Decision ID: fd62be9e-8dbe-4594-9a4f-a75b6e71f013
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die 1970 geborene Beschwerdeführerin meldete sich im November 2000
bei der Beschwerdegegnerin zum Bezug von Leistungen der Eidgenössi-
schen Invalidenversicherung (IV) an. Mit Verfügung vom 28. Mai 2001
sprach die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin nach entspre-
chenden Abklärungen rückwirkend ab dem 1. Oktober 2000 eine ganze
Rente zu. Diese wurde von der Beschwerdegegnerin in der Folge mehrfach
bestätigt.
1.2.
Im Rahmen einer im Februar 2012 veranlassten Rentenrevision tätigte die
Beschwerdegegnerin diverse Abklärungen und liess die Beschwerdeführe-
rin rheumatologisch-psychiatrisch begutachten (Gutachten vom 29. Mai
bzw. vom 29. Juli 2013). Nach Rücksprache mit dem Regionalen Ärztlichen
Dienst (RAD) hob die Beschwerdegegnerin die Rente mit Verfügung vom
16. April 2014 per 31. Mai 2014 auf.
1.3.
Im Juni 2015 meldete sich die Beschwerdeführerin erneut bei der Be-
schwerdegegnerin zum Leistungsbezug an. Auf dieses Leistungsbegehren
trat die Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom 1. März 2016 nicht ein.
1.4.
Am 29. März 2018 meldete sich die Beschwerdeführerin abermals zum
Leistungsbezug an. Nach Rücksprache mit dem RAD trat die Beschwerde-
gegnerin mit Verfügung vom 8. November 2018 auch auf dieses Leistungs-
begehren nicht ein. Die dagegen erhobene Beschwerde hiess das Versi-
cherungsgericht mit Urteil VBE.2018.957 vom 12. September 2019 gut,
hob die Verfügung auf, und wies die Sache an die Beschwerdegegnerin
zurück, damit diese auf die Neuanmeldung vom 29. März 2018 eintrete und
materiell über das Leistungsbegehren entscheide. Daraufhin tätigte die Be-
schwerdegegnerin weitere Abklärungen und veranlasste nach Rückspra-
che mit dem RAD eine polydisziplinäre Begutachtung der Beschwerdefüh-
rerin durch das Begutachtungszentrum Baselland (BEGAZ; Gutachten vom
29. Oktober 2020). Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren verneinte
die Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom 1. Oktober 2021 einen Ren-
tenanspruch der Beschwerdeführerin.
2.
2.1.
Dagegen erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 5. November
2021 fristgerecht Beschwerde und stellte folgende Rechtsbegehren:
- 3 -
"Es sei die Verfügung der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Aargau, IV-Stelle, vom 1. Oktober 2021 betreffend Verneinung jeglichen  aufzuheben, und es sei der Beschwerdeführerin mit Wirkung ab spätestens dem 1. September 2018 eine ganze, ev. halbe IV-Rente ;
alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der ;"
Zudem stellte sie folgenden Verfahrensantrag:
"Es sei ein zweiter Schriftenwechsel durchzuführen;"
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 25. November 2021 beantragte die Beschwerde-
gegnerin die Abweisung der Beschwerde.
2.3.
Mit instruktionsrichterlichen Verfügungen vom 29. November 2021 wurden
die aus den Akten erkennbaren beruflichen Vorsorgeeinrichtungen der Be-
schwerdeführerin beigeladen und ihnen Gelegenheit zur Stellungnahme
eingeräumt. Die Beigeladene 1 liess sich in der Folge nicht vernehmen,
während die Beigeladene 2 mit Schreiben vom 6. Dezember 2021 auf eine
Stellungnahme verzichtete.

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Was die von der Beschwerdeführerin beantragte Durchführung eines zwei-
ten Schriftenwechsels anbelangt, ist darauf hinzuweisen, dass Art. 61 lit. a
ATSG ein rasches Verfahren vorsieht, woraus sich kein Anspruch auf einen
zweiten Schriftenwechsel ergibt. Auch vor dem Hintergrund des Replik-
rechts (BGE 137 I 195 E. 2.3.1 S. 197; 133 I 100 E. 4.5 S. 103 f.) ist die
Durchführung eines zweiten Schriftenwechsels nicht zwingend. Das Ge-
richt kann Eingaben auch lediglich zur Kenntnisnahme zustellen, wenn von
den Parteien erwartet werden kann, dass sie unaufgefordert dazu Stellung
nehmen (BGE 138 I 484 E. 2.1 und 2.2 S. 485 f.; 133 I 98 E. 2.2 S. 99).
Dies trifft vor allem bei rechtskundig vertretenen Personen wie der Be-
schwerdeführerin zu (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_641/2014 vom
16. Januar 2015 E. 2 mit Hinweisen). Das Versicherungsgericht stellte der
Beschwerdeführerin die Vernehmlassung der Beschwerdegegnerin vom
25. November 2021 mit Verfügung vom 29. November 2021 zu. Bis zum
vorliegenden Entscheid liess sich die Beschwerdeführerin nicht mehr ver-
nehmen, weshalb von einem Verzicht auf das Replikrecht auszugehen ist
(vgl. (vgl. etwa Urteil des Bundesgerichts 8C_43/2021 vom 27. April 2021
E. 3.2 f.).
- 4 -
2.
2.1.
2.1.1.
Die Beschwerdegegnerin führte zur Begründung der Abweisung des erneu-
ten Rentenbegehrens im Wesentlichen aus, gestützt auf das "voll beweis-
kräftige Gutachten der BEGAZ" sei davon auszugehen, dass die psychiat-
rischen Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit "genau den
psychiatrischen Diagnosen 2013" entsprächen und die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin in einer angepassten Tätigkeit seit 2013 keine Ände-
rung erfahren habe. Aufgrund des unveränderten Gesundheitszustandes
und der unveränderten Arbeits- und Erwerbsfähigkeit sei ein "Revisions-
grund" zu verneinen (Vernehmlassungsbeilage [VB] 146 S. 3).
2.1.2.
Die Beschwerdeführerin stellt sich demgegenüber im Wesentlichen auf den
Standpunkt, anders als noch im Zeitpunkt der Rentenaufhebung seien nun
gemäss dem Gutachten der BEGAZ somatische Befunde vorhanden, wel-
che die Arbeitsfähigkeit einschränkten, und in psychischer Hinsicht bestün-
den nicht mehr nur syndromale Beschwerdebilder, sondern eine – sich
ebenfalls auf die Arbeitsfähigkeit auswirkende – Depression. Angesichts
dieser anspruchsrelevanten Veränderung und der von den Gutachtern so-
wohl in der angestammten als auch in einer angepassten Tätigkeit attes-
tierten 50%igen Arbeitsunfähigkeit habe sie Anspruch auf eine halbe
Rente.
2.2.
Streitig und zu prüfen ist demnach, ob die Beschwerdegegnerin mit Verfü-
gung vom 1. Oktober 2021 (VB 146) einen Rentenanspruch der Beschwer-
deführerin zu Recht verneint hat.
3.
3.1.
Gemäss Art. 17 Abs. 1 ATSG wird die Rente von Amtes wegen oder auf
Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufge-
hoben, wenn sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines
Rentenbezügers erheblich ändert. Anlass zur Revision einer Invalidenrente
im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG gibt jede wesentliche Änderung in den
tatsächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit
den Rentenanspruch zu beeinflussen (BGE 134 V 131 E. 3 mit Hinweisen).
3.2.
Die Zusprechung einer Invalidenrente aufgrund einer Neuanmeldung,
nachdem eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verwei-
gert wurde (vgl. Art. 87 Abs. 3 i.V.m. Abs. 2 IVV), bedarf, analog zur Ren-
tenrevision (Art. 17 Abs. 1 ATSG), einer anspruchsrelevanten Änderung
des Invaliditätsgrades (vgl. BGE 133 V 108 E. 5 S. 110 ff.; 130 V 71; 117 V
- 5 -
198 E. 3 S. 198 f.; 109 V 108 E. 2 S. 114 f.; Urteil des Bundesgerichts
8C_29/2020 vom 19. Februar 2020 E. 3.1 f. mit Hinweisen).
3.3.
Der neuanmeldungsrechtlich massgebende Vergleichszeitraum ist derje-
nige zwischen der letzten umfassenden materiellen Prüfung einerseits und
der Überprüfung der Glaubhaftmachung der mit Neuanmeldung vorge-
brachten anspruchserheblichen Tatsachenänderungen andererseits (vgl.
MEYER/REICHMUTH, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversi-
cherungsrecht, IVG, 3. Aufl. 2014, N. 122 zu Art. 30-31 mit Hinweisen auf
BGE 130 V 71 E. 3 S. 73 ff.; vgl. auch BGE 133 V 108 E. 5 S. 110 ff.).
3.4.
Bei der am 16. April 2014 in Anwendung von lit. a Abs. 1 der Schlussbe-
stimmungen der Änderung des IVG vom 18. März 2011 (6. IV-Revision,
erstes Massnahmenpaket) verfügten Rentenaufhebung (VB 74), welche in
retrospektiver Hinsicht den massgebenden Vergleichszeitpunkt für die Prü-
fung des Eintritts einer anspruchsrelevanten Veränderung bildet (vgl.
E. 3.3.), stützte sich die Beschwerdegegnerin hinsichtlich des somatischen
Gesundheitszustandes im Wesentlichen auf die Beurteilung von Dr. med.
B., Facharzt für Rheumatologie sowie für Physikalische Medizin und Reha-
bilitation. Dieser stellte im rheumatologischen Teilgutachten vom 29. Juli
2013 keine Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Im Weiteren
führte er aus, es bestehe ein multilokuläres Schmerzsyndrom, für das sich
keine nachweisbare organische Ursache finde. Aus rheumatologischer
Sicht habe zu keinem Zeitpunkt eine somatisch begründete längerdau-
ernde Einschränkung der Arbeits- oder Leistungsfähigkeit im früheren Ar-
beitsumfeld und/oder in einem anderen vergleichbaren Tätigkeitsbereich
bestanden. Die Beschwerdeführerin sei in sämtlichen leichten bis kurzzeitig
mittelschweren Tätigkeiten vollschichtig arbeitsfähig (VB 56.1 S. 9 ff.).
Betreffend den psychischen Gesundheitszustand stützte sich die Be-
schwerdegegnerin auf die Aktenbeurteilungen des RAD-Arztes Dr. med.
C., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 7. Oktober 2013 und
vom 27. Januar 2014. Diesen ist zusammengefasst zu entnehmen, dass
bei der Beschwerdeführerin zwei "syndromale Diagnosen" (anhaltende so-
matoforme Schmerzstörung und dissoziative Störung) vorlägen, welche
grundsätzlich als überwindbar gälten. Eine eigenständige depressive Er-
krankung, welche von der somatoformen Störung klar abgegrenzt werden
könne und typisch schwerwiegende Symptome aufweise, liege nicht vor
(VB 62 S. 4; 69 S. 5).
4.
Die angefochtene Verfügung vom 1. Oktober 2021 (VB 146) beruht in me-
dizinischer Hinsicht im Wesentlichen auf dem polydisziplinären BEGAZ-
Gutachten vom 29. Oktober 2020 von Dr. med. D., Facharzt für Allgemeine
- 6 -
Innere Medizin, Dr. med. E., Facharzt für Neurologie, Dr. med. F., Facharzt
für Physikalische Medizin und Rehabilitation sowie für Rheumatologie, und
Dr. med. G., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Die Gutachter
stellten folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
(VB 136.2 S. 9):
"1. Gangataxie mit deutlicher Unsicherheit im Strichgang mit  Schwindel unklarer Ätiologie ICD-10: R26.0, R43
2. Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1)
3. Anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4)"
Betreffend die Arbeitsfähigkeit führten die Gutachter aus, die Beschwerde-
führerin sei in ihrer bisherigen Tätigkeit als Betriebsmitarbeiterin sowohl
aufgrund des Vorliegens einer mittelgradigen depressiven Episode, welche
sich durch die Reduktion der Konzentration, des Antriebs und der Interes-
sen, durch die erhöhte Ermüdbarkeit sowie durch Grübeln negativ auf die
Arbeitsfähigkeit auswirke, als auch aufgrund der Schmerzen im Rahmen
der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung zu 50 % arbeitsunfähig.
Dieses Ausmass der Arbeitsunfähigkeit könne aktenanamnestisch "ab dem
letzten Gutachten 2013 angenommen werden". Auch in einer adaptierten
(leichten, wechselbelastenden) Tätigkeit bestehe eine 50%ige Arbeitsunfä-
higkeit. Es sei somit "seit 2013" keine Änderung eingetreten (VB 136.2
S. 13 f.).
5.
5.1.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob die-
ser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medi-
zinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet
und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 134 V
231 E. 5.1 S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352).
5.2.
Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingehol-
ten Gutachten von externen Spezialärzten, welche auf Grund eingehender
Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Be-
richt erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergeb-
nissen gelangen, ist bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerken-
nen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Exper-
tise sprechen (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 470; 125 V 351 E. 3b/bb S. 353).
Den Gutachten kommt somit bei Abklärungen im Leistungsbereich der So-
zialversicherung überragende Bedeutung zu (UELI KIESER, Kommentar
- 7 -
zum Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs-
rechts, 4. Aufl. 2020, N. 13 zu Art. 44 ATSG; vgl. auch BGE 132 V 93
E. 5.2.8 S. 105).
6.
6.1.
Im BEGAZ-Gutachten, welches die Beschwerdegegnerin als beweiskräftig
wertete und auf das sich auch die Beschwerdeführerin beruft, wurde letz-
terer, wie dargelegt, in psychischer Hinsicht aufgrund einerseits einer mit-
telgradigen depressiven Episode und andererseits einer somatoformen
Schmerzstörung eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit in jeglicher Tätigkeit attes-
tiert (VB 136.2 S. 13). Diesbezüglich ist zu beachten, dass eine fachärztlich
festgestellte psychische Krankheit nicht ohne Weiteres gleichbedeutend
mit dem Vorliegen einer Invalidität ist (BGE 145 V 215 E. 4.2 S. 221;
BGE 127 V 294 E. 4c S. 298). Aus sozialversicherungsrechtlicher Sicht ist
dabei letztlich nicht die Schwere einer psychischen Erkrankung entschei-
dend, sondern deren Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit, zumal sie in be-
ruflicher Hinsicht unterschiedliche Folgen zeitigt (BGE 143 V 418 E. 5.2.2
S. 425). Unabhängig von der klassifikatorischen Einordnung einer Krank-
heit resultiert aus einer Diagnose – mit oder ohne diagnoseinhärentem Be-
zug zum Schweregrad – allein keine verlässliche Aussage über das Aus-
mass der mit dem Gesundheitsschaden korrelierenden funktionellen Leis-
tungseinbusse bei psychischen Störungen (BGE 143 V 418 E. 6 S. 426).
Die Beurteilung, ob ein psychisches Leiden eine rentenbegründende Inva-
lidität zu bewirken vermag, ist anhand folgender Indikatoren zu prüfen
(BGE 143 V 418; 143 V 409; 141 V 281):
- Kategorie "funktioneller Schweregrad" - Komplex "Gesundheitsschädigung" - Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde - Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz - Komorbiditäten - Komplex "Persönlichkeit" (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res-
sourcen) - Komplex "Sozialer Kontext" - Kategorie "Konsistenz" (Gesichtspunkte des Verhaltens) - gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen ver-
gleichbaren Lebensbereichen - behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Lei-
densdruck
Wie stark die versicherte Person in sozialen, beruflichen oder anderen
wichtigen Funktionsbereichen beeinträchtigt ist, ergibt sich aus dem funkti-
onellen Schweregrad einer Störung. Dieser bzw. die betreffende Kategorie
("funktioneller Schweregrad") überschneidet sich dabei teilweise mit den
fachärztlichen Angaben zur Diagnosestellung (BGE 143 V 418 E. 5.2.3
S. 426). Auch bei als schwer bezeichneten psychischen Leiden lässt sich
daher nicht automatisch auf eine ausgeprägte funktionelle Einschränkung
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- 8 -
schliessen. Hingegen kann grundsätzlich nur eine schwere psychische Stö-
rung invalidisierend im Rechtssinn sein (BGE 143 V 418 E. 5.2.2 S. 425;
141 V 281 E. 4.3.1.2 S. 299). Eine leicht- bis mittelgradige depressive Stö-
rung ohne nennenswerte Interferenzen durch psychiatrische Komorbiditä-
ten lässt sich im Allgemeinen nicht als schwere psychische Krankheit defi-
nieren. Besteht dazu noch ein bedeutendes therapeutisches Potential, so
ist insbesondere auch die Dauerhaftigkeit des Gesundheitsschadens in
Frage gestellt. Diesfalls müssen gewichtige Gründe vorliegen, damit den-
noch auf eine invalidisierende Erkrankung geschlossen werden kann. Es
ist Aufgabe der medizinischen Sachverständigen, nachvollziehbar aufzu-
zeigen, weshalb trotz lediglich leichter bis mittelschwerer Depression und
an sich guter Therapierbarkeit der Störung im Einzelfall funktionelle Leis-
tungseinschränkungen resultieren, die sich auf die Arbeitsfähigkeit auswir-
ken (BGE 143 V 409 E. 4.5.2 S. 416). Attestieren die psychiatrischen Fach-
personen bei diesen Konstellationen trotz Verneinung einer schweren psy-
chischen Störung ohne (allenfalls auf Nachfrage hin erfolgte) schlüssige
Erklärung eine namhafte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, besteht für
die Versicherung oder das Gericht Grund dafür, der medizinisch-psychiat-
rischen Folgenabschätzung die rechtliche Massgeblichkeit zu versagen
(Urteil des Bundesgerichts 8C_280/2021 vom 17. November 2021
E. 6.2.2).
6.2.
6.2.1.
Der psychiatrische Gutachter der BEGAZ Dr. med. G. begründete die at-
testierte 50%ige Arbeitsunfähigkeit sowohl in der angestammten als auch
in einer leidensangepassten Tätigkeit einerseits mit einer durch die mittel-
gradige depressive Episode begründeten Reduktion der Konzentration,
des Antriebs und der Interessen, einem Grübeln sowie einer erhöhten Er-
müdbarkeit und andererseits mit Schmerzen im Rahmen der anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung. Ausführungen zum funktionellen Schwe-
regrad dieser Störungen finden sich weder im psychiatrischen Teilgutach-
ten noch in der interdisziplinären Konsensdiskussion. Bei den unter "Psy-
chiatrischer Befund" aufgeführten Gedächtnis- und Konzentrationsstörun-
gen handelt es sich sodann offenbar nicht um Beeinträchtigungen, die der
psychiatrische Gutachter im Rahmen seiner Untersuchung feststellte, son-
dern lediglich um von der Beschwerdeführerin angegebene Defizite (vgl.
VB 136.6 S. 11). Dr. med. G. erläuterte ferner nicht, dass bzw. gegebenen-
falls inwiefern die Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerzstö-
rung die depressive Störung erheblich beeinflusse (zur Bedeutung des Be-
stehens einer nennenswerten Interferenz durch psychiatrische Komorbidi-
täten für die Qualifikation einer leicht- bis mittelgradigen depressiven Stö-
rung als schwere psychische Krankheit vgl. E. 6.1.). Gemäss psychiatri-
schem Teilgutachten besteht sodann ein nicht ausgeschöpftes therapeuti-
sches Potential. Diesbezüglich führte Dr. med. G. aus, die Beschwerdefüh-
rerin nehme lediglich einmal monatlich eine 20-minütige Therapie wahr und
- 9 -
die psychopharmakologische Medikation sei seit fünf Jahren unverändert.
Bei einer Intensivierung der Behandlung und einer Modifikation der psycho-
pharmakologischen Medikation könne von einer Verbesserung der depres-
siven Symptomatik ausgegangen werden (VB 136.6 S. 15). Es leuchtet vor
diesem Hintergrund nicht ohne Weiteres ein, weshalb bei der Beschwerde-
führerin aus psychischen Gründen dermassen namhafte funktionelle Ein-
schränkungen bestehen sollen, dass selbst in einer angepassten Tätigkeit
nur noch von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen sei.
6.2.2.
Was den Verlauf der psychischen Symptomatik anbelangt, führte Dr. med.
G. aus, die attestierte Arbeitsunfähigkeit in der Tätigkeit als Betriebsmitar-
beiterin könne "aktenanamnestisch ab dem letzten Gutachten 2013" ange-
nommen werden. Auch von der 50%igen Arbeitsfähigkeit in einer ange-
passten Tätigkeit könne "ab 2013" ausgegangen werden (VB 136.6
S. 16 f.) Sodann hielt er fest, aus psychiatrischer Sicht sei es "zu keiner
nennenswerten Veränderung der psychiatrischen Befunde oder gar Diag-
nosen seit 16.04.2014 gekommen" (VB 136.6 S. 18). In der interdisziplinä-
ren Gesamtbeurteilung des BEGAZ-Gutachtens wird hinsichtlich des Refe-
renzzeitpunkts wiederum lediglich auf das bidisziplinäre Gutachten vom
29. Mai bzw. vom 29. Juli 2013 Bezug genommen (vgl. E. 4). Diesbezüglich
ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdegegnerin in der (rentenaufhe-
benden) Verfügung vom 16. April 2014 in psychiatrischer Hinsicht nicht auf
das psychiatrische Teilgutachten von Dr. med. H. vom 29. Mai 2013, son-
dern auf die Aktenbeurteilungen des RAD-Arztes Dr. med. C. vom 7. Okto-
ber 2013 und vom 27. Januar 2014 abstellte. Dr. med. C. ging vom Vorlie-
gen zweier syndromaler Diagnosen (somatoforme und dissoziative Stö-
rung) aus (vgl. E. 3.4.). Dr. med. H. diagnostizierte dagegen neben einer
"dissoziative[n] Störung ICD 10 F44 2/4/6" und einer anhaltenden somato-
formen Schmerzstörung (ICD-10 F45.4) zusätzlich eine rezidivierende de-
pressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1), und
attestierte der Beschwerdeführerin eine 60%ige Arbeitsunfähigkeit für
"sämtliche Tätigkeiten in der freien Marktwirtschaft" (VB 55 S. 13 f.).
Die BEGAZ-Gutachter bezogen sich bei ihrem Vergleich des aktuellen mit
dem früheren Gesundheitszustand in retrospektiver Hinsicht somit auf zwei
unterschiedliche Zeitpunkte bzw. medizinische Beurteilungen, weshalb die
Frage, ob eine neuanmeldungsrechtlich relevante Veränderung des Ge-
sundheitszustandes eingetreten ist (vgl. E. 3), gestützt auf ihre Expertise
jedenfalls nicht zuverlässig beantwortet werden kann.
6.2.3.
Nach dem Gesagten lässt sich gestützt auf das BEGAZ-Gutachten vom
29. Oktober 2020 aus verschiedenen Gründen nicht zuverlässig beurteilen,
ob es seit der am 16. April 2014 verfügten Rentenaufhebung zu einer neu-
- 10 -
anmeldungsrechtlich bedeutsamen gesundheitlichen Veränderung gekom-
men ist und – gegebenenfalls – ob die Beschwerdeführerin aufgrund einer
invalidenversicherungsrechtlich relevanten Einschränkung der Arbeitsfä-
higkeit erneut Anspruch auf eine Rente hat.
7.
7.1.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde in dem Sinne gutzuheissen,
dass die angefochtene Verfügung vom 1. Oktober 2021 aufzuheben und
die Sache zur weiteren Abklärung und zur Neuverfügung an die Beschwer-
degegnerin zurückzuweisen ist.
7.2.
Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten
werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende
Verfahren betragen diese Fr. 800.00. Sie sind gemäss dem Verfahrensaus-
gang der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
7.3.
Ausgangsgemäss hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf Ersatz der
richterlich festzusetzenden Parteikosten (Art. 61 lit. g ATSG), denn die
Rückweisung der Sache an die Verwaltung zwecks Vornahme ergänzen-
der Abklärungen gilt als anspruchsbegründendes Obsiegen (BGE 132 V
215 E. 6.1 S. 235 mit Hinweisen).