Decision ID: 9e350742-388d-4b24-816c-619fe3f47380
Year: 2016
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im April 2012 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sie gab an, sie habe keine berufliche Ausbildung
absolviert und sei seit längerem nicht arbeitstätig gewesen. Eine Sachbearbeiterin der
IV-Stelle notierte, die Versicherte sei offenbar vorwiegend als Hausfrau tätig gewesen,
weshalb kein Anspruch auf berufliche Massnahmen bestehe (IV-act. 5). Gemäss dem
im Mai 2012 erstellten Auszug aus dem individuellen Beitragskonto hatte die
Versicherte für diverse Arbeitgeber gearbeitet (IV-act. 8). Die Arbeitsverhältnisse hatten
jeweils höchstens ein oder zwei Jahre angedauert; dazwischen war die Versicherte
immer wieder arbeitslos gewesen. Nur in den Jahren 2001–2007 hatte sie
ununterbrochen mehrere Jahre für dieselbe Arbeitgeberin (die Schweizerische Post)
gearbeitet. Der Psychiater Dr. med. B._ berichtete am 9. Juli 2012 (IV-act. 16), die
Versicherte leide mindestens seit dem Jahr 2008 an rezidivierenden depressiven
Episoden, die teilweise bis mittelgradig ausgeprägt gewesen seien. Aktuell liege eine
leichtgradige Episode vor. Sie sei an verschiedenen Arbeitsplätzen als Hilfsarbeiterin
tätig gewesen, habe ihre letzte Arbeitsstelle im Jahr 2007 verloren und sei seit dem
Jahr 2009 sozialhilfeabhängig. Sie kümmere sich um die im selben Mehrfamilienhaus
lebende, 90 Jahre alte Mutter. Mehrheitlich sei ihre Stimmung freudlos-deprimiert. Sie
fühle sich in der momentanen Situation überfordert. Das Denken sei negativ geprägt.
Sie leide an Angst und an Ängstlichkeit, an Gedankenkreisen und an Zukunftsangst.
Sie klage über eine chronische Müdigkeit, über Schwindelgefühle und über ein
Angstgefühl. Zu Beginn der Behandlung habe sie noch an einschiessenden
Suizidgedanken gelitten. Die Prognose bezüglich der Wiedererlangung einer
wirtschaftlich relevanten Arbeitsfähigkeit sei angesichts der gegenwärtigen sozialen
Situation schlecht.
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A.b Am 9. Oktober 2012 notierte Dr. med. C._ vom IV-internen regionalen ärztlichen
Dienst (RAD), aus medizinischer Sicht sei das Attest einer vollständigen
Arbeitsunfähigkeit bei einer nur leichtgradigen depressiven Störung nicht
nachvollziehbar; zur Prüfung des Leistungsbegehrens werde wohl eine psychiatrische
Begutachtung notwendig sein (IV-act. 20). Am 6. Februar 2013 fand eine Abklärung im
Haushalt der Versicherten statt. Die Abklärungsbeauftragte hielt in ihrem Bericht vom
19. Februar 2013 fest (IV-act. 24), die Versicherte habe angegeben, sofort an
Panikattacken zu leiden, wenn sie ihre Wohnung verlasse. Beispielsweise befürchte sie,
bei einer mit Büchern gefüllten Tasche, die sie trage, könnte der Henkel abreissen, was
dazu führen könnte, dass sie umfalle und dann von einem Auto angefahren werde. Sie
versuche, besser mit ihren Ängsten umzugehen, aber länger als eine Stunde könne sie
nicht in einem Bus oder in einem Restaurant verbringen. Wenn sie zum Sozialamt
müsse, nehme sie vorher ein Benzodiazepin ein. Sie habe Mühe mit den vielen Leuten.
Ihr Herz rase und sie erhalte keine Luft. Zuletzt habe sie in einem schwankenden
Pensum von 30–50 Prozent gearbeitet. Wäre sie gesund, würde sie heute aus
ökonomischen Gründen einer vollzeitigen Erwerbstätigkeit nachgehen. Die
Abklärungsbeauftragte notierte, die Versicherte könne ihren Haushalt selber besorgen
und auch die Wohnung ihrer Mutter reinigen. Einmal pro Woche werde sie von der
Schwester unterstützt. Die Aussage der Versicherten, sie würde im Vollzeitpensum
arbeiten, könne nicht nachvollzogen werden, denn diese sei seit über zehn Jahren
sozialhilfeabhängig, habe aber überhaupt nichts unternommen, um eine Arbeitsstelle
zu finden. Sie habe in einem Pensum von 30–50 Prozent gearbeitet.
„Grosszügigerweise“ werde sie als zu 50 Prozent Erwerbstätige eingestuft. Die
Wohnung der Versicherten sei sauber und aufgeräumt gewesen. Die Versicherte habe
einen gesunden Eindruck gemacht. Die Abklärungsbeauftragte habe den Eindruck
gewonnen, dass die Versicherte gar nicht arbeiten möchte. Die Versicherte selbst
bemerkte, dass sie ihren Haushalt selber erledige und auch die Wohnung ihrer Mutter
mit Einschränkungen reinige. Sie müsse sehr langsam putzen und dabei auch immer
wieder Pausen einlegen.
A.c Im Auftrag der IV-Stelle erstattete der Psychiater Dr. med. D._ am 9. Juli 2013
ein fachärztliches Gutachten (IV-act. 30). Er hielt fest, die Versicherte leide an einer
rezidivierenden depressiven Störung mit einer gegenwärtig leichten Episode und an
einer Angststörung mit Panikattacken und mit einer Sozialphobie. Zudem liege ein
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schädlicher Gebrauch von Benzodiazepin vor. Bis zum Ende der Schulzeit sei die
Entwicklung der Versicherten gesundheitlich und persönlich unauffällig verlaufen. Nur
eine überdurchschnittliche Tendenz zur Vereinzelung und zur Vermeidung von sozialen
Kontakten sei schon in der Kindheit aufgefallen. In der beruflichen Entwicklung hätten
sich dann erstmals mit dem Scheitern einer Ausbildung, mit einem überstürzten Auszug
von zuhause im Rahmen einer ungeplanten Schwangerschaft und auch mit einer rasch
gescheiterten ersten Partnerschaft Schwierigkeiten in der persönlichen Entwicklung mit
einer ungenügenden Bewältigung von altersgemässen Aufgaben gezeigt. Durch ihr
sozialphobisches Verhalten sei die Versicherte in sämtlichen Tätigkeiten eingeschränkt
gewesen, die sie ausgeübt habe. Schon ab dem 19. Lebensjahr habe sie
Benzodiazepine eingenommen. Das Beziehungsverhalten sei sehr regressiv gewesen.
Nach der Aussteuerung im Jahr 2009 habe sich ihr Gesundheitszustand deutlich
verschlechtert. Sie habe eine manifeste Angststörung und rezidivierende depressive
Episoden entwickelt. Ab dem Jahr 2008 habe sie zunehmend ein
Vermeidungsverhalten an den Tag gelegt. Die Intensität und die Frequenz der
Panikattacken hätten zugenommen. Gleichzeitig sei die Grundstimmung vermehrt
depressiv geworden. Auch die Losigkeitssymptomatik habe zugenommen. Die
Beschwerden hätten nicht nur zu einer verminderten Leistungsfähigkeit bei den
Bewerbungen, sondern auch zu einer deutlichen Leistungsminderung im Rahmen der
Haushaltsführung geführt. Die Versicherte benötige für ihre Haushaltsaufgaben doppelt
so lange wie die deutlich ältere Schwester. Sie könne nicht mehr alle Aufgaben selbst
übernehmen. Ihr Bewegungsradius sei drastisch gesunken. Die Angaben des
behandelnden Psychiaters Dr. B._ seien konsistent und übereinstimmend mit dem
aktuellen Befund. Nicht nachvollziehbar sei allerdings, weshalb Dr. B._ die
Sozialphobie nicht gewürdigt habe. Die entsprechenden Beschwerden hätten sich
nämlich ab dem Jahr 2008 akzentuiert und ein Ausmass erreicht, das eine
eigenständige Diagnosestellung erfordere. Auf der Ressourcenseite zeige die
Versicherte eine durchschnittliche Intelligenz. Zudem habe sie eine einjährige
Ausbildung zur Bürogehilfin abgeschlossen. Sie sei trotz der Angststörung in der Lage
gewesen, Kontakt zu den eigenen Eltern, zum Sohn und zu einem Bruder durchgehend
aufrecht zu erhalten. Trotz physischen und psychischen Einschränkungen sei sie bis
dato in der Lage gewesen, die Selbstversorgung und den eigenen Haushalt aufrecht zu
erhalten und im selben Ausmass den Haushalt der Mutter und eine niederschwellige
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Betreuung der Mutter zu gewährleisten. Funktionseinschränkungen zeigten sich
insbesondere in der Kontaktfähigkeit durch Vermeidung von sozialen Situationen, in
Gruppensituationen mit schweren Beeinträchtigungen, Panikattacken und der
Notwendigkeit, vor Terminen Angstlöser einzunehmen. Daneben sei die Versicherte
durch eine deutlich reduzierte Durchhaltefähigkeit mit einem hohen Pausenbedarf (sie
habe der Exploration trotz zehn Minuten Pause pro Stunde kaum bis zum Schluss
folgen können) sowie in der Entscheidungsfähigkeit und in der Planungsfähigkeit
eingeschränkt. Auch sei der Bewegungsradius aufgrund der Angststörung und der
Depression erheblich beeinträchtigt. Die Überwindungsfähigkeit, die
Haushaltstätigkeiten zu erledigen, die über leichte Arbeiten hinausgingen oder eine
vermehrte Ausdauer benötigten, sei nicht mehr gegeben. Die Angaben der Versicherten
während der Untersuchung und die Angaben in den Akten seien konsistent. Die
während der persönlichen Untersuchung festgestellten klinischen Befunde seien beim
behandelnden Psychiater offenbar trotz der unverständlicherweise fehlenden
Würdigung der Sozialphobie eindrücklich genug gewesen, um ein
Arbeitsunfähigkeitsattest zu rechtfertigen. Bezüglich der Haushaltsführung sei zu
berücksichtigen, dass es sich um zwei Einpersonenhaushalte handle. Ideal
leidensadaptierte Tätigkeiten mit sehr wenig Personenkontakt, ohne Zeitdruck, mit
ausreichender Pausengestaltungsmöglichkeit und Einsatzorten in der unmittelbaren
Umgebung der Wohnung der Versicherten seien zu 50 Prozent zumutbar. Eine
entsprechende Tätigkeit sei aber nur unter intensivierter psychotherapeutischer und
psychopharmakologischer Behandlung und nur nach einer mindestens sechs Monate
dauernden Eingewöhnungsphase im geschützten Rahmen realisierbar. Die RAD-Ärztin
Dr. C._ erachtete das Gutachten als ausführlich, umfassend, konsistent und
nachvollziehbar.
A.d Mit einem Vorbescheid vom 8. Dezember 2013 teilte die IV-Stelle der Versicherten
mit, dass sie die Abweisung ihres Rentenbegehrens vorsehe (IV-act. 35). Zur
Begründung führte sie aus, dass die Versicherte als zu 50 Prozent im Haushalt und als
zu 50 Prozent ausserhäuslich erwerbstätig einzustufen sei. Da sie den Haushalt
versorgen könne, sei sie diesbezüglich nicht eingeschränkt. Bei einer Arbeitsfähigkeit
von 50 Prozent könne sie auch ihr Erwerbspensum voll ausschöpfen. Der
Invaliditätsgrad liege also in beiden Bereichen und somit auch gesamthaft bei null
Prozent. Dagegen liess die nun vertretene Versicherte am 28. Januar 2014 einwenden
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(IV-act. 39), sie wäre als Gesunde nicht nur zu 50 Prozent, sondern zu 100 Prozent
erwerbstätig. Ihren Haushalt könne sie zudem nicht uneingeschränkt besorgen. Am 28.
Februar 2014 liess sie ergänzend festhalten (IV-act. 42), die Qualifikation der
Versicherten als zu je 50 Prozent im Aufgaben- und im Erwerbsbereich Tätige sei nicht
nachvollziehbar. Die Versicherte werde im ersten Arbeitsmarkt nicht mehr Fuss fassen
können. Mit einer Verfügung vom 10. März 2014 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren
ab (IV-act. 43).
B.
B.a Am 10. April 2014 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine
Beschwerde erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der
Verfügung vom 10. März 2014, die Zusprache einer Invalidenrente und eventualiter die
Rückweisung der Sache zur weiteren Abklärung an die IV-Stelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin). Zur Begründung führte er aus, die Behauptung der
Beschwerdegegnerin, die Beschwerdeführerin habe nie Arbeitsbemühungen getätigt,
sei haltlos, denn schon die im individuellen Beitragskonto ausgewiesenen
Arbeitslosenentschädigungen belegten, dass die Beschwerdeführerin sich zumindest in
jenen Zeiträumen um Arbeitsstellen bemüht haben musste. Das habe sogar der
Psychiater Dr. D._ realisiert. Die Beschwerdeführerin müsse als Vollerwerbstätige
qualifiziert werden.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 5. Juni 2014 unter Hinweis auf die
Ausführungen in der angefochtenen Verfügung die Abweisung der Beschwerde (act. G
6).
B.c Die Beschwerdeführerin liess am 8. Juli 2014 an ihren Anträgen festhalten (act. G
9). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 11).

Erwägungen
1.
1.1 Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich
zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen,
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erhalten oder verbessern können, die während eines Jahres ohne wesentlichen
Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen sind und
die nach dem Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid sind, haben einen
Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung (Art. 28 Abs. 1 IVG). Für die
Bemessung der Invalidität einer erwerbstätigen versicherten Person wird gemäss dem
Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. dem Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das diese nach
dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der medizinischen Behandlung
und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei einer
ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu dem
Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden
wäre. Bei einer nicht erwerbstätigen versicherten Person, die im Aufgabenbereich tätig
ist und der die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit nicht zugemutet werden kann, wird
gemäss dem Art. 28a Abs. 2 IVG für die Bemessung der Invalidität in Abweichung vom
Art. 16 ATSG darauf abgestellt, in welchem Mass sie unfähig ist, sich im
Aufgabenbereich zu betätigen. Bei einer versicherten Person, die nur zum Teil
erwerbstätig ist, wird für diesen Teil die Invalidität nach dem Art. 16 ATSG festgelegt.
Ist sie daneben auch im Aufgabenbereich tätig gewesen, wird die Invalidität für jenen
Teil nach dem Art. 28a Abs. 2 IVG festgelegt. In diesem Fall sind der Anteil der
Erwerbstätigkeit und der Anteil der Tätigkeit im Aufgabenbereich festzulegen und der
Invaliditätsgrad in beiden Bereichen zu berechnen (Art. 28a Abs. 3 IVG).
1.2 Die angefochtene Verfügung vom 10. März 2014, mit der das Rentenbegehren der
Beschwerdeführerin abgewiesen worden ist, beruht auf einem Invaliditätsgrad, der
anhand der gemischten Methode berechnet worden ist. Aus den Akten geht aber
zweifelsfrei hervor, dass die Beschwerdeführerin während Jahren erwerbstätig
gewesen war. Zudem hatte sie noch beim Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung (in
einem Teilzeitpensum) gearbeitet respektive eine Arbeitslosenentschädigung bezogen.
Weil ihr einziger Sohn schon längst volljährig gewesen ist und selbständig gelebt hat
und weil ihre Mutter noch nicht auf eine intensive Betreuung angewiesen gewesen ist,
haben der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit keine relevanten Betreuungspflichten
entgegengestanden. Auch sonst sind keine Hinweise auf Umstände ersichtlich, die die
Wiederaufnahme einer Erwerbstätigkeit als unzumutbar hätten erscheinen lassen. Die
Beschwerdeführerin ist aus finanziellen Gründen auf die Aufnahme einer
Erwerbstätigkeit angewiesen gewesen, denn sie hat Sozialhilfe beziehen müssen. Auch
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wenn sie alleine lebt und wohl mit einem bescheidenen Einkommen auskommen
dürfte, müsste sie angesichts des Umstandes, dass sie ausser eines einjährigen Kurses
zur Bürogehilfin keine berufliche Ausbildung absolviert hat, eine Vollzeitstelle
annehmen, um sich aus der Sozialhilfeabhängigkeit lösen zu können.
Erfahrungsgemäss verdienen Hilfsarbeiterinnen in der Region Ostschweiz nämlich oft
höchstens 3’500 Franken pro Monat, wenn sie vollzeitig erwerbstätig sind. Mit ihrem
Einkommen müsste die Beschwerdeführerin aber nicht nur ihren aktuellen
Lebensbedarf decken, sondern auch noch ihre Schulden bei der Sozialhilfebehörde
zurückzahlen. Dazu wäre sie nicht in der Lage, wenn sie nicht vollzeitig erwerbstätig
wäre. Schliesslich hat die Beschwerdeführerin ausdrücklich festgehalten, dass sie einer
vollzeitigen Erwerbstätigkeit nachgehen würde, wenn sie gesund wäre. Aus der
Telefonnotiz vom 16. Juli 2012 (IV-act. 17), laut der die Beschwerdeführerin angegeben
haben soll, sie wäre auch bei guter Gesundheit nur teilweise erwerbstätig, kann nichts
anderes abgeleitet werden. Der Notiz lässt sich nämlich nicht entnehmen, ob sich die
Beschwerdeführerin dabei auf den fiktiven Sachverhalt ohne jede
Gesundheitsbeeinträchtigung bezogen hat. Dies dürfte nicht der Fall gewesen sein,
denn wie sich dem Gutachten von Dr. D._ entnehmen lässt, ist die
Beschwerdeführerin seit dem Beginn ihrer beruflichen Tätigkeit in ihrer Gesundheit
beeinträchtigt gewesen. Nach über 30 Jahren dürfte sie nicht ohne weiteres in der Lage
gewesen sein, sich den „hypothetischen Gesundheitsfall“ ohne eine vorgängige
ausführliche Erläuterung, was darunter zu verstehen ist, vorzustellen. Zudem ist die
Notiz nicht unterzeichnet worden, weshalb sie keinen Beweiswert hat. Im Protokoll
betreffend die Haushaltsabklärung sind zwar weder die Ausführungen der
Abklärungsbeauftragten noch jene der Beschwerdeführerin wortgetreu wiedergegeben.
Folglich steht auch nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass es sich bei der Angabe, sie würde vollzeitig arbeiten, um
die wahre Antwort auf die relevante Frage gehandelt hat. Allerdings ist aufgrund der
gesamten Umstände kein gewichtiger Grund ersichtlich, der dagegen sprechen würde.
Die Würdigung der Abklärungsperson bezüglich der sogenannten Statusfrage hat
augenscheinlich auf aktenwidrigen Annahmen beruht und sachfremde Kriterien
berücksichtigt. Die Abklärungsperson ist nämlich davon ausgegangen, dass sich die
Beschwerdeführerin nie um eine Arbeitsstelle bemüht habe. Die Beschwerdeführerin
hatte aber bis ins Jahr 2007 gearbeitet und danach eine Arbeitslosenentschädigung
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bezogen, die ihr selbstverständlich nicht ausgerichtet worden wäre, wenn sie sich nicht
ausreichend um eine neue Arbeitsstelle bemüht hätte. Weshalb die Abklärungsperson
nicht sämtliche Akten berücksichtigt hat, denen sich dies ohne weiteres hätte
entnehmen lassen, ist nicht nachvollziehbar. Für die Beantwortung der Frage, wie sich
die Beschwerdeführerin im fiktiven „Gesundheitsfall“ verhalten würde, können das trotz
der Gesundheitsbeeinträchtigung ausgeübte Arbeitspensum und die trotz der
Gesundheitsbeeinträchtigung getätigten Stellenbemühungen nicht massgebend sein.
Dass die Abklärungsperson dennoch darauf abgestellt und die relevanten Tatsachen
(keine Betreuungspflichten, finanzielle Notlage, Angabe der Beschwerdeführerin)
ignoriert hat, ist schlicht unverständlich und weckt den Verdacht, sie könnte
voreingenommen gewesen sein. Dazu passen nämlich ihre durch nichts belegte und
laienhafte Behauptung, die Beschwerdeführerin habe gesund gewirkt und den Eindruck
erweckt, gar nicht arbeiten zu wollen. Im gesamten Kontext wirkt die Angabe, das
hypothetische Pensum werde „grosszügigerweise“ auf 50 Prozent festgelegt, beinahe
zynisch, zumal es für das Ergebnis völlig belanglos gewesen ist, ob von einem Pensum
von 30 Prozent oder von einem solchen von 50 Prozent ausgegangen wird. Die
Würdigung der Abklärungsperson und damit auch die angefochtene Verfügung, die
sich darauf gestützt hat, muss zusammenfassend als willkürlich bezeichnet werden.
Gesamthaft würde also bei der Anwendung der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
zur sogenannten Statusfrage (vgl. etwa BGE 142 V 290 E. 7.1 S. 297) eine
(hypothetische) Vollerwerbstätigkeit resultieren, weshalb der Invaliditätsgrad anhand
eines reinen Einkommensvergleichs berechnet werden müsste.
1.3 Allerdings erweist sich die bundesgerichtliche Rechtsprechung zur Statusfrage und
zur gemischten Methode bei genauerer Betrachtung als gesetzes- und
verfassungswidrig, weil sie sich nicht am Konzept des Gesetzgebers,
Beeinträchtigungen der Erwerbsfähigkeit (und nicht eines allfälligen Erwerbsausfalls) zu
entschädigen orientiert und weil sie zu rechtsungleichen Ergebnissen führt. Unlängst ist
die Rechtsprechung zudem als gegen die EMRK verstossend qualifiziert worden. Eine
sorgfältige Interpretation der massgebenden Gesetzesbestimmungen zwingt dazu, den
Invaliditätsgrad (ausser bei nie erwerbstätig gewesenen „Nur-Hausfrauen“, denen die
Aufnahme einer Erwerbstätigkeit nicht zugemutet werden kann) stets nach der
allgemeinen Methode des Einkommensvergleichs zu berechnen (vgl. die Urteile IV
2014/125 und IV 2014/37 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 24. Mai 2016 und
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vom 19. Juli 2016). Da die Beschwerdeführerin nicht als „Nur-Hausfrau“ qualifiziert
werden kann, muss ihr Invaliditätsgrad also ohnehin anhand eines reinen
Einkommensvergleichs berechnet werden.
2.
2.1 Die Beschwerdeführerin hat keinen Beruf erlernt und ist entsprechend als
Hilfsarbeiterin tätig gewesen. Zwar hat sie einen einjährigen Kurs zur Bürogehilfin
absolviert, doch hat ihr diese Ausbildung für sich allein offenbar keinen nennenswerten
Vorteil verschafft, hat die Beschwerdeführerin doch ihre Arbeitsstelle nur in einer
anderen Tätigkeit über längere Zeit halten können. Nachdem sie jahrelang nicht mehr
als Bürogehilfin gearbeitet hat, dürfte ihr ihre Ausbildung gerade angesichts der
rasanten Entwicklungen in der Informationstechnologie der letzten Jahre und der damit
einhergehenden Umgestaltung der Büroarbeitsplätze keinen Vorteil mehr bei der
Arbeitssuche verschaffen. Die Beschwerdeführerin ist folglich als Hilfsarbeiterin zu
qualifizieren. Dem Gutachten von Dr. D._ lässt sich zwar entnehmen, dass die
Beschwerdeführerin schon bei der beruflichen Ausbildung möglicherweise durch eine
Gesundheitsstörung beeinträchtigt gewesen sein könnte. Dies erscheint gesamthaft
aber nicht als überwiegend wahrscheinlich, denn der Abschluss einer beruflichen
Ausbildung dürfte wohl vor allem an der ungeplanten Schwangerschaft und deren
Folgen und nicht massgebend aufgrund einer Gesundheitsbeeinträchtigung gescheitert
sein. Jedenfalls ist nicht bewiesen und – in antizipierender Beweiswürdigung – auch
nicht mehr zu beweisen, dass der Abschluss einer beruflichen Ausbildung wesentlich
durch eine Gesundheitsbeeinträchtigung verhindert worden ist und die
Beschwerdeführerin entsprechend als Frühinvalide im Sinne des Art. 26 IVV qualifiziert
werden müsste. Den Akten lassen sich keine Hinweise dafür entnehmen, dass die
Beschwerdeführerin – abgesehen von ihrer Gesundheitsbeeinträchtigung – nicht in der
Lage gewesen wäre, eine durchschnittliche Arbeitsleistung als Hilfsarbeiterin zu
erbringen und folglich einen durchschnittlichen Hilfsarbeiterlohn zu erzielen. Das
Valideneinkommen entspricht folglich einem durchschnittlichen Lohn für
Hilfsarbeiterinnen.
2.2 Laut dem gut begründeten, von der RAD-Ärztin Dr. C._ als überzeugend
qualifizierten, den Anforderungen des BGE 141 V 281 genügenden und mit dem Bericht
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des behandelnden Psychiaters Dr. B._ im Wesentlichen übereinstimmenden
Gutachten von Dr. D._ leidet die Beschwerdeführerin an einer komplexen
psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung mit einer je eigenständigen depressiven
Störung und Angst¬störung (mit Panikattacken und einer Sozialphobie), die ihre
Arbeitsfähigkeit massiv beeinträchtigt. Angesichts der von Dr. D._ angeführten
Befunde, Ressourcen und Einschränkungen stellt sich die grundsätzliche Frage, ob der
Beschwerdeführerin angesichts der qualitativen Einschränkungen überhaupt zugemutet
werden kann, wieder im ersten Arbeitsmarkt erwerbstätig zu sein. Der Sachverständige
Dr. D._ hat diese Frage zwar bejaht, aber angemerkt, dass die Beschwerdeführerin
zuerst ein mindestens sechsmonatiges Einarbeitungsprogramm benötigen werde und
dass die psychotherapeutischen und psychopharmakologischen Massnahmen
intensiviert werden müssten. Die RAD-Ärztin soll angegeben haben, dass ein solches
Einarbeitungsprogramm nicht notwendig sei (IV-act. 32–2), doch findet sich in den
Akten keine Begründung dafür. In einer Gesamtwürdigung des Gutachtens von Dr.
D._ scheint eine schrittweise Einarbeitung zumindest dringend angezeigt, wenn nicht
sogar unumgänglich zu sein. Dessen ungeachtet ist die Beschwerdeführerin aber
gemäss den überzeugenden Ausführungen des Sachverständigen Dr. D._ und der
RAD-Ärztin Dr. C._ nicht in der Lage, selbst an einem ideal leidensadaptierten
Arbeitsplatz eine Arbeitsleistung von mehr als 50 Prozent zu erbringen. Der allgemeine
und ausgeglichene Arbeitsmarkt kennt Hilfsarbeitsstellen, die die von Dr. D._
genannten qualitativen Anforderungen an einen ideal leidensadaptierten Arbeitsplatz
erfüllen, weshalb der Beschwerdeführerin die Verrichtung einer leidensadaptierten
Hilfsarbeit in einem Pensum von 50 Prozent zugemutet werden kann.
2.3 Der Ausgangswert des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens
entspricht dem Valideneinkommen, weshalb der Betrag bei der Berechnung des
Invaliditätsgrades mathematisch keine Rolle spielen kann. Der Invaliditätsgrad ist
folglich mittels eines sogenannten Prozentvergleichs zu berechnen, das heisst er
entspricht dem Arbeitsunfähigkeitsgrad, allenfalls korrigiert um einen sogenannten
Tabellenlohnabzug von maximal 25 Prozent (vgl. BGE 126 V 75). Ein solcher
Tabellenlohnabzug trägt dem Umstand Rechnung, dass eine versicherte Person infolge
ihrer Gesundheitsbeeinträchtigung – ökonomisch-betriebswirtschaftlich betrachtet –
nicht mehr in der Lage sein kann, denselben ökonomischen Mehrwert zu produzieren
wie eine gesunde Person, die im selben Pensum arbeitet. Die Frage, ob solche
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ökonomisch-betriebswirtschaftlichen Nachteile vorliegen, ist aus der Sicht eines
ökonomisch denkenden Arbeitgebers zu beantworten. Für diesen ist unter anderem
massgebend, ob die versicherte Person ihre Arbeitsleistung konstant, zuverlässig und
flexibel erbringen kann. Besteht die Gefahr, dass die versicherte Person vermehrt
krankheitsbedingt abwesend oder ihre Arbeitsleistung nicht zuverlässig erbringen
könnte, muss ein ökonomisch-betriebswirtschaftlich denkender Arbeitgeber das Risiko
entsprechender Mehrkosten respektive eines entsprechenden Mindererfolgs
einkalkulieren, was sich auf den Lohn niederschlagen wird, den er bereit ist, der
versicherten Person zu bezahlen. Dasselbe gilt, wenn die Gefahr besteht, dass die
versicherte Person ihre Arbeitsleistung nicht flexibel erbringen könnte und dass der
Arbeitgeber folglich gezwungen sein könnte, selbst dann, wenn nur ein geringes Mass
an Überstunden geleistet werden müsste, einen Arbeitnehmer zu organisieren, der den
Platz der dazu möglicherweise nicht fähigen versicherten Person einnehmen könnte,
was natürlich mit entsprechenden Mehrkosten verbunden wäre. Da beim
Krankheitsbild der Beschwerdeführerin mit der Gefahr zu rechnen ist, dass sie ihre
Arbeitsleistung nicht zuverlässig, konstant und flexibel erbringen und vermehrt
krankheitsbedingt ausfallen könnte, wird ein ökonomisch-betriebswirtschaftlich
denkender Arbeitgeber nicht bereit sein, ihr einen Lohn zu bezahlen, der 50 Prozent
des Medianwertes aller Hilfsarbeiterinnenlöhne entspricht. Praxisgemäss ist daher ein
Tabellenlohnabzug von 15 Prozent zu berücksichtigen.
2.4 Der Invaliditätsgrad beträgt folglich 57,5 Prozent (= 100% – 85% × 0,5). Gemäss
dem Art. 28 Abs. 2 IVG hat die Beschwerdeführerin damit einen Anspruch auf eine
halbe Rente der Invalidenversicherung. Wann genau die Invalidität, die sich gemäss
den überzeugenden Ausführungen von Dr. D._ stetig verschlimmert hat, dieses
Ausmass erreicht hat, lässt sich retrospektiv in antizipierender Beweiswürdigung nicht
mehr mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
ermitteln. Fest steht allerdings, dass die Beschwerdeführerin sechs Monate nach ihrer
Anmeldung zum Leistungsbezug, also am 1. Oktober 2012, schon über ein Jahr zu
mehr als durchschnittlich 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist, weshalb sie am 1.
Oktober 2012 sowohl die Voraussetzungen des Art. 28 Abs. 1 (insb. lit. b) IVG als auch
jene des Art. 29 Abs. 1 IVG erfüllt hat. Folglich ist ihr die halbe Rente mit Wirkung ab
dem 1. Oktober 2012 zuzusprechen.
3.
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Die angefochtene Verfügung ist somit in Gutheissung der Beschwerde aufzuheben. Die
gemäss dem Art. 69 Abs. 1bis IVG zu erhebenden und angesichts des
durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden
Gerichtskosten sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Diese hat
der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung auszurichten, die angesichts des
leicht unterdurchschnittlichen Vertretungsaufwandes bei einem unterdurchschnittlich
dünnen Aktendossier auf 3’000 Franken (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) festgesetzt wird.