Decision ID: 09eae450-16f8-55bb-8539-f7be3392ad1c
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. Der Gemeinderat der Politischen Gemeinde B._ ersuchte gestützt auf seinen
Beschluss vom 28. März 2018 das Polizeikommando des Kantons St. Gallen mit
Schreiben vom 15. Mai 2018, auf der A._-Strasse in B._ für den Abschnitt ab der
Liegenschaft D._ bis Dorfeinfahrt B._ die Geschwindigkeit von 80 km/h auf 60 km/h
zu reduzieren (act. 8/12.5, 12.7).
Mit Verfügung vom 26. Juni 2018 erliess das Polizeikommando als Verkehrsanordnung
auf der A._-Strasse in B._ vom Ortseingang bis Höhe der Liegenschaft D._ (westlich
Stall-Gebäude Nr. 000) die Signalisation "Höchstgeschwindigkeit 60 km/h" (Signal
Nr. 2.30). Zur Begründung wurde ausgeführt, der betroffene Strassenabschnitt
zwischen der bestehenden Innerortssignalisation mit signalisierter
Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h und der Liegenschaft D._ sei rund 300 m lang,
wobei die Strasse auf der gesamten Länge eine Breite von lediglich 6.10 m aufweise.
Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h sei im Begegnungsfall von zwei
Lastwagen jedoch eine Breite von 6.80 m bis 7.40 m vorgegeben. Die ungenügende
Strassenbreite bewirke, dass sich kreuzende Lastwagen auf das angrenzende Bankett
oder Wiesland ausweichen müssten und dabei regelmässig den Belagsabschluss
sowie angrenzende Zäune beschädigten. Zudem befinde sich auf Höhe der
Liegenschaft D._ eine Bushaltestelle, wobei die Fahrbahn ohne Querungshilfe
überquert werden müsse. Eine Reduktion der Geschwindigkeit würde diesen
Umständen Rechnung tragen (act. 8/12.1). Die Verkehrsanordnung wurde am 2. Juli
2018 im Amtsblatt und am 5. Juli 2018 im amtlichen Publikationsorgan der Politischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gemeinde B._ veröffentlicht. Dagegen erhob X._ Rekurs und eventualiter
Aufsichtsbeschwerde beim Sicherheits- und Justizdepartement, welches indes mit
Entscheid vom 4. März 2019 auf den Rekurs zufolge fehlender Legitimation nicht
eintrat (Ziff. 1 des Dispositivs); der Aufsichtsbeschwerde wurde keine Folge geleistet
(Ziff. 2 des Dispositivs). Die Rekursentscheidgebühr von CHF 1'000 wurde X._
auferlegt und mit dem geleisteten Kostenvorschuss von CHF 1'500 verrechnet unter
Rückerstattung des Restbetrages von CHF 500 (Ziff. 3 des Dispositivs).
B. Gegen diesen Entscheid erhob X._ (Beschwerdeführer) mit Eingabe vom 11. März
2019 (Datum der Postaufgabe) und Ergänzung vom 29. April 2019 Beschwerde beim
Verwaltungsgericht mit dem Antrag "um Abweisung dieser Geschwindigkeitsreduktion
von 80 km/h auf 60 km/h, oder wenn nur mit der Auflage von baulichen
Massnahmen" (act. 4). Das Sicherheits- und Justizdepartement (Vorinstanz) beantragte
mit Vernehmlassung vom 13. Mai 2019 die Abweisung der Beschwerde und verwies
zur Begründung auf die Erwägungen im angefochtenen Nichteintretensentscheid
(act. 7). Dazu nahm der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 31. Mai 2019 Stellung
(act. 10). Die Vorinstanz verzichtete stillschweigend auf eine weitere Stellungnahme.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten und die Akten wird, soweit wesentlich,
in den Erwägungen eingegangen

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59 Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Der
Beschwerdeführer ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Vorinstanz trat im angefochtenen Entscheid
auf den Rekurs des Beschwerdeführers nicht ein. Anfechtungsobjekt bildet somit ein
Prozessentscheid. Zu prüfen ist demnach einzig, ob die Vorinstanz zu Recht auf den
Rekurs nicht eingetreten ist. Würde die Beschwerde gutgeheissen, wäre die
Streitsache zur Behandlung in der Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen (vgl. Art. 64
in Verbindung mit Art. 56 Abs. 2 VRP; Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kanton St. Gallen – dargestellt an den Verfahren vor dem Verwaltungsgericht, 2. Aufl.
2003, Rz. 1032). Soweit der nicht anwaltlich vertretene Beschwerdeführer in formeller
Hinsicht geltend macht, ihm stehe eine "Einsprache-Legitimation" zu, ist deshalb auf
die Beschwerde einzutreten. Nicht einzutreten ist dagegen auf den materiell-rechtlichen
Antrag, es sei von einer Geschwindigkeitsreduktion abzusehen. Im Übrigen wurde die
Eingabe vom 11. März 2019 (Datum der Postaufgabe) rechtzeitig eingereicht und erfüllt
zusammen mit der Ergänzung vom 29. April 2019 in formeller und inhaltlicher Hinsicht
die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48
Abs. 1 und 2 VRP) an eine Laienbeschwerde.
2.
2.1. Ausgangspunkt der Betrachtung ist die von der Vorinstanz verneinte
Rekurslegitimation des Beschwerdeführers. Gemäss Art. 45 Abs. 1 VRP ist zur
Erhebung eines Rekurses im vorinstanzlichen Verfahren berechtigt, wer an der
Änderung oder Aufhebung der Verfügung oder des Entscheids ein eigenes
schutzwürdiges Interesse dartut. Die rechtlichen Ausführungen der Vorinstanz zur
Legitimation im Rekursverfahren (Rekursberechtigung) sind korrekt, weshalb – anstelle
von Wiederholungen – darauf verwiesen werden kann (vgl. E. 2 des angefochtenen
Entscheids). Verlangt wird, dass ein Betroffener nebst der spezifischen
Beziehungsnähe zur Streitsache einen praktischen Nutzen aus einer allfälligen
Aufhebung oder Änderung des angefochtenen Entscheids ziehen kann. Seine Situation
muss durch den Ausgang des Verfahrens in relevanter Weise beeinflusst werden
können, wenn er mit seinem Anliegen obsiegt und dadurch seine tatsächliche oder
rechtliche Situation unmittelbar beeinflusst werden kann. Das schutzwürdige Interesse
besteht im Umstand, einen materiellen oder ideellen Nachteil zu vermeiden, den der
angefochtene Entscheid mit sich bringen würde. Ein bloss mittelbares oder
ausschliesslich allgemeines öffentliches Interesse begründet – ohne die erforderliche
Beziehungsnähe zur Streitsache selber – keine Rechtsmittelbefugnis oder
Parteistellung. Der Rekurs dient nicht dazu, abstrakt die objektive Rechtmässigkeit des
staatlichen Handelns zu überprüfen, sondern dem Rechtssuchenden einen praktischen
Vorteil zu verschaffen (BGE 141 II 14 E. 4.4; BGer 2C_1156/2016 vom 29. Juni 2018
E. 2.2.2; 2C_1087/2017 vom 3. Januar 2018 E. 2.3.3; Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz. 387 f.;
vgl. zum Ganzen auch R. Schaffhauser, Instanzenzug und Beschwerdelegitimation bei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verkehrsanordnungen nach Art. 3 SVG, in: R. Schaffhauser [Hrsg.], Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2009, St. Gallen 2009, Rz. 22 ff.). Diese für das
Beschwerdeverfahren entwickelten Grundsätze gelten – wie die Vorinstanz bereits
aufgezeigt hat – ohne Weiteres auch für das Rekursverfahren (vgl. Schaffhauser, a.a.O.,
Rz. 16).
Bei Allgemeinverfügungen, wie sie Verkehrsanordnungen darstellen, richtet sich die
Legitimation nach analogen Kriterien wie bei der Drittbeschwerde. Damit soll es von
einer Allgemeinverfügung besonders betroffenen Adressaten ermöglicht werden, sich
gegen allfällig rechtswidrige oder unverhältnismässige Verkehrsanordnungen zur Wehr
zu setzen, ohne die Beschwerdebefugnis im Sinn einer sogenannten
Popularbeschwerde jedermann unabhängig des Bestehens einer besonders
nachteiligen Betroffenheit bzw. eines schutzwürdigen Interesses einzuräumen.
Voraussetzung für die Legitimation als Strassenbenützer ist zunächst, dass er die mit
einer Verkehrsanordnung belegte oder eine von einer solchen durch Ausweich- oder
Verlagerungsverkehr betroffene Strasse mehr oder weniger regelmässig benützt. Es
obliegt dabei dem Beschwerdeführer zu belegen, dass er die Strasse auch tatsächlich
im geforderten Umfang (mit einer gewissen Regelmässigkeit) benützt, doch dürfen an
diesen Nachweis keine allzu hohen Anforderungen gestellt werden. Immerhin muss
aber ein Beschwerdeführer seine Betroffenheit glaubhaft machen, beispielsweise
aufgrund des Zwecks der Fahrten oder der Art der angefochtenen
Verkehrsbeschränkung. Aus der regelmässigen Benützung einer Strasse allein kann
jedoch noch keine Legitimation zur Anfechtung einer Verkehrsanordnung abgeleitet
werden. Vielmehr muss der Anfechtende darüber hinaus auch hier in speziell fassbaren
Interessen deutlich wahrnehmbar beeinträchtigt sein. Die Herabsetzung der zulässigen
Höchstgeschwindigkeit auf einer kürzeren Strecke vermag aber noch kein
legitimationsbegründendes schutzwürdiges Interesse zu begründen (Schaffhauser,
a.a.O., Rzn. 29 ff., mit weiteren Hinweisen auf Rechtsprechung und Literatur).
2.2. Die Vorinstanz begründete ihren Nichteintretensentscheid vom 4. März 2019 im
Wesentlichen damit, der Beschwerdeführer lege nicht dar, inwiefern er von der
angefochtenen Geschwindigkeitsbeschränkung (in der Nachbargemeinde) mehr als
irgendein Dritter oder die Allgemeinheit betroffen sei. Ausführungen dazu, dass er die
fragliche Strasse regelmässig benütze, lägen jedenfalls nicht vor. Selbst wenn davon
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auszugehen sei, dass er Auto fahre und die fragliche Strecke mehr oder weniger
regelmässig benutze, fehle ein besonderes Betroffensein. Ein praktischer Nutzen, den
ihm ein erfolgreicher Rekurs einbringen würde bzw. ein Nachteil, der dadurch
abgewendet werden könnte, werde weder behauptet, noch sei ein solcher ersichtlich.
Die Eigenschaft als Bürger und Steuerzahler allein verschaffe jedenfalls nicht die für
eine Rekurslegitimation erforderliche spezifische Beziehungsnähe zur Streitsache.
Der Beschwerdeführer wohnt eingangs Dorf in C._ an der B._-Strasse, welche in
Richtung B._ ab Gemeindegrenze in die A._-Strasse übergeht. Seine
Rechtsmittellegitimation begründet er im Wesentlichen mit der Überlegung, vor dem
Mehrfamilienhaus, in welchem er mit seiner Ehefrau wohne, habe es lediglich eine
Mittelinsel, um auf das gegenüberliegende Trottoir zu gelangen. Da dieser
Streckenabschnitt als Raserstrecke bekannt sei, habe er eine Anfrage wegen
Geschwindigkeitskontrollen gemacht. Aufgrund der entsprechenden Ergebnisse
vertrete er die Ansicht, dass die Verkehrssituation vor Ort einer genaueren Überprüfung
bedürfe. Es sei für ihn deshalb nicht nachvollziehbar, weshalb lediglich auf dem
vorliegend im Streit liegenden Strassenabschnitt von 300 m (in B._) die
Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h auf 60 km/h reduziert werden solle. Weil kein
eigentliches Verkehrsgutachten, welches von Art. 32 SVG vorgeschrieben werde,
eingeholt worden sei, seien die gesetzlich vorgeschriebenen Bestimmungen jedenfalls
nicht eingehalten worden.
2.3. Der Beschwerdeführer wohnt zwar an der streitbetroffenen Strasse, jedoch in der
Nachbargemeinde. Selbst wenn davon auszugehen ist, dass er die Strasse
regelmässig benützt, so hat er doch keinerlei Angaben über die näheren Umstände und
die Häufigkeit der Fahrten vorgebracht. Bereits aus diesem Grund wurde von ihm die
geforderte besondere, beachtenswerte Beziehungsnähe zur Streitsache nicht
genügend dargetan. Soweit er geltend macht, die Gefahren bei besagter Stelle seien
mit einer Geschwindigkeitsreduktion nach wie vor vorhanden, übersieht er, dass diese
selbst durch eine erfolgreiche Beschwerdeführung nicht beseitigt werden könnten. Dies
daher, weil die Verkehrssituation in C._ nicht Gegenstand der angefochtenen
Verkehrsanordnung bildet, und daher dadurch nicht geändert würde. Der
Beschwerdeführer zeigt weiter nicht auf, inwiefern er durch das Nichteinholen eines
sogenannten Road Safety Inspection (RSI)-Gutachtens auf dem von der streitigen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verkehrsanordnung betroffenen Strassenstücks in der Nachbargemeinde einen
konkreten persönlichen Nachteil erleiden sollte. Er verkennt dabei, dass der blosse
staatsbürgerliche Antrieb, einen mutmasslichen staatlichen Fehlentscheid zu
korrigieren, keine Beschwerdebefugnis verschafft. Die Vorinstanz hat im angefochtenen
Nichteintretensentscheid daher zu Recht erkannt, dass der Beschwerdeführer nicht
darzulegen vermag, inwiefern er von der angefochtenen
Geschwindigkeitsbeschränkung auf dem in der Nachbargemeinde gelegenen
Strassenstück mehr als irgendein Dritter oder die Allgemeinheit betroffen sein sollte.
Ein praktischer Nutzen, den ihm ein erfolgreicher Rekurs hätte einbringen können, bzw.
ein Nachteil, der dadurch abgewendet hätte werden können, wurde weder im
vorinstanzlichen Verfahren noch im vorliegenden Beschwerdeverfahren dargetan und
ist auch nicht ersichtlich.
3. Zusammenfassend ergibt sich, dass der vorinstanzliche Nichteintretensentscheid zu
bestätigen und die Beschwerde daher abzuweisen ist, soweit darauf einzutreten ist.
(...)