Decision ID: 4b7bce61-54b6-463c-95f2-48eeae315129
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a B._ schloss mit der Basler Versicherung AG (nachfolgend: Basler) am 12. Juli
1993 eine Kollektiv-Unfallversicherung für nicht dem UVG unterstellte Personen mit
Wirkung ab 1. Juli 1993 ab. Nebst B._ war auch seine Ehefrau A._ (nachfolgend:
Versicherte) versichert (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 21. Dezember 2017,
4A_523/2017, lit. A.a). Versichert waren auch nach einer Vertragsanpassung vom 6.
Januar 2016 ein Invaliditäts- und Todesfallkapital, ein Spitalgeld sowie Pflegeleistungen
und Kostenvergütung (in Ergänzung zu den obligatorischen Sozialversicherungen;
Versicherungsvertrag 20/2.233.366-1; act. G 1.4).
A.b Am 30. Dezember 2015 hatte die Versicherte durch ihren Ehemann melden lassen,
sie sei am selben Tag gestürzt und habe sich dabei einen Bruch im Oberschenkel
zugezogen (act. G 1.3). Die Basler erbrachte im Folgenden Versicherungsleistungen für
dieses wie auch schon für ein Ereignis aus dem Jahr 1995, stoppte diese indes bzw.
verrechnete die geltend gemachten Heilbehandlung- und Transportkosten mit einer
ausstehenden Parteikostenentschädigung aus einem vorangegangenen Verfahren (act.
G 1.10).
A.c Am 1. März 2018 betrieb die Versicherte die Basler im Betrag von Fr. 1‘583.60 für
Versicherungsleistungen sowie Fr. 57.30 für Spesen und Umtriebe nebst Zins zu 5%
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seit 22. Januar 2018 (act. G 1.14). Am 21. März 2018 erhob die Basler gegen den
Zahlungsbefehl Rechtsvorschlag (act. G 1.15).
B.
B.a Am 29. März 2018 liess die Versicherte (nachfolgend: Klägerin), Klage gegen die
Basler (nachfolgend: Beklagte) erheben. Der Rechtsvorschlag sei aufzuheben und die
Beklagte weiterhin zu verpflichten, die unfallbedingten Langzeitbehandlungen zu
entschädigen. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (act. G 1).
B.b Mit Klageantwort vom 8. Juni 2018 beantragte die Beklagte, auf die Klage sei
infolge fehlender sachlicher Zuständigkeit des Gerichts nicht einzutreten. Eventualiter
sei die Klage abzuweisen. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten der
Klägerin (act. G 8).
B.c In der Folge erhielt die Klägerin Gelegenheit, sich zur sachlichen Zuständigkeit zu
äussern (act. G 9). Sie liess mit Stellungnahme vom 22. Juni 2018 an der Zuständigkeit
des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen festhalten (act. G 10).
B.d Am 28. Juni 2018 teilte das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen den
Parteien mit, dass das Verfahren vorerst auf die Frage der sachlichen Zuständigkeit
beschränkt und darüber ein Entscheid gefällt werde (act. G 11). Die Klägerin bekräftigte
am 9. Juli 2018 ihre Auffassung zur Zuständigkeit und reichte weitere Unterlagen ein
(act. G 12).

Erwägungen
1.
Das Gericht prüft von Amtes wegen, ob die Prozessvoraussetzungen, konkret die
sachliche Zuständigkeit des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen, gegeben
sind (vgl. Art. 6 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRP SG; sGS 951.1];
vgl. auch Art. 59 f. der Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO; SR 272]).
2.
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2.1 Das Versicherungsgericht entscheidet gemäss Art. 9 des Einführungsgesetzes zur
Schweizerischen Zivilprozessordnung (EG-ZPO; sGS 961.2) in Verbindung mit Art. 7
der Schweizerischen Zivilprozessordnung (ZPO; SR 272) als einzige kantonale Instanz
über Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung nach
dem Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG; SR 832.10). Zu prüfen ist, ob
es sich vorliegend um eine Streitigkeit aus Zusatzversicherung zur sozialen
Krankenversicherung im Sinne des Gesetzes handelt, womit das Versicherungsgericht
des Kantons St. Gallen sachlich zuständig wäre.
2.2 Die soziale Krankenversicherung umfasst die obligatorische
Krankenpflegeversicherung und eine freiwillige Taggeldversicherung nach KVG (vgl.
Art. 1a Abs. 1 KVG). Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung decken
Leistungen ab, die zwar von zur Tätigkeit in der (Kranken-)Grundversicherung
zugelassenen Leistungserbringern vorgenommen werden, jedoch nicht im Rahmen der
obligatorischen Krankenpflegeversicherung zu übernehmen sind. Dazu gehören
insbesondere krankheitsbedingte Zusatzleistungen im ambulanten und stationären
Bereich wie beispielsweise a) Zusatzleistungen, welche die Kriterien der Wirksamkeit,
Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit nicht erfüllen, b) Zusatzleistungen, welche
durch die Grundversicherung ausdrücklich als Nichtpflichtleistungen definiert sind oder
c) Zusatzleistungen, welche bezüglich der Darreichungsform über die Grundleistung
hinausgehen. Zudem zählen praxisgemäss die von den Krankenversicherungen
betriebenen privaten Taggeldversicherungen nach dem Bundesgesetz über den
Versicherungsvertrag (VVG; SR 221.229.1) zu den Zusatzversicherungen zur sozialen
Krankenversicherung (BSK ZPO [3. Aufl., 2017] – VOCK/NATER, Art. 7 N 5 f.).
2.3 Streitigkeiten aus Versicherungsverträgen nach VVG, wozu auch
Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung nach KVG zählen (vgl. dazu
Art. 2 Abs. 2 des Bundesgesetzes betreffend die Aufsicht über die soziale
Krankenversicherung [KVAG; SR 832.12]), sind aufgrund ihres privatrechtlichen
Charakters grundsätzlich von Zivilgerichten zu beurteilen. Mit Art. 9 EG-ZPO in
Verbindung mit Art. 7 ZPO wurde eine Ausnahme von diesem Grundsatz geschaffen
mit dem Ziel, eine einheitliche Zuständigkeit/Koordination für Streitigkeiten aus der
sozialen Krankenversicherung und der privaten Krankenzusatzversicherungen bei den
Sozialversicherungsgerichten zu schaffen, insbesondere auch für den Fall, bei dem
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sowohl Leistungen aus der Grundversicherung als auch solche aus
Zusatzversicherungen zur Diskussion stehen und wenn Grund- und Zusatzversicherer
identisch sind (vgl. FELIX HUNZIKER-BLUM, Der Rechtsweg bei Zusatzversicherungen
zur Krankenversicherung, in AJP 2008, S. 728 f.). Aufgrund des Ausnahmecharakters
der Regelung rechtfertigt sich keine extensive Auslegung des Begriffs
„Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung nach KVG“.
2.4 Zur Beurteilung der sachlichen Zuständigkeit des Versicherungsgerichts des
Kantons St. Gallen ist entscheidend, ob die Kollektiv-Unfallversicherung für nicht UVG-
unterstellte Personen vom 6. Januar 2016 zwischen dem Versicherungsnehmer B._
und der Versicherten sowie der Beklagten (act. G 1.4) als Zusatzversicherung zur
sozialen Krankenversicherung im vorgenannten Sinne zu qualifizieren ist. Als
Leistungen aus dem Vertrag stehen – bei Vorliegen eines rechtserheblichen Unfalls –
ein Invaliditätskapital, Todesfallkapital, Spitaltaggeld sowie Pflegeleistungen und
Kostenvergütung zur Diskussion (act. G 1.4). Der Umfang des Versicherungsschutzes
ist gemäss den Versicherungsbedingungen auf Unfälle begrenzt, für Krankheitsfälle
werden keine Leistungen erbracht (vgl. die Vertragsbedingungen in act. G 8.1, 2, 3).
Der Vertrag ersetzt damit lediglich die fehlende Unfallversicherungsdeckung bzw.
erweitert den Versicherungsschutz auf das beim Krankenversicherer versicherte
Unfallrisiko, womit es sich bestenfalls um eine Zusatzversicherung zur sozialen
Unfallversicherung und nicht – dem Wortlaut entsprechend – um eine solche zur
sozialen Krankenversicherung handelt (vgl. dazu BERND HAUCK, in: Sutter-Somm/
Hasenböhler/Leuenberger, ZPO Komm., Art. 243 N 20; LAURENT KILLIAS, Berner
Kommentar, N 57 zu Art. 243 ZPO; HUNZIKER-BLUM, a.a.O., S. 728 f.; a.M. SARA
LEHNER, Zum Begriff der „Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung“ im
Sinne der Schweizerischen ZPO, in: BJM 2010, S. 185). Die Bezeichnung im Vertrag
und den Versicherungsbedingungen als Versicherung „in Ergänzung zu den
obligatorischen Sozialversicherungen“ (act. G 1.4-2, act. G 8.3-6) mag – wie es die
Klägerin ausführen lässt – auf den ersten Blick einen anderen Schluss zulassen.
Entscheidend ist indes, dass eine Ergänzung zu den Sozialversicherungen nicht
zwangsläufig auch eine Zusatzversicherung zur Krankenversicherung im Sinne des
Gesetzes sein muss. Dies ist bei der zur Diskussion stehenden Kollektiv-
Unfallversicherung mit den angebotenen Leistungen, welche nur bei Unfall greifen, und
bei enger Auslegung des Begriffs „Zusatzversicherungen zur sozialen
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Krankenversicherung“ gerade nicht der Fall. Aus den Materialien ist zwar nicht
ersichtlich, ob der Gesetzgeber bewusst nur Zusatzversicherungen zur sozialen
Krankenversicherung in Art. 7 ZPO aufgeführt hat und andere private
(Zusatz-)Versicherungen, beispielsweise – wie im vorliegenden Fall – mit Bezug zum
Unfallversicherungsrecht, von dieser Regelung ausgenommen hat. Triftige Gründe,
vom klaren Wortlaut abzuweichen, oder gar eine Gesetzeslücke, sind aber aufgrund
des Ausnahmecharakters der Bestimmung nicht anzunehmen. Es liegt demnach am
Gesetzgeber, allenfalls weitere Ausnahmen bezüglich sachlicher Zuständigkeit
zuzulassen, Bestrebungen dazu sind auch vorhanden. Gemäss einer
parlamentarischen Initiative soll für Zusatzversicherungen zur obligatorischen
Unfallversicherung in Zukunft derselbe Rechtsweg gelten wie für Zusatzversicherungen
zur sozialen Krankenversicherung (Geschäftsnummer 13.441; abrufbar unter https://
www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/curia-vista). Die entsprechenden Änderungen der
ZPO sind jedoch noch nicht realisiert (vgl. auch BSK ZPO [3. Aufl., 2017] – VOCK/
NATER, Art. 7 N 6b). Zusammengefasst ist festzuhalten, dass Art. 9 EG-ZPO in
Verbindung mit Art. 7 ZPO vorliegend nicht anwendbar ist. Damit ist das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen sachlich nicht zuständig und auf die
Klage ist nicht einzutreten. Die Zuständigkeit für Streitigkeiten aus einer Kollektiv-
Unfallversicherung liegt damit auch erstinstanzlich bei den Zivilgerichten.
3.
Im Übrigen ist zu erwähnen, dass sich eine extensive Auslegung im vorliegenden Fall
auch in Beachtung der konkreten Streitigkeit nicht rechtfertigt. Es stehen nicht
Ansprüche aus einer sozialen Grundversicherung und privatrechtlichen
Zusatzversicherungen zur Debatte, weshalb unterschiedliche Zuständigkeiten nicht
bestehen und eine Koordination nicht nötig erscheint. Bei Zielsetzung einer
Koordination von Verfahren bzw. einer einheitlichen Zuständigkeit ist gerade in diesem
Fall die Zuständigkeit der Zivilgerichte angezeigt. Bei einer anderen Streitigkeit
derselben Parteien bezüglich Versicherungssumme im Invaliditätsfall aus demselben
Vertrag wurde die sachliche Zuständigkeit bereits vom erst- und zweitinstanzlichen
Zivilgericht bejaht (act. G 8.5 f.; Entscheid des Kantonsgerichts vom 30. August 2017,
III. Zivilkammer, BO.2016.53). Der vom Kreisgericht C._ eigens erlassene
Zwischenentscheid bezüglich dessen sachliche Zuständigkeit wurde von der
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Versicherten damals nicht angefochten (gerichtsnotorisch). Entsprechend wurde der
Weg zur sachlichen Zuständigkeit der Zivilgerichte für Streitigkeiten aus der zur
Diskussion stehenden Kollektiv-Unfallversicherung bereits geebnet (vgl. zum gleichen
Rechtsweg bei gleichem Vertrag GUSTAVO SCARTAZZINI/MARC HÜRZELER,
Bundessozialversicherungsrecht, 4. Auflage, Basel 2012, §16 Rz 220; zustimmend
LEHNER, a.a.O., S. 189), womit auch aus Rechtssicherheitsgründen die sachliche
Zuständigkeit gerade beim Zivilgericht verbleiben sollte. Im Übrigen erweckt das
Bestehen der Versicherten auf der Beurteilung durch das Versicherungsgericht – wohl
aus Kostenüberlegungen – im Lichte der vorangegangenen Ausführungen zumindest
den Anschein von Rechtsmissbräuchlichkeit. Inhaltlich betrifft die Streitigkeit keine
sozialversicherungsrechtlichen Fragestellungen, wie das Vorliegen eines Unfalls bzw.
Leistungspflichten daraus etc. Ein Spezialgericht mit entsprechendem Fachwissen
drängt sich nicht auf (vgl. zur Bedeutung dieses Gesichtspunktes bei der Auslegung
LEHNER, a.a.O., S. 180). Bestritten wird materiell die Möglichkeit einer Verrechnung
von Leistungsansprüchen gestützt auf das VVG und das Obligationenrecht (OR; SR
220). Zur Beurteilung stehen damit rein privatrechtliche Fragen, zu deren Beantwortung
Zivilgerichte offenkundig qualifiziert sind.
4.
4.1 Gerichtskosten sind gemäss Art. 114 lit. e ZPO keine zu erheben.
4.2 Bei Nichteintreten auf die Klage gilt die klagende Partei als unterliegend. Ihr sind
die Prozesskosten aufzuerlegen (Art. 106 Abs. 1 ZPO). Die Parteientschädigung spricht
das Gericht nach den kantonalen Tarifen zu (Art. 105 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 96
ZPO). Das mittlere Honorar im Zivilprozess beträgt nach Art. 14 Abs. 1 lit. a der
Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten (HonO; sGS 963.75) Fr. 500.--
bei einem Streitwert bis Fr. 5‘000.-- zuzüglich 30% des Streitwerts. Bei einem
Streitwert von Fr. 1’714.20 (act. G 1.15) resultiert damit ein Honorar von Fr. 1‘014.25
(Fr. 500.-- + 30% von Fr. 1‘714.20). Dieses ist zufolge unvollständigen Prozesses
gemäss Art. 27 Abs. 2 HonO angemessen zu kürzen. Nachdem sich der beklagtische
Rechtsvertreter auch materiell zur Klage geäussert hat und die Beschränkung auf die
Eintretensfrage erst nach der Klageantwort verfügt wurde (act. G 11), rechtfertigt es
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sich, die Kürzung klein zu halten und die Klägerin zu verpflichten, die Beklagte mit
pauschal Fr. 800.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.