Decision ID: 6faa211c-1abc-5515-bcd8-0b23aaed213a
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Robert Baumann, Waisenhausstrasse 17,
Postfach,
9001 St. Gallen,
gegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rentenrevision
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 18. September 2002 zum Bezug von IV-Rentenleistungen
an (act. G 6.1). Der behandelnde Dr. med. B._, Facharzt für Innere Medizin FMH,
berichtete am 4. November 2002, dass die Versicherte mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit an einem panvertebralen Schmerzsyndrom, besonders zervikal und
lumbal bei Dysfunktion und muskulärer Insuffizienz, einem Status nach mehrjähriger
Fehl- und Überbelastung der Wirbelsäule, einer Schmerzausbreitungsstörung und an
einem subdepressivem Zustandsbild leide. Für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als
Fabrikationsmitarbeiterin bestehe für die Zeit vom 15. August 2001 bis 28. Februar
2002 eine 100%ige und danach bis auf weiteres eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit. Für
leichte körperliche Arbeiten bestehe eine 50%ige Arbeitsfähigkeit (act. G 6.10-1 ff.). Da
Dr. med. C._, Facharzt für Physikalische Medizin FMH, der Versicherten im Bericht
vom 26. November 2001 eine 80 bis 100%ige Arbeitsfähigkeit bescheinigt und eine
Rentenberechtigung verneint hatte (act. G 6.10-10), wurde der Regionale Ärztliche
Dienst (RAD) Ostschweiz um eine Stellungnahme ersucht. Dieser teilte hierzu am
21. Februar 2003 mit, nachdem zwischen den Berichten von Dr. B._ und Dr. C._
ein Jahr liege, könne auf die Einschätzungen von Dr. B._ abgestellt werden, bzw. der
gestützt darauf gestellte Rentenantrag (halbe Rente bei 55%igem Invaliditätsgrad, act.
G 6.11) sei "okay" (act. G 6.14). Die IV-Stelle sprach der Versicherten in den
Verfügungen vom 2. April 2003 und vom 5. Mai 2003 ab 1. August 2002 eine halbe
Rente zu (act. G 6.24 f.).
A.b Am 2. August 2004 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass bei der
Überprüfung des Invaliditätsgrades keine Änderung habe festgestellt werden können.
Es bestehe daher weiterhin ein Anspruch auf die bisherige Invalidenrente (act. G 6.33).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.c Am 6. Juli 2007 meldete die Versicherte, dass sie an Brustkrebs leide. Sie
ersuchte um Kostengutsprache für eine Perücke (act. G 6.34). Die IV-Stelle gewährte
der Versicherten eine Kostengutsprache von maximal Fr. 1'500.-- (Mitteilung vom
12. Juli 2007, act. G 6.36).
A.d Am 27. August 2007 beantragte die Versicherte eine Rentenvision (act. G 6.37). Im
Fragebogen für die Revision der Invalidenrente gab die Versicherte am 11. September
2007 an, dass sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert habe. Sie leide neu
zusätzlich an Nackenschmerzen sowie an den Folgen der brustkrebsbedingten
Chemotherapie (act. G 6.38).
A.e Im Rahmen einer Praxisvertretung des abwesenden Dr. B._ berichtete Dr. med.
D._ am 17. Oktober 2007, dass sich der Gesundheitszustand der Versicherten seit
dem letzten Verlaufsbericht vom 22. Juli 2004 aufgrund der noch nicht
abgeschlossenen Chemotherapie deutlich verschlechtert habe. Als neue Diagnosen mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit stellte er: ein invasiv duktales Mammakarzinom
links aktuell in Chemotherapie/Radiotherapie, rhinozervikale Osteochondrosen,
rechtsforaminale Einengungen C3/C4 und C4-C6 sowie eine Nervenwurzelirritation C4.
Eine berufliche Tätigkeit sei der Versicherten seit Mai 2007 nicht möglich (act. G 6.43).
A.f Dr. med. E._, Senologie Zentrum Ostschweiz des Kantonsspitals St. Gallen
(KSSG), gab im Bericht vom 17. Oktober 2007 an, dass die Arbeitsfähigkeit derzeit
unter laufender Chemotherapie noch nicht abschätzbar sei. Grundsätzlich sei die
Versicherte, die derzeit adjuvant behandelt werde, nach Abschluss der adjuvanten
Chemo- und Radiotherapie als geheilt anzusehen. Unter laufender Chemotherapie sei
sie zu 100% arbeitsunfähig (act. G 6.45).
A.g Gestützt auf weitere Verlaufsberichte der behandelnden medizinischen
Fachpersonen kam der RAD am 28. Februar 2008 zum Schluss, dass "weiterhin eine
AUF von 100% aufgrund der Verschlechterung des AZ im Rahmen der Therapie des
Mammakarzinoms" bestehe. Die Situation bleibe "instabil" (act. G 6.51).
A.h Dr. B._ gab im Verlaufsbericht vom 29. Juli 2008 an, dass der
Gesundheitszustand der Versicherten stationär sei. Sie verfüge für eine leichte Arbeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
über eine minimale, nicht verwertbare Arbeitsfähigkeit von 20 bis 30% (act. G 6.55).
Prof. Dr. med. F._ vom Senologie-Zentrum Ostschweiz des KSSG berichtete am
12. August 2008, dass sich der Gesundheitszustand der Versicherten verbessert habe.
Die Chemotherapie sei im Oktober 2007 und die adjuvante Radiotherapie sei im Januar
2008 abgeschlossen worden. Eine Arbeitstätigkeit sollte bei jetzt alleiniger adjuvanter
endokriner Therapie möglich sein (act. G 6.57). Die behandelnde Dr. med. G._,
Praktische Ärztin FMH, ging im Verlaufsbericht vom 15. August 2008 von einem
stationären Gesundheitszustand aus. Die bisherige sowie leidensangepasste
Tätigkeiten hielt sie für nicht zumutbar (act. G 6.56).
A.i Am 2. Oktober 2008 beauftragte die IV-Stelle die MEDAS Ostschweiz mit einer
polydisziplinären Begutachtung (act. G 6.61). Diese fand am 2. und 3. Februar 2009
statt. Die Experten diagnostizierten mit Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit:
ein generalisiertes chronisches Schmerzsyndrom, cervicocephal betont, mit vielen
vegetativen Begleitbeschwerden; einen Status nach operativem Eingriff an der linken
Brust wegen Mammakarzinom und Lymphektomie linke Axilla, adjuvante
Chemotherapie mit drei Zyklen von Juni bis Oktober 2007, Radiotherapie Januar 2008;
eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung; eine generalisierte Angststörung und
eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom. Zum Verlauf des
Gesundheitszustands seit 2002 gaben die Gutachter an, dass subjektiv die
Beschwerden wohl zugenommen hätten, objektivieren liessen sich diese aber weiterhin
nicht mit wesentlichen somatischen oder bildgebenden Befunden. Psychische
Faktoren dürften bei der erstmaligen Rentenzusprache bereits nicht unwesentlich
mitgespielt haben. Aus psychosomatischer Sicht könne heute trotz Zunahme der
Belastung durch ein Krebsleiden keine wesentliche und anhaltende Veränderung
objektiviert werden. Dies in erster Linie aufgrund der fehlenden Vergleichsmöglichkeit
mit der Ausgangslage bei mangelhafter Dokumentation psychiatrischer Befunde. Unter
Berücksichtigung von psychosozialen Belastungsfaktoren dürfte die zumutbare
Arbeitspräsenz bei Leistungsreduktion um 25% höchstens einen halben Tag betragen.
"Nach Wegdenken von invaliditätsfremden Faktoren oder eventuell latenten
Krankheiten" erscheine eine Kombination von reduzierter Leistung (auf ca. 75%) mit
reduzierter Präsenzzeit (maximal 6 Stunden täglich) theoretisch zumutbar.
Zusammenfassend betrage die dokumentierte Arbeitsunfähigkeit in IV-recht-lichem
Sinn (unter Ausschluss invaliditätsfremder Faktoren) ca. 50%, wobei die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Restarbeitsfähigkeit am besten zu realisieren wäre in der Form von ca. 6 Stunden
Arbeit täglich bei 70 bis 75%iger Leistung. Seit der Operation am 16. Mai 2007 bis zum
Abschluss der onkologischen Akutbehandlung spätestens per August 2008 habe eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit bestanden (act. G 6.64).
A.j Am 24. Juni 2009 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass keine Veränderung
bei der Überprüfung des Invaliditätsgrades festgestellt worden sei und weiterhin ein
Anspruch auf eine halbe Rente bestehe (act. G 6.70). Damit zeigte sich die Versicherte
nicht einverstanden, und sie verlangte den Erlass einer anfechtbaren Verfügung
(Schreiben vom 15. Juli 2009, act. G 6.71).
A.k Die IV-Stelle verfügte am 10. August 2009, dass weiterhin ein Anspruch auf eine
halbe Rente bestehe (act. G 6.75).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 10. August 2009 richtet sich die vorliegend zu
beurteilende Beschwerde vom 3. September 2009. Die Beschwerdeführerin beantragt
darin unter Kosten- und Entschädigungsfolge deren Aufhebung und die Ausrichtung
einer ganzen Rente mit Wirkung "allerspätestens ab 1. Juli 2007". Eventualiter sei die
Streitsache an die Beschwerdegegnerin zur Vornahme weiterer Abklärungen
zurückzuweisen. Die Beschwerdeführerin stellt sich unter Hinweis auf die Berichte der
behandelnden medizinischen Fachpersonen auf den Standpunkt, dass bei ihr von einer
100%igen Arbeitsunfähigkeit ausgegangen werden müsse. Am MEDAS-Gutachten rügt
sie, dass sich die Gutachter nicht mit den Berichten der behandelnden medizinischen
Fachpersonen auseinandergesetzt hätten. Das psychiatrische Teilgutachten stelle
überdies lediglich eine Momentaufnahme dar, sei nicht nachvollziehbar und sei ohne
Kontaktaufnahme mit dem behandelnden Psychiater Dr. med. H._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, erfolgt. Dieser habe zusätzlich eine prolongierte
Anpassungsstörung mit depressiv-ängstlichem Zustandsbild (ICD-10: F 43.2)
festgestellt. Die Beschwerdeführerin macht weiter geltend, dass die diagnostizierte
somatoforme Schmerzstörung invalidenversicherungsrechtlich relevant sei. Die
Voraussetzungen für eine zumutbare Willensanstrengung seien zu verneinen. Ferner
bemängelt die Beschwerdeführerin die Höhe des Invalideneinkommens. Sie erachtet
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Vornahme eines 25%igen Leidensabzugs für gerechtfertigt. Selbst wenn auf das
MEDAS-Gutachten abzustellen wäre, resultierte für den Zeitraum ab Juli 2007 bis
August 2008 ein Anspruch auf eine ganze Rente (act. G 1). Mit der Beschwerde reicht
die Beschwerdeführerin einen Bericht des (seit 24. Dezember 2008) behandelnden
Psychiaters vom 29. August 2009 ein. Darin diagnostizierte dieser eine prolongierte
Anpassungsstörung mit depressiv-ängstlichem Zustandsbild (ICD-10: F43.2), eine
generalisierte Angststörung (ICD-10: F41.1) und eine mittelgradige depressive Episode
mit somatischem Syndrom. Er bescheinigte der Beschwerdeführerin eine 60 bis
70%ige Arbeitsunfähigkeit (act. G 1.2).
B.b Die Beschwerdegegnerin holte bei der MEDAS zusätzliche Stellungnahmen ein
(act. G 6.93 f.) und beantragt in der Beschwerdeantwort vom 12. Januar 2010, dass der
Beschwerdeführerin ab Juli 2007 bis Ende November 2008 eine ganze IV-Rente
zuzusprechen sei. Im Übrigen sei die Beschwerde abzuweisen. Zur Begründung führt
sie aus, dass sich die erstmalige Rentenzusprache lediglich auf einen rudimentären
Arztbericht von Dr. B._ abstütze. Es hätte der Beschwerdeführerin damals nicht allein
gestützt auf diesen Bericht eine IV-Rente zugesprochen werden dürfen, zumal der
Beschwerdeführerin im Bericht von Dr. C._ vom 26. November 2001 eine
Arbeitsfähigkeit von 80 bis 100% für rückenadaptierte Tätigkeiten bescheinigt worden
sei. Demnach bildeten die Rentenverfügungen vom 2. April und 5. Mai 2003 keine
taugliche Vergleichsgrundlage für die Revisionsverfügung. Der Invaliditätsgrad der
Beschwerdeführerin ab Dezember 2008 sei folglich gestützt auf die nach dem Eingang
des Revisionsgesuchs eingegangenen medizinischen Akten zu bestimmen. Eine
allfällige Wiedererwägung bilde nicht Gegenstand dieses Verfahrens. Das MEDAS-
Gutachten sei beweiskräftig. Die Einschätzung des behandelnden Psychiaters
überzeuge nicht, was der RAD in seiner Stellungnahme vom 27. November 2009 (vgl.
act. G 6.89) ausführlich begründet habe. Bei der Beschwerdeführerin seien im
Wesentlichen ätiologisch-pathogenetisch "unerklärliche" syndromale Leidenszustände
beschrieben, denen infolge der fehlenden Objektivierbarkeit jedoch keine
invalidisierende Wirkung zukomme. Demnach sei davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin - abgesehen vom Zeitraum vom 16. Mai 2007 bis Ende August
2008 - in einer adaptierten Tätigkeit zu 100% arbeitsfähig sei. Daher hätte die
Beschwerdeführerin an sich keinen Rentenanspruch mehr. Es fehle aber für eine
Rentenaufhebung an einem Revisionsgrund (act. G 6).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.c In der Replik vom 16. März 2010 bestreitet die Beschwerdeführerin, dass die
erstmalige Rentenzusprache zu Unrecht erfolgt sei. Sie widerspricht des Weiteren der
Auffassung der Beschwerdegegnerin, wonach eine volle Arbeitsfähigkeit mangels
invalidisierender Wirkung der geklagten Leiden bestehe (act. G 12).
B.d Die Beschwerdegegnerin hat auf die Einreichung einer Duplik verzichtet (act.
G 14).

Erwägungen:
1.
In formeller Hinsicht ist mit Blick auf den Devolutiveffekt der Beschwerde an das
kantonale Versicherungsgericht anzumerken, dass die einseitig lite pendente
vorgenommenen Abklärungen der Beschwerdegegnerin (act. G 6.92 ff.) nicht als
unbedenklich erscheinen (vgl. BGE 127 V 228). Doch erübrigen sich - mangels
Beanstandung - Weiterungen (vgl. Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts
[EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom
10. März 2005, U 261/04, E. 1).
2.
Streitig und zu prüfen ist vorliegend, ob sich der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin seit der ursprünglichen Rentenzusprache vom 2. April 2003
rentenrelevant verschlechtert hat bzw. ob seit der letzten rechtskräftigen Bestätigung
der halben Rente in der in Rechtskraft erwachsenen Mitteilung vom 2. August 2004
(act. G 6.33) ein höherer Rentenanspruch resultiert.
2.1 Am 1. Januar 2008 sind die im Zug der 5. IV-Revision revidierten Bestimmungen
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20), der Verordnung
über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in Kraft getreten. In
materiellrechtlicher Hinsicht gilt der allgemeine übergangsrechtliche Grundsatz, dass
der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen sind, die bei Erlass des
angefochtenen Entscheids respektive im Zeitpunkt gegolten haben, als sich der zu den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklicht hat (vgl. BGE 127 V 467
E. 1, 126 V 136 E. 4b, je mit Hinweisen). Die angefochtene Verfügung erging am
10. August 2009 (act. G 6.75), wobei ein Sacherhalt zu beurteilen ist, der vor dem
Inkrafttreten der revidierten Bestimmungen der 5. IV-Revision am 1. Januar 2008
begonnen hat. Daher ist entsprechend den allgemeinen intertemporalrechtlichen
Regeln für die Zeit bis 31. Dezember 2007 auf die damals geltenden Bestimmungen
und ab diesem Zeitpunkt auf die neuen Normen der 5. IV-Revision abzustellen (vgl. zur
4. IV-Revision: BGE 130 V 445 ff.; Urteil des Bundesgerichts vom 7. Juni 2006,
I 428/04, E. 1). Nachfolgend werden die seit 1. Januar 2008 gültigen Bestimmungen
des ATSG und IVG wiedergegeben.
2.2 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 ATSG). Erwerbsunfähigkeit
ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG). Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch
auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70%, auf
eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad
von mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-
Grad von mindestens 40% auf eine Viertelsrente (vgl. aArt. 28 Abs. 1 IVG in der bis
31. Dezember 2007 gültigen Fassung).
2.3 Im Sozialversicherungsprozess gelten die Grundsätze der Untersuchungspflicht
und der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Demgemäss hat der
Versicherungsträger bzw. im Beschwerdefall das Gericht den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen abzuklären, ohne dabei an die Anträge der Parteien
gebunden zu sein. Verwaltungsbehörden und Sozialversicherungsgerichte haben
zusätzliche Abklärungen stets vorzunehmen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 110 V 53 E. 4a in fine).
2.4 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich des
Beweiswerts eines ärztlichen Berichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a).
2.5 Ändert sich der Invaliditätsgrad einer rentenbeziehenden Person erheblich, so
wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend
erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision
gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die geeignet ist,
den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen (BGE 130 V 349 f.
E. 3.5). Ob eine solche Änderung eingetreten ist, beurteilt sich durch Vergleich des
Sachverhalts, wie er im Zeitpunkt der letzten, der versicherten Person eröffneten
rechtskräftigen Verfügung vorlag, die auf einer materiellen Prüfung des
Rentenanspruchs beruht, mit demjenigen zur Zeit der streitigen Revisionsverfügung
(BGE 133 V 108 E. 5.4). Dabei stellt die bloss unterschiedliche Beurteilung der
Auswirkungen eines im Wesentlichen unverändert gebliebenen Gesundheitszustands
auf die Arbeitsfähigkeit für sich allein genommen keinen Revisionsgrund im Sinn von
Art. 17 Abs. 1 ATSG dar (BGE 112 V 372 E. 2b mit Hinweisen).
3.
Ausgangspunkt für die Beurteilung des gesundheitlichen Verlaufs bildet im
vorliegenden Revisionsverfahren die ursprüngliche Rentenzusprache vom 2. April 2003
(act. G 6.24). Die Mitteilung vom 2. August 2004, worin die bisherige Situation ohne
umfassende Abklärungen bestätigt wurde (act. G 6.33), ist demgegenüber für die
Verlaufsbeurteilung nicht von Bedeutung. Die Beschwerdegegnerin stützte sich in der
angefochtenen Verfügung vom 10. August 2009 (act. G 6.75) auf die medizinische
Beurteilung der MEDAS Ostschweiz (Gutachten vom 27. April 2009, act. G 6.64). Darin
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
diagnostizierten die Gutachter mit Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit: ein
generalisiertes chronisches Schmerzsyndrom, cervicocephal betont, mit vielen
vegetativen Begleitbeschwerden; einen Status nach operativem Eingriff an der linken
Brust wegen Mammakarzinom und Lymphektomie linke Axilla, adjuvante Chemo- und
Radiotherapie; eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung, eine generalisierte
Angststörung sowie eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom
(act. G 6.64-10). Die Gutachter schätzten die Restarbeitsfähigkeit für
leidensangepasste Tätigkeiten - unter Ausblendung von psychosozialen
Belastungsfaktoren bzw. invaliditätsfremden Faktoren - grundsätzlich „weiterhin“ auf
50%. Für den Zeitraum seit der Operation vom 16. Mai 2007 bis zum Abschluss der
onkologischen Akutbehandlung spätestens per August 2008 bescheinigten sie der
Beschwerdeführerin eine vollständige Arbeitsunfähigkeit (act. G 6.64-12 f.). Die
Beschwerdeführerin hält diese medizinische Grundlage aus verschiedenen Gründen für
nicht beweiskräftig (vgl. act. G 1)
3.1 Zunächst bemängelt die Beschwerdeführerin am MEDAS-Gutachten, dass es
sich nicht mit den davon abweichenden Beurteilungen der behandelnden
medizinischen Fachpersonen vereinbaren lasse und es sich damit nicht näher
auseinandersetze (act. G 1, S. 5 ff.).
3.1.1 Rechtsprechungsgemäss kann es unter Beachtung der Divergenz von
medizinischem Behandlungs- und Abklärungsauftrag nicht angehen, eine medizinische
Administrativ- oder Gerichtsexpertise stets dann in Frage zu stellen und zum Anlass
weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden medizinischen
Fachpersonen nachher zu unterschiedlichen Einschätzungen gelangen oder an solchen
vorgängig geäusserten abweichenden Auffassungen festhalten. Anders verhält es sich
hingegen, wenn die behandelnden medizinischen Fachpersonen objektiv feststellbare
Gesichtspunkte vorbringen, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt geblieben und
die geeignet sind, zu einer abweichenden Beurteilung zu führen (vgl. Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts] vom 13. März 2006, I 676/05, E. 2.4 mit Hinweisen).
3.1.2 Die Beschwerdeführerin bringt vor, Dr. B._ habe in seinen Berichten vom
„10. Juli 2007“, vom 25. Oktober 2007 (richtig: 17. Oktober 2007 und von Dr. D._
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erstellt, act. G 6.43) und vom 18. Januar 2008 (act. G 6.47) eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit, in demjenigen vom 29. Juli 2008 (act. G 6.55) eine noch minimale,
nicht verwertbare Arbeitsfähigkeit von 20 bis 30% bei leichter Arbeit bescheinigt (act.
G 1, S. 5). Was den von der Beschwerdeführerin ins Feld geführten Bericht vom
„10. Juli 2007“ anbelangt, so findet sich weder in den IV-Akten noch in den von der
Beschwerdeführerin eingereichten Akten ein entsprechender Bericht. Es erübrigen sich
indessen Weiterungen zu diesem sowie den anderen genannten Berichten von
Dr. B._ bzw. Dr. D._, da die Beschwerdeführerin bei ihrer Argumentation übersieht,
dass auch die Gutachter für den Zeitraum vom 16. Mai 2007 bis August 2008 eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit bescheinigten (act. G 6.64-12), mithin sich die
gutachterliche Beurteilung mit derjenigen von Dr. B._ und Dr. D._ deckt. Vor
diesem Hintergrund bestand für die Gutachter auch keine Veranlassung, sich mit den
Berichten der Dres. B._ und D._ näher auseinanderzusetzen
3.1.3 Gegen die Aussagekraft der gutachterlichen Einschätzung verweist die
Beschwerdeführerin auf die Berichte von Dr. G._ vom „9. Januar 2008“ (Datum
Versand Fragebogen durch IV-Stelle; Datum Posteingang des ausgefüllten Berichts
Januar 2008, act. G 6.48) und vom „18. August 2008“ (act. G 6.56). Was den von Dr.
G._ weder datierten noch unterzeichneten Bericht vom Januar 2008 anbelangt, so ist
festzustellen, dass sie darin der Beschwerdeführerin bei genauer Lesart eine 50%ige
Restarbeitsfähigkeit bescheinigte (Gesundheitszustand „stationär“; „Die Krankheit
reduziert die Arbeitsfähigkeit auf 50%.“; in Ziff.
2.2.2 bescheinigt Dr. G._ eine verminderte Leistungsfähigkeit von 50% für
leidensadaptierte Tätigkeiten, obschon sie die Zumutbarkeit „anderer Tätigkeiten“ ohne
Begründung verneint; act. G 6.48). Damit scheint Dr. G._ im Vergleich zur
gutachterlichen Einschätzung, die zu diesem Zeitpunkt von einer vollständigen
Arbeitsunfähigkeit ausgeht (act. G 6.64-12), sogar eine optimistischere Beurteilung
vorgenommen zu haben. Im Bericht vom 15. /18. August 2008 verweist Dr. G._ -
unter Bestätigung eines stationären Gesundheitszustands - auf ihren Bericht vom
„9. Januar 2008“. Im Licht dieser Umstände und angesichts dessen, dass aus den
Berichten von Dr. G._ keine objektiven Gesichtspunkte hervorgehen, die anlässlich
der Begutachtung ausser Acht gelassen worden wären, vermögen deren knapp
begründete Berichte keine Zweifel am MEDAS-Gutachten entstehen zu lassen. Auch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wenn der Bericht vom 15. /18. August 2008 den Gutachtern offenbar nicht vorlag, kann
darin kein Mangel erblickt werden, da die Gutachter Kenntnis vom Bericht vom Januar
2008 hatten, auf den Dr. G._ im Bericht vom 15. /18. August 2008 - worin sie einen
stationären Zustand bescheinigte - verwies (act. G 6.56).
3.1.4 Bezüglich der von der Beschwerdeführerin angeführten Berichte des
Senologie-Zentrums Ostschweiz des KSSG, worin während der Behandlungsdauer von
einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit ausgegangen wird (act. G 1, S. 6), ist festzustellen,
dass sich diese Einschätzung mit der gutachterlichen deckt. Im Bericht des Senologie-
Zentrums Ostschweiz des KSSG vom 12. August 2008 spricht der behandelnde Arzt
von einem verbesserten Zustand. Eine Arbeitstätigkeit sollte bei jetzt alleiniger
adjuvanter endokriner Therapie möglich sein. Aktuell gebe es keinen Anhalt für ein
Rezidiv der Mammakarzinom-Erkrankung. Es bestehe „zumindest eine eingeschränkte
Arbeitsfähigkeit“ (act. G 6.57). Damit brachte er zum Ausdruck, dass der
Beschwerdeführerin ab August 2008 - wenn auch nur aus onkologischer Sicht - eine
Teilarbeitsfähigkeit möglich sei, was sich mit dem MEDAS-Gutachten deckt, zumal es
einen Status nach Krebsbehandlung unter den Hauptdiagnosen aufführt (act.
G 6.64-10) und sich die Gutachter damit auch in der gesamtgutachterlichen
Beurteilung auseinandersetzten (act. G 6.64-12 f.).
3.1.5 Der Bericht des behandelnden Dr. H._ vom 29. August 2009 vermag die
Beweiskraft des MEDAS-Gutachtens ebenfalls nicht zu erschüttern. Denn es ergeben
sich daraus keine objektiven Gesichtspunkte, die anlässlich der Begutachtung ausser
Acht gelassen worden wären. Auch die Bemerkung, die Beschwerdeführerin habe ihr
depressives Inneres anlässlich der Begutachtung verdeckt, bzw. sie sei depressiver
und ängstlicher als sie im Gespräch mit dem psychiatrischen Gutachter gewirkt habe
(act. G 1.2), vermag daran nichts zu ändern. Denn der psychiatrische Gutachter war
sich bewusst, dass die Beschwerdeführerin versuchte, „die vital-depressiven
Symptome“ zu verdecken, und er zog diesen Umstand in seiner Beurteilung mit ein
(act. G 6.65-6). Damit geht einher, dass er u.a. eine mittelgradige depressive Episode
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit diagnostizierte (act. G 6.65-7) und diese
Diagnose - wie auch die Diagnose einer generalisierten Angststörung - von Dr. H._
bestätigt wurde. Vor diesem Hintergrund erübrigen sich Ausführungen zum Vorbringen
der Beschwerdeführerin, das psychiatrische Teilgutachten sei mit Blick auf die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angewandten Depressionsfremdbeurteilungsskalen nicht nachvollziehbar, zumal sie ein
mangelhaftes gutachterliches Vorgehen nicht darlegt. Dass Dr. H._ zusätzlich eine
prolongierte Anpassungsstörung mit depressiv-ängstlichem Zustandsbild
diagnostizierte, stellt die gutachterliche Einschätzung nicht in Frage. Es gilt hierzu zu
beachten, dass - behandelnde und begutachtende - psychiatrische Fachpersonen, mit
der gleichen Person als Patientin oder Explorandin in verschiedenen Zeitpunkten und
Situationen konfrontiert, zu unterschiedlichen Beurteilungen der psychischen
Beeinträchtigungen und - invalidenversicherungsrechtlich entscheidend - deren
Schweregrads mitsamt den sich daraus ergebenden Einschränkungen der
Arbeitsfähigkeit gelangen können. Diese in der Natur der Sache begründete
weitgehend fehlende Validierbarkeit („Reliabilität“) psychiatrischer Diagnosen,
namentlich im depressiven Formenkreis, kann nicht automatisch zu Beweisweiterungen
bei sich widersprechenden psychiatrischen Berichten und Expertisen führen, wenn die
gutachterliche Einschätzung die Anforderungen an beweiskräftige Gutachten erfüllt
(Urteil des Bundesgerichts vom 29. September 2009, 9C_661/09, E. 3.2). Diese
Sichtweise eines fehlenden Abklärungsbedarfs wird dadurch bestätigt, als Dr. H._
keine von der gutachterlichen Befunderhebung abweichende Beschreibung des
Beschwerdebilds vornimmt und sich daraus - wie bereits erwähnt - keine von den
Gutachtern übersehenen Gesichtspunkte ergeben. Ergänzend kann auf die
zutreffenden Erwägungen in der RAD-Stellungnahme vom 27. November 2009
verwiesen werden (act. G 6.89).
3.2 Der Vorwurf, das MEDAS-Gutachten stelle lediglich eine Momentaufnahme dar,
ist nicht stichhaltig (act. G 1, S. 8). Die an 2 Tagen durchgeführte Begutachtung
erfolgte in Kenntnis sowie in Würdigung der Voraktenlage, und die Gutachter
berücksichtigten die vollständige Leidensgeschichte der Beschwerdeführerin.
3.3 Die Beschwerdeführerin vertritt des Weiteren den Standpunkt, dass der
psychiatrische Gutachter mit dem behandelnden Psychiater hätte Kontakt aufnehmen
müssen (act. G 1, S. 9). Mit Blick darauf, dass dem psychiatrischen Gutachter die
gesamten relevanten Vorakten vorlagen und sich aus dem Bericht von Dr. H._ vom
29. August 2009 keine wesentlichen neuen Tatsachen ergeben, gereicht es dem
psychiatrischen Teil des MEDAS-Gutachtens nicht zum Nachteil, dass - obschon im
Allgemeinen wünschbar - keine Rückfrage an Dr. H._ vorgenommen worden ist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ergänzend ist darauf hinzuweisen, dass im Zeitpunkt der psychiatrischen
Begutachtung vom 3. Februar 2009 die Beschwerdeführerin lediglich etwas mehr als
einen Monat bei Dr. H._ in Behandlung stand (Beginn Behandlung bei Dr. H._
24. Dezember 2008, act. G 1.2), dieser mithin noch nicht über eine ausgeprägte
Erfahrung mit der Beschwerdeführerin verfügte.
3.4 Des Weiteren rügt die Beschwerdeführerin, dass die gesamtgutachterliche
Bemessung der Restarbeitsfähigkeit vor allem angesichts der Wechselwirkungen der
psychischen Leiden einerseits und der körperlichen Leiden andererseits nicht
nachvollziehbar sei (act. G 1, S. 10). Diese Kritik verkennt, dass sowohl gemäss
gutachterlicher wie auch von den behandelnden medizinischen Fachpersonen
vorgenommener Einschätzung im Leidensbild der Beschwerdeführerin - nach
Abschluss des Grossteils der Brustkrebsbehandlung - psychische Krankheiten im
Vordergrund stehen. Im Übrigen erfolgte die gesamtgutachterliche Beurteilung unter
Berücksichtigung und in Würdigung sämtlichen von der Beschwerdeführerin geklagten
Leiden (vgl. insbesondere die zusammenfassende Beurteilung in act. G 6.64-11 f.).
3.5
3.5.1 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das polydisziplinäre MEDAS-
Gutachten auf umfassenden Untersuchungen beruht, in Würdigung der Vorakten und
unter Berücksichtigung des vollständigen Beschwerdebilds erfolgte. Die Beurteilung
des gesundheitlichen Verlaufs seit dem Jahr 2002 wird schlüssig beschrieben. Gestützt
auf das MEDAS-Gutachten ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin im
Zeitraum vom 16. Mai 2007 bis „spätestens per“ August 2008 über keine bzw. für den
übrigen Zeitraum über eine 50%ige Restarbeitsfähigkeit verfügt.
3.5.2 Die Gutachter durften eine umfassende Neubeurteilung des medizinischen
Zustands vornehmen bzw. die bei der ursprünglichen Rentenzusprache massgebende
Situation mit Blick auf die invalidisierende Wirkung kritisch diskutieren („Aus
psychosomatischer Sicht kann heute trotz Zunahme der Belastung durch ein
Krebsleiden keine wesentliche und anhaltende Veränderung objektiviert werden.“, act.
G 6.65-7; vgl. auch die Bemerkungen in act. G 6.64-9 angesichts BGE 130 V 352: „Es
würde wohl auch die Überwindung von Schmerzen, wie sie damals vorgelegen haben,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aus juristischer Sicht als zumutbar erachtet.“) und allenfalls davon abweichen. Wohl
erachtet das Bundesgericht die geänderte Rechtsprechung (BGE 130 V 352) als keinen
Grund für den Entzug einer einmal zugesprochenen Rente (BGE 135 V 201 ff.). Damit
sollte aber nur die Weiterausrichtung von materiell unrechtmässigen Renten gefestigt
werden. Wenn nun eine Neubeurteilung des medizinischen Zustands zu erfolgen hat,
kann darauf selbstverständlich zurückgekommen werden, soweit die (nach der neuen
Praxis an sich unrechtmässige) Rente nicht herabgesetzt wird. Dies bedeutet, dass
selbst bei einer im Vergleich zur Situation bei der ursprünglichen Rentenzusprache -
ausserhalb des Zeitraums von Mai 2007 bis August 2008 - bestehenden
Verschlechterung nicht zwingend eine höhere - invalidisierende - Arbeitsunfähigkeit zu
resultieren braucht (vgl. Urteil des Sozialversicherungsgerichts des Kantons Zürich vom
25. November 2009, IV.2008.00266, E. 3.3).
3.5.3 Der von der Beschwerdegegnerin erstmals im Beschwerdeverfahren
geäusserten Auffassung, dass es der gutachterlich bescheinigten 50%igen
Restarbeitsfähigkeit an einer invalidisierenden Wirkung fehle, kann nicht gefolgt
werden. Es kann in diesem Zusammenhang auf den mehrjährigen, chronifizierten
Krankheitsverlauf („chronisches Schmerzsyndrom“, act. G 6.64-10; „Chronifizierung“,
act. G 6.65-7), auf die körperliche Begleiterkrankung (Status nach
Brustkrebsbehandlung, act. G 6.64-10) und die plausiblen gutachterlichen
Bemerkungen („psychische Begleitkrankheiten“, act. G 6.65-7; mit „der Kanzerose,
beziehungsweise der hypochondrischen Angst vor Rezidiven, ist nun eine erhebliche
Komorbidität vorhanden“, act. G 6.65-6) verwiesen werden (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 30. März 2011, 9C_1041/10).
4.
Mit den Parteien (act. G 1, S. 13 f. und G 6, S. 3) ist gestützt auf die gutachterliche
Einschätzung (act. G 6.64-12) davon auszugehen, dass während des Zeitraums von
Mai 2007 bis und mit August 2008 von einer vollständigen Arbeits- bzw.
Erwerbsunfähigkeit auszugehen ist. Die am 16. Mai 2007 eingetretene gesundheitliche
Verschlechterung führt unter Berücksichtigung der bei der Rentenanpassung gemäss
Art. 88a Abs. 1 IVV geltenden dreimonatigen Frist und mit Blick darauf, dass gemäss
Art. 19 Abs. 3 ATSG Renten für den ganzen Kalendermonat im Voraus ausbezahlt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
werden, zu einem Anspruch auf eine ganze Rente für die Dauer von August 2007 bis
Ende November 2008 (Beginn Verbesserung im Lauf des Monats August 2008).
5.
Die Frage, ob für den übrigen Zeitraum angesichts unveränderter 50%iger
Restarbeitsfähigkeit überhaupt ein im Vergleich zur ursprünglichen Rentenzusprache
abweichender Einkommensvergleich vorgenommen werden dürfte, kann vorliegend
offen gelassen werden. Denn selbst ein neu vorgenommener Einkommensvergleich
führt nicht zu einer höheren Rentenleistung. Das massgebende Valideneinkommen als
Fabrikationsmitarbeiterin beträgt für das Jahr 2002 Fr. 47‘136.-- (act. G 6.11). Für die
Bestimmung des Invalideneinkommens ist vom Tabellenlohn TA1, 2002,
Anforderungsniveau 4, Frauen, angepasst an eine durchschnittliche wöchentliche
Arbeitszeit von 41,7 Stunden, auszugehen, was ein Einkommen von Fr. 47‘788.--
([Fr. 3‘820-- / 40] x 41.7 x 12) ergibt. Da diese Vergleichseinkommen praktisch
identisch sind, kann ein Prozentvergleich vorgenommen werden, womit der
Invaliditätsgrad dem Arbeitsunfähigkeitsgrad unter Berücksichtigung des sogenannten
Leidensabzugs entspricht. Vorliegend rechtfertigt die selbst für leidensangepasste
Tätigkeiten bestehende teilweise Arbeitsunfähigkeit sowie die lange Absenz vom
Arbeitsmarkt einen höchstens 15%igen Abzug. Da die Beschwerdeführerin im
Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung noch eine Aktivitätsdauer von über 10 Jahren
vor sich hatte, zudem über die Niederlassungsbewilligung C verfügt (act. G 6.2) und
auch keine weiteren Gesichtspunkte vorliegen, die einen zusätzlichen Abzug vom
Tabellenlohn rechtfertigen, erscheint ein Leidensabzug von mehr als 15% nicht
angemessen. Unter Berücksichtigung eines 15%igen Leidensabzugs resultiert ein
Invaliditätsgrad von (auf)gerundet 58% (100% - [50% x 0.85]) und damit weiterhin ein
Anspruch auf die bisherige halbe Rente.
6.
6.1 In teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung vom
10. August 2009 aufzuheben und der Beschwerdeführerin ist rückwirkend eine ganze
Rente für die Zeit vom 1. August 2007 bis 30. November 2008 zuzusprechen. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sache ist zur Festsetzung und Ausrichtung der geschuldeten Leistungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen.
6.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1‘000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem
teilweisen Obsiegen entsprechend bezahlen die Beschwerdegegnerin und die
Beschwerdeführerin die Gerichtsgebühr je im Betrag von Fr. 300.--. Der geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist der Beschwerdeführerin im Umfang von Fr. 300.--
daran anzurechnen und im Umfang von Fr. 300.-- zurückzuerstatten.
6.3 Da die Beschwerdeführerin teilweise obsiegt, hat sie einen reduzierten Anspruch
auf eine Parteientschädigung. Diese ist vom Gericht ermessensweise festzusetzen,
wobei insbesondere der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand Rechnung zu
tragen ist. Bei vollständigem Obsiegen wäre eine Parteientschädigung von Fr. 3‘500.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) angemessen. Wegen des nur teilweisen
Obsiegens erscheint eine Parteientschädigung von Fr. 1‘750.-- als gerechtfertigt. Die
Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin somit eine Parteientschädigung von
Fr. 1‘750.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP