Decision ID: 4165136f-39ae-55e8-92fe-8c0b27236b31
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ wurde von ihrer Mutter am 29./30. April 2014 zum Bezug von IV-Leistungen
angemeldet (IV-act. 21 f.). Die Mutter gab diese Anmeldung eigenhändig bei der IV-
Stelle ab. Diese notierte als Eingangsdatum den 1. Mai 2014. Gemäss einem Bericht
von Dr. med. B._ litt die Versicherte an einem Aspergersyndrom. Die Mutter der
Versicherten füllte auch eine Anmeldung zum Bezug einer Hilflosenentschädigung aus
(IV-act. 29). Dabei gab sie an, die Versicherte benötige eine regelmässige und
erhebliche Hilfe beim An- und Ausziehen, beim Aufstehen/Absitzen/Abliegen, beim
Essen, bei der Körperpflege, bei der Notdurftverrichtung und bei der Fortbewegung/
Pflege gesellschaftlicher Kontakte. Wegen der latenten Unfallgefahr und der
Autoaggression müsse die Versicherte ausserdem überwacht werden. Dr. B._
berichtete der IV-Stelle am 3. Juli 2014 (IV-act. 40), bei der Versicherten komme es
zuhause zu aggressiven Ausbrüchen. Die Versicherte sei zudem gehäuft krank. Dr.
med. C._ vom RAD notierte am 15. August 2014 u.a. (IV-act. 43), bei der Versicherten
seien die drei Kernsymptome des Autismus erfüllt: Qualitative Auffälligkeiten der
reziproken sozialen Interaktion, qualitative Auffälligkeiten der Kommunikation und
repetitives, restriktives und stereotypes Verhalten. Zur Prüfung eines Anspruchs auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine Hilflosenentschädigung (allenfalls mit Intensivpflegezuschlag) erfolgte eine
Abklärung bei der Versicherten zuhause. Gemäss dem entsprechenden Bericht vom 6.
November 2014 (IV-act. 49) gab die Mutter den beiden Abklärungspersonen an, die
Versicherte habe drinnen und draussen völlig verschiedene Verhaltensweisen.
Draussen versuche sie, möglichst angepasst zu sein. Zuhause kompensiere sie das
dann. Im Umgang mit fremden Personen und ungewohnten Situationen sei sie
überfordert. Sie könne nämlich die Reaktionen nicht abschätzen und die Emotionen nur
schwer erkennen. Durch die vielen Eindrücke und Erlebnisse sei sie jeweils so
überfordert, dass sie zuhause total erschöpft sei oder die Beherrschung verliere.
Aufgrund der Sehbehinderung sei die Fortbewegung unsicher. In
Überforderungssituationen komme es zu motorischen Einschränkungen und die
Versicherte reagiere mit Mutismus. Dann brauche es ein langes Zureden der Mutter.
Die Versicherte könne auch autoaggressiv reagieren. Auf dem Schulweg werde die
Versicherte teilweise begleitet. Auf dem unbegleiteten Teil telefoniere sie jeweils mit
ihrer Mutter, um sich abzusichern. Zur alltäglichen Lebensverrichtung An- und
Ausziehen wurde im Abklärungsbericht festgehalten, die Versicherte sei nicht in der
Lage, der Witterung angepasste Kleider auszuwählen. Motorisch könne sie sich selbst
anziehen. Sie müsse aber permanent motiviert und angeleitet werden. Pro
Kleidungsstück seien über zwanzig Aufforderungen notwendig. Während der Woche
übernehme die Mutter das An- und Ausziehen, da der Zeitaufwand sonst zu hoch wäre.
Die Abklärungspersonen bejahten einen regelmässigen und erheblichen Bedarf nach
Hilfe beim An- und Ausziehen. Sie bezifferten den täglichen Zeitaufwand mit
durchschnittlich 45 Min. Bezüglich der alltäglichen Lebensverrichtung Aufstehen/
Absitzen/ Abliegen wurde ausgeführt, es bestehe kein Bedarf nach Hilfe. Die Mutter
wandte am 21. Oktober 2014 ein, wenn die Versicherte einen autistischen
„Meltdown“ (Nervenzusammenbruch mit Panik- und Schreiattacken) habe, was ca.
zweimal wöchentlich vorkomme, müsse ihr beim anschliessenden Aufstehen geholfen
werden, da sie das motorisch nicht mehr selber könne. Ein „Meltdown“ dauere 40 bis
80 Min. Deshalb belaufe sich der durchschnittliche tägliche Zeitaufwand für das
Aufstehen auf 19 Min. Zur alltäglichen Lebensverrichtung Essen notierten die
Abklärungspersonen, die Versicherte könne grundsätzlich selbständig essen. Nur harte
Nahrung müsse ihr wegen der koordinativen Defizite zerkleinert werden. Sie esse aber
nie gleichzeitig mit ihrer Mutter und mit deren Lebensgefährten. Sie behaupte dann, sie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe keinen Hunger. Eine halbe Stunde später komme sie und wolle essen. Während
des Essens müsse die Mutter mit am Tisch sitzen. Die Abklärungspersonen gingen
davon aus, dass die gemeinsame Zeit am Tisch nicht berücksichtigt werden könne. Sie
verneinten deshalb einen regelmässigen und erheblichen Bedarf nach Hilfe. Die Mutter
wandte ein, es handle sich um eine indirekte Hilfe beim Essen. Die Versicherte würde
sonst nämlich kaum essen. Der durchschnittliche tägliche Zeitaufwand betrage 16 Min.
Betreffend die Körperpflege wurde im Abklärungsbericht festgehalten, die Versicherte
müsse mindestens zwanzigmal aufgefordert werden, ins Bad zu gehen. Die Mutter
müsse sie mit einem Plüschtier zum Zähneputzen und zum Waschen des Gesichts
motivieren. Dabei laufe die Versicherte immer wieder davon und müsse dann
zurückgeholt und neu motiviert werden. Beim Kämmen müsse darauf geachtet werden,
dass sich die Versicherte nicht selbst verletze. Während des Duschens müsse die
Versicherte Schritt für Schritt angeleitet werden. Ohne Hilfe würde sie sich
anschliessend nicht abtrocknen. Weil sie nachts Windeln trage, müsse sie täglich
geduscht werden. Die Abklärungspersonen bejahten einen regelmässigen und
erheblichen Bedarf nach Hilfe bei der Körperpflege. Sie bezifferten den
durchschnittlichen täglichen Zeitaufwand mit 50 Min. Zur Notdurftverrichtung notierten
die Abklärungspersonen, beim An- und Ausziehen der Windeln werde die Versicherte
motiviert, begleitet und aktiv unterstützt. Tagsüber nässe die Versicherte nur noch
selten ein. Nach dem Verrichten der Notdurft reinige sie sich selbständig. Sie ordne
auch ihre Kleider selbständig. Teilweise müsse sie bis zur WC-Türe begleitet werden.
Die Mutter warte dann vor dem WC. Die Versicherte frage immer wieder, ob sie schon
lange genug auf der Toilette sitze und ob sie sich wohl richtig reinige. Die
Abklärungspersonen gingen davon aus, dass die Begleitung zum WC unter die
alltägliche Lebensverrichtung Fortbewegung zu subsumieren sei. Sie akzeptierten
trotzdem einen Bedarf nach einer regelmässigen und erheblichen Hilfe (Hilfe beim
Anziehen/ Wechseln der Windeln). Den entsprechenden durchschnittlichen täglichen
Zeitaufwand bezifferten sie mit 2 Min. Die Mutter ging in ihrer Stellungnahme von einem
durchschnittlichen Aufwand von 22 Min. aus (Kleider ordnen 8 Min., Windeln an- und
ausziehen und entsorgen 4 Min. und Händewaschen überwachen nach jedem
Toilettengang 10 Min.). Betreffend die Fortbewegung berichteten die
Abklärungspersonen, die Versicherte sei körperlich nicht eingeschränkt. Sie könne
zwar wegen ihrer Sehbehinderung Hindernisse nicht gut erkennen und Distanzen nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
richtig schätzen, aber das behindere nur eine flüssige Fortbewegung. Die Versicherte
fürchte sich vor Schwellen und rufe jeweils die Mutter. Im Freien könne sie nur kurze,
eingeübte Strecken selbständig zurücklegen. Dabei telefoniere sie immer wieder mit
der Mutter, um sich zu vergewissern, dass sie alles richtig mache. Wenn sie zum
Nachbarmädchen gehe, wolle sie, dass die Mutter sie am Fenster beobachte. Teilweise
müsse sie dann wieder abgeholt werden. Sie könne nicht selbständig gesellschaftliche
Kontakte pflegen. Die Abklärungspersonen bejahten zwar einen Bedarf nach einer
regelmässigen und erheblichen Hilfe und gingen auch von einem entsprechenden
Zeitaufwand aus, hielten aber fest, dieser Aufwand sei für den Intensivpflegezuschlag
nicht anrechenbar. Sie hielten in diesem Zusammenhang auch fest, die Begleitung zu
den verschiedenen Therapieorten sei nicht relevant, weil diese Behandlungen nicht von
der Invalidenversicherung übernommen würden. Die Abklärungspersonen anerkannten
schliesslich auch einen Bedarf nach einer ständigen persönlichen Überwachung,
weshalb sie einen pauschalen Zeitbedarf von 2 Std. anrechneten. Zusammen mit dem
täglichen Aufwand für die Hilfe bei den alltäglichen Lebensverrichtungen von insgesamt
1 Std. 37 Min. resultierte ein Bedarf von weniger als 4 Std. täglich. Zu den
Einwendungen der Mutter der Versicherten hielten sie abschliessend fest, beim
Aufstehen/Absitzen/Abliegen müsse nicht dauernd und regelmässig geholfen werden.
Die Anwesenheit der Mutter während eines „Meltdown“ bilde Teil der
Überwachungsbedürftigkeit. Dasselbe gelte für die Anwesenheit der Mutter während
des Essens. Das Entsorgen der Windeln bilde nicht Teil der Hilfe bei der
Notdurftverrichtung. Das Überwachen der Versicherten beim Händewaschen sei nicht
erheblich, weil die Versicherte diese Verrichtung „nach Hinweis“ selbständig ausführen
könne.
A.b Mit einem Vorbescheid vom 10. November 2014 (IV-act. 50) kündigte die IV-Stelle
die Zusprache einer Entschädigung bei einer mittelschweren Hilflosigkeit an. Hingegen
bestehe kein Anspruch auf einen Intensivpflegezuschlag, weil der tägliche Zeitaufwand
für die Hilfe weniger als 4 Std. betrage. Dagegen wurde am 15. Dezember 2014
eingewendet (IV-act. 56), während eines „Meltdown“ benötige die Versicherte aktive
Hilfe. Dies betreffe die alltägliche Lebensverrichtung Aufstehen/Absitzen/Abliegen. Da
diese „Meltdowns“ durchschnittlich zweimal wöchentlich aufträten, sei ein
durchschnittlicher täglicher Zeitaufwand von 19 Min. anzunehmen. Beim Essen
brauche die Versicherte eine indirekte Hilfe, denn ohne die Anwesenheit der Mutter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
würde der Vorgang des Essens gar nicht stattfinden. Würde man dies als Teil der
Überwachung qualifizieren, wäre eine indirekte Hilfe nie relevant. Deshalb sei die
zusätzliche zeitliche Belastung von durchschnittlich 16 Min. täglich anzurechnen. Die
Überwachung des Händewaschens sei eine indirekte Hilfe bei der Körperpflege. Dafür
seien 10 Min. täglich anzurechnen. Damit resultiere ein Zeitaufwand von über 4 Std. Mit
einer Verfügung vom 6. Januar 2015 (IV-act. 59) sprach die IV-Stelle der Versicherten
eine Entschädigung bei einer mittelschweren Hilflosigkeit zu. Gleichzeitig wies sie das
Gesuch um die Ausrichtung eines Intensivpflegezuschlages zur Hilflosenentschädigung
ab. In der Verfügungsbegründung äusserte sie sich auch zur Stellungnahme zum
Vorbescheid. Sie beharrte darauf, dass beim Aufstehen/Absitzen/Abliegen eine
Überwachung, aber keine Hilfe nötig sei. Dasselbe gelte für das Essen und das
Händewaschen.
B.
B.a Gegen diese Verfügung wurde am 9. Februar 2015 Beschwerde erhoben (act. G
1). Die Beschwerdeführerin liess beantragen, ihr seien eine Entschädigung bei einer
schweren Hilflosigkeit und ein Intensivpflegezuschlag bei einem Aufwand von 6 Std.
täglich zuzusprechen. Eventualiter sei die Angelegenheit zu zusätzlichen Abklärungen
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Zur Begründung wurde insbesondere
ausgeführt, die „Meltdowns“ träten regelmässig auf. Die dann notwendige Hilfe sei als
regelmässig notwendige indirekte Hilfe beim Aufstehen/Absitzen/Abliegen zu
qualifizieren. Beim Essen sei die Anwesenheit der Mutter absolut notwendig, damit die
Beschwerdeführerin die Nahrung zu sich nehme. Diese indirekte Hilfe stehe in einem
sehr direkten Zusammenhang mit dem Fortgang des Essens. Da auch beim Aufstehen/
Absitzen/Abliegen und beim Essen eine Hilflosigkeit bestehe, sei eine schwere
Hilflosigkeit ausgewiesen. In Bezug auf den Intensivpflegezuschlag wurde geltend
gemacht, die ca. zweimal wöchentlich vorkommenden „Meltdowns“ führten dazu, dass
die Beschwerdeführerin jeweils zwischen 40 und 80 Min. betreut werden müsse. Bei
einer mittleren Dauer von 60 Min. resultiere ein durchschnittlicher Aufwand von 17 Min.
Beim Essen betrage der Aufwand 16 Min., bei der Notdurftverrichtung 4 Min. Als
Beispiel für einen besonders intensiven Überwachungsaufwand werde im
entsprechenden Kreisschreiben das autistische Kind genannt. Erforderlich sei, dass
eine überdurchschnittlich hohe Aufmerksamkeit und eine ständige
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Interventionsbereitschaft notwendig seien. Das sei bei der Beschwerdeführerin der Fall.
Diese sei sehr stur. Heftige ablehnende Reaktionen mit Verweigerung und Schreien
seien vorhanden. Nach der Schule sei die Beschwerdeführerin häufig erschöpft. Sie
habe keinen Kontakt zu Gleichaltrigen. Zur Affekt- und Verhaltensregulierung sei eine
intensive Betreuung notwendig. Die Beschwerdeführerin sei im Umgang mit fremden
Personen und ungewohnten Situationen völlig überfordert. Sie könne ihre
Beherrschung verlieren. Sei sie überfordert, könne sie mit Mutismus oder
autoaggressiv reagieren.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 26. März 2015 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung verwies sie auf eine Stellungnahme der
Abklärungspersonen vom 12. März 2015 (IV-act. 68). Darin war geltend gemacht
worden, da ohnehin immer eine Person anwesend sein müsse, entstehe durch die
„Meltdowns“ kein zusätzlicher Aufwand. Die aktive Hilfe beim anschliessenden
Aufstehen vom Boden dauere nur wenige Sekunden bzw. Minuten. Diese Hilfe sei nicht
regelmässig notwendig. Beim Essen brauche die Beschwerdeführerin keine aktive
Hilfe, denn gemäss dem Abklärungsbericht seien keine Aufforderungen nötig bzw.
diese seien im üblichen Rahmen zu sehen. Da weder das Aufstehen/Absitzen/Abliegen
noch das Essen berücksichtigt werden könnten, sei auch kein Mehraufwand
anzunehmen. Es sei keine besonders intensive Überwachungsbedürftigkeit
ausgewiesen. Eine ständige Interventionsbereitschaft sei offensichtlich nicht
notwendig, denn sonst könnte die Beschwerdeführerin nicht allein ausser Haus gehen.
Dass die Beschwerdeführerin im Umgang mit fremden Personen überfordert sei, sei im
Rahmen der Fortbewegung/Pflege gesellschaftlicher Kontakte berücksichtigt worden.
B.c Die Beschwerdeführerin verzichtete am 11. Mai 2015 auf eine Replik (act. G 6).

Erwägungen
1.
1.1 Einen Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung haben Versicherte mit Wohnsitz
und gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz, die hilflos sind. Es ist zu unterscheiden
zwischen schwerer, mittelschwerer und leichter Hilflosigkeit (Art. 42 Abs. 1 und 2 IVG).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die monatliche Entschädigung beträgt bei schwerer Hilflosigkeit 80%, bei
mittelschwerer Hilflosigkeit 50% und bei leichter Hilflosigkeit 20% des Höchstbetrages
der Altersrente nach Art. 34 Abs. 3 und 5 AHVG. Die Entschädigung für minderjährige
Versicherte berechnet sich pro Tag (Art. 42 Abs. 1 Sätze 3 und 4 IVG). Eine schwere
Hilflosigkeit liegt gemäss Art. 37 Abs. 1 IVV vor, wenn die versicherte Person
vollständig hilflos ist, d.h. wenn sie in sämtlichen alltäglichen Lebensverrichtungen
regelmässig in erheblicher Weise auf Hilfe angewiesen ist und überdies der dauernden
Pflege oder der persönlichen Überwachung bedarf. Von einer mittelschweren
Hilflosigkeit ist auszugehen, wenn die versicherte Person in den meisten (also
wenigstens in vier) alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise
auf Hilfe angewiesen ist (Art. 37 Abs. 2 lit. a IVV), wenn die versicherte Person in
mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise
auf Hilfe angewiesen ist und überdies einer dauernden persönlichen Überwachung
bedarf (Art. 37 Abs. 2 lit. b IVV) oder wenn die versicherte Person in mindestens zwei
alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig auf erhebliche Hilfe und überdies auf
eine lebenspraktische Begleitung angewiesen ist (Art. 37 Abs. 2 lit. c IVV).
1.2 Die Beschwerdegegnerin hat zwar eine Abklärung bei der Beschwerdeführerin
zuhause vorgenommen, aber sie hat sich dabei weitgehend auf eine Befragung der
Mutter als Auskunftsperson beschränkt. Ein direkter Augenschein hat nicht
stattgefunden. Aufgrund der Art der Gesundheitsbeeinträchtigung wäre ein
Augenschein wohl auch gar nicht möglich gewesen, denn die Beschwerdeführerin
hätte gehemmt reagiert oder sich versteckt. Es wäre also wohl nicht möglich gewesen,
sie z.B. beim Zähneputzen oder beim Anziehen zu beobachten. Selbst wenn sie das
zugelassen hätte, wäre ihr Verhalten wohl nicht so gewesen, wie es im Alltag aussieht.
Die Aussagen der Mutter müssen deshalb als Grundlage der Sachverhaltsermittlung
genügen. Da diese Aussagen detailliert und in sich konsistent sind und da sie sich mit
den medizinischen Angaben decken, ist davon auszugehen, dass sie den Sachverhalt
mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegen. Zu
beurteilen bleibt deshalb die richtige Subsumtion dieses Sachverhalts unter die
einschlägigen Bestimmungen.
1.3 Die Beschwerdegegnerin hat einen Bedarf nach einer regelmässigen und
erheblichen Hilfe bei den alltäglichen Lebensverrichtungen An- und Ausziehen,
ter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Körperpflege, Notdurftverrichtung und Fortbewegung/Pflege gesellschaftlicher
Kontakte bejaht. Sie ist ausserdem von einem Bedarf nach einer dauernden
persönlichen Überwachung ausgegangen. Dementsprechend hat sie die Hilflosigkeit
der Beschwerdeführerin als mittelschwer qualifiziert. Für die Beschwerdeführerin ist
geltend gemacht worden, dass auch beim Essen und beim Aufstehen/Absitzen/
Abliegen eine regelmässige und erhebliche Hilfe notwendig sei. Beim Essen benötigt
die Beschwerdeführerin keine regelmässige Hilfe, da nur härtere Speisen für sie
zerkleinert werden müssen. Zur Diskussion steht denn auch nur eine indirekte Hilfe.
Diese ist notwendig, wenn eine versicherte Person die alltägliche Lebensverrichtung,
die sie funktionsmässig an sich selber ausführen kann, nicht, nur unvollständig oder zu
Unzeiten vollziehen würde (vgl. Rz 8029 KSIH). Die Beschwerdeführerin isst erst, wenn
die Mutter und deren Lebenspartner fertig sind. Sie isst nur, wenn sich die Mutter so
lange zu ihr setzt, wie sie selber zum Essen benötigt. Die Beschwerdegegnerin will
diesen Aufwand der Mutter unter die persönliche Überwachung subsumieren. Damit
trägt sie aber dem Umstand nicht Rechnung, dass die persönliche Überwachung als
eigenständiges Element der Hilflosigkeit nicht die sechs alltäglichen
Lebensverrichtungen betreffen kann. Es geht also nicht darum, eine versicherte Person
beim An- und Ausziehen oder bei der Körperpflege zu überwachen. Die Überwachung
betrifft nur die übrigen Bereiche des Lebensalltags, z.B. um zu verhindern, dass eine
versicherte Person sich selbst oder andere in Gefahr bringt oder verletzt, dass sie die
Wohnungseinrichtung beschädigt, dass sie allein aus der Wohnung geht usw. Muss
eine versicherte Person bei einer alltäglichen Lebensverrichtung, die sie motorisch
selbst bewältigen kann, überwacht werden, damit sie diese auch ausführt, dann
handelt es sich um einen Bedarf nach einer indirekten Hilfe bei dieser alltäglichen
Lebensverrichtung (vgl. Rz 8030 KSIH). Muss die Beschwerdeführerin also während
des Essens überwacht werden, damit sie nicht immer wieder davonläuft und so gar
nicht zum Essen kommt, so benötigt sie indirekte Hilfe. Erst recht würde das gelten,
wenn es sich gar nicht um eine eigentliche Überwachung handeln würde, weil genügen
würde, wenn die Mutter einfach mit am Tisch sässe. Zusammenfassend ist
festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin auch in der alltäglichen Lebensverrichtung
Essen auf eine regelmässige Hilfe angewiesen ist. Diese Hilfe ist auch erheblich, denn
sie beansprucht viel Zeit und sie ist nötig, damit die Beschwerdeführerin isst. Die
Beschwerdeführerin ist also auch in dieser alltäglichen Lebensverrichtung hilflos. Für
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die alltägliche Lebensverrichtung Aufstehen/Absitzen/Abliegen trifft das nicht zu.
Während eines „Meltdown“ liegt die Beschwerdeführerin 40 bis 80 Min. am Boden.
Während dieser Zeit muss ihr offensichtlich nicht beim Aufstehen geholfen werden.
Trotzdem muss die Mutter während der ganzen Zeit anwesend sein. Das lässt sich
aber nur unter die persönliche Überwachung subsumieren. Die Hilfe beim „Meltdown“
beschränkt sich also auf das Aufhelfen nach dem Abklingen eines solchen Anfalls.
Diese Hilfe ist zwar erheblich, da die Beschwerdeführerin in diesem Moment nicht fähig
ist, selbständig aufzustehen. Sie ist aber nicht regelmässig notwendig, weil ein
„Meltdown“ nur durchschnittlich zweimal in der Woche auftritt. Die Beschwerdeführerin
ist somit in fünf alltäglichen Lebensverrichtungen hilflos. Die Beschwerdegegnerin hat
ihr deshalb zu Recht nur eine Entschädigung bei einer mittelschweren Hilflosigkeit
zugesprochen. Diese Hilflosenentschädigung beträgt für die Jahre 2013 und 2014 Fr.
1‘170.--, ab 1. Januar 2015 Fr. 1‘175.--. Die Beschwerdegegnerin wird anhand der
Rechnungsstellung der Beschwerdeführerin zu prüfen haben, für welche Tage ein
Leistungsanspruch besteht.
2.
2.1 Die Hilflosenentschädigung für Minderjährige, die zusätzlich einer besonders
intensiven Betreuung bedürfen, wird um einen Intensivpflegezuschlag erhöht. Dieser
beträgt bei einem invaliditätsbedingten Betreuungsaufwand von mindestens 8 Std. pro
Tag 60%, bei einem solchen Aufwand von mindestens 6 Std. pro Tag 40% und bei
einem solchen Aufwand von mindestens 4 Std. pro Tag 20% des Höchstbetrages der
Altersrente nach Art. 34 Abs. 3 und 5 AHVG. Der Zuschlag berechnet sich pro Tag (Art.
43 Abs. 3 IVG).
2.2 Bei der Prüfung eines Anspruchs der Beschwerdeführerin auf einen
Intensivpflegezuschlag zur Hilflosenentschädigung hat die Beschwerdegegnerin einen
Zeitbedarf von insgesamt 1 Std. 37 Min. täglich angenommen. Dieser bedarf setzt sich
zusammen aus 45 Min. für die Hilfe beim An- und Ausziehen, 50 Min. für die Hilfe bei
der Körperpflege und 2 Min. für die Hilfe bei der Notdurftverrichtung. Da die
Beschwerdeführerin beim Essen eine indirekte Hilfe benötigt, ist der entsprechende
Zeitaufwand bei der Prüfung eines Anspruchs auf einen Intensivpflegezuschlag zu
berücksichtigen. Die von der Mutter angegebenen 16 Min. pro Tag sind plausibel.
ter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Damit erhöht sich der massgebende Zeitaufwand auf 1 Std. 53 Min. Die
Beschwerdegegnerin hat eine Hilflosigkeit bei der Notdurftverrichtung bejaht. Sie hat
dies aber nur mit dem Bedarf nach Hilfe beim An- und Ausziehen der (nachts
getragenen) Windeln begründet. Dementsprechend hat sie auch nur einen Zeitaufwand
von 2 Min. berücksichtigt. Sie hat zu Recht geltend gemacht, dass das Entsorgen der
getragenen Windeln nicht Teil der Hilfe sei. Ob die Beschwerdeführerin tagsüber beim
Ordnen der Kleider nach dem Verrichten der Notdurft meistens oder nur gelegentlich
Hilfe benötigt, kann offen bleiben, denn der entsprechende durchschnittliche
Zeitaufwand dürfte 1 oder 2 Min. täglich nicht überschreiten. Nicht berücksichtigt hat
die Beschwerdegegnerin, dass die Mutter „teilweise“ (gemeint wohl: nicht bei jedem
Aufsuchen der Toilette, aber relativ häufig) vor der WC-Tür warten muss, weil die
Beschwerdeführerin immer wieder fragt, ob sie schon lange genug auf der Toilette sitze
und ob sie sich wohl richtig reinige. Dieser Zeitaufwand fällt nicht unter die persönliche
Überwachung. Wie bei der alltäglichen Lebensverrichtung Essen muss auch hier davon
ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin auf die Begleitung durch die
Mutter angewiesen ist, um ohne direkte Hilfe auszukommen. Sie würde nämlich mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht selbst die Notdurft verrichten, wenn die Mutter
nicht vor der WC-Tür warten würde. Das hätte zur Folge, dass sie auch tagsüber
wieder Windeln tragen müsste und damit einen Bedarf nach direkter Hilfe begründen
würde. Selbst wenn man die Regelmässigkeit dieses Bedarfs nach indirekter Hilfe
verneinen würde, müsste man also den entsprechenden durchschnittlichen täglichen
Zeitaufwand bei der Prüfung eines Anspruchs auf einen Intensivpflegezuschlag
berücksichtigen, denn er wäre zwingend notwendig. Zum Zeitaufwand für das Warten
vor der WC-Tür hat die Mutter keine Angaben gemacht. Nach der allgemeinen
Lebenserfahrung beläuft sich der Zeitaufwand auf wenigstens 10 Min. pro Tag. Hinzu
kommt der Zeitaufwand für das Überwachen des Händewaschens nach der
Notdurftverrichtung, denn auch dabei handelt es sich um eine indirekte Hilfe. Der von
der Mutter angegebene durchschnittliche tägliche Aufwand von 10 Min. erscheint zwar
auf den ersten Blick als hoch, aber auch hier ist dem Umstand Rechnung zu tragen,
dass die Beschwerdeführerin immer wieder aufgefordert werden muss, da zu bleiben
und mit dem Waschen und Abtrocknen der Hände fortzufahren. Bei einem Zeitaufwand
von 22 Min. für die indirekte Hilfe beim Verrichten der Notdurft resultiert ein Total von 2
Std. 13 Min.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3 Gemäss Art. 39 Abs. 3 IVV ist bei einem Bedarf nach einer dauernden
Überwachung ein (pauschaler) Zeitaufwand von 2 Std. täglich anzunehmen. Bei einer
besonders intensiven Überwachung sind 4 Std. täglich anzurechnen. Eine besonders
intensive Überwachung setzt voraus (vgl. Rz 8079 KSIH), dass die Betreuungsperson
überdurchschnittlich aufmerksam ist und dass sie in der Lage ist, jederzeit zu
intervenieren (wozu sie sich ununterbrochen in der Nähe des Kindes aufhalten muss).
Als Beispiel für einen besonders intensiven Überwachungsaufwand wird in der
entsprechenden Verwaltungsweisung ein autistisches Kind angegeben. Daraus will die
Beschwerdeführerin ableiten, dass auch in ihrem Fall eine besonders intensive
Überwachungsbedürftigkeit ausgewiesen sei. Die Beschwerdegegnerin hat zu Recht
darauf hingewiesen, dass bei der Beschwerdeführerin keine ständige
Interventionsbereitschaft erforderlich sei. Andernfalls wäre die Beschwerdeführerin
nämlich nicht in der Lage, einen Teil des Schulweges allein zurückzulegen. Dass sie
dabei immer wieder mit der Mutter telefoniert, ändert daran nichts, denn die Mutter
muss zwar immer bereit sein, diese Telefonanrufe entgegenzunehmen, aber sie kann
aufgrund der erheblichen Distanz natürlich nicht sofort intervenieren. Das kann nur so
interpretiert werden, dass die Beschwerdeführerin keine dauernde
Interventionsbereitschaft ihrer Mutter benötigt. Der Abklärungsbericht enthält auch
keinen Hinweis darauf, dass die Beschwerdeführerin zuhause eine überdurchschnittlich
hohe Aufmerksamkeit und/oder eine ständige Interventionsbereitschaft der
Betreuungsperson erfordern würde. Die Beschwerdegegnerin ist somit zu Recht von
einem pauschalen Zeitaufwand von 2 Std. pro Tag ausgegangen.
2.4 Bei einem gesamten täglichen Zeitaufwand von 4 Std. 13 Min. besteht ein
Anspruch auf einen Intensivpflegezuschlag im Umfang von 20% des Höchstbetrages
der Altersrente gemäss Art. 34 Abs. 3 und 5 AHVG. Bei einem Betreuungsaufwand von
wenigstens 4 Std. aber weniger als 6 Std. pro Tag beläuft sich der
Intensivpflegezuschlag auf Fr. 468.-- für 2013 und 2014 und auf Fr. 470.-- ab 1. Januar
2015. Die Beschwerdegegnerin wird anhand der Rechnungsstellung der
Beschwerdeführerin zu prüfen haben, für welche Tage ein Leistungsanspruch besteht.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Macht eine versicherte Person ihren Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung mehr
als zwölf Monate nach deren Entstehung geltend, so wird die Leistung nur für die zwölf
Monate nachbezahlt, die der Geltendmachung vorangehen (Art. 48 Abs. 1 IVG). Da der
Intensivpflegezuschlag keine eigene Leistungsart ist, sondern, wie der Name schon
sagt, nur den Betrag der jeweiligen Hilflosenentschädigung erhöht, muss diese
Bestimmung auch auf ihn zur Anwendung kommen. Wer eine Versicherungsleistung
beansprucht, hat sich beim zuständigen Versicherungsträger in der für die jeweilige
Sozialversicherung gültigen Form anzumelden (Art. 29 Abs. 1 ATSG). Die
Invalidenversicherung stellt entsprechende amtliche Formulare bereit (Art. 65 Abs. 1
und 2 IVV). Die Mutter hat die Beschwerdeführerin unter Verwendung eines solches
Formulars zum Bezug einer Hilflosenentschädigung angemeldet (vgl. IV-act. 29). Sie
hat diese Anmeldung auf den 29. April 2014 datiert. Das Begleitschreiben zu diesem
Anmeldeformular trägt allerdings das Datum 30. April 2014. Die Beschwerdegegnerin
hat als Eingangsdatum den 1. Mai 2014 aufgestempelt. Da die Anmeldung gemäss
dem entsprechenden Vermerk auf dem Begleitschreiben persönlich der
Beschwerdegegnerin überbracht worden ist, muss nach der allgemeinen
Lebenserfahrung davon ausgegangen werden, dass der Eingangsstempel unmittelbar
nach der persönlichen Abgabe aufgebracht worden ist. Für die Wahrung der
Verwirkungsfrist des Art. 48 Abs. 1 IVG ist wie für jede andere Frist der Aufgabetag
massgebend. Da die Geltendmachung erst am 1. Mai 2014 erfolgt ist, kann der
Anspruch auf die Hilflosenentschädigung mit einem Intensivpflegezuschlag gemäss Art.
48 Abs. 1 IVG erst am 1. Mai 2013 entstanden sein.
4.
Dieser Verfahrensausgang ist im Hinblick auf die Verfahrenskosten praxisgemäss als
volles Obsiegen der Beschwerdeführerin zu werten. Bei der Festsetzung der
Parteientschädigung ist zu berücksichtigen, dass der Vertretungsaufwand sowohl in
Bezug auf den Umfang der massgebenden Akten als auch in Bezug auf die
Komplexität der zu beantwortenden Rechtsfragen erheblich tiefer gewesen ist als bei
einem durchschnittlichen „Rentenfall“. Dies rechtfertigt es, von einem
Vertretungsaufwand von Fr. 2‘500.-- auszugehen. Die Beschwerdegegnerin, hat der
Beschwerdeführerin somit eine Parteientschädigung von Fr. 2‘500.-- (inklusive
Barauslagen und Mehrwertsteuer) auszurichten. Da die Beurteilung in Dreierbesetzung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erfolgt, wird die Gerichtsgebühr auf Fr. 600.-- festgesetzt. Diese Gebühr ist der
vollumfänglich unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Das Gericht wird der
Beschwerdeführerin den Kostenvorschuss von Fr. 600.-- zurückerstatten.