Decision ID: a0a57efa-dfdc-5655-895b-bc2fa3ff6f0d
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ (nachfolgend: Versicherter) meldete sich am 29. Januar 2014 bei der IV-
Stelle des Kantons St. Gallen (nachfolgend: IV-Stelle) zum Leistungsbezug an (vgl. IV-
act. 1). Er war vom 6. August bis 6. September 2013 in der Klinik B._, Fachklinik für
kardiale und psychosomatische Rehabilitation, hospitalisiert gewesen (IV-act. 62;
Fremdakten, act. 1 S. 7 f.). Im Austrittsbericht vom 25. September 2013 hatten die
behandelnden Ärzte die Diagnosen rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig
mittelgradige Episode, Angst und depressive Störung gemischt sowie rezidivierende
Leberwerterhöhung gestellt (IV-act. 62 S. 1). Die Arbeitsunfähigkeit hatten sie bis zum
15. September 2013 auf 100 %, ab dem 16. September 2013 auf 70 % geschätzt (IV-
act. 62 S. 4; Fremdakten, act. 1 S. 7). Anschliessend an den Klinikaufenthalt war der
Versicherte ab dem 26. September 2013 im Ambulatorium des psychiatrischen
Zentrums C._ in Behandlung gewesen, wobei laut einem Bericht der behandelnden
Ärzte vom 6. Dezember 2013 eine geringfügige Verbesserung der Symptomatik und
eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit auf 60 % hatte erreicht werden können
(Fremdakten, act. 1 S. 4). Als Diagnosen hatten die behandelnden Ärzte des
psychiatrischen Zentrums C._ ebenfalls eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig mittelgradige Episode, sowie zudem eine generalisierte Angststörung und
akzentuierte Persönlichkeitszüge mit selbstunsicher-vermeidenden Anteilen genannt
(Fremdakten, act. 1 S. 5). Nach der Behandlung im psychiatrischen Zentrum C._
begann der Versicherte eine ambulante therapeutische Behandlung durch Dr. med.
D._, Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie FMH, in dessen Praxis. Dieser wies
den Versicherten aber aufgrund einer nach Behandlungsbeginn wahrgenommenen
Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Klinik E._ zur ambulanten
Rehabilitation zu (vgl. Fremdakten, act. 3 S. 8). Als Diagnosen nannte Dr. D._ in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einem Bericht vom 26. Februar 2014 eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome, sowie eine generalisierte
Angststörung. Dr. D._ ging von einer 60%igen Arbeitsunfähigkeit ab dem 16.
Dezember 2013 und von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit ab dem 24. Januar 2014
aus. Die Wiedererreichung einer Teilarbeitsfähigkeit von mindestens 50 % erachtete er
als realistisches Ziel (Fremdakten, act. 3 S. 8 f.; IV-act. 14 S. 3).
A.b In einem von der IV bei der Klinik E._ eingeholten Bericht vom 8. April 2014
nannte Chefarzt Dr. med. F._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, als Diagnosen
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine mittelgradige depressive Episode, am
ehesten im Rahmen einer rezidivierenden depressiven Störung, und als Diagnosen
ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine generalisierte Angststörung im Rahmen
der Störung der Stressmodulationsfähigkeit sowie eine psychophysische Erschöpfung.
Dr. F._ attestierte dem Versicherten für die Zeit vom 1. Januar bis zum 21. März 2014
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit und ab dem 22. März 2014 eine 30%ige
Arbeitsfähigkeit. Er stellte die Prognose, dass mit einer vorsichtigen, jedoch
stufenweisen Steigerung der Arbeitsfähigkeit bis zur Wiederherstellung der vollen
Arbeitsfähigkeit im Herbst 2014 zu rechnen sei (IV-act. 23). In einem Verlaufsbericht an
die Krankentaggeldversicherung vom 30. Juni 2014 hielten Dr. F._ und Dr. phil.
G._, Psychologin FSP, Psychotherapeutin, leitende Psychologin der Klinik E._, fest,
dass sich der Zustand des Versicherten in den letzten Monaten stets gebessert habe,
was zu einer Erhöhung der Arbeitspräsenz geführt habe. Ab dem 1. Juni 2014 sei er zu
50 % arbeitsfähig. Als Diagnosen nannten sie eine leichte bis mittelgradige depressive
Episode, wahrscheinlich im Rahmen einer rezidivierenden depressiven Störung
(Fremdakten, act. 3 S. 4 f.). Diesen Arbeitsfähigkeitsschätzungen entsprechend
arbeitete der Versicherte bei seiner Arbeitgeberin, der H._ AG, bei welcher er zu 100
% angestellt war, zunächst 30 % und ab Juni 2014 50 % an einem adaptierten
Arbeitsplatz (vgl. IV-act. 28 S. 1 und 47 S. 1).
A.c Am 17. bzw. 21. Juli 2014 vereinbarten der Versicherte, seine Arbeitgeberin sowie
die IV-Stelle einen Eingliederungsplan für einen vom 1. August 2014 bis zum 31. Januar
2015 dauernden Arbeitsversuch, welcher die Steigerung des Arbeitspensums auf 100
% zum Ziel hatte (IV-act. 31). Mit Mitteilung vom 25. August 2014 sprach die IV-Stelle
dem Versicherten Beratung und Unterstützung beim Erhalt des bisherigen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsplatzes zu (IV-act. 34). Am 28. August 2014 erteilte die IV-Stelle dem
Versicherten die Leistungszusprache für den Arbeitsversuch im Betrieb seiner
Arbeitgeberin für den Zeitraum vom 1. August 2014 bis zum 31. Januar 2015 bzw. für
die entsprechenden Taggeldzahlungen (IV-act. 37 und 40). In einer internen
Stellungnahme vom 11. November 2014 hielt die Eingliederungsberaterin der IV-Stelle
fest, dass der Versicherte gemäss der Arbeitgeberin weit weg vom gesetzten Ziel sei.
Die aktuelle Leistungsfähigkeit des Versicherten liege bei 50-60 % bei einem Pensum
von 60 % (IV-act. 43).
A.d In einem Verlaufsbericht an die IV-Stelle vom 27. November 2014 bezeichnete Dr.
F._ den Gesundheitszustand des Versicherten als stationär und verneinte eine
Veränderung in der Diagnosestellung. Der Verlauf sei durch eine anhaltende depressive
Symptomatik im leichten bis mittelgradigen Ausmass, eine reduzierte
Konzentrationsdauer mit konsequent reduzierter Arbeitseffizienz, eine allgemein rasche
Ermüdbarkeit sowie intermittierende Akzentuierungen der Ängstlichkeit in den
Stresssituationen geprägt gewesen. In der bisherigen Tätigkeit sei dem Versicherten
zwar eine volle Arbeitspräsenz möglich, jedoch mit vermehrten Pausen und einer
verwertbaren Arbeitsfähigkeit von ca. 60 %. Die aktuell ausgeübte Tätigkeit mit der
entsprechenden Unterstützung der Arbeitgeberin sei optimal adaptiert (IV-act. 44). In
einem weiteren Verlaufsbericht an die IV-Stelle vom 14. April 2015 bezeichnete Dr.
F._ den Gesundheitszustand erneut als stationär und hielt an den bisher gestellten
Diagnosen fest. Er attestierte eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit in der bisherigen und in
einer adaptierten Tätigkeit, wobei in diesem zeitlichen Rahmen keine verminderte
Leistungsfähigkeit bestehe. Er nahm an, dass unter den etablierten therapeutischen
Massnahmen von der Erhaltung der 50%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen sei, eine
weitere Verbesserung aber nicht mehr zu erwarten sei (IV-act. 51).
A.e Mit Mitteilung an den Versicherten vom 21. April 2015 verneinte die IV-Stelle einen
Anspruch auf weitere berufliche Massnahmen, da solche nicht angezeigt seien (IV-act.
56).
A.f In einem Bericht an die Krankentaggeldversicherung vom 24. April 2015 gingen Dr.
F._ sowie I._, Psychologin, Klinik E._, von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit aus
und hielten fest, dass eine weitere Verbesserung in näherer Zukunft nicht mehr zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erwarten sei. Als Diagnose nannten sie eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig mittelgradige Episode mit somatischen Symptomen (Fremdakten, act. 3 S.
2 f.).
A.g Im Auftrag der IV-Stelle begutachtete Dr. med. J._, Facharzt für Neurologie,
Psychiatrie und Psychotherapie, den Versicherten am 1. und 8. Dezember 2015 (IV-act.
96). Der Gutachter war einvernehmlich mit dem Versicherten ausgewählt worden,
nachdem dieser sich gegen einen anderen von der IV-Stelle gewählten Gutachter zur
Wehr gesetzt hatte (vgl. IV-act. 71, 78 S. 1, 82 und 84). Dr. J._ hielt in seinem
Gutachten vom 22. Januar 2016 fest, dass er kaum Auffälligkeiten im psychischen
Befund habe objektivieren können. Der Befund habe nicht zur Selbstdarstellung des
Versicherten, als schwer beeinträchtigt, gepasst. Beim neuropsychologischen Testing
hätten sich schwache Leistungen ergeben, die nicht plausibel seien. Auch auf anderen
Ebenen hätten sich Inkonsistenzen gezeigt. So habe der Versicherte kein konkretes
Erleben in konkreten Situationen nennen können, aus dem typische
Krankheitsmerkmale oder Leistungseinschränkungen hätten abgeleitet werden können.
Es sei nicht möglich, eine spezifische psychiatrische Diagnose zu stellen, da ihn auch
vieles an den früheren Expertisen nicht überzeuge. Es sei auch nicht möglich
herauszuarbeiten, was trotz aller Inkonsistenzen denn nun tatsächlich an
Einschränkungen möglicherweise vorhanden sein könnte. Möglich sei schon, dass
früher ein depressives Syndrom vorgelegen habe. Allenfalls sei dieses ausgeheilt und
andere Gründe hätten für eine Selbstdarstellung als invalid angehalten. Darüber seien
aber keine sicheren Feststellungen möglich. Zusammenfassend hielt er fest, dass er
eine psychiatrische Gesundheitsstörung mit Auswirkungen auf die bisherige Tätigkeit
oder auf eine andere Tätigkeit nicht habe nachweisen können. Insofern seien auch
keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, kein Rehabilitationsbedarf und auch keine
medizinischen Hinderungsgründe, die einer Eingliederung entgegenstünden,
anzunehmen (IV-act. 96 S. 18 f.).
A.h Mit Vorbescheid vom 12. Februar 2016 kündigte die IV-Stelle dem Versicherten an,
dass der Rentenanspruch bei einem Invaliditätsgrad von 0 % abgelehnt werde, da aus
medizinischer Sicht keine Gesundheitsstörung mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
vorliege (IV-act. 104 S. 4 f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.i Gegen diesen Vorbescheid erhob der Versicherte am 23. März 2016 Einwand mit
dem Antrag auf Neubeurteilung des Vorbescheids. Er bemängelte das psychiatrische
Gutachten von Dr. J._ als unfundiert (IV-act. 104 S. 1 ff.). Am 29. April 2016 reichte
auch der Rechtsvertreter des Versicherten, Rechtsanwalt Dr. iur. K. Glavas, Muolen,
einen Einwand ein, wobei er die Erläuterungen des Versicherten im Einwand vom 23.
März 2016 als integrierender Bestandteil seiner Begründung erklärte. Weiter
bezeichnete er das Gutachten von Dr. J._ als widersprüchlich. Zum einen beantragte
er die Wiederholung der Begutachtung, zum anderen die Ausrichtung beruflicher
Massnahmen (IV-act. 111).
A.j Mit Verfügung vom 30. Mai 2016 wies die IV-Stelle den Anspruch auf eine
Invalidenrente im Sinne des Vorbescheids ab (IV-act. 113).
B.
B.a Gegen diese Verfügung liess der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer)
durch seinen Rechtsvertreter am 29. Juni 2016 Beschwerde erheben (act. G 1). Darin
beantragte er, dass die angefochtene Verfügung der IV-Stelle (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) aufzuheben sei; ihm seien zunächst berufliche Massnahmen,
eventuell eine Umschulung auf eine neue Tätigkeit zu gewähren. Eventualiter sei die
angefochtene Verfügung aufzuheben und eine neue Begutachtung durchzuführen,
woraufhin ihm eine halbe Rente auszurichten sei; unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegnerin (act. G 1 S. 2). Der
Beschwerde wurde ein Bericht von Dr. F._ vom 27. Juni 2016 beigelegt. Darin hatte
dieser ausgeführt, dass Dr. J._ im Gutachten aus seiner Sicht vielmehr
Selbstdarstellungen und Behauptungen als eine objektive Beurteilung dokumentiere. In
allen im Gutachten aufgeführten medizinischen Akten sei die depressive Symptomatik
beim Beschwerdeführer objektiv festgestellt sowie entsprechend der psychiatrischen
Diagnose nach ICD-10 zugeordnet worden. Warum in einem gewöhnlichen Bericht von
behandelnden Ärzten dargelegt werden müsse, wie die Konzentrationsfähigkeit eines
Patienten objektiv beurteilt worden sei, sei ihm nicht bekannt. Die von ihm gestellte
Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode schliesse die während der
Behandlung bei Dr. D._ diagnostizierte schwere depressive Symptomatik nicht aus,
da depressive Störungen einen phasenförmigen Verlauf hätten. Bei objektiver
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Betrachtung der unterschiedlichen depressiven Phasen liege eine rezidivierende
depressive Störung vor, welche in der Längsschnittbeurteilung eine 50%ige
Arbeitsunfähigkeit ergebe. Der Versicherte habe sich in der Klinik E._ einer
tagesklinischen Behandlung mit dem Ziel der beruflichen Wiedereingliederung
unterzogen, wobei eine 50%ige Arbeitsfähigkeit wiederhergestellt worden sei. Dabei
handle es sich nicht um irgendwelche testpsychologischen Abklärungen, sondern um
eine gezielte berufliche Integration. Es gehe nicht an, solche Integrationsmassnahmen
zu ignorieren und lediglich auf fragwürdige testpsychologische Abklärungen
abzustellen, die nicht professionell seien und der Therapierealität nicht entsprächen.
Dr. J._ habe die testpsychologischen Untersuchungen auch nicht neutral
durchgeführt, sondern sei von Anfang an davon ausgegangen, dass das Verhalten des
Beschwerdeführers nicht plausibel sei (act. G 1.3). Weiter wurde der Beschwerde ein
Case-Management-Bericht beigelegt (vgl. act. G 1.4).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 19. August 2016 beantragte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei. Sie führte darin aus,
dass der Anfechtungsgegenstand einzig den allfälligen Rentenanspruch des
Beschwerdeführers beschlage, weshalb auf den Antrag bezüglich beruflicher
Massnahmen nicht einzutreten sei. Ein solcher sei bereits mit Mitteilung vom 21. April
2015 rechtskräftig abgewiesen worden (act. G 4 S. 1). Sie stellte sich auf den
Standpunkt, dass auf das Gutachten von Dr. J._ abzustellen sei (vgl. act. G 4).
B.c In seiner Replik vom 5. Oktober 2016 hielt der Beschwerdeführer an den bereits
gestellten Rechtsbegehren vollumfänglich fest (act. G 8).

Erwägungen
1.
Im vorliegenden Verfahren strittig ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf eine
Invalidenrente. Weiter verlangt der Beschwerdeführer die Durchführung beruflicher
Massnahmen bevor über den Rentenanspruch entschieden werde (vgl. act. G 1 S. 2).
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Hinsichtlich des Anfechtungsgegenstands im vorliegenden Verfahren ist zu
beachten, dass im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren grundsätzlich
lediglich Rechtsverhältnisse zu überprüfen bzw. zu beurteilen sind, zu denen die
zuständige Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich - in Form einer Verfügung -
Stellung genommen hat. Insoweit bestimmt vorliegend die Verfügung vom 30. Mai
2016 den beschwerdeweise weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Umgekehrt fehlt
es an einem Anfechtungsgegenstand und somit an einer Sachurteilsvoraussetzung,
wenn und insoweit keine Verfügung ergangen ist (BGE 131 V 164 f. E. 2.1). Über
berufliche Massnahmen kann im Beschwerdeverfahren allerdings grundsätzlich auch
dann entschieden werden, wenn sich der durch die angefochtene Verfügung definierte
Streitgegenstand lediglich auf den Rentenanspruch bezieht. Denn im
Sozialversicherungsrecht gilt der allgemeine Grundsatz "Eingliederung vor Rente" (vgl.
etwa UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2015,
Vorbemerkungen N 81 ff.). Ergeht eine Rentenverfügung in Verletzung dieses
Grundsatzes, ist sie rechtswidrig (vgl. dazu auch Art. 28 Abs. 1 lit. a des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Deshalb muss im
Beschwerdeverfahren eine solche Verfügung aufgehoben und die Verwaltung
verpflichtet werden können, die Eingliederung abzuschliessen. Anders verhält es sich
jedoch, wenn die IV-Stelle bereits zu einem früheren Zeitpunkt rechtskräftig über die
beruflichen Massnahmen entschieden hat. In diesem Fall kann der Anspruch auf
berufliche Massnahmen im Beschwerdeverfahren grundsätzlich nicht erneut überprüft
werden, es sei denn, es dränge sich eine neue Beurteilung auf. Dies ist insbesondere
dann der Fall, wenn sich im Rahmen der gerichtlichen Rentenprüfung ein
rentenbegründender Invaliditätsgrad ergibt (vgl. Urteil des Versicherungsgerichts des
Kantons St. Gallen vom 7. August 2018, IV 2017/145, E. 1.1 f.).
2.2 Über die Gewährung beruflicher Massnahmen hat die Beschwerdegegnerin bereits
in der Mitteilung vom 21. April 2015 befunden (IV-act. 56). Die Mitteilung ist zwar
formlos und nicht in der Form einer Verfügung erfolgt. Allerdings hat die
Beschwerdegegnerin in der Mitteilung ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der
Beschwerdeführer, im Falle seines fehlenden Einverständnisses, eine Verfügung
verlangen könne, weshalb er um dieses Recht hat wissen müssen (vgl. IV-act. 56 S. 2).
Das Recht, eine solche Verfügung zu erwirken, ergibt sich für Mitteilungen, die zu
Recht in einem formlosen Verfahren ergangen sind, auch aus Art. 51 Abs. 2 des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR
830.1). Für zu Unrecht formlos ergangene Mitteilungen kann ein solches Recht in
analoger Anwendung von Art. 51 Abs. 2 ATSG abgeleitet werden. Hinsichtlich der zu
Unrecht formlos ergangenen Mitteilungen hat das Bundesgericht festgelegt, dass der
betroffenen Person grundsätzlich eine Frist von einem Jahr zur Verfügung steht, um an
den Versicherungsträger zu gelangen und den Erlass einer Verfügung zu verlangen
(BGE 134 V 150 ff. E. 5.2 ff.). Es ist anzunehmen, dass für die zu Recht formlos
ergangenen Mitteilungen jedenfalls keine längere Frist zur Anwendung kommt.
Unabhängig davon, ob die Mitteilung der Beschwerdegegnerin vom 21. April 2015 zu
Recht oder zu Unrecht formlos ergangen ist, hat sie nach dem Gesagten als
rechtskräftig zu gelten. Denn die einjährige Frist ist - vorausgesetzt die Mitteilung vom
21. April 2015 war dem Beschwerdeführer zeitnah zugestellt worden - bereits
verstrichen gewesen, als der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers in seinem
Einwand vom 29. April 2016 gegen den Rentenvorbescheid vom 12. Februar 2016
berufliche Massnahmen beantragt und damit sinngemäss das fehlende Einverständnis
mit der Mitteilung der Beschwerdegegnerin vom 21. April 2015 zum Ausdruck gebracht
hat (vgl. IV-act. 111). Aus den Akten geht nicht hervor, dass der Beschwerdeführer
bereits vor diesem anwaltlichen Einwandschreiben vom 29. April 2016 die
Nichtgewährung weiterer beruflicher Massnahmen beanstandet hätte. Vielmehr hatte
der Beschwerdeführer in seinem Einwand vom 23. März 2016 gegen den
Rentenvorbescheid vom 12. Februar 2016 insbesondere das psychiatrische Gutachten
von Dr. J._ kritisiert und um die Aufhebung bzw. Neubeurteilung des
Rentenvorbescheids ersucht, ohne berufliche Massnahmen zu beantragen (vgl. IV-act.
104 S. 1 ff.). Unabhängig von der einjährigen Frist ist daraus zu schliessen, dass das
Interesse des Beschwerdeführers auf die Zusprache einer Rente ausgerichtet ist, zumal
er in seiner Beschwerde berufliche Massnahmen nur undifferenziert beantragt (vgl. act.
G 1). Auch die weiteren Akten geben keinen Aufschluss darüber, welche beruflichen
Massnahmen vorliegend konkret zur Diskussion stehen bzw. gewünscht sein könnten.
Nach dem Gesagten ist auf den Antrag des Beschwerdeführers bezüglich beruflicher
Massnahmen nicht einzutreten. Sollte der Beschwerdeführer Interesse an einer
Arbeitsvermittlung haben, steht es ihm dennoch frei, sich erneut bei der IV-Stelle zu
melden.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zu prüfen bleibt der Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Invalidenrente.
3.1 Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern
können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40 % invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 ATSG die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
3.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung - und im
Beschwerdefall das Gericht - auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es dabei, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen
Aussagen eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen einer Person noch zugemutet werden können (vgl. BGE 115 V 134 E.
2 mit weiteren Hinweisen). Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit
Hinweisen). Den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens formgerecht eingeholten
Gutachten von externen Spezialärzten, welche auf Grund eingehender Beobachtungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, ist bei der
Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4).
Widersprechen Berichte behandelnder Ärzte dem von der Verwaltung bei externen
Spezialärzten eingeholten Gutachten, ist die unterschiedliche Natur von
Behandlungsauftrag der therapeutisch tätigen (Fach-)Ärzte einerseits und
Begutachtungsauftrag der amtlich bestellten fachmedizinischen Experten anderseits zu
beachten (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007
sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 6. April 2006, I 803/05, E. 5.5,
und vom 18. April 2006, I 783/05, E. 2.2). Es ist deshalb nicht zulässig, ein
medizinisches Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum
Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Ärzte später zu
anderslautenden Einschätzungen gelangen oder an vorgängig geäusserten
abweichenden Auffassungen festhalten. Vorbehalten bleiben aber Fälle, in denen sich
eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die behandelnden Ärzte wichtige - und
nicht rein subjektiver ärztlicher Interpretation entspringende - Aspekte benennen, die
im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (Urteil des
Bundegerichts vom 27. Mai 2008, 9C_24/2008, E. 2.3.2 mit weiterem Hinweis).
3.3 In beweisrechtlicher Hinsicht gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung.
Danach haben die urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an
förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen (BGE 125 V
352 E. 3a). Der im Sozialversicherungsrecht geltende Untersuchungsgrundsatz
schliesst die Beweislast im Sinne einer Beweisführungslast begriffsnotwendig aus. Im
Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien in der Regel eine Beweislast nur
insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei
ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte.
Diese Beweisregel greift allerdings erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im
Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes auf Grund einer Beweiswürdigung einen
Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der
Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 117 V 264 E. 3b mit Hinweisen und 138 V 221 f. E. 6
mit Hinweisen). Die Verwaltung resp. das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als
bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind. Im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht
etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen (BGE 126 V 360 E. 5b mit Hinweisen).
4.
4.1 Die angefochtene Verfügung der Beschwerdegegnerin stützt sich in medizinischer
Hinsicht in erster Linie auf das extern bei Dr. J._ in Auftrag gegebene psychiatrische
Gutachten (vgl. IV-act. 113 i.V.m. 96). Demgegenüber spricht der Beschwerdeführer
dem Gutachten die Beweiskraft ab (vgl. act. G 1). Dr. J._ habe sich im Gutachten
darauf beschränkt, die medizinischen Berichte der behandelnden Ärzte in Zweifel zu
ziehen, ohne die von ihm, dem Beschwerdeführer, gemachten Aussagen konkret
wiederzugeben (vgl. act. G 1 S. 4 f.). Die behandelnden Ärzte seien überdies zu
Arbeitsfähigkeitsschätzungen gekommen, die derjenigen des Gutachters
widersprächen (vgl. act. G 1 S. 3). Auch habe sich Dr. J._ nicht mit dem Case-
Management-Bericht auseinandergesetzt, welcher die Situation am realen Arbeitsort
wiedergebe (vgl. act. G 1 S. 6).
4.2 Wie der Beschwerdeführer selber einräumt (vgl. act. G 1 S. 4 f.), hat sich Dr. J._
in seinem Gutachten einlässlich mit den Berichten der behandelnden Ärzte
auseinandergesetzt (vgl. IV-act. 96 S. 1 ff.). Er hat auf Diskrepanzen in deren
Beurteilungen aufmerksam gemacht und die Beurteilungen kritisch hinterfragt.
Beispielsweise hat er darauf hingewiesen, dass sich in den Berichten häufig subjektive
Angaben des Beschwerdeführers (insbesondere hinsichtlich Konzentrations- und
Merkfähigkeit) hätten finden lassen, ohne dass diese durch die Behandler objektiviert
worden seien (vgl. IV-act. 96 S. 14 ff.). Teilweise sei in den Berichten sogar festgehalten
worden, dass Konzentrationsstörungen in den Gesprächen nicht feststellbar gewesen
seien. Demnach sei es nicht überzeugend, wenn eine verminderte Arbeitseffizienz
durch eine verminderte Konzentrationsdauer erklärt werde (IV-act. 96 S. 16). Sodann ist
Dr. J._ aufgefallen, dass die im Bericht der Klinik E._ vom 8. April 2014 sowie in
demjenigen vom 24. April 2015 genannten Symptome für sich alleine noch nicht auf
eine mittelschwere depressive Episode nach ICD-10 schliessen liessen (IV-act. 96 S.
15 ff.). Bei einer leichten depressiven Symptomatik wäre gemäss Dr. J._ in der Regel
von einer vollen Arbeitsfähigkeit auszugehen (IV-act. 96 S. 16). Weiter hat Dr. J._ auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Widersprüche hinsichtlich der Arbeitsfähigkeitsschätzungen der Klinik E._
aufmerksam gemacht. Im Bericht der Klinik E._ vom 30. Juni 2014 würden keine
anderen Befunde als in demjenigen vom 8. April 2014 angegeben, jedoch werde von
einer leichten bis mittelschweren depressiven Episode ausgegangen und dem
Beschwerdeführer eine Arbeitsfähigkeit von 50 % attestiert, während im Bericht vom 8.
April 2014 von einer mittelschweren depressiven Episode und einer Arbeitsfähigkeit
von lediglich 30 % ausgegangen worden sei (IV-act. 96 S. 15 f.). Im Bericht der Klinik
E._ vom 27. November 2014 werde eine Arbeitsfähigkeit von 60 % angenommen,
wobei wiederum zur Hauptsache Symptome genannt würden, die eine Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit nicht zu plausibilisieren vermöchten (IV-act. 96 S. 16 f.). Im Bericht
vom 14. April 2015 werde angegeben, dass der Gesundheitszustand stationär sei,
wobei die Arbeitsunfähigkeit aber höher, neu auf 50 % geschätzt worden sei. Etwa
zeitgleich, am 24. April 2015, sei in einem anderen Bericht ebenfalls eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit, bestehend seit dem 1. August 2014, angegeben worden. Dies passe
nicht dazu, dass im Bericht vom 27. November 2014 noch eine 60%ige Arbeitsfähigkeit
angenommen worden sei (vgl. IV-act. 96 S. 17). Sodann hat Dr. J._ darauf
hingewiesen, dass häufige Wechsel der Behandler stattgefunden hätten, weshalb sich
viele Berichte der behandelnden Ärzte nur auf einen kurzen Zeitraum bezögen (vgl. IV-
act. 96 S. 15). Weiter erachtet Dr. J._ die von der Klinik E._ gestellte Prognose,
dass nicht mehr mit einer Steigerung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers zu
rechnen sei, als nicht zum Kenntnisstand über Depressionen passend. Das
Charakteristische für die Erkrankung sei ein episodischer Verlauf, wobei es keine
zuverlässigen Prognoseparameter gebe. Schliesslich ist Dr. J._ auch der Ansicht,
dass bei einer sich nicht zurückbildenden depressiven Episode mit invalidisierenden
Symptomen in der Regel mehr therapeutische Anstrengungen unternommen würden
(vgl. IV-act. 96 S. 17). In nachvollziehbarer Weise zieht Dr. J._ den Schluss, dass die
bisherigen Berichte kein überzeugend nachvollziehbares Bild von der Erkrankung des
Beschwerdeführers gäben. Aus keinem der Berichte gehe eine Argumentation darüber
hervor, wieso der Beschwerdeführer irgendwelche ganz konkreten Arbeiten nicht mehr
oder langsamer verrichten könne oder aus welchen Gründen er nur kürzer für eine
Arbeit einsetzbar sei. Vielmehr werde es in einem Bericht als zumutbar erachtet, dass
der Beschwerdeführer in einem Pensum von 100 % mit eingeschränkter
Leistungsfähigkeit arbeiten könne, während in einem anderen Bericht lediglich ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
reduziertes Pensum für möglich gehalten werde. Die Berichte können daher laut Dr.
J._ nicht als Grundlage einer seriösen Abklärung der Arbeitsfähigkeit herangezogen
werden (vgl. IV-act. 96 S. 17 f.).
4.3 Entgegen der Behauptung des Beschwerdeführers (vgl. act. G 1 S. 4 f.) hat sich Dr.
J._ im Gutachten nicht nur mit den medizinischen Berichten auseinandergesetzt,
sondern auch die Aussagen des Beschwerdeführers, den er anlässlich seiner
Untersuchungen eingehend befragt hatte, wiedergegeben (vgl. IV-act. 96 S. 6 ff.).
Dabei ist Dr. J._ aufgefallen, dass der Beschwerdeführer kein konkretes Erleben in
konkreten Situationen habe nennen können, aus dem typische Krankheitsmerkmale
oder konkrete Leistungseinschränkungen hätten abgeleitet werden können (vgl. IV-act.
96 S. 18). Beispielsweise habe der Beschwerdeführer angegeben, nicht viele Termine
zu ertragen. Welcher Termin ihn in der jüngeren Vergangenheit genau gestresst habe,
habe er jedoch nicht sagen können (vgl. IV-act. 96 S. 7). Weiter habe der
Beschwerdeführer zum Beispiel mitgeteilt, dass er Probleme oder Sorgen aus dem
Betrieb der Arbeitgeberin nach Hause bringe. Auf konkretes Nachfragen seien aber
auch dazu keine Erlebnisse zu erfahren gewesen (vgl. IV-act. 96 S. 6). Dr. J._ hat in
seiner Untersuchung auch keine Zeichen von Müdigkeit wahrnehmen oder einen
deprimierten Affekt objektivieren können, eher einen missmutigen Affekt. Es seien
seitens des Beschwerdeführers zwar Klagen hinsichtlich der eigenen Unzulänglichkeit
hörbar gewesen, jedoch bestünden keine schweren Insuffizienzgefühle. Teilweise sei
auch eine selbstbewusste Selbstdarstellung hervorgekommen (vgl. IV-act. 96 S. 12).
Neben der gesprächsorientierten Untersuchung hat Dr. J._ auch noch
neuropsychologische Tests durchgeführt, wobei ihm gemäss Gutachten ein auffälliges
Fehlverhalten des Beschwerdeführers aufgefallen ist. Einen verbalen Lern- und
Merkfähigkeitstest hat Dr. J._ laut Gutachten wegen erkennbar nicht authentischen
Leistungsverhaltens des Beschwerdeführers abgebrochen. Ein
Symptomvalidierungstest, welcher nur scheinbar schwierig sei und auch von
hirngeschädigten Menschen gut gelöst werden könne, habe ebenfalls eine sehr
schwache Leistung ergeben (vgl. IV-act. 96 S. 13). Soweit Dr. F._ in seinem Bericht
vom 27. Juni 2016 diese testpsychologischen Abklärungen kritisiert (vgl. act. G 1.3), ist
dazu anzumerken, dass Dr. J._ für seine Beurteilung nicht alleine auf diese Tests
abgestellt, sondern den Beschwerdeführer auch anderweitig untersucht bzw.
eingeschätzt hat (vgl. IV-act. 96).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.4 Aufgrund der Untersuchungsergebnisse hat Dr. J._ in nachvollziehbarer und
schlüssiger Weise zusammenfassend festgehalten, dass er bei seiner Untersuchung
kaum Auffälligkeiten im psychischen Befund habe objektivieren können. Der Befund
passe nicht zur Selbstdarstellung des Beschwerdeführers als schwer beeinträchtigt.
Zudem habe ihn, wie dargelegt, auch vieles an früheren medizinischen Berichten nicht
überzeugt, weshalb es nicht möglich sei, eine spezifische psychiatrische Diagnose zu
stellen. Es sei auch nicht möglich herauszuarbeiten, was trotz aller Inkonsistenzen denn
nun tatsächlich an Einschränkungen möglicherweise doch vorhanden sein könnte. Es
sei schon möglich, dass früher ein depressives Syndrom vorgelegen habe. Möglich
wäre, dass dieses ausgeheilt sei, jedoch andere Gründe für eine Selbstdarstellung als
invalid angehalten hätten. Sichere Feststellungen seien darüber aber nicht möglich.
Eine psychiatrische Gesundheitsstörung mit Auswirkungen auf die bisherige Tätigkeit
oder auf eine andere Tätigkeit habe nicht nachgewiesen werden können, insofern auch
keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit und kein Rehabilitationsbedarf oder
medizinische Hintergründe, die einer Eingliederung entgegenstünden (vgl. IV-act. 96 S.
18 f.). Das Gutachten von Dr. J._ mit seinen Schlussfolgerungen wirkt plausibel. Es
spricht für die Glaubwürdigkeit des Experten, dass er mögliche
Gesundheitseinschränkungen nicht kategorisch verneint, sondern offenlegt, dass
insbesondere in der Vergangenheit durchaus eine Beeinträchtigung bestanden haben
könnte, er eine solche aber im Gutachtenszeitpunkt nicht habe objektivieren können.
Aufgrund des auch im Gutachten erwähnten Umstandes, dass gerade bei
rezidivierenden depressiven Erkrankungen der Gesundheitsverlauf starken
Schwankungen unterworfen sein könne und nur schwer absehbar sei (vgl. IV-act. 96 S.
17), kann nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass bei einer Untersuchung zu
einem anderen Zeitpunkt möglicherweise Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers
zum Vorschein kommen könnten. Die Problematik, dass eine Begutachtung immer eine
gewisse Momentaufnahme darstellt, kann vorliegend allerdings nicht gelöst werden, da
die vorhandenen medizinischen Berichte der behandelnden Ärzte keine überzeugende
Beurteilung der Gesundheitssituation des Beschwerdeführers im Längsverlauf
erlauben, wie Dr. J._ schlüssig dargelegt hat. Von einer weiteren Begutachtung,
welche aufgrund der Aktenlage wiederum nur die echtzeitliche Situation beurteilen
könnte, sind diesbezüglich ebenfalls keine besseren Erkenntnisse zu erwarten. Dazu
kommt, dass das vorliegende Gutachten von Dr. J._ Untersuchungen an zwei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verschiedenen Tagen umfasst hat, wodurch allfällige tageweise auftretende
Schwankungen des Gesundheitszustandes immerhin hätten berücksichtigt werden
können (vgl. IV-act. 96 S. 1). Weitere medizinische Abklärungen sind somit nicht
angezeigt (antizipierte Beweiswürdigung; vgl. BGE 136 I 236 ff. E. 5.3 und 5.5 mit
weiteren Hinweisen). Hinsichtlich der vorhandenen medizinischen Beurteilungen des
behandelnden Arztes Dr. F._ hat selbst der Beschwerdeführer gewisse Bedenken
geäussert, da die Behandlungen mehrheitlich nicht bei Dr. F._, sondern einer
Psychologin stattfinden würden (vgl. IV-act. 47 S. 2). Überdies geht aus den Berichten
der Klinik E._ auch nicht genügend deutlich hervor, weshalb anfänglich mit einer
vollständigen Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers gerechnet
worden ist (vgl. IV-act. 23), während später eine Stagnation bei einem Pensum von 50
% angenommen worden ist (vgl. IV-act. 51; Fremdakten, act 3 S. 2 f.; act. G 1.3). Die
medizinischen Berichte der behandelnden Ärzte gestatten vorliegend somit keine
zuverlässige Beurteilung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers und vermögen die
schlüssigen, plausiblen gutachterlichen Feststellungen von Dr. J._ nicht in Zweifel zu
ziehen. Der vom Beschwerdeführer eingereichte und in der Beschwerde
angesprochene Case-Management-Bericht vermag ebenfalls kein anderes Bild
aufzuzeigen (vgl. act. G 1.4). Es erscheint zwar durchaus glaubhaft, dass der
Beschwerdeführer von gewissen Ängsten im Zusammenhang mit seinem Jobverlust
geplagt ist oder sich Sorgen macht, dass ihm am Arbeitsplatz Fehler unterlaufen
könnten. Allerdings kommt dem Charakterzug von Ängstlichkeit oder Unsicherheit
nicht automatisch invalidisierender Krankheitswert zu. Der teilweise diagnostizierten
generalisierten Angststörung (vgl. Fremdakten, act. 1 S. 5) misst selbst Dr. F._
gerade keine Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit zu (vgl. IV-act. 23). Überdies
befasst sich der Case-Management-Bericht hauptsächlich mit der aktuellen beruflichen
Tätigkeit des Beschwerdeführers, während für die Frage der Invalidität auch adaptierte
Arbeitsoptionen auf dem hypothetischen ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu
berücksichtigen sind (vgl. E. 3.1). Ferner kann bei einem solchen Case-Management-
Bericht auch eine gewisse subjektive Interessenbindung nicht ausgeschlossen werden.
Auch wenn eine mögliche gesundheitliche Einschränkung nicht völlig auszuschliessen
ist, so ist nach dem Gesagten doch mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass beim Beschwerdeführer zumindest im Gutachtenszeitpunkt keine
die Arbeitsfähigkeit einschränkenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen vorgelegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
haben. Dies steht auch in Einklang damit, dass der Beschwerdeführer an einem aus
seiner Sicht ganz schlechten Tag dennoch zur Arbeit hat gehen können (vgl. IV-act. 96
S. 9). Darüber hinaus scheint der Beschwerdeführer auch in seiner Freizeit ein intaktes
Funktionsniveau mit guten sozialen Kontakten und mehrmaligen Ferienaufenthalten
aufzuweisen (vgl. IV-act. 96 S. 9 f.). Insgesamt bleibt beweislos, dass der
Beschwerdeführer im für das vorliegende Verfahren relevanten Zeitraum an einer
psychischen Beeinträchtigung litt, die seine Arbeitsfähigkeit in einem rentenrelevanten
Ausmass beeinträchtigt hat. Anzumerken bleibt, dass es dem Beschwerdeführer
freisteht, sich erneut bei der IV-Stelle zu melden, falls sich sein Gesundheitszustand in
Zukunft verschlechtern sollte.
5.
Angesichts dessen, dass sich die 100%ige Arbeitsfähigkeit vorliegend auch auf den
angestammten Tätigkeitsbereich des Beschwerdeführers bezieht, besteht
offensichtlich kein rentenbegründender Invaliditätsgrad von 40 %, weshalb sich die
Vornahme eines Einkommensvergleichs erübrigt.
6.
6.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde gegen die Verfügung
vom 30. Mai 2016 abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. Das Beschwerdeverfahren
ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig
vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis
IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint in der vorliegend zu beurteilenden
Angelegenheit als angemessen. Dem unterliegenden Beschwerdeführer sind die
Gerichtskosten in der Höhe von Fr. 600.-- aufzuerlegen.
6.2 Bei diesem Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer keinen Anspruch auf
eine Parteientschädigung (vgl. Art. 61 lit. g ATSG).