Decision ID: 31ff8e52-441c-4130-b8a6-9dea86984475
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
einfache Körperverletzung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 4. Abteilung - Einzelgericht, vom 6. Februar 2013 (GG120256)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 26. September 2012
(Urk. 17) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 37 S. 38 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB.
2. Die Beschuldigte B._ ist nicht schuldig und wird freigesprochen.
3. Der Beschuldigte A._ wird bestraft mit einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu Fr. 100.–.
4. Der Vollzug der Geldstrafe des Beschuldigten A._ wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt.
5. Auf den Widerruf der mit Urteil vom 26. August 2009 bedingt ausgefällten
Geldstrafe von 11 Tagessätzen zu Fr. 90.– des Beschuldigten A._ wird verzichtet und die Probezeit mit Wirkung ab heute um 1 Jahr verlängert.
6. Auf das Genugtuungs- und Schadenersatzbegehren des Privatklägers
A._ wird nicht eingetreten.
7. Die Privatklägerin C._ AG wird mit ihrem Schadenersatzbegehren auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
8. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 2'000.00 ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. Kosten der Kantonspolizei
Fr. 3'000.00 Gebühr Anklagebehörde
Fr. Kanzleikosten Untersuchung
Fr. Auslagen Untersuchung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
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9. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten A._ zur Hälfte auferlegt und im Übrigen auf die Gerichtskasse genommen. Wird auf eine schriftliche Begründung des Urteils
verzichtet, so reduziert sich die Gerichtsgebühr um einen Drittel.
10. Der Beschuldigten B._ wird eine Prozessentschädigung von Fr. 8'200.– aus der Gerichtskasse zugesprochen.
11. (Mitteilung)
12. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge: (Prot. II S. 4 f.)
a) Der Verteidigung/Vertretung des Beschuldigten/Privatklägers A._
(Urk. 59 S. 1 f.):
1. Das Urteil des Einzelgerichts des Bezirksgerichts Zürich vom 6. Februar
2013 sei vollumfänglich aufzuheben.
2. A._ sei von Schuld und Strafe freizusprechen, eventualiter sei das Ver-
fahren gegen ihn einzustellen.
3. B._ sei im Sinne der Anklageschrift vom 26. September 2012 schuldig
zu sprechen und angemessen zu bestrafen.
4. Frau B._ sei zu verpflichten, Herrn A._ Schadenersatz in der Höhe
von CHF 700.-- nebst Zins zu 5 % seit dem 8.12.11 zu bezahlen.
5. Die Untersuchungs-, Verfahrens- und Gerichtskosten beider Instanzen seien
Frau B._ zur Hälfte aufzuerlegen, die andere Hälfte auf die Staatskasse
zu nehmen.
7. A._ sei für die im Zusammenhang mit diesem Verfahren entstandenen
Anwaltskosten angemessen zu entschädigen.
8. Frau B._ sei für die Untersuchung und das gerichtliche Verfahren bei-
der Instanzen keine Entschädigung zuzusprechen.
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b) Der Verteidigung/Vertretung der Beschuldigten/Privatklägerin B._
(Urk. 61 S. 1):
1. Die Berufung sei vollumfänglich abzuweisen und das Urteil des Einzel-
gerichts des Bezirksgerichts Zürich vom 6. Februar 2013 zu bestätigen;
mithin insbesondere
- B._ sei vom Vorwurf der einfachen Körperverletzung frei zu spre-
chen;
- auf Zivilansprüche (Schadenersatzansprüche) von A._ gegen
B._ sei nicht einzutreten evt. diese abzuweisen, subeventualiter
seien diese auf den Zivilweg zu verweisen;
- A._ sei schuldig zu sprechen unter angemessener Bestrafung.
2. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Staatskasse,
eventualiter zulasten A._.
c) Der Staatsanwaltschaft:
(schriftlich; Urk. 45 S. 2)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils

Erwägungen:
1. Prozessgeschichte
1.1. Am Abend des 12. März 2010 gerieten A._ (im
Folgenden: A._) und B._ (im Folgenden: B._) im Parkhaus ... an
der ...strasse ... zuerst verbal und sodann physisch aneinander. B._, die je-
nen Orts als Sicherheitsangestellte im Einsatz war, hatte A._ aufgefordert,
die von ihm zusammen mit zwei Begleitern zuvor im
Parkhaus unter die Scheibenwischer von parkierten Autos verteilten Flyer wieder
zu entfernen, und A._ war dieser Aufforderung nur unvollständig nachge-
kommen. Das mündete in eine tätliche Auseinandersetzung, welche schliesslich
beidseits eine Strafuntersuchung und je eine Anklage wegen einfacher Körper-
verletzung nach sich zog.
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1.2. Mit Urteil vom 6. Februar 2013 sprach die Vorinstanz A._ der einfa-
chen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB schuldig und
B._ vom gleichlautenden Vorwurf frei. Dafür und für die weiteren Urteilspunk-
te sei auf das vorstehend wiedergegebene Dispositiv verwiesen (Urk. 37 S. 38 ff.).
1.3. Gegen dieses Urteil liess A._ am 12. Februar 2013 Berufung
anmelden (Urk. 33) und nach Zustellung des begründeten Urteils - ebenfalls frist-
gerecht - dem Obergericht am 26. April 2013 die Berufungserklärung einreichen
(Urk. 38). Kurz zusammengefasst möchte er erreichen, dass er selbst freigespro-
chen und B._ verurteilt werde, unter entsprechender Regelung der zivilrecht-
lichen und prozessualen Nebenfolgen (Urk. 38 S. 3).
1.4. Mit Präsidialverfügung vom 6. Mai 2013 wurde die Berufungserklärung in
Anwendung von Art. 400 Abs. 2 und 3 StPO der Staatsanwaltschaft und B._
zugestellt, um gegebenenfalls Anschlussberufung zu erheben oder Nichteintreten
auf die Berufung zu beantragen. Gleichzeitig wurde A._ aufgefordert, ver-
schiedene Auskünfte zu seinen finanziellen Verhältnissen zu geben und zu
belegen (Urk. 43). Am 17. Mai 2013 teilte die Staatsanwaltschaft mit, auf die
Erhebung einer Anschlussberufung zu verzichten und die Bestätigung des ange-
fochtenen Urteils zu verlangen (Urk. 45). Unterm 3. Juni 2013 liess A._ der
Kammer das ausgefüllte "Datenerfassungsblatt" sowie verschiedene Unterlagen
zu seiner wirtschaftlichen Situation zukommen (Urk. 46, 48). B._ liess sich
nicht verlauten.
1.5. Zu Beginn der heutigen Berufungsverhandlung, zu welcher
A._ in Begleitung von Rechtsanwalt lic. iur. X._ sowie B._ in Be-
gleitung von Rechtsanwalt Dr. Y._ erschienen sind, waren keine Vorfragen
zu entscheiden (Prot. II S. 7). Das vorliegende Urteil erging im Anschluss an die
Berufungsverhandlung (Prot. II S. 11 ff.).
2. Umfang der Berufung
2.1. Angesichts der vorstehend kurz skizzierten Ausgangslage ist grundsätzlich
das ganze vorinstanzliche Urteil Berufungsgegenstand. A._ lässt denn auch
beantragen, es sei das Urteil vom 6. Februar 2013 vollumfänglich aufzuheben
(Urk. 38 S. 3).
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2.2. In den folgenden Punkten ist das angefochtene Urteil indessen in Rechts-
kraft erwachsen:
− Verweis des Schadenersatzbegehrens der C._ AG auf den Zivil-
weg gemäss Disp.Ziff. 7;
− Kostenfestsetzung gemäss Disp.Ziff. 8.
2.3. In diesem Umfang ist das vorinstanzliche Urteil deshalb in Rechtskraft
erwachsen (Art. 399 Abs. 3 StPO in Verbindung mit Art. 402 und 437 StPO), was
vorab vorzumerken ist.
3. Sachverhalt
3.1. Zum ganz grossen Teil ist der Anklagesachverhalt seitens der Beteiligten
anerkannt (vgl. schon die Vorinstanz in Urk. 37 S. 9). Hinsichtlich der bestrittenen
Punkte hat die Vorinstanz sodann zunächst als erstellt erachtet, dass B._ mit
einer Hundeschabracke (besser wohl: Hundegeschirr [vgl. Urk. 3/2 S. 3; Urk. 3/4
S. 2, 3; Urk. 3/5 S. 4; Urk. 3/6 S. 2]) A._ zweimal von hinten gegen den Kopf
geschlagen hat, während dieser dabei war, ihren Ehemann an die Wand zu drü-
cken. Hernach folgte die Vorinstanz der Anklage aber insoweit nicht, als nicht
dargetan sei, dass A._ B._ anschliessend einen Faustschlag versetzt
habe. Vielmehr sei erstellt, dass A._ B._ mit einem wuchtigen Stoss ge-
gen die linke Stirnhälfte zu Boden gestossen habe, wodurch bei B._ die fest-
gestellten Schädelprellung, Kopfschmerzen und Schwindel entstanden seien (Urk.
37 S. 23).
3.2. Was die Handlungen von B._ betrifft, ist auch im Berufungsverfahren
von diesem Sachverhalt auszugehen. Aufgrund des Verletzungsbildes bei
A._ und seiner glaubhaften Aussagen ist davon auszugehen, dass
B._ A._ zweimal mit dem Hundegeschirr von hinten am Kopf getroffen
hatte. Soweit ist der eingeklagte Sachverhalt folglich erstellt.
3.3. Zu Recht hat die Vorinstanz sodann als nicht erstellt erachtet, dass
A._ B._ einen Faustschlag versetzt hat (Urk. 37 S. 23). Wenn sie nun
aber stattdessen einen wuchtigen Stoss von A._ gegen B._ annimmt, so
kann dies mit Blick auf das in Art. 9 und 325 StPO statuierte Anklageprinzip nicht
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angehen. Nach diesem Grundsatz bestimmt die Anklage das Prozessthema. Ge-
genstand des gerichtlichen Verfahrens können mithin nur Sachverhalte sein, die
der beschuldigten Person in der Anklageschrift vorgeworfen werden. Diese muss
die Person des Beschuldigten sowie die ihm zur Last gelegten Delikte in
ihrem Sachverhalt so präzise umschreiben, dass die Vorwürfe im objektiven und
subjektiven Bereich genügend konkretisiert sind (Umgrenzungsfunktion). An diese
Anklage ist das Gericht gebunden. Die Anklage fixiert somit das Verfahrens- und
Urteilsthema (Immutabilitätsprinzip). Zum anderen vermittelt sie der beschuldigten
Person die für die Durchführung des Verfahrens und die Verteidigung notwendi-
gen Informationen (Informationsfunktion). Sie dient insofern dem Schutz der
Verteidigungsrechte des Beschuldigten (Niggli/Heimgartner, in: BSK, Straf-
prozessordnung, Basel 2011, N 32 ff zu Art. 9 StPO, sowie [zur Rechtsprechung
vor Inkrafttreten der schweizerischen StPO] Urteil des Bundesgerichts
6B.294/2008 vom 1. September 2008 E. 4.3, jeweils mit weiteren Hinweisen).
Art. 325 Abs. 1 lit. f. StPO besagt, dass die Anklageschrift die der beschuldigten
Person vorgeworfenen Taten möglichst kurz, aber genau zu umschreiben hat. In
der Anklageschrift ist von einem gezielten Schlag von A._ mit der rechten
Faust gegen die linke Gesichtshälfte bzw. Stirn von B._ die Rede. Ein Stos-
sen oder Schubsen von A._ gegen B._ ist nicht umschrieben. Auch das
vorinstanzliche Plädoyer des Verteidigers von A._ verdeutlicht, dass
dieser sich nur mit dem angeklagten Faustschlag auseinandergesetzt hat und
nicht mit der durch die Vorinstanz neu vorgebrachten Tatvariante des wuchtigen
Stossens (vgl. Urk. 26 S. 3 ff.). Der Beschuldigte A._ konnte seine Verteidi-
gungsrechte demnach vor Vorinstanz nicht genügend wahrnehmen, da er
schliesslich wegen einer völlig neuen Sachverhaltsvariante verurteilt wurde, mit
welcher er offensichtlich nicht rechnete und auch nicht rechnen musste. Dies stellt
eine Verletzung des Anklageprinzips dar. Damit fällt schon aus prozessualen
Gründen eine Verurteilung von A._ ausser Betracht.
3.4. Selbst wenn nun in der Anklageschrift das wuchtige Stossen von
A._ gegen B._ umschrieben wäre, könnte auch dieser Sachverhalt nicht
erstellt werden, dies aufgrund folgender Überlegungen: Aus den bei den
Akten liegenden Videobildern ist lediglich ersichtlich, wie A._ von
E._ ablässt und sich mit den noch vom Festhalten von E._
gestreckten Armen gegen B._ umdreht (Urk. 5/2, Bildaufzeichnungen Kame-
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ra 10, ab 22:40:48; Urk. 5/3 Bild 49-52). Weiter sieht man B._ nach hinten
fallen und A._ nach vorne gebeugt über ihr stehend. Die Arme der beiden
scheinen sich zu berühren (Urk. 5/2, Bildaufzeichnungen Kamera 10 ab 22:40:50;
Urk. 5/3 Bild 53-56). Diese Aufnahmen lassen nicht den Schluss zu, A._ ha-
be B._ heftig weggestossen. Vielmehr ist denkbar, dass sich A._, nach-
dem er von hinten Schläge auf den Kopf spürte, umdrehte und in der Drehbewe-
gung B._ mit seinem Arm oder Ellbogen am Kopf traf, worauf diese nach hin-
ten fiel. Dies wäre aufgrund des Grössenunterschieds der beiden Beschuldigten
(187 cm bei A._ gegen 164 cm bei B._) durchaus denkbar und damit
wäre auch die Beule am Kopf von B._ nachvollziehbar
erklärt. Dass A._ nach dem Sturz von B._ nach vorne gebeugt über die-
ser steht, widerspricht der Annahme der Vorinstanz, A._ habe B._ heftig
weggestossen. Hätte er B._ von sich weggestossen, hätte er sich kaum
gleichzeitig ebenfalls nach vorne beugen können. Es wäre diesfalls vielmehr zu
erwarten, dass A._ aufrecht stehen würde und eine gewisse Distanz
zwischen B._ und A._ auszumachen wäre. Weiter spricht auch die Aus-
sage der Zeugin F._ dagegen, dass A._ B._ wuchtig gestossen
hat. Diese sagte nämlich aus, dass sie nicht habe beobachten können, dass
A._ den Sturz von B._ noch habe verhindern wollen; sie wisse aber
auch nicht, ob A._ damit gerechnet habe, dass B._ nach hinten falle
(Urk. 4/5 S. 4). Damit war auch für die Zeugin nicht ersichtlich, dass A._
B._ wuchtig umstiess mit dem Ziel, dass diese nach hinten fällt. Auch die
Tatvariante des wuchtigen Stossens von A._ gegen B._ kann somit
nicht rechtsgenügend erstellt werden.
3.5. Nach dem Gesagten kann der A._ zur Last gelegte Sachverhalt nicht
erstellt werden. Er ist daher vollumfänglich freizusprechen. Die eingeklagte Tat-
handlung von B._ (Schlag mit den Hundegeschirr gegen den Kopf von
A._) hingegen konnte erstellt werden und ist nachfolgend rechtlich zu würdi-
gen.
4. Rechtliche Würdigung
4.1. Die Vorinstanz hat zunächst erkannt, dass B._ zum Nachteil A._
eine einfache Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB began-
gen habe (Urk. 37 S. 24-26). Sodann sprach sie B._ aber frei, weil diese in
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rechtfertigender Notwehr(hilfe) gemäss Art. 15 StGB gehandelt habe (Urk. 37 S.
27-29).
4.2. Auf die entsprechenden sorgfältigen und zutreffenden Erwägungen der
Vorinstanz kann verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). Ob B._ nun letzt-
lich eine einfache Körperverletzung oder bloss eine Tätlichkeit zum Nachteil von
A._ begangen hat, kann offen gelassen werden, da – wie noch aufzuzeigen
sein wird –mit der Vorinstanz vom Vorliegen einer Notwehrsituation bei B._
auszugehen ist. Was A._ berufungsweise gegen das Vorliegen der Notwehr-
situation vorbringen lässt, dringt nicht durch. Er lässt im Wesentlichen ausführen,
dass kein rechtswidriger Angriff seinerseits vorlag, da er sich bereits gegen das
gemeinsam auftretende Ehepaar BE._ gewehrt habe; weiter sei
relevant, dass B._ gelassen auf die Bedrohung gegen ihren Ehemann rea-
giert habe und dass sie hätte wissen müssen, dass dieser sich aufgrund seiner
beruflichen Tätigkeit selbst wehren könne (Urk. 59 S. 12 ff.).
4.3. Die Vorinstanz hat die Notwehrproblematik zutreffend abgehandelt. Es geht
aus den Bildaufnahmen der Überwachungskamera (Urk. 5/2) deutlich hervor,
dass sich A._ über die Aufforderung B._ geärgert hat, die von ihm
angebrachten Flyer wieder zu entfernen. Er kam dem - widerwillig - denn auch nur
teilweise nach. Der Aufforderung, sich zusammen mit B._ und deren Ehe-
mann ins Untergeschoss des Parkhauses zu begeben, um auch die dortigen Flyer
wieder einzusammeln (A._ anerkennt, auch dort solche verteilt zu haben,
bezweifelte aber offenbar, dass B._ dies wusste: Urk. 3/1 S. 1, 2; Urk. 3/3 S.
2; Urk. 58 S. 5), leistete er keine Folge. Er brachte dies deutlich dadurch zum
Ausdruck, als dass er dem Ausgang des Parkhauses zustrebte, ungeachtet der
Aufforderungen durch das Ehepaar BE._ und obwohl dieses ihm auch non-
verbal deutlich zu verstehen gab, er habe das Parkhaus noch nicht zu verlassen
(Bildaufzeichnungen Kamera 9 ab 22:39:47). Die Interventionen des Ehepaars
BE._ blieben aber zurückhaltend: B._ ergriff zwar mehrfach das Gilet
von A._, liess es aber wieder los, als sie feststellte, dass dieser davon unbe-
eindruckt blieb, und ihr Ehemann und später auch sie selbst stellten sich zwar
A._ in den Weg (wobei es jedenfalls mit dem Ehemann von B._ auch zu
leichten Körperkontakten kam), wichen aber angesichts der unbeirrten Vorwärts-
bewegung A._ zurück. Demgegenüber erscheint als eigentlicher Gewaltaus-
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bruch, dass A._ - letztlich um die "Sperre" durch das Ehepaar BE._ zu
durchbrechen - nahe des Ausgangs schliesslich relativ heftig E._ packt, ihn
einige Meter wegschiebt und schliesslich an die Wand drückt. Damit wurde das
Geschehen deutlich auf eine höhere - körperliche -
Eskalationsstufe angehoben, wobei für die Handlung A._, dem das Ehepaar
BE._ offensichtlich lästig wurde und der für nach 23.00 Uhr einen
höheren Eintrittspreis ins "..." befürchtete (Urk. 3/1 S. 2) - keine Rechtfertigung
bestand. A._ griff damit den Ehemann E._ im Sinne von Art. 15 StGB
ohne Recht an, was diesen und auch jeden anderen zur
Notwehr berechtigte.
Gleichermassen zutreffend hat die Vorinstanz sodann erkannt, dass die Notwehr-
hilfe von B._ verhältnismässig ausgefallen ist (Urk. 37 S. 28/29). Es war legi-
tim, dass sie durch Schläge mit dem Hundegeschirr - einer letztlich einigermassen
harmlosen "Waffe", da es mit Ausnahme eines Metallringes nur aus Stoff bestand
- versucht hat, A._ vom Angriff auf ihren Ehemann abzubringen; in ihrer kör-
perlichen Unterlegenheit war ihr nicht zuzumuten, mit blossen Händen einzugrei-
fen - zumal sich A._ vorgängig von einem Halten am Gilet
jeweils unbeeindruckt gezeigt hatte. Richtig hat die Vorinstanz auch darauf hin
gewiesen, dass im Rahmen der Verhältnismässigkeits- und Subsidiaritätsprüfung
von Notwehrhandlungen nicht nachträglich allzu subtile Überlegungen angestellt
werden dürfen (Urk. 37 S. 28/29 m.Hw.), sondern der diesen Situationen imma-
nenten Aufregung Rechnung getragen werden muss. So bleibt die zutreffende
Feststellung der Vorinstanz, dass die Abwehr von B._ in ihrer Stellung als ...-
Angestellte nicht gerade professionell ausgefallen ist (Urk. 37 S. 29),
jedoch als im Sinne von Art. 15 StGB den Umständen angemessen erscheint.
4.4. B._ ist deshalb vom Vorwurf der einfachen Körperverletzung im Sinne
von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB freizusprechen.
5. Widerruf
Da der Beschuldigte A._ freizusprechen ist, fehlt es an der Voraussetzung
für einen Widerruf oder die Verlängerung der Probezeit im Sinne von Art. 46
Abs. 1 und 2 StGB.
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6. Zivilforderungen
Zufolge des Freispruchs von B._ ist die Vorinstanz auf die Zivilforderung von
A._ gegen B._ nicht eingetreten (Urk. 37 S. 37). Im Sinne von
Art. 126 Abs. 2 StPO - auf welche Bestimmung die Vorinstanz an sich zutreffend
verweist - ist in einem solchen Falle allerdings nicht auf die Zivilforderung nicht
einzutreten, sondern es ist diese auf den Zivilweg zu verweisen.
7. Kosten- und Entschädigungsfolgen
7.1. Da beide Beschuldigten freizusprechen sind, sind die Kosten der Untersu-
chung und des erstinstanzlichen Verfahrens auf die Gerichtskasse zu nehmen.
A._ und B._ ist für die Untersuchung und das erstinstanzliche Verfahren
je eine Prozessentschädigung von Fr. 8'200.– aus der Gerichtskasse zuzuspre-
chen.
7.2. Im Berufungsverfahren erfolgt die Kosten- und Entschädigungsregelung
nach Massgabe des Obsiegens und Unterliegens der Parteien (Urk. Art. 428
Abs. 1 StPO; Art. 436 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 432 Abs. 1 StPO). Vorliegend hat
einzig A._ Berufung erhoben, und zwar einerseits als von der Vorinstanz
verurteilter Beschuldigter und andererseits als vor Vorinstanz unterlegener Privat-
kläger im Verfahren gegen B._. B._ widersetzt sich als Beschuldigte
und Privatklägerin mit ihren Anträgen der Berufung A._.
7.2.1. Nachdem A._ im Berufungsverfahren mit seinem Antrag, er sei freizu-
sprechen, obsiegt, hingegen mit den Antrag, B._ sei zu verurteilen sowie mit
seinem Schadenersatzbegehren gegen B._ unterliegt, sind ihm die Kosten
des Berufungsverfahrens zur Hälfte aufzuerlegen (Art. 428 Abs. 1 StPO).
7.2.2. Auch B._ sind ausgangsgemäss die Kosten für das Berufungs-
verfahren zur Hälfte aufzuerlegen. Sie obsiegt hinsichtlich der Bestätigung ihres
Freispruchs, unterliegt hingegen insofern, als sie einen Schuldspruch gegen
A._ beantragt (Art. 428 Abs. 1 StPO).
7.2.3. Da beide Beschuldigten im Berufungsverfahren in gleichem Umfang unter-
liegen, rechtfertigt es sich, die für das Berufungsverfahren gegenseitig geschulde-
ten Prozessentschädigungen zwischen A._ und B._ wettzuschlagen.
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