Decision ID: 4e5e5f96-3a97-4b69-8f8b-9e37cb3a7649
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich wegen eines Bandscheibenvorfalls am 25. Mai 2005 zur
Früherfassung und im Juni 2011 zum Bezug von Leistungen bei der IV-Stelle an (IV-
act. 1 und 5). Mit Verfügung vom 11. Oktober 2011 wies die IV-Stelle das
Leistungsbegehren ab (IV-act. 24). Auf ein neuerliches Leistungsbegehren vom
12. Dezember 2011 (IV-act. 25) trat die IV-Stelle mit Verfügung vom 7. Februar 2012
mangels Glaubhaftmachung einer wesentlichen Änderung der tatsächlichen
Verhältnisse nicht ein (IV-act. 29).
A.a.
Am 1. März 2012 wurde beim Versicherten eine Herzoperation durchgeführt und
eine künstliche Herzklappe eingesetzt (vgl. IV-act. 32 und 39). Auf Ersuchen des
damaligen Arbeitgebers des Versicherten (IV-act. 31) tätigte die IV-Stelle deshalb
Abklärungen (vgl. IV-act. 36 f. und 43). Im Assessmentgespräch vom 12. Juni 2012 gab
der Versicherte unter anderem an, er habe Schlafprobleme, weil er die künstliche
Herzklappe arbeiten höre (IV-act. 45). Am 4. Juli 2012 gewährte ihm die IV-Stelle
Beratung und Unterstützung beim Arbeitsplatzerhalt (IV-act. 50). Nachdem der
Versicherte auch im Januar 2013 an Brust- und Rückenschmerzen, Schlafproblemen,
Schwindel sowie tiefem Blutdruck litt und sich subjektiv nicht in der Lage fühlte, an
Eingliederungsbemühungen mitzuwirken, wurden die beruflichen Massnahmen mit
Mitteilung vom 30. Januar 2013 abgeschlossen und die Rentenprüfung veranlasst (IV-
act. 60 und 64).
A.b.
Mit Vorbescheid vom 15. Mai 2013 stellte die IV-Stelle dem Versicherten eine
Abweisung seines Antrags auf Rentenleistungen in Aussicht (IV-act. 78). Dagegen
erhob der Versicherte mit Hilfe seines Rechtsschutzversicherers Einwand (IV-act. 81).
A.c.
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Mit Schreiben vom 23. Oktober 2013 begründete der Rechtsschutzversicherer den
Einwand unter Bezugnahme auf den Arztbericht des Psychiatrie-Zentrums B._ vom
1. Oktober 2013 (IV-act. 91-3 f.) im Wesentlichen damit, beim Versicherten bestehe
auch ein psychisches Beschwerdebild, welches trotz konsequenter Behandlung sowie
Motivation und Mitarbeit des Versicherten seit Juli 2012 stationär sei. Es würden eine
mittelgradige depressive Episode, chronische körperliche Begleiterkrankungen in Form
von anhaltenden Schmerzen seit der Herzoperation 2012 sowie stationäre
Rückenschmerzen aufgrund eines Bandscheibenvorfalls L4/5 bestehen (IV-act. 91-1 f.).
A.d.
Mit Schreiben vom 19. November 2013 ordnete die IV-Stelle eine polydisziplinäre
medizinische Untersuchung an (IV-act. 92). Am 19. Februar 2014 teilte sie dem
Versicherten mit, die Begutachtung werde durch die ABI Begutachtungsinstitut GmbH
(nachfolgend: ABI) erfolgen (IV-act. 100).
A.e.
Mit Gutachten vom 30. Juni 2014 stellten die ABI-Gutachter folgende Diagnosen
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: Valvuläre Herzkrankheit (ICD-10 I35.9, I71.9),
pantonale Schallempfindungsschwerhörigkeit beidseits (ICD-10 H90.3), Tinnitus
beidseits (ICD-10 H93.1), intermittierende Schwindelsymptomatik (ICD-10 H82). Als
Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit führten sie eine leichte depressive
Episode (ICD-10 F32.0), eine Somatisierungsstörung (ICD-10 F45.0), ein chronisches
lumbovertebrales Schmerzsyndrom ohne klar fassbare radikuläre Symptomatik (ICD-10
M54.5), chronische Kniebeschwerden (ICD-10 M79.66), anamnestisch einen Status
nach Eingriff bei Karpaltunnelsyndrom links zirka 2008 (ICD-10 Z98.8) sowie
anamnestisch einen Status nach konservativ behandelter Fraktur im Bereich des
adominanten linken Daumens (ICD-10 T92.1) auf. Für eine körperlich nur gelegentlich
mittelschwer belastende Tätigkeit ohne sturzgefährdete Tätigkeiten oder Tätigkeiten
auf Baustellen und Gerüsten und ohne Tätigkeiten, welche eine normale auditive
Kapazität erforderten, bestehe seit dem Auftreten der Beschwerdesymptomatik 2012
eine Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 90%, vollschichtig realisierbar. Für die
angestammte sowie andere körperlich schwer belastende Tätigkeiten bestehe seit der
Diagnosestellung im November 2011 Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 103-39 ff.).
A.f.
Mit Verfügung vom 12. Januar 2015 wies die IV-Stelle das Gesuch um eine
Invalidenrente ab (IV-act. 111). Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte, nun
A.g.
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vertreten durch Rechtsanwalt Daniel Christe, am 11. Februar 2015 Beschwerde. Sein
psychischer Gesundheitszustand habe sich seit Anfang 2014, noch vor Erlass der
angefochtenen Verfügung, massiv verschlechtert. Es seien deshalb ergänzende
medizinische Abklärungen notwendig (IV-act. 113). Am 20. April 2015 widerrief die IV-
Stelle die Verfügung vom 12. Januar 2015 (IV-act. 127). Am 22. Mai 2015 schrieb das
Versicherungsgericht das Verfahren ab (IV-act. 135).
Mit Bericht vom 15. Oktober 2015 hielt Dr. med. C._, Oberarzt und
Bereichsleiter Ambulatorium, Psychiatrie-Zentrum B._, fest, bei der Aufnahme des
Versicherten habe man die Diagnose einer Anpassungsstörung gestellt, im Verlauf jene
von psychologischen Faktoren oder Verhaltensfaktoren bei anderenorts klassifizierten
Krankheiten. Aktuell liege eine schwere depressive Episode ohne psychotische
Symptome vor (IV-act. 146-6). Daraufhin gab die IV-Stelle eine Verlaufsbegutachtung
beim ABI in Auftrag (vgl. IV-act. 147 bis 153). Am 27. Januar 2016 teilte der
Rechtsvertreter mit, aufgrund einer akuten Verschlechterung sei der Versicherte in der
Psychiatrischen Klinik D._ in stationärer Behandlung (IV-act. 155).
A.h.
Aus dem Bericht der Psychiatrischen Klinik D._ vom 31. März 2016 geht hervor,
dass der Beschwerdeführer dort vom 20. Januar 2016 bis 26. Februar 2016 in
stationärer psychiatrischer Behandlung war (IV-act. 166).
A.i.
Mit Verlaufsgutachten vom 16. Februar 2016 stellten die ABI-Gutachter fest, im
Vergleich zur Vorbegutachtung habe sich der psychiatrische Gesundheitszustand
verschlechtert. Neu könne beim Versicherten eine gegenwärtig mittelgradige
depressive Störung diagnostiziert werden, welche zu einer Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit von 50% in sämtlichen Tätigkeiten seit Dezember 2014 führe (vgl. IV-
act. 162-33 f.). Am 26. April 2016 gab der ABI-Gutachter Dr. med. E._, FMH
Psychiatrie und Psychotherapie, auf Nachfrage hin an, bei einem Wegfall der
psychosozialen Faktoren könne nicht mit einem Abklingen der psychischen Probleme
des Versicherten gerechnet werden (IV-act. 167).
A.j.
Mit Vorbescheid vom 26. Juni 2017 stellte die IV-Stelle dem Versicherten eine
Abweisung seines Rentengesuchs in Aussicht. Bei einer näheren juristischen
A.k.
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B.
Überprüfung der zugrundeliegenden psychiatrischen Diagnose könne dieser keine
invalidisierende Wirkung beigemessen werden (IV-act. 196).
Mit Einwand vom 21. August 2017 brachte der Versicherte gegen den Vorbescheid
vor, er leide unter einer chronifizierten depressiven Erkrankung von mittlerem
Schweregrad, die eine Arbeitsunfähigkeit von 50% bewirke. Diese Erkrankung habe
sich in dem Sinne verselbständigt, dass nicht damit gerechnet werden könne, sie
würde bei einem Wegfall der psychosozialen Faktoren wieder abklingen. Gestützt auf
die Berichte der behandelnden Psychiater und Institutionen könne nicht davon
ausgegangen werden, eine Intensivierung der Therapie oder Änderung der Medikation
könnte eine wesentliche Verbesserung bewirken. Somit bestehe ein invalidisierendes
psychisches Leiden. Aufgrund seiner Einschränkungen sei zudem bei der Festlegung
des Invalideneinkommens ein Tabellenlohnabzug vorzunehmen (IV-act. 197).
A.l.
Mit Verfügung vom 5. September 2017 wies die IV-Stelle das Gesuch um
Invalidenrente ab. Der psychiatrischen Diagnose könne keine invalidisierende Wirkung
beigemessen werden, weil der Versicherte bisher bloss einmal pro Monat eine
Depressionstherapie wahrgenommen habe. Dies sei in der Rechtsanwendung für die
Annahme einer rentenrelevanten Invalidität klar ungenügend. Zudem sei die Dosierung
des verabreichten stimmungsstabilisierenden Neuroleptikums viel zu tief. Die
Therapiemöglichkeiten seien auch unter Berücksichtigung des rund einmonatigen
stationären Aufenthalts noch nicht als ausgeschöpft anzusehen. Deshalb stelle die IV-
Stelle betreffend Arbeitsfähigkeitsschätzung weiterhin auf das Erstgutachten von 2014
ab (IV-act. 198).
A.m.
Gegen diese Verfügung erhob A._ am 6. Oktober 2017 Beschwerde. Er
beantragt, die Verfügung vom 5. September 2017 sei aufzuheben und ihm sei
mindestens eine halbe Invalidenrente zuzusprechen. Eventualiter seien die Abklärungen
zu ergänzen und danach neu über die Invalidenrente zu entscheiden. Unter Kosten-
und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegnerin. Zudem sei ihm die
unentgeltliche Prozessführung und unentgeltliche Rechtsverbeiständung zu bewilligen.
Im Einzelfall müsse es möglich sein, den Nachweis zu erbringen, dass die Therapie im
Rahmen des Zumutbaren angemessen sei und von weiteren Therapiebemühungen
B.a.
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trotz Behandlungsbereitschaft des Versicherten keine wesentliche Besserung erwartet
werden könne. Dies sei vorliegend der Fall. Das ABI-Gutachten gehe von einer
Therapie lege artis aus. Als Therapieempfehlung werde zwar die Aufdosierung von
Quetiapin empfohlen. Von einer Intensivierung der Therapie sei aber ausdrücklich nicht
die Rede. Das Quetiapin sei nach umfangreichen Versuchen mit verschiedenen
Psychopharmaka infolge Wirkungslosigkeit beziehungsweise sogar negativer
Nebenwirkungen wieder abgesetzt worden. Das spezielle Problem im vorliegenden Fall
liege darin, dass die chronische depressive Störung Folge der Geräusche sei, welche
von der künstlichen Herzklappe des Beschwerdeführers ausgingen. Bereits der Ende
2015 im Heimatland F._ konsultierte Psychiater habe zu bedenken gegeben, bei
dieser Krankheitsursache bringe eine eigentliche Psychotherapie wenig. Diese
Auffassung werde sowohl im ABI-Gutachten wie auch in den Berichten der Klinik D._
sinngemäss bestätigt. Es müsse deshalb von einer ausgewiesenen
Behandlungsresistenz trotz bisheriger adäquaten Behandlungsbemühungen
ausgegangen werden. Bei einer Restarbeitsfähigkeit von 50% sei dem
Beschwerdeführer mindestens eine halbe Rente zuzusprechen. Sollten an der
Adäquanz der bisherigen Therapie Zweifel bestehen, würden sich ergänzende
psychiatrische Abklärungen aufdrängen (act. G1).
Mit Beschwerdeantwort vom 7. Dezember 2017 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Psychische Störungen würden
grundsätzlich nur dann als invalidisierend gelten, wenn sie schwer und therapeutisch
nicht (mehr) angehbar seien. Bei depressiven Störungen im mittelgradigen Bereich sei
die invalidisierende Wirkung besonders sorgfältig zu prüfen, denn bei solchen
Störungen werde praxisgemäss angenommen, dass aufgrund der regelmässig guten
Therapierbarkeit hieraus keine invalidenversicherungsrechtlich relevante Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit resultiere. Im ersten ABI-Gutachten vom 30. Juni 2014 sei noch
eine leichte depressive Episode festgestellt worden. Von einer mittelschweren
Depression könne erst im Zeitpunkt der zweiten ABI-Begutachtung im Februar 2016
ausgegangen werden, denn der Sichtweise der ambulanten Behandler, die ab 2015
durchwegs ein schweres depressives Zustandsbild postulierten, könne angesichts der
überzeugenden gutachterlichen Beurteilung nicht gefolgt werden. Im zweiten ABI-
Gutachten vom 16. Februar 2016 sei eine Fortführung der psychiatrisch-
B.b.
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psychotherapeutischen Behandlung nach Beendigung des stationären Aufenthaltes
sowie eine Steigerung der Medikation mit Quetiapin empfohlen worden. Diese
Empfehlung bezüglich der medikamentösen Behandlung sei nicht umgesetzt worden.
Dem Beschwerdeführer sei in der Folge weder das Medikament Dipiperon, das sich
gemäss Bericht der Klinik D._ vom 31. März 2016 positiv auf die Schlafqualität des
Beschwerdeführers ausgewirkt habe, noch das Neuroleptikum Quetiapin verabreicht
worden. Die ambulante Therapie, welche schon vor dem Klinikaufenthalt mit bloss
einer Konsultation pro Monat keine konsequente Depressionstherapie dargestellt habe,
sei nach dem Klinikaufenthalt auf eine Konsultation alle zwei Monate reduziert worden.
Bei objektiver Betrachtung könne kein anhaltender, therapieresistenter Zustand bejaht
werden. Daran ändere auch der Umstand nichts, dass der psychiatrische Experte
erwähne, die bisherige Therapie sei lege artis durchgeführt worden. Die Depression
stelle mangels Therapieresistenz keinen invalidenversicherungsrechtlich
massgebenden Gesundheitsschaden dar. Ins Gewicht falle weiter, dass das depressive
Geschehen von psychosozialen Faktoren überlagert und gefördert werde. Für den
Einkommensvergleich sei daher von der gemäss den beiden ABI-Gutachten aus
somatischer Sicht resultierenden zumutbaren Restarbeitsfähigkeit von 90% für
angepasste Tätigkeiten abzustellen (act. G5).
Mit Replik vom 9. Februar 2018 hält der Beschwerdeführer mit Ausnahme seines
Antrags auf unentgeltliche Rechtspflege an seinen Anträgen fest. Die vom
Beschwerdegegner herangezogene Rechtsprechung, wonach bei behandelbaren
psychiatrischen Beschwerden und nicht ausgewiesener Therapieresistenz keine
relevante Invalidität gegeben sei, sei überholt. Stattdessen sei auch bei depressiven
Störungen im Sinne eines strukturierten Beweisverfahrens die Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit zu beurteilen. Dies sei vorliegend durch das ABI-Gutachten
nachvollziehbar und abschliessend erfolgt. Trotz gewisser, allerdings eher theoretisch
und entsprechend unsicher erscheinenden Therapieoptionen könne auf die
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung durch das ABI abgestellt werden (act. G8).
B.c.
Mit Duplik vom 13. März 2018 bestätigt die Beschwerdegegnerin, dass nach der
neuen Rechtsprechung im Rahmen eines strukturierten Beweisverfahrens anhand
vorgegebener Indikatoren das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen eingeschätzt
werden müsse. Entscheidend dabei sei unabhängig von der diagnostischen
B.d.
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Erwägungen
1.
Einschätzung des Leidens, ob es gelinge, auf objektivierter Beurteilungsgrundlage den
Beweis einer rechtlich relevanten Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit zu erbringen, wobei
die versicherte Person die materielle Beweislast zu tragen habe. In diesem Rahmen
stellten Verlauf und Ausgang von Therapien wichtige Schweregradindikatoren dar. Es
sei Aufgabe des medizinischen Sachverständigen, nachvollziehbar aufzuzeigen,
weshalb trotz mittelschwerer Depression und an sich guter Therapiemöglichkeit der
Störung im Einzelfall funktionelle Leistungseinschränkungen resultierten, die sich auf
die Arbeitsfähigkeit auswirkten. Die medizinische Aktenlage erlaube eine schlüssige
Beurteilung im Lichte der Standardindikatoren. In der Gesamtbetrachtung seien die im
ABI-Gutachten vom 16. Februar 2016 postulierten funktionellen Auswirkungen der
erhobenen Befunde auf die Arbeitsfähigkeit beweismässig nicht hinreichend erstellt.
Wenn ein rechtsgenüglicher Bezug zwischen den gestellten Diagnosen und deren
funktionellen Auswirkungen im Sinne einer eingeschränkten Arbeitsfähigkeit nicht
überwiegend wahrscheinlich ausgewiesen sei, habe der materiell beweisbelastete
Beschwerdeführer die Folgen zu tragen. Damit sei kein invalidenversicherungsrechtlich
relevanter Gesundheitsschaden ausgewiesen (act. G11).
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder
die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40%
invalid sind (lit. c).
1.1.
Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich bleibende oder
längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist
der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens
1.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/20
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St.Galler Gerichte
2.
einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen
Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor,
wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Das Beschwerdebild mitprägende psychosoziale und soziokulturelle
Belastungsfaktoren, soweit sie unmittelbar die Symptomatik beeinflussen und nicht
bloss mittelbar eine (verselbstständigte) Gesundheitsschädigung aufrechterhalten oder
ihre (unabhängig von den invaliditätsfremden Elementen bestehenden) Folgen
verschlimmern, sind als nicht invalidisierende und damit nicht versicherte Faktoren
auszuscheiden. Ein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden kann nur
gegeben sein, wenn das klinische Beschwerdebild nicht einzig in psychosozialen und
soziokulturellen Umständen seine Erklärung findet, sondern davon psychiatrisch
unterscheidbare Befunde umfasst. Auch bei einer diagnostizierten Depressionsstörung
sind daher das Beschwerdebild prägende psychosoziale Belastungsfaktoren bei der
Beurteilung, ob ein invalidisierender Gesundheitsschaden vorliegt, zu beachten und
auszuklammern (Urteil des Bundesgerichts vom 15. März 2017, 8C_14/2017, E. 5.3, mit
Hinweisen).
1.3.
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG).
1.4.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.5.
Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
256 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der
2.1.
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3.
Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht,
auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben
worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der
Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des
Experten begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen).
Im Sinne einer Richtlinie ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund
eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten
Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen
gelangen, volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 210 E. 1.3.4; BGE 125 V 351 E. 3b/
bb). Die unterschiedliche Natur von Behandlungs- und Begutachtungsauftrag lässt es
nicht zu, ein Administrativgutachten stets dann in Frage zu stellen und zum Anlass
weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn behandelnde Ärzte zu anderslautenden
Einschätzungen gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende
Beurteilung aufdrängt, weil diese wichtige Aspekte benennen, die bei der
Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (Entscheid des
Bundesgerichts vom 25. April 2019, 9C_34/2019, E. 4.1 mit Hinweis auf SVR 2017 IV
Nr. 49 S. 148, 9C_338/2016 E. 5.5).
2.2.
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz (Art. 61 lit. c ATSG).
Verwaltung und Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und
vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 158
E. 1a). Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über
den streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebenden Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a mit Hinweisen). Im
Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht
etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 353 E. 5b; BGE 125 V 193 E. 2, je mit
Hinweisen).
2.3.
Mit dem am 3. Juni 2015 gefällten BGE 141 V 281 hat das Bundesgericht die von
ihm geschaffene Überwindbarkeitsvermutung bezüglich pathogenetisch-ätiologisch
3.1.
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unklaren syndromalen Beschwerdebildern ohne nachweisbare organische Grundlage
und den sich an den Foersterkriterien orientierenden Prüfungsraster aufgegeben. Das
bisherige Regel-/Ausnahme-Modell wurde durch ein “strukturiertes“ Beweisverfahren
ersetzt. Nach der neuen Rechtsprechung hat die Invaliditätsbemessung bei
psychosomatischen Störungen den Aspekt der funktionellen Auswirkungen zu
berücksichtigen, was sich schon in den diagnostischen Anforderungen niederschlagen
muss. Massgebend sind gemäss Bundesgericht in Schweregrad und Konsistenz der
funktionellen Auswirkungen eingeteilte Standardindikatoren. Zum funktionellen
Schweregrad sind die Komplexe "Gesundheitsschädigung" (mit den Aspekten der
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde, des Behandlungs- und
Eingliederungserfolgs oder der entsprechenden Resistenz und der Komorbiditäten),
"Persönlichkeit" (mit Persönlichkeitsdiagnostik und persönlichen Ressourcen) und
"Sozialer Kontext" zu berücksichtigen. In der Kategorie der Konsistenz geht es um
Gesichtspunkte des Verhaltens, namentlich um eine gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen und um behandlungs- und
eingliederungsanamnestisch ausgewiesenen Leidensdruck (vgl. BGE 141 V 281
E. 4.1.3).
Soweit die festgestellte Leistungseinschränkung auf Aggravation oder einer
ähnlichen Erscheinung beruht, liegt nach der Rechtsprechung regelmässig keine
versicherte Gesundheitsschädigung vor (BGE 141 V 281 E. 2.2.1). Die Anerkennung
eines rentenbegründenden Invaliditätsgrads ist gemäss Bundesgericht nur zulässig,
wenn die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen
Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und
widerspruchsfrei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind (BGE 141 V
281 E. 6; vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 23. September 2015, 8C_421/2015, E.
5.2).
3.2.
Mit den BGE 143 V 409 und BGE 143 V 418 weitete das Bundesgericht die
Anwendbarkeit des strukturierten Beweisverfahrens nach BGE 141 V 281 auf sämtliche
psychischen Erkrankungen, insbesondere auch leichte bis mittelschwere depressive
Störungen aus. Demnach vermag die Therapierbarkeit psychischer Leiden allein keine
abschliessende evidente Aussage über das Gesamtmass der Beeinträchtigung und
deren Relevanz im IV-rechtlichen Kontext zu liefern. Gemäss früherem Verfahrensstand
eingeholte Gutachten verlieren nicht per se ihren Beweiswert. Vielmehr ist im Rahmen
einer gesamthaften Prüfung des Einzelfalls mit seinen spezifischen Gegebenheiten und
den erhobenen Rügen entscheidend, ob ein abschliessendes Abstellen auf die
vorhandenen Beweisgrundlagen vor Bundesrecht standhält. In sinngemässer
3.3.
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Anwendung auf die materiell-beweisrechtlich geänderten Anforderungen ist in jedem
einzelnen Fall zu prüfen, ob die beigezogenen Sachverständigengutachten –
gegebenenfalls im Kontext mit weiteren fachärztlichen Berichten – eine schlüssige
Beurteilung im Lichte der massgebenden Indikatoren erlauben oder nicht (BGE 141 V
281 E. 8).
Die Rechtsanwender überprüfen die ärztlichen bzw. gutachterlichen Angaben nach
der Rechtsprechung (vgl. BGE 141 V 281 E. 5.2.2) frei, insbesondere darauf hin, ob die
Ärzte sich an die massgebenden normativen Rahmenbedingungen gehalten haben, das
heisst, ob sie ausschliesslich funktionelle Ausfälle berücksichtigt haben, welche Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung sind (vgl. Art. 7 Abs. 2 erster Satz ATSG), sowie,
ob die versicherungsmedizinische Zumutbarkeitsbeurteilung auf objektivierter
Grundlage erfolgt ist (vgl. Art. 7 Abs. 2 zweiter Satz ATSG).
3.4.
Im Rahmen der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG) darf sich die
Verwaltung – und im Streitfall das Gericht – weder über die (den beweisrechtlichen
Anforderungen genügenden) medizinischen Tatsachenfeststellungen hinwegsetzen
noch sich die ärztlichen Einschätzungen und Schlussfolgerungen zur
(Rest-)Arbeitsfähigkeit unbesehen ihrer konkreten sozialversicherungsrechtlichen
Relevanz und Tragweite zu eigen machen (Entscheid des Bundesgerichts vom
24. August 2016, 8C_399/2016 E. 2.2). Die rechtsanwendenden Behörden haben mit
besonderer Sorgfalt zu prüfen, ob die ärztliche Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit
auch invaliditätsfremde Gesichtspunkte (insbesondere psychosoziale und
soziokulturelle Belastungsfaktoren) mitberücksichtigt, die vom
sozialversicherungsrechtlichen Standpunkt aus unbeachtlich sind (vgl. Entscheid des
Bundesgerichts vom 15. März 2017, 8C_14/2017 E. 5.3, BGE 140 V 193). Weil aber
Recht und Medizin in der Invalidenversicherung zur Feststellung ein und derselben
Arbeitsfähigkeit beitragen, gibt es keine unterschiedlichen Regeln gehorchende,
getrennte Prüfung einer medizinischen und einer rechtlichen Arbeitsfähigkeit. Wenn
und soweit die medizinischen Experten die rechtlichen Vorgaben beachten, scheidet
daher eine rechtliche Parallelüberprüfung im Sinn einer "freihändigen Anwendung" der
zu beachtenden Standardindikatoren aus (vgl. Entscheid des Bundesgerichts vom
18. November 2015, 9C_125/2015 E. 5.5, BGE 141 V 281 E. 5.2.3).
3.5.
Eine neue Rechtsprechung ist im Grundsatz sofort und überall anwendbar und gilt
nicht nur für künftige, sondern für alle im Zeitpunkt der Änderung hängigen Fälle
(Entscheid des Bundesgerichts vom 7. November 2019, 9C_309/2019, E. 4.1 mit
Hinweisen).
3.6.
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4.
Die Beschwerdegegnerin nimmt in ihrer Verfügung vom 5. September 2017
betreffend Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht Bezug auf das ABI-Verlaufsgutachten vom
16. Februar 2016, sondern auf das ABI-Gutachten vom 30. Juni 2014 (siehe IV-
act. 198). Dieses Vorgehen ist unter dem folgenden Gesichtspunkt unzulässig.
4.1.
Der Beschwerdeführer macht geltend, nach der ersten Begutachtung durch das
ABI, aber noch vor Erlass der Verfügung vom 12. Januar 2015 habe sich sein
Gesundheitszustand wesentlich verschlechtert. RAD-Arzt Dr. med. G._ äusserte
daraufhin am 12. November 2015, lese man den Verlaufsbericht Dr. C._s, so könne
eine erhebliche und anhaltende Veränderung des Gesundheitszustands nicht
ausgeschlossen werden (IV-act. 149). Infolgedessen wurde die Verlaufsbegutachtung
in Auftrag gegeben (vgl. IV-act. 153). Diese ergab eine deutliche Verschlechterung des
psychischen Gesundheitszustands seit Dezember 2014. In der Konsensbeurteilung
wurde ausdrücklich festgehalten, dass sich der psychiatrische Gesundheitszustand im
Vergleich zur Vorbegutachtung im Jahre 2014 verschlechtert habe (IV-act. 162-33 f.).
Dr. G._ hielt mit Stellungnahme vom 8. April 2016 fest, das ABI-Verlaufsgutachten
vom 16. Februar 2016 erfülle die für eine gute Qualität erforderlichen Kriterien. Die vom
Bundesgericht vorgeschlagenen Standardindikatoren würden im Rahmen des
entsprechenden Fragebogens systematisch abgehandelt. Die Gutachter würden sich
ausführlich mit der Vorgeschichte des Beschwerdeführers befassen, sämtliche
wichtigen Dokumente auflisten, ihre neuen Ergebnisse mit jenen des ABI-Gutachtens
vom 30. Juni 2014 vergleichen und schliesslich zu plausibel nachvollziehbaren
Konklusionen gelangen. Der psychiatrische Gutachter habe eine leitliniengerechte
Anamneseerhebung vorgenommen und sei zur Konklusion gelangt, dass der
Beschwerdeführer eine gegenwärtig mittelgradige depressive Episode aufweise. Dabei
werde auch festgestellt, dass der Versicherte im Komplex "Gesundheitsschädigung"
hinsichtlich der Ausprägung der diagnoserelevanten psychiatrischen Befunde keine
Diskrepanzen habe erkennen lassen. In einer adaptierten Tätigkeit betrage die
Arbeitsfähigkeit 50% seit Dezember 2014 (IV-act. 163).
4.2.
Die Beschwerdegegnerin anerkennt somit eine Verschlechterung des psychischen
Gesundheitszustands des Beschwerdeführers sowie das Vorliegen einer zumindest
mittelgradigen depressiven Episode. Sie hätte demnach auf das ABI-Verlaufsgutachten
vom 16. Februar 2016 abstellen müssen. Selbst wenn sie die psychiatrischen
Diagnosen näher juristisch überprüfen will und zum Ergebnis kommt, dass diesen keine
invalidisierende Wirkung beigemessen werden könne (IV-act. 196), müsste sie dennoch
4.3.
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5.
das ABI-Verlaufsgutachten vom 16. Februar 2016 als Ausgangspunkt beachten und
darf nicht auf das inzwischen veraltete Gutachten vom 30. Juni 2014 zurückgreifen.
Es ist zu prüfen, ob das ABI-Verlaufsgutachten vom 16. Februar 2016
beweiskräftig ist und folglich darauf abgestellt werden kann.
5.1.
Beide Parteien billigen diesem Verlaufsgutachten grundsätzlich Beweiswert zu. Der
Beschwerdeführer leitet aus der im Gutachten festgestellten Arbeitsunfähigkeit von
50% seinen Rentenanspruch ab. Auf Seiten der Beschwerdegegnerin erachtete
Dr. G._ das ABI-Verlaufsgutachten vom 16. Februar 2016 als qualitativ einwandfrei
(vgl. IV-act. 163). Der später beigezogene RAD-Arzt Dr. H._ übte zwar Kritik, kam
aber zum Schluss, trotz der geäusserten Bedenken und Inkonsistenzen könne dem
ABI-Verlaufsgutachten vom 16. Februar 2016 "noch eine brauchbare
versicherungsmedizinische Einschätzung" der Arbeitsfähigkeit zugesprochen werden
(IV-act. 177-2). Anlässlich einer Besprechung vom 7. Dezember 2016 wies Dr. H._
darauf hin, das ABI-Verlaufsgutachten vom 16. Februar 2016 enthalte einige
Inkonsistenzen und die Anamnese sei sehr oberflächlich erhoben worden.
Infolgedessen wurden weitere Informationen angefordert (IV-act. 178-2 f.). Mit
Stellungnahme vom 15. Mai 2017 bestätigte Dr. H._ die im Verlaufsgutachten
attestierte Arbeitsfähigkeit von 50% jedoch erneut (IV-act. 191-5). Der
Rechtsdienstmitarbeiter der Beschwerdegegnerin hielt daraufhin am 23. Juni 2017 fest,
die beiden ABI-Gutachten seien als voll beweiskräftig anzusehen (IV-act. 193-1). Die
Beschwerdegegnerin bestritt in der Folge lediglich, dass die therapeutischen Optionen
ausgeschöpft und damit die psychiatrische Erkrankung invalidisierend sei (vgl. IV-
act. 196 ff.).
5.2.
Das ABI-Verlaufsgutachten vom 16. Februar 2016 beruht auf eigenständigen
Abklärungen und ist für die streitigen Belange umfassend. Insbesondere untersuchten
die Gutachter den Beschwerdeführer persönlich (vgl. IV-act. 162-11 ff., 162-17 ff.,
162-21 ff., 162-25 ff. und 162-28 ff.), würdigten die von ihm geklagten Beschwerden
und verwerteten die medizinischen Vorakten (vgl. IV-act. 162-3 ff.).
5.3.
Der psychiatrische Teilgutachter Dr. E._ handelte im für die Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit relevanten psychiatrischen Teilgutachten die massgeblichen
Indikatoren gemäss der neuen Rechtsprechung ab. Zur Gesundheitsschädigung hielt er
fest, der Beschwerdeführer leide an einer depressiven Störung. Die Stimmung sei
depressiv, der Antrieb vermindert, die Psychomotorik verarmt. Er leide an
Konzentrations- und Antriebsstörungen. Er sei resigniert, freudlos, das Leben sei ihm
5.4.
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verleidet. Er sei auf seine Herzgeräusche fixiert und könne sich davon kaum lösen.
Auch dies schränke seine Belastbarkeit ein (IV-act. 162-17 f.). Bezüglich des
Standardindikators der Persönlichkeit erhob Dr. E._ eine Anamnese (IV-act. 162-15
f.) und nahm eine persönliche Untersuchung vor, welche er anschliessend auswertete
(IV-act. 162-17). Zu den persönlichen Ressourcen hielt der psychiatrische Teilgutachter
fest, der Beschwerdeführer habe früher mit guter Leistung gearbeitet. Er sei durch das
andauernde Herzgeräusch belastet, von dem er sich nicht distanzieren könne. Er lebe
zurückgezogen, unternehme aber Spaziergänge, sei in der Lage, Auto zu fahren und
habe eine gute Beziehung mit seiner Ehefrau und seinen Kindern (IV-act. 162-18 f.).
In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass dem Beschwerdeführer
keine vollständige, sondern eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert wurde.
Folglichwurde gleichzeitig eine Arbeitsfähigkeit von 50% als dem Beschwerdeführer
zumutbar erachtet, was mit den vorhandenen Ressourcen korreliert. Die Gutachter
stellten demnach weder unreflektiert auf die Einschätzung der behandelnden Ärzte ab
noch übernahmen sie die subjektive Ansicht des Beschwerdeführers. Vielmehr setzten
sie sich mit beiden Standpunkten auseinander und kamen insbesondere zum Ergebnis,
die fehlende Motivation für Eingliederungsmassnahmen könne nicht ausschliesslich
durch eine psychiatrische Störung begründet werden (vgl. beispielsweise IV-
act. 162-19 und 162-34).
5.5.
Dr. E._ gab den sozialen Kontext wieder (IV-act. 162-18) und stellte betreffend
Konsistenz fest, Hinweise auf Aggravation würden fehlen und es seien keine
Diskrepanzen aufgefallen (IV-act. 162-18 f.). Er anerkannte zudem, dass die bisherige
Therapie lege artis und unter Kooperation des Beschwerdeführers durchgeführt
worden sei. Zwar bemerkte er, die Dosierung von Quetiapin sei viel zu tief und sollte
unbedingt erhöht werden (IV-act. 162-18 f.). Zudem empfahl er, eine ambulante
Psychotherapie nach Entlassung aus der stationären Behandlung fortzusetzen (IV-
act. 162-34). Er vertrat aber offenbar nicht den Standpunkt, dass durch eine
Aufdosierung der Medikation bzw. eine Fortsetzung der Psychotherapie der
Gesundheitszustand wesentlich verbessert werden könnte. Andernfalls hätte er seiner
Arbeitsfähigkeitsschätzung eine entsprechende Bemerkung vorangestellt und nicht
festgehalten, dass keine weiteren Therapieoptionen bestehen würden (IV-act. 162-19).
5.6.
Wenn die Beschwerdegegnerin den Leidensdruck des Beschwerdeführers
anzweifelt, ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer sich nicht nur in der
Schweiz, sondern auch in seinem Heimatland F._ in Behandlung begeben und
ärztlichen Rat eingeholt hat (vgl. IV-act. 176). Aufgrund der Verschlechterung seines
Gesundheitszustands begab er sich in der Schweiz in stationäre Behandlung (IV-
5.7.
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act. 155). Der psychiatrische Teilgutachter hielt dementsprechend fest, die
therapeutischen Möglichkeiten seien wahrgenommen worden (IV-act. 162-19). Beim
Beschwerdeführer liegt somit ein Leidensdruck vor.
Zwar weist das ABI-Verlaufsgutachten vom 16. Februar 2016 tatsächlich, wie RAD-
Arzt Dr. H._ zutreffend festhielt, einige Unstimmigkeiten auf und eine tiefergehende
Anamnese wäre wünschenswert gewesen. Insgesamt sind die Mängel jedoch nicht so
gravierend, dass sie den Beweiswert des Verlaufsgutachtens unterminieren würden.
Die medizinischen Zusammenhänge wurden dargelegt und die medizinische
Beurteilung leuchtet grundsätzlich ein. Die Schlussfolgerungen der Gutachter sind
begründet. So kam denn auch RAD-Arzt Dr. H._ zum Ergebnis, auf die
Arbeitsfähigkeitsschätzung gemäss ABI-Verlaufsgutachten vom 16. Februar 2016
könne abgestellt werden.
5.8.
Die Beschwerdegegnerin macht geltend, das depressive Geschehen werde von
psychosozialen Faktoren überlagert und gefördert (act. G5). Sie stützt sich dabei wohl
auf die Angaben Dr. E._s im psychiatrischen Teilgutachten, wonach sich der
Beschwerdeführer in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage befinde, seit zwei Jahren
keine finanzielle Unterstützung mehr erhalte und von der Zuwendung seines Sohnes
abhängig sei. Diese invaliditätsfremden Faktoren würden zur depressiven Störung
beitragen (IV-act. 162-18). Dem steht jedoch entgegen, dass Dr. E._ auf Nachfrage
hin ausdrücklich angab, bei einem Wegfall der psychosozialen Faktoren könne nicht
mit einem Abklingen der psychischen Probleme des Versicherten gerechnet werden
(IV-act. 167). Die Beschwerdegegnerin hat nicht überzeugend dargetan, weshalb diese
gutachterliche Einschätzung unzutreffend sein sollte. Insbesondere bleiben die
ständigen, stark beeinträchtigenden Geräusche, welche die Herzklappe des
Beschwerdeführers verursacht, auch bei Wegfall dieser psychosozialen Faktoren
bestehen. Von einer Verbesserung der Arbeitsfähigkeit bei Wegfall der psychosozialen
Faktoren kann deshalb nicht ausgegangen werden.
5.9.
Die psychiatrische Begutachtung genügt nach dem Gesagten den Anforderungen
der Rechtsprechung und das Ergebnis ist überzeugend. Die funktionellen
Auswirkungen der erhobenen Befunde auf die Arbeitsfähigkeit sind somit erstellt. Eine
juristische Parallelüberprüfung im Sinne einer freihändigen Anwendung der
Standardindikatoren verbietet sich daher (vgl. E. 3.5 vorstehend). Die somatische
Einschätzung bzw. die Einschätzung des otorhinolaryngologischen Teilgutachtens
wurden von keiner Seite thematisiert. Dessen Arbeitsfähigkeitsschätzung erfolgte nicht
additiv zur psychiatrischen Einschätzung, sodass die nicht ganz nachvollziehbare
Erhöhung von 10% auf 15% nicht relevant bzw. nicht näher zu prüfen ist. Demnach ist
5.10.
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6.
auf die polydisziplinäre Arbeitsfähigkeitsschätzung des ABI-Verlaufsgutachtens vom
16. Februar 2016 abzustellen. Der Beschwerdeführer ist folglich in seiner
angestammten Tätigkeit seit November 2011 (IV-act. 162-34 i.V.m. IV-act. 103-41)
vollständig arbeitsunfähig. In einer adaptierten Tätigkeit war er bis 30. November 2014
zu 100% arbeitsfähig und ist seit 1. Dezember 2014 zu 50% arbeitsunfähig (vgl. IV-
act. 162-20 f.).
Nachdem das ABI-Verlaufsgutachten vom 16. Februar 2016 beweiskräftig ist, ist
nun zu bestimmen, ob der Beschwerdeführer gestützt auf die vorliegende
Arbeitsunfähigkeit einen Anspruch auf eine Invalidenrente hat.
6.1.
Vorliegend begann das Wartejahr im November 2011 und war gemäss Art. 28
Abs. 1 IVG im November 2012 erfüllt. Nachdem die Beschwerdegegnerin auf das
Leistungsbegehren vom 12. Dezember 2011 nicht eingetreten war, tätigte sie auf
Ersuchen des damaligen Arbeitgebers vom 14. Februar 2012 weitere Abklärungen.
Unter Berücksichtigung von Art. 29 Abs. 1 IVG hat der Beschwerdeführer frühestens
nach Ablauf von sechs Monaten, mithin ab 1. August 2012, einen Rentenanspruch. Zu
jenem Zeitpunkt war er aber in einer adaptierten Tätigkeit noch zu 100% arbeitsfähig,
sodass kein rentenbegründender Invaliditätsgrad vorlag (vgl. hierzu IV-act. 195).
6.2.
Die Arbeitsunfähigkeit von 50% trat gestützt auf das ABI-Verlaufsgutachten vom
16. Februar 2016 erst im Dezember 2014 ein. Eine Verschlechterung der
Erwerbsfähigkeit oder der Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, ist zu
berücksichtigen, sobald sie ohne wesentliche Unterbrechung drei Monate gedauert
hat. Art. 29 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) ist
sinngemäss anwendbar (Art. 88a IVV). Vorliegend hatte die Verschlechterung des
Gesundheitszustands des Beschwerdeführers im März 2015 drei Monate gedauert,
sodass ab April 2015 sowohl das Wartejahr als auch die generelle sechsmonatige
Karenzfrist und die Frist nach Art. 88a IVV abgelaufen waren. Ein allfälliger
Rentenanspruch entsteht somit ab April 2015.
6.3.
bis
Auf dem Fragebogen für Arbeitgebende gab die damalige Arbeitgeberin des
Beschwerdeführers an, er habe im Jahr 2011 Fr. 67'600.-- verdient (13 x Fr. 5'200.--;
IV-act. 72-3). Gemäss der Tabelle "T39 Entwicklung der Nominallöhne, der
Konsumentenpreise und der Reallöhne" der vom Bundesamt für Statistik periodisch
herausgegebenen Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (nachfolgend: LSE) ist
dieses Jahreseinkommen durch den Faktor 2'171 zu teilen und mit dem Faktor 2'226
zu multiplizieren, um aus dem Jahreseinkommen 2011 den Nominallohn für das Jahr
6.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/20
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2015 zu errechnen. Das Valideneinkommen des Beschwerdeführers für das Jahr 2015
beträgt somit Fr. 69'313.--.
Für die Festsetzung des Invalideneinkommens ist primär von der beruflich-
erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret steht. Ist
kein effektives Erwerbseinkommen gegeben, namentlich weil die versicherte Person
nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine ihr an sich
zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat, so können nach der
Rechtsprechung statistische Werte, insbesondere die Tabellenlöhne gemäss LSE
beigezogen werden (BGE 139 V 592 E. 2.3).
6.5.
Der Beschwerdeführer ist nicht erwerbstätig. Da er in seinem angestammten
Tätigkeitsbereich sowie in anderen körperlich schweren Tätigkeiten nicht mehr arbeiten
kann, ist für das Invalideneinkommen auf statistische Werte abzustellen. Der
Beschwerdeführer verfügt über keine verwertbare Berufsausbildung, sodass die
statistischen Werte des Kompetenzniveaus 1 der LSE heranzuziehen sind. Der
Jahreslohn 2015 beläuft sich demnach auf Fr. 66'633.-- (siehe Anhang 2 der vom
Bundesamt für Sozialversicherungen herausgegebenen IV-Textausgabe, Ausgabe
2019, S. 228, basierend auf der LSE).
6.6.
Dem Beschwerdeführer ist sodann ein geringfügiger Tabellenlohnabzug zu
gewähren. Mit dem Tabellenlohnabzug ist zu berücksichtigen, dass gesundheitlich
beeinträchtigte Personen im Vergleich zu voll leistungsfähigen und entsprechend
einsetzbaren arbeitnehmenden Personen lohnmässig benachteiligt sind und deshalb
mit unterdurchschnittlichen Lohnansätzen rechnen müssen. In BGE 126 V 75 hat das
Bundesgericht festgestellt, dass es von sämtlichen persönlichen und beruflichen
Umständen des konkreten Einzelfalls (leidensbedingte Einschränkung, Alter,
Dienstjahre, Nationalität, Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad) abhängt, ob
und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind. Bereits in der Beurteilung
der medizinischen Arbeitsfähigkeit enthaltene gesundheitliche Einschränkungen dürfen
nicht zusätzlich in die Bemessung des leidensbedingten Abzugs einfliessen und so zu
einer doppelten Anrechnung desselben Gesichtspunkts führen. Der Einfluss sämtlicher
Merkmale auf das Invalideneinkommen ist nach pflichtgemässem Ermessen
gesamthaft zu schätzen. Der Abzug ist auf höchstens 25% begrenzt (Urteil des
Bundesgerichts vom 20. April 2018, 9C_833/2017, E. 2.2; BGE 134 V 327 E. 5.2).
6.7.
Der Beschwerdeführer kann lediglich noch in einem 50%-Pensum arbeiten. Dieses
Pensum könnte gemäss dem ABI-Verlaufsgutachten vom 16. Februar 2016 über vier
bis sechs Stunden pro Tag umgesetzt werden, je nach Möglichkeit, am Arbeitsplatz
6.8.
https://swisslex.westlaw.com/search/Document.asp?DocService=DocLink&D=BGEx126xVx75_82&AnchorTarget=BGEx126xVx75
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7.