Decision ID: 7f9d8386-1429-4c57-ac4e-9e2bed3d14a3
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
versuchte vorsätzliche Tötung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Horgen, III. Abteilung, vom 3. April 2017 (DG160023)
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Bericht und Antrag / Anklage:
Der Bericht und Antrag / die Anklage der Staatsanwaltschaft IV des Kantons
Zürich vom 10. Oktober 2016 (Urk. 22) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 72 S. 26 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte die folgenden Tatbestände erfüllt hat:
− versuchte vorsätzliche Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB
− Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte im Sinne von Art. 285 Ziffer 1 StGB.
2. Aufgrund der nicht selbst verschuldeten Schuldunfähigkeit wird von einer Strafe abgesehen.
3. Es wird eine stationäre Massnahme im Sinne von Art. 59 Abs. 1 StGB angeordnet. Es wird
vorgemerkt, dass sich der Beschuldigte seit dem 6. Februar 2017 im vorzeitigen Mass-
nahmenvollzug befindet.
4. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV vom 27. September 2016 beschlag-
nahmten Gegenstände werden eingezogen und der Lagerbehörde zur Vernichtung über-
lassen.
− Schere IKEA (Asservaten-Nr. A008'376'907, beim Forensischen Institut lagernd, FOR-ZH)
− Schere "AGNETA" (Asservaten-Nr. A008'376'894 beim Forensischen Institut lagernd, FOR-ZH)
− 1 Becher (Asservaten-Nr. A008'385'124, bei der Kantonspolizei Zürich lagernd, )
− 1 Zahnbürste (Asservaten-Nr. A008'385'146, bei der Kantonspolizei Zürich lagernd, TEU-AssTri).
5. Die folgenden beim FOR sichergestellten Gegenstände werden dem Beschuldigten auf ers-
tes Verlangen hin herausgegeben:
− die Kleider (A008'383'231, A008'383'242, A008'383'264, A008'383'275, A008'383'297)
− das Mobiltelefon der Marke Sony, Modell "XPERIA" (A008'377'159)
− der Computer der Marke HP, Seriennummer ... (FOR_Lager/Lager Lochergut, GESTELL......FACH....)
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− die Klappmesser (A008'377'148 und A008'364'423).
6. Die beim FOR unter der Nr. A008'376'338 sichergestellte Armbanduhr der Marke Casio wird
dem Privatkläger 1 auf erstes Verlangen hin herausgegeben.
7. Die Zivilforderungen des Privatklägers 1 werden abgewiesen.
8. Die Zivilforderung des Privatklägers 2 wird abgewiesen.
9. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 3'000.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 3'000.00 Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 25'064.90 Kosten Gutachten
Fr. 533.90 Auslagen
Fr. 5'582.10 Kosten Gutachten
Fr. 1'473.00 Auslagen Polizei
Fr. 27'347.30 amtliche Verteidigung
Fr. 8'812.20 unentgeltliche Vertretung Privatkläger 1
10. Die Kosten der Untersuchung, des gerichtlichen Verfahrens, der amtlichen Verteidigung und
der unentgeltlichen Vertretung des Privatklägers 1 werden auf die Gerichtskasse ge-
nommen.
11. Rechtsanwalt Dr. iur. X._ wird für seine Bemühungen und Barauslagen als amtlicher
Verteidiger des Beschuldigten aus der Gerichtskasse mit Fr. 27'347.30 (inklusive 8 %
Mehrwertsteuer) entschädigt.
12. Der unentgeltliche Rechtsbeistand des Privatklägers 1, Rechtsanwalt Dr. iur. Y._, wird
aus der Gerichtskasse mit Fr. 8'812.20 (inkl. 8 % Mehrwertsteuer und Spesen) entschädigt.
13. (Mitteilungen.)
14. (Rechtsmittel.)"
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Berufungsanträge:
a) Der amtlichen Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 77 S. 2 f.; Urk. 89 S. 2)
1. Es sei in Abänderung von Ziffer 1 des Dispositivs des angefochtenen
Urteils festzustellen, dass der Beschuldigte/Berufungskläger die fol-
genden Tatbestände erfüllt hat:
- Schwere Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1 StGB
- Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte im Sinne von
Art. 285 Ziffer 1 StGB.
2. Die Kosten des Berufungsverfahrens – inklusive Kosten der amtlichen
Verteidigung – seien auf die Staatskasse zu nehmen.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 75; Urk. 81 S. 1)
Rückzug der Berufung.
Verzicht auf Anschlussberufung und Bestätigung des vorinstanzlichen
Urteils.
c) Der unentgeltlichen Rechtsvertretung des Privatklägers 1:
(Urk. 100 S. 1)
Die Berufung sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen des Berufungs-
klägers vollumfänglich abzuweisen.
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Erwägungen:
I. Verfahrensgang, Prozessuales
1. Gegenstand des Verfahrens
1.1. Der unter psychischen Störungen leidende Beschuldigte hat am 16. Juli
2015 im Zustand der nicht selbst verschuldeten Schuldunfähigkeit insgesamt
24 Male mit einer Schere auf seinen Mitbewohner, den Privatkläger 1 B._,
eingestochen. Dabei hat dieser diverse, darunter auch massive Verletzungen an
Kopf, Hals, Brust etc. davongetragen, was zu einer erheblich erhöhten Lebensge-
fahr des Verblutens geführt hat. Der psychiatrische Gutachter diagnostizierte beim
Beschuldigten insbesondere eine paranoide Schizophrenie sowie Cannabisab-
hängigkeit.
Nach Ansicht von Staatsanwaltschaft und Vorinstanz hat der Beschuldigte
dadurch den Tatbestand der versuchten vorsätzlichen Tötung erfüllt. Der Be-
schuldigte zeigt sich weitestgehend geständig, bestreitet allerdings, mit Tötungs-
vorsatz gehandelt zu haben. Sein Verhalten sei stattdessen als tatbestands-
mässige schwere Körperverletzung zu würdigen.
1.2. Nicht mehr Gegenstand des Berufungsverfahrens ist der tätliche Übergriff
des Beschuldigten auf einen Sicherheitsassistenten, den Privatkläger 2 C._,
einige Tage nach dem obgenannten Vorfall im Polizeigefängnis. Die Vorinstanz
hat festgestellt, dass der Beschuldigte dadurch den Tatbestand der Gewalt und
Drohung gegen Behörden und Beamte im Sinne von Art. 285 Ziffer 1 StGB erfüllt
hat, und zwar ebenfalls im Zustand der nicht selbst verschuldeten Schuldunfähig-
keit. Das vorinstanzliche Urteil blieb diesbezüglich unangefochten.
2. Verfahrensgang
2.1. In Bezug auf den Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann auf
den angefochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 72 S. 5 f.).
2.2. Mit dem eingangs im Dispositiv wiedergegebenen Urteil der Vorinstanz
vom 3. April 2017 wurde festgestellt, dass der Beschuldigte den Tatbestand der
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versuchten vorsätzlichen Tötung sowie der Gewalt und Drohung gegen Behörden
und Beamte im Zustand nicht selbst verschuldeter Schuldunfähigkeit erfüllt hat.
Von einer Strafe wurde abgesehen, aber eine stationäre Massnahme im Sinne
von Art. 59 Abs. 1 StGB angeordnet (Urk. 72 S. 26 ff.).
2.3. Gegen dieses gleichentags mündlich im Dispositiv eröffnete Urteil (Prot. I
S. 20 f.) meldeten sowohl die Staatsanwaltschaft (Urk. 67) als auch der Beschul-
digte (Urk. 68) fristgerecht Berufung an (Art. 399 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 90 Abs. 2
StPO). Das begründete Urteil (Urk. 70 = Urk. 72) wurde der Staatsanwaltschaft
am 28. Juli 2017 (Urk. 71/1) und dem Beschuldigten am 2. August 2017
(Urk. 71/2) zugestellt.
2.4. Mit Eingabe vom 15. August 2017 erklärte die Staatsanwaltschaft den
Rückzug ihrer Berufung (Urk. 75).
2.5. Die Berufungserklärung des Beschuldigten erfolgte am 21. August 2017
(Datum Poststempel) und damit innert der zwanzigtägigen Frist von Art. 399
Abs. 3 StPO (Urk. 77). Mit nämlicher Eingabe beantragte die amtliche Verteidi-
gung die Durchführung des schriftlichen Berufungsverfahrens (Urk. 77 S. 3).
2.6. Mit Präsidialverfügung vom 24. August 2017 wurde die Berufungserklärung
des Beschuldigten den Privatklägern und der Staatsanwaltschaft zugestellt und
Frist angesetzt, um gegebenenfalls Anschlussberufung zu erheben oder ein
Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen sowie zum Antrag auf Durch-
führung des schriftlichen Verfahrens Stellung zu nehmen (Urk. 79). Mit Eingabe
vom 28. August 2017 verzichtete die Staatsanwaltschaft auf Anschlussberufung,
beantragte die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils und erhob keine Ein-
wendungen gegen die Durchführung des schriftlichen Verfahrens (Urk. 81). Die
Privatklägerschaft liess sich nicht vernehmen.
2.7. Mit Beschluss vom 19. September 2017 wurde in Anwendung von Art. 406
Abs. 1 lit. a StPO das schriftliche Verfahren angeordnet und dem Beschuldigten
Frist zur Einreichung der schriftlichen Berufungsbegründung und zum Stellen all-
fälliger Beweisanträge angesetzt (Urk. 83).
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2.8. Unter dem 20. November 2017 liess der Beschuldigte die schriftliche Beru-
fungsbegründung einreichen (Urk. 89). Hierauf beantragte die Staatsanwaltschaft
mit Eingabe vom 29. November 2017 die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
und verwies zur Begründung auf ihre Ausführungen vor Vorinstanz sowie auf die
Erwägungen im angefochtenen Entscheid (Urk. 93). Die Berufungsantwort des
Privatklägers 1 ging am 4. Januar 2018 hierorts ein, womit die vollumfängliche
Abweisung der Berufung beantragt wurde (Urk. 100).
2.9. Nachdem keine Beweisanträge gestellt wurden (vgl. Urk. 89), wurde mit
Präsidialverfügung vom 5. Januar 2018 das Beweisverfahren für geschlossen er-
klärt und den Parteien Frist angesetzt, um zu den eingereichten Berufungsant-
worten Stellung zu nehmen und die Honorarnoten der Parteivertreter einzureichen
(Urk. 102).
2.10. Die Staatsanwaltschaft verzichtete auf Stellungnahme (Urk. 104). Am
31. Januar 2018 ging die Stellungnahme der amtlichen Verteidigung ein
(Urk. 108). Die Honorarnoten der Parteivertreter wurden ins Recht gelegt (unent-
geltliche Rechtsvertretung Privatkläger 1: Urk. 107; amtliche Verteidigung:
Urk. 110).
3. Umfang der Berufung
3.1. Die Berufung des Beschuldigten (vgl. Urk. 89 S. 2) richtet sich einzig gegen
die vorinstanzliche Feststellung, dass der Beschuldigte (auch) den Tatbestand der
versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB erfüllt hat (Disp.-Ziff. 1 Spiegelstrich 1). Im Übrigen blieb das
vorinstanzliche Urteil unangefochten und ist folglich in Rechtskraft erwachsen,
was vorab mittels Beschluss festzustellen ist (Art. 404 Abs. 1 StPO).
3.2. Wie vorstehend erwähnt, erklärte die Staatsanwaltschaft innert der Frist für
die Einreichung der Berufungserklärung (Art. 399 Abs. 3 StPO) den Rückzug ihrer
Berufung (Urk. 75). Davon ist Vormerk zu nehmen.
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II. Rechtliche Würdigung bezüglich Dossier 1
1. Ausgangslage / Standpunkt des Beschuldigten
1.1. Der Beschuldigte machte in den ersten beiden staatsanwaltschaftlichen
Einvernahmen im Rahmen des Untersuchungsverfahrens keine Aussagen zum
Tatvorwurf (vgl. D1 Urk. 2/1 und Urk. 2/2). Am 19. November 2015 reichte die
amtliche Verteidigung eine handschriftliche Erklärung des Beschuldigten ins
Recht, in welcher sich der Beschuldigte nur sehr knapp zum Tatgeschehen äus-
serte (D1 Urk. 2/3 und 2/4). Auch in den weiteren Einvernahmen durch die
Staatsanwaltschaft und vor Vorinstanz verweigerte der Beschuldigte weitest-
gehend die Aussage (vgl. D1 Urk. 2/5 und 2/6; Prot. I S. 14 f.). Er ist allerdings in-
soweit geständig, dass er den Privatkläger 1, so wie in der Anklageschrift um-
schrieben, am frühen Morgen des 16. Juli 2015 mit einer Schere angegriffen,
24 Male auf ihn eingestochen und ihn dabei erheblich verletzt hatte, sodass für
den Privatkläger 1 erhöhte Lebensgefahr bestanden hatte (vgl. seine handschrift-
liche Erklärung, D1 Urk. 2/3; D1 Urk. 2/5 S. 2; D1 Urk. 2/6 S. 6; Urk. 59; Prot. I
S. 14 f.; zuletzt auch Urk. 89 S. 3).
1.2. Die amtliche Verteidigung macht zusammengefasst geltend, dass der Be-
schuldigte zwar den Tatbestand der schweren Körperverletzung, nicht aber jenen
der versuchten vorsätzlichen Tötung erfüllt habe (Urk. 89 S. 3). Zur Begründung
wird im Wesentlichen angeführt, dass weder im Vorverfahren noch vor Vorinstanz
ermittelt, belegt oder bewiesen worden sei, was der Beschuldigte im Tatzeitpunkt
gewusst und gewollt habe. Es fehle an der für den Vorsatz erforderlichen Wis-
sens- wie auch an der Willenskomponente. Der subjektive Tatbestand
der versuchten vorsätzlichen Tötung sei folglich nicht erfüllt (Urk. 89 S. 4 ff.). Auch
der Beschuldigte selber führte in seiner handschriftlichen Erklärung vom
17. November 2015 an, er habe den Privatkläger 1 "niemals schwer verletzen
oder gar töten" wollen (D1 Urk. 2/3).
1.3. Im Folgenden ist deshalb zu prüfen, ob der Beschuldigte in subjektiver
Hinsicht tatbestandsmässig im Sinne von Art. 111 in Verbindung mit Art. 12
Abs. 2 StGB handelte. Die Berufungsinstanz muss sich dabei nicht mit jedem ein-
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zelnen Vorbringen des Beschuldigten resp. der Verteidigung auseinandersetzen.
Vielmehr kann sie sich auf die für den Entscheid wesentlichen Punkte beschrän-
ken. Es müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von denen
sich das Gericht hat leiten lassen und auf die sich sein Entscheid stützt (BGE 139
IV 179 E. 2.2; BGE 138 IV 81 E. 2.2; je mit Hinweisen).
2. Subjektiver Tatbestand: Versuchte vorsätzliche Tötung nach Art. 111 in  mit Art. 12 Abs. 2 StGB
2.1. Grundsätze; Abgrenzung Tat-/Rechtsfrage
2.1.1. Den Tatbestand von Art. 111 StGB erfüllt in subjektiver Hinsicht, wer mit
Vorsatz einen Menschen tötet. Vorsätzlich begeht ein Verbrechen oder Vergehen,
wer die Tat mit Wissen und Willen ausführt oder die Verwirklichung der Tat für
möglich hält und in Kauf nimmt (Art. 12 Abs. 2 StGB). Eventualvorsatz, welcher
zur Erfüllung des subjektiven Tatbestandes von Art. 111 StGB genügt (anstelle
vieler: BSK StGB II-SCHWARZENEGGER, 3. Aufl., Art. 111 N 7; Urteil des Bundesge-
richts 6B_531/2017 vom 11. Juli 2017 E. 1.3), ist nach ständiger Rechtsprechung
gegeben, wenn der Täter die Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber
dennoch handelt, weil er den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt,
sich mit ihm abfindet, mag er ihm auch unerwünscht sein (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3;
jüngst auch Urteil des Bundesgerichts 6B_531/2017 vom 11. Juli 2017 E. 1.3).
2.1.2. Die innere Einstellung des Täters zur Tat – das Wissen, Wollen oder In
Kauf-Nehmen – beschlägt den inneren Sachverhalt, ist mithin Tatfrage (BGE 137
IV 1 E. 4.2.3). Als innerer Vorgang lässt sich der subjektive Tatbestand häufig und
speziell in Konstellationen wie der vorliegenden (Aussageverweigerung des Be-
schuldigten) nur anhand einer eingehenden Würdigung des äusseren Verhaltens
sowie allenfalls weiterer Umstände erschliessen. Ob bei einem bestimmten Sach-
verhalt auf den Willen geschlossen werden darf, ist dagegen Rechtsfrage
(vgl. BGE 137 IV 1 E. 4.2.3). Grundsätzlich kann bei fehlendem Geständnis in
Fällen, in welchen die objektiven Umstände angesichts der allgemeinen Le-
benserfahrung das Vorliegen eines Vorsatzes nahelegen, auch eine indirekte Be-
weisführung für eine Verurteilung genügen (Urteile des Bundesgerichts
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6B_186/2010 vom 23. April 2010 E. 3.4; 6S.127/2007 vom 6. Juli 2007 E. 2.6
m.w.H.).
2.1.3. Da sich Tat- und Rechtsfragen insoweit teilweise überschneiden, hat das
Sachgericht die in diesem Zusammenhang relevanten Tatsachen möglichst er-
schöpfend darzustellen, damit erkennbar wird, aus welchen Umständen es auf
Eventualvorsatz geschlossen hat. Für den Nachweis des Vorsatzes darf das Ge-
richt vom Wissen des Täters auf den Willen schliessen, wenn sich diesem die
Verwirklichung der Gefahr als so wahrscheinlich aufdrängte, dass die Bereit-
schaft, sie als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise nur als Inkaufnahme des Er-
folgs ausgelegt werden kann (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3 m.H.). Je grösser die Wahr-
scheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung ist und je schwerer die Rechts-
gutverletzung wiegt, desto näher liegt die Schlussfolgerung, der Täter habe die
Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen (BGE 135 IV 12 E. 2.3.2 f.; Urteil
des Bundesgerichts 6B_531/2017 vom 11. Juli 2017 E. 1.3 m.w.H.).
2.1.4. Das Bundesgericht betont allerdings auch, dass nicht unbesehen aus dem
Wissen des Täters um die Möglichkeit des Erfolgseintritts auf dessen Inkauf-
nahme geschlossen werden kann. Sicheres Wissen um die unmittelbare Lebens-
gefahr, also um die Möglichkeit des Todes, ist nicht identisch mit sicherem Wis-
sen um den Erfolgseintritt (vgl. BGE 133 IV 9 E. 4.1 S. 17). Andernfalls würde ein
auf unmittelbare Lebensgefahr gerichteter (Gefährdungs-)Vorsatz immer auch
den Eventualvorsatz auf dessen Tötung in sich schliessen, sofern der Täter nicht
annimmt, der drohende Erfolg könne durch sein eigenes Vorgehen oder das Ver-
halten eines anderen abgewendet werden, mit der Folge, dass sämtliche Straftat-
bestände, die tatbestandlich die vorsätzliche Herbeiführung einer (unmittelbaren)
Lebensgefahr voraussetzen (vgl. Art. 122 Abs. 1, Art. 129 und 140 Ziff. 4 StGB),
überflüssig würden (Urteil des Bundesgerichts 6B_531/2017 vom 11. Juli 2017
E. 1.3 m.w.H.).
2.1.5. Ein Tötungsvorsatz ist nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zu
verneinen, wenn der Täter trotz der erkannten möglichen Lebensgefahr handelt,
aber darauf vertraut, die Todesgefahr werde sich nicht realisieren. Das Bundesge-
richt verlangt, dass angesichts der hohen Mindeststrafe bei Straftaten gegen das
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Leben und des gravierenden Schuldvorwurfs bei Kapitaldelikten ein Tötungsvor-
satz nur angenommen werden darf, wenn zum Wissenselement weitere Umstän-
de hinzukommen (Urteil des Bundesgerichts 6B_531/2017 vom 11. Juli 2017
E. 1.3 m.H.a. BGE 133 IV 9 E. 4.1 m.H.). Solche Umstände liegen namentlich vor,
wenn der Täter das ihm bekannte Risiko in keiner Weise kalkulieren und dosieren
kann und der Geschädigte keinerlei Abwehrchancen hat (Urteil des Bundes-
gerichts 6B_531/2017 vom 11. Juli 2017 E. 1.3 m.H.a. BGE 133 IV 1 E. 4.5; 131
IV 1 E. 2.2).
2.2. Abgrenzung Schuldfähigkeit/Vorsatz
2.2.1. Das vorstehend zum Vorsatz Ausgeführte, konkret die Frage, ob der Be-
schuldigte mit Wissen und Willen im Sinne von Art. 12 Abs. 2 StGB gehandelt hat,
ist von der Frage der Schuldfähigkeit zu unterscheiden. Schuldunfähigkeit bedeu-
tet nicht, dass der Beschuldigte keinen tatbestandsmässigen Vorsatz bilden könn-
te; vielmehr kann auch der völlig Schuldunfähige vorsätzlich handeln (BGE 115
IV 223).
2.2.2. Einsicht in das Unrecht einer Tat setzt einen Akt normativer Wertung vor-
aus, der Bestand und Geltung der Norm erfasst und dessen Vornahme aufgrund
einer psychischen Störung ausgeschlossen sein kann. Beim Vorsatz hingegen
geht es um die Umsetzung eines Handlungsentschlusses in die Wirklichkeit auf
der Grundlage von wahrgenommenen oder vorgestellten Tatumständen, was
auch ohne Einsicht in das Unrecht möglich ist, weil es keines Wertungsaktes be-
darf (vgl. BSK StGB I-BOMMER/DITTMANN, 3. Aufl., Art. 19 N 19).
2.3. Wissen und Wollen des Beschuldigten im Tatzeitpunkt
2.3.1. Die Verteidigung verkennt nicht, dass die Frage der Schuld(un)fähigkeit von
der Frage, was der Beschuldigte im Tatzeitpunkt gewusst und gewollt hat, ab-
zugrenzen ist (Urk. 89 S. 5). Es sei allerdings nicht erwiesen, ob das Risiko der
Tatbestandverwirklichung, also des Todeseintritts, dem Beschuldigten zur Tatzeit
bekannt gewesen sei, und insbesondere ob dem Beschuldigten dieses Risiko
aufgrund seines psychischen Zustands überhaupt bekannt sein konnte (Urk. 89
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S. 4). Aufgrund der gutachterlich festgestellten Schizophrenie und der daraus re-
sultierenden fehlenden Einsichtsfähigkeit sei es dem Beschuldigten nicht möglich
gewesen, sich der Tatumstände resp. des Risikos der Tatbestandsverwirklichung
bewusst zu sein. Insofern seien im vorliegenden Fall die Frage nach dem subjek-
tiven Tatbestand und die Frage der Schuld "ineinander verwoben". Es sei dem
Beschuldigten aufgrund seiner psychischen Erkrankung nicht bewusst gewesen,
dass seine Handlungen einen Kausalverlauf auslösen könnten, der mindestens
möglicherweise zum Tod des Privatklägers hätte führen können. Es fehle mit an-
deren Worten an der für den Vorsatz erforderlichen Wissenskomponente. Des-
halb könne beim Beschuldigten nicht – im Sinne der vorstehend dargelegten bun-
desgerichtlichen Rechtsprechung – vom tatzeitaktuellen Wissen auf Eventualvor-
satz, also auf eine Inkaufnahme des Erfolgs geschlossen werden (Urk. 89 S. 6 f.).
Das Gericht dürfe sich gerade nicht auf äusserlich feststellbare Indizien und Er-
fahrungsregeln stützen, um Rückschlüsse von den äusseren Umständen auf die
innere Einstellung des Täters zu ziehen. Denn das Abstützen auf äussere Um-
stände möge zwar Rückschlüsse auf die innere Einstellung eines Durchschnitts-
bürgers erlauben, nicht aber auf die innere Einstellung eines zum Tatzeitpunkt an
paranoider Schizophrenie leidenden Menschen, wie der Beschuldigte (Urk. 89
S. 7). Selbst wenn man von einem entsprechenden Wissen des Beschuldigten
ausgehen würde, würden die übrigen äusseren Umstände gegen einen entspre-
chenden Tötungswillen sprechen. Der Privatkläger sei dem Beschuldigten kräfte-
mässig klar überlegen. Der Beschuldigte habe sich einer Bastelschere bedient,
bei der nicht ohne weiteres auf die Inkaufnahme einer tödlichen Verletzung ge-
schlossen werden könne. Und schliesslich sei darauf hinzuweisen, dass der Be-
schuldigte plötzlich vom Privatkläger abgelassen und mit dem Einstechen aufge-
hört habe (Urk. 89 S. 8 f.).
2.3.2. Wie vorstehend ausgeführt, ist Schuldunfähigkeit nicht mit Vorsatzlosigkeit
gleichzusetzen. Es stellt sich deshalb die Frage, ob dem Beschuldigten nach-
gewiesen werden kann, dass er trotz seines psychischen Defektzustands im Tat-
zeitpunkt in der Lage war, die Gefährlichkeit seines Tuns, mithin die Möglichkeit
des Todeseintritts, zu erkennen, und ob sein Handeln auf der Basis dieser allfälli-
gen Erkenntnis als Inkaufnahme des Tötungserfolgs taxiert werden kann und
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muss. Zu untersuchen ist folglich, ob Umstände im vorliegenden Fall ausgemacht
werden können, die darauf schliessen lassen, dass der Beschuldigte die tatsäch-
lichen Gegebenheiten zum Tatzeitpunkt zu erfassen vermochte.
2.3.3. Im Recht liegt ein forensisches Gutachten vom 15. Juli 2016 von
Prof. Dr. med. D._ (D1 Urk. 10/8). Das Gutachten hatte sich zur Frage nach
einer psychischen Störung, zur Frage der Schuldfähigkeit, der Rückfallgefahr und
zur Notwendigkeit einer Massnahme zu äussern (D1 Urk. 10/8 S. 1). Nicht (direkt)
zu beantworten hatte der Gutachter die hier entscheidende Frage, ob der Be-
schuldigte kognitiv in der Lage war, die tatzeitaktuelle Umstände zu erfassen, d.h.
ob der Beschuldigte im Tatzeitpunkt über das für den Vorsatz erforderliche Wis-
sen verfügte.
2.3.3.1. Gegenüber dem Gutachter machte der Beschuldigte keine über seine
schriftliche Erklärung hinausgehende Angaben zu seiner inneren Einstellung zur
Tat (vgl. D1 Urk. 10/8 S. 42 ff.). Der Gutachter gelangte zum Schluss, dass der
psychopathologische Befund deutliche Hinweise auf das Bestehen einer schwer-
wiegenden psychischen Störung gebracht habe. Insbesondere hinsichtlich dem
Privatkläger 1 sei eine wahnhafte Verarbeitung offensichtlich geworden
(D1 Urk. 10/8 S. 55 f. und 66). So habe der Beschuldigte geäussert, der Privat-
kläger 1 habe ihm regelmässig Cannabis gestohlen und wiederholt Alkohol ins
Essen resp. in Getränke untergemischt, um ihn zittern zu lassen (D1 Urk. 10/8
S. 44 f., 51 und 52 f.). Der Beschuldigte sei weiter der Ansicht, den Privatkläger 1
bereits im Alter von 5 Jahren kennengelernt zu haben und dieser sei gemein ge-
wesen (D1 Urk. 10/8 S. 45). Auch habe der Beschuldigte berichtet, dass er vom
Privatkläger 1 während der gemeinsamen WG-Zeit geschlagen worden sei
(vgl. bspw. D1 Urk. 10/8 S. 42 und 45). Der Beschuldigte gab an, tief verwurzelte
Angst vor dem Privatkläger 1 gehabt zu haben, verprügelt zu werden, Verletzun-
gen zu erleiden (D1 Urk. 10/8 S. 46). Der Gutachter gelangte zu folgender Diag-
nose (D1 Urk. 10/8 S. 62): Paranoide Schizophrenie (ICD-10: F20.0), Zustand
nach Alkoholabhängigkeit (ICD-10: F10.2), Cannabisabhängigkeit (ICD-10:
F12.2), Vorgeschichte mit polytoxikomanem Substanzgebrauch.
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2.3.3.2. Die testpsychologischen Befunde (D1 Urk. 10/8 S. 58) würden auf ein In-
telligenzniveau mit durchschnittlichen nonverbalen Abstraktionsleistungen und ei-
ner geringen Verbalbefähigung hinweisen. Bei der Verarbeitung komplexer Infor-
mationsmengen und bei zeitlimitierten Anforderungen seien Leistungsdefizite
deutlich. Nach Ansicht des Gutachters sei die festgestellte kognitive Erschwernis
nicht als eigenständige kognitive Störung anzusehen, sondern im Zusammenhang
mit den diagnostizierten psychischen Auffälligkeiten einzuordnen.
2.3.3.3. Die von den ärztlichen Kollegen in Bern gestellte Diagnose einer akuten
polymorphen Psychose bezeichnete der Gutachter als nachvollziehbar. Es beste-
he kein Zweifel daran, dass diese Symptomatik auch im Deliktzeitraum zwischen
dem 15. und 20. Juli 2015 vorhanden gewesen sei und massiven Einfluss auf die
Handlungsmotive und das Steuerungsvermögen des Beschuldigten gehabt habe
(D1 Urk. 10/8 S. 67). Hinsichtlich der Schuldfähigkeit habe diese Erkrankung bzw.
die tatzeitaktuelle psychotische Verfassung unmittelbare Bedeutung: Wenn man
davon ausgehe, dass der Privatkläger 1 vom Beschuldigten nicht nur als unange-
nehmer Mitbewohner eingeschätzt, sondern letztlich wahnhaft verarbeitet worden
sei, wofür die Angaben betreffs Versetzung von Nahrungsmitteln mit Alkohol bzw.
das frühere Zusammentreffen mit dem Privatkläger im Garten des Grossvaters
sprechen würden, könne aus psychiatrischer Sicht "letztlich von einer aufgehobe-
nen Einsichtsfähigkeit bezüglich der Attacke auf [den Privatkläger 1] ausgegan-
gen werden. Dies hätte Schuldunfähigkeit zur Folge" (D1 Urk. 10/8 S. 69).
2.3.3.4. Abschliessend konstatierte der Gutachter, dass der Beschuldigte im Tat-
zeitraum zwischen dem 15. und 20. Juli 2015 eine psychotische Symptomatik
aufgewiesen habe. Seine Realitätswahrnehmung und -kontrolle sei krankheits-
bedingt massiv gestört bzw. aufgehoben gewesen, die psychosoziale Leistungs-
fähigkeit deutlich reduziert. Die psychotische Symptomatik im Deliktzeitraum sei
Ausdruck einer schizophrenen Erkrankung, die die psychosoziale Leistungsfähig-
keit des Beschuldigten sowohl im Vorfeld des Delikts als auch danach in erheb-
lichem Ausmass eingeschränkt habe und weiterhin einschränke. Zusätzlich habe
tatzeitnah eine Cannabisabhängigkeit bestanden, die sich ebenfalls nachteilig auf
die Leistungsfähigkeit des Beschuldigten ausgewirkt habe. Wenn man, was aus
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psychiatrischer Sicht naheliegend sei, von einer wahnhaften Verarbeitung des
Privatklägers 1 ausgehe und davon, dass der Beschuldigte den Angriff auf diesen
durchgeführt habe, da er sich vom Privatkläger bedroht gesehen habe, sei von ei-
ner aufgehobenen Einsichtsfähigkeit auszugehen (D1 Urk. 10/8 S. 73 f.).
2.3.3.5. Der Gutachter attestiert dem Beschuldigten nach dem Gesagten fehlende
Einsichtsfähigkeit. Dabei handelt es sich um einen juristischen Terminus im Zu-
sammenhang mit der Schuld(un)fähigkeit. Angesprochen ist damit die Un-
fähigkeit, die Unrechtmässigkeit der Tat zu erkennen (vgl. BSK StGB I-
BOMMER/DITTMANN, 3. Aufl., Art. 19 N 19). Diese Fähigkeit setzt – wie vorstehend
erwähnt – einen Akt normativer Wertung voraus. Das Gutachten spricht dem Be-
schuldigten (nur) diese Fähigkeit für den Tatzeitpunkt ab. Zu unterscheiden ist
dies davon, ob der Beschuldigte kognitiv-intellektuell in der Lage war, zu verste-
hen, dass sein Handeln gefährlich ist und den Tod des Privatklägers herbeiführen
kann. Dazu schweigt sich das Gutachten aus, bildete diese Frage doch auch nicht
Bestandteil des Gutachtensauftrags. Beim Vorsatz geht es indes um die Umset-
zung eines Handlungsentschlusses in die Wirklichkeit auf der Grundlage von sinn-
lich wahrgenommenen Tatumständen, was auch bei fehlender Einsicht in das Un-
recht möglich ist, zumal es hierfür keines entsprechenden Wertungsaktes bedarf
(vgl. BSK StGB I-BOMMER/DITTMANN, 3. Aufl., Art. 19 N 19).
2.3.3.6. Kurz: Das Gutachten schliesst nicht aus, dass der Beschuldigte kognitiv
in der Lage war, die tatzeitaktuellen Umstände zu erfassen und darauf basierend
einen Vorsatz zu bilden.
2.3.4. Wie die Verteidigung zutreffend bemerkt, liegen praktisch keine Aussagen
des Beschuldigten zu seiner inneren Einstellung zur Tat vor.
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2.3.4.1. Es liegt einzig eine handschriftlichen Erklärung des Beschuldigten vom
17. November 2015 im Recht, die folgenden Wortlaut hat (D1 Urk. 2/3):
"Ich, A._, gebe folgende Erklärung zum Vorfall am 16.07.2015 ab:
Zwischen meinem Mitbewohner, B._, und mir bestand leider schon seit länge-
rem ein sehr gespanntes Verhältnis. Es ist zwischen uns immer wieder zu (auch
heftigen) Streitereien und sogar Prügeleien gekommen. Vor allem, weil B._
mir immer wieder Sachen gestohlen hat, etwa Marihuana. Dies machte mich immer
sehr wütend.
Auch in dieser Nacht vom 15.07. auf den 16.07.2015 musste ich feststellen, dass
mir B._ wiederum Marihuana gestohlen hatte. Ich war gerade dabei, mir einen
Joint zu drehen, als ich feststellte, dass erneut Marihuana-Blüten in meinem Säck-
chen fehlten. Da es mir in dieser Nacht sowieso extrem schlecht ging (ich hatte im
damaligen Moment seit ca. 30 Stunden nicht geschlafen), geriet ich in eine enorme
Wut und wollte B._ zu verstehen geben, dass ich seine Diebstähle nicht mehr
toleriere. Ich war voll bekifft und machte dies auf eine Art und Weise, welche - wie
ich heute weiss und einsehe - nicht akzeptabel ist.
In meiner Wut und Müdigkeit verprügelte ich am frühen Morgen des 16.07.2015
leider B._. Ich wollte einfach, dass er mir künftig kein Marihuana und auch
keine anderen Gegenstände mehr stiehlt.
Ich wollte B._ niemals schwer verletzen oder gar töten. Als ich das Zimmer
von B._ betrat, um ihn zu verprügeln, war ich mir nicht bewusst, dass ich die
stumpfe Bastelschere (welche ich ja sonst nur für das Bauen der Joints brauchte)
noch in meiner Hand hielt.
Als ich merkte, dass ich die Schere in der Hand hielt, hörte ich sofort auf und ging
wieder zurück in mein Zimmer. Ich merkte im dunklen Zimmer gar nicht, wie
schwer B._ verletzt war. Dies erfuhr ich erst von der Staatsanwältin am
13.10.2015. Ich war geschockt, wie schwer ich ihn verletzt hatte.
Es tut mir sehr leid. Ich möchte mich bei B._ entschuldigen.
[zum Vorfall im Gefängnis]
Diese Erklärung gebe ich auf Rat meines Anwalts ab. Sie stammt aber von mir.
Mein Anwalt hat sie aber vorab gegengelesen. Bitte seien Sie mir nicht böse, dass
ich im Moment sonst keine Aussagen machen möchte."
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2.3.4.2. Abgesehen von dieser schriftlichen Beteuerung des Beschuldigten, wo-
nach er den Privatkläger nicht habe töten wollen, finden sich keine Aussagen des
Beschuldigten zu seiner subjektiv-inneren Einstellung zur Tat. Eine eigentliche
Glaubhaftigkeitsbeurteilung der Aussagen des Beschuldigten ist angesichts seiner
weitgehenden Aussageverweigerung und lediglich der schriftlichen durch seinen
Verteidiger abgesegneten Stellungnahme nicht möglich.
2.3.4.3. Immerhin machte der Beschuldigte in dieser knappen schriftlichen Aus-
führung geltend, er habe den Privatkläger 1 lediglich verprügeln wollen und habe
gar nicht realisiert, dass er dabei eine Schere in der Hand gehalten habe. Wie zu
zeigen sein wird, liegen verlässliche Indizien vor, die – entgegen den Beteuerun-
gen des Beschuldigten – den Schluss aufdrängen, dass der schizophrene Be-
schuldigte die Umstände im Tatzeitpunkt erfassen konnte, mithin über das für den
Vorsatz erforderliche Wissen um die Gefährlichkeit seines Tuns und die Möglich-
keit des Todeseintritts verfügte.
2.3.5. Erhellend sind in diesem Zusammenhang zunächst die Aussagen des Pri-
vatklägers 1:
2.3.5.1. Er gab im Rahmen der polizeilichen Einvernahme an, dass er im Halb-
schlaf gewesen sei, als der Beschuldigte sein Zimmer betreten habe. Der Be-
schuldigte "hackte mit seiner Faust auf meine Brust". Er habe die Spitze einer
Schere aus seiner Faust ragen sehen (D1 Urk. 3/1 S. 2). Er sei bei der Attacke
auf dem Rücken gelegen (D1 Urk. 3/1 S. 4). Und weiter: "Ich glaube, er wollte si-
cher mir etwas antun. Als er jedoch "checkte" (begriff) dass es mich "butzen" (ich
sterben) könnte, hat er vermutlich "Schiss" bekommen" (D1 Urk. 3/1 S. 10). "Ich
bin jedoch sicher, dass A._ sich zuvor überlegt hatte, was er macht. Das war
keine Affekthandlung. Ich vermute, dass er dies geplant hatte. [...] Als er zu mir
ins Zimmer kam, wusste er, dass er auf mich einzuhacken beginnt. Er hat nicht
zuerst studiert oder wollte mit mir zuerst sprechen. Er kam auf mich zu und be-
gann sofort auf mich einzustechen. Daraus schliesse ich, dass er sich dies über-
legt hatte" (D1 Urk. 3/1 S. 10).
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2.3.5.2. Bei der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme schilderte er den Übergriff
folgendermassen: "A._, damit meine ich A._, kam in mein Zimmer und
schrie: "Du verdammte huere Sauhund!" Dies weiss ich noch genau. Dann be-
gann er gerade auf mich einzufausten. Eine Faust ist normalerweise horizontal
nach vorne gerichtet. Er aber machte mit der Faust eine vertikale Bewegung von
oben nach unten. Er machte diese Bewegung gegen meine Brust-, Hals- und
Kopfgegend. Ich stellte dann fest, dass ich blutete und merkte, dass er eine Sche-
re in der Faust hielt. Es war eine stumpfe Schere. Nur einige Zentimeter der
Schere ragten aus der Faust heraus" (D1 Urk. 3/2 S. 7). "Ich lag im Bett und war
noch nicht richtig wach. Ich lag auf dem Rücken." (D1 Urk. 3/2 S. 7) "Er hielt sie
[die Schere] in der Faust. Die Spitze schaute ein paar Zentimeter aus der Faust
heraus" (D1 Urk. 3/2 S. 9).
2.3.5.3. Selbstverständlich sind die Aussagen des Privatklägers 1 zum Innenleben
des Beschuldigten im Tatzeitpunkt lediglich als Mutmassungen zu qualifizieren.
Die Beschreibung des äusseren Ablaufs der Attacke indes divergiert doch in ei-
nem entscheidenden Punkt von den Depositionen des Beschuldigten: Der Privat-
kläger spricht nicht von einem Übergriff, der – wie es der Beschuldigte tut – als
"Verprügeln" mit Fäusten erscheint, bei dem der Angreifer quasi zufälligerweise
eine Schere in der Hand hält. Vielmehr beschreibt er die tätliche Attacke des Be-
schuldigten als "Hacken" mit den Fäusten und eben nicht als Schlagen. Hand-
resp. Armbewegungen, wie sie der Privatkläger beschreibt – eben "Hackbewe-
gungen" –, führt nur aus, wer sich im Klaren darum ist, einen spitzigen Gegen-
stand in der Faust zu halten und der eben gezielt mit dieser Spitze auf das Opfer
einwirken will. Normale Faustschläge, wie sie der Beschuldigte gemacht haben
will, werden ganz anders ausgeführt.
2.3.6. Diese Beschreibung des Privatklägers wird durch das medizinische Gutach-
ten zu den Verletzungen (D1 Urk. 6/7) sowie die Fotodokumentation (D1 Urk. 1/6
sowie D1 Urk. 6/8) untermauert: Auch darin werden klarerweise Stichverletzungen
dokumentiert, die aus Stich- und Hackbewegungen resultieren. "Normale Box-
Hiebe" mit einer Schere in der zur Faust geballten Hand würden nicht zu derarti-
gen Verletzungen führen, sondern ein deutlich anders Verletzungsbild ergeben.
- 19 -
Es ist notorisch, dass Box-Hiebe in anderer Richtung – nämlich mit der Finger-
aussenseite vorangehend – ausgeführt werden als Stichbewegungen mit einer
Schere in der Faust. Solche resultieren, wie vom Privatkläger beschrieben, näm-
lich durch Hackbewegungen in vertikaler Richtung von oben nach unten mit der
Handkante, wo die Schere herausragt, vorangehend.
2.3.7. Die Aussagen des Privatklägers zur Tatausführung sowie die den Aus-
sagen entsprechenden medizinischen Unterlagen lassen keinen anderen vernünf-
tigen Schluss zu, als dass sich der Beschuldigte im Tatzeitpunkt sehr wohl im Kla-
ren darüber war, dass er eine Schere in der Hand hielt und die aus der Faust hin-
ausragende Scherenspitze gezielt gegen den Privatkläger einsetzte, sodass eben
solche Verletzungen, wie die vorliegenden, daraus resultieren.
2.3.8. Im Übrigen macht der Beschuldigte selbst in seiner schriftlichen Erklärung
im Gegensatz zur Verteidigung gar nicht geltend, er habe das Todesrisiko falsch
eingeschätzt. Vielmehr behauptet er sinngemäss einen Sachverhaltsirrtum, indem
er nicht bemerkt haben will, eine Schere in der Faust zu halten. Dass ein solcher
Irrtum ausgeschlossen ist, belegen bereits die vorstehenden Ausführungen zur
Tatausführung, insbesondere zu den Hackbewegungen mit seiner Faust, welche
nur von jemandem ausgeführt werden, der darum weiss, eine Schere derart in der
Hand zu halten, wie es der Beschuldigte tat. Nicht überzeugend ist auch der
Standpunkt des Beschuldigten, wonach er die Schere für das Vorbereiten seines
Joints benutzt habe und sich dann – immer noch, aber unbewusst mit der Schere
in der Hand – ins Zimmer des Privatklägers begeben habe, um diesen zu verprü-
geln. Der Beschuldigte unterschlägt dabei, dass er die Schere zwischenzeitlich
bewusst anders in die Hand genommen haben muss. Für das Zurechtschneidens
des Joints resp. dessen Bestandteile musste der Beschuldigte die Schere noch so
in der Hand halten, wie eine Schere gewöhnlich gehalten wird, nämlich mit den
Fingern durch die beiden kreisrunden Öffnungen. Hernach, als er den Privatkläger
attackierte, hielt er die Schere wie beschrieben in seiner Faust so könnte man die
Schere nicht bestimmungsgemäss gebrauchen. Dass er also nicht um die in sei-
ner Faust gehaltenen Schere gewusst haben will, erscheint auch aufgrund dieses
Wechsels der Handhabung ausgeschlossen. Selbst wenn der Beschuldigte an-
- 20 -
fänglich einem Irrtum unterlegen wäre, was wie gezeigt von Beginn weg ausge-
schlossen ist, hätte er spätestens nach wenigen Schlägen bzw. Hackbewegungen
auf das Opfer bemerkt, dass er nicht nur – wie angeblich beabsichtigt – Faust-
schläge austeilte, sondern massive Stichverletzungen aufgrund einer Schere in
der Hand verursachte. Auch aus dem Umstand, dass er das Opfer mit insgesamt
24 Stichen traktierte, erhellt, dass er um die Schere in seiner Faust wusste.
2.3.9. Entgegen der Verteidigung verfügte der Beschuldigte im Tatzeitpunkt damit
sehr wohl über das für den Vorsatz in Bezug auf die Tötung erforderliche Wissen.
Das medizinische Gutachten samt Verletzungsfotos sowie die Tatortfotos
(D1 Urk. 1/6 S. 13 ff.) belegen eindrücklich, dass der Beschuldigte die insgesamt
mindestens 24 Stiche mit grosser Krafteinwirkung in Kenntnis dieser Umstände
ausführte. Wer sich, wie der Beschuldigte, bewusst ist, mit grosser Kraft mit einer
Scherenspitze auf ein auf dem Rücken liegendes Opfer einzuhacken und 24 Male
derart und heftig gegen vulnerable Körperregionen wie namentlich Kopf und
Oberkörper sticht, weiss um die Möglichkeit des Todeseintritts. Über ein derar-
tiges Wissen verfügt jeder physiologisch gesunde Mensch, sofern er nicht bspw.
eine massive Hirnschädigung aufweist. Im Einklang mit der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung (dazu vorstehend) ist auch die Willenskomponente klarerweise
erfüllt: Das dem Beschuldigten bekannte Risiko des Todeseintritts konnte er
bei diesem äusserst unkontrolliert-gewalttätigen Tatvorgehen in keiner Weise kal-
kulieren oder dosieren. Darüber hinaus hatte der im Bett liegende Privatkläger
keinerlei Abwehrchancen jedenfalls in Bezug auf die ersten Stiche. Indem der Be-
schuldigte dennoch handelte, nahm er die Todesfolge zumindest in Kauf. Die vor-
instanzlichen Erwägungen zum Eventualvorsatz des Beschuldigten (Urk. 72
S. 8 ff.) sind folglich nicht zu beanstanden, worauf – ergänzt durch die vorstehen-
den Erwägungen – verwiesen werden kann (Art. 82 Abs. 4 StPO). Dass der Be-
schuldigte dies in einem Zustand psychischer Störung und einer daraus resultie-
renden fehlenden Einsicht in das von ihm verwirklichte Unrecht beging, ist keine
Frage des Vorsatzes, sondern beschlägt die Frage Schuldfähigkeit.
Nicht anders entschied das Bundesgericht im Fall eines an chronischer Schizo-
phrenie leidenden Täters, der im Zustand der Schuldunfähigkeit dem 87 Jahre al-
- 21 -
ten Opfer mehrere Faustschläge gegen den Kopf, namentlich den Gesichtsbe-
reich, versetzte. Das Bundesgericht erwog zur Frage des Vorsatzes der schweren
Körperverletzung: "Dass der Beschwerdeführer im Tatzeitpunkt eine gutachterlich
attestierte florid-wahnhafte Psychose auf der Basis einer chronischen Schizo-
phrenie aufwies, die seine Schuldunfähigkeit zur Folge hatte, führt zu keinem an-
dern Ergebnis. Es liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass er aus diesem
Grund nicht in der Lage war, die objektive Gefährlichkeit seines Tuns zu er-
kennen. Im Gegenteil sprechen sein Tatvorgehen, insbesondere das bewusste
Suchen der Kopfpartie als Ziel der Schläge, dafür, dass er trotz florid-wahnhafter
Psychose nicht an der Erkenntnis gehindert war, die allfällig verheerenden Folgen
seiner Gewalthandlungen zu erfassen und einen entsprechenden Vorsatz zu bil-
den. Im Übrigen ist die Frage, ob der Beschwerdeführer mit Wissen und Willen
handelte, von der Frage der Schuldfähigkeit zu trennen. Diese bezieht sich nicht
auf die Tatbestandsmässigkeit des Verhaltens, sondern auf dessen Vorwerfbar-
keit und ist bei der Beurteilung des Verschuldens zu prüfen." (Urteil des Bundes-
gerichts 6B_366/2014 vom 23. April 2015 E. 1.3.2).
2.3.10. Am dem Beschuldigten bekannten Risiko des Todeseintritts aufgrund des
Übergriffs ändert auch das von der Verteidigung ins Feld geführte angebliche
Kräfteungleichgewicht zwischen dem Beschuldigten und dem Privatkläger nichts
(Urk. 89 S. 8). Der Privatkläger befand sich im Halbschlaf und lag auf seinem Bett
im Zeitpunkt der Attacke. Selbst wenn ein solches Kräfteungleichgewicht bestan-
den haben sollte, zeigt das Resultat – die massiven Verletzungen – eindrücklich,
dass ein allfälliges Kräfteverhältnis aufgrund der Unvermitteltheit und Heftigkeit
der Attacke sowie des Einsatzes einer Schere nicht von Belang war. Auch der
Umstand, dass es sich – so die Verteidigung sinngemäss (Urk. 89 S. 8 f.) – ledig-
lich um eine IKEA-Bastelschere handelte, vermag am Gesagten nichts zu ändern.
Zum einen will der Beschuldigte gar nicht bemerkt haben, dass er überhaupt ir-
gendeine Schere in der Hand gehalten hat. Folglich wäre es widersprüchlich aus
der Beschaffenheit der Schere etwas zu seinen Gunsten abzuleiten. Und
schliesslich ist nicht einzusehen, inwiefern eine IKEA-Bastelschere nicht geeignet
sein soll, einem Opfer massive Stichverletzungen zuzufügen. Die schweren Ver-
letzungen des Privatklägers dokumentieren offensichtlich das Gegenteil, insbe-
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sondere die bis zu 5 cm tiefe Stichverletzung im Halsbereich (vgl. exemplarisch
Verletzung Nr. 11, D1 Urk. 6/7 S. 4) sowie die Durchstichverletzung des Brust-
beins/Sternums (D1 Urk. 6/8, Bildmappe CT). Wie heftig die Attacke mit dieser
Schere ausgeführt werden konnte, zeigen die Tatortfotos eindrücklich: Die Blut-
spritzer reichen bis hoch an die Wände (D1 Urk. 1/6 S. 21-25). Und schliesslich
relativiert auch der Umstand, dass der Beschuldigte vom Privatkläger "plötzlich"
abgelassen haben soll (Urk. 89 S. 9 f.), nicht den Vorsatz des Beschuldigten im
Zeitpunkt der Tatausführung. Der Beschuldigte rückte nicht umgehend von sei-
nem Tatvorhaben ab, sondern erst, nachdem er 24 Male auf den Privatkläger ein-
gestochen hatte und diesen hernach im Zustand schwerster Verletzungen
in seiner misslichen Lage zurückliess.
2.3.11. Nur am Rande sei erwähnt, dass der Standpunkt der Verteidigung,
wonach der Beschuldigte hinsichtlich der Tötung aufgrund seines psychischen
Defektzustands vorsatzlos gehandelt, allerdings den Tatbestand der vollendeten
schweren Körperverletzung erfüllt habe, widersprüchlich anmutet. Wenn der Be-
schuldigte aufgrund seiner psychischen Erkrankung nicht in der Verfassung ge-
wesen sein soll, die tatsächlichen Umstände und die Todesgefahr im Tatzeitpunkt
zu erfassen, dann müsste das auch in Bezug auf den Tatbestand der Körperver-
letzung gelten und er wäre generell – mangels Fähigkeit, die Realität wahrzu-
nehmen – nicht in der Lage, irgendeinen Vorsatz zu bilden.
3. Fazit
Es bleibt bei der zutreffenden vorinstanzlichen rechtlichen Würdigung. Der Be-
schuldigte hat den Tatbestand der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von
Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB im Zustand der nicht selbst
verschuldeten Schuldunfähigkeit erfüllt.
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III. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Kosten- und Entschädigungsfolgen im vorinstanzlichen Verfahren
Die vorinstanzliche Kosten- und Entschädigungsregelung blieb unangefochten
und ist folglich in Rechtskraft erwachsen.
2. Kosten- und Entschädigungsfolgen im Berufungsverfahren
2.1. Im Berufungsverfahren werden die Kosten nach Obsiegen und Unterliegen
auferlegt (Art. 428 Abs. 1 StPO).
2.2. Der Beschuldigte unterliegt mit seiner Berufung vollumfänglich, womit er
deshalb im Rechtsmittelverfahren grundsätzlich kostenpflichtig wird (Art. 428
Abs. 1 StPO). Gemäss Art. 419 StPO können jedoch Schuldunfähigen nur Kosten
auferlegt werden, wenn dies nach den gesamten Umständen billig erscheint. Über
den zu engen Wortlaut von Art. 419 StPO hinaus gilt diese Bestimmung nicht nur,
wenn das Verfahren wegen Schuldunfähigkeit eingestellt oder die beschuldigte
Person aus diesem Grund freigesprochen wird, sondern auch dann, wenn – wie
vorliegend – gegen einen Schuldunfähigen im Sinne von Art. 375 Abs. 1 StPO
Massnahmen angeordnet werden (BSK StPO-BOMMER, Art. 375 N 22 ff.;
SCHMID/JOSITSCH, StPO Praxiskommentar, 3. Aufl., Zürich/St. Gallen 2017,
Art. 375 N 6 und Art. 426 N 13). Aus Billigkeitsgründen ist eine Kostenauflage ge-
rechtfertigt, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse der beschuldigten schuldun-
fähigen Person so gut sind, dass eine Kostenübernahme durch den Staat als
stossend erschiene (BSK StPO-DOMEISEN, Art. 419 N 7 m.Hw.; ZR 89 Nr. 128).
2.3. Dies ist vorliegend offensichtlich nicht der Fall. Deshalb fällt die Gerichts-
gebühr ausser Ansatz und sind die Kosten des Berufungsverfahrens, inklusive
derjenigen der amtlichen Verteidigung (Urk. 110) und der unentgeltlichen Ver-
tretung der Privatklägerschaft (Urk. 107), auf die Gerichtskasse zu nehmen.
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