Decision ID: 78c67303-625c-4c67-addf-4bdc25787678
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
Die T._ AG wurde durch das kantonale Steueramt St. Gallen am 30. November 2020
für die Kantonssteuern und die direkte Bundessteuer aufgrund der
Rechnungsabschlüsse 2014 bis 2018 veranlagt. Hiergegen erhob die T._ AG am
20. Dezember 2020 Einsprache, ohne Anträge zu stellen oder Unterlagen einzureichen.
A.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Nachgang zu entsprechenden Aufforderungen des kantonalen Steueramtes reichte
die T._ AG mit E-Mail vom 18. März 2021 Unterlagen ein; konkrete Anträge stellte sie
weiterhin nicht. Das Steueramt ging im Einspracheentscheid vom 21. Juli 2021 davon
aus, dass Unterlagen zur Entkräftung von steuerlichen Korrekturen eingereicht worden
waren, prüfte sie entsprechend und hiess die Einsprache für das Jahr 2014 teilweise
gut; die Einsprachen für die Jahre 2015 bis 2018 wies es ab. Für die Kantonssteuern
setzte es die steuerbaren Reingewinne auf CHF 624'600 (2014, satzbestimmend),
CHF 337'700 (2015; satzbestimmend: CHF 355'500), CHF 330'200 (2016;
satzbestimmend: 600'400), CHF 183'100 (2017; satzbestimmend: CHF 333'000) und
CHF 266'100 (2018; satzbestimmend: CHF 483'900) sowie die steuerbaren
Eigenkapitalien auf CHF 134'000 (2014, satzbestimmend), CHF 0 (2015 bis 2017) und
CHF 28'000 (2018; satzbestimmend: CHF 56'000) fest. Für die direkte Bundessteuer
setzte es die steuerbaren Reingewinne auf CHF 624'600 (2014), CHF 355'500 (2015),
CHF 600'400 (2016), CHF 333'000 (2017) und CHF 483'900 (2018) fest (act. G 8 3/1).
Die A._ AG erhob für die T._ AG bei der Verwaltungsrekurskommission des Kantons
St. Gallen (VRK) mit Eingabe vom 21. August 2021 Rekurs und Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid vom 21. Juli 2021 mit dem Antrag, die Aufrechnungen gemäss
Einspracheentscheid seien rückgängig zu machen. Zur Begründung der fehlenden
Berechtigung der Aufrechnungen verwies sie jeweils auf beigelegte Rechnungskopien
und zugrundeliegende Verträge (act. G 8/1). Der Verfahrensleiter der VRK gab der
A._ AG hierauf mit Schreiben vom 31. August 2021 unter Einforderung eines
Kostenvorschusses bekannt, dass vorab die Frage zu beantworten sei, ob die
Rechtsmittel die Gültigkeitsvoraussetzungen erfüllen und insbesondere eine
ausreichende Begründung enthalten würden. Falls dies nicht der Fall sein sollte, werde
das Gericht auf die Rechtsmittel mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht eintreten (act. G
8/5). Die A._ AG nahm hierzu im Schreiben vom 9. September 2021 Stellung und
bestätigte ihren Antrag und ihre Begründung (act. G 3/6). Die VRK verzichtete in der
Folge auf die Einholung einer Vernehmlassung bei der Vorinstanz und trat mit
Präsidialverfügung vom 17. September 2021 auf die Rechtsmittel nicht ein mit der
Begründung, dass Rekurs und Beschwerde mangels Begründung unvollständig seien
und eine Nachfristansetzung nicht möglich sei, weil es sich bei der Nichtbeachtung der
Begründungspflicht nicht um ein nachträglich korrigierbares Versehen handle (act. G
2).
A.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Gegen diese Nichteintretensverfügung erhob die St. Galler Steuerexperten AG für die
T._ AG (Beschwerdeführerin) mit Eingabe vom 20. Oktober 2021 Beschwerde mit den
Anträgen, die Verfügung sei aufzuheben und die VRK (Vorinstanz) sei anzuweisen, auf
den Rekurs und die Beschwerde einzutreten und die Rechtsmittel materiell zu
behandeln, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (act. G 1).
B.a.
Die Vorinstanz beantragte in der Vernehmlassung vom 5. November 2021 Abweisung
der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie auf die Ausführungen in der
angefochtenen Verfügung (act. G 7). Der Beschwerdegegner hielt in der
Vernehmlassung vom 17. November 2021 fest, er erachte das vorinstanzliche
Nichteintreten auf Rekurs und Beschwerde mangels Begründung als (sehr) streng;
letztlich sei es jedoch Sache der Steuerjustizinstanzen zu beurteilen, ob die
Gültigkeitsvoraussetzungen für die Rechtsmittel eingehalten seien. Auf die Stellung
eines formellen Antrags werde verzichtet (act. G 10). Die Beschwerdebeteiligte liess
sich in der Eingabe vom 8. November 2021 vernehmen, verzichtete jedoch ebenfalls
auf eine Antragstellung (act. G 11).
B.b.
Die Beschwerdeführerin bestätigte mit Eingabe vom 20. Dezember 2021 ihren
Standpunkt (act. G 13). Die Vorinstanz verzichtete auf eine weitere Stellungnahme (act.
G 15). Die Beschwerdebeteiligte äusserte sich in einer weiteren Eingabe vom
10. Januar 2022, neu mit dem Antrag auf Abweisung der Beschwerde, unter
Kostenfolge zulasten der Beschwerdeführerin (act. G 16). Hierzu erging eine
Stellungnahme der Beschwerdeführerin vom 24. Januar 2022 (act. G 18). Am
26. Januar 2022 gab die Vorinstanz ihren Verzicht auf weitere Ausführungen bekannt
(act. G 20).
B.c.
Auf die Vorbringen in den Eingaben des vorliegenden Verfahrens wird, soweit für den
Entscheid erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.
B.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
2.
Da die steuerrechtlichen Vorschriften des Bundes und der Kantone zur Veranlagung
aufgrund der Rechnungsabschlüsse vereinheitlicht sind, erledigte die Vorinstanz den
Rekurs betreffend die Kantonssteuern 2014 bis 2018 einerseits und die Beschwerde
betreffend die direkte Bundessteuer 2014 bis 2018 anderseits zu Recht im gleichen
Urteil, aber mit getrennten Dispositivziffern; unter diesen Umständen durfte auch die
Beschwerdeführerin die Beschwerden in einer gemeinsamen Rechtsschrift erheben
(BGE 135 II 260 E. 1.3). Ebenso ist es zulässig, dass das Verwaltungsgericht über die
Beschwerden im gleichen Urteil entscheidet (vgl. BGer 2C_440 und 441/2014 vom
10. Oktober 2014 E. 1.2).
1.1.
Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, VRP; Art. 196 Abs. 1 des
Steuergesetzes, sGS 811.1, StG; Art. 1 Abs. 3 und Art. 7 Abs. 2 der Verordnung zum
Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer, sGS 815.1; Art. 145 des Gesetzes über
die direkte Bundessteuer, SR 642.11, DBG). Die Beschwerdeführerin ist zur Erhebung
der Rechtsmittel berechtigt. Die Eingabe vom 20. Oktober 2021 entspricht zeitlich,
formal und inhaltlich den gesetzlichen Anforderungen (Art. 194 Abs. 1 StG in
Verbindung mit Art. 64 und Art. 48 Abs. 1 VRP; Art. 145 in Verbindung mit Art. 140
Abs. 1 und 2 DBG). Auf die Beschwerden ist somit einzutreten.
1.2.
Streitig ist, ob die Vorinstanz zu Recht auf den Rekurs (Kantonssteuern 2014 bis 2018)
und Beschwerde (direkte Bundessteuer 2014 bis 2018) gegen den
Einspracheentscheid vom 21. Juli 2021 nicht eintrat. - Gemäss Art. 119 DBG können
die vom Gesetz bestimmten Fristen nicht erstreckt werden (sog. Verwirkungsfristen).
Vor Verwaltungsgericht richten sich die Rechtsmittel-Fristen bei der direkten
Bundessteuer nach den Bestimmungen des erstinstanzlichen Beschwerdeverfahrens
(vgl. Art. 145 Abs. 2 DBG). Demnach kann die steuerpflichtige Person gegen den
Beschwerdeentscheid der Verwaltungsrekurskommission innert 30 Tagen nach
Zustellung beim Verwaltungsgericht schriftlich Beschwerde erheben (Art. 140 Abs. 1
DBG). Sie muss in der Beschwerde ihre Begehren stellen, die sie begründenden
2.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tatsachen und Beweismittel angeben sowie Beweisurkunden beilegen oder genau
bezeichnen. Entspricht die Beschwerde diesen Anforderungen nicht, so wird der
steuerpflichtigen Person unter Androhung des Nichteintretens eine angemessene Frist
zur Verbesserung angesetzt (Art. 140 Abs. 2 DBG). Bei den kantonalen Steuern können
die Beteiligten den Entscheid der Verwaltungsrekurskommission ebenfalls innert 30
Tagen beim Verwaltungsgericht anfechten (Art. 196 Abs. 1 StG). Das Verfahren richtet
sich nach den Vorschriften des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (vgl.
Art. 161 StG). Nach Art. 48 VRP ist der Rekurs schriftlich einzureichen. Er muss einen
Antrag sowie eine Darstellung des Sachverhalts und eine Begründung enthalten. Er ist
zu unterzeichnen. Fehlen Antrag, Darstellung des Sachverhaltes, Begründung oder
Unterschrift, so fordert die Rechtsmittelinstanz die rekurrierende Person unter
Ansetzung einer Frist auf, das Rechtsmittel zu ergänzen. Mit der Aufforderung zur
Ergänzung ist anzudrohen, dass nach unbenützter Frist auf das Rechtsmittel nicht
eingetreten werde (Art. 64 in Verbindung mit Art. 48 VRP).
Die in Art. 140 Abs. 2 Satz 2 in Verbindung mit Art. 145 Abs. 2 DBG verankerte
Nachfrist ist als Rechtswohltat zugunsten rechtunkundiger und prozessual
unerfahrener steuerpflichtiger Personen konzipiert, um diese vor den Folgen einer
andernfalls mangelhaften Prozessführung zu bewahren. Eine Nachfrist ist von
vornherein nicht anzusetzen, wenn die beschwerdeführende Person sich innert Frist auf
eine mangelhafte Beschwerde beschränkt, um in Erwartung einer Nachfrist eine
Verlängerung der Beschwerdefrist herbeizuführen. Dies gilt auch, wenn der
steuerpflichtigen Person kein Rechtsmissbrauch vorgeworfen werden kann. Eine
blosse Anmeldung der Beschwerde innerhalb der gesetzlichen Frist, verbunden mit
dem Begehren um eine Nachfrist zur Einreichung von Antrag und Begründung ist im
Beschwerdeverfahren betreffend direkte Bundessteuer deshalb ausgeschlossen.
Demnach ist in Steuersachen die Nachfrist zur Verbesserung der Eingabe nur bei
Beschwerden, wo eine Begründung an sich vorliegt, diese aber unklar ist, zu gewähren.
Da es sich bei der Einsprache- und Beschwerdefrist um eine gesetzliche oder
peremptorische Frist und damit eine Verwirkungsfrist handelt, geht das materielle oder
prozessuale Recht insgesamt unter, falls nicht sämtliche Sachurteilsvoraussetzungen
innerhalb der 30 Tage erfüllt werden (BGer 2C_666/2018 vom 10. September 2018
E. 2.2.4-2.2.5 mit weiteren Hinweisen; Hunziker/ Mayer-Knobel, in: Zweifel/Beusch
[Hrsg.], Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Bundesgesetz über die direkte
Bundessteuer [DBG], 3. Aufl. 2017, N 48 zu Art. 140 DBG).
In VerwGE B 2020/103 und 104 vom 30. November 2020 wurde die bis anhin
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
grosszügige Praxis des Verwaltungsgerichts St. Gallen bei der Gewährung von
Nachfristen in Steuerverfahren sowohl betreffend direkte Bundessteuer als auch
kantonale Steuern nicht mehr aufrechterhalten. In Steuersachen mit einer 30-tägigen
Beschwerdefrist ist daher die Gewährung einer Nachfrist zur Ergänzung der
Beschwerde nicht mehr möglich. Möglich bleibt einzig bei mangelhaften Beschwerden
die Ansetzung einer Nachfrist zur Verbesserung. Eine blosse Anmeldung der
Beschwerde innerhalb der gesetzlichen Frist, verbunden mit dem Begehren um eine
Nachfrist zur Einreichung von Antrag und Begründung ist damit in Steuerverfahren
ausgeschlossen. Unabhängig davon besteht auch in Steuerverfahren nach wie vor die
Möglichkeit, eine kurze Nachfrist (Notfrist) zur Verbesserung von mangelhaften
Beschwerdeeingaben anzusetzen (vgl. Art. 140 Abs. 2 Satz 2 DBG). Zu berücksichtigen
sein wird dabei jedoch, dass die Nachfrist vor allem rechtsunkundige und prozessual
unbeholfene Steuerpflichtige vor den Folgen einer mangelhaften Prozessführung
bewahren soll. Die Nachfristansetzung kann daher unterbleiben, wenn der
Steuerpflichtige oder sein Vertreter bewusst eine mangelhafte Rechtsschrift einreicht,
um sich so eine Erstreckung der Rechtsmittelfrist zu verschaffen (VerwGE B 2020/103
und 104 a.a.O. E. 3 mit weiteren Hinweisen).
Die Vorinstanz legte im angefochtenen Entscheid dar, die Vertreterin der
Beschwerdeführerin sei keine Laiin und vertrete Klienten berufsmässig vor Gericht,
weshalb ein höheres Mass an Sorgfalt zu verlangen sei und die immer gleichen beiden
Erklärungen zu den angefochtenen Aufrechnungen ("Die Aufrechnung bezüglich Konto
... ist nicht gerechtfertigt, anbei die Rechnungskopien und die zugrundeliegenden
Verträge.") mit einem Verweis auf ein Aktenbündel keine Begründung darstellen
würden, weil sich die Beschwerdeführerin damit mit den Einspracheentscheiden nicht
auseinandergesetzt habe. Der Rekurs und die Beschwerde seien mangels Begründung
unvollständig. Eine Nachfristansetzung sei nicht möglich, weil es sich bei der
Nichtbeachtung der Begründungspflicht nicht um ein nachträglich korrigierbares