Decision ID: f5f2ce1f-b050-55e7-bdd1-77e6e462b97a
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin verliess eigenen Angaben zufolge Tibet im
(...) 2015 und reiste am 18. Dezember 2015 in die Schweiz ein, wo sie
gleichentags um Asyl nachsuchte.
A.b Ein Abgleich mit dem Visa-Informationssystem (CS-VIS) ergab, dass
die Beschwerdeführerin im Besitz eines bhutanischen Reisepasses mit der
Nummer (...) ist, lautend auf den Namen A._, geboren am (...), und
dass die italienische Vertretung in New Delhi (Indien) für diesen Reisepass
ein Schengen-Visum ausgestellt hat, gültig vom (...) bis (...) 2015.
A.c Am 30. Dezember 2015 wurde von Dr. med. B._, C._,
eine Handknochenanalyse durchgeführt, welche ein Knochenalter der Be-
schwerdeführerin von 18 Jahren oder älter ergab.
A.d Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) am 12. Januar 2016 gab
die Beschwerdeführerin – übereinstimmend mit den Angaben auf dem Per-
sonalienblatt – an, sie sei chinesische Staatsangehörige tibetischer Ethnie,
heisse D._, sei am (...) geboren und stamme aus dem Dorf
E._, Gemeinde F._, Kreis G._, Präfektur H._,
Tibet, Volksrepublik China.
A.e Im zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) wurden die Per-
sonendaten gemäss den Angaben im Visa-Informationssystem (CS-VIS;
vgl. Bst. A.b) mit Bestreitungsvermerk erfasst.
A.f Die Beschwerdeführerin wurde am 20. Januar 2016 dem Kanton
I._ zugewiesen.
A.g Das SEM trat mit Verfügung vom 11. April 2016 auf das Asylgesuch
nicht ein, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz nach Italien an und
forderte die Beschwerdeführerin auf, die Schweiz spätestens am Tag nach
Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Das Bundesverwaltungsgericht
wies die gegen diesen Entscheid gerichtete Beschwerde vom 27. April
2016 mit Urteil D-2597/2016 vom 9. Mai 2016 ab. In der Folge trat das
Bundesverwaltungsgericht auf das gegen dieses Urteil gerichtete Revisi-
onsgesuch vom 10. Juni 2016 mit Urteil D-3648/2016, D-3650/2016 vom
13. Juli 2016 nicht ein.
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Seite 3
B.
B.a Nach Ablauf der Frist zur Überstellung nach Italien hob das SEM mit
Verfügung vom 26. Oktober 2016 seine Verfügung vom 11. April 2016 auf
und nahm das nationale Asylverfahren wieder auf.
B.b Die Fachstelle LINGUA führte im Auftrag der Vorinstanz am 23. Januar
2017 ein Telefoninterview mit der Beschwerdeführerin durch.
B.c Am 9. Mai 2017 hörte das SEM die Beschwerdeführerin vertieft zu ih-
ren Asylgründen an. Im Rahmen dieser Anhörung hielt die Beschwerdefüh-
rerin an ihrer bereits in der BzP geltend gemachten Identität und Herkunft
fest. Sie und ihre Schwester hätten nach ihrer Flucht aus Tibet in Nepal
bhutanische Pässe erhalten, welche sie für die Weiterreise verwendet hät-
ten.
B.d Aufgrund des erwähnten Telefoninterviews (vgl. Bst. B.b) wurden zwei
Evaluationen der landeskundlich-kulturellen Kenntnisse und linguistische
Analysen (LINGUA-Berichte) vom 6. Juni 2017 erstellt, welche beide zum
Ergebnis kamen, die Beschwerdeführerin sei sehr wahrscheinlich nicht im
Kreis G._ in Tibet, sondern sehr wahrscheinlich in einer exiltibeti-
schen Gemeinschaft ausserhalb der Volksrepublik China hauptsozialisiert
worden.
B.e Der Beschwerdeführerin wurde mit Schreiben vom 11. Juli 2018 das
rechtliche Gehör zum Ergebnis der LINGUA-Analyse gewährt. In ihrer Stel-
lungnahme vom 6. August 2018 hielt sie daran fest, in Tibet gelebt zu ha-
ben.
B.f Mit Verfügung vom 9. November 2018 stellte das SEM fest, die Be-
schwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylge-
such ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Voll-
zug an, wobei der Vollzug der Wegweisung in die Volksrepublik China aus-
geschlossen wurde. Die gegen diesen Entscheid erhobene Beschwerde
vom 13. Dezember 2018 wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil
D-7075/2018 vom 15. Februar 2019 ab.
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Seite 4
C.
C.a Am 9. März 2020 liess die Beschwerdeführerin durch ihren Rechtsver-
treter J._ ein "Neues Asylgesuch sowie Revisionsbegehren zur Al-
tersbestimmung" beim SEM einreichen und beantragen:
1. Ihre Identität sei auf D._ (N [...]; ZEMIS-Nr. [...]) sowie die ihrer Schwester
auf K._ (N [...]; ZEMIS-Nr. [...]), beide mit Herkunft E._, Präfektur
H._, Autonome Region Tibet, Volksrepublik China, mit Staatsbürgerschaft
der Volksrepublik China zu erkennen. Die Einträge im ZEMIS seien entsprechend
zu berichtigen. Allenfalls sei diese Identität durch die Erstellung von DNA-Profilen
nach Art. 33 Abs. 1 GUMG zu erhärten. Sie, ihre Schwester und ihre Mutter wür-
den dieser Erstellung zustimmen und sie ausdrücklich verlangen.
2. Die Festlegung des Alters sei in Revision zu ziehen und nach wissenschaftlichen
und rechtlichen Grundsätzen durch eine qualifizierte rechtsmedizinische Instanz
vorzunehmen.
3. Es sei gestützt auf die neuen Erkenntnisse des SEM über die Herkunft vom Früh-
jahr 2019, die allfällige Erstellung von DNA-Profilen nach Art. 33 Abs. (recte:
Abs. 1) GUMG und die Ergebnisse der Revision der Altersfestlegung ein neues
Asylverfahren durchzuführen.
4. Ihnen sei gemäss ihrer Identität und Herkunft aus der Volksrepublik China gemäss
dem Grundsatz des Non-Refoulement nach Art. 25 Abs. 2 und 3 BV Asyl zu ge-
währen.
5. Ihre und ihrer Mutter Dossiers des SEM seien dem Rechtsvertreter zuzustellen.
Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, neue Erkenntnisse im
Rahmen der Vollzugsunterstützung des SEM für den Kanton I._
hätten ergeben, dass es sich bei der Beschwerdeführerin und ihrer
Schwester nicht um Bhutanerinnen, sondern um Tibeterinnen handeln
würde. Der neue Sachverhalt sei ihnen nicht mitgeteilt und erst durch die
Akteneinsicht der Rechtsvertretung festgestellt worden.
C.b Am 31. März 2020 ersuchte das SEM das kantonale Migrationsamt,
den Vollzug der Wegweisung im Sinne einer vorsorglichen Massnahme
einstweilen auszusetzen.
C.c Mit Schreiben vom 28. April 2020 teilte das SEM dem Rechtsvertreter
der Beschwerdeführerin mit, dass Akteneinsicht gewährt werde, und setzte
eine Nachfrist bis 5. Mai 2020 an zur Verbesserung der Eingabe.
C.d Der Rechtsvertreter teilte dem SEM mit Schreiben vom 29. April 2020
mit, dass er weder eine Kopie der Aktenverzeichnisse noch Kopien der ge-
wünschten Akten erhalten habe.
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Seite 5
C.e In der Folge stellte das SEM dem Rechtsvertreter der Beschwerdefüh-
rerin mit Schreiben vom 7. Mai 2020 – versandt am 13. Mai 2020 – Kopien
der Aktenverzeichnisse und der zur Edition freigegebenen Aktenstücke zu.
Gleichzeitig gewährte es dem Rechtsvertreter eine Nachfrist zur Verbesse-
rung der Eingabe bis 15. Mai 2020.
C.f Am 15. Mai 2020 reichte der Rechtsvertreter dem SEM eine als "Ver-
besserung der Beschwerde nach erfolgter Aktenzustellung mit Frist von ei-
nem Tag" betitelte Eingabe ein.
C.g Mit Verfügung vom 10. Juni 2020 – eröffnet am 12. Juni 2020 – lehnte
das SEM den Antrag der Beschwerdeführerin um eine DNA-Abklärung und
um eine erneute Altersabklärung ab, lehnte das Gesuch um Berichtigung
der Personendaten ab und stellte fest, ihre Personendaten im Zentralen
Migrationsinformationssystem (ZEMIS) würden wie bisher lauten:
A._, ZEMIS-Nr. (...), geb. (...), Bhutan, (mit Bestreitungsvermerk).
Im Weiteren wies das SEM das Wiedererwägungsgesuch ab, erklärte
seine Verfügung vom 9. November 2018 für rechtskräftig und vollstreckbar,
erhob eine Gebühr in der Höhe von Fr. 600.– und stellte fest, einer allfälli-
gen Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu.
D.
D.a Mit Eingabe vom 25. Juni 2020 (Postaufgabe: 26. Juni 2020) erhob die
Beschwerdeführerin gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsge-
richt Beschwerde mit den folgenden Anträgen:
1. Der Entscheid des SEM vom 10. Juni 2020 sei aufzuheben.
2. Der Sachverhalt zu ihrer und ihrer Schwester Staatsbürgerschaft und Identität sei
nach Art. 12 VwVG festzustellen. Insbesondere sei abzuklären, ob sie gemäss den
Widersprüchen des SEM Staatsangehörige des Königreichs Bhutan oder als
Töchter der L._ Staatsbürgerinnen der Volksrepublik China seien.
3. Als ihre Identität sei anstelle von A._ auf D._ (N [...]; ZEMIS-Nr.
[...]) mit Herkunft E._, Präfektur H._, Autonome Region Tibet,
Volksrepublik China, mit Staatsbürgerschaft der Volksrepublik China zu erkennen.
Der Eintrag im ZEMIS sei entsprechend zu berichtigen.
(Die geforderte Abklärung dieser Identität durch DNA-Analyse erübrige sich, nach-
dem die Mutterschaft vom SEM anerkannt werde.)
4. Die Festlegung des Alters sei in Revision zu ziehen und nach wissenschaftlichen
und rechtlichen Grundsätzen durch eine qualifizierte rechtsmedizinische Instanz
vorzunehmen.
5. Es sei gestützt auf den festgestellten Sachverhalt über ihre Herkunft sowie die
Ergebnisse der Altersfestlegung ein neues Asylverfahren durchzuführen.
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6. Es sei ihr gemäss ihrer Identität und Herkunft aus der Volksrepublik China gemäss
dem Grundsatz des Non-Refoulement Asyl nach Art. 25 Abs. 2 und 3 BV zu ge-
währen.
7. Es sei ihr die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren.
D.b Der Beschwerde lagen – nebst der angefochtenen Verfügung – fol-
gende Beweismittel bei:
- Schreiben des SEM vom 27. Februar 2019
- Vorladung des (...) vom 4. März 2019
- Protokoll des Ausreisegesprächs vom 8. März 2019
- Gesuch des (...) um Vollzugsunterstützung vom 8. März 2019
- E-Mail-Verkehr zwischen dem (...) und dem SEM vom 25. April 2019
- Aktennotiz des (...) vom 25. April 2019
- Schreiben des SEM ans (...) vom 30. April 2019 betreffend Vollzugsunterstützung
- Bhutan Citizenship Act, 1985
- Unterstützungsbestätigung vom 23. Juni 2020
Daneben beantragte die Beschwerdeführerin den Beizug der vorinstanzli-
chen Akten und der Akten des (...) sowie die Befragung ihrer Mutter als
Zeugin und eine Parteibefragung.
E.
Der Instruktionsrichter setzte mit superprovisorischer Massnahme vom
1. Juli 2020 den Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen aus.
F.
Mit Zwischenverfügung im Beschwerdeverfahren D-3444/2020 vom
18. August 2020 trennte der Instruktionsrichter das Beschwerdeverfahren
gegen das abgewiesene Wiedererwägungsgesuch vom Beschwerdever-
fahren zur Datenbereinigung, stellte fest, dass ersteres Verfahren unter der
Nr. D-3444/2020 geführt werde, und sistierte dieses bis zum Abschluss des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens.
G.
Mit Zwischenverfügung im vorliegenden Beschwerdeverfahren
D-3285/2020 vom 18. August 2020 trat der Instruktionsrichter auf den An-
trag, der Sachverhalt zur Staatsbürgerschaft und zur Identität der Schwes-
ter der Beschwerdeführerin sei abzuklären, nicht ein, wies das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ab und forderte die Be-
schwerdeführerin auf, bis zum 2. September 2020 einen Kostenvorschuss
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Seite 7
von Fr. 500.– zu leisten, ansonsten auf die Beschwerde nicht eingetreten
werde.
H.
H.a Am 24. August 2020 ging eine weitere Eingabe der Beschwerdeführe-
rin vom 21. August 2020 beim Bundesverwaltungsgericht zum Thema LIN-
GUA-Analysen und sachverständige Person AS19 ein.
H.b Dieser lagen folgende Beweismittel bei:
- eine LINGUA-Analyse ein anderes Verfahren betreffend inklusive Schreiben des SEM
zum rechtlichen Gehör
- Diverse Dokumente zu "Werdegang und Qualifikation" der sachverständigen Personen
AS19 und AS20 (inklusive ein Aktenverzeichnis und zwei Blätter "Zentrale Archivierung
der LINGUA-CD-ROM" andere Verfahren betreffend)
- Vereinbarung zwischen dem SEM und der Ein- und Ausreiseverwaltung des Ministeri-
ums für öffentliche Sicherheit der Volksrepublik China vom 8. Dezember 2015 betref-
fend die Identifikation von mutmasslich chinesischen Staatsangehörigen mit irregulä-
rem Aufenthalt in der Schweiz
- Schreiben von J._ ans SEM vom 27. Juli 2020 (ein anderes Verfahren betref-
fend)
- Schreiben von J._ an Staatssekretär Mario Gattiker vom 30. Juli 2020
- Schreiben von J._ ans SEM vom 31. Juli 2020 (diverse Personen/Verfahren
betreffend)
I.
Der eingeforderte Kostenvorschuss wurde am 24. August 2020 einbezahlt.
J.
J.a Mit Eingabe vom 10. September 2020 machte J._ namens der
Beschwerdeführerin weitere Ausführungen zur sachverständigen Person
AS19 und zu LINGUA-Analysen im tibetischen Kontext im Allgemeinen.
J.b Dieser lagen folgende Beweismittel bei:
- Schreiben des SEM vom 27. August 2020
- "Werdegang und Qualifikation der sachverständigen Person" AS19 vom 2. Oktober 2012 und 12. November 2015
- Schreiben des Vizedirektors des SEM vom 27. August 2020
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde.
1.2 Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach
dem VwVG, sofern das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (Art. 37 VGG
i.V.m. Art. 50 Abs. 1 und 52 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerdeführerin hat am
Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene
Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an de-
ren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung
der Beschwerde legitimiert (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist, nachdem der Kostenvorschuss fristgerecht geleistet
wurde – unter Vorbehalt der Erwägung 3 – einzutreten.
2.
Das Bundesverwaltungsgericht hat bezüglich der Anträge in der Beschwer-
deschrift zwei Beschwerdeverfahren aufgenommen (D-3285/2020 und
D-3444/2020; vgl. Bst. F). Vorliegender Prozessgegenstand beschränkt
sich auf die Rechtsbegehren 1 bis 4 und 7 (vgl. Bst. D.a).
3.
Auf den Antrag, der Sachverhalt zur Staatsbürgerschaft und zur Identität
der Schwester der Beschwerdeführerin sei festzustellen beziehungsweise
abzuklären, ist mangels Legitimation nicht einzutreten (vgl. Art. 48 Abs. 1
VwVG; vgl. Zwischenverfügung vom 18. August 2020 [vgl. Bst. G]).
4.
Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet hinsichtlich der ZEMIS-Berich-
tigung mit uneingeschränkter Kognition. Es überprüft die angefochtene
Verfügung somit auf die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie auf
die Unangemessenheit hin (Art. 49 VwVG). Auf einen Schriftenwechsel im
Sinne von Art. 57 Abs. 1 VwVG konnte vorliegend verzichtet werden.
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Seite 9
5.
Die kantonalen Vollzugsakten und die vorinstanzlichen Akten (inkl. Voll-
zugsakten) der Beschwerdeführerin sowie die SEM-Dossiers der Schwes-
ter, M._ (N [...]), und der Mutter, L._ (N [...]), wurden beige-
zogen.
6.
6.1 Die Vorinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das
ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer-
und dem Asylbereich dient (Art. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 des Bundesgesetzes
über das Informationssystem für den Ausländer- und den Asylbereich vom
20. Juni 2003 [BGIAA, SR 142.51]) und in der Verordnung über das Zent-
rale Migrationsinformationssystem vom 12. April 2006 (SR 142.513;
ZEMIS-Verordnung) näher geregelt ist. Nach Art. 19 Abs. 1 ZEMIS-Verord-
nung richten sich die Rechte der Betroffenen, insbesondere deren Aus-
kunfts-, Berichtigungs- und Löschungsrecht sowie das Recht auf Informa-
tionen über die Beschaffung besonders schützenswerter Personendaten,
nach dem Datenschutzgesetz (DSG, SR 235.1) und dem VwVG.
6.2 Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über deren Richtigkeit zu ver-
gewissern (Art. 5 Abs. 1 DSG). Werden Personendaten von Bundesorga-
nen bearbeitet, kann jede betroffene Person insbesondere verlangen, dass
unrichtige Personendaten berichtigt werden (Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 25
Abs. 3 Bst. a DSG). Auf die Berichtigung besteht in einem solchen Fall ein
absoluter und uneingeschränkter Anspruch (vgl. die Urteile des Bundes-
verwaltungsgerichts [BVGer] A-4256/2015 vom 15. Dezember 2015 E. 3.2
und A-4313/2015 vom 14. Dezember 2015 E. 3.2, je m.w.H.; vgl. ferner Ur-
teil des Bundesgerichts [BGer] 1C_224/2014 vom 25. September 2014
E. 3.1). Die ZEMIS-Verordnung sieht im Übrigen in Art. 19 Abs. 3 ausdrück-
lich vor, dass unrichtige Daten von Amtes wegen zu berichtigen sind.
6.3 Grundsätzlich hat die das Berichtigungsbegehren stellende Person die
Richtigkeit der von ihr verlangten Änderung zu beweisen, die Bundesbe-
hörde hat im Bestreitungsfall dagegen die Richtigkeit der von ihr bearbei-
teten Personendaten zu beweisen (vgl. Urteil des BGer 1C_240/2012 vom
13. August 2012 E. 3.1; BVGE 2013/30 E. 4.1; vgl. Urteile des BVGer
A-4313/2015 vom 14. Dezember 2015 E. 3.2 und A-1732/2015 vom
13. Juli 2015 E. 4.2). Nach den massgeblichen Beweisregeln des VwVG
gilt eine Tatsache als bewiesen, wenn sie in Würdigung sämtlicher Erkennt-
nisse so wahrscheinlich ist, dass keine vernünftigen Zweifel bleiben; un-
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umstössliche Gewissheit ist dagegen nicht erforderlich. Die mit dem Be-
richtigungsbegehren konfrontierte Behörde hat zwar nach dem Untersu-
chungsgrundsatz den Sachverhalt grundsätzlich von Amtes wegen abzu-
klären (Art. 12 VwVG); die gesuchstellende Person ist aber gemäss Art. 13
Abs. 1 Bst. a VwVG verpflichtet, an dessen Feststellung mitzuwirken (vgl.
zum Ganzen Urteile des BVGer A-4256/2015 vom 15. Dezember 2015
E. 3.3, A-2291/2015 vom 17. August 2015 E. 4.3 und A-3555/2013 vom
26. März 2014 E. 3.3, je m.w.H.). Die materielle Beweislast, also die Folgen
der Beweislosigkeit, trägt aber grundsätzlich die Behörde, wenn sie wie
vorliegend im Bereich der Eingriffsverwaltung tätig ist (vgl. Urteil des
BVGer A-4035/2011 vom 19. Dezember 2011 E. 4.3). In Bezug auf auslän-
dische Identitätsdokumente ist ferner Folgendes zu beachten: Amtliche Do-
kumente ausländischer Staaten, deren Zweck es ist, die Identität ihres In-
habers nachzuweisen, gelten nicht als öffentliche Urkunden im Sinne von
Art. 9 des Zivilgesetzbuches (ZGB, SR 210), weshalb ihnen nicht ohne
Weiteres ein erhöhter Beweiswert zukommt und sie wie andere Urkunden
einer freien Beweiswürdigung zu unterziehen sind (vgl. Urteile des BVGer
A-7588/2015 vom 26. Februar 2016 E. 3.3 und A-7822/2015 vom 25. Feb-
ruar 2016 E. 3.3., je m.w.H.; vgl. Urteile des BGer 6B_394/2009 vom
27. Juli 2009 E. 1.1 und 5A.3/2007 vom 27. Februar 2007 E. 2).
6.4 Kann bei einer verlangten beziehungsweise von Amtes wegen beab-
sichtigten Berichtigung weder die Richtigkeit der bisherigen noch diejenige
der neuen Personendaten bewiesen werden, dürfen grundsätzlich weder
die einen noch die anderen Daten bearbeitet werden (vgl. Art. 5 Abs. 1
DSG). Dies ist jedoch nicht immer möglich, müssen doch bestimmte Per-
sonendaten zur Erfüllung wichtiger öffentlicher Aufgaben notwendiger-
weise bearbeitet werden. Dies gilt namentlich auch für die im ZEMIS er-
fasste Herkunft, den Namen und die Geburtsdaten. In solchen Fällen über-
wiegt das öffentliche Interesse an der Bearbeitung möglicherweise unzu-
treffender Daten das Interesse an deren Richtigkeit. Art. 25 Abs. 2 DSG
sieht deshalb die Anbringung eines Vermerks vor, in dem darauf hingewie-
sen wird, dass die Richtigkeit der bearbeiteten Personendaten bestritten
ist. Spricht dabei mehr für die Richtigkeit der neuen Daten, sind die bishe-
rigen Angaben zunächst zu berichtigen und die neuen Daten anschlies-
send mit einem derartigen Vermerk zu versehen. Ob die vormals eingetra-
genen Angaben weiterhin abrufbar bleiben sollen oder ganz zu löschen
sind, bleibt grundsätzlich der Vorinstanz überlassen. Verhält es sich umge-
kehrt, erscheint also die Richtigkeit der bisher eingetragenen Daten als
wahrscheinlicher oder zumindest nicht als unwahrscheinlicher, sind diese
zu belassen und mit einem Bestreitungsvermerk zu versehen. Über dessen
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Anbringung ist jeweils von Amtes wegen und unabhängig davon zu ent-
scheiden, ob ein entsprechender Antrag gestellt worden ist (vgl. zum Gan-
zen Urteile des BVGer A-4256/2015 vom 15. Dezember 2015 E. 3.4,
A-3555/2013 vom 26. März 2014 E. 3.4 und A-181/2013 vom 5. November
2013 E. 7.1, je m.w.H.; vgl. ferner Urteil des BGer 1C_240/2012 vom
13. August 2012 E. 3.2).
7.
Es obliegt somit grundsätzlich dem SEM zu beweisen, dass die Persona-
lien der Beschwerdeführerin gemäss aktuellem ZEMIS-Eintrag korrekt
sind. Die Beschwerdeführerin wiederum hat nachzuweisen, dass die von
ihr geltend gemachten Personalien richtig beziehungsweise zumindest
wahrscheinlicher sind als die derzeit im ZEMIS erfassten Angaben, ihnen
mithin eine höhere Glaubwürdigkeit zukommt als dem bisherigen Eintrag
(vgl. Urteil des BVGer A-3051/2018 vom 12. März 2019 E. 5.5). Gelingt kei-
ner Partei der sichere Nachweis der Personalien, sind diejenigen im ZEMIS
zu belassen oder einzutragen, deren Richtigkeit wahrscheinlicher ist.
8.
8.1 Das SEM entschuldigt sich in seiner Verfügung vorab für die Aneinan-
derreihung von unglücklichen Umständen, welche dazu geführt habe, dass
die Rechtsvertretung die Akten erst einen Tag vor Fristablauf am 13. Mai
2020 (recte: 14. Mai 2020) erhalten habe. Weiter führt es aus, die aktuell
gültigen Personalien im ZEMIS würden auf den im Visa-Informationssys-
tem (CS-VIS) hinterlegten Informationen zum sich im Besitz der Beschwer-
deführerin befindlichen und auf den Namen A._ lautenden bhutani-
schen Reisepass mit der Nummer (...), auf eine am 30. Dezember 2015
durchgeführte Handknochenanalyse sowie auf zwei Evaluationen der lan-
deskundlich-kulturellen Kenntnisse und linguistischen Analysen (LINGUA-
Berichte) vom 6. Juni 2017 beruhen. Die Beschwerdeführerin habe bereits
zu Beginn des Asylverfahrens andere respektive die neu geltend gemach-
ten Personalien (D._, geb. (...), Herkunft E._, Präfektur
H._, Autonome Region Tibet, Volksrepublik China, Staatsangehö-
rigkeit Volksrepublik China) angegeben und erklärt, dass es sich bei den
Pässen von sich und ihrer Schwester um Fälschungen gehandelt habe,
welche beim Schlepper geblieben seien. Entgegen ihrer Behauptung, das
Bundesverwaltungsgericht habe wohl aus Versehen nicht berücksichtigt,
dass es sehr unwahrscheinlich sei, dass ihre Mutter Tibeterin sei und zwei
Töchter mit einer bhutanischen Staatsangehörigkeit haben solle, habe sich
das Bundesverwaltungsgericht auf den Standpunkt gestellt, es handle sich
dabei nicht um eine übersehene Tatsache (vgl. Zwischenverfügung des
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BVGer D-3648/2016, D-3650/2016 vom 17. Juni 2016 E. 6.3). Ferner habe
am 30. Dezember 2015 eine Handknochenanalyse ein Knochenalter von
achtzehn Jahren oder älter ergeben. Das Bundesverwaltungsgericht
komme im Urteil vom 15. Februar 2019 zum Schluss, dass trotz Angabe
der stets gleichen Personalien und gewisser übereinstimmender Angaben
von ihr respektive ihrer Schwester und ihrer Mutter grosse Zweifel an der
von ihr behaupteten Identität bestünden und sie ihre Mitwirkungspflicht ver-
letzt habe. Der Untersuchungsgrundsatz der Asylbehörden hinsichtlich des
Bestehens von allfälligen Wegweisungsvollzugshindernissen finde nach
Treu und Glauben seine Grenzen an der Mitwirkungspflicht der asylsu-
chenden Person. Infolge der im entsprechenden Urteil aufgeführten un-
glaubhaften Angaben sei davon auszugehen, die Beschwerdeführerin sei
ausserhalb der Volksrepublik China hauptsozialisiert worden. Ihre Angaben
zur·Herkunft würden es nicht erlauben, vorliegend von einer bestimmten
Staatsangehörigkeit auszugehen, so dass es nicht Sache der schweizeri-
schen Asylbehörden sei, nach etwaigen Wegweisungsvollzugshindernis-
sen in hypothetischen Herkunftsländern zu forschen (vgl. Urteil des BVGer
D-7075/2018 vom 15. Februar 2019).
Als Nachweis ihrer angeblich richtigen Personalien reiche sie eine interne
E-Mail-Korrespondenz des SEM vom 25. April 2019 ein mit dem Inhalt:
"Nun handelt es sich bei den beiden Personen nicht um Bhutanesinnen
[Bhutanerinnen], sondern um Tibeterinnen". Dieser internen E-Mail der
nicht auf Herkunftsabklärungen spezialisierten Abteilung Rückkehr des
SEM komme kein höherer Beweiswert zu als den im Rahmen der Untersu-
chungspflicht des SEM während der Prüfung des Asylgesuchs mit über-
wiegender Wahrscheinlichkeit als authentisch befundenen (bhutanischen)
Pässen. In diesem Zusammenhang habe das Bundesverwaltungsgericht
überdies befunden, dass das SEM nicht zu einer Kontaktaufnahme mit den
bhutanischen Behörden verpflichtet gewesen sei, zumal nicht ersichtlich
sei, wie eine allenfalls festgestellte Unechtheit des Reisepasses die Ergeb-
nisse der LINGUA-Analyse hätte umstossen können. Ferner definiere die
Bezeichnung "Tibeterin" lediglich die Ethnie einer Person, lasse jedoch kei-
nen Schluss auf deren Nationalität zu. Die von der Beschwerdeführerin
eingereichten SEM-Vollzugsakten respektive kantonalen Vollzugsakten
vermöchten ihre behaupteten Personalien folglich nicht nachzuweisen. In
diesem Zusammenhang sei darauf hinzuweisen, dass sich die eingereich-
ten Beweismittel lediglich auf ihre Staatsangehörigkeit beziehen würden.
Ihren Namen, Vornamen, ihr Geburtsdatum sowie ihren Geburtsort betref-
fend habe sie keine Belege eingereicht, sondern vielmehr Untersuchungs-
massnahmen beantragt. Selbstverständlich bleibe es ihr unbenommen,
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Seite 13
Beweismittel einzureichen, welche die geltend gemachte Herkunft belegen
respektive die unrechtmässige Beschaffung der mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit als authentisch befundenen Pässe offenlegen würden. Erst
die Einreichung solcher Beweismittel würde die Prüfung einer Datenände-
rung im ZEMIS respektive eine Wiedererwägung erlauben.
Da weder eine Urkunde im Sinne von Art. 9 ZGB noch eine gerichtliche
Identitätsfeststellung einer Schweizerischen Gerichtsbehörde noch ein
rechtsgenügliches heimatliches Identitätsdokument vorliegen würden,
könne im vorliegenden Fall weder das SEM den Nachweis erbringen, dass
die aktuell erfassten Personalien korrekt seien, noch könne die Beschwer-
deführerin nachweisen, dass die von ihr wiederholt neu geltend gemachten
Personalien zutreffend seien. Es sei somit zu prüfen, welche Personalien
als wahrscheinlicher erscheinen würden.
Die eingereichten Beweismittel könnten nicht als Nachweis für die wahr-
scheinlich richtigen Personalien beigezogen werden. Mangels weiterer Do-
kumente, welche als (gewichtige) Indizien beigezogen werden könnten, sei
für die Beurteilung der wahrscheinlicheren Personalien auf die genannten
im Visa-Informationssystem (CS-VIS) hinterlegten Informationen, auf eine
am 30. Dezember 2015 durchgeführte Handknochenanalyse, auf zwei
Evaluationen der landeskundlich-kulturellen Kenntnisse und linguistische
Analysen (LINGUA-Berichte) vom 6. Juni 2017, auf das Aussageverhalten
der Beschwerdeführerin im Asylverfahren sowie auf das in Rechtskraft er-
wachsenen Urteil (vgl. Urteil des BVGer D-7075/2018 vom 15. Februar
2019) abzustützen. Es sei zudem nicht ersichtlich, inwiefern die eingereich-
ten Beweismittel ein DNA-Gutachten respektive eine weitere Altersabklä-
rung rechtfertigen sollten. So könnte ein DNA-Profil lediglich das geltend
gemachte Verwandtschaftsverhältnis zu L._ belegen, jedoch nichts
zur Staatsangehörigkeit der Beschwerdeführerin aussagen, sei doch nicht
auszuschliessen, dass in einer Familie unterschiedliche Staatsangehörig-
keiten vorliegen könnten. Dass L._ ihre Mutter sein solle, sei weder
vom SEM noch vom Bundesverwaltungsgericht angezweifelt und bereits
bei der Prüfung des Asylgesuchs mitberücksichtigt worden. Ohnehin seien
Wiedererwägungsgesuche so weit zu begründen, dass die Behörde über
das Gesuch entscheiden könne, ohne die gesuchstellende Person vorher
anzuhören (vgl. BVGE 2014/39). Es liege folglich ohnehin nicht am SEM,
weitere Abklärungen in diese Richtung·vorzunehmen. Die wiederholt neu
geltend gemachten Personalien würden daher nicht wahrscheinlicher er-
scheinen als die aktuell im ZEMIS erfassten Personalien, die auf einer Viel-
zahl verschiedener Abklärungen beruhen würden.
D-3285/2020
Seite 14
8.2 In der Beschwerde wird entgegnet, der Sachbearbeiter des (...) habe
nach dem Ausreisegespräch vom 8. März 2019 beim SEM um Vollzugsun-
terstützung ersucht. Das (...) habe aufgrund der vom SEM als authentisch
erachteten Pässe davon ausgehen dürfen, dass ihm das SEM unverzüg-
lich Vollzugsunterstützung gewähren würde. Nachdem keine Antwort er-
folgt sei, habe der Sachbearbeiter am 25. April 2020 (recte: 2019) beim
SEM nachgefragt. Die Dossiers seien beim SEM vorerst unauffindbar ge-
wesen, da sie in der Sektion China/Tibet abgelegt worden seien. Gemäss
E-Mail-Verkehr intern und mit dem (...) handle es sich bei der Beschwer-
deführerin und ihrer Schwester nicht um Bhutanerinnen. Mit Schreiben des
SEM vom 30. April 2019 sei schliesslich bestätigt worden, dass sie ethni-
sche Tibeterinnen seien. Eine mögliche Ausreise nach Bhutan sei nicht er-
wähnt oder in Betracht gezogen worden. Es seien trotz der "ausgezeich-
neten Beziehungen" auch keine Schritte der zuständigen Schweizer Ver-
tretung beim Aussenministerium des Königreichs Bhutan mit dem Ersu-
chen um Ausstellung von Reisedokumenten in Aussicht gestellt worden.
Stattdessen seien im Mai 2019 Nachfragen bei der italienischen Vertretung
in New Delhi und beim italienischen Aussenministerium zur Frage erfolgt,
ob irgendwelche Spuren der Visumserteilung und der Pässe auffindbar
seien. Dieses Vorgehen verwundere, zumal dasselbe Verfahren bereits
2016 stattgefunden habe und nichts zum Vollzug habe beitragen können.
Das italienische Aussenministerium habe zu beiden Nachforschungen la-
konisch geschrieben: "She is not known in Italy". Die Abteilung Vollzug des
SEM habe die angeblich ausgestellten Pässe demnach a priori als inexis-
tent erachtet und nicht einmal versucht, ihre Authentizität durch eine Nach-
frage über die diplomatischen Kanäle zu verifizieren. Bei der Feststellung
der Sachbearbeiterin des SEM, wonach "es sich bei den beiden Personen
nicht um Bhutanesinnen, sondern um Tibeterinnen" handle, handle es sich
keineswegs bloss um eine interne Korrespondenz des SEM. Es liege viel-
mehr eine klare, konsistente, schlüssige und folgerichtige Kette von amtli-
chen Schritten und Unterlassungen vor. Das SEM belege damit, dass es
die angeblich authentischen bhutanischen Pässe als Fälschung betrachte,
und bestätige damit ihre (der Beschwerdeführerin) Darlegung der Herkunft.
Unter Berücksichtigung des Bhutan Citizenship Act von 1985 mit seiner
brutalen Implementierung durch ethnische Säuberungen tendiere die
Wahrscheinlichkeit einer bhutanischen Staatsangehörigkeit ihrerseits ge-
gen Null. Ihre chinesische Staatsbürgerschaft entsprechend jener ihrer El-
tern stelle hingegen eine Gewissheit dar. Das SEM habe keinerlei Abklä-
rungen darüber getroffen, ob eine bhutanische Staatsbürgerschaft für sie
auch nur rein theoretisch möglich wäre. Es stelle sich – mit Verweis auf
D-3285/2020
Seite 15
verschiedene Berichte – die Frage, über welche Country of Origin Informa-
tionen das SEM zu Bhutan als Grundlage für seine Entscheide verfüge.
Indem das SEM diesbezügliche Abklärungen unterlassen habe, sei es sei-
ner Pflicht zur Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts sowohl im
Asylverfahren wie auch beim Vollzug in keiner Weise nachgekommen.
Falls doch Abklärungen getroffen und diese verheimlicht worden seien, sei
die Sachlage noch viel schwerwiegender.
Die Aussage des SEM, dem E-Mail-Verkehr der Abteilung Rückkehr des
SEM komme kein höherer Beweiswert zu als den "mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit als authentisch befundenen (bhutanischen) Pässen",
erstaune, zumal der Vollzug ein amtlicher Vorgang sei. Sämtliche Doku-
mente, Amtshandlungen oder Unterlassungen seien relevant und würden
die Behörde binden. Es gehe nicht an, eine andere Abteilung und eine Mit-
arbeiterin, welche immerhin als Fachspezialistin für Rückkehr der Sektion
Indien, China und Nepal firmiere, der Inkompetenz zu bezichtigen; dies vor
allem, wenn bei der auf Herkunft spezialisierten Abteilung die oben ge-
nannten Informationslücken bestehen würden. Das SEM sei auch auf an-
geblich interne Vorgänge zu behaften. Eine Behörde habe sämtliche
Schritte eines Verfahrens zu dokumentieren. Wenn der Sicht der Abteilung
Vollzug und den Verlautbarungen einer Rückkehrspezialistin angeblich
kein höherer Beweiswert zukomme als der auf Herkunftsfragen speziali-
sierten Abteilung, sei das SEM nach Art. 12 VwVG verpflichtet, diesen Wi-
derspruch auszuräumen, um den rechtserheblichen Sachverhalt festzu-
stellen. Immerhin billige das SEM den Feststellungen der Abteilung Vollzug
implizit einen gleichwertigen Beweiswert zu. Country of Origin Informatio-
nen wären bei der Klärung der Sachlage hilfreich. Beim Vollzug führe kein
Weg daran vorbei, mit den bhutanischen Behörden Kontakt aufzunehmen.
Wenn dieser Weg wie vorliegend fortgesetzt unterlassen werde, dokumen-
tiere das SEM, dass es die angebliche bhutanische Staatsangehörigkeit
als Fiktion und die nicht auffindbaren Pässe als gefälscht erachte. Dabei
komme der Sicht der Abteilung Rückkehr ein ebenso hoher Beweiswert zu
wie jener der Abteilung Asylverfahren und Praxis. Das SEM bestätige somit
ihre (der Beschwerdeführerin und ihrer Schwester) Darlegung, dass sie mit
in Nepal gefälschten Pässen und Visa in die Schweiz eingereist seien.
Sodann habe sich die LINGUA-Analyse – mit Verweis auf das bundesver-
waltungsgerichtliche Verfahren (...) – als äusserst widersprüchlich und
mangelhaft erwiesen. Namentlich im weitläufigen ländlichen Raum Tibets
würden sich Gutachterinnen zu Behauptungen versteigen, welche einer
D-3285/2020
Seite 16
Überprüfung nicht standhalten würden. Zudem seien die wissenschaftli-
chen Arbeitsbedingungen und die damit verbundenen Abhängigkeiten vom
Staat in der Volksrepublik China zweifelhaft. Ausserdem stehe die Gutach-
terin in einem finanziellen Abhängigkeitsverhältnis zum SEM. Im Übrigen
gehe die LINGUA-Analyse von Wahrscheinlichkeiten und nicht von Ge-
wissheiten aus. Aussagen über lokale Dialekte im weitläufigen, äusserst
dünn besiedelten Raum in zerklüftetem Gebirge seien mit grossem Fehler-
risiko behaftet und seien ohne Analyse vor Ort wissenschaftlich zweifelhaft.
Die LINGUA-Analyse im Verfahren (...) weise zahlreiche Fehler auf. Sie
(die Beschwerdeführerin) und ihre Schwester würden aus der Präfektur
H._ stammen, wo zentraltibetisch gesprochen werde. Zentraltibe-
tisch sei identisch mit der tibetischen Gemeinschaftssprache des Exils. Wie
die LINGUA-Analyse für die Präfektur H._ für ein spezifisches Ge-
biet den G._-Dialekt zwingend voraussetze, sei zu erklären. Immer-
hin habe die LINGUA-Analyse nicht auf die bhutanische Sprache Dongkha
geschlossen, nachdem sie (die Beschwerdeführerin) und ihre Schwester
angeblich bhutanische Staatsangehörige seien und nach Auffassung des
SEM wohl dort sozialisiert worden seien. Gemäss dem Bhutan Citizenship
Act sei die Beherrschung der Landessprache eine zwingende Vorausset-
zung der Staatsbürgerschaft.
Das SEM anerkenne, dass L._ ihre Mutter sei, und es wisse, dass
diese Staatsbürgerin der Volksrepublik China tibetischer Ethnie sei. In der
Befragung habe die Mutter Einzelheiten zu ihren Kindern angegeben und
in ihrem Asylentscheid sei als Fakt angegeben worden, dass sie illegal aus
der Volksrepublik China geflohen sei. Die Angaben der Mutter würden mit
den ihren (der Beschwerdeführerin und ihrer Schwester) übereinstimmen,
welche vier Jahre später gemacht worden seien ohne die Möglichkeit einer
Absprache. Wie sei es möglich, dass sie und ihre Schwester die bhutani-
sche Staatsbürgerschaft besitzen würden, ihre Mutter (wie auch der Vater)
und ihr Bruder jedoch die Chinesische? Wie wäre es überhaupt möglich,
dass sie bis zu ihrer Ausreise in die Schweiz Ende 2015 irgendwie die
bhutanische Staatsbürgerschaft hätten erwerben können? Mit der Aner-
kennung der Mutterschaft durch das SEM entfalle die Notwendigkeit einer
DNA-Analyse. Umso mehr dränge sich jedoch die Klärung der Staatsbür-
gerschaft zur Unterstützung des Kantons I._ beim Vollzug auf. Das
SEM sei dazu von Amtes wegen verpflichtet, wobei sein Verhalten bereits
vom Bundesgericht gerügt worden sei (vgl. Urteil des BGer 2C_541/2017
vom 19. Januar 2018 E. 4.4.6). Das SEM habe die Pflicht, die Wider-
sprüchlichkeiten zu klären, sonst liege eine schwerwiegende Verletzung
D-3285/2020
Seite 17
des Sachverhalts vor. Sie und ihre Schwester könnten das nicht und könn-
ten daher auch nicht auf Mitwirkung behaftet werden.
Zum Begehren auf Revision der Altersbestimmung habe sich das SEM
nicht geäussert, obwohl in der entsprechenden Analyse klar gegen Min-
deststandards verstossen worden sei. Der Arzt habe das biologische mit
dem chronologischen Alter verwechselt und verstehe offensichtlich die an-
gewandte Methode nicht. Diese sei mit Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts A-6821/2018 vom 4. Juli 2019 als unzulässig bezeichnet worden. Es
sei davon auszugehen, dass die von der Mutter genannten Geburtsdaten
wahrscheinlicher seien als jene der unwissenschaftlich durchgeführten
Handknochenanalyse. Zum Zeitpunkt der Einreichung ihres Gesuchs seien
sie und ihre Schwester mutmasslich Kinder gewesen, seien jedoch als Er-
wachsene behandelt worden.
Im Herbst 2019 habe die Mutter ihren Bruder, ebenfalls ein chinesischer
Staatsangehöriger, im Rahmen des Familiennachzugs zu sich holen kön-
nen. Sie (die Beschwerdeführerin) und ihre Schwester würden dagegen
seit bald fünf Jahren in unmittelbarer Nähe ihrer Familie als illegal Anwe-
sende rechtlos in einer Notunterkunft von Nothilfe leben. Die Schwester sei
schwer erkrankt, wobei sich ihr Zustand progredient verschlechtere, und
erhalte die von der (...)-Klinik empfohlene Behandlung nicht, da diese vom
Kantonalen Sozialdienst wegen des Status verweigert werde.
Der offenkundige Widerspruch innerhalb des SEM lasse sich durch eine
einfache Anfrage beim Aussenministerium des Königreichs Bhutan durch
die zuständige Schweizer Vertretung in New Delhi lösen. Sie und ihre
Schwester seien dazu im Rahmen ihrer Möglichkeiten bereit. Erweise es
sich, dass auf ihre Namen keine Pässe mit den fraglichen Nummern aus-
gestellt worden seien, sei der rechtserhebliche Sachverhalt geklärt. Von
Belang seien dann die Angaben der Mutter in deren BzP zu den Persona-
lien, zur Herkunft und zur Staatsbürgerschaft ihrer Töchter sowie die eige-
nen, unabhängig davon vorgebrachten Angaben vier Jahre danach. Ihre
Darstellungen seien deckungsgleich und somit glaubhaft. Es sei kaum
wahrscheinlich, dass sie als Töchter einer chinesischen Staatsbürgerin,
geboren in Tibet, irgendwie die Staatsbürgerschaft Nepals oder Indiens er-
worben hätten. Sie seien gerne bereit zu Gegenüberstellungen mit nepali-
schen oder indischen Vertretern, wie sie vom SEM im Januar 2020 in an-
deren Fällen vorgenommen worden seien. Auch seien sie bereit zu Schrit-
ten gemäss dem Urteil des Bundesgerichts 2C_541/2017 E. 4.4.6 oder an-
D-3285/2020
Seite 18
deren Mitteln zur Überprüfung allfälliger vom SEM behaupteter Aufent-
haltsrechte in Drittstaaten. Für abgewiesene Tibeterinnen und Tibeter sei
eine legale Ausreise aus der Schweiz objektiv unmöglich.
8.3 In der Eingabe vom 21. August 2020 teilt die Beschwerdeführerin dem
Gericht mit, ihr seien weitere Umstände bekannt geworden, welche für die
Beurteilung ihrer Beschwerden von Belang seien. In einem anderen Ver-
fahren sei dem Asylentscheid die LINGUA-Analyse beigelegt worden,
wodurch sie Kenntnis von der Identität der sachverständigen Person AS19
(Anmerkung des Gerichts: Vollständiger Name in der Eingabe erwähnt) er-
halten habe. Diese Person habe auch ihre LINGUA-Analyse erstellt bezie-
hungsweise es sei davon auszugehen, dass sie auch vorliegend tätig ge-
wesen sei. Die sachverständige Person AS19 habe beim SEM eine bemer-
kenswerte Karriere durchlaufen. Die Dokumentation zum Werdegang habe
sich zwischen 2012 und 2016 in aufschlussreicher Weise verändert. Habe
AS19 im Jahre 2012 nach 31 Jahren Forschungsarbeit noch keinen uni-
versitären Abschluss gehabt, seien im Jahre 2015 ein Doktorat in Sinologie
und Tibetologie und im Jahre 2016 ausserdem ein "laufender PhD in tibe-
tobirmanischen Sprachen" dazugekommen. Neuere Angaben zum Werde-
gang lege das SEM nicht offen. Es seien zahlreiche Tibetologie-Institute
zur Person AS19 angefragt worden, wobei sie in keinem dieser Institute
bekannt sei. Es sei auch keine Promotion mit Doktorarbeit zur Person AS19
bekannt und sie habe in 39 Jahren Forschungsarbeit in der "analyserele-
vanten Länderkonstellation" keine Zeile zu ihrem Forschungsgegenstand
publiziert.
Des Weiteren sei das SEM im Umgang mit LINGUA-Analysen nicht ver-
trauenswürdig, was von schwerwiegendem Belang sei, wenn die Analyse
nicht offengelegt werde. In einem anderen Verfahren sei die LINGUA-Ana-
lyse von Fachleuten kritisiert worden. Die Methode ergebe keine belastba-
ren Resultate über die Region der Sozialisierung.
Es stelle sich immer mehr heraus, dass die sachverständige Person AS19
seit 2012 für ihren Auftraggeber in geradezu industriellem Umfang Gutach-
ten erstelle, ohne dass diese den Beschwerdeführern je zugänglich ge-
macht worden wären. Angesichts der Tragweite dieser Gutachten sei dies
staatsrechtlich bedenklich. AS19 habe Zugang zu Gebieten, welche seit
2008 für ausländische Forscher gesperrt seien. Diese Person müsse folg-
lich ihre Beziehungen zum chinesischen Staat offenlegen. Dies sei umso
wichtiger angesichts des Staatsvertrags des SEM mit dem Ministerium für
öffentliche Sicherheit der Volksrepublik China, was eine Kollusion des SEM
D-3285/2020
Seite 19
mit der chinesischen Staatssicherheit vermuten lasse. Das SEM, der
Staatssekretär Mario Gattiker persönlich, die Fachstelle LINGUA des SEM
und die Abteilung Asyl seien verschiedentlich dazu angefragt worden, ob
es sich bei der Person AS19 um eine Betrügerin handle. Sie hätten bisher
nicht geantwortet. Es bestehe der schwerwiegende Verdacht, dass es sich
bei den LINGUA-Gutachten der sachverständigen Person A19 um Betrug
handle. Weiter stelle sich die Frage, inwieweit das SEM selber an diesem
Betrug beteiligt und inwieweit es seiner Sorgfaltspflicht nachgekommen
sei. Allein der Verdacht eines falschen Gutachtens sei ein Grund für ein
Revisionsverfahren.
8.4 Mit Eingabe vom 10. September 2020 wird gerügt, das SEM bestätige,
dass es sich bei der Unterschrift der sachverständigen Person AS19 um
ein Pseudonym und damit um eine falsche Unterschrift unter eine amtliche
Urkunde handle. Die LINGUA-Analyse sei nicht zugestellt und im Asylent-
scheid auch nicht hinreichend zitiert worden, was Fragen im Zusammen-
hang mit Art. 26, 27 und 28 VwVG aufwerfe. Insbesondere sei nicht analy-
siert worden, ob die angeblich bhutanische Staatsbürgerin die bhutanische
Landessprache Dzongka spreche, welche eine zwingende Voraussetzung
für die bhutanische Staatsbürgerschaft gemäss dem Bhutan Citizenship
Act darstelle. Zur Gutachtertätigkeit der Person AS19 seien in den Verfah-
ren (...), (...) sowie (...) umfangreiche Ausführungen gemacht worden. (...)
Professor N._, (...), betrachte die Methode zur angeblichen Bestim-
mung der Sozialisation ausserhalb Tibets als nicht zielführend, da die vom
Gutachter angeführten grammatikalischen Merkmale zu den behaupteten
Unterschieden zwischen dem Zentraltibetischen (Lhasa-Tibetischen) und
dem Exiltibetischen nicht zutreffen würden.
9.
9.1 Nach Durchsicht der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Perso-
nalien nicht wahrscheinlicher sind als diejenigen, welche im ZEMIS mit Be-
streitungsvermerk eingetragen sind. Diesbezüglich kann, um Wiederholun-
gen zu vermeiden, vorab auf die zutreffende Argumentation in der ange-
fochtenen Verfügung verwiesen werden. In Ergänzung und Präzisierung
dazu ist Folgendes festzustellen:
9.2 Zunächst ist festzuhalten, dass die erfolgte Erteilung eines Schengen-
Visums durch die italienische Botschaft in Indien ein Indiz für das Vorliegen
eines authentischen bhutanischen Passes darstellt, womit sich die An-
nahme der bhutanischen Staatsangehörigkeit auf eine effektive Grundlage
D-3285/2020
Seite 20
stützt. Dagegen hat die Beschwerdeführerin nach wie vor keinerlei Papiere
beigebracht, welche ihre behauptete chinesische Staatsangehörigkeit be-
legen würden.
9.3 Entgegen der Darstellung der Beschwerdeführerin stellt eine allfällige
Abklärung der bhutanischen Staatsangehörigkeit beim Königreich Bhutan
eine Frage des Vollzugs und nicht des Datenschutzes dar. Im vorliegenden
Verfahren geht es nicht darum zu klären, in welches Land der Wegwei-
sungsvollzug zu erfolgen hat, sondern einzig um die Frage, welche Perso-
nalien wahrscheinlicher erscheinen. Deshalb ist für die Behandlung des
Datenänderungsgesuchs nicht von Belang, dass und weshalb die Abtei-
lung Vollzug des SEM die Authentizität der Pässe bislang nicht verifizierte.
Die Argumentation in der Beschwerde, wonach eine klare, konsistente,
schlüssige und folgerichtige Kette von amtlichen Schritten und Unterlas-
sungen vorliege, womit das SEM belege, dass es die angeblich authenti-
schen bhutanischen Pässe als Fälschung betrachte und damit die Darle-
gung der Herkunft der Beschwerdeführerin belege, läuft deshalb ins Leere.
Im Übrigen hielt das SEM in seiner Verfügung zutreffend fest, der E-Mail
der Abteilung Rückkehr des SEM mit der Aussage "... es handelt sich nicht
um Bhutanerinnen, sondern Tibeterinnen" komme kein höherer Beweis-
wert zu als den während der Prüfung des Asylgesuchs mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit als authentisch befundenen (bhutanischen) Pässen.
9.4 Vorliegend kann auch deshalb auf Abklärungen zur Staatsangehörig-
keit beim Königreich Bhutan und im Rahmen von Gegenüberstellungen mit
nepalesischen oder indischen Vertretern verzichtet werden, zumal nicht er-
sichtlich ist, inwiefern selbst negative Abklärungsergebnisse belegen könn-
ten, dass die Beschwerdeführerin chinesische Staatsbürgerin wäre. Zwar
bestehen in der Tat Zweifel an der Richtigkeit der eingetragenen bhutani-
schen Staatsangehörigkeit. Entsprechend wurde im Urteil des Bundesver-
waltungsgerichts D-7075/2018 vom 15. Februar 2019 festgehalten, dass
die Angaben der Beschwerdeführerin zur Herkunft es nicht erlauben wür-
den, vorliegend von einer bestimmten Staatsangehörigkeit auszugehen
(vgl. a.a.O. S. 11). Die beantragten Abklärungen könnten einzig zur Folge
haben, dass eine unbekannte Staatsangehörigkeit wahrscheinlicher er-
schiene als die behauptete chinesische Staatsangehörigkeit, zumal die
beiden LINGUA-Analysen übereinstimmend zum Ergebnis gelangten, dass
die Beschwerdeführerin sehr wahrscheinlich nicht im Kreis G._ in
Tibet, sondern sehr wahrscheinlich in einer exiltibetischen Gemeinschaft
ausserhalb der Volksrepublik China hauptsozialisiert worden sei (vgl.
Bst. B.d und E. 9.6). Entgegen dem Vorbringen in der Beschwerde wären
D-3285/2020
Seite 21
demnach selbst bei festgestellter Unechtheit der bhutanischen Pässe kei-
neswegs die Angaben der Mutter und der Beschwerdeführerin massge-
bend.
9.5 Auch der Einwand in der Beschwerde, die Vorinstanz habe Abklärun-
gen zur Frage des Bhutan Citizenship Act und seiner Folgen unterlassen
und sei damit ihrer Pflicht zur Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts sowohl im Asylverfahren wie auch beim Vollzug in keiner Weise nach-
gekommen, ist unbehilflich, zumal durchaus Konstellationen denkbar sind,
wonach die Beschwerdeführerin bhutanische Staatsangehörige sein
könnte. In diesem Zusammenhang ist etwa auf den Asylentscheid vom (...)
2014 die Mutter betreffend zu verweisen. Das SEM erachtete die Vorbrin-
gen der Mutter zu ihrer Verfolgungssituation in China als konstruiert und
massiv widersprüchlich und äusserte Zweifel an deren Identität und Her-
kunft aus China, auch wenn letztlich von der chinesischen Staatsangehö-
rigkeit ausgegangen wurde (vgl. Akten SEM N [...] A16/7). Im Übrigen ist
nicht auszuschliessen, dass in der Familie der Beschwerdeführerin unter-
schiedliche Staatsangehörigkeiten vorliegen könnten. Vor diesem Hinter-
grund war das SEM auch nicht verpflichtet zu analysieren, ob die Be-
schwerdeführerin die bhutanische Landessprache Dzongka spricht.
9.6 Sodann gelangten unabhängig voneinander zwei LINGUA-Experten
zum Ergebnis, die Beschwerdeführerin sei sehr wahrscheinlich nicht im
Kreis G._ in Tibet, sondern sehr wahrscheinlich in einer exiltibeti-
schen Gemeinschaft ausserhalb der Volksrepublik China hauptsozialisiert
worden. Die Einwände auf Beschwerdeebene, Aussagen über lokale Dia-
lekte seien mit grossem Fehlerrisiko behaftet, die LINGUA-Analyse weise
zahlreiche Fehler auf und (...) erachte die Methode zur angeblichen Be-
stimmung der Sozialisation ausserhalb Tibets als nicht zielführend, sind
daher ungeeignet, die Einschätzung der beiden Experten umzustossen. Im
Übrigen ist im vorliegenden Verfahren nicht auf Eingaben in anderen Be-
schwerdeverfahren einzugehen. Dem damaligen Rechtsvertreter der Be-
schwerdeführerin wurde mit Schreiben des SEM vom 11. Juli 2018 (Recht-
liches Gehör zu den LINGUA-Gutachten, vgl. Akten SEM A58/5) der Wer-
degang und die Qualifikation der beteiligten sachverständigen Personen
AS19 und AS20 mitgeteilt. Die Namen des Experten und die Expertise wer-
den gemäss ständiger Rechtsprechung grundsätzlich nicht veröffentlicht,
weshalb es sich bei LINGUA-Analysen praxisgemäss nicht um Sachver-
ständigengutachten im Sinne von Art. 12 Bst. e VwVG, sondern um eine
schriftliche Auskunft einer Drittperson im Sinne von Art. 12 Bst. c VwVG
D-3285/2020
Seite 22
handelt. Das Bundesverwaltungsgericht spricht den entsprechenden LIN-
GUA-Analysen jedoch regelmässig einen erhöhten Beweiswert zu, sofern
bestimmte Anforderungen an die fachliche Qualifikation, Objektivität und
Neutralität des Experten sowie die inhaltliche Schlüssigkeit und Nachvoll-
ziehbarkeit erfüllt sind, denen eine solche Prüfung zu entsprechen hat (vgl.
BVGE 2014/12 E. 4.2). Das SEM stellt an die LINGUA-Experten hohe An-
forderungen in fachlicher und persönlicher Hinsicht. Auch dürfen die Ex-
perten in keinem Abhängigkeitsverhältnis zu den Behörden des jeweiligen
Landes stehen und die vom Experten verfassten Expertisen müssen einem
von LINGUA erarbeiteten Standard entsprechen (vgl. SEM, LINGUA-Fach-
stelle für Herkunftsabklärungen in der Schweiz, https://www.sem.ad-
min.ch/sem/de/home/publiservice/service/sprachanalysen/lingua.html).
Dass das SEM den Werdegang und die persönlichen Voraussetzungen der
sachverständigen Person AS19 ordnungsgemäss geprüft hat, ist dem ein-
gereichten Schreiben des Vizedirektors des SEM vom 27. August 2020 zu
entnehmen. Auch in den übrigen Akten sind keinerlei Hinweise enthalten,
welche auf Unregelmässigkeiten im Zusammenhang mit der LINGUA-Tä-
tigkeit der sachverständigen Person AS19 hinweisen würden. So ist nicht
ersichtlich, woraus die Beschwerdeführerin ableiten will, die sachverstän-
dige Person AS19 habe im Jahr 2012 keinen universitären Abschluss ge-
habt, geht doch das Gegenteil aus der eingereichten Dokumentation zum
Werdegang hervor ("4. Höhere Schulen und weiterführende Ausbildung:
Universität"). Auch verkennt die Beschwerdeführerin offensichtlich, dass
nur in Bezug auf die sachverständige Person AS20 (und nicht AS19) ein
"laufendes PhD in Linguistik" aufgeführt ist. Aus dem Umstand, dass die
sachverständige Person AS19 mit einem Pseudonym unterschreibt, lässt
sich keine Unrechtmässigkeit ableiten. Es handelt sich, wie dem Schreiben
des Vizedirektors des SEM vom 27. August 2020 zu entnehmen ist, bei
diesem Vorgehen um einen adäquaten und notwendigen Mechanismus,
um die Sicherheit, Unabhängigkeit und Forschungsarbeit der sachverstän-
digen Person zu gewährleisten. Ihre wahre Identität ist dem SEM bekannt
und seitens der Asylsuchenden besteht kein Einsichtsrecht in die LINGUA-
Analysen. Es besteht daher Klarheit über die Urheberschaft der Analyse
(vgl. MARKUS BOOG, in: Niggli/Wiprächtiger [Hrsg.], Basler Kommentar,
Strafrecht II [BSK StGB], 4. Auflage 2019, Art. 251 N 11). Sodann wurde
das rechtliche Gehör am 11. Juli 2018 korrekt gewährt und damit auch dem
Akteneinsichtsrecht der Beschwerdeführerin Genüge getan. Das SEM war
nicht verpflichtet, die LINGUA-Analyse auch im Asylentscheid ausführlich
wiederzugeben. Auf das pauschale Vorbringen, die Abteilung Asyl des
SEM sei im Umgang mit LINGUA-Analysen nicht vertrauenswürdig, ist
nicht weiter einzugehen.
https://www.sem.admin.ch/sem/de/home/publiservice/service/sprachanalysen/lingua.html https://www.sem.admin.ch/sem/de/home/publiservice/service/sprachanalysen/lingua.html
D-3285/2020
Seite 23
9.7 Das Bundesverwaltungsgericht hielt in seinem Urteil D-2597/2016 vom
9. Mai 2016 fest, dass die bei der Beschwerdeführerin durchgeführte
Handknochenanalyse nicht als Beweismittel für ihre Volljährigkeit gelten
könne, jedoch im Rahmen einer Gesamtwürdigung aller Umstände kaum
gewichtige Hinweise auf eine Minderjährigkeit bestünden (vgl. a.a.O.
S. 5 f.). Demnach ist vorliegend nicht entscheidend, ob die Handkno-
chenanalyse korrekt durchgeführt wurde, und es erübrigt sich, weiter auf
die diesbezüglich in der Beschwerde geltend gemachten Mängel einzuge-
hen. Dennoch ist an dieser Stelle festzuhalten, dass Dr. med. B._
in seinem Bericht vom 30. Dezember 2015 festhält, dass es sich um eine
biologische Schätzung der Skelettreifung handle. Im Übrigen lässt sich
auch durch eine medizinische Altersabklärung kein exaktes Geburtsdatum
bestimmen. Vor diesem Hintergrund erscheint die Durchführung einer er-
neuten Altersabklärung nicht angezeigt. Überdies ist nicht ersichtlich, in-
wiefern der Beschwerdeführerin aus der Altersfestlegung erhebliche Nach-
teile entstanden sein könnten. Bei der identischen Altersangabe der Mutter
handelt es sich mit Verweis auf das genannte Urteil nicht um ein relevantes
Indiz, zumal die Wiederholung von Falschangaben durch mehrere Perso-
nen keinen Wahrheitsbeweis zu erbringen vermag.
9.8 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass das SEM den rechtserheb-
lichen Sachverhalt korrekt und vollständig festgestellt hat. Das Rechtsbe-
gehren, der Sachverhalt zur Staatsbürgerschaft und Identität der Be-
schwerdeführerin sei nach Art. 12 VwVG festzustellen, ist demnach abzu-
weisen. Es ist sodann nicht ersichtlich, inwiefern eine Befragung der Mutter
als Zeugin oder eine Parteibefragung zu einer erhöhen Wahrscheinlichkeit
der von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Personalien beitragen
könnten. Die entsprechende Beweisofferte ist in antizipierter Beweiswürdi-
gung abzuweisen. Ebenfalls abzuweisen ist der Antrag um Einholung eines
medizinischen Altersgutachtens. Weder das SEM noch die Beschwerde-
führerin konnten einen sicheren Nachweis der jeweils behaupteten Perso-
nalien erbringen. In Gesamtwürdigung aller Umstände erscheinen die von
der Beschwerdeführerin geltend gemachten Personalien nicht als wahr-
scheinlicher als diejenigen, welche im ZEMIS eingetragen sind. Somit sind
die im ZEMIS eingetragenen Personalien und der Bestreitungsvermerk un-
verändert zu belassen.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 49
VwVG). Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit auf diese einzutreten ist.
D-3285/2020
Seite 24
11.
Die Beschwerdeführerin wird darauf aufmerksam gemacht, dass die Ein-
gabe vom 21. August 2020 nicht als Revisionsgesuch entgegengenommen
wird, zumal sie sich letztlich nur in appellatorischer Kritik erschöpft.
12.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwerdefüh-
rerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 500.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Der in gleicher Höhe geleistete Kostenvorschuss ist zur
Deckung der Kosten zu verwenden.
13.
Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts auf dem Gebiet des Daten-
schutzes sind gemäss Art. 35 Abs. 2 der Verordnung vom 14. Juni 1993
zum Bundesgesetz über den Datenschutz (VDSG, SR 235.11) dem Eidge-
nössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB) bekannt
zu geben.
(Dispositiv nächste Seite)
D-3285/2020
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