Decision ID: e87f983f-a424-58c7-88ac-c5d4b4e13a8b
Year: 2021
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

Sachverhalt
A. Die am XX.XX.1962 geborene A. (nachfolgend: Versicherte oder Beschwerdeführerin),
ursprünglich als Personalleiterin tätig, meldete sich im März 2017 zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung an, unter Angabe einer Erschöpfungsdepression;
Gonarthrose links u. rechts; Parästhesie/Polyneuropathie (act. 8.2/1). Die IV-Stelle des
Kantons Appenzell Ausserrhoden (nachfolgend: IV-Stelle oder Vorinstanz) tätigte die
erwerblichen und medizinischen Abklärungen und zog namentlich die Akten des
Krankenversicherers bei. Mit Schreiben vom 25. September 2017 erklärte sie gegenüber
der Versicherten, dass ein Anspruch auf Arbeitsvermittlung gegeben sei (act. 8.2/26). Mit
einer Mitteilung vom 21. November 2017 gewährte sie alsdann Frühinterventionsmass-
nahmen in Form von Berufsberatung (act. 8.2/33), wobei sie am 5. Juni 2018 eine Verlän-
gerung derselben bewilligte (act. 8.2/60). Nach Vorliegen des Schlussberichts der Berufs-
beratung vom 23. August 2018/17. Januar 2019 (act. 8.2/67; act. 8.2/71) vermerkte die IV-
Stelle in ihrem Eingliederungsbericht, die Versicherte habe ihre Selbständigkeit mittels
Unterstützung des Job Coaches aufbauen können. Eine leitende Funktion komme für die
Versicherte indes nicht mehr in Frage und auch der Job Coach sehe sie nicht mehr in
dieser Funktion. Die Eingliederung werde hiermit abgeschlossen und der Fall in die Renten-
prüfung übergeben (act. 8.2/73). Mit Schreiben vom 21. Februar 2019 teilte die IV-Stelle
der Versicherten alsdann mit, dass sie ihre Beratung und Unterstützung bei der Stellensu-
che per sofort beende; die Arbeitsvermittlung sei erfolgreich abgeschlossen (act. 8.2/74).
Am 26. April 2019 erfolgte eine Stellungnahme des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD)
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zur medizinischen Sachlage, mit dem Ergebnis, dass die Versicherte in ihrer angestamm-
ten Tätigkeit als Mitglied der Geschäftsleitung/Personalchefin zu 80 % arbeitsfähig angese-
hen wurde (act. 8.2/79). Folglich stellte die IV-Stelle der Versicherten mit Vorbescheid vom
16. Oktober 2019 die Ablehnung des Rentenanspruchs in Aussicht (act. 8.2/80). Auf einen
Einwand der Versicherten hin hielt sie mit Verfügung vom 11. Februar 2020 am betreffen-
den Entscheid fest (act. 8.2/85).
B. Mit Eingabe vom 11. März 2020 gelangte die Versicherte beschwerdeweise an das
Obergericht und beantragte sinngemäss die Aufhebung des angefochtenen Entscheids und
Zusprache einer (Teil-)Rente (act. 1). Die Vernehmlassung der Vorinstanz mit dem Antrag
auf Beschwerdeabweisung folgte am 11. Juni 2020 (act. 7). Am 20. August 2020 reichte die
Beschwerdeführerin – nunmehr vertreten durch RA AA. – ihre Replik ein und stellte das
eingangs zitierte Rechtsbegehren (act. 18). Die IV-Stelle duplizierte am 3. September 2020
(act. 21).
C. Die Parteien verzichteten auf eine mündliche Verhandlung.

Erwägungen
1. 1.1
Gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b des Justizgesetzes
vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) beurteilt das Obergericht in seiner Funktion als
kantonales Versicherungsgericht Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherungen.
Die örtliche Zuständigkeit ist gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni
1959 über die Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) gegeben.
1.2
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der Prozessvoraussetzungen ergibt, dass
letztere sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der Form-
und Fristerfordernisse erfüllt sind (Art. 1 Abs. 1 und Art. 69 Abs. 1 lit. a IVG, Art. 60 Abs. 1
und Art. 61 lit. b ATSG, Art. 28 lit. b JG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59 des Gesetzes vom
9. September 2002 über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG, bGS 143.1]).
Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.
Seite 4
1.3
Gestützt auf Art. 2 der Verordnung über COVID-19-Massnahmen: Gerichte (bGS 113.2)
kann das Obergericht zur Bewältigung der aktuell ausserordentlichen Lage in allen Fällen
auf dem Zirkularweg entscheiden, wenn das Gesetz keine Verhandlung vorschreibt. Ent-
scheide, die auf dem Zirkularweg gefällt werden, bedürfen der Einstimmigkeit (Art. 52
Abs. 2 JG). Da vorliegend keine Durchführung einer Verhandlung vorgeschrieben ist und
die Parteien auf die Durchführung einer solchen verzichteten, hat das Obergericht den vor-
liegenden Entscheid im Zirkularverfahren gefällt.
2. 2.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Sie kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit
oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmög-
lichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1
ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich
die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä-
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7
Abs. 2 ATSG).
2.2
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche
Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit
Art. 8 ATSG bewirken. Rechtsprechungsgemäss ist bei psychischen Beeinträchtigungen zu
prüfen, ob ein psychischer Gesundheitsschaden mit Krankheitswert besteht, welcher die
versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein rentenaus-
schliessendes Erwerbseinkommen zu erzielen (vgl. BGE 139 V 547 E. 5, 131 V 49 E. 1.2,
130 V 352 E. 2.2.1; Urteil des Bundesgerichts 9C_125/2015 vom 18. November 2015
E. 5.4). Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorga-
ben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 143
V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei
festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem
Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und
Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie
ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weit-
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gehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zu-
mutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7,
139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c, je mit Hinweisen; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.3
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Viertelsrente,
bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invalidi-
tätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
2.4
Versicherungsträger und Sozialversicherungsgerichte haben die Beweise frei, das heisst
ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdi-
gen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Sozialversicherungsgericht alle
Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu
entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streiti-
gen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden
medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial
zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere
medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist ent-
scheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersu-
chungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Situation ein-
leuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweis-
wert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung
der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten
(BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a). Im Sinne einer Richtlinie ist den im Rahmen des
Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten und -ärztinnen,
welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in
die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen
gelangen, volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353
E. 3b/bb). Den Berichten versicherungsinterner medizinischer Fachpersonen wird grund-
sätzlich Beweiswert zuerkannt, doch ist zu betonen, dass ihnen praxisgemäss nicht diesel-
be Beweiskraft zuzubilligen ist wie einem gerichtlichen oder einem im Verfahren nach Art.
44 ATSG vom Versicherungsträger in Auftrag gegebenen Gutachten. Soll ein Versiche-
rungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die
Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an
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der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen,
so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (Urteil des Bundesgerichts 8C_844/2019
vom 26. Februar 2020 E. 2.2 m.w.H.).
3. 3.1
Im angefochtenen Entscheid wird die Leistungsablehnung damit begründet, die gesund-
heitliche Situation der Beschwerdeführerin habe sich soweit stabilisiert, dass aus versiche-
rungsmedizinischer Sicht die angestammte Tätigkeit als Personalleiterin zu 80 % wieder
ausgeführt werden könnte. In einer angepassten Tätigkeit werde von einer vollen Arbeitsfä-
higkeit ausgegangen. Aufgrund der 80%igen Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit
genüge ein Prozentvergleich und der IV-Grad sei bei einer Vollerwerbstätigkeit somit bei
20 %, welcher keine Rentenleistungen begründe (act. 8.2/85).
3.2
Die Verfügung der IV-Stelle basiert in medizinischer Hinsicht auf der Beurteilung der RAD-
Ärztin Dr. B. vom 26. April 2019. Gemäss der betreffenden Einschätzung sei bei der
Versicherten ein Gesundheitsschaden dokumentiert. Bei jahrelanger Überlastung und Kon-
flikten um die Firmenpolitik könne angenommen werden, dass ein dauernder Gesundheits-
schaden mit Reduktion der Belastbarkeit als Geschäftsführerin resultiert habe. Aus versi-
cherungsmedizinischer Sicht sei sur Dossier mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ein
stabiler Gesundheitszustand erreicht. In angestammter Tätigkeit als Mitglied der Geschäfts-
leitung/Personalchefin sei sur Dossier keine valide Aussage dokumentiert. Das Gutachten,
welches vom Krankenversicherer veranlasst worden sei, erwarte ca. 2019 eine volle
Arbeitsfähigkeit, wobei es sich nicht äussere, ob angestammt oder adaptiert. Der behan-
delnde Psychiater Dr. C. schätze die Arbeitsfähigkeit der versicherten Person per April
2019 mit mindestens 50 % adaptiert ein, und attestiere für die angestammte Tätigkeit als
Mitglied der Geschäftsleitung/Personalchefin eine Arbeitsfähigkeit um 80 %, ab Oktober
2018. Wenn diese Angaben versicherungsmedizinisch ausgewertet würden, könne mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit medizinisch-theoretisch eine 80%ige Arbeitsfähigkeit
seit Oktober 2018 für die angestammte Tätigkeit dauernd angenommen werden. Betreffend
eine adaptierte Tätigkeit sei die Versicherte in einer solchen zu 100 % arbeitsfähig. Die
abweichende Einschätzung des behandelnden Psychiaters beruhe überwiegend wahr-
scheinlich auf der nachvollziehbaren Beobachtung, dass die finanziell bisher frustrane
berufliche Umorientierung zu einer erneuten hohen Belastung geführt habe, welche die
Symptomatik erneut exazerbiert habe. Auch bildeten sich in der Arbeitsunfähigkeit des
Psychiaters die nachvollziehbar erhöhten psychosozialen Belastungsfaktoren ab. Aus versi-
cherungsmedizinischer Sicht sei bei adaptierten Tätigkeiten sur Dossier keine wesentliche
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Einschränkung dokumentiert. Medizinisch-theoretisch sei eine Tätigkeit ohne zu grosses
Konfliktpotential sinnvoll, da sich die Grenzen der versicherten Person 2016 gezeigt hätten.
Die Tätigkeit sollte wenig Überstunden beinhalten, um ein erneutes „Ausbrennen“ zu ver-
meiden, und um eine altersgerechte Adaptation zu gewährleisten. Die Arbeit sollte regel-
mässig, ohne regelmässig hohen Termindruck, ohne Terminkonflikte durchführbar sein.
Eine erneute Überlastung mit Aufbrauchen der privaten Ressourcen sollte vermieden wer-
den (act. 8.2/79).
4. Im Folgenden ist zu prüfen, inwieweit zur Beurteilung des Rentenanspruchs auf die vorste-
hend zitierte RAD-Einschätzung abgestellt werden kann.
4.1
In einem ersten Schritt ist vorliegend auf das vom RAD erwähnte Gutachten einzugehen,
welches der Versicherung D. bei dessen Vertrauensärztin Dr. E., Psychiatrie und
Psychotherapie, Spez. Forensische Psychiatrie und Psychotherapie FMH, eingeholt hatte.
Die betreffende Expertise wurde am 9. Dezember 2017 erstattet, basierend auf einer zwei
Tage zuvor stattgehabten Untersuchung. Diagnostiziert wurde in dem Gutachten eine
mittelgradige depressive Episode, aktuell remittiert, im Rahmen einer rezidivierenden
depressiven Störung. Sodann führte die Gutachterin gestützt auf die Angaben des behan-
delnden Psychiaters Dr. C. aus, bei der Versicherten bestünden zusätzlich körperliche
Beschwerden in Form einer Kniearthrose (St. n. Operation), ein St. n. Niereninsuffizienz im
Rahmen einer febrilen hämorrhagischen Zystitis und ein unklarer Gewichtsverlust von 8 kg.
Die psychiatrische Diagnose wirke sich laut Dr. E. dahingehend aus, dass durch die aktuell
noch vorhandene depressive Restsymptomatik mit Konzentrationsstörungen und erhöhter
Ermüdbarkeit die Versicherte momentan noch nicht in der Lage sei, sich einen ganzen
Arbeitstag durchgängig auf Sachverhalte und Abläufe zu konzentrieren bzw. ihre
Aufmerksamkeit zu fokussieren und aufrechtzuerhalten, somit sei die Durchhaltefähigkeit
noch deutlich (mittelgradig) vermindert. Die Affektlabilität beeinträchtige derzeit noch die
Gruppen- und Selbstbehauptungsfähigkeit, ebenfalls im mittleren Ausmass.
Die Versicherte könne alle in der bisherigen (angestammten) Tätigkeit anfallenden Arbeiten
und alle vergleichbaren Tätigkeiten ausüben, zunächst mit 30 % Arbeitsfähigkeit, ab 1. April
2018 mit 50 % Arbeitsfähigkeit und ab ca. 1. Oktober 2018 mit 100 % Arbeitsfähigkeit
(act. 8.2/44, S. 2 ff.).
4.2
Seite 8
Der RAD hatte in seiner Stellungnahme vom 26. April 2019 wie erwähnt erklärt, die
Gutachterin Dr. E. erwarte ca. 2019 eine volle Arbeitsfähigkeit, wobei sie sich nicht
äussere, ob angestammt oder adaptiert. Dies ist insoweit zutreffend, als die Gutachterin
keine klare und detaillierte Differenzierung zwischen der Arbeitsfähigkeit in angestammter
und adaptierter Tätigkeit vorgenommen hat. Wie gesehen hatte Dr. B. aber vor allem auch
auf den Bericht von Dr. C. vom 28. März 2019 (act. 8.2/78, S. 1 ff.) Bezug genommen und
geurteilt, dass der behandelnde Psychiater die angestammte Arbeitsfähigkeit, d.h. eine
Tätigkeit als Personalchefin/Mitglied Geschäftsleitung, auf 80 % ab Oktober 2018
einschätze und die Arbeitsfähigkeit adaptiert auf 50 %. Im Folgenden ist zu prüfen,
inwieweit dies zutrifft. Dabei kann zunächst festgestellt werden, dass Dr. C. im fraglichen
Bericht in der Tat ausgeführt hatte, eine adaptierte Tätigkeit, zum Beispiel als selbständiger
Coach, sei bis zu 50 % möglich (Ziff. 2.7). Was die angestammte Tätigkeit betrifft, wurde in
Ziff. 1.3 des Berichts bezüglich des Verlaufs der bisher attestierten Arbeitsunfähigkeit
festgehalten „zuletzt AU 20 % attestiert bis 31.10.2018; seit dem keine mehr verlangt“.
Diese Aussage lässt sich nicht durch echtzeitliche Angaben untermauern, denn wohl liegen
einige der von Dr. C. ausgestellten Arztzeugnisse bei den Akten, das letzte bzw. zeitlich
neuste datiert jedoch vom 23. Januar 2018, wo für den Zeitraum 1. bis 28. Februar 2018
eine Arbeitsunfähigkeit von 60 % bescheinigt wurde (act. 44/16). Soweit nun Dr. B.
anscheinend gestützt auf die zitierte Angabe in Ziffer 1.3 eine 80%ige Arbeitsfähigkeit
ableitete, erscheint dies jedenfalls nicht haltbar. Es sei diesbezüglich auf die erwähnte Ziffer
2.7 in dem Therapeutenbericht hingewiesen, wo vom behandelnden Psychiater
unmissverständlich ausgeführt wurde, dass die Patientin die Arbeit in einer leitenden
Position nicht mehr aufnehmen könne (act. 8.2/78). Letztere Aussage von Dr. C. wurde von
Dr. B. nicht berücksichtigt bzw. gleichsam übergangen, was unverständlich ist, zumal sich
die RAD-Ärztin mit der betreffenden Ziffer 2.7 eigentlich auseinandergesetzt zu haben
scheint, denn die Einschätzung von Dr. C. betreffend eine Arbeitsfähigkeit adaptiert von 50
% hatte sie ja korrekt wiedergegeben. Weiter hinten im Bericht unter Ziff. 4 („Potential für
die Eingliederung“), wo der Therapeut gehalten ist, sich zur Zumutbarkeit der
angestammten und einer angepassten Tätigkeit zu äussern, hatte Dr. C. zur bisherigen
Arbeit keine Angaben gemacht, hingegen unter den ersten beiden Ziffern (4.1 und 4.2)
jeweils geschrieben, dass eine adaptierte Tätigkeit 3 - 4 Stunden am Tag zumutbar sei. Im
Rahmen von Ziff. 4.3 („Prognose“) wurde vom Therapeuten dann noch festgehalten, dass
die Prognose schwer einzuschätzen sei, in leitender Position schlecht, in adaptierter
Tätigkeit trotz bisherigen Bemühungen frustrierend. Von RAD-Seite ist nun wiederum fest-
stellen, dass in der Stellungnahme vom 26. April 2019 nirgends eine Würdigung der Anga-
ben von Dr. C. zum Eingliederungspotential erfolgte. Auch dies ist letztlich nicht haltbar. Es
lässt sich insgesamt der Verdacht nicht ausräumen, dass von der RAD-Ärztin relevante
Aussagen von Dr. C. zur Arbeitsfähigkeit bewusst aussen vor gelassen wurden. Im Übrigen
Seite 9
ist ja auch festzustellen, dass Dr. C. Einschränkungen bezüglich der Arbeitsfähigkeit in der
ursprünglichen Tätigkeit nicht erst mit seinem Bericht vom 28. März 2019 angab, sondern
es hatte jener bereits bei früherer Gelegenheit das Wiedererlangen der Arbeitsfähigkeit im
ursprünglichen Umfang in einer grossen Firma in Frage gestellt (vgl. Bericht vom 16. Mai
2017; act. 8.2/44, S. 11). Vom bisher Gesagten abgesehen weist die RAD-Stellungnahme
vom 26. April 2019 aber auch schon in sich Ungereimtheiten auf. Wenn nämlich schon eine
leitende Position bzw. Tätigkeit als Mitglied einer Geschäftsleitung – also die angestammte
Arbeit – zu 80 % zumutbar sein soll, ist es schwer nachzuvollziehen, dass beim
Zumutbarkeitsprofil geschrieben wurde, es solle sich um Tätigkeiten ohne zu grosses
Konfliktpotential bzw. mit wenigen Überstunden oder ohne hohen regelmässigen Termin-
druck handeln. In diesem Zusammenhang fragt es sich ohnehin, ob eine solch weitgehende
Arbeitsfähigkeit, wie sie von Dr. E. und Dr. B. per Oktober 2018 attestiert wurde, als
plausibel betrachtet werden kann. Diesbezüglich ist vor allem darauf hinzuweisen, dass die
vormals zuständige RAD-Ärztin Dr. F. in einer Stellungnahme vom 16. April 2018 einen
differenzierten Standpunkt eingenommen hatte. Dr. F. hatte zwar die Auffassung der
Gutachterin Dr. E. insoweit gestützt, als sie deren Einschätzung der Arbeits-fähigkeit
betreffend eine unselbständige oder selbständige Tätigkeit als HR-Spezialistin übernahm.
Hingegen war die RAD-Ärztin damals der Ansicht, eine Leitungsfunktion als Mitglied der
Geschäftsleistung sei nicht mehr möglich (act. 8.2/54). Es erscheint fragwürdig, dass
seitens Dr. E. nicht ebenfalls eine entsprechende Differenzierung erfolgte, ist doch im Sinne
der Auffassung von Dr. F. festzuhalten, dass eine Geschäftsleitungs-funktion – zumal wenn
in einem grösseren Unternehmen ausgeübt, wie dies bei der Versicherten der Fall war –
höhere persönliche und fachliche Anforderungen voraussetzt als eine (reine) Tätigkeit als
HR-Spezialistin, sei es nun, dass eine solche unselbständig oder selbständig
wahrgenommen wird. In diesem Sinne dient es im Übrigen der Klärung der Frage der
Arbeitsfähigkeit angestammt nicht, wenn die IV-Stelle darauf hinweist, die
Beschwerdeführerin biete gemäss bestimmten Einträgen im Internet bzw. im Handels-
register als Einzelunternehmerin Dienstleistungen im Bereich der Verhaltensentwicklung,
Kommunikation etc. an. Gemäss diesen Ausführungen liegt damit schliesslich auch ein
erheblicher Widerspruch zwischen den Einschätzungen der beiden RAD-Ärztinnen Dr. B.
und Dr. F. betreffend die Arbeitsfähigkeit im bisherigen Tätigkeitsbereich vor. Unter diesen
Umständen wäre sicherlich eine Auseinandersetzung von Dr. B. mit den Angaben von Dr.
F. zu erwarten gewesen, bzw. eine Stellungnahme dazu, weshalb die frühere RAD-
Beurteilung keine Gültigkeit (mehr) habe. An einer solchen Auseinandersetzung fehlt es
aber offensichtlich gänzlich. Im Ergebnis erfüllt die Stellungnahme der RAD-Ärztin Dr. B.
vom 26. April 2019 die Anforderungen einer zuverlässigen medizinischen
Beurteilungsgrundlage nicht. Es sind neue Abklärungen angezeigt.
Seite 10
4.3
Die Beschwerdeinstanz hat gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung in der Regel ein
Gerichtsgutachten einzuholen, wenn sie im Rahmen der Beweiswürdigung zum Schluss
kommt, ein bereits erhobener medizinischer Sachverhalt müsse (insgesamt oder in wesent-
lichen Teilen) noch gutachterlich geklärt werden oder eine Administrativexpertise sei in
einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig. Eine Rückweisung an die IV-Stelle
bleibt hingegen möglich, wenn es darum geht, zu einer bisher vollständig ungeklärten
Frage ein Gutachten einzuholen. Ebenso steht es dem Versicherungsgericht frei, eine
Sache zurückzuweisen, wenn allein eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von
gutachterlichen Ausführungen erforderlich ist (BGE 139 V 99 E. 1.1 S. 100; 137 V 210
E. 4.4.1.4 S. 264; Urteil des Bundesgerichts 8C_580/2017 vom 9. Februar 2018 E. 3.1).
Vorliegend ist im Sinne obiger Erwägungen (E. 4.2) festzustellen, dass die RAD-
Stellungnahme vom 26. April 2019 aus versicherungsrechtlicher Sicht erhebliche Mängel
aufweist. Die zuständige versicherungsinterne Ärztin Dr. B. hatte ihre Beurteilung wie
gesehen aus den Angaben des Gutachtens von Dr. E. sowie des aktuellsten Berichts des
behandelnden Psychiaters Dr. C. hergeleitet. Einerseits entsprach nun aber die
Feststellung, die Dr. B. in Bezug auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. C. traf,
offensichtlich nicht den Tatsachen. Andererseits war es im Sinne obiger Erwägungen auch
kaum angängig, auf die Angaben im Gutachten von Dr. E. abzustellen. In diesem Zusam-
menhang sei noch erwähnt, dass zwischen dem Zeitpunkt der Begutachtung durch Dr. E.
und jenem der angefochtenen Verfügung mehr als zwei Jahre lagen, was einem langen
Zeitraum entspricht, womit die Beweiskraft der vom Krankenversicherer in Auftrag
gegebenen Expertise auch unter diesem Gesichtspunkt in Frage gestellt scheint. Mit Blick
auf die Ungereimtheiten, die sich damals im medizinischen Dossier präsentierten, konnte
es jedenfalls nicht angehen, dass die IV-Stelle gleichwohl zum Verfügungserlass schritt. Es
ist dies als eine unzureichende Wahrnehmung der Abklärungspflicht gemäss Art. 43 Abs. 1
ATSG zu qualifizieren. Aufgrund der Unklarheiten im medizinischen Sachverhalt hat im
Sinne der vorstehend zitierten Rechtsprechung keine Gerichtsbe-gutachtung zu erfolgen,
sondern die Angelegenheit ist zur weiteren Abklärung und anschliessenden neuen Verfü-
gung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Dies führt letztlich zur teilweisen Gutheissung der
Beschwerde.
Seite 11
5. 5.1
Nach Art. 69 Abs. 1 bis
IVG sind Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung
oder Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung kostenpflichtig. Dem Verfah-
rensausgang entsprechend sind vorliegend keine Kosten zu erheben, da die Rückweisung
der Sache zu erneuter Abklärung für die Frage der Auferlegung der Gerichtskosten als
vollständiges Obsiegen gilt (vgl. z.B. BGE 141 V 281 E. 11.1) und der IV-Stelle in
Anwendung von Art. 22 Abs. 1 VRPG keine Gerichtskosten auferlegt werden.
5.2
Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei Anspruch auf
Ersatz der Parteikosten. Wird eine Sache zur weiteren Abklärung an die Vorinstanz zurück-
gewiesen, stellt dies für die versicherte Person ein vollständiges Obsiegen dar (BGE 132 V
215 E. 6.1 S. 235). In diesem Sinne hat die Vorinstanz der Beschwerdeführerin eine
Parteientschädigung auszurichten. Letztere ist vom Versicherungsgericht festzusetzen,
wobei die Bemessung ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsa-
che sowie nach der Schwierigkeit des Prozesses erfolgt (Art. 61 lit. g ATSG). Im Übrigen ist
die Bemessung der Parteientschädigung dem kantonalen Recht überlassen (Urteil des
Bundesgerichts 8C_11/2016 vom 22. Februar 2016 E. 3.1). In Sozialversicherungsverfah-
ren vor Obergericht ist das anwaltliche Honorar pauschal zu bemessen (Art. 13 Abs. 1 lit. c
der Verordnung über den Anwaltstarif vom 14. März 1995 [AT; bGS 145.53]). Vorliegend
handelt es sich um einen durchschnittlich leichten Fall. Unter diesen Umständen ist für die
Bemessung des Honorars als Grundlage der Parteientschädigung grundsätzlich von einem
Betrag von Fr. 2‘500.-- auszugehen, wie er vom Obergericht für vergleichbare Fälle
gewährt wird. Zufolge der Tatsache, dass die Beschwerdeführerin ihren Rechtsvertreter
AA. erst für die Replik beizog, reduziert sich diese Summe auf Fr. 1'700.--. Hinzu kommen
die Barauslagen von 4 % sowie die Mehrwertsteuer von 7.7 %, so dass insgesamt eine
Parteientschädigung von Fr. 1‘904.15 resultiert.
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