Decision ID: c458a7c7-b17c-5641-a6dc-e6014ede38bb
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden reisten am 22. November 2016 in die
Schweiz ein und suchten am folgenden Tag um Asyl nach. Am 5. Dezember
2016 fanden die Befragungen zur Person (BzP) und am 5. Juni 2018 die
Anhörungen zu den Asylgründen der Beschwerdeführenden statt.
Der Beschwerdeführer gab im Wesentlichen an, er sei syrischer Staatsan-
gehöriger, arabischer Ethnie und stamme aus E._. Er habe die
Schule bis zur (...) Klasse besucht und danach seinen Lebensunterhalt als
(...) bestritten. Ab 2012 habe er sich regelmässig geschäftlich im Libanon
aufgehalten. Im (...) 2015 habe er dort seine Frau geheiratet. Sie hätten
die Ehe in der Folge auch in Syrien registrieren lassen. Mit seiner Ehefrau
sei er mehrmals zwischen Syrien und Libanon hin- und hergereist. Im (...)
2016 sei er letztmals mit seiner Frau nach Syrien zurückgekehrt. Er habe
(...) und (...).
Zu seinen Asylgründen führte der Beschwerdeführer aus, Christen seien in
Syrien eine Minderheit und würden unterdrückt. Die Lage in Syrien sei
schlecht gewesen. Zudem habe ihn die Miliz «F._» ab (...) 2015
dazu zwingen wollen, sich ihnen anzuschliessen. Diese Miliz habe junge
Männer zum Schutz der Region rekrutieren wollen und nicht berücksichtigt,
dass er der einzige Sohn der Familie sei. Er habe sich geweigert, worauf
er gedrängt und fortlaufend unter Druck gesetzt worden sei. Er habe dann
vorgegeben, sich ihnen anzuschliessen, sobald er sich um die Dokumente
wegen der Heirat im Libanon gekümmert habe. Am (...) 2016, als er zum
letzten Mal in Syrien gewesen sei, sei er von unbekannten Personen, mut-
masslich von Militärangehörigen und wegen der Weigerung des Beitritts
zum F._, entführt, vier Tage lang festgehalten und gegen die Be-
zahlung eines Lösegeldes durch seinen Vater freigelassen worden. Am (...)
2016 habe er Syrien endgültig verlassen und sei am (...) 2016 vom Libanon
Richtung Europa gereist.
A.b Die Beschwerdeführerin gab zu Protokoll, sie sei libanesische Staats-
angehörige, arabischer Ethnie und stamme aus G._ in der Nähe
von Beirut. Sie habe im Jahr 2009 an der Universität (...) angefangen zu
studieren, aber nicht abgeschlossen. Beruflich sei sie in einer (...) sowie
einem (...) tätig gewesen. Ihr Bruder komme alleine für den Unterhalt der
Familie im Libanon auf. Im (...) 2015 habe sie ihren Ehemann im Libanon
geheiratet. Sie seien jeweils zwischen Syrien und Libanon gependelt.
Letztmals seien sie (...) 2016 nach Syrien gegangen und am (...) 2016
E-50/2020
Seite 3
wiederum Richtung Libanon ausgereist. Sie habe ihren Heimatstaat nach
ihrem Ehemann am (...) 2016 endgültig verlassen.
Zu den Ausreisegründen führte sie aus, sie hätten nicht im Libanon bleiben
können. Dort gebe es keine Sicherheit und Zukunft. Auch wenn kein Krieg
herrsche, sei die Lage instabil. Zudem sei ihr Mann syrischer Staatsbürger
und diese seien im Libanon unerwünscht. Sie selbst habe im Libanon keine
Probleme gehabt. Zwar hätten sie versucht, in Syrien zu leben. Dies sei
aber unmöglich gewesen. Christen seien dort eine Minderheit und würden
unterdrückt. Nachdem ihr Mann am (...) 2016 in E._ entführt und
nach ein paar Tagen gegen die Bezahlung eines Lösegeldes freigelassen
worden sei, hätten sie sich zur Ausreise entschlossen.
B.
Mit Verfügung vom 2. Dezember 2019 stellte die Vorinstanz fest, die Be-
schwerdeführenden und ihre Kinder erfüllten die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte die Asylgesuche ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der
Wegweisung unter Ausschluss des Vollzugs der Wegweisung nach Syrien.
C.
Mit Eingabe vom 3. Januar 2020 reichten die Beschwerdeführenden gegen
diesen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein. Sie be-
antragen, ihnen sei Einsicht in die Akte A20/1, A21/1 sowie in die in der
angefochtenen Verfügung und im Consulting gemäss Akte A50 erwähnten
Quellen zu gewähren. Eventualiter sei das rechtliche Gehör zur Akte A20/1,
A21/1 sowie zu den in der angefochtenen Verfügung und im Consulting
gemäss Akte A50 erwähnten Quellen zu gewähren. Nach der Gewährung
der Akteneinsicht beziehungsweise nach der Gewährung des rechtlichen
Gehörs sei ihnen eine angemessene Frist zur Einreichung einer Beschwer-
deergänzung anzusetzen. Die angefochtene Verfügung sei aufzuheben
und die Sache der Vorinstanz zur vollständigen und richtigen Abklärung
und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes und zur Neubeur-
teilung zurückzuweisen. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung auf-
zuheben, die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihnen Asyl zu ge-
währen. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und sie
seien als Flüchtlinge anzuerkennen und deshalb vorläufig aufzunehmen.
Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben, die Unzulässig-
keit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und sie deshalb vorläufig auf-
zunehmen. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben, die
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und sie deshalb
E-50/2020
Seite 4
vorläufig aufzunehmen. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung auf-
zuheben, die Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und
sie deshalb vorläufig aufzunehmen. Auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses sei zu verzichten. Sie seien ferner von der Bezahlung von Ver-
fahrenskosten zu befreien.
Als Beweismittel lagen der Beschwerde ein Registration Certificate des
UNHCR, verschiedene Berichte zum Libanon, zwei Arztzeugnisse von
H._ vom 17. Dezember 2019 betreffend die Beschwerdeführenden,
ein (...) Befund der I._ vom 23. November 2019 betreffend die Be-
schwerdeführerin, eine Bestätigung des Einsatzes als (...) der Beschwer-
deführerin bei der J._ vom 17. Dezember 2019, zwei Teilnahmebe-
stätigungen an einem (...) der Beschwerdeführenden von (...) vom 17. De-
zember 2019 sowie zwei Unterstützungsschreiben von Bekannten bei.
D.
Am 9. Januar 2020 ging beim Gericht eine Fürsorgebestätigung der
K._ vom 7. Januar 2020 ein.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 14. Januar 2020 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Einsicht in die Akte A21/1 gut, wies das Gesuch um Ein-
sicht in die Akte A20/1 sowie in die in der angefochtenen Verfügung und
der Akte A50/3 genannten Quellen ab, wies das Gesuch um Ansetzung ei-
ner Frist zur Beschwerdeergänzung ab, setzte den Beschwerdeführenden
Frist zur Einreichung einer Stellungnahme, hiess das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses.
F.
Mit Eingabe vom 29. Januar 2020 reichten die Beschwerdeführenden unter
Beilage eines Zeitungsartikels von Al Jazeera («Poverty set to deepen with
Lebanon’s economic crisis») vom 28. Januar 2020 eine Stellungnahme ein.
G.
Am 3. Februar 2020 lud die Instruktionsrichterin die Vorinstanz zur Einrei-
chung einer Vernehmlassung ein.
H.
In der Vernehmlassung vom 28. Februar 2020 schloss die Vorinstanz auf
Abweisung der Beschwerde. Am 2. März 2020 wurde den Beschwerdefüh-
renden die Vernehmlassung zur Kenntnisnahme zugestellt.
E-50/2020
Seite 5
I.
Mit Eingabe vom 27. März 2020 nahmen die Beschwerdeführenden Stel-
lung zur Vernehmlassung der Vorinstanz. Als Beweismittel reichten sie
mehrere Berichte zur Lage im Libanon ein.
J.
Mit Eingaben vom 4. Mai 2020, 6. Juli 2020 und 14. August äusserten sich
die Beschwerdeführenden unter Beilage von Zeitungsartikeln erneut zur
Lage im Libanon.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 3. September 2020 ersuchte die Instruktions-
richterin die Vorinstanz im Rahmen eines weiteren Schriftenwechsels ge-
mäss Art. 57 Abs. 2 VwVG, sich zur Lageentwicklung im Libanon zu äus-
sern (Duplik).
L.
In der Duplik vom 11. September 2020 hielt die Vorinstanz an ihren Erwä-
gungen fest.
M.
Die Beschwerdeführenden äussern sich in der Stellungnahme vom 20. Ok-
tober 2020 zur aktuellen Situation im Libanon und reichen einen Arbeits-
vertrag des Beschwerdeführers der L._ vom 1. September 2020 so-
wie einen Verlaufsbericht des Spitals M._, Psychiatrisches Ambu-
latorium, vom 6. März 2020 betreffend die Beschwerdeführerin ein.
N.
Mit Eingabe vom 9. November 2020 teilten die Beschwerdeführenden mit,
sie seien mittlerweile finanziell selbständig.
E-50/2020
Seite 6

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS
2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren
gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än-
derung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom-
men worden.
2.
2.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
2.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
E-50/2020
Seite 7
4.
In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben. Diese
sind vorab zu beurteilen, da sie bei berechtigtem Vorbringen geeignet sind,
zur Kassation der angefochtenen Verfügung zu führen.
5.
5.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 m.w.H.). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der
Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in
ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich
ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich aus-
einandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
5.2 Die Beschwerdeführenden monieren, die Vorinstanz habe das Akten-
einsichtsrecht verletzt, da sie das Aktenstück A21/1 nicht zugestellt habe,
von der Kopie der Akte A50/3 eine Seite fehle und keine Einsicht in die im
Consulting (Akte A50/3) genannten Quellen gewährt habe. Zudem liege
eine Verletzung der Aktenführungspflicht vor, da sich das bei der Erstbe-
fragung abgegebene Dokument betreffend die Registrierung beim UNHCR
im Libanon nicht in den Akten befinde.
In der Zwischenverfügung vom 14. Januar 2020 hielt die Instruktionsrich-
terin fest, beim Aktenstück A20/1 (Antwort auf Ersuchen) handle es sich
um die nicht anonymisierte Version der Akte A21/1, welche dem Aktenein-
sichtsrecht nicht unterliege, und wies den Antrag auf Einsicht in die Akte
A20/1 ab. Ebenso wies sie den Antrag auf Einsicht in die im Aktenstück
A50/3 genannten Quellen ab, da es sich bei den im Consulting zitierten
Quellen um im Internet abrufbare öffentliche Berichte oder Entscheide des
Bundesverwaltungsgerichts handle. Im Weiteren führte die Instruktions-
richterin aus, das Aktenstück A21/1 (Antwort auf Ersuchen anonymisiert)
sei wohl versehentlich nicht zugestellt und die Akte A50/3 (Consulting vom
31. Mai 2018) fälschlicherweise nicht vollständig kopiert worden. Insofern
lag diesbezüglich eine Verletzung des Akteneinsichtsrechts vor. Die beiden
Dokumente wurden den Beschwerdeführenden als Beilage der genannten
Zwischenverfügung in Kopie übermittelt. Aufgrund der nicht vollständig of-
fengelegten Akte A50/3 erhielten die Beschwerdeführenden Gelegenheit
zur Einreichung einer Stellungnahme. Was den Registrierungsbeleg beim
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
E-50/2020
Seite 8
UNHCR betrifft, anerkannte die Vorinstanz in der Vernehmlassung, das be-
sagte Dokument sei zunächst hinten im N-Dossier abgelegt und nicht pa-
giniert worden. Da sich die Ablage dieses Dokuments auch aus keiner an-
deren Aktenstelle ergab, verletzte die Vorinstanz in dieser Hinsicht die Ak-
tenführungspflicht. Im Rahmen der Vernehmlassung hat sie das Dokument
auf dem Beweismittelumschlag als Beweismittel Nummer 15 aufgeführt.
Der Verfahrensmangel wurde dadurch geheilt (vgl. zum Ganzen BVGE
2014/22 E. 5.3 m.w.H. sowie 2008/47 E. 3.3.4).
Auf die Akte A21/1 hat sich die Vorinstanz in der Begründung der ange-
fochtenen Verfügung nicht zu Lasten der Beschwerdeführenden abgestützt
und das Dokument ist für das vorliegende Verfahren auch nicht wesentlich,
weshalb diesbezüglich keine Notwendigkeit für die Ansetzung einer Frist
bestand. Für eine Aufhebung der angefochtenen Verfügung besteht vor
diesem Hintergrund keine Veranlassung. Der Gehörsverletzung ist aller-
dings im Rahmen der Kosten- und Entschädigungsfolge Rechnung zu tra-
gen (vgl. E. 13).
5.3 Schliesslich machen die Beschwerdeführenden geltend, die Vorinstanz
habe die Beweismittel, insbesondere Beweismittel Nummer 7, nicht gewür-
digt und dadurch das rechtliche Gehör verletzt.
Die bei der Vorinstanz eingereichten Beweismittel beziehen sich auf Sach-
verhaltselemente respektive Tatsachen, die von dieser nicht bestritten wur-
den. Es bestand für die Vorinstanz daher keine Veranlassung, die Beweis-
mittel einer näheren Prüfung zu unterziehen. Die Rüge ist unbegründet.
6.
6.1 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufge-
listeten Beweismittel. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an
der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG).
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
E-50/2020
Seite 9
6.2 Die Beschwerdeführenden bringen vor, die Vorinstanz habe die Abklä-
rungspflicht verletzt. Sie habe nicht berücksichtigt, dass der Beschwerde-
führer im Libanon als Flüchtling anerkannt und registriert worden sei.
Der Beschwerdeführer hat im vorinstanzlichen Verfahren ein «Registration
Certificate» des UNHCR vom (...) eingereicht. Diesem lässt sich entneh-
men, dass sich der Beschwerdeführer beim UNHCR im Libanon registriert
hat. Entgegen dessen Ansicht geht daraus aber nicht hervor, dass ihm im
Libanon, welcher das Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
vom 28. Juli 1951 (Flüchtlingskonvention; SR 0.142.30) sowie das Proto-
koll über die Rechtsstellung der Flüchtlinge vom 31. Januar 1967 (SR.
0.142.301) nicht ratifiziert hat, der Flüchtlingsstatus zuerkannt worden
wäre. Die Rüge ist unbegründet.
6.3 Weiter führen die Beschwerdeführenden unter dem Aspekt der Verlet-
zung des Untersuchungsgrundsatzes aus, die Anhörung des Beschwerde-
führers habe zu lange gedauert, nämlich sieben Stunden. Zudem habe
diese unter Zeitdruck stattgefunden, da die Anhörung der Beschwerdefüh-
rerin gleich im Anschluss geplant gewesen sei und um 16.15 Uhr begonnen
habe. Die anwesende Hilfswerksvertretung (HWV) habe bemängelt, dass
die Anhörungen von 09.00 Uhr bis 18.25 Uhr gedauert hätten und die Be-
lastung sowohl für das Anhörungsteam als auch die Beschwerdeführenden
zu gross gewesen sei. Schliesslich sei zwischen den Anhörungen der Be-
schwerdeführenden lediglich eine Pause von fünf Minuten eingelegt wor-
den.
Was die Dauer der Anhörung des Beschwerdeführers betrifft, so begann
diese um 9.10 Uhr und endete um 16.10 Uhr. Wie aus dem Protokoll her-
vorgeht, wurde um 10.20 Uhr eine 15-minütige, um 12.10 Uhr eine
40-minütige und um 14.00 Uhr eine 15-minütige Pause eingelegt. Die reine
Anhörungsdauer betrug somit fünf Stunden und 50 Minuten, was nicht als
übermässig lang bezeichnet werden kann. Dem Protokoll lassen sich auch
keine Hinweise dafür entnehmen, dass der Beschwerdeführer ab einem
bestimmten Zeitpunkt nicht mehr in der Lage war, die Fragen konzentriert
zu beantworten, oder aufgrund von Zeitdruck nicht alles Relevante hat sa-
gen können. Auch die anwesende HWV hat zur Anhörung des Beschwer-
deführers keine Beanstandungen vermerkt. Die Anhörung der Beschwer-
deführerin fing sodann fünf Minuten nach Ende derjenigen des Beschwer-
deführers an, mithin um 16.15 Uhr, und war um 18.25 Uhr zu Ende. Abzü-
glich einer Pause von 15 Minuten betrug die Anhörungszeit demnach eine
Stunde und 55 Minuten. Die reine Befragungszeit der Anhörungen war
E-50/2020
Seite 10
demnach sieben Stunden und 45 Minuten. Bei dieser Länge wäre es durch-
aus wünschenswert gewesen, die Befragungen auf zwei Tage zu verteilen
oder zumindest vor Beginn der Anhörung der Beschwerdeführerin eine et-
was längere Pause einzulegen. Allerdings ist anzunehmen, dass der Dol-
metscher interveniert hätte, wäre er zu müde für eine Fortführung der An-
hörung gewesen respektive hatte er eine längere Pause gebraucht. Auch
die HWV hat während der Anhörung keine Vorbehalte betreffend die zeitli-
chen Verhältnisse angebracht. Was die Beschwerdeführerin betrifft, gehen
aus dem Unterschriftenblatt der HWV keine näheren Angaben dazu hervor,
an welchen Stellen die Beschwerdeführerin unkonzentriert gewesen sei.
Dem Protokoll lässt sich nicht entnehmen, dass sie – auch wenn der Tag
aufgrund der Kinderbetreuung bereits lange gewesen ist – der Befragung
nicht mehr aufmerksam hat folgen können. Die Beschwerdeführenden zei-
gen in der Rechtsmitteleingabe schliesslich nicht auf, inwiefern das Aufge-
führte in einer unvollständigen respektive falschen Sachverhaltsfeststel-
lung resultiert hat. Die Rüge ist unbegründet.
6.4 Eine weitere Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes erblicken die
Beschwerdeführenden darin, dass die Vorinstanz in aktenwidriger Weise
behaupte, die Kinder seien libanesische Staatsangehörige, was beispiels-
weise der Akte A39/3 widerspreche. Gemäss dieser sei N._ syri-
scher Staatsangehöriger. Dem Consulting (Akte A50/3) lasse sich ferner
entnehmen, dass die Kinder die libanesische Staatsbürgerschaft gar nicht
erhalten können. Die Vorinstanz habe sich auch nicht damit auseinander-
gesetzt, ob die fehlende Registrierung der Kinder im Libanon Schwierigkei-
ten zur Folge haben könnte.
Die Vorinstanz kam in der angefochtenen Verfügung unter Beizug des Con-
sultings (Akte A50/3) zum Schluss, Kinder einer libanesischen Staatsange-
hörigen erhielten gemäss Abklärungen im Libanon eine Aufenthaltsbewilli-
gung (vgl. SEM-Akte A52/9 S. 6), insofern bestehen nach Ansicht der Vor-
instanz keine Probleme bei der Organisation von Aufenthaltsdokumenten
im Libanon für die in der Schweiz geborenen Kinder. Sodann hat die Vor-
instanz N._ als syrischen (vgl. SEM-Akte A39/3) und O._ als
libanesischen Staatsbürger erfasst. Dies ergibt sich auch aus dem Zentra-
len Migrationsinformationssystem (ZEMIS). Die Nationalität der Kinder ist
aber nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens. Den Beschwerdefüh-
renden steht es offen, bei der Vorinstanz eine Berichtigung der ZEMIS-Da-
ten zu verlangen, wenn sie der Ansicht sind, O._ verfüge nicht über
die libanesische, sondern über die syrische Staatsangehörigkeit.
E-50/2020
Seite 11
6.5 Schliesslich machen die Beschwerdeführenden geltend, die Vorinstanz
habe die vom Beschwerdeführer während der Haft erlittene Folter, die
Schwierigkeiten im Libanon betreffend die Beschaffung von Aufenthalts-
und Arbeitsbewilligungen sowie die gesundheitlichen Probleme des Be-
schwerdeführers nicht berücksichtigt und sich nicht mit der sich zuspitzen-
den Lage im Libanon auseinandergesetzt. Insbesondere sei zu prüfen, ob
der Beschwerdeführer vom Libanon aus nach Syrien weggewiesen werde.
Die Vorinstanz habe nicht beachtet, dass im Libanon offenbar ein Unter-
schied zwischen einer Aufenthalts- und einer Arbeitsbewilligung bestehe.
Es sei unklar, ob der Beschwerdeführer im Libanon überhaupt arbeiten
dürfte.
Da die Vorinstanz zum Schluss kam, die Mitnahme in Syrien sei mangels
Vorliegens eines Motivs nach Art. 3 AsylG nicht asylrelevant, bestand keine
Veranlassung, konkret auf die erlittenen Misshandlungen einzugehen. Den
Beschwerdeführenden ist aber insoweit zuzustimmen, als die Vorinstanz in
der angefochtenen Verfügung und auch in der Vernehmlassung weder Be-
zug auf die aktenkundigen gesundheitlichen Probleme noch die aktuelle
Lageentwicklung im Libanon genommen hat. Auch der Aufforderung in der
Zwischenverfügung vom 3. September 2020, sich im Rahmen der Duplik
zur Situation im Libanon zu äussern, kam die Vorinstanz bloss unzu-
reichend nach. Sie beschränkte sich darauf, auszuführen, die von den Be-
schwerdeführenden eingereichten Artikel enthielten keine sie betreffenden
Informationen und zur allgemeinen Lage habe sie sich bereits geäussert.
Auf die sich seit längerer Zeit fortlaufend verschlechternde Wirtschaftslage
und auf die Folgen der Explosion im Hafen von Beirut im August 2020 ging
sie nicht ein. Im Weiteren ist dem Consulting (vgl. SEM-Akte A50/3) in einer
Klammerbemerkung zu entnehmen, dass arbeitende Ehegatten nebst ei-
ner Aufenthaltsbewilligung zusätzlich eine Arbeitsbewilligung benötigten.
Die Vorinstanz klärte aber – wie von den Beschwerdeführenden zutreffend
festgestellt – nicht ab, wie und ob der Beschwerdeführer eine solche aus-
gestellt erhalten würde. Die Feststellung in der Vernehmlassung, wonach
keine Informationen bekannt seien, dass der Beschwerdeführer nicht auch
eine Arbeitsbewilligung erhalten werde, ist offensichtlich ungenügend.
Aus dem Ausgeführten ergibt sich, dass die Vorinstanz den Untersu-
chungsgrundsatz gemäss Art. 12 VwVG verletzt hat. Angesichts des Aus-
gangs des vorliegenden Verfahrens, der vollen Kognition des Gerichts im
Bereich des Wegweisungsvollzugs und aus prozessökonomischen Grün-
den wird die angefochtene Verfügung nicht zur ergänzenden Sachverhalts-
E-50/2020
Seite 12
feststellung aufgehoben und an die Vorinstanz zurückgewiesen. Der Ver-
letzung des Untersuchungsgrundsatzes ist allerdings im Rahmen der Kos-
ten- und Entschädigungsfolge Rechnung zu tragen (vgl. E. 13).
7.
Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu
werden drohen. Die erlittene Verfolgung muss sachlich und zeitlich kausal
für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grundsätzlich
auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein.
8.
8.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers entfalteten keine Asylrelevanz. Die
Druckversuche der Miliz gegenüber dem Beschwerdeführer seien auf die
kriegerische Lage in Syrien zurückzuführen und würden nicht einem Motiv
nach Art. 3 AsylG entspringen. Das Gleiche gelte für seine Entführung so-
wie die Freilassung nach Bezahlung eines Lösegeldes. Im Weiteren ver-
möge die allgemein schwierige politische und wirtschaftliche Lage im Liba-
non keine Asylrelevanz zu begründen.
Betreffend die vorgebrachte Gefährdung wegen der Zugehörigkeit zu einer
christlichen Religion, sei festzuhalten, dass die Voraussetzungen für die
Annahme einer Kollektivverfolgung der christlichen Bevölkerung in Syrien
nicht erfüllt seien. Darüber hinaus hätten die Beschwerdeführenden auch
nicht geltend gemacht, wegen des christlichen Glaubens im Libanon ver-
folgt worden zu sein. Es bestünden keine Anhaltspunkte, dass sie aufgrund
ihrer Religionszugehörigkeit in Syrien oder im Libanon eine asylrechtlich
relevante Verfolgung erlitten hätten.
8.2 Die Beschwerdeführenden rügen auf Rechtsmittelebene eine Verlet-
zung von Art. 3 AsylG. Die Vorinstanz behaupte willkürlich, die Druckver-
suche der Miliz auf den Beschwerdeführer seien nicht auf ein Motiv nach
Art. 3 AsylG zurückzuführen gewesen. Sie habe ignoriert, dass die Entfüh-
rung des Beschwerdeführers wegen der Weigerung des Beitritts zum
F._ und nicht bloss zwecks Erpressung eines Lösegeldes erfolgt
sei. Diese hätten einen unmittelbaren Zusammenhang mit der politischen
E-50/2020
Seite 13
Situation in Syrien sowie dem Krieg gehabt. Falls wider Erwarten von ei-
gennützigen Beweggründen ausgegangen werde, würde der Beschwerde-
führer unter einem asylrelevanten Polit- und Religionsmalus leiden. Er sei
Christ und gelte zudem als Regimegegner. Im Libanon sei er als Flüchtling
anerkannt worden. Zwischenzeitlich habe die Familie des Beschwerdefüh-
rers seinetwegen Syrien ebenfalls verlassen müssen.
8.3 In der Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, das Vorbringen des
Beschwerdeführers sei erstaunlich, der Besitz des Dokuments betreffend
die Registrierung beim UNHCR führe automatisch zur Anerkennung der
Flüchtlingseigenschaft durch das SEM. Die Erfüllung der Flüchtlingseigen-
schaft werde aufgrund einer Einzelfallprüfung beurteilt.
9.
9.1 Gemäss Angaben des Beschwerdeführers rekrutierte der F._
zwecks Schutz der Region viele junge Männer und forderte nicht nur gezielt
ihn zum Beitritt auf (vgl. SEM-Akte A35/21 F56, F74). Die Rekrutierungs-
bemühungen beruhten demnach nicht auf einem Motiv nach Art. 3 AsylG,
namentlich Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimm-
ten sozialen Gruppe oder politische Anschauungen. Das Gleiche gilt, wie
die Vorinstanz zutreffend erkannt hat, für die Lösegelderpressung. Dass
die Entführer aus ihrer Tat Profit schlagen wollten, ist keinem Motiv nach
Art. 3 AsylG zuzuordnen. Da die Vorinstanz den Vollzug der Wegweisung
nach Syrien ausschloss, ist auch nicht zu prüfen, ob diese Geschehnisse
der Zulässigkeit des Vollzugs entgegenstehen würden.
9.2 Das in der Beschwerde erstmals geltend gemachte Vorbringen, die Fa-
milie habe in der Zwischenzeit Syrien wegen des Beschwerdeführers ver-
lassen müssen, substantiieren die Beschwerdeführenden sodann nicht an-
satzweise. Weder legen sie dar, um welche Familienmitglieder es sich da-
bei handelt noch welche Vorkommnisse zur Ausreise geführt haben. Hin-
sichtlich der Zugehörigkeit zum Christentum und der Registrierung beim
UNHCR ist schliesslich auf die zutreffenden Erwägungen in der angefoch-
tenen Verfügung sowie Erwägung 6.2 zu verweisen.
9.3 Zusammenfassend hat die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft zu
Recht verneint und die Asylgesuche der Beschwerdeführenden abgelehnt.
Da keine Bundesrechtsverletzung vorliegt, ist ein Verstoss gegen das Will-
kürverbot nach Art. 9 BV ausgeschlossen.
E-50/2020
Seite 14
10.
10.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
10.2 Die Beschwerdeführenden und ihre Kinder verfügen weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
11.
11.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
11.2 Die genannten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug
der Wegweisung – Unmöglichkeit, Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit –
sind alternativer Natur: Ist eine dieser Voraussetzungen erfüllt, so ist der
Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu erachten, und die weitere
Anwesenheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläu-
fige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4).
12.
12.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
12.2
12.2.1 Die Vorinstanz schloss einen Wegweisungsvollzug nach Syrien aus.
Hingegen erachtete sie den Vollzug der Wegweisung der Familie in den
E-50/2020
Seite 15
Libanon, den Heimatstaat der Beschwerdeführerin, als zumutbar. Die Be-
schwerdeführerin verfüge über eine gute Schuldbildung und habe in einer
(...) sowie einem (...) gearbeitet. Der Beschwerdeführer habe als (...) ge-
arbeitet und deswegen mehrere Arbeitseinsätze im Libanon gehabt, wo er
mit (...) zusammengearbeitet habe. Darüber hinaus verfügten die Be-
schwerdeführenden im Libanon über ein soziales Netzwerk.
12.2.2 In der Rechtsmitteleingabe führen die Beschwerdeführenden zur
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus, sie würden beide an ge-
sundheitlichen Problemen leiden. Es würde ihnen nicht gelingen, für ihren
Lebensunterhalt aufzukommen und Zugang zu adäquater medizinischer
Versorgung zu erlangen. Es sei offen, ob der Beschwerdeführer überhaupt
arbeiten dürfe, zumal die wirtschaftliche Situation desolat sei und gegen-
über syrischen Flüchtlingen grassierende Ressentiments herrschen wür-
den. Zudem verfügten sie über kein tragfähiges Beziehungsnetz im Liba-
non. Bei einer Wegweisung in den Libanon würden sie in eine existentielle
Notlage geraten. Darüber hinaus hätten sie sich bereits sehr gut in der
Schweiz integriert.
In den Eingaben vom 4. Mai 2020, 6. Juli 2020 und 14. August 2020 weisen
die Beschwerdeführenden unter Beilage verschiedener Berichte darauf
hin, die Situation im Libanon verschlimmere sich weiter, unter anderem we-
gen der Corona-Pandemie, der Verschuldung des Landes sowie der Ver-
armung der Bevölkerung. Im Hafen von Beirut sei es am 5. August 2020 zu
einer verheerenden Explosion gekommen. Nebst Verletzten und Todesop-
fern hätten viele Menschen ihr Zuhause und ihre Arbeit verloren. Nach die-
sem Vorfall sei es zu Protesten und Ausschreitungen gekommen.
12.2.3 In der Duplik gelangt die Vorinstanz zum Schluss, die von den Be-
schwerdeführenden eingereichten Artikel enthielten keine sie betreffenden
Informationen. Zur allgemeinen Lage sowie zu den aufenthalts- und ar-
beitsrechtlichen Möglichkeiten habe sie sich bereits geäussert.
12.2.4 In der Stellungnahme vom 20. Oktober 2020 ergänzen die Be-
schwerdeführenden, die Wohnung der Eltern der Beschwerdeführerin sei
durch die Explosion in Beirut zerstört worden. Ihr Bruder, welcher für den
Unterhalt der Familie aufgekommen sei, sei bereits seit längerer Zeit ar-
beitslos. Die Arbeitslosigkeit betrage im Libanon rund 40%. Die Kinder wür-
den bei einer Wegweisung in den Libanon traumatisiert. Zudem habe der
E-50/2020
Seite 16
Beschwerdeführer in der Schweiz eine Anstellung gefunden. Die Be-
schwerdeführerin sei aufgrund ihrer psychischen Probleme behandlungs-
bedürftig.
12.3
12.3.1 Vorab ist auf die wirtschaftliche Lage im Libanon einzugehen. Dafür
wurden folgende Quellen konsultiert:
 Yahya, Maha (Carnegie Middle East Center), At a Breaking Point, 30.04.2020,
https://carnegie-mec.org/diwan/81695, abgerufen am 28.01.2021.
 Al Jazeera, 'Worse than the war': Hunger grows in Lebanon along with anger,
19.04.2020, https://www.aljazeera.com/ajimpact/war-hunger-grows-lebanon-an-
ger-200417222253896.html, abgerufen am 28.01.2021.
 Department of Foreign Affairs and Trade (DFAT), DFAT Country Information Re-
port Lebanon, 19.03.2019, https://www.dfat.gov.au/sites/default/files/country-in-
formation-report-lebanon.pdf, abgerufen am 28.01.2021, S. 8 f.
 Süddeutsche Zeitung (SZ), Libanons Finanzsystem steht kurz vor dem Zusam-
menbruch, 17.02.2020, https://www.sueddeutsche.de/politik/libanon-finanzen-
schulden-pleite-1.4802164, abgerufen am 28.01.2021.
 L'Orient – Le Jour [Beirut], Cinq taux pour une livre en chute libre, 28.04.2020,
https://www.lorientlejour.com/article/1215983/cinq-taux-pour-une-livre-en-chute-
libre.html, abgerufen am 28.01.2021.
 The Daily Star [Beirut], Protesters condemn lack of oversight on price rises,
20.02.2020, http://www.dailystar.com.lb/News/Lebanon-News/2020/Feb-
20/501457-protesters-condemn-lack-of-oversight-on-price-rises.ashx, abgerufen
am 28.01.2021.
 The Washington Post, Unrest escalates in Lebanon as currency collapses and
prospect of hunger grows, 28.04.2020, https://www.washing-
tonpost.com/world/middle_east/unrest-escalates-in-lebanon-as-currency-col-
lapses-and-prospect-of-hunger-grows/2020/04/28/9d17f512-8897-11ea-80df-
d24b35a568ae_story.html, abgerufen am 28.01.2021.
 The Guardian, 'You think we care about masks?': anger and poverty grip Lebanese
city, 01.05.2020, https://www.theguardian.com/world/2020/may/01/care-about-
masks-anger-poverty-grip-lebanese-city-tripoli-coronavirus, abgerufen am
28.01.2021.
 L'Orient – Le Jour [Beirut], La crise des liquidités actuelle est aussi celle de la
dollarisation de l’économie, 08.02.2020, https://www.lorientlejour.com/ar-
ticle/1205698/la-crise-des-liquidites-actuelle-est-aussi-celle-de-la-dollarisation-
de-leconomie.html, abgerufen am 28.01.2021.
 Human Rights Watch (HRW), Lebanon: Direct COVID-19 Assistance to Hardest
Hit, 08.04.2020, https://www.hrw.org/news/2020/04/08/lebanon-direct-covid-19-
assistance-hardest-hit, abgerufen am 28.01.2021.
 Kabbanji, Lama (Institut de Recherche pour le Développement) et Kabbanji, Jad
(International Centre for Migration Policy Development (ICMPD), Assessing the
DevelopmentDisplacement Nexus in Lebanon, 11.2018, https://www.ic-
mpd.org/fileadmin/1_2018/Downloads_VMC2017/Assessing_the_Development-
Displacement_Nexus_in_Lebanon_final.pdf, abgerufen am 28.01.2021.
 International Peace Institute (IPI) / Global Observatory, Absence of Syrian Refu-
gee Camps in Lebanon Heats Up Labor Competition and Local Tensions,
17.03.2014, http://theglobalobservatory.org/2014/03/absence-of-syrian-refugee-
E-50/2020
Seite 17
camps-in-lebanon-heats-up-labor-competition-and-local-tensions/, abgerufen am
28.01.2021.
 World Vision, Under Pressure: the impact of the Syrian refugee crisis on host com-
munities in Lebanon, 2013, http://www.wvi.org/sites/default/files/UN-
DER%20PRESSURE%20report.pdf, abgerufen am 29.01.2021.
 Bobseine, Haley / Middle East Institute (MEI), Waiting for the bad to get worse:
Lebanon in the time of corona, 30.04.2020, https://www.mei.edu/publications/wait-
ing-bad-get-worse-lebanon-time-corona, abgerufen am 29.01.2021.
 Attrache, Sahar (Refugees International), Lebanon at a Crossroads: Growing Un-
certainty for Syrian Refugees, 30.01.2020,
https://static1.squarespace.com/static/506c8ea1e4b01d9450dd53f5/t/5e30aa657
4b74c11d78182f7/1580247658317/Lebanon+Report+-+January+2020+-+FI-
NAL.pdf, abgerufen am 29.01.2021, S. 9 ff.
 Sky News, Interview of UN Special Coordinator for Lebanon Jan Kubis with Sky
News, 11.02.2020, https://unscol.unmissions.org/interview-un-special-coordina-
tor-lebanon-jan-kubis-sky-news, abgerufen am 13.10.2020.
 International Crisis Group, Easing Syrian Refugees’ Plight in Lebanon,
13.02.2020, https://d2071andvip0wj.cloudfront.net/211-easing-syrian-refugees-
plight-in-lebanon.pdf, abgerufen am 13.10.2020; Department of Foreign Affairs
and Trade (DFAT), DFAT Country Information Report Lebanon, 19.03.2019,
https://www.dfat.gov.au/sites/default/files/country-information-report-lebanon.pdf,
abgerufen am 29.01.2021, S. 4 ff.
 The World Bank, Targeting Poor Households in Lebanon, 21.04.2020,
https://www.worldbank.org/en/news/factsheet/2020/04/21/targeting-poor-house-
holds-in-lebanon, abgerufen am 29.01.2021.
 Foreign Policy, ‘We Have Nothing Here’: A Collapsing Lebanon Sparks an Exodus
of Despair, 24.09.2020, https://foreignpolicy.com/2020/09/24/lebanon-collapse-
exodus-despair-economic-crisis-smugglers/, abgerufen am 29.01.2021.
 The World Bank, The Mobility of Displaced Syrians: An Economic and Social Anal-
ysis, 06.02.2019, https://www.worldbank.org/en/country/syria/publication/the-mo-
bility-of-displaced-syrians-an-economic-and-social-analysis, abgerufen am
29.01.2021.
 The New Humanitarian, Lebanon’s financial crisis hits Syrian refugees hard,
09.01.2020, https://www.thenewhumanitarian.org/news-feature/2020/1/9/Leba-
non-financial-crisis-Syrian-refugees, abgerufen am 29.01.2021.
 Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), Libanon und Türkei – Härtere Gangart
gegen syrische Flüchtlinge, 20.08.2019, https://www.srf.ch/news/international/li-
banon-und-tuerkei-haertere-gangart-gegen-syrische-fluechtlinge, abgerufen am
29.01.2021.
 International Labour Organization (ILO), Assessment of the impact of Syrian refu-
gees in Lebanon and their employment profile, 04.2014,
http://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/---arabstates/---ro-beirut/docu-
ments/publication/wcms_240134.pdf, abgerufen am 01.02.2021, S. 36 ff.
 The Assessment Capacities Project (ACAPS) / Syria Needs Analysis Project
(SNAP), Legal status of individuals fleeing Syria, 06.2013, http://re-
liefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/legal_status_of_individuals_flee-
ing_syria.pdf, abgerufen am 01.02.2021, S. 4 ff.
 Deutsche Welle (DW), Syrian refugees in Lebanon more scared of starvation than
COVID-19, 06.05.2020, https://www.dw.com/en/syrian-refugees-in-lebanon-more-
scared-of-starvation-than-covid-19/a-53355378, abgerufen am 11.05.2020.
 Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Länderreport 32, Libanon, Be-
standesaufnahme eines Landes mit multiplen Krisen, 12.2020,
E-50/2020
Seite 18
https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Behoerde/Informationszent-
rum/Laenderreporte/2021/laenderreport-32-Libanon.pdf;jsessio-
nid=E4030317B4E3BBA02803458E327552ED.internet542?_blob=publication-
File&v=4, abgerufen am 01.02.2021.
12.3.2 Der Libanon befindet sich seit Oktober 2019 in einer Wirtschafts-
sowie Finanzkrise, die schlimmer ist als jene während des libanesischen
Bürgerkriegs von 1975 bis 2000. Der libanesische Staat ist so stark ver-
schuldet, dass 40% des Staatshaushaltes für Schuldzinsen aufgewendet
werden. Seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges im Jahr 2011 sind zudem
zentrale Absatzmärkte für libanesische Produkte weggebrochen, was be-
reits vor dieser Krise zu einer Verschlechterung der sozioökonomischen
Verhältnisse geführt hatte. Im Jahr 2019 hat sich die Wirtschafts- und Fi-
nanzlage weiter stark verschlechtert. Die Landeswährung, die an den US
Dollar gekoppelt ist, unterliegt einer (stark) steigenden Inflationsrate. Der
Wertverlust hatte direkten Einfluss auf die Verteuerung von importierten
Produkten. Preise von Gütern des täglichen Bedarfs verdoppelten sich in-
nert weniger Monate. Preise von Grundnahrungsmitteln sind sodann nach
dem verordneten Lockdown im März 2020 zur Bekämpfung des Corona-
Virus innert Tagen um einen Viertel gestiegen. Auch Mietpreise steigen seit
Jahren drastisch an. Die Pandemie hat den Niedergang der Wirtschaft zu-
sätzlich beschleunigt. Die Massnahmen gegen das Corona-Virus hatten
insbesondere auch schwerwiegende Auswirkungen auf Personen, die im
informellen Sektor tätig sind. Syrische Staatsangehörige arbeiten vor allem
in diesem Sektor. Aufgrund der Wirtschaftskrise mussten Arbeitnehmende
grosse Lohnkürzungen in Kauf nehmen, so im Februar 2020 jeder Zweite
im Umfang von durchschnittlich 42%. Diese massive Reduktion ist aber nur
eine Verschärfung einer seit länger andauernden Entwicklung. Die Zahl sy-
rischer Staatsangehöriger, die ab 2011 in den Libanon kamen, sowie die
Rückkehr libanesischer Arbeitnehmenden aus der Golfregion erhöhten die
Konkurrenz um Arbeitsplätze vor allem im Tieflohnsektor. In einem im April
2020 veröffentlichten Bericht geht die Weltbank in ihrer Prognose davon
aus, dass 45% der libanesischen Bevölkerung unter die Armutsgrenze fal-
len werde. Schätzungen der libanesischen Regierung haben im Weiteren
ergeben, dass im Mai 2020 75% der Bevölkerung auf Unterstützung mit
Nahrungsmitteln angewiesen waren. Die Explosion im August 2020 im Ha-
fen von Beirut, die die Getreidesilos und Teile der Import-Infrastruktur zer-
störte, verschärfte in der Folge die Problematik der Versorgung mit Grund-
nahrungsmitteln zusätzlich.
Daneben gestaltet sich der Zugang syrischer Arbeitnehmer zum Arbeits-
markt aufgrund zahlreicher Einschränkungen durch das Arbeitsministerium
https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Behoerde/Informationszentrum/Laenderreporte/2021/laenderreport-32-Libanon.pdf;jsessionid=E4030317B4E3BBA02803458E327552ED.internet542?_blob=publicationFile&v=4 https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Behoerde/Informationszentrum/Laenderreporte/2021/laenderreport-32-Libanon.pdf;jsessionid=E4030317B4E3BBA02803458E327552ED.internet542?_blob=publicationFile&v=4 https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Behoerde/Informationszentrum/Laenderreporte/2021/laenderreport-32-Libanon.pdf;jsessionid=E4030317B4E3BBA02803458E327552ED.internet542?_blob=publicationFile&v=4 https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Behoerde/Informationszentrum/Laenderreporte/2021/laenderreport-32-Libanon.pdf;jsessionid=E4030317B4E3BBA02803458E327552ED.internet542?_blob=publicationFile&v=4
E-50/2020
Seite 19
zunehmend schwierig. Ausnahmereglungen für syrische Staatsangehörige
wurden 2018 aufgehoben. Zur Durchsetzung der Einschränkungen führte
die libanesische Regierung eine Reihe von Massnahmen ein, was schliess-
lich die Entlassung vieler Syrerinnen und Syrer und die Schliessung von
Geschäften von Selbstständigen zur Folge hatte. Die meisten syrischen
Staatsbürger arbeiten illegal im Libanon, obwohl eine Arbeitsbewilligung
vorgeschrieben wäre. Die bereits ohnehin hohen administrativen Hürden
für die Ausstellung einer Arbeitsbewilligung sind seit der Corona-Pandemie
noch gestiegen.
12.3.3 Unbestrittenermassen verfügt der Beschwerdeführer als syrischer
Staatsbürger momentan über keine Dokumente, die ihm den Aufenthalt im
Libanon ermöglichen würden. Er hat zuvor auch noch nie über einen län-
geren Zeitraum im Libanon gelebt, sondern sich lediglich zwischendurch
aus geschäftlichen Gründen dort aufgehalten. Wie sich aus der vorstehen-
den Erwägung ergibt, ist die wirtschaftliche und sozioökonomische Lage
im Libanon als desaströs zu bezeichnen. Eine Stabilisierung oder Verbes-
serung der Lage ist nicht in Sicht. Die Situation gestaltet sich für syrische
Staatsbürger zudem schwieriger als für libanesische (vgl. zur Illustrierung
Ausführungen der Beschwerdeführerin SEM-Akte A36/11 F49). Vor diesem
Hintergrund ist nicht anzunehmen, dass der Beschwerdeführer – sollte ihm
überhaupt eine Aufenthaltsbewilligung ausgestellt werden (vgl. zu dieser
Problematik: Zucconi, Martina, Exploitation of Syrian Refugees Through
the Sponsorship System: Cases of Syrian Refugees in the Beqaa and Bei-
rut, in: Université Saint-Joseph (USJ) – Institut des sciences politiques
(ISP), Syrian Refugees in Lebanon Between Resilience and Vulnerability,
10.2017, https://lebanon.mom-rsf.org/uploads/tx_lfrogmom/documents/5-
1409_import.pdf, abgerufen am 29.01.2021; Lebanon Support, Syrian Re-
fugees’ Livelihoods. The Impact of Progressively Constrained Legislations
and Increased Informality on Syrians’ Daily Lives, 2016, https://civilsociety-
centre.org/sites/default/files/resources/syrianrefugees-livelihoods-
ls2016.pdf, abgerufen am 29.01.2021.) – als Ausländer innert nützlicher
Frist legalen Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten und eine Arbeitsstelle fin-
den würde, die es ihm ermöglichte, für den Lebensunterhalt seiner Familie
aufzukommen. Die Beschwerdeführerin ist zwar libanesische Staatsbürge-
rin und hat Arbeitserfahrung in (...). Es ist angesichts der dargelegten Si-
tuation aber nicht zu erwarten, dass es ihr alleine gelingen wird, für sich
und die Familie eine hinreichende Existenz aufzubauen, zumal die beiden
Kinder erst (...) und (...) Jahre alt sind. Die Beschwerdeführenden verfügen
im Libanon auch nicht über ein tragfähiges familiäres Beziehungsnetz, wel-
ches sie vor allem in finanzieller Hinsicht unterstützen könnte. Anlässlich
E-50/2020
Seite 20
der Anhörung gab die Beschwerdeführerin an, ihr Bruder komme alleine für
den Unterhalt ihrer Familie im Libanon auf (vgl. SEM-Akte A36/11 F19 ff.).
Mittlerweile habe er seine Arbeitsstelle verloren (vgl. Eingabe vom 20. Ok-
tober 2020). Das Viertel G._, in dem die Beschwerdeführerin auf-
gewachsen ist, wurde durch die Explosion im Hafen zudem teils zerstört
(vgl. Lebanon - Beirut Port Explosion 4th August 2020 | ATMs, Shops and
LibanPost Status in Achafiye, Saife and Bourj Hammoud (18 August 2020)
- Lebanon | ReliefWeb, abgerufen am 29.01.2021), so gemäss ihren Anga-
ben auch die Wohnung der Eltern der Beschwerdeführerin (vgl. Eingabe
vom 20. Oktober 2020).
Darüber hinaus haben die Beschwerdeführenden gesundheitliche Prob-
leme. Die Beschwerdeführerin leidet an einer (...) und befindet sich in psy-
chotherapeutischer Behandlung (vgl. Verlaufsbericht Spital M._,
Psychiatrisches Ambulatorium, vom 6. März 2020). Der Beschwerdeführer
hat (...) und (...) (vgl. Arztzeugnis H._ vom 17. Dezember 2019).
Auch wenn im Libanon Krankenhäuser und Gesundheitszentren vorhan-
den sind (vgl. das Urteil des BVGer E-2959/2019 vom 23. Juli 2019
E. 5.4.3), kann aufgrund des Gesagten selbst bei Inanspruchnahme einer
Rückkehrhilfe – eine Überbrückungsmassnahme – nicht ohne Weiteres da-
von ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführenden langfristig fi-
nanziell in der Lage wären, für die benötigte Medikation und ärztliche Ver-
sorgung aufzukommen, zumal nicht-libanesische Staatsbürger benachtei-
ligt sind (vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Länderre-
port 32, Libanon, Bestandesaufnahme eines Landes mit multiplen Krisen,
Dezember 2020, Ziff. 5). Aufgrund der verschiedenen Hürden für den Be-
schwerdeführer als syrischen Staatsbürger für einen legalen Zugang zum
Arbeitsmarkt, der Wirtschaftskrise, der benötigten Gesundheitsversorgung,
des Fehlens eines tragfähigen Beziehungsnetzes sowie der beiden kleinen
Kinder ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführenden bei einer
Wegweisung in den Libanon in eine existentielle Notlage geraten werden.
Der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführenden und den gemein-
samen Kindern in den Libanon erweist sich demnach als unzumutbar.
12.4 Die Beschwerde ist insoweit gutzuheissen, als die vorläufige Auf-
nahme zufolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs beantragt wird.
Im Übrigen ist sie abzuweisen. Vor diesem Hintergrund erübrigt es sich,
auf die Ausführungen der Beschwerdeführenden zur Zulässigkeit des Weg-
weisungsvollzugs einzugehen. Die angefochtene Verfügung vom 2. De-
zember 2019 ist somit in den Dispositivziffern 4 bis 6 aufzuheben und die
https://reliefweb.int/map/lebanon/lebanon-beirut-port-explosion-4th-august-2020-atms-shops-and-libanpost-status-achafiye https://reliefweb.int/map/lebanon/lebanon-beirut-port-explosion-4th-august-2020-atms-shops-and-libanpost-status-achafiye https://reliefweb.int/map/lebanon/lebanon-beirut-port-explosion-4th-august-2020-atms-shops-and-libanpost-status-achafiye
E-50/2020
Seite 21
Vorinstanz anzuweisen, die Beschwerdeführenden und ihre Kinder in der
Schweiz vorläufig aufzunehmen.
13.
13.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist von einem hälftigen Obsiegen
respektive Unterliegen der Beschwerdeführenden auszugehen, weshalb
sie die Verfahrenskosten zur Hälfte zu tragen hätten (vgl. Art. 63 Abs. 1
VwVG). Mit Zwischenverfügung vom 14. Januar 2020 gewährte die Instruk-
tionsrichterin die unentgeltliche Prozessführung. Im Schreiben vom 9. No-
vember 2020 orientierten die Beschwerdeführenden das Gericht darüber,
dass sie seit dem 1. Oktober 2020 finanziell selbstständig seien. Es ist des-
halb von einer Veränderung der finanziellen Lage der Beschwerdeführen-
den auszugehen und die unentgeltliche Prozessführung wiedererwägungs-
weise aufzuheben. Die Verfahrenskosten sind in Anbetracht des hälftigen
Unterliegens sowie der festgestellten Mängel der angefochtenen Verfü-
gung (vgl. E. 5.2 und E. 6.5) auf Fr. 250.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
13.2 Die vertretenen Beschwerdeführenden sind im Umfang ihres Obsie-
gens – vorliegend hälftig – für die ihnen erwachsenen notwendigen Kosten
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) zu entschädigen. Praxisgemäss
ist sodann eine anteilmässige Parteientschädigung zuzusprechen, wenn –
wie vorliegend – eine Verfahrensrechtsverletzung (vgl. E. 5.2 und E. 6.5)
auf Beschwerdeebene geheilt respektive auf eine Kassation aus verfah-
rensökonomischen Gründen verzichtet wird (vgl. BVGE 2008/47 E. 5.2 und
2007/9 E. 7.2).
Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Partei-
kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren
(Art. 9–13 VGKE; Stundenansatz von Fr. 220.–) ist den Beschwerdefüh-
renden für ihr hälftiges Obsiegen sowie für die Verfahrensrechtsverletzung
zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt
Fr. 2'000.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) zuzusprechen.
E-50/2020
Seite 22