Decision ID: eeb87132-269e-4e20-9776-11ca8f11b3d6
Year: 2008
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_002
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

Sachverhalte, welche ein Wagnis begründeten, würden vorliegend nicht
zutreffen. Vielmehr handle es sich um einen Snowboardunfall, der sich
jederzeit überall in einem Skigebiet hätte ereignen können. Die Leistungen
würden offenbar gekürzt, weil die Verletzte keinen Helm und keinen
Rückenpanzer getragen habe. Das Tragen von solchen „Utensilien“ sei
gesetzlich nicht vorgeschrieben und bei Tiefschneeabfahrten auch nicht
erforderlich. Diesen würde auf harten Pisten ein viel grösserer Stellenwert
zukommen, da sie auch tatsächlich dazu geeignet seien, schwere
Verletzungen zu verhindern. Es treffe nicht zu, dass das Tragen eine
Rückenpanzers und eines Schutzhelmes ausserhalb der Piste unerlässlich
sei.
g) Am 20. Dezember 2007 verfügte die Ersatzkasse UVG mit Hinweis auf das
Vorliegen eines Wagnisses die 50%-ige Kürzung sämtlicher Geldleistungen.
Als für den Entscheid massgebend sei, dass „gefährliche Routen, bei denen
jeder Sturz lebensgefährlich sein kann“ ein Kürzungstatbestand, der als
Wagnis gelte, darstelle. Begründend wurde ausgeführt, dass dieses Merkmal
vorliegend für den abseits der Piste befahrenen Abschnitt zutreffe. Der
Unfallort könne durchaus unter dem erwähnten Kürzungstatbestand
subsumiert werden. Da die Versicherte eine gute Fahrerin sei und die Piste
gut kenne, könne davon ausgegangen werden, dass ihr das Vorhandensein
eines Felsvorsprunges mit mehreren Metern Höhe bekannt gewesen sei.
Ferner würden Helm, Rückenpanzer und Suchgerät zwar nicht zur
Pflichtausstattung gehören, seien jedoch bei Variantenfahrern und abseits der
Piste unerlässlich. Ein Wagnis liege vor, wenn eine Handlung auf Grund
objektiver Gegebenheiten mit Gefahren verbunden sei, die unabhängig von
den konkreten Verhältnissen nicht auf ein vernünftiges Mass herabgesetzt
werden könnten. Dazu sei auch die Schutzbekleidung zu zählen, auch wenn
diese nicht zur Pflichtausrüstung gehöre, sowie auch die Rücksicht beim
Fahren. Die Merkmale für ein Wagnis würden daher als erfüllt betrachtet und
die Geldleistungen um 50% gekürzt werden.
h) Am 18. Januar 2008 liess die Versicherte gegen die Verfügung der
Ersatzkasse UVG Einsprache erheben mit dem Begehren um Gutheissung
der Einsprache und Ausrichtung einer vollen Geldleistung unter gesetzlicher
Kosten- und Entschädigungsfolge. In Ergänzung zur Vernehmlassung vom
26. September 2007 sei ausdrücklich festzuhalten, dass sich der
Unfallstandort nicht völlig abseits der befahrenen Piste befände, sondern
geradezu angrenzend an diese sei. Zudem sei die steile Felswand in
Fahrtrichtung nicht erkennbar. Bezüglich der 50%-igen Kürzung der
Taggeldleistung wurde vorgebracht, dass die von der Vorinstanz gemachte
Definition von Wagnis auf den vorliegenden Sachverhalt absolut nicht zutreffe.
In dem offenen, übersichtlichen Gelände habe ein Sturz in aller Regel keine
Folgen. Das Befahren des gesamten Bereiches sei an und für sich mit absolut
keiner Gefahrensituation verbunden. Gefährlich sei einzig die steil abfallende
Felswand. Aufgrund der Akten gehe nicht hervor, dass die Versicherte diesen
gefährlichen Bereich befahren habe. Es sei schlichtweg nicht möglich, dass
sie diese Felswand erkannt und oberhalb des Felsbandes den Bereich
gequert habe. Die Versicherte habe sich völlig adäquat verhalten. Nachdem
sie erkannt habe, dass die Felswand ein Gefahrenpotential darstellte, habe
sie den Bereich im oberen Teil gequert. Sie habe nicht damit rechnen müssen,
dass die Schneedecke abrutschen und sie in die Tiefe mitreissen würde. Mit
einem Snowboard sei es auch nicht möglich, im Tiefschnee ohne weiteres
zurück zu steigen. Im Weitern habe sie das Snowboard nicht ausziehen
können, weil das Fortbewegen im tiefen Schnee ohne Snowboard nicht
möglich sei und allenfalls die Gefahr des Abrutschens noch erhöht hätte.
Allein die Tatsache, dass sich ein Unfall ereignet habe, berechtige die
Unfallversicherung nicht, von einem Wagnis auszugehen. Der von der
Ersatzkasse aufgeführte Kürzungstatbestand der gefährlichen Route liege
z.B. vor, wenn Freerider zwischen Felsköpfen und absoluten Steilhängen eine
Abfahrt riskieren würden. Dies gelte hingegen nicht bei einem offenen und
übersichtlichen Gelände, das sich nahe den offiziell präparierten Pisten
befinde. Beim Begriff „gefährliche Route“ gelte es zudem zu berücksichtigen,
dass die gesamte Route als lebensgefährlich qualifiziert werden müsse.
Dieser Umstand fehle vorliegend völlig. Die Absturzstelle bilde in dem
übersichtlichen Gebiet eine exponierte Stelle, mitnichten aber eine gefährliche
Route. Dass der Einsprecherin das Vorhandensein des Felsvorsprunges
bekannt gewesen sei, gehe an den tatsächlichen Verhältnissen vorbei. Das
Skigebiet ... umfasse über 160 km Piste. Es könne auch von einer guten
Fahrerin, der das Skigebiet bekannt sei, nicht erwartet werden, dass jede
exponierte Stelle in einer Geländekammer bekannt sei. Von einem Wagnis
könne unter Berücksichtigung jeglicher Gesichtspunkte absolut keine Rede
sein.
i) Im ihrem Einspracheentscheid vom 10. März 2008 wies die Ersatzkasse UVG
in Ergänzung zur Verfügung vom 20. Dezember 2007 darauf hin, dass
gemäss Rechtsprechung zu verschiedenen gefährlichen Sportarten zunächst
solche als absolute Wagnisse gelten würden, die wettkampfmässig betrieben
würden und bei denen es auf die Geschwindigkeit ankomme. Gestützt auf die
polizeilichen Ermittlungen müsse der unfallrelevante Sachverhalt in zwei
Phasen eingeteilt werden. Die erste Phase bestehe darin, dass die Gebrüder
..., nachdem sie die Einsprecherin aus den Augen verloren hatten, in felsiges
Gelände gerieten. Dies habe sie dazu veranlasst, mit den Skiern an den
Füssen wieder zurückzusteigen und das felsige Gelände rechts, in Talrichtung
gesehen, zu umfahren. Wie der fatale Sturz der Versicherten gezeigt habe,
sei auch sie in dieses felsige Gelände hinein gefahren. Im Gegensatz zu den
Gebrüdern ... habe sie es aber unterlassen, diesem auszuweichen. Vielmehr
habe sie es bewusst befahren. Ihr sei deshalb anzulasten, dass sie in dieser
Phase mit dem Befahren des felsigen Geländes eine Handlung vorgenommen
habe, mit welcher sie sich einer besonders grossen Gefahr ausgesetzt und
keine Vorkehren getroffen habe, das Risiko auf ein vernünftiges Mass zu
beschränken, d.h. dem felsigen Gelände auszuweichen. Mit dem in dieser
Phase beschriebenen Verhalten sei sie ein relatives Wagnis eingegangen. In
der zweiten Phase sei die Versicherte beim Befahren des felsigen Geländes
auf eine 50 m hohe und senkrecht abfallende Felswand vorgestossen. Die
polizeilichen Fotoaufnahmen würden zeigen, dass sie dort an der vordersten
Kante, wo die senkrecht abfallende Felswand beginne, 50 m abgestürzt sei.
Die polizeilichen Ermittlungen hätten weiter ergeben, dass sie sich auf ihrem
Snowboard quer rutschend langsam zum Scheitelpunkt der abfallenden
Felswand vorgetastet habe. In dieser Situation habe sie einerseits
wahrnehmen können, dass sie schon bald keinen Boden bzw. kein Gelände
mehr unter dem Snowboard habe. Andererseits habe sie sich dadurch der
Gefahr eines Sturzes ins Leere über die senkrecht abfallende Felswand
ausgesetzt. Auch in dieser Situation habe sie keine Vorkehren getroffen,
dieser Gefahr auszuweichen; sie habe sich nämlich weiterhin langsam nach
vorne getastet, bis es schliesslich zum Absturz gekommen sei. Dass sie in
dieser Phase ein absolutes Wagnis eingegangen sei, sei offensichtlich. Man
könnte sich zudem die Frage stellen, ob die Versicherte gar die Absicht gehabt
habe, einen Sprung über die Felswand hinaus auszuführen, was
selbstverständlich auch ein absolutes Wagnis darstellen würde. Aufgrund des
Dargelegten sei erstellt, dass die Versicherte ein Wagnis im Sinne von Art. 39
UVG eingegangen sei und sich deshalb die verfügte Kürzung der
Geldleistungen als korrekt erweisen würde.
2. Am 10. April 2008 liess die Versicherte form- und fristgerecht Beschwerde
beim kantonalen Verwaltungsgericht erheben mit den Begehren um
kostenfällige Aufhebung des angefochtenen Entscheids und der Ausrichtung
einer vollen Geldleistung. Es sei festzustellen, dass der Unfallhergang nicht
geklärt sei und dieser lediglich auf Annahmen der Kapo GR beruhe, da sich
die Beschwerdeführerin aufgrund ihres schweren Schädel-/Hirntraumas nicht
mehr an das Geschehen des Unfalltages und der darauf folgenden drei
Wochen erinnern könne. Die Behauptung des Ersatzkasse UVG, die
Beschwerdeführerin habe es unterlassen, dem felsigen Gelände
auszuweichen und habe dieses bewusst befahren, finde in den Akten keine
Stütze. Die Schlussfolgerungen seien daher für die Beurteilung des Falles
irrelevant. Ebenso falsch sei die Behauptung, die Beschwerdeführerin habe
sich zum Scheitelpunkt der Felswand vorgetastet. Der Verfasser des
Einspracheentscheides lasse sich sogar zur Annahme verleiten, die
Beschwerdeführerin habe möglicherweise die Absicht gehegt, einen Sprung
über die Felswand zu wagen. Die Aussage der Vorinstanz, die
Beschwerdeführerin habe es im Gegensatz zu den Gebrüdern ... unterlassen,
dem felsigen Gelände auszuweichen, sei falsch. Vielmehr habe sie es
bewusst befahren. Aus der Fotodokumentation sei ersichtlich, dass die
Beschwerdeführerin eher im linken Bereich auf das felsige Gelände getroffen
sei. Zwangsläufig habe sie versuchen müssen, dieses Felsband linksseitig zu
umfahren. Wie aus der Fotografie Nr. 14 ersichtlich werde, könne das
Felsband in Fahrtrichtung auf der linken Seite ohne weiteres verlassen
werden und zwischen zwei Felskuppen abgefahren werden. Der
verhängnisvolle Unfall habe sich bei der Querung des Felsbandes ereignet.
Der Unfall sei daher nicht gestützt auf ein unvernünftiges Verhalten, sondern
aufgrund eines Naturereignisses geschehen. Die Beschwerdeführerin habe
gar nicht anders reagieren können. Aus der Fotodokumentation sei ersichtlich,
dass das Felsband unvermittelt auftauche. Es sei der Beschwerdeführerin
deshalb nicht vorzuwerfen, überhaupt in den Bereich des Felsens gekommen
zu sein, zumal sich davor das gesamte Gebiet als offen, einfach und
übersichtlich präsentiere. Sie habe versucht, oberhalb des Felsens nach links
in das dortige Couloir auszuweichen. Sie habe nicht damit rechnen müssen,
dass plötzlich mehrere Meter vor dem Abgrund der Schnee, einem
Schneerutsch gleich, abgleiten und sie mit über den Felsen reissen würde.
Das Naturereignis reiche nicht für die Konstruktion eines Wagnisses,
ansonsten die meisten Unfälle ausserhalb der Skipisten als Wagnis zu
qualifizieren wären. Schliesslich wurde gerügt, dass ein internes
Beschwerdeverfahren ad absurdum geführt werde, wenn ein und dieselbe
Person gleichzeitig die Untersuchung führe, die Verfügung erlasse und im
Rahmen des internen Rechtsmittelweges sogar noch den
Einspracheentscheid verfasse, wie das bei der Ersatzkasse UVG geschehen
sei.
3. Die Ersatzkasse UVG liess in ihrer Vernehmlassung die Abweisung der
Beschwerde beantragen. Zur Begründung verwies sie im Wesentlichen auf
die Ausführungen im Einspracheentscheid. Entgegen der Meinung der
Beschwerdeführerin seien die senkrecht abfallende Felswand und die
Absturzgefahr klar erkennbar gewesen; anders sei das langsame Vortasten
zum Scheitelpunkt der Felswand nicht erklärbar. Erstellt sei weiter, dass die
Stelle, an welcher sich die Beschwerdeführerin in den Einfahrtsbereich zur
Felswand befunden habe, zum grossen Teil schneefrei gewesen sei. Die
Beschwerdeführerin hätte folglich die Möglichkeit gehabt, die gefährliche
Absturzstelle zu Fuss zu umgehen. Die Behauptung, dass die
Beschwerdeführerin aufgrund des Spurenbildes versucht habe, den Felsen
links zu umfahren, sei falsch. Das Spurenbild zeige kein solches Verhalten.
Im Weiteren sei zu bemerken, dass die Kapo GR den Unfallhergang anhand
der vorhandenen Spuren abgeklärt habe. Gestützt auf diese Abklärungen
stehe fest, dass die Beschwerdeführerin dem felsigen Gelände nicht
ausgewichen sei, sondern sich vielmehr weiter nach vorne in den
Gefahrenbereich zum Scheitelpunkt der Felswand vorgetastet habe, wo es
dann zum Absturz gekommen sei. Das Verhalten der Beschwerdeführerin
lasse erkennen, dass sie sich der Gefahr eines Absturzes bewusst gewesen
sei. Dass bei einem solch gezeigten Verhalten bei jedem Aussenstehenden
die Schlussfolgerung aufkomme, dass ein beabsichtigter Sprung über die
Felswand hinaus beabsichtigt gewesen sei, sei nachvollziehbar. Der
Beschwerdeführerin werde nicht zum Vorwurf gemacht, sie sei deshalb ein
Wagnis eingegangen, weil sie ausserhalb der Piste ihren Sport betrieben
habe. Das Wagnis bestehe vielmehr darin, dass sie dem felsigen Gebiet nicht
ausgewichen sei, obschon sie dies hätte tun können. Die Beschwerdeführerin
unterliege einem Irrtum, wenn sie vortragen lasse, der verhängnisvolle Unfall
habe sich bei der Querung des Felsbandes ereignet. Sie habe nämlich das
Felsband nicht gequert, sondern sich nach vorne auf den Scheitelpunkt
zubewegt. Dass der Unfall auf unvernünftiges Verhalten und nicht aufgrund
eines Naturereignisses geschehen sei, könne nicht in Abrede gestellt werden.
Ferner bestreite die Beschwerdeführerin zu Unrecht, dass sie die fragliche
Piste kenne. Ihr sei in diesem Zusammenhang entgegenzuhalten, dass ...
gegenüber der Polizei ausgesagt habe, dass sie die Piste kenne und diese
schon mehrmals, auch abseits, befahren habe. Das felsige Gebiet und die
senkrecht abfallende Felswand seien ihr also nicht fremd gewesen. Sie habe
mitnichten adäquat auf die auftauchende Gefahrensituation reagiert; im
Gegenteil, sie habe die Gefahr herausgefordert. Abschliessend wurde darauf
hingewiesen, dass es nicht zu beanstanden sei, dass der
Einspracheentscheid von den bereits zuvor verfügenden Personen gefällt
werde. Art. 52 Abs. 1 ATSG lege ausdrücklich fest, dass die Einsprache bei
der verfügenden Stelle einzureichen sei. Damit übernehme die Bestimmung
die für das Einspracheverfahren bisher typische Zuständigkeitsordnung,
wonach diejenige Instanz, die verfügt habe, den Entscheid im
Einspracheverfahren überprüfe. Das Verhalten er Beschwerdegegnerin sei
somit auch in formeller Hinsicht korrekt gewesen.
4. In ihrer Replik liess die Beschwerdeführerin in Ergänzung zur Beschwerde
vom 10. April 2008 erneut ausführen, dass sich aus der Fotodokumentation
eindeutig ergebe, dass das Felsband abrupt aufgetaucht sei. Die
Beschwerdeführerin müsse sich relativ nahe an der Absturzstelle befunden
haben, als sie erstmals mit der möglicherweise gefährlichen Situation
konfrontiert worden sei. Auf den Aufnahmen Nr. 9 und Nr. 14 erkenne man,
dass in Fahrtrichtung links gesehen ein relativ gut befahrbares Schneefeld
liege. Die Polizei habe festgestellt, dass sich die Beschwerdeführerin quer
rutschend bewegt habe. Sie habe sich also durch Querung aus der
Gefahrensituation befreien wollen. Es möge zwar sein, dass die
Beschwerdeführerin eine ungenügende Lagebeurteilung vorgenommen habe.
Deshalb könne ihr aber nicht vorgeworfen werden, sie sei ein absolutes
Wagnis eingegangen.
5. Die Ersatzkasse UVG machte in ihrer Duplik geltend, dass sowohl am in der
Vernehmlassung gestellten Rechtsbegehren wie auch an der Begründung
festgehalten werde. Ausdrücklich gelte nochmals darauf hinzuweisen, dass
die Gebrüder ... die Gefahr eines Absturzes erkannt hätten und deshalb
folgerichtig zurückgestiegen und so der Gefahr ausgewichen seien. Weshalb
die Beschwerdeführerin auf die erkennbare Gefahr nicht wie die Gebrüder ...
reagiert habe, werde von ihr nicht dargetan.
Auf die weiteren Ausführungen in den Rechtsschriften sowie im
angefochtenen Entscheid wird, soweit erforderlich, in den nachstehenden
Erwägungen eingegangen.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Anfechtungsobjekt im vorliegenden Beschwerdeverfahren bildet der
Einspracheentscheid der Ersatzkasse UVG vom 10. März 2008 resp. die
diesem zugrunde liegende Verfügung vom 20. Dezember 2007.
Beschwerdethema im vorliegenden Verfahren bildet die Frage, ob die
Ersatzkasse UVG den Taggeldanspruch der Beschwerdeführerin zu Recht
wegen Vorliegen eines Wagnisses um die Hälfte gekürzt hatte.
2. a) In verfahrensrechtlicher Hinsicht bringt die Beschwerdeführerin vor, dass das
interne Beschwerdeverfahren ad absurdum geführt werde, wenn ein und
dieselbe Person die Untersuchung führe, die Verfügung erlasse und im
Rahmen des internen Rechtsmittelweges den Einspracheentscheid verfasse.
Dem ist entgegen zu halten, dass gemäss Art. 52 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1)
Einsprachen gegen Verfügungen bei der verfügenden Stelle zu erheben sind.
Die Bestimmung übernimmt die für das Einspracheverfahren typische
Zuständigkeitsordnung, wonach diejenige Instanz die verfügt hat, den
Entscheid im Einspracheverfahren überprüft (Kölz/Häner,
Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 2. Aufl.,
Zürich 1998, S. 465). Die Einsprache soll der verfügenden Stelle erlauben,
den von ihr gefällten Entscheid erneut zu überprüfen (Kieser, ATSG-
Kommentar, Zürich/Basel/Genf 2003, Art. 52 Rz. 7 f.). Es ist somit
festzuhalten, dass die Beschwerdegegnerin dadurch, dass sie die Verfügung
und den Einspracheentscheid von ein und derselben Person ausfertigen liess,
rechtens gehandelt hatte.
b) Bevor auf die konkrete Beurteilung des Unfallablaufes eingegangen werden
kann, ist zum Vorwurf der Beschwerdeführerin, der Unfallhergang sei nicht
geklärt und beruhe lediglich auf Annahmen der Kapo GR Stellung zu nehmen.
Das Bundesrecht schreibt nicht vor, wie die einzelnen Beweismittel zu
würdigen sind. Für das gesamte Verwaltungs- und
Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung.
Danach haben Versicherungsträger und Sozialversicherungsrichter die
Beweise frei, d.h. ohne jede Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie
umfassend und pflichtgemäss zu würdigen (Gygi,
Bundesverwaltungsrechtspflege, 2. Aufl., Bern 1983, S. 278). Für das
Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass der Sozialversicherungsrichter alle
Beweismittel, unabhängig von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und
danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige
Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Der Unfallbericht der
Kapo GR inkl. der dazu gehörenden Fotos stützt sich auf die Gegebenheiten
am Unfalltag bzw. die am Unfallort vorgefundenen Spuren und die Aussagen
der Beteiligten. Es ist zwar richtig, dass die Beschwerdeführerin aufgrund
ihres Schädel-/Hirntraumas sich nicht mehr an das Geschehene des
Unfalltages erinnern und dazu keine Aussagen machen kann. Auch ist
korrekt, dass es für das Unfallgeschehen keine Augenzeugen gibt, die den
genauen Ablauf zu schildern in der Lage wären. Dies alles ist aber an sich
kein Grund, den Unfall als nicht bewiesen anzunehmen. Der wahrscheinliche
Unfallablauf ist im Bericht der Kapo GR nachvollziehbar dargestellt, er enthält
keine Widersprüche und die beiliegenden Fotos belegen die am Unfallort
vorgefundene Situation. Es ist somit nicht ersichtlich, weshalb bei der
Beweiswürdigung nicht auf diesen Bericht abgestellt werden sollte.
3. a) Ist ein Versicherter infolge eines Unfalles voll oder teilweise arbeitsunfähig, so
hat er gemäss Art. 16 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung
(UVG; SR 832.20) Anspruch auf ein Taggeld. Bei Nichtberufsunfällen, welche
auf ein Wagnis zurückgehen, werden die Geldleistungen jedoch um die Hälfte
gekürzt und in besonders schweren Fällen verweigert (Art. 39 UVG in
Verbindung mit Art. 50 Abs. 1 der Verordnung über die Unfallversicherung
[UVV; SR 832.202]).
b) Gemäss Art. 50 Abs. 2 UVV handelt es sich bei Wagnissen um Handlungen,
mit denen sich der Versicherte einer besonders grossen Gefahr aussetzt,
ohne die Vorkehren zu treffen oder treffen zu können, die das Risiko auf ein
vernünftiges Mass beschränken. Die Handlung muss z.B. waghalsig, kühn
oder verwegen sein, wobei die Gefahr dabei unmittelbar drohen muss. Diese
gilt als besonders gross, wenn man die Situation als „unfallträchtig“
bezeichnen muss, indem sich daraus leicht Unfälle oder aber besonders
schwere Unfälle ereignen können (Maurer, Schweizerisches
Unfallversicherungsrecht, Bern 1985, S. 507 f.; BGE 96 V 105). Ein absolutes
Wagnis liegt vor bei Betätigungen, die unabhängig von der Ausbildung, der
Vorbereitung, der Ausrüstung, der Fähigkeiten und der Eigenschaften des
Versicherten als ausserordentlich risikovoll gelten, wobei diese Risiken nicht
auf ein vernünftiges Mass reduziert werden können (BGE 112 V 300 Erw. 1b).
Liegt kein absolutes Wagnis vor, ist zu prüfen, ob es sich allenfalls um ein
relatives Wagnis handelt. Dieses ist dadurch gekennzeichnet, dass der
Versicherte die besonders grosse Gefahr mangels subjektiver Fähigkeiten,
Eigenschaften und Kenntnissen nicht auf ein vernünftiges Mass zu reduzieren
in der Lage ist. Dabei kommt es nicht darauf an, ob der Versicherte über die
Gefährlichkeit einer Handlung nachgedacht und ob sie ihm wirklich bewusst
geworden ist. Es genügt, dass sie ihm bewusst geworden wäre, wenn er
darüber nachgedacht hätte. Liegt eine Wagnishandlung vor und besteht ein
adäquater Zusammenhang zum darauf folgenden Unfall, so müssen die
Geldleistungen gemäss Art. 50 Abs. 1 UVV gekürzt oder verweigert werden
(BGE 112 V 47 Erw. 2a und b, 112 V 300 Erw. 1b; Rumo-Jungo,
Bundesgesetz über die Unfallversicherung, in: Murer/Stauffer [Hrsg.],
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 2. Aufl.,
Zürich 1995, Art. 39, S. 198 f.). Da die Rechtsfolgen die gleichen sind, ist die
Qualifikation in absolutes oder relatives Wagnis jedoch nicht von praktischer
Bedeutung (Erni, Sportunfälle – zwischen Prävention und Kürzung, in: Sport
und Versicherung, Luzerner Beiträge zur Rechtswissenschaft, Riemer-Kafka
[Hrsg.], Bd. 14, Zürich/Basel/Genf 2007, S. 140).
c) Ob ein Wagnis vorliegt, ist auf Grund des konkreten Geschehnisses zu
beurteilen. Im Rahmen einer länger dauernden Unternehmung, wie z.B. einer
Skitour kann entweder die gesamte Tour ein Wagnis sein oder auch nur
einzelne Abfahrten den Wagnisbegriff erfüllen. So z.B. wenn an bestimmten
Stellen entgegen den Regeln der Kunst auf gewisse Sicherungen verzichtet
wird oder eine riskante Abkürzung anstelle der Normalroute eingeschlagen
wird (BGE 97 V 83 Erw. 6a). Es ist folglich nicht hypothetisch zu fragen, ob
eine bestimmte Handlung für eine Durchschnittsperson ein Wagnis darstelle,
sondern ob die handelnde Person im massgeblichen Zeitpunkt alle jene
Anforderungen hinsichtlich persönlicher Fähigkeiten, Eigenschaften und
Vorkehren erfüllte, um das zu beurteilende Unternehmen nach den Regeln
der Kunst bewältigen und das ihm innewohnende Risiko auf Grund ihrer
Fähigkeiten auf ein vertretbares Mass herabsetzen zu können. Massgebend
ist, ob der Verunfallte am Unglückstag unter den damals herrschenden
äusseren Umständen alle jene Anforderungen erfüllt hat, die an eine Person
gestellt werden müssen, welche die in concreto zu beurteilende Situation nach
den Regeln der Kunst zu bewältigen imstande ist (BGE 97 V 83 f. Erw. 6a).
d) Skifahren bzw. Snowboardfahren auf der Piste wie auch das Varianten- bzw.
Tourenfahren kann nicht allgemein als absolutes Wagnis qualifiziert werden,
da deren Risiken sich grundsätzlich auf ein vernünftiges Mass reduzieren
lassen (Tännler, Markante Versicherungsfälle aus der Sportwelt, in: Sport und
Versicherung, a.a.O., S. 165). Vorliegend ist daher nicht darüber zu befinden,
ob die Beschwerdeführerin durch das Fahren abseits der Skipiste an sich ein
Wagnis im Rechtssinn eingegangen ist. Zu entscheiden ist vielmehr darüber,
ob dem Verhalten der Beschwerdeführerin unter Berücksichtigung ihrer
persönlichen Fähigkeiten und den objektiv vorhandenen Risiken und
Gefahren in der konkreten Situation im Bereich des Felsvorsprunges
Wagnischarakter zukommt oder nicht. Aus dem Unfallbericht geht hervor,
dass am Unfalltag schönes Wetter und eine gute Sicht herrschte. Das
Lawinenbulletin wies eine Gefahrenstufe 2, mässige Gefahr, aus und die
Schneeverhältnisse waren gut (Pulverschnee). Die Beschwerdeführerin war
mit zwei Kollegen im Skigebiet ... auf der Strecke ... ausserhalb der Piste
unterwegs. Bei der Umgebung der Unfallstelle handelte es sich um ein zuerst
offenes, übersichtliches und eher einfaches Gelände. Diesem folgte ein kurzer
Steilhang, welcher dann in eine praktisch senkrechte und etwa 50 m hohe
Felswand überging. Aufgrund der vorgefundenen Spuren befuhr die
Beschwerdeführerin, welche, entgegen ihren Angaben in der polizeilichen
Einvernahme vom 2. April 2008 weder Helm noch Rückenpanzer noch ein
LVS trug, mit ihrem Snowboard den kurzen Steilhang oberhalb der Felswand,
bevor sie sich quer rutschend auf den felsigen Übergang vortastete. Es wird
als wahrscheinlich angenommen, dass die Schneedecke, die sich über die
Mittagszeit aufgewärmt hatte, abrutschte und die Beschwerdeführerin in der
Folge über den Felsen abstürzte.
e) Die Beschwerdeführerin ist gemäss ihren eigenen Aussagen eine gute bis
sehr gute Snowboardfahrerin, die sich im besagten Skigebiet gut auskennt.
So äusserte sie gegenüber ihren Kollegen, dass sie die Strecke kenne und
diese auch schon mehrmals befahren habe (polizeiliche Einvernahme von ...
vom 26. März 2007). Angeblich wurde auch am Abend vor dem Unfall
besprochen, dass die Piste ... befahren werde. So gab die
Beschwerdeführerin zu Protokoll, dass sie sich diese Piste auf dem Pistenplan
schon angeschaut habe. Was sie dazu bewog, trotz ihrer Gebietskenntnisse
so nahe an den Felsen heranzufahren bzw. weshalb sie diesen nicht wie ihre
zwei Begleiter rechts umfuhr, ist nicht bekannt. Es ist jedoch nicht von der
Hand zu weisen, dass die gesamten Umstände darauf schliessen lassen,
dass ein Sprung über die Felswand hinaus beabsichtigt gewesen sein könnte.
Unbestritten und nach Polizeibericht resp. der diesem beiliegenden Fotos
belegt ist, dass die Beschwerdeführerin zur Mittagszeit den kurzen Steilhang
oberhalb der Felswand befuhr, bevor sie sich quer rutschend auf den felsigen
Übergang vortastete. Zur Beurteilung bezüglich des Vorliegens eines
Wagnisses gilt es, die Unfallsituation, wie von der Vorinstanz richtig
ausgeführt wurde, in zwei Phasen zu unterteilen. In der ersten Phase befuhr
die Beschwerdeführerin den Steilhang oberhalb der Felswand. Gemäss den
Ausführungen in der Beschwerdeschrift hat sie das felsige Gelände bewusst
befahren, d.h. sie ist ihm nicht ausgewichen, obwohl sie sich im Gebiet
auskannte. Ob dies bereits ein Wagnis im Sinne vom Art. 50 UVV darstellte,
das zu einer Kürzung der Leistungen berechtigen würde, kann offen gelassen
werden. Gemäss den am Unfallort vorgefundenen Spuren hat sich die
Versicherte dann in einer zweiten Phase quer rutschend auf den felsigen
Übergang vorgetastet und sich so bewusst in die Gefahrensituation begeben.
Das Risiko eines Absturzes war in dieser Situation unbestrittenermassen
objektiv vorhanden und hätte sich auch verwirklicht, wenn die Versicherte die
Fahrfähigkeiten einer Profisnowboarderin gehabt hätte resp. mit einem Helm
und einem Rückenpanzer ausgerüstet gewesen wäre. Hingegen wäre es nicht
zu einem Unfall gekommen, wenn sie sich der Risikosituation entsprechend
verhalten hätte, indem sie den Felsen umfahren bzw. diesem ausgewichen
wäre oder indem sie sich nicht so nahe an den Felsvorsprung herangewagt
hätte. Unter den gegebenen Umständen ist somit davon auszugehen, dass
das Vortasten auf den felsigen Übergang in der konkreten Situation, unter
Berücksichtigung, dass sich die Beschwerdeführerin in der Umgebung
auskannte, vom Felsen wusste und ihr zudem bekannt war, dass der Schnee
im Frühling um die Mittagszeit abzurutschen neigt, ein Wagnis dargestellt hat.
Nicht die fehlenden Fähigkeiten oder die mangelnde Ausrüstung, sondern das
„Herantasten“ an den Felsvorsprung, das im Übrigen darauf schliessen lässt,
dass die Beschwerdeführerin vom felsigen Abhang Kenntnis hatte, war
ursächlich für den Unfall. Die Kürzung des Taggeldes der Beschwerdeführerin
ist somit zu Recht erfolgt, und die Beschwerde ist vollumfänglich abzuweisen.
4. Gerichtskosten werden nicht erhoben, da das kantonale
Beschwerdeverfahren in Unfallversicherungsstreitigkeiten gemäss Art. 61 lit.
a ATSG – ausser bei leichtsinniger und mutwilliger Prozessführung –
grundsätzlich kostenlos ist. Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat die
Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf aussergerichtliche Entschädigung.