Decision ID: 8d2d2589-4143-5975-a375-f43a38912d12
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die aus Kenia stammende Beschwerdeführerin (geb. 1977) gelangte am
16. Juli 2008 in die Schweiz und heiratete hier am 5. Januar 2009 den
Schweizer Bürger B._ (geb. 1971). Daraufhin erhielt sie im Rahmen
des Familiennachzugs zunächst eine Aufenthaltsbewilligung, später die
Niederlassungsbewilligung.
B.
Gestützt auf die Ehe ersuchte die Beschwerdeführerin am 4. November
2013 um erleichterte Einbürgerung, nachdem ein erstes gleichartiges Ge-
such vom 6. März 2012 von der Vorinstanz am 1. November 2012 wegen
Nichterfüllens des zeitlichen Wohnsitzerfordernisses nicht an die Hand ge-
nommen worden war.
Die Ehegatten unterzeichneten am 19. November 2014 zuhanden des Ein-
bürgerungsverfahrens eine Erklärung, wonach sie in einer tatsächlichen,
ungetrennten, stabilen ehelichen Gemeinschaft an derselben Adresse zu-
sammenlebten und weder Trennungs- noch Scheidungsabsichten bestün-
den. Gleichzeitig nahmen sie unterschriftlich zur Kenntnis, dass die erleich-
terte Einbürgerung nicht möglich ist, wenn vor oder während des Einbür-
gerungsverfahrens einer der Ehegatten die Trennung oder Scheidung be-
antragt hat oder keine tatsächliche eheliche Gemeinschaft mehr besteht,
und dass die Verheimlichung solcher Umstände zur Nichtigerklärung der
Einbürgerung führen kann.
Mit Verfügung der Vorinstanz vom 25. November 2014 wurde die Be-
schwerdeführerin erleichtert eingebürgert. Mit dem Schweizer Bürgerrecht
erwarb sie die Bürgerrechte des Kantons Zug und der Gemeinde Baar/ZG
(zum Ganzen Akten der Vorinstanz [SEM-act] 1/18 ff. und 0/1 ff.).
C.
Mitte Juli 2016 trennten sich die Ehegatten offiziell durch Auszug der Be-
schwerdeführerin aus der ehelichen Wohnung. Bereits zuvor, am 2. Mai
2016, hatten die Ehegatten ein gemeinsames Scheidungsbegehren einge-
reicht. Am 24. Oktober 2016 (rechtskräftig am 1. Dezember 2016) wurde
die Ehe der Beschwerdeführerin kinderlos geschieden.
Am 22. Dezember 2017 heiratete die Beschwerdeführerin in Tansania den
tansanischen Staatsangehörigen C._ (geb. 1985). Dieser war un-
mittelbar zuvor aus der Schweiz, wo er sich seit 2008 grossmehrheitlich
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unter einer anderen Identität als Asylgesuchsteller aufgehalten hatte, nach
Tansania zurückgekehrt. Er gelangte am 31. Dezember 2018 im Rahmen
des bewilligten Familiennachzugs erneut in die Schweiz und ist im Besitz
einer Aufenthaltsbewilligung.
D.
Bereits am 7. Dezember 2016 hatte der Kanton Zug die Vorinstanz über
die Scheidung der Beschwerdeführerin orientiert und angeregt, im Rahmen
eines Verfahrens auf Nichtigerklärung der erleichterten Einbürgerung zu
klären, ob der Bürgerrechtserwerb der Beschwerdeführerin widerrechtlich
erfolgte (SEM-act. 2/60).
Nach diversen Vorabklärungen zeigte die Vorinstanz der Beschwerdefüh-
rerin am 30. Oktober 2017 die Eröffnung eines solchen Verfahrens an, un-
terbreitete ihr einen Fragenkatalog zur Beantwortung und gab ihr Gelegen-
heit zur Stellungnahme (SEM-act. 22/85).
Der Aufforderung zur Beantwortung der Fragen und zur Stellungnahme
kam die Beschwerdeführerin am 24. November 2017 nach (SEM-act.
23/87). Mit einer weiteren Eingabe vom 4. Januar 2018 beantwortete sie
eine Reihe von Ergänzungsfragen (SEM-act. 25/102). Der ebenfalls ange-
fragte Ex-Ehemann äusserte sich am 2. März 2018 (SEM-act. 28/112) und
28. Mai 2018 (SEM-act. 33/120). Die Beschwerdeführerin nahm dazu am
3. Juli und 18. September 2018 Stellung (SEM-act. 35/140 bzw. 43/163).
E.
Am 17. April 2019 erteilte der Zivilstands- und Bürgerrechtsdienst des Kan-
tons Zug seine Zustimmung zur Nichtigerklärung der erleichterten Einbür-
gerung der Beschwerdeführerin (SEM-act. 61/213).
F.
Mit Verfügung vom 20. Mai 2019 erklärte die Vorinstanz die erleichterte
Einbürgerung der Beschwerdeführerin für nichtig (SEM-act. 62.1/214).
G.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 24. Juni 2019 gelangte die Beschwerdefüh-
rerin über ihren Rechtsvertreter an das Bundesverwaltungsgericht und be-
antragte die ersatzlose Aufhebung der vorgenannten Verfügung, eventua-
liter deren Aufhebung und die Rückweisung an die Vorinstanz zu neuer
Entscheidung (Akten des Rechtsmittelverfahrens [Rek-act.] 1 und 2).
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Seite 4
H.
Mit Vernehmlassung vom 3. September 2019 schloss die Vorinstanz auf
Abweisung der Beschwerde (Rek-act. 11).
I.
Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit rechtserheblich, in den Erwägun-
gen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Mit dem am 1. Januar 2018 in Kraft getretenen Bürgerrechtsgesetz vom
20. Juni 2014 (BüG, SR 141.0) wurde der gleichnamige Erlass vom
29. September 1952 (aBüG, AS 1952 1087) aufgehoben (vgl. Art. 49 BüG
i.V.m. Ziff. I seines Anhangs). Gemäss der Übergangsbestimmung von
Art. 50 Abs. 1 BüG richten sich Erwerb und Verlust des Schweizer Bürger-
rechts nach dem Recht, das bei Eintritt des massgebenden Tatbestandes
in Kraft steht. Das ist in der vorliegenden Streitsache das bisherige Recht,
weshalb diese materiell nach dem alten Bürgerrechtsgesetz zu beurteilen
ist (vgl. Urteile des BVGer F-1034/2019 vom 7. Dezember 2020 [Referenz-
urteil] E. 3 und F-2870/2018 vom 15. April 2020 E. 3).
2.
2.1 Verfügungen des SEM über die Nichtigerklärung einer erleichterten
Einbürgerung unterliegen der Beschwerde an das Bundesverwaltungsge-
richt (Art. 47 Abs. 1 BüG i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
2.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
2.3 Die Beschwerdeführerin ist zur Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49
VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren
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das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG
an die Begründung der Begehren nicht gebunden und kann die Be-
schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis-
sen oder abweisen (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.)
4.
4.1 Gemäss Art. 27 Abs. 1 aBüG kann eine ausländische Person nach der
Eheschliessung mit einem Schweizer Bürger ein Gesuch um erleichterte
Einbürgerung stellen, wenn sie insgesamt fünf Jahre in der Schweiz ge-
wohnt hat, seit einem Jahr hier wohnt und seit drei Jahren in ehelicher Ge-
meinschaft mit einem Schweizer Bürger lebt. In allgemeiner, für alle For-
men der erleichterten Einbürgerung geltenden Weise setzt Art. 26 Abs. 1
aBüG voraus, dass die ausländische Person in der Schweiz integriert ist
(Bst. a), die schweizerische Rechtsordnung beachtet (Bst. b) und die in-
nere oder äussere Sicherheit der Schweiz nicht gefährdet (Bst. c). Sämtli-
che Einbürgerungsvoraussetzungen müssen sowohl bei Einreichung des
Gesuchs als auch anlässlich der Einbürgerungsverfügung erfüllt sein. Fehlt
es im Zeitpunkt des Einbürgerungsentscheids an der ehelichen Gemein-
schaft, darf die erleichterte Einbürgerung nicht ausgesprochen werden
(BGE 140 II 65 E. 2.1 m.H.).
4.2 Der Begriff der ehelichen Gemeinschaft bedeutet nach der bundesge-
richtlichen Rechtsprechung mehr als das formelle Bestehen einer Ehe. Ver-
langt wird vielmehr eine tatsächliche Lebensgemeinschaft, die vom beid-
seitigen Willen der Ehepartner getragen wird, ihre Ehe auch künftig auf-
recht zu erhalten. Zweifel am Willen der Ehegatten, die eheliche Gemein-
schaft aufrecht zu erhalten, können sich dann ergeben, wenn kurze Zeit
nach der erleichterten Einbürgerung die Trennung erfolgt oder die Schei-
dung eingeleitet wird (BGE 135 II 161 E. 2 m.H.), ein Ehegatte während
der Ehe ein aussereheliches Kind zeugt (vgl. Urteil des BGer 1C_27/2011
vom 21. März 2011 E. 6.4.1) oder eine Zweitehe schliesst, der Prostitution
nachgeht oder sich in einer anderen Weise verhält, die in grobem Wider-
spruch steht zum traditionellen Bild der Ehe als einer ungeteilten, von
Treue und Beistand getragenen Geschlechtergemeinschaft zwischen
Mann und Frau (vgl. Urteil des BVGer F-2182/2015 vom 18. Oktober 2016
E. 3.2 m.H.).
5.
5.1 Nach Art. 41 Abs. 1 aBüG kann die Einbürgerung vom Bundesamt mit
Zustimmung der Behörde des Heimatkantons nichtig erklärt werden, wenn
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sie durch falsche Angaben oder Verheimlichung erheblicher Tatsachen er-
schlichen worden ist. Das blosse Fehlen der Einbürgerungsvoraussetzun-
gen genügt nicht. Die Nichtigerklärung der Einbürgerung setzt voraus, dass
diese "erschlichen", das heisst mit einem unlauteren und täuschenden Ver-
halten erwirkt worden ist. Andererseits ist keine Arglist im Sinne des Straf-
rechts erforderlich. Es genügt, dass die gesuchstellende Person bewusst
falsche Angaben macht bzw. die Behörde bewusst in einem falschen Glau-
ben lässt und so den Vorwurf auf sich zieht, es unterlassen zu haben, über
eine erhebliche Tatsache zu informieren (vgl. BGE 140 II 65 E. 2.2 m.H.).
5.2 Weiss die betroffene Person, dass die Voraussetzungen für die erleich-
terte Einbürgerung auch im Zeitpunkt der Verfügung vorliegen müssen, so
muss sie die Behörde unaufgefordert über eine nachträgliche Änderung
der Verhältnisse orientieren, von der sie weiss oder wissen muss, dass sie
einer Einbürgerung entgegensteht. Die Pflicht dazu ergibt sich aus dem
Grundsatz von Treu und Glauben nach Art. 5 Abs. 3 BV und aus der ver-
fahrensrechtlichen Mitwirkungspflicht nach Art. 13 Abs. 1 Bst. a VwVG. Die
Behörde ihrerseits darf sich darauf verlassen, dass die vormals erteilten
Auskünfte bei passivem Verhalten der gesuchstellenden Person nach wie
vor der Wirklichkeit entsprechen (vgl. BGE 140 II 65 E. 2.2 m.H.).
5.3 Die Täuschungshandlung der gesuchstellenden Person muss sich auf
einen erheblichen Sachverhalt beziehen. Erheblich im Sinne von Art. 41
Abs. 1 aBüG ist ein Sachverhalt nicht nur, wenn seine pflichtgemässe Of-
fenlegung dazu geführt hätte, dass die mit der Einbürgerung befasste Be-
hörde das Vorliegen einer Einbürgerungsvoraussetzung verneint und die
Einbürgerung verweigert hätte. Es genügt, wenn der Sachverhalt, wäre er
der Behörde bekannt gewesen, begründete Zweifel am Vorliegen einer sol-
chen Voraussetzung geweckt und die Einbürgerung ernsthaft in Frage ge-
stellt hätte bzw. eine solche nicht ohne weitere Beweismassnahmen hätte
verfügt werden können (vgl. Urteil des BVGer F-2375/2016 vom 29. März
2018 E. 5.3 m.H.).
5.4 Die Möglichkeit der Nichtigerklärung geht durch Zeitablauf unter.
Art. 41 Abs. 1bis aBüG statuierte hierfür seit dem 1. März 2011 eine diffe-
renzierte Fristenregelung, die vom neuen Recht unverändert übernommen
wurde (vgl. Art. 36 Abs. 2 BüG). Demnach kann die Einbürgerung innert
zwei Jahren, nachdem das SEM vom rechtserheblichen Sachverhalt
Kenntnis erhalten hat, spätestens aber innert acht Jahren nach dem Er-
werb des Schweizer Bürgerrechts, nichtig erklärt werden. Nach jeder Un-
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tersuchungshandlung, die der eingebürgerten Person mitgeteilt wird, be-
ginnt eine neue zweijährige Verjährungsfrist zu laufen. Während eines Be-
schwerdeverfahrens stehen die Fristen still (vgl. dazu Urteil des BVGer
F-2182/2015 vom 18. Oktober 2016 E. 5).
6.
6.1 Das Verfahren auf Nichtigerklärung der erleichterten Einbürgerung
richtet sich nach dem VwVG (vgl. Art. 1 Abs. 1 und 2 Bst. a VwVG). Es gilt
namentlich der Untersuchungsgrundsatz (Art. 12 VwVG). Die Behörde hat
daher von Amtes wegen zu untersuchen, ob der betroffenen Person die
Täuschung über eine Einbürgerungsvoraussetzung vorgeworfen werden
kann, wozu insbesondere die Existenz eines beidseitig intakten und geleb-
ten Ehewillens gehört. Da die Nichtigerklärung in die Rechte der betroffe-
nen Person eingreift, liegt die Beweislast bei der Behörde. Allerdings geht
es in der Regel um innere, dem Kern der Privatsphäre zugehörige Sach-
verhalte, die der Behörde nicht bekannt und einem direkten Beweis natur-
gemäss kaum zugänglich sind. Sie können regelmässig nur indirekt durch
Indizien erschlossen werden. Die Behörde kann sich darüber hinaus auch
veranlasst sehen, von bekannten Tatsachen (Vermutungsbasis) auf unbe-
kannte (Vermutungsfolge) zu schliessen. Solche sogenannten natürlichen
bzw. tatsächlichen Vermutungen stellen eine besondere Form des Indizi-
enbeweises dar und können sich in allen Bereichen der Rechtsanwendung
ergeben, namentlich auch im öffentlichen Recht. Dabei handelt es sich um
Wahrscheinlichkeitsfolgerungen, die aufgrund der Lebenserfahrung gezo-
gen werden. Die betroffene Person ist bei der Sachverhaltsabklärung mit-
wirkungspflichtig (vgl. BGE 140 II 65 E. 2.2, BGE 135 II 161 E. 3 je m.H.).
6.2 Die natürliche Vermutung gehört zur freien Beweiswürdigung (Art. 19
VwVG i.V.m. Art. 40 BZP [SR 273]). Sie stellt eine Beweiserleichterung dar,
indem eine bereits vorhandene, aber nicht mit letzter Schlüssigkeit mögli-
che Beweisführung unterstützt wird. Eine Umkehr der Beweislast hat sie
nicht zur Folge. Wenn daher bestimmte Tatsachen - bspw. die Chronologie
der Ereignisse - die natürliche Vermutung begründen, dass die erleichterte
Einbürgerung erschlichen wurde, muss die betroffene Person nicht den Be-
weis für das Gegenteil erbringen. Sie bringt die natürliche Vermutung be-
reits mit dem Gegenbeweis zu Fall (HANS PETER WALTER, Berner Kommen-
tar, 2012, N. 476 zu Art. 8 ZGB). Hierfür genügt es, dass die betroffene
Person einen Grund anführt, der es dem Gericht plausibel erscheinen lässt,
dass sie die Behörde nicht getäuscht hat. Bei diesem Grund kann es sich
um ein ausserordentliches, nach der erleichterten Einbürgerung eingetre-
tenes Ereignis handeln, das zum raschen Scheitern einer vormals intakten
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Ehe führte, oder die betroffene Person kann plausibel darlegen, dass sie
die Ernsthaftigkeit ehelicher Probleme nicht erkannte und den wirklichen
Willen hatte, mit dem Schweizer Ehepartner auch weiterhin in einer stabi-
len ehelichen Gemeinschaft zu leben (vgl. BGE 135 II 161 E. 3 m.H.; Urteil
des BVGer C-333/2012 vom 21. August 2014 E. 4.2).
6.3 Bezogen auf den Bestand einer intakten ehelichen Ehegemeinschaft
lautet der auf dem zeitlichen Ablauf der Ereignisse basierende Erfahrungs-
satz, welcher der natürlichen Vermutung zugrunde liegt, folgendermassen:
Ausserordentliche Umstände vorbehalten führen Probleme zwischen Ehe-
gatten nicht innerhalb weniger Monate zum definitiven Scheitern einer zu-
vor intakten Ehe. Bis der Punkt erreicht ist, an dem die Ehe augenfällig als
gescheitert betrachtet werden muss, bedarf es gewisser Zeit. Die natürli-
che Vermutung ist demnach umso überzeugender, je kürzer die Zeitspanne
zwischen dem Einbürgerungszeitpunkt und der Trennung der Ehegatten
beziehungsweise der Einleitung der Scheidung ausfällt. Die aktuelle Recht-
sprechung geht von einer hinreichend raschen chronologischen Verkettung
der Ereignisse aus, wenn zwischen dem Einbürgerungszeitpunkt und der
Trennung der Ehegatten beziehungsweise der Einleitung der Scheidung
bis zu 20 Monate vergehen, wobei der Schwerpunkt bei einigen wenigen
Monaten liegt. Als nicht mehr ausreichend werden von der Rechtsprechung
23 bzw. 24 Monate betrachtet (vgl. Urteil des BGer 2C_220/2019 vom
30. Oktober 2019 E. 4.2; ferner Urteile des BVGer F-789/2019 vom
19. Februar 2021 E. 5.2, F-2236/2020 vom 18. Februar 2021 E. 9.1; je
m.H.).
7.
Vorliegend sind die Fristen von Art. 41 Abs. 1bis aBüG - sowohl die zwei-
jährige relative als auch die achtjährige absolute Verjährungsfrist - einge-
halten. Auch die von Art. 41 Abs. 1 aBüG verlangte Zustimmung des zu-
ständigen Heimatkantons liegt vor. Die formellen Voraussetzungen für die
Nichtigerklärung der erleichterten Einbürgerung sind somit erfüllt.
8.
8.1 Den Akten kann entnommen werden, dass die Beschwerdeführerin und
ihr damaliger Ehemann am 2. Mai 2016 ein gemeinsames Scheidungsbe-
gehren gestellt haben. Zweieinhalb Monate später, Mitte Juli 2016, verliess
die Beschwerdeführerin die eheliche Wohnung, und am 1. Dezember 2016
erwuchs das am 24. Oktober 2016 ergangene Scheidungsurteil in Rechts-
kraft. Zwischen der gemeinsamen Erklärung der Ehegatten zum Zustand
der ehelichen Gemeinschaft vom 19. November 2014 und der sechs Tage
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später, am 25. November 2014, verfügten erleichterten Einbürgerung ei-
nerseits und dem gemeinsamen Scheidungsbegehren vom 2. Mai 2016
vergingen weniger als 18 Monate. Dieser zeitliche Abstand ist nach Mass-
gabe der oben zitierten Rechtsprechung noch geeignet, die natürliche Ver-
mutung zu begründen, dass die Ehe der Beschwerdeführerin bereits zum
Zeitpunkt der erleichterten Einbürgerung nicht mehr intakt war und die Be-
hörde über diesen Umstand getäuscht wurde (vgl. oben E. 6.3). Die Be-
schwerdeführerin bestreitet diese Annahme. Nachfolgend ist zu prüfen, ob
es ihr gelingt, die natürliche Vermutung durch Gegenbeweis zu erschüttern
(vgl. dazu E. 6.2).
8.2 Gemäss der Darstellung in der Beschwerdeschrift, die insoweit mit den
Vorbringen der geschiedenen Ehegatten im erstinstanzlichen Verfahren
übereinstimmen, verlief die Ehe bis Anfang des Jahres 2016 sehr gut und
ohne nennenswerte Zwischenfälle. Es habe die üblichen ehelichen Unstim-
migkeiten gegeben, doch hätten beide Ehegatten bis Anfang des Jahres
2016 fest an die Ehe geglaubt. Die grössten Probleme in ihrer Ehe seien
die knappen finanziellen Mittel sowie der trotz intensiver Bemühungen
nicht erfüllte gemeinsame Kinderwunsch gewesen.
Die natürlichen Versuche, ihren Kinderwunsch zu erfüllen, seien geschei-
tert. Die Beschwerdeführerin habe zwei Fehlgeburten sowie eine Eileiter-
schwangerschaft erlitten. Deshalb hätten sich die Ehegatten in ärztliche
Behandlung begeben. Aus dem ärztlichen Bericht von Dr. med. D._,
FMH für Gynäkologie und Geburtshilfe, Reproduktionsmedizin und gynä-
kologische Endokrinologie, vom 20. März 2013, eingereicht als Beilage zur
Stellungnahme an die Vorinstanz vom 18. September 2018 (SEM-act.
43/172) ergebe sich, dass bei der Beschwerdeführerin seit dem Jahr 2011
eine primäre Infertilität mit Kinderwunsch bestehe. Es handle sich um eine
multifaktorielle Sterilität mit Tubenverschluss, männliche Subfertilität und
Verdacht auf ein Myom an der Gebärmutter. Ausserdem habe bei der Be-
schwerdeführerin bereits eine Laparaskopie mit Zystenentfernung am lin-
ken Eierstock durchgeführt werden müssen. Dr. D._ halte im ge-
nannten Bericht fest, dass sie am 12. März 2013 anlässlich einer Kinder-
wunschsprechstunde mit dem Ehepaar die Möglichkeit einer intrazytoplas-
matischen Spermieninjektionstherapie (ICSI-Therapie) besprochen und
die Kosten, den Aufwand sowie die sehr geringen Chancen für den Erfolg
einer einseitigen Insemination dargelegt habe, ferner, dass die Beschwer-
deführerin möglichst eine erfolgsversprechende Therapie durchführen
wolle.
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Seite 10
Nebst den geringen Erfolgsaussichten der Therapie hätten auch finanzielle
Schwierigkeiten das Ehepaar geplagt. Sie hätten Schulden aus einem
Auto-Leasinggeschäft abzahlen müssen. Zusätzlich habe die Beschwerde-
führerin aufgrund ihrer zahlreichen ärztlichen Behandlungen anstehende
Rechnungen gehabt. Das Einkommen der Ehegatten habe nicht ausge-
reicht, um zusätzlich noch eine derart teure Therapie mit ungewissen Er-
folgsaussichten durchzuführen. Der gemeinsame Kinderwunsch sei jedoch
bis ins Jahr 2016 unverändert geblieben, wie die Beschwerdeführerin und
ihr geschiedener Ehemann im Rahmen des erstinstanzlichen Verfahrens
übereinstimmend versichert hätten (Eingabe der Beschwerdeführerin vom
3. Juli 2018 [SEM-act. 35/140], Eingabe des geschiedenen Ehemannes
vom 28. Mai 2018 Ziff. 3 [SEM-act. 33/120], je Antwort auf Frage 3). Als
Anfang des Jahrs 2016 der Kinderwunsch immer noch unerfüllt geblieben
sei, hätten die ehelichen Spannungen zugenommen. Am 2. Mai 2016
schliesslich hätten sie ein gemeinsames Scheidungsbegehren gestellt.
8.3 Vorweg ist zu betonen, dass das Bundesverwaltungsgericht keine
Zweifel daran hegt, dass die Beschwerdeführerin und ihr Ex-Ehemann
lange Zeit eine intakte Ehe geführt haben. Das dürfte trotz vorbestandener
finanzieller Probleme noch im ersten Halbjahr 2013 der Fall gewesen sein.
Den Akten kann nämlich entnommen werden, dass die Ehegatten noch am
12. März 2013 die Kinderwunschsprechstunde von Dr. D._ besuch-
ten (ärztlicher Bericht Dr. D._ vom 20. März 2013, SEM-act.
43/172). Die Frage lautet, bis wann dies der Fall war. Soweit die Beschwer-
deführerin und ihr Ex-Ehemann behaupten, ihre Ehe sei bis Anfang des
Jahres 2016 sehr gut verlaufen, überzeugen sie nicht. Dann damit wird ein
erklärungsbedürftiger Geschehensablauf - der Zerfall einer zuvor intakten,
auf die Zukunft ausgerichteten Ehe ohne besonderen Vorfall innerhalb der
vergleichsweise kurzen Frist von 18 Monaten – durch einen noch unwahr-
scheinlicheren erklärt – nämlich den Zerfall einer solchen intakten Ehe
ohne nachträglichen Grund innert der noch wesentlich kürzeren Frist von
5 Monaten. Der unerfüllte Kinderwunsch der Ehegatten und die finanziellen
Schwierigkeiten bestanden als ernsthafte Probleme bereits vorher, und es
kann mit Fug ausgeschlossen werden, dass sie bis Anfang des Jahres
2016 unterhalb der Schwelle geblieben waren, ab der nicht mehr von einer
intakten Ehe ausgegangen werden kann, um dann ohne besonderen
Grund zu eskalieren und innerhalb weniger Monate zum definitiven Schei-
tern einer zuvor angeblich sehr guten Ehe zu führen. Es ist vielmehr von
einem wesentlich längeren und schmerzlichen Zerrüttungsprozess auszu-
gehen, den die Ehegatten sicherlich bewusst durchlebten. Für den Aus-
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Seite 11
gang der vorliegenden Streitsache ist entscheidend, ob dieser Zerrüttungs-
prozess bereits zum Einbürgerungszeitpunkt im November 2014 so weit
fortgeschritten war, dass die damaligen Ehegatten die gemeinsame Erklä-
rung zum Zustand ihrer Ehe nicht mehr in guten Treuen abgeben durften.
In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass im erstinstanzli-
chen Verfahren die Frage der Finanzierbarkeit der Therapie bis zu den ab-
schliessenden Stellungnahmen der Beschwerdeführerin vom 3. Juli 2018
und 18. September 2018 nur eine untergeordnete Rolle spielte. Der Auf-
nahme der Therapie stand nach der ursprünglichen Darstellung entgegen,
dass sich der Ex-Ehemann aus grundsätzlichen Erwägungen gegen eine
künstliche Befruchtung aussprach (Eingabe der Beschwerdeführerin vom
4. Januar 2018, Antwort auf Frage 2 [SEM-act. 25/102], Eingabe des Ex-
Ehemannes vom 2. Mai 2018, Antworten auf Fragen 4, 5, 6 und 8 [SEM-
act. 33/120]). Obschon die geschiedenen Ehegatten eine zeitliche Veror-
tung dieses Entscheides nicht vornehmen, ergibt sich aus den Akten und
ihrer Darstellung, dass er im Wesentlichen im Sommer 2013 festgestanden
haben dürfte, als der Ex-Ehemann im Hinblick auf sein berufliches Fort-
kommen eine Ausbildung aufnahm. Denn einerseits waren eine ICSI-The-
rapie, deren Kosten und die sehr geringen Erfolgschancen einer Insemina-
tion bereits im März 2013 ein Thema (vgl. die medizinische Dokumentation
als Beilage zur Eingabe der Beschwerdeführerin vom 18. September 2018,
SEM-act. 43/169-174) und andererseits stellten die geschiedenen Ehegat-
ten im Rahmen der soeben zitierten Stellungnahmen übereinstimmend ei-
nen kausalen Zusammenhang her zwischen der Einsicht, dass sich der
Kinderwunsch unter den gegebenen Umständen kaum werde realisieren
lassen, und der vermehrten Konzentration namentlich des Ex-Ehemannes
auf das eigene berufliche Fortkommen. Dazu gehörte die Aufnahme der
Ausbildung im Sommer 2013 (Eingabe der Beschwerdeführerin vom 4. Ja-
nuar 2018, Antwort auf Frage 2, Eingabe des Ex-Ehemannes vom 2. Mai
2018, Antworten auf Fragen 4 und 12 [SEM-act. 33/120]).
Es kann daher davon ausgegangen werden, dass der Prozess, der
schliesslich zum Scheitern der zuvor intakten Ehe führte, im Sommer 2013
einsetzte. Die gemeinsame Erklärung zum Zustand der ehelichen Gemein-
schaft und die erleichterte Einbürgerung folgten ungefähr 1 Jahr und 4 Mo-
nate später und bis zur Einreichung des gemeinsamen Scheidungsbegeh-
rens im Mai 2016 dauerte es ein weiteres Jahr und 6 Monate. Unter den
gegebenen Umständen liegt es keineswegs auf der Hand, dass der mit der
Einreichung des gemeinsamen Scheidungsbegehrens abgeschlossene,
insgesamt rund 2 Jahre und 10 Monate dauernde Prozess zum Zeitpunkt
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Seite 12
der erleichterten Einbürgerung bereits so weit fortgeschritten war, dass die
damaligen Ehegatten nicht mehr in guten Treuen die Erklärung zum Zu-
stand ihrer Ehe abgeben durften. Diese Beurteilung wird durch weitere Ele-
mente gestützt, die den Ablauf des Zerrüttungsprozesses gegen Ende be-
schleunigt haben dürften. Zum einen wohnte seit Ende 2013/Anfang 2014
ein Jugendfreund des Ex-Ehemannes in der Familienwohnung der Ehegat-
ten. Seine Anwesenheit wirkte sich nach Darstellung der geschiedenen
Ehegatten mit der Zeit zunehmend störend auf ihr Privatleben aus (vgl.
etwa Eingabe der Beschwerdeführerin vom 4. Januar 2018, Antwort auf
Frage 3 [SEM-act. 25/102], vom 3. Juli 2018, Antwort auf Frage 15 [SEM-
act. 35/140], und vom 18. September 2018, S. 2 [SEM-act. 42/163], Ein-
gabe des Ex-Ehemannes vom 28. Mai 2018, Antwort auf Frage 15 [SEM-
act. 33/120]). Zum anderen geht aus den Akten hervor, dass die Beschwer-
deführerin erst nach ihrer Einbürgerung die Bekanntschaft ihres heutigen
Ehemannes machte, den sie rund ein Jahr nach der Rechtskraft ihrer
Scheidung heiratete.
9.
Gesamthaft gesehen erscheint es unter den gegebenen Umständen als
nicht unplausibel, dass der Zerrüttungsprozess, der die Ehe schliesslich
scheitern liess, zum Einbürgerungszeitpunkt noch nicht einen Grad erreicht
hat, der es der Beschwerdeführerin in guten Treuen nicht mehr gestattet
hätte, ihre Erklärung zum Bestand einer intakten und stabilen Ehe abzuge-
ben. Nachdem in antizipierter Beweiswürdigung ausgeschlossen werden
kann, dass weitere Beweiserhebungen zu einem Erkenntnisgewinn führen,
ist die Beweisführung auf der Grundlage der natürlichen Vermutung und
erst Recht im Sinne eines Vollbeweises als endgültig gescheitert anzuse-
hen. Entsprechend der Beweislastverteilung muss daher davon ausgegan-
gen werden, dass die tatbeständlichen Voraussetzungen des Art. 41 Abs.
1 aBüG für eine Nichtigerklärung der erleichterten Einbürgerung nicht er-
füllt sind. Indem die angefochtene Verfügung vom Gegenteil ausgeht, ver-
letzt sie Bundesrecht (Art. 49 Bst. a VwVG). Sie ist in Gutheissung der Be-
schwerde ersatzlos aufzuheben.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (vgl.
Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG), und es ist der durch einen Anwalt vertretenen
Beschwerdeführerin zu Lasten der Vorinstanz für die ihr erwachsenen not-
wendigen Kosten eine angemessene Parteientschädigung zuzusprechen
(vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG, Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar
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2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Der Rechtsvertreter hat am 24. Oktober 2019 eine Kostennote eingereicht,
mit der er einen Betrag von Fr. 4'816.34 ausweist, bestehend aus dem Ho-
norar von F. 4'300.- (860 Minuten zu einem Stundenansatz von Fr. 300.-),
einer Spesenpauschale von Fr. 172.- (4 % der Honorarsumme von
Fr. 4'300.-) und der Mehrwertsteuer von Fr. 344.34 (7.7 % auf Fr. 4'472.-).
Hinsichtlich des Stundenansatzes ist die Kostennote nicht zu beanstanden.
Der geltend gemachte zeitliche Aufwand von rund 14.5 Stunden erscheint
jedoch mit Blick auf den Umfang der Parteieingaben, die tatbeständliche
und rechtliche Komplexität der Streitsache sowie Vergleichsfälle als zu
hoch. Er ist in Anwendung von Art. 10 Abs. 1 VGKE auf 8 Stunden festzu-
setzen. Entsprechend ist der Auslagenersatz zu reduzieren.
Daraus ergeben sich ersatzfähige Kosten der Vertretung von Fr. 2'688.20,
wovon Fr. 2'400.- auf das Anwaltshonorar, Fr. 96.- auf die Auslagen und
Fr. 192.20 auf die Mehrwertsteuer (7.7 % auf Fr. 2’496.-) entfallen. Der Be-
schwerdeführerin ist zu Lasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung in
dieser Höhe zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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