Decision ID: 596bd633-c63b-4a5f-8ae6-6afad393b056
Year: 2015
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 05.06.2015 Art. 25 ATSG.Erlass der Rückforderung von unrechtmässig bezogenen Ergänzungsleistungen. Unterbliebene Meldung einer neu aufgenommenen Erwerbstätigkeit und einer Senkung der Hypothetkarzinsen (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 5. Juni 2015, EL 2014/11).Vizepräsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug undKarin Huber-Studerus; a.o. Gerichtsschreiber Silvan BötschiEntscheid vom 5. Juni 2015in SachenA._,Beschwerdeführerin,gegenSozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,Beschwerdegegnerin,betreffendErlass der Rückforderung (EL zur IV)Sachverhalt:
A.
A.a A._ ist zu 80 % invalid und bezieht seit 1. September 1983
Ergänzungsleistungen (EL) zu ihrer ganzen Invalidenrente (act. G 3.1/93). Im Rahmen
einer periodischen Überprüfung der EL vom Oktober 2013 stellte die EL-
Durchführungsstelle der Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen fest, dass
die Versicherte seit 1. Juni 2010 ein Erwerbseinkommen erzielte, das bei der
Berechnung der EL nicht berücksichtigt worden war (vgl. act. G 3.1/33). Gleichzeitig
stellte sie fest, dass sich die Hypothekarbelastung der Versicherten seit der
letztmaligen EL-Überprüfung im Jahr 2009 verringert hatte, ohne dass dies in die
Berechnung eingeflossen war (vgl. act. G 3.1/52-7, G 3.1/30-1, G 3.1/29-4 f. und
G 3.1/26-8). Aus diesen Gründen reduzierte die EL-Durchführungsstelle mit Verfügung
vom 31. Oktober 2013 den EL-Anspruch per November 2013 sowie rückwirkend per
1. Juni 2010 entsprechend und verpflichtete die Versicherte zur Rückererstattung der
zu Unrecht bezogenen Leistungen in der Höhe von Fr. 15'547.-- (act. G 3.1/18).
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A.b Die Versicherte ersuchte die EL-Durchführungsstelle am 7. November 2013 um
den Erlass der Rückforderung, weil sie stets alles korrekt deklariert habe. Durch die
Leistungsreduktion habe sich ihre ohnehin schon schwierige finanzielle Situation noch
verschlechtert, sodass keine Rückerstattung möglich sei (act. G 3.1/17).
A.c Die EL-Durchführungsstelle wies das Erlassgesuch der Versicherten mit Ver
fügung vom 13. November 2013 ab und ordnete an, dass von den künftig
auszurichtenden EL monatlich Fr. 200.-- abgezogen würden, bis die
Rückforderungsschuld vollumfänglich getilgt sei. Dazu führte sie aus, dass sämtliche
Verfügungen betreffend die EL einen Hinweis auf die Pflicht zur Meldung veränderter
Verhältnisse enthalten hätten. Darüber hinaus hätte die Versicherte bei der Kontrolle
der jährlichen Leistungsberechnungen feststellen müssen, dass ihr Erwerbseinkommen
unberücksichtigt geblieben sei. Deshalb habe sie die zu Unrecht ausgerichteten
Leistungen nicht in gutgläubiger Weise empfangen und sei zu deren Rückerstattung
verpflichtet (act. G 3.1/16).
A.d Am 28. November 2013 reichte die Versicherte ein erneutes Erlassgesuch ein
(act. G 3.1/15). Die EL-Durchführungsstelle ging jedoch nicht weiter darauf ein und hielt
ausdrücklich an ihrer Verfügung vom 13. November 2013 fest (act. G 3.1/14).
B.
B.a Mit Einsprache vom 29. November 2013 focht die Versicherte die
Abweisungsverfügung der EL-Durchführungsstelle vom 13. November 2013 an und
verlangte sinngemäss deren Aufhebung. Zur Begründung machte sie geltend, dass die
Rückerstattung für sie eine besondere Härte bedeuten würde. Sie werde bestraft, weil
sie gearbeitet habe. Dabei gehe vergessen, dass ihr die Arbeit eine minimale finanzielle
Autonomie gewährleiste und aufgrund der sozialen Interaktionen für sie eine gewisse
therapeutische Funktion habe. Ferner habe sie die zu viel ausgerichteten Leistungen in
gutem Glauben empfangen, zumal sie sich mit der zuständigen Gemeindebehörde
besprochen und sämtliche Formulare „getreu“ ausgefüllt habe. Schliesslich verstehe
sie nicht, dass mit der Rückforderung seitens der EL-Durchführungsstelle so lange
zugewartet worden sei (act. G 3.1/12)
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B.b Die EL-Durchführungsstelle wies die Einsprache am 20. Februar 2014 ab und
begründete dies damit, dass die Versicherte ihre Meldepflicht bezüglich der Aufnahme
einer Erwerbstätigkeit verletzt habe. Auf diese Pflicht sei in sämtlichen der Versicherten
zugestellten Verfügungen hingewiesen worden. Die Versicherte habe im Übrigen nicht
darauf vertrauen können, dass das nach ihren Aussagen in Kenntnis gesetzte
Sozialamt der Wohngemeinde die EL-Durchführungsstelle über die Aufnahme einer
Erwerbstätigkeit orientieren werde. Mangels besonderer Umstände, die eine Meldung
faktisch verunmöglicht hätten, seien ein gutgläubiger Bezug und somit der Erlass der
Rückforderung ausgeschlossen (act. G 3.1/3).
C.
C.a Mit Beschwerde vom 18. März 2014 beantragte die Versicherte (nachfolgend
Beschwerdeführerin) dem Sinne nach die Aufhebung des Einspracheentscheids der
EL-Durchführungsstelle (nachfolgend Beschwerdegegnerin) vom 20. Februar 2014, weil
die Rückforderung der unrechtmässig gewährten Leistungen für sie eine besondere
Härte darstelle und sie diese Leistungen gutgläubig empfangen habe. Zur Begründung
führte sie aus, dass sie ihr Erwerbseinkommen sowohl gegenüber der
Beschwerdegegnerin als auch in der Steuererklärung stets deklariert habe. Sie habe
nicht in betrügerischer Absicht gehandelt; „das Ganze“ sei „einfach durch viele
Missverständnisse“ geschehen. Ihre Legasthenie bereite ihr Mühe beim Rechnen,
Schreiben und Lesen und schränke ihre beruflichen Möglichkeiten ein. Durch die seit
Juni 2010 ausgeübte Erwerbstätigkeit habe sie sich aber ein eigenes Auto leisten und
soziale Kontakte pflegen können. Darauf zu verzichten sei ihr nicht zumutbar, zumal sie
sich schon „keine Ferien und sonstigen Extras erlauben“ könne. Zudem sei sie auf die
ihr zustehenden EL in voller Höhe angewiesen. Nachdem diese per November 2013
gekürzt worden seien, könne sie nicht auf den von der Beschwerdegegnerin zur
Schuldtilgung monatlich in Abzug gebrachten Betrag verzichten (act. G 1).
C.b Nachdem die Beschwerdegegnerin am 10. April 2014 unter Einreichung der
Vorakten die Abweisung der Beschwerde beantragt hatte (act. G 3), verzichtete die
Beschwerdeführerin auf eine entsprechende Stellungnahme, worauf der
Schriftenwechsel abgeschlossen wurde.

Erwägungen:
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1.
Streitig und zu prüfen ist vorliegend ausschliesslich die Frage, ob die Rückforderung
vom 31. Oktober 2013 in der Höhe von Fr. 15'547.-- zu erlassen ist. Die Rückforderung
selbst wurde in Bestand und Höhe rechtskräftig verfügt und kann vom Gericht nicht
überprüft werden (vgl. act. G 3.1/18). Die Anordnung, die laufende Ergänzungsleistung
um monatlich Fr. 200.-- zu kürzen, um damit die Rückforderung zu decken, ist von der
Beschwerdeführerin nicht einspracheweise angefochten worden. Sie ist im
Einspracheentscheid nur informationshalber nochmals erwähnt worden. Auch diese
(von der Bedingung, dass der Erlass verweigert werde, abhängige)
Verrechnungsanordnung ist also rechtskräftig verfügt worden und kann deshalb nicht
Gegenstand der gerichtlichen Überprüfung bilden.
2.
2.1 In Anwendung von Art. 25 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) sind unrechtmässig bezogene
Leistungen zurückzuerstatten. Wer die unrechtmässigen Leistungen in gutem Glauben
empfangen hat, muss sie nicht zurückerstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt. Die
Rückerstattung kann somit nur erlassen werden, wenn die beiden Voraussetzungen
des gutgläubigen Empfangs und der grossen Härte kumulativ erfüllt sind. Der
gutgläubige Leistungsempfänger darf sich nicht nur keiner böswilligen Absicht,
sondern auch keiner groben Nachlässigkeit schuldig gemacht haben. Der gute Glaube
entfällt somit einerseits von vornherein, wenn die zu Unrecht erfolgte
Leistungsausrichtung auf eine arglistige oder grobfahrlässige Verletzung der in Art. 24
der Verordnung über die Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung (ELV; SR 831.301) statuierten Melde- oder Auskunftspflicht
zurückzuführen ist. Anderseits kann sich die rückerstattungspflichtige Person auf den
guten Glauben berufen, wenn ihr fehlerhaftes Verhalten nur leicht fahrlässig war. Das
Mass der erforderlichen Sorgfalt beurteilt sich nach einem objektiven Massstab, wobei
aber das den Betroffenen subjektiv Mögliche und Zumutbare (Urteilsfähigkeit,
Gesundheitszustand, Bildungsgrad usw.) nicht ausgeblendet werden darf (vgl. BGE
138 V 220 f. E. 4). Unter die Sorgfaltspflicht fällt neben der Auskunfts- und Meldepflicht
gemäss Art. 24 ELV auch die Kontrollpflicht: Der Leistungsbezüger muss die
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Berechnungsblätter, die den EL-Verfügungen beigelegt sind, im Rahmen seiner
individuellen Möglichkeiten auf offensichtliche Fehler hin kontrollieren (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 9C_53/2014 vom 20. August 2014 E. 4.2.1). Es liegt somit eine
Sorgfaltspflichtverletzung vor, wenn der Leistungsbezüger beim Empfang der EL um
deren Grundlosigkeit bzw. Fehlerhaftigkeit hätte wissen müssen (vgl. Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen EL 2012/2 vom 6. August 2012 E. 2.2).
Dabei muss sich die versicherte Person allfällige Fehler eines Vertreters oder einer
Hilfsperson, deren Dienste sie für die Erfüllung ihrer Auskunfts-, Melde- und
Kontrollpflicht in Anspruch nimmt, grundsätzlich anrechnen lassen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts P 57/06 vom 21. August 2007 E. 3 in fine).
2.2 Mit Verfügung vom 12. August 2010 (act. G 3.1/46) bestimmte die
Beschwerdegegnerin die Höhe des monatlichen EL-Anspruchs rückwirkend per
1. Januar 2010 gestützt auf die von der Beschwerdeführerin am 28. Juli 2009
deklarierte Hypothekarbelastung von jährlich Fr. 4'683.12 (ein Viertel von Fr. 18'732.46
bei einem Miteigentumsanteil von 3/12; vgl. act. G 3.1/52-8, G 3.1/55-5 f. und
G 3.1/28-1) sowie gestützt auf die Annahme, dass die Beschwerdeführerin seit
31. Oktober 2008 arbeitslos sei und kein Erwerbseinkommen erziele (vgl. act.
G 3.1/53-1 und act. G 3.1/52-3). Auf denselben Berechnungsgrundlagen verfügte die
Beschwerdegegnerin am 29. Dezember 2010 den EL-Anspruch per 1. Januar 2011
(act. G 3.1/42 und G 3.1/44), am 28. Dezember 2011 den EL-Anspruch per 1. Januar
2012 (act. G 5) sowie am 27. Dezember 2012 den EL-Anspruch per 1. Januar 2013
(act. G 3.1/39 f.). Auf sämtlichen Verfügungen betreffend die Festsetzung des EL-
Anspruchs findet sich jeweils ein Hinweis, dass Veränderungen der persönlichen oder
finanziellen Verhältnisse der EL-Durchführungsstelle unverzüglich mitzuteilen und dass
die zu Unrecht bezogenen Leistungen bei unterbliebener Meldung zurückzuerstatten
seien.
2.3 Im Juni 2010 hat die Beschwerdeführerin, der bereits früher ein
Erwerbseinkommen angerechnet worden war, wieder eine Erwerbstätigkeit
aufgenommen. So hat sie ein Erwerbseinkommen von Fr. 1'896.30 im Jahr 2010 (act.
G 3.1/23-3), von Fr. 4'450.-- im 2011 (act. G 3.1/30-1 und G 3.1/23-2) und von
Fr. 6'375.-- im Jahr 2012 erzielt (act. G 3.1/31 und act. G 3.1/26-4). Ferner hat sich die
Hypothekarbelastung der Beschwerdeführerin spätestens im Verlaufe des Jahres 2011
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und erneut im Verlaufe des Jahres 2012 erheblich verringert, sodass die jährlichen
Ausgaben für Hypothekarzinsen noch Fr. 4'093.-- im Jahr 2011 und Fr. 3'194.93 im
Jahr 2012 betrugen (vgl. act. G 3.1/30-1 und G 3.1/29-4 f.). Die Beschwerdeführerin hat
der Beschwerdegegnerin weder die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit noch die
Reduktion der Hypothekarbelastung mitgeteilt. Angesichts der übersichtlich und
nachvollziehbar ausgestalteten Berechnungsblätter hätte sie sich aber – ungeachtet
ihrer Leseschwäche und ihrer mangelnden versicherungsspezifischen Kenntnisse – der
fehlenden Berücksichtigung ihres seit Juni 2010 erzielten Erwerbseinkommens sowie
der zu tief angesetzten Hypothekarbelastung und somit der Fehlerhaftigkeit der EL-
Berechnungen bewusst werden müssen. Ferner hätte sie bei sorgfältiger Durchsicht
der Verfügungen den typographisch hervorstechenden und sprachlich
unmissverständlichen Hinweis auf die Pflicht zur Meldung der veränderten Umstände
erkennen und deren Tragweite begreifen müssen. Objektiv betrachtet weisen nämlich
sowohl der Berechnungsvorgang als auch die damit zusammenhängende Pflicht zur
Meldung veränderter Verhältnisse keine besondere Komplexität auf und müssten selbst
dem Laien im Wesentlichen einleuchten. Im Übrigen wusste die Beschwerdeführerin
aus der Zeit vor ihrer vorübergehenden Arbeitslosigkeit, dass ein Erwerbseinkommen in
der EL-Anspruchsberechnung enthalten sein musste. Somit ist das Verhalten der
Beschwerdeführerin als grobe Nachlässigkeit zu beurteilen. Sollte die
Beschwerdeführerin bei der Wahrnehmung ihrer Pflicht zur Kontrolle der EL-
Verfügungen und Berechnungsblätter – wie beim Verfassen der Erlassgesuche (act.
G 3.1/17 und G 3.1/15), der Einspracheschrift (act. G 3.1/12) sowie der
Beschwerdeschrift (act. G 1) – von ihrer Mutter unterstützt oder gar vertreten worden
sein, so gilt das Gesagte für diese umso mehr und die Beschwerdeführerin muss sich
deren Versäumnisse rechtsprechungsgemäss anrechnen lassen.
2.4 Bei diesem Ergebnis erübrigt sich die Prüfung, ob die Rückforderung der zu
Unrecht bezogenen Leistungen für die Beschwerdeführerin eine besondere Härte im
Sinne von
Art. 25 Abs. 1 ATSG darstellt.
3. Gemäss den vorstehenden Erwägungen ist festzuhalten, dass die
Beschwerdeführerin ihre Pflicht zur Meldung der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit
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sowie der Reduktion der Hypothekarbelastung sowie ihre Pflicht zur Kontrolle der EL-
Verfügungen und Berechnungsblätter in grober Weise verletzt hat. Somit kann sie
bezüglich der zu Unrecht bezogenen EL nicht gutgläubig gewesen sein, weshalb die
Beschwerdegegnerin das Erlassgesuch zu Recht abgewiesen hat. Dementsprechend
ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten sind in Anwendung von Art. 61 lit. a
ATSG keine zu erheben.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP