Decision ID: 79cb6f83-c602-5c7a-9c4c-ec7f30f1f228
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) meldete sich am 26. Januar 2017 erneut bei der
Invalidenversicherung (IV-Stelle) zum Leistungsbezug an (IV-act. 46). Die Versicherte
war vom 1. Januar 2001 bis zum 30. April 2015 als Mitarbeiterin (Maschinenbedienerin
Ablängerei) im B._ bis zum 31. Juli 2004 zu 100 % und ab 1. August 2004 im 50 %-
Pensum angestellt gewesen (Angaben Arbeitgeberin vom 14. März 2017, IV-act. 63).
Am 17. Januar 2014 hatte sie sich aufgrund eines infiltrativen Adenokarzinoms der
Zervix einer radikalen Hysterektomie unterziehen müssen (Operationsbericht
Frauenklinik des Kantonsspitals St. Gallen [KSSG], IV-act. 17-3 ff.; Austrittsbericht vom
3. Februar 2014, IV-act. 17-1 ff.). Ein erstes Gesuch vom 20. September 2014 (IV-
act. 7) war gestützt auf einen Konsiliarbericht von Dr. med. C._, FMH Innere Medizin,
speziell Rheumatologie, vom 19. Januar 2015 (Fremdakten, act. 6-2 ff.) und ein
psychiatrisches Gutachten von Dr. med. D._, Psychiatrie und Psychotherapie,
Polydisziplinäre medizinische Abklärungen (PMEDA) vom 3. Februar 2015 (Fremdakten,
act. 6-7 ff.), beide zuhanden des Krankentaggeldversicherers, mit unangefochten
gebliebener Verfügung vom 20. Juli 2015 (IV-act. 42) abgewiesen worden.
A.a.
RAD-Arzt Dr. med. E._, Psychiatrie und Psychotherapie, nahm am 6. Februar
2017 Stellung, aus den eingereichten Berichten zu einer vom 14. bis 23. März 2016
durchgeführten multimodalen Schmerztherapie (Austrittsbericht Klinik für
Rheumatologie KSSG vom 30. März 2016, IV-act. 48) sowie von Dr. med. F._, FMH
Psychiatrie und Psychotherapie, vom 10. Januar 2017 (IV-act. 47) ergebe sich keine
wesentliche Veränderung des Gesundheitszustandes im Vergleich zum
Referenzzeitpunkt (IV-act. 53). Daraufhin stellte die IV-Stelle der Versicherten mit
A.b.
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Vorbescheid vom 6. Februar 2017 in Aussicht, auf das neue Gesuch nicht einzutreten
(IV-act. 56).
Gegen diesen Vorbescheid erhob die Versicherte am 22. Februar 2017 Einwand
(IV-act. 57) und reichte am 29. März 2017 einen Bericht der Klinik für Rheumatologie
KSSG vom 16. März 2017 (IV-act. 65) sowie Arztberichte von PD Dr. med. G._,
Dermatologie und Venerologie, vom 31. Januar 2017 (IV-act. 66-2) und vom 23. März
2017 (IV-act. 66-1) ein, wonach Diagnosen gestellt worden seien - namentlich eine
Nickel- und Kobaltallergie -, die bis anhin noch nicht berücksichtigt worden seien (IV-
act. 64). In Würdigung weiterer Berichte von Dr. F._ vom 28. Oktober 2017 (IV-
act. 87) und der Klinik für Angiologie KSSG vom 7. November 2017 (IV-act. 86) nahm
RAD-Ärztin Dr. med. H._, Praktische Ärztin, am 15. Februar 2018 Stellung, gemäss
telefonischer Auskunft von Dr. I._, Allgemeine Innere Medizin FMH, seien weder
klinisch noch angiologisch irgendwelche Auffälligkeiten an Armen und Händen
feststellbar. In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit liege aufgrund des chronischen,
toxisch-irritativen Handekzems keine Arbeitsfähigkeit mehr vor. In einer adaptierten
körperlich leichten und wechselbelastenden Tätigkeit ohne Zwangshaltungen der
Wirbelsäule bestehe eine ganztägige Arbeitsfähigkeit. Der psychische
Gesundheitszustand habe sich nach versicherungspsychiatrischer Beurteilung vom
6. Februar 2017 nicht verändert. Hinweise auf neue medizinische Aspekte oder eine
Intensivierung der Therapie lägen nicht vor (IV-act. 84). Gestützt darauf kündigte die IV-
Stelle der Versicherten mit Vorbescheid vom 21. Februar 2018 die vorgesehene
Abweisung des Leistungsbegehrens hinsichtlich beruflicher Massnahmen und Rente
an. Die Versicherte sei in einer adaptierten Tätigkeit voll arbeitsfähig. Eine
Einschränkung bei der Stellensuche bestehe nicht (IV-act. 90). Mit Einwand vom
5. April 2018 legte die Versicherte einen Bericht von Dr. F._ vom 22. März 2018 (IV-
act. 93-3 ff.) ins Recht, wonach die Kriterien einer posttraumatischen
Belastungsstörung (PTBS) erfüllt seien (IV-act. 93-1 ff.). Diesem waren medizinische
und polizeiliche Berichte betreffend Vorfälle häuslicher Gewalt in den Jahren 1998 und
2003 beigelegt (IV-act. 93-6 ff.).
A.c.
Im Auftrag der IV-Stelle wurde die Versicherte durch das Medizinisches Zentrum
Römerhof (MZR) polydisziplinär begutachtet (Gutachten vom 31. Oktober 2018;
Dr. med. J._, Allgemeine Innere Medizin; Dr. med. K._, Psychiatrie und
A.d.
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Psychotherapie; Dr. med. L._, Orthopädische Chirurgie, Schwerpunkt Rheumatologie
[D; Rheumatologie sowie orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates], Dr. sc. hum. dipl. psych. M._, Neuropsychologie;
Untersuchungen 20. Juni sowie 3., 4. und 24. Juli 2018; IV-act. 113). Die Gutachter
beschrieben Inkonsistenzen und ein theatralisch anmutendes Verhalten der
Versicherten (IV-act. 113-4 f.; IV-act. 113-7 ff.). Sie kamen zum Schluss, aus
internistischer und orthopädisch-traumatologischer Sicht bestünden keine funktionellen
Einschränkungen (IV-act. 113-6). Die neuropsychologische Symptomvalidierung habe
auf ein aggravierendes Verhalten hingewiesen, weshalb nicht beurteilt werden könne,
ob hier funktionelle Einschränkungen bestünden (IV-act. 113-6). Aus psychiatrischer
Sicht sei aufgrund zahlreicher Diskrepanzen hinsichtlich einer PTBS lediglich eine
Verdachtsdiagnose möglich. Aktuell sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit von
einer depressiven Episode, gegenwärtig remittiert (ICD-10: F32.4) auszugehen. Zudem
bestehe eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
(IV-act. 113-5). Die psychischen Leiden seien als leicht zu beurteilen, so dass sie keine
funktionellen Einschränkungen bewirkten (IV-act. 113-7). Die Versicherte sei - unter
Vorbehalt von Tätigkeiten mit Gefährdungspotential, da kognitive Störungen nicht
ausgeschlossen werden könnten - vollumfänglich arbeitsfähig (IV-act. 113-9 f.).
Nach Einholung einer Stellungnahme von RAD-Ärztin Dr. H._ vom 13. November
2018 (IV-act. 114) gewährte die IV-Stelle der Versicherten mit Vorbescheid vom
gleichen Tag erneut das rechtliche Gehör zur vorgesehenen Abweisung des
Leistungsbegehrens hinsichtlich beruflicher Massnahmen und Rente (IV-act. 117).
Gestützt auf einen weiteren Bericht von Dr. F._ vom 28. November 2018 (IV-
act. 122-5 ff.) erhob die Versicherte am 7. Dezember 2018 Einwand und machte
geltend, die Diagnosekriterien einer PTBS seien erfüllt und diese wirke sich auf die
Arbeitsfähigkeit aus, weshalb diesbezüglich weitere medizinische Abklärungen zu
tätigen seien. Die im psychiatrischen Gutachten angeführten Diskrepanzen bestünden
nur vermeintlich. Im psychiatrischen Gutachten fänden sich erhebliche
Ungenauigkeiten und die Feststellungen der behandelnden Psychiaterin seien
unberücksichtigt geblieben (IV-act. 122-1 ff.).
A.e.
Der Einwand wurde der Gutachterstelle zur Stellungnahme unterbreitet (IV-
act. 124), worauf diese am 30. Januar 2019 im Wesentlichen äusserte, der Bericht von
A.f.
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B.
Dr. F._ vom 28. März 2018 sei im Gutachten eingehend gewürdigt worden (IV-
act. 125). RAD-Ärztin Dr. H._ nahm am 12. Februar 2019 abschliessend Stellung, an
der RAD-Stellungnahme vom 13. November 2018, basierend auf dem Gutachten vom
31. Oktober 2018, könne festgehalten werden (IV-act. 126).
Mit Verfügung vom 13. Februar 2019 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren in
Bezug auf berufliche Massnahmen und Rente ab. Mit dem Einwand vom 7. Dezember
2018 würden keine entscheidrelevanten Fakten geltend gemacht. Der medizinische
Sachverhalt sei mit dem Gutachten umfassend abgeklärt und die Einschätzung der
behandelnden Psychiaterin hinreichend berücksichtigt worden. Aus
versicherungsmedizinischer Sicht bestehe eine volle Arbeitsfähigkeit für eine körperlich
leichte und wechselbelastende Tätigkeit ohne Zwangshaltungen der Wirbelsäule. Es
bestehe somit kein Anspruch auf berufliche Massnahmen und Rentenleistungen (IV-
act. 128).
A.g.
Mit Beschwerde vom 18. März 2019 beantragt A._, vertreten durch
Rechtsanwältin MLaw S. Appert, die Verfügung vom 13. Februar 2019 sei unter
Kosten- und Entschädigungsfolge aufzuheben und es sei ihr eine ganze Invalidenrente
zuzusprechen. Eventualiter sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, weitere
fachärztliche medizinische Abklärungen vorzunehmen; subeventualiter seien ihr
mindestens eine halbe Rente zuzusprechen und berufliche Massnahmen anzuordnen.
In prozessualer Hinsicht beantragt sie die Sistierung des Verfahrens bis zum Vorliegen
des Berichts über eine fachärztliche Untersuchung in der Klinik N._. Die
Beschwerdegegnerin sei in der angefochtenen Verfügung inhaltlich nicht auf ihre
Einwände vom 7. Dezember 2018 eingegangen. Ihr Verhalten anlässlich der
polydisziplinären Begutachtung sei durch ihre psychiatrischen Erkrankungen geprägt
gewesen, die sich auf sämtliche Teilgutachten auswirkten und entsprechend zu
würdigen seien. Die trotz der zahlreichen Diagnosen attestierte Arbeitsfähigkeit von
100 % sei nicht nachvollziehbar. Es werde verkannt, dass ihr die bisherige Tätigkeit
aufgrund eines toxisch-irritativen Handekzems nicht mehr zumutbar sei. Das Resultat
der neuropsychologischen Testung sei nicht auf Aggravation, sondern auf mangelndes
Sprachverständnis und fehlenden Umgang mit Computern zurückzuführen; auch habe
B.a.
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sie fehlerfreie Testergebnisse erzielt. Es lägen erhebliche neuropsychologische
Einschränkungen vor, was selbst von den Gutachtern nicht ausgeschlossen worden
sei. Die psychiatrischen Diagnosen könnten nicht als leicht beeinträchtigend beurteilt
werden. Gemäss ihrer behandelnden Psychiaterin Dr. F._ leide sie unter einer
komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (Überweisungsschreiben vom
12. März 2019, act. G 1.3) und sei zu 100 % arbeitsunfähig (Schreiben vom 13. März
2019, act. G 1.4). Es seien eine neuropsychologische und eine psychiatrische
Untersuchung hinsichtlich der posttraumatischen Belastungsstörung vorgesehen
(act. G 1).
Die Beschwerdegegnerin schliesst sich am 13. Mai 2019 dem Sistierungsantrag
der Beschwerdeführerin an (act. G 4).
B.b.
Am 14. Mai 2019 reicht die Beschwerdeführerin dem Versicherungsgericht einen
Bericht vom 9. Mai 2019 über das Indikationsgespräch in der Klinik N._ ein, wonach
eine relative Indikation für eine Traumatherapie bestehe (act. G 6 und act. G 6.1). Die
Präsidentin sistiert am 20. Mai 2019 das Verfahren (act. G 7).
B.c.
Die Beschwerdeführerin reicht am 31. Mai 2019 dem Versicherungsgericht einen
Bericht vom 7. Mai 2019 über eine testpsychologische Untersuchung durch die
Psychodiagnostik der Psychiatrie O._ (act. G 8.1) sowie einen Bericht der
behandelnden Psychiaterin Dr. F._ vom 29. Mai 2019 (act. G 8.2) ein, wonach sie
Computerarbeiten meide (act. G 8). Am 24. Juli 2019 legt sie den Bericht der Klinik
N._ vom 17. Juli 2019 über die stationäre Therapie in der Traumatherapiestation vom
4. Juni bis 2. Juli 2019 (act. G 10.1) ins Recht und beantragt die Aufhebung der
Sistierung und die Gutheissung der Beschwerdeanträge (act. G 10). Die Präsidentin
hebt die Sistierung am 6. August 2019 auf (act. G 11).
B.d.
Mit Beschwerdeantwort vom 27. September 2019 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Behandelnde Ärztinnen und
Ärzte würden im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen
mitunter eher zugunsten ihrer Patienten aussagen. Da die psychiatrische Gutachterin
bezüglich der Diagnose einer PTBS mehrere Diskrepanzen erkannt habe, welche diese
bei objektiver Betrachtung nicht als gesichert erscheinen lassen würden, habe sie
B.e.
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nachvollziehbar bloss eine entsprechende Verdachtsdiagnose anerkannt. Ob die
diagnostischen Kriterien vollumfänglich oder bloss im Sinne einer Verdachtsdiagnose
erfüllt seien, sei letztlich nicht entscheidend. Massgebend seien vielmehr die konkreten
funktionellen Auswirkungen auf das Leistungsvermögen. Die psychiatrische
Gutachterin sei in Berücksichtigung des strukturierten Beweisverfahrens
nachvollziehbar zum Ergebnis gelangt, dass die Beschwerdeführerin aus
psychiatrischer Sicht in ihrer Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt sei. Die
psychiatrische Begutachtung sei lege artis erfolgt und trage unausweichlich
Ermessenszüge. Die abweichende Beurteilung der behandelnden Psychiaterin
begründe keine Zweifel am psychiatrischen Teilgutachten. Der Bericht der Klinik N._
vom 17. Juli 2019 sei durch zwei Psychologinnen ohne Kenntnis der Vorakten verfasst
worden. Der Bericht vom 7. Mai 2019 betreffend die testpsychologische Untersuchung
vom 1. Mai 2019 stelle das lege artis erstellte neuropsychologische Gutachten nicht in
Frage. Der behandelnde Dermatologe habe am 23. März 2017 berichtet, aktuell gebe
es bezüglich der Hände wenig Probleme. Deshalb habe kein Anlass zu einer
dermatologischen Begutachtung bestanden. Ohnehin sei für die Beurteilung des
Rentenanspruchs die 100%ige Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Verweistätigkeit
massgebend (act. G 14).
Mit Replik vom 24. Dezember 2019 macht die neu durch Rechtsanwalt MLaw M.
Strehler vertretene Beschwerdeführerin geltend, entgegen der Ansicht der
Beschwerdegegnerin hätten die Gutachter die Arbeitsfähigkeit anders beurteilt, als sie
dies unter Annahme einer vorliegenden PTBS getan hätten. Dem Austrittsbericht der
Klinik N._ vom 17. Juli 2019 sei zu entnehmen, dass sie teilweise körperlich oder auf
Grund von traumatischen Erlebnissen von den Therapieprogrammen überfordert
gewesen sei. Im mit Replik eingereichten Bericht der Klinik N._ vom 17. Dezember
2019 über ein Indikationsgespräch bezüglich einer zweiten Phase einer Traumatherapie
(act. G 20.1) werde die Diagnose bestätigt (act. G 20).
B.f.
Mit Duplik vom 10. Januar 2020 trägt die Beschwerdegegnerin vor, es würden im
Bericht der Klinik N._ vom 17. Dezember 2019 keine wichtigen Aspekte genannt, die
im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben seien, denn die
Diagnose einer PTBS sei schon von Dr. F._ gestellt worden, von deren Berichten die
Gutachterstelle Kenntnis gehabt habe (act. G 22).
B.g.
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Erwägungen
1.
Die Beschwerdegegnerin hat eine erhebliche Änderung des Invaliditätsgrad gemäss
Art. 87 Abs. 2 und 3 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201)
als glaubhaft gemacht erachtet, indem sie auf das Gesuch vom 26. Januar 2017 (IV-
act. 46) eingetreten ist und schliesslich eine Begutachtung angeordnet hat. Da ein
Rentenanspruch mit rechtskräftig gewordener Verfügung vom 20. Juli 2015
abgewiesen worden war (IV-act. 42), besteht ein allfälliger Rentenanspruch aufgrund
der Neuanmeldung frühestens ab 1. Juli 2017 (Art. 29 Abs. 1 und 3 des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]; BGE 142 V 550 f.
E. 3.1 f.; Urteil des Bundesgerichts vom 18. Februar 2016, 9C_942/2015, E. 3.3.3).
2.
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.1.
Ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden setzt eine auf
objektivierten Beschwerden beruhende fachärztlich gestellte Diagnose nach einem
wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 130 V 396 E. 5.3 und
E. 6, BGE 141 V 289 E. 3.2; Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016,
8C_1/2016, E. 4.3). Erforderlich ist zudem, dass die geltend gemachten Beschwerden
objektiviert werden können und sich auf die Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit auswirken
(vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 30. November 2017, 8C_350/2017, E. 5.4, und
vom 27. März 2015, 8C_673/2014, E. 5.1.1; BGE 143 V 427 E. 6). Für somatisch
unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und gleichgestellte
Diagnosen) sowie psychische Erkrankungen wie namentlich Depressionen ist der
Beweis nach dem strukturierten Verfahren mittels Indikatoren zu führen (vgl. dazu BGE
141 V 281 und BGE 143 V 428, E. 7.1). Der Beweis für eine lang andauernde und
2.2.
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erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als geleistet
betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen
einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen
Lebensbereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143
V 427, E. 6).
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen; BGE 141 V 14 E. 6.3.1). Im Sinne einer Richtlinie
ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen
Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft
zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/bb).
2.3.
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz. Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a). Im Sozialversicherungsrecht hat
das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht,
nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V
360 E. 5b; BGE 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen).
2.4.
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3.
Zu prüfen ist die Beweistauglichkeit des Gutachtens des MZR vom 31. Oktober
2018 (IV-act. 113). Dabei ist vor allem das psychiatrische Teilgutachten umstritten.
3.1.
Die Beschwerdeführerin schilderte den Gutachtern, 1996 sei sie, im sechsten
Monat schwanger, von ihrem Ehemann verprügelt worden. Nachdem sie im Jahre 2003
von ihrem Ehemann erneut geschlagen und mit dem Tod bedroht worden sei, sei die
Trennung erfolgt. Die Morddrohungen kämen ihr immer wieder hoch. Seit 2006 sei sie
in psychiatrischer Behandlung, werde wegen chronischer Kopfschmerzen, die auf
Tätlichkeiten ihres Ehemannes zurückgingen, abgeklärt und habe als alleinerziehende
Mutter in einer 50 %-Anstellung als Maschinenbedienerin funktioniert. Die
Krebsdiagnose Ende 2013 habe sie in eine Depression gestürzt und zu einem
Wiederaufflammen des seit Kindheit bekannten Asthmas geführt. Seither fühle sie sich
enorm müde und erschöpft. Neu seien Magen- und Gallensteinbeschwerden,
Rückenbeschwerden und eine chronische Verstopfung hinzugekommen. Sie fühle sich
aufgrund von Konzentrationsstörungen, Kraftlosigkeit und Nervosität in ihrer
Lebensqualität stark eingeschränkt (IV-act. 113-25, 29). Sie habe Probleme mit den
Fingermittelgelenken beider Hände, Schmerzen vom Nacken bis zum Gesäss, in
beiden Kniegelenken, beiden Vorder- und Mittelfüssen, Fersen, beiden Schultern und
an beiden Unterarminnenseiten. Die Rückenschmerzen strahlten in den Kopf, in beide
Schultern und in beide Beine bis in die Zehen aus. Betroffen sei die rechte Körperseite,
in letzter Zeit aber auch die linke. Sie hätten im Verlauf zugenommen. Die ständigen
Schmerzen in den Schultern, an den Unterarminnenseiten bestünden seit 15, in den
Füssen seit zehn und in den Knien seit drei Jahren. Weiter berichtet sie über
Gefühllosigkeit des Oberkörpers und komplette Taubheit der Hände bis auf die
Daumen (IV-act. 113-40 ff., 58, 73). Seit zwei Jahren leide sie an Gelenksschmerzen,
Intensität 7 von 10 auf der visuellen analogen Schmerzskala (VAS; IV-act. 113-25, 29).
Weiter leide sie an Schlafstörungen mit Albträumen (IV-act. 58, 72) sowie Schwäche-
bzw. Schwindelanfällen, aufgrund derer sie zwei- bis dreimal wöchentlich hinfalle (IV-
act. 113-70).
3.2.
Aus internistischer Sicht konnte das berichtete seit Kindheit bestehende Asthma
nicht objektiviert werden, da trotz mehrmaliger Instruktion die kleine
Lungenfunktionsprüfung nicht möglich gewesen sei (IV-act. 113-34 f.). Es liessen sich
internistisch keine funktionellen Einschränkungen begründen (IV-act. 113-36). Die
orthopädische Gutachterin liess Röntgenbilder beider Handgelenke/Hände,
Sprunggelenke, der Halswirbelsäule, der Schultergelenke, der Brust- und
Lendenwirbelsäule, des Beckens sowie der Kniegelenke und Füsse anfertigen. Diese
3.3.
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zeigten unter anderem eine vermehrte Kyphosierung der Brustwirbelsäule mit ventraler
und lateraler Syndesmophytenbildung im mittleren BWS-Bereich (etwa BWK 5 bis 10),
degenerative Veränderungen der Facettengelenke LWK 5/SWK 1 beidseits, ein gering
verschmälerter kranialer Gelenkspalt des linken Hüftgelenkes und einen geringgradig
verminderten medialen und lateralen Gelenkspalt im linken stärker als im rechten Knie
(IV-act. 113-48 ff.). Sie diagnostizierte unter anderem ein pseudoradikuläres
Lumbalsyndrom beidseits bei Facettengelenksarthrose LWK 5/SWK 1 beidseits, ein
Zerviko-Thorakalsyndrom ohne behinderungsrelevantes Korrelat und eine initiale
Gonarthrose beidseits und Coxarthrose links (IV-act. 113-51). Die Diagnose einer
Fibromyalgie könne nicht bestätigt werden, da die Versicherte an einem
pseudoradikulären Lumbalsyndrom beidseits bei Facettengelenksarthrose LWK 5/
SWK 1 beidseits, einem Zerviko-Thorakal-Syndrom, einer initialen Gonarthrose
beidseits und einer Coxarthrose links leide (IV-act. 113-54). Die ubiquitären
Druckschmerz- und Schmerzangaben der Wirbelsäule liessen sich mit den
altersentsprechenden radiologischen Befunden vom 20. Juni 2018 nicht erklären.
Hinweise auf eine Reizung zervikaler, thorakaler oder lumbaler Nervenwurzeln hätten
nicht bestanden. Die degenerativen Veränderungen der Facettengelenke LWK 5/SWK 1
beidseits erklärten gelegentliche belastungsabhängige Rückenschmerzen, bedingten
jedoch keine relevanten Funktionseinschränkungen (IV-act. 113-51). Die angegebenen
Beschwerden im Bereich der Hände und Füsse und die als vermindert demonstrierte
Kraftentfaltung beider Hände seien aus orthopädisch-traumatologischer Sicht nicht
nachvollziehbar (IV-act. 113-52). Die initialen degenerativen Veränderungen der
Kniegelenke und des linken Hüftgelenkes hätten keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
(IV-act. 113-52). Die orthopädische Expertin führte aus, während der Untersuchung sei
die Beschwerdeführerin zweimal in theatralisch anmutender Weise auf den Fussboden
gesunken, sie habe gestöhnt, die Lendenwirbelsäule verrenkt und bei der
Rückwärtsbewegung der Arme erheblich gegengespannt und geschluchzt. Die
Beweglichkeit der Hals- und Lendenwirbelsäule und der so genannte Schürzengriff
seien spontan uneingeschränkter gewesen als in der Untersuchung (IV-act. 113-44 ff.,
51). Sämtliche Waddell-Zeichen als Hinweis auf eine nichtorganische Pathologie seien
positiv gewesen. Es bestünden massive Verdeutlichungstendenzen und der Verdacht
auf ein Aggravationsverhalten (IV-act. 113-51).
Die neuropsychologische Gutachterin führte aus, beide Teile des
Symptomvalidierungstests hätten Werte ergeben, die extrem weit unter denen lagen,
die bei motivierter Mitarbeit zu erreichen seien. Es habe ein aggravierendes Verhalten
beobachtet werden können (IV-act. 113-61). Die Testergebnisse waren im Einzelnen
mehrheitlich unterdurchschnittlich bis weit unterdurchschnittlich (vgl. IV-act. 113-61 f.).
3.4.
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Es sei höchst wahrscheinlich, dass die Versicherte beim Symptomvalidierungstest
aggravierte Reaktionen gezeigt habe. Die eklatanten mnestischen Funktionsverluste
hätten nicht dem im Gespräch gewonnenen Eindruck entsprochen. Es seien
Inkonsistenzen bei der Bearbeitung unterschiedlicher Tests aufgefallen. Die
verlangsamten Reaktionszeiten hätten eine Variabilität aufgewiesen, die
neuropsychologisch nicht erklärbar sei (IV-act. 113-65). Inwieweit bessere Ergebnisse
möglich gewesen wären, könne wegen der Aggravation nicht beurteilt werden. Daher
könnten die Ergebnisse der Tests nicht inhaltlich ausgewertet und allfällige tatsächliche
und spezifische Defizite differenzialdiagnostisch nicht festgestellt werden (IV-
act. 113-66). Diese Beurteilung wurde durch die zweite neuropsychologische
Untersuchung vom 1. Mai 2019 bestätigt: Auch hier wurden Resultate erzielt, die eine
reduzierte Anstrengungsbereitschaft als wahrscheinlich erscheinen liessen, weshalb die
Authentizität der rein neurokognitiven Defizite aus neuropsychologischer Sicht in Frage
gestellt werden müsse. Somit lasse sich die Arbeitsfähigkeit aus neuropsychologischer
Sicht nicht valide einschätzen. Die psychiatrische Symptomatik vermöge die auffälligen
Werte in einem Performanzvalidierungstest nicht vollumfänglich zu erklären, weshalb
eine Aggravationstendenz wahrscheinlich sei (Bericht Psychiatrie O._ vom 7. Mai
2019, act. G 8.1). Die behandelnde Psychiaterin Dr. F._ führt die Testergebnisse auf
sprachliche Schwierigkeiten, eine ausgeprägte Schamproblematik (Stellungnahme vom
13. März 2019, act. G 1.4) und auf eine Angst der Beschwerdeführerin, an einem PC zu
arbeiten, zurück (Stellungnahme vom 29. Mai 2019, act. G 8.2). Hierzu ist zu bemerken,
dass die neuropsychologische Begutachtung in Anwesenheit eines professionellen
Übersetzers stattfand (IV-act. 113-57). Der Intelligenztest war gar sprachfrei (IV-
act. 113-61) und lag trotzdem im unterdurchschnittlichen Bereich. Eine
computergestützte Durchführung ist (lediglich) bei der Testung der attentionalen
Funktionen ausdrücklich vermerkt (IV-act. 113-62). Zudem kann angenommen werden,
dass die neuropsychologische Untersucherin aufgrund ihrer Fachkenntnisse in der
Lage gewesen wäre, eine Blockade der Beschwerdeführerin gegenüber Computern zu
erkennen und die in diesen Tests erzielten Ergebnisse entsprechend zu würdigen.
Schliesslich hielt die neuropsychologische Gutachterin fest, die eklatanten mnestischen
Funktionsverluste hätten nicht dem im Gespräch gewonnenen Eindruck entsprochen
(IV-act. 113-65). Ähnlich führte die psychiatrische Gutachterin aus, die
Beschwerdeführerin habe mit gleichbleibender Konzentrationsspanne aufmerksam das
Gespräch verfolgt. Sie habe teilweise leicht verzögert klar und präzise geantwortet und
Lebensgeschichte und Beschwerden fliessend geschildert, was auf ganz unauffällige
mnestische Funktionen hindeute. Im Gespräch hätten sich keine Hinweise auf relevante
kognitive Schwierigkeiten gefunden (IV-act. 113-80 f.). Das neuropsychologische
Gutachten erscheint damit nachvollziehbar und überzeugend.
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Die psychiatrische Gutachterin diagnostizierte eine chronische Schmerzstörung mit
somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10: F45.41), eine Bulimia nervosa und
eine depressive Episode, gegenwärtig remittiert (ICD-10: F32.4; IV-act. 113-86). Für die
Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung seien die Kriterien einer
hartnäckigen Forderung nach medizinischen Untersuchungen, von andauernden,
schweren und quälenden Schmerzen sowie der Verbindung zu einem emotionalen
Konflikt oder einer psychosozialen Belastung nicht erfüllt (IV-act. 113-90). In Bezug auf
eine posttraumatische Belastungsstörung stellte die psychiatrische Gutachterin
lediglich eine Verdachtsdiagnose ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit und brachte
zu einzelnen Diagnosekriterien Vorbehalte aufgrund von Diskrepanzen an: So habe die
Beschwerdeführerin angegeben, seit ihrer Hochzeit 1994 unter Flashbacks zu leiden,
habe aber dennoch bis im Jahr 2003 mit ihrem Ehemann zusammengelebt und erst im
Jahr 2006 psychiatrische Hilfe und bislang keine traumaspezifische Therapie in
Anspruch genommen. Untypisch sei, dass die Symptomatik trotz jahrelanger
ambulanter psychischer Behandlung als weitgehend stabil und unveränderlich im
Zeitablauf geschildert werde. Weiter gebe sie Todesängste vor ihrem Ehemann an,
obwohl die Trennung auf dessen Initiative hin erfolgt sei. Ein Vermeidungsverhalten sei
nicht ausgewiesen. Trotz seit Jahren bestehender posttraumatischer Symptomatik sei
sie bis zum Jahr 2014 nie arbeitsunfähig gewesen (IV-act. 113-86 ff.). Ähnlich bemerkte
auch der internistische Gutachter, die Schilderungen der Beschwerdeführerin, gerne
arbeiten zu wollen, grosse Angst vor ihrem Ehemann zu haben, sich zu schämen und
sich nicht aus dem Haus zu trauen, widerspreche dem Verhalten in der Freizeit und
dass sie nach wie vor in der Nähe des einstigen Ehemannes wohne (IV-act. 113-36).
3.5.
Die behandelnde Psychiaterin hatte am 28. März 2018 dargelegt, die
Diagnosekriterien einer PTBS seien ihrer Ansicht nach erfüllt. Die Beschwerdeführerin
habe sich gegenüber ihrem Vater schuldig gemacht, indem sie ihren Lohn nicht der
Familie habe zukommen lassen und ihren Ehemann geheiratet habe, obwohl der Vater
gegen die Ehe gewesen sei. Hieraus habe sich ein so genanntes traumatisches
Introjekt entwickelt, ein Sich-Schuldig- und Bestraft-Fühlen, wobei es durch die
Krebsdiagnose zu einer Retraumatisierung gekommen sei (vgl. IV-act. 93-3 f.).
Ergänzend führte sie in ihrer Stellungnahme vom 28. November 2018 zum Gutachten
aus, eine allfällige Aggravation sei Ausdruck der Erkrankung der Beschwerdeführerin im
Sinne einer konkretistischen Form, Leiden zu vermitteln. Durch die Therapie würden die
Flashbacks nicht verschwinden, sondern es werde ein besserer Umgang damit erlernt.
Das Trauma sei ein Aspekt ihrer Therapie. Die Ängste hätten die Beschwerdeführerin
gerade daran gehindert, sich von ihrem Ehemann zu trennen. Nachdem sie von ihm
verlassen worden sei, habe sie in ihrem Selbstverständnis absolut keinen Wert mehr
3.6.
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und sei die Gefahr, getötet zu werden, noch höher. Sie verlasse die Wohnung alleine
ausschliesslich, um in die Therapie zu gehen, dort könne sie davon ausgehen, dass
jemand reagieren würde, falls sie nicht erscheinen würde. Die Gutachterin sei zu
konkretistisch vorgegangen und habe ihre Innenwelt nicht verstanden (IV-act. 122-5 f.).
In einer weiteren Stellungnahme vom 13. März 2019 betonte sie, während allen
Therapiesitzungen sei bei ihr nie der leiseste Verdacht einer Aggravation aufgekommen
(act. G 1.4). Auch während des stationären Aufenthaltes in der Klinik N._ vom 4. Juni
bis 2. Juli 2019 und in einem Indikationsgespräch zu einer zweiten Phase der
Traumatherapie wurden die Diagnose einer komplexen posttraumatischen
Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) und eine grundsätzlich eindeutige Indikation zu
einer ätiologieorientierten und störungsspezifischen Traumatherapie bestätigt. Im
Eintrittsbefund wurde unter anderem festgehalten, es bestünden ein Hyperarousal mit
Nervosität, Schlafstörungen, Reizbarkeit und Lautwerden, ein ausgeprägtes
Vermeidungsverhalten auf kognitiver und Verhaltensebene, Einschränkungen der
Emotionsregulation und ein verändertes Selbstbild mit Schuld- und Schamgefühlen,
starke Hinweise auf Somatisierung sowie dissoziative Amnesien, dissoziative
Bewegungsstörungen und selten dissoziative Ohnmachtsanfälle (Berichte Klinik N._
vom 17. Juli 2019, act. G 10.1, und vom 17. Dezember 2019, act. G 20.1, wobei
letzterer auch durch eine Fachärztin unterzeichnet wurde).
Der Gutachterin lagen die Akten über die Vorfälle von 1998 und 2003 vor (IV-
act. 93-6 ff.). Ebenso waren ihr die seit Kindheit vorhandenen lebensgeschichtlichen
Belastungen der Beschwerdeführerin bekannt. In den Berichten von Dr. F._ vom
28. November 2018 und der Klinik N._ werden keine mit einer posttraumatischen
Belastungsstörung assoziierten Symptome beschrieben, welche die
Beschwerdeführerin nicht auch gegenüber der Gutachterin geschildert hätte oder die
insbesondere im Bericht von Dr. F._ vom 28. März 2018 nicht erwähnt worden
wären. Im Unterschied zur behandelnden Psychiaterin und zur Klinik N._ prüfte die
Gutachterin die Konsistenz der geltend gemachten Beschwerden vertieft und mass den
von ihr aufgeführten Diskrepanzen höheres Gewicht zu. Dies entspricht ihrer Aufgabe
als Gutachterin, wonach für die Arbeitsfähigkeitsschätzung nur mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit objektivierte Beeinträchtigungen der Arbeitsfähigkeit berücksichtigt
werden dürfen. Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auf die unterschiedliche
Aufgabe und Optik der behandelnden und der begutachtenden Fachpersonen (vgl.
dazu BGE 124 I 175, E. 4, Urteile des Bundesgerichts vom 27. September 2017,
8C_295/2017, E. 6.4.2, vom 24. November 2015, 9C_353/2015, E. 4.1 und vom
29. September 2009, 9C_661/2009, E. 3.2). Was die depressiven Episoden anbelangt,
diagnostizierte die behandelnde Psychiaterin diese gemäss Bericht vom 28. Oktober
3.7.
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2017 als leichtgradig (IV-act. 87). Im Bericht vom 22. März 2018 (IV-act. 93-3 ff.) und
vom 28. November 2018 (IV-act. 122-5 ff.) äusserte sie sich nicht dazu. Erst im Bericht
der Klinik N._ vom 17. Juli 2019 (act. G 10.1) ist wieder von einer mittelgradigen
depressiven Episode die Rede. Dieser Ablauf legt nahe, dass hier im Zeitpunkt der
Begutachtung (Juni/Juli 2018) eine Remission vorlag. Im neuropsychologischen Bericht
vom 7. Mai 2019 wurde denn auch eine Exazerbation aufgrund des Todes des Vaters
der Beschwerdeführerin drei Wochen vor der Untersuchung am 1. Mai 2019 in Betracht
gezogen (act. G 8.1). Somit ist überwiegend wahrscheinlich, dass eine relevante
Verschlechterung der depressiven Symptomatik erst nach Erlass der angefochtenen
Verfügung vom 13. Februar 2019 eintrat. Die in den Berichten der Klinik N._
erwähnten dissoziativen Störungen (act. G 10.1; act. G 20.1) sind bislang diagnostisch
noch nicht erfasst oder gar therapeutisch angegangen worden. Die
Beschwerdeführerin hatte anlässlich der psychiatrischen Begutachtung zwar
angegeben, "in letzter Zeit" öfters zu stürzen (IV-act. 113-70), einen entsprechenden
Befund konnte die Gutachterin jedoch offenbar nicht erheben (IV-act. 113-80 ff.). In der
orthopädischen Begutachtung kam es allerdings zu zweimaligem demonstrativ
langsamem Sinken auf den Fussboden, das die Gutachterin als theatralisch anmutend
bzw. Aggravationsverhalten beschrieb (IV-act. 113-45, 51). Auch hier ist eine
Verschlechterung des Gesundheitszustandes bis zum Zeitpunkt der angefochtenen
Verfügung nicht plausibel.
Die psychiatrische Gutachterin befand, die Fähigkeit zur Anpassung an Regeln und
Routinen, zur Planung und Strukturierung von Aufgaben, die Flexibilität/
Umstellungsfähigkeit, die Anwendung fachlicher Kompetenzen, die Entscheidungs-
und Urteilsfähigkeit seien nicht beeinträchtigt, die Durchhaltefähigkeit sei leicht, die
Selbstbehauptungsfähigkeit, die Kontaktfähigkeit zu Dritten, die Gruppenfähigkeit, die
Fähigkeit zu familiären bzw. intimen Beziehungen, zu Spontan-Aktivitäten und zur
Selbstpflege seien nicht und die Verkehrsfähigkeit sei leicht beeinträchtigt (IV-
act. 113-82 ff.). Mehrfach berichtete die Beschwerdeführerin, sie absolviere
Physiotherapie, MTT, Wassertherapie und nehme Analgetika ein (IV-act. 113-41 f., 76).
Die psychiatrische Gutachterin führte aus, die Beschwerdeführerin verfüge über
Kontakte zu Angehörigen und treffe Leute in der Kirche. Es gebe keine Hinweise für
einen ausgewiesenen sozialen Rückzug (IV-act. 113-78). Als Ressource sei das gute
soziale Umfeld zu werten. Ressourcenhemmend seien teilweise dysfunktionale
Bewältigungsstrategien. Auch ein sekundärer Krankheitsgewinn mit vermehrter
Zuwendung und Unterstützung durch ihre Kinder sei als möglicher aufrechterhaltender
Faktor für die Störung zu diskutieren (IV-act. 113-93). Zur Konsistenz hielten sowohl die
orthopädische als auch die neuropsychologische Gutachterin fest, die Angaben der
3.8.
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4.
Beschwerdeführerin seien vage geblieben und nicht konstant gewesen (IV-
act. 113-41 f., 60). Die fehlende Inanspruchnahme orthopädisch-traumatologischer
Behandlungen und die fehlende Einnahme von Novalgin seien diskrepant zu den
angegebenen starken Schmerzen (IV-act. 113-54). Auch dass die Waddellzeichen alle
positiv waren, spricht gegen eine Konsistenz der geltend gemachten Beschwerden
(vgl. IV-act. 113-9). Die psychiatrische Gutachterin hielt fest, die Angaben seien leicht
verzögert, klar und präzise erfolgt (IV-act. 113-80). Die geltend gemachten
Beschwerden und Einschränkungen konnten sodann - wie bereits dargelegt - nur
teilweise objektiviert werden. So berichtete die Beschwerdeführerin von auch während
der Untersuchung stattfindenden Flashbacks, ohne dass für die Gutachterin eine
vegetative Erregung oder emotionale Anspannung ersichtlich wurde (vgl. IV-
act. 113-71). Im kognitiven Bereich fielen der psychiatrischen und der
neuropsychologischen Gutachterin in der Untersuchungssituation keine Defizite auf (IV-
act. 113-60, 81). Die von der psychiatrischen Gutachterin in Bezug auf das Vorliegen
einer posttraumatischen Belastungsstörung aufgezeigten Diskrepanzen betreffen vorab
das Vermeidungsverhalten in Bezug auf die Angst vor einer Begegnung der
Beschwerdeführerin mit ihrem früheren Ehemann oder mit seinen Angehörigen. Selbst
wenn sich diese Unstimmigkeiten durch die Argumente der behandelnden Psychiaterin
teilweise entkräften liessen, scheint die posttraumatische Symptomatik die
Beschwerdeführerin nicht in allen Lebensbereichen einzuschränken. Es wird nicht
beschrieben, dass sie Angst vor sämtlichen unbekannten Menschen,
Menschenansammlungen oder Männern hätte; sofern sie sich vor ihrem ehemaligen
Ehemann und seinen Angehörigen in Sicherheit wähnt, bewirkt die posttraumatische
Symptomatik keine wesentlichen funktionellen Einschränkungen. Insgesamt wurden die
im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens massgeblichen Standardindikatoren
hinreichend erörtert und haben kein konsistentes Bild gleichmässiger funktioneller
Einschränkungen in sämtlichen Lebensbereichen ergeben. Ein
invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden ist somit nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen. Damit ist mit dem RAD von einer
vollumfänglichen Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit auszugehen, weshalb die
Beschwerdegegnerin zu Recht sowohl berufliche Massnahmen als auch
Rentenleistungen abgelehnt hat.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen.4.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
4.2.
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