Decision ID: 9281925e-f4a6-490c-999f-cc31bfce1c7c
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Roland Zahner, Studer Anwälte AG,
Hauptstrasse 11a, Postfach 2125, 8280 Kreuzlingen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a Am 28. März 2008 meldete sich A._ wegen Kniebeschwerden zum Bezug von
IV-Leistungen an (act. G 4.5). Der behandelnde Dr. med. B._, Facharzt für Allgemeine
Medizin FMH, berichtete am 8. September 2008, der Versicherte leide mit Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit an Varusgonarthrosen beidseits bestehend seit Frühjahr 2007,
einem Status nach medial aufklappender Tibiavalgisationsosteotomie rechts vom
30. Oktober 2007 sowie links vom 13. Februar 2008. Der Heilungsverlauf sei bei beiden
Knien sehr schleppend. Für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Hilfsarbeiter auf dem
Bau bescheinigte Dr. B._ für die Dauer vom 28. August 2007 bis 30. Mai 2008 eine
100%ige und danach eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit. Alle sitzenden Tätigkeiten seien
dem Versicherten ganztags ohne Leistungseinschränkung zumutbar (act. G 4.30). Im
Verlaufsbericht vom 3. Juni 2009 führte Dr. B._ aus, der Gesundheitszustand des
Versicherten habe sich verschlechtert. Es sei erneut eine Dorsalgie mit wechselnder
Betonung der BWS/LWS aufgetreten. Zudem leide er an einer Depression. Die erneute
Verzögerung der Metallentfernung an beiden Knien mache dem Versicherten schwer zu
schaffen. Die Metallentfernung könne im September/ Oktober 2009 durchgeführt
werden (act. G 4.43).
A.b Im Auftrag der IV-Stelle führte die BEFAS Appisberg vom 22. Juni bis 7. Juli 2009
eine Abklärung des Versicherten durch. Im Schlussbericht vom 10. August 2009 gaben
die Abklärungspersonen an, der Versicherte sei täglich zum Abklärungsprogramm
erschienen und habe verschiedenartige ihm unterbreitete Arbeiten erledigt. Allerdings
habe er dabei völlig unbeteiligt sowie demotiviert gewirkt. Es sei der Eindruck
entstanden, er sitze die Zeit einfach ab. Dass er sich ernsthaft mit künftig möglichen,
adaptierten Tätigkeiten auseinandergesetzt hätte, sei nicht vorgekommen. Er habe ein
ausgesprochen betontes, unter Berücksichtigung seiner Behinderungen in dieser
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ausprägung nicht nachvollziehbares Schonverhalten gezeigt. Eine abschliessende
Beurteilung der tatsächlichen Ressourcen des Versicherten sei aufgrund des gezeigten
demotivierten, passiven Arbeitsverhaltens mit viel zu langsamem, gemütlichem
Arbeitstempo nicht möglich gewesen. Unter Berücksichtigung der medizinischen Akten
kämen für den Versicherten künftig folgende Tätigkeiten in Frage: verschiedene, auch
feinmanuelle Montagen, (Qualitäts-/End-)Kontrollen und Überwachungen, Mitarbeit an
einer Tankstellenkasse und damit Vergleichbares. "Aktuell" verfüge der Versicherte
über eine 50%ige Arbeitsfähigkeit (act. G 4.54). Am 4. Januar 2010 berichtete
Dr. C._, am 14. Oktober 2009 habe eine Osteosynthesematerialentfernung (OSME)
stattgefunden. Der Versicherte sei allenfalls für leichte und mittelschwere Tätigkeiten,
bei denen ein Wechsel zwischen sitzend, laufend und stehender Tätigkeit garantiert
wäre, arbeitsfähig. Der Versicherte sehe das allerdings nicht so (act. G 4.57).
A.c Vom 4. bis 20. Februar 2010 befand sich der Versicherte zur stationären
Rehabilitation in der Klinik Valens. Die dort behandelnden medizinischen Fachpersonen
diagnostizierten im Austrittsbericht vom 5. März 2010 ein chronisches zervikal und
lumbal betontes Panvertebralsyndrom; eine Valgusgonarthrose beidseits, rechts mehr
als links; eine Fingerpolyarthrose Typ Heberden; einen Verdacht auf eine depressive
Entwicklung mit Somatisierungskomponente sowie eine Heiserkeit unklarer Ätiologie.
Ab Austritt sei dem Versicherten eine leichte bis mittelschwere, wechselbelastende
Arbeit mindestens halbtags zumutbar (act. G 4.65-6 ff.; vgl. auch Bericht der Klinik
Valens vom 10. März 2010; act. G 4.66). Dr. B._ bescheinigte dem Versicherten im
Bericht vom 19. März 2010 für leidensangepasste Tätigkeiten eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit (act. G 4.65-3 ff.). Der RAD ging in seiner Stellungnahme vom 26. März
2010 davon aus, dass der Versicherte für leidensangepasste Tätigkeiten über eine
80 bis 100%ige Arbeitsfähigkeit verfüge (act. G 4.67-2).
A.d Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (vgl. Vorbescheid vom 31. März 2010,
act. G 4.70, und Einwand vom 14. Mai 2010, act. G 4.75) verfügte die IV-Stelle gestützt
auf die Arbeitsfähigkeitsbeurteilung des RAD die Abweisung des Rentengesuchs (act.
G 4.78). Im Nachgang zur dagegen erhobenen Beschwerde vom 8. Juli 2010 (act.
G 4.87-2 ff.) widerrief die IV-Stelle am 11. Oktober 2010 die angefochtene Verfügung
und stellte die Vornahme weiterer Abklärungen in Aussicht (act. G 4.104; vgl. auch die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abschreibungsverfügung des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom
21. Oktober 2010, IV 2010/281, act. G 4.106).
A.e Dr. B._ gab im Verlaufsbericht vom 11. Februar 2011 an, der
Gesundheitszustand des Versicherten habe sich seit der letzten Beurteilung vom
19. März 2010 verschlechtert. Er beschrieb einen schwierigen Krankheitsverlauf. Es
bestünden chronische Knieschmerzen beidseits kombiniert mit ausgeprägten
Lumbalgien und einer quälenden Depression. Der Versicherte habe anfangs 2010
zudem eine Meniskusläsion medial beidseits erlitten. Er sei momentan zu 50%
arbeitsunfähig und könne lediglich Arbeiten im Sitzen durchführen (act. G 4.120). Am
23. März 2011 wurde der Versicherte im Auftrag der IV-Stelle durch die ABI Aerztliches
Begutachtungsinstitut GmbH polydisziplinär (internistisch, psychiatrisch, orthopädisch)
untersucht. Die Gutachter diagnostizierten mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
chronische Kniebeschwerden unter Betonung der rechten Seite (ICD-10: M17.0) sowie
ein chronisches panvertebrales Schmerzsyndrom ohne radikuläre Symptomatik
(ICD-10: M54.80). Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit bestehe eine
Schmerzverarbeitungsstörung (ICD-10: F54). Für die angestammte Tätigkeit
bescheinigten sie dem Versicherten eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Für körperlich
leichte bis selten mittelschwere adaptierte Tätigkeiten bestehe nach einer vollen
Arbeitsunfähigkeit ab 31. Oktober 2007 seit dem 16. September 2008 eine zeitlich und
leistungsmässig uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit mit Ausnahme der jeweils
postoperativen Phasen, wobei allerdings nach jeweils längstens 2 Monaten wiederum
von einer zeitlich und leistungsmässig uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit für derartige
Tätigkeiten auszugehen sei (act. G 4.122-2 ff.).
A.f Gestützt auf das ABI-Gutachten stellte die IV-Stelle dem Versicherten am 30. Juni
2011 in Aussicht, das Rentengesuch abzuweisen (act. G 4.126). Dagegen erhob der
Versicherte am 15. August 2011 Einwand (act. G 4.128-1 ff.; zum beigelegten Arzt
bericht von Dr. B._ vom 12. Juli 2011 siehe act. G 4.128-5 ). Hierzu nahm der RAD
am 18. August 2011 Stellung und gelangte zum Schluss, dass das ABI-Gutachten
beweiskräftig sei (act. G 4.129). Am 12. September 2011 verfügte die IV-Stelle die
Abweisung des Rentengesuchs (act. G 4.130).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Gegen die Verfügung vom 12. September 2011 richtet sich die Beschwerde vom
12. Oktober 2011. Der Beschwerdeführer beantragt darin unter Kosten- und
Entschädigungsfolge deren Aufhebung. Es sei ihm für die Zeit vom 1. September 2008
bis mindestens zum Zeitpunkt der Begutachtung durch die ABI zuzüglich dreimonatiger
Übergangsfrist eine Dreiviertelsrente der Invalidenversicherung zuzusprechen. Für die
Zeit darüber hinaus sei die Angelegenheit zur weiteren Abklärung und anschliessenden
Neuentscheidung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Im Wesentlichen stellt
sich der Beschwerdeführer auf den Standpunkt, das ABI-Gutachten sei nicht
beweiskräftig. Gegen den orthopädischen Gutachter bringt er vor, dieser praktiziere in
Wien und es sei unklar, ob er über eine Berufsausübungsbewilligung für den Kanton
Basel-Stadt verfüge. Bei der Bemessung des Invalideneinkommens sei ein Abzug von
mindestens 15% gerechtfertigt (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 28. November
2011 die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt sie aus, das ABI-
Gutachten habe vollen Beweiswert. Es sei nicht ersichtlich, weshalb der orthopädische
Gutachter für seine Tätigkeit für die ABI eine Berufsausübungsbewilligung benötige. Es
bestehe kein Anlass für einen Tabellenlohnabzug (act. G 4).
B.c Mit Präsidialverfügung vom 3. Januar 2012 wird dem Gesuch des
Beschwerdeführers um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege (Befreiung von
den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung)
entsprochen (act. G 5).
B.d In der Replik vom 21. Februar 2012 hält der Beschwerdeführer unverändert an der
Beschwerde fest (act. G 9).
B.e Die Beschwerdegegnerin reicht mit der Duplik vom 2. März 2012, worin sie auf die
Ausführungen der Beschwerdeantwort verweist (act. G 11), ein Schreiben der ABI vom
24. November 2011 ein. Darin wird ausgeführt, dass der orthopädische Gutachter über
eine "90-Tage-Dienstleisterbewilligung" verfüge (act. G 11.2).
B.f Der Beschwerdeführer hat auf eine Stellungnahme zur Duplik verzichtet (act.
G 13).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen:
1.
Zwischen den Parteien ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf Rentenleistungen
umstritten.
1.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Die Invalidität kann Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Erwerbsunfähigkeit ist der durch
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
1.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige
Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten
Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Für das
gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Danach haben Versicherungsträger und
Sozialversicherungsgericht die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche
Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen).
1.3 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50%
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40% ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.4 Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach haben Gericht und Verwaltung von Amtes wegen für die richtige und
vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (Urteil des
Bundesgerichts vom 1. April 2011, 8C_73/2011, E. 4.1). Wenn der entscheidrelevante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt wurde, kann das Gericht die Angelegenheit zu
neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen.
2.
Zu beantworten ist vorweg die Frage, ob der Sachverhalt in medizinischer Hinsicht
rechtsgenüglich abgeklärt wurde. Die Beschwerdegegnerin stützte sich in den
angefochtenen Verfügungen auf das polydisziplinäre ABI-Gutachten vom 10. Mai 2011
(act. G 4.130). Der Beschwerdeführer hält die gutachterliche Einschätzung für nicht
beweiskräftig (act. G 1 und G 9).
2.1 Zunächst sind die Rügen des Beschwerdeführers gegen die Person des
orthopädischen Gutachters zu beurteilen. Es sei unklar, ob dieser eine
Berufsausübungsbewilligung für den Kanton Basel-Stadt besitze (act. G 1, S. 7, und
G 9). Des Weiteren werde der Gutachter in einem einschlägigen Presseartikel nicht
gerade im besten Licht gezeigt (act. G 1, S. 7).
2.1.1 Die ärztliche Tätigkeit untersteht den Regelungen des Bundesgesetzes über
die universitären Medizinalberufe (MedBG; SR 811.11; Art. 2 Abs. 1 lit. b MedBG). Für
die selbstständige Ausübung eines universitären Medizinalberufs bedarf es einer
Bewilligung des Kantons, auf dessen Gebiet der Beruf ausgeübt wird (Art. 34 MedBG;
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zum Erfordernis der Berufsausübungsbewilligung für eine medizinische
Gutachtertätigkeit vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 3. Dezember 2012,
8C_436/2012, E. 3.2 ff.). Angehörige ausländischer Staaten, die auf Grund
staatsvertraglicher Bestimmungen einen universitären Medizinalberuf in der Schweiz
ohne Bewilligung während längstens 90 Tagen pro Kalenderjahr selbstständig ausüben
dürfen, haben sich bei der zuständigen kantonalen Behörde zu melden (Art. 35 Abs. 1
Satz 1 MedBG). Diese Personen dürfen ihren Beruf erst selbstständig ausüben, wenn
die zuständige kantonale Behörde die Erfüllung der entsprechenden Voraussetzungen
bestätigt hat und die Meldung im Register eingetragen ist (Art. 35 Abs. 3 MedBG).
2.1.2 Die ABI machte im Schreiben vom 24. November 2011 geltend, Dr. D._
besitze die erforderliche Berufsausübungsbewilligung ("90-Tage-Dienstleister
bewilligung"; act. G 11.2). Gemäss Eintrag im Medizinalberuferegister (<http://
www.medregom.admin.ch>, abgerufen am 7. August 2013) verfügt Dr. med. D._,
FMH Orthopädische Chirurgie, für das Jahr 2013 über eine solche 90-Tage-Bewilligung
gemäss Art. 35 Abs. 1 Satz 1 MedBG für den Kanton Basel-Stadt. Eine Rückfrage beim
Kantonsärztlichen Dienst von Basel-Stadt hat ergeben, dass Dr. D._ auch für die
Jahre 2011 und 2012 eine Bewilligung gemäss Art. 35 Abs. 1 Satz 1 MedBG für den
Kanton Basel-Stadt hatte (vgl. act. G 14).
2.1.3 Vor diesem Hintergrund besteht vorliegend kein Anlass, an der Beteiligung
von Dr. D._ an der Begutachtung einen Mangel zu erblicken. Daran vermag auch ein
Presseartikel, der ihn in ein ungünstiges Licht stellt, nichts zu ändern. Denn aus dem
vorliegenden von Dr. D._ erstellten Gutachtensteil ergeben sich keine Hinweise für
eine voreingenommene oder sonstwie sachfremde Beurteilung. Damit geht einher,
dass auch der Beschwerdeführer keine derartigen Mängel benennt.
2.2 Als mangelhaft erachtet der Beschwerdeführer die Auseinandersetzung der
Gutachter mit der Voraktenlage. So sei keine Auseinandersetzung mit den Berichten
des Spitals E._ vom 1. Februar 2010 und der Klinik Valens vom 5. März 2010 erfolgt
(act. G 1, S. 7; vgl. auch act. G 9, S. 2).
2.2.1 Zunächst ist festzustellen, dass sowohl der Bericht des Spitals E._ vom
1. Februar 2010 (act. G 4.65-21 ff.) wie auch derjenige der Klinik Valens vom 5. März
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2010 (act. G 4.65-6 ff.) von den Gutachtern zur Kenntnis genommen wurden (vgl. die
umfassende Aktenauflistung im Gutachten, act. G 4.122-4 f). Hinzu kommt, dass die
Gutachter die Relevanz der Einschätzung der Klinik Valens hoch einschätzten, indem
sie den Bericht der Klinik Valens vom 10. März 2010 (act. G 4.66-1 ff.) - der im
Wesentlichen demjenigen vom 5. März 2010 entspricht - als wichtiges Dokument
einstuften und ihn auszugsweise wiedergaben (act. G 4.122-5 f.).
2.2.2 Die in der Klinik Valens behandelnden medizinischen Fachpersonen führten
im Bericht vom 5. März 2010 aus, dem Beschwerdeführer sei nach Austritt aus dem
stationären Aufenthalt eine leichte bis mittelschwere, wechselbelastende Arbeit
"mindestens halbtags" zumutbar (act. G 4.66-8). Die Formulierung "mindestens
halbtags" lässt erkennen, dass die Ärzte lediglich hinsichtlich der Untergrenze der
Arbeitsfähigkeit eine sichere Aussage vornehmen, bezüglich der maximal zumutbaren
Höhe der Arbeitsfähigkeit aber keine klare Aussage machen. Eine derart bewusst offen
gewählte Formulierung ist aufgrund ihrer Natur einer vertieften Auseinandersetzung
kaum zugänglich. Deshalb vermag es keinen entscheidenden Mangel am Gutachten
darzustellen, wenn Dr. D._ gestützt auf seine persönliche Untersuchung des
Beschwerdeführers hierzu ausführte, "dieser Einschätzung ist aufgrund der heutigen
Untersuchung insoweit zuzustimmen, als für derartige Tätigkeiten keine
Einschränkungen mehr attestiert werden können" (act. G 4.122-19).
2.2.3 Was den Bericht der Abteilung Palliative Care des Spitals E._ vom
1. Februar 2010 anbelangt, so gilt es den zutreffenden Hinweis der
Beschwerdegegnerin (act. G 4, S. 4) zu beachten, dass die dort behandelnden Ärzte
keine Angaben zur für leidensangepasste Tätigkeiten bestehenden Arbeitsfähigkeit
machten (act. G 4.65-21 ff.). Da bereits damals das psychische Leiden ("deutliche
depressive Verstimmung, nur eingeschränkt schwingungsfähig", act. G 4.65-22) im
Hintergrund des Schmerzgeschehens stand (vgl. auch den wenig später ergangenen
Bericht der Klinik Valens, wo erst an 4. Stelle der Diagnosen ein Verdacht auf
depressive Entwicklung mit Somatisierungskomponente geäussert wurde, act.
G 4.65-6; Dr. B._ mass dem Verdacht auf depressive Entwicklung mit
Somatisierungskomponente im Bericht vom 19. März 2010 keine Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit zu, act. G 4.65-3) und gut auf die Behandlung im Spital E._ ansprach
("deutliche Verbesserung", act. G 4.65-21; vgl. auch die plausiblen Ausführungen in der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
RAD-Stellungnahme vom 18. August 2011, act. G 4.129), kann es die Beweiskraft des
Gutachtens nicht erschüttern, wenn sich die Gutachter
darin nicht eingehend mit diesem, nicht von psychiatrischen Fachpersonen
angefertigten Bericht auseinandersetzten. Schliesslich hat der psychiatrische Gutachter
- wenn auch knapp - Stellung zur entsprechenden Auffassung des Hausarztes
("Verdacht auf eine depressive Entwicklung") genommen.
2.3 Bei der Würdigung des ABI-Gutachtens fällt weiter ins Gewicht, dass es auf
eigenständigen Abklärungen beruht und für die streitigen Belange umfassend ist. Die
medizinischen Vorakten wurden verwertet und die vom Beschwerdeführer geklagten
Beschwerden berücksichtigt und gewürdigt. Die Attestierung einer 100%igen
Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten leuchtet in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein,
zumindest im Zeitpunkt der Begutachtung vom 23. März 2011. Da eine gesundheitliche
Verschlechterung weder geltend gemacht wurde noch aus den Akten ersichtlich ist,
erscheint die gutachterliche Arbeitsfähigkeitsbeurteilung auch für die Zeit danach bis
zum Erlass der angefochtenen Verfügung vom 12. September 2011 als aussagekräftig.
2.4 Zu prüfen bleibt damit die retrospektive Beurteilung der Arbeitsfähigkeit. Der
Beschwerdeführer hält die von den ABI-Gutachtern vorgenommene retrospektive
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit (100% ab 16. September 2008) aufgrund der davon
abweichenden Voraktenlage für nicht schlüssig (act. G 1, S. 6).
2.4.1 Vorweg ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer anlässlich der
beruflichen Abklärung vom 22. Juni bis 7. Juli 2009 als "demotiviert" wahrgenommen
wurde. Es sei der Eindruck entstanden, der Beschwerdeführer "sitze die Zeit hier
einfach ab. Dass er sich ernsthaft mit künftig möglichen, adaptierten Tätigkeiten
auseinandersetzte, kam nicht vor. Er zeigte ein ausgesprochen betontes, unter
Berücksichtigung seiner Behinderungen in dieser Ausprägung nicht nachvollziehbares
Schonverhalten". Das Arbeitstempo des Beschwerdeführers sei "viel zu gemächlich"
gewesen. In seinen Äusserungen sei es stets um Beschwerden gegangen, die in vielen
Fällen jedoch - die Behinderungen berücksichtigt - nicht nachvollziehbar gewesen
seien. Wichtig sei ihm die rechtzeitige Abreise in die Ferien gewesen (act. G 4.54-4 f.).
Im Austrittsbericht der Klinik Valens vom 5. März 2010 wurde eine "mässige
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Belastungsbereitschaft" des Beschwerdeführers (act. G 4.65-11) mit deutlicher
Selbstlimitierung (der Beschwerdeführer habe sich "derart limitiert präsentiert", act.
G 4.65-15) festgestellt. Der Beschwerdeführer fühle sich durch seine Schmerzen
bereits bei den kleinsten Alltagsaktivitäten stark eingeschränkt (act. G 4.65-11). Das
Ausmass der angegebenen Schmerzbeeinträchtigung und Behinderung sei mit den
klinischen Befunden nur unzureichend erklärt, wurde im Basistest der
arbeitsbezogenen körperlichen Leistungsfähigkeit festgehalten (act. G 4.65-15). Der
Pseudokrafttest ergab ein wenig kooperatives Verhalten des Beschwerdeführers (act.
G 4.65-13). Auch wenn der Beschwerdeführer sich bei den Therapien kooperativ und
motiviert zeigte (act. G 4.65-7), legte er bei der Prüfung seiner Leistungsfähigkeit ein
selbstlimitierendes Verhalten an den Tag, wie schon im Rahmen der BEFAS-Abklärung
in Appisberg (act. G 4.54-8).
2.4.2 Der behandelnde Dr. B._ bescheinigte dem Beschwerdeführer im Bericht
vom 8. September 2008 für eine leidensangepasste Tätigkeit zunächst eine volle
Leistungsfähigkeit (act. G 4.30-4). Am 3. Juni 2009 bescheinigte er dem
Beschwerdeführer dann eine 50%ige Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste
Tätigkeiten. Allerdings benennt Dr. B._ keine objektiven Gesichtspunkte für eine
gesundheitliche Verschlechterung. Vielmehr stützte er sich im Wesentlichen auf die
Schmerzschilderung des Beschwerdeführers (Dorsalgien "sehr quälend"; act.
G 4.43-1). Auch die später ergangenen Berichte von Dr. B._ beruhen hauptsächlich
auf den Schmerzschilderungen des Beschwerdeführers ("ständige Schmerzen im
Rücken und zervikal sowie bei Kniebelastung. Zum Teil auch Ruheschmerzen beider
Knie in der Nacht.", Bericht vom 19. März 2010, act. G 4.65-4; "sehr schwieriger
Verlauf", "chronische Knieschmerzen bds. kombiniert mit ausgeprägten Lumbalgien
und einer quälenden Depression.", Bericht vom 11. Februar 2011, act. G 4.120). Mit
Blick auf die anlässlich der BEFAS-Abklärung und Rehabilitation in der Klinik Valens in
Frage gestellten Schmerzäusserungen, Krankheitsüberzeugung und
Symptomausweitung (vgl. vorstehende E. 2.4.1) vermögen die Berichte des
behandelnden Dr. B._, der seine Beurteilung auf die Schmerzempfindungen des
Beschwerdeführers stützt, die retrospektive gutachterliche Beurteilung nicht in Frage
zu stellen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.4.3 Die Abklärungspersonen der BEFAS gingen von einer "aktuell" 50%igen
Arbeitsfähigkeit aus. Dabei orientierten sie sich an der Beurteilung von Dr. B._ und
berücksichtigten eine eingeschränkte psychische Befindlichkeit (Schlussbericht BEFAS
vom 10. August 2009, act. G 4.54-7). Da Zweifel an der Einschätzung von Dr. B._
bestehen (vgl. vorstehende E. 2.4.2) und das Bestehen einer krankheitswertigen
psychischen Problematik fraglich erscheint (eine fachärztliche Einschätzung hierzu lag
damals nicht vor und Dr. B._ mass dem Verdacht auf eine depressive Entwicklung
mit Somatisierungskomponente seit 2008 im Bericht vom 19. März 2010 keine
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zu, act. G 4.65-3), besteht aufgrund des
Schlussberichts der BEFAS kein Anlass, von der gutachterlichen Beurteilung
abzuweichen.
2.4.4 Was die Beurteilung der Klinik Valens anbelangt, so lässt die Formulierung
"mindestens halbtags" unter Berücksichtigung der festgestellten Symptomausweitung,
Selbstlimitierung und Inkonsistenz (vgl. hierzu vorstehende E. 2.4.1) erkennen, dass die
dort behandelnden medizinischen Fachpersonen lediglich hinsichtlich der Untergrenze
der Arbeitsfähigkeit eine sichere Aussage vornehmen (Austrittsbericht vom 5. März
2010, act. G 4.65-8). Vor diesem Hintergrund kann in der Einschätzung der Klinik
Valens keine Zweifel begründende Abweichung zum Gutachten erblickt werden.
2.4.5 Hinzu kommt, dass Dr. C._ (vgl. etwa Berichte vom 16. September 2008,
act. G 4.32, und vom 4. Januar 2010, act. G 4.57-2) und der RAD (Stellungnahme vom
26. März 2010, act. G 4.67-2) vom Bestehen einer 100%igen Arbeitsfähigkeit für
leidensangepasste Tätigkeiten ausgingen.
2.4.6 Im Licht dieser Umstände besteht kein Anlass, für den vor der Begutachtung
vom 23. März 2011 liegenden Zeitraum von der für leidensangepasste Tätigkeiten ab
16. September 2008 gutachterlich bescheinigten 100%igen Arbeitsfähigkeit abzu
weichen. Dies umso weniger als die Gutachter den postoperativen Phasen bei der
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit Rechnung trugen (act. G 4.122-21 f.).
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ausgehend von einer für leidensangepasste Tätigkeiten bestehenden 100%igen
Arbeitsfähigkeit kann aufgrund des - im Vergleich zum statistischen Durchschnittslohn
für das Anforderungsniveau 4, Männer, 2008 (Fr. 59'979.--) - nicht erheblich
überdurchschnittlichen unbestrittenen Valideneinkommens (Fr. 63'700.--, act. G 4.130)
eine konkrete Berechnung des Invaliditätsgrads unterbleiben, da selbst die Gewährung
des höchstzulässigen Tabellenlohnabzugs offensichtlich zu keinem
rentenbegründenden
Invaliditätsgrad führen würde.
4.
4.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen.
4.2 Dem Beschwerdeführer wurde die unentgeltliche Rechtspflege am 3. Januar 2012
bewilligt (act. G 5). Wenn seine wirtschaftlichen Verhältnisse es gestatten, kann er
jedoch zur Nachzahlung verpflichtet werden (Art. 99 Abs. 2 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS 951.1] i.V.m. Art. 123 Abs. 1 der Schweizerischen
Zivilprozessordnung [ZPO/CH; SR 272]).
4.3 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem
unterliegenden Beschwerdeführer ist die Gerichtsgebühr in der Höhe von Fr. 600.--
aufzuerlegen. Zufolge unentgeltlicher Rechtspflege ist er von der Bezahlung zu
befreien.
4.4 Der Staat bezahlt zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung die Kosten der
Rechtsvertretung des Beschwerdeführers. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen
(Art. 61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO pauschal Fr. 1'000.-- bis
Fr. 12'000.--. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers verzichtete auf das
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einreichen einer Kostennote. In der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit
erscheint eine pauschale Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- angemessen. Diese ist
um einen Fünftel zu kürzen (Art. 31 Abs. 3 AnwG). Somit entschädigt der Staat den
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers pauschal (BGE 125 V 201) mit Fr. 2'800.--
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP