Decision ID: 5206e7bb-9ae6-56b3-a260-353cc12c1a0f
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer stammt aus Somalia. Nach eigenen Angaben hat er
im Jahr 2015 in Italien einen Schutzstatus erhalten, im Juli 2016 sei er je-
doch nach Deutschland gegangen, wo er ebenfalls um Asyl nachgesucht
habe. Da das Asylverfahren dort negativ verlaufen sei, habe er sich im Au-
gust 2018 nach Frankreich begeben; die dortigen Behörden hätten ihm
aber mitgeteilt, dass er ein Dublin-Fall sei. Er habe sich sodann illegal in
Frankreich aufgehalten, bis er am 3. Februar 2020 von Strassburg aus mit
dem Zug über Kehl (Deutschland) nach Basel gereist sei. Am 5. Februar
2020 ersuchte der Beschwerdeführer im Bundesasylzentrum (BAZ) Region
(...) in (...) um Asyl in der Schweiz. Am 12. Februar 2020 fand die Perso-
nalienaufnahme statt.
Ein Abgleich mit der Europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Eurodac)
ergab, dass er am 20. März 2014 in Italien sowie am 13. August 2018 in
Frankreich Asylgesuche eingereicht hat.
B.
Am 13. Februar 2020 wurde mit dem Beschwerdeführer ein Dublin-Ge-
spräch durchgeführt. Das SEM teilte ihm mit, es sei geplant, ihn entweder
nach Frankreich oder Italien zurückzuführen. Mit einer Rückkehr nach
Frankreich erklärte sich der Beschwerdeführer einverstanden. Betreffend
Italien machte er geltend, er wolle dorthin nicht zurück. Er habe dort zwar
einen Schutzstatus erhalten, aber keine Unterkunft gehabt; das Camp
habe er verlassen müssen. In einer Kirche habe er zu Essen bekommen,
aber kein Geld für die nötigen Medikamente. Er leide seit dem Jahr 2017
unter Diabetes und sei zudem Asthmatiker, seit er in Italien ein Jahr auf der
Strasse habe leben müssen (vgl. act. SEM-[...]-14/2).
C.
Das SEM ersuchte sowohl Frankreich als auch Italien um Rückübernahme
des Beschwerdeführers. Die französischen Behörden verweigerten die
Aufnahme unter Hinweis auf den in Italien erteilten subsidiären Schutzsta-
tus, gültig bis zum 23. August 2020.
D.
Mit Verfügung vom 18. Februar 2020 beendete das SEM das Dublin-Ver-
fahren und gewährte dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu ei-
nem geplanten Nichteintretensentscheid gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. a
AsylG (SR 142.31, sicherer Drittstaat) und der Wegweisung nach Italien.
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E.
Am 27. Februar 2020 nahm der Beschwerdeführer mit Hilfe seines zuge-
wiesenen Rechtsvertreters Stellung und lehnte eine Rückkehr nach Italien
ab. Er sei aufgrund seiner chronischen Erkrankungen auf medizinische
Versorgung angewiesen; diese sei in Italien für Schutzberechtigte nicht ge-
währleistet. Vor einer Überstellung seien daher bei den italienischen Be-
hörden entsprechende Garantien einzuholen. Der Rechtsvertreter kündigte
die Nachreichung eines Arztberichts an.
F.
Aus dem Arztbericht vom 20. März 2020 geht hervor, dass der Beschwer-
deführer unter Diabetes mellitus Typ 2 leidet (vgl. act. SEM-[...]-27/2). Er
ist in der Schweiz in Behandlung, was durch verschiedene Arztberichte in
den Akten belegt wird.
G.
Das SEM ersuchte die italienischen Behörden am 21. Februar 2020 um
Rückübernahme. Diese stimmten am 6. August 2020 zu und teilten mit,
dem Beschwerdeführer sei in Italien subsidiärer Schutz gewährt und eine
Aufenthaltsbewilligung erteilt worden.
H.
Am 10. August 2020 teilte das SEM erneut mit, dass eine Rückführung
nach Italien im Rahmen der Drittstaatenregelung vorgesehen sei. Es ge-
währte dem Beschwerdeführer dazu nochmals das rechtliche Gehör und
forderte ihn zur Vorlage aktueller Arztberichte auf.
I.
In der Stellungnahme vom 18. August 2020 erklärte der Rechtsvertreter,
der Beschwerdeführer sei vulnerabel, er sei schwer chronisch krank und
auf permanente ärztliche Behandlung angewiesen. Im Fall einer Rückfüh-
rung nach Italien drohe ihm eine Verletzung seiner in Art. 3 EMRK ge-
schützten Rechte. Während seines Aufenthalts in Italien habe er trotz
Schutzstatus keinen Zugang zur nötigen medizinischen Behandlung erhal-
ten. Er sei wiederholt notfallmässig ins Krankenhaus eingeliefert worden
und habe dann dort die benötigten Medikamente erhalten. Auch gelte er
als Diabetiker als zugehörig zu einer Risikogruppe in Hinblick auf eine Co-
vid-19-Erkrankung.
J.
Gemäss Vorakten befand sich der Beschwerdeführer vom 21. August 2020
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bis zum 1. September 2020 in der psychiatrischen Klinik in (...), psychiat-
rische Dienste, Spital (...), nachdem er am 20. August 2020 unter Alkohol-
einfluss einen Selbstmordversuch unternommen hatte und sich vor einen
fahrenden Zug gestürzt hatte, der jedoch bremsen konnte. Dem Austritts-
bericht der Klinik vom 1. September 2020 ist zu entnehmen, dass er bei
Eintritt angegeben hatte, unter viel Stress zu leiden, insbesondere wegen
des negativen Entscheids bezüglich des Asylantrags sowie aus Angst vor
einem Mangel an Medikation im Falle einer Zurückweisung nach Italien,
dass er mit seiner aktuellen Lebenssituation nicht zufrieden sei und sich
kurzfristig entschieden habe, sich das Leben zu nehmen. Gemäss Bericht
besserte sich der Zustand des Beschwerdeführers im Rahmen des Klini-
kaufenthalts, er distanzierte sich von Suizidgedanken (vgl. act. SEM-[...]-
43/4).
K.
Einem weiteren Arztbericht vom 24. September 2020 ist zu entnehmen,
dass der Beschwerdeführer wiederholt wegen Asthma-Attacken behandelt
worden war und einen hohen Alkoholkonsum hatte. Den vorliegenden Arzt-
berichten ist ferner zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer seit dem
1. Dezember 2020 wegen Einschlafproblemen ein Antidepressivum ein-
nahm (vgl. Gesundheitsverlaufsprotokoll, act. SEM-[...]-54/3).
L.
Am 15. Oktober 2020 wurde der Beschwerdeführer dem Kanton (...) zuge-
wiesen und ist seither im [Zentrum] B._ in C._ unterge-
bracht. Am 26. Januar 2021 bestätigte der Rechtsvertreter des BAZ, dass
er das Mandat weiterführe.
M.
Am 2. Februar 2021 berichtete eine Mitarbeiterin des B._ in
C._ dem SEM auf Anfrage vom 27. Januar 2021, dass sich die ge-
sundheitliche und psychische Situation des Beschwerdeführers stabilisiert
habe; er nehme die vereinbarten Arzttermine wahr und beteilige sich aktiv
an den täglichen Angeboten (Deutschkurs und Beschäftigungspro-
gramme), wodurch sich sowohl seine Blutzuckerwerte als auch seine psy-
chisch labile Situation stabilisiert und verbessert hätten. Die nächste Kon-
trolle der Insulinwerte sei für Mitte Februar 2021 beim Hausarzt geplant.
Leider sei davon auszugehen, dass äusserer Stress und Unsicherheit die
früheren Probleme (Depression, übermässiger Alkoholkonsum, hohe Blut-
zuckerwerte) wiederaufkommen lassen würden (vgl. act. SEM-[...]-52/3).
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N.
Am 3. Februar 2021 übermittelte das SEM dem Rechtsvertreter den Ent-
scheidentwurf betreffend die Drittstaatenwegweisung des Beschwerdefüh-
rers nach Italien.
O.
In seiner Stellungnahme vom 5. Februar 2021 verwies der Rechtsvertreter
auf die Stellungnahmen vom 27. Februar 2020 und vom 18. August 2020
und brachte ergänzend vor, der Beschwerdeführer werde gemäss einem
Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) zur Situation von
Schutzberechtigten in Italien praktisch und effektiv kaum Zugang zu den
nötigen Medikamenten erhalten können. Er werde einen hohen Selbstbe-
halt zahlen müssen. Es fehle an Informationen über den Zugang zum Ge-
sundheitswesen, auch werde der Zugang durch Behördenwillkür in man-
chen Gegenden verweigert. Das SEM habe sich in seinem Entscheident-
wurf nicht mit dem Einzelfall des Beschwerdeführers auseinandergesetzt,
sondern rein schematisch argumentiert. In Hinblick auf dessen Suizidalität
sei auf das Prüfungsschema hinzuweisen, welches der Europäische Ge-
richtshof für Menschenrechte (EGMR) in einem neueren Urteil entwickelt
habe und das auch vom Bundesverwaltungsgericht in jüngsten Entschei-
den berücksichtigt werde. Eine solche Prüfung habe das SEM versäumt
vorzunehmen. Sofern das SEM von den italienischen Behörden keine ent-
sprechenden Garantien einholen könne, sei von der Rückführung abzuse-
hen, da eine Verletzung von Art. 3 EMRK drohe.
P.
Am 8. Februar 2021 (irrtümlich datiert auf den 8. Februar 2020) trat das
SEM gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsyIG auf das Gesuch des Be-
schwerdeführers nicht ein, da er bereits in Italien einen Schutzstatus erhal-
ten habe. Es verfügte die Wegweisung und stellte fest, er müsse die
Schweiz am Tag nach Eintritt der Rechtskraft dieser Verfügung verlassen,
ansonsten er in Haft genommen und unter Zwang nach Italien zurückge-
führt werden könne. Es händigte dem Beschwerdeführer die editionspflich-
tigen Akten aus und beauftragte den Kanton (...) mit dem Vollzug nach Ita-
lien, den es für zulässig und zumutbar erachtete; die geltend gemachten
Gesundheitsvorbringen, inklusive eine möglicherweise drohende Suizidge-
fahr, änderten daran nichts. Der Gesundheitszustand werde vor Durchfüh-
rung der Überstellung nochmals abgeklärt, die italienischen Behörden wür-
den über den aktuellen Gesundheitszustand informiert werden. Eine Rück-
führung sei ohnehin erst durchführbar, wenn die Reisebeschränkungen
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im Zusammenhang mit Covid-19 dies zuliessen. Auf die Entscheidbe-
gründung wird in den Erwägungen eingegangen. Der Entscheid ging
am 9. Februar 2021 dem Rechtsvertreter zu.
Q.
In der Beschwerdeeingabe vom 16. Februar 2021 beantragte der Be-
schwerdeführer die Aufhebung der Verfügung des SEM vom 8. Februar
2021 und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur erneuten
Sachverhaltsfeststellung. Eventualiter sei das SEM anzuweisen, auf das
Asylgesuch einzutreten. In prozessualer Hinsicht wurde die unentgeltliche
Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie der Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses beantragt. Zur Begründung wurde
vorgebracht, der Beschwerdeführer sei sehr vulnerabel, er benötige per-
manente ärztliche Betreuung und Kontrolle. Das SEM habe dies nicht ge-
nügend berücksichtigt; insbesondere vor dem Hintergrund, dass für
Schutzberechtigte in Italien hohe Hürden beim Zugang zu adäquater me-
dizinischer Versorgung bestünden. Das SEM hätte daher entsprechende
Garantien bei den italienischen Behörden einholen müssen, andernfalls ein
Risiko einer Verletzung von Art. 3 EMRK bestehe.
Neben den bereits aktenkundigen medizinischen Unterlagen reichte der
Beschwerdeführer eine Bestätigung des Hausarztes in C._ vom
15. Februar 2021 ein, dass die Medikation des Diabetes mellitus weiterhin
der Anpassung und einer engmaschigen ärztlichen Überwachung bedürfe
(Beschwerdebeilage 5).
R.
Am 17. Februar 2021 wurde der Eingang der Beschwerde bestätigt und
festgestellt, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens
einstweilen in der Schweiz abwarten.
S.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
17. Februar 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
T.
Am 22. Februar reichte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers das
aktualisierte Verlaufsblatt des B._ (letzter Eintrag vom 18. Februar
2021) ein, welches den Gesundheitsverlauf dokumentiert. Aus diesem geht
hervor, dass der Beschwerdeführer eine Woche lang mit dem Spritzen von
Insulin ausgesetzt hatte (vgl. Eintrag vom 16. Februar 2021). Auch hatte er
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gegenüber der Betreuung geäussert, seiner Meinung nach sei seine Dia-
beteserkrankung eventuell eine Lüge. Erst nach einem persönlichen Ge-
spräch mit der medizinischen Betreuung habe er Einsicht gezeigt, jedoch
auch grosse Furcht geäussert, wie seine Behandlung in Italien gesichert
sein könnte (vgl. Eintrag vom 18. Februar 2021). Dies zeige deutlich, dass
eine engmaschige ärztliche Betreuung nötig sei, um die Insulin-Therapie
sicherzustellen. Erschwerend komme sein psychischer Zustand hinzu; die
medizinische Versorgung wäre bei einer Überstellung nach Italien ohne
eine individuelle Garantieerklärung der dortigen Behörden nicht gewähr-
leistet.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das
AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Gemäss Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet.
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die
Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 31a Abs.1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Be-
schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz
zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2
m.w.H.).
3.2 Bezüglich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs
hat die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb das
Bundesverwaltungsgericht diese Punkte gegebenenfalls uneingeschränkt
prüft.
4.
4.1 Das SEM stellte fest, dass der Beschwerdeführer in Italien, einem
sicheren Drittstaat, subsidiären Schutz erhalten habe. Die italienischen
Behörden hätten auch der Rückübernahme des Beschwerdeführers zu-
gestimmt. In der Begründung des Entscheids verweist das SEM darauf,
dass sich der Beschwerdeführer an die italienischen Behörden wenden
und bei diesen die Unterstützung einfordern könne, welche ihm auf Grund-
lage der entsprechenden EU-Richtlinien zustehe, die von Italien respektiert
und umgesetzt würden. Zu den geltend gemachten gesundheitlichen Prob-
lemen hielt das SEM fest, Italien verfüge über eine ausreichende medizini-
sche Infrastruktur und der Beschwerdeführer werde dort sowohl die benö-
tigten Medikamente als auch die nötigen medizinischen Kontrollen erhalten
können. Es gebe keine Hinweise, wonach Italien ihm eine medizinische
Behandlung verweigert hätte oder zukünftig verweigern würde. Vielmehr
sei er nach eigenen Angaben in der Stellungnahme vom 18. August 2020
auch vor der Ausreise aus Italien wiederholt notfallmässig im Spital gewe-
sen und habe während des Spitalaufenthaltes die benötigten Medikamente
erhalten. Seine medizinische Grundversorgung erscheine daher als sicher-
gestellt, er werde in Italien die erforderliche medizinische Versorgung, wel-
che zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behand-
lung von Krankheiten, sowie die Abgabe der benötigten Medikamente wie
http://links.weblaw.ch/BVGE-2012/4
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Insulin und die Behandlung von schweren psychischen Störungen um-
fasse, erhalten. Daher sei der Wegweisungsvollzug nach Italien zulässig
und zumutbar.
Auch der Suizidversuch vermöge an dieser Einschätzung nichts zu ändern.
Es wäre als stossend zu bezeichnen, wenn der Beschwerdeführer ange-
sichts des drohenden Wegweisungsvollzugs durch Berufung auf eine tat-
sächliche oder vermeintliche Selbstmordgefahr die Behörden zum Einlen-
ken zwingen könnte. Es stehe ihm aber frei, auch diesbezüglich allenfalls
medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die entsprechende Infrastruk-
tur stehe auch in Italien zur Verfügung und er sei gehalten, sich bei medi-
zinischen oder psychischen Problemen an eine Institution in Italien zu wen-
den. Schliesslich würden die italienischen Behörden über seine gesund-
heitlichen Probleme und die benötigte medizinische Versorgung sowie die
Medikamente vor der Rücküberstellung informiert und er könne sich direkt
nach der Rückkehr nach Italien bei den italienischen Behörden melden, um
sich dort wieder anzumelden und registrieren zu lassen.
Zur Beurteilungstiefe des Suizidrisikos sei zum einen festzuhalten, dass
der Suizidversuch unter Alkoholeinfluss begangen worden sei und gemäss
dem Austrittsbericht der psychiatrischen Klinik (...) vom 1. September 2020
bei Klinikaustritt kein Anhalt für Selbst- oder Fremdgefährdung bestanden
habe. Auch sei der Beschwerdeführer seither nicht mehr in psychologi-
scher oder psychiatrischer Behandlung gewesen. Gemäss dem Gesund-
heitsverlaufsprotokoll sei ihm seit dem Umzug nach C._ einzig we-
gen Einschlafproblemen ein Medikament, welches zu den Antidepressiva
gehört, zur abendlichen Einnahme verordnet worden. Vor diesem Hinter-
grund sei bei einer Rückkehr nach Italien nicht von einer Verletzung von
Art. 3 EMRK auszugehen und das SEM erachte es als nicht erforderlich,
von den italienischen Behörden eine Zusicherung betreffend die nötige me-
dizinische Versorgung sowie eine Garantie für eine konkret bezeichnete
Unterkunft einzuholen.
Die Reisefähigkeit des Beschwerdeführers könne zudem erst kurz vor der
Überstellung definitiv beurteilt werden; sicher werde dem Gesundheits-
zustand bei der Organisation der Überstellung nach Italien Rechnung
getragen, indem die italienischen Behörden vor der Überstellung über
die Erkrankungen und den Gesundheitszustand sowie die weiterführen-
den medizinischen Behandlungen und die benötigten Medikamente in-
formiert würden. Dies geschehe insbesondere auch vor dem aktuellen
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Hintergrund der Covid-19-Pandemie und den Richtlinien des Bundes-
amtes für Gesundheit (BAG), wonach Diabetiker im Zusammenhang mit
Covid-19 zu den besonders gefährdeten Personengruppen gehören.
Eine Überstellung nach Italien werde erst erfolgen, wenn es die aktuelle
Lage erlaube und die entsprechenden Schutzmassnahmen eingehalten
werden könnten. Vor diesem Hintergrund sei bei der Rückkehr nach Ita-
lien nicht von einer Verletzung von Art. 3 EMRK auszugehen, und der
Vollzug sei zumutbar. Der Vollzug sei auch möglich, Italien habe die
Rücknahme zugesichert. Vorübergehende Einschränkungen des Flug-
verkehrs oder vorübergehende Einreisebeschränkungen durch die ita-
lienischen Behörden im Zusammenhang mit der aktuellen Situation
rund um das Corona-Virus vermöchten keine Unmöglichkeit des Weg-
weisungsvollzugs zu begründen. Aufgrund der von vielen Staaten we-
gen dem Corona-Virus erlassenen Restriktionen werde die Überstel-
lung erst erfolgen, wenn die Reisebeschränkungen dies zuliessen.
4.2 In der Beschwerdeeingabe vom 16. Februar 2021 wird vorgebracht,
der Beschwerdeführer sei vulnerabel aufgrund seiner chronischen Krank-
heit, er leide an Diabetes und müsse täglich Insulin spritzen. Erschwerend
komme hinzu, dass seine Blutzuckerwerte nicht stabil seien, deren
Schwankungen würden durch seinen Alkoholmissbrauch zusätzlich ver-
stärkt. Es sei eine engmaschige ärztliche Überwachung nötig, was mit den
vorgelegten Arztberichten hinreichend dokumentiert werde. Zudem sei zu
berücksichtigen, dass er bereits einen Suizidversuch unternommen habe
und an Depressionen leide, was die erforderliche medizinische Begleitung
umso notwendiger erscheinen lasse. Bei einer Rücküberstellung nach Ita-
lien sei konkret zu befürchten, dass die erforderliche Behandlung zumin-
dest unterbrochen werde. Das SEM habe den Gesundheitszustand zwar
abgeklärt, jedoch die Vulnerabilität des Beschwerdeführers im Entscheid
nur ungenügend berücksichtigt. Dies sei stossend, insbesondere vor dem
Hintergrund, dass Schutzberechtigte in Italien hohe Hürden beim Zugang
zu adäquater medizinischer Versorgung zu überwinden hätten. Hinzu
komme, dass der Beschwerdeführer während seines Aufenthaltes in Italien
bereits auf der Strasse habe leben müssen. Die Wahrscheinlichkeit sei
hoch, dass er nach seiner Rückkehr nach Italien wieder in der Obdachlo-
sigkeit landen werde, was den Zugang zur erforderlichen medizinischen
Behandlung zusätzlich erschwere. Eine Gefahr der Verletzung von Art. 3
EMRK sei ausdrücklich zu bejahen. Das SEM hätte daher entsprechende
Garantien bei den italienischen Behörden einholen müssen, ansonsten sei
der Vollzug nicht als zulässig zu bezeichnen.
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4.3 In der weiteren Eingabe vom 22. Februar 2021 wird unter Vorlage
neuer ärztlicher Auskünfte erneut bekräftigt, dass der Beschwerdeführer
psychisch labil sei und der permanenten ärztlichen Betreuung und Kon-
trolle bedürfe. Diese sei im Fall einer Überstellung nach Italien keineswegs
gesichert.
5.
5.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch nicht ein-
getreten, wenn die asylsuchende Person in einen nach Art. 6a
Abs. 2 Bst. b AsylG als sicher bezeichneten Drittstaat zurückkehren kann,
in welchem sie sich vorher aufgehalten hat.
5.2 Den Akten zufolge ist dem Beschwerdeführer in Italien der subsidiäre
Schutzstatus sowie ein Aufenthaltstitel mit Geltung bis zum 23. August
2020 gewährt worden. Italien ist ein verfolgungssicherer Drittstaat im Sinn
von Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG (vgl. Beschluss des Bundesrates vom
14. Dezember 2007, in welchem sämtliche Länder der EU und der EFTA
als sichere Drittstaaten bezeichnet wurden). Die italienischen Behörden
haben der Rückübernahme des Beschwerdeführers am 6. August 2020 zu-
gestimmt.
5.3 Der Beschwerdeführer ist demnach eine Person mit internationalem
Schutz, der über ein Aufenthaltsrecht in Italien verfügt. Es ist davon auszu-
gehen, dass es ihm möglich sein wird, sich aufgrund seines Schutzstatus
um eine Verlängerung seiner inzwischen abgelaufenen Aufenthaltsbewilli-
gung zu bemühen (vgl. Asylum Information Database, Country Report:
Italy, Update 2019 vom Juni 2020, S.145 f.).
5.4 Das SEM ist damit zu Recht in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers
nicht eingetreten.
6.
6.1 In der Beschwerde wird gerügt, das SEM habe den medizinischen
Sachverhalt nicht hinreichend gewürdigt, obwohl es alle Fakten gesammelt
und Arztberichte angefordert habe. Es sei nicht auf die individuelle Situa-
tion des Beschwerdeführers eingegangen worden, sondern das SEM habe
mit pauschalen Textbausteinen gearbeitet. Auf diese formelle Rüge ist zu-
erst einzugehen, da sie die Aufhebung des Entscheids aus formellen Grün-
den bewirken könnte.
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Seite 12
6.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG).
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden
(vgl. BVGE 2016/2 E. 4.3).
6.3 Vorliegend ist festzustellen, dass die Vorinstanz den gesundheitlichen
Zustand des Beschwerdeführers in der Verfügung berücksichtigt und er-
klärt hat, seine Krankheit könne auch in Italien behandelt werden und er
werde dort auch Zugang zumindest zu medizinischer Grundversorgung er-
halten. Das SEM hat des Weiteren auch im Zusammenhang mit der fest-
zustellenden Reisefähigkeit festgehalten, dass diese ausschlaggebend sei
zum Zeitpunkt der Überstellung; die italienischen Behörden würden im
Rahmen der Überstellungsmodalitäten gehörig und rechtzeitig über den
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers und den nötigen Behand-
lungsbedarf informiert werden. Auch werde eine Überstellung erst dann ge-
plant, wenn sie auch in Hinblick auf die Regelungen des Bundesamts für
Gesundheit betreffend die Covid-19-Pandemie sowie möglicherweise gel-
tende Reisebeschränkungen im Verhältnis Schweiz-Italien ohne weitere
Risiken durchführbar sei. Mit diesen Erwägungen wurde der Sachverhalt
in medizinischer Hinsicht – den das SEM korrekt und vollständig erhoben
hat – hinlänglich gewürdigt; eine Verletzung der Begründungspflicht ist
nicht festzustellen. Gemäss geltender Rechtsprechung betreffend die Un-
terbringung und medizinische Versorgung von Personen mit Schutzstatus
in Italien war die Vorinstanz nicht gehalten, individuelle Zusicherungen ein-
zuholen.
6.4 Die formelle Rüge ist damit nicht begründet, zumal sie sich in erster
Linie in Kritik am Entscheid des SEM erschöpft. Die Frage, ob der Gesund-
heitszustand des Beschwerdeführers ein Vollzugshindernis zu begründen
vermag, ist Inhalt der folgenden materiellen Prüfung. Nach dem Gesagten
besteht keine Veranlassung, den angefochtenen Entscheid aus formellen
Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Der entspre-
chende Antrag ist abzuweisen.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
http://links.weblaw.ch/BVGE-2016/2
E-683/2021
Seite 13
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insbesondere Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkom-
mens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30], Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der
Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder ei-
nen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund
von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizini-
scher Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung fest-
gestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren.
Der Vollzug ist schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der
Ausländer weder in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in ei-
nen Drittstaat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2
AIG).
8.3 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
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Seite 14
8.4 Gemäss Art. 6a AsylG besteht zugunsten sicherer Drittstaaten (vgl.
hierzu E. 2) die Vermutung, dass diese ihre völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen, darunter im Wesentlichen das Refoulement-Verbot und grund-
legende menschenrechtliche Garantien, einhalten (vgl. FANNY MATTHEY,
in: Cesla Amarelle / Minh Son Nguyen, Code annoté de droit des migra-
tions, Bern 2015, Art. 6a AsylG N 12 S. 68). Art. 83 Abs. 5 AIG hält ferner
die Vermutung fest, dass eine Wegweisung in einen EU- oder EFTA-Staat
in der Regel zumutbar ist.
8.5 Es obliegt der betroffenen Person, diese beiden Legalvermutungen
umzustossen. Dazu hat sie ernsthafte Anhaltspunkte dafür vorzubringen,
dass die Behörden des in Frage stehenden Staates im konkreten Fall das
Völkerrecht verletzen, ihr nicht den notwendigen Schutz gewähren oder sie
menschenunwürdigen Lebensumständen aussetzen würden respektive,
dass sie im in Frage stehenden Staat aufgrund von individuellen Umstän-
den sozialer, wirtschaftlicher oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle
Notlage geraten würde (vgl. statt vieler das Urteil des BVGer
E-2617/2016 vom 28. März 2017 E. 4).
8.6 Keine Person darf in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land ge-
zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5
Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK). Der Vollzug der Wegweisung
ist vorliegend in Beachtung dieser massgeblichen völker- und landesrecht-
lichen Bestimmungen zulässig, da der Beschwerdeführer in den sicheren
Drittstaat Italien ausreisen kann, wo er einen subsidiären Schutzstatus er-
halten hat und dort die Verlängerung seiner Aufenthaltsbewilligung bean-
tragen kann. Es droht im Falle einer Rücküberstellung keine Verletzung
des Refoulment-Verbots und keine damit verbundene Gefahr einer men-
schenrechtswidrigen Behandlung.
8.6.1 Die medizinischen Sachverhalte des Beschwerdeführers können
nicht unter die vom EGMR in seinem Urteil vom 13. Dezember 2016
(Nr. 41738/10 Paposhvili gg. Belgien), §183, genannten «other very excep-
tional cases» subsumiert werden. Trotz der chronischen Erkrankung ist der
Beschwerdeführer nicht so schwer erkrankt, als dass bei ihm die ernsthafte
Gefahr bestehen würde, im Falle der Rückschaffung nach Italien einer
schwerwiegenden, rapiden und irreversiblen Verschlechterung seines Ge-
sundheitszustandes, verbunden mit übermässigem Leiden oder einer be-
deutenden Verkürzung der Lebenserwartung, ausgesetzt zu sein, zumal
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die medizinische Versorgung in Italien gewährleistet ist. Weder seine Vor-
bringen noch die eingereichten Arztberichte lassen darauf schliessen, dass
die geltend gemachten gesundheitlichen Probleme derart gravierend wä-
ren, als dass eine adäquate Behandelbarkeit im EU-Staat Italien nicht ge-
geben wäre.
8.6.2 Der Beschwerdeführer leidet unter Diabetes mellitus Typ 2 und ist auf
regelmässige Insulingaben angewiesen. Diese Versorgung kann er jedoch
auch in Italien erhalten. Als anerkannt Schutzberechtigter mit Anspruch auf
eine Aufenthaltsbewilligung steht ihm das italienische Gesundheitssystem
offen. Er selbst hat auch vorgebracht, dass er in Italien jedenfalls im Spital
notfallmässig versorgt worden sei (vgl. Bst. B). Dem Einwand in der Be-
schwerde, der Beschwerdeführer sei psychisch belastet und seine Alkohol-
sucht könnte sich unter weniger günstigen Bedingungen wieder ver-
schlechtern, was auch zu einer mangelhaften Disziplin bei der Insulinthe-
rapie führen und schliesslich unbehandelt in einer lebensbedrohlichen Si-
tuation enden könne, ist zu erwidern, dass der Beschwerdeführer auch in
der Schweiz die nötige Medikation nur mit Mühe und periodischen Unter-
brechungen einnimmt und bisher nichts unternommen hat, um gegen seine
Alkoholsucht vorzugehen (vgl. Zusammenstellung der ärztlichen Aus-
künfte, act. SEM-[...]-52/3 und 54/3). Auch geht aus den ärztlichen Berich-
ten nicht hervor, dass er – über die Einnahme von schlaffördernden beru-
higenden Mitteln hinausgehend – wegen seiner psychischen Probleme o-
der Depressionen in therapeutischer Behandlung stand, seit er zum 1. Sep-
tember 2020 aus der Psychiatrie entlassen wurde. Wenig ist auch bekannt,
wie er sich vor seiner Einreise in die Schweiz in Frankreich als irregulär
sich aufhaltende Person mit seiner Krankheit durchschlagen konnte. Je-
denfalls ist festzustellen, dass sich der Beschwerdeführer in Italien an-
scheinend nicht um die Durchsetzung seiner Rechte bemühte, sondern
das Land verliess, um sich jahrelang in noch prekäreren Aufenthaltssitua-
tionen durchzuschlagen.
Betreffend die von ihm geltend gemachte Asthmaerkrankung gilt, dass eine
Asthmaerkrankung, welche mit Medikamenten gut behandelbar ist, für sich
genommen einer Überstellung nach Italien nicht entgegenstehen kann
(vgl. Urteil des BVGer F-9/2020 vom 16. Januar 2020 E. 4). Diese Ein-
schätzung für das Dublin-Verfahren muss auch im Fall des Beschwerde-
führers gelten, der einen Schutzstatus erhalten hat.
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Hinsichtlich einer allfälligen Gefahr der Selbstgefährdung des Beschwer-
deführers ist darauf hinzuweisen, dass vom Vollzug der Wegweisung ge-
mäss konstanter Rechtsprechung nicht Abstand genommen wird, solange
Massnahmen zwecks Verhütung der Umsetzung einer Suiziddrohung ge-
troffen werden können (vgl. Urteil des BVGer D-3574/2016 vom 14. Juli
2016 E. 5.3.2 m. H.). Allfälligen suizidalen Tendenzen des Beschwerdefüh-
rers wäre daher mit entsprechenden Massnahmen bei der Vollzugsorgani-
sation Rechnung zu tragen.
Offensichtlich ist sich das SEM der gesundheitlichen Problematik bewusst,
es hat vor dem Entscheid über das Asylgesuch des Beschwerdeführers
aktuelle ärztliche Berichte eingeholt und auch den Beschwerdeführer wäh-
rend des Verfahrens immer wieder aufgefordert, über seinen Gesundheits-
zustand zu berichten. Es hat entsprechende Massnahmen zur Sicherung
der gesundheitlichen Versorgung bereits im Entscheid zugesichert.
Schliesslich ist festzustellen, dass die tatsächliche Reisefähigkeit erst kurz
vor dem Vollzug der Wegweisung beurteilt werden kann. Dieser steht je-
doch angesichts der aktuellen Covid-19-Pandemie noch nicht unmittelbar
bevor.
Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der
asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.7 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
Diesbezüglich gilt das oben Gesagte. Der Beschwerdeführer wird nach der
Rückkehr nach Italien nicht in eine medizinische Notlage geraten. Italien
ist an die Richtlinie 2011/95/EU gebunden. Im Kapitel VII werden die den
Flüchtlingen und Personen mit subsidiärem Schutzstatus zu gewährenden
Rechte geregelt (Art. 26 [Zugang zu Beschäftigung], Art. 29 Abs. 2 [Sozial-
und Nothilfe] und Art. 30 Abs. 2 [medizinische Versorgung]). Es bestehen
keine Hinweise darauf, Italien würde dem Beschwerdeführer dauerhaft die
ihm gemäss der Richtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen
vorenthalten und ihn einer existenziellen Notlage aussetzen. Es darf von
ihm zudem erwartet werden, sich bei Unterstützungsbedarf an die italieni-
schen Behörden zu wenden und die erforderliche Hilfe nötigenfalls auf dem
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-3574/2016
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Rechtsweg einzufordern. Daran vermag auch das Vorbringen, er hätte
nach Verlassen des Camps keine Unterkunft gefunden und auf der Strasse
leben müssen und sei nur durch die Kirche unterstützt worden, nichts zu
ändern. So muss sich der Beschwerdeführer den Umstand, dass er freiwil-
lig aus Italien ausgereist ist, anstatt sich (erneut) an die zuständigen Insti-
tutionen zu wenden, zu seinen Ungunsten entgegenhalten lassen und dies
ist nicht den italienischen Behörden anzulasten. Der Wegweisungsvollzug
ist zumutbar.
Bei dieser Sachlage besteht auch kein Anlass für die Einholung individuel-
ler Garantien (vgl. hierzu BVGE 2017 VI/10 E. 5).
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
8.8 Schliesslich ist der Wegweisungsvollzug auch als möglich zu erach-
ten, zumal die italienischen Behörden einer Rückübernahme des Be-
schwerdeführers ausdrücklich zugestimmt haben.
8.9
Nach den vorstehenden Erwägungen ist auch der von der Vorinstanz ver-
fügte Vollzug der Wegweisung zu bestätigen.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Der Antrag auf Erlass des Kostenvorschusses erweist sich mit vorliegen-
dem Urteil als gegenstandslos.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem die Beschwerde in-
dessen nicht als aussichtslos bezeichnet werden musste und die Bedürf-
tigkeit des Beschwerdeführers mit Fürsorgebestätigung vom 10. Februar
2021 belegt wurde, ist das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheissen, und es sind keine Verfahrens-
kosten zu erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
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