Decision ID: 526604ac-2710-5a21-9837-b03fa70e1230
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Führerausweis für die Kategorien B, BE und die Unterkategorien D1
sowie D1E seit 26. August 1974. Seit 6. August 1974 ist er zudem für die Kategorie A
fahrberechtigt. Im Informationssystem über die Verkehrszulassung (IVZ; früher:
Administrativmassnahmen-Register) ist X bislang nicht verzeichnet.
B.- Am 21. April 2017, ca. 17.00 Uhr, lenkte X einen auf seine Mutter eingelösten
Personenwagen auf der Autobahn A1 von Winterthur in Richtung St. Gallen. Kurz vor
der Rastplatzausfahrt Hexentobel Süd auf dem Gemeindegebiet Wängi verursachte er
bei einer Geschwindigkeit von 110 bis 120 km/h einen Selbstunfall, als er sich während
der Fahrt eine Zigarette drehen wollte. Dabei kam X von der Normalspur ab, überfuhr
den Pannenstreifen, touchierte den Randstein und kam wiederum auf die Überholspur.
Sodann kam der Wagen erneut rechts ab, überschlug sich und kam schliesslich auf der
Rastplatzausfahrt quer zur Fahrtrichtung auf den Rädern zum Stillstand. Am Fahrzeug
entstand ein Sachschaden in der Höhe von rund
Fr. 5'000.–; Personen kamen keine zu Schaden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.- Am 25. Januar 2018 parkte X einen wiederum auf seine Mutter eingelösten
Personenwagen in St. Gallen an der Gartenstrasse auf der Höhe des Raiffeisenplatzes
auf dem gegenüberliegenden Trottoir. Während er sich in der Schalterhalle der
Raiffeisenbank aufhielt, rollte das ungenügend gesicherte Fahrzeug rückwärts in die
Gartenstrasse und touchierte nach rund 30 Metern auf der anderen Strassenseite mit
der hinteren linken Fahrzeugecke die Gebäudefassade der Liegenschaft
Raiffeisenplatz 4. Ohne sich um den entstandenen Sachschaden zu kümmern, verliess
X den Unfallort. An der Fassade und am Fahrzeug entstand Sachschaden in der Höhe
von insgesamt rund Fr. 3'000.–. Auch bei diesem Ereignis kam es zu keinem
Personenschaden. In der polizeilichen Einvernahme einen Tag nach dem Unfallereignis
erklärte X, sich an den Vorfall nicht mehr erinnern zu können. Die hierauf vom
Strassenverkehrsamt angeordnete verkehrsmedizinische Untersuchung (Stufe 3) ergab
am 17. April 2018 keine Hinweise auf eine fehlende Fahreignung.
D.- Am 4. Mai 2018 teilte das Strassenverkehrsamt X mit, dass zur
administrativrechtlichen Beurteilung des Vorfalles vom 25. Januar 2018 der Abschluss
des Strafverfahrens abgewartet werde. Nach Eingang des rechtskräftigen Strafbefehls
vom 3. April 2018 gewährte ihm das Strassenverkehrsamt am 18. Mai 2018 das
rechtliche Gehör. Es entzog ihm in der Folge den Führerausweis mit Verfügung vom
15. Juni 2018 wegen mittelschwerer Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer eines Monats. Den dagegen erhobenen
Rekurs vom 9. Juli 2018 zog X am 23. Juli 2018 wieder zurück. Der Vollzug des
Führerausweisentzugs dauerte vom 20. August bis 19. September 2018.
E.- In der Zwischenzeit wurde X mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Thurgau,
Abteilung für Wirtschaftsstraffälle und Organisierte Kriminalität, vom 4. Juli 2018 wegen
grober Verletzung der Verkehrsregeln (Vorfall vom 21. April 2017) und Unterlassung der
Buchführung zu einer bedingten Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je Fr. 40.– und einer
Busse von Fr. 700.– verurteilt. Der Strafbefehl erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
Nach Eingang des rechtskräftigen Strafbefehls stellte das Strassenverkehrsamt des
Kantons St. Gallen X am 16. August 2018 einen Führerausweisentzug von drei,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
respektive zwei Monaten im Zusatz zur Verfügung vom 15. Juni 2018 in Aussicht und
gab ihm die Gelegenheit zur Stellungnahme. Hierzu äusserte sich X am 25. August
2018 zusammengefasst dahingehend, dass er aus beruflichen und privaten Gründen
auf den Führerausweis angewiesen und bei jenem Vorfall kein anderes Fahrzeug in
Mitleidenschaft gezogen worden sei. Im Zusatz zur Verfügung vom 15. Juni 2018
entzog ihm das Strassenverkehrsamt am 17. September 2018 den Führerausweis
wegen schwerer Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer
von zwei Monaten.
F.- Gegen diese Verfügung erhob X am 29. September 2018 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK) mit dem sinngemässen
Antrag, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und von einem
Führerausweisentzug abzusehen. Die Vorinstanz verzichtete am 17. Oktober 2018 auf
eine Vernehmlassung.
Auf die Ausführungen des Rekurrenten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 29. September 2018 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller und
materieller Hinsicht die Anforderungen von Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes
über die Verwaltungsrechtspflege (sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist
einzutreten.
2.- Der Rekurrent macht sinngemäss eine Verletzung seines Anspruchs auf rechtliches
Gehör geltend. Wie es sich damit verhält, ist im Folgenden zu prüfen.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
a) Der verfassungsmässige Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 der
Bundesverfassung, SR 101) verlangt, dass die Behörde die Vorbringen der von der
Verfügung in ihrer Rechtsstellung betroffenen Person tatsächlich hört, prüft und in der
Verfügung berücksichtigt. Daraus folgt die Verpflichtung der Behörde, ihre Verfügung
zu begründen. Dabei ist nicht erforderlich, dass sie sich mit allen Parteistandpunkten
einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich abhandelt.
Vielmehr kann sie sich auf die für die Verfügung wesentlichen Punkte beschränken. Die
Begründung muss aber so abgefasst sein, dass sich die betroffene Person über die
Tragweite der Verfügung Rechenschaft geben und ihn in voller Kenntnis der Sache an
eine höhere Instanz weiterziehen kann. In diesem Sinne müssen wenigstens kurz die
Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde leiten liess und auf die
sich ihre Verfügung stützt (statt vieler Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_50/2017
vom 16. Mai 2017 E. 3.2). Der Umfang der Begründungspflicht richtet sich
grundsätzlich nach der Komplexität des zu beurteilenden Sachverhalts (BGE 111 Ia 2
E. 4b). Bei klarer Sachlage und bestimmten Normen können Hinweise auf die
Rechtsgrundlagen genügen, während ein weiter Spielraum der Behörde – aufgrund von
Ermessen oder unbestimmten Rechtsbegriffen – und eine Vielzahl von in Betracht
fallenden Sachverhaltselementen eine ausführliche Begründung gebieten (Steinmann,
Die Schweizerische Bundesverfassung – St. Galler Kommentar, 3. Aufl. 2014, Art. 29
N 49 mit Hinweisen). Der st. gallische Gesetzgeber hält die Begründungspflicht für
Verfügungen in Art. 24 Abs. 1 lit. a VRP ausdrücklich fest.
b) Die Vorinstanz nahm auf den Vorfall vom 21. April 2017 und die Stellungnahme des
Rekurrenten vom 25. August 2018 Bezug und nannte die wesentlichen Überlegungen,
welche letztlich zum Führerausweisentzug führten. Bereits am 18. Mai 2018 hatte das
Strassenverkehrsamt den Rekurrenten anlässlich der Gehörsgewährung zum Vorfall
vom 25. Januar 2018 darauf hingewiesen, dass für den Vorfall vom 21. April 2017 das
Strafverfahren noch abgewartet und je nach Ausgang eine Zusatzmassnahme
ausgefällt würde. Die massgebenden Gesetzesgrundlagen wurden korrekt angeführt
(vgl. act. 8/37, 49, 65).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Für den Rekurrenten war somit hinreichend nachvollziehbar, woraus sich der
Führerausweisentzug ergibt, und es wurde ihm Gelegenheit zu vorgängiger
Stellungnahme gewährt. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs ist deshalb nicht
ersichtlich. Im Übrigen bringt der Rekurrent nicht konkret vor, inwiefern das rechtliche
Gehör verletzt worden sein sollte.
3.- a) Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung vermag ein Strafurteil die
Verwaltungsbehörde grundsätzlich nicht zu binden. Allerdings gebietet der Grundsatz
der Einheit der Rechtsordnung, widersprüchliche Entscheide im Rahmen des
Möglichen zu vermeiden. Die Verwaltungsbehörde darf deshalb bei der Verfügung über
die Massnahme von den tatsächlichen Feststellungen des Strafrichters nur abweichen,
wenn sie Tatsachen feststellt und ihrer Verfügung zugrunde legt, die dem Strafrichter
unbekannt waren, wenn sie zusätzliche Beweise erhebt oder wenn der Strafrichter bei
der Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht alle Rechtsfragen abgeklärt,
namentlich die Verletzung bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat. In der rechtlichen
Würdigung des Sachverhalts – insbesondere auch des Verschuldens – ist die
Verwaltungsbehörde demgegenüber frei, ausser die rechtliche Qualifikation hängt stark
von der Würdigung von Tatsachen ab, die der Strafrichter besser kennt, etwa weil er
den Beschuldigten persönlich einvernommen hat (BGer 1C_169/2014 vom 18. Februar
2015 E. 2.2).
b) Im Strafverfahren zum Vorfall vom 21. April 2017 wurde der Rekurrent mit Strafbefehl
vom 4. Juli 2018 wegen Nichtbeherrschens des Fahrzeuges (Art. 31 Abs. 1 lit. a des
Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01, abgekürzt: SVG; Art. 3 Abs. 1 der
Verkehrsregelnverordnung, SR 741.11, abgekürzt: VRV) der groben
Verkehrsregelverletzung gemäss Art. 90 Abs. 2 SVG schuldig gesprochen. Der
stellvertretende Oberstaatsanwalt ging in tatsächlicher Hinsicht davon aus, dass der
Rekurrent beim Versuch, eine Zigarette zu drehen, den Blick von der Fahrbahn
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abwandte, in der Folge die Beherrschung über das Fahrzeug verlor und einen
Selbstunfall verursachte. Das Strafurteil ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen.
Anhaltspunkte, die für eine abweichende Feststellung des Sachverhalts sprechen
würden, sind nicht ersichtlich. Der Rekurrent bestritt den Sachverhalt im
Rekursverfahren nicht. Er machte lediglich geltend, beim Unfall in Wängi sei kein
anderes Fahrzeug in Mitleidenschaft gezogen worden und es habe weder ein grobes
Verschulden noch eine grobe Verkehrsregelverletzung vorgelegen. Gegenüber der
Polizei gestand er jedoch ein, dass er während der Fahrt eine Zigarette habe drehen
wollen, auf die Beifahrerseite nach dem Zigarettenpapier habe greifen müssen und er
vermutlich deshalb von der Fahrbahn abgekommen sei (act. 8/7).
4.- Zu prüfen ist, ob es sich beim vorliegenden Ereignis um eine schwere
Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften gemäss Art. 16c Abs. 1 lit. a
SVG handelt.
a) Gemäss Art. 16 Abs. 2 SVG wird nach Widerhandlungen gegen die
Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das Verfahren nach dem
Ordnungsbussengesetz ausgeschlossen ist, der Lernfahr- oder Führerausweis
entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das Gesetz unterscheidet zwischen
leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG) und schweren Widerhandlungen
(Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von
Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn dabei
nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG). Ist die Verletzung der
Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1
lit. a SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von
Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt
(Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Von einer mittelschweren Widerhandlung ist immer dann
auszugehen, wenn nicht alle privilegierenden Elemente einer leichten und nicht alle
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
qualifizierenden Bestandteile einer schweren Widerhandlung erfüllt sind (vgl. Botschaft,
in: BBl 1999 S. 4487).
b) Gemäss Art. 31 Abs. 1 SVG und Art. 3 Abs. 1 VRV muss der Führer das Fahrzeug
ständig so beherrschen, dass er seinen Vorsichtspflichten nachkommen kann. Er muss
seine Aufmerksamkeit der Strasse und dem Verkehr zuwenden und darf beim Fahren
keine Verrichtung vornehmen, welche die Bedienung des Fahrzeugs erschwert. Ferner
hat er dafür zu sorgen, dass seine Aufmerksamkeit nicht beeinträchtigt wird. Die
Staatsanwaltschaft Thurgau verurteilte den Rekurrenten gestützt auf Art. 90 Abs. 2
SVG. Sie ging demnach hinsichtlich des Nichtbeherrschens des Fahrzeuges von einer
groben Verkehrsregelverletzung aus. Art. 90 Abs. 2 SVG entspricht
administrativrechtlich einer schweren Widerhandlung gemäss Art. 16c SVG (vgl.
Ph. Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015, Art. 90 SVG N 24, 55).
Das Beherrschen des Fahrzeuges und die Aufmerksamkeit nach Art. 31 Abs. 1 SVG
und Art. 3 Abs. 1 VRV stellen grundlegende Verkehrsvorschriften dar
(Ph. Weissenberger, a.a.O., Art. 90 SVG N 63 mit Hinweisen). Gestützt auf die
strafrechtliche Beurteilung qualifizierte die
Vorinstanz den Vorfall vom 21. April 2017 als schwere Widerhandlung nach Art. 16c
Abs. 1 lit. a SVG. Sie erwog, durch sein Fehlverhalten habe der Rekurrent grob
schuldhaft einen Selbstunfall verursacht und dabei eine ernstliche Gefahr für die
Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen.
c) Eine Gefahr für die Sicherheit anderer im Sinne von Art. 16a bis c SVG ist bei einer
konkreten oder auch bei einer erhöhten abstrakten Gefährdung zu bejahen.
Wesentliches Kriterium für die Annahme einer erhöhten abstrakten Gefahr ist die Nähe
der Verwirklichung; in Anbetracht der jeweiligen Verhältnisse des Einzelfalls muss
mithin der Eintritt einer konkreten Gefährdung oder gar einer Verletzung naheliegen
(BGer 1C_422/2016 vom 9. Januar 2017 E. 3.1, BGE 142 IV 93 E. 3.1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Das Bundesgericht erkannte beispielsweise eine erhöhte abstrakte Gefährdung und
damit eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer, als ein Lenker eines
Personenwagens bei guter nächtlicher Sicht und wenig befahrener Strasse während
der Fahrt eine Nachricht auf seinem Mobiltelefon schrieb, in der Folge von der Strasse
abkam und mit einem Zaun am Strassenrand kollidierte. Es begründete dies damit,
dass der Fahrzeuglenker nicht in der Lage gewesen wäre, einen Zusammenstoss zu
verhindern, wenn sich an der betreffenden Stelle ein Fahrradfahrer oder andere
Verkehrsteilnehmer befunden hätten (BGer 6B_666/2009 vom 24. September 2009
E. 1.4). Die Fahrt auf der Autobahn mit einer Geschwindigkeit von 100 km/h verlangt
selbst bei geringem Verkehr die volle Aufmerksamkeit des Fahrzeuglenkers, weshalb
ablenkende Verrichtungen zu unterbleiben haben (vgl. BGer 6B_894/2016 vom
14. März 2017 E. 3.3.1 und 1C_478/2014 vom 14. Juli 2015 E. 2.3).
d) Der Rekurrent wollte auf der Autobahn bei einer Geschwindigkeit von 110 bis 120
km/h eine Zigarette für die Heimfahrt drehen, weshalb er auf der Ablage vor dem
Beifahrersitz nach dem benötigten Zigarettenpapier griff und die Herrschaft über das
Fahrzeug verlor. Damit rief er eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervor.
Gerade auch angesichts des um jene Tageszeit einsetzenden Feierabendverkehrs und
der auf der Autobahn gefahrenen Geschwindigkeiten besteht für die anderen
Verkehrsteilnehmer eine erhebliche Gefahr, wenn ein Auto unkontrolliert über die ganze
Fahrbahnbreite schlingert und sich überschlägt. Dies gilt auch dann, wenn das Auto
abseits der Autobahn und somit (vermeintlich) ausserhalb des Gefahrenbereichs zum
Stehen kommt. Entgegen der Auffassung des Rekurrenten schliesst dies eine Gefahr
für Dritte keineswegs aus, zumal sich in Unfallnähe nachweislich weitere Personen –
darunter die ebenfalls befragte Auskunftsperson (act. 8/10) – aufgehalten haben.
Zudem ist im Bereich einer Rastplatz-Wegfahrt jederzeit mit Verkehrsteilnehmern zu
rechnen, welche durch die unberechenbare Situation auf sehr gefährliche Weise hätten
überrascht und irritiert werden können. Bei gesamthafter Betrachtung ist deshalb nicht
mehr nur von einer konkreten Selbstgefährdung des Rekurrenten auszugehen, die sich
in einem Unfall mit Sachschaden realisiert hat, sondern zusätzlich von einer erhöhten
abstrakten Gefährdung und damit ernstlichen Gefahr auch für die übrigen
Verkehrsteilnehmer.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
e) Bei der Beurteilung des Verschuldens sind das Ausmass der Unaufmerksamkeit des
Fahrzeuglenkers und allfällige Begleitumstände, die zur Verkehrsregelverletzung
beitrugen, zu berücksichtigen (BSK SVG-Rütsche/Weber, Basel 2014, Art. 16a N 8 und
Art. 16b N 12 mit weiteren Hinweisen). War die Gefährlichkeit des
verkehrsregelwidrigen Verhaltens für einen durchschnittlich verständigen
Fahrzeuglenker erkennbar, liegt ein mittelschweres Verschulden vor (vgl. BGer
1C_813/2013 vom 9. Januar 2014, E. 3.3; BSK SVG-Rütsche/ Weber, Art. 16b N 12).
Ein schweres Verschulden ist gegeben, wenn dem fehlbaren Fahrzeuglenker aufgrund
eines rücksichtslosen oder sonst wie schwerwiegend regelwidrigen Verhaltens
zumindest eine grobe Fahrlässigkeit vorgeworfen werden kann (BGer 1C_144/2011
vom 26. Oktober 2011, E. 3.3). Das Strafurteil muss sich im Administrativverfahren
nicht nur der Fahrzeugführer entgegenhalten lassen; es ist auch vom
Strassenverkehrsamt zu beachten. Die Verwaltungsbehörde ist gehalten, sich einer
vertretbaren Ermessensausübung des Strafrichters anzuschliessen, auch wenn sie das
Verschulden selber anders beurteilen würde (vgl. Urteil des Verwaltungsgerichts B
2015/108 vom 17. Dezember 2015 E. 3.3.2, im Internet abrufbar unter
www.gerichte.sg.ch).
Die Vorinstanz qualifizierte das Fehlverhalten des Rekurrenten in Übereinstimmung mit
der strafrechtlichen Beurteilung nach Art. 90 Abs. 2 SVG als grob schuldhaft. Dabei ist
unbestritten, dass es zum Selbstunfall kam, weil sich der Rekurrent während der Fahrt
eine Zigarette drehen wollte und deshalb nach dem Zigarettenpapier auf der Ablage vor
dem Beifahrersitz griff. Die besondere Gefährlichkeit seines Handelns musste ihm
bewusst sein. Selbst wenn der Rekurrent die allgemeine Gefährlichkeit seines
verkehrsregelwidrigen Verhaltens nicht bedacht haben sollte, hätte er sich zumindest
bedenkenlos über die Interessen der anderen Verkehrsteilnehmer hinweggesetzt und in
einem Ausmass gedankenlos gehandelt, das ihm als grobe Fahrlässigkeit und damit als
schweres Verschulden im Sinn von Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG anzulasten wäre.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
f) Zusammenfassend ist somit nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz den
Selbstunfall vom 21. April 2017 als schwere Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften im Sinn von Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG qualifizierte.
5.- a) Bei der Festsetzung der Dauer des Führerausweisentzugs sind gemäss Art. 16
Abs. 3 SVG die Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen, namentlich die
Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als
Motorfahrzeugführer sowie die berufliche Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen.
Die Mindestentzugsdauer darf jedoch nicht unterschritten werden. Diese beträgt nach
einer schweren Wiederhandlung mindestens drei Monate (Art. 16c Abs. 2 lit. a SVG).
b) Der Rekurrent beging innerhalb kurzer Zeit zwei Widerhandlungen gegen die
Strassenverkehrsregeln, und zwar am 21. April 2017 (Selbstunfall auf der Autobahn A1
bei Wängi; schwere Widerhandlung) und am 25. Januar 2018 (Wegrollen des
ungenügend gesicherten Fahrzeugs; mittelschwere Widerhandlung). Am 15. Juni 2018
setzte die Vorinstanz für das Ereignis vom 25. Januar 2018 einen einmonatigen
Führerausweisentzug fest und am 17. September 2018 für den Selbstunfall vom
21. April 2017 einen zweimonatigen. Dabei wies sie zu Recht darauf hin, dass Letzterer
im Zusatz zur Verfügung vom 15. Juni 2018 erfolge (act. 3/1). Gleich wie im
Strafverfahren (Art. 49 Abs. 2 des Schweizerischen Strafgesetzbuches, SR 311.0) gilt
auch bei Warnungsentzügen im Administrativmassnahmeverfahren die sogenannte
retrospektive Konkurrenz. Hat die Behörde eine Widerhandlung gegen
Strassenverkehrsvorschriften zu beurteilen, die der Täter begangen hat, bevor er
wegen einer anderen Tat sanktioniert wurde, so bestimmt sie die Zusatzmassnahme in
der Weise, dass der Täter nicht schwerer sanktioniert wird, als wenn die einzelnen
Widerhandlungen gleichzeitig beurteilt worden wären. Ausgangspunkt für die
Bemessung der Entzugsdauer ist damit Art. 16c Abs. 2 lit. a SVG mit einer
Mindestentzugsdauer von drei Monaten. Diese ist für die mittelschwere Widerhandlung
vom 25. Januar 2018 zu erhöhen. Unter Berücksichtigung der Vorbringen des
Rekurrenten gelangte die Vorinstanz für beide Widerhandlungen auf eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesamtentzugsdauer von drei Monaten. Da für die Widerhandlung vom 25. Januar
2018 bereits ein einmonatiger Warnungsentzug verfügt wurde, hat die Vorinstanz die
zusätzliche Massnahmendauer zu Recht auf zwei Monate festgesetzt. Die
angefochtene Verfügung ist dementsprechend auch hinsichtlich der Entzugsdauer
nicht zu beanstanden.
6.- Die Vorinstanz ordnete in Ziffer 2 der angefochtenen Verfügung an, dass der
Rekurrent den Führerausweis und allfällig vorhandene weitere Ausweise bis spätestens
am 17. Dezember 2018 abzugeben habe. Hierbei handelt es sich um eine
vollstreckungsrechtliche Anordnung, die separat verfügt werden müsste. Darauf ist
nicht weiter einzugehen, denn der Abgabetermin ist bereits vorüber, weshalb besagte
Anordnung zufolge Gegenstandslosigkeit aufzuheben ist. Die Vorinstanz wird einen
neuen Abgabetermin festlegen müssen. Allerdings hätte Ziffer 2 der angefochtenen
Verfügung aufgehoben werden müssen, wenn die Abgabefrist nicht bereits abgelaufen
wäre. Dies ist bei der Kostenverlegung zu berücksichtigen.
7.- Zusammenfassend ist der Rekurs teilweise gutzuheissen. Die Kosten des
Rekursverfahrens haben die Verfahrensbeteiligten nach Massgabe ihres Obsiegens
und Unterliegens zu tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Sie sind vom Rekurrenten zu vier
Fünfteln und vom Staat zu einem Fünftel zu bezahlen. Denn einerseits unterliegt der
Rekurrent in der Hauptsache und andererseits hat die Vorinstanz die materielle
Verfügung (Führerausweisentzug) in unzulässiger Weise mit einer Vollzugsanordnung
(Abgabetermin des Ausweises) kombiniert. Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– (vgl.
Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung [sGS 941.12]) erscheint angemessen. Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist mit dem Kostenanteil des Rekurrenten in der Höhe
von Fr. 960.– zu verrechnen. Der Rest des Kostenvorschusses von Fr. 240.– ist dem
Rekurrenten zurückzuerstatten.