strafe, einer Geldstrafe, wird vor weite-
rer Delinquenz abschrecken lassen. Auch sein wiederholtes Fahren trotz Entzugs
des Führerausweises dokumentiert eine hartnäckige Uneinsichtigkeit. Vor diesem
Hintergrund ist der Vorinstanz zu folgen und für die weiteren Delikte auf Freiheits-
strafe zu erkennen, mit Ausnahme der Hinderung einer Amtshandlung, was denn
auch die Verteidigung nicht beanstandet (Urk. 453 S. 70).
6. Widerhandlungen gegen das Waffengesetz (Dossiers 1, 2 und 6)
6.1. Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe wird gemäss Art. 33
Abs. 1 lit. a WG bestraft, wer vorsätzlich ohne Berechtigung Waffen oder Munition
besitzt oder trägt.
- 66 -
6.2. Der Beschuldigte A._ hat wiederholt, genauer gesagt drei Mal eine
Faustfeuerwaffe getragen, zwei Mal mit scharfer Munition, obschon er nicht über
einen Waffenschein verfügte. Vor allem diese einschlägigen Wiederholungen wir-
ken sich strafschärfend aus. Eine Freiheitsstrafe von 6 Monaten Einzelstrafe er-
scheint angemessen.
7. Beteiligung am Angriff auf N._ (Dossier 3)
Gemäss den glaubhaften Aussagen des Opfers N._ habe sich der Beschul-
digte A._ zu Beginn noch anständig verhalten, als der Mittäter C._ ihm
unvermittelt einen Faustschlag verpasst habe. Deshalb kann nicht nachgewiesen
werden, dass die tätliche Eskalation von A._ gewollt war. Die Strafbarkeit
des Beschuldigten A._ begründet sich im Umstand, dass er dem am Boden
liegenden N._ noch einen Fusstritt verpasste. Allerdings hinterliess dieser
keine Hämatome und erfolgte auch nicht gegen den Kopf des Opfers. Immerhin
sind Fusstritte gegen ein am Boden liegendes wehrloses Opfer niederträchtig.
Trotzdem ist noch von einem leichten Tatverschulden auszugehen und eine Stra-
fe von 6 Monaten Einzelstrafe erscheint angemessen.
8. Führen eines Motorfahrzeuges trotz Entzug des Führerausweises (Dossiers 3, 4 und 5)
Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe wird gemäss Art. 95 Abs. 1
lit. b SVG bestraft, wer ein Motorfahrzeug führt, obwohl ihm der Führerausweis
entzogen wurde.
Der Beschuldigte lenkte am 3. September 2013, am 3. Oktober 2014 und am
28. Februar 2015 einen Personenwagen, obschon er nicht über einen Führeraus-
weis verfügte, weil ihm dieser entzogen worden war.
Es gab keinerlei zwingenden Grund für die Fahrten. Der Beschuldigte handelte
einfach, weil er nicht die öffentlichen Verkehrsmittel benützen und nicht zu Fuss
gehen wollte und weil es ihm völlig egal war, ob ein Führerausweis nötig ist oder
nicht. Sein wiederholtes Handeln lässt sein Verschulden nicht mehr als leicht er-
scheinen. Eine Freiheitsstrafe von 6 Monaten Einzelstrafe erscheint angemessen.
- 67 -
9. Fahren in fahrunfähigem Zustand (Dossier 4)
Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe wird gemäss Art. 91 Abs. 2
lit. b SVG bestraft, wer in fahrunfähigem Zustand ein Motorfahrzeug führt.
Der Beschuldigte A._ lenkte einen Personenwagen, obwohl er derart stark
unter dem Einfluss von konsumiertem Marihuana stand, dass seine unsichere
Fahrweise einer Polizeipatrouille auffiel. Hierdurch bewirkte er eine erhebliche
abstrakte Gefahr für andere Strassenverkehrsteilnehmer.
Das Verschulden kann im Rahmen aller möglich denkbaren Tatvarianten als noch
leicht betrachtet werden. Dennoch zeugt der Umstand der Kombination mit Fah-
ren ohne Führerausweis auf eine erhebliche kriminelle Bereitschaft des Beschul-
digten. Eine Freiheitsstrafe von 3 Monaten Einzelstrafe ist angemessen.
10. Falsche Anschuldigung (Dossier 5)
Wer einen Nichtschuldigen wider besseres Wissen bei einer Behörde einer Über-
tretung beschuldigt, wird gemäss Art. 303 Ziff. 1 StGB mit Freiheitsstrafe bis zu
drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.
Der Beschuldigte A._ wurde von der Polizei wegen Überschreitens der zu-
lässigen Höchstgeschwindigkeit innerorts um 11 km/h angehalten, wobei er sich
als AL._, dem Inhaber des Autos, ausgab. Dabei nahm er als zwingend not-
wendige Folge in Kauf (sogenannter Vorsatz zweiten Grades), dass von der Poli-
zei AL._ als Täter der Geschwindigkeitsübertretung betrachtet wurde. Mit
dieser falschen Anschuldigung wollte er vertuschen, dass er das Auto trotz Ent-
zug seines Führerausweises gelenkt habe. Im Rahmen von denkbaren möglichen
Tatvarianten war seine Handlung am untersten Rahmen, da die Folgen für
AL._ nicht gravierend gewesen wären. Dennoch, Art. 303 findet sich im
Strafgesetzbuch unter dem Titel der Delikte gegen die Rechtspflege und wird als
Straftat gegen die Gemeininteressen betrachtet. Geschützt ist das Interesse der
Allgemeinheit an der Integrität und dem korrekten Funktionieren der Justiz (BSK
StGB II-Delnon/Rüdy, N 5 zu Art. 303). Insofern ist sein Handeln auch nicht zu
bagatellisieren. Eine Freiheitsstrafe von 3 Monaten Einzelstrafe ist angemessen.
- 68 -
11. Strafschärfung
Es ist angemessen, die Einsatzstrafe von 15 Jahren aufgrund der 120 Monate für
die weiteren Delikte (inkl. Delikte betreffend retroperspektive Konkurrenz) um
82 Monate zu schärfen. Dies entspricht in Anwendung von Art. 49 StGB einer
Reduktion infolge Strafschärfung um knapp einen Drittel anstelle der Addition.
12. Hinderung einer Amtshandlung (Dossier 4, Anklageschrift S. 15)
Wer gemäss Art. 286 StGB einen Beamten an einer Handlung hindert, die inner-
halb seiner Amtsbefugnisse liegt, wird mit Geldstrafe bis zu 30 Tagessätzen be-
straft.
Nachdem der Beschuldigte A._ aufgrund seiner unsicheren Fahrweise infol-
ge Marihuanakonsums angehalten worden war, kam er der Forderung der Polizei-
beamten, sich wieder in den Wagen zu setzen, nicht nach, sondern rannte trotz
mehrmaliger Aufforderung der Polizisten davon. Eine tätliche Auseinandersetzung
fand nicht statt. Wenn die Vorinstanz eine Geldstrafe von 15 Tagesätzen zu
Fr. 10.– festlegte, ist dies nicht zu beanstanden (Urk. 386 S. 285). Da der Be-
schuldigte A._ mehrere Jahre im Strafvollzug sein wird, ergibt sich aufgrund
seiner finanziellen Verhältnisse das Minimalmass der Tagessatzhöhe von Fr. 10.–
.
13. Täterkomponenten
13.1. Geständnis, Reue und Einsicht
13.1.1. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung kann ein Geständnis eine
Strafmilderung bis zu einem Fünftel oder sogar einem Drittel bewirken. Der Be-
schuldigte A._ stritt in den ersten Einvernahmen zunächst ab, mit dem Re-
volver geschossen zu haben, gestand dies dann aber ein. Er machte in der Folge
geltend, in Panik und unter dem Einfluss des Pfeffersprays nicht genau gesehen
zu haben, wohin er geschossen habe. Den Privatläger D._, den die Schüsse
knapp verfehlten, will er gar nicht wahrgenommen haben. Durch seinen Verteidi-
ger liess er dann geltend machen, der tödliche Schuss sei nicht von ihm, sondern
- 69 -
von einem unbekannten Dritten abgefeuert worden. Angesichts dieser Standpunk-
te ist ihm keine Strafmilderung infolge Geständnis zugute zu halten. Aufrichtige
Reue oder Einsicht des Beschuldigten A._ waren während der Untersuchung
oder an der Berufungsverhandlung nicht festzustellen. Das im Rahmen des
Schlussworts ausgedrückte Bedauern über den Tod von M._ erscheint unter
dem Gesichtspunkt, dass er sich selbst gleichzeitig als Opfer darstellt und durch
seine Verteidigung einen Freispruch beantragen lässt, nicht überzeugend. Auch
bezüglich der Beteiligung an einem Angriff auf N._ war der Beschuldigte
A._ nicht geständig. Immerhin liess er seine Berufung in Bezug auf diesen
Schuldspruch kurz vor der Berufungsverhandlung zurückzurückziehen, womit er
diesen Vorwurf schliesslich doch noch zumindest implizit anerkannte.
13.1.2. Hinsichtlich der weiteren Delikte zeigte sich der Beschuldigte A._ ge-
ständig bzw. liess er seine Berufung ebenfalls zurückziehen und anerkannte da-
mit implizit die Vorwürfe. Es betrifft dies die mehrfache Widerhandlung gegen das
Waffengesetz, das mehrfache Fahren trotz Entzug des Führerausweises, das
Fahren in fahruntüchtigem Zustand, die falsche Anschuldigung und die Hinderung
einer Amtshandlung. Immerhin lagen objektive Beweismittel vor, welche auch oh-
ne Geständnis zu einer Verurteilung gereicht hätten. In solchen Fällen wäre auch
ein Verzicht auf eine Strafminderung möglich (Urteil des Bundesgerichts
6B_558/2011 vom 21. November 2011 E. 2.3). Vorliegend erscheint eine Straf-
minderung um drei Monate und bezüglich der Geldstrafe um 5 Tagessätze ange-
messen. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass sich dieses Geständnis nur auf die
Höhe der Strafen der betreffenden Delikte auswirkt, bei denen der Beschuldigte
A._ geständig war und nicht auf die Gesamtstrafe.
13.2. Vorstrafen
Sowohl die Vorstrafe aus dem Jahre 2007 wegen Gewalt und Drohung und Ver-
gehen gegen das Betäubungsmittelgesetz als auch jene aus dem Jahre 2002
wegen Raubs, versuchten Diebstahls, Angriffs, mehrfacher Körperverletzung und
weiteren Delikten dürfen bei der Strafzumessung gemäss Art. 369 Abs. 7 StGB
nicht mehr berücksichtigt werden. Wenn die Vorinstanz dagegen einwendet, es
- 70 -
handle sich um einen relevanten Lebenssachverhalt, so ist ihr entgegen zu hal-
ten, dass der Gesetzgeber anders entschieden hat (Urk. 368 S. 280). Es verbleibt
somit nur die Vorstrafe vom 24. November 2011, mit welcher der Beschuldigte
A._ wegen Angriffs, mehrfachen Diebstahls, Sachbeschädigung, Hausfrie-
densbruchs, Pornografie, Vergehen gegen das Waffengesetz zu einer Freiheits-
strafe von 6 Monaten verurteilt wurde. Damals sass der Beschuldigte A._ 29
Tage in Untersuchungshaft (Strafregisterauszug Urk. 441). Diese zum Teil ein-
schlägige Vorstrafe wirkt sich straferhöhend aus. Die vorliegend zu beurteilenden
Delikte beging der Beschuldigte A._ zudem alle während des Strafverfah-
rens, das zum erwähnten Urteil des Obergerichts vom 23. Oktober 2015 führte,
und obschon er in jenem Verfahren ebenfalls mehrere Wochen in Untersu-
chungshaft sass (vgl. Beizugsakten SB150183 und Urk. 82/6 und 375). Wer sich
derart unbeeindruckt von einer Verurteilung und einem laufenden Strafverfahren
zeigt, muss erheblich härter bestraft werden als ein Ersttäter, der die nötigen Leh-
ren aus seiner Delinquenz gezogen hat. Eine Straferhöhung um ein Jahr ist ge-
rechtfertigt.
13.3. Persönliche Verhältnisse
13.3.1. Lebenslauf
Im Laufe des Verfahrens finden sich zum Teil widersprüchliche Angaben zum
Lebenslauf des Beschuldigten A._. So gab er zum Beispiel gegenüber dem
Gutachter an, eine Lehre als Automechaniker abgeschlossen zu haben, vor Vo-
rinstanz war es dann plötzlich eine Lehre als Autospengler, die er abgebrochen
habe (Urk. 268 S. 7). Er sei im Kosovo geboren und ca. in seinem fünften Lebens-
jahr in die Schweiz gekommen (psychiatrisches Gutachten Urk. 83/11 S- 96 ff,
persönliche Befragung vor Vorinstanz Urk. 268 S. 5). Er habe einen jüngeren
Bruder, fünf Schwestern und eine Stiefschwester (Urk. 268 S. 6). Die Familien-
verhältnisse seien normal gewesen. Familiäre Gewalt habe er nicht erlebt. Seine
Schulzeit sei unauffällig verlaufen. Er sei seit 2003 verheiratet und habe drei Kin-
der, Jahrgänge 2006 und 2009 und 2018 (act. 82/6 S. 70).
- 71 -
13.3.2. Psychiatrisches Gutachten
Der psychiatrische Gutachter stellte beim Beschuldigten A._ die Diagnose
einer dissozialen Persönlichkeitsstörung. Eine Abhängigkeit von Suchtstoffen lie-
ge nicht vor, allenfalls lasse sich anhand der Angaben des Beschuldigten A._
von einem missbräuchlichen Cannabis- und Kokainkonsum sprechen. Die disso-
ziale Störung führte gemäss Gutachter nicht zu gravierenden Leistungsbeein-
trächtigungen, sondern zeigte sich vorwiegend im juristischen Kontext, sprich in
der Begehung strafbarer Handlungen. Auch der Cannabis- und Kokainkonsum
des Beschuldigten A._ beeinträchtigte dessen Leistungsfähigkeit nicht gene-
rell bzw. führte nicht zu einer Einengung der Verhaltensspielräume. Der Beschul-
digte A._ sei zum Zeitpunkt des Tötungsdeliktes weder in der Einsichts- noch
in der Steuerungsfähigkeit beeinträchtigt gewesen (Urk. 83/11 S. 156 und 157).
Legalprognostisch bestehe ein hohes Risiko weiterer Aggressionshandlungen,
insbesondere wenn der Beschuldigte A._ in ähnlichen, gewaltbereiten Krei-
sen verkehre wie vor der Tat (Urk. 83 /11 S. 157).
13.3.3. Finanzielle und berufliche Verhältnisse
Zu seinen finanziellen Verhältnisse gab der Beschuldigte A._ an, ab ca. April
2012 bis zu seiner Verhaftung im März 2015 in einem Reisebüro gearbeitet und
rund CHF 4'200 netto monatlich verdient zu haben (Urk. 82/6 S. 70). Diese Anga-
ben sind zumindest in Zweifel zu ziehen, gab er doch gemäss einem Formular
zuhanden der Sozialbehörde an, über keinerlei Einkommen zu verfügen (Urk.
82/27). Auch ein Auszug eines UBS-Kontos des Beschuldigten A._ mit Kon-
tobewegungen vom 1. Mai 2013 bis 31. Juli 2014 wies einen Saldo von lediglich
gerundet Fr. 320 und monatliche Postüberweisungen von jeweils knapp CHF
1'500 aus (Urk. 82/7). Welche Angaben richtig sind, muss vorliegend offengelas-
sen werden. Die Sozialbehörde der Gemeinde AK._ erstattete jedenfalls be-
reits per 11. Juni 2013 einen Ermittlungsauftrag an das Inspektorat des Sozialde-
partements der Stadt Zürich wegen des Verdachts auf unrechtmässigen Leis-
tungsbezug (Urk. 82/13). Nichtsdestotrotz wurde dem Beschuldigten A._,
seiner nicht erwerbstätigen Ehefrau und seinen damals zwei Kindern von der So-
zialbehörde der Gemeinde AK._ am 31. Oktober 2013 für die Periode vom 1.
- 72 -
Oktober 2013 bis 30. September 2014 ein monatlicher Unterstützungsbetrag von
CHF 4'089.40 zugesprochen (Urk. 82/21). Ein Antrag auf Invalidenrente des Be-
schuldigten A._ wurde mit Verfügung der Sozialversicherungsanstalt Zürich,
IV-Stelle, vom 8. Juli 2014 abgewiesen (Urk. 82/26). Es sei zutreffend, dass ein
Arbeitszeugnis vom 24. November 2014, das er im Verfahren DG140226 als Urk.
59 habe einreichen lassen und ihm bescheinigte, seit 1. April 2014 bei der aus-
stellenden Firma zu arbeiten, nicht der Wahrheit entspreche. Das habe sich dann
"nicht ergeben". Er habe in der Zeit von April bis November 2014 keinen Lohn be-
zogen. An andere damals eingereichte Arbeitsverträge könne er sich nicht mehr
erinnern (Urk. 268 S. 8. ff.).
Den Akten des Sozialamtes ist zu entnehmen, dass es in der Zeit vor seiner In-
haftierung im Rahmen der Sozialhilfeabklärung schwierig bis unmöglich gewesen
sei, ein konstruktives Gespräch mit dem Beschuldigten A._ zu führen. Er
weiche konkreten Fragen aus, komme Aufforderungen nicht nach, halte Termine
unter fadenscheinigen Gründen nicht ein oder nehme Telefonanrufe nicht an (Urk.
82/34). Egal was man mit ihm bespreche, es müsse davon ausgegangen werden,
dass er sage, was man hören wolle, oder dass es nicht die Wahrheit sei (Urk.
82/34). Sämtliche arbeitsintegrativen Massnahmen seien beim Beschuldigten
A._ erfolglos geblieben. Er selbst habe offen erklärt, sich finanzielle Mittel
aus illegalen Quellen zu verschaffen. Er machte im Zusammenhang mit einem IV-
Antrag verschiedene gesundheitliche Beschwerden geltend, von einer Lebensmit-
telvergiftung bis zu Rückenschmerzen und Beeinträchtigungen der Hand. Der An-
trag auf IV-Unterstützung wurde jedoch abgewiesen. Seine Ehefrau könne zwar
einen positiven Einfluss auf ihn ausüben, jedoch seien dazu vermehrte Integrati-
onsschritte wie zum Beispiel ein Deutschkurs nötig. Sie sei arbeitsmarktfern und
habe kaum Berufserfahrung.
Im Rahmen der Befragung zur Person anlässlich der erstinstanzlichen Hauptver-
handlung führte der Beschuldigte A._ aus, er arbeite in der Strafanstalt
Pöschwies in der Montagewerkstatt, wobei er sich für eine Ausbildung zum Gärt-
ner interessiere (Urk. 268 S. 2). Seine Familie lebe zur Zeit von der Unterstützung
des Sozialamts (Urk. 268 S. 5). Allenfalls wolle er in der Strafanstalt eine Lehre
- 73 -
zum Gärtner absolvieren. Entsprechend wolle er nach der Entlassung als Auto-
mechaniker oder Gärtner arbeiten (Urk. 268 S. 7). Im Rahmen des Berufungsver-
fahrens machte der Beschuldigte A._ keine weiteren Aussagen zu seiner
Person (Urk. 451A/1).
13.3.4. Verhalten im Strafvollzug
Im Verlaufe der Untersuchungshaft des Beschuldigten A._ ereigneten sich
mehrere Vorfälle, die teils zu Versetzungen in andere Strafanstalten führten oder
Anlass zu Disziplinarmassnahmen gaben, so am 31. März 2015 (Urk. 73/26) und
am 27. März 2017 (Urk. 73/31). Der Beschuldigte A._ gab an, sich von ande-
ren Häftlingen bedroht zu fühlen, was unter anderem auch der Grund der Verset-
zungen gewesen sei (vgl. Vollzugsaufträge vom 23. Juni 2017 [Urk. 73/34], vom
25. August 2017 [Urk. 73/35], vom 4. Oktober 2017 [Urk. 73/36], vom 15. Novem-
ber 2017 [Urk. 73/37] und vom 23. Juli 2018 [Urk. 73/132]). Seinem Insassen-
Stammblatt der Justizvollzugsanstalt Pöschwies (Urk. 439/1) ist zu entnehmen,
dass er seit dem Jahr 2019 diverse Male Anlass zu Disziplinarverfügungen gab:
- am 7. Februar 2019 wegen Schmuggels eines zu hohen Geldbetrags
(Urk. 178/2 S. 3; Urk. 439/52)
- am 9. April 2019 wegen eines positiven THC-Tests (Urk. 178/2 S. 2 f.;
Urk. 439/47)
- am 11. Juni 2019 wegen eines Mobiltelefons samt SIM-Karte, das bei ihm in
der Zelle gefunden wurde, wobei er in der Einvernahme angab, das Mobiltele-
fon bereits aus der Strafanstalt Bostadel mitgebracht zu haben (Urk. 178/2 S.
2; Urk. 439/44; Urk. 439/46)
- am 12. Januar 2020 wegen Verstosses gegen allgemeine Ordnungsvorschrif-
ten (unerlaubtes Führen eines Gesprächs von Zelle zu Zelle) (Urk. 439/40)
- am 17. Januar 2020 wegen der Herstellung einer Videoaufnahme mit einem
Mobiltelefon, die ihn zum Rap-Song namens "Kalt Bruder" des Deutschrappers
"Capital Bra" rappend zeigt (Urk. 266/1 und 268 S. 3; Urk. 439/36)
- am 9. Dezember 2020 wegen eines positiven THC-Tests (Urk. 439/31)
- 74 -
- am 16. Dezember 2020 wegen Missachtung der Abstands- und Hygienevor-
schriften bei Besuch (Urk. 439/28)
- am 19. Februar 2021 wegen eines positiven THC-Tests (Urk. 439/24)
- am 25. März 2021 wegen Verweigerung der Abgabe einer Urinprobe
(Urk. 439/20)
- am 29. März 2021 wegen Verstosses gegen allgemeine Ordnungsvorschriften
(unerlaubtes Führen eines Gesprächs von Zelle zu Zelle) (Urk. 439/17)
- am 1. April 2021 wegen Besitzes von Haschisch, Besitzes von unerlaubten
Bargeldbeträgen und Besitzes einer SIM-Karte, wegen Abschlusses eines un-
erlaubten Rechtsgeschäfts etc. (Urk. 439/14)
- am 25. November 2021 wegen Beschimpfung einer Person in der Vollzugsein-
richtung (Urk. 439/7)
- am 29. November 2021 wegen Aufwiegelung zu einem tätlichen Angriff / Tät-
lichen Angriffs auf einen Mitgefangenen, wegen Besitzes eines unerlaubten
Datenträgers, wegen Verweigerung der Abgabe einer Urinprobe, wegen
Abschlusses eines unerlaubten Rechtsgeschäfts etc. (Urk. 439/2)
Von einer guten Führung im Sinne von Art. 86 Abs. 1 StGB kann angesichts der
wiederholten Disziplinarverstösse nicht gesprochen werden.
13.3.5. Zusammenfassung der persönlichen Verhältnisse
Insgesamt geben die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten A._ zwar
ein getrübtes Bild ab. In Bezug auf die Strafzumessung wirken sie sich aber nicht
aus.
14. Strafhöhe
14.1. Die Strafe für das Tatverschulden von insgesamt 21 Jahren und 10 Mona-
ten ist unter Berücksichtigung der geschilderten tatunabhängigen Strafzumes-
sungskomponenten somit um weitere 9 Monate auf 22 Jahren und 7 Monate zu
erhöhen. Angesichts der einbezogenen Strafe gemäss Urteil des Obergerichts
- 75 -
vom 23. Oktober 2015 von 3 1/2 Jahren und der maximalen Strafdauer von 20
Jahren (vgl. Art. 40 Abs. 2 StGB) ist eine Freiheitsstrafe von 16 1/2 Jahren auszu-
sprechen.
14.2. Für die Hinderung der Amtshandlung ist eine Geldstrafe von 15 Tagen zu
Fr. 10.– auszufällen.
15. Anrechnung Haft
Gestützt auf Art. 51 StGB sind 836 Tage Haft vom 7. März 2015 bis am 20. Juni
2017 anzurechnen (Urk. 73/4). Weiter ist vorzumerken, dass sich A._ seit
dem 20. Juni 2017 im vorzeitigen Strafvollzug befindet (Urk. 73/32).
16. Vollzug
Bei der Höhe der auszufällenden Freiheitsstrafe kommt ein (teil-)bedingter Vollzug
ohnehin nicht in Frage (vgl. aArt. 42 f. StGB). Angesichts der mehreren teilweise
einschlägigen Vorstrafen und der Delinquenz während laufendem Strafverfahren
ist sodann die Geldstrafe ebenfalls zu vollziehen (vgl. Urk. 368 S. 311 f.), was
denn auch von seiner Verteidigung nicht beanstandet wird (vgl. Urk. 453 S. 2).
X. Strafzumessung Beschuldigter B._
1. Strafrahmen für die Gehilfenschaft zu Tötung
Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, ohne dass eine der besonderen Voraus-
setzungen für Mord oder Totschlag zutreffen, wird gestützt auf Art. 111 StGB mit
Freiheitsstrafe zwischen fünf und zwanzig Jahren bestraft. Wer dazu Hilfe leistet,
wird gemäss Art. 26 StGB milder bestraft.
2. Tatverschulden und Einsatzstrafe
Der Beschuldigte B._ hat die geladene Schusswaffe von A._ mitge-
nommen, jene Waffe, welche A._ in der Folge behändigte und damit
M._ tötete sowie in Kauf nahm, D._ zu töten. Da die Handlung des Be-
schuldigten B._ in Bezug auf die beiden Opfer M._ und D._ iden-
- 76 -
tisch ist und eine Trennung lebensfremd bzw. rein formalistisch wäre, rechtfertigt
es sich eine gemeinsame Strafzumessung.
Beim subjektiven Tatverschulden fällt vor allem ins Gewicht, dass der Beschuldig-
te B._ von der Tatausführung durch A._ überrascht worden war. Ande-
rerseits wusste er vom schweren schwelenden Konflikt zwischen den Gruppen
um A._ und M._. Wer eine geladene Schusswaffe zu einem Showdown
zwischen zweier solcher Gruppen mitnimmt, nimmt einen tödlichen Ausgang
durch den Gebrauch der Waffe in Kauf. Jedem auch nur halbwegs vernünftigen
Menschen drängt sich dieses Risiko auf. Der Beschuldigte B._ hat zudem
den ersten Schuss aus der Waffe abgefeuert, wenn auch nur einen Warnschuss
in die Luft, um die Gegner zu vertreiben. Insofern hat er die Waffe aktiv und offen
im Laufe des Streits ins Spiel gebracht. In der Folge hat er sich auch nicht gegen
die Wegnahme des Revolvers gewehrt, wohl auch, weil die Waffe A._ gehör-
te. Auch dies dokumentiert, dass er in Kauf nahm, dass der hitzköpfige A._
die Initiative übernehmen und überreagieren würde. Ohne das Handeln des Be-
schuldigten B._ wäre es nicht zu diesem tödlichen Ausgang gekommen und
es wäre auch das Leben von D._ nicht gefährdet worden. Dies alles vor dem
Hintergrund, dass der Beschuldigte B._ wusste, dass ihm das Tragen einer
Waffe ohne Waffentragschein und als türkischer Staatsangehöriger verboten war.
Es war also nicht einfach eine alltägliche Handlung, über die man sich keinerlei
Gedanken macht. Hätte der Beschuldigte B._ direktvorsätzlich gehandelt,
stünde eine Strafe im Bereich von 15 Jahren zur Diskussion. Da lediglich Gehil-
fenschaft und Eventualvorsatz vorliegt, ist das Verschulden als nicht mehr leicht
zu qualifizieren und es erscheint eine Einsatzstrafe von 5 Jahren angemessen.
3. Strafart für die weiteren Delikte
3.1. Für die Wahl der Strafart gelten dieselben Kriterien wie für die Strafzu-
messung, wobei Gesichtspunkte der Zweckmässigkeit einer bestimmten Sanktion
eine wichtige Rolle spielen und die Entscheidungen sich gegenseitig beeinflussen
(BGE 120 IV 67). Im Bereich von bis zu einem Jahr (ab der per 1. Januar 2018 in
Kraft getretenen Gesetzesrevision bis zu 180 Tagen) hat die Geldstrafe gegen-
über Freiheitsstrafen grundsätzlich Vorrang (BGE 144 IV 217 Erw. 3.6.). Dass es
- 77 -
dabei wegen mehrfacher Delinquenz wegen dem oberen Strafrahmen der Geld-
strafe zu unbilligen Resultaten komme, sei vom Gesetzgeber gewollt und deshalb
hinzunehmen.
3.2. Die Delikte der Vorstrafe des Beschuldigten B._ aus dem Jahre 2013
beging er fast alle noch als Jugendlicher. Der Vollzug der 90-tägigen Freiheits-
strafe wurde zugunsten einer ambulanten Behandlung Jugendlicher aufgescho-
ben. Die Verstösse gegen das Strassenverkehrsgesetz, welche mit Strafbefehl
vom 21. Dezember 2015 mit einer unbedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu
Fr. 80.– geahndet wurden, sind im Vergleich zu den vorliegend zu beurteilenden
Taten eher untergeordnet. Die finanziellen Verhältnisse des Beschuldigten
B._ lassen erwarten, dass eine Geldstrafe nicht uneinbringlich sein wird. Es
kann vor diesem Hintergrund deshalb nicht gesagt werden, dass eine Geldstrafe
ihren spezialpräventiven Zweck nicht erreichen könnte.
3.3. Die Vorinstanz erachtete bei zwei Vergehen gegen das Waffengesetz eine
Freiheitsstrafe als opportun und bei den zwei anderen eine Geldstrafe (Urk. 368
S. 295, Erw. 3.8.2. und 3.8.3.). Aus ihren Erwägungen geht allerdings nicht her-
vor, was der Grund für diese Unterscheidung ist. Es ist aufgrund der Zahl und der
Gleichartigkeit der Straftaten vielmehr angezeigt, alle Vergehen gegen das Waf-
fengesetz gesamthaft zu beurteilen und dieselbe Strafart zu wählen. Dabei fällt
vor allem ins Gewicht, dass die Bedrohung des Drogenkäufers S._ mit einer
Schusswaffe (Dossier 12/2) während laufendem Strafverfahren erfolgte. Ob bei
einer solchen Uneinsichtigkeit eine blosse Geldstrafe genügend abschreckend
wirkt, erscheint fraglich. Zudem handelt es sich nicht um Schlagringe oder
Schreckschusswaffen, sondern um echte Faustfeuerwaffen. Weiter geht es in
zwei Fällen nicht um blosses Tragen, sondern um den unzulässigen Erwerb von
Faustfeuerwaffen (Dossier 11 und 12/1). Es muss deshalb von intensiver Delin-
quenz des Beschuldigten B._ im Bereich des Waffenrechts gesprochen wer-
den, bei welcher eine blosse Geldstrafe dem Verschulden nicht mehr gerecht
wird. Immerhin eröffnet die Strafbestimmung des Waffengesetzes einen Straf-
rahmen von bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe, was weitgehend toter Buchstabe
bliebe, wenn wegen der isolierten Einzelbetrachtung jeder Handlung nur noch
- 78 -
Geldstrafe in Frage käme. Dem mittelschweren Verschulden hinsichtlich des vier-
fachen Verstosses gegen das Waffengesetz kann deshalb mit einer Geldstrafe
nicht mehr gerecht werden, weshalb diesbezüglich eine Freiheitsstrafe auszufäl-
len ist.
3.4. Die übrigen Delikte sind demgegenüber im Sinne der erwähnten bundes-
gerichtlichen Rechtsprechung mit Geldstrafe zu sanktionieren.
4. Mehrfache Widerhandlungen gegen das Waffengesetz
4.1. Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe wird gemäss Art. 33
Abs. 1 lit. a WG bestraft, wer vorsätzlich ohne Berechtigung Waffen oder Munition
besitzt oder trägt.
4.2. Der Beschuldigte B._ besass weder einen Waffenerwerbsschein
(Art. 8 WG) noch eine Waffentragbewilligung (Art. 27 WG), wobei ihm als türki-
scher Staatsangehöriger das Tragen von Schusswaffen ohnehin untersagt war
(Art. 12 WV).
4.3. Die Verstösse gegen das Waffengesetz betreffen vier Vorfälle:
- am tt. März 2015 trug der Beschuldigte B._ jene Waffe auf sich und gab
damit einen Schuss ab, mit welcher A._ danach sein Opfer tötete;
- Ende 2015 erwarb der Beschuldigte B._ für Fr. 1'500.– von einer unbe-
kannten Person einen Revolver und deponierte diesen anschliessend bei
AM._ (Dossier 11);
- zu einem unbekannten Zeitpunkt erwarb der Beschuldigte B._ für
Fr. 1'500.– eine Pistole mit Munition, welche er ebenfalls bei AM._ lager-
te und dort wiederholt behändigte und in der Folge mit eingesetztem Magazin
auf sich trug (Dossier 12/1). Nachdem es zu einer versehentlichen Schussab-
gabe durch eine Drittperson gekommen war, entsorgte der Beschuldigte
B._ die Waffe (Dossier 12/1);
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- am 14. Oktober 2016 bedrohte der Beschuldigte B._ in ... [Ortschaft] ei-
nen Drogenabnehmer mit einer Pistole, welche er mit sich führte (Dossier
12/2).
4.4. Diese Verstösse sind aufgrund der kumulierten Anzahl und der teilweisen
konkreten Verwendung der Waffe (Schussabgabe, Bedrohung, Mitnahme in einen
hochexplosiven Konflikt) derart gravierend, dass von einem mittelschweren
Verschulden gesprochen werden muss. Die Selbstverständlichkeit, mit welcher
der Beschuldigte B._ Schusswaffen erwarb, besass und einsetzte, wider-
spricht in krasser Weise gesellschaftlichen Normen. Er hat einem Grundpfeiler der
allgemeinen Sicherheit und des friedlichen Zusammenlebens, welche alle Bürger
hierzulande geniessen dürfen, angegriffen. Eine Strafe im mittleren Bereich des
Strafrahmens ist angezeigt. 15 Monate Freiheitsstrafe sind angemessen.
4.5. Dies führt in Anwendung des Strafschärfungsprinzips von Art. 49 StGB zu
einer Erhöhung der Einsatzstrafe um 10 Monate.
5. Mehrfache Drohung
Wer jemanden durch schwere Drohung in Schrecken oder Angst versetzt, wird
gemäss Art. 180 StGB auf Antrag, mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder
Geldstrafe bestraft.
5.1. Am 19. September 2015 drohte der Beschuldigte B._ dem Privat-
kläger H._, notabene einem der Beteiligten, welcher bei der Tötung von
M._ zugegen war, dass er ihn noch erschiessen werde, was der Privatkläger
wegen des Vorfalls mit M._ auch ernst nahm (Dossier 8). Aus diesen Grün-
den handelte es sich um eine schwere, keinesfalls auf die leichte Schulter zu
nehmende Drohung und das Verschulden wiegt erheblich.
5.2. Anfang 2017 schrieb der Beschuldigte B._ aus der Haft einen an den
Beschuldigten A._ gerichteten Brief, worin er diesem mitteilte, dass er ihm
nicht vergebe und er die Schläge bald zurück erhalten werde (Dossier 10). Dieser
Brief wurde im Rahmen der Briefkontrolle abgefangen und A._ in dessen
Einvernahme vom 31. Januar 2017 zur Kenntnis gebracht. Ob A._ dadurch
- 80 -
wirklich in Angst und Schrecken versetzt worden ist, darf mit Fug in Zweifel gezo-
gen werden, zumal er von der Statur her B._ körperlich nicht unterlegen ist.
Zudem ist der Brief in einer Sprache abgefasst, welche wohl in den damaligen
Kreisen von A._ und B._ den Normalton widerspiegelt. Der entspre-
chende Schuldspruch wurde jedoch nicht angefochten. Das Verschulden muss
aber am untersten Rand angesiedelt werden, weshalb auch nur eine minimalste
Straferhöhung resultieren kann.
5.3. Am 14. Oktober 2016 bedrohte B._ den Privatkläger S._, welcher
Marihuana "auf Pump" bei ihm kaufen wollte, indem er ihm eine Faustfeuerwaffe
zeigte und sagte: "Pass auf, ich knall dich ab, die Waffe ist geladen" (Dossier
12/2). Während Worte nicht immer auf die Goldwaage gelegt werden dürfen, ist
eine Todesdrohung unter Vorhalt einer Waffe als qualifizierte, besonders ernst zu
nehmenden Drohung aufzufassen. Es ist äusserst verwerflich, wenn jemand einer
anderen Person derart drastisch vorführt, dass deren Leben bloss an einer klei-
nen Fingerbewegung des Drohenden hängt. Hier wiegt das Verschulden nicht
mehr leicht.
5.4. Insgesamt rechtfertigt sich für die beiden schwereren Drohungen eine Stra-
fe im Bereich von je 4 - 5 Monaten, weshalb insgesamt, auch unter Berücksichti-
gung des dritten Vorfalles, eine Strafe von 10 Monaten bzw. 300 Tagessätzen
Geldstrafe angezeigt ist.
6. Falsche Anschuldigung
6.1. Wer gemäss Art. 303 Ziff. 1 StGB einen Nichtschuldigen wider besseres
Wissen bei der Behörde eines Verbrechens oder eines Vergehens beschuldigt, in
der Absicht, eine Strafverfolgung gegen ihn herbeizuführen, wird mit Freiheitsstra-
fe oder Geldstrafe bestraft.
6.2. In seiner Einvernahme vom 18. Dezember 2015 gab der Beschuldigte
B._ an, er sei in der Auslieferungshaft in Deutschland vom Mithäftling
AN._ unter Androhung des Todes genötigt worden im vorliegenden Verfah-
ren zu behaupten, A._ habe ihm den Revolver schon früher übergeben, d.h.
- 81 -
nicht erst vor dem Verlassen des Tattoo-Studios und dem Gang zum Ort des Zu-
sammentreffens mit M._. Zweck dieser Drohung sei gewesen, auf das Straf-
verfahren um die Tötung von M._ Einfluss zu nehmen. Hierauf wurde in
Deutschland ein Strafverfahren gegen AN._ eingeleitet. Später zog B._
diese Behauptung wieder zurück (Urk.5/32 S. 16 f.; Urk. 6/25 S. 2 f.). Eine solche
Drohung von AN._ habe nicht stattgefunden. Mit seiner ersten, falschen Be-
hauptung nahm der Beschuldigte B._ in Kauf, dass gegen AN._ ein
Strafverfahren eingeleitet worden war. Jenes Strafverfahren wurde allerdings
nach einigen Monaten wieder eingestellt.
6.3. Besonders ausgeklügelte und perfide Massnahmen können dem Beschul-
digten B._ nicht vorgeworfen werden. Es blieb bei einer reinen Behauptung.
Zweck der falschen Anschuldigung war auch nicht direkt, AN._ ins Gefängnis
zu bringen. Der Beschuldigte B._ hat dies aber in Kauf genommen und die
Strafverfolgungsbehörden wurden getäuscht und zu unnötigen Massnahmen ver-
anlasst. Trotzdem war die Aussicht, dass es überhaupt zu einer Verurteilung von
AN._ gekommen wäre, sehr gering. Insgesamt kann noch von einem leichten
Verschulden ausgegangen werden. Eine Strafe von vier Monaten bzw.
120 Tagessätzen Geldstrafe ist angemessen.
7. Hehlerei
7.1. Wer gemäss Art. 160 StGB eine Sache, von der er weiss oder annehmen
muss, dass sie ein anderer durch eine strafbare Handlung gegen das Vermögen
erlangt hat, erwirbt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe
bestraft.
7.2. Ende 2015 erwarb der Beschuldigte B._ einen Revolver, wobei er an-
gesichts der Übergabe unter heimlichen Umständen, insbesondere ohne Vertrag
und Quittung, wissen musste, dass die Waffe nicht aus legaler Quelle stammte.
Über die genaue Herkunft der Waffe und die Eigentumsverhältnisse ist nichts be-
kannt. Hehlerei im illegalen Waffenhandel ist ein gravierendes Problem bei
schwerer Kriminalität, weshalb das Verschulden zwar im weiten Strafrahmen von
bis zu fünf Jahren am unteren, aber auch nicht mehr am untersten Rand zu be-
- 82 -
werten ist. Eine Strafe von 3 Monaten bzw. 90 Tagessätzen Geldstrafe ist ange-
messen.
8. Mehrfache Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz
8.1. Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe wird gemäss Art. 19
Abs. 1 lit. c und d BetmG bestraft, wer Betäubungsmittel erwirbt, besitzt oder ver-
äussert.
8.2. Der Beschuldigte B._ verkaufte AM._ drei Mal vier Gramm Mari-
huana im Zeitraum Ende August 2015 bis Ende Oktober 2016 (Dossier 12/5). En-
de November 2015 übernahm er bei S._ ohne zu bezahlen 450 Gramm Ma-
rihuana schlechter Qualität, welches er teils weitergab/-verkaufte, teils selbst kon-
sumierte (Dossier 12/5). Und ca. Ende November 2016 verkaufte der Beschuldig-
te B._ AO._ acht bis neun Gramm Marihuana (Dossier 13).
8.3. Die Menge der verkauften Drogen ist nicht unerheblich, allerdings wird die
Gefährlichkeit von Marihuana deutlich geringer eingestuft als jene von harten
Drogen. Insgesamt kann noch von einem leichten Verschulden ausgegangen und
eine Strafe von 3 Monaten bzw. 90 Tagesätzen Geldstrafe festgesetzt werden.
9. Beschimpfung
Es kann auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 368
S. 293). Das Verschulden wiegt sehr leicht, da die Ausdrucksweise dem Sprach-
jargon entspricht, welcher in den Kreisen der Beteiligten nicht selten gepflegt wird.
A._ wird deshalb von den Worten von B._ auch wenig beeindruckt oder
verletzt worden sein. Eine Geldstrafe von 10 Tagessätzen ist angemessen.
10. Strafbefehl vom 21. Dezember 2015
Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 21. Dezember
2015 wurde der Beschuldigte B._ wegen Fahrens in fahrunfähigem Zustand
und Überlassens eines Motorfahrzeuges an einen Lenker ohne Führerausweis mit
einer unbedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu Fr. 80.– bestraft. Aufgrund
der vorliegend zu beurteilenden Delikten vor diesem Stichdatum liegt teilweise
- 83 -
retrospektive Konkurrenz im Sinne von Art. 49 Abs. 2 StGB vor. Da der obere
Strafrahmen der Geldstrafe gemäss Art. 34 Abs. 1 aStGB von 360 Tagessätzen
Geldstrafe allerdings weit überschritten wird, wirkt sich diese Strafe des erwähn-
ten Strafbefehls aber faktisch nicht aus, weshalb sich weitere Ausführungen dazu
erübrigen.
11. Täterkomponenten
11.1. Geständnis, Reue und Einsicht
Der Beschuldigte B._ war von Beginn weg geständig, die Tatwaffe an den
Ort der Auseinandersetzung mit der Gruppe um M._ mitgenommen und ei-
nen Warnschuss abgegeben zu haben. Er beschönigte dabei nichts. Er war in der
Untersuchung auch kooperativ. Vor Vorinstanz entschuldigte er sich bei der Fami-
lie des Opfers M._ und erklärte, dass er für seinen Fehler gerade stehen wol-
le (Urk. 270 S. 2). Auch im Berufungsverfahren zeigte er sich reuig (Urk. 451A/2
S. 6, S. 16; Prot. II S. 55)
Dieses Geständnis wirkt sich erheblich strafmindernd aus. Hinsichtlich der weite-
ren Delikte zeigte er sich im Laufe der Untersuchung ebenfalls geständig und
focht die entsprechenden Schuldsprüche der Vorinstanz auch nicht an. Auch be-
züglich dieser Delikte ist eine Strafminderung angezeigt. Ein Indiz für die Einsicht
des Beschuldigten B._ ist auch darin zu erblicken, dass er seither nicht mehr
strafrechtlich in Erscheinung getreten ist (Urk. 442; vgl. auch Urk. 451A/2 S. 5 ff.).
Insgesamt kann ihm unter diesem Titel eine Strafmilderung im Bereich von einem
Drittel zugestanden werden.
11.2. Vorstrafen
Der Beschuldigte B._ weist zwei Vorstrafen auf (Urk. 442). Mit Strafbefehl
der Jugendanwaltschaft Unterland vom 8. September 2013 – zu diesem Zeitpunkt
war er 19-jährig – wurde er wegen Angriff, Diebstahl, mehrfacher Sachbeschädi-
gung, Erpressung, Drohung, Hausfriedensbruch, Vergehen gegen das Waffenge-
setz und Fahren in fahrunfähigem Zustand mit einer Freiheitsstrafe von 90 Tagen
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unter Anrechnung von 36 Tagen Untersuchungshaft bestraft. Mit Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich wurde er am 21. Dezember 2015 we-
gen Fahren in fahrunfähigem Zustand und Überlassen eines Motorfahrzeuges an
einen Lenker ohne Führerausweis mit einer unbedingten Geldstrafe von 60 Ta-
gessätzen zu Fr. 80.– bestraft. Diese Verurteilung ist nur als Vorstrafe zu behan-
deln, soweit es vorliegend Delikte danach betrifft (Dossier 10, 12/2, teilweise 12/5
und 13). Die Vorstrafen sind teilweise einschlägig, d.h. beschlagen gleiche Tatbe-
stände wie vorliegend. Negativ ist auch zu werten, dass der Beschuldigte B._
teilweise während laufendem Strafverfahren (des Vorliegenden und jenes, das
zum Strafbefehl vom 21. Dezember 2015 geführt hatte) delinquierte. Diese Um-
stände sind deutlich straferhöhend zu berücksichtigen. Offenbar hat ihn auch die
Untersuchungshaft wenig beeindruckt.
11.3. Persönliche Verhältnisse
Der Beschuldigte B._ hat türkische Wurzeln, ist aber hier in der Schweiz
geboren und in AK._ bei seinen Eltern als Einzelkind aufgewachsen. Nach
der obligatorischen Schulzeit besuchte er die AP._ Wirtschaftsschule, brach
diese dann aber ab. Hernach arbeitete er an verschiedenen Stellen als Logistiker.
Im Rahmen dieses Strafverfahrens war er mehrere Monate in Untersuchungshaft.
Nach seiner Entlassung Mitte 2017 hatte er mehrere temporäre Einsätze bis zu
einem Arbeitsunfall im August 2018 (Urk. 270 S. 2 f.). Er hat im April dieses Jah-
res das Fähigkeitszeugnis als Logistiker erlangt, arbeitet seit rund einem Jahr in
einer Festanstellung als Montageleiter bei der Firma AQ._ GmbH und ver-
dient netto ca. Fr. 4'500.– brutto pro Monat (Urk. 451A/2 S. 2 ff.; Urk. 452 S. 26).
Nach seinen Angaben hat er weder Schulden noch Vermögen (Urk. 270 S. 5).
Seit Mai 2020 wohnt er mit seiner Verlobten zusammen (Urk. 451A/2 S. 6 f.;
Urk. 452 S. 27).
Die persönlichen Verhältnisse wirken sich auf die Strafzumessung nicht aus.
- 85 -
12. Strafhöhe
Insgesamt ist der Beschuldigte B._ somit mit einer Freiheitsstrafe von vier
Jahren und vier Monaten sowie einer Geldstrafe von 300 Tagessätzen als teilwei-
se Zusatzstrafe zu bestrafen. Die aspirierte Summe der Geldstrafe wäre zwar weit
höher, jedoch kann die Obergrenze von Art. 34 Abs. 1 aStGB gestützt auf die
erwähnte Bundesgerichtsrechtsprechung nicht überschritten werden (BGE 144
IV 217 Erw. 3.6).
13. Anrechnung Haft
Der Beschuldigte B._ sass im Zusammenhang mit dem vorliegenden Straf-
verfahren wie folgt in Haft:
- 3. März 2015 - 30. März 2015, Auslieferungshaft in Deutschland (Urk. 74/8
und 74 /11);
- 30. März 2015, 15:10 Uhr, bis 19. August 2015, 09:00 Uhr (Urk. 74/11, 74/24
und 74/25);
- 14. Oktober 2015, 06:05 Uhr, - 14. Oktober 2015, 16:30 Uhr (Urk. 74/41 und
74/44); die Ersatzmassnahme, ein Rayonverbot im Umkreis von 50 Metern
einer Liegenschaft an der AR._-strasse in Zürich, bedeutete keine
wesentliche Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit, weshalb diese Mass-
nahme für die Berechnung der anrechenbaren Haft nicht zu berücksichtigen
ist (Urk. 74/45);
- 8. Dezember 2016, 17:15 Uhr, - 29. Juni 2017, 15:00 Uhr (Urk. 74/50 und
Urk. 74/63). Auch hier wurden bis zum Abschluss des Vorverfahrens als
Ersatzmassnahmen ein Kontakt- und Rayonverbot in Bezug auf Geschädigte
verfügt, welche keine nennenswerte Einschränkung für den Beschuldigten
B._ bedeuteten (Urk. 74/65).
Gestützt auf Art. 51 StGB hat der Beschuldigte B._ somit 373 Tage Haft
erstanden. Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft IV der Kantons Zürich vom
21. Dezember 2015 wurden dem Beschuldigten B._ bereits 60 Tage der im
vorliegenden Verfahren erstandenen Hafttage angerechnet, weshalb diese abzu-
- 86 -
ziehen sind. Entsprechend sind dem Beschuldigten B._ noch 313 Tage
Untersuchungshaft anzurechnen.
14. Höhe des Tagessatzes
Den finanziellen Verhältnissen des Beschuldigten B._ entsprechend ist von
einer Tagessatzhöhe von Fr. 70.– auszugehen.
15. Vollzug
Bei der auszufällenden Freiheitsstrafe von 4 Jahren und 4 Monaten kommt der
(teil-)bedingte Vollzug nicht in Frage (aArt. 42 f. StGB). Betreffend die Geldstrafe
ist gestützt auf die Erwägungen der Vorinstanz mit Blick auf den Umstand, dass
sich der Beschuldigte B._ seit seiner letztmaligen Entlassung aus der Unter-
suchungshaft am 29. Juni 2017 bewährt hat bzw. sich nichts mehr zuschulden
kommen lassen hat, der bedingte Vollzug zu gewähren. Die Staatsanwaltschaft
hat diesbezüglich denn auch keine anderen Anträge gestellt. Die Probezeit ist an-
gesichts der Vorstrafe sowie der Delinquenz während laufendem Verfahren mit
der Vorinstanz auf 4 Jahre festzusetzen (Urk. 368 S. 312).
XI. Verwahrung des Beschuldigten A._
Die Staatsanwaltschaft hält auch im Berufungsverfahren an ihrem Antrag auf
Verwahrung des Beschuldigten A._ fest (Urk. 455 S. 1, S. 8 ff.). Abgesehen
vom Verhalten des Beschuldigten A._ im Strafvollzug – es kann nicht von gu-
ter Führung gesprochen werden –, bringt sie allerdings keine neuen Argumente
vor, welche die Vorinstanz nicht bereits erörtert hat. Auf deren sorgfältige und
überzeugende Erwägungen kann deshalb an dieser Stelle verwiesen werden
(Urk. 368 S. 314 - 325). Es ist zutreffend, dass der Beschuldigte A._ seit sei-
nem 12. Lebensjahr ständig mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist. Ebenso,
dass der Gutachter aufgrund seiner dissozialen Persönlichkeitsstörung das Risiko
von weiteren Gewalttaten im Umfeld eines gewaltbereiten Milieus als deutlich ein-
schätzt (Urk. 83/11 S. 157). Ausserhalb eines solchen Umfeldes sei die Rückfall-
gefahr in Bezug auf schwere Gewalttaten gemäss Gutachter allerdings deutlich
geringer (Urk. 83/11 S. 154). Wenngleich das Verhalten des Beschuldigten
- 87 -
A._ im bisherigen, schon über fünf Jahre dauernden Strafvollzug Anlass zu
Rügen gab – wie die Staatsanwaltschaft auch zurecht vorträgt (Urk. 455 S. 10 f.)
–, so ist doch zu vermerken, dass es sich bei den Vorfällen grösstenteils um Vor-
fälle mit Bagatell-Charakter und nicht um tätliche Übergriffe oder Gewalttaten
handelte (vgl. oben Erw. IX 13.3.4). Tatsache ist auch, dass der Beschuldigte
A._ noch nie eine längere Freiheitsstrafe verbüssen musste und, sofern eine
Entlassung nach zwei Dritteln wegen guter Führung nicht möglich sein wird, im
Zeitpunkt seiner ordentlichen Entlassung 20 Jahre im Strafvollzug verbracht ha-
ben wird. Es erscheint deshalb als zu spekulativ, ihm sämtliche Besserungsfähig-
keiten abzusprechen und in Bezug auf die Zeit nach seiner Entlassung aus dem
Strafvollzug bereits heute eine zweifelsfreie Negativprognose zu stellen. Die Ver-
wahrung kann nur als ultima ratio angeordnet werden, bei psychisch gestörten
Tätern insbesondere erst dann, wenn eine Massnahme nach Art. 59 StGB keinen
Erfolg verspricht (BGE 134 IV 315 Erw. 3.2). Die Notwendigkeit einer Massnahme
wurde vom Gutachter jedoch verneint, weil es an einer schweren psychischen
Störung des Beschuldigten A._ fehle (Urk. 83/11 S. 159). Insgesamt ist des-
halb der Auffassung der Vorinstanz zu folgen, dass die Voraussetzungen für die
Anordnung einer Verwahrung nach Art 64 StGB nicht gegeben sind.
D. Zivilforderungen
XII. Privatkläger D._
1. Genugtuung
Der Privatkläger D._ verlangte adhäsionsweise zwar keinen Schadenersatz,
stellte aber eine Genugtuungsforderung von Fr. 40'000.– vor Vorinstanz bzw. von
Fr. 20'000.– im Berufungsverfahren nebst Zins gegen den Beschuldigten A._
(Urk. 280 S. 2; Urk.. 456 S. 2). Er begründete dies mit dem Umstand, dass er
durch die Tat seinen Freund M._ verloren habe und seither damit klarkom-
men müsse, dass er diesen nicht habe retten können, während die Beschuldigten
und ihr Umfeld die Verantwortung für die Tat nach wie vor abstreiten würden. Die
Wirkung der Tat auf ihn halte bis heute an (Urk. 280 S. 11).
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2. Gesetzliche Grundlage
Wer gemäss Art. 49 OR in seiner Persönlichkeit widerrechtlich verletzt wird, hat
Anspruch auf Leistung einer Geldsumme als Genugtuung, sofern die Schwere der
Verletzung es rechtfertigt und diese nicht anders wiedergutgemacht worden ist.
3. Würdigung
3.1. Die Argumentation des Privatklägers D._ überzeugt wenig, weil nicht
einzusehen ist, wie bzw. auf welche Weise er M._ hätte "retten" können und
weshalb er sich dazu verpflichtet fühlte. Sofern er sich als Bandenmitglied von
M._ dazu verpflichtet fühlte, wäre dies ohnehin nicht anspruchsbegründend.
Es besteht keinerlei direkter Zusammenhang zwischen der Schussabgabe durch
A._ und dem Verhalten des Privatklägers. Im Gegenteil, durch seine Beteili-
gung am Konflikt bzw. seiner Begleitung von M._ zum vereinbarten Show-
down hat er zum tragischen Ausgang sogar einen gewissen Beitrag geleistet, den
er sich selbst vorzuwerfen hat. D._ vermochte auch nicht darzulegen, dass
er zu M._ ein derart enges persönliches Verhältnis gehabt habe wie bei-
spielsweise zu einem Geschwister- oder Elternteil, mit denen man gemeinsam in
der Familie aufgewachsen war. Der Verlust eines Freundes kann zwar schmerz-
haft sein, allein die nötige Schwere, die eine Genugtuung rechtfertigen würde, er-
reicht ein normales, durch ein Tötungsdelikt beendetes Freundschaftsverhältnis in
der Regel aber nie, ausser es handle sich um einen Lebenspartner.
3.2. Allerdings wurde D._ selbst nur knapp von den Schüssen verfehlt, ist
mit anderen Worten selbst nur um Haaresbreite dem Tod entronnen und musste
aus nächster Nähe erleben, wie der mitflüchtende M._ tödlich getroffen ne-
ben ihm niedersank. Solche Erlebnisse können sich nach allgemeiner Lebenser-
fahrung tief im Gedächtnis einprägen und das persönliche Sicherheitsgefühl lange
Zeit beeinträchtigen. Umgekehrt ist auch allgemein bekannt, dass beispielsweise
Leute aus dem Bandenmilieu von solchen Vorfällen nur kurz und wenig beein-
druckt werden. Diese sehr grossen individuellen Unterschiede in der seelischen
Betroffenheit einer Person lassen sich nur schwer objektivieren und nachweisen.
Deshalb besteht in der Festsetzung der Genugtuung aufgrund solch vergleichba-
- 89 -
rer Ereignisse ein grosses richterliches Ermessen. Dennoch erscheint die von der
Vorinstanz festgesetzte Genugtuung für den Privatkläger D._ von Fr.
10'000.– weit übersetzt, insbesondere im Vergleich zu "direkten" Opfern von
Straftaten, welche beispielsweise körperlich verletzt wurden, lebenslängliche Nar-
ben am Körper davontragen oder in ihrer sexuellen Integrität lebenslang beein-
trächtigt werden. Da der Privatkläger D._ frühmorgens um 5:00 Uhr M._
zum Ort der Auseinandersetzung freiwillig begleitet hatte, ist zugunsten des Be-
schuldigten A._ auch davon auszugehen, dass der Privatkläger seelisch
nicht eben zartbesaitet ist. Es wird denn vom Privatkläger D._ und dessen
Vertreter nur wenig dargelegt, wie sich die Verarbeitung des Trauma beeinträchti-
gend auf seinen Lebensalltag auswirkte und gegebenenfalls immer noch auswirkt
(Prot. II S. 44 f.). Seine Genugtuung hat auch nicht den Zweck, den Tod von
M._ zu sühnen. Insgesamt ist deshalb ein Betrag von Fr. 3'000.– angemes-
sen. Im Mehrbetrag ist das Genugtuungsbegehren des Privatklägers D._ ab-
zuweisen.
XIII. Privatkläger T._
Der Privatkläger T._ ist der Bruder des getöteten M._. Er stellte vor Vo-
rinstanz eine Schadenersatz- und Genugtuungsforderung (Urk. 277).
1. Schadenersatz
1.1. Die Vorinstanz verpflichtete den Beschuldigten A._ dem Grundsatz
nach, den Schaden des Privatklägers zu ersetzen und verwies Letzteren für die
genaue Bezifferung des Schadenersatzes auf den Zivilweg (Urk. 368 S. 340 f.,
Dispositivziffer 20).
1.2. Durch die widerrechtliche Tötung von M._ ist der Beschuldigte
A._ gemäss Art. 41 OR verpflichtet, den dadurch entstandenen Schaden zu
ersetzen. Zwar wurden vom Privatkläger T._ keine konkreten Schäden gel-
tend gemacht, weshalb fraglich erscheint, ob überhaupt noch Schäden eintreten
können, von welchen der Privatkläger im heutigen Zeitpunkt noch keine Kenntnis
hat. Insofern ist anzunehmen, dass die relative Verjährungsfrist von drei Jahren
- 90 -
gemäss Art. 128a OR bereits abgelaufen ist. Da allerdings die absolute Verjäh-
rungsfrist gemäss Art. 128a OR 20 Jahre beträgt und Art. 126 Abs. 2 lit. b StPO
vorschreibt, unbezifferte Klagen auf den Zivilweg zu verweisen, ist der Beschul-
digte A._ im Grundsatz zu verpflichten, dem Privatkläger T._ Schaden-
ersatz zu leisten, wobei die Schadenersatzforderung zur genauen Bezifferung auf
den Zivilweg zu verweisen ist. Somit bleibt es in diesem Punkt im Ergebnis beim
vorinstanzlichen Entscheid.
2. Genugtuung
Die Vorinstanz sprach dem Privatkläger T._ wegen der Tötung dessen Bru-
ders M._ durch den Beschuldigten A._ eine Genugtuung von Fr. 8'000.–
nebst Zins zu (Urk. 368 S. 341 - 343, Dispositivziffer 21). Sie ist bei der Festset-
zung der Höhe der Genugtuung von der Spanne ausgegangen, welche sich im
Standardwerk über die Genugtuung, Hütte/Landolt/Duksch/Guerrero (Die
Genugtuung, 3. Auflage, Zürich 2005), als Ausgangsbasis beim Verlust eines
Geschwisterteils aus dem gemeinsamen Haushalt findet: Fr. 5'000.– bis Fr.
8'000.– (Urk. 368 S. 342). Gemäss Ausführungen des Rechtsvertreters des Pri-
vatklägers habe Letzterer ein enges und gutes Verhältnis zu seinem Bruder
M._ gehabt (Urk. 277 S. 11). Sie wohnten zusammen mit der Mutter in der-
selben Wohnung und haben auch oftmals die Freizeit zusammen verbracht. Die
Verteidigung des Beschuldigten A._ bringt im Berufungsverfahren gegen die
Ausführungen der Vorinstanz zu der Genugtuung eventualiter nichts Konkretes
vor (Urk. 453 S. 82). Es kann deshalb auf die zutreffenden vorinstanzlichen
Erwägungen verwiesen werden (Urk. 368 S. 341 - 343). Der Beschuldigte ist so-
mit zu verpflichten, dem Privatkläger T._ eine Genugtuung von Fr. 8'000.–
zuzüglich 5% Zins seit tt. März 2015 zu bezahlen.
XIV. Privatkläger O._, P._ und Q._
Die Privatklägerin O._ und der Privatkläger P._ sind die Eltern des getö-
teten M._, die Privatklägerin Q._ die Schwester des Verstorbenen. Sie
stellten vor Vorinstanz Schadenersatz- und Genugtuungsforderungen (Urk. 277
und 278).
- 91 -
1. Schadenersatz
Es kann sinngemäss auf die vorstehenden Ausführungen im Zusammenhang mit
T._ verwiesen werden. Aufgrund des Schuldspruchs bleibt es beim
vorinstanzlichen Entscheid, wonach der Beschuldigte A._ im Grundsatz zu
verpflichten ist, der Privatklägerin O._, dem Privatklägers P._ und der
Privatklägerin Q._ den Schaden im Zusammenhang mit der Tötung ihres
Sohnes bzw. ihres Bruders M._ zu ersetzen. Zur genauen Bezifferung des
Schadenersatzes sind die Privatkläger auf den Zivilweg zu verweisen (Urk. 368 S.
343, Dispositivziffer 20).
2. Genugtuung
Die Vorinstanz sprach der Privatklägerin O._ und dem Privatkläger P._
für den Verlust ihres Sohnes M._ eine Genugtuung von je Fr. 20'000.– nebst
Zins zu (Urk. 368 S. 344 f., Dispositivziffer 21). Ihrer Begründung kann beige-
pflichtet werden (Urk. 368 S. 344 f.). Für die Eltern war der Verlust ihres damals
30-jährigen Sohnes, der im selben Familienhaushalt wie O._ lebte, ein äus-
serst schwerer Schicksalsschlag. Der Umstand, dass ein Täter wenig Reue und
Einsicht zeigt, schmerzt hinterbliebene Familienangehörige noch mehr. Im
Hinblick auf die Basisgenugtuung für den Verlust eines Kindes gemäss Hütte/
Ducksch/Guerrero (a.a.O.) erscheinen die zugesprochenen Genugtuungen von je
Fr. 20'000.– angemessen. Auch diese Entscheide der Vorinstanz sind zu bestäti-
gen, samt Schadenszins.
E. Kosten- und Entschädigungsfolgen
XV. Verfahrenskosten
1. Kosten der Untersuchung und des erstinstanzlichen Verfahrens
Da die beiden Beschuldigten verurteilt werden, haben sie gemäss Art. 426 StPO
die Verfahrenskosten zu tragen. Die vorinstanzliche Kostenauflage (Dispositiv-
ziffern 31 - 34) ist deshalb zu bestätigen.
- 92 -
2. Kosten des Berufungsverfahrens
2.1. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien gemäss Art.
428 Abs. 1 StPO nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens. Als Unter-
liegen gilt auch ein Rückzug von Berufungsanträgen (Art. 428 Abs. 1 StPO). Zu
berücksichtigen ist bei der Kostenverteilung der Anteil des gerichtlichen Aufwan-
des aufgrund der Parteianträge.
2.2. Die Staatsanwaltshaft unterliegt mit ihrer Berufung hinsichtlich der Qualifi-
kation als Mord sowie mit ihren Anträgen auf eine lebenslängliche Freiheitsstrafe
und eine Verwahrung des Beschuldigten A._, obsiegt in Bezug auf den
Schuldspruch des Beschuldigten B._ betreffend Gehilfenschaft zur mehrfa-
chen, teilweise versuchten, vorsätzlichen Tötung sowie bei der Strafhöhe teilwei-
se.
2.3. Der Beschuldigte A._ hat seine Berufung, welche sich zu Beginn noch
auf das gesamte vorinstanzliche Urteil richtete, weitestgehend erst kurz vor der
Berufungsverhandlung zurückgezogen und unterliegt überdies mit seinem Antrag
auf Freispruch vollumfänglich. Einzig hinsichtlich der Genugtuungsforderung des
Privatklägers D._, welche herabgesetzt wurde, obsiegt bzw. unterliegt er nur
teilweise. Dies betrifft allerdings einen insgesamt eher unbedeutenden Neben-
punkt, weshalb sich dies nicht erheblich auf die Kostenauflage auswirkt.
2.4. Der Beschuldigte B._ unterliegt mit seinem Antrag auf teilweisen
Freispruch und Herabsetzung der Strafe vollumfänglich.
2.5. Der Privatkläger D._ unterliegt mit seinen Anträgen praktisch vollum-
fänglich, lediglich in Bezug auf den Schuldspruch des Beschuldigten B._ be-
treffend Gehilfenschaft zur mehrfachen, teilweise versuchten Tötung obsiegt er.
Dabei spielt eine erhebliche Rolle, dass sein Vertreter das gesamte Urteil ange-
fochten hat, obschon er in einzelnen Punkten gesetzlich gar nicht legitimiert war
und teilweise auch kein rechtliches Interesse des Privatklägers bestand. Auch der
Hinweis des Gerichts, veranlasste den Rechtsvertreter nicht, seine Berufung zu
beschränken (Urk. 408), weshalb sich dies auf die Kostenregelung auswirkt. Erst
an der Berufungsverhandlung bei der Klärung der Frage, was rechtskräftig ist,
- 93 -
wurde die Berufung weitestgehend zurückgezogen, was bekanntlich einem Unter-
liegen gleichzustellen ist.
2.6. Insgesamt rechtfertigt sich deshalb folgende Kostenaufteilung:
Staatsanwaltschaft: 4/20
Beschuldigter A._: 13/20
Beschuldigter B._: 2/20
Privatkläger D._: 1/20.
2.7. Bei der Auflage der Kosten der amtlichen Verteidigungen spielt die Auf-
teilung der übrigen Gerichtskosten unter den Parteien keine Rolle. Jeder Be-
schuldigte hat die Kosten seiner amtlichen Verteidigung im Umfang von Obsiegen
und Unterliegen zu tragen, allerdings nur die Kosten seiner eigenen Verteidigung.
Deshalb rechtfertigt es sich gestützt auf Art. 135 Abs. 4 StPO beim Beschuldigten
A._ einen Rückgriff im Umfang von 17/20 und beim Beschuldigten B._
einen Rückgriff im vollen Umfang vorzubehalten.
2.8. Die Gerichtsgebühr ist in Anwendung von § 16 i.V.m. § 14 der Gebühren-
verordnung des Obergerichts (GebV OG; LS 211.11) auf Fr. 30'000.– festzulegen.
XVI. Entschädigungen
1. Die amtliche Verteidigung des Beschuldigten A._, Rechtsanwalt lic. i-
ur. X1._, macht im Berufungsverfahren einen Aufwand von Fr. 27'058.60
(inkl. MwSt.) geltend (Urk. 454) und ist entsprechend zu entschädigen.
2. Die amtliche Verteidigung des Beschuldigten B._, Rechtsanwältin
lic. iur. Y._, macht im Berufungsverfahren einen Aufwand von
Fr. 14'408.45 (inkl. MwSt.) geltend, was ausgewiesen ist und angemessen er-
scheint (Urk. 443 und Urk. 449). Es rechtfertigt sich daher, Rechtsanwältin lic.
iur. Y._ für ihre Aufwendungen im Berufungsverfahren gesamthaft mit
Fr. 14'408.45 (inkl. Auslagen und MwSt.) zu entschädigen.
- 94 -
3. Der unentgeltliche Vertreter des Privatklägers D._, Rechtsanwalt lic.
iur. Z2._, macht im Berufungsverfahren einen Aufwand von Fr. 16'048.–
geltend (Urk. 457). Dieser geltend gemachte Aufwand erscheint insbesondere in
Anbetracht dessen, dass auf Anträge der Privatklägerschaft nicht eingetreten
wurde bzw. zu Punkten plädiert wurde, zu welchen kein rechtlich geschütztes
Interesse bestand und die Staatsanwalt sich ebenfalls am Berufungsverfahren be-
teiligte, deutlich zu hoch. Für die unentgeltliche Vertretung des Privatklägers
D._ im Berufungsverfahren ist im Sinne von § 18 AnwGebV i.V.m. § 19 An-
wGebV eine Pauschale festzusetzen. Es erscheint vorliegend unter Berücksichti-
gung der massgeblichen Kriterien eine Entschädigung von Fr. 10'000.– (inkl.
MwSt.) als angemessen.
4. Der unentgeltliche Vertreter der Privatkläger T._, O._ und
Q._, Rechtsanwalt lic. iur. AA._, reichte seine Honorarnote als Urk.
445/2 ins Recht. Er ist entsprechend mit Fr. 6'813.80 zu entschädigten.
5. Die unentgeltliche Vertreterin des Privatklägers P._, Rechtsanwältin
lic. iur. AB._ macht im Berufungsverfahren einen Aufwand von Fr. 3'574.90
geltend (Urk. 448). Darin nicht enthalten war der Aufwand für die
Berufungsverhandlung sowie die Nachbesprechung. Entsprechend ist sie für das
Berufungsverfahren pauschal mit Fr. 5'500.– zu entschädigen.
F. Honorarbeschwerde
1. Höhe der Honorarforderung
Der amtliche Verteidiger Rechtsanwalt lic. iur. X1._ stellte für seine
Bemühungen und Auslagen im Vorverfahren und im erstinstanzlichen Verfahren
eine Honorarforderung von Fr. 147'018.60 einschliesslich MwSt. (Urk. 411/3/4).
Die Vorinstanz entschädigte ihn im Urteil vom 9. März 2020 für die Aufwendungen
als amtlicher Verteidiger mit total Fr. 67'688.95 (Urk. 368 S. 369).
- 95 -
2. Beschwerde
Mit Datum vom 30. April 2020 reichte der amtliche Verteidiger Rechtsanwalt lic.
iur. X1._ (nachfolgend unbesehen der anderen Verteidigungen im Beru-
fungsverfahren in dieser Honorarbeschwerde, als amtlicher Verteidiger bezeich-
net) gegen die Festsetzung des Honorars durch die Vorinstanz eine Beschwerde
ein (Urk. 411/2). Mit Beschluss der III. Strafkammer des Obergerichts vom 13. Juli
2020 wurde die Beschwerde zur Erledigung im Zusammenhang mit dem Beru-
fungsverfahren der I. Strafkammer des Obergerichts überwiesen (Urk. 411/1).
3. Honorar für das Vorverfahren
3.1. Von 2015 bis zum 7. November 2017 wurde der Beschuldigte von Rechts-
anwalt Dr. AS._ verteidigt. Per diesem Datum erfolgte der Wechsel der amt-
lichen Verteidigung zur Person von Rechtsanwalt X1._ (Urk. 411/3/2).
Rechtsanwalt Dr. AS._ wurde für seine Tätigkeit im Vorverfahren mit insge-
samt Fr. 48'828.95 entschädigt (Urk. 411/3/3).
3.2. Für die Zeit vom 23. Oktober 2017 bis zum 10. Dezember 2018, d.h. bis
zur Anklage, macht der amtliche Verteidiger in seiner Honorarnote vom 2. März
2020 (Urk. 330) einen Aufwand von 105.25 Stunden geltend. Bei einem Stunden-
satz von Fr. 220.– und einem Mehrwertsteuersatz bis Ende Dezember 2017 von
8% und hernach von 7.7% ergibt dies eine beantragte Entschädigung bis zur An-
klageerhebung einschliesslich Barauslagen von Fr. 25'233.75 (Fr. 4'831.20 bis
26. Dez. 2017 und Fr. 20'120.15 bis 7. Dez. 2018 sowie Fr. 282.40 Barauslagen).
3.3. Von diesem Teil des Honorars sind die Aufwendungen für das Beschwer-
deverfahren vor der III. Strafkammer im Umfang von 24.9 Stunden bzw.
Fr. 5'899.60 abzuziehen. Die III. Strafkammer trat mit Beschluss vom 27. Novem-
ber 2018 auf die Beschwerde nicht ein, wobei die Kosten des Beschwerdeverfah-
rens wegen offensichtlicher Aussichtslosigkeit Rechtsanwalt X1._ auferlegt
wurden (Urk. 52/29). Die Vorinstanz befand zu Recht, dass demzufolge die Auf-
wendungen von Rechtsanwalt X1._ als amtlicher Verteidiger in jener Be-
schwerde nicht zu entschädigen sind, denn diese sind gemäss Art. 422 Abs. 2
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StPO Teil der Verfahrenskosten. Der Beschwerdeführer macht diese Aufwendun-
gen denn auch nicht mehr geltend (Urk. 411/2 S. 4 - 5 Rz 9).
3.4. Ansonsten geben die geltend gemachten Aufwendungen von Rechtsanwalt
X1._ für das Vorverfahren zu keinen Bemerkungen Anlass. Demzufolge ist
ihm für dieses Verfahrensstadium eine Entschädigung von Fr. 19'334.15 zuzu-
sprechen.
4. Entschädigung für das erstinstanzliche Gerichtsverfahren
4.1. Ab dem 10. Dezember 2018 macht Rechtsanwalt X1._ einen Aufwand
von insgesamt rund 466.25 Stunden geltend. Bei einem Stundenansatz von
Fr. 220.– ergibt dies einschliesslich MwSt. Fr. 110'473.30 zuzüglich Fr. 9'638.69
Barauslagen, somit total Fr. 120'111.99.
4.2. Demgegenüber entschädigte ihn das Bezirksgericht für seine Aufwendun-
gen im Gerichtsverfahren mit Fr. 48'354.78 (total zugesprochene Entschädigung
von Fr. 67'688.93 abzüglich Entschädigung von Fr. 19'334.15 für das Vorverfah-
ren).
4.3. Die Entschädigung der amtlichen Verteidigung richtet sich nach der An-
waltsgebührenverordnung (AnwGebV, LS 215.3). Für die Führung eines Strafpro-
zesses einschliesslich der Vorbereitung des Parteivortrags und der Teilnahme an
der Hauptverhandlung beträgt die Grundgebühr vor dem Kollegialgericht in der
Regel zwischen Fr. 1'000.– und Fr. 28'000.– (§ 17 Abs. 1 lit. b AnwGebV). Zur
Grundgebühr werden gemäss § 17 Abs. 2 lit. c AnwGebV für über den ersten Tag
hinausgehende Verhandlungstage Zuschläge berechnet. Die Hauptverhandlung
fand an folgenden Daten statt (Prot. I S. 16, 41, 59, 70): 15. Januar 2020 (3/4
Tag), 22. Januar 2020 (ganzer Tag), 23. Januar 2020 (vormittags), 3. März 2020
(ganzer Tag). Die Summe der Zuschläge beträgt maximal die Grundgebühr. Im
vorliegenden Fall erhöhte sich der Verteidigungsaufwand nur marginal wegen der
mehrtägigen Verhandlung. Deshalb rechtfertigt sich auch keine Verdoppelung der
Grundgebühr.
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4.4. Zwar ist der geschilderte gesetzliche Rahmen nicht zwingend, der Gesetz-
geber hat damit aber einen Bereich aufgespannt, welcher sowohl einen kleinen
als auch einen grossen Fall umfasst und im Normalfall ausreichen muss. Sofern
dieser obere Rahmen als für eine angemessene Verteidigung in einem grossen
Fall nicht als ausreichend betrachtet wird, wäre dies auf dem Wege der Geset-
zesanpassung zu verfolgen und nicht durch die Rechtsprechung.
4.5. Im vorliegenden Fall geht es zwar um ein Kapitaldelikt und einen hohen
Strafantrag der Staatsanwaltschaft. In Bezug auf den den Beschuldigten A._
betreffenden Sachverhalt und dessen rechtliche Würdigung handelt es sich je-
doch um keinen besonders aufwändigen oder komplizierten Fall. Der Beschuldig-
te hat bezüglich dem Hauptdelikt anerkannt, mit einer Waffe in Richtung des Op-
fers geschossen zu haben, und es liegen keine konkreten Hinweise vor, dass
noch weitere Schusswaffen bei der Auseinandersetzung im Spiel waren oder so-
gar abgefeuert wurden. Tatsache ist auch, dass das Opfer, M._, tödlich ge-
troffen wurde.
4.6. Der Beschuldigte macht ab Anklageerhebung rund 96 Stunden, was rund
12 Arbeitstage entspricht, geltend für die Analyse von Aussagen von Personen,
die an der inkriminierten Auseinandersetzung beteiligt waren. Dieser Aufwand ist
übersetzt bzw. nicht auf das Notwendige beschränkt. Wie bereits im Rahmen der
Sachverhaltswürdigung erörtert, spielen die Aussagen der Mitbeteiligten eine
untergeordnete Rolle. Der Beschuldigte A._ gab in der Untersuchung an, er
habe die Waffe B._ weggenommen und einfach blind zwei- bis dreimal in
Richtung von M._ geschossen (Urk. 5/24 Antworten 83, 96 und 104).
4.7. Ebenfalls im Lichte dieser Zugaben sind die Aufwendungen der Verteidi-
gung im Zusammenhang mit den Anträgen auf zusätzliche Gutachten, beispiels-
weise ein metallurgisches Gutachten oder eine 3D-Visualisierung des Tatablaufs,
im geltend gemachten Umfang nicht angemessen. Diese Anträge basieren auf
theoretisch denkbaren Handlungsabläufen und Hypothesen, die das konkrete Un-
tersuchungsergebnis ausblenden (Urk. 258 S. 14 - 32). Dementsprechend wurden
diese Anträge auch abgewiesen.
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4.8. Weiter stellte der amtliche Verteidiger 35 Stunden, also rund 4 Tage, für
die Analyse der Aussagen seines eigenen Klienten in Rechnung. Auch dieser
Aufwand war in diesem Umfang übersetzt, zumal der Verteidiger in einem Ge-
spräch mit seinem eigenen Klienten dessen Standpunkt hinsichtlich des Sachver-
haltes direkt klären konnte. Dazu braucht es keine minutiöse Analyse der schrift-
lich niedergelegten Aussagen seines eigenen Klienten in der Untersuchung.
4.9. Nicht entschädigungswürdig sind die über 15 Stunden Besprechung mit
dem erbetenen Verteidiger. Zieht eine beschuldigte Person nebst der notwendi-
gen, amtlichen Verteidiger einen weiteren, erbetenen, Verteidiger bei, so steht ihr
dies frei. Dadurch verursachte Mehrkosten hat die beschuldige Person jedoch
selbst zu tragen, da Besprechungen zwischen den Verteidigern über das Nötige
der amtlichen Verteidigung hinausgehen.
4.10. Nicht entschädigt werden gemäss Leitfaden für amtliche Mandate der
Oberstaatsanwaltschaft Zürich Aufwendungen für das Rechtsstudium, es sei
denn, es handle sich um aussergewöhnliche Rechtsfragen, Aufwendungen für
Sekretariatsarbeiten wie Terminabsprachen oder Aufwendungen für anwaltliche
Kürzestaufwände wie z.B. Kenntnisnahme von Vorladungen oder Fristerstreckun-
gen. Auch solche Aufwendungen enthält die Leistungsübersicht des amtlichen
Verteidigers in nicht unerheblicher Anzahl (z.B.: 16.05.2019, Eingang/Prüfung
Vorladung/Verfügung BGZ 15.05.19; 16.07.2019, Abklärungen betr. Unmittelbar-
keitsprinzip, Vorschriften EMRK betr. Anspruch auf Zeugen; 26.08.2019, Ein-
gang/Prüfung Stempelverfügung FE OGZ 23.08.19, usw.).
4.11. Weiter ist zu bemerken, dass die sehr zahlreichen prozessualen Anträge
des amtlichen Verteidigers an der Hauptverhandlung ausnahmslos abgewiesen
wurden. Dies besagt noch nicht, dass alle entsprechenden zeitintensiven Auf-
wendungen unnötig gewesen wären. Es dokumentiert aber immerhin umgekehrt,
dass die tatsächliche Notwendigkeit nicht mit der Gutheissung eines dieser Anträ-
ge begründet werden kann bzw. belegt ist.
Konkret betrifft dies die hohe Anzahl an Stunden für das 93-seitige Plädoyer über
die Vorfragen, insbesondere Beweisanträge, für welche der amtliche Verteidiger
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bereits im Vorverfahren Aufwand auflistete und welche teilweise bereits im Rah-
men des Beschwerdeverfahrens als unbegründet qualifiziert wurden. So erscheint
zum Beispiel der Antrag auf Ergänzung der Anklageschrift bezüglicher einer mög-
lichen Schussabgabe durch D._ wenig fundiert (Urk. 258 S. 3, 14 ff.). Der
sachliche Umfang der Anklage wird von der Staatsanwaltschaft bestimmt und der
Standpunkt der Verteidigung, D._ habe ebenfalls eine Schusswaffe abgefeu-
ert, kann unabhängig davon vertreten werden, ob dies in der Anklageschrift steht
oder nicht. Zur Begründetheit der weiteren Beweisanträge der Verteidigung kann
auf die entsprechenden Ausführungen in diesem Entscheid verwiesen werden
(Ziff. IV 6 ff.).
4.12. Für die exakte Bestimmung des Honorars innerhalb des Rahmens von §
17 der Anwaltsgebührenverordnung ist die Schwierigkeit und Komplexität des
konkreten Falles massgebend und nicht die Anzahl der erfolglosen prozessualen
Anträge der Verteidigung. Vor diesem Hintergrund war ein Aufwand von rund 240
Stunden für das erstinstanzliche Gerichtsverfahren für die nötige Verteidigung an-
gemessen und ausreichend. Dies ergibt eine Entschädigung von Fr. 56'865.60
(Fr. 52'800.– zuzüglich 7.7% MwSt.). Hinzu kommen die Barauslagen von
Fr. 9'638.70.–. Zwar erscheinen davon 16'378 Aktenkopien à Fr. 0.50 als sehr
hoch, der Betrag kann aber angesichts des grossen Aktenumfanges noch akzep-
tiert werden.
5. Fazit
5.1. Insgesamt ist die Verteidigung deshalb für die Aufwendungen in der Unter-
suchung und im erstinstanzlichen Verfahren mit total Fr. 85'838.45 zu entschädi-
gen (Fr. 19'334.15 für das Vorverfahren einschliesslich MwSt. und Barauslagen
sowie Fr. 66'504.30 für das erstinstanzliche Verfahren einschliesslich MwSt. und
Barauslagen).
5.2. Die Gerichtsgebühr für das Beschwerdeverfahren ist auf Fr. 3'000.– festzu-
setzen. Die Kosten der Beschwerde sind im Verhältnis des Obsiegens und Unter-
liegens aufzuteilen. Somit sind zwei Drittel dem Beschwerdeführer aufzuerlegen
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und ein Drittel auf die Gerichtskasse zu nehmen. Entsprechend ist ihm eine
reduzierte Prozessentschädigung zuzusprechen.