Decision ID: f27172c6-b363-5a17-a2fa-e125149d43f1
Year: 2010
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Schweizerische Post plant, in der Gemeinde Signau die Poststelle Schüpbach
aufzuheben und in Schüpbach einen Teil der Postdienstleistungen in einer sogenannten
Postagentur („Post beim Partner“) abwickeln zu lassen. Diese Agentur soll in das
Ladengeschäft der C._ an der E._ Strasse 14 (Parzelle Nr. F._,
Dorfzone 2) integriert werden. Die Zufahrt zu diesem Laden erfolgt über die Parzelle Nr.
G._, die im Eigentum des Beschwerdeführers steht. Im Grundbuch sind als
Dienstbarkeiten ein gegenseitiges Fahrwegrecht jeweils zu Gunsten bzw. zu Lasten der
Parzellen F._ und G._ sowie ein Zu- und Vonfahrtsrecht zu Gunsten der
Parzelle F._ und zu Lasten der Parzelle G._ eingetragen.
Mit Schreiben vom 30. November 2009 wandte sich der Beschwerdeführer an die
Gemeinde Signau und ersuchte um eine Stellungnahme. Mit Antwortschreiben vom 2.
Dezember 2009 hielt die Gemeinde unter anderem fest, sie gehe davon aus, es sei kein
Baubewilligungsverfahren notwendig. Daraufhin stellte der Beschwerdeführer den Antrag,
die Frage der Baubewilligungspflicht durch den zuständigen Regierungsstatthalter
entscheiden zu lassen. Die Gemeinde stellte am 28. Dezember 2009 ein entsprechendes
Gesuch an den Regierungsstatthalter des Regierungsstatthalteramtes Emmental.
2. Mit Verfügung vom 28. Januar 2010 entschied der Regierungsstatthalter des
Regierungsstatthalteramtes Emmental, das Vorhaben unterliege nicht der
Baubewilligungspflicht. Die geplante Umnutzung sei bewilligungsfrei, da keine baurechtlich
relevanten Tatbestände betroffen seien, insbesondere führe sie nicht zu einer
Mehrbelastung der Erschliessungsanlagen. Der Regierungsstatthalter eröffnete seine
Verfügung dem Beschwerdeführer und der Gemeinde Signau.
3. Gegen diese Verfügung reichte der Beschwerdeführer am 3. März 2010 Beschwerde
bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt,
die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei festzustellen, dass das
Bauvorhaben baubewilligungspflichtig sei. Er begründet dies im Wesentlichen damit, dass
durch die Integration der Postagentur in den Dorfladen zusätzlicher Schwerverkehr zu
erwarten sei, da mindestens zweimal täglich ein Lastwagen die Briefpost und Pakete zum
3
Laden bringen bzw. abholen müsse. Auch mit einer Zunahme des Kundenverkehrs sei zu
rechnen. Die bestehende Erschliessung genüge den zu erwartenden höheren Belastungen
nicht. Weiter würden die bestehenden Parkplätze nicht mehr genügen und die
Parkplatzpflicht sei unter Berücksichtigung der Verkehrszunahme neu zu überprüfen. Eine
Umnutzung sei nur dann baubewilligungsfrei, wenn keine bau- oder umweltrechtlich
relevanten Tatbestände tangiert seien. Diese Voraussetzung sei vorliegend nicht gegeben.
Die Erschliessungsfrage stelle einen baurechtlich relevanten Tatbestand dar und es sei
zudem auch mit zusätzlichen Lärmimmissionen zu rechnen. Die geplante Umnutzung sei
mit räumlichen Folgen verbunden, an deren Überprüfung in einem Bewilligungsverfahren
nicht nur ein nachbarliches Interesse, sondern sogar ein öffentliches Interesse bestehe.
4. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, beteiligte die
C._ und die Schweizerische Post von Amtes wegen am Verfahren, holte die
Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel durch. Der Regierungsstatthalter des
Regierungsstatthalteramtes Emmental, die Gemeinde Signau, die C._ und die
Schweizerische Post beantragen, die Beschwerde sei abzuweisen.
5. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Gemäss Art. 48 Abs. 2 Bst. a BewD2 entscheidet der Regierungsstatthalter im
Zweifelsfall, ob ein Bauvorhaben einer Baubewilligung bedarf. Geht es dabei um ein bereits
ausgeführtes Bauvorhaben, erlässt der Regierungsstatthalter die Feststellungsverfügung in
seiner Eigenschaft als baupolizeiliche Aufsichtsbehörde und die Verfügung kann gemäss
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
2 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
4
Art. 49 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE
angefochten werden.4 Handelt es sich dagegen wie vorliegend um eine
Feststellungsverfügung im Zusammenhang mit einem erst geplanten Vorhaben, kann diese
mit Baubeschwerde gemäss Art. 40 BauG bei der BVE angefochten werden.5 Die BVE ist
zur Beurteilung der Beschwerde gegen den angefochtenen Entscheid zuständig.
b) Der Beschwerdeführer wäre als benachbarter Grundeigentümer einsprachelegitimiert
und hat das Recht, bei unterbliebener Publikation einer möglicherweise
bewilligungspflichtigen Vorkehr die Durchführung eines Baubewilligungsverfahrens zu
verlangen.6 Im Verfahren vor dem Regierungsstatthalter hatte er Parteistellung. Als
Adressat der angefochtenen Verfügung ist er beschwert und zur Beschwerde legitimiert.
Auf seine form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist grundsätzlich einzutreten.
2. Beteiligung am Verfahren von Amtes wegen
a) Der Regierungsstatthalter hat seine Verfügung vom 28. Januar 2010 der Gemeinde
Signau und dem Beschwerdeführer eröffnet. Die C._ und die Schweizerische Post
waren nicht am Verfahren beteiligt.
b) Nach Art. 12 Abs. 1 VRPG7 gilt im Verwaltungsverfahren als Partei, wer von der zu
erlassenden Verfügung besonders berührt und in schutzwürdigen Interessen betroffen ist
und am Verfahren teilnimmt oder daran beteiligt wird. Sowohl die C._ als auch die
Schweizerische Post sind von der Frage, ob die Integration der Postagentur
baubewilligungspflichtig ist, besonders berührt und in ihren Interessen betroffen. Ihnen
hätte deshalb im Verfahren vor dem Regierungsstatthalter Parteistellung eingeräumt
werden müssen. Die BVE hat sie daher von Amtes wegen am Verfahren beteiligt.
3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 4 BVR 1987 S. 449 5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 3. Aufl., Band I, Bern 2007,
Art. 49 N 1a; Weisung vom 4. November 2009 über die baubewilligungsfreien Bauten und Anlagen nach Art. 1b BauG, Bernische Systematische Information Gemeinden (BSIG) Nr. 7/725.1/1.1, Ziff. 4
6 BVR 1996 S. 305 E. 2 7 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
5
3. Rechtliches Gehör
a) Im vorinstanzlichen Verfahren hat die Gemeinde dem Regierungsstatthalter
zusammen mit ihrem Gesuch, es sei über die Baubewilligungspflicht zu entscheiden, die
Schreiben des Beschwerdeführers vom 30. November, 6. Dezember und 21. Dezember
2009 eingereicht. Daraufhin hat der Regierungsstatthalter die Gemeinde um Einreichung
weiterer Akten und Informationen gebeten. Mit Schreiben vom 18. Januar 2010 hat die
Gemeinde dazu Stellung genommen und diverse Unterlagen eingereicht. Der
Regierungsstatthalter hat diese Stellungnahme dem Beschwerdeführer weder vor noch mit
seiner Verfügung vom 28. Januar 2010 zugestellt. Der Beschwerdeführer rügt, dadurch sei
sein rechtliches Gehör verletzt worden.
b) Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst insbesondere auch das Recht der
Parteien, von jedem eingereichten Aktenstück bzw. jeder Stellungnahme Kenntnis zu
nehmen und sich dazu äussern zu können.8 Dies bedeutet, dass den Beteiligten jede
eingereichte Stellungnahme zur Kenntnis zu bringen ist.9 Nach der neueren
bundesgerichtlichen Rechtsprechung gilt dies unabhängig davon, ob die Stellungnahmen
neue Tatsachen oder Argumente enthalten und ob sie das Gericht tatsächlich zu
beeinflussen vermögen.10 Das Bundesgericht hat zwar offen gelassen, ob Art. 29 Abs. 2
BV auch im Verwaltungsverfahren ein Replikrecht einräumt.11 Die Art. 21 ff. VRPG
unterscheiden aber bezüglich des Anspruchs auf rechtliches Gehör und insbesondere des
Rechts, zum Ergebnis des Beweisverfahrens Stellung zu nehmen, nicht zwischen
Verwaltungs- und Verwaltungsjustizverfahren. Die bundesgerichtlichen Vorgaben gelten
daher auch im Verwaltungsverfahren vor kantonalen und kommunalen Behörden.
Demnach sind den Parteien in Baubewilligungsverfahren und in baupolizeilichen Verfahren
die Stellungnahmen der Gegenpartei zuzustellen, so dass diese Gelegenheit haben, sich
dazu zu äussern, sofern sie dies als erforderlich erachten.12 Da die Vorinstanz es
unterlassen hat, dem Beschwerdeführer die Stellungnahme der Gemeinde vom 18. Januar
2010 zuzustellen, hat sie in diesem Punkt das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers
verletzt.
8 BGer 5P.385/2005 vom 17. Januar 2006, E. 2.1 f. 9 BGer 5A_151/2007 vom 22. Januar 2008, E. 3.2 10 BGE 133 I 98 E. 4.3 ff. 11 BGE 133 I 98 E. 2.1 12 BVR 2009 S. 328 ff. E. 2.4
6
c) Das Recht, angehört zu werden, ist formeller Natur. Seine Verletzung führt
grundsätzlich zur Aufhebung des angefochtenen Entscheides, ungeachtet der
Erfolgsaussichten in der Sache selbst. Nach der Praxis des Bundesgerichts kann allerdings
eine Gehörsverletzung im Rechtsmittelverfahren „geheilt“ werden, sofern die obere Instanz
dieselbe Überprüfungsbefugnis hat wie die verfügende Behörde, den
Beschwerdeführenden daraus kein Nachteil erwächst und es sich nicht um eine besonders
schwere Verletzung der Parteirechte handelt.13 Von einer Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz zur Gewährung des rechtlichen Gehörs ist im Sinne einer Heilung des Mangels
sogar bei einer schwer wiegenden Verletzung des rechtlichen Gehörs dann abzusehen,
wenn und soweit die Rückweisung zu einem formalistischen Leerlauf und damit zu
unnötigen Verzögerungen führen würde, die mit dem (der Anhörung gleichgestellten)
Interesse der betroffenen Partei an einer beförderlichen Beurteilung der Sache nicht zu
vereinbaren wäre.14
Der BVE kommt als Beschwerdeinstanz die volle Überprüfungsbefugnis zu.15 Es ist nicht
ersichtlich, dass dem Beschwerdeführer durch die Heilung der Gehörsverletzung ein
Nachteil erwachsen würde. Er konnte während der Rechtsmittelfrist von der Stellungnahme
der Gemeinde Kenntnis nehmen und sich in seiner Beschwerde damit auseinandersetzen
und umfassend äussern. Der Beschwerdeführer hat seine Rechte im Beschwerdeverfahren
vollumfänglich wahrnehmen können; ihm ist durch die Verfahrensmängel kein materieller
Nachteil entstanden.16 Eine Rückweisung wäre unverhältnismässig und überspitzt
formalistisch, da sie nicht erforderlich ist, um die Gehörsverletzung zu beheben. Es ist auch
nicht anzunehmen, dass die Verletzung des rechtlichen Gehörs einen Einfluss auf den
Verfahrensausgang hatte, weshalb eine Aufhebung des Entscheids mit Rückweisung an
die Vorinstanz zu einer unnötigen Verfahrensverlängerung führen würde. Die im Verfahren
vor dem Regierungsstatthalter begangene Gehörsverletzung ist jedoch bei der
Kostenverlegung zu berücksichtigen.17
13 BGE 129 I 129 E. 2.2.3, 126 I 68 E. 2; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 21 N 16
14 BGE 132 V 387 E. 5.1 15 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 49 N 3 16 Vgl. dazu VGE 21717 vom 21. Mai 2004, E. 3.3.2 17 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 21 N 16 mit Hinweisen
7
4. Bewilligungspflicht
a) Der Beschwerdeführer macht geltend, mit der Integration einer Postagentur in den
Dorfladen liege eine Änderung der Zweckbestimmung vor, welche die
Umweltschutzgesetzgebung (Lärmimmissionen) berühre und zu einer erheblichen
Mehrbelastung der Erschliessungsanlagen führe. Es sei daher eine Baubewilligung
notwendig.
b) Gemäss Art. 22 RPG18 dürfen Bauten und Anlagen nur mit behördlicher Bewilligung
errichtet oder geändert werden. Der Begriff der „Bauten und Anlagen“ ist ein
bundesrechtlicher. Die Kantone können den Kreis der nach dem RPG
bewilligungspflichtigen Vorkehren nicht einschränken, sondern höchstens ausdehnen.
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung gelten als bewilligungsbedürftige Bauten
und Anlagen „jedenfalls jene künstlich geschaffenen und auf Dauer angelegten
Einrichtungen, die in bestimmter fester Beziehung zum Erdboden stehen und die
Nutzungsordnung zu beeinflussen vermögen, weil sie entweder den Raum äusserlich
erheblich verändern, die Erschliessung belasten oder die Umwelt beeinträchtigen“.19
Der kantonale Gesetzgeber hat die bundesrechtlichen Bestimmungen in Art. 1a und Art. 1b
BauG und im Dekret über das Baubewilligungsverfahren konkretisiert. In Art. 1a Abs. 1
BauG ist die bundesgerichtliche Formulierung übernommen worden. Art. 1a Abs. 2 BauG
ergänzt, dass auch Zweckänderungen und der Abbruch von Bauten, Anlagen und
Einrichtungen sowie wesentliche Terrainveränderungen baubewilligungspflichtig sind.
Keiner Baubewilligung bedürfen insbesondere der Unterhalt von Bauten und Anlagen, für
eine kurze Dauer erstellte Bauten und Anlagen sowie andere geringfügige Bauvorhaben
(Art. 1b BauG). Im Übrigen bestimmt das Bewilligungsdekret die baubewilligungsfreien
Bauvorhaben. Dieses sieht in Art. 6 Abs. 1 Bst. c vor, dass das Unterhalten und Ändern
(einschliesslich Umnutzen) von Bauten und Anlagen keiner Bewilligung bedarf, wenn keine
bau- oder umweltrechtlich relevanten Tatbestände betroffen sind. Letzteres wäre der Fall,
wenn Zonenvorschriften, Abstandsvorschriften oder die Umweltschutzgesetzgebung
18 Bundesgesetz vom 22. Juni 1979 über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz, RPG; SR 700) 19 BGE 119 Ib 222 E. 3.a
8
berührt werden oder wenn es zu einer wesentlichen Mehrbelastung der
Erschliessungsanlagen kommt.20
Nicht jede Änderung oder Erweiterung der Nutzung ist bewilligungspflichtig, sondern nur
wenn erhebliche Auswirkungen zu erwarten sind.21 Massstab dafür, ob eine bauliche
Massnahme erheblich genug ist, um sie dem Baubewilligungsverfahren zu unterwerfen, ist
die Frage, ob mit der Realisierung der Baute im Allgemeinen nach dem gewöhnlichen Lauf
der Dinge so wichtige räumliche Folgen verbunden sind, dass ein Interesse der
Öffentlichkeit oder der Nachbarn an einer vorgängigen Kontrolle besteht.22
Gemäss der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts ist die Bewilligungspflicht nicht
bereits dann zu bejahen, wenn erhebliche Auswirkungen nicht mit Sicherheit
ausgeschlossen werden können. Die Bewilligungspflicht von Zweckänderungen ist nur zu
bejahen, wenn potentielle Beeinträchtigungen feststehen oder hinreichend wahrscheinlich
sind.23 Gemäss Verwaltungsgericht ist zudem zwischen baulichen Vorkehren und
Betriebsformen ein wesentlicher Unterschied zu berücksichtigen: Bauliche Vorkehren, die
rechtmässig erstellt worden sind, geniessen Bestandesschutz (Art. 3 BauG); ihre
Beseitigung kann nur unter erschwerten Voraussetzungen verlangt werden. Dagegen kann
eine lediglich aus dem Betrieb resultierende Störung nachträglich sowohl rechtlich als auch
faktisch leichter wieder reduziert werden, indem zusätzliche Betriebsvorschriften oder
Auflagen angeordnet werden. Dieser Unterschied rechtfertigt es, Modifikationen der
Zweckbestimmung zurückhaltender der präventiven Kontrolle (Bewilligungspflicht) zu
unterstellen als bauliche Massnahmen.24
c) Bei der Beurteilung, ob eine bewilligungspflichtige Zweck- bzw. Nutzungsänderung
vorliegt, ist von dem ursprünglich bewilligten Zustand auszugehen.25 Aspekte, die mit der
früher erteilten Baubewilligung entschieden worden sind, können nicht neu geprüft
werden.26
20 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 1 N 20 21 BVR 2004 S. 508 E. 4.4.5; BGE 119 Ib 222 E. 3.b, 114 Ib 312 E. 2.c 22 BGE 120 Ib 379 E. 3.c, 119 Ib 222 E. 3.a, 114 Ib 312 E. 2.a; BGer 1A.202/2006 vom 10. September 2007,
E. 4 23 BVR 2004 S. 508 E. 4.4 ff. 24 BVR 2004 S. 508 E. 4.4.4 25 VGE 21268 vom 28. Januar 2002, E. 4 26 BVR 2004 S. 508 E. 3.2 mit Hinweisen
9
Das heute bestehende Ladengeschäft der C._ wurde 1993 gebaut.27 Im
damaligen Baubewilligungsverfahren wurde geprüft, ob die Erschliessung genügend und
sichergestellt ist. Die Erschliessung wurde entgegen der Behauptung des
Beschwerdeführers auch so umgesetzt, wie im Baubewilligungsverfahren von 1993 verfügt:
Die Zufahrt zum Grundstück Nr. F._ erfolgt über die Parzelle des
Beschwerdeführers, die Wegfahrt dagegen über eine Brücke über den H._kanal.
Die Ausnahmeregelung für Lastwagen, die aufgrund ihres Gewichts die Brücke nicht
befahren können, wurde bereits im damaligen Verfahren vorgesehen.28 Fragen der
Verkehrssicherheit wurden zudem kürzlich rechtskräftig beurteilt.29 Die bestehende
Erschliessung ist daher nicht mehr zu prüfen und auf die entsprechenden Rügen des
Beschwerdeführers ist nicht einzutreten. Im vorliegenden Verfahren ist nur relevant, ob die
Integration der Postagentur zu einer wesentlichen Mehrbelastung der
Erschliessungsanlagen führt. Ist dies nicht der Fall, genügen die bestehenden
Erschliessungsanlagen.30
d) Die Integration einer Postagentur in ein Ladengeschäft führt nicht zu einer
eigentlichen Umnutzung oder Zweckänderung, sondern nur zu einer Erweiterung der
Nutzung. Ob dies zonenkonform ist und ob es zu erheblichen Auswirkungen, insbesondere
zu wesentlich mehr Verkehr und Lärmimmissionen kommt, lässt sich nicht einheitlich für
jede Postagentur beantworten. Im vorliegenden Fall soll die Postagentur in einem
grösseren Dorfladen geführt werden, ohne dass damit eine Vergrösserung der Ladenfläche
oder bauliche Veränderungen verbunden sind. Das Ladengeschäft befindet sich in der
Dorfzone 2 (D2), in der gemäss Art. 32 des Gemeindebaureglements vielfältige Nutzungen
zugelassen sind, so explizit Laden-, Büro-, Gewerbe-, Landwirtschafts- und Wohnbauten
sowie öffentliche Nutzungen. Das Anbieten von Postdienstleistungen ist zonenkonform.
Eine massgebliche Zunahme des Kundenverkehrs ist wenig wahrscheinlich: In einer
kleinen Ortschaft wie Schüpbach mit einer geringen Anzahl an Geschäften handelt es sich
bei den Kunden von Dorfladen und Postagentur zum grossen Teil um dieselben. Diese
werden Postgeschäfte und Einkauf häufig gleichzeitig erledigen. Zudem werden einige
27 vgl. Baubewilligung vom 7. April 1993, Vorakten Beilage 6 28 vgl. zum Ganzen Zustimmungserklärung des Tiefbauamtes des Kantons Bern, Oberingenieurkreis VI, vom
6. Mai 1993 mit Plan, Beilage 3 zur Stellungnahme der Gemeinde Signau vom 7. April 2010, sowie Protokoll der Einigungsverhandlung vom 25. Februar 1993, Beilage 2 zur Stellungnahme der Gemeinde
29 Entscheid der BVE vom 28. Juli 2009, RA Nr. 120/2009/4 30 Art. 5 Bst. b Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1)
10
Kunden zu Fuss oder mit dem Fahrrad den Dorfladen aufsuchen. Viele Kunden, die nur ein
Postgeschäft erledigen wollen und dies mit dem Auto tun, werden anstelle der Postagentur
mit eingeschränktem Postangebot eher die nicht weit entfernte Poststelle Signau mit
umfassendem Angebot und Dienstleistungen aufsuchen. Auch zusätzlicher Schwerverkehr
ist kaum zu befürchten: Die Brief- und Paketzustellung erfolgt von der Poststelle Signau
aus. Die zu verteilenden Briefe und Pakete werden daher vom Sortierzentrum nicht zur
Postagentur gefahren, sondern zur Poststelle Signau. Einzig Pakete und eingeschriebene
Sendungen, die die Postboten nicht zustellen können, werden von diesen zur Agentur
gebracht. Dies, sowie die Abholung der Post am Abend, wird aufgrund der geringen Menge
an Briefen und Paketen kaum mit einem Lastwagen erfolgen.
e) Die Integration der Postagentur Schüpbach in den Dorfladen der C._ wird
daher voraussichtlich nur wenige zusätzliche Fahrbewegungen bewirken. Eine erhebliche
Mehrbelastung der Erschliessungsanlagen und stärkere Lärmimmissionen sind nicht
wahrscheinlich. Zusammenfassend ergibt sich somit, dass die Vorinstanz die
Bewilligungspflicht zu Recht verneint hat.
5. Parkplätze
a) Der Beschwerdeführer rügt, die heute bestehenden Parkplätze seien nach der
Integration der Postagentur und der damit verbundenen Zunahme der Kundenfrequenz
nicht mehr ausreichend. Die Parkplatzpflicht sei neu zu überprüfen, dabei sei zu
berücksichtigen, dass etwa drei Parkplätze ständig durch Bewohner der Liegenschaft bzw.
durch Angestellte des Ladens besetzt seien.
b) Da durch die Integration der Postagentur in den Dorfladen der C._ kein
wesentlicher Mehrverkehr zu erwarten ist und die Fläche des Ladens nicht vergrössert
wird, gibt es keinen Anlass, die Parkplatzpflicht neu zu überprüfen.
c) Im Übrigen berechnet sich die Anzahl der Abstellplätze für Fahrzeuge nicht aufgrund
von konkreten Kundenfrequenzen, sondern hängt von anderen Faktoren ab, unter
anderem der Bruttogeschossfläche der Nutzung bzw. Wohnung, der Anzahl Wohnungen
11
und der Art der Nutzung und berechnet sich nach einer Formel.31 Da die Anzahl der
Wohnungen, die Bruttogeschossfläche des Ladens und die Nutzung gleich bleibt, bleibt
auch der Parkplatzbedarf der gleiche wie im Baubewilligungsverfahren von 1993
berechnet. Die errechnete Bandbreite von 6 bis 21 Abstellplätzen berücksichtigt auch die
Abstellplätze für die Bewohner der Liegenschaft und die Parkplätze für deren Besucher
und die Angestellten.32 Der Beschwerdeführer bestreitet, dass die ursprünglich erstellten
zwölf Parkplätze noch vorhanden sind. Aus den eingereichten Unterlagen und Fotos ergibt
sich, dass die ursprünglich bewilligten Parkplätze 5 – 9 (vgl. Beilage 9 in den Vorakten)
anders angelegt wurden, aber nach wie vor mindestens elf Parkplätze bestehen. Die
Durchführung eines Augenscheins zur Klärung des rechtserheblichen Sachverhalts ist
nicht erforderlich. Die Zahl der vorhandenen Parkplätze liegt in der erwähnten Bandbreite
und ist doppelt so hoch wie die Minimalanzahl.
d) Selbst wenn man davon ausginge, dass die Postagentur zu einer anderen Kategorie
der Nutzung gehört als das Ladengeschäft, ergibt sich kein höherer Parkplatzbedarf: Die in
Art. 52 Abs. 1 BauV aufgeführte Nutzungsart „Einkaufen, Freizeit, Kultur“ weist mit 20 die
zweitkleinste Zahl „n“ der sechs aufgeführten Kategorien auf. Je kleiner die Zahl „n“ ist,
desto grösser ist die anhand der Formel berechnete Anzahl benötigter Abstellplätze. Die
Kategorie „Dienstleistungen“, in die Postgeschäfte fallen können,33 weist n=50 auf. Die
Kategorie „Einkaufen“ hat demnach im Verhältnis zur Bruttogeschossfläche zahlenmässig
eine höhere Minimalanzahl als die Kategorie „Dienstleistungen“. Würde man den Teil an
der Bruttogeschossfläche des Ladens, der künftig auf die Einrichtungen der Postagentur
entfällt, der Kategorie Dienstleistung zuordnen und berechnen, ergäbe sich insgesamt eine
tiefere Bandbreite des Parkplatzbedarfs.
6. Kosten
a) Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer zu Recht rügt, die
Vorinstanz habe sein rechtliches Gehör verletzt, da sie ihm die Stellungnahme der
Gemeinde nicht zugestellt hat. Diese Gehörsverletzung konnte aber im
31 Art. 49 ff. BauV 32 Art. 50 Abs. 2 BauV 33 Schweizer Norm (SN) 640 281 „Parkieren“ des schweizerischen Verbands der Strassen- und
Verkehrsfachleute, Seite 10
12
Beschwerdeverfahren geheilt werden. Ansonsten erweisen sich die Rügen des
Beschwerdeführers als unbegründet. Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
b) Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr.
Für Entscheide in einer Verwaltungsjustizsache wird eine Pauschalgebühr von 200 bis
4'000 Franken je Beschwerde erhoben (Art. 19 Abs. 1 i.V.m. Art. 4 Abs. 2 GebV34). In
Anwendung dieser Bestimmungen werden die Verfahrenskosten festgesetzt auf Fr. 600.00
(Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 und Art. 20 Abs. 1 GebV).
Gemäss Art. 108 Abs. 1 VRPG werden die Verfahrenskosten der unterliegenden Partei
auferlegt, es sei denn, das prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere
Verlegung oder die besonderen Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu
erheben. Der Beschwerdeführer unterliegt mit seinen Anträgen. Es ist allerdings zu
berücksichtigen, dass ein Verfahrensmangel (Verletzung des rechtlichen Gehörs) geheilt
werden musste. Dieser Verfahrensfehler stellt „besondere Umstände“ im Sinne von
Art. 108 Abs. 1 VRPG dar, weshalb auf die Erhebung eines Teils der Verfahrenskosten zu
verzichten ist.35 Der Beschwerdeführer hat demnach nur fünf Sechstel der
Verfahrenskosten von Fr. 600.00, ausmachend Fr. 500.00, zu tragen. Der Vorinstanz, die
die Gehörsverletzung zu verantworten hat, können keine Verfahrenskosten auferlegt
werden (Art. 108 Abs. 2 VRPG). Den verbleibenden Sechstel der Verfahrenskosten,
ausmachend Fr. 100.00, trägt demnach der Kanton.
b) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG).
Der Verfahrensfehler, der im vorliegenden Verfahren geheilt werden musste, stellt als
behördliche Fehlleistung „besondere Umstände“ im Sinne von Art. 108 Abs. 3 VRPG dar.36
Es rechtfertigt sich deshalb, dem Regierungsstatthalteramt Emmental als Verursacher des
34 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
35 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 108 N 7 und 9; BVR 2004 S. 133 E. 3.1, 4.3.1,4.4.3; VGE 21717 vom 21. Mai 2004 i.S. G. und Mitb., E. 10.4.
36 BVR 2004 S. 133 E. 3.2.
13
fraglichen Verfahrensmangels einen Sechstel der Parteikosten des Beschwerdeführers
aufzuerlegen.37
Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers macht ein Honorar von Fr. 3'391.15 (inkl.
Auslagen und Mehrwertsteuer) geltend. Die Kostennote gibt zu keinen Bemerkungen
Anlass. Somit hat der Kanton dem Beschwerdeführer einen Parteikostenanteil von
Fr. 565.20 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen.