Decision ID: 2d53e14c-4ddc-5b3d-9322-aa3bb08fb05f
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden reichten am (...) Asylgesuche in der
Schweiz ein. Am 21. November 2017 fanden die Befragungen zur Person
(BzP) mit A._ (Beschwerdeführer) und mit B._ (Beschwer-
deführerin) statt. Am 30. Januar 2020 wurden sie vom SEM zu ihren Asyl-
gründen angehört. Eine ergänzende Anhörung mit dem Beschwerdeführer
fand am 19. Oktober 2020 statt.
A.b Dabei führte der aus F._ (Provinz G._) stammende Be-
schwerdeführer kurdischer Volkszugehörigkeit zur Begründung im Wesent-
lichen an, er habe nach Abschluss der Schule ein (Nennung Institution)
besucht, aber nicht abgeschlossen. Wegen den Problemen in der Türkei
habe er sich in den Jahren (...) bis (...) in H._ als Asylbewerber auf-
gehalten, zumal auch sein (Nennung Verwandter) dort gelebt habe. Nach-
dem Nachforschungen seines (Nennung Verwandter) in der Türkei erge-
ben hätten, dass er keine Probleme mehr in der Heimat habe, sei er noch
während hängigem Asylverfahren in die Türkei zurückgekehrt. Am (...)
habe er die Beschwerdeführerin in I._ geheiratet. Er habe während
(Nennung Dauer) respektive bis er im (...) entlassen worden sei in
I._ in einem (Nennung Geschäft) als (Nennung Funktion) gearbei-
tet. Anschliessend habe er sich als Tagelöhner verdingt. Er sei seit dem
Jahr (...) Mitglied der J._, habe sich aber bereits vorher für diese
engagiert. Er habe am (...) an einer Protestkundgebung teilgenommen, die
wegen (Nennung Grund) stattgefunden habe. Während des Protestmar-
sches sei es zu einem Gerangel mit der Polizei gekommen, wobei er ver-
haftet und während (Nennung Dauer) auf einer Polizeiwache festgehalten
worden sei. Während der Haft sei er wiederholt beschimpft, beleidigt und
aufgefordert worden, ihm unbekannte Leute auf Fotos zu identifizieren. Am
(...) Tag hätten ihn die Polizisten ausserhalb von I._ freigelassen. In
der Folge sei er zwei Mal von Beamten mit dem Auto mitgenommen wor-
den. Die Beamten hätten ihn als Spitzel anzuwerben versucht und ihm
gleichzeitig mit Nachteilen – auch für seine Familie – gedroht, falls er das
Angebot ablehnen sollte. Er habe jedoch seine kurdischen Landsleute
nicht verraten wollen. Beim dritten Mal – (...) – habe er die Beamten früh-
zeitig bemerkt und sei rechtzeitig weggelaufen, bevor ihn diese hätten mit-
nehmen können. Danach habe er sich während (Nennung Dauer) beim
(Nennung Verwandter) in K._ versteckt. Von dort habe er seiner
Frau alle paar Tage eine Nachricht zukommen und ihr ausrichten lassen,
dass es ihm gut gehe. Sie habe ihm in der Folge berichtet, dass die Polizei
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das Haus durchsucht und ihm ein auf den (...) datiertes Dokument hinter-
lassen habe, gemäss welchem er in Abwesenheit zu einer Haftstrafe von
über (...) verurteilt worden sei. Er habe danach seinen (Nennung Verwand-
ter) beauftragt, einen Schlepper zwecks Ausreise zu organisieren. Ferner
sei er hier in der Schweiz auf den sozialen Medien aktiv und habe an Kund-
gebungen teilgenommen. Zudem habe ihn die Polizei bei seiner (Nennung
Verwandte) gesucht, da es nach seiner Flucht zu Untersuchungen gegen
seine Person gekommen sei. Schliesslich hätten ihn Soldaten nach seiner
Ausreise im Dorf seiner Familie L._ gesucht. Das ganze Dorf sei
von den Behörden als Folge eines Denunziationsschreibens fichiert wor-
den.
A.c Die aus M._ (Kreis F._/Provinz G._) stammende
Beschwerdeführerin kurdischer Volkszugehörigkeit gab ihrerseits zur Be-
gründung des Asylgesuchs an, ihr Mann sei während einer Kundgebung
am (...) verhaftet und während (Nennung Dauer) in Untersuchungshaft ge-
setzt worden. Nachdem er wieder zuhause gewesen sei, habe er jeweils
grosse Angst gehabt, nach draussen zu gehen. (...) sei ihr Mann auf den
Markt gegangen. Als er nach ein paar Stunden nicht zurückgekehrt sei,
habe sie vergeblich versucht, ihn telefonisch zu erreichen. In der Folge
habe sie sich zusammen mit (Nennung Verwandte) zur Polizei begeben
und dort nach ihm gefragt. Sie hätten jedoch keine Informationen erhalten.
Zwei Tage später sei sie zuhause von Polizisten aufgesucht worden, die
eine Razzia durchgeführt und sie dabei beschimpft und in erheblicher
Weise belästigt hätten. Auch ihre Kinder seien bedroht worden. Sie habe
grosse Angst bekommen. Spätere Nachfragen nach dem Aufenthaltsort ih-
res Mannes bei der Polizei seien unbeantwortet geblieben. Schliesslich
habe sie (Nennung Dauer) nach dem Verschwinden ihres Mannes von die-
sem über (Nennung Verwandter) eine Nachricht erhalten, dass es ihm gut
gehe. Schliesslich habe sie am (...) oder (...) ein Dokument erhalten, in
welchem ihr Mann zu (Nennung Strafe) verurteilt worden sei.
A.d Zum Nachweis ihrer Identität und zum Beleg ihrer Vorbringen reichten
die Beschwerdeführenden (Aufzählung Beweismittel) zu den Akten.
B.
Mit separaten Verfügungen vom 4. Dezember 2020 entschied das SEM
über die Asylgesuche der Beschwerdeführenden.
B.a Betreffend den Beschwerdeführer stellte das SEM fest, er erfülle die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG und lehnte sein
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Asylgesuch ab. Ferner ordnete es seine Wegweisung aus der Schweiz an,
schob den Vollzug derselben jedoch wegen Unzulässigkeit zugunsten ei-
ner vorläufigen Aufnahme auf.
B.b Hinsichtlich der Beschwerdeführerin und der drei gemeinsamen Kinder
verfügte das SEM, sie erfüllten die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
Abs. 1 und 2 AsylG nicht, anerkannte die Beschwerdeführerin und die Kin-
der jedoch gemäss Art. 51 Abs. 1 als Flüchtlinge, lehnte ihre Asylgesuche
ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, schob den Vollzug
derselben jedoch wegen Unzulässigkeit zugunsten einer vorläufigen Auf-
nahme auf.
C.
Mit gemeinsamer Eingabe vom 6. Januar 2021 erhoben die Beschwerde-
führenden beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragten,
es seien die Dispositivziffern 2 und 3 der Verfügung vom 4. Dezember 2020
betreffend den Beschwerdeführer sowie – sinngemäss – die Dispositivzif-
fern 3 und 4 der Verfügung vom 4. Dezember 2020 betreffend die Be-
schwerdeführerin und den Kindern aufzuheben und ihnen sei Asyl zu ge-
währen, eventualiter sei die Verfügung vom 4. Dezember 2020 betreffend
den Beschwerdeführer aufzuheben und die Sache sei zur vollständigen
und richtigen Feststellung des Sachverhalts und zu neuem Entscheid an
das SEM zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung einschliesslich Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses, um Beiordnung ihres Rechtsver-
treters als amtlicher Rechtsbeistand, um Ausrichtung einer Parteientschä-
digung, um Einbezug der Beschwerdeführerin und der Kinder in das vor-
liegende Beschwerdeverfahren sowie um Einräumung eines Replikrechts
gegenüber allfälligen Stellungnahmen des SEM.
Der Beschwerde lagen (Nennung Beweismittel) bei.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Januar 2021 vereinigte die Instruktions-
richterin aufgrund des engen sachlichen und personellen Zusammenhangs
die Beschwerdeverfahren D-62/2021 und D-64/2021. Ferner wies sie die
Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung einschliess-
lich Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Beiord-
nung eines amtlichen Rechtsbeistandes ab und forderte die Beschwerde-
führenden auf, bis zum 11. Februar 2021 einen Kostenvorschuss von
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Seite 5
Fr. 900.– zu bezahlen, unter Androhung des Nichteintretens im Unterlas-
sungsfall.
Die Beschwerdeführenden leisteten den Kostenvorschuss am 1. Februar
2021.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September
2015).
1.3 Die Beschwerdeführenden sind als Verfügungsadressaten zur Be-
schwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und
Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend
aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur summa-
risch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
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Seite 6
4.
4.1 In der Rechtsmitteleingabe rügen die Beschwerdeführenden eine un-
vollständige und unrichtige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts
sowie – sinngemäss – eine Verletzung der Begründungspflicht. Diese for-
mellen Rügen sind vorab zu beurteilen, da sie allenfalls geeignet wären,
eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
4.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss
so abgefasst sein, dass sie eine sachgerechte Anfechtung ermöglicht.
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Un-
richtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
4.2.1 Alleine die Tatsache, dass die Vorinstanz aus sachlichen Gründen zu
einer anderen Würdigung der Vorbringen gelangt, als von den Beschwer-
deführenden gewünscht, und auch in ihrer Länderpraxis zur Türkei einer
anderen Linie folgt, als von den Beschwerdeführenden vertreten, spricht
nicht für eine ungenügende Sachverhaltsfeststellung. Es ergeben sich
denn auch nach Prüfung der Akten keine hinreichenden Anhaltspunkte,
welche den Schluss zulassen würden, das SEM habe den Sachverhalt un-
vollständig oder unrichtig abgeklärt. Soweit die Beschwerdeführenden rü-
gen, der Beschwerdeführer habe entgegen der vorinstanzlichen Einschät-
zung seine Flüchtlingseigenschaft zumindest glaubhaft gemacht, weshalb
die Vorinstanz durch die Ablehnung des Asylgesuchs und der Anordnung
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Seite 7
der Wegweisung aus der Schweiz den Sachverhalt unvollständig und un-
richtig festgestellt habe, vermengen sie die Frage der Feststellung des
Sachverhalts mit der Frage der rechtlichen Würdigung der Sache.
4.2.2 Die sinngemässe Rüge der Verletzung der Begründungspflicht er-
weist sich ebenfalls als unbegründet. Die verfügende Behörde tut ihrer Be-
gründungspflicht dann Genüge, wenn sie im Rahmen der Begründung die
wesentlichen Überlegungen nennt, welche sie ihrem Entscheid zugrunde
legt. Sie muss sich nicht ausdrücklich mit jeder tatbestandlichen Behaup-
tung und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen, sondern darf sich
auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken. Die Vorinstanz hat im
angefochtenen Entscheid alle wesentlichen Vorbringen berücksichtigt und
in einer Gesamtwürdigung nachvollziehbar aufgezeigt, von welchen Über-
legungen sie sich hat leiten lassen. Dabei hat sie keine entscheidwesentli-
chen Aspekte unbeantwortet gelassen. Insbesondere hat sie sich ausführ-
lich und überzeugend dazu geäussert, weshalb die vom Beschwerdeführer
geltend gemachte Untersuchungshaft sowie die nachfolgenden Anwerbe-
versuche durch die türkischen Behörden als nicht glaubhaft zu erachten
seien. Der blosse Umstand, dass die Beschwerdeführenden die Auffas-
sung und Schlussfolgerungen des SEM nicht teilen, stellt keine Verletzung
der Begründungspflicht dar. Überdies war es ihnen offensichtlich möglich,
den vorinstanzlichen Entscheid in sachgerechter Weise anzufechten
(vgl. BVGE 2008/47 E. 3.2 m.w.H.). Damit ist die Vorinstanz den Anforde-
rungen an die Begründungspflicht gerecht geworden.
4.3 Da sich die formellen Rügen als unbegründet erweisen, besteht folglich
kein Anlass, die Sache zwecks weiterer Abklärungen und neuerlicher Prü-
fung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Der eventualiter gestellte Rück-
weisungsantrag ist daher abzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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Seite 8
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Das Bundesverwaltungsgericht hat die
Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen
Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier
verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m. Verw.).
6.
6.1
6.1.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung betreffend
den Beschwerdeführer zum Schluss, dessen Vorfluchtgründe würden den
Anforderungen an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG sowie den-
jenigen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhal-
ten.
Seine Schilderungen bezüglich der Untersuchungshaft im Anschluss an
eine Demonstrationsteilnahme am (...) sowie die darauffolgenden Anwer-
beversuche seitens der Behörden enthielten nur wenig Substanz und seien
überdies – so hinsichtlich der Vorgänge im Rahmen der Haft, und seines
Verhaltens nach der Haftentlassung – widersprüchlich ausgefallen. Auch
weitere wesentliche Aspekte, so polizeiliche Razzien und der Erhalt eines
(Nennung Beweismittel) am (...), seien unterschiedlich dargelegt worden.
Sodann habe er die geltend gemachte Verurteilung in Abwesenheit zu ei-
ner Haftstrafe nicht belegen können und vermöge die Nichteinreichung ent-
sprechender Unterlagen nicht plausibel zu erklären. Vor dem Hintergrund
des türkischen Strafprozessrechts sei auch nicht nachvollziehbar, dass er
vor der angeblichen Verurteilung nie etwas von einem Strafverfahren ge-
gen ihn gehört habe und in Abwesenheit verurteilt worden sei, obwohl die
Strafprozessordnung die Verurteilung zu einer Haftstrafe ohne vorherige
Anhörung untersage, selbst wenn der Angeklagte flüchtig sei. Ferner sei
das Engagement des Beschwerdeführers für die J._ – unabhängig
von der Glaubhaftigkeit eines solchen – angesichts seines geringen Profils
flüchtlingsrechtlich nicht relevant.
6.1.2 Im Weiteren bejahte das SEM das Vorliegen von subjektiven Nach-
fluchtgründen, da gegen den Beschwerdeführer aufgrund (Nennung
Grund) in der Türkei mehrere Strafverfahren gegen ihn eingeleitet worden
seien, und anerkannte ihn als Flüchtling unter Ausschluss der Asylgewäh-
rung gemäss Art. 54 AsylG.
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Seite 9
6.1.3 Im Asylentscheid hinsichtlich der Beschwerdeführerin verweist das
SEM bei der Beurteilung ihrer Vorfluchtgründe darauf, dass die geltend ge-
machte behördliche Verfolgung des Beschwerdeführers in dessen Asylent-
scheid als unglaubhaft beurteilt worden sei. Die von ihr vorgebrachte Re-
flexverfolgung sei daher ebenfalls als unglaubhaft einzuschätzen.
Da der Beschwerdeführer als Flüchtling anerkannt worden sei, seien die
Beschwerdeführerin und die gemeinsamen Kinder gestützt auf den Grund-
satz der Einheit der Familie ebenfalls als Flüchtlinge anzuerkennen.
6.2 In der Beschwerdeschrift wird entgegnet, die vom Beschwerdeführer
angeführten Vorfluchtgründe seien insgesamt als logisch, genügend sub-
stanziiert, in sich schlüssig und plausibel, mithin als glaubhaft zu bezeich-
nen. Die von den Behörden gegen den Beschwerdeführer und seine Fami-
lie ausgesprochenen Drohungen wie auch die während der Untersu-
chungshaft erlittene Folter hätten ihn sehr belastet. Er habe daher aus psy-
chologischen Gründen nicht über diese schrecklichen Erinnerungen spre-
chen, sondern aus seiner Erinnerung verdrängen wollen. Die (Nennung
Verwandte) des Beschwerdeführers habe mittlerweile den Kontakt zu ihm
abgebrochen, da deren Familie von den türkischen Behörden unter Druck
gesetzt und schikaniert werde. Ferner sei in seinen Aussagen zur Wieder-
aufnahme seines Engagements für die J._ kein Widerspruch zu er-
kennen. Zwar sei er nach ein paar Wochen wieder ins Parteibüro gegan-
gen, habe aber mit seinen Tätigkeiten erst wieder nach ein paar Monaten
begonnen. Bezüglich der Haftstrafe habe der Beschwerdeführer die Frage
des SEM in der ergänzenden Anhörung nicht verstanden, sondern ge-
dacht, es gehe darum, ob seit seiner Flucht in die Schweiz weitere Razzien
bei seiner (Nennung Verwandte) stattgefunden hätten. Ferner habe der
(Nennung Verwandter) den Brief mit dem Dokument betreffend die (...)
Haftstrafe vernichtet, um sich nicht selber in Gefahr zu bringen, da Brief-
sendungen ins Ausland geöffnet würden. Auch die von ihm beauftragte tür-
kische Anwältin habe das Dokument nicht beschaffen können. Diese habe
dem Beschwerdeführer auf Nachfrage mitgeteilt, dass es zwar nicht üblich
sei, dass Leute in Abwesenheit verurteilt würden, es aber in seltenen Fällen
vorkomme, zumal in türkischen Prozessen oft Willkür herrsche.
Auch die Beschwerdeführerin sei traumatisiert und breche beim Anblick
von Polizeibeamten – selbst in der Schweiz – beinahe zusammen. Selbst
ihrem Ehemann könne sie nicht berichten, was sie in der Türkei alles erlebt
habe. Sie stehe derzeit in (...) Behandlung.
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Seite 10
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Durchsicht der Akten zum
Schluss, dass die Vorinstanz die Asylgesuche der Beschwerdeführenden
zu Recht abgelehnt hat. Im Wesentlichen kann auf die Erwägungen in den
angefochtenen Verfügungen verwiesen werden. Die Ausführungen auf Be-
schwerdeebene sind nicht geeignet, zu einer anderen Beurteilung zu ge-
langen.
7.2 Das SEM hat mit zutreffender Begründung die fehlende Substanz so-
wie widersprüchliche Äusserungen im Sachverhaltsvortrag des Beschwer-
deführers bezüglich der Untersuchungshaft, der behördlichen Anwerbever-
suche sowie hinsichtlich der Wiederaufnahme seiner Tätigkeit für die
J._ und der weiteren polizeilichen Repressionsmassnahmen be-
mängelt. Sein Einwand, wonach er infolge der Haft traumatisiert sei, wes-
halb er sich nicht mehr habe äussern können respektive wollen, überzeugt
nicht. So ergeben sich aus seinen Äusserungen oder seinem Verhalten
während der ergänzenden Anhörung keinerlei Hinweise auf eine Trauma-
tisierung, zumal er während derselben auch keine Bemerkungen in diese
Richtung machte, sondern zu Beginn vielmehr anführte, er fühle sich gut
und gesund (vgl. act. A32/11, F2). Zudem wurde er nochmals einlässlich
zur fraglichen Untersuchungshaft befragt, so insbesondere auch über all-
fällige Verhöre oder Befragungen während dieser Haft, deren Vorkommen
er explizit verneinte (vgl. act. A32/11, F27 ff.). Sodann stellten anlässlich
der Anhörung offenbar weder die jeweils befragende Person noch die Hilfs-
werkvertretung merkliche Verhaltensauffälligkeiten fest oder sahen sich je-
denfalls nicht veranlasst, diesbezügliche Feststellungen in den Anhörungs-
protokollen oder in einem Protokollanhang anzumerken, was aber regel-
mässig zu erwarten wäre bei entsprechenden Auffälligkeiten. Den Proto-
kollen sind überdies keinerlei Hinweise auf Konzentrationsschwierigkeiten
des Beschwerdeführers während den Befragungen zu entnehmen. Zudem
bestätigte er die Korrektheit und Wahrheit seiner Asylvorbringen nach
Rückübersetzung jeweils mit seiner Unterschrift. Aus diesem Grund lassen
sich die festgestellten erheblichen Unstimmigkeiten in den Asylbegründun-
gen nicht auf allenfalls bestehende traumatisierende Erlebnisse zurückfüh-
ren. Ferner erweist sich der Erklärungsversuch des Beschwerdeführers zu
seinen Angaben betreffend die Wiederaufnahme des Engagements für die
J._ als aktenwidrig. So brachte er in der ergänzenden Anhörung
vor, er habe nach der (Nennung Dauer) Haft die Wohnung nicht mehr ver-
lassen und auch das Parteibüro der J._ nicht mehr besucht (vgl.
act. A32/11, F33). Ferner stellt sich sein Vorbringen, er habe die Frage des
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Seite 11
SEM in der ergänzenden Anhörung nach Vorfällen im Zeitraum seines Un-
tertauchens bei einem Freund in K._ nicht verstanden, weil er ge-
dacht habe, es gehe darum, ob es seit seiner Flucht in die Schweiz zu
weiteren Razzien bei seiner (Nennung Verwandte) gekommen sei, ange-
sichts der in diesem Punkt eindeutigen Protokollvermerke in beiden Anhö-
rungen als blosse Schutzbehauptung dar (vgl. act. A20/17, F73ff.; A32/11,
F56, F58 ff.). Die vom Beschwerdeführer vorgebrachte Begründung, wes-
halb es ihm nicht möglich sei, ein Dokument zum Beleg seiner Verurteilung
in Abwesenheit zu einer (Nennung Strafe) vorzulegen (Vernichtung des
Dokumentes durch den (Nennung Verwandter) aus Angst vor behördlichen
Problemen), ist als logisch nicht nachvollziehbar und bezüglich des Unver-
mögens der türkischen Rechtsanwältin, das fragliche Urteil beizubringen –
obwohl sie gleichzeitig imstande war, diverse andere Strafunterlagen ein-
zureichen – als erfahrungswidrig zu qualifizieren. In Ermangelung einer
substanziierten Entgegnung ist sodann auch die vorinstanzliche Einschät-
zung, gemäss welcher die Ausführungen des Beschwerdeführers zur Un-
tersuchungshaft sowie der darauffolgenden Anwerbeversuche vage und
oberflächlich ausgefallen seien, weshalb nicht auf einen selbst erlebten
Sachverhalt geschlossen werden könne, zu bestätigen. Diese Einschät-
zung wird auch dadurch gestützt, dass sich in seinen diesbezüglichen
Äusserungen kaum Realkennzeichen finden lassen. So fehlen insbeson-
dere Ausführungen zu Interaktionen und inhaltlichen Besonderheiten be-
züglich der emotionalen Aspekte, zumal es sich den Akten zufolge um
seine erste Festnahme und Inhaftierung gehandelt habe und ihm die Be-
hörden darüber hinaus anlässlich der Anwerbeversuche mit dem Tod sei-
ner Kinder gedroht hätten (vgl. act. A32/11, F24-54 und da insbesondere
F33; A20/17, F56 ff.). Die in Frage stehenden Aussagen des Beschwerde-
führers sind über weite Strecken stereotyp und von einer Schlichtheit, dass
sie auch von einer am Ereignis gänzlich unbeteiligten Drittperson problem-
los nacherzählt werden könnten. An dieser Einschätzung ändern auch die
in der Beschwerdeschrift geltend gemachten Probleme der (Nennung Ver-
wandte) und des (Nennung Verwandter) des Beschwerdeführers nichts. So
lässt sich diesen Ausführungen nicht entnehmen, dass der Auslöser für den
behördlichen Druck die Probleme des Beschwerdeführers gewesen sein
sollen; zudem werden die entsprechenden Angaben durch keinerlei Belege
untermauert.
7.3 Bezüglich der von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Re-
flexverfolgung ist Folgendes festzuhalten: In Ermangelung von Unterlagen
zur angeblichen Verurteilung des Beschwerdeführers sowie der insgesamt
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als unglaubhaft zu erachtenden behördlichen Verfolgung und Haft sind da-
her auch die von ihr geltend gemachten Hausdurchsuchungen und die Vor-
fälle während denselben, in deren Verlauf sie von Beamten belästigt wor-
den sein soll, als nicht glaubhaft zu bezeichnen. Es bestehen deshalb
ebenso keine glaubhaften Anhaltspunkte für eine Reflexverfolgung bei der
Beschwerdeführerin. Wohl zeigte sie im Rahmen ihrer Anhörung bei der
Schilderung der angeblichen polizeilichen Razzia eine heftige emotionale
Reaktion (vgl. act. A19/14, S. 7 f.). Dies alleine lässt angesichts obiger Er-
örterungen jedoch noch keine Rückschlüsse auf einen glaubhaften Sach-
verhaltsvortrag zu; es ist vielmehr davon auszugehen, dass die gezeigte
Reaktion auf einem anderen Grund als dem von ihr in der Anhörung vor-
gebrachten Sachzusammenhang beruht. Ihren Angaben zufolge befindet
sie sich derzeit in psychiatrischer Behandlung (Beschwerdeschrift, Ziff.
3.2.1, letzter Absatz); sie sei sowohl in der Türkei als auch in der Schweiz
bereits in psychologischer Behandlung gewesen (vgl. act. A19/14, F9). Im
bisherigen Verlauf des Asyl- und Beschwerdeverfahrens hat die Beschwer-
deführerin jedoch weder medizinische Unterlagen eingereicht, welche
diese Darlegungen zu belegen vermöchten, noch deren Einreichung in
Aussicht gestellt. Nachdem aber entsprechende Unterlagen angesichts der
festgestellten Unglaubhaftigkeit zur Ursache der geltend gemachten Trau-
matisierung zu keiner anderen Erkenntnis zu führen vermöchten, kann auf
deren Nachforderung verzichtet werden (antizipierte Beweiswürdigung;
vgl. BVGE 2008/24 E. 7.2 S. 357).
7.4 Schliesslich erwog die Vorinstanz zu Recht, dass der Beschwerdefüh-
rer aus seiner Mitgliedschaft zur (grundsätzlich legalen) J._ keine
daraus resultierenden Nachstellungen der Behörden zu dokumentieren
vermag, nachdem er nicht glaubhaft machen kann, vor seiner Ausreise
deswegen ins Visier der heimatlichen Behörden geraten zu sein. In Erman-
gelung konkreter Entgegnungen kann zur Vermeidung von Wiederholun-
gen auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden.
7.5 Die Vorinstanz hat demnach die Asylgesuche der Beschwerdeführen-
den zu Recht abgelehnt.
8.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über
eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch
D-62/2021 und D-64/2021
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auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtenen Verfügungen
Bundesrecht nicht verletzen, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellen (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüg-
lich überprüfbar – angemessen sind. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwerdefüh-
renden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 900.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Der am 1. Februar 2021 in der gleichen Höhe geleistete
Kostenvorschuss ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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