Decision ID: f69f8126-d360-5ad7-99bf-df67e9d06e82
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a Ein erstes Rentengesuch von A._ (IV-act. 1) wies die IV-Stelle mit Verfügung vom
3. Dezember 2013 ab (IV-act. 37). Am 20. Oktober 2014 meldete er sich erneut zum
Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 39). Gestützt auf die Stellungnahme des RAD-
Arztes Dr. med. B._ vom 14. Januar 2015, worin dieser dem Versicherten für
leidensangepasste Tätigkeiten eine 100%ige Arbeitsfähigkeit bescheinigt hatte (IV-act.
69), verfügte die IV-Stelle am 6. März 2015 wiederum die Abweisung des
Rentengesuchs (IV-act. 73). Die dagegen gerichtete Beschwerde vom 17. April 2015
(IV-act. 77) hiess das Versicherungsgericht teilweise gut. Es hob die angefochtene
Verfügung auf und wies die Sache zur Vornahme einer umfassenden polydisziplinären
Begutachtung an die IV-Stelle zurück (siehe hierzu sowie zum massgebenden
Sachverhalt den Entscheid des Versicherungsgerichts vom 17. Februar 2016, IV
2015/125, IV-act. 88).
A.b An mehreren Tagen im Juli und August 2016 wurde der Versicherte im BEGAZ
Begutachtungszentrum BL polydisziplinär (allgemeininternistisch, neuropsychologisch,
angiologisch, psychiatrisch, neurologisch und orthopädisch) begutachtet. Die Experten
stellten folgende Diagnosen, denen sie eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zumassen: 1. eine periphere arterielle Verschlusskrankheit Stadium 2a nach Fontaine
beidseits, linksbetont, DD: Morbus Winiwarter-Buerger; 2. ein multifaktoriell bedingtes
Schmerzsyndrom mit neuropathischem Beschwerdeanteil; 3. anamnestisch einen
Status nach wiederholten leichten Schädel-Hirn-Traumata (Commotio cerebri); 4. eine
leichte neuropsychologische Störung mit im Schwerpunkt bifrontalen und links
temporobasalen Hirnfunktionsschwächen; 5. eine posttraumatische Ellbogenarthrose
rechts; 6. ein residuelles Impingementsyndrom der linken Schulter und 7. eine
beginnende Gonarthrose links. Ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit stellten sie
u.a. Störungen durch Alkohol (Abhängigkeitssyndrom; ICD-10: F10.25), durch
Cannabinoide (Abhängigkeitssyndrom; ICD-10: F12.25) und durch Opioide
(Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtige Teilnahme an einem ärztlich überwachten
Ersatzdrogenprogramm; ICD-10: F11.22) fest. Die Gutachter bescheinigten dem
Versicherten aus gesamtmedizinischer Sicht für leidensangepasste Tätigkeiten mit
einer Gehstrecke von unter 500 Metern eine 10%ige und mit einer Gehstrecke von über
500 Metern eine 50%ige Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (Gutachten vom 6.
September 2016, IV-act. 109). Der RAD-Arzt Dr. B._ hielt die gutachterliche
Beurteilung aus versicherungsmedizinischer Sicht für nachvollziehbar (Stellungnahme
vom 14. September 2016, IV-act. 110).
A.c Im Assessment- und Verlaufsprotokoll vom 3. November 2016 hielt der
Eingliederungsverantwortliche fest, der Versicherte sehe sich zu 100% arbeitsunfähig
und wolle berentet werden (IV-act. 113). Die IV-Stelle wies am 25. November 2016 das
Gesuch um berufliche Massnahmen mit der Begründung ab, der Versichere sehe sich
nicht in der Lage, an Eingliederungsbemühungen mitzuwirken (IV-act. 118).
A.d Auf der Grundlage einer 90%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste
Tätigkeiten ermittelte die IV-Stelle einen 10%igen Invaliditätsgrad und zeigte dem
Versicherten mit Vorbescheid vom 9. Dezember 2016 die Abweisung des
Rentengesuchs an (IV-act. 122). Nachdem der Versicherte die Frist für einen Einwand
unbenützt verstreichen liess, verfügte die IV-Stelle am 10. Februar 2017 die Abweisung
des Rentengesuchs (IV-act. 124).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Gegen die Verfügung vom 10. Februar 2017 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 15. März 2017. Der Beschwerdeführer beantragt darin deren
Aufhebung und die Zusprechung der gesetzlichen Leistungen. Eventualiter sei die
Angelegenheit an die Beschwerdegegnerin zur weiteren Abklärung zurückzuweisen,
insbesondere sei sie anzuweisen, ein rheumatologisches Gutachten einzuholen und ihn
(den Beschwerdeführer) zur Teilnahme an einem von ihr zu organisierenden
Entzugsprogramm aufzufordern; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
Zusätzlich stellt er die Verfahrensanträge, es sei erstens "ein obergerichtliches,
unabhängiges Gutachten betreffend den Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit
in rheumatologischer Hinsicht einzuholen" und zweitens "eine obergerichtliche,
unabhängige medizinische Abklärung über die Wechselwirkungen der verschiedenen
körperlichen Beschwerden und deren Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit einzuholen".
Zur Begründung bringt der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, die
Beschwerdegegnerin hätte ihn auch rheumatologisch abklären müssen. Zudem seien
auch die Wechselwirkungen nicht genügend abgeklärt worden. Fraglich sei, ob die von
den Gutachtern festgehaltenen Arbeitsfähigkeiten die Durchführung eines Entzugs
erfordern würden und ob eine Verwertung der Restarbeitsfähigkeit überhaupt noch
zumutbar sei. Die gutachterliche Arbeitsfähigkeitsbeurteilung müsse "auf der Basis
erfolgt sein, als ob der Beschwerdeführer bereits erfolgreich einen Entzug durchführte".
Die Beschwerdegegnerin hätte somit ein Mahnverfahren einleiten und die Durchführung
einer stationären Entzugstherapie anordnen müssen verbunden mit dem Hinweis, dass
bei Weigerung eine Abweisung von Versicherungsleistungen erfolge. Damit habe die
Beschwerdegegnerin das rechtliche Gehör verletzt (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 19. Mai 2017
die Abweisung der Beschwerde. Sie stellt sich auf den Standpunkt, dass der
Sachverhalt spruchreif abgeklärt worden sei. Unbegründet sei die Rüge der
unterbliebenen Durchführung eines Mahn- und Bedenkzeitverfahrens. Dem
Beschwerdeführer seien ausschliesslich deshalb keine Leistungen zugesprochen
worden, weil er die Voraussetzungen für einen Rentenanspruch bei einem
Invaliditätsgrad von 10% nicht erfülle (act. G 5).
B.c Mit Zwischenentscheid vom 2. Juni 2017 wird dem Gesuch des
Beschwerdeführers um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege (Befreiung von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung) für das
Verfahren vor Versicherungsgericht entsprochen (act. G 6).
B.d Am 7. Juli 2017 reicht der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers eine
Honorarnote über seine anwaltlichen Bemühungen ein (act. G 8).
B.e Mit Eingabe vom 22. August 2018 (act. G 10) reicht der Beschwerdeführer den
Austrittsbericht der Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates am Kantonsspital St. Gallen (KSSG) vom 31. Mai 2018 ein, wo er
vom 24. April bis 4. Mai 2018 im Rahmen einer notfallmässigen Selbstvorstellung
wegen einer funktionellen Tetraparese bei unspezifischem Rückenschmerz mit
Ausstrahlung in beide Beine und Sensibilitätsstörung beider Beine sowie Hypästhesie
der linken Gesichtshälfte und des linken Arms hospitalisiert war (act. G 10.1).

Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist das in der
angefochtenen Verfügung abgewiesene Rentengesuch des Beschwerdeführers.
1.1 Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder
die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40%
invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für
die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2
ATSG).
1.2 Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts "führt Drogensucht (wie auch
Alkoholismus und Medikamentenmissbrauch) als solche nicht zu einer Invalidität im
Sinne des Gesetzes. Dagegen wird sie im Rahmen der Invalidenversicherung relevant,
wenn sie eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt hat, in deren Folge ein körperlicher
oder geistiger, die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender Gesundheitsschaden
eingetreten ist, oder wenn sie selber Folge eines körperlichen oder geistigen
Gesundheitsschadens ist, dem Krankheitswert zukommt (BGE 124 V 265 E. 3c S. 268).
Aus letzterem Leitsatz folgt nicht, dass die Auswirkungen einer Drogensucht, die
ihrerseits auf einen Gesundheitsschaden zurückgeht, per se invaliditätsbegründend
sind. Die zitierte Praxis setzt vielmehr den Grundsatz um, dass funktionelle
Einschränkungen nur anspruchsbegründend sein können, wenn sie sich als Folgen
selbständiger Gesundheitsschädigungen darstellen (Art. 6 ff. ATSG und Art. 4 Abs. 1
IVG). Insofern verhält es sich ähnlich wie im Verhältnis zwischen psychosozialen oder
soziokulturellen Umständen und fachärztlich festgestellten psychischen Störungen von
Krankheitswert (BGE 127 V 294 E. 5a S. 299): Wo die Gutachter im Wesentlichen nur
Befunde erheben, welche in der Drogensucht ihre hinreichende Erklärung finden,
gleichsam in dieser aufgehen, ist kein invalidisierender psychischer
Gesundheitsschaden gegeben. Dies trifft zu, wenn davon auszugehen ist, dass sich
beispielsweise ein depressives Zustandsbild bei einer (angenommenen) positiven
Veränderung der suchtbedingten psychosozialen Problematik wesentlich bessern (und
die damit verbundene Beeinträchtigung des Leistungsvermögens sich entsprechend
verringern) würde" (Urteil des Bundesgerichts vom 10. April 2018, 9C_620/2017, E.
2.2.1). Angesichts der insoweit finalen Natur der Invalidenversicherung sei nicht
entscheidend, ob die Drogensucht Folge eines körperlichen oder geistigen
Gesundheitsschadens sei oder ob die Sucht ausserhalb eines Kausalzusammenhangs
mit dem versicherten Gesundheitsschaden stehe. In beiden Konstellationen seien reine
Suchtfolgen IV-rechtlich irrelevant, soweit sie als solche allein leistungsmindernd
wirkten. Hingegen seien sie gleichermassen IV-rechtlich relevant, soweit sie in einem
engen Zusammenhang mit einem eigenständigen Gesundheitsschaden stünden. Dies
könne der Fall sein, wenn die Drogensucht - einem Symptom gleich - Teil eines
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitsschadens bilde; dies unter der Voraussetzung, dass nicht allein die
unmittelbaren Folgen des Rauschmittelkonsums, sondern wesentlich auch der
psychiatrische Befund selber zu Arbeitsunfähigkeit führe. Sodann könnten selbst reine
Suchtfolgen invalidisierend sein, wenn daneben ein psychischer Gesundheitsschaden
bestehe, der die Betäubungsmittelabhängigkeit aufrechterhalte oder deren Folgen
massgeblich verstärke. Umgekehrt könnten die Auswirkungen der Sucht (unabhängig
von ihrer Genese) wie andere psychosoziale Faktoren auch mittelbar zur Invalidität
beitragen, wenn und soweit sie den Wirkungsgrad der Folgen eines
Gesundheitsschadens beeinflussen würden (Urteil des Bundesgerichts vom 10. April
2018, 9C_620/2017, E. 2.2.2 mit Hinweisen).
1.3 Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG).
1.4 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.5 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines
Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V
352 E. 3a).
2.
Zunächst ist zu prüfen, ob der Sachverhalt in medizinischer Hinsicht spruchreif
abgeklärt worden ist und eine verlässliche Grundlage für die Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers besteht. Die Beschwerdegegnerin stützt sich
in der angefochtenen Verfügung auf die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch die
BEGAZ-Gutachter (IV-act. 124).
2.1 Vorab erscheint dem Beschwerdeführer fraglich, ob die von den Gutachtern
bescheinigten Arbeitsfähigkeiten die vorgängige Durchführung einer Entzugstherapie
voraussetzen (act. G 1, V. Ziff. 12 und vgl. auch V. Ziff. 18 f.).
2.1.1 Die Gutachter haben sich gestützt auf die Angaben des Beschwerdeführers und
den damit zu vereinbarenden Ergebnissen des Urindrogenscreenings ein verlässliches
Bild über seinen langjährigen Suchtmittelkonsum (IV-act. 109-42, -48 f., -61 oben und
-74 oben), der bereits in der Jugendzeit begann (IV-act. 109-27), und seine Beteiligung
an einem Ersatzdrogenprogramm verschafft (IV-act. 109-41 oben). Der
Beschwerdeführer legt weder dar noch ergibt sich aus der gutachterlichen Beurteilung,
dass der Drogenkonsum des Beschwerdeführers Ausfluss einer eigenständigen
Gesundheitsschädigung wäre oder inzwischen - abgesehen von den unmittelbar mit
dem Rausch verbundenen vorübergehenden negativen Folgen für die
Leistungsfähigkeit - zu einem eigenständigen Gesundheitsschaden geführt hätte, der
seine Leistungsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten relevant beeinträchtigen
würde. Die vom neurologischen Gutachter festgestellte Polyneuropathie, für die - nebst
einem Vitamin B12-Mangel oder einem Diabetes mellitus - als Ursache ein
übermässiger Alkoholkonsum "infrage" komme, fand im Übrigen Eingang in die
gutachterliche Beurteilung (IV-act. 109-71 f.). Dem Drogenkonsum mass der
neurologische Gutachter - anders als beim übermässigen Alkoholgebrauch - keine
Relevanz bei (IV-act. 109-74 oben). Anderweitig mögliche somatisch-neurologische
Alkoholfolgeerscheinungen schloss er zudem explizit aus (IV-act. 109-72). Der
neuropsychologische Gutachter fand keine Hinweise für eine alkohol- oder
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
drogenmissbrauchsbedingte Wesensänderung (IV-act. 119-28 und -33). Lediglich die
von ihm beschriebene leichte neuropsychologische Störung sah er - allerdings bloss
möglicherweise - in einem Zusammenhang mit dem langjährigen Alkohol- und
Drogenkonsum. Diese fand Eingang in die von ihm vorgenommene
Arbeitsfähigkeitsschätzung (IV-act. 109-31 f.). Es kann deshalb mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass sich die gutachterliche
Arbeitsfähigkeitsschätzung auf die Ressourcen des Beschwerdeführers bezog, wie sie
sich anlässlich der persönlichen Untersuchungen zeigten und nicht wie sie erst nach
einer erfolgreichen Absolvierung einer Entzugstherapie hätten erwartet werden können.
2.1.2 Daran vermag nichts zu ändern, dass der neurologische und psychiatrische
Gutachter Massnahmen zur Sistierung der Polytoxikomanie empfahlen (IV-act. 109-75
und -99), zumal sich die Empfehlung des neurologischen Gutachters hauptsächlich auf
den übermässigen Alkoholkonsum bezog und er lediglich in einem fortgesetzten
Alkoholübergebrauch ein namhaftes Risiko für eine Zunahme der Polyneuropathie
erblickte (IV-act. 109-99). Der psychiatrische Gutachter verneinte plausibel eine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Zwar empfahl er einen Totalentzug sämtlicher
Substanzen (IV-act. 109-51). Diese Empfehlung steht aber nicht im Zusammenhang mit
einer bereits bestehenden, die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigenden psychischen
Gesundheitsschädigung, sondern scheint allein der Senkung des Risikos für
längerfristig auftretende Gesundheitsschäden zu stehen. Es verhält sich diesbezüglich
wohl vorliegend nicht anders als betreffend die Empfehlung zur Sistierung des
persistierenden Nikotinabusus (IV-act. 109-99).
2.2 Der Beschwerdeführer hält ausserdem die gutachterliche Beurteilung für
unvollständig, da die Gutachter nicht geprüft hätten, ob zwischen den vielen
somatischen Problemen Wechselwirkungen bestünden und wie sich diese auf die
Arbeitsfähigkeit auswirken würden (act. G 1, V. Ziff. 13 und Ziff. 15). Dieser Sichtweise
kann nicht gefolgt werden. Der interdisziplinäre Teil des Gutachtens enthält eine
Zusammenfassung der einzelnen fachärztlicherseits gestellten Diagnosen (IV-act.
109-96 ff.). Dabei wird am Schluss darauf hingewiesen, dass Wechselwirkungen
zwischen den diversen somatischen Problemen bestünden (IV-act. 109-98). Dies
spricht gerade für das Bewusstsein der Gutachter, die somatischen Diagnosen nicht je
isoliert, sondern ganzheitlich, dem komplexen Beschwerdebild entsprechend zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beurteilen. Sowohl in der späteren interdisziplinären Beurteilung unter dem Titel
"Behandlung und Eingliederung" (IV-act. 109-98 ff.) als auch der Arbeitsfähigkeit (IV-
act. 109-100 ff.) wurden die Einschätzungen sämtlicher beteiligter Fachdisziplinen
einbezogen. Die Arbeitsfähigkeitsbeurteilung erfolgte ausdrücklich
"gesamtmedizinisch" und endet mit der Zusicherung, "diese Einschätzung ist durch
alle involvierten Gutachter gemeinsam erfolgt" (IV-act. 109-103).
2.3 Aus der Sicht des Beschwerdeführers ist die gutachterliche Beurteilung auch
deshalb unvollständig, da keine rheumatologische Beurteilung vorgenommen wurde
(act. G 1, V. Ziff. 14). Da chronische Schmerzen des Bewegungsapparates sowohl
Gegenstand der Rheumatologie als auch der Orthopädie bilden, ist nicht per se zu
beanstanden, dass vorliegend allein eine orthopädische Begutachtung vorgenommen
wurde (vgl. das Urteil des Bundesgerichts vom 4. Oktober 2017, 9C_474/2017, E. 4.2).
Zwar trifft es zu, dass der angiologische Gutachter "aufgrund der unklaren
Beinschmerzen und vor allem der nächtlichen Beschwerden" die Durchführung einer
rheumatologischen Abklärung für erforderlich erachtete. Zusätzlich empfahl er die
Bestimmung der Rheumafaktoren ANA und ANCA. Allerdings wies er darauf hin, "dies
kann im Rahmen der hausärztlichen Behandlung geschehen und ist aktuell zur
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht notwendig" (IV-act. 109-39). Daraus erhellt, dass
die vom angiologischen Gutachter empfohlenen Abklärungen sich auf mögliche
Ursachen vor allem der nächtlich auftretenden Beinschmerzen bezogen und nicht der
Abklärung der dadurch hervorgerufenen Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit (bei Tag)
dienten. Unabhängig der konkreten Ursache berücksichtigte er denn auch bei der
Arbeitsfähigkeitsschätzung die funktionellen Einschränkungen der unteren Extremitäten
(IV-act. 109-39 unten). Der Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass der
Beschwerdeführer nach eigenen Angaben "ab und zu" wandern geht (IV-act. 109-63
oben), womit die vom angiologischen Gutachter wohl primär gestützt auf die Aussage
des Beschwerdeführers (IV-act. 109-38) als zumutbar erachtete Gehstrecke bis 500
Meter (IV-act. 109-39) einen eher zu pessimistischen Eindruck hinterlässt. Dies gilt
umso mehr, als der Beschwerdeführer gegenüber dem orthopädischen Gutachter eine
"machbare" Gehstrecke von ca. einem Kilometer nannte (IV-act. 109-82).
2.4 Des Weiteren hält der Beschwerdeführer die gutachterliche Beurteilung für
inkonsistent, da er zusammenfassend an einer Unmenge an körperlichen Beschwerden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
leide, "neurologisch" (richtig wohl: "neuropsychologisch", IV-act. 109-30) teilweise
deutlich unterdurchschnittliche Alltagsleistungen und auch Einschränkungen der
Arbeitsfähigkeit "an den Tag legt", nicht aggraviere, allenfalls noch rheumatologische
Erkrankungen und einen Diabetes mellitus habe, täglich eine Unmenge an
bewusstseinsverändernden Substanzen konsumiere, offenbar nur knapp 500 Meter
weit gehen könne, aber insgesamt trotzdem 90% arbeitsfähig sein soll. Dies sei
insgesamt schwer nachzuvollziehen (act. G 1, V. Ziff. 17).
2.4.1 Wie bereits unter vorstehender E. 2.2 ausgeführt, beruht die gutachterliche
Arbeitsfähigkeitsschätzung auf einer umfassenden interdisziplinären Beurteilung des
vielfältigen Diagnosebilds. Für die Arbeitsfähigkeitsschätzung ist ausserdem nicht die
Anzahl der körperlichen Beschwerden relevant, sondern die dadurch insgesamt
hervorgerufenen Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit. Der Beschwerdeführer legt
denn auch weder konkret dar noch ist ersichtlich, welche objektiv wesentlichen
Gesichtspunkte die Gutachter ausser Acht gelassen oder unrichtig gewürdigt hätten.
Anzufügen bleibt, dass sich die gutachterliche Einschätzung der Restarbeitsfähigkeit
mit den vom Beschwerdeführer geschilderten Ressourcen (etwa regelmässiges Spielen
einer Mundharmonika, IV-act. 109-18 unten; regelmässiges Geschirrabwaschen in
einer Anlaufstelle für Menschen mit Drogenproblemen und psychischen Problemen, IV-
act. 109-19 und -62 f.; bis auf Wäsche selbstständige Haushalterledigung, IV-act.
109-19; Besorgung von Einkäufen für sich und eine Nachbarin, IV-act. 109-19;
regelmässiges Spazieren, IV-act. 109-19; zu den grapho- und handmotorischen
Ressourcen siehe IV-act. 109-23 Mitte und zu anderen unbeeinträchtigten
feinmotorischen Verrichtungen siehe IV-act. 109-67 unten), der Beschwielung von
Händen und Füssen (je "symmetrisch kräftig", IV-act. 109-84 oben und unten) sowie
der fehlenden Muskelatrophie (IV-act. 109-67 Mitte und -82 unten) vereinbaren lässt.
2.4.2 Hinsichtlich der Relevanz einer allfälligen rheumatologischen Ursache kann auf
die vorstehenden Ausführungen verwiesen werden (siehe vorstehende E. 2.3). Die
Abklärungsempfehlung des neurologischen Gutachters sowohl hinsichtlich eines
möglichen Diabetes mellitus als auch hinsichtlich eines möglichen Vitamin B12-
Mangels bezog sich ausschliesslich auf die Ursachenforschung im Zusammenhang mit
der Behandlung ("im Rahmen der weiteren ärztlichen Betreuung", IV-act. 109-72 und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
-75). Ein Abklärungsbedarf bezüglich der Frage der Arbeitsfähigkeit kann darin nicht
erblickt werden.
2.4.3 Bezüglich des Hinweises des Beschwerdeführers, es sei keine Aggravation
festgestellt worden, ist anzumerken, dass lediglich der neuropsychologische Gutachter
im Rahmen der von ihm abgeklärten kognitiven Leistungsfähigkeit zum Schluss
gelangte, es bestünden keine Anzeichen einer Verdeutlichungstendenz oder
Aggravation (IV-act. 109-22). Demgegenüber stellte der neurologische Gutachter eine
gewisse Tendenz zur Selbstlimitierung (IV-act. 109-66) und teilweise inkonsistentes
Aussageverhalten (IV-act. 109-69 Mitte und -72 unten) fest. Anlässlich der
orthopädischen Untersuchung zeigten sich Diskrepanzen etwa betreffend die Angabe
des Beschwerdeführers bezüglich möglicher Sitzdauer (IV-act. 109-82) und der
"angeblich massivsten Beschwerden" im Bereich der oberen Extremität (IV-act.
109-92). Die Schmerzangaben anlässlich der Schulteruntersuchung wurden als "diffus"
und "ubiquitär" (IV-act. 109-83) bzw. als "global" bezeichnet (IV-act. 109-92 oben).
Bezüglich der geklagten globalen Druckschmerzhaftigkeit an der rechten Schulter
führte der orthopädische Gutachter ausserdem aus: "Erstaunlich hierbei ist das an sich
freie Bewegen und Zuhilfenehmen des rechten Armes im Spontanverhalten, so beim
Aus- und Anziehen, beim Aufheben des mitgeführten Rucksacks, was darauf
schliessen lässt, dass der rechte Arm im Alltag durchaus verwendet wird" (IV-act.
109-92). Allein schon vor diesem Hintergrund kann der Beschwerdeführer aus der vom
neuropsychologischen Gutachter verneinten Aggravation nichts zu Gunsten seiner
Selbsteinschätzung bzw. nichts gegen die Überzeugungskraft der polydisziplinären
gutachterlichen Arbeitsfähigkeitsschätzung ableiten.
2.4.4 Zur fehlenden invalidenversicherungsrechtlichen Bedeutung des vom
Beschwerdeführer vorgebrachten Suchtmittelkonsums bzw. der damit verbundenen
Rauschfolgen kann auf vorstehende E. 2.1.1 verwiesen werden.
2.5 Bei der Würdigung des BEGAZ-Gutachtens fällt ausserdem ins Gewicht, dass es -
bezogen auf die Frage nach der Arbeitsfähigkeit - auf umfassenden Untersuchungen
beruht, eine nachvollziehbare polydisziplinäre Beurteilung der Ressourcen des
Beschwerdeführers enthält, dessen Leidensangaben sowie die Vorakten von den
Gutachtern berücksichtigt wurden und die gezogenen Schlüsse einleuchten. Gestützt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
darauf ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer für optimal
leidensangepasste Tätigkeiten über eine 90%ige Arbeitsfähigkeit verfügt. Ein weiterer
Abklärungsbedarf besteht nicht, weshalb die entsprechenden Beweisanträge des
Beschwerdeführers abzuweisen sind.
2.6 Was den vom Beschwerdeführer am 22. August 2018 eingereichten
Austrittsbericht der Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates am KSSG vom 31. Mai 2018 (act. G 10.1) anbelangt, so ergeben
sich daraus keine Schlüsse auf den für die gerichtliche Beurteilung massgebenden
früheren bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung vom 10. Februar 2017
eingetretenen Sachverhalt (vgl. hierzu etwa Urteil des Bundesgerichts vom 14.
November 2018, 8C_562/2018, E. 3.2). Der Vollständigkeit halber ist darauf
hinzuweisen, dass sich die geklagten Schmerzen und Paresen des Beschwerdeführers
während der Hospitalisation vom 24. April bis 4. Mai 2018 nicht objektivieren liessen.
Die medizinischen Fachpersonen gingen denn auch "eher von einer funktionellen
Überlagerung der ganzen Symptomatik aus" (act. G 10.1, S. 3).
3.
Des Weiteren ist für den Beschwerdeführer fraglich, ob ihm eine Verwertung der
verbleibenden Restarbeitsfähigkeit überhaupt noch zumutbar ist (act. G 1, V. Ziff.16).
Gemäss überzeugender gutachterlicher Einschätzung ist der Beschwerdeführer im
Wesentlichen in seiner Mobilität eingeschränkt. Tätigkeiten mit erhöhtem
Aufmerksamkeits-/Konzentrationsbedarf sind nicht geeignet. Ausserdem sind Arbeiten
mit einer überdurchschnittlichen Beanspruchung der Gleichgewichtsfunktionen (etwa
Arbeiten auf unebenem Gelände und Gerüsten) nicht zumutbar. Ständig kniende und
kauernde Tätigkeiten sowie generell ständig mittelschwere und schwere Arbeiten kann
er ebenfalls nicht ausführen (siehe zum Ganzen IV-act. 109-103). Damit sind dem
Beschwerdeführer zumindest noch leichte wechselbelastende Tätigkeiten ohne
kniebelastende Zwangshaltungen zumutbar, sofern sie nicht mit einer relevanten
Gehstrecke verbunden sind und keine erhöhten Anforderungen an die Kognition
stellen. Auch wenn das Spektrum möglicher Hilfsarbeitertätigkeiten dadurch
eingeschränkt wird, kann mit Blick auf das in Berücksichtigung der
Gesundheitsschäden verbliebene Stellenprofil und die verbliebenen Ressourcen (vgl.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hierzu auch vorstehende E. 2.4.1) nicht davon ausgegangen werden, den Leiden
optimal angepasste Tätigkeiten seien dem Beschwerdeführer nicht mehr zumutbar
oder würden auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt nicht mehr nachgefragt. Der
Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass der Beschwerdeführer auch altershalber nicht
von der Verpflichtung, seine Arbeitsfähigkeit zu verwerten, dispensiert ist (vgl. zur
entsprechenden Praxis das Urteil des Bundesgerichts vom 23. August 2018,
8C_892/2017, E. 3.2 mit Hinweisen).
4.
Zu prüfen bleibt die Höhe des Invaliditätsgrads. Der Beschwerdeführer erzielte in der
Vergangenheit sehr schwankende Einkommen (siehe hierzu den Auszug aus dem
individuellen Konto, IV-act. 6) und schloss keine berufliche Ausbildung ab (IV-act.
113-2). Es fehlt damit an einer repräsentativen Grundlage für die Bestimmung des
Valideneinkommens, weshalb mit der Beschwerdegegnerin (IV-act. 124-2) ein
Prozentvergleich zur Bestimmung des Invaliditätsgrads (Art. 16 ATSG) vorzunehmen
ist. Diesfalls entspricht der Invaliditätsgrad dem Grad der Arbeitsunfähigkeit unter
Berücksichtigung des Abzuges vom Tabellenlohn. Vorliegend kann offenbleiben, ob
und gegebenenfalls in welchem Umfang ein Tabellenlohnabzug zu berücksichtigen ist.
Denn selbst eine Gewährung des nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts
höchstzulässigen Abzugs von 25% (BGE 126 V 75) führte vorliegend zu einem nicht
rentenbegründenden Invaliditätsgrad von aufgerundet 33% (10% + [90% x 25%]).
5.
Ausserdem bringt der Beschwerdeführer vor, die Beschwerdegegnerin hätte ein
Mahnverfahren einleiten, ihn zur Durchführung einer stationären Entzugstherapie
auffordern und ihn mahnen sollen, dass bei Weigerung eine Abweisung von
Versicherungsleistungen der Invalidenversicherung erfolge. Damit habe die
Beschwerdegegnerin das rechtliche Gehör verletzt. Er sei willens, eine Entzugstherapie
zu machen (act. G 1, V. Ziff. 20).
5.1 Wie bereits dargelegt wurde (siehe vorstehende E. 2.1.1 f.), ist die gutachterlich
eingeschätzte Arbeitsfähigkeit nicht von einer vorgängigen Entzugstherapie abhängig.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die über die von den Gutachtern dabei berücksichtigten Gesundheitsschäden
hinausgehenden (Rausch-)Folgen des Suchtmittelkonsums stellen vorliegend weder
einen Gesundheitsschaden dar noch sind sie Ausfluss eines Gesundheitsschadens.
Der Suchtmittelkonsum bildet damit in diesem Umfang keinen
invalidenversicherungsrechtlich relevanten Schaden im Sinn von Art. 7 Abs. 2 Satz 1
ATSG, zu dessen Minderung der Beschwerdeführer gestützt auf Art. 21 Abs. 4 ATSG
oder Art. 43 Abs. 3 ATSG vor dem Rentenentscheid hätte abgemahnt werden müssen.
Da selbst ohne vorgängige Entzugstherapie kein rentenbegründender Invaliditätsgrad
resultiert, hat die Beschwerdegegnerin auch nicht den Grundsatz Eingliederung vor
Rente (Art. 28 Abs. 1 lit. a IVG und Art. 7 Abs. 1 ATSG) verletzt.
5.2 Da die Beschwerdegegnerin bereits im Vorbescheid vom 9. Dezember 2016
sämtliche wesentlichen Beweggründe für die zu erlassende Verfügung dem
Beschwerdeführer bekannt gab (IV-act. 122), ist eine Gehörsverletzung nicht
erkennbar, zumal der Beschwerdeführer die Frist für einen Einwand unbenützt
verstreichen liess.
6.
6.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen.
6.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Gerichtskosten von Fr. 600.-- erscheinen in
der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Der vollständig
unterliegende Beschwerdeführer hat die gesamten Gerichtskosten von Fr. 600.-- zu
tragen. Zufolge gewährter unentgeltlicher Rechtspflege (act. G 6) ist er von der
Bezahlung zu befreien.
6.3 Ausgangsgemäss hat der Beschwerdeführer keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Der Staat bezahlt zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung
die Kosten der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers. Die Parteientschädigung wird
vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung (HonO; sGS 963.75)
pauschal Fr. 1'500.-- bis Fr. 15'000.--. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat
eine Kostennote eingereicht, worin er einen zeitlichen Aufwand von 11.07 Stunden
geltend macht (act. G 8). Dieser Aufwand kann insgesamt als angemessen betrachtet
werden. Unter Berücksichtigung der Fünftelskürzung im Sinn von Art. 31 Abs. 3 des
Anwaltsgesetzes (sGS 963.70) bzw. einem Stundenansatz von Fr. 200.-- resultiert ein
Honorar von Fr. 2'214.-- (Fr. 200.-- x 11.07), womit die Entschädigung unter
Berücksichtigung der 4%igen Pauschale für Barauslagen und der Mehrwertsteuer Fr.
2'487.-- beträgt ([Fr. 2'214.-- x 1.04] x 1.08). Somit hat der Staat den Rechtsvertreter
des Beschwerdeführers mit Fr. 2'487.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu
entschädigen.
6.4 Eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, ist zur
Nachzahlung verpflichtet, sobald sie dazu in der Lage ist (Art. 123 der Schweizerischen
Zivilprozessordnung [ZPO; SR 272] i.V.m. Art. 99 Abs. 2 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS 951.1]).