Decision ID: e9f22890-c7ff-4998-ac60-6d221e7da670
Year: 2012
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte schwere Körperverletzung etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur vom 25. August 2011 (DG110014)
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Anklage und Nachtragsanklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft II vom 21. März 2011 sowie die Ankla-
geschrift der Staatsanwaltschaft IV vom 5. April 2011 ist diesem Urteil beigeheftet
(Urk. 15 und Urk. 24 HD 32).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte B._ ist schuldig
− der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs.
1 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB,
− der mehrfachen qualifizierten Widerhandlung gegen Art. 19 Ziff. 1
Abs. 5 i.V.m. Ziff. 2 lit. a aBetmG;
− der versuchten Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB,
− der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 und Abs. 2 lit. b StGB,
− der Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144 Abs. 1 StGB,
− des mehrfachen Lenkens eines Motorfahrzeuges trotz Entzug im Sinne
von Art. 95 Ziff. 2 SVG in Verbindung mit Art. 10 Abs. 2 SVG,
− des Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen im Sinne von Art. 292
StGB,
− der mehrfachen Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 und Abs. 2
lit. c StGB.
2. Der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom
23. August 2008 für eine Geldstrafe von 20 Tagessätzen gewährte bedingte
Strafvollzug wird widerrufen.
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Freiheitsstrafe von 8 Jahren und
Fr. 500.– Busse, wovon 414 Tage durch Untersuchungs- bzw. Sicherheits-
haft (gerechnet bis und mit 25. August 2011) bereits erstanden sind.
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4. Die Busse ist zu bezahlen. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft
nicht, so tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 5 Tagen.
5. a) Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich vom
8. Juli 2010 beschlagnahmte Barschaft von € 1'570.– wird eingezogen
und zur Deckung der Verfahrenskosten verwendet.
b) Die beiden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich
vom 23. September 2010 beschlagnahmten Mobiltelefone Nokia 6300
und Apple iPhone 3 GS werden eingezogen und der Kantonspolizei
Zürich zur gutscheinenden Verwendung überlassen.
c) Die von der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich beschlagnahm-
ten schriftlichen Unterlagen etc. werden eingezogen und als Beweis-
mittel zu den Akten genommen.
d) Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
25. November 2010 eingezogenen Gegenstände, namentlich ein Mobil-
telefon (Marke Nokia, Typ 1680, IMEI-Nummer ...) und eine SIM-Karte
(Typ Lycra Mobil, Nr. ...), werden eingezogen und der Kantonspolizei
Zürich zur gutscheinenden Verwendung überlassen.
6. a) Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Geschädigten A._
Fr. 300.– zuzüglich Zins zu 5 % seit 1. Oktober 2010 Schadenersatz zu
bezahlen. Im Mehrbetrag wird das Schadenersatzbegehren auf den
Weg des ordentlichen Zivilprozesses verwiesen.
Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber A._ aus
dem eingeklagten Ereignis vom 14. September 2010 grundsätzlich
schadenersatzpflichtig ist.
b) Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger A._ eine Ge-
nugtuung von Fr. 5'000.– zuzüglich Zins zu 5 % seit 14. September
2010 zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren ab-
gewiesen.
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7. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 6'000.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 7'881.75 Auslagen Vorverfahren (STA IV)
Fr. 2'100.00 Kosten der Kantonspolizei Zürich (STA II)
Fr. 200.00 Kosten der Kantonspolizei Zürich (STA IV)
Fr. 2'314.75 Kosten unentgeltliche Geschädigtenvertretung (bereits bezahlt) Fr. 00.00 amtl. Verteidigungskosten (ausstehend)
Fr. 00.00 Kosten unentgeltliche Geschädigtenvertretung (ausste-hend) Fr. 0.00
Allfällige weitere Kosten bleiben vorbehalten.
8. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, einschliess-
lich derjenigen der amtlichen Verteidigung, werden dem Beschuldigten auf-
erlegt, diejenigen der amtlichen Verteidigung indessen einstweilen auf die
Gerichtskasse genommen. Art. 135 Abs. 4 StPO bleibt vorbehalten.
Die Kosten der unentgeltlichen Geschädigtenvertretung werden auf die Ge-
richtskasse genommen.
Berufungsanträge:
a) Der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 58)
1. Das Urteil des Bezirksgerichts Winterthur vom 25. August 2011 sei
grundsätzlich zu bestätigen, mit folgenden wesentlichen Ausnahmen:
2. Hinsichtlich des unter Anklageziffer I eingeklagten Sachverhalts sei der
Beschuldigte nicht der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne
von Art. 122 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB, son-
dern der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sine von Art. 111 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen;
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3. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren, unter An-
rechnung der erstandenen Untersuchungs- und Sicherheitshaft von
insgesamt 698 Tagen (bis 25.5.2012), zu bestrafen.
b) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 59)
Der Beschuldigte sei vom Vorwurf des mehrfachen Verbrechens gegen
Art. 19 Ziff. 1 Abs. 4 und 5 i.V.m. Ziff. 2 lit. a BetmG frei zu sprechen;
der Beschuldigte sei wegen versuchter schwerer Körperverletzung im Sinne
von Art. 123 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
Im Übrigen seien die Schuldsprüche des Urteils vom 25. August 2011 des
Bezirksgerichts Winterthur zu bestätigen;
der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren und sechs Mona-
ten und einer Busse von CHF 500.00 als Gesamtstrafe - unter Anrechnung
der erstandenen Untersuchungs-, Sicherheitshaft und der Haftdauer im vor-
zeitigen Strafvollzug - zu bestrafen;
die Beschlagnahmungen, die Einziehungen, die Schadenersatzzahlung und
die dem Geschädigten zugesprochene Genugtuung seien gemäss Urteil
vom 25. August 2011 des Bezirksgerichts Winterthur zu bestätigen;
die Kosten, inkl. Untersuchungskosten, seien ausgangsgemäss, einerseits
für die Freisprüche - inklusiv der amtlichen Verteidigung - der Staatskasse
aufzuerlegen, anderseits für die Schuldsprüche dem Beschuldigten aufzuer-
legen.
c) Des Privatklägers:
(Urk. 52)
1. Es sei Ziff. 6 a Absatz 1 und 2 des vorinstanzlichen Urteilsdispositivs
zu bestätigen.
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2. Ziff. 6 b des vorinstanzlichen Dispositivs sei indessen abzuändern, und
der Berufungskläger sei zu verpflichten, dem Geschädigten, Privatklä-
ger und Berufungskläger, A._, eine Genugtuungssumme von min-
destens Fr. 15'000.–, nebst 5 % Zins seit dem 14. September 2010, zu
bezahlen.
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Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Eröffnung des erstinstanzlichen Entscheids
Das erstinstanzliche Urteil wurde dem Beschuldigten, dem amtlichen Verteidiger,
dem Vertreter des Privatklägers A._, der Geschädigten C._ sowie dem
Vertreter der Nachtragsanklage am 25. August 2011 mündlich eröffnet und so-
gleich im Dispositiv übergeben (Prot. I S. 17ff.). An den Vertreter der Hauptankla-
ge wurde das Dispositiv am Folgetag versandt (Prot. I S. 22).
2. Selbständige Berufung der Staatsanwaltschaft
Am 31. August 2011, und damit rechtzeitig, ging die Berufungsanmeldung der
Staatsanwaltschaft am Bezirksgericht Winterthur ein (Urk. 27, Art. 399 Abs. 1
StPO). Den Empfang des begründeten Urteils quittierten die zuständigen Staats-
anwaltschaften II und IV am 23. bzw. 22. Dezember 2011. Innert der zwanzigtägi-
gen gesetzlichen Frist erreichte die Berufungserklärung Vorinstanz und Oberge-
richt (Urk. 34 und 37, Art. 399 Abs. 3 StPO).
Die Staatsanwaltschaft ficht im Schuldpunkt allein den Schuldspruch wegen ver-
suchter schwerer Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1 StGB in Verbin-
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dung mit Art. 22 Abs. 1 StGB (Dispositiv Ziff. 1, erster Spiegelstrich) an und bean-
tragt bezüglich des dem Beschuldigten unter Ziffer I der Nachtragsanklage vor-
geworfenen Sachverhalts - in Abänderung der Berufungserklärung, in welcher der
Hauptantrag auf eine Verurteilung wegen versuchten Mordes lautete (Urk. 34 S.
1) - eine Verurteilung wegen versuchter vorsätzlicher Tötung im Sinne von Art.
111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB (Urk. 58 S. 1). Als Folge davon
sei eine wesentlich höhere Freiheitsstrafe auszufällen als von der Vorinstanz aus-
gesprochen.
3. Selbstständige Berufung des Privatklägers A._
Am 29. August 2011, mithin fristgerecht, meldete auch der Vertreter des Privat-
klägers A._ selbständige Berufung an (Urk. 28). Nach Empfang des begrün-
deten Entscheids der Vorinstanz (21. Dezember 2011, Urk. 33) ging jedoch weder
innert der gesetzlichen Frist noch danach eine Berufungserklärung beim Gericht
ein. Damit ist infolge Fehlens einer Gültigkeitsvoraussetzung auf die selbständige
Berufung des Privatklägers nicht einzutreten (Art. 399 Abs. 3 StPO, ZR 110/2011
S. 217; Donatsch/Hansjakob/Lieber, Kommentar zur Schweizerischen Strafpro-
zessordnung, Zürich 2010, Hug, N 10 zu Art. 399 StPO und N 8 zu Art. 403 StPO;
BSK StPO, Eugster, Basel 2011 N 2 zu Art. 403 StPO).
4. Anschlussberufung des Beschuldigten
Mit Präsidialverfügung vom 1. Februar 2012 wurde dem Beschuldigten und dem
Privatkläger im Sinne von Art. 400 Abs. 2 und 3 StPO sowie Art. 401 StPO mitge-
teilt, dass sie innert 20 Tagen Anschlussberufung erheben könnten (Urk. 41).
Davon machte der Beschuldigte, der die Verfügung am 3. Februar 2012 in Emp-
fang nahm (Urk. 42), mit Eingabe vom 20. Februar 2001 (Poststempel: 22. Febru-
ar 2012) rechtzeitig Gebrauch (Urk. 43).
Der Beschuldigte verlangt einen Freispruch vom Vorwurf der qualifizierten Wider-
handlung gegen Art. 19 Ziff. 1 Abs. 5 BetmG in Verbindung mit Art. 19 Ziff. 2
BetmG (Urk. 43 S. 1, Urk. 59 S. 1). Ausserdem wird eine erheblich geringere
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Freiheitsstrafe verlangt, als sie die Vorinstanz aussprach (Urk. 43 S. 2, Urk. 59 S.
1).
5. Anschlussberufung des Privatklägers A._
Der Privatkläger A._ bestätigte den Empfang der Präsidialverfügung vom 1.
Februar 2012 am 6. Februar 2012 (Urk. 42). Mit Eingabe vom 27. Februar 2012
(Poststempel) erhob er - unter Berücksichtigung der Wochenendregelung - frist-
gerecht Anschlussberufung (Urk. 44).
Er beantragte (wie vorerst die Staatsanwaltschaft), den Beschuldigten des ver-
suchten Mordes im Sinne von Art. 112 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB, eventualiter der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111
StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen. Ausserdem sei
der Beschuldigte zu verpflichten, dem Privatkläger eine Genugtuung von Fr.
20'000.-, nebst 5 % Zins seit dem 14. September 2010, zu bezahlen. Dies alles
unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des Beschuldigten (Urk. 44 S.
2).
Mit Eingabe vom 10. Mai 2012 schränkte die Privatklägerschaft die Berufung inso-
fern ein, als sie den Schuldspruch nicht mehr anfocht und die Genugtuungsforde-
rung auf Fr. 15'000.-, nebst 5 % Zins seit dem 14. September 2010, reduzierte
(Urk. 52).
6. Feststellung der Rechtskraft
Soweit von keiner Seite beanstandet, das heisst bezüglich Dispositivziffern 1 teil-
weise (Schuldspruch, Spiegelstriche 3 bis 8), 2 (Widerruf), 5 (Einziehungen), 6 lit.
a (Schadenersatzregelung), 7 und 8 (Kostenregelung), ist das erstinstanzliche Ur-
teil in Rechtskraft erwachsen, was mittels Beschluss festzustellen ist.
7. Beweisergänzungen
Beweisergänzungsanträge wurden von keiner Partei gestellt.
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Von Seiten des Gerichts wurden ein Strafregisterauszug über D._ sowie zwei
gegen ihn ergangene Urteile beigezogen (Urk. 49, Urk. 50/2, Urk. 51/2).
II. Schuldpunkt
1. Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz (Hauptanklage)
1.1. Anklagevorwurf
Die Anklagebehörde behauptet, der Beschuldigte habe zwischen dem 1. August
und dem 22. Oktober 2009 an seinem Wohnort in E._ von D._ einmal
500 und zweimal 250 Gramm Heroin auf Kommissionsbasis erhalten; den Kauf-
preis von total Fr. 29'000.- sei er dem Lieferanten jedoch schuldig geblieben
(Hauptanklage Ziffer 1). In der gleichen Zeitspanne habe er von D._ sodann
in drei Teilmengen total 4 bis 5 Kilogramm Streckmittel bezogen, um das Heroin
vor dem Weiterverkauf zu strecken, davon einmal am 17. August 2009 an der
F._ bei G._ zwischen 600 Gramm und 1 Kilogramm (Hauptanklage Zif-
fer 2). Dadurch habe sich der Beschuldigte des Verbrechens gegen Art. 19 Ziff. 1
Abs. 4 und 5 in Verbindung mit Ziff. 2 lit. a BetmG schuldig gemacht.
1.2. Sachverhaltsdarstellung und -würdigung
1.2.1. Aussagen von D._
1.2.1.1. Einvernahmen
D._ kam in der polizeilichen Einvernahme vom 8. Januar 2010, knapp zwei
Monate nach seiner Verhaftung, erstmals auf den Beschuldigten B._ zu
sprechen, der auf einem ihm vorgelegten Fotobogen abgebildet war (Urk. 3/5 S.
1ff.). Er führte aus, den Beschuldigten - der einmal im gleichen Hotel wie er ge-
wohnt habe und dessen Freundin eine Kollegin seiner Freundin sei - als
"B1._" zu kennen. B._ bestätigte, diesen Spitznamen zu tragen (Urk.
2/5 S. 7). Weiter bezeichnete D._ den Beschuldigten als Kollegen, zu dem er
etwa ein Mal wöchentlich Kontakt gehabt habe und den er zwei bis drei Mal auch
an dessen Wohnort in H._ besucht habe.
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In der folgenden Befragung vom gleichen Tag stellte D._ in Abrede, B._
Drogen geliefert zu haben (Urk. 3/6 S. 7).
In einer Einvernahme vom 21. Januar 2010 sprach D._ auf Vorhalt von Tele-
fonprotokollen erneut vom Beschuldigten, der - so D._ - auch "B2._"
genannt werde (Urk. 3/7 S. 19ff.). In einem vorgespielten Gespräch zwischen
"I._" (der Freundin D._s, Urk. 3/20 S. 2) und D._ sprechen die bei-
den darüber, dass "B2._" am 25. September 2009 Ware von ihr erhalten ha-
be, dafür aber - wie für eine frühere Lieferung - nicht bezahlt habe. D._ ver-
neinte in der polizeilichen Befragung, dass es sich bei der Ware um Drogen ge-
handelt habe. Vielmehr seien es wohl "Schmuckwaren" gewesen. "B2._"
müsse allerdings auch "Drogen verteilen", um seine Schulden abzubauen (Urk.
3/7 S. 21). In einem weiteren vorgehaltenen Telefonat von Mitte Oktober 2009
zwischen "I._" und B._ wirft "I._" Letzterem vor, er habe gesagt, er
werde kommen, was nicht der Fall gewesen sei. Der Beschuldigte antwortet, das
sei richtig. Er habe in diesem "Dingsda" etwas mehr hinein getan. Darauf habe
niemand "Dingsda" gemacht. Es liege einfach da. Er müsse schauen. Er habe
das "Dingsda" noch niemandem gemacht. Auf die Frage, ob B._ hier Drogen
gestreckt habe, erklärte D._, er wisse es nicht. Soviel er wisse, sei der Be-
schuldigte aber ein Strassendealer, der ziemlich viel Geld schulde (S. 30). Bei ihm
(D._) habe der Beschuldigte aber keine Schulden wegen Drogen, sondern
nur "privat" oder wegen Schmuck (S. 29f.). Am Ende der Befragung betonte
D._ noch einmal, keinen direkten Kontakt betreffend Drogen mit dem Be-
schuldigten gehabt zu haben. Der Beschuldigte habe nicht mit ihm gearbeitet,
sondern "direkt mit diesen Leuten", um seine Schulden abzubauen (Urk. 3/7 S.
32). D._ habe nur Bürgschaft für ihn geleistet. Da der Beschuldigte dann
manchmal das Geld nicht gebracht habe, hätten sie bei D._, der freilich
selbst verschuldet gewesen sei, Druck gemacht.
In der polizeilichen Einvernahme vom 22. Januar 2012 wurde D._ unter an-
derem ein Telefongespräch vom 31. Juli 2009 20:24 Uhr mit dem Beschuldigten
vorgespielt, in dem B._ D._ ersucht, "eine Dingsda" mitzubringen, ein
Kollege warte ab (Urk. 3/8 S. 3). Auf den Vorhalt des Einvernehmenden, das töne
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so, als ob der Beschuldigte zu D._ sage, er solle noch Heroin mitbringen, ein
Kollege warte darauf, antwortete D._ mit: "Nein, aber sicher nicht mit Heroin.
Also B1._ hat getönt, als ob er konsumiert und Paranoia hat. Ich war höchs-
tens drei Mal bei ihm".
Daraufhin wurde D._ ein Telefonat vom Folgetag, dem 1. August 2009 14:25
Uhr, zu Ohren gebracht, in dem der Beschuldigte D._ bittet, ihm "einen Kol-
legen" zu bringen, es sei eilig, jemand werde kommen. D._ fragt am Telefon
zurück, ob ein "Kollege" reiche, was der Beschuldigte bejaht. D._ meint
dann: "In Ordnung, also nur ein Kollege ja, nicht von dem anderen ...", worauf der
Beschuldigte antwortet: "He, he, das reicht aus". D._ gab hierzu zunächst zu
Protokoll, es sei tatsächlich von Kollegen gesprochen worden, stellte dann aber -
nachdem der Befragende Zweifel daran angemeldet und erklärt hatte, bei solchen
Bezeichnungen handle es sich seines Erachtens um Betäubungsmittel - die Frage
in den Raum, ob es sich nicht auch um eine Pistole gehandelt haben könne (Urk.
3/8 S. 4). Er habe ihm aber keine Pistole gebracht, nichts gemacht, nur für den
Beschuldigten gebürgt.
Nun wurde ein Anruf D._s an den Beschuldigten, der keine zwanzig Minuten
später erfolgte, vorgespielt. Darin ersucht D._ darum, der Beschuldigte solle
ihm doch bis ... entgegenkommen. Dieser antwortet, die Person, auf die er warte,
werde "jetzt kommen" und bittet darum, man solle es doch diesmal so machen,
nächstes Mal könne der Beschuldigte kommen, worauf D._ zustimmt und
sich noch einmal vergewissert: "Du hast doch gesagt 'Nur einen Kollegen', ja?",
was der Beschuldigte bestätigt. Auf den weiteren Vorhalt, dass D._ dem Be-
schuldigten rund eine Stunde später per SMS und mittels eines Anrufs signalisier-
te, angekommen zu sein, worauf der Beschuldigte zur Antwort gab, "sie" seien
"hier", kam D._ auf die Pistolen-Geschichte zurück und erklärte, dem Be-
schuldigten einmal eine Gaspistole gebracht zu haben, doch wisse er nicht, ob
das an diesem Tag gewesen sei (Urk. 3/8 S. 5). Die nachfolgende direkte Frage
des Einvernehmenden, ob er an diesem Tag dem Beschuldigten Drogen gebracht
habe, beantwortete D._ mit "Ich kann mich wirklich nicht erinnern. Ich habe
einmal auch eine Gaspistole gebracht". Nachhakend wies der Polizeibeamte
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D._ darauf hin, dass er folglich die Frage nicht (generell) verneine, denn
wenn er dem Beschuldigten nie Drogen gegeben hätte, könnte er dies auch für
diesen Tag ausschliessen. Herumdrucksend erklärte D._ nun, er habe schon
gesagt, dass der Beschuldigte viele Schulden gehabt habe und diese habe ab-
zahlen müssen. D._ habe ihm helfen wollen. Am Schluss habe er (D._)
auch Verlust gemacht. D._ habe genau gewusst, dass das, was er (D._)
gemacht habe, nicht normal gewesen sei. Er habe auch im April schon Drohun-
gen erhalten. Der Befragende (P) machte D._ (D) nun darauf aufmerksam,
das er mit diesen Ausführungen die Frage nicht beantwortet habe, worauf sich
folgender Dialog entspann (Urk. 3/8 S. 6):
P: "Haben Sie B1._ im Jahr 2009 Drogen übergeben/gebracht?".
D: "Ja, habe ich".
P: "Wann ungefähr?"
D: "Im Herbst."
P: "Was haben Sie gebracht?"
D: "Was kann ich bringen? (lacht) Sicher nicht Marihuana. Damit kann er seine
Schulden nicht bezahlen. Er hat auch viele Gläubiger".
P: "Also Heroin?"
D: "Sugar, nicht Heroin."
P: "Wieviel gebracht?"
D: "Ich glaube, zwei Mal 500 Gramm."
P: "Also total 1 Kilogramm?"
D: "Ich bin nicht mehr sicher, beim ersten Mal waren es nicht 500 Gramm ... Man
wollte zuerst testen, ob er zuverlässig sei".
Weiter gab D._ an, von den Lieferanten, die er nicht nennen wolle, nichts für
diese Drogenübergaben erhalten zu haben. Den Sack habe er jeweils gar nicht
gesehen. Er habe immer eine Tasche mit dem Heroin darin erhalten (S. 7). Er ha-
be aber gewusst, dass es sich um Heroin gehandelt habe. Die Lieferungen seien
im Abstand von ca. zwei Wochen zur Wohnung des Beschuldigten erfolgt (S. 7f.).
Er glaube, das erste und das zweite Mal seien die Zahlungen noch erfolgt - erst
später habe der Beschuldigte Probleme gemacht, wonach er eine "Bezugsper-
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son" erhalten habe, die er dann "verarscht" habe (Urk. 3/8 S. 7f.). Die weiteren
Heroinübergaben seien nicht über D._ gelaufen, nur das Geld, aber davon
habe der Beschuldigte "auch nicht so viel gegeben". Im Übrigen glaube er, dass
es am 1. August 2009 nicht um den Stoff gegangen sei, sondern er die Pistole er-
halten habe.
Am Ende der Einvernahme bestätigte D._ auf den zusammenfassenden
Vorhalt hin, im Herbst 2009 zwei Mal im Auftrag seiner Lieferanten Heroin zum
Beschuldigten transportiert zu haben, und zwar geschätzt ein Mal ca. 250 Gramm
und ein Mal ca. 500 Gramm, total also 750 Gramm (Urk. 3/8 S. 10f.). Er wieder-
holte, damit nichts verdient zu haben.
Auf Vorhalt weiterer Telefongespräche mit dem Beschuldigten in einer weiteren
Befragung vom 22. Januar 2010 erklärte D._, dabei sei es um ein Darlehen
für D._ von einem Dritten und Marihuanalieferungen an den Befragten ge-
gangen (Urk. 3/9 S. 1ff.).
In einer Befragung vom 3. Februar 2010 wurde D._ zu Gesprächen mit dem
Beschuldigten vom 17. August 2009 befragt. Dabei ging es um ein Treffen auf ei-
nem Parkplatz bei G._, wo der Beschuldigte einen Sack aus dem Kofferraum
des Autos von D._ genommen habe. Nachdem er bei der Ware anfänglich
von einer Waage sprach, führte D._ in der Folge aus, es falle ihm nun wieder
ein, dass es sich um schätzungsweise 600 bis 1000 Streckmittel gehandelt haben
dürfte, das D._ von einem Kollegen erhalten gehabt habe (Urk. 3/10 S. 1ff.).
Bei einem vorgängigen Treffen mit dem Beschuldigten am gleichen Tag sei es um
eine Marihuanaübergabe an D._ gegangen, das dem Beschuldigten von ei-
nem Dritten (...) übergeben worden sei. Vielleicht habe der Beschuldigte ihm aber
auch Geld gegeben, damit er für ihn Schulden habe bezahlen können (S. 4). Wei-
ter erklärte D._ auf Frage, dem Beschuldigten im August/September 2009 in
G._ und J._ sicher noch ein oder zwei Mal Streckmittel übergeben zu
haben, davon einmal soviel, wie die Tasche des Rechtsanwalts wiege (eine Wä-
gung ergab 2.8 Kilogramm), das andere Mal ein halbes oder ein ganzes Kilo-
gramm (Urk. 3/10 S. 5).
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In einer weiteren Einvernahme vom 3. Februar 2010 sagte D._ aus, ca. An-
fang September 2007 in die Abhängigkeit von Drogenhändlern geraten zu sein,
indem er einen Kredit aufgenommen habe. Im Sommer 2009, schätzungsweise
gegen Ende Juli 2009, hätten diese Leute angefangen, Druck zu machen, dass
D._ Drogen verkaufe und transportiere (Urk. 3/12).
Anlässlich einer Einvernahme vom 10. Februar 2010 wurde D._ zu einem
Gespräch befragt, das er mit dem Beschuldigten am 12. November 2009 geführt
hatte. Auf die Frage, was er damals vom Beschuldigten gewollt habe, antwortete
D._, dass es darum gegangen sei, dass er für den Beschuldigten eine Bürg-
schaft gemacht habe und "die Leute" nun das Geld hätten haben wollen. Er habe
den Beschuldigten darauf hingewiesen, dass diese Leute gefährlich seien (Urk.
3/15 S. 4).
Ebenfalls am 10. Februar 2010 erklärte D._ auf Vorhalt eines Telefonats mit
dem Beschuldigten vom 12. August 2009 17:33 Uhr, bei dem der Erstere unter
anderem ohne nähere Bezeichnung erklärt, man solle so viel abschneiden und es
zwischen dem Brot einfüllen bzw. wenn man 50 Gramm Fleisch einfülle und dazu
50 Gramm hinein tue, werde es einwandfrei, es gehe hier nicht darum, wie man
Drogen mischen müsse, sondern darum, dass der Beschuldigte Gras zum Rau-
chen besorgen solle (Urk. 3/16 S. 1). Zu einem weiteren Gespräch zwischen den
beiden, das am 24. August 2009 12:46 startete, und bei dem es darum geht, dass
"das Auto" allseits "schief" sei, worauf D._ unter Berufung darauf, dass er
doch wisse, was er selber gemacht habe, ausführt, dass "auf jeden einzeln" 150
Franken noch dazugetan werden könne, meinte D._, es gehe um den mögli-
chen zu erzielenden Preis für vom Beschuldigten verkauftes Viagra. Bei drei SMS
vom gleichen Tag und einem Telefongespräch vom Folgetag, wo Waschmittel
bzw. Waschpulver das Thema war, soll es dagegen um Streckmittel gegangen
sein, von dem der Beschuldigte schliesslich zu wenig gehabt habe (Urk. 3/16 S.
2f.).
In der polizeilichen Schlusseinvernahme vom 10. Februar 2010 bestätigte
D._, am 17. August 2009 auf einem Parkplatz bei G._ dem Beschuldig-
ten schätzungsweise 600 bis 1000 Gramm Streckmittel zum Mischen mit Heroin
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übergeben zu haben und im weiteren Verlauf des Sommers in G._ und
J._ noch je einmal ein halbes bis ein ganzes Kilo sowie ca. drei Kilo Streck-
mittel zu diesem Zweck geliefert zu haben (Urk. 3/17 S. 2). Als richtig bezeichnete
er sodann den Vorhalt, dem Beschuldigten vor dem 1. August 2009 zwei Mal He-
roin überbracht zu haben, nämlich ein Mal ca. 500 Gramm und ein Mal geschätzte
250 Gramm. Einen finanziellen Vorteil habe D._ daraus nicht erzielt.
Am 26. Februar 2010 wurde D._ durch die Staatsanwaltschaft einvernom-
men (Urk. 3/18). Er führte aus, mit der Lieferung von Drogen habe er bei den Lie-
feranten, die er aus Gründen der Sicherheit seiner Familie und seiner selbst nicht
näher bezeichnen könne und bei denen er 2007 einen Kredit von Fr. 30'000.- mit
20 % Zinsen aufgenommen gehabt habe, seine hohen Schulden abbauen können
(S. 2 und 6 und 9). Anfangs habe er 500 Gramm Heroin für "Spesen" und seinen
"Aufwand" bzw. als "Vorschuss" erhalten. Er habe Klienten gewinnen und sie von
sich abhängig machen müssen. So habe er auch den Beschuldigten als Kunden
"gefunden", für den er dann habe bürgen müssen. Für dem Beschuldigten gelie-
ferte 500 Gramm hätte er 15'000 Franken abliefern müssen, doch habe er weder
das noch das Geld, das er ihm "dazu versprochen" gehabt habe, bezahlt, weil der
Beschuldigte selbst den Kaufpreis von dessen Abnehmer nicht erhalten habe
(Urk. 3/18 S. 2). Weitere 250 Gramm habe er (D._) ihm geliefert, damit der
Beschuldigte es hätte strecken können und so alles miteinander hätte bezahlen
können; er habe die Lieferanten davon überzeugen können, dass sie ihm noch
einmal eine letzte Chance gäben (S. 2, 3 und 4). Zum Zeitpunkt der Lieferungen
verwies D._ auf die Akten. Es sei "so gegen Herbst" gewesen (S. 3). Einmal
habe D._ ihm die Drogen nach Hause gebracht, einmal habe er sie geholt
(S. 4).
Darauf hingewiesen, dass er (D._) ausgesagt gehabt habe, er habe jeweils
Halbkilo-Mengen erhalten, und gefragt, wo das letzte Viertelkilo hingegangen sei,
ergänzte er, der Beschuldigte habe die ersten 250 Gramm bezahlt, wobei er sei-
ner Erinnerung nach 7'000 Franken abgeliefert habe (S. 3). Danach habe er ihm
das letzte Viertelkilo geliefert, das der Beschuldigte dann aber wieder nicht habe
bezahlen können (S. 3). Die Streckmittellieferung vom 17. August 2009 habe er
- 16 -
vorgenommen, weil der Beschuldigte (der über keinen Führerausweis verfügt ha-
be, Urk. 3/21 S. 4) es beim Lieferanten nicht selbst habe holen können. Ob die
beiden anderen vorher oder nachher erfolgt seien, wisse er nicht mehr. Auch an
das Datum der Heroingeschäfte vermöge er sich nicht zu erinnern (S. 4). Alsdann
führte er aus, von "diesen Leuten" (seinen Lieferanten bzw. Gläubigern) immer
wieder bedroht worden zu sein, wenn der Beschuldigte das Geld nicht gebracht
habe.
Am 9. Juli 2010 erklärte D._ in einer polizeilichen Befragung, seine Angaben
zu den Betäubungsmittelübergaben an den Beschuldigen entsprächen vollum-
fänglich der Wahrheit (Urk. 3/21 S. 1). Es gebe diesbezüglich auch Beweise in
Form von Telefongesprächen und einer Beobachtung. Er glaube, B._ drei
Mal, ein Mal 500 und zwei Mal 250 Gramm Heroin übergeben zu haben, insge-
samt also ein Kilogramm (S. 1f.). Ein Mal habe er den Beschuldigten an der
F._-Strasse in Richtung G._ auf einem Parkplatz beliefert, wobei er "es"
selber genommen habe, zweimal habe er es ihm - so glaube er - nach Hause ge-
liefert. Unmittelbar danach korrigierte er, "das bei G._" sei Streckmittel ge-
wesen, glaube er (S. 2, vgl. auch S. 3 und 4). Er hätte sich, wenn es etwas Wert-
volles gewesen wäre, nicht mit offenem Kofferraum so weit vom Auto entfernt, wie
er es getan habe (S. 4). Dass es Nahrungsmittel gewesen seien, glaube er hinge-
gen nicht (S. 4). Heroin habe er ihm (mithin) immer nach Hause geliefert. Insge-
samt habe er zwei oder drei Mal Streckmittel gebracht, wobei er sich nicht mehr
genau zu erinnern vermöge, wo er es übergeben habe. Auch die Menge habe er
nicht mehr im Gedächtnis. Weiter liess er durchscheinen, dass K._ ein nicht
zahlender Heroin-Abnehmer des Beschuldigten gewesen sei (S. 6f.).
Am 14. Juli 2010 führte die Anklagebehörde eine Konfrontationseinvernahme zwi-
schen dem Beschuldigten und D._ durch (Urk. 3/22 = Urk. 2/9). D._ gab
an, den Beschuldigten seit 3 1⁄2 Jahren zu kennen und mit ihm eine kollegiale oder
freundschaftliche Beziehung ohne Streit und sonstige Unstimmigkeiten gehabt zu
haben (S. 2 und 5). Auch heute sei die Beziehung gut. Schulden habe der Be-
schuldigte bei ihm insofern, als er ihm 250 Gramm Heroin im Wert von Fr. 6'500.-
bis Fr. 7'000.- nicht bezahlt habe. Weiter räumte D._ ein, dass vor ca. zehn
- 17 -
Jahren ein Verfahren wegen einer Falschaussage gegen ihn geführt worden sei
(S. 2). Alsdann führte er aus, bei den mit dem Beschuldigten getätigten Heroinge-
schäften sei es um rund ein Kilogramm gegangen. Er glaube, das - von ihm selbst
nicht gestreckte - Heroin an seinen Wohnort geliefert zu haben (S. 2 und 3). Die
Lieferungen seien innerhalb etwa eines Monats von Ende Juli bis Ende August er-
folgt (S. 4). An den vereinbarten Preis vermöge er sich nicht mehr so genau zu er-
innern, doch glaube er, es habe sich um ca. Fr. 30'000.- gehandelt. Die letzte Lie-
ferung - für so Fr. 6'000.- bis Fr. 6'500.- - habe er wie gesagt nicht bezahlen kön-
nen (S. 3). Ferner habe er etwa zwei bis drei Mal Streckmittel geliefert, wobei er
nicht mehr wisse, welche Menge (es könnten 1 oder 1 1⁄2 Kilo sein). Das Kilo ha-
be, so glaube er, 500 Franken gekostet.
In einer weiteren Befragung vom 14. Juli 2010 gab D._ an, dass der Be-
schuldigte K._ beliefert und dafür nicht bezahlt worden sei (Urk. 3/23). Das
ergebe sich auch aus der Telefonkontrolle.
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Schlusseinvernahme vom 22. Juli 2010
(Urk. 3/24) anerkannte D._ auf Vorhalt unter anderem den Sachverhalt, der
nun Gegenstand der vorliegenden, den Beschuldigten betreffenden Anklage bil-
det.
1.2.1.2. Würdigung der Aussagen
1.2.1.2.1. Allgemeine Glaubwürdigkeit D._s
Was die allgemeine Glaubwürdigkeit D._s betrifft, so gab die Belastungsper-
son zu, vor rund zehn Jahren in ein Verfahren wegen Falschaussage verwickelt
gewesen zu sein. Tatsächlich wurde er am 30. November 2000 durch das Kan-
tonsgericht Appenzell Ausserrhoden wegen falschen Zeugnisses verurteilt (Urk.
50/2 S. 8, vgl. ferner S. 24). Das schmälert seine allgemeine Glaubwürdigkeit und
ruft nach einer besonders kritischen Prüfung seiner im vorliegenden Verfahren
deponierten Aussagen. Verfehlt wäre es jedoch, bereits aus jener in einem völlig
anderen Zusammenhang erfolgten Falschaussage ohne Weiteres zu schliessen,
die den Beschuldigten belastenden Depositionen D._s würden nicht der
- 18 -
Wahrheit entsprechen. Genauso, wie eine Person, die noch nie einer Falschaus-
sage überführt wurde, lügen kann, kann jemand, der erstelltermassen unter Straf-
drohung tatsachenwidrig ausgesagt hat, später wahrheitsgemäss Auskunft geben.
Das Bundesgericht hat in BGE 133 I 33 E. 4.3 denn auch festgehalten: "Hat ... die
Strafjustiz früher bei der Würdigung von Aussagen Gewicht auf die allgemeine
Glaubwürdigkeit eines Befragten im Sinne einer dauerhaften personalen Eigen-
schaft gelegt, so kommt diesem Gesichtspunkt nach neueren Erkenntnissen
kaum mehr relevante Bedeutung zu (Bender/Nack, Tatsachenfeststellung vor Ge-
richt, Bd. I, Glaubwürdigkeits- und Beweislehre, 2. Aufl., München 1995, S. 69
ff.)".
1.2.1.2.2. Spezielle Glaubwürdigkeit der Belastungsperson
Wesentlicher ist die spezielle, fallbezogene Glaubwürdigkeit, die eine konkrete
Verbindung zu den zu würdigenden Vorbringen hat.
Diesbezüglich ist festzuhalten, dass sich D._ mit seinen Depositionen, auf
denen die Anklage gegen den Beschuldigten weit gehend basiert, überaus stark
selbst belastet hat, was ein "Wahrheitszeichen der Motivation" darstellt (Ben-
der/Nack, a.a.O., S. 81). Seine Zugabe im eigenen Verfahren, dem Beschuldigten
insgesamt rund ein Kilogramm Heroingemisch (sowie zusätzlich vier bis fünf Kilo
Streckmittel) geliefert zu haben, beschlägt denn auch mengenmässig rund die
Hälfte des gesamten D._ schliesslich von der Staatsanwaltschaft zur Last
gelegten Betäubungsmittelhandels. Basierend auf dieser Anklage wurde D._
am 27. Oktober 2010 vom Bezirksgericht Winterthur wegen mehrfachen Verbre-
chens gegen das Betäubungsmittelgesetz und zu einer unbedingten Freiheitsstra-
fe von 40 Monaten verurteilt (Urk. 51/2). Dieses Urteil ist rechtskräftig.
Derart zum eigenen Nachteil belastet er sich kaum selbst, um Rache dafür zu
üben,
- dass der Beschuldigte die Freundin D._s nicht bei sich übernachten liess
oder
- dass er diesem kein (von der Freundin bzw. dem Onkel verlangtes) Darlehen in
der Höhe von 8'000 bis 10'000 Franken zur Tilgung von Schulden bzw. für den
- 19 -
Unterhalt der Familie gewährte,
oder
- dass er eifersüchtig darauf war, dass der Beschuldigte von den Drogen weg
kam,
wie es der Beschuldigte in der Untersuchung (sogar alles in der gleichen Befra-
gung) behauptete (Urk. 2/3 S. 3, Urk. 2/5 S. 13f. und 33). Ein anderer Grund für
die vom Beschuldigten behauptete feindselige und verleumderische Haltung
D._s, aus der dessen Belastungen entsprungen sein sollen, wurde weder
vom Beschuldigten dargetan, noch ergibt sich ein solcher aus den Akten. Im Ge-
genteil erklärte der Beschuldigte in der ersten Befragung, "keine Probleme" mit
D._ zu haben (Urk. 2/1 S. 5). Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einver-
nahmen vom 20. Mai 2010 und vom 14. Juli 2010 führte er sodann aus, selbst
nicht zu wissen, weshalb ihn D._ zu Unrecht belasten sollte (Urk. 2/3 S. 2,
Urk. 2/10 S. 2). Und in der Konfrontationseinvernahme mit D._ gab er klipp
und klar zu Protokoll, die Belastungsperson und er hätten "nie Unstimmigkeiten"
gehabt (Urk. 3/22 S. 2). Auch anlässlich der Berufungsverhandlung verneinte er,
jemals einen ernsthaften Streit mit D._ gehabt zu haben (Urk. 57 S. 8). Ein
Vergeltungsverlangen D._s, das als "Lügenzeichen der Motivation" (Ben-
der/Nack, a.a.O., S. 77) zu werten wäre, ist mithin nicht ersichtlich.
Nicht anzunehmen ist auch, dass D._ den Beschuldigten mit dem wahren
Abnehmer verwechselte oder diese durch dessen Falschbelastung zu decken
versuchte. D._ wusste in sämtlichen Befragungen genau, von wem er
sprach, als er den Beschuldigten bezeichnete und belastete. Und hätte er (aus
Angst oder anderen Gründen) den oder die tatsächlichen Drogenbezüger decken
wollen, hätte er mit grösster Wahrscheinlichkeit schlicht deren Identität nicht
preisgegeben, wie er es auch bezüglich seiner Lieferanten tat. Ebenso wenig
nachvollziehbar ist die Begründung des Beschuldigten anlässlich der Berufungs-
verhandlung, wonach D._ mit Drogen erwischt worden sei, und ihn belastet
habe, um sich selbst zu entlasten (Urk. 57 S. 8), denn D._ hat sich ja vorab
und massgeblich gerade selbst belastet.
- 20 -
Gesamthaft betrachtet ist die (spezielle) Glaubwürdigkeit D._s entgegen dem
Vorbringen der Verteidigung keineswegs als "äusserst gering" (Urk. 25/5, Urk. 59
S. 2), sondern angesichts der sehr starken Selbstbelastung und des nirgends er-
sichtlichen Anlasses für eine Falschbelastung des Beschuldigten aus Feindschaft,
Irrtum oder Angst vielmehr als hoch einzustufen.
1.2.1.2.3. Analyse der Aussagen
Was nun die Würdigung der konkreten Aussagen D._s betrifft, so zerpflückt
die Verteidigung diese akribisch und gelangt zum Schluss, "die sehr vagen und
widersprüchlichen Aussagen von D._" vermöchten - auch im Verbund mit
den übrigen Akten - die dem Beschuldigten vorgeworfenen Widerhandlungen ge-
gen das Betäubungsmittelgesetz nicht rechtsgenügend zu belegen.
Dem ist entgegenzuhalten, dass D._ - nachdem er sich einmal vollständig
zur Belastung des Beschuldigten durchgerungen hatte - konkret, nachvollziehbar
und konstant vorgebracht hat, im zweiten Halbjahr 2009 dem Beschuldigten ein
Mal 500 und zwei Mal 250 Gramm Heroin sowie in zwei bis drei Malen eine grös-
sere Menge Streckmittel (vgl. zur Menge die Erwägungen am Ende dieser Sach-
verhaltswürdigung) verschafft zu haben. Auf Einzelheiten dieser Aussagen wird
im Folgenden näher eingegangen werden.
Zunächst ist festzuhalten, dass der Verteidigung nicht gefolgt werden kann, wenn
sie aus der anfänglichen Bemerkung D._s, dem Beschuldigten "Sugar, nicht
Heroin" geliefert zu haben, ableitet, die Belastungsperson habe widersprüchlich
zuerst von Kokain und erst später von Heroin gesprochen. Es ist gerichtsnotorisch
(und lässt sich übrigens auch im Internet auf zahlreichen Seiten abrufen), dass
der Begriff "Sugar" auch - wenn heutzutage nicht gar in erster Linie - als Synonym
für Heroingemisch benutzt wird. Was D._ hier klarstellen wollte, war denn
auch aller Wahrscheinlichkeit nach nichts anderes, als dass er dem Beschuldigten
nicht hochreines, weisses Kokain geliefert habe, sondern farbiges, bereits mit an-
deren Stoffen versetztes, "Sugar" oder "Brown Sugar" genanntes. Dafür, dass
dem auch so war, spricht unter anderem, dass das ... verkaufte sowie das in der
Wohnung D._s sichergestellte Heroin (je rund 500 Gramm) einen Reinheits-
- 21 -
gehalt von nicht mehr als 60 bzw. 68 % aufwies (Urk. 3/23 S. 2). Es liegt dabei
auch kein Widerspruch zur Aussage D._s vor, das dem Beschuldigten über-
gebene Heroin selbst nicht gestreckt zu haben, denn Heroin wird nicht selten in
ähnlichem Reinheitsgrad importiert, von Zwischenhändlern (wie es D._ war)
weiterverkauft und dann vom Strassendealer auf konsumübliche Qualität ge-
streckt. Hinzuweisen ist schliesslich darauf, dass sich weder aus besagter Einver-
nahme noch aus anderen ergibt, dass während des Verfahrens jemals Unsicher-
heit darüber bestanden hätte, welche Drogenart der Beschuldigte von D._
erhielt - stets war mit Bezug auf den eingeklagten Sachverhalt einzig und allein
von Heroin die Rede. D._ stellte ausserdem auf Frage konkret in Abrede,
dem Beschuldigten jemals Kokain geliefert zu haben (Urk. 3/18 S. 4).
Hinsichtlich der gelieferten Teilmengen ist sodann klarzustellen, dass D._ in
der Befragung vom 22. Januar 2010 zwar zunächst ganz kurz von zwei Überga-
ben à 500 Gramm sprach, diese Aussage aber sofort korrigierte, indem er angab,
es seien beim ersten Mal nicht 500 Gramm gewesen und in der Folge stets nur
noch von einer Lieferung in dieser Grössenordnung sprach. Aus diesem sofort
korrigierten Versehen einen die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen ernsthaft beein-
trächtigenden Widerspruch abzuleiten, ginge zu weit.
D._ räumte sodann Ende Februar 2009 - rund einen Monat, nachdem er
erstmals die beiden genannten Drogenübergaben an den Beschuldigten einge-
standen hatte - ein, dem Beschuldigten weitere 250 Gramm geliefert zu haben.
Dies nachdem ihn der Einvernehmende darauf aufmerksam gemacht hatte, dass
er davon gesprochen habe, von den eigenen Lieferanten jeweils ein Pfund der
Droge erhalten zu haben, jedoch nicht ausgeführt habe, was er denn mit den 250
Gramm, die von den bereits eingestandenen Lieferungen an den Beschuldigten
(von 750 Gramm) übrig geblieben seien, gemacht habe. Daraus erhellt einmal
mehr, dass D._ nicht darauf aus war, den Beschuldigten möglichst stark zu
belasten, sonst hätte er von dieser dritten Heroinübergabe schon früher berichtet.
Festzuhalten ist sodann, dass D._ hernach konstant dabei blieb, dass insge-
samt drei Heroinlieferungen im Gesamtgewicht von rund einem Kilogramm erfolg-
ten, was für die Richtigkeit auch dieser Belastung spricht.
- 22 -
Was die zeitliche Einordnung der Übergaben von Drogen und Streckmittel angeht,
so ist zunächst auf den Einwand der Verteidigung einzugehen, die Anklageschrift,
die den Beginn der Drogenlieferung auf den 2. August 2009 ansetze, decke sich
nicht mit den Angaben D._s, der von mehreren Übergaben schon vor diesem
Datum spreche. Sinngemäss macht sie damit eine Verletzung des Anklageprin-
zips geltend. Das Akkusationsprinzip (Art. 9, Art. 227 Abs. 2 und Art. 250 Abs. 1
StPO) dient sowohl dazu, den Anklagegegenstand zu umgrenzen (Immutabilitäts-
prinzip), als auch dazu, den Beschuldigten kurz, aber gleichzeitig so detailliert,
wie es der ihm zur Last gelegte Tatbestand erfordert, über den ihm vorgeworfe-
nen Sachverhalt zu informieren, damit er sich wirksam dagegen verteidigen kann.
Tatsächlich bestätigte D._ am 17. Februar 2010 in einer verschiedene frühe-
re Befragungen zusammenfassenden polizeilichen Einvernahme den Vorhalt,
dem Beschuldigten vor dem 1. August 2009 zwei Mal Heroin überbracht zu haben
(Urk. 3/17 S. 2). Dieser Vorhalt basierte auf einem Verhör D._s vom 22. Ja-
nuar 2010 (wie dem Verweis "EV vom 22.01.2010" am Ende des Vorhalts zu ent-
nehmen ist). In jener Befragung (Urk. 3/8) gab D._ erstmals zu, dem Be-
schuldigten zwei Mal Heroin übergeben zu haben (die dritte Lieferung erwähnte er
erst in einer späteren Befragung), nachdem ihm Protokolle von Telefongesprä-
chen mit dem Beschuldigten ab dem 31. Juli 2009 vorgehalten worden waren. Al-
lerdings hatte er damals noch erklärt, er glaube nicht, dass sich diese Telefonate
um die beiden Lieferungen gedreht hätten; diese seien im Herbst erfolgt (Urk. 3/8
S. 5f.).
Wenn D._ nun in der Befragung vom 17. Februar 2010 zugab, dass die Lie-
ferungen vor dem 1. August 2009 erfolgt seien (und dies auch in einer staatsan-
waltschaftlichen Einvernahme vom 26. Februar 2010 nicht ausschloss, Urk. 3/18
S. 4), dann ist diese Angabe im Kontext mit seinen weiteren Ausführungen zu se-
hen, wonach ihn seine Lieferanten etwa ab Ende Juli 2009 unter Druck gesetzt
hätten (Einvernahme vom 3. Februar 2010, Urk. 3/12 S. 1) bzw. die Lieferungen
an den Beschuldigten innerhalb rund eines Monats von Ende Juli bis Ende August
2009 erfolgt seien (Konfrontationseinvernahme vom 14. Juli 2010, Urk. 3/22 S. 4)
bzw. die ersten beiden innert zwei Wochen (Einvernahme vom 22. Januar 2010,
- 23 -
Urk. 3/8 S. 7). Ist nun aber der Beginn des Drogenhandels frühestens auf Mitte
bis Ende Juli 2009 anzusiedeln, besteht nur eine sehr geringe zeitliche Differenz
zur Angabe in der Anklagschrift, der Beschuldigte habe nach dem 1. August 2009
Heroin von D._ erhalten. Daraus eine Verletzung des Anklageprinzips abzu-
leiten, wäre wortklauberisch und überspitzt formalistisch. Die Abweichung ist der-
art minim, dass von einer "willkürlichen Missachtung" des Immutabilitätsprinzips
und einer ungenügenden Information des Beschuldigten über den Zeitrahmen
seines strafbaren Tuns nicht die Rede sein kann.
Warum D._ in der Befragung vom 22. Januar 2010 die beiden damals zuge-
gebenen Lieferungen auf "Herbst" terminierte (Urk. 3/8 S. 6) und auch am 22.
Februar 2010 noch einmal von "gegen Herbst" sprach (Urk. 3/18 S. 2), lässt sich
nicht restlos klären. Immerhin gab er in der erstgenannten Befragung, in der er
wie erwähnt erstmals Heroinlieferungen an den Beschuldigten einräumte und von
"Herbst" sprach, auch zu Protokoll, sich nicht mehr zu erinnern, ob er schon am 1.
August 2009 dem Beschuldigten Drogen gebracht habe (Urk. 3/8 S. 5f.), und "ge-
gen Herbst" ist eine Umschreibung, die auch noch mit Lieferungen zwischen Mitte
Juli und Ende August in Einklang gebracht werden kann.
Nach dem Gesagten ist der Deliktszeitraum jedenfalls hinreichend bestimmt und
durch die Anklageschrift noch ausreichend abgedeckt, und besteht kein Anlass,
aus den zeitweise etwas schwammigen Zeitangaben D._s zu schliessen, die
Drogen- und (im gleichen Zeitraum erfolgten) Streckmittellieferungen an den Be-
schuldigten seien eine blosse Erfindung D._s, hätten mithin gar nicht stattge-
funden.
Die Verteidigung moniert sodann, dass sich die Belastungsperson auch hinsicht-
lich der Übergabeorte in Widersprüche verstrickt habe. Tatsache ist, dass
D._ mit einer Ausnahme in allen Einvernahmen erklärte, dem Beschuldigten
das Heroin an seinem Wohnort übergeben zu haben, wobei die Belastungsperson
auch angab, die genaue Adresse nicht zu kennen, aber jeweils gewusst zu ha-
ben, wohin sie gehen müsse (Urk. 3/8 S. 8; Urk. 3/17 S. 2, Urk. 3/21 S. 2, Urk.
3/22 S. 2; zum Wohnort vgl. etwa Urk. 3/18 S. 4). Es schadet mithin nichts, wenn
D._ dabei jeweils von H._ sprach, während der Beschuldigte im nahe
- 24 -
gelegenen E._ wohnte. Nur einmal gab D._ an, der Beschuldigte habe
bei einer Gelegenheit bei ihm Heroin abgeholt (Urk. 3/18 S. 4). Freilich ist davon
auszugehen, dass D._ bei dieser singulären Aussage bloss vermeinte, es
habe sich um eine Heroinübergabe gehandelt. Gemäss seinen Ausführungen
überbrachte er dem Beschuldigten im gleichen Zeitraum, in dem die Heroinliefe-
rungen erfolgte, auch mindestens zwei Mal Streckmittel. Es fanden mithin insge-
samt zumindest fünf Übergaben statt. Die Abholung von Ware bei D._ kann
damit ohne Weiteres Streckmittel betroffen haben. Dass D._ zwischendurch
Schwierigkeiten hatte, die Übergabeorte für Heroin und Streckmittel auseinander-
zuhalten, zeigt sich denn auch darin, dass er in einer Einvernahme - anders als
sonst - ausführte, dem Beschuldigten am 17. August 2009 auf dem Parkplatz in
G._ Heroin übergeben zu haben, um dann zu korrigieren, dass es sich dabei
ja um einen Streckmitteltransfers gehandelt habe (Urk. 3/21 S. 2ff.). Auch aus den
Angaben D._s zu den Übergabeorten lässt sich mithin nicht schliessen, sei-
ne zur Anklage erhobene Darstellung sei unrichtig.
Bezüglich des Kaufpreises der Drogen machte die Belastungsperson von der
Grössenordnung her gleichlautende Angaben, wenn sie auch nicht immer exakt
die gleichen Zahlen nannte.
Nicht völlig klar ergibt sich aus den Aussagen D._s, ob zunächst die 250-
Gramm- oder die 500-Gramm-Lieferung stattfand. Diese Differenz lässt sich nicht
erklären, ist aber auch nicht entscheidend.
Als keineswegs unglaubhaft erweist sich die sich über seine Einvernahmen er-
streckenden Angaben D._s zur Entwicklung der Drogenlieferungen, wonach
der Beschuldigte die erste auf Kommissionsbasis erfolgte Lieferung zunächst
nicht bezahlt habe, D._ - der gegenüber den Lieferanten auch als Bürge für
ihn aufgetreten sei - sich dann dafür eingesetzt habe, dass ihm noch einmal Dro-
gen geliefert würden, der Beschuldigte dieses Heroin dann sehr stark gestreckt
habe, um die Schulden bezahlen zu können (was er dann auch getan habe),
B._ die dritte Lieferung dann aber wieder unbeglichen gelassen habe. Es
kann diesbezüglich auch auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden
(Urk. 36 S. 21f.), denen lediglich beizufügen ist, dass wie erwähnt nicht entschei-
- 25 -
dend ist, ob die erste Lieferung nun 500 Gramm betrug und die zweite 250 oder
umgekehrt. Die Nichtbezahlung der dritten Lieferung kann auch der Grund gewe-
sen sein, weshalb D._ danach von den eigenen Lieferanten kein Heroin für
den Beschuldigten mehr erhielt. Das schliesst nicht aus, dass der Beschuldigte im
Herbst von "I._" Drogen erhielt und D._ in die Eintreibung des Kaufprei-
ses dafür verwickelt war, was aber nicht eingeklagt ist. Durchaus denkbar ist aber
auch, dass D._ selbst (auch im Oktober/November) weitere Lieferungen an
B._ tätigte, die er zum Selbstschutz nicht eingestand, woraus freilich nicht
geschlossen werden könnte, die zugegeben Lieferungen hätten nicht stattgefun-
den.
Zu den Streckmittellieferungen ist abschliessend festzuhalten, dass von jedenfalls
zwei Übergaben auszugehen ist. Was die Menge betrifft, so basiert der in der An-
klageschrift verzeichnete Wert von 4 bis 5 Kilogramm primär auf einer Befragung
vom 3. Februar 2010. D._ hatte dort ausgeführt, der Beschuldigte habe ein-
mal (auf einem Parkplatz in G._) ca. 600 bis 1'000 Gramm erhalten, und er
habe dann noch sicher ein oder zwei Mal geliefert, einmal davon mindestens so
viel, wie die Tasche seines Rechtsanwalts wiege (was 2.8 Kilogramm war), ein
anderes Mal ein halbes bis ein ganzes Kilo (Urk. 3/10 S. 3ff.). Diese Angaben,
wonach es sich um insgesamt 4 bis 5 Kilogramm Streckmittel gehandelt habe,
bestätigte die Belastungsperson, allerdings auf Vorhalt der früheren Aussagen, in
zwei weiteren Befragungen (Urk. 3/17 S. 2, Urk. 3/24 S. 1f.). Für die Lieferung
dieser Menge Streckmittel wurde D._ auch im gegen ihn ergangenen Urteil
bestraft. Anlässlich der Konfrontationseinvernahme, die Mitte Juli 2010, am glei-
chen Tag wie die staatsanwaltschaftliche Schlusseinvernahme stattfand, erklärte
er allerdings einschränkend, sich heute nicht mehr zu erinnern, welche Menge er
geliefert habe; es könnten 1 oder 1 1⁄2 Kilogramm gewesen sein. Die Verteidigung
bringt vor, D._ habe den einvernehmenden Polizeibeamten veräppelt gehabt,
als er am 3. Februar 2010 gesagt habe, eine Lieferung habe so viel gewogen wie
die Aktentasche, da er zuvor die Tasche nicht aufgehoben gehabt habe (Urk. 25/5
S. 5). Das kann der Verteidiger allerdings nicht selbst wahrgenommen haben, war
er doch bei dieser Befragung nicht zugegen. Immerhin ist umgekehrt auch nicht
erstellt - wenn auch ohne Weiteres möglich - dass D._ die Tasche des An-
- 26 -
walts vor seinem Hinweis in der Hand hatte. Unter diesen Umständen ist zuguns-
ten des Beschuldigten von der Mindestangabe D._s auszugehen, wonach er
dem Beschuldigten möglicherweise nur ein Kilogramm Streckmittel übergeben
habe.
1.2.1.2.4. Zusammenfassung
Zusammenfassend ist bezüglich der Aussagen D._s festzuhalten, dass diese
insoweit glaubhaft sind, als er behauptete, dem Beschuldigten frühestens ab ca.
Mitte Juli 2009 innert eines Monats in drei Malen insgesamt rund ein Kilogramm
Heroin (einmal 500 Gramm, zweimal 250 Gramm) zu einem Gesamtkaufpreis von
25'000 bis 29'000 Franken an dessen Wohnort sowie - im gleichen Zeitraum - in
zwei Malen mindestens ein Kilogramm Streckmittel geliefert zu haben.
Dass D._ viele Jahre vor diesen Depositionen einmal falsches Zeugnis in
anderer Sache abgelegt hat, beeinträchtigt zwar die allgemeine Glaubwürdigkeit
der Belastungsperson, schlägt sich aber - den Grundsätzen der modernen Aus-
sagenanalyse folgend - nur noch darin nieder, dass D._s Vorbringen mit be-
sonderer Vorsicht zu durchleuchten sind.
Die Tatsache, dass D._ sich mit seinen hier interessierenden Vorbringen
massiv selbst belastete - basiert doch ein grosser Teil der gegen ihn verhängten
40monatigen Freiheitsstrafe auf diesen Lieferungen - sowie der Umstand, dass
kein nachvollziehbarer Anlass ersichtlich ist, weshalb die Belastungsperson den
Beschuldigten zu Unrecht des beschriebenen strafbaren Verhaltens hätte bezich-
tigen sollen, sprechen stark für die Richtigkeit seiner Sachverhaltsschilderung.
Die Darstellung D._s ist im Kern konstant und nachvollziehbar. Sein Aussa-
geverhalten ist wie gezeigt keineswegs - wie die Verteidigung Glauben machen
will - "völlig zufällig", und es ist auch nicht "in keiner Weise ersichtlich, dass er
sich langsam von Aussage zu Aussage der Wahrheit angenähert hat" (Urk. 25/2
S. 3f., Urk. 59 S. 7). Vielmehr war dies gerade der Fall. Nachdem er zunächst -
sich und indirekt auch den Beschuldigten in Schutz nehmend - jeglichen Handel
mit Drogen und Streckmittel mit B._ in Abrede gestellt hat, rang er sich auf
- 27 -
Vorhalt Verdacht erregender Telefonprotokolle zwischen ihm und B._ zu-
nächst dazu durch, zwei Heroinübergaben (von 250 und 500 Gramm) an den Be-
schuldigten zuzugeben, räumte dann die Streckmitteltransfers (auf die wiederum
Telefonprotokolle und eine polizeiliche Beobachtung hinwiesen) ein und gab
schliesslich - auf Vorhalt seines eigenen Bekundens, halbkiloweise beliefert wor-
den zu sein - die dritte Heroinlieferung (von 250 Gramm) zu. Danach blieb er da-
bei, dem Beschuldigten insgesamt rund ein Kilogramm Heroin in drei Lieferungen
ausgehändigt zu haben.
Wo Widersprüche zu finden sind, lassen sich diese wie im Rahmen der Aussa-
geanalyse aufgezeigt, weitgehend erklären. Die verbleibenden Ungereimtheiten
sind nicht geeignet, die Überzeugung, dass die Sachverhaltsdarstellung des Be-
schuldigten, wie sie eingangs dieser Zusammenfassung dargelegt wurde, den
Tatsachen entspricht, umzustossen.
Alsdann ist die Anklageschrift mit Bezug auf die zeitliche Einordnung der einge-
klagten Taten nicht derart unpräzise, dass das Anklageprinzip als verletzt zu be-
trachten wäre.
1.2.2. Zu den Protokollen der Telefonüberwachung
Aus den Protokollen der genehmigten Telefonüberwachung ergibt sich - wie
meist, wenn es um Betäubungsmittelhandel geht - kein eindeutiger Beweis dafür,
dass D._ dem Beschuldigten Drogen und Streckmittel überbrachte. Als Indi-
zien dafür, dass die Aussagen D._s den Tatsachen entsprechen, taugen sie
indes allemal.
Es fällt auf, dass B._ und D._ oft Unterhaltungen miteinander führten,
wie sie, würde tatsächlich von "Kollegen", "Autos" etc. gesprochen, niemals for-
muliert würden. Diese verklausulierte Sprache - in der notfalls auch ohne weitere
Erklärung von "Dingsda" gesprochen wird - wird bekanntlich gemeinhin unter
Händlern harter Drogen benutzt, in der Annahme, dass damit der wahre Gegen-
stand des Gesprächs verschleiert werden könne.
- 28 -
Insbesondere der Inhalt der Ende Juli und im August 2009 zwischen B._ und
D._ geführten Telefonate (und SMS) lässt sich gut mit den von der Belas-
tungsperson gemachten Angaben vereinbaren. So war etwa mit dem "Dingsda"
bzw. "Kollegen", von denen in Gesprächen vom 31. Juli und 1. August 2009 die
Rede war, mit allergrösster Wahrscheinlichkeit Heroin, das D._ B._
bringen sollte, gemeint (und nicht eine Person oder eine Pistole). Ebenfalls spra-
chen die beiden mit überaus hoher Wahrscheinlichkeit von einer unlängst erfolg-
ten grösseren Heroinlieferung D._s an den Beschuldigten, der die Drogen
(an "K._") weitergab, aber dafür nicht bezahlt wurde, weshalb B._ wie-
derum D._ nicht bezahlen konnte. Ins Bild passt, dass der Beschuldigte
D._ aufgeregt und recht detailliert informiert, und Letzterer - der ein Interesse
daran hat, für seine Lieferung entschädigt zu werden - sich in einigen Telefonaten
recht engagiert zeigt.
Hingegen erscheint die Erklärung des Beschuldigten in der Befragung vom 23.
Juni 2010, es sei bei den ihm vorgehaltenen Telefonaten bloss um die Beschaf-
fung von etwas Kokain für den Eigenkonsum für sich und D._ gegangen, für
welches D._ hätte Geld bringen sollen bzw. um die Rückgabe schlechten
Kokains, das D._ bezahlt gehabt habe (Urk. 2/5 S. 20ff.), angesichts der Ge-
sprächsinhalte und -verläufe als wenig plausibel. Die mangelnde Nachvollzieh-
barkeit seiner Darstellung war offensichtlich auch dem Beschuldigten bewusst,
weshalb er in der Detailbefragung zu den Telefongesprächen und SMS - um eine
auch nur einigermassen passable Auskunft verlegen - bemerkenswert oft einfach
geltend machte, sich nicht mehr zu erinnern (etwa, was mit dem verwendeten
Wort "Kollege" gemeint gewesen sei). Bemerkenswert ist auch, dass B._
(bereits) in der Einvernahme vom 29. Juni 2010 von der Rückgabe schlechten
Kokains nichts mehr verlauten liess, angeblich, weil er wegen der langen Haft
vergesslich geworden sei (Urk. 2/7 S. 5). Bemerkenswert ist sodann, dass der
Beschuldigte nach Rücksprache mit dem Verteidiger in der Befragung vom 23.
Juni 2010 seine Darstellung dahingehend erweiterte, als er nunmehr erklärte,
D._ habe "K._" (direkt) Heroin in Kommission geliefert, dieser aber nicht
bezahlt, wonach D._ den Beschuldigten - den er in der Hand gehabt habe,
weil er ihm immer wieder Geld schuldig gewesen sei - zur Schuldeneintreibung in
- 29 -
die Sache hineingezogen habe. Das bestätigte er auch in der Einvernahme vom
29. Juni 2010 (Urk. 2/7 S. 6), wobei er die seltsame Ergänzung anbrachte,
D._ habe ihm nicht gesagt, wie viel er von "K._" verlangen müsste.
Beim Telefongespräch vom 12. August 2009, 17:33 Uhr, zwischen D._ und
B._ geht es sodann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht
um die Zubereitung von Sandwiches, sondern - wie selbst die Verteidigung ein-
räumen musste (Urk. 25/5 S. 4, Urk. 59 S. 5) - um die Streckung von Drogen. Das
korreliert mit der Angabe D._s, der Beschuldigte habe Drogen möglichst
stark strecken wollen, um seine Schulden aus früherer Heroinlieferung decken zu
können. Wenn der Beschuldigte bzw. dessen Verteidiger behauptet, es habe sich
bei diesem Telefonat um die Beschaffung und das Strecken für den Eigenge-
brauch (und allenfalls denjenigen D._s) bestimmtes Kokain gehandelt, wobei
man "ein bisschen Gewinn" habe machen wollen, damit man auch für einen Koka-
in konsumierenden Bekannten namens "..." etwas besorgen zu könne, (Urk. 25/5
S. 4, Urk. 2/1 S. 2, Urk. 2/5 S. 12f. und 37f.), dann liegt nach dem bereits zur tele-
fonischen Kommunikation Ausgeführten nahe, dies eine blosse Schutzbehaup-
tung war.
Die Telefongespräche vom 17. August 2009, als sich B._ und D._ für
eine (von der Polizei beobachtete) Übergabe auf einem ...-Parkplatz bei G._
trafen, lässt sich gut mit dem Vorbringen D._s, es sei dort um einen Streck-
mitteltransfer gegangen, vereinbaren. Hingegen erscheint als alles andere als
plausibel, dass der Beschuldigte, wie er behauptete, den von ihm behaupteten
Aufwand betrieb, nur um in L._ gekaufte und dann im Auto D._s - den er
zufällig vor dem ... [Einkaufsladen] getroffen habe - vergessene Esswaren abzu-
holen, die ihm D._ nicht nach Hause habe bringen wollen (Urk. 2/6 S. 1ff.,
Urk. 2/10 S. 2). Für diese Aktion benötigte der Beschuldigte nämlich eigens einen
Chauffeur, da er selbst nicht im Besitz eines Führerausweises war. Nicht zur be-
haupteten Lebensmittelübergabe passen will auch, dass D._ B._ telefo-
nisch instruierte, aus dem Kofferraum des verlassenen Autos von D._ die
Ware zu nehmen und dann wegzufahren (Gespräch von 18:17 Uhr). Als an den
Haaren herbeigezogen erscheint die Erklärung des Beschuldigten, D._ habe
- 30 -
ihm vielleicht diese Instruktion erteilt, weil er aus unbekanntem Grund "wütend"
gewesen sei (Urk. 2/6 S. 6). Naheliegender ist, dass D._ nicht bei einer
Übergabe von Streckmittel an den Beschuldigten gesehen werden wollte.
1.2.3. Aussagen des Beschuldigten
Auf die unplausiblen Aussagen des Beschuldigten wurde teilweise bereits einge-
gangen. Dem ist wenig beizufügen.
B._ hat die eingeklagten Betäubungsmitteltaten von Beginn weg bestritten
(Urk. 2/1 S. 4; Urk. 2/2 S. 9ff.; Urk. 2/3 S. 1f.; Urk. 2/5 S. 12ff.; Urk. 2/6 S. 11f.;
Urk. 2/9 S. 4f.; Urk. 2/10 S. 1; Urk. 2/12 S. 1f.; Urk. 2/14 S. 4f.; Urk. 25/1 S. 8ff.,
Urk. 57 S. 6f.). Er räumte immerhin ein, D._ und dessen Freundin I._ zu
kennen und mit ihnen zu verkehren und erklärte wie erwähnt verschiedentlich, es
sei nie zu Unstimmigkeiten oder Problemen zwischen ihm und D._ gekom-
men, um dann gleichwohl zu behaupten, weil der Beschuldigte I._ nicht bei
sich übernachten lassen habe, seiner Familie kein Darlehen über mehrere tau-
send Franken gegeben habe, oder - als absurdestes Vorbringen - aus Eifersucht,
weil der Beschuldigte es geschafft habe, von den Drogen wegzukommen, habe
D._ ihn falsch angeschuldigt. Dazu wurde bereits Stellung genommen.
B._ gab auch zu, bei D._ Schulden gehabt zu haben, die er allerdings
zunächst auf einmal Fr. 800.- bezifferte, welche nichts mit Drogengeschäften zu
tun haben sollen (Urk. 2/1 S. 2f. und 5, Urk. 2/3 S. 2). Später gab er an, "immer
wieder" von D._ Geld gehabt zu haben, das er ihm habe zurückgeben müs-
sen, weswegen er gewissermassen von ihm abhängig gewesen sei (Urk. 2/5 S.
28f. und 32).
Gesamthaft betrachtet erweisen sich die Bestreitungen des Beschuldigen als
nicht geeignet, die glaubhaften Belastungen D._s nicht ins Wanken zu brin-
gen.
Erstellt ist damit der Sachverhalt, wie er unter Ziff. II.1.2.1.2.4, 1. Absatz, darge-
legt wurde. Auch wenn damit die Übergabe von insgesamt rund einem Kilogramm
- 31 -
Heroin erstellt ist, darf aufgrund des Verbots der reformatio in peius bei der recht-
lichen Würdigung und der Strafzumessung nur von einer Lieferung von insgesamt
rund 750 Gramm Heroin ausgegangen werden, da die diesbezügliche Sachver-
haltserstellung der Vorinstanz (Urk. 36 S. 24) und der in tatsächlicher Hinsicht
entsprechend eingeschränkte Umfang des Schuldpunktes von der Staatsanwalt-
schaft nicht angefochten wurde.
1.3. Rechtliche Würdigung
Die rechtliche Würdigung, wie sie durch die Vorinstanz vorgenommen wurde, trifft
zu. Zu ergänzen ist, dass am 1. Juli 2011 die revidierte Fassung von Art. 19
BetmG in Kraft getreten ist. Weil das neue Recht für den vorliegenden Fall nicht
das mildere ist, gelangt jedoch das alte BetmG zur Anwendung (Art. 26 BetmG in
Verbindung mit Art. 2 StGB).
Der Beschuldigte ist damit der mehrfachen Widerhandlung gegen Art. 19 Ziff. 1
Abs. 5 in Verbindung mit Ziff. 2 lit. a aBetmG schuldig zu sprechen.
Weiter ist zu präzisieren, dass der Tatbestand des Art. 19 Ziff. 1 Abs. 5 in Verbin-
dung mit Ziff. 2 lit. a aBetmG nur durch den Erhalt des Heroins, nicht aber des
Streckmittels, erfüllt wurde. Wer Stoffe, die zur Streckung und damit zur Verarbei-
tung von Betäubungsmitteln geeignet sind, sich beschafft, lagert oder an Dritte
abgibt, trifft dadurch nur dann im Sinne von Art. 19 Ziff. 1 Abs. 6 aBetmG Anstal-
ten zu einer Widerhandlung gemäss Art. 19 Ziff. 1 Abs. 1-5 aBetmG, wenn er
nach seinem Plan eine solche Widerhandlung - insbesondere das Strecken von
Betäubungsmitteln - selber als Täter oder Mittäter begehen will. Ist dies nicht der
Fall, bleibt unter bestimmten - hier nicht gegebenen - Voraussetzungen eine Ver-
urteilung wegen Gehilfenschaft zu einer Widerhandlung gemäss Art. 19 Ziff. 1
Abs. 1-5 aBetmG oder wegen Gehilfenschaft zum Anstalten-Treffen zu einer sol-
chen Widerhandlung möglich (BGE 130 IV 131). Vorliegend wird von der Anklage
ein Anstalten-Treffen zum Strecken weiterer Drogen durch den Beschuldigten
nicht umschrieben. Nach dem Anklagegrundsatz fällt deshalb eine zusätzliche
Verurteilung des Beschuldigten wegen Besitzes von Streckmitteln ausser Be-
- 32 -
tracht. Die Übernahme des Streckmittels als solche ist damit ohne rechtliche Be-
deutung (vgl. auch Fingerhuth/Tschurr, BetmG, Zürich 2007, Art. 19 N 9).
- 33 -
2. Versuchter Mord bzw. versuchte vorsätzliche Tötung bzw. versuchte schwere
Körperverletzung (Nachtragsanklage Ziffer I)
2.1. Anklagevorwurf
Dem Beschuldigten wird unter Ziffer I der Nachtragsanklage zusammengefasst
vorgeworfen, er habe sich am 14. September 2010, zwischen 17.00 und 23.00
Uhr, an den Wohnort seiner (früheren) Lebenspartnerin C._ in E._ be-
geben. Aufgrund von Telefongesprächen mit der Nachbarin M._ darum wis-
send, dass sich auch der (zumindest vermeintliche) Nebenbuhler A._ in der
Wohnung aufhielt, habe er geplant, A._ zu eliminieren. Die Tat vorbereitend
habe er sich in den Keller der Liegenschaft begeben, dort zur Verdunkelung ins-
gesamt vier Glühbirnen aus der Fassung geschraubt und dann, bewaffnet mit ei-
nem nicht näher bekannten scharfen Gegenstand, hinter der Türe im Zweiradkel-
ler auf A._ gewartet, davon ausgehend, dass dieser das Haus wie gewöhn-
lich durch den Keller in die Garage verlassen würde. Um bei einem Scheitern des
Vorhabens von A._ nicht mit dem Wagen verfolgt werden zu können, habe er
ausserdem den rechten Vorderpneu von dessen Auto zerstochen und den linken
Vorderpneu angeritzt. Als der ahnungslose A._ schliesslich um ca. 23.15 Uhr
mit einer Wäschezeine in den Händen in den Fahrradkeller eingetreten sei, sei
der Beschuldigte hinter der Tür hervorgetreten, habe A._ von hinten am lin-
ken Arm gepackt und ihm sofort und ohne ein Wort zu sagen mit dem scharfen
Gegenstand mindestens einmal bewusst einen wuchtigen Stich in den rechten
mittleren Unterbauch versetzt. Bei diesem Angriff habe der Beschuldigte um die
möglicherweise tödlichen Folgen für A._ gewusst und diese Todesfolge ge-
wollt. Der Stich habe zu einer mindestens 5 cm tiefen und 2 cm breiten Stichver-
letzung mit Austritt des grossen Netzes aus dem Bauchraum geführt. Hernach
habe sich der Beschuldigte, ohne sich um das verletzte Opfer zu kümmern, mit
seinem Fahrzeug davon gemacht.
Mit dem beschriebenen Verhalten habe der Beschuldigte den Tatbestand des
versuchten Mordes im Sinne von Art. 112 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB erfüllt.
- 34 -
2.2. Sachverhalt
Der Beschuldigte hatte in der Untersuchung den Sachverhalt vollumfänglich be-
stritten. Er behauptete, im Tatzeitpunkt gar nicht vor Ort gewesen zu sein (Urk. 24
HD 5/2 S. 6ff.; Urk. 24 HD 5/3 S. 2f.; Urk. 24 HD 5/4 S. 6f.; Urk. 24 HD 5/6 S. 2ff.).
In der erstinstanzlichen Hauptverhandlung räumte er dann ein, den Stich appli-
ziert zu haben (Urk. 25/1 S. 10ff.). Allerdings machte er geltend, sich nur im von
ihm verdunkelten Keller aufgehalten zu haben, weil er habe abwarten wollen, bis
A._ das Haus verlassen habe, um dann mit seiner ehemaligen Lebenspart-
nerin C._ über die Beziehung zwischen ihr und dem Beschuldigten und eine
allfällige Fortsetzung des Zusammenlebens in der Wohnung zu sprechen. Er sei
grundsätzlich davon ausgegangen, A._ verlasse die Liegenschaft nicht durch
den Keller. Als dieser dann doch hinunter gekommen sei, sei der Beschuldigte
vom Korridor in den Veloabstellraum gegangen, in der Hoffnung, dass ihn
A._ dort übersehen würde. Doch plötzlich hätten sich ihre Blicke getroffen
bzw. seien sie aufeinander gestossen. A._ habe - wie B._ im leicht von
aussen beleuchteten Raum gesehen habe - eine Handbewegung in Richtung
Bauchgegend gemacht und eine Pistole gezogen, wonach ein Handgemenge
entstanden sei. Der Beschuldigte habe A._ verängstigt am bewaffneten Arm
festgehalten, worauf die Pistole zu Boden gefallen sei und der Beschuldigte sie
mit dem Fuss habe wegtreten können. Sie hätten beide gekämpft und seien dabei
auf den Boden gefallen. Es sei alles sehr schnell gegangen. Irgendwie müsse er
dann das kleine Sackmesser, dass er in der Hosenbeintasche auf sich getragen
habe, geöffnet haben. Wie es zum Stich gekommen sei, könne er nicht mehr sa-
gen. Einen Wäschekorb und geglättete Hemden in den Händen A._s habe er
im Übrigen nicht gesehen, und er habe auch den Pneu an dessen Auto nicht zer-
stochen. Er sei dann geflüchtet und habe später das Messer weggeworfen. Den
selben Ablauf schilderte der Beschuldigte anlässlich der Berufungsverhandlung
(Urk. 57 S. 9ff.).
Die Vorinstanz hat unter Berücksichtigung der gesamten Aktenlage eine einge-
hende und überzeugende Sachverhaltswürdigung vorgenommen (Urk. 36 S.
- 35 -
25ff.), auf die verwiesen werden kann, soweit davon im Folgenden nicht abgewi-
chen wird.
Das Bezirksgericht hat sich insbesondere auch mit der in der Hauptverhandlung
neu vorgebrachten Sachverhaltsversion des Beschuldigten auseinandergesetzt
und zutreffend erwogen, dass dieser kein Glauben geschenkt werden kann. In der
Tat ist schon nicht nachvollziehbar, dass der Beschuldigte sich - den Aufwand des
Herausschraubens der Glühbirnen erbringend - im Keller aufgehalten hätte, wenn
er bloss nach dem Weggang A._s mit C._ hätte sprechen wollen, wie er
auch anlässlich der Berufungsverhandlung ausführte (Urk. 57 S. 9f.). Genauso
gut hätte er in der Umgebung der Liegenschaft (versteckt) warten können. Zumin-
dest wäre aber zu erwarten gewesen, dass er sich in einem Kellerraum versteckt
hätte, bei dem er nicht annehmen musste, dass er auf A._ stossen würde,
von dem er wusste, dass er sich des Öfteren durch Korridor und Veloraum ins
Freie begab (Urk. 24 HD 6/3 S. 8). Genau in diesen Bereichen hielt sich der Be-
schuldigte aber auf. Wenn er tatsächlich angenommen hätte, dass A._ das
Haus durch die normale Haustüre, also die Aussentüre verlassen würde, wie er
anlässlich der Berufungsverhandlung behauptete (Urk. 57 S. 12 und S. 16), hätte
er die Glühbirnen nicht aus der Fassung zu schrauben brauchen. Sodann leuchtet
nicht ein, wie A._, der gemäss den übereinstimmenden und glaubhaften
Aussagen seiner selbst und von C._ einen Wäschekorb trug (und allenfalls
auf der anderen Seite noch Wäsche in der Hand hatte [Urk. 24 HD 6/2 S. 6]), un-
vermittelt eine Waffe hätte ziehen können. Eine im Hosenbund getragene Pistole
wäre C._ auch fraglos aufgefallen. Ferner wäre in einem solchen Fall zu er-
warten gewesen, dass sich der Beschuldigte, der seinen Aussagen zufolge ein
gutes Verhältnis mit A._ gehabt haben will, sofort zu erkennen gegeben hät-
te, um weiteres Ungemach abzuwenden, was getan zu haben er aber selbst nicht
behauptet. Vielmehr soll es sofort zu einem Gerangel gekommen sein, bei dem er
A._ die Waffe habe entwinden können und beide zu Boden gegangen seien.
Wie der Beschuldigte in einer solchen Situation in der Lage gewesen sein könnte,
ein - angeblich erst noch kleines - Sackmesser aus der Hosenbeintasche zu klau-
ben und dieses - was Konzentration und Zeit erfordert - im Halbdunkel zu öffnen,
um sich dann stechend zu wehren, ist nicht nachvollziehbar. Sollte A._ - wie
- 36 -
der Beschuldigte an der Berufungsverhandlung geltend machte (Urk. 57 S. 12) -
diesen erkannt haben, ist nicht einzusehen, aus welchem Grund A._ den Be-
schuldigten hätte angreifen sollen, waren sie doch nicht zerstritten. Kommt hinzu,
dass nicht einzusehen ist, weshalb der Beschuldigte (was er vor Vorinstanz noch
bestritt, heute aber nicht mehr angefochten ist) einen Pneu am Wagen A._s
hätte zerstechen sollen, wenn es ihm doch gerade darum ging, dass A._ sich
entfernen würde, damit er allein mit C._ reden könne, was so nicht gewähr-
leistet war. Die Behauptung des Beschuldigten, wonach A._ selber den Pneu
zerstochen habe (Urk. 57 S. 11), ergibt sodann keinen Sinn.
Auszugehen ist denn auch davon, dass der äussere Sachverhalt, wie er eingangs
(oben Ziff. II.2.1) und in der Nachtragsanklageschrift geschildert ist, den Tatsa-
chen entspricht. Als erstellt ist insbesondere auch zu betrachten, dass der Be-
schuldigte mit Wissen und Willen an der in der Anklageschrift bezeichneten Stelle
auf das Opfer einstach.
Offen bleiben muss dabei, womit der Beschuldigte das Opfer verletzte. Zwar
sprach er selbst in der Hauptverhandlung von einem "kleinen Sackmesser". Er will
dieses - weshalb auch immer - nach der Tat weggeworfen haben. Bei seiner Tat-
mittelangabe handelt es sich mithin um eine blosse, durch nichts belegte Behaup-
tung, der nicht ohne Weiteres zugunsten des Beschuldigten, der bei seiner Sach-
verhaltsschilderung immer wieder log, zu folgen ist. Die Tiefe der Wunde von im-
merhin 5 cm und deren Breite von 2 cm spricht denn auch jedenfalls dagegen,
dass es sich beim verwendeten Schneidewerkzeug um ein sehr kleines (für den
Schlüsselanhänger geeignetes) Taschenmesser handelte, weisen diese Schnei-
dewerkzeuge doch eine so kurze Klinge auf, dass ein derart tiefer Einstich kaum
möglich ist. Anlässlich der Berufungsverhandlung räumte der Beschuldigte so-
dann auch ein, dass es sich dabei um ein normales Schweizer Sackmesser ge-
handelt habe (Urk. 57 S. 8).
Was das - für die nachfolgende rechtliche Würdigung bedeutsame - Motiv betrifft,
so hat die Vorinstanz zutreffend hergeleitet, weshalb mit der Anklagebehörde da-
von auszugehen ist, der Beschuldigte habe aus Eifersucht auf die von ihm ange-
nommene (möglicherweise aber nur vermeintlich bestehende) Liebesbeziehung
- 37 -
zwischen C._ und A._ gehandelt (Urk. 36 S. 41f.). Nicht rechtsgenü-
gend erstellen lässt sich hingegen, dass sich der Beschuldigte mit dem Stich auch
dafür an A._ rächen wollte, dass dieser ihn des Drogenhandels bezichtigt
hatte.
Wie es um den (weiteren) inneren Sachverhalt bestellt ist, wird zur Vermeidung
von Wiederholungen im Rahmen der nachfolgenden rechtlichen Würdigung ge-
prüft werden.
2.3. Rechtliche Würdigung
2.3.1. Standpunkt der Parteien
Die Staatsanwaltschaft wertete das Verhalten des Beschuldigten vor Vorinstanz
als versuchten Mord im Sinne von Art. 112 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB, eventualiter versuchte vorsätzliche Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB (Urk. 37 S. 1; vgl. auch Urk. 24 HD 31 S. 10),
änderte ihren Standpunkt jedoch anlässlich der Berufungsverhandlung und bean-
tragte eine Verurteilung wegen versuchter vorsätzlicher Tötung im Sinne von Art.
111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB (Urk. 58 S. 1).
Demgegenüber beantragt die Verteidigung, der Beschuldigte sei in Übereinstim-
mung mit dem erstinstanzlichen Urteil der versuchten schweren Körperverletzung
im Sinne von Art. 122 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig
zu sprechen (Urk. 43 S. 2, Urk. 25/5 S. 1, Urk. 59 S. 1).
2.3.2. Rechtliche Würdigung
2.3.2.1. Objektiver Tatbestand
Dass in objektiver Hinsicht lediglich eine einfache Körperverletzung im Sinne von
Art. 123 Abs. 1 StGB vorliegt, hat die Vorinstanz - gestützt auf das Gutachten des
Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zürich (Urk. 24 HD 12/9) - wohlbegrün-
det dargelegt und ist im Übrigen unbestritten (Urk. 36 S. 44).
- 38 -
Der Tatbestand der schweren Körperverletzung, der vorsätzlichen Tötung oder
des Mordes kann daher vorliegend nur im Sinne einer versuchten Tatbegehung
gemäss Art. 22 StGB erfüllt sein.
2.3.2.2. Subjektiver Tatbestand
2.3.2.2.1. (Eventual-)Vorsatz auf Tötung
Gemäss Art. 12 Abs. 2 StGB begeht ein Verbrechen oder Vergehen (direkt) vor-
sätzlich, wer die Tat mit Wissen und Willen ausführt (Satz 1). Die Staatsanwalt-
schaft warf dem Beschuldigten schon vor Vorinstanz nicht direkten, sondern
Eventual-Vorsatz auf Tötung vor (Urk. 25/3 S. 11f. und 16). Auch aus der Beru-
fungserklärung der Staatsanwaltschaft und dem heutigen Plädoyer ergibt sich
nichts anderes (Urk. 37 S. 2, Urk. 58 S. 3ff.). Tatsächlich kann dem Beschuldigten
nicht nachgewiesen werden, dass es sein Ziel war, A._ zu töten. Hätte er
dies gewollt, wäre er wohl "auf Nummer sicher" gegangen und hätte mehrfach auf
das Opfer eingestochen. Auch die Tatsache, dass er einen Pneu am Auto des
Privatklägers zerstach, um die Verfolgung zu verunmöglichen, deutet eher darauf
hin, dass er keine Tötung anstrebte, wenngleich diese Sachbeschädigung auch
darin begründet gewesen sein kann, dass der Beschuldigte damit rechnete, dass
der Stich aus irgendeinem Grund fehl gehen könnte.
Eventualvorsätzlich handelt, wer die Verwirklichung der Tat für möglich hält und in
Kauf nimmt (Satz 2). Der Täter strebt also den Erfolg nicht an, sondern weiss le-
diglich, dass dieser möglicherweise mit der willentlich vollzogenen Handlung ver-
bunden ist. Eventualvorsatz ist zu bejahen, wenn der Täter den Erfolg für den Fall
seines Eintritts in Kauf nimmt, sich mit ihm abfindet, mag er ihm auch uner-
wünscht sein. Für den Nachweis des Vorsatzes kann sich das Gericht, soweit der
Täter insoweit nicht geständig ist, regelmässig nur auf die Umstände - äusserlich
feststellbare Indizien und Erfahrungsregeln - stützen, die ihm Rückschlüsse auf
die innere Einstellung des Täters erlauben. Dazu gehören die Grösse des dem
Täter bekannten Risikos der Tatbestandsverwirklichung, die die Schwere der
Sorgfaltspflichtsverletzung, die Beweggründe des Täters und die Art der Tathand-
lung. Je grösser die Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung ist und je
- 39 -
schwerer die Sorgfaltspflichtverletzung wiegt, desto eher darf gefolgert werden,
der Täter habe die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen. Der Richter
darf also vom Wissen des Täters auf den Willen schliessen, wenn sich dem Täter
der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich aufdrängte, dass die Bereitschaft, ihn
als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise nur als Inkaufnahme des Erfolgs aus-
gelegt werden kann. Eventualvorsatz kann indes auch vorliegen, wenn der Eintritt
des tatbestandsmässigen Erfolgs nicht in diesem Sinne sehr wahrscheinlich, son-
dern bloss möglich war. Doch darf dann nicht allein aus dem Wissen um die Mög-
lichkeit des Erfolgseintritts auf dessen Inkaufnahme geschlossen werden. Viel-
mehr müssen weitere Umstände hinzukommen (BGE 572/2011 vom 20. Dezem-
ber 2011 E. 2.1.2; BGE 6B_788/2008 vom 26. Dezember 2008 E 1.2; BGE
635/2009 vom 19. November 2009 E 3.2; BGE 134 IV 26 E. 3.2.2; BGE 131 IV 1
E. 2.2; BGE 130 IV 58 E. 8.2).
Dass der Beschuldigte bei seinem Messerstich jedenfalls in Kauf nahm, A._
eine schwere Verletzung zuzufügen, ist unbestritten und braucht daher hier nicht
weiter erörtert zu werden.
Fraglich ist, ob der Eventualvorsatz sogar auf Tötung ging.
Das Bundesgericht führte in einem Entscheid vom 28. Februar 2010 aus, auch
Stichverletzungen im Bauchbereich könnten ohne Weiteres tödliche Verletzungen
herbeiführen, und schon ein einziger Stich lasse es zu, auf eventualvorsätzliche
Tötung zu erkennen (BGE 6B_829/2010 E. 3.2). Das Opfer hatte mit dem Arm ei-
nen Stich abgewehrt, den der Täter mit einem Küchenmesser auf den Oberkörper
(Brust- oder Bauchbereich) hatte ausführen wollen.
In BGE 6B_635/2009 vom 19. November 2009 erwog das Bundesgericht, dass
bei einem Messerstich in Rücken und Hals das Risiko der Tatbestandsverwirkli-
chung, d.h. des Eintritts des Todes, insbesondere bei einer langen Messerklinge
als hoch einzustufen sei. Dem Täter müsse sich beim Stich die Möglichkeit tödli-
cher Verletzungen als so wahrscheinlich aufgedrängt haben, dass sein Handeln
als Billigung dieses Erfolgs ausgelegt werden müsse. Er hatte eine 10 cm tiefe
- 40 -
Wunde in der Nierengegend des Opfers verursacht und auf dessen Hals einzu-
stechen versucht.
In BGE 6B_788/2008 vom 26. Dezember 2008 gelangte das Bundesgericht zum
Schluss, es sei offensichtlich, dass derjenige, der einen anderen mit Kraftaufwand
gezielt in den Bauch und den Rücken steche, wisse, dass das Opfer sterben
könnte, und dass er den Tod für den Fall, dass er eintritt, auch in Kauf nehme (E.
1.3). Der Täter hatte einen 10 cm langen Stich in den Rücken in Wirbelsäulennä-
he appliziert und mit einem Bauchstich die Leber touchiert.
In BGE 6B_572/2011 vom 20. Dezember 2011 hatte der Täter dem Opfer mit ei-
nem Küchenmesser gezielt und 8 bis 10 cm tief in die linke Seite des Bauches
(unter dem linken Rippenbogen) gestochen. Das Bundesgericht erwog, solche
Stiche mit einem Messer seien in aller Regel geeignet, jemanden zu töten.
In BGE 6S.224/2005 hatte der Täter ein Messer mit 8 bis 10 cm Klingenlänge in
den Bauch des Opfers gestossen und dabei eine Arterie im Bauchraum und den
Dickdarm verletzt. Das Bundesgericht bestätigte den Entscheid der Vorinstanz,
wonach Eventualvorsatz auf Todesfolge gegeben sei.
Es kann wie erwähnt nicht erstellt werden, dass der Beschuldigte anstrebte,
A._ zu töten. Es war für ihn aber klar, dass das Opfer durch den 5 cm in den
Bauch eindringenden Stich in den Bauch sterben könnte. Die Wahrscheinlichkeit
des Todeseintritts war hoch, erfolgte der Einstich doch in einem bekanntermassen
sensiblen Körperbereich, in dem sich - nur 1 bis 4 cm von der Verletzungsstelle
entfernt - gemäss ärztlichem Befund des ...spitals ... lebenswichtige Struktu-
ren/Organe bzw. gemäss Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin der Universi-
tät Zürich wichtige Organe und Blutgefässe, deren Verletzung eine unmittelbare
Lebensgefahr hervorgerufen hätte, befinden (Urk. 24 HD 12/2 und 12/9). Abgese-
hen davon, dass ihm chirurgische Kenntnisse fehlten, die ihm erlaubt hätten, ge-
nau so zuzustechen, dass kein lebenswichtiges Organ und keine verblutungsge-
fährlichen Gefässe getroffen würden, konnte der Beschuldigte im Halbdunkel -
selbst wenn seine Augen bereits an die Lichtverhältnisse adaptiert waren - auch
nicht genau steuern, wo und wie tief er den Körper des Opfers treffen würde.
- 41 -
Deutlich erhöht wurde das Risiko des Todeseintritts dadurch, dass B._ die
Tat nur eine dreiviertel Stunde vor Mitternacht im Veloraum beging, mithin zeitlich
und örtlich so, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der Verletzte von Hausbewoh-
nern zufällig entdeckt worden wäre, gegen Null ging. Hätte das Opfer bei der Be-
gegnung mit B._ nicht geschrien (was ohne Weiteres vorstellbar ist, denn
nicht jeder, der überrascht wird, schreit) und wäre es nach einem Stich infolge ei-
ner starken inneren Blutung bewusstlos oder sonstwie reaktionsunfähig gewor-
den, wäre es schlicht verblutet. Dem Beschuldigte waren dabei diese zeitlichen
und örtlichen Umstände fraglos bewusst.
Soweit die Vorinstanz erwägt, es spreche gegen Eventualvorsatz auf Tötung,
dass der Beschuldigte A._ einzig "mehr oder weniger gezielt in den rechten
Unterbauch stach", während er das Opfer auch an anderer (gemeint: eher zum
Tod führender) Körperstelle wie Hals oder "Oberkörper" (gemeint offenbar: Lun-
gen/Herzbereich, denn der Stich des Beschuldigten erfolgte in den von der Hüfte
bis zum Bauch reichenden Oberkörperbereich, vgl. auch Urk. 24 HD 4/1f., HD
12/2 und HD 12/9) hätte verletzen können, kann ihr nicht gefolgt werden. Entge-
gen der Auffassung der Verteidigung (Urk. 59 S. 13) ist davon auszugehen, dass
jedermann - ohne dass es einer besonderen Intelligenz bedarf (BGE
6B_829/2010 E. 3.2 mit Verweis auf BGE 109 IV 5) - klar ist, dass ein Stich in den
Bauch genauso zum Tode führen kann.
Gleich verhält es sich mit dem Argument, der Beschuldigte habe nur einmal, nicht
mehrfach, zugestochen. Auch das spricht wie erwähnt gegen eine direktvorsätzli-
che Tötung. Ein einzelner Stich in den Bauchbereich kann aber ohne Weiteres
genügen, um eine tödliche Verletzung herbeizuführen.
Dass der Beschuldigte ein grösseres Messer hätte verwenden können, spricht
ebenfalls nicht gegen Eventualvorsatz im vorliegenden Fall. Zwar ist nicht genau
bestimmbar, was für einen scharfen Gegenstand der Beschuldigte verwendete.
Es handelte sich dabei aber offenbar um ein klappbares Messer, wie den insofern
glaubhaften Aussagen des Beschuldigten zu entnehmen ist. Dieses war von der
Beschaffenheit jedenfalls geeignet, den Tod durch einen Bauchstich zu bewirken,
wie nicht zuletzt die Tiefe des Stichkanals in Verbindung mit den ärztlichen Unter-
- 42 -
lagen und dem IRM-Gutachten zeigt. Es ist jedenfalls gerichtsnotorisch, dass ein
mit einem normalen Schweizer Sackmesser ausgeführter Stich ohne Weiteres ei-
ne tödliche Verletzung verursachen kann.
Dass die Sorgfaltspflichtsverletzung überaus hoch war, versteht sich von selbst
und bedarf daher keiner weiteren Begründung.
Der Beschuldigte handelte - zumindest primär - aus Eifersucht. Er trachtete da-
nach, ihm und indirekt auch seiner früheren Lebenspartnerin eine Lektion dafür zu
erteilen, dass sie (gemäss Anklageschrift allerdings nur vermeintlich) eine Liebes-
beziehung zueinander aufgebaut hatten.
In Würdigung der gesamten Umstände ist davon auszugehen, dass sich dem Be-
schuldigten aufgedrängt haben muss, dass mit seinem Tun ein hohes Risiko ver-
bunden war, dass A._ sterben würde. Auch wenn ihm dies nicht geradezu
gelegen kam, fand er sich damit ab. Er nahm beim Stich den möglichen Tod des
Opfers billigend in Kauf und handelte damit eventualvorsätzlich.
Der Beschuldigte hat die strafbare Tätigkeit zwar zu Ende geführt, doch ist der zur
Tat gehörende Erfolg nicht eingetreten (kam es vielmehr wie gezeigt nur zu einer
einfachen Körperverletzung), weshalb versuchte Tatbegehung im Sinne von Art.
22 Abs. 1 StGB vorliegt. Es liegt damit eine (eventualvorsätzlich begangene) ver-
suchte Tötung vor.
2.3.2.2.1. Anwendbarer Tötungs-Tatbestand
Das Gesetz unterscheidet drei - hier interessierende - Arten von Tötung mit Vor-
satz: Mord (Art. 112 StGB), vorsätzliche Tötung (Art. 111 StGB) und Totschlag
(Art. 113 StGB).
- 43 -
2.3.2.2.1.1. Totschlag
Handelt der Täter in einer nach den Umständen entschuldbaren heftigen Ge-
mütsbewegung oder unter grosser seelischer Belastung, so ist er wegen Tot-
schlags zu verurteilen.
In casu kann darauf nicht erkannt werden. Der Beschuldigte handelte nicht in ei-
ner heftigen Gemütsbewegung bzw. kurzschlüssig im sthenischen Affekt, sondern
überlegt und planmässig, wenn auch durchaus getrieben von Eifersucht. Abgese-
hen davon wäre auch die kumulativ erforderliche Entschuldbarkeit der heftigen
Gemütsbewegung vorliegend zu verneinen, hatte es sich der Beschuldigte doch
selbst durch Tätlichkeiten, Drohung und Nötigungsversuch mit seiner früheren
Lebenspartnerin verscherzt. Es wäre ihr nicht zu verübeln gewesen, wenn sie sich
jemand andern zugewandt hätte, was von ihr (wie von A._) allerdings in Ab-
rede gestellt wird. Unter diesen Umständen bestand auch kein entschuldbarer An-
lass, sich an A._, der sich nach Auffassung des Beschuldigten in die Liebes-
beziehung einliess, zu rächen.
Auch auf ein Handeln unter grosser seelischer Belastung kann sich der Beschul-
digte nicht berufen, denn dafür wäre wiederum Entschuldbarkeit im vorgenannten
Sinne erforderlich.
2.3.2.2.1.2. Mord
Der Tatbestand des Mordes ist erfüllt, wenn der Täter besonders skrupellos han-
delt, namentlich sein Beweggrund, der Zweck der Tat oder die Art der Tatausfüh-
rung besonders verwerflich sind (Art. 112 StGB). Die vom Gesetzgeber vorge-
nommene Aufzählung ist nicht abschliessend. Der Tatbestand kann im Übrigen
eventualvorsätzlich erfüllt werden.
Mord zeichnet sich also durch aussergewöhnlich krasse Missachtung fremden
Lebens bei der Durchsetzung eigener Absichten aus (BGE 120 IV 274, BGE 127
IV 13). Ob besondere Skrupellosigkeit vorliegt, ist aufgrund einer Gesamtwürdi-
gung aller äusseren und inneren Umstände des konkreten Falles zu ermitteln
- 44 -
(BSK Strafrecht II, Christian Schwarzenegger, Art. 112 N 7 mit Verweisen). Ein
besonders verwerfliches Tatvorgehen etwa braucht daher noch nicht zwingend
zur Annahme besonders skrupellosen Handelns zu führen (a.a.O.; Donatsch,
Strafrecht III, 9. Aufl., S. 11).
Was die Art der Tatausführung angeht, so hat der Beschuldigte mit dem verwen-
deten Tatmittel, einem Messer, keine besondere Verwerflichkeit offenbart. Anders
wäre es gewesen, wenn er Gift, Feuer, Sprengstoff oder ein ähnliches, besondere
Skrupellosigkeit indizierendes Tatmittel benutzt hätte. Durch die Zufügung eines
einzigen, 5 cm tiefen und 2 cm breiten Messerstichs ist er - ohne die Tat vernied-
lichen zu wollen - auch nicht ausserordentlich grausam vorgegangen; er hat dem
Opfer nicht an Intensität oder Dauer grössere physische oder psychische
Schmerzen, Leiden oder Qualen zugefügt, als sie mit einer Tötung notwendiger-
weise verbunden sind. Ferner hat er bei seiner Tat keine weiteren Menschen er-
heblich gefährdet oder gar getötet. Es liegt auch keine Heimtücke im in der Lehre
vertretenen Sinne zu, bei der der Täter zuerst das Vertrauen des Opfers er-
schleicht, um es dann unter Ausnützung seiner Arglosigkeit zu töten (BSK, a.a.O.,
N 19 zu Art. 112 StGB; Donatsch, a.a.O. S. 10; Trechsel/Jean-Richard, StGB PK,
Art. 112 N 21). In der Gerichtspraxis wird hingegen Heimtücke schon dann bejaht,
wenn das Opfer ahnungslos ist. So betrachtet ist vorliegend ein auf besondere
Skrupellosigkeit hinweisendes Element erfüllt, denn der Beschuldigte hat eigens
die Kellerbeleuchtung sabotiert und sich im Zweiradraum, in den nur schwaches
Licht von aussen fiel, versteckt, damit er das ahnungslose Opfer überraschen
konnte. Hinzu kommt als aussergewöhnlicher Umstand, dass er das Opfer von
hinten angriff und sich mit seinem Vorgehen auch dadurch einen Vorteil verschaff-
te, dass er seine Augen bereits an die relativ dunklen Verhältnisse adaptiert hatte,
wodurch der Privatkläger weit schlechtere Karten für eine Gegenwehr besass, als
wenn ihm der Beschuldigte mit gezogenem Messer bei normalen Lichtverhältnis-
sen gegenübergestanden wäre.
Hingegen ergibt sich aus der Argumentation der Staatsanwaltschaft vor Vor-
instanz (Urk. 25/3 S. 12f., Urk. 24 HD 32), wonach
- der Beschuldigte vor der Tat "keinerlei Anstrengungen" unternommen ha-
- 45 -
be, um zu klären, ob A._ tatsächlich ein Verhältnis mit C._ gehabt habe,
- er zweimal mit der Nachbarin M._ telefoniert gehabt habe und frühzei-
tig am Tatort erschienen sei und, um abzuklären, wo sich das Opfer aufhält, was
es macht, mit wem es zusammen ist und ob es mit dem Fahrzeug gekommen ist
oder nicht,
- er während und nach der Tat keine Worte an das Opfer gerichtet habe, um
seine Identität nicht Preis zu geben und
- er unmittelbar nach der Tat umgehend der Fahrradkeller verlassen habe,
ohne sich ein Bild über den Zustand des Verletzten zu machen,
weder unter dem Gesichtspunkt der besonderen Verwerflichkeit der Tatverübung
noch unter demjenigen der besonders verwerflichen Beweggründe ein zusätzli-
cher Anlass zur Qualifikation der Tat als Mord.
Auch nach Auffassung der Staatsanwaltschaft war der Beschuldigte subjektiv
überzeugt davon, dass zwischen A._ und C._ eine Liebschaft bestehe.
Dann aber ist nicht verwerflich, dass er dazu keine weiteren Nachforschungen
anstellte. B._ telefonierte sodann der Nachbarin C._s, M._ - wie
schon die Vorinstanz ausführte - das erste Mal, damit diese ein gutes Wort für ihn
bei C._ einlege, in welchem Zusammenhang diese dann auch zur ehemali-
gen Lebenspartnerin des Beschuldigten ging (Urk. 36 S. 28ff.). Beim zweiten An-
ruf erfuhr er dann, dass A._ (noch immer) bei ihr war; das liess offenbar das
Fass überlaufen, bewegte den Beschuldigten (endgültig) zur Tat, stellt aber kein
Qualifikationsmerkmal für Mord dar. Dass B._ schon frühzeitig, das heisst,
geraume Zeit bevor zu erwarten war, dass A._ die Wohnung verlassen wür-
de, am Tatort erschien, ist im Übrigen nicht erstellt. Darin, dass sich der Täter bei
der Tatausführung und danach nicht verbal zu erkennen gab, ist ebenfalls kein
Indiz für besondere Skrupellosigkeit zu erblicken. Vielmehr war normal, wenn er in
dieser Phase nicht sprach, nur schon, damit er (der es ja nicht darauf abgesehen
hatte, A._ zu töten, sondern dies einzig in Kauf nahm) später nicht mit Leich-
tigkeit als Täter identifiziert werden könnte. Eher wäre es ein Hinweis auf spezielle
Gefühlskälte (und im Übrigen auch auf einen direkten Tötungsvorsatz) gewesen,
wenn er vor, während oder nach dem Stich gegenüber dem Opfer seine Identität
- 46 -
verbal aufgedeckt hätte. Schliesslich weicht auch nicht vom üblichen Verhalten
ab, dass jemand, der eine Person niedersticht, sich danach nicht um deren Befin-
den kümmert, sondern sofort das Weite sucht.
Zum Motiv des Beschuldigten ist festzuhalten, dass dieser auch nach Auffassung
der Staatsanwaltschaft aus Eifersucht handelte. Er wollte sich offensichtlich durch
Körperverletzung - wenngleich unter Inkaufnahme des Todes - an seinem (mög-
licherweise nur vermeintlichen, vgl. Urk. 24 HD 6/1 S. 5; Urk. 24 HD 6/2 S. 3f.;
Urk. 24 HD 6/3 S. 19ff.; Urk. 24 HD 8/1 S. 4; Urk. 24 HD 8/2 S. 9f.) Nebenbuhler
rächen und indirekt auch C._ bestrafen. Dass es sein (primäres) Bestreben
gewesen wäre, A._ gleichsam durch Tötung zu eliminieren, wie es die
Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift behauptet, ist somit nicht erstellt. Nicht
auszumachen sind sodann Beweggründe wie Habgier, Mordlust, Fundamentalis-
mus oder ein politischer Hintergrund.
Zum im Gesetz genannten "besonders verwerflichen Zweck" bleibt anzumerken,
dass dahinter praktisch immer auch ein besonders verwerflicher Beweggrund
steht, weshalb diesem Regelbeispiel einer besonderen Skrupellosigkeit kaum
selbständige Bedeutung zukommt (BSK, a.a.O., N 16 zu Art. 112). In casu ist
denn auch nichts ersichtlich, was unter diesem Gesichtspunkt zusätzlich zu be-
rücksichtigen wäre.
Die Tat des Beschuldigten war egoistisch und hinterhältig und zeugte von einer
Geringschätzung des Lebens. Doch ist in Würdigung der gesamten Umstände,
darunter auch der Tatsache, dass der Beschuldigte dem Opfer nicht nach dem
Leben trachtete, sondern eine solche Folge einzig in Kauf nahm, noch nicht von
einer besonderen Skrupellosigkeit des Beschuldigten auszugehen. Damit entfällt
eine Verurteilung wegen versuchten Mordes.
2.3.2.2.1.2. Vorsätzliche Tötung
Ist nun aber weder der privilegierte Tatbestand des Totschlags erfüllt noch der
qualifizierte des Mordes, gelangt der Grundtatbestand zur Anwendung. Der Be-
schuldigte ist damit der (eventualvorsätzlich) versuchten vorsätzlichen Tötung im
- 47 -
Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu spre-
chen.
III. Strafzumessung
1. Keine Gesamtstrafe unter Berücksichtigung des Widerrufs
Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 23. August 2008
wurde der Beschuldigte zu einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu Fr. 70.– ver-
urteilt, wobei ihm unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren der bedingte
Strafvollzug gewährt wurde. Der Strafbefehl wurde dem Beschuldigten am 30. Ok-
tober 2008 eröffnet (Urk. 24 HD 24/1). Sämtliche heute zu beurteilenden Delikte
fallen damit in die Probezeit. Die Vorinstanz hat den mit dieser Vorstrafe verbun-
denen bedingten Strafvollzug widerrufen (Urk. 36 S. 69), und dieser Widerruf blieb
unangefochten. Für die heute zu sanktionierenden Delikte wird eine Freiheitsstra-
fe auszufällen sein. Festzuhalten bleibt nun an dieser Stelle, dass heute keine
Gesamt(freiheits)strafe unter Einbezug jener Geldstrafe zu bilden ist, führt doch
die Auslegung von Art. 46 Abs. 1 Satz 2 StGB zum Resultat, dass es nicht der ra-
tio legis entspricht, eine (rechtskräftige) Geldstrafe zulasten des Beschuldigten zu
diesem Zweck in eine Freiheitsstrafe umzuwandeln (BGE 137 IV 249).
2. Strafrahmen und methodisches Vorgehen
Hat der Täter durch eine oder mehrere Handlungen die Voraussetzungen für
mehrere gleichartige Strafen erfüllt, so verurteilt ihn das Gericht zu der Strafe der
schwersten Tat und erhöht sie angemessen. Es darf jedoch das Höchstmass der
angedrohten Strafe nicht um mehr als die Hälfte erhöhen. Dabei ist es an das ge-
setzliche Höchstmass der Strafart gebunden (Art. 49 Abs. 1 StGB). Es ist also bei
der Bildung einer solchen Gesamtstrafe vorab der Strafrahmen für die schwerste
Straftat zu bestimmen und alsdann die Einsatzstrafe für die schwerste Tat inner-
halb dieses Strafrahmens festzusetzen. Danach ist die Einsatzstrafe unter Einbe-
zug der anderen Straftaten in Anwendung des Asperationsprinzips angemessen
zu erhöhen. Das Gericht hat mithin in einem ersten Schritt gedanklich die Ein-
satzstrafe des schwersten Delikts festzulegen, indem es alle diesbezüglichen
- 48 -
straferhöhenden und strafmindernden Umstände einbezieht. In einem zweiten
Schritt hat es die Strafe zu erhöhen, um die weiteren Delikte zu sanktionieren.
Auch dort ist selbstredend den jeweiligen Umständen Rechnung zu tragen (BGE
6B_865/2009 vom 25. März 2010 E. 1.2.2).
Vorliegend ist der Tatbestand der vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111
StGB mit einer Strafdrohung von Freiheitsstrafe von 5 bis zu 20 Jahren das
schwerste vom Beschuldigten begangene Delikt (vgl. dazu auch Art. 40 StGB).
Dass das Gesetz es zulässt, aufgrund des Vorliegens einer versuchten Tatbege-
hung hinsichtlich der Tötung eine tiefere Mindeststrafe auszufällen, ändert daran
nichts, wenn - wie hier, was im Folgenden noch näher dargelegt wird - die tat- und
täterangemessene Strafe letztlich innerhalb des ordentlichen Strafrahmens der
(schwersten) anzuwendenden Strafbestimmung festzusetzen ist.
Die Erfüllung mehrerer verschiedener Straftatbestände und die teilweise mehrfa-
che Tatbegehung kann sodann schon deshalb nicht zu einer Bestrafung mit mehr
als 20 Jahren Freiheitsstrafe führen, weil mit der Maximalstrafe für vorsätzliche
Tötung das Höchstmass der Strafart erreicht ist (Art. 49 Abs. 1 StGB, Art. 40
StGB).
Für die begangenen Tätlichkeiten und den Ungehorsam gegen amtliche Verfü-
gungen, welcher eine Übertretung darstellt, ist zusätzlich eine Busse von maximal
Fr. 10'000.- auszufällen (Art. 126 Abs. 1 StGB, Art. 292 StGB, Art. 106 Abs. 1
StGB).
3. Strafzumessungskriterien
Die Strafe ist nach dem Verschulden des Täters zu bemessen (Art. 47 StGB). Das
Verschulden wiederum ist nach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des
betroffenen Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des Handelns, den Beweggrün-
den und Zielen des Täters sowie danach zu bestimmen, wie weit der Täter nach
den inneren und äusseren Umständen in der Lage war, die Gefährdung oder Ver-
letzung zu vermeiden. Zu berücksichtigen sind bei der Strafzumessung zudem
- 49 -
das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse des Täters sowie die Wirkung der
Strafe auf sein Leben.
4. Konkrete Strafzumessung
4.1. Versuchte vorsätzliche Tötung (Nachtragsanklage Ziffer I, HD)
4.1.1. Was die objektive Tatschwere bezüglich der vorsätzlichen Tötung betrifft,
so ist nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung die Tatsache, dass es vor-
liegend bei einer versuchten Tatbegehung blieb, erst nach Festsetzung einer hy-
pothetischen Einsatzstrafe für vollendete Tatbegehung zu berücksichtigen (BGE
136 IV 55 E. 5.7).
Dass es um eine Tötung und damit um die schwerstmögliche Form der Verlet-
zung des Rechtsguts der körperlichen Integrität geht, ist für die Verschuldensbe-
messung ohne Bedeutung, setzt doch der Strafrahmen von Art. 111 StGB einen
solchen Erfolg gerade voraus.
Hingegen ist die Art und Weise des Tatvorgehens von Belang. Diesbezüglich
kann vorab auf die bereits bei der rechtlichen Qualifikation der Tat erfolgten Er-
wägungen verwiesen werden. Dem Beschuldigten kann zwar nicht zur Last gelegt
werden, er habe die Tat von langer Hand geplant. Vielmehr ist davon auszuge-
hen, dass er sich erst in der Tatnacht spontan dazu entschloss. Dann aber ging er
abgebrüht und überlegt vor. Er schraubte die Birnen im Keller soweit aus der Fas-
sung, damit ihn A._ nicht vorzeitig sehen würde, lauerte dem ahnungslosen
Privatkläger mit gezücktem Messer im beinahe dunklen Keller auf und griff ihn
dann - den Überraschungseffekt und die Tatsache ausnützend, dass sich die Au-
gen des Opfers im Gegensatz zu seinen noch nicht an die weit gehende Dunkel-
heit gewöhnt hatten - von hinten an, wobei er ohne Federlesen so stark mit sei-
nem Messer in den Bauchraum A._s stach, dass die Klinge 5 cm in den Kör-
per eindrang. Wer so hinterhältig, überlegt und konsequent vorgeht, offenbart eine
beträchtliche kriminelle Energie. Der Stich verursachte dem Opfer im Übrigen -
wenn auch teilweise nicht sogleich - durchaus beträchtliche physische und psy-
chische Pein.
- 50 -
Die objektive Tatschwere ist damit - ohne Berücksichtigung des Versuchs - als
mittelschwer einzustufen.
Noch nicht schwer, aber bereits erheblich wiegt die subjektive Tatschwere. Ver-
schuldens- und damit strafreduzierend ist zu berücksichtigen, dass der Beschul-
digte nicht anstrebte, A._ zu töten, sondern ihn einzig verletzen wollte, womit
lediglich Eventualvorsatz vorliegt. B._ litt zweifelsohne unter der Abkehr
C._s von ihm und war eifersüchtig darauf, dass sie sich (zumindest vermeint-
lich) gerade seinem ehemals guten Kollegen A._ zugewandt hatte. Diesen
Zustand hatte er aber durch sein Verhalten gegenüber C._, das teilweise
Gegenstand des vorliegenden Urteils bildet, massgeblich mitverursacht. Dass er
nun A._ (und indirekt auch C._), nachdem seine übrigen Bemühungen
zur Wiederherstellung der Beziehung mit C._ offensichtlich fehlgeschlagen
waren, durch die Messerattacke eine Lektion erteilen wollte, ist im Ergebnis nicht
einfühlbar, sondern egoistisch und verwerflich, zumal er von A._ kurz vor der
Tat noch ein Darlehen für den Betrieb einer Bar erhalten hatte (Urk. 57 S. 14).
Dass der Beschuldigte mit der Tat auch dafür Vergeltung üben wollte, dass ihn
A._ der Begehung von Betäubungsmitteldelikten bezichtigt hatte, kann hin-
gegen- entgegen der Auffassung der Vorinstanz - nicht angenommen werden.
Ernsthafte Anhaltspunkte für eine verminderte Schuldfähigkeit des Beschuldigten
im zeitlichen Tatumfeld liegen nicht vor. Der Beschuldigte erklärte, im Tatzeitpunkt
keine Betäubungsmittel konsumiert zu haben (Urk. 24 HD 5/2 S. 1f.). Auch Alko-
hol trinke er gewöhnlich wenig; nach dem Besuch bei einem Psychiater am 13.
September 2010 (also am Vortag der Tat), der laut B._ wegen einer nach der
vor kurzem erfolgten Ausweisung aus der Wohnung eingetretenen Krise bzw. in-
neren Unruhe erfolgte und bei dem ihm Psychopharmaka bzw. Beruhigungsmittel
gegeben worden seien, habe er sogar überhaupt keinen Alkohol mehr konsu-
miert. Die Medikamente habe er erhalten und eingenommen, um sich zu ent-
spannen und zu schlafen. Der Psychiater habe ihm gesagt, er solle sich wieder
beim Hausarzt - der ihn auch überwiesen gehabt habe - melden; dieser werde
ihm dann erneut Medikamente verschreiben oder aushändigen (Urk. 24 HD 5/1 S.
2, Urk. 24 HD 5/2 S. 1f., Urk. 24 HD 5/3 S. 2). Aus dem chemisch-toxikologischen
- 51 -
Gutachten über den Beschuldigten ergeben sich keine Anzeichen für Alkohol oder
Betäubungsmittelkonsum sowie Barbituraten. Gefunden wurden Indizien für den
Konsum von Benzodiazepinen. Da es sich hierbei offenbar um eine normale Do-
sis Psychopharmaka bzw. Beruhigungsmittel handelte, ist nicht davon auszuge-
hen, der Beschuldigte sei anlässlich der Tat in seiner Einsichts- und/oder Steue-
rungsfähigkeit beeinträchtigt gewesen, was er im Übrigen auch nicht geltend ge-
macht hat.
Läge vorliegend eine eventualvorsätzlich begangene vollendete vorsätzliche Tö-
tung vor, wäre die Einsatzstrafe nach dem Gesagten auf 12 Jahre Freiheitsstrafe
zu bemessen.
4.1.2. Wird die strafbare Tätigkeit - wie hier - zu Ende geführt, tritt aber der zur
Vollendung des Verbrechens oder des Vergehens gehörende Erfolg nicht ein, so
kann der Täter gemäss Art. 22 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 65 StGB milder
bestraft werden. Das Mass der zulässigen Reduktion der Strafe hängt beim voll-
endeten Versuch insbesondere von der Nähe des tatbestandsmässigen Erfolgs
und den tatsächlichen Folgen der Tat ab. Die Reduktion der Strafe wird mit an-
dern Worten umso geringer sein, je näher der tatbestandsmässige Erfolg und je
schwerwiegender die tatsächliche Folge der Tat war. Nach der bundesgerichtli-
chen Rechtsprechung ist aber obligatorisch eine Herabsetzung der Strafe wegen
des Ausbleibens des tatbestandsmässigen Erfolgs vorzunehmen (BGE 121 IV 49
E. 1).
Die Wahrscheinlichkeit des Todeseintritts war wie bereits im Schuldpunkt ausge-
führt durchaus hoch, erfolgte der Einstich doch in einem bekanntermassen sen-
siblen Körperbereich, in dem sich - nur 1 bis 4 cm von der Verletzungsstelle ent-
fernt - gemäss ärztlichem Befund des ...spitals ... lebenswichtige Strukturen/Or-
gane bzw. gemäss Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zü-
rich wichtige Organe und Blutgefässe, deren Verletzung eine unmittelbar Lebens-
gefahr hervorgerufen hätte, befinden (Urk. 24 HD 12/2 und 12/9). Die tatsächliche
Auswirkungen der Tat waren hingegen - lässt man einmal die bei einer versuch-
ten vorsätzlichen Tötung praktisch immer auftretenden psychischen Nachwirkun-
gen beiseite - verhältnismässig gering. Es blieb bei einer einfachen Körperverlet-
- 52 -
zung. Der Privatkläger verfolgte den Täter denn auch noch nach dem Stich mit
dem Auto und bockte dieses sogar noch mit dem Wagenheber auf, als er reali-
sierte, dass ein Vorderpneu platt war. Erst dann stellten sich immer stärker wer-
dende Schmerzen ein. Der peripher in Mitleidenschaft gezogene Dünndarm konn-
te problemlos operativ behandelt werden, die Arbeitsunfähigkeit war von kurzer
Dauer. Bleibende Schäden oder nachträgliche Komplikationen waren möglich,
aber nicht sehr wahrscheinlich. Weitere Gesichtspunkte, welche auf die Strafre-
duktion relevanten Einfluss hätten, sind nicht ersichtlich. Dass es sich nicht um
einen unvollendeten Versuch handelte, wurde bereits berücksichtigt. Alles in al-
lem erweist sich eine Reduktion der hypothetischen Einsatzstrafe auf 8 Jahre als
angezeigt.
Ausser Betracht fällt eine Strafminderung wegen Handelns in einer nach den Um-
ständen entschuldbaren heftigen Gemütsbewegung oder unter grosser seelischer
Belastung im Sinne von Art. 48 lit. c StGB, wie sich schon aus den Erwägungen
zum Totschlag (oben Ziff. II.2.3.2.2.1.1) ergibt.
Mit Bezug auf das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten
kann auf die Ausführungen im erstinstanzlichen Urteil (Urk. 36 S. 59f., mit Akten-
verweisen) und das heute Gehörte verwiesen werden (Urk. 57 S. 1ff.). Verschul-
densrelevantes, das in den vorstehenden oder noch folgenden Erwägungen nicht
bereits berücksichtigt wäre, ergibt sich daraus nicht. Wohl scheint er keinen einfa-
chen Lebensweg gehabt zu haben, insbesondere gefoltert worden zu sein, doch
mindert dies das Verschulden bei der vorliegenden versuchten vorsätzlichen Tö-
tung nicht. Die Folterungen liegen schon lange zurück, lebt er doch bereits seit
vielen Jahren in der Schweiz (vgl. Urk. 36 S. 59).
Leicht straferhöhend wirkt sich die bereits eingangs der Strafzumessung erwähnte
Vorstrafe wegen Fahrens in fahrunfähigem Zustand und Betäubungsmittelkon-
sums vom 23. August 2008 aus. Zu einer deutlich stärkeren Strafanhebung führt,
dass der Beschuldigte das vorliegende Delikt unbeeindruckt von der laufenden
Probezeit, der zweimonatigen Untersuchungshaft, die er zwischen Ende Mai und
Ende Juli 2007 erlitt, und der laufenden Untersuchung beging. Das zeugt von Un-
belehrbarkeit.
- 53 -
Das "Teilgeständnis", das der Beschuldigte in der erstinstanzlichen Hauptver-
handlung ablegte, ist nicht strafmindernd zu berücksichtigen. Es erleichterte die
Untersuchung - angesichts der erdrückenden Beweislage - nicht und offenbart
auch keine Reue und Einsicht. Vielmehr diente es offensichtlich einzig dazu, sich
trotz nicht mehr erfolgversprechend zu leugnender Anwesenheit am Tatort mög-
lichst weitgehend aus der Affäre zu ziehen, indem der Beschuldigte nunmehr ei-
nen "Unfall" bzw. eine notwehrähnliche Situation behauptete. Dass die Verteidi-
gung dann doch auf Schuldspruch wegen versuchter schwerer Körperverletzung
plädierte, ändert daran nichts. Auch die ab und an bekundete Reue und Einsicht
kann angesichts des übrigen Verhaltens des Beschuldigten nicht beim Wort ge-
nommen werden, sondern ist als blosses, keine Strafreduktion rechtfertigendes
Lippenbekenntnis zu betrachten.
In Würdigung all dieser Strafzumessungsgründe erweist sich eine Strafe von 8
Jahren und 3 Monaten als für die versuchte vorsätzliche Tötung angemessen.
4.2. Mehrfache qualifizierte Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz
(Hauptanklage)
Hinsichtlich der qualifizierten Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz
ist zur objektiven Tatschwere festzuhalten, dass der Beschuldigte innerhalb einer
verhältnismässig kurzen Zeitspanne von einem Monat die erhebliche Menge von
insgesamt 750 Gramm Heroingemisch erlangt hat. Nachdem er selbst nicht Hero-
inkonsument war und aufgrund des zusätzlich erworbenen Streckmittels, ist da-
von auszugehen, dass diese Ware für den Weiterverkauf gestreckten Heroins be-
stimmt war. Angesichts der gelieferten Teilmengen von maximal 500 Gramm He-
roingemisch und des Umstandes, dass sich D._ für den Beschuldigten ver-
bürgen musste, ist sodann immerhin anzunehmen, dass B._ eine unterge-
ordnete Position in der Drogenhandels-Hierarchie einnahm. Straferhöhend wirkt
sich die mehrfache Tatbegehung aus. Insgesamt wiegt die objektive Tatschwere
nicht mehr leicht.
Der Beschuldigte handelte direkt-vorsätzlich, nach eigenem Bekunden wissend
um die verheerende Wirkung des Rauschgifts. Er war in dieser Zeit auch nicht
- 54 -
selbst drogenabhängig, weder von Heroin, noch von Kokain (vgl. etwa Urk. 2/1 S.
4, Urk. 2/2 S. 8f., Urk. 24 HD 5/2 S. 1f.). Auch eine andere Sucht, die sich strafre-
duzierend auswirken könnte, ist nicht ersichtlich. Beweggrund für die Taten war
offensichtlich chronische Geldknappheit, ohne dass angenommen werden könnte,
dass sich B._ in einer eigentlichen Notsituation befand. Diese Motivlage
rechtfertigt zwar die Taten in keiner Weise, zeigt aber immerhin, dass der Be-
schuldigte nicht delinquierte, um sich einen luxuriösen Lebenswandel zu ermögli-
chen. Auch die subjektive Tatschwere wiegt nicht mehr leicht.
Die hypothetische Einsatzstrafe ist auf mindestens zwei Jahre anzusetzen.
Was das zivile Vorleben und die persönlichen Verhältnisse angeht, so kann auf
die Erwägungen bei der bereits erfolgten Zumessung der Strafe für die versuchte
vorsätzliche Tötung verwiesen werden.
Leicht straferhöhend wirkt sich die Vorstrafe aus, und anzuheben ist die Strafe
auch wegen des Handelns während laufender Probezeit.
Ein Geständnis liegt nicht vor und dementsprechend fehlen auch jegliche Anzei-
gen für Einsicht und Reue.
Insgesamt wäre für die Betäubungsmitteldelikte eine höhere Strafe, als diejenige,
welche von der Vorinstanz festgesetzt wurde, vorstellbar gewesen. Da die dies-
bezügliche Strafzumessung von Seiten der Staatsanwaltschaft jedoch nicht ange-
fochten ist, hat es in Anbetracht des Verbots der reformatio in peius bei der vom
Bezirksgericht ausgefällten Strafe von 2 Jahren Freiheitsstrafe zu bleiben.
4.3. Weitere Vergehen
4.3.1. Sachbeschädigung (Ziffer II der Nachtragsanklage, ND 1)
Hinsichtlich der vorsätzlich begangenen Sachbeschädigung (Pneustechen am Au-
to von A._ am 14. September 2010) ist in objektiver Hinsicht festzuhalten,
dass sich der Sachschaden auf einige hundert Franken belaufen dürfte.
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Der Beschuldigte handelte direkt vorsätzlich. Die Tat steht in engem Zusammen-
hang mit der versuchten vorsätzlichen Tötung. Das Motiv für die Sachbeschädi-
gung lag offensichtlich darin, A._ davon abzuhalten, ihn zu verfolgen, soweit
er dazu noch in der Lage sein sollte.
Im Übrigen kann sinngemäss auf die bereits ergangenen Erwägungen zur Täter-
komponente im Rahmen der Strafzumessung zur versuchten vorsätzlichen Tö-
tung verwiesen werden. Das durch Nichtanfechtung des erstinstanzlichen Urteils
in diesem Punkt indirekt abgelegte Geständnis ist nicht mehr strafsenkend zu be-
rücksichtigen.
Insgesamt wiegt das Verschulden hier noch verhältnismässig leicht und ist die
Strafe auf 1 Monat Freiheitsstrafe anzusetzen.
4.3.2. Versuchte Nötigung und Drohung (Nachtragsanklage Ziffer IV, ND 3)
Der Beschuldigte versuchte im Juli 2009 seine damalige Lebenspartnerin
C._ im Sinne von Art. 181 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB zu
nötigen, ihm Betäubungsmittel, die sie in seiner Jackentasche gefunden (und oh-
ne sein Wissen entsorgt) hatte, herauszugeben, indem er sie mit der Hand schlug
und ihr in kurzem Abstand ein Küchenmesser gegen die rechte Bauchseite hielt.
Im Januar oder Februar 2010 drohte er ihr während eines Streits im Sinne von
Art. 180 StGB, ein Küchenmesser in der Hand haltend, er werde sie töten. Solche
Drohungen mit Tötung sind nicht leicht zu nehmen.
Der Beschuldigte handelte, wie sich von selbst versteht, vorsätzlich. Ein auch nur
einigermassen nachvollziehbares Motiv für die Taten ist nicht ersichtlich, ebenso
wenig ein Entlastungsgrund.
Die Erfüllung mehrerer Straftatbestände, die Vorstrafe und das Handeln in der
Probzeit wirken sich straferhöhend aus, das auch hier erst im Berufungsverfahren
erfolgte Geständnis bleibt ohne Auswirkung auf die Sanktion.
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Das insgesamt nicht mehr leichte Verschulden ist unter Berücksichtigung der ver-
suchten Tatbegehung bei der Nötigung mit einer Freiheitsstrafe von 5 Monaten zu
sanktionieren.
4.3.3. Fahren trotz Entzug (Nachtragsanklage Ziffer V, ND 4)
Das Bezirksgericht hat bei der Strafzumessung übersehen, dass das Führen ei-
nes Motorfahrzeugs trotz Entzug des Führerausweises im Sinne von Art. 95 Ziff. 2
SVG nicht mit Busse, sondern mit Freiheits- oder Geldstrafe zu ahnden ist. Daran
kann mangels Anfechtung dieser Strafe durch die Staatsanwaltschaft nichts mehr
geändert werden.
4.4. Gesamtstrafe
Soweit noch nicht erfolgt ist abschliessend im Sinne von Art. 49 Abs. 1 StGB eine
Asperation der Freiheitsstrafen von 8 Jahren und 3 Monaten für die versuchte
vorsätzliche Tötung, 2 Jahren für die Betäubungsmitteldelikte, 1 Monat für die
Sachbeschädigung und 5 Monaten für die versuchte Nötigung sowie die Drohung
vorzunehmen.
Diesbezüglich kann sinngemäss auf die Ausführungen der Vorinstanz (wenn auch
die versuchte schwere Körperverletzung durch die versuchte vorsätzliche Tötung
zu ersetzen ist, der Zusammenhang zwischen versuchter Nötigung und Drohung
bereits berücksichtigt ist und die separat zu ahndenden Übertretungen aus den
Überlegungen auszuklammern sind) verwiesen werden (Urk. 36 S. 66ff.).
Als angemessen erweist sich insgesamt eine Freiheitsstrafe von 10 Jahren.
Der Anrechnung der bis heute erstandenen Haft von 70 (20.5.2010 bis 28.7.2010)
und 619 Tagen (15.9.2010 bis 25.5.2012), mithin insgesamt 689 Tagen (angebro-
chene Tage als ganze Tage gerechnet) steht nichts entgegen.
Nachdem der bedingte Strafvollzug für eine Strafe in dieser Höhe ausser Betracht
fällt, ist die Strafe zu vollziehen.
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4.5. Übertretungen
Die Vorinstanz hat für die vom Beschuldigten zum Nachteil von C._ began-
genen mehrfachen Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 und Abs. 2 lit. c
(Nachtragsanklage Ziffer IV, ND 3), den Ungehorsam gegen eine amtliche Verfü-
gung (Art. 292 StGB; Nachtragsanklage Ziffer III), der eng mit der versuchten vor-
sätzlichen Tötung verknüpft ist und - wenn auch wie erwähnt fälschlicherweise -
die Widerhandlung gegen Art. 95 Ziff. 2 SVG (Nachtragsanklage Ziffer V, ND 4)
eine Busse von 500 Franken ausgefällt und die Ersatzfreiheitsstrafe für den Fall
der Nichtbezahlung auf 5 Tage festgesetzt.
Diese tiefe Busse wäre schon für die häusliche Gewalt und den Verstoss gegen
das Rayonverbot wohlwollend bemessen gewesen und ist, wie die Ersatzfrei-
heitsstrafe, zu bestätigen.
IV. Genugtuung
Die Vorinstanz verpflichtete den Beschuldigten, dem Privatkläger A._ eine
Genugtuung von Fr. 5'000.- zuzüglich Zins zu 5 % seit 14. September 2010 zu
bezahlen (Urk. 36 S. 73f.). Im Mehrbetrag wies sie das Genugtuungsbegehren
folgerichtig ab.
Was der Privatkläger in seiner Eingabe vom 10. Mai 2010 (Urk. 52) dagegen vor-
bringt, ist nicht geeignet, die Zusprechung einer höheren Genugtuungssumme
(der Privatkläger fordert Fr. 15'000.-) zu rechtfertigen.
So ist nicht einzusehen, inwiefern der Umstand, dass der Beschuldigte durch das
erfolgte Pneustechen das Fahrzeug des Privatklägers (nach Zurücklegung einer
kurzen Wegstrecke) lahmgelegt hat, zu einer nennenswerten Verstärkung der er-
littenen seelischen Unbill geführt haben sollte (Urk. 52 S. 2).
Die Verletzung, die der Privatkläger tatsächlich erlitten hat, war sodann - entge-
gen der Auffassung des Vertreters des Privatklägers (a.a.O.) - bei normaler ärztli-
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cher Versorgung, wie sie gewährleistet war, gerade nicht lebensgefährdend, wie
unter anderem aus dem Gutachten des IRM erhellt (Urk. 24 HD 12/9 S. 3).
Alsdann wurden die geltend gemachten posttraumatischen Störungen von der Vo-
rinstanz durchaus berücksichtigt. Sie erwog: "Es ist nachvollziehbar, dass dieser
hinterhältige Angriff vermutlich erhebliche Spuren in der Psyche des Privatklägers
hinterlassen hat" und untermauerte diese Annahme mit einem Hinweis auf die
Krankenakten, wonach in solchen Fällen posttraumatische Belastungsstörungen
auftreten könnten (Urk. 36 S. 74). Wenn sie in den weiteren Erwägungen aus-
führt, es sei den Akten - abgesehen von der von A._ angegebenen Angst vor
dem Alleinsein im Dunkeln - nicht zu entnehmen, inwiefern der Privatkläger durch
den Vorfall konkret psychisch belastet worden sei, dann wird damit nicht verneint,
dass solche nachträglichen psychischen Folgen beim Privatkläger aufgetreten
sind, sondern es wird lediglich darauf hingewiesen, dass mit einer Ausnahme
konkrete Angaben bzw. Beispiele dazu in den Akten nicht gefunden worden sei-
en. Die in der Eingabe des Vertreters des Privatklägers genannten Albträume
wurden nach dem Gesagten aber gleichwohl sinngemäss berücksichtigt. Im Übri-
gen hat der Vertreter des Privatklägers ausgeführt, dass A._ auf eine psychi-
atrische Behandlung verzichten konnte und es alleine schaffe, mit seinen Ängsten
und Schmerzen zu leben.
Mitberücksichtigt wurden von der Vorinstanz auch die potenziellen Behinderungen
der Magen-/Darmaktivitäten.
Aus Sicht der Berufungsinstanz ergibt sich in Würdigung aller Umstände keine
andere Wertung hinsichtlich der Intensität der erlittenen Unbill, als sie die Vo-
rinstanz vorgenommen hat. Der erstinstanzliche Entscheid ist daher zu bestäti-
gen.
V. Kosten und Entschädigung
Die Staatsanwaltschaft obsiegt im Berufungsverfahren mit ihrem Antrag auf
Schuldigsprechung des Beschuldigten wegen versuchter vorsätzlicher Tötung
statt versuchter schwerer Körperverletzung und Erhöhung der Strafe. Der Be-
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schuldigte unterliegt hingegen mit seinen Anträgen auf Freispruch vom Vorwurf
der mehrfachen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz und Redukti-
on der Strafe. Ebenso dringt der Privatkläger mit seinem Antrag auf Erhöhung der
Genugtuungssumme nicht durch.
Unter diesen Umständen sind die Kosten des Berufungsverfahrens, mit Ausnah-
me derjenigen für die unentgeltliche Vertretung des Privatklägers, dem Beschul-
digten aufzuerlegen. Die Kosten der amtlichen Verteidigung sind jedoch - unter
Vorbehalt der Rückzahlungspflicht gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO - einstweilen auf
die Gerichtskasse zu nehmen. Die Kosten der unentgeltlichen Vertretung des Pri-
vatklägers sind auf die Gerichtskasse zu nehmen.