Decision ID: ea643fcd-2997-46e9-bd74-1a4708be01ed
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren
1956
, war ab
2. Oktober 1989
als
diplo
mierter Ingenieur
bei
der
Y._
AG
angestellt und in dieser Eigenschaft bei der
Suva
gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen versichert
(vgl. Urk.
9
/
2
).
1.2
Aufgrund der bei einem am 9. Januar 2015 erlittenen Unfall zugezogenen Verletzungen der rechten Schulter sprach die Suva dem Versicherten mit der auf einem Vergleich vom 6. Juli 2017 basierenden Verfügung vom 14. Juli 2017 für die verbliebene Beeinträchtigung eine Invalidenrente vom 1. Juli 2017 bis 30. September 201
7
von 50 % und ab dem 1. Oktober 2021 von 23 % sowie eine Integritätsentschädigung von 15 % zu (vgl. Urk. 1 S. 3 und Urk. 2 S. 2).
1.3
Am 22. September 2017 zog sich der Versicherte bei einem Sturz Verletzungen der linken Schulter zu
,
weswegen ihm die Suva mit Verfügung vom
1. Februar 2019 (Urk. 9/104)
mit Wirkung ab 1. März 2019 eine Invalidenrente bei einem errechneten Invaliditätsgrad von 36 % für die verbleibenden Restfolgen aus beiden Unfällen sowie eine
Integritätsentschädigung von 15
% zu
sprach. Die gegen diese Verfügung erhobene Einsprache (Urk. 9/120, Urk. 9/132) wies die Suva mit
Einspracheentscheid
vom 25. Oktober 2019 (Urk. 9/144) ab.
Dagegen erhob der Versicherte am 26. November 2019 (Urk. 9/146)
Beschwerde ans hiesige Gericht
. Im Rahmen dieses Verfahrens (Verfahrensnummer: UV.2019.00285) schlossen die
Parteien anlässlich der Instruktionsverhandlung vom 28. Januar 2021 einen Vergleich (Urk. 9/162) mit folgendem Wortlaut:
«1.
Der Erw
erbsunfähigkeitsgrad wird ab 1. März 2019 bis 30.
September 2021 (or
dentliche Pensionierung) auf 50 % und ab 1. Oktober 2021 auf 30
% festgelegt.
2.
Der versicherte Jahresverdienst, auf dem die Berechnung der monat
l
ichen Rente beruht, beträgt Fr.
123'000.--.
3.
Die allfällige Ausrichtung einer Komplementärrente g
emäss den Bestim
mungen von Art. 20 Abs.
2 des Bundesgesetzes über die Unfallversiche
rung (UVG) sowie eine allfällige künftige Rentenrevision g
emäss den Be
stimmungen von Art. 17 Abs.
1 des Bundesgesetzes über den allgemei
nen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) bleiben vorbehalten.
4.
Die Parteien verzichten gegenseitig auf eine Prozessentschädigung.
5.
Dieser Vergleich ist gültig, sofern er
nicht innert Frist bis zum 15. Febru
ar 2021 widerrufen
wird.»
Der Prozess wurde in der Folge mit Verfügung vom 24. Februar 2021 (Urk. 9/161) als durch Vergleich erledigt abgeschrieben.
1.4
Unter
Hinweis auf das vom Versicherten im September 2021
zu
erreichende
ordentliche Rentenalter
kürzte die Suva mit Verfügung vom 28. Mai 2021 (Urk. 9/170) die Rente per 1. Oktober 2021 um Fr. 91.85 (Kürzung des Renten
anteils des zweiten Unfalles um 16 %). Die dagegen erhobene Einsprache
(Urk. 9/171)
wies die Suva mit Entscheid vom
17. August 2021 (Urk. 2) ab.
2.
Am 16. September 2021 (Urk. 1) erhob der Beschwerdefüh
rer Beschwerde gegen den
Einspra
cheentscheid
vom 17. August 2021 und beantragte, dieser sei aufzu
heben, die Verfügung vom 28. Mai sei zu ändern und es sei ihm, ausgehend vom Ergebnis der Vergleichsverhandlungen am Sozialversicherungsgericht vom 28. Janu
ar 2021, auch mit Wirkung ab 1.
Oktober 2021 eine ungekürzte Rente der Unfallversicherung auszurichten (S. 2).
Mit Beschwerdeantwort vom 18. Oktober 2021 (Urk. 8) schloss die Beschwerde
gegnerin auf Abweisung der Beschwerde,
was dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 29. Oktober 2021 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 10).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1
.
1.1
Die Beschwerdegegnerin führte zur Begründung des angefochtenen
Einsprache
entscheids
aus (Urk. 2),
im Vergleich sei zwar die Höhe des Invaliditätsgrades festgelegt
worden
, nicht aber die Höhe des monatlichen Rentenbetrages. Hierzu bestimme Ziff.
2 einzig, dass der versicherte Jahresverdienst, auf welchem die Berechnung der monatlichen Rente beruhe, Fr. 123'000.-- betrage. Die technische Berechnung des Rentenbetrages sei damit - zu Recht - der Suva überlassen worden. Diesbezüglich sei denn auch festzuhalten, dass es sich bei der Bestim
mung
von Art. 20 Abs.
2
ter
UVG um eine zwingende gesetzliche Vorschrift handele, welche nicht vergleichsweise wegbedungen werden könne. Dass im Vergleich vom 28. Januar 2021 einzig die Bestimmungen von
Art.
20
Abs.
2 UVG und
Art.
17
Abs.
1 ATSG im Sinne eines Vorbehalts erwähnt worden sei
en
, vermöge an diesem Grundsatz nichts zu ändern. Denn aus der Nichterwähnung von
Art.
20
Abs.
2
ter
UVG könne nicht abgeleitet werden, dass diese Bestimmung
nicht zur Anwendung komme (S. 5; vgl. auch die Beschwerdeantwort vom 18. Oktober 2021; Urk. 8 S
. 3-5
).
1.2
Der
Beschwerdeführer hielt in seiner Beschwerde dagegen (Urk. 1),
im geschlossenen Vergleich sei
en
auch die künftigen Leistungen ab Pensionierungs
datum Oktober 2021 miteinbezogen. Dies mit dem Ziel, dass sich im Zeitpunkt der Pensionierung keine Streitfragen bezüglich der neueren UVG-Regelungen mehr stellen würden
. Im vor dem hiesigen Gericht geschlossenen Vergleich vom 28. Januar 2021 sei die UV-Rente, ausgehend von einer Erwerbsunfähigkeit von 50
%, mit Wirkung ab Eintritt des ordentlichen Pensionsalters bereits um 20
% reduziert und ein Rentenanspruch, ausgehend von einer Erwerbsunfähigkeit von 30
%, vergleichsweise verabredet worden. Ein Vorbehalt bezüglich einer künfti
gen Änderung sei im Vergleich lediglich bezüglich zweier Punkte ausdrücklich vereinbart worden:
nach
Art.
20
Abs.
2 UVG aber lediglich im Zusammenhang mit einer Komplementärrente und n
ach Art.
17 ATSG für den Rentenrevisionsfall. Ein weiterer
Kürzungsgrund sei im Vergleich nicht aufgeführt und nicht
vorbe
halten worden. Eine im Vergleich nicht ausdrücklich vorgesehene weitere Kürzungsmöglichkeit sei entsprechend unzulässig
(
S.
5 f.
).
2.
Anlässlich der Instruktionsverhandlung
vor dem hiesigen Gericht unter der Leitung von Sozialversicherungsrichter
Gräub
am 28. Januar 2021
verständigten sich die Parteien auf eine eindeutige Regelung
,
was den Rentenanspruch des Beschwerdeführers angeht. Der Wortlaut lässt keine
n
Zweifel oder Interpreta
tionsspielraum darüber
zu
, was von den Parteien auch bezüglich des Anspruches für die Zeit ab Erreichen des Rentenalters
gemeint war.
Sinn und Zweck
dieses
Vergleiches
im Sinne von
Art.
50 ATSG
war es gerade auch
,
die
sich
zum damaligen Zeitpunkt noch nicht stellende Frage über die
Höhe
der Rente nach Erreichen des ordentlichen Rentenalters
miteinzubeziehen
, um so eine
r
allfällige
n
diesbezügliche
n
Streitigkeit
vorzubeugen, andernfalls die einver
nehmliche Lösung durch die Parteien nicht
zu Stande gekommen
wäre
.
In Ziffer 1 des Vergleichs wurde explizit auf das Erreichen des Rentenalters Bezug genommen und
der
totale
Erwerbsunfähigkeitsgrad
-
umfassend
die
auf beide Unfälle vom 9. Januar 2015 und 22. September 2017 zurückgehende Beeinträch
tigung
und
die aufgrund des erreichten Pensionsalters erfolgte
Einkommens
ein
busse
berücksi
ch
tigend
- vergleichsweise
ausdrücklich auf 30 % festgelegt
:
«
Der Erw
erbsunfähigkeitsgrad wird ab 1. März 2019 bis 30.
September 2021 (or
dentliche Pensionierung) auf 50 % und ab 1. Oktober 2021 auf 30
% festge
legt.
»
(
vgl. Sachverhalt Ziff. 1.3).
Ebenso unmissverständlich wurde denn auch
von diesen 30 % als Grundlage zur Bemessung der Rente ausgegangen, wovon einzig
mögliche Abweichungen
im Falle der
Ausrichtung einer
allfälligen
Komplementärrente
nach Art. 20 Abs.
2
UVG oder
eine
r
künftige
n
Rentenre
vision
nach Art. 17 Abs.
1
ATSG
ausgenommen wurde
n
(Ziff. 3 des Vergleiches
; vgl. Sachverhalt Ziff. 1.3).
Eine Anpassung unter
Anwendung
von
A
rt.
20
Abs.
2
ter
UVG
wurde von den Parteien damit rechtsgültig ausgeschlossen
respektive als in den 30 % bereits berücksichtig
t
angenommen
. Anders lässt sich der Vergleich nach Treu und Glauben nicht verstehen,
wenngleich der Rechtsvertreter der
Be
schwerdegegne
rin
,
der
bereits den Vergleich im Namen der Beschwerdegegnerin unterzeichnet hatte (vgl. Urk. 3),
nun
nachträglich zum
Einspracheentscheid
vom
17. August 2021 (Urk. 2) in seiner für das vorliegende
Verfahren
verfassten Beschwerdeant
wort vom 18. Oktober 2021 (Urk. 8)
mit dem Verweis darauf, dass nur der Invaliditätsgrad
(Erwerbsunfähigkeitsgrad)
und der versicherte Verdienst, nicht aber der Betrag der
genaue
Rente festgelegt worden seien,
anderes behauptet (S. 3 f.)
.
Im Gegenteil war die mögliche Kürzung der Rente ab Eintritt ins Pensionierungs
alter gerade Gegenstand der Gespräche anlässlich der Vergleichsverhandlungen und wohl ein massgebliches Element, welches den Vergleich überhaupt hat zustande kommen lassen.
Denn es sollte gerade der absehbare, nun eingetretene Streit verhindert werden. Es hätten sich denn verschiedene Fragen gestellt wie etwa, von welchem Unfalljahr bei der Kürzung auszugehen ist bei mehreren Unfällen.
Wenn die Beschwerdegegnerin nun Gegenteiliges behauptet, wirft
dies
kein gutes Licht auf sie. Denn es wäre zu erwarten gewesen, dass bei der von der Beschwerdegegnerin nun angenommenen Interpretation ihrerseits ein entspre
chender Hinweis gemacht worden wäre. Der Sinn von Vergleichslösungen besteht üblicherweise darin, ein Rechtsverhältnis vollumfänglich zu regeln.
Dass das
Gericht vorliegend anders hätte verfahren und einen Vergleich mit Streitpotential
vorschlagen sollen, ist geradezu abwegig.
Zudem ergäbe bei der von Beschwer
degegnerin proklamierten Interpre
t
ation der abweichende Invaliditätsgrad ab
1.
Oktober 2021 keinen Sinn
respektive liesse sich ein solcher logisch nicht begründen
.
Bei einem Vergleich
können
die
Parteien bei ungewisser Sach- oder Rechtslage
ein Rechtsverhältnis ordnen, um die bestehende Rechtsunsicherheit zu beseitigen. Dabei und damit wird in Kauf genommen, dass der Vergleichsinhalt von der Regelung des Rechtsverhältnisses abweicht, zu der es bei umfassender Klärung des Sachverhalts und der Rechtslage allenfalls gekommen wäre
(BGE 140 V 77
E. 3.2.1).
Eine Gesetzeswidrigkeit in Bezug auf eine Anpassung nach
Art.
20
Abs.
2
ter
UVG
ist
demnach nicht
anzunehmen
.
Nach dem Gesagten
ist d
ie Beschwerde gutzuheissen und der
Einspracheentscheid
der Suva vom 17. A
ugust 2021
folglich
aufzuheben.
3.
Bei diesem Verfahrensausgang hat
der Beschwerdeführer
Anspruch auf eine Prozessentschädigung,
welche ermessensweise auf Fr. 1
'
2
00.-- festzusetzen ist (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer).