Decision ID: e9d85816-8da6-5a10-b05f-fef0e6d49b63
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden suchten am 17. Dezember 2019 in der Schweiz
um Asyl nach. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruckdatenbank
(Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass sie am (...) 2018 in Griechenland ein
Asylgesuch eingereicht hatten und ihnen am (...) respektive (...) 2018 von
den griechischen Behörden ein Schutzstatus gewährt wurde.
B.
Am 20. Dezember 2019 bevollmächtigten die Beschwerdeführenden die
ihnen zugewiesene Rechtsvertretung.
C.
C.a Am 23. Dezember 2019 fand die Personalienaufnahme (PA) des Be-
schwerdeführers statt. Er gab zu Protokoll, er sei irakischer Staatsangehö-
riger, arabischer Ethnie und stamme aus D._. Im (...) 2018 hätten
er und die Beschwerdeführerin zivil geheiratet.
C.b Am 30. Dezember 2019 führte die damals minderjährige Beschwerde-
führerin anlässlich der von der Vorinstanz durchgeführten Erstbefragung
UMA (EB) aus, sie sei irakische Staatsangehörige, arabischer Ethnie und
stamme aus D._. Im (...) 2018 hätten der Beschwerdeführer und
sie geheiratet. Am (...) 2018 habe sie den Irak zusammen mit ihm verlas-
sen. Zum damaligen Zeitpunkt sei sie schwanger gewesen. Sie seien via
Türkei nach Griechenland gereist. Dort hätten sie ein Asylgesuch gestellt
und eine Aufenthaltsbewilligung erhalten. Nach deren Erhalt seien sie aus
Griechenland ausgereist.
Im Rahmen der EB gewährte die Vorinstanz der Beschwerdeführerin das
rechtliche Gehör betreffend die Zuständigkeit Griechenlands für die Durch-
führung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens (Dublin-Verfahren). Sie
hielt fest, die Lebensbedingungen für Flüchtlinge in Griechenland seien
prekär. Gesundheitlich gehe es ihr gut. Nach dem (...) in Griechenland sei
(...) nicht gut verheilt.
D.
Der Beschwerdeführer gab am 3. Januar 2020 im Rahmen des persönli-
chen Gesprächs gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Eu-
ropäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung
der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die
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Prüfung eines von einem Drittstaatangehörigen oder Staatenlosen in ei-
nem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig
ist (Dublin-III-VO), an, er und die zum damaligen Zeitpunkt schwangere
Beschwerdeführerin hätten den Irak am (...) 2018 verlassen und seien via
Türkei nach Griechenland gereist. Die griechischen Behörden hätten sie in
einem Lager untergebracht. Die dortige Situation sei schlimm gewesen.
Anschliessend seien sie mit anderen Familien in kollektive Unterkünfte ge-
bracht worden. Ihr Kind sei in Griechenland im Spital (...) zur Welt gekom-
men. Die medizinische Versorgung sei mangelhaft gewesen. Nach einem
Jahr hätten sie ein Aufenthaltsdokument erhalten. Mit diesem sei es mög-
lich, eine Arbeit zu suchen, er habe aber keine gefunden.
Im Rahmen des Gesprächs gewährte die Vorinstanz dem Beschwerdefüh-
rer das rechtliche Gehör zu einem Nichteintretensentscheid gemäss
Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG (SR 142.31; Rückkehrmöglichkeit in sicheren
Drittstaat) sowie zu einer möglichen Wegweisung nach Griechenland. Da-
gegen wendete er ein, die Wohnsituation sei nur vorübergehend gewesen.
Sie hätten eine Meldung bekommen, dass sie die Wohnung bald verlassen
müssten. Danach hätten sie auf der Strasse leben müssen. Zudem hätten
sie von den Behörden keine finanzielle Unterstützung mehr erhalten. Die
Situation für Flüchtlinge in Griechenland sei schwierig.
E.
E.a Am 8. Januar 2020 ersuchte die Vorinstanz die griechischen Behörden
gestützt auf die Rückführungsrichtlinie 2008/115/EG des Europäischen
Parlamentes und des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame
Normen und Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal auf-
hältiger Drittstaatstaatsangehöriger und das Abkommen vom 28. August
2006 zwischen dem Schweizerischen Bundesrat und der Regierung der
Hellenischen Republik über die Rückübernahme von Personen mit irregu-
lärem Aufenthalt (SR 0.142.113.729) um Rückübernahme der Beschwer-
deführenden und des gemeinsamen Kindes.
E.b Am 10. Januar 2020 stimmten die griechischen Behörden dem Über-
nahmeersuchen zu und führten aus, der Beschwerdeführerin und dem
Kind sei am (...) 2018 und dem Beschwerdeführer am (...) der Flüchtlings-
status zuerkannt worden. Sie seien im Besitz einer vom (...) 2018 bis (...)
2021 gültigen Aufenthaltsbewilligung.
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F.
F.a Mit Schreiben vom 18. März 2020 gewährte die Vorinstanz der Be-
schwerdeführerin das rechtliche Gehör zu einem Nichteintretensentscheid
gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG sowie zur beabsichtigten Wegweisung
nach Griechenland. Anlässlich der Befragung vom 30. Dezember 2019 sei
ihr das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit von Griechenland gemäss der
Dublin-III-VO gewährt worden. Diese sei bei anerkannten Flüchtlingen aber
nicht anwendbar.
F.b In der Stellungnahme vom 24. März 2020 hielt die Beschwerdeführerin
fest, in Griechenland hätten sie unter prekären Bedingungen leben müs-
sen. Die (...) sei nicht sauber zugenäht worden. Die Behörden hätten sie
aufgefordert, die ihnen zugeteilte Wohnung innert sechs Monaten zu ver-
lassen, und angedroht, nach Ablauf dieser Frist würden jegliche Unterstüt-
zungsleistungen gestrichen. Es würden systemische Schwachstellen vor-
liegen. Die Lage habe sich aufgrund der Grenzöffnung durch die Türkei
weiter verschärft. Sie sei minderjährig und Mutter eines Kleinkindes, mithin
eine vulnerable Person. Eine Überstellung dürfe nicht ohne zusätzliche Ab-
klärungen sowie das Einholen individueller Garantien erfolgen.
G.
G.a Am 3. April 2020 unterbreitete die Vorinstanz den Beschwerdeführen-
den den Entscheidentwurf zur Stellungnahme.
G.b In der Stellungnahme vom 6. April 2020 führten die Beschwerdefüh-
renden aus, Flüchtlinge mit einem Schutzstatus in Griechenland würden
dort unter unwürdigen Bedingungen leben. Erschwerend sei, dass es sich
bei ihnen um eine Familie mit einem Kleinkind handle. Die Behörden hätten
beabsichtigt, sie aus der ihnen zur Verfügung gestellten Wohnung auszu-
weisen. Die Möglichkeit, die erforderlichen Leistungen vom griechischen
Staat einzufordern, sei theoretischer Natur. Es sei notwendig, dass von den
griechischen Behörden eine individuelle Garantieerklärung eingeholt
werde, wonach ihnen die erforderlichen Leistungen zugesichert werden.
H.
Mit Verfügung vom 8. April 2020 trat die Vorinstanz auf die Asylgesuche
der Beschwerdeführenden nicht ein, wies sie aus der Schweiz weg und
forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Eintritt der Rechtskraft der Ver-
fügung zu verlassen, ansonsten sie in Haft genommen und unter Zwang
nach Griechenland zurückgeführt werden. Gleichzeitig beauftragte die
Vorinstanz den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung und
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händigte den Beschwerdeführenden die editionspflichtigen Akten gemäss
Aktenverzeichnis aus.
I.
Mit Eingabe vom 20. April 2020 reichten die Beschwerdeführenden gegen
diesen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein. Sie be-
antragen, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und zur erneuten
Sachverhaltsfeststellung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter
sei die Vorinstanz anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten. Subeven-
tualiter sei die Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen.
Es sei ihnen die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
Als Beweismittel lagen der Beschwerde zwei Berichte der Stiftung Pro Asyl
und der Organisation Refugee Support Aegean (RSA) vom 30. August
2018 und 24. März 2020 sowie eine Stellungnahme von Pro Asyl und der
RSA zuhanden des Verwaltungsgerichts Frankfurt (Oder) vom 31. Januar
2020 bei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerdefüh-
renden sind als Verfügungsadressaten zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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3.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver-
fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten
Richterin oder eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Weite-
rungen und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1
und 2 AsylG).
4.
4.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die
Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 31a Abs.1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Be-
schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz
zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (BVGE 2012/4 E. 2.2
m.w.H.).
4.2 Bezüglich der Frage der ausländerrechtlichen Wegweisung und des
Wegweisungsvollzugs hat die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorge-
nommen, weshalb dem Gericht diesbezüglich volle Kognition zukommt.
5.
5.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch in der Re-
gel nicht eingetreten, wenn die asylsuchende Person in einen nach Art. 6a
Abs. 2 Bst. b AsylG als sicher bezeichneten Drittstaat zurückkehren kann,
in welchem sie sich vorher aufgehalten hat.
5.2 Der Bundesrat bezeichnet Staaten, in denen nach seinen Feststellun-
gen effektiver Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG
besteht, als sichere Drittstaaten (Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG). Durch den
Beschluss des Bundesrates vom 14. Dezember 2007 wurden sämtliche
Länder der Europäischen Union (EU) und der Europäischen Freihandels-
assoziation (EFTA) als sichere Drittstaaten bezeichnet.
6.
6.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden sei gemäss Art. 31a Abs. 1
Bst. a AsylG nicht einzutreten. Der Bundesrat habe Griechenland als si-
cheren Drittstaat bezeichnet. Abklärungen hätten zudem ergeben, dass die
Beschwerdeführenden in Griechenland als Flüchtlinge anerkannt worden
seien. Die griechischen Behörden hätten am 10. Januar 2020 zugestimmt,
sie zurückzunehmen. In der Stellungnahme vom 6. April 2020 zum Ent-
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scheidentwurf seien keine Tatsachen oder Beweismittel vorgebracht wor-
den, welche zu einer Änderung des Standpunktes führen würden. Die in
der Stellungnahme vorgebrachten Vorbehalte seien bereits anlässlich der
Gewährung des rechtlichen Gehörs am 24. März 2020 geäussert und in
den Erwägungen aufgenommen worden. Im vorliegenden Fall bestünden
Anzeichen, dass die Beschwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft er-
füllen würden, da sie in Griechenland als Flüchtlinge anerkannt worden
seien. In diesem Zusammenhang sei auf Art. 25 Abs. 2 VwVG zu verwei-
sen. Gemäss dieser Bestimmung sei einem Begehren auf Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft in der Schweiz nur dann zu entsprechen, wenn ein
schutzwürdiges Interesse nachgewiesen werde. Dieser Nachweis könne
nicht gelingen, da bereits ein Drittstaat die Flüchtlingseigenschaft festge-
stellt und ihnen Schutz vor Verfolgung gewährt habe. Die Beschwerdefüh-
renden könnten nach Griechenland zurückkehren, ohne eine Rückschie-
bung in Verletzung des Non-Refoulement-Prinzips zu befürchten.
6.2 Die Vorinstanz stellt in der angefochtenen Verfügung zutreffend fest,
dass es sich bei Griechenland um einen sicheren Drittstaat im Sinne von
Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG handelt. Aus den Akten geht sodann hervor,
dass die griechischen Behörden den Beschwerdeführenden einen Flücht-
lingsstatus gewährt und der Rückübernahme am 10. Januar 2020 zuge-
stimmt haben. Hinweise auf eine Verfolgung, die geeignet wären, die Re-
gelvermutung des verfolgungssicheren Drittstaates im konkreten Fall um-
zustossen, liegen nicht vor. Die Vorinstanz ist demnach zu Recht auf die
Asylgesuche nicht eingetreten.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführenden und ihr Kind verfügen weder über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
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gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 In der Rechtsmitteleingabe machen die Beschwerdeführenden geltend,
die Regelvermutung, wonach Griechenland seinen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nachkomme, könne nicht aufrechterhalten werden. Es würden
systemische Mängel vorliegen. Die prekären Lebensbedingungen von Mig-
ranten in Griechenland seien bekannt. Verschiedene Berichte belegten,
dass die Situation anerkannter Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtig-
ter schlechter sei als jene von asylsuchenden Personen. Durch die Grenz-
öffnung der Türkei im Jahr 2019 habe sich die Situation weiter verschlech-
tert. Es bestehe für sie bei einer Rückkehr keine Möglichkeit, eine familien-
gerechte Unterkunft zu finden. Die erhaltenen Unterstützungsleistungen
als Asylsuchende hätten mit der Gewährung des Schutzstatus eingestellt
werden sollen. Der Zugang zu Sozialleistungen, zum Arbeitsmarkt sowie
zu Integrationsmöglichkeiten bestünden nur in der Theorie. Es existierten
auch keine Programme zur Arbeitsintegration. Der Beschwerdeführer habe
trotz Bewilligung keine Arbeit finden können. Auch die Möglichkeit, ihre
Rechte vom griechischen Staat einzufordern, bestehe bloss theoretisch.
Bei einer Rückkehr nach Griechenland drohe ihnen eine Verletzung von
Art. 3 EMRK. Pauschal auf den griechischen Rechtsstaat hinzuweisen, rei-
che nicht aus. Es sei notwendig, dass die griechischen Behörden eine in-
dividuelle Garantie für eine kindgerechte und menschenwürdige Beherber-
gung abgeben müssen, um eine Überstellung zu ermöglichen. Schliesslich
habe sich die Lage durch den Ausbruch des Covid-19-Virus zusätzlich ver-
schärft. Die Vorinstanz habe die deshalb veränderte Lage in Griechenland
ausser Acht gelassen.
8.3
8.3.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
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zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
8.3.2 Gemäss Art. 6a AsylG besteht zugunsten sicherer Drittstaaten die
Vermutung, dass diese ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen, darunter im
Wesentlichen das Refoulement-Verbot und grundlegende menschenrecht-
liche Garantien, einhalten (vgl. FANNY MATTHEY, IN: CODE ANNOTÉ DE DROIT
DES MIGRATIONS, ART. 6A ASYLG N 12 S. 68). Es obliegt der betroffenen
Person, diese Legalvermutung umzustossen. Dazu hat sie ernsthafte An-
haltpunkte dafür vorzubringen, dass die Behörden des in Frage stehenden
Staates im konkreten Fall das Völkerrecht verletzen, ihr nicht den notwen-
digen Schutz gewähren oder sie menschenunwürdigen Lebensumständen
aussetzen würden (vgl. dazu statt vieler Urteile des BVGer E-1755/2020
vom 7. April 2020 sowie E-2360/2019 vom 22. Mai 2019 E. 8).
8.3.3 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts betreffend die Zuläs-
sigkeit des Vollzugs der Wegweisung von Personen, denen von den grie-
chischen Behörden ein Schutzstatus verliehen wurde, wird das Vorliegen
eines Vollzugshindernisses nur unter sehr strengen Voraussetzungen be-
jaht. Grundsätzlich geht das Gericht davon aus, dass in Griechenland
Schutzberechtigte dort Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5
Abs. 1 AsylG finden. Ebenso geht das Gericht davon aus, dass Griechen-
land als Signatarstaat der EMRK, der FoK und der FK sowie des Zusatz-
protokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) seinen entspre-
chenden völkerrechtlichen Verpflichtungen grundsätzlich auch dann nach-
kommt, wenn vom Vollzug der Wegweisung Familien mit Kindern betroffen
sind (vgl. u.a. Urteile des BVGer E-3319/2019 vom 27. September 2019
E. 9.3 und E-4134/2019 vom 21. August 2019 E. 8.3 f.). Zwar anerkennt
das Gericht, dass die Lebensbedingungen in Griechenland schwierig sind,
dennoch ist diesbezüglich nicht von einer unmenschlichen oder entwürdi-
genden Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK respektive einer existenzi-
ellen Notlage auszugehen. Personen mit Schutzstatus sind griechischen
Bürgern und Bürgerinnen gleichgestellt in Bezug auf Fürsorge, den Zugang
zu Gerichten und den öffentlichen Schulunterricht respektive gleichgestellt
mit anderen Ausländern und Ausländerinnen beispielsweise in Bezug auf
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Erwerbstätigkeit oder Gewährung einer Unterkunft (vgl. Art. 16 – 24 FK).
Unterstützungsleistungen und weitere Rechte können direkt bei den zu-
ständigen Behörden eingefordert werden, falls notwendig auf dem Rechts-
weg. Nicht zuletzt können Schutzberechtigte sich auch auf die Garantien
in der Richtlinie 2011/95/EU (Richtlinie des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 13. Dezember 2011 über Normen für die Anerkennung von
Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen als Personen mit Anspruch auf
internationalen Schutz, für einen einheitlichen Status für Flüchtlinge oder
für Personen mit Anrecht auf subsidiären Schutz und für den Inhalt des zu
gewährenden Schutzes; sog. Qualifikationsrichtlinie) berufen, auf die sich
Griechenland als EU-Mitgliedstaat behaften lassen muss. Von Interesse
sind diesbezüglich insbesondere die Regeln betreffend den Zugang von
Personen mit Schutzstatus zu Beschäftigung (Art. 26), zu Bildung (Art. 27),
zu Sozialhilfeleistungen (Art. 29), zu Wohnraum (Art. 32) und zu medizini-
scher Versorgung (Art. 30). Im Falle einer Verletzung der Garantien der
EMRK steht gestützt auf Art. 34 EMRK auch letztinstanzlich der Rechtsweg
an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) offen (vgl.
statt vieler Urteile des BVGer E-3319/2019 vom 27. September 2019 E. 9.3
sowie E-5133/2018, E-5134/2018 vom 26. Oktober 2018 E. 9.5.4 f.).
8.3.4 Es besteht vorliegend kein Anlass zur Annahme, den Beschwerde-
führenden drohe eine Verletzung des in Art. 33 Abs. 1 FK verankerten
Grundsatzes der Nichtrückschiebung. Aufgrund der Akten liegen ferner
entgegen den Ausführungen in der Beschwerde keine ernsthaften Anhalts-
punkte dafür vor, dass sie für den Fall einer Ausschaffung nach Griechen-
land dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder
Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wären. Der Voll-
zug der Wegweisung ist zulässig.
8.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Herkunftsstaat auf Grund von Si-
tuationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer
Notlage konkret gefährdet sind. Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht fer-
ner die Vermutung, dass eine Wegweisung in einen EU- oder EFTA-Staat
in der Regel zumutbar ist. Es obliegt der betroffenen Person, diese Vermu-
tungen umzustossen.
8.4.1 Soweit die Beschwerdeführenden in der Rechtsmitteleingabe auf die
desolate Lage für Flüchtlinge in Griechenland hinweisen (siehe dazu vor-
stehend E. 8.2), ist festzuhalten, dass Griechenland an die Qualifikations-
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Seite 11
richtlinie gebunden ist. Selbst wenn die Lebensbedingungen in Griechen-
land aufgrund der herrschenden Wirtschaftslage nicht einfach sind, liegen
keine Hinweise für die Annahme vor, Griechenland würde den Beschwer-
deführenden dauerhaft die gemäss der Richtlinie zustehenden minimalen
Lebensbedingungen vorenthalten und sie einer existenziellen Notlage aus-
setzen. Es darf von ihnen erwartet werden, sich bei Unterstützungsbedarf
an die griechischen Behörden zu wenden und die erforderliche Hilfe nöti-
genfalls auf dem Rechtsweg einzufordern. Konkrete gesundheitliche Prob-
leme der Beschwerdeführenden und des Kindes, die den Vollzug der Weg-
weisung undurchführbar erscheinen liessen, sind keine aktenkundig.
8.4.2 Auch das Kindeswohl steht dem Wegweisungsvollzugs nicht entge-
gen. Es liegen keine erhärteten Hinweise vor, wonach sich Griechenland
als Signatarstaat des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die
Rechte des Kindes (Kinderrechtskonvention, KRK SR 0.107) nicht an seine
entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen halten würde. Das Bun-
desverwaltungsgericht hat denn auch in mehreren Urteilen die Wegwei-
sung von Familien mit flüchtlingsrechtlichem Schutzstatus in Griechenland
als zulässig und zumutbar qualifiziert und entsprechende Nichteintretens-
und Wegweisungsverfügungen der Vorinstanz bestätigt (vgl. etwa Urteile
des BVGer E-6192/2019 vom 29. November 2019; D-5687/2019 vom
7. November 2019; E-3319/2019 vom 27. September 2019 sowie
E-2360/2019 vom 22. Mai 2019). Der Vollzug erweist sich somit als zumut-
bar. Bei dieser Sachlage besteht auch kein Anlass für die Einholung indivi-
dueller Garantien.
8.5 Der Vollzug der Wegweisung ist im Weiteren nach Art. 83 Abs. 2 AIG
möglich. Die griechischen Behörden haben einer Rückübernahme der Be-
schwerdeführenden zugestimmt. Zudem sind die Beschwerdeführenden
im Besitz einer gültigen Aufenthaltsbewilligung in Griechenland.
8.6 Schliesslich steht auch die Corona-Pandemie dem Wegweisungsvoll-
zug nicht entgegen. Bei dieser handelt es sich – wenn überhaupt – um ein
temporäres Vollzugshindernis, welchem im Rahmen der Vollzugsmodalitä-
ten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem etwa
der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation in Griechenland angepasst wird
(vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurs-
kommission [EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e).
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Seite 12
8.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Für eine Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz besteht keine Veranlassung. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Die Beschwerdeführenden beantragen die Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung. Gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG befreit die Beschwer-
deinstanz eine Partei, die nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, auf
Antrag von der Bezahlung der Verfahrenskosten, sofern ihr Begehren nicht
aussichtslos erscheint. Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt
sich, dass die Vorbringen als aussichtslos zu gelten haben. Damit ist eine
der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen zur Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung nicht erfüllt. Das Gesuch ist abzuweisen.
10.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Be-
schwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge-
samt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
10.3 Mit dem vorliegenden Urteil ist der Antrag auf Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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