Decision ID: 3d77cfae-8762-5c70-b17e-511bb0f54a83
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter), meldete sich am 1. März 2015 bei der
Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (IV-act. 6). Sein behandelnder
Psychiater, Dr. med. B._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, hatte ihn am
17. Februar 2015 zur Früherfassung angemeldet, da er aufgrund einer
Burnoutproblematik mit Überempfindlichkeit gegen Lärm, Dämpfe etc.,
Schlafstörungen und Stimmungslabilität seit 13. Januar 2015 zu 100 % und seit
2. Februar 2015 zu 70 % arbeitsunfähig war (IV-act. 1). Nachdem die Arbeitgeberin
dem Versicherten betriebsintern einen anderen Arbeitsplatz hatte zuweisen können,
wies die IV-Stelle mit Mitteilung vom 9. Juli 2015 das Leistungsbegehren um berufliche
Massnahmen und um Rente ab, da der Versicherte angemessen eingegliedert sei (IV-
act. 52).
A.a.
Am 24. Februar 2016 meldete sich der Versicherte erneut zum Leistungsbezug an
(IV-act. 59). Dr. B._ bestätigte, er habe den Versicherten nach einem
Zusammenbruch krankgeschrieben und dieser habe auf sein Anraten seine
Arbeitsstelle gekündigt. Unter günstigeren Arbeitsbedingungen könne er in seinem
Beruf als Elektronikmonteur mit einem zumutbaren Pensum von 50 % beginnen und
dieses allmählich bis 80 % oder gar 100 % steigern (Schreiben vom 19. Februar 2016,
IV-act. 53; Arztbericht vom 14. März 2016, IV-act. 72; vgl. auch Arztzeugnisse vom
29. Januar 2016, IV-act. 71-10, vom 2. Februar 2010, IV-act. 71-9 und vom 23. Februar
2016, IV-act. 71-8; Kündigung vom 24. Januar 2016, IV-act. 60).
A.b.
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Vom 18. Mai bis 19. September 2016 war der Versicherte im Psychiatriezentrum
C._ in teilstationärer Behandlung, wobei eine Neurasthenie (ICD-10: F48.0) sowie
Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung bei deutlich
(perfektionistisch-narzisstisch) akzentuierten Persönlichkeitszügen (ICD-10: Z73)
diagnostiziert wurden. Weiter ergab sich der Verdacht auf ein ADHS im
Erwachsenenalter (Abschlussbericht Psychiatriezentrum C._ vom 6. Dezember 2016,
IV-act. 146-7 ff.). Die Eingliederungsverantwortliche schloss derweil mit Blick auf die
Behandlung den Fall am 27. Juni 2016 wegen Instabilität des Gesundheitszustands
vorübergehend ab (Assessment- und Verlaufsprotokoll, IV-act. 89), worauf die IV-Stelle
am 27. Juni 2016 eine entsprechende Mitteilung erliess (IV-act. 91). Im Arztbericht des
Psychiatriezentrums C._ vom 15. Oktober 2015 wurde ausgeführt, ab November sei
mit einer Teilarbeitsfähigkeit (40 % bis 50 %) für einen Arbeitsversuch im ersten
Arbeitsmarkt zu rechnen (IV-act. 109-2 ff.).
A.c.
Ein im Auftrag des Krankentaggeldversicherers durchgeführtes Casemanagement
wurde am 18. Oktober 2016 abgeschlossen bzw. nicht verlängert, da dies aktuell
keinen Sinn mache, weil der Versicherte sein Umfeld nach wie vor zu stark
instrumentalisiere und sich therapieresistent zeige (Bericht und Protokoll vom
19. Oktober 2016, IV-act. 116).
A.d.
Am 28. April 2017 sprach die IV-Stelle dem Versicherten Arbeitsvermittlung zu
(Mitteilung, IV-act. 131). Im Rahmen eines Einsatzprogramms des RAV arbeitete der
Versicherte vom 1. Mai bis 31. August 2017 bei der J._ mit 50%igem
Beschäftigungsgrad (vgl. Assessment- und Verlaufsprotokoll, IV-act. 144-4;
Arbeitsbestätigung IV-act. 146-6). Die Eingliederungsverantwortliche schloss am
31. Oktober 2017 die Arbeitsvermittlung der IV ab (IV-act 144-6).
A.e.
Dr. B._ diagnostizierte gemäss Arztbericht vom 15. Dezember 2017 unter
anderem eine Neurasthenie (ICD-10: F48.0), einen Reizdarm sowie Probleme mit Bezug
auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung bei deutlich akzentuierten
Persönlichkeitszügen im Sinne erhöhter Empfindsamkeit, Ängstlichkeit, Unsicherheit
und zeitweise Kontrollzwängen (ICD-10: Z73). In adaptierter Tätigkeit sei der
Versicherte seit 1. November 2016 zu 50 % arbeitsunfähig (IV-act. 146-2 ff.).
A.f.
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Vom 4. April bis 8. Mai 2018 erfolgte eine Rehabilitations-/Akutbehandlung in der
D._. Es wurden eine Neurasthenie (ICD-10: F48.0), eine Somatisierungsstörung
(ICD-10: F45.0), ein Reizdarmsyndrom mit Diarrhoe, eine sonstige näher bezeichnete
affektive Störung: protrahierte, komplizierte Trauer (ICD-10: F38.8) sowie Probleme mit
Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensführung (ICD-10: Z73) (Bericht vom 9. Mai
2018, IV-act. 168) diagnostiziert. Zur Arbeitsfähigkeit wurde im Wesentlichen
ausgeführt, aufgrund seiner unvorhersehbaren Ausfälle, seiner stark schwankenden
Leistungsfähigkeit und seiner erhöhten Sensibilität sowie in Anlehnung an das Mini-
ICF-Rating sei der Beschwerdeführer einem durchschnittlichen Arbeitgeber nicht mehr
zumutbar bzw. sei eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit in jeglicher Tätigkeit anzunehmen
(Bericht Dr. med. H._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 9. Mai 2018, IV-
act. 168).
A.g.
RAD-Ärztin Dr. E._ hielt eine monodisziplinäre psychiatrische Begutachtung für
angezeigt (Stellungnahme vom 12. Februar 2018, IV-act. 151), womit zunächst ein
Gutachter in St. Gallen beauftragt werden sollte (Mitteilung vom 7. März 2018, IV-
act. 154). Nachdem Dr. B._ der IV-Stelle am 21. März 2018 mitteilte, er ersuche um
eine Begutachtung in der Nähe des Wohnortes des Versicherten, z. B. in G._, da bei
diesem durch längeres Sitzen massive Bauchbeschwerden aufträten (IV-act. 157), und
nach diesbezüglicher Konsultation der RAD-Ärztin (Stellungnahme vom 16. Mai 2018,
159) orientierte die IV-Stelle den Versicherten mit Mitteilung vom 18. Mai 2018 über die
vorgesehene Begutachtung bei Dr. F._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
wobei unter anderem gegen die begutachtende Person bis zum 30. Mai 2018
Einwendungen erhoben werden könnten (IV-act. 166).
A.h.
Der Gutachter kam zum Schluss, dass weder aktuell noch rückwirkend eine
gravierende psychiatrische Störung nach definierten (diagnostischen) Kriterien bestehe
oder bestanden habe und der Versicherte aus psychiatrischer Sicht vollumfänglich
arbeitsfähig sei (Gutachten vom 27. September 2015; Untersuchung 9. August 2018,
IV-act. 171). RAD-Ärztin Dr. E._ nahm am 22. Oktober 2018 Stellung, auf das
Gutachten könne abgestellt werden (IV-act. 172).
A.i.
Die IV-Stelle wies das Leistungsbegehren um berufliche Massnahmen mit
Mitteilung vom 24. Oktober 2018 ab (IV-act. 175). Mit Vorbescheid vom 8. Januar 2019
A.j.
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B.
gewährte sie dem Versicherten das rechtliche Gehör zur vorgesehenen Abweisung des
Leistungsbegehrens auch betreffend Rente (IV-act. 180).
Gegen den Vorbescheid liess der Versicherte am 7. Februar 2019 durch seine
damalige Vertreterin Einwand erheben und verwies zur Begründung auf einen Bericht
von Dr. B._ vom 6. Februar 2019, wonach er nach übereinstimmender Ansicht
mehrerer behandelnder Ärzte zu 100 % arbeitsunfähig sei (IV-act. 187).
A.k.
In ihrer Stellungnahme vom 8. April 2019 legte RAD-Ärztin Dr. E._ dar, dass nach
wie vor auf das Gutachten von Dr. F._ abzustellen sei (IV-act. 189).
A.l.
Mit Verfügung vom 9. April 2019 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab. Zur
Begründung führte sie aus, die im Verlauf beschriebene Symptomatik erreiche nicht
den Schweregrad, um eine andauernde und wesentliche Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht begründen zu können. In den Ausführungen
von Dr. B._ würden keine neuen medizinischen Befunde ersichtlich, die nicht bereits
im Gutachten gewürdigt worden seien (IV-act. 190).
A.m.
Gegen die Verfügung vom 9. April 2019 lässt A._, vertreten durch
Rechtsanwältin lic. iur. Irja Zuber, c/o Procap Schweiz, Beschwerde erheben mit den
Anträgen, die angefochtene Verfügung sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen
aufzuheben und es sei ihm eine Invalidenrente zuzusprechen. Eventualiter sei die
Angelegenheit zu weiteren Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Weiter sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen. Zur Begründung wird
ausgeführt, die angefochtene Verfügung basiere auf einem psychiatrischen Gutachten
von Dr. F._. Dieser erstatte regelmässig Gutachten für die Invalidenversicherung, so
dass die Begutachtung nicht neutral und unabhängig sei (Beschwerde vom 27. Mai
2019, act. G 1). Der behandelnde Psychiater Dr. B._ kritisiere das Gutachten von
Dr. F._ und komme zum Schluss, dass er vollständig arbeitsunfähig sei. Dr. H._
habe eine vielfache Chemikalienunverträglichkeit diagnostiziert (Beschwerdeergänzung
vom 2. September 2019, act. G 6). Zur Begründung lässt der Beschwerdeführer eine
erneute Stellungnahme von Dr. B._ vom 26. Juli 2019 (act. G 6.1) einreichen.
B.a.
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Erwägungen
1.
Mit Beschwerdeantwort vom 19. September 2019 beantragt die
Beschwerdegegnerin, die Beschwerde sei abzuweisen. Das Auftrags- und
Honorarvolumen eines Gutachters schaffe für sich alleine keinen Ausstandsgrund.
Zudem sei Dr. F._ aufgrund der geographischen Nähe zum Wohnort des
Beschwerdeführers bzw. auf Wunsch des behandelnden Psychiaters Dr. B._ gewählt
worden. Die Stellungnahmen von Dr. B._ vermöchten keine konkreten Zweifel an der
Zuverlässigkeit des Gutachtens zu begründen. Er bringe keine Standpunkte vor, die im
Gutachten nicht berücksichtigt worden seien. Bei der multiplen
Chemikalienunverträglichkeit handle es sich nicht um einen invalidisierenden
Gesundheitsschaden, da es sich nicht um eine ICD-10-anerkannte Diagnose handle.
Beim Beschwerdeführer könne somit kein Gesundheitsschaden mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit diagnostiziert werden (act. G 8).
B.b.
Die vorsitzende Richterin bewilligt dem Beschwerdeführer am 20. September 2019
die unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und unentgeltliche
Rechtsverbeiständung; act. G 9).
B.c.
Mit Replik vom 17. Oktober 2017 macht der Beschwerdeführer geltend, er habe
lediglich eine Begutachtung in der Nähe seines Wohnortes gewünscht, die Wahl von
Dr. F._ sei durch die Beschwerdegegnerin erfolgt. Die Einschätzungen des
Gutachters beruhten auf einer lediglich oberflächlichen Abklärung und seien nicht
beweiskräftig. Die Schwierigkeiten während der Eingliederung und die gesamte
Reizdarm-Symptomatik, die es ihm verunmögliche zu sitzen, seien nicht berücksichtigt.
Sein Leiden habe sich seit der Begutachtung verschlimmert, sei aber für ihn schwer zu
beschreiben und einzuordnen (act. G 11).
B.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G 13).B.e.
Die IV-Stelle eröffnete dem Beschwerdeführer mit Mitteilung vom 9. Juli 2015, er
habe weder Anspruch auf berufliche Massnahmen noch auf eine Rente (IV-act. 52). Sie
hätte das Rentengesuch gemäss Art. 49 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) und Art. 74 der
1.1.
ter
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2.
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) in Verfügungsform
abweisen müssen. Die zu Unrecht formlos ergangene Entscheidung erlangt bei
unterbliebener Intervention rechtsprechungsgemäss nach etwa einem Jahr formelle
Rechtskraft (Urteil des Bundesgerichts vom 11. Februar 2019, 8C_485/2018, E. 4.2).
Vorliegend verlangte der Beschwerdeführer keine Verfügung der IV-Stelle, sondern
meldete sich am 24. Februar 2016 erneut zum Leistungsbezug an (IV-act. 52), weshalb
die Mitteilung vom 9. Juli 2015 rechtskräftig wurde und insoweit von einer
Wiederanmeldung auszugehen ist.
Die Beschwerdegegnerin hat eine erhebliche Änderung des Invaliditätsgrad
gemäss Art. 87 Abs. 2 und 3 IVV als glaubhaft gemacht erachtet, indem sie auf das
Gesuch vom 24. Februar 2016 eingetreten ist und schliesslich eine Begutachtung
angeordnet hat. Da ein Rentenanspruch mit rechtskräftig gewordener Mitteilung vom
9. Juli 2015 abgewiesen worden war (IV-act. 52), bestünde ein allfälliger
Rentenanspruch aufgrund der Wiederanmeldung frühestens nach Ablauf der
sechsmonatigen Frist gemäss Art. 29 Abs. 1 und 3 IVG ab 1. August 2016.
1.2.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60 %, auf eine
halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 %, und auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40 % invalid ist. Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen, Art. 16 ATSG).
2.1.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
2.2.
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Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen; BGE 141 V 14 E. 6.3.1). Im Sinne einer Richtlinie
ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen
Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft
zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/bb). Weiter ist es eine
Erfahrungstatsache, dass behandelnde Ärzte nicht nur in der Funktion als Hausärzte,
sondern auch als spezialärztlich behandelnde Medizinalpersonen im Hinblick auf ihre
auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen mitunter eher zugunsten ihrer
Patienten aussagen (Urteil des Bundesgerichts vom 27. September 2017,
8C_295/2017, E. 6.4.2, mit Hinweisen).
Ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden setzt eine auf
objektivierten Beschwerden beruhende fachärztlich gestellte Diagnose nach einem
wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 130 V 396 E. 5.3 und
E. 6, BGE 141 V 289 E. 3.2; Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016,
8C_1/2016, E. 4.3). Erforderlich ist zudem, dass die geltend gemachten Beschwerden
objektiviert werden können und sich auf die Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit auswirken
(vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 30. November 2017, 8C_350/2017, E. 5.4, und
vom 27. März 2015, 8C_673/2014, E. 5.1.1; BGE 143 V 427 E. 6). Für somatisch
unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und gleichgestellte
Diagnosen) sowie psychische Erkrankungen wie namentlich Depressionen ist der
Beweis nach dem strukturierten Verfahren mittels Indikatoren zu führen (vgl. dazu BGE
141 V 281 und BGE 143 V 428, E. 7.1). Der Beweis für eine lang andauernde und
erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als geleistet
betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen
einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen
Lebensbereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143
V 427, E. 6 a. E.).
2.3.
Der als ausgeglichen unterstellte Arbeitsmarkt umfasst auch sogenannte
Nischenarbeitsplätze, also Stellen- und Arbeitsangebote, bei welchen Behinderte mit
einem sozialen Entgegenkommen vonseiten des Arbeitgebers rechnen können. An der
Massgeblichkeit des theoretisch ausgeglichenen Arbeitsmarkt vermag auch der
2.4.
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3.
Umstand nichts zu ändern, dass es für die versicherte Person im Einzelfall schwierig
oder gar unmöglich ist, im tatsächlichen Arbeitsmarkt eine entsprechende Stelle zu
finden. Von einer Arbeitsgelegenheit kann gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung nur dann nicht mehr gesprochen werden, wenn die zumutbare
Tätigkeit nurmehr in so eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der ausgeglichene
Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem
Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden
einer entsprechenden Stelle daher von vornherein als ausgeschlossen erscheint (Urteil
des Bundesgerichts vom 28. November 2014, 9C_485/2014 E. 2 und E. 3.3.1 mit
Hinweisen).
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz. Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a). Im
Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht
etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 360 E. 5b; BGE 125 V 195 E. 2, je mit
Hinweisen).
2.5.
Bezüglich des Gutachtens von Dr. F._ wird vorab geltend gemacht, dass der
Gutachter aufgrund seines Auftragsvolumens seitens der IV befangen sei.
3.1.
Gemäss gefestigter bundesgerichtlicher und in jüngster Vergangenheit explizit
bestätigter Rechtsprechung vermögen weder das blosse Auftragsvolumen bei einem
Gutachter oder einer Gutachterstelle bzw. der regelmässige Beizug derselben (Urteile
des Bundesgerichts vom 4. September 2020, 9C_212/2020, E. 4.1, vom 29. Januar
2019, 9C_704/2018, E. 5.1, vom 25. Oktober 2016, 8C_354/2016, E. 5 und vom
29. Mai 2015, 8C_467/2014, E. 4) noch eine starke Abweichung bei der Auswertung
der Häufigkeitsverteilung von attestierten Arbeitsunfähigkeitsgraden für sich allein
genommen objektiv den Anschein von Befangenheit eines Gutachters oder einer
Gutachterstelle zu wecken. Für die Annahme des Vorliegens einer Befangenheit bedarf
es weiterer, die konkrete Begutachtung betreffende Umstände (Urteil des
Bundesgerichts vom 20. April 2020, 9C_25/2020, E. 5.1.2.2).
3.2.
Aufgrund der dargestellten bundegerichtlichen Rechtsprechung sowie mangels
Nennung konkreter Umstände oder Hinweise auf eine Befangenheit des Gutachters ist
der Einwand unbeachtlich. Überdies wären Ausstands- und Befangenheitsgründe um
gehend nach Kenntnisnahme geltend zu machen gewesen (Urteil des Bundesgerichts
3.3.
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4.
vom 9. Mai 2019, 8C_41/2019, E. 4.2). Es kann somit offen bleiben, ob das Vorbringen
nicht ohnehin verspätet ist, nachdem der allerdings damals noch nicht rechtlich
vertretene Beschwerdeführer gegen die mit Mitteilung vom 18. Mai 2018 eröffnete
Begutachtung durch Dr. F._ innert angesetzter Frist bis zum 30. Mai 2018 (IV-
act. 166) keine entsprechende Einwendung erhoben hatte.
Der behandelnde Psychiater Dr. B._ führte zunächst im Wesentlichen aus, der
Beschwerdeführer habe seine Arbeitsstelle aufgeben müssen, nachdem die Produktion
am Arbeitsplatz hochgefahren worden sei, was mit zunehmendem und
beeinträchtigendem Lärm und Gerüchen verbunden gewesen sei. Schliesslich sei es
mehrfach zu Zusammenbrüchen gekommen, weshalb er die Arbeitsstelle habe
kündigen müssen (Arztbericht vom 15. Dezember 2017, IV-act. 146-3; vgl. auch IV-
act. 171-27 ff.). Anlässlich der Begutachtung schilderte der Beschwerdeführer, als
Dr. B._ ihm gesagt habe, "dass jetzt fertig sei", seien das Zittern und die
Angstzustände schlagartig verschwunden. Dies sei auch so gewesen, wenn er den
Arbeitsraum verlassen habe. Wenn er wieder hineingegangen sei, habe der Körper
sofort wieder angefangen zu reagieren (IV-act. 171-30, 43). Er ertrage es nicht, wenn
mehrere Personen sprechen würden. Seit er aufgehört habe zu arbeiten, habe sich sein
Zustand gebessert. Zu Hause oder wenn er ins Freie gehe, fühle er sich wohl. Daheim
könne er "ausweichen", etwa auf eine Matratze im Wohnzimmer liegen. Gehe er
beispielsweise einkaufen, träten die genau gleichen Probleme auf. Begonnen hätten die
Beschwerden, als er die letzten drei Jahre bei der I._ gearbeitet habe und dort die
Produktion ausgebaut und viele Mitarbeiterinnen eingestellt worden seien, die sich bei
der Arbeit unterhalten und Radio gehört hätten (IV-act. 171-27 f., 42, 49). Das
somatische Beschwerdebild habe sich inzwischen verändert. Er leide unter
verschiedenen Lebensmittelunverträglichkeiten und einem Reizdarm, was jeweils zu
starken Bauchkrämpfen führe, sobald er gegessen, getrunken und länger als vielleicht
eine halbe Stunde eine Tätigkeit ausführt habe. Zur Entlastung müsse er sich jeweils
hinlegen oder spazieren gehen (vgl. IV-act. 171-27, 35, 47). Die Bauchbeschwerden
hätten begonnen, als er in der Tagesklinik gewesen sei (IV-act. 171-36). Auch während
des Arbeitsversuchs in der J._ seien die Beschwerden aufgetreten. Er habe sich
jeweils vor das Tor ins Freie begeben müssen und schliesslich im Garten gearbeitet,
was relativ gut gegangen sei (IV-act. 171-41 f.). Manchmal habe er auf dem Arbeitsweg
umkehren müssen, weil "es nicht gegangen sei" (IV-act. 171-48). Mittlerweile habe er
die Ernährung umgestellt und die Beschwerden hätten sich stark gebessert, es gehe
ihm aber noch nicht gut (IV-act. 171-31 f. , 35). Er schreibe an einem Buch und lese,
4.1.
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beides etwa drei bis vier Stunden täglich, jeweils eine viertel bis halbe Stunde
aneinander, dann lege er sich hin (IV-act. 171-45 f., 48). Seinem Sohn habe er beim
Zügeln geholfen, seine Sachen sortiert, halte sich oft bei seinen (im selben Haus
lebenden) Eltern auf und helfe seiner Mutter (IV-act. 171-46). Früher habe er Vorträge
und Filmabende gehalten, was seit längerem nicht mehr möglich sei. Ohnehin sei jetzt
im dafür genutzten Keller eine Baustelle (IV-act. 171-46 f.).
Dr. F._ stellte während der Begutachtung keine Auffälligkeiten hinsichtlich
Aufmerksamkeit, Konzentration, Auffassung oder Langzeitgedächtnis und eine leichte
Merkfähigkeitsstörung fest (IV-act. 171-51). Der Beschwerdeführer beklage ein Grübeln
und Gedankenkreisen seinen Sohn betreffend. Eigenen Angaben zufolge sei er ambi
valent bei folgeschweren Entscheidungen. Vorhandene Insuffizienzgefühle hätten sich
sicher gebessert, hier habe der Klinikaufenthalt geholfen. Manchmal sei er etwas
gereizt, habe Angst um seine Gesundheit. Ansonsten seien keine Störungen der
Affektivität beklagt oder festgestellt worden. Er habe keine Mühe mit dem Antrieb; er
wolle, aber es gehe einfach nicht. Von gewissen Leuten ziehe er sich zurück und meide
Menschenmengen (IV-act. 171-52). Weiter seien Hinweise auf eine hypochondrische
Erlebnisverarbeitung feststellbar gewesen (IV-act. 171-51). Die Grundstimmung sei
euthym und die affektive Modulationsfähigkeit nicht eingeschränkt gewesen (IV-
act. 171-57).
4.2.
4.3.
Diagnostisch schloss der Gutachter aktuell eine affektive Störung aus. Er
äusserte sich zu den bislang gestellten (relevanten) Diagnosen einer Neurasthenie
(ICD-10: F48.0), einer Somatisierungsstörung (ICD-10: F45.0), eines Reizdarmsyndroms
mit Diarrhoe und sonstigen näher bezeichneten affektiven Störungen: protrahierte,
komplizierte Trauer (ICD-10: F38.8) bzw. (von) Problemen mit Bezug auf
Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung bei deutlich akzentuierten
Persönlichkeitszügen im Sinne erhöhter Empfindsamkeit, Ängstlichkeit, Unsicherheit
und zeitweise Kontrollzwängen (ICD-10: Z73; Bericht Dr. H._ vom 9. Mai 2018, IV-
act. 168; Arztbericht Dr. B._ vom 15. Dezember 2017, IV-act. 146-2 ff.) wie folgt:
Dr. B._ habe die Diagnose einer Neurasthenie nicht begründet. Ob eine Neurasthenie
oder eine somatoforme Störung vorliege, hänge davon ab, ob die betroffene Person
den Akzent auf die Ermüdbarkeit und Schwäche oder die Beschäftigung mit einer
körperlichen Krankheit lege. Die Diagnosen würden sich somit gegenseitig
ausschliessen (IV-act. 171-57 f.). Die Diagnose einer somatoformen Störung sei nicht
mehr gerechtfertigt, da der Beschwerdeführer mehrfach berichte, dass er sich aktuell
4.3.1.
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gut fühle (IV-act. 171-58). Der Reizdarm sei kein psychisches Leiden. Die
diagnostischen Kriterien einer Somatisierungsstörung seien nicht erfüllt. In Anbetracht
der festgestellten Unverträglichkeiten und Allergien stelle sich die Frage, welche
Symptome, für die sich keine körperliche Ursache finde, noch bestünden (IV-
act. 171-60 f.). Im Bericht des psychiatrischen Zentrums C._ werde die erfolgreiche
Integration aufgrund erheblicher Schwierigkeiten in der interpersonellen
Beziehungsgestaltung bei deutlich akzentuierter Persönlichkeit und ADHS-Struktur in
Frage gestellt. Der Verdacht auf ein ADHS werde nicht begründet (IV-act. 171-58 f.).
Gegen das Vorhandensein einer Persönlichkeitsstörung oder eines ADHS spreche,
dass der Beschwerdeführer viele Jahre lang an verschiedenen Stellen gearbeitet habe
und Schwierigkeiten erst im Zusammenhang mit gravierenden psychosozialen
Belastungsfaktoren an der letzten Arbeitsstelle aufgetreten seien (IV-act. 171-59). Die
soziale und insbesondere auch berufliche Anamnese spreche eindeutig gegen einen
gravierenden Einfluss einer Persönlichkeitsstörung auf die Arbeitsfähigkeit (IV-
act. 171-62). Gesamthaft sei dem Beschwerdeführer immer wieder eine gravierende
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit attestiert worden, obwohl nie eine gravierende
psychiatrische Störung diagnostiziert worden sei (vgl. IV-act. 171-59). Der
Beschwerdeführer sehe sich nicht arbeitsfähig, begründe dies mit diffusen und
unklaren Schwierigkeiten, für die alle möglichen Diagnosen erwogen würden, obwohl er
ja selber berichte, dass er im Alltag gar keine Probleme habe und die Probleme und
Schwierigkeiten ausschliesslich auf die Arbeit zurückführe, während er sich zu Hause
und im Freien wohl fühle (IV-act. 171-61). Eine die Arbeitsfähigkeit einschränkende
psychiatrische Erkrankung könne er, Dr. F._, nicht diagnostizieren (IV-act. 171-62).
Die psychischen Schwierigkeiten würden auf eine längerdauernde Kränkungssituation
sowie zunehmend ungünstige Umgebungsbedingungen, also auf eine psychosoziale
Belastungssituation, zurückgeführt (IV-act. 171-58). Längerdauernde Schwierigkeiten
seien (somit) erst mit gravierenden psychosozialen Belastungsfaktoren an der letzten
Arbeitsstelle aufgetreten. Im weiteren Verlauf lasse sich weder mit einem Reizdarm
noch mit Problemen mit Bezug auf Schwierigkeiten in der Lebensführung aus
psychiatrischer Sicht eine Einschränkung begründen (IV-act. 171-59 f.). Letztlich
orientiere sich die Krankschreibung an der subjektiven Einschätzung des
Beschwerdeführers (IV-act. 171-60).
Dem hält der behandelnde Psychiater Dr. B._ entgegen, der gegenseitige
Ausschluss der Diagnosen Neurasthenie und Somatisierungsstörung finde sich nicht in
den ICD-10-Leitlinien. Über lange Zeit habe der Beschwerdeführer unter gesteigerter
Ermüdbarkeit und Erschöpfung mit Kopf-, Rücken- und Bauchschmerzen gelitten, die
4.3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
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er auf widrige Umstände am letzten Arbeitsplatz zurückgeführt habe. In den Monaten
nach der Kündigung habe sich das Bild geändert. Es seien teils krampfartige
Bauchschmerzen und Probleme beim Wasserlösen in den Vordergrund gerückt, für die
bisher keine messbar-fassbaren Ursachen gefunden worden seien. Deshalb sei zuerst
eine Neurasthenie und später zusätzlich eine somatoforme Störung mit
Reizdarmproblematik diagnostiziert worden. Hohe Sensibilität und geringe
Stresstoleranz sowie auffallende Persönlichkeitsmerkmale liessen auf ein psychisches
Leiden schliessen, das sich am ehesten mit den Diagnosen "Neurasthenie",
"Somatisierungsstörung" und "Reizdarmsyndrom" fassen lasse (Stellungnahmen vom
6. Februar 2019, IV-act. 187, und vom 26. Juli 2019, act. G 6.1). RAD-Ärztin Dr. E._
folgt der Diagnostik des Gutachters und fügt bei, aufgrund der Befunde könne nicht
von anhaltenden multiplen und unterschiedlichen körperlichen Symptomen, welche
gemäss ICD-10 für die Diagnose einer Somatisierungsstörung vorausgesetzt würden,
ausgegangen werden (Stellungnahme vom 8. April 2019, IV-act. 189). In seiner
Stellungnahme vom 26. Juli 2019 führte Dr. B._ aus, beim Beschwerdeführer treffe
die Diagnose einer Persönlichkeitsänderung (ICD-10: F62.1) bei vorbestehenden
auffälligen Persönlichkeitszügen (-akzentuierung) am ehesten zu. Die in der ICD-10
aufgeführten Merkmale lägen allesamt vor. Die Störung des Beschwerdeführers basiere
auf dem nun über einige Jahre erlebten Ausgeliefertsein und Unvermögen, sich
belastenden Lebenssituationen anpassen zu können, sowie den kaum beeinflussbaren
Bauchschmerzen und dem wiederholten Erleben, dass seine Not bei diversen Ämtern
nicht auf das erhoffte Verständnis stosse. Die Persönlichkeitsänderung trage im
Wesentlichen narzisstische, aber auch zwanghafte, vermeidend-ängstliche Züge
(act. G 6.1).
Insgesamt fällt bei den Berichten von Dr. B._ auf, dass er die verschiedenen
Diagnosen aus den Einschränkungen und nicht aufgrund von objektivierten
Symptomen bzw. Befunden herleitet und daraus die Einschränkungen plausibilisiert.
Bezüglich der zuletzt gestellten Diagnose einer Persönlichkeitsänderung nach ICD-10:
F62.1 ist gemäss den Diagnosekriterien vorausgesetzt, dass diese auf der
traumatischen Erfahrung einer schweren psychiatrischen Krankheit beruht (vgl. https://
www.icd-code.de/icd/code/ F62.0.html). Eine solche wird nicht beschrieben, vielmehr
bringt Dr. B._ die Störung in Zusammenhang mit vorbestehenden auffälligen
Persönlichkeitszügen (-akzentuierung) beziehungsweise mit dem nun über einige Jahre
erlebten Ausgeliefertsein und Unvermögen, sich belastenden Lebenssituationen
anpassen zu können, sowie den kaum beeinflussbaren Bauchschmerzen und dem
wiederholten Erleben, dass seine Not bei diversen Ämtern nicht auf das erhoffte
Verständnis stosse (act. G 6.1). Dabei handelt es sich indes um Belastungsfaktoren, die
4.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
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als nicht invalidisierende und damit nicht versicherte Faktoren auszuscheiden sind,
soweit sie unmittelbar (direkt) die Symptomatik beeinflussen und nicht bloss mittelbar
eine (verselbständigte) Gesundheitsschädigung aufrecht erhalten oder ihre (unabhängig
von den invaliditätsfremden Elementen bestehenden) Folgen verschlimmern (vgl.
Urteile des Bundesgerichts vom 29. Januar 2019, 9C_194/2017, E. 6.3.4 a.E., vom
7. Mai 2019, 9C_740/2018, E. 5.2.1 f., und vom 23. Mai 2020, 9C_171/2020, E. 5.1). Zu
kurz greift möglicherweise die Aussage des Gutachters, die Diagnose eines Reizdarms
sei nicht psychiatrischer Natur, nachdem der behandelnde Psychiater ausführt,
diesbezügliche Abklärungen selbst durch einen Magen-Darmspezialisten seien
ergebnislos verlaufen (act. G 6.1). Indes berichtet der Beschwerdeführer nicht von
einem andauernden, schweren und quälenden Schmerz, wie er für eine andauernde
somatoforme Schmerzstörung vorausgesetzt wird (vgl. https://www.icd-code.de/icd/
code/F45.-.html); vielmehr träten die Beschwerden als Reaktion auf Essen oder Trinken
oder auf Spannungen mit seinen Eltern oder seinem Sohn auf (act. G 6.1). Somit
vermögen die Ausführungen von Dr. B._ die Diagnostik von Dr. F._ nicht in Frage
zu stellen bzw. ist das Vorliegen einer gemäss anerkannter Klassifikation zu stellenden
Diagnose zumindest fraglich. So oder anders sind die vom Beschwerdeführer
geklagten Beschwerden in ihrer Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nicht objektivierbar
und es ist somit nach dem strukturierten Beweisverfahren nach Massgabe der
Standardindikatoren zu prüfen, ob die Erwerbsfähigkeit in rentenbegründendem
Ausmass eingeschränkt ist.
Dr. F._ vermerkte, der Beschwerdeführer sei während der Untersuchung
gestanden und habe oft die Hand unter den Bauchnabel gelegt (IV-act. 171-50). Das
Reizdarmsyndrom habe sich nicht auf den Gang der Untersuchung ausgewirkt (IV-
act. 171-66). Bereits erwähnt wurde, dass sich die Symptome gemäss Dr. F._
ausschliesslich im Zusammenhang mit der Arbeit, nicht aber im häuslichen Alltag bzw.
bei anderen Aktivitäten zeigten (IV-act. 171-61). Die Fähigkeiten gemäss Mini-ICF-
Rating schätze der Beschwerdeführer wie folgt ein: Er könne sich an Regeln und
Routinen anpassen. Als er bei I._ gearbeitet habe, habe er seine Aufgaben planen
und strukturieren müssen; wie es sich damit aktuell verhalte, wisse er nicht. Flexibilität
und Umstellfähigkeit seien problematisch, weil das einfach "nicht gehe" und er nicht
wisse warum. Die Anwendung fachlicher Kompetenzen sollte möglich sein, allerdings
könne er wahrscheinlich Vieles nicht mehr, weil er die ganzen Jahre nicht mehr auf dem
Beruf gearbeitet habe. Zur Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit führt er aus, er könne
gut erklären, habe keinen Vormund oder Beistand. Durchzuhalten sei im Moment
unmöglich. Mit Kontakten zu Dritten habe er keine Probleme. Die Gruppenfähigkeit sei
ein sehr grosses Problem, da er sich nicht wohl fühle und nicht wisse, weshalb. Für
4.5.
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familiäre bzw. intime Beziehungen sei er zu sehr mit sich selber beschäftigt.
Spontanaktivitäten unternehme er, soweit sie ihm gut täten (spazieren gehen). Die
Fähigkeit zur Selbstpflege sei nicht und die Verkehrs- und Wegefähigkeit durch seine
Bauchbeschwerden im Radius beschränkt (IV-act. 171-53 f.). Demgegenüber führte
Dr. B._ aus, der Beschwerdeführer sei aufgrund seiner Schmerzproblematik, durch
hohe Sensibilität, geringe Stresstoleranz, auffallende Persönlichkeitsmerkmale bzw.
durch Schwierigkeiten, sich auf andere Menschen und vorgegebene Situationen
einzulassen, eingeschränkt (Berichte vom 6. Februar 2019, IV-act. 187-5, und vom
26. Juli 2019, act. G 6.1-4). Proaktivität und Spontanaktivitäten sowie Widerstands-
und Durchhaltefähigkeit seien schwer, die Fähigkeit zur Anpassung an Regeln und
Routinen, zur Planung und Strukturierung von Aufgaben, Flexibilität und
Umstellungsfähigkeit, die Fähigkeit zur Kompetenz- und Wissensabwendung sowie die
Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit seien mittelgradig und die
Selbstbehauptungsfähigkeit, die Konversation und Kontaktfähigkeit zu Dritten, die
Gruppenfähigkeit, die Fähigkeit zu dyadischen Beziehungen sowie zur Selbstpflege
und Selbstversorgung seien leicht eingeschränkt (Stellungnahme vom 6. Februar 2019
IV-act. 187-5). Der Beschwerdeführer sei durch seine Beschwerden höchst
eingeschränkt. Bereits auf geringe psychische Belastungen, eine sitzende oder kniende
Körperhaltung und das Trinken von Wasser reagiere er mit Bauschmerzen, von denen
das Gehen oder Liegen Entlastung bringe. Zu Hause sei ihm dies jederzeit möglich. So
arbeite er stehend am Computer und habe auch im Wohnzimmer eine Matratze, um
sich auch dort hinlegen zu können. Beim Arbeitsversuch in der J._ sei ihm
zugestanden worden, im Freien zu arbeiten bzw. sich jederzeit auf einen Spaziergang
zu begeben. Die Tragweite der Auswirkungen zeige sich daran, dass der
Beschwerdeführer, obwohl Fürsorgeempfänger, das ihm zur Verfügung stehende Geld
für teure Spezialnahrungsmittel ausgebe (Bericht vom 2. Februar 2019, IV-act. 187, s.
auch Stellungnahme vom 26. Juli 2019, act. G 6.1). Der Beschwerdeführer ist einmal
monatlich in psychiatrischer und darüber hinaus in naturärztlicher und war wegen
seiner Rückenschmerzen in chiropraktischer Behandlung (IV-act. 171-49; Bestätigung
Naturheilpraxis K._ vom 12. Juli 2018, IV-act. 171-75; ärztliches Zeugnis Dr. L._,
IV-act. 171-76).
Mindestens zu Beginn zeigten sich die Beschwerden lediglich in Gegenwart von
Lärm, Gerüchen und anderen Reizfaktoren. Bezüglich Nahrungsunverträglichkeit/
Reizdarm ist als plausibel in Betracht zu ziehen, dass sich der Beschwerdeführer im
Zeitpunkt der Begutachtung durch Dr. F._ von der seit einem Monat praktizierten
Nahrungsumstellung eine grössere und andauernde Beschwerdelinderung erhoffte, die
so dann (noch) nicht eintrat und die Bauchbeschwerden nach lediglich
4.6.
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vorübergehender Besserung im Zeitraum der Begutachtung nach wie vor bestehen.
Wie stark sie den Beschwerdeführer einschränken, ergibt sich jedoch weder aus dem
Gutachten von Dr. F._ noch aus den Berichten von Dr. B._ eindeutig.
Diesbezüglich finden sich in den Akten nur die Angaben des Beschwerdeführers selbst,
wonach er sich je nach Tätigkeit nach einer kürzeren oder längeren Dauer hinlegen
müsse. Eine im Stehen und ruhiger Umgebung zu verrichtende Arbeit mit freier
Zeiteinteilung bzw. zusätzlichen Pausen im Sinne eines Nischenarbeitsplatzes dürfte
ihm jedoch ohne gravierende Einschränkungen zumutbar sein. Vom Vorliegen einer
Neurasthenie als weiter beeinträchtigende Komorbidität ist mit Dr. F._ nicht
auszugehen. Die hohe Sensibilität konnte bisher nicht objektiviert bzw. einem
eigenständigen Gesundheitsschaden zugeordnet werden. Als ressourcenhemmend
sind die akzentuierten Persönlichkeitszüge zu beachten und wohl auch das
Krankheitskonzept des Beschwerdeführers. Die Therapiesitzungen bei Dr. B._ finden
gemäss Angaben des Beschwerdeführers etwa einmal monatlich während einer Stunde
statt (IV-act. 171-49). Für einen beträchtlichen Leidensdruck könnte die geltend
gemachte Verwendung teurer Spezialnahrungsmittel sprechen (vgl. Stellungnahmen
Dr. B._ vom 6. Februar 2019, IV-act. 187-2 ff., und vom 26. Juli 2019, act. G 6.1).
Gemäss den Schilderungen des Beschwerdeführers gegenüber dem Gutachter traten
die Bauch-Magen-Probleme erst seit der tagesklinischen Behandlung auf (IV-act.
171-36). Weiter entsteht aufgrund der Schilderungen der Eindruck, dass dem
Beschwerdeführer nicht klar ist, ob und wie er seine Ernährung genau umzustellen hat.
Da aber offenbar keine Behandlung sowie fundierte Diagnosestellung diesbezüglich
durch einen entsprechenden Facharzt, sondern durch einen Naturheilarzt, aktenkundig
ist (Untersuchungen durch einen Magen-Darm-Spezialisten wurden von Dr. B._
lediglich erwähnt, vgl. act. G 6.1-3) und auch mit der Beschwerde keinerlei Unterlagen
diesbezüglich eingereicht wurden sowie zudem keinerlei medikamentöse Therapie
irgendwelcher Art vorgenommen wird, kann kein massgeblicher Leidensdruck
anerkannt werden bzw. ist nicht davon auszugehen, dass bereits eine adäquate
Behandlung oder Diät erfolgreich umgesetzt wurde, wozu der Beschwerdeführer
aufgrund seiner Schadenminderungs- sowie Selbsteingliederungspflicht verpflichtet ist.
Ebenfalls zu beachten ist, dass Dr. B._ in früheren Arztberichten angab, dass der
Beschwerdeführer zu 50% arbeitsfähig sei und die Arbeitsfähigkeit weiter gesteigert
werden könne (vgl. Sachverhalt A.b), dann am 15. Dezember 2017 eine 50%-ige
Arbeitsfähigkeit attestierte (vgl. Sachverhalt A.f) und in seinen Stellungnahmen vom 6.
Februar 2019 (vgl. IV-act. 187) und vom 27. Mai 2019 (vgl. act. G 6.1) schliesslich
erklärte, der Beschwerdeführer sei zu 100% arbeitsunfähig. Dabei nahm er nicht Bezug
auf eine massgebliche Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustandes mit
4.7.
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einhergehenden konkreten Funktionsausfällen, welche für die Begründung der
kompletten Aufhebung der Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht eigentlich
vorliegen müsste. Er erläuterte, im Verlauf des Jahres 2017 hätten die Bauchschmerzen
immer mehr im Vordergrund gestanden und nicht mehr das Erschöpfungssyndrom (act.
G 6.1-4). Weiter fällt auf, dass bei den behandelnden Ärzten offenbar Uneinigkeit
betreffend die in Frage kommenden Diagnosen besteht und die Diagnosestellungen
nicht zuletzt von Dr. B._ mehrfach geändert wurden. Unabhängig von den gestellten
Diagnosen sind IV-rechtlich jedoch ohnehin nur objektivierbare
Funktionseinschränkungen bedeutsam und diese auch dann nur, wenn sie einen
massgeblichen Umfang erreichen. Die insbesondere von der Höhenklinik genannte
Arbeitsunfähigkeit von 100% ist eher so zu verstehen, wie wenn der Beschwerdeführer
seine noch vorhandene Arbeitsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr verwerten
könnte und nicht als eigentliche medizinisch-theoretische Arbeitsfähigkeitsschätzung.
Es handelt sich damit um eine Rechtsfrage, die nicht von den Medizinern zu
beantworten ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 11. September 2020,
9C_766/2019, E. 3.3). Ebenfalls ist hervorzuheben, dass das Gutachten von Dr. F._
die Schilderungen des Beschwerdeführers sehr ausführlich und anschaulich
wiedergibt, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis, Wiedergabe und
Diskussion der Vorakten erfolgte und zudem in seinen Schlussfolgerungen überzeugt.
Insbesondere hat der Gutachter sich überzeugend mit den Diagnosestellungen und
Einschätzungen der behandelnden Ärzte auseinandergesetzt und auch nachvollziehbar
wiedergegeben, dass die behaupteten Einschränkungen nicht gleichermassen für alle
Lebensbereiche festgestellt werden konnten, die Einschränkungen lediglich im
Zusammenhang mit der Erwerbstätigkeit geltend gemacht wurden und sich zudem der
aktuelle Zustand anhand der an der Begutachtung erhobenen Befunde von jenem bei
der Arbeitsaufgabe unterscheidet und der Beschwerdeführer darauf aufmerksam
gemacht werden musste, dass er seine aktuelle Befindlichkeit erläutern müsse. Zu
ergänzen ist, dass RAD-Psychiaterin E._ die Stellungnahmen von Dr. B._ ebenfalls
beurteilte und nachvollziehbar dargetan hat, weswegen von der Einschätzung Dr.
F._s nicht abzuweichen ist (IV-act. 189). Somit ist weder dargetan, dass Dr. F._ in
irgendeiner Weise befangen erscheint, noch dass sonstige Indizien bestehen, die
gegen die Zuverlässigkeit seiner Expertise sprechen würden.
Insgesamt lassen die Beschwerden doch zu, dass der Beschwerdeführer täglich
während mehrerer Stunden schreibt und liest, seinen Haushalt selber führt und seinen
Eltern behilflich ist. Selbst wenn er zwischendurch längere Pausen benötigt, ist dem
Gutachten insoweit zu folgen, dass mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht von
einer rentenbegründenden funktionellen Einschränkung auszugehen ist. Es ist
4.8.
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