Decision ID: 2fcae165-9172-57f0-9e3f-5d9f61cc0c8a
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Sebastian Lorentz, Weinbergstrasse 29,
8006 Zürich,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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IV-Leistungen (Rente, berufl. Massnahmen und Wartezeittaggeld)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 3. August 2004 zum Bezug von IV-Rentenleistungen an (act.
G 4.1.188). Der behandelnde Dr. med. B._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, berichtete am 25. November 2004, dass die Versicherte mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit an chronischen zervikothorakalen Schmerzen bei
Status nach Sturz im Januar 2002 und postpartalen neurologischen Auffälligkeiten im
Oktober 2002, an leichten bis mittelschweren kognitiven Funktionsstörungen und an
einer mittelschweren depressiven Episode leide. Die zumutbare Arbeitsfähigkeit wäre
weiter abzuklären. Soweit er es beurteilen könne, bestehe eine erhebliche,
langdauernde, möglicherweise bleibende Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, die mehr
als 20% der aktuellen Tätigkeit ausmache (act. G 4.1.171-5).
A.b Am 19., 22. und 23. Februar 2007 wurde die Versicherte in der MEDAS
Zentralschweiz polydisziplinär (rheumatologisch, neurologisch, psychiatrisch und
neuropsychologisch) begutachtet. Die Experten diagnostizierten im Gutachten vom
26. April 2007 einen Status nach Snowboard-Unfall mit möglicher HWS-Distorsion/-
Stauchung und Kopfkontusion am 4. Januar 2002. In der angestammten Tätigkeit als
Geschäftsführerin eines Plattenlegergeschäfts schätzten die Gutachter die
Arbeitsfähigkeit auf 50%. Sie gingen davon aus, dass die Arbeitsfähigkeit unter
adäquater Therapie innert maximal 6 Monaten auf 100% gesteigert werden könne (act.
G 4.1.121-26).
A.c Am 19. Januar 2009 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie die Kosten für
eine berufliche Abklärung vom 9. Dezember 2008 bis 31. Mai 2009 übernehme. Für die
Zeit vom 3. April 2007 bis 8. Dezember 2008 bestehe kein Anspruch auf
Wartezeittaggeld. Nach Abschluss der Umschulung werde für die Periode vor Beginn
"dieser Umschulung" ein Rentenanspruch geprüft (act. G 4.1.77). Am 27. Januar 2009
verfügte die IV-Stelle Taggeldleistungen für die Dauer vom 9. Dezember bis
31. Dezember 2008 und vom 1. Januar bis 31. Mai 2009 (act. G 4.1.76).
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A.d Gegen die Verfügungen vom 27. Januar 2009 erhob die Versicherte am 26. Februar
2009 Beschwerde (act. G 4.1.70). Diese wurde im Entscheid vom 8. Juli 2009,
IV 2009/71, teilweise gutgeheissen. Die angefochtene Verfügung wurde insoweit
aufgehoben, als sie den Anspruch auf Wartezeittaggeld verneinte. Das
Versicherungsgericht wies die Sache zu weiteren Abklärungen und zur Neuverfügung
betreffend das umstrittene Wartezeittaggeld an die IV-Stelle zurück (act. G 4.1.44).
A.e Im Auftrag der IV-Stelle fand am 17. und 20. August 2009 eine
Verlaufsbegutachtung der Versicherten in der MEDAS Zentralschweiz statt. Im
bidisziplinären (rheumatologisch-psychiatrischen) Verlaufsgutachten vom 17.
November 2009 stellten die Experten keine Diagnosen mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit. Ohne wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, aber mit
Krankheitswert, bestehe im Wesentlichen ein chronifiziertes generalisiertes
Schmerzsyndrom an Kopf und ganzer Wirbelsäule zervikal betont sowie in
Schultergürtel und Armen beidseits und Bein rechts mit den Zeichen der zentralen
Sensitisierung und Allodynie. Sowohl für die bisherige Tätigkeit als Geschäftsführerin
sowie für körperlich leichte bis mittelschwere manuelle leidensangepasste Tätigkeiten
bescheinigten die Experten eine 100%ige Arbeitsfähigkeit. Den Beginn der attestierten
uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit setzten die Gutachter auf das Datum der
Schlussbesprechung vom 10. November 2009 an (act. G 4.1.35-23 ff.).
A.f Mit Vorbescheiden vom 1., 2. und 3. März 2010 stellte die IV-Stelle in Aussicht,
einen Anspruch auf berufliche Massnahmen (act. G 4.1.21), auf Wartezeittaggeld (act.
G 4.1.23) und auf Rentenleistungen (act. G 4.1.25) zu verneinen. Dagegen erhob die
Versicherte am 13. April 2010 Einwand (act. G 4.1.19).
A.g Am 12. Juli 2010 verfügte die IV-Stelle entsprechend den Vorbescheiden (act.
G 4.1.10 ff.).
B.
B.a Gegen alle 3 Verfügungen richtet sich die vorliegende Beschwerde vom
11. September 2010. Die Beschwerdeführerin beantragt darin unter Kosten- und
Entschädigungsfolge deren Aufhebung. Es seien ihr berufliche Massnahmen, für den
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Zeitraum vom 28. Mai 2003 bis 3. April 2007 eine ganze Rente und für den Zeitraum
vom 3. April 2007 bis 9. Dezember 2008 Wartezeittaggelder zuzusprechen. Eventualiter
sei der Rentenanspruch mit dem Anspruch auf Wartezeittaggelder "angemessen" zu
koordinieren. Im Wesentlichen macht die Beschwerdeführerin geltend, dass sie
sämtliche Voraussetzungen für einen Anspruch auf Umschulung erfülle. Selbst wenn
dies nicht zuträfe, sei sie in ihrem berechtigten Vertrauen zu schützen. Betreffend den
Anspruch auf Wartezeittaggelder verweist die Beschwerdeführerin auf das Urteil des
Versicherungsgerichtes vom 13. Juli 2009 (richtig: 8. Juli 2009), IV 2009/71. Darin sei
der Beschwerdegegnerin die Abklärung aufgetragen worden, ob sie (die
Beschwerdeführerin) in der Zeit vor Beginn der beruflichen Massnahme tatsächlich
noch zu 50% in der Arbeitsfähigkeit eingeschränkt gewesen sei. Dieser
Abklärungsauftrag habe sich weniger auf den medizinischen Sachverhalt, als vielmehr
auf die Frage bezogen, ab wann sie auf die Umschulung gewartet habe, also ab wann
die subjektive Eingliederungsfähigkeit gegeben sei. Im Zusammenhang mit dem
Rentenanspruch stellt sich die Beschwerdeführerin auf den Standpunkt, dass gestützt
auf das Erstgutachten der MEDAS für die Zeit vom 4. Januar 2002 bis zum 26. April
2007 durchgehend von einer 100%igen und für die Zeit danach von einer 50%igen
Arbeitsunfähigkeit auszugehen sei (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 11. November
2010 die Beschwerdeabweisung. Zur Begründung führt sie aus, dass die
Beschwerdeführerin bereits bei der Erstbegutachtung und für die Zeit davor über eine
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit verfügt habe. Bezüglich des Vertrauensschutzes
mangle es vorab an einer verbindlichen behördlichen Auskunftserteilung. Daran ändere
nichts, dass der zuständige Berufsberater der Beschwerdeführerin bei der Vermittlung
eines Vorpraktikums behilflich gewesen sei. Ferner fehle es an der erforderlichen
Kausalität zwischen einer allfälligen behördlichen Auskunft und der vorgenommenen
Disposition (act. G 4).
B.c In der Replik vom 8. März 2011 hält die Beschwerdeführerin an ihrem Standpunkt
unverändert fest (act. G 10).
B.d Die Beschwerdegegnerin hat auf die Einreichung einer Duplik verzichtet (act. G 12).
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B.e Am 12. Dezember 2011 ersucht das Versicherungsgericht die Gutachter der
MEDAS Zentralschweiz um die Beantwortung ergänzender medizinischer Fragen (act.
G 14). Die Experten nehmen am 11. Januar 2012 Stellung und führen im Wesentlichen
aus, dass die Restarbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin medizinisch-realistisch von
Februar 2007 bis August 2009 50% betragen habe. Die retrograde Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit vor dem Erstgutachten 2007 sei ausserordentlich schwierig (act. G 15).
Die Beschwerdeführerin äussert sich im Schreiben vom 30. April 2012 dahingehend,
dass auf die medizinisch-realistische Einschätzung der Gutachter abzustellen sei (act.
G 23).

Erwägungen:
1.
Streitig und zu prüfen ist die Frage, ob die Beschwerdeführerin einen Anspruch auf
Umschulung, Wartezeittaggelder und/oder auf befristete Rentenleistungen hat.
2.
Am 1. Januar 2004 sind die neuen Normen der 4. IV-Revision und am 1. Januar 2008
sind die im Zug der 5. IV-Revision revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20), der Verordnung über die
Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in Kraft getreten. In
materiell-rechtlicher Hinsicht gilt der allgemeine übergangsrechtliche Grundsatz, dass
der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen sind, die bei Erlass des
angefochtenen Entscheids beziehungsweise im Zeitpunkt gegolten haben, als sich der
zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklicht hat (vgl. BGE 127 V
467 E. 1, 126 V 136 E. 4b, je mit Hinweisen). Die angefochtenen Verfügungen sind am
12. Juli 2010 ergangen (act. G 4.1.10 ff.), wobei ein Sachverhalt zu beurteilen ist
(Beginn der Arbeitsunfähigkeit: Mai 2003, act. G 4.1.121-27), der vor dem Inkrafttreten
der revidierten Bestimmungen der 4. und 5. IV-Revision begonnen hat. Daher und
aufgrund dessen, dass der Rechtsstreit u.a. eine Dauerleistung betrifft, über die noch
nicht rechtskräftig verfügt wurde, ist entsprechend den allgemeinen
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intertemporalrechtlichen Regeln für die Zeit bis 31. Dezember 2003 bzw. bis
31. Dezember 2007 auf die damals geltenden Bestimmungen und ab 1. Januar 2008
auf die neuen Normen der 5. IV-Revision abzustellen (vgl. zur 4. IV-Revision: BGE 130
V 445 ff.; Urteil des Bundesgerichts vom 7. Juni 2006, I 428/04, E. 1). Nachfolgend
werden die seit 1. Januar 2008 gültigen Bestimmungen des ATSG und IVG
wiedergegeben, soweit nicht ausdrücklich auf die altrechtlichen Bestimmungen
verwiesen wird.
3.
Zunächst gilt es den Beginn, das Ausmass und den Verlauf einer allfällig reduzierten
Arbeitsfähigkeit abzuklären. Die Beschwerdegegnerin vertritt den Standpunkt, dass die
Beschwerdeführerin zu keiner Zeit an einer wesentlichen Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit gelitten habe (act. G 4, S. 4). Demgegenüber bringt die
Beschwerdeführerin vor, sie sei vom 4. Januar 2002 bis 26. April 2007 zu 100%
arbeitsunfähig gewesen. Für die Zeit danach bestehe eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit
(act. G 1, S. 10).
3.1 Zum Gesundheitszustand und der Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin
äusserten sich die Experten der MEDAS Zentralschweiz im Gutachten vom 26. April
2007 (act. G 4.1.121) und im Verlaufsgutachten vom 17. November 2009 (act.
G 4.1.35). Die für die Leistungsansprüche der Beschwerdeführerin relevanten
Gesichtspunkte haben die Gutachter auf Nachfrage des Gerichts in der Stellungnahme
vom 11. Januar 2012 konkretisiert und Ungereimtheiten zwischen dem Erst- und
Verlaufsgutachten erläutert (act. G 15).
3.1.1 Es bestehen keine Anhaltspunkte gegen die Beweiskraft der in der
Stellungnahme vom 11. Januar 2012 enthaltenen Gesamtwürdigung der
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin. Solche werden weder von der
Beschwerdeführerin noch von der Beschwerdegegnerin geltend gemacht.
3.1.2 Allerdings bildet der Umstand, dass die MEDAS-Gutachter bei gleich
gebliebenem Gesundheitszustand zwischen Erst- und Verlaufsbegutachtung zu
unterschiedlichen Arbeitsfähigkeitsbeurteilungen gelangen, Anlass zu einer kurzen
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Anmerkung. Vorab ist darauf hinzuweisen, dass sich die von den Gutachtern ins Feld
geführte Rechtsprechung (Urteil des Bundesgerichts vom 7. August 2008,
8C_806/2007, E. 8.2) auf die Abgrenzung von organisch objektiv ausgewiesenen
Unfallfolgen im Rahmen einer unfallversicherungsrechtlichen Leistungsstreitigkeit
bezog. Es ging dabei um die - für die Invalidenversicherung nicht relevante - Frage
nach der Unfallkausalität. Für die Annahme einer für die Invalidenversicherung
leistungsrelevanten Krankheit bedarf es keiner organisch objektiv ausgewiesenen
Ursache. Andernfalls würden hauptsächlich psychiatrische Diagnosen a priori vom
Leistungsanspruch ausgeschlossen und es könnten einzig noch apparativ/bildgebend
nachweisbare Krankheiten Versicherungsschutz geniessen. Das sich im
Verlaufsgutachten vom 17. November 2009 (vgl. die Arbeitsfähigkeitsbeurteilung in act.
G 4.1.35-25) manifestierte Verständnis der Gutachter, versicherte Personen bezüglich
der Arbeitsfähigkeit einzig nach juristischen Massstäben und nicht nach eigenem
Fachwissen bzw. "nach bestem Wissen und Gewissen" (act. G 15, S. 1) zu beurteilen,
erweist sich demnach als unzutreffend. Würde dieser Sichtweise gefolgt und die
leistungsrechtliche Beurteilung bloss noch aufgrund juristischer Kriterien erfolgen, wäre
eine medizinische Arbeitsfähigkeitsbeurteilung nicht mehr erforderlich. Notwendige,
primäre Aufgabe der Gutachterperson ist es indessen, die Frage nach der
Arbeitsfähigkeit aus medizinischer Sicht zu beantworten. Die Gutachterperson muss
dem Rechtsanwender nachvollziehbar aufzeigen, ob nach den Erkenntnissen der
medizinischen Wissenschaft eine Krankheit von erheblicher Schwere mit schlechter
Prognose vorliegt (vgl. Leitlinien der Schweizerischen Ärztegesellschaft für
Rheumatologie für die Begutachtung rheumatologischer Krankheiten und Unfallfolgen,
in: Schweizerische Ärztezeitung, 2007;88: 17, S. 736). Sie hat den Gesundheitszustand
zu beurteilen und Stellung zur Frage zu nehmen, ob und in welcher Weise dieser eine
Arbeitsunfähigkeit verursacht (vgl. Leitlinien, a.a.O., S. 737). Gefragt sind spezifische,
eingehende Stellungnahmen seitens der medizinischen Experten zur Arbeitsfähigkeit im
Sinn des funktionellen Leistungsvermögens und der seelischen Ressourcen (Ulrich
Meyer, Somatoforme Schmerzstörung - ein Blick zurück auf eine Dekade der
Entwicklung, in: Schaffhauser/Kieser [Hrsg.], Sozialversicherungsrechtstagung 2010,
S. 24).
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3.2 Zu beantworten ist nachfolgend die umstrittene Frage, ob die Beschwerdeführerin
in der Lage ist, die Folgen der gutachterlich bescheinigten Arbeitsunfähigkeit zu
überwinden.
3.2.1 Somatoforme Schmerzstörungen und ähnliche aetiologisch-pathogenetisch
unerklärliche syndromale Leidenszustände vermögen in der Regel keine lang dauernde,
zu einer Invalidität im Sinn von Art. 4 Abs. 1 IVG führende Einschränkung der Arbeits
fähigkeit zu bewirken (BGE 136 V 281 E. 3.2). Die - nur in Ausnahmefällen
anzunehmende - Unzumutbarkeit einer willentlichen Schmerzüberwindung und eines
Wiedereinstiegs in den Arbeitsprozess setzt das Vorliegen einer mitwirkenden,
psychisch ausgewiesenen Komorbidität von erheblicher Schwere, Intensität,
Ausprägung und Dauer oder aber das Vorhandensein anderer qualifizierter, mit
gewisser Intensität und Konstanz erfüllter Kriterien wie chronische körperliche
Begleiterkrankungen und mehrjähriger Krankheitsverlauf bei unveränderter oder
progredienter Symptomatik ohne längerfristige Remission, ein ausgewiesener sozialer
Rückzug in allen Belangen des Lebens, ein verfestigter, therapeutisch nicht mehr
angehbarer innerseelischer Verlauf einer an sich missglückten, psychisch aber
entlastenden Konfliktbewältigung (primärer Krankheitsgewinn) oder schliesslich
unbefriedigende Behandlungsergebnisse trotz konsequent durchgeführter
Behandlungsbemühungen (auch mit unterschiedlichem therapeutischem Ansatz) und
gescheiterte Rehabilitationsmassnahmen bei vorhandener Motivation und
Eigenanstrengung der versicherten Person voraus (BGE 130 V 354 f. E. 2.2.3). Je mehr
diese Kriterien zutreffen und je ausgeprägter sich die entsprechenden Befunde
darstellen, desto eher sind die Voraussetzungen für eine zumutbare
Willensanstrengung zu verneinen (BGE 131 V 50 f. E. 1.2). Diese Grundsätze gelten
sinngemäss auch für die Beurteilung der invalidisierenden Wirkung einer spezifischen
Verletzung der Halswirbelsäule (HWS) ohne organisch nachweisbare Funktionsausfälle
(BGE 136 V 283 E. 3.2.3; vgl. zum Ganzen Urteil des Bundesgerichts vom 14. Juli 2011,
9C_412/2011, E. 4.1).
3.2.2 Das Bundesgericht stützt die genannte Rechtsprechung auf die von Foerster
für psychiatrische Begutachtungen formulierten Kriterien (sogenannte Foerster-
Kriterien). Dabei ist darauf hinzuweisen, dass dieser die Kriterien inzwischen selbst
nicht mehr anwendet (vgl. zum Ganzen Vivian Winzenried, Die Überwindbarkeitspraxis,
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in: Kieser/Lendfers [Hrsg.], Jahrbuch zum Sozialversicherungsrecht 2012, St. Gallen
2012, S. 238 mit Hinweisen). Im Vordergrund steht das Problem, dass sich die
Beurteilung von Schmerzkrankheiten - mangels zuverlässiger bzw. bewährter
Messmethodik - zwangsläufig zunächst auf die Angaben der versicherten Person
stützt. Es fehlt an einer eigentlichen direkten Objektivierbarkeit der Schmerzen und
deren Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit. Dieses Defizit und das damit
verbundene Missbrauchspotential versucht das Bundesgericht aufgrund der
durchwegs objektivierbaren Foerster-Kriterien (wie etwa psychische Komorbidität,
sozialer Rückzug oder unbefriedigende Behandlungsergebnisse trotz konsequent
durchgeführter Behandlungsbemühungen; vgl. hierzu BGE 130 V 354 f. E. 2.2.3 sowie
vorstehende E. 3.2.1) zu beseitigen. Hinzu kommt, dass es die Kriterienprüfung zur
Rechtsfrage erhebt (Urteil des Bundesgerichts vom 21. März 2012, 9C_936/2011,
E. 3.1) und damit dem medizinischen Sachverstand letztlich entzieht.
3.2.3 Im vorliegenden Fall steht der fehlenden Objektivierbarkeit des
Schmerzleidens sowie von dessen Auswirkungen allerdings eine schlüssige
gutachterliche ("medizinisch-realistische") Einschätzung gegenüber. Diese kommt unter
Berücksichtigung von objektivierbaren Kriterien (über mehrere Jahre hinweg
wiederholte Teilnahme an multimodalen Schmerztherapiekonzepten mit guter
Compliance, Ausschluss eines primären und sekundären Krankheitsgewinns, keine
Hinweise auf eine Aggravation oder gar
Simulation, Chronifizierung des Leidens, act. G 15, S. 2) zum Schluss, dass aus
medizinischer Sicht für die Zeit von Februar 2007 bis August 2009 eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit und danach eine 60 bis 70%ige Arbeitsfähigkeit bestehe (act. G 15).
Dass die Beschwerdeführerin über Ressourcen verfügt, die eine gänzliche
Überwindung ihrer Krankheitsfolgen erlaubten, kann der gutachterlichen Beurteilung
nicht entnommen werden. Ebenso wenig beschrieben sie eine Diskrepanz zwischen
den geschilderten Schmerzen und dem von der Beschwerdeführerin gezeigten
Verhalten. Die Schmerzen wurden vielmehr als glaubhaft eingeschätzt (zur Bedeutung
glaubwürdigen Schmerzverhaltens vgl. Meyer, a.a.O., S. 30, der dieses Merkmal als
eine unabdingbare Grundlage für Rentenentscheide bezeichnet). Da die gutachterliche
Einschätzung auf der Grundlage plausibler objektivierbarer - mithin überprüfbarer -
medizinischer Argumente beruht und nicht primär auf die Schmerzangaben der
Beschwerdeführerin abstellt, besteht für das Versicherungsgericht keine Veranlassung,
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davon abzuweichen. Dem begründeten Anliegen des Bundesgerichts nach einer
objektivierbaren Beurteilung von Schmerzleiden und nach einer
Missbrauchsverhinderung ist mit der gutachterlichen Beurteilung Rechnung getragen.
3.2.4 Diese Sichtweise wird dadurch bestätigt, dass die Gutachter am 11. Januar
2012 schlüssig darlegten, dass auch zwei Foerster-Kriterien (unbefriedigende
Behandlungsergebnisse trotz konsequent durchgeführten ambulanten und/oder
stationären Behandlungsbemühungen unter unterschiedlichem therapeutischem
Ansatz; gescheiterte Rehabilitationsmassnahmen bei vorhandender Motivation und
Eigenanstrengung der Beschwerdeführerin) in einem hohen Mass und zudem über
einen langen Zeitraum erfüllt seien (act. G 15, S. 4). Selbst bei Anwendung der
bundesgerichtlichen Schmerzrechtsprechung wäre damit von einer ausnahmsweisen
Unüberwindbarkeit auszugehen.
4.
Für die Beurteilung des Rentenanspruchs der Beschwerdeführerin ist nach dem
Gesagten auf die gutachterliche Einschätzung vom 11. Januar 2012 (act. G 15)
abzustellen.
4.1 Für die Dauer von Februar 2007 bis August 2009 bescheinigten die MEDAS-
Experten eine 50%ige Arbeitsfähigkeit (act. G 15, S. 5) und für die Zeit danach eine
60 bis 70%ige Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten (act. G 15, S. 4).
Diesbezüglich ist rechtsprechungsgemäss auf den Mittelwert von vorliegend 65%
abzustellen (Urteil des Bundesgerichts vom 20. August 2009, 9C_193/2009, E. 1.3.1
mit Hinweis). Was den Zeitraum vor Februar 2007 anbelangt, so datierten die Gutachter
den Eintritt der längerdauernden Arbeitsunfähigkeit auf den 28. Mai 2003. Sie wiesen
darauf hin, dass der Beschwerdeführerin seither eine volle Arbeitsunfähigkeit attestiert
worden sei (act. G 4.1.121-27). Die Gutachter hielten diese Einschätzung indessen
nicht ohne Weiteres für zutreffend (act. G 15, S. 4 f.). Es ist daher mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin bereits seit Mai
2003 über eine 50%ige Restarbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten verfügte,
wie sie von den Gutachtern ab Februar 2007 schlüssig begründet wird.
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4.2 Bei der Ermittlung des Invaliditätsgrads kann auf die plausiblen, von den Parteien
unbestritten gebliebenen Vergleichseinkommen (Valideneinkommen von Fr. 91'149.--,
Invalideneinkommen gestützt auf Salärempfehlungen KV von Fr. 90'181.--) der
angefochtenen Rentenverfügung abgestellt werden (act. G 4.1.12). Aufgrund der
verbliebenen Restarbeitsfähigkeit von 50% bzw. 65% ergeben sich
Invalideneinkommen von Fr. 45'091.-- (Fr. 90'181.-- x 0.5) und Fr. 58'618.--
(Fr. 90'181.-- x 0.65) bzw. Erwerbseinbussen von Fr. 46'058.-- (Fr. 91'149.-- -
Fr. 45'091.--) und Fr. 32'531.-- (Fr. 91'149.-- - Fr. 58'618.--). Es besteht demnach ab
Februar 2007 ein Invaliditätsgrad von aufgerundet 51% ([Fr. 46'058.-- / Fr. 91'149.--]
x 100) und ab August 2009 von aufgerundet 36% ([Fr. 32'531.-- / Fr. 91'149.--] x 100).
Damit hat die Beschwerdeführerin ab Mai 2004 bis Ende November 2009 einen
Anspruch auf eine halbe Rente. Ab Dezember 2009 hat sie keinen Rentenanspruch
mehr. Bei der Ausrichtung der Rentenleistungen wird die Beschwerdegegnerin zu
beachten haben, dass die Beschwerdeführerin während der Dauer vom 9. Dezember
2008 bis 31. Mai 2009 (act. G 4.1.76 und G 4.1.71) IV-Taggeldleistungen bezog. Dies
führt - unter Vorbehalt von Art. 20 Abs. 1 IVV - dazu, dass für die IV-Taggeldperiode
keine Rentenleistungen geschuldet sind bzw. der Rentenanspruch unterbrochen wird
(Art. 29 Abs. 2 IVG; Ulrich Meyer, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung [IVG],
in Murer/Stauffer [Hrsg.], Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
Sozialversicherungsrecht, Zürich 2010, S. 363).
5.
Umstritten ist weiter der Anspruch auf Umschulungsmassnahmen.
5.1 Nach Art. 17 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person Anspruch auf Umschulung
auf eine neue Erwerbstätigkeit, wenn die Umschulung infolge Invalidität notwendig ist
und dadurch die Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erhalten oder verbessert werden
kann. Invalid im Sinn dieser Bestimmung sind Versicherte, wenn sie wegen der Art und
Schwere des eingetretenen Gesundheitsschadens in den bisher ausgeübten und in den
für sie ohne zusätzliche berufliche Ausbildung offenstehenden noch zumutbaren
Erwerbstätigkeiten eine bleibende oder längere Zeit dauernde Erwerbseinbusse von
etwa 20% erleiden; dabei bemisst sich die Erwerbseinbusse an dem vor Eintritt des
Gesundheitsschadens erzielten Erwerbseinkommen (BGE 124 V 110 f. E. 2b).
ter
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5.2 Mit Blick darauf, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihres Leidens eine
dauernde Erwerbseinbusse von weit über 20% erlitten hat, ist zumindest eines, der
kumulativen Voraussetzungen für einen Umschulungsanspruch erfüllt. Fraglich
erscheint dagegen, ob die Beschwerdeführerin bei einer Umschulung - etwa zur in
Angriff genommenen Sozialpädagogin FH (vgl. Bericht der beruflichen Eingliederung
vom 3. Dezember 2008 mit Hinweis auf die Erwerbsaussichten einer Sozialpädagogin
FH, act. G 4.1.85) - im Vergleich zum unbestritten noch zumutbarem Erwerbspotenzial
im kaufmännischen Bereich (vgl. zum Invalideneinkommen vorstehende E. 4.2) ein
höheres Einkommen zu erzielen vermöchte oder ihr Erwerbspotenzial besser erhalten
bliebe. Allerdings hat die Beschwerdegegnerin bislang keine Abklärungen bezüglich
der Eingliederungswirksamkeit einer allfälligen Umschulung sowie der übrigen
Voraussetzungen für einen Umschulungsanspruch getroffen, weshalb sich die Sache in
diesem Punkt als noch nicht spruchreif erweist. Daher ist die Angelegenheit betreffend
den Anspruch auf Umschulung zur Prüfung der übrigen Voraussetzungen, zur weiteren
Abklärung sowie Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
6.
Zu prüfen bleibt damit noch der für den Zeitraum vom 3. April 2007 bis 9. Dezember
2008 geltend gemachte Anspruch auf Wartezeittaggelder (act. G 1). Da
rentenbeziehende Personen, die sich einer Eingliederungsmassnahme unterziehen,
keinen Anspruch auf ein Taggeld für die Wartezeit haben (Art. 18 Abs. 3 IVV), und der
Beschwerdeführerin für den fraglichen Zeitraum Rentenleistungen auszurichten sind
(vgl. vorstehende E. 4.2), hat sie keinen Anspruch auf Wartezeittaggelder.
7.
7.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde unter Aufhebung der Verfügungen vom
12. Juli 2010 betreffend Ansprüche auf Rentenleistungen und Umschulung (act.
G 4.1.12 und G 4.1.10) gutzuheissen. Der Beschwerdeführerin ist befristet für die Dauer
von Mai 2004 bis November 2009 eine halbe Rente zuzusprechen (zur Koordination mit
den in dieser Periode ausgerichteten Taggeldleistungen vgl. vorstehende E. 4.2).
Betreffend Umschulung ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen,
damit diese weitere Abklärungen vornehme und über einen allfälligen Anspruch der
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Beschwerdeführerin auf Umschulung neu verfüge. Soweit sich die Beschwerde gegen
die Verfügung vom 12. Juli 2010 betreffend Wartezeittaggelder richtet (act. G 4.1.11),
ist sie abzuweisen.
7.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Da die Beschwerdeführerin lediglich im Rahmen eines
untergeordneten Punktes unterliegt (Anspruch auf Wartezeittaggelder) und ihr für den
davon betroffenen Zeitraum Leistungen in Rentenform zustehen, ist bei der
Kostenverlegung von einem vollständigen Obsiegen auszugehen. Die
Beschwerdegegnerin hat demnach die gesamten Gerichtskosten von Fr. 600.-- zu
bezahlen. Der von der Beschwerdeführerin geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.--
ist ihr zurückzuerstatten.
7.3 Die im Beschwerdeverfahren entstandenen gutachterlichen Kosten von Fr. 418.45
(act. G 15.1) sind von der Beschwerdegegnerin zu tragen. Denn der zu behebende
Mangel (Unklarheit bezüglich Restarbeitsfähigkeit) und die entsprechenden Kosten
wurden durch die diesbezüglich unzureichenden MEDAS-Gutachten verursacht. Mit
Blick auf die Untersuchungspflicht der Verwaltung ist dieser Mangel dem Risikobereich
der IV-Stelle zuzuschreiben (vgl. Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Aufl., Zürich 2009,
N 12 zu Art. 45, mit Hinweisen auf die Rechtsprechung).
7.4 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen
(Art. 61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.--
bis Fr. 12'000.--. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin verzichtete auf das
Einreichen einer Kostennote. Mit Blick auf die diversen strittigen Ansprüche,
3 Anfechtungsobjekte, sowie den mehrfachen Schriftenwechsel mit ergänzender
gutachterlicher Stellungnahme vom 11. Januar 2012 (act. G 15) erscheint eine
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
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Parteientschädigung von Fr. 4'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer)
angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht