Decision ID: 828e9070-2e59-4b7a-beff-41ec4b1be7e7
Year: 2006
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. A. wird beschuldigt, zwischen dem 29. April 2003 und dem 19.  2005 an verschiedenen Orten in der Schweiz im Rahmen von  vornehmlich in gewerbliche Liegenschaften in 117 Fällen Bargeld und andere Gegenstände gestohlen zu haben. Die erste Anzeige erfolgte am 30. April 2003 bei der Kantonspolizei Luzern (act. 1 S. 2 f.).
Gestützt auf diese Anzeige ersuchte die Staatsanwaltschaft  am 21. Februar 2006 das Amtsstatthalteramt Willisau um  des Verfahrens, das gegen A. im Kanton Zürich geführt wurde (act. 3.1). Das dem damaligen Ersuchen beigelegte Deliktsverzeichnis  77 Diebstahlsdelikte, wovon A. eines im Kanton Bern, eines im  Zug, fünf im Kanton Luzern, sechs im Kanton Thurgau, zehn im Kanton St. Gallen, 16 im Kanton Appenzell-Ausserrhoden und 38 im Kanton Zürich begangen haben soll (act. 1 S. 3). Am 22. Februar 2006 anerkannten die Behörden des Kantons Luzern ihre Zuständigkeit für die strafrechtliche  von A. unter dem Vorbehalt, dass sich im Verlauf der Untersuchung keine andere Zuständigkeit ergebe (act. 3.1 S. 2). Tags darauf teilte die Kantonspolizei Zürich dem Amtsstatthalteramt Willisau telefonisch mit, dass im Kanton Thurgau noch ungefähr 30 weitere Anzeigen gegen A. zu  seien (act. 1 S. 3).
B. Gestützt auf die damit veränderte Sachlage ersuchte das  Willisau am 31. März 2006 das Bezirksamt Weinfelden um Übernahme des Verfahrens gegen A., was das Bezirksamt am 12. April 2006 ablehnte (act. 1 S. 3).
Mit Schreiben vom 13. April 2006 teilte das Amtsstatthalteramt Willisau der Staatsanwaltschaft Winterthur-Unterland mit, dass die Anerkennung des Gerichtsstandes nicht aufrechterhalten werden könne und ersuchte um Rückübernahme des Verfahrens (act. 3.5). Am 18. April 2006 lehnte die Staatsanwaltschaft Winterthur-Unterland das Ersuchen ab (act. 3.6).
C. Mit Gesuch vom 26. Mai 2006 gelangt die Staatsanwaltschaft des Kantons Luzern an die Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts und beantragt, es seien die Behörden des Kantons Thurgau eventuell des Kantons Zürich zur gesamthaften Verfolgung und Beurteilung der A. vorgeworfenen Delikte für berechtigt und verpflichtet zu erklären (act. 1).
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Die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich beantragt in ihrer  vom 8. Juni 2006, es sei auf das Gesuch, soweit es den  Zürich betreffe, nicht einzutreten; eventualiter sei im Eintretensfall der Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich Frist für eine neue  anzusetzen (act. 3).
Die Staatsanwaltschaft des Kantons Thurgau beantragt mit  vom 12. Juni 2006 das Gesuch sei abzuweisen und es seien die  des Kantons Luzern eventuell des Kantons Zürich zur gesamthaften Verfolgung und Beurteilung der A. vorgeworfenen Delikte für berechtigt und verpflichtet zu erklären (act. 4).
Die eingereichten Gesuchsantworten wurden den Parteien mit Schreiben vom 13. Juni 2006 wechselseitig zur Kenntnis gebracht (act. 5, 6 und 7).
Der Kanton Luzern liess sich mit Replik vom 16. Juni 2006 vernehmen (act. 8). Die anderen Parteien erhielten die Replik zur Kenntnis zugestellt (act. 9 und 10).
Auf die Ausführungen der Parteien und auf die eingereichten Akten wird, soweit erforderlich, in den rechtlichen Erwägungen eingegangen.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1. 1.1 Die Zuständigkeit der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts zum
Entscheid über Gerichtsstandsstreitigkeiten ergibt sich aus Art. 351 StGB i.V.m. Art. 279 Abs. 1 BStP und Art. 28 Abs. 1 lit. g SGG. Voraussetzung für die Anrufung der Beschwerdekammer ist allerdings, dass ein Streit über den interkantonalen Gerichtsstand vorliegt und hierüber ein  durchgeführt wurde (SCHWERI/BÄNZIGER, Interkantonale  in Strafsachen, 2. Aufl., Bern 2004, N. 599). Eine Frist für die Anrufung der Beschwerdekammer besteht für die Kantone nicht (SCHWERI/BÄNZIGER, a.a.O., N. 623). Die rubrizierten kantonalen Behörden sind nach ihren internen Zuständigkeitsordnungen berechtigt, bei  Gerichtsstandskonflikten ihre Kantone vor der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts zu vertreten (SCHWERI/BÄNZIGER, a.a.O.,  II, S. 213 ff.).
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1.2 Der Gesuchsgegner 2 bringt vor, auf das Gesuch sei nicht einzutreten, da der Meinungsaustausch mit der kantonal unzuständigen Behörde, nämlich mit der Staatsanwaltschaft Winterthur-Unterland statt mit der  des Kantons Zürich, durchgeführt worden sei. Dabei verkennt der Gesuchsgegner 2, dass der Kanton gegenüber anderen kantonalen Behörden nicht zwingend durch dieselbe Behörde vertreten werden muss, die auch vor der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts für den  Kanton auftritt (vgl. SCHWERI/BÄNZIGER, a.a.O., Anhang II, S. 213). Falls diese Zuständigkeiten im Kanton Zürich durch eine einzige Behörde wahrgenommen werden – was im Übrigen bislang in anderen  Fällen vor der Beschwerdekammer vom Gesuchsgegner 2 nicht  wurde (vgl. beispielsweise TPF BG.2005.30 vom 26. Januar 2006 und BG.2006.4 vom 13. März 2006; freilich anders, wie hier: TPF BG.2006.20 vom 28. Juni 2006) – wäre es an der diesfalls irrigerweise  Staatsanwaltschaft Winterthur-Unterland gewesen, die  an die zuständige Oberstaatsanwaltschaft . Sie hat dies nicht getan; der Kanton Zürich ist dabei zu behaften. Der durchgeführte Meinungsaustausch ist demnach nicht zu beanstanden.
Die übrigen Eintretensvoraussetzungen sind vorliegend ebenfalls erfüllt und
geben zu keinen weiteren Bemerkungen Anlass. Auf das Gesuch ist somit einzutreten.
2. 2.1 Wird jemand wegen mehrerer, an verschiedenen Orten verübter strafbarer
Handlungen verfolgt, so sind die Behörden des Ortes, wo die mit der schwersten Strafe bedrohte Tat verübt worden ist, auch für die Verfolgung und die Beurteilung der andern Taten zuständig (Art. 350 Ziff. 1 Abs. 1 StGB). Sind die an verschiedenen Orten verübten strafbaren Handlungen, wie vorliegend der Fall, mit der gleichen Strafe bedroht, so sind die  des Ortes zuständig, wo die Untersuchung zuerst angehoben wird (Art. 350 Ziff. 1 Abs. 2 StGB). Allgemein gilt eine Untersuchung dann als angehoben und ein Täter dann als verfolgt, wenn eine Straf-, - oder Polizeibehörde durch die Vornahme von Erhebungen oder in anderer Weise zu erkennen gegeben hat, dass sie jemanden – einen  oder noch unbekannten Täter – einer strafbaren Handlung , oder wenn eine solche Handlung wenigstens zum Gegenstand  Strafanzeige oder eines Strafantrags gemacht worden ist. Mit dem  der Strafanzeige bei der zuständigen Behörde, insbesondere bei der gerichtlichen Polizei, ist die Untersuchung mit anderen Worten als  zu betrachten (SCHWERI/BÄNZIGER, a.a.O., N. 141 f. mit Hinweisen;
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vgl. TPF BG.2006.18 vom 12. Mai 2006 E. 4.1 m.w.H. und BG.2006.5 vom 25. April 2006 E. 3.1).
2.2 Die erste relevante Verfahrenshandlung erfolgte mit der Strafanzeige vom
30. April 2003 bei der Kantonspolizei Luzern und damit unstreitig im Kanton Luzern. Der gesetzliche Gerichtsstand liegt somit im Kanton Luzern.
3. Auch vom Gesuchsteller selbst wird nicht bestritten, dass der gesetzliche
Gerichtsstand in seinem Kanton liegt. Er hat deshalb den Gerichtsstand zunächst auch anerkannt. Aufgrund der veränderten Sachlage, die den  Gerichtsstand allerdings nicht betrifft, kommt er auf die  des Gerichtsstandes zurück und sucht darum nach, dass in  von der Art. 262 und 263 BStP vom gesetzlichen Gerichtsstand  abgewichen und der Gesuchsgegner 1 beziehungsweise eventuell der Gesuchsgegner 2 zur Führung des Verfahrens verpflichtet werde.
3.1 Die Frage, ob vom ordentlichen Gerichtsstand im Sinne der Art. 262 und
263 BStP wegen des Schwergewichts strafbarer Handlungen in einem  Kanton ausnahmsweise abgewichen werden darf, kann nicht  von der Übernahmeerklärung des Gesuchstellers beurteilt werden.  ein Kanton seinen Gerichtsstand, so ist er grundsätzlich dabei zu behaften, es sei denn, die Anerkennung beruhe auf einem offensichtlichen Versehen oder auf offensichtlich falschen rechtlichen Gesichtspunkten (vgl. SCHWERI/BÄNZIGER, a.a.O., N. 455 f.). Ein Abweichen vom einmal  Gerichtsstand ist über die bei SCHWERI/BÄNZIGER (a.a.O., N. 455 f.) angeführten Fälle hinaus auch dann möglich, wenn wesentliche neue Erkenntnisse oder Entwicklungen bei einer neuen gesamthaften  klar zu einem ganz anderen Ergebnis führen müssten. Auch in diesem Fall kann freilich nur eine offensichtlich und objektiv erheblich  Ausgangslage ein Zurückkommen auf den Anerkennungsentscheid rechtfertigen. Der Anerkennung des Gerichtsstandes kommt erhebliche praktische Bedeutung für die möglichst reibungslose Zusammenarbeit der Kantone zu; sie dient der Prozessökonomie und vor allem auch der  Beschleunigung der Verfahren. Die beteiligten Kantone müssen sich deshalb im Interesse der Rechtssicherheit auf eine einmal erfolgte  grundsätzlich verlassen können, weshalb ein Rückkommen nicht leichthin und nur bei eindeutig veränderter Ausgangslage in Frage kommen kann. Bei Massendelikten ist daher ein Rückkommen auf die  nur in Betracht zu ziehen, wenn sich die Verteilung und Anzahl der Fälle gegenüber dem Zeitpunkt der Gerichtsstandsanerkennung krass
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verschiebt; keineswegs aber, wenn ein bei der Gerichtsstandsanerkennung bereits bekanntes gewisses Übergewicht in einem Kanton sich zu einem klaren Schwergewicht im Sinne der Rechtsprechung weiter entwickelt oder wenn weitere Delikte in einem anderen Kanton dazukommen (vgl. TPF BG.2005.30 vom 26. Januar 2006 E. 3.2).
3.2 Auf den vorliegenden Fall bezogen bedeutet dies Folgendes: Im Zeitpunkt
der Gerichtsstandsanerkennung lag bereits ein deutliches Übergewicht der zu untersuchenden Fälle im Kanton Zürich vor, nämlich mit 38 von 77 rund die Hälfte aller Fälle. Der Umstand, dass in der Folge weitere 40 Anzeigen aus dem Kanton Thurgau hinzukamen, stellt gegenüber der Ausgangslage keine derart krasse Verschiebung dar, dass sich ein Zurückkommen auf die Anerkennung rechtfertigen liesse. Vielmehr bildete sich im Kanton Thurgau ein Schwerpunkt, der in etwa demjenigen im Kanton Zürich entspricht.
4. Zum selben Ergebnis führt es, wenn die Frage der Abweichung vom ge-
setzlichen Gerichtsstand gemäss den Art. 262 und 263 BStP unabhängig von der Anerkennung des Gerichtsstandes durch den Gesuchsteller geprüft wird. Der Gesuchsteller macht geltend, dass gemäss aktueller Sachlage ein klares Übergewicht zu Gunsten der Kantone Zürich und Thurgau , da etwa zwei Drittel aller Fälle diese beiden Kantone betreffe.
4.1 Vom gesetzlichen Gerichtsstand darf in Anwendung von Art. 262 und
263 BStP nur ausnahmsweise abgewichen werden, wenn triftige, sich  aufdrängende Gründe dafür vorliegen und ein örtlicher  in demjenigen Kanton gegeben ist, der die Strafverfolgung übernehmen soll (vgl. TPF BK_G 166/04 vom 11. November 2004 E. 3.2, BG.2005.8 vom 18. Mai 2005 E. 3.1 und BG.2005.18+BG.2006.19 vom 26. Juli 2005 E. 2.1; BGE 120 IV 280, 282 E. 2b). Dies kann zum Beispiel dann der Fall sein, wenn in einem Kanton ein offensichtliches  der deliktischen Tätigkeit liegt, wobei es allerdings nicht genügt, dass auf einen Kanton einige wenige Delikte mehr als auf einen anderen , sondern das Übergewicht muss so offensichtlich und bedeutsam sein, dass sich das Abweichen vom gesetzlichen Gerichtsstand geradezu . Wenn mehr als zwei Drittel einer grösseren Anzahl von  Straftaten auf einen einzigen Kanton entfallen, kann in der Regel davon ausgegangen werden, dass in diesem Kanton ein Schwergewicht besteht, welches es rechtfertigt, vom gesetzlichen Gerichtsstand abzuweichen. Bei nur einem Drittel einer grösseren Anzahl von Straftaten, die in einem  begangen wurden, dürfte in diesem Kanton demgegenüber regelmässig noch kein hinreichendes Schwergewicht für ein Abweichen vom gesetzli-
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chen Gerichtsstand vorliegen (vgl. TPF BG.2005.9 vom 4. Juli 2005 E. 3.1 m.w.H.).
4.2 Im vorliegenden Verfahren drängt sich im Lichte dieser Rechtsprechung
kein Abweichen vom gesetzlichen Gerichtsstand auf. Von einem  der deliktischen Tätigkeit im Kanton Thurgau bzw. Zürich kann bei rund je einem Drittel der auf diese Kantone entfallenden Straftaten nicht gesprochen werden. Die vom Gesuchsgegner angeregte Bildung von  von Kantonen – die Kantone Thurgau und Zürich zusammen als Hauptgruppe mit 84 von 117 Delikten und innerhalb dieser Gruppe der Kanton Thurgau als Schwerpunkt mit 46 Delikten – ist kein taugliches , um ein Schwergewicht deliktischer Tätigkeit herauszukristallisieren. Die Methode eines stufenweisen Vorgehens würde lediglich dazu führen, dass im Ergebnis einfach derjenige Kanton für die Untersuchung und  aller Delikte als zuständig zu erklären wäre, der die grösste Anzahl an Delikten zu verzeichnen hat. Es wäre wohl meistens möglich, eine Gruppe von Kantonen zu bilden, die eine Zweidrittelmehrheit an Delikten vertritt und innerhalb derer ein einzelner Kanton herausragt. Es kann nicht Sinn und Zweck der Ausnahmeregelung gemäss der Art. 262 und 263 BStP sein, eine derartige Aufweichung der Bestimmung des gesetzlichen Gerichtsstandes herbeizuführen (vgl. TPF BG.2005.9 vom 4. Juli 2005 E. 3.2).
5. Nach dem Gesagten ist das Gesuch abzuweisen und der Gesuchsteller zur
Verfolgung und Beurteilung der A. vorgeworfenen Straftaten für zuständig zu erklären.
6. Es werden keine Kosten erhoben (Art. 245 BStP i.V.m. Art. 156 Abs. 2
OG).
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