Decision ID: 20b19e32-3c66-4da1-883a-4fcd804dc610
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im Dezember 2006 bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen
zum Bezug einer IV-Rente an (IV-act. 1). Sie gab an, seit dem 7. Januar 2006 an
Ängsten, an einer Depression und an körperlichen Beschwerden zu leiden. Sie habe in
B._ die Textilfachschule besucht und sich danach zur Modeentwerferin
weitergebildet.
A.b Dr. med. C._, Oberärztin Tagesklinik Psychiatrisches Zentrum D._, berichtete
am 19. Februar 2007, dass sich die Versicherte vom 1. März bis 28. Dezember 2006 in
tagesklinischer Behandlung befunden habe (IV-act. 14). Die Versicherte leide an einer
Panikstörung mit Hyperventilation (ICD-10: F41.0), an einer kombinierten
Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen und anankastischen Zügen (F61) und an
einem chronischen lumbalen Schmerzsyndrom (anamnestisch Sakroileitis und
Diskopathie). Vom 24. bis 31. Januar 2006 und vom 1. März bis 31. August 2006 sei sie
in der Tätigkeit als Konfektionsmodelleurin zu 100 % arbeitsunfähig gewesen. Seit dem
1. September 2006 bestehe eine 50 %ige Arbeitsfähigkeit. Die Versicherte sei wegen
der Schmerzen in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt. Aufgrund der
Persönlichkeitsstörung sei es schwierig, die Versicherte zu integrieren. Sie leide an
Regulationsproblemen im zwischenmenschlichen Kontakt und an sehr schwankenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zuständen zwischen bagatellisierender Selbstüberschätzung einerseits und
Hilflosigkeitserleben mit Ängsten und Panik andererseits.
A.c Im September/Oktober 2007 wurde die Versicherte durch Dr. med. E._,
Spezialarzt für Innere Medizin, speziell Rheumaerkrankungen, und Dr. med. F._,
Spezialarzt für Psychiatrie und Psychotherapie, begutachtet (Gutachten vom 3.
November 2007, IV-act. 34). Dr. E._ erklärte, dass er in der Untersuchung keine
Erklärung für die anamnestischen Polyarthralgien und für das Beschwerdeausmass der
Lumboischialgien und der Hüftschmerzen rechts gefunden habe. Belegt seien lediglich
eine diskrete 4° lumbale Skoliose, eine Diskushernie L4/5 und abgeflachte
Fussgewölbe beidseits. Die Versicherte benötige wegen der langjährigen Schonung
vermehrte Pausen. Aus somatischer Sicht sei sie in der Tätigkeit als
Konfektionsmodelleurin sowie in jeder anderen leicht bis knapp mittelschweren
Tätigkeit zu 90 % arbeitsfähig. Dr. F._ gab im psychiatrischen Teilgutachten vom 25.
Oktober 2007 (IV-act. 33) als Diagnosen eine depressive Episode mittleren Grades mit
somatischem Syndrom und Panikstörung mit Hyperventilation (F32.11 und 41.0), eine
narzisstische Persönlichkeitsstörung (F60.8) und eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung (F45.4) an. Die Versicherte sei wegen der Schmerzsymptomatik und
der depressiven Episode (verminderter Antrieb, verminderte Konzentrationsfähigkeit,
gestörter Schlaf und verminderte Belastbarkeit) seit September 2006 zu rund 50 %
arbeitsunfähig. In polydisziplinärer Hinsicht schätzten die Gutachter die
Restarbeitsfähigkeit in jeglicher Tätigkeit auf 50 %. RAD-Arzt Dr. med. G._ notierte
am 16. November 2007, dass es gerechtfertigt erscheine, von einer Arbeitsunfähigkeit
von 50 % auszugehen (IV-act. 35).
A.d Anlässlich einer Haushaltabklärung vom 21. Februar 2008 erklärte die Versicherte,
dass sie nach der Einreise in die Schweiz zwei Jahre lang Deutsch gelernt habe (IV-act.
44). Anschliessend habe sie sich auf verschiedene Vollzeitstellen beworben. Wenn sie
gesund wäre, würde sie grundsätzlich in einem vollen Pensum arbeiten. Die
Abklärungsperson hielt fest, dass die Versicherte als Vollerwerbstätige zu qualifizieren
sei.
A.e Med. pract. H._, Oberarzt Tagesklinik Psychiatrisches Zentrum D._, berichtete
am 19. Dezember 2008 (IV-act. 51), dass die Versicherte seit Januar 2008 an
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anpassungsstörungen mit längerer depressiver Reaktion (F43.21) leide. Seit dem 4.
Juni 2008 befinde sie sich in tagesklinischer Behandlung. Aktuell laufe das
Scheidungsverfahren. Aufgrund der tief greifenden Kränkung, die die Versicherte
erfahren habe, sei die Prognose kurz- und mittelfristig als eher negativ zu beurteilen.
Die Aufnahme einer Arbeitstätigkeit sei frühestens im Herbst 2009 möglich. RAD-Arzt
Dr. G._ notierte am 31. Dezember 2008, dass von einer Verschlechterung des
Gesundheitszustandes seit der Begutachtung auszugehen sei (IV-act. 52). Am 29. Juli
2009 berichtete med. pract. H._ über eine Verbesserung des Gesundheitszustandes
(IV-act. 53).
A.f Am 13. August 2009 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass ihr Beratung und
Unterstützung bei der Stellensuche gewährt werde (IV-act. 55). Vom 2. März bis 30.
April 2010 absolvierte die Versicherte eine berufliche Abklärung im I._ (IV-act. 66).
Während med. pract. H._ der Eingliederungsverantwortlichen am 12. März 2010
telefonisch mitteilte, dass die Versicherte in der Arbeitsabklärung aufblühe (IV-act.
90-3), äusserte sich die Versicherte anlässlich eine Standortgesprächs am 17. März
2010 negativ über die erste Zeit in der Arbeitsabklärung (IV-act. 90-3). Laut dem
Abklärungsbericht Verzahnungsprogramm vom 20. April 2010 (IV-act. 87) hatte die
Versicherte jeweils morgens von 8.15-12.15 Näharbeiten von Hand und mit der
Maschine sowie Zuschneidarbeiten erledigt. Sie sei Schneiderin und handwerklich
geschickt. Mit dem Einstieg habe sie sich schwer getan. Später habe sie sich in die
Gruppe integriert und scheinbar gern gearbeitet. Gegenüber anderen Teilnehmerinnen
habe sie sich manchmal verständnislos und intolerant gezeigt. Wie belastbar die
Versicherte sei und wie schnell sie arbeiten könne, könne nicht beurteilt werden. Eine
Tätigkeit in der freien Wirtschaft sei nur in Teilzeit und in einem kleinen Team oder
selbständig arbeitend möglich.
A.g RAD-Arzt Dr. med. J._ notierte am 9. Dezember 2010 (IV-act. 81), dass die von
Dr. F._ attestierte 50 %ige Arbeitsunfähigkeit aus der erst nach der Einreise in die
Schweiz aufgetretenen mittelgradigen depressiven Episode und der somatoformen
Schmerzstörung resultiere. Im Übrigen entspreche der von Dr. F._ beschriebene
Befund nicht demjenigen einer mittelgradigen depressiven Episode.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.h Med. pract. H._ berichtete am 20. Dezember 2010 (IV-act. 86), dass die am 1.
Juni 2008 begonnene tagesklinische Behandlung am 1. Oktober 2009 beendet worden
sei. Seither finde eine ambulante Behandlung statt. Die Versicherte sei weiterhin voll
arbeitsunfähig. Sie sei sehr in ihrem bisherigen Beziehungsgeschehen verfangen und
könne sich nicht davon distanzieren. Sie sei schwer depressiv, es bestünden eine
Antriebs- und Freudlosigkeit. Ein ausgeprägtes Morgentief verunmögliche es der
Versicherten, eine Arbeitsstelle am Morgen pünktlich anzutreten. Aufgrund des
tiefgreifenden Charakters der Depression und der schweren Lebensgeschichte
empfehle er, eine „50 %ige“ IV-Berentung zu prüfen. Die Eingliederungsverantwortliche
hielt in ihrem Schlussbericht vom 31. Januar 2011 fest (IV-act. 89), dass sie den
Eindruck habe, dass die Versicherte durch die Trennung/Scheidung in ihrem Verhalten
stark beeinflusst werde resp. positive Perspektiven wie blockiert würden. Die
Versicherte habe in ihrem Verhalten teilweise vordergründig und manipulativ gewirkt.
Solange die Unterhaltsfrage nicht geklärt sei, habe eine Wiedereingliederung kaum
Erfolgschancen. Am 28. Februar 2011 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass die
Arbeitsvermittlung abgeschlossen werde, da ihr erneut eine volle Arbeitsunfähigkeit
attestiert worden sei und sie sich aktuell subjektiv nicht arbeitsfähig fühle (IV-act. 93).
A.i Med. pract. H._ berichtete am 7. April 2011 (IV-act. 95), dass es bei der
Versicherten seit der Ehescheidung im März 2011 zu einer gewissen Erleichterung
gekommen sei. Sie sehe ihre Lage nun wieder deutlich optimistischer. Da es ab dem
Mittag zu einer deutlichen Stimmungsaufhellung komme, sollte in absehbarer Zeit
zumindest eine halbtägige Arbeitstätigkeit möglich sein, die später auf 100 %
ausgebaut werden könnte. Am 2. August 2011 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit,
dass Abklärungen bezüglich der Möglichkeiten einer beruflichen Eingliederung
notwendig seien (IV-act. 105).
A.j Am 29. August 2011 wurde die Versicherte von RAD-Arzt Dr. med. K._, Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie, untersucht (IV-act. 107). Dr. K._ gab als
Diagnosen eine Panikstörung (F41.0), eine Migräne (D43.0), Hüftbeschwerden rechts
(ohne sichtbare Funktionsbehinderung), narzisstisch selbstunwerte, passiv-aggressive
Persönlichkeitszüge (Z73.1) und einen Verdacht auf eine Dysthymie (F34.1) an. Er
erklärte weiter, dass die mangelnde Flexibilität, sich auf neue Situationen einzustellen,
und die Panikzustände mit dadurch vermehrter Ängstlichkeit und Beeinträchtigung des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Selbstwertgefühls und des Leistungsvermögens allenfalls noch eine 20 bis 30 %ige
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit rechtfertigten. Nicht zu übersehen sei jedoch eine
passiv-aggressive Leistungsabwehr mit unmotivierter Leistungsbereitschaft. Diese
beruhe aus psychodynamischen Gesichtspunkten wohl darauf, dass die Versicherte
aus ihrer Verletztheit und ihrem beeinträchtigten Selbstwertgefühl heraus die
Vorstellung entwickelt habe, dafür belohnt werden zu müssen, wenn schon ihr
Ehemann für sie nicht lebenslang Unterhalt zahlen müsse. Mit Verfügung vom 1. März
2012 eröffnete die IV-Stelle der Versicherten, dass sie keinen Anspruch auf berufliche
Eingliederungsmassnahmen habe, da sie sich weiterhin nur in beschränktem Ausmass
arbeitsfähig fühle (IV-act. 114).
A.k Mit Vorbescheid vom 24. September 2012 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 121). Dagegen liess die Versicherte
am 31. Oktober 2012 einwenden (IV-act. 125), dass ein Arbeitsversuch als Teamleiterin
im Restaurant eines Bekannten von September 2011 bis Februar 2012 (3-4 Tage pro
Woche während 4-5 Stunden) gezeigt habe, dass die Versicherte der Aufgabe nicht
gewachsen sei. Der Versicherten sei es nicht gelungen, sich ins Arbeitsteam
einzufügen, sie sei nicht kompromissbereit gewesen und habe die anderen Mitarbeiter
mit ihrem Perfektionismus überfordert. Ausserdem sei sie starken
Stimmungsschwankungen unterworfen gewesen. Obwohl sich die Versicherte der
Problematik bewusst gewesen sei, sei es ihr nicht gelungen, ihr Verhalten anzupassen.
Auch habe sich die Migräne durch die Arbeitstätigkeit bzw. die damit verbundenen
psychischen Belastungen und Konfliktsituationen erheblich verstärkt. Sodann hätten
die Stimmungsschwankungen und Stimmungstiefs wegen der mit einer Endometriose
verbundenen Schmerzen und den Nebenwirkungen der Ende November 2011
begonnenen Hormonbehandlung stark zugenommen. Die Versicherte habe grosse
Angst vor dem anstehenden chirurgischen Eingriff im November 2012, was sich in
vermehrten Panikattacken äussere.
A.l Dr. med. L._, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, berichtete am 27.
November 2012, dass die Versicherte an zeitweise die Leistungsfähigkeit wesentlich
einschränkenden Reizdarm-Beschwerden sowie an rezidivierenden Kopfschmerzen,
welche teils als migräniform und teils als Spannungskopfschmerz zu werten seien, leide
(IV-act. 130-2 f.). Dr. med. M._, Frauenarzt, informierte am 29. November 2012 (IV-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
act. 131-2), dass eine Behandlung mit Dienogest zur raschen Besserung der diffusen
Unterbauchschmerzen geführt habe. Als Nebenwirkungen dieser medikamentösen
Behandlung könnten Kopfschmerzen (9 %) und eine depressive Verstimmung (5.1 %)
auftreten. Med. pract. H._ gab in seinem Bericht vom 21. Dezember 2012 an (IV-act.
132-2), dass es wegen der durch die Endometriose ausgelösten Schmerzen mit
nachfolgender Operation zu einer deutlichen Verschlechterung des Stimmungsbildes
gekommen sei. Die Versicherte sei wieder voll arbeitsunfähig.
A.m Im Juli und August 2013 wurde die Versicherte polydisziplinär
(allgemeininternistisch, psychiatrisch, neurologisch, rheumatologisch, gynäkologisch)
durch die ABI Aerztliches Begutachtungsinstitut GmbH (nachfolgend: ABI) begutachtet
(Gutachten vom 16. Dezember 2013, IV-act. 148). Die Diagnosen mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit lauteten:
• Leichte bis mittelgradige depressive Episode (F32.0/F32.1)
• Panikstörung (F41.0)
• chronisches lumbospondylogenes Schmerzsyndrom rechts (MRT-Befunde siehe
IV-act. 148-28)
- Differentialdiagnose: Lumbales Facettengelenkschmerzsyndrom mit
pseudoradikulärer Ausstrahlung in die rechte untere Extremität.
Als Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gaben die Gutachter u.a. an:
• Anhaltende somatoforme Schmerzstörung (F45.4)
• akzentuierte abhängige, selbstunsichere Persönlichkeitszüge (Z73.1)
• multifaktorielles Kopfschmerzsyndrom (Migräne und
Spannungskopfschmerzkomponente)
• funktionelle Sensibilitätsstörung und Tremor (F44.4/F44.6)
• rezidivierende Bauchschmerzen (weitere Angaben s. IV-act. 148-28 f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dr. med. N._, FMH Allgemeine Innere Medizin, erklärte, dass bei der Untersuchung
das Abdomen vor allem im rechten Unterbauch druckdolent gewesen sei. Ansonsten
seien die Befunde regelrecht und die Laborwerte unauffällig gewesen. Die
Arbeitsfähigkeit sei aus allgemeininternistischer Sicht nicht eingeschränkt. Dr. med.
O._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, führte aus, dass bei der Versicherten
depressive Verstimmungen, eine erhöhte Ermüdbarkeit, eine Antriebsstörung,
morgendliche Anlaufschwierigkeiten, Schlafstörungen, ein etwas verminderter
Selbstwert mit Schamgefühlen wegen der eingeschränkten Leistungsfähigkeit (aber bei
erhaltener Selbstwertregulation) sowie eine Panikstörung mit doch häufig auftretenden
anfallsartigen Ängsten mit vegetativen Symptomen bestünden. Die angegebenen
Essattacken seien im Rahmen der Depression zu sehen, da das Erbrechen im
Zusammenhang mit Migräne auftrete. Der Medikamentenspiegel des eher niedrig
dosierten Antidepressivums habe unter dem therapeutischen Bereich gelegen.
Aufgrund der frühen lebensgeschichtlichen Belastungen bestünden akzentuierte,
abhängige und selbstunsichere Persönlichkeitszüge. Gegen die Diagnose einer
Persönlichkeitsstörung mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit spreche vor allem, dass die
Versicherte vor der Erkrankung voll leistungsfähig gewesen sei. Die vorhandenen
Ressourcen seien eher gering, da sich die Versicherte kaum arbeitsfähig fühle und
finanziell vom Sozialamt abhängig sei. Die Schmerzen liessen sich durch die
somatischen Befunde nicht hinreichend objektiveren, sodass eine psychische
Überlagerung angenommen werden müsse. Da deutlich ausgeprägte emotionale und
psychosoziale Belastungsfaktoren bestünden, die sich in den Schmerzen ausdrückten,
könne eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung diagnostiziert werden. Diese
habe jedoch keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit: Die Versicherte leide nicht an einer
schweren psychischen Störung, die therapeutisch nicht günstig beeinflusst werden
könnte, die therapeutischen Möglichkeiten seien noch nicht ausgeschöpft, eine
schwere chronische somatische Erkrankung liege nicht vor, die Versicherte pflege
durchaus wenige Kontakte und ein verfestigter, therapeutisch nicht mehr
beeinflussbarer innerseelischer Verlauf bei einer zwar entlastenden, aber missglückten
Konfliktbewältigung sei nicht erwiesen. Aus psychiatrischer Sicht sei die Versicherte
wegen der Depression und der Panikstörung seit dem Jahr 2006 zu 30 %
arbeitsunfähig. Es bestehe eine verminderte Belastbarkeit mit vor allem einer erhöhten
Ermüdbarkeit, weshalb die Versicherte einen vermehrten Pausen- bzw.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erholungsbedarf habe. Dr. med. P._, Facharzt für Neurologie, gab an, dass sich in
neurologischer Hinsicht bezüglich der Hüftgelenks- und Rückenbeschwerden kein
relevanter Befund ergeben habe. Der wechselnd ausgeprägte, insgesamt eher nur
diskrete Tremor lasse sich keinem neurologischen Krankheitsbild zuordnen und sei, wie
die Gefühlsstörung, als funktionell anzusehen. Die Mitarbeit der Versicherten bei der
Untersuchung sei überwiegend gut gewesen, allenfalls bei einigen Teilaufgaben nicht
konsistent. Eine massive bewusstseinsnahe Symptomausweitung könne nicht
unbedingt angenommen werden. Wenn davon ausgegangen werde, dass es sich beim
Tremor um eine leichte dissoziative Bewegungsstörung und nicht um ein rein
bewusstseinsnahes Zittern handle, könne die Versicherte feinmechanische Tätigkeiten
nur noch eingeschränkt verrichten. Für alle übrigen körperlich leichten bis
mittelschweren Frauenarbeiten sei die Versicherte aus neurologischer Sicht voll
arbeitsfähig. Dr. Q._, FMH Rheumatologie, führte aus, dass die klinisch-
rheumatologische Untersuchung zum Teil deutlich inkonsistente Befunde ergeben
habe. Aus klinisch-rheumatologischer Sicht könne das Ausmass der nun seit über 20
Jahren beklagten Beschwerden am Bewegungsapparat nicht adäquat erklärt werden,
sodass von einer wegweisenden psychosozialen Überlagerung des Schmerzbildes
auszugehen sei. Es bestehe eine ausgeprägte subjektive Krankheits- und
Behinderungsüberzeugung. In einer körperlich leichten bis nur sehr selten
mittelschweren und wechselbelastenden beruflichen Tätigkeit sei die Versicherte unter
Berücksichtigung der qualitativen Arbeitsplatzbedingungen (s. IV-act. 148-24 f.) voll
arbeitsfähig. Dr. med. R._, FMH Gynäkologie, führte aus, dass aus gynäkologischer
Sicht keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestehe, da die Schmerzen
behandelbar seien. In polydisziplinärer Hinsicht legten die Gutachter die
Arbeitsfähigkeit in einer körperlich adaptierten Tätigkeit auf 70 % (ganztägiges
Pensum) fest. RAD-Arzt Dr. K._ notierte am 14. Januar 2014, dass auf das
polydisziplinäre Gutachten abgestellt werden könne (IV-act. 150).
A.n Mit Vorbescheid vom 31. Januar 2014 kündigte die IV-Stelle der Versicherten bei
einem IV-Grad von 0 % die Abweisung des Rentengesuchs an (IV-act. 154). Zur
Begründung hielt sie fest, dass eine leichte bis mittelgradige depressive Episode
gemäss der Rechtsprechung keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit begründe.
Somit sei in einer adaptierten Tätigkeit von einer vollen Arbeitsfähigkeit auszugehen.
Dagegen wendete die Rechtsvertreterin der Versicherten am 10. März 2014 ein (IV-act.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
155), dass die Versicherte gemäss den behandelnden Ärzten aus psychiatrischer Sicht
voll arbeitsunfähig sei. Hinzu komme, dass sich der Gesundheitszustand seit der
Begutachtung verschlechtert habe. Ausserdem falle es der Versicherten schwer, ein
Vertrauensverhältnis aufzubauen und sich gegenüber einem Arzt vollständig zu öffnen;
dies sei ihr auch gegenüber Dr. O._ nicht gelungen. In einem beigelegten Bericht
vom 7. März 2014 hatte Dr. med. S._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, erklärt,
dass ihr die Versicherte am 3. Februar 2014 von der Hausärztin zur Behandlung
zugewiesen worden sei (IV-act. 155-8 ff.). Die Versicherte leide an einer rezidivierenden
depressiven Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome
(F33.2) vor dem Hintergrund einer mehrfach kombinierten Persönlichkeitsstörung
(zwanghaft, paranoid/schizoid, ängstlich, abhängige, borderline Anteile, F61), und an
einer Zwangsstörung (F42). Als Nebendiagnosen hatte Dr. S._ Kontaktanlässe mit
Bezug auf die Kindheitserlebnisse und die Erziehung (Z61, Z62), frühere belastende
Eheverhältnisse/Probleme Übergangsphase Lebenszyklus und Isolation (Z60, Z63) und
andere Kontaktanlässe mit Bezug auf den engeren Familienkreis (Z63) angegeben. Die
Versicherte habe erstmals ihre Geheimnisse offenbaren können. Die Suizidalität habe
ein wenig entschärft werden können. Die Versicherte sei bis auf weiteres zu 100 %
arbeitsunfähig.
A.o RAD-Arzt Dr. K._ hielt am 9. Mai 2014 fest (IV-act. 158), dass die von Dr. S._
erhobenen Befunde keine schwere Depression abbildeten. Der Umstand, dass die
Behandlungen nur alle zwei Wochen stattfänden und dass bereits eine sehr geringe
Dosis des Antidepressivums Citalopram eine deutliche Besserung des depressiven
Zustandsbildes bewirkt habe, spreche allenfalls für eine nicht invalidisierende,
temporäre depressive Störung. Es bestehe keine Veranlassung, von der bisherigen
Beurteilung abzuweichen. Mit Verfügung vom 12. Mai 2014 wies die IV-Stelle das
Rentengesuch aus den im Vorbescheid angegebenen Gründen ab (IV-act. 159).
B.
B.a Gegen diese Verfügung liess die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin)
am 16. Juni 2014 Beschwerde erheben (act. G 1). Ihre Rechtsvertreterin beantragte die
Aufhebung der Verfügung und die Ausrichtung mindestens einer Viertelsrente.
Eventualiter seien durch das Gericht weitere medizinische Abklärungen zu veranlassen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Rechtsvertreterin stellte zudem ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege (inkl.
unentgeltliche Rechtsverbeiständung). Zur Begründung machte sie geltend, dass die
bisherigen Arbeitsversuche gezeigt hätten, dass die Beschwerdeführerin den
Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt nicht gewachsen sei. Sowohl Dr. S._ wie auch
Dr. L._ bescheinigten der Beschwerdeführerin eine volle Arbeitsunfähigkeit. Im
Übrigen sei der Zusammenhang zwischen den psychischen Beschwerden und den
körperlichen Leiden sowie deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit nicht eingehend
abgeklärt worden. Entgegen der Behauptung des RAD hätten die Behandlungen bei Dr.
S._ zunächst zweimal wöchentlich und später mindestens einmal wöchentlich
stattgefunden. Es könne keinesfalls davon ausgegangen werden, dass maximal eine
temporäre depressive Störung vorliege. Die Klinik für Neurologie hatte in einem
beiliegenden Bericht vom 25. April 2014 die von der Beschwerdeführerin geltend
gemachte fehlende Kraft und Kontrolle in der rechten Hand beim Schreiben als
Schreibkrampf mit intermittierendem Handtremor, DD dyston DD funktionell überlagert,
interpretiert (act. G 1.1 Beilage 7). Die Klinikärzte hatten zudem die Diagnose einer
sensiblen Radikulopathie C6 rechts angegeben. Dr. L._ hatte am 6. Juni 2014
berichtet, dass die Wiederaufnahme einer regelmässigen Arbeitstätigkeit im Moment
nicht denkbar sei, da die Beschwerdeführerin psychisch überhaupt nicht belastbar sei
(act. G 1.1 Beilage 6). Dr. S._ hatte im Verlaufsbericht vom 13. Juni 2014 erklärt, dass
die depressive Störung aktuell mittelgradig ausgeprägt sei (F33.1; act. G 1.1 Beilage 9).
Neu hatte sie die Diagnosen einer Bulimia nervosa, mit Missbrauch von Abführmitteln
(F50.2), und eines Verdachts auf eine bipolar affektive Störung (F31) angegeben. Dass
die Beschwerdeführerin bisher trotz jahrelanger Behandlung nur wenige Fortschritte
habe erzielen können, liege weniger an einer Selbstlimitierung oder an unfähigen
Fachpersonen, sondern an einem komplexen Krankheitsbild mit einem schwierigen
Verlauf und einem zeitlich sehr weit zurückreichenden Beginn. Die Beschwerdeführerin
sei bis auf weiteres voll arbeitsunfähig.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 24. Juli 2014 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 3). Sie machte geltend, dass den psychiatrischen Diagnosen eine
invalidisierende Wirkung zu Recht abgesprochen worden sei. Selbst wenn man die
psychischen Beschwerden losgelöst von der somatoformen Schmerzstörung
betrachten würde, wären sie nicht invalidisierend. Gemäss dem ABI-Gutachten liege
der Medikamentenspiegel unter dem therapeutischen Bereich. Es fehle somit an einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
konsequenten Depressionstherapie, deren Scheitern das Leiden als resistent
ausweisen würde. Sogar wenn der Invaliditätsbemessung die im Gutachten attestierte
Arbeitsunfähigkeit von 30 % zugrunde gelegt würde, käme der IV-Grad unter 40 % zu
liegen.
B.c Am 5. August 2014 bewilligte die zuständige Abteilungspräsidentin das Gesuch
um unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung durch Rechtsanwältin A. Schreiner) für das
Beschwerdeverfahren (act. G 4).
B.d Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin erklärte am 12. September 2014,
dass sie von einer ausführlichen Replik absehe (act. G 6). In einem am 14. September
2016 eingereichten Bericht vom 30. August 2016 hatte Dr. S._ erklärt, dass die
depressive Störung aktuell leicht- bis mittelgradig ausgeprägt sei (act. G 9.1). Einen
Verdacht auf eine bipolar affektive Störung hatte sie nicht mehr erwähnt. Die
Beschwerdeführerin sei weiterhin voll arbeitsunfähig.
B.e Am 26. September 2016 reichte die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin eine
Honorarnote über den Betrag von Fr. 5'300.-- ein (21.48 Stunden à Fr. 250.--, exkl.
Barauslagen und Mehrwertsteuer).

Erwägungen
1.
1.1 Mit der angefochtenen Verfügung vom 12. Mai 2014 hat die IV-Stelle einen
Rentenanspruch der Beschwerdeführerin bei einem IV-Grad von 0 % verneint.
1.2 Die Beschwerdeführerin hat sich bereits im Dezember 2006 zum Bezug von IV-
Leistungen angemeldet und eine Arbeitsunfähigkeit seit Januar 2006 geltend gemacht.
Gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG entsteht ein Rentenanspruch frühestens nach Ablauf von
sechs Monaten nach der Geltendmachung des Leistungsanspruchs. Nun ist aber nach
dem (lückenfüllend geschaffenen) Übergangsrecht der 5. IV-Revision die altrechtliche
Regelung des Rentenbeginns weiter anzuwenden, sofern das Wartejahr vor dem
Zeitpunkt des Inkrafttretens (1. Januar 2008) zu laufen begonnen hat und die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anmeldung bis spätestens Ende Juni 2008 erfolgt ist (vgl. das vom Bundesamt für
Sozialversicherungen herausgegebene IV-Rundschreiben Nr. 253 vom 12. Dezember
2007 sowie die Modifikation in BGE 138 V 475). Nach aArt. 29 Abs. 1 lit. b IVG entsteht
der Rentenanspruch ‒ unabhängig vom Datum der Anmeldung ‒ unmittelbar mit der
Erfüllung des Wartejahres. Da sich die Beschwerdeführerin innert zwölf Monaten nach
Eintritt der geltend gemachten Arbeitsunfähigkeit zum Leistungsbezug angemeldet hat,
würde ein allfälliger Rentenanspruch frühestens ab 1. Januar 2007 entstehen.
Nachfolgend ist somit zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin in der Zeit vom 1. Januar
2007 bis 12. Mai 2014 (Verfügungserlass) einen Anspruch auf eine Invalidenrente hat.
2.
2.1 Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (Art. 28 Abs. 1 IVG). Invalidität ist gemäss Art.
8 Abs. 1 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine Beeinträchtigung
der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach
zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust
der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
2.2 Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist der Invaliditätsgrad
grundsätzlich durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen).
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 Um das Invalideneinkommen ermitteln zu können, muss die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin vom 1. Januar 2006 (frühestmöglicher Beginn des Wartejahres) bis
12. Mai 2014 mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststehen.
3.2 In somatischer Hinsicht macht die Beschwerdeführerin insbesondere Hüft-,
Rücken-, Bauch- und Kopfschmerzen sowie ein häufiges Zittern in beiden Händen und
eine leichte Minderempfindung im rechten Arm und rechten Bein geltend. Der
rheumatologische Gutachter Dr. E._ hat bereits im Gutachten vom 3. November 2007
festgehalten, dass er keine Erklärung für die anamnestischen Polyarthralgien und für
das Ausmass der Lumboischialgien und der Hüftschmerzen rechts habe finden
können. Zu diesem Schluss sind auch die Gutachter des ABI im Jahr 2013 gekommen:
Der neurologische Gutachter Dr. P._ hat erklärt, dass sich in neurologischer Hinsicht
kein relevanter Befund bezüglich der Hüftgelenks- und Rückenbeschwerden ergeben
habe. Auch der wechselnd ausgeprägte, insgesamt eher nur diskrete Tremor und die
Gefühlsstörung (im rechten Arm und Bein) liessen sich keinem neurologischen
Krankheitsbild zuordnen. Das multifaktorielle Kopfschmerzsyndrom hat Dr. P._
teilweise im Rahmen einer somatoformen Schmerzstörung angesehen, ihm aber auch
eine Spannungskopfschmerz- und Migränekomponente beigemessen (IV-act. 148-18).
Der rheumatologische Gutachter Dr. Q._ hat in der klinischen Untersuchung zum Teil
deutlich inkonsistente Befunde erhoben. Auch er hat sich die Beschwerden am
Bewegungsapparat aus rheumatologischer Sicht nicht erklären können. Dr. E._ hat
der Beschwerdeführerin im Jahr 2007 wegen der langjährigen Schonung und der damit
verbundenen Notwendigkeit vermehrter Pausen auch in einer körperlich adaptierten
Tätigkeit eine 10 %ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt. Diese Einschätzung überzeugt
nicht, da es sich bei einer körperlichen Dekonditionierung nicht um einen bleibenden,
invalidisierenden Gesundheitsschaden handelt. Die ABI-Gutachter Dr. P._ und Dr.
Q._ haben die Arbeitsfähigkeit aus somatischer Sicht in einer körperlich leichten bis
nur sehr selten mittelschweren, wechselbelastenden Tätigkeit auf 100 % geschätzt.
Diese Beurteilung überzeugt angesichts der geringen objektivierbaren pathologischen
Befunde und der guten Behandelbarkeit der Kopf- und Bauchschmerzen. Aus
somatischer Sicht ist die Beschwerdeführerin daher in einer körperlich adaptierten
Tätigkeit (worunter auch die angestammten Tätigkeit als Konfektionsmodelleurin fällt)
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nie längerdauernd in ihrer Arbeitsfähigkeit
eingeschränkt gewesen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.3 In psychiatrischer Hinsicht liegen bezüglich der Diagnosen und der Arbeitsfähigkeit
unterschiedliche Beurteilungen im Recht. Insbesondere divergieren die Meinungen
hinsichtlich des Vorliegens einer Persönlichkeitsstörung. Während die behandelnde
Psychiaterin Dr. med. T._ (2006, IV-act. 33-4), Dr. C._ (2007, Tagesklinik D._), der
Gutachter Dr. F._ (2007) sowie Dr. S._ (2014) davon ausgegangen sind, dass die
Beschwerdeführerin an einer (kombinierten) Persönlichkeitsstörung leidet, haben RAD-
Arzt Dr. K._ und der Gutachter Dr. O._ lediglich akzentuierte Persönlichkeitszüge
diagnostiziert. Der langjährige behandelnde Psychiater med. pract. H._ (2008 bis ca.
2013) hat sich gar nie damit auseinandergesetzt, ob die Beschwerdeführerin an einer
Persönlichkeitsstörung leiden könnte oder allenfalls akzentuierte Persönlichkeitszüge
vorhanden sein könnten. Dr. O._ hat zwar das Vorliegen von frühen
lebensgeschichtlichen Belastungen bejaht (IV-act. 148-13), eine Persönlichkeitsstörung
jedoch mit der Begründung, dass die Beschwerdeführerin vor der Erkrankung voll
leistungsfähig gewesen sei, verneint. Tatsächlich treten Persönlichkeitsstörungen meist
bereits in der Kindheit oder in der Adoleszenz in Erscheinung (ICD-10: F60.-). Aus dem
psychiatrischen Teilgutachten von Dr. F._ geht hervor, dass die Beschwerdeführerin
in B._ die Grundschule besucht habe. Die Lehre als Schneiderin habe sie wegen
Hüftbeschwerden abgebrochen und stattdessen eine vierjährige Ausbildung zur
Männermodeentwerferin absolviert. Eine feste Anstellung habe sie wegen ihrer
Beschwerden nie erhalten. Rund ein Jahr lang habe sie als freie Mitarbeiterin für ein
Theater gearbeitet und daneben vom Arbeitsamt gelebt. 1997/1998 habe sie Jura
studiert, das Studium aber abbrechen müssen, weil kein Geld mehr vorhanden
gewesen sei. Danach habe sie wieder vom Sozialamt gelebt. Im Jahr 2000 habe sie in
B._ den Invalidenstatus erhalten, d.h. man habe ihr nur noch eine Teilzeitarbeit in
einer angepassten Tätigkeit zugetraut (IV-act. 33-2, 44-13). Der berufliche Werdegang
der Beschwerdeführerin ist somit bereits in B._ unstet gewesen. Sie hat nie eine
Festanstellung gehabt und auch nie Vollzeit gearbeitet. Die Angabe von Dr. O._, dass
die Beschwerdeführerin vor der Erkrankung im Jahr 2006 voll leistungsfähig gewesen
sei, überzeugt vor diesem Hintergrund nicht.
3.4 Bei einer Persönlichkeitsstörung handelt es sich um ein andauerndes Verhaltens-
und Erlebnismuster, das deutlich, tief greifend und inflexibel von den Erwartungen der
soziokulturellen Umgebung abweicht. Eine Persönlichkeitsstörung beginnt zwar bereits
in der Adoleszenz oder im frühen Erwachsenenalter, das subjektive Leiden tritt unter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Umständen aber erst im späteren Verlauf auf (Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch,
266. Auflage, Berlin 2014, S. 1641). Eine schizoide Persönlichkeitsstörung ist durch
einen Rückzug von affektiven, sozialen und anderen Kontakten mit übermässiger
Vorliebe für Phantasie, einzelgängerisches Verhalten und in sich gekehrte
Zurückhaltung gekennzeichnet. Betroffene haben nur ein begrenztes Vermögen,
Gefühle auszudrücken und Freude zu erleben (ICD-10: F60.1). Bei der emotional
instabilen Persönlichkeitsstörung handelt es sich um eine Persönlichkeitsstörung mit
deutlicher Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren,
verbunden mit unvorhersehbarer und launenhafter Stimmung. Es besteht eine Neigung
zu emotionalen Ausbrüchen und eine Unfähigkeit, impulshaftes Verhalten zu
kontrollieren. Ferner besteht eine Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu
Konflikten mit anderen, insbesondere wenn impulsive Handlungen durchkreuzt oder
behindert werden. Es können zwei Erscheinungsformen unterschieden werden: Ein
impulsiver Typus, vorwiegend gekennzeichnet durch emotionale Instabilität und
mangelnde Impulskontrolle und ein Borderline-Typus, zusätzlich gekennzeichnet durch
Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen, durch ein
chronisches Gefühl von Leere, durch intensive, aber unbeständige Beziehungen und
eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten mit parasuizidalen Handlungen und
Suizidversuchen (ICD-10: F60.3). Die anankastische (zwanghafte)
Persönlichkeitsstörung ist durch Gefühle von Zweifel, Perfektionismus, übertriebener
Gewissenhaftigkeit, ständigen Kontrollen, Halsstarrigkeit, Vorsicht und Starrheit
gekennzeichnet. Es können beharrliche und unerwünschte Gedanken oder Impulse
auftreten, die nicht die Schwere einer Zwangsstörung erreichen (ICD-10: F60.5). Die
Hauptmerkmale der ängstlich (vermeidenden) Persönlichkeitsstörung sind Gefühle von
Anspannung und Besorgtheit, Unsicherheit und Minderwertigkeit. Es besteht eine
andauernde Sehnsucht nach Zuneigung und Akzeptiert werden und eine
Überempfindlichkeit gegenüber Zurückweisung und Kritik mit eingeschränkter
Beziehungsfähigkeit. Die betreffende Person neigt zur Überbetonung potentieller
Gefahren oder Risiken alltäglicher Situationen bis zur Vermeidung bestimmter
Aktivitäten (ICD-10: F60.6). Personen mit einer abhängigen Persönlichkeitsstörung
verlassen sich bei kleineren oder grösseren Lebensentscheidungen passiv auf andere
Menschen. Die Störung ist ferner durch grosse Trennungsangst, Gefühle von
Hilflosigkeit und Inkompetenz, durch eine Neigung, sich den Wünschen älterer und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anderer unterzuordnen sowie durch ein Versagen gegenüber den Anforderungen des
täglichen Lebens gekennzeichnet. Die Kraftlosigkeit kann sich im intellektuellen
emotionalen Bereich zeigen; bei Schwierigkeiten besteht die Tendenz, die
Verantwortung anderen zuzuschieben (ICD-10: F60.7). Die narzisstische
Persönlichkeitsstörung ist durch ein Gefühl der Grossartigkeit und der eigenen
Wichtigkeit, dem Bedürfnis nach Bewunderung, von Arroganz und Anspruchsdenken,
von hoher Kränkbarkeit und von einem Mangel an Einfühlungsvermögen und Empathie
gekennzeichnet. Sie kann nach Kränkungssituationen mit einer schweren depressiven
Episode und Suizidalität einhergehen (Pschyrembel, a.a.O., S. 1642).
3.5 Die Psychiaterin Dr. T._ hat gegenüber Dr. F._ angegeben, dass die
Beschwerdeführerin psychisch sicher deutlich gestört sei; diagnostisch handle es sich
um eine narzisstische (ev. Borderline-) Persönlichkeitsstörung. Die Beschwerdeführerin
habe bei der Erhebung der Lebensgeschichte manchmal nicht zwischen Phantasie und
Realität unterscheiden können. Ihre Angaben seien nicht kongruent mit den Angaben
gewesen, die sie gegenüber Dr. C._ gemacht habe. Genaueres Nachfragen habe zu
Spannungen in der therapeutischen Beziehung geführt (IV-act. 33-4). Die
anamnestischen Angaben der Beschwerdeführerin sind teilweise tatsächlich
widersprüchlich: Beispielsweise hat sie gegenüber Dr. F._ angegeben, ihren Vater
nicht zu kennen (IV-act. 33-2), während sie gegenüber den ABI-Gutachtern erklärt hat,
im 16. oder 17. Altersjahr erfahren zu haben, wer ihr Vater sei (IV-act. 148-11).
Diskrepant sind auch die Angaben bezüglich der Kindheit: Dr. S._ hat die
Beschwerdeführerin erzählt, dass die Verhältnisse beim Heranwachsen die Hölle
gewesen seien (act. G 9.1). RAD-Arzt Dr. K._ hingegen hat notiert, dass die
Beschwerdeführerin vom Grossvater, der sie praktisch grossgezogen habe, alles
bekommen habe und an diese Zeit gute Erinnerungen habe (IV-act. 107). Natürlich
stellt sich die Frage, ob die Beschwerdeführerin tatsächlich nicht zwischen Phantasie
und Realität unterscheiden kann, oder ob sie bewusst falsche Angaben zu ihrer
Anamnese gemacht hat. Ohne Zweifel aufhorchen lassen die Aussagen der
Beschwerdeführerin gegenüber der gynäkologischen Gutachterin Dr. R._, wonach sie
als Teamleiterin in einer Pizzeria gut im Team eingebettet gewesen sei, dass ihr die
Arbeit viel Spass gemacht habe und dass sie beim Arbeitsversuch erfreulicherweise
festgestellt habe, dass sie viel Geduld mit anderen Menschen habe und diesen gerne
bei der Ausbildung zur Seite stehe (IV-act. 148-26 f.). Gemäss den (angesichts der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Aktenlage überzeugenden) Ausführungen der Rechtsvertreterin ist die
Beschwerdeführerin der Tätigkeit als Teamleiterin nicht gewachsen gewesen. Sie sei
nicht kompromissbereit gewesen, habe die anderen Mitarbeiter mit ihrem
Perfektionismus überfordert und wenn in ihren Augen etwas nicht richtig gelaufen sei,
sei sie sehr böse geworden, was zu andauernden Konflikten mit den anderen
Arbeitnehmern geführt habe (IV-act. 125). Dass die Beschwerdeführerin offenbar
Probleme mit der Selbstwahrnehmung sowie mit der Wahrnehmung und Interpretation
ihrer Mitmenschen hat, geht auch eindrücklich aus dem Bericht über den
tagesklinischen Aufenthalt im Jahr 2006 und aus den Unterlagen über die berufliche
Abklärung im Jahr 2010 hervor: Dr. C._ hat angegeben, dass die Beschwerdeführerin
während des tagesklinischen Aufenthalts Mühe gehabt habe, andere wahrzunehmen
und sich in andere einzufühlen. Durch unangepasste Äusserungen habe sie sich in eine
Aussenseiterposition gebracht (IV-act. 14-3). Die Projektleiterin der beruflichen
Abklärung hat erklärt, dass sich die Beschwerdeführerin im Team auffällig verhalten
habe: Sie habe sich abgesondert, sich gegenüber anderen Teilnehmerinnen manchmal
verständnislos und intolerant gezeigt und es habe immer wieder Konflikte mit anderen
Teilnehmerinnen gegeben; die Beschwerdeführerin sei weder bei den Teilnehmerinnen
noch bei den Leiterinnen (Akzeptanzproblem) beliebt gewesen. Die Beschwerdeführerin
hat das Problem demgegenüber nicht bei sich selber, sondern bei den anderen Frauen
gesehen (IV-act. 87-7 und 90-4). Neben den vielen zwischenmenschlichen Konflikten
und dem Mangel an Einfühlungsvermögen und Empathie (IV-act. 14-3) gehen aus den
Akten auch andere Merkmale einer Persönlichkeitsstörung hervor wie beispielsweise
eine tiefe Frustrationstoleranz und eine gesteigerte Reizbarkeit (IV-act. 155-9, act. G
9.1), eine tiefgreifende Kränkung durch den Betrug des Ehemannes (IV-act. 86-3),
starke Stimmungsschwankungen (act. G 9.1), Spannungsgefühle (act. G 9.1),
zwanghafte Handlungen (IV-act. 155-8 f.), Perfektionismus, Halsstarrigkeit, praktisch
fehlende soziale Beziehungen sowie − als mögliches Begleitsymptom − Essstörungen.
Das in den Akten beschriebene, äusserst auffällige Verhalten der Beschwerdeführerin
sowie die fachärztlichen Einschätzungen von Dr. T._, Dr. C._, Dr. F._ und Dr.
S._ wecken erhebliche Zweifel an den Beurteilungen des RAD-Arztes Dr. K._ und
des Gutachters Dr. O._, wonach bei der Beschwerdeführerin lediglich akzentuierte
Persönlichkeitszüge ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit vorliegen sollen. Da unklar
ist, ob die Beschwerdeführerin an einer (kombinierten) Persönlichkeitsstörung leidet,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
steht auch die Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht nicht mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest. Eine erneute psychiatrische Begutachtung
unter Berücksichtigung der gesamten Krankengeschichte (insbesondere auch der
derjenigen von Dr. S._) ist unumgänglich.
3.6 Zu prüfen bleibt, ob die Beschwerdegegnerin oder das Gericht die psychiatrische
Neubegutachtung in Auftrag zu geben hat. Die bundesgerichtliche Praxis, wonach ein
kantonales Versicherungsgericht in der Regel dann ein Gerichtsgutachten einholt, wenn
es im Rahmen der Beweiswürdigung zum Schluss kommt, eine Administrativexpertise
sei in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig (vgl. Urteil des Bundesgerichts
vom 11. Dezember 2014, 8C_633/2014 E. 3.2; BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4), leuchtet
nicht ein: Die Beschwerdegegnerin ist gestützt auf Art. 43 Abs. 1 ATSG verpflichtet, die
notwendigen Abklärungen von Amtes wegen vorzunehmen. Die Beschwerdegegnerin
hat somit u.a. den medizinischen Sachverhalt soweit abzuklären, dass die
Arbeitsunfähigkeit der versicherten Person mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit feststeht. Die Beschwerdegegnerin hat die Arbeitsunfähigkeit in
psychiatrischer Hinsicht ungenügend abgeklärt. Der Gesetzgeber hat die
rechtsgenügliche Ermittlung des Sachverhalts ausdrücklich der IV-Stelle zugewiesen.
Eine Verletzung dieser gesetzlichen Regelung kann durch die vom Bundesgericht
angeführten Vorteile von Gerichtsgutachten, namentlich der Straffung des
Gesamtverfahrens und der beschleunigten Rechtsgewährung (siehe BGE 137 V 210 E.
4.4.1.2), nicht „geheilt“ werden. Hinzu kommt, dass in einem Gerichtsgutachten nur der
Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit bis zum Zeitpunkt der angefochtenen
Verfügung zu beurteilen sind, während eine Rückweisung der Beschwerdegegnerin die
Möglichkeit gibt, den gesamten Verlauf der Arbeitsfähigkeit bis zu einer neuen
Verfügung zu berücksichtigen. Zu beachten ist auch, dass der Beschwerdeführerin
durch die Einholung eines Gerichtsgutachtens die Möglichkeit genommen würde, den
Rentenanspruch von drei Instanzen prüfen zu lassen. Dies ist insbesondere auch
deshalb problematisch, weil das Bundesgericht nur über eine eingeschränkte Kognition
verfügt, d.h. es kann den Sachverhalt nur eingeschränkt überprüfen (siehe Art. 97 des
Bundesgerichtsgesetzes, SR 173.110). Die erneute psychiatrische Begutachtung ist
daher durch die Beschwerdegegnerin zu veranlassen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.7 Demnach ist die angefochtene Verfügung in teilweiser Gutheissung der
Beschwerde gestützt auf Art. 43 Abs. 1 ATSG aufzuheben und die Sache ist zur
erneuten psychiatrischen Begutachtung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Ein allfälliger Rentenanspruch könnte, wie in Erw. 1.2 erläutert, frühestens ab 1. Januar
2007 entstehen. Für den Rentenanspruch entscheidend ist die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin während eines Jahres vor dem frühestmöglichen
Anspruchsbeginn, also ab Januar 2006. Im einzuholenden psychiatrischen Gutachten
ist daher auch zum Verlauf der Arbeitsfähigkeit seit Januar 2006 Stellung zu nehmen.
Die Begutachtung hat zudem unter Einbezug der vollständigen Krankheitsgeschichte
zu erfolgen.
4.
4.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Praxisgemäss ist die
Rückweisung der Sache zur ergänzenden Abklärung und neuen Beurteilung an die
Verwaltung als volles Obsiegen der Beschwerdeführerin zu werten (BGE 132 V 215 E.
6.2). Dementsprechend ist die Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- vollumfänglich der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens erübrigt sich
die Festsetzung einer Entschädigung aus der gewährten unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung.
4.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Auch hier gilt, dass eine Rückweisung zur
weiteren Abklärung als volles Obsiegen der beschwerdeführenden Partei zu betrachten
ist. Die Parteientschädigung wird vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne
Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der
Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das
Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75)
pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Ein durchschnittlich aufwändiger IV-Rentenfall
wird im Verfahren vor dem Versicherungsgericht praxisgemäss pauschal mit Fr.
3'500.-- entschädigt. Die Rechtsvertreterin hat eine Honorarnote über Fr. 5'300.-- (exkl.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Barauslagen und Mehrwertsteuer) eingereicht. Dieser Betrag erscheint deutlich zu
hoch, da der vorliegende Fall vom Aufwand und vom Schwierigkeitsgrad her im
Vergleich mit anderen Fällen durchschnittlich gewesen ist. Die Entschädigung ist daher
auf pauschal Fr. 3'500.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.