Decision ID: becc26fe-24af-5bbd-a682-6e0dbe4e8546
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
I.
A.
Der Beschwerdeführer – gemäss seinen Angaben ein registrierter staaten-
loser Kurde (Ajnabi) mit letztem Wohnsitz in B._, Provinz Al-Has-
sake ‒ reiste am 5. April 2010 in die Schweiz ein und stellte am 6. April
2010 ein Asylgesuch.
B.
Mit Urteil des Regionalgerichts C._ vom (...) Juni 2011 wurde der
Beschwerdeführer wegen sexueller Nötigung gemäss Art. 189 Abs. 3 StGB
schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von 40 Monaten (unter
Anrechnung der erstandenen Untersuchungs- und Sicherheitshaft) verur-
teilt.
C.
Das damalige Bundesamt für Migration (BFM) stellte mit Verfügung vom
22. Juni 2011 fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, wies sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Vollzug an.
D.
Eine gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde vom 22. Juli 2011, in
welcher die Aufhebung der Dispositiv-Ziffern 4 und 5 der vorinstanzlichen
Verfügung sowie die Gewährung einer vorläufigen Aufnahme gefordert
wurden, zog der Beschwerdeführer mit schriftlicher Erklärung vom 28. Juli
2011 wieder zurück, worauf das Beschwerdeverfahren vom Bundesverwal-
tungsgericht mit Entscheid E-4140/2011 vom 3. August 2011 als gegen-
standslos geworden abgeschrieben wurde.
II.
E.
Mit schriftlichen Eingaben an das SEM vom 17. Januar 2012 und 3. Feb-
ruar 2012 (Datum Eingang) ersuchte der Beschwerdeführer erneut um Ge-
währung des Asyls.
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Seite 3
F.
Am (...) 2012 wurde der Beschwerdeführer bedingt aus dem Strafvollzug
entlassen, unter Auferlegung einer Probezeit von 1 Jahr, 1 Monat und 5 Ta-
gen (vgl. Verfügung der Abteilung Straf- und Massnahmen-vollzug der Po-
lizei- und Militärdirektion des Kantons D._ vom 31. Oktober 2012).
G.
Mit Verfügung vom 27. September 2017 (eröffnet am 28. September 2017)
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, wies sein zweites Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung
aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
H.
Die vom Beschwerdeführer mit Eingabe vom 24. Oktober 2017 gegen die
Verfügung des SEM vom 27. September 2017 erhobene Beschwerde
wurde vom Bundesverwaltungsgericht mit Urteil E-6023/2017 vom 21. Juni
2019 soweit die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft, die Gewährung
des Asyls sowie der Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs be-
treffend abgewiesen. Soweit sie die Frage der Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs betraf, wurde die Beschwerde gutgeheissen, soweit die in-
soweite Aufhebung der SEM-Verfügung beantragt worden war. Die Dispo-
sitiv-Ziffern 4 und 5 der Verfügung vom 27. September 2017 wurden auf-
gehoben und die Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurückgewiesen.
I.
Mit Schreiben vom 23. August 2019 ersuchte das SEM den Migrations-
dienst des Kantons D._ um einen Bericht betreffend die Integration
des Beschwerdeführers sowie um Zustellung eine Kopie der Begründung
des Strafurteils des Regionalgerichts C._ vom (...) Juni 2011.
J.
Mit Schreiben vom 2. Dezember 2019 machte der Migrationsdienst des
Kantons D._ Angaben bezüglich der Integration des Beschwerde-
führers.
K.
Mit Schreiben vom 7. Dezember 2019 ersuchte das SEM den Beschwer-
deführer um Einreichung eines Berichts zu seinen Integrationsbemühun-
gen und seinen persönlichen Verhältnissen in der Schweiz sowie insbe-
sondere um Angaben zu den Gründen für sein mehrfaches Untertauchen
E-789/2020
Seite 4
in den Jahren 2014 bis 2016 sowie seinen jeweiligen Aufenthaltsorten in
diesen Zeiträumen.
L.
Mit Eingabe vom 12. Dezember 2019 nahm der Beschwerdeführer Stellung
zu den vom SEM gestellten Fragen. In der Beilage reichte er eine "(...)"
des Kantons D._ in Kopie inklusive Begleitschreiben vom 23. März
2017 zu den Akten. Namentlich wies er darauf hin, dass die Stellensuche
sowie der Besuch von Sprachkursen durch seinen Aufenthaltsstatus er-
schwert seien, er sich aber im Rahmen des Möglichen darum bemühe, sich
in der Schweiz zu integrieren und die Sprache zu erlernen. Vom 19. bis
zum 27. Februar 2014 habe er sich bei seinem Cousin aufgehalten, weil
ihm das Leben in der Kollektivunterkunft über den Kopf gewachsen sei.
Grund für die Abwesenheiten von Juni 2014 bis Februar 2015 sowie von
August 2015 bis März 2016 sei gewesen, dass er sich in dieser Zeit in
Deutschland aufgehalten und ein Asylgesuch gestellt habe. Er habe sich
dadurch eine Verbesserung seiner Lebenssituation erhofft, nachdem er die
Hoffnung auf einen positiven Entscheid in der Schweiz verloren gehabt
habe. Im Weiteren habe er den Kontakt und die Bindung zu seinem Her-
kunftsland verloren; hingegen habe er in der Schweiz Familienangehörige
und einen grossen Freundeskreis.
M.
Am 13. Dezember 2019 fand eine Kopie der Urteilsbegründung vom 4. Juli
2011 betreffend das Urteil des Regionalgerichts C._ vom (...) Juni
2011 Eingang in die Akten.
N.
Mit Verfügung vom 16. Januar 2020 (eröffnet am 17. Januar 2020) stellte
die Vorinstanz die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs fest, ordnete
an, der Beschwerdeführer habe die Schweiz innert Frist zu verlassen und
beauftragte den Kanton (...) mit dem Vollzug der Wegweisung.
O.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe vom 11. Februar 2020 (Post-
stempel) an das Bundesverwaltungsgericht fristgerecht Beschwerde ge-
gen die Verfügung des SEM und beantragte, es sei ihm die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtspflege, um Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung eines unentgeltlichen
Rechtsbeistands oder einer unentgeltlichen Rechtsbeiständin.
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Seite 5
P.
Mit Zwischenverfügung vom 19. Februar 2020 hiess der Instruktionsrichter
das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1
VwVG gut und verzichtete antraggemäss auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses. Ferner wurde der Beschwerdeführer aufgefordert, innert Frist
eine Rechtsbeiständin oder einen Rechtsbeistand gemäss aArt. 110a
AsylG (SR 142.31) zu benennen. Schliesslich wurde es ihm freigestellt,
durch diese Person innert der genannten Frist eine ergänzende Stellung-
nahme einreichen zu lassen.
Q.
Nachdem der Beschwerdeführer sich innert Frist nicht hatte vernehmen
lassen, wurde ihm vom Instruktionsrichter mit Schreiben vom 19. März
2020 letztmals Gelegenheit zur Bekanntgabe der Person, die ihm beige-
ordnet werden solle, gegeben.
R.
Mit Eingabe vom 17. April 2020 zeigte Rechtsanwältin Annina Mullis innert
erstreckter Frist unter Einreichung einer Vollmacht die Übernahme des Ver-
tretungsmandats an und ersuchte um Erstreckung der Frist zur Stellung-
nahme.
S.
Mit Zwischenverfügung vom 21. April 2020 hiess der Instruktionsrichter
das Gesuch um amtliche Verbeiständung im Sinne von aArt. 110a AsylG
gut und setzte Rechtsanwältin Annina Mullis als amtliche Rechtsbeiständin
des Beschwerdeführers ein. Die Frist zur Einreichung einer Beschwerde-
ergänzung wurde – unter Hinweis darauf, dass mit weiteren Frist-
erstreckungen nicht zu rechnen wäre – antragsgemäss bis zum 4. Mai
2020 erstreckt.
T.
Ein weiteres Gesuch um Fristerstreckung vom 1. Mai 2020 wurde vom In-
struktionsrichter mit Instruktionsverfügung vom 7. Mai 2020 unter Hinweis
auf Art. 32 Abs. 2 VwVG abgewiesen. Ferner wurde die Vorinstanz zur Ein-
reichung einer Vernehmlassung eingeladen.
U.
In ihrer Vernehmlassung vom 14. Mai 2020 hielt die Vorinstanz an ihrer
Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 18. Mai 2020 zur
Kenntnis gebracht.
E-789/2020
Seite 6
V.
V.a Mit Eingabe seiner Rechtsbeiständin vom 19. Mai 2020 machte der
Beschwerdeführer ergänzende Bemerkungen zur Beschwerdeeingabe
und reichte eine Reihe von Beweismittel ein (Führungsbericht Anstalten
E._ vom 17. Oktober 2012; Verfügung der Abteilung Straf- und
Massnahmenvollzug der Polizei- und Militärdirektion des Kantons
D._ betreffend bedingte Entlassung vom 31. Oktober 2012; Refe-
renzschreiben der Stiftung Heilsarmee, KU F._ vom 7. Mai 2020 so-
wie des Solidaritätsnetzes D._ vom 8. Mai 2020; E-Mail-Korrespon-
denz mit (...) GmbH, der Kirchlichen Kontaktstelle für Flüchtlingsfragen so-
wie mit Dr. Thomas Schmidinger, Lehrbeauftragter an der Universität Wien;
Kopie eines Auszuges aus dem Personenstandsregister; Länderbericht der
Schweizerischen Flüchtlingshilfe vom 21. Januar 2019).
V.b Mit Eingabe vom 3. Juni 2020 wurden ergänzende Ausführungen ge-
macht und folgende Beweismittel eingereicht: Honorarnote vom 3. Juni
2020, Übersetzung des Zivilregisterauszugs, E-Mail-Korrespondenz mit
(...).
V.c Am 5. Mai 2021 liess der Beschwerdeführer auf die schlechte Sicher-
heitssituation in seiner Herkunftsregion und das Verschwinden eines seiner
Brüder hinweisen und die Einreichung eines psychiatrischen Berichts in
Aussicht stellen.
V.d Mit Eingabe der Rechtsbeiständin vom 9. Juni 2021 wurde ein Bericht
der Universitären Psychiatrischen Dienste D._ ([...]) vom 3. Juni
2021 eingereicht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
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Seite 7
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
3.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
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Seite 8
3.3 Der Vollzug ist nicht möglich, wenn der Ausländer weder in den Her-
kunfts- oder in den Heimatstaat noch in einen Drittstaat verbracht werden
kann. Er ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz einer Weiterreise des Ausländers in seinen Heimat-, Herkunfts-
oder einen Drittstaat entgegenstehen. Der Vollzug kann insbesondere nicht
zumutbar sein, wenn er für den Ausländer eine konkrete Gefährdung dar-
stellt (Art. 83 Abs. 2–4 AIG).
3.4 Das Gericht hat in seinem Urteil E-6023/2017 vom 21. Juni 2019
– neben der Abweisung des damaligen Rechtsmittels im Asylpunkt – be-
reits die Zulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung des Beschwerdefüh-
rers bestätigt (vgl. BVGer E-6023/2017 E. 7.2); ausserdem wurde fest-
gestellt, dass die Voraussetzungen von Art. 83 Abs. 7 Bst. a AIG für den
Ausschluss des Beschwerdeführers von der vorläufigen Aufnahme grund-
sätzlich erfüllt sind (vgl. a.a.O. E. 7.3). Die teilweise Rückweisung der Sa-
che an die Vorinstanz erfolgte einzig, weil diese in ihrer ersten Verfügung
zu Unrecht die Verhältnismässigkeit des Ausschlusses von der vorläufigen
Aufnahme nicht geprüft hatte. Diese Prüfung wurde in der hier zu beurtei-
lenden Verfügung vom 16. Januar 2020 nun nachgeholt und bildet damit
den zentralen materiellen Gegenstand des vorliegenden Beschwerde-
verfahrens.
4.
4.1 Nach Art. 83 Abs. 7 AIG wird eine vorläufige Aufnahme wegen Unzu-
mutbarkeit oder Unmöglichkeit des Vollzugs (Art. 83 Abs. 2 und 4 AIG)
nicht verfügt, wenn die weggewiesene Person zu einer längerfristigen Frei-
heitsstrafe im In- oder Ausland verurteilt wurde (Bst. a erster Teilsatz),
wenn gegen sie eine strafrechtliche Massnahme im Sinne der Art. 59–61
oder Art. 64 StGB angeordnet wurde (Bst. a zweiter Teilsatz) oder wenn sie
erheblich oder wiederholt gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in
der Schweiz oder im Ausland verstossen hat oder diese gefährdet oder die
innere oder äussere Sicherheit gefährdet (Bst. b). Die für die Anordnung
einer ausländerrechtlichen Massnahme zuständigen Behörden berück-
sichtigen bei der Ermessensausübung die öffentlichen Interessen und die
persönlichen Verhältnisse sowie den Grad der Integration der Ausländerin-
nen und Ausländer (Art. 96 AIG).
4.2 Der Ausschlussgrund (Ausschluss von der vorläufigen Aufnahme) von
Art. 83 Abs. 7 Bst. a AIG setzt voraus, dass eine Person zu einer länger-
fristigen Freiheitsstrafe im In- oder Ausland verurteilt wurde. Das Bundes-
gericht hat den Begriff der "längerfristigen Freiheitsstrafe" im Sinne von
E-789/2020
Seite 9
Art. 62 Bst. b AIG (und damit auch den gleichlautenden Begriff von Art. 83
Abs. 7 Bst. a AIG) dahingehend konkretisiert, dass darunter im Sinne eines
festen Grenzwertes eine Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr zu ver-
stehen ist (vgl. BGE 135 II 377 E. 4.2). Dieser Praxis folgt das Bundesver-
waltungsgericht im Bereich seiner endgültigen Entscheidkompetenz (vgl.
unter anderem Urteil des BVGer E-750/2013 vom 11. März 2014 E. 5.1
m.w.H.). Unter einer längerfristigen Freiheitsstrafe nach Art. 62 Bst. b AIG
(und damit nach Art. 83 Abs. 7 Bst. a AIG) dürfen zudem kürzere Freiheits-
strafen nicht zusammengerechnet werden, sondern das Kriterium ist nur
erfüllt, wenn eine sich aus einem einzigen Urteil ergebende Strafe die
Dauer von einem Jahr überschreitet (vgl. BGE 137 II 297 E. 2.3).
4.3
4.3.1 Der Ausschluss von der vorläufigen Aufnahme respektive deren Auf-
hebung muss verhältnismässig sein (Art. 5 Abs. 2 BV, Art. 96 Abs. 1 AIG).
Dabei haben die für die Anordnung einer ausländerrechtlichen Massnahme
zuständigen Behörden bei ihrer Ermessensausübung insbesondere das In-
teresse der Schweiz, die Ausländerin oder den Ausländer zur Verhinderung
von zukünftigen kriminellen Handlungen aus der Schweiz fernzuhalten, de-
ren privaten Interessen an einem Verbleib in der Schweiz gegenüber zu
stellen. Zu berücksichtigen sind dabei namentlich die Schwere des Delikts
und des Verschuldens, die seit der Tat vergangene Zeit und das Verhalten
des Betroffenen in dieser Periode, der Grad seiner Integration, die Dauer
seiner Anwesenheit in der Schweiz sowie die ihm und seiner Familie dro-
henden Nachteile. Es ist nicht von einer schematischen Betrachtungsweise
auszugehen, sondern auf die gesamten Umstände des Einzelfalls abzu-
stellen (vgl. BGE 135 II 377 E. 4.3, 134 II 1 E. 2.2 m.w.H.; Urteile des
BVGer D-1818/2018 vom 27. November 2020 E. 5, E-3822/2019 vom
28. Oktober 2020 E. 9–11, E-4243/2020 vom 16. Oktober 2020 E. 4.2,
E-1642/2018 vom 8. April 2020 E. 4.4).
4.3.2 Die Interessenabwägung soll jedoch nicht auf eine vollständige Zu-
mutbarkeitsprüfung hinauslaufen. Zudem darf dadurch nicht der Wortlaut
von Art. 83 Abs. 7 AIG unterlaufen werden (vgl. Urteil BVGer F-177/2016
vom 7. Februar 2017 E. 5.3).
4.3.3 Zu beachten ist sodann, dass die Ausschlussgründe von Art. 83
Abs. 7 AIG nicht die Sanktionierung vergangener Straftaten, sondern den
Schutz der Öffentlichkeit vor künftigen Delikten der ausländischen Person
bezwecken und damit im Wesentlichen präventive Schutzinteressen erfüllt
(vgl. dazu RUEDI ILLES, in: Caroni/Gächter/Thurnherr [Hrsg.], Bundes-
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Seite 10
gesetz über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG], 2010, Art. 83 N 54;
SPESCHA / THÜR / ZÜND / BOLZLI / HRUSCHKA / DE WECK, Kommentar
Migrationsrecht, 5. Auflage, Zürich 2019, N 39 zu Art. 83 AIG).
5.
5.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung Folgendes aus:
5.1.1 Die Anwendung von Art. 83 Abs. 7 AIG setzte eine Abwägung zwi-
schen den Interessen des Gesuchstellers am Verbleib in der Schweiz so-
wie denjenigen der Schweiz an der Durchführung der Wegweisung voraus.
Es sei bei der Beurteilung der Verhältnismässigkeit auf die gesamten Um-
stände abzustellen und nicht von einer schematischen Betrachtungsweise
auszugehen.
5.1.2 Seit der vom Beschwerdeführer begangenen Straftat seien zwar
neun Jahre vergangen, und er sei seither nicht mehr straffällig geworden.
Der von ihm erfüllte Straftatbestand (sexuelle Nötigung) wiege indessen
schwer, weil er dadurch ein wertvolles Rechtsgut verletzt habe. Zudem
seien gemäss der Begründung des Strafurteils vom (...). Juni 2011 meh-
rere straferhöhende Elemente jedoch keine strafmindernden Umstände
festgestellt worden. Angesichts dessen bestehe ein gewichtiges Interesse
der Schweiz am Vollzug der Wegweisung.
5.1.3 Betreffend die privaten Interessen des Beschwerdeführers sei zu-
nächst festzustellen, dass er gemäss Aktenlage den grössten Teil seines
Lebens in Syrien verbracht habe. Es seien den Akten auch keine Hinweise
auf eine fortgeschrittene Integration in der Schweiz zu entnehmen. Der Be-
schwerdeführer sei während seines rund zehnjährigen Aufenthalts in der
Schweiz nie erwerbstätig gewesen, sondern habe immer Sozial- oder Not-
hilfe bezogen. Es seien keine Bemühungen hinsichtlich der beruflichen
Integration oder zumindest eine Leistung von Freiwilligenarbeit akten-
kundig. Weiter fehle auch ein Nachweis betreffend die Deutschkenntnisse
des Beschwerdeführers. Es seien keine entsprechenden Kursbelege oder
Diplome eingereicht worden, und es sei somit nicht ersichtlich, dass er sich
um den Spracherwerb bemüht hätte. Die eingereichte "(...)" sei nicht ge-
eignet, Integrationsbemühungen nachzuwiesen. Im Weiteren sei der Be-
schwerdeführer dreimal untergetaucht – zweimal für je sieben Monate –
was auf ein geringes Interesse am laufenden Asylverfahren sowie an ei-
nem Verbleib in der Schweiz hindeute. Dieser Eindruck werde dadurch be-
stätigt, dass er gemäss Aktenlage freiwillig nach Syrien oder in den Nord-
E-789/2020
Seite 11
irak habe zurückkehren wollen. Schliesslich seien den Akten keine Hin-
weise auf familiäre Verpflichtungen in der Schweiz, namentlich auf eine
schützenswerte Verbindung oder ein familiäres Abhängigkeitsverhältnis zu
seinen in der Schweiz wohnhaften Cousins und Brüdern, zu entnehmen,
aus welchen ein erhöhtes Interesse an einem Verbleib in der Schweiz ab-
geleitet werden könnte.
5.1.4 Zusammenfassend sei weder von einer vertieften Verwurzelung des
Beschwerdeführers in der Schweiz noch von einer fortgeschrittenen In-
tegration auszugehen. Es bestehe aufgrund der Akten auch kein Grund zur
Annahme, dass ihm im Falle einer Anordnung des Wegweisungsvollzugs
besondere Nachteile drohen würden. Ein erhöhtes Interesse des Be-
schwerdeführers an einem Verbleib in der Schweiz sei somit nicht zu beja-
hen.
5.2 Der Beschwerdeführer führte in seiner Beschwerdeeingabe aus,
er lebe seit fast zehn Jahren in der Schweiz und habe keinen Bezug mehr
zu Syrien, wo er keine Familienangehörigen mehr habe. Seine Bezugs-
personen (Familienangehörige und Freunde) seien in der Schweiz. Er
beherrsche die deutsche Sprache sehr gut und habe sich um die Integra-
tion bemüht, welche allerdings durch seinen Status erschwert sei. Im
Übrigen verwies er auf seine Stellungnahme vom 12. Dezember 2019.
5.3
5.3.1 In der ergänzenden Eingabe vom 19. Mai 2020 wurde ausgeführt,
dass im Strafurteil vom (...) Juni 2011 von einer leichten bis mittleren Tat-
schwere ausgegangen worden sei, was sich auch im ausgesprochenen
Strafmass widerspiegle, das im unteren Bereich des möglichen Straf-
rahmens liege. Der Ausschluss von der vorläufigen Aufnahme bezwecke
primär den Schutz der Öffentlichkeit vor künftigen Delikten der betreffen-
den Person. Wenn von dieser im Beurteilungszeitpunkt keine Gefahr mehr
ausgehe, sei das öffentliche Interesse entsprechend reduziert. Er habe
gemäss dem Führungsbericht der Anstalten E._ vom 17. Oktober
2012 zu keinen Klagen Anlass gegeben, und sei gestützt auf dieses Doku-
ment am (...) 2012 nach Verbüssen von zwei Dritteln der Haftstrafe vorzei-
tig aus der Haft entlassen worden. Seit seiner Entlassung sei es zu keiner
strafrechtlichen Verurteilung mehr gekommen, womit er demonstriert habe,
dass es ihm gelungen sei, sein Verhalten in strafrechtlicher Hinsicht zu nor-
malisieren.
E-789/2020
Seite 12
5.3.2 Im Übrigen habe es sich bei seiner Straftat um eine isolierte Einzeltat
gehandelt habe, für welche er auch die Verantwortung übernommen habe.
Aus heutiger Sicht sei ein Rückfallrisiko zu verneinen; insbesondere das
seit der Straftat an den Tag gelegte Verhalten lasse den Schluss zu, dass
er gewillt und fähig sei, sich an die in der Schweiz geltende Rechtsordnung
zu halten. Es sei nicht davon auszugehen, dass er künftig gegen die
öffentliche Sicherheit und Ordnung verstossen oder diese gefährden
werde, weshalb unter dem Aspekt der Prävention keine konkrete Veranlas-
sung bestehe, ihn aus der Schweiz zu entfernen. Das öffentliche Interesse
am Vollzug der Wegweisung sei aus heutiger Sicht und aufgrund des lan-
gen Zeitablaufs seit der Tat als gering zu erachten.
5.3.3 Aufgrund seines Status habe er bisher nicht an externen Deutschkur-
sen teilnehmen können. Trotzdem sei er stets darum bemüht, Deutsch zu
lernen und habe sich soweit als möglich am internen Sprachkurs beteiligt.
Aufgrund seiner guten Deutschkenntnisse sei er auf freiwilliger Basis für
Freunde und Mitbewohner als Übersetzer bei Behördengängen und Arzt-
besuchen tätig. Es sei ihm bis heute nicht möglich gewesen, einen poten-
ziellen Arbeitgeber zu finden, welcher den bürokratischen Mehraufwand für
ein Bewilligungsgesuch hätte auf sich nehmen wollen. Er habe aber die
Zusage eines Arbeitgebers, dass er für den Fall einer Bewilligungserteilung
eine Erwerbstätigkeit aufnehmen könnte. Entgegen der Annahme der Vor-
instanz sei folglich eine fortgeschrittene Integration zu bejahen.
5.3.4 Im Weiteren sei seine familiäre Situation ungenügend berücksichtigt
worden. Von seiner Kernfamilie würden nur noch seine Eltern und eine
Schwester in Syrien wohnen, wobei die Mutter krank sei und zur Schwester
kein Kontakt mehr bestehe. Er habe demnach im Heimatstaat kein familiä-
res Netz, auf welches er sich bei einer allfälligen Rückkehr stützen könnte.
Eine Rückkehr nach Syrien habe er nie beabsichtigt. Bei dem Gespräch
mit der Rückkehrberatung sei ausschliesslich eine Reise in den Nordirak
besprochen worden. Ebenso unberücksichtigt geblieben seien die aktuelle
Gefährdungslage in der Herkunftsregion sowie die Möglichkeiten der
Wiedereingliederung in Syrien. Namentlich habe sich die Sicherheitslage
seit dem Einmarsch der Türkei im Herbst 2019 und der Errichtung einer
sogenannten Sicherheitszone deutlich destabilisiert. Abschliessend sei zu
beachten, dass er ein staatenloser registrierter Kurde sei und damit einer
exponierten Bevölkerungsgruppe angehöre, die in den vom syrischen Re-
gime kontrollierten Gebieten von Diskriminierung und Ausgrenzung betrof-
fen sei. Insgesamt dürfte eine Rückkehr nach Syrien für ihn in verschiede-
ner Hinsicht mit schwerwiegenden Nachteilen verbunden sein.
E-789/2020
Seite 13
5.3.5 Unter Berücksichtigung der vorstehenden Ausführungen sei sein In-
teresse am Verbleib in der Schweiz als erheblich zu bezeichnen, und es
sei festzustellen, dass vorliegend die privaten Interessen das öffentliche
Interesse an einer Verweigerung der vorläufigen Aufnahme überwiegen
würden. Ein Ausschluss von der vorläufigen Aufnahme erweise sich somit
als unverhältnismässig.
5.4 In der ergänzenden Eingabe vom 3. Juni 2020 wurde namentlich da-
rauf hingewiesen, dass die Vorinstanz im Rahmen der Prüfung der Zumut-
barkeit auch die psychische Gesundheit des Beschwerdeführers unbeach-
tet gelassen habe. Auch wenn er sich bis anhin nicht in psychologische
Behandlung begeben habe, sei im Falle eines Wegweisungsvollzugs eine
wesentliche Verschlechterung seines psychischen Zustandes zu befürch-
ten.
6.
6.1 Bei der Beurteilung der öffentlichen Interessen am Vollzug der Weg-
weisung ist Folgendes in Betracht zu ziehen:
6.1.1 Der Beschwerdeführer wurde mit Urteil des Regionalgerichts
C._ vom (...) Juni 2011 wegen sexueller Nötigung schuldig erklärt
und in Anwendung von Art. 47, Art. 51 und Art. 189 Abs. 3 StGB sowie
Art. 426 Abs. 1 StPO zu einer Freiheitsstrafe von 40 Monaten (unter An-
rechnung der erstandenen Untersuchungs- und Sicherheitshaft) verurteilt.
Als erschwerend zu berücksichtigen ist die qualifizierte Tatbegehung sowie
die Hochwertigkeit der betroffenen Rechtsgüter (sexuelle und körperliche
Integrität). Die Tatschwere wurde vom Gericht als "leicht bis mittel" einge-
stuft und als straferhöhend berücksichtigt. Für ein nicht allzu schweres Ver-
schulden spricht allerdings das ausgesprochene Strafmass, welches im
unteren Bereich des gesetzlich vorgesehenen Strafrahmens liegt. Zwar ist
zugunsten des Beschwerdeführers zu bewerten, dass ihm während der
Haftzeit eine gute Führung attestiert wurde, weshalb er am (...) 2012 vor-
zeitig aus der Haft entlassen wurde (vgl. Führungsbericht der Anstalten
E._ vom 17. Oktober 2012, Verfügung der Abteilung Straf- und
Massnahmenvollzug des Kantons D._ betreffend bedingte Entlas-
sung vom 31. Oktober 2012), sowie dass er gemäss Aktenlage in den seit-
her vergangenen Jahren nicht mehr in schwerwiegender Weise straffällig
geworden ist (vgl. Schreiben des Amts für Migration und Personenstand
vom 2. Dezember 2019; Bestätigung der KU F._ vom 7. Mai 2020).
Dennoch ist angesichts der Tatsache, dass der Beschwerdeführer in sei-
nem Gastland wegen qualifizierter sexueller Nötigung (unter Verwendung
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eines gefährlichen Gegenstands) zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe
verurteilt werden musste, von einem weiterhin gesteigerten Interesse der
Öffentlichkeit am Vollzug der Wegweisung auszugehen. Hinzu kommt,
dass der Beschwerdeführer mit Strafbefehl der Staatsanwalt D._
vom 31. Mai 2021 wegen "Widerhandlung gegen das AIG durch Ausübung
einer Erwerbstätigkeit ohne Bewilligung" zu einer bedingt vollziehbaren
Geldstrafe und einer Busse von Fr. 200.– verurteilt werden musste.
6.1.2 Gemäss Aktenlage ist der Beschwerdeführer überdies bisher nie
einer (bewilligten) Erwerbstätigkeit nachgegangen und ist nach wie vor von
der Sozialhilfe abhängig. Die unsubstanziierte Bestätigung eines Arbeitge-
bers, der angeblich bereit wäre, ihn nach Erteilung einer vorläufigen Auf-
nahme anzustellen, datiert vom 19. Mai 2020; frühere Bemühungen zur
Stellensuche sind nicht aktenkundig. Die jahrelange Fürsorgebedürftigkeit
des Beschwerdeführers spricht aus Sicht des öffentlichen Interesses eben-
falls deutlich für die Annahme der Verhältnismässigkeit des Wegweisungs-
vollzugs.
6.2 Dem öffentlichen Interesse sind die privaten Interessen des Beschwer-
deführers am Verbleib in der Schweiz gegenüberzustellen.
6.2.1 Dieser verliess seinen Heimatstaat im Alter von dreiundzwanzig Jah-
ren und hält sich seit nunmehr gut elf Jahren – respektive netto rund
10 Jahre unter Berücksichtigung des Aufenthalts in Deutschland – in der
Schweiz auf. Dass er sich gute Kenntnisse der deutschen Sprache ange-
eignet hat, ist ihm zwar zugute zu halten, erscheint aber angesichts der
Dauer seines Aufenthalts in der Schweiz nicht als aussergewöhnlich.
6.2.2 Der Beschwerdeführer bringt im Weiteren vor, in der Schweiz über
Familienangehörige und einen Freundeskreis zu verfügen. Den Akten sind
aber keine konkreten Anhaltspunkte für besonders nahe Beziehungen zu
diesen Personen zu entnehmen.
6.2.3 Fragen hinsichtlich seiner Integration in der Schweiz wirft überdies
der Umstand auf, dass er am 20. Juni 2014 nach Deutschland ausreiste
und dort am 16. Juli 2014 ein Asylgesuch stellte; zudem bekundete er ge-
gen über den schweizerischen Migrationsbehörden wiederholt den Willen,
nach Syrien beziehungsweise in den Nordirak auszureisen und bemühte
sich aktiv um die Ausreise (vgl. Akten SEM Protokoll Ausreisegespräch
vom 12. September 2011, Erklärung zur freiwilligen Ausreise aus der
Schweiz vom 2. November 2016).
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6.2.4 Nach dem Gesagten ist die Verwurzelung des Beschwerdeführers in
der Schweiz nicht so weit vorgeschritten, dass die Durchführung der
rechtskräftigen Wegweisung aus diesem Land eine unzumutbare Härte
darstellen würde.
6.2.5 Auch die Reintegration in Syrien dürfte nicht derart erschwert sein,
dass sie den Wegweisungsvollzug als unverhältnismässig erscheinen las-
sen würde. Gemäss Aktenlage verfügt er dort über Bezugspersonen zu de-
nen er zumindest teilweise noch in Kontakt stehen dürfte (vgl. Protokoll
Anhörung vom 11. März 2015 B22 F7 ff.). Ohnehin ist nicht davon auszu-
gehen, dass er auf eine besondere Unterstützung zur Reintegration im Hei-
matstaat angewiesen sein dürfte.
6.2.6 In den Eingaben vom 3. Juni 2020 sowie 5. Mai 2021 wurde auf psy-
chische Probleme des Beschwerdeführers hingewiesen, und mit der Ein-
gabe vom 9. Juni 2021 wurde ein entsprechender Arztbericht der (...) vom
(...) eingereicht, gemäss welchem bei ihm eine (...)störung mit längerer
depressiver Reaktion diagnostiziert wurde. Diesem Bericht ist ausser-
dem zu entnehmen, dass (mit Ausnahme eines Termins bei der Sozial-
arbeiterin) keine weiteren Abklärungs- oder Behandlungsmassnahmen
beabsichtigt sind. Demnach erscheinen die psychischen Beschwerden
des Beschwerdeführers insgesamt nicht von derartiger Schwere, dass
es sich rechtfertigen würde, deswegen auf die Unverhältnismässigkeit
des Wegweisungsvollzugs zu schliessen.
6.2.7 Die allgemeine Situation in Syrien sowie die Frage einer Gefährdung
aufgrund seines Status als staatenloser Kurde sind vorliegend nicht aus-
schlaggebend: Die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs wurde vom
Bundesverwaltungsgericht bereits im Urteil E-6023/2017 vom 21. Juni
2019 rechtskräftig festgestellt. Eine Gefährdung im Sinne von Art. 83
Abs. 4 AIG ist im Rahmen der Beurteilung der Verhältnismässigkeit eines
Ausschlusses von der vorläufigen Aufnahme gemäss Art. 83 Abs. 7 AIG
gerade nicht zu prüfen (ebenso wenig die Möglichkeit des Vollzugs). In die-
sem Zusammenhang ist der Vollständigkeit halber auch darauf hinzuwei-
sen, dass der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers aus der
Schweiz bereits einmal rechtskräftig festgestellt worden war (vgl. Sach-
verhaltsteil dieses Urteils Bstn. A–D).
6.3 Zusammenfassend ergibt sich, dass das öffentliche Interesse am Voll-
zug der Wegweisung das persönliche Interesse des Beschwerdeführers
am Verbleib in der Schweiz überwiegt. Der Ausschluss von der vorläufigen
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Aufnahme erweist sich damit auch als verhältnismässig. Die Voraussetzun-
gen für die Anwendung des Ausschlussgrundes (Ausschluss von der vor-
läufigen Aufnahme) von Art. 83 Abs. 7 Bst. a AIG sind erfüllt.
7.
Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht
als durchführbar bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme
fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da mit Zwischenverfügung
vom 19. Februar 2020 sein Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde und keine Anhaltspunkte
dafür vorliegen, dass sich seine finanzielle Lage seither entscheidrelevant
verändert hat, ist von der Auflage von Verfahrenskosten abzusehen.
10.
Mit der Zwischenverfügung vom 21. April 2020 wurde auch das Gesuch
des Beschwerdeführers um amtliche Verbeiständung gutgeheissen
(aArt. 110a Abs. 1 VwVG) und seine Rechtsvertreterin als amtliche Rechts-
beiständin eingesetzt. Demnach ist dieser ein Honorar für ihre notwendi-
gen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten. Der in der Kos-
tennote vom 3. Juni 2020 ausgewiesene zeitliche Vertretungsaufwand er-
scheint grundsätzlich angemessen, doch wurde das Honorar mit einem
Stundenansatz von Fr. 250.– berechnet. Bei amtlicher Vertretung geht das
Bundesverwaltungsgericht, wie in der Instruktionsverfügung angekündigt,
praxisgemäss von einem Ansatz von höchstens Fr. 220.– für Anwältinnen
und Anwälte aus. Demzufolge ist der amtlichen Rechtsbeiständin – unter
Berücksichtigung des für die nachträglichen Eingaben vom 5. Mai 2021
und 9. Juni 2021 zu veranschlagenden Aufwands – ein Gesamtbetrag von
Fr. 3210.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) vom Bundes-
verwaltungsgericht auszurichten.(Dispositiv nächste Seite)
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