Decision ID: 15aafcaf-00a0-5a3a-b111-90c69ac4c3ee
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 7. November 2015 in der Schweiz um
Asyl nach.
B.
Mit Verfügung vom 8. Oktober 2018 lehnte das SEM das Asylgesuch des
Beschwerdeführers ab und ordnete die Wegweisung sowie den Vollzug an.
C.
Die gegen diese Verfügung erhobene, auf den Vollzug der Wegweisung
beschränkte Beschwerde wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil
D-6363/2018 vom 30. Januar 2019 ab.
D.
Am 14. Oktober 2020 reichte der Beschwerdeführer bei der Vorinstanz
eine als "Qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch" bezeichnete Eingabe
ein, in welcher er beantragte, es sei die Verfügung vom 8. Oktober 2018 in
Wiedererwägung zu ziehen. Zur Begründung seines Gesuchs berief sich
der Beschwerdeführer im Wesentlichen auf Beweismittel, anhand welcher
er belegen könne, dass er aus dem Dorf B._ beziehungsweise
C._ (Distrikt D._, Provinz E._) in Afghanistan
stamme.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte der Beschwerdeführer, es sei
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und ihm sei die
unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren. Ferner sei dem Gesuch die auf-
schiebende Wirkung zu erteilen und superprovisorisch ein Vollzugsstopp
gegenüber dem Migrationsamt des Kantons F._ zu verfügen.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer die Kopie einer Landkarte,
die Kopie einer Tazkera, die Einladung zu einem Ausreisegespräch sowie
diverse Fotografien zu den Akten.
E.
Mit Verfügung vom 28. Oktober 2020 – eröffnet am 29. Oktober 2020 –
wies die Vorinstanz das Wiedererwägungsgesuch ab und erklärte die Ver-
fügung vom 8. Oktober 2018 für rechtskräftig und vollstreckbar. Ferner
hiess sie das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gut und stellte fest,
dass einer allfälligen Beschwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme.
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F.
Mit Eingabe vom 30. November 2020 erhob der Beschwerdeführer gegen
die vorinstanzliche Verfügung Beschwerde beim Bundesverwaltungsge-
richt. Er beantragte, die angefochtene Verfügung sei in den Dispositivzif-
fern 1 (Abweisung Wiedererwägungsgesuch), 2 (Rechtskräftig- und Voll-
streckbarerklärung der Verfügung vom 8. Oktober 2018) und 4 (Feststel-
lung des Ausbleibens der aufschiebenden Wirkung einer allfälligen Be-
schwerde) aufzuheben und es sei die Verfügung des SEM vom 8. Okto-
ber 2018 in Wiedererwägung zu ziehen.
In prozessualer Hinsicht beantragte der Beschwerdeführer, es sei der Be-
schwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen beziehungsweise ein su-
perprovisorischer Vollzugsstopp gegenüber dem Migrationsamt des Kan-
tons F._ zu verfügen. Sodann ersuchte er um die Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege einschliesslich des Verzichts auf Erhebung
eines Kostenvorschusses.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer eine Tazkera im Original
sowie die bereits im Rahmen des Wiedererwägungsgesuches eingereich-
ten Unterlagen (vgl. Sachverhalt D.) zu den Akten.
G.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
1. Dezember 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 6 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie-
dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung
auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist
das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
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schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.3 Mit vorliegendem Direktentscheid wird das Gesuch um Erteilung der
aufschiebenden Wirkung der Beschwerde sowie um Anordnung superpro-
visorischer Massnahmen gegenstandslos.
2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl.
BVGE 2014/26 E. 5).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten
Richterin oder eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Weite-
rungen und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1
und 2 AsylG).
3.
3.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM
innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrunds schriftlich
und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfahren nach
den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66-68 VwVG (Art. 111b
Abs. 1 AsylG).
3.2 In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwä-
gungsverfahren die Anpassung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung
an eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage
(vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung un-
angefochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem
blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisi-
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onsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (vgl. zum so-
genannten "qualifizierten Wiedererwägungsgesuch" BVGE 2013/22 E. 5.4
m.w.H.). Darüber hinaus sind Revisionsgründe, welche sich auf Tatsachen
und Beweismittel abstützen, die erst nach Abschluss eines Beschwerde-
verfahrens entstanden sind, stets unter dem Titel der Wiedererwägung bei
der Vorinstanz einzubringen (vgl. Art. 45 VGG i.V.m. Art. 123 Abs. 2 Bst. a
[letzter Satz] BGG; BVGE 2013/22).
3.3 Die Wiedererwägung ist nicht beliebig zulässig. Sie darf nicht dazu die-
nen, die Rechtskraft von Verwaltungsentscheiden immer wieder infrage zu
stellen oder die Fristen für die Ergreifung von Rechtsmitteln zu umgehen.
Gründe, welche bereits im Zeitpunkt der verpassten Anfechtungsmöglich-
keit im ordentlichen Beschwerdeverfahren bestanden haben, können somit
nicht als Wiedererwägungsgründe vorgebracht werden (vgl. Art. 66 Abs. 3
VwVG und Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylre-
kurskommission [EMARK] 2000 Nr. 24 E. 5b S. 220).
4.
4.1 In casu hat das SEM den grundsätzlichen Anspruch des Beschwerde-
führers auf Behandlung seines Wiedererwägungsgesuchs nicht in Abrede
gestellt. Im vorliegenden Beschwerdeverfahren ist demnach zu prüfen, ob
das SEM zu Recht davon ausgegangen ist, dass keine Gründe vorliegen,
welche die Rechtskraft der Verfügung vom 8. Oktober 2018 zu beseitigen
vermögen.
4.2 Das SEM stellte in seiner Verfügung vom 8. Oktober 2018 im Wesent-
lichen fest, dass der Beschwerdeführer widersprüchliche, tatsachenwidrige
und vage Angaben zu seinem Alter, seiner Tazkera, seinem Bildungsstand,
seinen Familienverhältnissen, seinem angeblichen Geburts- und Wohnort
und den Vorkommnissen, die zu seiner Ausreise geführt hätten, gemacht
habe, und kam zum Schluss, er habe weder sein Alter, seine Herkunft noch
seine Ausreisegründe glaubhaft machen können. Dementsprechend beur-
teilte das SEM den Vollzug der Wegweisung als zulässig, zumutbar und
möglich, wobei es festhielt, dass Wegweisungshindernisse grundsätzlich
von Amtes wegen zu prüfen seien, diese Untersuchungspflicht jedoch ihre
Grenzen an der Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht der Gesuchsteller finde
und es nicht Aufgabe der Asylbehörden sei, nach Wegweisungshindernis-
sen zu forschen, falls diese – wie vorliegend angesichts seiner unglaubhaf-
ten Angaben der Fall – ihrer Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht nicht nach-
kommen würden (vgl. a.a.O. [...]). Das Bundesverwaltungsgericht schützte
die vorinstanzliche Einschätzung vollumfänglich und führte im Urteil
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D-6363/2018 vom 30. Januar 2019 dazu aus, dass aufgrund der unglaub-
haften Angaben zu den persönlichen und familiären Verhältnissen und der
fehlenden Einreichung von Identitätsdokumenten davon auszugehen sei,
dass der Beschwerdeführer seine wahre Herkunft zu verschleiern versu-
che (vgl. a.a.O. E. 6.3).
4.3 Der Beschwerdeführer beruft sich in seinem Wiedererwägungsgesuch
beziehungsweise seiner Rechtsmitteleingabe auf das Vorliegen von Be-
weismitteln, mit denen er seine im ordentlichen Asyl(beschwerde)verfahren
geltend gemachte Herkunft belegen könne. Er will mithin die ursprüngliche
Fehlerhaftigkeit der Verfügung vom 8. Oktober 2018 aufzeigen.
4.4 Bereits im Urteil D-6363/2018 stellte das Bundesverwaltungsgericht
fest, dass ein Nachreichen der Tazkera durch den Beschwerdeführer nichts
an der Einschätzung, dass er seine Herkunft zu verschleiern versuche und
ihm seine geltend gemachte lokale Herkunft nicht geglaubt werden könne,
zu ändern vermöge, da deren Beweiskraft im Allgemeinen und vorliegend
– insbesondere in Berücksichtigung seiner widersprüchlichen Angaben zu
deren Verbleib – als gering einzustufen sei. Auch hätte er hinreichend Ge-
legenheit gehabt, sie im Rahmen des vorinstanzlichen Verfahrens einzu-
reichen (vgl. a.a.O. E. 6.3). Somit wurde die Tazkera entgegen den Aus-
führungen im Wiedererwägungsgesuch beziehungsweise der Beschwerde
bereits antizipiert gewürdigt. Schliesslich äussert sich der Beschwerdefüh-
rer auch in keiner Weise dazu, wie respektive wann er das auf Beschwer-
deebene eingereichte Original-Dokument erhalten haben will, und es er-
staunt, dass er im Wiedererwägungsgesuch kein Wort davon erwähnt,
dass er dessen Zustellung veranlasst hat.
4.5 Angesichts dessen, dass sowohl das SEM in seiner Verfügung
(vgl. a.a.O. [...]) wie auch das Bundesverwaltungsgericht im Urteil
D-6363/2018 (vgl. a.a.O. E. 6.3) zum Schluss gekommen sind, dass nicht
auszuschliessen sei, dass der Beschwerdeführer aus Afghanistan stamme,
mithin die Staatsangehörigkeit nicht in Frage gestellt haben, vermag er
auch aus seiner Identifizierung durch die afghanische Vertretung in
G._ nichts zu seinen Gunsten abzuleiten.
4.6 Die Karte des Amtes der Vereinten Nationen für die Koordinierung hu-
manitärer Angelegenheiten (United Nations Office for the Coordination of
Humanitarian Affairs, OCHA) war sodann bereits Gegenstand des ersten
Beschwerdeverfahrens und wurde dort gewürdigt.
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4.7 Im Hinblick auf die eingereichten Fotografien ist zunächst die Frage
aufzuwerfen, ob diese überhaupt zulässige Beweismittel im Rahmen eines
Wiedererwägungsverfahrens darstellen oder allenfalls im Rahmen eines
Revisionsverfahrens zu prüfen wären, da mangels Datierung nicht festge-
stellt werden kann, ob sie vor oder nach dem Urteil des Bundesverwal-
tungsgerichts D-6363/2018 entstanden sind und sich der Beschwerdefüh-
rer auch in keiner Weise dazu äussert, wann und wie er diese Beweismittel
erhalten haben will. Unabhängig vom Entstehungszeitpunkt der Fotogra-
fien, ist ihnen jedoch die beweisrechtliche Erheblichkeit abzusprechen. Zu-
nächst kann nicht festgestellt werden, ob es sich bei der auf den Fotogra-
fien abgebildeten Person tatsächlich um den Vater des Beschwerdeführers
handelt. Der Umstand, dass die abgebildete Person auf einer der Fotogra-
fien ein Ausweisdokument in den Händen hält, vermag nicht zu einer an-
deren Einschätzung zu führen, zumal letzteres unleserlich ist. Selbst wenn
es sich indessen um den Vater handeln sollte, so mögen die Fotografien
lediglich den Aufenthalt des Vaters im entsprechenden Gebiet zu belegen.
Dieser Aufenthalt kann jedoch auch nur vorübergehender Natur gewesen
sein. Auch aus der Fotografie der Schule respektive der Bestätigung über
den Schulbesuch vermag der Beschwerdeführer nichts zu seinen Gunsten
abzuleiten, zumal auch die Bestätigung über den Schulbesuch unleserlich
ist. Nach dem Gesagten vermögen die eingereichten Aufnahmen die Her-
kunft und Sozialisierung des Beschwerdeführers im vom ihm geltend ge-
machten Ort nicht glaubhaft zu machen.
4.8 Zusammenfassend ergibt sich, dass es dem Beschwerdeführer nicht
gelungen ist, die ursprüngliche Fehlerhaftigkeit der Verfügung vom 8. Ok-
tober 2018 aufzuzeigen. Das SEM hat das Wiedererwägungsgesuch zu
Recht abgelehnt.
5.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und auch sonst nicht zu
beanstanden ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
6.
6.1 Die gestellten Rechtsbegehren haben sich nach dem Gesagten als
aussichtslos erwiesen, weshalb das Gesuch um unentgeltliche Rechts-
pflege abzuweisen ist. Das Gesuch um Kostenvorschussverzicht ist mit
dem vorliegenden Direktentscheid gegenstandslos geworden.
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6.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 1'500.–
festzusetzen (Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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