Decision ID: ec9b9540-3767-5b75-b300-7ad1936fe6aa
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ M.S. lenkte am 7. Mai 2009, um 17.50 Uhr, den Personenwagen Jeep Grand
Cherokee auf der Unteren Bahnhofstrasse in Wil am Bahnhof vorbei in Richtung
Churfirstenstrasse. Gleichzeitig fuhr P. mit seinem Fahrrad auf dem Radstreifen der
Unteren Bahnhofstrasse in derselben Richtung. Es herrschte starker und zähflüssiger
Verkehr. M.S. beabsichtigte, nach dem Fussgängerstreifen auf der Höhe der
Bahnhofunterführung nach rechts zum Bahnhofparkplatz abzubiegen. Beim Abbiegen
kollidierte sein Personenwagen mit dem Radfahrer P. Dieser stürzte und verletzte sich
dabei. Er wurde durch die Ambulanz ins Spital Wil überführt. Am Fahrrad entstand
Sachschaden; beim Personenwagen konnten keine Beschädigungen festgestellt
werden.
Mit Strafbescheid vom 19. August 2009 wurde M.S. wegen Verletzung von
Verkehrsregeln mit Fr. 200.-- gebüsst. Der Strafbescheid erwuchs unangefochten in
Rechtskraft.
Das Strassenverkehrsamt entzog M.S. mit Verfügung vom 2. September 2009 den
Führerausweis wegen Missachtens des Vortrittsrechts beim Überfahren des
Radstreifens und Verursachens eines Verkehrsunfalls für die Dauer eines Monats.
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B./ Gegen die Verfügung des Strassenverkehrsamts erhob M.S. durch seinen
Rechtsvertreter mit Eingabe vom 17. September 2009 Rekurs mit dem Antrag, auf eine
Massnahme sei zu verzichten, eventualiter sei eine Verwarnung auszusprechen,
subeventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Die Verwaltungsrekurskommission wies den Rekurs mit Entscheid vom 8. Januar 2010
ab.
C./ Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 29. Januar 2010 erhob M.S. Beschwerde
beim Verwaltungsgericht mit dem Antrag, der Rekursentscheid vom 8. Januar 2010 sei
aufzuheben, es sei auf eine Massnahme zu verzichten, eventualiter sei er zu verwarnen,
subeventualiter sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen mit der Auflage, den
Zeitpunkt für den Entzug festzulegen, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Zur
Begründung wird im wesentlichen vorgebracht, der Beschwerdeführer habe, wenn
überhaupt, lediglich eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen, und
es treffe ihn nur eine geringe Schuld. Es handle sich somit um eine leichte
Widerhandlung. Auf die einzelnen Vorbringen wird, soweit wesentlich, in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 12. Februar 2010 die
Abweisung der Beschwerde. Das Strassenverkehrsamt verzichtete auf eine
Vernehmlassung.
Der Beschwerdeführer erhielt Gelegenheit, zur vorinstanzlichen Vernehmlassung
Stellung zu nehmen. Dies tat er mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 19. Februar
2010.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (BGE 1C_346/2009
vom 6. November 2009). Der Beschwerdeführer ist zur Ergreifung des Rechtsmittels
legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Die Beschwerdeeingabe vom
29. Januar 2010 wurde rechtzeitig eingereicht und entspricht formal und inhaltlich den
gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48
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Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist grundsätzlich einzutreten. Ausserhalb des
Anfechtungsobjekts befindet sich hingegen der Subeventualantrag, die Sache sei zur
Festlegung des Vollzugszeitpunkts an die Vorinstanz zurückzuweisen.
2. Nach Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt SVG) wird
nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das
Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz (SR 741.03) ausgeschlossen ist, der
Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das
Gesetz unterscheidet in Art. 16a bis 16c SVG zwischen leichten, mittelschweren und
schweren Widerhandlungen. Eine leichte Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung
von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn
dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG). Nach einer leichten
Widerhandlung wird der Führerausweis für mindestens einen Monat entzogen, wenn in
den vorangegangenen zwei Jahren der Ausweis entzogen war oder eine andere
Administrativmassnahme verfügt wurde (Art. 16a Abs. 2 SVG). Die fehlbare Person wird
verwarnt, wenn in den vorangegangenen zwei Jahren der Ausweis nicht entzogen war
und keine andere Administrativmassnahme verfügt wurde (Art. 16a Abs. 3 SVG). In
besonders leichten Fällen wird auf jegliche Massnahme verzichtet (Art. 16a Abs. 4
SVG).
Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln
eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1
lit. a SVG). Eine schwere Widerhandlung begeht, wer durch grobe Verletzung von
Verkehrsregeln eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf
nimmt (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG).
2.1. Die Vorinstanz erwog, es sei im Streitfall aufgrund des Unfalls von einer konkreten
Gefahr für den Radfahrer auszugehen. Aus dem Umstand, dass sich die Verletzungen
des Radfahrers im Nachhinein nicht als schwer erwiesen hätten, könne der
Beschwerdeführer nichts zu seinen Gunsten ableiten. Im Strafverfahren sei unbestritten
geblieben, dass der Beschwerdeführer eine Verkehrsregelverletzung begangen habe.
Art. 40 Abs. 4 der Verkehrsregelnverordnung (SR 741.11, abgekürzt VRV) schütze
Radfahrer und damit schwächere Verkehrsteilnehmer. Eine Verletzung dieser
Bestimmung führe deshalb grundsätzlich nicht zu einer geringen Gefährdung, so auch
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nicht im vorliegenden Fall. Zusammenfassend liege keine geringe Gefährdung vor,
weshalb eine der Voraussetzungen für die Annahme einer leichten Widerhandlung nicht
erfüllt sei. Dass dem Beschwerdeführer im Strafverfahren nur ein geringes Verschulden
vorgeworfen werde, ändere folglich nichts daran, dass das Strassenverkehrsamt zu
Recht von einer mittelschweren Widerhandlung ausgegangen sei und den
Führerausweis gestützt auf Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG entzogen habe.
2.2. Die Strafbehörde hat den Beschwerdeführer der einfachen Verkehrsregelverletzung
schuldig gesprochen und eine Busse von Fr. 200.-- ausgefällt. Sie erwog, es treffe den
Verurteilten aufgrund des Unfallhergangs nur eine geringe Schuld an der Kollision mit
dem Radfahrer. Die Strafbehörde wendete Art. 40 Abs. 4 VRV und Art. 90 Ziff. 1 SVG
an.
2.3. Das Verwaltungsgericht schliesst sich der Qualifikation des Verschuldens durch
die Strafbehörde an. Diese ging davon aus, dass der Beschwerdeführer den Blinker
gestellt und nach hinten auf den Zweiradverkehr auf dem Radstreifen geschaut hat.
Den Radfahrer P. habe er dabei nicht gesehen, obwohl er sich im Aussen- und
Innenspiegel nach hinten konzentriert habe. So sei es zu einer leichten Kollision
zwischen dem Jeep und dem Radfahrer gekommen. Die Kollision habe am Heck des
Fahrzeuges stattgefunden. Daraus könne geschlossen werden, dass der
Beschwerdeführer das Abbiegemanöver über den Radstreifen schon fast
abgeschlossen habe, als der Radfahrer gegen das Fahrzeugheck geprallt sei. Es treffe
somit den Personenwagenlenker nur eine geringe Schuld an dieser Kollision.
Die Vorinstanz hat das Verschulden des Beschwerdeführers nicht als schwerwiegend
oder schwerwiegender, als es die Strafbehörde getan hat, qualifiziert. Sie erwog
vielmehr, aufgrund des Fehlens einer geringen Gefährdung seien die Voraussetzungen
für die Annahme einer leichten Widerhandlung ungeachtet des Umstands nicht erfüllt,
dass dem Beschwerdeführer im Strafverfahren nur ein geringes Verschulden
vorgeworfen worden sei. Diese Auffassung ist zutreffend. Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG
setzt voraus, dass sowohl das Verschulden als auch die Gefährdung als gering zu
qualifizieren sind. Eine unvollständige bzw. tatsachen- oder aktenwidrige Feststellung
des Sachverhalts kann der Vorinstanz in diesem Zusammenhang nicht vorgehalten
werden. Die Vorinstanz stellte bei der Beurteilung des Verschuldens auf die Würdigung
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der Strafbehörde ab. Im weiteren kann auch darin keine unvollständige
Sachverhaltsfeststellung erblickt werden, dass die Vorinstanz die korrekten
Verhaltensweisen des Beschwerdeführers nicht vollumfänglich und explizit in der
Begründung ihres Entscheides darlegte. Entscheidend bei der Beurteilung einer
Verkehrsregelverletzung und der dadurch verursachten Verkehrsgefährdung sind die
fehlerhaften Handlungen bzw. Verhaltensweisen.
2.4. Der Beschwerdeführer beanstandet weiter, die Vorinstanz habe fälschlicherweise
festgestellt, der Radfahrer sei frontal mit der rechten Seite seines Personenwagens
kollidiert.
Die Feststellung, wonach der Radfahrer frontal mit der rechten Seite des
Personenwagens kollidierte, ist aufgrund des Unfallrapports und der Fotos
nachvollziehbar und verständlich. Der Radfahrer prallte mit dem Vorderteil seines
Fahrrades in die rechte Seite des Personenwagens. Dies steht in Übereinstimmung mit
der Aussage des Radfahrers, wonach er unmittelbar nach dem Bremsen mit der
rechten Personenwagen-Seite kollidiert sei. Wo wisse er nicht mehr genau, aber er
denke, eher im vorderen Drittel des Personenwagens. Dass der Jeep nach dem Unfall
teilweise auf dem rechten Trottoir stand, lässt die Feststellung der Vorinstanz nicht
falsch erscheinen. Die Polizei hielt im Rapport fest, sie habe eine veränderte Unfall-
Endsituation angetroffen. Im übrigen ist es auch möglich, dass der Personenwagen
nach dem Aufprall des Radfahrers noch eine kurze Strecke vorwärts rollte, bevor er
zum Stillstand kam. Zudem ändert es an der Gefährdung nichts wesentliches, ob der
Aufprall im vorderen oder im hinteren Bereich des Personenwagens erfolgte. Eine
fehlerhafte Feststellung des Sachverhalts, welche hinsichtlich der Beurteilung des
Verschuldens oder der Gefährdung relevant ist, liegt in diesem Punkt jedenfalls nicht
vor.
2.5. Zu Recht hat im weiteren die Vorinstanz die Gefährdung als nicht geradezu leicht
qualifiziert. Nach Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG ist für die Annahme eines leichten Falles
kumulativ ein leichtes Verschulden und eine leichte Gefährdung erforderlich (BGE 135 II
138 E. 2.2.3). Soweit sich der Beschwerdeführer auf die Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum früheren Art. 16 SVG beruft, ist jenes Urteil (BGE 125 II 561) nicht
mehr relevant; es wurde vom Bundesgericht im erwähnten Urteil ausdrücklich als
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überholt bezeichnet. Das neue Recht verlangt ausdrücklich ein kumulatives Vorliegen
beider Kriterien. Der Grad der Verkehrsgefährdung ist daher im vorliegenden Fall (auch)
massgebend. Die Vorinstanz hat die Verkehrsgefährdung zu Recht als nicht leicht
qualifiziert. Der Radfahrer kollidierte mit dem langsam fahrenden Personenwagen und
zog sich dabei Verletzungen zu, nämlich zwei Rippenbrüche, Schürfungen an Gesicht
und linkem Arm, Prellungen an der linken Körperseite und eine leichte
Lungenverletzung. Erleidet ein Radfahrer bei einer Kollision mit einem Personenwagen
solche Verletzungen, schliesst dies die Annahme einer nur leichten Gefährdung in der
Regel aus. Daran ändert der Umstand nichts, dass sich die Verletzungen nicht als
geradezu schwer erwiesen, wie im Polizeirapport vorerst festgehalten wurde. Auch
schliesst der Strafbescheid die Annahme einer mittelschweren Gefährdung nicht aus.
Weder aus der Begründung des Strafbescheids noch aus der Schwere der Sanktion
kann hinsichtlich der konkreten Verkehrsgefährdung auf einen leichten Fall geschlossen
werden. Dass die Kollision im Strafbescheid als leicht qualifiziert wurde, ändert an der
erheblichen Gefährdung des Radfahrers nichts.
2.6. Zusammenfassend ergibt sich aus den vorstehenden Erwägungen, dass die
Vorinstanz zu Recht von einer mittelschweren Verkehrsregelverletzung im Sinn von
Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG ausgegangen ist. Da die gesetzliche Mindestentzugsdauer
von einem Monat angeordnet wurde, ist die Beschwerde abzuweisen.
3. Dem Verfahrensausgang entsprechend gehen die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens zu Lasten des Beschwerdeführers (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 2'500.-- ist angemessen (Art. 13, Ziff. 622 Gerichtskostentarif,
sGS 941.12). Der geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe ist zu verrechnen.
Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen (Art. 98bis VRP).
Demnach hat das Verwaltungsgericht