Decision ID: 0a5bd766-09b2-4691-adc5-6faedb7dd3ae
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
B._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Christoph Anwander, Bahnhofstrasse 21,
Postfach 21, 9101 Herisau,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a Die 1982 geborene B._ meldete sich am 26. November 2004 zum Bezug von
Leistungen der IV an (berufliche Massnahmen, Rente; act. G 4.1/13). Zuvor hatte sie
vom 1. Februar 2002 bis 31. Juli 2003 bei A._ als Fleischverkäuferin gearbeitet (act.
G 4.1/15.1). In seinem Arztbericht vom 2. April 2005 diagnostizierte der Hausarzt Dr.
med. C._ degenerative Diskopathien L4/5 und L5/S1 sowie einen Status nach medio-
rechts-lateralen Diskusprotrusionen L4/5 und L5/S1, bestehend seit November 1999.
Ab 5. Juli 2003 bestehe bis auf weiteres eine 100 %-ige Arbeitsunfähigkeit (act. G
4.1/17.1).
Vom 22. August 2005 bis zum 17. September 2005 absolvierte die Versicherte in der
Klinik Valens ohne Erfolg ein Rehabilitationsprogramm für Schmerzkranke und war
danach weiterhin zu 100 % arbeitsunfähig geschrieben (act. G 4.1/27). Da die
Versicherte am 20. Mai 2004 ihr erstes Kind geboren hatte, fand am 6. Dezember 2005
zwecks Qualifikation eine Abklärung an Ort und Stelle statt. Diese ergab, dass die
Versicherte als Gesunde zu 100 % erwerbstätig wäre, weshalb die Einschränkung im
Haushalt nicht massgebend sei (act. G 4.1/28).
Mit Arztbericht vom 14. Februar 2006 diagnostizierte die behandelnde D._,
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, eine leichte depressive Episode
mit somatischem Syndrom (F32.01) sowie eine somatoforme Schmerzstörung (F45.4)
und attestierte der Versicherten aus psychiatrischer Sicht eine Arbeitsfähigkeit von
maximal 50 % (act. G 4.1/31). Am 2. und 3. Februar 2006 erfolgte auf Anordnung der
IV-Stelle eine Untersuchung bei der Zentrum für Arbeitsmedizin, Ergonomie und
Hygiene AG, Zürich (AEH). Die Diagnosen lauteten auf lumbospondylogenes Syndrom
beidseits bei/mit Wirbelsäulenfehlform und -fehlhaltung, leichten degenerativen
Veränderungen der LWS mit Chondrosen L4/L5, L5/S1, muskulärer Dysbalance und
Insuffizienz. Die Arbeitsfähigkeit in der angestammten oder einer anderen beruflichen
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Tätigkeit konnte von der AEH auf Grund der Selbstlimitierung der Versicherten nicht
beurteilt werden. Medizinisch-theoretisch (aus rheumatologisch-orthopädischer Sicht)
hielt die AEH eine leichte, wechselbelastende Tätigkeit für ganztags zumutbar, unter
Berücksichtigung vermehrter Pausen im Umfang von zwei Stunden (act. G 4.1/34). Am
10. und 28. Februar 2006 erfolgte zudem eine psychiatrische Abklärung in der Klinik
Gais. Im Gutachten vom 23. Mai 2006 diagnostizierten Dr. med. E._ und Dr. med.
F._ eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (F45.4), eine leichte depressive
Episode (F 32.0) sowie - ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit - eine
Persönlichkeitsakzentuierung (Z73.1). In Bezug auf die bisherige Tätigkeit stelle die
Schmerzsymptomatik, verstärkt durch den depressiven Verarbeitungsmodus, den
limitierenden Faktor dar, sodass für diese Tätigkeit weitgehende Leistungsunfähigkeit
bestehe. Der Versicherten seien jedoch aus psychiatrischer Sicht andere Tätigkeiten
zumutbar. Dabei sei zunächst eine Wiedereingliederungsmassnahme angezeigt, da die
Versicherte mit der direkten Wiederaufnahme einer Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt
überfordert wäre. In einem unterstützten Rahmen könne in einer Tätigkeit, die den
Wechsel von Sitzen und Stehen gewährleiste, keine Zwangshaltungen oder schweres
Heben erfordere, sowie zu Beginn Auffassungsgabe und Flexibilität der Versicherten
nicht überschreite, von einer Leistungsfähigkeit von ca. 50 % (vier Stunden pro Tag)
ausgegangen werden. Bei positivem Verlauf könne aus psychiatrischer Sicht die
Leistungsfähigkeit gesteigert werden. Es liege noch kein dauerhaft und zwingend
invalidisierender Krankheitsprozess vor (act. G 4.1/36).
In der nachträglichen Konsensbeurteilung (bzw. dem nachträglichen Einbezug des
psychiatrischen Gutachtens) vom 21. Juli 2006 übernahm die AEH die
Arbeitsfähigkeitsschätzung der Klinik Gais. Bei einer Steigerung der Leistungsfähigkeit
aus psychiatrischer Sicht, nach Durchführung zumutbarer, indizierter psychiatrisch-
psychothera-peutischer Therapie sei eine adaptierte Tätigkeit sogar zu 100 %
zumutbar (act. G 4.1/41).
A.b Nachdem nach Ansicht des RAD vom 15. August 2006 noch kein stabiler,
therapierefraktärer Gesundheitszustand vorgelegen sei, forderte die IV-Stelle St. Gallen
am 25. Juni 2007 einen weiteren Bericht der Psychiaterin D._ an. Diese verneinte am
29. August 2007 eine Änderung der Diagnosen. Die somatoforme Schmerzstörung
bestehe unverändert fort. Zwar könne die leichte depressive Episode nicht mehr
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diagnostiziert werden, eine leichte depressive Symptomatik bestehe aber im
Zusammenhang mit dem Schmerzerleben im Rahmen der andauernden somatoformen
Schmerzstörung. Die Versicherte erlebe sich als vollständig arbeitsunfähig. Objektiv sei
von einer um 30 bis 50 % verminderten Arbeitsfähigkeit auszugehen. Berufliche
Massnahmen zum Erhalt der Resterwerbsfähigkeit und zur Wiedereingliederung in den
Arbeitsprozess seien angezeigt (act. G 4.1/47). Der RAD ging derweil - auch ohne
Gewährung von beruflichen Massnahmen - von einer adaptierten Arbeitsfähigkeit von
mindestens 70 % aus (act. G 4.1/48).
Nachdem die Versicherte am 19. August 2007 ihr zweites Kind geboren hatte, klärte die
IV-Stelle zwecks Festlegung der Qualifikation am 16. November 2007 erneut an Ort und
Stelle ab. Dabei gab die Versicherte an, ausser den noch verstärkten
Rückenschmerzen habe sich nicht viel geändert. Bei Haushaltsführung und
Kinderbetreuung werde sie weiterhin tatkräftig von ihrer Mutter unterstützt. Sie fühle
sich für jegliche Tätigkeit zu 100 % arbeitsunfähig, weshalb für sie auch keine
beruflichen Massnahmen in Frage kämen. Ohne Behinderung hätte sie trotz der Kinder
100 % weitergearbeitet. Die Betreuung hätte auch in diesem Fall durch die Mutter
übernommen werden können, da diese in unmittelbarer Nähe wohne (act. G 4.1/54).
A.c Ausgehend von den Lohnabrechnungen des letzten Arbeitgebers A._(Fr. 3'600.--
ab 1. Januar 2003 bei einem 100 %-Pensum) errechnete die IV-Stelle für 2008 ein
Jahreseinkommen von Fr. 49'529.--. Verglichen mit dem Tabellenlohn LSE 2008,
Niveau 4, 70 % (Fr. 34'670.--), ergab dies einen Lohnausfall von Fr. 14'859.-- und
damit einen Invaliditätsgrad von 30 % (act. G 4.1/55). Dementsprechend wurde der
Versicherten beschieden, dass weder Anspruch auf eine Rente noch - wegen der
subjektiven Arbeitsunfähigkeit - auf berufliche Massnahmen bestehe (Vorbescheide
vom 25. April 2008; act. G 4.1/58 und 60).
A.d Mit Einwand vom 26. Mai 2008 liess die Versicherte durch ihren Rechtsvertreter die
Ausrichtung einer Rente beantragen. Wie sich aus dem Gutachten AEH ergebe, könne
die Versicherte nur Lasten bis 2,5 kg tragen. Die Tests hätten jeweils schmerzbedingt
abgebrochen werden müssen. Es sei unklar, wie sie damit eine Arbeitsfähigkeit von 70
% in einer adaptierten Tätigkeit erreichen könne. Unklar sei sodann, was überhaupt
eine adaptierte Tätigkeit sei und wie viel sie dabei verdienen würde. Die Annahme eines
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Invalideneinkommens von Fr. 34'670.-- erweise sich als viel zu hoch. Zudem sei ein
Leidensabzug vorzunehmen (act. G 4.1/63).
A.e Mit Verfügung vom 3. Juli 2008 verneinte die IV-Stelle St. Gallen wie angekündigt
den Anspruch auf eine Invalidenrente. Mit gleichem Datum teilte sie der Versicherten -
ebenfalls wie angekündigt - mit, dass eine Arbeitsvermittlung zur Zeit nicht möglich sei
(act. G 4.1/66 und 67).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 4. September
2008 mit dem Antrag auf Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Zudem sei der
Beschwerdeführerin eine Invalidenrente auszurichten. Eventuell sei die Sache zur
Neubeurteilung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Gestützt auf das
Schreiben der AEH vom 21. Juli 2006 ("Konsensbeurteilung") sei davon auszugehen,
dass die Beschwerdeführerin in einer leichten, wechselnd belastenden Tätigkeit,
welche ihre Auffassungsgabe und Flexibilität nicht überschreite, nach wie vor
höchstens zu 50 % arbeitsfähig sei. Es könne auch nicht angenommen werden, dass
sich der Gesundheitszustand seit dieser Beurteilung verbessert habe, was allenfalls
durch ein weiteres Gutachten zu belegen sei. Die Beschwerdeführerin sei somit auch in
einer leidensadaptierten Tätigkeit höchstens zu 50 % arbeitsfähig, wobei unklar bleibe,
was die Beschwerdeführerin dabei verdienen könnte. Es sei höchstens von einem
Einkommen von Fr. 24'764.-- auszugehen (= 50 % von Fr. 49'529.--). Zudem sei ein
Leidensabzug von mindestens 15 % vorzunehmen (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 12. November 2008 beantragt die Verwaltung
Abweisung der Beschwerde. Sowohl Frau D._ als auch das Gutachten F._ (Gais)
hätten nebst der somatoformen Schmerzstörung lediglich eine leichte depressive
Episode diagnostiziert. Die attestierte Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht von
lediglich 50 % bzw. maximal 70 % stehe nicht im Einklang mit der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung. Die leichte depressive Störung sei von vornherein nicht
invalidisierend, ebenso die somatoforme Schmerzstörung, da keine psychische
Komorbidität vorliege. Demnach sei in psychischer Hinsicht von einer vollen
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit auszugehen. Geeignete Tätigkeiten seien
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etwa leichtere Maschinenbedienungs-, Kontroll-, Sortier-, Prüf- sowie
Verpackungsarbeiten, leichtere Arbeiten bei der Lager- und Ersatzteilbewirtschaftung
sowie Kurier- und Lieferdienste. Es sei auf die Tabellenlöhne abzustellen, Niveau 4. Da
die Beschwerdeführerin nur noch leichte Hilfstätigkeiten ausführen könne, sei sodann
ein Leidensabzug von 10 % vorzunehmen. Bei einem parallelisierten Validen- und
Invalideneinkommen resultiere daraus ein rentenausschliessender Invaliditätsgrad von
10 % (act. G 4).
B.c Mit Replik vom 6. Januar 2009 führt der Rechtsvertreter aus, dass gemäss
Gutachten AEH unter anderem ein lumbospondylogenes Syndrom bestehe.
Belastungstests hätten wegen der Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule
abgebrochen werden müssen. Der Vorwurf der mangelnden Leistungsbereitschaft
werde von der AEH nicht näher begründet und werde deshalb bestritten. Die
Beschwerdeführerin leide nach wie vor unter chronischen Rückenschmerzen, weshalb
sie in die Physiotherapie gehe, in schmerztherapeutischer Behandlung stehe sowie
einen notfallmässigen Aufenthalt im Spital Walenstadt absolviert habe. Es könne keine
Rede davon sein, dass die Beschwerdeführerin in somatischer Hinsicht voll arbeitsfähig
sei. Dafür bilde auch das AEH-Gutachten keine Grundlage. Diesem Gutachten komme
kein voller Beweiswert zu.
Der Auffassung der Beschwerdegegnerin, die anhaltende somatoformen
Schmerzstörung und die leichte depressive Störung sei nicht invalidisierend, weil keine
psychische Komorbidität vorliege, seien die Ergebnisse von Dr. F._ entgegen zu
halten. Dieser komme zum Schluss, dass die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt sei. Eine
leidensadaptierte Tätigkeit sei höchstens zu 50 % zumutbar (act. G 8). Die
Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G 10).

Erwägungen:
1.
1.1 Am 1. Januar 2008 ist die 5. IV-Revision in Kraft getreten. Die Beschwerdegegnerin
hat die angefochtene Verfügung am 3. Juli 2008, also unter der Geltung des Rechts
dieser Revision, erlassen. Zu beurteilen ist der Sachverhalt, wie er sich bis zum
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Zeitpunkt des Erlasses dieser Verfügung entwickelt hat. Dieser Sachverhalt reicht in
eine Zeit vor Inkrafttreten der 5. IV-Revision und sogar vor Inkrafttreten der 4. IV-
Revision am 1. Januar 2004 zurück. Für die Invaliditätsbemessung hat sich indessen
keine massgebende Änderung der Rechtslage ergeben. Im Folgenden werden
grundsätzlich die bis zum 31. Dezember 2007 gültig gewesenen Bestimmungen zitiert.
Soweit erforderlich würden ebenfalls die bis 31. Dezember 2003 gültig gewesenen
Bestimmungen zitiert.
1.2 Mit der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin das
Leistungsgesuch der Beschwerdeführerin um eine Rente abgelehnt. Die
Arbeitsvermittlung hat sie mangels subjektiver Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
als zur Zeit nicht möglich erachtet. Die Beschwerdeführerin beantragt in diesem
Verfahren einzig Rentenleistungen. Streitig ist daher zunächst ein Rentenanspruch.
Ergäbe sich allerdings, dass ohne Eingliederungsmassnahmen ein solcher Anspruch in
Frage steht, so gehörte zum Streitgegenstand notwendigerweise auch die Frage, ob
die Verwaltung den Grundsatz "Eingliederung vor Rente" beachtet und eine allfällige
Pflicht der Beschwerdeführerin zu Massnahmen korrekt in Anspruch genommen hat.
2.
2.1 Nach Art. 28 Abs. 1 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40 % Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von
Amtes wegen festzustellen und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel
eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Leistungsanspruches gestatten.
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Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für
die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden
ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a).
3.
3.1 Vorliegend macht die Beschwerdegegnerin geltend, in psychischer Hinsicht liege
kein invalidisierender Gesundheitsschaden vor. Sowohl das Gutachten der Klinik Gais
als auch Frau D._ hätten nebst der somatoformen Schmerzstörung lediglich eine
leichte depressive Episode diagnostiziert. Die attestierte Arbeitsfähigkeit aus
psychiatrischer Sicht von lediglich 50 - 70 % stehe nicht im Einklang mit der
Rechtsprechung des Bundesgerichts. Die festgestellte leichte depressive Störung sei
von vornherein nicht invalidisierend, umso mehr, als es sich nicht um ein von der
somatoformen Schmerzstörung losgelöstes Leiden handle. Letztere sei wiederum nicht
invalidisierend, da keine psychische Komorbidität von erheblicher Schwere,
Ausprägung und Dauer vorliege. Demgegenüber macht der Rechtsvertreter geltend,
das Gutachten der Klinik Gais komme zum Schluss, dass sich die anhaltende
somatoforme Schmerzstörung und die leichte depressive Episode auf die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin nachteilig auswirkten. Eine leidensangepasste
Tätigkeit (Wechsel zwischen Stehen und Sitzen, keine Zwangshaltungen oder schweres
Heben, keine Überbeanspruchung der Auffassungsgabe und der Flexibilität) sei
gemäss diesem Gutachten höchstens zu 50 % zumutbar.
Mit der Beschwerdegegnerin ist zunächst festzustellen, dass gemäss der
höchstrichterlichen Praxis, begründet in BGE 130 V 352, eine somatoforme
Schmerzstörung grundsätzlich als willentlich überwindbar gilt. Sie gilt ausnahmsweise
als nicht überwindbar, wenn entweder eine psychische Komorbidität von erheblicher
Schwere, Ausprägung und Dauer, oder aber andere mit gewisser Intensität und
Konstanz erfüllte Kriterien erfüllt sind. Dazu gehören chronische körperliche
Begleiterkrankungen; ein mehrjähriger, chronifizierter Krankheitsverlauf mit
unveränderter oder progredienter Symptomatik ohne längerdauernde Rückbildung; ein
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sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens; ein verfestigter, therapeutisch nicht
mehr beeinflussbarer innerseelischer Verlauf einer an sich missglückten psychisch aber
entlastenden Konfliktbewältigung (primärer Krankheitsgewinn; "Flucht in die
Krankheit"); das Scheitern einer konsequent durchgeführten ambulanten oder
stationären Behandlung (auch mit unterschiedlichem therapeutischen Ansatz) trotz
kooperativer Haltung der versicherten Person (BGE 130 V 352 neues Fenster; Urteil des
Bundesgerichts vom 22. Januar 2007 [I 290/06], E. 4.2.1). Je mehr dieser Kriterien
zutreffen und je ausgeprägter sich die entsprechenden Befunde darstellen, desto eher
sind - ausnahmsweise - die Voraussetzungen für eine zumutbare Willensanstrengung
zu verneinen (Meyer-Blaser, Der Rechtsbegriff der Arbeitsunfähigkeit und seine
Bedeutung in der Sozialversicherung, in: Schmerz und Arbeitsunfähigkeit, St. Gallen
2003, S. 77).
Mit der Beschwerdegegnerin ist festzustellen, dass die von den psychiatrischen
Gutachtern sowie von der behandelnden Psychiaterin festgestellte leichte depressive
Episode mit somatischem Syndrom (F32.01 [Frau D._]) bzw. ohne somatisches
Syndrom (F 32.0 [Gutachten Gais]; act. G 4.1/31.1 und 36.4) nach der Rechtsprechung
keine genügend schwere psychische Komorbidität darstellt für die Annahme der
Unüberwindbarkeit der Schmerzen (I 290/06, E. 4.2.2). Bei der Beschwerdeführerin
sind sodann auch die weiteren Kriterien, die allenfalls die Annahme einer willentlichen
Unüberwindbarkeit der Schmerzen rechtfertigen könnten, nicht erfüllt. So liegen bei der
Beschwerdeführerin nur leichte körperliche Degenerationserscheinungen im Bereich
der Lendenwirbelsäule mit Chondrosen L4/5 und L5/S1, eine Wirbelsäulenfehlform und
-fehlhaltung sowie eine muskuläre Dysbalance und Insuffizienz vor; ansonsten
bestehen keine Hinweise für eine sensible und motorische Ausfallsymptomatik (AEH-
Gutachten; act. G 4.1/34.5). Angesichts der seit 1999 bestehenden Beschwerden und
gleich langer ärztlicher Behandlung ist durchaus von einer Chronifizierungstendenz
auszugehen. So war die Beschwerdeführerin von 1999 bis 2005 bei Dr. C._ in
Behandlung (act. G 4.1/17.2). Im Herbst 2005 war sie sodann in einer
Rehabilitationsbehandlung für Schmerzkranke in der Klinik Valens (act. G 4.1/27). Ab
November 2005 war sie sodann in psychotherapeutischer Behandlung bei Frau D._
(act. G 4.1/31.2). Zwar geht auch das Gutachten Gais von einem mehrjährigen Verlauf
ohne zwischenzeitliche Remission aus. Andererseits gehen die Gutachter auch davon
aus, dass die drohende Chronifizierung bei Intensivierung der psychotherapeutischen
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und orthopädisch-physikalischen Behandlungsmassnahmen noch abgewendet werden
könne. Die therapeutischen Massnahmen seien noch nicht ausgeschöpft. An
stationären Massnahmen sei bislang erst jene in Valens, nicht aber Therapien mit
anderen Ansätzen erfolgt. Insgesamt gehen die Untersucher noch nicht von einem
dauerhaft und zwingend invalidisierenden Zustand aus (act. G 4.1/36.5 ff.). Im Weiteren
geht das Gutachten davon aus, dass bei der Beschwerdeführerin zunehmende soziale
Rückzugstendenzen beständen, indem sie ihre Kontakte immer mehr auf den familiären
Bereich beschränke (act. G 4.1/36.5). Trotzdem kann wohl zu diesem Zeitpunkt noch
nicht von einem sozialen Rückzug in allen Belangen des Lebens ausgegangen werden.
Schliesslich gehen weder die Gutachter noch die behandelnde Psychiaterin von einem
verfestigten, therapeutisch nicht mehr beeinflussbaren Verlauf aus, regt doch Frau
D._ in ihrem Bericht vom 14. Februar 2006 einen stationären Aufenthalt in einer
psychiatrischen oder psychosomatisch orientierten Klinik mit speziellem Angebot für
somatoforme Schmerzerkrankungen an, wenn sie auch bezüglich der Erfolgschancen
eher pessimistisch eingestellt ist (act. G 4.1/31.3). In ihrem Verlaufsbericht vom 29.
August 2007 geht sie gar von einer Verbesserung des depressiven Geschehens aus,
wenn sie auch trotz des Verschwindens der depressiven Episode noch von
rezidivierenden leichten depressiven Symptomen im Rahmen der Schmerzsymptomatik
ausgeht. Im Übrigen berichtet sie von der abgesetzten antidepressiven Medikation,
ohne dass es zu einer Verschlechterung der Symptomatik gekommen sei (act. G
4.1/47.1). Wie bereits ausgeführt, gehen auch die Gutachter der Klinik Gais von einer
grundsätzlich noch möglichen Therapierbarkeit aus.
Mithin ist trotz der erkennbaren Chronifizierungsgefahr - nicht zuletzt auf Grund des
wenig fortgeschrittenen Alters der Beschwerdeführerin, der noch nicht ausgeschöpften
Behandlungsmöglichkeiten sowie der eher diskreten somatischen Befunde - noch nicht
von einem unumkehrbar verfestigten Prozess auszugehen, der der Beschwerdeführerin
eine Rückkehr in jegliche Berufstätigkeit verwehren würde. Der Beschwerdeführerin ist
damit aus psychiatrischer Sicht grundsätzlich die Aufnahme einer ganztägigen,
leidensangepassten Tätigkeit zuzumuten (allenfalls mit beruflichen Massnahmen).
3.2 In der Replik vom 6. Januar 2009 macht der Rechtsvertreter sodann geltend, in
somatischer Hinsicht könne nicht auf das AEH-Gutachten abgestellt werden. Der darin
erhobene Vorwurf der mangelhaften Leistungsbereitschaft treffe nicht zu. Es werde
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einfach die Behauptung aufgestellt, die Beschwerdeführerin könnte bei gutem Effort
mehr leisten, als sie bei den Leistungstests gezeigt habe. Vielmehr leide die
Beschwerdeführerin nach wie vor unter chronischen Rückenschmerzen, weshalb sie
auch in physio- und schmerztherapeutischer Behandlung sei.
Dem ist jedoch entgegen zu halten, dass bei der Beschwerdeführerin
unbestrittenermassen nur diskrete somatische (objektivierbare) Befunde vorliegen
(Wirbelsäulenfehlform und -fehlhaltung, leichte degenerative Veränderungen der LWS
mit Chondrosen L4/L5 und L5/S1, muskuläre Dysbalance und Insuffizienz). Das bei der
AEH-Untersuchung vom 2./3. Februar 2006 verwendete, damals knapp zwei Monate
alte MRI vom 13. Dezember 2005 zeigte sodann keine Verschlechterung gegenüber der
Voruntersuchung vom 16. Februar 2005 (act. G 4.1/34.4 f.). Bei solchen Befunden ist
somit ohne Weiteres zu erwarten, dass eine leichte, wechselbelastende Tätigkeit,
allenfalls mit vermehrten Pausen, ausgeführt werden kann. Ein Testergebnis bei der
Evaluation der arbeitsbezogenen funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL), das der zu
erwartenden Leistungsfähigkeit nicht entspricht, ist somit überwiegend wahrscheinlich
auf den psychischen - und vorliegend nicht anrechenbaren (vgl. vorstehende
Erwägung) - Anteil der Beschwerden zurückzuführen. Dieses Ergebnis wird denn auch
von den drei bis vier von fünf positiven (allerdings nicht näher umschriebenen)
Waddelzeichen sowie den Inkonsistenzen im PACT-Test und den Handkraftmessungen
gestützt (vgl. act. G 4.1/34.4 und 34.8 f.). Im Übrigen wies bereits der Bericht der Klinik
Valens vom 18. Oktober 2005 darauf hin, dass sich die Beschwerdeführerin im Training
selbstlimitierend zeige, und dass der Beschwerdeführerin deswegen ein
Schmerztherapieprogramm verordnet worden sei, das dem Erlernen von
Copingstrategien und Entspannungstechniken im Sinne einer kognitiv-behavioralen
Therapie von Schmerzverarbeitungsstörungen diene (act. G 4.1/27.5). Die
Beobachtung (des AEH) des selbstlimitierenden Verhaltens und der nicht erreichten
funktionellen Leistungsgrenzen bestätigt damit die von den behandelnden Ärzten
gemachten Erfahrungen. Demzufolge ist auf die somatische Arbeitsfähigkeitsschätzung
der AEH abzustellen.
3.3 Die AEH beschreibt die mögliche Tätigkeit als leicht und wechselbelastend,
ganztags, wobei die AEH der Beschwerdeführerin infolge konsistenter
Schmerzreaktionen zwei Stunden zusätzliche Pausen einräumt (act. G 4.1/34.6). Dies
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entspricht in etwa einem Pensum von 75 % ([41,7 h - 10 h] : 41,7 h).
Zusammenfassend ist der Beschwerdeführerin somit eine leichte, wechselbelastende
Tätigkeit im Umfang von 75 % zumutbar.
3.4 Ausgehend von einem Valideneinkommen von Fr. 46'800.-- (inkl. 13. Monatslohn;
vgl. Beschwerdeantwort, Ziff. 3) und einem parallelisierten Invalideneinkommen in
gleicher Höhe (vgl. Beschwerdeantwort, Ziff. 4), ergibt sich damit selbst bei
Berücksichtigung eines Leidensabzugs von 15 % kein rentenbegründender
Invaliditätsgrad (Invalideneinkommen = Fr. 29'835.-- [Fr. 46'800.-- X 75 % X 85 %]),
sondern nur einer von 36,25 %. Bei einem Leidensabzug von 10 % würde der
Invaliditätsgrad gar nur 32,5 % betragen.
Auch wenn damit (noch) kein Rentenanspruch gegeben ist, bleibt anzumerken, dass
berufliche Massnahmen nicht einfach freiwillig sind. Vielmehr ist die versicherte Person
verpflichtet, alles ihr Zumutbare zu unternehmen, um den Eintritt der Invalidität zu
verhindern, sowie an allen zumutbaren Massnahmen teilzunehmen, die zur
Eingliederung ins Erwerbsleben notwendig sind (Art. 7 Abs. 1 und 2 IVG in der ab 1.
Januar 2008 geltenden Fassung). Dazu gehört etwa auch die Arbeitsvermittlung oder
die Berufsberatung (Art. 7d IVG). Die IV-Stelle veranlasst diese Massnahmen
unverzüglich, sobald eine summarische Prüfung ergibt, dass die Voraussetzungen
dafür erfüllt sind (Art. 18 Abs. 2 IVG).
3.5 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Nach Art. 69 Abs. 1 IVG ist
das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung
von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die
Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von 200 bis 1000 Franken festgelegt. Als unterliegende Partei hat die
Beschwerdeführerin die Gerichtskosten zu bezahlen (vgl. Art. 95 Abs. 1 VRP). Diese
sind ermessensweise auf Fr. 600.-- zu veranschlagen. Mit dem geleisteten
Kostenvorschuss in gleicher Höhe ist die geschuldete Gerichtsgebühr getilgt.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG
bis
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