Decision ID: 7c74aef7-1c5b-5035-8a2b-e1cdf252ff19
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ X. gebar am 14. Februar 2008 die Tochter Lara. Der Kindsvater wurde mit Urteil des
Bezirksgerichts M. vom 6. Juni 2008 zur Leistung von monatlichen Unterhaltsbeiträgen
an seine Tochter von Fr. 900.-- verpflichtet. Nachdem er seinen Verpflichtungen nicht
nachgekommen war, ersuchte X. die Politische Gemeinde U. am 23. September 2008
um Bevorschussung und Inkassohilfe von Unterhaltsbeiträgen. Das Sozialamt U.
forderte die Gesuchstellerin am 1. Oktober 2008 auf, Angaben zu ihrem neuen
Lebenspartner Y. zu machen. Das Zusammenziehen zweier Personen im Rahmen einer
Lebenspartnerschaft und die damit verbundene Begründung eines gemeinsamen
Haushalts sei als Beginn eines Konkubinats zu betrachten. Dies habe die
Berücksichtigung des Einkommens und Vermögens des Konkubinatspartners bei der
Berechnung des Bevorschussungsanspruchs zur Folge. X. teilte dem Sozialamt U. mit
Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 14. Oktober 2008 mit, sie sei erst ungefähr einen
Monat mit Y. zusammen, weshalb wohl kaum von einem stabilen Konkubinat
gesprochen werden könne.
Am 24. Februar 2009 verfügte das Sozialamt U., dass die Unterhaltsbeiträge von
Oktober bis Dezember 2008 nicht und diejenigen ab Januar 2009 mit Fr. 306.--
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monatlich bevorschusst werden. Dabei wurde das Einkommen von Y.
mitberücksichtigt. Der Gemeinderat U. wies die von X. erhobene Einsprache mit
Entscheid vom 8. April 2009 ab.
B./ Gegen den Entscheid des Gemeinderats U. erhob X. mit Eingabe ihres
Rechtsvertreters vom 4. Mai 2009 Rekurs mit dem Antrag, die Entscheide der
Gemeinde seien aufzuheben und die Sache sei an das Sozialamt zurückzuweisen
zwecks neuer Berechnung der Alimentenbevorschussung ohne Miteinbezug des
Einkommens des Freundes der Rekurrentin. Das Versicherungsgericht wies den Rekurs
mit Entscheid vom 10. Dezember 2009 ab.
C./ Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 4. Januar 2010 erhob X. Beschwerde beim
Verwaltungsgericht mit dem Antrag, der Entscheid des Versicherungsgerichts vom
10. Dezember 2009 und die Verfügung des Sozialamts U. vom 24. Februar 2009 seien
aufzuheben, die Sache sei an das Sozialamt U. zurückzuweisen zwecks neuer
Berechnung der Alimentenbevorschussung ohne Miteinbezug des Einkommens des
Freundes der Beschwerdeführerin, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen.
Ausserdem wurde die unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung
beantragt. In der Beschwerde wird im wesentlichen vorgebracht, das
Versicherungsgericht stelle eine bundesrechtswidrige Praxis auf, indem es nicht
zwischen Stiefelternteil und Konkubinatspartner unterscheide und zum andern die
langjährige bundesgerichtliche Unterscheidung zwischen stabilem und instabilem
Konkubinat über den Haufen werfe bzw. schlichtweg übergehe. Auf die einzelnen
Vorbringen wird, soweit wesentlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.
Die Vorinstanz und die Beschwerdegegnerin verzichteten auf eine Stellungnahme zur
Beschwerde.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Die
Beschwerdeführerin ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingabe vom 4. Januar 2010
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wurde rechtzeitig eingereicht und entspricht formal und inhaltlich den gesetzlichen
Anforderungen (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2. Streitgegenstand ist einzig die Frage, ob die finanziellen Verhältnisse von Y. bei der
Alimentenbevorschussung der Beschwerdeführerin berücksichtigt werden dürfen oder
nicht.
2.1. Nach Art. 4bis Abs. 1 des Gesetzes über Inkassohilfe und Vorschüsse für
Unterhaltsbeiträge (sGS 911.51, abgekürzt GIVU) ist für die Bevorschussung von
Unterhaltsbeiträgen das Einkommen des obhutsberechtigten Elternteils, des
Konkubinatspartners, des Stiefelternteils und des eingetragenen Partners anrechenbar.
Das Verwaltungsgericht hat in einem Grundsatzurteil am 19. März 2002 entschieden,
dass die Anrechnung des Einkommens des Konkubinatspartners gemäss Art. 4bis
Abs. 1 GIVU weder dem Bundeszivilrecht widerspricht noch gegen das Willkürverbot
(Art. 9 der Bundesverfassung, SR 101, abgekürzt BV) verstösst (GVP 2002 Nr. 46). Das
Bundesgericht hat die gegen dieses Urteil erhobene staatsrechtliche Beschwerde
abgewiesen (BGE 129 I 1 ff.). Es erwog, die kantonale Bestimmung über die
Anrechenbarkeit des Einkommens des Konkubinatspartners des obhutsberechtigten
Elternteils halte vor dem Willkürverbot stand. Die Regelung könne, soweit die
Zulässigkeit der Gleichbehandlung von Stiefelternteil und Konkubinatspartner in Frage
stehe, verfassungskonform ausgelegt werden. Das Bundesgericht hat in seinem Urteil
festgehalten, die Umstände liessen die Anrechnung des Einkommens eines in einem
stabilen Konkubinat lebenden Partners angesichts des dem kantonalen Gesetzgeber
eingeräumten Gestaltungsspielraums als vertretbar erscheinen. Verfassungsrechtlich
nicht haltbar wäre demgegenüber die Auffassung, jedes Zusammenleben eines Paares
rechtfertige es, das Einkommen des Partners anzurechnen. Durch eine derartige
Regelung würde den Unterschieden zwischen der Stellung des Stiefelternteils und
derjenigen des Konkubinatspartners nicht hinreichend Rechnung getragen. Deshalb
würde auch die Statuierung einer nicht widerlegbaren Vermutung, wonach mit dem
Bezug einer gemeinsamen Wohnung ein stabiles Konkubinat vorliege, zu einer
unzulässigen Gleichbehandlung von Ungleichem führen. Indessen lasse sich Art. 4bis
Abs. 1 GIVU, wonach das Einkommen des Partners angerechnet werde, ohne weiteres
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so verstehen, dass die Anrechnung ein stabiles Konkubinat voraussetze (BGE 129 I 1,
E. 3.2.4, S. 7).
2.2. Zutreffend ist, dass das Versicherungsgericht in seinem Urteil darauf hinwies, es
sei in seiner Praxis davon ausgegangen, das Zusammenziehen zweier Personen im
Rahmen einer Lebenspartnerschaft und die damit verbundene Begründung eines
gemeinsamen Haushalts sei im Sinn des GIVU als Beginn des Konkubinats zu
betrachten mit der Folge, dass das Einkommen des Konkubinatspartners des
obhutsberechtigten Elternteils bei der Berechnung des Bevorschussungsanspruchs zu
berücksichtigen sei. Diese allgemeinen Ausführungen sind aber nicht massgebend.
Schliesslich hat das Bundesgericht in seinem Urteil vom 6. November 2002
ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ausschliesslich bei einem stabilen Konkubinat
eine Anrechnung des Einkommens und Vermögens des Konkubinatspartners zulässig
ist und nicht jedes Zusammenziehen zweier Personen darunter fällt. Im vorliegenden
Fall ist somit zu prüfen, ob von einem stabilen Konkubinat auszugehen ist.
Die Vorinstanz erwog, es sei unbestritten, dass die Beschwerdeführerin seit 1. Oktober
2008 gemeinsam mit ihrem Freund in U. lebe. Sie habe denn auch per 1. Oktober 2008
zusammen mit ihrem Freund eine Wohnung inkl. Tiefgaragenplatz für Fr. 1'940.--
gemietet, und zwar mit einer Mindestmietdauer von einem Jahr. Bereits vor dem
Umzug nach U. hätten die beiden zusammen in einer Wohngemeinschaft in T. gelebt,
wobei den Akten nicht zu entnehmen sei, ob der damaligen Wohngemeinschaft noch
weitere Personen angehört hätten. Die Beschwerdeführerin habe bereits vor dem
Umzug nach U., wenigstens schon während einer kurzen Zeitspanne, im Rahmen einer
Liebesbeziehung mit ihrem Freund zusammengelebt. Es könne offen bleiben, ob eine
Liebesbeziehung zwischen ihr und dem Vater ihrer Tochter zu Beginn der
Wohngemeinschaft in T. einer Liebesbeziehung mit ihrem Wohngemeinschaftspartner
entgegengestanden sei, wie sie im späteren Verfahren geltend gemacht habe. Da die
Beschwerdeführerin und ihr Freund im Rahmen einer Liebesbeziehung erst im Oktober
2008 zusammengezogen seien, sei es nicht zu beanstanden, dass das Sozialamt bei
der Ermittlung des Anspruchs auf Alimentenbevorschussung ab 1. Oktober 2008 die
wirtschaftlichen Verhältnisse des Konkubinatspartners einbezogen habe.
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Der Begriff des stabilen Konkubinats wurde vom Bundesgericht nicht näher definiert.
Insbesondere hat das Bundesgericht keine Mindestdauer angenommen, welche ein
Konkubinat als stabil kennzeichnet. Allfällige Richtlinien des Amtes für Soziales sind für
das Versicherungsgericht und das Verwaltungsgericht nicht massgebend. Ausserdem
ist es zulässig, von der Rechtsprechung zum nachehelichen Unterhalt abzuweichen
und auch bei einer Dauer des Konkubinats von weniger als fünf Jahren von einer
stabilen Lebensgemeinschaft bzw. Lebenspartnerschaft auszugehen. Es sind die
konkreten Umstände des einzelnen Falles zu berücksichtigen.
Fest steht, dass die Beschwerdeführerin mit Y. am 1. Oktober 2008 eine gemeinsame
Wohnung bezogen hat und nach eigenen Angaben zuvor mit ihrem Freund "erst ca.
einen Monat zusammen" war. Weiter hielt die Beschwerdeführerin fest, sie habe bereits
vor dem 1. Oktober 2008 mit ihrem derzeitigen Freund eine Wohngemeinschaft geführt.
Jedoch hätten sie lediglich als Kollegen eine Wohngemeinschaft gebildet und noch
keine Liebesbeziehung geführt. Vorher habe sie nämlich eine Liebesbeziehung mit dem
Vater ihres Kindes geführt. Dieses wurde am 14. Februar 2008 geboren. Am 9. April
2008 klagte die Beschwerdeführerin gegen den Kindsvater auf Feststellung des
Kindesverhältnisses und Unterhalt. Wann die Liebesbeziehung mit dem Kindsvater zu
Ende war, geht aus ihren Angaben nicht hervor.
Unbestritten ist, dass die Beschwerdeführerin vor dem Bezug der gemeinsamen
Wohnung erst rund einen Monat mit ihrem jetzigen Freund zusammenlebte. Ein Indiz
für ein stabiles Konkubinat bildet die Tatsache, dass die Beschwerdeführerin und ihr
Freund eine gemeinsame Wohnung mit einer Mindestmietdauer von einem Jahr
bezogen. Dies ist ein Hinweis, dass die Beschwerdeführerin und ihr Freund
beabsichtigten, längere Zeit zusammen zu leben. Allerdings kann das Verhältnis unter
den gegebenen Umständen noch nicht als stabiles Konkubinat im Sinne der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung qualifiziert werden. Das Versicherungsgericht
erwog, das Zusammenziehen zweier Personen im Rahmen einer Lebenspartnerschaft
und die damit verbundene Begründung eines gemeinsamen Haushalts sei als Beginn
eines Konkubinats zu betrachten mit der Folge, dass die Einkünfte
zusammengerechnet würden. Dies widerspricht der Praxis des Bundesgerichts (BGE
129 I 1 ff.). Im Streitfall fehlten unmittelbar nach dem Bezug der gemeinsamen
Wohnung die Merkmale eines stabilen Konkubinats. Zudem ist es nicht zulässig, die
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bisherige Dauer der Partnerschaft ex post als Nachweis eines stabilen Konkubinats
anzuführen.
Im vorliegenden Fall erscheint es nicht gerechtfertigt, vor Ablauf von zwei Jahren seit
dem Bezug der gemeinsamen Wohnung ein stabiles Konkubinat in Erwägung zu
ziehen. Die Sozialhilfebehörde wird eine neue Verfügung treffen müssen, falls sie eine
Anrechnung des Einkommens des Lebenspartners anordnen will. Derzeit ist allerdings
die Anrechnung im Lichte der bundesgerichtlichen Praxis noch nicht zulässig. Daher ist
die Beschwerde gutzuheissen. Ziff. 1 des Entscheids des Versicherungsgerichts vom
10. Dezember 2009 sowie Ziff. 1 des Einspracheentscheids des Gemeinderates U. vom
8. April 2009 und die Verfügungen des Sozialamts U. vom 24. Februar 2009 sind
aufzuheben. Die Angelegenheit ist gestützt auf Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 56
Abs. 2 VRP zur neuen Festlegung der Leistungen im Sinne der Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3. Dem Verfahrensausgang entsprechend gehen die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens zulasten der Beschwerdegegnerin (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 1'500.-- ist angemessen (Art. 13, Ziff. 622 Gerichtskostentarif,
sGS 941.12). Auf die Erhebung ist nicht zu verzichten, da die Beschwerdegegnerin
finanzielle Interessen verfolgt (Art. 95 Abs. 3 VRP).
Da die Vorinstanz für das Rekursverfahren auf die Erhebung der Kosten verzichtete und
der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege gewährte, rechtfertigt sich
eine Änderung der vorinstanzlichen Kostenregelung nicht.
Die Beschwerdeführerin hat für das Beschwerdeverfahren Anspruch auf eine
ausseramtliche Entschädigung zulasten der Beschwerdegegnerin (Art. 98 Abs. 1 und
Art. 98bis VRP). Eine Entschädigung von Fr. 1'500.-- zuzügl. MWSt ist angemessen
(Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten,
sGS 963.75).
Demnach hat das Verwaltungsgericht