Decision ID: c5b17fda-287b-4749-9dc0-2afe76376f3d
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein afghanischer Staatsangehöriger und ethnischer
Hazara, reiste via Dublin-In-Verfahren am 21. Dezember 2020 von Grie-
chenland her in die Schweiz und stellte gleichentags ein Asylgesuch. Nach
der Personalienaufnahme am 31. Dezember 2020 wurde er am 29. Januar
2021 einlässlich zu seinen Asylgründen angehört. Das SEM wies ihn mit
Verfügung vom 5. Februar 2021 dem erweiterten Verfahren zu und führte
am 18. März 2021 eine ergänzende Anhörung durch.
B.
B.a Dabei machte der Beschwerdeführer geltend, er sei im Dorf B._
(Provinz Baghlan) zur Welt gekommen und in C._ aufgewachsen.
Dort habe er die Schule bis zur achten Klasse besucht. Später habe er
einige Zeit im Herkunftsdorf, in Pakistan und schliesslich für viele Jahre im
Iran gelebt, wo er ein (...)geschäft geführt habe. Er sei verheiratet und habe
einen Sohn sowie zwei Töchter. Als Karzai an die Macht gekommen sei,
sei er – ohne seine Familie – in seinen Heimatstaat zurückgekehrt. In
D._ habe er als Händler in verschiedenen Bereichen gearbeitet, die
Geschäfte seien sehr gut gelaufen. In dieser Zeit sei er zwischen dem Iran
und Afghanistan hin und her gependelt. Die Taliban hätten stets verlangt,
dass er mit ihnen zusammenarbeite und sie unterstütze. Er habe dies je-
doch abgelehnt, da er mit ihrer Ideologie und ihrem Vorgehen nicht einver-
standen gewesen sei. Es sei oft zu Diskussionen zwischen ihm und den
Taliban gekommen. Die afghanische Regierung sei aber nicht besser ge-
wesen und habe bloss leere Versprechungen gemacht. Als wohlhabender
Mann habe er viele ärmere Leute unterstützt, aber auch nie ein Blatt vor
den Mund genommen, wenn Unrecht geschehen sei. Aus diesem Grund
sei er den Taliban ein Dorn im Auge gewesen und sie hätten ihm oft War-
nungen sowie Drohbriefe zukommen lassen. Zudem hätten sie von ihm
verlangt, dass er ihnen ein sogenanntes "Schmerzgeld" (Baj), welches sie
von wohlhabenden Leuten einforderten, bezahle, was er verweigert habe.
Im Jahr 2011 sei sein Geschäft in D._ in Brand gesetzt worden.
Einige Jahre später, etwa (...), sei sein Bruder von den Taliban direkt vor
dem Geschäft der Familie mit einem Kopfschuss getötet worden. Zu Be-
ginn desselben Monats sei sein anderer Bruder bereits von den staatlichen
Sicherheitsbehörden ermordet worden, weil diese ihn irrtümlich für einen
Taliban gehalten hätten. Als die Taliban erneut Geld von ihm verlangt hät-
ten, habe er den betreffenden Brief vor den Augen des Überbringers zer-
rissen, zumal kurz zuvor sein Bruder von ihnen getötet worden sei. Noch
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am selben Abend sei er von Freunden gewarnt worden, dass sich auffällig
viele Taliban im Quartier aufhielten und diese wahrscheinlich vorhätten,
sein Haus zu stürmen. Mithilfe von Bekannten sei es ihm gelungen, mit
einem Tschador als Frau verkleidet aus der Gegend zu fliehen und in den
Iran zu gehen. Kurz darauf sei ihnen die Leiche seines Neffen – den er
zuvor aus Sicherheitsgründen von Afghanistan in den Iran geschickt habe
– aus Syrien zurückgebracht worden. Die iranischen Behörden hätten die-
sem eine Gehirnwäsche verpasst und ihn unter falschen Versprechungen
dazu gebracht, in Syrien zu kämpfen. Bei der Beerdigungszeremonie habe
er die Kontrolle über sich verloren und laut die Behörden verflucht, worauf-
hin ihn Beamte des Ettelaat mitgenommen hätten. Zudem habe sein Sohn
eine Frau gegen den Willen von deren Familie geheiratet, weshalb er mit
den einflussreichen Onkeln dieser Frau Probleme erhalten habe. Aus die-
sen Gründen habe er nicht im Iran bleiben können.
B.b Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer seine Tazkara im Ori-
ginal sowie Kopien seines Reisepasses, seiner Heiratsurkunde und des
Bestätigungsschreibens eines Ortsvorstehers aus der Provinz D._
ein.
C.
Mit Verfügung vom 25. März 2021 – eröffnet am 30. März 2021 – stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht. Es lehnte sein Asylgesuch ab und wies ihn aus der Schweiz weg.
Der Vollzug der Wegweisung wurde wegen Unzumutbarkeit zugunsten ei-
ner vorläufigen Aufnahme aufgeschoben.
D.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom
29. April 2021 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen
Entscheid. Darin beantragte er, die angefochtene Verfügung sei aufzuhe-
ben und die Sache sei zur vollständigen und richtigen Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Eventualiter sei er als Flüchtling anzuerkennen und ihm
Asyl zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um unent-
geltliche Rechtspflege, Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses und Beiordnung einer amtlichen Rechtsbeiständin in der Person der
unterzeichnenden Rechtsvertreterin. Der Beschwerde lagen folgende Un-
terlagen bei: Kopien der Vollmacht, der angefochtenen Verfügung sowie
des Zustellcouverts, eine E-Mail-Anfrage an das Ambulatorium des
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Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) und die Kopie eines Briefes an das
zuständige Amt für Soziale Sicherheit vom 29. April 2021.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 12. Mai 2021 hiess die damals zuständige In-
struktionsrichterin das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung unter
Vorbehalt des Nachreichens einer Fürsorgebestätigung gut, verzichtete auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses und ordnete dem Beschwerdefüh-
rer MLaw Sophia Delgado als amtliche Rechtsbeiständin bei. Zudem wurde
ihm die Gelegenheit eingeräumt, Beweismittel zu den von ihm auf Be-
schwerdeebene geltend gemachten Foltererlebnissen einzureichen.
F.
Die Rechtsvertreterin teilte dem Gericht mit Eingabe vom 27. Mai 2021 mit,
dass der Beschwerdeführer zwar dem Kanton E._ zugeteilt worden
sei, seit dem Austritt aus dem Bundesasylzentrum aber bei seinen Töch-
tern im Kanton F._ wohne. Aus diesem Grund zahle ihm der Kanton
E._ keine Sozialhilfe aus, weshalb keine Fürsorgebestätigung vor-
gelegt werden könne. Als Beweismittel wurden Ausdrucke des E-Mail-Aus-
tauschs zwischen der Rechtsvertretung und den (...) Behörden einge-
reicht.
G.
Mit Schreiben vom 11. Juni 2021 setzte die Rechtsvertreterin das Gericht
darüber in Kenntnis, dass der Beschwerdeführer nach einem Termin bei
seinem Hausarzt an eine Therapeutin des (...) vernetzt worden sei. Es
werde jedoch einige Zeit in Anspruch nehmen, bis ein aussagekräftiger Be-
richt vorgelegt werden könne.
H.
Der Beschwerdeführer liess mit Eingabe vom 13. August 2021 ergänzende
Ausführungen machen und reichte einen Bericht über eine psychologisch-
psychiatrische Abklärung des (...) vom 6. August 2021 zu den Akten.
I.
Mit Eingabe vom 21. September 2021 wurden zwei weitere ärztliche Be-
richte vom 25. August respektive 8. September 2021 und eine Stellung-
nahme des (...) vom 6. September 2021 eingereicht.
J.
Das SEM liess sich mit Schreiben vom 5. Oktober 2021 zur Beschwerde
vernehmen.
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K.
Mit Eingabe vom 5. November 2021 reichte der Beschwerdeführer eine
Replik zu den Akten.
L.
Der Vorsitz des vorliegenden Verfahrens wurde aus organisatorischen
Gründen am 4. Januar 2022 auf Richterin Susanne Bolz-Reimann übertra-
gen.
M.
Mit Eingabe vom 24. Mai 2022 (Eingang beim Bundesverwaltungsgericht
am 20. Juni 2022) ersuchte die rubrizierte Rechtsvertreterin um Entlassung
aus dem amtlichen Mandat. Daraufhin teilte ihr die Instruktionsrichterin mit
Schreiben vom 21. Juni 2022 mit, dass das Verfahren spruchreif erscheine,
weshalb über den Antrag voraussichtlich erst im Endentscheid befunden
werde.
N.
Für die Beurteilung des vorliegenden Verfahrens wurden die Akten der
Ehefrau des Beschwerdeführers, seines Sohnes G._ (N [...]) sowie
seiner Töchter H._ (N [...]) und I._ (N [...]) beigezogen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das
AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
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angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, eine geltend
gemachte Verfolgung sei nur dann flüchtlingsrechtlich relevant, wenn sie
aus einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Motive erfolge oder künftig
drohe. Gemäss eigenen Aussagen habe der Beschwerdeführer Probleme
mit den Taliban erhalten, weil er das von ihnen verlangte "Schmerzgeld"
(Baj) nicht bezahlt habe. Dieses sei von ihm eingefordert worden, weil die
Taliban gewusst hätten, dass er wohlhabend sei. Die vorgebrachten Prob-
leme würden folglich auf ein finanzielles Interesse der Taliban und seine
Situation als wohlhabender Geschäftsmann zurückgehen, womit ihnen kei-
nes der in Art. 3 AsylG aufgeführten Motive zugrunde liege. Die Vorbringen
seien daher flüchtlingsrechtlich nicht relevant. Das eingereichte Schreiben
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des Ortsvorstehers vermöge an dieser Einschätzung nichts zu ändern, zu-
mal dieses nur in Kopie vorliege und auf Initiative des Beschwerdeführers
hin ausgestellt worden sei. Die von ihm geltend gemachten Probleme im
Iran seien für die Beurteilung des Asylgesuchs nicht relevant, da sich diese
Ereignisse nicht im Heimatstaat zugetragen und keine Auswirkungen auf
die dortige Situation gehabt hätten.
4.2 In der Beschwerdeeingabe wurde der Sachverhalt dahingehend er-
gänzt, dass der Beschwerdeführer – nachdem sein zweiter Bruder er-
schossen worden sei – auf die Taliban geschimpft habe und dabei gefilmt
worden sei. Etwa eine Woche später sei er von den Taliban mitgenommen
und schwer gefoltert worden. Sie hätten ihm mit der Waffe Zähne ausge-
schlagen und ihn kopfüber aufgehängt sowie sexuell misshandelt. Nach-
dem er den Taliban Geld bezahlt habe, hätten sie ihn freigelassen, worauf-
hin er als Frau verkleidet in den Iran geflüchtet sei. Die Vorinstanz habe
sich im Asylentscheid nicht mit den Foltererlebnissen des Beschwerdefüh-
rers auseinandergesetzt, da er diese bislang nicht habe vorbringen kön-
nen. Es gebe zahlreiche Gründe, weshalb Folteropfer regelmässig Prob-
leme hätten, über die erlittenen Erfahrungen zu sprechen. Der Beschwer-
deführer sei bei den Anhörungen erwiesenermassen in einem äusserst
schlechten psychischen Zustand gewesen und schon seit mehreren Jah-
ren auf Psychopharmaka angewiesen. Er habe an den Anhörungen jeweils
auch zu wenig Zeit gehabt, um ausführlich über seine Erlebnisse zu be-
richten. Zudem spielten seine Herkunft und kulturbedingte Einschränkun-
gen eine wesentliche Rolle, da er eine grosse Scham davor zeige, über die
erlittene Folter und insbesondere die sexuellen Misshandlungen zu berich-
ten. Seine Kernfamilie wisse bis heute nichts von diesen Ereignissen. Das
verspätete Vorbringen der Foltererlebnisse sei vorliegend entschuldbar, da
die Rechtsprechung anerkenne, dass es traumatisierten Opfern von Folter
und sexuellem Missbrauch unter anderem aufgrund von Schuld- und
Schamgefühlen nicht immer möglich sei, von Anfang an darüber zu spre-
chen. Gegenüber der Rechtsvertretung habe der Beschwerdeführer ange-
geben, an seinem Körper seien noch heute physische Spuren der Folte-
rungen zu erkennen. Er habe sich mit einer entsprechenden ärztlichen Un-
tersuchung einverstanden erklärt, weshalb er beim Ambulatorium für Fol-
ter- und Kriegsopfer des SRK angemeldet worden sei. In den Anhörungen
fänden sich zahlreiche Hinweise auf die bisher unerwähnten Foltererleb-
nisse und seine äusserst schlechte psychische Verfassung. Trotz Anzei-
chen für eine Traumatisierung habe die Vorinstanz weder weitere Abklä-
rungen getätigt noch sich in ihrem Entscheid dazu geäussert. Sie wäre je-
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doch verpflichtet gewesen, aufgrund der verschiedenen Hinweise von Am-
tes wegen eine psychiatrische Untersuchung des Beschwerdeführers zu
veranlassen, um den Sachverhalt vollständig abzuklären. Der schlechte
psychische Gesundheitszustand sei überdies bereits vor den Anhörungen
aktenkundig gewesen. Die gesundheitlichen Probleme seien bei der Anhö-
rung jedoch nicht berücksichtigt worden, weshalb diese – nach Abklärung
des medizinischen Sachverhalts – wiederholt werden müsse. Die Befürch-
tungen des Beschwerdeführers, künftig erneut Opfer einer Verfolgung
durch die Taliban zu werden, erweise sich als begründet und asylrelevant,
da er bereits einmal gezielt von diesen entführt und gefoltert worden sei.
4.3 Dem psychologisch-psychiatrischen Abklärungsbericht vom 6. August
2021 lässt sich entnehmen, dass beim Beschwerdeführer eine (...) und
eine (...) diagnostiziert worden sind. Aufgrund der Misshandlungen durch
die Taliban leide er an Schmerzen am (...). Gemäss dem Bericht sprächen
die klinischen Beobachtungen und die Interviews dafür, dass die beschrie-
benen Beschwerden mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die geltend gemach-
ten Misshandlungen zurückzuführen seien. Die psychologischen Symp-
tome stimmten mit voraussehbaren Reaktionen bei extremem Stress im
psychosozialen Kontext des Beschwerdeführers überein.
4.4 In seiner Vernehmlassung führte das SEM aus, dass der Beschwerde-
führer neu vorbringe, er sei von den Taliban mitgenommen und gefoltert
worden. Dies ändere indessen nichts an der Einschätzung in Bezug auf die
seinen Problemen zugrunde liegenden Motive der Taliban. Der Beschwer-
deschrift seien denn auch keine Hinweise auf ein anderes als das in der
angefochtenen Verfügung erwähnte finanzielle respektive kriminelle Motiv
der Taliban zu entnehmen. Vielmehr werde festgehalten, dass er von die-
sen aufgrund einer Geldzahlung freigelassen worden sei. Auch unter Be-
rücksichtigung der auf Beschwerdeebene neu geltend gemachten Sach-
verhaltselemente liege daher kein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv vor.
Es drängten sich folglich auch keine weitergehenden medizinischen Abklä-
rungen auf. Diese Einschätzungen würden auch unter Berücksichtigung
der veränderten Lage in Afghanistan mit der faktischen Machtübernahme
der Taliban gelten.
4.5 In der Replik wurde ausgeführt, dass der Beschwerdeführer ethnischer
Hazara schiitischen Glaubens sei und zuletzt während einigen Jahren in
der Provinz D._ gelebt habe. In dieser ethnisch gemischten Provinz
sei es in den letzten Jahren immer wieder zu Entführungen und Tötungen
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von Hazara durch regierungsfeindliche Kräfte gekommen. Seit der Macht-
übernahme der Taliban habe es bekannte Vorfälle von gezielten Tötungen
von Hazara durch die Taliban gegeben. Die Situation der Hazara habe sich
in Afghanistan nochmal massiv verschlechtert und das Risiko einer Verfol-
gung sei drastisch gestiegen. Der Beschwerdeführer sei von den Taliban
mehrfach zur Zahlung von "Schmerzgeld" (Baj) aufgefordert worden, was
er jeweils verweigert habe. Sie hätten ihn verfolgt, weil er ein erfolgreicher
Geschäftsmann und Hazara gewesen sei. Seine Wertvorstellungen hätten
jenen der Taliban diametral widersprochen, weshalb er in deren Augen zum
Feind geworden sei. Die Verfolgung beruhe nicht ausschliesslich auf sei-
nem "Tun", sondern auf dem "Sein" – als Hazara und aufgrund seiner po-
litischen Anschauungen respektive Wertvorstellungen. Die pauschale Be-
hauptung der Vorinstanz, die Taliban hätten ihn einzig aus finanziellen und
kriminellen Motiven verfolgt, entbehre somit jeder Grundlage. Bei der Be-
urteilung sei ferner dem Umstand Rechnung zu tragen, dass seit August
2021 gerade die Verfolger des Beschwerdeführers die Macht in seinem
Heimatland übernommen hätten. Als Hazara weise er ein erhöhtes Risi-
koprofil auf und seine Erlebnisse in ihrer Gesamtheit stellten einen uner-
träglichen psychischen Druck dar.
5.
5.1 In der Beschwerdeschrift wird geltend gemacht, dass sich in den Be-
fragungsprotokollen zahlreiche Hinweise auf die bisher unerwähnten Fol-
tererlebnisse fänden. Die Vorinstanz habe diesbezüglich jedoch keine wei-
teren Abklärungen getätigt und insbesondere keine psychiatrische Unter-
suchung des Beschwerdeführers veranlasst. Nachdem der schlechte psy-
chische Gesundheitszustand des Beschwerdeführers bereits vor den An-
hörungen aktenkundig gewesen sei, müssten diese – infolge der Nichtbe-
rücksichtigung der gesundheitlichen Probleme – nach Abklärung des me-
dizinischen Sachverhalts wiederholt werden.
5.2 In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass der Beschwerdefüh-
rer im Rahmen des erstinstanzlichen Asylverfahrens zu keinem Zeitpunkt
geltend machte, er sei in Afghanistan Opfer von Folter und sexuellen Miss-
handlungen geworden. Den Akten lässt sich entnehmen, dass er zeitweise
(...) war und wegen verschiedenen gesundheitlichen Beschwerden ärztlich
behandelt wurde (vgl. SEM-Akte [...]). Vor der ersten Anhörung war des-
halb auch fraglich, ob er in der Lage sei, diese durchzuführen (vgl. SEM-
Akte [...]). Es wurde dann beschlossen, mit der Befragung zu beginnen und
situativ zu entscheiden, wie vertieft diese ausfallen solle, wobei die Rechts-
vertretung mit diesem Vorgehen einverstanden war (vgl. SEM-Akte [...]).
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Bei der Anhörung wurden dem Beschwerdeführer einleitend Fragen zum
Gesundheitszustand gestellt. Dabei gab er an, es gehe ihm gut, er werde
aber momentan behandelt und nehme morgens und abends Tabletten. Es
handle sich dabei um Medikamente zur Behandlung seiner psychischen
Probleme, welche er seit drei Jahren einnehme (vgl. Akte 22, F5 ff.). Auch
bei der ergänzenden Anhörung führte er auf die Frage nach seinem Befin-
den hin aus, er nehme seine Medikamente regelmässig ein und es sei "so-
weit alles ok" (vgl. Akte 41, F6 f.). Entgegen der in der Beschwerdeschrift
(vgl. dort S. 11 f.) vertretenen Auffassung lassen sich weder den medizini-
schen Akten noch den Anhörungsprotokollen genügende Anhaltspunkte
dafür entnehmen, dass eine weitergehende psychiatrische Abklärung des
Beschwerdeführers erforderlich gewesen wäre. Er wurde bereits medika-
mentös behandelt und gab selbst an, dass es ihm so weit gut gehe. Zudem
ist nicht ersichtlich, dass er aufgrund seines Gesundheitszustands nicht in
der Lage gewesen wäre, die Anhörungen zu bestreiten. In Absprache mit
der Rechtsvertretung wurde damals trotz der gesundheitlichen Probleme
des Beschwerdeführers – der seit längerer Zeit auf Medikamente angewie-
sen war – entschieden, die Befragungen durchzuführen. Seine Rechtsver-
tretung war bei den Anhörungen anwesend und machte keinerlei Anmer-
kungen in dem Sinne, dass es ihm aus gesundheitlichen Gründen nicht
möglich gewesen wäre, seine Asylgründe darzulegen. Angesichts dessen
besteht – trotz des Umstands, dass der Beschwerdeführer auf Beschwer-
deebene weitere Vorbringen geltend macht, die einen direkten Einfluss auf
seinen psychischen Zustand gehabt hätten – keine Veranlassung, die An-
hörungen zu wiederholen.
5.3 Sodann wurde auf Beschwerdeebene ein ausführlicher Bericht über die
durchgeführte psychologisch-psychiatrische Abklärung des (...) zu den Ak-
ten gereicht (vgl. BVGer act. 7). Zudem wurde ein zahnärztlicher Bericht
vom 25. August 2021 sowie ein Bericht des (...) vom 7. September 2021
vorgelegt. Angesichts dieser Dokumentation erscheint der relevante medi-
zinische Sachverhalt ausreichend erstellt.
5.4 Nach dem Gesagten erweist sich der rechtserhebliche Sachverhalt als
richtig und vollständig festgestellt. Es besteht keine Veranlassung, die Sa-
che zur Vornahme von weiteren Abklärungen an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Das entsprechende Rechtsbegehren ist folglich abzuweisen.
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6.
6.1 Eine asylsuchende Person erfüllt nach Lehre und Rechtsprechung die
Flüchtlingseigenschaft, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlit-
ten hat beziehungsweise solche mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in
absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr diese Nachteile gezielt und
aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG aufgezählter Verfolgungsmotive
zugefügt worden sind respektive zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE
2008/12 m.H.). Eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne dieser Be-
stimmung liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, diese
hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich –
auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehba-
rer Zukunft verwirklichen (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2).
6.2 Der Beschwerdeführer brachte vor, er sei nach seiner Rückkehr aus
dem Iran nach Afghanistan über eine längere Zeit hinweg von den Taliban
behelligt worden. Hintergrund der Probleme mit den Taliban sei gewesen,
dass er ihnen nicht gehorcht und das von ihnen verlangte "Schmerzgeld"
nicht bezahlt habe, welches sie von wohlhabenden Leuten einforderten
(vgl. SEM-Akte [...] [nachfolgend Akte 41], F21). Er habe jeweils arme
Leute unterstützt und sich gegen Waffengewalt ausgesprochen, was den
Taliban ein Dorn im Auge gewesen sei. In Drohbriefen sei er deshalb auf-
gefordert worden, ihnen Geldbeträge zu bezahlen (vgl. SEM-Akte [...]
[nachfolgend Akte 22], F73). Zudem hätten sie ihn dazu angehalten, mit
ihnen zusammenzuarbeiten und gut über sie zu reden, was er indessen
nicht habe tun wollen (vgl. Akte 22, F76). Diese Angaben lassen darauf
schliessen, dass die geltend gemachten Behelligungen durch die Taliban
in erster Linie darauf gründeten, dass der Beschwerdeführer ein wohlha-
bender Geschäftsmann gewesen sein will und als solcher in der Lage ge-
wesen wäre, sie – in erster Linie wirtschaftlich – zu unterstützen. Dabei
handelt es sich um den Versuch der Erpressung und damit um ein krimi-
nelles Motiv, weshalb das SEM zu Recht festgestellt hat, es liege in diesem
Zusammenhang keines der in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Verfolgungs-
motive vor.
6.3 Auf Beschwerdeebene wurde geltend gemacht, der Beschwerdeführer
sei von den Taliban nicht nur über Jahre hinweg anhaltend bedroht worden.
Vielmehr habe er, nachdem sein Bruder von den Taliban erschossen wor-
den sei, auf diese geschimpft, woraufhin sie ihn mitgenommen hätten. In
dieser Zeit sei er schwer gefoltert und sexuell misshandelt worden. Nach-
dem er ihnen Geld bezahlt habe, hätten sie ihn frei gelassen. Das SEM
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hielt in seiner Vernehmlassung fest, auch diesen neu vorgebrachten
schwerwiegenderen Problemen liege nach wie vor ein finanzielles respek-
tive kriminelles Motiv zugrunde. Es fehle daher an einem flüchtlingsrecht-
lich relevanten Verfolgungsmotiv. In der Replik wurde daraufhin (erstmals)
vorgebracht, dass der Beschwerdeführer von den Taliban als ethnischer
Hazara schiitischen Glaubens verfolgt worden sei. Diesbezüglich ist fest-
zuhalten, dass er anlässlich der Befragungen nicht geltend machte, die Ta-
liban seien gegen ihn aufgrund seiner Ethnie oder seiner schiitischen Reli-
gionszugehörigkeit vorgegangen. Er erwähnte zwar, dass sie wegen sei-
nes Wohlstands eifersüchtig gewesen seien, vor allem, weil er Hazara sei
(vgl. Akte 41, F12). Letzteres war aber weder der Grund für die Geldforde-
rungen noch für die spätere Entführung. Diese beruhten auf rein finanziel-
len Überlegungen sowie auf Vergeltungsmassnahmen, weil er – nachdem
sein Bruder erschossen worden sei – auf die Taliban geschimpft habe. Der
Umstand, dass er gegen Bezahlung eines Geldbetrags freigelassen wor-
den sei, spricht ebenfalls für das Vorliegen eines finanziellen Verfolgungs-
motivs. Hätten die Taliban ihn aus ethnischen oder religiösen Gründen ver-
folgt und, wie von ihm anlässlich der ergänzenden Anhörung behauptet
wurde, töten wollen (vgl. Akte 41, F17), so hätten sie ihn kaum wieder ge-
henlassen. Soweit der Beschwerdeführer vorbringt, seine Ablehnung der
religiös-konservativen Wertvorstellungen der Taliban sei der Grund für die
Verfolgung gewesen, ist darauf hinzuweisen, dass er eigenen Angaben zu-
folge nach der Machtübernahme von Karzai, mithin im Jahr 2002, nach
Afghanistan zurückkehrte (Akte 22, F26 f.). In dieser Zeit habe er sich so-
wohl gegen die Taliban als auch gegen die Regierung ausgesprochen und
sei mehrmals verwarnt respektive bedroht worden. Es kam dabei aber of-
fenbar nur zu einer konkreten Verfolgungshandlung, bei welcher im Jahr
2011 sein Geschäft in D._ in Brand gesetzt worden sei (vgl. Akte
22, F73 und Akte 41, F12). Dieses Ereignis scheint indessen auf die Aus-
einandersetzungen zwischen den Taliban und den Behörden zurückzufüh-
ren gewesen zu sein, wobei die Taliban dem Beschwerdeführer – zu Un-
recht – unterstellt hätten, er habe den Behörden sein Geschäft zur Verfü-
gung gestellt, um die Taliban anzugreifen (vgl. Akte 41, F27). In den da-
rauffolgenden Jahren, bis zur Tötung seiner Brüder im Jahr (...), kam es
jedoch zu keinen weiteren Behelligungen, welche als ernsthafte Nachteile
im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu qualifizieren wären. Die über viele
Jahre hinweg bestehende kritische Einstellung des Beschwerdeführers
den Taliban gegenüber zog somit keine Verfolgung nach sich. Erst die ve-
hemente Weigerung, einen hohen Betrag an die Taliban zu bezahlen, ob-
wohl diese für den Tod seines Bruders verantwortlich gewesen seien, soll
schliesslich zu massgeblichen Verfolgungshandlungen seitens der Taliban
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geführt haben. Diese sind indessen gerade nicht an die Ethnie, Religion
oder politischen Anschauungen des Beschwerdeführers geknüpft, sondern
an dessen wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Es fehlt damit an einem Ver-
folgungsmotiv gemäss Art. 3 Abs. 1 AsylG.
6.4
6.4.1 Weiter wurde auf Beschwerdeebene vorgebracht, dass eine flücht-
lingsrechtlich relevante Verfolgung immer auf das Sein, nicht auf das Tun
abziele, wobei der Zuordnung zu einem oder mehreren Verfolgungsmoti-
ven in der schweizerischen Praxis kaum grosse Bedeutung zukomme. Be-
reits in einem Entscheid der ehemaligen Asylrekurskommission (EMARK
2006 Nr. 32 E. 8.7.1) sei von einer solchen Zuordnung zu einem bestimm-
ten Motiv abgesehen worden mit der Begründung, dass die Flüchtlingsei-
genschaft nicht von der Definition eines Verfolgungsmotivs abhängig sein
könne, da letztlich der Verfolger allein bestimme, wen er weshalb verfolge.
Ausschlaggebend müsse sein, ob die Verfolgung wegen äusserer oder in-
nerer Merkmale erfolge beziehungsweise drohe, die untrennbar mit der
Person oder Persönlichkeit des Opfers verbunden sei. Der Beschwerde-
führer sei ethnischer Hazara schiitischen Glaubens und habe während
Jahren in einer ethnisch gemischten Provinz (D._) gelebt, wo es
immer wieder zu Entführungen und Tötungen von Hazara gekommen sei.
Er sei stets in Konflikte mit den Taliban geraten und diesen ein Dorn im
Auge gewesen. Auch wenn die Gründe für die Unterdrückung und Bedro-
hung verschieden gewesen seien, beruhten sie auf dem Wesen des Be-
schwerdeführers – ethnischer Hazara, politische Anschauungen bezie-
hungsweise Wertvorstellungen – und damit auf dem "Sein", nicht aus-
schliesslich auf seinem "Tun". Nachdem er deutlich dargelegt habe, dass
die Verfolgung durch die Taliban gerade an seine Person knüpfe, sei es mit
Blick auf die erwähnte Rechtsprechung nicht gerechtfertigt, eine eindeutige
Zuordnung zu einem bestimmten Motiv zu verlangen. Angesichts der er-
wiesenen Foltervorbringen wäre ein einziges Abstützen auf eine klare Mo-
tivzuordnung überspitzter Formalismus und nicht verhältnismässig.
6.4.2 Unabhängig von der Frage, wie die einzelnen der in Art. 3 Abs. 1
AsylG aufgeführten Verfolgungsmotive definiert werden, gilt es festzuhal-
ten, dass rein kriminelle Handlungen, welche nicht auf eine bestimmte Ei-
genart einer Person abzielen oder diese aufgrund ihrer Gesinnung treffen
sollen, davon nicht erfasst sind. Es ist keineswegs überspitzt formalistisch,
sondern gesetzlich vorgesehen, dass die Erfüllung der Flüchtlingseigen-
schaft eine erlittene oder drohende Verfolgung, die auf einem der in Art. 3
Abs.1 AsylG genannten Motive beruht, erfordert. Wie bereits dargelegt
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wurde, sind die geltend gemachten Handlungen der Taliban auf die guten
wirtschaftlichen Verhältnisse respektive auf Rachemotive zurückzuführen,
welche indessen nicht als flüchtlingsrechtlich relevante Motive zu werten
sind. Entgegen der auf Beschwerdeebene vertretenen Auffassung sind in
den Akten keine Anhaltspunkte dafür ersichtlich, dass die vorgebrachten
Verfolgungshandlungen aufgrund der Ethnie oder Religion des Beschwer-
deführers erfolgt wären. Die geltend gemachten Foltererlebnisse in Afgha-
nistan sind zwar als ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG
zu qualifizieren. Die Anerkennung als Flüchtling setzt jedoch nicht nur vor-
aus, dass eine Person ernsthafte Nachteile erlitten hat oder solche befürch-
tet, sondern auch, dass diese aus einem bestimmten, im Gesetz abschlies-
send aufgezählten Grund erfolgt sind respektive drohen. Nur wenn – neben
den übrigen Voraussetzungen – beide Elemente vorliegen, ist die Flücht-
lingseigenschaft erfüllt. Dies ist beim Beschwerdeführer jedoch nicht der
Fall.
6.5 In der Replik wird – unter Verweis auf entsprechende Vorfälle – darge-
legt, dass nach der Machtübernahme der Taliban gezielte Tötungen von
Hazara zugenommen hätten. Deren Situation habe sich somit nochmals
massiv verschlechtert und das Risiko einer Verfolgung sei drastisch gestie-
gen. Gemäss der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts ist in-
dessen nach wie vor nicht von einer Kollektivverfolgung von Hazara in Af-
ghanistan auszugehen (vgl. Urteil des BVGer E-1060/2022 vom 22. März
2022 E. 6.2.1). Die blosse Zugehörigkeit zur Ethnie der Hazara ist daher
auch unter Berücksichtigung der aktuellen Machtverhältnisse in Afghanis-
tan nicht ausreichend, um zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft zu
führen.
6.6 Vor diesem Hintergrund ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer
selbst bei Wahrunterstellung seiner Schilderungen von den Taliban nicht
aus einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Motive verfolgt wurde. Er
erfüllt somit die Flüchtlingseigenschaft nicht, weshalb die Vorinstanz sein
Asylgesuch zu Recht abgelehnt hat.
7.
Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine aus-
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länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeord-
net (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG SR 142.20]).
8.2 Die Vorinstanz hat infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers angeordnet. Da die Weg-
weisungsvollzugshindernisse alternativer Natur sind (vgl. Urteil des BVGer
D-3839/2013 vom 28. Oktober 2015 E. 8.4 [als Referenzurteil publiziert];
BVGE 2009/51 E. 5.4), erübrigen sich weitere Ausführungen zur Frage der
Durchführbarkeit des Vollzugs.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm jedoch mit
Zwischenverfügung vom 12. Mai 2021 die unentgeltliche Prozessführung
gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und keine massgebliche Ver-
änderung der finanziellen Verhältnisse ersichtlich ist, sind keine Verfah-
renskosten zu erheben.
10.2
10.2.1 Mit derselben Zwischenverfügung wurde dem Beschwerdeführer
MLaw Sophia Delgado als unentgeltliche Rechtsbeiständin beigeordnet.
Mit Eingabe vom 24. Mai 2022 (Eingang beim Bundesverwaltungsgericht
am 20. Juni 2022) ersuchte die Rechtsvertreterin darum, aus dem amtli-
chen Mandat entlassen zu werden und MLaw Lara Märki, Rechtsanwältin,
als neue Rechtsbeiständin einzusetzen. Gleichzeitig führte sie aus, ein all-
fälliger Honoraranspruch sei der HEKS Rechtsberatungsstelle zu überwei-
sen.
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10.2.2 Die Ernennung als amtlicher Rechtsbeistand oder amtliche Rechts-
beiständin begründet ein persönliches, vom öffentlichen Recht beherrsch-
tes Mandatsverhältnis, das von der mandatierten Person weder einseitig
aufgelöst noch weiterübertragen werden kann und dessen Beendigung der
Entbindung durch das Gericht bedarf. Gesuche um Entlassung aus dem
amtlichen Mandat werden praxisgemäss nur bewilligt, wenn aus objektiven
Gründen eine sachgerechte Vertretung der Interessen nicht mehr gewähr-
leistet erscheint (vgl. KNEER / SONDEREGGER in: ASYL 2017/2, S. 18 m.H.).
Nachdem das Beschwerdeverfahren mit dem vorliegenden Entscheid ab-
geschlossen wird, besteht keine Veranlassung, eine neue amtliche Rechts-
beiständin zu ernennen, zumal seit dem Gesuch vom 24. Mai 2022 keine
notwendigen verfahrensrelevanten Eingaben verfasst wurden. Das Ge-
such vom MLaw Sophia Delgado um Entlassung aus dem amtlichen Man-
dat ist somit abzuweisen; das Mandat endet mit dem vorliegenden Be-
schwerdeurteil.
10.2.3 In ihrem Schreiben vom 24. Mai 2022 ersuchte die Rechtsvertreterin
das Gericht, einen allfälligen Honoraranspruch ihrer bisherigen Arbeitge-
berin zu überweisen. Aus dieser Erklärung ist zu schliessen, dass ihr An-
spruch auf ein Honorar aus der amtlichen Rechtsverbeiständung an die
HEKS Rechtsberatungsstelle (...) abgetreten worden ist.
10.2.4 Bei amtlicher Rechtsvertretung durch nichtanwaltliche Vertreterin-
nen und Vertreter beträgt der Stundenansatz praxisgemäss Fr. 100.– bis
Fr. 150.– (Art. 8 Abs. 2, Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]), wobei nur der sachlich not-
wendige Aufwand zu entschädigen ist. Es wurde keine Kostennote einge-
reicht, weshalb das amtliche Honorar aufgrund der Akten zu bestimmen
und unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren
(vgl. Art. 8 ff. VGKE) auf insgesamt Fr. 2'290.– (inklusive Auslagen) festzu-
setzen ist.
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