Decision ID: af5f0320-0d63-5893-811e-c4c3a690ba0b
Year: 2008
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Sozialamt Gossau, Bahnhofstrasse 25, 9201 Gossau,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
berufliche Massnahmen und Rente (Versicherungsvoraussetzung)
Sachverhalt:
A.
A.a S._, ein aus dem Kosovo stammender Roma, reiste am 1999 mit seiner Frau und
fünf unmündigen Kindern in die Schweiz ein. Sein Asylgesuch wurde abgelehnt. Da ihm
die Rückkehr in den Kosovo nicht zumutbar war, wurde er vorläufig aufgenommen
(Ausweis F). Am 28. März 2006 meldete er sich zum Bezug von IV-Leistungen an. Er
führte an, er sei im Kosovo voll arbeitstätig gewesen. Bis März 1999 habe er als
Schmied und Schlosser gearbeitet, danach sei er für drei Monate bei der Polizei tätig
gewesen. Kurz nach der Einreise in die Schweiz hätten seine körperlichen
Beschwerden begonnen, anfänglich mit Nieren- und Rückenproblemen. Als
Asylsuchender habe er praktisch keine Chance gehabt, in der Schweiz eine Arbeit zu
finden. Ausserdem habe sich sein Gesundheitszustand seit dem Zuzug nach Gossau
laufend verschlechtert, und er sei immer stärker auf ärztliche Hilfe angewiesen
gewesen (IV-act. 1).
A.b Im Bericht vom 21. April 2006 diagnostizierte Dr. med. A._, Interdisziplinäres
Zentrum für Schlafmedizin am Kantonsspital St. Gallen (KSSG), schwergradige
obstruktive Schlafapnoe, Panikstörung mit Agoraphobie im Rahmen einer
posttraumatischen Belastungsstörung, Adipositas, arterielle Hypertonie sowie Diabetes
mellitus Typ II. Die Gesamtsituation sei komplex und schwierig. Im Vordergrund
stünden wahrscheinlich psychische Probleme im Rahmen einer reaktiven Depression
und Panikstörung (IV-act. 13). Im Arztbericht vom 1. Juni 2006 verwies Dr. med. B._,
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, auf eine Untersuchung von Dr. med. C._,
Departement Innere Medizin Psychosomatik am KSSG, vom 16. März 2004 sowie auf
einen Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik Wil vom 9. August 2005 betreffend
stationäre Aufenthalte vom 13. Juli 2005 bis 27. Juli 2005 sowie vom 31. Juli 2005 bis
9. August 2005. Darin wurden die obigen Diagnosen grundsätzlich bestätigt. Die
Psychiatrische Klinik Wil diagnostizierte aber statt einer posttraumatischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Belastungsstörung eine mittelgradig depressive Episode ohne somatisches Syndrom
mit akuter Suizidalität sowie Probleme in der Beziehung zur Ehepartnerin und
Schwierigkeiten bei der kulturellen Eingewöhnung. Bei Austritt habe keine
Arbeitsfähigkeit bestanden (IV-act. 14-11). Demgegenüber erachtete der behandelnde
Psychiater die Arbeitsfähigkeit aus psychischen Gründen nicht für eingeschränkt (IV-
act. 14-2). Im Arztbericht vom 15. Juli 2006 gab der Hausarzt des Versicherten, Dr.
med. D._, als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ein schwergradiges
obstruktives Schlafapnoesyndrom (bestehend seit 2003), einen Diabetes mellitus Typ II
(bestehend seit 2003) sowie ein panvertebrales Schmerzsyndrom (bestehend seit 2004)
an. Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit führte er eine reaktive
Depression (bestehend seit 2003) sowie arterielle Hypertonie (bestehend seit 2006) an.
Bezüglich der Arbeitsfähigkeit fügte er an, je nach Arbeit sei diese wahrscheinlich zur
Hälfte gegeben. Es bestehe heute eine bleibende Einschränkung von mindestens 20 %
(IV-act. 17-4).
A.c Am 2. Juli 2007 wurde der Versicherte durch die Aerztliches Begutachtungsinstitut
GmbH (nachfolgend: ABI) in Basel polydisziplinär untersucht und begutachtet. Das
ABI-Gutachten vom 5. September 2007 stellte folgende Diagnosen mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit: Posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1), chronische
Lumbalgie, derzeit ohne radikuläre Ausfälle (ICD-10 M54.5), chronische
Zervikobrachialgie rechts, derzeit ohne radikuläre Ausfälle, (ICD-10 M53.0), medial und
femoropatellär betonte Gonarthrose rechts (ICD-10 M17.1), schwergradiges
obstruktives Schlafapnoesyndrom (ICD-10 G47.3). Als Diagnosen ohne Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit wurden ein metabolisches Syndrom, eine leichte Niereninsuffizienz,
eine grenzwertige mikrozytäre Anämie unklarer Aetiologie, kontrollbedürftig,
rezidivierende gastritische Beschwerden (ICD-10 K29.7), Spreizfuss beidseits (ICD-10
M21.87) sowie Status nach Problemen in der Beziehung zur Ex-Ehefrau (ICD-10 Z63.0)
angegeben. Bezüglich der Arbeitsfähigkeit wurde ausgeführt, der Versicherte klage
einerseits über multiple somatische Beschwerden, andererseits jedoch auch über einen
psychischen Beschwerdekomplex. Dieser stehe hinsichtlich objektivierbarer
Einschränkungen im Vordergrund. Aus psychiatrischer Sicht bestehe aufgrund der
posttraumatischen Belastungsstörung eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von
zumindest 40%, deren Beginn auf die Zeit vor der Einreise in die Schweiz zurückdatiert
werde. Aus orthopädischer Sicht bestehe seit Juli 2007 eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
für körperlich mindestens mittelschwer bis schwer belastende Tätigkeiten; für
körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten sei der Versicherte dagegen zeitlich und
leistungsmässig uneingeschränkt arbeitsfähig (IV-act. 26-17). Am 4. Oktober 2007 holte
die IV-Stelle unter Verweis auf das ABI-Gutachten eine Stellungnahme des Regionalen
Ärztlichen Dienstes der Invalidenversicherung (RAD) betreffend die Arbeitsfähigkeit und
den Eintritt des Gesundheitsschadens ein. Der RAD führte am 17. Oktober 2007 aus,
aus medizinischer Sicht könne vollumfänglich auf das ABI-Gutachten abgestellt werden
(IV-act. 30).
A.d Mit Vorbescheid vom 22. Oktober 2007 eröffnete die IV-Stelle dem Versicherten,
dass er keinen Anspruch auf berufliche Massnahmen und auf eine Rente habe (IV-act.
34). In seiner Stellungnahme vom 21. November 2007 erklärte der Versicherte, er sei
mit dem Vorbescheid nicht einverstanden (IV-act. 39).
B.
Mit Verfügung vom 3. Dezember 2007 wies die IV-Stelle die Begehren des Versicherten
betreffend berufliche Massnahmen und Rentenleistung ab, da der Beginn der
relevanten Einschränkung der Arbeitsfähigkeit vor dem Datum der Einreise in die
Schweiz liege, weshalb die versicherungsmässigen Voraussetzungen nicht erfüllt seien
(IV-act. 44).
C.
C.a Mit Eingabe vom 18. Januar 2008 liess der Versicherte, vertreten durch das
Sozialamt Gossau, Beschwerde gegen diese Verfügung erheben und beantragen, es
sei ihm ab 1. Januar 2004 eine IV-Rente zuzusprechen. Zur Begründung führte er im
Wesentlichen an, er habe in der Schweiz aus ausländerrechtlichen Gründen keine
Arbeit finden können. Seit dem Jahr 2002 seien verstärkt familiäre Probleme
aufgetreten. Gemäss Dr. D._ sei der gesundheitliche Zustand von 2000 bis 2004
besser gewesen, so dass er in einer angepassten Tätigkeit arbeitsfähig gewesen wäre
wie andere gleichaltrige Personen. Sein gesundheitliche Zustand habe sich erst
anfangs Juli 2004 soweit verschlechtert, dass die Arbeitsfähigkeit eingeschränkt
gewesen bzw. er arbeitsunfähig gewesen sei. Dr. B._ habe festgestellt, dass seine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychischen Beeinträchtigungen bzw. die diesbezüglichen Beschwerden nicht derart
schwerwiegend gewesen seien, dass sie seine Leistungsfähigkeit ins Gewicht fallend
einschränken würden (act. G 1).
C.bAm 22. Februar 2008 liess der Beschwerdeführer ein Gesuch um unentgeltliche
Prozessführung stellen (act. G 4). Dieses hiess die Präsidentin der ersten Abteilung des
Versicherungsgerichts am 25. März 2008 gut (act. G 6).
C.c Mit Beschwerdeantwort vom 19. März 2008 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Der Beschwerdeführer habe nur Anspruch auf eine
ordentliche Invalidenrente, wenn er in der Schweiz Wohnsitz und unmittelbar vor Eintritt
der Invalidität während mindestens eines vollen Jahres Beiträge an die schweizerische
Versicherung entrichtet habe. Dem ABI-Gutachten sei zu entnehmen, dass der
Beschwerdeführer einerseits über multiple somatische Beschwerden, andererseits
jedoch auch über einen psychischen Beschwerdekomplex klage. Letzterer stehe
hinsichtlich objektivierbarer Einschränkung im Vordergrund. Aus psychiatrischer Sicht
müsse dessen Beginn konsequenterweise auf die Zeit vor der Einreise in die Schweiz
zurückdatiert werden. Diese Schlussfolgerungen des ABI-Gutachtens leuchteten in der
Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge ein. Die ABI habe sich mit den
divergierenden Beurteilungen der behandelnden Ärzte auseinandergesetzt und ihre
abweichende Auffassung überzeugend begründet. Bei den vom Beschwerdeführer
erwähnten Eheproblemen und Problemen beruflicher Art handle es sich hauptsächlich
um psychosoziale und soziokulturelle Faktoren, die keinen invalidisierenden
Gesundheitsschaden zu begründen vermöchten. Der Ehekonflikt sei vom ABI-
Psychiater denn auch zu Recht als IV-fremder Faktor bezeichnet worden (act. G 5).
C.d In der Replik vom 29. April 2008 lässt der Beschwerdeführer an seinem Antrag
festhalten (act. G 8).
C.e In der Duplik vom 22. Mai 2008 hält die Beschwerdegegnerin an ihrem Antrag fest
(act. G 10).

Erwägungen:
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Streitig und zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführer die Voraussetzungen für eine
Invalidenrente erfüllt, insbesondere, zu welchem Zeitpunkt die leistungsspezifische
Invalidität in Bezug auf eine Rente eingetreten ist.
2.
2.1 Am 1. Januar 2008 sind mit der 5. IVG-Revision verschiedene Änderungen des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) in Kraft getreten. Weil
in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei
der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 132 V
215 E. 3.1.1, Urteil 8C_589/2007 vom 14. April 2008, E. 3), sind die bis zum 31.
Dezember 2007 geltenden materiellen Bestimmungen anzuwenden.
2.2 Der Beschwerdeführer ist Staatsangehöriger der Republik Serbien. Da er kein
anerkannter Flüchtling ist, gelangt deshalb unbestrittenermassen das Abkommen
zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Föderativen Volksrepublik
Jugoslawien über Sozialversicherung vom 8. Juni 1962 (nachfolgend: Abkommen; SR
0.831.109.818.1) zur Anwendung. Nach Art. 2 des Abkommens sind die
schweizerischen und jugoslawischen Staatsangehörigen in den Rechten und Pflichten
aus unter anderem der Invalidenversicherung einander gleichgestellt, soweit im
Abkommen und seinem Schlussprotokoll nichts Abweichendes bestimmt ist. Dieses
Abkommen ist weiterhin gültig (BGE 119 V 98) und auch auf Angehörige von
Nachfolgestaaten der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien wie Serbien-Montenegro
anwendbar, welche mit der Schweiz (noch) kein Abkommen abgeschlossen haben
(Bundesgerichtsentscheid I 275/02 vom 18. März 2005 E. 2). Hinsichtlich des
Anspruches auf eine ordentliche Invalidenrente gelten für jugoslawische
Staatsangehörige die selben Bestimmungen wie für schweizerische Staatsangehörige,
da das Abkommen diesbezüglich keine Abweichungen enthält (vgl. Art. 8 lit. c in
Verbindung mit Art. 7 lit. a des Abkommens).
2.3 Art. 6 Abs. 1 Satz 1 IVG, in der bis 31. Dezember 2000 gültig gewesenen Fassung,
sah vor, dass Anspruch auf Leistungen gemäss den nachstehenden Bestimmungen
alle bei Eintritt der Invalidität versicherten Schweizer Bürger, Ausländer und
Staatenlosen haben. Nach dem Dahinfallen der allgemeinen IV-rechtlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherungsklausel per 1. Januar 2001 schreibt Art. 6 Abs. 1 IVG für den Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung grundsätzlich nicht mehr vor, dass die
versicherten Personen bei Eintritt der risikospezifischen Invalidität der
Invalidenversicherung unterstanden haben müssen. Vielmehr genügt es, wenn die
invalide Person im Zeitpunkt der Leistungszusprechung versichert ist. Für einen
Anspruch auf eine Invalidenrente muss die betreffende Person bei Eintritt der Invalidität
während mindestens eines vollen Jahres Beiträge geleistet haben (Art. 36 Abs. 1 IVG).
Sofern sie jedoch bei ihrer erstmaligen Einreise in die Schweiz bereits zu 40% invalid
ist, ist der rentenspezifische Versicherungsfall eingetreten, bevor die
Anspruchsvoraussetzungen erfüllt sein konnten (Urteil des Bundesgerichts I 76/05 vom
30. Mai 2006).
2.4 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von
Amtes wegen festzustellen und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel
eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Leistungsanspruches gestatten.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für
die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden
ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a). Was Parteigutachten anbelangt, rechtfertigt der
Umstand allein, dass eine ärztliche Stellungnahme von einer Partei eingeholt und in das
Verfahren eingebracht wird, nicht Zweifel an ihrem Beweiswert (ZAK 1986 S. 189 E. 2a
in fine, BGE 122 V 161 E. 1c).
3.
3.1 Die Beschwerdegegnerin hat das Begehren des Beschwerdeführers um eine
Invalidenrente mit der Begründung abgewiesen, der Beginn der relevanten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsunfähigkeit liege vor dem Datum seiner Einreise in die Schweiz, weshalb er die
versicherungsmässigen Voraussetzungen nicht erfülle. Seine psychischen
Beschwerden seien aufgrund der Abklärungen, insbesondere des umfassenden ABI-
Gutachtens, zweifelsfrei auf die Kriegserlebnisse zurückzuführen. Es lägen keinerlei
Beweise vor, welche eine volle Arbeitsfähigkeit direkt nach der Einreise bestätigten (vgl.
IV-act. 44). An dieser Begründung hält die Beschwerdegegnerin auch im Rahmen ihrer
Beschwerdeantwort fest (act. G 5).
3.2 Der Beschwerdeführer lässt demgegenüber geltend machen, er habe in der
Schweiz aus ausländerrechtlichen Gründen keine Arbeit finden können. Seit dem Jahr
2002 seien verstärkt familiäre Probleme aufgetaucht. Im ABI-Gutachten werde
angeführt, dass beim Beschwerdeführer aufgrund der posttraumatischen
Belastungsstörung eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von zumindest 40%
bestehe. Diese Beeinträchtigung habe jedoch nicht schon vor 2004 bestanden,
sondern sei eben gerade erst in der Schweiz entstanden und bei der Abklärung
festgestellt worden. Es werde im Entscheid der Beschwerdegegnerin allerdings fast
vollständig auf seine eigenen Aussagen abgestellt; dabei seien die Feststellungen der
Fachleute entscheidend. Es sei davon auszugehen, dass seine Schilderungen, die
Krankheit daure schon seit 1999 an, reine Schutzbehauptungen gewesen seien, um
sicher in der Schweiz bleiben zu können. Allenfalls habe sich die Krankheitsgeschichte
für ihn subjektiv so abgespielt. Die erheblichen Einschränkungen in der Arbeitsfähigkeit
seien nach Auskunft des Hausarztes erst nach der Einreise in die Schweiz aufgetreten
und hätten sich erst anfangs Juli 2004 verstärkt (act. G 1).
3.3
3.3.1 Obwohl der Beschwerdeführer gemäss Angaben im Anmeldeformular bereits seit
Februar 2000 unter diversen Beschwerden (Nieren- und Rückenleiden, Diabetes,
Schlafapnoe, psychische Probleme, Herz- und Lungenprobleme, Übergewicht) litt,
meldete er sich erst Ende März 2006 bei der IV an (IV-act. 1). Die in der Folge
eingeholten ärztlichen Berichte äussern sich nicht sehr präzise zu Beginn und Ausmass
einer allfälligen Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers. So führte Dr. A._ am 21.
April 2006 aus, eine behandelte Schlafapnoe bedeute keine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit. Die Gesamtsituation sei jedoch komplex und schwierig. Im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Vordergrund stünden wahrscheinlich doch psychische Probleme (IV-act. 13-4). Im
Bericht der Psychiatrischen Klinik Wil vom 9. August 2005 wurde festgehalten, die
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers bei Austritt am 9. August 2005 betrage 0% (IV-
act. 14-11). Schliesslich führte Dr. D._ am 15. Juli 2006 aus, die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers betrage, je nach Arbeit, wahrscheinlich "halbe Zeit mit voller
Leistung". Heute bestehe eine bleibende Einschränkung von mindestens 20% (IV-act.
17-4). Dr. B._ erachtete den psychischen Zustand des Beschwerdeführers bzw. die
diesbezüglichen Beschwerden am 1. Juni 2006 als nicht derart schwerwiegend, dass
sie seine Leistungsfähigkeit ins Gewicht fallend beschränken würden (IV-act. 14-2).
3.3.2 Das in der Folge eingeholte ABI-Gutachten vom 5. September 2007 erging in
Kenntnis dieser und weiterer ärztlichen Beurteilungen und gelangte zu folgenden
Ergebnissen: Bei der Begutachtung am 2. Juli 2007 habe der Beschwerdeführer
beklagt, dass es ihm gar nicht gut gehe. Er sei nervös und habe Schmerzen überall, vor
allem im Rücken sowie im Kopf und in beiden Beinen. Die ganze Symptomatik habe
kurz nach der Einreise in die Schweiz angefangen. Schon während seiner Tätigkeit als
Polizist im Kosovo zur Kriegszeit hätte er unter Angst gelitten. Unter dem Titel
psychopathologische Befunde wird ausgeführt, inhaltlich komme der
Beschwerdeführer immer wieder auf die Kriegserlebnisse zu sprechen. Er habe
insbesondere unter Angstzuständen, Depressionen und Halluzinationen gelitten. Noch
heute leide er unter den typischen Flashbacks, also visualisierten Erinnerungen, an die
Erlebnisse im Wald von Kosovo. Zusätzlich bestehe aber auch eine halluzinatorische
Symptomatik, welche über die Flashbacks hinausgehe und eine Neuproduktion
darstelle. Es könne bei ihm eine schwere posttraumatische Belastungsstörung
diagnostiziert werden. Diese zeichne sich durch Angstzustände, Depressionen mit
Suizidanwandlungen, Flashbacks, eine emotionale Stumpfheit und durch optische
Halluzinationen aus. Aus psychiatrischer Sicht bestehe aufgrund der posttraumatischen
Belastungsstörung eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von zumindest 40%. In
orthopädischer Hinsicht beklage der Beschwerdeführer seit mehreren Jahren spontan
aufgetretene, seither nicht zunehmende Beschwerden an der lumbalen und zervikalen
Wirbelsäule sowie an beiden Beinen. Die Einnahme von Analgetika sowie die
allwöchentlich durchgeführten physiotherapeutischen und chiropraktischen
Behandlungen führten zu keiner Verbesserung. Das Gangbild sei mitsamt der geprüften
Varianten unauffällig. Im Bereich der Wirbelsäule bestehe eine praktisch freie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beweglichkeit; lediglich die Lateralflexion der Wirbelsäule sei etwas vermindert. Am
rechten Kniegelenk bestehe eine Ergussbildung und, wie auf der Gegenseite, eine
deutliche femoropatelläre Krepitation. Auf neurologischer Ebene zeigten sich keine
Hinweise für das Vorliegen einer Pathologie im Bereich des peripheren Nervensystems.
Auf radiologischer Ebene zeigten sich an der Lendenwirbelsäule sowie am rechten
Kniegelenk deutliche degenerative Veränderungen. Die vom Beschwerdeführer
geschilderten Beschwerden liessen sich teilweise durch die objektivierbaren Befunde
begründen. Mit Sicherheit bestehe in diesen Bereichen eine verminderte
Belastungsfähigkeit. Nicht geklärt bleibe aber die Tatsache, dass es trotz körperlich
weitgehender Schonung während der letzten Jahre nicht zu einer deutlichen
Schmerzreduktion gekommen sei. Aus rein orthopädischer Sicht bestehe für die als
angestammt anzusehende Tätigkeit als Schmied und Schlosser eine Arbeitsfähigkeit
von 50% bei ganztägigem Pensum. Für körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten
bestehe dagegen eine zeitlich und leistungsmässig uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit
(IV-act. 26).
3.3.3 Bezüglich des Beginns der Arbeitsunfähigkeit ist dem ABI-Gutachten zu
entnehmen, dass es schwierig sei, retrospektiv eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
festzulegen, da der Beschwerdeführer in der Schweiz ab 1999 nicht erwerbstätig
gewesen sei, weshalb kein Arbeitsunfähigkeitszeugnis ausgestellt worden sei und er
sich erst im Jahr 2006 bei der IV angemeldet habe. Dementsprechend könne die
festgelegte Arbeitsfähigkeit bzw. Arbeitsunfähigkeit von 50% für mindestens
mittelschwer bis schwer belastende Tätigkeiten ab Juli 2007 bestätigt werden. Für die
Einschränkung von 40% aus psychiatrischer Sicht müsse jedoch konsequenterweise,
da die Diagnose posttraumatische Belastungsstörung gestellt und als wegweisend
einschränkend beurteilt werde, der Beginn auf die Zeit vor der Einreise in die Schweiz
zurückdatiert werden, da die kompromittierenden Ereignisse sich ja vor der Einreise
und mitunter als Grund für diese ereignet hätten (IV-act. 26-17 f.).
3.3.4 Am 17. Oktober 2007 nahm der RAD Stellung zum ABI-Gutachten und führte aus,
daraus gehe nachvollziehbar hervor, dass der Beschwerdeführer im Wesentlichen aus
psychiatrischen Gründen in der Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sei. Die bisherige
vielfältige psychische Symptomatik werde nun im Wesentlichen unter der Diagnose der
posttraumatischen Belastungsstörung zusammengefasst bzw. erklärt. Die Ursache der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
posttraumatischen Belastungsstörung sei zweifellos mit den Kriegserlebnissen des
Beschwerdeführers begründet. Somit liege der Beginn der schwerwiegenden
psychischen Erkrankung nachvollziehbar vor dem Datum der Einreise in die Schweiz.
Für eine vollumfängliche Arbeitsfähigkeit nach der Einreise, die dem widersprechen
würde, gebe es aus medizinischer Sicht keine Anhaltspunkte. Demnach könne aus
medizinischer Sicht vollumfänglich auf das ABI-Gutachten abgestellt werden (IV-act.
30).
3.4 Die medizinische Beurteilung des aktuellen Gesundheitszustandes des
Beschwerdeführers im ABI-Gutachten erscheint schlüssig. So ist denn auch
unbestritten, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Begutachtung hinsichtlich
einer adaptierten Tätigkeit zu 40% arbeitsunfähig war. Streitig ist jedoch, in welchem
Ausmass der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers zum Zeitpunkt seiner
Einreise in die Schweiz bereits eingeschränkt war bzw. ob damals bereits eine
Arbeitsunfähigkeit von mindestens 40% bestand. Echtzeitliche Arztberichte, welche die
Klärung dieser Frage ermöglichen könnten, lagen den ABI-Gutachtern nicht vor. Dies
wäre jedoch möglich gewesen, ist doch der Beschwerdeführer bereits seit dem Jahr
2000 bei seinem Hausarzt in Behandlung (vgl. IV-act. 17-2). Die Begutachtung durch
die ABI erfolgte am 2. Juli 2007, also mehr als sieben Jahre nach der Einreise in die
Schweiz. In diesem Zusammenhang gestehen die Gutachter denn auch ein, dass es
schwierig sei, den Beginn der Arbeitsunfähigkeit retrospektiv festzulegen. Sie
begründen ihre Auffassung, wonach der Beschwerdeführer bereits bei der Einreise
arbeitsunfähig gewesen sei, einzig damit, dass die posttraumatische
Belastungsstörung durch den Krieg, und somit vor der Einreise in die Schweiz,
verursacht worden sei. Auch wenn dies zutreffen sollte, darf von einer Diagnose nicht
ohne weiteres auf eine Arbeitsunfähigkeit geschlossen werden. Das Bundesgericht hat
in diesem Zusammenhang ausgeführt, dass die Behandelbarkeit einer psychischen
Störung, für sich allein betrachtet, nichts über deren invalidisierenden Charakter
aussage. Für die Entstehung des Anspruchs auf eine Invalidenrente im Besonderen sei
immer und einzig vorausgesetzt, dass während eines Jahres (ohne wesentlichen
Unterbruch) eine mindestens 40%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden habe und eine
anspruchsbegründende Erwerbunfähigkeit weiterhin bestehe. Dies bedeute
keineswegs, dass eine fachärztlich festgestellte psychische Krankheit ohne weiteres
gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität sei. Es müsse in jedem Einzelfall
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und
grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt
sein. Entscheidend sei die nach einem weit gehend objektivierten Massstab zu
erfolgende Beurteilung, ob und inwiefern dem Versicherten trotz seines Leidens die
Verwertung seiner Restarbeitsfähigkeit auf dem ihm nach seinen Fähigkeiten offen
stehenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt noch sozial-praktisch zumutbar und für die
Gesellschaft tragbar sei (BGE 127 V 298 E. 4c, m.w.H.). Das ABI-Gutachten stellt die
Diagnose posttraumatische Belastungsstörung und schliesst allein daraus, auf sieben
Jahre zurück, auf eine Arbeitsunfähigkeit von durchgehend 40%. Nach dem Gesagten
vermag dieser Schluss nicht zu überzeugen. Die Frage nach dem Eintritt der relevanten
Arbeitsunfähigkeit kann nur unter Zuhilfenahme echtzeitlicher Akten beurteilt werden.
Es ist daher unumgänglich, dass der Haus-arzt des Beschwerdeführers, der ihn schon
seit dem Jahr 2000 behandelt, zum Eintritt der Arbeitsunfähigkeit aus psychischen
Gründen detailliert befragt und zur Edition der gesamten Krankengeschichte
aufgefordert wird. Gegebenenfalls sind weitere Ärzte, die den Beschwerdeführer in der
fraglichen Zeit behandelt oder beurteilt haben, zu befragen. Zur Vornahme dieser
Abklärungen ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.
4.1 Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde teilweise
gutzuheissen, die angefochtene Verfügung vom 3. Dezember 2007 aufzuheben und die
Sache zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
4.2 Die Rückweisung zur weiteren Sachverhaltsabklärung ist nach der
höchstrichterlichen Rechtsprechung als vollumfängliches Obsiegen des
Beschwerdeführers zu betrachten (BGE 132 V 215 E. 6). Die Gerichtsgebühr ist daher
der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Die Gerichtsgebühr beträgt zwischen Fr. 200.--
und Fr. 1'000.-- und bemisst sich nach dem Verfahrensaufwand (Art. 69 Abs. 1 IVG).
Im vorliegenden Fall erscheint eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- als gerechtfertigt.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte