Decision ID: 5a187aee-bfac-5a64-8297-de4552e68802
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ aus B._ war bei der C._ AG als Spezialreinigungsmitarbeiter angestellt
und dadurch obligatorisch bei der Suva gegen die Folgen von Unfällen versichert, als
er am 26. März 2013 bei der Arbeit 3 bis 4 Meter tief stürzte (siehe Schadenmeldung
vom 8. April 2013, UV-act. 4). Dabei zog er sich einen Berstungsspaltbruch LWK 3 mit
Kyphose sowie eine distale partiell intraartikuläre Radiusfraktur links zu (siehe hierzu
den Austrittsbericht des Kantonsspitals D._ vom 31. März 2013, wo der Versicherte
vom 26. bis 31. März 2013 hospitalisiert war, UV-act. 13; zum dort erfolgten Eingriff
vom 26. März 2013 [1. dorsale Aufrichtespondylodese L2-4,
Beckenkammspongiosaentnahme dorsal rechts und 2. Lumbotomie links,
Korporektomie WK3, Wirbelkörperersatz mit Rekolift-Cage] siehe UV-act. 1). Die Suva
erbrachte für die Folgen dieses Unfalls Heilbehandlungs- und Taggeldleistungen. Am
14. Mai 2014 erfolgte am distalen Radius eine Entfernung des Osteosynthesematerials
(Operationsbericht des Kantonsspitals St. Gallen [KSSG] vom 14. Mai 2014, UV-
act. 111) sowie gleichentags eine Schulterarthroskopie, Bicepstenotomie,
Acromioplastik und Rotatorenmanschetten-Rekonstruktion (Supraspinatus) links
(Operationsbericht des KSSG vom 14. Mai 2014, UV-act. 108).
A.a.
Der Kreisarzt Dr. med. E._, Facharzt für Chirurgie, untersuchte den Versicherten
am 17. März 2015 und gelangte zur Einschätzung, dass der Versicherte für
leidensangepasste Tätigkeiten über eine 100%ige Arbeitsfähigkeit verfüge (UV-
act. 169). Den Integritätsschaden schätzte er auf 20 % (Rücken: 10 %; Handgelenk
A.b.
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links: 5 %; Schulter links: 5 %; UV-act. 170). In der Folge fanden weitere Abklärungen
und Behandlungen statt.
Im Auftrag der IV-Stelle des Kantons Thurgau wurde der Versicherte am 16.,
17. und 19. Januar 2017 in der medexperts ag polydisziplinär (allgemeininternistisch,
rheumatologisch, psychiatrisch, neurologisch und neuropsychologisch) begutachtet.
Als Hauptdiagnose, welche die Arbeitsfähigkeit einschränken würde, erhoben die
Sachverständigen ein chronisches lumboischialgieformes Schmerzsyndrom links nach
Wirbelkörperfraktur LWK 3 und Aufrichtespondylodese L2 bis L4. Die angestammte
Reinigungstätigkeit hielten sie nicht mehr für zumutbar. Bezogen auf
leidensangepasste Tätigkeiten bescheinigten sie dem Versicherten eine 70%ige
Arbeitsfähigkeit. Die Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit sei vorwiegend auf die
Unfallfolgen zurückzuführen (Gutachten vom 20. Februar 2017, UV-act. 338,
insbesondere S. 62 und S. 64 f.). Der Kreisarzt Dr. E._ führte am 21. März 2017 aus,
im Vergleich zur kreisärztlichen Untersuchung vom 19. März 2015 gehe aus der
gutachterlichen Beurteilung keine Änderung betreffend die Unfallfolgen hervor. Es
könne weiterhin an der von ihm vorgenommenen Arbeitsfähigkeitsbeurteilung
festgehalten werden (UV-act. 340; siehe auch die ergänzende Stellungnahme vom
29. März 2017, UV-act. 342).
A.c.
Im invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren wies das Verwaltungsgericht des
Kantons Thurgau die Beschwerde des Versicherten gegen die Verfügungen der IV-
Stelle des Kantons Thurgau vom 3. und 8. August 2017 ab. Darin war ihm gestützt auf
das Gutachten der medexperts ag für die Zeit vom 1. April 2014 bis 30. Juni 2015 eine
ganze Rente zugesprochen und das Gesuch um eine Umschulung abgewiesen worden
(Entscheid vom 21. März 2018, VV.2017.256/E, UV-act. 482).
A.d.
Der Kreisarzt Dr. E._ führte in der Stellungnahme vom 3. Juli 2018 aus, zwischen
dem von den Sachverständigen der medexperts ag formulierten und dem von ihm
umschriebenen Zumutbarkeitsprofil würden keine wesentlichen Unterschiede
bestehen. Falls die vorgesehene Rückenmarkstimulation tatsächlich erfolgreich sein
würde, so fiele der von den Sachverständigen der medexperts ag genannte Grund für
den vermehrten Pausenbedarf dahin (UV-act. 442). Am 13. März 2019 berichtete
Dr. med. F._, Fachärztin für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
A.e.
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Bewegungsapparates, die Neurostimulation sei frustran verlaufen und der Versicherte
habe sich zwischenzeitlich wegen eines Tumors am Brustbein auf der Höhe des
Xiphoids operieren lassen (UV-act. 465).
Mit Verfügung vom 13. Mai 2019 wies die Suva das Rentengesuch bei dem von ihr
ermittelten 2%igen Invaliditätsgrad ab und sprach dem Versicherten eine
Integritätsentschädigung von 20 % zu (UV-act. 475). Dagegen erhob der Versicherte
am 12. Juni 2019 Einsprache. Er beantragte die Zusprache einer mindestens 50%igen
Invalidenrente und einer 35%igen Integritätsentschädigung (UV-act. 483). Vom 2. bis
5. Februar 2020 war der Versicherte wegen einer Exazerbation der Rückenschmerzen
in der Klinik für Neurochirurgie am KSSG hospitalisiert. Während des dortigen
Aufenthalts wurde eine akute Grippeinfektion festgestellt. Nach deutlicher Regredienz
sowohl der grippalen Symptome als auch der Schmerzen wurde der Versicherte wieder
in sein häusliches Umfeld entlassen (Austrittsbericht vom 6. Februar 2020, UV-
act. 506-2 ff.). Der Kreisarzt med. pract. G._, Facharzt für Chirurgie, verneinte am
2. April 2020 die Frage, ob die vom 2. bis 5. Februar 2020 behandelten lumbalen
Beschwerden mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf das Unfallereignis
zurückgeführt werden könnten. Aus seiner Sicht konnte die Grippe die
Schmerzzunahme erklären (UV-act. 508).
A.f.
Die Suva wies die Einsprache gegen die Verfügung vom 13. Mai 2019 mit
Einspracheentscheid vom 21. April 2020 ab (UV-act. 510). Dagegen erhob der
Versicherte am 25. Mai «2019» (richtig: 2020) Beschwerde beim Verwaltungsgericht
des Kantons Thurgau (UV-act. 514). Während des Beschwerdeverfahrens, am 6.,
7. und 8. Juli 2020, fand im Auftrag der IV-Stelle des Kantons Thurgau eine
polydisziplinäre (orthopädische, neuropsychologische, psychiatrische, neurologische,
kardiologische, onkologische und pneumologische) Verlaufsbegutachtung des
Versicherten in der medexperts ag statt. Deren Sachverständigen stellten folgende
Diagnosen, denen sie einen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit beimassen: 1. ein
chronischer Kreuzbeinschmerz links bei Zustand nach einer Versteifung L2-4 mit
Wirbelkörperersatz L3 bei einem Berstungsbruch 2013, einer fortgeschrittenen
Abnützung L5/S1 mit Bedrängung der Nervenwurzel S1 beidseits und deutlichen
mehretagigen Degenerationen oberhalb der Versteifung am Übergang der Brust- und
Lendenwirbelsäule; 2. ein Zustand nach Teilresektion des Brustbeins und der Rippen
A.g.
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5-7 mit einer Lappenplastik aufgrund eines bösartigen Tumors (Chondrosarkom); 3. ein
Engpasssyndrom an beiden Schultern nach einem offenen Eingriff rechts und einer
arthroskopischen Operation links; 4. ein Zustand nach einem operativ versorgten
Speichenbruch links mit Gelenksbeteiligung und 5. ein Bluthochdruck. Sie
bescheinigten dem Versicherten seit September 2019 eine höchstens («max.») 30%ige
Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit. Von Februar bis August 2019 habe
infolge der Tumoroperation und der postoperativen Rehabilitation eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit bestanden. Auf die vom Rechtsvertreter des Versicherten gestellte
Frage, inwiefern sich krebs- und unfallbedingte Beschwerden gegenseitig beeinflussen
würden, antworteten die Sachverständigen der medexperts ag: «Durch den Eingriff mit
einer Teilentfernung des Brustbeins inklusive der vorderen Anteile der Rippen 5-7 ist es
zu einer zunehmenden Instabilität im Bereich des Rumpfes gekommen. Dies hat eine
negative Auswirkung auf die bereits vorbestehenden, chronischen Schmerzen an der
Lendenwirbelsäule nach der operativen Versteifung L2-4 inklusive dem
Wirbelkörperersatz L3» (Gutachten vom 8. September 2020, UV-act. 535-3 ff.,
insbesondere UV-act. 535-10 ff.). Die Suva brachte am 15. Januar 2021 gegen das im
Beschwerdeverfahren beigezogene Gutachten vom 8. September 2020 vor, es sei für
die unfallversicherungsrechtliche Streitigkeit irrelevant, da die Verschlechterung des
Gesundheitszustands des Versicherten auf einen unfallfremden Umstand
(Tumorentfernung) zurückzuführen sei. Es fehle nach wie vor an einem objektivierbaren
unfallkausalen organischen Substrat für die vom Versicherten geklagten
Rückenschmerzen (UV-act. 536). Das Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau hiess
die Beschwerde des Versicherten vom 25. Mai 2020 in dem Sinn gut, als es den
angefochtenen Einspracheentscheid aufhob und die Sache zur Einholung eines
versicherungsexternen Gutachtens über die unfallbedingte Arbeitsunfähigkeit sowie
den Integritätsschaden an die Suva zurückwies (Entscheid vom 24. März 2021, VV.
2020.105/E, UV-act. 537).
Die Suva teilte dem Versicherten am 16. Juni 2021 ihre Absicht mit, ihn durch
Dr. med. H._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, ZMB Basel, begutachten zu lassen (UV-act. 547; zum
Fragekatalog siehe UV-act. 547-3 f.). Der Versicherte äusserte sich am 9. Juli 2021
ablehnend zur vorgesehenen Begutachtung. Eine solche sei aus seiner Sicht aufgrund
A.h.
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B.
der bereits von den Sachverständigen der medexperts ag überzeugend
vorgenommenen Beurteilung nicht notwendig. Gleichzeitig schlug er eine
Vergleichslösung vor. Falls die Suva an einer Begutachtung festhalten wolle, so sei
damit die medexperts ag zu beauftragen (UV-act. 548). Die Suva teilte dem
Versicherten am 15. Juli 2021 mit, sie werde an der vorgesehenen Begutachtung durch
Dr. H._ festhalten. Ein Ergänzungsgutachten bei der medexperts ag komme nicht in
Frage, da es doch deren Beurteilung gewesen sei, die zur Widersprüchlichkeit der
Aktenlage geführt habe und die nun – durch unabhängige Experten – geklärt werden
solle (UV-act. 551). Darauf erwiderte der Versicherte am «9. Juli» 2021 (Datum
Posteingang: 20. Juli 2021), es spreche nichts gegen ein Ergänzungsgutachten bei der
medexperts ag. Gegen Dr. H._ als Sachverständigen brachte er vor, er sei einerseits
Konsiliararzt für eine andere Unfallversicherung, andererseits schon über 70 Jahre alt
und drittens werde er etwas zu häufig von der Suva zu Rat gezogen, als dass er als
unbefangen erscheine. Falls die Suva vernünftige Alternativvorschläge von drei
Wirbelsäulenchirurgen unterbreiten würde, könne er sich entschliessen, einem dieser
Vorschläge zuzustimmen (UV-act. 552). Mit Zwischenverfügung vom 21. Juli 2021
ordnete die Suva die Begutachtung durch Dr. H._ an (UV-act. 553).
Gegen die Zwischenverfügung vom 21. Juli 2021 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 9. September 2021. Der Beschwerdeführer beantragte darin deren
Aufhebung und es sei die Beschwerdegegnerin anzuweisen, aufgrund der Aktenlage zu
entscheiden. Eventualiter sei eine Begutachtung durch die medexperts ag oder einen
neutralen Gutachter vorzunehmen; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Zur
Begründung brachte er vor, Dr. H._ sei nicht geeignet, die nicht zwingend
notwendige Begutachtung durchzuführen. Das Gutachten der medexperts ag reiche
aus, um gestützt darauf eine Rente zu verfügen. Sinnvoll sei es, wenn die medexperts
ag die Fragen beantworte, denn diese habe ihn (den Beschwerdeführer) tatsächlich
untersucht. Dr. H._ würde wohl ein Aktengutachten machen. Die
Beschwerdegegnerin versuche ein «Doctor-Shopping» zu ihren Gunsten (act. G 1). Am
10. September 2021 reichte der Beschwerdeführer eine Wohnsitzbescheinigung ein.
Daraus geht hervor, dass er vom 18. Mai bis 31. Dezember 2020 Wohnsitz im Kanton
St. Gallen gehabt hatte, bevor er nach Z._ wegzog (act. G 2.1). Des Weiteren reichte
B.a.
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Erwägungen
1.
Gegen prozess- und verfahrensleitende Verfügungen ist keine Einsprache, sondern
der Beschwerdeführer am 15. September 2021 eine von ihm eingeholte Stellungnahme
des orthopädischen Sachverständigen der medexperts ag vom 13. September 2021
ein, worin dieser Stellung zum Fragekatalog der Beschwerdegegnerin genommen
hatte. Er hatte den rein unfallbedingten Integritätsschaden auf 25 % geschätzt.
Betreffend den Anteil der unfallfremden Faktoren am Gesamtbild der LWS-
Beschwerden hatte er geäussert, eine nachvollziehbare und faktenbasierte
mathematische Aufteilung zwischen unfallbedingten und krankhaften Beschwerden sei
nicht möglich. Dies erkläre sich durch den Umstand, dass es zwar durch das
Tumorleiden mit dem Eingriff am Brustkorb zu einer massgeblichen Verschlechterung
gekommen sei, aber ohne den Unfall 2009 mit Versteifung an der Lendenwirbelsäule
L2-4 inklusive einem Wirbelkörperersatz L3 der Eingriff am Thorax wahrscheinlich zu
keiner höhergradigen Invalidisierung in Bezug auf eine angepasste Tätigkeit geführt
hätte (act. G 3.1). Der Beschwerdeführer fügte bezüglich der Integritätsschätzung an,
dass er diese als zu tief erachte, sie aber für den Vergleichsfall akzeptieren würde (act.
G 3).
Die Beschwerdegegnerin ersuchte in der Beschwerdeantwort vom 18. Oktober
2021 um Abweisung der Beschwerde. Sie machte geltend, das Verwaltungsgericht des
Kantons Thurgau habe sie ausdrücklich verpflichtet, ein versicherungsexternes
Gutachten einzuholen. Damit sei die Begutachtung des Beschwerdeführers zweifellos
notwendig. Entgegen der von ihm geäusserten Behauptung sei Dr. H._ nicht
befangen und er sei von ihr seit 2019 «nur gerade einmal in drei Fällen» mit einer
Begutachtung beauftragt worden. Der Beschwerdeführer bringe nichts vor, was die
Unabhängigkeit von Dr. H._ in Frage stelle. Dessen Vorbringen, Dr. H._ würde ein
reines Aktengutachten erstellen, treffe nicht zu, da eine Untersuchung vorgesehen sei.
Die vom Beschwerdeführer eingeholte Stellungnahme des orthopädischen
Sachverständigen der medexperts ag sei nicht überzeugend, da es sich hierbei um
eine blosse Kurzbeurteilung aufgrund der Akten handle, wobei die letzte Exploration
über ein Jahr zurückliege (act. G 5).
B.b.
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direkt eine Beschwerde zu erheben (Art. 52 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Befindet sich der
Wohnsitz der versicherten Person oder des Beschwerde führenden Dritten im Ausland,
so ist das Versicherungsgericht desjenigen Kantons zuständig, in dem sich ihr letzter
schweizerischer Wohnsitz befand oder in dem ihr letzter schweizerischer Arbeitgeber
Wohnsitz hat; lässt sich keiner dieser Orte ermitteln, so ist das Versicherungsgericht
desjenigen Kantons zuständig, in dem das Durchführungsorgan seinen Sitz hat (Art. 58
Abs. 2 ATSG). Der Beschwerdeführer hatte vor seiner Ausreise ins Ausland Wohnsitz
im Kanton St. Gallen (act. G 2.1), weshalb das Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen für die Beurteilung der Beschwerde örtlich zuständig ist. Deshalb und weil
auch die übrigen Voraussetzungen unbestrittenermassen erfüllt sind, ist auf die
Beschwerde einzutreten.
2.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist die Rechtmässigkeit
der von der Beschwerdegegnerin angeordneten monodisziplinären (orthopädischen)
Begutachtung durch Dr. H._.
Bei der Anordnung eines Gutachtens handelt es sich um eine Zwischenverfügung
(Art. 55 Abs. 1 ATSG in Verbindung mit Art. 5 Abs. 2 und Art. 46 des Bundesgesetzes
über das Verwaltungsverfahren [VwVG; SR 172.021]). Eine solche kann unter anderem
dann angefochten werden, wenn ein nicht wieder gutzumachender Nachteil droht
(Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 15. April 2010,
B 2009/197, E. 2.5; vgl. auch BGE 138 V 275 E. 1.2.1). Für die Beurteilung des nicht
wieder gutzumachenden Nachteils im Kontext des sozialversicherungsrechtlichen
Abklärungsverfahrens mit seinen spezifischen Gegebenheiten ist zu beachten, dass
das medizinische Administrativgutachten in der Regel die wichtigste medizinische
Entscheidgrundlage im Beschwerdeverfahren bildet. Die Mitwirkungsrechte der
versicherten Personen müssen daher bereits vor der Begutachtung durchgesetzt
werden können, bevor präjudizierende Effekte eintreten. Mit Blick auf das begrenzte
Überprüfungsvermögen der rechtsanwendenden Behörden genügt es daher nicht, die
Mitwirkungsrechte erst nachträglich, bei der Beweiswürdigung im Verwaltungs- und
Beschwerdeverfahren, einzuräumen (vgl. BGE 138 V 276 E. 1.2.2). Des Weiteren darf
auch nicht ausser Acht gelassen werden, dass die Anordnung medizinischer
Untersuchungen an einer Person «zweifellos» einen Eingriff in das Recht auf physische
und psychische Unversehrtheit respektive Integrität darstellt, das in den Schutzbereich
des Grundrechts der persönlichen Freiheit (Art. 10 Abs. 2 der Bundesverfassung der
2.1.
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Schweizerischen Eidgenossenschaft [BV; SR 101]) fällt (BGE 136 V 126 E. 4.2.2.1 mit
Hinweisen). Als solcher Eingriff muss die Anordnung einer Begutachtung die
Voraussetzungen von Art. 36 BV erfüllen, was im Bestreitungsfall gerichtlich
überprüfbar sein muss. Auf die Beschwerde ist daher einzutreten, was von den
Parteien auch nicht bestritten wird.
Art. 43 Abs. 1 ATSG statuiert die Sachverhaltsabklärung von Amtes wegen, wobei
es im Ermessen des Versicherungsträgers liegt, darüber zu befinden, mit welchen
Mitteln diese zu erfolgen hat. Im Rahmen der Verfahrensleitung kommt ihm ein grosser
Ermessensspielraum bezüglich der Notwendigkeit, des Umfangs und der
Zweckmässigkeit von medizinischen Erhebungen zu. Was zu beweisen ist, ergibt sich
aus der Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den Untersuchungsgrundsatz hat der
Sozialversicherer den Sachverhalt soweit zu ermitteln, dass er über den
Leistungsanspruch zumindest mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit entscheiden kann. Der Untersuchungsgrundsatz wird ergänzt durch
die Mitwirkungspflichten der versicherten Person. Danach hat sich diese den ärztlichen
oder fachlichen Untersuchungen zu unterziehen, wenn sie zumutbar sind. Nach dem
Wortlaut von Art. 43 Abs. 1 und Abs. 2 ATSG müssen diese aber auch notwendig und
somit von entscheidender Bedeutung für die Erstellung des rechtserheblichen
Sachverhalts sein (Urteil des Bundesgerichts vom 29. Mai 2007, U 571/2006, E. 4.1 mit
Hinweisen). Diese Grundsätze ergeben sich zwingend aus der im Rahmen der Prüfung
der Rechtmässigkeit eines Grundrechtseingriffs vorzunehmenden
Verhältnismässigkeitsprüfung (Art. 36 Abs. 3 BV). Zu ergänzen bleibt, dass die konkret
angeordnete Abklärungsmassnahme demnach auch geeignet bzw. tauglich sein muss,
ein aussagekräftiges Beweisergebnis zu liefern.
2.2.
Bezüglich der Notwendigkeit der mit der angefochtenen Zwischenverfügung
angeordneten Begutachtung gilt es zu beachten, dass diese Beweismassnahme ihre
Grundlage im rechtskräftigen Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Thurgau
vom 24. März 2021, VV.2020.105/E (UV-act. 537), findet und insoweit eine abgeurteilte
Sache vorliegt. Dies verkennt der Beschwerdeführer, wenn er gestützt auf die
medizinische Aktenlage, wie sie bereits vom Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau
berücksichtigt wurde, die Notwendigkeit einer versicherungsexternen Begutachtung in
Frage stellt (act. G 1, Rz 16). Dem Versicherungsgericht verbleibt im Nachgang zur
nachträglichen Stellungnahme des orthopädischen Sachverständigen der medexperts
ag vom 13. September 2021 lediglich die Prüfung der Frage, ob damit der rechtskräftig
angeordnete Abklärungsauftrag im Ergebnis inzwischen als erfüllt betrachtet werden
kann bzw. hinfällig geworden ist.
2.3.
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3.
Zu prüfen bleibt damit noch die mit der Begutachtung zu beauftragende orthopädische
Fachperson bzw. deren Bestimmung. Dabei ist zwischen den Parteien zu Recht
unbestritten geblieben, dass der Abklärungsbedarf lediglich die orthopädische Disziplin
beschlägt.
Wie die Beschwerdegegnerin zutreffend vorbringt, ist die Stellungnahme des
orthopädischen Sachverständigen der medexperts ag vom 13. September 2021
bezüglich der Arbeitsfähigkeitsbeurteilung eher rudimentär begründet worden. Die
Begründung geht jedenfalls inhaltlich nicht wesentlich über diejenige vom Gutachten
vom 8. September 2020 hinaus (UV-act. 535-12 und -28), welche das
Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau (noch) nicht für aussagekräftig hielt.
Entscheidend ist ausserdem, dass sich die Beurteilung des Gutachters wohl nicht nach
dem massgebenden Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 129 V
177 E. 3.1 mit Hinweisen) richtete, hielt er doch seine Schlussfolgerung, dass der
Eingriff am Thorax ohne die Unfallfolgen zu keiner höhergradigen Invalidisierung in
Bezug auf eine angepasste Tätigkeit geführt hätte, lediglich für «wahrscheinlich» (act.
G 3.1). Unter diesen Umständen ist die Beschwerdegegnerin nach wie vor verpflichtet,
der vom Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau angeordneten
versicherungsexternen Begutachtung Folge zu leisten.
2.4.
Muss der Versicherungsträger zur Abklärung des Sachverhalts ein Gutachten einer
oder eines unabhängigen Sachverständigen einholen, so gibt er der Partei deren oder
dessen Namen bekannt. Diese kann die Gutachterin oder den Gutachter aus triftigen
Gründen ablehnen und kann Gegenvorschläge machen (Art. 44 ATSG).
3.1.
Das Bundesgericht gelangte in BGE 138 V 318 mit überzeugender Begründung
(siehe insbesondere die dortigen E. 6.1.1 f.) und in Nachachtung von Art. 29 Abs. 1
und 2 BV und Art. 6 Ziff. 1 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und
Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) zur Auffassung, dass den von ihm in BGE 137 V 210
formulierten Grundsätzen zu einem fairen Verfahren bei der Vergabe von
Gutachtenaufträgen – zumindest sinngemäss – auch im unfallversicherungsrechtlichen
Verfahren Nachachtung zu verschaffen ist.
3.2.
Im Grundsatzentscheid BGE 137 V 210 zog das Bundesgericht den Schluss, dass
eine auf beiderseitigem Einverständnis beruhende Begutachtung zu tragfähigeren
Beweisergebnissen führe, die bei der betroffenen Person zudem auf bessere
Akzeptanz stosse. Es betonte «unter all diesen Umständen ist zunächst, mehr als
3.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/13
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bisher der Fall, das Bestreben um eine einvernehmliche Gutachtenseinholung in den
Vordergrund zu stellen» (BGE 137 V 256 E. 3.4.2.6). Es hat damit deutlich seine
Präferenz für eine einvernehmliche Gutachterbestellung zu erkennen gegeben. So wies
es unter Berücksichtigung der Ordnung in Italien und Frankreich darauf hin, dass
«Elemente einer paritätischen Begutachtung» zur Verbesserung der
Gutachterakzeptanz und zur Stärkung der Waffengleichheit beitragen können (BGE 137
V 244 E. 3.1.3.3). Ferner «sollen sich die IV-Stelle und die versicherte Person nach
Möglichkeit über die Vergabe des Auftrages zur Begutachtung einigen; bei Konsens
kann der Erlass einer anfechtbaren Zwischenverfügung unterbleiben» (BGE 137 V 244
E. 3.1.3.3; vgl. Philipp Egli, Rechtsverwirklichung durch Sozialversicherungsverfahren -
Sozialversicherungsvollzug zwischen Effizienz und Fairness - Mit einer kritischen
Würdigung von BGE 137 V 210, Zürich 2012, S. 194). Das Bundesgericht bestätigte die
Wichtigkeit der einvernehmlichen Gutachtenseinholung für ein faires Verfahren in BGE
138 V 275 E. 1.1 («Es liegt indessen im Interesse von IV-Stelle und versicherter Person,
Verfahrensweiterungen zu vermeiden, indem sie sich um eine einvernehmliche
Gutachtenseinholung bemühen [...]»). Auch nach der Sichtweise des Bundesrats
(Antwort des Bundesrates vom 6. Juni 2011 zur Interpellation 11.3036 von Ständerätin
Savary Géraldine) besteht eine positive Korrelation zwischen der Akzeptanz und der
Gutachtensqualität und ist eine einvernehmliche Gutachtenseinholung entscheidendes
Mittel zur Erreichung der Akzeptanz. Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
betont in seiner Rechtsprechung konstant die Bedeutung eines einvernehmlichen
Vorgehens (siehe etwa bereits den Entscheid vom 5. Juli 2013, IV 2012/412, bestätigt
unter anderem im Entscheid vom 28. September 2020, IV 2020/76, E. 2.1). Der
Gesetzgeber hat dieses wichtige Anliegen bereits früher erkannt und auf Gesetzesstufe
in der Militärversicherung umgesetzt (Art. 93 des Bundesgesetzes über die
Militärversicherung [MVG; SR 833.1]). Aktuell, im Rahmen der Weiterentwicklung der IV
(WEIV), hob der Gesetzgeber – und zwar bezogen auf sämtliche dem ATSG
unterstehende Sozialversicherungszweige – ebenfalls die Bedeutung einer
einvernehmlichen Bestimmung der medizinischen Fachpersonen bei Vergabe von
Gutachtensaufträgen hervor. Die Gutachtensvergabe soll, «wenn immer möglich
einvernehmlich» erfolgen (Hintergrunddokument des Bundesamts für
Sozialversicherung im Rahmen der Weiterentwicklung der IV [WEIV] vom 3. November
2021; Download unter: <www.bsv.admin.ch>; Sozialversicherungen;
Invalidenversicherung IV; Reformen und Revisionen; Weiterentwicklung der IV;
Dokumentation; «Medizinische Begutachtungen und Verfahren
(Hintergrunddokument)», abgerufen am 1. Dezember 2021). Alle die vorstehend
dargelegten Gesichtspunkte sind nicht «IV-spezifisch» oder «MV-spezifisch», weshalb
die entsprechenden Überlegungen zur Verfahrensfairness auch im
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4.
unfallversicherungsrechtlichen Verfahren zu beachten sind (vgl. BGE 138 V 322 E. 6.1.1
am Schluss).
Angesichts der bereits gefassten – nicht beweiskräftigen – Meinung des
orthopädischen Sachverständigen der medexperts ag erscheint eine neuerliche
Begutachtung durch diesen nicht mehr ergebnisoffen, weshalb sich Weiterungen hierzu
erübrigen.
3.4.
Der Beschwerdeführer machte bereits im Verwaltungsverfahren konstruktive
Vorschläge zu einer einvernehmlichen Bestimmung der orthopädischen Fachperson.
Nebst dem er am 9. Juli 2021 eine Ergänzungsbegutachtung bei der medexperts ag
vorschlug (UV-act. 548), ersuchte er die Beschwerdegegnerin am 12. Juli 2021 um drei
alternative Vorschläge zu Dr. H._ (UV-act. 552). Eine sachliche Rechtfertigung für die
Ablehnung des konkretisierten Angebots des Beschwerdeführers zu einer
einvernehmlichen Bestimmung wurde weder von der Beschwerdegegnerin dargetan
noch ist sie sonst ersichtlich. Die Beschwerdegegnerin benennt auch keine Gründe
oder öffentliche Interessen und solche sind auch nicht ersichtlich, die dem vom
Beschwerdeführer vorgeschlagenen Vorgehen zur Bestimmung der medizinischen
Fachperson entgegenstehen könnten. Insbesondere ist mit dem Vorschlag des
Beschwerdeführers keine Gefahr einer unsachlichen Bestimmung oder einer Verletzung
schützenswerter Interessen der Beschwerdegegnerin verbunden. Folglich durfte die
Beschwerdegegnerin die vom Beschwerdeführer angeregte Einigungsbemühung nicht
einfach ignorieren, sondern hätte im Interesse der Verfahrensfairness, der
Gutachtensqualität sowie der Beschleunigung des Verfahrens zunächst ernsthaft
darauf eingehen müssen. Deshalb und in Anbetracht der grossen Bedeutung eines
fairen Verfahrens bei der Vergabe von Gutachtenaufträgen (siehe hierzu vorstehende
E. 3.2 f.) hat die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer zur Gewährleistung der
Verfahrensfairness bei der Vergabe des versicherungsexternen Gutachtensauftrags
neben Dr. H._ zwei Alternativvorschläge zu unterbreiten.
3.5.
Gemäss vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung der
angefochtenen Zwischenverfügung vom 21. Juli 2021 gutzuheissen. Die Sache ist zur
Durchführung eines Einigungsversuchs gemäss den vorstehenden Ausführungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.1.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. f ATSG).4.2. bis
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/13
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