Decision ID: 7ab28d52-1c63-5cba-8480-676e8e98ba2b
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
N._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Andreas Kummer, Centralstrasse 4, Postfach 237,
2540 Grenchen,
gegen
Amt für Arbeit, Unterstrasse 22, 9001 St. Gallen,
Beschwerdegegner,
betreffend
Kurzarbeitsentschädigung (betriebsüblicher Arbeitsausfall,
Rechtsschutzinteresse)
Sachverhalt:
A.
Die N._ AG betreibt gemäss Eintrag im Handelsregister Unternehmensberatung
sowie Rekrutieren und Vermitteln von Personal, Selektion von Führungskräften und
Durchführung von Analysen für Dritte (act. G 3.1/A4). Sie reichte am 12. Mai 2009 beim
Amt für Arbeit des Kantons St. Gallen eine Voranmeldung von Kurzarbeit vom 1. Juni
2009 bis zum 30. November 2009 für insgesamt sechs Mitarbeitende ein. Die
Arbeitgeberin begründete die Notwendigkeit der Kurzarbeit damit, dass sie aufgrund
eines rückläufigen Bestellungseinganges bei ihren Kunden und der unsicheren
Wirtschaftslage seit Beginn 2009 kaum Aufträge erhalte. Zudem seien etliche laufende
Mandate gestoppt bzw. abgebrochen worden. Sehr viele ihrer Auftraggeber hätten
ihren Personalbestand reduziert, Kurzarbeit eingeführt oder nur mittels eigener
Stelleninserate neue Mitarbeiter gesucht. Dies habe dazu geführt, dass das Backoffice
sowie die Berater der N._ AG seitdem zu wenig Arbeit hätten (act. G 3.1/A7 und A8).
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B.
B.a Das Amt für Arbeit erhob durch Verfügung vom 27. Mai 2009 Einspruch gegen die
Auszahlung von Kurzarbeitsentschädigung. Es hielt darin die Anspruchsvoraussetzung
der Anrechenbarkeit des Arbeitsausfalls für nicht erfüllt (act. G 3.1/A10). Gegen die
Einspruchsverfügung erhob die Arbeitgeberin am 29. Mai 2009 Einsprache (act. G 3.1/
A11). Mit Einspracheentscheid vom 6. Juli 2009 hielt das Amt für Arbeit an seiner
Einspruchsverfügung fest. Es erwog im Wesentlichen, Konjunkturschwankungen seien
als Betriebsrisiken der Arbeitsvermittlungsbranche zu qualifizieren. Sinkende Umsätze
oder Schwankungen in der Auftragslage seien bei einer rezessiven Wirtschaftslage
durchaus üblich und nicht anrechenbar. Der Hinweis auf die schlechte Wirtschaftslage
und auf die Abhängigkeit von der Entwicklung des Personalbestandes in der
Realwirtschaft vermöge keine ausserordentlichen, betriebs- und branchenunübliche
Umstände zu begründen (act. G 3.1/A12).
B.b Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde vom
6. August 2009. Die Beschwerdeführerin, vertreten durch Rechtsanwalt Kummer,
beantragt darin - unter Kosten- und Entschädigungsfolgen - die Aufhebung des
angefochtenen Entscheides und die Ausrichtung einer Kurzarbeitsentschädigung für
die gesetzlich maximal zulässige Dauer in der Höhe von mindestens CHF 240'000.
Subsidiär sei die Beschwerdegegnerin verbindlich anzuweisen, eine
Kurzarbeitsentschädigung gemäss schriftlich eingereichten Begehren auszurichten. Zur
Begründung führt der Rechtsvertreter im Wesentlichen aus, der Auftragseinbruch sei
durch die weltweit zusammenbrechenden Wirtschaftssysteme bedingt und für die
Beschwerdeführerin unvermeidbar und unvorhersehbar gewesen. Der
Auftragsrückgang stelle für die Beschwerdeführerin kein normales oder branchen-,
berufs- oder betriebsübliches Risiko dar. Es handle sich um ein ausserordentliches
Ereignis. Der Rechtsvertreter bezieht sich auf die SECO-Weisung vom 8. Juli 2009,
gemäss welcher ein derart ausserordentlicher Arbeitsausfall bei Angestellten von
Personaldienstleistern nicht mehr als normales Betriebsrisiko qualifiziert werden könne
(act. G1).
B.c In der Beschwerdeantwort vom 5. März 2009 beantragt der Beschwerdegegner die
Abweisung der Beschwerde und stützt sich auf die SECO-Weisung vom 9. Januar
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2009. Die SECO-Weisung vom 8. Juli 2009 hingegen entspreche wohl kaum der
bisherigen Rechtsprechung und habe zudem keine rückwirkende Wirksamkeit (act.
G3). Mit Replik vom 5. Oktober 2009 stellt sich der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin auf den Standpunkt, dass die SECO-Weisung vom 9. Januar 2009
nichts anderes fordere als die Einzelprüfung der gesetzlichen Voraussetzungen für die
Kurzarbeitsentschädigung und die SECO-Weisung vom 8. Juli 2009 gestützt auf neu
gewonnene Einsichten die Krise als unvermeidbares und unvorhersehbares Ereignis
anerkenne (act. G 6).
C.
C.a Auf Anfrage der Verfahrensleitung hin teilte die Kantonale Arbeitslosenkasse am
2. Februar 2010 mit, die Beschwerdeführerin habe keine Abrechnungen im Hinblick auf
Kurzarbeitsentschädigung eingereicht bzw. ihre Entschädigungsansprüche nicht
geltend gemacht (act. G. 10). Mit Schreiben vom 9. Februar 2010 weist das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen den Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin darauf hin, dass ein Rechtsschutzinteresse bei der Erledigung der
vorliegenden Beschwerde nur vorhanden sei, wenn die Beschwerdeführerin Kurzarbeit
durchgeführt und Entschädigungsansprüche bei der Arbeitslosenkasse rechtzeitig
geltend gemacht habe. Die dreimonatige Frist für die Geltendmachung der Ansprüche
für die Monate Juni, Juli, August, September und Oktober 2009 sei bereits abgelaufen.
Der Anspruch für November 2009 wäre jedoch noch nicht verwirkt und das Gericht
könnte bezüglich dieser Periode bei tatsächlicher Kurzarbeitsdurchführung und
rechtzeitiger Geltendmachung über die Rechtmässigkeit des Einspruchs gegen die
Auszahlung von KAE befinden (act. G. 11).
C.b In seiner Stellungnahme vom 11. März 2010 verlangt der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin weiterhin die Behandlung seines Rechtsbegehrens und bezeichnet
die Verneinung eines Rechtsschutzinteresses als rechtswidrig. Die Rechtswidrigkeit
begründet er damit, dass er in der Beschwerde ein Begehren um Ausrichtung von
Kurzarbeitsentschädigung gestellt habe und das Versicherungsgericht die
Arbeitslosenkasse über den Eingang der Beschwerde hätte in Kenntnis setzen müssen.
Die höchstrichterliche Rechtsprechung, wonach trotz hängiger Beschwerde gegen die
Einspruchsverfügung die Frist für die Geltendmachung des KAE-Anspruchs weiter
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laufe, verstosse zudem gegen Treu und Glauben. Die Forderung, gleichzeitig zur
Beschwerde noch Formulare bei der Arbeitslosenkasse einreichen zu müssen,
verstosse überdies gegen das Verbot des überspitzten Formalismus. Das Verhalten
des Versicherungsgerichts sei widersprüchlich, indem es nach der Eingabe der
Beschwerde jeglichen Hinweis auf die Verwirkungsfrist unterlassen und mit Schreiben
vom 24. November 2009 ein schriftlich begründetes Urteil innert 3 bis 5 Monaten
angekündigt habe (act. G 14).
C.c Auf erneute Anfrage des Versicherungsgerichts informiert die Kantonale
Arbeitslosenkasse am 23. März 2010, dass die Beschwerdeführerin bis zum 28.
Februar 2010 keinen Antrag auf Kurzarbeitsentschädigung gestellt habe (act. G 16).
Darüber sind die Parteien orientiert worden (act. G 17 und G 18).

Erwägungen:
1.
1.1 Auf dem Gebiet der Kurzarbeitsentschädigung besteht eine Kompetenzaufteilung
zwischen der kantonalen Amtsstelle und der Arbeitslosenkasse. Zu unterscheiden sind
dabei einerseits die Frist für die Meldung von Arbeitsausfällen
(Voranmeldungsverfahren) und anderseits diejenige für die Geltendmachung der
Entschädigungsansprüche (Vergütungsverfahren; BGE 124 V 75 E. 2 und 4b/aa).
1.1.1 Nach Art. 38 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Arbeitslosenversicherung und
die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) muss der Arbeitgeber den Anspruch
seiner Arbeitnehmer auf Kurzarbeitsentschädigung innert dreier Monate nach Ablauf
jeder Abrechnungsperiode bei der von ihm bezeichneten Arbeitslosenkasse geltend
machen. Die Kasse prüft gemäss Art. 39 Abs. 1 AVIG die materiellen
Anspruchsvoraussetzungen nach Art. 31 Abs. 3 und Art. 32 Abs. 1 lit. b AVIG. Dabei
geht es vor allem um die Prüfung von personenbezogenen Anspruchsvoraussetzungen
und des Vorhandenseins eines anrechenbaren Arbeitsausfalles. Die Kasse vergütet -
gemäss Art. 39 Abs. 2 AVIG - dem Arbeitgeber die Kurzarbeitsentschädigung, sofern
alle Anspruchsvoraussetzungen erfüllt sind und kein Einspruch der kantonalen
Amtsstelle vorliegt.
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1.1.2 Die Vergütung der Kurzarbeitsentschädigung durch die Arbeitslosenkasse setzt
voraus, dass die kantonale Amtsstelle im Voranmeldungsverfahren keinen Einspruch
gegen deren Auszahlung erhoben hat. Deshalb muss gemäss Art. 36 Abs. 1 AVIG der
Arbeitgeber, der beabsichtigt, einen solchen Anspruch für seine Arbeitnehmer geltend
zu machen, der kantonalen Amtsstelle mindestens zehn Tage vor der Einführung der
Kurzarbeit seine Absicht schriftlich melden. Die kantonale Amtsstelle prüft gemäss Art.
36 Abs. 3 AVIG, ob die materiellen Anspruchsvoraussetzungen nach Art. 31 Abs. 1 und
Art. 32 Abs. 1 lit. a AVIG erfüllt sind. Dabei stehen im Vordergrund betriebsbezogene
Anspruchsvoraussetzungen. Wenn die kantonale Amtsstelle einige der von ihr zu
prüfenden Anspruchsvoraussetzungen als nicht erfüllt erachtet, erhebt sie gemäss Art.
36 Abs. 4 AVIG durch Verfügung vollumfänglich oder teilweise Einspruch gegen die
Auszahlung von Kurzarbeitsentschädigung.
1.2 Mit der Beschwerde beantragte der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin die
Ausrichtung einer Kurzarbeitsentschädigung in der Höhe von mindestens CHF 240'000
(act. G 1). Das vorliegende Verfahren hat jedoch ausschliesslich die Rechtmässigkeit
der Einspruchsverfügung des Amts für Arbeit vom 27. Mai 2009 und deren Bestätigung
durch den Einspracheentscheid vom 6. Juli 2009 zum Gegenstand. Wenn das
Versicherungsgericht die Rechtmässigkeit des Einspruches verneint, entscheidet es
damit nicht über die Vergütung der Entschädigung. Es hält in diesem Fall nur
verbindlich fest, dass kein Einspruch aus der Sicht der von der kantonalen Amtsstelle
zu prüfenden Anspruchsvoraussetzungen vorliegt. Über die anderen
Anspruchsvoraussetzungen bzw. über die Vergütung hat die Arbeitslosenkasse zu
entscheiden, bei der die Arbeitgeberin den Anspruch ihrer Arbeitnehmer rechtzeitig
geltend machen muss.
2.
2.1 Gemäss Art. 59 ATSG des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) ist zur Beschwerde
berechtigt, wer durch die angefochtene Verfügung oder den Einspracheentscheid
berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat.
Das Rechtsschutzinteresse bildet daher eine Prozessvoraussetzung, ohne welche das
Gericht nicht auf die Sache eintreten bzw. kein Sachurteil fällen darf (vgl. Urs Peter
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Cavelti/Thomas Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen – dargestellt
an den Verfahren vor dem Verwaltungsgericht, 2. Aufl., 2003, Rz 385). Ein
Rechtsschutzinteresse besteht nur dann, wenn die erfolgreiche Beschwerde der
beschwerdeführenden Person letztlich einen praktischen Nutzen einträgt. Fällt das
Rechtsschutzinteresse im Verlauf des Rechtsmittelverfahrens dahin, so wird die
Beschwerde gegenstandslos und ist das Verfahren als erledigt abzuschreiben (Fritz
Gygi, Bundesverwaltungsrechtspflege, 2.A., 1983, S. 326).
2.2 Die Erledigung einer Beschwerde gegen die Einspruchsverfügung bezüglich
Kurzarbeitsentschädigung gilt in diesem Zusammenhang nur als nutzbringend, wenn
die beschwerdeführende Person tatsächlich Kurzarbeit durchgeführt und die KAE-
Ansprüche innerhalb der dreimonatigen Frist von Art. 38 Abs. 1 AVIG nach Ablauf der
entsprechenden Abrechnungsperiode bei der Arbeitslosenkasse geltend gemacht hat.
Unterlässt die gesuchstellende Person diese rechtliche Handlung, verwirkt der
Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung und es erübrigt sich ein Sachurteil des
Gerichts über die Rechtmässigkeit der Einspruchsverfügung. Die Verwirkungsfrist
beginnt zu laufen, selbst wenn sich die kantonale Amtsstelle noch nicht über die Sache
im Voranmeldeverfahren geäussert hat oder ein Gericht im Beschwerdeverfahren noch
über den Einspruch zu entscheiden hat (BGE 124 V 80, E. 4bb; vgl. BGE 119 V 370).
3.
Vorliegend hat die Beschwerdeführerin zwar ordnungsgemäss Kurzarbeit für die Zeit
vom 1. Juni 2009 bis zum 30. November 2009 angemeldet (act. G 3.1/A7 und A8).
Hingegen hat sie unbestrittenermassen die dreimonatige Frist für die Geltendmachung
der KAE-Ansprüche betreffend die Monate Juni, Juli, August, September, Oktober und
November 2009 bei der Arbeitslosenkasse unbenützt verstreichen lassen (act. G 10, G
14, G 16). Zwar hätte die Beschwerdeführerin nach der Gewährung des rechtlichen
Gehörs (act. G 11) noch den KAE-Anspruch betreffend die Abrechnungsperiode
November 2009 bei der Arbeitslosenkasse geltend machen und dadurch teilweise eine
materielle Prüfung der Beschwerde durch das Versicherungsgericht bewirken können.
Dies hat sie allerdings unterlassen.
Streittig und zu prüfen ist, welche Rechtsfolgen die Nichtgeltendmachung der KAE-
Ansprüche bei der Arbeitslosenkasse auf das vorliegende Verfahren hat.
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3.1.1 Entgegen der Auffassung des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin findet
hier Art. 30 ATSG keine Anwendung. Nach dieser Bestimmung haben alle Träger und
Durchführungsorgane der Sozialversicherung versehentlich an sie gelangte
Anmeldungen, Gesuche und Eingaben an die zuständige Stelle weiter zu leiten.
Einerseits fallen die kantonalen Versicherungsgerichte nicht unter den Begriff "Träger
und Durchführungsorgane der Sozialversicherung " (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2.
Auflage, 2009, Art. 30 Rz 15). Andererseits reichte der Rechtsvertreter die Unterlagen
für die Auszahlung der Kurzarbeitsentschädigung beim Versicherungsgericht nicht ein.
Aus der behaupteten Rechtsunkenntnis bezüglich des Unterschieds zwischen
Voranmeldungsverfahren beim Amt für Arbeit und Geltendmachung des KAE-
Anspruchs bei der Arbeitslosenkasse kann die Beschwerdeführerin nichts zu ihren
Gunsten ableiten. Der Rechtsvertreter legte (sogar) mit seiner Beschwerde eine Kopie