Decision ID: 654c9be0-7c3c-5a2a-8a5d-933a235dbd8f
Year: 2016
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Mit Schreiben vom 5. April 2016 informierte der Gemeinderat der Gemeinde Muri bei
Bern die Grundeigentümerinnen und Grundeigentümer sowie die Baurechtsnehmenden im
Perimeter der Überbauungsordnung (ÜO) D._strasse über den Erlass einer
Planungszone für diesen Perimeter. Der Gemeinderat wies darauf hin, dass die
Planungszone vom 6. April bis 6. Mai öffentlich aufliege und die Möglichkeit der Einsprache
bestehe. Zudem findet sich folgende Textstelle: "In einer Planungszone darf im betroffenen
Gebiet während zwei Jahren nichts unternommen werden, was den Planungszweck der
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Gemeinde beeinträchtigen könnte (Art. 27 RPG). Die hängigen Baugesuche sowie allfällig
nachträglich gestellte sind damit vorerst sistiert."
2. Am 4. Mai 2016 reichte die Beschwerdeführerin bei der Bau-, Verkehrs- und
Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) eine Beschwerde "betreffend Sistierung
Baubewilligungsverfahren (Erlass Planungszone Schürmatt)" ein. Sie beantragt, die
Sistierung des Baubewilligungsverfahrens betreffend ihrem generellen Baugesuch vom
8. Dezember 2014 für die Baurechtsparzelle Muri bei Bern Grundbuchblatt Nr. E._
sei aufzuheben.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch. Die Baubewilligungsbehörde der Gemeinde Muri bei Bern
beantragt in ihrer Stellungnahme vom 9. Juni 2016, auf die Beschwerde sei nicht
einzutreten. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintreten
a) Die Gemeinde Muri bei Bern begründet ihren Nichteintretensantrag damit, dass die
Passage im Schreiben vom 5. April 2016, wonach die hängigen Baugesuche vorerst sistiert
seien, lediglich den Inhalt von Art. 62a Abs. 3 BauG2 widergebe. Diese Äusserung lege
jedoch keine Rechtsbeziehung zwischen der Gemeinde und der Beschwerdeführerin
verbindlich fest. Damit fehle es an einer Verfügung und damit auch an einem genügenden
Anfechtungsobjekt. Im Übrigen erleide die Beschwerdeführerin durch die angebliche
Zwischenverfügung keinen nicht wieder gutzumachenden Nachteil und sei die BVE für die
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
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Beurteilung der in der Beschwerde aufgeworfenen Fragen nicht zuständig. Auch deshalb
sei auf die Beschwerde nicht einzutreten.
Die Beschwerdeführerin räumt in ihrer Beschwerde ein, dass keine explizite
Sistierungsverfügung betreffend ihrem generellen Baugesuch vom 8. Dezember 2014
vorliege. Aufgrund der Verwirkungsfolge bei verpasster Rechtsmittelfrist sehe sie sich
dennoch gezwungen, die Feststellung aus dem Schreiben vom 5. April 2016, wonach die
hängigen Baugesuche vorerst sistiert seien, bereits als Verfügung und damit als
Anfechtungsobjekt zu qualifizieren und entsprechend Beschwerde zu erheben.
b) Bei einer Verfügung, mit welcher ein Baubewilligungsverfahren sistiert wird, handelt
es sich um eine Zwischenverfügung (Art. 61 Abs. 1 Bst. c VRPG3). Nach dem Grundsatz
der Einheit des Verfahrens gilt für die Anfechtung von Zwischenverfügungen der gleiche
Rechtsmittelweg wie in der Hauptsache.4 Bauentscheide können nach Art. 40 BauG innert
30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist
somit für die Beurteilung einer Beschwerde gegen eine Sistierungsverfügung in einem
Baubewilligungsverfahren zuständig.
c) Zwischenverfügungen sind unter anderem dann selbständig anfechtbar, wenn sie
einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil bewirken können (Art. 61 Abs. 3 Bst. a
VRPG). Die Baugesuchstellerin hat grundsätzlich ein Interesse an einer raschen
Verfahrenserledigung, weshalb eine allenfalls ungerechtfertigte Sistierung des Verfahrens
für sie einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil zur Folge haben kann.5 Die
Beschwerdeführerin kann daher als Baugesuchstellerin eine Sistierungsverfügung im
Baubewilligungsverfahren selbständig anfechten.
d) Fraglich ist jedoch, ob es sich beim Schreiben vom 5. April 2016 tatsächlich um eine
Sistierungsverfügung handelt. Gegenstand der Anfechtung ist die Verfügung, ohne
Anfechtungsobjekt gibt es grundsätzlich kein Beschwerdeverfahren; die Ausnahmen von
diesem Grundsatz sind die Rechtsverweigerungs- und die
Rechtsverzögerungsbeschwerden (vgl. Art. 49 Abs. 2 VRPG). Das Vorliegen einer
Verfügung ist daher Prozessvoraussetzung im Beschwerdeverfahren. Fehlt es an einem
3 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 4 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 61 N. 7 5 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 61 N. 11
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geeigneten Anfechtungsobjekt, tritt die Verwaltungsjustizbehörde auf das Rechtsmittel
nicht ein.6
Als Verfügungen gelten Anordnungen der Behörden im Einzelfall, die sich auf öffentliches
Recht stützen und Rechte oder Pflichten begründen, ändern oder aufheben, das Bestehen,
Nichtbestehen oder den Umfang von Rechten und Pflichten feststellen oder Begehren auf
Begründung, Änderung, Aufhebung oder Feststellung von Rechten oder Pflichten
abweisen oder nicht darauf eintreten. In welcher äusseren Form eine Anordnung gekleidet
und wie sie bezeichnet wird, spielt für ihre Qualifikation als Verfügung keine Rolle.
Massgeblich ist allein, ob eine behördliche Äusserung die Kriterien einer Verfügung
erfüllen. Auch ein in Briefform abgefasster Bescheid kann daher eine Verfügung darstellen.
Unerheblich für die Qualifikation ist ferner, ob eine schriftliche behördliche Äusserung alle
Elemente einer Verfügung enthält oder ob einzelne davon fehlen.7
Die Elemente, die eine Verfügung enthalten muss, ergeben sich aus Art. 52 Abs. 1 VRPG.
Fehlen Elemente oder sind die erforderlichen Angaben unvollständig, so ist der
Verwaltungsakt mangelhaft. Die Folgen solcher Mängel sind unterschiedlich. Sie richten
sich nach der Bedeutung der Fehler. Bei untergeordneten Mängeln genügt es, wenn den
Betroffenen daraus keine Rechtsnachteile erwachsen. Gewichtigere Fehler führen in vielen
Fällen zur Aufhebung der Verfügung, wenn diese angefochten wird. Schwere Mängel
bewirken die Nichtigkeit.8
e) Im vorliegenden Fall handelt es sich der Form nach nicht um eine Verfügung,
sondern um einen Brief. In diesem Brief werden die betroffenen Grundeigentümerinnen
und Grundeigentümer sowie Baurechtsnehmenden vom Gemeinderat über den Erlass
einer Planungszone informiert. Dabei schildert der Gemeinderat zunächst die Umstände
und die Gründe, die zum Erlass der Planungszone geführt haben. Anschliessend erläutert
er die Rechtswirkungen einer Planungszone, insbesondere die Einstellung von
Baubewilligungsverfahren gemäss Art. 62a Abs. 3 BauG. Weiter skizziert der Gemeinderat
das weitere Vorgehen und die mit der Planungszone angestrebte Entwicklung des
betroffenen Perimeters. Schliesslich weist der Gemeinderat die betroffenen
6 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 25 N. 13 und Art. 49 N. 1 f. 7 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 49 N. 9 8 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 52 N. 1
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Grundeigentümerinnen und Grundeigentümer sowie Baurechtsnehmenden auf die
öffentliche Auflage der Planungszone und die Möglichkeit einer Einsprache hin.
Daraus ist ersichtlich, dass es sich beim Brief vom 5. April 2016 um ein
Informationsschreiben handelt, verbindliche Anordnungen im Einzelfall werden mit diesem
Schreiben keine getroffen. Insbesondere werden damit keine Baubewilligungsverfahren
sistiert, im Brief werden keine konkreten Baubewilligungsverfahren genannt. Deutlich
macht dies auch der Umstand, dass im Brief nicht nur pauschal die bereits hängigen
Baugesuche angesprochen werden, sondern auch "allfällig nachträglich gestellte"
Baugesuche. Eine Sistierung von zukünftigen Baugesuchen ist nicht möglich, so dass es
sich dabei lediglich um einen Hinweis handeln kann. Der Brief ist denn auch nicht an die
Baugesuchstellenden adressiert, sondern an die Grundeigentümerinnen und
Grundeigentümer sowie die Baurechtsnehmenden im Perimeter der ÜO
D._strasse, unabhängig davon, ob sie ein Baugesuch gestellt haben oder nicht.
f) Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Schreiben vom 5. April 2016 keine
Sistierungsverfügung enthält. Demnach fehlt es für ein Beschwerdeverfahren an einem
Anfechtungsobjekt. Bei der Beschwerde handelt es sich auch nicht um eine
Rechtsverweigerungs- oder Rechtsverzögerungsbeschwerde. Auf die Beschwerde kann
somit nicht eingetreten werden.
2. Kosten
a) Die oberinstanzlichen Verfahrenskosten bestehen aus einer Pauschalgebühr
(Art. 103 Abs. 1 VRPG). Für Entscheide in einer Verwaltungsjustizsache wird eine
Pauschalgebühr von Fr. 200.-- bis 4'000.-- je Beschwerde erhoben (Art. 19 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 4 Abs. 2 GebV9). Wird auf eine Beschwerde nicht eingetreten, so kann
die Gebühr angemessen reduziert oder es kann ganz auf sie verzichtet werden (Art. 21
Abs. 1 GebV). In Anwendung dieser Bestimmungen werden die Verfahrenskosten auf
Fr. 400.-- festgelegt.
9 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung; GebV, BSG 154.21)
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Gemäss Art. 108 Abs. 1 VRPG werden die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren der
unterliegenden Partei auferlegt. Die Beschwerdeführerin, auf deren Beschwerde nicht
eingetreten wird, hat daher die Verfahrenskosten von Fr. 400.-- zu tragen.
b) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Parteikosten umfassen den durch die
berufsmässige Parteivertretung anfallenden Aufwand, Gemeinden haben jedoch im
Beschwerdeverfahren in der Regel keinen Anspruch auf Parteikostenersatz. (Art. 104
Abs. 1 und 4 VRPG). Einen solchen Anspruch haben die Gemeinden nur dann, wenn sie
nicht in erster Linie hoheitliche Interessen wahren, sondern wie eine Privatperson betroffen
sind.10
Die Gemeinde Muri bei Bern ist vorliegend nicht wie eine Privatperson betroffen. Daher hat
sie ebenso wenig Anspruch auf Parteikostenersatz wie die unterliegende
Beschwerdeführerin. Demzufolge sind keine Parteikosten zu sprechen.