Decision ID: 3ac35c62-4b67-4bcc-bf98-a71cde73a84d
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung
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Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 2. Abteilung, vom 22. September 2020 (DG200087)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 15. April
2020 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 23).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig der versuchten vorsätzlichen Tötung
im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 6 1/2 Jahren Freiheitsstrafe, wovon bis
und mit heute 324 Tage durch Haft erstanden sind.
3. Der Beschuldigte wird in Anwendung von Art. 66a Abs. 1 lit. a StGB für die
Dauer von 8 Jahren aus dem Gebiet der Schweiz verwiesen.
Es wird die Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informati-
onssystem (SIS) angeordnet.
4. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger
B._ aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadener-
satz- und genugtuungspflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges
der Zivilansprüche wird der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozesses
verwiesen.
5. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom
30. März 2020 beschlagnahmte und beim Forensischen Institut Zürich,
Transitlager KED, unter der Referenznummer K191103-029 / 76683879 la-
gernde schwarze Klappmesser, einhändig bedienbar (Asservat-
Nr. A013'178'057), wird eingezogen und nach Eintritt der Rechtskraft des Ur-
teils durch die Lagerbehörde vernichtet.
6. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich
vom 30. März 2020 beschlagnahmten und beim Forensischen Institut Zürich,
Transitlager KED, unter der Referenznummer K191103-029 / 76683879 la-
gernden Kleider werden dem Beschuldigten nach Eintritt der Rechtskraft
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dieses Entscheides auf erstes Verlangen herausgegeben und nach unbe-
nutztem Ablauf einer 30-tägigen Frist der Lagerbehörde zur gutscheinenden
Verwendung überlassen:
− Herrenunterwäsche, Boxershorts (Asservat-Nr. A013'186'373)
− Schuhe, Lederschuhe hellbraun (Asservat-Nr. A013'186'588)
− Herrenanzug, Blazer grau/schwarz (Asservat-Nr. A013'186'602)
− Herrenhemd, Marke BLAUW (Asservat-Nr. A013'186'613)
− Herrenhose, Only&Sons, grau (Asservat-Nr. A013'186'646)
− Papiertaschentuch (Asservat-Nr. A013'186'679)
− Herrenarmbanduhr (Asservat-Nr. A013'186'715).
7. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich
vom 30. März 2020 beschlagnahmten und beim Forensischen Institut Zürich,
Transitlager KED, unter der Referenznummer K191103-029 / 76683879 la-
gernden Kleider werden dem Privatkläger B._ nach Eintritt der Rechts-
kraft dieses Entscheides auf erstes Verlangen herausgegeben und nach un-
benutztem Ablauf einer 30-tägigen Frist der Lagerbehörde zur gutscheinen-
den Verwendung überlassen:
− Schuhe, grau (Asservat-Nr. A013'187'127)
− Herrenhose weinrot (Asservat-Nr. A013'187'445)
− Herrenjacke schwarz (Asservat-Nr. A013'187'467)
− Kleidersack (Asservat-Nr. A013'187'207).
8. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich
vom 30. März 2020 beschlagnahmten und beim Forensischen Institut Zürich,
Transitlager KED, unter der Referenznummer K191103-029 / 76683879 la-
gernden Kleider werden C._ nach Eintritt der Rechtskraft dieses Ent-
scheides auf erstes Verlangen herausgegeben und nach unbenutztem Ab-
lauf einer 30-tägigen Frist der Lagerbehörde zur gutscheinenden Verwen-
dung überlassen:
− Damenkleid, beige (Asservat-Nr. A013'186'168)
− Damenkleid / Unterkleid schwarz (Asservat-Nr. A013'186'180)
− Damenmantel (Asservat-Nr. A013'186'419)
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− Schuhe (Asservat-Nr. A013'186'420).
9. Die folgenden sichergestellten und beim Forensischen Institut Zürich, Tran-
sitlager KED, unter der Referenznummer K191103-029 / 76683879 lagern-
den Spuren und Spurenträger werden eingezogen und der Lagerbehörde
nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils zur Vernichtung überlassen:
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'185'778)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'185'814)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'185'836)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'185'847)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'185'858)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'185'869)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'185'870)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'186'124)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'186'135)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'186'146)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'186'179)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'186'260)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'186'271)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'186'293)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'186'306)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'186'975)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'187'003)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'187'047)
− Vergleichs-WSA (Asservat-Nr. A013'187'025)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'246'225)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'246'236)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'246'281)
− DNA-Spur - Wattetupfer (Asservat-Nr. A013'246'292)
− DNA-Spur - Gegenstand (Asservat-Nr. A013'380'422)
− DNA-Spur - Gegenstand (Asservat-Nr. A013'380'499).
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10. Die folgenden sichergestellten und beim Forensischen Institut Zürich, Raum
304-7 (FOR-Server (IMS)), unter der Referenznummer K191103-029 /
76683879 lagernden Fotografien werden der Lagerbehörde nach Eintritt der
Rechtskraft dieses Urteils zur Vernichtung überlassen:
− Tatort-Fotografe (Asservat-Nr. A013'177'996)
− IRM-Fotografie (Asservat-Nr. A013'186'102)
− IRM-Fotografie (Asservat-Nr. A013'186'259)
− IRM-Fotografie (Asservat-Nr. A013'186'942).
11. Die beim Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich unter der Refe-
renznummer AO 19-1080 lagernden Blut- und Urinproben des Beschuldigten
(Asservat-Nr. TN 19-3753) werden nach Eintritt der Rechtskraft dieses Ur-
teils vernichtet.
12. Die beim Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich unter der Refe-
renznummer AO 19-1097 lagernden Blut- und Urinproben des Privatklägers
B._ (Asservat-Nr. TN 19-3754) werden nach Eintritt der Rechtskraft
dieses Urteils vernichtet.
13. Die beim Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich unter der Refe-
renznummer AO 19-1097 (recte: AO 19-1079) lagernden Blut- und Urinpro-
ben von C._ (Asservat-Nr. TN 19-3752) werden nach Eintritt der
Rechtskraft dieses Urteils vernichtet.
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14. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf:
CHF 5'400.– ; die weiteren Kosten betragen:
CHF 5'000.– Gebühr Strafuntersuchung CHF 3'783.– Kosten Kantonspolizei Zürich CHF 8'868.30 Gutachten/Expertisen etc. CHF 1'683.– Auslagen Untersuchung
CHF 6'300.45 amtliche Verteidigung RA Z._ (inkl. Barauslagen und Mwst)
CHF 16'034.– amtliche Verteidigung RAin X1._ (inkl. Barauslagen und Mwst)
CHF 12'776.70 unentgeltliche Rechtsvertretung des Privatklägers (inkl. Barauslagen und Mwst)
CHF 1'000.– Gerichtsgebühr OGZ, UB200008-O
Allfällige weitere Kosten bleiben vorbehalten.
15. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, einschliess-
lich derjenigen der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen
Rechtsvertretung des Privatklägers, werden dem Beschuldigten auferlegt.
Die Kosten der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Rechtsver-
tretung des Privatklägers werden einstweilen auf die Gerichtskasse genom-
men; vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 150 S. 1 f.)
1. Die Berufung des Beschuldigten sei gutzuheissen.
2. Ziffern 1, 2, 3, 4 und 15 des angefochtenen Urteilsdispositives seien
aufzuheben.
3. Der Beschuldigte sei vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung
vollumfänglich freizusprechen.
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4. Infolge Freispruchs seien die von der Vorinstanz ausgefällte Freiheits-
strafe, Landesverweisung und SIS-Ausschreibung vollständig aufzuhe-
ben; es seien sämtliche erst- und zweitinstanzlichen Verfahrenskosten
auf die Staatskasse zu nehmen und dem Beschuldigten eine ange-
messene Entschädigung und Genugtuung zuzusprechen.
5. Der Beschuldigte sei anschliessend an die Verhandlung umgehend aus
der JVA Pöschwies auf freien Fuss zu entlassen.
b) Der Vertreter der Privatklägerschaft:
(Urk. 152 S. 2, sinngemäss)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils, unter Kosten- und Entschädigungs-
folgen.
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Erwägungen:
1. Prozessgeschichte
1.1. Das Bezirksgericht Zürich, 2. Abteilung, sprach den Beschuldigten mit Ur-
teil vom 22. September 2020 anklagegemäss der versuchten vorsätzlichen Tö-
tung schuldig im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB
und bestrafte ihn mit gesamthaft 61⁄2 Jahren Freiheitsstrafe (Urk. 83; Urk. 113
S. 53). Mit Beschluss vom selben Tag verlängerte die Vorinstanz die Sicherheits-
haft bis zum möglichen Strafantritt, vorerst aber befristet bis 22. März 2021
(Urk. 84). Mit Eingabe vom 24. September 2020 meldete die damalige amtliche
Verteidigung Berufung an (Urk. 87).
1.2. Am 30. September 2020 stellte die amtliche Verteidigung ein Gesuch um
Gewährung des vorzeitigen Strafantritts (Urk. 88), welches durch die Vorinstanz
mit Präsidialverfügung vom 1. Oktober 2020 bewilligt wurde (Urk. 90).
1.3. Mit Eingabe vom 19. Oktober 2020 zeigte Rechtsanwalt lic. iur. X2._
die Mandatierung durch den Beschuldigten als erbetener Verteidiger an und bat
die Vorinstanz um Entlassung der bisherigen amtlichen Verteidigerin (Urk. 103
und 104). Nachdem die Vorinstanz den Entscheid betreffend Entlassung der hie-
sigen Rechtsmittelinstanz überliess (vgl. Urk. 113 S. 6), stellte der erbetene Ver-
teidiger vor hiesiger Instanz erneut den Antrag auf Entlassung der amtlichen Ver-
teidigerin (Urk. 114). Nach Rücksprache mit der amtlichen Verteidigerin (Urk. 117)
wurde diese mit Präsidialverfügung vom 15. Dezember 2020 aus ihrem Amt ent-
lassen (Urk. 118). Mit Beschluss vom 25. Januar 2021 wurde sie schliesslich ba-
sierend auf ihrer mit Eingabe vom 21. Januar 2021 eingereichten Honorarnote
entschädigt (Urk. 126 und 127).
1.4. Nach Zustellung der begründeten Ausfertigung des Urteils liess der Be-
schuldigte mit Eingabe vom 16. Dezember 2020 fristgerecht die schriftliche Beru-
fungserklärung einreichen (Urk. 120). Mit Präsidialverfügung vom 6. Januar 2021
(Urk. 121) wurde die Berufungserklärung dem Privatkläger sowie der Staatsan-
waltschaft I des Kantons Zürich (nachfolgend: Staatsanwaltschaft) zugestellt und
diesen wurde Frist angesetzt, um Anschlussberufung zu erheben oder um be-
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gründet ein Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen. Mit Eingabe vom
12. Januar 2021 verzichtete die Staatsanwaltschaft ausdrücklich auf Anschluss-
berufung und erbat um Dispensation von der Berufungsverhandlung, welche mit-
tels Stempelverfügung bewilligt wurde (Urk. 123). Der Privatkläger liess sich innert
Frist nicht vernehmen.
1.5. Nach Eingang des Gutachtens zur körperlichen Untersuchung des Privat-
klägers vom 15. Januar 2021 (Urk. 124) wies die erbetene Verteidigung auf einen
vom Universitätsspital Zürich bisher nicht beantworteten Fragenkatalog der
Staatsanwaltschaft hin (Urk. 135; Urk. 10/2-3). Daraufhin wurde den entspre-
chenden Sachverständigen der Universität Zürich mit Präsidialverfügung vom
28. Juli 2021 Frist angesetzt, um die Beantwortung des Fragenkatalogs nachzu-
holen (Urk. 138). Mit Eingaben vom 30. Juli 2021 und 20. August 2021 beantwor-
teten die Sachverständigen die entsprechenden Fragen (Urk. 140 bis 141/1-9;
Urk. 147).
1.6. Zur heutigen Berufungsverhandlung sind der Beschuldigte persönlich in
Begleitung seines Verteidigers Rechtsanwalt lic. iur. X2._ sowie der Fürspre-
cher Y._ namens und in Vertretung des Privatklägers erschienen.
2. Prozessuales
2.1. Anklagegrundsatz
2.1.1. Die Verteidigung rügt eine Verletzung des Anklagegrundsatzes. Sie macht
geltend, die Vorinstanz habe den Anklagesachverhalt unzulässigerweise ange-
passt, indem sie im Gegensatz zur Anklage von zwei anstatt einem Messerstich,
zusätzlich von Schnittbewegungen sowie von einem Zustechen mit der rechten
anstatt mit der linken Hand ausgegangen sei (Urk. 120 S. 3 f., Urk. 150 S. 2 ff.).
2.1.2. Nach dem Anklagegrundsatz bestimmt die Anklageschrift den Gegenstand
des Gerichtsverfahrens (Umgrenzungsfunktion; Art. 9 und Art. 325 StPO; Art. 29
Abs. 2 und Art. 32 Abs. 2 BV; Art. 6 Ziff. 1 und Ziff. 3 lit. a und b EMRK). Das Ge-
richt ist an den in der Anklage wiedergegebenen Sachverhalt gebunden (Immuta-
bilitätsprinzip), nicht aber an dessen rechtliche Würdigung durch die Anklagebe-
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hörde (Art. 350 StPO). Die Anklage hat die der beschuldigten Person zur Last ge-
legten Delikte in ihrem Sachverhalt so präzise zu umschreiben, dass die Vorwürfe
in objektiver und subjektiver Hinsicht genügend konkretisiert sind. Der Anklage-
grundsatz bezweckt zugleich den Schutz der Verteidigungsrechte der beschuldig-
ten Person und dient dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Informationsfunktion;
BGE 141 IV 132 E. 3.4.1; 140 IV 188 E. 1.3; je mit Hinweisen). Unter dem Ge-
sichtspunkt der Informationsfunktion muss die beschuldigte Person aus der An-
klage ersehen können, wessen sie angeklagt ist. Dies bedingt eine zureichende
Umschreibung der Tat. Entscheidend ist, dass die beschuldigte Person genau
weiss, welcher konkreten Handlungen sie beschuldigt und wie ihr Verhalten recht-
lich qualifiziert wird, damit sie sich in ihrer Verteidigung richtig vorbereiten kann.
Sie darf nicht Gefahr laufen, erst an der Gerichtsverhandlung mit neuen Anschul-
digungen konfrontiert zu werden (vgl. BGE 103 Ia 6 E. 1b; BGer 6B_492/2015
vom 2. Dezember 2015, E. 2.2, nicht publiziert in: BGE 141 IV 437; BGer
6B_1151/2015 vom 21. Dezember 2016, E. 2.2; je mit Hinweisen). Massgebend
ist somit (einzig), dass die beschuldigte Person genau weiss, was ihr angelastet
wird (BGE 143 IV 63 E. 2.3.).
2.1.3. Der Beschuldigte wurde durch die Anklageschrift aufgrund der konkreten
Beschreibung der Tatumstände, des Tatwerkzeugs, der geschädigten Person,
des konkreten Zeitraums und der konkreten Örtlichkeit genügend konkret darüber
aufgeklärt, welcher Vorfall untersucht und welche Handlungen ihm vorgeworfen
werden. Entscheidend ist einzig, ob der Beschuldigte das Messer gezielt gegen
den Kopfbereich des Privatklägers geführt hat. Mit welcher Hand der Messerstich
ausgeübt worden sein soll, ist nebensächlich. Bei der Frage, ob es nicht nur eine
reine Stich-, sondern auch eine Schnittbewegung war, handelt es sich nicht um
eine relevante Abweichung vom Anklagesachverhalt, zumal jede Stichbewegung
physikalisch mehr oder weniger auch eine Schnittbewegung ist und dies umso
mehr bei einer dynamischen unkontrollierten Stichbewegung gelten muss.
2.1.4. Es ist – auch vor dem Hintergrund der Argumentation seitens des Beschul-
digten – nicht ersichtlich, inwiefern der Beschuldigte in seiner gehörigen Verteidi-
gung eingeschränkt sein soll. Sofern sich nachfolgend mehrere und nicht nur ein
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Messerstich gegen das Gesicht bzw. den Kopf des Privatklägers erstellen lassen
würden, dürfte aber aufgrund der Umgrenzungsfunktion des Anklagesachverhalts
nur ein Messerstich berücksichtigt werden, so wie dies im Übrigen bereits die Vor-
instanz letztendlich korrekt gehandhabt hat (vgl. Urk. 113 S. 27 f. [Fazit Sachver-
haltserstellung], S. 33 f. [rechtliche Würdigung] und S. 35 f. [Strafzumessung]).
2.2. Teilrechtskraft
2.2.1. Gemäss Art. 402 StPO hat die Berufung im Umfang der Anfechtung auf-
schiebende Wirkung und wird die Rechtskraft des angefochtenen Urteils dement-
sprechend gehemmt. Das Berufungsgericht überprüft somit das erstinstanzliche
Urteil nur in den angefochtenen Punkten (Art. 404 Abs. 1 StPO). Auch wenn das
Berufungsgericht nur die angefochtenen Punkte neu beurteilt, fällt es am Ende ein
insgesamt neues Urteil (Art. 408 StPO), worin es jedoch anzugeben hat, welche
Punkte bereits früher in Rechtskraft erwachsen sind (BGer 6B_482/2012 vom
3. April 2013, E. 5.3. und 6B_99/2012 vom 14. November 2012, E. 5.3.; BSK
StPO-EUGSTER, Art. 402 N 2; ZH StPO-HUG, Art. 401 N 2).
2.2.2. Entsprechend den Anträgen des Beschuldigten (Urk. 120 und 150) ist vorab
festzustellen, dass das Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 2. Abteilung vom
22. September 2020 bezüglich der Dispositivziffern 5 bis 13 (Beschlagnahmungen
und Vernichtung von Spurenmaterial) und 14 (Kostenfestsetzung) in Rechtskraft
erwachsen ist, was mittels Beschluss festzuhalten ist.
3. Materielles
3.1. Vorwurf der Staatsanwaltschaft
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten zusammengefasst vor, er habe
im Rahmen eines Gerangels mit dem Privatkläger ein Messer mit einer Klinge von
ca. 10 cm behändigt und mit der linken Hand mit diesem Messer eine Stichbewe-
gung von oben nach unten gegen den Kopfbereich des Privatklägers ausgeführt.
Letzterer sei davon ausgegangen, dass der Beschuldigte ihn mit der Faust ins
Gesicht schlagen wolle, und habe deshalb zur Abwehr seine linke Hand schüt-
zend vor sein Gesicht gehoben. Der Privatkläger habe deshalb durch die Stich-
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bewegung des Beschuldigten eine tiefe Stich- / Schnittverletzung an der linken
Hand sowie im Rahmen derselben Stichbewegung eine oberflächliche Schnittver-
letzung an der Nasenwurzel erlitten. Der Beschuldigte habe um die möglicher-
weise schweren oder tödlichen Folgen seines Handelns gewusst und diese ge-
wollt bzw. zumindest in Kauf genommen (Urk. 23 S. 2 f.).
3.2. Standpunkt des Beschuldigten
Der Beschuldigte bestreitet nicht, dass es am 3. November 2019 um ca. 5:30 Uhr
zu einem Gerangel mit dem Privatkläger gekommen ist und dass sich der Privat-
kläger im Rahmen der Streitigkeit eine Verletzung an der Hand zugezogen hat. Er
bestreitet allerdings den Vorwurf, er habe mit dem Messer eine Stichbewegung
gegen den Kopf bzw. das Gesicht des Privatklägers gemacht. Bezüglich der Ver-
letzung der Hand stellt er sich auf den Standpunkt, er habe den Privatkläger mit
dem Messer abschrecken wollen, der Privatkläger habe ihn aber gleichwohl an-
gegriffen, dabei in das sich auf Hüfthöhe befindliche Messer gegriffen und sich so
die Verletzung zugezogen (Urk. 2/7 F/A 18 ff.; Urk. 77 S. 14 ff.; Prot. II S. 19 f.).
3.3. Beweisgrundsätze
Gemäss Art. 10 Abs. 1 StPO gilt jede Person bis zu ihrer rechtskräftigen Verurtei-
lung als unschuldig. Angesichts der Unschuldsvermutung besteht Beweisbedürf-
tigkeit, d.h. der verfolgende Staat hat dem Beschuldigten alle objektiven und sub-
jektiven Tatbestandselemente nachzuweisen (SCHMID, Handbuch StPO, 3. Aufl.,
Zürich 2017, N 216) und nicht der Beschuldigte seine Unschuld (BGE 127 I 38
E. 2a). Als Beweiswürdigungsregel besagt die Maxime "in dubio pro reo", dass
sich der Strafrichter nicht von der Existenz eines für den Beschuldigten ungünsti-
gen Sachverhaltes überzeugt erklären darf, wenn bei objektiver Betrachtung er-
hebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel bestehen, ob sich der Sachverhalt
so verwirklicht hat (Art. 10 Abs. 3 StPO; BGE 138 V 74 E. 7; BGE 128 I 81 E. 2,
mit Hinweisen; DONATSCH/SCHWARZENEGGER/WOHLERS, Strafprozessrecht, Zür-
cher Grundrisse des Strafrechts, 2. Aufl., Zürich-Basel-Genf 2014, § 2 11.2,
S. 60 f.). Die Überzeugung des Richters muss auf einem verstandesmässig ein-
leuchtenden Schluss beruhen und für den unbefangenen Beobachter nachvoll-
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ziehbar sein (BGer 1P.474/2004 vom 3. Dezember 2004, E. 2.2; HAUSER /
SCHWERI / HARTMANN, Schweizerisches Strafprozessrecht, 6. Aufl., Basel 2006,
§ 54 Rz 11 ff.). Es liegt in der Natur der Sache, dass mit menschlichen Erkennt-
nismitteln keine absolute Sicherheit in der Beweisführung erreicht werden kann.
Daher muss es genügen, dass das Beweisergebnis über jeden vernünftigen Zwei-
fel erhaben ist. Bloss abstrakte oder theoretische Zweifel dürfen dabei nicht mas-
sgebend sein, weil solche immer möglich sind (BGE 138 V 74 E. 7, mit Hinwei-
sen). Es genügt also, wenn vernünftige Zweifel an der Schuld ausgeschlossen
werden können. Hingegen darf ein Schuldspruch nie auf blosser Wahrscheinlich-
keit beruhen (SCHMID, Handbuch, a.a.O., N 227 f.; BGer 1P.474/2004 vom 3. De-
zember 2004, E. 2.2.).
3.4. Beweiswürdigung
3.4.1. Die Vorinstanz gelangte zum Schluss, dass sich der Anklagesachverhalt
rechtsgenügend erstellen lässt, mit der Ausnahme, dass der Beschuldigte das
Messer nicht in der linken sondern in der rechten Hand gehalten habe (Urk. 113
S. 27 f.).
3.4.2. Zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen kann vorab auf die grundsätz-
lich zutreffenden Erwägungen im angefochtenen Entscheid zur Beweiswürdigung
verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO; Urk. 113 S. 7 ff.). Die nachfolgenden
Ausführungen stellen in erster Linie Hervorhebungen sowie Präzisierungen dar.
3.4.3. Die Vorinstanz befasste sich zuerst mit der in den Akten liegenden Video-
aufzeichnung der Überwachungskamera, in welcher der vermeintliche Tathergang
relativ gut erfasst worden zu sein scheint. Sie geht richtigerweise zu Gunsten des
Beschuldigten davon aus, dass die Zeitangabe in der Videoaufzeichnung eine
Stunde und 44 Sekunden vorging (Urk. 113 S. 9). Als Erstes sind somit die im Vi-
deo ersichtlichen Bewegungen der beiden Involvierten genau zu studieren:
3.4.4. Um real 05:29:16 bis 05:29:27 Uhr (bzw. 06:30:00 und 06:30:11 Uhr ge-
mäss Zeitangabe in der Videoaufzeichnung: Urk. 1/6) packt der etwas kleinere
Beschuldigte mit Sakko den etwas grösseren Privatkläger mit Mütze und Bart
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zweimal, hernach halten sich beide je gegenseitig am Halskragen und zerren und
streiten dabei. Als sich die beiden hinter dem davorstehenden Fahrzeug befinden,
macht der Beschuldigte um 05:29:53 Uhr eine erste schnelle Bewegung mit dem
rechten gestreckten Arm, nämlich auf Kopfhöhe von rechts ausholend in Richtung
des Gesichts des Privatklägers, welcher aber mit seinem Kopf schnell ausweicht
(Urk. 1/6, Video-Zeitangabe: 06:30:37 Uhr). Zwei Sekunden später hält der Be-
schuldigte den rechten Arm oben und versucht damit im Gerangel Richtung Kopf
des Privatklägers zu wirken, scheint aber nicht zum Ziel zu kommen, worauf der
Privatkläger die linke Hand hebt und den rechten Arm des Beschuldigten fasst
(Urk. 1/6, Video-Zeitangabe: 06:30:39 Uhr). Dann gehen der linke Arm des Privat-
klägers und der rechte Arm des Beschuldigten nach unten (Urk. 1/6, Video-
Zeitangabe: 06:30:40 Uhr), die beiden halten sich noch immer gegenseitig mit den
anderen Armen, worauf der Privatkläger den Beschuldigten loslassend und beide
Arme hochhaltend die Rampe rückwärts hinunterstrauchelt und fällt (Urk. 1/6, Vi-
deo-Zeitangabe: 06:30:44 bis 06:30:46 Uhr). Der Beschuldigte ist dabei noch im-
mer mit dem linken Arm am Kragen des Privatklägers und drückt diesen nach hin-
ten die Rampe hinunter, bis er mit dem rechten Arm von der rechten Hüfte her
ausholend eine schnelle Bewegung nach vorne, wieder in Richtung Kopfhöhe des
fallenden Privatklägers, macht. Gleichzeitig lässt er den Privatkläger mit dem lin-
ken Arm los und balanciert sich mit einer Rotationsbewegung des linken Arms
nach hinten aus (Urk. 1/6, Video-Zeitangabe: 06:30:46 Uhr). Gleich darauf wirft
der Beschuldigte, scheinbar überrascht, seine Arme in die Höhe (Urk. 1/6, Video-
Zeitangabe: 06:30:47 bis 6:30:49 Uhr).
3.4.5. Der Beschuldigte bringt vor, er habe in diesem Gerangel, welches auf der
Videoaufzeichnung ersichtlich ist, das Messer noch gar nicht in der Hand gehabt.
Er habe das Messer erst danach, nämlich auf dem in der Fotodokumentation auf
Seite 10 ersichtlichen Bild (Video-Zeitanzeige: 06:31:15) gezogen (Urk. 2/7 F/A 27
und 36, mit Verweis auf Urk. 1/7 S. 10). Der Privatkläger habe sich somit erst zeit-
lich später und ausserhalb des erfassten Kamerabereichs selber am Messer des
Beschuldigten verletzt, nämlich im Zeitraum zwischen dem Stossen von C._
beim Auto und dem Verschwinden im Club und der Rückkehr aus dem Klub ge-
mäss Fotodokumentation (Urk. 2/7 F/A 40, mit Verweis auf Urk. 1/7 S. 13 und 14).
- 16 -
3.4.6. Somit ist auch der weitere Verlauf der Videoaufzeichnung zu prüfen: Nach-
dem der Beschuldigte um real 05:30:03 bis 05:30:05 Uhr die Arme in die Höhe
geworfen hat, bewegt er sich kurz aus dem Bild und hernach langsam die Rampe
hinauf. Oben angekommen und das Geschehen unten an der Rampe beobach-
tend scheint er ab 05:30:27 Uhr entweder das Messer zu ziehen oder dieses ein-
zustecken (Urk. 1/6, Video-Zeitangabe: ab 06:31:11 Uhr; Fotodokumentation,
Urk. 1/7 S. 10). Im Video ist ersichtlich, wie der Beschuldigte um 05:31:52 Uhr
C._ beim Auto einen Stoss verpasst, hernach mit D._ diskutiert und
schliesslich kurz aus dem Kamerabild verschwindet (Urk. 1/6, Video-Zeitangabe:
06:32:36 Uhr und 06:33:24 bis 06:33:30 Urk. 1/7 S. 13 f.). Während dieses kurzen
Verschwindens soll sich der Privatkläger gemäss Aussage des Beschuldigten
somit am Messer verletzt haben.
3.4.7. Im Untersuchungsverfahren wie auch von der Vorinstanz wurde mittels Be-
rechnung der korrekten Uhrzeit bezüglich der Videoaufzeichnung und der Fest-
stellung des Zeitpunkts des Notrufs schlüssig aufgezeigt, dass diese Behauptun-
gen des Beschuldigten bereits in zeitlicher Hinsicht nicht stimmen können
(Urk. 1/11 S. 6, Urk. Urk. 1/8, Urk. 113 S. 10). Der Privatkläger musste sich die
Verletzung nämlich vor seinem am 05:31:16 Uhr getätigten Notruf (vgl. Urk. 13/2)
zugezogen haben. Während das aufgezeichnete Gerangel zwischen 05:29:16
und 05:30:05 Uhr und damit vor dem Notruf erfolgte, liegt der vom Beschuldigten
genannte Zeitraum, in welchem sich der Privatkläger am Messer verletzt haben
soll, zwischen 05:31:52 und 05:32:46 Uhr und somit erst nach dem Zeitpunkt des
erfolgten Notrufs. Wie die Vorinstanz bereits richtig würdigte, ist die Sachverhalts-
darstellung des Beschuldigten somit erwiesenermassen falsch.
3.4.8. Ergänzend ist festzuhalten, dass der Privatkläger im aufgezeichneten Not-
ruf mit aufgelöster Stimme sagt: "[...] jemand hat mich geschlagen mit [unver-
ständlich]. Ok, alles... Ich habe Angst, er isch mit Messer. [unverständlich] in mei-
ne Gesicht, in meine Hand, bitte bitte [...]" (Urk. 13/3). Dies bekräftigt einerseits,
dass die Verletzungen mit dem Messer bereits vor dem Notruf entstanden sein
müssen. Andererseits ist es nicht vorstellbar, dass der Privatkläger sich vor dem
Notruf eine Lügengeschichte hätte zurecht legen können. Vielmehr schilderte der
- 17 -
Privatkläger beim Notruf glaubhaft das zuvor Erlebte. Es ist sehr wahrscheinlich,
dass die Wortfetzen in der Aufzeichnung des Notrufs als Schilderungen eines
Messerstichs ins Gesicht und in die Hand des Privatklägers zu interpretieren sind,
womit bereits ein starkes Indiz zur Erstellung des Anklagesachverhalts vorliegt.
3.4.9. Der Beschuldigte musste somit während des aufgezeichneten Gerangels
das Messer behändigt und der Privatkläger sich daran verletzt haben, weshalb die
im Video ersichtlichen Bewegungen genauer zu würdigen sind. Der Beschuldigte
hatte ab real 05:29:27 Uhr (Urk. 1/6, Video-Zeitangabe: 06:30:11 Uhr) während
des ganzen Kampfes die linke Hand am Kragen des Privatklägers. Er konnte so-
mit nur mit der rechten Hand das Messer behändigt haben. Auf entsprechende
Nachfrage bestätigte der Beschuldigte anlässlich der Berufungsverhandlung denn
auch, dass er Rechtshänder sei und mit der rechten Hand das Messer gezogen
habe (Prot. II S. 18 f. und S. 22). Wie vorhin aufgezeigt, hat der Beschuldigte
zweimal während des Gerangels hinter dem Fahrzeug eindeutig mit der rechten
Hand von oben Schlag- oder Stichbewegungen ausgeführt, wie dies auch die Vor-
instanz konstatiert hat (Urk. 113 S. 12). Dazu kommt noch die schnelle Schlag- /
Stichbewegung mit dem rechten Arm, als der Beschuldigte den Privatkläger die
Rampe hinunterdrückt. Mit dieser Bewegung scheint der Beschuldigte seinen
Sieg im Kampf gegen den Privatkläger zu finalisieren, wirft gleich darauf aber bei-
de Hände in die Höhe, weil er dann die blutspritzende Verletzung der linken Hand
des Privatklägers bemerkt haben muss.
3.4.10. Während die erste schnelle Bewegung hinter dem Fahrzeug sehr wahr-
scheinlich, aber nicht sicher, mit dem Messer in der Hand stattfand, hatte der Be-
schuldigte zweifellos bei der zweiten beschriebenen Bewegung das Messer in der
rechten Hand. Der Ellbogen des rechten Armes zeigte dabei nach oben rechts
und die Faust war nach rechts angewinkelt. Hätte der Beschuldigte hier einen
Faustschlag verpassen wollen, hätte er die Faust jedenfalls nicht derart angewin-
kelt. Diese Arm- und Handhaltung kann nur damit erklärt werden, dass der Be-
schuldigte mit der geballten Faust ein Messer hielt und er mit diesem gegen das
Gesicht des Beschuldigten wirken wollte. Schliesslich ist auch die dritte beschrie-
bene Bewegung des Beschuldigten, als der Privatkläger rückwärts die Rampe
- 18 -
hinunterstrauchelt und der Beschuldigte mit Rechts ausholt, eine typische Stich-
bewegung. Entgegen der Ansicht der Verteidigung, welche anlässlich der heuti-
gen Berufungsverhandlung geltend machte, diese Bewegung habe zur Handver-
letzung geführt, sei aber nicht gegen den Kopf gerichtet gewesen (Urk. 150 S. 9),
ist festzuhalten, dass auch diese im Video ersichtliche heftige Bewegung klar in
Richtung des Kopfbereichs des fallenden Privatklägers gerichtet war. Im Ergebnis
sind auf der Videoaufzeichnung somit mindestens zwei wenn nicht drei wuchtige
Stichbewegungen des Beschuldigten in Richtung des Kopfes bzw. des Gesichts
des Privatklägers zu erkennen. Die Handverletzung muss dabei bei der zweiten
Bewegung, bei welcher der Privatkläger die Stichbewegung abwehrt, oder bei der
letzten Bewegung im Fallen entstanden sein, die Nasenverletzung bei der ersten
Bewegung, sofern der Beschuldigte dort bereits das Messer behändigt hatte, oder
bei einer der folgenden zwei Bewegungen.
3.4.11. Aufgrund der Aussagen der Beteiligten ist nunmehr zu prüfen, ob die
Feststellungen anhand der Videoaufzeichnung und des Notrufs in Zweifel gezo-
gen werden müssen.
3.4.12. Der Beschuldigte sagte vor Vorinstanz zusammengefasst aus, er habe
das Sackmesser hervorgenommen, als D._ ihm gegenübergestanden sei. Er
habe das Messer abschreckend auf Hüfthöhe auf und ab bewegt. Die Frauen sei-
en bereits im Auto und er sei in der Mitte zwischen vielleicht fünf Personen gewe-
sen. Er habe mit dem Messer diese Personen abschrecken wollen. Als er von der
Rampe habe runtergehen wollen, sei der Privatkläger auf ihn zu gegangen und
habe seine Hände bewegt. Der Beschuldigte demonstrierte vor Vorinstanz mit ei-
ner gerichtlich zur Verfügung gestellten Kartonschablone, wie er dann die Hand
mit dem Messer zwischen Hüft- und Brusthöhe gehalten habe, damit der Privat-
kläger das Messer sehe und davon abgeschreckt werde, und wie dieser aber
gleichwohl mit gespreizter Hand auf Hüfthöhe in das nach unten geführte Messer
gegriffen und sich so verletzt habe (Urk. 77 S. 14 bis 17; ähnlich bereits in der de-
legierten Einvernahme vom 20. Januar 2020: Urk. 2/7 F/A 18 ff., Urk. 2/8). Kon-
frontiert mit der Aussage des Privatklägers, wonach der Beschuldigte ihn mit dem
Messer in das Gesicht habe schlagen wollen, erklärte der Beschuldigte mehrmals,
- 19 -
er habe niemals das Messer hinaufgehoben (Urk. 77 S. 16). Diese Aussagen des
Beschuldigten sind nicht nur in zeitlicher Hinsicht unzutreffend, wie bereits darge-
legt wurde, sondern stehen auch im Widerspruch zu den Erkenntnissen aus der
Videoaufzeichnung, in welcher klar Stichbewegungen auf Kopfhöhe zu sehen
sind.
3.4.13. Im Übrigen ist auch auffallend, dass der Beschuldigte im Lauf des Unter-
suchungsverfahren seine Sachverhaltsdarstellung angepasst hat, nachdem er
Einsicht in die Videoaufzeichnung erhalten hatte: Zu Beginn der Untersuchung
gab der Beschuldigte an, er habe den Privatkläger in der Auseinandersetzung mit
dem Messer zum Zeitpunkt getroffen, als seine Begleiterinnen noch bei ihm ge-
wesen und noch nicht zum Auto gegangen seien (Urk. 2/4 F/A 17 ff.), also wäh-
rend der auf dem Video ersichtlichen Auseinandersetzung. Später in derselben
Einvernahme vom 21. November 2019 wurde dem Beschuldigten eröffnet, dass
eine Videoaufzeichnung vorliegt. Nach Einsicht in das Video konnte er nichts da-
zu sagen und auch keine Personen auf dem Video identifizieren (Urk. 2/4 F/A
48 ff.). In der delegierten Einvernahme vom 20. Januar 2020 erklärte er dann, er
könne sich nun besser an die Ereignisse erinnern, nachdem es ihm psychisch
besser gehe und er die Videoaufnahme mit der Verteidigung mehrmals habe an-
schauen können (Urk. 2/7 F/A 7), und begann zu behaupten, das Messer erst
hervorgeholt zu haben, als die Begleiterinnen bereits im Auto gewesen seien
(Urk. 2/7 F/A 9 ff.). Im Ergebnis sind die somit bezüglich des Kernsachverhalts
zeitlich falschen, widersprüchlichen und der Beweislage angepassten Aussagen
des Beschuldigten als unglaubhaft zu bezeichnen, weshalb sie keine Zweifel an
den aus der Videoaufzeichnung gewonnenen Feststellungen zu begründen ver-
mögen.
3.4.14. Bezüglich der Aussagen des Privatklägers ist der Vorinstanz zuzustim-
men, dass diese in deutlichem Widerspruch zur Aktenlage stehen, soweit es um
die Ursache des Konflikts oder um seinen Drogenkonsum geht (Urk. 113 S. 14).
Festzuhalten ist aber, dass der Privatkläger auf die Frage der Staatsanwaltschaft,
ob er noch psychische Folgen dieser Tat spüre, authentisch und glaubhaft dar-
legt, dass er seit der Tatnacht 'immer wieder dieses Bild vor seinen Augen habe',
- 20 -
als der Beschuldigte 'mit dem Messer auf sein Gesicht gekommen' sei (Urk. 5/5
F/A 16). Schon in der polizeilichen Einvernahme sagte er ungefragt aus, er habe
wegen des Stichs Albträume (Urk. 5/1 F/A 45). Aus den Aussagen des Privatklä-
gers lassen sich letztlich ebenso keine Zweifel an den Feststellungen aus der Vi-
deoaufzeichnung begründen. Vielmehr bekräftigen seine vorgenannten glaubhaf-
ten Aussagen, dass der Beschuldigte ihn mit dem Messer im Gesicht treffen woll-
te.
3.4.15. Die Aussagen der befragten Zeugen und Auskunftspersonen lassen keine
Zweifel an den bisherigen Feststellungen entstehen. Wie die Vorinstanz richtig
subsumierte, konnten die Begleiterinnen C._, E._ und F._ grund-
sätzlich keine klärenden Aussagen zum Kernsachverhalt machen, insbesondere
da sie alle im Ergebnis aussagten, während der Auseinandersetzung aus ver-
schiedenen Gründen den Messereinsatz nicht mitbekommen zu haben. Es ist
diesbezüglich auf die vorinstanzlichen Ausführungen zu verweisen (Urk. 113
S. 17 f.).
3.4.16. Aus keiner der vorgenannten Aussagen der beteiligten Personen lassen
sich Zweifel an den Feststellungen begründen, welche sich aus der Analyse der
Videoaufzeichnung ergeben haben. Ebenso wenig lassen sich aus dem Spuren-
bild der Kleidung des Beschuldigten, auf welcher es gemäss Verteidigung zu we-
nig Blutspuren gehabt haben soll (Urk. 150 S. 7 f.), erhebliche Zweifel begründen,
zumal die Auseinandersetzung nach der Verletzung innert weniger Sekunden be-
endet sein musste (so auch der Beschuldigte in Prot. II S. 26). Nach dem Gesag-
ten und in Berücksichtigung des Anklageprinzips ist der Anklagesachverhalt inso-
weit erstellt, dass der Beschuldigte im Gerangel mit dem Privatkläger das Messer
hervorholte, mit diesem einmal bewusst und gewollt gegen dessen Kopf bzw. Ge-
sicht stach und dabei die Hand des Privatklägers verletzte, als jener den Stich ab-
zuwehren versuchte. Ob die Nasenrückenverletzung durch dieselbe Stichbewe-
gung wie die Handverletzung entstanden ist, kann vorliegend offen bleiben.
4. Rechtliche Würdigung
4.1. Objektiver Tatbestand
- 21 -
4.1.1. Die Vorinstanz würdigte das Verhalten des Beschuldigten in rechtlicher
Hinsicht als versuchte vorsätzliche Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbin-
dung mit Art. 22 Abs. 1 StGB. Mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass der Be-
schuldigte im Rahmen eines Gerangels bzw. dynamischen Geschehens überra-
schend und heftig aus der Aggression heraus einen Messerstich gegen den da-
rauf nicht vorbereiteten Privatkläger ausgeführt hat. Die Wucht der Stichbewe-
gung zeigt sich nicht nur bei der Videobetrachtung, sondern, wie die Vorinstanz
zutreffend ausführt, auch konkret an der erheblichen Handverletzung des Be-
schuldigten (Urk. 113 S. 33). Im Privatgutachten des Beschuldigten wurde dies-
bezüglich auch festgehalten, dass die Durchtrennung der kräftigen Sehne des
langen Daumenbeugers mit einem gewissen Kraftaufwand verbunden ist. Sowohl
die geschnittene Hand als auch die messerführende Hand müssen demnach eine
gewisse Kraft aufgewendet haben (Urk. 70 S. 18). Dies beantwortet im Übrigen
auch die – letztendlich unwesentliche – Frage der Verteidigung, ob von einer akti-
ven Bewegung der Hand des Privatklägers gegen das Messer auszugehen ist
(vgl. Ausführungen der Verteidigung: Urk. 150 S. 10 f.). Aufgrund des erstellten
Handlungsablaufs muss die aktive Bewegung der Hand zum Messer mit dem Ver-
treter des Privatklägers (Prot. II S. 31) als reine Abwehrbewegung interpretiert
werden.
4.1.2. Die Vorinstanz verweist auf die Bundesgerichtsrechtsprechung, wonach
insbesondere bei einer langen Messerklinge ungezielte Messerstiche im Bereich
des Oberkörpers oder des Halses den Tod zur Folge haben können (Urk. 113
S. 31 mit Hinweisen, ebenso BGer 6B_991/2015 und 6B_998/2015 vom 24. Mai
2016, E. 3.4, und 6B_927/2019 vom 20. November 2019, E. 3.2). In einem dyna-
mischen Geschehen wie vorliegend kann ein gegen das Gesicht geführter Stich
genauso gut den Hals treffen. Aber auch bei Stichen in den Kopf mit einer 10cm
langen Messerklinge ist ohne Weiteres mit Todesfolgen zu rechnen (vgl. auch
WEDER/SCHWEITZER, Der Begriff der Lebensgefahr im Strafrecht, forumpoenale
1/2017, S. 26; BGer 6B_480/2011 vom 17.08.2011, E. 1.3). Entsprechend ist mit
der Vorinstanz festzuhalten, dass der objektive Tatbestand der versuchten vor-
sätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB erfüllt ist.
- 22 -
4.2. Subjektiver Tatbestand
Bezüglich der theoretischen Ausführungen zum Eventualvorsatz ist vollständig auf
die von der Vorinstanz zutreffend dargelegten Erwägungen zu verweisen
(Urk. 113 S. 30 ff., Art. 82 Abs. 4 StPO). Entscheidend ist, dass das Gericht vom
Wissen des Täters auf den Willen schliessen darf und muss, wenn sich dem Täter
der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich aufdrängte, dass die Bereitschaft, ihn
als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise nur als Inkaufnahme des Erfolgs aus-
gelegt werden kann (statt vieler: BGE 137 IV 1 E. 4.2.3.). Mit der Vorinstanz
(Urk. 113 S. 33) ist festzuhalten, dass der Beschuldigte mit einem erfolgreichen
Stich mit der vorliegenden Intensität in das Gesicht bzw. in den Kopf des Privat-
klägers mit grosser Wahrscheinlichkeit tödliche Folgen hervorgerufen hätte. Unter
diesen Umständen muss von einer Inkaufnahme des Tötungserfolges ausgegan-
gen werden, weshalb der subjektive Tatbestand im Sinne von Art. 111 StGB er-
füllt ist.
4.3. Fazit
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschuldigte mit seinem Verhalten
den Tatbestand der versuchten, eventualvorsätzlichen Tötung i.S.v. Art. 111 StGB
i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB erfüllte. Es liegen keine Rechtfertigungs- oder Schuld-
ausschlussgründe vor. Der Beschuldigte ist somit in Bestätigung des vorinstanzli-
chen Urteils der versuchten eventualvorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111
StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
Der Tatbestand der versuchten vorsätzlichen Tötung konsumiert gemäss bundes-
gerichtlicher Rechtsprechung die vollendete einfache oder schwere Körperverlet-
zung, wenn der Körperverletzung wie vorliegend nebst der versuchten Tötung
keine selbständige Bedeutung zukommt (vgl. BGE 137 IV 113 E. 1.4.2 und
E. 1.5).
5. Strafzumessung
5.1. Strafrahmen und Strafzumessungsregeln
- 23 -
Um unnötige Wiederholungen zu vermeiden, ist vollumfänglich auf die Erwägun-
gen der Vorinstanz zu den rechtlichen Grundlagen zum Strafrahmen und zu den
Strafzumessungsregeln zu verweisen (Urk. 113 S. 34 f.). Mit der Vorinstanz ist
festzuhalten, dass keine aussergewöhnlichen Umstände erkennbar sind, die eine
Unterschreitung des Strafrahmens, welcher bei vorsätzlicher Tötung gemäss
Art. 111 StGB fünf bis zwanzig Jahre Freiheitsstrafe beträgt, erforderlich machen
würden. Der Versuch wird innerhalb des Strafrahmens strafmindernd zu berück-
sichtigen sein.
5.2. Tatkomponenten
5.2.1. Objektive Tatschwere
5.2.1.1. Vorerst ist die objektive Tatschwere als Ausgangskriterium für die Ver-
schuldensbewertung zu bemessen. Entgegen den Erwägungen der Vorinstanz
(Urk. 113 S. 35 f.) ist aber bei der Bewertung der objektiven Tatschwere, wenn es
wie vorliegend beim Versuch geblieben ist, gedanklich vom vollendeten Delikt
auszugehen (vgl. MATHYS, Leitfaden Strafzumessung, 2. Aufl., Basel 2019,
N 121 f.).
5.2.1.2. Der Beschuldigte behändigte während der Auseinandersetzung mit dem
Privatkläger sein Klappmesser mit einer Klingenlänge von ca. 10 cm. Es ist nun
gedanklich davon auszugehen, dass der Beschuldigte mit seiner wuchtigen Stich-
bewegung ungehindert – d.h. ohne Abwehr durch den Privatkläger – den Kopf
bzw. das Gesicht des Privatklägers traf und der Privatkläger infolgedessen ver-
starb. Der Beschuldigte hatte dabei im dynamischen Gerangel nicht unter Kontrol-
le, wo genau er den Privatkläger am Kopf treffen würde. Das wuchtige Stechen in
das Gesicht eines Menschen erfordert eine deutliche kriminelle Energie und ist
besonders verwerflich. Im Rahmen möglicher Tötungshandlungen ist ein Messer-
stich in den Kopfbereich wie vorliegend jedenfalls im mittelschweren Bereich an-
zusiedeln. Objektiv ist das Tatverschulden vor diesem Hintergrund auf einer Skala
von sehr leicht bis sehr schwer deshalb als mittelschwer zu gewichten.
5.2.2. Subjektive Tatschwere
- 24 -
5.2.2.1. In subjektiver Hinsicht ist zunächst relativierend zu berücksichtigen, dass
der Beschuldigte nicht mit direktem Vorsatz, sondern lediglich eventualvorsätzlich
handelte. Zudem hat die Vorinstanz zutreffend dargelegt (Urk. 113 S. 37), dass
beim Beschuldigten eine gewisse Enthemmtheit aufgrund des vorherigen Alko-
holkonsum vorgelegen hat, er aber, wie in der Videoaufzeichnung klar ersichtlich,
motorisch und kognitiv nicht beeinträchtigt gewesen ist (vgl. Urk. 1/6). Die Ent-
hemmtheit aufgrund der Alkoholisierung ist somit leicht strafmindernd zu berück-
sichtigen.
5.2.2.2. Mit der Vorinstanz (Urk. 113 S. 36) ist ferner zu Gunsten des Beschuldig-
ten festzuhalten, dass der Einsatz des Messers nicht von langer Hand geplant
war und dass der Privatkläger mit der Belästigung der Begleiterinnen des Be-
schuldigten provoziert hat. Grundsätzlich kann auch die Absicht des Beschuldig-
ten, seinen Begleiterinnen beizustehen, zu seinen Gunsten berücksichtigt werden.
Das aus der Provokation bzw. der Belästigung entstehende Gerangel bestand bis
zum Messerstich allerdings bloss daraus, dass sich der Beschuldigte und der Pri-
vatkläger am Kragen hielten, schubsten und sich beschimpften. Wie die Vor-
instanz zurecht ausführte (Urk. 113 S. 36), war der Einsatz des Messers in dieser
Situation somit völlig unverhältnismässig und von Aggressionen getragen.
5.2.2.3. Insgesamt wird die objektive Schwere des Delikts durch die subjektive
Tatschwere recht erheblich relativiert, so dass das Tatverschulden des Beschul-
digten im Rahmen des Tatbestandes der vorsätzlichen Tötung insgesamt als nicht
mehr leicht zu bewerten ist.
5.2.3. Hypothetische Einsatzstrafe nach Verschuldenskomponenten
Bei nicht besonders schwerem Verschulden siedelt die schweizerische Praxis die
Strafe in aller Regel im unteren bis mittleren Teil des vorgegebenen Strafrahmens
an. Strafen im oberen Bereich, insbesondere Höchststrafen, sind bloss aus-
nahmsweise und bei sehr schwerem Verschulden des Täters auszusprechen
(BSK StGB I-WIPRÄCHTIGER/KELLER, 4. Aufl., Basel 2019, Art. 47 N 19). Ausge-
hend von der Verschuldensbewertung im konkreten Fall erscheint eine hypotheti-
sche Einsatzstrafe von 71⁄2 Jahren als angemessen.
- 25 -
5.2.4. Versuch
5.2.4.1. Die hypothetisch schuldangemessene Strafe ist aufgrund des Umstandes
zu reduzieren, dass es beim Versuch geblieben ist. Dabei hängt das Mass der zu-
lässigen Strafreduktion unter anderem von der Nähe des tatbestandsmässigen
Erfolgs und von den tatsächlichen Folgen der Tat ab. Je näher der tatbestands-
mässige Erfolg und je schwerwiegender die tatsächlichen Folgen der Tat waren,
desto weniger wird die Strafe reduziert (BGE 121 IV 49 E. 1b). Wird durch die
versuchte Tat ein zweites Rechtsgut beeinträchtigt, das ebenfalls strafrechtlich
geschützt ist und bleibt dies im Schuldpunkt aufgrund unechter Konkurrenz der
Tatbestände unberücksichtigt, ist dies zu würdigen. Das ist z.B. der Fall, wenn
das Opfer, wie hier geschehen, durch einen Tötungsversuch verletzt wird
(MATHYS, Leitfaden Strafzumessung, 2. Aufl., N 302).
5.2.4.2. Der Eintritt des tatbestandsmässigen Tötungserfolges war vorliegend zu
keinem Zeitpunkt ernsthaft zu befürchten. Dass eine konkrete Lebensgefahr nicht
eintrat, war allerdings einzig der reaktionsschnellen Abwehr des Privatklägers und
hernach der ärztlichen Versorgung, welche den erheblichen Blutverlust stoppte,
zu verdanken (vgl. Urk. 147 S. 3). Weiter kann noch nicht ausgeschlossen wer-
den, dass die Handverletzung chronische Folgen haben wird. Der Privatkläger
leidet zudem gemäss den Angaben seines Rechtsvertreters vor Vorinstanz auch
an den klassischen Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung,
nämlich depressive Verstimmtheit, sozialer Rückzug und Wiedererleben der Ge-
walttat. Der Privatkläger befinde sich deswegen in psychiatrischer Behandlung
(Urk. 79 S. 15). Gerade letztere Symptomatik wird auch in den Aussagen des Pri-
vatklägers ersichtlich, wonach er seit der Tatnacht immer wieder dieses Bild vor
seinen Augen habe, wie der Beschuldigte das Messer vor sein Gesicht gehalten
habe (Urk. 5/5 F/A 16), und wonach er seither an Albträumen leide (Urk. 5/1 F/A
45).
5.2.4.3. Nachdem der Privatkläger mit erheblichen und andauernden Beeinträch-
tigungen leben muss und der Eintritt des Tötungserfolgs nicht durch den Beschul-
digten verhindert worden ist (= vollendeter Versuch, vgl. BGE 121 IV 49 E. 1b), ist
- 26 -
infolge Versuchs eine eher geringfügige Reduktion der hypothetischen Einsatz-
strafe um ein Jahr auf 61⁄2 Jahre Freiheitsstrafe vorzunehmen.
5.3. Täterkomponente
5.3.1. Bezüglich der persönlichen Verhältnisse und dem Vorleben kann vollum-
fänglich auf die Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 113 S. 38 f.).
Anlässlich der Berufungsverhandlung ergaben sich keine wesentlichen Neuerun-
gen (Prot. II S. 9 ff.). Aus den festgestellten persönlichen Verhältnissen lassen
sich keine strafzumessungsrelevanten Faktoren ableiten.
5.3.2. Der Beschuldigte weist zwei Vorstrafen auf. Dabei handelt es sich um
Strassenverkehrsdelikte sowie einmal auch um eine fahrlässige einfache Körper-
verletzung (Urk. 146). Diese Vorstrafen sind somit teilweise einschlägig, nachdem
bei der einfachen Körperverletzung gleich wie vorliegend das Rechtsgut von Leib
und Leben betroffen ist. Allerdings ist diese einschlägige Vorstrafe fahrlässig be-
gangen und sämtliche Vorstrafen sind schon länger zurückliegend, weshalb die
Vorstrafen nur leicht straferhöhend zu berücksichtigen wären.
5.3.3. Bezüglich des Nachtatverhaltens ist der Vorinstanz (Urk. 113 S. 39) beizu-
pflichten, dass der Beschuldigte sich nicht geständig zeigte und infolge seiner Be-
streitungen und Schuldzuweisungen von Einsicht und aufrichtiger Reue keine Re-
de sein kann. Das Nachtatverhalten des Beschuldigten führt somit im Rahmen der
Strafzumessung zu keiner Anpassung der Einsatzstrafe.
5.4. Fazit
5.4.1. Zusammengefasst wäre eine leichte Strafhöhung der Einsatzstrafe von
61⁄2 Jahren Freiheitsstrafe nach Prüfung der Täterkomponenten gerechtfertigt und
im Ergebnis wäre eine Freiheitsstrafe von mehr als 61⁄2 Jahren als dem Verschul-
den und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten angemessen zu er-
achten.
5.4.2. In Berücksichtigung des Verschlechterungsverbots gemäss Art. 391 Abs. 2
Satz 1 StPO ist die Strafe allerdings wie von der Vorinstanz auf 61⁄2 Jahren Frei-
- 27 -
heitsstrafe festzusetzen. An die Strafe sind 668 Tage bereits erstandene Haft
(einschliesslich vorzeitigem Strafvollzug) anzurechnen.
6. Landesverweisung
6.1. Landesverweisung nach Art. 66a StGB
6.1.1. Gemäss Art. 66a Abs. 1 StGB ist ein Ausländer, der zu einer Katalogtat
verurteilt wird, unabhängig von der Höhe der Strafe für 5 bis 15 Jahre aus der
Schweiz zu verweisen. Es kommt dabei nicht darauf an, ob es beim Versuch ge-
blieben ist, in welcher Täterschafts- und Teilnahmeform sich der Beschuldigte
strafbar gemacht hat, oder ob die Strafe bedingt oder unbedingt ausgesprochen
wurde (BGE 146 IV 105 E. 3.4.1, mit Hinweisen; BGE 144 IV 168 E. 1.4.1). Bei
der vorsätzlichen Tötung handelt es sich um eine Katalogtat (Art. 66a Abs. 1 lit. a
StGB).
6.1.2. Gemäss Art. 66a Abs. 2 StGB kann ausnahmsweise von einer Landesver-
weisung abgesehen werden, wenn diese einen schweren persönlichen Härtefall
bewirkt und wenn – kumulativ – das öffentliche Interesse an der Landesverwei-
sung das private Interesse am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegt. Die soge-
nannte Härtefallklausel dient der Umsetzung des Verhältnismässigkeitsprinzip.
Sie ist restriktiv anzuwenden. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung lässt
sich zur Prüfung des Härtefalls im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB der Kriterienka-
talog der Bestimmung über den "schwerwiegenden persönlichen Härtefall"
in Art. 31 Abs. 1 der Verordnung vom 24. Oktober 2007 über Zulassung, Aufent-
halt und Erwerbstätigkeit (VZAE; SR 142.201) heranziehen. Zu berücksichtigen
sind namentlich der Grad der (persönlichen und wirtschaftlichen) Integration, ein-
schliesslich familiärer Bindungen der ausländischen Person in der Schweiz bzw.
in der Heimat, Aufenthaltsdauer und Resozialisierungschancen hier sowie im
Heimatstaat. Es ist zur Beurteilung der Integration im weiteren Sinne das Sozial-
verhalten insgesamt zu berücksichtigen und der Rückfallgefahr und wiederholter
Delinquenz Rechnung zu tragen. Das Gericht darf auch vor dem Inkrafttreten
von Art. 66a StGB begangene Straftaten berücksichtigen (BGer 6B_69/2021 vom
- 28 -
30. Juni 2021, E. 3.2 f., mit Hinweisen; BGE 146 IV 105 E. 3.4.1 und 144 IV 332
E. 3.3.2).
6.1.3. Die Vorinstanz hat die Vorgeschichte, die persönlichen Verhältnisse und die
Lebensumstände des Beschuldigten zutreffend dargelegt (Urk. 113 S. 38 f. und
S. 41 ff.; vgl. Prot. II S. 9 ff.): Der Beschuldigte reiste 2006 im Alter von 23 Jahren
in die Schweiz ein und hat somit seine Kindheit und Adoleszenz in Ägypten ver-
bracht. Er hat in Ägypten ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen und während
dem Studium als Reiseleiter in der Tourismusbranche gearbeitet. In der Schweiz
arbeitete er in der Folge als Filtermonteur und Akkordmaurer auf Stundenbasis
und erzielte dabei gemäss seinen Aussagen ein durchschnittliches monatliches
Einkommen zwischen Fr. 6'000.– und Fr. 6'500.– netto. Der Beschuldigte verfügt
über kein Vermögen, hingegen über ca. Fr. 53'700.– Schulden (Urk. 76: Verlust-
scheine von insgesamt ca. Fr. 46'700.– und hängige Betreibungen von ca.
Fr. 7'000.–). Die Schulden sind zu einem grossen Teil einem Kredit zuzuordnen,
den der Beschuldigte zur Bezahlung der medizinischen Betreuung seiner Mutter
in Ägypten aufgenommen habe (Prot. II S. 13 f.; Urk. 68/2 und 76). Soweit es die
Familie und das Beziehungsnetz des Beschuldigten betrifft, ist festzuhalten, dass
dieser seit 2019 in einer Partnerschaft mit C._ lebt. Er hat zudem einen On-
kel in Genf. Seine zwei Kinder, seine drei Schwestern und Brüder wie auch seine
Mutter leben in Ägypten.
6.1.4. Die Vorinstanz führt richtig aus, dass der Beschuldigte in der Schweiz be-
ruflich integriert ist, aber auch über erhebliche Schulden verfügt. Sprachlich ist der
Beschuldigte grundsätzlich gut integriert, anlässlich der Berufungsverhandlung
erschien die Kommunikation nur vereinzelt erschwert (Prot. II S. 8 ff.). Nachdem
die Kernfamilie des Beschuldigten in Ägypten wohnhaft ist, ist der Beschuldigte in
familiärer Hinsicht, mit Ausnahme der Beziehung zur C._, nicht an die
Schweiz gebunden. Die nun seit circa 2 Jahren bestehende Beziehung mit
C._ vermag keinen Härtefall zu begründen. Ebenso wenig kann die lange
Anwesenheit in der Schweiz einen Härtefall darstellen, wäre es doch verfehlt,
nach einer gewissen Aufenthaltsdauer automatisch auf eine Verwurzelung in der
Schweiz zu schliessen. Ergänzend ist zudem festzuhalten, dass der Beschuldigte
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wegen zweier Strassenverkehrsdelikte vorbestraft ist (vgl. Strafregisterauszug:
Urk. 146). Diese Delikte belegen, dass der Beschuldigte bereits in der Vergan-
genheit Mühe bekundete, sich dauerhaft an die hiesige Gesetzgebung zu halten
bzw. sich straflos zu verhalten. Der Beschuldigte ist somit zwar integriert, aber
nicht in einem solch besonderen Ausmass, dass von einem Härtefall ausgegan-
gen werden könnte.
6.1.5. Der Beschuldigte lebte wie erwähnt mehr als die Hälfte seines Lebens in
Ägypten, bevor er in die Schweiz immigrierte. Sodann hat er viele Verwandte in
Ägypten und hat zu seinen Geschwistern und insbesondere zu seiner Mutter re-
gelmässig Kontakt (Urk. 19/6 F/A 7 ff.). Zudem geht der Beschuldigte gemäss
seinen Angaben zwei bis drei Mal pro Jahr nach Ägypten in die Ferien (Urk. 2/4
F/A 9), auch um den Kontakt mit seinen Töchtern zu pflegen. Eine (Wieder-
)Eingliederung in seinem Heimatland erscheint zudem angesichts seiner Sprach-
kenntnisse, seiner Ausbildung und Berufserfahrung sowie der Kenntnis der dorti-
gen Verhältnisse und Kultur ohne Weiteres zumutbar.
6.1.6. Nach dem Gesagten liegt kein schwerer persönlicher Härtefall im Sinne von
Art. 66a Abs. 2 StGB vor. Eine Interessenabwägung mit dem öffentlichen Interes-
se an einer Wegweisung erübrigt sich somit. Es ist eine obligatorische Landes-
verweisung im Sinne von Art. 66a Abs. 1 lit. a StGB anzuordnen.
6.2. Dauer der Landesverweisung
6.2.1. Die Vorinstanz hat eine Landesverweisung für die Dauer von 8 Jahren an-
geordnet (Urk. 113 S. 53). Die Landesverweisung kann wie bereits erwähnt für die
Dauer von 5 bis 15 Jahre ausgesprochen werden (Art. 66a StGB). Dabei hat die
Dauer dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit zu entsprechen und es sind die
persönlichen Interessen gegen das öffentliche Interesse abzuwägen, wobei dem
Verschulden des Täters ein grosses Gewicht zukommt (BSK StGB I-ZURBRÜGG /
HRUSCHKA, a.a.O., Art. 66a N 28 f.).
6.2.2. Das Verschulden des Beschuldigten ist erheblich, er hat beinahe einen
Menschen umgebracht. Das Fernhalteinteresse gegenüber dem Beschuldigten ist
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aufgrund der von ihm ausgehenden Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Si-
cherheit hoch. Sodann verfügt der Beschuldigte nicht über enge familiäre Bindun-
gen in der Schweiz, ist aber beruflich und sprachlich gut integriert und hält sich
schon lange in der Schweiz auf. Insgesamt erscheint es in Würdigung sämtlicher
Umstände als verhältnismässig und angemessen, die Dauer der Landesverwei-
sung wie die Vorinstanz auf 8 Jahre festzusetzen.
6.3. Ausschreibung im SIS (Schengener Informationssystem)
6.3.1. Spricht das Gericht eine Landesverweisung aus, muss es bei Drittstaatsan-
gehörigen zwingend auch darüber befinden, ob die Landesverweisung im SIS
(Schengener Informationssystem) auszuschreiben ist (BGer 6B_572/2019 vom
8. April 2020, E. 3.2.5).
6.3.2. Ausschreibungen im SIS dürfen gemäss dem in Art. 21 SIS-II-Verordnung
(Verordnung [EG] Nr. 1987/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 20. Dezember 2006 über die Einrichtung, den Betrieb und die Nutzung des
Schengener Informationssystems der zweiten Generation; nachfolgend: SIS-II-
Verordnung) verankerten Verhältnismässigkeitsprinzip nur vorgenommen werden,
wenn die Angemessenheit, Relevanz und Bedeutung des Falles dies rechtferti-
gen. Die Entscheidung darf nur auf der Grundlage einer individuellen Bewertung
ergehen (Art. 24 Ziff. 1 SIS-II-Verordnung). Die Ausschreibung wird eingegeben,
wenn die Entscheidung nach Art. 24 Ziff. 1 SIS-II-Verordnung auf die Gefahr für
die öffentliche Sicherheit oder Ordnung oder die nationale Sicherheit gestützt
wird, die die Anwesenheit des betreffenden Drittstaatsangehörigen im Hoheitsge-
biet eines Mitgliedstaats darstellt (Art. 24 Ziff. 2 Satz 1 SIS-II-Verordnung). Dies
ist insbesondere bei einem Drittstaatsangehörigen der Fall, der in einem Mitglied-
staat wegen einer Straftat verurteilt worden ist, die mit einer Freiheitsstrafe von
mindestens einem Jahr bedroht ist (Art. 24 Ziff. 2 lit. a SIS-II-Verordnung).
6.3.3. Art. 24 Ziff. 2 lit. a SIS-II-Verordnung setzt gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung voraus, dass der angewandte Straftatbestand eine Freiheitsstra-
fe im Höchstmass von einem Jahr oder mehr vorsieht. Im Sinne einer kumulativen
Voraussetzung ist zudem stets zu prüfen, ob von der betroffenen Person eine Ge-
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fahr für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung ausgeht. Damit wird dem in Art.
21 SIS-II-Verordnung verankerten Verhältnismässigkeitsprinzip Rechnung getra-
gen. An die Annahme einer solchen Gefahr sind jedoch keine allzu hohen Anfor-
derungen zu stellen. Nicht verlangt wird, dass das individuelle Verhalten der be-
troffenen Person eine tatsächliche, gegenwärtige und hinreichend schwere Ge-
fährdung darstellt, die ein Grundinteresse der Gesellschaft berührt. Wird bei der
Legalprognose eine konkrete Rückfallgefahr verneint und die Strafe bedingt aus-
gesprochen, steht dies einer Ausschreibung der Landesverweisung im SIS daher
nicht entgegen. Ebenso wenig setzt Art. 24 Ziff. 2 SIS-II-Verordnung die Verurtei-
lung zu einer "schweren" Straftat voraus, sondern es genügen eine oder mehrere
Straftaten, die einzeln betrachtet oder in ihrer Gesamtheit von einer "gewissen"
Schwere sind bzw. nicht als blosses Bagatelldelikt zu bezeichnen sind. Entschei-
dend ist zudem nicht das Strafmass, sondern in erster Linie die Art und Häufigkeit
der Straftaten, die konkreten Tatumstände sowie das übrige Verhalten der be-
troffenen Person (zum Ganzen: BGer 6B_1178/2019 vom 10. März 2021, E. 4.8,
m.w.H.).
6.3.4. Wie bereits erwähnt, beträgt der Strafrahmen der vorsätzlichen Tötung ge-
mäss Art. 111 StGB fünf bis zwanzig Jahre Freiheitsstrafe. Damit liegt ein Straf-
tatbestand mit einer Höchststrafe von mehr als einem Jahr vor. Nachdem der Be-
schuldigte wie vorerwähnt in Kauf nahm, den Privatkläger mit dem Messerstich zu
töten, liegt offensichtlich ein schweres Gewaltdelikt vor. Der Beschuldigte ging
sehr aggressiv gegen den Privatkläger vor und zeigte sich im Verfahren bezüglich
seines Fehlverhaltens kaum einsichtig. Damit ist der Beschuldigte im Sinne der
vorgenannten Rechtsprechung als Gefahr für die öffentliche Ordnung einzuschät-
zen, weshalb die Ausschreibung im SIS anzuordnen ist.
7. Zivilansprüche
7.1. Die Vorinstanz stellte fest, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privat-
kläger aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadenersatz- und
genugtuungspflichtig sei und verwies den Privatkläger zur genauen Feststellung
des Umfanges der Zivilansprüche auf den Weg des Zivilprozesses (Urk. 113
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S. 53). Der Privatkläger beantragte die Bestätigung dieses Entscheids (Urk. 153
S. 2).
7.2. Infolge Bestätigung des vorinstanzlichen Entscheids kann bezüglich der
adhäsionsweisen Zivilansprüche zur Vermeidung von Wiederholungen vollum-
fänglich auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden
(Urk. 113 S. 44 ff.). Ergänzend ist festzuhalten, dass der Privatkläger gemäss
heute eingereichtem Bericht der Sprechstunde Handchirurgie vom 12. November
2020 infolge regelmässiger Handtherapie hinsichtlich der Kraft und Beweglichkeit
inzwischen Fortschritte gemacht habe. Die Sensibilitätsstörung sowie die Kältein-
toleranz seien allerdings weiterhin persistent. Psychiatrisch sei der Privatkläger
dazumal noch immer zu 100 % arbeitsunfähig geschrieben gewesen, körperlich
sei er zu administrativen Tätigkeiten arbeitsfähig. Dem Privatkläger wurde emp-
fohlen, die Handtherapie weiterzuführen (Urk. 153/1).
7.3. Die Schadenersatz- und die Genugtuungsforderung des Privatklägers sind
dem Grundsatz nach ohne Weiteres hinreichend begründet und belegt sowie die
entsprechenden Voraussetzungen von Art. 41 und 47 OR erfüllt. Da weitere
Schäden im Zusammenhang mit dem eingeklagten Ereignis nicht auszuschlies-
sen und die Leistungsübernahme durch die SUVA bzw. gegebenenfalls deren
Umfang unklar sind, kann die Höhe des Schadenersatzes sowie der Genugtuung
zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genau beziffert werden. Deshalb ist festzustel-
len, dass der Beschuldigte dem Grundsatze nach schadenersatz- und genugtu-
ungspflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges der Zivilansprüche ist
der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen.
8. Kosten- und Entschädigungsfolgen
8.1. Vorinstanzliche Kosten- und Entschädigungsfolgen
8.1.1. Gestützt auf Art. 428 Abs. 3 StPO hat die Rechtsmittelinstanz von Amtes
wegen auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung zu befinden,
wenn sie selber ein neues Urteil fällt und nicht kassatorisch entscheidet. Gemäss
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Art. 426 Abs. 1 StPO trägt die beschuldigte Person die Verfahrenskosten, wenn
sie verurteilt wird.
8.1.2. Die Vorinstanz hat dem Beschuldigten die Kosten der Untersuchung und
des gerichtlichen Verfahrens einschliesslich der Kosten der amtlichen Verteidi-
gung und der unentgeltlichen Vertretung des Privatklägers auferlegt, nahm die
Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung des Privat-
klägers allerdings einstweilen auf die Gerichtskasse mit dem Vorbehalt einer
Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO (Urk. 113 Dispositiv-Ziffer 15).
8.1.3. Es fragt sich, ob die Vorinstanz mit dem Wort "einschliesslich" in vorge-
nannt wiedergegebener Dispositiv-Ziffer 15 beabsichtigte, dem Beschuldigten die
Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung des Privat-
klägers direkt aufzuerlegen. Letzteres wäre nur zulässig, wenn bereits im Zeit-
punkt des Entscheids feststeht, dass die beschuldigte Person zur Tragung der
Kosten in der Lage ist (vgl. SK StPO-LIEBER, 3. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2020,
Art. 135 N 20). Solche günstigen finanziellen Umstände liegen beim vermögens-
losen und seit knapp zwei Jahren inhaftierten Beschuldigten offensichtlich nicht
vor (vgl. Urk. 77 S. 8 f. sowie Erwägung 6.1.3 vorstehend).
8.1.4. Bei diesem Verfahrensausgang sind dem Beschuldigten die Kosten der Un-
tersuchung und des erstinstanzlichen Verfahrens somit zwar aufzuerlegen, aller-
dings mit Ausnahme der Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltli-
chen Vertretung des Privatklägers. Die Kosten der amtlichen Verteidigung sowie
der unentgeltlichen Rechtsvertretung des Privatklägers sind einstweilen auf die
Gerichtskasse zu nehmen, unter Vorbehalt der Nachforderung gemäss Art. 135
Abs. 4 StPO.
8.2. Zweitinstanzliche Kosten- und Entschädigungsfolgen
8.2.1. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist in Anwendung von
Art. 424 Abs. 1 StPO i. V. m. §§ 16, 2 Abs. 1 lit. b, c und d sowie 14 GebV OG un-
ter Berücksichtigung der Bedeutung und Schwierigkeit des Falles sowie des Zeit-
aufwands des Gerichts für dieses Verfahren auf Fr. 4'000.– festzusetzen.
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8.2.2. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Der Beschuldigte un-
terliegt mit seiner Berufung in allen Punkten. Dementsprechend sind ihm die Kos-
ten des Berufungsverfahrens, mit Ausnahme der Kosten der amtlichen
Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung des Privatklägers, aufzuerlegen.
8.2.3. Die Kosten der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft sind, da
keine Honorarnote eingereicht wurde, schätzungsweise auf Fr. 3'000.– (inkl.
7.7 % MwSt.) festzulegen. Diese sind wie die Kosten der amtlichen Verteidigung
in der Höhe von Fr. 1'978.75 (gemäss Beschluss vom 25. Januar 2021, Urk. 127)
unter Vorbehalt der Rückzahlungspflicht des Beschuldigten gemäss Art. 135
Abs. 4 StPO auf die Gerichtskasse zu nehmen.
8.2.4. Ausgangsgemäss ist dem Beschuldigten schliesslich weder eine Prozess-
entschädigung noch eine Genugtuung für Überhaft zuzusprechen.
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