Decision ID: 62cc7a50-8b38-4ff5-b362-7782a2b837f2
Year: 2011
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
einfache Körperverletzung
Berufung gegen ein Urteil der Einzelrichterin in Strafsachen des Bezirkes Meilen vom 15. Dezember 2010 (GG100030)
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Anklage: (Urk. 18)
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft See / Oberland vom 29. September
2010 ist diesem Entscheid angeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 56)
"Die Einzelrichterin erkennt:
1. Der Angeklagte ist der angeklagten einfachen Körperverletzung im Sinne
von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB nicht schuldig und wird freigesprochen.
2. Auf die Schadenersatz- und Genugtuungsforderung des Geschädigten wird
nicht eingetreten.
3. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf Fr. 1200.–.
4. Die Kosten, einschliesslich derjenigen der Untersuchung, werden auf die
Gerichtskasse genommen.
5. Dem Angeklagten wird eine Prozessentschädigung von Fr. 2'152.– (inkl.
7,6 % Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse zugesprochen.
6. (Mitteilungen)
7. (Rechtsmittel)"
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Berufungsanträge:
a) Des Geschädigtenvertreters:
(schriftlich, Urk. 66)
1. Der Angeklagte und Appellat sei zu verpflichten, dem Geschädigten
einen Schadenersatz von Fr. 16'548.45 sowie eine Genugtuung von
Fr. 2'000.-- zu bezahlen.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zzgl. MWST zulasten des
Appellaten.
b) Des Verteidigers des Angeklagten:
(schriftlich, Urk. 67)
1. Es sei die Berufung des Geschädigten abzuweisen und der
erstinstanzliche Entscheid vom 15. Dezember 2010 zu bestätigen.
2. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des
Geschädigten.

Das Gericht erwägt:
1. Verfahrensgang
1.1. Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft See / Oberland vom 29.  2010 (Urk. 18), aus welcher sich der zu beurteilende Sachverhalt ergibt, ist
diesem Urteil beigeheftet. Sodann kann auf die Zusammenfassung im vorinstanz-
lichen Entscheid verwiesen werden (Urk. 56 S. 5).
1.2. Nach der am 15. Dezember 2010 durchgeführten Hauptverhandlung (Prot. I S. 7 ff.) fällte die Vorinstanz den eingangs wiedergegebenen Entscheid, welcher
schriftlich mitgeteilt wurde (Prot. I S. 15).
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1.3. Mit Eingabe vom 24. Dezember 2010 liess der Geschädigte A._  Berufung gegen den Freispruch der Vorinstanz anmelden (Urk. 43). Mit Ein-
gabe vom 23. Januar 2011 erklärte der Angeklagte Anschlussberufung (Urk. 47).
Nach Zustellung des begründeten Entscheids (Urk. 48) am 20. Juni 2011 (Urk.
49/2) liess der Geschädigte gleichentags und somit innert der angesetzten Frist
seine Beanstandungen benennen (Urk. 50). Am 6. Juli 2011 teilte der Angeklagte
Anschlussberufung mit und beantragte Abweisung der Berufung sowie Bestäti-
gung des erstinstanzlichen Urteils (Urk. 53). Beweisanträge wurden von keiner
Seite gestellt. Die Staatsanwaltschaft liess sich nicht vernehmen.
Am 6. Oktober 2011 überwies die Vorinstanz das Verfahren dem Obergericht zur
Behandlung der Berufung (Urk. 57).
Mit Eingabe vom 11. November 2011 beantragte die Verteidigung die Dispensati-
on des Angeklagten von der Berufungsverhandlung, da dieser seinen Wohnsitz in
C._ [Land] habe (Urk. 63). Diesem Gesuch wurde mit Schreiben vom 28.
November 2011 entsprochen und der Angeklagte wurde vom Erscheinen an der
Berufungsverhandlung vom 15. Dezember 2011 dispensiert (Urk. 65).
Das vorliegende Urteil erging nach der heute durchgeführten Berufungsverhand-
lung, zu welcher der Verteidiger des Angeklagten, der Geschädigte A._ so-
wie dessen Vertreter erschienen sind (Prot. II S. 3 ff.).
2. Prozessuales
2.1. Anwendbares Prozessrecht
Nachdem die Vorinstanz ihren Entscheid unter dem bis zum 31. Dezember 2010
gültigen kantonalen Strafprozessrecht gefällt hat, ist für das Berufungsverfahren
ebenfalls das bisherige Verfahrensrecht (StPO/ZH und GVG/ZH) anwendbar
(Art. 453 Abs. 1 StPO).
2.2. Anschlussberufung des Angeklagten
Der Verteidiger erklärte im vorliegenden Verfahren bereits am 23. Januar 2011
(Datum Poststempel: 24. Januar 2011) Anschlussberufung (Urk. 47). Da der
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Fristenlauf für die Anschlussberufung jedoch erst mit Nennung der Beanstandun-
gen durch den Berufungskläger ausgelöst wird (§ 416 Abs. 1 i.V.m. § 414 Abs. 4
StPO/ZH) und dies erst mit Eingabe vom 20. Juni 2011 nach Zustellung des
begründeten Urteils geschah (Urk. 50), erfolgte die Anschlussberufung verfrüht.
Als selbständige Berufung kann die Eingabe des Verteidigers jedoch nicht qualifi-
ziert werden, da die zehntägige Frist für die Berufungsanmeldung zu diesem Zeit-
punkt bereits abgelaufen war (vgl. Urk. 42/3, § 414 Abs. 1 StPO/ZH und § 140
Abs. 1 GVG/ZH). Wie die Erklärung des Verteidigers zu werten ist, kann letztlich
aber offen bleiben, erklärte er doch mit Eingabe vom 6. Juli 2010 fristgerecht
erneut die Anschlussberufung (Urk. 53).
Als Begründung führte er an, dass die Berufung abzuweisen und das erstinstanz-
liche Urteil zu bestätigen sei (Urk. 53). An der Berufungsverhandlung wurde er da-
rauf hingewiesen, dass er seine Anschlussberufung nicht begründet habe und es
wurde ihm Gelegenheit zur Begründung gegeben (§ 419 Abs. 3 StPO/ZH).
Der Verteidiger hielt indes lediglich an seinen obigen Ausführungen fest (Prot. II
S. 10). Der Antrag auf Abweisung der Berufung und Bestätigung des erstinstanz-
lichen Urteils ist nicht als Anschlussberufung, sondern als (einfacher) Antrag des
Angeklagten und Appellaten im Berufungsverfahren zu qualifizieren; auch
darauf wurde der Verteidiger an der Berufungsverhandlung hingewiesen (Prot. II
S. 10). Es ist daher unklar, ob der Verteidiger mit seiner Eingabe tatsächlich
beabsichtigte, Anschlussberufung zu erheben. Vielmehr ist davon auszugehen,
dass er lediglich Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils beantragen wollte.
2.3. Beanstandungen und Berufungsumfang
Der Geschädigte beanstandet den Freispruch des Angeklagten und die damit
verbundene Sachverhaltsfeststellung sowie Beweiswürdigung durch die Vo-
rinstanz. Weiter beanstandet der Geschädigte das Nichteintreten auf seine
Schadenersatz- und Genugtuungsforderungen (Urk. 50 S. 2 und Urk. 66). Auf
diese Beanstandungen wird unter den Titeln "Sachverhalt" sowie "Zivilansprüche"
bzw. "Entschädigung" zurückzukommen sein (vgl. Ziffern 3. und 9. bzw. 10.2.).
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Angefochten ist somit das gesamte vorinstanzliche Urteil mit Ausnahme der
Kostenfestsetzung (Dispositiv-Ziffer 3), welche damit in Rechtskraft erwachsen ist.
3. Sachverhalt
3.1. Beweismittel
Als Beweismittel stehen sich im Wesentlichen die Aussagen des Angeklagten und
jene des Geschädigten gegenüber. Diese Aussagen sind auf ihre Glaubhaftigkeit
hin zu untersuchen. Als weitere Beweismittel sind Zeugenaussagen vorhanden,
welchen jedoch hinsichtlich des Tatgeschehens nur untergeordnete Bedeutung
zukommt. Darauf wird nachfolgend noch einzugehen sein.
3.2. Grundsätze der Beweiswürdigung
Der bestrittene Sachverhalt ist aufgrund der Untersuchungsakten und der vor
Gericht vorgebrachten Argumente nach den allgemein gültigen Beweisregeln zu
erstellen. Gemäss der aus Art. 8 und Art. 32 Abs. 1 BV fliessenden und in
Art. 6 Ziff. 2 EMRK verankerten Maxime "in dubio pro reo" ist bis zum gesetzli-
chen Nachweis seiner Schuld zu vermuten, dass der wegen einer strafbaren
Handlung Angeklagte unschuldig ist (Urteile des Bundesgerichts 1P.587/2003
vom 29. Januar 2004, E. 7.2. und 1P.437/2004 vom 1. Dezember 2004, E. 4.2. f.;
Pra 2002 S. 4 f. Nr. 2 und S. 957 f. Nr. 180; BGE 127 I 40, 120 Ia 31 E. 2b). Als
Beweiswürdigungsregel besagt die Maxime, dass sich der Strafrichter nicht von
der Existenz eines für den Angeklagten ungünstigen Sachverhaltes überzeugt
erklären darf, wenn bei objektiver Betrachtung Zweifel bestehen, ob sich der
Sachverhalt so verwirklicht hat. Die Überzeugung des Richters muss auf einem
verstandesgemäss einleuchtenden Schluss beruhen und für den unbefangenen
Beobachter nachvollziehbar sein (Hauser/Schweri/Hartmann, Schweizerisches
Strafprozessrecht, 6. A., Basel 2005, Rz 11 ff. zu § 54). Dabei beruht die nötige
richterliche Überzeugung nicht auf äusseren, sondern alleine auf der inneren
Autorität eines Beweismittels, bestehend in dessen zwingend-überzeugender
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Kraft (Schmid, Strafprozessrecht, 4. Aufl., Zürich 2004, Rz 291; drs. Handbuch
des schweizerischen Strafprozessrechts, Zürich/St.Gallen 2009, Rz 229).
Die Beweiswürdigungsregel ist verletzt, wenn der Strafrichter an der Schuld des
Angeklagten hätte zweifeln müssen (BGE 127 I 41, 124 IV 87 E. 2a). Wenn
erhebliche oder nicht zu unterdrückende Zweifel bestehen, ob sich der Sachver-
halt so abgespielt hat, wie er eingeklagt ist, so ist der Angeklagte nach dem
Grundsatz "in dubio pro reo" freizusprechen (statt vieler: Corboz, "in dubio pro
reo", in ZBJV 1993 S. 419 f.). Soweit ein direkter Beweis nicht möglich ist, ist der
Nachweis der Tat mit Indizien zu führen, wobei die Gesamtheit der einzelnen
Indizien, deren "Mosaik" (Arzt, In dubio contra, in Zeitschrift für Strafrecht 115,
S. 197) zu würdigen ist (vgl. dazu auch Pra 2004 Nr. 51 S. 257 Ziff. 1.4; Pra 2002
Nr. 180 S. 962 f. Ziff. 3.4.).
Ein Schuldspruch darf demnach nur dann erfolgen, wenn die Schuld des
Angeklagten mit hinreichender Sicherheit erwiesen ist, das heisst Beweise dafür
vorliegen, dass der Angeklagte mit seinem Verhalten objektiv und subjektiv den
ihm zur Last gelegten Straftatbestand verwirklicht hat. Dabei kann nicht verlangt
werden, dass die Tatschuld gleichsam mathematisch sicher und unter allen
Aspekten unwiderlegbar feststehe (vgl. Niklaus Schmid, Strafprozessrecht, 4. A.,
Zürich 2004, Rz 288, S. 96). Es muss genügen, wenn vernünftige Zweifel an der
Schuld des Angeklagten ausgeschlossen werden können. Aufgabe des Richters
ist es, seinem Gewissen verpflichtet, in objektiver Würdigung des gesamten
Beweisergebnisses, zu prüfen, ob er von einem bestimmten Sachverhalt über-
zeugt ist und an sich mögliche Zweifel an dessen Richtigkeit zu überwinden ver-
mag (§ 284 StPO/ZH; ZR 72 Nr. 80; Guldener, Beweiswürdigung und Beweislast,
S. 7; Pra 2004 Nr. 51 S. 257 Ziff. 1.4.; BGE 124 IV 88, 120 Ia 31 E. 2c). Es liegt in
der Natur der Sache, dass mit menschlichen Erkenntnismitteln keine absolute
Sicherheit in der Beweisführung erreicht werden kann; daher muss es genügen,
dass das Beweisergebnis über jeden vernünftigen Zweifel erhaben ist (vgl.
Kassationsgerichtsentscheid vom 26. Juni 2003 Nr. 2002/387S E. 2.2.1 samt
Hinweisen). Bloss abstrakte oder theoretische Zweifel dürfen dabei nicht mass-
gebend sein, weil solche immer möglich sind (Hauser/Schweri/Hartmann, a.a.O.,
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Rz 12 zu § 54, und Urteile des Bundesgerichtes 6B_297/2007 vom 4. September
2007 E. 3.4. und 1P.587/2003 vom 29. Januar 2004, E. 7.2.). Es genügt also,
wenn vernünftige Zweifel an der Schuld ausgeschlossen werden können, hin-
gegen darf ein Schuldspruch nie auf blosser Wahrscheinlichkeit beruhen. Lässt
sich ein Sachverhalt nicht mit letzter Gewissheit feststellen, was schon im Wesen
menschlichen Erkenntnisvermögens liegt, so hindert dies den Richter nicht,
subjektiv mit Gewissheit davon überzeugt zu sein.
Dabei können auch indirekte, mittelbare Beweise, sogenannte Anzeichen oder
Indizien, einen für die Beweisführung bedeutsamen Schluss erlauben. Indizien
sind Tatsachen, die einen Schluss auf eine andere, unmittelbar erhebliche Tat-
sache zulassen. Beim Indizienbeweis wird mithin vermutet, dass eine nicht be-
wiesene Tatsache gegeben ist, weil sich diese Schlussfolgerung aus bewiesenen
Tatsachen (Indizien) nach der Lebenserfahrung aufdrängt. Der Indizienbeweis ist
dem direkten Beweis gleichwertig (Hauser/Schweri/Hartmann, Schweizerisches
Strafprozessrecht, 6. Auflage, Basel/Genf/München 2005, § 59 Rz. 14). Da ein
Indiz immer nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf die Täterschaft oder
die Tat hinweist, lässt es, einzeln betrachtet, die Möglichkeit des Andersseins
offen, enthält daher auch den Zweifel (Hans Walder, Der Indizienbeweis im Straf-
prozess, ZStrR 108/1991, S. 309, derselbe, Die Beweisführung in Strafsachen,
insbesondere der Indizienbeweis, Zürich 1974/75, S. 49). Es ist jedoch zulässig,
aus der Gesamtheit der verschiedenen Indizien, welche je für sich allein betrach-
tet nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf eine bestimmte Tatsache oder
Täterschaft hindeuten und insofern Zweifel offen lassen, auf den vollen rechts-
genügenden Beweis von Tat oder Täter zu schliessen (Hauser/ Schweri/ Hart-
mann, a.a.O., § 59 Rz. 15 und Urteil des Bundesgerichtes 6B_297/2007 vom
4. September 2007 E. 3.4.).
Stützt sich die Beweisführung auf die Aussagen von Beteiligten, so sind diese frei
zu würdigen. Es ist anhand sämtlicher Umstände, die sich aus den Akten und den
Verhandlungen ergeben, zu untersuchen, welche Sachdarstellung überzeugend
ist, wobei es vorwiegend auf den inneren Gehalt der Aussagen ankommt,
verbunden mit der Art und Weise, wie die Angaben erfolgen. Wie die Vorinstanz
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zu Recht erwog (Urk. 56 S. 7), darf bei der Würdigung von Aussagen nicht ein-
fach auf die Persönlichkeit oder allgemeine Glaubwürdigkeit von Aussagenden
abgestellt werden. Massgebend ist vielmehr die Glaubhaftigkeit der konkreten, im
Prozess relevanten Aussagen. Gemäss BGE 129 I 49 E. 5 hat sich bei der Abklä-
rung des Wahrheitsgehalts von Aussagen die Aussageanalyse weitgehend
durchgesetzt. Nach dem empirischen Ausgangspunkt der Aussageanalyse erfor-
dern wahre und falsche Schilderungen unterschiedliche geistige Leistungen.
Überprüft wird dabei in erster Linie die Hypothese, ob die aussagende Person
unter Berücksichtigung der Umstände, der intellektuellen Leistungsfähigkeit und
der Motivlage eine solche Aussage auch ohne realen Erlebnishintergrund machen
könnte. Methodisch wird die Prüfung in der Weise vorgenommen, dass das im
Rahmen eines hypothesengeleiteten Vorgehens durch Inhaltsanalyse (aussage-
immanente Qualitätsmerkmale, so genannte Realkennzeichen) und Bewertung
der Entstehungsgeschichte der Aussage sowie des Aussageverhaltens insgesamt
gewonnene Ergebnis auf Fehlerquellen überprüft und die persönliche Kompetenz
der aussagenden Person analysiert werden. Bei der Glaubhaftigkeitsbegut-
achtung ist immer davon auszugehen, dass die Aussage auch nicht realitäts-
begründet sein kann. Ergibt die Prüfung, dass diese Unwahrhypothese (Nullhypo-
these) mit den erhobenen Fakten nicht mehr in Übereinstimmung stehen kann, so
wird sie verworfen. Es gilt dann die Alternativhypothese, dass die Aussage wahr
sei. Erforderlich ist dafür besonders auch die Analyse der Entstehungs- und Ent-
wicklungsgeschichte der Aussage (vgl. dazu die im erwähnten BGE angegebene
Literatur).
Angesichts der Unschuldsvermutung besteht Beweisbedürftigkeit, das heisst der
verfolgende Staat hat dem Angeklagten alle objektiven und subjektiven Tat-
bestandselemente nachzuweisen (vgl. dazu Schmid, a.a.O., S. 198, N 599) und
nicht der Angeklagte hat seine Unschuld zu beweisen (BGE 127 I 40 und Urteile
des Bundesgerichtes 1P.587/2003 vom 29. Januar 2004, E. 7.2. und 1P.437/2004
vom 1. Dezember 2004, E. 4.3.; 6S.154/2004 vom 30. November 2005 E. 4).
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3.3. Konkrete Aussagenwürdigung
3.3.1. Aussagen des Angeklagten
Betreffend die Zusammenfassung und Würdigung der Aussagen des Angeklagten
kann grundsätzlich auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden
(Urk. 56 S. 8 ff.; § 161 GVG/ZH). Mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass die
Aussagen des Angeklagten betreffend viele Vorkommnisse nicht widerspruchsfrei
sind, auf die entsprechenden Erwägungen kann verwiesen werden (Urk. 56 S. 10
f.; § 161 GVG/ZH).
So deponierte der Angeklagte anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom
29. August 2008 (Urk. ND 2/8 S. 1 f.), der Geschädigte habe mit seiner linken
Hand ausgeholt und ihm auf die Stirn, linke Seite geschlagen. Dieser erste Schlag
sei mit dem Karabiner erfolgt. In der gleichen Einvernahme sagte er dann jedoch
aus, rechts oben an der Stirn eine blutende Wunde gehabt zu haben. Abgesehen
davon, dass er sich in derselben Einvernahme betreffend Lage der Wunde wider-
spricht, ist zu erwähnen, dass auch gemäss Bericht des behandelnden Arztes,
Dr. med. D._ vom tt. August 2008, keine offene oder blutende Wunde an der
Stirn des Angeklagten festgestellt werden konnte (Urk. ND 2/5). Gemäss diesem
Bericht soll im Übrigen der Angeklagte berichtet haben, er sei an der rechten
Schläfe getroffen worden. Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme
vom 15. Oktober 2009 (ND 2/19 S. 2) deponierte dann der Angeklagte eine weite-
re Version, indem er behauptete, er sei oberhalb der rechten Augenbraue ge-
troffen worden. Kommt hinzu, dass gemäss Ausführungen des Geschädigten-
vertreters (Urk. 38 S. 14) der Geschädigte Rechtshänder sei, dieser demzufolge
kaum mit seiner Linken zum Schlag ausholen würde.
Der Angeklagte behauptete anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme
vom 15. Oktober 2009 (Urk. ND 2/19 S. 2), dass er durch den Schlag an den Kopf
sein Bewusstsein verloren habe und zu Boden gefallen sei. Diese Aussage
relativierte er dann anlässlich der Konfrontationseinvernahme vom 15. Dezember
2009 (Urk. ND 2/24 S. 4), indem er deponierte, er habe nicht das Bewusstsein
verloren, sondern das "Zeitgefühl", er habe nicht mehr gewusst, wo er sei.
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Dennoch will er unmittelbar nach dem Fall zu Boden in der Lage gewesen sein,
sich zu wehren und mit den Händen gegen den Geschädigten zu schlagen. Dass
er durch das zu Boden Fallen seine Brille und Armbanduhr verlor, erwähnte er
erst bei der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme (Urk. ND 2/19 S. 2), was doch
sehr erstaunt. Es wäre insbesondere zu erwarten gewesen, dass er den Verlust
der Brille bereits bei der ersten Befragung erwähnt hätte, da auch davon auszu-
gehen ist, dass er bei der nachträglichen, vom Angeklagten geschilderten "Raufe-
rei" in seinem Sehvermögen eingeschränkt gewesen war.
Auffallend ist weiter, dass der Angeklagte bis zur Zeugenaussage von E._
(Mutter des Geschädigten; Urk. ND 2/23) bzw. bis zur Konfrontationseinvernahme
konstant behauptete, der Geschädigte sei nie am Boden gelegen,
sondern nur er, der Angeklagte (Urk. ND 2/19 und Urk. ND 2/24), im Sinne, dass
der Geschädigte ihm konstant überlegen gewesen sei. Dieser sei denn auch als
"Sieger" aus dem Kampf hervorgegangen (Urk. ND 2/24 S. 4).
Widersprüchlich sind auch die Aussagen des Angeklagten betreffend den Zeit-
punkt des Erscheinens der Mutter des Geschädigten. Bei der Polizei deponierte
er, die Mutter sei im Verlaufe der Auseinandersetzung hinzugestossen (Urk.
ND 2/8 S. 2), als er vom Geschädigten geschlagen worden sei, währenddessen
er bei der Staatsanwaltschaft deponierte, die Mutter sei bereits vor dem ersten
Schlag anwesend gewesen (Urk. ND 2/19 S. 2), um dann in der Konfrontations-
einvernahme wiederum zu berichten, dass sie erschienen sei, nachdem er
(nach dem Schlag) das erste Mal zu Boden gegangen sei (Urk. ND 2/24 S. 4).
Der Angeklagte deponierte bei der Staatsanwältin, der Geschädigte habe seine
Mutter zur Seite gestossen, worauf diese gegen eine Scheibe geprallt sei
(Urk. ND 2/19 S. 3). Bei der Polizei führte er demgegenüber nur aus, dass der
Geschädigte seine Mutter von sich weggestossen habe (Urk. ND 2/8 S. 2). Die
Mutter, als Zeugin befragt, bestritt konstant von ihrem Sohn (dem Geschädigten)
weggestossen worden zu sein (Urk. ND 2/23 S. 2), vielmehr habe ihr der
Angeklagte einen Stoss versetzt. Diese Aussage deckt sich mit derjenigen des
Geschädigten. Weiter berichtete der Angeklagte anlässlich der polizeilichen
Einvernahme, der Geschädigte habe seiner Mutter, als er diese von sich stiess,
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gesagt, sie solle ihn in Ruhe lassen (Urk. ND 2/8 S. 2). Bei der Staatsanwältin gab
er dann jedoch zu Protokoll, der Geschädigte habe mit seiner Mutter, als er sie
zurückgestossen habe, Italienisch gesprochen, er habe den Inhalt somit nicht ver-
standen (Urk. ND 2/19 S. 3). Anlässlich der Konfrontationseinvernahme blieb der
Angeklagte dabei, dass sich der Geschädigte mit seiner Mutter auf Italienisch
unterhalten habe, diesmal will er jedoch der Sprache mächtig gewesen sein und
verstanden haben, dass die Mutter ihren Sohn gebeten habe, den Angeklagten
loszulassen (Urk. ND 2/24 S. 5). Der Geschädigte sagte diesbezüglich aus, dass
diese Unterhaltung auf Deutsch stattgefunden habe (Prot. I S. 12).
Ebenfalls erstmals bei der staatsanwaltschaftlichen Befragung erwähnte der
Angeklagte, dass der Geschädigte, nachdem ihn dieser geschlagen und getreten
habe, eine Fr. 50.-- Note aus dem Portemonnaie genommen, zerknüllt und ihm
angeworfen habe (Urk. ND 2/19 S. 3). Auch dies erstaunt, da es bei der
Auseinandersetzung ja um den Betrag von Fr. 50.-- gegangen sein soll.
Mit der Vorinstanz müssen die Aussagen des Angeklagten klar als widersprüch-
lich qualifiziert werden. Beinahe jede einzelne Begebenheit am Abend des
tt. August 2008 schilderte der Angeklagte unterschiedlich. Die Aussagen des
Angeklagten sind geprägt von Widersprüchen und Aggravationen. Bis zur
Befragung der Mutter des Geschädigten als Zeugin war der Angeklagte darauf
bedacht, das Verhalten des Geschädigten als möglichst aggressiv darzustellen.
Insbesondere auch, dass der Geschädigte ihn, welcher am Boden gelegen habe,
stehend mit den Füssen getreten habe. Gegen die Glaubhaftigkeit der Aussagen
des Angeklagten spricht auch, dass dieser dazu neigt, seine Aussagen "auszu-
schmücken", bspw. dass er erwähnt, die Mutter des Geschädigten sei gegen die
Scheibe geprallt und dass der Geschädigte die Fr. 50.-- Note nicht nur hinge-
worfen, sondern auch noch zerknüllt haben soll. Das Aussageverhalten des
Angeklagten überzeugt nicht. Die Aussagen weisen zu viele Widersprüche auf
und sind deshalb als unglaubhaft zu qualifizieren.
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3.3.2. Aussagen des Geschädigten
Betreffend die Zusammenfassung und Würdigung der Aussagen des Geschädig-
ten kann grundsätzlich auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden
(Urk. 56 S. 11 ff.; § 161 GVG/ZH). Dennoch sind einige Ergänzungen anzu-
bringen. Anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 3. September 2008 depo-
nierte der Geschädigte auf Frage, ob er etwas zur Unterstützung seiner Abwehr
eingesetzt habe, dass er erst gegen das Ende hin den Karabiner, welcher als
Schlüsselanhänger diene, in der Hand gehalten habe, da er diesen seiner Mutter
habe geben wollen. Er habe diesen in seiner geschlossenen rechten Hand
gehalten, auch als er den Angeklagten mit der Faust geschlagen habe (Urk.
ND 2/7 S. 1 ff.). Anlässlich der Hauptverhandlung deponierte er dann, während
der Schlägerei keinen Schlüsselbund in der Hand gehalten zu haben. Die
Erklärung, er habe den Schlüssel seiner Mutter geben wollen, damit sie zurück in
die Wohnung könne, könnte zwar wie eine nachgeschobene Schutzbehauptung
wirken, zumal die Mutter über einen eigenen Schlüssel verfügte, muss vorliegend
jedoch vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass der Geschädigte in eine
Schlägerei verwickelt war und Angst um seine Mutter hatte (Prot. I S. 11). Ein
Widerspruch zu seiner Aussage anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom
3. September 2008 besteht dennoch.
Wenn die Vorinstanz jedoch einen (weiteren) Widerspruch darin sieht, dass der
Geschädigte in der Untersuchung konstant zu Protokoll gegeben habe, den
Angeklagten mit Fäusten geschlagen zu haben, hingegen anlässlich der Haupt-
verhandlung nur noch mittels Ohrfeigen, so ist dem beizufügen, dass der
Geschädigte anlässlich der Hauptverhandlung die Faustschläge nicht in Abrede
stellte, sondern lediglich deponierte, dass er "aus heutiger Sicht" denke, dass er
den Angeklagten nur geohrfeigt habe (Prot. I S. 11). Der Geschädigte gab
während der gesamten Untersuchung und des vorinstanzlichen Gerichtsverfah-
rens zu Protokoll, dass er sich bis zu dem Zeitpunkt, wo der Angeklagte
seine (des Geschädigten) Mutter angegriffen habe, nur verteidigt habe. Seine
emotionale Lage habe sich dann merklich verändert, weil er die Situation als eine
Bedrohung für seine Mutter empfunden habe (Urk. ND 2/17 S. 3). Entgegen der
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Vorinstanz beschreibt der Geschädigte sein Verhalten nicht überaus defensiv und
schlichtend. Zwar will er nicht gleich zurückgeschlagen haben, auch nicht, als der
Angeklagte sogenannte "Lowkicks" gegen seine Adduktoren ausgeteilt hatte,
sondern ihn erst gewarnt und körperlich blockiert (Arm- und Beinschlüssel) haben,
doch gibt er zu, nachdem der Angeklagte seine (des Geschädigten) Mutter weg-
gestossen habe, auch ausgeteilt zu haben.
Dass sich der Geschädigte aus der Schlägerei mit dem Angeklagten einen
Nasenbeinbruch zuzog, kann aufgrund des gleichentags erstellten Berichtes des
...spitals F._ als erstellt betrachtet werden (Urk. ND 2/4). Gemäss Aussagen
des Geschädigten verfügt dieser über eine 30-jährige Kampfsporterfahrung (Prot.
I S. 12). Früher habe er Karate gemacht, wo er den zweiten Schwarzgurt habe.
Nun betreibe er die Kampfsportart MMA (Mixed Martial Arts) (Prot. II S. 7). Bei
dieser Kampfsportart bedienen sich die Kämpfer sowohl der Schlag- und Tritt-
techniken des Boxens, Kickboxens sowie des Muay Thai als auch der Boden-
kampftechniken des Brazilian Jiu-Jitsu, Ringens und Judo. Es erscheint nicht
plausibel, dass ein Kampfsportler, welcher auch in der Abwehr ausgebildet ist,
während eines Kampfes, also in einer Situation, in welcher er sensitiv gegenüber
den Kampfhandlungen seines Gegners eingestellt ist, einen derart kräftigen
Schlag gegen die Nase nicht abzuwehren vermag. Vielmehr wahrscheinlich ist,
dass dieser Schlag bzw. der "Schwedenkuss" den Geschädigten unvermittelt und
überraschend getroffen haben muss. Der Geschädigte bestätigte an der Beru-
fungsverhandlung, dass er überrascht worden sei, da er nicht damit gerechnet
habe, dass der Angeklagte derart "hinterrücks" agieren würde. Gerade weil er
Kampfsportler sei, habe er versucht, den Geschädigten zu beruhigen und habe
eine deeskalierende Position eingenommen (Prot. II S. 7 f.). Auch sein Vertreter
machte geltend, dass der Geschädigte in dieser Situation nicht mit einem Angriff
des Angeklagten habe rechnen müssen, weshalb der Geschädigte durch den
"Schwedenkuss" so überrascht worden sei (Prot. II S. 8). Den erlittenen und nicht
rechtzeitig abgewehrten Schlag gegen die Nierengegend lässt sich dadurch erklä-
ren, dass der Geschädigte sich in diesem Moment vom Boden erhob, in der An-
nahme, der Angeklagte lasse nun von ihm ab und diesem somit nicht genügend
Aufmerksamkeit schenkte (Urk. ND 2/17 S. 3). Die Vorinstanz erwog, es sei nicht
http://de.wikipedia.org/wiki/Muay_Thai http://de.wikipedia.org/wiki/Brazilian_Jiu-Jitsu http://de.wikipedia.org/wiki/Ringen http://de.wikipedia.org/wiki/Judo
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nachvollziehbar, dass der Angeklagte dem Geschädigten "aus dem Nichts" einen
"Schwedenkuss" versetzt haben sollte (Urk. 56 S. 14). Dabei blendet sie aber
aus, dass beide Beteiligten einhellig zu Protokoll gaben, dass der Schlägerei ein
heftiges Wortgefecht wegen der vom Angeklagten beim Geschädigten über "..."
ersteigerten Harddisc voranging (statt vieler: Urk. ND 2/17 S. 2; Urk. ND 2/25 S.
3). Es entspricht der allgemeinen Lebenserfahrung, dass Schlägereien oft die
Folge von verbalen Streitereien sind.
Die Aussagen des Geschädigten sind konzis und konstant und im Wesentlichen
widerspruchsfrei und glaubhaft.
3.3.3. Aussagen der Zeugen
Bezüglich der Aussagen der Zeugen E._ und G._ kann auf die zutref-
fenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 56 S. 15 ff.; § 161
GVG/ZH). Die Aussagen der Zeugin E._ stimmen im Wesentlichen mit den-
jenigen des Geschädigten überein, wobei darauf hinzuweisen ist, dass diese
kaum ihren Sohn in einem schlechten Licht darstellen würde, weshalb nur zu-
rückhaltend auf deren Aussagen abgestellt werden kann. Der Vorinstanz ist je-
doch zuzustimmen, dass die beiden Zeugen für die Erstellung des Sachverhalts,
zur Klärung wer wen wie und wer wen zuerst geschlagen hat, nichts Wesentliches
beitragen können. Dass beide Beteiligten schliesslich auf dem Boden gelegen
haben, wurde nach der Zeugenbefragung auch vom Angeklagten bestätigt. Den-
noch enthalten die Zeugenaussagen einige Hinweise, welche für die Version des
Geschädigten sprechen: So beispielsweise die Aussage der Mutter des Geschä-
digten, dass der Angeklagte und nicht der Geschädigte sie weggestossen habe
(Urk. ND 2/23 S. 2), was der Angeklagte konstant bestritt. Sodann sagte sie aus,
dass der Geschädigte geblutet habe, was dafür spricht, dass der Geschädigte ei-
nen Schlag abbekommen hat. Auch der Zeuge G._ bestätigte, dass der Ge-
schädigte Blut im Gesicht gehabt habe, er beim Angeklagten jedoch kein Blut ge-
sehen habe (Urk. ND 2/18 S. 3). Damit stimmen die Aussagen der Zeugen auch
insofern mit der Darstellung des Geschädigten überein, als der "Schwedenkuss"
der Auslöser der tätlichen Auseinandersetzung war bzw. zumindest zu Beginn
derselben erfolgte, blutete der Geschädigte doch bereits, als die Zeugen die Aus-
- 16 -
einandersetzung wahrnahmen. Sodann konnte der Zeuge G._ beobachten,
wie der Geschädigte den Angeklagten festgehalten und ihm gesagt habe, er solle
ruhig bleiben. Auch dies entspricht den Aussagen des Geschädigten.
3.4. Fazit
Wenn auch sowohl die Aussagen des Angeklagten als auch - in ganz geringem
Ausmass - diejenigen des Geschädigten gewisse Widersprüche aufweisen und es
nach wie vor schwer nachvollziehbar ist, wie es wegen des Betrages von Fr. 50.--
zu einer solchen Auseinandersetzung zwischen zwei sich zuvor fremden
Personen kommen konnte, überzeugen doch die Aussagen des Geschädigten
und es ist zur Erstellung des Sachverhaltes auf diese abzustellen. Es ist daher
erstellt, dass der Angeklagte dem Geschädigten nach einer kürzeren verbalen
Auseinandersetzung unvermittelt einen "Schwedenkuss" verpasste, wobei sich
der Geschädigte eine undislozierte (nicht gesplitterte) Nasenfraktur zuzog.
4. Rechtliche Würdigung
4.1. Der einfachen Körperverletzung macht sich schuldig, wer vorsätzlich einen Menschen in anderer Weise an Körper oder Gesundheit schädigt (Art. 123 Ziff. 1
Abs. 1 StGB). Die Verletzungen müssen dabei die Intensität einer Tätlichkeit
(Art. 126 StGB) und damit geringfügige Eingriffe in die körperliche Integrität über-
schreiten, dürfen aber den Tatbestand der schweren Körperverletzung im Sinne
von Art. 122 StGB noch nicht erfüllen. Die körperliche Integrität ist dann im Sinne
einer Körperverletzung beeinträchtigt, wenn innere oder äussere Verletzungen
oder Schädigungen zugefügt werden, die mindestens eine gewisse Behandlung
und Heilungszeit erfordern, also etwa Knochenbrüche, auch wenn sie unkompli-
ziert sind und verhältnismässig rasch und problemlos ausheilen (BSK Strafrecht
II-Roth/Berkemeier, 2. Auflage, Basel, 2007, Art. 123 N 4).
Vorliegend erlitt der Geschädigte durch den "Schwedenkuss" des Angeklagten
eine Nasenbeinfraktur (ND 2/4). Damit liegt eine einfache Körperverletzung im
Sinne der obigen Erwägungen vor und der Tatbestand ist in objektiver Hinsicht
erfüllt. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass hier kein leichter Fall im Sinne
- 17 -
von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 2 StGB vorliegt, zumal ein solcher nur gegeben ist, wenn
die Schädigung das Ausmass von Tätlichkeiten nur geringfügig überschreitet. Von
Geringfügigkeit kann bei einer Fraktur des Nasenbeins jedoch nicht mehr ausge-
gangen werden.
4.2. In subjektiver Hinsicht wird Vorsatz verlangt: Es kann dem Angeklagten nicht nachgewiesen werden, dass er dem Geschädigten wissentlich und willentlich die
Nase brechen wollte. Durch den Stoss mit dem Kopf, den sogenannten
Schwedenkuss, welchen der Angeklagte austeilte, nahm er jedoch zumindest in
Kauf, dass er den Geschädigten in einer sensiblen Gesichtszone treffen und
damit auch verletzen würde. Das Verhalten des Angeklagten ist als eventual-
vorsätzlich zu qualifizieren.
4.3. Der Angeklagte ist damit der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen. Soweit der Geschädigten-
vertreter an der vorinstanzlichen Hauptverhandlung geltend machte, dass der
Angeklagte zudem der Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 StGB schuldig zu
sprechen sei, zumal dieser Straftatbestand in Idealkonkurrenz zur einfachen
Körperverletzung im Sinne von Art. 123 StGB stehe (Urk. 38 S. 20), ist ihm damit
nicht Recht zu geben: Nach der Lehre werden die bei Anlass eines Gewaltdelikts
begangenen Tätlichkeiten von diesem konsumiert (Trechsel/Fingerhuth, StGB PK,
Art. 126 N 10; BSK Strafrecht II-Roth/Keshelava, a.a.O., Art. 126 N 14).
5. Strafzumessung
5.1. Allgemeines
Ausgangspunkt für die Strafzumessung ist der ordentliche Strafrahmen, welcher
vorliegend Geldstrafe bis zu 360 Tagessätze oder Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahre
beträgt (Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 und Art. 34 Abs. 1 StGB). Innerhalb dieses Straf-
rahmens ist die Strafe nach dem Verschulden des Täters zu bemessen, wobei
das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wirkung der Strafe auf
das Leben des Täters zu berücksichtigen sind (Art. 47 Abs. 1 StGB). Das Ver-
schulden wird nach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des betroffenen
- 18 -
Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des Handelns, den Beweggründen und
Zielen des Täters sowie danach bestimmt, wie weit der Täter nach den inneren
und äusseren Umständen in der Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu
vermeiden (Art. 47 Abs. 2 StGB). Der Begriff des Verschuldens muss sich jeden-
falls auf den gesamten Unrechts- und Schuldgehalt der konkreten Straftat
beziehen. Zu unterscheiden ist zwischen Tat- und Täterkomponente (Hug, in:
Donatsch/Flachsmann/Hug/Weder, Schweizerisches Strafgesetzbuch, 18. Auf-
lage, Zürich, 2010, Art. 47 N 6 samt Zitaten).
In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass die schweizerische Praxis
bei nicht besonders schwerem Verschulden in aller Regel die Strafen im unteren
bis mittleren Bereich des vorgegeben Strafrahmens ansiedelt. Strafen im oberen
Bereich, insbesondere Höchststrafen, sind bloss ausnahmsweise und bei
sehr schwerem Verschulden des Täters auszusprechen (BSK Strafrecht
I-Wiprächtiger, 2. Auflage, Basel, 2007, Art. 47 N 15).
5.2. Tatkomponente
5.2.1. Allgemeines
Bei der Tatkomponente sind das Ausmass des verschuldeten Erfolges, die
Art und Weise der Herbeiführung dieses Erfolges, die Willensrichtung, mit der der
Täter gehandelt hat, und die Beweggründe des Schuldigen zu beachten. Sodann
sind für das Verschulden auch das "Mass an Entscheidungsfreiheit" beim Täter
sowie die sogenannte Intensität des deliktischen Willens bedeutsam (Hug, a.a.O.,
Art. 47 N 7 und 11 samt Zitaten).
Ausgangspunkt ist die objektive Schwere des Delikts: Es gilt zu prüfen, wie stark
das strafrechtlich geschützte Rechtsgut überhaupt beeinträchtigt worden ist.
Darunter fallen etwa das Ausmass des Erfolges (Deliktsbetrag, Gefähr-
dung/Risiko, Sachschaden etc.) sowie die Art und Weise des Vorgehens (BSK
Strafrecht I-Wiprächtiger, a.a.O., Art. 47 N 69 ff.; Hug, a.a.O., Art. 47 N 8 samt
Zitaten).
- 19 -
Bei der subjektiven Tatschwere stellt sich die Frage, wie dem Täter die objektive
Tatschwere tatsächlich anzurechnen ist. Dabei ist auf die Intensität des ver-
brecherischen Willens abzustellen. Zu berücksichtigen sind auch die Beweg-
gründe des Täters und ob er mit direktem Vorsatz oder mit Eventualvorsatz
handelte (Hug, a.a.O., Art. 47 N 9 ff.).
5.2.2. Objektive und subjektive Tatschwere
Vorliegend wiegt das Verschulden des Angeklagten in objektiver Hinsicht nicht
mehr leicht. Er handelte aus dem Nichts heraus anlässlich eines verbalen
Streites. Die zugefügte Verletzung ist nicht mehr gering und steht zum
eigentlichen Streitgegenstand in keinem vernünftigen Verhältnis. Der Geschädigte
machte an der vorinstanzlichen Hauptverhandlung und auch an der Berufungs-
verhandlung, rund drei Jahre nach dem Vorfall, immer noch Atembeschwerden
geltend, welche aus diesem Nasenbeinbruch resultierten. Der Angeklagte verhielt
sich aggressiv und zeigte sich gewaltbereit, trat er doch selbst nach dem
Gerangel und nachdem der Geschädigte ihn am Boden festgehalten und ver-
meintlich beruhigt hatte, wieder nach diesem. Zu Gunsten des Angeklagten ist
jedoch zu berücksichtigen, dass es sich um eine Impulsivtat handelte, welche
nicht von langer Hand geplant war.
In subjektiver Hinsicht ist zugunsten des Angeklagten miteinzubeziehen, dass er
"bloss" eventualvorsätzlich handelte. Seine Motive waren dagegen nichtiger
Natur, ging es beim Streit doch um den eher kleinen Betrag von Fr. 50.--. In
subjektiver Hinsicht wiegt das Verschulden ebenfalls nicht mehr leicht.
5.2.3. Einsatzstrafe
Unter Berücksichtigung des insgesamt nicht mehr leichten Verschuldens des
Angeklagten ist die Einsatzstrafe auf etwas mehr als 30 Tage respektive Tagess-
ätze festzulegen.
- 20 -
5.3. Täterkomponente
5.3.1. Allgemeines
Die Täterkomponente umfasst das Vorleben sowie die persönlichen Verhältnisse
des Angeklagten. Zu berücksichtigen sind die Beweggründe und Ziele des Täters
- soweit sie nicht bereits im Rahmen des subjektiven Tatverschuldens berück-
sichtigt wurden - und sodann wird das Verhalten des Täters nach der Tat und im
Strafverfahren einbezogen (BSK Strafrecht I-Wiprächtiger, a.a.O., Art. 47 N 92).
5.3.2. Persönliche Verhältnisse und Vorleben
Bezüglich der persönlichen Verhältnisse des Angeklagten ist bekannt, dass dieser
in C._ geboren und aufgewachsen ist. Nach der Grundschule und dem
Gymnasium absolvierte er ein Studium als Tiefbauingenieur und arbeitete dann
als Assistent an der Universität. Nach dem militärischen Staatsstreich kam er im
Jahr jjjj zusammen mit seiner Frau in die Schweiz. Sodann absolvierte er in
H._ ein Nachdiplomstudium in Architektur und arbeitete in der Folge als Ar-
chitekt und Forscher bei verschiedenen Firmen. Daneben machte er einen Dok-
tortitel in Architektur. Im März 2009 kehrte er freiwillig mit seiner Frau und seinen
vier Kindern nach C._ zurück, da sich die politische Situation dort verbessert
habe. In C._ arbeitet er nunmehr als Professor an der Universität
(Urk ND 2/39/2 S. 2 f.). Während der Angeklagte in der Untersuchung noch gel-
tend machte, dass er € 600.-- im Monat verdiene und zudem im Jahr € 600.-- für
seine Forschungsarbeiten erhalte, erklärte er im vorinstanzlichen Verfahren, dass
sein Nettoerwerbseinkommen Fr. 570.-- im Monat betrage (Urk. 25). Im
Berufungsverfahren liess der Angeklagte mitteilen, dass sich seine finanziellen
Verhältnisse nicht geändert hätten (Urk. 63). Den persönlichen Verhältnissen des
Angeklagten sind keine strafzumessungsrelevanten Faktoren zu entnehmen.
Der Angeklagte ist in der Schweiz nicht vorbestraft und verfügt nach eigenen
Angaben auch in C._ nicht über Vorstrafen (Urk. 58 und Urk. ND 2/39/2 S.
1). Dies wirkt sich allerdings nicht strafmindernd aus (BGE 136 IV 1).
- 21 -
5.3.3. Nachtatverhalten, Einsicht und Reue
Dem Angeklagten ist zugute zu halten, dass er sich in der Untersuchung sehr
kooperativ verhalten hat, flog er doch für die staatsanwaltschaftlichen Einver-
nahmen vom 15. Oktober 2009 (Urk. ND 2/9) und vom 18. Dezember 2009
(ND 2/24, ND 2/25 und ND 2/39/2) extra von C._ in die Schweiz.
Der Angeklagte ist bezüglich des ihm vorgeworfenen Sachverhaltes nicht gestän-
dig, unter diesen Umständen können auch keine Einsicht und Reue erwartet
werden.
5.3.4. Zwischenfazit
Insgesamt überwiegen die strafmindernden Faktoren minim.
5.4. Fazit
Dem insgesamt nicht mehr leichten Verschulden des Angeklagten und seinen
persönlichen Verhältnissen erscheint - unter Berücksichtigung aller strafzu-
messungsrelevanten Faktoren - eine Strafe von 30 Tagen respektive Tages-
sätzen als angemessen.
6. Sanktion
6.1. Art der Sanktion
Bei Strafen bis zu sechs Monaten sieht der Gesetzgeber die Geldstrafe als
Hauptsanktion vor, kurze Freiheitsstrafen von bis zu sechs Monaten können nur
in Ausnahmefällen angeordnet werden (Art. 40 und 41 StGB). Es bestehen vor-
liegend aber keine Anhaltspunkte, von der Regelsanktion abzuweichen, weshalb
eine Geldstrafe auszufällen ist.
6.2. Tagessatzhöhe
Gemäss Art. 34 Abs. 2 StGB beträgt bei der Geldstrafe ein Tagessatz höchstens
Fr. 3'000.--. Das Gericht bestimmt die Höhe des Tagessatzes nach den persönli-
chen und wirtschaftlichen Verhältnissen des Täters im Zeitpunkt des Urteils,
- 22 -
namentlich nach Einkommen und Vermögen, Lebensaufwand, allfälligen Fami-
lien- und Unterstützungspflichten sowie nach dem Existenzminimum. Ausgangs-
punkt für die Bemessung des Tagessatzes bildet das Nettoeinkommen, welches
der Täter im Zeitpunkt des Urteils durchschnittlich erzielt. Sodann ist festzulegen,
wie sich seine sonstigen persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse auf die
Tagessatzhöhe auswirken. Dabei ist aber zu beachten, dass der Tagessatz nicht
so weit reduziert werden darf, dass er lediglich symbolischen Wert hat, weil die
Geldstrafe gleichwertig neben die Freiheitsstrafe treten soll (Hug, a.a.O., Art. 34
N 20 ff., BSK Strafrecht I-Dolge, a.a.O., Art. 34 N 46, 81 und 83 sowie BGE
6B_610/2009 vom 13. Juli 2010, E. 1.3.).
Die Staatsanwaltschaft beantragt einen Tagessatz in der Höhe von Fr. 30.--
(Urk. 18).
Aus den von der Vorinstanz dargelegten finanziellen Verhältnissen des arbeits-
fähigen Angeklagten ergibt sich, dass dieser in C._ aktuell ein monatliches
Nettoeinkommen von Fr. 570.-- erzielt (Urk. 63 i.V.m. Urk. 25). Angesichts dieser
knappen finanziellen Verhältnisse ist die Höhe des Tagessatzes unter Berück-
sichtigung aller massgebenden Berechnungsfaktoren auf Fr. 30.-- festzulegen.
Der Angeklagte ist demnach mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu Fr. 30.--
zu bestrafen.
7. Vollzug
Das Gericht schiebt den Vollzug einer Geldstrafe, von gemeinnütziger Arbeit oder
einer Freiheitsstrafe von mindestens sechs Monaten und höchstens zwei Jahren
in der Regel auf, wenn eine unbedingte Strafe nicht notwendig erscheint, um den
Täter von der Begehung weiterer Verbrechen oder Vergehen abzuhalten (Art. 42
Abs. 1 StGB). Neben der objektiven Voraussetzung, welche mit der Ausfällung
einer Geldstrafe vorliegend erfüllt ist, wird in subjektiver Hinsicht das Fehlen einer
ungünstigen Prognose vorausgesetzt. Mit anderen Worten: Die günstige
Prognose wird vermutet, doch kann diese Vermutung widerlegt werden. Bei der
Prognosestellung, das heisst bei der Einschätzung des Rückfallrisikos, ist ein
- 23 -
Gesamtbild der Täterpersönlichkeit unerlässlich. Zu beachten sind die Tatum-
stände, das Vorleben, der Leumund sowie alle weiteren Tatsachen, die gültige
Schlüsse auf den Charakter des Täters und die Aussichten seiner Bewährung zu-
lassen (Hug, a.a.O., Art. 42 N 6 f.).
Der Angeklagte ist nicht vorbestraft und bereits vor längerem wieder aus der
Schweiz ausgereist. In C._ hat er eine Arbeitsstelle und lebt dort in einer
intakten familiären Situation. Es kann daher erwartet werden, dass das vorliegen-
de Strafverfahren ihn genügend beeindruckt, um nicht wieder straffällig zu
werden. Eine unbedingte Strafe erscheint nicht notwendig, um den Angeklagten
dazu zu bringen, sich wohl zu verhalten. Es ist dem Angeklagten daher der
bedingte Vollzug zu gewähren und eine Probezeit von zwei Jahren anzusetzen
(Art. 44 Abs. 1 StGB).
8. Busse
Die Staatsanwaltschaft beantragt sodann, dass eine Busse von Fr. 300.-- auszu-
fällen sei (Urk. 18).
Gemäss Art. 42 Abs. 4 StGB kann eine bedingte Strafe mit einer Busse verbun-
den werden. Dabei ist zu beachten, dass die Strafenkombination nicht zu einer
Straferhöhung führen darf. Der Anteil der Verbindungsstrafe an der gesamten
Strafe darf sich maximal auf einen Fünftel belaufen (Hug, a.a.O., Art. 42 N 27).
Eine Busse als Verbindungsstrafe ist ausserhalb der Schnittstellenproblematik
zwischen unbedingter Busse für Übertretungen und bedingter Geldstrafe bei
Vergehen dann angezeigt, wenn dem Täter zusätzlich zur bedingten Geldstrafe
ein "Denkzettel" verpasst werden soll, das heisst um das Drohpotential der
bedingten Geldstrafe zu erhöhen.
Der Angeklagte ist Ersttäter. Die Tat liegt nun über drei Jahre zurück und in dieser
Zeit hat sich der Angeklagte keine weiteren strafbaren Handlungen zuschulden
kommen lassen. Auch hat er die Schweiz mittlerweile verlassen und ist in seine
Heimat zurückgekehrt. Unter diesen Umständen bedarf es keiner Ausfällung einer
Verbindungsbusse als spürbare Sanktion.
- 24 -
9. Zivilansprüche
9.1. Schadenersatz
An der vorinstanzlichen Hauptverhandlung machte der Geschädigte Schadener-
satzansprüche im Umfang von Fr. 16'548.45 geltend (Urk. 38 S. 28). Diese Forde-
rung setzt sich vollumfänglich aus den Kosten der anwaltlichen Vertretung zu-
sammen, wie sich aus den eingereichten Rechnungen ergibt (Urk. 39/6-9).
Gemäss § 192 Abs. 1 StPO/ZH können Geschädigte ihre Zivilansprüche gegen
den Angeklagten beim für den Entscheid über die Anklage zuständigen Strafge-
richt geltend machen. Nicht adhäsionsweise geltend gemacht werden können
jedoch öffentlich-rechtliche Ansprüche, worunter auch diejenigen Ansprüche
fallen, welche der Geschädigte für seine Umtriebe im Strafverfahren verlangt.
Diese sind allein unter dem Titel Prozessentschädigung im Strafverfahren geltend
zu machen. Bei der Prozessentschädigung im Sinne von § 188 Abs. 1 StPO/ZH
handelt es sich um Ersatz für Kosten und Umtriebe, die dem Geschädigten durch
das Strafverfahren erwuchsen, und nicht um Schadenersatzansprüche, die im
strafbaren Verhalten des Angeklagten ihren Rechtsgrund haben und im
Adhäsionsverfahren des § 192 StPO/ZH geltend zu machen sind (Donatsch/
Schmid, Kommentar zur Strafprozessordnung des Kantons Zürich, § 192 N 23;
ZR 55 (1956) Nr. 50).
Auf die Zivilforderung des Geschädigten ist damit nachfolgend im Rahmen der
Kosten- und Entschädigungsfolgen zurückzukommen.
9.2. Genugtuung
Der Geschädigte verlangte vor Vorinstanz und auch im Berufungsverfahren eine
Genugtuung im Betrag von Fr. 2'000.-- (Urk. 38 S. 29 und Urk. 66 S. 1).
Bei der Bemessung und Festsetzung von Genugtuungsleistungen kommt dem
Gericht ein erheblicher Ermessenspielraum zu; abzustellen ist dabei vor allem auf
die Art und Schwere der Verletzung, die Intensität und Dauer der Beeinträchti-
- 25 -
gung sowie auf die Schwere des Verschuldens (vgl. I. Schwenzer, Schweizeri-
sches Obligationenrecht, 4. Auflage, Bern 2006, Rz 17.12).
Gemäss Bericht des Stadtspitals F._ vom 5. August 2008 hat der Geschädig-
te eine undislozierte Nasenbeinfraktur erlitten. Die Nasenatmung sei erschwert
gewesen, jedoch seien beim Geschädigten keine Bewusstlosigkeit, Kopfschmer-
zen, Übelkeit oder Erbrechen aufgetreten. Er habe eine leichte Schwellung über
dem Nasenbein gehabt, die Haut sei intakt gewesen (Urk. ND 2/4). In der staats-
anwaltschaftlichen Einvernahme vom 1. Oktober 2009 erwähnte der Geschädigte,
dass er immer noch Probleme mit der Nase habe, sie sei sehr trocken, was die
Atmung erschwere (Urk. ND 2/17 S. 4). An der Berufungsverhandlung wiederholte
der Geschädigte, Mühe mit der Atmung zu haben, die Atmung durch die Nase fal-
le ihm schwer und er müsse vermehrt durch den Mund atmen. Arbeitsunfähig sei
er jedoch nicht gewesen, da er sogleich nach dem Vorfall in die bereits geplanten
Ferien gefahren sei (Prot. II S. 6).
Der Angeklagte hat den Geschädigten, wie sich aus den vorstehenden
Ausführungen ergibt, nicht mehr geringfügig und in gewissem Umfang auch
nachhaltig verletzt. Das Verschulden des Angeklagten wiegt nicht mehr leicht. Der
Geschädigte hat deshalb nach Art. 49 Abs. 1 OR Anspruch auf eine Genugtuung.
Unter Berücksichtigung der Rechtsprechung in ähnlich gelagerten Fällen (vgl.
dazu z.B. Hütte/Ducksch, Die Genugtuung, 3. Auflage, Zürich 2005, Zeitraum
2003-2005, Tabelle VIII/7 Nr. 5, Nr. 13 und Nr. 17) sowie den konkreten
Gegebenheiten erscheint ein Genugtuungsbetrag von Fr. 1'000.-- der Art und
Schwere der Verletzung des Geschädigten sowie dem Verschulden des
Angeklagten angemessen. Der Angeklagte ist daher zu verpflichten, dem
Geschädigten Fr. 1'000.-- zuzüglich Zins zu 5 % seit dem 5. August 2008 (vgl.
BGE 129 IV 152 f. E. 4.) als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag ist das
Genugtuungsbegehren abzuweisen.
- 26 -
10. Kosten- und Entschädigungsfolgen
10.1. Kosten
10.1.1. Untersuchung und erstinstanzliches Verfahren
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Untersuchung und des
erstinstanzlichen Verfahrens vollumfänglich dem Angeklagten aufzuerlegen
(§ 188 Abs. 1 Satz 1 StPO/ZH).
10.1.2. Berufungsverfahren
Im Berufungsverfahren richten sich die Kostenauflage und die Zusprechung einer
Entschädigung in der Regel nach Obsiegen und Unterliegen der Verfahrens-
beteiligten (§ 396a StPO/ZH). Da der Angeklagte mit seinem Antrag auf
Freispruch nicht durchdringt und damit vollumfänglich unterliegt, sind ihm die
Kosten des Berufungsverfahrens aufzuerlegen.
Die Gerichtsgebühr ist auf Fr. 3'000.-- zu veranschlagen.
10.2. Entschädigung
Der Angeklagte ist ferner zu verpflichten, dem Geschädigten eine Prozess-
entschädigung für die ihm im Strafverfahren erwachsenen Umtriebe zu bezahlen
(§ 188 Abs. 1 Satz 2 StPO/ZH). Wie bereits ausgeführt, machte der Geschädigte
im vorinstanzlichen Verfahren einen Betrag von Fr. 16'548.45 für die Kosten
seiner anwaltlichen Vertretung geltend, über welche nunmehr zu befinden ist. Für
das Berufungsverfahren machte der Geschädigtenvertreter sodann einen Zeit-
aufwand von 10 Stunden geltend (Prot. II S. 9).
Zu berücksichtigen ist zunächst, dass die vom Geschädigten eingereichten
Rechnungen für die Kosten seiner anwaltlichen Vertretung (Urk. 39/6-9) die
gesamten Anwaltskosten betreffen. Im Zusammenhang mit diesem Verfahren
wurde aber gleichzeitig das Verfahren gegen den Geschädigten als Angeklagter
geführt (SB110647, bzw. im vorinstanzlichen Verfahren Geschäft Nr. GG100029).
In jenem Verfahren wurde der Angeklagte A._ freigesprochen und mit
- 27 -
Fr. 2'152.-- (inkl. MwSt.) entschädigt. Da auf die Berufung des Geschädigten
B._ im Verfahren SB110647 mit Beschluss vom 15. Dezember 2011 nicht
eingetreten wird, wird die obgenannte Entschädigung nach Ablauf der Rechtsmit-
telfrist rechtskräftig.
Praxisgemäss wird bei der Bemessung der Entschädigung eine gewisse Zurück-
haltung an den Tag gelegt, indem nur Umtriebe, soweit diese mit Blick auf die
Durchsetzung des Standpunktes des Geschädigten bzw. des Opfers nötig waren
und durch ein schutzwürdiges Interesse gedeckt sind, entschädigt werden
(Donatsch/Schmid, a.a.O., § 188 N 2). Wie bereits die Vorinstanz ausgeführt hat,
ist demnach zu beachten, dass ein Teil des Aufwandes für die Bemühungen von
Rechtsanwalt lic. iur. X._ in seiner Funktion als Verteidiger entstanden sind
(Verfahren SB110647, Urk. 41 S. 23). Die Entschädigung ist nach dem
Anwaltstarif, d.h. nach der Verordnung über die Anwaltsgebühren zu bestimmen.
Vorliegend anwendbar ist die Anwaltsgebührenverordnung vom 21. Juni 2006
(vgl. § 25 der Verordnung über die Anwaltsgebühren vom 8. September 2010).
Unter Berücksichtigung sämtlicher Erwägungen rechtfertigt es sich, dem Geschä-
digten für die Bemühungen seines Anwalts als Geschädigtenvertreter für das
gesamte Verfahren eine Prozessentschädigung von Fr. 10'000.-- (inkl. 7,6 bzw.
8 % MwSt. und Barauslagen) zuzusprechen. Der Angeklagte ist zu verpflichten,
diese zu bezahlen.