Decision ID: 1ba1c378-ab51-545a-97e4-c83e16b489e2
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein marokkanischer Staatsangehöriger suchte am
9. Januar 2021 in der Schweiz um Asyl nach. Er gab an, am (...) geboren
und mithin noch minderjährig zu sein.
B.
Am 14. Januar 2021 wurden die Mitarbeitenden des B._ zur
Rechtsvertretung nach Art. 102f ff. AsylG bevollmächtigt.
C.
Am 20. Januar 2021 fand die Erstbefragung UMA (unbegleitete Minderjäh-
rige) im Beisein der rubrizierten Rechtsvertreterin statt. Im Anschluss daran
wurden dem Beschwerdeführer gleichentags ergänzende Fragen unter
dem Betreff "Intern - medizinische Fragen Altersgutachten" gestellt.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte er geltend, er sei wegen der
in seinem Heimatstaat herrschenden Armut und der schwierigen Lebens-
umstände ausgereist. Etwa zwei Jahre vor seiner Ausreise habe er einmal
Probleme mit der Polizei gehabt; Polizisten hätten ihn und seine Freunde
im Rahmen einer Kontrolle geschlagen.
D.
Am 25. und 29. Januar 2021 wurde der Beschwerdeführer ärztlich ambu-
lant behandelt, wobei der Konsum und eine Abhängigkeit von THC und
Benzodiazepinen festgestellt wurden.
E.
Am 27. Januar 2021 beauftragte das SEM das Institut für Rechtsmedizin
des Kantonsspitals C._ mit der Erstellung eines Altersgutachtens.
F.
Ein solches wurde am 2. Februar 2021 gestützt auf forensische Untersu-
chungen vom 28. und 29. Januar 2021 erstellt. Gemäss Gutachten weist
der Beschwerdeführer ein durchschnittliches Lebensalter von 17 bis 21
Jahren auf; es wurde ein Mindestalter von 17.6 Jahren ermittelt.
G.
Am 5. Februar 2021 erfolgte ein Hinweis an das SEM betreffend Selbstver-
letzungen des Beschwerdeführers und Suiziddrohung.
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H.
Am 9. Februar 2021 wurde dem Beschwerdeführer seitens des SEM
schriftlich das rechtliche Gehör zur Auffassung gewährt, wonach er zufolge
ungenauer, widersprüchlicher und nicht plausibler Angaben in der Erstbe-
fragung sowie aufgrund des erstellten Altersgutachtens und des Umstands,
dass er über keine Identitätspapiere verfüge, seine Minderjährigkeit nicht
habe beweisen können, weshalb er als volljährig erachtet werde. Das SEM
orientierte darüber, dass der Beschwerdeführer deshalb nunmehr im
ZEMIS (Zentrales Migrationsinformationssystem) mit dem Geburtsdatum
1. Januar 2003 geführt werde. Sofern er mit dieser Anpassung nicht ein-
verstanden sei, werde das Geburtsdatum mit einem Bestreitungsvermerk
versehen.
I.
Nach gewährter Fristerstreckung nahm der Beschwerdeführer durch seine
Rechtsvertreterin am 17. Februar 2021 Stellung.
Dabei wurde im Wesentlichen ausgeführt, dass das Altersgutachten die
Volljährigkeit des Beschwerdeführers nicht bestätige. Da das SEM nicht
aufzeige, auf welche Aussagen des Beschwerdeführers es sich beziehe
und das Protokoll der Erstbefragung nicht vorliege, könne das rechtliche
Gehör nicht genügend wahrgenommen werden. Die Aussagen des Be-
schwerdeführers hinsichtlich seiner Minderjährigkeit seien schlüssig gewe-
sen. Es bestehe kein Indiz für dessen Volljährigkeit. Es wurde beantragt,
dass eine beschwerdefähige Zwischenverfügung zur "Volljährigkeitsma-
chung" auszustellen sei und das SEM im ZEMIS einen Bestreitungsver-
merk anzubringen habe. Verwiesen wurde sodann auf die Selbstverletzun-
gen des Beschwerdeführers und seine Medikamentenabhängigkeit. In die-
sem Zusammenhang wurde ein psychiatrisches Gutachten beantragt.
J.
Am 2. März 2021 erfolgte eine einlässliche Anhörung des Beschwerdefüh-
rers im Beisein seiner Rechtsvertreterin.
Dabei wurden vertiefte Fragen zu den Familienverhältnissen und dem Le-
bensunterhalt der Familie sowie der Beschaffung von Identitätspapieren
und anderen Dokumenten gestellt. Ebenfalls Gegenstand der Befragung
bildete der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers. Auf Antrag der
Rechtsvertreterin, die konkreten Aussagen des Beschwerdeführers zu
nennen, die zu der am 9. Februar 2021 geäusserten Annahme des SEM
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Seite 4
führen würden, dass dieser nicht minderjährig sei, wurde mitgeteilt, die ent-
sprechende Begründung erfolge im Entscheid.
K.
Der Rechtsvertretung wurde am 5. März 2021 der Entscheidentwurf des
SEM zur Stellungnahme übermittelt. Darin führte das SEM unter anderem
die Aussagen des Beschwerdeführers an, die zur Feststellung geführt hät-
ten, dass er nicht minderjährig sei.
L.
Die Stellungnahme zum Entscheidentwurf erfolgte (innert erstreckter Frist)
durch die Rechtsvertreterin am 8. März 2021. Moniert wurde im Wesentli-
chen eine mangelnde Begründung des SEM im Rahmen des am 9. Februar
2021 schriftlich gewährten rechtlichen Gehörs, da seitens des SEM nicht
aufgezeigt worden sei, auf welche Widersprüche und Ungereimtheiten es
sich konkret bei der Annahme gestützt habe, dass der Beschwerdeführer
seine Minderjährigkeit nicht habe glaubhaft machen können. Diese Verfah-
renspflichtverletzung könne mittels der Möglichkeit der Stellungnahme zum
Entscheidentwurf nicht geheilt werden, zumal mit dem Beschwerdeführer
die Besprechung des Entscheidentwurfs nicht habe stattfinden können.
Auch sei der gesundheitliche Zustand des Beschwerdeführers vom SEM
nicht genügend abgeklärt worden.
M.
Mit Verfügung vom 9. März 2021 – eröffnet am gleichen Tag – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an,
beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung und
händigte dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten aus.
Auf die Begründung wird, sofern massgeblich, in den Erwägungen einge-
gangen.
N.
Mit Beschwerde vom 1. April 2021 beantragte der Beschwerdeführer – han-
delnd durch die rubrizierte Rechtsvertreterin – beim Bundesverwaltungs-
gericht die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung in den Dispositivzif-
fern 1-3 und die Rückweisung des Verfahrens an die Vorinstanz zum neuen
Entscheid. Beantragt wurde zudem, es sei festzustellen, dass das SEM
eine Rechtsverweigerung begangen habe, indem es den Erlass einer an-
fechtbaren Verfügung betreffend Änderung des Geburtsdatums im ZEMIS
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Seite 5
verweigert habe. Die Vorinstanz sei anzuweisen, eine entsprechende Ver-
fügung oder eine Dispositivziffer betreffend ZEMIS-Änderung zu erlassen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie um Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht.
Der Beschwerde waren drei Altersgutachten aus anderen Verfahren (in
anonymisierter Form), ein Bericht aus einer Monatsschrift für Zahnmedizin
und ein den Beschwerdeführer betreffender ärztlicher Bericht vom 26. März
2021 beigelegt.
Auf die Begründung wird, sofern massgeblich, in den Erwägungen einge-
gangen.
O.
Mit Zwischenverfügung vom 8. April 2021 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und
verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Die Vorinstanz
wurde zur Vernehmlassung eingeladen.
P.
Am 13. April 2021 liess sich das SEM zur Beschwerde vernehmen und be-
antragte deren Abweisung. Die Rechtsvertreterin replizierte namens des
Beschwerdeführers am 22. April 2021 und hielt an dessen Rechtsbegehren
fest.
Auf die Ausführungen im Schriftenwechsel wird, soweit massgeblich, in
den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Q.
Mit Verfügung vom 20. Mai 2021 teilte die zuständige Instruktionsrichterin
dem Beschwerdeführer mit, dass betreffend die Rüge der Rechtsverwei-
gerung (ZEMIS) ein separates Verfahren eröffnet worden sei und dieses
unter der Geschäftsnummer E-2257/2021 geführt worden sei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist unter anderem zuständig für die Be-
handlung von Beschwerden gegen Asyl- und Wegweisungsverfügungen
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Seite 6
des SEM; dabei entscheidet das Gericht auf dem Gebiet des Asyls in der
Regel – und so auch vorliegend – endgültig (vgl. Art. 105 AsylG i.V.m.
Art. 31–33 VGG und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Das Verfahren richtet sich
dabei nach dem VwVG, dem VGG, dem BGG und dem AsylG (Art. 37 VGG
und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde gegen den Asyl- und Wegweisungsentscheid ist frist-
und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Ver-
fahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfü-
gung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren
Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der
Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG, Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10
der Verordnung über Massnahmen im Asylbereich im Zusammenhang mit
dem Coronavirus vom 1. April 2020 [SR 142.318]; Art. 48 Abs. 1, Art. 50
sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
1.3 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.
2.1 Soweit den Antrag auf Feststellung der Rechtsverweigerung (ZEMIS)
betreffend (vgl. Rechtsbegehren Ziffer 2), ist festzuhalten, dass dieses Be-
gehren nicht Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet.
Dieser Antrag wird separat im Beschwerdeverfahren E-2257/2021 behan-
delt.
2.2 In der Beschwerde wird ausweislich des Rechtsbegehrens 1 um Auf-
hebung der Dispositivziffern 1-3 der angefochtenen Verfügung (Verneinung
der Flüchtlingseigenschaft, Ablehnung des Asylgesuchs, Anordnung der
Wegweisung aus der Schweiz) und um Rückweisung des Verfahrens zum
neuen Entscheid ersucht. Die materiellen Beschwerdeausführungen äus-
sern sich jedoch in Bezug auf die Dispositivziffern 1-3 weder hinsichtlich
einer Verfahrensverletzung noch zu den materiellen Feststellungen. Dem-
gegenüber werden die Dispositivziffern 4-6 (Vollzug der Wegweisung) aus-
weislich der Rechtsbegehren nicht explizit angefochten. Die materiellen
Beschwerdeausführungen beschlagen hingegen Fragen des Wegwei-
sungsvollzuges, namentlich die der Minderjährigkeit und des Gesundheits-
zustands des Beschwerdeführers. Diesbezüglich wird die Verletzung von
Verfahrenspflichten gerügt und begründet. Es wird aus prozessökonomi-
schen Gründen darauf verzichtet, im Rahmen einer Instruktion eine Frist
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zur Verbesserung der Rechtsbegehren anzusetzen. Eine Prüfung erfolgt in
Bezug auf die Dispositivziffern 1-6 der angefochtenen Verfügung.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids wurde im Wesentli-
chen ausgeführt, die vom Beschwerdeführer dargelegten schwierigen Le-
bensumstände sowie der Umstand, dass er in Marokko keine wirtschaftli-
che Zukunft gesehen habe, seien nicht asylrelevant im Sinne von Art. 3
AsylG. Es handle sich dabei einzig um wirtschaftliche und soziale Gründe,
die zu seiner Ausreise geführt hätten. Eine Verfolgung im Sinne von Art. 3
AsylG liege nicht vor.
4.2 Eine Rückweisung des Verfahrens an die Vorinstanz wegen Verfah-
renspflichtverletzungen, namentlich wegen einer unrichtigen und unvoll-
ständigen Sachverhaltsfeststellung oder der Verletzung der Begründungs-
pflicht (Art. 12 und 29 VwVG) kommt bezüglich der Dispositivziffern 1-2 der
angefochtenen Verfügung nicht in Betracht. Weder ergeben sich aus den
Akten entsprechende Anhaltspunkte, dass die Vorinstanz die Fluchtgründe
des Beschwerdeführers anlässlich der Befragung und Anhörung nicht ge-
nügend abgeklärt hat oder ihrer Begründungspflicht bei der materiellen Be-
urteilung dieser Gründe nicht nachgekommen ist, noch wird Entsprechen-
des in der Beschwerde ausgeführt. Es ergeben sich auf Beschwerdeebene
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Seite 8
sodann auch keine anderen Gründe, gestützt auf welche sich eine Rück-
weisung des Verfahrens an das SEM rechtfertigen würde. Daran ändert
auch der berechtigte Einwand in der Beschwerde (vgl. dazu die nachfol-
genden Erwägungen), der Beschwerdeführer sei vom SEM zu Unrecht als
volljährig erachtet worden, nichts, zumal er während des ganzen vor-
instanzlichen Verfahrens von seiner ihm zugewiesenen Rechtsvertretung
begleitet wurde. Die für die Flüchtlingseigenschaft massgeblichen Frage-
stellungen erfolgten in ihrer Anwesenheit, womit seine Verfahrensrechte
gewahrt blieben. Der Antrag auf Aufhebung und Rückweisung im Sinne ei-
nes kassatorischen Entscheids ist daher bezüglich der Dispositivziffern 1
und 2 der angefochtenen Verfügung abzuweisen.
4.3 Die vorinstanzlichen Erwägungen – welche vorliegend in der Be-
schwerde in materieller Hinsicht nicht in Frage gestellt werden – sind im
Übrigen zu bestätigen, da der Beschwerdeführer rein wirtschaftliche und
keine asylrelevanten Gründe für die Ausreise aus seinem Heimatstaat an-
geführt hat, weshalb er die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt und sein
Asylgesuch abzuweisen war. Daran ändert die Tatsache nichts, dass er als
Minderjähriger hätte erachtet werden müssen, denn die Minderjährigkeit ist
vorliegend für die Prüfung der Relevanz seiner Asylvorbringen im Asyl- und
Flüchtlingspunkt nicht relevant.
5.
5.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
5.2 Mit erwähntem Rechtsbegehren 1 wird zugleich die Aufhebung der Dis-
positivziffer 3 und damit die Aufhebung der Wegweisung als solche sowie
damit verbunden eine Rückweisung der Sache an das SEM beantragt.
Dies wiederum ohne konkrete Ausführungen in der Beschwerde dazu.
Auch diesbezüglich sind aber weder Verfahrenspflichtverletzungen oder
andere Gründe, die zur Rückweisung des Verfahrens in diesem Punkt füh-
ren könnten ersichtlich, noch wurden solche geltend gemacht. Der Antrag
auf Rückweisung ist daher auch insoweit abzuweisen.
Im Übrigen ist festzuhalten, dass die Wegweisung als solche nur dann nicht
anzuordnen ist, wenn ein Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilli-
gung besteht. Der Beschwerdeführer verfügt jedoch weder über eine aus-
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Seite 9
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen, weshalb die Wegweisung vom SEM zu Recht ange-
ordnet wurde (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je
m.w.H.).
6.
6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
6.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
6.3 Die erwähnten drei Bedingungen die einem Vollzug der Wegweisung
entgegenstehen können (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglich-
keit) sind alternativer Natur. Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug
der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwe-
senheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Auf-
nahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4; BVGE 2011/7 E. 8; Entschei-
dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [E-
MARK] 2006 Nr. 6 E. 4.2 S. 54 ff.).
7.
7.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.2 Sofern es sich bei der gesuchstellenden Person um eine unbegleitete
minderjährige Person handelt, haben bei der Beurteilung der Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzuges praxisgemäss auch Überlegungen einzuflies-
sen, die sich unter dem Aspekt des nach Art. 3 Abs. 1 des Übereinkom-
mens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR
0.107) zu beachtenden Kindeswohls ergeben können (vgl. BVGE 2015/30
E. 7.3; BVGE 2009/51 E. 5.6; BVGE 2009/28 E. 9.3.2). Daraus resultiert
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/51 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/28
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grundsätzlich die Verpflichtung, von Amtes wegen die spezifisch mit der
Minderjährigkeit verbundenen Aspekte des Wegweisungsvollzuges zu be-
rücksichtigen. Konkret haben die Asylbehörden im Falle der Minderjährig-
keit einer Person, welche als unbegleitet gilt, vorab feststellen, welche Si-
tuation diese Person im Fall ihrer Heimkehr im Heimatstaat tatsächlich vor-
finden könnte, namentlich, ob sie zu ihren Eltern oder anderen Angehöri-
gen zurückgeführt werden kann, oder ob die minderjährige Person in der
Heimat allenfalls in einer geeigneten Institution oder bei Drittpersonen un-
tergebracht werden kann (zu den Anforderungen betreffend Rückkehr und
Reisemodalitäten vgl. EMARK 1998 Nr. 13 E. 5e.bb S. 100).
Die asylsuchende Person hat bei der Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts mitzuwirken. Unter anderem hat sie ihre Identität offenzule-
gen und ihre Reisepapiere und Identitätsausweise abzugeben (Art. 8
Abs. 1 Bstn. a und b AsylG). Ausserdem hat die asylsuchende Person die
geltend gemachte Minderjährigkeit wenigstens glaubhaft zu machen. Ge-
mäss Rechtsprechung und Praxis trägt die asylsuchende Person die Be-
weislast für die behauptete Minderjährigkeit (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.3
mit Hinweis auf die Beweisregeln gemäss EMARK 2004 Nr. 31 E. 5, 6.2
und 7.3; 2004 Nr. 30 E. 5.2; 2001 Nr. 23 E. 6; 2001 Nr. 19 E. 8b).
7.3
7.3.1 Im vorliegenden Fall erachtete das SEM den Vollzug der Wegwei-
sung als zumutbar. Es hielt fest, dass die vom Beschwerdeführer geltend
gemachte Minderjährigkeit nicht glaubhaft gemacht worden sei (Art. 7
AsylG) und verzichtete daher auf weitere Abklärungen im Sinne der ge-
nannten Praxis.
Konkret führte das SEM aus, der Beschwerdeführer habe sein Alter nicht
durch Identitätspapiere belegen können. Seine Erklärung, dass er sich we-
der einen Pass noch eine Identitätskarte habe ausstellen lassen, weil dies
in Marokko nicht nötig sei und nur im Falle von Auslandsreisen gemacht
werde, sei wenig überzeugend. Gemäss seinen Angaben habe er im Alter
von zwölf Jahren die Schule abgebrochen und vier Jahre später, im De-
zember 2019, Marokko verlassen. Somit müsse er nach diesen Angaben
Jahrgang 2003 haben. Auf diesen Widerspruch zum angegebenen Ge-
burtsdatum angesprochen, habe er mit dem Verweis auf sein Erinnerungs-
vermögen und die Umstände der Ausreise keine plausible Erklärung ge-
habt. In der Erstbefragung habe er zudem einerseits angegeben, dass sein
Vater verstorben sei, als er neun oder zehn Jahre alt gewesen sei. Ande-
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Seite 11
rerseits habe er angegeben, sein Vater habe zuletzt für seinen Lebensun-
terhalt gesorgt. Seine Erklärung auf Vorhalt, dass man ihn nicht gefragt
habe, ob dies vor oder nach dem Schulabbruch gewesen sei, überzeuge
nicht. In der Anhörung habe der Beschwerdeführer sodann zunächst er-
klärt, sein Bruder habe für den Lebensunterhalt gesorgt, später jedoch an-
gegeben, dass seine Mutter für den Lebensunterhalt aufgekommen sei.
Während er in der Erstbefragung angegeben habe, dass er zuletzt mit dem
Bruder und der Mutter zusammengelebt habe, habe er in der Anhörung
ausgeführt, er habe nur mit der Mutter zusammengelebt und sein Bruder
habe sie manchmal unterstützt. Ferner falle der vergleichsweise sehr
grosse Altersunterschied zwischen ihm, seinem Bruder und seiner Mutter
auf. Seine Angaben zu seiner Biografie und den Familienverhältnissen
würden somit unklar ausfallen, seien teilweise widersprüchlich oder nicht
plausibel. Im Rahmen des ihm gewährten rechtlichen Gehörs während der
Erstbefragung sei er nicht in der Lage gewesen, diese Ungereimtheiten zu
beseitigen.
Schliesslich ergebe sich aus den Befunden der Altersabklärung ein durch-
schnittliches Lebensalter von 17 bis 21 Jahren und es sei ein Mindestalter
von 17.6 ermittelt worden. Der Beschwerdeführer sei demnach nicht in der
Lage, sein Alter und damit seine Minderjährigkeit glaubhaft zu machen. Un-
ter Bezugnahme auf die Stellungnahme des Beschwerdeführers führte das
SEM im Weiteren aus, es sei kein Widerspruch darin zu erkennen, dass
eine Person mit einem Mindestalter von 17.6 Jahren nicht volljährig sein
könne. Viel wahrscheinlicher sei es, dass das tatsächliche Alter des Be-
schwerdeführers höher sei als das im Gutachten angegebene Mindestalter,
was übrigens auch aus dem Altersgutachten ersichtlich werde, gemäss
welchem ein durchschnittliches Alter von 17 bis 21 Jahren ermittelt worden
sei. Das Altersgutachten bestätigte weiter, dass das vom Beschwerdefüh-
rer angegebene Alter von (...) zum Zeitpunkt der Untersuchung nicht stim-
men könne. Das Mindestalter liege zudem mehr als zwei Jahre über dem
von ihm geltend gemachten Alter. Was die in der Stellungnahme geltend
gemachte Verletzung der Begründungspflicht und des rechtlichen Gehörs
betreffe, sei auf die Erstbefragung vom 20. Januar 2021 zu verweisen. Dort
sei dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu den festgestellten Un-
gereimtheiten gewährt worden. Das Geburtsdatum werde daher auf den 1.
Januar 2003 abgeändert, womit der Beschwerdeführer als volljährige Per-
son gelte.
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Seite 12
Hinsichtlich des medizinischen Sachverhalts wurde festgehalten, es seien
nach Ansicht des SEM keine weiteren Abklärungen notwendig. Der Be-
schwerdeführer habe in der Anhörung selbst gesagt, dass er manchmal
Stress habe, aber ansonsten bei bester Gesundheit sei. Zudem nehme er
keine Medikamente mehr. Es sei daher nicht ersichtlich, inwiefern der me-
dizinische Sachverhalt nicht erstellt sei. Vielmehr würden die Arztberichte
zeigen, dass er zwar (...) verabreicht bekommen habe, die Absetzung der
Medikamente würde jedoch auf eine Verbesserung des Gesundheitszu-
stands hindeuten. Mehrere Male sei er bei einem Arzt gewesen und aus
den Berichten seien keinerlei Hinweise auf psychologische oder psychi-
sche Probleme ersichtlich. Der entscheidwesentliche Sachverhalt gelte da-
her als erstellt. Selbst wenn der Beschwerdeführer unter schwerwiegenden
psychischen Problemen leiden würde, verfüge Marokko über ein funktio-
nierendes Gesundheitssystem, weshalb allfällige psychische Probleme
dort behandelt werden könnten.
7.3.2 In der Beschwerde wird den vorinstanzlichen Erwägungen unter Hin-
weis auf BVGE 2018 VI/3 zunächst entgegengehalten, das SEM habe eine
falsche Beweiswürdigung des Altersgutachtens vorgenommen und damit
den Sachverhalt unrichtig festgestellt.
Unter dem Titel der Verletzung des rechtlichen Gehörs und der Begrün-
dungspflicht wird zudem gerügt, das SEM habe im Rahmen des dem Be-
schwerdeführer am 9. Februar 2021 gewährten rechtlichen Gehörs dessen
Aussagen anlässlich der Erstbefragung, die es als widersprüchlich und un-
plausibel erachtet habe, nicht genannt, dies trotz Einwands in der Stellung-
nahme und expliziten Antrags der Rechtsvertreterin im Rahmen der ein-
lässlichen Anhörung. Vielmehr habe die Fachperson die Frage nach den
Aussagen, welche im Schreiben des SEM vom 9. Februar 2021 nicht näher
konkretisiert worden seien, nicht beantworten können und mitgeteilt, eine
Begründung erfolge im Endentscheid. Es reiche indes nicht aus, die rele-
vanten Gründe erst im Endentscheid zu nennen. Ausserdem sei die Anhö-
rung durch eine andere Fachperson als in der Erstbefragung durchgeführt
worden. Ein solcher Wechsel der Fachpersonen erscheine angesichts des
zu berücksichtigenden Kindeswohls nicht geeignet. Zu den Befragungen
wurde schliesslich angemerkt, dass diese sehr kurz gehalten gewesen und
keine detaillierten und vertieften Nachfragen erfolgt seien. Der Sachverhalt
sei auch in dieser Hinsicht nicht genügend erstellt. Bezüglich des vom SEM
aufgeführten Widerspruchs betreffend den Vater des Beschwerdeführers
sei dieser in der Anhörung bereits geklärt worden. Auch sei anlässlich der
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Anhörung das Alter der Mutter nach unten korrigiert worden. An diese Kor-
rektur könne sich die Rechtsvertreterin genau erinnern. Weshalb die korri-
gierte Seite nicht bei den Akten sei, könne sie sich nicht erklären.
Hingewiesen wurde zudem nochmals auf den gesundheitlichen Zustand
und das verminderte Erinnerungsvermögen des Beschwerdeführers sowie
dessen Medikamentenmissbrauch. Es wurde moniert, dass ein ärztliches
Gutachten zum Gesundheitszustand des Beschwerdeführers, obwohl be-
antragt, durch das SEM nie veranlasst worden sei.
7.3.3 In seiner Vernehmlassung vom 13. April 2021 hielt das SEM haupt-
sächlich fest, dem Beschwerdeführer seien seine widersprüchlichen Aus-
sagen im Rahmen der Erstbefragung vorgehalten worden. Er habe daher
das rechtliche Gehör wahrnehmen können. Gemäss dem Altersgutachten
könne das von ihm angegebene Alter eindeutig nicht zutreffen. Es sei ihm
daher nicht gelungen, sein Alter und damit auch seine Minderjährigkeit
glaubhaft zu machen.
7.3.4 In der Replik wurde nochmals darauf hingewiesen, dass dem Be-
schwerdeführer lediglich in der Erstbefragung (im Protokoll unter Ziffer 8.01
festgehalten) die dort festgestellten Widersprüche vorgehalten worden
seien, welche er erklärt habe. Damit sei dem Gebot der Gewährung des
rechtlichen Gehörs im weiteren Verfahren jedoch nicht Genüge getan.
7.4
7.4.1 Auf Beschwerdeebene wird zutreffend eine Verletzung des rechtli-
chen Gehörs gerügt. Diese ist darin zu erblicken, dass das SEM erst im
Entwurf des Endentscheids konkret ausgeführt hat, welche Widersprüche
und Ungereimtheiten es als wesentlich für die Einschätzung erachtet hat,
dass der Beschwerdeführer seine Minderjährigkeit nicht habe glaubhaft
machen können und weshalb von dessen Volljährigkeit auszugehen sei.
7.4.1.1 Es trifft zwar zu, dass der Beschwerdeführer während der Erstbe-
fragung am 20. Januar 2021 im Beisein seiner Rechtsvertreterin auf Unge-
reimtheiten in seinen Aussagen zum Alter und zu den familiären Verhält-
nissen angesprochen respektive ihm dazu Fragen gestellt wurden (vgl. act.
[...]-12/10, Ziff. 8.01 S. 7 f.). Im Nachgang dazu wurden am gleichen Tag
unter dem Vermerk «Intern - medizinische Fragen Altersgutachten» weitere
Fragen gestellt (vgl. act. [...]-14/1). Um das ihm am 9. Februar 2021 ge-
währte rechtliche Gehör zur bezweifelten Minderjährigkeit indes hinrei-
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Seite 14
chend wahrnehmen zu können, hätte das SEM vorliegend die wesentli-
chen Aussagen des Beschwerdeführers, die es seiner Ansicht nach als
massgeblich für diese Einschätzung erachtete, aufführen müssen, zumal
der Beschwerdeführer respektive dessen Rechtsvertreterin vor Abschluss
des vorinstanzlichen Verfahrens nicht im Besitz des Erstbefragungsproto-
kolls war. Auch die Akte 14/1 wurde dem Beschwerdeführer nicht editiert.
Das SEM hielt jedoch in lediglich allgemeiner Weise fest, dass die Angaben
des Beschwerdeführers zu seiner Biografie, Schulbildung und den Famili-
enverhältnissen während der Befragungen ungenau, widersprüchlich und
unplausibel geblieben seien, so dass insgesamt Zweifel am geltend ge-
machten Alter bestehen würden (vgl. act. [...]-21/2). Es war somit nicht er-
kennbar respektive nachvollziehbar, auf welche konkreten Feststellungen
sich das SEM in seiner Einschätzung stützt.
7.4.1.2 Die Rechtsvertretung hat dies in der Stellungnahme am 17. Feb-
ruar 2021 in diesem Sinn auch entsprechend moniert (vgl. act. [...]-26/3 S.
1). Der mit der Stellungnahme verbundene Antrag auf erneute Gewährung
des rechtlichen Gehörs und Offenlegung der wesentlichen Aspekte blieb
vom SEM in der Folge unbehandelt. Auch im Rahmen der einlässlichen
Anhörung vom 2. März 2021 erfolgte keine Antwort auf die von der Rechts-
vertreterin gestellte Frage nach konkreteren Ausführungen zu den als un-
plausibel und widersprüchlich bezeichneten Aussagen; es wurde hierzu
einzig darauf verwiesen, dass die Begründung im Endentscheid erfolge
(vgl. act. [...]-31/8 F60 f.).
7.4.1.3 Erst im Entwurf des ablehnenden Asylentscheids, welcher der
Rechtsvertretung zur Stellungnahme zugestellt wurde (vgl. Art. Art. 20c
Bst. f AsylV1, Art. 52d AsylV1), finden sich die entsprechenden Ausführun-
gen zu den Unglaubhaftigkeitselementen, die zur genannten Einschätzung
führen (vgl. act. [...]-32/6, S. 3 f.). Nach dem gesetzgeberischen Willen
sieht das beschleunigte Verfahren sehr kurze Fristen für die einzelnen Ver-
fahrensschritte vor (vgl. Art. 26c, Art. 37 Abs. 2 AsylG). Die Stellungnahme
zum Entwurf des ablehnenden Asylentscheids ist ein Verfahrensschritt der
sogenannten Taktenphase, welche durch die Rechtsvertretung in der Re-
gel innerhalb von 24 Stunden vorzunehmen ist (vgl. Art. 20c Bst. f AsylV1,
Art. 52d AsylV1). Sie dient dazu, dass allfällige Einwände der Rechtsver-
tretung im Rahmen dieser Stellungnahme bereits im erstinstanzlichen Ver-
fahren eingebracht und durch die zuständigen Sachbearbeiter des SEM
nötigenfalls berücksichtigt werden können. Dadurch soll das Beschwerde-
verfahren entlastet werden (vgl. Botschaft zur Änderung des Asylgesetzes
[Neustrukturierung des Asylbereichs] vom 3. September 2014 [BBI 2014
E-1492/2021
Seite 15
7991] 8057). Sie dient mithin dazu, allfällige Verfahrenshandlungen anzu-
zeigen, welche von der Vorinstanz vor Erlass der Verfügung zu berücksich-
tigen sind. Der Verfahrensschritt dient nicht dazu, die Verfahrenshandlung
an sich nachzuholen.
7.4.1.4 Die Frage, ob die festgestellte Verfahrenspflichtverletzung für sich
gesehen zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Rückweisung
an die Vorinstanz zu führen hat, oder ob sie als auf Beschwerdeebene ge-
heilt geltend kann, muss vorliegend aufgrund der nachfolgenden Erwägun-
gen nicht geklärt werden, da sich eine Aufhebung der Verfügung im Voll-
zugspunkt und die Rückweisung an die Vorinstanz aus den nachfolgenden
Gründen gebietet.
7.5
7.5.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach einer Prüfung der Akten
zum Schluss, dass der Beschwerdeführer seine Minderjährigkeit im vorlie-
genden Verfahren glaubhaft machen konnte. Der anderslautenden Ein-
schätzung des SEM kann vorliegend nicht gefolgt werden.
7.5.2 Die Beurteilung der Glaubhaftmachung der Minderjährigkeit erfolgt
im Rahmen einer Gesamtwürdigung. Es ist eine Abwägung sämtlicher An-
haltspunkte, welche für oder gegen die Richtigkeit der betreffenden Alters-
angaben sprechen, vorzunehmen (vgl. BVGE 2009/54 E. 4.1). Fehlen
rechtsgenügliche Identitätsausweise oder bestehen Hinweise, dass eine
angeblich minderjährige asylsuchende Person das Mündigkeitsalter be-
reits erreicht hat, so kann im Rahmen der Feststellung des Sachverhalts
mit Unterstützung wissenschaftlicher Methoden abgeklärt werden, ob die
Altersangabe der asylsuchenden Person dem tatsächlichen Alter ent-
spricht (Art. 17 Abs. 3bis AsylG; Art. 7 Abs. 1 AsylV 1).
7.5.3
7.5.3.1 Ein Element der Gesamteinschätzung ist die medizinische Alters-
abklärung. Das Bundesverwaltungsgericht hat sich zur Beweistauglichkeit
dieser Altersabklärung in grundsätzlicher Art geäussert (BVGE 2018 VI/3).
Praxisgemäss können von den in der Schweiz angewandten Methoden der
medizinischen Altersabklärung nur die Schlüsselbein- respektive Skelett-
altersanalyse und die zahnärztliche Untersuchung (nicht jedoch die Hand-
knochenaltersanalyse und die ärztliche körperliche Untersuchung) zum
Beweis der Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Person geeignet
sein. Relevant für die Beurteilung sind mithin die Ergebnisse betreffend das
E-1492/2021
Seite 16
festgestellte Mindestalter der Schlüsselbeinanalyse sowie der zahnärztli-
chen Untersuchung (vgl. a.a.O. E. 4.2.2). Sofern das ermittelte Mindestal-
ter bei der Schlüsselbeinanalyse und der zahnärztlichen Untersuchung un-
ter 18 Jahren liegt, lässt sich nach der Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts anhand der medizinischen Altersabklärung keine Aussage
zur Minder- respektive Volljährigkeit einer Person machen, selbst dann
nicht, wenn das Maximalalter bei beiden Methoden oder einer dieser Me-
thode darüber liegen würde.
7.5.3.2 Im vorliegenden Altersgutachten wurde festgehalten, gemäss Ana-
lysen der Schlüsselbeinanteile betrage das durchschnittliche Lebensalter
des Beschwerdeführers (gemessen an der weiter entwickelten Seite) 21
(21,7 +/- 3.7) Jahre. Das Mindestalter wurde hierbei nach Wittscheiber auf
17.6 Jahre festgelegt. Das Zahnalter wurde auf ein Durchschnittsalter von
17 (17,8 +/- 2.0) Jahren geschätzt. Ausgeführt wurde im Weiteren, dass für
das Mineralisationsstadium F, welches vorliegend aufgrund der erschwer-
ten Beurteilbarkeit angenommen worden sei, nach Knell kein Mindestalter
angegeben werden könne. Nachdem das Durchschnittsalter dabei jedoch
auf 17 Jahre festgesetzt wurde, ist das Mindestalter ebenfalls in einem Be-
reich der Minderjährigkeit anzusiedeln, zumal keine Anhaltspunkte für gra-
vierende interethnische Differenzen im zeitlichen Verlauf der Skelettreifung
festgestellt wurden. Auch wurden im Gutachten keine Hinweise auf rele-
vante Entwicklungsstörungen festgestellt. Gestützt auf die gesamten Be-
funde wurde das Mindestalter des Beschwerdeführers zum Zeitpunkt der
Untersuchung vom 28. Januar 2021 auf 17.6 Jahre festgelegt.
7.5.3.3 Der vorgelegten Analyse lässt sich damit keine verlässliche Aus-
sage darüber entnehmen, ob eine Voll- oder Minderjährigkeit des Be-
schwerdeführers wahrscheinlicher ist (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.2). Im
Unterschied zu den auf Beschwerdeebene eingereichten, andere Perso-
nen betreffenden Altersgutachten durch die gleiche Institution, die nebst
der Angabe zum (höchsten) Mindestalter und dem Durchschnittsalter auch
Aussagen über das wahrscheinlichste Alter und darüber machen, ob eine
Minder- oder Volljährigkeit als wahrscheinlich erscheine, fällt die vorlie-
gende durch die Gutachter gezogene Schlussfolgerung entsprechend
knapper aus. Es wurde lediglich festgehalten, dass das vom Beschwerde-
führer angegebene Geburtsdatum (chronologisches Lebensalter von [...])
aufgrund der Ergebnisse der forensischen Altersschätzung "nicht plausi-
bel" sei (vgl. act. [...]-18/8 S. 6).
E-1492/2021
Seite 17
7.5.4 Sodann wird vorliegend – mit der gebotenen Zurückhaltung (vgl.
EMARK 2004 Nr. 30 E. 6.3) – auch auf das äussere Erscheinungsbild des
Beschwerdeführers abgestellt, wobei das Gericht sich nur auf zwei in den
Akten befindliche Fotos stützen kann (vgl. act. [...]-3/1 und 8/1). Auf diesen
wirkt der Beschwerdeführer nicht mehr kindlich. Er entspricht jedoch au-
genscheinlich auch nicht klar einer Person im Erwachsenenalter. Vielmehr
scheint das im Gutachten ermittelte Alter von 17.6 Jahren im Untersu-
chungszeitpunkt als durchaus möglich.
7.5.5 Die amtliche Rechtsvertreterin geht offenbar ebenfalls davon aus,
dass der Beschwerdeführer noch minderjährig ist. Sie hat im Rahmen des
vorinstanzlichen Verfahrens keine Zweifel darüber geäussert; im Gegenteil
hat sie zum Ausdruck gebracht, dass sie mit Sicherheit die Minderjährigkeit
des Beschwerdeführers bestätigen könne (vgl. act. [...]-26/3 S.1 f.).
7.5.6 Zum Aussageverhalten des Beschwerdeführers lässt sich feststellen,
dass er in der Anhörung bemüht war, die ihm gestellten Fragen einlässlich
zu beantworten, auf Nachfrage auch zu erklären. In Bezug auf seine Aus-
reisegründe gibt er von vornherein zu erkennen, dass diese rein wirtschaft-
licher Natur waren (vgl. act. [...]-12/10 Ziff. 7.01; [...]-31/8 F28). Seine Ant-
worten anlässlich der Befragung wirken nicht überzeichnet oder konstru-
iert. Er zeigte sich sodann emotional bei den Fragen nach seiner Familie
im Heimatstaat (vgl. act. [...]-12/10 Ziff. 1.17.05, 3.01). Der Beschwerde-
führer ist psychisch offenbar nicht stabil. Es wurde ein übermässiger Kon-
sum von Betäubungsmitteln und Medikamenten festgestellt (vgl. act. [...]-
16/1, [...]-17/1). Er hat sich Selbstverletzungen zugefügt und Selbstmord-
gedanken geäussert (vgl. act. [...]-20/1). In der Befragung und Anhörung
beantwortete er die Fragen nach seinem Gesundheitszustand wenig re-
flektiert und relativierte seine diesbezüglichen Probleme (act. [...]-12/10
Ziff. 8.02; [...]-14/1 F3 u. 3; [...]-31/8 F47 ff.). Insgesamt macht er mit die-
sem Aussageverhalten nicht den Eindruck einer bereits gereiften Persön-
lichkeit im Erwachsenenalter.
7.5.7 Die von der Vorinstanz angeführten Widersprüche lassen sich mit Be-
zug auf die familiäre Situation, namentlich den Tod des Vaters und die fi-
nanzielle Absicherung der Familie – insbesondere der Mutter und Unter-
stützungsleistungen des Bruders – nicht in dieser Absolutheit bestätigen.
Die Angaben scheinen in sich schlüssig und nachvollziehbar (vgl. act. [...]-
12/10 Ziff. 8.01; [...]-31/8 F19 ff.; vgl. auch die Ausführungen in der Be-
schwerde S. 7 f.).
E-1492/2021
Seite 18
7.5.8 Jedoch ergibt sich in der Tat ein Widerspruch zum angegeben Alter.
Dieser steht im Zusammenhang mit den Angaben des Beschwerdeführers
zum Zeitpunkt des Abbruchs der Schule. Nach seinen Angaben erfolgte
der Schulabbruch in der sechsten Klasse im Alter von 12 Jahren vier Jahre
vor der Ausreise, welche im Dezember 2019 erfolgt sein soll. Er müsste
daher zum Zeitpunkt der Ausreise bereits sechzehn Jahre alt gewesen
sein. Die Asylgesuchstellung erfolgte ein Jahr später. Das gemäss dem
Gutachten ermittelte Alter von 17.6 Jahren käme rechnerisch damit in Be-
tracht, das vom Beschwerdeführer angegebene von (...) Jahren hingegen
nicht. Die Rechtsvertreterin hat im Rahmen der Beschwerde auch Entspre-
chendes eingeräumt (vgl. Beschwerde S. 8).
7.5.9
7.5.9.1 Was den Altersunterschied zu Mutter und Bruder anbelangt, hat die
Rechtsvertreterin ausgeführt, diese Angaben seien während der Anhörung
bereits korrigiert worden, jedoch sei das Korrekturblatt nicht ins Protokoll
aufgenommen worden (vgl. Beschwerde 7 f.). Die Rechtsvertreterin die bei
der Befragung zugegen gewesen sei, könne sich genau daran erinnern. Zu
vermuten sei, dass die korrigierte Seite versehentlich mit der nicht korri-
gierten vertauscht worden sei.
7.5.9.2 In den Akten lässt sich keine solch korrigierte Seite finden. Die
Richtigkeit der einzelnen Protokollseiten wird unterschriftlich nicht auf jeder
Seite bestätigt, sondern am Ende der Anhörung (vgl. act. [...]-31/8 S. 8).
Das SEM ist auf diesen Einwand der Rechtsvertreterin auf Vernehmlas-
sungsebene bedauerlicherweise nicht eingegangen, die Richtigkeit der An-
gaben der Rechtsvertreterin lassen sich somit nicht eruieren.
7.5.9.3 Es kann letztlich aber darauf verzichtet werden, dieser Frage ver-
tieft nachzugehen, da diese Angabe zum Alter der Mutter und Bruder in der
Gesamtbetrachtung aller einzubeziehenden Faktoren als nicht ausschlag-
gebend für die Annahme der Volljährigkeit zu erachten ist, bilden doch die
zuvor genannten Faktoren ein deutlich grösseres Gewicht.
7.5.10 Aus dem Umstand, dass der Beschwerdeführer keine Papiere ein-
gereicht hat, kann vorliegend ebenfalls nicht darauf geschlossen werden,
dass dies seiner Minderjährigkeit entgegensteht.
7.5.11 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist in der Gesamtwürdi-
gung festzustellen, dass die Minderjährigkeit des Beschwerdeführers
wahrscheinlich scheint und von deren Glaubhaftmachung auszugehen ist.
E-1492/2021
Seite 19
Gestützt auf die Feststellungen im Altersgutachten ist davon auszugehen,
dass der Beschwerdeführer auch zum Zeitpunkt des vorliegenden Urteils
(welches im Rahmen eines beschleunigten Verfahrens innerhalb einer kur-
zen Behandlungsfristen zu ergehen hat) noch minderjährig ist. Er ist zu-
dem, soweit aus den Akten ersichtlich, unbegleitet.
7.5.12 Bei der Prüfung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges ist
daher den Aspekten des Kindeswohles Rechnung zu tragen (vgl. E. 7.2 mit
Hinweisen auf die Praxis). Daraus resultiert grundsätzlich die Verpflich-
tung, Abklärungen darüber zu treffen, wohin in seinen Heimatstaat die
Rückkehr des Beschwerdeführers konkret erfolgen kann, zumal dem Be-
schwerdeführer keine Verletzung der Mitwirkungspflicht vorzuwerfen ist,
wegen welcher eine vertiefte Abklärung im Heimatstaat unterbleiben
könnte (EMARK 1999 Nr. 2 Erw. 6b-d).
7.5.13 Solche Abklärungen wurden vom SEM bislang nicht getätigt, da es
von der Volljährigkeit des Beschwerdeführers ausging. Es sind daher die
entsprechenden Abklärungen vorzunehmen und bei der Neubeurteilung ist
zugleich den gesundheitlichen Aspekten Rechnung zu tragen (vgl. Anmer-
kungen der Rechtsvertreterin act. [...]-12/10 Ziff. 9.01; [...]-26/3 S. 2; [...]-
16/1; [...]-17/1; [...]-18/8 S. 2).
7.6 Nach dem Gesagten erweisen sich die Rügen der unvollständigen
Sachverhaltsfeststellung und der Verletzung der Begründungspflicht res-
pektive Verletzung des rechtlichen Gehörs im Wegweisungsvollzugspunkt
als zutreffend. Die Beschwerde ist diesbezüglich gutzuheissen. Im Übrigen
ist sie abzuweisen. Die vorinstanzliche Verfügung vom 9. März 2021 ist in
den Dispositivziffern 4-6 aufzuheben und die Sache ist in Anwendung von
Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG im Sinne der Erwägungen zur Neubeurteilung
des Wegweisungsvollzugs ans SEM zurückzuweisen, dies unter Verweis
auf Art. 17 Abs. 2bis AsylG.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens wären dem Be-
schwerdeführer im Verhältnis des Grades seines Unterliegens die Verfah-
renskosten aufzuerlegen (Art. 63 VwVG). Da ihm jedoch mit Verfügung
vom 8. April 2021 die unentgeltliche Prozessführung gewährt wurde, sind
keine Verfahrenskosten zu sprechen.
8.2 Dem im Asyl- und Wegweisungsverfahren vertretenen Beschwerde-
führer ist im vorliegenden Verfahren, in welchem er teilweise obsiegt und
E-1492/2021
Seite 20
unterliegt, weder ein amtliches Honorar noch eine Parteientschädigung
auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche
Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen
auch im Beschwerdeverfahren vom Bund nach Massgabe von Art. 102k
AsylG entschädigt werden (vgl. auch Art. 111ater AsylG).
(Dispositiv nächste Seite)
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