Decision ID: d98d9b61-428e-44c5-9907-02f4e994e024
Year: 2006
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ S.K., geboren 1981, stellte am 26. Oktober 2004 ein Gesuch um individuelle
Prämienverbilligung für die Krankenkasse für das Jahr 2004. Mit Verfügung vom 4.
Dezember 2004 wies die Sozialversicherungsanstalt das Gesuch ab mit der
Begründung, das anrechenbare Reineinkommen von Fr. 18'321.-- gemäss definitiver
Steuerveranlagung 2002 übersteige das für den Anspruch massgebende Einkommen.
Gegen diese Verfügung erhob die Gesuchstellerin am 30. Dezember 2004 Einsprache
und machte geltend, ihre Verhältnisse hätten sich seit 2002 grundlegend geändert. Sie
sei seit Dezember 2002 mit einem Unterbruch arbeitslos und nicht vermittlungsfähig
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gewesen und habe sich von März 2003 bis Ende August 2004 in einem
Therapiezentrum aufgehalten. Die ab Mitte Oktober 2003 abgerechneten
Arbeitslosentaggelder seien für die Finanzierung der Therapiekosten herangezogen
worden. Sodann habe sie am 11. Oktober 2004 ein Studium an der Fachhochschule
Wädenswil begonnen. Dieses dauere bis Ende Februar 2008 und werde teilweise mit
rückzahlbaren Studiendarlehen und durch Unterstützung ihrer Eltern bezahlt. Die
Sozialversicherungsanstalt wies die Einsprache am 26. April 2005 ab. Sie begründete
ihren Entscheid damit, die Voraussetzungen für eine Anpassung der
Prämienverbilligung seien nicht erfüllt, da die quantitative Veränderung des
Einkommens unter Berücksichtigung der Taggelder der Arbeitslosenversicherung für
2004 weniger als 20 Prozent betrage.
B./ Mit Eingabe vom 15. Mai 2005 erhob S.K. Rekurs beim Versicherungsgericht und
beantragte, es sei ihr für 2004 eine Prämienverbilligung auszurichten. Die
Steuerveranlagung für 2003 zeige deutlich, dass das massgebende Reineinkommen
lediglich Fr. 500.-- betrage. Auch die definitive Veranlagung für 2004 weise eine
Reduktion des Reineinkommens auf Fr. 11'100.-- aus, was als wesentlich einzustufen
sei.
Mit Entscheid vom 24. November 2005 hiess das Versicherungsgericht den Rekurs gut,
hob den Einspracheentscheid vom 26. April 2005 auf und wies die Sache an die
Sozialversicherungsanstalt zurück, damit diese aufgrund der Einkommensverhältnisse
im Jahr 2003 über die Höhe des Anspruchs auf Prämienverbilligung für 2004 neu
verfüge. Die Gerichtskosten von Fr. 1'000.-- wurden der Sozialversicherungsanstalt
auferlegt. Das Versicherungsgericht erwog, dass die Gesuchstellerin für 2004 keinen
Anspruch auf Prämienverbilligung habe, wenn der Anspruch aufgrund der letzten
definitiven Steuerveranlagung vor dem Anspruchsjahr (2002) bemessen werde.
Entspreche das nach diesen Grundsätzen ermittelte Einkommen nicht (mehr) der
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, werde auf diese abgestellt. Das Verwaltungsgericht
habe in zwei neueren Urteilen festgehalten, dass für die Beurteilung der
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit auf die Verhältnisse am 1. Januar des
Anspruchsjahres abzustellen sei und Einkommensänderungen während des
Anspruchsjahres grundsätzlich nicht zu berücksichtigen seien. Falls die Verhältnisse zu
Beginn des Anspruchsjahres auf eine solche Veränderung der wirtschaftlichen
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Leistungsfähigkeit deuten würden, könnten sie Berücksichtigung finden. Für den
vorliegenden Fall bedeute dies, dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
ausschliesslich aufgrund der konkreten Verhältnisse am 1. Januar 2004, d.h. aufgrund
der Einkommens- und Vermögensverhältnisse im Jahr 2003, beurteilt werden dürfe. Die
Einkommensveränderungen während des Jahres 2004 dürften dagegen ebensowenig
berücksichtigt werden wie die Veränderungen in den persönlichen Verhältnissen im
Herbst 2004 (Beginn des Studiums). Gemäss rechtskräftiger Steuerveranlagung
betrage das Reineinkommen im Jahr 2003 Fr. 516.--, womit im Vergleich zum
Reineinkommen des Jahres 2002 von Fr. 18'321.-- eine offensichtliche Differenz
bestehe, die für den Anspruch auf individuelle Prämienverbilligung relevant sei.
C./ Mit Eingabe vom 4. Januar 2006 erhob die Sozialversicherungsanstalt Beschwerde
beim Verwaltungsgericht mit dem Antrag, der Rekursentscheid vom 24. November
2005 sei aufzuheben und der Einspracheentscheid vom 26. April 2005 sei zu
bestätigen. Zur Begründung wird im wesentlichen vorgebracht, die Gesuchstellerin
habe von November 2003 bis Oktober 2004 netto Fr. 30'166.-- an
Arbeitslosentaggeldern bezogen. Diese Tatsache sei im Zeitpunkt der Einreichung des
Leistungsgesuchs am 26. Oktober 2004 bereits bekannt gewesen und habe daher von
der Sozialversicherungsanstalt berücksichtigt werden dürfen. Vor diesem Hintergrund
lasse sich schwerlich behaupten, es bestehe eine offensichtliche Diskrepanz zwischen
den Steuerdaten und der im Zeitpunkt der Gesuchseinreichung gegebenen
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Es sei daher auf die rechtskräftige
Steuerveranlagung 2002 abzustellen. Auf die einzelnen Vorbringen wird, soweit

wesentlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.
Vorinstanz und Beschwerdegegnerin haben auf eine Vernehmlassung verzichtet.
Darüber wird in Erwägung gezogen:
1./ Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Die
Sozialversicherungsanstalt ist zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingabe vom 4. Januar 2006
entspricht zeitlich, formal und inhaltlich den gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1
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in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2./ a) Nach Art. 11 Abs. 2 des Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung über die
Krankenversicherung (sGS 331.11, abgekürzt EG zum KVG) bildet in der Regel die
letzte definitive Steuerveranlagung die Grundlage für die Festsetzung des die
Prämienverbilligung auslösenden Einkommens. Entspricht das ermittelte Einkommen
offensichtlich nicht der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, so wird auf diese abgestellt
(Art. 11 Abs. 3 EG zum KVG).
Nach Art. 12 Abs. 4 der Verordnung zum Einführungsgesetz zur Bundesgesetzgebung
über die Krankenversicherung (sGS 331.111, abgekürzt V zum EG zum KVG) in der ab
1. Januar 2003 geltenden Fassung (nGS 38-8) wird auf die Steuerveranlagung
abgestellt, die am 31. Dezember des vorletzten Jahres massgeblich ist. Liegt keine
definitive Veranlagung vor, wird auf die vorläufige Rechnungstellung des vorletzten
Jahres abgestellt. Nach Vorliegen der rechtskräftigen Veranlagung kann die
anspruchsberechtigte Person innert dreissig Tagen die Neuberechnung der
Prämienverbilligung verlangen (Art. 12 Abs. 5 V zum EG zum KVG).
b) Art. 65 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (SR 832.10) bestimmt,
dass die Kantone dafür sorgen, dass bei der Ueberprüfung der
Anspruchsvoraussetzungen, insbesondere auf Antrag der versicherten Person, die
aktuellsten Einkommens- und Familienverhältnisse berücksichtigt werden.
Wenn die Verhältnisse einer Person am 1. Januar des Jahres massgebend sind, für
welches die Prämienverbilligung beansprucht wird, so handelt es sich dabei in der
Regel um die aktuellsten Daten. Art. 65 Abs. 3 KVG ist vor dem Hintergrund zu
beurteilen, dass zahlreiche Kantone in früheren Jahren aufgrund des Systems der
Vergangenheitsbemessung bei den Staats- und Gemeindesteuern keine aktuellen
Steuerdaten zur Verfügung hatten (vgl. die Botschaft des Bundesrates zur Teilrevision
des KVG, BBl 1999, S. 844 f.). Einzig bei der Geburt eines Kindes wird das
massgebende Einkommen ab dem Geburtsmonat neu festgelegt (Art. 13 Abs. 1 V zum
EG zum KVG). Die Berücksichtigung von Einkommensänderungen während des
Anspruchsjahres würde hingegen einem Verzicht auf die Massgeblichkeit der
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Steuerdaten gleichkommen. Einen solchen wollte der Bundesgesetzgeber aber gerade
nicht vornehmen (vgl. BBl 1999, S. 844). Würde auf den Beizug der Steuerdaten und
auf die Massgeblichkeit der persönlichen und familiären Verhältnisse zu Beginn des
Anspruchsjahres verzichtet, müsste ein gesondertes Veranlagungsverfahren
durchgeführt werden. Hätte der Gesetzgeber dies gewollt, hätte er eine Regelung für
die Festlegung der Anspruchsvoraussetzungen erlassen und insbesondere auch die
Ausrichtung von Zulagen während der schwebenden Anspruchsberechtigung sowie die
Revision rechtskräftiger Verfügungen geregelt (vgl. GVP 2004 Nr. 11).
c) Nach Art. 11 Abs. 3 EG zum KVG wird nur dann von der letzten definitiven
Steuerveranlagung abgewichen, wenn das ermittelte Einkommen offensichtlich nicht
der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit entspricht. Wann dies der Fall ist, hat der
Gesetzgeber nicht geregelt. Das Verwaltungsgericht hat in einem kürzlich gefällten
Urteil (VerwGE B 2005/23 vom 10. Mai 2005, zur Zeit publiziert in: www.gerichte.sg.ch)
festgehalten, der Gesetzgeber habe mit der Verwendung des Begriffs "offensichtlich"
zum Ausdruck gebracht, dass nicht jede Veränderung der wirtschaftlichen Verhältnisse
massgebend sein dürfe, um von den Steuerdaten abzuweichen. Die Diskrepanz
zwischen der früheren und der neuen wirtschaftlichen Lage müsse geradezu in die
Augen springen. Nur grundlegende und tiefgreifende Aenderungen der Verhältnisse
rechtfertigten ein Abweichen von der letzten definitiven Steuerveranlagung. Anders
wäre der Vollzug der Prämienverbilligung in einem einfachen und raschen Verfahren gar
nicht zu bewerkstelligen. Die Diskrepanz von Einkünften und wirtschaftlicher
Leistungsfähigkeit sei weder nach rein quantitativen Kriterien noch aufgrund eines der
Vergangenheitsbemessung des früheren Steuergesetzes nachempfundenen Systems
zu beurteilen. So vermöge allein eine Reduktion des Reineinkommens um 38 Prozent
eine offensichtliche Diskrepanz zwischen aktueller wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit
und den Verhältnissen während des massgebenden Jahres noch nicht zu begründen.
Im konkreten Fall wurde ein Rückgang des Einkommens aus selbständiger
Erwerbstätigkeit von rund Fr. 35'000.-- auf rund Fr. 2'700.-- als weitgehender Wegfall
von Einkünften qualifiziert, wobei dieser altershalber erfolgte und als dauerhaft zu
betrachten war.
d) Im Streitfall wies die Gesuchstellerin bei der Veranlagung 2002 ein Bruttoeinkommen
von Fr. 24'380.-- und ein Reineinkommen von Fr. 18'321.--, bei der Veranlagung 2003
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ein Bruttoeinkommen von Fr. 10'073.-- und ein Reineinkommen von Fr. 516.-- und bei
der Veranlagung 2004 ein Bruttoeinkommen von Fr. 30'288.-- und ein Reineinkommen
von Fr. 11'176.-- auf. Der Rückgang des Reineinkommens im Jahr 2003 erweist sich
damit als einmalige, nicht dauerhafte Reduktion, welche weitgehend auf den Aufenthalt
der Gesuchstellerin in einem Therapiezentrum zurückzuführen ist. Diese
vorübergehende Reduktion wird sich bei der Anwendung der ordentlichen
Bemessungsregel im Rahmen der Anspruchsvoraussetzungen für die
Prämienverbilliung im Jahr 2005 auswirken. Auch kann nicht gesagt werden, die
Diskrepanz zwischen dem Reineinkommen 2002 und den wirtschaftlichen
Verhältnissen im Jahr 2004 sei offensichtlich und in die Augen springend. Im Jahr 2004
waren die Bruttoeinkünfte mit rund Fr. 30'000.-- höher als im Jahr 2002. Der Rückgang
des Reineinkommens von Fr. 18'321.-- auf Fr. 11'176.-- stand im wesentlichen mit den
Ausbildungskosten im Zusammenhang und kann nicht als Merkmal einer erheblichen,
in die Augen springenden Aenderung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit qualifiziert
werden.
Das Verwaltungsgericht hielt im Urteil vom 10. Mai 2005 fest, falls die Verhältnisse zu
Beginn des Anspruchsjahres bzw. im Zeitpunkt des Gesuchs auf eine grundlegende
Veränderung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit deuten würden, könnten sie
Berücksichtigung finden. Dies bedeute nicht, dass sämtlichen Aenderungen während
des gesamten Anspruchsjahres noch Rechnung getragen und der Grundsatz der
Soforthilfe aufgegeben werden solle. Dass Aenderungen während des Anspruchsjahres
grundsätzlich nicht mehr berücksichtigt werden dürften, wie die Vorinstanz festhält,
erwog es aber nicht. Wie erwähnt, hat der Vollzug der Gesetzgebung über die
Prämienverbilligung in einem einfachen und raschen Verfahren zu erfolgen. Nur
tiefgreifende und dauerhafte Aenderungen der Verhältnisse, welche ein Abstellen auf
die letzte rechtskräftige Steuerveranlagung als stos-send erscheinen lassen, sind
gestützt auf Art. 11 Abs. 3 EG zum KVG zu korrigieren. Im übrigen bezog die
Gesuchstellerin bereits Ende 2003 Leistungen der Arbeitslosenversicherung, weshalb
diese bei der Würdigung der Verhältnisse zu Beginn des Jahres 2004 berücksichtigt
werden durften.
e) Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde gutzuheissen. Der
angefochtene Rekursentscheid vom 24. November 2005 ist aufzuheben und der
Einspracheentscheid vom 26. April 2005 zu bestätigen.
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3./ Dem Verfahrensausgang entsprechend gehen die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens zulasten des Staates, da sich die Beschwerdegegnerin nicht
am Verfahren beteiligt hat (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 2'000.--
ist angemessen (Ziff. 382 Gerichtskostentarif, sGS 941.12). Auf die Erhebung ist zu
verzichten (Art. 95 Abs. 3 VRP).
Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen, da die Beschwerdeführerin kein
entsprechendes Begehren gestellt hat (Art. 98ter VRP in Verbindung mit Art. 263 Abs. 3
des Zivilprozessgesetzes, sGS 961.2).
Die amtlichen Kosten des Rekursverfahrens von Fr. 1'000.-- sind der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Auf die Erhebung ist zu verzichten (Art. 97 VRP), da
die Sozialversicherungsanstalt in ihrem Einsprache-Entscheid festgehalten hat, dass
die quantitative Veränderung unter Berücksichtigung der Arbeitslosentaggelder weniger
als 20 Prozent betrage, was die Gesuchstellerin anhand des tiefen Reineinkommens
2003 veranlassen konnte, Rekurs zu erheben.