Decision ID: c9d11888-b5f0-5cbc-bf1c-88d1250eb0fd
Year: 2013
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein Tamile mit letztem Wohnsitz in B._
([...]), verliess Sri Lanka eigenen Angaben gemäss am 13. Februar 2009
und suchte am 23. Februar 2009 in der Schweiz um Asyl nach.
A.b Bei der Erstbefragung im Empfangs- und Verfahrenszentrum Kreuz-
lingen vom 27. Februar 2009 sagte er aus, er habe von April 2005 bis Ap-
ril 2006 als (...) gearbeitet. Aus Angst vor der Armee habe er diese Tätig-
keit eingestellt. Diese habe ihn nämlich beschuldigt, zu den Tigern ("Libe-
ration Tigers of Tamil Eelam" [LTTE]) zu gehören. Deshalb sei er am
20. April 2006 nach Colombo gegangen, wo er am 26. April 2006 festge-
nommen und einen Tag lang auf der Polizeistation festgehalten worden
sei. Am folgenden Tag sei er vor Gericht und anschliessend ins Gefängnis
gebracht worden. Grund der Festnahme sei ein Anschlag auf General
Fonseka gewesen. Er sei verdächtigt worden, damit etwas zu tun zu ha-
ben. Am 4. Mai 2006 sei er auf Kaution freigelassen worden. Anschlies-
send habe er an verschiedenen Orten gelebt. Er habe Sri Lanka verlas-
sen, da er zu Hause immer noch von der Armee gesucht werde, die sage,
er solle mit der Arbeit als (...) aufhören. Zum Beleg seiner Aussagen gab
der Beschwerdeführer die englische Übersetzung eines Gerichtsdoku-
ments zu den Akten.
A.c Am 9. März 2009 wurde der Beschwerdeführer vom BFM zu seinen
Asylgründen angehört. Er machte im Wesentlichen geltend, er habe für
die Organisation "C._" gearbeitet, die in Sri Lanka (...) habe.
Nachdem ihm Soldaten gesagt hätten, er dürfe nicht mehr für diese Or-
ganisation arbeiten, sei er nach Colombo gegangen. Dort sei er am
26. April 2006 festgenommen worden. Am 4. Mai 2006 sei er wieder frei-
gelassen worden. Im Mai 2007 sei er in B._ von der Armee fest-
genommen, geschlagen und drei Tage lang festgehalten worden. Es sei
für ihn in Sri Lanka gefährlich gewesen. Fünf Menschen, die für die
C._ gearbeitet hätten, seien verschollen. In Colombo sei er ver-
haftet worden und auch im Vanni-Gebiet habe er Angst gehabt. Die Sol-
daten hätten gedacht, dass die Leute, die für C._ gearbeitet hät-
ten, gefährlich seien. Die Organisation werde von den sri-lankischen Be-
hörden anerkannt und habe eine Bewilligung für ihre Tätigkeiten gehabt.
Eines Tages hätten ihn Soldaten kontrolliert und gesagt, er sei ein Tiger.
Es habe an diesem Tag eine Bombenexplosion gegeben und da er mit
(...) zu tun gehabt habe, sei er beschuldigt worden. Sein Cousin, der für
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dieselbe Organisation gearbeitet habe, sei verschollen. Die Soldaten hät-
ten ihm auch gesagt, dass sie ihn erschiessen würden. Sie hätten ihn
beim Kontrollposten täglich überprüft, wenn er zur Arbeit gegangen sei.
Nach seiner Freilassung aus der Haft habe er sich am 20. Mai 2006
nochmals bei Gericht melden müssen. Er habe nicht verstanden, um was
es gegangen sei, hätte sich aber am 15. August 2006 erneut vor Gericht
melden sollen.
B.
Mit Verfügung vom 24. Januar 2012 – eröffnet am 26. Januar 2012 – stell-
te das BFM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
C.
Mit Eingabe vom 27. Februar 2012 liess der Beschwerdeführer mittels
seines Rechtsvertreters gegen diese Verfügung Beschwerde erheben
und beantragen, es sei vollständige Akteneinsicht, insbesondere in die
eingereichten Beweismittel, zu gewähren. Anschliessend sei ihm eine an-
gemessene Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung anzuset-
zen. Die Verfügung des BFM sei aufzuheben und die Sache zur Feststel-
lung des vollständigen und richtigen Sachverhalts und zur Neubeurteilung
an das BFM zurückzuweisen. Eventuell sei die Verfügung aufzuheben
und es sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen. Es sei ihm Asyl zu
gewähren. Eventuell sei die Verfügung betreffend Ziffern 4 und 5 aufzu-
heben und es sei die Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs festzu-
stellen. Eventuell sei die Verfügung betreffend Ziffern 4 und 5 aufzuheben
und es sei die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen.
Vor Gutheissung der Beschwerde sei dem unterzeichneten Anwalt eine
angemessene Frist zur Einreichung einer Kostennote anzusetzen. Der
Eingabe lagen zahlreiche Beweismittel bei (vgl. Ziffn. 1-17 S. 17 der Be-
schwerde).
D.
Mit Zwischenverfügung vom 9. März 2012 wies der Instruktionsrichter das
BFM an, dem Beschwerdeführer Kopien der (im vorinstanzlichen Verfah-
ren) eingereichten Beweismittel zuzustellen. Der Beschwerdeführer er-
hielt die Gelegenheit zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung. Zur
Einreichung in Aussicht gestellter Beweismittel wurde ihm Frist gesetzt.
Der Beschwerdeführer wurde zur Leistung eines Kostenvorschusses von
Fr. 600.– aufgefordert (Frist: 26. März 2012). Der Antrag, dem unterzeich-
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neten Anwalt sei eine angemessene Frist zur Einreichung einer Kosten-
note anzusetzen, wurde abgewiesen.
E.
Das BFM übermittelte dem Beschwerdeführer am 13. März 2012 Kopien
der von ihm eingereichten Beweismittel.
F.
Am 26. März 2012 wurde der erhobene Kostenvorschuss eingezahlt.
G.
Der Beschwerdeführer reichte am 2. April 2012 eine Beschwerdeergän-
zung ein, in der er sich zum von ihm beim BFM eingereichten Gerichtsdo-
kument äusserte.
H.
Am 16. April 2012 übermittelte der Rechtsvertreter eine Kostennote.
I.
Mit Eingabe vom 16. April 2012 reichte der Beschwerdeführer drei Be-
weismittel ein (vgl. Ziffn. 18-20 S. 3 der Eingabe).
J.
J.a Der Instruktionsrichter gab dem BFM mit Zwischenverfügung vom
26. April 2012 die Gelegenheit zur Einreichung einer Vernehmlassung.
Dieses beantragte in der Vernehmlassung vom 9. Mai 2012 die Abwei-
sung der Beschwerde. Der Beschwerdeführer liess in seiner Replik vom
29. Mai 2012 an seinen Anträgen festhalten. Er ersuchte um die Anset-
zung einer Frist zur Einreichung weiterer Beweismittel. Der Eingabe lagen
ein weiteres Beweismittel und eine aktualisierte Kostennote bei (vgl.
Ziffn. 21 und 22 S. 3 der Eingabe).
J.b Der Instruktionsrichter wies das Gesuch um Fristansetzung unter Hin-
weis auf Art. 32 Abs. 2 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. De-
zember 1968 (VwVG, SR 172.021) mit Zwischenverfügung vom 1. Juni
2012 ab.
K.
Der Beschwerdeführer reichte beim Bundesverwaltungsgericht am 6. No-
vember 2012 einen Artikel aus der Zeitung Uthayan vom 14. November
2007 mit Übersetzung ein.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden
gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden
nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungs-
gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Ausliefe-
rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG,
SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Ju-
ni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht
endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Nachdem auch der erhobe-
ne Kostenvorschuss innert angesetzter Frist geleistet wurde, ist auf die
Beschwerde einzutreten.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder
begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des
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Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentli-
chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den
Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ver-
fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das BFM führte zur Begründung seines Asylentscheides aus, die sri-
lankische Armee hätte den Beschwerdeführer im Mai 2007 nicht aus der
Haft entlassen, wenn sie ihn tatsächlich politischer Aktivitäten für die
LTTE verdächtigt hätte. Die Festnahme sei auch mangels Intensität nicht
asylbeachtlich, da sie keine konkreten Verfolgungsmassnahmen nach
sich gezogen habe; er habe noch fast zwei Jahre unbescholten im Hei-
matland gelebt. Personenkontrollen hätten darauf abgezielt, die Infiltrie-
rung von LTTE-Kämpfern in die Zivilgesellschaft zu unterbinden, was kei-
ne asylrelevante Verfolgungssituation darstelle. Der Beschwerdeführer
verfüge diesbezüglich nicht über ein Profil, das ihn zum heutigen Zeit-
punkt aus Sicht der sri-lankischen Behörden verdächtig machen könnte.
Hinsichtlich der Festnahme vom April 2006 sei festzuhalten, dass diese
im Zusammenhang mit den Ermittlungen zu einem Attentat erfolgt sei. Da
er in einer Lodge gewohnt habe, die sich in der Nähe des Tatorts befun-
den habe, sei es naheliegend, dass die Behörden ihn und andere aus
dem Norden stammende Tamilen in Untersuchungshaft genommen und
befragt hätten. Die geltend gemachten Festnahmen in den Jahren 2006
und 2007 könnten aufgrund des Zeitablaufs auch nicht mehr als Auslöser
für die Flucht betrachtet werden. Den Akten seien keine genügend kon-
kreten Hinweise dafür zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer in Sri
Lanka mit erheblicher Wahrscheinlichkeit damit rechnen müsse, seitens
heimatlicher Behörden oder Gruppierungen Verfolgungsmassnahmen im
Sinn von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden.
4.2
4.2.1 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der Beschwerdeführer sei
vom BFM letztmals am 9. März 2009 – vor Ende des Bürgerkriegs – an-
gehört worden; er hätte aber zwingend zu seiner aktuellen Gefährdungs-
situation nach Ende des Bürgerkriegs angehört werden müssen. Mindes-
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tens hätte ihm aber Gelegenheit zur Einreichung einer Stellungnahme ge-
boten werden müssen. Sein Anspruch auf rechtliches Gehör sei diesbe-
züglich verletzt worden. Dies führe auch zu einer unvollständigen und un-
richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts, da alle Ereignis-
se, die sich in den vergangenen drei Jahren zugetragen hätten, nicht in
die Beurteilung desselben einbezogen worden seien. Auch das durch die
Entwicklung in Sri Lanka veränderte Gefährdungsprofil sei nicht abgeklärt
worden. Dies rechtfertige die Aufhebung der Verfügung. In diesem Zu-
sammenhang sei auf das Verfahren E-6220/2006 zu verweisen, in dem
das Bundesverwaltungsgericht angesichts der seit längerer Zeit hängigen
Sache angeordnet habe, dass zur aktuellen Situation eine zusätzliche
Stellungnahme einzureichen sei.
4.2.2 Die Gefährdung des Beschwerdeführers hänge mit seiner Tätigkeit
von Anfang 2005 bis April 2009 (recte: 2006) für C._ zusammen.
Zurzeit des Waffenstillstands seien im Einverständnis mit der sri-lanki-
schen Armee und den LTTE (...) worden. Als sich in den Jahren 2005 und
2006 abgezeichnet habe, dass es zu militärischen Auseinandersetzungen
kommen werde, hätten die LTTE versucht, (...) zu gelangen. Dies sei den
Behörden nicht verborgen geblieben, die ein Augenmerk auf bei
C._ tätige Angestellte gerichtet hätten. Es habe zu dieser Zeit re-
gelmässig Entlassungen, aber auch Einschüchterungen, Entführungen
und Tötungen von Mitarbeitern von C._ gegeben. Der Beschwer-
deführer habe darauf hingewiesen, dass den Sicherheitskräften in Co-
lombo bekannt gewesen sei, dass er mit (...) zu tun gehabt habe. Es sei
bekannt, dass die sri-lankischen Behörden nach Ende des militärischen
Konflikts mit den LTTE eine zweite Stufe der Bekämpfung der LTTE ein-
geleitet hätten. Auch Personen, die mit (...) zu tun gehabt hätten, stünden
dabei im Fokus der Behörden. Personen, gegen die allenfalls noch offene
Gerichtsverfahren bestünden, würden weiterhin verfolgt. Es ergebe sich,
dass frühere Verfahren und Verdächtigungen mit den Veränderungen in
Sri Lanka für die Betroffenen heute eine asylrelevante Gefährdungssitua-
tion darstellten. Es könne sein, dass ein Verdächtiger sich aufgrund man-
gelnder Kommunikation innerhalb der Sicherheitskräfte in den Jahren
2007 und 2008 relativ sicher in Sri Lanka habe aufhalten können, heute
aber aufgrund früherer Ereignisse mit einer aktuellen Verfolgungssituation
konfrontiert sei. Das BFM habe in dieser Hinsicht keinerlei Abklärungen
vorgenommen, was sich auch daraus ergebe, dass in den Akten keine
Länderberichte oder -informationen lägen und auch nicht ersichtlich wer-
de, dass solche beigezogen worden seien. Dies hätte aber unbedingt ge-
schehen müssen. Auch diesbezüglich sei auf das Grundsatzurteil des
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Bundesverwaltungsgerichts vom 27. Oktober 2011 zu verweisen, das in
der Verfügung des BFM zwar erwähnt werde, aber bezogen auf das dort
definierte asylrelevante Risikoprofil nicht auf die notwendigen Sachver-
haltsabklärungen im vorliegenden Fall angewandt worden sei. Das BFM
habe auch die Gefährdungslage für Mitarbeiter von C._ nicht ab-
geklärt. Der Beschwerdeführer habe darauf hingewiesen, dass andere
Mitarbeiter dieser Organisation durch Unbekannte entführt und getötet
worden seien. C._ habe wegen des Drucks auf seine Mitarbeiter
die Tätigkeit in Sri Lanka beendet und es sei davon auszugehen, dass die
Vorfälle dokumentiert worden seien. Das BFM habe bei C._ in-
dessen keine Abklärungen getätigt.
4.2.3 Der Beschwerdeführer sei im Oktober 2009 und am 5. Juni 2010
von paramilitärischen Truppen bei seinen Eltern in B._ gesucht
worden. Bei der zweiten Vorsprache hätten diese erklärt, er werde wegen
seiner Tätigkeit für C._ gesucht. Ein Cousin des Beschwerdefüh-
rers, der ebenfalls für C._ tätig gewesen sei, sei im Jahr 2006 von
der Armee festgenommen worden und seither verschollen. Die Familie
des Beschwerdeführers verfüge über erheblichen Reichtum und mache
auch heute gute Geschäfte. Vor sechs Monaten seien seine Brüder
D._ und E._ durch die Behörden verhaftet worden; die
Familie habe eine hohe Geldsumme bezahlt, um sie wieder freizube-
kommen. Die Familie befürchte weitere solche Vorkommnisse und lebe
sehr zurückgezogen, um dies zu vermeiden. Die anhaltende Suche nach
ihm und die Entführungs- oder Festnahmegefahr wegen des Familien-
reichtums seien vom BFM nicht abgeklärt worden, weil er nicht zur aktuel-
len Gefährdungslage befragt worden sei. Wäre er nochmals befragt wor-
den, wäre dem BFM auch bewusst geworden, dass er keinerlei wirt-
schaftliche Gründe habe, nicht in seine Heimat zurückzukehren. Es wäre
auch von zentraler Bedeutung, zu wissen, ob das gegen ihn im Jahr 2006
eingeleitete Verfahren noch bestehe.
4.2.4 Das Bundesverwaltungsgericht gehe davon aus, dass Personen,
die nach Beendigung des Bürgerkriegs verdächtigt worden seien, mit den
LTTE in Verbindung zu stehen bzw. gestanden zu sein, einer erhöhten
Verfolgungsgefahr unterlägen. In diesem Zusammenhang sei darauf hin-
zuweisen, dass die sri-lankische Regierung sämtliche (früheren) Unter-
stützer der LTTE bestrafen wolle. Die Stimmung gegen im Ausland leben-
de Tamilen sei zudem von Misstrauen geprägt; diese würden von der sri-
lankischen Regierung als Verräter und Unterstützer der LTTE abgestem-
pelt. Aktivitäten von im Ausland lebenden Tamilen würden überwacht und
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Informationen über Teilnehmer an Demonstrationen der tamilischen Dias-
pora würden an die Behörden weitergeleitet. Sämtliche Einreisende wür-
den am Flughafen mittels eines Warnsystems überprüft. Abgewiesene
Asylsuchende würden durch das "Criminal Investigation Department"
(CID) genauer überprüft. Dazu stünden zentral gespeicherte Informatio-
nen und die "schwarzen Listen" zur Verfügung, die im Zuge des "Scree-
ningprozesses" erstellt worden seien. Für die Dauer der Abklärungen wür-
den die Betroffenen inhaftiert. Es seien zahlreiche Fälle dokumentiert, in
denen Personen nach ihrer Rückkehr nach Sri Lanka gefoltert worden
seien, ohne dass sie eine Verbindung zu den LTTE gehabt hätten. Was
mit Personen geschehe, die als jemand mit politischer oder familiärer Ver-
bindung zur LTTE eingestuft würden, sei unklar. Es gebe Berichte über
Festnahmen und Liquidationen von solchen Menschen. Zudem würden
Tamilen nach erneuter Niederlassung systematisch registriert; es werde
ein Formular mit Namen und Fotografie der Familie angefertigt, das am
Wohnort ausgehängt werde. Dies diene auch dazu, ehemalige LTTE-Mit-
glieder zu identifizieren.
4.2.5 Aus den vom Beschwerdeführer eingereichten Beweismitteln werde
klar, dass gegen ihn während seiner Haft im Jahr 2006 intensiv ermittelt
worden sei. Er sei auf Kaution freigelassen worden und habe einen ers-
ten Gerichtstermin gewahrt, einem weiteren sei er ferngeblieben. Es sei
davon auszugehen, dass das Verfahren noch existiere und er als flüchtig
gelte; damit liege ein Risikoprofil vor. Es sei deshalb davon auszugehen,
dass er bereits bei einer Einreise nach Sri Lanka inhaftiert würde. Es sei
belegt, dass seine Familie über einen überdurchschnittlichen Reichtum
verfüge und zwei seiner Brüder unter Vorwänden festgenommen worden
seien; dabei sei es darum gegangen, viel Geld für ihre Freilassung zu er-
pressen. Die Familie fürchte auch Entführungen durch Paramilitärs und
damit verbundene Geldforderungen. Da er durch diese bereits gesucht
worden sei, rechne seine Familie damit, dass er noch mehr als die ande-
ren Familienmitglieder im Zentrum einer solchen Entführung stünde.
4.2.6 In der Eingabe vom 16. April 2012 wird ausgeführt, die Familie des
Cousins des Beschwerdeführers habe es nicht gewagt, im Zusammen-
hang mit dessen Verschwinden mit den Behörden Kontakt aufzunehmen,
um Unterlagen dazu zu beschaffen. Die Brüder des Beschwerdeführers
hätten keine Unterlagen zu ihrer Verhaftung und der erfolgten Geldzah-
lung erhalten. Bei C._ seien Abklärungen nach einer Verfolgung
deren Mitarbeiter, die zur fraglichen Zeit mit der (...) beschäftigt gewesen
seien, vorzunehmen. Es sei darauf hinzuweisen, dass sich der Be-
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schwerdeführer seit seiner Einreise in die Schweiz immer wieder an Ver-
anstaltungen der LTTE öffentlich politisch betätigt habe. Dazu würden
zwei Fotografien eingereicht, auf denen er bei der Teilnahme an einer
Kundgebung in F._ vom (...) 2012 gezeigt werde. Verschiedene
seiner Kollegen, die an dieser Kundgebung teilgenommen hätten, hätten
Drohbriefe erhalten. Im Ausland lebende Tamilen würden seitens der sri-
lankischen Regierung unter Generalverdacht stehen, Terroristen zu sein.
Mit den Drohbriefen seien alle tamilischen Personen anvisiert worden, die
sich in irgendeiner Form exilpolitisch betätigt hätten. Die Regierung ma-
che keinen Hehl daraus, dass sie Tamilen im Ausland geheimdienstlich
überwache. Somit bestehe für ihn auch diesbezüglich eine asylrelevante
Verfolgungsgefahr.
4.3 Das BFM führt in seiner Vernehmlassung aus, der Beschwerdeführer
habe sich in Sri Lanka politisch nicht betätigt und es sei nicht davon aus-
zugehen, dass die heimatlichen Behörden von seinen Aktivitäten in der
Schweiz Kenntnis genommen hätten. Die blosse Teilnahme an nieder-
schwelligen Massenveranstaltungen erreichten nicht das Ausmass eines
Engagements, welches das Interesse der Behörden wecken könnte. Be-
züglich der Rüge des unvollständig abgeklärten Sachverhalts sei festzu-
halten, dass es am Beschwerdeführer gelegen hätte, während des Asyl-
verfahrens auf allfällige für sein Asylgesuch wichtige Veränderungen der
persönlichen Lage hinzuweisen.
4.4 In der Replik wird entgegnet, der Beschwerdeführer habe in Sri Lanka
einen Anwalt beauftragt, der ihm in den nächsten Wochen Unterlagen
zum Gerichtsverfahren aus dem Jahr 2006 zusenden werde. In einem
eingereichten Bericht werde über Menschenrechtsverletzungen an Mitar-
beitern von humanitären Organisationen orientiert. Es werde erwähnt,
dass Mitarbeiter von C._ von den Sicherheitskräften verdächtigt
worden seien, den LTTE anzugehören. Zahlreiche von ihnen seien ver-
schwunden oder getötet worden. Damit werde belegt, dass er aufgrund
seiner früheren Tätigkeit der Verbindung zur LTTE verdächtigt werde. Der
Beschwerdeführer sei im Jahr 2006 wegen Verdachts der LTTE-Zugehö-
rigkeit verhaftet worden und habe für C._ gearbeitet. Dies trage im
Zusammenhang mit seinem exilpolitischen Engagement zu seinem Risi-
koprofil bei. Er sei mit einer Gruppe von Tamilen jeweils nach G._
gefahren und habe dabei geholfen, Bühnen für Reden aufzustellen und
vorzubereiten. In der "(...)" seien auch hochrangige LTTE-Leute dabei. Zu
diesen habe er auch privat Kontakt. Es sei auf die Drohbriefe zu verwei-
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sen, die zahlreiche Tamilen erhalten hätten, die bloss an Demonstratio-
nen teilgenommen hätten.
5.
5.1 In der Beschwerde wird in formeller Hinsicht gerügt, die Vorinstanz
habe den Sachverhalt unvollständig abgeklärt, da sie den Beschwerde-
führer letztmals am 9. März 2009 angehört habe. Angesichts des Grund-
satzes, dass die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft stets vor dem
Hintergrund der aktuellen Situation erfolgen müsse, hätte er vor Erlass
der angefochtenen Verfügung zwingend nochmals zu seiner aktuellen
Gefährdungssituation angehört oder es hätte ihm zumindest Gelegenheit
zur ergänzenden schriftlichen Stellungnahme zur aktuellen Situation ge-
geben werden müssen.
5.2 Bezüglich dieser Rüge ist festzuhalten, dass die Untersuchungspflicht
der Behörden ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht eines Gesuchstel-
lers findet (vgl. Art. 8 AsylG), der auch die Substanziierungslast trägt (vgl.
Art. 7 AsylG). Aus den Akten ist nicht ersichtlich, dass der Beschwerde-
führer nach der Anhörung vom 9. März 2009 bis zum Ergehen der ange-
fochtenen Verfügung das BFM auf aktuelle, für die Begründung der
Flüchtlingseigenschaft allenfalls relevante ihn persönlich betreffende Er-
eignisse oder Begebenheiten hingewiesen hätte, weshalb für dieses kei-
ne Veranlassung bestand, den Beschwerdeführer ergänzend anzuhören.
Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sich die Situation in Sri Lan-
ka seit dem Ende des Bürgerkrieges erheblich verändert hat, zumal die
Vorinstanz über die Situation im Heimatstaat des Beschwerdeführers je-
derzeit ausreichend informiert ist. Nach dem Gesagten erweist sich die
Rüge, das BFM habe den Sachverhalt unvollständig festgestellt, da es
den Beschwerdeführer nicht nochmals angehört habe, als unbegründet.
5.3 Im Beschwerdeverfahren werden weitere Verfahrensmängel gerügt,
die sich insbesondere auf die Erhebung des Sachverhalts durch die Vor-
instanz beziehen. Auf diese Rügen und die damit verbundenen prozessu-
alen Anträge ist im Zusammenhang mit der Beurteilung der konkreten
Asylvorbringen einzugehen. Vorweg kann an dieser Stelle unter Hinweis
auf die nachfolgenden Erwägungen (vgl. E. 7) festgehalten werden, dass
der rechtserhebliche Sachverhalt entgegen der in der Beschwerde vertre-
tenen Auffassung vom BFM hinreichend abgeklärt wurde. Der Auffas-
sung, es müssten zu verschiedenen Punkten des Sachverhalts und der
sich daraus ergebenden Gefährdung für den Beschwerdeführer zusätzli-
che Abklärungen vorgenommen werden, kann nicht gefolgt werden, da
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nicht ersichtlich ist, inwiefern diese geeignet wären, zu einer anderen Ein-
schätzung der flüchtlingsrechtlichen Relevanz seiner Vorbringen zu füh-
ren. Die Rüge des Beschwerdeführers, der Sachverhalt sei unvollständig
und unrichtig erhoben worden, erweist sich daher als nicht stichhaltig. Die
Anträge, es seien weitere Abklärungen des Sachverhalts vorzunehmen,
sind demnach abzuweisen, und es ist festzustellen, dass die in diesem
Zusammenhang erhobenen Rügen keinen Anlass geben, die Sache zum
Zweck zusätzlicher Sachverhaltserhebungen an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Folglich ist das Begehren, die Verfügung des BFM vom 24. Janu-
ar 2012 sei aufzuheben und die Sache zur Feststellung des vollständigen
und richtigen rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung an
das BFM zurückzuweisen, abzuweisen.
6.
6.1 Glaubhaft sind die Vorbringen eines Asylsuchenden grundsätzlich
dann, wenn sie genügend substantiiert, in sich schlüssig und plausibel
sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesent-
lichen Punkten nicht widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbeh-
ren und auch nicht den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung wider-
sprechen. Darüber hinaus muss die gesuchstellende Person persönlich
glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn
sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abstützt,
aber auch dann, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst
falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert
oder unbegründet nachschiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt
oder die nötige Mitwirkung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner
– im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und
lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbrin-
gen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob im Rahmen einer Gesamt-
würdigung die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung
des Asylsuchenden sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine
objektivierte Sichtweise abzustellen (Art. 7 Abs. 2 und 3 AsylG; BVGE
2010/57 E. 2.3 S. 826 f.).
6.2 Der Beschwerdeführer machte geltend, er habe sich im April 2006
nach Colombo begeben, nachdem er von Soldaten aufgefordert worden
sei, seine Arbeit bei C._ aufzugeben. Wenige Tage nach seiner
Ankunft sei er im Anschluss an einen Anschlag auf General Fonseka zu-
sammen mit anderen Personen festgenommen worden. Er sei einem
Richter vorgeführt worden, der Untersuchungshaft angeordnet habe. Gut
eine Woche nach der Inhaftierung sei er auf Kaution freigelassen worden.
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Zum Beleg dieses Vorbringens gab er beim BFM die Übersetzung eines
Gerichtsdokuments ab; beim Bundesverwaltungsgericht reichte er eine
Kopie des Originaldokuments ein. Das BFM äusserte keine Zweifel an
der Glaubhaftigkeit dieser Vorbringen und auch das Bundesverwaltungs-
gericht erachtet es aufgrund der Aussagen des Beschwerdeführers als
glaubhaft, dass er zum geltend gemachten Zeitpunkt festgenommen und
inhaftiert wurde.
6.3 Des Weiteren führte der Beschwerdeführer bei der Anhörung aus, er
sei im Mai 2007 in B._ von der Armee festgenommen und drei Ta-
ge festgehalten worden; anschliessend sei er bedingungslos frei gelassen
worden. Aufgrund der Schilderung dieses Ereignisses wird klar, dass ge-
gen ihn nichts vorgelegen haben kann. So seien die Soldaten gegen
Abend zu ihm gekommen und hätten ihm seine Identitätskarte abgenom-
men. Er sei aufgefordert worden, diese am folgenden Tag in einem Ar-
meecamp abzuholen (vgl. act. A9/18 S. 15). Wäre der Beschwerdeführer
damals aufgrund seiner Tätigkeit für C._ oder des in Colombo
eingeleiteten Verfahrens oder vermuteter Verbindungen zu den LTTE
konkret gesucht worden, hätten ihn die Soldaten sofort festgenommen
und es nicht bei der Aufforderung belassen, er solle sich am folgenden
Tag melden. Auch hätten sie ihn nicht "bloss" gefragt, ob er ein "Tiger" sei
(vgl. act. A9/18 S. 15), sondern ihm konkrete Vorhaltungen gemacht.
Schliesslich wäre er auch nicht bedingungslos freigelassen worden, falls
etwas gegen ihn vorgelegen hätte. Aufgrund vorstehender Ausführungen
und der diesbezüglich vagen Angaben des Beschwerdeführers, erscheint
sein Vorbringen, er sei bei seiner Familie nach Mai 2007 mehrmals von
der Armee gesucht worden, nicht glaubhaft. Auch die durch nichts belegte
Behauptung im Beschwerdeverfahren, er sei wegen seiner vormaligen
Tätigkeit für C._ in den Jahren 2009 und 2010 von paramilitäri-
schen Organisationen gesucht worden, vermag nicht zu überzeugen. Die
blosse, zeitlich weit zurückliegende Tätigkeit für C._, die weiterhin
in Sri Lanka tätig ist und über (...) lokale Angestellte beschäftigt, stellt
keinen Grund für eine (behördliche) Suche dar.
6.4 Soweit geltend gemacht wird, die Familie des Beschwerdeführers sei
wohlhabend und seine beiden Brüder seien zwecks Erpressung von Geld
festgenommen worden, weshalb er einer Risikogruppe angehöre, ist fest-
zustellen, dass die Festnahme der Brüder des Beschwerdeführers und
die behauptete Lösegeldzahlung entgegen der in der Beschwerde vertre-
tenen Auffassung nicht belegt wird. Mit den Bankauszügen kann weder
eine Festnahme des Kontoinhabers (H._) noch eine Lösegeldzah-
D-1117/2012
Seite 14
lung belegt werden und weitere Beweismittel wurden trotz der entspre-
chenden Ankündigung in der Beschwerde nicht beigebracht. Den für die
Monate November und Dezember 2011 auf den Bankauszügen verzeich-
neten Kontobewegungen ist lediglich zu entnehmen, dass sich regelmäs-
sige Zahlungen und Zahlungseingänge betragsmässig die Waage halten.
Die verzeichneten Kontostände am Ende der Monate Oktober/Novem-
ber/Dezember 2011 vermögen den Reichtum der Familie indessen nicht
zu belegen. Ohnehin ist nicht als erstellt zu erachten, dass ausgerechnet
der Beschwerdeführer, der gemäss Akten nicht in einem Familienbetrieb
arbeitete, ins Visier von Entführern geraten sollte.
7.
7.1 Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur
Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt
der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit
verwirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit
ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine
bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen
konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus
einem der vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteili-
gung als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als rea-
listisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (BVGE 2010/57 E. 2.5
S. 827 f., BVGE 2010 44 E. 3.4 S. 620 f.)
7.2
7.2.1 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der Beschwerdeführer sei
in seinem Heimatland gefährdet gewesen, weil er von 2005 bis am
19. Januar 2006 für die Organisation C._ gearbeitet habe. Die
Soldaten hätten ihn auf dem Kontrollposten überprüft, als er jeweils zur
Arbeit gegangen sei, er habe seine Militärschuhe ausziehen müssen, da
auch diese kontrolliert worden seien (vgl. act. A9/18 S. 10). In diesem Zu-
sammenhang gilt es zu beachten, dass die LTTE teilweise offenbar er-
folgreich versuchten, über Mitarbeiter von C._ und anderen Orga-
nisationen, die sich auf die (...). So soll (...) aus dem Büro von C._
Material gestohlen worden sein, was die sri-lankische Armee zur Anord-
nung veranlasst habe, die Ausrüstung und das Material müssten in einer
gesicherten Zone gelagert werden. C._ habe einige seiner Mitar-
beiter beschuldigt, am Diebstahl beteiligt gewesen zu sein, und das sri-
lankische Armeekommando habe die Organisation (...) aufgefordert, (...)
Angestellte zu entlassen (vgl. den Bericht [...] S. 54). Das dem Be-
schwerdeführer entgegengebrachte Misstrauen der sri-lankischen Si-
D-1117/2012
Seite 15
cherheitsbehörden war somit durch Vorkommnisse begründet, die es
auch objektiv gesehen als notwendig erscheinen liessen, Kontrollen
durchzuführen. Der Beschwerdeführer machte des Weiteren geltend, die
Soldaten hätten ihn bedroht und ihm vorgeworfen, er gehöre zu den
LTTE. Der Aufforderung, seine Arbeit für C._ einzustellen, sei er
gefolgt. Er habe seinen Arbeitgeber angerufen und gesagt, er sei krank.
Da er seine Arbeit nicht wieder aufgenommen habe, sei er in zwei Briefen
aufgefordert worden, seine Arbeitskleider und seinen Personalausweis
zurückzubringen, was er nicht getan habe. Den Akten kann nicht ent-
nommen werden, dass er von den sri-lankischen Sicherheitsbehörden
konkret verdächtigt wurde, in den Diebstahl von (...) verwickelt gewesen
zu sein; er gehörte offensichtlich auch nicht zu den Mitarbeitern, die auf
Geheiss des Armeekommandos entlassen wurden. Er wurde seinen An-
gaben gemäss im April 2006 in Colombo von der Polizei und im Mai 2007
in B._ von der Armee festgenommen. Hätten die sri-lankischen
Sicherheitsbehörden ihn aufgrund seiner (beendeten) Tätigkeit für
C._ bzw. vielmehr aufgrund des Verdachts, er sei zugunsten der
LTTE tätig gewesen, zur Rechenschaft ziehen wollen, hätten sie die Ge-
legenheit dazu gehabt. Da gegen ihn indessen kein Verfahren wegen
LTTE-Zugehörigkeit bzw. Kooperation mit den LTTE eingeleitet und er im
Mai 2006 auf Kaution bzw. im Mai 2007 bedingungslos freigelassen wur-
de, lag gegen ihn aus Sicht der sri-lankischen Behörden nichts vor, das
sie zu seiner Verfolgung hätte veranlassen können.
7.2.2 Im Beschwerdeverfahren wird in formeller Hinsicht gerügt, das BFM
hätte die Gefährdungslage von Mitarbeitern von C._ abklären
müssen. C._ habe aufgrund des Druckes auf seine Mitarbeiter die
Tätigkeit in Sri Lanka beendet. In diesem Zusammenhang ist festzuhal-
ten, dass der Beschwerdeführer sich bezüglich der konkreten Probleme
mit den Soldaten, die ihn aufgefordert hätten, seine Tätigkeit für diese
Organisation aufzugeben, offenbar nicht an C._ wandte, weshalb
Abklärungen hinsichtlich der von ihm geltend gemachten persönlichen
Bedrohungssituation von vornherein zum Scheitern verurteilt wären.
C._ könnte einzig bestätigen, dass er zeitweise für sie arbeitete,
was nicht bestritten ist. Abklärungen bei C._ über Probleme ande-
rer Mitarbeiter erweisen sich schon deshalb als nicht notwendig, weil sie
aktenkundig sind (vgl. den Bericht von [...]). Aufgrund der zur Verfügung
stehenden Informationen kann davon ausgegangen werden, dass Mitar-
beiter von C._ und anderen Organisationen, die sich mit (...) be-
schäftigten, vor und nach dem Wiederaufflammen der bewaffneten Aus-
einandersetzungen zwischen der sri-lankischen Armee und den LTTE von
D-1117/2012
Seite 16
den Sicherheitskräften beargwöhnt wurden, mit den LTTE zusammenzu-
arbeiten. Von einer generellen Verfolgung von Mitarbeitern dieser Organi-
sationen kann indessen nicht ausgegangen werden. Dies zeigt sich auch
dadurch, dass C._ entgegen den Ausführungen in der Beschwer-
de weiterhin in Sri Lanka tätig ist, ihre Aktivitäten in diesem Land ausge-
weitet hat und mittlerweile über (...) sri-lankische Mitarbeiter beschäftigt.
Da der Beschwerdeführer nicht glaubhaft machen konnte, wegen seiner
zurückliegenden Tätigkeiten für C._ von den sri-lankischen Be-
hörden (oder paramilitärischen Gruppierungen) gesucht zu werden, be-
stand und besteht kein Anlass, diesbezüglich weitere Abklärungen zu tä-
tigen.
7.3
7.3.1 Weiter wird der Standpunkt vertreten, dem Beschwerdeführer drohe
bei einer Rückkehr in seine Heimat die Gefahr asylrechtlich relevanter
Verfolgung, weil im April 2006 gegen ihn im Anschluss an ein Attentat auf
General Fonseka Ermittlungen eingeleitet worden seien und er sich nach
seiner Freilassung auf Kaution nicht mehr bei Gericht gemeldet habe. Am
25. April 2006 wurde in Colombo auf General Fonseka ein Selbstmordat-
tentat verübt, bei dem dieser und zahlreiche andere Personen schwer
verletzt und mehrere Menschen getötet wurden. Ein Gericht in Kegalle
hat am 23. Oktober 2012 ein LTTE-Mitglied, das die Attentäterin (und wei-
tere Attentäter) unterstützt habe, zu einer langjährigen Freiheitsstrafe ver-
urteilt (vgl. LTTEwatch Deutschland vom 23. Oktober 2012). Da der Be-
schwerdeführer bereits acht Tage nach seiner Festnahme auf Kaution
freigelassen wurde, können die Ermittlungen nichts ihn Belastendes erge-
ben haben. Hätten die sri-lankischen Behörden ihn verdächtigt, an der
Vorbereitung oder Durchführung des Attentats (oder anderer Straftaten)
beteiligt gewesen zu sein oder Verbindungen zu den LTTE zu haben, wä-
re er mit Sicherheit nicht auf freien Fuss gesetzt worden. Er hielt sich
nach seiner Freilassung noch beinahe drei Jahre lang in Sri Lanka auf,
ohne dass er im Zusammenhang mit den im April 2006 eingeleiteten Er-
mittlungen erneut festgenommen wurde. Übereinstimmend mit dem BFM
ist davon auszugehen, dass die Festnahme des Beschwerdeführers an
sich sowie das weitere Verfahren – mit Ausnahme der vom Beschwerde-
führer geltend gemachten Misshandlung im Gefängnis – rechtsstaatlich
legitim waren, da der Verdacht der Sicherheitsbehörden, die Attentäterin
könnte Helfer gehabt haben, die im Kreis der tamilischen Bevölkerung zu
suchen waren, naheliegend war.
D-1117/2012
Seite 17
7.3.2 Da der Beschwerdeführer nach acht Tagen Untersuchungshaft auf
freien Fuss gesetzt wurde und anschliessend noch drei Jahre lang in Sri
Lanka verblieb, ohne dass ihm im Zusammenhang mit den gegen ihn ein-
geleiteten Ermittlungen weitere Probleme erwuchsen, bestand auf Seiten
des BFM kein Anlass, Abklärungen zum Verfahren in Colombo vorzuneh-
men. Im Verlaufe des Beschwerdeverfahrens (vgl. Eingabe vom 29. Mai
2012) wurde im Übrigen angekündigt, der Beschwerdeführer habe einen
Anwalt in Colombo mit der Einholung eines aktuellen Auszugs der Ge-
richtsakten aus dem Jahr 2006 beauftragt, der in den nächsten Wochen
eintreffen sollte. Da bis heute keine entsprechenden Dokumente einge-
reicht wurden, ist davon auszugehen, die Abklärungen des sri-lankischen
Anwalts hätten nichts ergeben, das die These, der Beschwerdeführer
könnte bei einer Rückkehr in seine Heimat aufgrund des zurückliegenden
Verfahrens in Schwierigkeiten geraten, stützen könnte. Vor diesem Hin-
tergrund besteht auch auf Beschwerdeebene kein Anlass, bezüglich des
im Jahr 2006 eingeleiteten Ermittlungsverfahrens Abklärungen in Auftrag
zu geben.
7.4 In der Eingabe vom 16. April 2012 wird schliesslich geltend gemacht,
der Beschwerdeführer habe seit seiner Ankunft in der Schweiz mehrmals
an von den LTTE organisierten Kundgebungen teilgenommen und beim
Vorbereiten von Veranstaltungen mitgeholfen. Es sei davon auszugehen,
dass für ihn dadurch eine zusätzliche asylrelevante Verfolgungsgefahr
bestehe. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass die schweizerischen Asyl-
behörden in konstanter Praxis davon ausgehen, dass Asylgesuchsteller
dann das Interesse der heimatlichen Behörden auf sich ziehen können,
wenn sie sich durch ihre exilpolitische Tätigkeit in konkreter Weise expo-
nieren. Durch den Hinweis des Beschwerdeführers, er habe immer wie-
der an Kundgebungen teilgenommen, sei zusammen mit einer Gruppe
von Tamilen an diese gefahren und habe in der Regel bei deren Vorberei-
tung geholfen, wird indessen noch kein profiliertes und exponiertes exil-
politisches Engagement dargetan. Aufgrund der Aktenlage besteht somit
kein Anlass zur Annahme, er habe sich persönlich in einer Art und Weise
exilpolitisch betätigt, die ihn bei einer Rückkehr in seine Heimat konkret
gefährden würde. Somit liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass er in
Sri Lanka wegen der Beteiligung an exilpolitischen Aktivitäten einer spezi-
fischen Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt sein könnte.
7.5 Zusammenfassend ergibt sich aufgrund des Gesagten, dass den
Asylvorbringen des Beschwerdeführers keine konkreten und stichhaltigen
Hinweise zu entnehmen sind, angesichts deren ihm ein Risikoprofil attes-
D-1117/2012
Seite 18
tiert werden könnte, welches ihn zum heutigen Zeitpunkt und unter den
derzeit in Sri Lanka herrschenden Bedingungen als in asylrelevanter Wei-
se gefährdet erscheinen lässt. An dieser Einschätzung vermögen auch
die im Beschwerdeverfahren eingereichten Beweismittel nichts zu än-
dern. Insbesondere gehört der Beschwerdeführer als abgewiesener Asyl-
bewerber tamilischer Ethnie nicht einer Risikogruppe von Personen an,
die generell gefährdet wären, bei ihrer Rückkehr der Folter ausgesetzt zu
werden. Die jüngsten Berichte (vgl. etwa Country Policy Bulletin Sri Lanka
der UK Border Agency vom März 2013; Research Directorate, Immigrati-
on and Refugee Board of Canada vom 12. Februar 2013;
http://www.ecoi.net : "Sri Lanka: Treatment of Tamil returnees to Sri Lanka
...") lassen diesbezüglich keine anderen Schlüsse zu. Nach Kenntnis des
Gerichts handelt es sich bei den bislang registrierten Übergriffen der sri-
lankischen Sicherheitsorgane gegenüber tamilischen Rückkehrern nicht
um ein allgemeines Phänomen, sondern um Einzelfälle, bei welchen über
die Motive der verfolgenden Sicherheitsorgane kaum etwas bekannt ist
und die nicht eine Verfolgung aller Rückkehrer wahrscheinlich erscheinen
lassen (vgl. statt vieler Urteile E-4098/2011 vom 10. Juli 2013 E. 6.2.4,
D-6148/2011 vom 9. Juli 2013 E. 3.4). Dem Beschwerdeführer ist es dem-
nach nicht gelungen, eine im Zeitpunkt seiner Ausreise aus Sri Lanka be-
stehende oder unmittelbar drohende asylrechtlich relevante Verfolgung
glaubhaft zu machen. Auch für den heutigen Zeitpunkt kann ihm keine be-
gründete Furcht vor Verfolgung im Falle der Rückkehr in die Heimat zuer-
kannt werden. Es erübrigt sich, auf die weiteren Ausführungen in der Be-
schwerde und den übrigen Eingaben im Einzelnen einzugehen, da sie am
Ergebnis nichts zu ändern vermögen. Das BFM hat zu Recht die Flücht-
lingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asylgesuch
abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein,
so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 Abs. 1 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
Abs. 1 AsylG; vgl. auch BVGE 2011/24 E. 10.1 S. 502, EMARK 2001
Nr. 21).
D-1117/2012
Seite 19
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach
den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Aus-
ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom
16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG,
SR 142.20]).
Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt ge-
mäss ständiger Praxis der gleiche Beweisstandard wie bei der Flücht-
lingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Be-
weis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.
BVGE 2011 E. 10.2 S. 502).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in
den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83
Abs. 3 AuG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land ge-
zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eid-
genossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Übereinkom-
mens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, un-
menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105)
und der Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum
Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) darf
niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder
Behandlung unterworfen werden.
9.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend dar-
auf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
D-1117/2012
Seite 20
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Sri
Lanka ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse
Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde
Nr. 37201/06, §§ 124 - 127, mit weiteren Hinweisen). Der EGMR hat sich
mit der Gefährdungssituation im Hinblick auf eine EMRK-widrige Behand-
lung namentlich für Tamilen, die aus einem europäischen Land nach Sri
Lanka zurückkehren müssen, wiederholt befasst (vgl. NA. v. United King-
dom, Application no. 25904/07, Entscheid vom 17. Juli 2008 P.K. v. Den-
mark, Application no. 54705/08, Entscheid vom 20. Januar 2011 T.N. v.
Denmark, Application no. 20594/08, Entscheid vom 20. Januar 2011 E.G.
v. United Kingdom, Application no. 41178/08, Entscheid vom 31. Mai
2011). Der Gerichtshof unterstreicht, dass nicht in genereller Weise davon
auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe eine unmenschliche Be-
handlung; eine entsprechende Risikoeinschätzung müsse vielmehr ver-
schiedene Faktoren in Betracht ziehen, aus denen sich insgesamt im Ein-
zelfall schliessen lasse, dass der Betreffende ernsthafte Gründe für die
Befürchtung habe, die Behörden hätten an seiner Festnahme und Befra-
gung ein Interesse. Nachdem der Beschwerdeführer nicht glaubhaft ge-
macht hat, dass er befürchten müsse, bei einer Rückkehr ins Heimatland
die Aufmerksamkeit der sri-lankischen Behörden in einem flüchtlings-
rechtlich relevanten Ausmass auf sich zu ziehen, bestehen auch keine
Anhaltspunkte dafür, ihm würde aus demselben Grund eine menschen-
rechtswidrige Behandlung im Heimatland drohen. Auch die allgemeine
Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegweisungsvollzug zum
heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen (vgl. BVGE 2011/24
E. 10.4.2). An dieser Einschätzung ändern auch die diesbezüglichen Vor-
bringen des Beschwerdeführers in der Beschwerdeschrift sowie die dort
zitierten und eingereichten Berichte nichts, weshalb es sich erübrigt, wei-
ter darauf einzugehen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegwei-
sung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestim-
mungen zulässig.
D-1117/2012
Seite 21
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen
und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat
auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt
und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete
Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die
vorläufige Aufnahme zu gewähren. Art. 83 Abs. 4 AuG stellt eine Kodifi-
zierung der bisherigen Praxis zur konkreten Gefährdung nach Art. 14a
Abs. 4 des Bundesgesetzes vom 26. März 1931 über Aufenthalt und Nie-
derlassung der Ausländer (ANAG, BS 1 121) dar (vgl. PETER BOLZLI, in:
Marc Spescha/Hanspeter Thür/ Andreas Zünd/Peter Bolzli, Kommentar
Migrationsrecht, 3. Auflage, Zürich 2012, Nr. 15 zu Art. 83 AuG). Dieser
Praxis zufolge wird aus humanitären Gründen, nicht in Erfüllung völker-
rechtlicher Pflichten der Schweiz, auf den Vollzug der Wegweisung ver-
zichtet, wenn die Rückkehr in den Heimatstaat für die betroffene Person
eine konkrete Gefährdung darstellt. Konkret gefährdet sind Personen,
wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie
Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt oder infolge persönlicher Gründe
wirtschaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle
Notlage geraten, beispielsweise weil sie dort die notwendige medizini-
sche Versorgung nicht erhalten könnten oder aus objektiver Sicht wegen
der vorherrschenden Verhältnisse mit grosser Wahrscheinlichkeit in völli-
ge und andauernde Armut gestossen würden, dem Hunger und somit ei-
ner ernsthaften Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes, der Invali-
dität oder sogar dem Tod ausgeliefert wären (vgl. BVGE 2011/24 E. 11.1
S. 504 f., BVGE 2009/52 E. 10.1 S. 756 f., BVGE 2009/51 E. 5.5 S. 748,
BVGE 2009/28 E. 9.3.1 S. 367).
9.3.2 Der Beschwerdeführer stammt aus dem Distrikt Jaffna, wo er mehr-
heitlich zusammen mit seiner Familie lebte (vgl. act. A 1/13 S. 1 f.). Im
Distrikt Jaffna herrscht keine Situation allgemeiner Gewalt, und die politi-
sche Lage ist nicht dermassen angespannt, dass eine Rückkehr dorthin
als generell unzumutbar eingestuft werden müsste (vgl. BVGE 2011/24
E. 13.2.1 S. 510). Für Personen, die aus der Nordprovinz stammen sind
jedoch die aktuell vorliegenden Lebens- und Wohnverhältnisse abzuklä-
ren und auf die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs hin zu überprü-
fen, wobei namentlich die Existenz eines tragfähigen Beziehungsnetzes
sowie die konkreten Möglichkeiten der Sicherung des Existenzminimums
und der Wohnsituation massgebliche Faktoren für die Bejahung der Zu-
mutbarkeit der Rückkehr dorthin sind (vgl. BVGE 2011/24 E. 13.2.1.2
S. 511). An dieser Einschätzung vermögen die vom Beschwerdeführer im
Rahmen des Beschwerdeverfahrens eingereichten Berichte bezüglich der
D-1117/2012
Seite 22
Situation in Sri Lanka nichts zu ändern, da sich ihnen nicht eine wesent-
lich andere Beurteilung der Lage in Sri Lanka entnehmen lässt. Es erüb-
rigt sich daher, darauf weiter einzugehen.
9.3.3 Anlässlich der Kurzbefragung gab der Beschwerdeführer zu Proto-
koll, seine Eltern, drei Brüder und eine Schwester lebten in B._
(act. A 1/13 S. 5). Es liegen keine aktuelleren Erkenntnisse vor, die zur
Annahme führten, dass seine Familienangehörigen sich heute nicht mehr
im Distrikt Jaffna aufhielten. Somit ist anzunehmen, dass er dort über ein
familiäres Beziehungsnetz sowie über eine gesicherte Wohnsituation ver-
fügt. Gemäss eigenen Angaben verfügt er über eine gute Schulbildung
und eine Ausbildung als (...). Den Akten sind zudem keine Hinweise auf
gesundheitliche Probleme des Beschwerdeführers zu entnehmen. Auf-
grund seiner beruflichen Kenntnisse und seines Beziehungsnetzes ist da-
von auszugehen, dass er sich auch nach bald viereinhalbjähriger Abwe-
senheit wirtschaftlich und sozial wieder wird integrieren können. Aufgrund
der Akten ist nicht anzunehmen, dass er bei einer Rückkehr in seinen
Heimatstaat in eine existenzielle Notlage geraten wird. Der Vollzug der
Wegweisung erweist sich somit nicht als unzumutbar.
9.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 - 515), weshalb der Vollzug der Wegweisung
auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG).
9.5 Zusammenfassend ergibt sich, dass das BFM den Vollzug der Weg-
weisung zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet hat. Die
Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt daher nicht in Betracht (Art. 83
Abs. 1 - 4 AuG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und
vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Be-
schwerde ist demnach abzuweisen.
11.
In der Beschwerde wird geltend gemacht, dem Beschwerdeführer sei
vom BFM zwar eine Kopie des Beweismittelverzeichnisses (vgl. act A6/1),
nicht aber Kopien der darin enthaltenen Beweismittel zugestellt worden.
D-1117/2012
Seite 23
Dem Schreiben des BFM vom 8. Februar 2012, mit dem Akteneinsicht
gewährt wurde, kann nicht entnommen werden, dass es beabsichtigte,
die Einsicht in die Akte A6/1 ganz oder teilweise zu verweigern, weshalb
es sich bei der Nichtzustellung von Kopien der Beweismittel um ein Ver-
sehen gehandelt haben dürfte. Der Beschwerdeführer reichte die Be-
schwerde am 27. Februar 2012 ein und hätte die Möglichkeit gehabt, die
versehentlich nicht zugestellten Kopien der Beweismittel vor Beschwerde-
erhebung beim BFM nachzufordern. Da er dies nicht getan und stattdes-
sen in der Beschwerde auf das Versäumnis des BFM hingewiesen hat,
sah sich das Bundesverwaltungsgericht veranlasst, das BFM zur Zustel-
lung der Dokumente aufzufordern und dem Beschwerdeführer eine Nach-
frist zur Stellungnahme zu gewähren. Dem Beschwerdeführer ist aus der
seitens des BFM versehentlich nicht umgehend erfolgten Zustellung der
Beweismittel somit kein Rechtsnachteil erwachsen. Es besteht mithin kein
Grund, welcher die Ermässigung der dem Beschwerdeführer entspre-
chend dem Ausgang des Verfahrens aufzuerlegenden Kosten (Art. 63
Abs. 1 VwVG) rechtfertigen könnte. Diese sind somit auf insgesamt
Fr. 600.– festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsge-
richt [VGKE, SR 173.320.2]). Sie sind durch den in derselben Höhe ge-
leisteten Kostenvorschuss gedeckt und mit diesem zu verrechnen.
(Dispositiv nächste Seite)
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