Decision ID: 80634f50-cb86-4f31-a00a-ed3a3ef58966
Year: 2016
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im Oktober 2009 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er hatte keine berufliche Ausbildung absolviert und
als Hilfsgipser im Trockenbau gearbeitet. Am 1. August 2009 hatte er einen Unfall
erlitten, der eine inkomplette Tetraplegie sub C3 zur Folge gehabt hatte (IV-act. 7). Die
Universitätsklinik Balgrist berichtete im August 2010 (IV-act. 35), dem Versicherten
seien wechselbelastende Tätigkeiten im Stehen und Gehen, vorwiegend aber im
Sitzen, ganztags mit vermehrten Pausen zumutbar. Er dürfe keine Gewichte über fünf
Kilogramm heben. Aufgrund der Gangataxie und der fehlenden Afferenz beider Beine
habe der Versicherte keine gute Kontrolle über seine Füsse. Da die Handfunktion
beidseits aufgrund der Ataxie und der Parese der Fingerspreizung noch eingeschränkt
sei, komme eine Arbeit an Maschinen oder Geräten nicht in Frage. Der
Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle hielt im September 2010 fest (IV-act. 37), er
habe ein Gespräch mit dem Versicherten geführt. Dieser sei auf seine Einschränkung
fixiert gewesen und habe sich nicht in der Lage gesehen, zu arbeiten oder einen
Arbeitsversuch zu wagen. Er habe sich als erst in etwa einem halben Jahr wieder
eingliederungsfähig gesehen. Mit einer Mitteilung vom 23. September 2010 schloss die
IV-Stelle die beruflichen Massnahmen ab (IV-act. 41). Sie hielt fest, dass sich der
Versicherte mit einem schriftlichen Gesuch melden könne, wenn er zu einem späteren
Zeitpunkt eine Unterstützung der Invalidenversicherung bei der Stellensuche wünsche.
A.b Anlässlich einer Abklärung im Oktober/November 2010 erachteten die Ärzte der
Rehaklinik Bellikon den Versicherten als für eine leidensadaptierte Tätigkeit voll
arbeitsfähig (IV-act. 45). Als leidensadaptierte Tätigkeiten waren leichte bis
mittelschwere Tätigkeiten mit Wechselbelastung und einem Anteil von 40 Prozent an
sitzender Tätigkeit, ohne Arbeit an sturzexponierten Stellen, ohne Gehen über unebene
Böden und ohne erhöhte Anforderungen an die Fingerfeinmotorik und an die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Handkoordination insbesondere rechts angegeben worden. Mit einer Verfügung vom
17. März 2011 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren des Versicherten ab (IV-act. 53).
Die Verfügung enthielt den Hinweis, dass es dem Versicherten frei stehe, sich zu
gegebener Zeit wieder für berufliche Eingliederungsbemühungen anzumelden.
A.c Am 14. Juni 2012 wandte sich der Versicherte an die IV-Stelle (IV-act. 58). Er gab
an, er fühle sich nun so weit stabilisiert, dass er bereit sei, mit einem hälftigen Pensum
eine Eingliederungstätigkeit, allenfalls auch eine Umschulung zu versuchen. Allerdings
könne er nach wie vor nicht längere Zeit sitzen und auch die Verwendung der Hände
sei noch problematisch oder stark eingeschränkt. Die Arbeitsfähigkeitsschätzung der
Universitätsklinik Balgrist treffe aktuell so wenig zu wie damals. Mit einer Verfügung
vom 11. Oktober 2012 trat die IV-Stelle nicht auf dieses neue Gesuch des Versicherten
ein (IV-act. 69). Zur Begründung führte sie aus, es bestehe kein Anspruch auf eine
Umschulung, weil der Versicherte zum Zeitpunkt des Unfalls als Hilfsarbeiter tätig
gewesen sei. Für eine adaptierte Tätigkeit bestehe eine vollumfängliche
Arbeitsfähigkeit. Die IV-Stelle könne eine Unterstützung im Rahmen der
Arbeitsvermittlung anbieten, sofern der Versicherte bereit sei, die attestierte
Arbeitsfähigkeit zu 100 Prozent in einer geeigneten Tätigkeit zu verwerten. Das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hiess eine gegen diese Verfügung
erhobene Beschwerde mit einem Entscheid vom 17. Juli 2013 (IV 2012/427; vgl. IV-act.
81) im Ergebnis gut. Es führte aus, die Mitteilung vom 23. September 2010 sei
verbindlich geworden. Diese beinhalte aber keinen materiellen Entscheid, sondern sei
vielmehr als eine Sanktionsverfügung zu qualifizieren. Ihre Aufhebung habe also nicht
eine Glaubhaftmachung einer Sachverhaltsveränderung, sondern vielmehr nur die
Erklärung vorausgesetzt, dass der Versicherte nun seinen Mitwirkungspflichten
nachkommen wolle. Da diese Erklärung erfolgt sei, hätte kein Nichteintretensentscheid
erlassen werden dürfen. Stattdessen hätten berufliche Eingliederungsmassnahmen
geprüft werden müssen. Die IV-Stelle habe folglich ein Verwaltungsverfahren betreffend
die berufliche Eingliederung des Versicherten durchzuführen.
A.d Im November 2013 führte eine Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle ein
Gespräch mit dem Versicherten (IV-act. 90). Sie hielt fest, der Versicherte habe stark
dekonditioniert gewirkt und kaum ein Interesse am Leben ausserhalb der Wohnung
seiner Eltern gezeigt. Er sei stark auf seine Einschränkungen fixiert gewesen und habe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den Eindruck vermittelt, grosse Angst vor der Konfrontation mit dem realen Leben zu
haben. Er habe zwar angegeben, dass er versuchen werde, zu arbeiten, wenn ihm die
IV-Stelle eine Arbeitsstelle gefunden habe, dass er aber nicht davon ausgehe, an einer
Arbeitsstelle noch etwas leisten zu können. Man habe vereinbart, die Fähigkeiten des
Versicherten in einem Programm zu erproben. Im Dezember 2013 beantragte die
Eingliederungsverantwortliche eine einwöchige Kurzabklärung („Potentialabklärung“)
durch die berufliche Abklärungsstelle (BEFAS) Appisberg. Sollten sich eine verwertbare
Integrationsfähigkeit und eine klare Motivation des Versicherten zeigen, könne die
Abklärung in eine vertiefte, vierwöchige BEFAS-Abklärung umgewandelt werden (IV-
act. 94). Am 18. Dezember 2013 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, sie gewähre
ihm eine Beratung und Unterstützung bei der Stellensuche (IV-act. 95). Am 20.
Dezember 2013 eröffnete die IV-Stelle dem Versicherten, dass vom 20. bis zum 24.
Januar 2014 eine „Potentialabklärung“ durch die BEFAS Appisberg durchgeführt werde
(IV-act. 100). Die BEFAS berichtete der IV-Stelle am 27. Januar 2014 (IV-act. 101), der
Versicherte habe das Abklärungsprogramm pünktlich angetreten. Bei einer
Tagesarbeitszeit von 7,5 Stunden habe er jeweils zusätzliche Pausen von insgesamt 1–
4 Stunden Dauer eingelegt, obwohl er ausschliesslich leichte und adaptierte Arbeiten
habe ausführen müssen. Er habe eine ausgeprägte Selbstlimitierung gezeigt. Da
keinerlei Fortschritte zu beobachten gewesen seien, sei die Abklärung nicht zu
verlängern. Der Versicherte habe ein unterdurchschnittliches kognitives
Leistungsniveau gezeigt; die Aufnahme- und Lernfähigkeit sei aber gut gewesen. Er
habe eine einfachere standardisierte und seinen körperlichen Einschränkungen
angepasste Aufgabe in guter Qualität ausgeführt, dafür aber das Doppelte der Sollzeit
benötigt. Der Versicherte habe nur zwei Drittel der Präsenzzeit in einem geschützten
Rahmen respektive nur die Hälfte der Präsenzzeit im ersten Arbeitsmarkt erreicht.
Theoretisch liege die gezeigte Leistung bei etwa 20 Prozent in Bezug auf eine Tätigkeit
im ersten Arbeitsmarkt. Die Differenz zur vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst
(RAD) attestierten vollen Arbeits- und Leistungsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit
sei auf invaliditätsfremde Gründe – Bildung, Deutschkenntnisse, Persönlichkeit,
psychosoziale und soziokulturelle Faktoren, Selbstlimitierung sowie mangelnde
Mitwirkung in der Bewältigung der Unfallfolgen – zurückzuführen. In einem
strukturierten Interview habe sich ein ungenügender Integrationswille ergeben. Der
Versicherte verhafte nach wie vor in der Opferrolle. Im so genannten PACT-Test habe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
er lediglich sechs (gemäss Fragebogen: neun; vgl. IV-act. 101–12) von 200 Punkten
erreicht.
A.e Der Versicherte nahm am 3. April 2014 Stellung zum Bericht der BEFAS Appisberg
(IV-act. 103). Er machte geltend, die Beurteilung sei einzig auf die banale Frage
beschränkt worden, ob ihm die Schmerzüberwindung zumutbar sei. Der Umstand,
dass er an einer neurologischen Problematik mit spastischen Wirkungen leide, sei nicht
berücksichtigt worden. Fälschlicherweise sei davon ausgegangen worden, seine
Beweglichkeit und seine Kraft seien nur in der rechten Körperhälfte reduziert. Er leide
aber auch an Einschränkungen in der linken Körperhälfte. Das unkontrollierte Zittern
der Hände und die fehlende Kraft in den Händen, nicht ein fehlender Arbeitswille hätten
ihm die Ausführung der meisten Tätigkeiten der Abklärungsmassnahme verunmöglicht.
Die Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle notierte im November 2014 (IV-act.
104), die BEFAS Appisberg habe über eine ausgeprägte Selbstlimitierung berichtet, die
schon mehrfach in den medizinischen Akten beschrieben worden sei. Diese
verunmögliche weitere berufliche Massnahmen. Mit einem Vorbescheid vom 5.
Dezember 2014 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass sie ihm keine weiteren
beruflichen Massnahmen mehr gewähren werde (IV-act. 107). Am 22. Januar 2015
verfügte sie entsprechend (IV-act. 108). Am 23. Januar 2015 ging ihr eine Eingabe des
Versicherten zum Vorbescheid vom 5. Dezember 2014 zu (IV-act. 109). Dieser hatte
eingewandt, er leide nicht an subjektiven, sondern an objektiven, neurologischen
Einschränkungen. Seit dem Oktober 2014 müsse er wieder in der Uniklinik Balgrist
behandelt werden, weil sich infolge einer Beinlängendifferenz weitere Beschwerden
eingestellt hätten. Der BEFAS-Bericht, in dem ihm eine mangelnde Motivation
unterstellt werde, sei verletzend und oberflächlich. Es müssten berufliche Massnahmen
durchgeführt werden, mittels derer die Behinderungen auch objektiviert werden
könnten. Die IV-Stelle widerrief noch am 23. Januar 2015 ihre Verfügung vom Vortag
und teilte dem Versicherten mit, dass sie sich mit seiner Eingabe auseinander setzen
werde (IV-act. 110). Am 9. Februar 2015 erliess sie eine weitere Verfügung, mit der sie
dem Versicherten berufliche Massnahmen verweigerte (IV-act. 113). Sie führte aus, in
der Abklärung durch die BEFAS Appisberg habe der Versicherte eine Leistung gezeigt,
die so gering gewesen sei, dass eine nachhaltige, erfolgreiche berufliche Eingliederung
unwahrscheinlich sei. Jede berufliche Massnahme sei zum Vorneherein zum Scheitern
verurteilt, wenn die versicherte Person nicht motiviert und aktiv mitwirke.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
B.a Am 13. März 2015 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 9. Februar 2015 erheben (act. G 1). Sein
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der Verfügung und die Gewährung
beruflicher Massnahmen sowie eventualiter eine objektive und umfassende
Begutachtung durch die Uniklinik Balgrist oder durch eine andere auf die Folgen einer
Paraplegie spezialisierten Institution. Zur Begründung führte er aus, der
Beschwerdeführer sei über die Behandlung der BEFAS Appisberg entsetzt gewesen.
Der Abklärungsbericht vermöge in verschiedenen, wesentlichen Punkten nicht zu
überzeugen. Die BEFAS sei aber immerhin zur Auffassung gelangt, dass die zumutbare
Leistung nach einem Aufbau- und Arbeitstraining nicht mehr als 65 Prozent betragen
werde. Die Abklärungsverantwortlichen hätten ein solches Training allerdings aufgrund
der angeblichen Selbstlimitierung als sinnlos erachtet. Den Einschränkungen der linken
Hand sei keinerlei Rechnung getragen worden.
B.b Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 4. Mai 2015
die Abweisung der Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie aus, der
medizinische Sachverhalt sei bereits umfassend abgeklärt worden. Die BEFAS
Appisberg habe den bekannten Einschränkungen angemessen Rechnung getragen.
Der Beschwerdeführer sei in der Lage gewesen, die einfacheren, standardisierten
Arbeiten in guter Qualität auszuführen. Die Leistung sei nicht durch körperliche
Beschwerden, sondern durch eine Selbstlimitierung beeinträchtigt gewesen. Dies
zeigten auch die Antworten des Beschwerdeführers im PACT-Fragebogen. Angesichts
der Ergebnisse der beruflichen Abklärung seien berufliche Massnahmen jedenfalls
sinnlos.
B.c Am 5. Mai 2015 bewilligte die Verfahrensleitung dem Beschwerdeführer die
unentgeltliche Rechtspflege (act. G 6).
B.d Am 2. Juli 2015 liess der Beschwerdeführer an seinen Anträgen festhalten (act.
G 10). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 12).

Erwägungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.
Der Beschwerdeführer hat sich ursprünglich im November 2009 unspezifisch für
berufliche Eingliederungsmassnahmen angemeldet (IV-act. 1–1). In ihrer Mitteilung vom
23. September 2010 hat die Beschwerdegegnerin – ebenso unspezifisch – einen
Anspruch auf berufliche Eingliederungsmassnahmen verneint (IV-act. 41). Im Juni 2012
hat sich der Beschwerdeführer – wiederum unspezifisch – bereit erklärt, an beruflichen
Eingliederungsmassnahmen mitzuwirken, wobei er allerdings explizit darauf
hingewiesen hat, dass seines Erachtens insbesondere auch das Umschulungspotential
geprüft werden müsse (IV-act. 58). Die „Integrationspotentialabklärung“ durch die
BEFAS Appisberg hat offenkundig dazu gedient, das Eingliederungspotential des
Beschwerdeführers festzustellen, das heisst abzuklären, welche beruflichen
Eingliederungsmassnahmen in der konkreten Situation in Frage kommen könnten.
Inhaltlich ist das Verwaltungsverfahren also weit gefasst gewesen; es hat sich ganz
allgemein auf die berufliche Eingliederung und nicht nur auf eine spezifische
Massnahme bezogen. Entsprechend unspezifisch ist auch die Formulierung der
angefochtenen Verfügung ausgefallen: Die Beschwerdegegnerin hat im Dispositiv
allgemein das Leistungsbegehren um berufliche Massnahmen abgewiesen; in der
Begründung hat sie ausgeführt, dass sie die Unterstützung bei der beruflichen
Eingliederung abschliesse. Dies kann nur so verstanden werden, dass die
Beschwerdegegnerin mit der angefochtenen Verfügung das Leistungsbegehren des
Beschwerdeführers um die Gewährung von beruflichen Massnahmen generell
abgewiesen hat, soweit sie nicht bereits solche gewährt hatte, und dass sie die bereits
laufenden beruflichen Massnahmen revisionsweise eingestellt (Art. 17 Abs. 2 ATSG)
hat. Folglich gehören alle in Betracht fallenden beruflichen Eingliederungsmassnahmen
zum Streitgegenstand dieses Beschwerdeverfahrens, wobei es sich bezüglich der am
18. Dezember 2013 verbindlich zugesprochenen Arbeitsvermittlung allerdings um ein
Revisionsverfahren handelt.
2.
2.1 Eine invalide oder von einer Invalidität bedrohte versicherte Person hat einen
Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung, wenn diese
notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit wieder herzustellen, zu erhalten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
oder zu verbessern, und wenn die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen
Massnahmen erfüllt sind (Art. 8 Abs. 1 IVG). Zu den Eingliederungsmassnahmen zählen
die medizinischen Massnahmen, die Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die
berufliche Eingliederung, die Massnahmen beruflicher Art und die Abgabe von
Hilfsmitteln (Art. 8 Abs. 3 IVG).
2.2 Der Beschwerdeführer hat keine berufliche Ausbildung absolviert. Während seiner
Tätigkeit als Hilfsgipser hat er sich keine beruflichen Kenntnisse oder Fähigkeiten
angeeignet, die denen eines gelernten Gipsers entsprochen und es gerechtfertigt
hätten, ihm denselben Lohn wie einem gelernten Gipser auszurichten. Folglich ist er als
ein Hilfsarbeiter zu qualifizieren, weshalb er keinen Anspruch auf eine (höherwertige)
Umschulung (Art. 17 IVG) haben kann. Damit kann er auch keinen Anspruch auf eine
Berufsberatung haben (Art. 15 IVG; vgl. Rz. 2002 KSBE). Da er bereits erwerbstätig
gewesen ist, fällt auch eine erstmalige berufliche Ausbildung nicht in Betracht (Art. 16
IVG). Die Voraussetzungen für eine Kapitalhilfe sind augenscheinlich nicht erfüllt (Art.
18d IVG). Näher zu prüfen sind folglich nur ein Anspruch auf eine Arbeitsvermittlung
(Art. 18 IVG) und auf die Art. 18a IVG vorgesehenen Leistungen im Zusammenhang mit
einem Arbeitsversuch. Bei einem Leistungsanspruch im Sinne der Art. 18 f. IVG wäre
ein Anspruch auf Integrationsmassnahmen (Art. 14a IVG) zur Vorbereitung auf diese
beruflichen Eingliederungsmassnahmen zu prüfen.
2.3 Gemäss dem Art. 18a Abs. 1 IVG kann die IV-Stelle einer versicherten Person
versuchsweise einen Arbeitsplatz zuweisen, um deren tatsächliche Leistungsfähigkeit
im Arbeitsmarkt abzuklären. Die einwöchige Abklärung durch die BEFAS Appisberg ist
eine einen solchen Arbeitsversuch vorbereitende Abklärungsmassnahme gewesen.
Anhand der Ergebnisse der BEFAS-Abklärung hätte ein (eigentlicher) Arbeitsversuch
gezielt in die Wege geleitet werden können. Nun hat sich aber gezeigt, dass der
Beschwerdeführer gar nicht in der Lage gewesen ist, auch nur einen Arbeitsversuch an
einem realen Arbeitsplatz zu absolvieren. Seine gezeigte Leistung ist so tief gewesen,
dass sie selbst im geschützten Rahmen nur 27 Prozent einer durchschnittlichen
Leistung betragen würde. Bei diesem Ergebnis ist ein Arbeitsversuch im Sinne des Art.
18a Abs. 1 IVG zum Vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Der
Beschwerdeführer hat zwar geltend gemacht, die Abklärung sei ungenügend auf seine
Gesundheitsbeeinträchtigung ausgerichtet gewesen und habe deshalb ein falsches
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ergebnis geliefert. Diese Behauptung überzeugt aber nicht. Gemäss den medizinischen
Akten hat der Beschwerdeführer an einer verminderten Belastbarkeit der Wirbelsäule,
an einer Kraftminderung in beiden Händen mit einer Spastik rechts, an
Sensibilitätsstörungen in der linken Körperhälfte sub Th4 und an einer (schon im Jahr
2010 rückläufigen) Parese im rechten Bein gelitten, weshalb ihm leichte bis
mittelschwere körperliche Tätigkeiten mit Wechselbelastung, mit anteilsmässigem
Sitzen von etwa 40 Prozent und ohne erhöhte Anforderungen an die Fingerfeinmotorik
respektive an die Handkoordination insbesondere der rechten Hand haben zugemutet
werden können (vgl. IV-act. 45). Diesen Einschränkungen haben die Verantwortlichen
der BEFAS Appisberg bei ihrer Abklärung Rechnung getragen (vgl. IV-act. 101–2). Die
medizinischen Akten begründen nicht, weshalb es dem Beschwerdeführer aus
neurologisch-medizinischen Gründen hätte unmöglich sein sollen, einen einen
Millimeter starken Draht zu biegen, etwas zu löten oder eine Computertastatur mit
beiden Händen zu bedienen (vgl. IV-act. 101–6). Beim Löten sollen zwar seine Hände
zu zittern begonnen haben, doch seien diese wieder ruhiger geworden, als er auf eine
entsprechende Aufforderung des Verantwortlichen die Arbeit fortgesetzt habe. In den
Akten findet sich kein Anhaltspunkt, der darauf hindeuten würde, dass die Abklärung
auf einer falschen Ausgangslage basiert und deshalb verfälschte Ergebnisse geliefert
hätte. Der Fragebogen zum strukturierten Interview (IV-act. 101–7 ff.) und die
Ergebnisse des PACT-Tests (IV-act. 101–11 ff.) belegen zudem, dass sich der
Beschwerdeführer selbst praktisch nichts mehr zugetraut hat, obwohl die
medizinischen Akten ein deutlich höheres als das von ihm angegebene minimale
Restleistungsniveau belegen. Die in der Abklärung durch die BEFAS festgestellte
ausgeprägte Selbstlimitierung ist bereits in den medizinischen Berichten erwähnt
worden. Jedenfalls kann aufgrund des gesamten Verhaltens des Beschwerdeführers
nicht davon ausgegangen werden, dass sich dieser in einem weiteren Arbeitsversuch
grundlegend anders präsentieren würde. Folglich wäre ein weiterer Arbeitsversuch
sinnlos, weshalb der Beschwerdeführer keinen Anspruch darauf hat.
2.4 Gemäss dem Art. 18 Abs. 1 lit. a IVG hat eine versicherte Person, wenn sie
eingliederungsfähig ist, einen Anspruch auf eine aktive Unterstützung der IV-Stelle bei
der Suche eines geeigneten Arbeitsplatzes. Der Begriff der Eingliederungsfähigkeit ist
unbestimmt. Bei der Rechtsanwendung muss der Rechtsanwender definieren, was
damit gemeint ist. Auch die Arbeitslosenversicherung bietet eine Arbeitsvermittlung an
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und auch diese setzt – unspezifisch formuliert – die Fähigkeit der versicherten Person
voraus, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Diese im AVIG als Vermittlungsfähigkeit
bezeichnete Fähigkeit wird im Art. 15 AVIG detailliert umschrieben. Mit dieser Definition
hat der Gesetzgeber im Bereich des AVIG die Frage beantwortet, unter welchen
spezifischen Voraussetzungen ein Anspruch auf eine Arbeitsvermittlung besteht. Da
der Art. 18 Abs. 1 lit. a IVG dasselbe Problem zu lösen hat, bietet es sich an, unter dem
dort verwendeten Begriff der Eingliederungsfähigkeit dasselbe wie unter dem im Art. 15
AVIG verwendeten Begriff der Vermittlungsfähigkeit zu verstehen. Folglich setzt der
Anspruch auf eine Arbeitsvermittlung durch die Invalidenversicherung ebenfalls die
Vermittlungsfähigkeit voraus. Diese ist wie folgt definiert: Vermittlungsfähig ist, wer
bereit, in der Lage und berechtigt ist, eine zumutbare Arbeit anzunehmen und an
Eingliederungsmassnahmen teilzunehmen (Art. 15 Abs. 1 AVIG). Dabei gilt eine
versicherte Person mit einer Gesundheitsbeeinträchtigung als vermittlungsfähig, wenn
ihr bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage unter Berücksichtigung ihrer
Behinderung eine zumutbare Arbeit vermittelt werden könnte (Art. 15 Abs. 2 AVIG).
Dem Beschwerdeführer könnte bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage eine
zumutbare Arbeit vermittelt werden, denn entgegen der Behauptung seines
Rechtsvertreters sind seine Gesundheitsbeeinträchtigungen nicht derart gravierend,
dass keine leidensadaptierten Tätigkeiten mehr vorstellbar wären. Er ist berechtigt,
einer Arbeit nachzugehen, denn er verfügt über die Niederlassungsbewilligung.
Gemäss den medizinischen Akten ist er auch in der Lage, einer Erwerbstätigkeit
nachzugehen, da seine Gesundheitsbeeinträchtigung die Verrichtung einer so
genannten adaptierten Arbeit erlaubt. Allerdings mangelt es dem Beschwerdeführer an
der Bereitschaft, eine zumutbare Arbeit anzunehmen. Er hat zwar wiederholt bekundet,
dass er eine Arbeit annehmen und ausüben würde, aber mit seinem Verhalten hat er
erhebliche Zweifel daran geweckt, dass er tatsächlich bereit wäre, einer
Erwerbstätigkeit nachzugehen. Schon vor der Abklärung durch die BEFAS Appisberg
hat er angegeben, dass er wohl nicht in der Lage sein werde, eine nennenswerte
Arbeitsleistung zu erbringen. Während der einwöchigen Abklärung hat er, obwohl ihm
leichte, adaptierte Tätigkeiten zugewiesen worden sind, zusätzliche Pausen im Umfang
von teilweise mehr als der Hälfte der Arbeitszeit eingelegt und die zugewiesenen
Tätigkeiten mehrheitlich als nicht geeignet bezeichnet, obwohl aus medizinischer Sicht
nichts gegen die Verrichtung der Tätigkeiten gesprochen hat und obwohl er diese
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
jeweils hat verrichten können, wenn er dazu angehalten worden ist. Es ist
unwahrscheinlich, dass sich der Beschwerdeführer an einem von der
Beschwerdegegnerin zugewiesenen Arbeitsplatz anders als während der Abklärung in
der BEFAS verhalten würde, weshalb er nicht vermittlungsfähig respektive nicht
eingliederungsfähig im Sinne des Art. 18 Abs. 1 lit. a IVG ist und folglich keinen
Anspruch mehr auf eine Arbeitsvermittlung hat. Der von der Beschwerdegegnerin
verfügte revisionsweise Abschluss der am 18. Dezember 2013 zugesprochenen
Arbeitsvermittlung ist folglich rechtmässig. Selbstverständlich steht es dem
Beschwerdeführer aber jederzeit frei, sich erneut für eine Arbeitsvermittlung
anzumelden. Die Beschwerdegegnerin wird ihn bei der Stellensuche unterstützen,
wenn er glaubhaft gemacht haben wird, dass er bereit und motiviert ist, eine
Arbeitsstelle zu finden.
2.5 Da kein Anspruch auf eine der im IVG vorgesehenen beruflichen Massnahmen
besteht, kann auch kein Anspruch auf eine Integrationsmassnahme im Sinne des Art.
14a IVG bestehen; eine solche wäre nicht zielführend. Folglich hat die
Beschwerdegegnerin das Begehren des Beschwerdeführers um weitere berufliche
Massnahmen nebst der (abgeschlossenen) Arbeitsvermittlung im Ergebnis zu Recht
abgewiesen.
3.
Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen. An sich hätte der Beschwerdeführer die
Gerichtskosten zu bezahlen, die angesichts des durchschnittlichen
Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzen sind. Zufolge der Bewilligung der
unentgeltlichen Prozessführung ist er aber von der Bezahlung dieser Gebühr zu
befreien. Da ihm auch die unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das
Beschwerdeverfahren bewilligt worden ist, hat der Staat seinem Rechtsvertreter eine
entsprechende Entschädigung auszurichten. Der Vertretungsaufwand ist als
unterdurchschnittlich zu qualifizieren, da seit dem letzten Gerichtsverfahren kaum neue
Akten hinzugekommen sind, die hätten studiert werden müssen. Zudem sind dem
Rechtsvertreter die Sache und das Rechtsproblem bereits bekannt gewesen, was den
Vertretungsaufwand zusätzlich reduziert hat. Gesamthaft rechtfertigt es sich, die
Entschädigung auf 80 Prozent (Art. 31 Abs. 3 AnwG) von 2’500 Franken, das heisst auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2’000 Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer), festzusetzen. Sollten
es seine wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten, wird der Beschwerdeführer
zur Nachzahlung der Gerichtsgebühr und zur Rückerstattung der Entschädigung für die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2 VRP
i.V.m. Art. 123 ZPO).