Decision ID: 27215783-d46f-52a7-b204-d176e9afffb3
Year: 2016
Language: de
Court: FR_TC
Chamber: FR_TC_001
Canton: FR
Region: Espace_Mittelland
Law Area: civil_law

Sachverhalt
A. Mit Einsatzvertrag vom 16. August 2006 wurde B._, geb. im Jahr 1983, von der Firma C._ bei der D._ GmbH ab dem 17. August 2006 temporär (bis Ende Arbeitsüberlastung) als Monteur eingesetzt (act. 33/13). Sein Einsatz erfolgte in einer neu erstellten Lagerhalle der E._ AG an der Industriestrasse in F._. Zur Isolierung der Wände wurde von den Gipsern ein von der A._ AG vermieteter Teleskopstapler benutzt (act. 2/3, 2/5).
Am 2. September 2006 befanden sich B._ und G._ auf der am Auslegearm des Teleskopstaplers angebrachten Arbeitsbühne und befestigten auf rund 10 m Höhe Gipsplatten an der Wand der Lagerhalle. Während den Arbeiten löste sich die Arbeitsbühne aus der Verankerung und drehte sich mit der Öffnung gegen den Boden, so dass B._ aus ca. 10 m Höhe auf den Betonboden stürzte. Die Arbeitsbühne blieb am Auslegearm des Teleskopstaplers hängen und der nur leicht verletzte G._ war in der Lage, sich am Geländer der Arbeitsbühne festzuhalten, bis er von einem Arbeitskollegen mit einem Hubwagen geborgen wurde (act. 2/3).
B._ zog sich bei seinem Sturz schwere Verletzungen zu und musste mit dem Rettungshelikopter ins Universitätsspital Zürich gebracht werden. Er erlitt eine mehrfragmentäre Humerusschaftfraktur rechts, eine mehrfragmentäre Radiusköpfchenfraktur rechts, ein Schädelhirntrauma mit temporo-basaler Kontusion rechts, Lungenkontusionen und eine untere Schambeinastfraktur (act. 2/3 und 93/17).
Zum Zeitpunkt des Unfalls war B._ bei der Firma C._ angestellt und in dieser Eigenschaft bei der Suva, welche für die Heilungskosten aufkam und Taggeldleistungen erbrachte, gegen die wirtschaftlichen Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen versichert (act. 93/17). Gestützt auf die Ergebnisse der medizinischen Abklärungen ermittelte die Suva einen Invaliditätsgrad von 34% und eine Integritätseinbusse von 40% (act. 93/17). B._ erhält von der Suva eine Monatsrente inkl. Teuerungszulage von CHF 894.- (act. 93/16).
Der Teleskopstapler war von der A._ AG, vertreten durch Geschäftsführer H._, an die I._ AG, welche als Generalunternehmerin mit dem Bau der Lagerhalle in F._ beauftragt war, vermietet worden. Die Auslieferung des Teleskopstaplers erfolgte gemäss Mietvertrag am 22. Mai 2006 (act. 2/5). Die Arbeitsbühne war am 16. August 2006 von H._ im Beisein seiner Ehefrau auf die Baustelle in F._ geliefert worden. Eine Geräteübergabe fand aber nicht statt. Die mit dem Teleskopstapler und der daran zu befestigenden Arbeitsbühne arbeitenden Handwerker waren hinsichtlich der Montage der Arbeitsbühne an den Teleskopstapler von H._ nicht instruiert worden. Ihnen war auch nie mitgeteilt worden, wie die Arbeitsbühne zu beladen ist und welche Last die Bühne tragen kann. Der Teleskopstapler wurde nicht nur für die Arbeitsbühne verwendet, es wurden daran auch weitere Anbauteile befestigt. Die Befestigung der Anbauteile an den Teleskopstapler erfolgte mit einem hydraulischen Schnellwechsler mit einem Bolzen als zusätzliche Sicherung (act. 2/3).
B. Am 13. Dezember 2006 stellte B._ Strafantrag wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen unbekannte Täterschaft (act. 2/3). Mit Strafbefehl vom 5. Januar 2011 verurteilte die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland H._ wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB zu einer bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu CHF 100.- und einer Busse von CHF 1‘000.- und setzte die Probezeit auf 2 Jahre fest (act. 98/21).
Kantonsgericht KG Seite 3 von 22
C. Am 11. Juli 2008 reichte B._ beim Zivilgericht des Seebezirks (nachfolgend: Zivilgericht) Klage gegen die A._ AG ein. Er beantragte, die Beklagte sei zu verurteilen, ihm Schadenersatz in Höhe von CHF 5'040.- für Fahrkosten sowie eine angemessene Genugtuung nebst Zins zu 5% seit dem 2. September 2006 zu bezahlen. Weiter sei festzustellen, dass die Beklagte verpflichtet sei, ihm sämtliche aus dem Unfall vom 2. September 2006 entstandenen und noch entstehenden materiellen und immateriellen Schäden zu ersetzen, soweit der Anspruch nicht auf einen Sozialversicherungsträger oder andere Dritte übergegangen sei (act. 1). Die A._ AG schloss am 8. Oktober 2008 auf Abweisung der Klage (act. 12). Eine erste Verhandlung vor dem Zivilgericht fand am 17. Juni 2009 statt (act. 32).
Anlässlich der zweiten Verhandlung vor dem Zivilgericht am 18. November 2009 wurde das Verfahren auf die Frage der Haftung der A._ AG beschränkt (act. 45).
Mit Urteil vom 18. November 2009 hielt das Zivilgericht fest, dass die A._ AG für den Unfall von B._ vom 2. September 2006 hafte, und behielt die Kosten dem Endentscheid vor (act. 46).
Mit Urteil vom 15. September 2010 wies der I. Zivilappellationshof die Berufung der A._ AG gegen diesen Entscheid ab (act. 50).
D. Am 18. April 2011 wurde das Verfahren auf Antrag der Parteien zwecks Führung von Vergleichsverhandlungen sistiert (act. 63).
An der Verhandlung vom 15. Januar 2014 führten die Parteien Vergleichsverhandlungen, welche scheiterten (act. 96).
In seiner Klageergänzung vom 19. März 2014 stellte der Kläger unter Kosten- und Entschädigungsfolgen folgende Rechtsbegehren (act. 97):
1. Die Beklagte sei zu verurteilen, dem Kläger Schadenersatz in der Höhe von CHF 15‘540.- nebst Zins zu 5% seit dem 2. September 2006 zu bezahlen (Fahrkosten für Rehabilitation, ca. 22‘000 km; vgl. Protokoll der Sitzung vom 17. Juni 2009).
2. Die Beklagte sei weiter zu verurteilen, dem Kläger eine angemessene Genugtuung nebst Zins zu 5% seit dem 2. September 2006 zu bezahlen.
3. In Ergänzung zum Rechtsbegehren Ziff. 3 der Klage vom 11. Juli 2008 (Feststellungsbegehren) sei die Beklagte zu verpflichten, dem Kläger einen Betrag von CHF 378‘611.- als Erwerbsschaden (Berechnungen gemäss Leonardo) nebst Schadenszins ab 2. September 2006 zu bezahlen.
Mit Eingabe vom 2. Juni 2014 schloss die Beklagte unter Kosten- und Entschädigungsfolgen auf vollumfängliche Abweisung der neu gestellten Rechtsbegehren (act. 104).
An der Verhandlung des Zivilgerichts vom 23. Juni 2014 wurden die Parteien zur Sache befragt. Nach Abschluss des Beweisverfahrens hielten die Rechtsvertreter ihre Parteivorträge (act. 110).
E. Mit Urteil vom 30. September 2014 wurde die Klage teilweise gutgeheissen. Die A._ AG wurde verpflichtet, dem Kläger einen Betrag von CHF 123.20 nebst Zins zu 5% seit dem 17. Juni 2008, eine Genugtuung von CHF 17‘280.- nebst Zins zu 5% seit dem 2. September 2006 und einen Erwerbsschaden von CHF 378‘611.- nebst Zins zu 5% seit dem 14. Januar 2014 zu bezahlen. Die Prozesskosten wurden der Beklagten auferlegt (act. 111).
Kantonsgericht KG Seite 4 von 22
F. Mit Eingabe vom 19. Februar 2015 erhob die A._ AG gegen dieses Urteil Berufung. Sie beantragt, das Urteil vom 30. September 2014 sei vollumfänglich aufzuheben und die Klage sei vollumfänglich abzuweisen. Ausserdem stellt sie mehrere Beweisanträge.
In seiner Berufungsantwort vom 1. Mai 2015 beantragt B._, die Berufung sei abzuweisen. Zu den von der Berufungsklägerin gestellten Beweisanträgen nahm er nicht Stellung.
Mit Verfügung vom 2. September 2015 ersuchte der Instruktionsrichter die Suva um Zustellung der Akten betreffend den Berufungsbeklagten ab Januar 2011 zwecks Einsicht.
Am 9. September 2015 stellte die Suva dem Kantonsgericht die eingeforderten Akten zu.
Am 15. September 2015 sandte der Instruktionsrichter den Parteien die Suva-Akten zu und setzte ihnen Frist zur Stellungnahme.
Die Parteien reichten ihre Stellungnahmen innert der ihnen erstreckten Frist am 3. November respektive 3. Dezember 2015 ein. Die A._ AG stellte erneut Beweisanträge.
Auf die Ausführungen der Parteien in ihren Rechtsschriften wird nachfolgend, soweit erforderlich, ausführlich eingegangen. Im Übrigen wird auf die Akten verwiesen.

Erwägungen
1. a) Die Klage wurde vor dem 1. Januar 2011 eingereicht, sodass gemäss Art. 404 ZPO die Bestimmungen der Freiburger Zivilprozessordnung vom 28. April 1953 im erstinstanzlichen Verfahren anwendbar waren. Für das Rechtsmittelverfahren gilt nun die Schweizerische Zivilprozessordnung vom 19. Dezember 2008, da der angefochtene Entscheid nach deren Inkrafttreten eröffnet wurde (vgl. Art. 405 Abs. 1 ZPO).
b) Erstinstanzliche End- und Zwischenentscheide in vermögensrechtlichen Streitigkeiten sind mit Berufung anfechtbar, wenn der Streitwert mindestens CHF 10'000.- beträgt (Art. 308 ZPO). Zur Berechnung des erforderlichen Streitwertes wird auf die zuletzt aufrechterhaltenen, d.h. die in den Schlussvorträgen (Art. 232 ZPO) streitig gebliebenen Rechtsbegehren abgestellt. Massgebend sind damit die bis zur Eröffnung des erstinstanzlichen Entscheids vorgebrachten Erklärungen der Parteien und nicht der erstinstanzliche Entscheid selbst, die Rechtsmittelanträge oder die Parteierklärungen im Rechtsmittelverfahren (REETZ/THEILER in /HASENBÖHLER/LEUENBERGER, Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, 2010, Art. 308 N. 39; BK ZPO-STERCHI, Band II, Art. 308 N. 29 ff.).
Streitgegenstand des vorinstanzlichen Verfahrens sind eine Schadenersatzforderung in Höhe von CHF 15‘540.-, eine Genugtuungsforderung von CHF 57‘280.- (vgl. angefochtener Entscheid, E. 6.4) und ein Erwerbsschaden von CHF 378‘611.-. Der Streitwert beträgt CHF 451‘431.-, folglich übersteigt er CHF 10‘000.-, so dass die Voraussetzungen von Art. 308 Abs. 2 ZPO erfüllt sind.
Im vorliegenden Verfahren sind eine Schadenersatzforderung von CHF 123.20, eine Genugtuungsforderung von CHF 17‘280.- und ein Erwerbsschaden von CHF 378‘611.- streitig. Damit ist auch die Streitwertgrenze von CHF 30‘000.- für die Beschwerde in Zivilsachen an das Bundesgericht gegen vorliegendes Urteil erreicht (Art. 74 Abs. 1 Bst. b BGG).
Kantonsgericht KG Seite 5 von 22