Decision ID: 276f8936-a509-58f2-a8e9-040046f476a2
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die kurdische Beschwerdeführerin mit Herkunft und letztem Aufenthalt in
Tunceli stellte am 3. August 2017 in der Schweiz ein erstes Asylgesuch.
Dieses begründete sie im Wesentlichen mit einer staatlichen Verfolgung
aufgrund ihrer Weigerung, aufforderungsgemäss als (...) mit den Behörden
zusammenzuarbeiten und insbesondere kurdische (...) auszuspionieren.
Mit Verfügung vom 19. Oktober 2017 verneinte das SEM die Flüchtlingsei-
genschaft der Beschwerdeführerin und lehnte ihr Asylgesuch ab. Gleich-
zeitig ordnete es ihre Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegwei-
sungsvollzug an. Es begründete den ablehnenden Asylentscheid im We-
sentlichen damit, dass ihre Vorbringen den Anforderungen von Art. 7 AsylG
(SR 142.31) an die Glaubhaftigkeit nicht genügten und sie ferner über kein
gefestigtes politisches Profil verfüge, das sie in den Augen der türkischen
Behörden als missliebige Person erscheinen liesse.
Eine dagegen am 20. November 2017 erhobene Beschwerde ihres dama-
ligen Rechtsvertreters wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil
E-6542/2017 vom 11. November 2019 vollumfänglich ab. In den Erwägun-
gen relativierte das Gericht die Unglaubhaftigkeitserkenntnisse des SEM,
jedoch verneinte es das Bestehen einer begründeten Furcht vor Verfolgung
aus Vor- und Nachfluchtgründen. Den Vollzug der Wegweisung bestätigte
es als zulässig, zumutbar und möglich.
Die Beschwerdeführerin liess die neu angesetzte Ausreisefrist ungenutzt
verstreichen und war seit dem 19. Februar 2020 unbekannten Aufenthalts.
B.
Mit Eingabe vom 3. August 2020 ihrer am 9. Dezember 2019 hierzu man-
datierten neuen Rechtsvertreterin richtete die Beschwerdeführerin ein
«Gesuch um Asyl (zweites Asyl)» an das SEM. In der Begründung wurde
die zwischenzeitliche Eröffnung eines Strafermittlungsverfahrens gegen
sie durch die Staatsanwaltschaft B._ wegen «Präsidentenbeleidi-
gung, Verhetzung der Bevölkerung, Propaganda der terroristischen Orga-
nisation über Facebook» geltend gemacht und mittels der Kopie einer nicht
übersetzten Überweisungsverfügung der Staatsanwaltschaft B._
an die Staatsanwaltschaft C._ vom (...) Juni 2020 dokumentiert.
Die Nachreichung einer vollständigen Kopie der Verfügung und weiterer
Beweismittel stellte sie in Aussicht. Die Beschwerdeführerin machte ferner
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auf ihre psychische Belastung und Depression im Hinblick auf eine dro-
hende Wegweisung in die Türkei aufmerksam; diese sei aus ihrer Sicht
nicht zumutbar.
Einem mit der Beschwerde ebenfalls gestellten prozessualen Antrag um
Anordnung einer vollzugshemmenden vorsorglichen Massnahme leistete
das SEM am 4. August 2020 Folge.
C.
Mit Instruktionsverfügung vom 15. September 2020 forderte das SEM die
Beschwerdeführerin unter Hinweis auf die ihr obliegende Mitwirkungs-
pflicht nach Art. 8 AsylG zur Übersetzung fremdsprachig eingereichter oder
noch einzureichender Beweismittel, zur Auskunftserteilung über die wei-
tere Entwicklung ihres Strafverfahrens (unter Vorlage entsprechender Be-
weismittel) sowie über allfällige Vorstrafen und über politischen Aktivismus
von ihr und auch von Verwandten in der Türkei auf. Zudem wurde sie aus-
drücklich auf den reduzierten Beweiswert von bloss in Kopie eingereichten
Beweismitteln hingewiesen.
Mit Antwortschreiben vom 12. Oktober 2020 nannte die Beschwerdeführe-
rin die von ihrem Anwalt in der Türkei erhaltene Geschäftsnummer des bei
der Staatsanwaltschaft C._ wegen Präsidentenbeleidigung, «Ver-
hetzung der Bevölkerung zu Hass und Feindseligkeit» und «Propaganda
einer terroristischen Organisation» hängigen Ermittlungsverfahrens. In ei-
nem beigelegten Schreiben dieses Anwalts (inkl. deutsche Übersetzung)
bestätigt dieser die Verfahrenseröffnung und den Strafrahmen von je ein
bis drei Jahren beziehungsweise bis viereinhalb Jahren bei Propaganda
einer terroristischen Organisation mittels Cyberkriminalität. Weiter reichte
sie einen Auszug eines Internetdurchsuchungsberichts der (...) vom (...)
Juli 2020 betreffend die Beschwerdeführerin (inkl. deutsche Übersetzung
von Teilen davon) ein. Dazu erklärte sie, Originale seien in der Ermittlungs-
phase nicht erhältlich; weitere Unterlagen und Originaldokumente seien
erst ab Bestehen der Anklageschrift verfügbar. Schliesslich erwähnte sie,
nicht vorbestraft und in der Partei D._ bis zu ihrem Austritt im Hin-
blick auf die Annahme der Stelle als (...) politisch aktiv gewesen zu sein;
auch ihr (...) Bruder und ein Cousin seien politisch aktiv gewesen, wobei
letzterer nun aus dem Gefängnis freigelassen worden sei. Weitere Über-
setzungen möge das SEM im Rahmen der unentgeltlichen Rechtspflege
vornehmen.
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D.
Mit Verfügung vom 19. Oktober 2020 – eröffnet am 20. Oktober 2020 –
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht und lehnte deren zweites Asylgesuch ab. Das SEM verfügte
gleichzeitig die Wegweisung der Beschwerdeführerin aus der Schweiz und
ordnete den Vollzug an. Zudem erhob es eine Gebühr von Fr. 600.–.
E.
Am 19. Oktober 2020 – mithin am Tag des Erlasses der angefochtenen
Verfügung – ging beim SEM eine vom 16. Oktober 2020 datierende, aber
erst am 18. Oktober 2020 der Post aufgegebene Eingabe der Beschwer-
deführerin ein. Darin werden fünf via den Anwalt in der Türkei erhältlich
gemachte Dokumente in Kopie zu den Akten gegeben: Drei Schreiben des
«(...)» (vom [...] und [...] Juli 2020 sowie vom [...] September 2020), ein
Schreiben des «(...)» vom (...) Juni 2020 und den «(...)» vom (...) Juni
2020 (vgl. oben Bst. B). Mangels finanzieller Mittel ersuche sie darum, die
Dokumente im Rahmen der unentgeltlichen Rechtspflege übersetzen zu
lassen.
F.
Mit Eingabe vom 20. Oktober 2020 richtete die Beschwerdeführerin ein
«Gesuch um Wiedererwägung» an das SEM, mit welchem sie die «Wie-
deraufnahme des Verfahrens» beantragte. In der Begründung wies sie da-
rauf hin, dass die Eingabe vom 16. Oktober 2020 vom SEM in seinem Ent-
scheid nicht berücksichtigt worden sei. Aus dieser gehe ihre begründete
Furcht vor Verfolgung hervor. Bei einer Rückkehr in die Türkei würde sie
durch die Antiterror-Einheit untersucht, befragt und mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit schlecht behandelt. Aufgrund ihres psychischen und physi-
schen Zustandes sei sie nicht in der Lage, dieses Risiko einzugehen.
Mit Antwortschreiben vom 30. Oktober 2020 teilte das SEM der Beschwer-
deführerin mit, ihre Eingabe vom 16. Oktober 2020 habe sich mit dem Asyl-
entscheid gekreuzt. Die Eingabe werde nun an das Bundesverwaltungsge-
richt weitergeleitet und es stehe ihr offen, dort innert der laufenden Be-
schwerdefrist eine Beschwerde einzureichen.
Mit Begleitschreiben vom 3. November 2020 retournierte das Bundesver-
waltungsgericht die ihr vom SEM überwiesene und mit der Geschäftsnum-
mer E-5349/2020 erfasste Eingabe vom 16. Oktober 2020 zu seiner Ent-
lastung an das SEM. Es machte darauf aufmerksam, dass aus dieser Ein-
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gabe weder auf einen Beschwerdewillen noch auf ein Ersuchen um Über-
stellung an eine Rechtsmittelinstanz zu schliessen sei und gegen die Ver-
fügung vom 19. Oktober 2020 aktuell keine Rechtsmitteleingabe beim Bun-
desverwaltungsgericht vorliege. Es sei alleinige Sache der Gesuchstellerin
darüber zu entscheiden, ob beziehungsweise welche rechtlichen Schritte
sie gegen die Verfügung vom 19. Oktober 2020 respektive die Nichtberück-
sichtigung der mit Eingabe vom 16. Oktober 2020 eingereichten Doku-
mente ergreifen wolle und allenfalls hierdurch eine Zuständigkeit des Bun-
desverwaltungsgerichts zu begründen suche.
G.
Mit Eingabe vom 19. November 2020 erhob die Beschwerdeführerin gegen
die Verfügung des SEM vom 19. Oktober 2020 Beschwerde beim Bundes-
verwaltungsgericht. Darin beantragt sie die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung und die Gewährung von Asyl unter Zuerkennung der Flücht-
lingseigenschaft, eventualiter die Rückweisung der Sache an die Vor-
instanz zur Neubeurteilung, subeventualiter die Gewährung der vorläufigen
Aufnahme unter Feststellung der Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzuges sowie in prozessualer Hinsicht die Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege unter Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses und Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als un-
entgeltliche Rechtsbeiständin.
H.
Mit Verfügung vom 20. November 2020 stellte der zuständige Instruktions-
richter des Bundesverwaltungsgerichts den einstweilen rechtmässigen
Aufenthalt der Beschwerdeführerin in der Schweiz während des Beschwer-
deverfahrens fest.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
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ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist, vorbehältlich nachfolgender Einschränkung, einzutreten.
1.3 Nicht einzutreten ist auf den Antrag betreffend Gewährung des Asyls.
Die Beschwerdeführerin hat im zweiten Asylverfahren nie geltend gemacht,
zwischenzeitlich in die Türkei zurückgekehrt zu sein und die Ursachen ihrer
angeblichen (neuen) Verfolgung dort gesetzt zu haben. Wer nun aber we-
gen seines Verhaltens nach der Ausreise eine Verfolgungssituation be-
gründet hat (sog. subjektive Nachfluchtgründe), hat zwar grundsätzlich
ebenfalls Anspruch auf die Flüchtlingseigenschaft, wogegen das Asyl aber
nach Gesetz zum vornherein verwehrt bleibt (vgl. Art. 54 AsylG). Ein Ein-
tretensanspruch kann auf Beschwerdestufe nun auch nicht aus dem Um-
stand abgeleitet werden, dass in der angefochtenen Verfügung (dort Ziff. 2
des Dispositivs) materiell über das Asyl (abschlägig) befunden wurde.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
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Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Wer erst durch
die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen seines Ver-
haltens nach der Ausreise eine Verfolgungssituation begründet hat (sog.
subjektive Nachfluchtgründe), hat grundsätzlich ebenfalls Anspruch auf die
Flüchtlingseigenschaft; verwehrt bleibt einzig das Asyl (vgl. Art. 54 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind jedoch Personen, die Gründe geltend machen, die
wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Aus-
druck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat be-
stehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei die Einhaltung des
Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
dennoch vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 4 AsylG). Es bleiben damit die An-
forderungen an den Nachweis einer begründeten Furcht massgeblich
(Art. 3 und 7 AsylG).
Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder
zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen von Asylvorbringen
in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis
(vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, 2013/11 E. 5.1 und 2010/57 E. 2.3, je m.w.H.)
Bei Asylgesuchen, die innert fünf Jahren nach Eintritt der Rechtskraft des
Asyl- und Wegweisungsentscheides eingereicht werden, hat die Eingabe
schriftlich und begründet zu erfolgen (Art. 111c Abs. 1 AsylG).
4.2 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
4.3 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
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Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 FK, Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der
Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im
Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürger-
krieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet
sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von
Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Der Vollzug ist
schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder
in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat ausrei-
sen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
5.
5.1 Zur Begründung des ablehnenden Entscheids betreffend das Mehr-
fachgesuch qualifizierte das SEM die geltend gemachten Verfolgungsvor-
bringen als den Anforderungen von Art. 3 AsylG an die flüchtlingsrechtliche
Beachtlichkeit nicht genügend. Die Furcht der Beschwerdeführerin vor ei-
ner politisch motivierten Haftstrafe erscheine unbegründet. Sie sei straf-
rechtlich unbescholten, weise kein politisches Profil auf, Hinweise auf den
Erlass eines Festnahme- beziehungsweise Vorführbefehls lägen bislang
keine vor und sie habe entsprechend bei einer Rückkehr auch nicht mit
einer Festnahme zu rechnen. Eine Verurteilung zu einer Haftstrafe sei im
heutigen Zeitpunkt noch keineswegs absehbar. Die angebliche frühere po-
litische Aktivität des Cousins sei eine reine Parteibehauptung und sie ver-
möge keinen Konnex zu diesem herzustellen. Aus dem politischen Profil
ihres (...) Bruders könne sie ebenso wenig eine eigene Gefährdung ablei-
ten, da dessen Ausreise (...) Jahre vor ihrer eigenen gelegen habe und sie
bislang nie Probleme im Zusammenhang mit diesem Bruder geltend ge-
macht habe. Zudem lebten ihre Eltern und (...) Geschwister gemäss Ak-
tenlage nach wie vor unbehelligt in der Türkei. Gestützt auf Gesetz und
Praxis in der Türkei betrage das Strafmass für eine allfällige Verurteilung
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wegen der angeführten Straftatbestände in der Regel zwei Jahre oder we-
niger und die Wahrscheinlichkeit einer unbedingten Haftstrafe sei gering.
Allfällige mit einer bedingten Haftstrafe oder einem Aufschub der Verkün-
dung des Urteils angeordnete Bewährungsauflagen wären zudem als
flüchtlingsrechtlich nicht relevant einzustufen. Selbst im unwahrscheinli-
chen Fall einer unbedingten Haftstrafe würde in aller Regel der offene
Strafvollzug anstelle der Verbüssung im Gefängnis angeordnet. Das gegen
die Beschwerdeführerin eröffnete Verfahren befinde sich im Übrigen noch
in einem frühen Verfahrensstadium; erst in einem allfälligen gerichtlichen
Hauptverfahren würde sich überhaupt zeigen, ob die im Ermittlungsverfah-
ren gegen sie erhobenen Vorwürfe allenfalls sogar rechtmässig erfolgt
seien. Sie erfülle daher die Flüchtlingseigenschaft mangels hinreichend be-
gründeter Furcht vor flüchtlingsrechtlich bedeutsamer Verfolgung nicht. Die
gesetzliche Regelfolge der Ablehnung des Asylgesuchs sei die Wegwei-
sung aus der Schweiz. Deren Vollzug sei mangels Erfüllung der Flücht-
lingseigenschaft unter dem Aspekt von Art. 5 Abs. 1 AsylG sowie mangels
Anhaltspunkten für eine nach Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behand-
lung völkerrechtlich zulässig. Er sei mit Hinweis auf die im ersten Asylver-
fahren erst- und zweitinstanzlich gewonnenen Erkenntnisse, unter Berück-
sichtigung der aktuellen politischen Situation in der Türkei und mangels
gegenteiliger individueller Gründe ebenso zumutbar und im Übrigen tech-
nisch möglich und praktisch durchführbar. Die Gebühr stütze sich schliess-
lich auf Art. 111d AsylG.
5.2 In der Rechtsmitteleingabe hält die Beschwerdeführerin zunächst fest,
dass sie ihrer Mitwirkungspflicht im erstinstanzlichen Verfahren nachge-
kommen sei und insbesondere mit der am 16. Oktober 2020 der Post auf-
gegebenen Eingabe Beweismittel zu ihrem Strafverfahren betreffend die
erwähnten Straftatbestände vorgelegt und mithin die Eröffnung eines Straf-
ermittlungsverfahrens gegen sie in der Türkei zumindest glaubhaft ge-
macht habe; weitere Unterlagen seien einstweilen aufgrund des erst in der
Ermittlungsphase befindlichen Verfahrens nicht beschaffbar, sondern erst
nach Eröffnung einer Strafklage. Dennoch habe das SEM umgehend einen
abweisenden Entscheid getroffen. Dessen Einschätzung einer nicht flücht-
lingsrechtlich relevanten Verfolgung sei aus ihrer Sicht zu optimistisch. Aus
dem eingereichten und nunmehr mit einer teilweisen Übersetzung vorleg-
baren Schreiben des «(...)» vom (...) Juni 2020 gehe ein Auftrag an die
Polizei hervor, eine Untersuchung zur Feststellung der Wohnadresse und
eine Befragung der Beschuldigten vorzunehmen. Daraus sei zu schlies-
sen, dass ein Festnahme-, Vorführ- oder Haftbefehl eines Gerichts oder
Staatsanwalts wohl nicht nötig ist, um sie in Untersuchungshaft zu nehmen.
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Damit sei ihre Festnahme bei einer Rückkehr in die Türkei am Flughafen
und die Anordnung einer Untersuchungshaft mit nachfolgender Zuweisung
an die Staatsanwaltschaft und Hafteinweisung wahrscheinlich. Da es sich
vorliegend um mehrere Straftatbestände handle, seien die vorinstanzlichen
Erkenntnisse der allfälligen Gewärtigung einer bloss bedingten Strafe und
einer Verbüssung im offenen Vollzug unzutreffend. Der angefochtene Ent-
scheid verletze somit Bundesrecht und die EMRK.
6.
6.1 Die Beschwerdeführerin bezeichnete ihre Eingabe vom 3. August 2019
ausdrücklich als zweites Asylgesuch und richtete sie konsequenterweise
an das für die Behandlung multipler Asylgesuche zuständige SEM. Dieses
hat das neue Asylgesuch denn auch zutreffend als solches entgegenge-
nommen. Obwohl das kurz gehaltene zweite Asylgesuch nach Auffassung
des Bundesverwaltungsgerichts an der Grenze zur nach Art. 111c Abs. 1
AsylG geforderten gehörigen schriftlichen Begründung einzuordnen ist –
das Ausschlag gebende Beweismittel wurde nur in Teilen, als Kopie und
unübersetzt vorgelegt und weitere Unterlagen wurden bloss in Aussicht ge-
stellt – kann es spätestens nach erfolgter Nachinstruktion als genügend
liquid bezeichnet werden. Dass das SEM das Gesuch materiell behandelt
hat, ist daher nicht zu beanstanden.
6.2 Die Beschwerdeführerin stellt in ihrer Rechtmitteleingabe zwar einen
Rückweisungsantrag, erhebt hierzu aber keine expliziten Rügen formeller
Art, so dass die Intention des Antrages nicht klar erkennbar ist. Vorliegend
besteht aber – wie noch aufgezeigt wird – ohnehin Anlass für eine im Rah-
men der Überprüfung von Amtes wegen vorzunehmende Kassation, da
das Bundesverwaltungsgericht den Sachverhalt gemäss den nachfolgen-
den Ausführungen als ungenügend erstellt (und den in der Beschwerde
gestellten Rückweisungsantrag somit im Resultat als berechtigt) erachtet.
6.3
6.3.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen, was sich entsprechend
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in einer sachgerecht anfechtbaren Entscheidbegründung niederzuschla-
gen hat (vgl. Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 29, Art. 32 Abs. 1 und Art. 35 Abs. 1
VwVG). Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Partei-
standpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen
ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). Der Anspruch auf recht-
liches Gehör beschlägt nur die Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts, nicht aber dessen rechtliche Würdigung. Die unrichtige oder unvoll-
ständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts bildet einen Be-
schwerdegrund und dem Bundesverwaltungsgericht obliegt gemäss
Art. 49 Bst. b VwVG beziehungsweise Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG eine
umfassende Sachverhaltskontrolle. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststel-
lung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zu-
grunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollstän-
dig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachum-
stände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungs-
verfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013,
Rz. 1043). Ermittelt das Bundesverwaltungsgericht eine fehler- oder lü-
ckenhafte Feststellung des Sachverhalts, hebt es die Verfügung auf und
weist die Sache an die Vorinstanz zurück, damit diese den rechtserhebli-
chen Sachverhalt neu und vollständig feststellt (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEU-
BÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013,
Rz. 2.191; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 1155). Der Untersuchungs-
grundsatz gehört sodann zu den allgemeinen Grundsätzen des Verwal-
tungs- beziehungsweise Asylverfahrens (Art. 12 VwVG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen.
6.3.2 Vorab ist klarzustellen, dass der von der Beschwerdeführerin nach-
gereichten Eingabe vom 16. Oktober 2020 die Rechtswesentlichkeit zwar
nicht abzusprechen ist. Entgegen ihrer Behauptung ist die Postsendung
aber nicht am 16., sondern erst am 18. Oktober 2020 erfolgt. Die vom SEM
angesetzte Frist zur Einreichung von Beweismitteln endete am 12. Oktober
2020. Dass es damit zu einer Überkreuzung mit dem angefochtenen Ent-
scheid gekommen ist und die Eingabe dort nicht mehr berücksichtigt wer-
den konnte, ist daher der Beschwerdeführerin selber und keineswegs der
Vorinstanz zuzuschreiben. Anlass zu einer Wiedererwägung oder Wieder-
aufnahme des erstinstanzlichen Verfahrens bestand für das SEM auch un-
ter Berücksichtigung des Rücküberweisungsschreibens des Bundesver-
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Seite 12
waltungsgerichts vom 3. November 2020 (mit Kopie an die Beschwerde-
führerin) nicht, zumal die Beschwerdeführerin dort unmissverständlich auf
die Möglichkeit der Beschwerdeerhebung und zuvor bereits vom SEM auf
die Tatsache der Überkreuzung hingewiesen wurde. Die Beschwerdemög-
lichkeit nahm sie dann auch wahr, wobei sich der Fokus nun nur noch auf
das Schreiben des (...) vom (...) Juni 2020, welches sie mit einer Teilüber-
setzung nochmals vorlegt, richtete.
6.3.3 Gemäss dem der Verfügung des SEM zugrundliegenden Sachverhalt
ist die Beschwerdeführerin in politische Strafermittlungsverfahren verwi-
ckelt, und zwar wegen Beleidigung des türkischen Staatspräsidenten, Ver-
hetzung der Bevölkerung zu Hass und Feindseligkeit sowie Propaganda
für eine terroristische Organisation. Die ohne weitergehende einzelfallspe-
zifischen Abklärungen vorgenommene Einschätzung der Vorinstanz be-
züglich der Wahrscheinlichkeit, Intensität und Motivation der geltend ge-
machten Furcht vor Verfolgung kann das Gericht in dieser pauschal geäus-
serten Form nicht teilen. Das voraussichtliche Verhalten der türkischen Be-
hörden im konkreten Einzelfall lässt sich zwar naturgemäss nicht mit letzter
Genauigkeit vorhersagen. Doch bereits die Wahrscheinlichkeit, dass ein
Strafermittlungsverfahren bei der mit einer Wiedereinreise verbundenen
Kontrolle entdeckt würde, ist angesichts der technischen Möglichkeiten als
erhöht einzustufen. Weiter ist in Bezug auf die fraglichen Straftatbestände
zu berücksichtigen, dass diese unter Umständen der Abschreckung und
Bestrafung oppositioneller Tätigkeiten dienen beziehungsweise eine oppo-
sitionelle Haltung einer Person treffen können. Es ist daher im jeweiligen
Einzelfall die Frage des Bestehens eines allfälligen asylrechtlich relevanten
Politmalus gebührend zu prüfen (vgl. dazu BVGE 2013/25 und 2014/21).
Das SEM hat im vorinstanzlichen Verfahren keine Glaubhaftigkeitsprüfung
oder gar Verifizierung betreffend die im zweiten Asylgesuch vorgetragenen
neuen Gründe und Beweismittel vorgenommen. Auf der Basis des vom
SEM dergestalt festgestellten Sachverhalts ist eine abschliessende Beur-
teilung der Glaubhaftigkeitsfrage und mithin der Frage eines allfälligen An-
spruchs auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft und Gewährung des
Asyls nicht möglich. Das Mehrfachasylgesuch stützt sich auf einen neuen,
nicht zum vornherein jede flüchtlingsrechtliche Bedeutsamkeit abzuspre-
chenden Sachverhalt und auf von türkischen Strafbehörden ausgestellte
Dokumente, deren Echtheit seitens des SEM bislang keiner Prüfung unter-
zogen wurde. Auch die Möglichkeit einer politischen Konnotation des an-
geblichen Strafermittlungsverfahrens gegen die Beschwerdeführerin bleibt
weitgehend ungeprüft; das SEM beschränkt sich hierbei auf die simple
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Feststellung des Fehlens eines politischen Profils und eines politischen
Konnexes zu Geschwistern und Verwandten. Die rechtliche Würdigung
stützt sich sodann im Wesentlichen auf reine Vermutungen. Das SEM hätte
somit der ihr obliegenden Untersuchungspflicht fundiert nachgehen und
auch auf dem Instruktionsweg Nachbesserungen seitens der Beschwerde-
führerin beziehungsweise ihrer Vertreterin verlangen müssen (So wird bei-
spielsweise seitens der Beschwerdeführerin bis heute nicht dargetan,
wann und wie sie beziehungsweise ihre Vertreterin oder ihr Anwalt in der
Türkei in den Besitz der erwähnten und zumindest teilweise als behörden-
intern [Überweisungsbeschluss vom (...) Juni 2020] zu bezeichnenden Do-
kumente gekommen sein soll).
Das SEM hat weiter auch bloss eine verkürzte Übersetzung des mit dem
zweiten Asylgesuch vom 3. August 2020 eingereichten Dokuments vorge-
nommen. Hierbei stützt sich die Vorinstanz in der angefochtenen Verfü-
gung auf reine Vermutungen darüber, wie die türkischen Behörden die
Strafermittlung mutmasslich führen und beurteilen würden und welche
Strafen der Beschwerdeführerin allenfalls drohten.
Letztlich wäre bei der Beschwerdeführerin auch die durch Sicherheitsbe-
amte erlittene Vergewaltigung im Rahmen einer Gesamtwürdigung zu be-
rücksichtigen gewesen. Solche vorgängigen Erlebnisse sind im Rahmen
des subjektiven Elementes der begründeten Furcht vor zukünftiger Verfol-
gung einzubeziehen (vgl. Regeste EMARK 2004 Nr. 1, bestätigt in BVGE
2010/9).
Zusätzlich ergeben sich für das Bundesverwaltungsgericht verschiedenen
Positionen, die durch die Vorinstanz geklärt beziehungsweise durch die
Beschwerdeführerin erklärt werden müssen. So verbleibt beispielsweise
bis heute ungeklärt, weshalb seit Erlass des sogenannten Überweisungs-
beschlusses bis zur Asylgesuchstellung zwei Monate verstrichen sind.
Auch erstaunt die Mandatierung der Rechtsvertreterin für das neue Asyl-
verfahren bereits im Dezember 2019 (wenige Wochen nach rechtskräfti-
gem Abschluss des ersten Asylverfahrens), um dann aber das zweite Asyl-
gesuch erst neun Monate später in Gang zu setzen. Weiter ist für das Ge-
richt insofern die Logik der angeblich von den türkischen Behörden unter-
nommenen Verfahrensschritte schwer fassbar, als offenbar ein Strafverfah-
ren bereits eingeleitet worden sein soll, bevor der Internetüberprüfungsbe-
richt vorlag, der die möglichen Straftaten erst erkennen lassen konnte. Die
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entsprechenden Sachaspekte – die durchaus zu Zweifeln an den Sachvor-
bringen der Beschwerdeführerin Anlass geben könnten – bedürfen einer
vertieften Abklärung.
Zusammenfassend ist festzuhalten, das bei objektiver Betrachtung auf der
bestehenden Grundlage weder die Glaubhaftigkeit der Vorbringen der Be-
schwerdeführerin, noch ein allfälliger politischer Charakter des Strafverfah-
rens, noch die Intensität von allfällig zu befürchtenden Benachteiligungen
im Ermittlungsverfahren, noch die Höhe einer gegebenenfalls zu befürch-
tenden Verurteilung ausreichend beurteilt werden können. Auch die Beant-
wortung der Frage, ob eine Kumulation aller der Beschwerdeführerin an-
geblich zur Last gelegten Straftatbestände den Ausschluss einer bloss be-
dingt auszusprechenden Strafe und einer Verbüssung im offenen Vollzug
nach sich ziehen würde, bleibt seitens des SEM offen. Zwar ist das Verhal-
ten der Beschwerdeführerin und ihrer Rechtsvertreterin im zweiten Asyl-
verfahren insoweit zu beanstanden, als insbesondere betreffend die Mit-
wirkungspflicht nach Art. 8 AsylG augenfällige Defizite bestehen. Beispiels-
weise hat sie bislang trotz klarem Hinweis auf den reduzierten Beweiswert
und ihre Übersetzungspflicht nur Kopien eingereicht, nicht alle Dokumente
übersetzt und die meisten Übersetzungen nur fragmentarisch vorgenom-
men. Dennoch ist es Sache des SEM, mittels Nachinstruktion und/oder ei-
gener weiterer Abklärungen eine Sachverhaltsbasis zu erstellen, die für
eine Subsumption unter die gesetzlichen Anforderungen von Art. 3 AsylG
und der dazugehörigen Praxis in einem materiellen Entscheid tauglich und
für eine materielle Entscheidung reif ist. Es ist in diesem Zusammenhang
auf das aktuelle Urteil E-6113/2020 vom 6. Januar 2021 zu verweisen, in
dem das Bundesverwaltungsgericht fallbezogen beanstandet hat, dass
das SEM ohne nähere Prüfung der Glaubhaftigkeit der vorgetragenen Ver-
folgungs- und Gefährdungsgründe eine materielle Beurteilung vornahm,
die vorgängiger weiterer Instruktionsmassnahmen bedurft hätte.
6.3.4 Aus dem Erwogenen ergibt sich die Notwendigkeit einer Wiederauf-
nahme des mit Eingabe vom 3. August 2020 eingeleiteten erstinstanzlichen
Verfahrens. In diesem Rahmen wird das SEM auch Gelegenheit haben, die
am 19. Oktober 2020 (dem Tag des Erlasses der angefochtenen Verfü-
gung) bei ihm eingegangene Ergänzungseingabe der Beschwerdeführerin
vom 16. Oktober 2020 sachverhaltlich zu berücksichtigen und gegebenen-
falls weitere Instruktionsmassnahmen oder eigene Abklärungen zu den
dort vorgelegten weiteren Beweismitteln vorzunehmen.
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6.4 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der Regel reformato-
risch. Nur ausnahmsweise wird eine angefochtene Verfügung kassiert und
an die Vorinstanz zurückgewiesen. Wie sich aus obigen Erwägungen
ergibt, ist der rechtserhebliche Sachverhalt nicht genügend abgeklärt und
erstellt. Es ist nicht Sache des Gerichts, als letzte Beschwerdeinstanz um-
fassende Sachverhaltsabklärungen durchzuführen und erstmals über sich
allenfalls neu stellende Rechtsfragen zu entscheiden; ein abschlägiger
Entscheid nach weiteren Sachverhaltsabklärungen und neuer Sachver-
haltsfeststellung durch das Gericht würde für die Beschwerdeführerin auch
einen Instanzenverlust und mithin eine Verletzung ihres Anspruchs auf
Wahrung des rechtlichen Gehörs bedeuten. Die Kassation der angefoch-
tenen Verfügung ist daher gerechtfertigt.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung vom
19. Oktober 2020 Bundesrecht verletzt und den rechtserheblichen Sach-
verhalt unvollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die angefochtene
Verfügung ist aufzuheben und die Beschwerde insoweit gutzuheissen, so-
weit überhaupt Eintretensanspruch besteht. Die Sache ist im Sinne der Er-
wägungen (E. 6) zur vollständigen Abklärung und Feststellung des rechts-
erheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
8.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die Rechts-
vertreterin präsentiert eine Honorarnote vom 19. November 2020 mit einem
Totalbetrag von Fr. 1'560.– bei einem Stundenansatz von Fr. 170.–. Der
ausgewiesene zeitliche Aufwand von sieben Stunden für die sechsseitige
Eingabe erscheint dabei deutlich überhöht. Gestützt auf die in Betracht zu
ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 8-13 VGKE) ist der Beschwerdefüh-
rerin zu Lasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt
Fr. 900.– (inkl. Auslagen) zuzusprechen. Die Parteientschädigung umfasst
keinen Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE.
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8.3 Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und um
Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als unentgeltliche Rechtsbei-
ständin werden damit hinfällig.
(Dispositiv nächste Seite)
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