Decision ID: 4b05b0f7-69a3-573c-b2a4-a4851e497a23
Year: 2017
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdegegner reichte am 21. April 2017 bei der Gemeinde Frutigen ein
Baugesuch ein für die Überdachung seines bestehenden Parkplatzes auf der Parzelle
Frutigen Grundbuchblatt Nr. D._. Die Parzelle liegt in der Wohnzone W2. Gegen
das Bauvorhaben erhob die Beschwerdeführerin Einsprache. Die Gemeinde Frutigen
erteilte dem Vorhaben am 27. Juli 2017 die Baubewilligung.
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2. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 28. August 2017 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein mit folgenden Anträgen:
"1. Die Kleine Baubewilligung Nr. 2017-0032, datiert den 27. Juli 2017, sei aufzuheben und es
dem Bauvorhaben "Ueberdachung bestehender Parkplatz" gemäss Baugesuch vom 24. Mai
2017, mitgeteilt gemäss Art. 27 BewD am 24. Mai 2017, der Bauabschlag zu erteilen.
2. Eventualiter: Es seien bezüglich der Dachentwässerung und bezüglich der
Hangwasserbelastung der Liegenschaft der Einsprecherin Auflagen zu erteilen.
3. Es sei von der Rechtsverwahrung Kenntnis zu nehmen und zu geben.
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge."
Zur Begründung macht die Beschwerdeführerin zusammengefasst geltend, sie befürchte,
das Dachwasser und das übrige Wasser würden insbesondere bei starken Regenfällen auf
ihr benachbartes und tiefer liegendes Grundstück abgeleitet werden.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Der Beschwerdegegner stellt keinen
formellen Antrag, verlangt sinngemäss aber die Abweisung der Beschwerde. Die Vor-
instanz beantragt ebenfalls die Abweisung der Beschwerde.
Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
a) Bauentscheide können nach Art. 40 BauG2 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig.
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen und die Baugesuchsteller, die
Einsprecherinnen und die Einsprecher sowie die zuständige Gemeindebehörde (Art. 40
Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführerin ist Eigentümerin der östlich an das Baugrundstück
angrenzenden Parzelle Frutigen Grundbuchblatt Nr. E._. Sie hat als im
vorinstanzlichen Verfahren beteiligte Einsprecherin ein schutzwürdiges Interesse an der
Aufhebung der angefochtenen Baubewilligung. Sie ist damit zur Beschwerde legitimiert.
Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Grundstücksentwässerung und Dachwasser
a) Die Beschwerdeführerin befürchtet, ihr tiefer gelegenes Grundstück werde
insbesondere bei starkem Regen das Dachwasser des geplanten Parkplatzdachs und das
übrige Wasser übernehmen müssen. Zwar sei den Baugesuchsakten zu entnehmen, dass
die Dachentwässerung über den bestehenden Sickerschacht auf dem Grundstück des
Beschwerdegegners und von dort wahrscheinlich in den bestehenden Schacht in der
F._strasse erfolge. Über die Tiefe des Sickerschachts in der F._strasse
sei indes nichts bekannt und auch sonst würden Informationen fehlen, wie die
Versickerung tatsächlich funktionieren soll.
b) Nach Art. 7 Abs. 2 GSchG3 und Art. 17 KGV4 ist nicht verschmutztes Abwasser nach
den Anordnungen der kantonalen Behörde versickern zu lassen. Als unverschmutztes
Abwasser gilt unter anderem Niederschlagswasser von Dachflächen (Art. 3 Abs. 3
2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 3 Bundesgesetz vom 24. Januar 1991 über den Schutz der Gewässer (Gewässerschutzgesetz, GSchG; SR 814.20) 4 Kantonale Gewässerschutzverordnung vom 24. März 1999 (KGV; BSG 821.1)
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GSchV5). Art. 17 Abs. 1 KGV präzisiert, dass sowohl das nicht verschmutzte
Regenabwasser von Dächern, Zufahrten, privaten und öffentlichen Verkehrsflächen,
Parkplätzen und ähnlichen Flächen (Bst. a) als auch das Reinabwasser wie Brunnen- und
Sickerwasser, Grund- und Quellwasser sowie unbelastetes Kühlwasser (Bst. b) zu
versickern ist. Erlauben die örtlichen Verhältnisse keine Versickerung, so können diese
Abwasserarten unter Vorbehalt von Art. 48 WBG6 in ein oberirdisches Gewässer eingeleitet
werden (Art. 7 Abs. 2 GSchG; Art. 17 Abs. 2 KGV). Nach den "Allgemeinen Auflagen für
die Grundstücksentwässerung" des Amtes für Wasser und Abfall (AWA) vom Dezember
20107, Ziff. 6, ist die gewählte Entsorgungsart zu begründen, wenn nicht verschmutztes
Regenwasser nicht versickert wird.
c) Das vom geplanten Parkplatzdach abfliessende Regenwasser ist als nicht
verschmutztes Abwasser zu qualifizieren. Richtig und unbestritten ist, dass dieses
unverschmutzte Dachwasser zu versickern ist. Die Baubewilligung vom 27. Juli 2017
enthält denn auch eine entsprechende Auflage, wonach das Dachwasser über ausreichend
dimensionierte Schlammsammler mit Tauchbogen in einem Versickerungsstrang oder
Sickerschacht zu versickern ist (Ziff. 7.1 der angefochtenen Bewilligung).
Der Beschwerdegegner verfügt auf seinem Grundstück über eine eigene, bestehende
Versickerungsanlage. Diese dient bereits heute u.a. der Entwässerung seines vollflächig
mit einer Betonplatte versiegelten Parkplatzes und soll künftig auch für die Entwässerung
des geplanten Parkplatzdachs sorgen. Entsprechend gab der Beschwerdegegner im
Baugesuchsformular 3.0 (Entwässerung von Grundstücken) zur geplanten
Parkplatzüberdachung an, die für das Bauvorhaben notwendige Versickerungsanlage sei
bestehend. Den bewilligten Projektplänen vom 21. April 2017 lässt sich entnehmen, dass
sich der bestehende Sickerschacht östlich vom Wohnhaus des Beschwerdegegners
befindet. Der Sickerschacht ist gemäss Baugesuchsunterlagen über eine Leitung mit dem
Parkplatz im Norden der Parzelle verbunden, hat einen Notüberlauf und ist für Saugwagen
zugänglich. Der Notüberlauf ist gemäss unbestrittenen Angaben des Beschwerdegegners
mit dem Kanalisationssystem der Gemeinde verbunden.
5 Gewässerschutzverordnung des Bundesrates vom 28. Oktober 1998 (GSchV; SR 814.201) 6 Gesetz vom 14. Februar 1989 über Gewässerunterhalt und Wasserbau (Wasserbaugesetz, WBG; BSG 751.11) 7 Publiziert auf http://www.bve.be.ch, Rubriken "Wasser", "Grundstücksentwässerung", "Karten/Formulare/Publikationen "
http://www.bve.be.ch
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Zuständig für die Baukontrolle sowie die Kontrolle des ordnungsgemässen Unterhalts, der
Erneuerung und des Betriebs der Abwasser- und der Versickerungsanlagen ist die
Bauverwaltung Frutigen (Art. 2 Abs. 4 Bst. a und b des Abwasserreglements Frutigen). Die
Bauverwaltung nahm deshalb anlässlich des Bauvorhabens eine Nachkontrolle der
bestehenden Versickerungsanlage vor und beurteilte sie hinsichtlich der geplanten
Überdachung als rechtmässig.8 In ihrer Stellungnahme vom 5. September 2017 hielt die
Gemeinde fest, die beschriebene Versickerungsanlage sei vor Jahren rechtmässig bewilligt
worden und funktioniere. Die Beschwerdeführerin ihrerseits legt nicht dar, inwiefern dies
nicht der Fall sein sollte.
d) Das Grundstück des Beschwerdegegners verfügt über eine funktionstüchtige
Entwässerungsanlage mit Sickerschacht. Daran ändert sich mit der Überdachung des
Parkplatzes nichts: Neu wird das Wasser zwar vom Parkplatzdach anstatt vom
darunterliegenden, betonierten Parkplatzboden zum Versickerungsschacht geleitet. Die
Leitung, mit welcher das Abwasser dem Schacht zugeführt wird, bleibt aber dieselbe wie
bisher. Auch die vom Parkplatz abzuführende Wassermenge bleibt unverändert; ob das
Regenwasser vom Dach oder vom Boden abgeführt wird, hat keinen Einfluss auf die
Meteorwassermenge. Diese könnte sich einzig deshalb leicht verändern, weil das geplante
Dach östlich über den Parkplatz hinaus auf einen kleinen Gartenweg mit Haustreppe ragt.
Daher ist die Dachfläche etwas grösser als die Parkplatzfläche und damit die bedeckte
Fläche etwas grösser.9 Ein Teil dieser Fläche ist jedoch bereits heute durch das Dach des
Haupthauses bedeckt. Die effektiv durch das Parkplatzdach zusätzlich abgedeckte
Mehrfläche beträgt nur rund 2.4 m2. Aufgrund des bestehenden Weges ist davon
auszugehen, dass ein Teil dieser neu bedeckten Fläche versiegelt ist. Selbst wenn der
überdachte Weg nicht versiegelt sein sollte, wäre eine derart geringe, neu bedeckte
Zusatzfläche bzw. Zusatzmenge des darauf anfallenden Meteorwassers nicht geeignet, zur
Überlastung einer funktionstüchtigen Versickerungsanlage zu führen. Es besteht damit kein
Grund zur Annahme, die bewilligte, überprüfte und bisher funktionierende
Versickerungsanlage würde aufgrund der Überdachung nicht mehr funktionieren oder sei
nicht mehr genügend dimensioniert. Die Beschwerdeführerin legt auch nicht dar, wieso
dies nicht der Fall sein sollte. Sie stellt in ihrer Beschwerde einzig die Funktionstüchtigkeit
eines Sickerschachts in der F._strasse in Frage. Dieser ist aber für die vorliegend
umstrittene Dachentwässerung nicht von Bedeutung, da diese über die genügend
8 Vorakten, pag. 11 9 Vgl. Projektplan vom 21. April 2017
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dimensionierte Versickerungsanlage auf dem Grundstück des Beschwerdegegners erfolgt.
Wie dargelegt, verfügt der Sickerschacht auf dem Grundstück des Beschwerdegegners
zudem für starke Regenfälle über einen mit der Kanalisation verbundenen Notüberlauf. Die
Befürchtung der Beschwerdeführerin, das Regenwasser des Parkplatzes würde auf ihr
Grundstück abgeleitet, erweist sich damit als unbegründet. Mit der genannten Auflage zur
Entwässerung in Ziff. 7.1 des angefochtenen Entscheids ist die Versickerung gewährleistet.
Weitergehende Anordnungen sind für das Erteilen der Bewilligung nicht notwendig.
3. Hangwasser
a) Die Beschwerdeführerin bringt vor, aufgrund des Bauvorhabens sei mit einer
grösseren Menge Hangwasser zu rechnen, was zu Bodenverschiebungen und damit zu
allfälligen Verschiebungen und Schädigungen der Grenzmauer führen könne.
b) Gemäss Art. 21 Abs. 1 BauG sind Bauten und Anlagen so zu erstellen, zu betreiben
und zu unterhalten, dass weder Personen noch Sachen gefährdet werden. Personen und
Sachen dürfen nach Art. 57 Abs. 1 BauV10 weder durch den Bauvorgang noch durch den
Bestand oder Betrieb von Bauten und Anlagen gefährdet werden. Weiter verweist diese
Bestimmung auf die einschlägigen Normen der Fachverbände. Das Baurecht beschränkt
sich somit darauf, die Bauherrschaft auf die geltenden Regeln der Baukunde zu verweisen.
c) Die Beschwerdeführerin legt den Zusammenhang zwischen dem Bauvorhaben und
der von ihr befürchteten, angeblich grösseren Hangwassermenge mit potentieller
Schädigungsfolge für die Grenzmauer nicht dar. Ein solcher Zusammenhang ist denn auch
nicht ersichtlich, zumal das Bauvorhaben keinen Einfluss auf die anfallende
Meteorwassermenge hat (vgl. E. 2e). Damit sind eine separate Auflage und erst recht ein
Bauabschlag nicht angezeigt. Dies ändert indes nichts am Umstand, dass der
Beschwerdegegner mögliche Gefährdungen zu vermeiden und die nach den Umständen
sich aufdrängenden Sicherheitsvorkehrungen als unmittelbar anwendbare
Verhaltensvorschriften zu beachten hat.
10 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1)
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4. Beweisantrag und Rechtsverwahrung
a) Die Beschwerdeführerin verlangt die Durchführung eines Parteiverhörs. Von einem
solchen Parteiverhör sind keine weiteren, entscheidrelevanten Erkenntnisse zu erwarten.
Der Beweisantrag wird deshalb abgewiesen (vgl. Art. 18 Abs. 2 VRPG11).
b) Die Beschwerdeführerin beantragt weiter, von ihrer Rechtsverwahrung sei Kenntnis
zu nehmen und zu geben. Dies hat die Gemeinde im vorinstanzlichen Verfahren bereits
getan und die Rechtsverwahrung in Ziff. 3.2 und 9 der angefochtenen Baubewilligung vom
27. Juli 2017 festgehalten. Dieser vorinstanzliche Entscheid wird im vorliegenden
Beschwerdeverfahren bestätigt und seine Anordnungen damit übernommen. Somit gilt
auch die Kenntnisnahme und -gabe der Rechtsverwahrung der Beschwerdeführerin als
erfolgt. Eine erneute Rechtsverwahrung im oberinstanzlichen Verfahren ist nicht
notwendig. Der Beschwerdeführerin fehlt es insofern an einem Rechtsschutzinteresse für
diesen Antrag (vgl. Art. 65 VRPG), weshalb darauf nicht eingetreten werden kann.
5. Zusammenfassung und Kosten
a) Die angefochtene Baubewilligung erweist sich als rechtmässig und ist zu bestätigen.
Deren Ergänzung mit Auflagen ist nicht angezeigt. Die Beschwerde ist folglich abzuweisen,
soweit darauf eingetreten werden kann.
b) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin. Sie hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 600.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1
GebV12).
c) Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 VRPG).
11 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 12 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
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