Decision ID: f7a2a07f-616a-484f-b885-b3c70ba3ebc5
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1958, gelernter Coiffeur, zuletzt vollzeitlich
als Aufseher tä
tig, erlitt am 3
0.
Oktober 2000 einen Auffahrunfall als Motorradfahrer (
vgl.
dazu
Urteil des Sozialve
rsicherungsgerichts IV.2010.000
42 vom 3
0.
November 2010,
Urk.
6/112).
Am 2
3.
August 2001 meldete
er
sich
bei der Sozialversicherungs
an
stalt des Kantons Zürich, IV-Stelle (nachfolg
end IV-Stelle), zum Leistungsbe
zug an (
Urk.
6/3). Nach Abklärung der med
izinischen und erwerblichen Ver
hältnisse sprach ihm die IV-Stelle
mit Verfügung vom 1
9.
Juli 2002
bei
einem
Invalidi
tätsgrad
von 69
%
mit Wirkung ab
1.
Oktober 2001 eine ganze Invalidenrente
zu
(
Urk.
6/29).
Mit Mittei
lungen vom 1
9.
September 2003 und 2
4.
Oktober 2006
bestätigte die IV-Stelle den Anspruch auf die laufende Rente revisionsweise (
Urk.
6/43,
Urk.
6/58).
1.2
I
m Rahmen eines weiteren
, im November 2007 eingeleiteten
Revisionsverfah
rens
(
Urk.
6/66)
holte die IV
Stell
e
beim
Y._
ein interdisziplinäres Gutachten vom
2.
Mai 2012 ein
(
Urk.
6/
135). Gestützt darauf sowie nach Durchführung des
Vorbescheidverfahrens
(
Urk.
6/139,
Urk.
6/148) stellte sie die Rentenleistungen mit Verfügung vom 1
7.
Dezember 2012 per Ende des der Zustellung folgenden Monats wiedererwägungsweise ein
, unter Entzug der aufschiebenden Wirkung
(
Urk.
2).
2.
Dagegen liess
der
Versicherte am 3
1.
Januar 2013 Beschwerde (
Urk.
1) erheben mit dem Antrag, in Aufhebung der ange
fochtenen Verfügung sei ihm
weiterhin eine
ganze
Invalidenrente zuzusprechen
. Im Weiteren stellte er ein Gesuch um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung (
Urk.
1).
In ihrer Vernehmlas
sung vom
1
1.
März 2013
schloss die IV-Stelle auf Abweisung der Be
schwerde (
Urk.
5)
.
Auf die Ausführungen in den Rechtsschriften und die Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Mit dem vorliegenden Entscheid in der Sache selbst erübrigt sich die Behand
lung des Gesuchs betreffend Wiederherstellung der aufschieben
den Wirkung der Beschwerde.
2.
Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines
Rentenbezü
gers
erheblich, so wird nach Art. 17
Abs.
1 des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben.
Weiter kann der Versicherungsträger jederzeit auf formell rechtskräftige Verfü
gungen oder
Einspracheentscheide
zurückkommen, wenn diese zweifellos un
richtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist (Art. 53 Abs. 2 ATSG). Stehen invalidenversicherungsrechtliche Aspekte zur Diskussion, gilt es bei einer Wiedererwägung grundsätzlich mit Wirkung ex
nunc
et pro
futuro
einen rechtskonformen Zustand herzustellen. Die Herabsetzung oder Aufhebung einer Rente erfolgt in diesem Bereich daher in der Regel auf das Ende des der Zustellung der Verfügung folgenden Monats (Urteil des Bundesge
richts 9C_491/2012 vom 22. Mai 2013, E. 2.1.2-3 und E. 2.2).
3.
3.1
Mit der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2) hat die Beschwerdegegnerin die ur
sprüngliche Rentenverfügung vom 1
9.
Juli 2002 wiedererwägungsweise aufge
hoben.
Diesbezüglich ist vorab darauf hinzuweisen, dass die Wiedererwägung nach
Art.
53
Abs.
2 ATSG entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers kei
ner zehnjährigen Verwirkungsfrist unterliegt
(BGE 133 V 50 E. 4.2.2; Urteil des Bundesgerichts 8C_136/2012 vom 2
7.
Juni 2012, E. 2). Auch aus dem Grund
satz von Treu und Glauben kann der Beschwerdeführer in diese
m
Zusammen
hang nichts zu seinen Gunsten ableiten
.
Damit stellt sich die Frage, ob die Verfü
gung vom 1
9.
Juli 2002 zweifellos unrichtig war.
3.2
Zweifellos ist die Unrichtigkeit, wenn kein vernünftiger Zweifel daran möglich ist, dass die Verfü
gung unrichtig war. Es ist nur ein einziger Schluss - derjenige auf die Unrich
tigkeit der Verfügung - denkbar. Die Wiedererwägung im Sinne von Art. 53
Abs.
2 ATSG dient der Korrektur einer anfänglich unrichtigen Rechtsanwen
dung einschliesslich unrichtiger Feststellung im Sinne der Würdi
gung des Sach
verhalts. Darunter fällt insbesondere eine unvollständige
Sach
verhaltsabklärung
aufgrund einer klaren Verletzung des
Untersuchungsgrund
satzes
(Urteil des Bundesgerichts 8C_752/2010 vom 2
7.
Januar 2011, E. 2).
4.
4.1
Die ursprüngliche Verfügung
vom 1
9.
Juli 2002
basierte im Wesentlichen
auf dem psychiatrischen Teilgutachten von
Dr.
Z._
vom 1
2.
November 200
1 und 1
1.
Januar 2002 (
Urk.
6/12/8-11,
Urk.
6/
8/19-20
)
und dem im Rahm
en die
ser Teilbegutachtung von
Dr.
Z._
beigezogenen
undat
ierten, auf einer Un
ter
suchung vom 1
2.
November und 1
4.
Dezember 2001
basierenden
neu
ro
psychologischen Bericht von
dipl.
Psych.
A._
(
Urk.
6/
8/25-
29). Gestützt auf
diesen
neuropsychol
og
ischen Bericht
von
dipl.
Psych.
A._
ging
Dr.
Z._
von einer neuropsychologisch bedingten Arbeitsunfähigkeit des Versicherten von 60
%
aus (
Urk.
6/
8/19-20). Gestützt darauf richtete die
IV
Stelle
dem
Versicherten
mit der Verfügung vom 1
9.
Juli
2002 eine ganze Inva
lidenrente aus.
4.2
Das
psychiatrische Teilgutachten von
Dr.
Z._
war ein
Teil einer geplan
ten
interdisziplinä
re
n
Gesamtbeurteilung
,
wobei
Dr.
Z._
mit Blick auf die komplexe Symptomatik insbesondere ein rheumatologisches Teilgutachten an
geordnet (
Urk.
6/12/8
,
Urk.
6/12/11
)
und ein allfälliges neurologisches Konsi
lium in Betracht gezogen
hatte
(
Urk.
6/8/23)
. In der Folge erliess
Dr.
Z._
jedoch am 1
1.
Januar 2002
ih
r Teilgutachten (
Urk.
6/8/19-20
), ohne das Ergeb
nis
der angeordneten
rheumatologischen Teilbegu
t
achtung (vgl. Bericht von
Dr.
med.
B._
, Facharzt für Innere Medizin, speziell Rheumatologie, v
om 2
9.
Januar 2002,
Urk.
6/18/3-5
) abzuwarten
.
Ferner
ging
Dr.
Z._
bei ihrer psychiatrischen Teilbegutachtung von einer Reihe von
Annahmen aus,
die
aufgrund der
Aktenlage
haltlos waren. Dies betrifft zunächst ihre
Annahme einer eineinhalbtägigen Bewusstlosigkeit (
Urk.
6/8/22
) oder
einer
zweieinhalb
täg
igen
Phase der
Erinnerung (
Urk.
6/8/26)
. Diese Annahme widerspri
ch
t
den
Be
richten des er
stbehandelnden Spitals
C._
,
wo der Versicherte
ab dem
Un
fall
tag
vom 3
0.
Oktober 2000 bis zum
6.
November 2000 hospitalisiert
gewesen war
(
Urk.
6/8/115)
,
und des erstbehandelnden Neurologen
Dr.
med.
D._
, Facharzt für Neurologie
,
welcher vom Spital
C._
am 3
1.
Oktober beigezogen
worden war
(
Urk.
6
/8/116)
; denn gemäss diesen Berichten lag lediglich eine
kurzzeitige, ungefähr 15 Minuten dauernde Amnesie fü
r das Unfallereignis
vor
,
und
der Versicherte
war
wä
h
ren
d des
Spitalaufenthalt
s
allseitig
orientiert
(Berichte des Spitals
C._
vom
6.
und 2
2.
November 2000,
Urk.
6/8/115-116 und
Urk.
8/120;
Berichte von
Dr.
D._
vom
5.
u
nd 1
4.
Dezember 2000,
Urk.
6/123 und
Urk.
6/8/110)
.
Ebenfalls akten
widrig
war die
Annahme von
Dr.
Z._
,
die
neuropsychologische Untersuchung des Versicherten in der Klinik
E._
habe
eine mittelgradige kognitive Beeinträchtigung ergeben (
Urk.
6/
8/25
,
Urk.
6/8/29
).
V
ielmehr ha
tten
die Ärzte der Klinik
E._
,
wo der Ver
s
icherte in der Zeit vom
2.
bis 2
3.
Januar 20
01 hospitalisiert gewesen war,
im
Austrittsbe
richt
vom 1
3.
Februar 2001 festgehalten
,
infolge einer möglichen
Motivations
problematik
des Versicherten sei dessen neuropsychologische Beurteilung
nicht möglich
gewesen
(
Urk.
6/8/7-14 in Verbindung mit
Urk.
6/9/6)
.
Schliesslich
stellte
Dr.
Z._
unbesehen auf die Aussage
von
lic
. phil.
F._
im
neuropsychologische
n
Bericht
G._
vom 2
8.
A
pril 2001
(
Urk.
6/8/94-98
)
ab
, wonach
in somatischer Hinsicht
eine über
die Commotio cerebri „hinausgehende Hirnverletzung“ (
Urk.
6/8/97)
vorgelegen
habe
(
Urk.
6/8/24)
.
Dabei
handelt
e
es sich
indes
um eine bloss
e
,
ohne Berück
sichtigung massgebender Akten
a
bgegebene
,
nicht nachvollziehbar
e
Behaup
tung
von
lic
. phil.
F._
,
welche in den
übrigen
medizinischen Akten keinen Halt
findet
.
Die im psychiatrischen Teilgutachten aufgeführte 60%ige Arbeitsunfähigkeit
begründete
Dr.
Z._
nicht
näher
(
Urk.
6/8/20). Eine bloss
mittels einer Zahl ausgedrückte
Arbeitsunfähigkeit ist jedoch nicht verwertbar. Insbesondere geht daraus die massgebende Arbeitsunfähigkeit in einer leidensangepassten Tätigkeit nicht h
ervor. Abgesehen davon widerspri
ch
t
diese Angabe der in Kenntnis des Berichts des
G._
vom 2
8.
April 2001 (
Urk.
6/8/92-93) gemachten Beurteilung des erstbehandelnden Neurologen
Dr.
D._
in dessen Bericht vom 2
7.
November 2001,
gemäss welchem
der Ver
sicherte in einer leidensangepassten Tätigkeit zu 100
%
arbeitsfähig
gewesen
sei (
Urk.
6/9/1-4).
4.3
Zusammenfassend hat die Beschwerdegegnerin zu Unrecht auf das psychiat
rische Teilgutachten von
Dr.
Z._
abgestellt. Einerseits muss dieses als unsorgfältig qualifiziert werden (vgl. dazu Urteile des Bundesgerichts 9C_307/2011 vom 2
3.
November 2011, E. 3.2, und I 559/02 vom 3
1.
Januar 2003, E.4), anderseits mangelt es dem Gutachten in mehrfacher Hinsicht an einer nachvollziehbaren Beurteilungsbasis und schliesslich lag bezüglich der attestierten Arbeitsunfähigkeit eine unklare und widersprüchliche Aktenlage vor, die weitere Abklärungen erforderlich machte. Damit
war die Verfügung vom 1
9.
Juli 2002 zweifellos unrichtig. Daran ändert auch der Hinweis des Beschwerdeführers auf
die
Ber
ichte des Hausarztes nichts. Denn der damalige Hausarzt des Versicherten,
Dr.
med.
H._
, Facharzt für Allgemeine Medizin, nahm vor allem eine koordinierende Funktion wahr, ohne selber eine eigenständige schlüssige medizinische Beurteilung vorzunehmen (Berichte von
Dr.
H._
vom
2.
April und 2
4.
Oktober 2001,
Urk.
6/8/103,
Urk.
6/8/35-36).
Da die Verfügung vom 1
9.
Juli 2002 eine periodische Dauerleistung betrifft, ist auch die Voraussetzung der erheblichen Bedeutung erfüllt. Zu Recht wurde
diese Verfügung deshalb
durch die Beschwerdegegnerin
wiedererwägungsweise aufgehoben.
5.
5.1
Mit der wiedererwägungsweisen Aufhebung der ursprünglichen
Rentenver
fü
gung
ist die Anspruchsberechti
gung des Versicherten pro
futuro
zu prüfen (E.
1).
Im
Y._
-Gutachten vom
2.
Mai 2012 konnten die Gutachter nach einer umfas
sen
den viertägigen
(am 15., 16.
,
2
3.
und 2
4.
November 2011 durchgeführten)
allgemeinchirurgischen, rheumatologischen, neurologischen, neuropsychologi
schen und psychi
a
trischen Untersuchung (
Urk.
6/135/1) sowie nach einlässlicher Würdigung der medizinischen Akten
keine Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit feststellen (
Urk.
6/135/77). Hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit hielten die Gutachter zusamm
en
fassend fest (
Urk.
6/135/85 ff.), aus den gesam
ten Akten lasse sich kein anderer Schluss ziehen, als dass überwiegend wahr
scheinlich nie eine Krankheit bestanden habe, die eine längerdauernde volle oder teilweise Arbeitsunfähigkeit begründet h
ab
e. Das aktuell ermittelte
Belast
barkeitsprofil
gelte
seit
jeher,
abgesehen von einer vorübergehenden drei
bis sechsmonatigen Arbeitsunfähigkeit nach dem Unfall vom 3
0.
Oktober 200
0.
In der angestammten Tätigkeit als Betreuer und Aufseher im Gefängnis bezie
hungsweise als Schulbusfahrer sei der Versicherte daher seit jeher zu 100
%
arbeitsfähig. In einer
seinem allgemeinen Leistungsspektrum entsprechenden Verweistätigkeit sei er ebenfalls zu 100
%
arbeitsfähig. Lediglich bei repetitiven Tätigkeiten über Schulterhöhe wie
bei
m
gelernte
n
Beruf
als Coiffeur bestehe eine 20%ige Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit bei ganztäg
iger Anwesenheit. In neuropsychologischer Hinsicht führten die Gutachter unter anderem aus (
Urk.
6/135/85)
, aufgrund der Testergebnisse lasse sich auf ein
Aggravations
verhalten
des Versicherten schliessen. Daher könnten die Ergebnisse der
Leis
tungstests
inhaltlich nicht ausgewertet werden
,
und
sie
würden wegen man
geln
der Mitarbeit keine verwertbaren neuropsychologischen Befunde liefern.
5.2
Das
Y._
-Gutachten ist unbestritten (
Urk.
1) und erfüllt die Kriterien an den Beweiswert eines medizinischen Gutachtens (BGE 125 V 351 E. 3a). Aufgrund dieses Gutachtens besteht im massgebenden Zeitraum keine relevante Invali
dität, was vom Beschwerdeführer ebenfalls zur Recht nicht bestritten w
ir
d (
Urk.
1). Damit erweist sich die Aufhebung der ganzen Rente mit dem ange
fochtenen Entscheid (
Urk.
2) per Ende des der Zustellung desselben folgenden Monats als rechtens. Diese Erwägungen führen zur Abweisung der Beschwerde.
6.
Laut Art. 69 Abs. 1
bis
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (I
VG
;
in der seit dem 1. Juli 2006 gültigen Fassung) ist abwei
chend von Art. 61
lit
. a ATSG das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kan
to
nalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Ver
fahrensaufwand unabhängig vom Streitwert im Rahmen
von
200-1000 Fran
ken festgelegt. Die Gerichtskosten sind auf Fr.
500
.-- festzusetzen und ausgangsgemäss dem Beschwerdeführer aufzuerlegen.