Decision ID: c186cf30-e01c-4794-9f68-769d2c784a86
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
a. Die 1974 geborene X._ ist slowenische Staatsbürgerin und verfügte über eine
Aufenthaltsbewilligung EU/EFTA mit Gültigkeit bis 20. November 2018. Sie hat einen
Sohn namens A._, der 1998 in der Schweiz geboren wurde (act. Migrationsamt
[nachfolgend: MA] 197). Mit Schreiben vom 14. Juni 2018 stellte das Migrationsamt
X._ im Rahmen des rechtlichen Gehörs in Aussicht, dass die Aufenthaltsbewilligung
EU/EFTA widerrufen werde. Das Verhalten von X._ gebe in finanzieller Hinsicht
(Schulden, Sozialhilfebezug, arbeitslos) zu Klagen Anlass. Dieses Schreiben konnte
X._ zunächst nicht per Post an die von ihr angegebene Adresse L._ zugestellt
werden. Die Rückfrage des Migrationsamtes an die Sozialen Diensten der H._ ergab,
dass die bekannte Adresse von X._ korrekt war. Die erneute Zustellung verlief am
20. August 2018 erfolgreich.
b. Nach Eingang der Stellungnahme von X._ verfügte das Migrationsamt am
11. Oktober 2018 den Widerruf der Aufenthaltsbewilligung EU/EFTA. Die Sendung
wurde von X._ nicht abgeholt. Diese nicht abgeholte Sendung wurde am 29. Oktober
2019 an das Migrationsamt retourniert, weshalb das Migrationsamt die Verfügung vom
11. Oktober 2018 X._ gleichentags erneut per A-Post zustellte. In diesem Schreiben
vom 29. Oktober 2018 machte das Migrationsamt X._ zudem darauf aufmerksam
gemacht wurde, dass die Rekursfrist mit der Zustellung des Schreibens nicht neu zu
laufen beginne. Die Verfügung ging am 2. November 2018 bei X._ ein.
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c. Am 5. November 2018 stellte X._ durch ihren Rechtsvertreter beim Sicherheits- und
Justizdepartement des Kantons St. Gallen ein Gesuch um Wiederherstellung der
Rekursfrist betreffend Widerruf der Aufenthaltsbewilligung EU/EFTA und beantragte,
die am 2. November 2018 abgelaufene Rekursfrist sei wiederherzustellen und ihr sei
eine angemessene Nachfrist anzusetzen. Mit Eingabe vom 7. November 2018 reichte
der Rechtsvertreter je ein Schreiben des Vermieters vom 7. November 2018, der
Sozialen Dienste der H._ vom 7. November 2018 sowie der Opferhilfe vom
6. November 2018 ein, in welchen jeweils bestätigt wurde, dass Probleme mit der
Zustellung der Post an X._ bestünden.
d. Das Migrationsamt stimmte mit Schreiben vom 14. Dezember 2018 der
Fristwiederherstellung nicht zu.
e. Das Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen wies mit Entscheid
vom 27. Februar 2019 das Gesuch um Wiederherstellung der Rekursfrist ab und trat
auf den Rekurs von X._ nicht ein. Im Wesentlichen begründeten es seinen Entscheid
damit, dass das Verschulden der Gesuchstellerin nicht leicht wiege. Sie hätte dafür
besorgt sein müssen, dass ihr die Post zugestellt werden könne.
B.
a. X._ (Beschwerdeführerin) reichte am 13. März 2019 durch ihren Rechtsvertreter
Beschwerde gegen den Entscheid des Sicherheits- und Justizdepartements
(Vorinstanz) beim Verwaltungsgericht ein. Sie stellte das Rechtsbegehren, der
Entscheid der Vorinstanz sei aufzuheben, die am 2. November 2018 abgelaufene
Rekursfrist sei wiederherzustellen und ihr sei die unentgeltliche Rechtspflege zu
gewähren; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
b. Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 1. April 2019 die Abweisung

der Beschwerde und verwies zur Begründung auf die Erwägungen des angefochtenen
Entscheids.
c. Der Abteilungspräsident des Verwaltungsgerichts bewilligte der Beschwerdeführerin
mit Schreiben vom 11. April 2019 die unentgeltliche Rechtspflege und
Rechtsverbeiständung.
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Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge und die
Akten wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Die
Beschwerdeführerin ist Adressatin des angefochtenen Entscheides, mit dem die
Vorinstanz ihr Gesuch um Wiederherstellung der Rekursfrist abgewiesen hat und auf
den Rekurs nicht eingetreten ist, und deshalb zur Erhebung der Beschwerde befugt
(Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerde wurde mit Eingabe vom
17. September 2018 rechtzeitig erhoben und erfüllt zusammen mit der Ergänzung vom
15. November 2018 formal wie inhaltlich die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in
Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 und 2 VRP). Auf die Beschwerde ist
daher einzutreten.
2.
2.1. Gegen Verfügungen des Migrationsamtes kann innert einer Frist von vierzehn
Tagen bei der Vorinstanz Rekurs eingereicht werden (Art. 43 VRP in Verbindung mit
Art. 47 Abs. 1 VRP). Gemäss Art. 30 Abs. 1 VRP finden auf Zustellungen und Fristen im
Verwaltungsrechts(rechtspflege)verfahren die Bestimmungen der Schweizerischen
Zivilprozessordnung (ZPO, SR 272) Anwendung. Eingaben müssen spätestens am
letzten Tag der Frist beim Gericht eingereicht oder zu dessen Handen der
Schweizerischen Post oder einer schweizerischen diplomatischen oder konsularischen
Vertretung übergeben werden (Art. 30 Abs. 1 VRP in Verbindung mit Art. 143 Abs. 1
ZPO). Gesetzliche Fristen haben nach Art. 30 VRP Verwirkungsfolge, wenn das
Gesetz nichts anderes bestimmt.
Eine eingeschriebene Sendung gilt spätestens am letzten Tag einer Frist von sieben
Tagen ab Eingang bei der Poststelle am Ort des Empfängers als zugestellt, sofern
tatsächlich ein erfolgloser (Briefkasten- oder Postfach-)Zustellungsversuch mit
entsprechender Abholungseinladung unternommen wurde und der Adressat mit der
fraglichen Zustellung rechnen musste; die Geltung der Zustellungsfiktion setzt ein
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hängiges bzw. laufendes Verfahren voraus (vgl. Art. 30 Abs. 1 VRP in Verbindung mit
Art. 138 Abs. 3 lit. a ZPO, BGE 141 II 429, BGer 2C_102/2016 vom 5. Februar 2016 E.
3.1.1).
2.2. Das Vorliegen eines Prozessverhältnisses wird von der Beschwerdeführerin nicht
bestritten. Nachdem ihr mit Schreiben vom 20. August 2018 (act. MA 388) das
rechtliche Gehör in Bezug auf den beabsichtigten Widerruf der Aufenthaltsbewilligung
gewährt worden war, musste sie mit der Zustellung der Verfügung rechnen.
Unbestritten ist ebenfalls, dass die Verfügung vom 11. Oktober 2018 an diesem Tag
versandt und am folgenden Tag zur Abholung gemeldet wurde (track and trace, act. vi
1.1/4). Die siebentätige Abholfrist endete am 19. Oktober 2018 und die Verfügung galt
ab diesem Zeitpunkt als zugestellt (Zustellfiktion). Die vierzehntägige Frist zur
Einreichung des Rekurses lief damit unbestrittenermassen am 2. November 2018 ab.
Innerhalb dieser Frist erhob die Beschwerdeführerin kein ordentliches Rechtsmittel.
3.
3.1. Zu prüfen ist, ob die verpasste Frist durch die Vorinstanz wiederherzustellen war.
Die Behörde kann gemäss Art. 30 Abs. 1 VRP in Verbindung mit Art. 148 Abs. 1 ZPO
auf Gesuch einer säumigen Partei eine Nachfrist gewähren, wenn die Partei glaubhaft
macht, dass sie kein oder nur ein leichtes Verschulden trifft (materielle Voraussetzung).
Das Gesuch ist innert 10 Tagen seit Wegfall des Säumnisgrundes einzureichen (Art.
148 Abs. ZPO, formelle Voraussetzung). Gemäss Art. 30 Abs. 1 VRP kann die
Wiederherstellung einer Frist zudem auch angeordnet werden, wenn der
Verfahrensgegner zustimmt. Zum Entscheid über ein Fristwiederherstellungsgesuch ist
die Instanz zuständig, bei welcher die Frist verpasst wurde (vgl. Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz. 1144).
Sowohl nach der verwaltungsgerichtlichen als auch nach der bundesgerichtlichen
Praxis ist ein Grund, der die Wiederherstellung einer Frist rechtfertigen könnte, nicht
leichthin anzunehmen. Vielmehr rechtfertigt sich aus Gründen der Rechtssicherheit und
der Verfahrensdisziplin eine strenge Praxis (vgl. BGer 2C_534/2016 vom 21. März 2017
E. 3.2).
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3.2. Von den Parteien unbestritten ist, dass die Vorinstanz als Rekursinstanz zuständig
für die Beurteilung des Fristwiederherstellungsgesuchs war. Die Beschwerdeführerin
erklärte, ihr sei die Verfügung am 2. November 2018 zugegangen. Das
Fristwiederherstellungsgesuch reichte sie am 5. November 2018 bei der Vorinstanz ein
und wahrte damit die zehntägige Frist zur Einreichung des Gesuchs. Das
Migrationsamt als damaliger Verfahrensgegner stimmte der Fristwiederherstellung mit
Schreiben vom 14. Dezember 2018 nicht zu (act. vi 5).
3.3. Die Frist kann wiederhergestellt werden, wenn entweder ein unverschuldetes
Hindernis oder ein leichtes Verschulden als Säumnisursache vorliegen. Bei einem
unverschuldeten Hindernis ist die Behörde zur Wiederherstellung verpflichtet, in den
übrigen Fällen liegt ihre Anordnung in ihrem (pflichtgemässen) Ermessen (Cavelti/
Vögeli, a.a.O., Rz. 1138). Kein Verschulden an der Säumnis liegt im Fall objektiver
Unmöglichkeit oder höherer Gewalt vor (Naturereignisse, Unwetter, usw.,
gleichermassen aber auch ein nicht voraussehbarer Verkehrszusammenbruch oder
eine technische Panne des benutzten Fahrzeugs bzw. eines öffentlichen
Verkehrsmittels, B. Merz, in: Brunner/Gasser/Schwander [Hrsg.], Kommentar zur
Schweizerische Zivilprozessordnung, 2. Aufl. 2016, Rz. 16 zu Art. 148 ZPO). Solche
Gegebenheiten liegen im vorliegenden Fall nicht vor und werden auch nicht geltend
gemacht.
3.4. Ein leichtes Verschulden wird in der Praxis regelmässig nur dann angenommen,
wenn lediglich das nicht beachtet wird, was ein sorgfältiger Mensch unter den gleichen
Umständen ebenfalls nicht beachten würde. Wurde dagegen eine Sorgfaltspflicht
verletzt, deren Beachtung unter den gegebenen Umständen auch dem durchschnittlich
Sorgfältigen zuzumuten ist, liegt eine Nachlässigkeit vor (vgl. Cavelti/Vögeli, a.a.O.,
Rz. 1141, VerwGE B 2013/98 vom 25. Juni 2013, E. 2.1). Als Wiederherstellungsgründe
gelten insbesondere eine plötzliche Erkrankung oder Unfall, sofern sie die Partei
tatsächlich an der Vornahme der Prozesshandlung hindern, Tod eines nahen
Angehörigen oder Ortsabwesenheit im Zeitpunkt der Fristansetzung, sofern die Partei
nicht mit der Zustellung rechnen musste (B. Merz, a.a.O., Rz. 16 und 21 zu Art. 148
ZPO). Versehen, Vergesslichkeit und ähnliche Gründe vermögen keine
Wiederherstellung zu rechtfertigen (N. Gozzi, in: Spühler/Tenchio/Infanger [Hrsg.],
Balser Kommentar zur Schweizerische Zivilprozessordnung, 3. Aufl. 2017, Rz. 30 zu
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Art. 148 ZPO). Die Beweislast für den behaupteten Wiederherstellungsgrund trägt die
säumige Partei. Nach dem Wortlaut von Art. 148 Abs. 1 ZPO genügt die
Glaubhaftmachung der materiellen Voraussetzungen. Die Gründe für die
Wiederherstellung sind zu benennen und soweit möglich durch entsprechende
Nachweise zu belegen (vgl. N. Gozzi, a.a.O., Rz. 38f. zu Art. 148 ZPO).
3.5. Die Vorinstanz führte in ihrem Entscheid aus, dass die Beschwerdeführerin nach
der Gewährung des rechtlichen Gehörs am 20. August 2018 mit dem fristauslösenden
Schreiben des Migrationsamtes habe rechnen müssen. Sie habe dafür besorgt sein
müssen, dass die Zustellung von Post an sie möglich sei, beispielsweise mittels
Umleitung der Post an eine Kollegin, eine Nachbarin oder eine andere Person, bei der
sie regelmässig vorbeigehen und die Post abholen könne. Dies insbesondere vor dem
Hintergrund, dass die Beschwerdeführerin die Post schon mehrfach nicht erhalten
habe. Im Übrigen wäre es der Beschwerdeführer möglich gewesen, noch am selben
Tag, an dem sie die Verfügung erhalten habe, Rekurs zu erheben. Es hätte eine
einfache Rekurserklärung dazu genügt und eine Begründung hätte zu einem späteren
Zeitpunkt nachgeliefert werden können. Die Beschwerdeführerin habe keine Gründe
geltend gemacht, weshalb ihr die rechtzeitige Rekurserhebung am 2. November 2018
nicht möglich gewesen sei.
Dagegen stellt sich die Beschwerdeführerin auf den Standpunkt, dass ihr zwar bewusst
gewesen sei, dass sie sich in einem laufenden Verfahren befinde und mit weiterer Post
habe rechnen müssen. Genau deshalb habe sie in ihrer Stellungnahme zur Wahrung
des rechtlichen Gehörs am 3. September 2018 (Eingang Migrationsamt) auch darauf
hingewiesen, dass ihr gewalttätiger Ex-Freund mehrmals ihren Briefkasten zerstört und
ihr Namensschild entfernt habe, so dass sie einige Post nicht erhalten habe. Diese
Behauptung werde auch durch den Vermieter und die Sozialen Diensten der H._ in
ihren jeweiligen Schreiben gestützt. Das Migrationsamt habe nachweislich Kenntnis
davon gehabt, dass die Zustellung der Post an die Beschwerdeführerin nicht
zuverlässig funktioniert habe. Im Wissen um diese Umstände und der Tatsache, dass
die erlassene Verfügung für sie einen erheblichen Rechtsverlust bedeute, wäre das
Migrationsamt verpflichtet gewesen, sich um eine zuverlässige Zustellung der Post zu
kümmern bzw. sie auf die Rechtsfolgen einer misslungenen Zustellung im laufenden
Verfahren hinzuweisen. Sie sei Laiin und kenne die Zustellfiktion nicht. Im Übrigen sei
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ihr das Schreiben betreffend das rechtliche Gehör nach erstmaliger nicht erfolgreicher
Zustellung auch zwei Monate später nochmals zugestellt worden. Aufgrund dieser
Erfahrung habe sie damit rechnen können, dass das Migrationsamt es bei einer
allfälligen Verfügung gleich handhaben würde.
3.6. Unbestritten ist, dass die Beschwerdeführerin in einem hängigen Verfahren stand
und damit mit der Zustellung einer Verfügung zu rechnen hatte. Dies verpflichtet die
Partei, sich nach Treu und Glauben zu verhalten, d.h. unter anderem dafür zu sorgen,
dass ihr Entscheide, welche das Verfahren betreffen, zugestellt werden können. Diese
prozessuale Pflicht entsteht mit der Begründung eines Verfahrensverhältnisses und gilt
insoweit, als während des hängigen Verfahrens mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit
mit der Zustellung eines behördlichen Aktes gerechnet werden muss (vgl. BGE 130 III
396 E. 1.2.3 S. 399 mit Hinweisen, BVGer D-3512/2012 vom 20. Juli 2012 E. 3.6). Die
Zustellung erfolgt an die der Behörde bekannte Adresse (J. Gschwend, Basler
Kommentar, a.a.O., Rz. 3 zu Art. 138 ZPO). Die Beschwerdeführerin wusste um die
Schwierigkeiten bei der Zustellung der an sie gerichteten Post. Dies versuchte sie auch
mittels den Schreiben des Vermieters vom 7. November 2018, der Sozialen Dienste der
H._ vom 7. November 2018 sowie der Opferhilfe vom 6. November 2018 zu belegen.
Des Weiteren wies die Beschwerdeführerin in der Stellungnahme vom 3. September
2018 (Eingang Migrationsamt) zum rechtlichen Gehör das Migrationsamt darauf hin,
dass sie einige Post nicht erhalten habe, weil ihr Ex-Freund ihren Briefkasten zerstört
und das Namensschild entfernt habe. Dem Migrationsamt war damit die schwierige
Postzustellung bekannt. Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin war das
Migrationsamt allerdings nicht dazu verpflichtet, die Beschwerdeführerin auf die
Rechtsfolgen einer misslungenen Zustellung hinzuweisen oder sie sogar ausdrücklich
aufzufordern, sich um eine zuverlässige Postzustellung zu kümmern. Die Pflicht, für
einen gehörigen Empfang fristauslösender Verfügungen zu sorgen, obliegt der
Beschwerdeführerin und zwar umso mehr, je weniger Zeit seit der letzten behördlichen
Handlung vergangen ist (vgl. VerwGE B 2011/188 vom 17. Januar 2012 E. 3.2.2). Die
Beschwerdeführerin musste nach ihrem Schreiben vom 3. September 2018 damit
rechnen, dass ihr in nächster Zeit eine Verfügung zugestellt werden könnte, und hätte
geeignete Vorkehren für deren Zustellbarkeit treffen müssen (beispielsweise
Postumleitung oder Ermächtigung eines Stellvertreters, vgl. auch J. Gschwend, a.a.O.,
Rz. 18a zu Art. 138 ZPO). Die nötige Sorgfalt dazu brachte die Beschwerdeführerin
http://links.weblaw.ch/BGE-130-III-396 http://links.weblaw.ch/BGE-130-III-396
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jedenfalls nicht auf, weshalb kein leichtes Verschulden angenommen werden kann. Im
Übrigen vermag sie weder mit dem Schreiben des Vermieters vom 7. November 2018
noch mit demjenigen der Opferhilfe vom 6. November 2018 aufzuzeigen, dass die
Verfügung am 11. Oktober 2018 nicht zugestellt werden konnte. Die Sachbearbeiterin
der Opferhilfe gab an, dass die Belästigungen durch den Ex-Freund bis in den
Spätsommer andauerten, womit nicht belegt ist, dass zum Zeitpunkt der Zustellung
noch mit Schwierigkeiten seitens des Ex-Freundes zu rechnen war. Des Weiteren ist
dem Schreiben des Vermieters lediglich zu entnehmen, dass das Namensschild am
Briefkasten entfernt und der Briefkasten beschädigt worden sei. Gemäss der
Sendungsverfolgung der Post konnte die Abholungseinladung allerdings erfolgreich an
die Adresse der Beschwerdeführerin zugestellt werden. Zu diesem Zeitpunkt war der
Briefkasten also offenbar beschriftet. Dass die Post aus dem Briefkasten heraus
abhandengekommen sein soll, wird von der Beschwerdeführerin weder behauptet
noch mit diesen Schreiben belegt.
3.7. Ebenfalls nicht stichhaltig ist das Argument der Beschwerdeführerin, dass sie
aufgrund ihrer fehlenden Rechtskenntnis bei der Zustellung der Verfügung am
2. November 2018 nicht habe wissen können, dass die Rechtsmittelfrist an diesem Tag
ablaufe. Als Grundregel gibt eine blosse Unkenntnis von Rechtsregeln, namentlich
solcher verfahrensrechtlicher Natur, oder ein Irrtum über deren Tragweite keinen Anlass
für eine Fristwiederherstellung (BGer 2F_10/2014 vom 27. Juni 2014 E. 2.2.1,
5A_240/2011 vom 6. Juli 2011 E. 6.3 - 6.5). Eine Wiederherstellung ist höchstens
gerechtfertigt, wenn eine Partei durch eine unrichtige behördliche Auskunft oder
Belehrung oder durch einen Verfahrensfehler (Eröffnungs- oder Zustellungsfehler) in
einen Irrtum versetzt wurde, der sie an der rechtzeitigen Vornahme einer Rechtsvorkehr
hinderte (N. Gozzi, a.a.O., Rz. 27 und 29 zu Art. 148 ZPO, P. Egli, in: Waldmann/
Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016,
Rz. 29 zu Art. 24 VwVG). Im vorliegenden Fall stellte das Migrationsamt der
Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 29. Oktober 2018 die Originalverfügung vom
11. Oktober 2018 nochmals zu. Mit diesem Schreiben wurde die Beschwerdeführerin
zugleich informiert, wann die Rechtsmittelfrist zu laufen begonnen hatte (am "nach
Ablauf der siebentägigen Abholfrist folgenden Tag") und dass die Rekursfrist mit der
Zustellung des Schreibens nicht neu zu laufen beginne (act. MA 409). Sofern der
Beschwerdeführerin die Bedeutung dieses Schreibens nicht verständlich gewesen
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wäre, wäre sie im Rahmen ihrer Sorgfaltspflicht zumindest gehalten gewesen, bei der
zuständigen Behörde sofort um weiterführende Auskunft zu ersuchen. Stattdessen
liess die Beschwerdeführerin die Rekursfrist unbenutzt verstreichen, obwohl sie sich
der schwerwiegenden Konsequenzen, welche die Verfügung mit sich zog, hätte
bewusst sein müssen.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin mit ihrem Handeln
bzw. Untätigsein die zu erwartende Sorgfalt ausser Acht liess und sie weder eine
subjektive noch objektive Unmöglichkeit korrekten Handelns nachweisen kann. Folglich
liegt kein leichtes Verschulden seitens der Beschwerdeführerin vor und die Vorinstanz
verweigerte die Wiederherstellung der Rekursfrist zu Recht. Die Beschwerde ist daher
abzuweisen.
4.
4.1. Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von
CHF 1'500 ist angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12,
GKV). Zufolge Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gehen die Kosten zulasten
des Staates (Art. 99 Abs. 2 VRP in Verbindung mit Art. 122 Abs. 1 lit. b ZPO). Auf die
Erhebung ist zu verzichten (Art. 95 Abs. 3 VRP).
4.2. Der Staat hat den Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin für die ausseramtlichen
Kosten des Beschwerdeverfahrens zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung zu
entschädigen (Art. 99 Abs. 2 VRP in Verbindung mit Art. 122 Ingress und Abs. 1 lit. a
ZPO). Der Rechtsvertreter hat keine Kostennote eingereicht, weshalb die
Entschädigung nach Ermessen festzusetzen ist (Art. 30 lit. b Ziff. 2 und Art. 31 Abs. 1
des Anwaltsgesetzes; sGS 963.70, AnwG, sowie Art. 6 und 19 der Honorarordnung;
sGS 963.75, HonO). Eine Entschädigung von CHF 2'000 für das Beschwerdeverfahren
erscheint angemessen (Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO). Der Staat hat somit den
Rechtsvertreter mit 80% (vgl. Art. 31 Abs. 3 AnwG) von CHF 2'000 zuzüglich CHF 80
Barauslagen (vier Prozent von CHF 2‘000, Art. 28 Abs. 1 HonO) zu entschädigen
(mangels Antrags gemäss Art. 29 HonO ohne Mehrwertsteuer), insgesamt also mit
CHF 1'680. Der Rechtsvertreter darf von seiner Mandantin kein zusätzliches Honorar
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fordern (Art. 11 HonO). Die Beschwerdeführerin wird darauf hingewiesen, dass sie je
nach Prozessausgang zur Nachzahlung von Gerichts- und Anwaltskosten verpflichtet
werden kann, wenn sich ihre wirtschaftlichen Verhältnisse entsprechend verbessern
(Art. 99 Abs. 2 VRP in Verbindung mit Art. 123 Abs. 1 ZPO).