Decision ID: f622bab8-2dff-5a13-b3ae-c3301c7d5024
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die aus Kinshasa stammende Beschwerdeführerin verliess den Hei-
matstaat gemäss ihren Angaben am (...). April 2018 mit ihrem Reisepass
und einem für B._ gültigen Visum. Tags darauf sei sie auf dem Luft-
weg nach C._/Italien und von dort herkommend am 3. Mai 2018 in
die Schweiz gelangt. Am Tag ihrer Einreise stellte die Beschwerdeführerin
im Empfangs- und Verfahrenszentrum D._ ein Asylgesuch. Das
SEM führte am 9. Mai 2018 die Befragung zur Person durch (BzP, Protokoll
A9/15).
A.b Am 30. Mai 2018 teilte das SEM der Beschwerdeführerin mit, das zu-
vor angehobene Dublin-Verfahren werde aufgrund der aktuell sich darstel-
lenden Aktenlage beendet und es werde das nationale Asyl- und Wegwei-
sungsverfahren durchgeführt.
A.c Am 3. September 2020 wurde die Beschwerdeführerin vertieft zu ihren
Asylgründen angehört (Protokoll A33/27). Zur Begründung ihres Asyl-
gesuchs machte sie im Wesentlichen das Folgende geltend:
Sie habe mit ihrer Mutter, ihren (...) Geschwistern und ihren (...) Kindern
stets in Kinshasa gelebt. Sie sei eine Kämpferin in dem Sinn gewesen,
dass sie sich für die Freiheit des Heimatlandes eingesetzt habe. Sie habe
dabei seit dem 5. Januar 2018 an Demonstrationen teilgenommen. Auch
am 25. Januar 2018 sei sie an einer solchen Demonstration gewesen. Als
Soldaten die Kundgebung angegriffen hätten, habe sie sich in einer Kirche
versteckt, jedoch seien die Soldaten in das Gotteshaus gekommen und
hätten die Anwesenden festgenommen. Es seien Schüsse gefallen, und es
habe Tote gegeben. Die Beschwerdeführerin sei mit anderen Frauen in ein
Gefängnis überführt und in eine Zelle eingesperrt worden. In der Folge
seien die Frauen und auch sie selber wiederholt von den Gefängniswärtern
vergewaltigt worden. Während ihrer Haft habe sie zudem vom Ableben des
Aktivisten Rossy Mukendi erfahren. Nach zwei oder drei Monaten, am
(...). April 2018, hätten die Gefängniswärter ihr ein Stück Stoff über den
Kopf gestülpt und sie hinausgeführt. Auf Nachfrage sei ihr gesagt worden,
ihre Mutter respektive Ordensschwestern hätten ihre Freilassung veran-
lasst. Sie sei in der Folge mit einem Auto zu den Ordensschwestern ge-
bracht worden, die auch ihre Ausreise organisiert hätten.
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A.d Zum Beleg ihrer Identität reichte die Beschwerdeführerin eine Wähler-
karte (Ausstelldatum: [...] 2014) zu den Akten. Sie reichte auch zwei ärztli-
che Schreiben vom 8. und 15. September 2020 ein, die ein Schilddrüsen-
problem und die entsprechende Medikation beschrieben und bestätigten,
die Beschwerdeführerin sei wegen einer Posttraumatischen Belastungs-
störung (PTBS) in Behandlung.
B.
Mit (am 9. November 2020 eröffneter) Verfügung vom 30. Oktober 2020
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete den Vollzug an.
C.
C.a Mit Eingabe des Rechtsvertreters vom 9. Dezember 2020 reichte die
Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht eine Beschwerde
gegen diesen Entscheid ein. Sie beantragte die Aufhebung der Verfügung
des SEM, die Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung
von Asyl; eventualiter sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung
unzulässig, unzumutbar und/oder unmöglich sei und sie sei vorläufig auf-
zunehmen; subeventualiter sei die Angelegenheit zur Neubeurteilung
zurückzuweisen.
C.b In prozessualer Hinsicht liess die Beschwerdeführerin um Gewährung
der unentgeltlichen Rechtspflege und um Beiordnung des bevollmächtig-
ten Rechtsvertreters als unentgeltlicher Rechtsbeistand ersuchen.
C.c Mit der Beschwerdeschrift wurde ein Verlaufsbericht der behandelnden
Psychotherapeutin vom 26. November 2020 eingereicht und auf den sich
bereits in den erstinstanzlichen Akten befindlichen Arztbericht (...) AG vom
15. September 2020 hingewiesen. Weiter wurde ein Bestätigungsschrei-
ben "Témoignage" vom 23. November 2020 (Original), ein Bericht "Amne-
sty International, Jahresbericht 2017/2018, Auszug: Demokratische Re-
publik Kongo" und ein Bericht "Amnesty International, Dismissed! Victimes
of 2015-2018 Brutal crackdowns in the Democratic Republic of Congo de-
nied justice" zu den Beschwerdeakten gereicht.
E-6232/2020
Seite 4
D.
Am 22. Dezember 2020 stellte der Instruktionsrichter fest, die Beschwer-
deführerin dürfe den Ausgang des Beschwerdeverfahrens in der Schweiz
abwarten. Er hiess die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und um Beigabe einer amtlichen Rechtsverbeiständung gut,
setzte Rechtsanwalt Andreas Bänziger antragsgemäss als amtlichen
Rechtsbeistand ein und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz zum Einreichen einer Ver-
nehmlassung innert Frist eingeladen.
E.
E.a Die Vorinstanz reichte ihre Vernehmlassung am 6. Januar 2021 zu den
Beschwerdeakten.
E.b Diese Vernehmlassung wurde der Beschwerdeführerin am 12. Januar
2021 unter Ansetzen einer Frist zur Replik zur Kenntnis gebracht.
E.c Die Beschwerdeführerin liess am 22. Januar 2021 ihre Stellungnahme
zu den Akten reichen. Unter anderem wurde dabei der bereits in der Be-
schwerde formulierte Antrag auf Einholen eines medizinischen Gutachtens
betreffend die psychische Gesundheit der Beschwerdeführerin wiederholt
sowie darum ersucht, zu gegebener Zeit eine Kostennote des Rechtsbei-
stands einzuholen.
F.
Mit Schreiben 16. April 2021 beantwortete der Instruktionsrichter ein Ge-
such um beförderliche Behandlung des Verfahrens und um Bekanntgabe
des Verfahrensstands.
G.
Am 19. April 2021 reichte der amtliche Rechtsbeistand seine Kostennote
zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
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Seite 5
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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Seite 6
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz begründete die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft
wie folgt.
4.1.1 Die Beschwerdeführerin sei nicht in der Lage gewesen, die Gründe
ihrer angeblichen Probleme und der daraus resultierenden Verfolgung an-
zugeben. Ausser der Behauptung, am 25. Januar 2018 an einer Demons-
tration teilgenommen und dabei festgenommen und ins Gefängnis ge-
bracht worden zu sein, habe sie keine konkreten Anhaltspunkte für eine
Verfolgung genannt. Dabei sei die Beschreibung dieser Demonstrations-
teilnahme mit dem Angriff der Soldaten und ihrer Flucht in die Kirche, wo
sie mit anderen Frauen festgenommen worden sei, vage ausgefallen. Sie
habe nur plakativ schildern können, was sich in der Kirche abgespielt habe
und wie es genau zu ihrer Verhaftung gekommen sei. Auch die Haftzeit
oder die Entlassung habe sie nicht detailliert beschreiben können. Die dies-
bezüglichen Aussagen seien rudimentär und würden eine persönliche
lnvolvierung vermissen lassen. Trotz mehrerer diesbezüglicher Fragen
seien ihre Aussagen allgemein geblieben. Sodann habe sie sich in Wider-
sprüche verstrickt. Bei der direkten Bundesanhörung habe sie angegeben,
in die Kirche (...) in E._, Kinshasa, die auch (...) genannt werde,
geflüchtet zu sein. Bei der BzP habe sie gesagt, die Kirche heisse (...).
Sodann sei die Haftdauer unterschiedlich angegeben worden. Bei der di-
rekten Bundesanhörung habe sie von drei Monaten, bei der BzP von zwei
Monaten Gefängnisaufenthalt gesprochen. Bei diesen wesentlichen Ele-
menten hätte eine einheitliche Darstellung erwartet werden dürfen. Sodann
seien die Angaben zu den Ereignissen rund um die Flucht aus dem Ge-
fängnis unsubstanziiert und widersprüchlich ausgefallen. Gemäss Anhö-
rung habe die Beschwerdeführerin das Gefängnis dank der Intervention
ihrer Mutter verlassen können. Gemäss BzP hätten Ordensschwestern ih-
ren Namen auf einer Liste gesehen und so erfahren, dass sie im Gefängnis
sei; daraufhin hätten diese Nonnen ihre Freilassung aus dem Gefängnis
und die Ausreise organisiert.
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Seite 7
4.1.2 Auch bezüglich Rossy Mukendi habe sie sich in Ungereimtheiten
verstrickt. In der BzP habe sie angegeben, in der Kirche habe ein Gedenk-
gottesdienst für diesen stattgefunden, als die Soldaten gekommen seien.
Demgegenüber habe sie bei der Anhörung vorgebracht, mit diesem am
25. Januar 2018 an der Demonstration teilgenommen zu haben; dabei sei
sie verhaftet und Rossy Mukendi verletzt worden und in der Folge gestor-
ben. Rossy Mukendi Tshimanga sei in der Tat ein bekannter Aktivist. Dieser
sei gemäss öffentlichen Quellen anlässlich eines Protestmarschs vom
25. Februar 2018 getötet worden.
4.1.3 Gesamthaft habe die Beschwerdeführerin ihre Ausreisegründe nicht
glaubhaft darstellen können. Auch unter Berücksichtigung der Tatsache,
dass sie unter anderem an einer PTBS leide, hätte erwartet werden dürfen,
dass sie, hätte sie ihre Asylgründe tatsächlich in der dargestellten Form
erlebt, diese detailliert und im Wesentlichen widerspruchsfrei wiedergeben
könnte.
5.
In der Beschwerde wird der Sachverhalt kurz dargelegt und Folgendes gel-
tend gemacht:
5.1 Die Beschwerdeführerin habe während der mehrmonatigen willkürli-
chen Inhaftierung wiederholt massive körperliche und sexuelle Gewalt er-
fahren müssen. Sie leide seither an einer PTBS. Bei ihrer Ankunft in der
Schweiz sei sie ein physisches und psychisches Wrack und völlig verängs-
tigt gewesen; die erste summarische Befragung, die bereits einige Tage
nach der Einreise durchgeführt worden sei, sei entsprechend ausgefallen.
Die Beschwerdeführerin habe sich äussert unzusammenhängend geäus-
sert und sich von einem Abschnitt zum nächsten widersprochen. Sie könne
Ereignisse teilweise nicht einordnen. Sie sei bei der BzP mehrfach auf ihre
Mitwirkungspflicht aufmerksam gemacht und zu Antworten auf Fragen ge-
drängt worden, die sie damals wegen ihres gesundheitlichen Zustandes
gar nicht korrekt habe beantworten können. Die Ausführungen der Be-
schwerdeführerin in dieser ersten "Kurzbefragung" – die in Wirklichkeit drei
Stunden gedauert habe – seien in weiten Teilen ungenau, missverständlich
und falsch, was einzig auf den damaligen gesundheitlichen Zustand der
Beschwerdeführerin zurückzuführen sei. In diesem Zusammenhang werde
auf den aktenkundigen psychotherapeutischen Arztbericht der (...) AG vom
15. September 2020 verwiesen und ein Verlaufsbericht vom 26. November
2020, von der behandelnden Psychotherapeutin auf spezifische Fragen hin
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erstellt, zu den Akten gereicht. Es werde ersichtlich, dass die Beschwerde-
führerin sich seit dem 25. Juni 2019 in psychotherapeutischer
Behandlung bei der (...) AG befinde. Die anfänglich deutlichen Symptome
einer PTBS hätten sich im Behandlungsverlauf gebessert, mit dem Erlass
der angefochtenen Verfügung seien sie jedoch wieder deutlich verstärkt
worden. Auch werde festgehalten, dass zur erfolgreichen Behandlung ei-
ner PTBS ein sicheres Umfeld unabdingbare Voraussetzung sei. Die Be-
schwerdeführerin sehe sich aufgrund des Erlebten in ihrem Heimatland
nach wie vor bedroht, weshalb ihre Krankheit dort nicht erfolgreich behan-
delt werden könne und im Fall einer Rückkehr mit einer Retraumatisierung
zu rechnen sei.
5.1.1 Entgegen der Auffassung des SEM habe die Beschwerdeführerin
über mehrere Protokoll-Seiten Fragen zu ihrer Festnahme, ihrer Haft und
ihrer Tortur eingehend und nachvollziehbar beantwortet. Dass die Be-
schwerdeführerin eine persönliche lnvolvierung habe vermissen lassen,
treffe schlicht nicht zu. Die Beschwerdeführerin habe die besagte Kirche in
E._, Kinshasa, kontaktieren können und um eine Bestätigung ihrer
dortigen Festnahme gebeten. In dieser Zeugenbestätigung vom 23. No-
vember 2020 bestätige Père F._, dass die Beschwerdeführerin am
25. Januar 2018 in der Kirche festgenommen worden sei. Die Beschwer-
deführerin sei eine gläubige Christin und kenne Père F._ persön-
lich. Sie habe oft in der besagten Kirche gebetet, habe dort Gottesdienste
besucht und sei auch als Freiwillige dort tätig gewesen. Damit und im Kon-
text der Ereignisse in Kinshasa im Zeitraum Januar und Februar 2018
seien die Angaben der Beschwerdeführerin zu ihrer Festnahme nach einer
Demonstrationsteilnahme gegen den damaligen Präsidenten Kabila durch-
wegs glaubwürdig.
5.1.2 Die Beschwerdeführerin könne keine direkten Beweise zu dem vor-
legen, was ihr nach ihrer Inhaftierung widerfahren sei. Im Kontext der da-
maligen Ereignisse und dem dannzumal rechtlosen Zustand in Kinshasa
seien ihre Ausführungen jedoch nachvollziehbar und glaubwürdig. Es sei
damals unter anderem zu unverhältnismässiger Gewaltanwendung durch
die Sicherheitskräfte mit Tötungen, Vergewaltigungen und willkürlichen In-
haftierungen gekommen, dies sei dem beigelegten Jahresbericht 2017/
2018 von Amnesty International betreffend die Demokratische Republik
Kongo zu entnehmen. Zudem habe die Beschwerdeführerin aufgrund der
PTBS ein Vermeidungsverhalten an den Tag gelegt und versucht, sich
möglichst wenig mit dem Erlebten zu konfrontieren. Seit den Übergriffen
leide sie zudem unter massiven Konzentrationsstörungen.
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5.1.3 Es treffe zwar zu, dass in der ersten Anhörung protokolliert worden
sei, die Beschwerdeführerin sei in die Kirche (...) geflüchtet, während sie
in der Bundesanhörung angegeben habe, in die Kirche (...) in E._,
Kinshasa, geflüchtet zu sein. Nach den obigen Ausführungen könne jedoch
nicht respektive nur unter Vorbehalt auf die Angaben in der Kurzbefragung
abgestellt werden; die Angaben während der Anhörung seien richtig. Dazu
sei auf die eingereichte Zeugenbescheinigung der Kirche zu verweisen.
Die phonetische Nähe von "(...)" und "(...)" deute zudem darauf hin, dass
es bei der BzP zu einem Missverständnis gekommen sei. Dieser angebli-
che Widerspruch schade jedenfalls der Glaubwürdigkeit der Beschwerde-
führerin nicht.
5.1.4 Auch die Angaben zur Haft seien unterschiedlich ausgefallen. Bereits
bei der BzP habe die Beschwerdeführerin dazu unterschiedliche Angaben
gemacht, was jedoch völlig irrelevant sei, zumal sie in beiden Befragungen
angegeben habe, am 25. Januar 2018 verhaftet und am 26. April 2018
"entlassen" worden zu sein.
5.1.5 Soweit das SEM Ungereimtheiten bei der geschilderten Entlassung
aus der Haft sehe, sei erneut festzuhalten, dass auf die Angaben der Be-
schwerdeführerin in der Kurzbefragung nicht abgestellt werden könne. Ihre
Angaben in der Anhörung seien zutreffend. Der Beschwerdeführerin sei
nicht bekannt, wie genau ihre Flucht aus dem Gefängnis organisiert wor-
den sei und sie gehe davon aus, dass sich ihre Mutter an die Kirche ge-
wandt und ihre Flucht auch finanziert habe. Die Beschwerdeführerin kenne
die Personen, die sie aus dem Gefängnis abgeholt hätten, ebensowenig
wie die Ordensschwestern, mit denen sie, selbst als Nonne verkleidet,
nach Italien gereist sei. Dass die katholische Kirche in derlei Aktionen in-
volviert sei erscheine durchaus plausibel, nachdem die Kirche massgeblich
an den gegen das Regime geführten Demonstrationen beteiligt gewesen
sei. Ausserdem sei der Beschwerdeführerin bei der BzP eine Passagier-
liste gezeigt worden, aus der ihre Reise mit einer Gruppe von Ordens-
schwestern nach Italien ersichtlich gewesen sei; allerdings sei diese Liste
oder auch nur ein Hinweis darauf in den Akten des SEM nicht zu finden.
Dazu sei die damalige Sachbearbeiterin des BzP um schriftliche Auskunft
zu ersuchen.
5.1.6 Die Angaben der Beschwerdeführerin, wonach am 25. Januar 2018
ein Gedenkgottesdienst für Herrn Rossy Mukendi Tshimanga abgehalten
worden sei, seien entsprechend ihres Gesundheitszustandes anlässlich
der ersten Befragung wirr ausgefallen. So habe sie in derselben Befragung
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auch angegeben, dass Rossy Mukendi Tshimanga am 25. Januar 2018 er-
schossen worden sei, während dies tatsächlich am 25. Februar 2018 ge-
schehen sei. Auch hier sei allein auf die Angaben der Beschwerdeführerin
in der Anhörung abzustellen, wonach sie an einer unter anderem von
Rossy Mukendi Tshimanga organisierten Demonstration teilgenommen
und erst im Gefängnis erfahren habe, dass dieser umgebracht worden sei.
5.1.7 Zusammenfassend seien die Ausführungen der Beschwerdeführerin
insbesondere in Anbetracht der bekannten damaligen Situation vor Ort und
der bei der Beschwerdeführerin diagnostizierten PTBS als glaubwürdig zu
taxieren.
5.2 Die Beschwerdegegnerin habe die Kriterien der Flüchtlingseigenschaft
vorliegend nicht geprüft. Die Beschwerdeführerin habe staatliche Verfol-
gung durch die Sicherheitskräfte erlitten. Die Verfolgung von Oppositionel-
len im relevanten Zeitraum sei sehr gut dokumentiert. Die Beschwerdefüh-
rerin sei staatlich gezielt verfolgt worden, weil sie sich politisch engagiert
habe. Es handle sich um eine illegitime Verfolgungshandlung, da die Be-
schwerdeführerin nichts weiter getan habe, als sich an einer friedlichen
Protestkundgebung gegen das Regime des vormaligen Präsidenten Kabila
zu beteiligen. Dafür sei sie ohne Gerichtsbeschluss drei Monate willkürlich
inhaftiert und in der Folge Opfer namentlich von Folter und Vergewaltigung
geworden. Dies stelle gleichzeitig eine geschlechtsspezifische Verfolgung
dar und das Merkmal der Intensität der Verfolgung sei unzweifelhaft erfüllt.
Zwischen der Verfolgungshandlung und der Flucht bestehe sodann sowohl
ein zeitlicher als auch ein sachlicher Kausalzusammenhang. Die Be-
schwerdeführerin sei nach der "Entlassung" aus dem Gefängnis umge-
hend ausgereist. Eine inländische Fluchtalternative existiere nicht. Insge-
samt erfülle sie die Flüchtlingseigenschaft und es sei ihr Asyl in der
Schweiz zu gewähren.
6.
6.1 Im Rechtsmittel wird prominent ausgeführt, das anlässlich der BzP er-
stellte Protokoll (Protokoll A9/15) respektive die sich daraus ergebenden
Widersprüche seien für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen
nicht verwertbar. Bei ihrer Ankunft in der Schweiz sei die Beschwerdefüh-
rerin ein physisches und psychisches Wrack und völlig verängstigt gewe-
sen. Diese erste Befragung habe zudem bereits einige Tage nach der Ein-
reise stattgefunden und sei entsprechend ausgefallen. Die Beschwerde-
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Seite 11
führerin habe sich unzusammenhängend geäussert, sich von einem Ab-
schnitt zum nächsten widersprochen und habe Ereignisse nicht einordnen
können.
6.2 Es trifft zu, dass diese erste Befragung gut eine Woche nach der An-
kunft der Beschwerdeführerin in der Schweiz durchgeführt worden ist.
Auch trifft zu, dass diese erste Befragung (inkl. Pause und Rücküberset-
zung) immerhin drei Stunden gedauert hat.
6.3 Hauptzweck der ersten Befragung nach Stellen eines Asylgesuchs ist
es, die Personalien, Familiensituation, Reisepapiere und -wege der jewei-
ligen Person zu erfassen. Die Abklärung der Flüchtlingseigenschaft wird
demgegenüber in der ersten Befragung erst summarisch vorgenommen.
Dies wirkt sich namentlich bei der Prüfung der Glaubhaftigkeit von Asylvor-
bringen dahingehend aus, als sich ein entscheidrelevanter Widerspruch
gemäss konstanter Praxis nur dann bejahen lässt, wenn Aussagen im sum-
marischen Befragungsprotokoll von den an der darauffolgenden eingehen-
den Anhörung protokollierten Vorbringen diametral abweichen, oder wenn
bestimmte Ereignisse oder Befürchtungen, die später als zentral genannt
werden nicht bereits mindestens ansatzweise in der Erstbefragung zur Er-
wähnung gelangen (vgl. bereits Entscheidungen und Mitteilungen der
früheren Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1993 Nr. 3).
6.4 Zur Darstellung im Rechtsmittel, die Beschwerdeführerin habe sich bei
der Erstbefragung unzusammenhängend geäussert, sich von einem Ab-
schnitt zum nächsten widersprochen und sie habe die Ereignisse nicht ein-
ordnen können, ist Folgendes festzuhalten:
6.4.1 Es fällt auf, dass die Beschwerdeführerin namentlich zu den Fragen
betreffend ihre Identität und nach dem Reisepass und dem erkannten Vi-
sum für B._ jeweils ausweichend antwortete und deshalb, um na-
mentlich dem Anspruch auf eine korrekte Sachverhaltserhebung gerecht
zu werden, entsprechende Nachfragen gestellt werden mussten. Dass die
Beschwerdeführerin auf ihre Mitwirkungspflichten hingewiesen worden ist,
erfolgte nicht zuletzt in ihrem Interesse. Dadurch hatte sie die Möglichkeit,
ihre Antworten zu konkretisieren und allfällige Missverständnisse aufzu-
klären. In diesem gesamten Fragen- und Antwortkomplex sind dabei keine
Hinweise darauf zu entnehmen, die Beschwerdeführerin habe sich im
Zustand einer psychischen Desorientierung befunden, die ihr die Beant-
wortung dieser und der weiteren Fragen grundsätzlich nicht erlaubt hätte.
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Seite 12
6.4.2 Auch im Protokollabschnitt zu den Ausreisegründen sind den Schil-
derungen der Beschwerdeführerin keine Hinweise auf Verständigungs-
probleme oder auf einen traumatisch bedingten Verdrängungsmechanis-
mus zu entnehmen (vgl. Protokoll A9/15 F/A 7.01 und 7.02). So hat sie ihre
Ausreisegründe geschildert und unter anderem von sich aus im Gefängnis
vorkommende Vergewaltigungen angesprochen und erklärt, sie habe sol-
che auch erlebt. Eine vertiefte Befragung namentlich zum genannten Ge-
fängnisaufenthalt und den vorangegangenen Vorfällen fand in dieser ers-
ten Befragung – dem Zweck der BzP entsprechend (vgl. oben E. 6.3) –
noch gar nicht statt. In diesem Sinn ist mit Bezug auf dieses erste Protokoll
auch nicht bereits von einem traumatisch bedingten Vermeidungsverhalten
zu sprechen, das geeignet wäre, sämtliche protokollierten Aussagen zu re-
lativieren. Sodann hat die Beschwerdeführerin auf die Frage nach ihrem
Gesundheitszustand angeführt, sie habe ein Problem mit der Schilddrüse
und nehme deswegen täglich Tabletten ein; damit einhergehend tendiere
sie zur Gewichtsabnahme. Auch diese Antworten zeigen, dass sie die Fra-
gen verstehen konnte. Im Weiteren machte sie keine Andeutungen, die auf
psychische Probleme, auf Schwierigkeiten in der Konzentration oder im
Auffassungsvermögen hingewiesen hätten. Solche (erfahrungsgemäss in
aller Regel deutlich feststellbaren) Auffälligkeiten wurden offensichtlich
auch nicht von Seiten der Befragerin vermerkt.
6.4.3 Schliesslich ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin zweimal
– zu Beginn und am Ende dieser ersten Befragung – bestätigte, den Dol-
metscher "perfettamente" zu verstehen (vgl. a.a.O. S. 2 und S. 12). Am
Ende der Befragung stellte sie nach der Rückübersetzung unterschriftlich
fest, das Niedergeschriebene entspreche der Wahrheit und stimme mit
ihren Angaben überein sowie das Protokoll sei ihr in ihre Muttersprache
übersetzt worden.
6.5 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass das bei der ersten Befra-
gung erstellte Protokoll in einer der Situation angepassten und sachlichen
Weise erstellt worden ist. Das dabei erkennbare Aussageverhalten der Be-
schwerdeführerin lässt die Schlussfolgerung zu, dass sie durchaus in der
Lage gewesen ist, die gestellten Fragen zu verstehen und zu beantworten.
Insgesamt kann daher die Niederschrift dieser Befragung vom 9. Mai 2018
als vollwertiger Teil des ermittelten Sachverhalts beurteilt und in die nach-
folgend durchzuführende Glaubhaftigkeitsprüfung einbezogen und verwer-
tet werden. Für die eventualiter beantragte Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz besteht keine Veranlassung.
E-6232/2020
Seite 13
7.
7.1 Nach den vorstehenden Erwägungen und nach Durchsicht der Akten
schliesst sich das Bundesverwaltungsgericht den vorinstanzlichen Ausfüh-
rungen in Bezug auf die Glaubhaftigkeit der Vorbringen an:
7.1.1 In der BzP führte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen aus, sie
sei am 25. Januar 2018 verhaftet worden; sie sei zwei Monate im Gefäng-
nis gewesen und danach sofort – was eine Ausreise im März 2018 bedeu-
ten würde – respektive am (...). April 2018 (vgl. Protokoll A9/15 F/A 2.01,
5.01, 5.02) über den Flughafen G._ ausgereist. Sie sei eine Kämp-
ferin in dem Sinn gewesen, dass sie sich auf gewaltfreie Weise für die
Freiheit, für ihr Land und für ihr Volk eingesetzt habe. Sie gab weiter an, an
insgesamt sechs Demonstrationen teilgenommen zu haben. Sodann
sprach sie von einem Herrn Rossy Mukendi, der als Gegner des amtieren-
den Präsidenten und als einer der Anführer der "Partei der Kämpfer" solche
Demonstrationen organsiert habe. Dieser sei am 25. Januar 2018 in der
Kirche erschossen worden. Sie führte weiter aus, es sei zu einem Vorfall
gekommen, als für den getöteten Aktivisten Rossy Mukendi in der Kirche
eine Gedenkfeier abgehalten worden sei. Die Polizei sei in die Kirche ge-
kommen und habe alle – auch die Beschwerdeführerin – verhaftet und ins
Gefängnis gebracht. Ort des Geschehens sei die Kirche (...) in E._
gewesen. Im Gefängnis seien die Frauen oft vergewaltigt worden, auch sie
sei mehrfach vergewaltigt worden. Sie habe insofern Glück gehabt, als sie
in der Kirche früher unentgeltlich geholfen habe und die Nonnen von ihrem
Gefängnisaufenthalt gewusst hätten, da diese ihren Namen auf der Liste
der Gefängnisinsassinnen gesehen hätten. Sie habe mit den Nonnen re-
den können und diese über die Misshandlungen – unter denen besonders
die Frauen im Gefängnis zu leiden gehabt hätten – informiert. Die Ordens-
schwestern hätten sich daraufhin für ihre Freilassung eingesetzt (vgl.
a.a.O. F/A 7.01 in fine: "Hanno quindi chiesto di parlare con me, sono en-
trate e abbiamo parlato, e alla fine hanno deciso di aiutarmi e farmi uscire
da questa struttura.").
7.1.2 Anlässlich der vertieften Anhörung führte die Beschwerdeführerin
aus, am 25. Januar 2018 an einer Demonstration teilgenommen zu haben.
Es seien Polizeibeamte, Soldaten dort gewesen und hätten auf die Leute
eingeschlagen, auch Rossy sei verletzt worden. Sie sei in die Kirche ge-
rannt. Dennoch sei sie dort mit vielen anderen verhaftet worden. Ort des
Geschehens sei die Kirche (...) in E._, auch (...) genannt, gewesen.
Sie sei im Gefängnis geschlagen und mehrmals vergewaltigt worden und
die Haftbedingungen seien sehr schlecht gewesen (vgl. Protokoll Anhörung
E-6232/2020
Seite 14
A33/27 F/A 80 ff.). Sie habe keinen Kontakt zur Aussenwelt gehabt, Be-
such habe sie nie empfangen (vgl. a.a.O. F/A 128/131). Sie sei drei Monate
im Gefängnis gewesen (vgl. a.a.O. F/A 179/112). Eines Tages sei ihr ein
Tuch über den Kopf gestülpt und es sei ihr gesagt worden, die Mutter habe
sie (die Akteure) geschickt. Sie sei von Soldaten in einem Auto wegge-
bracht worden und als das Auto angehalten habe, sei sie vor dem Haus
der Ordensschwestern gewesen. Diese hätten ihr erklärt, die Mutter habe
alles organisiert (vgl. a.a.O. F/A 127 f., F/A 140 f.) Vor diesem Tag der Haft-
entlassung habe sie keinerlei Kontakte zu den Ordensschwestern gehabt
(vgl. a.a.O. F/A 152). Als Ursache ihrer Festnahme gab sie die erwähnte
Demonstrationsteilnahme vom 25. Januar 2018 an und führte auf Nachfra-
gen aus, sich zuvor nie politisch betätigt und nie an anderen Demonstrati-
onen teilgenommen zu haben. Sie habe nur an dieser von Rossy Mukendi
organisierten Demonstration vom 25. Januar 2018 teilgenommen (vgl.
a.a.O. F/A 154 f.). Erst auf weiteres Nachfragen erklärte sie, sie habe an
sechs Demonstrationen teilgenommen, sei jedoch nur an derjenigen vom
25. Januar 2018 festgenommen worden. Allein diese in der vertiefen Anhö-
rung gemachten Angaben erweisen sich als unstimmig.
7.1.3 In Bezug auf Rossy Mukendi erweisen sich die Aussagen der Be-
schwerdeführerin ebenfalls als unstimmig. In der BzP führte sie an, dieser
sei am 25. Januar 2018 getötet worden. Es habe eine Gedenkfeier
gegeben und in diesem Moment sei die Polizei gekommen und sie seien
alle ins Gefängnis gebracht worden ("Rossi è il nome di una persona che
è stata uccisa [...] quindi si stava celebrando una commemorazione per
questo uomo nella chiesa. In quel momento è entrata la polizia [...]. Siamo
stati tutti condotti in prigione."; vgl. Protokoll A9/15 F/A 7.01, 7.02). Gemäss
Angaben bei der Anhörung soll die Festnahme am 25. Januar 2018 auch
in einer Kirche geschehen sein, allerdings sei es hier um eine Demonstra-
tion gegangen, derentwegen sie festgenommen worden sei und auch
Rossy Mukendi sei verletzt worden, von seinem Tod habe sie im Gefängnis
erfahren (vgl. Protokoll A33/27 F/A 86, 91). Diese Schilderungen – einmal
will sie in der Kirche während einer Gedenkfeier festgenommen worden
sein, einmal als sie sich dort versteckt habe – sind inhaltlich ungereimt,
zumal die Beschwerdeführerin betont hat, sie sei nur einmal festgenom-
men worden, womit es sich um denselben Vorfall gehandelt hätte. Zudem
ist aufgrund der Frage/Antwort-Chronologie und des Aussageverhaltens
davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin auch in der Anhörung
bezüglich der Tötung von Rossy Mukendi das Datum vom 25. Januar 2018
gemeint hat. So bekräftigte sie auf Nachfrage, nur an der Demonstration
E-6232/2020
Seite 15
von Rossy Mukendi teilgenommen zu haben und Rossy Mukendi sei "we-
gen dieser Demonstration" gestorben (a.a.O. F/A 86/91 ff. und F/A 154 ff.,
bes. F/A 157). Die unterschiedlichen Bezeichnungen der Kirchen, einmal
hat sie von der Kirche (...), dann von der Kirche (...) in E._ / (...)
gesprochen, bilden ein weiteres Indiz, das die Glaubhaftigkeit in Frage
stellt.
7.1.4 Weiter lassen sich die Aussagen der Beschwerdeführerin im Zusam-
menhang mit Rossy Mukendi und den im Zeitraum Ende 2017 / Januar
2018 erfolgten Demonstrationen nicht mit den Berichten in öffentlichen
Quellen in Einklang bringen: So ist Rossy Mukendi nicht am 25. Januar
2018 sondern einen Monat später, am 25. Februar 2018 in der Gemeinde
St. Benoît von der Polizei getötet worden (vgl. statt vieler: AMNESTY INTER-
NATIONAL, Dismissed!, 2020, S. 38 f.; LA CROIX, 27. Februar 2018, Rossy
Mukendi Tshimanga, un catholique engagé tué lors d’une marche en RD-
Congo < https://www.la-croix.com/Religion/Catholicisme/Monde/Rossy-M
ukendi-Tshimanga-catholique-engage-tue-dune-marche-RD-Congo-2018-
02-27-1200916956 > ; abgerufen am 6. September 2021).
7.1.5 Es kann nach dem Gesagten nicht geglaubt werden, dass die Be-
schwerdeführerin sich wie behauptet politisch engagagiert und am 25. Ja-
nuar 2018 an einer Demonstration teilgenommen hat. Zudem erscheint
aufgrund öffentlich zugänglicher Berichte zu den Ereignissen namentlich in
Kinshasa im Zeitraum Januar 2018 auch das von ihr angegebene De-
monstrationsdatum vom 25. Januar 2018 als solches fraglich: Es kam im
fraglichen Zeitraum zu Demonstrationen, wobei für den 25. Januar 2018
nie von einer Demonstration in der Grössenordnung und im Kontext wie
von der Beschwerdeführerin beschrieben berichtet, demgegenüber mehr-
mals eine Grosskundgebung vom 21. Januar 2018 beschrieben worden ist.
Bei dieser handelte sich um die zweite von drei durch katholische Kreise
organisierten landesweiten Kundgebungen (die erste hatte am 31. Dezem-
ber 2017 stattgefunden, die zweite am besagten 21. Januar 2018 und die
dritte wurde am 25. Februar 2018 – dem Todestag von Rossy Mukendi –
durchgeführt; vgl.: AMNESTY INTERNATIONAL, Demokratische Republik Kon
go: Höchste Alarmstufe, März 2018 < https://www.amnesty.ch/de/ ueber-
amnesty/publikationen/magazin-amnesty/2018-1/hoechste-alarmstufe >
abgerufen am 6. September 2021).
E-6232/2020
Seite 16
7.1.6 Gesamtwürdigend sind die Aussagen der Beschwerdeführerin als un-
gereimt, teilweise vage und den Tatsachen widersprechend zu qualifizie-
ren. Es gelingt ihr damit nicht, eine Verfolgungssituation im Sinn von Art. 3
AsylG glaubhaft zu machen. Das auf Beschwerdeebene eingereichte Be-
stätigungsschreiben der Kirchgemeinde (...) vom 23. November 2020 ver-
mag diese Schlussfolgerungen nicht umzustossen. Es wird nicht in Abrede
gestellt, dass die Beschwerdeführerin Mitglied dieser Kirch-
gemeinde gewesen ist. Indessen ist kaum wahrscheinlich, dass der unter-
zeichnende Priester eine solche konkrete Festnahme bestätigen könnte,
da dies grundsätzlich eigenes Miterleben bedingt hätte. Zudem fällt auf,
dass im Schreiben nur von einer Festnahme anlässlich einer Protestkund-
gebung die Rede ist. Dass die Beschwerdeführerin in der Kirche festge-
nommen worden sein soll, wird – entgegen der Darstellung in der Be-
schwerde (vgl. dort S. 6) – nicht bestätigt. Umso weniger ist nachvollzieh-
bar, dass ausgerechnet die Festnahme der Beschwerdeführerin aus der
Masse der vielen Teilnehmenden (gemäss ihren Schilderungen) von Kir-
chenseite hätte erkannt werden können. Diesem Parteischreiben kommt
als Gefälligkeitsschreiben daher in Bezug auf die angebliche Demonstrati-
onsteilnahme und dabei angeblich erlebte Festnahme kein relevanter Be-
weiswert zu.
7.1.7 In der Beschwerde wird angeführt, der Beschwerdeführerin sei bei
der BzP eine Passagierliste gezeigt worden, wobei weder diese Liste noch
ein Hinweis darauf in den Akten des SEM zu finden und daher die befra-
gende Sachbearbeiterin um schriftliche Auskunft zu ersuchen sei. Das
SEM hat den Reiseweg (Luftweg nach Italien) nicht in Frage gestellt, wes-
halb sich weitere Abklärungen in diesem Zusammenhang erübrigen. Dies
gilt angesichts der klaren Aktenlage auch für das in der Replik sinngemäss
beantragte Glaubhaftigkeitsgutachten.
7.2 Die Beschwerdeführerin reicht medizinische Unterlagen zum Beleg ih-
rer Asylgründe ein.
7.2.1 Vorweg ist an dieser Stelle festzuhalten, dass Beurteilungen von me-
dizinischen Fachpersonen sich in der Anamnese hauptsächlich auf die An-
gaben der Patienten abstützen. Ein entsprechend abgefasster Bericht gibt
in der Folge Auskunft über einen Befund, einen Beweis für das geltend ge-
machte traumatisierende Ereignis kann er dabei nicht bilden; er kann je-
doch ein Indiz für die Glaubhaftigkeit der Vorbringen darstellen (vgl. BVGE
2015/11 E. 7.2.1 f.). Vorliegend lassen sich die zahlreichen klaren Wider-
sprüche nicht durchwegs mit traumatisierenden Erlebnissen der Beschwer-
deführerin erklären respektive relativieren.
E-6232/2020
Seite 17
7.2.2 Soweit die Beschwerdeführerin das Erleben mehrfacher sexueller
Gewalt beschrieben hat, ist Folgendes festzuhalten: Die einzelnen Schil-
derungen von erlebter sexueller Gewalt weisen – in auffälligem Kontrast
zur angeblich zugrundeliegenden Verfolgungssituation – eine Vielzahl von
Realitätskennzeichen auf. So hat die Beschwerdeführerin bereits anläss-
lich der kurz nach der Einreise erfolgten BzP solche Übergriffe erwähnt und
die entsprechenden Schilderungen in der vertieften Anhörung vermitteln
einen erlebnisbasierten Eindruck (vgl. Protokoll A33/27 F/A 106 ff.: "Sie ha-
ben mich in sehr schlechten Stellungen vergewaltigt. [...] Nur wenn ich die
Menstruation hatte, liessen sie mich in Ruhe [...]. Manchmal glaubten sie
nicht mal, dass ich meine Menstruation hatte und wollten es überprüfen.").
Insgesamt erachtet das Gericht diese Vorbringen daher als glaubhaft.
Auch den aktenkundigen medizinischen Berichten (Berichte [...] AG vom
15. September 2020 und 26. November 2020) ist zu entnehmen, dass die
Schilderungen der traumatisierenden Erlebnisse, mithin der Vergewalti-
gungen als solche konsistent wirken würden und es wird die Diagnose ei-
ner PTBS gestellt.
7.2.3 Indessen geht das Gericht wie erwähnt davon aus, dass dieses
Krankheitsbild angesichts der aufgezeigten zahlreichen Ungereimtheiten
nicht unter den behaupteten Umständen entstanden sein kann. Die Arzt-
berichte vermögen diese Feststellung nicht zu entkräften. Im Übrigen fällt
auf, dass die Beschwerdeführerin gegenüber ihren Ärzten offenbar ange-
geben hat, sie stamme aus einer "politisch aktiven Familie und habe bereits
ihren Vater und zwei Onkel aufgrund der Tätigkeiten des Regimes verloren"
(vgl. Arztbericht [...] AG vom 15. September 2020 S. 1). Demgegenüber
schilderte sie bei Fragen nach ihren familiären Verhältnissen lediglich, wie
die Mutter den Lebensunterhalt verdient und dass sie vier jüngere Ge-
schwister habe, sowie dass der verstorbene Vater früher in einem Camp
für die (...) des Militärs zuständig gewesen sei. Dass sich
Familienangehörige politisch – respektive oppositionspolitisch – betätigt
hätten, hat sie nie erwähnt (vgl. Protokoll A33/27 F/A 42 ff.).
7.3 Zusammenfassend kommt das Gericht zum Schluss, dass die Be-
schwerdeführerin ihre eigentlichen Asylvorbringen nicht glaubhaft dartun
konnte. Demgegenüber ist bei der geschilderten Aktenlage davon auszu-
gehen, dass sie Opfer massiver sexueller Gewalt geworden ist, deren Ur-
sache nach dem Gesagten allerdings nicht in einen flüchtlingsrechtlichen
Kontext gestellt werden kann. Die Beschwerdeführerin erfüllt nach dem
Gesagten die Flüchtlingseigenschaft nicht. Das SEM hat das Asylgesuch
E-6232/2020
Seite 18
daher zutreffend abgewiesen. Auf die gesundheitliche Situation wird nach-
folgend im Rahmen der Prüfung des Wegweisungsvollzugs einzugehen
sein.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Die Wegweisungsvollzugshindernisse (Unzulässigkeit, Unzumutbar-
keit, Unmöglichkeit) sind alternativer Natur: Sobald eines von ihnen erfüllt
ist, ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und
die weitere Anwesenheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über
die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4).
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
E-6232/2020
Seite 19
9.3.2 In Kongo (Kinshasa) herrscht trotz der regelmässigen Unruhen keine
Situation von Krieg, Bürgerkrieg oder allgemeiner Gewalt (vgl. BVGE
2010/57 E. 4.1.1 f.; Urteil BVGer E-1480/2020 vom 6. April 2020 E. 8.4.1).
Gemäss Referenzurteil BVGer E-731/2016 vom 20. Februar 2017 ist der
Wegweisungsvollzug nach sorgfältiger Prüfung und Abwägung der indivi-
duellen Umstände in der Regel unzumutbar, wenn die Betroffenen (kleine)
Kinder in ihrer Begleitung haben, für mehrere Kinder verantwortlich sind
oder sich bereits in einem vorangeschrittenen Alter oder in einem schlech-
ten Gesundheitszustand befinden (a.a.O. E. 7.3.4).
9.3.3 Mit Bezug auf die Beschwerdeführerin ist dazu festzuhalten, dass sie
zwar in Kinshasa über ein familiäres Beziehungsnetz verfügt und nament-
lich ihre drei Kinder dort bei der Mutter leben. Allerdings handelt es sich bei
der Beschwerdeführerin um eine Frau, die mit erheblichen gesundheitli-
chen Beschwerden belastet ist. Das SEM kommt in seiner Verfügung zum
Schluss, gemäss öffentlich zugänglichen Quellen seien sowohl die Schild-
drüsenprobleme als auch die diagnostizierte PTBS in Kinshasa behandel-
bar und die Beschwerdeführerin könne daher dort behandelt werden.
9.3.4 Dass auch in Kinshasa medizinische Behandlungsmöglichkeiten vor-
handen sind, ist nicht grundsätzlich zu negieren. Indessen greift diese
Argumentation der Vorinstanz nach Auffassung des Gerichts zu kurz und
lässt sich auch nicht mit ihrer publizierten Länderpraxis vereinbaren. Die
Beschwerdeführerin leidet unter einer Schilddrüsenerkrankung, die lebens-
langer Medikation bedarf. Insbesondere jedoch ist den Arztberichten
(...) AG vom 19. September und 26. November 2020 zu entnehmen, dass
sie nachhaltige traumatisierende Erlebnisse zu verarbeiten hat. In den
fachärztlichen Berichten wird dazu namentlich festgehalten, die Beschwer-
deführerin stehe seit 25. Juni 2019 in Behandlung und habe besonders zu
Beginn das Vollbild einer PTBS gezeigt (Bericht [...] AG vom 19. Septem-
ber 2020). Konkretisierend wird im Verlaufsbericht vom 26. November
2020 ausgeführt, die PTBS habe sich beispielsweise durch Zittern und
Schweissausbrüche bei Zufallsbegegnungen mit Männern, nächtliche
Flashbacks und massive Schlafstörungen geäussert. Während der Schil-
derungen sei bei ihr eine vegetative Übererregtheit spürbar gewesen und
sie habe unterbrochen werden müssen, um nicht von ihren negativen Ge-
fühlen geflutet zu werden. Weiter wird festgehalten, dass die Behandlung
zwar zu einer vorübergehenden Stabilisierung geführt habe, jedoch nach
Erhalt der negativen Verfügung eine Rückkehr der Symptomatik erfolgt sei.
Allein die Vorstellung einer Rückkehr in den Heimatstaat zeitige bei ihr die
Gefahr einer Retraumatisierung.
E-6232/2020
Seite 20
9.3.5 In Würdigung der gesamten Akten kommt das Bundesverwaltungs-
gericht zum Schluss, dass eine erzwungene Rückkehr an den zu vermu-
tenden Ort der Traumatisierung die Beschwerdeführerin in eine Situation
bringen würde, die nicht nur den bisherigen Behandlungserfolg zunichte-
machen, sondern sie mit überwiegender Wahrscheinlichkeit einer konkre-
ten und existenziellen Gefährdung im Sinn von Art. 83 Abs. 4 AIG ausset-
zen würde.
9.3.6 Der Vollzug der Wegweisung erweist sich damit als unzumutbar.
9.4 Den Akten sind keine Hinweise auf allfällige Ausschlussgründe im Sinn
von Art. 83 Abs. 7 AIG zu entnehmen. Die Voraussetzungen für die Gewäh-
rung der vorläufigen Aufnahme sind demnach erfüllt.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung hin-
sichtlich des angeordneten Wegweisungsvollzugs Bundesrecht verletzt.
Die Beschwerde ist somit diesbezüglich gutzuheissen und die Dispositiv-
ziffern 4 und 5 der vorinstanzlichen Verfügung vom 30. Oktober 2020 sind
aufzuheben. Das SEM ist anzuweisen, die Beschwerdeführerin wegen Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufzu-
nehmen (Art. 44 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 4 AIG). Die Frage nach dem Vor-
liegen weiterer Vollzugshindernisse (Zulässigkeit und Möglichkeit des
Wegweisungsvollzugs) kann damit offenbleiben. Auf das in der Be-
schwerde beantragte Einholen eines medizinischen Gutachtens ist zu ver-
zichten. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen.
11.
Das Bundesverwaltungsgericht hat mit Verfügung vom 22. Dezember 2020
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gutge-
heissen. Gemäss Akten ist nicht von einer massgebenden Veränderung
der finanziellen Umstände auszugehen. Damit ist auf die Erhebung von
(reduzierten) Verfahrenskosten zu verzichten.
12.
12.1 Soweit die Beschwerde im Wegweisungsvollzugspunkt gutgeheissen
wird, ist das praxisgemäss hälftige Honorar des Rechtsbeistands dem SEM
zur Vergütung als Parteientschädigung aufzuerlegen (Art. 64 Abs. 1
VwVG). Der verbleibende Honoraranteil ist durch das Gericht zu vergüten.
E-6232/2020
Seite 21
12.2 Der amtliche Rechtsbeistand hat am 19. April 2021 seine Kostennote
nachgereicht. Darin werden Parteikosten von Fr. 4792.10 ausgewiesen
(15.25 Honorarstunden plus Auslagen und MwSt., bei einem Stundenan-
satz vom Fr. 290.– [vgl. Eingabe vom 22. Januar 2021]).
12.3 Der vom amtlichen Rechtsbeistand ausgewiesene zeitliche Vertre-
tungsaufwand erscheint angemessen. Soweit den Vollzug der Wegwei-
sung betreffend, ist auch der verrechnete Stundenansatz nicht zu bean-
standen (vgl. Art. 10 Abs. 2 Satz 1 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]); soweit die Beschwerdeführerin (im Asylpunkt) un-
terliegt, gelten praxisgemäss tiefere Ansätze (vgl. Zwischenverfügung vom
22. Dezember 2020).
12.4 In Würdigung dieser massgebenden Faktoren und der relevanten
Stundenansätze ist die dem SEM aufzulegende reduzierte Parteientschä-
digung auf insgesamt Fr. 2408.– festzusetzen. Das restliche Honorar des
amtlichen Rechtsbeistands beläuft sich auf insgesamt Fr. 1833.– und ist
durch die Gerichtskasse zu vergüten.
(Dispositiv nächste Seite)
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