Decision ID: f52a1067-3960-5c51-934a-04fe141af535
Year: 2018
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. D._ reichte für die Einzelunternehmung E._ am 20. Februar 2014
ein Baugesuch ein für den Abbruch bestehender Gebäude sowie für den Neubau einer
Tankstelle mit Shop. Die Tankstelle mit Shop soll auf der Parzelle Studen (BE)
Grundbuchblatt Nr. F._ errichtet werden. Die Parzelle liegt in der Wohn- und
Gewerbezone WG3. Die Bauparzelle wird über die M._ erschlossen. Im Verlauf
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des vorinstanzlichen Verfahrens übernahm die heutige Beschwerdegegnerin das
Bauprojekt von der E._ und trat als neue Bauherrin in das Verfahren ein. Die
Tankstelle mit Shop soll 12 Parkplätze sowie drei Zapfsäulen aufweisen. Der geplante
Shop hat eine Verkaufsfläche von ca 120 m2 und das Lager misst 70 m2.
Die Gemeinde Studen teilte im Amtsbericht vom 14. Mai 2014 mit, das Bauvorhaben sei
ihrer Ansicht nach in der WG nicht zonenkonform. Die Bauherrin beschränkte in der Folge
die Betriebszeiten der Tankstelle mit Shop von Montag bis Samstag von 06:00 Uhr bis
22:00 Uhr und an Sonntagen von 07:00 Uhr bis 21:00 Uhr. Gegen das Bauvorhaben erhob
unter anderem die Gemeinde Studen Einsprache.
Mit Gesamtbauentscheid vom 7. August 2017 erteilte das Regierungsstatthalteramt
Seeland dem Bauvorhaben die Bewilligung.
2. Dagegen reichte die Gemeinde Studen am 4. September 2017 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt die
Aufhebung des Gesamtentscheides vom 7. August 2017 und die Erteilung des
Bauabschlags. Zur Begründung macht sie geltend, das Bauvorhaben sei nicht
zonenkonform.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Es edierte zudem weitere Unterlagen
von der Gemeinde, stellte ihr ergänzende Fragen und holte beim Tiefbauamt des Kantons
Bern, Oberingenieurkreis III (TBA OIK III) die Verkehrsdaten zum Durchschnittlichen
Tagesverkehr (DTV) auf der M._ ein. Die Beschwerdegegnerin beantragt in der
Beschwerdeantwort vom 22. September 2017 die Abweisung der Beschwerde. Die
Vorinstanz verweist in ihrer Stellungnahme vom 2. Oktober 2017 auf den angefochtenen
Bauentscheid und beantragt die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei.
Mit Eingaben vom 9. November 2017 und vom 14. Dezember 2017 reichten die Parteien
Schlussbemerkungen ein. Mit Schreiben vom 22. Januar 2018 äusserte sich die
Beschwerdeführerin zu den eingeholten Verkehrsangaben des TBA OIK III.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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Auf die Rechtsschriften und das Beweisergebnis wird, soweit für den Entscheid wesentlich,
in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig.
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die
Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG
i.V.m. Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Gemeinde hat sich als Einsprecherin am vorinstanzlichen
Verfahren beteiligt. Die Beschwerdebefugnis der Gemeinde ist unbestritten. Auf die form-
und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist damit einzutreten.
2. Zonenkonformität
a) Die Tankstelle mit Shop soll in der Wohn- und Gewerbezone WG3 realisiert werden.
Die WG3 befindet sich in der Lärmempfindlichkeitsstufe (ES) III (Art. 27 GBR4). Das Amt
für Berner Wirtschaft (beco) kam im Amtsbericht zum Immissionsschutz vom 3. März 2016
gestützt auf eine Expertise des Instituts für Lärmschutz G._ zum Schluss, das
2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 4 Baureglement der Einwohnergemeinde Studen vom 11. Mai 2006 (GBR)
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Vorhaben halte die immissionsrechtlichen Vorschriften ein.5 Dies wird von der Gemeinde
nicht bestritten. Umstritten ist einzig, ob das Vorhaben in der WG zonenkonform ist. Was in
der WG zulässig ist, bestimmt Art. 19 GBR: "1 Die Wohn- und Gewerbezonen WG3 und WG2 sind gemischte Zonen für Wohn-, Gewerbe- und
Bürobauten. 2 Zugelassen sind neben den Wohnbauten mässig störende Betriebe. Ausgeschlossen sind
gewerbliche Nutzungen, die ein überdurchschnittlich hohes Mass an quartierfremdem
Motorfahrzeugverkehr verursachen, z.B. Einkaufszentren, Discountläden, usw."
b) Art. 19 GBR lässt sich nicht explizit entnehmen, ob in der Gemeinde Studen
Tankstellen mit Shops als mässig störende Betriebe gelten und ob diese in der WG
zonenkonform sind. Die Norm ist damit auszulegen. Zur Anwendung gelangen die üblichen
Methoden der Gesetzesauslegung.6 Es muss im Einzelfall abgewogen werden, welche
Methode oder Methodenkombination geeignet ist, den wahren Sinn der auszulegenden
Norm wiederzugeben.7 Für die Frage, ob die Auslegung der Gemeinde haltbar ist, ist weiter
von Bedeutung, wie sie die zur Diskussion stehende Gemeindevorschrift bisher in der
Praxis verstanden und gehandhabt hat.8 Da es um die Auslegung einer kommunalen
Vorschrift geht, ist zudem die Gemeindeautonomie zu beachten. Es ist vorab Sache der
Gemeinde, zu bestimmen, wie sie eine kommunale Vorschrift verstanden haben will. Wird
die Anwendung einer solchen Bestimmung Gegenstand eines Beschwerdeverfahrens,
haben die kantonalen Rechtsmittelinstanzen zu prüfen, ob die von der Gemeinde geltend
gemachte Auslegung rechtlich haltbar ist. Sie sind nicht befugt, die kommunale Auslegung
der Norm durch ihr eigenes Verständnis zu ersetzen, wenn die Rechtsauffassung der
Gemeinde betreffend den Inhalt, den Sinn und die Tragweite der interessierenden
Vorschrift rechtlich vertretbar erscheint.9
c) Die WG ist eine gemischt Zone. Sinn und Zweck von gemischten Zonen ist es, ein
gleichberechtigtes Nebeneinander von Wohnen und Gewerbe zu ermöglichen. Dies
bedingt, dass keine der beiden Nutzungen so intensiv auf die andere einwirkt, dass die
5 Amtsbericht beco vom 3. März 2016, Vorakten pag. 339 ff.; Bericht des Instituts für Lärmschutz G._ Vorakten pag. 139 ff. 6 BGE 140 II 289 E. 3.2; Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016, 177ff 7 BVR 2007 S. 58 E. 4.6, m.w.H. 8 BVR 2010 S. 113 E. 4.4, m.w.H. 9 BGer 1C_484/2016 vom 28. Juni 2017 E. 2.1.2; BVR 2007 S. 58 E. 4.3, mw.H.; Häfelin/Müller/Uhlmann, a.a.O. N 1902 ff.
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andere Nutzung überhaupt nicht mehr oder nur noch unter übermässig erschwerten
Bedingungen ausgeübt werden kann. Wohnbauten können somit nicht den gleichen Schutz
beanspruchen wie in einer reinen Wohnzone. In einer gemischten Zone müssen mehr
gewerbliche Immissionen in Kauf genommen werden als in reinen Wohnzonen. Indessen
muss nicht jede beliebige Beeinträchtigung geduldet werden; die Erholungsfunktion der
Wohnnutzung muss gewährleistet bleiben. Ein gewisser Vorrang der Wohnnutzung besteht
deshalb insbesondere dort, wo es um den Schutz der Nacht- oder Sonntagsruhe geht.10
Gemäss Rechtsprechung und Lehre gelten solche Betriebe als mässig störend, welche die
Wohnnutzung nachts und zur üblichen Freizeit nicht beeinträchtigen und deren Störungen
während der übrigen Zeit aus wohnhygienischer und gesundheitspolizeilicher Sicht noch
hingenommen werden können.11 In der Praxis wurden beispielsweise eine
Autoreparaturwerkstätte12, ein Betrieb, der Fahrzeug- und Industriekühler fabriziert und
repariert13, eine mechanische Werkstatt14, ein Lagerplatz für Baumaschinen15, eine
Tankstelle mit Shop und Autowaschanlage16, aber auch ein Gastwirtschaftsbetrieb mit
Überzeitbewilligung17 sowie eine Bauspenglerei, der Werkhof einer Bauunternehmung oder
öffentliche Sportanlagen bis zu einer gewissen Grösse18 als nur mässig störende Betriebe
eingestuft und in gemischten Zonen als zulässig beurteilt. In anderen Kantonen hat die
Rechtsprechung eine Tankstelle mit Shop bereits als mässig störend,19 aber auch bereits
als mehr als mässig störend20 qualifiziert. In jedem Fall hat die Beurteilung der
Zonenkonformität abstrakt, d.h. losgelöst von den konkreten Einwirkungen auf die
Nachbarschaft zu erfolgen.21
10 Vgl. auch Entscheid des Obergerichts Appenzell Ausserrhoden Verfahren vom 26. Januar 2017 E. 3, m.w.H. 11 VGE 100.2009.81 vom 30. Juni 2009 E. 4.3.3; BVR 1986 S. 211 E. 4.a; Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 24 N. 34 12 BVR 1986 S. 211 E. 4.b 13 BDE vom 7. Juni 1988, RA Nr. 11120-87 14 BDE vom 2. November 1992, RA Nr. 11014-92 15 VGE 100.2009.81 vom 30. Juni 2009 16 BGer 1A.199/2000 vom 5. Juni 2001 17 BVR 2000 S. 122 E. 3 18 Bernhard Waldmann/Peter Hänni, Handkommentar RPG, 2006, Art. 22 N. 37 mit weiteren Beispielen 19 BGer 1A.199/2000 vom 5. Juni 2001; Entscheid des Obergerichts Appenzell Ausserrhoden Verfahren vom 26. Januar 2017, Verfahren Nr. O4V 15 24 20 VG ZH VB.201200860 vom 29.5.2013 21 Vgl. BVR 2006, S. 319 E. 2b
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d) Die Gemeinde Studen bringt vor, mässig störende Betriebe im Sinne von
Art. 19 Abs. 2 GBR seien solche, deren Auswirkungen im Rahmen herkömmlicher
Handwerks- und Gewerbebetriebe bleiben würden, auf die üblichen Arbeitszeiten während
des Tages beschränkt seien und nur vorübergehend auftreten würden. Sofern solche
Betriebe das gesunde Wohnen nicht beeinträchtigen, würden dazu zum Beispiel Büros,
Läden oder Gewerbebetriebe wie eine Schlosserei, eine Spenglerei oder eine
mechanische Werkstatt zählen. Eine Tankstelle mit Shop sei dagegen kein herkömmlicher
Handwerks- und Gewerbebetrieb. Die vorgesehenen Öffnungszeiten (Montag bis Samstag
06:00 Uhr bis 22:00 Uhr und an Sonntagen von 07:00 Uhr bis 21:00 Uhr) würden weit über
die üblichen Arbeits- und Öffnungszeiten von herkömmlichen Betrieben hinausgehen. Weil
in Studen der Anteil an Wohnnutzung in der WG erheblich sei, sei es unabdingbar, dass in
der WG nur solche gewerblichen Nutzungen zugelassen würden, welche das gesunde
Wohnen nicht beeinträchtigen. Das mit dem Bauvorhaben verbundene
Verkehrsaufkommen würde aber Immissionen verursachen, welche ein nicht zu
unterschätzendes Konfliktpotential mit der Wohnnutzung darstellen würden. Dies z.B.
durch die Hin- und Wegfahrt der Fahrzeuge, das Starten von Automotoren, das Anfahren,
das Zuschlagen von Autotüren, durch von aus dem Auto dringender Musik oder durch
Unterhaltungen auf dem Platz. Der generierte Verkehr sei zudem quartierfremd, zumal der
M._ keine Durchfahrtsfunktion zukomme, wie dies die Vorinstanz unzutreffend
annehme. Zum Quartierverkehr könne nur derjenige Verkehr gezählt werden, der der
Erschliessung der zonenkonformen Bauten und Anlagen im nämlichen Quartier diene.
e) Bei der geplanten Tankstelle mit Shop handelt es sich unbestritten um einen
Gewerbebetrieb. Auf einer Verkaufsfläche von rund 120 m2 und an der Tankstelle sollen
Güter des täglichen Bedarfs verkauft werden. Die geplante Tankstelle mit Shop ist nach
Auffassung der Gemeinde kein herkömmlicher Gewerbebetrieb, weil die vorgesehenen
Öffnungszeiten (Montag bis Samstag 06:00 Uhr bis 22:00 Uhr und am Sonntag von 07:00
Uhr bis 21:00 Uhr) weit über die normalen Arbeits- bzw. Öffnungszeiten eines Ladens
hinausgehen würden und die Auswirkungen während der Öffnungszeiten nicht bloss
vorübergehend seien. Diese Argumentation der Gemeinde zielt darauf ab, dass die Praxis
meist nur solche Betriebe als nicht mehr als mässig störend qualifiziert, welche die
Wohnnutzung nachts und zur üblichen Freizeit nicht beeinträchtigen. Der Shop bleibt
allerdings während der Nachtzeit (22:00 Uhr bis 06:00 Uhr) geschlossen. Damit findet
während der Nachtzeit zum Vornherein keine Beeinträchtigung der Wohnnutzung statt. Es
stellt sich nur noch die Frage, ob der Betrieb während der üblichen Freizeit bzw.
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ausserhalb der üblichen Arbeitszeit das Wohnen beeinträchtigen könnte. Was mit üblicher
Freizeit bzw. Arbeitszeit gemeint ist, hat die Rechtsprechung nicht festgelegt. Einen
Anhaltspunkt bieten die Arbeitszeiten gemäss ArG22 sowie die Ladenöffnungszeiten
gemäss Art. 9 ff. HGG23. Die Arbeit von 06:00 Uhr bis 20:00 Uhr gilt als Tagesarbeit. Erst
die Arbeit von 20:00 Uhr bis 23:00 Uhr ist Abendarbeit. Sowohl Tages- als auch
Abendarbeit sind bewilligungsfrei (Art. 10 Abs. 1 ArG). Im Kanton Bern gelten für
Detailverkaufsgeschäfte und Verkaufsstände sodann folgende zulässigen Öffnungszeiten
(Art. 10 HGG): Montag bis Freitag von 06:00 Uhr bis 20:00 Uhr und an Samstagen sowie
vor öffentlichen Feiertagen von 06:00 Uhr bis 17:00 Uhr. Zudem dürfen solche Geschäfte
an höchstens einem Werktag pro Woche, ausgenommen an Samstagen und vor
öffentlichen Feiertagen, bis 22:00 Uhr offen halten (Abendverkauf). Andere Geschäfte wie
namentlich Kioske, die hauptsächlich Tabakwaren, Süssigkeiten, Zeitungen und
Zeitschriften verkaufen, dürfen täglich sogar bis 22:00 Uhr geöffnet sein. Bäckereien,
Metzgereien, Lebensmittelgeschäften mit einer maximalen Verkaufsfläche von 120 m2, etc.
ist es erlaubt, auch an Sonntagen von 06:00 Uhr bis 18:00 Uhr geöffnet zu haben.24 Die
Öffnungszeiten des Bauprojekts (Montag bis Samstag 06:00 Uhr bis 22:00 Uhr und am
Sonntag von 07:00 Uhr bis 21:00 Uhr) unterscheiden sich also nicht grundlegend von den
üblichen Ladenbetriebszeiten. Das Mass der Abweichung lässt das Vorhaben jedenfalls
nicht von Vornherein als in der WG zonenfremd erscheinen.
In der WG der Gemeinde Studen befinden sich zudem zwei Gastgewerbebetriebe. Es
handelt sich um das Restaurant H._ mit der Pizzeria I._ sowie das
Restaurant "J._, deren Öffnungszeiten ebenfalls über die üblichen
Arbeitszeiten und Ladenöffnungszeiten hinausgehen. Mit Betriebsbewilligung vom
14. September 2017 erlaubte das Regierungsstatthalteramt Seeland dem Restaurant
H._ täglich von 05:00 Uhr bis 00:30 Uhr geöffnet zu haben. Der integrierten
Pizzeria I._" erteilte das Statthalteramt sogar eine generelle Überzeitbewilligung,
so dass die Pizzeria von Dienstag bis Donnerstag bis 01:30 Uhr und am Freitag und
Samstag von je bis 02:30 Uhr geöffnet sein kann. Das Restaurant J._ darf gemäss
erst kürzlich erlassener Betriebsbewilligung vom 10. Oktober 2017 ebenfalls täglich von
05:00 Uhr bis 00:30 Uhr geöffnet haben. Diesen Betriebsbewilligungen des
22 Bundesgesetz über die Arbeit in Industrie, Gewerbe und Handel vom 13. März 1964 (ArG; SR 822.11) 23 Gesetz über Handel und Gewerbe vom 4. November 1992 (HGG; BSG 930.1) 24 Vgl. Art. 11 HGG i.V.m. Art. 2 des Gesetzes über die Ruhe an öffentlichen Feiertagen vom 1. Dezember 1996 (BSG 555.1)
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Regierungsstatthaltersamts hat sich die Gemeinde Studen soweit ersichtlich nicht
widersetzt. Dies zeigt, dass sie auch in der WG Gewerbebetriebe mit längeren
Öffnungszeiten als zonenkonform betrachtet. Die Gemeinde bringt zwar vor,
Gastgewerbebetriebe seien mit dem Bauvorhaben nicht vergleichbar. Von
Gastgewerbebetrieben würden weniger Immissionen ausgehen, da diese mit einer ganz
anderen Frequenz und Intensität besucht würden als eine Tankstelle mit Shop. Zudem sei
der Betrieb J._ klein und der Sekundärlärm des Betriebs H._+ I._
sei aufgrund von dessen Lage in der Wohnzone nicht hörbar. Wie dargelegt, hängt die
Beurteilung der Zonenkonformität aber nicht von den konkreten Einwirkungen auf die
Nachbarschaft oder der konkreten Lage bestimmter Betriebe ab (E. 2.c). Die Gemeinde
führt denn auch in ihrer Beschwerde selbst aus, die Bestimmungen in einer bestimmten
Zone würden flächendeckend über das gesamte Gemeindegebiet gelten.25 Vergleicht man
nicht konkrete Betriebe, sondern die Betriebsart generell, handelt es sich bei
Gastgewerbebetrieben und Tankstellen mit Shops hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die
Wohnnutzung um vergleichbare Gewerbebetriebe. Namentlich sind die auftretenden
Lärmimmissionen von der Art und Intensität her ähnlich. Bei beiden Betriebsarten können
Immissionen durch zu- und wegfahrende Kunden entstehen. Nicht nur bei Tankstellen,
sondern auch bei Gastgewerbebetrieben sind diese Zu- und Wegfahrten nicht auf einen
bestimmten Zeitpunkt beschränkt, sondern treten während den Öffnungszeiten immer
wieder auf und können auch in einer höheren Frequenz erfolgen. Es ist aus diesen
Gründen nicht haltbar, dass die Gemeinde Gastgewerbebetriebe mit langen
Öffnungszeiten in der WG zulässt, dem umstrittenen Bauvorhaben aber u.a. gestützt auf
die Öffnungszeiten die Zonenkonformität abspricht.
f) Aus dem Amtsbericht der Gemeinde vom 14. Mai 2014 und dem Protokoll der Bau-
und Planungskommission Studen vom 26. Juni 2012 geht hervor, dass die Gemeinde
Studen die umstrittene Tankstelle mit Shop in der Kernzone als zonenkonform erachten
würde.26 Die Kernzone umfasst die Gebiete besonders intensiver Nutzung im Ortskern. Sie
ist Geschäfts-, Büro- und Wohnzone. In der Kernzone sind nur nicht störende Betriebe
erlaubt (Art. 22 GBR). Indem die Gemeinde das aktuelle Bauvorhaben in der Kernzone als
zonenkonform qualifiziert, bringt sie zum Ausdruck, dass sie Tankstellen mit oder ohne
Shop nicht als mit der Wohnnutzung unvereinbar beurteilt. Während in der Kernzone aber
25 Vgl. Beschwerde vom 4. September 2017, S. 9 26 Amtsbericht der Gemeinde Studen vom 14. Mai 2014 S. 2, Vorakten pag. 95; Auszug aus dem 8. Protokoll der Bau- und Planungskommission Studen vom 26. Juni 2012, Vorakten, pag. 72
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nur nicht störende Betriebe zonenkonform sind, erlaubt die Wohn- und Gewerbezone
immerhin mässig störende Betriebe. Betriebe in der Kernzone unterliegen also strengeren
Voraussetzungen (nicht störend) als solche in der WG (mässig störend). Die Auffassung
der Gemeinde, das Bauvorhaben sei in der WG mehr als mässig störend und deshalb nur
in der Kernzone zonenkonform, erweist sich somit als rechtlich nicht haltbar. Die Gemeinde
führt gegen diesen Widerspruch ins Feld, zur Beurteilung der Zonenkonformität einer Baute
in der WG sei es unerheblich, was in anderen Zonen als zulässig gelte. Wie ausgeführt,
sind generell-abstrakte Zonenvorschriften aber auszulegen. Dazu zählt auch die
systematische Auslegung. Was in Studen mit mässig störenden Betrieben im Sinne von
Art. 19 Abs. 2 GBR gemeint ist, lässt sich u.a. nur mit dem Vergleich anderer
Zonenvorschriften ermitteln. Art. 19 GBR ist nicht isoliert zu betrachten, sondern Teil der
gesamten Nutzungsordnung der Gemeinde. Ein Vergleich mit den Vorschriften anderer
Zonen ist nicht nur zulässig, sondern sogar geboten.
g) Unter früheren Baureglementen der Gemeinde Studen bewilligte das zuständige
Regierungsstatthalteramt drei Tankstellen in der altrechtlichen WG. Demnach befanden
sich bereits früher Tankstellen in der WG, wenngleich diese nicht von der Gemeinde selbst,
sondern vom Regierungsstatthalter bewilligt wurden. Die Gemeinde zonte zwei dieser drei
Tankstellen später in die Kernzone um. Damit brachte sie bereits in der Vergangenheit zum
Ausdruck, dass Tankstellen mit der Wohnnutzung vereinbar sind. Die dritte Tankstelle
befindet sich auf der westlichen Nachbarparzelle zum umstrittenen Bauvorhaben und
wurde im Jahr 2011 in die Gewerbezone umgezont. Diese Umzonung von der WG in die
Gewerbezone erfolgte allerdings nicht wegen der Tankstelle, sondern weil auf der Parzelle
zusätzlich ein mittlerweile wieder geschlossener K._ der L._ errichtet
werden sollte.27 Damit zeigt auch die bisherige Praxis auf dem Gemeindegebiet, dass
Tankstellen in gemischten Zonen wie der Kernzone oder eben der WG nicht zonenfremd
sind.
Die Gemeinde macht geltend, diese früheren Tankstellen hätten alle über keinen Shop
verfügt und könnten deshalb nicht mit der umstrittenen Tankstelle mit Shop verglichen
werden. Die früheren Tankstellen würden zudem Besitzstand geniessen und könnten auch
deshalb nicht als Vergleich herangezogen werden. Es trifft zwar zu, dass eine Tankstelle
27 Vgl. dazu auch die Ausführungen der Gemeinde Studen im Amtsbericht vom 14. Mai 2014, S. 4, Vorakten pag. 93 sowie die eingereichten Erläuterungen zur Zonenplanänderung (eingereicht mit Schreiben der Beschwerdeführerin vom 26. Oktober 2017)
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mit Shop grundsätzlich mehr Besucher verzeichnet als eine Tankstelle ohne Shop.
Dennoch wird der Hauptverkehr vorliegend durch die Tankstelle und nicht durch den Shop
verursacht, wie aus dem für das Vorhaben verfasste Bericht des Instituts für Lärmschutz
G._ vom 11. Dezember 2013 hervorgeht.28 Tankstellen mit und ohne Shop haben
damit vorliegend zwar nicht dieselben, aber immerhin vergleichbare Auswirkungen.
h) Gemäss Art. 19 Abs. 2 GBR sind gewerbliche Nutzungen ausgeschlossen, welche
ein überdurchschnittlich hohes Mass an quartierfremdem Motorfahrzeugverkehr
verursachen. Als Beispiele werden Einkaufszentren und Discountläden genannt.
Die Bauparzelle befindet sich an der M._ bei der Ausfahrt der Autostrasse T6 Biel-
Lyss in Richtung Lyss. Die M._ ist eine Kantonsstrasse.29 Sie gehört zum
übergeordneten Strassennetz und dient u.a. dem überregionalen Verkehr (vgl. Art. 7
Abs. 1 SG30). Entgegen der Ansicht der Gemeinde kommt der M._ damit v.a.
Verbindungs- und Durchgangsfunktion zu. Dies geht auch aus den vom Rechtsamt
eingeholten Angaben zum DTV auf der M._ hervor. Diese Daten zeigen u.a. den
vom TBA OIK III ermittelten DTV auf der M._ in den Jahren 2001 und 2016. Dies
geht aus der Verfügung des Rechtsamts vom 22. Dezember 2017 mit den zugstellten
Verkehrsdaten ohne weiteres hervor, womit sich die Einwände der Beschwerdeführerin im
Schreiben vom 22. Januar 2018 als unbegründet erweisen. Der DTV im Jahr 2016 betrug
3'093 Fahrzeuge pro Tag. Dieser Wert ist praxisgemäss für jedes Nachfolgejahr um 1.5 %
zu erhöhen, bis eine neue Messung durchgeführt wird. Für das Jahr 2017 ist damit von
einem DTV von ca. 3'139 Fahrzeugen pro Tag auszugehen. Dieser Wert zeigt, dass die
M._ auch als Durchgangsstrasse benützt wird, andernfalls der Wert tiefer liegen
würde. Der bereits heute herrschende Durchgangsverkehr auf der M._ ist also
quartierüblich und es ist davon auszugehen, dass ein Grossteil der potentiellen Kundschaft
der Tankstelle mit Shop die M._ ohnehin befahren würde. Diese Kundschaft
verursacht damit weder quartierfremden Verkehr noch Zusatzverkehr. Zusatzverkehr wird
einzig durch jene Automobilistinnen und -mobilisten verursacht, welche die M._
eigens aufgrund der Tankstelle mit Shop befährt. Angesichts des eingeschränkten
Produkteangebots dürfte diese Kundschaft aber keinen überdurchschnittlichen
Mehrverkehr verursachen. Die Vorinstanz führte weiter aus, entlang der rechten Seite der
28 Vorakten, pag. 146 und 148 29 Vgl. Karte "Übergeordnetes Strassennetz" im Geoportal des Kantons Bern 30 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11)
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M._ gebe es den ehemaligen K._ der L._ und eine Garage mit
einer Tanksäule. Diese Bauten befinden sich in der Gewerbezone. Befindet sich an der
M._ eine Gewerbezone, folgt daraus, dass auch der damit zusammenhängende
Verkehr nicht quartierfremd ist. Dies scheint auch die Ansicht der Gemeinde zu sein;
jedenfalls qualifizierte sie den mit der Selbstbedienungstankstelle und dem ehemaligen
K._ einhergehenden bzw. einhergegangenen Verkehr nicht als quartierfremd.31
Der Tankstellen- und Shopverkehr verursacht damit kein überdurchschnittlich hohes Mass
an quartierfremdem Verkehr.
i) Das Institut für Lärmschutz G._ ging im Bericht vom 11. Dezember 2013
gestützt auf die Angaben der Bauherrschaft davon aus, die Tankstelle mit Shop würde im
24-Stunden-Betrieb rund 366 Kunden pro Tag verzeichnen.32 Dieses Lärmgutachten
erachtete das beco mit Bericht vom 3. März 2016 für vollständig, plausibel und korrekt.33
Die damalige Schätzung der Besucherzahlen ist angesichts der nachträglich
eingeschränkten Öffnungszeiten für die vorliegende Beurteilung zu reduzieren. Ein Teil
dieser Kundschaft würde die M._ aufgrund ihrer Durchgangsstrassenfunktion
zudem ohnehin befahren. Die effektive Verkehrszunahme kann damit nicht als
überdurchschnittlich bezeichnet werden. In der Baubewilligung zum ehemaligen
K._ kam der Regierungsstatthalter Seeland zu einem vergleichbaren Schluss und
führte aus, das Abhollager verursache auf der M._ eine Verkehrszunahme von
höchstens 500 Fahrzeugen pro Tag. Diese Zunahme stelle eine nur schwache zusätzliche
Belastung des Verkehrsnetzes dar.34 Für das vorliegende Bauvorhaben besteht kein
Anlass zu einer abweichenden Beurteilung; die Auswirkungen auf das Strassennetz dürften
unerheblich sein und auch Verkehrsstörungen sind nicht zu erwarten. Mit den nunmehr
eingeschränkten Betriebszeiten der Tankstelle mit Shop bleibt die Wohnqualität damit
gewährlistet.
j) Die geplante Tankstelle mit Shop ist auch nicht mit Einkaufszentren oder
Discountläden zu vergleichen. Grossvorhaben wie Einkaufszentren oder Discountläden
sind typische Beispiele für Vorhaben, die erheblichen Verkehr verursachen. Dieser
Mehrverkehr wäre in vielen Quartieren ansonsten nicht vorhanden. Solche Folgen bewirkt
31 Vgl. Beschwerde vom 4. September 2017, S. 11 und 12, Art. 11 32 Vorakten, pag. 146 33 Amtsbericht beco vom 3. März 2016 S. 3, Vorakten pag. 342 34 Gesamtbauentscheid des Regierungsstatthalteramts Seeland vom 7. Mai 2012, S. 3 und 4.
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das umstrittene Bauvorhaben an der M._ nicht. Die Tankstelle mit Shop spricht
v.a. den Durchgangsverkehr an, welcher auf der M._ ohnehin üblich ist. Aus
ortsplanerischer Sicht ist es sogar sinnvoll, Tankstellen an solchen Orten zu errichten. Die
geplante Tankstelle mit Shop ist zudem wesentlich kleiner dimensioniert als ein
Einkaufszentrum oder ein durchschnittlicher Discountladen. Hinzu kommt, dass das breite
Sortiment von Einkaufszentren und Discountläden geeignet ist, Kundschaft auch von
Weitem her anzuziehen. Dies ist beim eingeschränkten Sortiment einer Tankstelle mit
Shop nicht der Fall. Das Bauvorhaben ist mit den genannten Beispielen somit nicht
vergleichbar und auch allfällige verkehrstechnische Auswirkungen würden erheblich
geringer ausfallen.
k) Die Vorinstanz hat nach dem Gesagten das Bauvorhaben zu Recht als mässig
störender Betrieb im Sinne von Art. 19 GBR qualifiziert und die Verursachung von
überdurchschnittlich hohem quartierfremdem Verkehr verneint. Das Bauvorhaben an der
M._ beeinträchtigt das gesunde Wohnen nicht. Die umweltrechtlichen
Immissionsgrenzwerte sind ebenfalls unbestrittenermassen eingehalten.
3. Kosten
a) Die Vorinstanz qualifizierte die geplante Tankstelle mit Shop in der WG
korrekterweise als zonenkonform. Die Beschwerde ist damit abzuweisen. Bei diesem
Ausgang des Verfahrens gilt die Beschwerdegegnerin als obsiegend. Die
Verfahrenskosten bestehen im vorliegenden Fall aus einer Pauschalgebühr
(Art. 103 Abs. 1 VRPG35), welche gestützt auf Art. 19 GebV36 auf Fr. 1'300.– festgesetzt
wird. Unterliegenden Behörden werden Verfahrenskosten aber nur auferlegt, wenn sie in
ihren Vermögensinteressen betroffen sind (Art. 108 Abs. 2 VRPG). Der Gemeinde Studen
als unterliegende Beschwerdeführerin ist nicht in ihren Vermögensinteressen betroffen. Ihr
werden damit keine Verfahrenskosten auferlegt.
b) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
35 Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege vom 23. Mai 1989 (BSG 155.21) 36 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
RA Nr. 110/2017/104 13
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Parteikosten umfassen den durch die
berufsmässige Parteivertretung anfallenden Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Die
Kostennote des Anwalts der Beschwerdegegnerin beträgt Fr. 5'562.– (Honorar: Fr. 5'150.–,
Mehrwertsteuer: Fr. 412.–). Sie gibt zu keinen Bemerkungen Anlass. Die
Beschwerdeführerin hat somit der Beschwerdegegnerin die Parteikosten von Fr. 5'562.– zu
ersetzen.