Decision ID: 9c089b95-6490-5663-abd9-10587a7837fc
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog im Kanton Zürich Zusatzleistungen (bundesrechtlich:
Ergänzungsleistungen) zu einer Hilflosenentschädigung der Invalidenversicherung. Mit
einer Verfügung vom 12. Oktober 2015 (EL 2017/16, act. G 2.1.7.1) setzte die EL-
Durchführungsstelle die laufende Zusatzleistung rückwirkend ab dem 1. Juli 2015 von
3’221 Franken pro Monat auf 2’239 Franken pro Monat herab. Zur Begründung für
diese Herabsetzung führte sie aus, die EL-Bezügerin erhalte seit dem 1. Juli 2015
Kleinkinderbetreuungsbeiträge im Umfang von 1’648 Franken pro Monat. Diese
Beiträge seien gemäss den Weisungen des kantonalen Sozialamtes bei den
Zusatzleistungen zur AHV/IV als Einnahme anzurechnen. Mit einer zweiten Verfügung
vom 12. Oktober 2015 (EL 2017/16, act. G 2.1.6.1) forderte die EL-Durchführungsstelle
die im Zeitraum vom 1. Juli 2015 bis zum 31. Oktober 2015 unrechtmässig bezogenen
Zusatzleistungen von 3’928 Franken (= 4 × 982 Franken) zurück. Eine dagegen
erhobene Einsprache wurde von der EL-Durchführungsstelle mit einem Entscheid vom
1. Dezember 2015 abgewiesen (EL 2017/16, act. G 2.1.9.1). Auf eine dagegen
erhobene Beschwerde trat das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich mit
einem Beschluss vom 4. März 2016 nicht ein (EL 2017/16, act. G 2.1.12.1).
A.a.
Mit einer Verfügung vom 16. September 2016 sprach die EL-Durchführungsstelle
der EL-Bezügerin für die Zeit von Juni bis Dezember 2015 eine Vergütung von 2’377
Franken für verschiedene Krankheits- und Behinderungskosten zu (EL 2017/16, act.
G 2.1.13.1). Im Umfang von 2’064.10 Franken betraf diese Vergütung die Kosten einer
Haushaltshilfe in der Zeit von Juni bis Dezember 2015. Mit einer zweiten Verfügung
vom 16. September 2016 (EL 2017/16, act. G 2.1.15.1) verrechnete die EL-
Durchführungsstelle die noch offene Forderung gemäss der Rückforderungsverfügung
vom 12. Oktober 2015 von 3’928 Franken mit der Vergütung der Krankheits- und
Behinderungskosten von 2’377 Franken, sodass noch ein offener
A.b.
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Rückforderungsbetrag von 1’551 Franken verblieb. Am 29. September 2016 erhob die
EL-Bezügerin eine Einsprache gegen die beiden Verfügungen vom 16. September 2016
(act. G 3.1). Sie beanstandete „die Anrechnung des Assistenzbeitrages während der
Zeit von August bis November“ und damit auch „die Rückforderung von
Zusatzleistungen“. Sie machte geltend, die Gemeinde hätte die Kosten für eine
Haushaltshilfe von jährlich 4’800 Franken übernehmen müssen. Gesamthaft hätten für
die Bezahlung der Assistenzperson im Jahr 2015 etwa 9’000 Franken gefehlt. Die
Gemeinde sei folglich verpflichtet, für das Jahr 2015 einen Anteil von 4’800 Franken an
diesen Fehlbetrag zu leisten. Die EL-Sachbearbeiterin habe telefonisch erklärt, dass für
die Zeit von Juli bis November 2015 insgesamt 4’800 Franken geltend gemacht werden
könnten. Nun stelle sie sich aber auf den Standpunkt, dieser Betrag sei bereits von der
IV-Stelle bezahlt worden. Das stimme zwar augenscheinlich, aber genau genommen
handle es sich um einen Vorbezug, der für das Folgejahr wieder ausgeglichen werden
müsse. Mit einem Einspracheentscheid vom 25. Oktober 2016 wies die EL-
Durchführungsstelle diese Einsprache ab (EL 2017/16, act. G 2.1.16.7). Sie hielt fest,
sie habe bereits 3’928 Franken zu viel ausgerichtet. Beim geltend gemachten
Maximalbetrag von 4’800 Franken pro Jahr für eine Haushaltshilfe handle es sich nicht
um eine Pauschale; die EL-Bezügerin hätte effektive Lohnkosten nachweisen müssen,
damit eine entsprechende Vergütung hätte erfolgen können. Zudem habe die EL-
Bezügerin ja bereits eine Hilflosenentschädigung, einen Assistenzbeitrag und eine
Zusatzleistung erhalten, bei deren Berechnung ein Kinderbetreuungsabzug vom
Erwerbseinkommen des Ehemannes berücksichtigt worden sei.
Am 24. November 2016 liess die nun im Kanton St. Gallen wohnhafte EL-
Bezügerin beim Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich eine Beschwerde
gegen den Einspracheentscheid vom 25. Oktober 2016 erheben (EL 2017/16, act. G
2.1.1). Sie beantragte die Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheides, das
Nichteintreten auf die Einsprache vom 29. September 2016, eventualiter deren
Abweisung und die Rückweisung der Sache an die EL-Durchführungsstelle zur neuen
Verfügung betreffend des im Einspracheverfahren geltend gemachten Betrages von
4’800 Franken; eventualiter sei der EL-Bezügerin ein Betrag von 3’249 Franken
zuzusprechen. Mit einer Verfügung vom 8. Februar 2017 trat das
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich nicht auf die Beschwerde vom 24.
A.c.
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B.
November 2016 ein (EL 2017/16, act. G 2.1.12). Zur Begründung führte es an, laut dem
Art. 58 Abs. 1 ATSG sei das Versicherungsgericht jenes Kantons zur Behandlung einer
Beschwerde örtlich zuständig, in dem die versicherte Person zum Zeitpunkt der
Beschwerdeerhebung ihren Wohnsitz habe. Da die EL-Bezügerin im Zeitpunkt der
Beschwerdeerhebung im Kanton St. Gallen gewohnt habe, sei das
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich örtlich nicht zur Behandlung der
Beschwerde vom 24. November 2016 zuständig.
Am April 2017 überwies das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich die
Beschwerde vom 24. November 2016 und sämtliche Akten dem Versicherungsgericht
des Kantons St. Gallen (EL 2017/16, act. G 2). Die EL-Bezügerin (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) liess am 25. April 2017 geltend machen (EL 2017/16, act. G 4), sie
sei nach wie vor der Ansicht, dass das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
zur Behandlung der Beschwerde zuständig sei; sie habe allerdings nichts gegen eine
Behandlung durch das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen einzuwenden. Da
die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) bereits gegenüber
dem Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich Stellung zur Beschwerde
genommen hatte (EL 2017/16, act. G 2.1.7), forderte das Versicherungsgericht die
Beschwerdeführerin am 27. April 2017 direkt zur Einreichung einer Replik auf
(EL 2017/16, act. G 5). Die Beschwerdeführerin verzichtete am 19. Juni 2017 auf eine
Replik (EL 2017/16, act. G 10).
B.a.
Mit einem Entscheid vom 15. Mai 2018 und 17. Mai 2018 trat das
Versicherungsgericht nicht auf die Beschwerde ein; es sprach dem Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin eine Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsverbeiständung
zu (EL 2017/16). Den Nichteintretensentscheid begründete es im Wesentlichen mit dem
Umstand, dass das Ergänzungsleistungsrecht einen gewichtigen kantonalrechtlichen
Bezug aufweise, weshalb die strikte Anwendung des Art. 58 Abs. 1 ATSG in
Ausnahmefällen wie dem vorliegenden (Wohnsitzverlegung in einen anderen Kanton
vor der Beschwerdeerhebung) ein kantonales Versicherungsgericht dazu zwingen
könnte, ausserkantonales „Nicht-Recht“ anwenden zu müssen. Eine solche Situation
müsse um jeden Preis vermieden werden. Dass das ELG nicht vom Art. 58 Abs. 1
B.b.
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Erwägungen
1.
ATSG abweiche, stelle aus systematischer Sicht eine (unechte) Gesetzeslücke dar.
Zudem werde mit der Anknüpfung an den Wohnsitz in Ausnahmefällen wie dem
vorliegenden das Ziel verfehlt, einen möglichst engen sachlichen Bezug zum
Gerichtsstand zu schaffen. In dieser Konstellation widerspreche die Anknüpfung am
Wohnsitz also diametral dem Willen des historischen Gesetzgebers. Sie führe zum
stossenden Ergebnis, dass das Versicherungsgericht ausserkantonales Recht
anwenden oder umgekehrt nach eigenem Recht einen Einspracheentscheid beurteilen
müsste, der auf dem Recht eines anderen Kantons beruhe. Auch die teleologische
Auslegung spreche somit für eine Gesetzeslücke. Daher müsse bei einer
Wohnsitzverlegung, wie sie hier erfolgt sei, vom Art. 58 Abs. 1 ATSG abgewichen
werden; zuständig müsse in einem solchen Fall entgegen dem Wortlaut des Art. 58
Abs. 1 ATSG nicht das Gericht am neuen Wohnsitz der versicherten Person, sondern
dasjenige sein, dessen kantonales Ergänzungsleistungsrecht angewandt worden sei.
Mit einem Urteil vom 10. April 2019 (9C_441/2018) hob das Bundesgericht den
Nichteintretensentscheid des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen auf. Es
führte an, die formelle Frage der örtlichen Zuständigkeit könne nicht unter Berufung auf
„einzelne materielle Bestimmungen aus dem Ergänzungsleistungsrecht“ abweichend
von der im ATSG getroffenen Lösung geregelt werden. Triftige Gründe für eine
Praxisänderung seien nicht ersichtlich. Der Entscheid des Versicherungsgerichtes des
Kantons St. Gallen vom 15. Mai 2018 und vom 17. Mai 2018 sei folglich aufzuheben
und die Sache sei an das Versicherungsgericht zurückzuweisen, damit es materiell
über die Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 25. Oktober 2016
entscheide.
B.c.
Laut dem Art. 3 BV sind die Kantone der Schweizerischen Eidgenossenschaft
souverän, soweit ihre Souveränität nicht durch die Bundesverfassung beschränkt ist.
Sie sind zwar keine „vollwertigen“ Staaten im Sinne des Völkerrechts (vgl. etwa Ulrich
Häfelin/Walter Haller/Helen Keller/Daniela Thurnherr, Schweizerisches
Bundesstaatsrecht, 9. Aufl. 2016, Rz. 942), aber ihnen kommt doch eine eigene
Staatlichkeit – „kraft eigenen Rechts“ (vgl. Walter Haller/Alfred Kölz/Thomas Gächter,
1.1.
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Allgemeines Staatsrecht, 5. Aufl. 2013, Rz. 508, mit Hinweisen) – und eine
Teilsouveränität mit Hoheitsgewalt innerhalb der Kantonsgrenzen zu (vgl. etwa Rainer
Schweizer, in: St. Galler Kommentar zur BV, 3. Aufl. 2014, Art. 3 N 7; Thomas Fleiner/
Alexander Misic, Föderalismus als Ordnungsprinzip der Verfassung, in: Thürer/Aubert/
Müller [Hrsg.], Verfassungsrecht der Schweiz, 2001, § 27 N 25; Häfelin/Haller/Keller/
Thurnherr, a.a.O., Rz. 944). Der Art. 47 Abs. 1 BV verpflichtet den Bund, die
Eigenständigkeit der Kantone zu wahren. Diese Eigenständigkeit der Kantone gehört
zum „Lebenselixier“ einer tragkräftigen föderalistischen Ordnung (René Rhinow/Markus
Schefer/Peter Uebersax, Schweizerisches Verfassungsrecht, 3. Aufl. 2016, Rz. 797).
Der Art. 51 Abs. 1 BV sieht vor, dass sich die Kantone eine eigene demokratische
Verfassung geben. Diese Kantonsverfassungen und die gestützt darauf erlassenen
kantonalen Gesetze gelten für die der jeweiligen kantonalen Hoheit anvertrauten
Menschen (Fleiner/Misic, a.a.O., § 27 N 25). Die Kantone verfügen also über ein
eigenes Territorium und über ein eigenes Volk, auch wenn die Bundesverfassung dafür
einen gewissen Rahmen vorgibt (Häfelin/Haller/Keller/Thurnherr, a.a.O., Rz. 944). Die
Verfassungs- und Gesetzgebungsautonomie der Kantone ist in der Lehre einhellig
anerkannt (vgl. etwa Rhinow/Schefer/Uebersax, a.a.O., Rz. 833; Patricia Egli, in:
St. Galler Kommentar zur BV, 3. Aufl. 2014, Art. 47 N 17, mit zahlreichen Hinweisen).
Der Kanton St. Gallen definiert sich gemäss dem Art. 1 Abs. 1 seiner
Kantonsverfassung (KV; sGS 111.1) als ein Gliedstaat der Schweizerischen
Eidgenossenschaft und gemäss dem Art. 1 Abs. 2 KV als ein sozialer Rechtsstaat. Das
im Art. 8 Abs. 1 KV definierte Legalitätsprinzip bezieht sich auf „das Recht“, womit
ganz offensichtlich das eigene kantonale St. Galler Recht und das übergeordnete
Bundesrecht gemeint sein müssen. Weder die BV noch die KV sehen vor, dass für die
Verwaltung oder für die Gerichte des Kantons St. Gallen das Recht eines anderen
Kantons massgebend sein könnte. Das liesse sich denn auch augenscheinlich nicht mit
der Souveränität des Kantons St. Gallen innerhalb der Rechtsordnung der
Schweizerischen Eidgenossenschaft vereinbaren, sondern würde die in der Lehre und
in der Rechtsprechung einhellig anerkannte und bundesverfassungsrechtlich
garantierte Eigenständigkeit des Kantons St. Gallen grundlegend unterwandern. Das
Recht eines anderen Kantons gehört folglich nicht zum für die St. Galler Behörden und
Gerichte massgebenden Recht; aus der Sicht der St. Galler Behörden und Gerichte
handelt es sich um „Nicht-Recht“. Das gilt selbstverständlich nicht nur für das
materielle, sondern auch für das Verfahrensrecht, denn das Territorialitätsprinzip
unterscheidet nicht zwischen diesen beiden Arten von Recht. Im vorliegenden Fall kann
das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen also in materieller Hinsicht
ausschliesslich das Bundes- und das St. Galler Ergänzungsleistungsrecht auf den
massgebenden Sachverhalt und in verfahrensrechtlicher Hinsicht einzig das (den
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bundesrechtlichen Mindestanforderungen im ATSG genügende) St. Galler
Verwaltungsverfahrensrecht anwenden.
Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hat schon in seinem Entscheid
EL 2017/16 vom 15. Mai 2018 und vom 17. Mai 2018 ausdrücklich darauf hingewiesen,
dass das Ergänzungsleistungsrecht zu einem erheblichen Teil kantonalrechtlich
geprägt sei (und nicht etwa bloss „einzelne materielle“ kantonalrechtliche
Bestimmungen enthalte, wie das Bundesgericht annehme), weshalb von Bundesrechts
wegen sichergestellt werden müsse, dass in einem kantonalen Beschwerdeverfahren in
jedem Fall nur die Anwendung des Bundesrechts und des „eigenen“ kantonalen
Rechts zu überprüfen sei. Nicht explizit erwähnt hat das Versicherungsgericht im
erwähnten Entscheid, dass selbstverständlich auch in verfahrensrechtlicher Hinsicht
nur die Anwendung des Bundesrechts und des „eigenen“ kantonalen Rechts in Frage
kommen kann. Denn das Verfahrensrecht ist seiner Natur nach genauso Recht wie das
materielle Recht. Die im Art. 58 Abs. 1 ATSG enthaltene Regel, wonach das
Versicherungsgericht jenes Kantons zur Behandlung einer Beschwerde zuständig ist, in
dem die versicherte Person im Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung ihren Wohnsitz hat,
sorgt in den allermeisten Fällen dafür, dass das entsprechende Versicherungsgericht
die Anwendung seines „eigenen“ kantonalen (materiellen und Verfahrens-) Rechts zu
überprüfen hat. Sie versagt aber in einem Sonderfall, der in der Praxis vergleichsweise
selten auftritt, nämlich dann, wenn die versicherte Person ihren Wohnsitz noch vor der
Beschwerdeerhebung in einen anderen Kanton verlegt. Mangels einer entsprechenden
Sonderregel verlangt der Art. 58 ATSG einen damit verbundenen Wechsel der örtlichen
Zuständigkeit des Versicherungsgerichtes über die Kantonsgrenze hinweg. Das hat zur
Folge, dass das Versicherungsgericht des neuen Wohnsitzkantons einen
Einspracheentscheid auf dessen Rechtmässigkeit überprüfen muss, der in materieller
Hinsicht unter Umständen zu einem Teil, in verfahrensrechtlicher Hinsicht aber
notwendigerweise immer auf einer Anwendung des kantonalen Rechts des früheren
Wohnsitzkantons beruht. Im Lichte der oben dargelegten verfassungsrechtlichen
Grundprinzipien führt das zu einer Situation, in der kein Urteil gefällt werden kann, das
verfassungsrechtlich vertretbar wäre (vgl. dazu E. 1.3). Dem Bundesgesetzgeber kann
nicht unterstellt werden, dass er dies bewusst hätte in Kauf nehmen wollen. Immerhin
hat er ja sogar im Bereich der rein bundesrechtlich geregelten Invalidenversicherung
eine Sonderregel geschaffen, wonach bei einem Wohnsitzwechsel der versicherten
Person die Zuständigkeit beim Versicherungsgericht am Ort der IV-Stelle verbleibt. Das
bedeutet aber, dass er bei der Schaffung des Art. 58 ATSG den Sonderfall des
Kantonswechsels kurz vor der Beschwerdeerhebung übersehen haben muss. Mit ein
Grund dafür dürfte im Umstand zu erblicken sein, dass der Art. 58 ATSG auf einer alten
1.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
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KVG-Bestimmung beruht, denn der Bereich der Krankenpflegeversicherung ist rein
bundesrechtlich geregelt. Jedenfalls kann nicht unterstellt werden, der
Bundesgesetzgeber habe im Zusammenhang mit der Regelung der örtlichen
Zuständigkeit der kantonalen Versicherungsgerichte – ohne jeden Hinweis – auch den
Grundsatz verankern wollen, dass die kantonalen Versicherungsgerichte das eigene
kantonale Recht „ausschalten“ und stattdessen fremdes „Nicht-Recht“ anwenden
müssten. Ebenso wenig kann angenommen werden, dass der Art. 58 ATSG sich mit
der Frage nach dem anwendbaren kantonalen Recht befasse, besteht sein Sinn und
Zweck doch offensichtlich einzig darin, die örtliche Zuständigkeit zu regeln. Die örtliche
Zuständigkeit hat aber nichts mit der Frage nach dem anwendbaren Recht zu tun.
Selbst im IPRG, das sich mit der Frage nach der örtlichen Zuständigkeit und mit der
Frage nach dem anwendbaren Recht (allerdings im Privatrecht) befasst, werden diese
beiden Fragen strikt getrennt. Damit liegt im Bereich des Ergänzungsleistungsrechts
ganz offensichtlich eine sogenannte unechte Gesetzeslücke vor: Der Art. 58 ATSG gibt
vor, dass er eine Lösung für jede Sachverhaltskonstellation enthalte, aber diese führt
im erwähnten Sonderfall zu einem verfassungswidrigen Ergebnis, sodass man nicht
umhin kann, den Anwendungsbereich des Art. 58 ATSG teleologisch zu reduzieren und
die dadurch entstehende („unechte“) Lücke richterrechtlich modo legislatoris mit einer
überzeugenden Lösung zu füllen. Mit dieser Problematik hat sich das Bundesgericht
vorliegend gar nicht erst auseinandergesetzt. Vielmehr hat es lediglich auf sein Urteil
9C_260/2018 vom 18. Dezember 2018 verwiesen. Auch das Urteil 9C_441/2018 vom
10. April 2019 enthält wieder keine überzeugende Begründung dafür, dass das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen einen Einspracheentscheid materiell
überprüfen muss, der einen kantonalrechtlichen Anspruch auf eine Zürcher
Zusatzleistung zum Gegenstand hat. Das Urteil ist aber direkt mit seiner Eröffnung
formell rechtskräftig und damit für das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
verbindlich geworden, weshalb diesem nichts anderes übrig bleibt, als
verfassungswidrig zu entscheiden und die Beschwerde vom 24. November 2016 gegen
den Einspracheentscheid vom 25. Oktober 2016 materiell zu beurteilen.
Damit stellt sich nun das Problem, dass das Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen einen Einspracheentscheid überprüfen muss, der teilweise auf Zürcher Recht
beruht. Das Zürcher Recht kann aber aus der Sicht des St. Galler
Versicherungsgerichtes nur „Nicht-Recht“ sein (vgl. E. 1.1). Die Anwendung dieses
Zürcher „Nicht-Rechtes“ – und die damit zwingend verbundene Nicht-Anwendung des
St. Galler Rechtes – würde einen direkten Verstoss gegen das im Art. 8 Abs. 1 der
St. Galler Kantonsverfassung verankerte Legalitätsprinzip darstellen, was offensichtlich
unzulässig wäre. Dem Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen bleibt deshalb
1.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
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nichts anderes übrig, als das St. Galler Recht auf den (Zürcher) Sachverhalt
anzuwenden. Das könnte – zufällig – zum selben Ergebnis wie die Anwendung des
Zürcher Rechts führen, was es erlauben würde, die Beschwerde mit einem
pragmatischen, rein ergebnisbezogenen Entscheid abzuweisen und die gesamte
verfassungsrechtliche Problematik unter den Tisch zu kehren. Die Anwendung des
St. Galler Rechts könnte aber auch ein anderes Ergebnis als die Anwendung des
Zürcher Rechts zeitigen. Das würde bedeuten, dass das St. Galler
Versicherungsgericht den angefochtenen Einspracheentscheid selbst dann aufheben
und durch einen anderslautenden rechtsgestaltenden Entscheid ersetzen müsste,
wenn der angefochtene Einspracheentscheid eigentlich eine in allen Punkten korrekte
Anwendung des Zürcher Rechts enthalten würde. Das St. Galler Versicherungsgericht
müsste also einen Einspracheentscheid aufheben, der in jenem Kanton, in dem er
ergangen ist, als rechtmässig zu qualifizieren wäre. Darüber hinaus müsste es die
zuständige EL-Durchführungsstelle im Kanton Zürich verpflichten,
Ergänzungsleistungen in einem Betrag auszubezahlen oder zurückzufordern, der sich
nicht aus dem für jene Durchführungsstelle massgebenden (Zürcher) Recht, sondern
teilweise aus für jene Durchführungsstelle nicht massgebendem St. Galler „Nicht-
Recht“ ergäbe. Die Zürcher EL-Durchführungsstelle müsste also beispielsweise vom
St. Galler Versicherungsgericht verpflichtet werden, eine ausserordentliche
Ergänzungsleistung im Sinne des St. Galler Ergänzungsleistungsgesetzes auszurichten,
die der Kanton Zürich gar nicht kennt, oder der Beschwerdeführerin eine rein
kantonalrechtliche Zürcher Ergänzungsleistung vorzuenthalten, weil der Kanton
St. Gallen diese nicht kennt. Würde die zuständige EL-Durchführungsstelle im Kanton
Zürich sich weigern, eine solche ausserordentliche Ergänzungsleistung auszurichten,
oder würde sie eine Zürcher Zusatzleistung ausrichten, die von der bundesrechtlichen
Ergänzungsleistung abweichen würde, würde es gegen das Urteil des St. Galler
Versicherungsgerichtes als Rechtsmittelinstanz verstossen; würde sie dieses Urteil
umsetzen, würde sie gegen die eigene Kantonsverfassung verstossen. Eine solche
Situation wäre ganz offensichtlich unhaltbar. Zu einer ebenso unhaltbaren Situation
würde ein Rückweisungsentscheid des St. Galler Versicherungsgerichtes führen, denn
in einem solchen müsste das St. Galler Versicherungsgericht ja die zuständige EL-
Durchführungsstelle im Kanton Zürich verpflichten, den Sachverhalt weiter abzuklären
und dann das St. Galler Recht darauf anzuwenden. Die zuständige EL-
Durchführungsstelle im Kanton Zürich könnte natürlich durchaus Zürcher statt
St. Galler Recht anwenden, aber der daraus allenfalls resultierende
Einspracheentscheid müsste dann ja wieder beim St. Galler Versicherungsgericht
angefochten werden, das seinerseits wieder St. Galler Recht anwenden müsste (sofern
die Beschwerdeführerin ihren Wohnsitz in der Zwischenzeit nicht wieder in einen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
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St.Galler Gerichte
2.
Da das Verwaltungs- und das Einspracheverfahren – anders als das kantonale
Beschwerdeverfahren – im Bereich der Ergänzungsleistungen ausschliesslich
bundesrechtlich geregelt sind, führt eine Verlegung des Wohnsitzes des EL-Bezügers
oder des EL-Ansprechers vor der Beschwerdeerhebung in aller Regel nicht zu
verfahrensrechtlichen Problemen. Zu beachten ist allerdings, dass die Zuständigkeiten
kantonalrechtlich geregelt sind. Im Kanton St. Gallen ist zum Beispiel allein die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen zuständig für die Eröffnung von
Verfügungen und Einspracheentscheiden. Das ergibt sich aus dem Art. 10 Abs. 3 des
St. Galler ELG (sGS 351.5), aus dem Art. 11 des St. Galler ELG und aus dem Art. 11
des St. Galler ELG. Eine Rückweisung der Sache ins Verwaltungsverfahren wäre
deshalb vorliegend trotz der bundesrechtlichen Regelung des Verwaltungs- und
Einspracheverfahrens problematisch, denn das Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen könnte die Sache nur an die einzige nach St. Galler Recht in Frage
kommende Behörde zurückweisen, nämlich an die Sozialversicherungsanstalt des
Kantons St. Gallen. Eine Rückweisung an die Beschwerdegegnerin kann also zum
Vorneherein nicht in Frage kommen, weil nun St. Galler Recht anwendbar ist, das zu
einer „Rückweisung“ an die Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen zwingt.
Aus den nachfolgenden Erwägungen wird sich ergeben, dass eine Rückweisung
vorliegend nicht notwendig ist, weshalb sich in verfahrensrechtlicher Hinsicht im
Zusammenhang mit dem Wohnsitzwechsel vor der Beschwerdeerhebung – zufällig –
keine Probleme stellen.
3.
anderen Kanton verlegt haben sollte). Zusammenfassend gibt es nach der
bundesgerichtlichen Rückweisung der Sache zur materiellen Behandlung an das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen objektiv betrachtet keine Möglichkeit
mehr zu einer „vernünftigen“ Erledigung des Streits. Da ein „Nicht-Entscheid“ aber eine
Rechtsverweigerung darstellen würde, bleibt dem Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen nichts anderes übrig, als das St. Galler Recht auf den massgebenden
(Zürcher) Sachverhalt anzuwenden.
bis
Bleibt zu prüfen, ob der angefochtene Einspracheentscheid auch in materieller
Hinsicht rechtmässig ist. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat in seiner
Beschwerdeschrift geltend gemacht, das „Einsprache“-Begehren der
Beschwerdeführerin habe sich eigentlich gar nicht gegen die beiden Verfügungen vom
16. September 2016 gerichtet, weshalb die Beschwerdegegnerin nicht auf die
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
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Einsprache hätte eintreten dürfen; sie hätte diese als ein neues Begehren qualifizieren
und ein entsprechendes Verwaltungsverfahren eröffnen müssen. Diese (nachträgliche)
Interpretation des Einsprachebegehrens überzeugt nur teilweise, denn bei einer
sorgfältigen Auslegung der Einsprache liegt der Schluss näher, dass die
Beschwerdeführerin damit die Zusprache einer höheren Vergütung von Krankheits- und
Behinderungskosten und damit eine entsprechende Korrektur der beiden Verfügungen
vom 16. September 2016 bezweckt hat. Nachdem das Bundesgericht das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen aber angehalten hat, den angefochtenen
Einspracheentscheid materiell zu prüfen, fällt eine Aufhebung des angefochtenen
Entscheides aus formellen beziehungsweise verfahrensrechtlichen Gründen ohnehin
ausser Betracht. Zu prüfen ist also nur, ob der angefochtene Einspracheentscheid
materiell rechtmässig ist, wobei insbesondere zu prüfen ist, ob die Kosten für die
Haushaltshilfe gesetzmässig festgesetzt und entschädigt worden sind.
Die Rechtmässigkeit der fraglichen Kostenvergütung für die Haushaltshilfe ist
ausschliesslich anhand kantonalen Rechts zu prüfen, denn der Art. 14 ELG richtet sich
ausschliesslich an die kantonalen Gesetzgeber und er enthält nur die Anordnung, eine
den im Art. 14 ELG enthaltenen Vorgaben entsprechende kantonalrechtliche Regelung
zu schaffen. Das Zürcher Recht, auf das sich der angefochtene Einspracheentscheid
stützt, kann angesichts der Ausführungen in der E. 1 in diesem Beschwerdeverfahren
nicht massgebend sein. Laut dem Art. 4 Abs. 5 ELG/SG (sGS 351.53) in Verbindung
mit dem Art. 9 Abs. 2 VKB (sGS 351.53) werden ausgewiesene Kosten für die
notwendige Hilfe und Begleitung im Haushalt bis höchstens 4’800 Franken pro
Kalenderjahr vergütet, wenn die Hilfe von einer Person erbracht wird, die nicht im
gleichen Haushalt lebt; pro Stunde werden höchstens 25 Franken vergütet. Die
Beschwerdeführerin hat für den fraglichen Zeitraum von Juni bis November 2015
Kosten für eine notwendige Haushaltshilfe im Betrag von insgesamt 17’903.65 Franken
belegt (act. G 2.1.13.5). In dieser Zeit hat sie eine Hilflosenentschädigung von
insgesamt 6 × 470 = 2’820 Franken und einen Assistenzbeitrag von 2 × 2’330.50 + 4 ×
1’864.85 = 12’120.40 Franken bezogen. Bei der Berechnung der jährlichen
Ergänzungsleistung war bereits ein Abzug von 3’100 Franken pro Jahr für die
Kinderbetreuung berücksichtigt worden, was für den hier fraglichen Zeitraum einem
anteilsmässigen Beitrag von 1’550 Franken entspricht. Von den effektiven Kosten für
die Haushaltshilfe von 17’903.65 Franken ist also insgesamt ein Anteil von 16’490.40
Franken gedeckt gewesen. Allerdings hat die Beschwerdeführerin die erwähnten
Beiträge in den Monaten Juni und Oktober 2015 nicht voll ausgeschöpft; die effektiven
Kosten sind in diesen beiden Monaten tiefer als die jeweiligen zur Verfügung stehenden
Beiträge gewesen. Deshalb sind diese beiden Monate bei der Berechnung ausser Acht
3.2.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
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St.Galler Gerichte
4.
Die Beschwerde kann ungeachtet der immanenten verfassungsrechtlichen Problematik
– pragmatisch – abgewiesen werden. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit.
a ATSG). Die unterliegende Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung.