Decision ID: 31627dc6-00bd-45d7-a4aa-cc63d206984e
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Fahren ohne Berechtigung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung - Einzelgericht, vom 6. Juni 2019 (GB190021)
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Anklage bzw. Strafbefehl: (Urk. D1/10)
Der Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 27. August 2018 ist die-
sem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 37 S. 24 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig des mehrfachen fahrlässigen Überlassens
eines Motorfahrzeuges an einen Führer ohne erforderlichen Ausweis im Sinne von
Art. 95 Abs. 1 lit. e SVG.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu
Fr. 120.– (entsprechend Fr. 1‘200.–).
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre fest-
gesetzt.
4. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 750.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 1‘000.– Gebühr Anklagebehörde
5. Die Kosten gemäss vorstehender Ziffer werden dem Beschuldigten auferlegt.
6. (Mitteilungen.)
7. (Rechtsmittel.)"
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Berufungsanträge: (Prot. II S. 4)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten (Urk. 52 S. 2):
1. In Gutheissung der Berufung sei der Beschuldigte vom Vorwurf des
mehrfachen fahrlässigen Überlassens eines Motorfahrzeuges an einen
Führer ohne erforderlichen Ausweis im Sinne von Art. 95 Abs. 1 lit. e SVG
freizusprechen, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der
Staatskasse.
2. Dem Beschuldigten sei eine Anwaltskostenentschädigung für das
erstinstanzliche Verfahren gemäss Kostennote vom 6. Juni 2019 und eine
Anwaltskostenentschädigung für das Berufungsverfahren (zzgl. 7,7 % MwSt)
zuzusprechen.
b) Der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl (Urk. 44, sinngemäss):
Verzicht auf Anschlussberufung und Antrag auf Bestätigung des vorinstanz-
lichen Urteils.

Erwägungen:
I. Verfahrensgang / Prozessuales
1. Prozessgeschichte
1.1. Der Verlauf des Verfahrens bis zum vorinstanzlichen Entscheid ergibt sich
aus dem angefochtenen Urteil vom 6. Juni 2019 (Urk. 37 S. 3 ff.).
1.2. Mit dem genannten Urteil wurde der Beschuldigte schuldig gesprochen des
mehrfachen fahrlässigen Überlassens eines Motorfahrzeuges an einen Führer
ohne erforderlichen Ausweis im Sinne von Art. 95 Abs. 1 lit. e SVG und mit einer
Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu Fr. 120.– (entsprechend Fr. 1‘200.–) bestraft.
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Der Vollzug der Geldstrafe wurde aufgeschoben und die Probezeit auf zwei Jahre
festgesetzt. Schliesslich regelte die Vorinstanz die Kostenfolgen (Urk. 37 S. 24 f.).
1.3. Gegen dieses am 6. Juni 2019 mündlich eröffnete Urteil meldete die Ver-
teidigung mit Eingabe vom 11. Juni 2019 rechtzeitig Berufung an (Urk. 30).
1.4. Das begründete Urteil der Vorinstanz wurde von der Staatsanwaltschaft
Zürich-Sihl (nachfolgend: Staatsanwaltschaft) und von der Verteidigung je am
16. Juli 2019 in Empfang genommen (Urk. 34/1-2). Die vorinstanzlichen Akten
gingen am 2. August 2019 am Obergericht ein (vgl. Urk. 37). Mit Eingabe vom
2. August 2019 (Poststempel; hier eingegangen am 5. August 2019) reichte die
Verteidigung fristgerecht ihre Berufungserklärung ein (Urk. 38). Am 8. August
2019 wurde über den Beschuldigten ein neuer Strafregisterauszug eingeholt
(Urk. 41).
1.5. Mit Präsidialverfügung vom 9. August 2019 wurde der Staatsanwaltschaft
Frist zur Erhebung einer Anschlussberufung bzw. zum Antrag auf Nichteintreten
auf die Berufung angesetzt, gleichzeitig wurde dem Beschuldigten Frist angesetzt,
um das Datenerfassungsblatt und mehrere spezifisch bezeichnete Urkunden zu
seinen finanziellen Verhältnissen einzureichen (Urk. 42). Mit Eingabe vom
15. August 2019 stellte die Staatsanwaltschaft ihre Anträge im Berufungsver-
fahren (Urk. 44). Unter dem 29. August 2019 reichte die Verteidigung das Daten-
erfassungsblatt und weitere Unterlagen ein (Urk. 45-47/1-8).
1.6. Am 19. September 2019 wurde zur heutigen Berufungsverhandlung vorge-
laden (Urk. 48).
1.7. Die Berufungsverhandlung konnte ordnungsgemäss durchgeführt werden.
Zu dieser erschienen der Beschuldigte und sein Verteidiger (Prot. II S. 4).
2. Umfang der Berufung
2.1. Gemäss Art. 402 StPO hat die Berufung im Umfang der Anfechtung auf-
schiebende Wirkung. Die Rechtskraft des angefochtenen Urteils wird somit im
Umfang der Berufungsanträge gehemmt, während die von der Berufung nicht er-
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fassten Punkte in Rechtskraft erwachsen (BSK StPO-EUGSTER, Basel 2014,
Art. 402 N 1 f.).
2.2. Der Beschuldigte liess das vorinstanzliche Urteil vollumfänglich anfechten
(Urk. 38 S. 2). Dementsprechend ist das Urteil der Vorinstanz vom 6. Juni 2019 in
keinem Punkt in Rechtskraft erwachsen und bildet in seiner Gesamtheit Beru-
fungsgegenstand.
3. Anklageprinzip
3.1. Das Berufungsgericht hat sich über die vorgebrachten Rügen hinaus mit
Verfahrensaspekten zu befassen, die von Amtes wegen zu berücksichtigen sind.
Im vorliegenden Fall ist unter diesem Blickwinkel insbesondere zu prüfen, ob das
Anklageprinzip gewahrt wurde.
3.2. Gemäss Art. 325 Abs. 1 lit. f. StPO bezeichnet die Anklageschrift möglichst
kurz, aber genau die der beschuldigten Person vorgeworfene Tat mit Beschrei-
bung von Ort, Datum, Zeit, Art und Folgen der Tatausführung. Die Anklage hat die
der beschuldigten Person zur Last gelegten Delikte in ihrem Sachverhalt so prä-
zise zu umschreiben, dass die Vorwürfe in objektiver und subjektiver Hinsicht ge-
nügend konkretisiert sind. Durch eine detaillierte Angabe des Anklagevorwurfs
werden insbesondere die durch das Anklageprinzip angestrebte Umgrenzungs-
und Informationsfunktion erfüllt. Zum einen soll die beschuldigte Person Kenntnis
erlangen, welcher konkreter Handlungen sie beschuldigt und wie ihr Verhalten
rechtlich qualifiziert wird, so dass sie sich in ihrer Verteidigung richtig vorbereiten
kann, und garantiert damit auch den Anspruch auf rechtliches Gehör (Urteil des
Bundesgerichtes 6B_638/2019 vom 17. Oktober 2019 E. 1.4.1 samt Hinweisen).
Zum anderen soll auch das Gericht durch die Anklageschrift in die Lage versetzt
werden, sich eine präzise Vorstellung des Anklagevorhalts zu machen. Es genügt
demgemäss nicht, wenn pauschale Vorwürfe erhoben werden (BSK StPO-
HEIMGARTNER/NIGGLI, Art. 325 N 18). Handelt es sich um ein Fahrlässigkeitsdelikt,
hat die Anklageschrift insbesondere die gesamten Umstände anzugeben, nach
welchen das Verhalten des Täters als unvorsichtige Pflichtwidrigkeit erscheint
und inwieweit der Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs für den Beschuldigten
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voraussehbar und vermeidbar war (Urteil des Bundesgerichtes 6B_638/2019 vom
17. Oktober 2019 E. 1.4.2 samt Hinweisen). Eine abstrakte Tatbestands-
umschreibung vermag den konkreten Anklagevorwurf nicht zu ersetzen und stellt
keinen Grund für eine Anklageänderung bzw. -erweiterung dar (Urteil des Bun-
desgerichtes 6B_963/2015 vom 19. Mai 2016). Ein Rückgriff des Gerichts auf die
Akten zwecks Definierung der angeklagten Tat in Abweichung der Anklageschrift
– und nicht bloss zu Beweiszwecken – ist unzulässig und verletzt den Anklage-
grundsatz (BGE 6B_640/2011 vom 14. Mai 2012 E. 2.4.3 mit Hinweisen).
3.3. Dem Beschuldigten wird in der Anklageschrift vorgeworfen, als Sachbe-
arbeiter Logistik verantwortlich für den Fahrzeugpark der B._-Filiale
C._-Strasse 1 in ... Zürich, im Zeitraum zwischen dem 1. Januar 2018 bis
4. Juli 2018 ca. viermal wöchentlich dem Mitarbeiter D._ – im Rahmen des-
sen beruflicher Tätigkeit – ein Kleinmotorrad der Marke E._ überlassen zu
haben, obschon dieser nicht über die hierfür erforderliche Fahrberechtigung ver-
fügt habe. Nach Meinung der Staatsanwaltschaft wäre dies vorhersehbar und
vermeidbar gewesen, wäre der Beschuldigte seiner Pflicht als Sachbearbeiter Lo-
gistik und als Verantwortlicher für die Fahrzeugflotte nachgekommen, die Fahr-
erlaubnis des Mitarbeiters D._ zu überprüfen (Urk. D1/10 S. 3).
3.4. Gemäss Wortlaut des Art. 95 Abs. 1 lit. e SVG wird nicht nur vorsätzliches,
sondern auch fahrlässiges Ignorieren des nicht vorhandenen Ausweisbesitzes
(„von dem er bei pflichtgemässer Aufmerksamkeit wissen kann“) erfasst (BSK
SVG-BUSSMANN, Basel 2014, Art. 95 N 70). Bei Art. 95 Abs. 1 lit. e SVG liegt die
Fahrlässigkeit darin, dass der Besitzer infolge einer pflichtwidrigen Unvorsichtig-
keit nicht erkennt, dass er sein Motorfahrzeug einem Führer ohne Ausweis über-
lässt. Ein Schuldspruch wegen fahrlässigen pflichtwidrigen Überlassens eines
Motorfahrzeugs an einen Führer ohne erforderlichen Ausweis setzt somit voraus,
dass der Täter das Motorfahrzeug jemandem willentlich und wissentlich überlässt,
dabei jedoch durch Verletzung einer Sorgfaltspflicht ungewollt verkennt, dass die
betreffende Person keine gültige Fahrerlaubnis hat. Zu der erforderlichen Pflicht-
verletzung ist konkretisierend unter dem Blickwinkel einer genügenden Sach-
verhaltsumschreibung Folgendes festzuhalten: Bei Angestellten genügt eine ein-
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malige Kontrolle des Führerausweises vor der ersten Fahrt; bei späteren Fahrten
muss der Führerausweis nur kontrolliert werden, wenn begründeter Anlass zur
Annahme besteht, dass dem betreffenden Angestellten der Ausweis entzogen
worden sein könnte (SVG-Kommentar-GIGER, Zürich 2014, Art. 95 N 9).
3.5. Der in der Anklageschrift festgehaltene Sachverhalt umschreibt nicht, worin
die konkrete Sorgfaltspflichtverletzung des Beschuldigten zu sehen ist. So geht
nicht hervor, aufgrund welcher Funktion oder aufgrund welcher konkreten Ver-
anlassung der Beschuldigte in der Pflicht gewesen wäre, den Fahrausweis von
D._ zu überprüfen. Die Anklage erwähnt lediglich, dass das Überlassen ei-
nes Motorfahrzeuges an einen Führer ohne erforderlichen Ausweis für den Be-
schuldigten vorhersehbar und vermeidbar gewesen wäre, wäre er seiner Pflicht
als Sachbearbeiter Logistik und Verantwortlicher für die Fahrzeugflotte nach-
gekommen, die Fahrerlaubnis von D._ zu überprüfen. Nebst dem, dass die in
der Anklageschrift umschriebene Funktion des Beschuldigten so nicht mit den Ak-
ten übereinstimmt, umschreibt allein diese Formulierung keine konkrete Pflichtver-
letzung seitens des Beschuldigten. Wie sich aus den Akten ergibt, war der Be-
schuldigte vom 1. Januar 2018 an als Sachbearbeiter Logistik und ab dem
1. März 2018 als Sicherheitsbeauftragter tätig. Die Anklagebehörde hat es unter-
lassen, diesen Funktionswechsel und die miteinhergehende Änderung des Ver-
antwortungsbereichs zu umschreiben. Es wird dem Beschuldigten nicht vorgewor-
fen, dass er im Kontext des Unfalls von D._ eine Überprüfung dessen Fahr-
berechtigung hätte vornehmen müssen, da man anlässlich dieses Vorfalls an sei-
ner Fahrfähigkeit hätte zweifeln müssen. Es wird in der Anklage auch nicht aufge-
führt, ob eine interne Weisung bestand, die Fahrberechtigung alle 1-2 Jahre zu
überprüfen und der Beschuldigte es unterlassen hat, die letzte Kontrolle seines
Vorgängers Ende Februar 2018 auf Vollständigkeit zu überprüfen.
3.6. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Anklageschrift nicht in genü-
gender Weise auf die massgeblichen Umstände der pflichtwidrigen Unvorsichtig-
keit bzw. Sorgfaltspflichtverletzung hinweist, welche dem Beschuldigten vorge-
worfen wird. Die Anklageschrift genügt den gesetzlichen Anforderungen nicht; ein
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Urteil kann gestützt darauf nicht ergehen. Angesichts dessen ist das Verfahren im
Sinne von Art. 329 Abs. 4 StPO einzustellen.
II. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Ausgangsgemäss sind die Kosten der Untersuchung und der Vorinstanz auf
die Gerichtskasse zu nehmen (Art. 426 StPO).
2. Beim Ausgang dieses Verfahrens fällt die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr
ausser Ansatz.
3. Wird die beschuldigte Person ganz oder teilweise freigesprochen oder wird
das Verfahren gegen sie eingestellt, so hat sie Anspruch auf Entschädigung ihrer
Aufwendungen für die angemessene Ausübung ihrer Verfahrensrechte (Art. 436
Abs. 2 i.V.m. Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO). Für die Kosten der erbetenen Verteidi-
gung ist dem Beschuldigten für das gesamte Verfahren eine Prozessentschädi-
gung von pauschal Fr. 7'000.– auszurichten.