Decision ID: db0d9670-c19f-5eef-a2cb-921c194030c6
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein Angehöriger des (...), (...), (...), mit letztem
Wohnsitz in B._, verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zu-
folge im (...) 2015 und gelangte am 10. August 2016 in die Schweiz. Glei-
chentags stellte er – als unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender (UMA)
– im Empfangs- und Verfahrenszentrum C._ ein Asylgesuch. Dort
wurde er am 17. August 2016 zu seiner Person befragt (Befragung zur Per-
son, BzP, Protokoll in den SEM-Akten: A5/14).
A.b Am 20. Oktober 2016 ordnete die Kindes- und Erwachsenenschutz-
behörde (KESB) D._ für den Beschwerdeführer eine Vertretungs-
beistandschaft an. Am 3. November 2016 zeigte die mandatierte Rechts-
vertreterin die Übernahme der Rechtsvertretung im vorliegenden Fall an.
A.c Am 20. Dezember 2016 und am 21. Februar 2017 wurde der Be-
schwerdeführer zu seinen Asylgründen angehört (Protokolle in den SEM-
Akten: A16/16 [nachgehend erste Anhörung] und A21/24 [nachgehend er-
gänzende Anhörung]). Beide Anhörungen fanden in Anwesenheit der
Rechtsbeiständin des Beschwerdeführers sowie seiner Tante als Begleit-
person statt.
B.
Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer im
Rahmen seiner Befragungen im Wesentlichen vor, der Minderheitengruppe
der (...) anzugehören, keine Schulbildung erhalten zu haben und ab dem
neunten Lebensjahr als Schuhputzer tätig gewesen zu sein. Am 5. Januar
2015 sei er in B._ von Soldaten der somalischen Regierung aufge-
griffen und während dreier Monate militärisch ausgebildet worden.
Er sei vorwiegend in der Küche tätig gewesen, habe beim körperlichen
Training aber auch mitmachen müssen. Selbst als er krank geworden sei,
sei er gezwungen worden, bei der Ausbildung aktiv mitzuwirken. Bei
Verstössen gegen die Regeln, seien die Rekruten hart bestraft worden.
Auch er selbst sei mehrmals geschlagen worden. Teilweise hätten sie zur
Bestrafung auch Holzgewichte tragen und unter der Sonne ins Kies liegen
müssen oder sie seien mit Öl begossen worden. Am 15. März 2015 sei die
Militärkaserne von Mitgliedern der Al-Shabaab (eine militante islamistische
Bewegung in Somalia) angegriffen und er sowie weitere Jugendliche seien
von diesen mitgenommen worden. Unter der Androhung von Enthauptung
und unter Zufügung von schweren Misshandlungen (unter anderem sei
E-1144/2018
Seite 3
sein Ellenbogen gebrochen worden), sei er von der Al-Shabaab gezwun-
gen worden, Informationen zu den Personen preiszugeben, welche ihn da-
mals rekrutiert und ausgebildet hätten. Aufgrund der zugefügten Gewalt sei
er dieser Forderung nachgekommen und habe den Namen des Führers
seiner Einheit sowie eines weiteren Soldaten bekannt gegeben. Beide wür-
den dem Mehrheitsclan der (...), angehören.
Nach einer Woche Gefangenschaft sei der Aufenthaltsort der Al-Shabaab
am 23. März 2015 von der Luft aus bombardiert worden. Ein Geschoss sei
hinter ihm eingeschlagen, so dass er Metallsplitter im Gesicht und auf den
Rücken bekommen habe. Er habe daraufhin sein Bewusstsein verloren.
Die Explosion habe zudem ein Feuer verursacht, weshalb er sich eine
Brandverletzung am rechten Fuss zugezogen und in der Folge sein Be-
wusstsein verloren habe. Da die Al-Shabaab abgelenkt gewesen seien,
hätten ihn drei andere Jugendliche vom Ort, wo sie festgehalten worden
seien, weggebracht. Da er allerdings so schwer verletzt gewesen sei, hät-
ten sie ihn auf einem Termitenhügel liegen lassen. Dort sei er am nächsten
Morgen von einem alten Nomaden gefunden worden. Dieser habe ihn mit-
genommen und bei sich zu Hause vier Monate lang gepflegt. Im August
2015 seien sie gemeinsam in ein Dorf namens Boley gegangen, um Ein-
käufe zu tätigen. Auf dem Markt habe er einen Bekannten gesehen. Dieser
habe ihm mitgeteilt, dass die beiden von ihm der al-Shabaab genannten
Personen getötet worden seien. Deshalb sei er von der Regierung und den
Clanangehörigen der Getöteten gesucht und sein Vater sei verhaftet wor-
den. Der Bekannte habe ihm in der Folge zur Flucht verholfen.
C.
Am 25. Oktober 2017 wurde durch die Fachstelle LINGUA im Rahmen ei-
nes Telefongesprächs eine linguistische und landeskundliche Analyse
durchgeführt. Das LINGUA-Gutachten vom 11. Dezember 2017 kam zum
Schluss, dass der Beschwerdeführer definitiv aus B._ stamme.
D.
Am (...) wurde der Beschwerdeführer volljährig.
E.
Mit Verfügung vom 23. Januar 2018 – eröffnet am 24. Januar 2018 – stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz an. Gleichzeitig wurde er aufgrund des als unzumutbar einge-
schätzten Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufgenommen.
E-1144/2018
Seite 4
F.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin an das Bundesverwaltungsgericht
vom 22. Februar 2018 erhob der Beschwerdeführer Beschwerde gegen die
Verfügung der Vorinstanz und beantragte, diese sei aufzuheben und ihm
sei die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen und Asyl zu gewähren.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und um Beiordnung der mandatieren Rechtsvertreterin als amtliche
Rechtsbeiständin.
Der Beschwerde legte er einen Bericht der Schweizerischen Flüchtlings-
hilfe vom 9. September 2015 sowie Zeitungsauszüge aus der (...), in frem-
der Sprache, bei.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 5. April 2018 hiess die vormals zuständige In-
struktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und ordnete dem Beschwerdeführer die mandatierte Rechtsvertreterin als
amtliche Rechtsbeiständin bei.
H.
H.a Mit Eingabe vom 12. April 2018 lud das Bundesverwaltungsgericht das
SEM ein, zur Beschwerde eine Vernehmlassung einzureichen.
H.b Das SEM liess sich am 20. April 2018 vernehmen.
H.c Mit Replik vom 9. Mai 2018 nahm der Beschwerdeführer zu Vernehm-
lassung Stellung.
I.
Mit Eingabe vom 27. September 2018 reichte der Beschwerdeführer einen
psychiatrisch-psychotherapeutischen Arztbericht von Dr. med. E._,
Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 24. September 2018
zu den Akten. Als Diagnosen stellte die Ärztin eine Posttraumatische Be-
lastungsstörung (PTBS; ICD-10: F43.1), chronische Schmerzstörungen mit
organischen und psychischen Faktoren (ICD-10: F45.41) und Opfer von
Bürgerkrieg, Gefangennahme, Entführung und Folterung (ICD-10: Z65.4,
Z65.5).
E-1144/2018
Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
E-1144/2018
Seite 6
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung der Ablehnung des Asylgesuchs führte das SEM im
Wesentlichen aus, angesichts der mehrfachen Verletzung der Mitwirkungs-
pflicht, der Abwesenheit von überprüfbaren Tatsachen und aussagekräfti-
gen Beweismitteln und der insgesamt wenig plausiblen Asylbegründung
müsse davon ausgegangen werden, der Beschwerdeführer habe seine
Heimat aus anderen Gründen und unter anderen Umständen verlassen,
als er zu Protokoll gegeben habe.
Insbesondere habe er während der Befragungen den Eindruck erweckt,
dass er sprachliche Schwierigkeiten vorschiebe, um daraus Vorteile für
sein Asylgesuch ziehen zu können. So habe er bei der BzP geltend ge-
macht (...) zu sprechen und die Dolmetscherin gebeten langsam zu spre-
chen, habe die Befragung dann aber ohne sichtbare Schwierigkeiten
durchführen können. In der ersten Anhörung habe er dann wiederum be-
stritten, den Dolmetscher zu verstehen und behauptet, die Übersetzung
auch bei der BzP nicht problemlos verstanden zu haben. Erst als der Be-
frager mit dem Abbruch der Anhörung gedroht habe, habe er eingelenkt.
In der Folge habe die Kommunikation gut funktioniert. Das LINGUA-Gut-
achten vom 11. Dezember 2017 bestätige im Übrigen, dass das Standard-
Somali des Beschwerdeführers bis auf kleinere grammatikalische Fehler
E-1144/2018
Seite 7
erwartungsgemäss gut sei. Die Vorbringen, einem Minderheiten-Clan an-
zugehören und aus der untersten sozialen Schicht ohne Schulbildung zu
stammen, seien nicht glaubhaft, zumal er einen sehr gewandten Umgang
mit Zahlen, Daten und schriftlichen Erzeugnissen offenbart habe. Seine
Tante, Onkel und Mutter würden gemäss seinen Aussagen zwar dem Clan
der (...) angehören, betreffend die besonderen Umstände einer Heirat un-
ter Ungleichen habe er aber nur stereotype Angaben machen können. Be-
züglich des Verwandtschaftsgrades und der Kontakte zur Tante habe er
sich sodann in Widersprüche verstrickt. Die durch den LINGUA-Experten
zu seinen Gunsten festgestellten Angaben zu seiner Herkunft und der
Sprache würden nichts an den Ungereimtheiten ändern.
Die eingereichten Beweismittel seien nicht geeignet, die vorgebrachten
Ausreisegründe zu bestätigen, zumal die Geburtsurkunde nicht wie be-
hauptet, ein Original darstelle und eine Totalfälschung sein könnte. Insbe-
sondere würden die zu den Akten gereichten Arztberichte widerlegen, dass
sich in seinem Körper, wie angegeben, Metallsplitter befinden würden. Die
Ellenbogenprobleme seien offenbar nicht auf einen schlecht verheilten
Bruch zurückzuführen, sondern würden eher entzündlicher Art zu sein
scheinen. Der eingereichte Link und der Zeitungsartikel stünden mit der
Sachverhaltsschilderung nicht im Zusammenhang. Die Eingaben erweck-
ten damit den Eindruck, als würde der Beschwerdeführer beliebige Ereig-
nisse und medizinische Probleme als Belege für seine Asylgeschichte zu
instrumentalisieren versuchen.
Es komme hinzu, dass sich die vom Beschwerdeführer geltend gemachten
Ereignisse um die Stürmung der Militärbasis und den Luftangriff auf das
Lager der al-Shabaab in den für das SEM zugänglichen Dokumentation
über militärische Zwischenfälle in der Region Bay nicht nachweisen lies-
sen. Eine Recherche habe keinerlei Übereinstimmung – auch nicht in örtli-
cher oder zeitlicher Nähe – ergeben, so dass der Verdacht entstehe, der
Beschwerdeführer erfinde Ereignisse nach Belieben. Das Hauptvorbringen
erscheine denn auch nicht plausibel. Zunächst erscheine fraglich, wie die
Behörden überhaupt auf ihn als Verantwortlichen für die Ermordung der
Offiziere hätten kommen können. Angesichts seiner verzweifelten Situation
erscheine es aber auch nicht nachvollziehbar, dass die Behörden ihn als
Verantwortlichen für den Tod seiner Offiziere betrachten würden, zumal er
kaum delikate Informationen preisgegeben habe. Insgesamt erscheine
seine Geschichte überfrachtet und konstruiert, und es sei kaum nachvoll-
ziehbar, dass an sich bereits unwahrscheinliche Ereignisse – wie eine
Zwangsrekrutierung und anschliessende Ausbildung, eine Entführung aus
E-1144/2018
Seite 8
einem Militärlager durch die AI-Shabaab, ein folgender Luftangriff und die
folgende abenteuerliche Rettung aus der Gefangenschaft, das Auffinden
und die mehrmonatige Pflege durch eine ihm unbekannte Person sowie
das zufällige Treffen eines Bekannten in einer peripher gelegenen Klein-
stadt – sich innerhalb kurzer Zeit in einem ansonsten offenbar unbewegten
Leben kulminieren sollten.
4.2 Dem wurde in der Beschwerde entgegengehalten, dass die Ausführun-
gen des Beschwerdeführers sehr wohl glaubhaft ausgefallen seien. So
habe er seine Geschichte in den Anhörungen lebensnah und eindrücklich
geschildert. Seine Erzählungen seien geprägt von Realkennzeichen, und
es hätten sich keine nennenswerten Aussagewidersprüche ergeben. Es sei
nicht nachvollziehbar, dass das SEM seine Schilderungen als überladen
und konstruiert einschätze. Der Beschwerdeführer sei seiner Mitwirkungs-
pflicht sodann klar nachgekommen.
Die von der Vorinstanz dargelegten Einwände seien nicht stichhaltig bezie-
hungsweise erklärbar. Das SEM sei seiner Pflicht zur Berücksichtigung der
besonderen Aspekte der Minderjährigkeit, welche es in Verfahren mit UMA
zu garantieren habe, nicht nachgekommen. Insbesondere habe sich der
Befrager gegenüber dem Beschwerdeführer nicht neutral verhalten und
der Befragungsstil sei nicht «UMA-konform» ausgefallen. Auch bei der
Würdigung der Vorbringen müsse dem Alter Rechnung getragen werden,
was nicht erfolgt sei. Zudem sei das SEM auch mit keinem Wort auf die
Feststellungen der Hilfswerksvertretung und des Arztes eingegangen, wo-
nach der Beschwerdeführer traumatisiert sei.
Was die eingereichten Beweismittel betreffe, so dürfe das SEM nicht die
mit schweizerischen Standards vergleichbaren Massstäbe verlangen. In
Somalia bestehe keine einheitliche Registrierung der Geburten; die Ver-
waltungen würden seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs 1991 nicht mehr
funktionieren, weshalb die Behörden nicht imstande seien, offizielle Doku-
mente auszustellen. Der Beschwerdeführer habe die Geburtsurkunde über
seinen Onkel mütterlicherseits besorgt, welcher diese für ihn habe ausstel-
len lassen. Dies ergebe sich so auch aus dem Dokument. Der Beschwer-
deführer habe mit der Beschaffung der Urkunde versucht, seiner Mitwir-
kungspflicht nachzukommen, wohingegen das SEM mit der Qualifikation
des Dokuments als Totalfälschung einseitig nach Elementen suche, die ge-
gen den Beschwerdeführer sprechen könnten und damit den Eindruck der
Voreingenommenheit erwecke.
E-1144/2018
Seite 9
Auch der Einwand betreffend die Sprache erscheine voreingenommen.
Das LINGUA-Gutachten bestätige, dass die Muttersprache des Beschwer-
deführers (...) sei. Die Hilfswerksvertretung habe ebenfalls auf die Verstän-
digungsschwierigkeiten hingewiesen. Der Beschwerdeführer habe diese
damit erklärt, dass der Dolmetscher der ersten Anhörung aus dem äthiopi-
schen Ogaden-Gebiet gestammt habe und entsprechend eine Varietät des
Somali spreche und kein (...) verstehe. Die Dolmetscherin an der BzP
stamme hingegen aus (...)somalia und habe seinen Dialekt verstanden.
Dies sei auch bei der Dolmetscherin der ergänzenden Anhörung der Fall
gewesen. Der Dolmetscher in der ersten Anhörung habe sich eindeutig zu
parteiischen und wertenden Aussagen hinreissen lassen, indem er zum
Bespiel gesagt habe, dass es auch Nigerianer gebe, welche sich als So-
malis ausgeben würden. Die ersten Fragen der Anhörung seien denn auch
sehr angriffig gestellt worden. Der Beschwerdeführer habe dabei jedoch
lediglich geltend gemacht, dass das Standard-Somali nicht seiner Mutter-
sprache entspreche und er Angst habe, etwas nicht zu verstehen. Bereits
in der BzP habe er erklärt, dass die Dolmetscherin auf Somali langsam
sprechen solle, damit er folgen könne. Dies sei auch der Grund gewesen,
weshalb er seine Tante zur Anhörung mitgenommen habe. Sowohl hier in
der Schweiz als auch auf der Flucht habe er sein Standard-Somali vertiefen
können und spreche es immer besser.
Die Angaben betreffend das Verwandtschaftsverhältnis zur Tante seien da-
mit begründbar, dass die Tante erst mit seiner Ankunft in der Schweiz vom
Beschwerdeführer und ihrer Schwester (seine Mutter), welche nach der
Heirat aus der Familie verstossen worden sei, erfahren habe. Die Mutter
und die Tante hätten aber nur denselben Vater. Der in B._ lebende
Onkel, bei dem sich der Beschwerdeführer oft aufgehalten habe, sei ein
gemeinsamer Verwandter. 2003 habe der damals rund (...)jährige Be-
schwerdeführer die Tante dort einmal gesehen; allerdings hätten sie von
ihrer Verwandtschaft nichts gewusst und er habe erst später erfahren, dass
dies seine Tante sei. Die Mutter habe den Beschwerdeführer erst als er
gross gewesen sei über die schwierigen Familienverhältnisse aufgeklärt.
Die Schlussfolgerungen der Vorinstanz betreffend die Arztberichte seien
gemäss Telefonat mit dem behandelnden Arzt vom 20. Februar 2018 halt-
los. Dass im Thorax keine Metallsplitter gefunden worden seien, heisse
nicht, dass sich nicht ausserhalb dieser Körperregion solche befinden
könnten oder sich diese bereits aus dem Körper herausgearbeitet hätten.
Er spüre die Metallsplitter im Rücken und diese seien auch ertastbar. Ein
ankylosierter Ellbogen schliesse einen vorangegangenen Bruch nicht aus.
E-1144/2018
Seite 10
Vielmehr sei dem Arztbericht zu entnehmen, dass dem Beschwerdeführer
eine «Ellbogenfraktur links angetan [worden sei], welche ohne ärztliche
Versorgung ankylosiert» sei. Die Beschwerden seien gemäss Auskunft des
behandelnden Arztes denn auch auf einen schlecht verheilten Bruch zu-
rückzuführen. Weiter habe er darauf hingewiesen, dass er den Beschwer-
deführer an eine Psychiaterin verwiesen habe, da er davon ausgehe, dass
er schwer traumatisiert sei und unter einer Posttraumatischen Belastungs-
störung leide. Diese Vermutung sei bereits durch die Hilfswerkvertretung
geäussert worden, worauf das SEM aber nicht eingegangen sei. Die Ver-
letzungen und die Traumatisierung würden klar für die Glaubhaftigkeit des
Beschwerdeführers sprechen.
Was den eingereichten Zeitungsartikel angehe, so sei der dort erwähnte,
zusammen mit seiner Frau umgebrachte Friedensrichter im Militärlager
B._ Airport stationiert gewesen. Den Video-Link habe der Be-
schwerdeführer eingereicht, weil er mit einem der dort erwähnten Jugend-
lichen in B._ rekrutiert worden sei und andere Jugendliche im zwei-
ten Lager in F._ gesehen habe. Es sei aber richtig, dass das Video
darüber hinaus keinen direkten Zusammenhang mit seinen Vorbringen auf-
weise. Selbst wenn das vom SEM ausgearbeitete Länderconsulting die be-
schriebenen Luftangriffe nicht erwähne, so bestätige die Recherche jeden-
falls, dass die Region um B._ stark umkämpft sei. Die Tante des
Beschwerdeführers habe sodann Kontakt zum Journalisten G._
aufgenommen, welcher regelmässig für die nicht online verfügbare Wo-
chenzeitung (...) schreibe. Die beigelegten Artikel würden über die vom
Beschwerdeführer erlebten Luftangriffe berichten.
4.3 In der Vernehmlassung räumte das SEM ein, dass es anfangs der ers-
ten Anhörung zwar eine Verwirrung betreffend angeblicher Verständi-
gungsschwierigkeiten zwischen dem Beschwerdeführer und dem Dolmet-
scher entstanden sei. Daraus, dass der mit der Anhörung beauftragte SEM-
Mitarbeiter in seinen Fragen den Beanstandungen des Beschwerdeführers
teilweise mit einer gewissen Verwunderung begegnet sei, könne jedoch
nicht gefolgert werden, die Fragen seien aggressiv gestellt worden. Es
stimme zwar und sei bedauerlich, dass sich der damals anwesende Dol-
metscher unbefugterweise zum Inhalt der Anhörung geäussert habe. Aus
dem Protokoll gehe indessen nicht hervor, dass dadurch das Aussagever-
halten des Beschwerdeführers nachhaltig gestört worden wäre. Das SEM
habe auf Gesuch der Rechtsvertreterin hin für die ergänzende Anhörung
eine neue Dolmetscherin aufgeboten. Den besonderen Aspekten der Min-
derjährigkeit sei Rechnung getragen worden, zumal der Beschwerdeführer
E-1144/2018
Seite 11
dazumal bereits (...) Jahre alt gewesen sei. Es stimme nicht, dass die An-
hörung kompliziert oder unpassend gewesen sei. Vielmehr könne man der
Befragung an mehreren Stellen entnehmen, dass der SEM-Mitarbeiter die
Fragen umformuliert habe, wenn der Beschwerdeführer damit Mühe be-
kundet habe. Er habe ihn sodann dazu aufgefordert, sich für seine Ausfüh-
rungen Zeit zu nehmen und sich nicht unter Druck zu fühlen. Schliesslich
würden sich aus den Anhörungsprotokollen keine konkreten Hinweise er-
geben, dass der Beschwerdeführer traumatisiert sei oder seiner psychi-
schen Verfassung während der Befragung nicht hinreichend Rechnung ge-
tragen worden wäre.
4.4 Der Beschwerdeführer führte in der Replik aus, das SEM übersehe,
dass die anwesende Rechtsvertretung bereits im Protokoll vermerkt habe,
dass der SEM-Mitarbeiter seine Ausführungen explizit in Zweifel gezogen,
praktisch kein Blickkontakt zu ihm hergestellt und insgesamt keine Vertrau-
ensatmosphäre geherrscht habe. Auch der komplizierte Befragungsstil sei
explizit moniert worden. Darüber hinaus würden sich den Protokollen wei-
tere Hinweise auf die fehlende Vertrauensatmosphäre ergeben und es sei
auch nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer an der ergänzen-
den Anhörung nochmals seine ganze Geschichte habe wiederholen müs-
sen, was sehr belastend für ihn gewesen sei und den Eindruck vermittle,
das SEM habe die Befragung dazu benutzt, Widersprüche zu provozieren.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer stellt in Frage, ob das SEM den zu beachtenden
besonderen Verfahrensgarantien für unbegleitete minderjährige Asylsu-
chende angemessen Rechnung getragen hat. Damit rügt er eine Verlet-
zung des rechtlichen Gehörs, wobei sich auch die Frage stellt, ob der Sach-
verhalt hinreichend abgeklärt wurde. Da formelle Rügen unter Umständen
geeignet sind, eine Kassation des Verfahrens zu begründen, sind diese
vorab zu prüfen.
5.2
5.2.1 Der mit Grundrechtsqualität ausgestattete Grundsatz des rechtlichen
Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV) umfasst eine Anzahl verschiedener verfas-
sungsrechtlicher Verfahrensgarantien. Der in Art. 32 VwVG konkretisierte
Teilgehalt verpflichtet die Behörde nicht nur, den Parteien zu ermöglichen,
sich zu äussern und ihre Vorbringen tatsächlich zu hören (Art. 30 f. VwVG),
sondern sie auch sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und in der Entscheid-
findung zu berücksichtigen.
E-1144/2018
Seite 12
5.2.2 Ist eine asylsuchende Person – wie dies der Beschwerdeführer wäh-
rend des vorinstanzlichen Verfahrens noch war – minderjährig und unbe-
gleitet, so haben die Behörden spezifische verfahrensrechtliche Garantien
zu beachten. Dies, um der besonderen Schutzbedürftigkeit der UMA Rech-
nung zu tragen und insbesondere sicherzustellen, dass sie hinreichend ge-
hört werden. Was die Anhörung betrifft, so hat diese in der Regel in Anwe-
senheit des gesetzlichen Vertreters oder der Vertrauensperson zu erfolgen.
Die anhörende Person hat zudem dafür zu sorgen, dass den besonderen
Aspekten der Minderjährigkeit Rechnung getragen wird (Art. 7 Abs. 5 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311]). Dabei sind
insbesondere das Alter und der Reifegrad und gegebenenfalls spezifische
Verletzlichkeiten der UMA zu berücksichtigen. Sollte dies für das Wohlbe-
finden der UMA während der Anhörung angezeigt sein, sind geeignete
Massnahmen zu treffen. Das SEM hat unter anderem in Bezug auf die Art
und Weise der Befragung gewisse Regeln zu beachten. Ein grosses Au-
genmerk ist im Rahmen der Anhörung auf eine den UMA gerecht werdende
Atmosphäre ab Beginn der Anhörung und eine empathische Haltung der
befragenden Person – sowie insgesamt auf ein vertrauensvolles Klima –
zu richten, das es den UMA ermöglichen soll, vom Erlebten zu berichten.
Zu diesem Zweck soll die Vorinstanz den UMA bereits zu Beginn der An-
hörung in einer altersgerechten Sprache das Ziel der Befragung sowie die
darauf anwendbaren Regeln erläutern. Ferner soll es ihr alle Personen, die
an der Anhörung mitwirken, vorstellen und deren Rolle erklären. Die UMA
sollen zu den sie im Verfahren unterstützenden Personen Vertrauen auf-
bauen können. Dazu ist es notwendig, dass die befragende Person das
Verhalten der UMA während der Anhörung beobachtet und jede Form der
nonverbalen Kommunikation vermerkt. Auch hat sie sich um eine wohlwol-
lende und neutrale Haltung zu bemühen. Insbesondere in einer ersten
Phase sollten die Fragen sodann offen formuliert werden, um einen freien
Bericht zu fördern (vgl. zum Ganzen BVGE 2014/30 E. 2.3 m.w.H.).
5.2.3 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufge-
listeten Beweismittel. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an
der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG, Art. 13 VwVG). Die
Sachverhaltsfeststellung ist unrichtig, wenn der Verfügung ein falscher und
aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch ge-
würdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid
rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/
HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des
Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1043).
E-1144/2018
Seite 13
5.3 Die soeben dargelegten Grundsätze an ein Verfahren eines UMA wur-
den vorliegend kaum eingehalten:
5.3.1 Zunächst ist festzustellen, dass von der Vorinstanz nicht in Frage ge-
stellt wurde, dass es sich beim Beschwerdeführer um einen unbegleiteten
Minderjährigen (vgl. Art. 1a Bst. d AsylV 1) handelt. Was die Verständi-
gungsschwierigkeiten bei den Befragungen betrifft, so gibt es aufgrund der
Akten keinen Grund daran zu zweifeln, dass die Muttersprache des Be-
schwerdeführers (...) ist. Darauf hatte er von Anfang an hingewiesen (vgl.
Personalienblatt [SEM-Akte 1/2] S. 1; A5 S. 1; Schreiben vom 12. Dezem-
ber 2016), und seine Herkunft aus B._ gilt aufgrund des vom SEM
in Auftrag gegebenen LINGUA-Gutachtens als gesichert. Gemäss dem
LINGUA-Experten ist (...) in dieser Region die vorherrschende Sprache
und angesichts der in der somalischen Sprache des Beschwerdeführers
enthaltenen Fehler und seines Akzents, gehe er davon aus, dass dessen
Muttersprache, wie von ihm angegeben, (...) sei. Dem Gutachten ist auch
zu entnehmen, dass sein Somali, wie es bei Personen aus dieser Region
zu erwarten sei, der (...)-Varietät entspricht (vgl. ebd. S. 9 f.).
5.3.2 Bei UMA ergeben sich im Asylverfahren oft Verfahrenssituationen,
die sie aufgrund ihrer altersbedingten Unerfahrenheit überfordern und
denen sie umso weniger gewachsen sind, je mehr sich der Kultur- und
Rechtskreis, aus dem sie stammen, vom schweizerischen unterscheidet,
und je weniger sie die Sprache verstehen, in welcher das Verfahren geführt
wird. Beherrscht ein Beschwerdeführer die an der Anhörung gewählte
Sprache nicht, so ist ihm eine Mitwirkung nicht zuzumuten (vgl. Entschei-
dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 1998 Nr. 13 E. 4.b.ee S. 94; 1993 Nr. 36 E. 4.b und d). Vor-
liegend ist zwar davon auszugehen, dass sich der Beschwerdeführer in
Somali verständigen und die Anhörung – auch dank der Anwesenheit der
Tante, welche unterstützend eingreifen konnte – in dieser Sprache durch-
geführt werden konnte. Es ist aber naheliegend, dass es für ihn einfacher
gewesen wäre, über die ohnehin schwierigen Erlebnisse in seinem Hei-
matland in seiner Muttersprache berichten zu können. Seine Erklärung, die
Dolmetscherin der BzP und der ergänzenden Anhörung hätten aus (...)-
somalia gestammt (wo gemäss LINGUA-Bericht im Somali der (...)-Dialekt
vorherrscht; vgl. ebd. S. 5), während der Dolmetscher der ersten Anhörung
aus Äthiopien beziehungsweise aus dem Ogaden-Gebiet komme (wo der
Darood-Dialekt vorherrschend ist; vgl. ebd.), weshalb ihm die Verständi-
gung bei dieser Befragung noch schwieriger gefallen sei, ist sodann über-
zeugend (vgl. A21 F4; Beschwerde S. 5 f.). Dass der Beschwerdeführer
E-1144/2018
Seite 14
seine Sprache vorschob, um für sein Verfahren ungerechtfertigte Vorteile
abzuleiten, ist den Akten nicht zu entnehmen. Nachdem er das SEM weder
über seine Herkunft noch über seine Sprache getäuscht hat, ist der vo-
rinstanzliche Vorwurf der Verletzung der Mitwirkungspflicht unberechtigt.
5.3.3 Hinzu kommt, dass sich – entgegen der Ansicht des SEM – aus den
Akten deutliche Hinweise auf eine Traumatisierung des Beschwerdefüh-
rers ergeben (vgl. Arztbericht von Dr. med. H._, Facharzt FMH, vom
3. November 2016 S. 1 [SEM-Akten A22]; Stellungnahme der Hilfswerks-
vertretung [A21 Unterschriftenblatt der Hilfswerkvertretung]; Arztbericht
von Dr. med. E._, a.a.O., vom 24. September 2019, S. 1 ff.) und er
geltend macht, als 15-Jähriger Opfer einer behördlichen Zwangsrekrutie-
rung geworden zu sein und massive Gewalt erfahren zu haben, was vom
Gericht als glaubhaft erachtet wird (vgl. nachgehend E. 6). Auch wenn er
bei der Anhörung bereits 17-jährig und damit in seiner Entwicklung bereits
weiter fortgeschritten war, wären die gesundheitliche Vulnerabilität und die
sprachbedingten Nachteile durch einfache, behutsame Fragen und die
Schaffung einer besonders vertrauenswürdigen Atmosphäre auszuglei-
chen gewesen. In diesem Zusammenhang ist auch darauf hinzuweisen,
dass sich bei zwangsrekrutierten Kindern und Jugendlichen spezielle völ-
kerrechtliche Verpflichtungen für die Schweizer Behörden ergeben (vgl.
insbes. Art. 6 Abs. 3 des von der Schweiz ratifizierten Fakultativprotokoll
zum Übereinkommen über die Rechte des Kindes betreffend die Beteili-
gung von Kindern an bewaffneten Konflikten vom 25. Mai 2000; SR 0.107.1
[Fakultativprotokoll zur KRK]).
5.3.4 Dass auf die besondere Situation des minderjährigen Beschwerde-
führers eingegangen worden wäre, ist den Anhörungsprotokollen nicht zu
entnehmen. Weder in der ersten noch in der ergänzenden Anhörung wur-
den einleitende Fragen des SEM zu Beginn der Befragung – etwa nach
seinem Befinden, dem bisherigen Verlauf in der Schweiz oder Ähnlichem
– gestellt (vgl. A16 F1 ff., A21 F1 ff.), welche darauf abzielten, eine Vertrau-
ensbasis aufzubauen. Der in der Beschwerde erhobene Einwand, dass
sich der Dolmetscher der ersten Anhörung in wertender Weise über den
Beschwerdeführer geäussert hat und die von ihm verlangte Objektivität
vermissen liess, wird vom SEM nicht bestritten (vgl. Beschwerde S. 4 und 6
sowie auch die im Nachgang der Anhörung eingereichte Stellungnahme
der Rechtsvertretung vom 21. Dezember 2016 [vgl. SEM-Akte A17/2]). In
der Vernehmlassung räumt die Vorinstanz vielmehr ein, es stimme und sei
bedauerlich, dass der damals anwesende Dolmetscher sich unbefugter-
weise zum Inhalt der Anhörung geäussert habe (vgl. ebd. S. 2). Was die
E-1144/2018
Seite 15
Haltung des Sachbearbeiters betrifft, lässt sich aus den Anhörungsproto-
kollen zwar per se nicht auf einen aggressiven Befragungsstil schliessen;
er anerkennt jedoch selbst, zu Beginn auf die (wie dargelegt berechtigten)
Beanstandungen des Beschwerdeführers «mit einer gewissen Verwunde-
rung» reagiert zu haben (ebd.). Die Fragen zur Sache wurden zudem nicht,
wie es vor allem in der ersten Phase der Befragung angezeigt wäre, offen
gestellt, sondern richteten sich einschränkend auf spezifische Themen und
förderten damit das freie Berichten nicht (vgl. A16 F11 ff., A21 F2 ff.). Dass
der Sachbearbeiter die Erzählungen des Beschwerdeführers an besonders
schwierigen Stellen der Sachverhaltsgeschichte mit Fragen unterbrach
(vgl. z.B. A21 F74) oder auf emotionale Regungen nicht in erkennbarer
Weise einging (vgl. A21 F48 und F151) lässt nicht auf die emphatische
Haltung schliessen, welche bei der Befragung eines UMA erforderlich ist.
Der Vollständigkeit halber ist an dieser Stelle auf die Stellungnahme der
Hilfswerksvertretung sowie auf die von der Rechtsvertretung am Schluss
der ergänzenden Anhörung angebrachte Bemerkung hinzuweisen, in wel-
chen ein fehlender Blickkontakt sowie ein unangemessener Befragungston
seitens des Sachbearbeiters moniert wurde (vgl. A21 F149, Unterschriften-
blatt der HWV).
5.3.5 An mehreren Stellen der Befragungen wird sodann offensichtlich,
dass der Beschwerdeführer Mühe hatte, die Fragen zu verstehen oder so-
gar überfordert schien. Der Vorwurf in der Beschwerde, wonach die Frage-
stellungen teilweise kompliziert ausgefallen seien, ist berechtigt (vgl. z.B.
A16 F40, F42, F78 f.; A21 F8–12, F15, F13–27, F71, F73 f., F87 ff.). Ins-
besondere versuchte der Sachbearbeiter den Beschwerdeführer in der er-
gänzenden Anhörung wiederholt zu einem Perspektivenwechsel zu bewe-
gen, womit der Minderjährige offenkundig überfordert war (vgl. z.B. A21
F7 f., F11 f., F28, F36–38, F41 f.). Nachdem die erste Anhörung (am frühen
Nachmittag) nicht aus einem aus den Akten erkennbaren Grund unter-
brochen wurde (vgl. A16 F77), ist sodann nicht nachvollziehbar, weshalb
das SEM in der ergänzenden Anhörung nicht einfach die Erstellung des
Sachverhalts weiterführte, sondern den Beschwerdeführer das bereits Dar-
gelegte noch einmal erzählen liess (vgl. insbes. A21 F13–27). Im Verlauf
dieser Anhörung forderte ihn der Sachbearbeiter zur gleichen Frage teil-
weise sogar mehrmals auf, seine Ausführungen noch einmal zu konkreti-
sieren, obwohl die vorigen Antworten bereits detailliert ausfielen (vgl.
z.B. A21 F27–39, F41–49, F73–76, F83–86, F94 f.). Ob der in der
Beschwerde erhobene Einwand, ein solches Verhalten erwecke den Ein-
druck, als wollte der Sachbearbeiter Widersprüche provozieren, berechtigt
E-1144/2018
Seite 16
ist, muss nicht abschliessend geprüft werden; es ist zumindest nahelie-
gend, dass eine solche Befragungsweise für eine minderjährige Person
verunsichernd sein kann, was an mehreren Stellen des Protokolls zum
Ausdruck kommt (vgl. insbes. A21 F15 f., F19, F20, F22 ff., F48 f.). Unter
den aufgezeigten Umständen dauerte die ergänzende Anhörung sodann
insgesamt achteinhalb Stunden, was für eine minderjährige Person offen-
kundig zu lange ist.
5.3.6 Nach dem zuvor Gesagten ist festzustellen, dass sowohl bei der ers-
ten als auch bei der ergänzenden Anhörung die nötige Atmosphäre und die
erforderliche Neutralität, in welcher ein traumatisierter Jugendlicher gegen-
über den anwesenden erwachsenen Fachpersonen Vertrauen aufbauen
könnte, nicht gegeben war.
5.4 Es stellt sich unter diesen Umständen die Frage, ob aufgrund dieser
Mängel der Sachverhalt als hinreichend erstellt betrachtet werden kann.
5.4.1 Aufgrund der Anhörungsprotokolle ist zwar festzustellen, dass die
Protokollierung der Aussagen des Beschwerdeführers aufgrund der nicht
einwandfreien Verständigung an mehreren Stellen nur im Rahmen von
Rückfragen des Dolmetschers oder durch Ergänzungen der anwesenden
Tante gewährleistet werden konnte (vgl. A16 F76 S. 11; A21 F68; F42, F56,
F72, F74, F83, F86, F96, F97, F99, F112, F114, F140, F144 ff.). Bei der
Rückübersetzung der ergänzenden Anhörung räumte die Dolmetscherin
bei der Beanstandung der Protokollierung der Frage 18 sodann ein, dass
der Beschwerdeführer Vieles gesagt habe und sie nicht habe «Eins-zu-
Eins» übersetzen können (vgl. A21 S. 23), was weitere Fragen aufwirft. Es
gibt auch zudem Hinweise auf Übersetzungsfehler beziehungsweise da-
rauf, dass das Protokoll an gewissen Stellen lückenhaft ist (vgl. A16 F76
S. 11 versus A21 F72 [betreffend Toll anstatt (...)]; ausserdem A21 F139,
F140, F144 ff.).
5.4.2 Trotz dieser Besonderheiten ist den Protokollen aber eine insgesamt
hinreichende Sachverhaltsschilderung zu entnehmen und dem Beschwer-
deführer ist es trotz der unvorteilhaften Befragungssituation gelungen,
seine Ausreisegründe substanziiert darzulegen. So berichtete er sowohl
bei der ersten als auch bei der ergänzenden Anhörung ausführlich über
seine persönliche Situation und die Nachteile, die er in seinem Heimatstaat
erfahren hat. Auf die Frage, was nach der Ausbildung im Rekrutie-
rungscamp passiert sei, antwortete der Beschwerdeführers beispielsweise
über vier Protokollseiten hinweg in freier Rede (vgl. A16 F76 S. 10–13) und
E-1144/2018
Seite 17
auch auf die mehrheitlich geschlossenen Fragen in der ergänzenden An-
hörung hin machte er regelmässig detaillierte Angaben (vgl. z.B. A21 F41,
F51, F72, F83 f., F91 f.). Die Gesamtdauer aller Befragungen betrug mehr
als 15 Stunden. Auf dieser Grundlage ist es möglich, ein vollständiges Bild
über die Asylgründe des Beschwerdeführers zu erhalten und der rechts-
erhebliche Sachverhalt kann in diesem Sinne als hinreichend erstellbar
qualifiziert werden.
5.5 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt grundsätzlich in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise
mit verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück. Die Wahl der Ent-
scheidform liegt weitgehend im pflichtgemässen Ermessen der Beschwer-
deinstanz, wobei die Urteilsform verhältnismässig und auf den jeweiligen
individuell-konkreten Fall zugeschnitten sein muss. Eine Rückweisung
kommt insbesondere dann in Betracht, wenn weitere Tatsachen festgestellt
werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist
(vgl. MADELEINE CAMPRUBI, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], VwVG-Kom-
mentar, 2. Aufl. 2019, Art. 61 Abs. 1 Rz. 10; PHILLIPE WEISSENBERGER /
ASTRID HIRZEL, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar
VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 61 VwVG Rz. 16).
Dies ist vorliegend nicht der Fall, da der Sachverhalt, wie zuvor dargestellt,
als insgesamt hinreichend abgeklärt betrachtet werden kann. Inwiefern die
oben erwähnten Mängel des erstinstanzlichen Verfahrens, für sich alleine
oder insgesamt, eine Rückweisung der Angelegenheit an die Vorinstanz
rechtfertigen würden, braucht hier nicht abschliessend geprüft zu werden.
Nach einer Würdigung sämtlicher vorliegender Elemente, kommt das Ge-
richt nämlich zum Schluss, dass es die Entscheidreife selbst herstellen
kann. Dem Beschwerdeführer erwächst mit einem reformatorischen Ent-
scheid schon deshalb kein Nachteil, weil die Beschwerde, wie gleich auf-
gezeigt wird, auch inhaltlich gutzuheissen ist.
6.
6.1 Glaubhaftmachen im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen.
Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von
ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält,
obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Entscheidend ist im Sinne einer
Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachver-
E-1144/2018
Seite 18
haltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objek-
tivierte Sichtweise abzustellen (BVGE 2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind
insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet
oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder
massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt wer-
den (Art. 7 Abs. 3 AsylG).
Die Glaubhaftigkeit von Aussagen asylsuchender Personen kann im Rah-
men eines inhaltsorientierten Ansatzes aufgrund sogenannter Realkenn-
zeichen beurteilt werden. Die Realkennzeichen ermöglichen eine Differen-
zierung zwischen erlebnisbasierten und erfundenen respektive verfälsch-
ten Aussagen. Je mehr Realkennzeichen eine Aussage enthält, desto grös-
ser ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Aussage auf eigenem Erleben be-
ruht. Dabei sind immer die Fähigkeiten der aussagenden Person und die
Komplexität des vorgebrachten Geschehens zu berücksichtigen. Zu den
Realkennzeichen gehören insbesondere die logische Konsistenz, die un-
geordnete, aber inhaltlich letztlich stimmige Darstellung, der quantitative
Detailreichtum, raum-zeitliche Verknüpfungen, die Wiedergabe von Ge-
sprächen, ausgefallene Einzelheiten, spontane Verbesserungen der eige-
nen Aussagen, das Eingeständnis von Erinnerungslücken sowie die Schil-
derung von Interaktionen, Komplikationen, Nebensächlichkeiten, unver-
standenen Handlungselementen und eigenen psychischen Vorgängen
(vgl. ANGELIKA BIRCK, Traumatisierte Flüchtlinge, Wie glaubhaft sind ihre
Aussagen?, Heidelberg 2002, S. 82 ff. und S. 139 ff.; REVITAL LUDEWIG /
DAPHNA TAVOR / SONJA BAUMER, Wie können aussagepsychologische
Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten helfen?, in: AJP
11/2011, S. 1423 ff.; vgl. auch BGE 129 I 49 E. 5 sowie BVGE 2015/3
E. 6.5.1, 2013/11 E. 5.1 und 2012/5 E. 2.2, jeweils m.w.H.).
6.2 Nach einer Würdigung sämtlicher für und gegen die Glaubhaftigkeit der
Schilderungen des Beschwerdeführers sprechenden Elemente, erachtet
das Bundesverwaltungsgericht die geltend gemachten Asylgründe für
überwiegend glaubhaft.
6.2.1 Den Aussagen des Beschwerdeführers sind ungewöhnlich viele Re-
alkennzeichen zu entnehmen und zwar in Bezug auf alle für das Asylver-
fahren massgebenden Sachverhaltselemente: die behördliche Zwangsrek-
rutierung, den bei der Ausbildung erlebten Bestrafungsmethoden, der Ent-
führung durch Mitglieder der Al-Shabaab und die dort erlebte massive Ge-
walt sowie seine Flucht aus der Gefangenschaft und aus Somalia. Sowohl
die Ausführungen bei der BzP als auch bei der ersten und ergänzenden
E-1144/2018
Seite 19
Anhörung ergeben ein substanziiertes und widerspruchfreies Bild. Auch
der Arztbericht vom 24. September 2019, welchem im Rahmen der ärztli-
chen Anamnese eine ausführliche Wiedergabe des vom Beschwerdeführer
im Heimatland Erlebten zu entnehmen ist, lässt sich lückenlos in die bereits
bei den Asylbehörden gemachten Aussagen einfügen. Obwohl die darin
diagnostizierte schwere PTBS allein noch kein Beleg für die attestierten
zugrunde gelegten Erfahrungen darstellt, kann der Bericht dennoch als In-
diz für die Glaubhaftigkeit der Sachverhaltsdarstellung gewertet werden,
zumal die von der Ärztin beschriebenen Erzählungen rund drei Jahre nach
den Anhörungen des Beschwerdeführers im Rahmen des Asylverfahrens
stattfanden.
6.2.2 Auffallend bei den Schilderungen des Beschwerdeführers sind insbe-
sondere die vielen (auch unerwarteten) Details, welchen den Anhörungs-
protokollen zu entnehmen sind und zwar nicht nur in Bezug auf die Kern-
aussagen, sondern auch hinsichtlich scheinbar unwesentlicher Sachver-
haltselemente.
6.2.3 Bei der Rekrutierung durch die behördlichen oder regierungsnahen
Soldaten legt er nicht nur die relevanten Umstände ausführlich dar (vgl.
A16 F74 S. 9; A21 F27 ff., F149), sondern beschreibt auch die Zeit der
Festnahme (bei Sonnenuntergang, als er nach Hause habe gehen wollen),
den genauen Ort der Rekrutierung (auf dem Weg nach Hause auf der as-
phaltierten Strasse an der I._- und der J._-Stelle) und den
Ablauf lebensnah (vgl. A16 F74 S. 9; A21 F27, F39). Authentisch wirkt bei-
spielsweise die spontane Antwort auf die – an jener Stelle der ergänzenden
Anhörung kaum zu erwartenden – Frage des Rechtsvertreters nach der
Anzahl der Soldaten, welche ihn damals aufgegriffen hätten (vgl. A21
F149). Auch die Umschreibung der beiden Ausbildungsorte, seiner Tätig-
keiten in der Küche sowie der von den Ausbildnern angewandten Bestra-
fungsmethoden weisen einen hohen Detailierungsgrad auf (vgl. A16 F74
S. 9 f, F76 S. 10; A21 F27, F40, F51 f., F 62 f., F67 f.; A5 Ziff. 5.01 S. 9).
Nicht nur Nebensächlichkeiten, wie etwa, dass sie bei der ersten Instruk-
tion durch die Soldaten auf rotem Sand gesessen seien und es heiss ge-
wesen sei (vgl. A21 F44 f.) oder es am zweiten Ort viele Läuse gehabt habe
(vgl. A16 F76 S. 10), lassen die Erzählungen echt erscheinen. Auch der
Umstand, dass er Situationen zu relativeren vermag (vgl. z.B. A21 F60 f.)
sowie die Vielzahl an spontanen Verknüpfungen des Erlebten mit persön-
lichen Erinnerungen, zum Beispiel der Hinweis, die äthiopischen Soldaten
habe man an einer Markierung «oben rechts» am T-Shirt erkannt (vgl. A21
F58; weiter auch A16 F74 S. 10; A21 F51, F65), weisen auf selbst erlebte
E-1144/2018
Seite 20
Erfahrungen hin. Die diversen Fragen des Sachbearbeiters namentlich zu
seiner Einheit, dazu, wie sein Vorgesetzter geheissen habe und wie sie
diesen gegrüsst hätten sowie wer die Personen gewesen seien, die ihn
schlecht behandelt hätten, vermochte er alle, ohne Zögern zu beantworten,
wobei er auch hier ungefragt und proaktiv weitere Details bekannt gab und
das Erlebte teilweise mit Körpersprache untermauerte (vgl. A21 F56, F58,
F59, F67 ff. F70, F74 S. 10). Die Schilderungen des Beschwerdeführers
zur damaligen Situation in B._ und der allgemeinen Lage fügen sich
schliesslich in das durch die dem Gericht zugänglichen öffentlichen Quel-
len vermittelte Bild ein. So lässt sich diesen entnehmen, dass Zwangsrek-
rutierungen von Jugendlichen in Somalia nicht nur seitens der Al-Shabaab
verbreitet sind, sondern auch durch das somalische Militär und ihre Ver-
bündeten vorkommen (vgl. insb. UNITED STATES DEPARTMENT OF STATE,
Country Reports on Human Rights Practices for 2019,
https://www.state.gov/wp-content/uploads/2020/03/SOMALIA-2019-HU-
MAN-RIGHTS-REPORT.pdf, alle Links zuletzt abgerufen am 21.4.2020,
S. 1 und S. 12 f.). In der Zeit der geltend gemachten Zwangsrekrutierung
des Beschwerdeführers im Januar 2015 wird zudem von politischen Span-
nungen und Demonstrationen in B._ berichtet, was ebenfalls zur
die Sachverhaltsschilderung des Beschwerdeführers passt (vgl. A16 F 74
S. 9; A21 F28; insbes. EASO Country of Origin Information Report: Soma-
lia Security Situation, Februar 2016, S. 38 ff.; AllAfrica, [...]).
6.2.4 Die Aussagen in Bezug auf die Entführung durch die Al-Shabaab, die
dort erlebten Misshandlungen sowie die nachfolgende Flucht aus dem
Camp der islamistischen Miliz sind ebenfalls substanziiert und enthalten
eine Vielzahl von Realkennzeichen, welche auf persönliche Erfahrungen
hinweisen. Alles andere als stereotyp fällt etwa die Beschreibung aus, wie
die Jugendlichen beim Angriff der behördlichen Militärbasis von den Al-
Shabaab-Kämpfern gezwungen worden seien, in eine Reihe zu stehen, er
und vier weitere Personen aus dieser Reihe herausgenommen – und bevor
sie mit dem Fahrzeug weggebracht – worden seien und noch hätten Waren
aufladen müssen (vgl. A16 F76 S. 10 f.). Die Ergänzung, auch einige Al-
Shabaab-Mitglieder hätten beim Aufladen mitgeholfen (ebd.), wirkt eben-
falls lebensecht. Eindrücklich fällt auch auf, wie das Erlebnis, dass einem
der entführten Soldaten der Kopf abgeschnitten und den Jugendlichen als
Warnung gezeigt worden sei, offensichtlich in unterschiedlichem Kontext
zum Referenzpunkt der Erinnerungen des Beschwerdeführers wird (vgl.
A21 F77, F83, F79). Dass der Beschwerdeführer das Erlebte aus unter-
schiedlichen Blickwinkeln einzuordnen vermag, zeigt sich unter anderem
E-1144/2018
Seite 21
an den kongruenten Antworten bei den Fragen in der ergänzenden Anhö-
rung (vgl. A21 F41 und F70), wo der Name der Person, welche getötet
worden sei und welche ihn geschlagen habe, mit der Aussage in der der
ersten Anhörung übereinstimmt, er habe jenen Namen bekannt gegeben,
der sie oft beschimpft habe (vgl. A16 F76 S. 11). An mehreren Stellen
zeigte er dem Sachbearbeiter sodann unaufgefordert Narben oder wies ihn
auf Körperteile hin, von welchen er aufgrund der Schläge noch heute ge-
zeichnet ist (vgl. A21 F83, F84, F91). Auch die Umschreibung des Luftan-
griffs durch äthiopische Streitkräfte, welcher zur Befreiung aus dem Al-
Shabaab-Camp führte, sowie die nachgehende Flucht, enthalten viele le-
bensbasierte Eindrücke, unter anderem der Hinweis, dass er in jener Nacht
aufgrund von Schmerzen nicht gut habe schlafen können und die spontane
Verknüpfung der Geräusche, die er plötzlich gehört habe, mit einer Erinne-
rung aus vergangenen Tagen, als es in seiner Heimatregion zu Luftangrif-
fen gekommen sei (vgl. A21 F92; weitere Realkennzeichen: vgl. A5 Ziff.
5.01 S. 9; A16 F76 S. 11 f.; A21 F72, F74, F83 f., F91 ff).
6.2.5 Die Schilderung, wie er zusammen mit dem Nomaden, der ihm bei
der Flucht geholfen habe, auf einem Markt einen Bekannten seiner Familie
traf, scheint zwar auf den ersten Blick im Vergleich zu den soeben darge-
legten Aussagen etwas weniger substanziiert (vgl. z.B. A21 F14). Auch
wirkt der Sachverhaltsvorhalt, wonach ein lokaler Radiosender den Namen
des Beschwerdeführers bekannt gegeben und ihn im Beitrag spezifisch für
die Tötung der somalischen Soldaten verantwortlich gemacht habe, was er
über diesen Bekannten erfahren habe (vgl. A16 F76 S. 13), nicht nahelie-
gend. Die Darstellung, dass über das Radio in Erfahrung gebracht werden
konnte, dass die entführten Jugendlichen insgesamt für die Tötung verant-
wortlich gemacht worden sind, wie es der Beschwerdeführer in der ergän-
zenden Anhörung nahelegt (vgl. A21 F12, F15, F18), erscheint hingegen
nicht unwahrscheinlich. Immerhin lassen sich zumindest, wie zuvor festge-
stellt, in Bezug auf die Schilderung der von der Al-Shabaab erpressten In-
formationen, Realkennzeichen entnehmen (vgl. insb. A16 F76 S. 11; A21
F10, F41, F70). Dies gilt auch für die Darstellung der Begegnung des Be-
schwerdeführers mit einem Bekannten, unter anderem der Hinweis auf die
vielen Autos, die es beim Tiermarkt gehabt habe, dass er diese Person an
einer religiösen Trauung kennen gelernt habe und, wie sie einander er-
kannt hätten, als der Blickkontakt entstanden sei (vgl. A16 F76 S. 13, A21
F143 f.). Dass sein Vater nach seiner Flucht inhaftiert worden sei, erwähnte
er sodann bereits bei der BzP und bestätigte dies an beiden Anhörungen
(vgl. A5 Ziff. 7.01; A16 F76 S. 13; A21 F3 ff.). Es ist sodann festzustellen,
E-1144/2018
Seite 22
dass sich gerade bei den diesbezüglichen Ausführungen einige Anhalts-
punkte für eine unvollständige Protokollierung ergeben (vgl. insbes. A21
F15, F144–148). Angesichts des hier massgebenden Beweismasstabs
dürfen gewisse Zweifel an einer Behauptung schliesslich bestehen bleiben,
da es ausreicht, wenn sie das Gericht bei einer Abwägung der Gesamtum-
stände als überwiegend wahr ansieht.
6.2.6 Im Rahmen dieser Gesamtabwägung ist festzustellen, dass ange-
sichts der Vielzahl der Realkennzeichen – welche oben im Übrigen noch
nicht abschliessend dargelegt worden sind – die für die Glaubhaftigkeit des
Beschwerdeführers sprechenden Elemente eindeutig überwiegen. Das
SEM unterliess es indessen, diese bei seiner Glaubhaftigkeitsprüfung zu
berücksichtigen und würdigte die wenigen, gegen die Glaubhaftigkeit spre-
chenden Punkte einseitig zu seinen Ungunsten. Die Argumente der Vor-
instanz vermögen dabei nicht zu überzeugen.
So erscheinen etwa die vom SEM dargelegten angeblichen Ungereimthei-
ten zum Verwandtschaftsverhältnis des Beschwerdeführers und seiner
Tante, gesamthaft betrachtet nicht wesentlich und sind angesichts des in
der Beschwerde Dargelegten erklärbar (vgl. ebd. S. 6 f.). Dass die
Vorinstanz nahelegt, aufgrund der fehlenden öffentlich zugänglichen Quel-
len bezüglich den geltend gemachten Luftangriffen, sei zu vermuten, dass
der Beschwerdeführer Ereignisse nach Belieben erfinde, ist ein unzulässi-
ger Schluss. Zum einen heisst der Umstand, dass das SEM bei seinen
Recherchen keine Belege für die vorgebrachten Ereignisse gefunden hat,
noch nicht, dass solche nicht stattgefunden haben, zumal davon ausge-
gangen werden muss, dass über den kriegerischen Konflikt in (...)somalia
nicht lückenlos berichtet wird. Zum anderen wurde bereits zuvor dargelegt,
dass sich das Bild, das sich aus den öffentlich zugänglichen Quellen ergibt,
in die Schilderungen des Beschwerdeführers einfügen lassen. Die dort dar-
gelegten für den Beschwerdeführer sprechenden Erkenntnisse, welche
zum Teil auch dem internen Länderconsulting zu entnehmen sind (vgl.
SEM-Akte A25), blieben vom SEM jedoch ungewürdigt. Auch die Erkennt-
nisse aus den Arztberichten stehen der Sachverhaltsschilderung des Be-
schwerdeführers sodann nicht entgegen, und es wird im Rechtsmittel zu
Recht darauf hingewiesen, dass der Umstand, wonach keine Metallsplitter
im Thorax des Beschwerdeführers gefunden worden sind, nicht gegen die
beschriebenen Schmerzen spricht. Es ist sodann richtig, dass der Arzt da-
rauf hinwies, dass die Entzündungen auf einen Ellbogenbruch in seinem
Heimatland zurückzuführen sein könnten (vgl. Beschwerde S. 7 f.; Arztbe-
richt vom 3. November 2016, a.a.O., S. 1). Es erübrigt sich auf die weiteren
E-1144/2018
Seite 23
Einwände des SEM einzugehen, da sie nicht geeignet sind, am Eindruck
der insgesamt glaubhaft gemachten Sachverhaltsdarstellung etwas zu än-
dern.
6.3 Im Ergebnis konnte der Beschwerdeführer demnach glaubhaft ma-
chen, dass er als Minderjähriger 2015 von behördlichen oder regierungs-
nahen Truppen zwangsrekrutiert wurde, um für den militärischen Kampf
gegen die Al-Shabaab ausgebildet zu werden. Im Rahmen der Ausbildung
wurde er durch Mitglieder der Al-Shabaab entführt und während dieser Ent-
führung Opfer massiver Gewalterfahrungen. Ebenfalls ist als überwiegend
glaubhaft zu erachten, dass er den Mitgliedern der Al-Shabaab Namen
somalischer Soldaten, welche dem (...)-Clan angehören, bekanntgab und
diese im Anschluss an die Entführung der Jugendlichen von diesen getötet
wurden. Bei dieser Sachlage ist auch das Vorbringen nachvollziehbar, dass
die entführten Jugendlichen, inklusive der Beschwerdeführer, behördlich
gesucht wurden. Aufgrund von durch ihn nicht beeinflussbaren Umständen
konnte der Beschwerdeführer vom Camp der Al-Shabaab fliehen und
schliesslich sein Heimatland verlassen.
7.
7.1 Nach dem Gesagten ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer aufgrund
des glaubhaft gemachten Sachverhaltes die Flüchtlingseigenschaft erfüllt.
7.2 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG und Art. 1A des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30), wenn sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in abseh-
barer Zukunft mit gutem Grund Nachteile von bestimmter Intensität be-
fürchten muss, die ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive
zugefügt zu werden drohen und vor denen sie keinen ausreichenden staat-
lichen Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f.; 2008/4 E. 5.2,
jeweils m.w.H.). Die fünf in Art. 3 Abs. 1 AsylG erwähnten Verfolgungsmo-
tive sind über die sprachlich allenfalls engere Bedeutung ihrer Begrifflich-
keit hinaus so zu verstehen, dass die Verfolgung wegen äusserer oder in-
nerer Merkmale, die untrennbar mit der Person oder Persönlichkeit des
Opfers verbunden sind, erfolgt ist beziehungsweise droht (vgl. BVGE
2014/27 E. 6.3). Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen
Schutzes setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem vo-
raus, dass die betroffene Person in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat kei-
nen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2;
2008/4 E. 5.2). Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft
E-1144/2018
Seite 24
ist die Situation im Zeitpunkt des Entscheids, wobei allerdings erlittene Ver-
folgung oder im Zeitpunkt der Ausreise bestehende begründete Furcht vor
Verfolgung auf andauernde Gefährdung hinweisen kann. Veränderungen
der Situation zwischen Ausreise und Asylentscheid sind zugunsten und zu-
lasten der asylsuchenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57
E. 2, 2010/9 E. 5.2, 2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.).
7.3 Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Würdigung der gesamten
Aktenlage und aufgrund des als glaubhaft zu erachtenden Sachverhalts
zum Schluss, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Soma-
lia einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung ausgesetzt wäre.
7.3.1 Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Zwangsrekrutierung von
minderjährigen Personen im humanitären Völkerrecht grundsätzlich verbo-
ten ist. Die Rekrutierung von Kindern unter 15 Jahren stellt ein Kriegsver-
brechen dar und wird im Rahmen des Universalitätsprinzips auch in der
Schweiz strafrechtlich verfolgt, selbst wenn die Tat im Ausland begangen
wurde (vgl. Art. 2 Fakultativprotokoll zur KRK; Art. 8 Abs. 2 Bst. b xxvi und
Bst. e vii Römer Statut des Internationalen Strafgerichtshofs vom 17. Juli
1998, SR 0.312.1; Art. 264f i.V.m. Art. 264m StGB). Eine gegen den Willen
eines minderjährigen Jugendlichen erfolgte Einziehung ins Militär und
seine Ausbildung zur Teilnahme an Kampfhandlungen kann demnach per
se keine staatlich legitimierte Massnahme darstellen (vgl. CHRISTA LUTER-
BACHER, Die flüchtlingsrechtliche Behandlung von Dienstverweigerung und
Desertion, 2004, S. 61 ff.).
Die behördliche Zwangsrekrutierung des damals knapp 15-jährigen Be-
schwerdeführers und dessen Aussetzung in einer kriegerischen Situation
erfüllen die geforderte Intensität der ernsthaften Nachteile im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG demnach genauso wie die im Rahmen der Entführung
durch die Al-Shabaab erlebten Misshandlungen.
7.3.2 Betreffend das flüchtlingsrechtlich relevante Motiv ist Folgendes fest-
zustellen: Der Beschwerdeführer deutet in seinem Sachverhaltsvorhalt da-
rauf hin, dass seine Rekrutierung insbesondere auf seinen Beruf als
Schuhputzer beziehungsweise seiner Zugehörigkeit zum als minderwertig
angesehenen (...)-Clan zurückzuführen ist (vgl. A21 F28, F30, F32). Zwar
fokussieren sich viele der öffentlich zugänglichen Quellen auf Zwangsrek-
rutierungen durch die radikal islamische Al-Shabaab, die dortigen Erkennt-
nisse lassen aber auch Rückschlüsse auf die Rekrutierungsprofile der Re-
gierungstruppen und regierungsnahen Milizen zu. Aufgrund dieser Quellen
E-1144/2018
Seite 25
ist zu schliessen, dass Ziel von Zwangsrekrutierungen von Jugendlichen
vor allem marginalisierte Gesellschaftsschichten betreffen (vgl. insb. Hu-
man Rights Watch, It’s Like We’re Always in a Prison: Abuses Against Boys
Accused of National Security Offenses in Somalia, 21. Februar
2018, https://www.hrw.org/sites/default/files/report_pdf/somalia0218_
web.pdf, S. 15 f.; in Bezug auf die Heimatregion des Beschwerdeführers
vgl. REACH, Somalia: Joint Multi Cluster Needs Assessment – Initial Find-
ings, September 2018, https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/re-
sources/reach_som_initial_findings_report_joint_multi_ cluster_needs_as-
sessment_2018.pdf, S.6). Es war demnach kein Zufall, dass der Beschwer-
deführer als Schuhputzer und Angehöriger einer Minderheitengruppe Op-
fer der behördlichen Zwangsrekrutierung wurde. Diese war vielmehr gezielt
und hing mit Merkmalen zusammen, die mit seiner Persönlichkeit untrenn-
bar verbunden sind. Die Verfolgungssituation wird durch die Tötung von
Soldaten, welche dem in der Region vorherrschenden (...)-Clans angehö-
ren, um eine ethnische Komponente erweitert. Was die Entführung durch
die Al-Shabaab betrifft, deren Ziel die Errichtung eines islamischen Staates
in Somalia ist (vgl. BVGE 2013/27 E. 8.5.2), so ist das Motiv religiös bezie-
hungsweise politisch bedingt.
7.3.3 Anders als die behördliche Zwangsrekrutierung, sind die zugefügten
Nachteile durch die Al-Shabaab, welche in der Heimatregion des Be-
schwerdeführers nicht mehr die faktischen Kontrolle ausüben, nicht-
staatlicher Natur. Aufgrund des jahrlangen Bürgerkriegs finden sich in So-
malia keine funktionierenden behördlichen Strukturen vor und zumal ge-
wisse Teile (...)somalias weiterhin von der Al-Shabaab beherrscht werden,
kann bei einer Verfolgung durch die islamische Miliz nicht ohne Weiteres
vom Schutz der Behörden ausgegangen werden (vgl. BVGE 2014/27
E. 5.2 f.; 2013/27 insbes. E. 8.5.5; Hochkommissariat der Vereinten Natio-
nen für Flüchtlinge, UNHCR Position on Return to Southern and Central
Somalia, Mai 2016, abzurufen unter: https://www.unhcr.org/ke/wp-con-
tent/uploads/sites/2/2016/05/UNHCR-Somalia-Returns-Advisory-May-201
62.pdf, 21.4.202, S. 2 ff.).
Der Beschwerdeführer ist als Angehöriger einer Minderheitengruppe nicht
nur nicht durch einen Mehrheits-Clan geschützt; vielmehr dürfte ihm dieser
aufgrund der Bekanntgabe der Namen von Soldaten des Mehrheits-Clans
und der daraufhin erfolgten Tötung dieser Männer feindlich gesinnt sein.
Auch angesichts des fluchtbedingten Entzugs aus der militärischen Ausbil-
dung kann er einen solchen Schutz nicht erwarten. Eine zumutbare inner-
staatliche Schutzalternative in einem anderen Landesteil Somalias kommt
E-1144/2018
Seite 26
bereits deshalb nicht in Betracht, weil das SEM die Wegweisung nach So-
malia als grundsätzlich unzumutbar qualifiziert (und den Beschwerdeführer
vorläufig in der Schweiz aufgenommen hat). Schliesslich war die Verfol-
gung im Zeitpunkt der Landesflucht noch aktuell.
7.4 Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer So-
malia aufgrund einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung verlassen
hat. Damit erfüllte er im Zeitpunkt seiner Flucht die Flüchtlingseigenschaft.
7.5 Praxisgemäss besteht die Regelvermutung, dass von erlittener, mit der
Ausreise in Kausalzusammenhang stehender Vorverfolgung ohne Weite-
res auf das Bestehen einer begründeten Furcht vor weiterer, zukünftiger
Verfolgung zu schliessen ist (vgl. BVGE 2009/51 E. 4.2.5 m.w.H.; WALTER
KÄLIN, Grundriss des Asylverfahrens, 1990, S. 126 ff.). Vorliegend besteht
kein Grund, von dieser Regelvermutung abzuweichen.
7.6 Nach Würdigung der gesamten Aktenlage bleibt festzustellen, dass der
Beschwerdeführer die Voraussetzungen für die Zuerkennung der originä-
ren Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Da den Akten
keinerlei Anhaltspunkte zu entnehmen sind, die auf das Vorliegen von Aus-
schlussgründen im Sinne von Art. 53 AsylG hindeuten würden, ist ihm in
der Schweiz Asyl zu gewähren (vgl. Art. 49 AsylG). Die Rüge der Verlet-
zung von Bundesrecht erweist sich damit als berechtigt. Die Beschwerde
ist gutzuheissen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. In ihrer Kos-
tennote vom 9. Mai 2018 weist die Rechtsvertreterin einen Betrag von ins-
gesamt mehr als Fr. 3'700.– aus. Die dort aufgeführte Spesenpauschale
von Fr. 50.– ist vom Gericht nicht zu entschädigen, zumal keine besonde-
ren Verhältnisse vorliegen (Art. 11 Abs. 1 und 3 VGKE). Auch erscheint der
ausgewiesene Zeitaufwand von insgesamt 19 Stunden nicht vollumfäng-
lich angemessen und ist auf 14 Stunden zu kürzen. Damit ist die Parteient-
schädigung aufgrund der Bemessungsgrundsätze nach Art. 7 ff. VGKE auf
E-1144/2018
Seite 27
insgesamt Fr. 2714.– (inkl. Mehrwertsteueranteil) festzusetzen und dem
Beschwerdeführer durch das SEM auszurichten ist.
(Dispositiv nächste Seite)
E-1144/2018
Seite 28