Decision ID: 4610f6b0-ebb5-57e8-a8f1-4602039b6002
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am 7. Juni 2016 in die Schweiz ein, wo er am
gleichen Tag um Asyl nachsuchte.
B.
Das SEM befragte den Beschwerdeführer am 11. Juli 2016 zu seiner Per-
son und dem Reiseweg sowie summarisch zu seinen Ausreisegründen
(Befragung zur Person; BzP). Eine einlässliche Anhörung zu den Asylgrün-
den erfolgte am 29. August 2016. Am 31. August 2016 wurde dem Be-
schwerdeführer mündlich das rechtliche Gehör zu seiner Staatsangehörig-
keit gewährt und am 12. April 2018 fand eine ergänzende Anhörung des
Beschwerdeführers durch die Vorinstanz statt.
Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er sei in B._ (Region
C._), Äthiopien geboren, jedoch eritreischer Herkunft. Seine Mutter
sei Tigrinya, sein Vater Tigre. Früher hätten seine Eltern äthiopische Pa-
piere besessen, aber nach der Unabhängigkeit Eritreas habe der äthiopi-
sche Staat ihnen die Papiere weggenommen. Er besitze weder die äthio-
pische noch die eritreische Staatsbürgerschaft. Bis zum Jahr 2002 habe er
mit seinen Eltern und Geschwistern in Äthiopien gelebt. Dort seien sie we-
gen ihrer eritreischen Herkunft benachteiligt worden. Sein Vater sei mehr-
mals festgenommen und misshandelt worden. Als ältester Sohn sei auch
er durch die äthiopischen Behörden malträtiert worden, indem sie ihm
Brandwunden und eine Verletzung am Knie zugefügt hätten. Die Spuren
der Brandwunden seien überall am Körper sichtbar und er habe heute noch
Knieprobleme. Im Jahr 2002 sei er mit seinen Eltern und Geschwistern von
Äthiopien in den Sudan geflohen. Im Jahr 2008 habe man seine Familie
jedoch nach Äthiopien zurückgeschafft. Er sei zunächst im Sudan geblie-
ben und im Jahr 2009 respektive 2010 in den Tschad gereist, wo er sich
bis zum Jahr 2015 aufgehalten und gearbeitet habe. Via Libyen und Italien
sei er im Juni 2016 in die Schweiz gelangt. Bei einer Rückkehr nach Äthi-
opien befürchte er, in Haft genommen und getötet zu werden.
C.
Am 20. April 2018 reichte der Beschwerdeführer ein ärztliches Zeugnis da-
tierend vom 17. April 2018 zu den Akten.
D.
Mit Verfügung vom 9. April 2020 – eröffnet am 14. April 2020 – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
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lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
sowie den Vollzug an.
E.
Mit Eingabe vom 11. Mai 2020 erhob der Beschwerdeführer beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde gegen die Verfügung des SEM vom 9. Ap-
ril 2020. Darin beantragte er, die Verfügung sei aufzuheben, die Flücht-
lingseigenschaft sei festzustellen und ihm sei Asyl zu gewähren. Eventua-
liter sei festzustellen, dass der Wegweisungsvollzug nicht zulässig, nicht
zumutbar und nicht möglich sei. Subeventualiter wurde beantragt, die Sa-
che sei an die Vorinstanz zwecks vollständiger Sachverhaltsabklärung zu-
rückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege und um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses sowie um Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands
ersucht. Ausserdem wurde um Einsicht in das vom Beschwerdeführer bei
der Vorinstanz eingereichte Arztzeugnis ersucht.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 20. Mai 2020 gewährte die Instruktionsrichte-
rin dem Beschwerdeführer antragsgemäss Einsicht in das von ihm bei der
Vorinstanz am 20. April 2018 eingereichte Arztzeugnis, ausgestellt am
17. April 2018 (act. A24) und räumte ihm Frist bis zum 4. Juni 2020 zur
Beschwerdeergänzung ein.
G.
Am 4. Juni 2020 reichte der Beschwerdeführer eine Stellungnahme ein.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 17. September 2020 hiess die Instruktions-
richterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
– unter Vorbehalt einer nachträglichen Veränderung der finanziellen Ver-
hältnisse des Beschwerdeführers – gut und verzichtete auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtsverbeiständung wurde ebenfalls gutgeheissen und dem Be-
schwerdeführer Frist gesetzt, eine Rechtsvertretung zu benennen.
I.
Mit Schreiben vom 25. September 2020 gab der Beschwerdeführer die Be-
vollmächtigung rubrizierter Rechtsvertretung bekannt.
J.
Mit Eingabe vom 12. Oktober 2020 (Poststempel) reichte rubrizierte
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Seite 4
Rechtsvertreterin eine Vollmacht zu den Akten, wies auf einen befristeten
Arbeitsvertrag des Beschwerdeführers und auf dessen nach wie vor vor-
handene Bedürftigkeit hin und ersuchte um Einsicht in die Akten des Be-
schwerdeverfahrens.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 14. Oktober 2020 wurde die Rechtsvertreterin
antragsgemäss amtlich beigeordnet, antragsgemäss Einsicht in die Be-
schwerdeakten gewährt und Frist zwecks Beschwerdeergänzung bis zum
29. Oktober 2020 angesetzt.
L.
Am 5. November 2020 wurden ergänzende Ausführungen zur Beschwerde
gemacht und dabei beantragt, die Sache sei zur Klärung des vollständigen
Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen.
M.
Das SEM wurde am 12. November 2020 zur Vernehmlassung eingeladen.
Mit Vernehmlassung vom 25. November 2020 hielt das SEM an seinen bis-
herigen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
N.
Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 2. Dezember 2020
zur Kenntnis gebracht. Der Beschwerdeführer replizierte am 17. Dezember
2020.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
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Seite 5
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS
2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren
gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än-
derung des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) sind unverändert vom AuG ins AIG über-
nommen worden.
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren das Bun-
desrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht
an die Begründung der Begehren gebunden und kann die Beschwerde
auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder
abweisen; massgebend sind grundsätzlich die tatsächlichen Verhältnisse
zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1, 2011/1
E. 2).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
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des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
4.3 Massgeblicher Zeitpunkt für die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft
ist derjenige des Entscheides über das Asylgesuch, das heisst, es ist zu
prüfen, ob die Furcht vor einer absehbaren Verfolgung dannzumal (noch)
begründet ist; dabei sind Veränderungen der objektiven Situation im Hei-
matstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid zugunsten und zulasten der
asylsuchenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2008/12 E. 5.2
S. 154 f.).
5.
5.1 In der Beschwerde respektive deren Ergänzungen werden verschie-
dene formelle Rügen erhoben, namentlich die Einschränkung des Rechts
auf effektive Beschwerde, die Verletzung des rechtlichen Gehörs und die
unvollständige Abklärung des Sachverhalts. Diese Rügen sind vorab zu
prüfen, da sie bei berechtigtem Vorbringen zur Kassation der angefochte-
nen Verfügung führen können (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2;
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes; 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff. m.w.H.).
5.2
5.2.1 Die in Art. 29a BV verankerte Rechtsweggarantie garantiert, dass
Rechtsstreitigkeiten mindestens einmal durch eine richterliche Instanz
überprüft werden können, die in tatsächlicher wie in rechtlicher Hinsicht
über eine umfassende Prüfungsbefugnis verfügt. Art. 29a BV vermittelt
dem Einzelnen mithin einen Anspruch auf effektiven gerichtlichen Rechts-
schutz (vgl. Urteil des BVGer E-6713/2019 vom 9. Juni 2020 E. 9.3 m.w.H.,
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zur Publikation vorgesehen). In dieselbe Richtung weist Art. 13 EMRK.
Nach dieser Bestimmung hat jede Person, die eine (drohende) Verletzung
ihrer Konventionsrechte plausibel geltend macht, das Recht, bei einer in-
nerstaatlichen Instanz eine wirksame Beschwerde zu erheben (vgl. Urteil
des EGMR vom 25. März 1983, Nr. 5947/72, Silver und andere gegen Ver-
einigtes Königreich, § 113).
5.2.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Begründungs-
pflicht, wobei nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Par-
teistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbrin-
gen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1; BVGE 2007/30 E.
5.6).
5.2.3 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtser-
heblichen Sachverhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1
Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung insbesondere,
wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde
gelegt wird oder Beweise nicht erfasst oder falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O.,
Rz. 1043).
5.3 In der Beschwerde vom 11. Mai 2020 wird zunächst moniert, das Recht
auf eine wirksame Beschwerde sei eingeschränkt worden, da die Vo-
rinstanz trotz Corona-Pandemie einen negativen Entscheid erlassen und
der Beschwerdeführer an einer (...) gelitten habe, weshalb es ihm nicht
möglich gewesen sei, eine Rechtsvertretung zu finden (vgl. a.a.O. S. 14).
Diese Rüge erweist sich als nicht stichhaltig. Es besteht kein Grund für das
SEM, aufgrund der Pandemie keine negativen Asylentscheide zu erlassen.
Eine wie vom Beschwerdeführer erwähnte (...) ist zwar in den Akten doku-
mentiert, diese datiert jedoch vom 8. August 2016 (vgl. A14/1). Eine im
Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung vorhandene Erkrankung ist damit nicht
belegt und wird auch nicht konkretisiert. Wie aus der Beschwerde und de-
ren Begründung folgt, war es dem Beschwerdeführer ohnehin aber mög-
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lich, sich auch ohne Zuhilfenahme einer (gewillkürten) Rechtsvertretung in-
nert der vorgegebenen Beschwerdefrist und unter Wahrung der Formerfor-
dernisse mit den vorinstanzlichen Erwägungen hinreichend auseinander-
zusetzen. Ausserdem wurde ihm mit Zwischenverfügung vom 20. Mai 2020
antragsgemäss Einsicht in den von ihm genannten Arztbericht (vgl. dazu
nachfolgend) gewährt und die Gelegenheit erteilt, seine Beschwerde zu
ergänzen. Eine Einschränkung des Rechts auf eine wirksame Beschwerde
liegt demnach nicht vor.
5.4 Der Beschwerdeführer rügt in seiner Rechtsmittelschrift vom 11. Mai
2020 im Weiteren, er habe sich zu dem vom SEM in der angefochtenen
Verfügung zitierten Arztbericht vor deren Erlass nicht äussern können. Die
Ausführungen im ärztlichen Bericht könnten nicht mit einer Anhörung
gleichgesetzt werden und deren richtige Übersetzung sei nicht gewährleis-
tet. Nachweislich habe er aber starke Merkmale am Körper, die auf Folter
hinweisen würden. Das Arztzeugnis sei ihm nicht ediert worden (vgl. a.a.O.
S. 7 f.). Damit habe das SEM das rechtliche Gehör verletzt. In seiner Be-
schwerdeergänzung vom 4. Juni 2020 betont er, er habe der Ärztin nie er-
zählt, dass die Verletzungen von Folter in einem Gefängnis in Äthiopien
herrühren würden. Der Inhalt des Arztzeugnisses könne daher nicht zur
Beurteilung der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen beigezogen werden. Es
sei auf die Anhörungen abzustellen, in denen er seine Fluchtgründe ein-
heitlich geschildert habe (vgl. a.a.O. S. 2).
Dazu ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer insbesondere im Rah-
men der ergänzenden Anhörung durch das SEM vom 12. April 2018 aus-
reichend Gelegenheit hatte, sich zu den von ihm erwähnten Misshandlun-
gen respektive den Narben und deren Ursache zu äussern (vgl. act. A22/12
D34, D37 ff., D41 ff., D55 ff.). Das SEM war indes nicht gehalten, den Be-
schwerdeführer nach Durchführung der Anhörungen respektive noch vor
Erlass seiner Verfügung auf seine anderslautenden Aussagen, wie sie im
Arztzeugnis vom 17. April 2018 vermerkt sind, aufmerksam zu machen.
Denn es lässt sich feststellen, dass im äusserst kurz gehaltenen Arztzeug-
nis die vom SEM nicht in Frage gestellten Brandnarben ebenso wie die von
ihm erwähnte Knieverletzung bestätigt werden (vgl. act. A24). Andererseits
wird darin die Aussage des Beschwerdeführers gegenüber der Ärztin wie-
dergegeben, wonach die Brandwunden aufgrund von Folter entstanden
seien, als er in Äthiopien im Gefängnis gewesen sei. Das SEM hielt dem-
zufolge zu Recht fest, damit werde eine andere Version der Asylvorbringen
dargelegt, da der Beschwerdeführer zuvor nie erwähnte habe, im Gefäng-
nis gewesen zu sein (vgl. act. A25/12 S. 5). Das SEM hat dem ärztlichen
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Zeugnis indes keine massgebliche Bedeutung zukommen lassen, sah es
darin doch lediglich eine zusätzliche Bestätigung für seine bereits zuvor
getroffene – und nachstehend zu bestätigende – Einschätzung, wonach es
die Asylvorbringen des Beschwerdeführers insgesamt als nicht glaubhaft
erachtete (vgl. act. A25/12 S. 5).
In Bezug auf das erwähnte Arztzeugnis ist jedoch festzustellen, dass das
SEM seiner Offenlegungspflicht im Rahmen von Art. 27 Abs. 3 VwVG nicht
nachgekommen ist. Das SEM gewährte ihm zwar am 30. April 2020 Akten-
einsicht, hielt dabei allerdings fest, dass es von einer Editierung der Akten,
die dem Beschwerdeführer bereits bekannt seien, absehe (vgl. act. A29/2
S. 1). Dem vorgängig am 24. April 2020 gestellten Antrag des Beschwer-
deführers, es seien ihm auch die von ihm eingereichten Beweismittel und
damit auch besagtes Arztzeugnis zuzusenden (vgl. act. A28/2 S. 1), kam
die Vorinstanz nicht nach. Dem Beschwerdeführer wurde mit Verfügung
vom 20. Mai 2020 durch das Bundesverwaltungsgericht Einsicht in er-
wähnte Akte sowie Frist zur Ergänzungen gewährt. Er äusserte sich dazu
mit Schreiben vom 4. Juni 2020. Damit gilt der gerügte Verfahrensmangel
als geheilt (vgl. BVGE 2015/10 E. 7.1 S. 143 m.w.H.). Eine Rückweisung
der Sache fällt damit nicht in Betracht. Die Verfahrenspflichtverletzung wird
indessen im Kostenpunkt zu berücksichtigen sein.
5.5 Im Weiteren wird in der Beschwerde vom 11. Mai 2020 geltend ge-
macht, das SEM habe dem Beschwerdeführer in wichtigen Aspekten keine
weiteren Fragen gestellt. So beispielsweise in der ersten Bundesanhörung
bei der Frage 105. Gleich verhalte es sich mit der Frage 117, im Rahmen
welcher er die Folter erwähnt habe. Dazu sei er nur beschränkt befragt
worden und in diesem Zusammenhang seien keine weiteren Abklärungen,
wie etwa ein Gutachten eingeholt worden (vgl. a.a.O. S. 13 f.).
Diese Rügen erweisen sich ebenfalls als unbegründet. So betraf die in der
Anhörung vom 29. August 2016 gestellte Frage 105 jene nach dem Grund
der vom Beschwerdeführer geschilderten Beschlagnahmung der Ge-
schäfte seines Vaters, wozu sich der Beschwerdeführer äusserte (vgl. act.
A15/16 F105). Bei Frage 116 nahm das SEM erneut darauf Bezug, indem
es sich danach erkundigte, ob sich die Eltern an die Behörden gewandt
hätten, um den Besitz wieder zu erlangen (vgl. act. A15/16 F116). Inwiefern
sich hierzu weitergehende Fragen oder Abklärungen aufgedrängt hätten,
ist weder ersichtlich noch wird dies in der Beschwerde näher dargelegt. Die
Antwort auf die Frage 117 beschlägt sodann die nach Angaben des Be-
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schwerdeführers erlittene Folter. Dort nennt er auf Frage hin als Ausreise-
grund aus Äthiopien erstmals, dass er gefoltert worden sei (vgl. act. A15/16
F117). Das SEM hat anlässlich dieser Anhörung in der Tat keine weiteren
Fragen hierzu getätigt. Es hat jedoch zwecks Abklärung des weiteren
Sachverhalts am 12. April 2018 eine ergänzende Anhörung vorgenommen,
in der es auf dieses Thema zurückkam und der Beschwerdeführer einläss-
lich berichten konnte. Die Vorinstanz hat ihm im Übrigen in dieser Anhörung
auch vorgehalten, dass er in den vorhergehenden Befragungen die Narben
nicht erwähnt habe und ihn zu diesem Punkt hinreichend befragt (vgl. act.
A22/12 D37 ff.). Weitergehende Fragestellungen oder Abklärungen waren
durch das SEM nicht angezeigt.
5.6 Sofern in der Rechtsmittelschrift vom 11. Mai 2020 auf eine nicht hin-
reichende Würdigung von Sachvorbringen (vgl. a.a.O. S. 6 und S. 9 ff.)
durch das SEM und auf eine mangelhafte Würdigung von Quellen hinsicht-
lich der angeblichen Staatenlosigkeit des Beschwerdeführers hingewiesen
wird, geht diese Rüge ebenfalls fehl. Gleich verhält es sich mit dem Ein-
wand in der ergänzenden Eingabe vom 5. November 2020. Darin wird er-
wähnt, die Vorinstanz habe es unterlassen zu würdigen, dass die Ausfüh-
rungen des Beschwerdeführers schlüssig gewesen seien (vgl. a.a.O. S. 2
f.). Damit wird eine andere materielle Würdigung des Sachverhalts begehrt
und nicht eine mangelhafte Erhebung von Sachvorbringen geltend ge-
macht.
5.7 Soweit die Rechtsvertreterin in ihrer Eingabe vom 5. November 2020
zudem die Ansicht vertritt, dass sämtliche Gespräche mit dem Beschwer-
deführer auf Deutsch und ohne dolmetschende Person stattgefunden hät-
ten (vgl. a.a.O. S. 1), trifft dies gemäss den vorinstanzlichen Protokollen
nicht zu. Sowohl die BzP als auch die Anhörungen und das dem Beschwer-
deführer gewährte rechtliche Gehör zur Staatsangehörigkeit wurden in der
von ihm bevorzugten Sprache Arabisch unter Beizug einer dolmetschen-
den Person durchgeführt (vgl. act. A6/13 S. 1 f. und S. 10, A15/16 S. 1 und
S. 15, A16/3 S. 1 und S. 3; A22/12 S. 1 und S. 11).
5.8 Im Weiteren wird geltend gemacht, der Beschwerdeführer habe sich
mit Bezug auf die von ihm geltend gemachte Staatsangehörigkeit zu einem
über fünfzehn Jahre zurückliegenden Sachverhalt äussern müssen, wes-
halb die Beweisregel von Art. 7 AsylG zu restriktiv gehandhabt worden sei
(vgl. Eingaben vom 5. November 2020 S. 1 f. und vom 11. Mai 2020 S. 3).
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Der Beschwerdeführer gab gegenüber der Vorinstanz an, seine Eltern
seien eritreischer Herkunft, hätten jedoch in Äthiopien gelebt. Er schliesst
daraus auf Beschwerdeebene auf seine Staatenlosigkeit respektive auf
eine eritreische Staatszugehörigkeit und erblickt in seiner Herkunft ein Kri-
terium für die Bejahung seiner Flüchtlingseigenschaft und die Unzumutbar-
keit des Vollzuges seiner Wegweisung, zumal seine Eltern und er deswe-
gen in Äthiopien misshandelt worden seien (vgl. Eingabe vom 11. Mai 2020
S. 4 ff.). Vor diesem Hintergrund wird klar, dass das SEM gehalten war, zu
der vom Beschwerdeführer behaupteten Herkunft und seinen in diesem
Zusammenhang geschilderten Erlebnissen in Äthiopien – auch wenn diese
im Zeitpunkt der Befragung lange zurücklagen – Fragen zu stellen, ansons-
ten hätte es den Sachverhalt nicht genügend eruieren können. Im Übrigen
ist darauf hinzuweisen, dass in jedem Asylverfahren zwingend die Staats-
angehörigkeit einer Person respektive deren Herkunft durch die Asylbehör-
den zu prüfen ist, zumal dabei die Frage, ob eine um asylnachsuchende
Person in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat im Sinne von Art. 3 AsylG
verfolgt wurde, im Vordergrund steht.
5.9 Insoweit gerügt wird, die Vorinstanz hätte seitens der äthiopischen Be-
hörden Erkundigungen einholen müssen (vgl. Eingabe vom 5. November
2020 S. 2 und S. 7), erweist sich diese Rüge – wie sich aus den nachste-
henden Erwägungen ergibt – als unbegründet. Der Sachverhalt erscheint
auch in dieser Hinsicht durch die Vorinstanz genügend erstellt.
Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer – wie er-
wähnt – gemäss den vorinstanzlichen Akten einmal im Jahre 2016 wegen
einer (...) in der Schweiz in Behandlung war (vgl. act. A14). Bei der Vo-
rinstanz erwähnte er zudem Knieprobleme, die auf Ereignisse in Äthiopien
zurückzuführen seien und weiterhin bestehen würden (vgl. act. A6/13 S. 8,
A15/16 F93, A22/12 D27, D34). Auch wies er auf verheilte Narben sowie
einen (...) hin (vgl. act. A22/12 D28 f.). Hinsichtlich möglicher psychischer
Beschwerden machte er indes einzig geltend, er fühle im Herzen eine ge-
wisse Angst, welche darauf zurückzuführen sei, dass er nicht wisse, wo
seine Familie sei (vgl. act. A22/12 D6). Mit dem ärztlichen Zeugnis vom
17. April 2018 wurden lediglich seine Knieprobleme und zugleich bestätigt,
dass er Brandwunden habe (vgl. act. A24). Diese Bestätigung erfolgte of-
fenbar infolge der Bemerkung des Befragers während der vorangegange-
nen Anhörung, wonach der Beschwerdeführer ihm seine Narben nicht zei-
gen müsse, diese aber ärztlich bestätigen lassen könne (vgl. act. A22/12
D68 f.). Weitere ärztliche Unterlagen oder Behandlungen sind den Akten
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Seite 12
nicht zu entnehmen und wurden bis dato auch nicht eingereicht. Von offen-
kundigen medizinischen Problemen, die abzuklären gewesen wären, da
sie einen Wegweisungsvollzug als unzulässig oder aber unzumutbar er-
scheinen liessen, wie dies mit der Eingabe vom 5. November 2020 (S. 7)
geltend gemacht wird, kann demnach nicht gesprochen werden.
5.10 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist der Antrag auf Aufhebung
der angefochtenen Verfügung und Rückweisung des Verfahrens an die Vo-
rinstanz abzuweisen.
6.
6.1 Das SEM hielt in der angefochtenen Verfügung fest, trotz der vom Be-
schwerdeführer geltend gemachten eritreischen Herkunft sei er als äthio-
pischer Staatsangehöriger zu erachten.
Es führte dazu aus, der Staat Eritrea sei im Jahr 1952 auf Beschluss der
Vereinten Nationen föderiert worden. Mit der Aufhebung der Föderation im
Jahr 1962 und der Neudefinition Eritreas als äthiopische Provinz sei die
eritreische Nationalität jedoch nichtig geworden. Entsprechend hätten nach
äthiopischem Recht bis zur erneuten Unabhängigkeit Eritreas im Jahre
1993 alle Eritreer respektive Angehörigen der Ethnie der Tigriner als äthio-
pische Staatsangehörige gegolten. Wer nach dem Jahr 1993 die eritrei-
sche Nationalität habe annehmen wollen, habe 1993 am Unabhängigkeits-
referendum teilnehmen müssen. Nach Ausbruch des eritreisch-äthiopi-
schen Grenzkonflikts 1998 sei den Teilnehmenden des Referendums die
äthiopische Staatsangehörigkeit entzogen worden. Diese seien fortan als
Eritreer erachtet worden. Tigriner, welche am Referendum nicht teilgenom-
men hätten, seien vom äthiopischen Staat indes nach wie vor als Äthiopier
angesehen und in den Kebeles registriert worden. Diese hätten in aller Re-
gel auch äthiopische Dokumente erhalten. Angesichts der Tatsache, dass
Eritrea im Zeitraum zwischen 1962 bis 1993 äthiopische Provinz gewesen
sei, und alle Einwohner – ungeachtet ihrer tigrinischen Abstammung – bis
zum Jahr 1993 die äthiopische Staatsangehörigkeit besessen hätten, seien
auch die Eltern des Beschwerdeführers ungeachtet ihrer eritreischen Her-
kunft als äthiopische Staatsangehörige erachtet worden. Eine natürliche
Folge davon sei, dass der Beschwerdeführer durch Abstammung ebenfalls
die äthiopische Staatsangehörigkeit erlangt habe. Ohnehin sei er aber
nach der Geburt als äthiopischer Staatsangehöriger registriert worden, da
er im Jahr (...) und damit noch vor der offiziellen Staatsgründung von Erit-
rea geboren worden sei. Die Eltern hätten zudem äthiopische Ausweise
besessen und die Familie sei somit in der Kebele registriert gewesen. Auch
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sei davon auszugehen, dass die Eltern nicht am Referendum teilgenom-
men hätten, da der Beschwerdeführer über eine solche Teilnahme sicher-
lich Kenntnis gehabt hätte. Gegen die Teilnahme der Eltern an genannter
Abstimmung spreche zudem die Aussage des Beschwerdeführers, dass
seine Familie in Äthiopien habe bleiben wollen. Es sei daher davon auszu-
gehen, dass die Eltern die äthiopische Staatsangehörigkeit behalten hätten
und dies auch für ihn gelte. Seinen Angaben zufolge habe er sich auch
nicht etwa aktiv um die eritreische Staatsbürgerschaft bemüht, sondern
vielmehr in der Anhörung vom 29. August 2016 erklärt, nicht versucht zu
haben, die eritreische Staatsangehörigkeit zu erlangen. Daher könne auch
nicht etwa geschlossen werden, er habe aus äthiopischer Sicht die äthio-
pische Staatsbürgerschaft verloren.
6.2 Dem wurde auf Rechtsmittelebene im Wesentlichen entgegengehal-
ten, der Beschwerdeführer stamme aus Eritrea, sei in Äthiopien geboren,
verfüge über keine Papiere und könne auch keine beschaffen. Er sei als
Staatenloser zu erachten. Seine Mutter gehöre der Ethnie der Tigrinya an
und sein Vater der der Tigre. Den Eltern seien die Ausweispapiere entzo-
gen worden. Er selbst habe nie welche besessen. Im Zeitpunkt des Refe-
rendums und als er mit der Familie aus Äthiopien habe ausreisen müssen,
sei er noch sehr jung gewesen.
Unter Hinweis auf einen Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe
(SFH) vom 29. Januar 2013 wurde im Weiteren geltend gemacht, gemäss
einer Studie aus dem Jahr 2006 zu äthiopisch-eritreischen Flüchtlingsfami-
lien seien Personen aufgrund ihrer gemischt ethnischen Herkunft de facto
staatenlos. Das UNHCR habe im Jahr 2011 darauf hingewiesen, dass Per-
sonen eritreisch-äthiopischer Herkunft mit administrativen Bürden konfron-
tiert seien. Mit dem Ausbruch des eritreisch-äthiopischen Krieges sei Per-
sonen eritreischer Herkunft die äthiopische Staatsbürgerschaft entzogen
worden. Es sei daher anzuerkennen, dass der Beschwerdeführer über
keine Staatsangehörigkeit verfüge und auch keine Möglichkeit habe, Pa-
piere zu erhalten. Zudem wurde auf einen weiteren Bericht der SFH vom
22. Januar 2014 verwiesen, wonach äthiopische Botschaften keine Doku-
mente für Personen eritreischer Herkunft ausstellen würden. Die äthiopi-
schen Behörden würden ehemalige Äthiopier eritreischer Herkunft nicht
wieder einreisen lassen, wenn sie in einem Drittland lebten und ihr Asylge-
such abgelehnt worden sei. Dies werde nicht als offizielle Praxis deklariert,
aber dennoch entsprechend umgesetzt. In Einzelfällen würden die betroffe-
nen Personen Reisedokumente erhalten, allerdings nur, um die Behörden
westlicher Staaten zu beruhigen. Die Betroffenen würden jedoch nicht als
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Seite 14
äthiopische Staatsbürger anerkannt, sondern im besten Fall eine Aufent-
haltsbewilligung für Ausländer erhalten oder in ein Flüchtlingslager ge-
schickt.
6.3 Zu der vom Beschwerdeführer geltend gemachten Herkunft ist Folgen-
des festzuhalten:
6.3.1 Der Beschwerdeführer gab mehrmals an, er sei in B._, Re-
gion Benishangul Äthiopien, geboren und aufgewachsen. Er spreche Barta
und bestens Arabisch, ein wenig Tigrinya, Amharisch und Oromo. Seine
Eltern stammten jedoch aus E._(Eritrea). Sie hätten untereinander
kein Tigrinisch, sondern nur Barta beziehungsweise stets die Sprache des
Ortes, in dem sie gelebt hätten, gesprochen (vgl. act. A6/13 S. 3 f., A15/16
F36 f, F55 und F57).
Nach Kenntnis des Gerichts ist Barta (auch Bezeichnung Berta) eine Spra-
che, die in Äthiopien in der vom Beschwerdeführer genannten Benishan-
gul-Gumuz-Region vom gleichnamigen Volk gesprochen wird. Ausserdem
wird diese Nilo-Saharische-Sprache auch im Sudan gesprochen. Die Berta
sind ein indigenes Volk, das entlang der Grenze zwischen Sudan und Äthi-
opien lebt und das wohl seinen Ursprung im Sudan hat. Die Berta der Re-
gion Benishangul wurden Ende des 19. Jahrhunderts in Äthiopien einge-
gliedert. Das Volk der Berta spricht aufgrund des arabisch-sudanesischen
Einflusses, so wie der Beschwerdeführer, fliessend Arabisch und die meis-
ten von ihnen sind, ebenso wie er, Muslime; einige sind Christen (vgl. Ethi-
opia: History, Culture and Challenges, 2017, S. 40, S. 61 [https://books.
google.ch/books?id=h- g7DwAAQBAJ&printsec=frontcover&dq=%22cultu
-re%22+%2B%22lit%22+%2B%22ethiopia%22&hl=de&sa=X&ved=2ahU-
KEwiZqYfHhc_rAhXGrIsKHTyBBCIQ6wEwAHoECAUQAQ#v=onepage
&q&f=false], Historical Dictionary of Ethiopia, 2013, S. 77 f.
[https://books.google.ch/books?id=WU92d6sB8JAC&printsec=frontco-
ver&dq=historical+dictionary+ethiopia&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEw
jU9sm3gM_rAhXCs4sKHfZkCSkQ6wEwAHoECAAQAQ#v=onepage
&q&f=false); Ethiopia: The Last two Frontiers, 2011, S. 84
[https://books.google.ch/books?id=yckMyLVh3oYC&pg=PA377&dq=%22
ethiopia%22+%2B%22berta%22&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwio65XAis
_rAhVvk4sKHYPkCyIQ6wEwAXoECAUQAQ#v=onepage&q=berta &f=
false]).
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Seite 15
Vor diesem Hintergrund erscheint es glaubhaft, dass der nebst Berta auch
Arabisch sprechende Beschwerdeführer und Muslim aus der von ihm er-
wähnten Region in Äthiopien stammt.
6.3.2 Zweifel bestehen hingegen, dass seine Eltern ursprünglich eritrei-
schen Ursprungs sein sollen, zumal – wie erwähnt – das indigene Volk der
Berta bereits Ende des 19. Jahrhunderts in Äthiopien eingegliedert worden
ist und dessen Sprache lediglich in Äthiopien und im Sudan, nicht aber
etwa in Eritrea gesprochen wird. Hinzukommt, dass die Eltern nach Anga-
ben des Beschwerdeführers nicht etwa die in Eritrea unter anderem ge-
sprochene Sprache Tigrinya sprachen (vgl. act. A6/13 S. 4). Dieser Um-
stand erstaunt, sollen die Eltern doch ursprünglich aus Eritrea stammen
und den Tigrinya (Mutter) respektive Tigre (Vater) angehören (vgl. act.
A6/13 S. 3, A15/16 F18). Demnach wäre zu erwarten, dass die Eltern
Kenntnisse der entsprechenden Sprache hätten und diese ihrem Sohn
auch vermittelt hätten. Ausserdem hat der Beschwerdeführer bis dato kei-
nerlei Dokumente eingereicht, und die seine eritreische Herkunft bestäti-
gen oder glaubhaft machen würden.
6.3.3 Selbst wenn aber – wie vorliegend vom SEM angenommen – von
einer eritreischen Herkunft der Eltern und damit auch des Beschwerdefüh-
rers auszugehen wäre, ist die Schussfolgerung des SEM zu bestätigen,
wonach davon auszugehen ist, dass der Beschwerdeführer vor seiner Aus-
reise aus Äthiopien die äthiopische Staatsbürgerschaft innegehabt habe.
Es kann an dieser Stelle – zwecks Vermeidung von Wiederholungen – auf
die Ausführungen des SEM verwiesen werden (act. A25/12 S. 3 ff.).
Dabei ist hervorzuheben, dass bis zum Jahr 1993 Personen in Äthiopien,
die aus Eritrea, einer damaligen Provinz Äthiopiens stammten, die äthiopi-
sche Staatsangehörigkeit besassen (vgl. auch Urteil des BVGer
D- 6690/2015 vom 17. Oktober 2018 E. 7.3 m.w.H.). Gemäss Darlegung
des Beschwerdeführers sind seine eritreisch-stämmigen Eltern von Eritrea
nach Äthiopien geflüchtet, als er noch nicht geboren war (vgl. act. A6/13
S. 3, 5, 7 und S. 9, A15/16 F20 und F36). Spätestens seit seiner Geburt im
Jahre (...) haben sie sich in Äthiopien aufgehalten. Demnach wären sie in
jenem Zeitpunkt als äthiopische Staatsangehörige zu erachten gewesen.
Auch besassen sie gemäss den Angaben des Beschwerdeführers ur-
sprünglich äthiopische Papiere (vgl. act. A6/13 S. 4, A15/16 F9, F14), was
ebenfalls für eine äthiopische Staatsangehörigkeit der Eltern spricht. Es ist
sodann in Übereinstimmung mit den Erwägungen des SEM nicht davon
auszugehen, dass die Eltern am eritreischen Unabhängigkeitsreferendum
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Seite 16
teilgenommen haben, zumal der Beschwerdeführer nie darlegte, sie hätten
eritreische Identitätspapiere besessen, was als Voraussetzung zur Refe-
rendumsteilnahme galt (vgl. Urteil des BVGer D- 6690/2015 vom 17. Okto-
ber 2018 E. 7.4). Anhaltspunkte dafür, dass sie für sich und die Kinder die
eritreische Staatsbürgerschaft beantragt und damit die äthiopische Staats-
angehörigkeit verloren hätten (vgl. a.a.O. E. 7.4,) liegen ebenfalls nicht vor.
Auch gibt es keine Hinweise dafür, dass die Familie etwa nach Eritrea hätte
deportiert werden sollen, was im Zuge der insbesondere zwischen 1998
und 2002 erfolgten Deportationen von ungefähr 75'000 eritreisch-stämmi-
gen Personen aus Äthiopien nachvollziehbar gewesen wäre (vgl. a.a.O.
E. 8.1). Vielmehr betonte der Beschwerdeführer stets, seine Eltern und Ge-
schwister seien im Jahr 2002 in den Sudan geflohen respektive sie seien
nach F._, Sudan, gebracht worden (vgl. act. A6/13 S. 4, S. 7).
Für eine äthiopische Staatsangehörigkeit spricht aber auch der Umstand,
dass sich die Eltern im Jahr 2008 vom Sudan aus nach Äthiopien zurück-
begeben konnten respektive angeblich vom sudanesischen Staat dorthin
zurückgeführt worden seien (vgl. act. A6/13 S. 4 f., S. 7, und S. 9, A15/16
F42, F114). Wären sie tatsächlich eritreischer Herkunft oder eritreischer
Staatsangehörigkeit gewesen und deswegen angeblich im Sudan malträ-
tiert und zur Ausreise aufgefordert respektive gezwungen worden, den Su-
dan zu verlassen (vgl. A6/13 S. 4, A15/16 F114, A22/12 D60) und hätten
sie zudem in jenem Zeitpunkt die äthiopische Staatsangehörigkeit nicht
(mehr) innegehabt oder über keine äthiopischen Papiere (mehr) verfügt, so
erscheint nicht nachvollziehbar, dass die Ausschaffung respektive die
Rückkehr der Familie ausgerechnet in den Staat Äthiopien erfolgte respek-
tive dorthin erfolgen konnte.
Die Einwände auf Beschwerdeebene ändern nichts an dieser Einschät-
zung, zumal darin hauptsächlich bisherige Sachvorbringen wiederholt wer-
den, ohne indes – wie vom SEM in der Vernehmlassung zu Recht erwähnt
– Belege für eine eritreische Herkunft oder aber einen Nachweis dafür bei-
zubringen, dass der Beschwerdeführer die äthiopische Staatsangehörig-
keit nicht (mehr) innehätte. Der Verweis auf verschiedene Berichte, ge-
mäss denen eine Rückkehr nach Äthiopien nicht möglich sei (vgl. Eingabe
vom 11. Mai 2020 S. 11, Eingabe vom 5. November 2020 S. 3), ist für die
Frage, ob der Beschwerdeführer aufgrund seiner angeblichen eritreischen
Herkunft und Ausreise der Eltern im Jahr 2002 nicht (mehr) als Äthiopier
zu erachten ist, nicht relevant.
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Seite 17
7.
7.1 Das SEM hielt sodann fest, dass die vom Beschwerdeführer geschil-
derten Ausreisegründe einerseits als unglaubhaft zu qualifizieren seien und
diesen andererseits keine Asylrelevanz zukomme.
So habe der Beschwerdeführer im Rahmen der ergänzenden Anhörung
dargelegt, ein Polizist habe ihm die Kniescheibe mit dem Gewehrkolben
gebrochen. Er sei mit Feuer am Gesicht verbrannt worden respektive er
sei von Polizisten geschlagen und gestossen worden und dabei ins Feuer
gefallen. Er habe sich so Brandwunden am ganzen Körper zugezogen. Da-
nach sei er mit seinem Vater zum Polizeiposten gebracht worden, wo er
malträtiert worden und sein Vater verhaftet worden sei. Ausserdem sei er
viele Male von der Polizei mitgenommen worden und gelegentlich bis zu
drei Tage in Haft gewesen. Er sei zu Schwerstarbeit gezwungen worden.
In der BzP und in der Anhörung habe er jedoch einzig erklärt, bei einem
Vorfall sei ihm von den Behörden die Kniescheibe gebrochen worden. Auf
entsprechende Fragen hin habe er zudem bejaht, dies seien alle seine
Asylgründe. In der BzP habe er sogar erwähnt, in Äthiopien nie verhaftet
worden zu sein. In dem von ihm eingereichten Arztbericht werde zudem
eine weitere Version der angeblichen Fluchtgründe geschildert, da darin
ausgeführt werde, die Brandwunden am Gesicht und am Rücken des Be-
schwerdeführers seien ihm durch Folter mittels Feuer bei Befragungen im
Gefängnis zugefügt worden. Der Beschwerdeführer habe jedoch nie zuvor
von einem Gefängnisaufenthalt mit Folter berichtet. In der ergänzenden
Anhörung sei er zudem danach gefragt worden, weshalb er die Brandwun-
den in den früheren Befragungen nicht erwähnt habe. Er habe geantwortet,
dass er Angst gehabt habe, weil man ihm wiederholt deutlich gemacht
habe, dass er nicht mehr hätte in der Schweiz bleiben können. Die angeb-
liche Verfolgung und Folter vor seiner Ausreise aus Äthiopien im Jahre
2002 sei somit offensichtlich nachgeschoben.
Im Weiteren habe der Beschwerdeführer in der BzP angegeben, sein Vater
sei von den äthiopischen Behörden verfolgt worden, weil er eritreischer
Herkunft gewesen sei und sich weiterhin in Äthiopien aufgehalten habe. In
der Anhörung habe er jedoch vorgebracht, die Behörden hätten dem Vater
vorgeworfen, eritreischer Agent zu sein. In der ergänzenden Anhörung
habe er wiederum angegeben, seine Familie habe den Grund, warum sie
verfolgt worden sei, nie richtig gewusst. Widersprüchliche Angaben habe
er auch zu seiner Familie gemacht, indem er anlässlich der BzP erklärt
habe, seine Eltern und Geschwister seien alle zu Hause in Äthiopien, in
der Anhörung – und damit ungefähr eineinhalb Monate nach der BzP –
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Seite 18
habe er jedoch geltend gemacht, dass seine Familie in G._ in Äthi-
opien sei respektive sie sich im Süd-Sudan befinde respektive die Absicht
gehabt habe, in den Süd-Sudan zu gehen und es bestehe die Möglichkeit,
dass sie Äthiopien bereits verlassen habe. In der ergänzenden Anhörung,
damit eineinhalb Jahre nach der Anhörung, habe er schliesslich angege-
ben, seine Familie habe seit einem Jahr Äthiopien verlassen. Sofern die
Eltern des Beschwerdeführers tatsächlich Schwierigkeiten in Form von Be-
schimpfungen und Schlägen innerhalb der äthiopischen Gesellschaft hät-
ten erdulden müssen, seien diese Nachteile zudem als nicht genügend in-
tensiv zu erachten. Seine Eltern und Geschwister seien seinen Angaben
zufolge im Jahr 2008 vom Sudan nach Äthiopien zurückgekehrt und hätten
angeblich bis vor kurzem dort gelebt. Es sei daher nicht ersichtlich, inwie-
fern ihm und seiner Familie ein Leben in H._ verunmöglicht worden
sei. Die behaupteten Nachteile seien ferner lokal oder regional beschränkt
gewesen. Durch einen Wegzug in einen anderen Teil des Heimatlandes,
wo es mehr Einwohner eritreischer Herkunft gebe, hätte sich der Be-
schwerdeführer diesen entziehen können. Seine Befürchtung, die äthiopi-
schen Behörden würden ihn zu seinem Aufenthalt im Ausland befragen und
zu lebenslanger Haft verurteilen, sei ausserdem nicht nachvollziehbar.
Hinsichtlich der behaupteten eritreischen Abstammung des Beschwerde-
führers, derentwegen er allfällige Nachteile bei seiner Rückkehr befürchte,
gelangte das SEM zum Schluss, die Bevölkerung Äthiopiens bestehe aus
rund achtzig verschiedenen Ethnien. Keine stelle die absolute Mehrheit.
Die grösste Gruppe sei, insbesondere in sprachlicher Hinsicht, die Ethnie
der Oromo. Weitere grosse Ethnien seien die Amhara, die Somali und die
Tigray. Die regionalen staatlichen Institutionen würden von Angehörigen
der dortigen Ethnien verwaltet. Im letzten Vierteljahrhundert hätten Ange-
hörige der Tigray die Institutionen auf nationaler Ebene (Politik, Armee,
Bundespolizei) dominiert, womit sie den teils gewalttätigen Unmut anderer
Ethnien auf sich gezogen hätten. Seit Anfang 2018 würden jedoch ver-
mehrt Angehörige anderer Ethnien, insbesondere der Oromo, Schlüssel-
positionen im Staat innehaben. In verschiedenen Regionen des Landes
gebe es ethnische oder vermeintlich ethnische Konflikte, bei denen zum
Teil regionale Sicherheitskräfte selbst Partei seien. An der Grenze zwi-
schen den Regionalstaaten Somali und Oromia habe ein solcher Konflikt
seit dem Jahr 2016 mehrere hundert Todesopfer gefordert und einige Hun-
derttausend Menschen vertrieben. Ethnisch motivierte Gewalt gebe es in
zahlreichen Gegenden mit ethnisch gemischter Bevölkerung; die Vorfälle
seien aber meist lokal begrenzt. Allein aufgrund der Zugehörigkeit zu einer
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Seite 19
ethnischen Minderheit könne demnach in Äthiopien nicht auf eine begrün-
dete Furcht vor einer Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes geschlossen
werden. Dies gelte auch für den Beschwerdeführer, der angeblich eritrei-
scher Herkunft sei. Zwischen den einst verfeindeten Ländern Äthiopien und
Eritrea sei überdies in jüngster Zeit eine politische Entspannung zu be-
obachten, die unter anderem zu einem stark angestiegenen freien Waren-
und Personenverkehr zwischen den beiden Staaten geführt habe. Unter
diesem Gesichtspunkt sei es umso unwahrscheinlicher, dass der Be-
schwerdeführer als äthiopischer Staatsangehöriger mit eritreischer Ab-
stammung künftig mit asylrelevanten Nachteilen zu rechnen habe.
7.2 In der Beschwerde hält der Beschwerdeführer diesen Erwägungen
hauptsächlich entgegen, der vom SEM zuerst erwähnte Widerspruch be-
ruhe auf einer unterschiedlichen Übersetzung und seiner Wahrnehmung
im damaligen Zeitpunkt. Er habe seine Erlebnisse ausführlich geschildert.
Bei der BzP habe er sich unter Druck gefühlt, jedoch erklärt, dass er jeden
Tag Probleme gehabt habe. Er habe auch den Vorfall mit dem Knie erwähnt
und auch, dass er und seine Geschwister für seine Eltern bestraft worden
seien. Er habe erzählt, dass sie immer wieder gefoltert worden seien. Zu
den Verbrennungen sei er erst sehr spät befragt worden. Seine Erzählun-
gen seien jedoch detailliert gewesen. Er habe damals nicht genau gewusst,
weshalb sein Vater Probleme gehabt habe. Seine Angabe, dass sein Vater
als eritreischer Agent angesehen worden sei, sei eine Mutmassung und
vielleicht auch ein Erklärungsversuch gewesen. Bezüglich des Aufent-
haltsorts seiner Familie habe er sich nicht widersprochen. Soweit er heute
informiert sei, habe die Familie über Jahre hinweg versucht, in den Sudan
zu gelangen. Die Ereignisse würden knapp zwanzig Jahre zurückliegen
und er sei damals noch sehr jung gewesen. Er wisse heute, dass seine
Familie Äthiopien zwischenzeitlich wieder habe verlassen müssen und im
Tschad und in Libyen lebe.
8.
8.1 Eine Prüfung der Akten ergibt, dass die vorinstanzlichen Erwägungen
zu bestätigen sind, weshalb an dieser Stelle – zwecks Vermeidung von
Wiederholungen – auf diese zu verweisen ist.
8.2 Als wesentlich erachtet das Gericht, dass der Beschwerdeführer weder
im Rahmen der BzP noch der Anhörung erwähnte, er sei in Äthiopien in-
haftiert worden. Lediglich mit Bezug auf einen Aufenthalt in Libyen gab er
während der BzP an, verhaftet worden zu sein (vgl. act. A6/13 S. 9). Es
erscheint daher nicht verständlich, weshalb er die angeblich in Äthiopien
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Seite 20
erfolgten Festnahmen erst im Rahmen der ergänzenden Anhörung und
nicht schon früher vorbrachte. Weder während der BzP noch während der
ersten Anhörung sprach er ausserdem davon, dass er sich Brandwunden
zugezogen habe, weil er ins Feuer gefallen sei, während ihn Polizisten ge-
schlagen hätten. Auch wenn die erwähnten Ereignisse lange zurückliegen
mögen und der Beschwerdeführer im Ereigniszeitpunkt noch jung gewesen
sein mag, handelt es sich dabei doch um prägende Vorkommnisse. Es er-
scheint daher nicht verständlich, weshalb der Beschwerdeführer diese
nicht schon früher erwähnte. Entgegen der Argumentation in der Be-
schwerde (vgl. Beschwerde S. 7 f.) lassen sich den jeweiligen Protokollen
auch keine Anhaltspunkte dafür entnehmen, dass der Beschwerdeführer
während der Befragungen unter Druck gesetzt wurde oder Fehler in der
Übersetzung begangen worden sind.
8.3 Mit dem kurz gehaltenen ärztlichen Zeugnis vom 17. April 2018 lässt
sich im Übrigen weder ein Nachweis für eine in Äthiopien erlittene Folter
noch für die vom Beschwerdeführer behaupteten Inhaftierungen erbringen,
zumal darin lediglich eine Aussage des Beschwerdeführers, die er gegen-
über der behandelnden Ärztin gemacht haben soll, wiedergegeben wird,
welche er auf Beschwerdeebene zudem bestreitet. Der im ärztlichen Be-
richt erwähnte Gefängnisaufenthalt lässt sich – wie vom SEM zu Recht
konstatiert – denn auch nicht mit dem Umstand vereinbaren, dass der Be-
schwerdeführer im Rahmen der Befragungen nie einen Gefängnisaufent-
halt erwähnt hatte. Im Arztzeugnis bestätigt wird – wie bereits erwähnt –
jedoch, dass der Beschwerdeführer über Brandwunden (an [...]) verfügt.
Deren Ursache bleibt nach dem Gesagten unklar. Zu bedenken wäre aber
auch, dass nach Kenntnis des Gerichts eine Eigenheit des in der vom Be-
schwerdeführer angegebenen Herkunftsregion lebenden Volkes der Berta
ist, dass deren Angehörige an zahlreichen Stellen ihres Körpers (u.a. in
Gesicht und an den Armen) über Narbengewebe verfügen (vgl. Historical
Dictionary of Ethiopia, 2013, S. 77; https://books. google.
ch/books?id=WU92d6sB8JAC&printsec=frontcover&dq=historical+dictio-
nary+ethiopia&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwjU9sm3gM_rAhXCs4sK
HfZkCSkQ6wEwAHoECAAQAQ#v=onepage &q&f=false).
8.4 Was den Aufenthaltsort der Familie des Beschwerdeführers anbelangt
fällt auf, dass er mehrmals betonte, seine Familie habe im Jahre 2002 nicht
aus Äthiopien ausreisen wollen und sei schliesslich im Jahr 2008 dorthin
zurückgekehrt. Hätten er und seine Eltern schon vor ihrer Ausreise im Jahr
2002 tatsächlich ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu gewär-
tigen gehabt, so erscheint es nicht nachvollziehbar, dass die Familie nicht
E-2451/2020
Seite 21
aus Äthiopien ausreisen wollte und sie im Jahr 2008 vom Sudan nach Äthi-
opien zurückkehrte, wo sie sich danach weiterhin aufhielt respektive wahr-
scheinlich immer noch aufhält. Denn die Angaben des Beschwerdeführers
zum Aufenthaltsort seiner Eltern und Geschwister sind in wesentlichen As-
pekten unterschiedlich ausgefallen. Im Rahmen der einlässlichen Anhö-
rung machte der Beschwerdeführer lediglich vage und zudem widersprüch-
liche Angaben dazu. So legte er dar, die Eltern hätten Äthiopien verlassen,
dann wiederum erklärte er, sie seien nach Europa gekommen. An anderer
Stelle führte er aus, sie würden sich im Süd-Sudan befinden und gab aus-
serdem an, sie seien noch in G._ (vgl. act. A15/16 F23 ff., F65).
Auch in der ergänzenden Anhörung gab er undifferenzierte, ausweichende
und in sich nicht stimmige Aussagen zu Protokoll. So führte er aus, seine
Familie, die im Heimatland geblieben sei, lebe auf der Strasse, zugleich
erwähnte er, sie hätten das Land ungefähr ein Jahr zuvor verlassen (vgl.
act. A22/12 D7 ff.). Diese ungereimten Aussagen werden auch auf Be-
schwerdeebene nicht aufgelöst, indem dort hauptsächlich wiederholt wird,
die Eltern würden nicht mehr in Äthiopien leben, ohne diese Behauptung
jedoch näher zu konkretisieren (vgl. Beschwerde vom 11. Mai 2020 S. 12,
Replik vom 17. Dezember 2020 S. 1 f.).
8.5 Auf eine in Äthiopien erlittene Vorverfolgung lässt sich demzufolge
nicht schliessen, weshalb auch keine – wie auf Beschwerdeebene gefor-
dert wird (vgl. Beschwerde S. 10, Eingabe vom 5. November 2020 S. 4) –
Prüfung "zwingender Gründe" im Sinne der Rechtsprechung des Bundes-
verwaltungsgerichts vorzunehmen ist (vgl. BVGer E- 6502/2019 vom
19. März 2020 E. 6.9).
8.6 Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es dem Beschwerdefüh-
rer, der als äthiopischer Staatsagenhöriger zu erachten ist, nicht gelingt,
eine flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdungslage im Heimatstaat glaub-
haft zu machen oder nachzuweisen. Die Vorinstanz hat die Flüchtlingsei-
genschaft zu Recht verneint und das Asylgesuch des Beschwerdeführers
folgerichtig abgelehnt.
9.
9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
E-2451/2020
Seite 22
9.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.2
10.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
10.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend
darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement
nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
E-2451/2020
Seite 23
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.).
Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt den
Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht per se als unzulässig
erscheinen. Daran ändert auch der Hinweis auf die Schnellrecherche vom
12. Dezember 2019 der SFH nichts, zumal sich daraus ebenfalls auf keine
konkrete Gefahr im Sinne von Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK für den Be-
schwerdeführer bei einer Rückkehr nach Äthiopien schliessen lässt.
10.2.3 Der Vollzug der Wegweisung ist demnach sowohl im Sinne der asyl-
als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
10.3
10.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
10.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht ist bisher in konstanter Praxis von
der grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in alle Regi-
onen Äthiopiens ausgegangen (vgl. Referenzurteil des BVGer D-
6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 12.2, in Bestätigung von BVGE 2011/25
E. 8.3). Da die Lebensbedingungen in Äthiopien nach wie vor als prekär zu
bezeichnen sind, ist im konkreten Fall jeweils zu prüfen, ob davon ausge-
gangen werden kann, dass zur Existenzsicherung genügend finanzielle
Mittel vorhanden sind, ebenso wie berufliche Fähigkeiten und ein intaktes
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Beziehungsnetz (vgl. Referenzurteil des BVGer D-6630/2018 vom 6. Mai
2019 E. 12.4, in Bestätigung von BVGE 2011/25 E. 8.4).
10.3.3 Diese Praxis gilt nach wie vor. Aber auch unter der neuen Regierung
sind herrschende ethnischen Spannungen und Protestbewegungen zu ver-
zeichnen. Aktuell finden vor allem in der nördlichen Region Tigray Gefechte
zwischen Regierungstruppen und Kämpfern der in der Region verankerten
TPLF (Tigray People’s Liberation Front) statt, weshalb die Entwicklungen
in dieser Region genau zu beobachten sind.
10.3.4 Was die Region Benishangul-Gumuz anbelangt, aus welcher der
Beschwerdeführer stammt, lässt sich feststellen, dass diese Region zwar
nicht unmittelbar von dem Konflikt in der Region Tigray betroffen scheint.
Infolge des Konflikts in Tigray dürfte aber der vorhandene Mangel an Si-
cherheitskräften, die zum grossen Teil im Tigray gebunden sind, in anderen
Regionen auch die ethnischen Spannungen in der Region Benishangul-
Gumuz begünstigt haben. So kam es dort in den letzten Monaten zu meh-
reren Massakern an Zivilpersonen. Der Konflikt wurde respektive wird zwi-
schen einheimischen Ethnien und den in den letzten Jahrzehnten angesie-
delten Gruppen aus dem Hochland ausgetragen. Das äthiopische Militär
tötete nach einem Massaker im Dezember 2020 40 Männer, die im Ver-
dacht standen, an einem Massaker teilgenommen zu haben (vgl. The New
York Times: Dozens Die in Ethnic Massacre in Troubled Ethiopian Region,
Jan. 13, 2021 [www.nytimes.com/2021/01/13/world/africa/ethiopia-ethnic-
killings.html; zuletzt abgerufen am 1. Februar 2021; BBC-News, 24 Decem-
ber 2020: Ethiopia military kills 40 after Benishangul-Gumuz massacre,
[www.bbc.com/news/world-africa-55428322; zuletzt abgerufen am 1. Feb-
ruar 2021]; Aljazeera, Nov. 15 2020: Dozens killed in "gruesome" bus at-
tack in western Ethiopia [www.aljazeera.com/news/2020/11/15/attack-on-
bus-in-western-ethiopia-leaves-more-than-30-people-dead, zuletzt abge-
rufen am 1. Februar 2021; RFI, Ethiopie: de nouvelles violences ensan-
glantent la région de Benishangul-Gumuz, 14/10/2020
[www.rfi.fr/fr/afrique/20201013-ethiopie-violences-12-morts-region-benis-
hangul-gumuz, zuletzt abgerufen am 1. Februar 2021]).
10.3.5 Die abschliessende Prüfung der Frage danach, ob infolge erwähn-
ter Ereignisse respektive der dort aktuell herrschenden Lage mit Bezug auf
erwähnte Region von einer Situation allgemeiner Gewalt auszugehen ist,
welche den Vollzug der Wegweisung generell als unzumutbar erscheinen
lassen würde, kann jedoch offenbleiben. Dem Beschwerdeführer ist es
nämlich – wie nachstehend aufgezeigt – zuzumuten, sich in eine andere
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Region Äthiopiens, welche nicht wie jene von Tigray oder von Benishangul-
Gumuz derzeit von gewaltsamen Auseinandersetzungen betroffen ist, zu
begeben. So scheint der restliche und grösste Teil des Landes bisher von
der in Tigray herrschenden Konfliktsituation und deren Auswirkungen nicht
unmittelbar betroffen zu sein, so dass die Rückkehr für äthiopische Staats-
angehörige in vom Konflikt nicht berührte Regionen des Landes weiterhin
zumutbar bleibt, zumal die Zivilbevölkerung dort nicht allgemein als konkret
gefährdet bezeichnet werden kann (vgl. dazu auch Urteil des BVGer E-
6506/2018 vom 7. Januar 2021 E. 7.4.2 m.w.H.).
10.3.6 Die individuellen Umstände lassen vorliegend nicht auf eine kon-
krete Gefährdung des Beschwerdeführers im Falle seiner Rückkehr in ei-
nen anderen Landesteil schliessen. Er ist noch relativ jung und verfügt ei-
genen Angaben zufolge über eine verhältnismässig gute Schulbildung
(teils in einer Privatschule). Auch war er in der Vergangenheit in verschie-
denen Ländern und dabei in verschiedenen Berufssparten tätig und spricht
nebst Berta, fliessend Arabisch und verfügt teils auch über Kenntnisse in
Amharisch, Oromo, Englisch, Französisch und Tigrinya (vgl. act. A6/13 S. 2
und S. 4; A15/16 F52 ff., F80 ff., A22/12 D17 ff., D72). Auch wenn er sich
seinen Aussagen zufolge über lange Zeit nicht in seinem Herkunftsstaat
aufgehalten haben soll, so ist es ihm dennoch zuzumuten, nach seiner
Rückkehr einer beruflichen Erwerbstätigkeit nachzugehen und damit für
sich zu sorgen. Die vielen beruflichen Tätigkeiten, die er im Verlaufe der
Zeit ausgeübt hat sowie genannte Sprachkenntnisse dürften ihm dabei be-
hilflich sein. Zudem ist es – einhergehend mit dem SEM – durchaus wahr-
scheinlich, dass er in Äthiopien (so etwa in G._ vgl. act. A15/16 F26)
weiterhin über ein familiäres Beziehungsnetz (seine Eltern und Geschwis-
ter) verfügt. Seine diesbezüglichen Angaben waren – wie bereits festge-
stellt – in sich nicht stimmig und es obliegt nicht den Asylbehörden, nach
hypothetischen Vollzugshindernissen zu forschen.
10.3.7 Schliesslich sind auch keine gesundheitlichen Beschwerden er-
sichtlich, die einem Wegweisungsvollzug entgegenstehen könnten. Die
dem Beschwerdeführer im ärztlichen Zeugnis vom 17. April 2018 attestier-
ten Brandwunden und Knieprobleme bestehen schon seit vielen Jahren
und lassen aktuell eine medizinische Behandlung weder als notwendig er-
scheinen noch darauf schliessen, er würde deshalb bei einer Rückkehr
nach Äthiopien in eine medizinische Notlage geraten.
10.3.8 Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers ist demzu-
folge als zumutbar zu erachten.
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10.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung grundsätzlich auch
als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Zwischenverfü-
gung vom 17. September 2020 wurde jedoch das Gesuch um unentgeltli-
che Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen. Auch im
Urteilszeitpunkt ist davon auszugehen, dass sich die finanzielle Lage des
Beschwerdeführers nicht entscheidrelevant verändert hat, weshalb keine
Verfahrenskosten zu erheben sind.
12.2 Praxisgemäss ist eine anteilmässige Parteientschädigung zuzuspre-
chen, wenn, wie vorliegend, eine Verfahrensverletzung auf Beschwerde-
ebene geheilt wird. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungs-
faktoren (Art. 9–13 VGKE) ist die vom SEM an den Beschwerdeführer aus-
zurichtende Parteientschädigung auf Fr. 300.– festzusetzen.
12.3 Dem Beschwerdeführer wurde mit Zwischenverfügung vom 17. Sep-
tember 2020 rubrizierte Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin
eingesetzt. Ihr ist für ihre Aufwendungen im Beschwerdeverfahren ein Ho-
norar zu Lasten der Gerichtskasse auszurichten.
Bei amtlicher Vertretung geht das Gericht – wie in erwähnter Zwischenver-
fügung – mitgeteilt – in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.–
bis Fr. 220.– für anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12
i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE), wobei nur der notwendige Aufwand zu ent-
schädigen ist (vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Mit Eingabe vom 5. November
2020 wurde ein Aufwand von 445 Minuten zu einem Stundenansatz von
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Fr. 220.– (exkl. Mehrwertsteuer und Auslagen) geltend gemacht. Mit Replik
vom 17. Dezember 2020 wurden zusätzliche 60 Minuten als Aufwand dar-
gelegt. Diese Aufwendungen scheinen als angemessen und der Stunden-
ansatz bewegt sich zudem im vorgegebenen Rahmen. Die Entschädigung
ist demnach unter Berücksichtigung der seitens des SEM auszurichtenden
Parteientschädigung auf insgesamt Fr. 1710.– (inkl. Mehrwertsteuerzu-
schlag und Auslagen) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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