Decision ID: f939c44c-de52-5723-9156-e44d717a4a12
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 13. Dezember 2020 in der Schweiz um
Asyl. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank
ergab, dass er am 23. Oktober 2020 bereits in Österreich ein Asylgesuch
gestellt hatte (Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 8).
B.
Am 18. Dezember 2020 nahm die Vorinstanz die Personalien des Be-
schwerdeführers auf und am 28. Dezember 2020 gewährte sie ihm rechtli-
che Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglich-
keit der Überstellung nach Österreich. Der Beschwerdeführer wandte ge-
gen eine solche Überstellung ein, er habe in Österreich kein Asylgesuch
eingereicht, sei dort vielmehr einfach aufgegriffen worden. Er habe mitbe-
kommen, dass Asylverfahren in Österreich teilweise sehr lange dauerten
und dies bei Betroffenen zu Depressionen führen könne. Er wolle nicht an
einer Depression erkranken und möglicherweise gar sterben. Er habe nicht
vorgehabt, in Österreich zu bleiben; sein Ziel sei die Schweiz gewesen.
Auf die Frage nach allfälligen gesundheitlichen Beeinträchtigungen erklärte
der Beschwerdeführer gleichen Orts, er sei in Österreich an Corona er-
krankt und würde noch immer unter entsprechenden Beschwerden leiden
(Husten, Auswurf und Kopfschmerzen). Zudem schmerze ihn sein rechtes
Fussgelenk nach einer Verstauchung. Er sei Brillenträger und seine Brille
sei unterwegs kaputtgegangen. Auch bereite ihm eine Sinusitis (Nasenne-
benhöhlenentzündung) Beschwerden, wie beispielsweise geschwollene
Augen. Er habe für den 6. Januar 2021 einen Termin bei einem Arzt erhal-
ten (vgl. SEM-act. 12).
C.
Die österreichischen Behörden hiessen das Gesuch des SEM vom 28. De-
zember 2020 um Übernahme des Beschwerdeführers am 29. Dezember
2020 gut; dies gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr.
604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013
zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitglied-
staats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder
Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen
Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) (SEM-act. 14 und SEM-
act. 17).
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D.
Mit Verfügung vom 29. Dezember 2020 (eröffnet am 30. Dezember 2020)
trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ver-
fügte dessen Überstellung nach Österreich und forderte ihn auf, die
Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzei-
tig ordnete es die Aushändigung der editionspflichtigen Akten an und wies
darauf hin, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine
aufschiebende Wirkung zukomme (SEM-act. 19).
E.
Dagegen gelangte der Beschwerdeführer mit einer Rechtsmitteleingabe
vom 5. Januar 2021 an das Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte da-
rin, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz anzu-
weisen, ihre Pflicht zum Selbsteintritt auszuüben und sich für das vorlie-
gende Asylverfahren für zuständig zu erklären. Eventualiter sei die Vor-
instanz anzuweisen, sich gestützt auf Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1
vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) für das vorliegende Asylver-
fahren für zuständig zu erklären. Subeventualiter sei die Sache wegen Ver-
letzung des rechtlichen Gehörs an die Vorinstanz zurückzuweisen. Im
Sinne einer vorsorglichen Massnahme sei die aufschiebende Wirkung zu
erteilen und seien die Vollzugsbehörden anzuweisen, von einer Überstel-
lung nach Österreich abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über
die vorliegende Beschwerde entschieden habe. Ferner ersuchte er um Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung (Akten des Bundesverwaltungsgerichts
[BVGer-act.] 1).
F.
Am 6. Januar 2021 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die vorinstanzli-
chen Akten in elektronischer Form vor und setzte der Instruktionsrichter
den Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus
(BVGer-act. 2).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri-
gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offensichtlich erfüllt.
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
1.3 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.
Die Beschwerde erweist sich – wie im Folgenden zu zeigen ist – als offen-
sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän-
digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schrif-
tenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
Der Beschwerdeführer stellt subeventualiter Antrag auf Rückweisung der
Angelegenheit an die Vorinstanz wegen Verletzung seines Anspruchs auf
rechtliches Gehör. Er unterlässt es aber, irgendwelche Ausführungen dazu
anzubringen und entsprechende Mängel sind in den Akten der Vorinstanz
auch nicht erkennbar. Die verfahrensrechtliche Rüge erweist sich solcher-
massen als unbegründet.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8 - 15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23 -25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
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keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
4.3 Wie bereits erwähnt wurde der Beschwerdeführer gemäss den Einträ-
gen in der Eurodac-Datenbank vor seiner Weiterreise in die Schweiz am
23. Oktober 2020 in Österreich als Asylgesuchsteller erfasst. Das Wieder-
aufnahmegesuch der Vorinstanz hiessen die österreichischen Behörden
innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist gut. Die grund-
sätzliche Zuständigkeit Österreichs zur Durchführung des Asyl- und Weg-
weisungsverfahrens ist somit gegeben. Diese ist vom Beschwerdeführer
nicht schon mit der blossen Behauptung in Frage zu stellen, in Wirklichkeit
in Österreich kein Asylgesuch gestellt zu haben.
5.
Das Bundesverwaltungsgericht hat keinen Grund zur Annahme, das Asyl-
verfahren und die Aufnahmebedingungen in Österreich wiesen für Perso-
nen in der Situation des Beschwerdeführers systemische Mängel im Sinne
von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO auf (vgl. dazu anstelle vieler
Urteil des BVGer F-4030/2020 vom 18. August 2020 E. 4.3 und E. 4.4).
Etwas Anderes wird vom Beschwerdeführer auch nicht geltend gemacht.
Folglich bestand für die Vorinstanz kein Anlass zur Übernahme der Zustän-
digkeit gestützt auf die genannte Bestimmung.
6.
Bleibt zu prüfen, ob die Vorinstanz trotz der grundsätzlichen Zuständigkeit
Österreichs das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-
III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 AsylV 1, hätte ausüben müssen.
6.1 Österreich ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 3. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach.
6.2 Auch ist anzunehmen, dieser Staat anerkenne und schütze weiterhin
die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäi-
schen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu ge-
meinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des interna-
tionalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni
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2013) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen
für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen
(sog. Aufnahmerichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni 2013) ergeben.
6.3 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dafür
dargetan, dass sich Österreich im Falle einer Überstellung weigern könnte,
ihn wieder aufzunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz un-
ter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten
sind auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Österreich werde
in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn
zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine
Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in
dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen
zu werden. Ausserdem hat der Beschwerdeführer nicht dargetan, die ihn
bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in Österreich seien der-
art schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Die Überstel-
lung des Beschwerdeführers nach Österreich führt auch nicht zu einer Ket-
tenabschiebung, welche gegen das Non-Refoulement-Prinzip verstossen
würde, wie es in Art. 33 FK verankert ist (und sich ausserdem aus Art. 4
der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK ableiten lässt).
6.4 Was die vom Beschwerdeführer vorgebrachten gesundheitlichen Be-
einträchtigungen betrifft, so ist zum einen festzustellen, dass diese weder
einzeln noch in ihrer Gesamtheit ernsthaften Charakters sind. Zum ande-
ren behauptet der Beschwerdeführer zu Recht nicht, dass Österreich ihm
gegenüber seine sich aus der Aufnahmerichtlinie ergebenden Ansprüche
auf Zugang zur erforderlichen medizinischen Grundversorgung verweigern
könnte.
6.5 Andere Gründe, die der Schweiz Anlass geben könnten, von ihrem
Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO Gebrauch zu
machen, werden weder geltend gemacht noch sind solche ersichtlich. Da-
bei gilt auch zu beachten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden
kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen
(vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3).
7.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und
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hat in Anwendung von Art. 44 AsylG die Überstellung nach Österreich an-
geordnet. Unter diesen Umständen sind allfällige Vollzugshindernisse ge-
mäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) nicht mehr zu prüfen, da das
Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nicht-
eintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist (vgl. BVGE
2015/18 E. 5.2 m.w.H.).
8.
Die Beschwerde ist aus den dargelegten Gründen abzuweisen und die Ver-
fügung der Vorinstanz ist zu bestätigen.
8.1 Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 6. Januar 2021 angeordnete
Vollzugsstopp dahin. Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wir-
kung ist gegenstandslos geworden.
8.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten
sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf
insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
9.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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