Decision ID: 01691e4a-1240-4693-a82a-18d1cf06ee5c
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im März 2003 erstmals zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1).
Er gab an, keine Berufsbildung abgeschlossen zu haben. Die letzte Arbeitgeberin gab
am 25. März 2003 an, der Beschwerdeführer habe bei ihr vom 24. Januar 2000 bis 28.
Februar 2003 als Betriebsmitarbeiter gearbeitet und einen Monatslohn von Fr. 3'975.--
erhalten (IV-act. 7). Dr. med. B._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin FMH,
berichtete am 29. April 2003, der Versicherte leide an einem chronischen
femoropatellaren Schmerzsyndrom beidseits, einem Status nach Arthroskopie Knie
links und einem Verdacht auf eine somatoforme Störung (IV-act. 16). Seit dem Herbst
2001 habe der Versicherte zunehmende Schmerzen am linken Kniegelenk. Am 14. Juni
2004 erstattete die sozialpsychiatrische Beratungsstelle in C._ im Auftrag der IV-
Stelle ein psychiatrisches Gutachten (IV-act. 40). Am 23. Juli 2004 teilte die RAD-Ärztin
Dr. med. D._ der psychiatrischen Sachverständigen mit (IV-act. 43), das Gutachten
enthalte erklärungsbedürfte Inkongruenzen/Widersprüche. Am 7. September 2004 teilte
die Sachverständige der RAD-Ärztin mit (IV-act. 48), sie werde den Versicherten
nochmals zu einer Konsultation einladen, fremdanamnetische Angaben einholen und
das Gutachten überarbeiten. Am 15. Oktober 2004 erstattete die Sachverständige das
überarbeitete psychiatrische Gutachten (IV-act. 51). Sie gab an, der Versicherte leide
aus psychiatrischer Sicht mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit an einem Verdacht
auf anhaltende somatoforme Schmerzstörung, bestehend seit Juni 1999, bei einer
Persönlichkeit mit ängstlichen, hypochondrischen und histrionischen Zügen sowie
einer Tendenz zur Aggravation wie auch Simulation. Die bisherige Tätigkeit sei während
ca. drei Stunden pro Tag und in leidensangepasster Form (z.B. sitzend und zunächst
körperlich noch wenig belastbarer Form) zumutbar. Dabei sei vorübergehend von einer
leicht verminderten Leistungsfähigkeit von rund 10% auszugehen. Auch angepasste
Tätigkeiten seien anfänglich in einem Pensum von ca. 3 Stunden mit der Möglichkeit
einer weiteren Steigerung durchaus zumutbar, wobei auch hier eine 10% verminderte
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Leistungsfähigkeit bestehe. Am 8. Februar 2005 notierte die RAD-Ärztin E._ (IV-act.
56), gestützt auf das Gutachten sei für die angestammte (schwere körperliche Arbeit
als Hilfsarbeiter) von einer vollen und für eine angepasste (leichte bis mittelschwere
Arbeit in wechselnder Körperhaltung) Tätigkeit von einer 60%igen Arbeitsunfähigkeit
auszugehen. Am 3. Juni 2005 verfügte die IV-Stelle, dem Versicherten stehe ab dem 1.
Juni 2005 eine Dreiviertelsrente zu (IV-act. 67) Am 16. Juni 2005 verfügte sie, dem
Versicherten stehe vom 1. Januar 2004 bis 31. Mai 2005 eine Dreiviertelsrente zu (IV-
act. 68-1 ff.) und vom 1. Dezember 2002 bis 31. Dezember 2003 stehe ihm eine halbe
Invalidenrente zu (IV-act. 68-3 ff.). Die Verfügungen erwuchsen unangefochten in
Rechtskraft.
B.
Am 16. August 2005 liess der Versicherte ein Rentenerhöhungsgesuch einreichen (IV-
act. 74). Der Hausarzt Dr. B._ gab am 12. Dezember 2005 an (IV-act. 75), seit dem
Herbst 2004 sei eine Verschlechterung mit Ausweitung der Symptome eingetreten,
welche eine volle Arbeitsunfähigkeit bewirke. Mit einer Verfügung vom 14. März 2006
trat die IV-Stelle nicht auf das Erhöhungsgesuch ein (IV-act. 79), mit der Begründung,
sie habe trotz Nachfrage (vgl. Schreiben vom 27. Dezember 2005; IV-act. 76) keine
relevanten Unterlagen erhalten, die einen Revisionsgrund darlegen würden. Der
Rechtsvertreter des Versicherten liess am 18. April 2006 Einsprache gegen die
Nichteintretensverfügung vom 14. März 2006 erheben; er beantragte die Ausrichtung
einer ganzen Rente. Mit einem Entscheid vom 9. Juni 2006 wies der Rechtsdienst der
IV-Stelle die Einsprache ab (IV-act. 90). Am 10. Juli 2006 liess der Versicherte beim
Versicherungsgericht des Kantons St.Gallen Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid vom 9. Juni 2006 erheben (IV-act. 92) und die Aufhebung des
Einspracheentscheids und die Rückweisung des Verfahrens zur materiellen
Behandlung des Revisionsgesuchs beantragen. Mit einem Entscheid vom 15. August
2007 (IV 2006/131) wies das Versicherungsgericht die Beschwerde ab (IV-act. 97).
Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
C.
Auf dem Fragebogen zur Revision der Invalidenrente gab der Versicherte am 5.
Juli 2013 an (IV-act. 108), sein Gesundheitszustand habe sich verschlechtert,
insbesondere hätten die Schmerzen im Knie und am Bauch zugenommen. Dr. B._
gab am 10. Dezember 2013 und 20. August 2014 an (IV-act. 115 f.), der
Gesundheitszustand habe sich seit der Begutachtung im Oktober 2004 nicht verändert.
C.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 25. März 2015 kündigte die IV-Stelle dem Versicherten die Aufhebung seiner Rente
an. Mit einem Einwand vom 12. Mai 2015 beantragte der Versicherte die
Weiterausrichtung einer ganzen Invalidenrente (IV-act. 128). Am 8. Juni 2015 berichtete
Dr. med. F._ (IV-act. 139), Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, der bei
ihm seit dem 1. Mai 2015 in ambulanter Behandlung befindliche Versicherte leide an
einer mittelgradigen depressiven Episode mit somatischen Symptomen,
möglicherweise im Rahmen einer rezidivierenden depressiven Störung. Aus rein
psychiatrischer Sicht sei der Versicherte daher seit dem Mai 2015 zu 50%
arbeitsunfähig. Am 18. Januar 2016 berichteten die Fachärzte der psychiatrischen
Klinik G._ (IV-act. 165), der Versicherte sei vom 29. Oktober bis zum 17. Dezember
2015 hospitalisiert gewesen. Dabei seien folgende Diagnosen erhoben worden:
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode mit
somatischem Syndrom und anhaltende somatoforme Schmerzstörung. Beim Austritt
habe keine Arbeitsfähigkeit bestanden.
Bereits am 23. September 2015 hatte die IV-Stelle dem Versicherten angekündigt
(IV-act. 151), zur Klärung der Leistungsansprüche erachte sie eine umfassende medi
zinische Untersuchung (Allgemeine Innere Medizin, Orthopädie und Psychiatrie) als
notwendig. Am 13. April 2016 erstattete die medexperts ag ein polydisziplinäres
Gutachten (IV-act. 180). Die Sachverständigen gaben an, sie hätten mit Auswirkungen
auf die Arbeitsfähigkeit folgende Diagnosen erhoben: Anpassungsstörung mit längerer
depressiver Reaktion, anhaltende somatoforme Schmerzstörung, cervicolumbales
Schmerzsyndrom bei leichten degenerativen Veränderungen, Schmerzen im Bereich
beider Kniegelenke (klinisch unauffällig) und Schmerzen in beiden Ellbogengelenken
(klinisch und radiologisch unauffällig). Ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit leide
der Versicherte an: Verdacht auf Persönlichkeitsstörung mit hypochondrischen,
histrionischen, aber auch narzisstischen Zügen, beidseitige laparoskopische
Hernioplastik, Sigmadivertikulose, Adipositas Grad I, massiver Nikotinkonsum,
Dyspepsie und Dyslipidämie. In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit (Löter/Schweisser
bzw. Maschinist) bestehe eine 20%ige Arbeitsunfähigkeit. Dem Versicherten seien
sämtliche mittelschweren Tätigkeiten unter Ausschluss körperlicher Schwerstarbeiten
zumutbar. Aus psychiatrischer Sicht sei der Versicherte in den bisherigen wie auch in
einer adaptierten Tätigkeit zu 20% arbeitsunfähig. Die Arbeitsunfähigkeit bestehe seit
C.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
D.
Mai 2015. Die Sachverständigen führten folgendes Leistungsprofil an: "Kein dauerndes
Heben über 25kg. Kein dauerndes Hocken oder Knien. Widerstands- und
Durchhaltefähigkeit mässig ausgeprägt eingeschränkt. In Flexibilität und
Umstellungsfähigkeit sowie Konversation und Kontaktfähigkeit zu Dritten,
Gruppenfähigkeit und zu engen dyadischen Beziehungen leicht eingeschränkt. In den
anderen Items kaum eingeschränkt." Bezüglich des positiven Leistungsbildes führten
die Sachverständigen aus, dem Versicherten seien mittelschwere Tätigkeiten unter
Ausschluss körperlicher Schwerstarbeiten möglich. Die Tätigkeit sollte ohne Zeitdruck
und mit der Möglichkeit, eine Pause einzulegen möglich sein. Am 21. April 2016
notierte der RAD-Arzt Dr. H._ (IV-act. 182), auf das Gutachten könne abgestellt
werden. Nach einem Vorbescheidsverfahren (Vorbescheid vom 11. Mai 2016 [IV-act.
185], Einwand vom 22. Juni 2016 [IV-act. 189] und 18. August 2016 [IV-act. 194], RAD-
Stellungnahme vom 30. August 2016 [IV-act. 196], 2. Anhörung vom 23. September
2016 [IV-act. 199], RAD-Stellungnahme vom 12. Oktober 2016 [IV-act. 200]) verfügte
die IV-Stelle am 17. Oktober 2016 die Einstellung der Invalidenrente (IV-act. 201). Diese
Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
Am 11. Dezember 2018 liess der Versicherte im Rahmen einer Neuanmeldung
folgende medizinische Unterlagen einreichen (IV-act. 206): Bericht des Netzwerks
Radiologie vom 27. September 2018 (IV-act. 207), Bericht von Dr. med. I._, Facharzt
für Neurochirurgie FMH, vom 18. November 2018 (IV-act. 108), Bericht von Dr. B._
vom 21. November 2018 (IV-act. 209), Bericht von Dr. med. F._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 28. November 2018 (IV-act. 210). Die
Fachperson des Netzwerks Radiologie hatte angegeben, beim Versicherten bestehe
eine geringe Degeneration der unteren LWS mit osteodiskoligamentärem Kontakt zur
rezessalen L5-Wurzel beidseits sowie möglicher Kompression der L4-Wurzel foraminal
Höhe LWK 4/5 und möglicher Irritation der linken foraminalen L5-Wurzel bei
neuroforaminaler osteodiskoligamentäter geringer Einengung. Dr. I._ hatte notiert,
der Versicherte leide an unspezifischen, unklaren, linksbetonten Beinschmerzen und
einer vermeintlichen Paraparese der unteren Extremitäten unklarer Genese, einer
intermittierenden lumbovertebralen Schmerzsymptomatik bei Zweisegment-
Diskopathie L4/5 und L5/S1, einem Diabetes mellitus Typ II sowie einem Status nach
D.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
chirurgischer Intervention durch Arthroskopie am rechten Knie. Er hatte ausgeführt, die
geklagte Paraparese und Sensibilitätsstörungen sowie die intensiven linksseitigen
Beinschmerzen seien völlig unklar; die Angaben seien nicht konklusiv. Die MRT-
Bildgebung habe keine Beeinträchtigung gezeigt. Der Versicherte habe angegeben,
eine Vielzahl an Schmerzmedikamenten einzunehmen, habe sich aber an keine einzige
der täglich eingenommenen, ihn seit vielen Jahren begleitenden Substanzen
namentlich erinnern können. Dr. B._ hatte in seinem Bericht folgende neue
Diagnosen angegeben: Diabetes mellitus II (seit 2. Oktober 2018), Diskopathie der LWS
mit Lumboischialgie links (seit September 2018) und Weichteilrheuma (seit Oktober
2018). Dr. F._ hatte berichtet, er habe beim Versicherten folgende psychiatrische
Diagnosen erhoben: Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige
Episode mit somatischen Symptomen, andauernde Persönlichkeitsänderung im
Rahmen der chronischen Schmerzen, DD: vorbestehende kombinierte
Persönlichkeitsstörung mit dissozialen und emotional instabilen Zügen. Der Versicherte
verfüge über keine verwertbare Arbeitsfähigkeit. Der RAD-Arzt Dr. med. J._ hielt am
8. April 2019 fest, aufgrund der neu eingereichten Berichte in Verbindung mit früheren
Berichten und dem medexperts Gutachten sei es medizinisch nicht plausibel
nachvollziehbar, dass sich der Gesundheitszustand relevant verändert habe und dass
dies einen relevanten Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit haben könnte. Mit einem
Vorbescheid vom 11. April 2019 kündigte die IV-Stelle dem Versicherten die Abweisung
des Rentenbegehrens an (IV-act. 220). Am 3. Juni 2019 liess der Versicherte Einwand
gegen den Vorbescheid erheben (IV-act. 226). Er beantragte die Einholung eines
psychiatrischen Gutachtens und verwies zur Begründung insbesondere auf den Bericht
von Dr. F._ vom 14. Mai 2019 (IV-act. 226-3 f.). Dr. F._ hatte darin, neben der neu
und ergänzend angegebenen anhaltenden somatoformen Schmerzstörung, von
unveränderten Diagnosen berichtet.
Am 10. Juli 2019 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, zur Klärung der
Leistungsansprüche erachte sie eine umfassende medizinische Verlaufsuntersuchung
(Allgemeine/Innere Medizin, Neuropsychologie, Orthopädie und Psychiatrie) als
notwendig (IV-act. 228). Am 23. Oktober 2019 erstattete die medexperts ag ihr
Verlaufsgutachten (IV-act. 235). Die Sachverständigen gaben an, mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit leide der Versicherte an einer rezidivierenden depressiven Störung,
D.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegenwärtig leichte Episode, und an einer anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung. Sie erhoben folgende Diagnosen ohne Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit: Cervikolumbales Schmerzsyndrom bei mässigen degenerativen
Veränderungen, Schmerzen in beiden Kniegelenken (klinisch unauffällig; MRI:
Meniscopathie), Schmerzen in beiden Ellbogengelenken (klinisch unauffällig und
radiologisch geringe degenerative Veränderungen), andauernde
Persönlichkeitsänderung bei chronischen Schmerzen, Persönlichkeitszüge mit
histrionischen, hypochondrischen und auch narzisstischen Zügen, Diabetes mellitus
Typ II (sehr gut eingestellt, aktuell HbA1c 5.6%), Status nach beidseitiger lap.
Hernioplastik 2009, bekannte Sigmadivertikulose, massiver Nikotinkonsum, Dyspepsie,
V.a. Prostatahyperplasie (eine urologische Kontrolle wird empfohlen). Interdisziplinär
beurteilt bestehe in der bisherigen Tätigkeit (als Druckereimitarbeiter) eine 60%ige
Arbeitsfähigkeit seit der letzten teilstationären Behandlung (10/2016) und in einer
angepassten Tätigkeit (nach wie vor; vgl. Gutachten vom April 2016) eine 80%ige
Arbeitsfähigkeit; die Arbeitsunfähigkeit sei durch die im Vordergrund stehende
psychiatrische Symptomatik bestimmt. Die orthopädische Sachverständige führte in
ihrem Teilgutachten aus (IV-act. 235-13 ff.), der klinische Befund habe ein
unregelmässiges, auffälliges Gangbild gezeigt. Der Versicherte sei mit zwei
Unterarmgehstützen mit wenig Stopperabrieb erschienen. Spitzen-, Fersen- und
Einbeinstand seien beidseits möglich. An den oberen und unteren Extremitäten seien
keine Schonungszeichen feststellbar. Beim Versicherten, der Rechtshänder sei,
bestehe eine leichte Handinnenflächenbeschwielung, rechts mehr als links. Der
Gelenkstatus an oberen und unteren Extremitäten sei unauffällig, der Faustschluss
beidseits kräftig. Die Kniegelenke zeigten keinen Erguss, keine Kapselschwellung,
beidseits freies Bewegungsausmass und Bandstabilität. Hinweise auf eine
Meniskussymptomatik beständen nicht. HWS und LWS seien in der Bewegung
schmerzhaft eingeschränkt. Anhand der Untersuchung und der radiologischen sowie
klinischen Befunde sei von keiner wesentlichen Änderung des orthopädischen
Befundes gegenüber der Voruntersuchung vom 23. März 2016 auszugehen. Hinweise
für eine Erkrankung des rheumatischen Formenkreises oder für eine Systemerkrankung
seien nicht vorhanden. Die vom Versicherten beklagten Schmerzen seien in der
Intensität nicht nachvollziehbar, sie entsprächen nicht dem orthopädischen Befund. Die
orthopädische Sachverständige hielt folgendes negatives Leistungsbild fest: Kein
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
regelmässiges Heben über 15kg. Als positives Leistungsbild gab sie an, dem
Versicherten seien sämtliche Tätigkeiten, die seinem Ausbildungsstand entsprächen,
abgesehen von körperlichen Schwerstarbeiten, zumutbar. Die frühere mittelschwere
Tätigkeit sei ohne wesentliche Einschränkungen zumutbar. Der psychiatrische
Sachverständige gab in seinem Teilgutachten an (IV-act. 235-22 ff.), der bisherige
Verlauf sei bis 2016 von einer deutlichen Dekonditionierung mit einer entsprechenden
Chronifizierung und Fixierung der Beschwerden geprägt gewesen. Nach der letzten
Begutachtung habe eine teilstationäre tagesklinische Behandlung für vier Monate
stattgefunden, mit einer nahezu direkten Verschlimmerung, was zumindest etwas
fraglich anmute. Inwiefern hier auch eine entsprechende Regression bzw. auch eine
Verdeutlichung und ausgeprägtere psychische Belastung, bedingt durch den Entzug
der Rentenzahlung, entstanden sei, sei dahingestellt. Insgesamt hätten sich in dieser
Untersuchung sowohl in der Beschreibung der Beschwerden als auch in der Art und
Dramatik der Darstellung diese multiplen Inkonsistenzen ergeben. Die Darstellung sei
nur wenig plausibel nachvollziehbar und nur schwierig rein mit dem psychiatrischen
Befund vereinbar. In der bisherigen Tätigkeit (als Druckereimitarbeiter) bestehe eine
Arbeitsfähigkeit von 60%. In einer angepassten Tätigkeit (keine hohen Anforderungen
an die Umstellungsfähigkeit, einfache angeleitete Tätigkeit ohne hohen Anspruch an die
Widerstands- und Durchhaltefähigkeit, ohne intensiven Personenkontakt) betrage die
Arbeitsfähigkeit 80% (wie dies auch im ersten Gutachten im April 2016 festgestellt
worden sei). Seit der letzten Einstellungsverfügung habe sich der Gesundheitszustand
nicht erheblich verändert. Zwar seien neu eine rezidivierende depressive Störung,
aktuell leichte Episode, sowie eine Persönlichkeitsänderung diagnostiziert worden,
welche jedoch keine wesentliche Auswirkung auf eine angepasste Arbeitstätigkeit
hätten. Der allgemein-internistische Sachverständige gab an, aus seiner Sicht befinde
sich der Versicherte in einem stabilen Zustand; eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
bestehe aus seiner Sicht nicht. Die neuropsychologische Sachverständige führte in
ihrem Fachgutachten aus (IV-act. 236), bei der Anamnese habe der Versicherte die ihm
gestellten Fragen, auch zu seinen zahlreichen Medikamenten, überwiegend auswendig
und mit unauffälliger Sprachgeschwindigkeit beantworten können. Im Gegensatz dazu
hätten sich in der Testung durchgängig unterdurchschnittliche Ergebnisse, die sogar
häufig weit unterdurchschnittlich ausgeprägt gewesen seien, ergeben. Auch einfachste
Anforderungen, die beispielsweise auch Kinder oder Demente bewältigen könnten,
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe der Versicherte erstaunlicherweise nicht erfolgreich bearbeitet. Ausserdem habe
der Versicherte bei der Testbearbeitung einen extrem erhöhten Zeitaufwand benötigt.
Somit hätten sich sehr grosse Diskrepanzen im Leistungsverhalten während der
Anamnese und in der Testung ergeben, die neuropsychologisch nicht plausibel erklärt
werden könnten. Obwohl die Testinstruktion ausführlich erklärt und vom Versicherten
auch verstanden worden sei, sei im Symptomvalidierungsverfahren zu Testbeginn und
Testende ein sehr deutliches auffälliges Fehlerverhalten festgestellt worden. Dabei falle
auf, dass im ersten Verfahren die Anzahl der Fehlreaktionen die Anzahl der korrekten
Reaktionen extrem übersteige. In einem zweiten Verfahren mit sehr einfachen binären
Entscheidungen falle ebenfalls auf, dass der Versicherte sich weit überzufällig oft für
die falsche Wahlreaktion entschieden habe. Auch nach mehreren Lerndurchgängen
habe sich daran erstaunlicherweise nichts geändert. In der Alertness seien neben einer
weit unterdurchschnittlichen Verlangsamung auch sehr ausgeprägte
Temposchwankungen aufgefallen. Dies bedeute, dass ebenfalls nicht sicher von einer
authentischen Anstrengungsbereitschaft ausgegangen werden könne. Ausserdem
erstaune, dass der Versicherte trotz seiner angegebenen starken Schmerzen und
seines sehr ausgeprägten Zigarettenkonsums in der Lage gewesen sei, an einer ca.
dreistündigen Begutachtung mit nur zwei kurzen Pausen teilzunehmen. Der Versicherte
habe zwar teilweise seine Position von Sitzen zu Stehen verändert und verbal mehrfach
die Länge der Untersuchung beklagt, aber in der klinischen Beobachtung emotional
nicht auffällig gewirkt. In der klinischen Verhaltensbeobachtung, in den
Testergebnissen und den durchgeführten Beschwerdevalidierungsverfahren ergäben
sich damit sehr deutliche Hinweise für eine nicht authentische Mitarbeit. Aus
neuropsychologischer Sicht werde deshalb davon ausgegangen, dass der Versicherte
in der Untersuchung ein suboptimales Leistungsverhalten präsentiert habe und dass
die Testbefunde die aktuelle Leistungsfähigkeit des Versicherten nicht verlässlich
wiedergäben. Der RAD-Arzt Dr. J._ notierte am 28. Oktober 2019 (IV-act. 237), das
Verlaufsgutachten erfülle die versicherungsmedizinischen Anforderungen; auf es könne
abgestellt werden.
Mit einem Vorbescheid vom 16. Januar 2020 kündigte die IV-Stelle dem
Versicherten bei einem IV-Grad von 16% die Abweisung des Leistungsbegehrens an
(IV-act. 239). Am 20. März 2020 liess der Versicherte Einwand gegen den Vorbescheid
D.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erheben; er beantragte die Zusprache einer halben Rente spätestens ab Juni 2019,
eventualiter die Durchführung einer neuen polydisziplinären Begutachtung (IV-act. 249).
Zur Begründung führte er im Wesentlichen aus, das vorgeschriebene Verfahren für die
Anordnung einer polydisziplinären Begutachtung sei nicht eingehalten worden. Bei
einer Wiederanmeldung dürfe kein Verlaufsgutachten angeordnet und ohne weitere
Überlegung die gleiche Gutachterstelle wie im Jahre 2016 beauftragt werden. Das
medexperts-Gutachten vom 23. Oktober 2019 sei daher nicht verwertbar. Bezüglich
des Gutachtens führte er weiter aus, die somatischen Beschwerden seien übergangen
worden. Die eigentliche Ursache (Velounfall von 1999) sei nur am Rande erwähnt
worden. Bei der Beschwerdeschilderung sei von angeblichen Inkonsistenzen
gesprochen worden. Worin diese beständen, könne aber nirgends explizit und
substantiiert nachgelesen werden. Die Diagnose der andauernden
Persönlichkeitsänderung bei chronischen Schmerzen habe entgegen den gutachter
lichen Feststellungen Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. Der notwendige
Schmerzmittelkonsum führe zu einer Konzentrationsbeeinträchtigung, die keine
marktübliche Leistung an einem Arbeitsplatz zulasse. Die iatronische Schädigung und
der verstärkte soziale Rückzug seien nicht gewürdigt worden. Aufgrund der seit 2016
geänderten Diagnosen sei eine massgebende Verschlechterung des
Gesundheitszustandes ersichtlich. 2016 sei noch keine psychiatrische Diagnose von
Belang gestellt worden, sondern nur eine Anpassungsstörung mit längerer depressiver
Reaktion. Nun sei von einer eigentlichen depressiven Störung die Rede. Trotz der
bestätigten Chronifizierung, Verschlechterung bzw. Verdeutlichung der Diagnosen
resultiere bei der adaptierten Tätigkeit keine Reduktion der Arbeitsfähigkeit. Am 30.
März 2020 liess der Versicherte ergänzend einwenden (IV-act. 251), dass die
Gummistopper an den Gehstöcken am 13. September 2019 (also nicht einmal eine
Woche vor den Untersuchungsterminen) erneuert worden seien (mit Verweis auf eine
Bestätigung von Dr. B._ vom 25. März 2020 [IV-act. 251-3]).
Am 28. April 2020 notierte ein Mitarbeiter des Rechtsdiensts der IV-Stelle (IV-act.
252), gemäss Rz.2077.5 (KSVI) könne ein Verlaufsgutachten derselben Gutachterstelle
in Auftrag gegeben werden, die bereits das erste polydisziplinäre Gutachten erstellt
habe, vorausgesetzt dieses sei über die Plattform SuisseMED@P vergeben worden. Da
das erste medexperts-Gutachten vom April 2016 nach dem Zufallsprinzip über die
D.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Plattform SuisseMED@P vergeben worden sei, seien die Voraussetzungen zur Erteilung
Verlaufsbegutachtungsauftrages an dieselbe Gutachterstelle erfüllt. Selbst wenn die
Ausführungen des Beschwerdeführers zutreffend wären, was nicht der Fall sei, wäre zu
beachten, dass Verfahrensmängel unter Berücksichtigung des Grundsatzes von Treu
und Glauben und des Verbots des Rechtsmissbrauchs bei erster Gelegenheit
vorzubringen seien. Werde dies nicht gemacht, verwirke in der Regel der Anspruch auf
spätere Anrufung einer vermeintlich verletzten Verfahrensvorschrift. Die IV-Stelle habe
dem Beschwerdeführer am 10. Juli 2019 mitgeteilt, dass sie eine Verlaufsbegutachtung
durch die medexperts ag beabsichtige. Am 23. August 2019 seien ihm unter Ansetzung
einer Frist zum Vorbringen triftiger Einwendungen die Namen der Gutachter bekannt
gegeben worden. Der Beschwerdeführer habe innert Frist keine Einwendungen zur
Gutachterstelle oder den Sachverständigen vorgebracht. Die jetzige Rüge des
Beschwerdeführers erweise sich damit als verspätet. Der RAD-Arzt Dr. J._ hielt am 4.
Mai 2020 fest (IV-act. 253), das Gutachten sei unter Beachtung der
versicherungsmedizinischen Grundsätze innerlich nicht widersprüchlich. Die Einstufung
der andauernden Persönlichkeitsänderung bei chronischen Schmerzen unter eine
Diagnose ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit widerspreche keinen
versicherungsmedizinischen Grundsätzen. Der Abrieb an den Gummipfropfen der
Gehstöcke sei für die Gesamtbeurteilung nicht relevant. Wichtig sei, dass die Gutachter
keine Schonungshinweise an den Extremitäten festgestellt hätten. Die IV-Stelle legte
den Einwand des Beschwerdeführers den medexperts Sachverständigen zur
Stellungnahme vor. Die Sachverständigen nahmen am 15. Mai 2020 Stellung zum
Einwand des Beschwerdeführers (IV-act. 255). Der psychiatrische Sachverständige
führte im Wesentlichen aus, die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung oder einer
andauernden Persönlichkeitsänderung sagten grundsätzlich nichts über die
Arbeitsfähigkeit der Person aus. Trotz diesen Diagnosen könnten Menschen im
beruflichen Alltag gut funktionieren und sogar voll arbeitsfähig sein. Eine
Persönlichkeitsänderung sage, dass sich die Person verändert habe und sich anders
verhalte als früher. Die Diagnosen stellten keine Verschlimmerungen dar, sondern
bildeten lediglich den zeitlichen Verlauf ab und seien nicht voll invalidisierend. Die
orthopädische Sachverständige notierte insbesondere, die somatischen
Einschränkungen seien im Rahmen der Anamnese, der Diagnosenliste, der
beschriebenen operativen Eingriffe und der aufgeführten funktionellen Auswirkungen
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Befunde gewürdigt worden. Bei den nach Bedarf eingenommenen Schmerzmitteln
(Dafalgan und Novalgin) bestehe die Nebenwirkung von Konzentrationsstörungen nicht.
Zusammenfassend brächten die Einwände des Beschwerdeführers keine neuen
medizinischen Aspekte ein; es bestehe damit keine Veranlassung, die gutachterlichen
Schlussfolgerungen zu revidieren. Am 8. Juni 2020 gab die IV-Stelle dem Versicherten
bekannt, dass sie am Vorbescheid vom 16. Januar 2020 festhalte; sie gab ihm die
Möglichkeit zu einer zweiten Anhörung (IV-act. 256). In seiner Stellungnahme vom 16.
Juli 2020 verwies der Beschwerdeführer hauptsächlich auf die Berichte des
psychiatrischen Behandlers Dr. F._ vom 6. Juli 2020 und 14. Juli 2020 (IV-act. 261).
Im Bericht vom 6. Juli 2020 (IV-act. 261-5 f.) hatte Dr. F._ im Wesentlichen
ausgeführt, der psychiatrische Gutachter habe im Gutachten sowohl eine mittelgradige
depressive Episode als auch eine rezidivierende depressive Störung bestätigt.
Trotzdem habe er nur eine Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion in der
Diagnoseliste aufgeführt, was in klarem Widerspruch zu seiner Aktenplausibilisierung
stehe. Im Bericht vom 14. Juli 2020 hatte Dr. F._ insbesondere angegeben (IV-act.
261-7 f.), die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei Persönlichkeitsstörungen und
Persönlichkeitsänderungen beruhe vordergründig auf der Anpassungsfähigkeit der
Betroffenen und den Kompensationsmöglichkeiten der Störungen, wobei jede
Komorbidität zusätzlich einschränke. Der psychiatrische Gutachter habe geschrieben,
beim Versicherten sehe er zurzeit keine mobilisierbaren Ressourcen, was bedeute,
dass weder die Anpassungsfähigkeit noch die Kompensationsmöglichkeiten vorhanden
seien. Damit stehe die sozialmedizinische Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in krassem
Widerspruch zur gestellten Diagnose und zur Anpassungsfähigkeit sowie
Kompensationsmöglichkeit des Versicherten. Die Frage nach der medizinischen
Zumutbarkeit betreffend der therapeutischen und Eingliederungsmassnahmen sei
entgegen den Aussagen des psychiatrischen Gutachters ein medizinisches Problem.
Am 4. August 2020 notierte der RAD-Arzt Dr. J._ (IV-act. 263), aus Sicht des RAD
werde der Gesundheitszustand nur auf andere Sichtweise gesehen, bringe jedoch
keine essenziellen neuen medizinischen Erkenntnisse. Die neuen Eingaben des
Versicherten seien der Gutachterstelle medexperts zur Stellungnahme vorzulegen. Am
20. August 2020 nahmen die Sachverständigen Stellung zu den neuen Einwänden des
Versicherten (IV-act. 265). Sie führten aus, im Gutachten sei eine rezidivierende leichte
depressive Störung und nicht, wie fälschlicherweise behauptet, eine
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
E.
Anpassungsstörung diagnostiziert worden. Im früheren Gutachten (vom April 2016) sei
eine Anpassungsstörung festgehalten worden, die aber jetzt nicht mehr erhoben
worden sei, da eine solche Störung nur maximal zwei Jahre nach einem vermeintlichen
Geschehen diagnostiziert werden könne. Der Sachverständige habe aufgrund des vom
Behandler beschriebenen Psychostatus festgehalten, dass das Vorliegen eines
mittelgradig depressiven Zustandsbildes nachvollziehbar sei. Sinn einer Behandlung
sei die Besserung des Gesundheitszustandes, was anhand der zum Zeitpunkt der
aktuellen Begutachtung erhobenen Befunde offensichtlich der Fall gewesen sei.
Bezüglich der Zumutbarkeit führten die Sachverständigen aus, gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung habe die Arztperson zur Arbeitsfähigkeit Stellung
zu nehmen. Die entsprechenden Angaben seien dann eine wichtige Grundlage für die
juristische Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen einer Person noch
zugemutet werden könnten. Der Stopperabrieb sowie die Handbeschwielung seien
eine Feststellung gewesen, die per se nichts Wertendes beinhaltet hätten. Tatsache
sei, dass der Versicherte den Einbein-, den Zehenspitzen- und den Fersenstand habe
einnehmen können und dass sich keine wesentliche Atrophie respektive keine
wesentlichen Unterschiede in den Umfängen der Ober- und Unterschenken hätten
feststellen lassen, so dass aus medizinischer Sicht keine zwingende Indikation zum
Stockgebrauch gegeben sei. Der RAD-Arzt Dr. J._ notierte am 7. September 2020
(IV-act. 266), die medexperts-Sachverständigen hätten in ihrer Stellungnahme sachlich
und fundiert dargelegt, weshalb den Anschuldigungen und Interpretationen des
Versicherten aus rein medizinscher Sicht nicht gefolgt werden könne. Er schliesse sich
diesen Ausführungen an; es bleibe bei der bisherigen Einschätzung. Am 8. Oktober
2020 gab die IV-Stelle dem Versicherten Gelegenheit zur dritten Anhörung. Der
Versicherte reichte keine Stellungnahme ein. Die IV-Stelle verfügte am 30. Oktober
2020 bei einem IV-Grad von 16% die Abweisung des Rentenbegehrens (IV-act. 268).
Am 30. November 2020 liess der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer)
Beschwerde gegen die Verfügung der IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin)
vom 30. Oktober 2020 erheben (act. G 1). Er beantragte die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und die Zusprache mindestens einer halben Rente
spätestens ab Juni 2019, eventualiter die Durchführung einer neuen polydisziplinären
E.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Begutachtung und subeventualiter ein Gerichtsgutachten. Zur Begründung führte er im
Wesentlichen und ergänzend zu den bisherigen Einwänden aus, er könne aufgrund der
somatischen Einschränkungen nicht länger als maximal eine halbe Stunde sitzen, da
sich dann schmerzhafte Blockaden in den Knien einstellten, die dann über die LWS in
den Körper "hochsteigen" würden. Deswegen sitze er zuhause mehrheitlich auf dem
Wohnzimmerboden, um die immer auftretenden Kniebeschwerden abzufedern. Die
Sachverständigen seien nicht auf die somatischen Beschwerden eingegangen und
hätten sich auch nicht mit dem auffälligen Verhaltensmuster auseinandergesetzt. Es sei
ein sozialer Rückzug vorhanden; er grenze sich innerhalb der Familienwohnung ab. Der
Beschwerde legte der Beschwerdeführer unter anderem einen Bericht von Dr. B._
vom 14. November 2020 bei (act. G 1.2). Dr. B._ hatte darin ausgeführt, der
Beschwerdeführer leide an folgenden körperlichen Beschwerden: Chronische
Beschwerden Kniegelenk bds. bei posttraumatischer Gonarthrose, chronische
Schmerzen und Bewegungseinschränkung Schulter bds., rezidivierende
Abdominalschmerzen bei Cholezystitis und zystischen Nierenveränderungen, rez.
Lumbovertebralsyndrom und Thoracovertebralsyndrom, Diabetes mellitus,
Polyneuropathie, Angiopathie. Durch die Bewegungseinschränkungen und die
Funktionsausfälle sei der Beschwerdeführer nicht arbeitsfähig. Die Prognose sei
ungünstig.
In einer Beschwerdeantwort vom 4. Februar 2021 beantragte die Beschwerde
gegnerin die Abweisung der Beschwerde (act. G 4). Sie führte aus, dem Gutachten der
medexperts ag komme volle Beweiskraft zu. Insbesondere werde darin auch
eingehend auf die Diskrepanzen und Auffälligkeiten eingegangen. Dem
Beschwerdeführer seien nach wie vor leidensadaptierte Tätigkeiten zumutbar. Mit dem
angegebenen Belastungsprofil bestünden auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
durchaus Tätigkeiten, die er noch ausüben könne, z.B. Kontroll-, Sortier-, Prüf- oder
Verpackungsarbeiten. Falls das Versicherungsgericht das medexperts-Gutachten vom
23. Oktober 2019 nicht als beweiskräftig erachte, werde eventualiter die Einholung
eines Gerichtsgutachtens beantragt.
E.b.
In einer Replik vom 26. April 2021 liess der Beschwerdeführer an seinen
Beschwerdeanträgen festhalten (act. G 10). Zur Begründung führte er ergänzend aus,
er habe kein aggravatorisches Verhalten gezeigt; auch der Hausarzt Dr. B._ hatte in
E.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seinem Bericht vom 8. April 2021 (act. G 10.1) festgehalten, dass der Vorwurf der
Aggravation unzutreffend sei und dass die Beschwerden des Beschwerdeführers
objektiv und subjektiv glaubhaft feststellbar seien. Jegliche Arbeitsfähigkeit sei zu
verneinen. Im Weiteren verwies der Beschwerdeführer auf den von ihm eingereichten
Bericht des behandelnden Psychiaters Dr. F._ vom 22. März 2021 (act. G 10.2). Dr.
F._ hatte darin ausgeführt, der Beschwerdeführer leide an einer rezidivierenden
depressiven Störung, gegenwärtig leichte Episode mit somatischen Symptomen, an
einer dissozialen Persönlichkeitsstörung sowie an einer anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung (DD: andauernde Persönlichkeitsänderung bei chronischen
Schmerzen). Beim Beschwerdeführer liege klar keine verwertbare Arbeitsfähigkeit auf
dem freien Wirtschaftsmarkt vor. Aufgrund der schwerwiegenden strukturellen
Persönlichkeitsdefizite (Störungen der Affekt- und Impulskontrolle) sei er keinem
Arbeitsgeber zuzumuten. Weiter führte der Beschwerdeführer in der Replik aus,
gemäss dem Gutachten bestünden kaum mehr Ressourcen; damit sei eine Rückkehr
auf den Arbeitsmarkt entgegen dem Gutachten nicht mehr möglich. Ihm sei im Rahmen
der neuropsychologischen Begutachtung ein nicht authentisches Verhalten
zugeschrieben worden, nur weil er dort seine Medikamente habe auswendig
beschreiben können und in der vorangehenden psychiatrischen Begutachtung nicht.
Das Gutachten leide damit an inneren Widersprüchen; darauf könne nicht abgestellt
werden.
In einer Duplik vom 21. Mai 2021 hielt die Beschwerdegegnerin an ihren Anträgen
fest (act. G 12). Sie führte aus, neu habe Dr. F._ am 22. März 2021 eine leichte
depressive Episode und nicht mehr eine mittelgradige Episode festgehalten. Überdies
sei zu berücksichtigen, dass behandelnde Ärzte im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche
Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zugunsten ihrer Patienten aussagten.
E.d.
Am 6. Juli 2021 liess der Beschwerdeführer einen Bericht von Dr. F._ vom 21.
Mai 2021 einreichen (act. G 14). Dr. F._ hatte darin berichtet, beim Beschwerdeführer
stünden nicht die depressive Störung, sondern die schwerwiegenden strukturellen
Persönlichkeitsdefizite im Sinne einer Persönlichkeitsstörung im Vordergrund.
E.e.
Die Beschwerdegegnerin liess am 10. August 2021 unter Verzicht auf eine
Stellungnahme an ihren Anträgen festhalten (act. G 16).
E.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Die Beschwerdegegnerin hat mit der angefochtenen Verfügung vom 30. Oktober 2020
einen Rentenanspruch des Beschwerdeführers bei einem IV-Grad von 16% verneint.
Strittig ist, ob der Beschwerdeführer Anspruch auf eine Invalidenrente hat.
2.
Am 23. Dezember 2021 liess der Beschwerdeführer einen Bericht von Dr. K._,
Facharzt für Radiologie FMH und Allgemeine Medizin, vom 30. November 2021
einreichen (act. G 18). Dr. K._ hatte darin ausgeführt, der Versicherte sei sowohl auf
dem ersten als auch dem zweiten Arbeitsmarkt voll arbeitsunfähig. Weiter könne er
auch die Aufsicht der minderjährigen Tochter und die Haushaltsführung nicht ausüben.
Seine persönliche Einschätzung decke sich dabei mit der Einschätzung der
behandelnden Spezialisten.
E.g.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 19. Januar 2022 auf eine Stellungnahme
und hielt an ihren bisherigen Ausführungen fest (act. G 20).
E.h.
Eine versicherte Person hat laut dem Art. 28 Abs. 1 IVG einen Anspruch auf eine
Rente der Invalidenversicherung, wenn sie ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern kann, wenn sie
während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und wenn sie nach dem Ablauf
dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist. Für die Bemessung der Invalidität
wird gemäss dem Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben
wäre.
2.1.
Der IV-Grad wird anhand eines Vergleichs des zumutbarerweise erzielbaren
Invalideneinkommens mit dem Valideneinkommen ermittelt (Art. 16 ATSG). Der Renten
anspruch entsteht frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach der
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 17/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Der Beschwerdeführer hat keine Berufsbildung absolviert und ist zuletzt als
Hilfsarbeiter in einer Druckerei tätig gewesen, bei welcher er einen
unterdurchschnittlichen Hilfsarbeiterlohn erzielt hat. In den Akten finden sich keine
Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer vor dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung nur unterdurchschnittlich leistungsfähig gewesen wäre.
Der Umstand, dass er nur einen unterdurchschnittlichen Hilfsarbeiterlohn erzielt hat,
muss folglich auf Zwänge des invalidenversicherungsrechtlich nicht massgebenden
tatsächlichen Arbeitsmarktes zurückzuführen sein. Hätte sich dem Beschwerdeführer
eine entsprechende Gelegenheit geboten, hätte er eine besser entlöhnte Arbeitsstelle
angenommen und einen durchschnittlichen Hilfsarbeiterlohn erzielt. Die Validenkarriere
besteht deshalb in der Ausübung einer durchschnittlich entlöhnten Hilfsarbeit.
4.
Geltendmachung des Leistungsanspruchs (Art. 29 Abs. 1 IVG). Anspruch auf eine
Rente haben Versicherte, die unter anderem während eines Jahres ohne wesentlichen
Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen sind
(Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG).
Der Beschwerdeführer hat sich im Dezember 2018 mit einem Leistungsbegehren
angemeldet. Spätestens seit der Oktober 2016 (teilstationäre Behandlung) besteht in
der angestammten Tätigkeit eine 40%ige Arbeitsunfähigkeit. Unter der
Berücksichtigung des sog. Wartejahrs nach Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG und der
sechsmonatigen Frist nach Art. 29 Abs. 1 IVG ist der potentielle Rentenbeginn auf den
1. Juni 2019 festzusetzen.
2.3.
Um den IV-Grad ermitteln zu können, muss die Arbeitsfähigkeit des Beschwerde
führerin in der angestammten Tätigkeit sowie in einer optimal adaptierten Tätigkeit mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststehen. Zur Klärung der
verbleibenden Arbeitsfähigkeit hat die Beschwerdegegnerin den Beschwerdeführer
durch die medexperts ag am 23. Oktober 2019 (Versanddatum) begutachten lassen.
Nachfolgend gilt es daher zu prüfen, ob dem Gutachten der medexperts ag vom 23.
Oktober 2019 voller Beweiswert zukommt, d.h., ob es die Arbeitsfähigkeit mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegt. Auf das medexperts-
Gutachten vom 13. April 2016 wird nachfolgend nicht näher eingegangen, zumal es
sich mit einem Zeitraum vor dem potentiellen Rentenbeginn befasst und eine
Verschlechterung des Gesundheitszustandes im Nachgang zu dieser Begutachtung
4.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 18/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dazu geführt hat, dass eine teilstationäre Behandlung notwendig geworden ist, was
gemäss dem medexperts-Gutachten vom 23. Oktober 2019 zu einer Verringerung der
Arbeitsfähigkeit geführt hat; damit hat sich der grundlegende Sachverhalt geändert,
weshalb die Beschwerdegegnern zu Recht eine erneute Begutachtung in Auftrag
gegeben hat.
Ein Gutachten hat vollen Beweiswert, wenn es für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen Situation einleuchtet und die
Schlussfolgerungen der Experten begründet sind (vgl. etwa BGE 125 V 351, E. 3a). Die
medexperts-Sachverständigen haben den Anlass und den Umstand der Begutachtung
umschrieben; sämtliche Vorakten sind ihnen zur Verfügung gestanden. Sie haben den
Beschwerdeführer je persönlich untersucht, seine subjektiven Klagen aufgenommen
und die objektiven Befunde festgehalten. Weiter haben sie die von ihnen erhobenen
Diagnosen aufgelistet und deren Herleitung genauer umschrieben. Auch haben die
Sachverständigen je die Konsistenz und Plausibilität beurteilt. Der orthopädische
Sachverständige hat dazu insbesondere festgehalten, dass die vom Versicherten
beklagten Beschwerden in der Intensität nicht nachvollziehbar und nicht mit den
entsprechenden Befunden vereinbar seien. Der psychiatrische Sachverständige hat
ebenfalls multiple Inkonsistenzen sowohl bei der Beschwerdebeschreibung als auch
hinsichtlich der Art und der Dramatik der Darstellung dieser Beschwerden festgestellt.
Er hat angegeben, in den klinischen neuropsychologischen Verhaltensbeobachtungen,
in den Testergebnissen und in den Beschwerdevalidierungsverfahren hätten sich sehr
deutliche Hinweise für eine eingeschränkte Mitarbeit, sogar für eine Aggravation
ergeben. Die neuropsychologische Sachverständige (vgl. IV-act. 236) hat ihrerseits
ausgeführt, aufgrund des Verhaltens des Beschwerdeführers (sehr deutliche
Diskrepanzen in der Selbstbeschreibung, deutliche Hinweise für eine eingeschränkte
Mitarbeit, sogar für Aggravation) habe sie keine ausreichend validen Testergebnisse
erheben und daher das aktuelle kognitive Leistungsvermögen mit den vorliegenden
Daten nicht abschliessend und mit überwiegender Wahrscheinlichkeit beurteilen
können.
4.2.
Im Vorfeld der Begutachtung hat die Beschwerdegegnerin die
neuropsychologische Begutachtung als erforderlich abzuklärende Fachdisziplin
erachtet und dies dem Beschwerdeführer auch so kommuniziert (IV-act. 227 f.). Wie
oben dargelegt, hat die neuropsychologische Sachverständige ausgeführt, dass sie
aufgrund des Verhaltens des Beschwerdeführers keine validen Ergebnisse hat erzielen
4.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 19/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und daher die Einschränkungen des Beschwerdeführers nicht hat beurteilen können.
Im Rahmen der Beurteilung der Überzeugungskraft des Gutachtens durch die
Beschwerdegegnerin ist das neuropsychologische Gutachten übergangen worden. Der
RAD hat in seiner Stellungnahme vom 28. Oktober 2019 (IV-act. 237) zum Gutachten
(und auch in seinen späteren Stellungnahmen) das neuropsychologische Gutachten mit
keinem Wort erwähnt. Auch im weiteren Verwaltungsverfahren ist die
Beschwerdegegnerin nicht näher auf das neuropsychologische Gutachten
eingegangen, insbesondere hat sie nicht dargelegt, wieso das medexperts-Gutachten
trotz der nicht erfolgreichen neuropsychologischen Begutachtung überzeugen soll,
dasselbe gilt für den psychiatrischen Gutachter, der zwar festgestellt hat, dass die
neuropsychologische Begutachtung zu keinen validen Ergebnissen geführt hat, aber
nicht näher erklärt hat, wieso er den Beschwerdeführer dennoch hat überzeugend
psychiatrisch abklären können. Die neuropsychologische Begutachtung ist nach
Ansicht der Beschwerdegegnerin aber notwendig gewesen. Konsequenterweise hätte
sich die Beschwerdegegnerin daher auch mit der neuropsychologischen Begutachtung
auseinandersetzen müssen. Da eine valide neuropsychologische Begutachtung
notwendig ist, um die Arbeitsfähigkeit abschliessend interdisziplinär beurteilen zu
können, ist die Abklärung des Sachverhalts unvollständig geblieben. Die im
medexperts-Gutachten vom 23. Oktober 2019 abgegebene interdisziplinäre
Arbeitsfähigkeitsschätzung überzeugt nicht, da diese ohne eine aussagekräftige
neuropsychologische Begutachtung gar nicht hat abgegeben werden können, zumal
die Beschwerdegegnerin selber − wie bereits erwähnt − eine neuropsychologische
Begutachtung des Beschwerdeführers als notwendig erachtet hat, um seine
verbleibende Arbeitsfähigkeit abzuschätzen. Das bedeutet, dass die
Beschwerdegegnerin den massgebenden Sachverhalt nicht vollständig ermittelt hat,
weshalb die angefochtene Verfügung in Verletzung der Untersuchungspflicht (Art. 43
Abs. 1 ATSG) ergangen ist und als rechtswidrig aufgehoben werden muss. Da die
neuropsychologische Begutachtung kein brauchbares Ergebnis geliefert hat, bleibt die
Frage, inwieweit Einschränkungen aus neuropsychologischer Sicht bestehen, nach wie
vor ungeklärt. Nach der Auffassung des Bundesgerichts ist die Rückweisung zur
weiteren Abklärung in diesem Fall zulässig (vgl. BGE 137 V 264, E. 4.4.1.4, wonach
eine Rückweisung möglich ist, wenn sie die notwendige Erhebung einer bisher
vollständig ungeklärten Frage bezweckt).
Nach dem bisherigen Verhalten des Beschwerdeführers muss bei einer weiteren
Begutachtung mit einer erneuten Verweigerung der Mitwirkung gerechnet werden. Der
Beschwerdeführer wird folglich mit einem geeigneten Druckmittel dazu angehalten
werden müssen, seine Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung
4.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 20/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen gilt eine Rückweisung zur weiteren
Abklärung als ein vollständiges Obsiegen der beschwerdeführenden Partei. Die
Gerichtskosten von 600 Franken sind folglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Das Versicherungsgericht wird dem Beschwerdeführer dessen Kostenvorschuss
zurückerstatten. Diese hat dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung
auszurichten, die angesichts des durchschnittlichen Vertretungsaufwandes
praxisgemäss auf 4'000 Franken (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen
ist.