Decision ID: ce661d90-6225-424c-95b1-79abb8db45ab
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich 2014 sowie 2017 beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum
St. Gallen (nachfolgend: RAV) zur Arbeitsvermittlung an und stellte am 13. Januar 2014
sowie am 5. September 2017 bei der Kantonalen Arbeitslosenkasse (nachfolgend:
Kasse) Antrag auf Arbeitslosenentschädigung ab 1. Februar 2014 bzw. ab 1. Oktober
2017 (act. G5.1/209 und G5.1/189 ff.; vgl. auch act. G5.1/59 und 43). Sie war vom
1. Juni 2012 bis 31. Januar 2014 und vom 1. September 2015 bis 30. September 2017
bei der B._ GmbH (nachfolgend: B._) angestellt gewesen (vgl. act. G5.1/203 f. und
43). Die Kasse richtete Arbeitslosenentschädigung für den Zeitraum von Februar 2014
bis August 2015 bzw. für den Zeitraum von Oktober 2017 bis August 2018 aus
(act. G5.1/164, 154, 148, 139, 130, 125, 121, 117, 113, 108 und 105; vgl. act. G3.1/17
ff.).
A.a.
Am 11. September 2018 teilte die Kasse der Versicherten mit, aus dem
Handelsregister sei ersichtlich, dass ihr Ehemann als Gesellschafter und
Geschäftsführer der B._ fungiere. Als mitarbeitende Ehegattin habe sie keinen
Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung. Die Kasse müsse sämtliche Taggelder für die
Zeit Februar 2014 bis August 2015 bzw. Oktober 2017 bis August 2018 zurückfordern.
Sie gab der Versicherten Gelegenheit zur Stellungnahme (act. G5.1/99f.). Diese reichte
am 27. September 2018 den Erhebungsbogen zur arbeitgeberähnlichen Person ein
(act. G 5.1/94). Mit Verfügung vom 21. November 2018 lehnte die Kasse den Antrag
der Versicherten auf Arbeitslosenentschädigung ab 3. Februar 2014 sowie ab
2. Oktober 2017 ab und forderte Taggeldleistungen im Totalbetrag von Fr. 85'455.70
(netto) zurück (act. G5.1/59 ff.). Gegen diese Verfügung erhob die Versicherte, nun
A.b.
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B.
vertreten durch Rechtsanwalt David Zünd, am 19. Dezember 2018 Einsprache
(act. G5.1/42 ff.).
Mit Entscheid vom 12. März 2019 wies die Kasse die Einsprache ab. Wenn die
unrechtmässige Leistungsausrichtung auf einen Fehler des Versicherungsträgers
zurückzuführen sei, beginne die einjährige Verwirkungsfrist in dem Zeitpunkt zu laufen,
in dem er bei Beachtung der ihm zumutbaren Aufmerksamkeit hätte erkennen müssen,
dass die Voraussetzungen für eine Rückerstattung bestehen. Nicht das Übersehen der
arbeitgeberähnlichen Stellung bei der Anmeldung sei entscheidend, sondern die
Mitteilung der Personalberaterin am 6. September 2018. Ab diesem Datum habe die
einjährige Frist zu laufen begonnen. Die Voraussetzungen für eine Wiedererwägung
seien erfüllt und der gesamte Betrag ab Antragstellung von total Fr. 85'455.70 (netto)
sei zu Recht zurückgefordert worden (act. G5.1/17 ff.).
A.c.
Gegen diesen Entscheid erhebt A._ am 12. April 2019 Beschwerde. Sie
beantragt, der Einspracheentscheid vom 12. März 2019 sei aufzuheben und es sei auf
eine Rückforderung der Taggelder zu verzichten, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge zuzüglich Mehrwertsteuer zulasten der Beschwerdegegnerin. Zur
Begründung führt sie aus, aufgrund des von ihr korrekt ausgefüllten Anmeldeformulars
habe die Beschwerdegegnerin von Anfang an gewusst, wer ihre Arbeitgeberin vor der
Arbeitslosigkeit gewesen sei. Sie habe somit durch einen Blick ins Handelsregister
jederzeit erkennen können, dass der Ehemann der Beschwerdeführerin Gesellschafter
und Geschäftsführer mit Einzelunterschrift der B._ gewesen sei. Dem Protokoll des
Beratungsgesprächs vom 13. Januar 2014 sei sogar zu entnehmen, dass die
Beschwerdeführerin ihren damaligen RAV-Berater explizit darauf hingewiesen habe,
dass sie bisher im Restaurant ihres Ehemannes angestellt gewesen sei (act. G1).
B.a.
Am 26. April 2019 ergänzt die Beschwerdeführerin ihre Beschwerde. Die
arbeitgeberähnliche Stellung ihres Ehemannes sei offensichtlich und werde auch nicht
bestritten. Am 13. Januar 2014 habe sie auf dem Antragsformular korrekt angekreuzt,
dass ihr Ehemann eine arbeitgeberähnliche Stellung innehabe. Ebenfalls am 13. Januar
2014 habe sie den RAV-Berater darauf hingewiesen, dass das Restaurant, in welchem
sie bis 31. Januar 2014 angestellt sei, ihrem Mann und seinem Partner gehöre.
B.b.
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Dennoch habe die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin vom 3. Februar 2014
bis zu ihrer Aussteuerung am 30. August 2015 Arbeitslosentaggelder ausgerichtet. Vom
1. September 2015 bis zum 30. September 2017 sei die Beschwerdeführerin wieder bei
der B._ angestellt gewesen. Ab 1. Oktober 2017 habe sie wieder um
Arbeitslosentaggelder ersucht, welche ihr vom 2. Oktober 2017 bis 31. August 2018
ausgerichtet worden seien. In ihrem Antrag auf Ausrichtung von
Arbeitslosenentschädigung vom 5. September 2017 habe die Beschwerdeführerin die
Frage nach der arbeitgeberähnlichen Stellung ihres Ehemannes wiederum korrekt
beantwortet. Ab dem 3. September 2018 habe die Beschwerdeführerin erneut bei der
B._ arbeiten können. Die persönliche RAV-Beraterin habe dann erstmals
nachgeschaut, wer hinter der B._ stehe und erkannt, dass der Ehemann der
Beschwerdeführerin Geschäftsführer der B._ sei. Am 11. September 2018 sei die
Beschwerdeführerin über die drohende Rückforderung informiert worden. Die B._
habe der Beschwerdeführerin aufgrund der wirtschaftlichen Lage bei sinkendem
Umsatz kündigen müssen. Nachdem die negative Umsatzentwicklung habe gestoppt
werden können, habe die B._ sie erneut eingestellt, den Personalaufwand später
aber vorsichtshalber nochmals reduziert. Es könne deshalb nicht von einer
rechtsmissbräuchlichen Ausnutzung der arbeitgeberähnlichen Stellung des Ehegatten
zu Lasten der Beschwerdegegnerin ausgegangen werden. Hier liege eine rückwirkende
Betrachtung vor, bei welcher sich der Rechtsmissbrauch überprüfen lasse. Die
Grundidee der Gesetzgebung und Rechtsprechung, rechtsmissbräuchliches Verhalten
zu verhindern, könne nicht dazu verwendet werden, rückwirkend das tatsächliche
Verhalten nicht beurteilen zu müssen. Bei der Betrachtung ex post habe deshalb eine
tatsächliche Beurteilung des Rechtsmissbrauchs zu erfolgen. Die Beschwerdegegnerin
verkenne, dass sie bereits seit Erhalt des Antrags auf Arbeitslosenentschädigung vom
13. Januar 2014 gewusst habe, dass der Ehegatte der Beschwerdeführerin eine
arbeitgeberähnliche Stellung gehabt habe. Denn die Eintragungen im Handelsregister
würden aufgrund der gesetzlichen Fiktion als allgemein bekannt vorausgesetzt. Die
Beschwerdegegnerin habe spätestens am 14. Januar 2014 gewusst, mit wem die
Beschwerdeführerin verheiratet sei. Dies gehe aus ihrer eigenen
Personendatenerfassung hervor. Am 12. November 2015 habe die Beschwerdeführerin
den neuerlichen, ab 1. September 2015 gültigen Arbeitsvertrag mit der B._
eingereicht. Der Erhalt eines neuerlichen Arbeitsvertrages mit der gleichen
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Arbeitgeberin hätte zu einer genaueren Überprüfung der Arbeitgeberin führen müssen.
Dies gelte umso mehr, als die Beschwerdeführerin gleich im Anschluss an ihre
Aussteuerung wiederum bei der B._ untergekommen sei. Die einjährige
Verwirkungsfrist habe somit am 12. November 2015 begonnen. Sie sei demnach im
Verfügungszeitpunkt abgelaufen. Am 11. September 2017 habe die
Beschwerdeführerin einen neuerlichen Antrag auf Ausrichtung von
Arbeitslosentaggeldern eingereicht. Wiederum habe sie klar vermerkt, dass ihr
Ehemann eine arbeitgeberähnliche Stellung innehabe. Auch in diesem Fall sei die Frist
am 21. November 2018 verwirkt gewesen. Schliesslich sei Kritik an der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung angebracht, wonach ein erstmaliger Fehler die
Verwirkungsfrist nicht auszulösen vermöge. Eine solche Rechtsprechung lasse sich
juristisch nicht rechtfertigen, sondern sei politisch motiviert (act. G3).
Mit Beschwerdeantwort vom 29. Mai 2019 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Aus dem Arbeitsvertrag vom September 2015 sei die
arbeitgeberähnliche Stellung des Ehegatten nicht ersichtlich, da die
Beschwerdeführerin einen anderen Nachnamen trage als ihr Ehemann (richtig: als die
B._ als Firma ihrer Arbeitgeberin). Würde beim fristauslösenden Ereignis vom "ersten
Fehler" der Verwaltung ausgegangen, würde das Institut der Rückforderung quasi
ausgehöhlt. Deshalb sei gemäss Rechtsprechung auf den sogenannten "zweiten Blick"
abzustellen, bei dem die zuständige Stelle unter Beachtung der gebotenen und ihr
zumutbaren Aufmerksamkeit hätte erkennen müssen, dass die Voraussetzungen für
eine Rückforderung gegeben seien. Erst mit der Meldung der Personalberaterin im
September 2018 sei realisiert worden, dass die Beschwerdeführerin mitarbeitende
Ehegattin einer Person mit arbeitgeberähnlicher Stellung gewesen sei. Somit habe die
Beschwerdegegnerin ab September 2018 ein Jahr Zeit gehabt, den Betrag
zurückzufordern. Die Frist sei folglich eingehalten worden (act. G5).
B.c.
Mit Replik vom 7. Juni 2019 weist die Beschwerdeführerin darauf hin, dass ihr
Ehemann und sie den gleichen Nachnamen tragen würden. Zudem sei der vollständige
Name ihres Ehemannes der Beschwerdegegnerin seit dem 14. Januar 2014 bekannt
gewesen. Sie hätte somit aufgrund des Handelsregisters erkennen müssen, dass der
Ehemann der Beschwerdeführerin eine arbeitgeberähnliche Stellung bei der B._
innegehabt habe (act. G7).
B.d.
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Erwägungen
1.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G9).B.e.
Gemäss Art. 31 Abs. 3 lit. c des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) haben
Personen, die in ihrer Eigenschaft als Gesellschafter, als finanziell am Betrieb Beteiligte
oder als Mitglieder eines obersten betrieblichen Entscheidungsgremiums die
Entscheidungen des Arbeitgebers bestimmen oder massgeblich beeinflussen können,
sowie ihre mitarbeitenden Ehegatten keinen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung.
Nach der Rechtsprechung ist der Ausschluss der in Art. 31 Abs. 3 lit. c AVIG genannten
Personen vom Entschädigungsanspruch absolut zu verstehen. Praxisgemäss ist diese
der Vermeidung von Missbräuchen dienende Bestimmung analog auf
arbeitgeberähnliche Personen und deren Ehegatten anzuwenden, die
Arbeitslosenentschädigung beantragen. Das Missbrauchsrisiko ist dasselbe, ob es nun
um Arbeitslosen-, Kurzarbeits- oder Insolvenzentschädigung geht. Daher rechtfertigt
sich keine unterschiedliche Behandlung arbeitgeberähnlicher Personen in Bezug auf
diese drei Leistungsarten (BGE 145 V 200 E. 4.1; 142 V 263 E. 4.1; 123 V 234 E. 7b/bb,
je mit Hinweisen).
1.1.
Die Rechtsprechung des Bundesgerichts will somit nicht nur dem ausgewiesenen
Missbrauch an sich begegnen, sondern bereits dem Risiko eines solchen, das der
Ausrichtung von Arbeitslosenentschädigung an arbeitgeberähnliche Personen inhärent
ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 26. Oktober 2016, 8C_529/2016, E. 5.2). Eine
Missbrauchsgefahr besteht namentlich dann, wenn ein Ehegatte eine vollständige
unternehmerische Dispositionsfreiheit mit der jederzeitigen Möglichkeit beibehält, den
anderen Ehegatten wieder in sein Unternehmen einzubinden (Urteil des Bundesgerichts
vom 20. Februar 2013, 8C_863/2012, E. 3.4).
1.2.
Die Frage, ob Arbeitnehmende einem obersten betrieblichen
Entscheidungsgremium angehören und ob sie in dieser Eigenschaft massgeblich
Einfluss auf die Unternehmensentscheidungen nehmen können, ist aufgrund der
internen betrieblichen Struktur zu beantworten. Keine Prüfung des Einzelfalls ist
erforderlich, wenn sich die massgebliche Entscheidungsbefugnis bereits aus dem
Gesetz selbst (zwingend) ergibt. Dies gilt insbesondere für die Gesellschafter einer
GmbH (Art. 804 ff. des Bundesgesetzes betreffend Ergänzung des Schweizerischen
Zivilgesetzbuches [Fünfter Teil: Obligationenrecht; OR; SR 220]) sowie die
1.3.
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2.
3.
(mitarbeitenden) Verwaltungsräte einer AG (vgl. Art 716 ff. OR; BGE 145 V 200 E. 4.2
mit Hinweisen).
Vorliegend ist ausgewiesen und unstreitig, dass der Ehemann der Beschwerde
führerin als Gesellschafter und Geschäftsführer mit Einzelunterschrift eine
arbeitgeberähnliche Stellung bei ihrer früheren Arbeitgeberin, der B._, innehatte.
Gestützt auf die vorstehend dargelegte Rechtsprechung hätte die Beschwerdeführerin
demnach, wie sie selbst nun auch einräumt, keinen Anspruch auf
Arbeitslosenentschädigung gehabt.
2.1.
Streitig und zu prüfen ist hingegen, ob die Beschwerdegegnerin die für den
Zeitraum von Februar 2014 bis August 2015 und von Oktober 2017 bis August 2018
bezogene Arbeitslosenentschädigung zu Recht zurückfordert.
2.2.
Nach Art. 95 Abs. 1 AVIG in Verbindung mit Art. 25 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) sind
unrechtmässig bezogene Leistungen zurückzuerstatten. Eine Leistung in der
Sozialversicherung ist nach ständiger bundesgerichtlicher Rechtsprechung nur
zurückzuerstatten, wenn in verfahrensrechtlicher Hinsicht entweder die für die
(prozessuale) Revision oder die für die Wiedererwägung erforderlichen
Voraussetzungen erfüllt sind. Gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG müssen formell
rechtskräftige Verfügungen und Einspracheentscheide in Revision gezogen werden,
wenn die versicherte Person oder der Versicherungsträger nach deren Erlass
erhebliche neue Tatsachen entdeckt oder Beweismittel auffindet, deren Beibringung
zuvor nicht möglich war. Nach Art. 53 Abs. 2 ATSG kann der Versicherungsträger
wiedererwägungsweise auf formell rechtskräftige Verfügungen zurückkommen, wenn
diese zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung
ist.
3.1.
Den formell rechtskräftigen Verfügungen gleichgestellt sind auch die im formlosen
Verfahren ergangenen Entscheide, soweit sie eine mit dem Ablauf der Beschwerdefrist
bei formellen Verfügungen vergleichbare Rechtsbeständigkeit erreicht haben.
Taggeldabrechnungen der Arbeitslosenversicherung, die nicht in die Form einer
formellen Verfügung gekleidet werden, weisen materiell Verfügungscharakter auf (Urteil
des Bundesgerichts vom 14. Juli 2003, C 7/02, E. 3.1; BGE 125 V 475 E. 1 mit
Hinweis). Sind formell oder formlos zugesprochene Leistungen noch nicht rechtskräftig
3.2.
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geworden, kann die Verwaltung innert der Rechtsmittelfrist (30 Tage) darauf
zurückkommen, ohne dass – wie dies im Falle des Zurückkommens auf rechtskräftige
Verfügungen der Fall ist – die Voraussetzungen für eine Wiedererwägung oder Revision
erfüllt sein müssen. Zu einem späteren Zeitpunkt bedarf demnach das Zurückkommen
auf eine faktische Verfügung, z.B. auf eine Taggeldabrechnung, eines
Rückkommenstitels in Form einer Wiedererwägung oder einer prozessualen Revision
(Urteil C 7/02 E. 3.1; BGE 129 V 110 E. 1.2.1). Die Frist von 30 Tagen läuft ab Erlass der
zu berichtigenden Verfügung oder ab Leistungsausrichtung (vgl. Kreisschreiben des
Seco über Rückforderung, Verrechnung, Erlass und Inkasso [AVIG-Praxis RVEI], Januar
2020, Rz A3).
Nachdem die Rückerstattung am 21. November 2018 verfügt wurde (act. G5.1/59
ff.), ist die Beschwerdegegnerin offenkundig nicht innerhalb von 30 Tagen nach deren
jeweiliger Auszahlung auf die Leistungsabrechnungen zurückgekommen. Demnach
muss ein Rückkommenstitel gemäss Art. 53 ATSG gegeben sein. Mangels Vorliegen
neuer Tatsachen oder Beweismittel kommt dafür einzig die Wiedererwägung in Frage.
3.3.
Ob die Unrichtigkeit im Sinne von Art. 53 Abs. 2 ATSG zweifellos ist und zu einer
Wiedererwägung rechtfertigt, beurteilt sich nicht nach der Grobheit des Fehlers.
Massgebend muss vielmehr das Ausmass der Überzeugung sein, dass die bisherige
Entscheidung unrichtig war. Es darf kein vernünftiger Zweifel daran möglich sein, dass
eine Unrichtigkeit vorliegt (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl., Bern/St. Gallen/
Zürich 2020, Art. 53 N 59). Eine Wiedererwägung kann des Weiteren nur dann
vorgenommen werden, wenn die infrage stehende Korrektur erheblich ist. Eine
erhebliche Bedeutung ist nach der Rechtsprechung dann anzunehmen, wenn ein
Betrag von mehr als einigen Hundert Franken auf dem Spiel steht (Kieser, a.a.O.,
Art. 53 N 65 f.).
3.4.
Ob die Beschwerdeführerin oder ihr Ehemann sich rechtsmissbräuchlich verhalten
haben oder nicht, ist vorliegend unerheblich. Denn das Bundesgericht will schon dem
Risiko des Missbrauchs an sich begegnen, welches der Ausrichtung von
Arbeitslosenentschädigung an arbeitgeberähnliche Personen bzw. deren Ehegatten
inhärent ist (siehe E. 1.2 vorstehend). Es kann deshalb nicht, wie der Rechtsvertreter
der Beschwerdeführerin geltend macht, retrospektiv ein Rechtsmissbrauch
ausgeschlossen und bei einer wegen arbeitgeberähnlicher Stellung ursprünglich
fehlerhaften Ausrichtung von Arbeitslosenentschädigung im Nachhinein auf eine
Rückforderung verzichtet werden. Die Ausrichtung von Arbeitslosenentschädigung war
zweifellos unrichtig. Die infrage stehende Korrektur ist angesichts des
Rückforderungsbetrags von Fr. 85'455.70 zudem erheblich. Damit sind die
3.5.
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4.
Voraussetzungen für eine Wiedererwägung erfüllt. Zu prüfen bleibt, ob der
Rückerstattungsanspruch vollständig oder teilweise verwirkt ist.
Der Rückforderungsanspruch erlischt mit Ablauf eines Jahres, nachdem die
Versicherungseinrichtung davon Kenntnis erhalten hat, spätestens aber mit dem Ablauf
von fünf Jahren nach der Entrichtung der einzelnen Leistung (Art. 25 Abs. 2 erster Satz
ATSG). Wird der Rückforderungsanspruch aus einer strafbaren Handlung hergeleitet,
für welche das Strafrecht eine längere Verjährungsfrist vorsieht, so ist diese Frist
massgebend (Art. 25 Abs. 2 zweiter Satz ATSG).
4.1.
Eine strafbare Handlung steht vorliegend nicht zur Diskussion. Mit der Verfügung
vom 21. November 2018 wurde die absolute Frist von fünf Jahren seit Zusprache der
einzelnen Leistungen (ab Februar 2014) ohne Weiteres eingehalten. Streitig ist
hingegen, ab wann sich die Beschwerdegegnerin die Kenntnis des
Rückforderungsanspruchs anrechnen lassen muss.
4.2.
Soweit für das Erkennen der Unrechtmässigkeit der Leistungsausrichtung ein
Handelsregistereintrag massgebend ist, hat sich der Versicherungsträger die
Publizitätswirkung des Handelsregisters (Art. 933 Abs. 1 OR) entgegenhalten zu lassen
(Kieser, a.a.O., Art. 25 N 87). Demnach ist der Inhalt des Handelsregisters als
namentlich auch der Versicherungseinrichtung bekannt vorauszusetzen. Der
Verwaltung ist es aufgrund der Publizitätswirkung verwehrt einzuwenden, eine
Eintragung im Handelsregister nicht gekannt zu haben. Ist der Eintrag allein bereits
hinreichend klar bezüglich der einen Entschädigungsanspruch ausschliessenden
Eigenschaft der leistungsansprechenden Person, beginnt die einjährige
Verwirkungsfrist deshalb von Anfang an, d.h. mit der ersten Auszahlung der Leistungen
(Taggelder) zu laufen (Kupfer Bucher, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum AVIG,
5. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2019, S. 432 und S. 435, mit Hinweisen; Urteil des
Bundesgerichts vom 10. Februar 2010, 8C_719/2009, E. 4).
4.3.
Die Publizitätswirkung des Handelsregisters gilt grundsätzlich selbst dann, wenn
die versicherte Person die Frage betreffend arbeitgeberähnlicher Stellung falsch
beantwortet hat. Eine Korrektur des aus der Anwendung von Art. 25 Abs. 2 erster Satz
ATSG in Verbindung mit Art. 933 Abs. 1 OR sich ergebenden Fristenlaufs wäre
höchstens bei Verletzung des sowohl für Behörden als auch Private allgemein
geltenden Rechtsgrundsatzes des Rechtsmissbrauchsverbots denkbar. Es bedürfte
mithin einer qualifizierten Falschauskunft mit der Absicht des Erschleichens von
Leistungen mit Wissen um die Verwaltungspraxis (Kupfer Bucher, a.a.O., S. 432; Urteile
4.4.
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5.
des Bundesgerichts vom 27. März 2009, 8C_855/2008, E. 4.2, und vom 30. Juli 2009,
8C_293/2008, E. 4). Das Seco hält die Arbeitslosenkassen in seinem Kreisschreiben
"AVIG-Praxis ALE" denn auch an, jede versicherte Person, die sich zum Bezug von
Arbeitslosenentschädigung anmeldet (inkl. Wiederanmeldungen), ungeachtet der
Antwort auf die diesbezüglichen Fragen im Antragsformular auf ihre
arbeitgeberähnliche Stellung im zuletzt gearbeiteten Betrieb zu prüfen (AVIG-Praxis
ALE, B16).
Vorliegend ging der Familienausweis der Beschwerdeführerin anlässlich ihrer
zweiten Anmeldung am 11. September 2017 bei der Beschwerdegegnerin ein
(act. G5.1/196 ff.). Spätestens ab diesem Zeitpunkt war der Beschwerdegegnerin
demnach der Name des Ehemannes der Beschwerdeführerin bekannt. Aufgrund der
Publizitätswirkung des Handelsregisters ist ihr ab diesem Zeitpunkt auch das Wissen
darum zuzurechnen, dass der Ehemann der Beschwerdeführerin bei ihrer letzten
Arbeitgeberin Gesellschafter und Geschäftsführer mit Einzelunterschrift war (siehe
act. G5.1/103 f.) und die Beschwerdeführerin als arbeitgeberähnliche Person keinen
Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung hatte und zu Unrecht Taggelder bezog.
Spätestens ab 11. September 2017 begann somit die einjährige Verwirkungsfrist zu
laufen, und die Rückforderung war somit im Zeitpunkt der Verfügung vom 21.
November 2018 bezüglich der mehr als ein Jahr zurückliegenden Taggeldleistungen
verwirkt. Da die Verwirkungsfrist hinsichtlich der einzelnen Leistung nicht vor der
entsprechenden tatsächlichen Auszahlung einsetzen kann (Kieser, a.a.O., Art. 25 N 89),
war anderseits bezüglich der nach dem 21. November 2017 ausgerichteten Zahlungen,
d.h. der Taggelder für die Kontrollperioden November 2017 bis August 2018 (vgl. act.
G5.1/154, 148, 139, 135, 130, 125, 121, 117, 113, 108 und 105; vgl. auch act. G 5.1/66)
die Verwirkungsfrist bei Erlass der Rückforderungsverfügung noch nicht abgelaufen,
weshalb die Rückforderung der entsprechenden Taggeldleistungen im Betrag von
gesamthaft Fr. 30'436.70 (netto) zu bestätigen ist.
4.5.
Nach dem Gesagten ist in teilweiser Gutheissung der Beschwerde der
angefochtene Einspracheentscheid vom 12. März 2019 aufzuheben und die
Beschwerdeführerin zu verpflichten, die von November 2017 bis August 2018 zu
Unrecht bezogene Arbeitslosenentschädigung im Betrag von Fr. 30'436.70 (netto) der
Beschwerdegegnerin zurückzuzahlen.
5.1.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Hingegen hat die
teilweise obsiegende Beschwerdeführerin Anspruch auf entsprechenden Ersatz der
5.2.
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