Decision ID: c21f8cb7-2a8f-5519-8110-1314372c6171
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (geb. 1975) ist nordmazedonischer Staatsangehö-
riger. In die Schweiz gelangte er im Jahr 1993 im Rahmen des Familien-
nachzugs, wo er zunächst die Aufenthalts- und später die Niederlassungs-
bewilligung erhielt. Seit 1997 ist er mit seiner Landsfrau B._ verhei-
ratet, die ihm im Jahr 2000 in die Schweiz folgte. Aus der Ehe entstammen
die beiden Söhne C._ (geb. 1996) und D._ (geb. 2001). Die
Ehefrau des Beschwerdeführers und die beiden inzwischen volljährigen
Söhne leben mit einer Niederlassungsbewilligung in der Schweiz.
B.
Mit Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 8. September 2012 wurde der
Beschwerdeführer wegen vorsätzlicher Tötung, des Vergehens gegen das
Waffengesetz, beides begangen am 5. Januar 2008 sowie diversen Verge-
hen gegen das Strassenverkehrsgesetz zu einer Freiheitsstrafe von 9 Jah-
ren verurteilt (Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 8/104). Nach Verbüssung
von 2/3 seiner Freiheitsstrafe wurde der Beschwerdeführer am 3. Februar
2014 auf Anordnung der zuständigen Strafvollzugsbehörde bedingt aus
dem Strafvollzug entlassen (SEM-act. 8/75).
C.
Bereits mit Verfügung vom 19. Dezember 2013 widerrief die Migrationsbe-
hörde des Kantons Zürich die Niederlassungsbewilligung des Beschwer-
deführers und wies ihn unter Anordnung der sofortigen Ausreise nach Ent-
lassung aus dem Strafvollzug aus der Schweiz weg (SEM-act. 1/83),
D.
Gestützt auf denselben Sachverhalt verfügte die Vorinstanz am 8. Januar
2014 gegen den Beschwerdeführer ein Einreiseverbot von unbestimmter
Dauer und ordnete die Ausschreibung der Massnahme im Schengener In-
formationssystem (SIS II) an (SEM-act. 1/230).
E.
Der Beschwerdeführer liess beide Verfügungen unangefochten in Rechts-
kraft erwachsen und verliess am 4. Februar 2014 die Schweiz.
F.
Mit Eingabe vom 22 Februar 2019 ersuchte der Beschwerdeführer bei der
Vorinstanz um wiedererwägungsweise Aufhebung des Einreiseverbots
(SEM-act. 7/16).
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G.
Mit Verfügung vom 14. März 2019 befristete die Vorinstanz das gegen den
Beschwerdeführer bestehende Einreiseverbot bis zum 7. Januar 2026. Im
Übrigen wies sie das Wiedererwägungsgesuch ab (SEM-act. 6/11).
H.
Gegen die vorgenannte Verfügung gelangte der Beschwerdeführer am
15. April 2019 rechtsmittelweise an das Bundesverwaltungsgericht und be-
antragte deren sofortige Aufhebung (Akten des BVGer [Rek-act.] 1).
I.
Die Vorinstanz schloss in ihrer Vernehmlassung vom 12. Juni 2019 auf Ab-
weisung der Beschwerde (Rek-act. 6).
J.
Der Beschwerdeführer hielt in seiner Replik vom 12. Juli 2019 an seinem
Rechtsmittel unverändert fest (Rek-act. 7).
K.
Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit rechtserheblich, in den Erwägun-
gen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. Januar 2019 ist die Teilrevision des Ausländergesetzes vom 16. De-
zember 2005 (AuG) abschliessend in Kraft getreten (AS 2018 3171), mit
der unter anderem der Titel des Gesetzes in "Ausländer- und Integrations-
gesetz" (AIG) geändert wurde. Das Gericht wendet ab diesem Zeitpunkt
die neue Bezeichnung an.
2.
2.1 Verfügungen des SEM, die ein Gesuch um Wiederwägung eines Ein-
reiseverbots zum Gegenstand haben, sind mit Beschwerde beim Bundes-
verwaltungsgericht anfechtbar (Art. 31 ff. VGG i.V.m. Art. 5 VwVG).
2.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
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Seite 4
2.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerde le-
gitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist daher einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG).
3.
Die Vorinstanz ist auf das Gesuch des Beschwerdeführers um wiederer-
wägungsweise Aufhebung des Einreiseverbots infolge nachträglicher
Sachverhaltsentwicklung eingetreten, hat dieses materiell geprüft und ei-
nen neuen Sachentscheid getroffen. Das Bundesverwaltungsgericht kann
daher mit voller Kognition prüfen, ob sich das Einreiseverbot heute noch
als bundesrechtskonform erweist (vgl. Art. 49 VwVG). Die Frage, ob die
ursprüngliche – unangefochten in Rechtskraft erwachsene – Verfügung zu
Recht erlassen wurde, kann demgegenüber nicht mehr Gegenstand des
Verfahrens bilden (vgl. BVGE 2008/24 E. 2.2 m.H.).
4.
4.1 Das SEM verfügt Einreiseverbote gegenüber Ausländerinnen und Aus-
ländern, die gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der Schweiz
oder im Ausland verstossen haben oder diese gefährden (Art. 67 Abs. 2
Bst. a AIG). Das Einreiseverbot wird nach Art. 67 Abs. 3 erster Satz AIG
grundsätzlich für eine Dauer von höchstens fünf Jahren verfügt. Es kann
für eine längere Dauer angeordnet werden, wenn der Betroffene eine
schwerwiegende Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung darstellt
(Art. 67 Abs. 3 zweiter Satz AIG). Aus humanitären oder anderen wichtigen
Gründen kann von der Verhängung eines Einreiseverbots abgesehen oder
ein Einreiseverbot vollständig oder vorübergehend aufgehoben werden
(Art. 67 Abs. 5 AIG). Mit dieser Bestimmung existiert eine spezialgesetzli-
che Grundlage für die Wiedererwägung eines Einreiseverbots (vgl. auch
Urteil des BGer 2C_487/2012 vom 2. April 2013 E. 4.2).
4.2 Das Einreiseverbot dient der Abwendung künftiger Störungen der öf-
fentlichen Sicherheit und Ordnung (BBl 2002 3709, 3813). Soweit Art. 67
Abs. 2 Bst. a AIG mit dem Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und
Ordnung an vergangenes Verhalten des Betroffenen anknüpft, steht die
Gefahrenabwehr durch Generalprävention im Sinne der Einwirkung auf
das Verhalten anderer Rechtsgenossen im Vordergrund (zur Generalprä-
vention im Ausländerrecht vgl. etwa Urteil des BGer 2C_282/2012 vom
31.7.2012 E. 2.5 m.H.). Die Spezialprävention im Sinne der Einwirkung auf
das Verhalten des Betroffenen selbst kommt zum Tragen, soweit Art. 67
Abs. 2 Bst. a AIG als alternativen Fernhaltegrund die Gefährdung der öf-
fentlichen Sicherheit und Ordnung durch den Betroffenen selbst nennt. Ob
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eine solche Gefährdung vorliegt, ist gestützt auf die gesamten Umstände
des Einzelfalles im Sinne einer Prognose zu beurteilen, die sich in erster
Linie auf das vergangene Verhalten des Betroffenen abstützen muss.
4.3 Die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 67 Abs. 2
Bst. a AIG bildet den Oberbegriff für die Gesamtheit der polizeilichen
Schutzgüter. Sie umfasst unter anderem die Unverletzlichkeit der objekti-
ven Rechtsordnung und der Rechtsgüter Einzelner (vgl. BBl 2002 3709,
3813). Ein Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung liegt un-
ter anderem vor, wenn gesetzliche Vorschriften oder behördliche Verfügun-
gen missachtet werden (vgl. Art. 77a Abs. 1 Bst. a VZAE; inhaltlich iden-
tisch mit Art. 80 Abs. 1 Bst. a VZAE in der bis zum 31. Dezember 2018
geltenden Fassung). Der Schluss auf eine Gefährdung der öffentlichen Si-
cherheit und Ordnung setzt dagegen konkrete Anhaltspunkte dafür voraus,
dass der Aufenthalt der betroffenen Person in der Schweiz mit erheblicher
Wahrscheinlichkeit zu einem Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und
Ordnung führen wird (Art. 77a Abs. 2 VZAE).
4.4 Eine schwerwiegende Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ord-
nung im Sinne von Art. 67 Abs. 3 zweiter Satz AuG setzt mehr voraus als
eine einfache Gefährdung nach Art. 67 Abs. 2 Bst. a zweiter Halbsatz AuG.
Verlangt wird eine qualifizierte Gefahr, über die nach Massgabe aller Um-
stände des Einzelfalles zu befinden ist. Eine solche Gefahr darf nicht leicht-
hin angenommen werden. Nach der Rechtsprechung kann sie sich bei-
spielsweise aus der Hochwertigkeit des deliktisch bedrohten Rechtsguts
ergeben (z.B. Leib und Leben, körperliche und sexuelle Integrität, Gesund-
heit), aus der Zugehörigkeit des drohenden Delikts zur besonders schwe-
ren Kriminalität mit grenzüberschreitender Dimension (z.B. Terrorismus,
Menschen- und Drogenhandel, organisierte Kriminalität), aus der wieder-
holten Delinquenz und ihrer zunehmenden Schwere oder aus der Abwe-
senheit einer günstigen Prognose ergeben (vgl. BGE 139 II 121 E. 6.3;
Urteil des BGer 2C 270/2015 vom 6. August 2015 E. 4.2; BVGE 2013/4
E. 7.2.4; Urteil des BVGer C-5602/2012 vom 16. Januar 2015 E. 6.1 m.H.).
5.
5.1 Mit unangefochten in Rechtskraft erwachsener Verfügung vom 8. Ja-
nuar 2014 verhängte die Vorinstanz gegen den Beschwerdeführer ein Ein-
reiseverbot auf unbestimmte Zeit. Anlass bildete ein am 18. September
2012 ergangenes Strafurteil des Bezirksgerichts Zürich, mit welcher der
Beschwerdeführer der vorsätzlichen Tötung und anderer, untergeordneter
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Delikte schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von 9 Jahren ver-
urteilt wurde. Die Vorinstanz erwog, dass angesichts des abgeurteilten Ver-
haltens und der dabei an den Tag gelegten grossen kriminellen Energie
von einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung auszuge-
hen sei, die gestützt auf Art. 67 Abs. 3 AIG ein Einreiseverbot von unbe-
stimmter Dauer rechtfertige. Private Interessen, die das öffentliche Inte-
resse aufwiegen könnten, ergäben sich weder aus den Akten noch seien
solche geltend gemacht worden.
5.2 Am 22. Februar 2019 gelangte der Beschwerdeführer an die Vorinstanz
und ersuchte um Aufhebung des Einreiseverbots beziehungsweise um Be-
willigung des Familiennachzugs. Das Gesuch begründete er mit einer auf-
richtigen Reue über seine Straftat sowie seinem tadellosen Verhalten vor
und nach seiner bedingten Entlassung. Bereits die Strafvollzugsbehörde
habe eine Wiederholungsgefahr verneint. Unmittelbar nach seiner Entlas-
sung sei er in sein Heimatland zurückgekehrt. Er lebe dort bei seinen El-
tern, sei zu 100 % erwerbstätig und habe sich nichts mehr zuschulden kom-
men lassen. Unter anderem habe er nach zweimaliger Suspension des
Einreiseverbots die Schweiz fristgerecht wieder verlassen. Er, seine Ehe-
frau und seine beiden Söhne unterhielten eine enge Beziehung, die sie seit
der Straftat vor 11 Jahren infolge Haft und Auslandsaufenthalt nur stark
eingeschränkt hätten pflegen können. Ihr grosser Wunsch sei es, wieder
zusammenleben zu können.
5.3 In ihrer Verfügung vom 14. März 2019 hielt die Vorinstanz fest, dass
wer, wie der Beschwerdeführer, einen Menschen vorsätzlich töte, in jedem
Fall grosse Schuld auf sich lade. Das Bezirksgericht sei in Würdigung der
Motive, der näheren Umstände der Tat und unter Berücksichtigung der
Drucksituation, in der sich der Beschwerdeführer befunden habe, sowie
der ihm attestierten leichten Verminderung der Schuldfähigkeit gesamthaft
von einem erheblichen Verschulden ausgegangen. Hinzu träten die weite-
ren Straftaten. Er habe während Jahren illegal eine Waffe und die dazuge-
hörende Munition besessen und zur Tatzeit auf sich getragen. Dass er sich
während des engmaschig betreuten Strafvollzugs wohlverhalten habe und
in seiner Heimat nicht mehr straffällig geworden sei, ändere angesichts der
Schwere seines Verschuldens nichts daran, dass aus ausländerrechtlicher
Sicht nach wie vor von einer ernsthaften Gefährdung der öffentlichen Ord-
nung und Sicherheit ausgegangen werden müsse. Er habe sich daher wei-
terhin während längerer Zeit ausserhalb der Schweiz zu bewähren.
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5.4 Auf Beschwerdeebene wird vorgebracht, angesichts des amtlich attes-
tierten fehlenden Rückfallrisikos anlässlich seiner Entlassung sowie der
fünfjährigen Bewährung in Freiheit gehe vom Beschwerdeführer heute
keine Gefahr mehr aus. Somit sei eine Aufrechterhaltung des Einreisever-
botes nicht mehr gerechtfertigt; erst recht nicht in der unverhältnismässi-
gen, die familiären Interessen ausser Acht lassenden Höhe von 12 Jahren.
Damit nähere sich die Vorinstanz der zulässigen Höchstdauer von 15 Jah-
ren, die für schwerwiegendste Fälle vorgesehen sei. Und selbst wenn eine
solche Massnahme ursprünglich gerechtfertigt gewesen wäre, müsste
heute, nach fünfjähriger Landesabwesenheit und ebenso langem Wohlver-
halten, anders entschieden werden. Das einzige allenfalls noch verblie-
bene geringfügige Restrisiko – wie der Beschwerdeführer mit seiner Frei-
heit umgehe – habe sich nicht verwirklicht. Er habe, wie von den Strafvoll-
zugsbehörden prophezeit, den Tatbeweis erbracht, dass er keine Gefahr
mehr darstelle. Es bestehe heute nicht der geringste Anlass, über die Re-
gelhöchstdauer eines Einreiseverbotes von fünf Jahren hinauszugehen.
6.
6.1 Gemäss einer früheren Rechtsprechung konnte gestützt auf Art. 67 alt
Abs. 3 AIG in der bis 31. Dezember 2010 geltenden Fassung (AS 2007
5437) in «schwerwiegenden Fällen» ein Einreiseverbot auf unbestimmte
Zeit erlassen werden. Das gleiche galt ab 1. Januar 2011 gestützt auf
Art. 67 Abs. 3 AIG in der geltenden Fassung bei einer schwerwiegenden
Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung. Voraussetzung war,
dass unter Berücksichtigung aller relevanten Umstände ein langjähriges
Einreiseverbot als gerechtfertigt erschien, zum Verfügungszeitpunkt jedoch
in zeitlicher Hinsicht keine zuverlässige Gefahrenprognose abgegeben
werden konnte. Dementsprechend räumte die Rechtsprechung dem Be-
troffenen, der sich während langer Zeit wohlverhalten hatte, einen An-
spruch auf Neuprüfung des Einreiseverbots ein. Als Richtwert für diese Be-
währungsfrist nahm sie die Dauer von zehn Jahren seit der Entlassung aus
dem Strafvollzug an (vgl. BVGE 2013/4 E. 7.3; BVGE 2008/24 E. 6.2).
Anzufügen ist an dieser Stelle, dass in der Folge das Bundesverwaltungs-
gericht den Zeitablauf in Verbindung mit klaglosem Verhalten zum Teil auch
bei befristeten Einreiseverboten, die wegen Gefährdung der öffentlichen
Sicherheit und Ordnung (Art. 67 Abs. 2 Bst. a zweiter Halbsatz AIG) ver-
hängt worden waren, als zulässigen Wiedererwägungsgrund betrachtete
(vgl. etwa Urteile F-6955/2015 vom 25. Juli 2016 E. 6.2; F-395/2016 vom
18. Januar 2018 E. 6.3 und 7.4; F-6341/2018 vom 27. März 2019 E. 5.5 f.).
Ob diese Ausweitung der Rechtsprechung von unbefristeten auf befristete
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Einreiseverbote gerechtfertigt ist, erscheint zumindest fraglich, kann aber
an dieser Stelle offenbleiben. Darüber wird in grundsätzlicher Weise im
Rahmen eines anderen Verfahrens zu befinden sein.
6.2 In einem Grundsatzurteil vom 26. August 2014 (BVGE 2014/20) hat
das Bundesverwaltungsgericht seine Rechtsprechung zur Zulässigkeit un-
befristeter Einreiseverbote mit Blick auf die für die Schweiz verbindlichen
Richtlinie Nr. 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 16. Dezember 2008 über die gemeinsamen Normen und Verfahren in
den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Drittstaatsangehö-
riger (ABl. L 348/98 vom 24.12.2008) und der dazu bestehenden Recht-
sprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union (EuGH) aufgegeben
und entschieden, dass Einreiseverbote, die auf der Grundlage von Art. 67
AIG vom SEM erlassen werden, zwingend auf eine bestimmte Dauer zu
befristen sind. Die Verbotsdauer kann dabei maximal 15 Jahre, im Wieder-
holungsfall 20 Jahre betragen. Dieser Änderung der Rechtsprechung hat
die Vorinstanz Rechnung getragen, indem sie das Wiedererwägungsge-
such des Beschwerdeführers zum Anlass nahm, die verhängte Fernhalte-
massnahme bis zum 7. Januar 2026 und damit auf insgesamt 12 Jahre zu
befristen.
6.3 Im Rahmen des vorliegenden Verfahrens gilt es zu prüfen, ob sich der
Sachverhalt nach Erlass des Einreiseverbots vom 8. Januar 2014 derge-
stalt geändert hat, dass die Massnahme nicht länger von einem überwie-
genden öffentlichen Interesse gedeckt ist und sie daher von der Vorinstanz
hätte aufgehoben oder zumindest stärker befristet werden müssen. Da der
Beschwerdeführer keine Revisionsgründe im Sinne von Art. 66 VwVG vor-
bringt, sind die dem Einreiseverbot vom 8. Januar 2014 zugrundeliegenden
Wertungen verbindlich und an dieser Stelle nicht mehr zu prüfen. Es ist
daher davon auszugehen, dass zum Zeitpunkt der Verfügung vom 8. Ja-
nuar 2014 vom Beschwerdeführer eine schwerwiegende Gefahr für die öf-
fentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 67 Abs. 3 zweiter Ab-
satz AIG ausging, die auch unter Berücksichtigung seiner privaten Interes-
sen ein Einreiseverbot rechtfertigte, das frühestens nach einer Bewährung
in Freiheit von 10 Jahren Dauer aufgehoben werden konnte.
7.
Auf der Grundlage der vorstehenden Erwägungen ist die mit der angefoch-
tenen Verfügung vorgenommene Befristung des Einreiseverbots am
Grundsatz der Verhältnismässigkeit staatlichen Handelns zu messen
(Art. 5 Abs. 2 BV, Art. 96 Abs. 1 AIG).
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Seite 9
7.1 Wie bereits mehrfach festgehalten, wurde gegen den Beschwerdefüh-
rer infolge schwerwiegender Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und
Ordnung ein Einreiseverbot auf unbestimmte Zeit erlassen, das eine erst-
malige Überprüfung der Massnahme erst zuliess, nachdem sich der Be-
troffene während mindestens 10 Jahre in Freiheit bewährt hatte. Der Be-
schwerdeführer ersuchte bereits fünf Jahre nach der Entlassung aus dem
Strafvollzug und der tags darauf erfolgten Ausreise aus der Schweiz um
Aufhebung der Massnahme. Zum jetzigen Zeitpunkt sind seither sieben
Jahre vergangen. Auch wenn sich der Beschwerdeführer während dieser
Zeit wohlverhalten haben mag, so liegt doch auf der Hand, dass die vom
ursprünglichen Einreiseverbot gestützt auf eine für das vorliegende Verfah-
ren verbindliche Abwägung der öffentlichen und privaten Interessen vorge-
gebene Mindestbewährungsfrist von 10 Jahren auch nicht annähernd er-
reicht wurde. Mit Blick auf diese Interessenlage ist die Dauer des Wohlver-
haltens zu kurz bemessen, als dass ein die privaten Interessen zurück-
drängendes, relevantes Restrisiko von Störungen der öffentlichen Ordnung
und Sicherheit ausgeschlossen werden könnte. Gestützt auf das Wohlver-
halten des Beschwerdeführers allein kann daher eine sofortige Aufhebung
des Einreiseverbots nicht in Betracht gezogen werden.
7.2 Die vom Beschwerdeführer eingangs ausgehende Gefahr für die öf-
fentliche Sicherheit und Ordnung wurde von der Vorinstanz als so schwer-
wiegend betrachtet, dass sie zum Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung
am 14. März 2019 noch weitere sieben Jahre Bewährung im Ausland für
erforderlich hielt.
7.2.1 Der Beschwerdeführer beging mit der vorsätzlichen Tötung eine der
schwerstmöglichen, gegen das menschliche Leben als höchstwertiges
Rechtsgut gerichteten Straftaten. Die Tatausführung wurde vom Gericht als
Ausdruck einer bedeutenden Intensität des verbrecherischen Willes cha-
rakterisiert und das Gesamtverschulden unter Berücksichtigung der objek-
tiven und subjektiven Tatkomponenten als erheblich eingestuft, was zu der
empfindlichen Einsatzstrafe von 13 Jahren führte. Darin berücksichtigt wa-
ren bereits die Vorgeschichte der Tat, die Drucksituation, in der sich der
Beschwerdeführer befand, und die ihm attestierte leichtgradig verminderte
Schuldfähigkeit. Erschwerend treten weitere Rechtsverletzungen hinzu,
die zusammen mit der vorsätzlichen Tötung abgeurteilt wurden, wie der
jahrelange illegale Besitz einer Schusswaffe und der dazugehörenden Mu-
nition, mit der die vorsätzliche Tötung ausgeführt wurde, sowie mehrfache
grobe Verletzung des Strassenverkehrsgesetzes.
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Seite 10
7.2.2 Im Ausländerrecht kommt ein gegenüber dem Strafrecht strengerer
Beurteilungsmassstab zur Anwendung, wenn es um Feststellung und Ge-
wichtung von Risiken für die öffentliche Sicherheit und Ordnung geht vgl.
BGE 137 II 233 E. 5.2.2 m.H.; Urteil des BVGer F-194/2017 vom 18. April
2018 E. 5.2 und 5.3; je m.H.). Bei schweren Straftaten, wie beim vom Be-
schwerdeführer begangenen Delikt, darf auch ein geringes Risiko weiterer
Rechtsverletzungen nicht in Kauf genommen werden (BGE 139 I 31
E. 2.3.2). Vor diesem Hintergrund sind die zweifelfrei gegebenen, günsti-
gen Täterkomponenten, die schlussendlich zur Reduktion der Strafe auf 9
Jahre führten, sowie das vorbildliche Vollzugsverhalten während der Ver-
büssung der Strafe zu berücksichtigen. Sie sind jedoch nicht entscheidend.
Im Übrigen schloss die zuständige Strafvollzugsbehörde anlässlich der be-
dingten Entlassung des Beschwerdeführers nicht jedes Rückfallrisiko aus.
Der forensisch-psychologische Abklärungsbericht vom 17. Januar 2013,
auf den sie Bezug nimmt, attestiert dem Beschwerdeführer eine gegenüber
der Normalbevölkerung «mässig» erhöhte Gefahr von weiteren Gewaltde-
likten und empfiehlt ihm, seine defizitären Problem- und Konfliktbewälti-
gungsstrategien anzugehen. Auch wenn der Beschwerdeführer in der
Folge an diesen Defiziten arbeitete, meldete die Strafvollzugsbehörde ge-
wisse Bedenken hinsichtlich ihrer eigenen Prognose an, weil die neu er-
worbenen Kompetenzen noch nicht in Freiheit getestet und verfestigt wer-
den konnten.
7.2.3 Gesamthaft durfte die Vorinstanz davon ausgehen, dass zum Zeit-
punkt des ersten, auf unbestimmte Zeit verhängten Einreiseverbots eine
besonders schwere Gefahr weiterer Störungen der öffentlichen Sicherheit
und Ordnung bestand, die ein ebenso schwerwiegendes Fernhalteinte-
resse und damit grundsätzlich langjähriges, deutlich mehr als 10 Jahre
dauerndes Einreiseverbot rechtfertigte. Das Wohlverhalten des Beschwer-
deführers nach der Entlassung aus dem Strafvollzug ist zwar nicht geeig-
net, die anfänglich vorhandene Gefahr ganz zu bannen. Das wäre gemäss
den für das vorliegende Verfahren verbindlichen Wertungen des ursprüng-
lichen, auf unbestimmte Zeit ausgesprochenen Einreiseverbots frühestens
nach 10 Jahren der Fall. Die verbleibende Gefahr ist infolge Zeitablaufs
naturgemäss geringer. Allerdings ist sie immer noch bedeutend und be-
gründet ein gewichtiges öffentliches Interesse an einer weiteren, deutlich
über den Ablauf der 10-jährigen Bewährungsfrist hinausgehenden Fernhal-
tung des Beschwerdeführers.
7.2.4 Auf der anderen Seite ist keine Veränderung in den familiären Ver-
hältnissen ersichtlich, die das öffentliche Fernhalteinteresse entscheidend
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Seite 11
zurückdrängen könnte. Es ist daran zu erinnern, dass im Verfahren auf Wi-
derruf der Niederlassungsbewilligung die Frage geprüft und bejaht wurde,
ob es der Ehefrau und den Kindern zugemutet werden kann, dem Be-
schwerdeführer ins gemeinsame Heimatland zu folgen. Wenn es die Be-
teiligten vorgezogen haben, in der Schweiz zu bleiben, können sie sich
nicht ohne weiteres auf die sich daraus ergebenden Erschwernisse beru-
fen. Diese sind im Übrigen in erster Linie auf den Verlust des Aufenthalts-
rechts zurückzuführen. Das Einreiseverbot wirkt sich nur soweit belastend
aus, als die ohne Aufenthaltsbewilligung noch möglichen Besuchsaufent-
halte in der Schweiz durch die Notwendigkeit einer Suspension des Einrei-
severbots eingeschränkt werden (BVGE 2013/4 E. 7.4.1 bis 7.4.3). Solche
Suspensionen wurden dem Beschwerdeführer jedoch seit 2017 regelmäs-
sig gewährt, letztmals am 15. Juli 2020. Von der Möglichkeit von Besuchen
beim Beschwerdeführer im Heimatland wurde alljährlich während der
Weihnachtszeit und im Sommer Gebrauch gemacht und die Pflege der Be-
ziehungen durch moderne Kommunikationsmittel war stets möglich.
Schliesslich und endlich steht es dem Beschwerdeführer frei, ein neues
Gesuch um Familiennachzug zu stellen. Nach bundesgerichtlicher Recht-
sprechung hat er nach fünf Jahren Bewährung im Ausland einen Anspruch
auf Neuprüfung (Urteil des BGer 2C_99/2019 vom 28. Mai 2019 E. 6.4
m.H.). Sollte ihm die Aufenthaltsbewilligung erteilt werden, wäre das Ein-
reiseverbot aufzuheben (Urteil des BGer 2C_487/2012 vom 2. April 2013
E. 4.6 m.H.).
7.3 Eine wertende Gewichtung der sich gegenüberstehenden öffentlichen
und privaten Interessen führt das Bundesverwaltungsgericht zum Ergeb-
nis, dass die Befristung des Einreiseverbots bis zum 7. Januar 2026 eine
verhältnismässige und angemessene Massnahme zum Schutz der öffent-
lichen Sicherheit und Ordnung darstellt.
8.
Anzufügen bleibt, dass Gründe, welche die weitere Ausschreibung des Ein-
reiseverbots im SIS II als eine unverhältnismässige Massnahme erschei-
nen liessen, weder geltend gemacht werden, noch ersichtlich sind (vgl. Art.
24 Ziff. 2 Bst. a der Verordnung [EG] Nr. 1987/2006 des Europäischen Par-
laments und des Rates vom 20. Dezember 2006 über die Einrichtung, den
Betrieb und die Nutzung des Schengener Informationssystems der zweiten
Generation [SIS-II-Verordnung, Abl. L 381/4 vom 28.12.2006]).
F-1818/2019
Seite 12
9.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene
Verfügung im Licht von Art. 49 VwVG nicht zu beanstanden ist. Die Be-
schwerde ist demzufolge abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Verfahrenskosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über Kosten und Entschädigungen vor dem
Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
11.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 13