Decision ID: 77958dc6-0a6b-4668-9ed2-6197c82d81f7
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Die Y._ AG war der
Ausgleichskasse Schweizeri
scher Baumeisterverband
(nachfolgend: Ausgleichskasse SBV) als beitragspflichtige Arbeitgeberin angeschlossen und rechnete mit ihr die pa
ritätischen und FAK-Beiträge ab (vgl. etwa Urk. 11/1-18). Mit Urteil vom 21. November 2012 löste das Handelsgericht des Kantons Z._ die Gesell
schaft auf und ordnete gemäss Art. 731b Abs. 1 Ziff. 3 des Obligationen
rechts (OR) ihre Liquidation nach den Vorschriften über den Konkurs an (Urk. 13).
Am 3. April 2013 meldete die Ausgleichskasse SBV im Konkursverfahren der Y._ AG eine Forderung für geschuldete Sozialversicherungsbei
träge sowie Nebenkosten in der Höhe von Fr. 130‘530.25 an (Urk. 11/20).
1.2
Im Konkursverfahren der Y._ AG lag der Kollokationsplan vom 31. Mai bis 20. Juni 2013 und das Inventar vom 31. Mai bis 10. Juni 2013 zur Einsicht auf (Urk. 3/10).
Mit Schreiben vom 7. März 2014 an das Konkursamt Z._ (Urk. 11/24) redu
zierte die Ausgleichskasse SBV ihre Konkursforderung auf Fr. 127‘337.45. Am 11. April 2014 wurde die Forderung abermals reduziert, und zwar auf Fr. 101‘114.90 (Urk. 11/26).
1.3
Mit Verfügung vom 19. Oktober 2015 (Urk. 3/2) verpflichtete die Ausgleichs
kasse SBV X._, ehemals Delegierter des Verwaltungsrats der Kon
kursitin, zur Zahlung von Schadenersatz in der Höhe von Fr. 89‘979.45. Mit im Wesentlichen gleichlautenden Verfügungen, die ebenfalls am 19. Oktober 2015 ergingen, verpflichtete die Ausgleichskasse SBV auch die übrigen ehe
maligen Verwaltungsratsmitglieder der Y._ AG solidarisch zur Be
zahlung des genannten Schadenersatzbetrages (separate Verfahren; vgl. dazu jeweils Urk. 3/5 in den Prozessen Nrn. AK.2016.00037, AK.2016.00038 und AK.2016.00039).
Die von X._ erhobene Einsprache vom 2. November 2015 (Urk. 3/3) wies die Ausgleichskasse SBV mit Entscheid vom 18. Juli 2016 (Urk. 2) ab.
2.
Dagegen liess X._ mit Eingabe vom 25. August 2016 (Urk. 1) Be
schwerde erheben mit folgendem Rechtsbegehren:
Es seien der Einspracheentscheid der Beschwerdegegnerin vom 18. Juli 2016 und die Schadenersatzverfügung der Beschwerdegeg
nerin vom 19. Oktober 2015 aufzuheben und es sei der Beschwer
deführer von jeglicher Schadenersatzpflicht freizusprechen.
Alles unter Kosten- und Entschädigungspflicht zulasten der Be
schwerdegegnerin.
Mit Verfügung vom 1. September 2016 (Urk. 5) wurde der Ausgleichskasse SBV Frist zur Erstattung der Beschwerdeantwort sowie zur Einreichung der Akten angesetzt. Da die Ausgleichskasse SBV diesen Aufforderungen nicht nachkam, wurde sie am 19. Oktober 2016 mit einer Ordnungsbusse von Fr. 500.
bestraft; es wurde ihr erneut Frist zur Einreichung der Beschwerde
antwort und der Akten angesetzt (Urk. 8). Schliesslich beantragte die Aus
gleichskasse SBV in ihrer Beschwerdeantwort vom 16. November 2016 (Urk. 10) die Abweisung der Beschwerde, was X._ zur Kenntnis gebracht wurde (vgl. Urk. 12).
Auf die Ausführungen der Parteien ist, soweit für die Entscheidfindung erfor
derlich, in den Erwägungen einzugehen.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach Art. 52 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenen
versicherung (AHVG) hat ein Arbeitgeber, der durch absichtliche oder grob
fahrlässige Missachtung von Vorschriften der Versicherung einen Schaden zufügt, diesen zu ersetzen. Handelt es sich beim Arbeitgeber um eine juristi
sche Person, so haften subsidiär die Mitglieder der Verwaltung und alle mit der Geschäftsführung oder Liquidation befassten Personen. Sind mehrere Personen für den gleichen Schaden verantwortlich, so haften sie für den ganzen Schaden solidarisch (Art. 52 Abs. 2 AHVG).
Die Vorschriften über die Arbeitgeberhaftung nach
Art.
52 AHVG sowie die dazu entwickelte Rechtsprechung des Bundesgerichts finden mangels eigener Bestimmungen sinngemäss Anwendung auf die Invalidenversicherungs- (
Art.
66 des Bundesgesetzes über die Invalidenvers
icherung), Erwerbsersatz
- (
Art.
21
Abs.
2 des Bundesgesetzes über
den Erwerbsersatz für Dienstleis
tende und bei Mutterschaft) und Arbeitslosenversicherungsbeiträge
(
Art.
6 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung)
sowie auf jene
an die Familienausgleichskassen (FAK) gemäss dem Bundesgesetz über die Familienzulagen (
Art.
25 lit. c). Gleiches gilt für die bis 3
1.
Dezember 2008 nach kantonalem Recht erhobe
nen FAK-Beiträge (
§
33
Abs.
2 des Gesetzes über Kinderzulagen für Arbeit
nehmer in der bis Ende 2007 gültig gewesenen Fassung bzw.
§
33 des ab
1.
Januar 2008 bis 3
0.
Juni 2009 gültig gewesenen Kinderzulagengesetzes; nicht publiziertes Urteil des Bundesgerichts 2P.251/19
96 vom 30. Juni 1997).
1.2
1.2.1
Der Schaden gilt als eingetreten, sobald anzunehmen ist, dass die geschulde
ten Beiträge aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht mehr erhoben werden können (BGE 126 V 443 E. 3a, 121 III 382 E. 3bb, 388 E. 3a, je mit Hinweisen). Dies trifft dann zu, wenn die Beiträge im Sinne von Art. 16 Abs. 1 AHVG verwirkt sind (vgl. beispielsweise BGE 112 V 156, 98 V 26) oder wenn ihre Entrichtung wegen Zahlungsunfähigkeit des beitrags
pflichti
gen Arbeitgebers nicht mehr möglich ist (vgl. beispielsweise BGE 121 V 234, 240). Im ersten Fall gilt der Schaden als eingetreten, sobald die Beiträge ver
wirkt sind (BGE 123 V 12 E. 5b, 170 E. 2a, 112 V 156 E. 2, 108 V 189 E. 2d, je mit Hinweisen). Im zweiten Fall gilt der Scha
denseintritt als erfolgt, sobald die Beiträge wegen der Zahlungsunfähigkeit des Arbeitgebers nicht mehr im ordent
lichen Verfahren nach Art. 14 ff. AHVG erhoben werden kön
nen (BGE 123 V 12 E. 5b, 170 E. 2a, 121 III 382 E. 3bb, 113 V 256, 112 V 156 E. 2).
1.2.2
Der Schadenersatzanspruch verjährt zwei Jahre, nachdem die zuständige Aus
gleichskasse vom Schaden Kenntnis erhalten hat, jedenfalls fünf Jahre nach Eintritt des Schadens. Diese Fristen können unterbrochen werden. Der Arbeitgeber kann auf die Einrede der Verjährung verzichten (Art. 52 Abs. 3 AHVG; vgl. auch BGE 131 V 4 oben).
1.2.3
Kenntnis des Schadens im Sinne von Art. 52 Abs. 3 AHVG ist in der Regel von dem Zeitpunkt an gegeben, in welchem die Ausgleichskasse unter Be
achtung der ihr zumutbaren Aufmerksamkeit erkennen muss, dass die tat
sächlichen Gegebenheiten nicht mehr erlauben, die Beiträge einzufordern, wohl aber eine Schadenersatzpflicht begründen können (BGE 131 V 425 E. 3.1, 129 V 193 E. 2.1, 128 V 15 E. 2a, 126 V 443 E. 3a, 452 E. 2a, 121 III 386 E. 3b, je mit Hinweisen).
Im Falle eines Konkurses oder Nachlassvertrages mit Vermögensabtretung hat die Kasse nicht notwendigerweise erst Kenntnis des Schadens im Sinne von Art. 52 Abs. 3 AHVG, wenn sie in die Verteilungsliste und Schlussrech
nung des Konkursamtes oder Liquidators Einsicht nehmen kann oder einen Verlustschein erhält; denn wer im Rahmen solcher Verfahren einen Verlust erleidet und auf Ersatz klagen will, hat praxisgemäss in der Regel bereits dann ausreichende Kenntnis des Schadens, wenn die Kollokation der Forde
rungen eröffnet beziehungsweise der Kollokationsplan (und das Inventar) zur Einsicht aufgelegt wird. In diesem Zeitpunkt ist oder wäre der Gläubiger im Allgemeinen in der Lage, den Stand der Aktiven, die Kollokation seiner For
derung und die voraussichtliche Dividende zu kennen (BGE 126 V 443 E. 3a, 119 V 89 E. 3, je mit Hinweisen).
2.
2.1
Strittig und zu prüfen ist, ob die streitgegenständliche Forderung verjährt ist beziehungsweise wann die zweijährige Verjährungsfrist von Art. 52 Abs. 3 AHVG ausgelöst wurde.
2.2
Die Beschwerdegegnerin vertrat insoweit im angefochtenen Einspracheent
scheid (Urk. 2) die Auffassung, dass der Kollokationsplan und das Inventar zum Zeitpunkt ihrer Auflage nicht genug umfassend gewesen seien, um mit Sicherheit einen entstehenden Schaden erkennen zu können. Die Konkurs
verwaltung habe keine Angaben über eine mögliche Dividende machen kön
nen. Die Schadenskenntnis habe sie erst durch die Kenntnisnahme der Ver
teilungsliste und der Schlussabrechnung sowie nach Ausstellung des Kon
kursverlustscheines erlangt.
Im vorliegenden Prozess äusserte sich die Beschwerdegegnerin nicht mehr zur Verjährungsfrage (vgl. Urk. 10).
2.3
Demgegenüber liess der Beschwerdeführer im Wesentlichen ausführen (Urk. 1 S. 6 f.), dass die Beschwerdegegnerin seit der Auflage des Kollokationsplanes am 31. Mai 2013 eine hinreichende Schadenskenntnis gehabt habe. Schlicht falsch sei die Behauptung der Beschwerdegegnerin, dass die Konkursverwal
tung keine Angaben über die Konkursdividende gemacht habe. Aus dem Kollokationsplan sei ersichtlich, dass das Konkursamt von einer Konkursdivi
dende von 4 % ausgegangen sei. Die von der Beschwerdegegnerin behauptete Schadenersatzforderung sei bereits verjährt gewesen, als die Schadenersatz
verfügung erlassen worden sei.
3.
3.1
Wie oben in E. 1.2.3 dargelegt wurde, hat die Ausgleichskasse nach ständiger Praxis in der Regel bereits dann ausreichende Kenntnis des Schadens, wenn die Kollokation der Forderungen eröffnet beziehungsweise der Kollokations
plan (und das Inventar) zur Einsicht aufgelegt wird. In diesem Zeitpunkt ist oder wäre sie im Allgemeinen in der Lage, den Stand der Aktiven, die Kollo
kation ihrer Forderung und die voraussichtliche Dividende zu kennen (BGE 126 V 443 E. 3a, 119 V 89 E. 3, je mit Hinweisen). Kommt dieser Grundsatz auch im vorliegenden Fall zur Anwendung, dann wäre die streitgegenständ
liche Forderung ohne Weiteres als verjährt zu qualifizieren, da die Schaden
ersatzverfügung erst am 19. Oktober 2015 (Urk. 3/2) erlassen wurde, mithin nach Ablauf der zweijährigen Frist von Art. 52 Abs. 3 Satz 1 AHVG, welche am 20. Juni 2013 in Gang gesetzt wurde (Ende der Auflagefrist des Kolloka
tionsplanes; BGE 121 V 234).
3.2
3.2.1
Zu prüfen bleibt der unsubstantiiert vorgetragene Einwand der Beschwerdegeg
nerin, wonach der Kollokationsplan und das Inventar zum Zeitpunkt ihrer Auflage nicht genug umfassend gewesen seien, um mit Si
cherheit einen entstehenden Schaden erkennen zu können. Die Konkursver
waltung habe keine Angaben über eine mögliche Dividende machen können (Urk. 2 Ziff. II lit. E).
3.2.2
Im Konkurs der Y._ AG wurden - wie erwähnt - das Inventar und der Kollokationsplan vom 31. Mai bis 10. beziehungsweise 20. Juni 2013 zur Einsicht aufgelegt (Urk. 3/10). Das Konkursamt Z._ führte im Kollokations
plan vom 22. Mai 2013 aus (Urk. 3/11 S. 8), dass die Forderungen der ersten Klasse voraussichtlich zu 100 % und diejenigen der zweiten Klasse zu 4 % befriedigt werden, während die Kurrentgläubiger (dritte Klasse) voll zu Scha
den kommen würden. Das Konkursamt fügte an, dass diese Schätzung unter allem Vorbehalt und ohne Gewähr erfolge.
Aus dem Kollokationsplan geht - entgegen den (unsubstantiierten) Behauptun
gen im angefochtenen Einspracheentscheid - unmissverständlich hervor, dass die Forderung der Beschwerdegegnerin, die gemäss Art. 219 Abs. 4 SchKG in die zweite Klasse fällt, weitgehend ungedeckt bleiben wird.
Die Aussage des Kon
kursamtes ist weder vage noch missverständlich, son
dern klar. Auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Das Konkursamt rechnete für die zweite Klasse mit einer Konkursdividende von 4 % (Urk. 3/11 S. 8). Mithin hatte die Beschwerdegegnerin mit einem Verlust von 96 % ihrer Forderung zu rechnen. Der Umstand, dass die Konkursdividende für die zweite Klasse schliesslich doch noch 16,6 % betragen sollte (Urk. 2 S. 2 lit. E), ändert nichts daran, dass die Beschwerdegegnerin zu Verlust kam und dies bereits bei Auflage von Inventar und Kollokationsplan erkennbar war. Rechtsprechungsgemäss genügt die Kenntnis eines Teilschadens, um die Verjährungsfrist in Gang zu setzen (Urteil des Bundesgerichts 9C_407/2011 vom 26. Juli 2011 E. 2.1).
Dass das Konkursamt die Angaben „unter allem Vorbehalt“ und „ohne Ge
währ“
machte,
ist unerheblich
. Es handelt sich dabei um
sogenannte
Floskeln,
die einzig darauf hinweisen sollen, dass es - wie in jedem Konkursverfahren - rein
theoretisch möglich ist, dass sich unvorhersehbar noch irgendetwas än
dern könnte (etwa plötzliches Auftauchen neuer Vermögenswerte, unerwartet geringer oder hoher Verwertungserlös, Verzichtserklärungen von Gläubigern oder dergleichen). Die genannten Standardfloskeln werden in Kollokations
plänen regelmässig abgedruckt und haben keinerlei weitergehende Bedeu
tung. Entgegen der Auffassung der Beschwerdegegne
rin
führen sie
jedenfalls nicht
dazu
, dass die Aussagen des Konkursamtes
„nicht genug umfassend“ oder gar
vage
gewesen wären.
Aus dem Kollokationsplan liess sich im Gegenteil einzig und allein schlies
sen, dass die Beschwerdegegnerin praktisch vollständig zu Schaden kommen werde. Dies ist dann auch so eingetreten, wenn auch mit einer leicht höheren Konkursdividende (16,6 % statt wie zunächst angenommen 4 %). Angesichts der damals noch nicht definitiven Höhe der Konkursdividende hätte die Be
schwerdegegnerin den Beschwerdeführer zum Ersatz des ganzen Schadens verpflichten und ihm im Gegenzug gleichzeitig eine allfällige Konkursdivi
dende abtreten müssen (Ueli Kieser, Rechtsprechung des Bundesgerichts zur Alters- und Hinterlassenenversicherung, 3. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2012, N 90 zu Art. 52 AHVG unter Hinweis auf BGE 113 V 180 E. 3b). Damit wäre die Verjährungsfrist von Art. 52 Abs. 3 AHVG gewahrt worden.
3.3
Aus dem Gesagten folgt ohne Weiteres, dass die streitgegenständliche Forde
rung verjährt ist. Demzufolge ist in Gutheissung der Beschwerde der Ein
spracheentscheid vom 18. Juli 2016 (Urk. 2) aufzuheben.
4.
Nach § 34 Abs. 1 GSVGer hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozes
ses und dem Mass des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs. 3 GSVGer). Angesichts des Umfangs der Akten und der Bedeutung der Streitsache erscheint eine Prozessentschädigung in der Höhe von Fr. 2‘200.
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) angemessen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers sich nicht allein auf die streitentschei
dende Frage des Eintritts der Verjährung beschränken durfte, sondern auf
grund der anwaltlichen Sorgfaltspflicht gehalten war, sich auch zu den übri
gen strittigen Punkten zu äussern. Demzufolge ist die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, dem Beschwerdeführer eine Prozessentschädigung in der Höhe von Fr. 2‘200.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen.