Decision ID: b3680741-a9a0-4fa4-8eb4-f0890a1e3ad2
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur vom 26. Februar 2020 (DG190017)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 11. März
2019 (D1 Urk. 17) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 105 S. 64 ff.):
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
- der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB;
- der qualifiziert groben Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 3 in
Verbindung mit Art. 27 Abs. 1, Art. 34 Abs. 2 und 3 sowie Art. 35 Abs. 2 und 3 SVG;
- des vorsätzlichen Fahrens in fahrunfähigem Zustand im Sinne von Art. 91 Abs. 2 lit. b
SVG;
- der Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrunfähigkeit im Sinne von
Art. 91a Abs. 1 SVG;
- des pflichtwidrigen Verhaltens bei Unfall im Sinne von Art. 92 Abs. 1 in Verbindung
mit Art. 51 Abs. 1 und 3 SVG sowie
- der Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von Art. 19a Ziff. 1
BetmG.
2. Der Beschuldigte wird mit einer Gesamtstrafe von 9 Jahren Freiheitsstrafe (wovon 1 Tag
durch Haft erstanden ist) sowie mit einer Busse von Fr. 600.– bestraft.
3. Die Freiheitsstrafe wird vollzogen.
4. Die Busse ist zu bezahlen.
Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle eine Ersatz-
freiheitsstrafe von 6 Tagen.
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5. Die folgenden bei der Kantonspolizei Zürich, Asservate-Triage, bzw. beim FOR lagernden
Gegenstände werden eingezogen und der Lagerbehörde nach Eintritt der Rechtskraft zur
Vernichtung überlassen:
− Tatort-Fotografie (A011'129'978);
− DNA-Spur - Wattetupfer (A011'129'989);
− DNA-Spur - Wattetupfer (A011'129'990);
− Vergleichs-WSA (A011'130'000);
− Messer (A011'130'011);
− DNA-Spur - Wattetupfer (A011'130'033);
− DNA-Spur - Wattetupfer (A011'130'044);
− Mikrospuren - Klebbandasservat (A011'145'361);
− Atelier-Fotografie (A011'145'372);
− Kleider (A011'130'022);
− Fotografie (A011'130'055);
− DNA-Spur - Wattetupfer (A011'130'066);
− DNA-Spur - Wattetupfer (A011'130'077);
− Vergleichs-WSA (A011'130'088);
− Kleider (A011'130'099);
− Kleider (A011'130'102);
− Atelier-Fotografie (A011'145'430).
6. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 4'800.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 4'500.00 Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 336.00 Auslagen (Gutachten)
Fr. 693.85 Auslagen
Fr. 349.00 Auslagen (Gutachten)
Fr. 980.00 Auslagen Polizei
Fr. 2'417.95 Auslagen inner- & ausserkantonale Verfahrenskosten
Fr. 185.00 Entschädigung Zeuge
Fr. 14'261.80 Total
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
7. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem Beschuldigten
auferlegt.
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8. (Mitteilungen)
9. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten (Urk. 137):
1. Hinsichtlich Dossier 1 sei der Beschuldigte vom Vorwurf der versuchten vor-
sätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 i.v.m. Art. 22 Abs. 1 StGB freizu-
sprechen.
2. Hinsichtlich Dossier 2 sei der Beschuldigte des vorsätzlichen Fahrens in
fahrunfähigem Zustand im Sinne von Art. 91 Abs. 2 lit. b SVG; der versuch-
ten Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrunfähigkeit im
Sinne von Art. 91a Abs. 1 SVG i.V.m. Art. 22 StGB; des pflichtwidrigen
Verhaltens bei Unfall im Sinne von Art. 92 Abs. 1 i.V.m. Art. 51 Abs. 1 und 3
SVG sowie der Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz im Sinne
von Art. 19a Ziff. 1 BetmG schuldig zu sprechen.
3. Hinsichtlich Dossier 3 sei der Beschuldigte vom Vorwurf der qualifiziert
groben Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 3 i.V.m.
Art. 27 Abs. 1, Art. 34 Abs. 2 und 3 sowie Art. 35 Abs. 2 und 3 SVG freizu-
sprechen und stattdessen der groben Verkehrsregelverletzung im Sinne von
Art. 90 Abs. 2 SVG i.V.m. Art. 27 Abs. 1, Art. 34 Abs. 2 und 3 sowie Art. 35
Abs. 2 und 3 SVG schuldig zu sprechen.
4. Das vorinstanzliche Urteil sei hinsichtlich Dispo-Ziffer 2 aufzuheben und der
Beschuldigte sei gesamthaft milder, mit einer Freiheitsstrafe unter zwei
Jahren zu bestrafen.
5. Der Vollzug der Strafe sei bedingt aufzuschieben und die Busse sei zu
bezahlen.
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6. Die Kosten der Untersuchung und des erstinstanzlichen Verfahrens, inklusi-
ve diejenigen der erbetenen Verteidigung, seien ausgangsgemäss teilweise
auf die Gerichtskasse zu nehmen.
7. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien teilweise und die Kostend der
amtlichen Verteidigung seien vollständig auf die Gerichtskasse zu nehmen.
Eventualantrag:
1. Eventualiter sei der Beschuldigte der versuchten schweren Körperverletzung
i.S.v. Art. 123 Abs. 1 i.V.m. Art. 22 Abs. 2 StGB schuldig zu sprechen.
2. Der Vollzug der im Rahmen einer solchen Verurteilung auszusprechenden
Freiheitsstrafe von maximal drei Jahren sei sodann teilweise aufzuschieben
und die auferlegte Busse sei zu bezahlen.
Alsdann sei ausgangsgemäss die bestehende Schriftensperre bezüglich
meines Mandanten aufzuheben und sämtliche amtliche Dokumente wieder
herauszugeben.
b) Der Staatsanwaltschaft (Urk. 139):
1. Die Berufungsanträge des Beschuldigten seien allesamt abzuweisen und
das Urteil des Bezirksgerichts Winterthur vom 26.2.2019 sei vollumfänglich
zu bestätigen.
2. Die mit Verfügung des Zwangsmassnahmengerichts am Bezirksgericht
Zürich vom 18.7.2018 angeordnete Ausweis- und Schriftensperre sei bis
zum Vollzug der im vorliegenden Strafverfahren ausgefällten Freiheitsstrafe
zu verlängern.
3. Die Kosten des Strafverfahrens, inkl. des Berufungsverfahrens und der
amtlichen Verteidigung, seien dem Beschuldigten aufzuerlegen.
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Erwägungen:
I. Prozessgeschichte
Mit Urteil des Bezirksgerichts Winterthur vom 26. Februar 2020 wurde der Be-
schuldigte der versuchten vorsätzlichen Tötung, der oben erwähnten Verkehrs-
regelverletzungen sowie der Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz
schuldig gesprochen. Er wurde mit einer Freiheitsstrafe von 9 Jahren, wovon
1 Tag durch Haft erstanden ist, sowie mit einer Busse in Höhe von Fr. 600.–
bestraft (Urk. 105 S. 47). In der Folge verlängerte die Vorinstanz mit Beschluss
gleichen Datums die mit Verfügung des Zwangsmassnahmengerichts des Bezirks
Zürich vom 18. Juli 2018 angeordnete und mit Verfügungen vom 25. März 2019,
vom 11. September 2019 und vom 9. Dezember 2019 verlängerte Ausweis- und
Schriftensperre bis am 26. August 2020, längstens bis zu einer allfälligen Beru-
fungsverhandlung (Urk. 68).
Am 3. März 2020 liess der Beschuldigte fristgerecht Berufung anmelden (Urk. 69).
Mit Eingabe vom 6. März 2020 zeigte Rechtsanwalt lic. iur X1._ der
Vorinstanz an, die alleinige Verteidigung des Beschuldigten übernommen zu
haben und meldete erneut Berufung an (Urk. 71). Mit Eingabe vom 18. März 2020
stellte RA X1._ den Antrag auf Einsetzung als amtlicher Verteidiger (Urk. 73).
In der Folge merkte die Verfahrensleitung der Vorinstanz mit Verfügung vom
2. April 2020 vor, dass das bisherige Mandatsverhältnis zwischen Rechtsanwalt
Dr. iur. X2._ und dem Beschuldigten beendet sei und bestellte dem
Beschuldigten RA X1._ als neuen amtlichen Verteidiger (Urk. 76).
Das begründete Urteil wurde den Parteien am 30. April 2020 zugestellt (Urk. 98).
Mit Beschluss desselben Tages wies die Vorinstanz den Antrag des Beschuldig-
ten auf Herausgabe seiner Ausweispapiere teilweise gut. Sie verfügte die
vorübergehende Herausgabe der Identitätskarte des Beschuldigten zwecks Teil-
nahme an einem Notariatstermin. Den darüber hinausgehende Antrag auf definiti-
ve Herausgabe aller Reisepapiere wies die Vorinstanz ab (vgl. Urk. 101).
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Am 19. Mai 2020 wurde die Berufungserklärung innert der 20-tägigen Frist von
Art. 399 Abs. 3 StPO erstattet (Urk. 105).
Mit Eingabe vom 10. Juni 2020 verzichtete die Staatsanwaltschaft auf Anschluss-
berufung und beantragte die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils (Urk. 112).
Mit Präsidialverfügung vom 17. August 2020 wurde der Antrag des Beschuldigten
vom 7. August 2020 auf vorübergehende Sistierung der Ersatzmassnahmen bzw.
zeitweise Herausgabe seine Reisepapiere abgewiesen (Urk. 129). Mit Präsidial-
verfügung vom 19. August 2020 wurde sodann die Ersatzmassnahme bis zum
Entscheid der Berufungsinstanz in der Sache verlängert (Urk. 131).
Zur heutigen Berufungsverhandlung erschienen der Beschuldigte in Begleitung
seines amtlichen Verteidigers Rechtsanwalt lic. iur. St. X1._ sowie der
Staatsanwalt lic. iur. H. Wieser (Prot. II S. 8).
II. Prozessuales
Mit der Berufung wird der Schuldspruch der Vorinstanz betreffend versuchte
vorsätzliche Tötung (Disp. Ziff. 1 al. 1), qualifiziert grobe Verletzung der Verkehrs-
regeln (Disp. Ziff. 1 al. 2) und Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der
Fahrunfähigkeit (Disp. Ziff. 1 al. 4) angefochten. Gleichzeitig sind die damit
zusammenhängenden Folgen angefochten, namentlich die Sanktion und deren
Vollzug (Disp. Ziff. 2 bis 4), sowie die Kostenauflage (Disp. Ziff. 7; Urk. 105 S. 48).
Unangefochten und damit in Rechtskraft erwachsen ist das vorinstanzliche Urteil
somit hinsichtlich der Schuldsprüche betreffend das Fahren in fahrunfähigem
Zustand (Disp. Ziff. 1 al. 3), das pflichtwidrige Verhalten bei Unfall (Disp. Ziff. 1
al. 5) und die Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz (Disp. Ziff. 1
al. 6) sowie die Einziehung bzw. Vernichtung sichergestellter Gegenstände
(Disp. Ziff. 5) und die Festsetzung der Kosten (Disp. Ziff. 6), was vorab mittels
Beschluss festzustellen ist.
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III. Sachverhalt
1. Allgemeine Beweisregeln
Vorab ist auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz zu den allgemeinen
Beweiswürdigungsregeln zu verweisen (vgl. Urk. 105 S. 7 f.). Erneut ist festzuhal-
ten, dass das Gericht die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten Verfahren
gewonnenen Überzeugung würdigt (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen unüber-
windliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Voraussetzungen der ange-
klagten Tat, so geht das Gericht von der für die beschuldigte Person günstigeren
Sachlage aus (Art. 10 Abs. 3 StPO).
Gemäss dem in Art. 8 und 32 Abs. 1 BV sowie Art. 6 Ziff. 2 EMRK verankerten
Grundsatz «in dubio pro reo» (im Zweifel für den Beschuldigten) ist bis zum ge-
setzlichen Nachweis seiner Schuld zu vermuten, dass der wegen einer strafbaren
Handlung Beschuldigte unschuldig ist (BGE 127 I 40, 120 Ia 31, E. 2b; BGer Urteil
6S.363/2006 vom 28. Dezember 2006, E. 4; Pra 2002 Nr. 2 S. 4 f. und Nr. 180
S. 957 f.). Als Beweislastregel bedeutet dieser Grundsatz einerseits, dass es
Sache der Anklagebehörde ist, die Schuld des Beschuldigten zu beweisen, und
nicht dieser seine Unschuld nachweisen muss. Ein Beschuldigter darf nie mit der
Begründung verurteilt werden, er habe seine Unschuld nicht nachgewiesen (BGE
127 I 38 E. 2a mit Hinweis). Wenn allerdings ein Beschuldigter eine ihn entlasten-
de Behauptung aufstellt, ohne dass er diese wenigstens in einem Mindestmass
glaubhaft machen kann, findet der Grundsatz in «dubio pro reo» keine Anwen-
dung. Es tritt nämlich insoweit eine Beweislastumkehr ein, als nicht jede aus der
Luft gegriffene Schutzbehauptung von der Anklagebehörde durch hieb- und stich-
festen Beweis widerlegt werden muss. Ein solcher Beweis ist nur dann zu ver-
langen, wenn gewisse Anhaltspunkte wie konkrete Indizien oder eine natürliche
Vermutung für die Richtigkeit der Behauptung sprechen oder wenn der Beschul-
digte sie sonst wie glaubhaft macht (vgl. OGer ZH, SB160176 vom 20. September
2016, E. III/3.3; STEFAN TRECHSEL, SJZ 77 [1981] S. 320). Andernfalls könnte jede
Anklage mit einer abstrusen Schutzbehauptung zu Fall gebracht werden.
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2. Dossier 1
2.1 Die Vorinstanz hat die Aussagen des Beschuldigten, des Geschädigten und
der Zeugen in der Untersuchung und im erstinstanzlichen Verfahren ausführlich
wiedergegeben. Sie beurteilte die Glaubwürdigkeit der einvernommenen Per-
sonen und die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen schlüssig und zutreffend, weshalb
zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen vollumfänglich auf die betreffenden
vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden kann (Urk. 105 S. 8 ff., S. 12 ff.;
Art. 82 Abs. 4 StPO). Die nachfolgenden Erwägungen verstehen sich als Hervor-
hebungen.
2.2 Der Beschuldigte führte mit B._ während ca. zwei Jahren eine Bezie-
hung, welche B._ zeitweise abbrach, um sie später wieder aufzunehmen.
Während B._ in der Untersuchung geltend machte, sich vom Beschuldigten
eine Woche vor dem Vorfall vom 14. Januar 2018 getrennt zu haben (Urk. 4/1
S. 3), erklärte der Beschuldigte, eine solche Trennung habe nicht stattgefunden
(Urk. 2/1 S. 4). Gleichwohl räumte er ein, dass B._ ihn zum Tatzeitpunkt auf
WhatsApp geblockt hatte (Urk. 2/1 S. 5; Urk. 137 S. 7). Dessen ungeachtet er-
schien er am 14. Januar 2018 beim Gartensitzplatz von B._, welche mit ihm
zunächst durch das Fenster gesprochen und ihm mitgeteilt habe, sie wolle nicht
mit ihm sprechen. Er solle besser weggehen, sie habe C._, den Geschädig-
ten, gerufen (Urk. 2/1 S. 5). Unter diesen Umständen ist davon auszugehen, dass
die Beziehung zwischen B._ und dem Beschuldigten an jenem Abend zu-
mindest unterbrochen und sein Erscheinen nicht erwünscht war. Es wurde ihm
sogar deutlich mitgeteilt, dass C._ verständigt sei und komme, vor welchem
der Beschuldigte nach eigenen Angaben grosse Angst gehabt habe (Urk. 2/1
S. 6, Urk. 137 S. 11).
B._ führte aus, der Beschuldigte habe in der Folge auf dem Gartensitzplatz
herum geschrien, was die Schwester von B._, D._, veranlasst habe, aus
ihrer nahegelegenen Wohnung zu kommen und dem Beschuldigten mitzuteilen,
er solle aufhören zu schreien (Urk. 4/2 S. 1). Er habe aber gesagt, er habe gar
nicht geschrien. Dies kommentierte sie mit der Bemerkung "sonst hätte ich es ja
nicht gehört" (Urk. 4/2 S. 1). Als B._ ihre Schwester mit dem Beschuldigten
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auf dem Gartensitzplatz habe sprechen sehen, sei sie – gemäss übereinstim-
mender Darstellung der beiden Schwestern – aus der Wohnung gekommen und
habe den Beschuldigten in ihre Wohnung gelassen, weil sie draussen nicht habe
laut diskutieren wollen (vgl. Urk. 4/1 S. 2; Urk. 4/2 S. 2).
D._ hat eigenen Angaben zufolge beobachtet, wie B._ den Beschuldig-
ten in der Wohnung aufgefordert habe, wieder zu gehen, welcher Aufforderung
der Beschuldigte aber nicht nachgekommen sei. B._ habe ihr (D._) da-
raufhin erklärt, es sei alles gut, der Geschädigte werde auch noch kommen und
sie solle gehen. In der Folge sei sie (D._) langsam aus der Wohnung gegan-
gen und habe sich in der Nähe des Gartensitzplatzes aufgehalten (vgl. Urk. 4/2
S. 2).
Daraufhin hätten B._ und der Beschuldigte in der Küche miteinander gespro-
chen. Dabei – so der Beschuldigte – habe ihm B._ gesagt, er werde schon
sehen, wenn der Geschädigte komme. Der Beschuldigte habe sodann das Kü-
chenmesser ergriffen und es nach eigenen Angaben zu seinem eigenen Schutz in
den rückseitigen Hosenbund gesteckt. Er habe aber nicht die Absicht gehabt, et-
was mit dem Messer zu tun (Urk. 2/1 S. 7, Urk. 137 S. 11). Demgegenüber erklär-
te B._, der Beschuldigte habe das Messer mit den Worten ergriffen, dass er
den Geschädigten aufschlitzen werde (Urk. 4/1 S. 3).
In der Folge erschien der Geschädigte beim Gartensitzplatz von B._.
D._ führte hierzu aus, sie habe zusammen mit dem Geschädigten die Woh-
nung von B._ betreten. Der Geschädigte sei hierbei sehr ruhig gewesen. Er
habe den Beschuldigten auffordern wollen, zu gehen. Der Geschädigte habe die
Türe geschlossen, wobei sie draussen gewesen sei. In diesem Moment habe sie
gesehen, wie der Beschuldigte "völlig ausser sich" gewesen sei. Sie habe gese-
hen, wie der Beschuldigte dem Geschädigten eine Kopfnuss verpasst habe, wo-
raufhin dieser getaumelt sei. Der Beschuldigte habe ihn daraufhin um den Bauch
gepackt. In diesem Moment habe ihr ihre Schwester – B._ – zugerufen, sie
solle die Polizei alarmieren, weshalb sie wieder in ihre Wohnung habe gehen
müssen (Urk. 4/3 S. 6).
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2.3 Der genaue Tatablauf des Zustechens wird vom Beschuldigten und den
übrigen Beteiligten unterschiedlich geschildert: Der Beschuldigte macht geltend,
er habe dem Geschädigten gesagt, er solle so, wie er in die Wohnung gekommen
sei, wieder hinausgehen (Urk. 2/1 S. 14). Der Geschädigte habe versucht, ihn
zunächst aus der Wohnung zu ziehen und ihn hernach in den Schwitzkasten
genommen, worauf er den Geschädigten, um nicht zu ersticken, aus einem Reflex
mit dem Messer gestochen habe. Der Geschädigte sei sofort aufgestanden und
habe ihn wieder angegriffen. "In der Angst wusste ich nicht was machen. Ich war
in Lebensgefahr, hatte das Gefühl, ich würde sterben. Ich gab ihm eine Faust und
rannte weg. Das Messer warf ich fort, als ich ihm in den Rücken gestochen habe"
(Urk. 2/1 S. 6, S. 14). Anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung hielt er
im Wesentlichen an seiner Sachdarstellung fest, wobei er relativierte, sie seien
beide aufeinander losgegangen. Er habe dem Geschädigten keinen Kopfstoss
gegen die Nase gegeben und ihn auch nicht mit der rechten Faust auf die Wange
geschlagen. Es stimme, wenn der Geschädigte ausführe, dass er ihn ca. eine
Minute unter Kontrolle gehabt habe. Es sei eine lange [Minute] gewesen. Er habe
das Messer nach dem Stich sofort losgelassen/fallengelassen (vgl. Prot. I
S. 23 ff.). Anlässlich der Berufungsverhandlung gab der Beschuldigte schliesslich
zu Protokoll, er sei ruhig mit B._ am Reden gewesen, als der Geschädigte
durch die Balkontüre "hineingeplatzt" und sofort auf ihn losgegangen sei. Der Ge-
schädigte habe ihn drei Mal am Arm gepackt und versucht, ihn herauszuzerren.
Nach dem dritten Versuch seien sie dann aufeinander los. Das Messer habe er
dabei zu seiner eigenen Sicherheit hinter seinem Rücken gehabt (Urk. 137 S. 13).
Der Geschädigte habe ihn gepackt und sie seien zu Boden gegangen. Dort habe
ihn der Geschädigte stark im "Schwitzkasten" gehalten. Er habe mit Handzeichen
versucht, den Geschädigten dazu zu bringen, loszulassen, da er keine Luft
bekommen habe. Nach einer Minute im Schwitzkasten sei ihm heiss und schlecht
geworden. Aus Angst um sein eigenes Leben habe er den Messerstich gemacht
(Urk. 137 S. 16).
Dieser Darstellung widersprachen indessen die übrigen Anwesenden B._,
D._ und der Geschädigte glaubhaft. Sie schilderten übereinstimmend, dass
der Beschuldigte nach dem Erscheinen des Geschädigten von diesem (ruhig) auf-
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gefordert worden sei, die Wohnung zu verlassen. Der Beschuldigte habe gesagt,
er werde den Geschädigten umbringen bzw. abstechen. Er sei auf den Geschä-
digten zugegangen und habe ihm eine Kopfnuss sowie einen Faustschlag ver-
setzt (vgl. Urk. 4/1 S. 3, Urk. 4/2 S. 2, Urk. 4/3 S. 6, Urk. 4/4 S. 6, Urk. 3/1 S. 2). In
der Folge habe der Geschädigte den Beschuldigten während ca. einer Minute in
den Unterarmwürgegriff bzw. "Schwitzkasten" genommen und dann losgelassen
(Urk. 4/4 S. 6, Urk. 3/1 S. 3). Nachdem der Geschädigte wieder aufgestanden sei,
habe er einen Schmerz im Rücken gespürt und nicht gewusst, ob er gekickt oder
mit einem Messer gestochen worden sei (Urk. 3/1 S. 3). B._ habe dem Be-
schuldigten das Messer aus der Hand genommen (Urk. 3/1 S. 3) und sich dabei
geschnitten (Urk. 2/1 S. 6). Die jeweiligen Schilderungen von B._, D._
und des Geschädigte fliessen dabei nahtlos ineinander. Sie sind aus der jeweili-
gen Perspektive geschildert, plausibel und damit sehr glaubhaft. Mit der Vo-
rinstanz erscheinen ihre Aussagen weitestgehend frei von Interpretationen oder
nachträglichen Anpassungen oder Ergänzungen.
Die Verteidigung macht demgegenüber geltend, die drei Beweispersonen würden
sich untereinander sehr gut kennen, weshalb ihre Glaubwürdigkeit besonders zu
prüfen sei (Urk. 138 S. 7 ff.). Zutreffend ist, dass B._ und D._ Schwes-
tern sind und der Geschädigte ein guter Freund von B._ ist bzw. auch
D._ kennt. Diese Ausgangslage weckt indessen nicht generell Zweifel an der
Glaubwürdigkeit dieser Personen. So ist nicht ersichtlich, weshalb sich die drei
abgesprochen haben sollten, um dem Beschuldigten ein schwerwiegendes Delikt
anzulasten, wenn dieser dieses gar nicht begangen hätte. Entscheidend ist viel-
mehr, dass es weniger auf die allgemeine Glaubwürdigkeit der Personen als auf
die konkrete Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen ankommt. Hierbei fällt im vorliegen-
den Fall – wie erwähnt – auf, dass die Schilderungen der drei Beweispersonen
nahtlos ineinander übergehen. So wurden nur solche Sachverhalte geschildert,
welche von der betreffenden Person auch wahrgenommen werden konnten. Bei-
spielsweise schilderte D._ zunächst, wie sich der Beschuldigte zu Beginn
des Vorfalles auf dem Sitzplatz verhalten habe und sie danach in ihre Wohnung
zurückgekehrt sei, um die Polizei zu alarmieren. Das eigentliche Tatgeschehen
rund um den Messerstich konnte sie demzufolge nicht wahrnehmen und gab dies
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auch so zu Protokoll (vgl. Urk. 4/3 S. 6 f.). Auch der Geschädigte gab zu Protokoll,
während der Auseinandersetzung nicht bemerkt zu haben, dass der Beschuldigte
ihn mit dem Messer gestochen hat, sondern dass ihm dies erst später aufgefallen
sei (Urk. 3/3 S. 6). Auch sonst sind in den Aussagen der drei Beweispersonen
keinerlei übertriebene Belastungen zu erkennen. Dies wäre im Übrigen auch da-
her nicht zu erwarten, da der Beschuldigte erklärte, er und B._ hätten noch
immer ein freundschaftliches Verhältnis (vgl. Urk. 137 S. 15), weshalb nicht nach-
vollziehbar wäre, dass sie ihn zu Unrecht wegen eines so gravierenden Vorwurfs
belasten sollte. Gesamthaft gesehen sind die detaillierten und nahtlos ineinander
übergehenden Schilderungen von B._, D._ und dem Geschädigten
glaubhaft. Es ist mithin – entgegen der Ansicht der Verteidigung (Urk. 138
S. 14 ff.) – von ihren Aussagen auszugehen.
Die Sachdarstellung des Beschuldigten erscheint demgegenüber aus mehreren
Gründen unglaubhaft: Zunächst stand es dem Beschuldigten nicht zu, den Ge-
schädigten aus der Wohnung von B._ zu weisen. Er hatte kein Hausrecht
und der Geschädigte war auf ausdrücklichen Wunsch von B._ anwesend
bzw. wegen der unerwünschten Anwesenheit des Beschuldigten herbeigerufen
worden. Sodann befand sich der Beschuldigte in keiner für ihn unerwarteten Situ-
ation. Im Gegenteil, hatte er doch das Messer gerade im Hinblick auf die Ausei-
nandersetzung mit dem Geschädigten behändigt. Als dieser wie erwartet er-
schien, hielt der Beschuldigte das Messer versteckt im Hosenbund (vgl. auch
Urk. 137 S. 13). In dieser Konstellation ging es dem Beschuldigten offensichtlich
nicht darum, sich zu verteidigen bzw. den Geschädigten mit dem Messer abzu-
schrecken und von einem Angriff abzuhalten. Wenn sich der Beschuldigte nach
eigenen Angaben auf eine "Rangelei" mit dem Geschädigten eingelassen haben
will, steht dies im Widerspruch zur grossen Angst vor dem Geschädigten, aus
welcher er das Messer behändigt haben will.
2.4 Schliesslich gilt es auch zu betonen, dass sich der Beschuldigte mit einer
bemerkenswerten Hartnäckigkeit zunächst Zugang zur Wohnung von B._
verschafft und schliesslich ebenso hartnäckig darin verblieben ist. Seine Aussa-
gen, er habe auch in der Wohnung gewohnt, seine Kleider dort gehabt und Miete
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bezahlt (Urk. 137 S. 21), vermögen daran nichts zu ändern. Unbestrittenermassen
war es die Wohnung von B._, in welcher sich der Beschuldigte bloss häufig
aufgehalten hat (vgl. Urk. 4/4 S. 2). Das Hausrecht stand ihm klarerweise nicht zu.
Spätestens nachdem B._ ihn persönlich aufgefordert hat, die Wohnung zu
verlassen und ihm mitgeteilt hat, dass der Geschädigte kommen werde (Urk. 4/4
S. 6), musste dem Beschuldigten klar sein, dass seine Anwesenheit nicht er-
wünscht war. Angesichts dieses unmissverständlichen Verhaltens von B._
kann sich der Beschuldigte auch nicht darauf berufen, dass es in der Beziehung
zwischen ihr und ihm oft so gewesen sei, dass man gesagt habe, man wolle den
anderen nicht sehen und ihn schlussendlich aber doch habe sehen wollen
(vgl. Urk. 137 S. 22). Der Beschuldigte hat die Auseinandersetzung durch sein
hartnäckiges und penetrantes Verbleiben in der Wohnung selbst provoziert.
Unglaubhaft sind auch die Behauptungen des Beschuldigten, er sei – entgegen
der Schilderungen der drei Beweispersonen – am besagten Abend ganz ruhig
gewesen und habe mit B._ einen Tee getrunken und geredet, bis der Ge-
schädigte "hineingeplatzt" sei (vgl. Urk. 137 S. 9 f. und S. 13). Wenn der
Beschuldigte tatsächlich ganz ruhig gewesen wäre und zusammen mit B._
bei ihr zuhause gemütlich einen Tee getrunken hätte, wäre zunächst nicht nach-
vollziehbar, warum diese einen Bekannten zur Hilfe rufen und sodann die
Schwester bitten würde, die Polizei zu alarmieren. Ebenfalls steht dieser Darstel-
lung diametral entgegen, dass der Beschuldigte ein Messer behändigt hat, als er
erfuhr, dass B._ den Geschädigten gerufen habe und dieser bald in der
Wohnung erscheinen würde. Vor diesem Hintergrund erscheint die vom Beschul-
digten geschilderte Situation, in welcher bloss gemütlich gesprochen und Tee ge-
trunken worden sei, absolut lebensfremd. Es ist daher auch in dieser Hinsicht da-
von auszugehen, dass der Beschuldigte durch sein penetrantes Verbleiben in der
Wohnung den Auslöser für die Auseinandersetzung selbst gesetzt hat.
Auch die Behauptung des Beschuldigten, er sei unter dem Schwitzkasten beinahe
erstickt und habe Angst um sein Leben gehabt, weshalb er zugestochen habe, ist
nicht glaubhaft. Keine der anwesenden Personen beschrieb, dass der Geschädig-
te den Beschuldigten längere Zeit im Schwitzkasten gehalten habe oder dass
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dieser gar blau angelaufen sei. Anlässlich der Berufungsverhandlung erklärte der
Beschuldigte hierzu, er habe nach dem Vorfall Spuren am Hals gehabt, habe sich
aber nicht bei einem Arzt untersuchen lassen, sondern die Spuren lediglich
seinen Eltern gezeigt (Urk. 137 S. 22). Wenn er denn tatsächlich in Lebensgefahr
geschwebt wäre bzw. er dies zumindest subjektiv so empfunden hätte, wäre zu
erwarten, dass er sich ärztlich untersuchen lassen hätte. Zudem hatte der Be-
schuldigte offensichtlich damit gerechnet, dass er in der zunächst handgreiflichen
Auseinandersetzung unterliegen könnte. Genau für diesen Fall hatte er sich das
Messer im Bund bereit gelegt und versteckt gehalten. Es ist nicht davon auszuge-
hen, dass er gleichwohl zuwartete, bis der Schwitzkasten unerträglich wurde. Es
ist mithin von keiner echten Lebensgefahr auszugehen. Der Vorinstanz ist beizu-
pflichten, dass – entgegen der Ansicht der Verteidigung (Urk. 138 S. 34 ff.) –
keine Notwehrlage vorlag (Urk. 105 S. 25). Die Behauptung, der Beschuldigte
habe aus Todesangst zugestochen, ist als Schutzbehauptung zu werten (vgl.
hierzu auch E. VI.1).
2.5 Der Geschädigte nahm offenkundig den Moment des Zustechens nicht
wahr. Erst als er wieder aufstand, spürte er den Schmerz im Rücken. Mit der
Vorinstanz (vgl. Urk. 105 S. 23 und 34) ist zugunsten des Beschuldigten davon
auszugehen, dass er bereits im Zeitpunkt des Würgegriffs gestochen worden war,
wie es der Beschuldigte selbst geltend machte. Auf die Ausführungen der Vertei-
digung, wonach von einem Stechen während des "Schwitzkastens" auszugehen
sei, braucht entsprechend nicht weiter eingegangen zu werden (Urk. 138
S. 15 ff.).
2.6 Die Ausführungen der Verteidigung anlässlich der Berufungsverhandlung
beschränken sich hinsichtlich des Anklagesachverhalts im Übrigen auf eigene
Hypothesen und Interpretationen der Beweismittel (Urk. 138 S. 6 ff.), wobei hierzu
auf das zuvor Ausgeführte sowie die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz zu
verweisen ist (Urk. 105 S. 8 ff.). Mit Nachdruck ist an dieser Stelle erneut darauf
hinzuweisen, dass das Beweisergebnis keinerlei Anhaltspunkte für das Vor-
handensein einer irgendwie gearteten Notwehrsituation zu Tage gefördert hat.
Entsprechend erweisen sich die diesbezüglichen Behauptungen des Beschuldig-
- 16 -
ten als haltlose Schutzbehauptungen, denen kein Glauben geschenkt werden
kann. Entsprechend erübrigt sich auch eine Auseinandersetzung mit den einzig
auf der Hypothese einer Notwehrsituation basierenden Vorbringen der Verteidi-
gung.
2.7 Zusammenfassend ist erstellt, dass der Beschuldigte eine tätliche Aus-
einandersetzung mit dem Geschädigten erwartete und hierfür ein Messer behän-
digte. Es liegt nahe, dass er der anwesenden B._ dabei erklärte, wofür er
das Messer benötige, nämlich um es gegen den Geschädigten einzusetzen.
Letztlich kann offen bleiben, ob er dabei von einem "aufschlitzen" sprach. Er gab
jedenfalls klar kund, das Messer gegen den herbeigerufenen Geschädigten
einsetzen zu wollen. Der Beschuldigte war in diesem Zeitpunkt in keiner Art und
Weise in Bedrängnis, sondern hielt sich gegen den erkennbaren und geäusserten
Willen von B._ in ihrer Wohnung auf. Nachdem der Geschädigte auf Veran-
lassung von B._ erschienen war, um den Beschuldigten zum Verlassen der
Wohnung aufzufordern und dies entsprechend tat, gab der Beschuldigte gemäss
den glaubhaften Aussagen der übrigen Anwesenden zu verstehen, dass er das
Messer gegen den Geschädigten einzusetzen gedenke. Zudem versetzte er dem
Geschädigten zunächst eine Kopfnuss und hernach einen Faustschlag an die
Wange. In der Folge nahm der Geschädigte den Beschuldigten in den Schwitz-
kasten und die beiden fielen zu Boden. Daraufhin stach der Beschuldigte einmal
mit dem Messer in den rechten, unteren Rücken des Geschädigten, wobei er eine
Stichverletzung von ca. zwei Zentimetern Länge und fünf bis sechs Zentimetern
Tiefe in Richtung der rechten Niere verursachte.
Was ein Täter wusste, wollte oder in Kauf nahm, betrifft sogenannte innere
Tatsachen und ist damit zwar eine Tatfrage. Da sich diese inneren Tatsachen bei
ungeständigen Tätern regelmässig nur gestützt auf äusserlich feststellbare
Indizien und Erfahrungsregeln ermitteln lassen, die Rückschlüsse von den
äusseren Umständen auf die innere Einstellung des Täters erlauben (BGer Urteil
6S.133/2007 vom 11. August 2008, E. 2.4), und die Beurteilung, ob im Lichte
dieser äusseren Umstände der Schluss auf Vorsatz bzw. Eventualvorsatz
begründet ist, eine Rechtsfrage darstellt, ist das Bestehen eines Vorsatzes bzw.
- 17 -
Eventualvorsatzes nachfolgend im Rahmen der rechtlichen Würdigung zu
beurteilen (vgl. BGE 133 IV 1, E. 4.1; BGE 130 IV 58 E. 8.5; BGE 125 IV 242,
E. 3c, je m.H.).
3. Dossier 2
Der Beschuldigte anerkannte den ihm in der Anklageschrift vorgeworfenen Sach-
verhalt hinsichtlich Dossier 2 vollumfänglich (Urk. 137 S. 24; Urk. 138 S. 47). Auf
seine Einwände hinsichtlich des seiner Ansicht nach nicht verwirklichten Erfolges
betreffend die Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrunfähigkeit,
wird im Rahmen der rechtlichen Würdigung einzugehen sein (E. IV.2).
4. Dossier 3
Anlässlich der Hauptverhandlung anerkannte der Beschuldigte den Vorwurf, am
Montag 27. November 2017 im Tunnel E._ der Autostrasse A8 aus dem flüs-
sig fahrenden Kolonnenverkehr ausgeschert, die doppelte Sicherheitslinie über-
fahren und auf der Gegenfahrbahn zwei korrekt fahrende Personenwagen und ei-
nen Motorroller überholt zu haben. Wegen des Gegenverkehrs sei er wieder auf
die korrekte Fahrbahn eingebogen, und zwar zwischen dem Motorroller und ei-
nem Lastwagen (Prot. I S. 38). Da er diesen Vorwurf auch anlässlich der Beru-
fungsverhandlung anerkannte (Urk. 137 S. 24) und sich im Übrigen hinsichtlich
des genauen Ablaufs des Überholmanövers aus den Videoaufnahmen aus dem
Tunnel das Notwendige ergibt, ist der Sachverhalt anklagegemäss erstellt.
IV. Rechtliche Würdigung
1. Dossier 1
1.1 Die Vorinstanz hat die rechtlichen Grundlagen zur Tötung i.S.v. Art. 111
StGB sowie die theoretischen Grundlagen zum Vorsatz, zum Versuch und zur
Notwehr unter Hinweis auf Lehre und Rechtsprechung sorgfältig erörtert und
grundsätzlich zutreffend gewürdigt (Urk. 105 S. 22 ff., S. 25). Auf diese Erwägun-
gen kann zwecks der Vermeidung von Wiederholungen verwiesen werden
- 18 -
(Art. 82 Abs. 4 StPO). Die nachfolgenden Erwägungen verstehen sich als Hervor-
hebungen und Präzisierungen:
Vorab ist festzuhalten, dass sich der Beschuldigte nicht nur weigerte, der Forde-
rung von B._ zum Verlassen der Wohnung nachzukommen, er bereitete sich
sogar auf eine Auseinandersetzung mit dem zur Unterstützung von B._ her-
beigerufenen Geschädigten vor. Hierzu behändigte er ein Messer und steckte es
sich in den Hosenbund, um es im Konflikt einzusetzen. Dem Beschuldigten stand
jedoch zu jeder Zeit der Weg zum Ausgang offen und er hatte genügend Gele-
genheiten, dem Streit auszuweichen. Nachdem der Geschädigte erschien, hielt
der Beschuldigte das Messer hinter dem Rücken (so der Beschuldigte Prot. I
S. 21), und griff den Geschädigten mit einem Kopfstoss und einem Faustschlag
an. Wenn der Geschädigte ihn hernach in den Schwitzkasten nahm, war dies eine
zu erwartende und durchaus angemessene Reaktion. Der Beschuldigte war in
dieser Situation keineswegs in Lebensgefahr, führte er doch selbst aus, dass er
lediglich ca. eine Minute festgehalten wurde, auch wenn ihm dies lang erschien
(vgl. Prot. I S. 24). Typische Schmerzen, wie sie bei einem Würgen zu erwarten
wären, schilderte der Beschuldigte nicht. Im Schwitzkasten bestätigte sich jedoch
die Befürchtung des Beschuldigten, dass er dem Geschädigten unterliegen wür-
de, was er nicht hinzunehmen gedachte. Aus diesem Grunde zückte er das für
diese Situation bereitgelegte Messer und stach einmal zu. Der Beschuldigte ging
mithin planmässig vor und mit dem Verstecken des Messers im Hosenbund of-
fenbarte auch, dass er sich bei der Auseinandersetzung nicht in einer Notwehrla-
ge wähnte, war es doch offensichtlich auf einen überraschenden Angriff seiner-
seits ausgerichtet. Dass sich der Beschuldigte denn auch keineswegs im Recht
erachtete, zeigt auch sein rasches Verschwinden vom Tatort nach dem
Zustechen und sein Untertauchen nach dem Vorfall. Wie bereits im Rahmen der
Sachverhaltserstellung erwähnt, lag demnach keine Notwehrlage vor. Rechtferti-
gende oder entschuldbare Notwehr im Sinne von Art. 15 bzw. Art. 16 StGB
kommt demzufolge nicht in Betracht.
Aufgrund der gesamten Situation ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte
weiterhin auf eine Beziehung mit B._ drängte, welche sich von ihm getrennt
- 19 -
hatte. Er wollte sich nicht wegweisen lassen und als Sieger aus einer Auseinan-
dersetzung mit dem Geschädigten, einem engen Freund von B._, hervorge-
hen. Hierfür wollte er den Geschädigten mit dem überraschenden Einsatz des
Messers wohl primär kampfunfähig machen, weshalb er einmal zustach. Soweit
die Vorinstanz jedoch von einer möglichen Verteidigungsabsicht spricht (Urk. 105
S. 23), ist dem zu widersprechen. Ein zur Verteidigung eingesetztes Messer wäre
nicht versteckt gehalten, sondern von Anfang an zur Abwehr/Verteidigung einge-
setzt worden. Wenn das Messer erst dann eingesetzt wurde, als ein Unterliegen
in der Auseinandersetzung absehbar wurde, ist darin keine Verteidigungsabsicht
zu erblicken. Unter den gegebenen Umständen lässt sich ein direkter Tötungsvor-
satz nicht mit rechtsgenügender Sicherheit nachweisen, auch wenn der Beschul-
digte beim Behändigen des Messers wie auch kurz vor der Auseinandersetzung
davon sprach, das Messer gegen den Geschädigten einzusetzen. Hierbei ist zu
Gunsten des Beschuldigten von einem Imponiergehabe auszugehen. Die Vertei-
digung wies vor Vorinstanz zu Recht darauf hin, dass der Beschuldigte im Falle
einer Tötungsabsicht dem Geschädigten kaum einen Kopfstoss und einen Faust-
schlag versetzt hätte (vgl. Urk. 66 S. 9). Trotzdem ist offensichtlich, dass Stiche
mit einem ca. 12 cm langen Messer in den Torso ohne Weiteres zu lebensgefähr-
lichen Verletzungen führen können, was auch dem Beschuldigten bewusst war
(vgl. Prot. I S. 29). Die Vorinstanz verwies zu Recht auf den Umstand, dass der
Beschuldigte beim Stich unmöglich abschätzen konnte, ob er lebenswichtige
Blutgefässe oder Organe trifft (Urk. 105 S. 23). Hinzu kommt, dass er sich im
Zeitpunkt des Zustechens im Schwitzkasten und mitten in einem dynamischen
Geschehen befand. Der Stichkanal von 5 bis 6 cm Länge in Richtung der Niere
(Urk. 5/6 S. 1) weist auf eine nicht unerhebliche Wucht beim Zustechen hin. Der
Beschuldigte überliess es daher dem Zufall, ob er mit dem Messerstich den Ge-
schädigten tödlich verletzt. Er nahm somit dessen Tod in Kauf, auch wenn er nur
einmal zustach. Daher ist mit der Vorinstanz von Eventualvorsatz auszugehen.
1.2 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschuldigte mit seinem
Verhalten den Tatbestand der versuchten, eventualvorsätzlichen Tötung i.S.v.
Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 StGB erfüllte. Er handelte nicht aus einer Notwehr-
lage heraus, hatte er doch die Auseinandersetzung erwartet, begonnen und das
- 20 -
Messer erst eingesetzt, als sich das Blatt wie von ihm vermutet zu seinen
Ungunsten zu wenden begann.
2. Dossier 2
Im Berufungsverfahren ist nicht mehr bestritten, dass der Beschuldigte in der
Nacht vom 28. auf den 29. April 2018 den besagten Unfall verursachte und sich
vom Tatort entfernte, ohne auf die Polizei zu warten. Er musste mit einer
Massnahme zur Ermittlung seiner Fahrfähigkeit rechnen.
Der Beschuldigte ficht mit der Berufung seine Verurteilung wegen Vereitelung von
Massnahmen zur Feststellung der Fahrunfähigkeit im Sinne von Art. 91a Abs. 1
SVG an und macht geltend, eine solche sei lediglich versucht worden. So habe im
Nachhinein festgestellt werden können, dass der Beschuldigte im Tatzeitpunkt
unter Einfluss von MDMA gestanden sei. Der Tatbestand sei daher nicht erfüllt,
sondern nur versucht (Urk. 138 S. 48).
Der Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrunfähigkeit im Sinne
von Art. 91a Abs. 1 SVG macht sich strafbar, wer sich als Motorfahrzeugführer
vorsätzlich einer Blutprobe, einer Atemalkoholprobe oder einer anderen vom
Bundesrat geregelten Voruntersuchung, die angeordnet wurde oder mit deren
Anordnung gerechnet werden musste, oder einer zusätzlichen ärztlichen Untersu-
chung widersetzt oder entzogen hat oder den Zweck dieser Massnahmen vereitelt
hat. Im Falle eines Unfalls, bei dem eine Klärung des Unfallhergangs erforderlich
ist, ist davon auszugehen, dass der Fahrer mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einer
Massnahme zur Feststellung seiner Fahrfähigkeit rechnen muss (vgl. BGE 126 IV
53 E. 2a).
Wie die Staatsanwaltschaft anlässlich der Berufungsverhandlung zu Recht
geltend gemacht hat, konnte der Beschuldigte erst rund 2.5 Stunden nach der
Tat, ca. um 06:15 Uhr, zufällig von der Polizei angehalten werden, wobei erst um
08:15 Uhr eine Blutentnahme durchgeführt werden konnte (Urk. 140 S. 4). Dies
führte dazu, dass die Feststellung der Fahrfähigkeit auf deutlich weniger aus-
sagekräftigen Grundlagen beruhte und entsprechend hinsichtlich der Blutalkohol-
- 21 -
konzentration eine grosse Bandbreite von 0.43 bis 1.34 Promille resultierte
(vgl. Urk. D2/4/3 S. 2). Der Beschuldigte vereitelte durch sein Verhalten somit
eine präzise und aussagekräftige Feststellung der Fahrfähigkeit.
Selbst wenn die Fahrfähigkeit aber präzis hätte festgestellt werden können, hätte
aus folgenden Gründen ein Schuldspruch wegen des vollendeten Delikts zu erfol-
gen: Die Tatvariante des Sich-Entziehens ist ein schlichtes Tätigkeitsdelikt, das
bereits mit der Vornahme der Tathandlung vollendet ist. Damit wird derjenige un-
ter Strafe gestellt, der nur schon die zeitgerechte Durchführung einer Massnahme
zur Ermittlung der Blutalkoholkonzentration behindert, indem er sich beispielswei-
se unerlaubterweise vom Unfallort entfernt und sich so dem Zugriff durch die Poli-
zei zu entziehen versucht (vgl. BGer Urteil 6S.275/2006 vom 5. September 2006,
E. 3.2). Das Bundesgericht hat zwar in seiner jüngeren Rechtsprechung diese
Frage nicht mehr so klar beantwortet und auf die unterschiedlichen Lehrmeinun-
gen hingewiesen, betonte aber gleichwohl, dass Art. 91a SVG eine reibungslose
Durchführung von angeordneten Massnahmen bzw. Amtshandlungen und damit
den geordneten Gang der Rechtspflege ermöglichen soll (vgl. BGE 146 IV 88,
E. 1.6.1 f.). Das Bundesgericht gab aber damit nicht oder zumindest nicht klar zu
erkennen, dass es von seiner bisherigen Rechtsprechung zum Sich-Entziehen
von Art. 91a SVG als Tätigkeitsdelikt abweichen will.
Mithin ist der Beschuldigte aufgrund des Sich-Entziehens der Vereitelung von
Massnahmen zur Feststellung der Fahrunfähigkeit im Sinne von Art. 91a Abs. 1
SVG und nicht etwa nur des Versuchs hierzu schuldig zu sprechen.
3. Dossier 3
Der Beschuldigte ist wie erwähnt geständig, im Tunnel E._ der Autostrasse
A8 aus dem flüssig fahrenden Kolonnenverkehr ausgeschert, die doppelte Si-
cherheitslinie mit Reflektoren überfahren und auf der Gegenfahrbahn zwei korrekt
fahrende Personenwagen und einen Motorroller überholt zu haben. Damit beging
er eine grobe Verkehrsregelverletzung im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG. Davon
geht auch die Verteidigung aus.
- 22 -
Strittig ist im Berufungsverfahren, ob er sich damit auch gemäss Art. 90 Abs. 3
SVG strafbar machte, wie die Vorinstanz annahm. Gemäss dieser Bestimmung
macht sich strafbar, wer durch vorsätzliche Verletzung elementarer Verkehrs-
regeln das hohe Risiko eines Unfalls mit Schwerverletzten oder Todesopfern ein-
geht, namentlich durch besonders krasse Missachtung der zulässigen Höchstge-
schwindigkeit, waghalsiges Überholen oder Teilnahme an einem nicht bewilligten
Rennen mit Motorfahrzeugen. Das Gesetz definiert den Begriff des waghalsigen
Überholmanövers nicht näher. In der Lehre wird – teilweise unter Verweis auf die
parlamentarischen Beratungen – die Ansicht vertreten, dass es sich dabei um
Überholmanöver handeln müsse, die ohne ausreichende Sicht oder bei nahen-
dem Gegenverkehr erfolgen. Damit ein Überholen waghalsig im Sinne von Art. 90
Abs. 3 SVG ist, muss es nicht nur gewagt, sondern unsinnig sein (BGer Urteil
6B_1399/2016 vom 3. Oktober 2017 E. 1.3.3 m.w.H.).
Gemäss Art. 34 Abs. 2 SVG ist auf Strassen mit Sicherheitslinien immer rechts
dieser Linien zu fahren. Sicherheitslinien und doppelte Sicherheitslinien dürfen
nach Art. 73 Abs. 6 lit. a der Signalisationsverordnung vom 5. September 1979
(SSV; SR 741.21) von Fahrzeugen weder überfahren noch überquert werden.
Insoweit darf der Fahrzeugführer auch nicht überholen, wenn die Strasse im
Sinne von Art. 35 Abs. 2 SVG zwar übersichtlich und frei ist und kein anderer
Verkehrsteilnehmer behindert würde, er aber zum Überholen eine Sicherheitslinie
überfahren müsste (BGer 6B_904/2015 Urteil vom 27. Mai 2016, E. 6.2.2 und
Urteil 6S.155/2003 vom 19. August 2003, E. 3.2.1; je mit Hinweisen). Das Über-
fahren einer Sicherheitslinie stellt aus objektiver Sicht eine schwere Verkehrs-
regelverletzung dar (BGE 136 II 447 E. 3.3).
Der subjektive Tatbestand des Art. 90 Abs. 3 SVG erfordert Vorsatz bezüglich der
Verletzung einer elementaren Verkehrsregel und der Risikoverwirklichung, wobei
Eventualvorsatz genügt (BGE 142 IV 137, E. 3.3). Ein Gefährdungsvorsatz oder
der Vorsatz, einen bestimmten Erfolg herbeizuführen, ist indessen nicht erfor-
derlich (vgl. BGer Urteil 6B_636/2019 vom 12. August 2019, E. 1.1.1. f.). Zum
Eventualvorsatz kann auf die obigen Ausführungen verwiesen werden.
- 23 -
Mit dem Verbot, eine doppelte Sicherheitslinie mit Reflektoren in einem Tunnel zu
überfahren, soll verhindert werden, dass ein Fahrzeug auf die Gegenfahrbahn
gerät, wo es mit korrekt entgegenkommenden Fahrzeugen frontal kollidieren
kann, zumal diese nicht seitlich ausweichen können. Eine Kollision kann für die
Betroffenen tödliche Konsequenzen haben, zumal Rettungsfahrzeuge im Tunnel
einen erschwerten Zugang haben. Zudem können nachfolgende Fahrzeuge ihrer-
seits verunfallen oder bei einem Brand nur schwer aus dem Tunnel entkommen.
Weiter kommt hinzu, dass viele Verkehrsteilnehmer aufgrund der beschränkten
Platzverhältnisse in einem Tunnel grundsätzlich angespannter fahren als
ausserhalb, weshalb bei einem nicht vorhersehbaren und verbotenen Überholma-
növer auch damit zu rechnen ist, dass nicht jeder überholte Verkehrsteilnehmer
ruhig, gelassen und angemessen reagiert. Dies erhöht das Unfallrisiko ebenfalls,
zumal niemand damit rechnen muss, in einem Tunnel wie dem vorliegend zur
Diskussion stehend, überholt zu werden. Das Verbot des Überfahrens der doppel-
ten Sicherheitslinie mit Reflektoren im Tunnel stellt daher mit der Vorinstanz eine
elementare Verkehrsregel im Schweizerischen Strassenverkehr dar (vgl. Urk. 105
S. 29).
Vorliegend fand das Überholmanöver um 11.20 Uhr in einem Tunnel statt, in dem
eine Geschwindigkeit von 80 km/h zulässig ist. Der Videoaufnahme lässt sich
entnehmen, dass jede Fahrtrichtung nur eine Spur hat, die Strecke gerade ist und
im Moment des Überholens kein Gegenverkehr zu erkennen war. Der Beschuldig-
te musste indes um diese Tageszeit mit Gegenverkehr rechnen. Daran ändert
nichts, dass er nach eigenen Angaben nicht daran gedacht habe (Prot. I S. 39:
"Ich habe nicht so weit gedacht, dass es so gefährlich sein könnte.") bzw. der
Ansicht ist, dass es sicher gewesen sei und er habe überholen können (Urk. 137
S. 25). Den Videos lässt sich weiter entnehmen, dass er während einer längeren
Strecke auf der Überholspur fuhr und dabei mehrere Fahrzeuge überholte. So war
der Gegenverkehr auch der Grund für sein erneutes Wiedereinschwenken auf die
korrekte Fahrbahn (so der Beschuldigte in Prot. I S. 38). Der Beschuldigte konnte
jedoch nicht damit rechnen, ohne Weiteres wieder auf die korrekte Fahrbahn
wechseln zu können, wenn Gegenverkehr auftaucht, hatte er doch diese gerade
zum Überholen dieser Fahrzeuge verlassen und wusste damit, dass diese einer
- 24 -
rechtzeitigen Rückkehr entgegenstehen. Aufgrund der einspurigen Strecke hatten
diese Fahrzeuge keinen Raum zum Ausweichen und mussten aufgrund der
doppelten Sicherheitslinie auch nicht damit rechnen, überholt zu werden. Zudem
hatte der Beschuldigte keine Möglichkeit, sich zu Beginn des Überholmanövers zu
versichern, dass ein rechtzeitiges Einfügen in den Normalverkehr möglich war.
Zusammenfassend verletzte der Beschuldigte mit dem Überholmanöver eine sehr
elementare Verkehrsvorschrift. Aufgrund der zum Ende seines Manövers auf-
tauchenden entgegenkommenden Fahrzeuge gefährdete er diese sowie die
überholten Fahrzeuge unmittelbar und konkret, konnte er doch nicht ohne Weite-
res darauf vertrauen, wieder rechtzeitig auf die korrekte Fahrbahn wechseln zu
können. Der vom Beschuldigten angegebene Grund, er sei "im Stress" gewesen
(Prot. I S. 39) vermag sein Verhalten in keiner Weise zu erklären, zumal – wie auf
der Videoaufnahme ersichtlich – vor ihm ohnehin weitere Fahrzeuge fuhren und
er durch sein Manöver maximal wenige Sekunden gewonnen hat. Es ist daher
von einem vollkommen nutzlosen, unsinnigen und waghalsigen Überholmanöver
im Sinne von Art. 90 Abs. 3 SVG auszugehen. Der Beschuldigte ist daher mit der
Vorinstanz der genannten Bestimmung schuldig zu sprechen.
4. Fazit
Der Beschuldigte ist neben den bereits rechtkräftigen Schuldsprüchen weiter der
versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB, der qualifiziert groben Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von
Art. 90 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 27 Abs. 1, Art. 34 Abs. 2 und 3 sowie Art. 35
Abs. 2 und 3 SVG und der Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der
Fahrunfähigkeit im Sinne von Art. 91a Abs. 1 SVG schuldig zu sprechen.
V. Strafzumessung
1. Vorbemerkungen
Die Vorinstanz hat die anwendbaren gesetzlichen Grundlagen zur Straf-
zumessung richtig dargelegt (Urk. 105 S. 31 ff.). Auf diese zutreffenden Aus-
führungen kann grundsätzlich verwiesen werden. Ergänzend ist festzuhalten,
- 25 -
dass zur objektiven Tatschwere bei Tötungen gemäss bundesgerichtlicher Recht-
sprechung zu berücksichtigen ist, dass Art. 111 StGB das Leben eines Menschen
schützt, mithin das höchste aller Rechtsgüter. Der mit der Tötung als solcher
verbundene Unrechtsgehalt kann jedoch, anders als bei einer Körperverletzung,
nicht abgestuft werden, sodass aus der Rechtsgutverletzung allein nichts für die
Strafzumessung abzuleiten ist. Die objektive Tatschwere bestimmt sich damit
vielmehr anhand des Tathergangs und der Tatumstände. Die objektive Tatschwe-
re ist nicht nur anhand des äusseren Tatablaufes und der unmittelbaren Vorberei-
tungshandlungen zu bewerten, da eine solche aus jeglichem Kontext gelöste Be-
trachtung mit der tatbeständlichen Struktur der Tötungsdelikte nicht vereinbar ist.
Subjektive Merkmale wie Motive, Beweggründe und Absichten des Beschuldigten
sind implizit auch beim Grundtatbestand (Art. 111 StGB) massgeblich, wenn es
um die Festlegung des (objektiven) Schweregrades geht. Dieser bestimmt sich
anhand aller Tatkomponenten, die einem gesetzlichen Tatbestandsmerkmal zu-
zuordnen sind. Entsprechend sind subjektive Merkmale nach der Konzeption der
Tötungstatbestände bei der Strafzumessung von Beginn weg zu berücksichtigen
(BGer Urteil 6B_1038/2017 vom 31. Juli 2018, E. 2.6.1).
2. Einsatzstrafe: Tötung
2.1 In objektiver Hinsicht kann auf die bereits oben dargelegten Tatumstände
verwiesen werden. Die Verletzung des Geschädigten führte zu einer eintägigen
Arbeitsunfähigkeit. Es bestand keine Lebensgefahr oder bleibende Arbeitsunfä-
higkeit. Mit anderen Worten erfüllte der Beschuldigte den objektiven Tatbestand
der einfachen Körperverletzung i.S.v. Art. 123 Ziff. 1 StGB. Es ist dabei aber le-
diglich dem Zufall zu verdanken, dass er nicht schlimmer verletzt wurde. Demge-
genüber floh der Beschuldigte vom Tatort, ohne sich darum zu kümmern, welche
Verletzung er dem Geschädigten nun effektiv zugefügt hatte und ob dieser medi-
zinische Hilfe benötigt. Zwar war der Geschädigte dem Beschuldigten körperlich
überlegen, dieser hatte sich jedoch im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit
dem Messer bewaffnet und war ihm mithin objektiv gleichwohl überlegen. Diese
Überlegenheit spielte der Beschuldigte jedoch nicht von Beginn weg aus. Er
wurde zunächst gegen den Geschädigten tätlich, indem er ihm einen Faustschlag
- 26 -
und eine Kopfnuss verpasste. Erst als der Geschädigte darauf reagierte und ihn
überwältigte bzw. in den Schwitzkasten nahm, ergriff der Beschuldigte das für
diesen Fall bereitgelegte und hinter dem Rücken versteckt gehaltene Messer und
stach einmal zu. Im Gerangel bemerkte der Geschädigte den Stich erst später.
2.2 Bei der subjektiven Tatschwere stellt sich die Frage, wie weit dem Täter die
objektive Tatschwere persönlich zugerechnet werden darf. Dabei spielen je nach
Tatbestand etwa die Willensrichtung, mit welcher der Täter gehandelt hat, seine
Beweggründe und Motive eine Rolle (BGE 129 IV 6 E. 6.1). So ist zu berücksich-
tigen, dass die Tat im Rahmen eines vom Beschuldigten provozierten und erwar-
teten Konflikts erfolgte. Zu berücksichtigen ist weiter, dass es nicht das Hand-
lungsziel des Beschuldigten war, den Geschädigten zu töten. Gleichwohl nahm er
tödliche Folgen in Kauf. Er handelte mithin bloss eventualvorsätzlich, was ver-
schuldensmindernd zu berücksichtigen ist. Bei der Zufügung der Verletzung han-
delte er dagegen direktvorsätzlich. Seine Beweggründe bleiben letztlich unver-
ständlich, hielt er doch stets und auch im Berufungsverfahren daran fest, lediglich
aus Notwehr heraus gehandelt zu haben. Diese Behauptungen sind jedoch – wie
oben aufgeführt – widerlegt. Letztlich bleibt es dabei, dass er sich nicht aus der
Wohnung seiner Ex-Freundin wegweisen lassen wollte und er gegen den des-
wegen herbeigerufenen Geschädigten wehren wollte. Hierfür setzte er geplant ein
Messer ein.
Nachdem er an jenem Abend floh und weder Alkohol- noch Drogeneinfluss
erkennbar ist, liegt im Übrigen keine Einschränkung der Schuldfähigkeit vor.
2.3 Das Verschulden ist in Bezug auf die versuchte Tötung gegen den Ge-
schädigten im mittleren Bereich einzustufen, was bei einer vollendeten Tötung
eine hypothetische Einsatzstrafe von rund 11 Jahren Freiheitsstrafe rechtfertigen
würde.
2.4 Da der tatbestandsmässige Erfolg nicht eintrat und der Geschädigte den
vollendeten Tötungsversuch des Beschuldigten überlebte, ist die verschuldens-
unabhängige Tatkomponente der versuchten Tatbegehung zu gewichten. Das
Mass der zulässigen Strafreduktion beim vollendeten Versuch hängt u.a. von der
- 27 -
Nähe des tatbestandsmässigen Erfolges und den tatsächlichen Folgen der Tat
ab. Der Geschädigte wurde objektiv nicht schwer verletzt und wäre auch ohne
ärztliche Versorgung wohl nicht in Lebensgefahr geraten (vgl. Urk. 5/6 S. 2), was
indessen dem Zufall zu verdanken ist. Die Verwirklichung des Tatbestandseintritts
lag daher vergleichsweise noch eher weit entfernt. Hinzu kommt, dass die Folgen
der Tat glücklicherweise von untergeordneter Bedeutung sind. So musste sich der
Geschädigte keinen medizinischen Eingriffen unterziehen und von physischen
und/oder psychischen Langzeitfolgen ist nichts bekannt. Es rechtfertigt sich ange-
sichts all dieser Umstände eine Reduktion der Einsatzstrafe auf 8 Jahre Freiheits-
strafe.
3. Einzelstrafen
3.1. Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz
In objektiver Hinsicht ist festzuhalten, dass der Beschuldigte in der Nacht vom
28. auf den 29. April 2018 eine nicht näher bekannte Menge MDMA konsumierte.
In subjektiver Hinsicht ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte vor Vor-
instanz geltend machte, er habe das Betäubungsmittel unabsichtlich durch einen
Schluck mit einem MDMA versetzten Getränk zu sich genommen. Die Vorinstanz
verwarf diesen Einwand zutreffend mit dem Argument, dass die im Blut des Be-
schuldigten nachgewiesene Konzentration deutlich über dem liegt, was bei einem
einzelnen Schluck zu erwarten wäre (vgl. Urk. 105 S. 18). Mit der Berufung wird
der Schuldspruch nicht mehr angefochten und damit auch der Einwand der unab-
sichtlichen Einnahme nicht mehr erhoben. Entsprechend ist davon auszugehen,
dass der Beschuldigte das MDMA bewusst und gewollt konsumierte.
Diesem als leicht zu wertenden Verschulden des Beschuldigten erscheint eine
Busse in Höhe von Fr. 300.– angemessen.
3.2. Fahren in fahrunfähigem Zustand
In objektiver Hinsicht ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte in der Nacht
vom 28. auf den 29. April 2018 nach dem Konsum des MDMA und unter dem
- 28 -
Einfluss von 0.43 Gewichtspromille Alkohol im Blut um ca. 03.40 Uhr einen
Personenwagen von F._ bis G._ führte. Auch wenn er nicht vollends be-
rauscht war, führte sein Zustand zu einer Kollision mit einem korrekt parkierten
Fahrzeug (dazu unten), womit sich die von ihm ausgehende Gefahr verwirklichte.
Sein Verschulden ist mithin als mittelschwer zu werten.
In subjektiver Hinsicht ist zu berücksichtigen, dass dem Beschuldigten seine
Fahrunfähigkeit bewusst war. Deswegen fuhr er auch nicht gleich los, sondern
schlief nach eigenen Angaben zunächst im Fahrzeug etwas (Prot. I S. 32). Wenn
er danach gleichwohl losfuhr, nahm er in Kauf, das Fahrzeug in nicht fahrfähigem
Zustand zu lenken. Dass er nicht fahrfähig war, musste ihm insbesondere
aufgrund der Kollision mit einem anderen Fahrzeug bewusst sein. Entgegen
seiner Sachdarstellung ist davon auszugehen, dass er diese bemerkte. Weil er
gleichwohl weiter fuhr, führt die subjektive Tatkomponente zu einer Erhöhung des
objektiven Tatverschuldens.
Dem Verschulden des Beschuldigten erscheint eine Freiheitsstrafe von 3 Mona-
ten angemessen. Aufgrund der einschlägigen Vorstrafen des Beschuldigten im
Strassenverkehr (Urk. 136) sowie der zahlreichen Strassenverkehrsdelikte im vor-
liegenden Verfahren erscheint die Ausfällung einer Geldstrafe dem Verschulden
des Beschuldigten nicht angemessen.
3.3. Pflichtwidriges Verhalten bei Unfall
In objektiver Hinsicht ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte in der Nacht
vom 28. auf den 29. April 2018 durch die Kollision mit dem von ihm geführten
Fahrzeug einen relativ geringfügigen Schaden an einem anderen Fahrzeug verur-
sachte. Indem er sich unerlaubt von der Unfallstelle entfernte und seine Kontakt-
daten nicht hinterliess oder die Polizei nicht verständigte, verstiess er gegen seine
Pflichten als Lenker. Innerhalb des Strafrahmens ist das Verschulden noch als
leicht zu würdigen.
In subjektiver Hinsicht handelte der Beschuldigte mit dem Ziel, sich der Ver-
antwortung bzw. den Konsequenzen des Unfalls zu entziehen. Dies ist jedoch
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dem Tatbestand immanent, weshalb das subjektive Verschulden das objektive
Tatverschulden nicht verändert.
Dem Verschulden des Beschuldigten erscheint eine Busse in Höhe von Fr. 500.–
angemessen.
3.4. Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrunfähigkeit
Dieser Tatbestand überschneidet sich weitgehend mit dem Vorwurf des pflicht-
widrigen Verhaltens bei Unfall und dem Vorwurf des Fahrens in fahrunfähigem
Zustand. Der Beschuldigte blieb nicht am Unfallort und vereitelte damit die
Feststellung seiner Fahrunfähigkeit. Gleichwohl konnte diese nachträglich – wenn
auch nicht in der gleichen Genauigkeit – noch festgestellt und bestimmt werden,
weshalb eine entsprechende Verurteilung und Bestrafung erfolgt. Für die Vereite-
lung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrunfähigkeit wäre daher eine Ein-
zelstrafe im Bereich von rund einem Monat Freiheitsstrafe angemessen. Aufgrund
der einschlägigen Vorstrafen des Beschuldigten im Strassenverkehr (Urk. 136)
sowie der zahlreichen Strassenverkehrsdelikte im vorliegenden Verfahren er-
schiene die Ausfällung einer Geldstrafe auch diesbezüglich nicht angemessen.
3.5. Qualifiziert grobe Verletzung der Verkehrsregeln
In objektiver Hinsicht ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte im Tunnel eine
doppelspurige Linie mit Reflektoren überfuhr und die vor ihm fahrenden Fahrzeu-
ge überholte. Dabei schuf er eine erhebliche und konkrete Gefahr einer Frontal-
kollision mit dem Gegenverkehr, wegen dem er schliesslich wieder zurück auf die
einzige korrekte Spur wechselte. Weder die parallel zu ihm fahrenden Fahrzeuge
noch der Gegenverkehr hätten eine Möglichkeit gehabt, einer Kollision auszu-
weichen, wenn der Beschuldigte keine Lücke gefunden hätte. Der Beschuldigte
verletzte damit elementare Verkehrsregeln in gravierender Weise und verhielt sich
waghalsig. Innerhalb des von einem bis vier Jahren reichenden Strafrahmens ist
sein objektives Tatverschulden als nicht mehr leicht zu erachten.
In subjektiver Hinsicht ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte sich und die
übrigen Verkehrsteilnehmer ohne erkennbares Motiv gefährdete. Seine
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Begründung, er sei "im Stress" gewesen bzw. habe es eilig gehabt, ist jedem
waghalsigen Überholmanöver eigen. Es kommt hinzu, dass vorliegend – wie auf
der Videoaufnahme ersichtlich – vor ihm ohnehin weitere Fahrzeuge fuhren und
er durch sein Manöver maximal wenige Sekunden gewonnen hat. Das Manöver
wäre daher hinsichtlich des geltend gemachten "Stress" ohnehin völlig sinnlos
gewesen. Entsprechend erfährt die objektive Tatkomponente durch das subjektive
Tatverschulden keine Veränderung.
Dem Verschulden des Beschuldigten erscheint eine Freiheitsstrafe von 24 Mona-
ten angemessen.
4. Zwischenfazit
Das rechnerische Total der Einzelstrafen beträgt 124 Monate Freiheitsstrafe und
eine Busse in Höhe von Fr. 800.–. Im Bereich der Delikte gegen das Strassen-
verkehrsgesetz überschneiden sich die Taten, nicht hingegen in Bezug auf die
versuchte vorsätzliche Tötung. Unter Berücksichtigung dieser Umstände und in
Anwendung des Asperationsprinzips (Art. 49 Abs. 1 StGB) ist die Strafe auf
8 1⁄2 Jahre oder 102 Monate Freiheitsstrafe und eine Busse in Höhe von Fr. 600.–
festzulegen.
5. Täterkomponente
5.1. Persönliche Verhältnisse
In Bezug auf die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten kann auf die
vorinstanzlichen Erwägungen sowie die Akten verwiesen werden (Urk. 105 S. 36,
Prot. I S. 36 ff. ). Anlässlich der Berufungsverhandlung ergänzte bzw. aktualisierte
er, dass er sich mittlerweile ein monatliches Gehalt aus der H._ GmbH in
Höhe von CHF 5'000.-- ausbezahle. Neben der Tätigkeit als Geschäftsführer für
diese Gesellschaft sei er auch noch als Geschäftsführer und Inhaber bei der
I._ Group tätig. Er habe aufgrund der Gewinnausschüttungen dieser Gesell-
schaften seine vor Vorinstanz noch mit ca. CHF 100'000.-- bezifferten Schulden
mittlerweile abbezahlen können. Im Übrigen sei er weiterhin kinderlos und lebe
derzeit in keiner Partnerschaft (Urk. 137 S. 1 ff.).
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Dem Vorleben und den persönlichen Verhältnissen lassen sich keine straf-
zumessungsrelevanten Faktoren entnehmen.
5.2. Vorstrafen
Der Beschuldigte weist folgende Vorstrafen auf (Urk. 136):
Strafbefehl der Jugendanwaltschaft Winterthur vom 11. Januar 2011: Der
Beschuldigte wurde wegen qualifizierter einfache Körperverletzung und Ver-
gehen gegen das Waffengesetz mit einem Freiheitsentzug von 6 Wochen
nach JStG bestraft. Der Freiheitsentzug wurde aufgeschoben, unter An-
setzung einer Probezeit von einem Jahr.
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 7. August
2013: Der Beschuldigte wurde wegen Vergehens gegen das Waffengesetz
mit einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu Fr. 30.– bestraft.
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 13. Oktober
2014: Der Beschuldigte wurde wegen Gewalt und Drohung gegen Behörden
und Beamte sowie wegen Landfriedensbruch mit einer Geldstrafe von
80 Tagessätzen zu Fr. 30.– sowie mit einer Busse in Höhe von Fr. 300.–
bestraft.
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 31. März 2015: Der
Beschuldigte wurde wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln sowie
wegen Führens eines nicht betriebssicheren Fahrzeugs mit einer Geldstrafe
von 100 Tagessätzen zu Fr. 30.– als Zusatzstrafe zum Strafbefehl vom
13. Oktober 2014 bestraft.
Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 7. Abteilung, vom 20. Mai 2015: Der Be-
schuldigte wurde wegen Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte
mit einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu Fr. 20.– bestraft, unter Anrech-
nung von 1 Tag Untersuchungshaft.
Der Beschuldigte ist mithin betreffend Gewaltdelikte und Strassenverkehrsdelikte
einschlägig vorbestraft. Die Vorstrafe wegen einfacher Körperverletzung, als der
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Beschuldigte als 18-Jähriger mit einem Baseballschläger auf ein unbewaffnetes
Opfer losging, liegt indessen relativ lange zurück. Auch die Strassenverkehrs-
delikte liegen bereits 5 Jahre zurück. Unter diesen Umständen erscheint eine
Straferhöhung von 6 Monaten angemessen.
Der Beschuldigte war sodann hinsichtlich der Strassenverkehrsdelikte und Betäu-
bungsmitteldelikte vollumfänglich geständig. Dies betrifft jedoch einen verhältnis-
mässig kleinen Teil der Strafe. Zudem bestritt er bis zur erstinstanzlichen Haupt-
verhandlung hinsichtlich Dossier 3 das Fahrzeug gelenkt zu haben (Prot. I S. 38).
In Bezug auf den Vorwurf der versuchten Tötung war der Beschuldigte ungestän-
dig und zeigte – trotz des eingestandenen Stichs – weder Einsicht noch Reue.
Entsprechend ist lediglich für die Betäubungsmittel- und Strassenverkehrsdelikte
eine Strafreduktion angezeigt. Gesamthaft ist die Strafe daher um 12 Monate zu
reduzieren.
Weitere Strafminderungsgründe sind nicht ersichtlich.
6. Fazit
Zusammenfassend erweist sich eine Freiheitsstrafe von 8 Jahren als ange-
messen. Für den Betäubungsmittelkonsum und das pflichtwidrige Verhalten bei
Unfall rechtfertigt sich eine Busse in Höhe von Fr. 600.–.
Bei dieser Strafhöhe bzw. bei einer Busse fällt die Gewährung des bedingten
Vollzugs zum Vornherein ausser Betracht. Für den Fall der Nichtbezahlung der
Busse ist eine Ersatzfreiheitsstrafe von 6 Tagen festzusetzen.
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Ausgangsgemäss ist die vorinstanzliche Regelung der Kostenfolgen zu
bestätigen.
2. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist praxisgemäss auf
CHF 3'000.-- festzusetzen (Art. 424 Abs. 1 StPO i.V.m. § 16 Abs. 1 und
§ 14 GebV OG)
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3. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Der Beschuldigte
unterliegt mit seiner Berufung – abgesehen von einer leichten Strafreduktion –
vollumfänglich. Entsprechend sind ihm die Kosten des Berufungsverfahrens, mit
Ausnahme derjenigen der amtlichen Verteidigung vollumfänglich aufzuerlegen.
Die Kosten der amtlichen Verteidigung im Berufungsverfahren sind einstweilen
auf die Gerichtskasse zu nehmen. Vorbehalten wird die Rückzahlungspflicht des
Beschuldigten gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.