Decision ID: 0b7d4385-7336-403d-9928-98686cb43d40
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._, geboren 1962, erlitt am 31. April 2002 einen Unfall (Urk. 8/5/47) und meldete sich am 3. August 2003 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 8/2). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, verneinte mit Verfügung vom 20. Januar 2004 (Urk. 8/26) und - nach Einholen eines am 5. Januar 2006 erstatteten Gutachtens (Urk. 8/61) - mit
Einspracheentscheid
vom 21. März 2006 (Urk. 8/77) einen Rentenanspruch.
Auf ein am 11. Februar 2008 gestelltes Gesuch um „Wiedererwägung/Revi
sion“ (Urk. 8/81) trat die IV-Stelle mit Verfügung vom 19. Februar 2008 nicht ein (Urk. 8/83).
1.2
Nach erneuter Anmeldung am 30. Oktober 2014 (Urk. 8/86) und durchgeführ
tem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 8/112, Urk. 8/114, Urk. 8/117, Urk. 8/122, Urk. 8/125) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 31. August 2016 (Urk. 8/128 = 2) einen Leistungsanspruch.
2.
Die Versicherte erhob am 3. Oktober 2016 Beschwerde gegen die Verfügung vom 31. August 2016 (Urk. 2) und beantragte (Urk. 1 S. 2), diese sei aufzuheben und die Sache sei zu weiteren beruflichen und medizinischen Abklärungen an die IV-Stelle zurückzuweisen (Ziff. 1), eventuell sei ein Gerichtsgutachten zu veranlassen (Ziff. 2), subeventuell sei ihr mindestens eine
Viertelsrente
zuzu
sprechen (Ziff. 3.).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 10. November 2016 (Urk. 7) die Abweisung der Beschwerde.
Mit Gerichtsverfügung vom 13. Dezember 2016 (Urk. 13) wurden antragsgemäss (vgl. Urk. 1 S. 2 Ziff. 5) die
unentgeltliche Prozessführung und Rechtsvertretung bewilligt.
Am 18. Mai 2017 (Urk. 15) reichte die Beschwerdeführerin weitere Unterlagen (Urk. 16/1-3) ein.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Ge
sundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung ver
bleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Er
werbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Rentenbezü
gers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (
Art.
17
Abs.
1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tat
sächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente nicht nur bei einer wesentlichen Änderung des Gesundheitszustandes, sondern auch dann revidier
bar, wenn sich die erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich gebliebenen Gesundheitszustandes erheblich verändert haben (BGE 130
V 343 E. 3.5 mit Hinweisen).
Dagegen stellt die bloss unterschiedliche Beurteilung der
Auswir
-
kun
gen
eines im Wesentlichen unverändert gebliebenen Gesundheitszu
standes auf die Arbeitsfähigkeit für sich allein genommen keinen Revisions
grund im Sinne von
Art.
17
Abs.
1 ATSG dar.
Zeitliche Vergleichsbasis für die Beurteilung einer anspruchserheblichen Ände
rung des Invaliditätsgrades bilden die letzte rechtskräftige Verfügung oder der letzte rechtskräftige
Einspracheentscheid
, welche oder welcher auf einer materi
ellen Prüfung des Rentenanspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Invaliditätsbemessung beruht (BGE 133 V 108; vgl. auch BGE 130 V 71 E. 3.2.3; Urteil des Bundesgerichts 9
C_438/2009 vom 26. März 2010 E. 2.
1 mit Hinweisen).
1.3
Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert, so hat sich
die Verwaltung
zu vergewissern, ob die von der versicherten Person glaub
haft gemachte Veränderung des Invaliditätsgrades auch tatsächlich eingetreten ist; sie hat demnach in analoger Weise wie bei einem Revisionsfall nach
Art.
17
Abs.
1 ATSG
vorstehend E. 1.2)
vorzugehen (BGE 117 V 198 E. 3a, vgl. auch BGE 133 V 108 E. 5.2). Stellt sie fest, dass der Invaliditätsgrad seit Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zunächst noch zu prüfen, ob die festgestellte Veränderung genügt, um nunmehr eine anspruchsbegründende In
validität zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefall obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (BGE 117 V 198 E. 3a, 109 V 108 E. 2b).
1.4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorak
ten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zu
sammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
1.5
Das Sozialversicherungsgericht stellt bei der Beurteilung eines Falles
grund-sätz
lich
auf den bis zum Zeitpunkt des Abschlusses des Verwaltungsver
fahrens eingetretenen Sachverhalt ab (BGE 131 V 242 E. 2.1, 121 V 362 E. 1b).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung davon aus, die beim früheren - ablehnenden - Entscheid vorhandenen und berücksichtigten Beschwerden bestünden weiterhin, und die neu aufgetretenen psychischen Be
schwerden würden vor allem durch psychosoziale Belastungen ausgelöst und seien invaliditätsfremd (Urk. 2 S. 1).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1), sie leide an verschiedenen - je näher kommentierten - Gesundheitsbeeinträchti
gungen (S. 4 ff.), sie sei als Vollerwerbstätige zu qualifizieren (S. 32 ff. Ziff. 1), die Einkommenseinbusse sei konkret gemäss dem Grad der Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit zu bestimmen (S. 34 ff. Ziff. 2), und es sei dis
kriminierend, sie als Teilerwerbstätige ohne Aufgabenbereich zu qualifizieren
(S. 36 ff. Ziff. 3).
2.3
Strittig ist, ob ein anspruchsrelevanter Gesundheitsschaden - und damit eine wesentliche Veränderung im Vergleich zum Sachverhalt im März 2006, als ein Rentenanspruch verneint wurde - besteht, und ob
dies gestützt auf die vorhan
denen Abklärungen beurteilt werden kann.
3.
3.1
Am 5. Januar 2006 erstatteten die Ärzte des Y._ ein Gutachten im Auftrag der Beschwerdegegnerin (Urk. 8/61/1-24). Sie stützen sich auf die ihnen überlassenen Akten (S. 4 ff.), die Angaben der Be
schwerdeführerin (S. 8 ff.) und die von ihnen am 1. November 2005 (S. 1 Mitte) erhobenen internistischen (S. 10), rheumatologischen (S. 11 ff.) und psychiatri
schen (S. 17 ff.) Befunde.
3.2
Die Gutachter nannten folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeits-fähig
keit (S. 20
Ziff
5.1):
-
chronisches
thorako-lumbospondylogenes
Schmerzsyndrom links
-
Osteochondrose
L4/5 sowie beginnend
thorako
-lumbal mit Spondy
lose betont
thorako
-lumbal sowie beginnenden Spondylarthrosen L3 bis S1
-
Wirbelsäulenfehlform und Fehlhaltung mit muskulärer Dysbalance be
tont vom Beckengürteltyp
-
muskuläre Dysbalance auch vom Schulter-Nackengürteltyp
-
bei anhaltender somatoformer Schmerzstörung
-
chronische
Gonalgie
links
-
osteochondrale
Läsion medialer
Femurcondylus
-
Status nach Arthroskopie und medialer
Meniskektomie
am 30. Juli 2002
-
Status nach arthroskopischer
Teilmeniskektomie
medial 1999
-
chronische Schmerzverarbeitungsstörung mit Anpassungsstörung
Als Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit nannten sie eine anhal
tende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4), einen Verdacht auf dissozi
ative Bewegungsstörung (ICD-10 F44.4), ein metabolisches Syndrom und einen fortgesetzten Nikotinkonsum (S. 21 Ziff. 5.2).
3.3
Zur Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit führten die Gutachter aus, die zuletzt durchgeführte Tätigkeit der Explorandin (welche allerdings angelernt sei und in ihrem Leben sehr verschiedene Erwerbstätigkeiten ausgeübt habe) sei als körperlich erheblich belastende Tätigkeit einzuschätzen. Die subjektiv emp
fundenen Rückenbeschwerden in der aktuellen Situation, in der die Explorandin kaum oder nur geringgradig belastet sei, könnten aufgrund der objektivierba
ren, eher geringen Befunden, nicht nachvollzogen werden. Gleichwohl könne für eine körperlich schwerbelastende Tätigkeit eine Teilarbeitsunfähigkeit bestä
tigt werden. Bezüglich der Kniebeschwerden finde sich eine leicht einge
schränkte Funktion bei ansonsten unauffälligen Befunden, ohne Hinweise für eine Meniskusläsion oder auch für eine Bandinstabilität. In der angestammten Tätigkeit, körperlich erheblich belastend, als Produktionsmitarbeiterin in der Kabelkonfektion könne von einer 50%igen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus der Sicht des Bewegungsapparates ausgegangen werden (S. 21 Ziff. 6.2). Aus internistischer und auch anderweitiger somatischer sowie auch aus psychi
atrischer Sicht sei keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit festzustellen (S. 22 oben).
Zur Arbeitsfähigkeit in anderen Tätigkeiten führten die Gutachter aus, aus Sicht des Bewegungsapparates seien bei der geringen Befundlage der Explorandin körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten, ohne Heben, Ziehen und Stos
sen von Lasten über 15 kg und ohne Einnahme von Zwangshaltungen ohne Ein
schränkung zumutbar. Auch aus sowohl internistischer wie anderweitiger so
matischer Sicht bestehe in Verweistätigkeiten keine Einschränkung der Ar
beitsfähigkeit (S. 22 Ziff. 6.4).
Aus psychiatrischer Sicht könne bei der Explorandin eine anhaltende somato
forme Schmerzstörung festgestellt werden und überlappend und nur noch
resi
duell
vorhanden
die Annahme einer dissoziativen Bewegungsstörung. Eine af
fektive Störung im Sinne einer Depression liege nicht vor. Aus näher dargeleg
ten Gründen resultiere, dass rein aufgrund der somatoformen Schmerzstörung keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht bestätigt werden könne. Zusammenfassend resultiere bei der Konsensbesprechung, dass der Explorandin körperlich leichte bis mittelschwere, wechselbelastende Tätig
keiten ganztägig ohne Einschränkung medizinisch-theoretisch zumutbar seien (S. 22 Mitte).
3.4
Die Beschwerdegegnerin ermittelte sodann ausgehend von der im Y._-Gutach
ten festgestellten Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit und dem um 10 % verminderten Tabellenlohn für Hilfsarbeiten einen Invaliditätsgrad von 3 % (Urk. 8/64) und verneinte mit
Einspracheentscheid
vom 21. März 2006 (Urk. 8/77) einen Rentenanspruch.
4.
4.1
Dr. med. Z._, Oberarzt, Rheumatologie und
muskuloskelettale
Re-habilita
tion, Departement Medizin, A._, nannte in seinem Bericht vom 24. Juni 2014 (Urk. 8/95/6-8) über die am 11. und 24. Juni 2014 erfolgten Konsultationen die folgenden Diagnosen (S. 1):
-
chronisches
lumbovertebrales
Schmerzsyndrom mit möglicher pseudoradi
kulärer Ausstrahlung ins linke Bein, Differentialdiagnose (DD)
spondylogen
bei
Fazettenarthrose
L4/5
-
MRI Juni 2014: keine Neurokompression
-
radiologisch mässige
Coxarthrose
beidseits
-
Schmerzausstrahlung in Oberschenkel links, DD
coxogen
-
dringender Verdacht auf Polyneuropathie
-
Intertrigo Leisten beidseits
-
aktenanamnestisch somatoforme Schmerzstörung
-
akutes linksthorakales, am ehesten
myofasziales
Schmerzsyndrom links (Schmerzbeginn vor vier Tagen
eigenanamnestisch, weitere Abklärungen beim Hausarzt geplant)
-
Vitamin D Mangel
Zur Arbeitsfähigkeit führte er aus, die Patientin sei aktuell in einer RAV-Arbeits
massnahme zu 50 % beschäftigt. Sie gebe an, dass dies eine wechselbe
lastende Tätigkeit sei. Eine endgültige Beurteilung der Arbeitsfähigkeit könne er erst nach Abschluss der therapeutischen Massnahmen vornehmen, grundsätzlich sei aber eine wechselbelastende Tätigkeit auch bei eventuell vorhandener Pa
thologie weiterhin zumutbar (S. 2 unten).
4.2
Dr. med. B._, Oberarzt, und Dr. med. C._, Chefarzt, Neurolo
gie, A._, führten in ihrem Bericht vom 5. August 2014 (Urk. 8/95/3-4) unter anderem aus, bei der Patientin bestehe eine
axonale
Polyneuropathie, sehr wahrscheinlich im Rahmen des chronischen Alkoholkonsums (S. 2 Mitte).
4.3
Die Fachpersonen der D._ nannten in ih
rem Bericht vom 28. Oktober 2014 (Urk. 8/95/1-2) über ihre Untersuchung vom 15. September 2014 folgende Diagnosen (S. 1 Mitte):
-
chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41)
-
mittelgradige depressive Episode (F32.1)
-
Agoraphobie mit Panikstörung (F40.01)
Sie führten unter anderem aus, die Patientin leide seit über 10 Jahren unter ei
nem chronischen
lumbovertebralen
Schmerzsyndrom mit leichter depressiver Symptomatik. Seit mehreren Monaten beklage sie eine vermehrte depressive Symptomatik. Sie sei in einer schwierigen psychosozialen Situation mit finanzi
ellen Engpässen und Abhängigkeit vom Lebenspartner, der seit 2 Wochen die Diagnose einer unheilbaren Magenkrebserkrankung habe. Eine - ambulante - psychiatrische Behandlung sei indiziert und werde von der Patientin gewünscht (S. 2 Mitte).
4.4
Dr. Z._, A._ (vorstehend E. 4.1), nannte in seinem Bericht vom 11. Januar 2015 (Urk. 8/98/7-11) die
gleichen Diagnosen wie im Juni 2014, von denen er das
Lumbovertebralsyndrom
und die
Coxarthrose
als Diagnosen mit Auswir
kung auf die Arbeitsfähigkeit einstufte, die übrigen nicht (Ziff. 1.1). Er führte unter anderem aus, die Behandlung habe vom 11. Juni bis 18. Juli 2014 gedau
ert (Ziff. 1.2), danach habe sich die Patientin nicht mehr gemeldet und es seien auch keine Nachkontrollen vereinbart worden (Ziff. 1.5). Arbeitsfähigkeitszeug
nisse seien keine ausgestellt worden (Ziff. 1.6).
4.5
Die Fachpersonen der D._ (vorstehend E. 4.3) nannten in ihrem Bericht vom 14. April 2015 (Urk. 8/101) wiederum die folgenden Diagnosen (Ziff. 1.1):
-
chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41), bestehend seit zirka 2002
-
mittelgradige depressive Episode (F32.1), bestehend seit September 2014
-
Agoraphobie mit Panikstörung (F40.01), bestehend seit September 2014
Sie führten aus, die Behandlung erfolge seit dem 19. September 2014 (Ziff. 1.2). Seither betrage die Arbeitsunfähigkeit als Produktionsmitarbeiterin 100 % (Ziff. 1.6). Auf längere Sicht sei die Prognose aufgrund der chronischen und schwer ausgeprägten psychiatrischen Erkrankung sehr ungünstig und man müsse davon ausgehen, dass bei der Patientin auch auf lange Sicht eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestehen bleiben werde (S. 1 vor Ziff. 1). Angaben zu einer Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit machten sie keine (Ziff. 1.7).
In einem Verlaufsbericht vom 12. November 2015 (Urk. 8/110) nannten sie die gleichen Diagnosen (Ziff. 1.2) und führten aus, der Zustand der Patientin sei seit dem letzten Bericht
grossteils
unverändert. Vor kurzem sei ihr Partner verstor
ben, was zu einer Exazerbation der depressiven Symptomatik geführt habe (Ziff. 1.3). Aus psychiatrischer Sicht scheine auch eine angepasste Tätigkeit nicht zumutbar, dies könne jedoch
nicht abschliessend beurteilt werden (Ziff. 2.1) und müsste in einem Arbeitsversuch beziehungsweise einer berufli
chen Abklärung beurteilt werden (Ziff. 4.2).
4.6
Im Bericht vom 29. November 2016 (Urk. 16/1) über eine gleichentags erfolgte Untersuchung im Gefäss-Zentrum des A._ wurden folgende Diagnosen ge
nannt (S. 1):
-
periphere arterielle Verschlusskrankheit der unteren Extremitäten im Sta
dium
IIb
rechts
-
akuter Verschluss der A. poplitea Pars III, DD
kardioembolisch
-
chronisches
lumbovertebrales
Schmerzsyndrom mit möglicher pseudo-radi
kulärer Ausstrahlung links
-
radiologisch mässige
Coxarthrose
beidseits
-
Polyneuropathie, DD
äthylisch
-
aktenanamnestisch somatoforme Schmerzstörung
-
Penicillin-Allergie anamnestisch
Im Austrittsbericht vom 7. Dezember 2016 (Urk. 16/2) führten die Ärzte des Gefäss-Zentrums aus, die Patientin sei bei ihnen vom 29. November bis 3. Dezember 2016 hospitalisiert gewesen (S. 1 Mitte), dies nach einer notfall
mässigen A._-internen Zuweisung bei einer akuten Ischämie des rechten Bei
nes. Am 30. November 2016 sei erfolgreich eine Angiographie/perkutane
transluminale
Angioplastie
(PTA) erfolgt (S. 1). Die danach durchgeführte angi
ologische Abklärung habe eine signifikante Verbesserung gezeigt (S. 1 f.).
4.7
Laut Austrittsbericht vom 11. Januar 2017 (Urk. 16/3/2) war die
Beschwer-deführe
rin
vom 6. bis 10. Januar 2017 in der Klinik für Viszeral- und Thoraxchirurgie des A._ hospitalisiert (S. 1 Mitte). Laut Bericht vom 9. Januar 2016 (Urk. 16/3/1) wurde sie am 6. Januar 2017 operiert: Es wurde eine chro
nische Cholezystitis bei
Cholezystolithiasis
diagnostiziert (S. 1) und es wurde eine laparoskopische
Cholezystektomie
(Gallenblasenentfernung) vorgenommen (S. 2 oben).
5.
5.1
Im 2006 erstatteten Gutachten wurden als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ein
lumbospondylogenes
Syndrom und eine chronische
Gonal
gie
genannt. Eine ebenfalls diagnostizierte anhaltende somatoforme Schmerz
störung wurde als ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit beurteilt (vorste
hend E. 3.2). Die Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten, körperlich erheblich belastenden Tätigkeit wurde mit 50 % beziffert, die Arbeitsfähigkeit für näher umschriebene körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten mit 100 % (vor
stehend E. 3.3).
5.2
Aktuell wurden aus somatischer Sicht als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ein
lumbovertebrales
Schmerzsyndrom und eine radiologisch mässige
Coxarthrose
genannt, dies Mitte 2014 (vorstehend E. 4.1) und im Ja
nuar 2015 (vorstehend E. 4.4). Eine wechselbelastende Tätigkeit sei grundsätz
lich auch bei eventuell vorhandener Pathologie zumutbar (vorstehend E. 4.1). Die im August 2014 gesicherte Diagnose einer
axonalen
Polyneuropathie (vor
stehend E. 4.2) wurde als ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit beurteilt (vorstehend E. 4.4).
Aus psychiatrischer Sicht wurde im September 2014 aufgrund einer vermehrten depressiven Symptomatik - bei schwieriger psychosozialer Situation - eine Be
handlung aufgenommen
(vorstehend E. 4.3)
. Als Diagnosen wurden eine seit zirka 2002 bestehende chronische Schmerzstörung sowie - seit September 2014 - eine mittelgradige depressive Episode und eine Agoraphobie mit Panikstörung genannt, und es wurde eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % als Produktionsmit
arbeiterin, auch auf lange Sicht, attestiert (vorstehend E. 4.5). Zu einer Arbeits
fähigkeit in angepasster Tätigkeit wurden im April 2015 keine Angaben ge
macht, und im November 2015 ausgeführt, dies könne nicht abschliessend be
urteilt werden und müsste in einer beruflichen Abklärung beurteilt werden (vorstehend E. 4.5).
5.3
Im November/Dezember 2016 wurde die Beschwerdeführerin wegen einer akuten Ischämie des rechten Beines behandelt (vorstehend E. 4.6), und im Ja
nuar 2017 kam es nach akuten Beschwerden zu einer Gallenblasenentfernung (vorstehend E. 4.7).
5.4
Zu vergleichen sind die Verhältnisse im Jahr 2006 (vorstehend E. 5.1) mit denjeni
gen, die im Zeitpunkt des Verfügungserlasses (August 2016) bestanden haben (vorstehend E. 5.2). Die Behandlungen Ende 2016/Anfang 2017 erfolg
ten nach Verfügungserlass und fallen damit nicht mehr in den hier zu beurtei
lenden Zeitraum (vgl. vorstehend E. 1.5), und die dazu vorliegenden Berichte (vorstehend E. 5.3) geben keine Veranlassung zu Rückschlüssen auf den Ge
sundheitszustand vor Verfügungserlass. Sollten daraus anhaltende zusätzliche Beeinträchtigungen resultieren, steht es der Beschwerdeführerin frei, mit einem Revisionsgesuch eine Verschlechterung geltend zu machen und glaubhaft dar
zulegen.
5.5
In somatischer Sicht wurde zu beiden Zeitpunkten eine - leicht unterschiedlich bezeichnete - Rückenproblematik als Diagnose mit Auswirkung auf die Ar
beitsfähigkeit genannt, sowie 2006 eine Knie- und 2014/2015 eine (radiologisch mässige) Hüft-Problematik. In somatischer Hinsicht bestand 2006 eine volle Ar
beitsfähigkeit für
körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten, ohne Heben, Ziehen und Stossen von Lasten über 15 kg, ohne Einnahme von Zwangshaltun
gen
(vorstehend E. 3.3). Das 2006 formulierte Belastungsprofil war offensicht
lich auf die Rückenproblematik bezogen, die gleich geblieben ist. Aus der da
mals zusätzlich genannten Knieproblematik wurden keine zusätzlichen Ein
schränkungen des Belastungsprofils abgeleitet. Aktuell wurde keine Knieprob
lematik mehr angeführt, hingegen eine mässige Hüft-Problematik. Dass sich daraus zusätzliche Einschränkungen des Belastungsprofils ergäben, ist nicht er
sichtlich, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass das Invalideneinkommen anders als unter Verwendung des -
allenfalls um einen Abzug verminderten - Tabel
lenlohns für Hilfsarbeiten (vgl. vorstehend E. 3.4) zu ermitteln wäre. Diesbezüg
lich liegt mithin keine anspruchsrelevante Veränderung vor.
5.5
In psychiatrischer Hinsicht wurde 2006 eine anhaltende somatoforme Schmerz
störung, ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit, diagnostiziert. Aktuell wur
den eine seit zirka 2002 bestehende chronische Schmerzstörung und neu eine mittelgradige depressive Episode sowie eine Agoraphobie diagnostiziert. In der angestammten Tätigkeit wurde eine voraussichtlich anhaltende Arbeitsunfähig
keit attestiert, während die Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit nicht ab
schliessend beurteilt werden könne.
In psychiatrischer Hinsicht ist somit angesichts der hinzugetretenen zusätzli
chen Diagnosen und der nicht abschliessend beurteilbaren Arbeitsfähigkeit eine revisionsrelevante Sachverhaltsänderung (vorstehend E. 1.2) eingetreten.
6.
6.1
Gemäss der nunmehr geltenden Rechtsprechung sind
alle psychischen
Er
-
krankun
gen
i
m Hinblick auf ihre Auswirkungen auf die Arbeits- und Er
werbs
-
fähigkeit den somatoformen Schmerzstörungen und vergleichbaren
psychoso
-
matischen
Leiden gleich zu stellen (zur amtlichen Publikation als BGE vorgesehenes Urteil des Bundesgerichts 8C_841/2016 vom 3
0.
November 2017 E. 4.5.1). Mithin sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen. Diese Ab
klärungen enden stets mit der Rechtsfrage, ob und in welchem Umfang die ärztlichen Feststellungen anhand der nach BGE 141 V 281 rechtserheblichen Indikatoren auf
die
Arbeitsunfähigkeit schliessen lassen (zur amtlichen Publika
tion als BGE vorgesehenes Urteil des Bundesgerichts 8C_130/2017 vom 3
0.
November 2017 E. 7.2).
6.2
Im Rahmen eines strukturierten Beweisverfahrens wird im Regelfall anhand von auf den funktionellen Schweregrad bezogenen Standardindikatoren (nachste
hend E.
6
.3) das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen ergebnisoffen und symmetrisch beurteilt, indem gleichermassen den äusseren Belastungsfaktoren wie den vorhandenen Ressourcen Rechnung getragen wird (BGE 141 V 574
E. 4.2). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zu
lässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindi
katoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahr
scheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es daran, hat die Folgen der Beweislo
sigkeit nach wie vor die materiell beweisbelastete versicherte Person zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; BGE 141 V 547 E. 2).
Im Einzelfall ist es Aufgabe der medizinischen Sachverständigen, nachvollzieh
bar aufzuzeigen, weshalb trotz lediglich leichter bis mittelschwerer Depression und an sich guter Therapierbarkeit der Störung funktionelle Leistungsein
schränkungen resultieren, die sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirken (zur amt
lichen Publikation als BGE vorgesehenes Urteil des Bundesgerichts 8C_841/2016 vom 3
0.
November 2017 E. 4.5.2). Nicht mehr anwendbar ist die frühere
bundesgerichtliche Praxis, wonach leichte bis höchstens mittelschwere Störungen aus dem depressiven Formenkreis in der Regel therapierbar seien und invalidenversicherungsrechtlich zu keiner Einschränkung der Arbeitsfähigkeit führten (
zur amtlichen Publikation als BGE vorgesehenes Urteil des Bundesge
richts 8C_841/2016 vom 3
0.
November 2017 E. 4.4).
6.3
Im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens sind als Standardindikatoren die folgenden Aspekte massgebend (BGE 141 V 281 E. 4.1.3):
funktioneller Schweregrad
-
Gesundheitsschädigung
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz
-
Komorbiditäten
-
Persönlichkeit: Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Ressourcen
-
sozialer Kontext
Konsistenz (Gesichtspunkte des Verhaltens):
-
gleichmässige Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichba
ren Lebensbereichen
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck
6.4
Da im Zeitpunkt
der Leistungsprüfung durch die Beschwerdegegnerin die nun
mehr geltende Praxis betreffend psychische Leiden noch nicht bestanden hat, erweisen sich die vorhandenen medizinischen Beurteilungen als zu wenig aus
sagekräftig, um die Auswirkungen der diagnostizierten Leiden auf die Arbeits
fähigkeit der Beschwerdeführerin anhand der Standardindikatoren festlegen zu können.
Mithin ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie die nunmehr erforderlichen zusätzlichen
Entscheidgrundlagen
beschaffe und so
dann neu verfüge. Dies führt zur Gutheissung der Beschwerde.
Bei diesem Ausgang
erweisen sich
Ausführungen zu den weiteren Vorbringen der Beschwerdeführerin bezüglich der Statusfrage und anderem mehr (vorste
hend E. 2.2)
- da verfrüht - als entbehrlich.
7.
7.1
Die Verfahrenskosten gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
des Bundesgesetzes über die Invali
denversicherung (IVG) sind ermessensweise auf Fr. 700.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
7.2
Die unentgeltliche Rechtsvertreterin ist ebenfalls von der Beschwerdegegnerin zu entschädigen. Sie hat von der
ihr eingeräumten Möglichkeit, eine Honorar
note einzureichen (Urk. 13 S. 2 Ziff. 4), keinen Gebrauch gemacht, so dass ihre Entschädigung ermessenweise festzusetzen ist, dies beim praxisgemässen Stun
denansatz von Fr. 220.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer) auf Fr. 2‘400.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer).