Decision ID: bde42f65-74c9-507b-b5c7-7287e63c4e97
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden reisten gemeinsam mit ihren Kindern am
20. Februar 2016 in die Schweiz ein und reichten am 22. Februar 2016 ein
Asylgesuch ein. Am 1. März 2016 wurden sie summarisch zu ihrer Person,
dem Reiseweg und den Asylgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]).
Am 16. März 2018 fanden ausführliche Anhörungen zu den Asylgründen
statt.
Im Rahmen dieser Anhörungen machten die Beschwerdeführenden im
Wesentlichen geltend, sie seien syrische Staatsangehörige kurdischer Eth-
nie und hätten einen grossen Teil ihres Lebens in E._ verbracht.
Nach der Hochzeit hätten sie in F._ gelebt. Die Beschwerdeführerin
machte geltend, sie habe bis 2015 als (...) gearbeitet. Der Beschwerdefüh-
rer führte aus, er sei in der Armee (...) gewesen, bevor er am (...) 1996 aus
dem Dienst entlassen worden sei. In der Folge habe er zunächst bei den
(...) im Bereich der (...) gearbeitet. Ab Dezember 2014 sei er für circa 1
Jahr in der Stadtverwaltung F._ im (...) im administrativen Bereich
tätig gewesen. Im (...) 2015 sei F._ vom Islamischen Staat (IS) und
anderen bewaffneten Gruppierungen bedroht worden. Es sei zu Kämpfen
zwischen dem IS und Regierungstruppen gekommen. Aus Furcht vor ge-
walttätigen Übergriffen seitens des IS und der Furcht, ins Kreuzfeuer der
Konfliktparteien zu geraten, hätten sie deshalb am 13. Januar 2016 die
Stadt verlassen und seien nach E._ geflohen. Aus Angst um die
Kinder hätten sie wenige Tage später auch E._ verlassen und seien
am 28. Januar 2016 in die Türkei ausgereist, von wo aus sie in die Schweiz
gereist seien.
Zur Stützung ihrer Vorbringen reichten die Beschwerdeführenden die Iden-
titätskarte der Beschwerdeführerin, die Pässe der Familienmitglieder, Ko-
pien des Militärbüchleins des Beschwerdeführers, seines Militärfahraus-
weises, des Hochzeitszertifikats und einen Auszug aus dem Familienregis-
ter ein. Der Beschwerdeführer legte zudem ein Kündigungsschreiben sei-
nes ehemaligen (staatlichen) Arbeitgebers, datierend vom 22. Januar 2016
vor, das ihn nach der Ausreise aus Syrien erreicht habe.
B.
Mit Verfügung vom 8. Juni 2018 stellte das SEM fest, die Beschwerdefüh-
renden und ihre Kinder erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte
ihre Asylgesuche ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz, schob
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den Vollzug jedoch wegen Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen
Aufnahme auf.
C.
Die Beschwerdeführenden erhoben – handelnd durch ihren bevollmächtig-
ten Rechtsvertreter – gegen diesen Entscheid mit Eingabe vom 12. Juli
2018 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragten, die
angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Sache dem SEM zur voll-
ständigen und richtigen Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts
und zur Neubeurteilung zurückzuweisen. Eventualiter sei die Flüchtlingsei-
genschaft festzustellen und ihnen Asyl zu gewähren. Subeventualiter seien
die Beschwerdeführenden als Flüchtlinge anzuerkennen.
In formeller Hinsicht ersuchten sie um vollumfängliche Einsicht in die Ak-
tenstücke A18, A19, A25, in das vollständig paginierte Beweismittelver-
zeichnis sowie in die vollständig nummerierten Beweismittel; eventualiter
sei ihnen das rechtliche Gehör dazu zu gewähren und eine angemessene
Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung anzusetzen. Im Weite-
ren ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
D.
Am 16. Juli 2018 wurde der Eingang der Beschwerde bestätigt.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 28. November 2018 befasste sich die Instruk-
tionsrichterin mit den Anträgen auf Akteneinsicht. Der Antrag auf Anset-
zung einer Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung wurde abge-
wiesen. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
wurde demgegenüber gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses wurde verzichtet. Zudem wurde das SEM zur Einreichung ei-
ner Vernehmlassung aufgefordert.
F.
Die vom SEM am 3. Dezember 2018 verfasste Vernehmlassung wurde am
5. Dezember 2018 zur Kenntnisnahme an die Beschwerdeführenden wei-
tergeleitet.
G.
Mit Eingabe vom 22. Oktober 2019 ersuchte der Rechtsvertreter ange-
sichts der volatilen Situation in Syrien darum, es sei nach Beruhigung der
Lage eine Frist zur Vervollständigung des Dossiers anzusetzen.
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Seite 4
H.
Am 6. April 2020 reichte der Rechtsvertreter einen Auszug aus einem Zei-
tungsartikel der Zeitschrift «(...)» vom (...) 2019 mit Fotos der Beschwer-
deführerinnen zu den Akten und ersuchte um Berücksichtigung dieser Un-
terlagen betreffend die hervorragende Integration der Familie.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS
2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl.
Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25.
September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Der Antrag der Beschwerdeführenden, ihnen sei nach Beruhigung der
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Seite 5
Lage in Syrien Frist zur Ergänzung ihrer Beschwerdeausführungen anzu-
setzen (vgl. Bst. G), ist abzuweisen. Abgesehen davon, dass sie nicht sub-
stanziieren, inwiefern sie mit einer weiteren Eingabe zusätzlich relevante
Elemente zu ihrer Verfolgungssituation einbringen könnten, hätte ihnen
das anwendbare Verfahrensrecht die Möglichkeit geboten, rechtserhebli-
che Veränderungen der Sachlage ohne eine solche Fristansetzung in das
Verfahren einzubringen (vgl. Art. 32 Abs. 2 VwVG).
4.
In der Beschwerdeschrift werden verschiedene formelle Rügen erhoben.
Diese sind vorab zu prüfen, da sie angesichts der formellen Natur des An-
spruchs auf rechtliches Gehör allenfalls geeignet sein könnten, eine Kas-
sation der angefochtenen Verfügung zu bewirken.
4.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, ander-
seits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass
eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen ein-
greift. Dazu gehört insbesondere das Recht der Betroffenen, sich vor Er-
lass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise
beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisan-
trägen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise ent-
weder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern,
wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch
auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse,
die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren
Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1;
BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.w.H.).
Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin-
gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung
angemessen zu berücksichtigen. Das gilt für alle form- und fristgerechten
Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkreten Streit-
frage geeignet und erforderlich erscheinen. Die Begründung muss so ab-
gefasst sein, dass die betroffene Person den Entscheid gegebenenfalls
sachgerecht anfechten kann. Sie muss kurz die wesentlichen Überlegun-
gen nennen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sie
ihren Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit
allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne
Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
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4.2 Die Beschwerdeführenden rügen, ihr rechtliches Gehör sei dadurch
verletzt worden, dass das SEM die Akten A18 und A19 mangelhaft bezeich-
net habe, so dass nicht ersichtlich sei, ob diese Akten zu Recht als interne
Akten von der Akteneinsicht ausgenommen worden seien (vgl. Be-
schwerde, Art. 2).
4.3 Dieses Vorbringen hat seine Berechtigung. Wie das Bundesverwal-
tungsgericht schon in seiner Zwischenverfügung vom 28. November 2018
festhielt, genügt es unter dem Gesichtspunkt der Aktenführungspflicht
nicht, interne Akten im Aktenverzeichnis mit pauschalen Bezeichnungen
(hier: "Mail intern" bzw. "Notiz intern") zu versehen, zumal den späteren
Verfügungsadressaten damit die Möglichkeit genommen wird, die behörd-
liche Qualifikation dieser Dokumente als vom Akteneinsichtsrecht nicht er-
fasste Akten zu überprüfen (BGE 138 V 218 E. 8.1.2). Zu beachten ist im
vorliegenden Fall jedoch, dass das Bundesverwaltungsgericht sich in der
Zwischenverfügung vom 28. November 2018 zum Inhalt dieser Dokumente
geäussert hat und die Qualifikation des SEM, wonach es sich bei den Akten
A18 und A19 um interne Akten handle, bestätigen konnte. Insofern ist den
Beschwerdeführenden durch die mangelhafte Aktenführung des SEM kein
Rechtsnachteil entstanden. In Anbetracht der Geringfügigkeit der Verlet-
zung der Aktenführungspflicht entspräche eine Rückweisung der Angele-
genheit an die Vorinstanz einem formellen Leerlauf, von dem auch deshalb
abzusehen ist, weil das Bundesverwaltungsgericht in Bezug auf den mass-
gebenden Sachverhalt über volle Kognition verfügt (Art. 106 Abs. 1 AsylG;
vgl. BGE 132 V 387 E. 5.1).
4.4 Weiter sind die Beschwerdeführenden der Auffassung, ihr rechtliches
Gehör sei dadurch verletzt worden, dass das Aktenstück A25, bei dem es
sich um ein Schreiben des Nachrichtendiensts des Bundes handelt, als in-
tern qualifiziert worden sei; mindestens in anonymisierter Form müsse
diesbezüglich Akteneinsicht gewährt werden (vgl. Beschwerde Art. 3).
Dieses Vorbringen hat das Bundesverwaltungsgericht in der Zwischenver-
fügung vom 28. November 2018 bereits geprüft. Die Qualifizierung als in-
terne Akte erfolgte unzutreffend. An der Geheimhaltung des Austauschs
zwischen dem SEM und dem Nachrichtendienst des Bundes bestehen je-
doch überwiegende Geheimhaltungsinteressen (Art. 27 VwVG). Eine Ver-
letzung des rechtlichen Gehörs resultiert durch die verweigerte Einsicht-
nahme nicht, zumal sich das SEM im vorinstanzlichen Verfahren nicht auf
das Aktenstück abgestützt hat, und es auch für das vorliegende Verfahren
keinerlei Relevanz entfaltet (Art. 28 VwVG).
E-4075/2018
Seite 7
4.5 Weiter rügen die Beschwerdeführenden, das SEM habe seine Akten-
führungspflicht verletzt, indem die Beweismittel der Akte A24 weder der
Reihenfolge nach erfasst noch nummeriert worden seien; für den nicht ara-
bischkundigen Rechtsanwalt sei deshalb nicht ersichtlich, worum es sich
bei den einzelnen Dokumenten handle. Die Pflicht zur richtigen Aktenfüh-
rung sei auch dadurch verletzt worden, dass anlässlich der getrennt durch-
geführten Anhörungen des Beschwerdeführers und der Beschwerdeführe-
rin verschiedene Dokumente jeweils mit der gleichen Dokumentnummer
"1" erfasst worden seien (vgl. Beschwerde, Art 4 f.).
Diesbezüglich wurde bereits in der Zwischenverfügung vom 28. November
2018 darauf hingewiesen, dass die einzelnen Beweismittel weitgehend mit
Post-it-Aufklebern versehen sind, so dass es problemlos möglich ist, die
Dokumente den Ziffern 1 – 7 auf dem Beweismittelumschlag zuzuordnen.
Überdies ist es den Beschwerdeführenden möglich, die Beweismittel den
einzelnen Ziffern des Beweismittelverzeichnisses zuzuordnen.
4.6 Die Beschwerdeführenden sind der Auffassung, ihr rechtliches Gehör
sei dadurch verletzt worden, dass das SEM darauf verzichtet habe, die ein-
gereichten Beweismittel zu übersetzen, oder zumindest Frist zur Überset-
zung dieser Beweismittel anzusetzen. Insbesondere die Übersetzung des
Militärbüchleins sei unvollständig.
In der Zwischenverfügung vom 28. November 2018 hielt das Bundesver-
waltungsgericht diesbezüglich fest, dass die Beweismittel von den Be-
schwerdeführenden im Rahmen der Anhörung übersetzt worden seien
(vgl. SEM-act. A22, A23). Diese Feststellung behält ihre Gültigkeit und es
liegt insoweit keine Gehörsverletzung vor. Ergänzend ist darauf hinzuwei-
sen, dass angesichts der im Asylverfahren geltenden Mitwirkungspflicht
(Art. 8 AsylG) die Beschwerdeführenden in der Verantwortung gewesen
wären, die Beweismittel übersetzt einzureichen (vgl. Urteil D-373/2016
vom 22. Januar 2018, E. 5.5.6).
4.7 Unter dem Titel der Begründungspflicht beanstanden die Beschwerde-
führenden, dass das SEM es unterlassen habe, die eingereichten Beweis-
mittel richtig zu würdigen (vgl. Beschwerde, Art. 9 ff.). Auch verschiedene
in den Anhörungen geäusserte Einzelvorbringen zu Verfolgungsmomenten
seien unberücksichtigt geblieben.
Diesbezüglich ist zunächst festzuhalten, dass die gehörsrechtlichen Be-
gründungsanforderungen das SEM nicht dazu verpflichten, jedes einzelne
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Seite 8
Sachvorbringen gesondert zu prüfen; es genügt vielmehr, dass das SEM
die rechtswesentlichen Entscheidungsgründe nachvollziehbar darlegt, so
dass die betroffene Partei in die Lage versetzt wird, die Verfügung gege-
benenfalls sachgerecht anfechten zu können (BVGE 2007/30 E. 5.6;
BGE 136 I 184 E. 2.2.1 und 134 I 83 E. 4.1). Diesen Anforderungen ist mit
der angefochtenen Verfügung zweifellos Genüge getan.
4.8 Die Beschwerdeführenden rügen sodann, das SEM habe den Um-
stand, dass der Beschwerdeführer seine Anstellung beim syrischen Vertei-
digungsministerium [sic] unentschuldigt verlassen habe, nicht gewürdigt
und entsprechend den Sachverhalt unrichtig festgestellt (vgl. Beschwerde,
Art. 27 ff.).
Hierzu ist festzustellen, dass die Vorinstanz durchaus zur Kenntnis nahm,
dass dem Beschwerdeführer aufgrund des (unerlaubten) Verlassens sei-
ner Arbeitsstelle gekündigt worden ist. Anders als die Beschwerdeführen-
den war die Vorinstanz jedoch der Auffassung, dass dadurch keine Verfol-
gungssituation entstanden sei. Ob diese Einschätzung zutrifft, ist primär
eine Frage der materiellen Würdigung, wobei bereits an dieser Stelle fest-
zuhalten ist, dass der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt seiner Ausreise
nach eigenem Bekunden bei der Stadtverwaltung im Landwirtschaftsbüro
gearbeitet hat (A4 Ziff. 1.17.05). Die von den Beschwerdeführenden in die-
sem Zusammenhang zusätzlich gerügte falsche Handhabung des anwend-
baren Beweismasses (Art. 7 AsylG) ist überdies schon deshalb unbegrün-
det, weil das SEM die Glaubhaftigkeit der Aussagen der Beschwerdefüh-
renden gar nicht in Frage gestellt beziehungsweise von einer Glaubhaftig-
keitsprüfung abgesehen hat.
4.9 Die Beschwerdeführenden erblicken eine Gehörsverletzung weiter in
dem Umstand, dass ihr Verfahren verschleppt worden sei, indem die An-
hörungen erst zwei Jahre nach Einreichung des Asylgesuchs stattgefun-
den hätten (vgl. Beschwerde, Art. 17).
Nach Art. 50 Abs. 2 VwVG kann grundsätzlich jederzeit Beschwerde gegen
das unrechtmässige Verweigern oder Verzögern einer Verfügung geführt
werden. Die zeitliche Grenze bildet der Grundsatz von Treu und Glauben.
Bietet eine bestimmte behördliche Handlung oder Äusserung oder das Un-
terlassen einer solchen objektiv begründeten Anlass für eine Rechtsverzö-
gerungsbeschwerde, darf nicht beliebig lange zugewartet werden. Viel-
mehr muss die Beschwerde innert angemessener Frist erhoben werden.
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Die beschwerdeführende Person muss darlegen, dass sie zur Zeit der Be-
schwerdeeinreichung ein schutzwürdiges – mithin aktuelles und prakti-
sches – Interesse an der Vornahme der verzögerten Amtshandlung res-
pektive der Feststellung einer entsprechenden Rechtsverzögerung hat
(vgl. ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, Prozessieren
vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 5.23). Den Akten ist
nicht zu entnehmen, dass die Beschwerdeführenden vor dem Ergehen der
Verfügung der Vorinstanz vom 8. Juni 2018 die Verfahrensdauer bemän-
gelt hätten. Es wurde während des Verfahrens weder eine Verfahrens-
standanfrage noch eine Rechtsverzögerungsbeschwerde eingereicht,
weshalb sich eine diesbezügliche Rüge zum jetzigen Zeitpunkt als unbe-
gründet erweist (vgl. Urteil D-2638/2018 vom 12. März 2020, E. 3.8).
4.10 Eine Gehörsverletzung liegt nach Auffassung der Beschwerdeführen-
den weiter darin begründet, dass das Asylgesuch des Beschwerdeführers
zunächst als Dublin-Fall behandelt worden sei (vgl. Beschwerde,
Art. 19 ff.). Im Rahmen von Dublin-Fällen würden normalerweise keine An-
gaben zu den Asylgründen erhoben. Vor diesem Hintergrund sei es inkon-
sequent, dass das SEM im Rahmen der BzP des Beschwerdeführers
gleichwohl pauschale Notizen zu den Asylgründen angefertigt habe,
obschon es mit der Zuordnung zum Dublin-Verfahren zuvor signalisiert
habe, die Asylgründe müssten nicht geschildert werden.
Diese Rüge ist schon deshalb nicht stichhaltig, weil dem Beschwerdeführer
in der BzP zu keinem Zeitpunkt mitgeteilt wurde, die Anhörung werde nur
durchgeführt, um die Dublin-Zuständigkeiten festzustellen; im Gegenteil
wurde ihm anlässlich der Begrüssung gesagt, dass allenfalls auch die Asyl-
gründe summarisch erfragt würden (vgl. SEM-act. A4, S. 1). Im Übrigen
kann es einem Asylsuchenden nicht zum Nachteil gereichen, dass er meh-
rere Male zu seinen Asylgründen befragt wird. Im Gegenteil erhält er hier-
durch zusätzliche Möglichkeiten, die Gründe für die von ihm behauptete
Verfolgung darzutun (ein Anspruch auf Durchführung einer BzP besteht je-
doch nicht; vgl. Urteil D-3607/2016 vom 4. August 2017, E. 6.2.4).
4.11 Damit ergibt sich zusammengefasst, dass die formellen Rügen der
Beschwerdeführenden – abgesehen von einer geringfügigen, im vorliegen-
den Verfahren geheilten Verletzung der Aktenführungspflicht – unbegrün-
det sind. Der Antrag der Beschwerdeführenden auf Rückweisung der An-
gelegenheit an das SEM ist entsprechend abzuweisen.
E-4075/2018
Seite 10
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst ge-
schaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe gel-
tend (vgl. Art. 54 AsylG). Als subjektive Nachfluchtgründe gelten beispiels-
weise illegales Verlassen des Heimatlandes (sogenannte Republikflucht),
Einreichung eines Asylgesuches im Ausland oder aus der Sicht der hei-
matlichen Behörden unerwünschte exilpolitische Betätigung, wenn sie die
Gefahr einer zukünftigen Verfolgung begründet. Subjektive Nachflucht-
gründe begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinn von Art. 3
AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls
(Art. 2 AsylG). Stattdessen werden Personen, welche subjektive Nach-
fluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge
vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/29 E. 5.1 und E. 7.1 sowie
2009/28 E. 7.4.3, beide mit weiteren Hinweisen).
6.
6.1 Das SEM begründete seine Verfügung im Flüchtlingspunkt damit, die
Beschwerdeführenden hätten Syrien in erster Linie aufgrund der kriegsbe-
dingten Situation und der allgemein schwierigen Verhältnisse dort verlas-
sen. Von diesen Verhältnissen seien sie jedoch nicht stärker betroffen ge-
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/29
E-4075/2018
Seite 11
wesen, als die syrische Bevölkerung im Allgemeinen. Selbst wenn dem Be-
schwerdeführer nach Verlassen des Landes die Stelle gekündigt worden
sei, seien ihm im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit keine asylrechtlich
relevanten Nachteile entstanden. Auch die Kündigung selbst basiere nicht
auf einem asylrechtlich beachtlichen Verfolgungsmotiv, und es sei nicht zu
erwarten, dass ihm im Falle einer Rückkehr damit verbundene Nachteile
drohten. Aufgrund der Vorbringen der Beschwerdeführenden sei insgesamt
nicht von einer asylrelevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG aus-
zugehen. Auf die Prüfung der Glaubhaftigkeit dieser Vorbringen könne vor
diesem Hintergrund verzichtet werden.
6.2 Die Beschwerdeführenden rügen in materieller Hinsicht im Wesentli-
chen, aufgrund der Anhörungen sei – über die in der angefochtenen Verfü-
gung getroffenen Feststellungen hinausgehend – davon auszugehen, dass
der Beschwerdeführer von den syrischen Behörden aufgrund des unbewil-
ligten Verlassens seiner Arbeitsstelle als Staatsfeind, Oppositioneller und
Terrorist betrachtet werde. Nach seiner Flucht habe er erfahren, dass ge-
gen ihn eine Strafuntersuchung eröffnet worden sei und er deshalb behörd-
lich gesucht werde.
7.
Eine Prüfung der Akten ergibt, dass die vorinstanzlichen Erwägungen zu
bestätigen sind.
7.1 Entgegen dem Vorbringen auf Beschwerdeebene war der Beschwer-
deführer vor seiner Ausreise nicht im militärischen Bereich tätig, sondern
bereits während etwa eines Jahres beim Landwirtschaftsbüro in der Stadt-
verwaltung F._ administrativ tätig (vgl. A4 Ziff. 1.1.17). Die Be-
schwerdeführenden sind der Auffassung, aufgrund der von der Landwirt-
schaftsbehörde der Verwaltung F._ ausgesprochenen Entlassung
des Beschwerdeführers sei davon auszugehen, dass die syrischen Behör-
den ihn als Regimegegner ansehen und er deshalb im Falle einer Rückkehr
asylrelevante Verfolgungshandlungen zu erwarten hätte. Hierzu ist das
Folgende festzuhalten:
7.1.1 Seit 2013 wurden zahlreiche syrische Staatsangestellte seitens der
Regierung bewusst entlassen, um einer allfälligen oppositionellen Haltung
innerhalb des syrischen Machtbereichs jede Grundlage zu entziehen
und die loyale Haltung gegenüber dem Regime mit drohenden Entlassun-
gen und den damit verbundenen Nachteilen zu erzwingen (vgl. The
Damascus Bureau, Syrian Regime Takes Aim at Opposition Employees,
E-4075/2018
Seite 12
15. Juli 2013, <https://syriastories.net/en/syrian-regime-takes-aim-at-op-
position-employees/>, abgerufen am 20.04.2020). Vorliegend wurde die
Entlassung des Beschwerdeführers gestützt auf das bereits erwähnte Do-
kument aufgrund seines Fernbleibens von der Arbeit ausgesprochen. Dies
deckt sich mit seinen Aussagen in den Anhörungen.
Der Beschwerdeführer wurde jedoch nicht vom Regime entlassen, seine
Entlassung wurde auch nicht forciert. Vielmehr erfolgte die Entlassung,
nachdem er aus eigenem Entschluss nicht mehr zur Arbeit erschien, ohne
seinerseits das Arbeitsverhältnis zu kündigen. Der Umstand, dass er sei-
nem Arbeitsplatz fernblieb, resultierte aus dem Entschluss der Familie, das
Land aufgrund der kriegsbedingten Situation in ihrer Heimatregion zu ver-
lassen.
7.1.2 Ob und in welchem Ausmass syrische Staatsangestellte, welche ihre
Arbeitsstelle unerlaubt verlassen haben, bestraft werden, ist gestützt auf
die zur Verfügung stehenden gesetzlichen Grundlagen und Informations-
quellen nicht eindeutig. So ergibt sich aus Informationen der schwedischen
Botschaft, dass syrische Staatsangestellte, welche ihren Arbeitsplatz uner-
laubt verlassen, unabhängig von ihrer Funktion mit Bussen und Gefängnis-
strafen bestraft werden können (vgl. Sveriges Ambassad – Amman, Syrien,
Antwort auf Anfrage bezüglich Staatsangestellter, die ihren Dienst verlas-
sen, 13. März 2013, abgerufen auf http://lifos.migrationsverket.se/doku-
ment?documentAttachmentId=38661, abgerufen am 20.04.2020). Gegen
Angestellte, welche die Waffen gegen den Staat erhoben oder welche ihren
Arbeitsplatz verlassen haben, könnte unter Umständen ein Verfahren unter
Anwendung von Art. 364 des syrischen Strafgesetzbuches angestrengt
werden. Da die verschiedenen zur Verfügung stehenden Übersetzungen
dieses Gesetzesartikels nicht vom gleichen Strafmass ausgehen, bleibt un-
klar, welches Strafmass tatsächlich zur Anwendung gelangen könnte. Ge-
mäss der älteren französischen Übersetzung liegt dieses zwischen drei
und fünf Jahren Gefängnis (vgl. Arabische Republik Syrien, Le Code Pénal
Syrien, Edition 1979), während die neuere italienische Übersetzung von
einer Gefängnisstrafe zwischen einem Monat und einem Jahr ausgeht (vgl.
Vinciguerra/Manna/Zanchetti, Il Codice Penale Siriano [in: Casi, Fonti e
Studi per il Dritto Penale, Serie II, Le Fonti 22], übersetzt durch Alot-
aibi/Khalifeh, 2005). Im Gegensatz zum Art. 364 des syrischen Strafge-
setzbuches sind in Art. 63 Abs. 3 des «Grundgesetzes für Staatsange-
stellte» (Teil 9) keine Gefängnisstrafen für Staatsangestellte, die ihre Arbeit
ohne spezielle Erlaubnis verlassen, vorgesehen. Trotz dieser Unklarheiten
E-4075/2018
Seite 13
in Bezug auf die zu erwartende Strafe ist davon auszugehen, dass einer-
seits die neuere Version der Übersetzung des Art. 364 des syrischen Straf-
gesetzbuches eher zutreffen dürfte, andererseits das Grundgesetz für sy-
rische Staatsangestellte, welches auch für den Beschwerdeführer gilt und
auf welches sich das eingereichte Dokument offenbar auch bezieht, an-
wendbar ist und dieses eine geringere Strafe enthält. Nach diesen Geset-
zen hätte der Beschwerdeführer im Falle einer Strafverfolgung mit einer
höchstens einjährigen Gefängnisstrafe oder mit einer Busse zu rechnen.
Unabhängig davon ist festzuhalten, dass gesetzliche Strafen für konkret
festgelegte Vergehen oder Verbrechen in der Regel nicht zur Anerkennung
als Flüchtling zu führen vermögen, es sei denn, diese würden im Zusam-
menhang mit einem sog. «Politmalus» stehen. Vorliegend erscheint die
vorgesehene strafrechtliche Sanktionierungsmöglichkeit nicht per se
staatsrechtlich illegitim zu sein und einen solchen «Politmalus» zu begrün-
den, zumal das zu erwartende Strafmass an sich nicht unverhältnismässig
hoch ist. Sodann dürfte die Sanktionierung des Fernbleibens von der Ar-
beitstätigkeit im staatlichen Angestelltenverhältnis wohl in erster Linie dazu
dienen, die Handlungsfähigkeit der staatlichen Institutionen zu gewährleis-
ten.
7.1.3 Fraglich ist jedoch, ob davon auszugehen ist, dass allein aus der Tat-
sache, dass der Beschwerdeführer nicht an die Arbeitsstelle zurückgekehrt
ist, der Schluss gezogen werden kann, er werde als Regimegegner ange-
sehen und gelte als Deserteur. Die Quellenlage hierzu ist sehr beschränkt.
Gemäss Auskunft der Schweizerischen Flüchtlingshilfe vom März 2015,
welche sich auf einen telefonisch konsultierten Syrien-Experten beruft, sei
davon auszugehen, dass Personen, die ohne Bewilligung oder Kündigung
ihre Arbeitsstelle verlassen, verdächtigt würden, die Seite gewechselt zu
haben, um mit der Opposition zusammenzuarbeiten. Der Grad der aktiven
«Verfolgung» hänge von verschiedenen Faktoren ab. Es komme einerseits
darauf an, wie stark das Regime in der Region präsent sei, und anderer-
seits sei das Profil der Person, deren Funktion und besonderen Fähigkei-
ten entscheidend (Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH], Schnellrecher-
che der SFH-Länderanalyse vom 12. März 2015 zu Syrien: Arbeitsverwei-
gerung; https://www.fluechtlingshilfe.ch/assets/herkunftslaender/mittlerer-
osten-zentralasien/syrien/150312-syr-arbeitsverweigerung.pdf, abgerufen
am 24. April 2020). Aus einem im August 2017 veröffentlichten Bericht des
Danish Immigration Service und des Danish Refugee Council, welcher sich
auf verschiedene Quellen stützt, ergibt sich ebenfalls, dass die Konse-
quenzen des Fernbleibens von der Position der Person und ihren Gründen
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des Fernbleibens abhängen. Im Falle einer Rückkehr müsse die Person
damit rechnen, zu den Gründen ihres Fernbleibens befragt zu werden. Be-
schäftigte in Regierungsinstitutionen mit sensiblen Arbeitsbereichen, ins-
besondere solche des Militärs, müssten mit Sanktionierung rechnen (vgl.
Danish Immigration Service und Danish Refugee Council, Syria: Recruit-
ment Practices in Government-controlled Areas and in Areas under Oppo-
sition Control, Involvement of Public Servants and Civilians in the Armed
Conflict and Issues Related to Exiting Syria, August 2017, 5/2017, Ziff.
1.3.4; https://www.refworld.org/docid/59aea2694.html [abgerufen am 24.
April 2020]).
7.1.4 Vor seiner Ausreise war der Beschwerdeführer während eines Jahres
beim Landwirtschaftsbüro in der Stadtverwaltung F._ tätig, dies im
administrativen Bereich (vgl. SEM-akt. A4 Ziff. 1.1.17, A23/10 F10). Aus
dem von ihm in Kopie eingereichten Kündigungsschreiben der Behörde für
Landwirtschaft und Agrarreform lässt sich aufgrund der schlechten Qualität
nicht eruieren, ob und welche Sanktionsmassnahmen dem Beschwerde-
führer drohen. Vor dem Antritt seiner Tätigkeit in der Stadtverwaltung im
Jahr 2014 war der Beschwerdeführer nach eigenem Bekunden bei einer
Institution «(...)» angestellt (vgl. SEM-act. A23/10 F9, F11). Dabei handelt
es sich um ein dem Verteidigungsministerium angehängtes wirtschaftliches
Unternehmen, ein sog. Military Housing Establishment, mit einer Vielzahl
von Beschäftigten, welches nicht nur militärische Gebäude wirtschaftlich
unterhält, sondern auch mit dem Bau und Wiederaufbau öffentlicher Ge-
bäude befasst ist (im Jahr 2014 ist die Rede von 45'000 Beschäftigten, vgl.
Commins, David et Lesch, David W., Historical Dictionary of Syria, 2014
[S. 43]). Der Beschwerdeführer war nach eigenen Angaben dort mit der
Konstruktion von Brücken, Häusern und Schulen befasst (vgl. SEM-akt.
A23/10 F11).
Insgesamt kann vorliegend aufgrund des Profils des Beschwerdeführers
nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden,
dass das syrische Regime ihn wegen des Verlassens seines Arbeitsplatzes
als Oppositionellen ansieht und einer mit einem «Politmalus» behafteten
Strafe zuführt. Der Beschwerdeführer äusserte denn in dieser Hinsicht im
vorinstanzlichen Verfahren auch keine Bedenken, vielmehr die Angst, dass
der IS ihn aufgrund seiner Tätigkeit für eine staatliche Stelle behelligen
könnte (vgl. SEM-akt. A23/10 F17). Insgesamt kann nicht darauf geschlos-
sen werden, dass der Beschwerdeführer asylrelevante Verfolgungshand-
lungen seitens der syrischen Behörden aufgrund des unerlaubten Fernblei-
bens zu erwarten hat.
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7.2 Eine asylrelevante Verfolgung leiten die Beschwerdeführenden weiter
daraus ab, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr jederzeit in den
Militärdienst eingezogen werden könne; asylrelevant sei auch, dass er trotz
der Möglichkeit eines solchen Militärdienstaufgebots Syrien verlassen
habe. Profilschärfend wirke, dass er der kurdischen Ethnie angehöre, einer
oppositionell aktiven Familie entstamme und schon früher die Aufmerk-
samkeit der syrischen Behörden auf sich gezogen habe.
Diesbezüglich ist anzumerken, dass der Beschwerdeführer seinen Wehr-
dienst bereits geleistet hat. Aus den Akten geht auch nicht hervor, dass er
vor seiner Ausreise zum Reservistendienst aufgeboten worden wäre. Er
hat sich damit keinem Militärdienstaufgebot entzogen. Selbst wenn dies
aber der Fall wäre, würde er nicht die Voraussetzungen erfüllen, unter wel-
chen die Rechtsprechung bei Desertion im syrischen Kontext ausnahms-
weise die Flüchtlingseigenschaft bejaht (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.7.3). In
diesem Zusammenhang ist hervorzuheben, dass weder der Beschwerde-
führer noch die Beschwerdeführerin eigenen Aussagen zufolge in Syrien
politisch aktiv waren. Sie verneinten denn auch, vor ihrer Ausreise aus dem
Heimatstaat Probleme mit den heimatlichen Behörden gehabt zu haben
(vgl. SEM-act. A4 Ziff. 7.02, A5 F.7.02). Es lässt sich aufgrund der Aussa-
gen in den Anhörungen auch nicht feststellen, dass sie einer oppositionell
aktiven Familie entstammen oder anderweitige negative Berührungs-
punkte mit den syrischen Behörden gehabt hätten. In der Beschwerde wer-
den die diesbezüglichen Vorbringen denn auch nicht näher konkretisiert.
7.3 Weiter berufen sich die Beschwerdeführenden auf Beschwerdeebene
erstmals auf eine Reflexverfolgung, die darin begründet liege, dass ein
Cousin der Beschwerdeführerin aufgrund seiner Tätigkeit als politischer
kurdischer Sänger einem gezielten Attentat zum Opfer gefallen sei (vgl.
Beschwerde, Art. 11, Art. 35).
Der Beschwerdeführer brachte hierzu in der Anhörung vor, ein Cousin sei-
ner Mutter (väterlicherseits) sei Opfer eines Attentats geworden (vgl. SEM-
act. A23, F17). Einen Konnex zu einer ihm oder seiner Familie drohenden
Verfolgung stellte er dabei nicht her. Den Beschwerdeführenden wurde im
Rahmen des rechtlichen Gehörs nochmals Gelegenheit gegeben, zu den
Todesumständen des Cousins Stellung zu nehmen (vgl. SEM-act. A26/3).
In der Stellungnahme vom 30. Mai 2018 führten sie aus, die Explosion, bei
welcher der Cousin ums Leben gekommen sei, habe sich in einem Musik-
laden in F._ am 18. Februar 2014 ereignet. Der Cousin habe auf-
grund seiner beruflichen Tätigkeit als Sänger mit politischen Inhalten viele
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Feinde gehabt (vgl. SEM-act. A27/4). Da die Beschwerdeführenden auch
im vorliegenden Beschwerdeverfahren nicht aufzeigen, inwiefern ihnen
aufgrund der Ermordung des Cousins in Syrien Nachteile drohen könnten,
sind keine konkreten Anhaltspunkte für eine Reflexverfolgung ersichtlich.
7.4 Auch kann der Auffassung, als Kurden drohe ihnen in Syrien eine Kol-
lektivverfolgung durch den Islamischen Staat (vgl. Beschwerde, Art. 36),
nicht gefolgt werden. Das Bundesverwaltungsgericht ging während der
Vereinnahmung grosser Gebiete in Syrien durch den Islamischen Staat,
nicht davon aus, dass Kurden in Syrien per se einer Kollektivverfolgung
durch Angehörige dieser Organisation ausgesetzt seien. Zur Begründung
verwies es namentlich auf die restriktiven Voraussetzungen zur Annahme
einer solchen kollektiven Verfolgung, die nicht erfüllt seien (BVGE 2014/32
E. 7.2; vgl. Urteil D-4493/2015, D-254/2016 vom 7. Juli 2016 E. 6.5). Zu-
dem erwog das Gericht, es sei nicht bekannt, dass syrische Staatsbürger
kurdischer Ethnie in besonderer und gezielter Weise in einem Ausmass zu
leiden hätten, dass von einer Kollektivverfolgung ausgegangen werden
müsste (vgl. Urteil E-5710/2014 vom 30. Juli 2015 E. 5.3). Zum heutigen
Zeitpunkt ist der Islamische Staat in Syrien weitestgehend zurückgedrängt,
weshalb sich die Frage einer Kollektivverfolgung der Kurden durch den IS
aktuell nicht mehr stellt.
7.5 Die Beschwerdeführenden führen schliesslich aus, es sei davon aus-
zugehen, dass sie als Kurden bei einer allfälligen Rückkehr willkürlichen
Verhören durch die syrischen Behörden ausgeliefert würden, in deren Ver-
lauf es regelmässig zu menschenrechtswidriger Behandlung komme (vgl.
Beschwerde, Art.36 ff.). Diese Rüge ist unter dem Gesichtspunkt subjekti-
ver Nachfluchtgründe (vgl. E. 5.3) zu prüfen.
Gemäss Praxis führt weder eine illegale Ausreise aus Syrien noch das Stel-
len eines Asylgesuchs im Ausland zur begründeten Furcht, bei einer Rück-
kehr in das Heimatland mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer men-
schenrechtswidrigen Behandlung ausgesetzt zu werden. Vor dem Hinter-
grund, dass die Beschwerdeführenden im Zeitpunkt der Ausreise keiner
Verfolgungssituation ausgesetzt waren, und weder bei ihnen noch bei ihrer
Familie ein entsprechendes Profil vorliegt, ist das Vorliegen konkreter Indi-
zien für die Annahme einer begründeten Furcht vor künftiger Verfolgung im
Sinne der Rechtsprechung auch in dieser Hinsicht zu verneinen (vgl. BVGE
2011/51 E. 6.2 sowie BVGE 2011/50 E. 3.1.1). Daran vermag der Umstand
nichts zu ändern, dass sie aufgrund ihrer längeren Landesabwesenheit bei
einer Wiedereinreise in Syrien wahrscheinlich einer Befragung durch die
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heimatlichen Behörden unterzogen würden. Ferner ist auch nicht akten-
kundig, dass die Beschwerdeführenden seit ihrer Ausreise exilpolitisch be-
tätigt hätten, weshalb auch unter diesem Gesichtspunkt nicht davon aus-
zugehen ist, sie könnten nach einer (hypothetischen) Rückkehr als regime-
feindliche Personen ins Blickfeld der syrischen Behörden geraten (vgl. Ur-
teil des BVGer D-3839/2013 vom 28. Oktober 2015 E. 6.4.3 [als Referenz-
urteil publiziert]).
7.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführenden
weder Vorfluchtgründe noch subjektive Nachfluchtgründe glaubhaft ma-
chen oder nachweisen können. Die Vorinstanz hat ihre Flüchtlingseigen-
schaft zu Recht verneint und ihr Asylgesuch abgelehnt.
7.7 Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass der anerkannten kon-
kreten Gefährdung aufgrund des in Syrien herrschenden Bürgerkrieges mit
der Anordnung der vorläufigen Aufnahme der Beschwerdeführenden in der
Schweiz Rechnung getragen worden ist.
8.
8.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 106
Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Nachdem ihnen mit
Zwischenverfügung vom 28. November 2018 die unentgeltliche Prozess-
führung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und sich aus
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den Akten keinerlei Hinweise darauf ergeben, dass sich an ihren finanziel-
len Verhältnissen etwas geändert hätte, ist auf die Erhebung von Verfah-
renskosten zu verzichten.
11.
Praxisgemäss ist sodann eine anteilmässige Parteientschädigung zuzu-
sprechen, wenn – wie vorliegend – eine Verfahrensverletzung (fehlerhafte
Akteneinsicht) auf Beschwerdeebene geheilt wird. Diese Parteientschädi-
gung ist auf Grund der Akten (Art. 14 Abs. 2 VGKE) und unter Berücksich-
tigung der Bemessungsfaktoren (Art. 8 ff. VGKE) auf insgesamt Fr. 150.–
(inklusive Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen. Die Vo-
rinstanz ist anzuweisen, den Beschwerdeführenden diesen Betrag als Par-
teientschädigung auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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