Decision ID: 3b9c0767-0bb7-453f-9411-7a7091e2d167
Year: 2008
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
G._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Hans Henzen, Eisenbahnstrasse 41,
Postfach 228, 9401 Rorschach,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
IV-Leistungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a Die 1960 geborene G._ meldete sich am 9. November 2004 zum Bezug von
Leistungen bei der Invalidenversicherung an. Sie gab an, als Wirtin (mit
Fähigkeitsausweis 1981) tätig zu sein. Sie leide seit Jahren und akut seit dreizehn
Monaten an sehr starken Schmerzen im Bereich von der 11./12. Rippe links bis vorne
unter die Brust und an Magen und Galle. Auf Nachfrage hin teilte sie am 12. Dezember
2004 mit, die Beantragung beruflicher Massnahmen sei momentan nicht sinnvoll, da
die dauernden Schmerzen eine Tätigkeit nicht zuliessen. Zurzeit stehe sie im Spital
Wattwil und bei einem Osteopathen in Behandlung und wolle die Hoffnung noch nicht
aufgeben, dass diese Therapien gegen die Schmerzen erfolgreich seien. Andernfalls
wäre sie gezwungen, eine Rente zu beantragen. Sie reichte Geschäftsunterlagen ein.
A.b A._, Anästhesiologie, Spital Wattwil, gab in seinem IV-Arztbericht vom 20.
Dezember 2004 als Diagnosen chronische epigastrische Schmerzen und einen Zustand
nach mehreren Rezidiveingriffen abdominell, bestehend seit 1990, an. Ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bleibe eine Hypertonie. Bis auf weiteres sei die
Versicherte zu 80 % arbeitsunfähig. Im Rahmen von ca. 20 % der bisherigen Zeit sei ihr
die Tätigkeit als Wirtin bei einer verminderten Leistungsfähigkeit von etwa 50 % noch
zumutbar. Die Arbeitsfähigkeit könne durch Fortführung der begonnenen
therapeutischen Massnahmen verbessert werden; wie sie sich auf die Arbeitsfähigkeit
auswirken würden, sei noch nicht absehbar. Die Versicherte wolle an ihrem bisherigen
Arbeitsplatz wieder aktiv werden. Hierzu sollten alle therapeutischen Massnahmen
genutzt werden. Zumutbar wären wohl auch andere Tätigkeiten, auf Dauer eher in
Teilzeit. Die Versicherte sei hoch motiviert, so dass bei einer graduellen Besserung
auch die teilweise Arbeitsfähigkeit am bisherigen Arbeitsplatz zu steigern sein müsste.
Die Versicherte stehe seit 5. Mai 2004 in ambulanter Behandlung
(Schmerzsprechstunde) im Spital Wattwil mit zahlreichen Behandlungsansätzen bei nur
kurzzeitigem und mässigem Erfolg. Seit Oktober 2004 werde Physiotherapie auf der
Basis der Osteopathie durchgeführt, was erstmals zur Besserung für einige Tage
geführt habe. Seit Dezember 2004 besuche die Versicherte eine
Schmerzbewältigungsgruppe. Sie benötige ein TENS-Gerät und seit ungefähr einem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
halben Jahren sei sie bei den alltäglichen Verrichtungen auf Hilfe von Drittpersonen
angewiesen. Beigelegt waren diverse Arzt- und Operationsberichte. Unter anderem
hatte Dr. med B._ am 22. April 2004 berichtet, eine Ultraschalluntersuchung habe
abgesehen von zwei Zysten im Bereiche der rechten Adnexe normale
Abdominalorgane aufgezeigt. Der Adnexbefund habe sicherlich nichts mit der
Symptomatik zu tun.
A.c Auf die Frage, ob sie das Restaurant weiterführe, antwortete die Versicherte am
29. Januar 2005, sie sei dazu allein momentan leider nicht mehr in der Lage, da sich ihr
Gesundheitszustand trotz diverser Spezialtherapien noch nicht verbessert habe. Sie
versuche, das Problem zurzeit mit Teilzeitangestellten zu überbrücken, doch sei dies
auf die Dauer finanziell nicht tragbar. In den letzten Jahren habe sie trotz schlechter
Wirtschaftslage und rückläufigen Umsatzzahlen den Verpflichtungen immer
nachkommen können, doch aufgrund ihrer Krankheit sei das nun in Frage gestellt. Die
Stammgäste erwarteten grundsätzlich, sie im Lokal anzutreffen, was aber
krankheitshalber immer seltener möglich sei. Sie habe sich daher dazu entschlossen,
ihr Restaurant zu verkaufen, solange der Betrieb noch kostendeckend geführt werden
könne. Sie habe einen Makler beauftragt. Der Verkauf sei aber wohl ein schwieriges,
langwieriges Unterfangen (IV-act. 18).
A.d C._, Osteopath, berichtete am 4. März 2005, die Behandlung habe am
7. Oktober 2004 begonnen und finde alle drei Wochen statt. Nach vier Behandlungen
hätten sich die Beschwerden positiv verändert. Die Versicherte habe nun schmerzfreie
Perioden und spüre eine deutliche Erleichterung. Die Situation sei jedoch noch nicht
stabilisiert. Die viszeralen Fixationen und Narben im Bauchbereich seien multipel und
sicherlich noch nicht ganz austherapiert.
A.e A._ erklärte mit Verlaufsbericht vom 16. März 2005, der Gesundheitszustand
habe sich minimal verbessert. Die vegetativen Begleiterscheinungen der Schmerzen
(wie Übelkeit und Würgereiz) träten deutlich seltener auf. Auf Ergänzungsfragen hin gab
A._ am 15. April 2005 (Eingangsstempel) bekannt, die zumutbare Arbeitsfähigkeit
betrage seit dem 5. Mai 2004 20 %. Unter Therapie sei eine Steigerung der
Arbeitsfähigkeit möglich, graduell aber schwer voraussagbar (IV-act. 22).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.f Am 1. September 2005 führte die IV-Stelle eine Abklärung der Verhältnisse an Ort
und Stelle bei der selbständig erwerbenden Versicherten durch. Gemäss dem Bericht
erklärte die Versicherte, die Schmerzen hätten nach der Bauchoperation im Jahr 1990
begonnen. Über Jahre seien sie auszuhalten gewesen und sie habe sie durch
Ablenkung in den Hintergrund rücken können. Seit Oktober 2003 hätten sie sich aber
massiv verstärkt und seien schliesslich unerträglich geworden. Am meisten Probleme
habe sie beim Stehen; schon nach ein bis zwei Minuten träten Schmerzen im Magen
mit Ausstrahlungen in den Rücken auf. Beim Hinsetzen werde es wieder besser.
Langezeit sitzen könne sie allerdings auch nicht. Bis September habe sie hie und da
notfallmässig Aushilfen für die Bar benötigt oder habe nach Hause gehen müssen. Im
Grossen und Ganzen habe sie ihre Tätigkeit aber ausüben können. Sie habe an fünf
Tagen pro Woche pro Tag zwischen sieben und zehn Stunden gearbeitet und für einen
bis zwei Abende eine Aushilfe gehabt. Während der Fasnachtszeit habe sie einige
zusätzliche Serviceangestellte als Aushilfen angestellt. Während dieser Zeit habe sie
etwa einen Drittel des Jahresumsatzes erzielt. Seit Oktober seien die Schmerzen so
stark, dass sie kaum noch arbeiten könne. Sie sei nur noch am Montagabend in der
Bar, wenn die Aushilfe frei habe. Dann sei wenig Betrieb, so dass das für sie gerade
noch machbar sei. Im Jahr 2004 habe sich wegen ihrer Krankheit ein deutlich erhöhter
Personalaufwand ergeben. Ausserdem habe sie immer wieder auf die freiwillige Hilfe
ihrer Schwester zählen dürfen. Im Betätigungsvergleich erhob der mit der Abklärung
Beauftragte eine Arbeitsfähigkeit von 29.5 %. Bei einem Einkommensvergleich stellte
er ein Valideneinkommen von Fr. 52'270.-- (Gewinn im letzten Jahr, da die Versicherte
noch selber an der Umsatzerzielung beteiligt gewesen sei, nämlich 2003) einem
Invalideneinkommen von Fr. 34'336.-- (Reingewinn 2004) gegenüber, was einen
Invaliditätsgrad von 34.35 % ergab. Massgebende Berechnungsart sei eine
Mischrechnung (die Versicherte habe am Betriebsergebnis im Jahr 2004 einen Anteil
von 30 %, also von Fr. 15'681.--), womit der Invaliditätsgrad wiederum 70 % ausmache
(IV-act. 28).
A.g Einem Sprechstundenbericht vom 10. Mai 2006 von A._ war zu entnehmen, dass
chronische Schmerzen im linken Epigastrium vorlägen, nach links thorakal
ausstrahlend. Der Schmerzverlauf sei stark wechselnd, in Attacken bei VAS 8-9,
ansonsten 5-6. Die Versicherte sei durch die chronische Schmerzerkrankung massiv
belastet und in ihrer Arbeitsfähigkeit vor allem hinsichtlich längeren Stehens oder
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sitzens massiv eingeschränkt. Ihre Tätigkeiten sollten eine selbständige Zeiteinteilung
und die Möglichkeit zum häufigen Positionswechsel bieten. Auch unter diesen
günstigen Bedingungen sei von einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von ca. 50 %
auszugehen (IV-act. 38-21 f./22).
A.h Auf Vorschlag des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) der Invalidenversicherung,
der die Abklärung der Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit für unvollständig
hielt, hatte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle am 1. Mai 2006 eine
polydisziplinäre Begutachtung veranlasst. Das Ärztliche Begutachtungsinstitut ABI hielt
in seinem Gutachten vom 5. Juli 2006 fest, eine Diagnose mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit gebe es nicht. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit seien (erstens)
epigastrische Schmerzen unklarer Ätiologie bei Status nach diagnostischer
Laparoskopie mit Adhäsiolyse am 18.9.1990, Status nach Hysterosalpingographie am
18.12.1987, Status nach Hysterosalpingographie, Laparoskopie mit
Chromopertubation und Probeexzisionen am 3.4.1987, Status nach
Revisionslaparotomie bei Strangulationsileus am 14.6.1986, Status nach Laparotomie
mit Adnexektomie links am 10.6.1986 und Status nach Abort im April 1986 mit
Curettage, und (zweitens) eine Schmerzverarbeitungsstörung. In der angestammten
Tätigkeit und in anderen körperlich leichten bis mittelschweren Tätigkeiten in
wechselnder Position bestehe - unter orthopädischem, psychiatrischem,
gastroenterologischem und allgemeininternistischem Aspekt - eine zumutbare
Arbeitsfähigkeit von 100 %. Die Diskrepanz zur Selbsteinschätzung ergebe sich
dadurch, dass die Versicherte wohl davon ausgehe, zu keiner Zeit Schmerzen
verspüren zu dürfen, um einer Arbeit nachzugehen. Bei
Schmerzverarbeitungsstörungen bestünden ausserdem immer höhere
Selbstlimitierungen, als es der medizinisch-theoretischen Zumutbarkeit entspräche.
A.i Nachdem der RAD am 25. Juli 2006 empfohlen hatte, auf das Gutachten
abzustellen, stellte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle der Versicherten mit einem
Vorbescheid vom 4. August 2006 die Abweisung des Leistungsgesuchs in Aussicht (IV-
act. 44).
A.j Hiergegen liess die Versicherte am 13. September 2006 einwenden, der
Sprechstundenbericht von A._ vom 10. Mai 2006 werde zu wenig berücksichtigt,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
obwohl der Arzt sie schon seit Mai 2004 regelmässig betreue und in wesentlich
engerem Kontakt mit ihr stehe als die Gutachter. Da sie immer noch an den von A._
genannten Beschwerden leide, werde sie sich am 14. September 2006 einer erneuten
medizinischen Untersuchung durch Dr. med. D._, Facharzt medizinische Radiologie
FMH, stellen. Der zu erwartende Bericht sei jedenfalls mitzuberücksichtigen. Ihr seien
IV-Leistungen zuzusprechen.
A.k Am 19. Oktober 2006 liess die Versicherte den Bericht von Dr. D._ vom
9. Oktober 2006 und zwei weitere Untersuchungsberichte der Klinik Stephanshorn vom
7. und vom 10. Juli 2006 einreichen. Diese Berichte seien vom ABI nicht erfasst
worden. Sollte auf das Gutachten abgestellt werden, werde vorbehalten überprüfen zu
lassen, ob die Auftragserledigung korrekt erfolgt sei. Die Versicherte sei als Folge
mehrerer Bauchoperationen seit ca. 16 Jahren täglich mit massivsten chronischen
Schmerzen belastet. Andernfalls läge es ihr fern, ein IV-Gesuch zu stellen. A._ sei von
allen involvierten Ärzten derjenige, der am besten über den Gesundheitszustand
Auskunft geben könne. Die Klinik Stephanshorn hatte am 7. Juli 2006 über eine
vertebrospinale thorakale Kernspintomographie von jenem Tag berichtet, es lägen eine
vermehrte Brustkyphose und leichtgradige degenerative Veränderungen im unteren
BWS-Abschnitt vor. Vom 10. Juli 2006 datiert der Bericht der Klinik über die abdomino-
pelvine Computertomographie vom 7. Juli 2006, wo unter anderem angegeben worden
war, es lägen ein asymmetrisches Venenkonvolut im kleinen Becken und eine
asymmetrisch relativ kaliberstarke bis 9 mm messende, retrograd über die Vena renalis
sinistra frühzeitig kontrastierte Vena ovarica links vor, vereinbar mit einem venösen
Kongestionssyndrom, ausserdem mehrere Dünndarmschlingen im Mittel-/Unterbauch
(DD: adhäsive Veränderungen), ein Dolichocolon mit Koprostase, deutliche iliacal-
commune Arteriosklerose. Mit Bericht vom 9. Oktober 2006 hatte Dr. D._ im Sinne
einer Zweitmeinung erklärt, seine thorakale vertebrospinale Kernspintomographie vom
7. Juli 2006 habe als einzigen morphologisch fassbaren pathologischen Befund die
mittelgradige thorakale Hyperkyphose ergeben, die in einem gewissen Ausmass für
eine thorakale vertebrale Schmerzsymptomatik verantwortlich gemacht werden könnte.
Gemäss seiner abdominopelvinen Computertomographie vom gleichen Tag seien als
einzige mögliche Schmerzursache erneute oder persistierende peritoneale Adhäsionen
denkbar. Das vermutete pelvine congestion-Syndrom sei höchstwahrscheinlich nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ursächlich verantwortlich für links epigastrische Schmerzen und ohne sicheren
aktuellen Krankheitswert.
A.l Der RAD hielt am 14. November 2006 an seiner Stellungnahme vom 25. Juli 2006
fest; die neuen Berichte würden keine neuen Sachverhalte beinhalten.
A.m Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen verfügte daraufhin
am 14. November 2006 die Abweisung des Leistungsgesuchs (IV-act. 54).
B.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwalt Dr. iur. Hans Henzen für die
Betroffene am 14. Dezember 2006 erhobene Beschwerde. Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin beantragt, es seien ihr IV-Leistungen zuzusprechen. Wegen ihrer
chronischen Schmerzen sei die Beschwerdeführerin ständig in ärztlicher Behandlung.
Kürzlich sei sie im Schmerzzentrum am Lindberg in Winterthur untersucht worden. Der
zuständige Arzt, Dr. E._, habe sie wiederum zu 50 % krankschreiben müssen, wie
dem beigelegten Attest vom 10. Dezember 2006 zu entnehmen sei. Auch nach dem
Bericht von A._ vom 10. Mai 2006 liege eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % vor. Dieser
Bericht sei unbeachtet geblieben. Falls bei der ABI-Begutachtung ein Untergutachten
gemacht worden sei, so sei dieses beizuziehen. Da der Grad der Arbeitsunfähigkeit von
50 % schon längere Zeit vorliege, müsse, wie A._ festgehalten habe, von einer
chronischen Schmerzerkrankung gesprochen werden. Dr. E._ hatte die
Beschwerdeführerin am 10. Dezember 2006 für die Zeit vom 9. Dezember 2006 bis
12. Januar 2007 zu 50 % arbeitsunfähig geschrieben.
C.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 7. Februar 2007 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Die Einschätzung von A._ vermöge keine Zweifel an
der Richtigkeit der Angaben im ABI-Gutachten zu wecken. Behandelnde Ärzte seien
beweisrechtlich als Auskunftspersonen zu betrachten. Aufgrund des engen
persönlichen und rechtlichen Verhältnisses zum Patienten bestehe eine natürliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Vermutung dafür, dass die Äusserungen in erster Linie der Unterstützung des Patienten
im Hinblick auf die Zusprache von Leistungen dienten. Das neu eingereichte
Arztzeugnis von Dr. E._ enthalte lediglich Angaben zur Arbeitsfähigkeit ohne nähere
Begründungen oder Ausführungen zu den entsprechenden Tätigkeiten. Das ABI-
Gutachten sei daher beweisrechtlich höher einzustufen. Im Übrigen seien die
Untergutachten im ABI-Gesamtgutachten enthalten. In der Gesamtbeurteilung fänden
sich keine von den einzelnen Teilgutachten abweichenden Einschätzungen der
Arbeitsfähigkeit.
D.
Mit Replik vom 30. März 2007 präzisiert der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
den Antrag dahingehend, dass der Beschwerdeführerin aufgrund eines
Invaliditätsgrades von 50 % eine halbe Rente zu gewähren sei. Eventualiter sei die
Sache zur Durchführung weiterer Abklärungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Die Beschwerdeführerin begebe sich nach wie vor wöchentlich zur
Schmerztherapie bei A._ und nehme alle zwei Wochen an einer Selbsthilfegruppe teil.
Es sei eine neutrale Begutachtung zu veranlassen. Ausserdem sei ein Amtsbericht von
A._ einzuholen. Die Einwendungen gegen den Bericht von A._ vom 10. Mai 2006
könne die Beschwerdeführerin nicht teilen. Das Gericht habe Berichte objektiv zu
beurteilen. Es handle sich nicht um einen Gefälligkeitsbericht. Zudem sei das ABI-
Gutachten nicht abschliessend und widersprüchlich. Denn der Gastroenterologe habe
seine Arbeitsfähigkeitsschätzung dahingehend eingeschränkt, dass keine vertieften
Abklärungen zum Ausschluss einer Ursache durchgeführt worden seien. Mindestens
müssten nochmals eine obere Endoskopie durchgeführt und eine Porphyrie und eine
Bleiintoxikation ausgeschlossen werden. Die Gutachter hätten darauf und ferner auch
auf bildgebende Massnahmen und eine spezialärztliche internistische Untersuchung
verzichtet. Es sei festzustellen, dass die ABI-Gutachter nicht alle relevanten IV-Akten
zur Verfügung gehabt hätten. Die am 19. Oktober 2006 eingereichten drei Arztberichte
hätten nämlich noch nicht vorgelegen. Zumindest wäre eine Begründung erforderlich
gewesen, weshalb die Berichte unberücksichtigt zu bleiben hätten. Es wäre
unabdingbar zu klären, in welchem gewissen Ausmass die Hyperkyphose für die
Schmerzsymptomatik verantwortlich gemacht werden könne. Es könnte nämlich ein
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit bestehen. Es handle sich bei den drei Berichten um
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Angaben von verschiedenen Ärzten, denen nicht ein "Hausarztbonus"
entgegengehalten werden könne. A._ sei als Auskunftsperson einzuvernehmen. An
dem Editionsgesuch der Untergutachten werde festgehalten. Jahrelange massive
Schmerzen könnten, selbst wenn kein pathologischer Befund gefunden werden könne,
zu einer Arbeitsunfähigkeit führen.
E.
Die Beschwerdegegnerin hält am 25. April 2007 an ihrem Antrag fest.

Erwägungen:
1.
1.1 Da ein Sachverhalt zu beurteilen ist, wie er sich bis zum Erlass der angefochtenen
Verfügung am 14. November 2006 entwickelt hat, sind die auf den 1. Januar 2008 in
Kraft getretenen Rechtsänderungen nicht anwendbar.
1.2 Mit der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin das
Leistungsgesuch der Beschwerdeführerin abgelehnt. Sie beantragt in diesem Verfahren
(gemäss Präzisierung in der Replik) einzig Rentenleistungen. Streitgegenstand bildet
daher der allfällige Rentenanspruch. Ergäbe sich allerdings, dass ohne
Eingliederungsmassnahmen ein Rentenanspruch in Frage stünde, so gehörte zum
Streitgegenstand notwendigerweise auch die Frage, ob die Verwaltung den Grundsatz
"Eingliederung vor Rente" beachtet und eine allfällige Pflicht der Beschwerdeführerin
zu Massnahmen korrekt in Anspruch genommen habe.
2.
2.1 Nach Art. 28 Abs. 1 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40 % Anspruch auf eine Viertelsrente. Für die Bemessung der Invalidität von
erwerbstätigen Versicherten ist gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG Art. 16 ATSG anwendbar.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.2 Für die Invaliditätsbemessung, welche das Mass der Zurücksetzung der
erwerblichen Leistungsfähigkeit infolge gesundheitlicher Beeinträchtigung ergeben soll,
sind zunächst die medizinischen Vorbedingungen von Bedeutung. Aufgabe des Arztes
oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beschreiben und dazu Stellung zu
nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person
arbeitsunfähig ist. Die ärztlichen Auskünfte sind in der Folge eine wichtige Grundlage
für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch
zugemutet werden können (BGE 125 V 261 E. 4; ZAK 1982 S. 34; Rz 3047 f des vom
Bundesamt für Sozialversicherung erlassenen Kreisschreibens über die Invalidität und
Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung = KSIH). Ob die versicherte Person eine ihr
zumutbare Tätigkeit auch tatsächlich ausübt, ist für die Invaliditätsbemessung
hingegen unerheblich (Rz 3046 KSIH).
2.3 Die Beschwerdegegnerin stellt in der Beurteilung des Leistungsanspruchs auf die
Einschätzungen des ABI-Gutachtens ab. Das Gutachten basiert auf einer
Kenntnisnahme von den Vorakten. Es wurden die Anamnese und die geklagten
Beschwerden aufgenommen, der allgemeinmedizinische Status erhoben und
Laboruntersuchungen getätigt. Die internistische Situation wurde durch einen Facharzt
evaluiert. Daneben fanden spezialärztliche Untersuchungen des fallführenden
Orthopäden und eines psychiatrischen Gutachters sowie ein gastroenterologisches
Konsilium statt. Gemäss den in das Gesamtgutachten integrierten Angaben des
Orthopäden konnten auf der Ebene des Bewegungsapparates keine pathologischen
Befunde erhoben werden und es war dementsprechend auch kein einschränkender
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit auszumachen. Wie den Schilderungen über die
psychiatrische Exploration zu entnehmen ist, wurde eine Schmerzverarbeitungsstörung
diagnostiziert, der aber kein Krankheitswert zugemessen wurde und welche die
Arbeitsfähigkeit nicht einschränke. Beim gastroenterologischen Konsilium hat sich nach
der im Gesamtgutachten wiedergegebenen Beurteilung kein Hinweis auf eine
gastrointestinale Ursache der Beschwerden gezeigt. Dass die Beschwerden lage- und
bewegungsabhängig seien, spreche für eine muskulo-skelettale Ursache. Bestehende
Adhäsionen seien nicht ganz auszuschliessen, doch fehlten die dafür typischen
krampfartigen Beschwerden und der intermittierende Charakter. Da mit grosser
Wahrscheinlichkeit keine gastroenterologische Ursache der Beschwerden vorliege, sei
aus dieser Sicht keine Arbeitsunfähigkeit zu bestätigen. Diese spezialärztlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beurteilungen sind je in sich schlüssig und nachvollziehbar begründet. Da in keiner
Disziplin eine die Arbeitsfähigkeit einschränkende Diagnose gestellt wurde, ergab sich
auch in der Gesamtwürdigung die Beurteilung, dass die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin nicht eingeschränkt sei. Inwiefern unter solchen Umständen die
Edition der einzelnen Teilgutachten erforderlich sein sollte, ist nicht ersichtlich.
2.4 Die Beschwerdeführerin lässt darauf hinweisen, dass der Gastroenterologe seine
Arbeitsfähigkeitsschätzung relativiert habe. Er hatte erklärt, einschränkend sei zu
sagen, dass keine vertieften Abklärungen zum Ausschluss einer gastroenterologischen
Ursache durchgeführt worden seien und die Arbeitsfähigkeitsannahme allein auf
Anamnese und Klinik beruhe. Der Gutachter schlug, obwohl eine gastroenterologische
Ursache sehr unwahrscheinlich sei, vor, mindestens nochmals eine obere Endoskopie
durchzuführen. Ausserdem seien eine Porphyrie und eine Bleiintoxikation
auszuschliessen. Es rechtfertigt sich vorliegend, die Arbeitsfähigkeitsschätzung ohne
vorgängige weitere Massnahmen zu berücksichtigen, auch wenn solche Abklärungen
in diagnostischer Hinsicht angezeigt sind. Zu bedenken ist, dass die
Arbeitsfähigkeitsschätzung mit immerhin sehr hoher Wahrscheinlichkeit abgegeben
wurde. Dr. B._ hatte im Übrigen im Jahr 2004 von einer Endoskopie abgesehen, weil
eine Abklärung von 1993 bei gleicher Symptomatik keinen Befund ergeben hatte. Die
Beschwerdeführerin hat nach der Aktenlage bis anhin darauf verzichtet, eine solche
diagnostische Massnahme zu treffen, obwohl ihr dies im Rahmen der
Krankenversicherungsdeckung möglich gewesen wäre. Ausserdem ist nach der
Begutachtung zwar keine Endoskopie, aber es sind noch abdominopelvine
Computertomographien durchgeführt worden. Diese Untersuche haben als einzige
mögliche Schmerzursache peritoneale Adhäsionen aufgezeigt. Bei der thorakalen
vertebrospinalen Kernspintomographie war gemäss Dr. D._ als einziger
morphologisch fassbarer pathologischer Befund eine mittelgradige thorakale
Hyperkyphose gefunden worden, welche in einem gewissen Ausmass für eine
thorakale vertebrale Schmerzsymptomatik verantwortlich gemacht werden könne. Dass
das ABI mit diesen nachträglichen radiologischen Berichten nicht noch konfrontiert
wurde und keine Überprüfung der Beurteilung oder weitere Abklärungen veranlasst
wurden (wie sie auch der RAD am 14. November 2006 in Kenntnis dieser Befunde für
unnötig betrachtet hatte), lässt sich angesichts der gezeitigten Ergebnisse nicht
beanstanden, da keine Bedeutung für die Beurteilung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Beschwerdeführerin zu erwarten war. Die medizinischen Experten hielten ferner
eine weiterreichende internistische Abklärung für nicht erforderlich. Es bestehen keine
Anhaltspunkte für die Annahme, mit dieser ärztlichen Einschätzung sei der
internistische Aspekt in unzulässiger Weise vernachlässigt worden. Von zusätzlichen
Abklärungen sind keine weiteren Erkenntnisse zu erwarten.
2.5 Des weiteren stützt sich die Beschwerdeführerin auf die Beurteilung ihrer
Arbeitsfähigkeit mit (unter günstigen Bedingungen) 50 % durch A._, bei welchem sie
seit Mai 2004 in Behandlung steht. Weder dieser Einschätzung noch dem Attest einer
befristeten Arbeitsunfähigkeit von 50 % (ohne Diagnose und Begründung) durch
Dr. E._ kommt allerdings ein mit der polydisziplinären Begutachtung ebenbürtiger
Beweiswert zu. Denn die Begutachtung stützt sich wie erwähnt auf die erforderlichen
Kenntnisse des medizinischen Sachverhalts. Es ist im Gutachten nachvollziehbar
begründet, weshalb der Schmerzverarbeitungsstörung kein Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit beigemessen wird. Massgebend ist der Beweiswert, welcher einem
Gutachten bei der konkreten Würdigung zukommt. Auf die überzeugenden
Schlussfolgerungen des vorliegenden Gutachtens kann abgestellt werden. Es fand im
Übrigen auch eine Auseinandersetzung mit der Einschätzung von A._ statt, wo davon
ausgegangen wurde, der behandelnde Arzt habe in wesentlichem Umfang das
subjektive Schmerzempfinden der Beschwerdeführerin mitberücksichtigt. Die
Beschwerdeführerin beschreibt eine erhebliche Schmerzexazerbation seit Oktober
2003, hat bei der orthopädischen Begutachtung aber auch berichtet, der Schmerz sei
im Anschluss an eine der Operationen in der Zeit von 1986 bis 1990 aufgetreten, dann
innert Stunden in den linken Oberbauch gewandert und seither konstant vorhanden.
Beim gastroenterologischen Konsilium gab sie ebenfalls an, die Schmerzen im
Oberbauch seien eher konstanter Natur, während die ursprünglichen
Unterbauchschmerzen im Hintergrund seien. Wie die Gutachter erwähnen, ist auffällig,
dass die Beschwerdeführerin mit offenbar weitgehend identisch gelagerten
Beschwerden während fast fünfzehn Jahren uneingeschränkt arbeitsfähig war und es
dann ohne erkennbare Ursache zu einer solchen Schmerzzunahme gekommen sei,
dass sie die Arbeit habe niederlegen müssen. Der Umstand findet in der
psychiatrischen Begutachtung eine fachärztlich begründete Beurteilung (IV-
act. 38-14/22). Von einer antidepressiven Behandlung versprach sich der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychiatrische Gutachter schliesslich einen günstigen Einfluss auf die
Schmerzwahrnehmung.
3.
Ist zusammenfassend von einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin in der angestammten und in anderen körperlich angepassten
leichten bis mittelschweren Tätigkeiten auszugehen, so lässt sich ausschliessen, dass
sie eine invaliditätsbedingte Erwerbseinbusse rentenbegründenden Ausmasses zu
erleiden hätte. Wie sie anlässlich der Begutachtung berichtete, hat die
Beschwerdeführerin den eigenen Betrieb im April 2006 an ihre Schwester übergeben,
womit sich allerdings hieran nichts änderte, da die volle Arbeitsfähigkeit
zumutbarerweise auch im Angestelltenverhältnis verwertet werden kann. Die
angefochtene Verfügung erweist sich demnach als korrekt.
4.
4.1 Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.
4.2 Nach Art. 69 Abs. 1 IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die
Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen
Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand
und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von 200 bis 1000 Franken festgelegt. Als
unterliegende Partei hat die Beschwerdeführerin die Gerichtskosten zu bezahlen (vgl.
Art. 95 Abs. 1 VRP). Diese sind ermessensweise auf Fr. 600.-- zu veranschlagen. Mit
dem geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe ist die geschuldete Gerichtsgebühr
getilgt.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht