Decision ID: 60830a09-6513-53c0-b3c6-a818dae55c12
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Verfügung vom 14. Juli 2014 erkannte das SEM den Beschwerdeführer
als Flüchtling an und gewährte ihm Asyl.
B.
Im Februar 2017 informierte die Schweizerische Botschaft in Athen das
SEM, dass der Beschwerdeführer am 15. April 2016 in Griechenland an-
lässlich einer Personenkontrolle verhaftet worden sei, nachdem in seinem
Gepäck sieben gefälschte rumänische Identitätspapiere gefunden worden
seien. Er sei am 18. April 2017 aus der Haft entlassen worden und hätte
sich fortan während vier Jahren einmal monatlich auf einem Polizeiposten
in Griechenland melden müssen. Er sei jedoch noch im April 2017 in die
Schweiz zurückgekehrt.
C.
Mit Schreiben vom 11. Oktober 2017 forderte das SEM den Beschwerde-
führer auf, ausführlich zu diversen Fragen betreffend seinen Aufenthalt und
seine Haft in Griechenland Stellung zu nehmen und alle Unterlagen zur
Inhaftierung, allfälligen Verurteilung und Haftentlassung einzureichen.
D.
Am 26. Oktober 2017 nahm der Beschwerdeführer kurz zu den Fragen der
Vorinstanz Stellung. Zu allfälligen Unterlagen äusserte er sich nicht.
E.
Mit Schreiben vom 26. Januar 2018 gewährte ihm die Vorinstanz im Hin-
blick auf einen allfälligen Asylwiderruf das rechtliche Gehör und forderte ihn
erneut zur Einreichung der einverlangten Unterlagen auf. Innerhalb der ge-
setzten Frist (23. Februar 2018) und bis zum Entscheiddatum kam der Be-
schwerdeführer dem nicht nach.
F.
Mit Verfügung vom 19. April 2018 – eröffnet am 22. April 2018 – widerrief
das SEM das dem Beschwerdeführer gewährte Asyl.
G.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 22. Mai 2018 erhob der Be-
schwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen den
vorinstanzlichen Entscheid und beantragte die Aufhebung der angefochte-
nen Verfügung. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der
D-2967/2018
Seite 3
unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und um Beiordnung seines Rechtsvertreters als amtli-
chen Rechtsbeistand. Mit der Beschwerdeschrift reichte er diverse Unter-
lagen betreffend seine Bedürftigkeit sowie verschiedene Dokumente in
griechischer Sprache ein. Zudem ersuchte er um amtliche Übersetzung der
griechischen Dokumente, da er selber nicht über die nötigen Mittel verfüge.
H.
Am 24. Mai 2018 bestätigte das Gericht den Eingang der Beschwerde.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 11. Juni 2018 hiess die Instruktionsrichterin
die Gesuche um unentgeltliche Rechtspflege und amtliche Verbeiständung
gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und ordnete
den rubrizierten Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand bei. Zu-
gleich informierte sie über die amtliche Übersetzung der von ihr für wesent-
lich erachteten griechischen Dokumente in englischer Sprache (vgl.
Art. 33a Abs. 4 VwVG) und lud das SEM zur Vernehmlassung ein.
J.
In seiner Vernehmlassung vom 18. Juni 2018 hielt das SEM an seiner Ver-
fügung fest.
K.
In seiner Replik vom 5. Juli 2018 nahm der Beschwerdeführer zur vor-
instanzlichen Vernehmlassung Stellung. Zudem ersuchte er um Einsicht in
die amtliche Übersetzung der wesentlichen Unterlagen aus Griechenland
und um Fristerstreckung zur Einreichung einer ergänzenden Replik.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 9. Juli 2018 gewährte die Instruktionsrichterin
dem Beschwerdeführer Einsicht in die übersetzten Dokumente und eine
Frist zur ergänzenden Replik.
M.
Mit Schreiben vom 24. Juli 2018 und damit innert Frist ergänzte der Be-
schwerdeführer seine Replik. Zugleich reichte er eine Kostennote seines
Rechtsvertreters sowie einen Strafregisterauszug vom 13. April 2018 ein.
D-2967/2018
Seite 4
N.
Mit Zwischenverfügung vom 9. August 2018 forderte die Instruktionsrichte-
rin den Beschwerdeführer auf, das griechische Strafurteil vom 8. März
2017 zu den Akten zu reichen.
O.
Mit Schreiben vom 17. September 2018 kam der Beschwerdeführer nach
zweimaliger Fristerstreckung zwecks Kontaktaufnahme mit dem griechi-
schen Strafverteidiger der Aufforderung des Gerichts nach und reichte das
Strafurteil in griechischer Sprache ein.
P.
Mit Zwischenverfügung vom 9. Oktober 2018 lud die Instruktionsrichterin
nach amtlicher Übersetzung des Strafurteils das SEM erneut zur Vernehm-
lassung ein.
Q.
In seiner Vernehmlassung vom 11. Oktober 2018 hielt das SEM weiter an
seiner Verfügung fest.
R.
Mit Eingabe vom 31. Oktober 2018 nahm der Beschwerdeführer zur vor-
instanzlichen Vernehmlassung vom 11. Oktober 2018 Stellung und reichte
eine aktualisierte Kostennote seines Rechtsvertreters ein.
S.
Am 5. April 2019 heiratete der Beschwerdeführer die iranische Staatsan-
gehörige B._. Am 24. September 2019 wurde ihr gemeinsames
Kind C._ geboren. Mit Verfügung vom 8. Oktober 2019 wurde die
Ehefrau in die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers einbezogen
und vorläufig aufgenommen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
D-2967/2018
Seite 5
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Der Beschwerdeführer ist legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihrer Verfügung aus, der Be-
schwerdeführer habe mangels Einreichung von Unterlagen zu seiner Ver-
urteilung in Griechenland die abschliessende Feststellung verunmöglicht,
für welche Straftat er tatsächlich verurteilt worden sei. Dass er wegen Be-
sitzes rumänischer Identitätsdokumente inhaftiert worden sei, lasse vermu-
ten, er sei in die Beihilfe zur rechtswidrigen Einreise einer Person in die
Schweiz oder in einen anderen Schengen-Staat, zum rechtswidrigen Auf-
enthalt dort oder zur rechtswidrigen Ausreise (Menschenschmuggel) invol-
viert gewesen. Diese Straftat könne nach schweizerischem Recht (Art. 116
Abs. 3 AuG, jetzt Art. 116 Abs. 3 AIG [SR 142.20]) mit einer Freiheitsstrafe
bis zu fünf Jahren geahndet werden und sei demnach als Verbrechen ein-
zustufen. Die Erklärung des Beschwerdeführers in seiner Stellungnahme
vom 26. Oktober 2017, wonach er die Identitätsdokumente unwissentlich
auf sich getragen habe, könne nicht geglaubt werden, ebenso wenig, dass
er sich nicht an die Kontaktdaten seiner griechischen Rechtsvertretung er-
innern könne. Sein Aussageverhalten sowie die unterbliebene Einreichung
der eingeforderten Unterlagen erweckten vielmehr den Verdacht, dass er
dem SEM zentrale Punkte seiner Verurteilung vorenthalten wolle. Die be-
gangene Straftat sei damit als verwerflich zu erachten.
Bei Verdacht auf Menschenschmuggel könne zudem nicht von einem ge-
ringen Verschulden ausgegangen werden. Im Gegenteil sei grundsätzlich
von einer gewissen kriminellen Energie des Beschwerdeführers auszuge-
D-2967/2018
Seite 6
hen. Dafür sprächen ebenso die Bestrafung mit einer zwölfmonatigen Frei-
heitsstrafe und die anschliessende Unterstellung unter eine monatliche
Meldepflicht während vier Jahren. Das Kriterium der besonderen Verwerf-
lichkeit sei damit als erfüllt anzusehen. In der Folge sei das Asyl zu wider-
rufen.
Der Asylwiderruf erscheine im Weiteren auch verhältnismässig, da er nicht
zu einer automatischen Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft führe und
der Verlust des Asylstatus sich nicht unmittelbar konkret nachteilig für den
Beschwerdeführer auswirke. Solange der zuständige Kanton die Nieder-
lassungsbewilligung nicht widerrufe – wobei ein solcher Entscheid anfecht-
bar wäre – habe der Beschwerdeführer ein Anwesenheitsrecht in der
Schweiz und die Möglichkeit zu arbeiten. Als Flüchtling verfüge er weiterhin
über den Non-Refoulement-Schutz gemäss Art. 33 des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30)
und Art. 5 AsylG. Zudem sei er danach besser gestellt als die übrigen vor-
läufig Aufgenommenen. Mithin stünden dem öffentlichen Interesse keine
überwiegenden privaten Interessen des Beschwerdeführers gegenüber.
3.2 Der Beschwerdeführer brachte zur Begründung seiner Beschwerde
vor, er habe aus Überforderung mit der tatsächlichen und finanziellen Situ-
ation nach seiner Rückkehr in die Schweiz bis in das Jahr 2018 hinein nicht
in ausreichender Weise an der Erstellung des rechtserheblichen Sachver-
halts mitwirken können. Er habe im Februar 2017 mit dem griechischen
Anwaltsbüro D._ Verbindung aufgenommen, eine Vollmacht man-
gels finanzieller Möglichkeiten aber nicht unterzeichnet. Soweit er dies
habe verstehen können, sei er im Strafverfahren amtlich vertreten worden.
Aufgrund fehlender Erkenntnisse habe die Vorinstanz keine wirkliche Ver-
hältnismässigkeitsprüfung vornehmen können und sich auf Vermutungen
stützen müssen, etwa um von einer Straftat nach Art. 116 Abs. 3 AIG aus-
zugehen. Dabei sei aber implizit behauptet worden, dass die qualifizieren-
den Merkmale der Bereicherungsabsicht oder der Zusammenarbeit mit ei-
ner Schlepperorganisation vorlägen, bei denen allein eine Freiheitsstrafe
von bis zu fünf Jahren vorgesehen werde (sonst ein Strafrahmen von nicht
über einem Jahr Freiheitsstrafe). Ob das Erfordernis der besonderen Ver-
werflichkeit erfüllt sei, müsse aktuell noch offen bleiben. Die eingereichten
Dokumente in griechischer Sprache könnten Aufschluss geben.
3.3 In seiner Vernehmlassung vom 18. Juni 2018 führte das SEM aus, die
Argumentation zum finanziellen Engpass des Beschwerdeführers über-
D-2967/2018
Seite 7
zeuge nicht. Es hätte ihm offen gestanden, ein Gesuch um Fristverlänge-
rung einzureichen und die Gründe zu benennen, weshalb ihm eine fristge-
rechte Antwort nicht möglich sei. Ihm sei genügend Zeit zur Beantwortung
der Fragen und Einreichung der Unterlagen eingeräumt worden. Es sei da-
her nicht nachvollziehbar, dass er innerhalb eines knappen halben Jahres
dazu ausserstande gewesen sein soll, dies umso mehr, als ihm spätestens
nach Erhalt des rechtlichen Gehörs die drohenden Rechtsfolgen bekannt
gewesen seien. Er habe in seiner Eingabe vom 26. Oktober 2017 noch er-
klärt, die Kontaktdaten seines Rechtsanwalts verloren zu haben. Der Be-
schwerdeschrift sei nicht zu entnehmen, warum der Beschwerdeführer erst
bei Gericht die gerichtlichen Dokumente habe einreichen können. Es
müsse angenommen werden, dass er seit seiner Verurteilung im Besitz
dieser Dokumente gewesen sei und sie der Vorinstanz vorenthalten habe.
Den gerichtlichen Dokumenten sei zu entnehmen, dass er aufgrund des
Versuchs der Beihilfe zur rechtswidrigen Ausreise aus Griechenland von
Drittstaatsangehörigen zu vier Jahren Haft und aufgrund Besitzes von sie-
ben gefälschten Reisedokumenten zu zwei Jahren Haft verurteilt worden
sei (mit endgültigem Urteil fünf Jahre Freiheitsstrafe). Demnach sowie nach
Durchsicht der gerichtlichen Unterlagen aus Griechenland werde das Er-
fordernis der besonderen Verwerflichkeit weiterhin als gegeben erachtet.
3.4 In seiner Replik vom 5. Juli 2018 bemerkte der Beschwerdeführer er-
neut, dass es ihm nicht an Zeit, sondern an den finanziellen Mitteln für eine
erforderliche juristische Beratung und Schreibhilfe zur Stellungnahme ge-
fehlt habe, zumal er über wenig schriftliche Deutschkenntnisse verfüge. Er
habe auch nicht gewusst, was er mit den zahlreichen Unterlagen in grie-
chischer Sprache anfangen solle, die er nicht verstanden habe. Erst nach
Erhalt der Verfügung vom 19. April 2018 habe er sich auf dringenden Rat
eines Kollegen an den rubrizierten Rechtsvertreter gewandt.
3.5 In der ergänzenden Replik vom 24. Juli 2018 brachte der Beschwerde-
führer nach Einsicht in die übersetzten Gerichtsdokumente vor, darin wür-
den ihm weder Bereicherungsabsicht noch Gewerbs- oder Bandenmässig-
keit vorgeworfen noch Beweise in dieser Hinsicht genannt (vgl. Art. 116
Abs. 3 AIG). Mithin sei nach schweizerischem Recht von der Förderung
der rechtswidrigen Ein- und Ausreise nach Art. 116 Abs. 1 AIG sowie von
der Fälschung von Ausweisen nach Art. 252 StGB (SR 311.0) auszugehen,
welche mit höchstens einem beziehungsweise drei Jahren geahndet wür-
den. Der hohe Strafrahmen von zehn Jahren Freiheitsstrafe für die Förde-
rung der rechtswidrigen Ein- und Ausreise nach griechischem Recht sei vor
dem länderspezifischen Kontext zu sehen und nicht ohne weiteres auf den
D-2967/2018
Seite 8
nach schweizerischen Gesetzen anzuwendenden Massstab hinsichtlich
des Unrechtsgehalts einer Straftat übertragbar. Griechenland dürfte damit
versucht sein, generalpräventive Ziele zu erreichen und das Schlepperwe-
sen dadurch zu bekämpfen. Der hohe Strafrahmen sei zudem in Verbin-
dung mit der Möglichkeit zur bedingten Entlassung nach Verbüssung eines
Fünftels der Strafe zu sehen. Dem eingereichten Strafregisterauszug seien
des Weiteren zwei Vorstrafen (Führen eines Fahrzeugs ohne Ausweis,
trotz Verweigerung, Aberkennung oder Entzug und ohne Haftpflichtversi-
cherung vom 24. April 2015 [Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu Fr. 30.–,
bedingt vollziehbar, Probezeit 2 Jahre, Busse Fr. 600.–]; Diebstahl, Führen
eines Fahrzeugs trotz Verweigerung, Aberkennung oder Entzug des Aus-
weises, Verletzung von Verkehrsregeln vom 24. August 2015 [Geldstrafe
von 45 Tagessätzen zu Fr. 30.–, Busse Fr. 360.–]) zu entnehmen, welche
wie die Straftaten nach Art. 116 Abs. 1 AIG und Art. 252 StGB als Vergehen
zu qualifizieren seien und sich aufgrund des geringen Strafmasses als Ba-
gatellen erwiesen. Mithin könne ihm weder die Begehung eines Verbre-
chens noch einer Reihe von Straftaten vorgeworfen werden, weshalb die
besondere Verwerflichkeit zu verneinen sei. Selbst bei gegenteiliger Ein-
schätzung müsse im Rahmen der Verhältnismässigkeitsprüfung dem Um-
stand gebührend Rechnung getragen werden, dass das schweizerische
Recht deutlich geringere Straftaten für die begangenen Delikte vorsehe.
3.6 In der weiteren Vernehmlassung vom 18. Oktober 2018 hielt das SEM
unter Bezug auf die gerichtlichen Unterlagen einschliesslich dem Strafurteil
fest, es sei kaum nachvollziehbar und widerspreche jeglicher Logik des
Handelns, dass der Beschwerdeführer sieben Identitätsdokumente von
ihm unbekannten Personen auf sich genommen habe, ohne sich der damit
verbundenen Risiken bewusst zu sein. In seiner Stellungnahme vom
26. Oktober 2017 habe er zudem noch geltend gemacht, er habe die Iden-
titätsdokumente unbewusst mitgenommen. Wie von der griechischen
Staatsanwaltschaft festgehalten, könne es kein Zufall sein, dass der Be-
schwerdeführer sich mit den Dokumenten ausgerechnet nach Lesbos be-
geben habe, zu einem Zeitpunkt, da zahlreiche papierlose Asylsuchende
versuchten, die Insel zu verlassen. Zwar werde ihm weder Bereicherungs-
absicht noch Gewerbs- oder Bandenmässigkeit vorgeworfen. Es sei jedoch
davon auszugehen, dass er ohne Anhaltung durch die Polizei die Identi-
tätsdokumente zu einem hohen Preis an papierlose Migranten verkauft
hätte. Anders sei nicht ersichtlich, warum er ein derart riskantes Verhalten
hätte in Kauf nehmen sollen. Es sei somit davon auszugehen, dass er nicht
uneigennützig, sondern im vollen Bewusstsein seiner Tat und mit Bereiche-
rungsabsicht gehandelt habe.
D-2967/2018
Seite 9
3.7 In seiner Stellungnahme vom 31. Oktober 2018 widersprach der Be-
schwerdeführer erneut der vorinstanzlichen Einschätzung, seine Tat sei mit
einer qualifizierten Begehung der Förderung der rechtswidrigen Ein- und
Ausreise (Art. 116 Abs. 3 AIG) vergleichbar. Es widerspreche der Un-
schuldsvermutung, ihm ohne entsprechenden Vorwurf eine Bereicherungs-
absicht zu unterstellen. Das hohe Strafmass rühre woanders her, nämlich
aus der mehrfachen Tatbegehung (sieben gefälschte Identitätskarten) und
der Konkurrenz zwischen verschiedenen Straftatbeständen. Gemäss grie-
chischem Strafurteil könne die Tat aber auch deshalb nicht als besonders
verwerflich bezeichnet werden, da die Gesamtfreiheitstrafe von fünf Jahren
in eine Geldstrafe umgewandelt worden sei mit der Begründung, sein Cha-
rakter und die übrigen Umstände liessen es als ausreichend erscheinen,
ihn mit einer Geldstrafe von der Begehung weiterer Straftaten abzuhalten.
Die Rechtsgüter der rechtmässigen Ein- und Ausreise sowie das einer Ur-
kunde im Rechtsverkehr entgegengebrachte Vertrauen als Beweismittel
könnten zudem nicht mit Gewalt-, Sexual- oder Drogendelikten verglichen
werden, bei denen das betroffene Rechtsgut einen höheren Stellenwert
geniesse. Der durch sein Verhalten angerichtete Schaden müsse auch als
relativ gering qualifiziert werden, zumal die Tat – obschon durch äussere
Umstände verursacht – im Versuchsstadium steckengeblieben und ein
Schaden damit nicht angerichtet worden sei. Schliesslich zeuge sein Ver-
halten gegenüber den schweizerischen Behörden, seine Tat zunächst als
unbewusste, nicht geplante Kurzschlusshandlung zu verkaufen, höchstens
von einer mangelnden Einsicht. Sie werde damit jedoch nicht zu einer be-
sonders verwerflichen Tat.
4.
4.1 Art. 53 AsylG bestimmt, dass Flüchtlingen kein Asyl gewährt wird, wenn
sie wegen verwerflicher Handlungen dessen unwürdig sind (Bst. a) oder
die innere oder die äussere Sicherheit der Schweiz verletzt haben oder
gefährden (Bst. b) oder gegen sie eine Landesverweisung ausgesprochen
wurde (Bst. c). Nach der von der Asylrekurskommission (ARK) entwickel-
ten und seither bestätigten Praxis gelten als «verwerfliche Handlungen» im
Sinne von Art. 53 Bst. a AsylG nicht nur Straftaten, welche Verbrechen und
Handlungen im Sinne von Art. 1 F FK darstellen, sondern all jene, die unter
den Verbrechensbegriff von Art. 9 Abs. 1 StGB in der bis zum 31. Dezem-
ber 2006 gültigen Fassung fallen. Nicht von Belang ist, ob die verwerfliche
Handlung einen ausschliesslich gemein-rechtlichen Charakter hat oder als
politisches Delikt aufzufassen ist (vgl. BVGE 2014/29 E. 5.3.1; 2012/20
E. 4.2; 2011/29 E. 9.2.2; 2010/44 E. 6.1; EMARK 2003 Nr. 11 E. 7; 2002
Nr. 9 E. 7b; 1993 Nr. 23 E. 6).
D-2967/2018
Seite 10
Als Verbrechen gemäss aArt. 9 Abs. 1 StGB wurde jede mit Zuchthaus be-
drohte Straftat definiert (Mindeststrafe von einem Jahr und Höchststrafe
von 20 Jahren, in besonderen Fällen lebenslänglich, vgl. aArt. 35 StGB).
Seit der Änderung des Strafgesetzbuches auf den 1. Januar 2007 werden
Straftaten als Verbrechen definiert, die mit mehr als drei Jahren Freiheits-
strafe bedroht sind (Art. 10 Abs. 2 StGB). Zudem wurde die Unterschei-
dung der Strafen in Zuchthaus und Gefängnis aufgegeben. Nach altem wie
nach neuem Recht wird für die Einstufung von Straftaten unabhängig von
der im Einzelfall verhängten Strafe die für die begangene Straftat vorgese-
hene Höchststrafe berücksichtigt. Das Bundesverwaltungsgericht schloss
daraus, dass die Änderung des Verbrechensbegriffs mehrheitlich keine
Auswirkungen auf die Beurteilung einer Straftat als verwerfliche Handlung
habe, vorausgesetzt das Höchststrafmass ändere sich nicht (vgl. BVGE
2012/20 E. 4.3).
In der neueren Rechtsprechung wird unter Hinweis auf Art. 333 Abs. 2
Bst. a StGB (Ersatz des Begriffs «Zuchthaus» durch «Freiheitsstrafe von
mehr als einem Jahr») festgehalten, dass auch Vergehen als verwerfliche
Handlung im Sinne von Art. 53 AsylG erachtet werden und zum Asylaus-
schluss führen können, sofern sie mit einer Freiheitsstrafe von mehr als
einem Jahr bestraft werden (vgl. Urteile des BVGer E-1341/2017 vom
27. Januar 2020 E. 3.3 und E-2734/2015 vom 16. April 2018 E. 7.2.1). Die
fortgesetzte Anbindung an den alten Verbrechensbegriff rechtfertige sich
damit, dass die ARK-Praxis vom Gesetzgeber mit der Totalrevision des
Asylgesetzes im Jahr 1998 bewusst übernommen worden sei (vgl. BVGE
2011/29 E. 9.2.2). Unter Art. 53 AsylG könnten mithin auch Handlungen
subsumiert werden, denen keine strafrechtliche Konnotation im engeren
Sinne des Strafrechts zukomme. Art. 53 AsylG verwende letztlich keinen
der Begriffe «Verbrechen, Vergehen, Delikte oder strafbare Handlungen»,
sondern jenen der «verwerflichen Handlung»; dieser werde durch die
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts definiert (vgl. Urteile des
BVGer E-1341/2017 E. 3.3 und E-2734/2015 E. 7.2.1, je m.H.).
4.2 Gemäss Art. 63 Abs. 2 Bst. a AsylG (in Kraft seit 1. April 2019; inhaltlich
gleichlautend wie der vorherige Art. 63 Abs. 2 AsylG) widerruft das SEM
das Asyl, wenn ein Flüchtling die innere oder äussere Sicherheit der
Schweiz verletzt hat oder gefährdet oder wenn er besonders verwerfliche
strafbare Handlungen begangen hat. Ein solcher Widerruf setzt gemäss
konstanter Rechtsprechung eine qualifizierte Asylunwürdigkeit im Sinne
von Art. 53 AsylG voraus; mithin muss die «besonders verwerfliche Hand-
D-2967/2018
Seite 11
lung» qualitativ eine Stufe über der im Sinne von Art. 53 AsylG «verwerfli-
chen Handlung» stehen. Die in Frage stehende Straftat muss demnach mit
einer erheblichen Strafe bedroht sein und eine gewisse Intensität aufwei-
sen. Bei der Beurteilung der Intensität der Straftat müssen die verletzten
Rechtsgüter, der Umfang des Schadens und das Verhalten des Täters be-
rücksichtigt werden (vgl. BVGE 2012/20 E. 5.2). Zudem muss bei der Wür-
digung einer strafbaren Handlung als besonders verwerflich im Sinne von
Art. 63 Abs. 2 Bst. a AsylG der Grundsatz der Verhältnismässigkeit beach-
tet werden (vgl. BVGE 2012/20 E. 6.1 f.).
Das Bundesverwaltungsgericht ist überdies zum Schluss gekommen, dass
auch eine Reihe von geringfügigen Straftaten – die für sich alleine genom-
men das Kriterium der besonderen Verwerflichkeit nicht erfüllen – in Kom-
bination mit einer verwerflichen Handlung als besonders verwerfliche
Handlung erachtet werden und einen Asylwiderruf gemäss Art. 63 Abs. 2
Bst. a AsylG rechtfertigen kann. Es ist zudem denkbar, dass eine derartige,
einen Widerruf rechtfertigende Situation vorliegt, wenn eine Person zahl-
reiche Delikte begeht, von denen keines unter den Verbrechensbegriff fällt,
die indes auf einen dauerhaft fehlenden Willen der Rücksichtnahme ge-
genüber den schweizerischen Rechtsnormen schliessen lassen (vgl. Ur-
teile des BVGer E-1180/2017 vom 1. September 2017 E. 3.2 und
E-4824/2014 vom 16. Februar 2016 E. 6.1 ff.). Bei der Beurteilung im kon-
kreten Anwendungsfall ist wiederum im Blick zu behalten, dass die Reihe
von geringfügigen Straftaten für die Annahme einer besonderen Verwerf-
lichkeit insgesamt qualitativ eine Stufe höher anzusetzen ist, als die unqua-
lifiziert verwerflichen im Sinne von Art. 53 AsylG (vgl. Urteil des BVGer
E-4824/2014 E. 7.1).
4.3 Der Umstand, dass die Straftat im Ausland begangen und beurteilt
wurde, hindert die Anwendung von Art. 53 und Art. 63 Abs. 2 Bst. a AsylG
praxisgemäss nicht (vgl. Urteile des BVGer E-4824/2014 E. 5.2 und D-
1171/2010 vom 7. November 2012 E. 6.2, je m.H.). Für die Frage, ob eine
im Ausland begangene und beurteilte Straftat als verwerfliche Handlung zu
erachten ist, ist im Weiteren auf die schweizerische Rechtsordnung abzu-
stellen und – ausgehend von der durch das ausländische Gericht festge-
stellten Straftat – zu bestimmen, wie diese nach schweizerischem Straf-
recht qualifiziert würde (vgl. Urteile des BVGer E-4824/2014 E. 5.2;
D-1171/2010 E. 6.2; D-2604/2012 vom 31. Mai 2012 E. 5.1). Dieses Vor-
gehen rechtfertigt sich vor dem Hintergrund, dass die Asylgewährung einen
Akt staatlicher Souveränität darstellt, der im Kontext und unter Beachtung
D-2967/2018
Seite 12
der Vorgaben der schweizerischen Rechtsordnung ergeht. Demnach er-
scheint es sachgerecht, den Widerruf der Asylgewährung ebenfalls nach
den Grundsätzen des innerstaatlichen Rechts zu beurteilen, dies umso
mehr, wenn das ausländische Strafrecht für das gleiche Delikt ein weit hö-
heres oder niedrigeres Strafmass androht, als im schweizerischen Recht
vorgesehen.
4.4 Hinsichtlich des anzusetzendes Beweismassstabes bei im Ausland be-
gangenen Straftaten sieht die Rechtsprechung im Rahmen von Art. 53
AsylG (und Art. 1 F FK) keinen strikten Nachweis als erforderlich an. Es
genügt die aus schwerwiegenden Gründen gerechtfertigte Annahme, dass
sich die betreffende Person einer Straftat im Sinne der genannten Bestim-
mungen schuldig gemacht hat, wobei auf den individuellen Tatbeitrag ab-
zustellen ist (vgl. BVGE 2011/29 E. 9.2.3 f. m.H.). Asylunwürdigkeit kann
auch dann vorliegen, wenn die endgültig verhängte Strafe nicht schwer-
wiegend ist oder sogar zur Bewährung ausgesetzt wird, sofern die betref-
fende Person eine besondere Gefährlichkeit aufweist. Art. 53 AsylG kann
überdies erfüllt sein, bevor eine Verurteilung ausgesprochen wurde, vo-
rausgesetzt, dass kein Zweifel an der Realität der beanstandeten Taten
besteht. Es müssen dann ausreichende Beweise dafür vorliegen, dass die
beschuldigte Person schwere Taten begangen hat, wie etwa Mord im Rah-
men einer bewaffneten Aktion oder Handlungen im Dienste einer terroristi-
schen Organisation (vgl. BVGE 2014/29 E. 5.3.1 [3. Abschnitt] m.H.). Zu
beachten bleibt aber die Unschuldsvermutung (Art. 32 Abs. 1 BV, Art. 6
Ziff. 2 EMRK, Art. 10 Abs. 1 Strafprozessordnung vom 5. Oktober 2007
[StPO, SR 312.0]), als deren Ausfluss grundsätzlich eine rechtskräftige
strafrechtliche Verurteilung vorliegen muss (vgl. Urteil des BVGer
E-1180/2017 vom 1. September 2017 E. 3.5).
5.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob das SEM das dem Beschwerdeführer ge-
währte Asyl zu Recht widerrufen hat.
5.1 Der Beschwerdeführer wurde wegen verschiedener Straftaten verur-
teilt.
5.1.1 Die zwei im Strafregisterauszug aufgeführten Verurteilungen vom
24. April 2015 und 24. August 2015 ergingen wegen diverser Verstösse
gegen Tatbestände des Strassenverkehrsgesetzes vom 19. Dezember
1958 (SVG, SR 741.01), einmal in Tateinheit mit einem Diebstahl; der Be-
schwerdeführer wurde zu Geldstrafen von 30 und 45 Tagessätzen sowie
D-2967/2018
Seite 13
Bussen verurteilt (vgl. E. 3.5). Diese Tatbestände sind mit einer Strafandro-
hung von weniger als und jedenfalls nicht mehr als drei Jahren Freiheits-
strafe bewehrt. Das schweizerische Recht sieht in diesen Fällen auch keine
Mindestfreiheitsstrafe von einem Jahr vor (vgl. Art. 139 StGB sowie die
Bestimmungen des SVG). Mithin sind sie nicht als verwerfliche Handlun-
gen im Sinne von Art. 53 AsylG zu definieren.
5.1.2 Darüber hinaus wurde der Beschwerdeführer in Griechenland wegen
Versuchs der Beihilfe zur rechtswidrigen Ausreise aus Griechenland von
Drittstaatsangehörigen zu vier Jahren Haft in Tateinheit mit dem Besitz von
sieben gefälschten ausländischen Reisedokumenten zu zwei Jahren Haft,
gesamthaft zu fünf Jahren Freiheitsstrafe, verurteilt.
Ausgehend von vorstehenden Erwägungen (vgl. E. 4) ist festzuhalten,
dass der Strafvorwurf des Besitzes von gefälschten ausländischen Reise-
dokumenten (vgl. Art. 255, 252 StGB) nach schweizerischem Recht mit bis
zu drei Jahren Freiheitsstrafe geahndet wird; eine Mindestfreiheitsstrafe
von einem Jahr ist nicht vorgesehen. Bei der Förderung der illegalen Ein-
oder Ausreise wird – wie auch im griechischen Recht (vgl. Art. 29 Abs. 5
des Gesetzes Nr. 4251/2014) – unterschieden in einen einfachen Tatbe-
stand und einen qualifizierten, welcher namentlich bei Vorliegen einer Be-
reicherungsabsicht und bei Banden- oder Gewerbsmässigkeit bejaht wird
(Art. 116 Abs. 1 und 3 AIG). Während die einfache Tatbegehung mit bis zu
einem Jahr Freiheitsstrafe geahndet wird, sieht der Gesetzgeber bei Vor-
liegen einer Bereicherungsabsicht und bei Banden- oder Gewerbsmässig-
keit einen Strafrahmen von bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe vor. Gemäss
griechischem Urteil wurde der Beschwerdeführer weder wegen Bereiche-
rungsabsicht noch wegen banden- oder gewerbsmässigen Handelns ver-
urteilt, aber in Tateinheit mit dem siebenfachen Besitz von gefälschten aus-
ländischen Reisedokumenten.
Fraglich ist, ob damit eine verwerfliche Handlung im Sinne von Art. 53
Bst. a AsylG vorliegt. Zugunsten des Beschwerdeführers ist anzuführen,
dass das griechische Gericht keine Verurteilung zur versuchten Beihilfe zur
illegalen Ein- oder Ausreise in Bereicherungsabsicht ausgesprochen hat.
Unter Beachtung des bei im Ausland begangenen Straftaten anzusetzen-
den Beweismassstabs (vgl. oben E. 4.4) ist allerdings festzuhalten, dass
sich das griechische Gericht mit der Frage der Bereicherungsabsicht trotz
der im konkreten Fall vorliegenden Nachweise gar nicht befasst hat. Dies,
obwohl der Beschwerdeführer mit sieben gefälschten Pässen auf einer der
griechischen Inseln aufgegriffen wurde, auf der sich zu diesem Zeitpunkt
D-2967/2018
Seite 14
zahlreiche Personen befanden, welche um Schutz vor Krieg und Verfol-
gung in Europa ersuchten, und viele von ihnen ohne Papiere versuchten,
die Insel zu verlassen. Dazu hielt die griechische Staatsanwaltschaft wohl-
gemerkt fest, es könne sich um keinen Zufall handeln. In diesem Kontext
widerspricht es geradezu der Logik realistischen Handelns und Denkens,
dass die Pässe für Freunde bestimmt waren oder aus sonstigen altruisti-
schen Motiven auf die Inseln gebracht werden sollten, geschweige denn,
dass der Beschwerdeführer die Dokumente unbewusst auf sich geführt
habe. Seine gegenteiligen Beteuerungen im griechischen Strafprozess und
gegenüber der Vorinstanz sind als Schutzbehauptungen im Angesicht ei-
ner drohenden Verurteilung zurückzuweisen. Es muss vielmehr davon aus-
gegangen werden, dass der Beschwerdeführer – wäre er nicht von der Po-
lizei in seinem Handeln unterbrochen worden – die gefälschten Dokumente
selbst oder über weitere Mittelspersonen zu hohen Preisen an Schutzsu-
chende verkauft und davon in finanzieller Hinsicht profitiert hätte. Damit
liegt der berechtigte Schluss nahe, dass er sehr wohl in Bereicherungsab-
sicht handelte und seine eigenen finanziellen Interessen gewichtigen
Rechtsgütern voranstellte. Gerade im griechischen Kontext manifestierte
er dadurch eine verwerfliche Haltung (dazu sogleich nachfolgend E. 5.2.3).
5.1.3 Im Sinne eines Zwischenergebnisses ist festzuhalten, dass sich der
Beschwerdeführer in Griechenland einer Straftat schuldig gemacht hat,
welche als verwerfliche Handlung im Sinne von Art. 53 AsylG zu qualifizie-
ren ist.
5.2 In der Folge ist zu prüfen, ob die vom Beschwerdeführer begangenen
Straftaten die Voraussetzungen an das Vorliegen einer «besonders ver-
werflichen» Handlung im Sinne von Art. 63 Abs. 2 Bst. a AsylG erfüllen.
5.2.1 Die Verurteilungen wegen Verstössen gegen das Strassenverkehrs-
gesetz und wegen Diebstahls sind als Bagatelldelikte zwar zu vernachläs-
sigen. Indes fällt diesbezüglich dennoch ins Gewicht, dass der Beschwer-
deführer sich durch die jeweiligen Urteile nicht vom Begehen seiner Straftat
in Griechenland abhalten liess, was bereits darauf schliessen lässt, dass
er nicht gewillt war, die schweizerische oder eine ausländische Rechtsord-
nung zu beachten.
5.2.2 Weiter ist festzustellen, dass er, wie gesehen, in Griechenland wegen
des Versuchs der Beihilfe zur rechtswidrigen Ausreise aus Griechenland
von Drittstaatsangehörigen zu vier Jahren Haft in Tateinheit mit dem Besitz
von sieben gefälschten ausländischen Reisedokumenten zu zwei Jahren
D-2967/2018
Seite 15
Haft, gesamthaft zu fünf Jahren Freiheitsstrafe, verurteilt wurde. Das
schweizerische Recht sieht für die einfache Tatbegehung, zu welcher der
Beschwerdeführer verurteilt wurde, zwar lediglich einen Strafrahmen von
bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe vor. Soweit der Beschwerdeführer hier
geltend macht, es könne nicht auf den höheren Strafrahmen nach griechi-
schem Recht von bis zu 10 Jahren abgestellt werden (vgl. Art. 29 Abs. 5
des griechischen Gesetzes Nr. 4251/2014), vermag er damit aber nicht
durchzudringen. Zunächst ist zu berücksichtigen, dass gegen ihn allein für
den Versuch der Beihilfe zur Förderung der Ein- und Ausreise eine inner-
halb des Strafrahmens relativ hohe Strafe von vier Jahren ausgesprochen
wurde, welche in der tateinheitlichen Strafzumessung wegen des mehrfa-
chen Besitzes gefälschter Ausweise auf insgesamt fünf Jahre festgesetzt
wurde. Zwar wurde im Weiteren die fast einjährige Untersuchungshaft auf
die Freiheitsstrafe angerechnet und die restliche Strafe in eine Geldstrafe
umgewandelt. Das griechische Gericht stützte sich in seiner Begründung
dazu auf den Charakter des Beschwerdeführers und die besonderen Um-
stände des Einzelfalls. Es ging dabei aber fälschlicherweise – wie der ein-
gereichte Strafregisterauszug belegt – von einem unbescholtenen Verhal-
ten vor der Tatbegehung und einem guten Charakter des Beschwerdefüh-
rers aus. Die Umwandlung in eine Geldstrafe wurde zudem mit einer Mel-
depflichtauflage verbunden, der sich der Beschwerdeführer umgehend
nach Haftentlassung pflichtwidrig durch Rückkehr in die Schweiz entzog.
5.2.3 Erschwerend kommt hinzu, dass sich der Beschwerdeführer nicht da-
von abhalten liess, Straftaten überhaupt im Ausland zu begehen. Mit sei-
nem Handeln in Griechenland, und zumal auf den im Jahr 2016 von der
Ankunft einer hohen Anzahl von Schutzsuchenden besonders betroffenen
griechischen Insel Lesbos, hat er sich dabei zumindest billigend der erhöh-
ten Strafandrohung ausgesetzt, welche das griechische Strafrecht vor-
sieht. Die geschützten Rechtsgüter der rechtmässigen Ein- und Ausreise
sowie das einer Urkunde im Rechtsverkehr entgegengebrachte Vertrauen
als Beweismittel dürften in diesem griechischen Kontext – in dem die Be-
kämpfung der Schlepperkriminalität und der Ausbeutung von schutzsu-
chenden Personen, welche unter erheblichen Gefahren über das Mittel-
meer flüchten – besondere Priorität hatte und weiter hat – noch weitaus
höher zu bewerten sein, als schon im schweizerischen Kontext. Entspre-
chend muss sich der Beschwerdeführer die in der Beschwerdeschrift er-
wähnte präventive Zielsetzung und Bekämpfung der Schlepperwirtschaft
in Griechenland gerade entgegenhalten lassen, setzte er sich doch dem
Risiko der erhöhten Bestrafung dort bei einer Aufdeckung selbst aus. Ein
allfälliges, obschon wenig nachvollziehbares Unwissen um die besondere
D-2967/2018
Seite 16
Situation in Griechenland und das griechische Strafrecht schützen ihn
nicht.
5.2.4 Überdies gilt es zu beachten, dass er hinsichtlich der ihm zur Last
gelegten Straftaten wegen mehrfachen Versuchs belangt wurde, der nur
durch äussere Umstände nicht zu einem Abschluss fand. Der Schaden
wäre ohne Eingreifen der Polizei – was dem Beschwerdeführer gerade
nicht zugutegehalten werden kann – mithin sehr hoch gewesen. Im Hinblick
auf einen allfälligen Schaden können die Überlegungen zur Bereicherungs-
absicht des Beschwerdeführers herangezogen werden (vgl. bereits
E. 5.1.2). Des Weiteren ist auf die möglichen Schäden für die zu schleu-
senden Personen und allfällige aus der Schleuserkriminalität erwachsen-
den Folgen für die Zielstaaten – einschliesslich der Schweiz – zu verwei-
sen.
5.2.5 Nicht zuletzt deutet das Verhalten des Beschwerdeführers gegen-
über den schweizerischen Behörden nach seiner Rückkehr darauf hin,
dass er sich der Schwere seiner Handlungen und der möglichen Folgen
etwa für seinen Asylstatus durchaus bewusst war. Ungeachtet der finanzi-
ellen und persönlichen Probleme nach der Inhaftierung in Griechenland,
die er sich letztlich selbst vorhalten muss, ist dabei auch davon auszuge-
hen, dass es ihm weiterhin an der nötigen Unrechtseinsicht gegenüber sei-
nen Handlungen fehlt.
5.2.6 In einer Gesamtschau lassen die in der Schweiz und in Griechenland
begangenen Straftaten somit auf einen fehlenden Willen der Rücksicht-
nahme gegenüber den schweizerischen sowie zusätzlich den griechischen
Rechtsnormen schliessen. Nach dem Gesagten gelangt das Gericht zum
Schluss, dass diese gesamthaft als besonders verwerflich im Sinne von
Art. 63 Abs. 2 Bst. a AsylG zu qualifizieren sind.
5.3 Schliesslich ist nach der Würdigung der betreffenden Delikte als be-
sonders verwerflich im Sinne von Art. 63 Abs. 2 Bst. a AsylG das Kriterium
der Verhältnismässigkeit zu berücksichtigen. Der mit einer behördlichen
Anordnung verbundene Eingriff darf demnach für die betroffene Person im
Vergleich zur Bedeutung des verfolgten öffentlichen Interesses nicht unan-
gemessen schwer wiegen (vgl. BVGE 2012/20 E. 6).
Der Asylwiderruf des Beschwerdeführers führt nicht zu einer automati-
schen Aberkennung seiner Flüchtlingseigenschaft. Nachdem die Vor-
instanz die Flüchtlingseigenschaft in der angefochtenen Verfügung nicht
D-2967/2018
Seite 17
widerrufen hat, wirkt sich der Verlust des Asylstatus nicht unmittelbar nach-
teilig für den Beschwerdeführer aus. Er verfügt weiterhin über ein Anwe-
senheitsrecht in der Schweiz (zumindest eine vorläufige Aufnahme als
Flüchtling) und über die Möglichkeit der Erwerbstätigkeit. Als Flüchtling ge-
niesst er ausserdem nach wie vor den Refoulement-Schutz gemäss Art. 33
FK sowie Art. 25 Abs. 2 und 3 BV. Dies gilt im Übrigen auch für seine Ehe-
frau und das gemeinsame Kind, welche zwischenzeitlich von der Vor-
instanz in die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers einbezogen
wurden. Vor diesem Hintergrund teilt das Gericht die Auffassung der Vo-
rinstanz, dass dem öffentlichen Interesse an einem Asylwiderruf wegen der
Verübung besonders verwerflicher Straftaten und damit der Bekämpfung
und Prävention strafrechtlichen Verhaltens keine überwiegenden privaten
Interessen des Beschwerdeführers gegenüberstehen. Die Ausführungen
des Beschwerdeführers auf Beschwerdeebene vermögen keine andere
Einschätzung zu rechtfertigen. Damit erweist sich der Widerruf des Asyls
als verhältnismässig.
6.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit Zwischen-
verfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 11. Juni 2018 das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1
VwVG gutgeheissen wurde und keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass
sich die finanzielle Lage des Beschwerdeführers seither entscheidrelevant
verändert hätte, ist auf das Erheben von Verfahrenskosten zu verzichten.
7.2 Nachdem der rubrizierte Rechtsanwalt dem Beschwerdeführer eben-
falls mit Verfügung vom 11. Juni 2018 als amtlicher Rechtsbeistand beige-
ordnet worden ist (vgl. aArt. 110a Abs. 1 AsylG), ist er für seinen Aufwand
unbesehen des Ausgangs des Verfahrens zu entschädigen, soweit dieser
sachlich notwendig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der Rechtsanwalt hat am
31. Oktober 2018 eine Kostennote vorgelegt, in welcher ein Aufwand von
9.85 Stunden zu Fr. 300.– geltend gemacht wird, zuzüglich Auslagen von
D-2967/2018
Seite 18
Fr. 74.60 und Mehrwertsteuer. Der zeitliche Aufwand erscheint angemes-
sen. Der Stundenansatz ist jedoch zu reduzieren, da bei amtlicher Vertre-
tung in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für
Rechtsvertreter oder Rechtsvertreterinnen mit Anwaltspatent ausgegan-
gen wird (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Demnach ist zulasten der
Gerichtskasse ein amtliches Honorar von Fr. 2’415.– (inklusive Auslagen
und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) fest-
zusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-2967/2018
Seite 19