Decision ID: 15ce184f-1833-50a1-8148-69e75b63ce8f
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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A.- X wohnt mit seinen Eltern Y und Z an der Stossstrasse in Altstätten. Seit August
2019 besucht er die Oberstufe im Schulhaus Feld in Altstätten. Die Distanz von seinem
Wohnort zum Schulhaus beträgt 2,3 Kilometer, wobei eine Höhendifferenz von
145 Metern zu überwinden ist.
Am 28. Mai 2019 ging beim Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St.
Gallen ein Gesuch von Y für seinen Sohn X um vorzeitige Erteilung eines
Führerausweises der Spezialkategorie M ein. Gleichentags teilte das
Strassenverkehrsamt mit, dass es die Voraussetzungen für die vorzeitige Erteilung
eines solchen Ausweises nicht als gegeben erachte, weshalb das Gesuch nicht
bewilligt werden könne. Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs (Schreiben vom
5. Juni 2019) wies das Strassenverkehrsamt das Gesuch um vorzeitigen Erwerb des
Führerausweises für Motorfahrräder mit Verfügung vom 3. Juli 2019 ab.
B.- Mit Schreiben vom 5. August 2019 erhob Y als gesetzlicher Vertreter seines Sohnes
X gegen die ablehnende Verfügung Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission des
Kantons St. Gallen (VRK) mit dem Antrag, X sei der Erwerb des Führerausweises für
Motorfahrräder (Spezialkategorie M) vor Erreichen des 14. Altersjahres zu gestatten.
Auf die weiteren Ausführungen zur Begründung des Antrags wird, soweit erforderlich,
in den Erwägungen eingegangen. Die Vorinstanz verzichtete auf eine Vernehmlassung.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 5. August 2019 ist rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Umstritten ist, ob dem Rekurrenten der Führerausweis der Spezialkategorie M vor
Erreichen des Mindestalters zu erteilen ist.
a) Die Vorinstanz erwog, für den Schulweg mit einer Länge von 2,4 km und einem
Höhenunterschied von 138 m vom Wohnort des Rekurrenten bis zum
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Oberstufenschulhaus Feld in Altstätten benötige man mit dem Fahrrad rund 8 Minuten
hin und 24 Minuten zurück. Da die Dauer pro Weg nicht mehr als 30 Minuten betrage,
sei die Verwendung des Fahrrads zumutbar, weshalb dem Rekurrenten keine vorzeitige
Bewilligung für den Erwerb des Führerausweises der Spezialkategorie M erteilt werde.
Diese Praxis sei auf das Schuljahr 2017/18 hin eingeführt worden.
Der Rekurrent macht im Wesentlichen geltend, als Schüler der ersten Oberstufe könne
er die fragliche Strecke nicht in derselben Zeit wie eine erwachsene Person bewältigen.
Es sei davon auszugehen, dass er für die Heimfahrt länger als 30 Minuten benötige.
Wenn er mittags nach Hause komme, müsse er sich zudem zuerst von der Fahrt
erholen und im Sommerhalbjahr auch noch duschen, da er verschwitzt sei. So bleibe
kaum Zeit für das Mittagessen. Zudem sei die Strecke am Stoss mit den engen Kurven
gefährlich. Der Verkehr, insbesondere nach Feierabend, sei stark und teils rasend
schnell. Auf dem schwankenden Fahrrad sei er stärker gefährdet als auf einem Mofa.
Aufgrund der Strassenbreite komme es gerade bei Velofahrern immer wieder zu
gefährlichen Situationen infolge von Überholmanövern von Autos, Lastwagen oder
Motorrädern.
b) Das Mindestalter für den Erwerb des Führerausweises der Spezialkategorie M
beträgt nach Art. 6 Abs. 1 lit. a der Verordnung über die Zulassung von Personen und
Fahrzeugen zum Strassenverkehr (SR 741.51, abgekürzt: VZV) 14 Jahre. Die kantonale
Behörde kann den Führerausweis der Spezialkategorie M vor Erreichen des
Mindestalters erteilen, wenn die Verwendung eines anderen Verkehrsmittels
unzumutbar ist (Art. 6 Abs. 4 lit. b VZV). Nach Praxis der Vorinstanz beträgt das
Mindestalter für ein entsprechendes Gesuch 12 Jahre. Zudem gilt die Verwendung des
Fahrrades für den Schulweg als zumutbar, wenn in eine Richtung nicht mehr als
30 Minuten benötigt werden. Ferner kann der Führerausweis aus gesundheitlichen
Gründen vorzeitig erteilt werden, sofern ein entsprechendes ärztliches Zeugnis vorliegt.
c) Zwischen dem unterhalb der Passhöhe Stoss gelegenen Weiler Gätziberg und
Altstätten verkehrt ein Schulbus. Im Sommerhalbjahr fährt der Bus um 7.38 Uhr in der
Nähe des Wohnorts des Rekurrenten (Bürglen/Wart) ab. Mittags ist die Bergfahrt um
11.47 Uhr ab Migros Altstätten und die Talfahrt um 13.14 Uhr ab Bürglen/Wart. Am
Abend gibt es zwei Bergfahrten um 15.26 und 16.21 Uhr ab Migros Altstätten. Im
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Winterhalbjahr gibt es für die Oberstufenschüler einen zusätzlichen Frühkurs am
Morgen um 7.05 Uhr ab Gätziberg und zwei zusätzliche Kurse am Abend um 17.20 und
18.20 Uhr ab Migros Altstätten (vgl. www.schalt.ch). Im Winterhalbjahr hat der
Rekurrent somit die Möglichkeit, den Schulweg von seinem Wohnort oberhalb von
Altstätten in das Oberstufenschulhaus Feld mit dem Schulbus zurückzulegen. Eine
Rückkehr nach Hause am Mittag ist mit dem Schulbus das ganze Jahr über möglich.
Nimmt der Rekurrent am Mittag den Schulbus in Anspruch, fällt keine Zeit für Erholung
und Duschen an, weshalb genügend Zeit für die Einnahme des Mittagessens bleibt.
Somit stellt sich die Frage, ob es dem Rekurrenten zuzumuten ist, wenn er am Mittag
den Schulbus benützt, den Schulweg im Sommerhalbjahr fünfmal pro Woche (je einen
Hinweg morgens und einen Rückweg abends bzw. mittags am Mittwoch) mit dem
Fahrrad zurückzulegen. Art. 6 Abs. 4 lit. b VZV, der die Möglichkeit vorsieht, den
Führerausweis der Spezialkategorie M vorzeitig zu erteilen, lässt offen, in welchen
Fällen die Benützung anderer Verkehrsmittel unzumutbar ist. Damit wird den
kantonalen Behörden ein Ermessensspielraum eingeräumt. Seit rund zwei Jahren
erachtet die Vorinstanz die Verwendung des Fahrrades für den Schulweg als zumutbar,
wenn in eine Richtung nicht mehr als 30 Minuten benötigt werden. Damit will sie eine
möglichst einheitliche Handhabung der Ausnahmeregelung gewährleisten, was
durchaus geboten erscheint. Letztlich ist jedoch stets der konkrete Einzelfall zu
beurteilen. Die Zumutbarkeit eines Schulwegs bestimmt sich dabei nach seiner Länge
und der zu überwindenden Höhendifferenz, nach der Beschaffenheit des Weges und
den damit verbundenen Gefahren sowie nach Alter und Konstitution des betroffenen
Kindes. Was die zumutbare Dauer des Schulwegs angeht, rechtfertigt es sich, die im
Zusammenhang mit der Schulzuteilung sowie dem Anspruch auf einen Schultransport
entwickelte Lehre und Rechtsprechung heranzuziehen. Demnach gilt ein Schulweg von
viermal 30 Minuten zu Fuss pro Tag bereits im Kindergartenalter grundsätzlich als
zumutbar. Für ältere Schüler (13 bis 16 Jahre) ist ein Schulweg von 40 Minuten nicht zu
beanstanden (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 2P.101/2014 vom 14. Oktober 2004
E. 4 mit Hinweisen, 2P.23/2003 vom 28. Mai 2003 E. 3.3, 2C_495/2007 vom 27. März
2008 E. 2.3; Schweizer/Regli, Der zumutbare Schulweg, Faktenblatt 04/2018, Ziff. 3.2,
im Internet abrufbar unter: www.fussverkehr.ch; BGer). Vor dem Hintergrund dieser
Rechtsprechung ist das Kriterium der Vorinstanz für die Beurteilung der Zumutbarkeit,
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nämlich eine nicht mehr als 30-minütige Fahrradfahrt für einen Weg, nicht zu
beanstanden.
Im konkreten Fall beträgt die Strecke zwischen dem Wohnort des Rekurrenten und
dem Schulhaus Feld (Heidenerstrasse 5) in Altstätten rund 2,3 Kilometer (vgl.
www.google.com/maps). Der Höhenunterschied beträgt 145 Meter. Auf dem Heimweg
verlaufen die ersten rund 700 Meter vom Schulhaus Feld über den Mühlackerweg bis
zu Einmündung in die Stossstrasse ohne nennenswerte Steigung (464 m ü. M. auf
480 m ü. M.). Dafür sind mit dem Fahrrad maximal 6 Minuten zu veranschlagen. Auf der
restlichen Strecke von 1,6 km ist ein Höhenunterschied von 129 Metern zu überwinden,
was einer Steigung von durchschnittlich etwas mehr als 8 Prozent entspricht. Bei
Annahme einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 6 km/h, was für einen jugendlichen
Radfahrer auf einer ansteigenden Strecke nicht zu schnell erscheint, ergibt dies eine
Fahrzeit von 16 Minuten; für den ganzen Schulweg ergibt dies eine Fahrzeit von
22 Minuten. Selbst wenn der Rekurrent aufwärts mit lediglich 5 km/h unterwegs wäre,
läge die Fahrzeit mit total 24 Minuten noch einiges unter der Grenze von 30 Minuten,
ab welcher der Schulweg nicht mehr zumutbar wäre. Den Heimweg im
Sommerhalbjahr einmal pro Tag mit dem Fahrrad zurückzulegen, erscheint für den
131⁄2-jährigen Rekurrenten in zeitlicher und körperlicher Hinsicht ohne Weiteres
zumutbar. Hinzu kommt, dass die Talfahrt am Morgen weniger als 10 Minuten dauert.
Auch eine zweimalige Fahrt vormittags und nachmittags mit dem Fahrrad wäre noch
zumutbar.
Zutreffend ist, dass es sich bei der Stossstrasse um eine stark befahrene Strecke
handelt, die in den Sommermonaten auch häufig von Motorradfahrern frequentiert
wird. Es gibt weder einen Radweg noch einen Radstreifen. Als Kantonsstrasse ist sie
jedoch gut ausgebaut und nicht speziell eng. Bis zur ersten grossen Rechtskurve
beträgt die zulässige Höchstgeschwindigkeit innerorts 50 km/h. Ab dort ist es
ausserorts noch rund einen Kilometer bis zum Wohnort des Rekurrenten. Die
Gefährdung durch überholende oder entgegenkommende Fahrzeuge ist entgegen der
Ansicht des Rekurrenten nicht geringer, wenn die Strecke mit dem Motorfahrrad und
nicht mit dem Fahrrad zurückgelegt wird. Auch unter diesem Aspekt erweist sich die
Benützung des Fahrrads daher nicht als unzumutbar.
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Da die Vorinstanz auf das Schuljahr 2017/18 hin nachweislich eine Praxisänderung
vorgenommen hat, vermag die Tatsache, dass anderen Kindern aus dem Gebiet an der
Stossstrasse früher der vorzeitige Erwerb der Spezialkategorie M noch zugestanden
worden war, nichts zu ändern. Insbesondere liegt deshalb kein Verstoss gegen das
Gleichbehandlungsgebot vor. Der Rekurs ist folglich abzuweisen.
3.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Angemessen erscheint eine Entscheidgebühr von
Fr. 300.– (Art. 7 Ziff. 122 und Art. 5 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss in gleicher Höhe ist damit zu verrechnen.