Decision ID: b47c1c72-cc1e-53ea-beee-93bab54fe699
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden verliessen Syrien eigenen Angaben zufolge im
(...) 2012 (Beschwerdeführer) sowie (...) 2013 (Beschwerdeführerin) und
gelangten am 1. Oktober 2015 zusammen mit ihrem Sohn C._ in
die Schweiz, wo sie gleichentags um Asyl nachsuchten. Am 7. Oktober
2015 wurden sie summarisch zu ihrer Person befragt (BzP; Protokolle in
den SEM-Akten A4/15 und A6/12) und am 17. August 2017 nach Beendi-
gung des Dublin-Verfahrens zu ihren Asylgründen angehört (Anhörung;
Protokolle in den SEM-Akten A21/21 und A22/12). Am (...) wurde die Toch-
ter D._ in der Schweiz geboren.
B.
B.a Der Beschwerdeführer gab im Rahmen seiner Befragungen an, er sei
syrischer Staatsangehöriger und eingebürgerter Ajnabi aus dem Dorf
E._ mit letztem Wohnsitz in F._ in der Provinz Q._.
Er habe nur während eines Jahres die Schule besuchen können, sei dann
(...) geworden und habe zuletzt als (...) gearbeitet. 2011 habe er sich ein-
bürgern lassen können und in diesem Rahmen sei ihm auch ein Militär-
büchlein ausgestellt worden.
B.b Zu seinen Asylgründen gab er im Wesentlichen an, er und sein Bruder
G._ hätten in Syrien an regimekritischen Demonstrationen in
F._ teilgenommen, er selbst letztmals im (...) 2012 im Quartier
H._. Die Behörden hätten Verdacht geschöpft und G._ sei
verhaftet worden. Nach seiner Freilassung sei G._ geflohen, und
die Familie habe eine Weile nicht gewusst, wo er sich aufhalte, respektive
hätten seine Mutter und sein ältester Bruder dem Beschwerdeführer auch
nicht alles erzählt. Die syrischen Behörden hätten G._ aber erneut
gesucht und seien mehrmals nach Hause gekommen. Bei der zweiten
Hausdurchsuchung sei er mitgenommen und zwei Nächte lang im Gefäng-
nis (...) festgehalten worden. Sie hätten von ihm wissen wollen, wer die
Demonstrationen organisiere, zu welcher Partei sie gehörten, weshalb er
und sein Bruder daran teilnähmen und wo sein Bruder sei. Auch hätten sie
ihn nach dem Aufenthaltsort von vier Jungen gefragt, er habe nur einen
unter ihnen gekannt. Er sei während der Haft misshandelt worden. Am Mor-
gen des dritten Tages hätten sie ihn dann bedingungslos freigelassen, ihm
aber verboten, an Demonstrationen teilzunehmen. Nach der Haftentlas-
sung habe er aus Angst vor einer erneuten Verhaftung nur noch selten zu-
hause übernachtet.
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Anfang (...) 2012 habe seine Mutter ihn telefonisch darüber informiert, dass
er zum Militärdienst einberufen worden sei. Daraufhin habe er sich zur
Flucht entschieden, weil er nicht habe in den Kampf ziehen wollen und
auch Angst vor einer Verhaftung gehabt habe.
Schliesslich gab der Beschwerdeführer als weitere Ausreisegründe die
Furcht vor einer Rekrutierung durch die YPG (Yekîneyên Parastina Gel;
Volksverteidigungseinheiten), den Bürgerkrieg und die allgemein schlechte
Sicherheitssituation an. Nach seiner Ausreise habe er mehrere Jahre lang
im Flüchtlingslager (...) bei I._ im Nordirak gelebt. Im (...) 2014
habe er dort seine Ehefrau geheiratet.
B.c Die Beschwerdeführerin führte aus, sie sei syrische Staatsangehörige
kurdischer Ethnie aus J._ in der Provinz Q._. 2010 sei sie
mit ihrer Familie nach K._ gegangen. 2011 seien sie wegen der
schlechten Sicherheitslage und des Bürgerkrieges nach J._ zurück-
gekehrt. Dort habe sie in den ersten Monaten (...) zwei- oder dreimal an
regimekritischen Demonstrationen teilgenommen. Am (...) Juni 2013 habe
die YPG den (...) ihres Vaters getötet. Im gleichen Jahr sei sie aus Furcht
vor einer Rekrutierung durch die YPG in den Irak gegangen, wo sie die
folgenden Jahre im Flüchtlingslager (...) gelebt und ihren Ehemann gehei-
ratet habe.
B.d Die Beschwerdeführenden reichten nebst Dokumenten zum Nachweis
ihrer Identität verschiedene Beweismittel (Arztberichte zum Gesundheits-
zustand ihres Sohnes C._, drei Fotos des beschädigten Hauses der
Familie des Beschwerdeführers in E._ in Syrien und zwei Fotos des
verstobenen Cousins des Vaters der Beschwerdeführerin) ein. Sie gaben
auch an, während ihrer Reise nach Europa, nach der Einreise in
L._, seien ihnen weitere Dokumente – eine Trauungsbestätigung,
das Militärbüchlein des Beschwerdeführers sowie das militärische Aufge-
bot und die Geburtsurkunde des Sohnes – abhandengekommen.
C.
Mit am 8. November 2017 eröffneter Verfügung vom 7. November 2017
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingsei-
genschaft nicht, lehnte ihre Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung
aus der Schweiz an. Den Vollzug der Wegweisung schob es zufolge Unzu-
mutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
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Seite 4
D.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 7. Dezember 2017 gelangten die Beschwer-
deführenden an das Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragen unter Auf-
hebung dieser Verfügung die Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft und
die Gewährung von Asyl, eventualiter seien sie als Flüchtlinge vorläufig
aufzunehmen. Als Beilagen reichten sie eine Kopie der angefochtenen Ver-
fügung und Auskünfte der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom
23. März 2017 und 28. März 2015 zu den Akten.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 10. Januar 2018 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung – vorbe-
hältlich des Nachreichens einer Fürsorgebestätigung und einer Verbesse-
rung in den finanziellen Verhältnissen der Beschwerdeführenden – gut. Am
16. Januar 2018 liessen die Beschwerdeführenden eine Unterstützungs-
bestätigung gleichen Datums einreichen.
F.
F.a Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 23. Ja-
nuar 2018 mit ergänzenden Bemerkungen die Abweisung der Be-
schwerde.
F.b In der Replik vom 12. Februar 2018 hielten die Beschwerdeführenden
an den gestellten Rechtsbegehren fest.
G.
G.a Mit Eingabe vom 17. Mai 2019 ersuchte der von den Beschwerdefüh-
renden neu mandatierte Rechtsvertreter um Einsicht in sämtliche Akten
des Bundesverwaltungsgerichts und des SEM. Eventualiter ersuchte er da-
rum, die Akten dem SEM zur direkten Gewährung der Einsicht zukommen
zu lassen.
G.b Mit Zwischenverfügung vom 28. Mai 2019 hiess die Instruktionsrichte-
rin das Gesuch um Einsicht in die Beschwerdeakten gut und verwies den
Rechtsvertreter für die Einsichtnahme in die vorinstanzlichen Akten an das
SEM.
G.c Mit Eingabe vom 20. Juni 2019 liessen die Beschwerdeführenden zu-
sätzliche Entgegnungen zu den Erwägungen in der angefochtenen Verfü-
gung anbringen und in formeller Hinsicht eine Verletzung des Willkürver-
bots, ihres Anspruchs auf rechtliches Gehör und der Abklärungspflicht rü-
gen.
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H.
Mit Eingabe vom 28. Oktober 2019 reichte der Rechtsvertreter einen Kar-
tenausdruck zur Invasion der türkischen Truppen in Nordsyrien ein und
hielt fest, die neusten Entwicklungen seien zwingend zu berücksichtigen.
I.
Mit Eingabe vom 12. November 2019 reichten die Beschwerdeführenden
Fotos des Beschwerdeführers bei Demonstrationen vom (...) 2019 in
M._ ein und führten aus, er habe an zahlreichen weiteren Demonst-
rationen in N._ und M._ teilgenommen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
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und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Die Beschwerdeführenden wurden zufolge Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufgenommen. Das vorliegende
Beschwerdeverfahren beschränkt sich folglich auf die Frage der Flücht-
lingseigenschaft und des Asyls sowie der Wegweisung aus der Schweiz.
4.
4.1 Die Beschwerdeführenden rügen in formeller Hinsicht, das SEM habe
den Anspruch auf Akteneinsicht und auf rechtliches Gehör schwerwiegend
verletzt. Zudem habe es die Abklärungspflicht schwerwiegend sowie Art. 9
BV verletzt. Diese Rügen sind vorab zu beurteilen, zumal sie allenfalls ge-
eignet sind, die Kassation der angefochtenen Verfügung zu bewirken.
4.2
4.2.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Dieses umfasst insbesondere das Recht des Betroffenen, sich vor
Erlass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern, erhebliche Be-
weise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Be-
weisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Be-
weise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu
äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der An-
spruch auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Be-
fugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren
ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286
E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.H.).
4.2.2 Aus dem Akteinsichtsrecht als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs
folgt, dass grundsätzlich sämtliche beweiserheblichen Akten den Beteilig-
ten offen zu legen sind, sofern in der sie unmittelbar betreffenden Verfü-
gung darauf abgestellt wird (BGE 132 V 387 E. 3.1 f.). Die Wahrnehmung
des Akteneinsichts- und Beweisführungsrechts durch die von einer Verfü-
gung betroffenen Person setzt die Einhaltung der Aktenführungspflicht der
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Verwaltung voraus, gemäss welcher die Behörden alles in den Akten fest-
zuhalten haben, was zur Sache gehört und für den Entscheid wesentlich
sein kann (BGE 130 II 473 E. 4.1 m.w.H.).
4.2.3 Die Begründungspflicht, welche ebenfalls auf dem Anspruch auf
rechtliches Gehör fusst, gebietet, dass die betroffene Person den Ent-
scheid gestützt auf die Begründung sachgerecht anfechten kann und sich
sowohl die betroffene Person als auch die Rechtsmittelinstanz über die
Tragweite des Entscheides ein Bild machen können (vgl. KNEUBÜHLER, in:
Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
VwVG, 2008, Rz. 6 ff. zu Art. 35 VwVG; BVGE 2007/30 E. 5.6). Dabei kann
sich die verfügende Behörde auf die wesentlichen Gesichtspunkte be-
schränken, sie hat aber zumindest die Überlegungen kurz anzuführen, von
denen sie sich leiten liess und auf welche sie ihren Entscheid stützt (BVGE
2008/47 E. 3.2).
4.2.4 Des Weiteren gilt im Asylverfahren – wie in anderen Verwaltungsver-
fahren auch – der Untersuchungsgrundsatz (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12
VwVG). Danach muss die entscheidende Behörde den Sachverhalt von
sich aus abklären. Sie ist verantwortlich für die Beschaffung der für den
Entscheid notwendigen Unterlagen und das Abklären sämtlicher rechtsre-
levanter Tatsachen (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und
Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 142; KRAUS-
KOPF/EMMENEGGER/BABEY, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxis-
kommentar Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, Rz. 20 ff. zu
Art. 12 VwVG).
4.3 Es ergibt sich zwar aus den Protokollen, dass kleinere Verständnis-
schwierigkeiten möglich sind. So wird beispielsweise unter der Ziffer 2.05
der BzP (A4) nicht ganz klar, welches die Ergänzungsfrage war oder wel-
che Frage wiederholt worden ist, an der Anhörung mussten Fragen teil-
weise wiederholt werden, z.B. A21 F67ff.). Formelle Fehler sind aber nicht
ersichtlich. Der Beschwerdeführer antwortete zudem auf entsprechende
Frage, dass er den Dolmetscher gut verstehe. Er bestätigte auch unter-
schriftlich, dass das Protokoll seinen Aussagen entspreche und in eine ihm
verständliche Sprache rückübersetzt worden sei.
4.4 Die Behauptung in der Eingabe vom 20. Juni 2019, das SEM habe die
Vorbringen des Beschwerdeführers zur Militärdienstpflicht als unglaubhaft
qualifiziert, weil er keine Beweismittel (Militärdienstbüchlein und militäri-
sche Vorladung) dazu eingereicht habe, erweist sich als aktenwidrig. Das
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SEM hat in Absatz 1 auf Seite 4 der angefochtenen Verfügung ausgeführt,
es müsse angenommen werden, dass der Beschwerdeführer nicht derart
sorglos mit solchen Beweismitteln umgegangen wäre, zumal ihm die Be-
deutung dieser Unterlagen für ein zukünftiges Asylverfahren in Europa be-
wusst gewesen sei. Deshalb seien bereits erste Zweifel an der Glaubhaf-
tigkeit dieses Vorbringens angebracht. Damit wird nicht behauptet, die Aus-
sagen seien deshalb unglaubhaft, weil sie nicht mit Beweismitteln belegt
seien. Die Rüge der Verletzung des Willkürverbots ist somit unbegründet.
4.5 Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung beim Sachverhalt (I) in
Ziff. 5 festgehalten, dass es im Rahmen der Entscheidfindung die Akten
des Bruders G._ (N [...], recte: N [...]) und des Neffen O._
(N [...]) des Beschwerdeführers konsultiert habe. Die Behauptung, es sei
nicht erwähnt worden, welche Akten welcher Verwandten beigezogen wor-
den seien, ist unbegründet. Des Weiteren hat es dem Beschwerdeführer
bei der Anhörung in rechtsgenüglicher und, entgegen der Behauptung in
der Eingabe vom 20. Juni 2019, wonach ein Vorhalt lediglich bei der Frage
142 erfolgt sei, in vollständiger Weise das rechtliche Gehör zu den Aussa-
gen seines Bruders G._ gewährt (vgl. A21/16 f. F138 ff.). Anders als
bei den zitierten Urteilen des Bundesverwaltungsgerichts D-2068/2019 und
D-2073/2019 ergibt sich auch, dass aufgrund der zitierten Stellen im Anhö-
rungsprotokoll des Bruders G._ eine Kontrolle, ob das entspre-
chende Dossier konsultiert wurde, sehr wohl möglich ist. Die Rüge der Ver-
letzung des rechtlichen Gehörs erweist sich ebenfalls als unbegründet.
4.6 Der Umstand, dass das SEM die Anhörung der Beschwerdeführenden
erst rund zwei Jahre nach der Einreichung der Asylgesuche durchgeführt
hat, ist auf die hohe Geschäftslast der Vorinstanz zurückzuführen und stellt
für sich alleine keine Verletzung der Abklärungspflicht dar. Es ist nicht er-
sichtlich, und wird in der Beschwerde auch nicht begründet, weshalb die
Vorinstanz nach den Anhörungen zusätzliche Abklärungen hätte tätigen
müssen. Inwiefern sich der zeitliche Abstand zwischen der Einreichung der
Asylgesuche und den Anhörungen zu Ungunsten der Beschwerdeführen-
den ausgewirkt haben könnte, wird in der Beschwerde ebenfalls nicht wei-
ter ausgeführt. In der Beschwerde wird auch nicht aufgezeigt oder begrün-
det, inwiefern der Sachverhalt unrichtig respektive unvollständig festge-
stellt worden sein könnte. Ein Verstoss gegen die Grundsätze von Treu und
Glauben, eines fairen Verfahrens und das Willkürverbot ist auch nicht in
der Argumentation der Vorinstanz zu erblicken, die Ausführungen der Be-
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schwerdeführenden seien vage, tatsachenwidrig und teilweise wider-
sprüchlich. Ob diese Argumentation zutrifft, wird Gegenstand der nachfol-
genden materiellen Prüfung der geltend gemachten Asylgründe sein.
4.7 Zusammenfassend erweisen sich die formellen Rügen als unbegrün-
det. Der Antrag, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die
Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, ist abzuwei-
sen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Glaubhaftmachung bedeutet im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ein reduziertes Beweismass und lässt durch-
aus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen. Eine Be-
hauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer
Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, ob-
wohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Demgegenüber reicht es für die
Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich
ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwie-
gende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung spre-
chen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die Gründe,
die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen
oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (BVGE
2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in we-
sentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind,
den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder
verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3 AsylG).
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Seite 10
6.
6.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung des ablehnenden Asylentschei-
des aus, die Vorbringen genügten den Anforderungen an die Glaubhaf-
tigkeit und an die Flüchtlingseigenschaft nicht. Insbesondere habe der Be-
schwerdeführer weder ein Militärdienstbüchlein noch eine militärische Vor-
ladung eingereicht. Seine Erklärung, er habe die Tasche mit den Dokumen-
ten auf der Reise in L._ einem Schlepper übergeben und ihn da-
nach aus den Augen verloren, sei nicht plausibel. Seine Aussagen zum Er-
halt des Militärdienstbüchleins stimmten auch nicht mit denjenigen seines
Bruders G._ überein. Insbesondere habe dieser erklärt, weitere
Schritte (...) für die Ausstellung des Dienstbüchleins durchlaufen zu haben.
Zudem habe er im Unterschied zum Beschwerdeführer ausgesagt, das
Dienstbüchlein noch am gleichen Tag erhalten zu haben. Im Übrigen sei
nicht nachvollziehbar, dass ihm ohne Prüfung seiner Diensttauglichkeit ein
Dienstbüchlein ausgestellt worden sei. Des Weiteren habe er nur vage An-
gaben zum Inhalt des militärischen Aufgebots respektive der Vorladung
machen können. Seine Erklärungen, er könne nicht Arabisch lesen, seine
Frau und Kollegen hätten ihm das Aufgebot vorgelesen, wenn er sich nicht
irre, hätte er sich nach einem Monat in P._ respektive Q._
melden müssen, überzeugten nicht. Es wären präzisere Angaben zu er-
warten gewesen. Zudem sei auch nicht nachvollziehbar, dass seine Frau
und Kollegen ihn über den genauen Inhalt informiert haben sollten, zumal
er seine Frau erst im Irak kennengelernt und seine Familie in Syrien ihn
über den Erhalt der Vorladung informiert habe. Die Einberufung zum Mili-
tärdienst erscheine auch deshalb wenig wahrscheinlich, weil die Stadt
F._ kurz nach Ausbruch der Unruhen weitgehend in den Machtbe-
reich der PYD (Partei der Demokratischen Union) und YPG gelangt sei.
Des Weiteren könne dem Beschwerdeführer auch nicht geglaubt werden,
dass die syrischen Behörden ihn wegen des Verdachts der Teilnahme an
Demonstrationen inhaftiert und gefoltert hätten. Seine Aussagen zum Zeit-
punkt und zur Dauer der Inhaftierung seien widersprüchlich. Bei der BzP
habe er die Dauer mit zwei Tagen und bei der Anhörung mit drei Tagen
angegeben. Als Zeitpunkt habe er bei der BzP ohne nähere Angaben An-
fang 2012 und bei der Anhörung (...) 2012 erwähnt. Dazu habe er sinnge-
mäss erklärt, es handle sich nicht um einen Widerspruch, weil mit Anfang
2012 auch (...) 2012 gemeint sein könne. Auch seine Aussagen zum zeit-
lichen Abstand zwischen der ersten und zweiten Hausdurchsuchung seien
unstimmig. Bei der BzP habe er ihn auf sechs oder sieben Tage und bei
der Anhörung auf fünfzehn Tage beziffert. Zudem habe er bei der BzP aus-
gesagt, sein Bruder G._ habe Demonstrationen organisiert und sei
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Mitglied der (...) Partei in Syrien. Bei der Anhörung hingegen habe er aus-
gesagt, G._ habe lediglich als Teilnehmer an Demonstrationen mit-
gewirkt. Seine Erklärung auf Vorhalt hin, er habe bei der BzP lediglich sa-
gen wollen, dass sein Bruder aktiver als er gewesen sei, überzeuge nicht.
Zudem habe G._ bei seiner Anhörung nicht erwähnt, dass der Be-
schwerdeführer nach seiner Haftentlassung inhaftiert worden sei, obwohl
er ausführlich zu den Problemen seiner Familienangehörigen befragt wor-
den sei. Die Erklärung des Beschwerdeführers, er habe damals in Syrien
keinen Kontakt zu seinem Bruder gehabt, überzeuge nicht, G._
habe bei der Anhörung erklärt, in Kontakt mit der Familie zu stehen. Über-
dies habe G._ ausgesagt, nach seiner Haftentlassung noch eine
Weile in Syrien gelebt zu haben und erst aufgrund der späteren Haus-
durchsuchung ausser Landes geflüchtet sei. Das Vorbringen des Be-
schwerdeführers, seine Familie habe ihm nicht alles über seinen Bruder
gesagt, erkläre nicht, weshalb G._ nicht von seiner angeblichen
Verhaftung bei der Hausdurchsuchung erfahren haben sollte.
Aus den Demonstrationsteilnahmen der Beschwerdeführenden ergäben
sich keine Hinweise darauf, dass sie deswegen konkret etwas zu befürch-
ten gehabt hätten. Sie hätten selber erklärt, nie politisch aktiv gewesen zu
sein und auch wegen ihren Demonstrationsteilnahmen keine Probleme ge-
habt zu haben. Die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Inhaftierung
wegen des Verdachts der Teilnahme an Demonstrationen sei unglaubhaft.
Er habe deswegen weder vor noch nach der als nicht glaubhaft erachteten
Verhaftung Probleme mit den syrischen Behörden gehabt. Die Beschwer-
deführenden seien vor ihrer Ausreise nicht als Regimekritiker identifiziert
worden.
Eine mögliche Rekrutierung durch die YPG sei sodann nicht asylrelevant.
Die Pflicht zum «Defense Service» knüpfe nicht an eine der in Art. 3 AsylG
erwähnten Eigenschaften an, weshalb offenbleiben könne, ob die nicht nä-
her umschriebenen «disziplinarischen Massnahmen» bei Verweigerung
der Dienstpflicht intensiv genug wären, um asylrelevante Eingriffe darzu-
stellen. Es möge zutreffen, dass für Kurden ein sozialer Druck bestehe, die
kurdische Volksmiliz zu unterstützen. Es sei indessen davon auszugehen,
dass die YPG über genügend freiwillige Personen verfüge und nicht auf
eine Zwangsrekrutierung angewiesen sei. Aufgrund der Aussagen der Be-
schwerdeführenden sei aber jedenfalls nicht davon auszugehen, dass die
YPG sie zum Zeitpunkt ihrer Ausreise habe zwangsrekrutieren wollen.
Schliesslich seien die von den Beschwerdeführenden geltend gemachten
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Nachteile (Zerstörung des Hauses der Familie des Beschwerdeführers, Tö-
tung des [...] des Vaters der Beschwerdeführerin durch die YPG und mili-
tärische Aufgebote ihrer [...] Brüder) auf die Bürgerkriegssituation in Syrien
zurückzuführen. Es bestünden keine Hinweise darauf, die Beschwerdefüh-
renden könnten als Familienangehörige respektive Verwandte aufgrund
der geschilderten Ereignisse in Zukunft asylrelevanten Nachteilen ausge-
setzt sein.
6.2 Auf Beschwerdeebene wird in materieller Hinsicht ausgeführt, die Vor-
bringen der Beschwerdeführenden seien sehr wohl glaubhaft und flücht-
lingsrechtlich relevant, wobei vorab gestützt auf Quellen und entlang der
diesbezüglichen bundesverwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung auf die
vom SEM als unglaubhaft erachtete Refraktion Bezug genommen wird.
Das SEM verweist in der Vernehmlassung auf die fehlende Aushebung des
Beschwerdeführers, weshalb es sich erübrige zu prüfen, ob dem Be-
schwerdeführer aufgrund von Wehrdienstverweigerung eine Strafe drohe.
Subjektive Nachfluchtgründe lägen keine vor, weil er aufgrund seines Jahr-
gangs und der Tatsache, dass er seine Aushebung zum Militärdienst nicht
habe glaubhaft machen können, nicht zur Personengruppe zähle, die bei
einer illegalen Ausreise gegen behördliche Ausreisebestimmungen
verstosse. Es sei deshalb unwahrscheinlich, dass ihm eine regierungs-
feindliche Haltung unterstellt werde. Des Weiteren liessen sich den Akten
keine Hinweise auf eine exilpolitische Betätigung in der Schweiz entneh-
men, die über seine blossen Erklärungen hinausgehen würden, er sei in
der Schweiz «sehr aktiv» und er «trete mutig auf». In der Replik wird ent-
gegnet, eine Aushebung könne aufgrund der Situation wehrdienstpflichti-
ger Männer in Syrien zu keinem Zeitpunkt ausgeschlossen werden, zumal
angesichts der vorherrschenden Willkür. Die Vorinstanz habe das Prinzip
der Rechtsgleichheit verletzt und eine regierungsfeindliche Haltung nicht
ganz ausschliessen können. Die beschlossenen Massnahmen würden für
alle dienstpflichtigen Männer in Syrien gelten und früher oder später um-
gesetzt. Er sei politisch aktiv in der Schweiz und bei den meisten politi-
schen Veranstaltungen dabei. Viele Spitzel des syrischen Regimes würden
jede politische Veranstaltung beobachten, weshalb nicht ausgeschlossen
werden könne, dass er ihnen aufgefallen sei und sie ihn identifiziert hätten.
7.
7.1 Es ist als erstes festzustellen, welcher Sachverhalt der späteren recht-
lichen Würdigung zu Grunde zu legen ist. Dazu ist zu prüfen, ob das SEM
den Schilderungen des Beschwerdeführers zu seinen Asylgründen zu
Recht in wesentlichen Teilen die Glaubhaftigkeit abgesprochen hat.
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7.2 Die Glaubhaftigkeit von Aussagen asylsuchender Personen kann im
Rahmen eines inhaltsorientierten Ansatzes aufgrund sogenannter Real-
kennzeichen beurteilt werden. Die Realkennzeichen ermöglichen eine Dif-
ferenzierung zwischen erlebnisbasierten und erfundenen respektive ver-
fälschten Aussagen. Zu den Realkennzeichen gehören insbesondere die
logische Konsistenz, die ungeordnete, aber inhaltlich letztlich stimmige
Darstellung, der quantitative Detailreichtum, raum-zeitliche Verknüpfun-
gen, die Wiedergabe von Gesprächen, ausgefallene Einzelheiten, spon-
tane Verbesserungen der eigenen Aussagen, das Eingeständnis von Erin-
nerungslücken sowie die Schilderung von Interaktionen, Komplikationen,
Nebensächlichkeiten, unverstandenen Handlungselementen und eigenen
psychischen Vorgängen (vgl. ANGELIKA BIRCK, Traumatisierte Flüchtlinge,
Wie glaubhaft sind ihre Aussagen?, Heidelberg 2002, S. 82 ff. und
S. 139 ff.; REVITAL LUDEWIG/DAPHNA TAVOR/SONJA BAUMER, Wie können
aussagepsychologische Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und An-
wälten helfen?, in: AJP 11/2011, S. 1423 ff.; vgl. auch BGE 129 I 49 E. 5
sowie BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1 und 2012/5 E. 2.2, jeweils
m.w.H.).
7.3 Die Konsultierung der Befragungskontrolle hinterlässt zunächst grund-
sätzlich einen glaubwürdigen persönlichen Eindruck der Beschwerdefüh-
renden. Die Erzählweise des Beschwerdeführers ist authentisch und gut
vereinbar mit der geltend gemachten Herkunft aus einer ländlichen Ge-
gend und seinem Vorbringen, nur während einem Jahr die Schule besucht
zu haben. Den Aussagen ist eine insgesamt schlüssige und konsistente
Sachdarstellung zu entnehmen, die lebensnah und echt wirkt und sich
problemlos in die bekannten Gegebenheiten in der Herkunftsgegend im
fraglichen Zeitraum einfügen lässt. Auch wenn Emotionen nicht direkt aus
den Protokollen hervorgehen, so werden doch solche spürbar, beispiels-
weise die Angst-, Macht- und Ratlosigkeit bei der Beschreibung seiner Re-
aktion auf die Verhaftung (vgl. A21 F113). Immer wieder fallen die Antwor-
ten des Beschwerdeführers gerade nicht undifferenziert aus, und sie ent-
halten verschiedene Realkennzeichen; dies sowohl in den Kernvorbringen
(vgl. nachstehende Ausführungen) als auch, wenn er scheinbar Unwesent-
liches beschreibt. Zu letzterem kann etwa auf die Umschreibung der Um-
stände nach der Einreise in L._ verwiesen werden oder auf die un-
aufgeforderte Umschreibung des Kontextes, in dem die Einbürgerung und
die damit verbundene Ausstellung des Militärbüchleins erfolgt sei (vgl. A21
F10 f. und F60). Auch das spontane Eingestehen von Lücken und sein Be-
mühen, sie zu füllen trägt zum Eindruck einer authentischen Persönlichkeit
E-6946/2017
Seite 14
bei (vgl. A4 Ziff. 5.02:"Ich entschuldige mich. Ich habe Griechenland ver-
gessen.." oder A21 F72:"..Ich habe noch vergessen zu sagen, dass der
jüngste Bruder damals nicht dabei war, weil er mit meiner jüngsten
Schwester noch nicht registriert war.." oder A21 F126: "Ehrlich gesagt
weiss ich es nicht"). Schliesslich ist der Beschwerdeführer auch in der
Lage, raum-zeitliche Verknüpfungen herzustellen und Ereignisse stimmig
einzuordnen, selbst wenn er dabei nicht die exakten Daten nennt. Er hat
schliesslich die wesentlichen Asylgründe bereits anlässlich der BzP ge-
nannt.
7.4 Was die einzelnen, dem Beschwerdeführer vom SEM entgegengehal-
tenen Argumente betrifft, ist folgendes festzuhalten:
7.4.1 Das SEM stellt nicht in Frage, dass der Beschwerdeführer an regie-
rungskritischen Demonstrationen teilgenommen habe. Es glaubt ihm aber
die Inhaftierung nicht, während welcher er auch zu eigenen Demonstrati-
onsteilnahmen befragt und gewarnt worden sei, künftig an keinen teilzu-
nehmen. Festzustellen ist vorab, dass das SEM fehlgeht, wenn es inter-
pretiert, der Beschwerdeführer habe geltend gemacht, wegen des Ver-
dachts auf Teilnahme an Demonstrationen mehrere Tage inhaftiert und ge-
foltert worden zu sein (vgl. angefochtene Verfügung, II, Ziff. 2). Vielmehr
hat er stets nur geltend gemacht, sein Bruder G._ sei dessen ver-
dächtigt worden, und als dieser nicht da gewesen sei, hätten sie den Be-
schwerdeführer mitgenommen. Demgegenüber hatte er wohl angegeben,
er sei in der Haft auch nach eigenen Teilnahmen an Demonstrationen ge-
fragt worden, machte aber gleichzeitig deutlich, nicht zu wissen, ob die sy-
rischen Behörden davon Kenntnis gehabt hätten.
Die Unglaubhaftigkeit der Haft begründet das SEM zunächst mit Unstim-
migkeiten zeitlicher Natur. Diese sind zumindest teilweise erheblich zu re-
lativieren. Vorab ist auf den unbestritten gebliebenen tiefen Bildungsstand
des Beschwerdeführers zu verweisen. Es ist sodann richtig, dass der Be-
schwerdeführer in der BzP angegeben hatte, zwischen dem ersten und
dem zweiten Hausbesuch seien etwa sechs bis sieben Tage vergangen
und diesen Zeitraum dann an der Anhörung mit etwa fünfzehn Tagen be-
nennt. Damit konfrontiert, gibt er zur Antwort, wenn er sich richtig erinnere,
seien es circa fünfzehn Tage dazwischen gewesen (vgl. A21 F133). So ver-
mag er zwar die Unstimmigkeit nicht aufzulösen, allerdings waren seine
Zeitangaben durchwegs nur ungefährer Natur. Nicht ausser Acht gelassen
werden kann auch, dass die Ereignisse bereits im Zeitpunkt der BzP über
drei Jahre zurücklagen und davon auszugehen ist, der Beschwerdeführer
E-6946/2017
Seite 15
habe auch in diesen Jahren prägende Erfahrungen gemacht; im Zeitpunkt
der Anhörung lagen die Ereignisse dann bereits fünf Jahre zurück. Des
Weiteren hat der Beschwerdeführer tatsächlich an der BzP angegeben, er
sei anfangs 2012 in Haft gewesen (vgl. A4 Ziff. 7.02. S. 10) und in der An-
hörung ausgesagt, er sei im (...) 2012 inhaftiert worden. Diesbezüglich ist
allerdings darauf zu verweisen, dass das kurdische Neujahr – auch in Sy-
rien – auf den 21. März fällt. Die Unstimmigkeit erweist sich damit nur als
eine scheinbare. Für diese Interpretation spricht auch die bestätigende Ant-
wort des Beschwerdeführers, als er am Ende der Anhörung mit dem Wi-
derspruch konfrontiert wird (A21 F132:"Eben, ich bin circa im Juli 2012 in-
haftiert worden.") und damit Anfang Jahr mit (...) gleichsetzt. Hinzu kommt,
dass sich aus verschiedenen Aussagen des Beschwerdeführers aus je-
weils unterschiedlichen Perspektiven immer der (...) 2012 als Haftzeitpunkt
ergibt (vgl. u.a. "Circa drei Monate nach der Entlassung habe ich eine Auf-
forderung für das Militär erhalten" [A21 F32] und im zehnten Monat, im Ok-
tober habe er das militärische Aufgebot erhalten [A4 Ziff. 7.02, A21 F51].
Auch aus seinen Aussagen, er habe letztmals im (...)2012 an einer De-
monstration teilgenommen und nach der Haft bis zur Ausreise nicht mehr,
ergibt sich stimmig der (...) als Haftzeitpunkt (A21 F77, F87). Derselbe
Schluss lässt sich ziehen aus seiner konstanten Schilderung, Anlass für die
Hausdurchsuchungen sei die erneute Suche nach dem Bruder nach des-
sen Entlassung aus der Haft gewesen, nachdem dieser anerkanntermas-
sen von (...) bis (...) 2012 in Haft gewesen ist und dann wieder an De-
monstrationen teilgenommen hat bis zu seiner Flucht im (...) 2012 (vgl. N
[...], A18 F116, F118, F129). Hinsichtlich der Haftdauer hatte der Be-
schwerdeführer an der BzP unaufgefordert zwei und an der Anhörung drei
Tage genannt (vgl. A4 Ziff. 7.02, S. 10; A21 F32). Aus seinen detaillierteren
Angaben zu dieser Haft, ergibt sich später, dass er am ersten Tag am Mor-
gen festgenommen (vgl. A21 F110), am nächsten Tag den ganzen Tag im
Gefängnis geblieben und am dritten Tag morgens entlassen worden sei
(vgl. ebd. F37). Auf Rückfrage hin gab er an, er sei zwei Nächte im Gefäng-
nis geblieben (vgl. ebd. F38). Damit hat er effektiv zwei volle Tage im Ge-
fängnis verbracht. Dass er an der Anhörung von drei Tagen spricht, nach-
dem er am dritten Tag, entlassen worden ist, kann ihm nicht als Wider-
spruch ausgelegt werden.
Dem SEM ist darin beizupflichten, dass nicht ganz nachvollziehbar ist, wes-
halb der Bruder G._ im Zeitpunkt seiner Anhörung (am 29. August
2014) nicht über die kurze Inhaftierung des Beschwerdeführers im Bilde zu
sein schien. Dies, obwohl er angab, wieder mit seinen Familienangehöri-
E-6946/2017
Seite 16
gen in Syrien in Kontakt zu stehen. Gewisse Erklärungen dafür gibt es den-
noch. So hatte er nämlich ausgesagt, der Kontakt bestehe erst seit kurzem
wieder. Es ergibt sich auch aus dem Anhörungsprotokoll von G._,
dass er über lange Zeit hinweg gerade keinen Kontakt zu seinen Angehö-
rigen in Syrien hatte, nämlich seit seiner Ausreise Ende (...) 2012, während
der anschliessenden beiden Jahre, als er in R._ gelebt habe, und
auch im Zeitpunkt der BzP (am 15. August 2014) noch nicht (vgl. N [...],
A18 F55 und F60, F146). Dies deckt sich mit der Angabe des Beschwer-
deführers im Rahmen des entsprechenden Vorhalts (vgl. A21 F141). So-
dann finden sich in den Aussagen des Beschwerdeführers von Anfang an
– und nicht erst auf den Vorhalt des SEM hin – immer wieder Hinweise
darauf, dass in der grossen Familie nicht alle Informationen geteilt wurden,
gerade auch in Bezug auf G._ (vgl. z.B. A4 Ziff. 7.02, S. 10, A21
F36, F45 f., F48, F126). Die Erklärung auf die Rückfrage hin, man habe
ihm nicht alles gesagt, wirkt deshalb konsistent, und es ist durchaus mög-
lich, dass auch G._ im Zeitpunkt der Anhörung noch nicht über alle
die zahlreichen Familienmitglieder betreffenden Ereignisse in den voraus-
gehenden zwei Jahren informiert war, zumal der Kontakt höchstens zwei
Wochen zuvor wieder zustande gekommen war. Auch im Zusammenhang
mit den politischen Tätigkeiten von G._ hatte der Beschwerdeführer
bereits an der BzP ausgesagt, er habe nicht gewusst, wo überall er tätig
gewesen sei (vgl. A4 Ziff. 7.02, S. 10). Damit ist der vom SEM aufgezeigte
Widerspruch zwischen der Aussage des Beschwerdeführers, sein Bruder
sei Mitglied der Demokratischen Partei Syriens gewesen, und dessen ei-
gener Angabe, er sei nicht Mitglied einer Partei gewesen, zwar nicht auf-
gelöst, immerhin geht aus den Akten aber auch hervor, dass G._
deutlich aktiver war im Rahmen der syrischen Revolution (vgl. N [...], u.a.
A18 F5) als der Beschwerdeführer, der stets angegeben hatte, nur Mitläu-
fer an Demonstrationen gewesen zu sein.
7.4.2 Mit einem einzelnen Satz gesteht das SEM dem Beschwerdeführer
auf der anderen Seite zwar zu, relativ ausführlich über seine Haft berichtet
zu haben. Damit wird es einer ausgewogenen Berücksichtigung der für
seine Sachdarstellung sprechenden Elemente aber nicht gerecht. Die
Schilderungen zum Kontext seiner Festnahme und die geltend gemachten
Nachteile sind nicht nur ausführlich, sondern auch in sich stimmig ausge-
fallen und enthalten zahlreiche Realkennzeichen. Zu letzteren gehört die
häufige Wiedergabe von Interaktionen in der direkten Rede (u.a. A21 F36,
F60, F63, F86, F95, F110 oder F114 f.). Auch finden sich in ihnen immer
wieder spontane Einschübe, teilweise auch von Nebensächlichkeiten, die
für tatsächlich Erlebtes sprechen. Hinsichtlich des ersten Hausbesuches
E-6946/2017
Seite 17
beispielsweise, den er durchwegs auf früh morgens verortet (vgl. A4 Ziff.
7.02, S. 10; A21 F36), ergänzt er auf die Aufforderung hin, das Gespräch
zu schildern, spontan, sie seien noch am Schlafen gewesen und sie hätten
nicht mal richtig an die Türe geklopft (vgl. A21 F86). Als die befragende
Person später wissen will, ob sich die Soldaten gewalttätig verhalten hät-
ten, erklärt er zunächst, wie sie sofort mit der Durchsuchung angefangen
hätten und fügt an, sie hätten nur drei kleine Zimmer gehabt, und es sei
auch ersichtlich gewesen, dass sich niemand zu Hause verstecke (vgl.
ebd. F108). Weitere Beispiele solch spontaner Äusserungen finden sich
auch in seinen Ausführungen zu den Verhältnissen in der Haft und den
Misshandlungen. Etwa wenn er in direkter Rede wiedergibt, er habe ihm
(dem Befrager im Gefängnis) gesagt: "Ich weiss nicht, wo mein Bruder sich
befindet" und gleich anfügt, weil er damals wirklich nicht gewusst habe, wo
er gewesen sei. Oder wenn er wiedergibt, wie er auch nach vier Jungen
gefragt worden sei und einschiebt, dass er einen schon gekannt habe, den
Rest aber nicht. Und auch gleich anschliessend, wenn er erzählt, sie hätten
seinen Kopf zweimal ins Wasser gesteckt und dann ergänzt, es habe dort
ein blaues Fass gegeben, und das erste Mal wäre er fast erstickt (vgl. A21
F36). Der Beschwerdeführer vermag detailliert die Zelle zu beschreiben
(vgl. ebd. F89) und seine spontane Erklärung, weshalb er nicht genau ge-
sehen habe, wo sich der Verhörraum befunden habe, wirkt echt (vgl. ebd.
F94). Auch dass der Beschwerdeführer Ereignisse nicht übersteigert dar-
stellt und teilweise sogar relativiert, spricht gegen einen konstruierten
Sachverhalt. So erwähnt er in freier Rede, sie hätten ihm beim ersten
Hausbesuch sogar Ohrfeigen und Fusstritte gegeben (vgl. ebd. F36). Er
wiederholt später, die Soldaten hätten damals jeden geschlagen, der ihnen
in den Weg gekommen sei und gibt differenzierend an, sie hätten ihm zum
Beispiel ein paar Fusstritte und Ohrfeigen gegeben und ihn zur Seite ge-
stossen, und fügt an, das sei alles gewesen (vgl. ebd. F108 f., F96). Ge-
fragt, was bei der Entlassung gewesen sei, antwortet er, sie hätten gesagt,
er dürfe an keiner Demonstration teilnehmen, das sei alles gewesen
(vgl. ebd. F41). Er verneint auch, dass er eine Haftbestätigung erhalten
habe (vgl. ebd. F42), obwohl, hätte er ein Konstrukt wiedergegeben, nahe-
liegend gewesen wäre anzugeben, eine solche Bestätigung habe sich un-
ter den verlorenen Dokumenten befunden. Schliesslich gesteht er auch
ein, nicht zu wissen, ob sie über Beweismittel zu seinen eigenen Demonst-
rationsteilnahmen verfügt hätten (vgl. ebd. F99).
7.4.3 Als Zwischenergebnis ergibt eine Gesamtwürdigung aller für und ge-
gen die Sachdarstellung des Beschwerdeführers sprechenden Elemente,
dass die Anforderungen an die Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7
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Seite 18
AsylG hinsichtlich der geltend gemachten Suche nach seinem Bruder und
der damit zusammenhängenden Inhaftierung erfüllt sind.
7.5 Auch die Unstimmigkeiten, die das SEM dem Beschwerdeführer im Zu-
sammenhang mit der Ausstellung des Dienstbüchleins entgegenhält, über-
zeugen nicht vollumfänglich. So mag zwar zutreffen, dass Asylsuchende
häufig unwahre Angaben machen zum Verbleib von Beweismitteln. Vorlie-
gend ergibt sich aber diesbezüglich ein übereinstimmendes und lebensna-
hes Bild aus den Schilderungen sowohl des Beschwerdeführers (vgl. A4
Ziff. 4.03, 5.02; A21 F10 f.) als auch der Beschwerdeführerin (vgl. A6 Ziff.
4.04, 5.02; A22 F10 ff.), und die mit ihren diesbezüglichen Angaben be-
gründeten Zweifel sind nicht gerechtfertigt. Auch die Schilderungen des
Beschwerdeführers zum Erhalt des Militärbüchleins wirken authentisch
und enthalten etliche Details und Realkennzeichen (vgl. A21 F60 ff., F80-
82). Wiederum bezieht das SEM diese kaum in seine Gewichtung mit ein,
sondern stellt einseitig stark auf die Angaben von G._ ab, die an-
ders ausgefallen seien. Auch ist bekannt, dass die syrischen Behörden
nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs länger als zunächst angenommen in
den kurdischen Gebieten noch präsent waren. Schliesslich stehen auch
den Einwänden in Bezug darauf, wie der Beschwerdeführer vom Inhalt des
Aufgebots beziehungsweise der Vorladung Kenntnis genommen habe,
durchaus authentische Schilderungen gegenüber (A21 F51 ff.). Eine ab-
schliessende Prüfung der Frage, ob der Beschwerdeführer eine Refraktion
hinsichtlich der syrischen Armee glaubhaft zu machen vermag, kann aber
aufgrund des nachfolgend unter E. 8 Gesagten unterbleiben.
8.
8.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG und Art. 1A des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30), wenn sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer
Zukunft mit gutem Grund Nachteile von bestimmter Intensität befürchten
muss, die ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt
zu werden drohen und vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen
Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f.; 2008/4 E. 5.2, jeweils
m.w.H.). Die in Art. 3 Abs. 1 AsylG erwähnten fünf Verfolgungsmotive sind
über die sprachlich allenfalls engere Bedeutung ihrer Begrifflichkeit hinaus
so zu verstehen, dass die Verfolgung wegen äusserer oder innerer Merk-
male, die untrennbar mit der Person oder Persönlichkeit des Opfers ver-
bunden sind, erfolgt ist beziehungsweise droht (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.3).
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Seite 19
Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die An-
erkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat keinen ausreichen-
den Schutz finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2; 2008/4 E. 5.2).
Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation
im Zeitpunkt des Entscheides, wobei allerdings erlittene Verfolgung oder
im Zeitpunkt der Ausreise bestehende begründete Furcht vor Verfolgung
auf andauernde Gefährdung hinweisen kann. Veränderungen der Situation
zwischen Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der
asylsuchenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2;
2010/9 E. 5.2; 2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.).
Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffenen
Person auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexverfolgung
vor (BVGE 2007/19 E. 3.3 S. 225 mit Hinweisen). Insbesondere sind Ver-
folgungsmassnahmen gegenüber Familienangehörigen vor dem Hinter-
grund zu sehen, dass im Kampf gegen oppositionelle Kräfte unduldsame
Staaten dazu neigen, anstelle des politischen Gegners, dessen sie zum
Beispiel wegen Flucht nicht habhaft werden können, auf Personen zurück-
zugreifen, die dem Verfolgten nahestehen. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer
einer Reflexverfolgung zu werden, besteht vor allem dann, wenn nach ei-
nem flüchtigen Familienmitglied gefahndet wird und die Behörde Anlass
zur Vermutung hat, dass jemand mit der gesuchten Person in engem Kon-
takt stehe. Diese Wahrscheinlichkeit erhöht sich, wenn ein nicht unbedeu-
tendes politisches Engagement der reflexverfolgten Person hinzukommt
oder ihr unterstellt wird (vgl. EMARK 2005 Nr. 21 E. 10.1).
8.2 Die in Syrien herrschende politische und menschenrechtliche Lage
wurde durch das Bundesverwaltungsgericht ausführlich gewürdigt (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.2 sowie Urteil D-5779/2013 vom 25. Februar 2015 [als
Referenzurteil publiziert] E. 5.3 und 5.7.2). Es ist durch eine Vielzahl von
Berichten belegt, dass die staatlichen syrischen Sicherheitskräfte seit dem
Ausbruch des Konflikts im März 2011 gegen tatsächliche oder vermeintli-
che Regimegegner mit grösster Brutalität und Rücksichtslosigkeit vorge-
hen. Personen, die sich an regimekritischen Demonstrationen beteiligt ha-
ben, sind in grosser Zahl von Verhaftung, Folter und willkürlicher Tötung
betroffen. Mit anderen Worten haben Personen, die durch die staatlichen
syrischen Sicherheitskräfte als Gegner des Regimes identifiziert werden,
eine Behandlung zu erwarten, die einer flüchtlingsrechtlich relevanten Ver-
folgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkommt. Diese Feststellung gilt
auch heute noch.
http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/19
E-6946/2017
Seite 20
Die Verfolgung von Angehörigen vermeintlicher oder wirklicher politischer
Oppositioneller durch die syrischen Behörden ist durch diverse Quellen do-
kumentiert und es sind unterschiedliche Motive für eine solche Verfolgung
erkennbar. So werden Angehörige verhaftet und misshandelt, um eine Per-
son für ihre oppositionelle Gesinnung oder ihre Desertion zu bestrafen, um
Informationen über ihren Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen, um eine
Person zu zwingen, sich den Behörden zu stellen, um ein Geständnis zu
erzwingen, um weitere Personen abzuschrecken oder um direkt Angehö-
rige für eine unterstellte oppositionelle Haltung zu bestrafen, die ihnen auf-
grund ihrer Nähe zu vermeintlichen oder wirklichen oppositionellen Perso-
nen zugeschrieben wird. Die Bürgerkriegsparteien (darunter die syrische
Armee und regierungsfreundliche Milizen) setzen dabei die Strategie
der Reflexverfolgung gezielt ein (vgl. Urteil des BVGer E-734/2016 vom
14. Januar 2019 E. 7.2 ff. sowie u.a. UNHCR, International Protection
Considerations with regard to people fleeing the Syrian Arab Republic,
Update III, vom 27.10.2014 sowie entsprechendes Update V vom
3.11.2017,< https://www.refworld.org/pdfid/59f365034.pdf>, abgerufen am
15.05.2020).
8.3 Der Beschwerdeführer hat glaubhaft gemacht, dass er bereits vor sei-
ner Ausreise wegen seines Bruders G._ in den Fokus der syrischen
Behörden geraten ist und deswegen auch ernsthafte Nachteile im Sinne
von Art. 3 Abs. 2 AsylG erlitten hat, selbst wenn unklar bleibt, ob sie ihn
selbst an den Demonstrationen erkannt haben (vgl. E. 7.4.3). Das vorma-
lige Bundesamt für Migration (BFM) hat G._ mit Verfügung vom (...)
September 2014 unter Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft Asyl ge-
währt. Es ist unbesehen der Frage, ob er eine Refraktion glaubhaft zu ma-
chen vermag, davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei einer
heutigen (hypothetischen) Rückkehr, nicht zuletzt auch aufgrund des Um-
standes, dass die kurdische Minderheit einem ständigen Misstrauen der
syrischen Behörden ausgesetzt ist, mit einem Verhör zu rechnen hätte. Für
die syrischen Behörden würde die Vermutung naheliegen, dass der Be-
schwerdeführer mit seinem flüchtigen Bruder in Kontakt stehen könnte.
Aufgrund der Ereignisse vor der Ausreise und der wiederholten behördli-
chen Suche nach G._ ist davon auszugehen, dass dem Beschwer-
deführer bei einem weiteren Verbleib in Syrien bereits vor seiner Ausreise
ernsthafte Nachteile mit erheblicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer
Zukunft im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG gedroht hätten. Der Beschwerde-
führer musste bereits zum Zeitpunkt seiner Ausreise (auch) in objektiver
Hinsicht begründete Furcht haben, Opfer einer Reflexverfolgung zu wer-
den (vgl. unter anderen auch das Urteil des BVGer E-4908/2016 vom 26.
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Seite 21
März 2019 E. 6). Er erfüllt damit die Flüchtlingseigenschaft. Auf seine wei-
teren Vorbringen, insbesondere die Furcht vor einer Rekrutierung seitens
der YPG oder die Frage, ob subjektive Nachfluchtgründe gegeben sind,
muss nicht mehr eingegangen werden.
8.4 Was die Beschwerdeführerin betrifft, so macht sie nicht geltend, es
habe konkrete Rekrutierungsversuche seitens der YPG gegeben, sondern
nur, es seien auch Frauen rekrutiert worden; da drei ihrer Brüder nicht zu
Hause gewesen seien und jeweils eine Person der Familie Dienst zu leis-
ten habe, hätten sie und insbesondere ihr Vater sich Sorgen gemacht, sie
könnte rekrutiert werden. Deshalb seien sie in den Nordirak gegangen. Da-
mit ist nicht davon auszugehen, eine drohende Rekrutierung respektive
Zwangsrekrutierung sei im Zeitpunkt der Ausreise aus Syrien unmittelbar
bevorgestanden respektive dies sei heute der Fall.
Unabhängig davon hat das SEM zutreffend festgestellt, die diesbezügliche
Dienstpflicht knüpfe nicht an eine der in Art. 3 AsylG erwähnten Eigenschaf-
ten an (vgl. etwa Urteil des BVGer D-5253/2018 vom 4. Oktober 2018
E. 5.2.1 m.H. auf das Urteil des BVGer D-5329/2014 vom 23. Juni 2015
E. 5.3 [als Referenzurteil publiziert]. Auch die Einschätzung im genannten
Referenzurteil, wonach sich kein Bild eines systematischen Vorgehens ge-
gen Dienstverweigerer ergebe, das die Schwelle zu ernsthaften Nachteilen
im Sinne von Art. 3 AsylG erreichen würde, trifft grundsätzlich nach wie vor
zu. Dies selbst dann, wenn sich die Vorgehensweise der YPG inzwischen
möglicherweise etwas verschärft haben sollte (vgl. dazu UNHCR, Interna-
tional Protection Considerations with Regard to People Fleeing the Syrien
Arab Republic, Update V vom November 2017, S. 22 f.). Es liegen insbe-
sondere auch im heutigen Kontext keine konkreten Anhaltspunkte dafür
vor, dass die YPG Personen, die die Teilnahme am bewaffneten Kampf der
Organisation ablehnten, als „Verräter“ betrachten und einer politisch moti-
vierten Bestrafung zuführen würde (vgl. u.a. die Urteile des BVGer
D-603/2020 vom 18. Februar 2020 E. 6.3 oder E-2461/2019 vom 12. No-
vember 2019 E. 7.3). Mangels entsprechender Hinweise erscheint auch
unwahrscheinlich, dass die Beschwerdeführerin von der YPG als Opposi-
tionelle betrachtet werden könnte und entsprechend mit einer politisch mo-
tivierten (besonderes harten) Bestrafung rechnen müsste. Solches ergibt
sich insbesondere auch nicht aus dem Vorbringen zum Tode ihres Cousins.
Es ist schliesslich auch nicht ersichtlich, dass die Beschwerdeführerin auf-
grund der geltend gemachten Teilnahmen an Demonstrationen oder aus
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Seite 22
anderen flüchtlingsrechtlich erheblichen Gründen in den Fokus der syri-
schen Behörden geraten wäre. Sie erfüllt die originäre Flüchtlingseigen-
schaft weder im Ausreise- noch im heutigen Zeitpunkt.
8.5 Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass der Beschwerde-
führer die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Die Be-
schwerde ist gutzuheissen, die angefochtene Verfügung ist aufzuheben,
und das SEM ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer in der Schweiz Asyl
zu gewähren. Der Beschwerdeführerin und den gemeinsamen Kindern, die
mangels eigener Asylgründe die originäre Flüchtlingseigenschaft nicht er-
füllen, ist unter Anerkennung ihrer derivativen Flüchtlingseigenschaft eben-
falls Asyl zu gewähren, zumal keine besonderen Umstände dagegenspre-
chen (Art. 51 Abs. 1 und 3 AsylG).
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Der mit Zwischenverfügung vom 10. Ja-
nuar 2018 gutgeheissene Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG wird damit gegenstandslos.
9.2 Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es
wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht, weshalb die notwendigen
Parteikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Entschädigungspflichtig ist, wie erwähnt, nur der notwendige Auf-
wand, weshalb es zu berücksichtigen gilt, dass sich der Rechtsvertreter
erst mit Eingabe vom 17. Mai 2019 als Rechtsvertreter konstituierte. Die
von der Vorinstanz auszurichtende Parteientschädigung wird in Anwen-
dung der genannten Bestimmungen und unter Berücksichtigung der mas-
sgeblichen Bemessungsfaktoren demnach von Amtes wegen auf pauschal
Fr. 900.– (inkl. Auslagen) festgelegt.
(Dispositiv nächste Seite)
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