Decision ID: 72c2af8b-94df-5a9e-9d9d-aecbcd53082e
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
CSS Kranken-Versicherung AG, Recht & Compliance, Tribschenstrasse 21, Postfach
2568, 6002 Luzern,
Beschwerdeführerin,
und
A._,
Beigeladener,
vertreten durch seinen Vater B._,
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St.Galler Gerichte
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
medizinische Massnahmen für A._
Sachverhalt:
A.
A.a A._, geboren 1995, wurde im Januar 2003 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung angemeldet (IV-act. 1). Mit Verfügung vom 1. April 2003 wurde
das Geburtsgebrechen Nr. 207, Hpyerodontia congenita, die angeborene Bildung
überzähliger Zähne, für den Zeitraum 24. Februar 2003 bis 31. Januar 2015 anerkannt
(IV-act. 13).
A.b Eine weitere Anmeldung unter Hinweis auf eine Entwicklungsverzögerung und
eine Sprachentwicklungsverzögerung erfolgte im Mai 2003. Beantragt wurden Beiträge
an die Sonderschulung (IV-act. 14). Am 26. Juni 2003 wurde externe
Sonderbeschulung für das Schuljahr 2003/2004 bewilligt (IV-act. 25). Im August 2003
wurde Ergotherapie beantragt (IV-act. 27). Diese wurde am 4. Dezember 2003 für das
Schuljahr 2003/2004 bewilligt (IV-act. 37). Nachdem seitens der Sprachheilschule
C._ am 23. Februar 2004 über Dysgrammatismus, Sprachentwicklungsverzögerung
und auditive Merkschwäche berichtet worden war (IV-act. 38), bewilligte die IV-Stelle
des Kantons St. Gallen dem Versicherten am 1. März 2004 interne Sonderbeschulung
für den Zeitraum 23. Februar 2004 bis Ende Schuljahr 2005/2006 (IV-act. 41). Die
Kostenübernahme für Ergotherapie wurde am 21. April 2004 zeitlich angepasst (IV-
act. 43).
A.c Am 20. Juni 2005 beantragte Dr. med. D._, Fachärztin FMH für Kinder- und
Jugendmedizin, die Sprachheiltherapie begleitende Psychotherapie (IV-act. 45-1). Die
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IV-Stelle bewilligte mit Verfügung vom 8. August 2005 die Übernahme der
Psychotherapiekosten für den Zeitraum 25. April 2005 bis 31. Juli 2006 (IV-act. 49).
Diese Kostengutsprache wurde in der Folge mehrfach verlängert (vgl. IV-act. 60; 65;
73; 78), letztmals mit Verfügung vom 12. August 2010 für den Zeitraum 1. September
2010 bis 30. September 2012 (IV-act. 83).
B.
B.a Unter Bezugnahme auf eine Aufstellung der Behandlungskosten der IV-
Koordination des Schweizerischen Verbandes für Gemeinschaftsaufgaben der
Krankenversicherer (SVK) vom 7. Oktober 2010 (IV-act. 84) teilte die IV-Stelle dem SVK
am 18. Oktober 2010 mit, das dem Versicherten verschriebene Medikament Ritalin
gehe nicht zu Lasten der IV (IV-act. 85). Am 15. Oktober 2010 wandte sich die IV-Stelle
nach einer Rückfrage bei ihrem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD; IV-act. 87) erneut
an den SVK und hielt fest, bei der Verordnung von Ritalin handle es sich nicht um einen
Bestandteil der Psychotherapie, sondern um eine eigenständige Behandlungsform, die
im Rahmen eines multimodalen Behandlungsregimes zur Behandlung des Leidens an
sich, unabhängig von der Psychotherapie, bei Bedarf eingesetzt oder wieder sistiert
werden könne. Aus diesem Grund gingen die Kosten nicht zu Lasten der IV (IV-act. 88).
Die Krankenversicherung des Versicherten, die CSS Versicherung, äusserte im
Schreiben vom 2. Dezember 2010 die Ansicht, die Abgabe von Ritalin stehe in direktem
Zusammenhang mit der durchgeführten Psychotherapie, und beantragte umfassende
Akteneinsicht (IV-act. 90). Diese wurde ihr am 9. Dezember 2010 gewährt (IV-act. 91).
Im Schreiben vom 23. Dezember 2010 stellte die Krankenversicherung sich auf den
Standpunkt, die medizinischen Massnahmen der IV umfassten auch die Abgabe der
vom Arzt verordneten Arzneien. Die medikamentöse Therapie diene zur Unterstützung
der Psychotherapie bzw. sei unmittelbar auf die Eingliederung gerichtet. Sie sei von der
IV zu übernehmen (IV-act. 97).
B.b Mit Verfügung vom 10. Januar 2011 verweigerte die IV-Stelle die
Kostengutsprache für Medikamente im Rahmen der Psychotherapie (IV-act. 98).
C.
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C.a Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde der Krankenversicherung
vom 10. Februar 2011. Sie beantragt unter Kosten- und Entschädigungsfolgen die
Aufhebung der Verfügung und die Übernahme der Kosten der Behandlung mit dem
Medikament Ritalin während der zugesprochenen Psychotherapie ab 1. August 2008.
Liege ein medizinischen Massnahmen grundsätzlich zugänglicher Zustand vor,
umfasse der Behandlungsanspruch alle vorgenommenen therapeutischen
Massnahmen. Dazu gehöre auch die Abgabe von Arzneien zu den medizinischen
Massnahmen. Dr. med. E._ habe im Bericht vom 2. Juli 2007 die Ritalin-Behandlung
nicht erwähnt und somit auch noch nicht zum Teil des Behandlungsplanes erklärt. Die
Psychotherapeutin lic. phil. F._ habe hingegen am 18. Mai 2008 darauf hingewiesen,
dass die ADS-Symptomatik des Versicherten auch auf medikamentöser Ebene
behandelt werde. Dr. E._ habe im Verlaufsbericht vom 2. Juli 2008 die
medikamentöse Unterstützung zum Bestandteil des Behandlungsplans erklärt. Seit
dem Jahr 2008 werde der Versicherte parallel zur Psychotherapie konsequent mit
Ritalin behandelt und ein Absetzungsversuch im Frühling 2008 sei gescheitert. Dass die
Psychotherapie der Eingliederung diene, die Ritalinbehandlung hingegen der
Behandlung des Leidens an sich, werde von der Beschwerdegegnerin weder
begründet, noch lasse sich dies den medizinischen Akten entnehmen. Ganz im
Gegenteil werde die medikamentöse Therapie ab dem Jahr 2008 immer als integrierter
Teil des Behandlungsplanes ausgewiesen. Den Aussagen von Dr. E._ könne
entnommen werden, dass sich Ritalinbehandlung und Psychotherapie beim
Versicherten gegenseitig bedingen und unterstützen würden und keines von beiden
weggelassen werden könne, ohne den bisherigen Therapie- und Eingliederungserfolg
zu gefährden. Eine Aufteilung auf eine Eingliederungsbehandlung einerseits und eine
Leidensbehandlung andererseits sei nicht nachvollziehbar (act. G 1).
C.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 4. April 2011
die Abweisung der Beschwerde. Die zuständige RAD-Ärztin habe am 11. November
2010 ausgeführt, im konkreten Fall sei die Verordnung von Ritalin keinesfalls
Bestandteil der Psychotherapie, sondern eine eigenständige Behandlungsform, die im
Rahmen eines multimodalen Behandlungsregimes zur Behandlung des Leidens an sich
unabhängig von der Psychotherapie bei Bedarf eingesetzt oder wieder sistiert werden
könne. Weiter wird darauf hingewiesen, dass die Psychotherapie beim Versicherten als
psychosoziale Therapie diene. Das Ritalin werde zur Symptombehandlung eingesetzt.
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Es diene somit als Behandlung des Leidens an sich und könne nicht von der IV
übernommen werden (act. G 4).
C.c In der Replik vom 28. April 2011 lässt die Krankenversicherung an ihren Anträgen
gemäss Beschwerde festhalten. Die von der Beschwerdegegnerin geltend gemachte
Aufteilung in eine rein symptomatische Behandlung (Ritalin) und eine therapeutische
Behandlung (Psychotherapie) stimme im Fall des Versicherten mit den diesbezüglich
eindeutigen Aussagen von Dr. E._ nicht überein. Sie stehe vielmehr im Widerspruch
zu der mehrfach betonten Notwendigkeit eines multimodalen Behandlungsregimes.
Einem Schreiben von lic. phil. F._ vom 6. Juni 2009 könne entnommen werden, dass
gerade die Schwierigkeiten mit der auch mit Ritalin behandelten Impulskontrolle, die
nach Meinung der Beschwerdegegnerin reine Leidensbehandlung darstelle, massive
Auswirkungen auf die schulische Leistungsfähigkeit und damit auch
Eingliederungsfähigkeit habe. Deshalb sei es nicht möglich, die Ritalinbehandlung als
selbständigen Behandlungsteil zur reinen Leidensbehandlung von der Psychotherapie
abzutrennen (act. G 6).
C.d Die Beschwerdegegnerin hielt am 19. Mai 2011 an ihren Anträgen fest und
verzichtete auf weitere Ausführungen (act. G 8).
C.e Am 20. Mai 2011 wurde der Versicherte, vertreten durch seinen Vater, zum
Prozess beigeladen. Die Frist zur Stellungnahme liess er ungenutzt verstreichen
(act. G 9; 10).

Erwägungen:
1.
Gemäss Art. 59 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) ist zur Beschwerde berechtigt, wer durch
die angefochtene Verfügung oder den Einspracheentscheid berührt ist und ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat. Als
Spezialbestimmung regelt Art. 49 Abs. 4 ATSG, dass ein Versicherungsträger eine
Verfügung, die die Leistungspflicht eines anderen Trägers berührt, auch ihm zu
eröffnen hat, woraufhin dieser dieselben Rechtsmittel ergreifen kann wie die versicherte
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Person. Die Beschwerdeführerin ist die Krankenversicherung des Versicherten.
Verneint die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht für das Medikament Ritalin, so
wird die Beschwerdeführerin diesbezüglich leistungspflichtig. Sie ist von der
angefochtenen Verfügung also berührt und demnach zur Beschwerdeführung
legitimiert.
2.
Streitig und im vorliegenden Verfahren zu überprüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin
die Kosten für das dem Beschwerdeführer seit längerem verschriebene Medikament
Ritalin zu übernehmen hat. Sollte eine Leistungspflicht bejaht werden, wäre der
Leistungsbeginn gesondert zu überprüfen.
3.
3.1 Gemäss Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) haben invalide oder von einer Invalidität bedrohte Versicherte einen
Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese notwendig und geeignet sind,
die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wieder
herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern (lit. a), und die Voraussetzungen für den
Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind (lit. b). Zu den
Eingliederungsmassnahmen gehören unter anderem die medizinischen Massnahmen
(Art. 8 Abs. 3 lit. a IVG). Nach Art. 12 IVG haben Versicherte bis zum vollendeten 20.
Altersjahr Anspruch auf medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des
Leidens an sich, sondern unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben oder in
den Aufgabenbereich gerichtet und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die
Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, dauernd und wesentlich zu
verbessern oder vor wesentlicher Beeinträchtigung zu bewahren (Abs. 1).
3.2 Die Einschränkung „bis zum vollendeten 20. Altersjahr“ wurde bei im Übrigen
unverändertem Wortlaut mit der 5. IV-Revision ab 1. Januar 2008 in Art. 12 Abs. 1 IVG
eingefügt. Unter der Geltung von Art. 12 IVG in der bis Ende 2007 gültig gewesenen
Fassung durfte sich die medizinische Massnahme bei Erwachsenen nicht auf die
Behandlung des Leidens an sich richten. Um eine Behandlung des Leidens an sich
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gehe es in der Regel bei der Heilung oder Linderung labilen pathologischen
Geschehens, so das EVG (AHI 2003, 104 E. 2). Die Rechtsprechung kannte von dieser
Regel jedoch eine Ausnahme für nichterwerbstätige Personen vor dem vollendeten
20. Altersjahr. Diese gelten als invalid, wenn die Beeinträchtigung ihrer körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheit voraussichtlich eine ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit zur Folge haben wird (Art. 5 Abs. 2 IVG i.V.m. Art. 8 Abs. 2 ATSG).
Nach der vor Inkrafttreten der 5. IV-Revision gültigen Rechtsprechung konnten
medizinische Vorkehren bei Jugendlichen deshalb schon dann überwiegend der
beruflichen Eingliederung dienen und trotz des einstweilen noch labilen
Leidenscharakters von der IV übernommen werden, wenn ohne diese Vorkehren eine
Heilung mit Defekt oder ein sonstwie stabilisierter Zustand einträte, wodurch die
Berufsbildung oder die Erwerbsfähigkeit oder beide beeinträchtigt würden (AHI 2003
S. 104 E. 2; Entscheide des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 2007
sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] I 484/02 vom 27. Oktober 2003 und
I 16/03 vom 6. Mai 2003; BGE 105 V 20). Diese Praxis legte aArt. 12 Abs. 1 IVG also in
Bezug auf unter 20-Jährige gegen den Wortlaut aus. Die Kosten einer Behandlung von
Versicherten vor dem vollendeten 20. Altersjahr wurden von der IV getragen, wenn das
Leiden mit hinreichender Wahrscheinlichkeit zu einem schwer korrigierbaren, die
spätere Ausbildung und Erwerbsfähigkeit erheblich behindernden oder gar
verunmöglichenden stabilen pathologischen Zustand führen konnte. Im Rahmen der 5.
IV-Revision sollte Art. 12 IVG nach dem Willen des Bundesrats ersatzlos gestrichen und
sämtliche medizinischen Massnahmen sollten bei der Krankenversicherung angesiedelt
werden (vgl. Ziff. 1.6.3.2 der Botschaft des Bundesrats vom 22. Juni 2005 zur
Änderung des IVG, BBl 2005 4459, 4540 ff.). Das Parlament folgte diesem Vorschlag
nicht und sprach sich dafür aus, dass die IV weiterhin bis zum 20. Altersjahr der
versicherten Person im Rahmen der beruflichen Eingliederung für die medizinischen
Massnahmen aufkommen müsse. Die Praxis, wonach bei Kindern und Jugendlichen
selbst bei labilem Leidenscharakter bzw. Behandlung des Leidens an sich medizinische
Massnahmen übernommen wurden, wenn ohne diese eine Heilung mit Defekt oder ein
sonstwie stabilisierter Zustand einträte, sollte beibehalten werden (vgl. dazu auch
Ulrich Meyer, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG, 2. Aufl., Zürich/Basel/
Genf 2010, S. 133 f.). Der seit 1. Januar 2008 in Kraft stehende Art. 12 Abs. 1 IVG ist
daher nicht seinem Wortlaut getreu anzuwenden. Der dort festgeschriebene Grundsatz,
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dass die medizinische Massnahme nicht auf die Behandlung des Leidens an sich
gerichtet sein darf, wie dies vor Inkrafttreten der 5. IV-Revision praxisgemäss
ausschliesslich bei über 20-Jährigen der Fall war, kann folglich weiterhin nicht ohne
weiteres auf unter 20-Jährige übertragen werden (vgl. auch den Entscheid IV
2009/443+457 des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 13. August
2010, E. 3; bestätigt durch den Bundesgerichtsentscheid 9C_809/2010 vom
23. Dezember 2010).
3.3 Zur Beantwortung der Frage, ob bei labilen Gesundheitsverhältnissen mittels
medizinischer Massnahmen einem Defektzustand vorgebeugt werden kann, welcher
die Berufsbildung oder Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erheblich beeinträchtigen
würde, bedarf es im Allgemeinen eines fachärztlichen Berichts, der sich nicht mit einem
pauschalen Hinweis auf die mögliche Verbesserung oder Erhaltung von Berufs- und
Erwerbsfähigkeit begnügen darf, sondern sich auch ausdrücklich zur Prognose zu
äussern hat. Ein stabiler Defektzustand kann bereits dann zu befürchten sein, wenn
das Gebrechen den Verlauf einer prägenden Phase der Kindesentwicklung derart
nachhaltig stört, dass letztlich ein uneinholbarer Entwicklungsrückstand eintritt, der
wiederum die Bildungs- und mittelbar auch die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigt (EVGE
I 302/05 vom 31. Oktober 2005 E. 3.2.3; bzw. Urteil 8C_269/2010 des Bundesgerichts
vom 12. August 2010).
3.4 Der Leistungsumfang der Invalidenversicherung bezüglich medizinischer
Massnahmen ist in Art. 14 IVG geregelt. Gemäss Art. 14 Abs. 1 lit. b IVG umfassen die
medizinischen Massnahmen auch die Abgabe der vom Arzt verordneten Arzneien.
Art. 4 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) hält fest, die
Versicherung übernehme die Analysen, Arzneimittel und pharmazeutischen
Spezialitäten, die nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft
angezeigt seien und den Eingliederungserfolg in einfacher und zweckmässiger Weise
anstrebten.
4.
4.1 Die Beschwerdegegnerin finanziert seit 2005 Psychotherapie für den
Versicherten. Zurzeit basieren die Leistungen auf der rechtskräftigen Verfügung vom
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12. August 2010 betreffend den Zeitraum 1. September 2010 bis 30. September 2012
(IV-act. 83). Diese Kostenübernahme wird von keiner der Parteien in Frage gestellt. Zu
prüfen ist, ob zusätzlich das Medikament Ritalin von der Beschwerdegegnerin zu
bezahlen ist. Diese begründet ihre diesbezügliche Weigerung damit, dass es sich bei
der Verordnung von Ritalin nicht um einen Bestandteil der Psychotherapie handle,
sondern um eine eigenständige Behandlungsform, die im Rahmen eines multimodalen
Behandlungsregimes zur Behandlung des Leidens an sich, unabhängig von der
Psychotherapie, bei Bedarf eingesetzt oder wieder sistiert werden könne. Die
Beschwerdeführerin sieht die Ritalin-Verordnung als Bestandteil des Behandlungsplans
und bejaht deshalb eine Kostenpflicht der IV.
4.2
4.2.1 Dr. D._ hielt bereits im Schreiben vom 20. Juni 2005 fest, der Versicherte
werde wegen einer Aufmerksamkeits-Defizit-Störung seit anderthalb Jahren zusätzlich
zum Besuch der Sprachheilschule durch seinen Hausarzt mit Ritalin behandelt. Damit
er möglichst gut von der Sonderschulung profitieren könne, sei es wichtig, dass er zur
Verbesserung seines Selbstvertrauens begleitende Psychotherapie erhalte (IV-
act. 45-1). Der Hausarzt Dr. med. G._ hatte der Beschwerdegegnerin bereits im
Oktober 2004 eine TP-Rechnung eingereicht, die im Zeitraum Juli bis September 2004
die Abgabe von Ritalin ausweist (IV-act. 44-1).
4.2.2 Dr. E._ hielt im Bericht vom 9. September 2006 fest, diagnostisch müsse
am ehesten von einem offenbar nicht frühzeitig diagnostizierten POS ausgegangen
werden. Er erwähnt eine Verhaltensstörung im Sinn von unkontrollierten emotionalen
Ausbrüchen, vor allem Wutanfällen, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen,
Problemen mit dem planerischen und strukturierten Denken und teilweise Mühe,
Realität und Fiktion auseinanderzuhalten. Zusätzlich bestünden Symptome, die an
autistische Züge denken liessen. Es trete eine ängstlich-zwanghafte Folgesymptomatik
auf. Zusammen mit der ebenfalls bestehenden feinmotorischen Störung führe das zu
Überforderungssituationen. Die Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung des
Versicherten sei negativ beeinflusst, insbesondere auch sein Selbstwertgefühl (IV-
act. 57). Am 2. Juli 2007 begründete Dr. E._ die weitere Indikation zur
Psychotherapie mit Hinweisen auf Steuerungsprobleme im emotionalen Bereich,
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Verhaltensauffälligkeiten, Schwierigkeiten in der Wahrnehmungsverarbeitung und eine
Rückzugs-Reaktion auf die motorischen Probleme (IV-act. 62).
4.2.3 Die Psychotherapeutin lic. phil. F._ berichtete am 18. Mai 2008 von einer
augenfälligen ADS-Symptomatik. Diese werde auch auf medikamentöser Ebene
behandelt. Die Weiterführung der Psychotherapie sei dringend indiziert (IV-act. 66).
Dr. E._ wies am 6. Juli 2008 auf das Geburtsgebrechen Ziff. 404 GgV-Anhang hin
und erwähnte, dass im Frühling ein Ritalin-Absetzversuch gescheitert sei. Nach wie vor
habe der Versicherte Probleme mit der Impulskontrolle. Ritalin bringe aber nur die
Voraussetzung dafür, die Selbststeuerung müsse intensiv in der Therapie behandelt
werden, das Medikament allein helfe nicht. Die Prognose sei bei genügender äusserer
Struktur, medikamentöser Unterstützung, Psychotherapie und kompetenter Beratung
des Vaters und des weiteren Umfelds massiv besser als ohne diese Massnahmen (IV-
act. 67-3 f.). Die behandelnde Psychotherapeutin erwähnte am 6. Juni 2009, die
Therapie erfolge wegen des Geburtsgebrechens Ziff. 404. Noch immer habe der
Versicherte aufgrund des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms massive Schwierigkeiten
mit der Impulssteuerung, der Wahrnehmung und der Konzentration. Neben der
Psychotherapie werde er medikamentös behandelt (IV-act. 74). Dr. E._ wies am
23. Juni 2009 darauf hin, der Versicherte benötige neben der Psychotherapie weiterhin
Ritalin (IV-act. 75). Das Fortdauern von Psychotherapie und Medikation bestätigte die
Psychotherapeutin am 6. Juni 2010 (IV-act. 79). Dr. E._ hielt am 26. Juli 2010 unter
Hinweis auf die weiterhin bestehende ADHS-Problematik fest, eine Kombination von
Psychotherapie und Medikamenten helfe erwiesenermassen am besten (IV-act. 80-3).
4.3 Die behandelnden Ärzte und Psychotherapeutinnen sind sich in der
Diagnostizierung des beim Versicherten vorhandenen Krankheitsbildes einig: Es kann
als erstellt gelten, dass eine Problematik gemäss Ziff. 404 des GgV-Anhangs vorliegt,
also ein POS bzw. AD(H)S besteht. Dies bestreitet auch Dr. med. H._ vom
Regionalen Ärztlichen Dienst nicht (vgl. IV-act. 87). Dass die Krankheit nicht als
Geburtsgebrechen im Sinn von Art. 13 IVG anerkannt wurde, dürfte im unterbliebenen
Antrag bzw. in der nicht rechtzeitig vor Vollendung des 9. Altersjahres gestellten
Diagnose und begonnenen Behandlung begründet liegen.
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4.4 Wie erwähnt, war die Indikation zur Einnahme von Ritalin nach der Aktenlage
bereits seit dem Jahr 2004 gegeben. Die zitierten Berichte der behandelnden
Medizinalpersonen machen deutlich, dass die Verschreibung des Ritalins Teil des
gesamten Behandlungskomplexes in Bezug auf die Krankheit ist. Dies steht im
Einklang mit der Indikation des Medikamentes gemäss dem Arzneimittelkompendium
der Schweiz. Demnach ist die Einnahme von Ritalin angezeigt bei hyperkinetischen
Verhaltensstörungen bzw. Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei
Kindern. Derartige Störungen werden gemäss Kompendium als psycho-organisches
Syndrom oder als hyperaktives Syndrom, Konzentrationsschwäche oder auch als
minimale Hirndysfunktion bezeichnet. Die Einnahme von Ritalin ist gemäss der
Fachinformation des Arzneimittelkompendiums indiziert als Teil eines umfassenden
Therapieprogramms, zu dem typischerweise auch psychologische, erzieherische und
soziale Behandlungsmassnahmen gehören, mit dem Ziel, auffälliges Verhalten von
Kindern mit folgenden Charakteristika zu stabilisieren: Mässige bis starke
Ablenkbarkeit, rasch nachlassende Aufmerksamkeit, Hyperaktivität (nicht immer
vorhanden), emotionale Labilität und Impulsivität. Diese Ausführungen zur Indikation
ergeben zusammen mit den konkreten medizinischen Stellungnahmen ein konsistentes
Bild: sowohl die Psychotherapie als auch die Ritalin-Einnahme dienen der Behandlung
des Krankheitsbildes POS/AD(H)S; sie ergeben zusammen einen sinnvollen
Behandlungskomplex. Selbst die RAD-Ärztin spricht von einem ausgebauten
multimodalen Behandlungsregime, das deutliche Therapiefortschritte gebracht habe.
Ob die Verschreibung des Medikaments eine "eigenständige Behandlungsform" ist (IV-
act. 87), ist entgegen ihrer Ansicht unerheblich. Wie oben erläutert, ist es bei Kindern
und Jugendlichen entgegen dem Wortlaut von Art. 12 Abs. 1 IVG nicht von Belang, ob
eine Behandlung des Leidens an sich erfolgt, solange das Eingliederungsziel im
Zentrum steht. Das Ritalin ist im gesamten Behandlungsplan notwendiger Bestandteil
und dient durch den damit und mit den Therapien erzielten Erfolg der Eingliederung
des Versicherten. Eine Pflicht zur Kostenübernahme ist daher gestützt auf Art. 12
Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 14 Abs. 1 lit. b IVG zu bejahen.
5.
5.1 Zu prüfen bleibt, ob eine rückwirkende Kostenübernahmepflicht der
Beschwerdegegnerin besteht. Die Beschwerdeführerin beantragte erstmals im Herbst
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2010 (IV-act. 86-3) die Kostenübernahme, gemäss Beschwerde rückwirkend ab
1. August 2008. Laut den oben zitierten medizinischen Berichten nahm der Versicherte
allerdings mindestens schon seit dem Jahr 2004 Ritalin ein. Ob es sich dabei um eine
durchgehende, weitgehend lückenlose Einnahme handelte, ist nicht aktenkundig.
5.2 Der Anspruch auf ausstehende Leistungen erlischt gemäss Art. 24 Abs. 1 ATSG
fünf Jahre nach dem Ende des Monats, für welchen die Leistung geschuldet war. Der
im Rahmen der 5. IV-Revision per 1. Januar 2008 aufgehobene Art. 48 IVG sah eine
kürzere Verwirkungsfrist vor. Meldete sich eine versicherte Person mehr als zwölf
Monate nach Entstehen des Anspruchs an, so wurden die Leistungen in Abweichung
von Art. 24 Abs. 1 ATSG lediglich für die zwölf der Anmeldung vorangehenden Monate
ausgerichtet. Weitergehende Nachzahlungen wurden erbracht, wenn der Versicherte
den anspruchsbegründenden Sachverhalt nicht kennen konnte und die Anmeldung
innert zwölf Monaten nach Kenntnisnahme vornahm.
5.3 Nach den allgemeinen übergangsrechtlichen Grundsätzen ist bei Fehlen einer die
Frage regelnden Übergangsbestimmung die Verwirkungsordnung des neuen Rechts
auf unter dem alten Recht entstandene (fällige) Ansprüche anwendbar, sofern diese bei
Inkrafttreten des neuen Rechts noch nicht verwirkt sind (vgl. BGE 131 V 425 E. 5.2).
Dies bedeutet grundsätzlich, dass in Fällen, bei denen bis zum 1. Januar 2008 – dem
Inkrafttreten des neuen Rechts – keine Anmeldung des Anspruchs erfolgt war, ab
diesem Zeitpunkt die Verwirkungsfrist von aArt. 48 Abs. 2 IVG nicht mehr anwendbar
war. Ab dem 31. Dezember 2007 waren also gestützt auf diese Bestimmung alle
Ansprüche verwirkt, die bis zum 1. Januar 2007 entstanden waren. Mit dem
Ausserkrafttreten von aArt. 48 Abs. 2 ATSG wurde somit Art. 24 Abs. 1 ATSG sofort
anwendbar, d.h. es gilt eine fünfjährige Verwirkungsfrist ab Entstehung des – am
1. Januar 2008 nach altem Recht noch nicht verwirkten – Anspruchs auf die einzelne
Leistung (IV-Rundschreiben des Bundesamts für Sozialversicherungen [BSV] Nr. 300
vom 15. Juli 2011).
5.4 Für den vorliegenden Fall bedeutet dies, dass grundsätzlich die Verwirkungsfrist
des Art. 24 Abs. 1 ATSG zur Anwendung gelangt, allerdings die Einjahresfrist nach
altem Recht insofern Beachtung findet, als alle Ansprüche am 31. Dezember 2007
verwirkt waren, die bis zum 1. Januar 2007 entstanden waren. Folglich hat die
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Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin die Kosten für das Ritalin ab 1. Januar
2007 zu bezahlen. Sie wird sich die effektiv angefallenen Kosten ab diesem Zeitpunkt
noch belegen lassen.
5.5 Da das Versicherungsgericht nicht an die Parteibegehren gebunden ist und der
Beschwerde führenden Partei auch mehr zusprechen kann, als diese verlangt hat
(Art. 61 lit. d ATSG), ist unerheblich, dass die Beschwerdeführerin die Übernahme der
Kosten für das Ritalin erst ab 1. August 2008 beantragt hat.
6.
6.1 Gemäss den vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung der
Verfügung vom 10. Januar 2011 gutzuheissen. Die Beschwerdegegnerin hat
rückwirkend ab 1. Januar 2007 die angefallenen Kosten für das dem Versicherten
verschriebene Ritalin zu übernehmen.
6.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis Fr.
1000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.- erscheint
als angemessen. Die Beschwerdegegnerin unterliegt und hat deshalb die gesamte
Gerichtsgebühr zu bezahlen. Der obsiegenden Krankenversicherung ist der geleistete
Kostenvorschuss zurückzuerstatten. Sie hat hingegen als mit öffentlich-rechtlichen
Aufgaben betraute Organisation keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung (BGE
126 V 149 E. 4a).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP