Decision ID: 96c13059-0be8-5bd7-b56c-2b697fb42575
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein türkischer Staatsangehöriger mit letztem
Aufenthalt in B._ (Nordirak), verliess den Irak gemäss seinen An-
gaben bei der Personalienaufnahme (PA) im Bundesasylzentrum (BAZ)
C._ vom 16. Dezember 2021 zusammen mit der Familie seines
Bruders, D._ ([...]), im November 2021 und suchte am 8. Dezember
2021 in der Schweiz um Asyl nach.
A.b Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank
ergab, dass er am 3. Dezember 2021 in Slowenien um Asyl ersucht hatte.
A.c Am 21. Dezember 2021 führte das SEM mit dem Beschwerdeführer in
Anwesenheit seiner Rechtsvertretung ein persönliches Gespräch gemäss
Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO), durch.
Dabei gab er zu Protokoll, er sei bei guter Gesundheit. In Slowenien sei er
nicht zu seinen Asylgründen befragt worden und habe keine Antwort auf
sein Asylgesuch erhalten. Er sei bis am 6. Dezember 2021 dortgeblieben
und dann von einem Schlepper in die Schweiz gebracht worden. Seine
Schwester, E._, lebe hier, er wisse aber nicht, wo. Nach Slowenien
wolle er nicht zurückkehren, weil er sich davor fürchte, von den dortigen
Behörden in die Türkei geschickt zu werden, wo er aufgrund seiner kurdi-
schen Ethnie grosse Probleme habe. Die slowenische Polizei habe ihn
misshandelt und ihm nichts zu essen gegeben. Mit ihren Waffen hätten die
Polizisten vor allem seine Nichten und Neffen erschreckt. Ihrer Bitte, die
Kinder seines Bruders zu einem Arzt zu bringen, sei nicht entsprochen wor-
den. Aufgrund seiner schmerzhaften Erlebnisse wolle er nicht nach Slowe-
nien gehen. Er sei dort drei Tage lang in einem Zimmer eingesperrt worden,
ohne dass er die Möglichkeit gehabt hätte, nach draussen zu gehen.
A.d Das SEM ersuchte die slowenischen Behörden gestützt auf Art. 18
Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO am 21. Dezember 2021 um die Rücküber-
nahme des Beschwerdeführers. Diese stimmten dem Rückübernahmeer-
suchen am 27. Dezember 2021 zu.
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Seite 3
A.e Der Beschwerdeführer nahm während seines bisherigen Aufenthalts in
der Schweiz durch Vermittlung von Medic-Help ärztliche Hilfe in Anspruch.
B.
Mit Verfügung vom 19. Januar 2022 – eröffnet am 25. Januar 2022 – trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylge-
such des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegweisung nach Slo-
wenien an, und forderte ihn auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ein-
tritt der Rechtskraft der Verfügung zu verlassen, ansonsten er unter Zwang
zurückgeführt werden könnte. Gleichzeitig stellte es fest, einer allfälligen
Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung
zu. Ferner beauftragte das SEM den zuständigen Kanton mit dem Vollzug
der Wegweisung und ordnete die Aushändigung der editionspflichtigen Ak-
ten gemäss Aktenverzeichnis an den Beschwerdeführer an.
C.
Dem SEM wurde ein Bericht des Kantonsspitals F._ vom 29. Januar
2022 zugestellt, gemäss dem der Beschwerdeführer aufgrund einer akuten
Alkoholintoxikation dort vom 28. bis zum 29. Januar 2022 hospitalisiert war.
Bei einer Arztkonsultation (organisiert von Medic-Help) vom 2. Februar
2022 wurde festgehalten, der Beschwerdeführer habe gemäss seinen Aus-
sagen auf der Flucht psychische Traumata erlitten. Er beklage Schlaflosig-
keit und Albträume und leide unter Angstzuständen und Kontrollverlust. Der
Arzt ordnete eine antidepressive, schlafanstossende Medikation an.
D.
Der Beschwerdeführer erhob durch seine Rechtsvertretung mit Eingabe
vom 1. Februar 2022 gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungs-
gericht Beschwerde und beantragte, das vorliegende Verfahren sei mit
dem Beschwerdeverfahren von D._, geboren am (...) und seiner
Ehefrau G._, geboren am (...) sowie deren Kinder H._,
I._ und J._, ZEMIS Nr. (...) und N (...), zu koordinieren. Der
angefochtene Nichteintretensentscheid sei aufzuheben, die Zuständigkeit
der Schweiz sei festzustellen und das Asylgesuch sei materiell zu behan-
deln. Eventualiter sei das Verfahren zur Neubeurteilung an das SEM zu-
rückzuweisen. Der Beschwerde sei aufschiebende Wirkung zu erteilen und
die Vollzugsbehörden seien anzuweisen, bis zum Entscheid über dieselbe
von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen. Der Beschwerdeführer sei
unter Gewährung der teilweisen unentgeltlichen Rechtspflege von der Be-
zahlung von Verfahrenskosten zu befreien, und von der Erhebung eines
Kostenvorschusses sei abzusehen.
D-510/2022
Seite 4
E.
Mit Instruktionsverfügung vom 4. Februar 2022 hiess der Instruktionsrich-
ter die Gesuche um Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Be-
schwerde, Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses gut. Dem Antrag, die Beschwerde-
verfahren D-507/2022 und D-510/2022 seien koordiniert zu behandeln,
gab er statt. Die Akten überwies er zur Vernehmlassung an das SEM.
F.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 14. Februar 2022 an seinem
Standpunkt fest.
G.
In seiner Replik vom 23. Februar 2022, der ein ärztlicher Kurzbericht vom
2. Februar 2022 beilag, liess der Beschwerdeführer Stellung nehmen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Der Beschwerdeführer hat am vorinstanzlichen Verfahren teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG;
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM
ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu prüfen (Art. 31a
D-510/2022
Seite 5
Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwerdeinstanz
grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob das SEM zu Recht auf das Asyl-
gesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2 m.w.H.). Das Bun-
desverwaltungsgericht hebt deshalb die angefochtene Verfügung auf und
weist die Sache zu neuer Entscheidung an das SEM zurück, sofern es den
Nichteintretensentscheid als unrechtmässig erachtet (vgl. BVGE 2011/30
E. 3, 2011/9 E. 5).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staats prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss der Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Übernahme zugestimmt hat oder von dessen Zu-
stimmung infolge unterlassener Antwort innerhalb der genannten Frist aus-
zugehen ist, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demge-
genüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel
III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
4.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
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Seite 6
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (EU-Grundrechtecharta; ABl. C 364/1 vom 18. Dezember 2000) mit
sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mit-
gliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mit-
gliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prü-
fende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Sätze 2
und 3 Dublin-III-VO).
4.4 Der nach der Dublin-III-VO zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, ei-
nen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem ande-
ren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Art. 23, 24, 25 und 29 Dublin-III-VO wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1
Bst. b Dublin-III-VO).
4.5 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (sog. Selbsteintrittsrecht; Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-
VO).
5.
5.1 Der Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers ergab, dass
er am 3. Dezember 2021 in Slowenien ein Asylgesuch eingereicht hatte.
Anlässlich des Dublin-Gesprächs bestätigte er dies. Wie in der angefoch-
tenen Verfügung zutreffend festgehalten wurde, steht durch den Abgleich
der Fingerabdrücke mit der Zentraleinheit Eurodac fest, dass er in Slowe-
nien als asylsuchende Person registriert worden ist. In der Beschwerde
wird dies nicht bestritten.
5.2 Die slowenischen Behörden haben dem Rückübernahmeersuchen des
SEM vom 21. Dezember 2021 bezüglich des Beschwerdeführers am
27. Dezember 2021 zugestimmt, womit sie die Zuständigkeit Sloweniens
für die Prüfung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens explizit anerkannten
(Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO). Die grundsätzliche Zuständigkeit Sloweniens
ist somit gegeben.
D-510/2022
Seite 7
6.
6.1 Das SEM führt zur Begründung seines Entscheides aus, gestützt auf
die Dublin-III-VO sei Slowenien für die Durchführung des Asyl- und Weg-
weisungsverfahrens zuständig. Es gebe keine Hinweise dafür, dass es im
slowenischen Asylverfahren und in den Aufnahmebedingungen für Asylsu-
chende systemische Mängel gebe, die das Risiko einer unmenschlichen
Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK oder Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich brächten. Slowenien komme seinen internationalen
Verpflichtungen nach und es gebe keine Gründe für die Annahme, dieses
Land werde das Asyl- und Wegweisungsverfahren nicht korrekt durchfüh-
ren oder das Non-Refoulement-Prinzip missachten.
Es lägen keine Gründe im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO vor, wel-
che die Schweiz verpflichteten, das Asylgesuch des Beschwerdeführers zu
prüfen. Vorliegend gebe es auch keine Gründe für die Anwendung der Sou-
veränitätsklausel gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO und Art. 29a Abs. 3
der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311). Im Rah-
men des rechtlichen Gehörs zum Gesundheitszustand habe der Be-
schwerdeführer am 21. Dezember 2021 gesagt, es gehe ihm gut. Am
29. Dezember 2021 habe er den Arzt aufgesucht, der zur Behandlung von
Hämorrhoiden eine Salbe und Tabletten verschrieben habe. Gemäss Ab-
klärungen vom 12. Januar 2022 seien keine weiteren Arztbesuche vorge-
sehen. Slowenien verfüge über eine genügende medizinische Infrastruktur
und sei gemäss Art. 19 Abs. 1 der Richtlinie 2013/33/EU des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen
für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen
(Aufnahmerichtlinie), verpflichtet, die notwendige medizinische Behand-
lung zu gewähren. Die Reisefähigkeit des Beschwerdeführers werde kurz
vor der Überstellung abgeklärt.
Das SEM stelle die Ausführungen des Beschwerdeführers zur in Slowenien
erlittenen schlechten Behandlung nicht in Frage. Diese beruhe indessen
auf einem Machtmissbrauch von einzelnen Polizisten und könne nicht dem
slowenischen Staat zugerechnet werden. Slowenien sei ein Rechtsstaat
mit einem funktionierenden Polizeiwesen und sei bereit und fähig, adäqua-
ten Schutz zu gewähren. Sollten sich solche Vorkommnisse wiederholen,
liege es am Beschwerdeführer, sich auf dem Rechtsweg bei den zuständi-
gen Behörden dagegen zur Wehr zu setzen. Es gebe keine Hinweise dafür,
dass die slowenischen Behörden ihm keinen Schutz vor Übergriffen Dritter
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Seite 8
gewähren würden. Er habe zudem keine Beweismittel für seine Ausführun-
gen eingereicht. Für den Erhalt der notwendigen Unterstützung könne sich
der Beschwerdeführer an die slowenischen Behörden wenden.
6.2 In der Beschwerde wird einleitend der Sachverhalt geschildert und da-
rauf hingewiesen, dass sich der Beschwerdeführer vom 16. bis 23. Januar
2022 wegen der Covid-Pandemie in Isolation befunden habe. Bei der Be-
sprechung des Entscheids habe er betont, er leide an Stress und psychi-
scher Belastung. Aufgrund dessen könne er am 2. Februar 2022 zu Medic-
Help gehen. Weiter wird geltend gemacht, das SEM verletze durch den
angefochtenen Entscheid Art. 3 EMRK. Der Europäische Gerichtshof für
Menschenrechte (EGMR) habe grundsätzlich festgestellt, dass das Fehlen
von systemischen Mängeln in einem Asylsystem die Gefahr nicht aus-
schliesse, dass dieses einer grossen Zahl von Personen vorenthalten
werde, weil es nicht die erforderliche Kapazität aufweise, um grosse Zu-
ströme von Asylsuchenden bewältigen zu können. Folglich müsse im Ein-
zelfall eine mögliche Verletzung von Art. 3 EMRK geprüft werden. Wenn
ein Betroffener die ernsthafte Gefahr, wegen gesundheitlicher Probleme
einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung ausgesetzt zu
werden, hinreichend konkretisiert habe, seien alle vernünftigen Zweifel zu
beseitigen, dass sich im Zusammenhang mit seiner Überstellung die dro-
hende Gefahr realisiere. Es müsse im Einzelfall abgeschätzt werden, wie
sich der Gesundheitszustand nach der Überstellung entwickle.
Der Beschwerdeführer habe dargelegt, er sei von slowenischen Behörden-
mitgliedern unrechtmässig behandelt worden. Diese hätten in die Luft ge-
schossen und ihm Gewalt angedroht, was ihn verängstigt habe. Das SEM
hätte die entsprechenden Umstände klären müssen. Das Bundesverwal-
tungsgericht bestätige, dass Unstimmigkeiten bezüglich der Praxis an der
Grenze relevant seien, wenn zu prüfen sei, ob eine Überstellung in ein an-
deres Dublin-Land zulässig sei (vgl. Urteil des BVGer F-5675/2021 vom
6. Januar 2022 E. 4.6). Das Gericht halte fest, es genüge nicht, sich mit
geltend gemachten Misshandlungen nur oberflächlich und pauschal ausei-
nanderzusetzen. Das SEM habe entsprechende Abklärungen vorzuneh-
men. Aktuelle Quellen berichteten auch betreffend Slowenien von Ketten-
abschiebungen und Gewalt an der Grenze. Die Polizisten, die den Be-
schwerdeführer schlecht behandelt hätten, seien Bestandteil der Autorität,
weshalb es schwierig sei, von Gewaltopfern zu verlangen, sich an diese
Behörde zu wenden. Das SEM kläre nicht, inwiefern in Slowenien bei er-
lebter Polizeigewalt tatsächlich Schutz und Gerechtigkeit verlangt und er-
halten werden könne.
D-510/2022
Seite 9
Das SEM habe die Frage des Selbsteintritts mit textbausteinartigen For-
mulierungen verneint, womit es seiner Pflicht zur Ermessensausübung
nicht nachgekommen sei und sein Ermessen unterschritten habe. Das
Bundesverwaltungsgericht habe in BVGE 2015/9 ausgeführt, die entschei-
denden Überlegungen zum Ausschluss eines Selbsteintritts müssten in der
Entscheidbegründung enthalten sein.
Der medizinische Sachverhalt sei vorliegend nicht hinreichend geklärt wor-
den. Der Beschwerdeführer sei vom 14. bis 24. Januar 2022 in Isolation
gewesen. Trotzdem habe das SEM bereits am 12. Januar 2022 nach sei-
nen Arztterminen gefragt. Unmittelbar danach sei er in Isolation gekom-
men, womit weitere Kontakte mit dem medizinischen Personal stattgefun-
den hätten. Die Eröffnung des Entscheides sei erfolgt, als es ihm nur er-
schwert möglich gewesen sei, Arzttermine zu erhalten. Unmittelbar nach
Aufhebung der Quarantäne habe er wegen seiner psychischen Belastung
einen Arzttermin erhalten. Die Abklärung seiner medizinischen Situation sei
demnach abzuwarten.
Aus dem am 4. November 2014 veröffentlichten Urteil des EGMR (Tarakhel
gegen die Schweiz, Nr. 29217112) gehe hervor, dass die Überstellung ei-
ner Familie nach Italien ohne umfassende Garantien bezüglich einer men-
schenwürdigen und kindergerechten Unterbringung, dem Zugang zu
Schule und Bildung sowie der Wahrung der Einheit der Familie eine Ver-
letzung von Art. 3 EMRK darstelle. In Anbetracht der Aussagen des Be-
schwerdeführers sowie der Familieneinheit mit der Familie seines Bruders
mit vier kleinen Kindern und der Traumata, denen auch diese ausgesetzt
gewesen seien, bestehe die Gefahr, dass eine Überstellung nach Slowe-
nien ohne das vorherige Einholen ausreichender Garantien gegen Art. 3
EMRK verstossen würde.
Das Bundesverwaltungsgericht habe in zahlreichen Urteilen festgehalten,
die Art und Weise, wie die Behörden Asylsuchende an den Grenzen be-
handelten, sei bei der Beurteilung zu berücksichtigen, inwiefern ein Dublin-
Staat seinen internationalen Verpflichtungen nachkomme. Das Gericht
habe befunden, die Erlebnisse der Gesuchsteller an der Grenze seien zur
Beurteilung, ob eine Verletzung von Art. 3 EMRK drohe, abzuklären und zu
würdigen (vgl. D-43/2021 vom 12. Februar 2021 E. 8.5.5 f). Abklärungen
des SEM, ob für den Beschwerdeführer in Slowenien Schutz zugänglich
gewesen wäre, fehlten. Das SEM würdige auch nicht, ob es für ihn zumut-
bar gewesen wäre, solchen in Anspruch zu nehmen. Aufgrund seiner Er-
lebnisse könne nicht davon gesprochen werden, er könnte Vertrauen in
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Seite 10
slowenische Behörden haben. In Anbetracht der erlittenen Behandlung,
des ausgeübten Zwangs und der fehlenden medizinischen Unterstützung
bestünden Gründe für die Annahme, das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen wiesen für den Beschwerdeführer in Slowenien Schwachstel-
len auf, die zu Vorgehensweisen führten, die in seinem Fall mit den men-
schenrechtlichen Garantien nicht vereinbar seien.
6.3 Das SEM führt in seiner Vernehmlassung aus, der Beschwerdeführer
habe in der Beschwerdeschrift keine weiteren Angaben zu den Vorkomm-
nissen in Slowenien gemacht. Er habe sich darauf beschränkt, das zu wie-
derholen, was er im Dublin-Gespräch gesagt habe, und Quellen sowie Ur-
teile des Bundesverwaltungsgerichts zu zitieren, ohne zu konkretisieren,
welchen direkten Bezug diese zu seinem Fall hätten. Das zitierte Urteil
F-5675/2021 habe die Überstellung eines Asylsuchenden nach Kroatien
betroffen. Der erwähnte Bericht von Amnesty International (AI) setze sich
mit der Verweigerung einer Asylgesuchstellung in Slowenien und der Aus-
schaffung nach Kroatien auseinander. Der Beschwerdeführer habe in Slo-
wenien bereits ein Asylgesuch gestellt und damit ein Verfahren um Gewäh-
rung internationalen Schutzes eingeleitet. Zudem hätten die dortigen Be-
hörden seiner Rückübernahme zugestimmt. Es sei darauf hinzuweisen,
dass es an ihm liege, erlittene behördliche Gewalt bei den zuständigen slo-
wenischen Behörden anzuzeigen. Der Beschwerde lägen keine Beweis-
mittel bei, die ein solches Vorgehen belegten. Die sorgfältige Prüfung des
Gesuchs habe keine Indizien dafür ergeben, dass der Beschwerdeführer
bei einer Überstellung nach Slowenien künftig einer konkreten und ernst-
haften Gefahr ausgesetzt werde, Opfer einer unmenschlichen oder entwür-
digenden Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK oder Art. 4 EU-Grund-
rechtecharta zu werden. Die Abklärungspflicht der Behörden entbinde die
Parteien nicht von der Mitwirkungspflicht bei der Erstellung des Sachver-
halts. Der Beschwerdeführer habe sich beim Dublin-Gespräch frei dazu
äussern können, weshalb er nicht nach Slowenien zurückkehren wolle, und
das SEM habe seine Aussagen bei der Entscheidfindung berücksichtigt.
Der Beschwerdeführer habe beim Dublin-Gespräch gesagt, es gehe ihm
gesundheitlich gut. Im Moment der Eröffnung des Entscheids (25. Januar
2022) sei der entsprechende Sachverhalt abgeklärt gewesen. Das SEM
sei seinen entsprechenden Pflichten nachgekommen. Dem Bericht des
Kantonsspitals F._ vom 29. Januar 2022 sei nicht zu entnehmen,
dass der Beschwerdeführer sich einer Therapie unterziehen müsse. Im
ärztlichen Kurzbericht vom 2. Februar 2022 werde festgehalten, dass er
bisher unter keinen schweren Erkrankungen gelitten habe. Gemäss Praxis
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Seite 11
des EGMR garantiere Art. 3 EMRK nicht, dass der Ausländer im Staat, in
den er überstellt werde, eine gleichwertige medizinische Versorgung er-
halte. Die gesundheitlichen Probleme des Beschwerdeführers seien nicht
derart gravierend oder akut, dass eine Behandlung nur in der Schweiz er-
folgen könne. Slowenien verfüge über eine ausreichende medizinische Inf-
rastruktur und sei gemäss der Aufnahmerichtlinie gehalten, ihm die not-
wendigen Behandlungen zu gewährleisten. Es liege an ihm, seine Rechte
bei den zuständigen Behörden einzufordern. Wie in den Art. 31 und 32
Dublin-III-VO vorgesehen, würden die slowenischen Behörden vor der
Überstellung des Beschwerdeführers in geeigneter Weise über seinen Ge-
sundheitszustand informiert.
6.4 In der Replik wird entgegnet, das SEM habe die Glaubhaftigkeit der
Schilderungen des Beschwerdeführers und seiner Angehörigen bislang
nicht in Frage gestellt. Es sei ihm nicht möglich, Beweise für die erlittene
Gewalt beizubringen, zumal die slowenischen Behörden dies durch Ab-
nahme des Telefons verunmöglicht hätten. Mit den angerufenen Quellen
werde bestätigt, dass auch an der slowenischen Grenze Gewalt ausgeübt
werde. Der Beschwerdeführer sei während seines gesamten Aufenthalts in
Slowenien schlecht behandelt worden, was bei der Frage, inwieweit es ihm
zumutbar sei, sich an die slowenischen Behörden zu wenden, zu würdigen
sei. Dem medizinischen Kurzbericht vom 2. Februar 2022 sei zu entneh-
men, dass er gemäss seinen Aussagen im Verlauf seiner Fluchtgeschichte
psychische Traumata erlitten habe. Eine medizinische Behandlung sei erst
begonnen worden. Aufgrund der besonderen Vulnerabilität des Beschwer-
deführers seien hinreichend Gründe dargelegt worden, weshalb auf sein
Asylgesuch einzutreten sei.
7.
7.1
7.1.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesent-
liche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Asylsuchende in Slowenien würden systemische
Schwachstellen aufweisen, die für den Beschwerdeführer im Falle einer
Überstellung in dieses Land die Gefahr einer unmenschlichen oder entwür-
digenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta mit
sich brächten.
7.1.2 In den Beschwerdeeingaben werden unter Hinweis auf Berichte zur
Lage von Asylsuchenden an den Grenzen zu Slowenien und die Erlebnisse
D-510/2022
Seite 12
des Beschwerdeführers Mängel im slowenischen Asylsystem geltend ge-
macht (Gewalt an der Grenze, vom Beschwerdeführer erlittene schlechte
Behandlung durch Polizisten).
7.1.3 Slowenien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (nachfolgend: FoK, SR 0.105)
und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flücht-
linge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar
1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen
Verpflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat
anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus der
Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (Verfahrensrichtlinie) sowie aus der
Aufnahmerichtlinie ergeben (vgl. Urteile des BVGer D-451/2022 vom
7. Februar 2022 E. 5.2.1, E-5437/2021 vom 20. Dezember 2021 E. 5.2 und
F-4495/2021 vom 19. Oktober 2021 E. 6.2, je mit weiteren Hinweisen; die
zitierten Verfahren betrafen – wie auch das vorliegende – Wiederaufnah-
mekonstellationen).
7.1.4 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die slowenischen Behörden würden sich weigern, ihn (wieder) auf-
zunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung
der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten und auch dem in
der Beschwerde zitierten Länderbericht (Border Violence and Push-Back
Reports, Border Violence Monitoring Network, Januar 2020 sowie Amnesty
International, SLOVENIA 2020) sind keine stichhaltigen Gründe für die An-
nahme zu entnehmen, Slowenien werde in seinem Fall den Grundsatz des
Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in
dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3
Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr liefe, zur Ausreise in ein
solches Land gezwungen zu werden. Hinsichtlich seiner Befürchtung, er
werde in die Türkei abgeschoben, wo er aufgrund seiner kurdischen Ethnie
viele Probleme habe, ist darauf hinzuweisen, dass es die Pflicht der slowe-
nischen Asylbehörden ist, die Begründetheit seiner Furcht zu beurteilen.
Slowenien hat in den letzten Jahren regelmässig auch türkischen Staats-
angehörigen internationalen Schutz gewährt (vgl. Asylum Information
Database [aida], Country Report: Slovenia, update 2020, S. 53 f.). Der Be-
schwerdeführer hat auch nicht dargetan, die ihn bei einer Rückführung er-
wartenden Bedingungen in Slowenien seien derart schlecht, dass sie zu
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Seite 13
einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechte-charta, Art. 3 EMRK oder
Art. 3 FoK führten. Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Recht-
sprechung davon aus, dass das slowenische Asylsystem keine systemi-
schen Mängel im Sinn von Art. 3 Abs. 2 zweiter Satz Dublin-III-VO aufweist
(vgl. anstelle vieler: Urteile des BVGer F-5257/2021 vom 8. Dezember
2021 E. 5.2; F-4851/2021 vom 9. November 2021 E. 6.1, F-4527/2021
vom 1. November 2021 E. 4 und F-4495/2021 vom 19. Oktober 2021
E. 5.1). Für eine Änderung der Rechtsprechung besteht insgesamt gese-
hen kein Anlass.
7.1.5 Die geltend gemachten Drohungen und die schlechte Behandlung,
welche der Beschwerdeführer bei der Einreise und im Rahmen seiner Re-
gistrierung auf einem Kommissariat erlebt habe, rechtfertigen es nicht, da-
von auszugehen, dass er bei einer Rückkehr in die Dublin-Strukturen die-
ses Landes mit hoher Wahrscheinlichkeit Opfer einer unmenschlichen oder
erniedrigenden Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK, Art. 3 FoK oder
Art. 4 EU-Grundrechtecharta wird. Bei Fehlverhalten einzelner Beamter
oder von Privatpersonen könnte er sich an die zuständigen Behörden be-
ziehungsweise an das in den Asylzentren anwesende Betreuungspersonal
oder eine der zahlreichen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wenden.
Asylsuchende erhalten durch das «Legal Informational Centre for Non-
governmental Organisations» (PIC) und andere NGOs Beratung in Rechts-
fragen. Viele NGOs und humanitäre Organisationen bieten zusätzliche Un-
terstützung in mehreren Bereichen an. Asylsuchenden wird ein Ausweis
ausgestellt, mit dem es ihnen möglich ist, sich im slowenischen Staatsge-
biet frei zu bewegen. Es bestehen keine Gründe für die Annahme, der Be-
schwerdeführer würde nach seiner Rückkehr nach Slowenien eingesperrt.
Nach Ablauf von neun Monaten seit Stellung des Asylgesuchs haben Asyl-
suchende in Slowenien grundsätzlich Zugang zum Arbeitsmarkt und zu Be-
rufsausbildung (vgl. aida, a.a.O. S. 58 f., S. 61 und S. 63).
7.1.6 Bezüglich der Ausführungen in der Beschwerde zum Urteil des
EGMR in Sachen Tarakhel ist auf die Erwägungen im Urteil D-507/2022
vom heutigen Tag (E. 7.1.7) zu verweisen.
7.1.7 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
7.2
7.2.1 In der Beschwerde wird die Anwendung der Ermessensklausel von
Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbsteintrittsrecht im
D-510/2022
Seite 14
Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1,
gemäss derer das SEM das Asylgesuch «aus humanitären Gründen» auch
dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat
zuständig wäre, gefordert. Namentlich der Gesundheitszustand des Be-
schwerdeführers stehe einer Überstellung nach Slowenien entgegen.
7.2.2 Hinsichtlich der beim Beschwerdeführer diagnostizierten gesundheit-
lichen Probleme ist auf die vorstehenden Ausführungen zu verweisen (vgl.
Bst. A.c Abschnitt 2, E. 6.1 Abschnitt 2, E. 6.2 Abschnitt 4, E. 6.3 Ab-
schnitt 2 und 6.4). Eine zwangsweise Rückweisung beziehungsweise
Überstellung von Personen mit gesundheitlichen Problemen kann nur ganz
ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist ins-
besondere dann der Fall, wenn die betroffene Person sich in einem fortge-
schrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und bereits in Todesnähe
befindet, nach einer Überstellung mit dem sicheren Tod rechnen müsste
und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwarten könnte (vgl.
BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des EGMR). Eine
weitere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die
durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behand-
lung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer erns-
ten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesund-
heitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer
erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
7.2.3 Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Aus den Akten ist
nicht ersichtlich, dass der Beschwerdeführer nicht reisefähig wäre oder
eine Überstellung seine Gesundheit ernsthaft gefährdete. Die dokumen-
tierten gesundheitlichen Probleme sind nicht von einer derartigen Schwere,
dass aus humanitären Gründen von einer Überstellung abgesehen werden
müsste. In Einklang mit dem SEM ist davon auszugehen, dass Slowenien
über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt (vgl. Urteile des
BVGer E-44/2022 vom 11. Januar 2022 E. 5.3.5.3 ff., D-5159/2021 vom
3. Dezember 2021 E. 8.3.3, F-4845/2021 vom 10. November 2021
E. 6.4.3). Die Dublin-Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellen-
den die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notver-
sorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und
schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19
Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnis-
sen ist die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich
D-510/2022
Seite 15
nötigenfalls einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren
(Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). In den slowenischen Asylunterkünften
stehen als Ansprechpartner Sozialarbeitende und Gesundheitsfachleute
zur Verfügung. Ein Psychiater besucht die Hauptunterkunft wöchentlich
und steht den in den kleineren Unterkünften untergebrachten Personen
nach Terminvereinbarung ebenfalls zur Verfügung. Unterstützung in ge-
sundheitlicher Hinsicht wird meistens in Kliniken und Spitälern gewährt.
Vulnerable Personen haben Anspruch auf über die medizinische Grund-
versorgung hinausgehende Behandlungen wie zum Beispiel Psychothera-
pie. Benötigen Asylsuchende Unterstützung beim Zugang zur medizini-
schen Versorgung, können sie sich an die Sozialarbeitenden wenden.
Auch die «International Organization for Migration» (IOM) gewährt mit dem
«Re-Health-Project» Unterstützung beim Zugang zu medizinischer Versor-
gung. Weitere Organisationen bieten den Asylsuchenden kostenlose psy-
chologische Hilfe an (vgl. aida, a.a.O. S. 65). Es liegen keine Hinweise vor,
wonach Slowenien seinen Verpflichtungen im Rahmen der Dublin-III-VO in
medizinischer Hinsicht nicht nachkommen würde. Insbesondere besteht
Zugang zu einer angemessenen psychologischen beziehungsweise psy-
chiatrischen Behandlung, wobei es dem Beschwerdeführer vorliegend zum
Vorteil gereichen kann, dass die entsprechenden Diagnosen bereits in der
Schweiz gestellt wurden und die erforderliche medikamentöse Behandlung
bereits eingeleitet wurde. Er kann sich bei allfälligen Schwierigkeiten beim
Zugang zur medizinischen Versorgung an die zuständigen Stellen bezie-
hungsweise Organisationen wenden.
7.2.4 Die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochte-
nen Verfügung beauftragt sind, werden den medizinischen Umständen bei
der Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung Rechnung
tragen und die slowenischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über
die spezifischen medizinischen Umstände informieren (vgl. Art. 31 f. Dub-
lin-III-VO). Auf diese Weise kann eine angemessene Weiterbehandlung ge-
währleistet werden. Eine darüberhinausgehende Einholung spezifischer
Zusicherungen hinsichtlich medizinischer Behandlung erachtet das Bun-
desverwaltungsgericht vorliegend nicht als erforderlich.
7.2.5 Im Übrigen ist nicht zu beanstanden, dass das SEM auf weitere Ab-
klärungen hinsichtlich der gesundheitlichen Probleme des Beschwerdefüh-
rers verzichtet hat, da im Zeitpunkt des Verfügungserlasses keine Anhalts-
punkte für relevante gesundheitliche Probleme bestanden. Auch im heuti-
gen Zeitpunkt ist nicht ersichtlich, inwiefern weitere Abklärungen einen Ein-
D-510/2022
Seite 16
fluss auf die Einschätzung der Zulässigkeit und Zumutbarkeit einer Über-
stellung nach Slowenien haben könnten. Die Rüge der unvollständigen
Sachverhaltsabklärung erweist sich demnach als nicht berechtigt; der
eventualiter gestellte Antrag auf Rückweisung der Sache an das SEM zur
Neubeurteilung ist abzuweisen.
7.2.6 Angesichts des aktuellen Gesundheitszustands des Beschwerdefüh-
rers sind demnach keine zwingenden Gründe auszumachen, die zur An-
nahme führten, bei einer Überstellung nach Slowenien drohe ihm eine un-
menschliche Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK. Daran vermögen die
vorliegenden ärztlichen Berichte nichts zu ändern. Nach dem Gesagten
konnte der Beschwerdeführer kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
tun, wonach seine Überstellung nach Slowenien die Verletzung völker-
rechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte. Es darf davon ausgegangen
werden, Slowenien beachte für die Zeit nach der Überstellung die übrigen
massgeblichen völkerrechtlichen Bestimmungen sowie insbesondere die
Verfahrensrichtlinie. Auch diesbezüglich erübrigt sich – entgegen der in
den Beschwerdeeingaben vertretenen Auffassung – das Einholen entspre-
chender Garantien.
7.3
7.3.1 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitions-
beschränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Strei-
chung der Angemessenheitskontrolle des Bundesverwaltungsgerichts ge-
mäss aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den Verzicht des
SEM auf die Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht mehr auf Ange-
messenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung im Wesentlichen
darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüglich korrekt und vollständig
erhoben, allen wesentlichen Umständen Rechnung getragen und seinen
Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
7.3.2 Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu be-
anstanden; insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermes-
sensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens
zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang
weiterer Äusserungen.
D-510/2022
Seite 17
7.4 Es besteht demnach kein Grund für eine Anwendung der Ermessens-
klauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist festzuhal-
ten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den
ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch BVGE
2010/45 E. 8.3).
7.5 Somit bleibt Slowenien der für die Behandlung des Asylgesuchs des
Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO. Slowe-
nien ist verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 23, 24, 25 und 29 wie-
deraufzunehmen.
8.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da er
nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung
ist, wurde die Überstellung nach Slowenien in Anwendung von Art. 44
AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). Der Antrag
auf Aufhebung der angefochtenen Verfügung ist abzuweisen. Es erübrigt
sich, auf die weiteren Ausführungen in den Beschwerdeeingaben und die
eingereichten Beweismittel im Einzelnen einzugehen, da diese an der vor-
genommenen Würdigung nichts zu ändern vermögen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem seine Rechtsbe-
gehren nicht als aussichtslos im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG qualifiziert
wurden und aufgrund der Akten von seiner prozessualen Bedürftigkeit aus-
gegangen wurde, wurde das Gesuch um Gewährung der teilweisen unent-
geltlichen Rechtspflege mit Instruktionsverfügung vom 4. Februar 2022
gutgeheissen, weshalb keine Kosten aufzuerlegen sind.
(Dispositiv nächste Seite)
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