Decision ID: 9587002b-c0ea-4e3a-b975-396dff9dfb61
Year: 2012
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte schwere Körperverletzung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 2. Abteilung, vom 19. April 2011 (DG100565)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 19. Juli
2010 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 29).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der versuchten schweren Körperverletzung im
Sinne von Art. 122 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 30 Monaten Freiheitsstrafe, wovon
151 Tage durch Untersuchungshaft erstanden sind.
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird im Umfang von 24 Monaten aufgescho-
ben und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt. Im Übrigen (6 Monate, abzüg-
lich 151 Tage, die durch Untersuchungshaft erstanden sind) wird die Frei-
heitsstrafe vollzogen.
4. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 20. Januar 2010 beschlag-
nahmten und bei der Bezirksgerichtskasse unter der Sachkautions-Nr. ... la-
gernden zwei Rüstmesser werden eingezogen und der Lagerbehörde zur
Vernichtung überlassen.
5. Das bei der Stadtpolizei Zürich/Wissenschaftlicher Dienst unter der Asser-
vat-Nr. ... (Referenz-Nr. ...) lagernde weisse Hemd (mit V-Ausschnitt, Zier-
stickereien um den Ausschnitt) wird dem Beschuldigten nach Eintritt der
Rechtskraft auf erstes Verlangen herausgegeben. Wird der Gegenstand
nicht innert eines Jahres abgeholt, wird er vernichtet.
6. Das bei der Stadtpolizei Zürich/Wissenschaftlicher Dienst unter der Asser-
vat-Nr. ... (Referenz-Nr. ...) lagernde schlammfarbige T-Shirt sowie die unter
der Asservat-Nr. ... (Referenz-Nr. ...) lagernde blaue Jeanshose werden
dem Privatkläger nach Eintritt der Rechtskraft auf erstes Verlangen heraus-
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gegeben. Werden die Gegenstände nicht innert eines Jahres abgeholt, wer-
den diese vernichtet.
7. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger Schadenersatz im Be-
trag von Fr. 110.– (Taxifahrtkosten) zu bezahlen.
8. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger Fr. 1'000.– als Genug-
tuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren
abgewiesen.
9. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 6'000.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 1'046.40 Kosten Kantonspolizei
Fr. 17'400.40 Gebühr Anklagebehörde
Fr. Kanzleikosten
Fr. Auslagen Untersuchung
Fr. amtliche Verteidigung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
10. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 83, Urk. 69, sinngemäss)
1. Es seien die Ziffern 1, 2, 3, 7, 8, 9 und 10 des vorinstanzlichen Urteils-
dispositivs aufzuheben und der Beschuldigte vom Vorwurf der versuch-
ten schweren Körperverletzung freizusprechen.
2. Die selbständigen Berufung der Staatsanwaltschaft vom 18. August
2011 sei abzuweisen.
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b) Der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 82)
1. Es sei das Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 2. Abteilung, vom 19. April
2011 bezüglich des Schuldpunkts, des Zivilanspruchs, der Nebenfol-
gen des Urteils und den Kostenfolgen zu bestätigen.
2. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten, unter
Anrechnung der erstandenen Haft, zu bestrafen.
3. Diese Freiheitsstrafe sei im Umfang von 15 Monaten unter Ansetzung
einer Probezeit von 2 Jahren aufzuschieben. Im Übrigen (15 Monate)
sei die Freiheitsstrafe zu vollziehen.

Erwägungen:
I. Prozessuales
1.1. Das erstinstanzliche Urteil wurde dem Beschuldigten am 19. April 2011
mündlich eröffnet (Prot. I S. 11). Unmittelbar darauf wurde ihm das Dispositiv
übergeben.
1.2. Am 27. April 2011, und damit innert der gesetzlichen Frist, ging die Beru-
fungsanmeldung der Staatsanwaltschaft bei der Vorinstanz ein (Urk. 62, Art. 399
Abs. 1 StPO). Den Empfang des begründeten Urteils quittierte die Anklagebehör-
de am 4. August 2011 (Urk. 65/3). Fristgerecht reichte sie mit Datum vom 19. Au-
gust 2011 (Eingang an der II. Strafkammer des Obergerichts am 22. August 2011)
die Berufungserklärung ein (Urk. 67, Art. 399 Abs. 3 StPO). Darin stellte sie den
Antrag, die ausgefällte Freiheitsstrafe von 30 Monaten sei zur Hälfte unter Anset-
zung einer Probezeit von zwei Jahren aufzuschieben und im Übrigen zu vollzie-
hen. Die Vorinstanz hatte den Vollzug von lediglich 6 Monaten angeordnet.
1.3. Mit Eingabe vom 27. April 2011 (Poststempel) meldete auch der Beschuldigte
rechtzeitig selbständige Berufung an (Urk. 63). Das begründete Urteil nahm er am
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4. August 2011 entgegen (Urk. 65/2). Am 24. August 2011 gab er fristgerecht die
Berufungserklärung zur Post (Urk. 69). Er ficht die Dispositivziffern 1 bis 3 und 7
bis 10 an, mithin das gesamte Erkenntnis mit Ausnahme der Entscheide über die
Einziehung der Rüstmesser und der Herausgabe der beschlagnahmten Kleider.
1.4. Mittels Beschluss ist damit festzustellen, dass (einzig) die Ziffern 4 bis 6 des
bezirksgerichtlichen Urteils rechtskräftig sind.
1.5. Mit Präsidialverfügung vom 30. August 2011 wurde den Parteien unter ande-
rem Frist zur Anmeldung einer Anschlussberufung angesetzt (Urk. 72). Am
27. September, und damit rechtzeitig nach Erhalt der Verfügung (7. September
2011), machte der Privatkläger von diesem Recht Gebrauch (Urk. 73/1, Urk. 74,
Art. 400 Abs. 3 StPO). Er stellte Antrag, der Beschuldigte sei zur Zahlung einer
Genugtuung von 6'000 Franken zu verpflichten. Mit Eingabe vom 30. November
2011 zog der Privatkläger die Anschlussberufung zurück (Urk. 79). Davon ist mit-
tels Beschluss Vormerk zu nehmen.
2. Im Rückzugsschreiben nahm der Privatkläger Bezug auf eine mit dem Be-
schuldigten geschlossene Vereinbarung vom 3. und 16. November 2011 (Urk.
78).
2.1.1. Darin zog der Privatkläger seinen Strafantrag wegen Körperverletzung (Urk.
5) gegen B._ zurück und erklärte sein Desinteresse an einer Bestrafung des
Beschuldigten. Das Verfahren ist dennoch nicht im Sinne von Art. 33 StGB wegen
einer fehlenden Prozessvoraussetzung einzustellen, handelt es sich bei der Ge-
genstand der vorliegenden Anklage bildenden (versuchten) schweren Körperver-
letzung doch nicht um ein Antrags-, sondern um ein Offizialdelikt. Solche Strafta-
ten sind unabhängig vom Willen des Verletzten von Amtes wegen zu verfolgen.
2.1.2. Da das Strafverfahren bereits am Gericht hängig ist, fällt auch eine Verfah-
renseinstellung infolge Wiedergutmachung im Sinne von Art. 53 StGB ausser Be-
tracht (BGE 135 IV 27ff., mit Verweisen; vgl. ferner BGE 135 IV 26). Ob die Vo-
raussetzungen für eine Strafbefreiung gegeben sind, ist erst im Anschluss an ei-
nen allfälligen Schuldspruch zu beurteilen.
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2.2. In der erwähnten Vereinbarung verzichtete der Privatkläger sodann auf jegli-
che Zivilansprüche, insbesondere die ihm erstinstanzlich unter den Dispositivzif-
fern 7 und 8 zugesprochene Schadenersatz- und Genugtuungssumme (Urk. 78
und Urk. 80).
2.3. Nachdem A._ sich somit seither weder als Straf- noch als Zivilkläger am
Strafverfahren beteiligt, ist er im Folgenden nicht mehr als Privatkläger, sondern
als Geschädigter zu bezeichnen.
3. Anträge auf Beweisergänzung oder Nichteintreten auf die Anklage wurden von
keiner Seite gestellt (Urk. 74 und 75).
II. Schuldpunkt
1. B._ war Ende August 2009 Geschäftsführer der C._ Bar im .... In der
Anklageschrift wird ihm zur Last gelegt, er habe am 29. August 2009, um ca.
03.00 Uhr - nach einer kurzen tätlichen Auseinandersetzung mit A._ vor dem
Lokal - in der Bar zwei mit einer 10.5 cm langen Wellenschliff-Klinge versehene,
spitz zulaufende Rüstmesser behändigt, sei damit draussen A._ nachgegan-
gen und habe ihm mit einem der Messer wissentlich und willentlich eine 20 cm
lange und stellenweise das Unterhaut-Fettgewebe durchdringende Schnittwunde
auf der rechten (recte: linken) Halsseite zugefügt. Bei der Attacke habe er ge-
wusst, dass das Opfer eine schwere Verletzung (an Halsschlagader, grosser
Halsvene, grossen Nervenbahnen, Luftröhre oder Schilddrüsen) erleiden könnte,
und er habe dies in Kauf genommen. Tatsächlich sei die Verletzung aber nicht le-
bensgefährlich gewesen und habe auch nicht zu einem bleibenden Nachteil ge-
führt.
2. Die Vorinstanz hat in ihrem Urteil die Aussagen des Beschuldigten (Urk. 66
S. 9 bis 15), des Geschädigten (a.a.O. S. 16 bis 23) und der weiteren Zeugen
bzw. Auskunftspersonen (S. 23 bis 34) zusammengefasst, die weiteren Beweis-
mittel dargelegt (S. 34 bis 37) und den Sachverhalt im Ergebnis zutreffend gewür-
digt (S. 37 bis 46). Auf ihre Erwägungen kann verwiesen werden, soweit davon
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nachstehend nicht abgewichen wird. Teilweise ergänzend und präzisierend ist
Folgendes festzuhalten:
2.1. Bei der Würdigung der Aussagen der Befragten ist zu berücksichtigen, dass
sowohl der Beschuldigte als auch der Geschädigte ein Interesse daran haben
könnten, die Sachlage beschönigend zu ihren Gunsten darzustellen, um in den
einzelnen Phasen des Geschehens nicht als strafrechtlich verantwortliche Ag-
gressoren dazustehen. D._ und E._ pflegen sodann eine freundschaftli-
che Beziehung zum Geschädigten, während F._ Angestellter des Beschul-
digten und diesem nach eigener Aussage auch "kameradschaftlich verbunden"
ist. Alle drei könnten versucht gewesen sein, das Verhalten der ihnen näher ste-
henden Person für diese günstiger darzustellen. Mit beiden Parteien bekannt ist
G._; sie war im Tatzeitpunkt Stammkundin in der C._ Bar, kannte über
Kollegen aber auch den am selben Ort aufgewachsenen Geschädigten. Sie kann
als neutrale Zeugin betrachtet werden, ebenso wie H._, eine Kollegin von
G._, welche weder zum Beschuldigten, noch zum Geschädigten einen nähe-
ren Bezug hat. Dasselbe gilt für I._, der ebenfalls weder den Geschädigten
noch den Beschuldigten näher kannte. J._ schliesslich war zwar ehemals ein
Kollege des Geschädigten, nimmt diesem gegenüber in den Einvernahmen aber
eine ausgesprochen kritische Haltung ein. Den Beschuldigten kennt er nicht nä-
her.
Weiter ist im Auge zu behalten, dass - abgesehen von F._ - alle befragten
Personen unter (teils starkem) Alkoholeinfluss standen, was sich auf deren Kogni-
tionsfähigkeit ausgewirkt haben kann.
2.2.1. Fest steht, dass die C._ Bar am 29. August 2009 nach Mitternacht gut
besucht war und reichlich Alkohol konsumiert wurde, unter anderem vom damali-
gen Gast und späteren Geschädigten A._, der im Ereigniszeitpunkt einen
Blutalkoholgehalt von bis zu 2.12 Gewichtspromillen aufwies und daneben Epi-
lepsie-Medikamente eingenommen hatte (Urk. 20/6, Urk. 12/3 S. 8), sowie vom
Geschäftsführer und heutigen Beschuldigten B._, bei dem ein Blutalkohol-
wert von maximal 2.71 Gewichtspromillen ermittelt wurde (Urk. 19/6). B._
stand laut ärztlichem Bericht ausserdem unter starkem Cannabiseinfluss (a.a.O.).
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2.2.2. Aus den Aussagen der Befragten ergibt sich im Weiteren, dass kurz vor
drei Uhr der Gast I._ (evtl. nebst weiteren Personen) den Unmut des Be-
schuldigten wegen eines umgestossenen Ventilators auf sich zog und (evtl. ge-
meinsam mit weiteren Gästen) aus der Bar gewiesen wurde. Als B._ I._
nach draussen begleitete, stiess dieser wütend die Tür auf (I._ in Urk. 13/5
S. 4 und 6f., vgl. B._ in Urk. 11/6 S. 5, D._ in Urk. 13/12 S. 10, E._
in Urk. 13/31 S. 2). Kurz darauf ging I._ vor der Bar zu Boden. Unklar ist, ob
der Sturz I._s Folge eines gewollten Stosses des Beschuldigten war (was
dieser bestreitet, Urk. 11/1 S. 9f., Urk. 11/6 S. 5, Urk. 11/8 S. 1, Urk. 11/10 S. 1,
Urk. 56 S. 7, Urk. 81 S. 5) oder ob der als leichtgewichtig beschriebene Gast un-
absichtlich an der Tür von ihm geschubst worden war (was B._ für möglich
hält, Urk. 11/6 S. 5 und Urk. 56 S. 7) und begünstigt durch seinen alkoholisierten
Zustand und den Türabsatz stolpernd hinfiel. Zugunsten des Beschuldigten ist un-
ter diesen Umständen anzunehmen, dass er I._ nicht willentlich stiess.
Auszugehen ist aber auch davon, dass der Geschädigte A._, damals eben-
falls Gast in der Bar, (wenn auch fälschlicherweise) vermeinte, B._ habe
I._ mit Absicht zu Boden geworfen und sei nun im Begriff, ihn weiter zu mal-
trätieren (A._ in Urk. 12/1 S. 3, 4, 6 und 9 sowie Urk. 12/3 S. 3, 4, D._ in
Urk. 13/6 S. 3 und 13/12 S. 3f.). Diese Interpretation veranlasste A._, gegen-
über dem Beschuldigten zunächst verbal ausfällig zu werden (unter anderem sol-
len "rassistische" Äusserungen gefallen sein [G._ in Urk. 13/36 S. 2 und
13/41 S. 4]) und den Wirt dann mit physischer Gewalt ein- oder mehrmals zu Bo-
den zu bringen und dort weiter zu schlagen und möglicherweise zu treten (tw.
A._ in Urk. 12/1 S. 3, 5 und 6 sowie Urk. 12/3 S. 3ff.; D._ in Urk. 13/6 S.
3 und 13/12 S. 4 und 9, G._ in Urk. 13/36 S. 2 und 13/41 S. 4f., F._ in
HD 13/23 S. 2ff. und 12 sowie HD 13/27 S. 3ff., B._ in Urk. 11/1 S. 4 und 9ff.,
Urk. 11/3 S. 2f., Urk. 11/4 S. 3f., Urk. 11/6 S. 1, 2 und 4f., Urk. 56 S. 7 und 14 und
Urk. 81 S. 5 [der allerdings widersprüchlich angab, von zwei, drei, vier bzw. gar
fünf oder sechs Personen angegriffen worden zu sein], ferner H._ in Urk.
13/46 S. 3 und 13/49 S. 4 sowie E._ in Urk. 13/34 S. 5). Erst auf körperliche
Intervention Dritter hin liess A._ von B._ ab. Der Beschuldigte erlitt auf-
grund der Attacke(n) des Geschädigten allerdings lediglich geringfügige Blessu-
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ren (vor allem Schürfungen), woraus sich ergibt, dass die Krafteinwirkung
A._s nicht sehr gross gewesen sein kann (vgl. den ärztlichen Befund in Urk.
17/2 und 19/2 sowie die eigenen Angaben B._s in Urk. 11/1 S. 2f., 10 und
11, Urk. 11/3 S. 6, ferner die Feststellungen der Staatsanwältin in Urk. 11/3 S. 6
und die Fotoaufnahmen der Verletzungen des Beschuldigten in Urk. 9 S. 23ff.).
Auch K._, dessen Zeugeneinvernahme von der Verteidigung anlässlich der
Berufungsverhandlung eingereicht wurde, sprach zwar von einer fingerbeeren-
grossen Verletzung mit einer Blutkruste drauf, welche sich im Bereich des Schei-
tels befunden habe, konnte aber nichts zur Tiefe der Wunde sagen und führte
aus, dass die Wunde im Bericht vom IRM erwähnt werde (Urk. 84/30 S. 3ff.). Da-
rin war aber gerade eben von einer geringen, diskret schorfig belegten Schürfung
oben am Scheitel die Rede und damit von keiner ernsthaften Verletzung.
2.2.3. Unbestritten ist, dass sich B._ - der laut G._ in diesem Moment
verwirrt und verstört wirkte (Urk. 13/36 S. 2 und Urk. 13/41 S. 10) - nunmehr in die
Bar begab, dort zwei Rüstmesser behändigte und so bewaffnet das Lokal in Rich-
tung des Geschädigten verliess, der sich mittlerweile mit seinem Kollegen
D._ zum Z._ [Ort] begeben, mithin einige Meter vom Eingang der
C._ Bar entfernt hatte (A._ in Urk. 12/1 S. 3 und 6, F._ in HD 13/23
S. 3 und 6f., D._ in Urk. 13/6 S. 3, G._ in Urk. 13/41 S. 6f.).
Zu dieser Phase des Geschehens gab der Geschädigte an, der Beschuldigte sei
plötzlich "z' gumpe cho" (Urk. 12/1 S. 3, Urk. 12/3 S. 6f.). Irgendwie sei B._
auf ihn losgegangen; er vermöge sich nicht mehr zu erinnern, ob von vorne oder
von hinten (Urk. 12/1 S. 3 und 6). Ein Messer habe er nicht gesehen (Urk. 12/1 S.
3 und 6, Urk. 12/3 S. 7). Seine Kollegen seien dazwischen gegangen (Urk. 12/1
S. 3, Urk. 12/3 S. 7f.). Er habe hernach gar nicht realisiert, dass er verletzt gewe-
sen sei, bis ihn Kollegen darauf aufmerksam gemacht hätten (Urk. 12/1 S. 3, Urk.
12/3 S. 10). Alles sei sehr schnell gegangen, habe nur Sekunden gedauert.
F._ sagte bei der Polizei fünf Tage nach dem Vorfall aus, der Beschuldigte
habe auf ihn "sehr erregt" gewirkt, als er mit den Messern die Bar verlassen habe
(Urk. 13/23 S. 3). F._ habe sich gedacht: "Jetzt fangt dä au no a provoziere".
B._ sei schnellen Schrittes "auf diesen Kontrahenten losgegangen bzw. bes-
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ser gesagt zugegangen" und habe, nachdem er den Geschädigten zuerst ange-
flucht (und dabei so etwas wie "Arschloch" und "Verpiss dich" gesagt) habe, "mit
diesen Messern herumgefuchtelt" bzw. damit "irgendwelche komischen Bewe-
gungen gemacht" (Urk. 13/23 S. 3 und 7f., Urk. 13/27 S. 9 und 12). Es sei
F._ so vorgekommen, als habe der Beschuldigte mit Körpersprache ausdrü-
cken wollen: "Hey, komm, jetzt bin ich der Stärkere" (Urk. 13/23 S. 8). Das Ganze
sei in wenigen Sekunden abgelaufen. Eine Verletzung habe F._ nicht gese-
hen, aber Blut auf dem T-Shirt von B._ (S. 8f.). F._ glaube, dass der
Beschuldigte im Affekt gehandelt habe, denn hätte er wirklich etwas "Krasses"
machen wollen, hätte er viel gefährlichere Gegenstände nehmen können (Urk.
13/23 S. 7). Das Verhalten des Geschädigten in dieser Phase beschrieb F._
in der polizeilichen Befragung unterschiedlich. Während er zunächst noch angab,
der Kontrahent des Beschuldigten habe sich "nicht gross gewehrt", sondern sei
F._ "selber erschrocken" vorgekommen (Urk. 13/23 S. 3), führte er später
aus, A._ - der die Messer in der Hand des Beschuldigten wohl gar nicht be-
merkt habe - habe sich immer noch provokativ und aggressiv gezeigt und sich "zu
wehren" versucht (a.a.O. S. 8). Ein Kollege, eventuell sogar zwei Personen hätten
zu schlichten versucht (Urk. 13/23 S. 3 und 8).
In der Zeugeneinvernahme erklärte F._, B._ habe die Messer provokativ
in den Händen gehalten, sei "sehr aggressiv" gewesen und "sehr erregt" auf den
Geschädigten zugegangen (Urk. 13/27 S. 12, 14 und 17). Der Beschuldigte sei
"sauer" gewesen nach dem vorangegangenen wiederholten Angriff des Kontra-
henten (Urk. 13/27 S. 17). Er habe Drohgebärden mit den Messern gemacht im
Sinne von "Fahr ab" bzw. "Du muesch nid meine, chönnsch mich no einisch aag-
riife" (Urk. 13/27 S. 13 und 17). Dabei habe er mit den Messern Bewegungen
nach vorne oben in Richtung des Kontrahenten gemacht (Urk. 13/27 S. 13). Dies
(wohl) auf Brusthöhe, doch könne F._ das nicht mehr ganz genau sagen.
Der Geschädigte, der offenbar die Messer nicht gesehen habe, sei aufgrund der
Drohgebärden mit erhobenen Fäusten auf B._ losgegangen und habe ver-
sucht, auf diesen einzuschlagen, wobei er den Beschuldigten nicht mehr getroffen
habe, zumal "die Freundin" A._s (gemeint offenbar: G._) noch dazwi-
schen gestanden sei (Urk. 13/27 S. 9ff.). Diese habe schlichten wollen und, in
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Richtung B._ schauend, einerseits mit aller Kraft versucht, den Geschädigten
mit ihrem Körper von B._ wegzustossen, wobei sich A._ nur widerwillig
gefügt und wegstossen lassen habe, andererseits aber auch probiert, B._ zu-
rückzuhalten (Urk. 13/27 S. 12). Bei der "Abwehr" des Beschuldigten sei es dann
zur Verletzung des Geschädigten gekommen (S. 9). F._ habe "nicht im Detail
gesehen", was B._ gemacht habe, insbesondere den Schnitt nicht gesehen,
da er manchmal auf einer Linie mit dem Beschuldigten und dem Geschädigten
gestanden habe und von der Situation überfordert gewesen sei (S. 13). Das Gan-
ze sei in wenigen Sekunden abgelaufen. Anschliessend habe sich die Situation
plötzlich beruhigt und der Beschuldigte sei verstört in die Bar zurückgegangen,
während der Geschädigte weggegangen sei (Urk. 13/23 S. 9 und 14).
G._ beschrieb den Beschuldigten als wütend, sehr aufgebracht, ausser sich,
spürbar aggressiv gegen den Geschädigten (Urk. 13/36 S. 3 und 4, Urk. 13/41 S.
7). Sie habe die Bewaffnung des Beschuldigten erkannt und - offensichtlich in der
Erwartung, dass B._ gegenüber A._ umgehend tätlich werden würde -
dem Geschädigten, als der Beschuldigte auf dem Weg zu ihm war, zugerufen, er
solle weggehen (Urk. 13/36 S. 3 und Urk. 13/41 S. 7; vgl. auch ). Gleichzeitig ha-
be sie versucht, den Beschuldigten, mit ihm bzw. vor ihm her gehend, auf dem
Weg zu A._ zu beruhigen (Urk. 13/36 S. 3 und Urk. 13/41 S. 7f.). Alles sei
sehr schnell gegangen. Von der zentralen Tathandlung, dem Schnitt in den Hals
A._s, will auch sie nichts mitbekommen haben (Urk. 13/36 S. 3, Urk. 13/41 S.
8 und 9). Sie wisse nicht, wie sich der Beschuldigte und der Geschädigte in die-
sem Moment verhalten hätten (Urk. 13/41 S. 8). Sie nehme an, sie sei damals, in
Richtung B._s schauend, zwischen dem Beschuldigten und dem Geschädig-
ten gestanden, wobei zwischen den beiden etwa eine Armlänge Abstand gewe-
sen sein müsse; als der Beschuldigte nach einigen Sekunden wieder zur Bar zu-
rückgegangen sei, habe sie sich umgedreht und gesehen, dass A._ am Hals
geblutet habe, und sie habe Bluttropfen an ihrem linken Oberarm festgestellt (Urk.
13/36 S. 3 Urk. 13/41 S. 8 und 10). Ob zwischen dem Beschuldigten und dem
Geschädigten noch etwas gesprochen wurde, als sie zwischen ihnen stand, konn-
te sie nicht angeben (Urk. 13/36 S. 4 und Urk. 13/41 S. 8), und sie war sich auch
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nicht im Klaren darüber, ob sonst jemand im engsten zeitlichen Umfeld der Tat
beim Geschädigten stand (Urk. 13/41 S. 7).
D._ sagte aus, B._ habe, als er zum Geschädigten und zu ihm gestos-
sen sei, kurz provozierend und beleidigend auf sie eingeredet (Urk. 13/6 S. 3 und
13/12 S. 5 und 8). Sie hätten den Beschuldigten aber stehen lassen (bzw. dieser
sei weggegangen) und ihren Weg in Richtung ... unter den Arkaden des Ge-
schäfts "L._" fortgesetzt. Der Geschädigte, der "einfach Rot" gesehen habe,
sei dann aber unvermittelt wieder stehen geblieben und habe zurück gehen wol-
len (Urk. 13/6 S. 3 und 13/12 S. 10), worauf D._ auf A._ (beruhigend)
eingeredet habe (Urk. 13/12 S. 5, 6 und 7). Plötzlich sei dann der Beschuldigte
zwischen D._ und den Geschädigten getreten - weshalb D._ die Sicht
verdeckt gewesen sei - und auf diesen losgegangen (Urk. 13/6 S. 3 und 13/12 S.
5f.). Der Geschädigte habe sich "irgendwie" dagegen gewehrt (Urk. 13/12 S. 5
und 7f.). Es habe "eine Art Gerangel" gegeben (Urk. 13/12 S. 6f.), doch habe
D._ das nicht genau mitbekommen. Erst nach dem Angriff, der sehr schnell
gegangen sei, habe D._ erkannt, dass B._, der in zwei Metern Entfer-
nung noch kurz stehen geblieben sei, in beiden Händen ein Messer gehalten ha-
be, und dass A._ nunmehr eine blutende Schnittwunde am Hals gehabt habe
(Urk. 13/6 S. 3f. und 13/12 S. 5ff.). Er sei sich absolut sicher, dass der Geschädig-
te vorher nicht verletzt gewesen sei (Urk. 13/6 S. 4, Urk. 13/12 S. 7f.).
Der Beschuldigte erklärte in der ersten, wenige Stunden nach dem Vorfall erfolg-
ten polizeilichen Befragung, er wisse nur noch, dass er von fünf Personen ange-
griffen worden sei. Es sei jedoch möglich, dass er dem Geschädigten mit etwas,
das er in den Händen gehabt habe (möglicherweise einem Messer), eine Schnitt-
verletzung am Hals beigebracht habe; das habe er "auch immer gesagt der Poli-
zei vor Ort" gesagt (Urk. 11/1 S. 4f., 6 und 11). Nachdem er traktiert worden sei,
sei er "halt möglicherweise ausgerastet" (Urk. 11/1 S. 4). Wenn gesagt werde,
dass er bei der Konfrontation mit dem Geschädigten zwei Messer mit etwa 10 bis
12 cm Klingenlänge in den Händen gehalten habe, dann könnten das seine
Obstmesser aus der Bar gewesen sein; anders könne er sich das auch nicht er-
klären (Urk. 11/1 S. 6). Es könne durchaus sein, dass er einmal in die Bar zurück-
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gegangen sei und dort die Messer in der Bar "wahrscheinlich unbewusst" oder
auch bewusst (es sei ihm einfach zu viel geworden) in die Hand genommen und
dann vor der Bar bzw. beim Verkaufsgeschäft L._ zur Verteidigung bei sich
getragen habe, als er die Leute habe wegschicken wollen (Urk. 11/1 S. 6 und 7).
In der staatsanwaltschaftlichen Befragung vom Folgetag gab der Beschuldigte
abermals an, sich nicht an die Ereignisse nach dem Angriff, der ihn zu Boden ge-
bracht habe, erinnern zu können (Urk. 11/3 S. 3). Er wisse nicht, wie es zur
Schnittverletzung am Hals des Geschädigten gekommen sei. Wenn Zeugen dies
aussagten, sei es aber möglich, dass er aus Angst überreagiert und den Geschä-
digten mit einem Messer verletzt habe (Urk. 11/3 S. 4f.). Analog äusserte er sich
in einer weiteren polizeilichen Einvernahme (Urk. 11/4 S. 2ff.). In der Stellung-
nahme zu den Befragungen des Geschädigten und des Zeugen D._ führte
der Beschuldigte dann erstmals aus, er erinnere sich, nach der Prügelei, die eine
panische Angst in ihm hervorgerufen habe, in die Bar gegangen zu sein und an-
schliessend mit den beiden Messern in der Hand oder den Händen "wie fernge-
steuert" in Richtung Z._, zum Verkaufsgeschäft L._, gegangen zu sein,
wo der Geschädigte in einer Gruppe gestanden sei, zu der D._ und noch
zwei weitere Personen, wohl ein Mann und eine Frau, gehört hätten (Urk. 11/6 S.
2ff.). Jemand habe sich dann, als er vor dem Geschädigten gestanden habe, zwi-
schen ihn und A._ gestellt (Urk. 11/6 S. 2f.). Was sich daraufhin abgespielt
habe, wisse er nicht (Urk. 11/6 S. 3). Er wisse insbesondere nicht, ob ihn der Ge-
schädigte angegriffen habe und ob er selbst mit den Messern herumgefuchtelt
und allenfalls A._ angegriffen habe (Urk. 11/6 S. 3f.). Wenn er der Einzige
mit Messern gewesen sei, müsse aber wohl "etwas abgegangen" sein (Urk. 11/6
S. 4). Es sei alles sehr schnell gegangen (Urk. 11/6 S. 4). Eine Erinnerung habe
er nur daran, dass er schliesslich wieder in die Bar zurückgegangen sei (Urk. 11/6
S. 2 und 3). In der Befragung vom 20. November 2009 bestätigte der Beschuldig-
te die soeben zitierten Aussagen als richtig (Urk. 11/9 S. 1f.). Er wisse aber immer
noch nicht, was er mit den Messern gemacht habe, als er dem Geschädigten ge-
genübergestanden habe. Am 7. Januar 2010 gab der Beschuldigte sodann eine
schriftliche Erklärung ab, wonach er die Aussagen der Zeugen als richtig ansehe
und anerkenne, soweit er dies aus seiner Erinnerung beurteilen könne (Urk.
- 14 -
11/11). In der Schlusseinvernahme (wie auch in der Hauptverhandlung) bestätigte
er, die Zeugenaussagen, zu denen er nicht anderweitig Stellung genommen habe,
zu anerkennen (Urk. 11/12 S. 2 und Urk. 56 S. 15). Den Sachverhalts-
Schlussvorhalt bestritt er vor der Staatsanwältin unkommentiert, und auch die
rechtliche Würdigung als versuchte schwere Körperverletzung im Sinne von Art.
122 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB anerkannte er nicht (Urk. 11/12
S. 5). Vor Vorinstanz zeigte sich der Beschuldigte ebenfalls nicht geständig, den
Geschädigten verletzt zu haben (Urk. 56 S. 6). Wohl habe er, nachdem er zu Bo-
den gebracht worden sei und Angst gehabt habe, dass "es nicht mehr aufhört",
die Messer in der Bar geholt (a.a.O. S. 6ff.). Es treffe auch zu, dass er dann wie
anderen Befragten beschrieben aufgebracht, wütend, sehr erregt, ausser sich,
aber auch verwirrt und verstört gewesen sei. Mit den beiden Messern sei er zu
den Personen beim L._-Geschäft, bei denen auch der Geschädigte gestan-
den habe, gegangen; warum, wisse er nicht (Urk. 56 S. 9). Was anschliessend
passiert sei, wisse er ebenfalls nicht (a.a.O. S. 6 und 9). Es sei möglich, dass der
Beschuldigte den Geschädigten angeflucht habe (S. 10). Er glaube ferner,
A._ sei dort noch einmal auf ihn los gegangen, doch möchte er sich nicht
festlegen (S. 9 und 11). Ausserdem glaube er, dass eine Frau zwischen ihm und
A._ gestanden habe. Wie es dazu gekommen sei, dass der Geschädigte ge-
schnitten worden sei, wisse er nach wie vor nicht (S. 10ff.). Anlässlich der Beru-
fungsverhandlung bestritt er, dass er jemanden habe verletzen wollen (Urk. 81 S.
7).
2.2.4. Was das Geschehen unmittelbar nach der Tat betrifft, so gab F._ zu
Protokoll, man habe dem Beschuldigten, als er wieder in der Bar gewesen sei,
angesehen, dass er gewusst habe, dass er "Scheisse" gebaut habe (Urk. 13/23
S. 9). Auch alle diejenigen, die "es" mitbekommen hätten, hätten gewusst, dass er
Mist gebaut habe (Urk. 13/27 S. 14).
G._ sagte aus, sie habe nach dem Vorfall einige Minuten mit dem Beschul-
digten gesprochen, der einen verstörten bzw. verwirrten Eindruck auf sie gemacht
und gesagt habe, dass es ihm Leid tue; er habe sich wiederholt entschuldigt und
mehrmals erklärt: "Du weisch, ich mach so öpis nid, ich bin nid so" (Urk. 13/36 S.
- 15 -
3, 4 und 5, Urk. 13/41 S. 9 und 11). Sie glaube, dass der Beschuldigte, als "es"
passiert sei, nichts gehört und nichts realisiert habe.
Der Beschuldigte bestätigte in der Untersuchung wie vor Vorinstanz, mit einer
Frau gesprochen zu haben, wobei er so etwas wie "du weisst, dass ich sonst nicht
so bin" gesagt habe und sich mehrfach entschuldigt habe (Urk. 11/6 S. 2 und 4,
Urk. 56 S. 12). Er sei denn auch "normalerweise" ein freundlicher Mensch und in
keiner Weise aggressiv.
2.3. In Würdigung dieser Aussagen und der weiteren Beweismittel ist zusammen-
fassend von folgendem Sachverhalt auszugehen:
Der Beschuldigte stiess den weggewiesenen Gast I._ beim Hinausbegleiten
aus dem Lokal unabsichtlich, worauf I._ vor der Bar hinfiel. Der Geschädigte
glaubte, B._ habe I._ bewusst und gewollt zu Boden geworfen und wolle
ihn dort weiter malträtieren. Er intervenierte, indem er B._ nicht nur wegzog,
sondern beleidigend beschimpfte und derart zu Boden brachte sowie schlug und
allenfalls auch trat, dass der Wirt leichte Verletzungen erlitt. Dabei war A._
so in Rage, dass er nicht von sich aus vom Beschuldigten abliess, sondern von
Dritten von ihm getrennt werden musste. Dass A._ zumindest damals zu ag-
gressiven Überreaktionen neigte, wenn er alkoholisiert war und vermeinte, eine
Person werde schlecht behandelt, geht im Übrigen auch aus verschiedenen Aus-
sagen seiner Kollegen hervor. Diese rügten ihn denn auch für das völlig unver-
hältnismässige Vorgehen gegenüber B._. Dass sich A._ bei seiner Atta-
cke gegen den Beschuldigten in einer Weise verhielt, die diesem grosse Angst
einflösste - wie B._ geltend macht (Urk. 11/3 S. 2, 11/4 S. 9, 11/6 S. 2) -, ist
nach dem Gesagten glaubhaft. Die von der Verteidigung an der Berufungsver-
handlung eingereichte Einstellungsverfügung betreffend A._ beschlägt so-
dann ebenfalls auch die Phase, bevor der Beschuldigte wieder zurück in die Bar
ging (Urk. 84/2; Urk. 83 S. 13 i.V.m. Prot. II S. 8). Für diese Phase trifft den Be-
schuldigten kein Vorwurf, es besteht aber, entgegen der Auffassung der Verteidi-
gung (Urk. 83 S. 9f. und S. 13f.), eine Zäsur mit Bezug auf die zweite Phase.
- 16 -
Als der Beschuldigte wieder in der Bar war, war der Angriff A._s nämlich be-
endet. A._ und dessen Kollegen hatten sich entfernt. B._ befand sich -
entgegen der Auffassung des Verteidigers (Urk. 83 S. 3 i.V.m. Prot. II S. 5f.) - in
Sicherheit. Selbst wenn man davon ausginge, er habe befürchtet, A._ könnte
zurückkehren, hätte er dem mittels Abschliessen der Bar oder durch Inanspruch-
nahme von Hilfe der allenfalls noch im Lokal befindlichen Personen (die Angaben
der Befragten hierzu sind widersprüchlich) begegnen können. Er hätte auch Ge-
legenheit gehabt, die Polizei herbeizurufen, was er offenbar gegenüber G._
auch in Aussicht gestellt hatte. Dass er aus blosser Angst die beiden Küchen-
messer ergriff und in Richtung des Geschädigten eilte, ist unter diesen Umstän-
den nicht glaubhaft.
Vielmehr ist davon auszugehen, dass in der Bar B._s Wut und Empörung
über die ungerechtfertigte und herabsetzende verbale und tätliche Attacke
A._s Oberhand gewannen und er sich entschloss, sich durch provokatives
Imponiergehabe mit gefährlichem Werkzeug für die Erniedrigung zu rächen. Zu
diesem Zweck suchte er recht eigentlich die erneute Konfrontation mit A._.
Dem B._ offensichtlich wohlgesinnten und ihn daher sicherlich nicht fälschli-
cherweise belastenden Mitarbeiter F._ fiel denn auch auf, dass sich der be-
waffnete Beschuldigte keineswegs verängstigt, sondern "sauer" über das Vorge-
fallene, sehr aggressiv und - Entschlossenheit demonstrierenden - schnellen
Schrittes dem bereits am Z._ stehenden Geschädigten näherte und dann vor
diesem - allenfalls nach Ausstossen von Fluchwörtern - in Brusthöhe und nach
vorne und oben gerichtet mit den Messern herumfuchtelte. Bezeichnend sind
auch die Vorbringen F._', er habe sich gedacht, jetzt müsse der Beschuldigte
auch noch provozieren und B._ sei auf A._ "losgegangen" (wenn er letz-
tere Bemerkung auch gleich wieder durch "auf ihn zugegangen" relativierte). Auch
die neutrale, wenn nicht sogar eher dem Beschuldigten zugewandte Stammkun-
din G._ nahm B._ als wütenden Aggressor wahr und rechnete sogar mit
einem tätlichen Angriff: Nicht nur versuchte sie - offensichtlich in der Angst,
B._ könnte A._ mit den Messer etwas antun - den Geschädigten durch
Zuruf zur Flucht zu bewegen; sie lief auch (erfolglos) vor ihm her und tat alles, um
- 17 -
ihn zu beruhigen. Auch die Aussagen der übrigen Tatzeugen führen zu keinem
anderen Schluss.
Als erstellt zu betrachten ist sodann aufgrund der gesamten Aussagen, dass der
Geschädigte weder den warnenden Zuruf G._s wahrnahm, noch realisierte,
dass der Beschuldigte mit Messern ausgerüstet auf ihn zukam. Davon ging auch
F._ aus und ebenso A._s Kollege D._, der wie der Geschädigte
vom Auftauchen des Beschuldigten und dem sekundenschnellen Geschehensab-
lauf überrascht wurde und glaubhaft bekundete, die Bewaffnung B._s erst
bei dessen Weggehen erkannt zu haben.
Im Weiteren besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass der Beschuldigte dem
Geschädigten den in der Anklageschrift beschriebenen Schnitt am Hals zufügte,
auch wenn keine der am Tatort anwesenden Personen dies direkt wahrgenom-
men hat. Schon der Umstand, dass mehrere Personen die Verletzung am Hals
des Geschädigten unmittelbar nach dessen Konfrontation mit dem - mit Messern
herumfuchtelnden - Beschuldigten am Z._ feststellten (insb. D._ in Urk.
13/6 S. 4 und 13/12 S. 5ff und G._ in Urk. 13/36 S. 3 und Urk. 13/41 S. 8f.,
die eindrücklich erklärte, bemerkt zu haben, dass ihr Blut auf den Arm tropfte), ist
ein starkes Indiz dafür, dass der Beschuldigte ihm den Schnitt beibrachte, wie üb-
rigens auch B._ selbst einräumte. Dies zumal von niemandem jemals be-
hauptet wurde, es sei im interessierenden Zeitraum eine weitere Person mit ei-
nem einsatzbereiten Schneidewerkzeug in der Nähe des Geschädigten gesichtet
worden. Zudem wurden an der Klinge eines der Messer, die der Beschuldigte zu-
gegebenermassen vor dem Geschädigten schwang, vom Institut für Rechtsmedi-
zin der Universität Zürich (IRM) DNA-Spuren festgestellt, die mit bereits an Si-
cherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von A._ stammen (Urk. 14/6). Als-
dann fanden sich laut IRM am rechten Schulter-/Brustbereich des vom Beschul-
digten getragenen Hemdes, mithin auf der der linksseitigen Schnittverletzung des
Geschädigten zugewandte Seite, Blutflecken, die mit milliardenfach höherer
Wahrscheinlichkeit mit der DNA des Geschädigten als mit derjenigen einer ande-
ren Person übereinstimmen. Erinnert sei schliesslich daran, dass der Beschuldig-
te nach Aussagen von D._ und F._ nach der Tat einen schuldbewuss-
- 18 -
ten Eindruck machte und sich im Gespräch mit G._ entschuldigte sowie - wie
er selbst einräumte - erklärte, sie wisse, dass er sonst nicht so sei.
Offen bleiben kann, ob der Geschädigte sich am Z._ gegenüber dem auf ihn
zustürmenden und vor ihm fuchtelnden Beschuldigten passiv blieb oder die Fäus-
te erhob und ihn schlagen wollte. Denn auch im letztgenannten Fall befand sich
A._ dabei in einer Situation, die nicht als Angriff, sondern als Verteidigung zu
betrachten ist. Näher wird darauf im Rahmen der rechtlichen Würdigung einzuge-
hen sein.
3. Die Vorinstanz ist mit im Wesentlichen zutreffender Begründung zum Schluss
gelangt, dass sich der Beschuldigte der eventualvorsätzlich versuchten schweren
Körperverletzung im Sinne von Art. 122 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB
schuldig gemacht hat und sich nicht in einer Notwehrsituation befand. Auf die Er-
wägungen der Bezirksrichter kann vorab verwiesen werden (Urk. 66 S. 46 bis 53).
Zurückzukommen ist nur auf wenige Punkte.
Der Beschuldigte verursachte mit seinem Schnitt keine schwere Körperverletzung
beim Geschädigten, wie aus dem ambulanten Bericht und dem ärztlichen Befund
des ...-Spitals (Urk. 18/1 und 18/3) erhellt. Aus dem Aktengutachten des Instituts
für Rechtsmedizin (Urk. 15/3) ergibt sich jedoch mit aller Deutlichkeit, dass das
Vorgehen des Beschuldigten mit dem verwendeten Messer bei nur leicht anders
verlaufenem Schnitt Folgen nach sich gezogen hätte, die zu lebensbedrohlichen
Verletzungen oder gar zum Tod des Geschädigten hätten führen können.
Dass der Beschuldigte über die Gefährlichkeit solchen Tuns im Bilde war, hat er
mehrmals im Verlaufe des Verfahrens zugegeben (Urk. 11/3 S. 5, Urk. 56 S. 12f.).
Wer wie B._ mit einem Rüstmesser wie dem vorliegenden in unmittelbarer
Nähe des Gegners auf Brusthöhe nach vorne und oben herumfuchtelt, - wie, ent-
gegen der Auffassung der Verteidigung (Urk. 83 S. 12), gemäss vorstehenden
Ausführungen als erstellt erachtet werden kann - und dies in einer Situation, in der
er damit rechnen muss, dass sich der Kontrahent - sei es, weil er erschrickt, sei
es, weil er sich wehrt - in nicht vorhersehbarer Weise bewegt, der verletzt nicht
- 19 -
nur bewusst fahrlässig eine Sorgfaltspflicht, sondern nimmt in Kauf, dass er das
Opfer mit einem Schnitt am Hals verletzt, der lebensgefährliche Folgen hat.
B._ kann angesichts der gesamten Verhältnisse - insbesondere auch der er-
lebten Unberechenbarkeit des Geschädigten - nicht darauf vertraut haben, dass
ein solcher Erfolg nicht eintreten würde, sondern sah ihn so nahe vor sich, dass er
ihn hingenommen haben muss, wenn er ihm auch nicht geradezu erwünscht war.
Daran ändert auch die von der Verteidigung erstellte Fotorekonstruktion
(Urk. 84/1) nichts. Diese hat nicht mehr Stellenwert als eine Parteibehauptung.
Selbst wenn man davon ausgehen würde, dass die Positionen der damals Anwe-
senden auf den Fotos den damaligen Positionen entsprechen, lässt sich dadurch
ein Eventualvorsatz nicht ausschliessen. Die Rekonstruktionsbilder zeigen sogar,
dass der Beschuldigte den ganzen Arm strecken musste, um den Geschädigten
zu erreichen (Urk. 84/1 Phase 3), was auf ein zielgerichtetes Handeln des Be-
schuldigten hindeutet.
Im vom Verteidiger zitierten BGE 6B_344/2011 vom 16. September 2011 rügte
das Bundesgericht das Appellationsgericht, weil es nicht von einer fährlässig zu-
gefügten Verletzung ausgegangen war, da diese sogar selber auch eine unbeab-
sichtigt zugefügte Verletzung für möglich hielt und schliesslich nicht die für den
Beschuldigten günstigere Tatvariante annahm. Eine solche Konstellation liegt hier
jedoch nicht vor, weshalb der genannte BGE keine Anwendung für die Entscheid-
findung haben kann.
Der Beschuldigte befand sich sodann im Verletzungszeitpunkt nicht in einer Not-
wehrsituation im Sinne von Art. 15 StGB und vermeinte dies auch nicht. Wohl
verspürte er während der vorangegangenen körperlichen Attacke A._s gros-
se Angst. Er zog sich danach aber in seine Bar zurück und befand sich dort, wie
bereits bei der Sachverhaltswürdigung näher dargelegt, in Sicherheit (oben Ziff.
II.2.3) bzw. - wie es die Vorinstanz treffend umschrieb - "im sicheren Hort" (Urk.
66 S. 15 und 53), und das war ihm fraglos bewusst. Als er wütend über das ihm
Widerfahrene bewaffnet das Restaurant verliess, schnellen Schrittes zum Ge-
schädigten eilte und diesem allenfalls nach kurzer verbaler Auseinandersetzung
innert Sekunden mit dem Messer fuchtelnd den Halsschnitt beibrachte, war weder
- 20 -
ein Angriff gegen B._ im Gang, noch war er unmittelbar von einem solchen
bedroht. Dabei spielt keine Rolle, ob sich der Geschädigte, der nicht erkannte,
dass der Beschuldigte nicht mit blossen Händen, sondern mit Messern in der
Hand agierte, passiv blieb oder sich mit erhobenen Fäusten - und allenfalls einen
Schritt auf B._ zumachend - wehrte, wobei es ein Gerangel gab. A._,
nicht der Beschuldigte, befand sich in diesem Zeitpunkt in einer Notwehrlage. Die
vorliegende Situation ist mit somit mit derjenigen in BGE 136 IV 49ff. überhaupt
nicht vergleichbar, weshalb sich die Verteidigung vergeblich zur Entlastung des
Beschuldigten darauf beruft (Urk. 83 S. 15ff.).
Nachdem überdies in Anbetracht des psychiatrischen Gutachtens nicht davon die
Rede sein kann, der Beschuldigte sei aufgrund seiner Alkoholisierung oder aus
anderen Gründen schuldunfähig gewesen, ist B._ anklagegemäss und in
Übereinstimmung mit dem Erkenntnis der ersten Instanz der eventualvorsätzlich
versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
III. Strafzumessung
1. Die Erwägungen der Vorinstanz zum Strafrahmen und zu den Grundsätzen der
Verschuldensbemessung (Urk. 66 S. 53 bis 55, Erw. V.1 bis V.4) treffen zu und
brauchen an dieser Stelle nicht wiederholt zu werden.
Was die objektive Tatschwere betrifft, so ist zu berücksichtigen, dass der Ge-
schädigte nicht lebensgefährlich verletzt wurde. Die Wunde konnte genäht wer-
den, uns es verblieb lediglich eine Narbe am Hals (Urk. 18/1 und 18/4). Auch oh-
ne ärztliche Versorgung hätte zu keinem Zeitpunkt eine Lebensgefahr bestanden
(Urk. 18/4 S. 2). Es liegt daher einzig ein vollendeter Versuch vor. Bei einer sol-
chen Konstellation ist für die Bemessung des objektiven Verschuldens die Nähe
des Erfolgs von Bedeutung (BGE 121 IV 49ff.). Im vorliegenden Fall war - wie sich
nicht zuletzt aus dem Gutachten des IRM ergibt (Urk. 15/3, vgl. auch Urk. 18/4 S.
3) - das Risiko des Eintretens einer lebensgefährlichen Verletzung hoch. Der wü-
tende Beschuldigte vermochte beim wilden Herumfuchteln mit den Messern auf
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Brusthöhe nach vorn und oben Ort und Tiefe eines den Geschädigten treffenden
Schnittes nicht zu kontrollieren. Schon ein leicht verlagerter und etwas tieferer
Schnitt mit dem verwendeten Messer hätte lebenswichtige Strukturen der Halsre-
gion (Halsschlagadern, grosse Halsvenen, Körperfunktionen regulierende Ner-
venstränge, Luftröhre) mit verheerenden Folgen verletzen können. Mit der Vo-
rinstanz ist das Verschulden in objektiver Hinsicht daher als erheblich zu werten.
Subjektiv wiegt das Verschulden des Beschuldigten dagegen gesamthaft betrach-
tet - entgegen der Auffassung der Vorinstanz (Urk. 66 S. 56), welche bei dieser
Einschätzung allerdings die verminderte Schuldfähigkeit noch nicht berücksichtigt
hatte - unter Berücksichtigung sämtlicher Umstände noch verhältnismässig leicht.
Der Beschuldigte handelte nicht mit direktem Vorsatz. Sein Vorgehen war nicht
darauf gerichtet, den Geschädigten zu verletzen. Er nahm dies aber immerhin in
Kauf.
Wie bereits dargelegt ist sodann nicht von einer Notwehrsituation im Sinne von
Art. 15 StGB auszugehen, und es kann dementsprechend auch kein Notwehrex-
zess gemäss Art. 16 StGB vorliegen. Der Angriff A._s war abgeschlossen,
als B._ die Messer vor ihm schwang. Der Beschuldigte hatte sich in der Bar
in Sicherheit bringen können. Es bestand kein vernünftiger Anlass, diese zur Ver-
teidigung bewaffnet zu verlassen und den Geschädigten wie geschehen anzuge-
hen.
Vielmehr handelte der Beschuldigte in dieser massgeblichen Phase des Vorfalls
in "blinder" Wut (vgl. auch Urk. 11/6 S. 2: "Ich war wie ferngesteuert" oder Urk. 56
S. 13: "Ich war wie in einem Tunnel"), ausser sich ob der vom Geschädigten zu
Unrecht ausgestossenen Reizungen und Kränkungen, vor allem aber ob dem o-
der den aus Sicht B._s in keiner Weise verständlichen und gerechtfertigten,
überraschenden, erniedrigenden, ängstigenden und wohl auch schmerzhaften -
wenn auch nicht überaus intensiven - körperlichen Angriff(en), bei denen er zu
Boden ging und dort weiter geschlagen wurde. Der Beschuldigte wollte jetzt mit
Imponiergehabe dem Geschädigten zeigen, dass er der Stärkere sei und sich so
- 22 -
für die erlittene Demütigung revanchieren bzw. die verletzte Ehre wiederherstel-
len.
Dass die verbale und handgreifliche Provokation des Geschädigten den sonst all-
seits als friedliebend beschriebenen Beschuldigten zutiefst aufgewühlt und zu ei-
ner spontanen Fehlreaktion hingerissen haben, ist allerdings bis zu einem gewis-
sen Grad menschlich begreiflich und einfühlbar. Seine heftige Gemütsbewegung -
nicht aber die Tat als solche - ist in diesem Sinne entschuldbar. Mit der Vorinstanz
ist ihm daher in Anwendung von Art. 48 lit. c StGB eine leichte Strafminderung
zuzubilligen.
Wie aus dem überzeugenden psychiatrischen Gutachten von PD Dr. med.
M._ (Urk. 16/9) hervorgeht, litt der Beschuldigte im Tatzeitpunkt weder unter
einer Sucht-, noch unter einer depressiven oder gar psychotischen Erkrankung.
Hingegen bestand eine Störung des Bewusstseins, die diagnostisch als Alkoholin-
toxikation einzuordnen ist und zwar nicht zu einer Herabsetzung der Einsichtsfä-
higkeit in das Unrecht seiner Tat führte, jedoch die Kompetenz, sein Handeln ge-
mäss dieser Einsicht zu steuern im Sinne einer mittelgradigen Verminderung der
Schuldfähigkeit einschränkte. Das mindert das Verschulden des Beschuldigten
erheblich.
Die Tatsache, dass lediglich ein vollendeter Versuch vorliegt, wurde bereits im
Rahmen der Bemessung des objektiven Tatverschuldens berücksichtigt und führt
daher zu keiner weiteren Strafreduktion.
Nach dem Gesagten ist das Verschulden - bezogen auf den Tatbestand von Art.
122 Abs. 1 StGB - noch als eher leicht zu qualifizieren und erweist sich eine Ein-
satzstrafe von 33 Monaten Freiheitsstrafe als angemessen.
Bezüglich der Täterkomponente kann auf die Erwägungen der Vorinstanz unter
Ziffer V.7 des bezirksgerichtlichen Urteils (Urk. 66 S. 57 bis 59) verwiesen wer-
den. Etwas Straferhöhendes oder -senkendes ergibt sich aus dem Vorleben und
den persönlichen Verhältnissen des vorstrafenlosen Beschuldigten nicht.
- 23 -
Zum Nachtatverhalten ist festzuhalten, dass B._ von Anfang an nicht katego-
risch bestritt, der Täter zu sein; er hat vielmehr schon in der ersten Befragung
nicht ausgeschlossen, den Geschädigten verletzt zu haben. Mit zunehmendem
Fortgang des Verfahrens gab er sodann mehr Details bekannt, wobei entgegen
der Auffassung der Vorinstanz nicht als erstellt betrachtet werden kann, dass die-
se Zugaben lediglich aufgrund der erdrückenden Beweislage durch die Zeugen-
aussagen bzw. aus taktischen Gründen erfolgt sind (Urk. 66 S. 59). Wenn der Be-
schuldigte gleichwohl in der Schlusseinvernahme wie vor Gericht den Sachverhalt
pauschal bestritt und sich nicht schuldig bekannte, dann ist dies wohl primär Fol-
ge einer schamhaften Verdrängung des im Nachhinein unbegreiflichen eigenen
Verhaltens und nicht ein Zeichen fehlender Reue und Einsicht. Darauf deuten
auch die Ausführungen des Beschuldigten vor dem psychiatrischen Gutachter hin.
Dieser gewann den Eindruck, B._ habe "durchaus bei der Bearbeitung des
Delikts ... Unrechtsbewusstsein ... und eine nachvollziehbare seelische Erschütte-
rung" gezeigt, wenn er diese auch nicht demonstrativ vorgetragen habe, sondern
sie sich etwa darin geäussert habe, dass er "bei der Bearbeitung der möglichen
Auswirkungen seines Delikts auf das Opfer leise zu weinen begann" (Urk. 16/9
S. 22f.).
Aus heutiger Sicht kann auch keine Rede (mehr) davon sein, dass der Beschul-
digte nicht bereit sei, den Schaden, soweit es ihm zumutbar war, zu ersetzen
(Urk. 66 S. 59). Der Beschuldigte fand mit dem Geschädigten eine Einigung, wel-
che diesen dazu bewog, auf Schadenersatz- und Genugtuungsansprüche zu ver-
zichten (Urk. 78 und 80). Damit betätigte er aufrichtige Reue im Sinne von Art. 48
lit. d StGB, was sich strafreduzierend auszuwirken hat.
Das faktisch weit gehende Geständnis und die durchaus vorhandene - wenn auch
nicht plakativ zu Tage getragene - Einsicht sowie die aufrichtige Reue sind insge-
samt nicht nur leicht strafmindernd zu werten. Vielmehr rechtfertigt das Nachtat-
verhalten des Beschuldigten eine deutliche Strafreduktion um sechs Monate, wo-
raus sich eine Freiheitsstrafe von 27 Monaten ergibt.
2. Gemäss Art. 53 StGB sieht das Gericht von einer Bestrafung ab, wenn
a) der Täter den Schaden gedeckt oder alle zumutbaren Anstrengungen unter-
- 24 -
nommen hat, um das von ihm bewirkte Unrecht auszugleichen,
b) die Voraussetzungen für die bedingte Strafe (Art. 42 StGB) erfüllt sind und
c) das Interesse der Öffentlichkeit und des Geschädigten an der Strafverfolgung
gering sind.
Dass Bedingung a) grundsätzlich erfüllt ist, ergibt sich zwanglos aus der Verein-
barung mit dem Geschädigten und der wie erwähnt durchaus sowohl beim Psy-
chiater als - bei genauem Hinsehen - auch im Strafverfahren gezeigten Reue und
Einsicht. Allerdings stellt sich die Frage, ob eine doppelte Berücksichtigung der
Anstrengungen des Beschuldigten zur Wiedergutmachung (nämlich einerseits un-
ter dem Titel der Strafreduktion wegen aufrichtiger Reue im Sinne von Art. 48 lit. d
StGB und andererseits unter demjenigen der Schadensdeckung bzw. des Un-
rechtsausgleichs im Sinne von Art. 53 StGB) überhaupt statthaft ist. Würde eine
solche Doppelverwertung abgelehnt, wäre beim Entscheid über die Strafbefreiung
im Sinne von Art. 53 StGB von einer höheren Strafe auszugehen. Die Frage kann
indes offen bleiben. Denn so oder anders ist heute eine Freiheitsstrafe von mehr
als 24 Monaten auszufällen, was die Gewährung des bedingten Strafvollzugs in
objektiver Hinsicht ausschliesst (Art. 42 Abs. 1 StGB) und damit auch eine Straf-
befreiung ausser Betracht fallen lässt.
Dahingestellt bleiben kann unter diesen Umständen, ob das Interesse an der
Strafverfolgung im vorliegenden Fall nicht nur beim Geschädigten entfällt - was
angesichts seiner Desinteresseerklärung und des Strafantragsrückzugs offen-
sichtlich ist (Urk. 5 und 78) - sondern auch für die Öffentlichkeit gering ist (vgl. da-
zu BGE 135 IV 12ff. und BSK Strafrecht I, Riklin, Art. 53 N 16). Angemerkt sei
hierzu immerhin, dass generalpräventive Überlegungen eher gegen ein geringes
Interesse der Öffentlichkeit und damit auch gegen eine Strafbefreiung sprechen.
Insbesondere leidet das Vertrauen der Gesellschaft in die Rechtsordnung, wenn
Verhaltensweisen wie die vorliegende - bei welcher in Selbstjustiz die körperliche
Integrität eines Menschen extrem gefährdet wird - nicht sanktioniert werden.
3. Der Beschuldigte ist damit mit 27 Monaten Freiheitsstrafe zu bestrafen. Der An-
rechnung der erstandenen Untersuchungshaft von 151 Tagen steht nichts entge-
gen. Was die geltend gemachte Entschädigung für unrechtmässig, d.h. ungesetz-
- 25 -
lich erlittene Untersuchungshaft betrifft (Urk. 83 S. 18 i.V.m. Urk. 58 S. 3), so ist
darauf hinzuweisen, dass das Bundesgericht erst am 25. Januar 2010 (nachdem
das Bundesgericht das Haftentlassungsgesuch am 21. Dezember 2009 abgewie-
sen hatte, BGE 1B_356/2009) die Entlassung des Beschuldigten aus der Unter-
suchungshaft anordnete (BGE 1B_8/2010). Dass der Entscheid am 25. Januar
2010 gefällt wurde und die Entlassung des Beschuldigten aus der Untersu-
chungshaft erst am Morgen vom 27. Januar 2010 erfolgte, liegt daran, dass zuerst
die Zustellungen erfolgen und die administrativen Aufgaben, welche bei einer
Haftentlassung anfallen, erledigt werden mussten. Diese Zeitdauer liegt noch im
Rahmen und rechtfertigt keine Haftentschädigung im Sinne von Art. 431 Abs. 1
StPO.
IV. Strafvollzug
Die Vorinstanz hat die Voraussetzungen für die Gewährung des teilbedingten
Strafvollzugs im Sinne von Art. 43 StGB mit einer Begründung, der durchwegs ge-
folgt werden kann, als gegeben erachtet. Sie hat sodann angesichts des - entge-
gen der Auffassung der Staatsanwaltschaft (Urk. 82 S. 2f.) - zu Recht als "eher
leicht" eingestuften Verschuldens den vollziehbaren Teil der Strafe auf das ge-
setzliche Minimum von sechs Monaten festgelegt und die Probezeit für den auf-
geschobenen Strafanteil ebenfalls tiefstmöglich auf 2 Jahre angesetzt. Auf diese
Erwägungen kann verwiesen werden (Urk. 66 S. 60f.).
Folglich verbleibt für die von der Staatsanwaltschaft geforderte Erhöhung des zu
vollziehenden Strafanteils (Urk. 67, Urk. 82) kein Raum.
Nachdem heute aufgrund des anders zu gewichteten Nachtatverhaltens eine
Freiheitsstrafe von 27 Monaten statt 30 Monaten auszufällen ist, reduziert sich der
aufzuschiebende Teil der Sanktion von 24 auf 21 Monate Freiheitsstrafe.
- 26 -
V. Kosten
Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist das erstinstanzliche Kostendispositiv (Zif-
fern 9 und 10) zu bestätigen.
Im Berufungsverfahren unterliegt die Staatsanwaltschaft mit ihrem Antrag auf Er-
höhung des vollziehbaren Teils der Freiheitsstrafe. Der Beschuldigte dringt mit
seinem Hauptantrag auf Freispruch nicht durch, ebenso wenig mit demjenigen auf
Strafbefreiung. Immerhin erreichte er eine leichte Strafreduktion um drei Monate.
Unter diesen Umständen sind dem Beschuldigten drei Viertel der Kosten des Be-
rufungsverfahrens aufzuerlegen, während der restliche Viertel auf die Gerichts-
kasse zu nehmen ist.