Decision ID: 21ef8799-1e33-53e9-b00a-f03ceb19766c
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
N._,
Beschwerdeführerin,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.
A.a N._, Jahrgang 1957, meldete sich im Juli 2001 erstmals zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung (IV) an und beantragte eine Umschulung und eine
Rente (IV-act. 1-6). Dr. med. A._, Facharzt FMH für Innere Medizin, nannte im
Arztbericht vom 3. Oktober 2001 insbesondere die Diagnosen lumbale Diskushernie
L5/S1 linksseitig und radikuläres Schmerzsyndrom linke untere Extremität. In der
angestammten Tätigkeit als Verkäuferin mit praktisch ausschliesslich stehender
Tätigkeit und je nach Beschäftigungsgebiet teils Heben und Tragen von schweren
Lasten sei mit einer Exazerbation der Schmerzen zu rechnen. Eine Tätigkeit, die
häufige Positionswechsel erlaube und das Heben und Tragen von Lasten über fünf bis
zehn kg weitgehend ausschliesse, sollte theoretisch ohne zeitliche Einschränkung
möglich sein (IV-act. 10). Seitens der Klinik für Neurochirurgie am Kantonsspital
St. Gallen (KSSG) ging man am 29. Juli 2002 von einer Arbeitsfähigkeit von 50% in der
Tätigkeit als Verkäuferin aus (IV-act. 21-2). Am 2. Dezember 2002 wurde vom KSSG
festgehalten, eine adaptierte rückenschonende Tätigkeit sollte realisierbar sein.
Allerdings sei von eher reduzierter Leistung auszugehen (IV-act. 29-4). Dr. med. B._,
Facharzt FMH für Innere Medizin, bezeichnete im Bericht vom 24. Februar 2003 eine
Tätigkeit ohne jegliche Rückenbelastung mit häufigem Positionswechsel halbtags (vier
Stunden) als eventuell zumutbar (IV-act. 32-4).
A.b Am 23. April 2004 führte die IV-Stelle eine Abklärung im Haushalt der Versicherten
durch. Die Abklärungsperson qualifizierte die Versicherte als je zu 50% erwerbstätig
und im Haushalt tätig. Im Haushalt ermittelte sie eine Einschränkung von 18.8% (IV-
act. 36-11). Mit Verfügung vom 3. Juni 2003 verneinte die IV-Stelle einen
Rentenanspruch bei einem Gesamtinvaliditätsgrad von 14.4% (IV-act. 40). Dies
bestätigte sie mit Einspracheentscheid vom 7. Juli 2003 (IV-act. 48).
A.c Die Versicherte meldete sich im September 2003 erneut zum IV-Leistungsbezug
an. In der Anmeldung machte sie geltend, der Invaliditätsgrad im Bereich Haushalt
liege über 18% (IV-act. 51-6). Die IV-Stelle erliess am 25. März 2004 mangels geltend
gemachter neuer Tatsachen eine Nichteintretensverfügung (IV-act. 59).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.d Mit Schreiben vom 3. Mai 2006 berichtete die Versicherte von einer weiteren
Operation. Der Gesundheitsschaden könne nicht behoben werden. Die körperliche
Leistungsfähigkeit habe sich unterdessen wesentlich verringert (IV-act. 68). Sie reichte
einen Bericht von Dr. B._ vom 11. Mai 2005 ein (IV-act. 69). Die IV-Stelle veranlasste
eine weitere Haushaltabklärung, die am 10. Oktober 2006 erfolgte. Die
Abklärungsperson qualifizierte die Versicherte nun als Vollerwerbstätige, zumal ihre
Kinder unterdessen weitgehend selbstständig geworden seien (IV-act. 83). Zur
Abklärung der gesundheitlichen Situation gab die IV-Stelle beim Medizinischen
Gutachtenzentrum St. Gallen eine bidisziplinäre Begutachtung der Versicherten in
Auftrag. Das psychiatrische Teilgutachten erstatteten Dr. med. C._ und med. pract.
D._, beide Fachärzte FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinik Teufen, am
25. Juni 2007. Sie nannten die Diagnose der Dysthymie mit spätem Beginn bei
psychosozialer Belastungssituation beginnend 2003. Aus psychiatrischer Sicht bestehe
eine Einschränkung in der Arbeitsfähigkeit von maximal 20% (IV-act. 91). Der
orthopädische Teilgutachter Dr. med. E._, Facharzt FMH für Orthopädische Chirurgie
und Traumatologie des Bewegungsapparates, nannte in seinem Teilgutachten vom
19. Juni 2007 die Diagnosen Osteochondrose und Spondylarthrose L5/S1 mit kleiner
linksrezessaler Diskushernie L5/S1 und Kompression der Nervenwurzel S1 links bei
Status nach Diskushernienoperation L5/S1 links im Januar 2002 und Reoperation im
Februar 2004 sowie Fussheberschwäche bei Radikulopathie L5/S1 links und eventuell
mehretagiger Radikulopathie oder auch Schädigung des Nervus peroneus links.
Körperlich optimal adaptierte Tätigkeiten seien der Versicherten aus orthopädisch/
psychiatrischer Sicht bei voller Stundenpräsenz zu 75% zumutbar (IV-act. 92).
A.e Gestützt auf diese bidisziplinäre Begutachtung stellte die IV-Stelle der Versicherten
mit Vorbescheid vom 22. Januar 2008 die Abweisung des Rentenbegehrens in
Aussicht (IV-act. 97) und verfügte am 29. Februar 2008 trotz Einwand der Versicherten
vom 13. Februar 2008 (IV-act. 98) im Sinn des Vorbescheids (IV-act. 100).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde der Versicherten vom 8. März
2008. Sie beantragt die Aufhebung der Verfügung und die Zusprache einer Rente. Es
liege eine neuerliche zusätzliche körperliche Beeinträchtigung vor. Diese bedinge nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nur eine Operation, sondern beeinträchtige die Erwerbsfähigkeit so stark, dass eine
Invalidität von mehr als 40% resultiere. Der Spitaleintritt erfolge am 13. März 2008. Die
Operation schränke die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit auf Dauer sehr stark ein.
Entsprechende Arztberichte könnten nach der Operation einverlangt werden (IV-
act. 101).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 16. Mai 2008
die Abweisung der Beschwerde. In tatsächlicher Hinsicht sei nur der Sachverhalt bis
zum Erlass der angefochtenen Verfügung von Relevanz. Die Folgen des am 14. März
2008 durchgeführten Eingriffs sowie des postoperativen Verlaufs seien allenfalls im
Rahmen einer Neuanmeldung zu prüfen. Das bidisziplinäre Gutachten sei überzeugend,
darauf könne abgestellt werden. Bei einer Arbeitsfähigkeit von 75% ergebe sich ein
Invaliditätsgrad von 25%. Selbst bei der Annahme, die Beschwerdeführerin müsste
behinderungsbedingt eine weitere Einbusse von 10% hinnehmen, ergäbe sich mit
32.5% keine rentenbegründende Invalidität (act. G 4).
B.c Die Beschwerdeführerin verzichtete auf die Einreichung einer Replik (act. G 7).

Erwägungen:
1.
1.1 Unter Invalidität wird bei als Gesunden voll erwerbstätigen Personen die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Erwerbsunfähigkeit
ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG). Der Grad der für einen allfälligen
Rentenanspruch massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16 ATSG durch einen
Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die versicherte Person
nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der notwendigen und
zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Einkommen,
das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20; bzw. Art. 28 Abs. 1 IVG in der bis 31. Dezember
2007 in Kraft gestandenen Fassung) besteht der Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von
mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-Grad
von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
1.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 Erw. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von
Amtes wegen festzustellen und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel
eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Hinsichtlich
des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 Erw. 3a). Bei einander widersprechenden
medizinischen Berichten muss das gesamte Beweismaterial gewürdigt werden und es
sind die Gründe anzugeben, warum auf die eine und nicht auf die andere medizinische
These abgestellt wird.
2. Nachfolgend ist die medizinische Aktenlage zu würdigen.
2.1 Die somatische Gesundheitssituation der Beschwerdeführerin präsentiert sich
folgendermassen:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1.1 Dr. E._ erkannte im von ihm veranlassten MRI der Lendenwirbelsäule (LWS)
vom 1. März 2007 eine kleine linksrezessale Diskushernie L5/S1 mit
Nervenwurzelkompression S1 links und üblichem postoperativen Narbengewebe im
Operationsbereich. Zudem wurde eine rechtsforaminale Diskushernie L3/4 und median
L4/5 ohne Nervenkompression sichtbar. Das Röntgenbild LWS ap/seitlich vom
28. Februar 2007 ergab eine Osteochondrose und Spondylarthrose L5/S1 sowie eine
Aortensklerose. Funktionsaufnahmen der LWS in maximaler Inklination und Reklination
vom 28. Februar 2007 machten keine Makroinstabilität sichtbar. In seiner Beurteilung
hielt Dr. E._ fest, die lumbalen Schmerzen und die abnormen Untersuchungsbefunde
der LWS könnten auf die radiologisch dargestellten degenerativen Veränderungen
derselben zurückgeführt werden. Die Prognose sei bei Status nach zweifacher
Voroperation und gleichzeitigem Übergewicht und dadurch vermehrter Belastung der
degenerativ veränderten unteren LWS ungünstig. Körperlich belastende Tätigkeiten in
kalter und feuchter Umgebung, die mit häufigen unphysiologischen, speziell gebeugten
Körperhaltungen und regelmässigem Heben und Tragen von Gegenständen über zehn
kg einhergingen, die vorwiegend sitzend oder stehend ausgeführt werden müssten und
bei denen häufig auf Leitern gestiegen werden müsse, seien nicht mehr vollumfänglich
zumutbar. Die Arbeitsfähigkeit als Hausfrau betrage bei voller Stundenpräsenz ca.
50%. Körperlich leichte Tätigkeiten in temperierten Räumen, die abwechslungsweise
sitzend und stehend durchgeführt werden könnten, ohne dass dabei regelmässig
unphysiologische, speziell gebückte Körperhaltungen eingenommen oder Gegenstände
über zehn kg gehoben oder getragen werden müssten, seien bei voller Stundenpräsenz
zu ca. 75% zumutbar. Als einzige Behandlungsmöglichkeit könne nur eine nochmalige
operative Intervention empfohlen werden. Eine zusätzliche Gewichtsabnahme wäre
empfehlenswert, wobei aber dadurch allein keine wesentliche Schmerzreduktion
erwartet werden dürfe. Eventuell könne durch eine Operation eine leichte Steigerung
der Arbeitsfähigkeit erzielt werden (IV-act. 92).
2.2 Die Beurteilung von Dr. E._ beruht auf eingehenden Untersuchungen, wobei
auch neue Röntgen- und MRI-Bilder erstellt und ausgewertet wurden. Die
Schmerzangaben der Beschwerdeführerin sind demnach grundsätzlich
nachvollziehbar. Dennoch erachtet der Gutachter eine Arbeitsfähigkeit von 75% in
einer optimal dem Leiden angepassten, rückenschonenden Tätigkeit für gegeben. Die
Ausführungen im Gutachten sowie die übrigen medizinischen Unterlagen lassen nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
darauf schliessen, dass diese Schätzung zu hoch greift. Die behandelnden Ärzte des
KSSG hatten knapp elf Monate nach der ersten Rückenoperation vom Januar 2002 die
Arbeitsfähigkeit in einer rückenschonenden Tätigkeit als realisierbar eingeschätzt,
wobei von einer reduzierten Leistung auszugehen sei (IV-act. 29-4). Für die Zeit nach
der zweiten Rückenoperation im Februar 2004 liegen seitens des KSSG keine
Arbeitsfähigkeitsschätzungen vor. Dr. B._ hatte am 24. Februar 2003 vage eine
Arbeitsfähigkeit von vier Stunden täglich in einer optimal rückenschonenden Tätigkeit
attestiert (IV-act. 32-4). Am 23. Juli 2004 hatte Dr. B._ trotz der Operation vom
Februar 2004 von einem grundsätzlich stationären Gesundheitszustand berichtet (IV-
act. 65-2). Auch am 3. August 2006 bezeichnete er den Gesundheitszustand weiterhin
als stationär. Er stellte eine schlechte Prognose, zumal die Symptomatik medikamentös
und therapeutisch kaum zu beeinflussen sei (IV-act. 79). Dr. B._ verfügt nicht über
einen orthopädischen Facharzttitel. Seine Einschätzungen sind nur rudimentär
begründet. Weder enthalten sie Hinweise auf umfassende eigene Untersuchungen
noch nimmt Dr. B._ Stellung zu Erkenntnissen aus bildgebenden Untersuchungen.
Wenngleich wünschenswert wäre, dass Dr. E._ sich explizit mit der Einschätzung von
Dr. B._ auseinandergesetzt hätte, so wiegt dieser Mangel am Gutachten von Dr.
E._ doch nicht so schwer, dass seine Schlussfolgerungen insgesamt in Zweifel
gezogen werden müssten. Insgesamt ist davon auszugehen, dass Dr. E._ als
unabhängiger Gutachter ohne Behandlungsauftrag und ohne therapeutischen Auftrag
und Ansatz die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin objektiv einschätzte, was
Dr. B._ möglicherweise wegen seiner Vertrauensstellung zur Beschwerdeführerin als
deren behandelnder Arzt sowie mangels fachorthopädischer Spezialisierung nicht
ausreichend gelang.
2.3
2.3.1 Das psychiatrische Teilgutachten der Klinik Teufen erscheint ebenfalls als
schlüssig und nachvollziehbar. Die Beschwerdeführerin hatte den Gutachtern von seit
der zweiten Operation im Jahr 2004 auftretenden Stimmungseinbrüchen berichtet.
Diese würden ein- bis dreimal wöchentlich auftreten, mehrere Stunden anhalten und
meist von ihren Kindern gut aufgefangen werden. Sie beschrieb ihre Stimmung als
"normal", nie fröhlich. Seit der zweiten Operation möge sie aufgrund ihrer Schmerzen
nicht so recht, habe wenig Hoffnung, dass die Schmerzen besserten und sei seit gut
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einem Jahr resigniert. Die Gutachter erlebten die Beschwerdeführerin als
bewusstseinsklar und in allen Ebenen orientiert. Konzentration und Aufmerksamkeit
seien subjektiv leicht eingeschränkt, objektiv während der Exploration erhalten. Im
formalen Denken bestehe subjektiv Grübeln und Gedankenkreisen, objektiv sei dieses
umständlich und zeitweise eingeengt, jedoch geordnet. Angst- und Zwangssymptome
sowie Wahnideen, Ich-Störungen und Sinnestäuschungen würden verneint. Affektiv
bestünden eine leicht gedrückte Grundstimmung und eingeschränkte Vitalgefühle. Die
Gutachter berichten von diskreter Hoffnungsarmut, eingeschränkten Interessen und
Affektlabilität mit dysphorischer Reizbarkeit, zeitweise innerer Unruhe und
Ängstlichkeit. Im Gutachten wird die Diagnose der Dysthymie mit spätem Beginn bei
psychosozialer Belastungssituation beginnend 2003 genannt. Auf psychisch-geistiger
Ebene sei die Beschwerdeführerin durch ihre Einengung der Gedanken auf die
Schmerzwahrnehmung leicht eingeschränkt. Im sozialen Bereich sei sie aufgrund ihrer
Stimmungseinbrüche leicht reduziert. Die bestehende psychische Störung führe zu
einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit als Hausfrau und für jedwelche ungelernte
Tätigkeit oder Tätigkeit als Verkäuferin von maximal 20% (IV-act. 91). Diese Beurteilung
ist plausibel. Hinweise auf eine gravierende psychiatrische Fehlentwicklung liefern
weder das Gutachten noch die übrigen medizinischen Akten. Dass nach jahrelangen
Schmerzen und zwei Operationen, die im subjektiven Empfinden der
Beschwerdeführerin keine Besserung gebracht haben, eine gewisse Beeinträchtigung
des psychischen Wohlbefindens in Form einer Dysthymie auftritt, erscheint als
nachvollziehbar.
2.3.2 Gemäss der von der Weltgesundheitsorganisation WHO herausgegebenen
Internationalen Statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter
Gesundheitsprobleme handelt es sich bei der Dysthymie (ICD-10 F34.1) um eine
chronische, wenigstens mehrere Jahre andauernde depressive Verstimmung, die
weder schwer noch hinsichtlich einzelner Episoden anhaltend genug ist, um die
Kriterien einer schweren, mittelgradigen oder leichten rezidivierenden depressiven
Störung zu erfüllen. Das Bundesgericht (bis Ende 2007: Eidgenössisches
Versicherungsgericht) hat verschiedentlich angenommen, eine Dysthymie sei den
jeweiligen Umständen nach nicht invalidisierend (Urteile 8C_481/2008 vom
4. November 2008, Erw. 3.2.1; I 938/05 vom 24. August 2006, Erw. 4.1 und Erw. 5;
I 834/04 vom 19. April 2006, Erw. 4.1). Diese Schlussfolgerung, die sich auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
medizinische Empirie abstützt, ist freilich nicht absolut zu setzen; eine dysthyme
Störung kann die Arbeitsfähigkeit im Einzelfall erheblich beeinträchtigen, wenn sie
zusammen mit anderen Befunden – wie etwa einer ernsthaften Persönlichkeitsstörung
– auftritt. Findet sich im Psychostatus indes nur eine Dysthymie, so kann das wohl eine
Einbusse an Leistungsfähigkeit mit sich bringen, kommt aber für sich allein nicht einem
Gesundheitsschaden im Sinn des Gesetzes gleich (SVR 2008 IV Nr. 8 S. 23, Erw. 3.3.1,
I 649/06; 8C_481/2008, Erw. 3.2.1). Vorliegend gingen die psychiatrischen und der
orthopädische Gutachter in ihrer gemeinsamen Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin davon aus, dass diese aus orthopädisch/psychiatrischer Sicht in
der angestammten Tätigkeit als Verkäuferin bei 50% und in einer optimal adaptierten,
rückenschonenden Tätigkeit bei 75% liegt (IV-act. 92-7). Diese Einschätzung
berücksichtigt die gesundheitlichen Einschränkungen der Beschwerdeführerin
gesamthaft. Somit kann auf das Ergebnis des bidisziplinären Gutachtens abgestellt
werden.
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin wandte sich weder in ihrem Einwand auf den Vorbescheid
noch in ihrer Beschwerde betreffend die angefochtene Verfügung gegen die
Erkenntnisse des Gutachtens. Vielmehr verwies sie auf eine Verschlechterung ihres
Gesundheitszustands. Gemäss Einwand vom 13. Februar 2008 würden weitere
Untersuchungen am KSSG vorgenommen (IV-act. 98). In der Beschwerde beantragte
sie explizit die Zusprache einer Rente aufgrund neuer körperlicher Beschwerden und
verwies auf eine zusätzliche körperliche Beeinträchtigung (act. G 1). Gemäss Bericht
der Neurochirurgie des KSSG vom 17. März 2008 war die Beschwerdeführerin dort
vom 13. bis 17. März 2008 hospitalisiert. Am 14. März 2008 wurde operativ eine
Revision und Sequesterrektomie L5/S1 links und eine Fenestration und subligamentäre
Nukleotomie L4/5 links durchgeführt. Die Operation sei komplikationslos verlaufen,
postoperativ sei es der Beschwerdeführerin gut gegangen, die Schmerzen hätten
nachgelassen (IV-act. 104).
3.2 Bei der im vorliegenden Verfahren durchzuführenden Überprüfung der
Rechtmässigkeit der angefochtenen Verfügung vom 29. Februar 2008 ist grundsätzlich
auf den Sachverhalt abzustellen, wie er bis zum Zeitpunkt des Erlasses der Verfügung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eingetreten ist (BGE 129 V 167, Erw. 1). Die Beschwerdegegnerin erliess die
angefochtene Verfügung, ohne den von der Beschwerdeführerin im Einwand vom
13. Februar 2008 in Aussicht gestellten Bericht von Dr. med. F._, Facharzt FMH für
Neurochirurgie, abzuwarten. In der Verfügung hielt sie fest, das Anhörungsverfahren
könne nicht auf unbestimmte Zeit verlängert werden. Grundsätzlich ist dieses Vorgehen
nicht zu beanstanden. Die Beschwerdegegnerin schloss das im Mai 2006 eingeleitete
Rentenrevisionsverfahren ab. Dass eine weitere Operation anstand, war dem Einwand
der Beschwerdeführerin nicht zu entnehmen. Doch selbst die Operation vom 14. März
2008 liesse nicht automatisch auf eine namhafte Verschlechterung des
Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin schliessen. Dr. E._ hatte in seinem
Gutachten als einzige Behandlungsmöglichkeit eine nochmalige operative Intervention
empfohlen. Eventuell könne dadurch eine leichte Steigerung der Arbeitsfähigkeit erzielt
werden (IV-act. 92-6). Kurz nach der Operation wurde seitens des KSSG von einem
Nachlassen der Schmerzen berichtete (IV-act. 104). Sollte längerfristig dennoch eine
Verschlechterung des Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin im Vergleich zum
Zeitraum um die Begutachtung durch Dr. E._ im Februar 2007 eingetreten sein, so
steht es der Beschwerdeführerin frei, sich erneut bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug
anzumelden.
4.
4.1 Die Beschwerdegegnerin hielt in der Beschwerdeantwort zu Recht fest, dass der
Einkommensvergleich bei einer Arbeitsfähigkeit von 75% keine rentenbegründende
Invalidität ausweise. Die Qualifikation der Beschwerdeführerin als Vollerwerbstätige im
hypothetischen Gesundheitsfall ist nicht zu beanstanden, zumal ihre Kinder
unterdessen weitgehend selbstständig sind und die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer
realistischerweise eher tiefen Lohnerwartungen schon allein aus finanziellen Gründen
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine volle Erwerbstätigkeit ausüben würde.
Mangels rentenbegründender Invalidität wurde das Rentenbegehren folglich zu Recht
abgewiesen.
4.2 Offenbar nicht geprüft hat die Beschwerdegegnerin Ansprüche der
Beschwerdeführerin auf berufliche Massnahmen. Wenngleich mangels
rentenbegründender Invalidität keine Eingliederungspflicht der Beschwerdegegnerin
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
besteht, so hat die Beschwerdeführerin aufgrund des bei mindestens 25% liegenden
Invaliditätsgrads grundsätzlich Anspruch auf berufliche Massnahmen. Im bisherigen
Verfahren machte sie wiederholt deutlich, sich subjektiv fast gar nicht mehr arbeitsfähig
zu fühlen. Sollte sich dies ändern und sollte die Beschwerdeführerin einen
Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt wünschen, so könnte sie sich mit dem Gesuch um
Prüfung der beruflichen Massnahmen (denkbar wären neben einer allfälligen Anlehre
insbesondere die Gewährung von Einarbeitungszuschüssen und Arbeitsvermittlung) an
die IV-Stelle wenden.
5.
5.1 Gestützt auf die obigen Erwägungen ist die angefochtene Verfügung nicht zu
beanstanden und die Beschwerde abzuweisen.
5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis
Fr. 1'000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-
erscheint als angemessen. Sie ist der unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen.
Der von ihr geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe ist anzurechnen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG