Decision ID: 9b772781-738e-430d-b2fc-3ad9a3bf2fd8
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) bezog mit Unterbrüchen ab dem 1. Juli 1995 zufolge
psychischer Beschwerden bei einer Arbeitsunfähigkeit von 50% und einem
Invaliditätsgrad von 52% eine halbe Rente der Invalidenversicherung (vgl. zum Ganzen
die Akten der Invalidenversicherung unter Suva-act. III.42, dazu insbesondere 37, 53,
88, 114, 131 f., 134).
B.
B.a Am 24. Februar 2005 wurde dem Versicherten beim Händewaschen schwarz vor
Augen, er sackte zusammen und schlug mit dem Hinterkopf auf dem Keramikboden
auf. Dabei zog er sich eine Commotio cerebri und eine nicht dislozierte Schädelfraktur
Os occipitale rechts zu. Darüber hinaus verblieben beim Versicherten aufgrund dieses
Unfalls ein Verlust des Geruchsinns sowie eine subjektive Geschmacksinnstörung
(Geruchs-/Geschmacksverwechslung). Dem Versicherten wurden von der
leistungspflichtigen Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) Taggelder bis
zum 30. März 2005 ausgerichtet und eine Integritätsentschädigung auf der Basis einer
Integritätseinbusse von 22.5% zugesprochen. Bei verheilten Verletzungen und
Verneinung der Adäquanz der psychischen Beschwerden waren keine weiteren
Leistungen der Unfallversicherung geschuldet (vgl. rechtskräftiges Urteil des
Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen vom 14. Februar 2007, UV 2006/63;
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abrufbar unter www.gerichte.sg.ch; Dienstleistungen; Rechtsprechung;
Versicherungsgericht).
B.b Am 18. Februar 2006 verletzte sich der Versicherte bei Holzarbeiten an der rechten
Hüfte (Suva-act. I.2). Das Kantonsspital St. Gallen (KSSG) diagnostizierte eine dorsale
Hüftluxation mit mehrfragmentärer Fraktur des dorsalen Acetabulumpfeilers rechts, die
noch am Unfalltag mit offener Reposition und Plattenosteosynthese operativ behandelt
wurde (Suva-act. I.4, 10). Bei fortgeschrittener Hüftgelenksarthrose mit
Femurkopfnekrose implantierte Dr. med. B._, Facharzt FMH für Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, dem Versicherten am 12. März
2007 eine nicht zementierte Hüfttotalprothese (Suva-act. I.69 f., 78-1). Die weiterhin
verpflichtete Suva erbrachte die gesetzlichen Leistungen und sprach dem Versicherten
mit rechtskräftiger Verfügung vom 7. Dezember 2007 mit Wirkung ab 1. Dezember
2007 eine Invalidenrente bei einem – vergleichsweise festgelegten –
Erwerbsunfähigkeitsgrad von 30% und einem – vergleichsweise festgelegten –
versicherten Verdienst von Fr. 60‘000.-- zu. Die Integritätseinbusse für die rechte Hüfte
wurde auf 31% festgelegt (Suva-act. I.88, 94, 96).
B.c Am 12. und 25. März 2012 stürzte der Versicherte und erlitt Rippenfrakturen, eine
Schleimbeutelläsion am rechten Ellbogen und ein Schädelhirntrauma mit subduralem
Hämatom, das am 25. März 2012 über eine osteoplastische Trepanation ausgeräumt
wurde. Auch wurde am gleichen Tag eine Bursektomie am rechten Ellbogen
durchgeführt (Suva-act. I.2, 11, III.2 bis 4, 9, 19). Aufgrund eines posttraumatischen
Hydrocephalus erfolgte am 12. April 2012 in der Klinik für Neurochirurgie des KSSG die
Einlage eines VP-Shunts (Suva-act. III.20, 21-2). Die verpflichtete Suva erbrachte
wiederum die gesetzlichen Leistungen (Heilbehandlung und Taggelder).
C.
Mit Verfügung vom 17. Juli 2013 sprach die Invalidenversicherung dem Versicherten
bei 100%-iger Arbeitsunfähigkeit und einem Invaliditätsgrad von 100% ab 1.
September 2012 eine ganze Rente zu (Suva-act. III.55).
D.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
D.a Der Versicherte wurde auf Veranlassung der Suva am 2. April 2014 im
Kompetenzzentrum Versicherungsmedizin der Suva in Luzern interdisziplinär abgeklärt.
Die Gesamtbeurteilung gestützt auf die Abklärungsergebnisse in den Fachgebieten
Neurologie, Orthopädie und Psychiatrie erging am 21. Mai 2014 (Suva-act. III.94).
Zusammenfassend wurde ausgeführt, dass das Leistungsvermögen des Versicherten
aufgrund der Unfallfolgen gesamthaft auf 50% (effektive Arbeitszeit und
Arbeitsproduktivität; Rendement) geschätzt werde (Suva-act. III.94-4). Dr. med. C._,
Facharzt für Neurologie FMH, Abteilung Versicherungsmedizin der Suva, schätzte am
31. Oktober 2014 den vom Versicherten erlittenen Integritätsschaden auf total 65%
(Suva-act. III.108).
D.b Am 13. November 2014 verfügte die Suva bei einer Integritätseinbusse von 11.5%
für die Unfälle vom 12. und 25. März 2013 (65% minus 22.5% minus 31%) eine
Integritätsentschädigung von Fr. 14‘490.--. Mangels erheblicher zusätzlicher
Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit durch die vorgenannten Unfälle im Vergleich
zum Vorzustand bestehe weiterhin ein unveränderter Anspruch auf die mit Verfügung
vom 7. Dezember 2007 zugesprochene Rente (Suva-act. III.110). Die dagegen am 26.
November 2014 mündlich erhobene Einsprache (Suva-act. III.114) wies die Suva mit
Einspracheentscheid vom 12. Oktober 2015 ab (Suva-act. III.121).
E.
E.a Gegen den Einspracheentscheid erhob der Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführer) am 6. November 2015 Beschwerde. Sinngemäss beantragte er die
Aufhebung des Einspracheentscheids vom 12. Oktober 2015 sowie die Veranlassung
einer neuen Begutachtung durch unabhängige Fachärzte. Seine Arbeitsfähigkeit
betrage lediglich 30% (act. G 1).
E.b Mit Beschwerdeantwort vom 14. Dezember 2015 beantragte die Suva
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde sowie die
Bestätigung des Einspracheentscheids vom 12. Oktober 2015 (act. G 3).
E.c Mit Replik vom 16. Februar 2016 liess der mittlerweile durch Rechtsanwalt Willi
Füchslin, Lachen, vertretene Beschwerdeführer beantragen, der angefochtene
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einspracheentscheid der Suva sei dahingehend abzuändern, dass dem
Beschwerdeführer eine Invalidenrente gestützt auf einen Invaliditätsgrad von deutlich
mehr als 30% zustehe. Eventualiter sei die Sache in Aufhebung des
Einspracheentscheids zu ergänzenden Abklärungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen, alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge (act. G 7).
E.d Die Beschwerdegegnerin reichte am 7. März 2016 die Duplik ein und hielt
unverändert an ihrem Antrag auf Beschwerdeabweisung fest (act. G 9).
E.e Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie den Inhalt der

übrigen Akten wird, soweit entscheidwesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen
1.
Am 1. Januar 2017 sind die aufgrund der 1. UVG-Revision geänderten Bestimmungen
des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) und der
dazugehörenden Verordnung über die Unfallversicherung (UVV; SR 832.202) in Kraft
getreten. Nachdem vorliegend Bestimmungen zur Anwendung gelangen, die mit der
Revision keine Änderung erfahren haben, erübrigt sich eine intertemporalrechtliche
Beurteilung.
2.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist, ob die Beibehaltung
der Rente gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 30% rechtmässig war.
2.1 Wird die versicherte Person infolge eines Unfalles zu mindestens 10% invalid (Art.
8 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
[ATSG; SR 830.1]), so hat sie Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 UVG).
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Für die Bestimmung des
Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der unfallbedingten Invalidität und nach Durchführung allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das
sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG).
2.2 Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Rentenbezügers
erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft
entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Anlass zur
Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die
geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen.
Insbesondere ist die Rente nicht nur bei einer wesentlichen Änderung des
Gesundheitszustands, sondern auch dann revidierbar, wenn sich die erwerblichen
Auswirkungen des an sich gleich gebliebenen Gesundheitszustands erheblich
verändert haben (BGE 130 V 349 f. E. 3.5). Eine Veränderung der gesundheitlichen
Verhältnisse liegt auch bei gleich gebliebener Diagnose vor, wenn sich ein Leiden in
seiner Intensität und in seinen Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit verändert hat
(Urteil des Bundesgerichts vom 11. Mai 2009, 9C_261/2009, E. 1.2). Dagegen stellt die
bloss unterschiedliche Beurteilung der Auswirkungen eines im Wesentlichen
unverändert gebliebenen Gesundheitszustands auf die Arbeitsfähigkeit für sich allein
genommen keinen Revisionsgrund im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG dar (Urteil des
Bundesgerichts vom 3. Oktober 2013, 8C_211/2013, E. 2.2). Im Bereich der
obligatorischen Unfallversicherung ist die erforderliche Erheblichkeit der
Sachverhaltsänderung gegeben, wenn sich der Invaliditätsgrad um 5% verändert (BGE
140 V 87 E. 4.3).
2.3 Für das gesamte Verwaltungs- und Beschwerdeverfahren gilt der Grundsatz der
freien Beweiswürdigung. Danach haben die Versicherungsträger und das Gericht die
Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das
Gericht alle Beweismittel objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen
Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen
und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist
entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob die
Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den
Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die
Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht
oder Gutachten (BGE 125 V 352 E. 3.a). Die Invaliditätsschätzung der
Invalidenversicherung entfaltet gegenüber dem Unfallversicherer keine
Bindungswirkung. Bei der beweismässigen Auswertung medizinischer Berichte und
Gutachten sind die von der Rechtsprechung vorgegebenen Regeln zu beachten (Urteil
des Bundesgerichts vom 25. August 2011, 8C_543/2011, E. 3 mit Hinweisen).
3.
Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden
werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen
auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der
versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen
vorzunehmen (BGE 122 V 162 f. E. 1.d; BGE 135 V 470 E. 4.4).
3.1 Die Beschwerdegegnerin stützt sich bezüglich der medizinischen
Schlussfolgerungen auf die versicherungsinternen neurologischen, orthopädischen und
psychiatrischen Beurteilungen bzw. die interdisziplinäre Gesamtbeurteilung, welche
anlässlich der Untersuchung vom 2. April 2014 abgegeben wurden (Suva-act. III.93, 94,
95 und 96). Die Untersuchungsberichte wurden in Kenntnis und unter Würdigung der
umfangreichen Vorakten erstellt (Suva-act. III.95-1 ff.). Sie beruhen auf eigenständigen
Untersuchungen der Fachärzte, befassen sich mit den geklagten Beschwerden (Suva-
act. III.94-1 f., 95-12, 96-7 ff.) und legen der Beurteilung die bildgebenden Unterlagen
zugrunde (Suva-act. III.95-11). Da keine Anhaltspunkte dafür bestehen, dass objektiv
wesentliche Tatsachen nicht berücksichtigt worden sind, gibt es grundsätzlich keine
Gründe, von den versicherungsinternen fachärztlichen Einschätzungen abzuweichen.
Dies wird mit der Replik des Beschwerdeführers vom 16. Februar 2016 auch nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mehr ausdrücklich geltend gemacht (act. G 7 S. 7 f.). Weiter vermögen die übrigen
medizinischen Berichte, insbesondere auch die neuropsychologischen
Untersuchungsberichte/Austrittsberichte der Rehaklinik Bellikon vom 30. Mai 2012
(Suva-act. III.24), des Zentrums für ambulante Rehabilitation Zürich vom 6. September
2012 (Suva-act. III.43) und des Universitätsspitals Zürich (Suva-act. III.83) keine
konkreten Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Fachgutachten und der
interdisziplinären Gesamtbeurteilung zu nennen, nachdem diese wie die
versicherungsinternen Untersuchungsberichte von grundsätzlich denselben Befunden
ausgehen und in diesen Punkten keine abweichenden Beurteilungen vorliegen. In
Bezug auf die neurologische Diagnose bezüglich Grad der neuropsychologischen
Störung nach Hirnverletzung (Dr. C._ geht von einer leichten bis mittelschweren
Störung aus, davor wurde eine mittelschwere bis schwere Störung diagnostiziert) ist
von Relevanz, dass sich die Störung seit den Unfällen im März 2012 im Verlauf
gebessert hat (vgl. Suva-act. III.83-3). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass auf die
Beurteilungen aus den Fachgebieten Neurologie, Orthopädie und Psychiatrie sowie die
interdisziplinäre Gesamtbeurteilung grundsätzlich abzustellen ist.
3.2 In Bezug auf den orthopädischen Gesundheitsschaden (Hüftschaden) nach dem
Unfall vom 18. Februar 2006 ist eine Verbesserung eingetreten. Die Parteien stützten
sich beim vergleichsweise festgelegten Invaliditätsgrad von 30% aufgrund des
unfallkausalen Hüftschadens auf die kreisärztliche Untersuchung vom 23. August 2007
(Suva-act. I.78). Zum damaligen Zeitpunkt war bereits eine Verbesserung der
Hüftbeschwerden nach implantierter Hüfttotalprothese im März 2007 bzw. eine
Steigerung der Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit absehbar (Suva-act. I.78-3).
Aktuell sind aufgrund des Hüftleidens in adaptierter Tätigkeit (ohne Gehen auf
unebenem Gelände, Besteigen von Leitern, Arbeiten in der Hocke oder kniend, Heben
und Tragen von Lasten über 15 Kilogramm bis Lendenhöhe bzw. über 10 Kilogramm
über Kopf) keine Einschränkungen mehr ausgewiesen (Suva-act. III.93-3 f., 94-2). Aus
der neurologischen Beurteilung vom 21. Mai 2014 ergibt sich, dass hinsichtlich der
leichten bis mittelschweren kognitiven Störung die Fähigkeit des Beschwerdeführers
vermindert ist, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bearbeiten und bei komplexen
planerischen Problemen die Übersicht zu behalten. Aufgrund der reduzierten
psychophysischen Belastbarkeit sei dem Beschwerdeführer die Möglichkeit zu
selbstgewählten Kurzpausen zu gewähren. Tätigkeiten, die eine erhöhte Unfallgefahr
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bergen würden, ferner Schicht- und Nachtarbeit sowie Tätigkeiten unter Zeitdruck
seien aufgrund der Unfallfolgen für den Beschwerdeführer nicht geeignet. Zeitlich
werde das Leistungsvermögen aufgrund der Unfallfolgen auf neurologischem
Fachgebiet auf 50% (effektive Arbeitszeit und Arbeitsproduktivität; Rendement)
geschätzt (Suva-act. III.95-17 f.). Von neurologischen Einschränkungen war vor den
Unfallereignissen im März 2012 nicht die Rede. In diesem Zusammenhang führt Dr.
C._ mit Bericht vom 8. Juli 2014 aus, dass die traumatische Hirnverletzung aus dem
Jahr 2005 gestützt auf die neurologische Untersuchung der Rehaklinik Valens vom Jahr
2006 nicht zu einer wesentlichen kognitiven Einschränkung geführt habe, weshalb die
aktuell nachgewiesenen leichten bis mittelschweren kognitiven Funktionsstörungen
überwiegend wahrscheinlich in einem kausalen Zusammenhang zur – durch die Unfälle
im März 2012 verursachten – traumatischen Hirnverletzung stehen würden (Suva-act.
III.101-1). Damit ist aus neurologischer Sicht von einer Verschlechterung des
Gesundheitszustands bzw. einem neuen Gesundheitsschaden beim Beschwerdeführer
seit der rechtskräftigen Rentenzusprache vom 7. Dezember 2007 auszugehen.
Insgesamt sind damit Revisionsgründe rechtsgenüglich vorhanden. Inwieweit diese
sich auf den Invaliditätsgrad des Beschwerdeführers auswirken, ist nachfolgend zu
klären.
4.
Ist ein Revisionsgrund gegeben, ist der Invaliditätsgrad auf der Grundlage eines richtig
und vollständig festgestellten Sachverhalts neu und ohne Bindung an frühere
Invaliditätsschätzungen zu ermitteln (Urteil des Bundesgerichts vom 21. Oktober 2014,
9C_378/2014, E. 4.2). Wie bereits erwähnt, ist den versicherungsinternen
neurologischen, orthopädischen und psychiatrischen Beurteilungen bzw. der
interdisziplinären Gesamtbeurteilung bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft
zuzuerkennen (E. 3.1). Damit besteht neurologisch (Suva-act. III.95-18) und auch
insgesamt (Suva-act. III.94-4) eine um 50% verminderte Leistungsfähigkeit (effektive
Arbeitszeit und Arbeitsproduktion; Rendement) aufgrund der Unfallfolgen bzw. eine
50%-ige Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit (Suva-act. III.94-4). Orthopädische
Einschränkungen aufgrund des Unfalls vom 18. Februar 2006 sind in adaptierter
Tätigkeit nicht mehr vorhanden (vgl. vorstehende E. 3.2). Ferner sind weiterhin keine
unfallbedingten psychischen Beschwerden ausgewiesen (Suva-act. III.94-2).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.1 Streitig und zu prüfen sind die für die Berechnung des Invaliditätsgrads
heranzuziehenden Vergleichseinkommen (vgl. vorstehende E. 2.1).
4.2
4.2.1 War die Leistungsfähigkeit des Versicherten aufgrund einer nicht versicherten
Gesundheitsschädigung vor dem Unfall dauernd herabgesetzt, so ist für die
Bestimmung des Invaliditätsgrads der Lohn, den er aufgrund der vorbestehenden
verminderten Leistungsfähigkeit zu erzielen imstande wäre, dem Einkommen
gegenüber zu stellen, das er trotz der Unfallfolgen und der vorbestehenden
Beeinträchtigung erzielen könnte (Art. 28 Abs. 3 UVV). Im Rahmen von Art. 28 Abs. 3
UVV handelt es sich bei dem vor dem Unfall erzielten Einkommen bei bereits
herabgesetzter Leistungsfähigkeit zwar ebenfalls um ein Invalideneinkommen. Es
entspricht jedoch mit Bezug auf den Unfall dem Valideneinkommen, während das nach
diesem Unfall erzielbare Einkommen das Invalideneinkommen darstellt. Der
Validenlohn im Sinne von Art. 28 Abs. 3 UVV bildet mithin vom Verordnungsgeber
gewollt bzw. definitionsgemäss ein gesundheitsbedingt reduziertes Einkommen (Urteil
des Bundesgerichts vom 2. September 2016, 8C_847/2015, E. 4.1.2).
4.2.2 Der Beschwerdeführer bezieht seit dem 1. Juli 1995 zufolge
unfallunabhängiger psychischer Beschwerden bei einem Invaliditätsgrad von 52%
mindestens eine halbe Rente der Invalidenversicherung (vgl. vorstehende lit. A). Zum
Zeitpunkt der Unfälle in den Jahren 2005, 2006 und 2012 bestand diese Einschränkung
weiterhin, wenn auch zwischenzeitlich in weniger ausgeprägtem Masse (vgl.
rechtskräftiges Urteil des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen vom 5.
November 2009; IV 2008/156, E. 2.4; Suva-act. III.42-329 ff.). Dass indes in
psychiatrischer Hinsicht seit der Rentenzusprache der Invalidenversicherung ab dem
Jahr 1995 eine wesentliche Verbesserung eingetreten wäre, wird seitens des
Beschwerdeführers nicht geltend gemacht und ist auch nicht ersichtlich. Für eine
andauernde reduzierte Leistungsfähigkeit vor den Unfällen spricht weiter, dass der
AHV-beitragspflichtige Lohn nach der festgestellten psychischen Beeinträchtigung nie
eine Höhe erreicht hat, die für ein mögliches Arbeitspensum von über 50% spricht
(Suva-act. I.94, III.42-146, 154, 158, 162). Seitens des Beschwerdeführers sind auch
keine Bemühungen ersichtlich, die eine relevant verbesserte psychische Verfassung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
überwiegend wahrscheinlich erscheinen liessen. Weder wurden die wenig einträglichen
selbständigen Tätigkeiten bei der D._ AG und bei der E._ GmbH zugunsten einer
besser bezahlten unselbständigen Tätigkeit im angestammten Beruf als
Heizungsmonteur aufgegeben noch sind Anstrengungen dazu ausgewiesen.
4.2.3 Die Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers war dementsprechend im
Sinne von Art. 28 Abs. 3 UVV seit der ersten Rentenzusprache durch die
Beschwerdegegnerin dauernd aus unfallfremden Gründen zu 50% herabgesetzt. Damit
ist Art. 28 Abs. 3 UVV zur Ermittlung der Vergleichseinkommen anzuwenden.
4.3 Die IV-Stelle des Kantons St. Gallen ging bei ihrer Berechnung im Jahr 2000 von
einem zumutbaren Erwerbseinkommen ohne Behinderung als A-Monteur von Fr.
68‘250.--, bei angepasster Tätigkeit in einem 50%-Pensum als Marketingplaner von Fr.
32‘500.-- aus (Suva-act. III.42-132). Der Beschwerdeführer ist gelernter
Heizungsmonteur (Suva-act. III.42-42) und hat die Umschulung zum Marketingplaner
nicht erfolgreich absolviert (Suva-act. 42-75). Er betrieb in den Jahren 1986 bis 1995
selbständig ein Heizungsgeschäft (Suva-act. III.42-4) und hat zugunsten einer
selbständigen Tätigkeit auf einen marktüblichen Lohn als unselbständig Erwerbender
im angestammten Beruf als Heizungsmonteur verzichtet (Suva-act. III.42-11, 33 ff., 93).
Trotzdem ist zugunsten des Beschwerdeführers davon auszugehen, dass er ohne
jeglichen unfallbedingten Gesundheitsschaden bei nicht einträglichen Geschäften und
nach der Scheidung von seiner Ehefrau (Suva-act. III.42-94) die Tätigkeit bei der D._
AG und E._ GmbH aufgegeben hätte und in seinen angestammten Beruf als
unselbständig Erwerbender zurückgekehrt wäre. Damit kann bezüglich
Valideneinkommen auf die Ausführungen in der Replik vom 16. Februar 2016 verwiesen
werden, wonach beim Beschwerdeführer ohne jeglichen Gesundheitsschaden im Jahr
2013 von einem Lohn in der Höhe von Fr. 79‘646.-- auszugehen wäre (act. G 7 S. 5).
Für die Berechnung nach Art. 28 Abs. 3 UVV bedeutet dies, dass der Lohn, den der
Beschwerdeführer aufgrund der vorbestehenden um 50% verminderten
Leistungsfähigkeit zu erzielen imstande wäre, Fr. 39‘823.-- betragen würde.
Tabellenlohnabzugsgründe sind keine ersichtlich.
4.4 Die unfallkausale Arbeitsunfähigkeit beträgt – wie erwähnt – 50% (vgl. die
vorstehende E. 4). Zur Bestimmung des Invalideneinkommens nach Art. 28 Abs. 3 UVV
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sind indes nicht nur die unfallkausalen, sondern auch die unfallfremden
Beeinträchtigungen miteinzubeziehen. Der psychiatrische Gutachter der
Beschwerdegegnerin, Dr. med. F._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
FMH, diagnostizierte eine leichte depressive Episode einer rezidivierenden depressiven
Störung, eine schizoide Persönlichkeitsstörung und eine Alkoholabhängigkeit (Suva-
act. III.96-11) und sprach diesen Beeinträchtigungen eine Unfallkausalität ab (Suva-act.
III.96-14). Es mangelt im interdisziplinären Gutachten aber an einer Gesamtbeurteilung
der Arbeitsfähigkeit aufgrund sämtlicher Beschwerden, auch der nicht unfallkausalen.
Es ist unklar, wie sich die unfallfremden psychischen Beeinträchtigungen nebst dem zu
einer 50%-igen Arbeitsunfähigkeit führenden neurologischen bzw. unfallkausalen
Gesundheitsschaden auf die Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers auswirken.
Auch aus den von der Beschwerdegegnerin eingereichten Akten der
Invalidenversicherung, welche dem Beschwerdeführer bei 100%-iger
Arbeitsunfähigkeit bei einem Invalideneinkommen von Fr. 0.-- seit dem 1. September
2012 eine ganze Rente zuspricht (Suva-act. III.55), ergibt sich für das vorliegende
Verfahren weder schlüssig das zur Berechnung heranzuziehende Invalideneinkommen
nach Art. 28 Abs. 3 UVV noch die Möglichkeit zur Prüfung der Verwertbarkeit einer
allfälligen Restarbeitsfähigkeit. Anzumerken ist immerhin, dass der Beschwerdeführer
selbst von einer (maximalen) Arbeitsfähigkeit von 30% ausgeht (act. G 1).
5.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich in Würdigung der Akten zwar das zur
Berechnung des Invaliditätsgrads relevante Valideneinkommen nach Art. 28 Abs. 3
UVV bestimmen lässt, die Akten aber kein verlässliches Bild über die aktuelle
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers auch unter Einbezug der unfallfremden
psychischen Beeinträchtigungen zulassen. Damit lässt sich weder rechtsgenüglich das
zur Berechnung heranzuziehende Invalideneinkommen nach Art. 28 Abs. 3 UVV noch
die Verwertbarkeit einer allfälligen Restarbeitsfähigkeit beurteilen. Es sind weitere
(medizinische) Abklärungen notwendig und bei Bedarf die vollständigen Akten der
Invalidenversicherung beizuziehen.
6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung des
Einspracheentscheids vom 12. Oktober 2015 dahingehend gutzuheissen, dass die
Streitsache zu ergänzenden Abklärungen im Sinn der Erwägungen und zu
anschliessend neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen wird.
6.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Hingegen hat der
Beschwerdeführer bei diesem Verfahrensausgang Anspruch auf eine
Parteientschädigung (Art. 61 lit. g ATSG). Es rechtfertigt sich, diese – wie in
vergleichbaren Fällen üblich – auf pauschal Fr. 4'000.-- (einschliesslich Barauslagen
und Mehrwertsteuer) festzulegen.