Decision ID: aecf40fe-b676-40e7-9d62-c2f6dab981ee
Year: 2010
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_002
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

131 II 656 sei vorliegend nicht relevant, da ein anderer Sachverhalt
vorgelegen habe (alleinstehender Mann, Ehefrau mit Kindern ins Ausland
gereist, deshalb musste er den Haushalt besorgen). Die SAKE-Tabellen
wiesen einige Ungenauigkeiten auf. Erfahrungsgemäss sei für die Aufteilung
der Haushaltsarbeiten die konkrete Aufgabenteilung unter den Ehepartnern
massgebend. Die Praxis anderer Kantone sei wichtig, zumal die
Schweizerische Verbindungsstellen-Konferenz Opferhilfegesetz (SVK-OHG)
explizit eine einheitliche Anwendung dieses Gesetzes befürworte und
unterstütze.
6. Auf Verlangen der zuständigen Instruktionsrichterin wurden dem Gericht
sodann noch der Individuelle Kontoauszug (IK-Auszug) der Ehefrau (AHV-
Ausgleichskasse Graubünden) und die Invalidenversicherungs- und SUVA-
Akten über den Beschwerdeführer zugestellt. Aus dem edierten IK-Auszug
war ersichtlich, dass die Ehefrau schon vor der Straftat an ihrem Ehemann im
September 2005 zu rund 50% erwerbstätig war.
7. Mit Stellungnahme des Beschwerdeführers zum IK-Auszug wurde ebenso
vermerkt, dass die Ehefrau – entgegen der Annahme der Vorinstanz - bereits
vor dem Ereignis am 17.09.2005 (Messerstich) mindestens zu 50% gearbeitet
habe (Erwerbseinkommen bis Fr. 30'000.--). Das betreffende Ehepaar habe
die Erwerbs- und die Haushalts-/Familienarbeit untereinander aufgeteilt. Es
bestehe deshalb kein Grund, bei der Ermittlung des Haushaltsschadens von
den SAKE-Daten abzuweichen und eine lediglich kulturell begründete
Ausnahme zu postulieren.
8. Danach äusserte sich auch die Vorinstanz noch zu allen edierten Akten. Laut
IK-Auszug sei die Ehefrau seit 2002 erwerbstätig (max. 120 Std. pro Monat).
Ab 2006 habe sie als Hilfskrankenschwester gearbeitet. Trotzdem könne ihr
Ehemann nicht als haushaltsführende Person bezeichnet werden. Laut den
IV-Akten sei dessen Arbeitsfähigkeit ausschliesslich auf die Erwerbsfähigkeit
geprüft worden; eine Haushaltsabklärung sei nie erfolgt. Aus dem Gutachten
von Dr. ... gehe zudem hervor, dass die Ehefrau den Haushalt erledige und
der Ehemann da nicht mithelfen könne. Es bestünden keine Hinweise, dass
diese Rollenverteilung vor dem Unfall anders gewesen sein sollte.
9. Der Beschwerdeführer entgegnete darauf noch, dass der IV-Grad bei einer
100%-igen Erwerbstätigkeit stets nach der Einkommensvergleichsmethode
ermittelt werde, unabhängig davon, ob daneben noch im Haushalt gearbeitet
würde. Die Einschränkung in der Haushaltsführung sei bislang medizinisch
nie festgelegt worden. Die umfangreichen Medizinalakten, die eine völlig
fehlende Erwerbsfähigkeit begründen und beschreiben würden, liessen
Rückschlüsse auf eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit im Haushalt zu.
Seine Haushaltstätigkeit vor dem Unfall im September 2005 lasse sich auch
durch Zeugen beweisen. Diese Schlüsselfrage dürfe nicht durch
Mutmassungen beantwortet werden. Im Zuge der normativen abstrakten
Ermittlung des Haushaltsschadens müsse die Validenleistung jedoch nicht
detailliert nachgewiesen werden; es genüge vielmehr ein Abstellen auf die
SAKE-Daten.
10. Die Vorinstanz verzichtet in der Folge auf eine weitere Stellungnahme.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1. a) Nach der Übergangsbestimmung in Art. 48 lit. a des seit 01.01.2009 neu
geltenden Bundesgesetzes über die Hilfe an Opfer von Straftaten
(Opferhilfegesetz; OHG; SR 312.5) gilt das bisherige Recht (aOHG in Kraft
bis 31.12.2008) weiterhin für Ansprüche auf Entschädigung oder Genugtuung
für Straftaten, die vor dem 01.01.2009 begangen wurden. Im konkreten Fall
ist dazu erstellt, dass die Straftat am 17.09.2005 verübt wurde und somit
vorliegend die Bestimmungen des bisherigen Rechts (aOHG) zur Anwendung
kommen. Die Anerkennung als Gewaltopfer („Opferqualität“) ist vorliegend
unbestritten. Eine schwere Betroffenheit des Beschwerdeführers zur Straftat
ist für das Gericht angesichts der ganzen Umstände (vgl. Ärztliche
Abschlussuntersuchung 02.04.2008 [Schnittwunden Schulterbereich;
Mittelgesichtsfraktur; Handschaftfraktur; Arztbericht Dr. ... vom 09.11.2005;
Polizeirapport samt Beilage vom 02./05.12.2005; Strafurteil des
Bezirksgerichts ... vom 29.04.2008, worin der Täter wegen schwerer
Körperverletzung, Raufhandels sowie mehrfacher Widerhandlung gegen das
Waffengesetz zu einer Freiheitsstrafe von 5 Jahren verurteilt wurde) bzw. der
erlittenen Körperverletzungen erstellt, was auch dem Geltungsbereich von
Art. 2 Abs. 1 aOHG entspricht und daher Rechtsschutz verdient. Gemäss Art.
4 Abs. 1 aOHG beträgt die Entschädigung höchstens Fr. 100'000.--
(Maximalgrenze). Der Beschwerdeführer anerkennt die zugesprochene
Genugtuung (Dispositiv Ziff. 1; Verfügung vom 27.01.2010; Fr. 15'000.--,
abzüglich der von der SUVA zugesprochenen Integritätsentschädigung), den
von der Vorinstanz ermittelten Nettoerwerbsschaden von Fr. 92'585.--
(Verfügung Erw. 7 d) sowie die Nichtberücksichtigung der unfallbedingten
Spesen als reiner Vermögensschaden (Erw. 7 c). Nicht beanstandet wird auch
die Methode der Entschädigungsberechnung gemäss Art. 13 aOHG (Erw. 7
a/b).
b) Strittig und zu prüfen ist vorliegend einzig der Haushaltsschaden. Bei der
Bestimmung dieses Schadens sind grundsätzlich die Regeln des Privatrechts
analog anzuwenden. Im privaten Haftpflichtrecht ist der sog.
Haushaltsschaden, das heisst der wirtschaftliche Wertverlust, der durch die
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit im Haushalt entsteht, als ersatzfähiger
Schaden anerkannt. Seine Besonderheit liegt darin, dass er auch zu ersetzen
ist, wenn er sich nicht in zusätzlichen Aufwendungen niederschlägt: Der
wirtschaftliche Wertverlust ist unabhängig davon auszugleichen, ob er zur
Anstellung einer Ersatzkraft, zu vermehrtem Aufwand der teilinvaliden Person,
zu zusätzlicher Beanspruchung der Angehörigen oder zur Hinnahme von
Qualitätsverlusten führt. Ein entsprechender Schadenersatzanspruch steht
nicht nur den haushaltsführenden Ehefrauen zu, sondern jeder Person, die in
der Führung eines Haushalts beeinträchtigt wird (Bundesgerichtsurteil
1A.252/2000 vom 08.12.2000 Erw. 2; BGE 131 II 656 Erw. 6.1, 6.4 und 6.5 S.
664 ff.; Entscheid Verwaltungsgericht des Kantons Schwyz vom 27.08.2004
[1020/04] S. 15). In diesem Sinne hat das Bundesgericht einen
Haushaltsschaden auch in einem Fall eines vor dem Unfall voll erwerbstätigen
Ehemanns bejaht, der nach dem Unfall nicht mehr in der Lage war, sich an
den Haushaltsarbeiten und der Betreuung eines Kleinkindes zu beteiligen und
dessen Zeitanteil an den Haushaltsarbeiten nach dem Unfall komplett von der
Ehefrau übernommen wurde (vgl. Bundesgerichtsurteil 4C.194/2002 vom
19.12.2002 = Pra 2003 Nr. 69). Im Weiteren hat das Bundesgericht erwogen,
dass auch der Haushaltsschaden soweit möglich konkret zu bemessen sei.
Es sei darauf abzustellen, inwieweit die medizinisch festgestellte Invalidität
sich auf die Haushaltsführung auswirkt (BGE 129 III 135 Erw. 4.2.1 S. 153;
Bundesgerichtsurteil 4C.166/2006 vom 25.08.2006 Erw. 5.1). Ersatz für
Haushaltsschaden kann daher nur verlangen, wer ohne Unfall überhaupt eine
Haushaltstätigkeit ausgeübt hätte. Zur Substanziierung des
Haushaltsschadens sind deshalb konkrete Vorbringen zum Haushalt, in dem
der Geschädigte lebt, und zu den Aufgaben, die ihm darin ohne den Unfall
zugefallen wären, unerlässlich. Erst wenn feststeht, inwiefern der Ansprecher
durch den Unfall bei diesen Leistungen für den Haushalt tatsächlich
beeinträchtigt ist, stellt sich die Frage nach der Quantifizierung, bei der auf
statistische Werte abzustellen ist. Während das Bundesgericht im 2006
(mangels damals vorhandenen Haushaltstyps) konkrete Angaben verlangte,
kehrte es später (2008) indes wieder zur Praxis der repräsentativen statischen
Tabellen-Werte zurück, sofern sich der zutreffende Haushaltstyp finden lasse
(Schweizerische Arbeitskräfteerhebung, sog. „SAKE-HSG-Tabellen“; vgl.
HAVE 2008 S. 242 - Besprechung Bundesgerichtsurteile 4A.19/2008 vom
01.04.2008 und 4A.98/2008 vom 08.05.2008; ferner HAVE 2002 S. 52 zur
abstrakten [„normativen“] Berechungsmethode, HAVE 2003 S. 50 Ziff. 3,
SAKE für Haushaltsschaden, HAVE 2007 Personen-Schaden-Forum, S. 93
ff. SAKE-Interpretationen, S. 15 ff. Grundsätze Schadensberechnung bei
Haushaltsschaden, S. 77 ff., Erste Erfahrungen mit neuen SAKE-Tabellen
2004). Die durchzuführenden Erhebungen im Haushalt lassen folglich
statistische Rückschlüsse auf die aktuelle Lebenssituation des Geschädigten
zu und sind rechnerisch umzusetzen.
c) Zur Frage, welches der mutmassliche Aufwand wäre, sofern das schädigende
Ereignis nicht geschehen wäre (Validenleistung), hat das Bundesgericht in
BGE 131 II 12 festgehalten, dass auf repräsentative statistische Werte
abgestellt werden kann, da die beweisbelasteten Geschädigten
typischerweise keine Möglichkeit hätten, den ohne das Unfallereignis
geleisteten Arbeitsaufwand im Haushalt nachzuweisen. Mit den
repräsentativen SAKE-Tabellen soll deshalb ausgeschlossen werden, dass
bloss auf Behauptungen der Geschädigten abgestellt werden muss. Laut BGE
131 III 360 hat das Gericht die Möglichkeit, nicht nur von der Statistik
auszugehen und unter Beizug der individuellen Verhältnisse den
Stundenaufwand festzulegen, sondern sich sogar alleine auf die jeweils
einschlägige Statistik abzustützen, ohne über die konkreten Verhältnisse im
Einzelfall weitere Beweise abzunehmen. Im Bundesgerichtsurteil 4A.19/2008
vom 01.04.2008 wurde bestätigt, dass das Gericht den Haushaltsaufwand
ohne Unfall alleine aufgrund der SAKE-Werte festlegen kann (HAVE 2008 S.
241 ff.).
d) Hier ergibt sich aus den Akten, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt des
Vorfalles vom 17.09.2005 mit der Ehefrau und den zwei Kindern (geb.
1997/1999; heute 13-/11-jährig) im gleichen Haushalt lebte. Dieser
Haushaltstypus (Ehepaar mit 2 Kindern) wird von den SAKE-Werten erfasst.
Entgegen der anfänglichen Behauptung der Vorinstanz war die Ehefrau
indessen nicht erst seit 2006 (50% Hilfskrankenschwester) arbeitstätig,
sondern sie ging schon ab 2002 einer Teilzeitarbeitstätigkeit (Reinigungskraft
im Stundenlohn laut Ausführungen der Vorinstanz im Schreiben vom
26.05.2010) nach, womit sie offensichtlich nicht ausschliesslich und zu 100%
Hausfrau und Mutter war. Laut IK-Auszug vom 28.04.2010 erzielte sie dabei
ein Jahreseinkommen zwischen Fr. 26'531.-- (2004) und Fr. 30'236.-- (2003),
was einem Arbeitspensum von ungefähr 50% entsprechen dürfte. Selbst die
Vorinstanz räumte im Zuge der Akteneditionen ein, dass die Ehefrau des
Beschwerdeführers seit 2002 max. 120 Stunden pro Monat erwerbstätig
gewesen sei. Für das Gericht ist daher nicht nachvollziehbar, weshalb die
Vorinstanz trotzdem weiterhin daran festhält, der Beschwerdeführer sei vor
dem Zwischenfall im Herbst 2005 nicht haushaltsführende Person gewesen.
Wenn beide Ehegatten (teil-) erwerbstätig sind, liegt es vielmehr auf der Hand,
dass auch beide Haushaltsarbeiten verrichtet und die zwei Kinder betreut
haben. Damit kann hier jedoch auch nicht von einer klaren und traditionellen
Rollenverteilung gesprochen werden. Irrelevant ist sodann auch, dass die
Invalidenversicherung bisher eine Einschränkung im Haushalt nicht abgeklärt
hat, da bei voll Erwerbstätigen der IV-Grad stets nach der Methode des
Einkommensvergleichs (vgl. Art. 16 ATSG i.V.m. Art. 28a Abs. 1 IVG) ermittelt
wird. Zudem ist im Unfallversicherungsrecht einzig der Erwerbsausfall, nicht
aber auch der hier allein interessierende Haushaltsschaden versichert. Die
rechtliche Qualifikation als „haushaltsführende Person“ wurde dem
Beschwerdeführer von der Vorinstanz folglich zu Unrecht abgesprochen. Die
dagegen vorgebrachten Einwände der Vorinstanz vermögen jedenfalls
allesamt nicht zu überzeugen.
e) Ein Abstellen auf die SAKE-Tabellen 2007 für die Berechnung des
Haushaltsschadens ist daher an sich nicht zu beanstanden. Für die Frage, ob
im konkreten Fall tatsächlich ein Haushaltsschaden vorliegt, ist aber
zusätzlich massgebend, ob die erlittenen Gesundheitsschäden den
Beschwerdeführer in der Haushaltsführung (samt Kinderbetreuung)
beeinträchtigen und in welchem Grad dies der Fall ist. Nach Ansicht des
Gerichts kann hier die medizinisch festgestellte Einschränkung in der
Arbeitsfähigkeit nicht ungeprüft mit der Einschränkung im Haushalt
gleichgesetzt werden. Eine eigenständige, fachspezifische Beurteilung der
Einschränkungen in der Haushaltsführung liegt jedoch nicht bei den Akten.
2. a) Aus den medizinischen Unterlagen ergibt sich dazu immerhin folgendes: Seit
1988 war der Beschwerdeführer bei der ... als Hilfsgipser angestellt. Bis zum
Ereignis am 17.09.2005 war er uneingeschränkt arbeitsfähig. Ein
Arbeitsversuch im Frühjahr 2006 scheiterte. Laut kreisärztlichem
Abschlussbericht vom 10.04.2007 erlitt er anlässlich des Vorfalls vom Herbst
2005 eine erhebliche Schnitt-/Weichteilverletzung im Bereich der linken
Schulter mit Verletzungen der A. circumflexa scapulae sowie einer
Durchtrennung des Musculus Infraspinatus und des Musculus teres minor.
Vom Unfallversicherer (SUVA) wurde dem Beschwerdeführer seit 01.06.2008
wegen der organischen und psychischen Unfallfolgen eine Rente auf der
Basis einer 100%-igen Erwerbsunfähigkeit ausgerichtet. Die
Invalidenversicherung gewährte ihm sodann ab 01.08.2006 eine ganze Rente
anhand eines IV-Grads von 100%. Gemäss erwähntem Abschlussbericht des
Kreisarztes vom April 2007 bestand somatisch ein anhaltendes
Schulterbeweglichkeitsdefizit sowie eine eingeschränkte Belastungs- und
Funktionsfähigkeit des linken Armes. Als zumutbar wurden ihm bloss noch
leichte Arbeitseinsätze mit entsprechenden Gewichts- und Hebelimiten (5-10
kg links) attestiert, was mit kreisärztlichem Zusatzbericht vom 02.04.2008
(inkl. Beurteilung Integritätsentschädigung) erneut bestätigt wurde. Aus
psychiatrischer Sicht wurde ferner eine mittelgradige depressive Episode
(F32.1) und eine undifferenzierte Somatisierungsstörung (F45.1)
diagnostiziert. Diese Befunde sind dem Facharztbericht von Dr. ... vom
22.03.2007 zu entnehmen. Aus dem zusätzlichen Gutachten von Dr. ... vom
06.07.2009 geht hervor, dass der Beschwerdeführer eine chronifizierte,
schwere ängstlich gefärbte depressive Episode mit akustischen
Halluzinationen aufwies, bei Verdacht auf anamnestisch beschriebene
paranoide Schizophrenie und mit Beziehungsproblemen in der Ehe. Dr. ...
stufte dabei den Beschwerdeführer sowohl in der früheren Tätigkeit als
Hilfsgipser als auch in jeder anderen Tätigkeit als zu 100% arbeitsunfähig ein.
Der Patient könne lediglich noch im geschützten Rahmen in einer Tagesklinik
im Werkatelier eingesetzt werden, und zwar fünf Mal pro Woche während 3-4
Stunden. Das würde auch das familiäre System entlasten, andernfalls gar
noch die Ehefrau psychische Probleme bekommen könnte, was nicht zuletzt
auch für die Kinder schlecht wäre.
b) Aktenkundig ist die Hospitalisation des Beschwerdeführers ab dem Ereignis
vom 17.09.2005 bis 27.09.2005; sodann der stationäre Aufenthalt vom
12.07.2006 bis 26.09.2006 in der Rehaklinik ... sowie anschliessend in der
Klinik Waldhaus bzw. vom 05.02.2008 bis 11.04.2008 erneut in der Klinik
Waldhaus zwecks stationärer Behandlung. Für das Gericht ist damit erstellt,
dass in diesen Zeiträumen von einer 100%-igen Einschränkung in der
Haushaltsführung auszugehen ist. Ob den vom Beschwerdeführer für die
übrige Zeit getroffenen Annahmen einer 50%-igen oder gar 75%-igen
Einschränkung gefolgt werden kann, erscheint hingegen fraglich, zumal ein
überwiegender Teil der Haushaltsarbeiten auch ohne häufigen Einsatz des
linken Armes ausgeübt werden kann. Unklar ist umgekehrt, ob allenfalls aus
psychiatrischer Sicht Einschränkungen in der Haushaltsführung bestanden
und/oder heute noch bestehen.
c) Der Beschwerdeführer hat in seiner Beschwerde, gestützt auf die Leonardo-
Berechnung und die Tabellenwerte der SAKE 2007, rechnerisch
nachvollziehbar aufgezeigt, dass mit den von ihm angenommenen
Einschränkungen und ausgehend von einem Haushaltslohn für einen Mann
von Fr. 27.-- pro Stunde ein Haushaltsschaden von total Fr. 424'025.--
resultiert. Inklusive Erwerbsschaden und unter Berücksichtigung eines
Abzugs der von dritter Seite erbrachten Leistungen wurde daraus noch eine
Entschädigung von total Fr. 335'966.50 ermittelt, was weit über der in Art. 4
Abs. 1 aOHG klar festgelegten Höchstgrenze für Entschädigungen von Fr.
100'000.-- liegt. Diese überzeugenden Berechnungen (S. 8, Beschwerde vom
19.02.2010) zeigen auf, dass ein noch abzugeltender Haushaltsschaden
besteht. Die Berechnungen weisen jedoch den Mangel auf, dass sie auf einer
Arbeitsunfähigkeit bzw. Einschränkung des Beschwerdeführers von 50%-
75% im Haushalt basieren. Diese Annahme kann sich aber weder auf
ärztliche Einschätzungen noch auf eine hauswirtschaftliche Abklärung
abstützen, weshalb sie noch genauerer Prüfung bedarf.
3. a) Im Lichte dieser Ausführungen ist das Gericht zur Überzeugung gelangt, dass
im konkreten Fall nicht lediglich auf Annahmen und Mutmassungen bezüglich
der Einschränkung in der Haushaltsführung abgestellt werden kann. Die
Beurteilung, ob die Straftat vom 17.09.2005 (Messerstiche) im vorliegenden
Fall zu einem Haushaltsschaden geführt hat, ist gestützt auf die vorhandenen
Akten nicht möglich. Die Auswirkungen der rein körperlichen
Beeinträchtigungen sowie der im Verlaufe des 2006 diagnostizierten
psychischen Beeinträchtigungen auf die Fähigkeit, Haushaltsarbeiten
auszuführen, können bloss durch ein medizinisches (inkl. psychiatrisches)
oder durch ein hauswirtschaftliches Gutachten aufgezeigt werden. Die
Festlegung einer Entschädigung nach richterlichem Ermessen erscheint aus
diesem Grunde aufgrund der bestehenden Berichte/Gutachten nicht möglich.
Die vorhandenen Akten lassen eine seriöse Beurteilung der Auswirkungen der
seit Herbst 2005 festgestellten Einschränkungen (physisch und psychisch) auf
die derzeitige und künftige Haushaltsführung nicht zu, die aber nachweislich
zumindest partiell auch bereits seit 2001/02 durch den Beschwerdeführer
(inklusive Kinderbetreuung) verrichtet wurde. Die tatsächliche und hier
fallrelevante Einschränkung im Haushalt wird durch die Vorinstanz daher noch
mittels neuem medizinischen oder hauswirtschaftlichen Gutachten
abzuklären und zu bestimmen sein.
b) Die Beschwerde vom 19.02.2010 wird damit gutgeheissen, Ziffer 2 (S. 12) im
Dispositiv der angefochtenen Verfügung vom 27.01.2010 aufgehoben und die
Angelegenheit an die Vorinstanz (Kantonales Sozialamt) zur weiteren
Abklärung und zur Neubeurteilung und Festsetzung (Höhe) der
Entschädigung zurückgewiesen.
4. a) Gerichtskosten werden nicht erhoben, da das Verfahren betreffend
Entschädigung und Genugtuung aus OHG (samt Rechtsmittelverfahren) von
Bundesrechts wegen kostenlos ist (Art. 16 Abs. 1 aOHG; BGE 125 II 265 E.
3b mit Hinweisen).
b) Dem anwaltlich vertretenen, obsiegenden Beschwerdeführer steht jedoch
noch eine angemessene Parteientschädigung gemäss Art. 78 Abs. 1 des
Verwaltungsgerichtsgesetzes (VRG; BR 370.100) zu. Was die Höhe dieser
Entschädigung betrifft, so kann für den Ersatz der aufgelaufenen Parteikosten
auf die anwaltliche Honorarnote vom 20.04.2010 verwiesen und diese
unverändert in der Höhe von Fr. 5'218.65 (entspricht 19.62 Std. à Fr. 240.--
/Std.; plus Kleinspesenpauschale 3% [Fr. 141.25] und 7.6% MWST Fr.
368.60]) übernommen werden (vgl. dazu: Bundesgerichtsurteile U 49/05 vom
30.06.2005 Erw. 5 und U 250/05 vom 16.01.2006; sowie BGE 110 V 57 Erw.
3a; SVR 1999 IV Nr. 10 S. 28 Erw. 3). Die Vorinstanz hat den
Beschwerdeführer demnach infolge Obsiegens und Rückweisung der Sache
aussergerichtlich noch in vollem Umfange zu entschädigen.