Decision ID: f0c83a1a-709b-58e1-a988-b97214e6d06e
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ war seit 1. Oktober 2014 als Fachmann Betreuung im vom B._
betriebenen C._ mit einem Arbeitspensum von 70% angestellt und über die
Arbeitgeberin bei der SWICA Krankenversicherung AG krankentaggeldversichert (act.
G 3.3, Beilage zu act. G 3.8).
A.b Am 26. März 2015 meldete die Arbeitgeberin der Versicherung, der Arbeitnehmer
sei seit 23. März 2015 zu 100% arbeitsunfähig (act. G 3.3). Offenbar wurden der
Versicherung Krankschreibungen vom 23. März bis 3. April 2015 sowie vom 22. April
bis 3. Mai 2015 eingereicht (vgl. act. G 3.11; zur ersten Periode siehe act. G 3.29, zur
zweiten act. G 1.4).
A.c Die Versicherung bot den Versicherten am 27. April 2015 für den 5. Mai 2015 zur
psychiatrischen Untersuchung durch Dr. med. D._, Facharzt FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie, auf (act. G 3.6). Mit Schreiben vom 4. Mai 2015 wandte sich med.
pract. E._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, an den Gutachter und
die Versicherung. Darin hielt er fest, der Versicherte habe mit grössten Zukunftsängsten
und schweren Schlafstörungen zu kämpfen. Aus diesem Grund könne er nicht an der
angeordneten Begutachtung teilnehmen (act. G 3.10). Mit Schreiben vom 11. Mai 2015
berichtete der behandelnde Psychiater dem Gutachter, er habe beim Versicherten eine
mittelgradige depressive Episode diagnostiziert und ihn zu 100% arbeitsunfähig
geschrieben. Diese Arbeitsunfähigkeit werde noch einige Zeit andauern (act. G 3.14).
A.d Die Begutachtung des Versicherten durch Dr. D._ fand am 15. Mai 2015 statt.
Im Gutachten vom 29. Mai 2015 erwähnt der Psychiater Restsymptome einer
Anpassungsstörung mit vorwiegender Störung von anderen Gefühlen (ICD-10: F43.23)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bei akzentuierten Persönlichkeitszügen (narzisstisch; ICD-10: Z73.1) und
Anpassungsproblemen bei Veränderung der Lebensumstände (ICD-10: Z60.0). Bei
Berücksichtigung einer inneren Umstellungsphase, auch im Zusammenhang mit einer
beruflichen sowie künstlerischen Neuorientierung, werde eine Entlastung vom
Arbeitsprozess bis Ende Mai 2015 für sinnvoll gehalten. Ab 1. Juni 2015 könne der
Versicherte wieder mit dem ursprünglichen Pensum von 70% als Fachmann Betreuung
arbeiten (act. G 3.15).
A.e Mit zwei Schreiben vom 8. Juni 2015 teilte die Versicherung der Arbeitgeberin
und dem Versicherten mit, dass sie die Taggeldzahlungen per 14. Juni 2015 einstelle
(act. G 3.16 f.).
A.f Auf Anfrage der Versicherung vom 8. Juni 2015 hielt Dr. D._ am 9. Juni 2015
fest, der Versicherte könnte trotz der von ihm beschriebenen Konflikte am Arbeitsplatz
auch dort wieder mit dem ursprünglichen Pensum arbeiten (act. G 3.19).
A.g Der Versicherte hielt sich vom 31. Juli bis 21. August 2015 stationär im
Psychiatrischen Zentrum F._ auf. Im Austrittsbericht vom 11. September 2015 wird
die Diagnose rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode
(ICD-10 F33.1) genannt und für die Dauer des Aufenthalts eine volle Arbeitsunfähigkeit
attestiert (act. G 3.24). Med. pract. E._ attestierte eine volle Arbeitsunfähigkeit vom
22. August bis 16. Oktober 2015 (act. G 3.40). Seitens der Tagesklinik des
Psychiatrischen Zentrums der St. Gallischen Kantonalen Psychiatrischen Dienste, wo
sich der Versicherte vom 30. September bis 19. Oktober 2015 in tagesklinischer
Behandlung befand, wurde am 21. Oktober 2015 bei der Diagnose Anpassungsstörung
mit längerer depressiver Reaktion (F43.21) eine Arbeitsunfähigkeit von 100% vom
30. September bis 18. Oktober 2015 und von 50% vom 19. bis 31. Oktober 2015
attestiert (act. G 3.30). Dies wurde mit Schreiben vom 29. Oktober 2015 dahingehend
präzisiert, als ab 19. Oktober 2015 die Arbeitsfähigkeit auf 75% bezogen auf ein 70%-
Pensum festgelegt wurde (act. G 3.32). Med. pract. E._ teilte der Versicherung am
1. November 2015 mit, dass der Versicherte seit jenem Tag wieder vollumfänglich
erwerbsfähig sei (act. G 3.33).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Am 22. Januar 2016 erhob der Versicherte Klage gegen die Versicherung. Er
beantragte die Leistung von 46 Krankentaggeldern für den Zeitraum 15. Juni bis
30. Juli 2015 à Fr. 121.80, entsprechend Fr. 5‘602.80. Er äusserte die Vermutung, dass
das C._ frühzeitig bei der Beklagten eine Begutachtung angereizt habe, um Taggeld
und Lohnzahlungen auszuschliessen. Der Gutachter komme zum Schluss, er, der
Kläger, sei ab 15. Juni 2015 gesund. Tatsächlich sei er attestiert arbeitsunfähig
gewesen. Es liege eine besondere Härte vor, weil er seinen Lebensunterhalt nicht mehr
bestreiten könne und das Land verlassen müsste. Er bitte darum, das Verfahren im
Eilverfahren vorzuziehen (act. G 1).
B.b Die Beklagte beantragte mit Stellungnahme vom 1. März 2016 unter
Entschädigungsfolge die Abweisung der Klage. Sie bezeichnete die Behauptung des
Klägers, von der Arbeitgeberin einem Mobbing als vorsätzlicher Schädigung ausgesetzt
worden zu sein, als weder nachvollziehbar noch begründet. Für die von Dr. D._
beschriebenen narzisstischen Kränkungen habe sie nicht einzustehen. Von Bedeutung
sei jedoch, dass der Kläger offenbar gesundheitlich in der Lage gewesen sei, für den
_ 2015 in G._ eine grossangelegte Werkausstellung mit Exponaten seines
Schaffens zu organisieren, die zumindest in der Regionalpresse ausgedehnte
Erwähnung gefunden habe. Die bis zu einer Abschlussaktion vom _ 2015 dauernde
Ausstellung sei wie auch die Vorbereitungsarbeiten in eine Zeit gefallen, während der
die Beklagte Taggelder bezahlt habe und der Kläger seinem Broterwerb beim B._
angeblich aus gesundheitlichen Gründen nicht habe nachgehen können. Dass sich die
Beklagte vor dem Hintergrund der offensichtlich vorhandenen Tatkraft des Klägers
„verschaukelt“ fühle, sei wohl nachvollziehbar (act. G 3).
B.c An der Gerichtsverhandlung vom 17. Mai 2016 hielten beide Parteien an ihren
jeweiligen Standpunkten fest.

Erwägungen
1.
1.1 Das vorliegende Verfahren beschlägt Leistungen aus einer Zusatzversicherung
zur sozialen Krankenversicherung. Gemäss Art. 36 der Allgemeinen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherungsbedingungen der Beklagten für die kollektive Taggeldversicherung nach
VVG (nachfolgend AVB; act. G 3.2) steht der versicherten Person als Gerichtsstand
wahlweise der ordentliche Gerichtsstand und ihr schweizerischer oder
liechtensteinischer Wohnsitz zur Verfügung. Der Kläger hat das Gericht an seinem
Wohnsitz angerufen, dessen örtliche Zuständigkeit folglich gegeben ist.
1.2 Das Versicherungsgericht entscheidet gemäss Art. 9 des Einführungsgesetzes
zur Schweizerischen Zivilprozessordnung (EG ZPO; sGS 961.2) in Verbindung mit Art. 7
der Schweizerischen Zivilprozessordnung (ZPO; SR 272) als einzige kantonale Instanz
über Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung nach
dem Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG, SR 832.10). Damit ist auch die
Voraussetzung der sachlichen Zuständigkeit erfüllt.
1.3 Vor der Klageanhebung beim Versicherungsgericht muss kein
Schlichtungsverfahren gemäss Art. 197 ff. ZPO durchgeführt werden (vgl. BGE 138 III
558).
2.
2.1 Klagen aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung sind
gemäss Art. 243 Abs. 2 lit. f ZPO ohne Rücksicht auf den Streitwert im vereinfachten
Verfahren zu behandeln, wobei gemäss Art. 219 ZPO die Bestimmungen über das
ordentliche Verfahren sinngemäss gelten (vgl. Christoph Leuenberger/Beatrice Uffer-
Tobler, Schweizerisches Zivilprozessrecht, Bern 2010, N 11.154, N 11.157). Art. 247
Abs. 2 ZPO sieht vor, dass das Gericht in solchen Streitigkeiten den Sachverhalt von
Amtes wegen feststellt. Diese sogenannte abgeschwächte oder soziale
Untersuchungsmaxime gebietet es dem Gericht zwar, den Sachverhalt mit eigenen
Mitteln abzuklären und mit vertretbarem Aufwand zu einem hinreichend sicheren
Beweisergebnis zu gelangen. Es ist dabei aber nicht an die Beweisanträge gebunden
und kann von sich aus Beweis erheben. Die Parteien werden dadurch auch nicht von
der Mitwirkung an der Erhebung der Beweise und der Erstellung des Sachverhalts
entbunden. Sie bleiben mitverantwortlich für die Beweisführung und haben
insbesondere die Beweismittel zu benennen und beizubringen (vgl. BSK ZPO [2. Aufl.] -
Peter Guyan, Art. 153 N 3 ff., insbesondere N 9; Franz Hasenböhler in: Sutter-Somm/
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hasenböhler/Leuenberger [Hrsg.], ZPO Kommentar, 2. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2013
[nachfolgend zitiert mit ZPO Kommentar], Art. 153 N 5 ff.; Bernd Hauck in: ZPO
Kommentar, Art. 247 N 33; sowie BGE 130 III 107 E. 2.2, BGE 125 III 238 f. E. 4a und
BGE 107 II 236 E. 2c mit weiteren Hinweisen).
2.2 Nach Art. 8 ZGB hat, wo es das Gesetz nicht anders bestimmt, derjenige das
Vorhandensein einer behaupteten Tatsache zu beweisen, der aus ihr Rechte ableitet.
Demgemäss hat die Partei, die einen Anspruch geltend macht, die
rechtsbegründenden Tatsachen zu beweisen, während die Beweislast für die
rechtsaufhebenden bzw. rechtsvernichtenden oder rechtshindernden Tatsachen bei
der Partei liegt, die den Untergang des Anspruchs behauptet oder dessen Entstehung
oder Durchsetzbarkeit bestreitet. Der Eintritt des Versicherungsfalls ist nach diesen
Grundsätzen vom Anspruchsberechtigten zu beweisen (m.w.H. BGE 141 III 241 E. 3.1).
Dies gilt auch dann, wenn die Versicherung zunächst Taggelder ausbezahlt hat; macht
sie geltend, die Umstände hätten sich geändert oder die Leistungen seien von
vornherein zu Unrecht erbracht worden und die versicherte Person sei (wieder)
arbeitsfähig, so hat die versicherte Person zu beweisen, dass sie (weiterhin)
arbeitsunfähig ist und daher Anspruch auf Taggelder hat (BGE 141 III 241 E. 3.1; Urteil
4A_246/2015 vom 17. August 2015 E. 2.2). Da der Nachweis rechtsbegründender
Tatsachen im Bereich des Versicherungsvertrags regelmässig mit Schwierigkeiten
verbunden ist, geniesst der Versicherungsnehmer insofern eine Beweiserleichterung,
als er nur eine überwiegende Wahrscheinlichkeit für das Bestehen des geltend
gemachten Versicherungsanspruchs darzutun hat. Beim Beweismass der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit ist verlangt, dass die Möglichkeit, es könnte sich
auch anders verhalten, zwar nicht ausgeschlossen ist, sie aber für die betreffende
Tatsache weder eine massgebende Rolle spielen noch vernünftigerweise in Betracht
fallen darf (m.w.H. Urteil 4A_516/2014 des Bundesgerichts vom 11. März 2015 E. 4.1).
2.3 Im Zivilprozess stellt ein Privatgutachten kein Beweismittel, sondern eine blosse
Parteibehauptung dar. Bewiesen werden müssen nur Tatsachenbehauptungen, die
ausdrücklich bestritten sind. Bestreitungen sind so konkret zu halten, dass sich
bestimmen lässt, welche einzelnen Behauptungen des Klägers damit bestritten
werden. Erforderlich ist eine klare Äusserung, dass der Wahrheitsgehalt einer
bestimmten und konkreten gegnerischen Behauptung infrage gestellt wird.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Parteibehauptungen, denen ein Privatgutachten zugrunde liegt, sind meist besonders
substanziiert. Entsprechend genügt eine pauschale Bestreitung nicht; die Gegenpartei
ist vielmehr gehalten zu substanziieren, welche einzelnen Tatsachen sie konkret
bestreitet. Wird jedoch eine Tatsachenbehauptung von der Gegenpartei substanziiert
bestritten, so vermögen Parteigutachten als reine Parteibehauptungen diese allein nicht
zu beweisen. Als Parteibehauptungen mögen sie allenfalls zusammen mit - durch
Beweismittel nachgewiesenen - Indizien den Beweis zu erbringen. Werden sie aber
nicht durch Indizien gestützt, so dürfen sie als bestrittene Behauptungen nicht als
erwiesen erachtet werden (vgl. zum Ganzen ausführlich BGE 141 III 433 E. 2.6).
3.
3.1 Art. 7 Abs. 1 der AVB der Beklagten definiert Krankheit als jede
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit, die nicht
Folge eines Unfalls ist, die eine medizinische Untersuchung oder Behandlung erfordert
oder eine Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat (Art. 3 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Arbeitsunfähigkeit
ist in Art. 7 Abs. 2 der AVB definiert als die durch eine Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte volle oder teilweise
Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten
(Art. 6 ATSG). Nach drei Monaten Arbeitsunfähigkeit wird auch die zumutbare Tätigkeit
in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt. Ist die versicherte Person
nach ärztlicher Feststellung arbeitsunfähig, bezahlt die Beklagte nach Art. 13 Abs. 1 der
AVB bei voller Arbeitsunfähigkeit das im Vertrag aufgeführte Taggeld bis zur Höhe des
nachgewiesenen Erwerbsausfalls.
3.2 Die Beklagte hat die dem Kläger von 23. März bis 3. April 2015 und erneut ab
22. April 2015 (vgl. act. G 1.4) attestierte volle Arbeitsunfähigkeit als Versicherungsfall
anerkannt, die vertragliche Wartefrist von 30 Tagen ab 23. März 2015 angerechnet und
anschliessend ab 10. Mai 2015 Taggeld bezahlt bis und mit 14. Juni 2015 (vgl. act.
G 3.4). Ab 31. Juli 2015 bis Ende Oktober 2015 hat sie wiederum Taggelder
ausgerichtet. Im vorliegenden Verfahren eingeklagt sind Krankentaggelder für den
Kläger im Zeitraum 15. Juni bis 30. Juli 2015, also für 46 Tage. Die Parteien sind sich
uneinig darüber, ob der Kläger in diesem Zeitraum arbeitsfähig war.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
4.1 Begründete psychiatrische Beurteilungen wurden echtzeitlich zwischen 15. Juni
und 30. Juli 2015 nach Lage der Akten nicht abgegeben.
4.2
4.2.1 Der behandelnde Psychiater med. pract. E._ äusserte sich am 11. Mai 2015
und damit fünf Wochen vor Beginn des massgebenden Zeitraums. Er begründete seine
Krankschreibung des Klägers mit einer durch eine chronische Überlastungssituation
entstandenen depressiven Symptomatik (zu jenem Zeitpunkt mittelgradige Episode).
Mit der Krankschreibung wollte er eine weitere Verschlechterung des Zustandsbilds
oder gar eine mögliche Klinikeinweisung vermeiden. Er äusserte sich auch zur
geplanten Kunstausstellung des Klägers. Deren Durchführung unterstützte er und mass
ihr das Potential zu, den Gesundheitszustand des Klägers zu verbessern.
Abschliessend hielt er fest, prognostisch sei der Verlauf abzuwarten. Gegenwärtig sehe
er beim Kläger eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit, die noch einige Zeit andauern werde
(act. G 3.14). Am 21. Mai 2015 stellte med. pract. E._ das Attest einer vollen
Arbeitsunfähigkeit für den Zeitraum 1. bis 30. Juni 2015 und am 29. Juni 2015 für den
Zeitraum 1. bis 31. Juli 2015 (act. G 1.4).
4.2.2 Med. pract. E._ hat die von ihm während Monaten attestierte volle
Arbeitsunfähigkeit nicht hinreichend nachvollziehbar begründet. Sein Schreiben vom
11. Mai 2015 enthält keine Beschreibung des Psychostatus sowie eigener
Wahrnehmungen zum Zustand des Klägers. Er erklärt nicht, ob und inwiefern er welche
Angaben des Klägers nachvollziehen, überprüfen oder objektivieren konnte. Der
Hinweis auf eine gedrückte Stimmungslage mit Zukunfts- und Existenzängsten genügt
nicht, um die gestellte Diagnose der mittelgradigen depressiven Episode, geschweige
denn die gestützt darauf erfolgte Bescheinigung einer 100%-igen Arbeitsunfähigkeit,
nachvollziehen zu können. Zwar erwähnte med. pract. E._, dass der Kläger über
starke Schlafstörungen berichtet hatte, äusserte sich aber nicht zu selbst beobachteter
Müdigkeit. In den Schilderungen des Psychiaters finden sich keine Hinweise auf eine
Verminderung von Antrieb und Aktivität, von Interesse und Konzentration oder der
Fähigkeit zum Empfinden von Freude (vgl. ICD-10-GM Version 2016 [Internationale
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, German
Modification, abrufbar unter https://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10gm/
kodesuche/onlinefassungen/htmlgm2016/], Beschreibung zu ICD-10 F32). Es entsteht
der Eindruck, dass der behandelnde Psychiater betreffend die Leistungsfähigkeit im
Wesentlichen die Selbsteinschätzung des Klägers übernahm, ohne diese näher zu
hinterfragen. Sodann setzte er sich nicht mit dem Einfluss krankheitsfremder Faktoren
auseinander. Insgesamt begründet der behandelnde Psychiater weder seine
Diagnosestellung noch seine Arbeitsfähigkeitsbeurteilung in nachvollziehbarer Weise.
4.3
4.3.1 Der von der Beklagten beigezogene Gutachter Dr. D._ untersuchte den Kläger
am 15. Mai 2015. Er beschrieb die Stimmung des Klägers als indifferent, die affektive
Schwingungsfähigkeit und mimische Beweglichkeit in ihrem Spektrum als reduziert.
Auffassung, Ausdauer, Konzentration und mnestische Funktionen seien intakt
gewesen, der Kläger habe schnellem Themenwechsel gut folgen können. Er habe
problemlos Bezug zu zuvor besprochenen Themen herstellen und eigene Themen
spontan aufnehmen können. Den Antrieb beschrieb der Gutachter als normal,
Suizidalität verneinte er (S. 9). Zwar diagnostizierte Dr. D._ dem Kläger akzentuierte
Persönlichkeitszüge (narzisstisch), verneinte aber das Vorliegen einer
Persönlichkeitsstörung im engeren Sinn. Anhaltspunkte für eine klinisch relevante
depressive Symptomatik stellte er nicht fest. Die erkannten Restsymptome einer
Anpassungsstörung bzw. die Anpassungsprobleme bei Veränderung der
Lebensumstände brachte der Gutachter offensichtlich in Verbindung mit den vom
Kläger beschriebenen Problemen am Arbeitsplatz, unsicherer beruflicher Perspektive
sowie der „kritischen Situation“ in der künstlerischen Arbeit. Unter Hinweis auf eine
innere Umstellungsphase, auch im Zusammenhang mit einer beruflichen sowie
künstlerischen Neuorientierung, hielt Dr. D._ eine Entlastung vom Arbeitsprozess bis
Ende Mai 2015 für sinnvoll. Ab 1. Juni 2015 sah er keine medizinischen Gründe mehr
für eine Arbeitsunfähigkeit als Fachmann Betreuung bezogen auf das bisherige
Pensum von 70% (act. G 3.15). Am 9. Juni 2015 präzisierte der Gutachter, dass der
Kläger trotz der von ihm beschriebenen Konflikte am Arbeitsplatz auch dort wieder mit
dem ursprünglichen Pensum ohne Leistungseinschränkung arbeiten könne (act.
G 3.19).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.3.2 Dr. D._ erklärt seine Schlussfolgerungen nachvollziehbar. Insbesondere
beschreibt er die Kränkungssituationen und die dadurch ausgelöste Problematik
schlüssig. Den äusseren Belastungen misst er eine gewisse innere
Anpassungsproblematik bei. Bei Beginn der manifesten Beeinträchtigung der
Arbeitsfähigkeit Ende März 2015 führt die von ihm anerkannte Dauer bis Ende Mai
2015 zu einer zugebilligten Anpassungszeit von rund zwei Monaten. Auch dies
erscheint vertretbar. Hinreichend nachvollziehbare Gründe, die ein Fortdauern der
Arbeitsunfähigkeit im eingeklagten Zeitraum beweisen würden, sind nicht ersichtlich.
4.4 Dass die Konfliktsituation am Arbeitsplatz zu einer nach Mai 2015 weiter
anhaltenden arbeitsplatzbezogenen Arbeitsunfähigkeit geführt haben sollte, verneinte
Dr. D._ auf Anfrage explizit. Selbst wenn die vom Kläger empfundenen
Schwierigkeiten am Arbeitsplatz aus arbeitsrechtlicher Sicht zu einer Unzumutbarkeit
geführt haben sollten, der Arbeit im C._ weiter nachzugehen bzw. diese ab Juni 2015
wieder aufzunehmen (was nicht bewiesen und im vorliegenden Verfahren nicht relevant
ist), so bewiese dies aus versicherungsrechtlicher Sicht nicht das Vorliegen einer
relevanten Arbeitsunfähigkeit im Sinn von Art. 7 Abs. 2 der AVB. Bei Unzumutbarkeit,
wegen Mobbings bzw. allfälliger Persönlichkeitsverletzung (zum Schutz der
Persönlichkeit durch den Arbeitgeber vgl. Art. 328 des Obligationenrechts [OR; SR
220]) an den Arbeitsplatz zurückzukehren, ergeben sich allenfalls arbeitsrechtliche
Ansprüche des Arbeitnehmers gegenüber dem Arbeitgeber (vgl. dazu etwa Streiff/von
Kaenel/Rudolph, Arbeitsvertrag, 7. Aufl. 2012, N 17 zu Art. 328, insbes. S 559;
Rudolph/von Kaenel, Arbeitsplatzbezogene Arbeitsunfähigkeit - Eine rechtliche
Auslegeordnung zu einem um sich greifenden Phänomen, in: SJZ 2010 S. 363). Die
versicherungsrechtlich relevante Arbeitsunfähigkeit muss hingegen medizinisch
begründet sein. Dieser Beweis gelingt bei der vorliegenden Aktenlage nicht, was sich
der Kläger entgegenhalten lassen muss (vgl. Art. 8 ZGB sowie vorstehende E. 2.2).
4.5 An dieser Beurteilung vermag der Therapieverlauf ab 31. Juli 2015 mit
attestierter und von der Beklagten anerkannter Arbeitsunfähigkeit nichts zu ändern. Bei
Eintritt ins Psychiatrische Zentrum F._ am 31. Juli 2015 wurden Konzentration und
Merkfähigkeit des Klägers als leichtgradig eingeschränkt beschrieben und leichte
Gedächtnisstörungen eruiert. Im formalen Denken sei der Kläger leicht eingeengt auf
Kränkungen und Ungerechtigkeiten in der Vorgeschichte, dabei jedoch geordnet und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
kohärent. Ängste wurden im Hinblick auf die Zukunftsperspektive erwähnt. Im Affekt
wurde er als deprimiert, ratlos, innerlich unruhig und angespannt beschrieben. Er habe
wechselnde Gefühle von Wut und Angst sowie Insuffizienzgefühle. Der Appetit sei
vermindert und es beständen intermittierend Schlafstörungen. Zudem werden latente
Suizidgedanken ohne Handlungsnähe erwähnt (Austrittsbericht vom 11. September
2015, S. 2, act. G 3.24). Die behandelnden Fachpersonen beschränkten ihre
Arbeitsfähigkeitsschätzung auf die Zeit des stationären Aufenthalts, sodass mit diesem
Zeugnis für den eingeklagten Zeitraum von Vornherein keine Arbeitsunfähigkeit im Sinn
von Art. 7 Abs. 2 der AVB bewiesen werden kann. Im Übrigen lassen die Angaben zum
Psychostatus bei Eintritt auch inhaltlich keine beweisrechtlich relevanten Rückschlüsse
darauf zu, dass dem Kläger vor Eintritt seine ursprüngliche Arbeit aus medizinischer
Sicht objektiv nicht im ursprünglichen Pensum zumutbar gewesen wäre. Weitere
Ausführungen zu diesem Bericht und zu den späteren Berichten (jenen der Ärztin der
Tagesklinik vom 21. und 29. Oktober 2015 sowie jenem von med. pract. E._ vom
1. November 2015), die sich allesamt nicht zum Zustand des Klägers im Juni und Juli
2015 äussern, erübrigen sich folglich.
4.6 Insgesamt ist festzuhalten, dass es dem Kläger mit seinen diesbezüglich nicht
sehr substantiierten Vorbringen und vor dem Hintergrund der detaillierten Bestreitung
der Beklagten nicht gelingt, im eingeklagten Zeitraum mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit eine relevante Arbeitsunfähigkeit zu beweisen. Da nicht
anzunehmen ist, dass mit weiteren Abklärungen - insbesondere mit einem
Gerichtsgutachten zur Arbeitsfähigkeit des Klägers im eingeklagten Zeitraum - bessere
Erkenntnis gewonnen bzw. ein hinreichend sicheres Beweisergebnis ermittelt werden
kann, ist darauf in antizipierender Beweiswürdigung zu verzichten.
5.
5.1 Gemäss den vorstehenden Erwägungen ist die Klage abzuweisen.
5.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 114 lit. e ZPO).
5.3 Die obsiegende Beklagte, die das Verfahren von einem Angestellten ihres
Rechtsdiensts hat führen lassen, der nicht als berufsmässiger Vertreter im Sinn von
Art. 95 Abs. 3 lit. b ZPO gilt, hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte