Decision ID: 3b16a559-e86f-45af-8ee2-88d380272c92
Year: 2015
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich nach einer Früherfassungsmeldung der Sozialen Dienste der
Stadt B._ am 18. April 2012 bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung an (berufliche Integration, Rente [act. G 4.1/3 und
7]). Aus einem beigelegten Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik C._ vom 13.
März 2012 geht hervor, dass der Versicherte vom 6. Februar bis zum 2. März 2012
einen stationären Alkohol- und THC-Entzug durchgeführt hat. Im Austrittsbericht führte
die Klinik die Diagnosen auf: Störungen durch Alkohol, Abhängigkeitssyndrom,
gegenwärtig abstinent, aber in beschützender Umgebung (F10.21), Störungen durch
Cannabinoide, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig abstinent, aber in beschützender
Umgebung (F12.21), wahrscheinlich vor dem Hintergrund einer narzisstischen und
emotional instabilen (Borderline-Typ) Persönlichkeitsstörung (F61.0). Als somatische
Diagnose wurde eine subakute Neuroborreliose genannt (Erstdiagnose: Dezember
2011). Der Versicherte habe die Behandlung vorzeitig abgebrochen und sei in die alten
Verhältnisse ausgetreten. Die Arbeitsfähigkeit betrage bei Austritt 30 % (act. G 4.1/4).
In einem Begleitschreiben vom 19. April 2012 führte der Antragsteller aus, er leide unter
Müdigkeit, Schlafstörungen, Schmerzen an Kopf, Gesicht, Nacken, Leisten, Knie u.a.
sowie an Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Problemen mit Alkohol und
Schmerzmitteln (act. G 4.1/8).
A.b Mit Bericht vom 11. Mai 2012 ging der RAD Ostschweiz davon aus, dass sich
weder der Cannabis- noch der Alkoholkonsum krankheitswertig auf die Arbeitsfähigkeit
im Rahmen einer einfachen Hilfstätigkeit auswirkten. Gestützt auf die mehrwöchige
stabile Phase nach Entzug der Substanzen könne davon ausgegangen werden, dass
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
keine psychiatrische Einschränkung der Arbeitsfähigkeit für einfache Hilfstätigkeiten
vorliege. Nach Ausschluss relevanter Einschränkungen bestehe damit medizinisch-
theoretisch eine volle Arbeitsfähigkeit sowohl in der angestammten Tätigkeit (ungelernt,
Büro/Hauswartung, eigene Werbeagentur) als auch in einer anderen Tätigkeit (act.
G 4.1/19).
A.c Mit Vorbescheid vom 25. Juni 2012 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
Abweisung des Gesuchs um berufliche Massnahmen sowie Rente in Aussicht, da kein
invalidisierender Gesundheitsschaden vorliege (act. G 4.1/31). Mit Einwand vom 20.
Juli 2012 (Eingang Sozialversicherungsanstalt St. Gallen) monierte der Versicherte,
dass die IV-Stelle keine Abklärungen zu seinem Gesundheitszustand getätigt habe. Er
sei durch ärztliches Zeugnis zu 100 % krankgeschrieben. Dazu legte er ein Arztzeugnis
der Psychiatrischen Klinik C._ bei, das eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % für den
Zeitraum vom 19. April bis zum 31. Juli 2012 attestiert (act. G 4.1/32).
A.d Auf Betreiben des RAD holte die Verwaltung bei der Psychiatrischen Klinik C._
einen Arztbericht ein. In diesem Bericht vom 5. Oktober 2012 diagnostizierten Dr. med.
D._, Oberarzt und Dr. med. F._, Assistenzärztin, ein Alkoholabhängigkeitssyndrom,
aktuell teilabstinent (F10.25), eine Störung durch Cannabinoide, episodischer
Substanzgebrauch (F12.26), vor dem Hintergrund einer kombinierten
Persönlichkeitsstörung mit zwanghaften und narzisstischen Anteilen (F61.0) sowie eine
subakute Lyme-Neuroborreliose. Vom 19. April bis 30. September 2012 habe eine
100 %ige, ab dem 1. Oktober 2012 eine 50 %ige Arbeitsunfähigkeit für die
angestammte Tätigkeit bestanden. Vor der Hospitalisation sei die Arbeitsunfähigkeit
nicht explizit festgelegt worden. Auf Grund des Krankheitsbildes sei jedoch von einer
100 %igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen (act. G 4.1/37). Mit Stellungnahme vom
7. Dezember 2012 ging der RAD von einem gegenüber der letzten Stellungnahme vom
Mai 2012 unveränderten Sachverhalt aus (act. G 4.1/40).
A.e Am 9. Januar 2013 erhielt der Versicherte nochmals Gelegenheit, sich zum
Abklärungsergebnis zu äussern (act. G 4.1/41). Mit Schreiben vom 23. Januar 2013
machte er geltend, es seien noch weitere ärztliche Abklärungen im Gang. Er befinde
sich gerade im Wechsel zur neuen Psychotherapie sowie zum neuen Hausarzt.
Psychiatrischerseits sei er immer noch zu 50 % krankgeschrieben. Die neuen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ergebnisse seien vor Verfügungserlass abzuwarten (act. G 4.1/42). Innert verlängerter
Frist reichte er am 13. Februar 2013 eine weitere Stellungnahme ein. Die medizinischen
Unterlagen seien noch nicht vollständig. Zu der bestehenden Diagnose erwarte er noch
weitere Untersuchungen bezüglich seiner akuten körperlichen Einbussen. Ausserdem
habe ihn seine behandelnde Psychiaterin zu einer neuropsychologischen Abklärung
angemeldet, die in nächster Zeit erfolgen werde. Neben Schmerzattacken, einem
starken Schlafbedürfnis, Zerstreutheit und Konzentrationsschwierigkeiten müsse er
noch täglich mit starken depressiven Hochs und Tiefs fertig werden. Dazu reichte der
Versicherte Arztzeugnisse der behandelnden Psychiaterin med. pract. G._ ein, worin
diese eine 50 %ige Arbeitsunfähigkeit für die Monate November 2012 bis Februar 2013
bescheinigte (act. G 4.1/44). Der RAD führte dazu in seiner Stellungnahme vom 23. Mai
2013 aus, überwiegend wahrscheinlich seien die vom Versicherten beschriebene
Müdigkeit und das vermehrte Schlafbedürfnis Hauptgrund für die attestierte
Arbeitsunfähigkeit. Sowohl die Müdigkeit als auch die interaktionellen Schwierigkeiten
seien wahrscheinlicher dem fortgesetzten Substanzkonsum zuzuschreiben als einer
umschriebenen Erkrankung, die aus unerfindlichen Gründen bisher noch nicht habe
diagnostiziert werden können (act. G 4.1/46).
A.f Mit Verfügung vom 27. Mai 2013 wies die IV-Stelle das Gesuch um berufliche
Massnahmen wie um eine Rente ab, da beim Ansprecher kein Gesundheitsschaden
vorliege, der die Arbeitsfähigkeit einschränke (act. G 4.1/47).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 25. Juni
2013 (Datum Postaufgabe) mit dem sinngemässen Antrag auf Aufhebung der
angefochtenen Verfügung. Sodann beantragt der Beschwerdeführer sinngemäss die
Zusprache von beruflichen Massnahmen und Rentenleistungen in noch zu
bestimmendem Umfang. Zur Begründung macht er im Wesentlichen geltend, der
Sachverhalt sei noch nicht genügend abgeklärt. Ausgelöst durch Depression,
kombinierte Persönlichkeitsstörungen und eine nachgewiesene Borrelioseerkrankung
bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 50 %. Von Seiten der Beschwerdegegnerin seien
keine Abklärungen getroffen worden, weder seien eine ärztliche Vorladung noch
Leistungschecks erfolgt. Die Beschwerdegegnerin habe sich einzig auf die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eingereichten Dokumente verlassen. Einen aktuellen Bericht mit psychodiagnostischer
Abklärung habe sie nicht abgewartet. Er bemühe sich seit August 2011 um korrekte
ärztliche Diagnosen, die jedoch von den behandelnden Institutionen wegen des
komplexen Beschwerdebildes schwer gestellt werden könnten. Dazu reicht der
Beschwerdeführer einen Arztbericht der Psychiatrischen Klinik C._ vom 14. Juni
2013 ein. Darin diagnostizieren Dr. D._ und med. pract. H._, Assistenzärztin, einen
Verdacht auf eine rezidivierende depressive Erkrankung, gegenwärtig leichte Episode
(F33.1), eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit zwanghaften und narzisstischen
Anteilen (F61.0), vor dem Hintergrund obiger Diagnosen ein
Alkoholabhängigkeitssyndrom, aktuell teilabstinent (F10.25) und eine Störung durch
Cannabinoide, episodischer Substanzgebrauch (F12.26). Somatisch bestehe sodann
eine subakute Lyme-Neuroborreliose. Der Beschwerdeführer habe zwar ab Ende Mai
2013 wieder begonnen, ab und zu Bier zu trinken, habe aber den Cannabiskonsum
stark reduziert. Auf Grund der weiter bestehenden somatischen Beschwerden, der
raschen Ermüdbarkeit und Erschöpfung bestehe seit dem 1. Oktober 2011 eine
50 %ige Arbeitsunfähigkeit (act. G 1). Am 15. Juli 2013 stellt der Beschwerdeführer
zudem ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege.
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 19. September 2013 beantragt die Verwaltung
Abweisung der Beschwerde. Im Bericht der Psychiatrischen Klinik C._ vom 14. Juni
2013 würden weiterhin die bereits bekannten Diagnosen sowie zusätzlich eine
rezidivierende depressive Erkrankung angegeben. Der RAD habe zu den
Beschwerdevorbringen sowie zu den neuen medizinischen Akten ausführlich Stellung
genommen und auch mit der behandelnden Ärztin Rücksprache genommen. Der RAD
führe nachvollziehbar aus, dass die Arbeitsfähigkeit nach wie vor nicht eingeschränkt
sei. Auch sei gemäss der behandelnden Ärztin während der Abstinenzphase eine
deutliche kontinuierliche Verbesserung des Gesundheitszustands eingetreten. Aus
juristischer Sicht seien weder das Suchtgeschehen, die Persönlichkeitsstörung, die
leichte depressive Episode noch die subakute Neuroborreliose als invalidisierend
anzusehen. Dies müsse umso mehr gelten, als der Beschwerdeführer die Sucht
offenbar einigermassen unproblematisch habe kontrollieren können. Zudem sei
offensichtlich, dass er in (teil)abstinenten Phasen praktisch normal funktioniere und nur
noch Verhaltensauffälligkeiten auf Grund seiner Persönlichkeitsstruktur zeige. Die
bestätigte Arbeitsunfähigkeit von 50 % sei aus somatischer Sicht nicht nachvollziehbar
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und iv-rechtlich auch nicht relevant. Die diagnostizierte kombinierte
Persönlichkeitsstörung sei weder so gravierend, dass sie der Grund für das
Suchtverhalten des Beschwerdeführers gewesen sei, noch dass sie zu einer iv-
rechtlich relevanten (Teil)Erwerbsunfähigkeit führen würde. Betreffend die Depression
sei zu berücksichtigen, dass leichte bis höchstens mittelschwere psychische
Störungen depressiver Natur als im Prinzip therapeutisch angehbar betrachtet würden.
Zudem komme der Beschwerdeführer seiner Schadenminderungspflicht nicht nach,
wenn er die Verordnung von Psychopharmaka ablehne und eine Selbstmedikation
betreibe. Zuletzt könne auch die subakute Neuroborreliose nicht als invalidisierender
Gesundheitsschaden anerkannt werden. Zum einen sei sie nicht in starker Ausprägung
vorhanden, zum anderen bestätige Dr. med. I._, Facharzt für Innere Medizin FMH, in
seinem Bericht vom 6. Dezember 2011, dass die angegebenen Beschwerden auch
durch den Alkoholabusus bedingt sein könnten (act. G 4).
B.c Mit Replik vom 24. Oktober 2013 (Datum Postaufgabe) beantragt der
Beschwerdeführer die Gutheissung der Beschwerde. Die Beschwerdegegnerin solle
beauftragt werden, seinen Wiedereinstieg in eine normale Arbeit zu fördern und so
lange wie nötig finanzielle Unterstützung in Form einer Rente oder Teilrente zu
gewähren. Er habe sich auf Drängen des Sozialamtes und unter Einbezug der
Eingliederungsberaterin bei der IV angemeldet. Alle Beteiligten seien von der
Notwendigkeit eines Antrags ausgegangen. Er leide an Symptomen einer chronischen
Borreliose, darunter Müdigkeit, Gesichtsschmerzen, Depression, Kopf- und
Gliederschmerzen, Durchfall, Konzentrationsstörungen und rasche Ermüdbarkeit nach
2 bis 3 Stunden Arbeit sowie Schlafbedürfnis von bis zu 15 Stunden im Tag. Der
Labortest weise auf einen sehr langen und heftigen Immunkontakt hin. Positive Banden
in dieser Menge und Verteilung sprächen ebenfalls für eine chronische Erkrankung und
seien zusammen mit dem klinischen Bild eindeutig. Die Suchtprobleme wie Alkohol-
und Tablettensucht seien seit geraumer Zeit überwunden und als Ursache für Krankheit
und Arbeitsunfähigkeit auszuschliessen. Es beständen keine Blutwerte, die auf einen
Substanzmissbrauch hindeuten oder die Gesundheit beeinträchtigen würden. Seit
Frühjahr 2013 sei eine markante Verbesserung der Leistungsfähigkeit zu beobachten,
so dass nunmehr von einer Arbeitsfähigkeit von 50 % je nach Schwere der Arbeit
auszugehen sei (act. G 7). Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act.
G 9).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
1.1 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]).
Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung
und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
1.2 Invalide oder von Invalidität bedrohte Versicherte haben bei Erfüllen der
Anspruchsvoraussetzungen Anspruch auf Massnahmen beruflicher Art
(Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung, Arbeitsvermittlung,
Kapitalhilfe [Art. 8 Abs. 1 und Abs. 3 lit. b IVG in Verbindung mit Art. 15 ff. IVG]). Nach
Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.3 Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe der medizinischen Fachperson ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen (vgl. Art. 43
Abs. 1 ATSG) und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine
zuverlässige Beurteilung des streitigen Leistungsanspruchs gestatten.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Zwischen den Parteien scheint Einigkeit darüber zu bestehen, dass weder die
von der Psychiatrischen Klinik C._ in ihren Berichten vom 13. März 2012 und vom
5. Oktober 2012 diagnostizierte Suchtproblematik (Alkohol, Cannabinoide,
teilabstinent) noch die Persönlichkeitsstörung (zwanghaft, narzisstisch, instabil [F61.0])
eine Erwerbsunfähigkeit bewirken (vgl. Replik vom 24. Oktober 2013 [Poststempel]).
Der Beschwerdeführer machte jedoch von Anfang an geltend, er leide unter den
Symptomen einer Borreliose, wie auch im Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik
C._ vom 13. März 2012 erwähnt wird (act. G 4.1/9.4ff.). Im Anmeldeformular führte er
als ersten seinen Hausarzt Dr. med. J._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, auf,
danach folgte der Hinweis auf Dr. I._, bei dem er wegen der Borreliose in Behandlung
stehe. Erst an dritter Stelle folgte das Ambolatorium der Psychiatrischen Klinik C._
(act. G 4.1/7.5). Eine ambulante Abklärung vom 4. November bis zum 6. Dezember
2011 bei Dr. I._ ergab, dass eine aktive Infektion mit Borreliose möglich wäre. Das
Resultat müsse jedoch im Zusammenhang mit der Klinik gesehen werden (Laborbericht
vom 8. November 2011 [act. G 1.4]). Dr. I._ ging in der Folge davon aus, dass bei
stark erhöhten Antikörpertitern im Western Blot ein Resultat vorliege, das mit einem
lang anhaltenden Immunkontakt vereinbar sei. Auf Grund der vorliegenden
laborchemischen Resultate liege eine subakute Neuroborreliose vor. Klinisch könne
indessen kein eindeutiges Korrelat gefunden werden. Die bestehenden Beschwerden
könnten ebenso gut durch den bekannten Alkoholabusus bedingt sein. Eine
antibiotische Therapie sei nur notwendig, wenn ein Beschwerdebild behandelt werden
könne. Der Beschwerdeführer sollte stabil suchtfrei sein. Beständen dann immer noch
Beschwerden, die einer Lyme-Borreliose zugeordnet werden könnten, wäre eine
intravenöse antibiotische Therapie indiziert (Bericht vom 6. Dezember 2011 [act.
G 4.1/9.2]).
2.2 In der Folge hatte der Beschwerdeführer vom 6. Februar bis zum 2. März 2012
in der Psychiatrischen Klinik C._ einen stationären Alkohol- und THC-Entzug
durchgeführt, der ohne nennenswerte Probleme oder Entzugserscheinungen von
statten gegangen war, sodass der Beschwerdeführer am 2. März 2012 in psychisch
stabilisiertem Zustand auf eigenen Wunsch - aber offenbar nach abgeschlossener
Behandlung - aus der Klinik austrat (act. G 4.1/9.5f.). Davor (seit dem 27. Oktober
2011) und danach fand bzw. findet eine ambulante integrierte psychiatrische
Behandlung mit ärztlichen und sozialarbeiterischen Gesprächen statt (vgl. act.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
G 4.1/37.1 f.). Die vorhandenen medizinischen Akten - aber auch das
Früherfassungsgespräch vom 5. April 2012 (act. G 4.1/5) - fokussierten von Anfang an
auf die Suchtproblematik und die Persönlichkeitsstörung, was dann für die
Beschwerdegegnerin Anlass für die Abweisung des Leistungsgesuchs war.
Demgegenüber blieb die somatische Komponente weitgehend unberücksichtigt. So
holte die Beschwerdegegnerin weder beim Hausarzt Dr. J._ noch bei Dr. I._ einen
Arztbericht ein. Folgerichtig fokussierte auch der RAD wiederum auf die von der
Psychiatrischen Klinik C._ produzierten Berichte. In der Stellungnahme vom 11. Mai
2012 befasste er sich lediglich mit dem Bericht von Dr. I._ vom 6. Dezember 2011,
der also noch vor dem von diesem Arzt angeregten Entzug verfasst worden war (act.
G 4.1/19). Zu diesem Zeitpunkt stand tatsächlich auch für Dr. I._ noch ein
chronischer Alkoholabusus im Vordergrund (act. G 4.1/9.2). Aus den Akten ist jedoch
nicht ersichtlich, wie es nach erfolgtem Alkohol- und THC-Entzug bezüglich der
Borreliosesymptomatik weitergegangen ist. Spätestens ab dem Vortriage-Protokoll
vom 11. Mai 2012 und dem Triage-Protokoll vom 8. Juni 2012 ist dann definitiv keine
Rede mehr von einer möglichen Borrelioseerkrankung (eine subakute Neuroborreliose
wird zwar noch erwähnt, aber offenbar stillschweigend als ohne Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit interpretiert [act. G 4.1/27]). Allerdings begründet auch der
Beschwerdeführer selber seine Arbeitsunfähigkeit im Einwandverfahren jeweils mit
Arztzeugnissen der Psychiatrischen Klinik C._ (Arztzeugnis von Dr. F._ vom 5. Juli
2012, Arztzeugnisse von med. pract. F._ vom 8. Februar 2013 [act. G 4.1/32.2, 44.2 -
5]). Auch im vorliegenden Beschwerdeverfahren reicht er lediglich einen neuen Bericht
der Psychiatrischen Klinik C._ vom 14. Juni 2013 ein, der im Wesentlichen eine
Zusammenfassung der bisherigen Anamnese darstellt (act. G 1.2). Auch scheint er
nach dem stationären Entzug vom Februar/März 2012 nicht mehr bei Dr. I._ in
Behandlung gewesen zu sein. Dazu führt er in seiner Replik vom 22. Oktober 2013
lediglich aus, weitere Untersuchungen seien von den Ärzten weder gefordert noch
gefördert worden, weshalb es diese auch nicht gebe. Zu den in den Stellungnahmen
vom 23. Januar 2013 und 13. Februar 2013 angekündigten weiteren ärztlichen
Untersuchungen reichte er in der Folge keine Unterlagen ein (vgl. act. G 4.1/42 und 44).
Erst in der Replik vom 24. Oktober 2013 (Datum Postaufgabe) macht er wiederum
explizit die Borreliose als Ursache für die geltend gemachten gesundheitlichen
Beschwerden und die Arbeitsunfähigkeit verantwortlich (act. G 7). Welchen Anteil eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
allfällige Borrelioseerkrankung auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit des
Beschwerdeführers haben könnte, kann gestützt auf die vorliegenden Akten nicht
schlüssig beurteilt werden. Ebenso ist nichts bekannt über die vom Beschwerdeführer
in der Replik erwähnten zwei Antibiotika-Therapien und die labortechnischen
Verlaufskontrollen. Nachdem eine Borrelioseerkrankung auf Grund der
Laborergebnisse vom 8. November 2011 und der vom Beschwerdeführer geschilderten
Symptome nicht ausgeschlossen werden kann, sind diesbezüglich weitere
Abklärungen vorzunehmen. In diesem Zusammenhang sind wohl auch die bislang
fehlenden Arztberichte der Dres. J._ und I._ und allfälliger weiterer behandelnder
Ärzte einzuholen. Hinzu kommt, dass – obwohl die Parteien anscheinend von einer
nicht invalidisierenden bzw. erfolgreichen Überwindung der Suchtproblematik wie auch
einer nicht relevanten Persönlichkeitsstörung ausgehen – eine ausreichende
medizinische Grundlage für die Beurteilung allfälliger psychischer Gesundheitsschäden
nicht vorliegt. Die Beschwerdegegnerin wird daher eine verwaltungsexterne
Begutachtung des Beschwerdeführers zu veranlassen haben. Gestützt auf die
ergänzten medizinischen Abklärungen ist sodann über das Leistungsgesuch des
Beschwerdeführers neu zu befinden.
3.
3.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde unter Aufhebung der angefochtenen
Verfügung vom 27. Mai 2013 teilweise gutzuheissen. Die Sache ist zur Vornahme
weiterer Abklärungen im Sinn der Erwägungen und anschliessenden neuen Verfügung
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als volles
Obsiegen (BGE 132 V 215 E. 6.2). Somit unterliegt die Beschwerdegegnerin
vollumfänglich. Sie hat deshalb die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu
bezahlen.