Decision ID: e0f6d3ed-753d-531c-b83e-ce7a8f4a9c6a
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Markus Heer, Obere Bahnhofstrasse 24, Post-
fach 637, 9501 Wil SG 1,
gegen
RAV Oberuzwil, Wiesentalstrasse 22, Postfach, 9242 Oberuzwil,
Beschwerdegegner,
vertreten durch Amt für Arbeit, Unterstrasse 22, 9001 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Vermittlungsfähigkeit (Vermittlungsbereitschaft)
Sachverhalt:
A.
A.a S._ arbeitete ab 22. September 1986 vollzeitlich bei der A._ als Bauarbeiter im
Tiefbau. Mit Schreiben vom 25. März 2004 kündigte die A._ dieses Arbeitsverhältnis
per 30. Juni 2004, weil der Versicherte nach einem Verkehrsunfall vom 6. Juni 2002 nur
noch für eine körperlich leichtere Tätigkeit einsatzfähig sei (act. G 3.1/B175). Am
9. März 2004 meldete sich der Versicherte wegen Kopf-, Rücken- und Fussschmerzen
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (act. G 3.1/B176). Mit Formular
vom 29. Juni 2004 beantragte der Versicherte Arbeitslosenentschädigung ab 1. Juli
2004. Da der behandelnde Arzt, Dr.med. B._, dem Versicherten für leichte,
wechselbelastende Tätigkeiten eine volle Arbeitsfähigkeit attestierte, der Versicherte
aber der Ansicht war, lediglich im Umfang von 50% arbeitsfähig zu sein (act. G 3.1/
B177, B161), ordnete das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) Oberuzwil die
Abklärung der Arbeitsfähigkeit des Versicherten im Rahmen eines
Verzahnungsprogramms an. An diesem Programm nahm der Versicherte vom
23. November 2004 bis 28. Januar 2005 teil (act. G 3.1/B160). Der Versicherte bezog in
der Rahmenfrist vom 1. Juli 2004 bis 30. Juni 2006 Arbeitslosenentschädigung im
Rahmen eines anrechenbaren Arbeitsausfalls von 50% (vgl. act. G 3.1/B125, B155).
A.b Mit Formular vom 9. Juni 2006 beantragte der Versicherte die Eröffnung einer
Folgerahmenfrist für den Leistungsbezug ab 1. Juli 2006 (act. G 3.1/B102), was die
Kantonale Arbeitslosenkasse mit Verfügung vom 18. September 2006 zufolge
ungenügender Beitragszeiten ablehnte (act. G 3.1/B96). Für die Stellenvermittlung blieb
der Versicherte weiterhin angemeldet (act. G 3).
A.c Mit Verfügung vom 21. November 2006 lehnte die IV-Stelle den Anspruch des
Versicherten auf IV-Leistungen mangels Invalidität ab. Die vom Versicherten dagegen
erhobene Beschwerde wurde vom Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen mit
Entscheid vom 13. Mai 2008 (IV 2007/18) abgewiesen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.d Am 21. Mai 2007 nahm der Versicherte erneut eine volle Erwerbstätigkeit als
Bauarbeiter bei der C._ auf (vgl. act. G 3.1/B23; vgl. auch Urteil des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 13. Mai 2008, IV 2007/18, lit. B.e).
Dieses Arbeitsverhältnis lösten der Versicherte und die C._ per 7. September 2007 in
gegenseitigem Einverständnis auf (act. G 3.1/B82). In der Folge trat der Versicherte ab
10. September 2007 eine Stelle als Facharbeiter/Maschinist bei der D._ an (act.
G 3.1/B81). Dieses Arbeitsverhältnis wurde ihm mit Schreiben vom 26. Februar 2008
per 31. März 2008 zufolge ungenügender Arbeitsleistungen gekündigt (act. G 3.1/B80).
Ab 1. April 2008 war der Versicherte bei der E._ als Bau-Facharbeiter tätig (act.
G 3.1/B77). Auch diese Anstellung wurde dem Versicherten mit Schreiben vom 19. Juni
2008 per 27. Juni 2008 wieder gekündigt (act. G 3./B72).
A.e Am 30. Juni / 23. Juli 2008 (Posteingang RAV Oberuzwil) stellte der Versicherte
erneut Antrag auf Arbeitslosenentschädigung ab 1. Juli 2008 und gab an, für eine
leichte Arbeit voll arbeitsfähig und auf der Suche nach einer Vollzeitstelle zu sein (act.
G 3.1/B61, B74).
A.f Am 19. August 2008 reichte der Versicherte ein ärztliches Zeugnis seines
Hausarztes Dr.med. F._ ein. Darin bestätigt Dr.med. F._, dass der Versicherte seit
6. Juni 2002 zu 50% arbeitsunfähig geschrieben sei. Gleichzeitig führt er aus, dass der
Versicherte selber der Meinung sei, zu 100% arbeitsunfähig zu sein, und dass
diesbezüglich Abklärungen an der Rheumatologischen Klinik des Kantonsspitals
St. Gallen stattfänden (act. G 3.1/B51).
A.g Am 1. September 2008 trat der Versicherte probeweise eine Anstellung bei der
G._ an. Wegen plötzlich auftretender Rückenbeschwerden brach er diese Tätigkeit
aber bereits am dritten Tag wieder ab (act. G 3.1/B47, A6, III, Ziffer 5).
A.h Zur Abklärung der Arbeitsfähigkeit verfügte das RAV Oberuzwil am 7. Oktober 2008
die Teilnahme des Versicherten am Einsatzprogramm TRANSMET von 13. Oktober
2008 bis 31. Dezember 2008 (act. G 3.1/B30, B36). Dieses Einsatzprogramm
bezweckte insbesondere auch eine Überprüfung der Vermittlungsbereitschaft des
Versicherten (act. G 3.1/B10, B34, B39). Der Versicherte trat das Einsatzprogramm
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zwar an, brach es aber schmerzbedingt bereits nach ca. einer Stunde wieder ab (act.
G 3.1/B22, B26, B28).
A.i Mit Arztzeugnissen vom 13. Oktober 2008, 14. Oktober 2008, 17. Oktober 2008 und
11. November 2008 bescheinigte Dr.med. F._ dem Versicherten erneut eine 50%-ige
Arbeitsunfähigkeit "seit Jahren" und eine volle Arbeitsunfähigkeit ab 14. Oktober 2008
(act. G 3.1/B19, B25, B23 und B18).
A.j Mit Verfügung vom 11. Dezember 2008 bejahte das RAV Oberuzwil die
Vermittlungsfähigkeit des Versicherten ab Antragsstellung, reduzierte den
anrechenbaren Arbeitsausfall aber auf 50%. Begründet wurde dies einerseits mit der
von Dr.med. F._ seit 6. Juni 2002 bescheinigten 50%igen Arbeitsunfähigkeit,
anderseits aber auch mit dem Umstand, dass der Versicherte am 13. Oktober 2008
nicht in der Lage gewesen sei, im Rahmen des Einsatzprogrammes auch nur leichteste
Arbeiten zu verrichten. Die von Dr. F._ ab 14. Oktober 2008 attestierte
Arbeitsunfähigkeit von 100% sei als vorübergehend zu betrachten und berechtige zu
Arbeitslosentaggelder (Krankentaggelder) während maximal 30 Tagen ab deren Beginn
bzw. maximal 44 Tagen während der Rahmenfrist (act. G 3.1/B13).
B.
B.a Gegen die Verfügung des RAV Oberuzwil vom 11. Dezember 2008 erhob der
Rechtsvertreter des Versicherten am 26. Januar 2009, ergänzt durch Schreiben vom
19. Februar 2009, form- und fristgerecht Einsprache und beantragte, dass dem
Versicherten für die Zeit vom 1. Juli 2008 bis 31. August 2008 ungekürzte Taggelder
der Arbeitslosenversicherung und ab 1. September 2009 Krankentaggelder
auszurichten seien, unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Zur Begründung führte er
in der Hauptsache an, dass die fast ununterbrochene volle Erwerbstätigkeit des
Versicherten von 21. Mai 2007 bis 27. Juni 2008 dessen Arbeitsfähigkeit beweise. Der
Versicherte habe sich ausserdem während der Monate Juli und August 2008 intensiv
um eine Vollzeitarbeitsstelle in verschiedenen Bereichen bemüht. Aus dem Umstand,
dass die Prüfung der Vermittlungsfähigkeit des Versicherten im Rahmen des
Einsatzprogramms TRANSMET erst drei Monate nach der Anmeldung zum
Leistungsbezug und damit zu einer Zeit erfolgt sei, zu der der Versicherte bereits
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wieder arbeitsunfähig gewesen sei, dürften dem Versicherten keine Nachteile
erwachsen. Die Vermittlungsbereitschaft des Versicherten zeige sich in der
rechtzeitigen Anmeldung zur Arbeitsvermittlung, den vom Versicherten
vorgenommenen Arbeitsbemühungen, der vor der Arbeitslosigkeit faktisch
uneingeschränkt ausgeübten Erwerbstätigkeit und in der spontanen Annahme der
Tätigkeit bei der G._ (act. G 3.1/A11, A7).
B.b Mit Schreiben vom 27. Februar 2009 kündigte das RAV Oberuzwil dem
Versicherten die Absicht an, seine Vermittlungsbereitschaft im Einspracheverfahren im
Sinne einer reformatio in peius bereits ab Antragstellung zu verneinen und räumte ihm
eine Frist von 10 Tagen ein, um seine Einsprache zurückzuziehen (act. G 3.1/A3).
Nachdem der Versicherte diese Frist ungenutzt verstreichen liess, verneinte das RAV
Oberuzwil die Vermittlungsbereitschaft des Versicherten im Einspracheentscheid vom
27. März 2009 ab Antragstellung. Zur Begründung führte es an, dass der Versicherte
bereits anlässlich des Erstgesprächs im RAV Oberuzwil vom 15. Juli 2008 klargemacht
habe, dass er lediglich für leichte Tätigkeiten einsatzfähig sei. Am 19. August 2008
habe der Versicherte denn auch ein Arztzeugnis eingereicht, wonach er seit 6. Juni
2002 zu 50% arbeitsunfähig geschrieben sei. Der Hausarzt schreibe darin ferner, dass
der Versicherte selber der Meinung sei, zu 100% arbeitsunfähig zu sein. Für die Zeit vor
Antragstellung resp. während der Kündigungsfrist habe der Versicherte keinerlei
Arbeitsbemühungen unternommen. Danach habe er zwar Bemühungen getätigt, aber
immer nur persönliche oder telefonische. Da der Versicherte seine jeweilige
Kontaktperson nicht angegeben habe, seien diese Bemühungen nicht überprüfbar. Es
sei unter den gesamten Umständen davon auszugehen, dass es sich dabei um eine
rein formale Pflichterfüllung gehandelt habe. Auch der Arbeitsversuch als Bauarbeiter
stehe im Widerspruch zu seinen Aussagen, er könne nur leichteste Tätigkeiten
ausüben. Eine vom Rechtsvertreter behauptete Arbeitsunfähigkeit des Versicherten seit
dem Arbeitsversuch anfangs September 2008 sei vom Versicherten nie gemeldet
worden. Zudem sei es auffällig, dass der Versicherte erst wieder ein Arztzeugnis
vorgelegt habe, als er das Einsatzprogramm habe antreten müssen. Der Abbruch des
Einsatzprogramms zeige die fehlende Vermittlungsbereitschaft des Versicherten. Auch
die Vorgeschichte des Versicherten zeige, dass dieser seit Jahren versuche,
Versicherungsleistungen zu beziehen. Es sei deshalb davon auszugehen, dass der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherte nur wieder gearbeitet habe, um genügende Beitragszeiten zu erlangen (act.
G 3.1/A1).
C.
C.a Gegen den Einspracheentscheid des RAV Oberuzwil vom 27. März 2009 gelangt
der Rechtsvertreter von S._ am 12. Mai 2009 mit Beschwerde ans
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen und beantragt für den Beschwerdeführer
die Ausrichtung eines ungekürzten Taggeldes der Arbeitslosenversicherung vom 1. Juli
2008 bis 31. August 2008 und die Ausrichtung von Krankentaggeldern ab
1. September 2008 unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Zur Begründung führt er
im Wesentlichen an, dass der Beschwerdeführer ungeachtet der von seinem Hausarzt
undifferenziert bescheinigten Arbeitsunfähigkeit von 50% während der Monate Juli und
August 2008 voll arbeitsfähig gewesen sei, was bereits aus der Tätigkeit des
Beschwerdeführers auf mehreren Baustellen während mehr als einem Jahr ersichtlich
sei. Weshalb die Vermittlungsfähigkeit des Beschwerdeführers erst mehr als 3 Monate
nach der RAV Anmeldung abgeklärt worden sei, sei nicht begründbar, ebensowenig
wie der Umstand, dass der Beschwerdegegner auf eine vertrauensärztliche
Untersuchung verzichtet habe, obwohl bei ihm offenbar Zweifel an der Arbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers bestanden hätten. Diese Unterlassungen des
Beschwerdegegners dürften dem Beschwerdeführer, der im Zeitpunkt der
Vermittlungsfähigkeitsprüfung bereits wieder arbeitsunfähig gewesen sei, nicht zum
Nachteil gereichen. Die Vermittlungsfähigkeit des Beschwerdeführers sei durch die
rechtzeitige RAV-Anmeldung, die Arbeitsbemühungen, die vor der Arbeitslosigkeit
faktisch uneingeschränkt ausgeübte Erwerbstätigkeit und durch die spontane
Aufnahme einer Tätigkeit bei der G._ bewiesen (act. G 1).
C.b In der Beschwerdeantwort vom 11. Juni 2009 nimmt der Beschwerdegegner zum
Vorwurf der späten Einweisung in ein Einsatzprogramm Stellung und begründet die
Verzögerung damit, dass die Prüfung der Anspruchsberechtigung des
Beschwerdeführers auf Leistungen der Arbeitslosenversicherung aufgrund einer
verspäteten Arbeitgeberbescheinigung erst am 11. September 2008 habe
abgeschlossen werden können. Eine arbeitslose Person könne aber erst dann in ein
Einsatzprogramm eingewiesen werden, wenn ihre Anspruchsberechtigung feststehe,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ansonsten die Gefahr bestünde, dass die Kosten für die Massnahme von der
Arbeitslosenversicherung nicht gedeckt würden. Eine vertrauensärztliche Untersuchung
sei entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers nicht angezeigt gewesen, weil nicht
die Arztzeugnisse widersprüchlich gewesen seien, sondern eine Diskrepanz zwischen
der ärztlich bescheinigten Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers und dessen
vollzeitlicher Arbeitstätigkeit bestanden habe. So habe der Beschwerdeführer offenbar
seine Selbsteinschätzung wieder der ärztlichen Beurteilung angepasst, sobald die
notwendige Beitragszeit erreicht gewesen sei (act. G 3).
C.c Mit Replik vom 18. August 2009 stellt sich der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers im Wesentlichen auf den Standpunkt, dass es unzulässig sei, die
Vermittlungsbereitschaft des Beschwerdeführers für die Monate Juli und August 2008
lediglich aufgrund des aus gesundheitlichen Gründen missglückten Arbeitsversuchs
anfangs September 2008 und des Abbruchs des Einsatzprogrammes im Oktober 2008
und damit ohne eine eigentliche Abklärung zu verneinen. Für die
Vermittlungsbereitschaft spräche insbesondere auch der Umstand, dass der
Beschwerdeführer trotz seiner Aussteuerung im Juni 2006 noch bis am 2. Mai 2007 für
die Arbeitsvermittlung angemeldet geblieben sei. Die vom Beschwerdegegner
behauptete fehlende Vermittlungsbereitschaft stehe diametral zum dokumentierten
Arbeitswillen des Beschwerdeführers. Wenn dem Beschwerdeführer die
Vermittlungsbereitschaft ohne jegliche ärztliche Zusatzabklärungen verweigert werde,
sei dies willkürlich und der Einspracheentscheid deshalb unhaltbar (act. G 9).
C.d Der Beschwerdegegner verzichtete auf die Einreichung einer Duplik (act. G 11).

Erwägungen:
1.
1.1 Eine der Voraussetzungen für den Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung ist die
Vermittlungsfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 lit. f des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIG; SR 837.0]). Die
arbeitslose Person ist vermittlungsfähig, wenn sie bereit, in der Lage und berechtigt ist,
eine zumutbare Arbeit anzunehmen und an Eingliederungsmassnahmen teilzunehmen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(Art. 15 Abs. 1 AVIG). Vermittlungsfähigkeit verlangt demnach objektiv die
Arbeitsberechtigung und Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person, subjektiv ihre
Bereitschaft, die Arbeitskraft entsprechend den persönlichen Verhältnissen während
der üblichen Arbeitszeit einzusetzen (BGE 120 V 388 E. 3a mit Hinweisen). Im
vorliegenden Beschwerdeverfahren streitig und deshalb nachfolgend zu prüfen ist
lediglich die Vermittlungsbereitschaft des Beschwerdeführers ab Juli 2008.
1.2 Wesentliches Merkmal der Vermittlungsbereitschaft ist im Allgemeinen die
Bereitschaft zur Annahme einer Dauerstelle (ARV 2004 Nr. 13 S. 126 E. 2.3 mit Hinweis
= Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; ab 1. Januar 2007:
Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 17. Juni 2003, C 272/02). Die
Bereitschaft der versicherten Person, eine neue Stelle anzutreten, ist aufgrund
objektiver Kriterien zu prüfen. Der Wille allein oder die bloss verbal erklärte
Vermittlungsbereitschaft der versicherten Person genügen nicht (BGE 122 V 266 f. E.
4). Fortdauernd ungenügende Bemühungen um eine neue Stelle können ein
wesentlicher Hinweis darauf sein, dass die versicherte Person während einer
bestimmten Zeitdauer nicht gewillt ist, ihre Arbeitskraft anzubieten. Im Allgemeinen ist
aber eine unzureichende Stellensuche nur Ausdruck davon, dass die versicherte
Person ihrer Schadenminderungspflicht ungenügend nachkommt (BGE 112 V 218
E. 1b; ARV 1996/97 Nr. 19 S. 98, Nr. 8 S. 31 E. 3 mit Hinweisen). Erst wenn sich eine
versicherte Person trotz Einstellung in der Anspruchsberechtigung nach Art. 30 Abs. 1
lit. c AVIG über längere Zeit hinweg nicht um eine neue Stelle bemüht, darf
angenommen werden, es fehle ihr an der Vermittlungsbereitschaft. Sind die
Arbeitsbemühungen der versicherten Person aber nicht nur ungenügend oder dürftig,
sondern derart unbrauchbar, dass sie besonders qualifizierte Umstände darstellen, ist
auch ohne vorgängige Einstellung in der Anspruchsberechtigung auf eine fehlende
Vermittlungsbereitschaft der versicherten Person zu schliessen. Dasselbe gilt, wenn
über längere Zeit überhaupt keine Arbeitsbemühungen oder blosse "pro forma"-
Bemühungen vorgewiesen werden (Urteil des Bundesgerichts vom 9. September 2008,
8C_58/2008, E. 3.2). Auf eine fehlende Vermittlungsbereitschaft geschlossen werden
kann mit anderen Worten immer erst dann, wenn trotz des äusseren Scheins
nachweislich keine Absicht zur Wiederaufnahme einer Arbeitnehmertätigkeit bestanden
hat (Urteil des EVG vom 10. November 2000, C 65/00, E. 3b).
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Am 30. Juni 2008 stellte der Beschwerdeführer Antrag auf
Arbeitslosenentschädigung ab 1. Juli 2008. Dabei gab er an, voll arbeitsfähig und auf
der Suche nach einer Vollzeitstelle zu sein, wobei es sich um leichte Arbeit handeln
müsse (act. G 3.1/B61). Dies bestätigte der Beschwerdeführer auch im ersten
Beratungsgespräch vom 15. Juli 2008, stellte er sich doch auf den Standpunkt, wegen
unfallbedingter Beschwerden in Rücken, Schultern, Nacken und Ellbogen nicht mehr
körperlich arbeiten zu können. Wegen dieser gesundheitlichen Beschwerden,
insbesondere einer Blockade im Rücken, sei ihm auch seine letzte Stelle wieder
gekündigt worden. Zur Abklärung dieser Leiden habe er am 13. August 2008 einen
Termin im Kantonsspital (act. G 3.1/B63b). Ähnlich äusserte sich der Beschwerdeführer
auch im Beratungsgespräch vom 18. August 2008. Er könne nur noch leichte Arbeiten
verrichten (act. G 3.1/B53). Es steht demnach fest, dass sich der Beschwerdeführer
seit Juli 2008 nicht in der Lage sah, eine schwere körperliche Tätigkeit auszuüben und
ihm deshalb für solche Tätigkeiten die Vermittlungsbereitschaft fehlte. Umstritten und
deshalb zu prüfen ist aber, ob und gegebenenfalls in welchem Umfang der
Beschwerdeführer bereit war, seit Antragstellung eine leichte Arbeit anzunehmen.
Während der Beschwerdeführer diese Bereitschaft unter Hinweis auf die rechtzeitig
erfolgte Anmeldung zum Leistungsbezug, die spontane Aufnahme einer
Erwerbstätigkeit bei der G._, die über seine Aussteuerung per 30. Juni 2006
fortdauernde Anmeldung für die Arbeitsvermittlung und seine Arbeitsbemühungen in
den Monaten Juli und August 2008 behauptet, stellt sich der Beschwerdegegner unter
Hinweis auf das widersprüchliche Verhalten des Beschwerdeführers auf den
Standpunkt, dass der Beschwerdeführer seit Antragsstellung auch keine Absicht zur
Aufnahme einer leichten Arbeitstätigkeit gehabt habe und demnach nicht
vermittlungsbereit gewesen sei.
2.2 In der Tat verhielt sich der Beschwerdeführer in Bezug auf seine Arbeitsfähigkeit ab
Antragstellung widersprüchlich. So behauptete er bei Antragstellung und in den ersten
Wochen danach, keine schweren körperlichen Arbeiten ausüben zu können, jedoch für
eine leichte Tätigkeit voll arbeitsfähig zu sein. Dessen ungeachtet reichte er am
18. August 2008 ein Arztzeugnis des behandelnden Arztes, Dr. med. F._, ein, das ihm
eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit seit 6. Juni 2002 attestierte (act. G 3.1/B51). Am 1.
September 2008 nahm der Beschwerdeführer eine Tätigkeit als Bauarbeiter bei der
G._ auf, obwohl er – wie bereits erwähnt – bis zu diesem Zeitpunkt körperlich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
schwere Arbeiten aus gesundheitlichen Gründen als unzumutbar bezeichnet hatte.
Diese Tätigkeit brach er jedoch bereits nach drei Tagen wieder ab, "da die Arbeit
körperlich zu anstrengend" gewesen sei (act. G 3.1/B41). Eine Arztkonsultation fand
erst am 22. September 2008 statt. Im Rahmen dieser Konsultation wurde dem
Beschwerdeführer erneut eine Arbeitsunfähigkeit von 50% ab 1. September 2008
bescheinigt (act. G 3.1/B40). Das Einsatzprogramm TRANSMET, in dessen Rahmen
der Beschwerdeführer anhand leidensadaptierter Tätigkeiten seine
Vermittlungsbereitschaft unter Beweis stellen sollte, brach er bereits nach einer
knappen Stunde schmerzbedingt wieder ab (act. G 3.1/B28). Im Beratungsgespräch
vom 14. Oktober 2008 äusserte sich der Beschwerdeführer dahingehend, dass er das
Einsatzprogramm nicht absolvieren könne, weil es zu lärmig und zu staubig sei (act.
G 3.1/B27). Trotz dieser gezeigten (und auch ärztlich attestierten) Arbeitsunfähigkeit
stellte sich der Beschwerdeführer im Beratungsgespräch vom 16. Oktober 2008 auf
den Standpunkt, weiterhin eine volle Erwerbstätigkeit ausüben zu wollen (act. G 3.1/
B24). Dass der Beschwerdegegner unter diesen Umständen die
Vermittlungsbereitschaft des Beschwerdeführers seit Antragstellung in Frage stellt, ist
nachvollziehbar. Für eine fehlende Vermittlungsbereitschaft seit Antragstellung spricht
auch das vom Beschwerdeführer am 18. August 2008 eingereichte Arztzeugnis von
Dr. med. F._, in dem sich dieser dahingehend äussert, dass der Beschwerdeführer
sich selbst als zu 100% arbeitsunfähig erachte. Diese Einschätzung wird auch durch
die Erkenntnisse mehrerer medizinischer Experten gestützt, die dem Beschwerdeführer
bereits im Rahmen des vorangegangenen IV-Verfahrens ein demonstratives
Schmerzverhalten, ein theatralisch-leidendes Verhalten und eine "katastrophisierende"
Stimmungslage attestiert hatten (vgl. Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen vom 13. Mai 2008 [IV 2007/18]).
2.3
2.3.1 Inwiefern die rechtzeitige Anmeldung zum Leistungsbezug für die
Vermittlungsbereitschaft des Beschwerdeführers sprechen soll, ist nicht ersichtlich,
handelt es sich bei der rechtzeitigen Anmeldung doch um eine gesetzliche Pflicht der
versicherten Person (Art. 17 Abs. 2 AVIG).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3.2 Auch aus dem Arbeitsversuch bei der G._ vom 1. bis 3. September 2008 lässt
sich die Vermittlungsbereitschaft des Beschwerdeführers nicht erkennen. Dass der
Beschwerdeführer die Tätigkeit bereits am 3. September 2008 wieder abbrach, obwohl
er gemäss Arztzeugnis vom 22. September 2008 im damaligen Zeitpunkt lediglich zu
50% arbeitsunfähig geschrieben war (act G 3.1/A26), deutet im Gegenteil eher auf eine
fehlende Vermittlungsbereitschaft des Beschwerdeführers hin.
2.3.3 Auch aus dem Umstand, dass der Beschwerdeführer nach seiner Aussteuerung
am 30. Juni 2006 weiterhin zur Arbeitsvermittlung angemeldet blieb, vermag er nichts
zu seinen Gunsten ableiten, geht doch aus dem Schreiben des RAV vom 2. Mai 2007
deutlich hervor, dass der Beschwerdeführer wegen fehlender Vermittlungsbereitschaft
von der Arbeitsvermittlung abgemeldet wurde (act. G 3.1/B89).
2.3.4 Ebensowenig lassen die in den Monaten Juli und August 2008 getätigten
Arbeitsbemühungen auf die Vermittlungsbereitschaft des Beschwerdeführers
schliessen. Berücksichtigt man nämlich die Umstände des vorliegenden Falls und
darüber hinaus die Tatsache, dass es sich bei den angeführten Bewerbungen
offensichtlich ausschliesslich um mündliche Blindbewerbungen, teilweise gar bei
denselben Unternehmungen, gehandelt hat, ist der vom Beschwerdegegner gezogene
Schluss, dass es sich bei den Arbeitsbemühungen um blosse "pro forma"-
Bemühungen handelte, nicht zu beanstanden.
3.
Unter Würdigung sämtlicher Umstände ist demnach mit dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
erwiesen, dass der Beschwerdeführer trotz des äusseren Scheins seit Antragsstellung
keine Absicht zur Wiederaufnahme einer Arbeitnehmertätigkeit hatte (vgl. oben E. 1.2).
Nachdem der Beschwerdegegner mit Schreiben vom 27. Februar 2009 auch die
prozessualen Voraussetzungen für eine Schlechterstellung im Einspracheverfahren
erfüllt hat (Art. 12 Abs. 2 ATSV), ist der Einspracheentscheid vom 27. März 2009 nicht
zu beanstanden. Die Beschwerde ist abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu
erheben (Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG, SR 830.1]).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53
GerG entschieden:
1. Die Beschwerde wird abgewiesen.
2. Es werden keine Gerichtskosten erhoben.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 07.04.2010 Art. 15 Abs. 1 AVIG. Die Vermittlungsbereitschaft einer arbeitslosen Person kann ohne vorgängige Einstellung in der Anspruchsberechtigung ab Antragstellung verneint werden, wenn eine Würdigung sämtlicher Umstände ergibt, dass die arbeitslose Person trotz des äusseren Scheins seit Antragsstellung keine Absicht zur Wiederaufnahme einer Arbeitnehmertätigkeit hatte (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 7. April 2010, AVI 2009/42).
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
2021-09-19T18:11:39+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen