Decision ID: 76514721-2f27-5f44-a2c5-143485a219c4
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Verfügung vom 1. Dezember 2015 lehnte das SEM das erste, am
30. Juni 2014 gestellte Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete
die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an. Die-
ser Entscheid blieb unangefochten. Am 11. Februar 2016 wurde der Be-
schwerdeführer von der zuständigen Behörde des Kantons Glarus als seit
dem 24. Januar 2016 unbekannten Aufenthaltes gemeldet.
B.
B.a Am 16. Februar 2021 ersuchte der Beschwerdeführer im Bundesasyl-
zentrum (BAZ) B._ in C._ erneut um Asyl nach. Dort wurden
am 23. Februar 2021 seine Personalien aufgenommen und es wurden ihm
auch Fragen zu allfälligen Identitäts- und Reisepapieren gestellt (Persona-
lienaufnahme [PA]).
Ein Abgleich der Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab, dass
er am 18. Februar 2016 sowie am 22. März 2016 in Deutschland (zuerst
unter der Identität D._, Äthiopien, geboren am [...]) und am 24. April
2017 (unter der Identität A._, geboren am (...), aber unter der An-
gabe somalischer Staatsangehörigkeit) in Frankreich um Asyl ersucht
hatte.
B.b Anlässlich des am 25. Februar 2021 durchgeführten persönlichen Ge-
sprächs gemäss Art. 5 Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO), bestätigte der Beschwerdeführer, sowohl in
Deutschland als auch in Frankreich Asylgesuche eingereicht zu haben. In
Deutschland habe er zweimal um Asyl nachgesucht. Nachdem sein Asyl-
gesuch abgelehnt worden sei, sei er noch einige Tage auf der Strasse ge-
wesen und dann am 20. März 2017 nach Frankreich gegangen.
Nach der Abnahme seine Fingerabdrücke sei sein in Frankreich gestelltes
Asylgesuch abgelehnt worden. Ein Gericht in der Nähe von E._
habe ihm die Ablehnung eröffnet und man habe ihm gesagt, er müsse nach
Deutschland zurückkehren. Er habe von den französischen Behörden Un-
terstützung sowie Geld für Lebensmittel erhalten. Man habe ihm auch ge-
sagt, er solle warten, bis er nach Deutschland zurückgeführt werde. Das
D-1328/2021
Seite 3
Dublin-Verfahren in Frankreich habe zwölf Monate gedauert, und schliess-
lich habe man ihm – obwohl Deutschland seiner Rückübernahme zuge-
stimmt habe – eröffnet, dass er nirgendwohin zurückgeschickt werde. Nach
fast vierjährigem Aufenthalt in Frankreich sei er am 14. Februar 2021 in die
Schweiz gereist.
Dem Beschwerdeführer wurde das rechtliche Gehör zur mutmasslichen
Zuständigkeit Deutschlands oder Frankreichs zur Durchführung des Asyl-
und Wegweisungsverfahrens gemäss Dublin-III-VO, zu einem allfälligen
Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
sowie zur Wegweisung nach Deutschland oder Frankreich gewährt.
Nach seinem gesundheitlichen Befinden gefragt, erklärte der Beschwerde-
führer, es gehe ihm sehr gut.
B.c Am 5. März 2021 wurde ein ärztlicher Kurzbericht zu den Akten gege-
ben.
B.d
B.d.a Die deutschen Behörden lehnten das Ersuchen des SEM vom
25. Februar 2021 um Übernahme des Beschwerdeführers im Sinne von
Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO am 2. März 2021 mit dem Hinweis auf
die Zuständigkeit Frankreichs ab.
B.d.b Die französischen Behörden stimmten dem Ersuchen des SEM vom
2. März 2021 am 11. März 2021 (Eingang SEM: 15. März 2021) zu.
C.
Mit Verfügung vom 19. März 2021 – eröffnet am 22. März 2021 – trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch
des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz in den für ihn zuständigen Dublin-Mitgliedstaat (Frankreich) an
und forderte ihn auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Be-
schwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig stellte es fest, einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
Ferner beauftragte das SEM den zuständigen Kanton (...) mit dem Vollzug
der Wegweisung und ordnete die Aushändigung der editionspflichtigen Ak-
ten gemäss Aktenverzeichnis an.
D.
Die zugewiesene Rechtsvertretung erklärte ihr Mandat am 23. März 2021
als beendet.
D-1328/2021
Seite 4
E.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe vom 23. April (recte: März) 2021
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragte, die ange-
fochtene Verfügung sei aufzuheben, es sei seine Flüchtlingseigenschaft
anzuerkennen und ihm Asyl zu geben. Eventualiter sei festzustellen, dass
der Vollzug der Wegweisung unzulässig, unzumutbar und unmöglich sei,
und infolgedessen sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung er unentgeltlichen Prozessfüh-
rung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um
Beiordnung einer amtlichen Rechtsverbeiständung ersucht. Eventualiter
sei die aufschiebende Wirkung wiederherzustellen.
Auf die Begründung der Rechtsbegehren wird, soweit für den Entscheid
wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
F.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
25. März 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). Glei-
chentags bestätigte das Gericht dem Beschwerdeführer den Eingang der
Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri-
gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG]) sind offensichtlich erfüllt.
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Er-
messens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechts-
erheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
D-1328/2021
Seite 5
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die
Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 31a Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Be-
schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz
zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2
m.w.H.).
Die Fragen der Nichtzuerkennung der Flüchtlingseigenschaft und der Ge-
währung des Asyls bilden demgegenüber nicht Gegenstand des angefoch-
tenen Nichteintretensentscheides und damit auch nicht des vorliegenden
Verfahrens, weshalb auf die in der Beschwerde gestellten Anträge auf An-
erkennung der Flüchtlingseigenschaft und auf Gewährung des Asyls nicht
einzutreten ist.
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss der Dublin-III-
VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat
für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der
betreffende Mitgliedstaat einer Übernahme zugestimmt hat oder von des-
sen Zustimmung infolge unterlassener Antwort innerhalb der genannten
Frist auszugehen ist (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO), auf das Asylgesuch
nicht ein.
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird, wobei die
D-1328/2021
Seite 6
einzelnen Bestimmungskriterien in der Reihenfolge ihrer Auflistung im Ka-
pitel III Anwendung finden (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskrite-
rien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO).
4.3 Kann kein Mitgliedstaat gemäss diesen Kriterien bestimmt werden, ist
derjenige Staat zuständig, in welchem das erste Asylgesuch gestellt wurde
(Art. 3 Abs. 2 Satz 1 Dublin-III-VO).
4.4 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (EU-Grundrechtecharta; ABl. C 364/1 vom 18. Dezember 2000) mit
sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mit-
gliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mit-
gliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prü-
fende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Sätze 2
und 3 Dublin-III-VO).
4.5 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an-
deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Art. 23, 24, 25 und 29 Dublin-III-VO wieder aufzunehmen (Art. 18
Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO).
4.6 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (sog. Selbsteintrittsrecht; Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-
VO).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, am 24. April 2017 in Frankreich
ein Asylgesuch gestellt zu haben (vgl. Akten SEM A13 S. 2 oben). Die fran-
zösischen Behörden hiessen das Gesuch der Vorinstanz um Wiederauf-
nahme gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d AsylG Dublin-III-VO ausdrücklich
gut (vgl. A33). Die Zuständigkeit Frankreichs steht somit grundsätzlich fest.
D-1328/2021
Seite 7
Die in der Beschwerde (vgl. S. 2 f.) angebrachten Einwände, es sei nicht
sein Fehler, dass Deutschland ihn als Minderjährigen damals in falscher
Anwendung des Dublin-Rechts nicht in die Schweiz zurückgeschickt habe,
vermag an der Zuständigkeit Frankreichs nichts zu ändern. Im Übrigen
machte der Beschwerdeführer einerseits nicht glaubhaft, bei der Stellung
seines Asylgesuches in Deutschland minderjährig gewesen zu sein, und
andererseits hätte er – selbst bei angenommener Minderjährigkeit – auch
mangels familiärer Anknüpfungspunkte zur Schweiz für sich aus Art. 8
Abs. 4 Dublin-III-VO kein Recht auf Rücküberweisung von Deutschland an
die Schweiz geltend machen können.
5.2 Anlässlich des persönlichen Gesprächs gemäss Art. 5 Dublin-III-VO
(vgl. A13 S. 2 unten) erklärte der Beschwerdeführer, da sein Gesuch in
Frankreich abgelehnt worden sei, habe er dort keine Bleibe mehr. Er habe
zwar Geld zum Überleben erhalten, jedoch selber schauen müssen, wo er
schlafen könne.
In der Beschwerdeschrift (S. 2 f.) legt der Beschwerdeführer dar, wieso er
vor über fünf Jahren die Schweiz in Richtung Deutschland verlassen habe
(er habe gehofft, dort eine Chance auf Bildung und ein gutes Leben zu
erhalten) und macht im Weiteren geltend, das erste Land, in dem er um
Asyl ersucht habe, sei die Schweiz gewesen; zudem sei es "so schwierig,
immer verschoben zu werden". In Frankreich sei er im Winter, nach Ab-
schluss des Verfahrens, aus der Unterkunft auf die Strasse gesetzt worden.
Er habe kein Geld bekommen und dort auch keine Familie, weshalb er
keine andere Wahl gehabt habe, als in die Schweiz zu reisen (vgl. Be-
schwerde S. 5).
5.3 Diese Vorbringen vermögen nichts an der Zuständigkeit Frankreichs zu
ändern.
5.3.1 Wie in der angefochtenen Verfügung zutreffend festgehalten wurde,
ist Frankreich gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO weiterhin für das
Verfahren bis zu einem allfälligen Wegweisungsvollzug oder einer allfälli-
gen Regelung des Aufenthaltsstatus zuständig bleibt, auch wenn das Asyl-
verfahren des Beschwerdeführers bereits rechtskräftig abgeschlossen ist,
wobei der Beschwerdeführer allfällige neue Asylgründe oder Wegwei-
sungshindernisse bei den dortigen Behörden vorzubringen hätte.
5.3.2 Frankreich ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
D-1328/2021
Seite 8
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dass dieser Staat die
Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen
Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsa-
men Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen
Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013
zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati-
onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt
und schützt.
5.3.3 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, dass die französischen Behörden den erwähnten völkerrechtlichen
Verpflichtungen nicht nachkommen würden. Den Akten sind auch keine
Gründe für die Annahme zu entnehmen, Frankreich würde vorliegend den
Grundsatz des Non-Refoulement missachten und den Beschwerdeführer
zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine
Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in
dem er Gefahr laufen würden, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen
zu werden.
5.3.4 Sodann ergeben sich aus der nicht näher substanziierten und nicht
durch entsprechende Unterlagen belegten Behauptung, in Frankreich von
der Unterkunft auf die Strasse gesetzt worden zu sein (vgl. Beschwerde
S. 5) keine konkreten Hinweise für die Annahme, Frankreich würde ihm
dauerhaft die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Le-
bensbedingungen vorenthalten. Bei einer vorübergehenden Einschrän-
kung könnte er sich nötigenfalls an die französischen Behörden wenden
und die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg ein-
fordern (Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Es ist an dieser Stelle auch darauf hin-
zuweisen, dass der Beschwerdeführer anlässlich des Gesprächs vom
25. Februar 2021 in Widerspruch zu seinen Angaben in der Beschwerde-
schrift erklärt hatte, Geld zum Überleben erhalten zu haben (vgl A13 S. 2
unten).
5.3.5 Wie in der angefochtenen Verfügung ebenfalls zutreffend bemerkt
wurde, liegen auch keine Gründe gemäss Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO (Ab-
hängigkeitsverhältnis von oder zu nahen Familienangehörigen) vor, die die
D-1328/2021
Seite 9
Schweiz verpflichten würden, das Asylgesuch zu prüfen. Der Vollständig-
keit halber ist festzuhalten, dass der Wunsch nach einem weiteren Verbleib
in der Schweiz keinen Einfluss auf die Zuständigkeit für das Asyl- und Weg-
weisungsverfahren haben kann.
5.4 Die Frage der Anwendung der Souveränitätsklausel aus humanitären
Gründen gestützt auf Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 ist ins Dublin-Verfahren ein-
gebettet. Dieses betrifft lediglich die Frage, ob auf ein Asylgesuch einge-
treten wird oder ob die gesuchstellende Person in einen Drittstaat ausrei-
sen kann, der gemäss der Dublin-III-VO für die Durchführung des Asyl- und
Wegweisungsverfahrens zuständig ist. In diesem Zusammenhang werden
die Entscheide anderer Vertragsstaaten sowohl mit Blick auf die materielle
Beurteilung der Asylgründe als auch mit Blick auf die Zulässigkeit bezie-
hungsweise Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in den Herkunfts-
oder Heimatstaat anerkannt, ohne dass sie in der Sache hinterfragt wür-
den. Die Beschwerdeführenden können demnach aufgrund einer allenfalls
unterschiedlichen Einschätzung im Rahmen des materiellen Asylverfah-
rens nicht erwirken, dass die Vorinstanz einen Selbsteintritt aus humanitä-
ren Gründen prüfen muss (vgl. Urteil des BVGer F-2530/2017 vom 15. Mai
2017 E. 9.2 m.H.).
5.5 Was schliesslich die gesundheitliche Situation des Beschwerdeführers
betrifft, so gab der Beschwerdeführer anlässlich des Dublin-Gesprächs
vom 25. Februar 2021 an, es gehe ihm sehr gut (vgl. A13 S. 2 unten). Da
der Beschwerdeführer während seines Aufenthalts im BAZ F._ an-
gab, unter einem (...) im (...) zu leiden, wurde er einem Facharzt zur Ab-
klärung zugewiesen.
Hinsichtlich des Zugangs der Asylsuchenden in den BAZ zur medizini-
schen Grundversorgung im Allgemeinen kann auf die Ausführungen in der
angefochtenen Verfügung (vgl. S. 6, 1. Abschnitt) verwiesen werden. Wie
das SEM sodann zutreffend bemerkte, ergab sich gemäss dem Kurzbericht
von G._ vom am 4. März 2021 kein Hinweis auf einen Infekt, und
es wurde keine spezifische Therapie für erforderlich erachtet. Sodann ist
während des mehrwöchigen Aufenthalts des Beschwerdeführers im BAZ
kein akuter medizinischer Notfall aktenkundig geworden. Im Weiteren ist
festzuhalten, dass Frankreich über eine ausreichende medizinische Infra-
struktur verfügt, weshalb sich der Beschwerdeführer im Bedarfsfall an das
dafür zuständige medizinische Fachpersonal in Frankreich wenden könnte.
Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche
D-1328/2021
Seite 10
medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbe-
dingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychi-
schen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 der Auf-
nahmerichtlinie).
5.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass kein Grund für einen Selbst-
eintritt der Schweiz gemäss Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 in Verbindung mit
Art. 17 Dublin-III-VO vorliegt. Frankreich bleibt somit zuständiger Mitglied-
staat gemäss Dublin-III-VO und ist verpflichtet, den Beschwerdeführer wie-
deraufzunehmen. Der Vollständigkeit halber ist (nochmals) festzuhalten,
dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ih-
ren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45
E. 8.3).
5.7 Allfällige Verzögerungen aufgrund der herrschenden Situation im Zu-
sammenhang Coronavirus-Pandemie (COVID-19) stellen – gemäss aktu-
ellem Kenntnisstand – lediglich temporäre Vollzugshindernisse dar und
vermögen am Ausgang des vorliegenden Verfahrens nichts zu ändern (vgl.
statt vieler: Urteil des BVGer D-139/2020 vom 19. Juni 2020 E. 9.6 m.w.H.).
6.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Frankreich in An-
wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
7.
Das Fehlen von Überstellungshindernissen ist bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG, weshalb
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen sind (vgl. BVGE 2015/18
E. 5.2 m.w.H.).
8.
Mit dem vorliegenden Urteil sind die verfahrensrechtlichen Anträge auf
Wiederherstellung (recte wohl: Zuerkennung) der aufschiebenden Wirkung
sowie um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht gegenstandslos ge-
worden.
D-1328/2021
Seite 11
9.
Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss
Art. 65 Abs. 1 VwVG und um Beiordnung einer amtlichen Rechtsverbei-
ständung im Sinne von Art. 102m Abs. 1 Bst. a AsylG sind – ungeachtet
der Tatsache, dass entgegen den Angaben in der Beschwerdeschrift (vgl.
S. 7) die Bedürftigkeit des Beschwerdeführers durch keine entsprechende
Bestätigung belegt wird – abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den
vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen sind.
Die Verfahrenskosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63
Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
D-1328/2021
Seite 12