Decision ID: 716ec58f-57f0-4aef-8e76-0483c4f66b76
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend fahrlässige schwere Körperverletzung etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung - Ein-
zelgericht, vom 30. April 2014 (GG130167)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 1. April 2014 (Urk. 76)
ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
− der fahrlässigen schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 125
Abs. 2 StGB und
− der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird vom Vorwurf der schweren Körperverletzung im Sinne
von Art. 122 StGB freigesprochen.
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Freiheitsstrafe von 8 Monaten.
4. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf
4 Jahre festgesetzt.
5. Die von der Staatsanwaltschaft Winterthur / Unterland mit Strafbefehl vom
20. September 2006 für eine Freiheitsstrafe von einem Monat angesetzte
Probezeit von 4 Jahren (verlängert vom Amtsstatthalteramt Luzern mit Straf-
verfügung vom 4. Dezember 2009 um 1 Jahr) wird mit Wirkung ab heute um
ein weiteres Jahr verlängert.
6. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger
B._ aus dem eingeklagten Ereignis vom 29. Juni 2008 dem Grundsatze
nach schadenersatzpflichtig ist.
Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ Schadenersatz
in der Höhe von Fr. 1'295.45 zuzüglich 5 % Zins ab 17. April 2009 zu zahlen.
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7. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ Fr. 10'000.--
zuzüglich 5 % Zins ab 29. Juni 2008 als Genugtuung zu zahlen.
8. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 2'000.--; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 2'000.-- Gebühr Strafuntersuchung
Fr. 571.-- Auslagen Untersuchung
Fr. 6'736.50 amtliche Verteidigung Verfahren GG120228
Fr. 7'292.60 amtliche Verteidigung gem. Disp. Ziff. 10
Fr. 5'523.80 Rechtsvertreter Privatkläger Verfahren GG120228
Fr. 5'491.80 Rechtsvertreter Privatkläger gem. Disp. Ziff. 11
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
9. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden, mit
Ausnahme derjenigen der amtlichen Verteidigung und derjenigen der unent-
geltlichen Rechtsvertretung des Privatklägers, dem Beschuldigten auferlegt.
Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse ge-
nommen. Eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO bleibt vorbehal-
ten.
Die Kosten der unentgeltlichen Rechtsvertretung des Privatklägers B._
werden auf die Gerichtskasse genommen.
10. Dem amtlichen Verteidiger des Beschuldigten wird für dessen Aufwendun-
gen und Barauslagen ab 9. Juli 2013 eine Entschädigung von Fr. 7'292.60
(inkl. Fr. 540.20 MwSt.) zulasten der Gerichtskasse zugesprochen.
11. Dem Rechtsvertreter des Privatklägers B._ wird für dessen Aufwen-
dungen und Barauslagen ab 13. Dezember 2012 eine Entschädigung von
Fr. 5'491.80 (inkl. Fr. 406.80 MwSt.) zulasten der Gerichtskasse zugespro-
chen.
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Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 106 S. 36)
2. Ziffer 1, Ziffern 3-7 sowie Ziffer 9 des Urteils seien aufzuheben.
3. Der Beschuldigte sei von Schuld und Strafe freizusprechen.
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
b) Des Vertreters der Privatklägerschaft:
(Urk. 107 S. 1f.)
1. Der Beschuldigte sei der fahrlässigen schweren Körperverletzung im
Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB sowie der einfachen Körperverletzung
im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB schuldig zu sprechen.
2. Zur Strafe und Vollstreckung stellt der Privatkläger keine Anträge, er
beantragt eine angemessene Bestrafung.
3. Zur Verlängerung der Probezeit bezüglich eines Strafbefehls oder zum
Widerruf des bedingten Strafvollzuges dieser Strafe stellt der Privatklä-
ger keine Anträge.
4. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Privatkläger Schadenersatz
von Fr. 1'295.45 zuzüglich Zins von fünf Prozent seit 17. April 2009 zu
bezahlen.
5. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Privatkläger eine Genugtu-
ung von Fr. 10'000.-- zuzüglich Zins von fünf Prozent seit 29. Juni 2008
zu bezahlen.
6. Dem Beschuldigten seien die Untersuchungs- und Gerichtskosten so-
wie die Kosten der unentgeltlichen Vertretung des Privatklägers aufzu-
erlegen.
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Zusatzantrag:
Dem Privatkläger seien die unentgeltliche Prozessführung und die unentgelt-
liche Vertretung weiterhin zu bewilligen.
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Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Berufungsanmeldung
Der Beschuldigte erhob am 8. Mai 2014 (Poststempel) rechtzeitig Berufung gegen
das erstinstanzliche Urteil vom 30. April 2014 (Urk. 88, Urk. 93, Art. 399 Abs. 1
StPO). Die Staatsanwaltschaft und der Privatkläger legten weder selbständige
noch Anschluss-Berufung ein.
2. Berufungserklärung
Am 10. Juli 2014 gab der Beschuldigte innert der zwanzigtägigen Frist ab Emp-
fang des begründeten Urteils (20. Juni 2014) die Berufungserklärung zur Post
(Urk. 92/2, Urk. 94, Art. 399 Abs. 1 StPO). Er beantragt, die Ziffern 1, 3 bis 7 und
9 des Dispositivs seien aufzuheben und der Beschuldigte sei unter entsprechen-
der Kosten- und Entschädigungsfolge freizusprechen (Urk 94 S. 1). Somit ist Zif-
fer 2 (Freispruch vom Vorwurf der vorsätzlichen schweren Körperverletzung im
Sinne von Art. 122 StGB) des erstinstanzlichen Urteils in Rechtskraft erwachsen,
was mittels Beschluss festzustellen ist.
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3. Berufungsverhandlung
Nachdem die Verteidigung in der Berufungsverhandlung vom 14. November 2014
ihr Plädoyer (Urk. 106) gehalten hatte, erklärte sich der Rechtsvertreter des Pri-
vatklägers ausserstande, die Berufung sogleich zu beantworten (Prot. II S. 10f.).
Da sich die Parteien in der Folge mit der Fortsetzung des Berufungsverfahrens
auf schriftlichem Weg einverstanden erklärten und auf mündliche Eröffnung des
Entscheids verzichteten (a.a.O. S. 11), wurde dem Vertreter des Privatklägers
Frist bis zum 21. November 2014 angesetzt, um dem Gericht die Berufungsant-
wort einzureichen. Die entsprechende Eingabe trägt den Poststempel von eben-
diesem Datum und erfolgte somit rechtzeitig (Urk. 107). Der Verteidigung wurde
mit Präsidialverfügung vom 27. November 2014 Gelegenheit zur Stellungnahme
zur Berufungsantwort eingeräumt (Urk. 109). Diese liess mit Eingabe vom
11. Dezember 2014 Verzicht auf eine weitere Stellungnahme mitteilen (Urk. 111).
Das Verfahren ist somit spruchreif.
4. Ergänzung der Anklageschrift
4.1. Die Vorinstanz hat die Verfahrensgeschichte dargelegt (Urk. 93 S. 4). Darauf
kann zunächst verwiesen werden.
4.2. Die II. Strafkammer des Obergerichts hatte das Urteil der Vorinstanz vom 11.
Dezember 2012 mit Beschluss vom 26. April 2013 aufgehoben und die Sache zur
Beweisergänzung mittels Zeugeneinvernahmen und zur neuen Entscheidung an
das Bezirksgericht zurückgewiesen (Urk. 58 = Urk 68). Nach Ergänzung der Un-
tersuchung durch die Staatsanwaltschaft (Urk. 59ff.) lud die Vorinstanz die Ankla-
gebehörde am 16. Januar 2014 gestützt auf Art. 329 Abs. 2 Satz 2 in Verbindung
mit Art. 333 Abs. 1 StPO ein (Urk. 58), innert einer Frist von 15 Tagen ab Zustel-
lung der Verfügung die Fragen zu prüfen,
- ob in die Anklage (auch) aufzunehmen sei, dass der Beschuldigte den Ge-
schädigten im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB eventualvorsätzlich am linken Auge
verletzt habe, wobei im Falle einer entsprechenden Anklageerweiterung der
Sachverhalt dahingehend zu ergänzen wäre, dass der Beschuldigte, als er den
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Privatkläger gegen den Kopf geschlagen habe, den Geschädigten am linken Auge
verletzt habe, dabei um die Möglichkeit einer Verletzung des Geschädigten am
Kopf gewusst und diese in Kauf genommen habe, und
- ob die Anklage im Sinne einer Eventualanklage ausserdem dahingehend
zu ergänzen sei, dass der Beschuldigte den Geschädigten im Sinne von Art. 122
StGB eventualvorsätzlich schwer verletzt habe, wobei der eingeklagte Sachver-
halt entsprechend zu ergänzen und ein Eventualstrafantrag zu stellen wäre.
Gemäss Art. 333 Abs. 1 StPO gibt das Gericht der Staatsanwaltschaft Gelegen-
heit, die Anklage zu ändern, wenn nach seiner Auffassung der in der Anklage-
schrift umschriebene Sachverhalt einen anderen Straftatbestand erfüllen könnte,
die Anklageschrift aber den gesetzlichen Anforderungen nicht entspricht. Dabei ist
nach herrschender Lehre und Rechtsprechung entgegen der Auffassung der Ver-
teidigung (Urk. 82 S. 4, Urk. 106 S. 34) eine Ergänzung des Sachverhalts - hier
bezüglich der zum subjektiven Tatbestand der vorsätzlichen einfachen oder
schweren Körperverletzung gehörenden inneren Vorgänge - zulässig, sofern der
grundlegende Lebensvorgang in der zu ändernden Anklage bereits umschrieben
ist (BSK StPO, Stephenson/Zalunardo-Walser, Art. 333 N 1ff; Schmid, StPO Pra-
xiskommentar, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2013, Art. 333 N 1ff.; Schmid, Handbuch
StPO, 2. Aufl. Zürich/St. Gallen 2013, N 1296).
4.3. Die Verteidigung beanstandet weiter, die Tatsache, dass der Vorderrichter
die Ergänzung der Anklage in der Verfügung direkt formuliert (gemeint: vorformu-
liert) habe, erwecke den Eindruck von Befangenheit (Urk. 106 S. 25). Der Einzel-
richter führte dazu in der Hauptverhandlung (vor der Urteilsberatung) aus, er wei-
se die Staatsanwaltschaft jeweils darauf hin, wie seiner Ansicht nach die Anklage
zu ergänzen bzw. zu berichtigen sei, um zu verhindern, dass es wegen mangel-
hafter Ergänzung bzw. Berichtigung zu Weiterungen kommen müsse (Prot. I S.
47). Diese vom Beschleunigungsgebot geleitete, in einen Formulierungsvorschlag
mündende Überlegung hat gerade im vorliegenden Verfahren, das sich bereits
über gegen sechs Jahre hinzieht, seine Berechtigung. Kein Anlass besteht dem-
gegenüber zur Annahme, der Richter habe die Anklagebehörde gleichsam dazu
drängen wollen, die Anklage zu ergänzen und ihr eine bestimmte Formulierung
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geradezu aufzwingen wollen. Er hat die Staatsanwaltschaft nicht geheissen, die
Anklage in seinem Sinne zu ergänzen, sondern ihr, indem er zur Ergänzung der
Verfügung einlud, freigestellt, in welche Richtung sie die Weichen stellen würde
und letztlich auch, wie die Anklage gegebenenfalls ausformuliert würde.
Unter diesen Umständen kann von einer Befangenheit des erstinstanzlichen Rich-
ters, welchen Vorwurf dieser mit seinen Ausführungen in der Hauptverhandlung
implizit auch von sich gewiesen hat, nicht die Rede sein (so auch BSK StPO,
a.a.O., Art. 333 N 5).
4.4. Der Einzelrichter drohte der Staatsanwaltschaft an, bei Stillschweigen würde
Verzicht auf Ergänzung der Anklage bzw. Erhebung einer Eventualanklage ange-
nommen (Urk. 58 S. 3).
Die Staatsanwaltschaft nahm die Verfügung am 20. Januar 2014 in Empfang. In-
nert der angesetzten Frist reichte sie dem Gericht weder eine ergänzte Anklage
noch ein Fristerstreckungsgesuch ein (Prot. I S. 47). Wie der zuständige Bezirks-
richter in der Hauptverhandlung vom 30. April 2014 nach den Plädoyers erklärte,
habe er (der Einzelrichter) es "an sich dabei bewenden lassen wollen" (a.a.O.).
Mehrere Wochen nach Fristablauf habe er jedoch den Staatsanwalt im Gerichts-
gebäude per Zufall angetroffen und ihn aus Neugierde gefragt, weshalb er die
Anklage nicht ergänzt bzw. berichtigt habe. Der Vertreter der Anklagebehörde ha-
be geantwortet, er "sei sehr beschäftigt gewesen und sei deshalb nicht dazu ge-
kommen, die Anklage innert Frist zu ergänzen"; nachher habe er es vergessen,
doch werde er dies sogleich nachholen. Anfang April 2014 (nicht Ende März, wie
die Vorinstanz angibt [Urk. 94 S. 4], datiert die Anklage doch vom 1. April 2014
[Urk 76]), mithin rund zwei Monate nach Ablauf der ursprünglich angesetzten
Frist, ging die im Sinne der Verfügung ergänzte Anklage am Bezirksgericht ein,
wobei die Staatsanwaltschaft gleichzeitig einen "Freispruch mit Bezug auf die ein-
fache Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB und die schwere Kör-
perverletzung im Sinne von Art. 122 StGB" beantragte (Urk. 76 S. 4; vgl. dazu
auch die Aktennotiz über das Telefongespräch zwischen dem Einzelrichter und
dem Staatsanwalt, Prot. I S. 25).
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Die Verteidigung stellt sich auf den Standpunkt, weil die Staatsanwaltschaft innert
der mittels Verfügung vom 20. Januar 2014 angesetzten Frist nicht reagiert habe,
müsse die (ursprüngliche) Anklageschrift vom 20. September 2012 massgebend
bleiben (Urk. 82 S. 3 und 4, Urk. 106 S. 34).
Gemäss den Materialien hat das Gericht eine Frist anzusetzen, wenn es der An-
klagebehörde Gelegenheit bietet, die Anklage zu ändern (Botschaft zur Verein-
heitlichung des Strafprozessrechts vom 21. Dezember 2005 BBl 1081). Die
Vorinstanz hat dies getan, verbunden mit der Androhung, bei Stillschweigen wür-
de Verzicht auf Ergänzung der Anklage bzw. Erhebung einer Eventualanklage
angenommen. Die Staatsanwaltschaft hat innert Frist weder eine geänderte An-
klage eingereicht noch ein Fristerstreckungsgesuch gestellt. Sie hat auch kein
Fristwiederherstellungsgesuch gestellt, und hätte sie dies, wäre ihm nicht stattzu-
geben gewesen, weil Arbeitsüberlastung und Vergesslichkeit keine zureichenden
Gründe für eine Fristwiederherstellung im Sinne von Art. 94 StPO darstellen.
Dennoch kann der Verteidigung nicht gefolgt werden. Das Obergericht hat in sei-
nem Rückweisungs-Beschluss vom 26. April 2013 das erstinstanzliche Urteil auf-
gehoben und die Sache zur Beweisergänzung und zu neuer Entscheidung an die
Vorinstanz zurückgewiesen (Urk. 58 S. 6). Damit war auch eine neue Hauptver-
handlung durchzuführen. Bis allfällige Vorfragen in der Hauptverhandlung behan-
delt sind, kann die Anklage nun aber jederzeit - auch ohne Einladung des Ge-
richts im Sinne von Art. 333 StPO - durch die Staatsanwaltschaft geändert werden
(Art. 340 Abs. 1 lit. b StPO). Wenn sich die Anklagebehörde also wie vorliegend
mit Verspätung dazu entschlossen bzw. letztlich Zeit gefunden hat, die Anklage
zu ergänzen, dann war dies zulässig und bildet demnach die Anklage vom 1. April
2014 Grundlage für die gerichtliche Beurteilung.
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II. Sachverhalt
1. Anklagevorwurf
Dem Beschuldigten wird in der Anklageschrift vorgeworfen, dem Privatkläger am
29. Juni 2008 auf dem Parkplatz "Hafendamm Enge" in Zürich gegen den Kopf
geschlagen zu haben. Dabei habe er den Privatkläger - wenn auch nicht schwer -
verletzen wollen, oder er habe dies zumindest billigend in Kauf genommen. Weil
er beim Zuschlagen die möglichen Folgen der Gewaltanwendung in pflichtwidriger
Unvorsichtigkeit zu wenig bedacht habe, habe er beim Opfer einen Bruch des
knöchernen Augenhöhlenbodens links mit Zurücksinken des Augapfels verur-
sacht; als Folge dieser Verletzung werde die Beweglichkeit des Auges einge-
schränkt bleiben und der Privatkläger dauerhaft in gewisse Blickrichtungen Dop-
pelbilder sehen, womit eine schwere Verletzung vorliege.
In der Eventualanklage wird dem Beschuldigten zur Last gelegt, er habe um die
Wirkung seines Schlags gewusst und die eingetretene schwere Verletzung von
vornherein gewollt oder zumindest billigend in Kauf genommen.
2. Unbestrittener Sachverhalt
Es ist allseits unbestritten, dass es am 29. Juni 2008, ca. eine Stunde nach Mit-
ternacht, auf dem Parkplatz "Hafendamm Enge" in Zürich, zu einer tätlichen Aus-
einandersetzung zwischen dem alkoholisie rten Beschuldigten und dem ebenfalls
unter Alkoholeinfluss stehenden Privatkläger kam.
3. Schwere der Verletzung des Privatklägers
Im Rahmen der tags darauf erfolgten Untersuchung im Universitätsspital Zürich
wurde beim Privatkläger gemäss den bei den Akten liegenden Arztberichten ein
Bruch des linken Augenhöhlenbodens mit Zurücksinken des linken Augapfels
festgestellt (vgl. zum Ganzen Urk. 12/3, 12/7, 12/9, 12/10/1a, 12/10/1b, 12/12,
12/13, 12/16). Das Auge war nur noch eingeschränkt beweglich und der Privat-
kläger sah Doppelbilder. Mehrere Operationen in der Augenklinik des Universi-
tätsspitals Zürich folgten.
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1 1/4 Jahre nach dem Vorfall prognostizierte die Oberärztin Dr. med. C._,
"eine Normalisierung der Beweglichkeit des linken Auges" sei "nahezu unmög-
lich", und "in gewissen Blickrichtungen" würden Doppelbilder bestehen bleiben
(Urk. 12/9 S. 2). In weiteren Berichten vom 27. Juni 2011 (Urk. 12/10/1a), 3. Au-
gust 2011 (Urk. 12/10/1b), 23. Februar 2012 (Urk. 12/12, mittlerweile hatte der
Privatkläger 28 Konsultationen in der Augenklinik hinter sich), 9. Mai 2012 (Urk.
12/13 = Urk. 33), 20. Juni 2012 (12/16) und vom 19. Juli 2012 (Urk. 34, mithin
schon mehr als vier Jahre nach dem Vorfall) wird diese Vorhersage bestätigt: Zu-
sammenfassend wird festgehalten, es müsse aufgrund der Untersuchungen und
der dabei aus objektiven Messungen gewonnenen Erkenntnisse davon ausge-
gangen werden, dass trotz aller Operationen hinsichtlich des linken Auges erheb-
liche Hebungs- und Senkungseinschränkungen und Doppelbildwahrnehmungen
beständen und persistieren würden. Die beim Privatkläger sehr häufig auftreten-
den Doppelbilder seien nicht nur extrem störend im Alltag, sondern würden auch
die Fahrtüchtigkeit des Privatklägers einschränken (er könne höchstens mit einem
abgedeckten Auge fahren) und das Bedienen schwerer Maschinen sowie das Ar-
beiten unter gefährlichen Bedingungen (etwa auf einem hohen Gerüst) unmöglich
machen; den aktuellen Beruf (als Filialleiter bei einem Grossverteiler, Urk. 14/1)
könne er allerdings ausüben (Urk. 12/10/1a S. 2, Urk. 12/12 S. 2, Urk. 12/16 S. 2).
Die Arztberichte stellen zwar keine Gutachten im Sinne von Art. 182ff. StPO dar,
jedoch wurden die Erstattenden zumeist auf die Straffolgen der Abgabe eines fal-
schen Befundes im Sinne von Art. 307 StGB hingewiesen (Urk. 12/2, Urk. 12/6,
Urk. 12/8, Urk. 12/11, Urk. 12/14). Es besteht kein Anlass, an der Richtigkeit der
über einen Zeitraum von mehr als vier Jahren erhobenen und nachvollziehbar be-
gründeten ärztlichen Diagnosen und Prognosen zu zweifeln.
Dass keine Berichte über die jüngsten medizinischen Massnahmen vorliegen, wie
die Verteidigung moniert (Prot. I S. 42), ändert daran nichts, ist doch in Anbetracht
der bestehenden, einen Zeitraum von gut vier Jahren abdeckenden Dokumentati-
on mehr als unwahrscheinlich, dass die jüngsten Behandlungen zu einer erhebli-
chen und anhaltenden Besserung führten.
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Gegen eine solche Besserung sprechen freilich nicht allein die aktenkundigen
ärztlichen Prognosen, sondern auch die dazu passenden, eindrücklichen jüngsten
Auskünfte des Privatklägers in der Hauptverhandlung vom 30. April 2014 (Prot. I
S. 38f.): Er erklärte, wenn er - beispielsweise beim Treppensteigen - nach oben
oder unten blicke, sehe er (nach wie vor) "automatisch" Doppelbilder. Beim Sitzen
müsse er eine bestimmte Kopfhaltung einnehmen, um scharf sehen zu können.
Das sei immer so, beim Fernsehen, beim Lesen usw., und das werde auch so
bleiben. Wenn er etwa im Beruf als Verkäufer die Kasse bediene oder eine Be-
stellung auszufüllen habe, müsse er immer den Kopf kippen. Er komme aber eini-
germassen klar damit. Einen Führerschein besitze er nicht mehr, denn Autofahren
gehe "gar nicht". Bei der letzten Operation habe man versucht, das gesunde Auge
höher zu stellen, doch habe das nicht geklappt.
Soweit von Seiten des Beschuldigten im Hinblick auf die rechtliche Qualifikation
als schwere Körperverletzung vorgebracht wird, es sei nicht erstellt, dass beim
Privatkläger eine anhaltende ernsthafte Beeinträchtigung bestehe (Urk. 82 S. 21),
kann ihr daher nicht gefolgt werden. Eine solche liegt nach fachärztlicher Beurtei-
lung und gemäss den glaubhaften Ausführungen des Privatklägers sehr wohl vor.
4. Ursache der Verletzung
Nicht anzunehmen ist ferner, dass sich der Privatkläger die Verletzung selbst bei-
gebracht oder bei einem Sturz zugezogen hat (vgl. Urk. 40 S. 14, Urk. 42 S. 5,
Urk. 65 S. 2, Urk. 82 S. 21f., Urk. 106 S. 13 und 31). Etwas Derartiges auf dem
Parkplatz beobachtet zu haben, berichtet keiner der Befragten, auch der Beschul-
digte und dessen Freund D._ nicht. Hingegen hat die Polizei "ein geschwol-
lenes linkes Auge" beim Privatkläger festgestellt (Urk. 1 S. 6). Aus den ärztlichen
Berichten ist zudem zu schliessen, dass ein Faustschlag ohne Weiteres als Ursa-
che der folgenschweren Verletzung in Frage kommt. Schliesslich gibt der Be-
schuldigte zu, im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem Privatkläger unge-
zielt, auch mit den Fäusten, um sich geschlagen zu haben (vgl. etwa Urk. 9 S. 3,
Urk. 42 S. 3 und 4). Er kann daher den Privatkläger auch am linken Auge getrof-
fen haben, wenn er Rechtshänder ist (Urk. 42 S. 5). In Anbetracht all dessen wäre
es lebensfremd anzunehmen, der Privatkläger habe sich die Verletzung auf ande-
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re Weise und/oder anderswo als durch einen Schlag des Beschuldigten im Ver-
lauf des tätlichen Streits zugezogen (Urk. 82 S. 21f.).
Klar festzuhalten ist aber auch, dass die Verletzung keineswegs - wie vom Vertre-
ter des Privatklägers behauptet - auf einen gezielten Faustschlag zurückzuführen
sein muss (Urk. 38 S. 5). Möglich ist genauso, dass ein ungezielter Schlag im
Rahmen eines abwehrenden Um-Sich-Schlagens, sei es mit der Faust oder sei es
etwa mit dem Ellbogen, einen solchen Bruch nach sich zieht.
Anzumerken bleibt, dass von keiner Seite behauptet wird, der Beschuldigte habe
bei seinen Schlägen eine Waffe oder einen Gegenstand eingesetzt.
5. Situation im Zeitpunkt der Verletzung
5.1. Für den Fall seiner nachgewiesenen Urheberschaft bestreitet der Beschuldig-
te nicht ausdrücklich, beim Um-Sich-Schlagen in Kauf genommen zu haben, den
Privatkläger zu verletzen, wenn auch nicht in schwerer Weise. Er macht aber gel-
tend, der Privatkläger habe ihn zuerst geschlagen, und sein Tun habe einzig dazu
gedient, sich gegen den Angriff zu wehren.
Genau das Gegenteil behauptet der Privatkläger: Der Beschuldigte habe ihm,
kaum sei er vor ihm gestanden, die Faust ins Gesicht geschlagen, und er habe
sich an der Schlägerei bloss beteiligt, um sich zu verteidigen. Er schloss nicht
aus, dabei das T-Shirt des Beschuldigten zerrissen zu haben.
Die Vorinstanz stellte auf die Sachverhaltsversion des Privatklägers ab, die (zu-
mindest teilweise) von dessen damaliger Lebenspartnerin E._ und dem "gu-
ten Kollegen" F._ gestützt wird. Keinen Glauben schenkten sie der Darstel-
lung des Beschuldigten, dessen Aussagen von seinem Freund D._ bestätigt
werden.
Im Folgenden ist anhand einer Analyse der Aussagen der Befragten unter Einbe-
zug der weiteren Akten der Frage nachzugehen, ob die Sachverhaltsversion des
Privatklägers erstellt werden kann. Das ist nicht schon dann der Fall, wenn sich
seine Schilderung als wahrscheinlicher erweist als diejenige des Beschuldigten.
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Vielmehr dürfen keine ernsthaften Zweifel daran verbleiben, dass sich der Privat-
kläger bis zum fatalen Schlag nur gewehrt hat und nicht der Aggressor war. Nicht
beeinflusst werden darf diese Sachverhaltswürdigung selbstredend durch die
Gravität der Verletzung des Privatklägers; dass die Folgen des Vorfalls für ihn
tragisch und weitreichend sind, darf nicht dazu führen, dass geringere Anforde-
rungen an die Beweiswürdigung gestellt werden als wenn der Streit mit verhält-
nismässig harmlosen Blessuren geendet hätte. Grundsätzlich keine Rolle spielen
darf auch die Zahl der Personen, die sich für die eine oder die andere Variante
aussprechen; entscheidend muss sein, welche Aussagen überzeugen.
5.2. Aussagen des Beschuldigten
5.2.1. Glaubwürdigkeit
Was die Glaubwürdigkeit des Beschuldigten betrifft, so hat dieser zwar ein Inte-
resse daran, den Sachverhalt in einem für ihn möglichst günstigen Licht darzustel-
len. Indes kann auch ein Unschuldiger versucht sein, das den Kerngehalt umge-
bende Geschehen für ihn tunlichst positiv darzustellen, um den bestehenden Ver-
dacht abzuwenden. Grosses Gewicht kommt der prozessualen Stellung eines Be-
schuldigten daher nicht zu.
Der Beschuldigte weist sodann zwar eine ganze Reihe von Vorstrafen auf, doch
handelt es sich dabei um Verkehrs- und Vermögensdelikte, nicht um solche ge-
gen Leib und Leben. Davon, dass ein Körperverletzungsdelikt angesichts des
Vorlebens des Beschuldigten keine Überraschung oder geradezu persönlichkeits-
adäquat wäre, kann mithin nicht ausgegangen werden.
5.2.1. Glaubhaftigkeit der Aussagen
Der Würdigung der Aussagen des Beschuldigten vorauszuschicken ist, dass da-
bei zwei Umständen Rechnung zu tragen ist. Zum einen wurde der Beschuldigte
erst knapp drei Monate nach dem Vorfall erstmals einvernommen, ohne dass da-
für Gründe ersichtlich wären, die er zu vertreten hatte. Zum anderen war der Be-
schuldigte im Zeitpunkt des Vorfalls laut Polizeirapport "stark alkoholisiert" (Urk. 1
S. 7); er selbst bezeichnete sich als "besoffen" (Urk. 7 S. 1). Angesichts des die
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Erinnerung beeinträchtigenden Zeitablaufs bis zur ersten Befragung und der alko-
holbedingten Einschränkung der Kognition - in wohl erheblichem Masse - im Zeit-
raum des Vorfalls dürfen die Aussagen des Beschuldigten nicht gleichsam auf die
Goldwaage gelegt werden. Mit anderen Worten darf nicht jede Unstimmigkeit oh-
ne Weiteres als Lügensignal gewertet werden.
Der Beschuldigte erklärte, D._ habe damals sein Auto gefahren (zum Gan-
zen: Urk. 7 S. 1f., Urk. 9 S. 1ff., Urk. 11 S. 2f., Urk. 42 S. 3ff., Urk. 65 S. 2, Prot. I
S. 32f. und 46, Prot. II S. 9f., ferner Urk. 1 S. 5). Sie hätten einen Club besuchen
und aus diesem Grund den Wagen auf dem Parkplatz abstellen wollen. Eine
Gruppe von fünf bis sechs Personen sei aber im Weg gestanden. Sie hätten um
Durchlass gebeten, worauf der betrunkene Privatkläger etwas gelallt habe und die
anderen ihn zur Seite gezogen hätten. Als sie dann an ihm vorbeigefahren seien,
habe er sein Gesäss nach hinten gereckt und so den linken Aussenrückspiegel
nach innen gedrückt (den der Beschuldigte schon einmal für Fr. 1'500.- habe re-
parieren lassen müssen), eine Beleidigung ausgestossen und gegen die Heck-
stossstange geschlagen bzw. getreten. Der Beschuldigte habe den Kollegen da-
raufhin gebeten, anzuhalten. Er habe geschaut, ob etwas beschädigt sei und sei
zum Privatkläger hingegangen, um mit ihm zu reden. So sei er auf ihn zugegan-
gen und habe gesagt, was das solle, wieso er sich so verhalten habe. Eine Frau
habe den Privatkläger zurückgehalten und gesagt: "Nein, bitte nicht". Der Be-
schuldigte habe gesagt, er wolle nur mit ihm reden. Der Privatkläger sei schon die
ganze Zeit aggressiv gewesen. Dann habe der Privatkläger den Beschuldigten
zurückgestossen, worauf ihn dieser ebenfalls weggestossen habe. Daraufhin sei
der Privatkläger "wie eine Furie" (Urk. 11 S. 2) auf ihn los gegangen und habe ihm
die Faust ins Gesicht geschlagen. Um sich zu verteidigen, habe der Beschuldigte
ungezielt um sich geschlagen. Er könne nicht sagen, wo (überall) er ihn genau
getroffen habe. Soviel er (gemeint offenbar: nun von der Polizei) wisse, habe er
ihn am Kopf getroffen; das könne sein. Er habe nicht bemerkt, dass er den Privat-
kläger verletzt habe, sondern das erst später durch die Polizei erfahren. Er habe
den Privatkläger niemals (wie geschehen) verletzen wollen und bedauere sehr,
dass es dazu gekommen sei. Während der Rangelei habe ihn der Privatkläger am
T-Shirt festgehalten und ihn geschlagen. Der Beschuldigte habe auch blaue Fle-
- 16 -
cken davon getragen, "einfach nicht so schlimm wie er". Schliesslich seien ver-
schiedene Personen dazwischen gegangen, um sie zu trennen. Ein Kollege des
Privatklägers habe ihm dann noch seine Visitenkarte gegeben und gesagt, wenn
irgend etwas am Auto kaputt sei, dann repariere er es auf seine (eigenen) Kosten.
Hernach seien der Beschuldigte und D._ in Richtung des Clubs gegangen,
den sie von Anfang an hätten besuchen wollen. Weggerannt seien sie nicht (Prot.
II S. 10). Plötzlich hätten sie "Halt, halt, Polizei" gehört. Sie seien der Polizei dann
entgegen gegangen, und der Beschuldigte habe erklärt, von B._ angegriffen
worden zu sein.
Die Aussagen, die der Beschuldigte im Verlauf des sich nun schon mehr als
sechs Jahre dahin ziehenden Verfahrens zu Protokoll gab, sind fast durchwegs
konstant und widerspruchsfrei.
Sie enthalten auch originelle Details wie etwa, der Privatkläger habe mit einer Ge-
sässbewegung den Rückspiegel weggedrückt, als das Auto des Beschuldigten an
ihm vorbei gefahren sei. Es ist leicht vorstellbar, dass der (auch laut Polizei) stark
betrunkene Privatkläger sich über den langsam nahe an ihm vorbei fahrenden
Wagen des Beschuldigten - wenn auch zu Unrecht, denn er hatte den Fahrweg
versperrt und musste von Kollegen zur Seite gezogen werden - ärgerte, und dass
er seinen Unmut über die "Störung" damit kund tat, dass er seinen Hintern gegen
die Karosserie reckte, wodurch der Seitenspiegel anklappte. Ebenso ist denkbar
(insbesondere wenn der Lenker zwischenzeitlich sein Missfallen über die Gesäss-
Aktion signalisiert hatte), dass der Privatkläger noch gegen die hintere Stossstan-
ge des Autos trat oder sich zumindest ein Schlag auf die Karosserie für den Be-
schuldigten so anhörte. Dass andere Personen aus der Gruppe um den Privatklä-
ger nicht ebenfalls erklärten, mitbekommen zu haben, dass dieser auf die Stoss-
stange schlug oder trat, ändert entgegen der Auffassung des Vertreters des Pri-
vatklägers (Urk. 107 S. 10) nichts. Sie brauchen einen solchen kurzen Schlag
weder optisch noch akustisch wahrgenommen zu haben (während er gleichzeitig
für die Insassen gut hörbar gewesen sein kann), und sie können abgesehen da-
von von einer solchen Aussage auch abgesehen haben, um den Privatkläger
nicht als (besonders) aggressiv erscheinen zu lassen. Auch dass letztlich offenbar
- 17 -
kein Schaden entstanden war, besagt nicht, dass das Vorbringen des Beschuldig-
ten nicht den Tatsachen entsprechen kann, ist doch bekannt, dass seit vielen Jah-
ren Stossstangen eine gewisse Elastizität aufweisen, so dass sie sogar Rempler
eines anderen, tonnenschweren Autos beim Parkieren ohne bleibende Verfor-
mung überstehen können.
Keineswegs lebensfremd erscheint im Weiteren, dass der destruktiv gelaunte und
durch ein unwirsches Auftreten des Beschuldigten gegenüber seiner Freundin
(unten Ziff. II. 5.5.2) zusätzlich verärgerte Privatkläger schliesslich in alkoholbe-
günstigter (Privatkläger: "Ich hatte den ganzen Abend Bier getrunken. Wie viel ich
getrunken habe, weiss ich nicht" [Urk. 3 S. 3, vgl. auch E._, Urk. 5 S. 3]; zur
polizeilichen Beobachtung vgl. Urk. 1 S. 7) Aggressivität auf den Beschuldigten -
der ihn zur Rede stellen wollte - los ging, ihn zuerst zurückstiess und dann, als
dieser ihn ebenfalls zurückschubste, mit der Faust ins Gesicht schlug.
Passend zur übrigen Schilderung ist schliesslich die ergänzende Bemerkung des
Beschuldigten in den Befragungen, einer der Kollegen des Privatklägers habe
dem Beschuldigten am Ende seine Visitenkarte übergeben und erklärt, ein allfälli-
ger Schaden am Auto werde kostenlos repariert. Solche zueinander kompatible
Details zum Randgeschehen sind ein Realitätskriterium, denn sie fehlen regel-
mässig in erfundenen Abläufen.
Die Aussagen des Beschuldigten zum Ablauf der Schlägerei nach dem ersten
Schlag sind zwar wenig ausführlich. Ein solches Unvermögen, ein dynamisches
Geschehen im Detail wiederzugeben, ist aber in Befragungen von Betroffenen
und Beteiligten häufig, weshalb daraus nichts zu Lasten des Beschuldigten abge-
leitet werden kann. Karg sind - wie noch zu zeigen sein wird - denn auch nicht nur
seine Aussagen, sondern ebenso die diesbezüglichen Depositionen des Privat-
klägers und der Augenzeugen.
Wenn der Beschuldigte sodann davon sprach, er habe blaue Flecken von den
Schlägen des Privatklägers davongetragen, während im Polizeirapport nur von
Blessuren an den Händen die Rede ist, liegt darin noch kein Widerspruch. Es ist
notorisch, dass Hämatome sich oft erst nach einiger Zeit bläulich einfärben.
- 18 -
Hingegen verwundert zunächst, dass der Beschuldigte nicht schon gegenüber der
Polizei oder in der Untersuchung, sondern erst nach 4 1/2 Jahren - in der ersten
Hauptverhandlung vor Bezirksgericht (Prot. I S. 5) - davon berichtete, er habe
nach der Auseinandersetzung mit dem Privatkläger im Mund geblutet und das
zerrissene T-Shirt habe Blutflecken aufgewiesen. Diese Behauptung kann freilich
durchaus den Tatsachen entsprechen, hat doch der Privatkläger zugegeben, den
Beschuldigten ebenfalls geschlagen zu haben und hat der Beschuldigte immerhin
bereits in den ersten beiden Befragungen zu Protokoll gegeben, der Privatkläger
habe ihn mit der Faust ins Gesicht geschlagen (Urk. 9 S. 3); möglicherweise hat
der Beschuldigte eine leichte Blutung im Mund, aufgrund derer es zu kleinen Blut-
flecken auf dem ohnehin zerrissenen T-Shirt kam, als zu wenig gravierend erach-
tet, um sie zu erwähnen, oder er ging davon aus, die Polizei (die den Vorfall frei-
lich eher rudimentär und längere Zeit nach dem Vorfall rapportierte, Urk. 1) habe
diese von sich aus bemerkt. Denkbar ist aber auch, dass der Beschuldigte anläss-
lich der Hauptverhandlung - fast ein halbes Jahrzehnt nach dem Ereignis - bloss
vermeinte, die Faustattacke habe solche Folgen gezeitigt. Doch selbst dann ver-
möchte dies die Glaubhaftigkeit seiner übrigen Darstellung nicht umzustossen.
Zu Unrecht sieht der Vertreter des Privatklägers schliesslich ein Indiz gegen die
Darstellung des Beschuldigten darin, dass dieser "die vorgefahrene Polizei" nicht
habe einschalten wollen, "trotz der offensichtlichen Verletzung einer Person" (Urk.
107 S. 13). Laut Polizeirapport fuhr die Polizei nicht am Tatort vor, sondern war
daran, in einem anderen Bereich des Parkplatzes Ordnungsbussen zu verteilen,
als sie von Dritten auf die Schlägerei aufmerksam gemacht und um Hilfe gerufen
wurde (Urk. 1 S. 5). Die Beamten seien dann in die angegebene Richtung gegan-
gen, wobei ihnen die Gruppe von B._ entgegen gekommen sei und gen See
am Ende des Parkplatzes gezeigt habe, wohin der Täter sich entfernt habe. Als
die Polizisten dann dorthin gerannt seien, sei ihnen der Beschuldigte entgegen
gekommen und habe gesagt, er sei angegriffen worden. Aus alledem erhellt, dass
der Beschuldigte die Polizei zunächst gar nicht wahr nahm, weil sie erst nach der
Schlägerei - als er bereits weggegangen war - zum Tatort kam, und dass er, als
er ihrer Gewahr wurde, durchaus sofort den Vorfall ansprach (vgl. zu dieser Pha-
se des Geschehens auch unten Ziff. II.5.6.2).
- 19 -
5.3. Aussagen von D._
5.3.1. Glaubwürdigkeit
D._ ist ein langjähriger Freund des Beschuldigten (Urk. 62 S. 2) und könnte
ihn deshalb mit Falschaussagen zu schützen versuchen. Diese Gefahr ist bei der
Würdigung seiner Aussagen im Auge zu behalten.
Dass eine formelle Zeugenaussage erfolgte, erhöht weder seine Glaubwürdigkeit
noch diejenige der anderen in dieser Form befragten Personen, ist doch ange-
sichts der teils diametral auseinander gehenden Sachverhaltsschilderungen der
Augenzeugen offensichtlich, dass die Strafdrohung von Art. 307 StGB nicht dazu
taugt, jemanden von unwahren Angaben abzuhalten.
5.3.2. Würdigung der Aussagen
D._ wurde wie der Beschuldigte erstmals drei Monate nach dem Vorfall ein-
vernommen, und zwar unmittelbar nach dem Beschuldigten (Urk. 8, vgl. auch Urk.
7 S. 2). Die Zeugeneinvernahme erfolgte rund 5 1/2 Jahre nach dem Ereignis, am
12. November 2013 (Urk. 62).
D._s Aussagen in beiden Befragungen decken sich sehr weitgehend mit
denjenigen des Beschuldigten (Urk. 7 S. 1f., Urk. 62 S. 2ff.). Sie seien auf der
Parkplatzsuche - wobei D._ der Fahrer gewesen sei - auf die im Weg ste-
hende Gruppe von fünf bis sechs Personen gestossen. Der Privatkläger habe bei
der Vorbeifahrt sein "Füdli" an den linken Aussenspiegel geschwungen, den es
zur Fahrerscheibe hin gedrückt habe. Er habe sich auf D._s Frage, was das
solle, aggressiv verhalten und kurz darauf auch noch gegen das Auto geschlagen
oder getreten, worauf der Beschuldigte - und später auch der Zeuge - ausgestie-
gen sei und den Privatkläger zur Rede gestellt und vielleicht zurechtgewiesen,
aber nicht provoziert habe. Daraufhin habe der Privatkläger den Beschuldigten
sofort angegriffen und den ersten Schlag appliziert. Er könne nicht mehr sagen,
ob der Privatkläger den Beschuldigten zuerst am Hals gepackt oder ihn mit der
Faust geschlagen habe. Danach habe auch der Beschuldigte den Privatkläger
geschlagen, denn er habe sich ja wehren müssen, aber ob er das mit der Faust
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oder der flachen Hand getan habe, wisse er (so D._ in der Zeugeneinver-
nahme) auch nicht mehr genau. Es sei "alles drunter und drüber" gegangen. Alle
ausser D._ seien "besoffen" gewesen. Mehrere Personen hätten (schliess-
lich) eingreifen müssen, um den Privatkläger, der "gross und dick" gewesen sei
und einfach nicht habe aufhören wollen, und den Beschuldigten zu trennen. Eine
Person habe dem Beschuldigten dann noch eine Visitenkarte gegeben und ge-
sagt, sie sollten das Auto anschauen, und wenn etwas kaputt sei, würden sie den
Schaden übernehmen.
Auch diese Aussagen sind glaubhaft. Soweit Divergenzen zu den eigenen Aussa-
gen und denjenigen des Beschuldigten vorliegen, handelt es sich um Nebenpunk-
te wie etwa die Frage, ob D._ die im Weg Stehenden verbal bat, zur Seite zu
gehen, bevor der Privatkläger gegen den Seitenspiegel schlug, und wie aggressiv
sich der Privatkläger gegenüber D._ zeigte. Solche Abweichungen sind nor-
mal und mit unterschiedlicher Wahrnehmung und dem Verblassen der Erinnerung
infolge Zeitablaufs ohne Weiteres erklärbar.
5.4. Aussagen des Privatklägers
5.4.1. Glaubwürdigkeit
Der Privatkläger könnte gleich in mehrfacher Hinsicht ein Motiv für Falschaussa-
gen gehabt haben. Einerseits könnten ihn versicherungsrechtliche Gründe (allfäl-
liger Rückgriff bei Selbstverschulden) dazu verleitet haben, das Geschehen ver-
fälscht wiederzugeben. Am Tatort erstattete er denn auch noch keine Anzeige
(vgl. dazu unten 5.4.2). Sodann verlangt er eine Genugtuung von Fr. 10'000.-.
Und schliesslich musste er schon in der Tatnacht befürchten, dass der Beschul-
digte gegen ihn Anzeige wegen Körperverletzung erstatten würde (Urk. 1 S. 7) -
und stellte der Beschuldigte anlässlich der ersten Einvernahme denn auch Straf-
antrag (Urk. 1 S. 7f., Urk. 2) -, weshalb der Privatkläger Anlass hatte, den Ver-
dacht von sich abzuwenden, indem er den Beschuldigten als Aggressor erschei-
nen liess. Wohl erging letztlich eine Einstellungsverfügung. Der Privatkläger konn-
te dann aber, sollte er zuvor gelogen haben, in diesem Zeitpunkt nicht mehr von
der bisherigen Darstellung abrücken. Freilich führen diese möglichen Beweggrün-
- 21 -
de auch beim Privatkläger einzig dazu, dass seine Aussagen mit besonderer Vor-
sicht zu würdigen sind; eine entscheidende Bedeutung kommt der Glaubwürdig-
keit nach der aktuellen Analysen-Lehre nicht zu.
5.4.2. Würdigung der Aussagen
Der Privatkläger wurde zwei Wochen nach der Schlägerei erstmals polizeilich be-
fragt (Urk. 3), danach von der Staatsanwaltschaft einvernommen (Urk. 10) und
schliesslich durch den Einzelrichter befragt (Prot. I S. 36ff.). Er gab an, sie seien
eine Sechser-Gruppe gewesen. Das Auto sei hinter ihm durchgefahren, wobei ihn
der Seitenspeigel in der Rückengegend gestreift habe. Er habe dem Autolenker
"Arschloch" nachgerufen und "Was ist los, was soll das?". Dann seien der Lenker
und der Beifahrer ausgestiegen. Man habe ihnen angemerkt, dass sie hätten
"schlegeln gehen" wollen (Prot. I S. 37). Der Privatkläger habe gesagt, sie hätten
hupen können, worauf er zur Antwort bekommen habe "Was hupen?". Die Freun-
din des Privatklägers sei vor dem Beschuldigten gestanden und habe versucht,
ihn zu beruhigen (Urk. 3 S. 1). Sie habe gesagt: "Bitte mach nichts, er ist besof-
fen" (Prot. I S. 37). Der Beifahrer habe (jedoch) mit der Hand seitlich auf den
Oberkörper der Frau geschlagen und sie so beiseite drängen wollen, um an den
Privatkläger heranzukommen. Als sie "weg" gewesen sei, sei der Beschuldigte
auf ihn zugekommen und habe sofort auf ihn eingeschlagen. Der Privatkläger
könne sich dann wieder daran erinnern, dass er zwischen zwei Autos gewesen
sei und starke Schmerzen gehabt habe. In einer späteren Einvernahme erklärte
er, es sei alles sehr schnell gegangen, weshalb er nicht mehr genau wisse, wie
viele Schläge er erhalten habe (Prot. I S. 38). Weiter gab er vor dem Staatsanwalt
(nach anfänglicher Bestreitung) zu, den Beschuldigten ebenfalls geschlagen und
beim Halten das T-Shirt zerrissen zu haben, doch seien dies Verteidigungshand-
lungen gewesen (Urk. 10 S. 2). In der Hauptverhandlung relativierte er, er sei
zwar gross und - wie man sage - "kräftig oder dick", aber nicht gut im Schlagen,
weshalb der Beschuldigte "kaum einen einzigen" Schlag habe einstecken müssen
bzw. der Privatkläger "gar keine Chance" gehabt habe, selbst Schläge auszutei-
len (Prot. I S. 37f.). Jemand habe sie schliesslich auseinander gedrängt, damit
das Ganze nicht noch mehr eskaliere. Sie seien dann in Richtung Kiosk gegan-
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gen in der Absicht, Anzeige zu erstatten, und seien dort auf die Polizei gestossen
(Urk. 3 S. 1). Als am Abend die Schwellung des Auges zurückgegangen sei, habe
er Doppelbilder gesehen. Anderntags habe sich der Privatkläger zum Arzt bege-
ben und sei ins Universitätsspital eingewiesen worden.
Auch die vom Privatkläger geschilderte Sachverhaltsversion ist nicht unglaubhaft
und kann somit zutreffen. Wesentlich wahrscheinlicher als diejenige des Beschul-
digten ist sie jedoch nicht.
Negativ fällt am Aussageverhalten des Privatklägers allerdings auf, dass er in der
ersten Einvernahme noch eine Gedächtnislücke für die Zeit zwischen dem ersten
Schlag des Beschuldigten und der Trennung durch einen Dritten (zwecks Vermei-
dung einer weiteren Eskalation des Geschehens) geltend machte (Urk. 3 S. 1),
sich dann aber beim Staatsanwalt wieder daran zu erinnern vermochte, dass er
den Beschuldigten - allerdings verteidigend - ebenfalls geschlagen hatte (Urk. 10
S. 2), dies vor Vorinstanz zunächst erneut bestätigte (Prot. I S. 36), anschliessend
aber relativierte, der Beschuldigte habe "kaum einen einzigen" Schlag einstecken
müssen, weil er (der Privatkläger) ein sehr schlechter Schläger sei (S. 37), und
schliesslich sogar behauptete, er habe "gar keine Chance" gehabt, "Schläge aus-
zuteilen" (S. 38). Dieses Abschwächen des eigenen Verhaltens ist ein - wenn
auch nicht gewichtiges - Indiz dafür, dass der Privatkläger eine aktivere Rolle ge-
spielt haben könnte, als er zugibt.
Im selben Sinne mutet seltsam an, dass der Privatkläger in der Tatnacht keine
Anzeige gegen den Beschuldigten erheben wollte, sondern sich laut Polizeirap-
port bloss "überlegen" wollte, später eine solche zu erstatten (Urk. 1 S. 7). Dabei
will er gemäss seinen zwei Wochen später deponierten Aussagen unmittelbar
nach der Schlägerei den Kontakt mit der Polizei gerade zum Zwecke der Anzei-
geerstattung gesucht haben (Urk. 3 S. 1). Daran, dass er dem Beschuldigten
mindestens halbwegs verziehen hätte, kann die plötzliche Zurückhaltung kaum
liegen, ging er doch laut seiner Freundin E._ auf das Versöhnungsangebot
des Beschuldigten (aus dem kein Schuldeingeständnis abgeleitet werden kann,
sondern das aus Mitleid angesichts der augenfälligen Verletzung erfolgt sein
kann), der ihm zweimal die Hand habe reichen wollen, nicht ein (dazu nachfol-
- 23 -
gend Ziff. 5.5.2). Es ändert nichts, wenn man berücksichtigt, dass der Privatkläger
in der polizeilichen Befragung angab, er habe grosse Schmerzen gehabt und ein-
fach nach Hause gewollt (Urk. 3 S. 2). Damit lässt sich zwar erklären, dass er in
dieser Nacht keine Details bekanntgeben bzw. sich nicht einer eingehenden Be-
fragung unterziehen wollte; gleichwohl wäre angesichts des ihm angeblich wider-
fahrenen grossen Unrechts und der behaupteten Anzeigeabsicht direkt nach der
Schlägerei zu erwarten gewesen, dass er wenigstens eine klare Anzeigeabsicht
bekundet hätte.
Alsdann ist die Behauptung des Privatklägers, der Beschuldigte habe ihn unver-
mittelt angegriffen und mit der Faust geschlagen, als er vor ihm gestanden sei -
ebenso wie die gegenteilige Darstellung des Beschuldigten - zwar nicht lebens-
fremd, aber rational nicht leicht nachvollziehbar. Vielmehr wäre der Aggressions-
akt lediglich mit infolge Alkoholisierung des Beschuldigten zu Wut und Hass ge-
wordener Verärgerung erklärbar, hier aufgrund der aus vernünftiger Sicht gerade-
zu nichtigen Umstände, dass der Privatkläger im Weg gestanden war und er den
(ausgestiegenen) Beschuldigten dafür getadelt hatte, dass dieser soeben
E._ zur Seite geschoben gehabt hatte.
Eine vorbestandene Feindschaft zwischen dem Beschuldigten und dem Privatklä-
ger kann dagegen kein Auslöser gewesen sein, weil sich die beiden zuvor gar
nicht kannten. Der Beschuldigte hätte alsdann, träfe die Schilderung des Privat-
klägers zu, aller Wahrscheinlichkeit nach mitbekommen, dass der Spiegel weg-
klappte, weil D._ zu nahe am Privatkläger vorbeifuhr und nicht, weil der Pri-
vatkläger das Karosserieteil bewusst (und boshaft) mit einer Bewegung wegdrü-
ckte; folglich hätte für den Beschuldigten kein Grund bestanden, den Privatkläger
als verantwortlich für einen allfälligen, kostspieligen Schaden am Auto zu betrach-
ten. Weiter wäre dem Beschuldigten klar gewesen, dass das Schimpfwort des
Privatklägers nicht ihm, sondern D._ - dem Fahrer des Wagens - galt, wes-
halb für den Beschuldigten auch kein Anlass bestanden hätte, sich persönlich be-
leidigt zu fühlen. Ferner hätte der Beschuldigte nichts von einem (weiteren)
Schlag gegen die Karosserie mitbekommen können, gab es doch nach Darstel-
lung des Privatklägers gar keinen solchen; insoweit könnte die Stimmung also
- 24 -
nicht vom Privatkläger angeheizt worden sein. Auch die nachfolgende Bemerkung
des Privatklägers, man hätte hupen können, damit er zur Seite gegangen wäre,
wäre - so sie denn erfolgte - offensichtlich an den Fahrer des Wagens gerichtet
gewesen.
Die Verteidigung wendet gegen die Darstellung des Privatklägers ein, es sei we-
nig wahrscheinlich, dass der Beschuldigte vor seinem Begleiter, der das Auto
noch habe parkieren müssen, allein zur gegnerischen Gruppe gegangen sei, um
dort allein mit einem Faustschlag eine Schlägerei zu beginnen (Urk. 40 S. 10,
Urk. 82 S. 15). Dieses Argument ist nicht völlig von der Hand zu weisen, doch
kommt ihm bloss eine beschränkt entlastende Wirkung zu. Wohl bestand die
Gruppe, zu welcher der Privatkläger gehörte, tatsächlich aus nicht weniger als
sechs Personen (dem Privatkläger, seiner Freundin E._, seinem Freund
F._, dessen Schwester G._, einem gewissen H._ [genannt: "Der
Jugoslawe"] sowie einer "I._"). Darunter waren aber nur drei Männer, wes-
halb die Gruppe dem Beschuldigten nicht von vornherein als physisch geradezu
übermächtig - so dass er sich davor gescheut haben müsste, den Privatkläger
anzugreifen - erschienen sein muss. Hinzu kommt, dass sein Freund D._
sehr bald nach dem Beschuldigten aus dem Auto gestiegen und damit in der Nä-
he gewesen sein muss, behauptet dieser doch, schon den Beginn des Kampfge-
schehens beobachtet zu haben (vgl. etwa Urk. 62 S. 7).
5.5. Aussagen von E._
5.5.1. Glaubwürdigkeit
E._ war im Zeitpunkt des hier interessierenden Ereignisses (Mitte 2008) seit
fünf Jahren und noch für weitere knapp fünf Jahre die Lebenspartnerin des Pri-
vatklägers (E._ gab Ende 2013 an, sie würden seit Ende Mai nicht mehr zu-
sammen wohnen, und sie erzählte - wie der Privatkläger - von einem gemeinsa-
men ein- und einem zweijährigen Kind [Urk. 5 S. 3, Urk. 63 S. 7 und
Prot. 1 S. 40]).
- 25 -
Auch wenn die beiden im Zeitpunkt der Zeugeneinvernahmen keinen gemeinsa-
men Haushalt mehr führten, sondern getrennte Wege gingen, könnte E._ ei-
nen zugunsten des Privatklägers modifizierten Sachverhalt zu Protokoll gegeben
haben, um ihn, mit dem sie viele Jahre verbunden war, zu schützen. Dass auch
noch finanzielle Überlegungen hinsichtlich der Leistungsfähigkeit zu Unterhalts-
zahlungen des Privatklägers bei Gutheissung seiner Zivilforderungen bei den
Aussagen E._s im Spiel waren, ist jedoch eine allzu weit her geholte Mut-
massung der Verteidigung (Urk. 82 S. 17, Prot. I S. 46). Doch einmal mehr: Das
sind Möglichkeiten, nicht erstellte Gegebenheiten, weshalb sie nicht mehr als zur
Vorsicht bei der Aussagenwürdigung gemahnen.
5.5.2. Aussagenwürdigung
E._ wurde zur Sache einmal polizeilich und zweimal durch die Staatsanwalt-
schaft (als Zeugin) einvernommen (Urk. 5, 63 und 64).
5.5.2.1. Sie führte bei der Polizei aus, als der Wagen des Beschuldigten auf Höhe
ihres Freundes gewesen sei, habe das Auto ihn am Rücken touchiert. Der Privat-
kläger habe sich dann umgedreht und auf Spanisch "Arschloch, was ist los, was
soll das" gerufen. Das noch nicht in einer Parkbucht angelangte Auto habe ange-
halten und die beiden Insassen seien auf sie zu gekommen. Ihr Freund sei hinter
ihr gestanden. Sie habe ihren rechten Arm ausgestreckt und gesagt: "Stopp, bitte
geht, er ist betrunken". Der Beschuldigte habe sie aber beiseite geschubst. Da
habe ihr Freund, der immer noch hinter ihr gestanden sei, gesagt, warum er das
gemacht habe, sie sei eine Frau. Plötzlich sei der Mann um sie herum gelaufen,
und als sie sich zu ihrem Freund umgedreht habe, sei schon ein Gewühl gewe-
sen. Sie (die Kontrahenten) seien zwischen parkierten Autos gestanden. Der Be-
schuldigte habe den Privatkläger zuerst zurückgestossen. Da sei er (gemeint: der
Privatkläger) wütend geworden und so seien sich die beiden in die Haare geraten.
Es sei eine Rangelei zwischen den beiden gewesen, und es sei schon möglich,
dass dabei das T-Shirt des Beschuldigten zerrissen sei. Alles sei "so hektisch"
gewesen. "Ein Jugoslawe" habe die beiden dann getrennt. Der Beschuldigte habe
dem Privatkläger schliesslich noch die Hand geben wollen, worauf ihr Freund ge-
sagt habe, ob er gesehen habe, was er ihm angetan habe und auf das Auge ge-
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zeigt habe. Der "Typ" habe die Hand nochmals ausgestreckt, doch habe sie der
Privatkläger nicht ergriffen.
Diese Aussagen, welche E._ am 16. Juli 2008 deponierte, stehen bezüglich
des Kerngeschehens eher im Einklang mit der Sachverhaltsversion des (erst zwei
Monate später erstmals einvernommenen) Beschuldigten als mit derjenigen des
Privatklägers.
Wenn E._ den erbosten Beschuldigten bat, nicht weiter auf den Privatkläger
zuzugehen (was auch der Beschuldigte schon in der ersten Einvernahme einge-
räumt hat, Urk. 7 S. 1), kann der Hintergrund dieses Ersuchens zwar darin beste-
hen, dass sie befürchtete, der Beschuldigte werde ihrem Freund etwas antun.
Genauso kann aber sein, dass sie darum wusste, dass der Privatkläger in alkoho-
lisiertem und erzürntem Zustand (und er war wie erwähnt verärgert) unberechen-
bar wird und damit die Gefahr bestand, dass dieser den Beschuldigten physisch
ernsthaft attackieren würde.
Sodann führte E._ aus, der Beschuldigte habe sie beiseite geschoben bzw.
umgangen. Zum Privatkläger vorgestossen zu sein, bestreitet auch der Beschul-
digte nicht, doch führt er aus, erklärt zu haben, dass er nur mit ihm reden wolle.
Weiter brachte E._ vor, sie habe sich nun umgedreht und gesehen, dass der
Beschuldigte den Privatkläger zurückgestossen habe, worauf dieser wütend ge-
worden sei und sich die beiden in die Haare geraten seien. Der Beschuldigte sei-
nerseits erklärte im Verfahren, der Privatkläger habe ihn weggestossen, worauf er
dasselbe gemacht habe; dann sei der Privatkläger auf ihn los gegangen und habe
ihm die Faust ins Gesicht geschlagen, wonach der Beschuldigte sich um sich
schlagend gewehrt habe. Es ist nun leicht vorstellbar, dass der Privatkläger in der
kurzen Zeitspanne, bis sich E._ zu den nun hinter ihr stehenden Kontrahen-
ten umgedreht hatte, den Beschuldigten, der reden wollte, wegschubste, sodass
E._ diesen Vorgang verpasste. Sie bekam das Geschehen erst wieder mit,
als der Beschuldigte diese Tätlichkeit erwiderte. Dass E._ mit dem Ausdruck
"Zurückstossen" den initialen Faustschlag des Beschuldigten gemeint haben
könnte, wie der Vertreter des Privatklägers vor Vorinstanz behauptete (Prot. I S.
- 27 -
43), ist nicht anzunehmen. Was sie dann beobachtete ("Da wurde er wütend und
so gerieten sie sich in die Haare"), kann durchaus (implizit) heissen, dass der Pri-
vatkläger hierauf völlig die Fassung verlor und den Beschuldigten mit einem
Faustschlag angriff. Mit keinem Wort behauptete sie denn auch in dieser polizeili-
chen Einvernahme, der Beschuldigte habe den Privatkläger zuerst geschlagen.
Soweit der Beschuldigte dem Privatkläger später zweimal die Hand zur Versöh-
nung hinstreckte, ist darin noch lange kein Eingeständnis eines ungerechtfertigten
Schlages gegen Letzteren zu erblicken. Der Beschuldigte realisierte wohl (schon
bevor der Privatkläger aufs eigene Auge zeigte) aufgrund der Reaktion des Pri-
vatklägers, dass er seinen Widersacher heftig getroffen hatte. Gerade wenn er
nur den Angriff des Privatklägers parieren wollte, kann es ihm Leid getan haben,
dass ein Abwehrschlag den Geschädigten hart traf. Auch wenn die Geste noch
zusätzlich durch die Befürchtung motiviert war, sonst aufgrund einer Anzeige des
Privatklägers in ein Strafverfahren hineingezogen zu werden, heisst dies noch
nicht, dass die Verletzung des Privatklägers von einem Angriff des Beschuldigten
herrühren muss; der Beschuldigte kann auch darauf aus gewesen sein, eine An-
zeige durch Friedensschluss zu vermeiden, wenn er sich nur um-sich-schlagend
wehrte, wusste er doch nicht, ob seiner Beteuerung in einem Strafverfahren
Glauben geschenkt würde.
5.5.2.2. Im Rahmen der Zeugeneinvernahmen behauptete E._ - die sich als
der deutschen Sprache zu wenig mächtig bezeichnete, um ohne Dolmetscher
aussagen zu können - nach Vorhalt ihrer polizeilichen Aussage, wonach der Pri-
vatkläger wütend geworden sei, nachdem ihn der Beschuldigte zurückgestossen
habe, und sich dann die beiden in die Haare geraten seien, die Polizei habe sie
entweder nicht richtig verstanden oder ihre Aussage sei nicht richtig protokolliert
worden (Urk. 63 S. 5f.). Dem ist entgegen zu halten, dass E._ das polizeili-
che Protokoll als "selbst gelesen und bestätigt" unterzeichnete (Urk. 5 S. 4), wo-
mit sie dessen Inhalt als (von ihr) verstanden und zutreffend bezeichnete. Sie hat-
te damals zudem zu Beginn der Einvernahme auf entsprechende Frage klipp und
klar erklärt, den Polizeibeamten zu verstehen, wenn er Schriftdeutsch spreche
und am Schluss erneut ausdrücklich bestätigt, alle Fragen verstanden zu haben
- 28 -
(Urk. 5 S. 1 und 4). Das Protokoll der polizeilichen Einvernahme enthält sodann
zunächst eine längere, zusammenhängende und verständliche Schilderung des
Ereignisses durch E._ (während welcher sie die besagte Aussage machte),
gefolgt von einer Reihe von Einzelfragen des Polizeibeamten mit kurzen, adäqua-
ten Antworten der Befragten. Auch wenn ihr für die Zeugeneinvernahmen ein
Dolmetscher beigegeben wurde - nachdem sie fünf Jahre nach der obigen Befra-
gung gleich zu Beginn der Einvernahme geltend gemacht hatte, sie verstehe
(schon) die Frage, in welcher Beziehung sie zum Beschuldigten stehe (Urk. 61
S. 2), nicht - ist davon auszugehen, dass sie bei der Polizei hinreichend Deutsch
verstand und sprach, um zu verstehen, wonach sie gefragt wurde und auszudrü-
cken, wie und was sie darauf antworten wollte. Ebenso besteht kein Grund zur
Annahme, die Polizei habe das Gesagte nicht richtig protokolliert. In diesem Zu-
sammenhang ist daran zu erinnern, dass E._ rund zwei Monate vor dem Be-
schuldigten einvernommen wurde, weshalb es nicht möglich ist, dass ein - parteii-
scher - Polizeibeamter der Befragten Worte in den Mund legte, die zu den Aussa-
gen des Beschuldigten kompatibel waren.
Nicht auszugehen ist nach dem Gesagten - entgegen der Behauptung der Zeugin
und der Auffassung der Vorinstanz (Urk. 93 S. 17, Urk. 63 S. 5f., Urk. 64 S. 6) -
insbesondere auch davon, E._ habe bei der Polizei gar nicht zu Protokoll ge-
ben wollen, dass der Beschuldigte den Privatkläger zurückgestossen habe, son-
dern vielmehr ausdrücken wollen, sie sei zurückgedrängt worden. Dass er sie
beiseite gestossen habe, hatte E._ in jener Einvernahme jedoch schon zuvor
zu Protokoll gegeben (Urk. 5 S. 1), und es ist nicht einzusehen, weshalb sie diese
Angabe hätte an einer Stelle wiederholen sollen, an der das Geschehen bereits
weiter fortgeschritten war, der Beschuldigte sie bereits umrundet hatte und sich
dem Privatkläger widmete. Betrachtet man den Wortlaut im Kontext, ist denn auch
klar, dass sie ein Stossen des Beschuldigten gegen den Privatkläger meinte:
"Plötzlich lief der Mann um mich herum und als ich mich zu meinem Freund dreh-
te, war schon ein Gewühl. Sie standen zwischen zwei parkierten Autos. Der Mann
stiess meinen Freund zuerst zurück. Da wurde er wütend und so gerieten sich die
beiden in die Haare" (Urk. 5 S. 1).
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Ist nun aber auf jene ersten, ereignisnahen Aussagen von E._ abzustellen,
dann taugen ihre teilweise völlig anderslautenden, mehr als fünf Jahre später als
Zeugin abgegebenen Aussagen nicht als gewichtiges Indiz dafür, dass sich das
Geschehen anders, nämlich wie vom Privatkläger dargestellt, abgespielt hat.
E._ führte als Zeugin abweichend von den Aussagen bei der Polizei aus, der
Privatkläger habe den Autoinsassen nach der Spiegeltouchierung kein Schimpf-
wort nachgerufen; er habe sich nicht aufgeregt und nur in der Gruppe, in einem
normalen Ton, vor sich hin redend sein Missfallen geäussert (Urk. 63 S. 5, Urk. 64
S. 6). Nachdem dann später der Beschuldigte um E._ herum zum Privatklä-
ger gegangen sei, habe der Beschuldigte als Erster angegriffen, indem er dem
Privatkläger mit der Faust aufs Auge geschlagen habe (Urk. 63 S. 4, 5 und 7; Urk.
64 S. 4 und 6). Das habe sie gesehen, als sie nach hinten geschaut habe. Da-
raufhin habe eine Schlägerei zwischen den beiden begonnen. Schliesslich habe
ein Mann, den man "Jugo" nenne, die beiden getrennt. Als der Privatkläger zu ihr
gekommen sei, sei sein Auge bereits ziemlich geschwollen gewesen. Sie seien
dann nach hinten gegangen und hätten die Polizeibeamten angetroffen.
Die Verniedlichung des Verhaltens des Privatklägers nach der Spiegelberührung
ist ein Indiz dafür, dass die Zeugin ihren ehemaligen Lebenspartner schützen
wollte, indem sie ihn nicht als Provokateur erscheinen liess. Nicht nur hatte sie bei
der Polizei noch ganz anders ausgesagt gehabt; auch weitere Befragte, darunter
der Privatkläger selbst (!), gaben durchgehend an, dass der Privatkläger den Au-
toinsassen "Arschloch" oder eine ähnlich Beleidigung nachgerufen habe.
In Anbetracht dessen und aufgrund des unglaubhaften Widerrufs der Aussagen
bei der Polizei hinsichtlich des die eigentliche körperliche Auseinandersetzung ini-
tiierenden Wutausbruchs des Privatklägers erweisen sich die Zeugenaussagen
E._s als ungeeignet, um die Sachverhaltsversion des Privatklägers wirksam
zu stützen. Ihre Aussagen bei der Polizei passen eher zur Kerndarstellung des
Beschuldigten.
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5.6. Aussagen von F._
5.6.1. Glaubwürdigkeit
F._ war und ist ein guter Kollege des Privatklägers (Urk. 59 S. 2). Die beiden
kennen sich schon, seit der Privatkläger in der Schweiz ist (Urk. 4 S. 3). Daraus
sind die gleichen Konsequenzen abzuleiten wie bei D._, dem Freund des
Beschuldigten.
5.6.2. Aussagenwürdigung
F._ sagte am 19. Juli 2008 bei der Polizei aus, der Fahrer des Autos habe
darum gebeten, zur Seite zu gehen. Als der Wagen dann losgefahren sei, habe
der Spiegel den Privatkläger gestreift. Darauf habe der Privatkläger dem Pw-
Lenker etwas hinterher gerufen. Der Beschuldigte sei ausgestiegen und auf den
Privatkläger zugegangen. E._ sei dazwischen gegangen und habe dem Be-
schuldigten gesagt, er solle nichts machen, da ihr Freund alkoholisiert sei. Darauf
habe er sie zur Seite gestossen und sei auf den Privatkläger losgegangen. Der
PW-Fahrer sei dann daher gerannt gekommen und habe sich einmischen wollen.
F._ habe ihn beruhigen wollen, worauf ihn der Fahrer zurückgestossen habe.
Der Jugoslawe habe schliesslich die beiden Kontrahenten getrennt. "Wer wie mit
was geschlagen hat oder geschlagen wurde" habe F._ aber nicht gesehen
(Urk. 4 S. 1). Der Beifahrer des Wagens habe jedoch den Privatkläger zuerst, und
zwar mit der Faust, geschlagen; das habe er gesehen (S. 1f.). Der Beschuldigte
und sein Kollege hätten davon rennen und ins Auto steigen wollen, aber weil sie
die Polizei gesehen hätten und diese ihr zugerufen habe, seien sie stehen geblie-
ben.
Als Zeuge bestätigte F._ 5 1/2 Jahre später, bei der Polizei wahrheitsgemäss
ausgesagt zu haben. Er wiederholte über weite Strecken, was er damals gesagt
hatte. Er vermeinte allerdings - möglicherweise infolge Zeitablaufs -, sowohl
D._ und der Beschuldigte seien auf den Privatkläger losgegangen (Urk. 59
S. 4f.), korrigierte aber später, sich dessen nicht sicher zu sein (S. 5). Auf die Fra-
ge, wer den ersten Schlag abgegeben habe, antwortete F._: "ja, so weit ich
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mich erinnere, war das glaublich der Beifahrer". Auf die weitere Frage, wie der
Beschuldigte den Privatkläger geschlagen habe, meinte er: "So weit ich mich er-
innere, hat er ihn mit der Faust geschlagen". Und auf die Frage nach dem "Wo-
hin" sagte er: "Das erste Mal gerade ins Gesicht".
Die Aussagen von F._ in der polizeilichen Einvernahme sind grundsätzlich
glaubhaft und decken sich mit denjenigen des Privatklägers. Insbesondere passt
das Vorbringen von F._, der Fahrer des Wagens habe zwar alle geheissen,
den Weg frei zu machen, doch habe der Privatkläger dies nicht gehört bzw. sei
F._ gar nicht dazu gekommen, dem Privatkläger zu sagen, dass dieser im
Weg stehe, zu dessen Angabe, er sei (sinngemäss: plötzlich) vom Rückspiegel
des Wagens gestreift worden.
Er erklärte sodann in der polizeilichen Befragung, den Kampf zwar nicht im Detail
mitbekommen zu haben, jedoch beobachtet zu haben, dass der Beschuldigte den
ersten Faustschlag gegen den Privatkläger ausgeführt habe. Anlässlich der Zeu-
geneinvernahme war er sich dessen allerdings nicht mehr sicher. Das mag am -
langen - Zeitablauf zwischen Ereignis und Zeugenbefragung liegen, doch darf
sich diese von den Strafbehörden zu vertretende Verzögerung nicht in dem Sinne
zum Nachteil des Beschuldigten auswirken, als unbesehen auf die erste Einver-
nahme abgestellt und die Zeugeneinvernahme als nur noch notwendige, erfüllte,
aber inhaltlich bedeutungslose Formalie betrachtet wird.
Nicht zwingend, aber für die Beweiswürdigung auch nicht von Bedeutung, ist als-
dann der Schluss F._', dass schon das Wegschieben E._s zeige, dass
er den Privatkläger habe schlagen wollen. Der Beschuldigte hätte dies getan ha-
ben können, um in direkter Konfrontation - und nicht mit E._ dazwischen - mit
dem Privatkläger zu sprechen. F._ hat mit dieser Interpretation daher nicht
"ins Schwarze" getroffen, wie der Vertreter des Privatklägers plädierte.
Nicht völlig klar ist sodann, ob der Beschuldigte und sein Kollege D._ in
Fluchtabsicht nach dem Vorfall davon rannten, wie F._ ausführte, der Be-
schuldigte jedoch bestritt (Prot. II S. 10). Zwar ist dem - eher summarisch gehal-
tenen - Polizeirapport zu entnehmen, dass die "Gruppe von B._" in Richtung
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See ans Ende des Parkplatzes gezeigt habe, als die Polizisten, die zur Kontrolle
des ruhenden Verkehrs vor Ort waren und von Dritten auf die Schlägerei auf-
merksam wurden, zum Tatort liefen. Weiter soll gesagt worden sein, der Täter sei
dorthin gerannt. Ob dies allerdings mehrere Personen aus der Gruppe behaupte-
ten oder nur F._, ist unklar. In den späteren Einvernahmen sprach ausser
F._ niemand von einer Flucht des Beschuldigten. Immerhin scheint, wie aus
dem Polizeirapport zu schliessen ist, vor Ort auch niemand aus der Gruppe eine
andere Meinung vertreten zu haben. Weiter erscheint bei vernünftiger Betrach-
tung ein solches Wegrennen zwar als kaum geeignet, einer Strafverfolgung zu
entgehen, denn das allen Zeugen bekannte Fahrzeug des Beschuldigten muss
gemäss den Aussagen sämtlicher Befragter in unmittelbarer Nähe des Tatorts
gestanden haben, so dass man den Halter unschwer über die Autonummer hätte
eruieren können. Dennoch ist ein kurzschlussartiges Flüchten des Beschuldigten
und von D._ denkbar. Nicht weniger plausibel erscheint allerdings die Dar-
stellung des Beschuldigten, wonach er (der nicht schwer verletzt war) und
D._ nach der Auseinandersetzung mit B._ und Erhalt der Visitenkarte
von einem Dritten (für den Fall der nachträglichen Entdeckung eines Schadens) in
normalem Tempo in Richtung des Clubs, den sie von Anfang an hätten besuchen
wollen, gegangen seien und dann angehalten hätten, als sie das Rufen der Poli-
zei vernommen hätten, worauf der Beschuldigte auf die Ordnungshüter zugegan-
gen sei und vom Angriff von B._ berichtet habe (Prot. II S. 10). Dem Polizei-
rapport ist dazu passend zu entnehmen, dass der Beschuldigte, als die Polizei
den beiden nachstellte, nicht die Flucht ergriff, sondern den Beamten entgegen
kam und ausführte, dass ihn der Privatkläger geschlagen habe. Die Vorinstanz
sieht darin eine "Flucht nach vorne" des Beschuldigten bzw. einen Versuch, "den
Spiess umzudrehen und so den Geschädigten zum Täter zu machen" (Urk. 93 S.
16); dass der Beschuldigte sich aus diesem Grund so verhielt, ist zwar möglich,
muss aber nach dem Gesagten keineswegs so sein.
Was letztlich bleibt, ist, dass die Vorbringen des geradlinig, konstant und in der
Regel vorsichtig aussagenden Zeugen F._, der Beschuldigte habe den Pri-
vatkläger als erster, und zwar mit der Faust, geschlagen sowie seine Aussage,
- 33 -
der Beschuldigte und D._ seien danach (fluchtartig) davon gerannt, den Be-
schuldigten indiziell, aber nicht entscheidend gewichtig, zu belasten vermögen.
Bleibt anzumerken, dass nicht anzunehmen ist, der Beschuldigte habe (obschon
unschuldig) aus Angst vor einem Angriff der ganzen Gruppe davon rennen müs-
sen. Nach seiner und D._s Darstellung konnten sie nach der Schlägerei ja
unbehelligt noch mit einem Dritten über eine allfällige Regelung des Schadens am
Auto sprechen.
5.7. G._
5.7.1. Glaubwürdigkeit
G._ ist mit dem Privatkläger schon lange befreundet und Patin eines seiner
Kinder. F._ ist ihr Bruder. Diese Beziehungen sind bei der Aussagenanalyse
im Auge zu behalten.
5.7.2. Würdigung der Aussagen
G._ berichtete in der polizeilichen Befragung, als ihre Gruppe auf dem Park-
platz darüber beraten habe, was sie weiter machen wollten, sei plötzlich ein Auto
hinter ihnen durch gefahren und habe den Privatkläger am "Po" oder Rücken ge-
streift. Der Getroffene habe etwas hinterher gerufen. Das Auto sei weitergefahren
und habe parkiert. Dann seien zwei Männer ausgestiegen und auf sie zugekom-
men. Plötzlich habe G._ bemerkt, dass einer der beiden und der Privatkläger
aufeinander eingeschlagen hätten. Aber wer wen zuerst und wohin geschlagen
habe, habe sie nicht beobachtet (Urk. 6 S. 1). Sie sei mit einem Kollegen
(H._, dem Jugoslawen) auf der Seeseite des Parkplatzes gestanden, wohin-
gegen die Schlägerei auf der Strassenseite stattgefunden habe. Dorthin seien sie
dann geeilt, um zu helfen.
Anlässlich der Zeugeneinvernahme im November 2013 (Urk. 60) führte G._
aus, sie seien am Reden und Lachen gewesen, als das Auto gekommen sei und
der Privatkläger irgendwie am Hintern gestreift worden sei. Der Privatkläger habe
reklamiert. Das Auto sei weitergefahren. Sie sei dann mit H._ in Richtung
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See gegangen. Dann hätten sie gesehen, dass das Auto doch angehalten habe,
einer ausgestiegen und zum Privatkläger gegangen sei. Dann hätten sie "ge-
schlegelt", doch habe sie nicht gesehen, wer den ersten Schlag abgegeben habe
(Urk. 60 S. 4). Später gab sie erneut an, sie habe "den Verlauf von ganz am An-
fang" nicht gesehen, weil sie mit dem Kollegen zunächst am See gelaufen sei
(a.a.O. S. 7). Gleichwohl sagte sie auf Vorhalt der Aussagen D._s aus, diese
träfen nicht zu; der eine (Autoinsasse) sei aus dem Auto gestiegen und "einfach
auf B._ los gegangen" (a.a.O. S. 5). Davon, dass sie (die Autoinsassen) et-
was gefragt hätten, habe sie im Übrigen nichts gehört.
Weiter erklärte sie, E._ habe die Kontrahenten während der Auseinanderset-
zung trennen wollen. Es könne sein, dass sie dabei das T-Shirt des Beschuldigten
zerrissen habe.
Die Aussagen von G._ führen nicht weiter. Wer den ersten Schlag ausführte,
hat sie nicht gesehen. Die übrigen Angaben sind entweder ohne Erkenntniswert
oder fragwürdig, etwa wenn sie als Zeugin plötzlich wissen wollte, dass der Be-
schuldigte plötzlich auf den Privatkläger los gegangen sei oder als Einzige be-
hauptete, E._ habe die beiden Kämpfenden trennen wollen.
6. Fazit
6.1. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass als erstellt zu betrachten ist, dass
der Privatkläger im Rahmen der körperlichen Auseinandersetzung mit dem Be-
schuldigten vom 29. Juni 2008 in Zürich schwer am Auge verletzt wurde.
6.2. Einiges spricht auch für die Richtigkeit der weiteren Angaben des Privatklä-
gers, welche vor allem durch die Aussagen seines Freundes F._ gestützt
werden, auch wenn unverständlich bleibt, weshalb er sein angebliches Vorhaben,
noch an Ort Anzeige gegen den Beschuldigten zu erstatten, bis auf Weiteres fal-
len liess, obschon er ihm nicht verziehen hatte. Die Depositionen seiner früheren
Partnerin E._ bei der Polizei passen dagegen eher zur Schilderung des Be-
schuldigten, und ihre späteren Vorbringen sind ungereimt und unterliegen dem
Verdacht der Modifikation zu Gunsten des Privatklägers. G._ bestätigt zwar
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den Beginn der Vorgeschichte, will aber gerade zur hier massgeblichen Frage,
wer mit der körperlichen Auseinandersetzung begonnen hat, nichts zu sagen ha-
ben. Vom "Jugoslawen H._" und "I._" fehlen Personalien und Aussagen
ganz, wobei ersterer bei G._ war und letztere explizit behauptete, nichts mit-
bekommen zu haben. Angemerkt sei, dass doch erstaunt, dass diese drei Perso-
nen nicht mitbekommen haben wollen, wer wem den ersten Schlag verpasste,
wäre doch zu erwarten gewesen, dass die augen- und ohrenfällige Vorgeschichte
die Aufmerksamkeit aller auf das Geschehen gelenkt hätte. Insbesondere hat
G._ ungeachtet der Distanz und des Gesprächs mit H._ gesehen, dass
sich Spiegel und Privatkläger berührt haben und hat realisiert, dass der Privatklä-
ger dem Fahrer etwas nachrief, dass die Insassen dann ausstiegen und auf die
Gruppe zugingen. Sie sah auch die Schlägerei, aber ausgerechnet nicht deren
Anfang.
Die Sachverhaltsversion des Beschuldigten, die sich im Wesentlichen mit den
Angaben seines Freundes D._ deckt, wirkt für sich betrachtet plausibel,
wenn auch mitunter der Verdacht von Übertreibungen aufkommt. Die Schilderung
der beiden lässt jedenfalls erste ernsthafte Zweifel an der belastenden Darstel-
lung des Privatklägers und seiner Gruppenangehörigen aufkommen. Dies zumal
gerade die Aussagen des Beschuldigten und seines Freundes bei der Aussagen-
würdigung nicht zu Lasten des Beschuldigten auf die Goldwaage gelegt werden
dürfen, weil nur schon bis zur ersten protokollarischen Befragung der beiden fast
drei Monate vergingen.
Kommt hinzu, dass alle Zeugen wegen Versäumnissen in der Untersuchung und
vor erster Instanz erst nach 5 1/2 Jahren formell korrekt als solche befragt wur-
den. Welche dieser Aussagen durch eine veränderte Wahrnehmung infolge Zeit-
ablauf oder allenfalls durch Absprachen verfälscht wurden, lässt sich nicht zuver-
lässig ermitteln. Dieser Umstand behindert die Sachverhaltswürdigung enorm,
was sich aber nicht zu Ungunsten des Beschuldigten auswirken darf.
Gesamthaft betrachtet erweist sich die Sachverhaltsversion des Privatklägers
zwar als wahrscheinlicher als diejenige des Beschuldigten, doch vermag sie an-
gesichts der grundsätzlichen Plausibilität beider Schilderungen und der bei der
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Würdigung der einzelnen Aussagen aufgedeckten Ungereimt- und erwähnten
Unwägbarkeiten, bezüglich welcher teilweise unklar ist, inwiefern sie mit von einer
infolge Zeitablaufs verfälschten Erinnerung herrühren, nicht rechtsgenügend zu
überzeugen. Es verbleiben ernsthafte Zweifel an der zur Anklage gewordenen
Darstellung des Privatklägers.
Bleiben nun aber solche Zweifel bestehen, ist nach dem Grundsatz "in dubio pro
reo" von der Sachverhaltsversion des Beschuldigten auszugehen, soweit darin
nicht das (erstellte) Vorliegen einer schweren Schädigung des Körpers und die
(ebenfalls nachgewiesene) Verursachung derselben durch den Beschuldigten be-
stritten wird.
III. Rechtliche Würdigung
1. Der Beschuldigte wurde vom Privatkläger gestossen, nachdem dieser dessen
Freundin zur Seite geschoben bzw. um sie herum gegangen war, um den Privat-
kläger zur Rede zu stellen. Daraufhin tat es der Beschuldigte ihm gleich und
schubste zurück. Bei diesen beiden geringfügigen und folgenlosen Aktionen ge-
gen die körperliche Integrität handelte es sich höchstens um (im Falle des Be-
schuldigten retorsive) Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 oder Art. 177 StGB. Sie
sind vorliegend kein Thema. Das Verfahren gegen den Privatkläger wurde dies-
bezüglich eingestellt (was allerdings für die vorliegende Sachverhaltswürdigung
nicht bindend war). Und was den Beschuldigten betrifft, so wäre das Delikt auch
verjährt. Zu Recht findet sich diesbezüglich kein Vorwurf in der Anklageschrift.
2.1. Der Beschuldigte wurde nun vom (laut E._ "wütenden") Privatkläger mit
der Faust ins Gesicht geschlagen. Dazu war der Privatkläger nicht berechtigt. Der
Beschuldigte durfte, ja musste befürchten, mindestens Opfer einer einfachen Kör-
perverletzung zu werden (BGE 74 IV 83, BGE 99 IV 126, BGE 103 IV 65). Er be-
fand sich in einer Notwehrlage im Sinne von Art. 15 StGB und durfte sich ange-
messen wehren. Zu flüchten oder dem Angriff auf andere Weise auszuweichen
brauchte er nicht (vgl. dazu etwa BGE 102 IV 230, BGE 136 IV 53).
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Soweit der Beschuldigte nun um sich schlug und dabei in Kauf nahm, dem Privat-
kläger eine einfache Körperverletzung zuzufügen, machte er sich daher nicht
strafbar. Denn mit einem solchen, den objektiven wie den subjektiven Tatbestand
von Art. 123 Ziff. 1 StGB erfüllenden Verhalten bewegte er sich noch im Rahmen
einer angemessene Gegenwehr und kann er sich demzufolge auf den Rechtferti-
gungsgrund der Notwehr berufen. Er ist daher vom Vorwurf der einfachen Körper-
verletzung freizusprechen.
2.2.1. Hingegen war die Verursachung einer schweren Körperverletzung - zu de-
nen die Augenschädigung gehört, welche der Privatkläger vorliegend erlitt und
welche ihm vom Beschuldigten beigebracht wurde - nicht gerechtfertigt. Denn es
sind keine Anhaltspunkte dafür ersichtlich, dass ihn der Privatkläger hätte schwer
verletzen oder gar töten wollen. Insbesondere hatte der Privatkläger beim Angriff
weder eine Waffe noch einen gefährlichen Gegenstand eingesetzt, und er war
auch nicht mit massiver Gewalt gegen ihn vorgegangen, wie die vom Beschuldig-
ten erlittenen Verletzungen zeigen.
Der Beschuldigte hat mit dem Schlag ins Gesicht des Privatklägers den Bruch des
Augenhöhlenbodens mit den in der Anklage geschilderten Folgen verursacht und
damit den objektiven Tatbestand der fahrlässigen schweren Körperverletzung
gemäss Art. 125 Abs. 2 StGB erfüllt.
2.2.2. Jeder erwachsene Mensch weiss (selbst in alkoholisiertem Zustand), dass
der Kopf eines Menschen ein sensibles Körperteil ist und ein Schlag dagegen di-
rekt oder indirekt eine schwere Körperverletzung bewirken kann. So kann jemand
derart am Kinn getroffen werden, dass er umkippt und sich auf dem harten Boden
einen Schädelbruch zuzieht. Oder es kann wie hier der Augenhöhlenboden - mit
operativ nicht mehr vollständig heilbaren Folgen - brechen, weil ein ungezielter
Schlag die entsprechende Stelle trifft. Es besteht kein Zweifel, dass auch der al-
koholisierte Beschuldigte um diese Gefahr wusste. Das Um-Sich-Schlagen des
Beschuldigten war geeignet, einen Körperschaden wie den vorliegenden zu be-
wirken und die schwere Körperverletzung war voraussehbar und durch ein ande-
res Abwehrverhalten vermeidbar.
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Dass der Beschuldigte dem Privatkläger willentlich eine schwere Körperverlet-
zung zufügte, kann nach dem als erstellt zu betrachtenden Sachverhalt ausge-
schlossen werden. Im Ergebnis hat dies bereits die Vorinstanz durch den rechts-
kräftigen Freispruch zutreffend festgestellt. Allerdings ist entgegen den erstin-
stanzlichen Erwägungen (Urk. 93 S. 19) nicht davon auszugehen, dass er infolge
Alkoholisierung überhaupt nicht an die Möglichkeit der Verursachung einer
schweren Verletzung dachte. Auf die Frage, ob er sich vor dem Schlag keine Ge-
danken darüber gemacht habe, dass er allenfalls zu stark zuschlagen würde, er-
klärte er gegenüber dem Staatsanwalt denn auch: "Ich habe nur aus Notwehr ge-
handelt. Wenn einer so wie eine Furie auf mich los kommt, dann ja". Hätte er den
Beschuldigten aber schwer verletzen wollen, mithin mit direktem Vorsatz gehan-
delt, hätte er nicht - gewissermassen auf gut Glück - um sich geschlagen, sondern
von Anfang an versucht, einen gezielten und wuchtigen Schlag auf dem Auge des
Kontrahenten zu platzieren.
Vorsätzlich handelt aber auch, wer die Verwirklichung der Tat für möglich hält und
in Kauf nimmt. Beim Eventualvorsatz strebt der Täter den Erfolg nicht an, sondern
weiss lediglich, dass dieser möglicherweise mit der willentlich vollzogenen Hand-
lung verbunden ist. Der Eventualvorsatz ist zu bejahen, wenn der Täter den Erfolg
für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt und sich mit ihm abfindet, mag er ihm
auch unerwünscht sein (BGE 137 IV 1, BGE 133 IV 1, BGE 6S.370/2006, BGE
6B_643/2011). Ob der Täter die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen
hat, muss der Richter bei fehlendem Geständnis aufgrund der Umstände ent-
scheiden. Dazu gehören die Grösse des dem Täter bekannten Risikos der Tatbe-
standsverwirklichung, die Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung, die Beweggrün-
de des Täters und die Art der Tathandlung. Je grösser die Wahrscheinlichkeit der
Tatbestandsverwirklichung ist und je schwerer die Sorgfaltspflichtverletzung
wiegt, desto näher liegt die Schlussfolgerung, der Täter habe die Tatbestands-
verwirklichung in Kauf genommen. Der Richter darf vom Wissen des Täters auf
den Willen schliessen, wenn sich dem Täter der Eintritt des Erfolgs als so wahr-
scheinlich aufdrängte, dass die Bereitschaft, ihn als Folge hinzunehmen, vernünf-
tigerweise nur als Inkaufnahme des Erfolgs ausgelegt werden kann (BGE 135 IV
12, BGE 134 IV 26, BGE 133 IV 1).
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Die Abgrenzung zwischen Eventualvorsatz und bewusster Fahrlässigkeit kann im
Einzelfall schwierig sein. Sowohl der eventualvorsätzlich als auch der fahrlässig
handelnde Täter wissen um die Möglichkeit oder das Risiko der Tatbestandsver-
wirklichung. Hinsichtlich der Wissensseite stimmen somit beide Erscheinungsfor-
men des subjektiven Tatbestandes überein. Unterschiede bestehen jedoch beim
Willensmoment. Der bewusst fahrlässig handelnde Täter vertraut (aus pflichtwid-
riger Unvorsichtigkeit) darauf, dass der von ihm als möglich vorausgesehene Er-
folg nicht eintrete, sich das Risiko der Tatbestandserfüllung mithin nicht verwirkli-
che. Demgegenüber nimmt der eventualvorsätzlich handelnde Täter den Eintritt
des als möglich erkannten Erfolgs ernst, rechnet mit ihm und findet sich mit ihm
ab. Wer den Erfolg derart in Kauf nimmt, "will" ihn im Sinne von Art. 12 Abs. 2
StGB. Nicht erforderlich ist, dass der Täter den Erfolg "billigt" (BGE 133 IV 9, BGE
133 IV 1, BGE 130 IV 58).
Der Beschuldigte befand sich in einer Verteidigungssituation und musste schnell
überlegen und entscheiden, wie er handeln wolle. Besonders subtile Gedanken
konnte er sich in dieser Situation nicht machen. Kommt hinzu, dass die Wahr-
scheinlichkeit sehr gering war, dass er beim Um-Sich-Schlagen mit blossen Hän-
den (auch wenn diese zeitweise zu Fäusten geballt sein mögen) erstens den Au-
genhöhlenboden treffen würde, dass dies zweitens mit der erforderlichen Wucht
geschehen würde, um den Knochen zu brechen und dass die Fraktur drittens -
was durchaus nicht der Regelfall ist - dergestalt sein würde, dass ein dauernder
Sehschaden verbleiben würde, weil der Augapfel auf dieser Seite gegenüber
demjenigen auf der anderen Gesichtshälfte dauerhaft verschoben bleiben würde.
Ein derartiger Treffer war viertens vorliegend deshalb noch unwahrscheinlicher,
weil der Privatkläger nicht völlig unvorbereitet und insofern wehrlos getroffen wur-
de, sondern als Angreifer fraglos auf eine Gegenwehr des Beschuldigten gefasst
und entsprechend auf der Hut war. Unter diesen Umständen kann, geht man von
den Kriterien der oben zitierten bundesgerichtlichen Rechtsprechung aus, keines-
falls angenommen werden, der Beschuldigte habe mit der nahen Möglichkeit des
Eintritts einer schweren Körperverletzung gerechnet und sich mit einer solchen
Auswirkung seiner Tathandlung abgefunden, sodass trotz der gegenteiligen Be-
kundungen des Beschuldigten auf Eventualvorsatz geschlossen werden müsste.
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Die Vorinstanz hat auch dies im Ergebnis richtig erkannt und den Beschuldigten
von einer eventualvorsätzlichen schweren Körperverletzung rechtskräftig freige-
sprochen.
Hingegen hat der Beschuldigte bewusst fahrlässig im Sinne von Art. 125 Abs. 2
StGB gehandelt, wobei die Sorgfaltspflichtverletzung (aber selbstredend nicht der
eingetretene "Erfolg") angesichts der oben aufgezeigten Umstände geringfügig
war. Diesbezüglich liegt ein Notwehrexzess im Sinne von Art. 15f. StGB vor.
Gemäss Art. 16 Abs. 2 StGB handelt nicht schuldhaft, wer die Grenzen der Not-
wehr in entschuldbarer Aufregung oder Bestürzung über den Angriff überschreitet.
Dabei sind die Anforderungen an die Intensität dieses emotionalen Zustands um-
so höher, je schwerer das Verhalten des Täters beim Notwehrexzess ist (vgl. da-
zu BGE 6B_643/2011).
Vorliegend ist noch einmal festzuhalten, dass der Beschuldigte weder vorsätzlich,
noch eventualvorsätzlich die Grenzen der Notwehr überschritt, sondern einzig die
möglichen Folgen seiner Gewaltanwendung im Rahmen der Verteidigung zu we-
nig bedachte bzw. zu sehr darauf vertraute, dass diese nicht eintreten würden. Er
schlug ausserdem nicht gezielt, mit roher, wuchtiger Gewalt einmal oder gar
mehrfach auf das Auge des Widersacher ein, sondern schlug ungezielt um sich.
Die Wahrscheinlichkeit war vorhanden, aber gering, dass das Abwehr-Verhalten
zur eingetretenen schweren Verletzung führen würde. Es ist daher kein strenger
Massstab an die Entschuldbarkeit des Notwehrexzesses zu stellen.
Der Beschuldigte geriet durch den Angriff des Privatklägers fraglos in eine Span-
nungslage und einen Bestürzungszustand. Das zeigt sich unter anderem darin,
dass er sich auf panische Art, nämlich durch Um-Sich-Schlagen, wehrte. Noch
gesteigert worden sein dürften Angst und Aufregung dadurch, dass der Beschul-
digte selbst erheblich alkoholisiert war und dadurch die Situation verzerrt und
übersteigert wahrgenommen haben dürfte, wenn auch nicht in dem Masse, dass
er sie überhaupt nicht mehr richtig hätte einschätzen können.
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Der Beschuldigte kann sich daher mit Erfolg auf entschuldbare Notwehr im Sinne
von Art. 16 Abs. 2 StGB berufen. Er überschritt die Grenzen der Notwehr in ent-
schuldbarer Bestürzung über den Angriff und handelte damit nicht schuldhaft, was
zu einem Freispruch führt (Donatsch, OSK-StGB, 19. Aufl. Zürich 2013, Art. 16 N
3).
IV. Widerruf
Bei diesem Ausgang des Prozesses ist über die Verlängerung der mit Strafbefehl
der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 20. September 2006 angesetz-
ten Probezeit nicht zu befinden.
V. Zivilpunkt
Auf die Anträge des Privatklägers betreffend Schadenersatz und Genugtuung ist
infolge vollumfänglichen Freispruchs nicht einzutreten.
VI. Kosten und Entschädigung
1. Die Gerichtsgebühr im erstinstanzlichen Prozess Nr. GG130167 (im Prozess
Nr. GG120228 wurde keine Gerichtsgebühr angesetzt [Urk. 52]) ist infolge Frei-
spruchs ausser Ansatz fallen zu lassen. Die übrigen Positionen der Kostenfest-
setzung in Prozess Nr. GG130167 sind zu bestätigen.
2. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren fällt ausser Ansatz.
Die Kosten der Untersuchung, des erstinstanzlichen Verfahrens und des Be-
rufungsverfahrens, einschliesslich derjenigen der amtlichen Verteidigung und der
unentgeltlichen Verbeiständung der Privatklägerschaft, sind auf die Gerichtskasse
zu nehmen.
Schliesslich ist dem Beschuldigten eine Umtriebsentschädigung von Fr. 500.- aus
der Gerichtskasse zu bezahlen.
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