Decision ID: cdc6caa2-b350-4d11-9e8e-d87b1f29dfaa
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
A._ ist Eigentümer der Liegenschaft Poststrasse 10, die B._ AG Eigentümerin der
Liegenschaft Poststrasse 8 und die C._ AG unter anderem Eigentümerin der
Liegenschaft Poststrasse 2 in der Stadt St. Gallen. Alle drei Grundstücke grenzen
gegen Norden an die Hintere Poststrasse.
Der Stadtrat der Politischen Gemeinde St. Gallen erliess mit Beschlüssen vom
12. Oktober 2018 und vom 23. Oktober 2018 – veröffentlicht im "St. Galler Tagblatt"
vom 5. November 2018 – zahlreiche Verkehrsanordnungen für die Innenstadt. Sie
haben insbesondere die Aufhebung von insgesamt 89 oberirdischen bewirtschafteten
Parkplätzen zum Gegenstand, nämlich 12 am Oberen Graben im Abschnitt
Bahnhofstrasse bis Poststrasse (Schibenertorpärkli, Beschluss Nr. 2192), 27 an der
Bahnhofstrasse im Abschnitt Schibenertor bis Schützengasse (Beschluss Nr. 2193),
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sechs am Blumenbergplatz (Höhe Haus Nr. 3, Beschluss Nr. 2194), 41 im Gebiet
zwischen Oberem Graben, Bahnhofstrasse, Schützengasse und Poststrasse an der
Hinteren Poststrasse, an der Hinteren Bahnhofstrasse, am Äusseren, Mittleren und
Inneren Hofgässlein und am Bienengässlein (Beschluss Nr. 2224) und drei am Oberen
Graben im Bereich des Grabenpärkli (Beschluss Nr. 2225).
Der Beschluss Nr. 2224 sieht zudem für den betroffenen Teilperimeter die
Zonensignalisation "Parkieren verboten" mit dem Text "ausgenommen Parkfelder"
sowie auf der Hinteren Poststrasse die Markierung von 15 Parkfeldern mit dem Text
"Handwerkerfahrzeuge mit polizeilicher Bewilligung" vor. Auf der Hinteren
Bahnhofstrasse und der Hinteren Poststrasse soll sodann je ein drei Parkfeldern
entsprechender, mit einer Parkverbotslinie markierter Warenumschlagplatz angeboten
werden. Die Aufhebung der Parkplätze wird damit begründet, der freie Platz könne für
den Verkehr, insbesondere für den Handwerkerverkehr und den Langsamverkehr
genutzt werden. Die Reduktion des Parkplatzsuchverkehrs in den zum Teil engen und
unübersichtlichen Gassen entlaste das Verkehrsnetz, erhöhe im gewerblich und
"wohnlich" genutzten Quartier vor allem auch nachts während der Wochenenden die
Lebensqualität und ermögliche eine ansprechende Gestaltung des öffentlichen Raumes
für gewerbliche Nutzungen und den Aufenthalt von Fussgängerinnen und Fussgängern.
Die Verkehrsanordnungen sollen vollzogen werden, sobald die aufzuhebenden 41
Parkplätze – voraussichtlich im Parkhaus UG25 – kompensiert werden können.
B.
Gegen diese Verkehrsanordnungen erhoben unter anderem A._, die B._ AG und die
C._ AG Rekurs beim Sicherheits- und Justizdepartement im Wesentlichen mit dem
Begehren, auf die Aufhebung der 89 öffentlichen Parkplätze sei zu verzichten. Das
Sicherheits- und Justizdepartement führte am 29. August 2019 in Anwesenheit des
Departementsvorstehers einen Augenschein durch und wies sämtliche Rekurse am
10. Januar 2020 ab. Auf die Begehren, eine allfällige Aufhebung der Parkplätze sei
frühestens nach Inbetriebnahme von oder Erweiterung mit mindestens der gleichen
Anzahl öffentlicher Parkplätze in Parkhäusern im Umkreis von maximal 300 Metern zu
realisieren, trat es mit der Begründung nicht ein, der Vollzug der Massnahmen sei nicht
Gegenstand des Verfahrens.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
A._, die B._ AG und die C._ AG (Beschwerdeführer) erhoben gegen den
Rekursentscheid des Sicherheits- und Justizdepartements des Kantons St. Gallen
(Vorinstanz) vom 10. Januar 2020 durch ihren Rechtsvertreter mit Eingabe vom
23. Januar 2020 und Ergänzung vom 25. Februar 2020 Beschwerde beim
Verwaltungsgericht. Sie beantragen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge sei der
angefochtene Entscheid aufzuheben, soweit er die Aufhebung der Parkplätze im
Perimeter Hintere Bahnhofstrasse, Hintere Poststrasse, Äusseres, Mittleres und Inneres
Hofgässlein sowie Bienengässlein betrifft. Zumindest zwanzig – der insgesamt 41 –
Parkplätze seien nicht aufzuheben. Die Zahl ergibt sich aus der Differenz zwischen den
41 bestehenden Parkplätzen und den verbleibenden 21 Parkfeldern für Handwerker
und Warenumschlag.

Die Vorinstanz verwies mit Vernehmlassung vom 16. März 2020 auf die Erwägungen im
angefochtenen Entscheid und beantragt, die Beschwerde sei abzuweisen. Die
Politische Gemeinde St. Gallen (Beschwerdegegnerin) beantragt mit Vernehmlassung
vom 1. April 2020, unter Kosten- und Entschädigungsfolge sei die Beschwerde, soweit
darauf einzutreten sei, abzuweisen. Die Beschwerdeführer äusserten sich dazu am
4. Mai 2020. Vorinstanz und Beschwerdegegnerin verzichteten stillschweigend auf eine
Antwort.
Auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid und die Ausführungen der
Beschwerdeführer und der Beschwerdegegnerin zur Begründung ihrer Anträge sowie
die Akten wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Eintreten
Die Beschwerdegegnerin beantragt die Abweisung der Beschwerde, soweit auf sie
einzutreten sei, ohne indessen den Antrag auf Nichteintreten zu begründen. Inwieweit
die von Amtes wegen zu prüfenden (Art. 64 in Verbindung mit Art. 6 Abs. 2 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP)
Eintretensvoraussetzungen nicht erfüllt sein sollten, ist nicht ersichtlich: Das
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1 VRP).
Mit der Beschwerdeergänzung vom 25. Februar 2020 teilte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführer mit, die C._ AG beteilige sich nicht weiter am Verfahren. Insoweit
ist die Beschwerde zufolge Rückzugs abzuschreiben; die Abschreibung fällt in die
Zuständigkeit des Abteilungspräsidenten (Art. 64 in Verbindung mit Art. 57 Abs. 1 und
2 VRP). Die verbleibenden Beschwerdeführer sind Eigentümer von Grundstücken,
welche an die von den Verkehrsanordnungen unmittelbar betroffene Hintere
Poststrasse angrenzen, und mit ihren Begehren im Rekursverfahren nicht
durchgedrungen. Sie sind zur Erhebung der Beschwerde befugt (Art. 64 in Verbindung
mit Art. 45 Abs. 1 VRP; VerwGE B 2018/86, 87 und 89-92 vom 17. März 2018 E. 1.2;
vgl. auch BGer 2A.115/2007 vom 14. August 2007 E. 4). Die Beschwerde gegen den
Rekursentscheid vom 10. Januar 2020 wurde mit Eingabe vom 23. Januar 2020
rechtzeitig erhoben und erfüllt zusammen mit der Ergänzung vom 25. Februar 2020 die
gesetzlichen Anforderungen in formeller und inhaltlicher Hinsicht (Art. 64 in Verbindung
mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 und 2 VRP). Auf die Beschwerde ist deshalb,
soweit sie nicht wegen Rückzugs abzuschreiben ist, einzutreten.
2. Materielle Prüfung
In materieller Hinsicht ist umstritten, in welchem Umfang die Aufhebung der 41
bewirtschafteten öffentlichen Parkplätze an der Hinteren Bahnhofstrasse, der Hinteren
Poststrasse, dem Äusseren, Mittleren und Inneren Hofgässlein sowie dem
Bienengässlein recht- und verhältnismässig ist.
bis
Vorbringen der Beteiligten
Die Vorinstanz ging davon aus, weder aus der Eigentumsgarantie noch aus der
Wirtschaftsfreiheit leite sich ein Anspruch auf Beibehaltung einer bestehenden
Parkordnung ab. Die Beschwerdegegnerin halte sich mit der Parkplatzkompensierung
und der Einrichtung von Handwerkerparkplätzen an den städtischen Richtplan, wonach
für die Innenstadt eine Plafonierung der Parkplätze und wenn möglich deren
Transferierung von der Oberfläche in Parkgaragen und Parkhäuser und nötigenfalls
Sonderregelungen für Geschäftsfahrzeuge von Handwerkern anzustreben seien. Die
Aufhebung der 41 Parkplätze hänge mit der Regelung des Verkehrs zusammen. Im
Sinne einer Verkehrsberuhigung werde der Parkplatzsuchverkehr in den engen und
verwinkelten Gassen eingeschränkt und das Gebiet tagsüber und nachts (insbesondere
während der Wochenenden) von den dadurch verursachten Emissionen befreit. Im
Sinne einer Aufwertung werde Platz für neue Gestaltungen des öffentlichen Raums
zwischen Bahnhof und Marktplatz für gewerbliche Nutzungen, für Aufenthaltsflächen
für Fussgängerinnen und Fussgänger, für vermehrte Begrünung und für ein
2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
"Zonenregime" geschaffen. Die Verkehrsanordnung sei dafür sowohl geeignet als auch
erforderlich und erweise sich angesichts der Aufhebung der öffentlichen
bewirtschafteten Parkplätze an der Bahnhofstrasse, beim Schibenertorpärkli, beim
Blumenbergplatz und beim Grabenpärkli umso mehr als notwendig, als sich der
Parkplatzsuchverkehr bei einer Beibehaltung der 41 Parkplätze im betroffenen Bereich
noch verstärken würde. Eine mildere Massnahme sei nicht ersichtlich, zumal
gleichzeitig eine angemessene Zahl von 15 "Handwerkerparkplätzen" und zwei
Warenumschlagplätze von je drei Parkfeldern ausgeschieden würden. Das Parkhaus
UG25 (234 Parkplätze), das die aufgehobenen Parkplätze kompensieren werde, sowie
die Parkhäuser Neumarkt (274), Rathaus (89), Manor (134), Bahnhof (296), Oberer
Graben (143) Raiffeisen (103), Einstein (104) und Brühltor (507) lägen in zumutbarer
Gehdistanz. Sie seien auch für ältere Leute mit oder ohne Rollator sowie für Personen
mit eingeschränkter Beweglichkeit ohne weiteres erreichbar. Für das Be- und Entladen
grösserer und/oder schwerer Lasten würden ausreichend Warenumschlagplätze
bestehen. Kurzzeitparkplätze ständen einer Verkehrsberuhigung und Aufwertung
diametral entgegen. Das Gebiet liege in der Kernzone 3 und gehöre wie die Altstadt zu
den Zentrumszonen der Stadt. Die Aufwertung könne mit den Aufwertungen in der
nördlichen (Schwertgasse; VerwGE B 2017/114) und der südlichen (Marktplatz;
VerwGE B 2016/86, 87 und 89-92) Altstadt ohne weiteres verglichen werden. Sie sei
ebenso Teil der nicht zwingend mit einem politischen Auftrag zusammenhängenden,
allgemeinen Zielsetzung des städtischen Richtplans. Die Durchfahrt durch das Gebiet
werde zwar nicht untersagt. Es sei denkbar, dass die Verkehrsreduktion nicht im
gewünschten Umfang eintrete und korrigierendes Eingreifen mit weiteren Massnahmen
angezeigt sei. Das schliesse aber die Zulässigkeit der Verkehrsanordnung nicht aus.
Die bestimmungsgemässe gewerbliche Nutzung der Liegenschaften der
Beschwerdeführer werde angesichts der in Gehdistanz liegenden öffentlichen
Parkplätze und der aus der Verkehrsanordnung resultierenden Vorteile nicht
unzumutbar erschwert. Angesichts der Warenumschlagplätze werde die Zufahrt auch
nicht in erheblichem Mass eingeschränkt. Im Übrigen bestehe kein Anspruch von
Eigentümern, Mietern und Kunden auf öffentliche Parkplätze in unmittelbarer Nähe.
Die Beschwerdeführer machen geltend, dass der verfügenden Behörde beim Erlass
von Verkehrsbeschränkungen ein grosser Gestaltungsspielraum hinsichtlich der
Beurteilung der Zweckmässigkeit und Wirksamkeit zukomme, dürfe die Rekursinstanz
nicht davon abhalten, im konkreten Fall eine Interessenabwägung und Prüfung
vorzunehmen. Die Vorinstanz bejahe die Verhältnismässigkeit ohne vertiefte Prüfung.
Der Sachverhalt unterscheide sich wesentlich von jenem, der bei der Aufhebung der
Parkplätze im Bereich des Marktplatzes zu beurteilen gewesen sei (VerwGE B 2016/86,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
87 und 89-92 vom 17. März 2018 sowie B 2017/114 vom 4. September 2018). Eine
Gehdistanz von bis zu 500 Metern zum nächsten Parkhaus könne nicht für jedermann
als zumutbar beurteilt werden. Für ältere oder gehbehinderte Personen und für
Personen mit Kinderwagen oder Rollator sei bereits eine Distanz von 300 Metern eine
obere Grenze. Bei der Beurteilung der Zumutbarkeit seien "Umwegfaktoren" wie
Höhendifferenzen und Wartezeiten an Kreuzungen zu berücksichtigen. Werde der
Vorbehalt bestritten, sei dies mit Kinderwagen und Rollator auszutesten. Von
Besuchern und Kunden der vordersten Häuserzeile an der Poststrasse, in der die
Liegenschaften der Beschwerdeführer lägen, die Benützung der Parkgarage
"Neumarkt" zu erwarten, sei weltfremd. Die im Richtplan vorgesehene Parkgarage
"Schibenertor" sei von der Stadt – in erster Linie aus städtebaulichen und nicht
verkehrstechnischen Gründen – verhindert worden. Das wirke sich äusserst negativ auf
den östlichen Teil des ursprünglichen Perimeters aus. Sei die innerstädtische
Wirtschaftsentwicklung für den Stadtrat wirklich von zentraler Bedeutung, brauche es
auch im ursprünglichen Perimeter dieser Verkehrsbeschränkungen weiterhin einige
bewirtschaftete oberirdische Parkplätze. Dabei gehe es weniger um einen Anspruch
aus der Handels- und Gewerbefreiheit als um den "Lackmus-Test", ob dem
innerstädtischen Gewerbe gute Rahmenbedingungen geschaffen und erhalten werden.
Würden von den bestehenden 41 Parkplätzen die sechs Normparkplätze
beanspruchenden Warenumschlagplätze und die geplanten 15 Handwerkerparkplätze
– wobei deren Verteilung auf verschiedene Quartiere sinnvoller wäre – abgezogen,
könnten zwanzig Parkplätze weiterhin öffentlich bewirtschaftet werden. Im Vergleich
mit der extrem hohen Zahl der Fahrzeuge der öffentlichen Verkehrsbetriebe, welche
vom frühen Morgen bis zum späten Abend in unterschiedlicher Intensität über die
Poststrasse geführt würden und zu Rissen in den Gebäuden der Beschwerdeführer und
teilweise Absenkungen in den Vorgärten führten, verursachten die Fahrzeuge, welche
die Hintere Bahnhofstrasse und die Hintere Poststrasse befahren, wenige zusätzliche
Emissionen. Dass der Suchverkehr zu verkehrsmässigen Problemen auf diesen und
den Querstrassen führe, werde bestritten. Unfälle seien den Personen, welche in den
Liegenschaften der Beschwerdeführer arbeiten, nicht bekannt. Der Teilperimeter, der
noch Gegenstand der Beschwerde sei, werde heute fast ausschliesslich gewerblich
genutzt. Der Wohnanteil könnte etwa zehn Prozent betragen und Reklamationen aus
diesen Haushaltungen dürften der Stadt nicht bekannt sein, jedenfalls habe sie nichts
solches erwähnt. Eingriffe in Gewerbequartiere seien nicht in gleichem Ausmass wie in
Wohnquartieren zulässig. Der im Richtplan angestrebte Parkplatzkonsens sei nicht
zustande gekommen. An dessen Stelle sei ein Parkplatzdiktat der Stadt, die mit den
Oberflächenparkplätzen möglichst "tabula rasa" mache, getreten. Der Richtplan
bezeichne namentlich einzig das Gebiet des Marktplatzes, in welchem die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
oberirdischen Parkplätze aufgehoben werden müssten, um eine Neugestaltung zu
ermöglichen. In den übrigen Gebieten der Innenstadt seien möglichst viele – das heisse
also nicht alle – Oberflächenparkplätze aufzuheben. Dieser Zielsetzung werde mit der
Aufhebung von rund sechzig von 81 Parkplätzen entsprochen. Die
Beschwerdegegnerin habe sich zu den "gestalterischen Möglichkeiten für gewerbliche
Nutzungen" und "Aufenthaltsflächen für die Fussgänger" nicht konkret geäussert. Das
überrasche nicht, weil der motorisierte Verkehr im Teilperimeter weiterhin möglich sein
solle und der Teilrichtplan "Siedlung" im Abschnitt über "öffentliche Räume"
diesbezüglich nichts vorsehe. Die behaupteten gestalterischen Möglichkeiten
erinnerten mehr an ein potemkinsches Dorf. Die Ziele des Richtplans würden auch
erreicht, wenn im fraglichen Teilperimeter mindestens zwanzig öffentlich
bewirtschaftete Parkplätze bestehen blieben. Sollte sich der Suchverkehr wider
Erwarten zu einer untragbaren Belastung entwickeln, wären zusätzliche Auflagen wie
Nachtfahrverbot für Nichtanstösser oder eine Verkürzung der Parkzeit immer noch
möglich.
Die Beschwerdegegnerin führt dazu aus, neben dem allgemeinen Ziel der
Verkehrssicherheit seien auch die Ziele des Richtplanes – möglichst viele oberirdische
Parkplätze in der Innenstadt aufheben und in Parkgaragen und Parkhäuser verlegen,
um freiwerdende Flächen für angemessene Gestaltung zu nutzen, Störungen des
öffentlichen Verkehrs reduzieren – zu verwirklichen. Im fraglichen Perimeter kämen die
besonderen Ziele der Verkehrsberuhigung durch Reduzierung des
Parkplatzsuchverkehrs mit der Entlastung von Gewerbetreibenden und Anwohnern
sowie die Sonderregelungen für die Parkierung für Handwerkerfahrzeuge hinzu. Mit der
mittlerweile nicht mehr umstrittenen Aufhebung der übrigen Parkplätze im gesamten
Perimeter würde der Suchverkehr im streitigen Teilperimeter, in welchem mit schmalen,
einspurigen Strassen, die erst nach der Einfahrt überblickt werden könnten,
unübersichtliche Verkehrsverhältnisse bestünden, wohl zunehmen. Das gelte auch,
wenn nur rund die Hälfte oder ein anderer Bruchteil der Parkplätze im Teilperimeter
aufgehoben würde. Eine Teilaufhebung sei als mildere Massnahme deshalb nicht
geeignet, das angestrebte Ziel zu erreichen. Gleiches gelte für eine reduzierte Parkzeit.
Grundlagen der Beurteilung
Die Privaten können grundsätzlich keinen Rechtsanspruch etwa aus der
Eigentumsgarantie, der Wirtschaftsfreiheit oder gar der persönlichen Freiheit auf
Beibehaltung einer bestimmten Parkierungsordnung ableiten (vgl. R. Schaffhauser,
Grundriss des schweizerischen Strassenverkehrsrechts, Band I: Grundlagen,
Verkehrszulassung und Verkehrsregeln, 2. Aufl. 2002, Rz. 86 f. mit Hinweisen auf die
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsprechung unter anderem auf BGE 122 I 279). Ein Schutz aus der
Eigentumsgarantie vor Änderungen des Verkehrsregimes besteht nur, wenn die
bestimmungsgemässe Nutzung des Grundeigentums in unzumutbarer Weise erschwert
oder verunmöglicht wird (BGE 131 I 12 E. 1.3.3). Die Wirtschaftsfreiheit kann durch
Verkehrsanordnungen tangiert sein, wenn dem Anstösser beziehungsweise dessen
Kundschaft die Zufahrt zu seiner Liegenschaft erheblich erschwert wird (vgl. BGer 2A.
23/2006 vom 23. Mai 2006 E. 2.2). Die Beschwerdeführer berufen sich denn auch – zu
Recht – "weniger" auf die Handels- und Gewerbefreiheit und andere
verfassungsmässige Rechte. Hingegen muss das staatliche Handeln sich
entsprechend Art. 5 Abs. 1 und 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft (SR 101, BV) in jedem Fall auf eine Rechtsgrundlage stützen, im
öffentlichen Interesse liegen und verhältnismässig sein.
Verkehrsanordnungen, wie sie vorliegend in Frage stehen, sind regelmässig mit
komplexen Interessenabwägungen verbunden. Entsprechend der Natur der Sache liegt
die Verantwortung für die Zweckmässigkeit und Wirksamkeit solcher Massnahmen in
erster Linie bei den verfügenden Behörden. Die zuständigen Organe besitzen dabei
einen erheblichen Gestaltungsspielraum. Ein Eingreifen der übergeordneten
Verwaltungsbehörde beziehungsweise des Gerichts ist erst gerechtfertigt, wenn die
verfügenden Behörden von unhaltbaren tatsächlichen Annahmen ausgehen,
bundesrechtswidrige Zielsetzungen verfolgen, bei der Ausgestaltung der Massnahme
ungerechtfertigte Differenzierungen vornehmen oder notwendige Differenzierungen
unterlassen oder sich von erkennbar grundrechtswidrigen Interessenabwägungen
leiten lassen (vgl. VerwGE B 2017/114 vom 4. September 2018 E. 2.1, B 2008/115 und
121 vom 19. Februar 2009 E. 2 mit Hinweis auf BGer 2A.263/2006 vom 9. Oktober
2006 und 2A.23/2006 vom 23. Mai 2006; BGer 2A.194/2006 vom 3. November 2006
E. 3.1, 2A.387/2003 vom 1. März 2004 E. 3.2, 1C_445/2018 vom 27. Februar 2019
E. 3.2 mit Hinweis auf BGer 1C_44/2017 vom 19. Juli 2017 E. 3.1).
Rechtsgrundlage
Die von der Beschwerdegegnerin verfügten Aufhebungen der Parkplätze an der
Hinteren Bahnhofstrasse, der Hinteren Poststrasse, dem Äusseren, Mittleren und
Inneren Hofgässlein sowie dem Bienengässlein stützen sich auf Art. 3 des
Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, SVG) und Art. 19 Abs. 2 Satz 1 der
Einführungsverordnung zum eidgenössischen Strassenverkehrsgesetz (sGS 711.1, EV-
SVG). Gemäss Art. 3 Abs. 4 SVG können die Kantone und bei entsprechender
Delegation die Gemeinden neben Fahrverboten für bestimmte Strassen andere
Beschränkungen oder Anordnungen erlassen. Dabei kann insbesondere in
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wohnquartieren das Parkieren besonders geregelt werden. Massnahmen nach Art. 3
Abs. 4 SVG können sowohl den Fahrverkehr wie den ruhenden Verkehr (Regelung des
Parkierens auf öffentlichen Strassen) betreffen (vgl. BGE 98 IV 264, BGer 2A.194/2006
vom 3. November 2006 E. 1.1). Parkverbote, Parkbeschränkungen und die Einrichtung
gebührenpflichtiger Parkplätze stellen funktionelle Verkehrsmassnahmen dar (vgl.
Belser, in: Basler Kommentar zum SVG, Basel 2014, N 70 zu Art. 3 SVG mit Hinweisen
auf BGE 112 Ia 39 E. 1c und 111 IV 87 E. 2).
In der Stadt St. Gallen verfügen die Gemeindebehörden die Verkehrsanordnungen
ausgenommen auf der Nationalstrasse A1 sowie deren Ein- und Ausfahrten (Art. 19
Abs. 2 Satz 1 EV-SVG). Die vom Stadtrat angeordnete Aufhebung von 41
Oberflächenparkplätzen beruht – was die Beschwerdeführer im Übrigen auch nicht
bestreiten – auf einer ausreichenden Rechtsgrundlage.
Öffentliches Interesse2.4.
Rechtliches
Gestützt auf Art. 3 Abs. 4 SVG können Verkehrsanordnungen erlassen werden, soweit
der Schutz der Bewohner oder gleichermassen Betroffener vor Lärm und
Luftverschmutzung, die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit
Behinderungen, die Sicherheit, die Erleichterung oder die Regelung des Verkehrs, der
Schutz der Strasse oder andere in den örtlichen Verhältnissen liegende Gründe dies
erfordern (Satz 1); aus solchen Gründen können insbesondere in Wohnquartieren der
Verkehr beschränkt und das Parkieren besonders geregelt werden (Satz 2).
Die Bestimmung lässt Anordnungen nicht nur aus rein verkehrspolizeilichen Motiven,
sondern auch aus "anderen in den örtlichen Verhältnisse liegenden Gründen" zu.
Funktionelle Verkehrsmassnahmen können deshalb insbesondere aus ortsplanerischen
oder denkmalpflegerischen Gründen angeordnet werden (BGer 2A.194/2006 vom
3. November 2006 E. 4.2). In Frage kommen auch andere örtliche Bedürfnisse und
Prioritäten, die dem Verkehr vorgehen (vgl. BGE 106 IV 201, Belser, a.a.O., N 61 zu
Art. 3 SVG). Die Kantone und Gemeinden können dabei all jene Massnahmen treffen,
die ihnen im Rahmen der strassenverkehrsrechtlichen Bundesvorschriften zur
Verfügung stehen und die nach dem Grundsatz von Notwendigkeit und
Verhältnismässigkeit zulässig sind (vgl. BGer 1C_445/2018 vom 27. Februar 2019
E. 3.2, 2A.70/2007 vom 9. November 2007 E. 3.1 mit Hinweisen auf weitere
Rechtsprechung, 2A.387/2003 vom 1. März 2004 E. 2.1).
2.4.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Prüfung I: Planungsgrundlagen
Das Stadtparlament erliess am 25. August 2009 gestützt auf den Beschluss, dem
Initiativbegehren "zur Förderung des ÖV, Fuss- und Veloverkehrs in der Stadt St.
Gallen (Städteinitiative)" zuzustimmen, das Reglement für eine nachhaltige
Verkehrsentwicklung (sRS 711.3). Gemäss dessen einzigem Artikel schützt die Stadt
St. Gallen die Bevölkerung vor negativen Auswirkungen des Verkehrs (Abs. 1); sie ist
bestrebt, mit dem Ausbau des Angebots im Bereich des öffentlichen Verkehrs sowie
des Fuss- und Veloverkehrs das Wachstum des Gesamtverkehrsaufkommens
(Stichdatum: Annahme der Initiative) abzudecken, und trifft die dazu notwendigen
Massnahmen im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten (Abs. 2).
Der vom Parlament der Beschwerdegegnerin genehmigte (vgl. Art. 48 Abs. 2 der
Gemeindeordnung, sRS 111.1) und für die mit der Planung beauftragten Organe und
Behörden "wegleitende" (vgl. Art. 6 Abs. 3 des Planungs- und Baugesetzes; sGS
731.1, PBG) kommunale Richtplan stimmt insbesondere Siedlungs-, Verkehrs- und
Landschaftsentwicklung sowie den geplanten Infrastrukturausbau in ihrem Gebiet für
einen längeren Zeitraum aufeinander ab (Art. 5 Abs. 1 und Art. 6 Abs. 3 PBG). Die
St. Galler Innenstadt ist in ihren zahlreichen Funktionen – insbesondere
gesellschaftliches und kulturelles Zentrum der Ostschweiz, Standort für Handel und
Dienstleistungen und innerstädtisches Wohngebiet – zu stärken. Massgebend für die
Attraktivität und Belebung der Innenstadt sind vielfältige Nutzungsmöglichkeiten, gute
Erreichbarkeit und Aufenthaltsqualität. Die Altstadt ist – wie der Teilperimeter, auf den
sich die umstrittenen Verkehrsanordnungen beziehen – der Kernzone zugeteilt. Damit
sind vielfältige, gemischte Nutzungen möglich: Die Erhaltung der Attraktivität der
Innenstadt als Wohnstandort, ihre gezielte Erneuerung und Weiterentwicklung sind zu
fördern (Richtplan der Stadt St. Gallen S1.4). Die St. Galler Alt- und Innenstadt soll
weiterhin der bedeutendste Einkaufs-, Freizeit- und Kulturstandort der Region sein. Die
entsprechenden Einrichtungen sollen erhalten und angemessen weiterentwickelt
werden können. Dazu sind eine gute und attraktive Nutzungsdurchmischung zu
erhalten und zu verbessern, eine möglichst breite Vielfalt im Einkaufsangebot mit
grossen und kleinen Läden zu fördern, die Aufenthaltsqualität mit Aufwertungen des
öffentlichen Raumes und anderen Massnahmen zu verbessern, die Erschliessung mit
dem öffentlichen Verkehr auf Güteklasse A auszubauen und die Erschliessung für den
motorisierten Individualverkehr zu gewährleisten und dabei die Parkierung unterirdisch
zu lösen (Richtplan der Stadt St. Gallen S3.3 Publikumsintensive Einrichtungen,
Festsetzung).
2.4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zur Parkierung enthält der Richtplan hinsichtlich des Angebots Aussagen zum
Marktplatz und sieht einen von der Stadt anzustrebenden Parkplatz-Konsens vor.
Grundprämisse für einen künftigen Konsens bilden die Plafonierung der Parkplätze in
der Innenstadt sowie die Verlegung der Oberflächenparkplätze in Parkgaragen oder
Parkhäuser (Richtplan der Stadt St. Gallen V4.1 Parkierung/Parkplatzangebot). Zur
(räumlichen) Anordnung der Parkplätze hält der Richtplan im Sinn einer Festsetzung
(vgl. Art. 5 Abs. 2 Ingress und lit. a der Raumplanungsverordnung; SR 700.1, RPV) fest,
dass möglichst viele Oberflächenparkplätze in der Innenstadt aufgehoben und in
Parkgaragen oder Parkhäuser verlegt werden. Im Sinn eines Zwischenergebnisses (vgl.
Art. 5 Abs. 2 Ingress und lit. b RPV) wird festgehalten, dass für die Geschäftsfahrzeuge
von Handwerkern nötigenfalls mit Sonderregelungen die Parkierung auch ausserhalb
von Parkplätzen zu ermöglichen ist, wenn die Arbeit dies erfordert (Richtplan der Stadt
St. Gallen V4.2 Parkierung/Parkplätze – Anordnung).
Prüfung II: öffentliche Interessen
Der Richtplan setzt fest, dass möglichst viele Parkplätze in der Innenstadt von der
Oberfläche in Parkhäuser und Parkgaragen verlegt werden sollen. Die beanstandete
Aufhebung der oberirdischen Parkplätze im fraglichen Teilperimeter kommt dieser
Festsetzung des Richtplans nach. Eine solche Festsetzung setzt insbesondere voraus,
dass die Zusammenarbeit im Konsens abgeschlossen und die grobe Machbarkeit
nachgewiesen sind (vgl. Richtplan der Stadt St. Gallen E3). Die Festsetzung beruht
deshalb auch auf einer Berücksichtigung der verschiedenen öffentlichen Interessen.
Sie gewichtet vorliegend insbesondere den Schutz der Bevölkerung vor den negativen
Auswirkungen des Verkehrs in einem Gebiet, welches entsprechend seiner Lage in der
Kernzone auch dem Wohnen dienen soll. Mit der Aufhebung der Parkplätze werden
auch die Grundlagen für eine ebenfalls im öffentlichen Interesse liegende Verbesserung
der Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum geschaffen.
Der Hinweis der Beschwerdeführer, die Ausgangslage im fraglichen Teilperimeter
weiche von jener beim Markplatz insoweit ab, als für das letztere Gebiet eine Initiative
einen autofreien Marktplatz vorsehe, trifft zu (vgl. VerwGE B 2016/86+87 sowie 89-92
vom 17. März 2018). Das öffentliche Interesse an der Abschaffung beziehungsweise
der Transferierung der oberirdischen Parkplätze kam für jenes Gebiet in der
Zielrichtung der Initiative deutlich zum Ausdruck. Indessen liegen auch für den
Teilperimeter dieses Verfahrens öffentliche Interessen an der Transferierung der
oberirdischen Parkplätze in der Altstadt und der Innenstadt in Parkhäuser und
Parkgaragen vor. Sie spiegeln sich – wie sich aus den vorstehenden Ausführungen
2.4.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerdegegnerin sieht vor, an den Zufahrten zum Teilperimeter das
Zonensignal "Parkieren verboten" (Art. 2a und Art. 30 der Signalisationsverordnung, SR
741.21, SSV; Anhang 2 Abschnitt 2b, Nr. 2.59.1) mit der Aufschrift "ausgenommen
Parkfelder" (Art. 64 Abs. 5 Ingress und lit. b SSV) anzubringen (vgl. act. 9/32.4 S. 3
ergibt – insbesondere im städtischen Richtplan wider.
Wie die Beschwerdeführer richtig vorbringen, ist der im Richtplan vorgesehene
Parkplatz-Konsens nicht zustande gekommen. Er hat allerdings nicht die (räumliche)
Anordnung der Parkplätze, sondern deren Angebot zum Gegenstand und wird –
entsprechend dem Koordinationsstand – im Sinn einer Vororientierung (vgl. Art. 5
Abs. 2 Ingress und lit. c RPV) festgehalten. Der Grundprämisse für den künftigen
Konsens, nämlich die Plafonierung der Parkplätze in der Innenstadt, trägt die
umstrittene Verkehrsanordnung Rechnung, indem die Aufhebung der
Oberflächenparkplätze von der Kompensation in der Parkgarage UG25 abhängig
gemacht wird. Mithin steht der – ausstehende – Parkplatzkonsens einer Verschiebung
von Parkplätzen von der Oberfläche in Parkgaragen und Parkhäuser nicht entgegen.
Nach Auffassung der Beschwerdeführer ist der Aufhebungsentscheid des Stadtrats
politisch begründet. Diese Einschätzung trifft insoweit zu, als die Festlegung der
relevanten öffentlichen Interessen und ihre relative Gewichtung das Ergebnis eines
politischen Prozesses sind. Das Ziel, in der Alt- und Innenstadt die Zahl der Parkplätze
zu plafonieren und sie von der Oberfläche in Parkgaragen und Parkhäuser zu verlegen,
dient einem – politisch ausgehandelten – öffentlichen Interesse an einer
Verkehrsberuhigung und einer möglichst verkehrsfreien Gestaltung der Alt- und an sie
angrenzenden Innenstadt. Wie der städtische Richtplan zeigt, gehen die
Planungsbehörden davon aus, dass damit den verschiedenen öffentlichen Interessen,
denen in der Innenstadt gleichzeitig Rechnung getragen werden soll, in dem politisch
jeweils erwünschten Mass Genüge getan wird. Dass sich damit die Voraussetzungen
für die Erreichbarkeit bestimmter Orte in der Alt- und Innenstadt ändern, lässt sich mit
der Verlegung nicht vermeiden und ist – entsprechend der im Richtplan zum Ausdruck
kommenden politischen Abwägung der öffentlichen und privaten Interessen –
grundsätzlich in Kauf zu nehmen.
Verhältnismässigkeit2.5.
Geeignetheit
Die Aufhebung von Parkplätzen ist – was auch die Beschwerdeführer nicht bestreiten –
grundsätzlich geeignet, Parkplatzsuchverkehr zu verhindern.
2.5.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ziff. 3 Abs. 5 und act. 6/2 = act. 9/44.2.4). Diese Signalisation erweckt den Eindruck, es
gelte das in der Innenstadt übliche Regime, wonach Parkieren auf eingezeichneten
Parkfeldern ohne Beschränkung auf bestimmte Verkehrsarten zulässig ist. Die
Einschränkung der zulässigen Parkplatznutzung auf bestimmte Verkehrsarten –
nämlich Handwerker und Warenumschlag – wird erst bei den entsprechenden
Parkflächen ersichtlich. Eine solche Signalisation erscheint nicht geeignet, den
Parkplatzsuchverkehr einzuschränken. Bereits die Vorinstanz hegte Zweifel an der
Geeignetheit der vorgesehenen Signalisation und hielt fest, es sei denkbar, dass die
Verkehrsreduktion nicht im gewünschten Umfang eintrete und korrigierendes Eingreifen
mit weiteren Massnahmen angezeigt sei. Allerdings ist nicht ersichtlich, weshalb nicht
von Beginn weg eine Signalisation gewählt wird, welche an der Zonengrenze mit einer
entsprechenden Aufschrift auf der Zusatztafel Klarheit darüber schafft, dass im
fraglichen Gebiet vom Parkverbot lediglich Handwerker mit entsprechender Bewilligung
ausgenommen sind und der Warenumschlag zulässig ist.
Die Beschwerde erweist sich deshalb – jedenfalls im Ergebnis – als teilweise
begründet. Der angefochtene Rekursentscheid ist aufzuheben und die Angelegenheit
zur Neufassung der Zonensignalisation im Sinn der Erwägung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
2.5.2. Erforderlichkeit
Die Massnahme der Aufhebung von Parkplätzen erscheint auch erforderlich. Die von
den Beschwerdeführern vorgebrachten milderen Anordnungen – Kurzzeitparkplätze,
Belassung eines Teils der Parkplätze – würden das angestrebte Ziel einer Vermeidung
von Parkplatzsuchverkehr und der damit verbundenen Verkehrsberuhigung im
fraglichen Gebiet unterlaufen. Eine Reduktion des Parkplatzbestandes von 89 auf 20 im
gesamten Perimeter dürfte den Suchverkehr erhöhen. Der Verkehr in den engen
Strassen und Gassen des Teilperimeters würde sodann mit einer Verkürzung der
zulässigen Parkdauer entsprechend zunehmen. Ein nächtliches Parkverbot wird von
den Beschwerdeführern nicht vorgeschlagen. Es wäre zwar ausreichend, um eine
Beruhigung der Verkehrssituation nachts insbesondere an den Wochenenden zu
erreichen. Indessen würde das zulässige Ziel einer Eliminierung des
Parkplatzsuchverkehrs während des Tages nicht erreicht.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.5.3. Interessenabwägung
Auch die Interessenabwägung fällt insgesamt zugunsten der Parkplatzaufhebung aus.
Wie bereits dargestellt liegt der Festsetzung im Richtplan, in der Alt- und Innenstadt
Oberflächenparkplätze wenn möglich in Parkgaragen und Parkhäuser zu verlegen,
vorab eine Abwägung widerstreitender öffentlicher Interessen – einerseits an der
Schaffung ruhiger, die Attraktivität für die Wohnnutzung und die Nutzung des
öffentlichen Raums steigernden Verkehrsverhältnissen, anderseits die Beachtung der
Bedürfnisse des Handwerks und der gewerblichen Nutzungen der Liegenschaften im
fraglichen Gebiet – zugrunde. Im Ergebnis werden mit der Festlegung im Allgemeinen
grössere Distanzen zwischen den Parkplätzen für den motorisierten Individualverkehr
und den Grundstücken in der Alt- und Innenstadt in Kauf genommen.
Den privaten Interessen der Beschwerdeführer an öffentlichen Parkplätzen in der
unmittelbaren Umgebung ihrer Liegenschaften wird mit der Aufhebung der Parkplätze
zwar etwas weniger Rechnung getragen. Allerdings bestand auch bisher keine Garantie
dafür, dass Kunden und Besucher der Beschwerdeführer einen freien Parkplatz im
Teilperimeter vorfanden. Soweit ein Parkplatz frei war, bestand die Möglichkeit, dass
dieser sich nicht in der unmittelbaren Umgebung der Liegenschaften der
Beschwerdeführer befand. Bei der Gewichtung des privaten Interesses ist zu
berücksichtigen, in welchem Ausmass die Aufhebung der öffentlichen und
bewirtschafteten Oberflächenparkplätze die Erreichbarkeit der Grundstücke der
Beschwerdeführer erschwert. Die Vorinstanz hat auf die in der Umgebung des
Teilperimeters bestehenden Parkgaragen hingewiesen. Den Grundstücken der
Beschwerdeführer am nächsten liegen die Parkgaragen "Manor", rund 150 Meter
entfernt, und "Rathaus", rund 200 Meter entfernt. Die Umwegfaktoren, auf welche die
Beschwerdeführer hinweisen, sind für die Erreichbarkeit dieser beiden Parkgaragen
von geringfügiger Bedeutung: Um die Parkgarage "Manor" zu erreichen, ist die als
Einbahnstrasse geführte Poststrasse, um die Parkgarage "Rathaus" zu erreichen, die
Bahnhofstrasse zu überqueren. Als Höhendifferenzen fällt hier einzig in Betracht, dass
die Parkgaragen in Untergeschossen liegen, die für die Fussgängerinnen und
Fussgänger regelmässig mit Aufzügen erschlossen sind. Zumal auch zu den
entferntesten Parkplätzen innerhalb des Teilperimeters die Distanzen gegen 100 Meter
betragen können, liegen jedenfalls diese beiden Tiefgaragen in zumutbarer Gehdistanz.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Das gilt auch für Personen, die schlecht zu Fuss und auf Gehhilfen angewiesen, aber
doch selbständig mit dem eigenen Auto unterwegs sind. Soweit sie nicht mit dem
eigenen Fahrzeug unterwegs sind, lässt es die geplante Verkehrsordnung – die
fraglichen Strassen und Gassen sind als Gemeindestrassen zweiter Klasse eingeteilt
und es ist kein Fahrverbot vorgesehen – ohne Weiteres zu, sich beispielsweise per Taxi
bis zu den Liegenschaften der Beschwerdeführer fahren zu lassen. Nur unwesentlich
weiter – rund 300 Meter – entfernt liegt die Parkgarage "Kantonalbank", die zwar nicht
Teil des Parkleitsystems, jedoch ebenfalls öffentlich zugänglich ist. Die
Beschwerdeführer machen nicht geltend, dass die genannten Tiefgaragen regelmässig
bis auf den letzten Platz besetzt sind. Dass sich ein freier Platz findet, ist zwar nicht
garantiert. Gleiches gilt aber auch für die näher gelegenen oberirdischen Parkplätze.
Dass die abzuschaffenden Parkplätze rechnerisch im Parkhaus UG25 kompensiert
werden sollen, heisst nicht, dass sich die Frage stellt, ob dieses Parkhaus in
zumutbarer, allenfalls teilweise mit dem öffentlichen Verkehr zu überwindender Distanz
zu den Grundstücken der Beschwerdeführer liegt. Da eine Verlagerung von Parkplätzen
immer auch eine geografisch neue Verteilung nach sich zieht, werden zwar die Wege
aufgrund der Konzentration der Parkiermöglichkeiten insgesamt wohl länger. Welche
Garage für welchen Zielort angefahren wird, wird sich in jedem Fall also neu
"ausbalancieren" müssen. Aber auch die Distanz zum Parkhaus UG25 wird dereinst
nicht als in einem Ausmass unzumutbar zu beurteilen sein, dass sich die Aufhebung
der Oberflächenparkplätze nicht rechtfertigen liesse. Die Gehdistanz beträgt rund 500
Meter und ist mit geringfügigen topografisch bedingten Höhendifferenzen (UG25 670
Meter über Meer, Blumenbergplatz 675 Meter über Meer, Poststrasse 8 670 Meter über
Meer) und drei Strassenüberquerungen mit Lichtsignalanlagen (beispielsweise
Blumenbergplatz, Rosenbergstrasse, Bahnhofstrasse) verbunden (vgl.
www.geoportal.ch, Karte Höhen, Höhenkurven). Topografisch bedingte
Höhendifferenzen sind nicht als Umwegfaktor zu berücksichtigen. Bei den
Lichtsignalanlagen wird je Sekunde Wartezeit von einer Verlängerung des Wegs um
einen Meter ausgegangen. Bei einer empfohlenen Wartezeit von höchstens vierzig
Sekunden wäre bei drei Lichtsignalanlagen von einer Wegverlängerung von höchstens
120 Metern auszugehen (vgl. act. 6/1, Bundesamt für Strassen [Hrsg.], Handbuch
Fusswegnetzplanung, 2015, Ziffer 7.1.3).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit Blick auf den Wortlaut von Art. 3 Abs. 4 SVG ist die Überlegung der
Beschwerdeführer, der Spielraum für Verkehrsanordnungen sei in Wohnquartieren
weiter als in Gewerbequartieren, grundsätzlich nachvollziehbar. Der fragliche
Teilperimeter liegt in der Kernzone 3. Gemäss Art. 15 PBG dienen Kernzonen der
Entwicklung und Erhaltung von Orts- und Quartierzentren (Abs. 1), wobei ergänzend
die Bestimmungen über die Wohn-/Gewerbezone gelten (Abs. 3). Wohn-/
Gewerbezonen umfassen Gebiete, in denen neben dem Wohnen auch mässig störende
Gewerbebetriebe zulässig sind, wobei die politische Gemeinde zur Erhaltung oder
Förderung von Orts- und Quartierzentren Vorschriften über Mindestwohn- oder
Mindestgewerbeanteile erlassen kann (Art. 13 PBG). Eine solche Regelung enthält
Art. 63 der städtischen Bauordnung (sRS 731.1) für das Gebiet der Altstadt, zu welcher
der fragliche Teilperimeter nicht gehört. Dass aufgrund des Zonenplanes oder von
Sonderbauvorschriften im fraglichen Gebiet ein minimaler Gewerbeanteil zu beachten
wäre, ist nicht ersichtlich und wird von den Beteiligten auch nicht vorgebracht. Die
Beschwerdeführer schätzen das Ausmass der Wohnnutzung auf zehn Prozent und
gehen davon aus, dass die bestehende Regelung zu keinen Klagen der Anwohner
geführt habe. Der konkrete aktuelle Anteil der Wohnnutzung und das Ausmass von
Klagen ist indessen für die Gewichtung des privaten Interesses der Beschwerdeführer
an der Beibehaltung der bestehenden Ordnung nicht von ausschlaggebender
Bedeutung. Die Verhinderung des Parkplatzsuchverkehrs insbesondere nachts an den
Wochenenden kann die Attraktivität des Quartiers für eine Wohnnutzung steigern und
deshalb durchaus auch im privaten Interesse der Grundeigentümer liegen, indem sie
vom Vorteil der Offenheit hinsichtlich der Nutzungsmöglichkeiten ihrer Liegenschaften
profitieren können. Das Interesse der Beschwerdeführer an einer Fortführung der ihrer
Einschätzung nach weitestgehend gewerblichen Nutzung des Gebiets lässt sich
deshalb nicht verallgemeinern. Dies ist bei der Interessenabwägung zu
berücksichtigen.
Die mit der Parkplatzaufhebung möglicherweise einhergehende Erschwerung der
bestimmungsgemässen Nutzung der Liegenschaften der Beschwerdeführer kann
angesichts der in Gehdistanz vorhandenen und – im Zeitpunkt des Vollzugs – neu
geschaffenen Parkplatzinfrastruktur und der aus der Verkehrsverminderung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
resultierenden Vorteile nicht als unzumutbar gelten. Ergänzend kann auf die
Ausführungen der Vorinstanz zur Interessenabwägung im angefochtenen Entscheid
(Erwägung III) verwiesen werden.
3. Zusammenfassung
Zusammenfassend erweist sich die Beschwerde teilweise als begründet. Sie ist
deshalb teilweise gutzuheissen. Der angefochtene Entscheid ist aufzuheben und die
Angelegenheit zur Neufassung der Zonensignalisation im Beschluss des Stadtrates
Nr. 2224 vom 23. Oktober 2018 im Sinne der Erwägungen (oben Erwägung 2.5.1) an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4. Kosten
Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des Rekurs- und des
Beschwerdeverfahrens zu drei Vierteln von den Beschwerdeführern zu tragen; ein
Viertel ist der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Auf die Erhebung
der Kostenanteile der Beschwerdegegnerin ist zu verzichten (Art. 95 Abs. 3 VRP). Eine
Gebühr von CHF 3'000 für den Beschwerdeentscheid erscheint angemessen (Art. 7
Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Die von der Vorinstanz
festgesetzte Entscheidgebühr von CHF 1'800 entfällt – entsprechend ihren im
Rekursverfahren geleisteten Kostenvorschüssen von CHF 600, mit denen ihr Anteil an
der Gebühr verrechnet wurde – zu einem Drittel auf die Beschwerdeführer. Die
Kostenanteile der Beschwerdeführer von CHF 2'250 im Beschwerdeverfahren und von
CHF 450 (3/4 x 1/3 von CHF 1'800) im Rekursverfahren sind mit den von ihnen in der
Höhe von CHF 3'000 und von CHF 600 geleisteten Kostenvorschüssen zu verrechnen.
Im Beschwerdeverfahren sind ihnen CHF 750, im Rekursverfahren CHF 150
zurückzuerstatten. Die Vorinstanz ist entsprechend anzuweisen. Ausseramtliche Kosten
sind weder für das Rekurs- noch für das Beschwerdeverfahren zu entschädigen
(Art. 98 Abs. 1 und 2 und Art. 98 VRP).