Decision ID: c2ae851c-55b2-5e36-a886-87f93cef5cfa
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Mai 2012 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sie machte keine Angaben zu ihrer beruflichen
Ausbildung und zu ihrer beruflichen Tätigkeit. Der Neurochirurg Dr. med. B._ hatte
der Krankentaggeldversicherung am 9. März 2012 berichtet (KTGV-act. 1–2 f.), die
Versicherte leide an chronischen Rückenschmerzen und linksseitigen Beinschmerzen
bei einer lumbalen Discushernie L5/S1 links sowie an einer Hyperlordose mit einer
begleitenden leichten Spondylarthrose. Zudem liege „sicher auch eine depressive
Verstimmung“ vor. Seit Januar 2012 sei die Versicherte von ihrem Hausarzt
krankgeschrieben. Ihr sollte ab dem 1. April 2012 aber wieder ein Pensum von 50
Prozent zumutbar sein. Am 3. April 2012 hatte Dr. med. C._ der
Krankentaggeldversicherung mitgeteilt (KTGV-act. 1–4), die Versicherte habe am 2.
April 2012 bei der Arbeit eine falsche Bewegung gemacht. Seither sei sie wieder
vollständig arbeitsunfähig. Im Juli 2012 gab die Arbeitgeberin der IV-Stelle an (IV-act.
11), die Versicherte arbeite seit März 2009 als Mitarbeiterin in der Verpackerei. Der
Monatslohn habe sich ab Januar 2012 auf 3’650 Franken belaufen. Das
Arbeitsverhältnis sei von der Arbeitgeberin per 30. Juni 2012 gekündigt worden, da die
Versicherte ab Januar 2012 krankheitsbedingt nicht mehr gearbeitet habe. Die
Psychiaterin Dr. med. D._ berichtete im September 2012 (IV-act. 22), die Versicherte
leide an einer Anpassungsstörung mit einer längeren depressiven Reaktion, an einer
chronischen Lumbago, an einer Bandscheibendegeneration L5/S1, an einer Einengung
des Foramen L5/S1, an Spondylarthrosen L4/5 und L5/S1 sowie – verdachtsweise – an
einem restless legs syndrome. Aus rein psychiatrischer Sicht sei der Versicherten eine
leidensadaptierte Tätigkeit ab September 2012 wieder zu 50 Prozent zumutbar.
Nachdem die Krankentaggeldversicherung der IV-Stelle im Oktober 2012 mitgeteilt
A.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hatte, dass sie die Versicherte als vollständig arbeitsfähig erachte (IV-act. 25),
beschloss die IV-Stelle im Dezember 2012, das Leistungsbegehren der Versicherten
abzuweisen (IV-act. 28). Mit einem Vorbescheid vom 11. Dezember 2012 teilte sie der
Versicherten mit (IV-act. 32), dass sie die Abweisung sowohl des Begehrens um
berufliche Massnahmen als auch des Rentenbegehrens vorsehe. Zur Begründung
führte sie an, dass bei der Versicherten keine gesundheitsbedingte Einschränkung bei
der Stellensuche bestehe. Im Januar 2013 liess die Versicherte einwenden (IV-act. 33),
die IV-Stelle habe den Sachverhalt ungenügend abgeklärt. Über das
Leistungsbegehren dürfe erst nach einer medizinischen Begutachtung durch eine
MEDAS entschieden werden. Der Oto-Rhino-Laryngologe Dr. med. E._ attestierte der
Versicherten in einem Bericht vom Februar 2013 aus neuro-otologischer Sicht eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit wegen Schwindel- und Gleichgewichtsbeschwerden,
einer Schmerzsymptomatik mit einem „low back pain“, beidseitigen Cervico-
Cephalgien und „anderen gesundheitlichen Hypotheken“ (IV-act. 38). Mit einer
Verfügung vom 22. März 2013 wies die IV-Stelle das Begehren um berufliche
Massnahmen und das Rentenbegehren ab (IV-act. 40).
Am 30. April 2013 erhob die Versicherte eine Beschwerde gegen die Verfügung
vom 22. März 2013 (IV-act. 43). Gemäss einem Austrittsbericht der Klinik F._ hatte
sie sich vom 14. März 2013 bis zum 10. April 2013 in einer stationären Behandlung
befunden (IV-act. 52). Die behandelnden Fachärzte hatten eine mittelgradige
depressive Episode, eine somatoforme Schmerzstörung, einen lumbo-vertebralen
Schmerz und einen Kopfschmerz vom Spannungstyp diagnostiziert. Sie hatten
festgehalten, dass sich der Gesundheitszustand der Versicherten im Zuge der
stationären Behandlung nicht wesentlich verändert habe. Die Versicherte benötige eine
intensive, länger dauernde Therapie, idealerweise in einem tagesklinischen Kontext. Mit
einer Verfügung vom 15. Juli 2013 widerrief die IV-Stelle die angefochtene Verfügung
vom 22. März 2013, um weitere Sachverhaltsabklärungen zu tätigen (IV-act. 57). Das
Beschwerdeverfahren wurde in der Folge als gegenstandslos abgeschrieben (vgl. IV-
act. 60).
A.b.
Die Tagesklinik des Psychiatrischen Zentrums G._ berichtete im Oktober 2013
(IV-act. 68–8 ff.), die Versicherte sei am 27. September 2013 zu einem Vorgespräch
erschienen. Sie leide im Wesentlichen an einer rezidivierenden depressiven Episode
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und an einer chronischen Lumbago. Eine tagesklinische Behandlung der depressiven
Symptomatik sei indiziert und in die Wege geleitet worden. Im November 2013
berichtete die Psychiatrische Klinik H._ über eine testpsychologische Untersuchung
der Versicherten (IV-act. 75). Die Neuropsychologin hielt fest, im Rahmen der
insgesamt fünf Stunden dauernden Untersuchung (verteilt auf zwei Untersuchungstage)
sei die aktuelle Leistungsfähigkeit angesichts der klinischen Beobachtungen und der
Beschwerdeschilderung wohl durch eine depressive Symptomatik überlagert gewesen.
Neuropsychologisch hätten die Resultate auf eine mittelschwere bis schwere kognitive
Funktionsstörung mit im Vordergrund stehenden starken Defiziten im Bereich der
Aufmerksamkeitsleistungen, in exekutiven Teilleistungen und im mnestischen Bereich
hingewiesen. Diese Defizite könnten ätio-pathologisch nicht eindeutig zugeordnet
werden. Die Resultate könnten von deutlichen Fluktuationen beeinflusst gewesen sein.
Eine leichte Aggravationstendenz könne nicht ausgeschlossen werden. Die Tagesklinik
des Psychiatrischen Zentrums G._ berichtete im Februar 2014 (IV-act. 83), die
Versicherte sei vom 7. Oktober 2013 bis zum 31. Januar 2014 tagesklinisch behandelt
worden. Diagnostisch habe sie an einer rezidivierenden depressiven Störung mit einer
mittelgradigen Episode und einem somatischen Syndrom, an einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung sowie an einer kombinierten Persönlichkeitsstörung
mit emotional instabilen, histrionischen und narzisstischen Zügen gelitten. Wegen einer
kognitiven und emotionalen Überforderung habe sie einen vorzeitigen Austritt aus der
tagesklinischen Behandlung gewünscht. Ab dem 19. Mai 2014 konnte die Versicherte
an einem von der IV-Stelle organisierten und finanzierten Belastbarkeitstraining
teilnehmen (vgl. IV-act. 92 und 100). In seinem Schlussbericht vom 26. August 2014
hielt der Einsatzbetrieb fest (IV-act. 108), die Präsenzzeit habe im Verlauf der
Massnahme nicht wie geplant von zwei auf vier Stunden pro Tag gesteigert werden
können. Während des gesamten Zeitraums habe die Versicherte an 18 Arbeitstagen
gefehlt. Obwohl sie grösstenteils sorgfältig und qualitativ den Anforderungen
entsprechend gearbeitet habe, habe sie angesichts ihres langsamen Arbeitstempos
insgesamt keine verwertbare Leistungsfähigkeit gezeigt. Mit einer Mitteilung vom 17.
Oktober 2014 verweigerte die IV-Stelle weitere berufliche Massnahmen mit der
Begründung, der aktuelle Gesundheitszustand der Versicherten verunmögliche eine
berufliche Eingliederung (IV-act. 118).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die medizinische Abklärungsstelle (MEDAS)
Zentralschweiz am 21. September 2016 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 161).
Der orthopädische Sachverständige hielt fest, diagnostisch stehe ein chronisches
lumbospondylogenes Syndrom im Vordergrund, das eine Rückkehr in die
angestammte Tätigkeit als Industriearbeiterin angesichts der damit verbundenen hohen
Rückenbelastung verunmögliche. Eine körperlich leichte, wechselbelastende Tätigkeit
ohne Heben und Tragen von Lasten und ohne häufiges Besteigen von Treppen oder
Leitern sei der Versicherten aus orthopädischer Sicht allerdings uneingeschränkt
zumutbar. Der neurologische Sachverständige hatte weder radiculäre Zeichen noch
andere objektive klinische Befunde feststellen können, weshalb er keine Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit attestierte. Die oto-rhino-laryngologische Sachverständige
erachtete die Versicherte ebenfalls als uneingeschränkt arbeitsfähig, hielt aber fest,
dass angesichts der jeweils kurz dauernden Schwindelanfälle unklarer Genese
Tätigkeiten mit Sturz- oder Verletzungsgefahr vermieden werden sollten. Der
psychiatrische Sachverständige führte aus, im Vordergrund stünden eine kombinierte
Persönlichkeitsstörung mit emotional instabilen, histrionischen und narzisstischen
Zügen sowie eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen
Faktoren. Wenn man der Versicherten begegne, ohne sich Gedanken zu machen,
welche Krankheiten im engeren Sinne vorhanden seien und welche Auswirkungen
diese hätten, komme man rasch zum Schluss, dass die Versicherte aufgrund ihrer
Überzeugung und der bisher ausgebliebenen Behandlungserfolge nie mehr in der freien
Wirtschaft werde arbeiten können. Sie sei knapp 50 Jahre alt und der Zustand habe
sich bereits über viele Jahre chronifiziert. Mit diesem Zugang zum Problem komme
man zu der in den Akten mehrfach erwähnten vollständigen Arbeitsunfähigkeit. Die
ganzen soziokulturellen und IV-fremden Faktoren seien aber im Rahmen einer
Begutachtung und aus der psychiatrischen Optik auszuscheiden. Es bleibe wohl eine
Ermessensfrage für den Rechtsanwender, wie er die Prozentaufteilung zwischen
soziokulturellen Faktoren und dem psychiatrischen Leiden im engeren Sinne festlegen
wolle. Da die soziokulturellen Faktoren überwögen, sei die im engeren Sinne
krankheitsbedingte, psychiatrisch begründete Arbeitsunfähigkeit für die zuletzt
ausgeübte Tätigkeit auf 30 Prozent festzulegen. Realistischerweise gebe es keine
Verweistätigkeiten, aber für solche wäre ebenfalls eine Arbeitsunfähigkeit von 30
Prozent zu attestieren. Nach der Konsensbesprechung attestierten die
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Sachverständigen der MEDAS Zentralschweiz der Versicherten eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit sowie eine Arbeitsunfähigkeit von
30 Prozent für leidensadaptierte Tätigkeiten, beides ab Januar 2012. Am 28.
September 2016 notierte Dr. med. I._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst
(RAD), das Gutachten der MEDAS Zentralschweiz sei umfassend und schlüssig,
weshalb darauf abzustellen sei (IV-act. 163). Die IV-Stelle verglich den von der
Versicherten zuletzt erzielten Lohn (an die Nominallohnentwicklung bis 2014
angepasst) mit 70 Prozent des infolge einer „Parallelisierung“ der
Vergleichseinkommen leicht reduzierten Zentralwertes der Hilfsarbeiterinnenlöhne im
Jahr 2014, was einen Invaliditätsgrad von (aufgerundet) 22 Prozent ergab (IV-act. 164).
Mit einem Vorbescheid vom 6. Oktober 2016 teilte die IV-Stelle der Versicherten
mit, dass sie die Abweisung des Rentenbegehrens mangels eines rentenbegründenden
Invaliditätsgrades vorsehe (IV-act. 166). Dagegen liess die Versicherte am 14.
November 2016 einwenden (IV-act. 172–1 ff.), die Arbeitsfähigkeitsschätzung der
MEDAS Zentralschweiz sei nicht überzeugend. Der psychiatrische Sachverständige
habe den „soziokulturell bedingten Abzug“ unzureichend begründet. Die behandelnde
Psychiaterin Dr. D._ habe in einer Stellungnahme vom 28. Oktober 2016 zum
Gutachten der MEDAS Zentralschweiz aufgezeigt, dass die soziokulturellen Faktoren
nicht jene herausragende Bedeutung hätten, die ihnen der psychiatrische
Sachverständige zugemessen habe (vgl. IV-act. 172–5 f.). Im Übrigen hätten die
Vergleichseinkommen „parallelisiert“ werden müssen. Zudem hätte die IV-Stelle einen
Tabellenlohnabzug berücksichtigen müssen. Aus der Sicht des RAD-Arztes Dr. I._
weckten diese Ausführungen und die Stellungnahme von Dr. D._ vom 28. Oktober
2016 keine Zweifel an der Zuverlässigkeit des MEDAS-Gutachtens (IV-act. 173). Mit
einer Verfügung vom 3. Januar 2017 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der
Versicherten ab (IV-act. 174). Bezugnehmend auf die Eingabe vom 14. November 2016
hielt sie fest, dass sie eine „Parallelisierung“ vorgenommen habe und dass ein
Tabellenlohnabzug nicht gerechtfertigt sei.
A.e.
Am 8. Februar 2017 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 3. Januar 2017 erheben (act. G 1). Ihr
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die
Zusprache einer ganzen Rente der Invalidenversicherung mit Wirkung ab dem 22.
November 2012. Zur Begründung führte er an, der psychiatrische Sachverständige der
MEDAS Zentralschweiz habe in seinem Gutachten unter Berücksichtigung der
Standardindikatoren „funktioneller Schweregrad“ und „Konsistenz“ eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit attestiert. Wie es aber bei Ausländern, die „nicht perfekt deutsch“
sprächen, „fast immer“ der Fall sei, seien vom Sachverständigen „sozio-kulturelle
Faktoren“ ins Feld geführt worden. Mit der Behauptung, diese Faktoren würden
überwiegen, habe der psychiatrische Sachverständige der MEDAS Zentralschweiz den
Arbeitsunfähigkeitsgrad von 100 Prozent auf 30 Prozent reduziert. Das sei in
zweifacher Hinsicht falsch gewesen, denn entgegen der Ansicht des Sachverständigen
sei der Beschwerdeführerin die Integration in die Schweiz gelungen. Zudem seien
sozio-kulturelle Faktoren gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung keine
„Ausschlussgründe“. Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) habe aus
nicht nachvollziehbaren Gründen keine Parallelisierung der Vergleichseinkommen
vorgenommen. Zudem hätte sie einen Teilzeit- und einen „Leidens“-Abzug
berücksichtigen müssen. Selbst wenn man – eventualiter – von einer Arbeitsunfähigkeit
von lediglich 50 Prozent ausgehen würde, ergäbe sich ein Invaliditätsgrad von 57
Prozent.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 3. April 2017 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie aus, das Gutachten der MEDAS
Zentralschweiz entspreche den Anforderungen der Rechtsprechung, weshalb darauf
abgestellt werden könne. Eine Überprüfung anhand der Standardindikatoren lasse die
vom psychiatrischen Sachverständigen attestierte Arbeitsfähigkeit von 70 Prozent als
nachvollziehbar erscheinen. Die Vergleichseinkommen seien entgegen der Ansicht der
Beschwerdeführerin parallelisiert worden. Bei Frauen sei kein Teilzeitabzug
vorzunehmen. Nur bei der Berücksichtigung des Maximalabzuges von 25 Prozent
würde ein rentenbegründender Invaliditätsgrad resultieren. Dieser Maximalabzug sei
aber nicht gerechtfertigt.
B.b.
Am 5. April 2017 wurde der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege
bewilligt (act. G 5).
B.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern kann, die
während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, hat laut dem Art. 28 Abs. 1 IVG einen
Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung. Für die Bemessung der Invalidität
wird gemäss dem Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger beruflicher Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in
Beziehung zu jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie
gesund geblieben wäre.
2.
Die Beschwerdeführerin liess am 16. August 2017 an ihren Anträgen festhalten
(act. G 11). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 13).
B.d.
In den Akten findet sich ein Hinweis darauf, dass die Beschwerdeführerin in ihrem
Herkunftsland eine berufliche Ausbildung absolviert haben könnte. Belege dafür fehlen
allerdings. Gegenüber der behandelnden Psychiaterin Dr. D._ hat die
Beschwerdeführerin angegeben, dass sie keine Berufsausbildung absolviert habe (vgl.
IV-act. 22–2). Zudem ist fraglich, ob ein entsprechender Ausbildungsnachweis in der
Schweiz als ein Berufsabschluss anerkannt worden wäre, der einem eidgenössischen
Fähigkeitszeugnis entsprechen würde. Die Beschwerdeführerin hat nach ihrer Einreise
in die Schweiz immer Hilfsarbeiten verrichtet. Ihre Validenkarriere entspricht deshalb
einer typischen Hilfsarbeiterinnenkarriere. Zwar hat die Beschwerdeführerin zuletzt
einen unterdurchschnittlichen, das heisst einen unter dem statistischen Zentralwert der
Hilfsarbeiterinnenlöhne (vgl. den Anh. 2 zu der von der Informationsstelle AHV/IV
herausgegebenen Sammlung des IV-Rechts) liegenden Lohn erzielt. Aber die Akten
enthalten keinen Hinweis darauf, dass die Beschwerdeführerin vor dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung unterdurchschnittlich leistungsfähig gewesen wäre. Der
tiefe Lohn kann also nur durch die Zwänge des – invalidenversicherungsrechtlich
2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
irrelevanten – tatsächlichen Arbeitsmarktes bedingt gewesen sein. Hätte sich der
Beschwerdeführerin die Gelegenheit geboten, an eine durchschnittlich entlöhnte
Arbeitsstelle zu wechseln, hätte sie davon zweifellos Gebrauch gemacht. Folglich ist
auf den statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne als Valideneinkommen
abzustellen.
Für die Bestimmung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens ist
ausschlaggebend, welche Tätigkeiten der Beschwerdeführerin aus medizinischer Sicht
in welchem Umfang noch zugemutet werden können. Das Gutachten der MEDAS
Zentralschweiz vom 21. September 2016 belegt mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit, dass für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten aus
somatischer – orthopädischer, neurologischer, otorhino-laryngologischer und
internistischer – Sicht keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit besteht. Das wird auch
von den Parteien ohne weiteres anerkannt. Umstritten ist nur, in welchem Ausmass die
Beschwerdeführerin in psychiatrischer Hinsicht arbeitsfähig ist. Dem psychiatrischen
Teilgutachten lässt sich entnehmen, dass die Beschwerdeführerin nur mässig
kooperativ an der Untersuchung mitgewirkt hat (vgl. IV-act. 161–58 f.): Sie hat „immer
wieder“ angegeben, den Kopf verloren zu haben und müde und der Fragerei
überdrüssig zu sein. Schliesslich hat sie das Explorationsgespräch vorzeitig
abgebrochen. Ihre Angaben sind von Widersprüchen durchzogen gewesen, worauf der
psychiatrische Sachverständige detailliert hingewiesen hat (insb. IV-act. 161–57). Diese
Widersprüche haben sich auch durch Rückfragen nicht ausräumen lassen. Das ganze
Verhalten der Beschwerdeführerin hat „Beschwerden akzentuierend, unecht,
gekünstelt, über weite Strecken nicht nachvollziehbar“ sowie „während vielen
Abschnitten ... auch sehr theatralisch“ gewirkt (IV-act. 161–59). Die Gestik und die
Mimik sind lebhaft gewesen. Die Beschwerdeführerin hat ohne Latenz geantwortet und
teilweise selbst zu jenen Tatsachen keine Angaben machen können, die sie
offensichtlich hätte wissen müssen. Die „ganzen Angaben“ sind „nicht nachvollziehbar,
widersprüchlich“ gewesen; auch die „ganzen Affekte“ sind „zwar lebendig, aber
inadäquat“ gewesen (IV-act. 161–59). Der psychiatrische Sachverständige der MEDAS
Zentralschweiz hat festgehalten, er habe nicht klar unterscheiden können, welche
Befunde bloss präsentiert und welche im Kern wirklich vorhanden gewesen seien. Er
hat zwar den vom Bundesgericht geschaffenen Katalog von „Standardindikatoren“
abgearbeitet, aber dabei hat er sich weitgehend nur auf die subjektiven Angaben der
Beschwerdeführerin abgestützt (vgl. IV-act. 161–61 f.), was eine objektive Beurteilung
zum Vorneherein verunmöglicht hat. Diesbezüglich ist auch darauf hinzuweisen, dass
die „Standardindikatoren“ keine „Checkliste“ sind, die man abarbeiten muss. Sie
stellen vielmehr den Versuch dar, medizinische Sachverständige anzuhalten, eine nicht
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auf der Diagnosestellung, sondern auf den objektiven Einschränkungen und
Ressourcen beruhende Arbeitsfähigkeitsschätzung abzugeben (vgl. BGE 141 V 281 E.
3.4.1 und 3.4.2 S. 291 ff.). Obwohl der psychiatrische Sachverständige die
„Standardindikatoren“ checklisten-mässig abgearbeitet hat, fehlt in seinem
Teilgutachten aber gerade jene Auseinandersetzung mit den objektiven
Einschränkungen und Ressourcen der Beschwerdeführerin, die für die
Arbeitsfähigkeitsschätzung massgebend ist. Dazu dürfte er allerdings angesichts der
widersprüchlichen und unvollständigen Angaben der Beschwerdeführerin auch gar
nicht in der Lage gewesen sein. Für die Arbeitsfähigkeitsschätzung unbrauchbar ist
auch die Schlussfolgerung des psychiatrischen Sachverständigen, es sei „dann wohl
auch eine Ermessensfrage für den Rechtsanwender, wie er die prozentuale Aufteilung
zwischen soziokulturellen Faktoren und psychiatrischem Leiden im engeren Sinne
festlegen“ wolle (IV-act. 161–62). Nicht nachvollziehbar vor dem Hintergrund dieser
Ausführungen ist, dass der psychiatrische Sachverständige dann doch einen
Prozentwert angegeben hat, der völlig aus der Luft gegriffen zu sein scheint. Hinzu
kommt, dass sich die Aufteilung in eine krankheitsbedingte und in eine „nur“ durch
soziokulturelle Faktoren bedingte Arbeitsunfähigkeit nicht mit der Beurteilung des
psychiatrischen Sachverständigen vereinbaren lässt. Allerdings scheint es sich beim
Hinweis des psychiatrischen Sachverständigen auf „soziokulturelle Faktoren“ aber
ohnehin nur um eine vorgeschobene Begründung für die „Ausscheidung“ eines
wesentlichen Teils der Arbeitsunfähigkeit zu handeln. Im psychiatrischen Teilgutachten
spielen die soziokulturellen Faktoren nämlich kaum eine Rolle. Im Vordergrund stehen
vielmehr Diskrepanzen und Ungereimtheiten im Verhalten und in den Aussagen der
Beschwerdeführerin, die auf eine Aggravation hindeuten. Dementsprechend hat der
psychiatrische Sachverständige festgehalten, dass man rasch zum Schluss kommen
würde, dass die Beschwerdeführerin nie mehr in der freien Wirtschaft werde arbeiten
können, wenn man ihr begegnen würde, ohne sich Gedanken zu machen, welche
Krankheiten im engeren Sinne vorhanden seien und welche Auswirkungen diese
hätten. Damit hat er zum Ausdruck bringen wollen, dass man der Beschwerdeführerin
eine vollständige Arbeitsunfähigkeit attestieren müsste, wenn man ihre Aussagen für
bare Münze nehmen würde. Weil es ihm aber augenscheinlich widerstrebt hat,
unbesehen auf die Angaben der Beschwerdeführerin abzustellen, hat er „soziokulturelle
Faktoren“ vorgeschoben, um keine vollständige Arbeitsunfähigkeit attestieren zu
müssen. Richtigerweise hätte er sich aber mit der Frage nach einer Aggravation
auseinandersetzen müssen. Dabei hätte er insbesondere prüfen müssen, ob das
Verhalten der Beschwerdeführerin ausschliesslich krankheitsbedingt, bewusstseinsnah
oder sogar bewusst beeinflusst gewesen ist, ob die Beschwerdeführerin also ihr
Verhalten mittels einer zumutbaren Willensanstrengung hätte beeinflussen können.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Trotz der zahlreichen Hinweise auf eine mögliche Aggravation fehlt eine
Auseinandersetzung mit dieser Frage im psychiatrischen Teilgutachten vollständig.
Damit fehlt aber auch eine überzeugende Begründung für die
Arbeitsfähigkeitsschätzung. Auch die Angaben der behandelnden Psychiater können
keine ausreichende Grundlage für die Arbeitsfähigkeitsschätzung bilden, denn die
entsprechenden Berichte enthalten ebenfalls keine ausreichende Trennung zwischen
den subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin und den objektiven klinischen
Befunden, weshalb für den Rechtsanwender nicht nachvollziehbar ist, inwieweit die
Arbeitsfähigkeitsschätzungen der behandelnden Fachärzte auf den –
invalidenversicherungsrechtlich irrelevanten – subjektiven Angaben der
Beschwerdeführerin beruhen. Die Beschwerdegegnerin hat es also versäumt, den
medizinischen Sachverhalt ausreichend abzuklären, weshalb die angefochtene
Verfügung in Verletzung der Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) ergangen ist;
sie muss folglich aufgehoben werden. Die Sache ist zur Vervollständigung der
Sachverhaltsabklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die
Beschwerdegegnerin wird frei darüber entscheiden, ob sie die MEDAS Zentralschweiz
zu einer Verbesserung des psychiatrischen Teilgutachtens auffordern, eine
psychiatrische Abklärung durch den RAD durchführen lassen, eine monodisziplinäre
psychiatrische Begutachtung in Auftrag geben oder ein neues polydisziplinäres
Gutachten einholen will. Nötigenfalls wird sie die Beschwerdeführerin in Anwendung
von Art. 43 Abs. 3 ATSG mahnen, kooperativ an der Exploration und Untersuchung
mitzuwirken.
Im Sinne eines obiter dictum ist auf Folgendes hinzuweisen: Gemäss der
geänderten bundesgerichtlichen Rechtsprechung (vgl. BGE 137 V 210) dürfte die
vorliegende Sache eher nicht an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen werden.
Vielmehr müsste das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen wohl ein
Gerichtsgutachten in Auftrag geben. Ein solches Vorgehen könnte nicht mit einem
schutzwürdigen Interesse der Beschwerdeführerin begründet werden, denn entgegen
der vom Bundesgericht vertretenen Auffassung dauert ein Verfahren bei einer
Rückweisung erfahrungsgemäss insgesamt nicht länger als bei der Einholung eines
Gerichtsgutachtens, weil das ganze Prozedere im Zusammenhang mit der Einholung
eines Gerichtsgutachtens deutlich schwerfälliger ist als jenes im Zusammenhang mit
der Einholung eines Administrativgutachtens; eine RAD-Abklärung nimmt deutlich am
wenigsten Zeit in Anspruch. Gerichtsgutachten fallen zudem in aller Regel (deutlich)
teurer aus als Administrativgutachten. Den IV-Stellen steht der RAD zur Verfügung, der
ein Administrativgutachten auf seine medizinische Plausibilität überprüfen kann, was es
erlaubt, zeitnahe Rückfragen an die Sachverständigen zu richten. Nach dem Eintreffen
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
eines Administrativgutachtens steht der versicherten Person noch der gesamte
Rechtsmittelweg offen; sie kann bereits nach dem Eröffnen des Vorbescheides
umfassend Stellung nehmen, wodurch ihr Anspruch auf rechtliches Gehör bereits im
Verwaltungsverfahren umfassend gewahrt werden kann. Trifft ein Gerichtsgutachten
ein, hat die versicherte Person zwar auch einen Anspruch auf rechtliches Gehör, aber
anschliessend ergeht direkt der Beschwerdeentscheid, was bedeutet, dass der
versicherten Person nur noch der Weiterzug an das an die Sachverhaltsfeststellung des
Versicherungsgerichtes gebundene Bundesgericht zur Verfügung steht. Die Einholung
eines Gerichtsgutachtens hat also eine massive Verkürzung des Rechtsmittelweges zur
Folge. Vor diesem Hintergrund dürfte als Begründung für die aktuelle
Bundesgerichtspraxis nur die Annahme in Frage kommen, die IV-Stellen seien nach
einer Rückweisung zur weiteren Abklärung generell nicht mehr fähig, das wieder
aufzunehmende Verwaltungsverfahren objektiv, gleichbehandelnd und gesetzmässig
weiterzuführen und abzuschliessen, weil sie befangen seien. Eine solche Befangenheit
liesse sich nicht damit begründet, dass die IV-Stellen ihre Verfügung nachträglich mit
allen Mitteln verteidigen wollten, denn ein solches Verhalten einer IV-Stelle wäre völlig
irrational. Einem allgemeinen Befangenheitsvorwurf könnte also wohl nur die Annahme
zugrunde liegen, dass die IV-Stellen von Beginn weg befangen gewesen seien. Das
würde aber bedeuten, dass die IV-Stellen bereits befangen gewesen wären, bevor sie
sich mit dem konkreten Fall befasst hätten. Der Zwang zur Einholung eines
Gerichtsgutachtens anstelle einer Rückweisung der Streitsache an die IV-Stelle könnte
sich folglich nur damit erklären lassen, dass die IV-Stellen generell zulasten der
Rentenansprecher befangen seien, wie es von Rechtsvertretern ja auch häufig geltend
gemacht wird, wenn sie unterstellen, die MEDAS wollten den (versichertenfeindlichen)
IV-Stellen gefallen und würden deshalb versichertenfeindliche Gutachten erstellen. Für
die Annahme einer solchen generellen Befangenheit liegen aber keine Anhaltspunkte
vor, weshalb es sich nicht rechtfertigen lässt, einem Gerichtsgutachten zwingend den
Vorzug vor einer Rückweisung zur weiteren Sachverhaltsabklärung zu geben. Im
vorliegenden Fall liegen jedenfalls keine Indizien für eine Befangenheit der
Beschwerdegegnerin vor. Diese hat das Verwaltungsverfahren bis zum Erlass der
angefochtenen Verfügung mit der gebotenen Objektivität geführt und sie hat weder das
Legalitätsprinzip noch das Gleichbehandlungsgebot verletzt. Sie ist ohne weiteres in
der Lage, den medizinischen Sachverhalt und damit die verbliebene Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführer unvoreingenommen und sorgfältig abzuklären und dann einen
rechtmässigen Entscheid über das Rentenbegehren der Beschwerdeführerin zu
erlassen. Es gibt keinen Grund, ihr diese Fähigkeit abzusprechen und deshalb ein
Gerichtsgutachten in Auftrag zu geben.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Rückweisung einer Sache gilt rechtsprechungsgemäss als ein vollständiges
Obsiegen der beschwerdeführenden Partei. Die Gerichtskosten von 600 Franken sind
folglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Die Beschwerdeführerin hat einen
Anspruch auf eine Parteientschädigung, die angesichts des durchschnittlichen
erforderlichen Vertretungsaufwandes praxisgemäss auf 3’500 Franken (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.