Decision ID: b5646cb7-902c-4d67-9a53-c9cb7a1711ec
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 18./19. Juni 2012 (IV-act. 1) zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an. Sie sei 1989 in die Schweiz gekommen, sei Mutter von drei
Kindern (geboren 19_, 20_ und 20_) und habe zuletzt seit Februar 2011 eine
Tätigkeit als Aushilfe mit einem Pensum von 100 % ausgeübt. Am _. Juni 2011 habe
sie bei einem Unfall ein Polytrauma erlitten. Der Arbeitgeberbescheinigung vom 25.
Juni 2012 (IV-act. 12) war zu entnehmen, dass sie (seit Februar 2011) in
ungekündigtem Verhältnis als Aushilfsmitarbeiterin [...] angestellt sei. Das Pensum
betrage (zurzeit) 100 %. Im IK-Auszug (IV-act. 6) waren ab 1994 Einkommen diverser
Arbeitgeber verzeichnet. Die Versicherte hatte gemäss den UV-Akten als Lenkerin eines
Personenwagens (in dem sich auch ihre drei Kinder befanden) einen Verkehrsunfall mit
einer massiven Kollision erlitten (UV-act. 3-115). Nach einem Austrittsbericht des
Kantonsspitals B._ vom 12. Juni 2011 (Austrittstag; UV-act. 3-151 f.) hatte sie sich
dabei eine Femurschaft-Querfraktur rechts (operiert am _. Juni 2011), ein stumpfes
Thoraxtrauma, eine leichte, traumatische Hirnverletzung und eine Kniekontusion/-
Distorsion rechts zugezogen. Im August 2011 (UV-act. 3-95) hatte sie der
Unfallversicherung angegeben, seit Februar 2011 (nebst einer Hauswartstätigkeit) eine
Stelle zu 80 % zu haben und vorher (immer) als Mutter und Hausfrau tätig gewesen zu
sein. Am 17. Oktober 2011 (UV-act. 3-72 ff.) bestätigte der Kreisarzt der
Unfallversicherung noch eine volle Arbeitsunfähigkeit und veranlasste eine
Rehabilitation. Nachdem die Versicherte vom 12. Dezember 2011 bis 14. Januar 2012
dort hospitalisiert gewesen war, empfahl die Klinik Valens im Austrittsbericht vom 24.
Januar 2012 (UV-act. 3-51 ff.) einen therapeutischen Arbeitsversuch mit
stundenweisem Einstieg und danach eine schrittweise Steigerung der Arbeitsfähigkeit
unter klinischer Kontrolle. Der Kreisarzt hielt am 29. Februar 2012 (UV-act. 3-38 f.)
dafür, in der Zwischenzeit seien die strukturellen Läsionen weitgehend abgeheilt, so
dass nun eine körperliche und psychologische Belastungssteigerung dringend nötig
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wäre. Das Kantonsspital B._ attestierte der Versicherten in einem Austrittsbericht
vom 7. Mai 2012 (UV-act. 3-10 f.) nach der Osteosynthesematerialentfernung vom 4.
Mai 2012 eine Arbeitsunfähigkeit für die Zeit vom 4. bis 20. Mai 2012 (Austritt 7. Mai
2012).
A.b Nach einem FI-Triage-Protokoll (IV-act. 13) ging die Sozialversicherungsanstalt/IV-
Stelle des Kantons St. Gallen am 10. Juli 2012 von einer medizinisch-theoretisch vollen
Arbeitsfähigkeit der Versicherten aus.
A.c Gemäss einem Gesprächsprotokoll vom 10. Juli 2012 (IV-act. 16, 18) gab Dr. med.
C._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und für Chirurgie, Kantonsspital B._,
an, der Hausarzt (Dr. med. D._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin) attestiere der
Versicherten immer noch eine volle Arbeitsunfähigkeit. Sie arbeite aber im Rahmen
eines Aufbau- und Belastbarkeitstrainings zurzeit zwei Stunden pro Tag und befolge
die Weisungen. Dr. D._ sei überzeugt, dass sie mittelfristig wieder ihre ursprüngliche,
ideal adaptierte Tätigkeit werde ausüben können.
A.d Der Kreisarzt hielt am 19. Oktober 2012 (UV-act. 5-1 ff.) dafür, rein objektiv seien
sämtliche Verletzungen gut und vollständig ausgeheilt. Es bestehe eine anhaltende,
chronifizierte Schmerzsymptomatik mit inzwischen aufgetretener Symptomausweitung
ohne klinisch fassbares pathologisches Korrelat (somatoforme Schmerzstörung mit
Symptomausweitung). Ab 22. Oktober 2012 werde eine Arbeitsunfähigkeit von 75 %
attestiert, ab 1. November 2012 eine solche von 50 % (ganztags zu verwerten) und ab
3. Dezember 2012 - rein unfallspezifisch betrachtet - keine Arbeitsunfähigkeit mehr (vgl.
auch IV-act. 23-4 f.).
A.e In einer IV-Zielvereinbarung über einen Eingliederungsplan vom 5. November 2012
wurde vorgesehen, dass das Pensum ab November 2012 50 % betragen und ab 3.
Dezember 2012 eine Erhöhung abgeklärt werden solle (vgl. IV-act. 21). Nach
Auffassung des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) der Invalidenversicherung vom
14. November 2012 (IV-act. 24) war zu prüfen, ob die Versicherte im Anschluss an den
Autounfall eine Anpassungsstörung entwickelt habe.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.f Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle sprach der Versicherten am 14. November
2012 (IV-act. 25) Massnahmen zum Erhalt des Arbeitsplatzes zu. - In einem
Abklärungsauftrag an den IV-Eingliederungsverantwortlichen wurde für die bisherige
Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 50 %, für eine angepasste Tätigkeit volle
Arbeitsfähigkeit angenommen (IV-act. 26).
A.g Die Suva stellte, wie einem Schreiben des Rechtsvertreters der Versicherten vom
1. Februar 2013 (UV-act. 8-2) zu entnehmen war, ihre Leistungen (Taggeld,
Heilbehandlung) zunächst ab 3. Dezember 2012 ein. Schliesslich wurden die
Leistungen durch Verfügung vom 20. Juni 2013 (UV-act. 11-23) bzw.
Einspracheentscheid vom 17. Januar 2014 (UV-act. 14-8 ff.) auf den 30. Juni 2013 hin
eingestellt.
A.h Der IV-Eingliederungsverantwortliche hielt am 28. Juni 2013 (IV-act. 28) fest, die
Versicherte habe ihr Pensum bis anhin nicht über 25 % hinaus steigern können. Sie
nehme inzwischen auch psychiatrische Hilfe in Anspruch. Sie könne an einem leichten
Arbeitsplatz wechselbelastend arbeiten. - Mit Mitteilung vom 8. Juli 2013 (IV-act. 30)
teilte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle der Versicherten mit, weitere berufliche
Massnahmen seien nicht angezeigt; die Unterstützung werde mit ihrem Einverständnis
eingestellt.
A.i In einem IV-Arztbericht vom 15. August 2013 (IV-act. 39) gab Dr. med. E._,
Fachärztin FMH für Rheumatologie und Allgemeine Innere Medizin, an, es bestünden
bei der Versicherten als Hauptdiagnosen chronische Beschwerden bei Status nach
Polytrauma nach Autounfall am _.06.2011, belastungsabhängige Restbeschwerden im
rechten Oberschenkel und rechten Knie bei St. n. Kniekontusion/-distorsion rechts und
Femurschaftfraktur rechts mit Reposition und Marknagelosteosynthese 05.06.2012
(recte wohl: 2011), Metallentfernung 04.05.2012, ventrale Thoraxschmerzen bei Status
nach stumpfem Thoraxtrauma mit Rippenfrakturen rechts ventral im
osteocartilaginären Übergang mit kallusartiger Vorwölbung der Rippen. Vom 4. Juni
2011 bis 21. Oktober 2012 sei sie voll arbeitsunfähig gewesen, seither sei sie noch zu
75 % arbeitsunfähig. - Beigelegt waren die Berichte der Kliniken Valens vom 27.
Februar 2013 und 11. März 2013 (IV-act. 39-8 ff. und 39-12 ff.). Diagnostiziert worden
waren dort (grob wiedergegeben) ein chronisches Panvertebralsyndrom und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
chronische Beschwerden bei Status nach Polytrauma nach Autounfall. Als
arbeitsrelevante Probleme seien eine verminderte Kraft des rechten Beines und eine
leicht eingeschränkte Kniebeugung rechts aufgefallen. Die Versicherte habe im
Rahmen der Tests keine Hinweise auf eine Symptomausweitung gezeigt. Aus
bidisziplinärer (internmedizinischer und rheumatologischer) Sicht sei die Versicherte
aufgrund der körperlichen Einschränkungen zu maximal 50 % arbeitsfähig. Zwei
Stunden Arbeit am Vor- und zwei am Nachmittag sollten ihr möglich sein. Innerhalb der
nächsten sechs bis neun Monate sollte die Arbeitsfähigkeit wieder auf ein normales
Pensum gesteigert werden können.
A.j Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie F._ gab in ihrem IV-Arztbericht
vom 27. August 2013 (IV-act. 41) an, die Versicherte weise eine depressive Störung,
gegenwärtig leichte bis mittelgradige Episode mit somatischem Syndrom, auf. Sie sei
vom 22. Februar bis 8. April 2013 zu 50 % arbeitsunfähig gewesen. Diese
Arbeitsunfähigkeit bestehe bei ihr zurzeit. Aus psychiatrischer Sicht sei davon
auszugehen, dass sie die volle Arbeitsfähigkeit wieder werde erreichen können.
A.k Das Kantonsspital B._ hielt in einer Beurteilung vom 19. September 2013 (UV-
act. 14-53 ff.) fest, die glaubhaften Schmerzen der Versicherten seien eher nicht
organisch, sondern durch eine inadäquate Schmerzwahrnehmung bzw. -verarbeitung
bedingt. Die Unfallfolgen seien abgeheilt.
A.l Auf ergänzende Fragen des RAD erklärte Dr. E._ am 8. November 2013 (IV-act.
46), die Arbeitsfähigkeit habe seit März 2013 nicht gesteigert werden können. Bei einer
neuerlichen Beurteilung durch die Kliniken Valens sei ebenfalls ein unveränderter
körperlicher Befund erhoben worden. Es werde eine stationäre Rehabilitation
vorgeschlagen.
A.m Die Kliniken Valens berichteten am 21. November 2013 (IV-act. 48, nach
konsiliarischer Untersuchung vom Oktober 2013), von Juni 2011 bis Oktober 2012
habe volle Arbeitsunfähigkeit bestanden. Seither arbeite die Versicherte zu 25 %. Seit
der Abklärung vom Februar 2013 sollte eine Arbeitstätigkeit an vier Stunden pro Tag
zumutbar sein.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.n Am 17. Dezember 2013 (IV-act. 52) liess die Versicherte die Wiederaufnahme der
beruflichen Massnahmen beantragen. Am 15. April 2014 (IV-act. 80) wurde ihr
Anspruch auf Beratung und Unterstützung beim Arbeitsplatzerhalt bestätigt. Es waren
weitere ärztliche Berichte eingegangen.
A.o Am 24. Juli 2014 (Mitteilung, IV-act. 86) stellte die Sozialversicherungsanstalt/IV-
Stelle des Kantons St. Gallen die beruflichen Massnahmen wieder ein, da seit Januar
2014 eine Steigerung des Arbeitspensums trotz entsprechender Unterstützung nicht
gelungen sei.
A.p In einem IV-Verlaufsbericht vom 12. August 2014 (IV-act. 87) gab F._ an, der
Gesundheitszustand der Versicherten sei stationär. Bezüglich der depressiven
Erkrankung bestehe wenig Compliance; die Versicherte beziehe die Symptome primär
auf die somatischen Folgen des Unfalls. Die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit
sei aus psychiatrischer Sicht um 50 % eingeschränkt; maximal vier Stunden pro Tag
seien möglich. Diese Tätigkeit sei eher leicht, überschaubar und in Wechselbelastung
möglich. Es sei anzunehmen, dass in jeder vergleichbaren Tätigkeit ähnliche
Beschwerden und eine ähnliche Arbeitsfähigkeit bestünden.
A.q Dr. E._ erklärte in einem IV-Verlaufsbericht vom 26. August 2014 (IV-act. 89), die
Versicherte arbeite täglich zweimal eineinhalb Stunden. Mehr habe sich die Arbeitszeit
wegen Exazerbation der Schmerzproblematik mit Bewegungsunmöglichkeit nicht
steigern lassen. Sie (die Ärztin) gehe davon aus, dass der Endzustand erreicht sei und
es nicht mehr zu einer Verbesserung der Problematik komme.
A.r Am 16. Januar 2015 erstattete die MEDAS Ostschweiz das in Auftrag gegebene
Gutachten (IV-act. 102). Als Hauptdiagnosen wurden bezeichnet (erstens) ein Cervico-
lumbales Schmerzsyndrom, rechtsbetont, mit leichter WS-Seitausbiegung mit
diskreten degenerativen Veränderungen an der HWS; LWS unauffällig; (zweitens) eine
muskuläre Dysbalance und (drittens) eine generalisierte muskuläre Hypotrophie und
Insuffizienz bei asthenisch laxem Habitus. Als Nebendiagnosen lägen (verkürzt
wiedergegeben) der Status nach Polytrauma, eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung, eine leichte depressive Störung im Rahmen der Schmerzproblematik
und ein Hallux valgus links > rechts vor. Unter rheumatologischem Aspekt (vgl. IV-act.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
102-47) wurden retrospektiv die (unfallbedingten) Arbeitsfähigkeitsschätzungen (volle
Arbeitsunfähigkeit vom 4. Juni 2011 bis 21. Oktober 2012, 75 % Arbeitsunfähigkeit
vom 22. Oktober 2012 bis 31. Oktober 2012 und 50 % Arbeitsunfähigkeit vom 1.
November 2012 bis 2. Dezember 2012) als nachvollziehbar bezeichnet. Polydisziplinär
wurde erklärt, die Arbeitsunfähigkeit der Versicherten in der bisherigen und jeder
anderen leichten adaptierten Tätigkeit betrage höchstens 20 %, und zwar bedingt
durch über das betriebsübliche Mass hinausreichenden Pausenbedarf und bestehend
seit etwa Sommer 2013 (unter Hinweis auf eine Suva-Beurteilung vom "30. Juni 2013";
IV-act. 102-59; gemeint wohl Suva-Verfügung vom 20. Juni 2013 mit
Leistungseinstellung auf 30. Juni 2013). Die Foerster-Kriterien seien nicht erfüllt.
A.s Mit Vorbescheid vom 25. März 2015 (IV-act. 110) stellte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen eine Abweisung des
Leistungsgesuchs der Versicherten in Aussicht. Der Invaliditätsgrad betrage 16 %
(Valideneinkommen Fr. 44'000.--, Invalideneinkommen Fr. 36'960.--).
A.t Der Rechtsvertreter der Versicherten wandte am 1. Mai 2015 (IV-act. 115) ein, das
Gutachten stehe im Widerspruch zur Beurteilung der Kliniken Valens nach dem
Aufenthalt von 2013. Die Versicherte habe die damaligen Empfehlungen im Hinblick auf
eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit strikt befolgt, das Ziel jedoch nicht erreichen
können. Der Verfügung werde ihre effektive Leistungsfähigkeit zugrunde zu legen sein.
Allenfalls müsse hierzu die neuerliche Evaluation in den Kliniken Valens abgewartet
werden, zu welcher Dr. E._ die Versicherte angemeldet habe. - Am 22. Juni 2015 (IV-
act. 117) reichte der Rechtsvertreter den Untersuchungsbericht der Inneren Medizin/
Rheumatologie der Interdisziplinären Schmerzsprechstunde der Kliniken Valens vom
15. Juni 2015 (IV-act. 118) ein. Danach sollte der Versicherten eine Arbeitstätigkeit
(ohne repetitive Tätigkeiten) halbtags möglich sein. Die Schmerzangabe und die
Bewegungsmuster könnten rein somatisch nicht vollständig erklärt werden. Der
Psychosomatische Dienst der Interdisziplinären Schmerzsprechstunde der Kliniken
Valens gab an (IV-act. 121), es liege bei der Versicherten eine Dysthymie vor. Eine
rheumatologisch-orthopädisch ideal adaptierte Tätigkeit sollte aus psychiatrischen
Gründen (zumindest aktuell) nicht wesentlich beeinträchtigt sein (vgl. insgesamt IV-act.
120).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.u Am 10. März 2016 (IV-act. 136) teilte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle mit,
sie halte am Ergebnis gemäss dem ersten Vorbescheid fest.
A.v Der Rechtsvertreter der Versicherten wandte am 29. März 2016 (IV-act. 137) ein,
bei der Beurteilung durch die Kliniken Valens handle es sich nicht nur um eine
abweichende Meinung von behandelnden Ärzten, sondern um eine ausführliche
leistungsorientierte Abklärung der arbeitsbezogenen funktionellen Belastbarkeit. Die
Versicherte sei ausserdem zu einer neuropsychologischen Abklärung angemeldet. - Am
5. Juli 2016 (IV-act. 141) reichte er den entsprechenden Untersuchungsbericht des
ADHD-Zentrums Ostschweiz (Dr. phil. G._, Psychotherapeut FSP) vom 20. Mai 2016
(IV-act. 140) ein. Danach wurden eine Störung der Aufmerksamkeit, eine massiv
erhöhte Erregungsmodulation während des Konzentrationsverlaufstests, die schnell zu
Erschöpfungszuständen führe, und (bei den evozierten Potenzialen) fehlende
Aktivierungen im anterioren cingulären Kortex gefunden. Das führe zu Ratlosigkeit und
Verwirrung in überfordernden Situationen. - Der RAD hielt am 13. Juli 2016 (IV-act. 142)
dafür, weitere medizinische Abklärungen seien nicht angezeigt.
A.w Mit Verfügung vom 13. Juli 2016 (IV-act. 143) wies die Sozialversicherungsanstalt/
IV-Stelle des Kantons St. Gallen das Leistungsgesuch der Versicherten ab.
B.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwalt lic. iur. Rainer Braun für die
Betroffene am 12. September 2016 erhobene Beschwerde. Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin beantragt, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und der
Beschwerdeführerin sei ab Juni 2012 eine Invalidenrente zuzusprechen. Die Ergebnisse
der (nach dem Gutachten erfolgten) Abklärungen durch die Kliniken Valens mit der
Aussage, dass die Beschwerdeführerin lediglich halbtags arbeitsfähig sei, basierten auf
einer ausführlichen leistungsorientierten Abklärung der arbeitsbezogenen funktionellen
Belastbarkeit der Beschwerdeführerin. Die Gutachter hätten sich zumindest dazu
äussern müssen, erst recht, da sie mit den Ergebnissen der intensiven Arbeitsversuche
übereinstimmten. Dass die Einschränkungen weit über das von der MEDAS attestierte
Ausmass hinausgingen, bestätige auch die Untersuchung durch Dr. phil. G._. Dieser
führe aus, die Schwierigkeiten der Beschwerdeführerin würden zu einer erhöhten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Belastung führen und Stress verursachen, und wer das nicht sehe, der wolle es nicht
sehen. Die MEDAS habe keine neurologischen, neuropsychologischen oder
neurophysiologischen Abklärungen getätigt. Aufgrund der Abklärungen der Kliniken
Valens, der Arbeitsversuche und der Untersuchung durch Dr. phil. G._ sei von einer
Einschränkung der Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin von mindestens 50 %
auszugehen. Allenfalls sei die effektive Leistungsfähigkeit - unter Berücksichtigung der
funktionellen Tests in den Kliniken Valens und der Arbeitsversuche - im Sinn der
neueren bundesgerichtlichen Rechtsprechung nochmals umfassend zu überprüfen.
Weder das Gutachten noch die Einschätzung der Beschwerdegegnerin würden
ausserdem den Anforderungen der ergebnisoffenen Beurteilung des tatsächlich
erreichbaren Leistungsvermögens mit Berücksichtigung der leistungshindernden
äusseren Belastungsfaktoren einerseits und der Kompensationspotenziale anderseits in
einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 gerecht. Das Gutachten
stütze sich noch auf die Foerster-Kriterien. Allenfalls seien auch diesbezüglich
ergänzende Abklärungen vorzunehmen. Beim Einkommensvergleich sei zudem nebst
einem allfälligen Teilzeitabzug ein Leidensabzug vorzunehmen. Die Beschwerdeführerin
habe ausschliesslich bei einer Unternehmung gearbeitet und verfüge über keinerlei
anderweitige Berufserfahrung. Ein potenzieller Arbeitgeber werde zudem wegen der
gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit vermehrten Absenzen zu rechnen haben und
diesem Risiko mit einem (im Vergleich zu jenem einer gesunden Arbeitnehmerin)
tieferen Lohn Rechnung tragen.
C.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 23. November 2016 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Die zur Erhebung des
medizinischen Sachverhalts bzw. zur Folgenabschätzung hinsichtlich der
medizinischen Befunde gesetzlich vorgesehenen Organe seien die medizinischen
Abklärungsstellen. Der Gutachter der Rheumatologie sei den ihm bekannten
abweichenden Einschätzungen der Kliniken Valens und von Dr. E._ nicht gefolgt, weil
sich kein adäquates klinisches und radiologisches Korrelat für die Beschwerden der
rechten Körperseite gefunden habe und weil die ausgesprochen tiefe
Selbsteinschätzung der Beschwerdeführerin nicht habe erklärt werden können. Der
Experte habe aber eine Korrelation mit den Beurteilungen der Orthopäden des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kantonsspitals B._ und des Kreisarztes der Unfallversicherung festgestellt. Ein UV-
Rentenanspruch bestehe mangels objektivierbarer Unfallfolgen nicht. Aus dem Bericht
der Kliniken Valens vom 15. Juni 2015 gehe nicht hervor, dass sich am Zustandsbild
etwas Relevantes verändert haben könnte. Angesichts der diskreten organischen
Befunde sei schon die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit durch den Gutachter der
Rheumatologie als wohlwollend zu bezeichnen. Die divergierenden Einschätzungen
seien offenkundig von einer therapeutischen Sichtweise geprägt und beruhten im
Wesentlichen auf subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin. Die Gutachterin der
Psychiatrie habe den diagnostizierten Leiden keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
beigemessen. Die Überprüfung im Licht der gemäss BGE 141 V 281 massgeblichen
Indikatoren führe zu keinem anderen Ergebnis. Es bestehe zwar eine gewisse
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde und Symptome, doch eine schwere
Ausprägung der Schmerzstörung falle angesichts des aktiven Lebens der
Beschwerdeführerin nicht in Betracht. Eine relevante psychische Komorbidität liege
nicht vor. Der soziale Lebenskontext enthalte Faktoren, die sich potenziell günstig auf
die Ressourcen auswirkten. Die Indikatorenprüfung zeige weder im Komplex des
Gesundheitsschadens noch in jenem der Persönlichkeit eine negative Beeinflussung,
so dass sich eine Konsistenzprüfung erübrige. Der neuropsychologische Bericht
äussere sich nicht präzis zur Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin. Nach Auffassung
des RAD ergebe sich daraus insgesamt ein Funktionsbild, das hinsichtlich des
umschriebenen Arbeitsprofils keine weitere Leistungsminderung bedeute. Weder die
organischen Beeinträchtigungen noch der psychische Befund vermöchten die
auffälligen Werte unter dem Aspekt der Aufmerksamkeit zu erklären. Der Bericht setze
sich auch nicht mit den gutachterlichen Schlussfolgerungen auseinander. Es seien
insgesamt keine Zweifel am Begutachtungsergebnis begründet worden. Das
Invalideneinkommen sei nicht anhand des im Pensum von ca. 35 % erzielten Lohnes
festzulegen, da die Beschwerdeführerin die zumutbare Restarbeitsfähigkeit von 80 %
bei weitem nicht ausschöpfe. Umstände, die auch auf einem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt als ausserordentlich zu betrachten seien und deshalb als Abzugsgrund
berücksichtigt werden könnten, lägen nicht vor. Den relevanten physischen
Beeinträchtigungen sei bereits beim Anforderungs- und Belastungsprofil und bei der
Leistungsfähigkeit Rechnung getragen worden. Ein Teilzeitabzug komme wegen der
grundsätzlich vollzeitlichen Arbeitsfähigkeit nicht in Frage. Ohnehin fehlte es an einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
statistisch ausgewiesenen Verdiensteinbusse. Fehlende Dienstjahre an einer neuen
Arbeitsstelle und ein angeblich höheres Risiko der krankheitsbedingten Abwesenheit
von der Arbeit führten ebenfalls nicht zu einem Abzug.
D.
Mit Replik vom 12. Januar 2017 weist der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
darauf hin, dass sie beim Unfall nicht (nur) eine Femurschaftfraktur, sondern diverse
Verletzungen erlitten habe. Die Abklärungen in den Kliniken Valens beruhten
ausserdem nicht im Wesentlichen auf ihren subjektiven Angaben. Vielmehr habe eine
ausführliche und leistungsorientierte Abklärung stattgefunden. Die Ergebnisse, die mit
den Arbeitsversuchen übereinstimmten, dürften nicht einfach übergangen werden. Der
Hinweis des Gutachters der Rheumatologie, wonach seine Einschätzung mit jener des
Kreisarztes übereinstimme, sei zudem wenig stichhaltig, habe sich die
Invalidenversicherung doch nicht allein mit den reinen Unfallfolgen zu befassen und
spiele die Adäquanzfrage keine Rolle. Neuropsychologische Ergebnisse könnten
unbestrittenermassen nur im Rahmen einer gesamthaften Beweisführung bedeutsam
sein, doch habe eine vollständige Abklärung vorliegend gerade nicht stattgefunden,
insbesondere keine neurologische Untersuchung. Für eine genügende Beurteilung der
Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin fehlten im Zusammenhang mit der
somatoformen Schmerzstörung konkrete Angaben zur Ausprägung der Befunde und zu
den somatischen und psychischen Komorbiditäten. Es werde auch nicht darauf
eingegangen, dass die jahrelange und intensive Behandlung im Wesentlichen ohne
Erfolg geblieben und die Eingliederung mit dem postulierten Leistungsvermögen trotz
mehrerer Versuche nicht gelungen sei. Allenfalls seien diesbezüglich ergänzende
Abklärungen vorzunehmen, die den aktuellen Anforderungen gemäss dem
Bundesgericht genügten. In medizinischer Hinsicht könne jedenfalls auf das Gutachten
nicht abgestellt werden. Es sei weder umfassend noch inhaltlich schlüssig oder
nachvollziehbar.
E.
Die Beschwerdegegnerin hat am 20. Januar 2017 auf die Erstattung einer Duplik
verzichtet und an ihrem Antrag festgehalten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
1.1 Im Streit liegt die Verfügung vom 13. Juli 2016, mit welcher die
Beschwerdegegnerin das Leistungsgesuch der Beschwerdeführerin vom Juni 2012,
namentlich ihren Rentenanspruch, abgewiesen hat.
1.2 Die Beschwerdeführerin lässt mit der Beschwerde (im Hauptstandpunkt) einzig
Rentenleistungen beantragen. Streitgegenstand bildet demnach der allfällige
entsprechende Anspruch. Die beruflichen Eingliederungsmassnahmen waren gemäss
Mitteilungen vom 8. Juli 2013 und vom 24. Juli 2014 eingestellt worden. Ergäbe sich
allerdings, dass ohne Eingliederungsmassnahmen ein Rentenanspruch in Frage
stünde, so gehörte zum Streitgegenstand notwendigerweise auch die Frage, ob die
Verwaltung den Grundsatz "Eingliederung vor Rente" beachtet und eine allfällige Pflicht
der Beschwerdeführerin zu Massnahmen korrekt in Anspruch genommen habe.
2.
2.1 Nach Art. 28 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40 % Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.2 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre
Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen,
erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen
Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen
sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG)
sind (lit. c).
2.3 Nach Art. 29 Abs. 1 IVG entsteht der Rentenanspruch frühestens nach Ablauf von
sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1
ATSG. Damit wird nicht der Zeitpunkt des Eintritts des Versicherungsfalls Rente
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
geregelt (dies erfolgt in Art. 4 Abs. 2 und 28 IVG), sondern nur der Rentenbeginn (vgl.
Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 19. Oktober 2015, IV
2013/52 E. 1.2, vgl. Bundesgerichtsentscheid vom 14. Dezember 2015, 9C_655/2015
E. 4; vgl. Rz 2025 des vom Bundesamt für Sozialversicherungen erlassenen
Kreisschreibens über Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung, KSIH,
Fassung 2018).
2.4 Für die Invaliditätsbemessung sind zunächst die medizinischen Vorbedingungen
von Bedeutung. Der Arzt sagt, inwiefern die versicherte Person in ihren körperlichen
bzw. geistigen Funktionen durch das Leiden eingeschränkt ist (BGE 107 V 17 = ZAK
1982 S. 34). Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu
beschreiben und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher
Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Die ärztlichen Auskünfte sind im
Weiteren eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V
99 f. E. 4, vgl. BGE 141 V 281 E. 5.2.1).
3.
3.1 Der Gesundheitszustand und die Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin
wurden verschiedentlich untersucht und beurteilt, darunter namentlich in einer
polydisziplinären Begutachtung der MEDAS Ostschweiz. Das Gutachten vom 16.
Januar 2015 gelangte zum Schluss, die Beschwerdeführerin sei zum
Begutachtungszeitpunkt zu 80 % arbeitsfähig gewesen. Hierauf stützt die
Beschwerdegegnerin die angefochtene Verfügung. - Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin bringt dagegen vor, deren Leistungsfähigkeit sei um mindestens
50 % eingeschränkt. Das zeigten namentlich die leistungsorientierten (objektiven)
Abklärungen der Kliniken Valens, die Arbeitsversuche und die Ergebnisse des
Untersuchs durch Dr. phil. G._.
3.2 Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass das MEDAS-Gutachten auf einer
Kenntnisnahme von den Vorakten und einer Erhebung der Anamnese basiert. Die
Beschwerdeführerin wurde nach ihren Leiden befragt. In der Folge wurden die
objektiven Befunde erhoben, so ein orthopädischer Status mit Labor- und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Röntgenbefunden (letztere von HWS ap./seitlich und Dens, LWS ap./seitlich,
Oberschenkel rechts ap./seitlich, Kniegelenk rechts ap./seitlich und Patella axial,
Rippenthorax, alle vom 7. Januar 2015) sowie ein PACT-Test. Ausserdem wurden
Teilgutachten in psychiatrischer und rheumatologischer Disziplin und allgemeiner/
innerer Medizin (mit jeweiliger Anamnese- und Befunderhebung) erstellt.
4.
4.1
4.1.1 Was den somatischen Gesichtspunkt und zunächst im Einzelnen den
rheumatologischen Teil des Gutachtens betrifft, wurde dargelegt, dass die
bildgebenden Untersuchungen initiale degenerative Veränderungen im Sinn
mehrsegmentaler cervikaler Chondrosen mit geringen Discusprotrusionen und kleiner
medianer Discushernie C6/C7 ohne Neurokompression, eine Spondylarthrose C7/Th 1
links, initiale spondylotische Veränderungen der mittleren BWS und Th11/12, eine
initiale Chrondrose L5/S1 sowie initiale Spondylarthrosen L4 bis S1 ohne
Neurokompression gezeigt hätten. Hinweise auf eine radiologische Erklärung für das
ausgedehnte muskuloskelettale Schmerzsyndrom hätten sich nicht ergeben. Die
Beschwerdeführerin habe ein leichtes, ostentativ wirkendes Schonhinken rechts und
eine schmerzhafte Einschränkung der Schulterabduktion/ -elevation vorne rechts,
Schmerzen bei der Rotationsprüfung der rechten Hüfte und panvertebrale
Rückenschmerzen bei asthenischem, laxem Habitus und generalisierter muskulärer
Hypotrophie mit Insuffizienz der Rumpfmuskulatur und muskulärer Dysbalance der
Rückenmuskulatur rechts und der dorsalen Schultergürtelmuskulatur rechts und bei
lumbospondylogenen Druckdolenzen rechts gezeigt. Ausserdem habe bei
asymmetrischem Thorax eine Vorwölbung der Rippen ventro-medial rechts objektiviert
werden können. Angesichts des Thorax-CT-Befundes vom 20. September 2013
erscheine retrospektiv fraglich, ob beim Unfall tatsächlich dort Rippenfrakturen
aufgetreten seien oder es sich um eine Normvariante mit steil verlaufenden Rippen
rechts bei Thoraxasymmetrie handle. Radikuläre Reiz- oder sensomotorische
Ausfallsymptome seien nicht feststellbar gewesen. Der Gutachter gelangte zum
Schluss, dass sich für die von der Beschwerdeführerin als invalidisierend
beschriebenen ausgedehnten muskuloskelettalen Beschwerden der rechten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Körperseite (Nacken, rechter ventraler Thorax, rechter Oberarm, rechte Flanke, rechtes
Becken, rechter Oberschenkel, rechtes Knie) kein adäquates klinisches oder
radiologisches Korrelat habe finden lassen. Die leichten degenerativen Veränderungen
der Wirbelsäule würden das Beschwerdebild höchstens zu einem kleinen Teil erklären.
Für mittelschwere und schwere Berufstätigkeiten sei aufgrund der generalisierten
muskulären Hypotrophie und Insuffizienz bei asthenisch laxem Habitus eine
Arbeitsunfähigkeit nachvollziehbar. Für körperlich leichte, wechselbelastende
Tätigkeiten betrage die Arbeitsunfähigkeit höchstens 20 %.
4.1.2 Die Kliniken Valens ihrerseits gaben im Lauf der Zeit mehrere Berichte ab. Im
Bericht vom 24. Januar 2012 waren ein deutlich verlangsamtes, leicht hinkendes
Gangbild der Beschwerdeführerin, eine eingeschränkte Knie- und Hüftflexion und
muskuläre Verkürzungen von Hüftstrecker und M. rectus femoris sowie eine
ausgeprägte Schmerzsymptomatik beschrieben worden (UV-act. 3-53). Den Berichten
vom 27. Februar 2013 (IV-act. 39-8 ff.) war in der Folge zu entnehmen, dass damals im
Bereich der unteren Extremität eine leichte Flexionseinschränkung im Bereich des
rechten Knies bei Verkürzungen des M. rectus femoris rechts gefunden worden war.
Die Gelenke der oberen Extremität waren abgesehen von einer endgradigen
Schmerzhaftigkeit bei allen Bewegungen der rechten Schulter normal und unauffällig
beweglich gewesen. Als arbeitsrelevante Probleme waren eine verminderte Kraft des
rechten Beines mit einem hinkenden Gang bei längerem Gehen und eine leicht
eingeschränkte Kniebeugung rechts bei der Hocke und beim Knien aufgefallen. Die
beobachtete Belastbarkeit habe im Wesentlichen einer leichten Tätigkeit mit Hantieren
von Lasten bis maximal 10 kg entsprochen (vgl. IV-act. 39-10). Es wurde geschlossen,
wegen der verminderten Kraftausdauer und dem zunehmenden Hinken beim längeren
Gehen sei die arbeitsspezifische Belastbarkeit noch reduziert, die Arbeitsfähigkeit
betrage momentan maximal 50 %. Die Kliniken gingen jedoch davon aus, dass die
Arbeitsfähigkeit in den nächsten sechs bis neun Monaten wieder auf 100 % gesteigert
werden könne (vgl. IV-act. 39-10 f.). - Am 21. November 2013 (IV-act. 48) berichteten
sie, eine adaptierte Tätigkeit (ohne längere Gehstrecken) sollte der Beschwerdeführerin
an vier Stunden pro Tag möglich sein. - Im Januar 2014 hatten die Kliniken Valens
einen Arbeitsversuch der Beschwerdeführerin mit bis zu 50-prozentiger Arbeitstätigkeit
vorgeschlagen (so der Austrittsbericht vom 22. Januar 2014, beschrieben bei IV-act.
102-20 und IV-act. 102-43). - In den Untersuchungsberichten vom Juni 2015 der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Interdisziplinären Schmerzsprechstunde der Kliniken Valens wurde eine
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin für eine halbtägige Arbeit als möglich
bezeichnet. Grundlage der Berichte vom 15. Juni 2015 waren nochmals Basistests der
körperlichen Leistungsfähigkeit. Als arbeitsrelevantes Problem wurden dabei nun
(lediglich) die häufigen Angaben von verschiedenen Beschwerden bezeichnet (vgl. IV-
act. 123-1). Die beobachtete Belastbarkeit habe einer leichten Tätigkeit (mit Hantieren
von Lasten selten bis maximal 10 kg) entsprochen. Es wurde geschlossen, die
Beschwerden seien im Rahmen eines chronischen Panvertebralsyndroms bei
muskulären Dysbalancen und Insuffizienzen als Unfallfolgen zu sehen, aus denen auch
der Beckenschiefstand um 1 cm nach Femurfraktur resultiere. Die Schmerzangabe und
die Bewegungsmuster könnten rein somatisch nicht vollständig erklärt werden. Eine
angepasste Tätigkeit sollte halbtags möglich sein (vgl. IV-act. 122-2).
4.1.3 Wie der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin vorbringt, basieren die
Beurteilungen der Kliniken Valens vom 27. Februar 2013 und vom 11. Juni 2015 nicht
allein auf den subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin, sondern auf
Leistungsfähigkeitsabklärungen. Die dabei beobachtete Belastbarkeit hatte jeweils wie
erwähnt - grundsätzlich - einer leichten Tätigkeit entsprochen. Die attestierte
weitreichende, 50 % betragende Einschränkung der Arbeitsfähigkeit wurde zunächst
(2013) mit verminderter Kraftausdauer und dem zunehmenden Hinken der
Beschwerdeführerin beim längeren Gehen begründet, was im Vergleich zur
Begründung der Beurteilung im Gutachten weniger überzeugt. Nach der zweiten
Testreihe (2015) waren von der Abteilung Ergonomie ausserdem gar nur noch häufige
Angaben von verschiedenen Beschwerden als arbeitsrelevantes Problem genannt
worden (vgl. IV-act. 123-1). Dennoch blieb es (unter Hinweis auf das
Panvertebralsyndrom und den Beckenschiefstand) bei der Einschätzung der
Beschränkung der Leistungsfähigkeit auf eine halbtägige Arbeit (vgl. IV-act. 122-2).
4.1.4 Die Verhaltensbeobachtung bei der arbeitsspezifischen Abklärung der Kliniken
Valens vom Februar 2013 hatte zudem zwar zunächst noch ergeben, dass keine
Symptomausweitung vorliege. Auffällig sei [nur] die Art der Schmerzbeschreibung bzw.
das häufige Reiben der Schmerzbereiche (IV-act. 39-12). Gemäss dem entsprechenden
Anhang 1 (IV-act. 39-16) hatte sich (nebst dem erwähnten Schmerzverhalten) unter
dem Aspekt der Schmerzbeschreibung im Einzelnen (verkürzt wiedergegeben) gezeigt,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dass topographisch weit ausgebreitete Schmerzen (klinisch nicht plausibel) und ein
undifferenziertes Schmerzmuster (diffuse Schmerzangaben) angegeben worden waren
und dass der Schmerz von der Art der Bewegung/Aktivität oder durch therapeutische
Massnahmen kaum beeinflusst werde. Ob die Handkraftverteilung physiologisch
gewesen sei, wurde als fraglich bezeichnet. Bei der Konsistenz wurde auf eine
Diskrepanz zwischen dem Ausmass der angegebenen Einschränkungen im PACT-Test
und den beobachteten funktionellen Fähigkeiten (Selbsteinschätzung erheblich zu tief;
90 Punkte) hingewiesen. Die Konsistenz wurde dennoch als gut bewertet. - Im
Testbericht vom 11. Juni 2015 wurde von einer mässigen Symptomausweitung mit
Augenmerk auf Schmerzbeschreibung und Verhalten ausgegangen (IV-act. 123-1). Im
Einzelnen wurde unter anderem auf eine Inkonsistenz bei den Handkraft-Tests und
darauf hingewiesen, dass sich die Beschwerdeführerin im Problembereich nicht bis an
eine beobachtbare funktionelle Leistungsgrenze habe belasten lassen (dort
Selbstlimitierung, vgl. IV-act. 123-3). Beim PACT-Test hatte sich eine Punktzahl von nur
noch 28 ergeben. - Auch im rheumatologischen Gutachten der MEDAS war im Übrigen
eine ausgesprochen tiefe Selbsteinschätzung ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit
durch die Beschwerdeführerin im PACT-Test (44 von möglichen 200 Punkten; IV-act.
102-45) zu berücksichtigen gewesen.
4.1.5 Des Weiteren kann nicht darüber hinweggesehen werden, dass sich die
Beschwerdeführerin in den Kliniken Valens zum Zweck der Behandlung aufhielt. Die
betreffenden Ärzte haben - wie behandelnde Ärzte allgemein - zwar einerseits die
(vorteilhafte) Möglichkeit einer längeren Beobachtungszeit (vgl.
Bundesgerichtsentscheid vom 21. Dezember 2005, 4P.254/2005), anderseits haben sie
aber einen therapeutischen Auftrag (vgl. Bundesgerichtsentscheid vom 25. Mai 2007, I
514/2006) und befinden sich zudem in einer Vertrauensstellung zu ihren Patienten (vgl.
Bundesgerichtsentscheid vom 27. August 2008, 8C_588/2007; BGE 125 V 353 E. 3b/
cc), so dass es nicht ihre Sache sein kann, deren Arbeitsfähigkeit objektiv einschätzen
zu müssen (vgl. Bundesgerichtsentscheid vom 22. April 2014, 9C_184/2014), und so
dass zudem damit gerechnet werden muss, dass sie sich durch die "Macht des
Faktischen" von deren pessimistischer subjektiver Einstellungen überzeugen lassen
(vgl. Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 3. April 2007, IV
2006/90). Das ist bei der Beweiswürdigung zu berücksichtigen. Auf einen
entsprechenden Blickwinkel mag es hindeuten, dass die Kliniken Valens im Arztbericht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 21. November 2013 die medizinisch begründete Arbeitsunfähigkeit anhand des
von der Beschwerdeführerin tatsächlich ausgeübten Arbeitspensums umschrieben (IV-
act. 48-2).
4.1.6 Der Gutachter der Rheumatologie seinerseits setzte sich ferner mit den
abweichenden Standpunkten auseinander und hielt dafür, die
Arbeitsunfähigkeitsatteste der Kliniken Valens und von Dr. E._ würden sich aufgrund
der erwähnten objektivierbaren pathologischen klinischen und radiologischen Befunde
nicht begründen lassen (vgl. IV-act. 102-45). Was den Bericht der Klinik Valens vom 24.
Januar 2012 im Besonderen betrifft, wies er darauf hin, dass dort als
rehabilitationsbehindernde Faktoren eine Anpassungsstörung im Sinn einer
depressiven Reaktion auf das Unfallereignis, die anhaltende Schmerzsymptomatik und
die Ungewissheit bezüglich der weiteren gesundheitlichen Entwicklung der Kinder
bezeichnet worden seien (vgl. IV-act. 102-41 f.). Die Kliniken Valens erklärten das
Beschwerdebild denn auch schon am 24. Januar 2012 (UV-act. 3-52) nicht allein
rheumatologisch, sondern mit einem (mitwirkenden) psychiatrischen Einfluss,
erwähnten sie doch wie dargelegt eine Anpassungsstörung. Von einem die
Arbeitsfähigkeit tangierenden psychiatrischen Leiden ist allerdings, wie unten (E. 5.1)
darzulegen ist, nicht auszugehen.
4.1.7 Dass der Gutachter der Rheumatologie seine Beurteilung nach einer
umfassenden Abklärung und namentlich auch in Kenntnis der abweichenden
Standpunkte der beiden rheumatologisch behandelnden Stellen abgegeben hat, gibt
ihr beweismässig erhebliches Gewicht. - Die Kliniken Valens beschrieben keine
Befunde, die im Gutachten ausser Acht gelassen worden wären. Es sprechen demnach
auch keine konkreten Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise (vgl. hierzu
Bundesgerichtsurteil vom 14. Dezember 2017, 8C_616/2017 E. 6.2.2; BGE 137 V 210
E. 2.2.2 und 1.3.4). - Dem Ergebnis der rheumatologischen Begutachtung ist
hinsichtlich des Beweiswerts gegenüber den Beurteilungen durch die Kliniken Valens
aus den dargelegten Gründen der Vorzug zu geben. Gleiches gilt gegenüber der vom
Gutachten abweichenden Einschätzung von Dr. E._, deren Basis unter den
Gesichtspunkten der Abklärungen und der Aktenkenntnis mit jenen der Gutachter nicht
vergleichbar ist. - Mit den Beurteilungen der Orthopäden des Kantonsspitals B._ und
des Kreisarztes stellte das Gutachten (vgl. IV-act. 102-45) schliesslich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Übereinstimmung fest. Für die Invalidenversicherung als finale Versicherung (die in der
Regel nicht nach der Genese durch Krankheit oder Unfall eines Gesundheitsschadens
fragt; BGE 124 V 174 E. 3b) kann diese letztgenannte Übereinstimmung nur, aber
immerhin insofern Bedeutung haben, als den betreffenden Einschätzungen keine
Beschränkung auf gewisse Leiden zugrunde liegt, während andere, für die
Invalidenversicherung relevante Beschwerdeanteile aus Kausalitätsgründen
ausgeschieden wurden (zur psychiatrischen Beurteilung unten E. 5.1, vgl. auch E. 7.2).
4.2 Ein Ungenügen des Gutachtens ist auch nicht etwa deswegen festzustellen, weil
eine fachärztliche neurologische Untersuchung anlässlich der Begutachtung nicht
stattgefunden hat. Die MEDAS konnte sich in dieser Hinsicht auf die Ergebnisse eines
fachärztlichen Berichts von Prof. Dr. med. H._ vom 18. Mai 2013 (UV-act. 11-57)
stützen, der nebst den Untersuchungsbefunden auch auf Zusatzdiagnostik (wie EEG,
Elektromyo- und -neurographie, evozierte Potentiale und galvanischer Hautreflex)
basierte. Danach hatten diagnostisch ein chronischer Kopfschmerz vom
Spannungstypus, eine Zervikobrachialgie rechts, belastungsabhängige thorakale
Schmerzen rechts und belastungsabhängige Schmerzen rechtes Bein (bei Ausschluss
einer relevanten Neuropathie) vorgelegen. Der Facharzt FMH der Neurologie hatte
bekannt gegeben, bei der klinischen Untersuchung habe sich die geklagte
Sensibilitätsstörung keinem Dermatom oder Nervenversorgungsgebiet zuordnen
lassen; sie habe sich nicht objektivieren lassen (die SEP-Latenzen hätten im
Normbereich gelegen, eine Störung der peripheren oder zentralen Überleitungszeit
habe sich nicht feststellen lassen). Die Tiefensensorik sei (klinisch) unauffällig gewesen.
Relevante motorische Defizite hätten sich nicht feststellen lassen. Die
elektrophysiologische Untersuchung habe einen unauffälligen hirnelektrischen Befund
gezeigt, daneben aber Hinweise auf eine Verspannung der perikraniellen Muskulatur.
Die Armnerven rechts seien unauffällig gewesen. Hinweise auf eine
Kompressionsneuropathie habe es nicht gegeben, ebenso wenig klinische Hinweise
auf eine zervikale Radikulopathie. Die chronische Zephalgie dürfte einerseits
analgetikainduziert sein, anderseits im Zusammenhang mit der Zerviko-Zephalgie
(keiner eigentlichen neurologischen Diagnose) bzw. dem chronischen
Panvertebralsyndrom stehen. Bei der Sensibilitätsstörung an den unteren Extremitäten
handle es sich ebenfalls um eine eher somatoforme Störung im Rahmen der in der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Aktenlage berichteten Anpassungsstörung (vgl. IV-act. 102-56; zur Beurteilung der
psychiatrischen Sachlage vgl. wie erwähnt unten E. 5.1).
4.3 Unter allgemeinmedizinischem internistischem Gesichtspunkt war keine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit festzustellen.
5.
5.1 Unter psychiatrischem Gesichtspunkt war im Gutachten vom 16. Januar 2015
festgehalten worden, eine diesbezügliche Arbeitsunfähigkeit liege nicht vor und habe
überwiegend wahrscheinlich nie (im Umfang von mehr als 20 %) vorgelegen (vgl. IV-
act. 102-34). - Die jüngere bundesgerichtliche Rechtsprechung sieht gemäss dem erst
nach der vorliegenden Begutachtung (am 3. Juni 2015) ergangenen BGE 141 V 281
(und gemäss BGE 143 V 418 E. 7.1 f. - bei Ausnahmen nach dem jeweiligen
Beweisbedarf - grundsätzlich) für die Objektivierung der Beschwerden bei psychischen
Erkrankungen, die generell Schwierigkeiten bietet (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 1.
Februar 2018, 8C_300/2017 E. 4.1.4.1), ein strukturiertes Beweisverfahren vor. Für die
Beurteilung des funktionellen Leistungsvermögens sind demnach in der Regel diverse
Standardindikatoren beachtlich, die in zwei Kategorien systematisiert werden, nämlich
einerseits in der Kategorie des funktionellen Schweregrads und anderseits in jener der
Konsistenz. Dennoch verlieren frühere Gutachten den Beweiswert nicht per se (vgl.
BGE 141 V 281 E. 8; vgl. Bundesgerichtsentscheid vom 18. Mai 2017, 8C_842/2016).
Im vorliegenden Gutachten wurde in den verschiedenen Disziplinen jeweils Augenmerk
auf die erschwerenden Verhältnisse und die Ressourcen der Beschwerdeführerin
gerichtet. Mit der gutachterlichen Schlussfolgerung im Wesentlichen übereinstimmend
nahm der Psychosomatische Dienst der Interdisziplinären Schmerzsprechstunde der
Kliniken Valens an, die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin sei aus psychiatrischen
Gründen nicht relevant beeinträchtigt (vgl. IV-act. 121-4). Bei diesen Gegebenheiten
kann unter dem entsprechenden Aspekt ohne Weiterungen auf das Gutachten
abgestellt werden. Die abweichende Beurteilung der behandelnden Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie, F._, vermag im Beweiswert gegen die
überzeugende gutachterliche Beurteilung nicht anzukommen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.2 Auch die Ergebnisse der Untersuchung durch das ADHD-Zentrum Ostschweiz (Dr.
phil. G._) geben nicht Anlass zu relevanten Zweifeln an der Stichhaltigkeit der
Beurteilung der massgeblichen zumutbaren Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
durch die Gutachter. Es wurde im entsprechenden Bericht von Dr. phil. G._ (vgl.
insbesondere IV-act. 140-2) erklärt, in den Fragebogen hätten sich Schwierigkeiten in
Bezug auf die Aufmerksamkeit und eine erhöhte Aktivität gezeigt. Zur mangelnden
Aufmerksamkeit dürften allerdings Emotionsregulation und Schmerzen wesentlich
beitragen. Bei Schwierigkeiten in Leistungssituationen hätten sich bei der
Beschwerdeführerin ebenfalls Schwierigkeiten in Bezug auf Aufmerksamkeit und
Kurzzeitspeicherung gezeigt. Bei der Analyse der Daten einer evidenzbasierten
Untersuchung mittels Messung neurophysiologischer Hirnfunktionen sei die massiv
erhöhte Erregungsmodulation während des Konzentrationsverlaufstests aufgefallen (bei
moderater Erhöhung während entspannter Ruhe). Es könne davon ausgegangen
werden, dass dies schnell zu Erschöpfungszuständen führe. Eine solche
Erregungsmodulation sei bei Personen mit depressiver Stimmung
("Stimmungsmodulation") gefunden worden. Damit einher gingen Stress, Angst und
Schlaflosigkeit. Die bei den evozierten Potenzialen aufgefallene fehlende Aktivierung im
anterioren cingulären Kortex führe zu Ratlosigkeit und Verwirrung in überfordernden
Situationen. - Allgemein ist hierzu zunächst festzuhalten, dass es diverse Einflüsse
sind, welche auf die kognitive Leistungsfähigkeit einer Person einwirken können (wie
etwa Trauma, Störung der Emotionalität oder psychotrop wirksame Substanzen, aber
auch aus verschiedenen Gründen verminderte Motivation, vgl. Bogdan P. Radanov,
Über den Stellenwert der neuropsychologischen Diagnostik bei Patienten nach
Halswirbelsäulen-Distorsion [sog. Schleudertrauma der Halswirbelsäule], in SZS 1996
472 ff.). Neuropsychologische Testresultate reichen daher allein nicht aus, um
Diagnosen zu stellen und die Arbeitsfähigkeit zu beurteilen. Die entsprechenden
Untersuchungsergebnisse sind nach der Rechtsprechung - anerkanntermassen - im
Rahmen einer gesamthaften Beweiswürdigung nur insoweit bedeutsam, als sie
überprüf- und nachvollziehbar sind und sich in die übrigen medizinischen
Abklärungsergebnisse schlüssig einfügen (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 7. August
2009, 8C_261/2009; BGE 119 V 340 E. 2b/bb). Die motivationalen Aspekte sind dabei
testmässig besonders schwierig zu evaluieren (vgl. Bogdan P. Radanov, a.a.O., 473).
Bei der Verwendung von psychodiagnostischen Instrumenten ist in Bezug auf mögliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verfälschungen oder Verzerrungen ein besonderes Augenmerk auf deren Aussagekraft
im versicherungsmedizinischen Kontext zu richten sowie deren Konsistenz im Hinblick
auf andere Informationen oder Ergebnisse zu prüfen (vgl. Schweizerische Gesellschaft
für Psychiatrie und Psychotherapie SGPP, Qualitätsleitlinien für
versicherungspsychiatrische Gutachten, 3. A. 16. Juni 2016, in SZS 2016 435 ff., 457).
Konkret ist darauf hinzuweisen, dass die Gutachter eine neuropsychologische
Zusatzabklärung nach Lage der Akten nicht für erforderlich hielten. Bei der
Untersuchung durch das ADHD-Zentrum waren zudem - soweit ersichtlich - keine
Symptomvalidierungstests durchgeführt worden. Ferner ist zu berücksichtigen, dass
die MEDAS bei ihrer Arbeitsfähigkeitsschätzung einen über das betriebsübliche Mass
hinausreichenden Pausenbedarf der Beschwerdeführerin (von höchstens 20 %)
anerkannt hat, so dass sich die Annahme rechtfertigt, dem Aufmerksamkeitsdefizit und
der erhöhten Aktivität sei insofern ebenfalls ausreichend Rechnung getragen worden.
5.3 Die Beschwerdeführerin lässt schliesslich vorbringen, trotz strikter Befolgung der
ärztlichen Empfehlungen habe sie keine Steigerung der Arbeitsfähigkeit erreichen
können. Nach dem Dargelegten ist die effektive Leistung im Umfang eines Pensums
von 35 % für die vorliegende Beurteilung nicht relevant, da sie der medizinisch
zumutbaren Leistung nicht entspricht. Auszugehen ist zusammenfassend von einer
Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt der Begutachtung (vom
Januar 2015) von höchstens 20 %.
6.
Angesichts der Arbeitsfähigkeit von 80 % nicht nur für eine adaptierte, sondern
zumutbarer Weise auch für die bisherige Tätigkeit ergibt ein Einkommensvergleich
keinen Invaliditätsgrad eines Ausmasses, das Anspruch auf eine Rente begründen
würde. Da die Beschwerdeführerin ihre letzte Stelle infolge Betriebsschliessung (auf 31.
August 2015) verloren hat, sind die beiden Vergleichseinkommen hernach ausgehend
vom selben Tabellenlohn zu bestimmen, weshalb der Invaliditätsgrad dem Grad der
Arbeitsunfähigkeit unter Berücksichtigung eines allfälligen Abzugs vom Tabellenlohn
gemäss BGE 126 V 75 entspricht (vgl. Bundesgerichtsentscheid vom 20. April 2010,
9C_215/2010 E. 5.2). - Bestehen im Einzelfall Anhaltspunkte dafür, dass die versicherte
Person ihre gesundheitlich bedingte (Rest-) Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg verwerten kann, ist
ein Abzug von den Tabellenlöhnen zu machen. Bei der Bestimmung der Höhe des
Abzuges ist der Einfluss aller in Betracht fallenden Merkmale auf das
Invalideneinkommen unter Würdigung der Umstände im Einzelfall gesamthaft zu
schätzen und insgesamt auf höchstens 25 % des Tabellenlohnes zu begrenzen (vgl.
BGE 134 V 322 E. 5.2 und BGE 126 V 75). Die gesundheitlich bedingten
Einschränkungen der Beschwerdeführerin sind in der medizinisch begründeten
Arbeitsunfähigkeitsschätzung berücksichtigt. Das Risiko vermehrter
Krankheitsabsenzen ist nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts (vgl.
Bundesgerichtsentscheid vom 27. Januar 2017, 9C_765/2016 E. 5.3, insbesondere zu
psychischen Erkrankungen) ebenso wenig abzugsrelevant wie der Umstand, dass bei
vollzeitlicher Präsenz nur ein eingeschränktes Rendement möglich ist (vgl.
Bundesgerichtsentscheid vom 4. April 2012, 8C_20/2012), oder dass Frauen teilzeitlich
tätig sind (vgl. Bundesgerichtsentscheid vom 30. November 2012, 8C_712/2012 E.
4.2.2). Das Bundesgericht geht ausserdem davon aus, dass das Entfallen eines
lohnrelevanten Vorteils früherer langer Betriebszugehörigkeit durch eine positive
Wirkung der durch die langjährige Betriebstreue ausgewiesenen Zuverlässigkeit und
Tüchtigkeit auf den Anfangslohn bei einem anderen Arbeitgeber auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt ausgeglichen wird (vgl. Bundesgerichtsentscheid vom 18.
Januar 2018, 8C_552/2017 E. 5.4.1). Ein höherer als 10 % ausmachender Abzug
kommt bei den vorliegenden Gegebenheiten somit nicht in Frage. Zu einem
rentenrelevanten Invaliditätsgrad würde jedoch einzig der - hier nicht gerechtfertigte -
Maximalabzug führen.
7.
7.1 Was die zurückliegende Zeit betrifft, setzte die MEDAS ihre oben beschriebene
Arbeitsunfähigkeitsschätzung von 20 % im Gutachten vom 16. Januar 2015 auf einen
Zeitpunkt etwa ab Sommer 2013 fest, und zwar unter Bezugnahme auf eine
"Beurteilung der Suva vom 30. Juni 2013" (IV-act. 102-59). Auf diesen Tag hin hatte die
Suva mit Verfügung vom 20. Juni 2013 (bzw. Einspracheentscheid vom 17. Januar
2014, UV-act. 14-8 ff.) das UV-Taggeld eingestellt. - Der Gutachter der Rheumatologie
hatte angenommen, für die frühere Zeit seien die (unfallkausalen)
Arbeitsunfähigkeitsschätzungen - volle Arbeitsunfähigkeit vom 4. Juni 2011 bis 21.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Oktober 2012, 75 % Arbeitsunfähigkeit vom 22. Oktober 2012 bis 31. Oktober 2012
und 50 % Arbeitsunfähigkeit vom 1. November 2012 bis 2. Dezember 2012 (und null ab
3. Dezember 2012) - nachvollziehbar (vgl. IV-act. 102-47). Bei dieser Beurteilung bezog
er sich nach der Aktenlage auf diejenige des Kreisarztes der Unfallversicherung vom
19. Oktober 2012. Die gemäss Gutachten massgebliche Veränderung des Sachverhalts
(weitgehende Verbesserung der Arbeitsfähigkeit) war demnach jedenfalls nicht erst im
Juni 2013 (bei UV-Verfügung), sondern schon früher eingetreten, vorgefunden und
festgestellt worden.
7.2 Der Kreisarzt hatte der Beschwerdeführerin am 19. Oktober 2012 zwar die
entsprechenden - rein unfallspezifisch betrachteten - Arbeitsunfähigkeiten attestiert,
aber gleichzeitig festgehalten, sämtliche Verletzungen seien vollständig ausgeheilt. Es
liege eine chronifizierte Schmerzsymptomatik mit inzwischen aufgetretener
Symptomausweitung ohne klinisch fassbares pathologisches Korrelat vor
(somatoforme Schmerzstörung). Die Beschwerdeführerin hatte auch schon im Juli 2012
im Rahmen eines Aufbau- und Belastbarkeitstrainings an immerhin zwei Stunden pro
Tag gearbeitet. Bereits am 29. Februar 2012 hatte der Kreisarzt zudem berichtet, die
strukturellen Läsionen seien weitgehend abgeheilt und eine Belastungssteigerung sei
dringend angezeigt. Die Annahme einer vollen Arbeitsunfähigkeit der
Beschwerdeführerin bis Oktober 2012 - und selbst eine rentenerhebliche
Arbeitsunfähigkeit in bisheriger oder adaptierter Tätigkeit über Ende Mai 2012 (die Zeit
nach dem Spitalaufenthalt) hinaus - ist daher insofern nicht überzeugend begründet,
als sie sich auf die somatische Befundlage stützen sollte. Eine Einschränkung aus
psychischen Gründen (aufgrund einer somatoformen Schmerzstörung) dagegen kann
für einen Rentenanspruch der Invalidenversicherung nur relevant sein, wenn sie sich
nach Prüfung in einem strukturierten Beweisverfahren als invalidisierend erweist. Nach
dem oben zu den psychiatrischen Einschränkungen Dargelegten ist jedoch davon
auszugehen, dass auch in der zurückliegenden Zeit kein die Arbeitsunfähigkeit (über 20
%) einschränkender psychiatrischer Gesundheitsschaden bestanden hat. - Eine
Wartezeit mit ausreichender Arbeitsunfähigkeit konnte demnach mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit im Juni 2012 nicht ablaufen und ein Rentenanspruch kann ab
Dezember 2012 (sechs Monate nach der Anmeldung) nicht entstanden (im Sinn von
Art. 29 Abs. 1 IVG) sein.
8.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 25/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.
8.2 Nach Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die
Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen
Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand
und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von 200 bis 1000 Franken festgelegt. Als
unterliegende Partei hat die Beschwerdeführerin die Gerichtskosten zu bezahlen (vgl.
Art. 95 Abs. 1 VRP). Diese sind ermessensweise auf Fr. 600.-- zu veranschlagen. Mit
dem geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe ist die geschuldete Gerichtsgebühr
getilgt.