Decision ID: fd8f67f3-ee81-4b22-9031-45006040e6de
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1
.1
X._
, geboren
1989,
begann im August 2009 eine drei
jäh
rige Ausbildung zur Tourismusfachfrau HF an der
Z
._
(Urk. 2/3/2)
. Ihr Vater bezieht Zusatzleistungen zur Rente der Invalidenversicherung (IV)
. Sodann wird
ihm
von der IV
eine
Kin
der
rente
für die noch in Erstausbildung stehende Tochter
ausgerichtet
. Da
X._
nicht
bei ihrem rentenberechtigten Vater wohnt, wer
den die Zusatzleistungen für sie gesondert berechnet. Das Amt für Zusatzleis
tungen zur AHV/IV der Stadt Zürich richtete ihr ab August 2009
Ergänzungs
leistungen
zur Kinderrente der IV aus
(Urk. 2/3/3)
.
Nach dem Wohnsitzwechsel ihres Vaters ist s
eit Mai 2010 neu die
Durch
füh
rungs
stelle
für Zusatzleistungen zur AHV/IV der Stadt
Y._
(nachfolgend: Durchführungsstelle)
zuständig
.
Mit unangefochten gebliebener Verfügung vom 25. Juni 2010 stellte
die Durchführungsstelle
die Leistungen ab 1. Juli 2010 ein.
Am 31. Oktober 2011
beantragte
X._
erneut
Zusatz
leistungen (Urk. 16/2).
Ein
en
Anspruch auf Zusatzleistungen
verneinte
die
Durch
führungsstelle
mit Verfügung vom 20. Dezember 2011 (Urk. 16/3). Die dagegen erhobene Einsprache (Urk. 16/19) wies sie mit Entscheid vom 24. Januar 2012
ab und hielt an ihrer Verfügung fest (Urk. 16/20 = Urk. 2/2). Dagegen
erhob
X._
am 23. Februar 2012 Beschwerde beim hiesigen Gericht (Urk. 2/1). Darauf trat
das Gericht mangels
Beschwerdele
gitimation
mit Beschluss vom 12. März 2012 nicht ein (Prozess ZL.2012.00016; Urk. 2/4).
Dagegen
erhob
X._
Beschwerde beim Bun
desgericht (Urk. 2/6), welches
die Beschwerde guthiess, den Entscheid vom 12. März 2012 des hiesigen Gerichts aufhob und die Sache zur materiellen Be
handlung zurück
wies (Urteil 9C_321/2012 vom 11. Juli 2012; Urk
.
1
).
1.2
Das Gericht legte in der Folge das Verfahren unter der Prozessnummer ZL.2012.00061 neu an. Die Prozessakten aus dem Prozess ZL.2012.00016 wur
den als
Urk.
2/0-7 zu den Akten genommen.
Mit Schreiben vom 20. August 2012
teilte
X._
dem Gericht sodann mit, dass sie seit anfangs August 2012
jeweils samstags
eine Teilzeittätigkeit
ausübe und an den Werk
tagen weiterhin ihrem Vollzeitstudium nachgehe (Urk. 8).
Die
Beschwerde
ge
g
nerin
beantragte die Abweisung der Beschwerde und verzichtete auf eine wei
tere Stellungnahme (Urk. 15). Dies wurde der Beschwerdeführerin mit
Verfügung
vom 22. Oktober 2012
zu Kenntnis gebracht und gleichzeitig wurde ihr Gesuch um unentgeltliche Rechtsvertretung
(vgl. Urk. 5)
bewilligt
(Urk. 18)
.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Der Bund und die Kantone gewähren Personen, welche die gesetzlichen Vo
raus
setzungen nach Art. 4-6 des Bundesgesetzes über die Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELG) erfüllen, Zusatz
leis
tungen zur Deckung ihres Existenzbedarfs (Art. 2
Abs.
1 ELG; §
§
1, 13, 15 und 20
Abs. 1 des Gesetzes des Kantons Zürich über die Zusatzleistungen zur Alters-, Hinterlassenen-
und Invalidenversicherung, ZLG
).
Dabei entspricht die jährliche Ergänzungsleistung dem Betrag, um den die anerkannten Ausgaben die an
rech
en
ba
ren Einnahmen übersteigen (Art. 9 Abs.
1 ELG)
.
1.2
Die anerkannten Ausgaben sowie die anrechenbaren Einnahmen von Ehegatten und von Personen mit Kindern, die einen Anspruch auf eine Kinderrente der AHV
oder IV begründen, werden grundsätzlich zusammengerechnet (Art. 9
Abs.
2 ELG).
Gemäss Art. 9 Abs. 5
lit
. a ELG kann der Bundesrat Ausnahmen von der Zusam
menrechnung insbesondere bei Kindern, die Anspruch auf eine Kinderrente der IV begründen, vorsehen, was er in Art. 7 der Verordnung über die
Ergänzungs
leistungen
zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELV) getan hat. Nach Art. 7 Abs. 1
lit
. c ELV ist die Ergänzungsleistung gesondert zu be
rechnen, wenn ein Kind nicht bei den Eltern lebt
oder es bei einem Elternteil lebt, der nicht rentenberechtigt ist und für den auch kein Anspruch auf eine Zusatzrente besteht
.
Dabei ist das Einkommen der Eltern soweit zu berücksichti
gen, als es deren eigenen Unterhalt und den der übrigen unterhaltsberechtigten Familienangehörigen übersteigt
(
Art. 7 Abs.
2
ELV
).
1.3
Die anrechenbaren Einnahmen werden nach Art. 11 ELG ermittelt. Zu den anre
chenbaren Einnahmen gehören unter anderem zwei Drittel der Erwerbsein
künfte, soweit sie bei alleinstehenden Personen jährlich
Fr.
1'000.-- übersteigen
(Art. 11 Abs. 1
lit
. a ELG). Als Einkommen anzurechnen sind unter anderem auch
Einkünfte und Vermögenswerte, auf die verzichtet worden ist (
lit
. g).
1.4
Eine Verzichtshandlung liegt vor, wenn die versicherte Person ohne rechtliche Verpflichtung auf Vermögen verzichtet hat, wenn sie einen Rechtsanspruch auf bestimmte Einkünfte und Vermögenswerte hat, davon aber faktisch nicht Ge
brauch macht bzw. ihre Rechte nicht durchsetzt oder wenn sie aus von ihr zu verantwortenden Gründen von der Ausübung einer möglichen und zumutbaren Erwerbstätigkeit absieht. Es werden demzufolge nicht nur die tatsächlich er
wirtschafteten Erwerbseinkommen angerechnet. Auch Personen, denen eine Er
werbstätigkeit zugemutet werden kann, müssen ihre Erwerbstätigkeit ausnützen. Das Bundesgericht begründet die Anrechnung eines Einkommensverzichts mit dem allgemeinen Grundsatz der Schadenminderungspflicht im
Sozialversiche
rungsrecht
, welcher bei der Leistungsfestsetzung regelmässig und zwingend zu be
rücksichtigen sei (
Carigiet
/Koch, Ergänzungsleistunge
n zur AHV/IV,
2.
Aufl. 2009, S. 151 mit Verweisen).
2.
2.1
Es ist u
nbestritten
und wurde bereits auch vom Bundesgericht festgehalten (Urk. 1
S. 3 f. E. 3.1), dass
es
vorliegend um einen Fall der gesonderten Berech
nung der Ergänzungsleistung im Sinne der in Erwägung 1.2 erwähnten Rege
lung geht.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin der Beschwer
deführerin
zu Recht ein Verzichtseinkommen angerechnet hat.
2.2
Die Beschwerdegegnerin ging in ihrem
Einspracheentscheid
(Urk. 2
/2
)
davon aus,
die Beschwerdeführerin habe die Möglichkeit, die Ausbildung zur
Touris
mus
fachfrau
im Rahmen eines Vollzeitlehrganges oder als berufsbegleitende Aus
bildung zu absolvieren (S. 1). Im dritten und vierten Semester habe sie als Prak
ti
kantin in einem Reisebüro gearbeitet. Aus dem
aussergewöhnlich guten Ab
s
chlusszeugnis gehe hervor, dass die Beschwerdeführerin bei
Praktikumsbe
ginn
bereits einige Branchenkenntnisse mitgebracht habe. Da sie - entgegen ihrer
früheren Aussage - bereits über Vorkenntnisse verfügt habe, hätte sie sich für die
berufsbegleitende Ausbildung entscheiden können und daneben wäre ihr eine Teilzeittätigkeit möglich und zumutbar gewesen.
Indem sie sich für den
Voll
zeit
lehrgang
entschied, habe sie ihre Schadenminderungspflicht verletzt. Dement
sprechend sei ihr der Verzicht auf Erwerbseinkommen anzurechnen (S. 2).
2.3
Demgegenüber stellt sich die Beschwerdeführerin auf den Standpunkt,
sie habe vor Ausbildungsbeginn über keinerlei Berufserfahrung verfügt und habe die Anforderungen an eine berufsbegleitende Ausbildung (
Tätigkeit von
mindesten
s 80 % in der Tourismusbranche
) nicht erfüllt. Sodann sei zwar korrekt, dass sie für das Praktikum bereits Branchenkenntnisse mitgebracht habe, dies rühre aber daher, dass sie zuvor ein Jahr die Schule besucht und daher erste theoretische, aber keinesfalls praktische, Kenntnisse gehabt habe.
Nebst dem Vollzeitstudium sei es ihr nicht möglich, eine Teilzeittätigkeit auszuüben, weshalb ihr kein hy
pothetisches Einkommen anzurechnen sei (Urk. 2/1 S. 2).
3.
3.1
Gestützt auf das Arbeitszeugnis vom 22. Juni 2011 (Urk. 16/15 S. 2 f.) der
A
._
ging die Beschwerdegegnerin davon aus, dass die Be
schwer
deführerin bereits vor Praktikumsbeginn über Branchenkenntnisse ver
fügte
,
sie sich
in
folgedessen vor Ausbildungsbeginn eine Anstellung im
Touris
musbereich
hätte suchen und damit das Studium berufsbegleitend hätte absol
vieren können.
Dem besagten Arbeitszeugnis lässt sich hinsichtlich des mitgebrachten Wissens allerdings lediglich folgende
r Satz
entnehmen
(Urk. 16/15 S. 2 unten)
:
Ihr be
reits mitgebrachtes Wis
sen zu den technischen Hilfs
mitteln (MS Office Pro
gramme, Internet etc.) setzte Sie effi
zient und gezielt ein.
Damit wurde einzig und alleine festgehalten, dass die Beschwerdeführerin mit technischen Hilfsmitteln umzugehen weiss.
Dass sie über Branchenkenntnisse ver
fügt,
bleibt
eine unbe
legte Behauptung der Beschwerdegegnerin und kann jedenfalls nicht dem be
sagten Arbeitszeugnis entnommen werden.
Gegenteiliges ist nicht überwiegend wahrscheinlich nachgewiesen, zumal die Beschwerde
füh
rerin vor Antritt der Ausbildung zur Tourismusfachfrau HF die Fachmittelschule abschloss und we
der eine Berufsausbildung noch Berufserfahrung
im
Touris
musbereich
akten
kundig
sind
.
Voraussetzung für die Absolvierung des
berufsbegleitenden Lehr
ganges ist jedoch eine mindestens 50%ige Tätigkeit in
einem touristischen Un
t
ernehmen während der Ausbildung.
3.2
Nach dem Gesagten ist nicht überwiegend wahrscheinlich nachgewiesen, dass die
Beschwerdeführerin vor Ausbildungsbeginn über Berufserfahrung oder spe
zielle Kenntnisse im Tourismusbereich verfügte, welche es ihr ermöglicht hätten, eine Teilzeitstelle in diesem Bereich zu finden und das Studium berufsbegleitend zu absolvieren. Der Beschwerdeführerin kann
weder
eine Verletzung der
Scha
denminderungspflicht
vorgeworfen
werden, noch ist ihr ein hypothetisches
Er
werbseinkommen
beziehungsweise ein Erwerbseinkommensverzicht
anzurech
nen.
Daran ändert im Übrigen auch die Tatsache nichts, dass die Beschwerde
führerin seit August 2012 jeweils am Samstag aushilfsweise als Verkäuferin in
einem Outlet-Shop tätig ist (Urk. 8-9). Diese Tätigkeit vermag die Anforderun
gen
an die berufsbegleitende Ausbildungsvariante ebenfalls nicht zu erfüllen. Jedoch
zeigt dies das
Bestreben
der Beschwerdeführerin, einen Teil ihres Le
bens
un
ter
haltes - soweit
dies neben
dem Vollzeitstudium
überhaupt möglich ist
-
selbst zu bewältigen
.
Dementsprechend ist die Beschwerde gutzuheissen.
In diesem Sinne obliegt es der Beschwerdegegnerin, den Anspruch auf Zusatzleistung ab dem 1. Oktober 2011
neu zu berechnen.
4.
Ausgan
gsgemäss hat der unentgeltliche
Rechtsvertreter der
Beschwerdeführe
rin
, Rechtsanwalt
André
Largier
, Zürich,
sodann Anspruch auf eine
Prozessent
schädigung
. Diese wird ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens be
messen (
§
34
Abs.
3
des Gesetzes
über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
).
In Anwendung dieser Kriterien und mit Blick auf die Kostennote vom
8. Juli 2013
(Urk. 19/2)
ist Rechtsanwalt André
Largier
eine Prozessentschädigung von
Fr. 723.--
(inkl. Mehrwertsteuer und Barauslagen) zuzusprechen.