Decision ID: 3c836662-2e61-4086-acdf-5fd4eb323c4c
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Der 1930 geborene
X._
meldete sich am 1
0.
Juli 2019 unter Hin
weis auf eine hochgradige Sehschwäche/Blindheit bei der Sozialversicherungs
anstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse, zum Bezug einer Hilflosenent
schädigung der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) an (Urk. 6/4
und
Urk.
6/11
).
Mit Verfügung vom
1
3.
August 2019
(Urk.
6/14) verneinte die Ausgleichskasse einen Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung. Die gegen diesen Entscheid erhobene Einsprache vom 2
7.
August 2019 (
Urk.
6/15) wies die Ausgleichskasse mit Entscheid vom
2.
Oktober 2019 ab (
Urk.
6/18).
1.2
Am
7.
Oktober 2021
meldete sich der Versicherte unter Hinweis auf
eine hoch
gradige Sehschwäche/Blindheit sowie eine beginnende Demenz erneut
bei der Ausgleichskasse zum Bezug einer Hilflosenentschädigung
der AHV
an (Urk. 6/
19 und
Urk.
6/24
). Mit Verfügung vom
1
4.
Dezember 2021 (
Urk.
6/27
) verneinte die Ausgleichskasse einen
diesbezüglichen
Anspruch.
Die gegen diesen Ent
scheid erhobene Einsprache vom 2
0.
Januar 2022
(
Urk.
6/28
) wies die Ausgleichskasse mit Entscheid vom
3.
Februar 2022
ab (
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob der Versicherte am
3.
März 2022
Beschwerde (Urk. 1) und bean
tragte, der angefochtene Einspracheentsc
heid sei aufzuheben und es sei ihm eine Hilflosenentschädigung zuzusprechen.
Am
2
0.
April 2022 beantragte die Ausgleichskasse
, die Beschwerde sei abzuweisen (Urk.
5
), was dem Beschwerde
führer mit Verfügung vom
2
1.
April 2022
zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
7
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung
nach Art. 43
bis
des
Bundesgesetz
es
über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG)
haben Bezüger von Altersrenten oder Ergänzungsleistungen mit Wohnsitz und gewöhnlichem Auf
enthalt (Art. 13 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialver
sicherungsrechts, ATSG) in der Schweiz, die in schwerem, mittlerem oder leichtem Grad hilflos (Art. 9 ATSG) sind. Der Anspruch auf die Entschädigung für eine Hilflosigkeit leichten Grades entfällt bei einem Aufenthalt im Heim (
Art. 43
bis
Abs. 1
bis
AHVG)
. Als Heim im Sinne von Artikel 43
bis
Abs.
1
bis
AHVG gilt jede Einrichtung, die von einem Kanton als Heim anerkannt wird oder über eine kantonale Betriebs
bewil
ligung als Heim verfügt (Art. 66
bis
Abs. 3
der
Verordnung über die Alters-
und Hinterlassenenversicherung, AHVV)
.
Für die Bemessung der Hilflosigkeit sind die Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sinngemäss anwendbar (Art. 43
bis
Abs. 5 Satz 1 AHVG). Gestützt auf die ihm in Art. 43
bis
Abs. 5 Satz 3 AHVG eingeräumte Befugnis zum Erlass ergänzender Vorschriften erklärte der Bundesrat in Art. 66
bis
Abs. 1 AHVV für die Bemessung der Hilflosigkeit Art. 37 Abs. 1 und Abs. 2
lit
. a und b sowie Abs. 3
lit
. a–d der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) für sinngemäss anwendbar.
1.2
Praxisgemäss sind die folgenden sechs alltäglichen Lebensverrichtungen mass
gebend (BGE 133 V 450 E. 7.2, 121 V 88 E. 3a, je mit Hinweisen):
-
Ankleiden, Auskleiden;
-
Aufstehen, Absitzen, Abliegen;
-
Essen;
-
Körperpflege;
-
Verrichtung der Notdurft;
-
Fortbewegung (im oder
ausser
Haus), Kontaktaufnahme.
1.3
Die Hilflosigkeit gilt als schwer, wenn die versicherte Person vollständig hilflos ist. Dies ist der Fall, wenn sie in allen alltäglichen Lebensverrichtungen regel
mässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies der dauernden Pflege oder der persönlichen Überwachung bedarf (
Art.
37
Abs.
1 IVV). Im Bereich der AHV gilt die Hilflosigkeit alsdann als mittelschwer, wenn die versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln in den meisten alltäg
lichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist (
lit
. a) oder in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies einer dauernden persönlichen Überwachung bedarf (
lit
. b;
Art.
37
Abs.
2 IVV). Als leicht wird die Hilflosigkeit eingestuft, wenn die versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist (
Art.
37
Abs.
3
lit
. a IVV), einer dauernden persönlichen Überwachung bedarf (
lit
. b), einer durch das Gebrechen bedingten ständigen und besonders aufwendigen Pflege bedarf (
lit
. c) oder wegen einer schweren Sinnesschädigung oder eines schweren körperlichen Gebrechens nur dank regelmässiger und erheblicher Dienstleis
tungen Dritter gesellschaftliche Kontakte pflegen kann (
Art.
37
Abs.
3
lit
. d IVV). Die lebenspraktische Begleitung (vgl. Art
.
37
Abs.
2
lit
. c und
Abs.
3
lit
. e IVV, Art.
38 IVV) findet in der AHV keine Berücksichtigung (vgl.
Art.
66
bis
Abs.
1 AHVV; BGE
133 V 569).
1.4
Der Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung entsteht am ersten Tag des Monats, in dem sämtliche Voraussetzungen erfüllt sind und die Hilflosigkeit schweren, mittleren oder leichten Grades ununterbrochen während mindes
tens eines Jahres bestanden hat (
Art.
43
bis
Abs.
2
AHVG
).
Macht ein Versicherter den Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung mehr als zwölf Monate nach dessen Entstehung geltend, so wird die Entschädigung in Abweichung von
Art.
24 Abs
.
1 ATSG lediglich für die zwölf Monate ausgerichtet, die der Geltendmachung vorangehen
(
Art.
46
Abs.
2 AHVG)
.
1.5
Wurde eine
Hilflosenentschädigung
wegen fehlender Hilflosigkeit
verweigert, so wird nach Art. 87 Abs. 3 IVV eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die Voraussetzungen gemäss Abs. 2 dieser Bestimmung erfüllt sind. Danach ist im Revisionsgesuch glaubhaft zu machen, dass sich der Grad der Hilflosigkeit
der versicherten Person in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat.
Ergibt die Prüfung durch die Verwaltung, dass
die Vorbringen
der versicherten Person nicht glaubhaft sind, so erledigt sie das Gesuch ohne weitere Abklärungen durch Nichteintreten. Tritt die Verwaltung auf die Neuanmeldung ein, so hat sie die Sache materiell abzuklären und sich zu vergewissern, ob die von der versi
cherten Person glaubhaft gemachte Veränderung der Hilflosigkeit auch tatsäch
lich eingetreten ist; sie hat demnach in analoger Weise wie bei einem Revisions
fall nach Art. 17 Abs. 1 ATSG vorzugehen (BGE 117 V 198 E. 3a, vgl. auch BGE 133 V 108 E. 5.2). Stellt sie fest, dass die Hilflosigkeit
seit Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zunächst noch zu prüfen, ob die festgestellte Veränderung genügt, um nunmehr eine anspruchsbegründende Hilflosigkeit
zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefall obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (
Urteil des Bundesgerichts 9C_351/2020 vom 21. September 2020 E. 3.1, insbesondere mit Hinweis auf
BGE 117 V 198 E. 3a, 109 V 108 E. 2b).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihren Einspracheentscheid (
Urk.
2) damit, dass
der
Beschwerdeführer
aufgrund seines Sehverlusts bei allen sechs mass
gebenden Lebensverrichtungen Hilfe benötige. Bei starkem Sehverlust könne maximal eine Hilflosenentschädigung leichten Grades ausgerichtet werden. Für Heimbewohner mit leichter Hilflosigkeit
bestehe jedoch kein Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung. Der
Beschwerdeführer
halte sich seit dem 3
0.
Juli 2015 in einem Heim auf, weshalb das Gesuch für Hilflosenentschädigung abgewiesen werde.
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (
Urk.
1),
aufgrund seiner Sehschwäche sei er bei allen täglichen Verrichtungen auf Hilfe angewiesen. Zudem sei eine aktuell schon mittelschwere Demenz festgestellt worden. Seine Hilfsbedürftigkeit auf den vollständigen
Visusverlust
beidseits zurückzuführen, werde seinem Gesundheitszustand nicht gerecht. Er sei seit kurzem in der Pflegestufe 8 eingereiht. Dass blinde Menschen, welche aus eben diesem Grund ihr Leben nicht mehr selbständig meistern könnten und den Schritt in ein Pflegeheim vollziehen müssten, von einer Hilflosenentschädigung per se ausgeschlossen würden,
sei
wohl nicht im Sinne des Gesetzgebers
.
3.
3.1
Es ist unbestritten und ausgewiesen, dass sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers seit dem Einspracheentscheid vom
2.
Oktober 2019 (Urk. 6/18), mit welchem ein Anspruch auf Ausrichtung einer Hilflosenent
schädigung
verneint
wurde, verschlechtert hat
. So leidet er zusätzlich zu seiner Erblindung
(vgl.
Urk.
6/20)
inzwischen an einer organischen depressiven Störung und e
i
ner mittelgradigen Demenz (
Urk. 6/20/4). Zudem ist er - anders als im Zeit
punkt der Erstanmeldung (vgl.
Urk.
6/11/5) - unterdessen auch in der Lebens
verrichtung «Verrichten der Notdurft»
regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen
(
vgl.
Urk. 6/26/3). Ein Revisionsgrund ist
somit
ausge
wiesen, was auch von der
Beschwerdegegnerin
nicht in Frage gestellt wird.
Ebenso
ist ausgewiesen und auch zwischen den Parteien
unbestritten, dass
d
er
Beschwerdeführer
aufgrund seiner Erblindung
in allen alltäglichen Lebens
verrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies der dauernden Pflege bedarf
(vgl. etwa
Urk.
6/26).
3.2
Die
Beschwerdegegnerin
verneinte einen Anspruch auf Ausrichtung einer Hilf
losenentschädigung einzig mit der Behauptung, dass bei starkem Sehverlust maximal eine Hilflosenentschädigung leichten Grades ausbezahlt werden könne
, welcher Anspruch
bei einem Aufenthalt im Heim jedoch entfalle
. Eine Begrün
dung, weshalb
ihrer Ansicht nach
eine
Person, welche der dauernden Pflege bedarf und in allen alltäglichen Lebensverrichtungen in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist,
infolge
jeder beliebigen
gesundheitlichen
Beeinträch
tigung
ausser einer Erblindung als schwer hilflos anzusehen ist, fehlt hingegen
im angefochtenen Entscheid
.
Es ist denn auch nicht einzusehen, weshalb
beim Anspruch auf Ausrichtung einer entsprechenden Entschädigung
zwischen einer
vollständigen
Hilflosigkeit aufgrund einer Erblindung und einer
vollständigen
Hilflosigkeit
infolge
einer anderen Beeinträchtigung der Gesundheit unter
schieden werden sollte. Solches ergibt sich weder aus dem Wortlaut des Gesetzes, noch kann dies dessen Sinn und Zweck entsprechen.
3.3
Vermutlich stützte sich die
Beschwerdegegnerin
beim Erlass des
Einsprache
entscheides
auf
Rz
. 8064 des bis am 3
1.
Dezember
2021 geltenden Kreis
schreibens über die Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung (KSIH). Danach gilt d
ie Hilflosigkeit als leicht, wenn die versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln wegen einer schweren Sinnesschädigung oder eines schweren körperlichen Gebrechens nur dank regelmässiger und erheblicher Dienstleis
tungen Dritter gesellsc
haftliche Kontakte pflegen kann, wobei diese Vorausset
zungen unter anderem bei Blinden als erfüllt gelten. Dies bedeutet jedoch nur, dass bei blinden Personen, welche in den
alltäglichen Lebensverrichtungen
nicht eingeschränkt sind, ohne weitere Abklärungen eine Hilflosigkeit leichten Grades an
zu
erkennen ist. Eine entsprechende Präzisierung findet sich in
Rz
. 3011
des seit
1.
Januar 2022 gültigen Kreisschreiben
s
über Hilflosigkeit (KSH), gemäss welcher
bei blinden Versicherten d
ie Voraussetzungen für eine Hilflosenent
schädigung leichten Grades als erfüllt
gelten, weshalb in
solchen Fällen keine Abklärung erforderlich
ist.
Hingegen kann diese Vereinfachung in der Abklärung des Anspruchs auf Hilflosenentschädigung für blinde Personen nicht dahin
gehend verstanden werden, dass sie ohne zusätzliche gesundheitliche Beeinträch
tigungen nie als (mittel)schwer hilflos anzusehen sind. Vielmehr ist
bei Geltend
machung einer (mittel)schweren Hilflosigkeit
durch eine blinde versicherte Person genau
gleich vorzugehen, wie bei Personen mit einer anderen gesundheitlichen Beeinträchtigung, was heisst, dass in beiden Fällen genauer abzuklären ist, inwiefern
Einschränkungen in den
alltäglichen Lebensverrichtungen
bestehen
.
Diese Abklärungen haben vorliegend ergeben, dass der Beschwerdeführer
seit mindestens
1.
Oktober 2020
in allen alltäglichen Lebensverrichtungen regel
mässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies der dauernden Pflege bedarf
. Dies wird auch von der
Beschwerdegegnerin
anerkannt (vgl.
Urk.
2 S. 2). Damit
hat
d
er
Beschwerdeführer
Anspruch auf
eine Entschädi
gung wegen einer Hilflosigkeit schweren Grades. Diese ist ihm
ab 1.
Oktober 2020 auszurichten (
Anmeldung zum Bezug einer Hilflosenentschädigung am 7. Okto
ber 2021; vgl.
Art.
43
bis
Abs.
2 AHVG in Verbindung mit
Art.
46
Abs.
2 AHVG in E. 1.4 hiervor)
, was
zur Gutheissung der Beschwerde
führt
.
3.4
D
er
Beschwerdeführer
ist ergänzend darauf hinzuweisen, dass er bei der Beschwerdegegnerin ein Gesuch um Wiedererwägung des Einspracheentscheides vom
2.
Oktober 2019 (
Urk.
6/18) stellen kann.
Nach
Art.
53
Abs.
2 ATSG können Versicherungsträger auf formell rechtskräftige Verfügungen und Einspracheentscheide zurückkommen, wen
n
diese zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist.
De
r Versicherungsträger
kann
wiedererwägen, muss aber nicht. Ob er
auf ein Wieder
erwägungsgesuch eintritt und
eine Verfügung
oder einen Einspracheentscheid
in Wiedererwägung zieht, liegt in seinem Ermessen. Er kann hierzu weder von der betroffenen Person noch vom Gericht verpflichtet werden. Es besteht mithin kein gerichtlich durchsetzbarer Anspruch auf Wiedererwägung (BGE 133 V 50 E. 4.2.1; Urteil des Bundesgerichts 9C_70/2021 vom 12. April 2021 E. 4.2 mit weiteren Hinweisen).
Nur w
enn der Versicherungsträger auf ein Wiederer
wägungsgesuch eintritt, die Wiedererwägungsvoraussetzungen prüft und anschliessend einen Sachentscheid fällt, der gegebenenfalls auch bloss in der Bestätigung der früheren Verfügung beziehungsweise in der Abweisung des Wiedererwägungsgesuchs bestehen kann (BGE 117 V 8 E. 2b/cc), ist dieser Sach
entscheid allenfalls mit Einsprache und hernach beschwerdeweise anfechtbar (BGE 119 V 475 1b/cc; Urteil des Bundesgerichts 8C_196/2015 vom 4. August 2015 E. 4.2, je mit Hinweisen).