Decision ID: 650392b2-42fa-5b11-a585-0c2d50e1975c
Year: 2020
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_001
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Übersicht
Dem Beschuldigten M_ werden verschiedene Delikte vorgeworfen, die er als
Jugendlicher in den Jahren 2016 bis 2018 begangen haben soll. Die ihm zur Last geleg-
ten Delikte bestreitet er teilweise. Mit Verfügung vom 12. August 2018 brachte ihn die
Jugendanwaltschaft Appenzell Ausserrhoden vorsorglich im Schul- und Berufsbildungs-
heim Albisbrunn unter. Vom 13. November 2018 bis 24. August 2019 hielt er sich im Mas-
snahmenzentrum für junge Erwachsene Arxhof auf (vgl. act. B 3/K1 + B 3/K2, B 12 und B
16).
B. Prozessgeschichte vor Kantonsgericht
Die Jugendanwaltschaft reichte am 2. Oktober 2018 beim Jugendgericht Appenzell Aus-
serrhoden die Anklageschrift gegen den Beschuldigten ein (act. B 3/E). Die auf den
11. Januar 2019 festgesetzte Hauptverhandlung (act. B 3/H) musste abzitiert werden, da
der Beschuldigte das Massnahmenzentrum Arxhof unerlaubt verlassen hatte und unauf-
findbar war (act. B 3/V). Aufgrund gesundheitlicher Probleme des Verteidigers musste
auch die auf den 12. Februar 2019 terminierte Hauptverhandlung (vgl. act. B 3/W)
abzitiert werden (act. B 3/Z02). Schliesslich fand die Hauptverhandlung in Anwesenheit
des Beschuldigten und seines amtlichen Verteidigers am 16. Mai 2019 statt. Das Jugend-
gericht eröffnete am gleichen Tag sein Urteil mündlich (act. B 3/Z36). Der Beschuldigte
meldete dagegen mit Eingabe vom 21. Mai 2019 fristgerecht Berufung an (vgl. act. B
3/Z43), worauf die Urteilsbegründung ausgefertigt wurde.
C. Entscheid der Vorinstanz
Das Jugendgericht Appenzell Ausserrhoden fällte am 16. Mai 2019 folgendes Urteil (JUG
18 2):
1. Das Verfahren betreffend die folgenden Delikte wird zufolge Verjährung (Art. 329 Abs. 4 StPO) definitiv eingestellt:
- Sachbeschädigung gemäss Art. 144 Abs. 1 StGB i.V.m. Art. 172ter Ziff. 1 StGB zum
Nachteil der Politischen Gemeinde Stein (begangen am 31. Oktober 2017 in Stein AR), - Tätlichkeit im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB zum Nachteil von W_ (begangen am
13. Januar 2018),
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- Diebstahl im Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB i.V.m. Art. 172ter Ziff. 1 StGB zum Nachteil von W_ (begangen am 13. Januar 2018),
- Diebstahl im Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB i.V.m. Art. 172ter Ziff. 1 StGB zum Nachteil von W_ (begangen am 16. Februar 2018),
- mehrfache Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 1 lit. c BetmG (begangen in der Zeit vom 18. Februar 2016 bis 16. Mai 2016),
- mehrfache Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a BetmG (begangen in der Zeit vom 2. Oktober 2017 bis 16. Mai 2018).
2. M_ wird von der Anklage
- des betrügerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage gemäss Art. 147 Abs. 1 StGB (Tatvorwurf betreffend den 17. Dezember 2016),
- der Sachbeschädigung gemäss Art. 144 Abs. 1 StGB i.V.m. Art. 172ter Ziff. 1 StGB ( betreffend die Zeit vom 26. bis 28. Januar 2018 in Heiden) ,
- der Widerhandlung gegen das Waffengesetz gemäss Art. 33 WG (Klappmesser,  am 22. Februar 2018),
freigesprochen.
3. M_ ist schuldig
- der einfachen Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 1 StGB (begangen am 16. Februar 2018 zum Nachteil von W_),
- der Widerhandlung gegen das Waffengesetz gemäss Art. 33 WG (Softair Pistole,  am 22. Februar 2018),
- der mehrfachen Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 1 lit. c BetmG (Handel und Verschaffen von Betäubungsmitteln, begangen in der Zeit vom 17. Mai 2016 bis 1. September 2017),
- der mehrfachen Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a BetmG (Konsum, begangen in der Zeit vom 17. Mai 2018 bis 20. Juli 2018).
4. Der Beschuldigte wird bestraft mit Freiheitsentzug von 15 Tagen, wovon 3 Tage durch Untersuchungshaft erstanden sind.
5. Es wird eine Unterbringung im Sinne von Art. 15 Abs. 1 JStG angeordnet.
6. Der Vollzug des Freiheitsentzugs wird zugunsten der Unterbringung nach Art. 15 JStG .
7. Es wird festgestellt, dass die Zivilforderung der Privatklägerin 3 beglichen worden ist.
8. Die folgenden beschlagnahmten Gegenstände werden an die rechtmässigen Besitzer :
- Softair Pistole (an N_), - Klappmesser (an den Beschuldigten).
9. Die Verfahrenskosten, bestehend aus
CHF 3'134.00 Kosten der Voruntersuchung CHF 150.00 Anklageschrift CHF 450.00 Gerichtsgebühr CHF 6'484.50 Amtliche Verteidigung (RA A_ und RA D_) CHF 2‘560.50 Auslagen (Kosten polizeiliche Zuführung)
CHF 12'710.50 insgesamt,
werden im Betrag von CHF 4‘196.35 dem Beschuldigten auferlegt. Im Betrag von
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CHF 4‘259.65 werden die Kosten endgültig, im Betrag von CHF 4‘323.00 unter Vorbehalt der Rückforderung (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO), auf die Staatskasse genommen.
10. Rechtsanwalt lic. iur. A_, St. Gallen, wird für seine Bemühungen als amtlicher Verteidiger mit CHF 4‘314.55 (inkl. Barauslagen und MWSt) aus der Staatskasse entschädigt.
11. Rechtsanwalt lic. iur. D_, Herisau, wird für seine Bemühungen als amtlicher Verteidiger bis zum 22. Januar 2019 mit CHF 2‘169.95 (inkl. Barauslagen und MWSt) aus der Staatskasse entschädigt. Es wird festgestellt, dass das volle Honorar im Sinne von Art. 135 Abs. 4 lit. b StPO CHF 2‘493.05 beträgt.
Auf eine Wiedergabe der Urteilsbegründung in den angefochtenen Punkten wird verzich-
tet und auf die entsprechenden Erwägungen verwiesen.
D. Neue tatsächliche Gegebenheiten seit dem Urteil des Jugendgerichtes
a) Nach der Hauptverhandlung vor dem Jugendgericht Appenzell Ausserrhoden ent-
fernte M_ sich zwei Mal unbefugt aus dem Arxhof (act. B 12, S. 3 f.). Ab dem 24.
September 2019 befand er sich zwecks Sicherung der Massnahme bis zum Eintritt
ins Psychiatrische Zentrum Appenzell Ausserrhoden in der kantonalen Strafanstalt
Gmünden (act. B 12, S. 2 und B 16, S. 1).
b) Am 18. Oktober 2019 trat M_ ins Psychiatrische Zentrum Appenzell Aus-
serrhoden ein (act. B 12, S. 8).
c) Am 8. November 2019 zog W_ seinen Strafantrag gegen M_ wegen
einfacher Körperverletzung zurück (act. B 14).
d) Am 13. November 2019 verurteilte das Untersuchungsamt St. Gallen M_ wegen
Hinderung einer Amtshandlung zu einer bedingten Geldstrafe (14 Tages-sätze zu je
CHF 30.00) und einer Busse von CHF 150.00 (act. B 29).
e) Nach Abbruch der Behandlung im Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausser-
rhoden trat M_ in die Organisation „rheinspringen“, St. Gallen, ein; dort hätte er
seine schulischen Defizite angehen sollen. Weil er sich sowohl auf das Angebot der
Organisation „rheinspringen“ als auch auf die von der Jugendanwaltschaft
organisierte Wohnform nicht einliess, hob die Jugendanwaltschaft die Unterbringung
am 19. Dezember 2019 per sofort ersatzlos auf (act. B 16).
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E. Schriftenwechsel im Berufungsverfahren
a) Gegen das Urteil vom 16. Mai 2019, dessen Zustellung an die am Berufungsverfah-
ren Beteiligten in begründeter Ausfertigung am 12. August 2019 erfolgte (act. B
3/Z55), liess M_ (nachfolgend Berufungskläger) mit Eingabe vom 2. September
2019 (act. B 1) Berufung erklären.
b) Mit Verfügung vom 11. September 2019 wurde der Jugendanwaltschaft (nachfol-
gend Berufungsbeklagte 1) sowie der Privatklägerin (nachfolgend Berufungs-
beklagte 2) Gelegenheit gegeben, einen schriftlichen und begründeten Nichtein-
tretensantrag und/oder eine schriftliche Anschlussberufung einzureichen (act. B 4).
In der Folge reichte die Jugendanwaltschaft Anschlussberufung ein (act. B 6); die
Privatklägerin liess sich nicht vernehmen.
c) Am 28. Oktober 2019 ging der 1. Überprüfungsbericht der Jugendanwaltschaft vom
18. Oktober 2019 beim Obergericht ein (act. B 12).
d) Mit Verfügung vom 9. Januar 2020 gewährte der Einzelrichter des Obergerichts
M_ für das Berufungsverfahren die amtliche Verteidigung. Mit letzterer Aufgabe
wurde RA lic. iur. A_ beauftragt (act. B 21).
e) Ebenfalls am 9. Januar 2020 erklärten der amtliche Verteidiger des Berufungsklä-
gers und die Berufungsbeklage 1 sich damit einverstanden, dass die noch offenen
Punkte im schriftlichen Verfahren erledigt werden (act. B 17).
f) Am 31. Januar 2020 und am 17. Februar 2020 reichten der Berufungskläger (act. B
25) und die Jugendanwaltschaft (act. B 28) je eine weitere Stellungnahme ein.
g) Mit Eingabe vom 30. März 2020 replizierte der Berufungskläger zur Eingabe der
Jugendanwaltschaft vom 17. Februar 2020 (act. B 33) und reichte gleichzeitig seine
Kostennote ein (act. B 34).
h) Die Berufungsbeklagten liessen sich dazu nicht mehr vernehmen (act. B 37).
Auf die entsprechenden Ausführungen und Angaben in den in lit a - g vorstehend ange-
führten Schriftstücken wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
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F. Entscheid des Obergerichts
Das Obergericht führte seine Beratung am 5. Mai 2020 durch und eröffnete sein Urteil den
Parteien anschliessend im Dispositiv (act. B 43).
G. Rechtsmittelverzicht
In der Folge verzichteten sowohl der Berufungskläger als auch die Jugendanwaltschaft
auf die Einlegung von Rechtsmitteln gegen das vorliegende Urteil des Obergerichts (act.
B 45 und B 47), weshalb praxisgemäss lediglich eine Kurzbegründung ausgefertigt wird.

Erwägungen
1. Formelles
1.1 Zuständigkeit, Rechtzeitigkeit der Berufung, Rechtskraft
Die Voraussetzungen, damit auf die Berufung eingetreten werden kann, sind erfüllt.
Als Folge des Rechtsmittelverzichts durch beide Parteien ist das Urteil des Obergerichts
vom 5. Mai 2020 gestützt auf Art. 437 Abs. 1 lit. b und Abs. 2 StPO am Tag seiner Aus-
fällung rechtskräftig geworden.
1.2 Gegenstand des Berufungsverfahrens
Festzuhalten ist, dass das Urteil des Jugendgerichts vom 16. Mai 2019 in folgenden
Punkten mangels Berufung resp. Anschlussberufung rechtskräftig geworden ist:
- in Dispositiv Ziff. 1, definitive Einstellung betreffend: - mehrfache Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19
Abs. 1 lit. c BetmG, begangen in der Zeit vom 18. Februar 2016 bis 16. Mai 2016; - mehrfache Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art.
19a BetmG, begangen in der Zeit vom 2. Oktober 2017 bis 16. Mai 2018;
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- in Dispositiv Ziff. 2, Freispruch von der Anklage: - des betrügerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage gemäss Art.
147 Abs. 1 StGB, Tatvorwurf betreffend den 17. Dezember 2016; - der Sachbeschädigung gemäss Art. 144 Abs. 1 StGB i.V.m. Art. 172
ter Ziff. 1
StGB, Tatvorwurf betreffend die Zeit vom 26. bis 28. Januar 2018 in Heiden; - der Widerhandlung gegen das Waffengesetz gemäss Art. 33 WG, Klappmesser,
begangen am 22. Februar 2018;
- in Dispositiv Ziff. 3, Schuldspruch wegen:
- Widerhandlung gegen das Waffengesetz gemäss Art. 33 WG, Softair Pistole, begangen am 22. Februar 2018;
- mehrfacher Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 1 lit. c. BetmG, Handel und Verschaffen von Betäubungsmitteln, begangen in der Zeit vom 17. Mai 2016 bis 1. September 2017;
- mehrfacher Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a BetmG, Konsum, begangen in der Zeit vom 17. Mai 2018 bis 20. Juli 2018;
- in Dispositiv Ziff. 7, Feststellung bezüglich der Zivilforderung der Privatklägerin 3 (Politi- sche Gemeinde Stein AR);
- in Dispositiv Ziff. 8, Rückgabe der beschlagnahmten Gegenstände;
- in Dispositiv Ziff. 10 Abs. 1, Entschädigung RA lic. iur. A_ als amtlicher Verteidiger;
- in Dispositiv Ziff. 10 Abs. 2, Entschädigung RA lic. iur. D_ als amtlicher Verteidiger.
Im vorliegenden Berufungsverfahren geht es somit noch um die Sachbeschädigung zum
Nachteil der Politischen Gemeinde Stein (Vorfall vom 31. Oktober 2017), die Tätlichkeiten
bzw. die einfache Körperverletzung zum Nachteil von W_ (Vorfälle vom 13. Januar
2018 und 16. Februar 2018), die Diebstähle zum Nachteil von W_ (Vorfälle vom 13.
Januar 2018 und 16. Februar 2018), das Strafmass, den bedingten Strafvollzug, die
Schutzmassnahme, die Anträge auf Überbindung der Kosten der Massnahme bzw. um
Zusprechung einer Haftentschädigung sowie die Verlegung der Verfahrenskosten vor
beiden Instanzen.
1.3 Beweisanträge
In der Berufungserklärung (act. B 1, S. 3 ff.) stellt der amtliche Verteidiger verschiedene
Beweisanträge, namentlich es sei ein psychiatrisches Gutachten zur Frage der Mass-
nahme/Unterbringung einzuholen, es sei die Mutter des Berufungsklägers zu befragen
und es sei beim Massnahmenzentrum Arxhof ein Bericht zum Verlauf der Unterbringung
und zur allgemeinen Situation im Arxhof einzuholen.
Verlaufsberichte zur Unterbringung im Arxhof liegen bei (act. B 7 und B 12). Die Befra-
gung von S_ sowie ein psychiatrisches Gutachten zur Frage der Mass-
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nahme/Unterbringung erübrigen sich, da dieses Setting in der Zwischenzeit ersatzlos auf-
gehoben worden ist (act. B 16).
1.4 Tragung der Massnahmekosten durch die Jugendanwaltschaft
1.4.1 In der Stellungnahme vom 31. Januar 2020 führt RA lic. iur. A_ aus, die Kosten für die
Unterbringung von M_ im Massnahmezentrum Arxhof seien in exzessiver Auslegung
von Art. 45 Abs. 5 JStPO auf seine Eltern überwälzt worden. Diese seien vielmehr durch
die Jugendanwaltschaft zu tragen (act. B 25, S. 2 und 14).
1.4.2 Die Jugendanwaltschaft ersucht um Abweisung dieses Antrages (act. B 28, S. 2).
1.4.3 Art. 45 Abs. 5 JStPO bestimmt, dass sich die Eltern im Rahmen ihrer zivilrechtlichen
Unterhaltspflicht an den Kosten der Schutzmassnahmen und der Beobachtung beteiligen.
1.4.4 Auf den Antrag des Berufungsklägers ist aus folgenden Gründen nicht einzutreten:
- Die Legitimation zur Anfechtung eines Entscheides besteht nur dort, wo der
Betroffene durch den Entscheid berührt, d.h. beschwert, ist (LUZIUS EUGSTER, Bas-
ler Kommentar, StPO, 2. Aufl. 2014, N. 7 ff. zu Art. 398 StPO; SCHMID/JOSITSCH,
Handbuch des Schweizerischen Strafprozessrechts, 3. Aufl. 2017, Rz. 1458 f.).
Wenn die Jugendanwaltschaft die Eltern von M_ mit Kosten belastet hat,
müssten diese den entsprechenden Entscheid oder die Verfügung anfechten resp.
hätten das zum gegebenen Zeitpunkt tun müssen. Dieser Punkt ist zudem nicht
Gegenstand des angefochtenen Entscheids und kann auch deshalb nicht vom
Obergericht überprüft werden (Art. 398 Abs. 2 StPO).
- Bei Freispruch dürfen die Kosten und die der beschuldigten Person zu leistenden
Entschädigungen usw. nicht der Staatsanwaltschaft als Behörde auferlegt werden.
Diese hat bei Obsiegen auch nicht Anspruch auf eine Entschädigung
(SCHID/JOSITSCH, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommentar, 3. Aufl.
2018, N. 2 zu Art. 423 StPO; YVONA GRIESSER, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber
[Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 3
zu Art. 423 StPO). Dieser Grundsatz gilt nach Art. 44 Abs. 2 JStPO auch im
Jugendstrafrecht.
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1.5 Haftentschädigung
1.5.1 In der Eingabe vom 31. Januar 2020 beantragt der Berufungskläger die Ausrichtung einer
angemessenen Haftentschädigung (act. B 25, S. 2) und begründet diese mit seiner
rechtswidrigen Unterbringung (act. B 25, S. 3 und 10 ff.).
1.5.2 Die Jugendanwaltschaft lehnt eine Haftentschädigung ab (act. B 28, S. 2).
1.5.3 Bezüglich der Verfahrenskosten verweist Art. 44 Abs. 2 JStPO auf die Art. 422 bis 428
StPO. Bezüglich Entschädigung und Genugtuung kennt das Jugendstrafverfahren keine
von der StPO abweichenden Sondervorschriften. Die einschlägigen Art. 429 ff. StPO sind
darum auch im Jugendstrafverfahren anwendbar (CHRISTOF RIEDO, Jugendstrafrecht und
Jugendstrafprozessrecht, 2013, § 22, Rz. 2554).
1.5.4 Nach Auffassung des Obergerichts ist M_ keine Haftentschädigung zuzusprechen:
Die Partei, welche nur Teile des Urteils anficht, hat in der Berufungserklärung verbindlich
anzugeben, auf welche Teile sich die Berufung beschränkt (Art. 399 Abs. 4 StPO). Dieser
Grundsatz gilt gestützt auf Art. 3 Abs. 1 JStPO auch im Bereich der Jugendstrafprozess-
ordnung. In der herrschenden Lehre und Praxis wird diese Bestimmung so ausgelegt,
dass die Berufung nach Erheben zwar eingeschränkt werden kann. Hingegen ist eine
nachträgliche Ausweitung nicht mehr möglich, da die nicht angefochtenen Punkte in
Teilrechtskraft erwachsen (Urteil des Bundesgerichts 6B_1160/2017 vom 17. April 2018
E. 1; NIKLAUS OBERHOLZER, Grundzüge des Strafprozessrechts, 4. Aufl. 2020, Rz. 2111;
SCHMID/JOSITSCH, Praxiskommentar schweizerische Strafprozessordnung, 3. Aufl. 2018,
N. 8 f. zu Art. 399 StPO und N. 4 zu Art. 404 StPO; YVONA GRIESSER, a.a.O., N. 14 zu Art.
399 StPO).
In der Berufungserklärung hat M_ lediglich die Aufhebung von Ziffer 9 des Urteils des
Jugendgerichtes betreffend die Verfahrenskosten verlangt und beantragt, diese seien auf
die Staatskasse zu nehmen (act. B 1). Im Übrigen hat er das Urteil des Jugendgerichtes,
welches ihm keine Entschädigung zugesprochen hat, sondern lediglich den Aufwand
seiner amtlichen Verteidiger vergütete (Ziff. 10), nicht angefochten. Somit hat der
Berufungskläger den Umstand, dass das Jugendgericht ihm unter dem Titel „Ent-
schädigung und Genugtuung“ (Art. 429 - bis 431 StPO) nichts zugesprochen hat, in der
Berufung vom 2. September 2019 gerade nicht beanstandet. Eine entsprechende Rüge
beinhaltet die auf die Anträge folgende, übliche Formulierung „alles unter Kosten- und
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Entschädigungsfolgen“ nicht, bezieht diese sich nach allgemeinem Verständnis doch auf
die Kosten des vorliegenden Berufungsverfahrens.
1.5.5 Der Antrag auf Ausrichtung einer angemessenen Haftentschädigung ist somit zu spät
gestellt worden und auf diesen ist nicht einzutreten (zu den materiellen Voraussetzungen
einer Haftentschädigung, vgl. E. 6.4 unten).
2. Materielles
2.1 Tätlichkeit / einfache Körperverletzung
2.1.1 Die Jugendanwaltschaft hat M_ bezüglich zwei Vorfällen zum Nachteil von W_
wegen Tätlichkeiten (Art. 126 StGB) resp. einfacher Körperverletzung (Art. 123 Ziff. 1
StGB) angeklagt (act. B 3/E, S. 3 f.). Der eine Vorfall ereignete sich am 13. Januar 2018
in Stein AR, der andere am 16. Februar 2018 in St Gallen.
2.1.2 Bezüglich des Vorfalles vom 13. Januar 2018 in Stein AR ging das Jugendgericht von
einer Tätlichkeit im Sinne von Art. 126 StGB aus und stellte das Verfahren infolge Verjäh-
rung gestützt auf Art. 36 Abs. 1 lit. c JStG definitiv ein (act. B 2 E. 3.4.1, S. 13).
Beim Vorfall vom 16. Februar 2018 sprach das Jugendgericht M_ der einfachen
Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB schuldig (act. B 2 E. 3.4.2, S. 15).
2.1.3 Der Berufungskläger hat den Schuldspruch wegen einfacher Körperverletzung (act. B 1)
und die Berufungsbeklagte 1 die definitive Einstellung wegen Verjährung (act. B 6) ange-
fochten.
2.1.4 Am 18. November 2019 hat W_ den Strafantrag gegenüber M_ bezüglich der
oben erwähnten Vorfälle zurückgezogen (act. B 14).
2.1.5 Sowohl die einfache Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 1 StGB als auch Tätlichkeiten
im Sinne von Art. 126 StGB werden nur auf Antrag verfolgt. Beim Strafantrag handelt es
sich um eine Prozessvoraussetzung (ANDREAS DONATSCH, in: Donatsch [Hrsg.], Schwei-
zerisches Strafgesetzbuch, 20. Aufl. 2018, N. 2 zu Art. 30 StGB). Können Prozessvoraus-
setzungen definitiv nicht erfüllt werden, verfügt die Staatsanwaltschaft die Einstellung des
Verfahrens (Art. 319 Abs. 1 lit. d StPO). Ergibt sich ein Einstellungsgrund erst nach
erfolgter Anklageerhebung verfügt das erstinstanzliche Gericht (Art. 329 Abs. 4 StPO)
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oder das Berufungsgericht die Einstellung des Verfahrens (NIKLAUS OBERHOLZER, a.a.O.,
Rz. 1845).
2.1.6 Eine Verurteilung wegen einfacher Körperverletzung bzw. Tätlichkeiten kann vorliegend
nach dem Rückzug des Strafantrages von W_ definitiv nicht mehr ergehen, weshalb
das Verfahren wegen Tätlichkeiten gemäss Art. 126 StGB (Vorfall vom 13. Januar 2018)
resp. einfacher Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 1 StGB (Vorfall vom 16. Februar
2018), beide zum Nachteil von W_, definitiv einzustellen ist (Art. 329 Abs. 4 i.V.m. Art.
i.V.m. Art. 379 StPO und Art. 3 Abs. 1 JStPO).
2.2 Sachbeschädigung
2.2.1 Dem Berufungskläger wird vorgeworfen, am 31. Oktober 2017 in Stein AR, Dorf 35, beim
Mehrzweckgebäude zwischen 22.00 und 22.25 Uhr in der Toilettenanlage durch Sprayen
eine Sachbeschädigung begangen zu haben; der Schaden belaufe sich auf CHF 260.00
(act. B 3/E, S. 3).
2.2.2 Das Jugendgericht hat erwogen (act. B 2 E. 3.3.1, S. 9), M_ habe das Sprayen in
Stein mehrfach zugegeben. Aufgrund des kleinen Schadens liege lediglich ein gering-
fügiges Vermögensdelikt nach Art. 172 ter
StGB vor. Diese Straftat verjähre nach Art. 36
Abs. 1 lit. c JStG nach einem Jahr, weshalb das Strafverfahren definitiv einzustellen sei.
2.2.3 Die Jugendanwaltschaft beantragt, die Privilegierung nach Art. 172 ter
StGB sei bezüglich
der Sachbeschädigung vom 31. Oktober 2017 aufzuheben (act. B 6, S. 2).
2.2.4 Gemäss der Verteidigung ist die Privilegierung angesichts des Schadens in Höhe von
CHF 260.00 gerechtfertigt und sie verlangt, dass die erstinstanzliche Einstellung des
Verfahrens in diesem Punkt zu bestätigen sei (act. B 25, S. 4).
2.2.5 Am 31. Oktober 2017 wurden in der öffentlichen Toilettenanlage im Mehrzweckgebäude
der Gemeinde Stein AR oberhalb des WC’s mit roter Farbe die Schriftzeichen „A.C.A.B.“
angebracht, mit derselben Farbe das Pissoir angesprüht und Rasierschaum an die
Wände geschmiert (act. B 3/3.1, S. 2 und B 3/3.12). Der Gesamtschaden belief sich auf
CHF 260.00 (act. B 3/3.4). Seitens der Gemeinde Stein wurde Strafantrag gestellt (act. B
3/2).
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M_ hat mehrfach zugegeben, die Toilettenanlage in Stein AR am 31. Oktober 2017
mit roter Farbe besprüht zu haben (Einvernahme vom 11. November 2017, 04.00 Uhr,
act. B 3/3.6, S. 3; Einvernahme vom 12. März 2018, 16.45 Uhr, act. B 3/A2, S. 6).
2.2.6 Wer eine Sache, an der ein fremdes Eigentums-, Gebrauchs- oder Nutzniessungsrecht
besteht, beschädigt, zerstört oder unbrauchbar macht, wird auf Antrag mit Freiheitsstrafe
bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft (Art. 144 Abs. 1 StGB). Richtet sich die Tat
nur auf einen geringen Vermögenswert oder auf einen geringen Schaden, so wird der
Täter auf Antrag mit Busse bestraft (Art. 172 ter
Abs. 1 StGB).
Ergänzend zu diesem Gesetz sind die folgenden Bestimmungen des StGB anwendbar:
Die Art. 111-332 StGB (Art. 1 Abs. 2 lit. m JStG). Nach Art. 36 JStG Abs. 1 lit. c verjährt
die Strafverfolgung in einem Jahr, wenn die Tat nach dem für Erwachsene anwendbaren
Recht mit einer anderen Strafe bedroht ist.
Art. 172 ter
StGB begründet einen privilegierten Tatbestand, durch welchen Verbrechen
oder Vergehen im Falle der Geringfügigkeit zu Übertretungen werden. Art. 172 ter
StGB
kommt auch bei Sachbeschädigungen zur Anwendung (ANDREAS DONATSCH, a.a.O., N. 1
und 4 zu Art. 172 ter
StGB). Das Bundesgericht hat den Grenzwert für die Annahme eines
„geringfügigen Schadens“ auf CHF 300.00 festgelegt (ANDREAS DONATSCH, a.a.O., N. 5
zu Art. 172 ter
StGB; BGE 142 IV 129 E. 3.1). Entscheidend für die Bestimmung des Werts
ist die subjektive Seite, mithin also die Vorstellung des Täters betreffend den Wert
(ANDREAS DONATSCH, a.a.O., N. 6 zu Art. 172 ter
StGB; Urteil des Bundesgerichts
6B_678/2019 vom 10. März 2020 E. 1.4.2). Wollte der Täter einen erheblichen Vermö-
gensvorteil erringen bzw. Schaden anrichten, blieb aber das Ergebnis gering, liegt Ver-
such in Idealkonkurrenz mit Vollendung der Übertretung vor (TRECHSEL/CRAMERI, in:
Trechsel/Pieth [Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch, 3. Aufl. 2018, N. 6 zu Art. 172 ter
StGB; a.M. PHILIPPE WEISSENBERGER, Basler Kommentar, Strafrecht II, 4. Auf. 2019, N.
37 zu Art. 172 ter
StGB). Auf der andern Seite entfällt Art. 172 ter
StGB, wenn der Täter
meint, eine Sache sei wertvoll, die in Wirklichkeit einen geringen Wert hat, ferner wenn es
dem Täter gleichgültig ist, wie hoch der Schaden oder wie gross der Vermögens-
wert ist (TRECHSEL/CRAMERI, a.a.O., N. 6 zu Art. 172 ter
StGB; PHILIPPE WEISSENBERGER,
a.a.O., N. 42 zu Art. 172 ter
StGB). Immerhin wird man bei Gegenständen, die üblicher-
weise nicht mehr als CHF 300.00 wert sind, im Zweifelsfall zu Gunsten des Täters darauf
abstellen müssen, dass sein Vorsatz sich nicht auf einen höheren Wert oder Schaden
richtete (PHILIPPE WEISSENBERGER, a.a.O., N. 42 zu Art. 172 ter
StGB).
Seite 16
2.2.7 Nach Ansicht des erkennenden Gerichts hat M_ die Sachbeschädigung in Stein AR
alleine begangen. Die späte Behauptung, P_ habe ebenfalls gesprayt (act. B 3/A8, S.
22), stellt nach Ansicht des Obergerichts - wie die Jugendanwaltschaft zu Recht ausführte
(act. B 3/Z37, S. 4) - eine Schutzbehauptung dar. Die Freundin des Beschuldigten gab
nämlich zu Protokoll (act. B 3/3.9, S. 2), dass P_ nur kurz vor Ort gewesen und dann
gegangen sei. Als die Polizei kam, war er ebenfalls nicht vor Ort (act. B 3/3.1, S. 3 f.).
Auch die anderen Beteiligten erwähnen nichts von P_ (Einvernahme N_, act. B
3/3.7; Einvernahme Einvernahme W_, act. B 3/3.8; Einvernahme C_, act. B
3/3.10).
Der objektive Tatbestand von Art. 144 Abs. 1 StGB ist somit erfüllt. Weil die Strafverfol-
gung gemäss Art. 36 Abs. 1 lit. c JStG in einem Jahr verjährt, wenn die Tat nach dem für
Erwachsene anwendbaren Recht - wie bei Art. 144 Abs. 1 i.V.m. Art. 172 ter
Abs. 1 StGB -
mit einer anderen Strafe bedroht ist, kommt es auf die subjektive Seite an. Nach dem
oben Gesagten, ist ein Schuldspruch nur möglich, wenn M_ einen „überschiessenden“
Vorsatz hatte, d.h. einen grösseren Schaden als den verursachten anrichten wollte oder
wenn es ihm egal war, wie hoch der Schaden ausfällt. M_ hat angegeben (act. B
3/A2, S. 5 f.; act. B 3/Z40, S. 4), am fraglichen Abend sei Halloween und er sei total
betrunken gewesen. Dazu, ob er einen grossen oder kleinen Schaden anrichten wollte
resp. ob ihm das egal war, hat er sich nicht geäussert und wurde dazu auch nicht befragt.
Aufgrund dieser Umstände ist davon auszugehen, dass der Berufungskläger sich vor oder
während dem Sprayen keine Gedanken über die Höhe des Schadens gemacht hat und
ihm dies auch egal war. Nach Art. 10 Abs. 3 StPO hat das Gericht grundsätzlich zwar von
der für den Beschuldigten günstigeren Sachlage auszugehen. Auf der anderen Seite han-
delt es sich um eine allgemein bekannte Tatsache, dass die Beseitigung von Sprayereien
normalerweise einen grossen Aufwand und hohe Kosten zur Folge hat. Dass das Besprü-
hen der WC-Anlage des Mehrzweckgebäudes lediglich mit CHF 260.00 zu Buche schlug,
war somit nicht zu erwarten. Demzufolge findet Art. 172 ter
StGB in diesem Kontext keine
Anwendung und M_ ist gestützt auf Art. 144 Abs. 1 i.V.m. Art. 36 Abs. 1 lit. b JStG
wegen Sachbeschädigung schuldig zu sprechen.
Seite 17
2.3 Diebstahl
2.3.1 Gemäss Anklage hat M_ sich am 13. Januar 2018 anlässlich des Geburtstages von
W_ mit weiteren Jugendlichen in Stein AR bei der Schule, Dorf 35, aufgehalten. Dabei
habe er eine Tasche von W_ im Wert von CHF 30.00 an sich genommen. In der
Tasche hätten sich zwei Kinogeschenkkarten im Wert von CHF 20.00 sowie eine
Geschenkkarte von ex libris im Wert von CHF 30.00 befunden (act. B 3/E, S. 3).
Weiter geht die Jugendanwaltschaft davon aus, dass M_ am 16. Februar 2018
anlässlich des Vorfalls bei der Fachhochschule in St. Gallen einen Rucksack mit Alkohol,
einem Lautsprecher, einem Ladegerät für ein Samsung Mobiltelefon und einer Flasche
Cola von W_ behändigt hat (act. B 3/E, S. 4).
2.3.2 Die Vorinstanz hat festgehalten (act. B 2 E. 3.1, S. 6 f.), die am 13. Januar 2018 gestoh-
lene Tasche mitsamt Inhalt sei anlässlich der Hausdurchsuchung vom 22. Februar 2018
beim Beschuldigten zu Hause gefunden worden, so dass erwiesen sei, dass er den Dieb-
stahl begangen habe. In der Untersuchung und an Schranken habe M_ zugegeben,
die Tasche von W_ mit zwei Kinogeschenkkarten und einem ex-libris-Gutschein
gestohlen zu haben. Den Diebstahl der Sporttasche am 16. Februar 2018 bestreite er
hingegen. Die rechtliche Beurteilung der Vorfälle könne jedoch offen bleiben, da die
Delikte verjährt seien, denn bei beiden Vorwürfen handle es sich um einen Diebstahl im
Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB i.V.m. Art. 172 ter
Abs. 1 StGB, welcher nach Art. 36 Abs. 1
lit. c JStG in einem Jahr verjähre. Die Qualifikation als geringfügige Vermögensdelikte
i.S.v. Art. 172 ter
StGB ergebe sich hier aus dem Umstand, dass dem Beschuldigten
Diebstähle von Sachen mit geringem Wert zur Last gelegt würden: Am 13. Januar 2018
der Diebstahl von Gegenständen im Betrag von CHF 80.00 und am 16. Februar 2018
derjenige von Gegenständen im Betrag von total CHF 247.90. Gemäss Rechtsprechung
liege der Grenzwert für die Annahme eines geringen Vermögenswertes bei CHF 300.00.
2.3.3 Vor dem Jugendgericht machte die Anklage im Wesentlichen geltend, N_ habe erklärt,
M_ habe ihm gesagt, er habe einen Rucksack mit Alkohol, einer Musikbox und einer
Cola von W_ mitgenommen (act. B 3/Z37, S. 5).
In der Anschlussberufung verlangt die Jugendanwaltschaft bezüglich der Diebstähle vom
13. Januar 2018 und vom 16. Februar 2018 die Aufhebung der Privilegierung nach Art.
172 ter
StGB (act. B 6, S. 2).
Seite 18
2.3.4 Anlässlich der Hauptverhandlung vor dem Jugendgericht bestritt der Verteidiger des
Beschuldigten, dass dieser am 16. Februar 2018 eine Tasche von W_ mitgenommen
habe (act. B 3/Z38, S. 8). Darüber hinaus sei das Teilnahmerecht von M_ bei
sämtlichen Einvernahmen verletzt worden. Jede Einvernahme, die M_ belaste, sei
ohne sein Beisein durchgeführt worden. Sämtliche Einvernahmen würden deshalb
gestützt auf Art. 147 Abs. 4 i.V.m. Art. 141 Abs. 2 StPO einem Beweisverwertungsverbot
unterliegen. Im Übrigen seien anlässlich der Hausdurchsuchung beim Beschuldigten
weder die Tasche noch deren Inhalt gefunden worden.
Im Berufungsverfahren macht RA lic. iur. A_ geltend (act. B 25, S. 3), die Vorinstanz
sei zu Recht davon ausgegangen, dass die dem Beschuldigten zur Last gelegten
Diebstähle zufolge Geringfügigkeit bereits vor dem erstinstanzlichen Urteil verjährt seien.
Die Staatsanwaltschaft beantrage nun die Aufhebung der Privilegierung nach Art. 172 ter
StGB, ohne dies zu begründen. Das Urteil der Vorinstanz sei deshalb zu bestätigen. Von
W_ sei noch eine Desinteresse-Erklärung ausstehend.
2.3.5 M_ hat zugegeben, am 13. Januar 2018 die Lenden- bzw. Gürteltasche von W_
mit einem ex-libris-Gutschein im Wert von CHF 30.00 und zwei Kinogutscheinen im Wert
von CHF 20.00 behändigt zu haben (act. B 3/4.3, S. 8 und B 3/Z40, S. 4). Diese konnte
am 22. Februar 2018 anlässlich der Hausdurchsuchung in der Wohnung der Mutter von
M_ sichergestellt werden (act. B 3/6.1.14). Der Wert der Tasche beläuft sich auf CHF
30.00 (act. B 3/4.1, S. 2). Anlässlich der Einvernahme durch die Jugendanwaltschaft vom
20. Juli 2018 erklärte er (act. B 3/A8, S. 4 f., Fragen 26 und 27), er habe die Tasche
mitgenommen, weil er betrunken gewesen sei. Bezüglich der Tasche habe er nichts
Spezielles vorgehabt. Er habe auch nicht gewusst, was sich darin befinde. Es sei ihm egal
gewesen, ob sich in der Tasche etwas Wertvolles befinde oder nicht. Es hätten auch
Taschentücher sein können, er hätte sie mitgenommen.
Den Diebstahl des Rucksackes von W_ anlässlich des Vorfalls vom 16. Februar 2018
bei der Fachhochschule St. Gallen hat M_ sowohl in der Untersuchung (act. B 3/6.7,
S. 3 und 6; B 3/A2, S. 7 und B 3/A8, S. 10 f.) als auch an Schranken (act. B 3/Z40, S. 5)
stets bestritten. N_ gab zu Protokoll (act. B 3/6.6, S. 3), M_ habe W_ einen
Rucksack mit Alkohol, einer Musikbox und Cola weggenommen. Das habe er ihm selbst
gesagt. Dass M_ die Tasche behändigt habe, sagten auch W_ (act. B 3/6.3, S. 2
und 4 f.) und K_ (act. B 3/6.4, S. 3 f.).
Seite 19
2.3.6 Bezüglich des Diebstahlvorwurfes vom 16. Februar 2018, den der Berufungskläger
bestreitet, gilt es zunächst zu prüfen, ob die dazu getätigten Aussagen der weiteren
anwesenden Personen verwendet werden können oder nicht.
Die Parteien haben das Recht, bei Beweiserhebungen durch die Staatsanwaltschaft und
die Gerichte anwesend zu sein und einvernommenen Personen Fragen zu stellen
(Art. 147 Abs. 1 StPO; DORRIT SCHLEIMINGER METTLER, Basler Kommentar, StPO, 2. Aufl.
2014, N. 3 zu Art. 147 StPO). Es handelt sich dabei um einen Ausfluss des rechtlichen
Gehörs (Art. 107 Abs. 1 lit. b StPO; Urteil des Bundesgerichts 1B_264/2012 vom
10. Oktober 2012 E. 4.2), und sichert die aktive Beteiligung der beschuldigten Person als
Subjekt. Ferner dient es der strafprozessualen Wahrheitsfindung. Das Konfrontationsrecht
soll sicherstellen, dass Zeugen nicht einseitig vernommen werden und dass bei deren
Einvernahme auch die für die Verteidigung wichtigen Anliegen zur Sprache kommen
(SUMMERS, SCHEIWILLER, STUDER, Das Recht auf Konfrontation in der Praxis, in: ZStrR
03/2016, S. 351 ff., S. 353 mit weiteren Hinweisen; ULRICH WEDER, Teilnahmerechte bei
Beweiserhebungen - Eine Beurteilung aus staatsanwaltlichem Blickwinkel, fokussiert auf
das Teilnahmerecht mitbeschuldigter Personen, in: forumpoenale 5/16, S. 281 ff., S. 282).
Als Belastungszeugen gelten Personen, die belastende Aussagen machen können, mithin
somit Zeugen, Sachverständige, Auskunftspersonen (auch von der Polizei einvernom-
mene; WOLFGANG WOHLERS, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur
Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 12 zu Art. 147 StPO).
Führt die Polizei nach Eröffnung der Untersuchung Beweiserhebungen gestützt auf einen
Auftrag der Staatsanwaltschaft durch, gelten die gleichen Regelungen wie für die Beweis-
erhebungen, welche die Staatsanwaltschaft selbst durchführt. Erhebt die Polizei Beweise
im polizeilichen Ermittlungsverfahren, haben die Parteien grundsätzlich keine Teilnahme-
rechte, woraus sich die besondere praktische Bedeutung der formellen Eröffnung des
staatsanwaltschaftlich geleiteten Untersuchungsverfahrens ergibt (vgl. WOLFGANG
WOHLERS, a.a.O., N 2 zu Art. 147 StPO). Die Parteien haben einen Anspruch darauf,
rechtzeitig über den Termin informiert zu werden (vgl. WOLFGANG WOHLERS, a.a.O., N. 7
zu Art. 147 StPO; DORRIT SCHLEIMINGER METTLER, a.a.O., N 9 zu Art. 147 StPO).
Die Staatsanwaltschaft eröffnet die Untersuchung in einer Verfügung, welche nicht eröff-
net zu werden braucht (vgl. Art. 309 Abs. 3 StPO). Gemäss OBERHOLZER gilt die Strafun-
tersuchung als eröffnet, sobald die Staatsanwaltschaft sich mit dem Fall zu befassen
beginnt (vgl. NIKLAUS OBERHOLZER, a.a.O., Rz. 1801; LANDSHUT/BOSSHARD, in:
Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessord-
nung, 2. Aufl. 2014, N 10b zu Art. 309 StPO; BGE 141 IV 20 E. 1.1.4). Die Eröffnungs-
verfügung wird der beschuldigten Person nicht direkt mitgeteilt. Die Orientierung erfolgt
anlässlich der Vornahme von Untersuchungshandlungen (z.B. Vorladungen, Einvernah-
Seite 20
men, etc.). Die Verfügung ist endgültig und kann nicht angefochten werden (vgl.
LANDSHUT/BOSSHARD, a.a.O., N 45 zu Art. 309 StPO).
Bezüglich des Vorfalles vom 16. Februar 2018 befragte die Kantonspolizei nach der
Anzeige/dem Strafantrag von W_ am 17. Februar 2018, 11.17 Uhr (act. B 3/6.1 und
6.2) diesen zur Sache (act. B 3/6.3, 11.22 Uhr) und in der Folge auch K_ (act. B 3/6.4,
15.42 Uhr). J_ wurde am 21. Februar 2018 durch die Polizei befragt (act. B 3/6.5,
15.55 Uhr), N_ am 24. März 2018 (act. B 3/6.6, 11.32 Uhr) und M_ am 22. Februar
2018 (act. B 3/6.7, 16.45 Uhr).
Die Jugendanwaltschaft ordnete am 20. Februar 2018 die Sicherung der Videoüber-
wachung an (act. B 3/6.1, S. 3 und 6.1.7) und verfügte am 22. Februar 2018 die Fest-
nahme/Hausdurchsuchung/Durchsuchung des Mobiltelefons (act. B 3/6.1, S. 4, 6.1.3,
6.1.6, 6.1.7, 6.1.9).
Nach dem oben Gesagten ist davon auszugehen, dass die Jugendanwaltschaft die Unter-
suchung betreffend den Vorfall vom 16. Februar 2018 am 20. Februar 2018 eröffnet
hat und die Polizei M_ ab diesem Zeitpunkt bei Einvernahmen die gleichen Rechte
zu gewähren hatte, wie wenn er durch die Jugendanwaltschaft einvernommen worden
wäre. Das heisst, dass auf die Aussagen von W_ und K_, nicht aber auf
diejenigen von J_ und N_ abgestellt werden kann. Zu beachten ist nun aber, dass
W_ und K_ später nicht mehr als Zeugen einvernommen wurden. Nach
SCHMID/JOSITSCH (Handbuch des Schweizerischen Strafprozessrechts, 3. Aufl. 2017, Rz.
919) sind deren Aussagen in diesem Fall nicht verwertbar (gl. M. NIKLAUS OBERHOLZER,
a.a.O., Rz. 1782).
Zu beachten ist schliesslich, dass M_ im Zeitpunkt der Einvernahme von J_ und
N_ noch nicht verbeiständet und über sein Recht, der Einvernahme beizuwohnen,
nicht informiert war. Auch die Einvernahmen von J_ und N_ sind somit nicht
verwertbar.
2.3.7 Wer jemandem eine fremde bewegliche Sache zur Aneignung wegnimmt, um sich oder
einen anderen damit unrechtmässig zu bereichern, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jah-
ren oder Geldstrafe bestraft (Art. 139 Ziff. 1 StGB).
Diebstahl ist ein Offizialdelikt; der Rückzug des Strafantrags durch W_ hat hier also
keine Folgen, da dieser kein Angehöriger oder Familiengenosse des Berufungsklägers ist
Seite 21
(vgl. Art. 139 Ziff. 4 StGB). Kommt hinzu, dass der Rückzug des Strafantrages explizit
bezüglich der einfachen Körperverletzung/Tätlichkeiten erfolgte.
Bezüglich des geringfügigen Vermögensdeliktes kann auf die oben gemachten Aus-
führungen (E. 2.2.6) verwiesen werden.
2.3.8 Vorfall vom 13. Januar 2018
M_ hat zugegeben, am 13. Januar 2018 die Tasche von W_ mitgenommen zu
haben, womit der objektive Tatbestand von Art. 139 Ziff. 1 StGB erfüllt ist. In der
Befragung vom 20. Juli 2018 hat er angegeben, dass er nicht wusste, was sich in der
Tasche befand und ihm dies auch gleichgültig war (act. B 3/A8, S. 5). Nach dem Streit mit
W_ ist es ihm wohl vor allem darum gegangen, Letzterem eins auszuwischen (act. B
3/A8, S. 10). Nach Ansicht des erkennenden Gerichts hat M_ sich folglich vor oder
während dem Wegnehmen der Tasche keine Gedanken bezüglich der Höhe des
Diebesgutes gemacht, und dies war ihm auch egal. Davon, dass sich in der Tasche
lediglich geringfügige Vermögenswerte befinden, konnte er nicht ausgehen. Denn gerade
der Wert, der bei Jugendlichen beliebten und gebräuchlichen elektronischen Geräte wie
Handys, i-Pods, Kopfhörer etc. beläuft sich rasch auf einen grösseren Betrag. Mithin ist
auch der subjektive Tatbestand von Art. 139 Ziff. 1 StGB gegeben und M_ ist des
Diebstahls schuldig zu sprechen.
Vorfall vom 16. Februar 2018
Die Aussage von N_ wurde nach der Eröffnung der Untersuchung durch die Staats-
bzw. Jugendanwaltschaft gemacht und ist deshalb nicht verwertbar (vgl. oben E. 2.3.6).
Dass M_ die Tasche behändigt hat, bestätigten auch W_ (act. B 3/6.3, S. 2 und 4
f.) und K_ (act. B 3/6.4, S. 3 f.). Deren Aussagen erfolgten zwar noch im polizeilichen
Ermittlungsverfahren nach Art. 306 f. StPO; allerdings wurden ihre Einvernahmen nach
Eröffnung der Untersuchung durch die Jugendanwaltschaft nicht wiederholt. Nach dem
oben Gesagten (E. 2.3.6) können also auch die Aussagen von W_ und K_ nicht
zum Nachteil von M_ verwertet werden.
Damit kann der Beweis, dass M_ am 16. Februar 2018 bei der Fachhochschule St.
Gallen den Rucksack von W_ an sich genommen hat, nicht erbracht werden und er ist
diesbezüglich vom Vorwurf des Diebstahls freizusprechen.
3. Strafzumessung
Seite 22
3.1 Vor dem Jugendgericht forderte die Jugendanwaltschaft, M_ sei mit einer Frei-
heitsstrafe von 30 Tagen zu bestrafen, unter Anrechnung von 3 Tagen Polizei- resp.
Untersuchungshaft (act. B 3/Z 37, S. 8).
3.2 Die Verteidigung hielt demgegenüber eine persönliche Leistung von 14 Tagen als ange-
messen (act. B 3/Z38, S. 13).
3.3 Die Vorinstanz hat erwogen (act. B 2 E. 4, S. 21 f.), die Anordnung einer Strafe setze
gemäss Art. 11 Abs. 1 JStG ein schuldhaftes Handeln des jugendlichen Täters voraus.
Schuldhaft handeln könne ein Jugendlicher nach Art. 11 Abs. 2 JStG, wenn er die Fähig-
keit besitze, das Unrecht seiner Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln.
Vorliegend seien keine Gründe ersichtlich, weshalb der Beschuldigte nicht in der Lage
sein sollte, das Unrecht seiner Taten einzusehen. Auch an der Verhandlung habe er den
Anschein erweckt, es sei ihm bewusst, dass das von ihm an den Tag gelegte Verhalten
Konsequenzen nach sich ziehe. Die Schuldfähigkeit des Beschuldigten sei damit grund-
sätzlich gegeben und das Verhängen einer Strafe gemäss Art. 11 JStG möglich.
Nach Art. 21 ff. JStG kämen im Jugendstrafrecht als Strafen der förmliche Verweis
(Art. 22), die persönliche Arbeitsleistung (Art. 23), eine Busse (Art. 24) und der Freiheits-
entzug (Art. 25) in Frage. Ein Jugendlicher, der nach Vollendung des 15. Altersjahres ein
Verbrechen oder Vergehen begehe, könne mit Freiheitsentzug von einem Tag bis zu
einem Jahr bestraft werden (Art. 25 Abs. 1 JStG). Infolge der wiederholten Straffälligkeit
des Beschuldigten und der Mehrzahl der vorliegend zu beurteilenden Delikte scheide die
mildeste Strafe des Verweises aus. Zudem müsse festgehalten werden, dass der
Beschuldigte bereits in früheren Verfahren zu persönlichen Arbeitsleistungen verurteilt
worden sei. Eine Busse sei wenig sinnvoll, da der Beschuldigte über kein Einkommen
verfüge, sondern die Eltern für seinen Lebensunterhalt aufkommen würden. Die bisheri-
gen Verpflichtungen zur Erbringung einer persönlichen Arbeitsleistung hätten nicht den
gewünschten Effekt gehabt und den Beschuldigten nicht vor weiterer Delinquenz abhalten
können. Es sei damit ein Freiheitsentzug nach Art. 25 JStG angezeigt.
Aufgrund der abstrakten Strafdrohung sei das schwerste Delikt vorliegend die einfache
Körperverletzung, die der Beschuldigte am 16. Februar 2018 an W_ begangen habe.
Diese werde im Erwachsenenstrafrecht nach Art. 123 Ziff. 1 StGB mit einer Freiheitsstrafe
bis zu drei Jahren bestraft. Dazu kämen strafschärfend die Schuldsprüche wegen der
Widerhandlungen gegen das Waffen- und Betäubungsmittelgesetz. Das Verschulden des
Beschuldigten weise angesichts der grösseren Zahl von neuen Delikten einige Schwere
auf. Er werde deshalb innerhalb des Strafrahmens von einem Jahr Freiheitsstrafe
ermessensweise mit einem Freiheitsentzug von 15 Tagen bestraft, wovon 3 Tage durch
Untersuchungshaft bereits erstanden seien.
Seite 23
3.4 Die Verteidigung betont im Berufungsverfahren (act. B 25, S. 5 f.), als Delikte würden
nach dem Rückzug des Strafantrages durch W_ die Widerhandlungen gegen das
Waffen- und Betäubungsmittelgesetz bleiben. Diese Delikte würden sehr leicht wiegen.
M_ sei primär Cannabis-Konsument gewesen und habe nur in Einzelfällen Cannabis
an Bekannte vermittelt. Die bei ihm zu Hause sichergestellte Airsoft-Waffe habe ein
Kollege mitgebracht und bei ihm liegen gelassen, worauf seine Mutter die Waffe an sich
genommen und aufbewahrt habe. Ein Freiheitsentzug gemäss Art. 25 JStG sei
keineswegs gerechtfertigt. Bezüglich des Vergehens gegen das Waffengesetz rechtfertige
sich sogar ein Absehen von einer Strafe. Die Vorstrafen seien nicht einschlägig.
3.5 Die Jugendanwaltschaft bemerkt dazu (act. B 28, S. 2), dass Geldstrafen im Jugendstraf-
recht nicht vorgesehen seien. Von einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten des
Bezirksgerichts Zürich vom 28. April 2010 habe sie keine Kenntnis (dabei handelt es sich
offensichtlich um einen Verschrieb in der Stellungnahme vom 31. Januar 2020; Anm. der
Unterzeichneten). Hingegen sei die neue Strafe des Untersuchungsamtes St. Gallen
dazugekommen. Am Antrag betreffend Freiheitsentzug von 25 Tagen halte sie fest; auf-
grund der neuen Ausgangslage (Rückzug Strafanträge, Strafbefehl des Untersuchungs-
amtes St. Gallen vom 13. November 2019) sei eine Zusatzstrafe in dieser Höhe ange-
messen.
3.6 Gemäss Art. 1 Abs. 2 lit. b JStG in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 StGB bemisst der Rich-
ter die Strafe innerhalb des gesetzlichen Strafrahmens nach dem Verschulden des
Beschuldigten, wobei das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wirkung
der Strafe auf das Leben des Täters zu berücksichtigen sind. Die so ermittelte Strafe ist
alsdann in Anwendung von Art. 47 ff. StGB sowie Art. 34 JStG bei Vorliegen von Strafmil-
derungs- bzw. Strafschärfungsgründen herabzusetzen bzw. zu erhöhen. Das Verschulden
wird nach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts,
nach der Verwerflichkeit des Handelns, den Beweggründen und Zielen des Täters sowie
danach bestimmt, wie weit der Täter nach den inneren und äusseren Umständen in der
Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden (Art. 47 Abs. 2 StGB).
In Art. 21 ff. JStG werden die möglichen Strafen aufgezählt. Es sind dies: Strafbefreiung,
Verweis, persönliche Leistung, Busse und Freiheitsentzug.
3.7 Gegenüber dem Urteil des Jugendgerichts ist der Tatbestand der einfachen Körperverlet-
zung (Vorfall vom 16. Februar 2018) nach dem Rückzug des Strafantrags durch W_
weggefallen. Dafür wird M_ neu wegen Diebstahls im Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB
Seite 24
(Vorfall vom 13. Januar 2018) und Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144 Abs. 1 StGB
(Vorfall vom 31. Oktober 2017), d.h. einem Verbrechen sowie einem Vergehen (Art. 10
StGB), schuldig gesprochen. Bestehen bleiben auch die Verurteilungen wegen
Widerhandlung gegen das Waffengesetz sowie wegen mehrfachen Widerhandlungen
gegen das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von Art. 19 Abs. 1 lit. c (Handel und
Verschaffen) sowie Art. 19a BetmG (Konsum).
Die vormals schwerste Straftat, die einfache Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff.
1 StGB, welche eine Strafandrohung von Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geld-
strafe vorsieht, ist zwar weggefallen. Allerdings lautet die Strafandrohung beim Diebstahl
sogar auf Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe (Art. 139 Ziff. 1 StGB) und die
Sachbeschädigung gemäss Art. 144 Abs. 1 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jah-
ren oder Geldstrafe bestraft. Gemäss Art. 25 Abs. 1 JStG kann M_ also nach wie vor
mit Freiheitsentzug von einem Tag bis zu einem Jahr bestraft werden.
Mit der gleichen Begründung wie die Vorinstanz (act. B 2 E. 4, S. 21) hält das Obergericht
einen blossen Verweis als zu milde. Die persönlichen Arbeitsleistungen, zu denen der
Berufungskläger in früheren Verfahren verurteilt worden ist (act. B 3/E1 bis 3/E3), haben
bei diesem offenbar keinen bleibenden Eindruck hinterlassen und ihn insbesondere nicht
vor weiterer Delinquenz abgehalten. Eine Busse ist wenig sinnvoll, weil M_ über kein
Einkommen verfügt, sondern die Eltern für den Lebensunterhalt aufkommen. Geldstrafen
kennt das Jugendstrafgesetz nicht. Auch das Obergericht hält deshalb einzig einen
Freiheitsentzug nach Art. 25 JStG für angezeigt.
Nach der neuerlichen Verurteilung durch das Untersuchungsamt St. Gallen am 13. No-
vember 2019 stellt sich die Frage, ob für die durch das Obergericht beurteilten Delikte
eine Zusatzstrafe gestützt auf Art. 49 Abs. 2 StGB auszusprechen ist. Ein Fall von retro-
spektiver Konkurrenz liegt allerdings nur dann vor, wenn in beiden Urteilen auf die gleiche
Strafart zu erkennen ist. Wurde der Täter im ersten Urteil zum Beispiel mit einer Busse
oder Geldstrafe bestraft, ist er dagegen für die neu zu beurteilenden Delikte mit einer
Freiheitsstrafe zu belegen, ist folglich - losgelöst vom ersten Urteil - auf eine neue Strafe
zu erkennen (BGE 137 IV 58 E. 4.3, 138 IV 122 E. 5; STEFAN HEIMGARTNER, in: Donatsch
[Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch, 20. Aufl. 2018, N. 9 und 10a zu Art. 49 StGB).
Das Untersuchungsamt St. Gallen hat am 13. November 2019 eine bedingte Geldstrafe
von 14 Tagessätzen zu CHF 30.00 und eine Busse von CHF 150.00 ausgesprochen (act.
B 29). Oben wurde festgehalten, dass das Obergericht für die heute zur Diskussion
stehenden Delikte einzig eine Freiheitsstrafe als angemessen erachtet; somit gilt es eine
neue Strafe auszufällen.
Formatiert: Schriftart: Nicht Fett
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Aufgrund der abstrakten Strafandrohung ist das schwerste Delikt vorliegend der Dieb-
stahl, den M_ am 13. Januar 2018 zum Nachteil von W_ begangen hat. Dieser
wird nach Art. 139 Ziff. 1 StGB mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft. Dazu
kommen strafschärfend die Schuldsprüche wegen Sachbeschädigung sowie wegen
Widerhandlungen gegen das Waffen- und Betäubungsmittelgesetz.
Das Verschulden von M_ wiegt angesichts der grossen Anzahl und Bandbreite von
Delikten (diese richten sich gegen das Vermögen sowie den Umgang mit Waffen und
Betäubungsmitteln) nicht mehr leicht. Als gravierend erachtet das Obergericht insbeson-
dere, dass der Berufungskläger nicht nur Betäubungsmittel konsumiert, sondern damit
auch gehandelt oder solche vermittelt hat (vgl. act. B 2 E. 3.6.1, S. 17 ff.). Innerhalb des
Strafrahmens von einem Jahr Freiheitsstrafe hält es daher ermessensweise einen Frei-
heitsentzug von 30 Tagen für angemessen.
3.8 Das Jugendgericht hat drei Tage Untersuchungshaft als erstanden erklärt (act. B 2 E. 4,
S. 22).
Nach Auffassung des Obergerichts hat M_ - soweit ersichtlich - indessen rund 146
Tage in Untersuchungshaft, in Gewahrsam zur Sicherung der Massnahme sowie im
Rahmen der Massnahme aus disziplinarischen Gründen im geschlossenen Vollzug ver-
bracht und zwar:
- vom 11. Januar 2019 bis 17. Januar 2019 nach der Flucht aus dem Arxhof im  Basel (6 Tage, act. B 3/T, 3/Z08 und 3/Z33),
- vom 29. Januar 2019 bis 28. Februar 2019 im Untersuchungsgefängnis Basel nach erneuter Flucht aus dem Arxhof (31 Tage, act. B 3/Z33);
- vom 5. Mai bis 10. Mai 2019 im Untersuchungsgefängnis Basel (5 Tage, act. B 3/Z33);
- vom 16. Mai 2019 bis 31. Juli 2019 in der geschlossenen Abteilung im Arxhof (77 Tage, act. B 12);
- vom 22. bis 24. August 2019 in der geschlossenen Abteilung im Arxhof (2 Tage, act. B 12);
- vom 24. September bis 18. Oktober 2019 in Gmünden (25 Tage, act. B 12 und B 16).
Die Unterbringung geht dem Vollzug eines gleichzeitig ausgesprochenen oder eines
wegen Widerruf oder Rückversetzung vollziehbaren Freiheitsentzuges voraus (Art. 32
Abs. 1 JStG). Wird eine Unterbringung aufgehoben, weil sie ihren Zweck erreicht hat, so
wird der Freiheitsentzug nicht mehr vollzogen (Art. 32 Abs. 2 JStG). Wird die Unterbrin-
gung aus einem anderen Grund aufgehoben, so entscheidet die urteilende Behörde, ob
und wieweit der Freiheitsentzug noch zu vollziehen ist. Dabei ist die mit der Unterbringung
verbundene Freiheitsbeschränkung anzurechnen (Art. 32 Abs. 3 JStG).
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Die vorsorgliche Unterbringung eines Jugendlichen gemäss Art. 15 Abs. 1 JStG ist nicht
als eigentliche Untersuchungshaft im Sinne von Art. 110 Abs. 7 StGB zu verstehen.
Gleichwohl ist eine solche Massnahme auf die Strafe anzurechnen. Ein diesbezüglicher
Entscheid ist aber nur im Falle einer Änderung oder Aufhebung der Massnahme im
Sachurteil zu fällen; ansonsten ist erst bei Beendigung der Massnahme über die Anrech-
nung zu befinden. (BGE 137 IV 12 E. 1.6.2). Der Umfang der Anrechnung richtet sich
nach dem Mass der Beschränkung in der persönlichen Freiheit; ist der Massnahmenvoll-
zug unter dem Aspekt der persönlichen Freiheit dem Strafvollzug ungefähr gleichzuset-
zen, ist die ganze Massnahmedauer anrechenbar, bei einer weniger starken Beschrän-
kung der persönlichen Freiheit kann nur eine teilweise Anrechung erfolgen (BGE 142 IV
359 = Pra. 106 [2017] Nr. 75 E. 2.3 mit weiteren Hinweisen; ZR 110 [2011] Nr. 111, S.
315 ff.; HEIMGARNTER, a.a.O., N 1a zu Art. 51 StGB).
Ist einmal der Grundsatz der Anrechnung erstellt, bleibt deren Ausmass zu bestimmen.
Diesbezüglich beziehen sich sowohl Art. 32 Abs. 3 Satz 2 JStG als auch Art. 62c Abs. 2
StGB auf «die Dauer» der Unterbringung beziehungsweise der Massnahme. Dies bedeu-
tet indessen nicht, dass die anrechenbare Dauer Tag für Tag jener des sich aus der
Massnahme ergebenden Freiheitsentzuges entsprechen muss (vgl. in Bezug auf die
Anrechnung der Dauer einer Massnahme des Strafgesetzbuches: Botschaft des Bundes-
rates zur Änderung des Schweizerischen Strafgesetzbuches vom 21. September 1998,
BBl 1998 1979 ff., Ziff. 213.413 und den Verweis auf BGE 109 IV 80 ff.; im Zusammen-
hang mit Art. 32 Abs. 2 JStG: CHRISTOF RIEDO, Jugendstrafrecht und
Jugendstrafprozessrecht, 2013, Rz. 1278; NICOLE HOLDEREGGER, Die Schutzmassnah-
men des Jugendstrafgesetzes unter besonderer Berücksichtigung der Praxis in den Kan-
tonen Schaffhausen und Zürich, 2009, Rz.. 869). Der anrechenbare Teil der sich aus dem
Vollzug der Massnahme ergebenden Dauer des Freiheitsentzuges muss anhand der
Bedeutung der vom Betroffenen erlittenen Einschränkung seiner Freiheit, das heisst
der tatsächlichen Bedingungen des Massnahmenvollzugs, bestimmt werden. Zu
berücksichtigen sind auch seine Besserungsaussichten. Wenn schliesslich das Scheitern
der Unterbringung sich aus der Verweigerung jeglicher Kooperation ergibt, muss der
Jugendlich nicht dafür mit einer vollständigen Anrechnung der Dauer der Massnahme
belohnt werden (CHRISTOF RIEDO, a.a.O., Rz. 1276 ff.; restriktiver NICOLE HOLDEREGGER,
a.a.O., Rz. 869).
In der offenen Massnahme war der Berufungskläger insofern in seiner Bewegungsfreiheit
eingeschränkt, als er von seinem gewöhnlichen Lebensumfeld und seinen Angehörigen
getrennt war. Diesen Teil der Unterbringung hat er durch seine zahlreichen, oft mehrere
Wochen dauernden Fluchten noch zum weniger einschränkenden Teil gestaltet (BGE 142
https://app.legalis.ch/legalis/document-view.seam?documentId=m5pwu43um5pxax3boj2f6mzs https://app.legalis.ch/legalis/document-view.seam?documentId=m5pxg5dhmjpxax3boj2f6nrsmm https://app.legalis.ch/legalis/document-view.seam?documentId=m5pxg5dhmjpxax3boj2f6nrsmm https://app.legalis.ch/legalis/document-view.seam?documentId=mjtwkxzrga4v62lwl44da https://app.legalis.ch/legalis/document-view.seam?documentId=m5pwu43um5pxax3boj2f6mzs
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IV 359 = Pra. 106 [2017] Nr. 75 E. 2.5). Unter diesen Umständen erachtet es das Oberge-
richt als gerechtfertigt, von der Anrechnung der in der offenen Massnahme verbrachten
Zeit (gänzlich) abzusehen. Bezüglich der in Untersuchungshaft, in Gewahrsam zur Siche-
rung der Massnahme sowie aus disziplinarischen Gründen im geschlossenen Vollzug
verbrachten 146 Tage erscheint hingegen eine (teilweise) Anrechnung im Umfang von
rund 20 % als angemessen. Dies mit Blick darauf, dass der Berufungskläger es in sämt-
lichen Einrichtungen bewusst auf das Scheitern der Massnahme angelegt und keinerlei
Erziehungsmassnahmen auf sich genommen hat (BGE 142 IV 359 = Pra. 106 [2017]
Nr. 75 E. 2.5).
3.9 Der oben festgelegte Freiheitsentzug von 30 Tagen gilt somit als erstanden.
4. Bedingter Strafvollzug
Da die ausgefällte Freiheitsstrafe bereits vollumfänglich erstanden ist, erübrigen sich an
dieser Stelle weitere Bemerkungen.
5. Massnahme
5.1 Am 12. August 2018 wurde M_ von der Jugendanwaltschaft vorsorglich im Schul- und
Berufsbildungsheim Albisbrunn untergebracht. Mit Verfügung vom 9. November 2018
erfolgte der Wechsel ins Massnahmezentrum Arxhof (act. B 3/E, S. 7 und B 16, S. 1). Am
16. Mai 2019 hat das Jugendgericht die offene Unterbringung von M_ gemäss Art. 15
Abs. 1 JStG angeordnet resp. bestätigt (act. B 2 E. 5.3.1, S. 23 ff.).
5.2 Am 19. Dezember 2019 hat die Jugendanwaltschaft die Schutzmassnahme mit sofortiger
Wirkung wegen Erfolglosigkeit aufgrund fehlender Therapiewilligkeit ersatzlos aufge-
hoben. Weitere Massnahmen erachtet sie angesichts des Verhaltens von M_ nicht als
zielführend (act. B 16, S. 2).
5.3 Damit hat es bei der Aufhebung der Schutzmassnahme sein Bewenden.
6. Kosten
6.1 Erst- und zweitinstanzliche Verfahrenskosten
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Die Art. 422 bis 428 StPO gelten sinngemäss auch im Jugendstrafverfahren (Art. 44 Abs.
2 JStPO). Nach Art. 422 StPO bestehen die Verfahrenskosten aus den Gebühren und
Auslagen. Auslagen sind namentlich auch die Kosten für die amtliche Verteidigung (Art.
422 Abs. 2 lit. a StPO). Die Verfahrenskosten werden vom Kanton getragen, der das
Verfahren geführt hat; abweichende Bestimmungen dieses Gesetzes bleiben vorbehalten
(Art. 423 Abs. 1 StPO). Art. 426 StPO sieht vor, dass die beschuldigte Person die Verfah-
renskosten trägt, wenn sie verurteilt wird.
Fällt die Rechtsmittelinstanz einen neuen Entscheid, so befindet sie darin auch über die
von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428 Abs. 3 StPO), wobei diese Fragen
für jede Verfahrensstufe separat zu prüfen sind und demgemäss Kostenauflagen und
Entschädigungspflichten für diese durchaus unterschiedlich ausfallen können
(SCHMID/JOSITSCH, Praxiskommentar schweizerische Strafprozessordnung, 3. Aufl. 2018,
N. 1 zu Art. 428 StPO). Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach
Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens. Als unterliegend gilt auch die Partei, auf
deren Rechtsmittel nicht eingetreten wird oder die das Rechtsmittel zurückzieht (Art. 428
Abs. 1 StPO). Das Obsiegen oder Unterliegen beurteilt sich grundsätzlich nach den
Anträgen der rechtsmittelführenden Partei. Unterliegt eine Partei nur teilweise, werden die
Kosten anteilsmässig verlegt (BGE 123 IV 156 E. 3c; YVONA GRIESSER, in:
Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessord-
nung, 2. Aufl. 2014, N. 1 zu Art. 428 StPO; THOMAS DOMEISEN, Basler Kommentar, StPO,
2. Aufl. 2014, N. 6 f. zu Art. 428 StPO).
Das Jugendgericht hat die Verfahrenskosten im Umfang von 2/3 M_ auferlegt und im
Umfang von 1/3 auf die Staatskasse genommen. Zusätzlich hat der Staat gestützt auf Art.
135 Abs. 4 lit. a StPO einen Teil der Kosten der amtlichen Verteidigung vorläufig und den
anderen Teil definitiv zu übernehmen (act. B 2 E. 8.1, S. 34).
Vor dem Obergericht wurde M_ vom Vorwurf der einfachen Körperverletzung frei-
gesprochen; die Voraussetzungen dafür wurden durch den Rückzug des Strafantrages
durch W_ jedoch erst im Berufungsverfahren geschaffen (Art. 428 Abs. 2 lit. a StPO).
Vom Vorwurf des Diebstahls bezüglich des Vorfalles vom 16. Februar 2018 sprach das
erkennende Gericht ihn frei, während die Vorinstanz das Verfahren diesbezüglich zufolge
Verjährung eingestellt hatte. Neu hinzugekommen sind die Verurteilungen wegen
Sachbeschädigung und Diebstahl (Vorfall vom 13. Januar 2018). Bezüglich der
Schuldsprüche wegen Widerhandlungen gegen das Waffen- und Betäubungsmittelgesetz
wurde die Berufung zurückgezogen. Auf die Anträge, die Massnahmekosten seien der
Jugendanwaltschaft aufzuerlegen bzw. dem Beschuldigen sei eine Haftentschädigung
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auszurichten, ist das Obergericht nicht eingetreten. Dieses hat schliesslich keine Schutz-
massnahme mehr angeordnet, nachdem die durch das Jugendgericht angeordnete
Unterbringung aufgrund des Verhaltens des Berufungsklägers von der Jugendanwalt-
schaft zufolge Erfolglosigkeit ersatzlos aufgehoben wurde.
Mit Blick darauf, dass verschiedene Anklagepunkte, in welchen das Jugendgericht eine
definitive Einstellung verfügt resp. den Berufungskläger freigesprochen hat, von der
Berufung nicht erfasst wurden, erscheint es insgesamt als gerechtfertigt, die erstinstanz-
liche Kostenverteilung beizubehalten. Die zweitinstanzlichen Verfahrenskosten sind
indessen ausgangsgemäss vollumfänglich dem Berufungskläger aufzuerlegen. Die
zweitinstanzliche Gerichtsgebühr wird auf CHF 2‘500.00 festgesetzt (Art. 29 lit. b Gebüh-
renordnung, bGS 233.3).
6.2 Erst-und zweitinstanzliche Entschädigung
Ansprüche auf Entschädigung und Genugtuung im Rechtsmittelverfahren richten sich
nach den Artikeln 429-434 (Art. 436 Abs. 1 StPO). Aus den Art. 429-434 StPO folgt ohne
weiteres, dass bei einem Schuldspruch grundsätzlich kein Raum für eine Entschädigung
des Beschuldigten bleibt (SCHMID/JOSITSCH, Praxiskommentar schweizerische Strafpro-
zessordnung, 3. Aufl. 2018, N. 1 zu Art. 429 StPO). Erfolgt weder ein vollständiger oder
teilweiser Freispruch noch eine Einstellung des Verfahrens, obsiegt die beschuldigte Per-
son aber in anderen Punkten, so hat sie Anspruch auf eine angemessene Entschädigung
für ihre Aufwendungen (Art. 436 Abs. 2 StPO). Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn sie
milder bestraft wird (YVONA GRIESSER, a.a.O., N. 3 zu Art. 436 StPO mit weiteren Hinwei-
sen; WEHRENBERG/FRANK, Basler Kommentar, StPO, 2. Aufl. 2014, N. 10 zu Art. 436
StPO).
Aufgrund des Verfahrensausgangs hat der Berufungskläger keinen Anspruch auf
Entschädigung seiner Verteidigungskosten vor zweiter Instanz (Art. 436 i.V.m. Art. 429
Abs. 1 lit. a StPO).
Irrtümlich wurde im Dispositiv in Ziffer 9 auch der Entschädigungsanspruch vor erster
Instanz erwähnt (act. B 43). Dieses Versehen wird hiermit praxisgemäss in der schrift-
lichen Urteilsbegründung berichtigt (Art. 83 StPO).
6.3 Amtliche Verteidigung
Seite 30
Das Jugendgericht hat die Kosten für die amtliche Verteidigung durch RA lic. iur. A_
und RA lic. iur. D_ auf die Staatskasse genommen (act. B 2 E. 8.2, S. 34). Dieser
Punkt wurde nicht angefochten.
Im Berufungsverfahren hat RA lic. iur. A_ eine Kostennote in Höhe von CHF 6‘468.05
eingereicht (act. B 34). Bei einer Position (Telefon mit Jugendanwaltschaft vom 19. Juni
2019) wurde - wohl versehentlich - ein Stundenansatz von CHF 280.00 eingesetzt.
Zulässig ist jedoch lediglich ein Ansatz von CHF 200.00 (Art. 24 Abs. 1 Anwaltstarif, bGS
145.53). Zusammen mit der Mehrwertsteuer ergibt sich so eine Entschädigung von CHF
6‘453.40, welche unter Vorbehalt der Rückerstattung nach Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO auf
die Staatskasse zu nehmen ist.
6.4 Haftentschädigung
6.4.1 Oben (E. 1.5) ist das erkennende Gericht auf den Antrag auf Ausrichtung einer Haftent-
schädigung aus formellen Gründen nicht eingetreten. Der Vollständigkeit halber wird
nachfolgend dennoch kurz inhaltlich auf diese Frage eingegangen.
6.4.2 Wird die beschuldigte Person ganz oder teilweise freigesprochen oder wird das Verfahren
gegen sie eingestellt, so hat sie nach Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO Anspruch auf Genug-
tuung bei besonders schweren Verletzungen der persönlichen Freiheit, insbesondere bei
Freiheitsentzug. Der Anspruch ist vom Betroffenen geltend zu machen (Art. 429 Abs. 2
StPO; SCHMID/JOSITSCH, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommentar, 3. Aufl.
2018, N. 14 zu Art. 429 StPO). Die Strafbehörde kann die Entschädigung oder Genug-
tuung herabsetzen oder verweigern, wenn die beschuldigte Person rechtswidrig und
schuldhaft die Einleitung des Verfahrens bewirkt oder dessen Durchführung erschwert hat
(Art. 430 Abs. 1 lit. a StPO). Im Rechtsmittelverfahren können Entschädigung und
Genugtuung herabgesetzt werden, wenn die Voraussetzungen von Art. 428 Abs. 2 StPO
erfüllt sind.
Der Anspruch nach Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO besteht primär bei rechtmässig angeord-
neten Verfahrenshandlungen, vorab Zwangsmassnahmen. Es ist dies mit anderen Worten
Freiheitsentzug, dessen gesetzliche Voraussetzungen im Zeitpunkt der Anordnung
gegeben waren (SCHMID/JOSITSCH, Handbuch des Schweizerischen Strafprozessrechts,
3. Aufl. 2017, Rz. 1817 und 1825; SCHMID/JOSITSCH, Schweizerische Strafprozessord-
nung, Praxiskommentar, 3. Aufl. 2018, N. 10 zu Art. 429 StPO). Sogenannte Überhaft
fällt unter Art. 431 Abs. 2 StPO, d.h. wenn die Dauer der ursprünglich (rechtmässig)
Seite 31
angeordneten Haft die schliesslich ausgesprochene Strafe oder den Freiheitsentzug
übersteigt. Relevant sind ebenfalls Fälle, in denen nach Untersuchungs- oder Sicher-
heitshaft andere Sanktionen verhängt werden SCHMID/JOSITSCH, Schweizerische Straf-
prozessordnung, Praxiskommentar, 3. Aufl. 2018, N. 10 zu Art. 429 StPO und N. 4 zu Art.
431 StPO). Art. 431 Abs. 2 StPO stellt im Einklang mit Art. 51 StGB die Grundregel auf,
dass eine solche Überhaft primär an eine im gleichen oder einem anderen Verfahren
wegen anderer Straftaten ausgesprochene Sanktion anzurechnen ist. Bei der Anrechnung
auf freiheitsentziehende Massnahmen wird es Aufgabe der Rechtsprechung sein, ange-
messene Anrechnungsgrundsätze zu entwickeln (SCHMID/JOSITSCH, Schweizerische
Strafprozessordnung, Praxiskommentar, 3. Aufl. 2018, N. 5 f. zu Art. 431 StPO; ebenso
Botschaft 1330, YVONA GRIESSER, a.a.O., N. 11 zu Art. 431 StPO und SCHMID/JOSITSCH,
Handbuch des Schweizerischen Strafprozessrechts, 3. Aufl. 2017, Rz. 1828). Nach
WEHRENBERG/FRANK (a.a.O., N. 30b ff. zu Art. 431 StPO) ist die Anrechnung an freiheits-
entziehende Massnahmen hingegen nicht möglich.
Die StPO regelt die verfahrensmässige Umsetzung dieser Anrechnung nicht, vorab dann,
wenn die Sanktion von einer anderen Strafbehörde als derjenigen, die Art. 431 StPO
anzuwenden hat, ausgesprochen wurde oder noch auszusprechen ist. Praktische Gründe
sprechen dafür, dass die Anrechnung von der Behörde vorgenommen wird, die über die
Anwendung von Art. 431 Abs. 2 StPO zu entscheiden hat (SCHMID/JOSITSCH, Schweize-
rische Strafprozessordnung, Praxiskommentar, 3. Aufl. 2018, N. 7 zu Art. 431 StPO;
WEHRENBERG/FRANK, a.a.O., N. 27 zu Art. 431 StPO). Soweit keine Anrechnung erfolgen
kann, sind Entschädigung und Genugtuung nach freiem richterlichem Ermessen zuzu-
sprechen. Dabei sind Ausschlussgründe nach Abs. 3 zu beachten, die nach dem Grund-
satz von a maiore minus ebenfalls zu einer blossen Reduktion von Entschädigung und
Genugtuung führen können (SCHMID/JOSITSCH, Schweizerische Strafprozessordnung,
Praxiskommentar, 3. Aufl. 2018, N. 8 zu Art. 431 StPO).
6.4.3 Wie erwähnt (oben E. 5), ist die Schutzmassnahme heute kein Thema mehr, nachdem die
Jugendanwaltschaft diese am 19. Dezember 2019 wegen des mangelnden Therapiewil-
lens des Berufungsklägers ersatzlos aufgehoben hat. Im Zusammenhang mit dem Antrag
auf Haftentschädigung ist es dennoch erforderlich, dass das Obergericht sich kurz zu den
Voraussetzungen und der Ausgestaltung der Unterbringung äussert.
Tatsache ist, dass M_ eine Zeit lang in viele Vorfälle verwickelt war, die in ihrer
Gesamtheit nach Auffassung des Obergerichts eine Schutzmassnahme rechtfertigten. Im
Nachhinein ist die Einweisung in den Arxhof sicherlich nicht als glücklich zu bezeichnen.
M_ musste das Heim Albisbrunn aber wegen Drogenkonsums verlassen (act. B 3/K1
Seite 32
und 3/K2) und hatte über lange Zeit keine Tagesstruktur und Beschäftigung (act. B 12).
Vor diesem Hintergrund war die Einweisung zwar einschneidend, aber keineswegs
unrechtmässig.
Wenn die Verteidigung heute vorbringt, die Einweisung sei im Verhältnis zu den Delikten,
wegen denen der Berufungskläger aktuell schuldig gesprochen wird, unverhältnismässig,
hinkt dieser Vergleich. Im Zeitpunkt, als die Jugendanwaltschaft die Massnahme anord-
nete, hatte M_ ein schlechtes Umfeld, keine Tagesstruktur und delinquierte
fortwährend. Daran ändert der Rückzug des Strafantrages wegen Tätlichkeiten/einfacher
Körperverletzung nichts. Die Jugendanwaltschaft hatte also durchaus Anlass, eine Unter-
bringung anzuordnen. Dass sich der Berufungskläger jeglichen Therapieansätzen verwei-
gert und seine ganze Energie dafür aufwendet, diese zu sabotieren (act. B 16, S. 2),
konnte die Jugendanwaltschaft damals nicht wissen.
Fest steht, dass das Jugendgericht - wie von der Jugendanwaltschaft beantragt (act. B
3/E, S. 7 und 3/Z 37, S. 2) - eine offene Unterbringung nach Art. 15 Abs. 1 JStG ange-
ordnet hat (act. B 2 E. 5.3.2, S. 26 und 36). Indem die Jugendanwaltschaft vorerst an der
Einweisung in das Massnahmezentrum Arxhof festhielt und diese erst am 19. Dezember
2019 beendete, wurde M_ nach Auffassung des Obergerichts nicht widerrechtlich in
eine geschlossene Einrichtung nach Art. 15 Abs. 2 JStG eingewiesen, wie die
Verteidigung geltend macht (act. B 25, S. 6 ff.). Dies selbst dann nicht, als er aufgrund
seiner zahlreichen Fluchten und Verweigerungshandlungen resp. zur Sicherung vor
wichtigen Terminen (wie zum Beispiel der Verhandlung vor dem Jugendgericht) mehrfach
ins Untersuchungsgefängnis oder in die geschlossene Abteilung verbracht wurde. Die
Verteidigung hat lediglich insofern Recht, als dass die Voraussetzungen für eine Einwei-
sung in eine geschlossene Einrichtung nie gegeben waren (vgl. Art. 15 Abs. 2 JStG). Eine
vorübergehende geschlossene Unterbringung in Krisensituationen wird hingegen als
zulässig erachtet (CHRISTOF RIEDO, a.a.O., Rz. 746 ff.; NICOLE HOLDEREGGER, a.a.O., Rz.
584; HUG/SCHLÄFLI/VALÄR, Basler Kommentar, Strafrecht II, 4. Aufl. 2019, N. 8 ff. zu Art.
15 JStG mit weiteren Hinweisen). Zwar kann nach Auffassung des Gesetzgebers von der
Anordnung einer Schutzmassnahme abgesehen werden, wenn im Hinblick auf die bishe-
rigen Erfahrungen ein Erziehungs- oder Behandlungserfolg von vornherein ausgeschlos-
sen werden muss. Mit anderen Worten müssen pädagogische und/oder therapeutische
Interventionen im Sinne eines Tatbeweises gescheitert sein, damit trotz erstellter Mass-
nahmebedürftigkeit mit der Begründung, der Jugendliche sei nicht massnahmefähig, von
der Anordnung einer Schutzmassnahme abgesehen werden kann (NICOLE HOLDEREGGER,
a.a.O., Rz. 270 mit weiteren Hinweisen).
Seite 33
Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass die offene Unterbringung durch die
Jugendanwaltschaft gestützt auf Art. 5, 10, und 15 Abs. 1 JStG zu Recht angeordnet und
durch das Jugendgericht aufrecht erhalten wurde. Die Massnahme war nach Ansicht des
Obergerichts auch verhältnismässig. Unter diesen Umständen besteht keine Grundlage
für eine Haftentschädigung; umso mehr als die Voraussetzungen für die definitive Ein-
stellung des Tatbestandes der einfachen Körperverletzung resp. Tätlichkeiten (Vorfälle
vom 13. Januar 2018 und 16. Februar 2018 zum Nachteil von W_) mit dem Rückzug
des Strafantrages erst im Laufe des Rechtsmittelverfahrens geschaffen wurden (Art. 430
Abs. 2 i.V.m. Art. 428 Abs. 2 StPO).
Seite 34
In teilweiser Gutheissung von Berufung und Anschlussberufung erkennt das
Obergericht:
1. Es wird Vormerk genommen, dass das Urteil des Jugendgerichtes Appenzell  vom 16. Mai 2019 (JUG 2018 2)
- in Dispositiv Ziff. 1, definitive Einstellung betreffend:
- mehrfache Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 1 lit. c BetmG, begangen in der Zeit vom 18. Februar 2016 bis 16. Mai 2016;
- mehrfache Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a BetmG, begangen in der Zeit vom 2. Oktober 2017 bis 16. Mai 2018;
- in Dispositiv Ziff. 2, Freispruch von der Anklage:
- des betrügerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage gemäss Art. 147 Abs. 1 StGB, Tatvorwurf betreffend den 17. Dezember 2016;
- der Sachbeschädigung gemäss Art. 144 Abs. 1 StGB i.V.m. Art. 172 ter
Ziff. 1 StGB, Tatvorwurf betreffend die Zeit vom 26. bis 28. Januar 2018 in Heiden;
- der Widerhandlung gegen das Waffengesetz gemäss Art. 33 WG, Klappmesser, begangen am 22. Februar 2018;
- in Dispositiv Ziff. 3, Schuldspruch wegen:
- Widerhandlung gegen das Waffengesetz gemäss Art. 33 WG, Softair Pistole, begangen am 22. Februar 2018;
- mehrfacher Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 1 lit. c. BetmG, Handel und Verschaffen von Betäubungsmitteln, begangen in der Zeit vom 17. Mai 2016 bis 1. September 2017;
- mehrfacher Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a BetmG, Konsum, begangen in der Zeit vom 17. Mai 2018 bis 20. Juli 2018;
- in Dispositiv Ziff. 7, Feststellung bezüglich der Zivilforderung der Privatklägerin 3 (Politische Gemeinde Stein AR);
- in Dispositiv Ziff. 8, Rückgabe der beschlagnahmten Gegenstände;
- in Dispositiv Ziff. 10 Abs. 1, Entschädigung RA lic. iur. A_ als amtlicher Verteidiger;
- in Dispositiv Ziff. 10 Abs. 2, Entschädigung RA lic. iur. D_ als amtlicher Verteidiger;
mangels Berufung bzw. Anschlussberufung in Rechtskraft erwachsen ist.
2. Auf den Antrag, die Kosten für die Massnahme seien durch die Jugendanwaltschaft zu
tragen, wird nicht eingetreten.
3. Auf den Antrag, dem Beschuldigten sei eine angemessene Haftentschädigung auszurich-
ten, wird nicht eingetreten.
4. Das Verfahren betreffend die folgenden Delikte wird zufolge Rückzugs des Strafantrages
(Art. 329 Abs. 4 StPO i.V.m. Art. 3 Abs. 1 JStPO) definitiv eingestellt:
- Tätlichkeit gemäss Art. 126 Abs. 1 StGB zum Nachteil von W_, begangen am 13. Januar 2018;
Seite 35
- einfache Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 1 StGB zum Nachteil von W_, begangen am 16. Februar 2018.
5. Der Beschuldigte M_ wird von der Anklage
- des Diebstahls im Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB zum Nachteil von W_, begangen
am 16. Februar 2018, freigesprochen.
6. Der Beschuldigte M_ wird schuldig gesprochen
- der Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144 Abs. 1 StGB zum Nachteil der Gemeinde Stein, begangen am 31. Oktober 2017;
- des Diebstahls im Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB zum Nachteil von W_, begangen am 13. Januar 2018.
7. M_ wird bestraft mit Freiheitsentzug von 30 Tagen, welcher durch Untersuchungshaft
vollumfänglich erstanden ist.
8. Die Verfahrenskosten, bestehend aus
CHF 3‘134.00 Kosten der Voruntersuchung CHF 150.00 Anklageschrift CHF 450.00 erstinstanzliche Gerichtsgebühr CHF 6‘484.50 amtliche Verteidigung im erstinstanzlichen Verfahren CHF 2‘560.50 Kosten (polizeiliche Zuführung vor erster Instanz) CHF 6‘453.40 amtliche Verteidigung im Berufungsverfahren CHF 2‘500.00 zweitinstanzliche Gerichtsgebühr
CHF 21‘732.40 insgesamt,
werden im Umfang von CHF 6‘696.35 (2/3 Verfahrenskosten erste Instanz =
CHF 4‘196.35 + Verfahrenskosten zweite Instanz = CHF 2‘500.00) dem Beschuldigten M_ auferlegt und im Umfang von CHF 15‘036.05 auf die Staatskasse genommen. Im Betrag von CHF 4‘259.65 (= 1/3 Verfahrenskosten und 1/3 amtliche Verteidigung vor erster Instanz) werden die Kosten endgültig, im Betrag von CHF 10‘776.40 (= 2/3 amtliche Verteidigung vor erster Instanz und amtliche Verteidigung vor zweiter Instanz) unter Vorbehalt der Rückforderung (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO) auf die Staatskasse genommen.
9. Dem Beschuldigten wird für das zweitinstanzliche Verfahren keine Entschädigung zuge-
sprochen.
10. Rechtsanwalt RA lic. iur. D_ wird für seine Bemühungen als amtlicher Verteidiger bis
zum 22. Januar 2019 mit CHF 2‘169.95 (inkl. Barauslagen und MWSt) aus der Staatskasse entschädigt. Es wird festgestellt, dass das volle Honorar im Sinne von Art. 135 Abs. 4 lit. b StPO CHF 2‘493.05 beträgt.
11. Rechtsanwalt RA lic. iur. A_ wird für seine Bemühungen als amtlicher Verteidiger im
erst- und zweitinstanzlichen Verfahren eine Entschädigung von insgesamt CHF 10‘767.95 (inkl. Barauslagen und MWSt) aus der Staatskasse zugesprochen.
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12. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der Berufungskläger haben am 7. Mai 2020 bzw. am 1. Juni 2020 schriftlich erklärt, auf die Ergreifung eines Rechtsmittels zu verzichten. Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr wurde somit um einen Drittel, d.h. um CHF 833.35, reduziert.
13. Dieses Urteil ist in Rechtskraft erwachsen.
14. Versand am 22. Juli 2020 an:
- den Beschuldigten über seinen Verteidiger - die Jugendanwaltschaft
- RA lic. iur. D_ - Bundesamt für Polizei (fedpol), Zentralstelle Waffen, Nussbaumstr. 29, 3003 Bern - Jugendgericht AR (JUG 18 2)
Der Gerichtspräsident:
Die Gerichtsschreiberin:
lic. iur. Ernst Zingg lic. iur. Barbara Schittli