Decision ID: d6af526f-e196-49e7-a401-6a8188948d61
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 19. Mai 2016 in der Schweiz um Asyl
nach. Am 26. Mai 2016 fand die Befragung zur Person (BzP) statt. Das
vorerst eingeleitete Dublin-Verfahren wurde am 7. Juni 2016 beendet. Am
29. Januar 2018 wurde der Beschwerdeführer vom SEM einlässlich zu sei-
nen Asylgründen angehört.
B.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte er im Wesentlichen geltend,
er stamme aus B._, Jaffna, Sri Lanka. Er habe die Schule bis zum
A-Level absolviert. Von (...) bis ins Jahr (...) habe er bei der Tamil Eelam
Bank (TEB) (...) gearbeitet (für die Liberation Tigers of Tamil Eelam, LTTE)
und im Vanni-Gebiet gelebt. Dann habe er sich bis (...) wieder in Jaffna
aufgehalten. Seit dem Jahr (...) sei er verheiratet. Im November 2007 sei
er – mutmasslich von Mitgliedern des Criminal Investigation Departments
(CID) – entführt worden. Nach einem beziehungsweise drei Tagen sei er
mit Hilfe eines ihm bekannten Polizisten, der von seiner Familie bezahlt
worden sei, freigekommen. Daraufhin seien er und seine Familie nach
C._ gelangt. Alle Dokumente bezüglich seiner Tätigkeit bei der
Bank habe er noch vor der Ausreise nach C._ vernichtet. Nach
Kriegsende sei er im März 2010 mit seiner Familie nach Jaffna zurückge-
kehrt und habe wieder am selben Ort gelebt wie vor der Ausreise. Zunächst
habe er Geschäfte gemacht und ab 2012 als (...) gearbeitet. Ausserdem
habe er sich für die Tamil National Alliance (TNA) engagiert. Etwa ab Mitte
2011, nachdem ein ehemaliger Mitarbeiter der Finanzabteilung der LTTE
dem Militär verraten habe, wo die LTTE Geld vergraben hätten, sei er von
den Behörden respektive von Unbekannten regelmässig zuhause gesucht
worden. Da er oft auswärts gearbeitet habe, seien auch (...) und (...) nach
ihm gefragt worden. Etwa im Juni 2013 sei er einmal vom CID vorgeladen
und befragt worden. Er habe erklärt, dass er nur wegen der finanziellen
Situation für die TEB gearbeitet habe, und kein Mitglied der LTTE gewesen
sei. Deshalb sei er auch nicht in einem Rehabilitationscamp gewesen.
Nach der Vorladung habe er (...) gesagt, er solle von dort weggehen res-
pektive (...) und (...) hätten Sri Lanka wegen der Belästigungen verlassen
und seien in die Schweiz gelangt. Ab Juni 2015 sei die Situation schlimmer
geworden. Unbekannte hätten nach ihm gesucht und einmal seine Mutter
bedroht. Er sei zudem regelmässig von Privatpersonen nach dem Geld ge-
fragt worden, welches damals bei der Bank deponiert worden sei. Sodann
seien im Oktober 2015 zwei seiner früheren Kollegen, die auch einmal vom
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CID befragt worden seien, entführt worden. Dies habe ihm Angst gemacht.
Da er nicht in Frieden habe leben können, habe er sich entschieden, das
Land zu verlassen. Nach seiner Ausreise im November respektive Dezem-
ber 2015 (per Flugzeug mit einem auf seinen Namen lautenden Reisepass)
sei seine Familie – (...) – noch etwa viermal von Unbekannten kontaktiert
worden.
Der Beschwerdeführer reichte eine Kopie seiner Geburtsurkunde ein.
C.
Mit Verfügung vom 29. Oktober 2019 verneinte die Vorinstanz die Flücht-
lingseigenschaft des Beschwerdeführers und lehnte sein Asylgesuch ab.
Gleichzeitig verfügte sie seine Wegweisung aus der Schweiz und ordnete
den Vollzug an.
D.
Mit Eingabe vom 29. November 2019 erhob der Beschwerdeführer – han-
delnd durch seinen Rechtsvertreter – gegen diese Verfügung Beschwerde
beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die angefochtene Verfü-
gung des SEM sei aufzuheben und es sei seine Flüchtlingseigenschaft
festzustellen sowie ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren, eventualiter sei
die Unzulässigkeit und / oder die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme zu verfügen, subeventua-
liter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Weiter beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
und Rechtsverbeiständung. Zudem ersuchte er um Beizug der Verfahrens-
akten (...) und (...) (N [...]).
Der Beschwerde wurden zwei Einwilligungserklärungen (...) und (...) des
Beschwerdeführers zur Akteneinsicht, Fotoausdrucke seines Bruders, von
Veranstaltungen sowie des Beschwerdeführers in Sri Lanka, eine Kopie
C._ Aufenthaltsdokumente, Kopien von vier fremdsprachigen Refe-
renzschreiben (BM 9, 10, 13, 16) sowie eines Schreibens eines sri-lanki-
schen Polizisten (BM 11), Passkopien und Kopien von Aufenthaltsgeneh-
migungen der Brüder des Beschwerdeführers, Kopien von Fotos des Be-
schwerdeführers bei exilpolitischen Tätigkeiten, eine Kopie eines Bestäti-
gungsschreibens der Schweizer Organisation «D._» (BM 15) sowie
mehrere Ausdrucke von Medienartikeln beigelegt.
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Seite 4
E.
Mit Instruktionsverfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 11. De-
zember 2019 wurden die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und Rechtsverbeiständung (bei Nachreichen einer Fürsorge-
bestätigung) gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
wurde verzichtet. Ferner wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Ver-
nehmlassung eingeladen.
F.
Nach gewährten Fristerstreckungen gab die Vorinstanz eine Vernehmlas-
sung vom 30. Januar 2020 ein.
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 5. Februar 2020 wurde dem Beschwerde-
führer die Vernehmlassung übermittelt, mit Frist zur Einreichung einer Rep-
lik. Ferner wurde er aufgefordert, innert derselben Frist die mit der Be-
schwerde angekündigten Übersetzungen seiner bereits eingereichten Be-
weismittel nachzureichen.
H.
Mit Schreiben vom 20. Februar 2020 ersuchte der Beschwerdeführer um
Fristerstreckung hinsichtlich Einreichung einer Replik. Weiter gab er eine
Fürsorgebestätigung vom 26. November 2019 sowie fünf Übersetzungen
(der BM 10, 11, 13, 15 und 16) ein.
I.
Nach gewährter Fristerstreckung wurden eine Replik vom 12. März 2020
sowie eine Honorarnote des Rechtsvertreters gleichen Datums einge-
reicht.
J.
Mit Instruktionsverfügung vom 10. November 2021 wurde die Vorinstanz
um eine weitere Stellungnahme ersucht.
K.
Die Eingabe des SEM vom 7. Dezember 2021 wurde dem Beschwerdefüh-
rer mit Instruktionsverfügung vom 15. Dezember 2021 zur Kenntnisnahme
zugestellt, mit Gelegenheit zur Einreichung einer allfälligen Stellungnahme
innert Frist.
L.
Der Beschwerdeführer ersuchte das Gericht zweimal um Fristerstreckung,
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Seite 5
welche jeweils gewährt wurden. Gleichzeitig gab er bei der Vorinstanz ein
Gesuch um Einsicht in die Akten (...) ein. Das SEM kam diesem Gesuch
mit Verfügung vom 14. Januar 2022 soweit möglich nach.
M.
In der Folge reichte der Beschwerdeführer eine Stellungnahme vom 27. Ja-
nuar 2021 (recte: 2022) ein. Beigelegt wurden Fotoausdrucke von weiteren
exilpolitischen Aktivitäten, ein Ausdruck eines Beschlusses der E._
Tamil Organisation (E._) vom 5. Dezember 2021 mit Foto, eine Ko-
pie eines ärztlichen Zeugnisses des Hausarztes vom 27. Dezember 2021
sowie eine weitere Honorarnote vom 27. Januar 2022.
N.
Mit Zwischenverfügung vom 29. April 2022 wurde der Beschwerdeführer
aufgefordert, einen aktuellen ärztlichen Bericht nachzureichen.
O.
Mit Schreiben vom 16. Mai 2022 gab er unter weiteren Ausführungen ein
Zeugnis seines Hausarztes vom 10. Mai 2022, eine Anamnese des
F._ vom 3. Januar 2022 (beides in Kopie) sowie eine aktualisierte
Honorarnote des Rechtsvertreters vom 16. Mai 2022 ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – wie auch vorliegend – in der
Regel endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
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Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert übernommen worden.
1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu
beurteilen sind. Der Beschwerdeführer rügt die Verletzung des rechtlichen
Gehörs sowie eine unvollständige und unrichtige Abklärung des rechtser-
heblichen Sachverhalts.
3.2 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Der Anspruch auf rechtliches
Gehör verlangt, dass die verfügende Behörde die Vorbringen der betroffe-
nen Person tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Ent-
scheidfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in der Begründung
des Entscheids niederschlagen muss (vgl. BVGE 2008/47 m.w.H.). Die Be-
gründung muss so abgefasst sein, dass die betroffene Person den Ent-
scheid gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann (Art. 35 Abs. 1 VwVG).
Die Behörde muss die Überlegungen nennen, von denen sie sich hat leiten
lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1;
BVGE 2011/37 E. 5.4.1 m.w.H.).
3.3 Der Beschwerdeführer bringt vor, der Zeitraum zwischen Anhörung und
Entscheid des SEM habe fast zwei Jahre betragen. Aufgrund der langen
Dauer sei davon auszugehen, dass die subjektiven Wahrnehmungen der
befragenden Person nicht mehr präsent gewesen seien. Darin bestehe ein
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Verfahrensfehler. Weiter sei das Dossier (...) / (...) nicht umfassend be-
rücksichtigt worden, was eine Verletzung des rechtlichen Gehörs darstelle.
Sodann habe das SEM den Sachverhalt falsch und unvollständig festge-
stellt, indem es seine Vorbringen zu Unrecht als unglaubhaft eingestuft
habe beziehungsweise da es die bestehende und zukünftige asylrelevante
Verfolgung verneint habe. Weiter sei das rechtliche Gehör verletzt worden,
da das SEM die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs nicht anhand der
vom Bundesverwaltungsgericht vorgegebenen Risikofaktoren geprüft
habe. Schliesslich habe das SEM in einem neuen Entscheid die aktuellen
Entwicklungen in Sri Lanka abzuhandeln.
3.4 Zum ersten Vorbringen ist festzuhalten, dass es sich bei der befragen-
den Person nicht um dieselbe Person handelt, wie diejenige, die den Ent-
scheid verfasst hat. Es ist nicht ersichtlich, weshalb die Dauer zwischen
Anhörung und Entscheid vorliegend ein Verfahrensfehler darstellen soll.
Weiter zeigt der Beschwerdeführer nicht auf, inwiefern das SEM die Akten
(...) / (...) unzureichend berücksichtigt habe und damit das rechtliche Ge-
hör verletzt haben könnte. Vielmehr dürfte er die Vorbringen seiner Fami-
lienangehörigen inhaltlich anders würdigen als die Vorinstanz. Zu beachten
ist diesbezüglich, dass sich das SEM im Entscheid und im Rahmen der
Vernehmlassung damit auseinandergesetzt hat. Sodann beschränkt sich
die vom Beschwerdeführer erhobene Rüge der unzureichenden Sachver-
haltsfeststellung in der Hauptsache auf Ausführungen zur Glaubhaftigkeit
seiner Aussagen. Sachverhaltsergänzungen macht er kaum. Alleine der
Umstand, dass das SEM die Vorbringen für unglaubhaft befand und zu ei-
ner anderen Einschätzung als der Beschwerdeführer gelangte, bedeutet
noch keinen formellen Mangel. Mithin verwechselt der Beschwerdeführer
hier formelle Fragen mit dem Aspekt der von der Vorinstanz vorgenomme-
nen materiellen Würdigung des Sachverhalts. Dieser kann als hinreichend
erstellt gelten. Weiter ist festzuhalten, dass das SEM eine Prüfung, ob der
Beschwerdeführer aufgrund von Risikofaktoren begründete Furcht vor
künftigen Verfolgungsmassnahmen habe, und damit auch ein Wegwei-
sungsvollzug ungerechtfertigt wäre, im Rahmen der Vernehmlassung vom
7. Dezember 2021 vorgenommen hat (vgl. auch unten E. 5.5). Der Be-
schwerdeführer hat sich in der Folge damit auseinandergesetzt und Stel-
lung zu den vorinstanzlichen Erwägungen genommen. Eine Verletzung der
Gewährung des rechtlichen Gehörs liegt somit nicht vor. Schliesslich sind
auch die aktuellen Geschehnisse und Entwicklungen in Sri Lanka im Rah-
men der Schriftenwechsel berücksichtigt worden.
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3.5 Die formellen Rügen erweisen sich nach dem Gesagten als unbegrün-
det. Es besteht keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung aufzuhe-
ben und die Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. Das
entsprechende Eventualbegehren ist abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz führte in der angefochtenen Verfügung aus, die geltend
gemachten Vorbringen des Beschwerdeführers seien als unglaubhaft ein-
zustufen. Die Konsultation des Dossiers (...) und (...) beziehungsweise das
eingereichte Beweismittel in Form eines Geburtsscheins vermöchten
nichts daran zu ändern.
5.1.1 Zunächst habe er an der BzP erklärt, er sei im Jahr 2007 von S.,
Leiter des CID in einem Camp, entführt worden. Durch die Intervention sei-
ner Frau und eines Polizeibeamten sei er nach drei Tagen freigekommen
(SEM-Akte A3 S. 8). Während der Anhörung habe er angegeben, «sie»
hätten ihn zuhause aufgesucht und entführt. Man habe ihn eine Nacht
«dort» behalten und geschlagen. «Sie» seien von einem Camp gekommen
und er habe auch den Namen S. vernommen. Seine Ehefrau habe ihn am
nächsten Tag mit Hilfe eines Polizisten freigekauft (SEM-Akte A15 F31–
F38). Es sei unglaubhaft, dass der Beschwerdeführer die Dauer dieses
Vorfalls nicht konsistent habe angeben können. Zudem seien seine kurzen
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Seite 9
Aussagen pauschal, substanzlos und ohne Realkennzeichen ausgefallen.
Weiter habe er an der BzP dargelegt, nach seiner Rückkehr nach Sri Lanka
im Jahr 2010 seien zweimal pro Monat Beamte des Civil Office bei ihm
vorbeigekommen, um ihn zu befragen. Er habe diesen jeweils Geld geben,
um wieder seine Ruhe zu haben. Im Jahr 2011 habe eine Person dem Mi-
litär verraten, wo sich Geld der LTTE befinde. Danach sei es zu weniger
Kontrollen gekommen. Im Januar 2015 seien die Beamten das letzte Mal
bei ihm vorbeigekommen. Im Juni 2015 sei es wieder schlimmer geworden,
da ihn Unbekannte nachts aufgesucht hätten (SEM-Akte A3 S. 8 f.). Dem-
gegenüber habe er an der Anhörung erklärt, nachdem im Jahr 2011 aufge-
zeigt worden sei, wo sich das Geld der LTTE befinde, hätten die Behörden
erst begonnen ihn für Befragungen zu suchen. Er sei zudem im Juni 2013
vorgeladen und befragt worden. Auch (...) und (...) seien belästigt worden,
so dass diese im Jahr 2013 in die Schweiz gereist seien. Im Jahr 2015
hätten ihn zudem Unbekannte tagsüber gesucht und seine Mutter bedroht
(SEM-Akte A15 F53–F58). Es sei unglaubhaft, dass der Beschwerdeführer
seine Probleme zeitlich nicht einordnen könne. Nicht nachvollziehbar sei
zudem, dass er die Probleme (...) und (...) an der BzP nicht erwähnt habe,
obwohl er damals angegeben habe, (...) befinde sich in der Schweiz (SEM-
Akten A3 S. 3, 8 f., A15 F53, 103). Sodann sei nicht logisch erklärbar, wes-
halb das Civil Office ihn nach den Geldern und der nicht erfolgten Rehabi-
litation gefragt habe, nur um ihn danach wieder gehen zu lassen. Die Er-
klärung des Beschwerdeführers, die Behörden hätten ihn vielleicht be-
obachten wollen, überzeuge nicht (SEM-Akte A15 F59 f.). Weiter habe er
nicht erklären können, weshalb er einerseits als Angestellter der TEB weit-
hin bekannt gewesen sei, andererseits im Oktober 2015 nur ehemalige Ar-
beitskollegen von den Behörden hätten ausfindig gemacht werden können
und verhaftet worden seien, er aber nicht (SEM-Akte A15 F62 f., 53, 73 ff.),
zumal man gemäss seinen Angaben in Sri Lanka von den anderen sofort
ans Militär verraten werde (SEM-Akte A15 F88). Sodann habe er an der
Anhörung erklärt, er habe nicht an einem Rehabilitationscamp teilnehmen
müssen, da er den sri-lankischen Behörden anhand seiner Heiratsurkunde
habe beweisen können, kein LTTE-Mitglied zu sein (SEM-Akte A15 F132).
Da er somit in den Augen der Behörden kein nicht rehabilitiertes LTTE-
Mitglied und das Geld der LTTE im März 2011 aufgefunden worden sei, sei
nicht ersichtlich, weshalb er in seinem Heimatland von den Behörden ver-
folgt sein solle.
5.1.2 Weiter habe der Beschwerdeführer an der BzP angegeben, für die
TNA Propaganda betrieben und an Versammlungen teilgenommen zu ha-
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Seite 10
ben. An der Anhörung habe er nur noch in einem einzelnen Nebensatz er-
wähnt, mit Leuten der TNA befreundet zu sein (SEM-Akten A3 S. 8, A15
F53). Der Wahrheitsgehalt dieses Vorbringens sei daher zweifelhaft.
5.1.3 Schliesslich habe er Belästigungen / Nachfragen durch unbekannte
Drittpersonen geltend gemacht. Dass es diesbezüglich zu asylrelevanten
Übergriffen gekommen sei, sei den Akten aber nicht zu entnehmen. Dabei
handle es sich um reine Befürchtungen seitens des Beschwerdeführers.
Ferner sei nach dem Oberwähnten nicht ersichtlich, weshalb er sich im
Falle künftiger Übergriffe nicht an die heimatlichen Behörden wenden
könne. Dieses Vorbringen sei nicht asylrelevant.
5.2 Hiergegen brachte der Beschwerdeführer vor, er sei aufgrund seiner
Tätigkeit für die LTTE ins Visier des Staatsapparates gelangt und «negativ»
aufgefallen, was – entgegen der Ansicht der Vorinstanz – eine asylrele-
vante Verfolgung begründe. Mitglieder des Staatsapparats könnten auch
private Bereicherungsabsichten und Motive haben, ihn zu beseitigen. Da
er mehrfach vom CID respektive von Unbekannten zuhause gesucht wor-
den sei, ohne dass bisher ein Haftbefehl ergangen sei, sei anzunehmen,
dass das CID gegen ihn ein inoffizielles Vorgehen plane. Auch Private, wel-
che ihr Guthaben den LTTE anvertraut hätten, könnten ihn (wieder) bei den
Behörden denunzieren, was das SEM nicht beachtet habe. Ferner könne
er wie vor der Ausreise erneut durch Unbekannte aufgesucht und auf Her-
ausgabe von Informationen über versteckte LTTE-Gelder erpresst werden.
Seine Arbeitskollegen hätten ebenfalls fliehen müssen und in Europa Asyl
erhalten (unter Hinweis auf diverse Beweismittel). Das SEM habe seine
Vorbringen sodann zu Unrecht als unglaubhaft eingestuft. Dass sich eine
Person nach etlichen Jahren nicht mehr detailliert über Ereignisse äussern
könne, verstehe sich von selbst. Die minimen Abweichungen zwischen der
BzP und der Anhörung seien keine Widersprüche, die seine Glaubhaftigkeit
umstossen würden. Um seine Asylgründe veranschaulichen zu können, sei
ferner die veränderte Situation in Sri Lanka nach der Machtübernahme
Rajapaksas im November 2019 zu berücksichtigen. Der Staatsapparat
sehe in ihm ein potentielles Risiko für den Einheitsstaat. Solchen Personen
drohe systematische Verfolgung. Er wäre bei einer Rückreise massiv ge-
fährdet. Da er vom sri-lankischen Staat registriert worden sei und Kennt-
nisse über die LTTE habe, handle es sich bei ihm um eine stark exponierte
Person. Hinzu komme die frühere Verbindung seiner Familie (insb. seines
Bruders) zu den LTTE. Neben der Gefahr, die man in ihm sehe, seien die
Behörden daran interessiert, ihn zu fassen, um Informationen über andere
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Seite 11
LTTE-Mitglieder zu erlangen. Insbesondere durch seine exilpolitische Tä-
tigkeit sehe sich die sri-lankische Sicherheitsbehörde in ihrer Ansicht be-
stätigt. Mit seiner Vorgeschichte und dem mehrjährigen Auslandaufenthalt
falle er in die Kategorie der vulnerabelsten Personen, welche bei einer
Rückkehr im Rahmen des Background-Checks verhaftet werden würde. Es
bestehe grosse subjektive Furcht vor der Gefahr einer asylrelevanten Ver-
folgung.
5.3 Die Vorinstanz gab anlässlich der Vernehmlassung hinsichtlich der An-
gaben (...) und (...) des Beschwerdeführers ergänzend an, diese hätten
einen Bruder namentlich genannt, welcher Probleme gehabt habe und we-
gen dem sie aus Sri Lanka geflohen seien. Dabei handle es sich nicht um
den Beschwerdeführer. Daher sei die vom Beschwerdeführer geltend ge-
machte Verfolgungssituation, aufgrund derer auch (...) / (...) Probleme er-
halten hätten, weiterhin nicht glaubhaft. Zum auf Beschwerdeebene neu
eingereichten Beweismittel Nr. 4 sei festzuhalten, dass auf den Fotoauf-
nahmen ein Soldat mit dem LTTE-Führer zu sehen sei. Ob es sich beim
Soldaten um den Bruder des Beschwerdeführers handle, könne nicht zwei-
felsfrei festgestellt werden. Selbst wenn dem so wäre, würde dies die Ver-
folgungssituation des Beschwerdeführers nicht bekräftigen. Ähnlich ver-
halte es sich mit den Beweismitteln 5 bis 8, welche den Lebenslauf des
Beschwerdeführers, nicht aber seine Verfolgungssituation belegen wür-
den. Die Urkunde Nr. 12 sei ebenso einzustufen. Die Gefälligkeitsschrei-
ben (Nrn. 9–11, 13, 15 f.) entfalteten als subjektive Parteiaussagen Dritter
keine relevante Beweiskraft. Zudem würden die Schreiben auf seine beruf-
liche Tätigkeit, nicht aber auf die mutmassliche Verfolgungssituation des
Beschwerdeführers eingehen. Bei den erstmals auf Beschwerdeebene
vorgebrachten exilpolitischen Tätigkeiten handle es sich offensichtlich um
ein nachgeschobenes Vorbringen. Die Verfolgungssituation des Beschwer-
deführers habe sich als unglaubhaft erwiesen. Daher könne ausgeschlos-
sen werden, dass er vor Verlassen des Heimatstaates als regierungsfeind-
liche Person ins Blickfeld der Behörden geraten sei. Weiter seien exilpoliti-
sche Aktivitäten nur dann relevant, wenn davon ausgegangen werden
müsse, dass eben diese Aktivitäten im Falle einer Rückkehr ernsthafte
Massnahmen zur Folge hätten. Die angegebene Mitgliedschaft des Be-
schwerdeführers in der Entwicklungsorganisation «D._», welche
bedürftige tamilische Schüler unterstütze, vermöge keine asylrelevante
Verfolgung bei einer Rückkehr zu begründen. Zudem lägen keine Hinweise
vor, dass die sri-lankischen Behörden von der Mitgliedschaft Kenntnis hät-
ten. So verhalte es sich auch mit den weiteren Aktivitäten. Die Fotoaufnah-
men zeigten mutmasslich, wie der Beschwerdeführer als einer unter vielen
E-6401/2019
Seite 12
anonymen Teilnehmern in geschlossenen Räumlichkeiten nicht politisch
motivierte Feierlichkeiten wie das Pongal-Fest begehe (BM 14). Ebenso
wenig werde der Beschwerdeführer im Bericht auf der News-Seite nament-
lich erwähnt. Eine konkrete Gefährdung vermöchten die Tätigkeiten daher
nicht zu begründen. Es könne auch nicht gehört werden, dass der Be-
schwerdeführer wegen der LTTE-Tätigkeit seines Bruders ein Risikoprofil
aufweise. Dieser habe ein Rehabilitationsprogramm durchlaufen (SEM-
Akte A15 F96) und der Beschwerdeführer habe jahrelang ohne konkrete
Vorkommnisse seitens der sri-lankischen Behörden in der Heimat gelebt.
Sodann vermöge namentlich die Präsidentschaftswahl vom November
2019 die bisherige Einschätzung nicht umzustossen. Es müsse ein persön-
licher Bezug zu diesem Ereignis respektive den Folgen vorliegen, was nicht
dargetan worden sei. Deshalb bestehe weiterhin kein begründeter Anlass
zur Annahme, der Beschwerdeführer werde bei einer Rückkehr mit beacht-
licher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft asylrelevanten Verfol-
gungsmassnahmen ausgesetzt sein.
5.4 Der Beschwerdeführer replizierte, gemäss seinen Aussagen an der
BzP und Anhörung würden Indizien vorliegen, welche bestärkten, dass die
Akten (...) für sein Verfahren relevant seien. Allein die Verwandtschaft lege
nahe, dass Angaben vorhanden seien, welche auf die Asylgeschichte bei-
der Personen hinweisen würden (mit Hinweis auf SEM-Akten A3 F7.01,
A15 F14 und 103). Entsprechend seien diese Akten der Rechtsmitte-
linstanz zur objektiven Beurteilung offenzulegen. Sodann seien auch die
Passkopien seiner Brüder eingereicht worden (BM 12). Dies bestätige die
Identität der Person auf den fraglichen Fotoaufnahmen (BM 4). Ferner
stamme er aus einer LTTE-Familie. Seine Geschwister lebten im Ausland
und hätten Asyl erhalten. Bereits die verwandtschaftliche Beziehung zu
LTTE-Aktivisten könne für ihn eine konkrete Gefahr begründen. Darüber
hinaus sei er selbst in einer Kaderposition für finanzielle Geschäfte der
LTTE tätig gewesen, worauf die eingereichten Bestätigungen hinweisen
würden. Namentlich Urkunde Nr. 5 zeige die Kreditvergabe im Jahr (...)
auf. Dass es sich damals um eine legale Bank gehandelt habe, sei irrele-
vant. Seine Arbeitsleistung für die Bewegung habe ihn nach Kriegsende
zur Zielscheibe der Regierung gemacht. Bei einer Gesamtbetrachtung sei-
ner Fluchtgründe und weil er bereits nach C._ geflohen sei, werde
schlüssig, dass es sich um eine fortwährende Verfolgung handle. Sodann
habe er geschildert, dass ihm seine Verbindungen zu sri-lankischen Politi-
kern (SEM-Akte A15 F133, vgl. BM 7) erlaubt hätten, eine Machtposition
zu erlangen und unter dem Radar der Regierung zu bleiben. Weiter handle
es sich bei den Bestätigungsschreiben nicht um Gefälligkeitsschreiben. Die
E-6401/2019
Seite 13
darin formulierten Befürchtungen seien Mutmassungen gleichzustellen, zu-
mal es sich um in G._ anerkannte Flüchtlinge handle, welche ihn
gekannt und denselben Sachverhalt bestätigt hätten. Zu seiner Mitglied-
schaft beim obgenannten Verein sei festzuhalten, dass er dort seit Januar
2018 eine instruierende und leitende Funktion habe. Die vorinstanzliche
Würdigung sei angesichts der beweislichen Grundlage irrelevant. Sodann
habe das Pongal-Fest durchaus politische Bedeutung. Weiter habe sich
das SEM nach wie vor nicht zur möglichen privaten Verfolgung bezüglich
der Guthaben geäussert. Als Hauptverantwortlicher für die LTTE-Bank sei
er von der tamilischen Bevölkerung denunziert worden. Sogar in der
Schweiz sei er bezüglich dieses Guthabens von Gläubigern ausgefragt
worden. Mithin bestehe eine konkrete, auf ihn gerichtete Gefährdung.
Schliesslich sei er mit seinem Profil durch die Machtübernahme in Sri
Lanka direkt gefährdet, bei einer Rückkehr gefangen genommen zu wer-
den.
5.5 In ihrer weiteren Stellungnahme erklärte die Vorinstanz nochmals, (...)
des Beschwerdeführers habe einen anderen Bruder erwähnt (Dossier
N [...], Akte B3 S. 5 und 8). Sodann sei das Vorbringen hinsichtlich Verfol-
gungssituation durch private Drittpersonen durchaus gewürdigt worden
(Punkt II Ziffer 2 der angefochtenen Verfügung). Die Fotoaufnahmen, die
mutmasslich den Bruder des Beschwerdeführers zeigten, würden keine re-
levanten Referenzdaten aufweisen. Die Identität der in seitlichem Profil ab-
gebildeten Person sei zudem zu bezweifeln. Weiter sei bereits dargelegt
worden, dass die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Verfolgungssi-
tuation vor seiner Ausreise nicht glaubhaft sei. Vielmehr sei er bis im De-
zember 2015 in Sri Lanka wohnhaft gewesen, also nach Kriegsende wei-
tere sechseinhalb Jahre. Allfällige im Zeitpunkt der Ausreise bestehende
Risikofaktoren, insbesondere die angebliche Verbindung einzelner Fami-
lienangehöriger zu den LTTE, hätten folglich kein Verfolgungsinteresse sei-
tens der sri-lankischen Behörden ausgelöst. Aufgrund der Aktenlage sei
nicht ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr nunmehr in den Fokus der
Behörden geraten und in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt wer-
den sollte. Die mehrjährige Landesabwesenheit führe zu keiner anderen
Beurteilung. Diese Einschätzung vermöge auch die genannte Präsident-
schaftswahl nicht umzustossen. Eine Verschärfung der persönlichen Situ-
ation des Beschwerdeführers sei aufgrund dieses Ereignisses sowie der
weiteren Vorkommnisse in Sri Lanka nicht zu erblicken. Die Anforderungen
an die Annahme einer begründeten Verfolgungsfurcht seien damit nicht ge-
geben.
E-6401/2019
Seite 14
5.6 Der Beschwerdeführer führte daraufhin aus, entgegen der Darlegung
des SEM sei den Akten (...) nicht klar zu entnehmen, dass sie von einem
anderen Bruder und nicht vom Beschwerdeführer gesprochen habe. Da
diese Akten erst kürzlich hätten gesichtet werden können, würden eventu-
ell weitere für das vorliegende Verfahren relevante Darlegungen noch ge-
macht werden. Ferner habe er an einer Demonstration in H._ teil-
genommen, was auf den Fotoaufnahmen klar erkennbar sei. Sodann
nehme er als (...) der E._ regelmässig an Veranstaltungen teil. Zu-
letzt habe er mit weiteren Mitgliedern den Geburtstag des LTTE-Präsiden-
ten gefeiert. Tätigkeiten für die LTTE weise er somit auch in der Schweiz
auf. Er sei auf den eingereichten Fotoaufnahmen erkennbar, zudem sei
bekannt, dass über solche Anlässe in den sri-lankischen Medien berichtet
werde. Entsprechend bestehe bei einer Rückkehr nach Sri Lanka eine er-
hebliche Gefährdungssituation für ihn. Die Gefährlichkeit bestehe auch
aufgrund des Umstandes, dass bereits der jüngere, verschollene Bruder
aufgrund seiner LTTE-Verbindung für Probleme für die Familie gesorgt
habe, so dass (...) und (...) in die Schweiz hätten fliehen müssen. Er habe
deutlich zum Ausdruck gebracht, wie gefährlich die Lage für seine Familie
aufgrund der Beziehungen zu den LTTE gewesen sei. Die Verfolgungsge-
fahr sei für ihn aufgrund der ehemaligen Funktion bei der Bank offensicht-
lich.
6.
6.1 Nach Durchsicht der Akten kommt das Gericht zu Schluss, dass die
Vorinstanz die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Verfolgungssitu-
ation vor seiner (zweiten) Ausreise im Jahr 2015 zu Recht als unglaubhaft
qualifiziert hat. Die Ausführungen auf Beschwerdeebene vermögen der vo-
rinstanzlichen Einschätzung nichts Stichhaltiges entgegenzusetzen.
6.2 Der Beschwerdeführer hat angegeben, er sei im März 2010 von
C._ nach Sri Lanka zurückgekehrt, an seinen Heimatort (SEM-Akte
A3 S. 5), wo er sich bis zur zweiten Ausreise Ende 2015 aufgehalten habe.
Mithin dürfte er zu diesem Zeitpunkt keine Verfolgungsgefahr befürchtet
haben. Seine Schilderungen bezüglich der nach seiner Rückkehr erlebten
Behelligungen seitens der Behörden sowie durch Drittpersonen sind so-
dann – entgegen seiner Ansicht – auffallend widersprüchlich ausgefallen.
Die Vorinstanz hat zu Recht seine unterschiedlichen Darlegungen an der
BzP und an der Anhörung aufgezeigt, die einzig mit dem Hinweis, die Ge-
schehnisse lägen mehrere Jahre zurück, nicht erklärt werden können. Ins-
besondere folgende Ungereimtheiten in den Kernvorbringen des Be-
schwerdeführers fallen auf: Während er an der BzP darauf hingewiesen
E-6401/2019
Seite 15
hat, dass er zweimal pro Monat von Beamten aufgesucht und befragt wor-
den sei, denen er jeweils Geld bezahlt habe, um wieder seine Ruhe zu
haben, und nach der Aufdeckung der Vermögenswerte im Jahr 2011 hätten
die Kontrollen abgenommen, hat er an der Anhörung erklärt, die Suche
nach ihm habe erst nach der Entdeckung der Gelder im Jahr 2011 begon-
nen, zuvor habe er keine Probleme gehabt. Zudem sei er – nur gemäss
Hinweise an der Anhörung – im Jahr 2013 einmal vom CID vorgeladen und
befragt worden, und (...) und (...) seien seinetwegen auch aufgesucht wor-
den, weshalb (...) das Land verlassen habe. Weiter seien Unbekannte
nachts respektive tagsüber bei seiner Familie vorbeigegangen (SEM-Akten
A3 S. 8 f., A15 F53). Ob und durch wen (...), nach seiner Ausreise noch
einmal kontaktiert worden seien, vermochte er ebenfalls nicht verständlich
darzulegen (SEM-Akte A15 F114–122, 125).
6.3 Weiter hat der Beschwerdeführer gemäss eigenen Angaben vor der
zweiten Ausreise im Jahr 2015 Kontakt zu den sri-lankischen Behörden
gehabt, namentlich im Rahmen der Befragung im Jahr 2013. Nach seiner
Rückkehr aus C._ hat er mit seiner Familie fünf Jahre an seinem
Heimatort gelebt und bis zur Ausreise in der Region gearbeitet, ohne sei-
tens der Behörden oder Privater konkret belangt worden zu sein (SEM-
Akte A15 F75). Ferner hat er deutlich gemacht, dass ihm die Behörden, die
von seiner früheren Tätigkeit für die TEB ([...]) sowie der LTTE-Verbindung
seines Bruders, der an einem Rehabilitationsprogramm teilgenommen
habe, gewusst hätten, geglaubt hätten, kein LTTE-Mitglied gewesen zu
sein (SEM-Akte A15 F96 f., 100, 131 f.). Entsprechend vermochte der Be-
schwerdeführer bis auf eine Vorladung durch das CID im Jahr 2013, bei
der man ihn befragt habe, keine konkreten Vorkommnisse aufzuzeigen. Er
machte auch nicht geltend, wegen der LTTE-Tätigkeit seines rehabilitierten
Bruders Probleme gehabt zu haben. Aus seinen Schilderungen geht zu-
dem nicht klar hervor, wie oft, wann respektive durch wen er zuhause auf-
gesucht und befragt worden sein will (u.a. SEM-Akten A3 S. 8 f., A15
F90 ff., 103 f.). Die sri-lankischen Behörden haben demnach in Kenntnis
seiner geltend gemachten früheren Verbindung zu den LTTE offensichtlich
keine Gefahr in ihm gesehen und kein Verfolgungsinteresse gehabt. Wes-
halb gegen ihn nun – wie in der Beschwerde vorgebracht – seitens der
Behörden ein inoffizielles Vorgehen geplant sein soll, diese von ihm plötz-
lich Informationen über LTTE-Mitglieder einfordern oder wegen der Vergan-
genheit seines Bruders gegen ihn vorgehen beziehungsweise Behörden-
mitglieder private Interessen geltend machen sollten, ist in keiner Weise
ersichtlich, nachdem während seines fünfjährigen Aufenthalts in der Hei-
matregion nichts Entsprechendes vorgefallen sei. Auch inwiefern die sri-
E-6401/2019
Seite 16
lankischen Behörden in ihm ein Risiko für den Staat sehen sollten oder es
sich bei ihm um eine stark exponierte Person handeln sollte, ist nicht zu
erblicken. Dasselbe ist für die geltend gemachte Bedrohung durch Private
festzuhalten. Hätte man gegen ihn wegen vermisster Gelder vorgehen res-
pektive ihn erpressen wollen, ist davon auszugehen, dass dies vor seiner
Ausreise geschehen wäre (SEM-Akte A15 F134). Auslöser für seinen Ent-
scheid, das Heimatland zu verlassen, sei zudem die Entführung von zwei
früheren Arbeitskollegen im Oktober 2015 durch unbekannte Dritte (SEM-
Akten A3 S. 8, A15 F77) beziehungsweise die Regierung (SEM-Akte A15
F80, 82) gewesen. Einzig mit dem Hinweis, diese seien wie er ebenfalls
befragt worden, vermag er nicht überzeugend darzulegen, weshalb ihm
persönlich, der im Jahr 2013 befragt worden sei, Ende 2015 eine Entfüh-
rung hätte drohen sollen (SEM-Akte A15 F76–84, 95). Ferner wäre es dem
Beschwerdeführer bei einer befürchteten Verfolgung durch Dritte möglich
(gewesen), sich schutzsuchend an die sri-lankischen Behörden zu wen-
den. Auch mit den eingereichten Beweismitteln kann der Beschwerdefüh-
rer nicht darlegen, dass ihm vor der Ausreise aus Sri Lanka im Jahr 2015
eine konkrete Gefahr gedroht hätte. Die Fotoaufnahmen sind grösstenteils
undatiert und lassen kaum Rückschlüsse über ihren Aufnahmeort, den An-
lass respektive die Identität der abgebildeten Personen zu (BM 5, 7 und 8).
Auch kann nicht erkannt werden, dass die Person auf der Fotoaufnahme
mit dem LTTE-Führer (BM 4) ein Bruder des Beschwerdeführers sein soll.
Eine Identifizierung ist anhand des Fotos auf der Ausweiskopie (BM 12
S. 4) nicht möglich. Die eingereichten Bestätigungsschreiben (BM 9–11,
13, 16) weisen alle mit ähnlichen Worten auf die frühere berufliche Tätigkeit
des Beschwerdeführers respektive das Schreiben des ehemaligen Polizis-
ten zusätzlich auf die kurzzeitige Festnahme vor der Reise nach
C._ hin. Dass dem Beschwerdeführer in der Heimat eine asylrele-
vante Verfolgung gedroht hätte, geht aus den Schreiben nicht hervor. Zu-
dem ist mit der Vor-instanz von Gefälligkeitsschreiben auszugehen.
Schliesslich konnte der Beschwerdeführer selbst nicht genau angeben,
wovor er sich vor der Ausreise genau gefürchtet habe (SEM-Akte A15 F86,
F102). Nach dem Gesagten vermochte der Beschwerdeführer nicht glaub-
haft darzulegen, dass er vor seiner Ausreise als regierungsfeindliche Per-
son ins Blickfeld der Behörden geraten sei und ihm eine asylrelevante Ver-
folgung gedroht hätte respektive er mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und
in absehbarer Zukunft ernsthafte Nachteile (durch die sri-lankischen Be-
hörden oder Dritte) hätte befürchten müssen. An dieser Einschätzung ver-
mag die auf Beschwerdeebene allgemein dargelegte veränderte Situation
in Sri Lanka nichts zu ändern.
E-6401/2019
Seite 17
6.4 Die Konsultation der Akten (...) und (...) des Beschwerdeführers (N
[...]) führt zu keiner anderen Einschätzung. Beide erwähnten während ihrer
Befragungen den Bruder namentlich, der bei den LTTE gewesen sei und
Probleme gehabt habe. Dabei handelt es sich nicht um den Beschwerde-
führer. Sie erklärten, sie seien nach Verschwinden dieses Bruders im Jahr
2011 respektive 2013 von zivilen Personen, mutmasslich vom CID, aufge-
sucht worden. Daraufhin habe (...) das Land Ende 2013 verlassen, (...) sei
mit den Kindern im Jahr 2015 ausgereist. Ein Bezug zum Beschwerdefüh-
rer ist den Protokollen nicht zu entnehmen. Im Gegensatz (...) und (...) gab
der Beschwerdeführer an, diese hätten Sri Lanka seinetwegen respektive
auf sein Anraten hin verlassen (SEM-Akte A15 F53, 55). Ferner hält sich
seinen Angaben nach dieser Bruder, der nach der LTTE-Tätigkeit ein Re-
habilitationsprogramm absolviert habe, seit mehreren Jahren im Ausland
auf (vgl. BM 12 S. 4) und ist nicht verschwunden (SEM-Akte A15 F96 f.).
Es ist nicht verständlich, weshalb der Beschwerdeführer nun im Wider-
spruch dazu auf Beschwerdeebene ausführt, eine Rückkehr nach Sri
Lanka sei für ihn auch gefährlich, da sein jüngerer, verschollener Bruder
aufgrund dessen LTTE-Verbindung für Probleme für die Familie gesorgt
habe, so dass (...) und (...) in die Schweiz gereist seien.
6.5 Nach dem Gesagten erfüllte der Beschwerdeführer im Zeitpunkt seiner
Ausreise die Flüchtlingseigenschaft nicht.
6.6 Es bleibt zu prüfen, ob ihm trotz fehlender Vorverfolgung bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte
Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen könnten.
6.6.1 Im Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 hat das Bundesver-
waltungsgericht eine Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri
Lanka vorgenommen und festgestellt, dass aus Europa respektive der
Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer
ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien
(vgl. a.a.O. E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung des Ri-
sikos von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung
und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei handelt es
sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeintlichen, aktu-
ellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, um Teilnahme an exil-
politischen regimekritischen Handlungen und um das Vorliegen früherer
Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im Zusam-
menhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE
(sog. stark risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O. E. 8.4.1–8.4.3). Einem
E-6401/2019
Seite 18
gesteigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu werden, unterliegen
ausserdem Personen, die ohne die erforderlichen Identitätspapiere nach
Sri Lanka einreisen wollen, die zwangsweise nach Sri Lanka zurückgeführt
werden oder die über die Internationale Organisation für Migration (IOM)
nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut sichtbaren Narben
(sog. schwach risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O. E. 8.4.4 und 8.4.5).
Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konkret glaubhaft gemachten Ri-
sikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffenden Per-
son ergeben. Dabei zieht es in Betracht, dass insbesondere jene Rückkeh-
rer eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3
AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden zugeschrieben
wird, dass sie bestrebt seien, den tamilischen Separatismus wiederaufle-
ben zu lassen (vgl. a.a.O. E. 8.5.1).
An dieser Einschätzung ist auch angesichts der aktuellen – als volatil zu
bezeichnenden – Lage in Sri Lanka festzuhalten (vgl. dazu u.a. Urteil des
BVGer E-2740/2020 vom 7. Juli 2022 E. 5.4.4). Das Bundesverwaltungs-
gericht ist sich der Veränderungen in Sri Lanka bewusst, beobachtet die
Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt diese bei seiner Entscheid-
findung.
6.6.2 Wie oben ausgeführt, ist nicht davon auszugehen, dass der Be-
schwerdeführer in seinem Heimatland in asylrelevanter Weise behelligt
worden wäre. Seine frühere Tätigkeit für die TEB sei den heimatlichen Be-
hörden bekannt gewesen, ebenso, dass er kein LTTE-Mitglied gewesen
sei. Auch von der LTTE-Tätigkeit des rehabilitierten Bruders hätten die Be-
hörden gewusst. Er habe zudem im Jahr 2007 nach C._ aus- und
im Jahr 2010 wieder nach Sri Lanka einreisen können (SEM-Akte A15
F43). Bis zur erneuten Ausreise im Jahr 2015 sei er einmal vom CID befragt
worden. Dass er von den sri-lankischen Behörden als Anhänger der LTTE
mit separatistischem Gedankengut wahrgenommen worden wäre und ein
Verfolgungsinteresse bestanden hätte, kann demnach nicht angenommen
werden. Entsprechend ist der Beschwerdeführer Ende 2015 mit einem auf
seinen Namen lautenden Reisepass über den Flughafen Colombo ausge-
reist (SEM-Akten A3 S. 7, A15 F108 ff.). Nach dem Gesagten ist nicht er-
sichtlich, weshalb er bei einer Wiedereinreise nunmehr in den Fokus der
Behörden geraten sollte, eine Verfolgung zu befürchten hätte und ihm die
Behörden plötzlich eine enge Verbindung zu den LTTE unterstellen wür-
den. Weiter ist nicht davon auszugehen, dass das auf Beschwerdeebene
angegebene exilpolitische Engagement bei einer Rückkehr ernsthafte
Massnahmen zur Folge hätte. Es ist auf die zutreffenden Ausführungen der
E-6401/2019
Seite 19
Vorinstanz hinzuweisen. Seine Aktivitäten beschreibt der Beschwerdefüh-
rer substanzlos und vage. Anhand der eingereichten privaten Fotoaufnah-
men ist zudem nicht zu erkennen, weshalb die sri-lankischen Behörden
von der Teilnahme des Beschwerdeführers an einer Demonstration, an pri-
vaten Veranstaltungen in geschlossenen Räumlichkeiten respektive sei-
nem Engagement in den zwei erwähnten gemeinnützigen Organisationen
(vgl. Schreiben D._ und Beschluss E._) Kenntnis haben
sollten. Dass über die Anlässe der Organisationen in den sri-lankischen
Medien berichtet und der Beschwerdeführer namentlich genannt worden
wäre, vermochte er nicht aufzuzeigen. Demnach ist nicht ersichtlich, dass
er sich durch sein exilpolitisches Wirken derart exponiert haben könnte,
dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka Furcht vor staatlicher Verfol-
gung haben müsste. Auch aus dem Auslandaufenthalt oder dem Asylver-
fahren in der Schweiz ist keine Gefährdung abzuleiten. Insgesamt ist nicht
mit hinreichender Wahrscheinlichkeit anzunehmen, der Beschwerdeführer
werde von der sri-lankischen Regierung verdächtigt, bestrebt zu sein, den
tamilischen Separatismus wieder aufleben zu lassen, und so eine Gefahr
für den sri-lankischen Einheitsstaat darzustellen. Daran vermögen die Aus-
führungen des Beschwerdeführers zur allgemeinen Situation in Sri Lanka
nichts zu ändern, zumal er keinen persönlichen Bezug zu diesen Ereignis-
sen hat.
6.6.3 Insgesamt ist nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka einem erhöhten Verfolgungsrisiko aus-
gesetzt wäre und ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu
befürchten hätte. Das SEM hat demnach zu Recht festgestellt, dass er die
Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, und sein Asylgesuch abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
E-6401/2019
Seite 20
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
E-6401/2019
Seite 21
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt
den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als generell unzu-
lässig erscheinen (vgl. u.a. Urteil des BVGer E-1639/2020 vom 5. Juli 2022
E. 7.2.4). Es besteht – entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers – kein
Grund zur Annahme, dass sich die jüngsten politischen Entwicklungen in
Sri Lanka konkret auf ihn auswirken könnten. Ferner weist er keine indivi-
duellen Merkmale auf, welche eine Unzulässigkeit des Vollzugs begründen
könnten.
8.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.1 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt, dies gilt auch unter
Berücksichtigung der aktuellen Ereignisse und Entwicklungen, auf die der
Beschwerdeführer hingewiesen hat. Der Wegweisungsvollzug in die Nord-
provinz ist zumutbar, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbar-
keitskriterien (insb. Existenz eines tragfähigen Beziehungsnetzes sowie
Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht
werden kann (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 13.3.3). Diese Einschätzung hat
weiterhin Gültigkeit (vgl. u.a. Urteil des BVGer D-2277/2020 vom 15. Juni
2022 E. 9.4 m.w.H.).
8.3.2 Die Vorinstanz erachtete den Vollzug der Wegweisung in die Nord-
provinz Sri Lankas, namentlich nach Jaffna, auch in individueller Hinsicht
als zumutbar. Der Beschwerdeführer habe ein familiäres Beziehungsnetz
E-6401/2019
Seite 22
in der Heimat, einen Schulabschluss und Berufserfahrung. Ferner sei es
seiner Familie finanziell gut gegangen. Auch hinsichtlich Alter und Gesund-
heit spreche nichts gegen einen Vollzug der Wegweisung.
8.3.3 Der Beschwerdeführer brachte vor, ein Wegweisungsvollzug nach Sri
Lanka sei unzumutbar. Er sei (...)-jährig und keinesfalls bester gesundheit-
licher Verfassung. Er sei angeschlagen und habe (...) Probleme. (...) habe
er jeweils eine medikamentöse (...) Therapie erhalten. Ferner leide er an
(...), das mit (...) Medikamenten behandelt werde (gemäss hausärztlichem
Zeugnis vom Dezember 2021). Weiter habe er eine (...), welche regelmäs-
sig kontrolliert werden müsse (vgl. medizinischer Bericht vom 3. Januar
2022 sowie hausärztliches Zeugnis vom 10. Mai 2022). Hinzu komme die
jetzige wirtschaftliche Notsituation in Sri Lanka. Die Sicherheitslage sei an-
gespannt und es fehle generell an Medikamenten und Ressourcen.
8.3.4 Die Vorinstanz hat zu Recht aufgezeigt, dass der Beschwerdeführer
über langjährige und vielfältige Berufserfahrung verfügt sowie in einem ar-
beitsfähigen Alter ist. Ferner hat er in der Heimat mit (...) ein tragfähiges
familiäres Beziehungsnetz, welches ihm bei der Reintegration zur Seite
stehen kann. Dementsprechend ist auch anzunehmen, dass bei der Rück-
kehr die Wohnsituation geregelt ist. Sodann ist festzuhalten, dass mögliche
Versorgungsengpässe aufgrund der aktuell herrschende Lage in Sri Lanka
möglich sind. Die aktuelle Wirtschaftskrise betrifft jedoch die gesamte sri-
lankische Bevölkerung (vgl. u.a. Urteil des BVGer E-2065/2022 vom
14. Juni 2022 E. 5.3).
In Bezug auf die vom Beschwerdeführer geltend gemachten gesundheitli-
chen Probleme ist Folgendes festzuhalten: Praxisgemäss ist bei einer
Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur dann von
einer medizinisch bedingten Unzumutbarkeit auszugehen, wenn die unge-
nügende Möglichkeit einer Weiterbehandlung eine drastische und lebens-
bedrohliche Verschlechterung des Gesundheitszustands nach sich zöge.
Eine nicht dem schweizerischen Standard entsprechende medizinische
Behandlung im Heimatland führt noch nicht zur Unzumutbarkeit (vgl. u.a.
Urteil des BVGer D-2948/2020 vom 8. Juli 2022 E. 8.3.2 m.w.H.). Diese
Schwelle ist vorliegend nicht erreicht. Die auf Beschwerdeebene vorge-
brachten Erkrankungen des Beschwerdeführers lassen nicht auf eine me-
dizinische Notlage beziehungsweise die Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs schliessen. Auch wenn das öffentliche Gesundheitssystem
in Sri Lanka nach Kenntnis des Gerichts bezüglich Kapazität und Infra-
E-6401/2019
Seite 23
struktur gewisse Mängel aufweist, die sich mit der aktuellen Wirtschafts-
krise akzentuiert haben dürften, kann davon ausgegangen werden, dass
eine adäquate Behandlung des (...), allfällig wieder auftretender (...) Be-
schwerden sowie der (...) (u.a. die empfohlene Verlaufskontrolle) auch im
Heimatstaat möglich ist (vgl. u.a. Urteile des BVGer D-7241/2017 vom 28.
Februar 2022 E. 11.3.4; D-5340/2020 vom 11. Dezember 2020 E. 9.3.3).
(...). Eine vorübergehende Einschränkung dieser Leistungen lässt den
Wegweisungsvollzug nicht unzumutbar erscheinen.
Insgesamt ist nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei ei-
ner Rückkehr nach Sri Lanka in eine existenzielle Notlage geraten könnte.
Der Vollzug der Wegweisung erweist sich auch als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihm mit In-
struktionsverfügung vom 11. Dezember 2019 die unentgeltliche Prozess-
führung gewährt wurde, ist von der Kostenerhebung abzusehen.
10.2 Mit derselben Verfügung wurde auch das Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung gutgeheissen und der obgenannte Rechtsvertreter
als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet. Diesem ist ein Honorar für die
notwendigen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten. Mit
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Seite 24
der zuletzt eingereichten Kostennote vom 16. Mai 2022 wurde ein Gesamt-
aufwand von Fr. 5'277.50 (21.52 Stunden à Fr. 220.– und Auslagen von
Fr. 165.80) geltend gemacht. Der zeitliche Aufwand erscheint indes über-
höht und ist auf 17 Stunden festzusetzen. Entsprechend ist dem rubrizier-
ten Rechtsvertreter ein amtliches Honorar von Fr. 4’207.– (inkl. Auslagen
und Mehrwertsteuerzuschlag) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 25