Decision ID: 1221132f-2c98-4dca-b65a-f0b681e3177e
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
sexuelle Handlungen mit Kindern etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung, vom 3. März 2015 (DG140325)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
16. Oktober 2014 (Urk.. 21) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 43 S. 42 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist der eingeklagten Delikte nicht schuldig und wird freige-
sprochen.
2. Die Zivilklage der Privatklägerschaft (Schadenersatz und Genugtuung) wird
auf den Zivilweg verwiesen.
3. Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz; die übrigen Kosten, inklusive derjeni-
gen der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung der
Privatklägerschaft, werden auf die Gerichtskasse genommen.
4. Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten wird für seine Bemühungen und
Barauslagen mit Fr. 7'940.40 (inkl. MwSt.) aus der Gerichtskasse entschädigt.
5. Die unentgeltliche Vertretung der Privatklägerschaft wird für ihre Bemühungen
und Barauslagen mit Fr. 7'501.25 (inkl. MwST) aus der Gerichtskasse ent-
schädigt.
6. (Mitteilung)
7. (Rechtsmittel)"
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Berufungsanträge: (Prot. II S. 4 f.)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten (Urk. 66 S. 1):
1. Die Berufung sei abzuweisen, unter entsprechenden Kosten- und
Entschädigungsfolgen gemäss Art. 428 StPO.
2. Das DNA-Profil des Beschuldigten bei der Polizei sei definitiv löschen
zu lassen, es sei der entsprechende Auftrag zu erteilen.
b) Der Staatsanwaltschaft:
Es liegen keine Anträge vor.
c) Der Privatklägerschaft (Urk. 63 S. 2):
1. Der Berufungsbeklagte sei der mehrfachen sexuellen Handlungen mit
Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB und der sexuellen
Nötigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen;
2. der Berufungsbeklagte sei angemessen zu bestrafen;
3. der Berufungsbeklagte sei zu verpflichten, der Berufungsklägerin
eine Genugtuung von CHF 7'000 zuzüglich Zins von 5 % seit dem
11. Dezember 2012 zu bezahlen;
4. es sei festzustellen, dass der Berufungsbeklagte dem Grundsatze nach
gegenüber der Berufungsklägerin für den Schaden aus dem eingeklagten
Ereignis vollumfänglich haftet;
5. Sämtliche Prozess- und Verfahrenskosten seien dem Berufungsbeklagten
aufzuerlegen.
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Erwägungen:
I. Prozessgeschichte
Mit Urteil der 10. Abteilung des Bezirksgerichts Zürich vom 3. März 2015 wurde
der Beschuldigte vollumfänglich freigesprochen von den Vorwürfen der mehr-
fachen sexuellen Handlungen mit Kindern (Art. 187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB), der
sexuellen Nötigung (Art. 189 Abs. 1 StGB), der einfachen Körperverletzung
(Art. 123 Ziff. 1 StGB) sowie des Hausfriedensbruchs (Art. 186 StGB). Die Zivil-
klage der Privatklägerschaft betreffend Schadenersatz und Genugtuung wurde
auf den Zivilweg verwiesen. Die Entscheidgebühr fiel ausser Ansatz und die übri-
gen Kosten, inklusive diejenigen der amtlichen Verteidigung sowie der unentgelt-
lichen Vertretung der Privatklägerschaft, wurden auf die Gerichtskasse ge-
nommen. Die amtliche Verteidigung wurde mit Fr. 7'940.40 (inkl. MwSt.) und die
unentgeltliche Rechtsvertretung mit Fr. 7'501.25 (inkl. MwSt.) aus der Gerichts-
kasse entschädigt (Urk. 36).
Gegen dieses Urteil meldeten die Privatklägerin A._ mit Schreiben vom
3. März 2015 und die Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich mit Schreiben
vom 4. März 2015 fristgerecht die Berufung an (Urk. 37 f.). Das begründete Urteil
wurde allen Parteien am 11. Mai 2015 zugestellt (Urk. 41/1-3).
Mit Schreiben vom 19. Mai 2015 teilte die Staatsanwaltschaft mit, auf eine Beru-
fungserklärung verzichten zu wollen bzw. die Berufung zurückzuziehen (Urk. 44).
Vom Rückzug der Berufung der Staatsanwaltschaft ist daher Vormerk zu nehmen.
Die Privatklägerin liess mit Schreiben vom 26. Mai 2015 ihre Berufungserklärung
fristgerecht folgen (Urk. 47). Anschlussberufung wurde nicht erhoben und es
wurden keine Beweisergänzungen beantragt.
Zur heutigen Berufungsverhandlung sind der unentgeltliche Vertreter der Privat-
klägerin Rechtsanwalt lic. iur. X._ sowie der amtliche Verteidiger Rechtsan-
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walt Dr. iur. Y._ erschienen. Der Beschuldigte ist unentschuldigt nicht er-
schienen (Prot. II S. 4).
II. Prozessuales
Nach Art. 399 Abs. 4 StPO kann die Berufung auf einzelne Urteilspunkte einge-
schränkt werden. Eine isolierte Anfechtung des Schuldpunktes ist indes nicht
möglich: Bei einem Antrag auf Schuldspruch gelten für den Fall der Gutheissung
automatisch auch die mit der Tat untrennbar zusammenhängenden Folgepunkte
des Urteils (z.B. Kostenfolgen) als angefochten, also alle Punkte nach Art. 399
Abs. 4 lit. b - g StPO. Bestätigt das Berufungsgericht die Freisprüche, sind die
weiteren Urteilspunkte – soweit nicht explizit angefochten – nicht zu überprüfen.
Die Privatklägerin beschränkt die Berufung nicht, weshalb keine Dispositivziffer
des vorinstanzlichen Urteils in Rechtskraft erwachsen ist. Indes ist sie von den
Freisprüchen des Beschuldigten hinsichtlich der Anklageziffern II. und III. (ein-
fache Körperverletzung zum Nachteil von C._ und Hausfriedensbruch zum
Nachteil des Club D._) nicht beschwert. Folgerichtig beantragt sie einzig eine
Verurteilung des Beschuldigten hinsichtlich Anklageziffer I (sexuelle Handlungen
mit Kindern und sexuelle Nötigung). Ebenfalls nicht beschwert ist die Privatkläge-
rin durch Dispositiv Ziffern 4 und 5 des vorinstanzlichen Urteils, in
welchen die Festsetzung der Honorare der amtlichen Verteidigung bzw. der
unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft geregelt wird.
Unter diesen Umständen ist vorab mittels Beschluss festzustellen, dass die Frei-
sprüche der Vorinstanz betreffend ND 1 und 2 (einfache Körperverletzung i.S.v.
Art. 123 Ziff. 1 StGB sowie Hausfriedensbruch i.S.v. Art. 186 StGB) sowie die
Festsetzung der Entschädigungen an die Parteivertreter (Dispositiv Ziffern 4 und
5) in Rechtskraft erwachsen sind.
An dieser Stelle ist schliesslich die Verwertbarkeit der polizeilichen Einvernahme
der Privatklägerin vom 19. Februar 2013 (Urk. 9/1 und Urk. 9/3) zu thematisieren.
Diese Einvernahme ist nicht im Rahmen einer Beweiserhebung durch die Staats-
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anwaltschaft nach Art. 147 StPO erfolgt, sondern war noch Bestandteil der
Ermittlungen (vgl. Urk. 9/1; Urk. 9/3). Anlässlich der Einvernahmen war weder ein
Teilnahmerecht im Sinne von Art. 159 StPO zu beachten noch lag ein Fall von
Art. 312 StPO vor, zumal die Einvernahme durch die Polizei erfolgt ist, noch bevor
die zuständige Staatsanwaltschaft eine Delegation zuhanden der Polizei vornahm
(Urk. 5; vgl. Art. 312 Abs. 2 StPO). Nachdem der Beschuldigte im späteren Ver-
lauf der Untersuchung Gelegenheit hatte, die Aussagen der Privatklägerin zu
hinterfragen und Ergänzungsfragen zu stellen, steht der Verwertbarkeit der
polizeilichen Einvernahme mit Blick auf die ständige bundesgerichtliche Recht-
sprechung nichts entgegen (vgl. Urteile des Bundesgerichts 6B_369/2013 vom
31. Oktober 2013 E. 2.3 sowie 6B_518/2014 vom 4. Dezember 2014 E. 4.2).
III. Sachverhalt
1. Anklagevorwurf und Standpunkte der Beteiligten
Dem Beschuldigten wurde in der Anklage betreffend HD im Wesentlichen vorge-
worfen, mit der im Tatzeitpunkt 15-jährigen Privatklägerin A._ zwischen dem
8. September 2012 und dem 10. Dezember 2012 insgesamt mindestens sechs
Mal einvernehmlichen vaginalen Geschlechtsverkehr vollzogen zu haben. Dabei
habe der im Tatzeitpunkt 24-Jährige gewusst, dass die Privatklägerin das sech-
zehnte Altersjahr noch nicht zurückgelegt hatte.
Weiter habe der Beschuldigte im gleichen Zeitraum von der Privatklägerin ver-
langt, dass sie ihn oral befriedige. Als sie dies verweigert habe, habe er sich auf
ihren Brustkorb gesetzt, mit seinen Knien ihre Oberarme fixiert und ihr sein Glied
in den Mund gesteckt, wo er sich selbst bis zum Samenerguss befriedigt habe
und der Privatklägerin in den Mund ejakuliert habe. Während der Beschuldigte auf
ihr gesessen sei, habe die Privatklägerin versucht, ihn wegzustossen, was ihr
jedoch nicht gelungen sei.
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Die Vorinstanz erwog im Wesentlichen, nach Würdigung der Aussagen bestünden
erhebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel darüber, dass sich die dem
Beschuldigten vorgeworfenen Sachverhalte tatsächlich so zugetragen hätten. Sie
sprach den Beschuldigten in der Folge gemäss dem Grundsatz in dubio pro reo
von den Vorwürfen der mehrfachen sexuellen Handlung mit Kindern i.S.v. Art. 187
Ziff. 1 StGB und der sexuellen Nötigung i.S.v. Art. 189 Abs. 1 StGB frei.
Die Privatklägerin macht mit der Berufung im Wesentlichen geltend, der Sachver-
halt sei gestützt auf ihre Aussagen erstellt. Sie sei von einem Liebesverhältnis
ausgegangen. Als sie realisiert habe, dass der Beschuldigte aus rein egoistischen
Motiven gehandelt habe, sei sie in eine Art Schockzustand geraten. Anfänglich sei
die Privatklägerin von grosser Scham besetzt und in ihren Ausführungen sehr zu-
rückhaltend gewesen. Sie habe sich nicht getraut, von Anfang an alles auf den
Tisch zu legen, was sie mit dem Beschuldigten erlebt hatte. Mit der Zeit habe sie
jedoch Vertrauen gefasst und gespürt, dass es angebracht sei, die ganze Wahr-
heit ans Tageslicht zu bringen. Es sei in Fachberichten immer wieder nachzu-
lesen, dass sich vor allem jugendliche Opfer anfänglich extrem schwer tun
würden, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Es wäre daher vielmehr auffällig
gewesen, wenn die Privatklägerin von Anfang an nur so mit Aussagen heraus-
gesprudelt wäre. Sie habe sich in der Strafuntersuchung stets sehr authentisch
verhalten. Die anfänglich zögerlichen Ausführungen und später vollständigen Aus-
führungen seien nachvollziehbar und mit grosser Glaubhaftigkeit vorgetragen
worden, so dass es keine echten Zweifel an deren Wahrheitsgehalt gebe. Die
Privatklägerin habe klar schildern können, wo sich die Sexualkontakte örtlich ab-
gespielt hätten. Zur verlorenen Jungfräulichkeit sei zu erwähnen, dass die Vor-
kommnisse zeitlich nahe beieinander liegen würden, so dass es tatsächlich mög-
lich sei, dass die Privatklägerin gewisse chronologische Abläufe nicht mehr genau
in Erinnerung oder verwechselt habe. Die Privatklägerin sei zudem in den Befra-
gungen immer wieder in Konfusion versetzt worden, indem die beiden Namen
B1._ und F._ häufig im selben Zusammenhang genannt worden seien.
Die Privatklägerin mache schliesslich sehr genaue Angaben zum Ausgang nach
Winterthur und zur beabsichtigten Übernachtung bei der Freundin der Mutter.
Diese Angaben seien alle von Zeugen bestätigt worden. Eindrücklich sei auch die
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Schilderung der Privatklägerin betreffend ihr Alter bzw. wie sie mit dem Beschul-
digten über ihr Alter gesprochen habe. Insgesamt falle auf, dass die Privatklägerin
keinerlei Lügensignale deponiert habe, sondern offensichtlich bemüht gewesen
sei, keine Übertreibungen und keine unnötig belastenden Aussagen zu machen.
Demgegenüber hätten die Argumente und Erklärungen des Beschuldigten weder
Hand noch Fuss und seien widersprüchlich. Seine Strategie sei stets gewesen,
andere zu beschuldigen, zu verdächtigen und für das Strafverfahren verantwort-
lich zu machen. Die Aussagen des Beschuldigten würden offensichtliche Lügen-
merkmale aufweisen, er habe ausweichend geantwortet und versucht, den Fokus
auf andere Personen zu lenken (vgl. Urk. 34; Urk. 63).
Der Beschuldigte lässt im Berufungsverfahren demgegenüber wie schon vor Vor-
instanz geltend machen, zu keiner Zeit mit der Privatklägerin Geschlechtsverkehr
gehabt zu haben. Die Aussagen der Privatklägerin würden nicht zu unterdrücken-
de Zweifel an deren Glaubhaftigkeit hinterlassen. Es beginne schon damit, dass
die Anzeige von der Mutter der Privatklägerin erstattet worden sei. Da sich der
Beschuldigte im Zeitpunkt der Anzeigeerstattung in Haft befunden habe, sei für
die Mutter zum vornherein klar gewesen, dass es sich beim Beschuldigten um
einen Straftäter handeln musste. Die Privatklägerin sei durch die sexuellen
Kontakt, die in einer Schwangerschaft gemündet hätten, sicherlich belastet ge-
wesen, zudem sei sie auch noch von F._ enttäuscht und verlassen worden.
Dazu seien noch die Vorwürfe der Mutter gekommen. Die Widersprüche in den
Aussagen der Privatklägerin seien erheblich, insbesondere bezüglich ihrer verlo-
renen Jungfräulichkeit. In der ersten zeitnahen Einvernahme habe die Privatklä-
gerin eher vage ausgesagt. In der zweiten Befragung würden die erheblichen Ag-
gravationen auffallen. Die Privatklägerin habe sexuelle Erlebnisse, die sie mit
F._ gehabt habe, dem Beschuldigten zugeordnet. Die Privatklägerin sei der
Wut ihrer Mutter gefolgt, sie habe sie nicht enttäuschen dürfen (Urk. 66).
2. Rechtliches
Vorab ist auf die grundsätzlich zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz zu den
allgemeinen Beweiswürdigungsregeln sowie ihre zutreffende Analyse der Glaub-
würdigkeit der Beteiligten und der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen zu verweisen
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(vgl. Urk. 39 S. 10 ff. S. 17 ff., S. 24 ff.). Erneut ist festzuhalten, dass das Gericht
die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten Verfahren gewonnenen Über-
zeugung würdigt (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen unüberwindliche Zweifel an der
Erfüllung der tatsächlichen Voraussetzungen der eingeklagten Tat, so geht das
Gericht von der für die beschuldigte Person günstigeren Sachlage aus (Art. 10
Abs. 3 StPO).
Vorliegend stützt sich der Anklagevorwurf einzig auf die Aussagen der Privat-
klägerin. Es bestehen keine objektiven Beweismittel wie DNA-Spuren, welche auf
einen sexuellen Kontakt zwischen dem Beschuldigten und der Privatklägerin hin-
deuten. Weder bestehen Zeugen für die fraglichen Taten noch solche, die Hin-
weise auf das Vorhandensein einer sexuellen Beziehung geben könnten. Auch
wenn ein Einzelzeugnis durchaus als rechtsgenügender Beweis angesehen
werden kann, muss eine Aussage solchenfalls in jeder Hinsicht zuverlässig und
unbefangen erscheinen und – allenfalls durch Indizien besonders unterstützt –
letztlich klar glaubhafter als jene des bestreitenden Beschuldigten sein. Als Kenn-
zeichen wahrheitsgetreuer Aussagen sind dabei die innere Geschlossenheit und
Folgerichtigkeit in der Darstellung des Geschehens sowie die konkrete und an-
schauliche Wiedergabe des Erlebten zu werten (vgl. im Detail: Arntzen/Michaelis-
Arntzen, Psychologie der Zeugenaussage, System der Glaubwürdigkeitsmerkma-
le, 3. Auflage, München 1993).
Damit eine Aussage als zuverlässig gewürdigt werden kann, ist sie insbesondere
auf das Vorhandensein von inhaltlichen Realitätskriterien zu überprüfen. Ergän-
zend sind die Aussagen unter strukturellen Aspekten sowie auf Konstanz und Er-
weiterungen hin zu überprüfen (Bender/Nack/Treuer, Tatsachenfeststellung vor
Gericht, 4. Aufl. 2014, S. 101 ff.). Als Kennzeichen wahrheitsgetreuer Aussagen
sind zu werten:
- spontane, detailreiche Schilderungen (auch ausserhalb des zentralen
Beweisthemas)
- individuell geprägte, originelle oder aussergewöhnliche Geschehnisse ent-
haltende Aussagen
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- Verflechtung der Aussage mit bewiesenen, zur Tatzeit vorhandenen äusse-
ren Umständen
- strukturelle Gleichheit der Aussage, gleiche Erinnerung an Be- und Ent-
lastendes
- Ineinanderpassen der Aussagen, wenn von verschiedenen Ansatzpunkten
gefragt wurde
- inhaltliche Konstanz des für den Befragten subjektiv Wichtigen
Die Lehre spricht von acht Realitätskriterien, welche in drei Gruppen eingeteilt
werden: Inhaltsbezogene Realitätskriterien (Detailkriterium, Individualitäts-
kriterium, Prüfkriterium), strukturelle Realitätskriterien (Strukturgleichheits-
kriterium, Nichtsteuerungskriterium, Homogenitätskriterium) und Wiederholungs-
kriterien (Konstanzkriterium, Erweiterungskriterium) (Bender/Nack/Treuer, a.a.O.,
S. 91 ff.). Als Indizien für bewusst oder unbewusst falsche Aussagen gelten dem-
gegenüber:
- Zurückhalten von Aussagen nur in den für den Aussagenden wesentlichen
Punkten, Abschweifen auf Nebensächliches
- unangemessene Wortwahl (Freud'sches Signal)
- Übertreibungen in der Sache und in der Bestimmtheit
- stereotype Aussagen auch in Einzelheiten
- Dreistigkeit, Entrüstung des Aussagenden
- Anfügen von Begründungen statt Fakten
- abstrakte, kurze Aussagen ohne Details in Nebenpunkten
- Strukturbrüche in den Schilderungen
Nach solchen Phantasiesignalen ist zu suchen, wenn das Fehlen von Realitäts-
kriterien den Verdacht eines Phantasieproduktes begründet. Wie die Realitäts-
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kriterien werden auch die Phantasiesignale in drei Gruppen eingeteilt: Ver-
legenheitssignale (Zurückhaltungssignal, Freud'sches Signal, Unterwürfigkeits-
signal), Übertreibungssignale (Bestimmtheitssignal, Dreistigkeitssignal, Begrün-
dungssignal) und Signale mangelnder Kompetenz (Kargheitssignal, Struktur-
bruchsignal). Fehlen Realitätskriterien und finden sich Lügen- bzw. Fantasie-
signale, gilt dies als Indiz für eine Falschaussage.
3. Aussagen der Privatklägerin
Die Privatklägerin schilderte bei der ersten Befragung vom 19. Februar 2013, wie
sie ihren damaligen Freund F._ [F._] Anfang Sommer 2012 kennen
gelernt habe, bevor sie mit dem Beschuldigten zusammen gewesen sei. Sie habe
mit F._ einmal pro Woche oder einmal in zwei Wochen geschlafen. Sie beide
hätten das gewollt. Es sei ausschliesslich zu vaginalem Verkehr gekommen. Das
erste Mal habe sie irgendwann im August oder September (2012) mit ihm
geschlafen und das habe bis im Dezember (2012) gedauert. Auf die Frage, wie es
gewesen sei, als es zum ersten Mal passiert sei, antwortete die Privatklägerin, sie
wisse es nicht. Sie hätten beide gewollt. Sie habe lange nicht mit ihm schlafen
wollen, "aber dann er hat immer wieder versucht, äh, und dann, es ist einfach
passiert." (sic!) Die sexuellen Kontakte seien im gegenseitigen Einverständnis
erfolgt. Dies sei in seiner Wohnung oberhalb der Bar am ...platz (teilweise als Piz-
zeria bezeichnet) geschehen. Sie hätten mit Kondomen verhütet, aber nicht jedes
Mal. Er habe sie angelogen, dass er sie liebe, aber habe eine Freundin gehabt. Er
habe seit 3 Jahren eine Freundin, aber ihr (der Privatklägerin) immer gesagt, dass
es schon vorbei sei. Sie habe herausgefunden, dass das nicht stimme. Er habe
ihrer Mutter erzählt, dass er eine Freundin habe. Sie liebe ihn heute immer noch.
Auf Befragen erklärte sie weiter, einmal sei sie mit F._ auseinander gewe-
sen. In dieser Zeit, Oktober oder November (2012), habe sie einen Freund ge-
habt, der "B1._" (gemeint: der Beschuldigte) heisse. Mit diesem sei sie ein,
zwei Monate zusammen gewesen. Es sei mit B1._ "ein einziges Mal" zu ei-
nem sexuellen Kontakt gekommen. Dies sei im gleichen Haus, wo F._ ge-
wohnt habe, geschehen, nur in einer anderen Wohnung (über der Pizzeria). Sie
habe ihn gemocht, aber das sei keine Freundschaft gewesen. Es sei nicht alles in
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ihrem Einverständnis passiert. Sie habe ihn oral befriedigen müssen, was sie
nicht gewollt habe. Das habe sie ihm gesagt. Er habe "ein ganz wenig aggressi-
ver" reagiert, "aber nicht so sehr." Sie habe keine Angst gehabt. Der vaginale Sex
sei okay für sie gewesen. Der orale Geschlechtsverkehr habe "1, 2, 3 Minuten"
gedauert. Er sei zum Samenerguss gekommen und habe in ihren Mund ejakuliert.
Zuerst hätten sie normal Sex gehabt, also vaginal, dann habe sie ihn oral befrie-
digen müssen. Sie hätten mit Kondomen verhütet. Es sei das erste Mal für sie
gewesen, einen Mann oral zu befriedigen. Es sei mit dem Beschuldigten nur ein-
mal zu einem sexuellen Kontakt gekommen.
Weiter führte Sie auf Befragen aus, F._ sei ihr erster Mann im Bereich der
Sexualität gewesen und habe sie entjungfert. Sie sei von ihm schwanger gewor-
den und es habe eine Abtreibung gegeben. Sie habe es F._ nicht gesagt.
Über die Abtreibung wolle sie nicht reden (Urk. 9/1 S. 3 ff.).
Über ein Jahr später, anlässlich der zweiten Einvernahme bei der Polizei vom
12. März 2014, identifizierte die Privatklägerin den Beschuldigten auf einem Bild
und bezeichnete ihn mit seinem korrekten Namen "B._". Sie führte aus, dies
sei sein offizieller Name. Sie habe schon vorher beide Namen ("B1._" und
B._) gekannt. Es sei damals zu einem sexuellen Kontakt zwischen ihr und
dem Beschuldigten gekommen. Wie viele Male das passiert sei, wisse sie nicht.
Es sei an seinem Wohnort geschehen, in der Pizzeria, wo ihre Mutter gearbeitet
habe. Die Wohnung sei im ersten Stock, die letzte Türe. Im Zimmer habe es ein
Bett in der Ecke, einen Fernsehapparat und einen Schrank. Es habe keine Küche
gehabt und das Bad sei draussen gewesen und von allen anderen zusammen
benützt worden.
Auf Befragen führte Sie mit jeweils kurzen Antworten aus, zum sexuellen Kontakt
sei es am Abend gekommen. Es sei warm gewesen. "Ich denke, es war Frühling
oder Sommer. Und es war ca. vor einem Jahr. Ich weiss es nicht genau." Es sei
sechs, sieben Mal zum sexuellen Kontakt gekommen. Auf die Frage nach der
Häufigkeit der sexuellen Kontakte antwortete die Privatklägerin: "Vielleicht zwei
Mal die Woche. Ich weiss es nicht." Sie habe keinen Oralverkehr gewollt. Sie
habe den Oralverkehr zwei Mal machen müssen. Dies sei bei ihm in der
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Wohnung geschehen. Es sei Abend gewesen, Genaueres könne sie nicht sagen.
Sie habe dem Beschuldigten nicht gesagt, dass sie das nicht wolle. Er habe es
begonnen und sie habe nicht gewusst, was sagen. Sie habe keine Angst gehabt,
aber sie habe sich nicht wohl gefühlt. Auf die suggestive Frage, ob sie es dem
Beschuldigten auch nicht gesagt habe, antwortete die Privatklägerin, sie habe ihm
gesagt, er solle aufhören. Er habe nichts darauf gesagt und weiter gemacht. Sie
wisse nicht, weshalb sie ihn einfach nicht mehr oral befriedigt habe. Auf die
Frage, ob sie versucht habe, sich zu wehren, antwortete die Privatklägerin ja, "ich
habe versucht, ihn ein wenig von mir wegzustossen." Auf Frage bestätigte die
Privatklägerin, sie hätten auch vaginalen Geschlechtsverkehr miteinander gehabt,
und erklärte in der Folge spontan, der Beschuldigte habe ihr ihre Jungfräulichkeit
genommen. Sie habe etwas getrunken. Er habe sie auf einen Drink eingeladen.
Sie wisse nicht, ob sie das gewollt habe, oder nicht. "Aber eben, ich war eigentlich
betrunken." In der Folge brach sie in Tränen aus und erklärte, sie habe ihre Jung-
fräulichkeit nicht so verlieren wollen. "Er hat mich ja gar nicht geliebt. Ich wollte es
anders."
In der gleichen Einvernahme führte sie auf Befragen weiter aus, sie habe ihre
Jungfräulichkeit in einem Park irgendwo in der Stadt Zürich neben dem Haus ihrer
Freundin verloren. Sie habe den Beschuldigten "ca. ein bis zwei Mal" oral befrie-
digt. Sie habe ihn ohne Gummi befriedigt. Er habe in ihren Mund ejakuliert. Sie
habe es ausgespuckt. Auf die Frage, wie oft das vorgekommen sei, antwortete
sie: "Das ist nur einmal vorgekommen." Auf die Frage, wie es beim anderen Mal
gewesen sei, antwortete die Privatklägerin, es habe zwei Minuten lang gedauert
und er habe nicht in ihren Mund ejakuliert. Das zweite Mal, wo sie Oralsex gehabt
hätten, hätten sie nachher vaginalen Geschlechtsverkehr gehabt. Dann habe er
sein Glied herausgezogen, bevor er ejakuliert habe. Beim ersten Mal hätten sie
(vaginalen) Geschlechtsverkehr haben wollen. Sie habe die Mens gekriegt und
dann habe er "sich selbst befriedigt." Sie sei im Bett gelegen. Er sei zu ihr ge-
kommen. Es sei so gewesen, wie wenn sie eine Puppe gewesen wäre. Er sei auf
ihren Mund gesessen. Dann habe er in ihren Mund ejakuliert. Er habe sich mit ihr
selbst befriedigt. Das heisst, sie habe ja nichts gemacht. Sie habe ihm nicht eins
blasen wollen. Er sei auf ihrem Kopf gesessen und habe ihren Mund wie ein Loch
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benützt. Sie habe das sechs Minuten machen müssen. Sie habe versucht, ihm zu
erklären, dass sie das nicht wolle. Er habe das mitbekommen. Sie habe versucht,
ihn wegzustossen. Er habe nicht reagiert, sondern es weiter gemacht. Das sei
das letzte Mal gewesen. Sie habe es ausgespuckt und ihm gesagt, es sei ekel-
haft. Sie habe sich angezogen und sei nach Hause gegangen. Seit dem Vorfall
hätten sie nicht mehr miteinander gesprochen. Es sei im gleichen Monat gewe-
sen, wie der andere Oralverkehr. Beim anderen Oralverkehr habe sie ihm nicht
gesagt, dass sie dies nicht wolle, sondern habe von sich aus nicht weiter
gemacht. Er habe nicht bemerkt, dass sie das nicht gerne mache, sondern sie
habe einfach aufgehört. "Beim ersten Mal lief alles normal. Danach haben wir
auch Fernsehen geschaut." In der Beziehung zum Beschuldigten habe sie sich
wohl gefühlt. Sie seien in Bars gegangen und hätten auch Billard gespielt. Nach
einem Blick auf ihr Mobiltelefon erklärte sie, der erste sexuelle Kontakt "sei
243 Tage vor dem 8. Mai 2013" gewesen (Urk. 9/4).
Im Rahmen derselben Einvernahme wurde die Privatklägerin gefragt, ob sie noch
etwas ergänzen möchte. Sie berichtete in der Folge spontan von einer Busfahrt
nach Winterthur. Im Gegensatz zu ihren früheren Antworten, welche meist ein-
silbig oder karg blieben, erzählte sie ausführlich und meist von sich aus, dass
anlässlich dieser Busfahrt die Kontrolleure gekommen seien. Wahrscheinlich
habe sie ihr Billett verloren. Die Kontrolleure hätten sie gefragt, wie alt sie sei. Sie
hätte ihnen gesagt, dass sie fünfzehn sei. Und danach sei er (gemeint: der
Beschuldigte) wütend gewesen, also dass sie ihr Billett verloren habe, und er
habe gesagt, sie solle nicht sagen, dass sie mit ihm zusammen sei. Sie solle nicht
sagen, dass sie mit ihm zum Beispiel in eine Bar gehe. Dort hätten sie ja noch
nicht miteinander geschlafen (Urk. 9/4 S. 19f.). Sie hätten in eine Bar in
Winterthur gewollt. Es sei eine ... Bar. Der Name sei "G._". Diese Bar befin-
de sich zwei Minuten vom Bahnhof entfernt (Urk. 9/4 S. 24 f.).
Auf den Hinweis, bei der ersten Befragung habe sie ausgesagt, dass F._ sie
entjungfert habe, antwortete die Privatklägerin: "Ich weiss es nicht, ob ich das
gesagt habe. Aber er (gemeint: der Beschuldigte) hat mich entjungfert." (Urk. 9/4
S. 25).
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Auf den weitern Hinweis, bei der ersten Einvernahme habe sie von einem
einzigen sexuellen Kontakt mit dem Beschuldigten berichtet, erklärte die Privat-
klägerin: "Was ich jetzt sage, ist vollkommen wahr." Sie habe keine Ahnung,
warum sie bei der letzten Einvernahme von einem Jahr etwas anderes erzählt
habe (Urk. 9/4 S. 26). F._ habe in der ersten Phase keinen sexuellen Kontakt
mit ihr gehabt. Er habe sie gefragt, ob sie Jungfrau sei. "Ich sagte ja und deshalb
hat er es auch nicht versucht." (Urk. 9/4 S. 30). Es sei ziemlich lange her. Es sei
ihr unangenehm. Sie möchte sich nicht daran erinnern. Sie sei sich hundert-
prozentig sicher, dass der Beschuldigte ihre Jungfräulichkeit genommen habe
(Urk. 9/4 S. 31). Sie wisse nicht, wann sie schwanger gewesen sei (Urk. 9/4
S. 32).
Auf die Frage, weshalb sie damals Kondome erwähnt habe und heute aussage,
es sei ungeschützter Geschlechtsverkehr gewesen, erklärte die Privatklägerin:
"Ich erinnere mich nicht mehr so genau. Vielleicht haben wir einmal Kondome
benützt. Ich weiss es nicht mehr." Sie habe versucht, das Ganze zu vergessen,
vielleicht sei das der Grund, warum sie sich nicht an alles erinnern könne
(Urk. 9/4 S. 27).
Im Rahmen derselben Einvernahme führte sie weiter aus, der Beschuldigte habe
beim Oralverkehr nicht versucht, sie zu fixieren, als er auf ihr gesessen sei. Sie
wisse nicht, wo ihre Arme gewesen seien. Sie glaube unten. Sie habe ihre Hände
oder Arme nicht hervorziehen können, weil er auf ihren Händen gesessen sei. Sie
habe versucht, in wegzustossen, habe es aber nicht geschafft. Sie sei in dieser
Situation ganz nackt gewesen und er auch (Urk. 9/4 S. 28).
Das Berufungsgericht konnte sich gestützt auf die Videoaufnahmen bei der
Polizei einen persönlichen Eindruck der Privatklägerin verschaffen. Ihre Aus-
sagen, ihre Mimik und ihr Aussageverhalten sind in den Videoaufnahmen ebenso
deutlich erkennbar wie die Art und Weise des Zustandekommens der Schilderun-
gen (vgl. Urk. 9/3, 9/6, 9/7). Unter diesen Umständen erschien es nicht notwendig,
die Privatklägerin erneut im Berufungsverfahren persönlich zu Befragen. Im
Übrigen lagen keine konkreten und gewichtigen Umstände vor, dass das Aus-
sageverhalten an sich einen entscheidenden Einfluss auf die Glaubwürdigkeit der
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Privatklägerin bzw. die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen hatte (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 6B_430/2015 vom 12. Juni 2015, E. 2.3.2). Ganz allgemein
stehen ohnehin Realitätskriterien sowie das Fehlen von Fantasiesignalen im
Mittelpunkt der Aussageanalyse.
4. Weitere Aussagen
Die Aussagen während der Untersuchung der Zeugin H._ und des
Zeugen F._ sowie die Aussagen des Beschuldigten wurden von der Vo-
rinstanz zutreffend wiedergegeben (Urk. 39 S. 17 ff.), weshalb zur Vermeidung
von Wiederholungen primär darauf verwiesen werden kann (Art. 82 Abs. 4 StPO).
Zusammengefasst lassen sich den Schilderungen keine Hinweise auf die Verwirk-
lichung des Sachverhalts oder eines Teils davon entnehmen, zumal sie teilweise
vom Hörensagen stammen.
Nachfolgend ist daher einzig zu prüfen, ob die Aussagen der Privatklägerin der-
gestalt klar und glaubhaft sind, dass sie für die Erstellung des Anklagesach-
verhalts bzw. für eine Verurteilung genügen.
5. Würdigung
Die Vorinstanz hat eine sorgfältige, fundierte und plausible Beweiswürdigung vor-
genommen. Ihr Fazit ist schlüssig, wonach erhebliche, nicht zu unterdrückende
Zweifel darüber bestehen, dass sich die dem Beschuldigten vorgeworfenen Sach-
verhalte tatsächlich so zugetragen hätten. Entsprechend könnten die Anklage-
sachverhalte nicht rechtsgenügend erstellt werden, weshalb der Beschuldigte in
dubio pro reo von der mehrfachen sexuellen Handlung mit Kindern im Sinne von
Art. 187 Ziff. 1 StGB und der sexuellen Nötigung nach Art. 189 Abs. 1 StGB frei-
zusprechen sei (Urk. 39 S. 24 ff.). In Anwendung von Art. 82 Abs. 4 StPO kann
auf die Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden und sind nachfolgend nur
noch einzelne Punkte hervorzuheben resp. zu präzisieren.
Bei der Analyse der Aussagen der Privatklägerin unter Einbezug ihres Verhaltens
in den Videoaufnahmen fällt in erster Linie auf, dass es ihr in den beiden Einver-
nahmen vom 19. Februar 2013 und 12. März 2014 schwer fiel, Aussagen zur
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Sache zu machen. Sie erzählte den Vorfall nicht von sich aus, sondern beantwor-
tete die meisten Fragen kurz und einsilbig. Auch wenn dies nach einem unange-
nehmen Erlebnis ohne Weiteres nachvollziehbar erscheint, fällt doch auf, dass
ihre Antworten auffallend detailarm und meist ohne Erwähnung von weiteren
Umständen wie inneren Vorgängen (Gefühlslage, Gedankengänge, Erinnerun-
gen) oder nebensächlichen äusserlichen Vorgängen ausfielen. Während sie im
Wesentlichen zu sämtlichen Aspekten einzeln befragt wurde und jeweils nur kurze
Antworten gab, zeigte sich die Privatklägerin in einem Nebenpunkt durchaus red-
selig und schilderte im Gegensatz zu ihren früheren Aussagen spontan und frei,
wie sie mit dem Beschuldigten im Bus nach Winterthur gefahren sei und wie die
Fahrscheinkontrolle stattgefunden habe, wie der Beschuldigte wütend geworden
sei und wo sich die Bar in Winterthur befunden habe (Urk. 9/4 S. 19, S. 24). Unter
diesen Umständen ist davon auszugehen, dass der persönliche Auskunftsstil und
auch die Nervosität als wichtige Ursachen für die karge und mit wenigen Reali-
tätsmerkmalen aufwartende Aussage ausgeschlossen werden können.
Die Privatklägerin blieb indes nicht nur in Bezug auf die sexuellen Kontakte ober-
flächlich, sondern auch hinsichtlich des erzwungenen Oralverkehrs auffallend
wortkarg. So fehlen in ihren Schilderungen zahlreiche Hinweise auf tatsächlich Er-
lebtes, wie es von anderen Opfern eines Sexualdelikts regelmässig und spontan
geschildert wird. Dabei ist primär an die eigene Gefühlslage wie Schock, Hilflosig-
keit oder Angst etc. zu denken, aber auch an weitere Umstände, die vor, während
und nach dem Vorfall herrschten. Vielen Opfern bleiben Nebensächlichkeiten im
Tatzeitpunkt genau wie das Hauptereignis noch lange Zeit in Erinnerung, welche
als Realitätskriterien die Schilderung sehr glaubhaft machen. Demgegenüber
erscheinen die Aussagen der Privatklägerin mangels solcher Realitätskriterien
wenig glaubhaft.
Insbesondere erscheint ihre Schilderung des erzwungenen Oralverkehrs schwer
nachvollziehbar. Nach eigenen Aussagen hatte sie einen früheren Oralverkehr
dadurch beendet, dass sie schlicht nicht mehr mitmachte. Es bleibt indessen
unklar, wie der zweite Oralverkehr genau ablief und weshalb sich die Privatkläge-
rin dazu – im Gegensatz zum ersten – genötigt sah. Weder machte sie Angst vor
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dem Beschuldigten geltend noch führte sie aus, wie sie körperlich gezwungen
worden sei. Sie schilderte nicht, wo sich die Hände des Beschuldigten befanden
und weshalb sie den Oralverkehr nicht wie anlässlich eines früheren Oralverkehrs
selbst beenden konnte, indem sie beispielsweise ihren Kopf zur Seite drehte.
Wenn die Privatklägerin statt dessen ausführt, sie habe versucht, den Beschuldig-
ten wegzustossen, erscheint dies unglaubhaft, weil sie gemäss späteren Angaben
ihre Arme nicht unter dem Beschuldigten hervorziehen konnte bzw. er während
des Oralverkehrs auf ihren Händen sass. In dieser Position konnte sie nicht ver-
sucht haben, den Beschuldigten während des Oralverkehrs wegzustossen.
Mit der Vorinstanz müssen die Diskrepanzen in den Schilderungen, insbesondere
in Bezug auf die Kernpunkte, als auffällig bezeichnet werden. So verwies die Vor-
instanz zu Recht auf den Umstand, es sei schlichtweg nicht nachvollziehbar, dass
die Privatklägerin widersprüchliche Angaben betreffend die Person ihres ersten
Sexualpartners, des Zeitpunkts, der Umstände und der Anzahl der Sexual-
kontakte mache (Urk. 29 S. 28, S. 30).
Konfrontiert mit Widersprüchen, beharrte die Privatklägerin auf ihrer zuletzt
genannten Version. Beispielsweise pochte sie darauf, mit dem Beschuldigten
sechs bis sieben Mal Sex gehabt zu haben, obwohl sie in der ersten Einvernahme
mehrfach betont hatte, es sei lediglich ein einziges Mal zu Geschlechtsverkehr
gekommen. Ihre Begründung in der zweiten Einvernahme "Was ich jetzt sage ist
vollkommen wahr." bildet für diesen Widerspruch genauso wenig eine Erklärung
wie der Hinweis auf den Zeitablauf und einen damit einhergehenden Erinnerungs-
verlust.
Wenn die Privatklägerin zudem ausführt, sie sei zwar von F._ schwanger
geworden, wisse aber nicht, wann dies gewesen sei (Urk. 9/4 S. 32) bzw. die
Abtreibung vorgenommen habe, wirkt dies angesichts einer solch einschneiden-
den Erfahrung im Leben einer jungen Frau ebenso wenig glaubhaft.
Zusammenfassend ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass die widersprüchlichen
Aussagen der Privatklägerin kein Bild von real Erlebtem ergeben bzw. dass sich
nicht zweifelsfrei ein Zusammenhang zwischen ihren Schilderungen und der
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Person des Beschuldigten herstellen lässt. Ihre Aussagen weisen in massgebli-
chen Fragen Widersprüche auf, welche weder durch die Privatklägerin selbst
noch durch die weiteren Beweismittel oder Zeugenaussagen erklärt werden kön-
nen. Mangels weiterer belastender Beweismittel lassen sich die Anklagesach-
verhalte nicht rechtsgenügend erstellen. Der Beschuldigte ist daher von den Vor-
würfen der mehrfachen sexuellen Handlung mit Kindern i.S.v. Art. 187 Ziff. 1
StGB und der sexuellen Nötigung i.S.v. Art. 189 Abs. 1 StGB freizusprechen.
IV. Zivilansprüche
Die Zivilklage wird auf den Zivilweg verwiesen, wenn die beschuldigte Person
freigesprochen wird, der Sachverhalt aber nicht spruchreif ist (Art. 126 Abs. 2
StPO). Spruchreif ist eine Klage, wenn über den Zivilanspruch ohne Weiterungen
aufgrund der im bisherigen Verfahren gesammelten Beweise entschieden werden
kann. Das ist nicht der Fall, wenn ein Beweisverfahren durchgeführt werden
müsste (vgl. BSK StPO-Dolge, Art. 126 N 41 f.).
Vorliegend wird der Beschuldigte freigesprochen, weil der Sachverhalt nicht
erstellt und damit für ein Zivilurteil auch nicht spruchreif ist. Mithin ist die Privat-
klägerin sowohl mit ihrer Genugtuungsforderung sowie mit ihrem Antrag auf Fest-
stellung auf Schadenersatz dem Grundsatz nach auf den Weg des Zivilprozesses
zu verweisen.
V. Löschung DNA-Profil
Der Beschuldigte liess den Antrag stellen, sein DNA-Profil sei definitiv löschen zu
lassen (Urk. 66 S. 1). Abklärungen beim Amt für Justizvollzug, Bewährungs- und
Vollzugsdienste, Koordinationsstelle VOSTRA / DNA, haben ergeben, dass im
vorliegenden Verfahren vom Beschuldigten kein DNA-Profil erstellt wurde, mithin
auch keine Löschung angeordnet werden kann (vgl. Urk. 68).
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VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
Ausgangsgemäss ist die Kosten- und Entschädigungsregelung des vorinstanzli-
chen Urteils (Dispositiv Ziff. 3) zu bestätigen.
Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist auf Fr. 3'000.– festzusetzen.
Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe ihres
Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Vorliegend hat einzig die
Privatklägerin Berufung erhoben. Da sie vollständig unterliegt, hat sie die Kosten
des Berufungsverfahrens, inklusive jene der amtlichen Verteidigung und der un-
entgeltlichen Rechtsvertretung zu tragen (vgl. BGE 139 IV 45, E. 1.2.).
Forderungen aus Verfahrenskosten können von der Strafbehörde unter Berück-
sichtigung der wirtschaftlichen Verhältnisse der kostenpflichtigen Person erlassen
werden (Art. 425 StPO). Um auf die prekäre finanzielle Lage von Parteien Rück-
sicht zu nehmen, kann, insbesondere wenn die Verfahrenskosten uneinbringlich
sind, auf die Kostenauflage verzichtet werden (Schmid, StPO Praxiskommentar,
2. Auflage, Zürich/St. Gallen 2013, Art. 425 N 4).
Angesichts des Alters der heute 18-jährigen Privatklägerin rechtfertigt es sich vor-
liegend ausnahmsweise, ihr die Verfahrenskosten, einschliesslich derjenigen der
amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Rechtsvertretung, zu erlassen.