Decision ID: ff6d2ace-a4b5-474d-a000-32818c3450f9
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a A._ (nachfolgend: der Beschwerdeführer) – ein sri-lankischer
Staatsangehöriger – reiste eigenen Angaben zufolge am (...) 2015 in die
Schweiz ein, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte.
A.b In Anwendung von Art. 4 Abs. 3 der Verordnung über die Durchführung
von Testphasen zu den Beschleunigungsmassnahmen im Asylbereich vom
4. September 2013 (TestV; SR 142.318.1 [gültig bis 29. September 2019])
wurde er am 19. Mai 2015 für den weiteren Aufenthalt und für das Verfah-
ren dem Verfahrenszentrum B._ zugewiesen.
A.c Am 21. Mai 2015 wurde er summarisch befragt (Befragung zur Person
[BzP]) und am 27. Mai 2015 fand – im Beisein seiner damaligen Rechts-
vertreterin – ein beratendes Vorgespräch statt. Am 23. Juni 2015 wurde
eine Anhörung zu seinen Asylgründen durchgeführt.
In Bezug auf seinen persönlichen Hintergrund machte der tamilische Be-
schwerdeführer geltend, er sei in C._ (Distrikt D._, Nordpro-
vinz) geboren. Im Alter von (...) Jahren sei er zusammen mit seiner Familie
nach E._ gezogen, wo er anschliessend die (...) Klasse bis zum
(...)-Level besucht habe. Bis am (...) 2013 habe er als (...) bei verschiede-
nen Firmen gearbeitet. Während eines Aufenthaltes in F._ sei er als
(...) tätig gewesen.
Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte er vor, im Jahr 2009 hätten
seine Mutter und er die Parterrewohnung ihres Hauses in E._ an
drei Tamilen vermietet. Hierfür habe er ihnen vorschriftsgemäss Polizei-
rapporte und Identitätskarten besorgt. Im (...) 2013 seien die drei Mieter
wegen des Verdachts auf Verbindungen zu den Liberation of Tigers of Tamil
Eelam (LTTE) von der sri-lankischen Polizei verhaftet worden. In der Folge
hätten Polizisten auch ihre Wohnung durchsucht und ihn beschuldigt, Mit-
gliedern der LTTE die Wohnung zur Verfügung gestellt zu haben und Mit-
wisser ihrer terroristischen Aktivitäten gewesen zu sein. Als er sich gegen
seine Verhaftung gewehrt habe, sei er bewusstlos geschlagen und in die-
sem Zustand abgeführt worden. Er sei an einem ihm unbekannten Ort auf-
gewacht. Dort sei er zwei Wochen lang festgehalten und wiederholt zu den
Mietern und deren Verbleib befragt worden. Nachdem seine Mutter Geld
bezahlt habe, sei er am (...) 2013 wieder freigelassen worden. Da er nach
seiner Haftentlassung keine Arbeit mehr gefunden habe, vom Criminal In-
vestigation Department (CID) verfolgt worden sei und bei der Polizei zu
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Befragungen habe erscheinen müssen, habe er sich entschlossen Sri
Lanka zu verlassen. Am (...) 2013 sei er mit einem gültigen (...) Visum und
seinem eigenen Reisepass nach F._ geflogen, wo er sich an-
schliessend beim United Nations High Commissioner for Refugees (UN-
HCR) gemeldet habe. Da er davon ausgegangen sei, dass sich die Lage
in Sri Lanka verbessert habe und sein (...) Visum abgelaufen sei, sei er am
(...) 2015 nach Sri Lanka zurückgekehrt. Bei der Passkontrolle am Flug-
haften in E._ sei er erneut verhaftet und zwei Tage lang festgehal-
ten worden, ehe er von Polizisten oder CID-Angehörigen an einen ihn un-
bekannten Ort gebracht worden sei. Er sei zwei Monate lang eingesperrt
worden, immer wieder zu seinem Aufenthalt in F._ befragt und ge-
schlagen worden. Nachdem seine Mutter wiederum seine Freilassung er-
kauft habe, sei er unter der Auflage, sich zur Verfügung zu halten, entlas-
sen worden. Vier Tage später sei er bei sich zu Hause von der Spezialein-
heit "119" aufgesucht worden, wobei er daran erinnert worden sei, sich für
allfällige Befragungen zur Verfügung zu halten. Am (...) 2015 sei er mit ei-
nem gefälschten Pass mit unbekannten Personalien und mit Hilfe eines
Schleppers von E._ via G._ in die Türkei geflogen. Von dort
aus sei er dann mit einem Personenwagen über durch ihm unbekannte
Länder schliesslich in die Schweiz gelangt.
A.d Am 1. Juli 2015 wurde er dem erweiterten Verfahren und am
2. Juli 2015 dem Kanton G._ zugewiesen.
A.e Am 26. Mai 2016 ersuchte das SEM die Schweizerische Vertretung in
E._ um Abklärungen in Bezug auf den Beschwerdeführer. Diese
antwortete mit Schreiben vom 15. Juni 2016.
A.f Im Rahmen der ergänzenden Anhörung vom 14. Dezember 2016 wur-
den dem Beschwerdeführer unter anderem auch die wesentlichen Ergeb-
nisse der Botschaftsabklärung offengelegt und ihm hierzu das rechtliche
Gehör gewährt.
A.g Im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens reichte er eine Identitäts-
karte, einen Führerausweis, einen Schülerausweis, einen Studentenaus-
weis, einen Arbeitsausweis sowie eine UNHCR Appointment Card
F._ (alle im Original) zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 9. März 2017 – eröffnet am darauffolgenden Tag – ver-
neinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers,
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lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete den Wegweisungsvollzug an.
C.
C.a Mit Eingabe vom 22. März 2017 ersuchte der vom Beschwerdeführer
neu mandatierte Rechtsvertreter – unter Vorlage der Anwaltsvollmacht vom
22. März 2017 – das SEM um vollständige Einsicht in die Verfahrensakten.
C.b Mit Ausnahme der Aktenstücke der Editionsklasse A, B und C ge-
währte das SEM dem Rechtsvertreter mit Schreiben vom 24. März 2017
entsprechende Akteneinsicht und liess ihm eine Kopie des Aktenverzeich-
nisses sowie Kopien der gewünschten Akten zukommen. Die Einsicht in
die erwähnten Aktenstücke verweigerte es mit der Begründung, wesentli-
che öffentliche oder private Interessen würden die Geheimhaltung erfor-
dern, es handle sich um interne Akten, welche nach der bundesgerichtli-
chen Praxis dem Akteneinsichtsrecht nicht unterstehen würden und um Ko-
pien von Akten anderer Behörden.
D.
Mit Eingabe vom 10. April 2017 (Datum Poststempel) erhob der Beschwer-
deführer Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Darin beantragte
er, es sei ihm unverzüglich das Spruchgremium mitzuteilen und dessen
zufällige Auswahl zu bestätigen. Es sei ihm vollständige Einsicht in die ge-
samten Akten des SEM, insbesondere in die Botschaftsabklärungen, zu
gewähren. Ausserdem sei das SEM anzuweisen, die vom ihm eingereich-
ten Beweismittel einzeln aufzulisten, einheitlich zu erfassen und ein korrek-
tes Beweismittelverzeichnis zu erstellen. Anschliessend sei ihm eine ange-
messene Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung anzusetzen.
Sodann sei die Verfügung des SEM vom 9. März 2017 wegen Verletzung
des Anspruchs auf rechtliches Gehör aufzuheben, allenfalls wegen Verlet-
zung der Begründungspflicht aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Eventuell sei die angefochtene Verfügung zur Feststel-
lung des vollständigen und richtigen rechtserheblichen Sachverhalts und
zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. Eventuell sei die Verfü-
gung aufzuheben, seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm in
der Schweiz Asyl zu gewähren. Eventuell sei die angefochtene Verfügung
betreffend die Dispositivziffern 4 und 5 aufzuheben und die Unzulässigkeit
oder zumindest die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustel-
len. Für den Fall einer materiellen Beurteilung durch das Gericht wurde
ferner unter Ziffer 6 der Beschwerde (vgl. dort S. 36 f.) – neben der voll-
ständigen Akteneinsicht – beantragt, der Beschwerdeführer sei zwingend
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erneut ausführlich anzuhören, dies durch eine Fachperson, welche über
ausreichendes Hintergrundwissen zu Sri Lanka verfüge. Die Asyldossiers
seiner Geschwister seien zur Beurteilung der vorliegenden Sache beizu-
ziehen und ihm sei ebenfalls Einsicht in die entsprechenden Dossiers zu
gewähren, wobei ihm eine angemessene Frist zur Stellungnahme anzuset-
zen sei. Schliesslich sei ihm eine angemessene Frist zur Beibringung von
Fotografien seiner Folternarben anzusetzen.
Mit der Beschwerde wurden 21 Beilagen eingereicht. Darunter befanden
sich unter anderem eine anonymisierte Verfügung des Bundesverwal-
tungsgerichts vom 30. September 2016 aus dem Verfahren E-5901/2016,
ein Rechtsgutachten zuhanden des SEM von Prof. Walter Kälin vom
23. Februar 2014, eine Medienmitteilung des SEM vom 26. Mai 2014, Stel-
lungnahmen des Advokaturbüros Gabriel Püntener zu Lagebildern des
SEM betreffend Sri Lanka, eine Zusammenstellung von Länderinformatio-
nen inklusive Anhang (CD mit Quellen), diverse Zeitungsberichte, Berichte
von internationalen Organisationen und UN-Behörden sowie die Kopie ei-
nes Formulars des sri-lankischen Generalkonsulats zur Ersatzreisepapier-
beschaffung (vgl. hierzu das Beilagenverzeichnis in der Beschwerde-
schrift, S. 44 und die Beilagen 1–21).
E.
Mit Verfügung vom 13. April 2017 stellte die damals zuständige Instrukti-
onsrichterin fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens
in der Schweiz abwarten dürfe. Sie gab die Zusammensetzung des
Spruchgremiums bekannt, verbunden mit dem Vorbehalt, dass dieses
nachträgliche Änderungen erfahren könne, und bestätigte, dass der
Spruchkörper mit Hilfe eines EDV-gestützten automatisierten Zuteilungs-
systems nach dem Zufallsprinzip ausgewählt worden sei. Des Weiteren
forderte sie den Beschwerdeführer auf, einen Kostenvorschuss in der
Höhe von Fr. 750.– zu leisten, ansonsten auf die Beschwerde nicht einge-
treten werde. Dieser wurde fristgerecht zugunsten des Bundesverwal-
tungsgerichts einbezahlt.
F.
F.a Mit Verfügung vom 3. Mai 2017 wurde die Vorinstanz zur Einreichung
einer Vernehmlassung eingeladen.
F.b In seiner Vernehmlassung vom 16. Mai 2017 hielt das SEM vollum-
fänglich an seinen Erwägungen fest.
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G.
G.a Mit Verfügung vom 16. Mai 2017 wurde dem Beschwerdeführer Gele-
genheit gegeben, eine Replik einzureichen.
G.b Mit Eingabe vom 31. Mai 2017 nahm dieser Stellung zur Vernehmlas-
sung und hielt daran fest, dass das SEM anzuweisen sei, ein korrektes
Beweismittelverzeichnis zu führen und ihm die Botschaftsabklärung voll-
umfänglich offenzulegen. Weiter habe die Vorinstanz absurde Ausführun-
gen zur ergänzenden Anhörung (SEM-Akte A35) gemacht, weshalb an de-
ren rechtmässigen und zulässigen Charakter zu zweifeln sei. Sodann sei
es die Aufgabe des SEM einen Sachverhalt vollständig und korrekt abzu-
klären, weshalb es, wenn es daran zweifle, dass es sich bei seinen gut
sichtbaren Narben um Folternarben handle, diese mit einem Gutachten ab-
zuklären habe. Überdies beantragte er, es seien die unter dem Aspekt der
Verletzung der Begründungspflicht gemachten Ausführungen in der Be-
schwerdeschrift auch unter dem Blickwinkel der unrichtigen und/oder will-
kürlichen Beweiswürdigung zu prüfen.
Mit der Replik wurden weitere 19 Beilagen ins Recht gelegt, darunter drei
Fotos von Narben des Beschwerdeführers, ein ärztlicher Bericht des (...)
in H._ betreffend seine Mutter vom (...) 2017, ein Foto seiner Mutter
sowie zahlreiche Berichte zur Situation in Sri Lanka (vgl. hierzu das Be-
weismittelverzeichnis in der Replikeingabe, S. 10 und die Beilagen 22–40).
G.c In der ergänzenden Stellungnahme vom 28. Juni 2017 führte der Be-
schwerdeführer aus, mit Verfügung des SEM vom 29. Mai 2017 sei ihm
Einsicht in die Akten seines in der Schweiz lebenden Bruders I._
(N [...]) gewährt worden. Weiter seien auch die Asyldossiers seiner sich
ebenfalls in der Schweiz aufhaltenden Geschwister, J._ (N [...]) und
K._ (N [...]), beizuziehen und es sei ihm Einsicht in deren Akten zu
gewahren. Ferner ersuchte er darum, eine Frist zur Einreichung von Be-
weismitteln hinsichtlich seines exilpolitischen Engagements anzusetzen.
H.
Am 5. Mai 2020 reichte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers ein
Update der durch ihn zusammengestellten Länderinformationen und einen
neuen, ebenfalls von ihm verfassten, Länderbericht inklusive CD-ROM ein.
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I.
I.a Mit Verfügung vom 11. Oktober 2021 hiess die damalige Instruktions-
richterin das Akteneinsichtsgesuch teilweise gut und wies das SEM an,
dem Beschwerdeführer Einsicht in die vorinstanzlichen Akten A18, A20,
A21, A31 und A32 zu gewähren und ihm, nach Komplettierung des Beweis-
mittelverzeichnisses, Einsicht in dieses sowie sämtliche darin enthaltenen,
von ihm eingereichten Beweismitteln zu gewähren. Weiter wurde dem Be-
schwerdeführer die Möglichkeit eingeräumt, innert 15 Tagen ab Erhalt der
Akten eine ergänzende Stellungnahme einzureichen. Gleichzeitig wurde er
hinsichtlich des Antrags auf vollumfängliche Einsicht in die Asylakten seiner
Geschwister (N [...] und N [...]) darauf aufmerksam gemacht, dass er beim
SEM die entsprechenden Einwilligungserklärungen seiner beiden Ge-
schwister zur Einsichtnahme in deren Akten einreichen könne. Das Gesuch
um Ansetzung einer Nachfrist zur Einreichung von Beweismitteln zu sei-
nem exilpolitischen Engagement wurde unter Verweis auf Art. 32
Abs. 2 VwVG abgewiesen. Schliesslich informierte die damals zuständige
Instruktionsrichterin, dass sich der Spruchkörper – unter Vorbehalt allfälli-
ger Wechsel bei Abwesenheiten – aus der Instruktionsrichterin Contessina
Theis (Vorsitz), dem Richter William Waeber und dem Richter Walter Lang
sowie der Gerichtsschreiberin Kathrin Rohrer zusammensetzt.
I.b Das SEM komplettierte das Beweismittelverzeichnis am 8. Novem-
ber 2021 und gewährte dem Beschwerdeführer gleichentags gemäss den
Anweisungen des Bundesverwaltungsgerichts Einsicht in die Akten A18,
A20, A21, A31 sowie A32.
J.
In seiner Eingabe vom 24. November 2021 nahm der Beschwerdeführer
Stellung zur vom SEM getätigten Botschaftsabklärung vom 15. Juni 2016
und machte infolgedessen geltend, indem das SEM den sachverhaltsrele-
vanten Aussagen seiner Mutter in der angefochtenen Verfügung keinerlei
Beachtung geschenkt habe, verletzte es in willkürlicher Weise seinen An-
spruch auf rechtliches Gehör und umgehe damit bundesrechtliche Beweis-
regeln. Weiter behauptete er, mit Schreiben vom 27. Oktober 2021 sei
beim SEM für seine beiden Geschwister (N [...] und N [...]) um Einsichts-
gewährung in deren Akten ersucht worden, wofür von beiden entspre-
chende Einwilligungserklärungen eingereicht worden seien. Diese Gesu-
che seien vom SEM bisher nicht bearbeitet worden und entsprechend sei
noch keine Einsicht in die jeweiligen Asyldossiers gewährt worden, wes-
halb er erneut beantrage, das SEM sei anzuweisen, ihm Einsicht in die
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entsprechenden Dossiers zu gewähren und ihm nach deren Einsicht-
nahme eine angemessene Frist zur Stellungnahme einzureichen. Ferner
wies er auf die weitere Verschlechterung der Sicherheits- und Menschen-
rechtslage in Sri Lanka hin. Ausserdem wurde eine mündliche Parteiver-
handlung als zwingend erachtet.
Der Eingabe lagen diverse Fotos des Beschwerdeführers an Demonstrati-
onen, einen Länderbericht zu Sri Lanka vom 16. August 2021, den Bericht
des International Truth and Justice Project (ITJP) vom September 2021
"Sri Lanka: Torture & sexual violence by security forces 2020-21" sowie
eine Kostennote vom 24. November 2021 bei (vgl. hierzu das Beweismit-
telverzeichnis des Schreibens, S. 11 und die Beilagen 45–48).
K.
Mit Verfügung vom 2. Dezember 2021 hielt die damals zuständige Instruk-
tionsrichterin fest, dem Beschwerdeführer sei – unter der Voraussetzung,
dass dem SEM die entsprechenden Vollmachten tatsächlich zugegangen
sind – in geeigneter Weise und unter Beachtung von Art. 26 ff. VwVG Ein-
sicht in die Akten der Asylverfahren seiner Geschwister (N [...] und N [...])
zu gewähren.
L.
Mit Schreiben vom 30. Dezember 2021 teilte der Beschwerdeführer dem
Bundesverwaltungsgericht mit, seinem Rechtsvertreter seien mit Schrei-
ben des SEM vom 13. Dezember 2021 diverse Akten und Aktenverzeich-
nisse seine Geschwister betreffend (N [...] und N [...]) zugestellt worden,
jedoch seien die zugestellten Akten in beiden Fällen unvollständig und das
Aktenverzeichnis des Dossiers N [...] sei stellenweise nicht entzifferbar ge-
wesen. Infolgedessen beantragte er, das SEM sei anzuweisen, ihm Ein-
sicht in die Akten zu gewähren und nach erfolgter Akteneinsicht sei ihm
eine Nachfrist zur Einreichung einer Stellungnahme anzusetzen.
Mit der Eingabe wurden Kopien der Aktenverzeichnisse der Asylakten der
beiden Geschwister mit Markierungen ins Recht gelegt (vgl. hierzu das Be-
weismittelverzeichnis, S. 2 und die Beilage 49).
M.
Mit Verfügung vom 11. Januar 2022 wurde die Vorinstanz aufgefordert, in-
nert Frist Kopien des Akteneinsichtsgesuchs des Beschwerdeführers in die
Akten seiner Geschwister und ihr Antwortschreiben vom 13. Dezem-
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ber 2021 einzureichen sowie Stellung zur Kritik an der Führung des Akten-
verzeichnisses im Dossier N [...] sowie der gewährten Akteneinsicht in die
Dossiers N [...] und N [...] zu nehmen und gegebenenfalls das Aktenver-
zeichnis des Dossiers N [...] nachzuführen. Ferner wurde mitgeteilt, dass
aus organisatorischen Gründen im Spruchkörper ein Wechsel der zustän-
digen Instruktionsrichterin erfolgt sei.
N.
Mit Eingabe vom 20. Januar 2022 nahm die Vorinstanz innert Frist Stellung
und führte aus, dass die beiden Vollmachten der Geschwister des Be-
schwerdeführers für die Einsicht in deren Akten bis dato nicht bei ihr ein-
gegangen seien, weshalb der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers mit
Schreiben vom 13. Dezember 2021 letztmals aufgefordert worden sei,
diese nachzureichen. Das Schreiben vom 13. Dezember 2021, womit dem
Beschwerdeführer gemäss dessen Angaben zumindest teilweise Aktenein-
sicht gewährt worden sei, liege ihr nicht vor, wobei es auch amtsintern nicht
habe eruiert werden können. Zurzeit sei es nicht möglich, in Kenntnis aller
Tatsachen Aussagen über die Vollständigkeit der Akteneinsicht zu machen.
O.
Mit Verfügung vom 25. Januar 2022 forderte die Instruktionsrichterin den
Beschwerdeführer auf, innert Frist Stellung zur Eingabe des SEM vom
20. Januar 2022 zu nehmen und zudem dem Gericht die Kopien der Ge-
suche um Einsicht in die Akten seiner Geschwister mitsamt deren Einver-
ständniserklärungen sowie das entsprechende Antwortschreiben des SEM
vom 13. Dezember 2021 einzureichen.
P.
In der Eingabe vom 9. Februar 2022 machte der Beschwerdeführer gel-
tend, obwohl dem SEM das Akteneinsichtsgesuch betreffend K._
(N [...]) bereits seit dem 28. Oktober 2021 vorliege, sei dieses bisher nicht
korrekt behandelt worden. Des Weiteren gestand er ein, dass er aufgrund
einer Namensverwechslung am selben Tag nicht in die Akten von
J._ (N [...]), sondern in diejenigen von I._ (N [...]) Einsicht
verlangt und dessen Einwilligungserklärung eingereicht habe. Aus unbe-
kannten Gründen habe J._ (N [...]) die Einwilligungserklärung bis-
her noch nicht unterzeichnet, weshalb er um Ansetzung einer Nachfrist er-
suche, damit diese nachgereicht werden könne. Anschliessend sei das
SEM anzuweisen, ihm auch in diese Akten korrekte Einsicht zu gewähren.
Nach korrekt gewährter Einsicht in beide Asyldossiers sei ihm schliesslich
eine Frist zur Stellungnahme anzusetzen.
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Mit dem Schreiben reichte der Beschwerdeführer sein ans SEM gerichte-
tes Akteneinsichtsgesuch betreffend K._ (N [...]) vom 27. Okto-
ber 2021, die Einwilligungserklärung von K._ betreffend den Beizug
ihrer Asylakten (N [...]) vom 18. Oktober 2021, eine Kopie der Sendungs-
verfolgung der Post sowie das Schreiben des SEM vom 13. Dezem-
ber 2021, in welchem die Vorinstanz ausführte, die Vollmachten seien ihr –
entgegen den Aussagen des Rechtsvertreters – bisher nicht zugeschickt
worden, zu den Akten (vgl. hierzu das Beweismittelverzeichnis, S. 3 und
die Beilagen 50–53).
Q.
Mit Verfügung vom 14. Februar 2022 wurde der Beschwerdeführer ange-
wiesen, innert Frist eine Einwilligungserklärung für die Einsicht in die Akten
seines Bruders (N [...]) beim SEM einzureichen und dem Gericht eine Ko-
pie zukommen zu lassen. Sodann wurde die Vorinstanz aufgefordert, nach
Erhalt der Einwilligungserklärungen (N [...] und N [...]) über die Aktenein-
sichtsgesuche zu befinden und dem Gericht eine Kopie zuzustellen.
Schliesslich wurde dem Beschwerdeführer in Aussicht gestellt, dass ihm
danach antragsgemäss die Gelegenheit gegeben wird, eine ergänzende
Stellungnahme beim Bundesverwaltungsgericht einzureichen.
R.
Mit Schreiben vom 2. März 2022 teilte der Beschwerdeführer mit, dass es
ihm nicht gelungen sei, seinen Bruder (N [...]) zu kontaktieren und eine
Einwilligungserklärung zur Einsicht in dessen Asylakten zu beschaffen. Als-
dann ersuchte er um Mitteilung, wann und aus welchen Gründen die In-
struktionsrichterin im vorliegenden Verfahren ausgetauscht worden sei, in
welchem System des Bundesverwaltungsgerichts (Bandlimat oder Juris)
diese Änderungen vorgenommen worden seien, wer diese Änderungen
vorgenommen habe und wie die übrigen Gerichtspersonen heissen wür-
den. Ausserdem sei ihm das entsprechende Dokument der aktuellen
Spruchkörperbildung offen zu legen.
S.
In ihrer Verfügung vom 8. März 2022 wies die Instruktionsrichterin das
SEM an, innert Frist über das Akteneinsichtsgesuch des Beschwerdefüh-
rers betreffend seine Schwester (N [...]) zu befinden und dem Gericht eine
Kopie zuzustellen. Ausserdem wurde dem Beschwerdeführer die Möglich-
keit eingeräumt, innert 15 Tagen ab Gewährung der Akteneinsicht durch
das SEM eine ergänzende Stellungnahme beim Gericht einzureichen.
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Seite 11
Schliesslich hielt die Instruktionsrichterin fest, dass über die weiteren An-
träge und Begehren zu einem späteren Zeitpunkt entschieden werde.
T.
In seiner Eingabe vom 13. April 2022 bestätigte der Beschwerdeführer,
dass ihm die Akten seiner Schwester (N [...]) am 29. März 2022 vom SEM
offengelegt worden seien. Ferner wiederholte er sein Ersuchen um Mittei-
lung, wann und aus welchen Gründen die Instruktionsrichterin ausge-
tauscht worden sei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes über das Bundesverwaltungsge-
richt vom 17. Juni 2005 (VGG; SR 173.32) ist das Bundesverwaltungsge-
richt zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des
Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren vom 20. Dezember 1968
(VwVG; SR 172.021) zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls
in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 105 des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 [AsylG; SR 142.31] und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bun-
desgesetzes über das Bundesgericht vom 17. Juni 2005 [BGG;
SR 173.110]).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101). In Anwendung der Übergangsbestimmungen gilt für das
vorliegende Verfahren das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.4 Am 1. Januar 2019 wurde zudem das Ausländergesetz vom 16. De-
zember 2005 (AuG; SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Auslän-
der- und Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwen-
dende Gesetzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG
übernommen worden.
1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
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Seite 12
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der Kostenvor-
schuss wurde fristgerecht bezahlt (vgl. Bst. E hiervor). Auf die Beschwerde
ist somit einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Vorab sind die vom Beschwerdeführer gestellten Anträge in Bezug auf
die Spruchkörperbildung zu behandeln.
3.2 Dem in der Beschwerde gestellten Antrag des Beschwerdeführers auf
Bekanntgabe des Spruchkörpers, der mit Hilfe eines EDV-basierten Zutei-
lungssystems generiert wurde, wurde in der Verfügung vom 13. April 2017
entsprochen, verbunden mit dem Vorbehalt, dass der Spruchkörper bei Ab-
wesenheiten Änderungen erfahren könnte (vgl. Bst. E hiervor). In der
Folge wurde er mit Verfügungen vom 11. Oktober 2021 (vgl. Bst. I.a hier-
vor) sowie vom 11. Januar 2022 (vgl. Bst. M hiervor) über die geänderte
Zusammensetzung des voraussichtlich befassten Spruchgremiums infor-
miert, wobei er diesen in seinen weiteren Eingaben nichts entgegenhielt.
Im Übrigen ist im Zusammenhang mit der Bekanntgabe der Spruchkörper-
bildung im Wesentlichen auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
D-3946/2020 vom 21. April 2022 E. 4 zu verweisen. Änderungen wurden
vorliegend aufgrund objektiver und im Voraus bestimmter Kriterien vorge-
nommen (vgl. Art. 31 Abs. 3 des Geschäftsreglements für das Bundesver-
waltungsgericht vom 17. April 2008 [VGR; SR 173.320.1]). Als objektive
Kriterien in diesem Sinne gelten Amtssprache, Beschäftigungsgrad, Belas-
tung durch die Mitarbeit in Gerichtsgremien, Vorbefassung, Kammerzu-
ständigkeit, Austritt, Erweiterung des Spruchkörpers, Ausstand, enger
Sachzusammenhang, Abwesenheit sowie Ausgleich der Belastungssitua-
tion. Der Spruchkörper wurde im Auftrag des Abteilungspräsidiums ge-
mäss Art. 31 Abs. 3 sowie Art. 32 Abs. 1 VGR generiert.
3.3 Des Weiteren wurde in der Verfügung vom 13. April 2017 auch über die
eingeforderte Bestätigung, dass der Spruchkörper nach dem Zufallsprinzip
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Seite 13
ausgewählt worden sei, befunden (vgl. Bst. E.a hiervor). Ergänzend ist da-
rauf hinzuweisen, dass dem entsprechenden Antrag im heutigen Zeitpunkt
– angesichts seitheriger Rechtsprechungsentwicklungen – keine Folge zu
geben respektive nicht darauf einzutreten wäre (vgl. Teilurteil des BVGer
D-1549/2017 vom 2. Mai 2018 [in BVGE 2019 VI/6 nicht publizierte] E. 4;
Urteil des BVGer D-1388/2018 vom 20. Juni 2019 E. 2.2).
3.4 Im Übrigen ist festzuhalten, dass die Partei oder ihr Vertreter gemäss
Art. 26 Abs. 1 VwVG Anspruch darauf haben, in ihrer Sache folgende Ak-
ten einzusehen: Eingaben von Parteien und Vernehmlassungen von Be-
hörden (Bst. a), alle als Beweismittel dienenden Aktenstücke (Bst. b) und
Niederschriften eröffneter Verfügungen (Bst. c). Das Recht auf Aktenein-
sicht gemäss VwVG bezieht sich damit grundsätzlich auf alle für die Sach-
verhaltsermittlung und Entscheidfindung erheblichen Akten. Der rubrizierte
Rechtsvertreter wurde in anderen Verfahren (vgl. hierzu etwa Urteile des
BVGer D-3427/2020 vom 7. März 2022 E. 2.2 oder D-4968/2021 vom
24. November 2021 S. 5 sowie jüngst das Grundsatzurteil D-3946/2020
vom 21. April 2022 E. 4.5) schon wiederholt darauf aufmerksam gemacht,
dass die Software des Zuteilungssystems, mit der das Bundesverwaltungs-
gericht den Spruchkörper, welcher die bei ihm eingereichten Rechtsmittel
beurteilt, generiert beziehungsweise abbildet, als solche keine das kon-
krete Verfahren betreffende Akte darstellt, in die Einsicht gewährt werden
könnte. Sie bildet weder eine Grundlage für die Entscheidfindung, noch hat
dieser Vorgang objektive Bedeutung für den zu beurteilenden Sachverhalt
oder wäre hierfür die Mitwirkung der Rechtssuchenden zweckmässig (vgl.
Grundsatzurteil D-3946/2020 vom 21. April 2022 E. 4.5.4). Damit handelt
es sich bei den entsprechenden Auszügen respektive EDV-Dateien nicht
um Akten, die dem Akteneinsichtsrecht unterstehen. Folglich ist der in der
Eingabe vom 2. März 2022 enthaltene und im Schreiben vom 13. Ap-
ril 2022 erneuerte Antrag, es sei dem Beschwerdeführer das entspre-
chende Dokument zur aktuellen Spruchkörperbildung offen zu legen, ab-
zuweisen.
4.
4.1 Der Beschwerdeführer rügte weiter eine Verletzung des Anspruchs auf
rechtliches Gehör, inklusive Begründungspflicht und Akteneinsichtsrecht,
eine Verletzung der Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhalts sowie eine unrichtige und/oder willkürliche
Beweiswürdigung. Diese formellen Rügen sind vorab zu beurteilen, da sie
allenfalls geeignet sein könnten, eine Kassation der vorinstanzlichen Ver-
fügung zu bewirken (vgl. ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI,
D-2160/2017
Seite 14
Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl.,
2013, Rz. 1043 ff. m.w.H.).
4.2
4.2.1 In der Beschwerde sowie in der Replik wurden verschiedene Verlet-
zungen des Anspruchs auf rechtliches Gehör geltend gemacht.
4.2.2 Gemäss Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) und Art. 29 VwVG ha-
ben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Dieses umfasst insbe-
sondere das Recht des Betroffenen, sich vor Erlass eines solchen Ent-
scheides zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht
in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden
und an der Erhebung wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder
sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist,
den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör um-
fasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse, die einer Partei einzuräu-
men sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Gel-
tung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1 und 144 I 11 E. 5.3;
BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.H.).
4.2.3
4.2.3.1 Der Beschwerdeführer machte zunächst geltend, das SEM habe
seinen Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt, indem es ihm keine Ein-
sicht in die vorinstanzlichen Akten A16 bis A21, A31 und A32 gewährt habe.
4.2.3.2 Aus dem Akteneinsichtsrecht, welches auf dem Anspruch auf recht-
liches Gehör fusst, folgt, dass grundsätzlich sämtliche beweiserheblichen
Akten den Beteiligten offenzulegen sind, sofern in der sie unmittelbar be-
treffenden Verfügung darauf abgestellt wird (vgl. BGE 132 V 387 E. 3.1 f.).
Die Wahrnehmung des Akteneinsichts- und Beweisführungsrechts durch
die von einer Verfügung betroffene Person setzt die Einhaltung der Akten-
führungspflicht der Verwaltung voraus, gemäss welcher die Behörden alles
in den Akten festzuhalten haben, was zur Sache gehört und für den Ent-
scheid wesentlich sein kann (vgl. BGE 130 II 473 E. 4.1 m.w.H.).
4.2.3.3 Was die verweigerte Offenlegung der vorinstanzlichen Akten A16
bis A21 sowie A31 und A32 betrifft, hat ihm das Bundesverwaltungsgericht
mit Verfügung vom 11. Oktober 2021 die Einsicht in die Aktenstücke A18,
A20, A21, A31 und A32 gewährt und bezüglich A16, A17 und A19 abge-
wiesen (vgl. Bst. I.a hiervor). Gleichzeitig erhielt er Gelegenheit Stellung zu
D-2160/2017
Seite 15
nehmen, wovon er in seiner Eingabe vom 24. November 2021 Gebrauch
gemacht hat (vgl. Bst. J hiervor). Es handelt sich bei der unterlassenen Of-
fenlegung der Akten A18, A20, A21, A31 und A32 um eine geringfügige
Verletzung des Akteneinsichtsrechts, welche mit der Edition auf Beschwer-
destufe und der Möglichkeit zur Stellungnahme durch den Beschwerdefüh-
rer als geheilt betrachtet werden kann.
4.2.4 Unter Hinweis auf das Urteil des Bundesgerichts 2C_327/2010 wurde
in der Beschwerde weiter vorgebracht, die Vorinstanz habe kein korrekt
registriertes und nummeriertes Beweismittelverzeichnis geführt. Dem An-
hörungsprotokoll vom 14. Dezember 2016 lasse sich entnehmen, dass der
Beschwerdeführer drei Beweismittel zu den Akten gereicht habe. Abgese-
hen vom UNHCR-Ausweis aus F._, seien die beiden weiteren Be-
weismittel (ein Arbeits- und ein Schülerausweis), weder im Beweismittel-
verzeichnis aufgeführt worden noch seien sie in den Akten zu finden.
Der Beschwerdeführer rügte berechtigterweise, dass das Beweismittelver-
zeichnis unvollständig und die Aktenführung damit intransparent war, weil
das SEM es unterlassen hatte, die von ihm eingereichten Beweismittel im
Verzeichnis einzeln zu erfassen. Die Praxis des SEM, Identitätspapiere und
weitere Beweismittel zum Teil regelmässig in der Sichttasche des N-Dos-
siers abzulegen, ohne zumindest Kopien derselben und allfällig davon an-
gefertigter Übersetzungen ins Akten- beziehungsweise Beweismittelver-
zeichnis aufzunehmen, widerspricht dem Gebot der transparenten Akten-
führung, auch wenn sie als solche nicht als rechtswidrig zu bezeichnen ist,
wenn die Abgabe der Beweismittel an anderer Stelle aus den Akten her-
vorgeht (vgl. SEM-Akte A19, Ziff. 4.01). Mit Verfügung vom 11. Okto-
ber 2021 wurde die Vorinstanz dementsprechend angewiesen, die in der
Sichttasche des N-Dossiers abgelegten Beweismittel zusätzlich in Kopie
im Beweismittelumschlag abzulegen, sämtliche Beweismittel ins Beweis-
mittelverzeichnis aufzunehmen, hinreichend detailliert zu beschreiben und
zu nummerieren sowie dem Beschwerdeführer danach vollständige Ein-
sicht in das ergänzte Beweismittelverzeichnis und sämtliche Beweismittel
gemäss besagtem Verzeichnis zu gewähren (vgl. Bst. I.a hiervor). In der
Folge überarbeitete das SEM das Beweismittelverzeichnis (vgl. Bst. I.b
hiervor).
4.2.5
4.2.5.1 Ferner rügte der Beschwerdeführer, die während des beratenden
Vorgesprächs geschilderten Asylgründe seien nicht protokolliert worden,
jedoch sei aus dem entsprechenden Dokument sehr wohl ersichtlich, dass
D-2160/2017
Seite 16
das SEM intern festgehalten habe, was er damals vorgebracht habe. An-
lässlich der Zweitanhörung sei er dann mit seinen Aussagen in besagten
Gespräch konfrontiert worden. Die angeblichen Widersprüche, welche sich
aus den darauffolgenden Angaben ergeben haben sollen, seien vom SEM
in der angefochtenen Verfügung zulasten der Glaubhaftigkeit seiner Aus-
sagen ausgelegt worden. Aus den Akten sei zudem nicht ersichtlich, wel-
che Rolle die damalige Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers im Rah-
men des beratenden Vorgesprächs gespielt habe und ob diese in Verlet-
zung ihrer gebotenen Unabhängigkeit und Interessenvertretung gar die Po-
sition der Vorinstanz eingenommen habe.
4.2.5.2 Gemäss Art. 16 Abs. 3 TestV konnte das SEM die Asylsuchenden
während der Vorbereitungsphase zu ihrer Identität, zum Reiseweg und
summarisch zu den Gründen befragen, warum sie ihr Land verlassen ha-
ben. Dass die Vorinstanz den Beschwerdeführer am 27. Mai 2015 zu sei-
nen Ausreisegründen befragt hat (vgl. SEM-Akte A15), ist somit in der
TestV explizit vorgesehen und nicht zu beanstanden. Dasselbe gilt für den
Umstand, dass die Vorinstanz seine Angaben gleichentags in einer inter-
nen Aktennotiz zusammengefasst hat (vgl. SEM-Akte A16). Vorliegend hat
das SEM ein zusammenfassendes, rückübersetztes Protokoll des beraten-
den Vorgespräches angefertigt, wobei dieses sowohl vom Beschwerdefüh-
rer als auch von der damaligen Rechtsvertretung unterzeichnet worden ist
(vgl. SEM-Akte A15). Anders als vom Beschwerdeführer behauptet, wurde
weder in den nachfolgenden Anhörungen noch in der angefochtenen Ver-
fügung ein Rückgriff auf die während des beratenden Vorgesprächs vorge-
brachten Asylgründe gemacht. In der ergänzenden Anhörung wurde er le-
diglich auf das im beratenden Vorgespräch protokollierte Ausreisedatum
angesprochen (vgl. SEM-Akte A35, F143) und in der angefochtenen Ver-
fügung wurde bezüglich seiner widersprüchlichen Angaben zur Zeitspanne
zwischen seiner Freilassung und seiner Ausreise aus Sri Lanka lediglich
auf die Erstbefragung respektive erste Anhörung sowie die ergänzende An-
hörung verwiesen (vgl. dort E. II, Ziff. 1, S. 4). Soweit die Rolle der damali-
gen Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers während des beratenden
Vorgesprächs in Frage gestellt wurde, sind keine Anhaltspunkte ersichtlich,
wonach diese nicht die Interessen ihres Mandanten vertreten hat. Dieses
Vorbringen erweist sich demnach als haltlos.
4.2.6
4.2.6.1 Der Beschwerdeführer machte sodann eine Verletzung des An-
spruchs auf rechtliches Gehör geltend, weil die erste Anhörung rund sieben
D-2160/2017
Seite 17
Stunden und die ergänzende Anhörung mehr als vier Stunden gedauert
habe.
4.2.6.2 Die Rechtsprechung geht davon aus, dass überlange Anhörungen
in Asylverfahren mit Blick auf Art. 29 Abs. 1 BV problematisch sein können
(vgl. Urteil des BVGer D-5017/2014 vom 7. April 2015 E. 5.2). Dies ist ins-
besondere dann der Fall, wenn die Dauer einer Anhörung für die asylsu-
chende Person eine unzumutbare Belastung darstellt und ihr dadurch ver-
unmöglicht wird, ihren Standpunkt klar darzutun. Ob die Dauer einer Anhö-
rung eine unzumutbare Belastung darstellt, lässt sich indes nur im Einzel-
fall beurteilen, wobei neben der asylsuchenden Person auch die bei Anhö-
rungen gesetzlich vorgesehene Hilfswerksvertretung (Art. 30 Abs. 1 AsylG)
diesbezügliche Einwendungen zu Protokoll geben kann (Art. 30 Abs. 4
AsylG). Dass eine Anhörung länger gedauert hat, als dies in der Weisung
des SEM vorgesehen ist, stellt für sich genommen noch keine Verletzung
von Art. 29 Abs. 1 BV dar, zumal es sich dabei um eine Verwaltungsverord-
nung ohne Aussenwirkung handelt und eine asylsuchende Person daraus
keine Rechte und Pflichten ableiten kann (vgl. Urteil des BVGer E-1652/
2016 vom 31. März 2016 E. 3.6).
4.2.6.3 In casu hat die erste Anhörung (inklusive Rückübersetzung) mehr
als sieben Stunden gedauert (von 09:15 Uhr bis 16.20 Uhr), was auf den
ersten Blick durchaus lang erscheint. Angesichts der drei Pausen (von
10:35 Uhr bis 11:00 Uhr, von 12:30 Uhr bis 13:00 Uhr und von 14:15 Uhr
bis 14:25 Uhr) war die konkrete Anhörungsdauer für den Beschwerdefüh-
rer jedoch zumutbar. Eine Durchsicht des Protokolls ergibt sodann keine
Hinweise darauf, dass der Beschwerdeführer mit fortschreitender Dauer
nicht mehr in der Lage gewesen wäre, adäquat mitzuwirken. Weder er
noch seine Rechtsvertretung oder die anwesende Hilfswerksvertretung ha-
ben entsprechende Einwände geäussert oder irgendwelche kognitiven Be-
einträchtigungen vorgebracht. Die zweite Anhörung dauerte von 13:00 Uhr
bis 17:30 Uhr und somit inklusive Rückübersetzung vier Stunden und
30 Minuten. Da während dieser Zeit von 14:35 Uhr bis 14:50 Uhr eine
Pause eingelegt wurde, nahm die eigentliche Anhörung inklusive Rück-
übersetzung nur unwesentlich mehr als vier Stunden in Anspruch. Dem An-
hörungsprotokoll sind ebenfalls keine Hinweise dafür zu entnehmen, dass
der Beschwerdeführer nicht mehr in der Lage gewesen wäre, dieser prob-
lemlos zu folgen. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs liegt deshalb
nicht vor.
D-2160/2017
Seite 18
Im Übrigen ist festzuhalten, dass auch der zeitliche Abstand zwischen den
beiden Anhörungen keine Verletzung des rechtlichen Gehörs darstellt, zu-
mal es sich bei der Empfehlung, die Anhörungen möglichst zeitnah durch-
zuführen, um keine justiziable Verfahrenspflicht handelt (vgl. Urteil des
BVGer D-6560/2016 vom 29. März 2018 E. 5.2). Der Umstand, dass die
ergänzende Anhörung erst ein Jahr und sechs Monate nach der ersten An-
hörung stattfand, ist auf die hohe Geschäftslast des SEM zurückzuführen
und stellt weder eine Verletzung des rechtlichen Gehörs noch der Abklä-
rungspflicht dar. Der Länge des zwischen den Befragungen verstrichenen
Zeitraums ist indessen bei der Würdigung der Aussagen Rechnung zu tra-
gen.
4.2.7 Eine weitere Verletzung des rechtlichen Gehörs wurde unter Verweis
auf das Gutachten von Prof. Dr. Walter Kälin mit dem Erlass der Verfügung
durch eine andere Person als diejenigen, welche die Anhörungen durchge-
führt haben, begründet.
Bei dem zitierten Rechtsgutachten handelt es sich lediglich um eine Emp-
fehlung an das SEM, aus welcher der Beschwerdeführer keine Ansprüche
ableiten kann. Dasselbe gilt für die Medienmitteilung des SEM vom
26. Mai 2014. Überdies ist nicht ersichtlich, inwiefern ihm aus der Behand-
lung seines Falles durch verschiedene Personen ein Nachteil entstanden
sein soll. Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör ergeben sich keine Vor-
gaben für die Vorinstanz, die Verfügung müsse durch die befragende Per-
son verfasst werden. Die entsprechende Rüge geht somit fehl.
4.2.8 Auch die mit Eingabe vom 24. November 2021 vorgebrachte Rüge,
das SEM verletze in willkürlicher Weise den Anspruch auf rechtliches Ge-
hör und umgehe bundesrechtliche Beweisregeln, indem es den Aussagen
seiner Mutter in seinem Asylentscheid keinerlei Beachtung geschenkt
habe, stösst ins Leere. Entgegen den Behauptungen des Beschwerdefüh-
rers ging das SEM in seiner Verfügung auf die Aussagen seiner Mutter,
welche sie im Rahmen der Botschaftsabklärung durch die Schweizerische
Vertretung in Colombo tätigte, ein (vgl. dort E. II, Ziff. 1). Damit wurde dem
Anspruch auf rechtliches Gehör genüge getan. Die Kritik am Vorgehen der
Vorinstanz ist vielmehr materiell-rechtlicher Natur. Dasselbe gilt hinsichtlich
der geltend gemachten Verletzung von Beweisregeln, die ebenfalls Gegen-
stand der materiell-rechtlichen Würdigung bilden. Des Weiteren bleibt fest-
zuhalten, dass dem Willkürverbot (Art. 9 BV) in diesem Zusammenhang
keine eigenständige Bedeutung zukommt. Vor diesem Hintergrund enthält
D-2160/2017
Seite 19
sich das Bundesverwaltungsgericht einer eigenständigen Prüfung einer
Verletzung von Art. 9 BV.
4.2.9 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Rüge, der Anspruch auf
rechtliches Gehör sei verletzt worden, mit Ausnahme des Akteneinsichts-
rechts und der Aktenführungspflicht (Beweismittelverzeichnis), nicht ge-
folgt werden kann. Der Antrag auf Rückweisung der Sache an die Vor-
instanz (Rechtsbegehren 3 der Beschwerde) ist demnach abzuweisen, zu-
mal der gerügte Mangel hinsichtlich der Gewährung der Akteneinsicht und
der Führung des Beweismittelverzeichnisses auf Beschwerdestufe geheilt
wurde.
4.3
4.3.1 In der Beschwerde wurde des Weiteren gerügt, das SEM habe mit
der angefochtenen Verfügung die Begründungspflicht verletzt.
4.3.2 Die Begründungspflicht, als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs, gebie-
tet, dass die betroffene Person den Entscheid gestützt auf die Begründung
sachgerecht anfechten kann und sich sowohl die betroffene Person als
auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild
machen können (vgl. BVGE 2007/30 E. 5.6; LORENZ KNEUBÜHLER/RAMONA
PEDRETTI, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesge-
setz über das VwVG, 2. Aufl., 2019, Rz. 5 ff. zu Art. 35 VwVG).
4.3.3 Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung ausreichend darge-
legt, weshalb es die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers ver-
neint und eine Rückkehr als zulässig und zumutbar erachtet. Damit ist das
SEM den Anforderungen an die Begründungspflicht nachgekommen. Da-
bei musste es sich nicht ausdrücklich mit jeder tatbestandlichen Behaup-
tung und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen, sondern durfte
sich auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränkten (vgl. BVGE 2008/
47 E. 3.2). Sowohl der Beschwerdeführer als auch das Bundesverwal-
tungsgericht konnten sich von der Tragweite des Entscheides und den we-
sentlichen Überlegungen des SEM in Bild machen und dem Beschwerde-
führer war es offensichtlich möglich, den Entscheid sachgerecht anzufech-
ten. Ob der Begründung der Verfügung in allen Punkten gefolgt werden
kann oder nicht, ist indes eine Frage der materiellen Beurteilung des Sach-
verhalts.
D-2160/2017
Seite 20
4.3.4 Die Vorinstanz hat beim Erlass der angefochtenen Verfügung nicht
gegen ihre Begründungspflicht verstossen. Der diesbezügliche Antrag
(Rechtsbegehren 4 der Beschwerde) ist abzuweisen.
4.4
4.4.1 In der Replik verlangte der Beschwerdeführer, die in der Beschwerde
gelten gemachten Rügen hinsichtlich der Verletzung der Begründungs-
pflicht seien zudem unter dem Blickwinkel einer unrichtigen und/oder will-
kürlichen Beweiswürdigung zu prüfen.
4.4.2 Willkür liegt gemäss Lehre und Rechtsprechung nicht schon dann
vor, wenn eine andere Lösung in Betracht zu ziehen oder sogar vorzuzie-
hen wäre, sondern nur dann, wenn ein Entscheid offensichtlich unhaltbar
ist, mit der tatsächlichen Situation in klarem Widerspruch steht, eine Norm
oder einen unumstrittenen Rechtsgrundsatz klar verletzt oder in stossen-
der Weise dem Gerechtigkeitsgedanken zuwiderläuft (vgl. JÖRG PAUL MÜL-
LER/MARKUS SCHÄFER, Grundrechte in der Schweiz, 4. Aufl., 2008, S. 11;
BGE 133 I 149 E. 3.1, m.w.H.). Dabei muss rechtsgenüglich dargelegt
werden, inwiefern die beanstandete Begründung willkürlich sein soll
(BGE 116 Ia 426 S. 428, m.w.H.).
4.4.3 Die geltend gemachte Verletzung des Willkürverbots ist nicht genü-
gend substantiiert und vorliegend auch nicht ersichtlich. Eine andere Wür-
digung des Sachverhalts als vom Beschwerdeführer gewünscht, bedeutet
jedenfalls noch keine Willkür.
4.5
4.5.1 Ferner wurde geltend gemacht, die Vorinstanz habe im Zusammen-
hang mit seinen individuellen Asylgründen und der Einschätzung der Lage
in Sri Lanka den Sacherhalt unrichtig und unvollständig abgeklärt.
4.5.2 Im Asylverfahren gilt – wie in anderen Verwaltungsverfahren auch –
der Untersuchungsgrundsatz (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG). Danach
muss die entscheidende Behörde den Sachverhalt von sich aus abklären.
Sie ist verantwortlich für die Beschaffung der für den Entscheid notwendi-
gen Unterlagen und das Abklären sämtlicher rechtsrelevanter Tatsachen
(vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 142; PATRICK KRAUSKOPF/KATRIN
EMMENEGGER/FABIO BABEY, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxis-
kommentar Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl., 2016, Rz. 20 ff. zu
Art. 12 VwVG).
D-2160/2017
Seite 21
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG, Art. 49 Bst. b
VwVG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfü-
gung ein falscher und aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachver-
halt zugrunde gelegt wurde. Unvollständig ist sie, wenn die Behörde trotz
Untersuchungsmaxime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt
oder nicht alle für die Entscheidung wesentlichen Sachumstände berück-
sichtigt hat (vgl. CHRISTOPH AUER/ANJA MARTINA BINDER, in: Auer/Mül-
ler/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwal-
tungsverfahren [VwVG], 2. Aufl., 2019, Rz. 16 zu Art. 12 VwVG).
4.5.3 Eine Prüfung der Akten ergibt, dass das SEM die individuellen Asyl-
gründe des Beschwerdeführers genügend abgeklärt hat. Wie zuvor festge-
stellt, konnte der Beschwerdeführer, der die Substantiierungslast trägt,
seine Asylgründe im Rahmen der Befragungen im vorinstanzlichen Verfah-
ren umfassend darlegen. Das SEM hielt im Sachverhalt denn auch alle
wesentlichen Sachverhaltselemente fest. Nachdem der Beschwerdeführer
nicht geltend gemacht hat, dass der angebliche Reichtum seiner Familie
ernsthafte (im Sinne von Art. 3 AsylG) Auswirkungen auf ihn oder seine Fa-
milie gehabt hat und Folternarben im Rahmen des erstinstanzlichen Ver-
fahrens nicht erwähnt, sondern erst auf Beschwerdeebene geltend ge-
macht wurden, liegt in diesem Zusammenhang keine ungenügende Sach-
verhaltsabklärung seitens des SEM vor. Das Gleiche gilt für die auf Be-
schwerdeebene dargelegten exilpolitischen Aktivitäten. Es bestand somit
auch in dieser Hinsicht für das SEM keine Veranlassung zu weiteren Ab-
klärungen. Weiter würdigte das SEM die Ausführungen des Beschwerde-
führers vor dem Hintergrund der – zum Verfügungszeitpunkt – aktuellen
Lage in Sri Lanka. Dabei war es nicht gehalten, Nachforschungen zu Par-
teibehauptungen anzustellen, die nicht im direkten Zusammenhang mit
den persönlichen Vorbringen des Beschwerdeführers stehen. Alleine der
Umstand, dass das SEM in seiner Länderpraxis zu Sri Lanka einer anderen
als vom Beschwerdeführer vertreten Linie folgt, und es aus sachlichen
Gründen zu einer anderen Würdigung der Vorbringen sowie einem ande-
ren Ergebnis bei der Risikoanalyse gelangte als von diesem verlangt, stellt
keine unvollständige und unrichtige Sachverhaltsfeststellung dar, sondern
beschlägt die Frage der materiell-rechtlichen Würdigung.
4.5.4 Im Zusammenhang mit den in der Schweiz lebenden und bereits
1991, 1998 beziehungsweise 2006 und 2002 respektive 2006 in die
Schweiz eingereister Geschwistern des Beschwerdeführers hat letzterer
D-2160/2017
Seite 22
im Rahmen der Befragung und der Anhörung nie geltend gemacht, vor sei-
ner Ausreise irgendwelche Probleme gehabt zu haben. Ausserdem brachte
er im Beschwerdeverfahren nicht konkret vor, inwiefern die Konsultation
dieser Asylakten in seinem Fall die Entscheidung beeinflussen könnte. Bei
dieser Sachlage ist nicht erkennbar, inwiefern das SEM seine Abklärungs-
pflicht in Bezug auf den familiären Hintergrund der vom Beschwerdeführer
geltend gemachten Vorbringen verletzt haben sollte. Sodann ist festzuhal-
ten, dass die Asyldossiers seiner Geschwister (N [...], N [...] und N [...]),
für die Beurteilung des vorliegenden Verfahrens beigezogen wurden, wo-
mit dem entsprechenden Prozessantrag entsprochen wurde. Des Weiteren
wurde dem Beschwerdeführer, nachdem er am 23. Mai 2017 mit der Ein-
verständniserklärung seines Bruders vollumfängliche Einsicht in dessen
Asylakten (N [...]) beantragte, Akteneinsicht gewährt. In der Folge nahm er
in der ergänzenden Stellungnahme zur Replik ausführlich Stellung
(vgl. BVGer-Akte 8). Hinsichtlich der beantragten Einsicht in die Akten der
beiden anderen Geschwister (N [...] und N [...]) ist folgendes festzuhalten:
Nachdem der Vorinstanz mit Verfügung des Bundesverwaltungsgerichts
vom 14. Februar 2022 die Erklärung betreffend Beizug der Asylakten der
Schwester des Beschwerdeführers vom 18. Oktober 2021 weitergeleitet
wurde, gewährte sie dem Beschwerdeführer am 21. März 2022 Einsicht in
deren Akten. Zu diesen nahm er mit seiner Eingabe vom 13. April 2022
Stellung (vgl. BVGer-Akte 21). Da es ihm bis dato nicht gelungen ist, eine
Einwilligungserklärung seines Bruders J._ zur Einsichtnahme in
dessen vorinstanzlichen Akten (N [...]) zu beschaffen, ist der Antrag auf
vollumfängliche Einsicht in diese Akten dementsprechend abzuweisen.
4.5.5 Bei der vorgebrachten Rüge, die Vorinstanz habe nicht berücksich-
tigt, dass er bei seiner Rückkehr nach Sri Lanka unter den gegebenen Um-
ständen mit einer Vorladung auf das sri-lankische Generalkonsulat zwecks
Beschaffung der Reisepapiere und mit einer asylrelevanten Verfolgungs-
gefahr zu rechnen habe (vgl. das eingereichte Formular zur Beschaffung
von Ersatzreisepapieren bei einer Rückschaffung, BVGer-Akte 1, Bei-
lage 7), handelt es sich nicht um bestehende Sachverhaltselemente, son-
dern um hypothetische Zukunftsszenarien. Schon aus diesem Grund kann
diesbezüglich keine ungenügende Sachverhaltsfeststellung seitens des
SEM festgestellt werden. Für spezifische Abklärungen im Zusammenhang
mit der Beschaffung von Reisepapieren bestand und besteht jedenfalls we-
nig Veranlassung. Auch die Rüge unter Bezugnahme auf einen in der
Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) am Sonntag vom (...) 2016 veröffentlichen
Bericht (vgl. BVGer-Akte 1, Beilage 8) läuft ins Leere. Die Ausführungen zu
den Ereignissen bei den Ausschaffungen vom (...) 2016 betreffen nicht die
D-2160/2017
Seite 23
Erstellung, sondern die materielle Würdigung des rechtserheblichen Sach-
verhalts. Die Vorgehensweise der Vorinstanz ist nicht zu beanstanden. Der
rechtserhebliche Sachverhalt wurde demnach richtig und vollständig fest-
gestellt.
4.5.6 Schliesslich ist auch die Rüge, das SEM habe die Risikofaktoren im
Sinne des Referenzurteils E-1866/2015 nicht gemäss der aktuellen Recht-
sprechung geprüft, sondern sich an einer veralteten Rechtsprechung und
seinem Lagebild vom 16. August 2016 orientiert (vgl. hierzu BVGer-Akte 1,
Beilagen 10 und 11), unberechtigt. Auch hier vermengt der Beschwerde-
führer die Frage der Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts mit
der Frage der rechtlichen Würdigung der Sache. Alleine der Umstand, dass
das SEM zum einen in seiner Länderpraxis zu Sri Lanka einer anderen
Linie folgt und diese auf andere Quellen stützt, als vom Beschwerdeführer
vertreten, und es zum anderen aus sachlichen Gründen zu einer anderen
Würdigung der Gesuchsvorbringen gelangt, als von diesem verlangt,
spricht nicht für eine ungenügende Sachverhaltsfeststellung (dasselbe gilt
in Bezug auf die Begründungspflicht; vgl. E. 4.3.3 hiervor). Eine unvollstän-
dige oder unrichtige Sachverhaltserstellung kann nicht erkannt werden.
Hinsichtlich der seitens des Beschwerdeführers auf Beschwerdeebene
konkret geltend gemachten Risikofaktoren wird auf die nachfolgende Prü-
fung der Asylvorbringen verwiesen.
4.5.7 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der rechtserhebliche Sach-
verhalt als erstellt zu erachten ist, weshalb auch dieser Rückweisungsan-
trag (Rechtsbegehren 5 der Beschwerde) abzuweisen ist.
4.6 Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass das SEM das Asylverfahren
gesetzeskonform durchgeführt hat. Die formellen Rügen erweisen sich als
unbegründet.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer stellte im Laufe des Beschwerdeverfahrens für
den Fall einer materiellen Beurteilung seiner Beschwerde durch das Bun-
desverwaltungsgericht mehrere Beweisanträge (vgl. BVGer-Akten 1,
Ziff. 6, S. 36 f., 8, S. 3 und 11, S. 9).
5.2 Die Anträge betreffend Akteneinsicht, Führung eines korrekten Beweis-
mittelverzeichnisses, Ansetzung einer angemessenen Frist zur Einrei-
D-2160/2017
Seite 24
chung einer Beschwerdeergänzung sowie betreffend Beizug der und Ein-
sicht in die Asyldossiers seiner Geschwister sind gegenstandslos gewor-
den (vgl. E. 4.2.3, E. 4.2.4 und E. 4.5.4 hiervor).
5.3 Soweit in der Beschwerde um Ansetzung einer Frist zur Einreichung
von Fotos seiner Narben ersucht wurde, ist festzuhalten, dass sich der Be-
schwerdeführer seit (...) 2015 in der Schweiz aufhält und damit genügend
Möglichkeit und aufgrund seiner Mitwirkungspflicht gemäss Art. 8 AsylG
auch die Pflicht zur Einreichung entsprechender Beweismittel gehabt hätte.
Nachdem er mit Verfügung vom 16. Mai 2017 aufgefordert wurde, eine
Replik und entsprechende Beweismittel einzureichen (vgl. BVGer-Akte 6)
und er daraufhin unter anderem drei Fotos von seinen Narben zu den Akten
reichte (vgl. BVGer-Akte 7, Beilage 22), erweist sich der diesbezügliche
Antrag ebenfalls als gegenstandslos.
5.4 Sodann ist auch der Antrag, es sei dem Beschwerdeführer eine ange-
messene Frist zur Beibringung von Beweismittel zu seinem exilpolitischen
Engagement anzusetzen, durch die mit Eingabe vom 24. November 2021
eingereichten Fotografien (vgl. BVGer-Akte 11, Beweismittel 45) gegen-
standslos geworden.
5.5 Der Antrag, der Beschwerdeführer sei durch eine Fachperson, welche
über genügend Länderhintergrundinformationen verfüge, erneut ausführ-
lich zu seinen Asylgründen anzuhören ist ebenfalls abzuweisen. Der Be-
schwerdeführer wurde zweimal (vgl. SEM-Akten A24 und A35) eingehend
zu seinen Asylgründen angehört und hatte somit genügend Gelegenheit,
seine Vorbringen vollständig und substantiiert darzulegen. Zudem ist der
Sachverhalt – wie bereits dargelegt (vgl. vorstehend E. 4.5) – als hinrei-
chend erstellt zu erachten und er konnte im Beschwerdeverfahren Ergän-
zungen und Berichtigungen anbringen sowie weitere Beweismittel nach-
reichen, weswegen keine erneute Anhörung angezeigt ist (vgl. auch
Art. 32 VwVG).
5.6 Schliesslich ist auch der Antrag, es sei eine mündliche Parteiverhand-
lung durchzuführen, abzuweisen. Im Beschwerdeverfahren in Asylsachen
besteht kein Anspruch auf eine öffentliche Parteiverhandlung, da weder
das AsylG noch das VwVG einen solchen vorsehen und keine zivil- oder
strafrechtliche Angelegenheit im Sinne von Art. 6 Abs. 1 der Konvention
zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK; SR 0.101)
zu klären ist (vgl. Art. 40 Abs. 1 VGG).
D-2160/2017
Seite 25
6.
6.1 Im vorliegend zu beurteilenden Fall ist umstritten, ob die Vorinstanz zu
Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein
Asylgesuch abgelehnt hat.
6.2 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungs-
gericht hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in
verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Da-
rauf kann hier verwiesen werden (vgl. beispielsweise BVGE 2015/3
E. 6.5.1, 2013/11 E. 5.1, 2012/5 E. 2.2 sowie 2010/57 E. 2.2 f., jeweils
m.w.H.).
6.4 Wer sich darauf beruft, dass durch seine Ausreise aus dem Heimat-
oder Herkunftsstaat oder wegen seines Verhaltens nach der Ausreise eine
Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht sogenannte sub-
jektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend. Subjektive
Nachfluchtgründe begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von
Art. 3 AsylG, führen jedoch nach Art. 54 AsylG zum Ausschluss von Asyl,
unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich ge-
setzt wurden (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). Stattdessen werden Personen,
die subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen kön-
nen, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen.
D-2160/2017
Seite 26
7.
7.1 Die Vorinstanz gelangte in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers würden weder den Anforderungen
an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG standhalten. Zur Begründung
führte sie im Wesentlichen aus, die Aussagen des Beschwerdeführers, wo-
nach er verdächtigt worden sei, drei tamilische LTTE-Helfer beherbergt zu
haben, und infolgedessen zwei Mal verhaftet und dabei misshandelt wor-
den zu sein, seien logisch nicht nachvollziehbar. So habe er nicht plausibel
erklären können, warum seine Mutter und er ausgerechnet Tamilen als Un-
termieter hätten haben wollen, zumal sie damit hätten rechnen müssen,
dass es sich bei ihnen um LTTE-Helfer handeln könnte. Weiter sei im Falle
der Verhaftung von drei mutmasslichen Terrorristen davon auszugehen,
dass die sri-lankischen Behörden einen Durchsuchungsbefehl gehabt und
dem Beschwerdeführer nicht gleich beim Eindringen in dessen Wohnung
mitgeteilt hätten, er werde ebenfalls verdächtigt, die LTTE zu unterstützen.
Ausserdem sei nicht nachvollziehbar, weshalb die Beamten ihn bei einem
Terrorismusverdacht nicht in ihr Quartier oder zur zuständigen Einheit ge-
bracht hätten, sondern ihn ohnmächtig geschlagen und dann an einen un-
bekannten Ort gebracht haben sollen. Sodann habe er nicht plausibel er-
klären können, warum er aufgrund seines Passes bei der Rückkehr nach
Sri Lanka verdächtigt worden sei, zumal er legal ausgereist sei. Überdies
sei nicht nachvollziehbar, weshalb die Behörden ihn direkt nach seiner Frei-
lassung im (...) 2015 etliche Male innert kürzester Zeit aufsuchen und vor-
laden sollten, obwohl er davor monatelang intensiv befragt worden sei. Des
Weiteren sei der Beschwerdeführer nicht in der Lage gewesen, seine In-
haftierungen in den Jahren 2013 und 2015 konkret und differenziert darzu-
stellen. Die Beschreibung der Räume sei klischeehaft ausgefallen und die
Schilderung des Gefängnisalltags würden keine lebenstypischen Differen-
zierungen und Details enthalten. Auch zu den zahlreichen Verhören habe
er nur vage Aussagen gemacht. Ebenso wenig sei es ihm gelungen, die
Ereignisse auf dem Polizeiposten in L._ konkret zu beschreiben.
Alsdann würden bezüglich dem Zeitpunkt seines letzten Verhörs vor seiner
Freilassung im Jahr 2015 sowie der Zeitspanne zwischen seiner Freilas-
sung im Jahr 2015 und seiner Flucht aus Sri Lanka Widersprüche beste-
hen, welche er nicht überzeugend habe auflösen können. Die Botschafts-
abklärung habe schliesslich die Unglaubhaftigkeit seiner Vorbringen bestä-
tigt, da sich zwischen seinen Aussagen und denjenigen seiner Mutter zahl-
reiche Ungereimtheiten ergeben hätten. Insgesamt habe der Beschwerde-
führer nicht glaubhaft machen können, vor der Ausreise asylrelevanten
Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen zu sein. Vielmehr sei er bis
D-2160/2017
Seite 27
im (...) 2015, also nach Kriegsende noch vier beziehungsweise sechs
Jahre, in Sri Lanka wohnhaft gewesen. Allfällige, im Zeitpunkt seiner Aus-
reise bestehenden Risikofaktoren hätten folglich kein Verfolgungsinteresse
seitens der sri-lankischen Behörden auszulösen vermocht. Aufgrund der
Aktenlage sei nicht ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr nach Sri
Lanka nunmehr in den Fokus der sri-lankischen Behörden geraten und in
asylrelevanter Weise verfolgt werden sollte.
7.2 In der Beschwerde wurde in Bezug auf die Glaubhaftigkeit der Vorbrin-
gen zunächst ausgeführt, die drei tamilischen Mieter seien von einem Im-
mobilienmakler vermittelt worden, weshalb der Beschwerdeführer davon
ausgegangen sei, dass der Hintergrund dieser Personen abgeklärt worden
sei. Spätestens nach der Ausstellung der Polizeibestätigung hätte er je-
doch annehmen dürfen, dass sie behördlich nicht verdächtigt oder gesucht
worden seien. Zudem habe er klar vorgebracht, dass er tamilische Mieter
bevorzugt habe, weil er als Tamile in einem singhalesischen Gebiet nur
einen schlechteren Stand gehabt hätte und sich gegenüber singhalesi-
schen Mietern nicht hätten durchsetzen können respektive mit Problemen
hätte rechnen müssen. Hinsichtlich der von der Vorinstanz vertretenen An-
sicht, wonach man bei allen Tamilen aus dem Norden damit rechnen
müsse, dass es sich bei diesen um LTTE-Helfer handle, sei dies als absolut
unbegründete Unterstellung zu qualifizieren. Soweit für das SEM das Ver-
halten der Beamten anlässlich der Festnahme des Beschwerdeführers
nicht nachvollziehbar sei, sei entgegen zu halten, dass ein Verfolgter die
Beweggründe und Motive seiner Verfolger nicht kennen könne und müsse.
Zudem würden die vorinstanzlichen Ausführungen gesicherten Erkenntnis-
sen zur Situation in Sri Lanka widersprechen, denn die sri-lankischen Si-
cherheitskräfte würden sich gerade bei der Verfolgung von Terrorismusver-
dächtigen nicht an die legalen Schranken halten. Ausserdem schliesse
eine legale Ausreise aus Sri Lanka nicht aus, dass bei einer Rückkehr mit
Problemen gerechnet werden müsse, zumal bekannt sei, dass gerade Per-
sonen, die im Zusammenhang mit einem Verdacht auf LTTE-Unterstützun-
gen inhaftiert worden seien in Sri Lanka einer erhöhten behördlichen Über-
wachung ausgesetzt seien. Hinsichtlich des Vorhalts des SEM, er habe
seine Inhaftierungen nur wenig konkret, detaillierten und differenziert vor-
gebracht, sei auf den Umfang der Befragungsprotokolle und insbesondere
auf die Länge seiner freien Erzählungen zu verweisen, welche einen An-
haltspunkt für seine ausführlichen, detaillierten und substantiierten Anga-
ben bilden würden. Ferner würden seine Schilderungen dank der wieder-
gegebenen freien Rede, der zahlreichen kleinen und unwichtigen Details,
D-2160/2017
Seite 28
seinen mehrmaligen Emotionsausbrüchen aber auch aufgrund der teil-
weise anachronischen Erzählweise extrem glaubhaft ausfallen. Das SEM
werfe ihm sodann vor, seine Vorbringen bezüglich seines Aufenthalts in Sri
Lanka nach seiner Freilassung im Jahr 2015 sowie bezüglich des Zeitpunk-
tes des letzten Verhörs vor dieser Freilassung seien widersprüchlich aus-
gefallen. Angesichts dessen, dass die ergänzende Anhörung hauptsäch-
lich deswegen durchgeführt worden sei, damit überprüft werden könne, ob
im Vergleich zur ersten Anhörung Widersprüche resultieren würden, der
Länge der beiden vertieften Befragungen und deren zeitlichen Distanz,
seien die kleineren zeitlichen Abweichungen von einigen Tagen vernach-
lässigbar. Insoweit die Vorinstanz schliesslich aufgrund der Resultate der
Botschaftsabklärung und insbesondere der Befragung seiner Mutter auf
die Unglaubhaftigkeit seiner Vorbringen schliesse, sei festzuhalten, dass
seine Mutter keine direkte Zeugin sei, da sie die meisten Informationen zu
seinen Problemen über das Höhensagen erhalten habe. Weiter sei ange-
sichts ihres Gesundheitszustands stark anzuzweifeln, dass von der Ver-
lässlichkeit ihrer Aussagen ausgegangen werden könne. Ferner wurde da-
rauf hingewiesen, dass der Beschwerdeführer zahlreiche der im Referenz-
urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15 Juli 2016 defi-
nierten Risikofaktoren, die zur Annahme einer begründeten Furcht bei ei-
ner Rückkehr nach Sri Lanka führen müssten, erfülle: behördlicher Ver-
dacht der LTTE-Unterstützung, Reflexverfolgung wegen seines familiären
Hintergrunds, Wahrscheinlichkeit der Registrierung auf einer "Stop- oder
Watch-List", langjähriger Aufenthalt in der Schweiz und damit einem tami-
lischen Diasporazentrum, Folternarben, Fehlen von gültigen Einreisepa-
pieren und Reichtum der Familie. Bei dieser Konstellation würde es bei
einer allfälligen Rückkehr nach Sri Lanka am Flughafen in Colombo zu ei-
ner näheren Überprüfung des Beschwerdeführers kommen, was entweder
am Flughafen oder zu einem späteren Zeitpunkt zu einer Verhaftung mit
den entsprechenden asylrelevanten Folgen führen würde.
7.3 In ihrer Vernehmlassung führte die Vorinstanz aus, Narben könnten
zahlreiche Ursachen haben und müssten nicht im Zusammenhang mit den
vom Beschwerdeführer geltend gemachten Vorbringen stehen. Ausserdem
würden Narben für sich alleine gemäss bundesverwaltungsgerichtlicher
Rechtsprechung kein Risikoprofil darstellen. Da der Beschwerdeführer
nicht habe glaubhaft machen können, dass er in Sri Lanka asylrelevante
Probleme gehabt habe, würden allfälligen nachgereichten Bildern von Nar-
ben deshalb kein Beweiswert zukommen. Zur angeblichen Gefährdung
durch den Aufenthalt von Verwandten in der Schweiz sei zu betonen, dass
D-2160/2017
Seite 29
die Asylgesuche seiner Geschwister abgelehnt und diese lediglich aus hu-
manitären Gründen vorläufig aufgenommen worden seien beziehungs-
weise Aufenthaltsbewilligungen erhalten hätten. Da die Ausreisen seiner
Familienangehörigen schon viele Jahre zurückliegen würden, sie demnach
in den letzten Jahren keine politischen Aktivitäten in Sri Lanka ausgeübt
hätten, bestünde auch bezüglich der Verwandtschaft des Beschwerdefüh-
rers kein Risikofaktor bei einer Rückkehr. Weiter werde er nicht durch die
Behauptung, dass seine Familie in Sri Lanka reich sei, gefährdet, zumal er
nicht glaubhaft habe machen können, dass er deshalb Probleme vor seiner
Ausreise gehabt habe.
7.4 Mit der Replik reichte der Beschwerdeführer drei Fotos von seinen Nar-
ben zu den Akten (vgl. BVGer-Akte 7, Beilage 22) und brachte vor, dass
damit zweifelsfrei belegt werde, dass er über solche verfüge. Weiter sei
klar, dass diese – unabhängig von deren Entstehungsgeschichte – bei ei-
ner Rückkehr nach Sri Lanka anlässlich der Befragung durch die Polizei,
den CID und der Terrorism Investigation Division (TID) zu Fragen und an-
schliessend zu seiner Verfolgung führen würden. Ausserdem reichte er un-
ter anderem einen ärztlichen Bericht betreffend seine Mutter vom (...) 2017
ins Recht (vgl. BVGer-Akte 7, Beilage 23), aus welchem hervorgehe, dass
sie an einem (...), einer (...) und einer (...) leide. Angesichts ihrer gesund-
heitlichen Beschwerden sei davon auszugehen, dass die Abklärung des
SEM zwangsläufig Fehlergebnisse aufweisen würde und dementspre-
chend auch in fragwürdigem Licht erscheine. Ferner wurden die aktuellen
Entwicklungen in Sri Lanka mit Verweis auf zahlreiche allgemeine Berichte
erläutert (vgl. BVGer-Akte 7, Beilagen 25 bis 49).
7.5 In der ergänzenden Stellungnahme vom 28. Juni 2017 wurde ausge-
führt, beim älteren Bruder des Beschwerdeführers, I._ (N [...]),
handle es sich um einen Zwangsrekrutierten der LTTE, welcher nicht nur
administrativ, sondern beim Kampf gegen die sri-lankischen Behörden im
weitesten Sinne mitgewirkt habe. Der Umstand, dass er zur LTTE-Unter-
stützung gezwungen worden sei, schmälere die Relevanz seiner Tätigkei-
ten in keiner Weise, denn die sri-lankischen Behörden würden eine er-
zwungen LTTE-Unterstützung gleich werten, wie wenn sie auf freiwilliger
Basis erfolgt wäre. Weil der Beschwerdeführer damit in seiner nahen Ver-
wandtschaft eine Verbindung zur LTTE aufweise, erfülle er klarerweise die
Risikofaktoren bundesgerichtlicher Praxis und wäre bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt. Des Weiteren
machte er geltend, er habe sich in der Schweiz exilpolitisch betätigt.
D-2160/2017
Seite 30
7.6 Mit Eingabe vom 24. November 2021 brachte der Beschwerdeführer
vor, aus der Botschaftsabklärung ergebe sich, dass die Erzählung der Mut-
ter mit seinen relevanten Vorbringen übereinstimmen würden. Damit sei
der ungerechtfertigte Vorwurf des SEM, wonach seine Verfolgungsge-
schichte unglaubhaft sei, widerlegt. Des Weiteren habe er sich mittlerweile
in der Schweiz zu einem LTTE-Unterstützer entwickelt und an pro-tamili-
schen Demonstrationen teilgenommen. Aus den eingereichten Fotos sei
klar erkennbar, dass er sich für den tamilischen Separatismus und die Wie-
derbelebung der LTTE eingesetzt habe. Ferner wies er auf eine erneute
Verschlechterung der Sicherheits- und Menschenrechtslage in Sri Lanka
hin.
7.7 Nach Offenlegung der Akten seiner Schwester führte der Beschwerde-
führer in seiner Eingabe vom 13. April 2022 aus, dass sich daraus für das
vorliegende Beschwerdeverfahren explizit keine zusätzlichen rechtserheb-
lichen Erkenntnisse ergeben würden. Nichtsdestotrotz sei zu berücksichti-
gen, dass seine Geschwister in der Schweiz leben würden und hier Schutz
erhalten hätten.
8.
8.1 Im Folgenden ist zu prüfen, ob die Vorbringen des Beschwerdeführers
geeignet sind, eine asylrelevante Verfolgung nachzuweisen oder zumin-
dest glaubhaft zu machen.
8.2 Vorab ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer – entgegen der An-
sicht der Vorinstanz – durchaus nachvollziehbar erklären konnte, weshalb
er und seine Mutter Tamilen als Untermieter bevorzugt hätten. So erklärte
er auf entsprechende Nachfrage, dass sie als Tamilen in einem singhalesi-
schen Gebiet zur Minderheit gehört hätten und sich gegenüber einem sin-
ghalesischen Mieter nicht hätten durchsetzen können respektive mit Prob-
lemen hätten rechnen müssen (vgl. SEM-Akte A35, F26–29). Da ihnen die
drei Mieter von einem Immobilienbroker vermittelt wurden (vgl. SEM-Ak-
ten A24, F66 und A35, F26) und sie diese vorschriftsgemäss bei der Polizei
angemeldet hatten (vgl. SEM-Akten A25, F64 und A35, F30 f.), mussten
sie nicht damit rechnen, dass es sich bei diesen um LTTE-Helfer handelte.
8.3 Demgegenüber konnte der Beschwerdeführer, welcher eigenen Anga-
ben zufolge selber nie für die LTTE oder eine mit ihr verwandten Organisa-
tion tätig war (vgl. SEM-Akte A25, F167), nicht glaubhaft machen, dass er
im Zusammenhang mit den ihm unterstellten LTTE-Verbindungen am
(...) 2013 erstmals inhaftiert wurde. Zwar ist ihm insoweit zuzustimmen, als
D-2160/2017
Seite 31
ihm gemäss bundesverwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung ein allfällig
unlogisches oder inkohärentes Verhalten seiner Verfolger nur mit grosser
Zurückhaltung angelastet werden kann (vgl. zur Zurückhaltung beim Krite-
rium der Plausibilität von Verfolgungshandlungen Urteil des BVGer D-
7912/2016 vom 12. Februar 2015 E. 5.1 m.w.H.). Die Argumentation der
Vorinstanz bezüglich der Vorgehensweise bei der Hausdurchsuchung und
der anschliessenden Festnahme bleibt damit ohne entscheidendes Ge-
wicht, weil sich über die übliche Vorgehensweise der sri-lankischen Sicher-
heitsbehörden in solchen Fällen nur mutmassen lässt. Der Beschwerde-
führer war allerdings nicht in der Lage, seine zweiwöchige Inhaftierung
überzeugend darzulegen. So vermochte er weder ausführliche Angaben zu
den Räumlichkeiten, in welchen er festgehalten wurde (vgl. SEM-
Akte A24, F74 und F76) noch zum Tagesablauf (vgl. SEM-Akte A24,
F78 f.) zu machen. Seine Beschreibungen der Haftbedingungen lassen je-
denfalls nicht den Eindruck entstehen, als dass er die Ereignisse tatsäch-
lich durchlebt hätte. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann auf die zu-
treffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung des SEM verwie-
sen werden (vgl. dort E. II, Ziff. 1, S. 4). Zwar brachte er anlässlich der Be-
fragungen übereinstimmend vor, während seiner Haft vier Mal befragt wor-
den zu sein, wobei das zweite Verhör besonders schlimm für ihn gewesen
sei, weil die befragende Person streng gewesen sei und ihn getreten habe
(vgl. SEM-Akten A24, F83 und F87 sowie A35, F52 und F55). Zudem be-
schrieb er die Kleidung seines ersten Befragers detailliert (vgl. SEM-Ak-
ten A24, F85 und A35, F53). Insgesamt blieben seine Ausführungen zu den
Befragungen jedoch oberflächlich, enthielten keine weiteren wesentlichen
Details und liessen den persönlichen Bezug vermissen. Sodann bestehen
hinsichtlich seiner Freilassung Unstimmigkeiten, denn in der ersten Anhö-
rung gab er an, er habe eine weite Strecke laufen müssen (vgl. SEM-
Akte A24, F89), wohingegen er in der zweiten Anhörung vorbrachte, er
habe nur eine kurze Strecke zu Fuss gehen müssen und sei dann zehn
Minuten mit dem Fahrzeug transportiert worden (vgl. SEM-Akte A35, F56).
Des Weiteren fielen seine Schilderungen zur anschliessenden behördli-
chen Überwachung bis zu seiner Ausreise am (...) 2013 nicht nur inkonsis-
tent, sondern auch oberflächlich und vage aus. So gab er in der ersten
Anhörung an, er habe nach seiner Freilassung häufig festgestellt, dass er
von unbekannten CID-Leuten verfolgt worden sei und zu Befragungen bei
der Polizei habe erscheinen müssen (vgl. SEM-Akte A25, F64 und F94). In
der ergänzenden Anhörung gab er diesbezüglich zu Protokoll, nach seiner
Haftentlassung seien Angehörige des CID immer wieder zu ihm nach
Hause gekommen und hätten ihn auch einige Male auf der Strasse ange-
D-2160/2017
Seite 32
halten. Ferner konnte er seine Festnahme und seinen eintägigen Aufent-
halt auf dem Polizeiposten in L._ nicht substantiiert darlegen
(vgl. SEM-Akten A25, F95 f. und A35, F77 ff.), weshalb diesem die Glaub-
haftigkeit abzusprechen ist. Sodann widerspricht es der allgemeinen Erfah-
rung, dass sich der Beschwerdeführer, welcher unter Beobachtung der sri-
lankischen Behörden gestanden haben soll, keine Gedanken über mögli-
che Konsequenzen machte, als er sich entschloss, Sri Lanka in Richtung
F._ zu verlassen (vgl. SEM-Akte A35, F82 f.). Die Tatsache, dass
er mit einem gültigen (...) Visum und seinem eigenen Reisepass per Flug-
zeug nach F._ ausreisen konnte, spricht jedenfalls gegen ein be-
stehendes Verfolgungsinteresse der sri-lankischen Behörden. Hätten die
sri-lankischen Behörden ein Verfolgungsinteresse an ihm gehabt, wäre
dies wohl kaum möglich gewesen, zumal eine Ausreise über den Flughafen
elektronisch registriert wird (vgl. hierzu beispielsweise Urteil des BVGer
D-5848/2016 vom 4. September 2017 E. 6.4.2). Im Übrigen spricht auch
seine Rückkehr im (...) 2015 gegen eine subjektive Verfolgungsfurcht, da
zu bezweifeln ist, dass sich eine tatsächlich verfolgte Person bedenkenlos
und willentlich wieder in den Machtbereich des verfolgten Staates begeben
würde.
8.4 Dadurch, dass der Beschwerdeführer nicht glaubhaft machen konnte,
vor seiner Ausreise nach F._ wegen seinen Verbindungen zu LTTE-
Helfer ins Visier der sri-lankischen Polizei geraten zu sein, ist folglich auch
der geltend gemachten Festnahme am Flughafen nach seiner Wiederein-
reise am (...) 2015 die Grundlage entzogen. Ergänzend ist festzustellen,
dass er die Umstände seiner Festnahme am Flughafen in E._ nach
der Passkontrolle nur oberflächlich wiedergab (vgl. SEM-Akten A24, F64
und F99–F104 sowie A35, F88 f.). Seine Angaben zum Alltag in Gefangen-
schaft fielen ebenfalls wenig substantiiert aus und lassen insbesondere
persönlich geprägte Eindrücke vermissen (vgl. SEM-Akte A24, F64,
F122 f., F128–132 und F149 f.), was bei einer angeblich durchgestande-
nen zweimonatigen Haft durchaus zu erwarten gewesen wäre. Ebenso
schilderte er die insgesamt 14 Verhöre während seiner Haft weitgehend
gehaltlos und ohne persönlich geprägte Realkennzeichen (vgl. SEM-Ak-
ten A24, F64 und F133–F147 sowie A35, F100 f., F103 f.). Dabei wäre zu
erwarten gewesen, dass er detailliert, emotionsbehaftet und erlebnisba-
siert vom (inhaltlichen) Verlauf der Befragungen, den dabei erlittenen Miss-
handlungen sowie seinen Peinigern hätte berichten können, wenn er die
Ereignisse tatsächlich auf die geschilderte Art und Weise erlebt hätte. Wie
das SEM in der angefochtenen Verfügung zutreffend festhielt, erscheint es
zudem unwahrscheinlich, dass er direkt nach seiner Freilassung von der
D-2160/2017
Seite 33
Spezialeinheit der sri-lankischen Polizei aufgesucht und zu weiteren Befra-
gungen vorgeladen worden sein soll, obwohl er zuvor zwei Monate lang
festgehalten und wiederholt unter Gewaltanwendung befragt worden sein
soll. Insofern als er die Vermutung äusserte, die sri-lankischen Behörden
hätten – nachdem für seine Freilassungen bereits zwei Mal Bestechungs-
geld bezahlt worden sei – noch mehr Geld gewollt (vgl. SEM-Akten A25,
F125 sowie A35, F132 und F179), ist entgegen zu halten, dass er nach
seiner Haftentlassung gemäss Aktenlage weder erpresst noch bedroht
wurde. Diesfalls wäre – unter Vorbehalt der Glaubhaftigkeit – ohnehin da-
von auszugehen, dass es sich nicht um eine Verfolgung durch staatliche
Behörden, sondern vielmehr um die kriminelle Tat von Privatpersonen, wel-
che sich dadurch unrechtmässig bereichern wollten, handelt. Ein asylrele-
vantes Motiv könnte darin jedenfalls nicht erblickt werden. Sodann fielen
die Angaben des Beschwerdeführers zur Zeitspanne zwischen seiner Frei-
lassung bis zu seiner Ausreise widersprüchlich aus. In der Anhörung er-
klärte er, er habe nach seiner Haftentlassung noch vier Tage in Sri Lanka
verbracht (vgl. SEM-Akte A24, F64 und F161), wohingegen er in der zwei-
ten Anhörung angegeben habe, zwei oder drei Wochen in Sri Lanka gelebt
zu haben (vgl. SEM-Akte A35, F139). Als er mit seinen widersprüchlichen
Aussagen konfrontiert wurde, vermochte er diese nicht aufzulösen, son-
dern verstrickte sich in weitere Ungereimtheiten (vgl. SEM-Akte A35,
F141–F147). Soweit in der Beschwerde argumentiert wurde, dass es sich
lediglich um eine unbedeutende Abweichung handle und zwischen den An-
hörungen mehr als eineinhalb Jahre liegen würden, ist entgegen zu halten,
dass es sich hierbei durchaus um eine gravierende Unstimmigkeit handelt,
welche nicht nur ein nebensächliches Element des Sachvortrages des Be-
schwerdeführers betrifft. Alsdann wurde offenbar bis heute nicht offiziell
nach ihm gesucht, und es wurde auch kein Strafverfahren gegen ihn ein-
geleitet; es lag insbesondere offenbar weder ein Haftbefehl gegen ihn vor
noch wurde an seine Adresse eine Vorladung für eine weitere Befragung
geschickt. Zwar gab er an, von seinem in Sri Lanka lebenden Freund, mit
welchem er weiterhin in Kontakt stehe, erfahren zu haben, dass in seinem
Heimatland weiterhin nach ihm gesucht werde (vgl. SEM-Akte A24, F27),
allerdings legte er hierfür keine Beweise vor.
8.5 Bezüglich der Botschaftsabklärung sieht das Gericht keinen Anlass, die
Zuverlässigkeit der Ergebnisse in Zweifel zu ziehen. Dennoch sind die Aus-
sagen der Mutter des Beschwerdeführers als Gefälligkeit zu qualifizieren,
da es sich bei ihr um eine dem Beschwerdeführer nahestehenden Person
handelt. Weiter räumte der Beschwerdeführer selber ein, dass sie seine
Probleme nur vom Hörensagen her kenne und an Gedächtnisschwächen
D-2160/2017
Seite 34
leide, weshalb sie keine taugliche Zeugin sei (vgl. BVGer-Akte 1, S. 9 und
7, S. 5 f.). Vor diesem Hintergrund vermag die Botschaftsabklärung auf-
grund des beschränkten Beweiswerts der Aussagen der Mutter des Be-
schwerdeführers die geltend gemachte Gefährdungslage nicht zu stützen.
Zudem gab seine Mutter zwar den Kerngehalt seiner Verfolgungsge-
schichte übereinstimmend wieder, ihre Angaben enthielten jedoch auch
Ungereimtheiten, welche der Beschwerdeführer weder in der ergänzenden
Anhörung (vgl. SEM-Akte A35, F162–F175) noch auf Beschwerdeebene
(vgl. BVGer-Akte 11, S. 2 ff.) plausibel aufklären konnte. Um Wiederholun-
gen zu vermeiden, ist auf die entsprechenden Ausführungen in der ange-
fochtenen Verfügung des SEM zu verweisen (vgl. dort E. II, Ziff. 1, S. 4).
8.6 Schliesslich sind die weiteren eingereichten Beweismittel in Form von
Berichten, welche die allgemeine Situation in Sri Lanka und nicht die kon-
krete Gefährdung des Beschwerdeführers betreffen, nicht geeignet, die
soeben gezogenen Schlüsse umzustossen. Auch aus den in der Be-
schwerde geltend gemachten Ereignissen rund um den Ausschaffungsflug
vom (...) 2016 und der Kritik an der Praxis des SEM sowie an der Recht-
sprechung des Bundesverwaltungsgerichts bezüglich Rückschaffungen
nach Sri Lanka kann nichts zugunsten der konkreten Situation des Be-
schwerdeführers abgeleitet werden (vgl. hierzu insbesondere
BVGE 2017/6 E. 4.3.3).
8.7 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer
nicht gelungen ist, eine im Zeitpunkt seiner Ausreise bestehende Verfol-
gung durch die sri-lankischen Behörden nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen.
9.
9.1 Es bleibt zu prüfen, ob dem Beschwerdeführer trotz fehlender Verfol-
gung bei einer Rückkehr nach Sri Lanka wegen des Bestehens eines Risi-
koprofils aus anderen Gründen ernsthafte Nachteile im Sinne von
Art. 3 AsylG drohen würden, weshalb seine Flüchtlingseigenschaft wegen
(subjektiver oder objektiver Nachfluchtgründe) anzuerkennen respektive
ihm Asyl zu gewähren wäre.
9.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 eine Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri
Lanka vorgenommen und festgestellt, dass aus Europa respektive der
Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer
ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien
D-2160/2017
Seite 35
(vgl. a.a.O. E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung des Ri-
sikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaf-
tung und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei han-
delt es sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeintli-
chen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, um die Teil-
nahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen und um das Vorlie-
gen früherer Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicher-
weise im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbin-
dung zu den LTTE (sogenannte stark risikobegründende Faktoren, vgl.
a.a.O., E. 8.4.1–8.4.3). Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und
überprüft zu werden, unterliegen ausserdem Personen, die ohne die erfor-
derlichen Identitätspapiere nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangs-
weise zurückgeführt werden oder die über die Internationale Organisation
für Migration (IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut
sichtbaren Narben (sogenannte schwach risikobegründende Faktoren, vgl.
a.a.O., E. 8.4.4 f.). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konkret glaub-
haft gemachten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der
betreffenden Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht, dass insbeson-
dere jene Rückkehrenden eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachtei-
len im Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Be-
hörden zugeschrieben wird, dass sie bestrebt seien, den tamilischen Se-
paratismus wiederaufleben zu lassen (vgl. a.a.O., E. 8.5.1).
9.3 Vorliegend ist nicht davon auszugehen, dass die sri-lankischen Behör-
den dem Beschwerdeführer bei seiner Rückkehr eine Verbindung zu den
LTTE im Sinne obiger Rechtsprechung unterstellen würden. Wie bereits
dargelegt, vermochte er nicht glaubhaft darzulegen, dass er vor seiner Aus-
reise ernsthaften Nachteilen seitens der heimatlichen Behörden ausge-
setzt gewesen ist (vgl. E. 8 hiervor). Weiter wurde er keiner Straftat ange-
klagt oder wegen einer solchen verurteilt und verfügt somit auch nicht über
einen Strafregistereintrag. Ebenso wenig ergibt sich aus den Akten – ent-
gegen den Behauptungen auf Beschwerdeebene – ein Risikoprofil, wel-
ches die Annahme einer künftigen Verfolgung rechtfertigen würde. Soweit
der Beschwerdeführer als Risikofaktor geltend machte, dass sein älterer
Bruder von den LTTE zwangsrekrutiert worden sei, ist einzuwenden, dass
er selber zu diesem Zeitpunkt sowie darüber hinaus noch bis im (...) 2015
in Sri Lanka lebte, ohne deswegen Probleme gehabt zu haben. Damit ist
nicht ersichtlich, warum er aufgrund dieser Verwandtschaft einem erhöhten
Risiko ausgesetzt sein sollte, bei seiner Rückkehr inhaftiert zu werden. So-
dann ist hinsichtlich seiner Geschwister darauf hinzuweisen, dass diese in
der Schweiz nicht als Flüchtlinge anerkannt, sondern aus humanitären
D-2160/2017
Seite 36
Gründen vorläufig aufgenommen wurden (vgl. N [...], N [...] und N [...]). Da
der Beschwerdeführer nicht vorbrachte, in diesem Zusammenhang Nach-
teile seitens der sri-lankischen Behörden erlitten zu haben, ist dementspre-
chend auch eine künftige Reflexverfolgungsgefahr aufgrund der Asylge-
suchstellung seiner Geschwister in der Schweiz zu verneinen. Im Rahmen
des vorinstanzlichen Verfahrens machte er keine exilpolitischen Tätigkei-
ten geltend. Das erstmals auf Beschwerdeebene erwähnte exilpolitische
Engagement für die LTTE wurde nicht substantiiert aufgezeigt (vgl. BVGer-
Akten 8, S. 3 und 11, S. 5). Aus den eingereichten Fotografien geht jeden-
falls nicht hervor, dass er sich anlässlich der Kundgebungen in irgendeiner
Art und Weise hervorgetan hätte (vgl. BVGer-Akte 11, Beilage 45). Eine
solche exilpolitische Tätigkeit erreicht die Schwelle der objektiv begründe-
ten Furcht vor Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG nicht, zumal davon
auszugehen ist, dass die sri-lankischen Behörden blosse "Mitläufer" von
Demonstrationen als solche identifizieren können und sie in Sri Lanka nicht
als Gefahr wahrgenommen werden (vgl. das Referenzurteil E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 E. 8.5.4). Es wird vom Beschwerdeführer denn auch
nicht näher dargetan, inwiefern er sich durch dieses exilpolitische Wirken
nun derart exponiert haben soll, dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka
Furcht vor einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung haben müsste.
Sodann liegen keine anderweitigen konkreten Hinweise für ein aktuell be-
stehendes Verfolgungsinteresse seitens der sri-lankischen Behörden vor.
Besteht – wie dies vorliegend der Fall ist – keine Verdacht auf ein risikobe-
gründendes Verhalten seitens der asylsuchenden Person, reichen Narben
alleine nicht aus, um bei einer Rückkehr nach Sri Lanka die Gefahr einer
Verhaftung oder Folter zu begründen. So können Narben auch von ande-
ren Ereignissen als von staatlicher Misshandlung oder vom Bürgerkrieg
stammen, was auch den sri-lankischen Behörden bewusst sein dürfte.
Auch aus der Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie, der Herkunft aus dem
Norden des Landes, der mehrjährigen Landesabwesenheit, der Asylge-
suchstellung in der Schweiz sowie des Fehlens ordentlicher Reisepapiere
kann keine flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdung des Beschwerdefüh-
rers abgeleitet werden (vgl. Referenzurteil des BVGer E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 E. 8.5.2). Weiter sind Angehörige der tamilischen Ethnie bei
einer Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Ge-
fahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt (vgl. a.a.O. E. 8.3). Dass der
Beschwerdeführer in einer "Stop- oder Watch-List" aufgeführt sein soll, er-
scheint aufgrund des Gesagten höchst unwahrscheinlich. Unter Würdigung
aller Umstände ist vorliegend nicht mit hinreichender Wahrscheinlichkeit
anzunehmen, dass er von der sri-lankischen Regierung verdächtigt wird,
bestrebt zu sein, den tamilischen Separatismus wieder aufleben zu lassen,
D-2160/2017
Seite 37
und so eine Gefahr für den sri-lankischen Einheitsstaat darzustellen. Die
Ausführungen auf Beschwerdeebene, wonach er als Angehöriger der Risi-
kogruppe von Personen, die aus der Schweiz – einem tamilischen
Diasporazentrum – nach längerer Zeit zurückkehrten, verfolgt werden
würde, gehen daher fehl. In Bezug auf den Reichtum seiner Familie ist
festzustellen, dass es sich dabei um eine blosse, unbelegte Parteibehaup-
tung handelt. Weiter stand die von ihm vorgebrachte Verfolgung in keinem
Zusammenhang mit dem (angeblichen) Wohlstand seiner Familie
(vgl. E. 8.4 hiervor), weshalb nicht anzunehmen ist, dass er heute in Sri
Lanka wegen des Reichtums seiner Familie einem erhöhten Risiko unter-
liegen würde, Opfer von Erpressungs- und Entführungsaktionen zu wer-
den.
9.4 An dieser Einschätzung vermag die – wenn auch als volatil zu bezeich-
nende – Lage in Sri Lanka nach den Terroranschlägen im April 2019 nichts
zu ändern. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem Machtwech-
sel in Sri Lanka Angehörige der tamilischen Ethnie bei einer Rückkehr nach
Sri Lanka generell einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Insofern ist
an der Lageeinschätzung des Referenzurteils E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 weiterhin festzuhalten. Folglich ist weiterhin im Einzelfall zu prüfen,
ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Personen zur Präsident-
schaftswahl vom 16. November 2019 respektive deren Folgen besteht.
Das Bundesverwaltungsgericht ist sich sodann auch der neusten Verände-
rungen in Sri Lanka bewusst, beobachtet die Sicherheitslage aufmerksam
und berücksichtigt diese bei seiner Entscheidfindung. Zurzeit führen die
wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen nicht zur Annahme, dass
ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt
wären. Vorliegend ist diesbezüglich – wie sich aus den vorstehenden Er-
wägungen ergibt (vgl. E. 8 hiervor) – kein persönlicher Bezug zum Be-
schwerdeführer ersichtlich.
9.5 Sodann kann dem Vorbringen des Beschwerdeführers, er sei aufgrund
der Datenübermittlung der schweizerischen Behörden an die sri-lanki-
schen Behörden bei einer Rückkehr einer asylrelevanten Gefährdung aus-
gesetzt, nicht gefolgt werden. Das Bundesverwaltungsgericht hat sich in
BVGE 2017 VI/6 zur Frage geäussert, ob (allein) aufgrund einer Datenwei-
tergabe im Zusammenhang mit dem Migrationsabkommen zwischen dem
Schweizerischen Bundesrat und er Regierung der Demokratischen Sozia-
listischen Republik Sri Lanka vom 4. Oktober 2016 (Migrationsabkommen;
SR 0.142.117.121) von einer Gefährdung auszugehen sei. Es hielt fest,
D-2160/2017
Seite 38
dass es sich bei Art. 97 Abs. 3 AsylG und Art. 16 Bst. c Migrationsabkom-
men um eine nicht abschliessende Aufzählung der Daten handle, die einer
ausländischen Behörde für die Organisation der Ausreise der betroffenen
Person übermittelt werden dürften. Bei der Ersatzpapierbeschaffung han-
delt es sich, wie von der Vorinstanz festgestellt, um ein standardisiertes,
lang erprobtes und gesetzlich geregeltes Verfahren, bei dem nur die zuläs-
sigen, zur Identifikation notwendigen Daten übermittelt werden. Es ist nicht
davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer deshalb in den Fokus der
sri-lankischen Behörden geraten wird (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/6
E. 4.3.3; vgl. ferner statt vieler Urteile des BVGer E-4795/2017 vom
22. Juli 2021 E. 4.5.2 und E-1824/2018 vom 7. Juli 2021 E. 4.5.7 m.w.H.).
9.6 Schliesslich sind die im Beschwerdeverfahren eingereichten Beweis-
mittel, sofern sie überhaupt rechtserheblich sind, nicht geeignet, an der
Würdigung der Vorbringen des Beschwerdeführers etwas zu ändern. So-
fern nicht bereits auf diese eingegangen wurde, handelt es sich bei den
übrigen grossmehrheitlich um Dokumente, welche die allgemeine Lage
und die politische Situation in Sri Lanka beschreiben, wobei diese keinen
direkten, konkreten Bezug zur Person des Beschwerdeführers und dessen
individuellen Asylvorbringen aufweisen.
9.7 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer nichts
vorgebracht hat, was geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzu-
weisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Das SEM hat daher zu Recht
seine Flüchtlingseigenschaft verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
10.
10.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
10.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4 und 2009/50 E. 9 je m.w.H.). Die Wegwei-
sung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet.
11.
11.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
D-2160/2017
Seite 39
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 des Ausländer- und Integrationsgesetzes [AIG; SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
11.2
11.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (vgl. Art. 5
Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK; SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe (FoK; SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
11.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr in den Heimatstaat ist demnach
unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
11.2.3 Sodann ergeben sich – in Übereinstimmung mit der Vorinstanz und
entgegen der auf Beschwerdeebene vertretenen Ansicht – weder aus den
Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte da-
für, dass er für den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK
verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis
des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener
D-2160/2017
Seite 40
des UN-Anti-Folterausschusses müsste er eine konkrete Gefahr ("real
risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass im Fall einer Rückschie-
bung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des
EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/
06, §§ 124–127 m.w.H.). Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri
Lanka lässt den Wegweisungsvollzug nach Auffassung des Gerichts zum
heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen (vgl. dazu das weiterhin
einschlägige Referenzurteil des BVGer E-1866/2015 vom 12. Juli 2016
E. 12.2 sowie statt vieler Urteil BVGer E-1825/2020 vom 4. Juli 2022
E. 9.2.5). Aus den Akten ergeben sich sodann keine konkreten Anhalts-
punkte dafür, dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die – wenn über-
haupt – über einen so genannten "Background Check" (Befragung und
Überprüfung von Tätigkeiten im In- und Ausland) hinausgehen würden,
oder dass er persönlich gefährdet wäre. Dies gilt auch unter Berücksichti-
gung der jüngsten wirtschaftlichen und (sicherheits-) politischen Entwick-
lungen in Sri Lanka.
11.2.4 Der Vollzug der Wegweisung erweist sich damit sowohl im Sinne
der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
11.3
11.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen
und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat
aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und
medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefähr-
dung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläu-
fige Aufnahme zu gewähren.
11.3.2 Aktuell herrscht in Sri Lanka weder Krieg noch eine Situation allge-
meiner Gewalt. Der Wegweisungsvollzug in die Nord- und Ostprovinz zu-
mutbar, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (ins-
besondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Bezie-
hungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Referenzurteile des BVGer
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 13.2 und D-3619/2016 vom 16. Okto-
ber 2017 E. 9.5). An dieser Einschätzung ist auch unter Berücksichtigung
der aktuellen Entwicklungen in Sri Lanka festzuhalten. Zwar stellt sich die
wirtschaftliche Situation in Sri Lanka aktuell sehr schwierig dar. Allerdings
können wirtschaftliche Schwierigkeiten, von welchen die vor Ort ansässige
D-2160/2017
Seite 41
Bevölkerung generell betroffen ist, für sich allein keine konkrete Gefähr-
dung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG darstellen (vgl. Urteil des BVGer
D-6824/2018 vom 20. Mai 2022 E. 9.3 mit Verweis auf EMARK 2005 Nr. 24
E. 10.1).
11.3.3 Vorliegend sprechen auch keine individuellen Gründe gegen die Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Diesbezüglich ist auf überzeugen-
den Erwägungen der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung (vgl. dort
E. III, Ziff. 2) zu verweisen. Der erneute Hinweis in der Beschwerde auf die
Gefährdung des Beschwerdeführers ist auch unter dem Aspekt der Zumut-
barkeit unbeachtlich. Im Übrigen wird den Erwägungen des SEM in indivi-
dueller Hinsicht auf Beschwerdeebene nichts Wesentliches entgegenge-
halten.
11.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung als
zumutbar.
11.4 Der Beschwerdeführer verfügt über eine sri-lankische Identitätskarte
und es obliegt ihm, sich bei der zuständigen Vertretung seines Heimatstaa-
tes die für eine Rückkehr weiteren notwendigen Reisedokumente zu be-
schaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der
Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83
Abs. 2 AIG).
11.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
12.
Aus den angestellten Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Ver-
fügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt rich-
tig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbe-
züglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
13.
13.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten infolge der sehr
umfangreichen Beschwerde mit zahlreichen Beilagen ohne individuellen
Bezug zum Beschwerdeführer praxisgemäss auf insgesamt Fr. 1'500.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE;
SR 173.320.2]). Zur Begleichung der Verfahrenskosten ist der am 28. Ap-
D-2160/2017
Seite 42
ril 2017 einbezahlte Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 750.– zu verwen-
den. Der verbleibende Restbetrag von Fr. 750.– ist dem Beschwerdeführer
aufzuerlegen.
13.2 Die Beschwerdeinstanz kann der ganz oder teilweise obsiegenden
Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für ihr er-
wachsene notwendige und verhältnismässig hohe Kosten zusprechen
(Art. 64 Abs. 1 VwVG). Obsiegt eine Partei nur teilweise, so ist die Partei-
entschädigung zu kürzen (Art. 7 Abs. 2 VGKE). Sind die Kosten verhältnis-
mässig gering, kann von einer Parteientschädigung abgesehen werden
(Art. 7 Abs. 4 VGKE). Als geringe Kosten gelten Aufwendungen von weni-
ger als Fr. 100.– (analog zu Art. 13 Bst. b VGKE: als verhältnismässig
hohe Kosten gelten Spesen von mehr als Fr. 100.–; vgl. zum Ganzen:
ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, Prozessieren vor
dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl., 2013, Rz. 4.69). Hinsichtlich der
Rüge der fehlerhaften Akteneinsicht hat der Beschwerdeführer teilweise
obsiegt. Mit allen anderen Rechtsbegehren ist er unterlegen. Im vorliegen-
den Verfahren ist der Aufwand für die Rüge der fehlerhaften Akteneinsicht
als gering einzustufen, weshalb keine Parteientschädigung auszurichten
ist.
(Dispositiv nächste Seite)
D-2160/2017
Seite 43