Decision ID: 40787aac-433a-5c08-b897-e776c04360a0
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Am 17. Februar 2020 reiste A._ (nachfolgend: Abgabepflich-
tige) von Russland herkommend in die Schweiz ein. Dabei meldete sie drei
Hündinnen und einen Rüden aus einem russischen Tierheim zur Einfuhr
an. Auf Nachfrage der Zollbehörde machte sie geltend, bei den Hunden
handle es sich um ehemalige Strassenhunde ohne materiellen Wert. Da
die Abgabepflichtige anlässlich der Zollabfertigung keine Wertnachweise
betreffend die vier Hunde vorlegen konnte, wurde deren Wert durch die
Eidgenössische Zollverwaltung EZV, Grenzwachposten Zürich-Flughafen,
in Anwendung einer Mittelwerttabelle auf gesamthaft Fr. 3'230.-- festge-
setzt. Entsprechend dieser Bemessungsgrundlage wurden Einfuhrsteuern
in Höhe von Fr. 248.70 erhoben, welche die Abgabepflichtige vor Ort be-
zahlte.
A.b Am 25. Februar 2020 wandte sich die Abgabepflichtige via Kontaktfor-
mular an die Oberzolldirektion (nachfolgend: OZD) und bat um Zustellung
einer detaillierten Rechnung betreffend die Einfuhrabgaben für die vier
Hunde.
A.c Mit E-Mail vom 26. Februar 2020 ersuchte die OZD die Abgabepflichte
um nähere Auskünfte in der Sache. Die Abgabepflichtige teilte gleichentags
mit, bei den betreffenden Hunden handle es sich um ehemalige Strassen-
hunde ohne Warenwert. Die Abgabepflichtige habe die Tiere aus einem
Heim adoptiert. Drei Hunde seien für sie selbst, eines der Tiere habe sie
einer Freundin geschenkt. Aus diesen Gründen werde um eine korrigierte
und detaillierte Rechnung gebeten.
A.d Mit Schreiben vom 27. Februar 2020 teilte die Eidgenössische Zollver-
waltung EZV, Zoll Nordost / Zollkreis II / Grenzwachtregion II (nachfolgend:
EZV) der Abgabepflichtigen mit, die Beschwerde betreffend die erhobenen
Einfuhrsteuern in Höhe von Fr. 248.70 sei zuständigkeitshalber an sie wei-
tergeleitet worden. Bevor eine Antwort gegeben werden könne, würden Ab-
klärungen vorgenommen.
A.e Mit E-Mail vom 3. März 2020 teilte die Abgabepflichtige der EZV mit,
alle vier Hunde seien in der Zwischenzeit registriert worden. Beim schwer
kranken Hund handle es sich gemäss tierärztlicher Auskunft vermutungs-
weise ebenfalls nicht um einen Rassehund. Die Abgabepflichtige bat um
Erlass einer anfechtbaren Verfügung.
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A.f Mit Schreiben vom 16. März 2020 informierte die EZV die Abgabepflich-
tige dahingehend, dass sie in Anwendung von Art. 54 Abs. 4 des Bundes-
gesetzes vom 12. Juni 2009 über die Mehrwertsteuer (Mehrwertsteuerge-
setz, MWSTG; SR 641.20) bei Zweifeln an der Richtigkeit der Zollanmel-
dung oder dem Fehlen von Wertangaben die Steuerbemessungsgrundlage
nach pflichtgemässem Ermessen schätzen könne. Gemäss Art. 54 Abs. 3
MWSTG seien bei der Berechnung des steuerbaren Werts zusätzlich
die Kosten für das Befördern und alle damit zusammenhängenden Leis-
tungen bis zum Bestimmungsort im Inland miteinzubeziehen. Zur Überprü-
fung oder Bestimmung von Kaufpreisen und Transportkosten bei der Ein-
fuhranmeldung von Hunden würden Mittelwerttabellen konsultiert. Auf die-
sen Grundlagen sei der steuerbare Warenwert der vier Hunde wie folgt
festgelegt worden:
3 Hunde, weiblich, kastriert, à Fr. 450.-- Fr. 1'350.--
1 Hund, männlich, nicht kastriert, à Fr. 240.--
Transportkosten für vier Hundeboxen à Fr. 360.-- Fr. 1'440.--
Ärztliche Leistungen (gemäss eigenen Angaben) Fr. 200.--
Total steuerbarer Wert Fr. 3'230.--
MWST-Forderung (7.7%) Fr. 248.70
Sollte die Beschwerdeführerin diesbezüglich einen rekursfähigen Ent-
scheid wünschen, habe sie dies bis am 6. April 2020 schriftlich mitzuteilen.
A.g Mit E-Mail vom 20. März 2020 wandte sich die Abgabepflichtige an die
EZV und legte dar, weshalb sie mit der Berechnung des steuerbaren Werts
der betreffenden Hunde nicht einverstanden sei. Der Aufforderung, ihre Be-
schwerde schriftlich einzureichen, kam die Abgabepflichtige mit Eingabe
vom 4. April 2020 nach. Sie beantragte, der steuerbare Wert der einzelnen
Hunde sei auf je Fr. 5.-- (gesamthaft Fr. 20.--) festzusetzen, die Transport-
kosten seien mit Fr. 318.85 zu beziffern (EUR 300.--, umgerechnet zum
Tageskurs vom 17. Februar 2020), und es seien die Verfahrenskosten von
der Eidgenossenschaft zu übernehmen. Die Abgabepflichtige erklärte, das
Tierheim, aus welchem sie die vier Hunde geholt habe, gebe die Tiere un-
entgeltlich an vertrauenswürdige Personen ab. Es finde weder ein Verkauf
statt noch seien Vermittlungsgebühren zu bezahlen. Im Weiteren könne
sie nicht nachvollziehen, dass die Transportkosten auf Fr. 360.-- pro Hund
festgesetzt worden seien. Sie habe bereits bei der Einfuhr eine Quittung
über die Transportkosten vorgelegt. Diese hätten sich auf gesamthaft
EUR 300.-- belaufen, was auch aus einer – der Beschwerde beigelegten –
Bestätigung der Fluggesellschaft vom 2. April 2020 hervorgehe. Betreffend
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die ärztlichen Leistungen sei zu berücksichtigen, dass eine Kastration
von Heimtieren in Russland meist obligatorisch und stets kostenlos sei –
sowohl für das Tierheim als auch für die späteren Halter. Der von ihr adop-
tierte Rüde sei einzig aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes
nicht kastriert worden. Der Beschwerde wurden die Hundeausweise, Tier-
heiminserate sowie ein Schreiben der Direktorin des betreffenden Tier-
heims datierend vom 25. März 2020 beigelegt, in welchem diese bestätigt,
dass die Hunde, welchen ein Wert von höchstens USD 5.-- zugeschrieben
werden könne, nicht verkauft, sondern kostenlos in die Obhut der Abgabe-
pflichtigen gegeben worden seien.
A.h Am 15. April 2020 erliess die EZV einen Beschwerdeentscheid. Sie
legte dabei den Warenwert neu wie folgt fest:
3 Hunde, weiblich, kastriert à Fr. 375.-- Fr. 1'125.-- (inkl. Transport)
1 Hund, männlich, nicht kastriert à Fr. 240.-- (inkl. Transport)
Total steuerbarer Wert Fr. 1'365.--
MWST-Forderung (7.7%) Fr. 105.10
Die EZV anerkannte den erbrachten Nachweis, wonach die Transportkos-
ten im konkreten Fall gesamthaft nur EUR 300.-- betragen hatten. Der ge-
schätzte Wert der Hunde ergebe sich daraus, dass Tierheime üblicher-
weise sogenannte Schutzgebühren verlangen würden. Mit diesen würden
zum einen (zumindest teilweise) im Heim für das Tier angefallene Kosten
– wie beispielsweise Futter-, Unterbringungs- und Tierarztkosten – abge-
golten. Zum anderen würden diese Gebühren dazu dienen, dem Miss-
brauch der Tiere nach der Vermittlung vorzubeugen.
B.
B.a Mit Eingabe vom 11. Mai 2020 erhob die Abgabepflichtige (nachfol-
gend: Beschwerdeführerin) vor dem Bundesverwaltungsgericht Beschwer-
de gegen den Beschwerdeentscheid der EZV vom 15. April 2020. Sie be-
antragt – unter Kostenfolge zulasten der Eidgenossenschaft – die Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung in Bezug auf den geschätzten Markt-
wert der betreffenden vier Hunde. Dieser sei auf Fr. 5.-- pro Hund (gesamt-
haft Fr. 20.--) festzulegen. Nicht bestritten wurde die Berücksichtigung der
effektiven Transportkosten in Höhe von Fr. 318.85 bei der Festlegung der
Bemessungsgrundlage (vgl. Sachverhalt Bst. A.g).
A-2514/2020
Seite 5
B.b Mit Vernehmlassung vom 17. Juni 2020 schliesst die EZV, vertreten
durch die OZD (nachfolgend: Vorinstanz), auf Abweisung der Beschwerde,
soweit darauf einzutreten sei.
B.c Mit Stellungnahme vom 14. Juli 2020 hält die Beschwerdeführerin voll-
umfänglich an ihrer Beschwerde fest und äussert sich zu einzelnen Aus-
führungen der Vorinstanz.
Auf die einzelnen Vorbringen der Verfahrensbeteiligten wird – soweit ent-
scheidwesentlich – im Rahmen der folgenden Erwägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bun-
desverwaltungsgericht (Verwaltungsgerichtsgesetz, VGG; SR 173.32) be-
urteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen
nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Ver-
waltungsverfahren (Verwaltungsverfahrensgesetz, VwVG; SR 172.021),
sofern keine Ausnahme nach Art. 32 VGG gegeben ist. Eine solche liegt im
vorliegenden Fall nicht vor und die Vorinstanz ist eine Behörde im Sinne
von Art. 33 VGG. Das Bundesverwaltungsgericht ist somit für die Behand-
lung der Beschwerde zuständig.
1.2 Das Verfahren vor Bundesverwaltungsgericht richtet sich gemäss
Art. 37 VGG nach den Bestimmungen des VwVG, soweit das VGG nichts
anderes bestimmt.
1.3 Gemäss Art. 48 Abs. 1 VwVG ist zur Beschwerde berechtigt, wer vor
der Vorinstanz am Verfahren teilgenommen hat oder keine Möglich-
keit zur Teilnahme erhalten hat (Bst. a), durch die angefochtene Verfügung
besonders berührt ist (Bst. b) und ein schutzwürdiges Interesse an deren
Aufhebung oder Änderung hat (Bst. c). Die Beschwerdeführerin erfüllt
diese Voraussetzungen und ist entsprechend beschwerdelegitimiert.
1.4 Nach dem Dargelegten ist auf die form- und fristgerecht eingereichte
Beschwerde einzutreten.
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Seite 6
1.5 Anfechtungsobjekt im Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht
bildet einzig der vorinstanzliche Entscheid, soweit er im Streit liegt. Vorlie-
gend ist dies der Beschwerdeentscheid vom 15. April 2020 (vgl. Sachver-
halt Bst. A.h und Bst. B.a).
1.6
1.6.1 Im Beschwerdeverfahren gilt die Untersuchungsmaxime, wonach die
entscheidende Behörde den rechtlich relevanten Sachverhalt von sich aus
abklären und darüber ordnungsgemäss Beweis führen muss (teilweise ein-
geschränkt durch Mitwirkungspflichten der Verfahrensbeteiligten). Die Be-
schwerdeinstanz nimmt jedoch nicht von sich aus zusätzliche Sachver-
haltsabklärungen vor oder untersucht weitere Rechtsstandpunkte, für die
sich aus den vorgebrachten Rügen oder den Akten nicht zumindest An-
haltspunkte ergeben (BVGE 2010/64 E. 1.4.1; statt vieler: Urteile des
BVGer A-5551/2019 vom 14. Januar 2021 E. 1.4, A-4544/2019 vom 5. Mai
2020 E. 1.5 m.w.H.).
1.6.2 Gelangt das Gericht trotz genügender Abklärung des Sachverhalts
unter Respektierung des Untersuchungsgrundsatzes und aufgrund der
(freien) Beweiswürdigung (vgl. Art. 81 Abs. 3 MWSTG) nicht zur Überzeu-
gung, eine rechtserhebliche Tatsache habe sich verwirklicht, so stellt sich
die Frage, wer die Folgen der Beweislosigkeit trägt. Im Steuerrecht gilt
grundsätzlich, dass die Steuerbehörde die (objektive) Beweislast für Tatsa-
chen trägt, welche die Steuerpflicht als solche begründen oder die Steuer-
forderung erhöhen (steuerbegründende und -erhöhende Tatsachen). Dem-
gegenüber ist die steuerpflichtige Person für die steueraufhebenden und
steuermindernden Tatsachen beweisbelastet, das heisst für solche Tatsa-
chen, welche eine Steuerbefreiung oder Steuerbegünstigung bewirken
(statt vieler: Urteil des BGer 2C_715/2013 vom 13. Januar 2014 E. 2.3.3;
Urteile des BVGer A-2589/2020 vom 3. Mai 2021 E. 1.5, A-4544/2019 vom
5. Mai 2020, E. 1.6, A-6390/2016 und A-6393/2016 vom 14. September
2017 E. 1.4 m.w.H.).
1.7
1.7.1 Das Bundesverwaltungsgericht kann den angefochtenen Entscheid
grundsätzlich in vollem Umfang überprüfen. Die Beschwerdeführerin
kann neben der Verletzung von Bundesrecht (Art. 49 Bst. a VwVG) und
der unrichtigen oder unvollständigen Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts (Art. 49 Bst. b VwVG) auch die Rüge der Unangemessen-
heit erheben (Art. 49 Bst. c VwVG; statt vieler: Urteil des BVGer A-1438/
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Seite 7
2020 vom 8. Juli 2021 E. 1.5.2; MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessie-
ren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 2.149).
1.7.2 Es gilt der Grundsatz der Rechtsanwendung von Amtes wegen. Das
Bundesverwaltungsgericht ist demnach verpflichtet, auf den unter Mitwir-
kung der Verfahrensbeteiligen festgestellten Sachverhalt unabhängig von
der Begründung der Begehren die richtigen Rechtsnormen und damit je-
nen Rechtssatz anzuwenden, den es als den zutreffenden erachtet,
und ihm jene Auslegung zu geben, von der es überzeugt ist (BGE 119 V
347 E. 1a; statt vieler: Urteil des BVGer A-642/2020 vom 5. Januar 2021
E. 2.2; MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 1.54).
1.7.3 Von Verwaltungsbehörden veröffentlichte Merkblätter, Richtlinien,
Kreisschreiben etc. stellen Verwaltungsverordnungen dar. Es handelt sich
dabei um Meinungsäusserungen der Verwaltung über die Auslegung
der anwendbaren Gesetzesbestimmungen. Sie dienen der Sicherstellung
einer einheitlichen, gleichmässigen und sachrichtigen Praxis des Geset-
zesvollzugs (vgl. BGE 128 I 167 E. 4.3; BVGE 2010/33 E. 3.3.1; MICHAEL
BEUSCH, Was Kreisschreiben dürfen und was nicht, in: Der Schweizer
Treuhänder 2005, S. 613 ff.). Sie sind für die als eigentliche Adressaten
figurierenden Verwaltungsbehörden verbindlich, soweit sie nicht klarer-
weise einen verfassungs- oder gesetzeswidrigen Inhalt aufweisen (Urteil
des BGer 2C_264/2014 vom 17. August 2015 E. 2.4.1; Urteile des BVGer
A-2860/2019 vom 26. März 2021 E. 1.4.2, A-22/2020 vom 17. Juli 2020
E. 1.5.1, A-2204/2018 vom 16. Dezember 2019 E. 3.2).
Nicht verbindlich sind Verwaltungsverordnungen hingegen für die Justizbe-
hörden, deren Aufgabe es ist, die Einhaltung von Verfassung und Gesetz
im Einzelfall zu überprüfen (BVGE 2010/33 E. 3.3.1). Die Gerichtsbehör-
den sollen Verwaltungsverordnungen bei ihrer Entscheidung allerdings mit-
berücksichtigen, sofern diese eine dem Einzelfall angepasste und gerecht
werdende Auslegung der anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen zu-
lassen (vgl. BGE 141 III 401 E. 4.2.2). Dies gilt umso mehr, als es nicht
Aufgabe der Gerichte ist, als Zweitinterpreten des der Verwaltungsverord-
nung zugrundeliegenden Erlasses eigene Zweckmässigkeitsüberlegungen
an die Stelle des Vollzugskonzepts der zuständigen Behörde zu setzen
(Urteil des BGer 2C_264/2014 vom 17. August 2015 E. 2.4.1 f.; BVGE
2007/41 E. 3.3; Urteil des BVGer A-22/2020 vom 17. Juli 2020 E. 1.5.2;
vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 2.173 f.; zum Ganzen: Urteil
des BVGer A-2860/2019 vom 26. März 2021 E. 1.4.2).
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Seite 8
1.8 Der zu beurteilende Sachverhalt hat sich im Februar 2020 verwirklicht.
Somit sind vorliegend das Zollgesetz vom 18. März 2005 (ZG; SR 631.0),
die Zollverordnung vom 1. November 2006 (ZV; SR 631.01) sowie das
Mehrwertsteuergesetz (vgl. Sachverhalt Bst. A.f) heranzuziehen.
2.
2.1
2.1.1 Nach Art. 1 Abs. 1 MWSTG erhebt der Bund eine allgemeine Ver-
brauchssteuer nach dem System der Netto-Allphasensteuer mit Vorsteuer-
abzug (Mehrwertsteuer). Die Steuer bezweckt die Besteuerung des nicht
unternehmerischen Endverbrauchs im Inland. Als Mehrwertsteuer erhebt
er gemäss Art. 1 Abs. 2 MWSTG eine Steuer auf den im Inland von steu-
erpflichtigen Personen gegen Entgelt erbrachten Leistungen (Inland-
steuer), eine Steuer auf dem Bezug von Leistungen von Unternehmen mit
Sitz im Ausland durch Empfänger und Empfängerinnen im Inland (Bezug-
steuer) sowie eine Steuer auf der Einfuhr von Gegenständen (Einfuhr-
steuer). Letztere soll verhindern, dass ins Zollinland eingeführte Waren ge-
genüber im Inland hergestellten Gütern, welche der Inlandsteuer unterlie-
gen, bevorteilt werden (vgl. REGINE SCHLUCKEBIER, in: Geiger/Schluckebier
[Hrsg.], MWST-Kommentar, 2012 [nachfolgend: MWST-Kommentar], Rz. 1
zu Art. 50).
2.1.2 Die Einfuhrsteuer unterscheidet sich sowohl hinsichtlich des Steuer-
objekts als auch des Steuersubjekts von der Inlandsteuer. Steuersubjekt
ist die zollzahlungspflichtige Person (vgl. nachfolgend E. 2.3.1). Steuerob-
jekt der Einfuhrsteuer ist die Einfuhr von Gegenständen einschliesslich
der darin enthaltenen Dienstleistungen und Rechte ins (Zoll-)Inland
(vgl. Art. 52 Abs. 1 Bst. a MWSTG). Für das Auslösen der Steuer genügt
es, dass der Gegenstand über die Zollgrenze verbracht wird (Urteil
des BGer 2C_217/2019 vom 27. April 2020 E. 5.2; Urteil des BVGer
A-6174/2013 vom 18. Juni 2014 E. 2.3.1). Ein Umsatz im mehrwertsteuer-
rechtlichen Sinn, beispielsweise eine Lieferung von Gegenständen gegen
Entgelt, ist nicht vorausgesetzt. Insbesondere ist die Entgeltlichkeit nicht
erforderlich. So lösen auch unentgeltliche Geschäfte (z.B. Schenkungen)
die Einfuhrsteuer aus (vgl. Urteil des BGer 2C_1079/2016 vom 7. März
2017 E. 2.2.1 f.; Urteile des BVGer A-2860/2019 vom 26. März 2021
E. 2.7.3, A-7503/2016 vom 16. Januar 2018 E. 6.1, A-5936/2016 vom
16. August 2017 E. 2.4; SCHLUCKEBIER, MWST-Kommentar, Rz. 1 zu
Art. 52).
A-2514/2020
Seite 9
2.2
2.2.1 Die Steuer auf der Einfuhr wird im Normalfall auf dem von den Par-
teien vereinbarten und vom Importeur zu entrichtenden Entgelt erhoben,
wenn der Gegenstand im Rahmen eines Veräusserungs- oder Kommis-
sionsgeschäfts eingeführt wird (Art. 54 Abs. 1 Bst. a MWSTG). Im Übrigen
wird sie – sofern nicht die Sondertatbestände der Bst. b bis f zur Anwen-
dung kommen – nach Art. 54 Abs. 1 Bst. g MWSTG auf dem Marktwert
berechnet. Dies ist insbesondere bei Geschenksendungen der Fall
(vgl. Urteil des BGer 2C_1079/2016 vom 7. März 2017 E. 2.2.3; BVGE
2014/7 E. 3.5.1).
2.2.2 Als Marktwert gilt, was der Importeur auf der Stufe, auf der die Einfuhr
bewirkt wird, an einen selbstständigen Lieferanten im Herkunftsland der
Gegenstände zum Zeitpunkt der Entstehung der Einfuhrsteuerschuld nach
Art. 56 MWSTG unter den Bedingungen des freien Wettbewerbs zahlen
müsste, um den gleichen Gegenstand zu erhalten (Art. 54 Abs. 1 Bst. g
MWSTG). Es handelt sich somit um den Verkehrswert bzw. Veräusse-
rungswert des eingeführten Gegenstandes, also den Erlös, der am Stich-
tag bei einem Verkauf an einen unabhängigen Dritten hätte erzielt wer-
den können. Der Verkehrswert im steuerrechtlichen Sinn bildet nicht
eine mathematisch exakt bestimmbare Grösse, sondern stellt in der Regel
einen Schätz- oder Vergleichswert dar (vgl. Urteil des BGer 2C_1079/2016
vom 7. März 2017 E. 2.2, in: Zollrevue 2/17, S. 34 ff.; Urteile des BVGer
A-983/2018 vom 18. April 2019 E. 2.5.2, A-5936/2016 vom 16. August 2017
E. 2.4.2, BVGE 2014/7 E. 3.5.2). Die Ermittlung des Marktwerts erfolgt
nach verschiedenen Bewertungsmethoden (Wert gleicher Gegenstände,
Wert gleichartiger Gegenstände, nach der deduktiven Methode [Wieder-
verkaufswert] oder errechneter Wert; vgl. SCHLUCKEBIER, MWST-Kommen-
tar, Rz. 29 zu Art. 54).
2.2.3 Soweit nicht bereits darin enthalten, sind in die Bemessungsgrund-
lage zum einen die ausserhalb des Inlands sowie aufgrund der Einfuhr ge-
schuldeten Steuern, Zölle und sonstigen Abgaben – mit Ausnahme der zu
erhebenden Mehrwertsteuer – miteinzubeziehen (Art. 54 Abs. 3 Bst. a
MWSTG). Zum anderen sind die Kosten für das Befördern oder Versenden
und alle damit zusammenhängenden Leistungen bis zum Bestimmungsort
im Inland, an den die Gegenstände zum Zeitpunkt der Entstehung der Ein-
fuhrsteuerschuld nach Art. 56 MWSTG zu befördern sind, einzubeziehen
(Art. 54 Abs. 3 Bst. b MWSTG).
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Seite 10
2.3
2.3.1 Gemäss Art. 50 MWSTG («Einfuhrsteuer») gilt für die Steuer auf der
Einfuhr von Gegenständen grundsätzlich die Zollgesetzgebung. Steuer-
pflichtig ist, wer nach Art. 70 Abs. 2 und 3 ZG Zollschuldner oder Zollschuld-
nerin ist (Art. 51 Abs. 1 MWSTG; vgl. vorangehend E. 2.1.2). Zollschuldner
bzw. Zollschuldnerin ist – soweit hier interessierend – die Person, die Wa-
ren über die Zollgrenze bringt oder bringen lässt (Art. 70 Abs. 2 Bst. a ZG).
2.3.2 Die Einfuhrsteuer wird von der EZV zusammen mit den Zollabgaben
erhoben (Art. 62 Abs. 1 MWSTG). Das Verfahren der Zoll- und Einfuhr-
steuerveranlagung wird vom Selbstdeklarationsprinzip bestimmt (Art. 21,
25 und 26 ZG; Art. 50 MWSTG; vgl. statt vieler: Urteil des BVGer A-6355/
2019 vom 17. Juni 2021 E. 2.2). Die Grundlage der Veranlagung ist
die Zollanmeldung (Art. 18 Abs. 1 ZG). Diese nimmt im schweizerischen
Zollwesen eine zentrale Stellung ein (BARBARA SCHMID, in: Kocher/Clava-
detscher [Hrsg.], Handkommentar Zollgesetz [ZG], 2009, Art. 18 N. 1). An-
meldepflichtig ist u.a. die zuführungspflichtige Person (Art. 26 Bst. a ZG).
Als solche gilt diejenige Person, die Waren ins Zollgebiet verbringt, verbrin-
gen lässt oder sie danach übernimmt. Sie hat die Waren unverzüglich und
unverändert der nächstgelegenen Zollstelle zuzuführen (Art. 21 Abs. 1
ZG). Die Zollanmeldung kann von der Zollstelle berichtigt werden (Art. 18
Abs. 2 ZG). Nicht angemeldete Waren werden von Amtes wegen veran-
lagt (Art. 18 Abs. 3 ZG; vgl. statt vieler: Urteil des BVGer A-983/2018 vom
18. April 2019 E. 2.4.2).
2.3.3
2.3.3.1 Bestehen Zweifel an der Richtigkeit der Zollanmeldung oder fehlen
Wertangaben, so kann die EZV die Steuerbemessungsgrundlage nach
pflichtgemässem Ermessen schätzen (Art. 54 Abs. 4 MWSTG). Für die Er-
mittlung der Bemessungsgrundlage herangezogene Preis- oder Wertanga-
ben in ausländischer Währung sind nach dem am letzten Börsentag vor
der Entstehung der Einfuhrsteuerschuld nach Art. 56 MWSTG notierten
Devisenkurs (Verkauf) in Schweizerfranken umzurechnen (Art. 54 Abs. 5
MWSTG).
Bei der gerichtlichen Überprüfung einer solchen Ermessenseinschätzung
gelten die nachfolgend genannten, im Mehrwertsteuerrecht für Inlandleis-
tungen entwickelten Grundsätze (vgl. Urteil des BVGer A-5078/2012
vom 15. Januar 2014 E. 10.4). So gilt insbesondere auch, dass sich das
Bundesverwaltungsgericht bei der Überprüfung einer zulässigerweise er-
folgten Schätzung der Einfuhrsteuer eine gewisse Zurückhaltung auferlegt
A-2514/2020
Seite 11
(vgl. Urteile des BVGer A-1190/2018 vom 18. April 2019 E. 2.5.3, A-5936/
2016 vom 16. August 2017 E. 2.4.3).
2.3.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht überprüft zwar das Vorliegen der
Voraussetzungen der Schätzung der Einfuhrsteuer – also gemäss Art. 54
Abs. 4 MWSTG das Bestehen von Zweifeln an der Richtigkeit der Zollan-
meldung oder das Fehlen von Wertangaben – als Rechtsfrage uneinge-
schränkt. Als ausserhalb der Verwaltungsorganisation und Behördenhie-
rarchie stehendes, von der richterlichen Unabhängigkeit bestimmtes Ver-
waltungsgericht auferlegt es sich aber trotz des möglichen Rügegrundes
der Unangemessenheit (vgl. Art. 49 Bst. c VwVG; E. 1.7.1) bei der Über-
prüfung von zulässigerweise erfolgten Schätzungen eine gewisse Zurück-
haltung und reduziert dergestalt seine Prüfungsdichte (vgl. statt vieler: Ur-
teil des BVGer A-2589/2020 vom 3. Mai 2021 E. 2.5.4).
2.3.3.3 Das Ziel der Ermessensveranlagung ist es, den tatsächlichen Ge-
gebenheiten möglichst gerecht zu werden. In jedem Fall muss die Schät-
zung pflichtgemäss sein. Dies bedingt die Berücksichtigung der Besonder-
heiten des Einzelfalls und den Einbezug von ausreichend abgestützten
Schätzungshilfen und vernünftigen und zweckmässigen Schätzmethoden
(vgl. Urteile des BVGer A-1190/2018 vom 18. April 2019 E. 2.5.3,
A-5175/2015 vom 1. März 2016 E. 2.6.2).
Das Bundesverwaltungsgericht nimmt erst dann eine Korrektur einer zu-
lässigerweise erfolgten Schätzung vor, wenn diese erhebliche Fehler auf-
weist bzw. offensichtlich unrichtig ist. Kommen bei einer Schätzung meh-
rere Ergebnisse in Frage, die gleich realistisch sind, muss der ESTV (bzw.
hier der EZV) innerhalb der betreffenden Bandbreite ein Ermessenspiel-
raum verbleiben. Die deutsche Rechtsprechung und Lehre bezeichnet
diese Bandbreite zutreffend als Schätzungsrahmen. Liegt das Schätzungs-
resultat nicht mehr in diesem Rahmen ist eine Ermessensüberschreitung,
das heisst eine Rechtsverletzung gegeben, und damit liegt auch ein offen-
sichtlicher Ermessensfehler bzw. eine offensichtlich unrichtige Schätzung
im Sinne der erwähnten Rechtsprechung vor, die vom Bundesverwaltungs-
gericht zu korrigieren ist (vgl. JÜRG STEIGER, in: Zweifel/Beusch/Glau-
ser/Robinson [Hrsg.], Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Bun-
desgesetz über die Mehrwertsteuer, 2015, Art. 79 N. 36; vgl. zum Ganzen:
Urteil des BVGer A-1190/2018 vom 18. April 2019 E. 2.5.3).
2.3.3.4 Für das Vorliegen der Voraussetzungen einer Ermessenseinschät-
zung ist nach der allgemeinen Beweislastregel die ESTV beweisbelastet
A-2514/2020
Seite 12
(E. 1.6.2). Sind die Voraussetzungen der ermessensweisen Ermittlung er-
füllt («erste Stufe») und erscheint die vorinstanzliche Schätzung nicht be-
reits im Rahmen der durch das Bundesverwaltungsgericht mit der gebote-
nen Zurückhaltung vorzunehmenden Prüfung als pflichtwidrig («zweite
Stufe»), obliegt es – in Umkehr der allgemeinen Beweislast – in der Folge
dem Abgabepflichtigen, den Nachweis für die Unrichtigkeit der Schätzung
zu erbringen («dritte Stufe»).
Weil das Ergebnis der Ermessensveranlagung selbst auf einer Schätzung
beruht, kann sich die steuerpflichtige Person gegen eine zulässigerweise
durchgeführte Ermessenseinschätzung nicht mit allgemeiner Kritik zur
Wehr setzen. Vielmehr hat sie darzulegen, dass die von der Zollbehörde
vorgenommene Schätzung offensichtlich fehlerhaft ist und anhand von Be-
legen nachzuweisen, dass die von der ESTV bzw. der EZV vorgenommene
Schätzung offensichtlich unrichtig ist (statt vieler: Urteile des BGer
2C_1077/2012, 2C_1078/2012 vom 24. Mai 2014 E. 2.5 und 2C_970/2012
vom 1. April 2013 E. 4.3; vgl. statt vieler: Urteil des BVGer A-7088/2016
vom 11. Dezember 2017 E. 2.6.3). Gelingt es der steuerpflichtigen Person
nicht, zu beweisen, dass das Ergebnis der Ermessenseinschätzung klarer-
weise nicht mit den tatsächlichen Gegebenheiten übereinstimmt, hat sie
die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen und es bleibt bei der bisherigen
Schätzung (statt vieler: Urteile des BVGer A-2589/2020 vom 3. Mai 2021
E. 2.5.5, A-1190/2018 vom 18. April 2019 E. 2.5.3).
3.
3.1 Im vorliegenden Fall ist unbestritten, dass die fraglichen Einfuhren
grundsätzlich der Einfuhrsteuer unterliegen und die Beschwerdeführerin zu
den steuerpflichtigen Personen gehört. Ebenso unstrittig ist, dass die Be-
schwerdeführerin Transportkosten in Höhe von insgesamt Fr. 318.85 zu
bezahlen hatte und dass diese zur Bemessungsgrundlage für die Einfuhr-
steuer gehören (vgl. Sachverhalt Bst. A.g und Bst. B.a sowie E. 2.2.3). Im
Streit liegt jedoch die effektive Höhe der Bemessungsgrundlage der im
konkreten Fall geschuldeten Einfuhrsteuer.
3.2 Im Folgenden ist zunächst zu prüfen, ob die Vorinstanz befugt war, eine
Schätzung vorzunehmen («erste Stufe»; E. 2.3.3.4).
3.2.1 Anlässlich der Einfuhr der in Frage stehenden Hunde machte die Be-
schwerdeführerin geltend, es handle sich um russische Strassenhunde
ohne materiellen Wert. Sie habe die Hunde direkt aus einem russischen
A-2514/2020
Seite 13
Tierheim geholt und habe dafür kein Entgelt zahlen müssen. Ein entspre-
chender Nachweis fehlte zum Zeitpunkt der Einfuhr (vgl. Sachverhalt
Bst. A.a).
3.2.2 Fehlen anlässlich der Wareneinfuhr Wertangaben, so kann die EZV
die Steuerbemessungsgrundlage nach pflichtgemässem Ermessen schät-
zen (vgl. vorangehend E. 2.3.3.1). Die zuständige Zollbehörde war daher
im vorliegenden Fall berechtigt, eine Schätzung vorzunehmen.
3.3 Angesichts des Gesagten ist zu prüfen, ob die Schätzung in konkreten
Fall pflichtgemäss erfolgt ist («zweite Stufe»; E. 2.3.3.4).
3.3.1 Im vorliegenden Fall ist unbestritten, dass der Einfuhr der betreffen-
den Hunde kein Veräusserungs- oder Kommissionsgeschäft zu Grunde
lag. In einem solchen Fall ist die Steuer nach dem Marktwert zu berechnen
(E. 2.2.1).
3.3.2 Gemäss dem klarem Gesetzeswortlaut gilt als Marktwert, was die Im-
porteurin
- auf der Stufe, auf der die Einfuhr bewirkt wird,
- an einen selbstständigen Lieferanten / eine selbstständige Lieferantin
- im Herkunftsland der Gegenstände
- zum Zeitpunkt der Entstehung der Einfuhrsteuerschuld
- unter den Bedingungen des freien Wettbewerbs
zahlen müsste, um die gleichen Gegenstände zu erhalten (vgl. E. 2.2.2).
3.3.3 Anlässlich der Einfuhr der Hunde legte die Beschwerdeführerin ge-
genüber der Zollbehörde dar, es handle sich um russische Strassenhunde
ohne Marktwert, welche sie direkt aus einem Tierheim in Russland ge-
holt habe. Die Vorinstanz hat den Marktwert demgegenüber in Anwendung
einer Mittelwerttabelle auf gerundet Fr. 262.-- pro Hund (ohne Transport-
kosten) beziffert.
3.3.4 Die Vorinstanz macht geltend, ein Marktwert umfasse üblicherweise
neben den Selbstkosten auch eine branchenübliche Gewinnmarge. Denn
ohne eine solche könne ein «selbstständiger Lieferant» (vgl. E. 3.3.2 und
E. 2.2.2) wirtschaftlich nicht überleben. In einem Fall wie dem vorliegen-
den, sei demnach für die Feststellung des Marktwertes der Hunde der Ver-
kaufspreis heranzuziehen, der von einem selbstständigen Hundevermittler
festgesetzt würde. Dieser müsste ohne Spenden Dritter oder staatliche
A-2514/2020
Seite 14
Hilfe wirtschaften. Selbst wenn einem solchen Vermittler die Hunde zulau-
fen würden und er sie somit kostenlos erhalten würde, fielen danach täglich
zumindest Kosten für Futter, Unterkunft, tierärztliche Leistungen sowie Ver-
mittlungsaufwand an.
3.3.5 Die Vorinstanz anerkennt, dass die Bestimmung des Marktwertes
von Strassenhunden sich als schwierig erweise, weil solche Hunde im
Grunde nicht auf dem freien Markt «gehandelt» würden. In diesem
Sinne gebe es keine vergleichbaren «Verkaufspreise». Deshalb ziehe sie
zur Bestimmung des Wertes eines Hundes eine Mittelwerttabelle heran,
welche sich an den «Schutzgebühren» orientiere, welche Tierheime an-
lässlich der Vermittlung eines Hundes üblicherweise verlangen würden
(vgl. Sachverhalt Bst. A.h). Diese Gebühren würden bei Heimtieren an die
Stelle eines Kaufpreises treten. Die Gebühren würden für ein gesundes
Tier erhoben, um die aufgelaufenen Pflegekosten (Futter-, Unterbringungs-
und Tierarztkosten etc.) zumindest teilweise zu decken und dem Miss-
brauch von Tieren nach der Vermittlung vorzubeugen. In dieser Schutzge-
bühr sei der Transport der Hunde in einem Sammeltransport enthalten.
3.3.6 Im Weiteren sei zu berücksichtigen, dass sich die Festlegung des
Marktwertes von Heimtieren, bei deren Einfuhr keine Wertnachweise vor-
liegen, nicht nur als anspruchsvoll, sondern auch als zeitintensiv erweise.
Daraus ergebe sich ein gewisser Zielkonflikt in Bezug darauf, dass die Ein-
fuhrveranlagung anlässlich der Einreise möglichst speditiv zu erfolgen
habe. Aus diesem Grund werde von den Zollbehörden seit 2013 eine Liste
mit Referenzwerten (Mittelwerttabelle) zur Wertbestimmung der importier-
ten Tiere genutzt. Diese Referenzwerte seien unter Berücksichtigung
der Kostenpunkte festgelegt worden, welche der Verein «Tiere in Not» auf
seiner Website animal-happyend.ch publiziert habe. Im Übrigen würde
durch das Abstellen auf Referenzwerte bei der Festlegung des steuerbaren
Wertes von Heimtieren die Gleichbehandlung der Zollschuldnerinnen und
-schuldner gewährleistet.
3.3.7 Im vorliegenden Fall lag zum Zeitpunkt der Einfuhr kein Nachweis
vor, dass für die betreffenden Hunde keine – bei Tieradoptionen aus Tier-
heimen regelmässig geschuldete – Schutzgebühr bezahlt worden war.
Damit ist nicht zu beanstanden, dass die Zollbehörde die Veranlagung un-
ter Zuhilfenahme der Referenzwerte aus der praxisgemäss verwendeten
Mittelwerttabelle vorgenommen hat. Letztere gehört zu den Verwaltungs-
verordnungen, welche der Sicherstellung einer einheitlichen, gleichmässi-
gen und sachrichtigen Praxis des Gesetzesvollzugs dienen (E. 1.7.3). Für
A-2514/2020
Seite 15
das Gericht sind Verwaltungsverordnungen zwar nicht verbindlich, es darf
jedoch nicht ohne Not von ihnen abweichen (vgl. E. 1.7.3). Unter Berück-
sichtigung der Höhe der Schutzgebühren, welche von verschiedenen Ver-
mittlungsorganisationen verlangt werden und die bis zu Fr. 780.-- (animal-
happyend.ch, letztmals abgerufen am 31. August 2021) betragen können,
ist kein Grund ersichtlich, die in der von der Vorinstanz verwendeten Mit-
telwerttabelle festgehaltenen Werte in Frage zu stellen bzw. zu korrigieren.
3.4 Bei diesem Ergebnis ist in einem letzten Schritt zu prüfen, ob es der
Beschwerdeführerin gelingt, den Nachweis für die Unrichtigkeit der Schät-
zung im konkreten Einzelfall zu erbringen («dritte Stufe»; E. 2.3.3.4).
3.4.1 Die Beschwerdeführerin erachtet das Abstellen auf Referenzwerte in
ihrem Fall als unzulässig. In Fällen wie dem ihren, sei gemäss Gesetzes-
wortlaut auf den Marktwert abzustellen (vgl. E. 2.2.2). Sei dieser Wert sehr
tief oder gar inexistent, sei dies zu respektieren. Die Vorinstanz verkenne,
dass in Russland unzählige Strassenhunde leben würden. Diese würden
von der Bevölkerung in aller Regel als Plage empfunden und hätten für
niemanden einen «Wert». Man sei froh, wenn die Tiere von der Strasse in
ein Heim kämen, und die Heime seien froh, wenn die Tiere von Familien
aufgenommen würden. Dies geschehe absolut unentgeltlich. Vor diesem
Hintergrund gebe es in Russland auch keine «selbstständigen Lieferan-
ten» (vgl. E. 2.2.2, E. 3.3.2 und E. 3.3.4). Die Beschwerdeführerin macht
entsprechend geltend, dass es in ihrem konkreten Fall nicht angehe, die
Bemessungsgrundlage nach Referenzwerten festzulegen, zumal die wirt-
schaftlichen Umstände durch das Schreiben der Direktorin des betreffen-
den Tierheims vom 25. März 2020 ausreichend ausgewiesen worden seien
(vgl. nachfolgend E. 3.4.2).
3.4.2 Bereits vor Erlass des hier angefochtenen Beschwerdeentscheids
reichte die Beschwerdeführerin der Vorinstanz ein Schreiben der Direktorin
des Tierheims ein, aus welchem sie die Hunde geholt hatte. In diesem
Schreiben datierend vom 25. März 2020 wird bestätigt, dass die hier be-
troffenen Hunde – wenn überhaupt – einen Wert von nicht mehr als
USD 5.-- aufweisen würden. Die Hunde würden jedoch nicht verkauft, son-
dern an vertrauenswürdige Personen umsonst abgegeben. Der bereits äl-
tere Rüde leide an schwerer Arthritis, doch auch für die drei jüngeren
Hunde sei es bis zur Adoption durch die Beschwerdeführerin nicht möglich
gewesen, einen Platz zu finden.
A-2514/2020
Seite 16
3.4.3 Wie sich aus dem Dargelegten ergibt, kann der vorliegende Sachver-
halt nicht mit Fällen gleichgesetzt werden, in welchen Hunde über interna-
tional operierende Tiervermittlungsorganisationen importiert werden. Zum
einen können die dort vermittelten Hunde nicht ohne Weiteres mit den von
der Beschwerdeführerin im hier zu beurteilenden Fall in die Schweiz ein-
geführten Hunden verglichen werden. Zum anderen beinhaltet eine Ver-
mittlung durch die besagten Organisationen weitergehende Dienstleistun-
gen (z.B. Beratung und Kontrollbesuche bei den adoptierenden Personen
etc.), welche auch über die dort erhobenen Schutzgebühren abgegolten
werden.
Im Weiteren geht aus dem Schreiben der Direktorin des Tierheims vom
25. März 2020 hervor, dass es für die Hunde, welche die Beschwerdefüh-
rerin in die Schweiz eingeführt hat, keinen «Markt» gibt und ihnen entspre-
chend auch kein «Marktwert» zugeschrieben werden kann. Wenn, dann
sei von einem symbolischen Wert von nicht mehr als USD 5.-- auszugehen.
Entsprechend wurde in dem genannten Schreiben bestätigt, dass die Be-
schwerdeführerin für die vier Hunde keinerlei Entgelt und auch keine soge-
nannte Schutzgebühr bezahlen musste.
3.4.4 Tatsächlich bedingt ein «Marktwert» einen «Markt». Dass es einen
solchen in Bezug auf die hier in Frage stehenden Hunde nicht gibt, wurde
überzeugend aufgezeigt. Bestätigt wird dies auch durch den Umstand,
dass in Russland gemäss Angaben der European Society of Dog and Ani-
mal Welfare (ESDAW) geschätzte 4 Millionen Strassenhunde leben
(http://www.esdaw.eu/stray-animals-by-country.html; letztmals abgerufen
am 27. September 2021). Hätten diese Hunde einen Marktwert, würden sie
nicht auf der Strasse leben. Die Realität sieht vielmehr so aus, dass die
Hunde ausgesetzt und sich selbst überlassen werden. Sie vermehren sich
unkontrolliert und werden letzten Endes verfolgt und getötet, da sie in ge-
wissen Regionen zur Plage werden. Die wenigen, welche Unterschlupf in
einem Heim finden, können – wie die Direktorin des hier betreffenden Tier-
heims sinngemäss ausführt – froh sein, überhaupt einen Lebensplatz zu
finden. Deshalb werden sie kostenlos an vertrauenswürdige Personen ab-
gegeben.
3.4.5 Das Gericht sieht es als erstellt an, dass es der Beschwerdeführerin
zum Zeitpunkt der Entstehung der Einfuhrsteuerschuld am 17. Februar
2020 (vgl. Sachverhalt Bst. A.a) ohne Weiteres möglich gewesen wäre, in
Russland unter den Bedingungen des freien Wettbewerbs anstelle der von
ihr importierten, mit diesen vergleichbare Hunde kostenlos zu erhalten. Wie
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Seite 17
überzeugend dargelegt werden konnte, gibt es in Russland – mangels ent-
sprechenden Markts – keine selbstständigen Lieferanten, welchen sie
für derartige Hunde etwas hätte bezahlen müssen. Mangels eines entspre-
chenden Marktes haben die von der Beschwerdeführerin importierten
Hunde keinen Marktwert im Sinne von Art. 54 Abs. 1 Bst. g MWSTG
(vgl. E. 2.2.2 und E. 3.3.2). Aus diesem Grund lassen sich auch nicht
die genannten Bewertungsmethoden heranziehen, zumal diese einen
– wenn auch zunächst unbekannten und in der Folge zu eruierenden –
Marktwert einer Sache bzw. eines Tieres voraussetzen (E. 2.2.2). Ein nicht
vorhandener Marktwert darf nicht mittels Bewertungsmethoden oder
Schätzungen erschaffen werden. Darauf liefe es indessen hinaus, wenn in
jedem Fall – ungeachtet der konkreten Situation – auf die Beträge abge-
stellt würde, welche westeuropäische Personen bereit sind, an inländische
gemeinnützige Organisationen zu bezahlen, welche Hunde aus Russland
oder anderen Ländern, vermitteln (vgl. vorangehend E. 3.3.7 und E. 3.4.3).
Dabei handelt es sich nicht um ein Kriterium gemäss dem massgebenden
Art. 54 Abs. 1 Bst. g MWSTG.
3.4.6 Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es der Be-
schwerdeführerin im vorliegenden Fall gelingt, u.a. mittels einer Urkunde
nachzuweisen, dass die von der Vorinstanz vorgenommene Schätzung
des Wertes der von ihr in die Schweiz eingeführten Hunde nicht den tat-
sächlichen Gegebenheiten entspricht. Der von ihr anerkannte «Wert» von
USD 5.-- pro Hund erweist sich vor dem Hintergrund, dass den Hunden,
welche die Beschwerdeführerin selbstständig aus einem russischen Tier-
heim geholt hat, im Grunde überhaupt kein «Marktwert» zugeschrieben
werden kann, als realistisch. Auch wenn nach dem Gesagten von einem
Wert von Fr. 0.-- ausgegangen werden könnte, trägt der von der Beschwer-
deführerin geltend gemachte symbolische Wert dem Umstand Rechnung,
dass keinem Lebewesen jeglicher Wert abgesprochen werden sollte. Die-
ser Wert ist – wie beantragt – als Bemessungsgrundlage für die Einfuhr-
steuer im vorliegenden Fall heranzuziehen.
3.5
3.5.1 Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde gutzuheissen. Der ange-
fochtene Beschwerdeentscheid vom 15. April 2020 ist aufzuheben und die
Mehrwertsteuerforderung – unter Berücksichtigung der Wechselkurse am
17. Februar 2020 – wie Folgt neu festzusetzen:
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4 Hunde à Fr. 5.-- Fr. 20.--
Total Transportkosten Fr. 318.85
Total steuerbarer Wert Fr. 338.85
MWST-Forderung (7.7%) Fr. 26.10
3.5.2 Die Vorinstanz hat der Beschwerdeführerin, nach Eintritt der Rechts-
kraft des vorliegenden Urteils, die Differenz zwischen der bereits geleiste-
ten Einfuhrsteuer in Höhe von Fr. 248.70 (vgl. Sachverhalt Bst. A.f) und der
effektiv geschuldeten Einfuhrsteuer in Höhe von Fr. 26.10, d.h. Fr. 222.60
zurückzuerstatten. Vergütungszins ist nicht auszurichten (vgl. Art. 74
Abs. 3 ZG i.V.m. Art. 2 Abs. 3 der Verordnung des EFD vom 11. Dezember
2009 über die Verzugs- und die Vergütungszinssätze (SR 641.207.1).
4. Es bleibt, auf die Kosten- und Entschädigungsfolgen des vorliegenden
Urteils einzugehen:
4.1 Der obsiegenden Beschwerdeführerin sind keine Verfahrenskosten
aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG). Der geleistete Kostenvorschuss
in Höhe von Fr. 500.-- ist der Beschwerdeführerin nach Eintritt der Rechts-
kraft des vorliegenden Urteils zurückzuerstatten.
Der Vorinstanz können keine Verfahrenskosten auferlegt werden (Art. 63
Abs. 2 VwVG).
4.2 Der nicht vertretenen Beschwerdeführerin ist keine Parteientschädi-
gung zuzusprechen (vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 8 Abs. 1 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE; SR 173.320.2).
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