Decision ID: 114b19a9-a04d-5a90-9f35-e18647b01d8d
Year: 2014
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Leo R. Gehrer, SwissLegal asg.advocati,
Kreuzackerstrasse 9, 9000 St. Gallen
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 17./18. Dezember 2008 bei der IV-Stelle des Kantons St.
Gallen zum Bezug einer Rente der Invalidenversicherung an (IV-act. 6). Sie gab an, im
Jahr 1986 eine Anlehre als Näherin und von 1991 bis 1992 die B._ Handelsschule
absolviert zu haben. Von August 2005 bis September 2007 habe sie zu 100 % in der
Montage gearbeitet. Sie leide unter den folgenden gesundheitlichen
Beeinträchtigungen: Brustkrebs links (seit September 2008), Hüft-TEP rechts (Hüft-
Totalendoprothese) und chronische Tendovaginitis der rechten Hand/des rechten
Unterarms (seit April 2007). Dem Anmeldeformular legte die Versicherte einen Austritts-
und einen Operationsbericht der Frauenklinik des Kantonsspitals St. Gallen
(nachfolgend: KSSG) bei (IV-act. 7). Laut diesen Berichten war die Versicherte am 2.
September 2008 wegen eines wenig differenzierten, invasiv-duktalen Mamma-
Carzinoms links operiert worden. Die Versicherte sei vom 1. bis 30. September 2008 zu
100 % arbeitsunfähig gewesen.
A.b Am 4. Februar 2009 reichte die C._ AG den Fragebogen für Arbeitgebende ein
(IV-act. 21). Diesem war zu entnehmen, dass das Unternehmen das Arbeitsverhältnis
per 31. August 2007 gekündigt hatte. Als Begründung war angegeben worden, die
Versicherte habe die Anforderungen in Bezug auf die Qualität und Quantität nicht er
füllen können und sie habe nicht über die erforderliche Flexibilität verfügt. Der letzte
Arbeitstag sei der 10. September 2007 gewesen. Die Versicherte habe seit dem 1.
August 2005 für die C._ gearbeitet, seit dem 31. August 2007 als
Arbeitsvorbereiterin. Seit dem 1. Januar 2007 habe sie einen Jahreslohn von Fr.
57'200.-- erzielt (exkl. Schichtzulage und Leistungsprämie). Ihre Arbeitsleistung habe
jedoch lediglich einem monatlichen Lohn von Fr. 3'600.-- entsprochen. Die Tätigkeit
der Versicherten habe das Montieren und Belichten von Druckplatten beinhaltet. Bei
diesen Tätigkeiten habe sie Gehen, Stehen und leichte Gewichte heben und tragen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
müssen. Den beigelegten Lohnauszügen war zu entnehmen, dass die Versicherte im
Jahr 2007 brutto Fr. 41'742.15 verdient hatte (vgl. auch IK-Auszug: IV-act. 16).
A.c Der Hausarzt der Versicherten, Dr. med. D._, gab in seinem Bericht vom 22. April
2009 als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ein Mamma-Carzinom
links, ein Schmerzsyndrom (seit 2007), eine Depression und Schlafstörungen (seit
September 2008) sowie einen Status nach Hüft-TEP rechts (1995) an (IV-act. 25). Die
Versicherte sei im April 2007 wegen Schmerzen in der rechten Hand krankgeschrieben
gewesen und habe nach einem Konflikt mit dem Arbeitgeber die Kündigung erhalten.
Sie mache zurzeit eine Chemo- und Radiotherapie. Die bisherige Tätigkeit sei aus
medizinischer Sicht nicht mehr zumutbar. Der Hausarzt hatte der Versicherten vom 23.
April bis am 13. Mai 2007, vom 11. bis am 18. April 2008, vom 1. bis am 30. September
2008 sowie vom 9. Dezember 2008 bis am 21. Januar 2009 eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit attestiert. Ab dem 22. Januar 2009 bis "heute" sei sie zu 50 %
arbeitsunfähig gewesen.
A.d Am 14. Dezember 2009 reichte die Klinik für Onkologie/Hämatologie des KSSG
zwei Berichte ein (IV-act. 40). Dem Bericht von Dr. med. E._ war zu entnehmen, dass
die Versicherte seit September 2008 an einem Mamma-Carzinom links und einer
depressiven Erkrankung (ICD-10: F43.21) leide. Die Versicherte habe sich von Oktober
2008 bis März 2009 einer Chemotherapie und von April bis Mai 2009 einer
Radiotherapie unterzogen. Aus onkologischer Sicht sei sie seit September 2008 bis auf
Weiteres zu 50 % arbeitsunfähig. Die bisherige Tätigkeit als Verkäuferin bei der B._
sei ihr aus medizinischer Sicht noch zumutbar. Bei Besserung der depressiven
Reaktion sei ab Dezember 2009 eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit auf 80 % möglich.
Laut dem Bericht von F._, Psychotherapeut FSP, leide die Versicherte aufgrund der
schweren Belastung durch das Mamma-Carzinom an einer depressiven Reaktion und
Anpassungsstörung (ICD-10: F 43.21).
A.e Am 15. Dezember 2009 wurde der Versicherten mitgeteilt, dass ihr Beratung und
Unterstützung bei der Stellensuche durch die Eingliederungsberatung gewährt werde
(IV-act. 42). Vom 3. Mai 2010 bis am 30. Juli 2010 hätte in der G._ eine berufliche
Abklärung durchgeführt werden sollen (IV-act. 55). Gemäss dem Kurzbericht der G._
vom 31. Mai 2010 (IV-act. 59) habe die Versicherte schon am zweiten und dritten Tag
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
müde und aufgewühlt gewirkt und erklärt, nicht gut geschlafen zu haben; auch das
Aufstehen sei ihr sehr schwer gefallen. Am Donnerstag, 6. Mai 2010, habe sie ein
Arztzeugnis ihres Hausarztes mitgebracht, welches eine Arbeitsunfähigkeit von 75 %
bescheinigt habe. Am Mittwoch der zweiten Arbeitswoche habe sich die Versicherte
krank gemeldet. Am 19. Mai 2010 habe sie ein weiteres Arztzeugnis vorgelegt, gemäss
welchem sie vom 18. Mai 2010 bis am 31. Mai 2010 zu 100 % arbeitsunfähig sei.
Aufgrund dieses Arbeitsunfähigkeitszeugnisses und weil ihr behandelnder Psychiater
sie baldmöglichst für einen stationären Aufenthalt in die Psychiatrischen Klinik H._
habe schicken wollen, sei die berufliche Abklärung am 19. Mai 2010 abgebrochen
worden.
A.f In seinem Bericht vom 27. September 2010 gab der Hausarzt an, die Versicherte
sei zurzeit nur zwei Stunden pro Tag arbeitsfähig (IV-act. 70). Sie sei aufgrund der
Schmerzen des Bewegungsapparates, eines Lymphödems, einer Depression, einer
körperlichen Müdigkeit, einer Mattigkeit sowie aufgrund eines erhöhten
Schlafbedürfnisses nicht fähig, einer regelmässigen Arbeit nachzugehen. Seinem
Bericht legte er verschiedene medizinische Berichte von Fachärzten bei. Gemäss dem
Bericht vom 16. März 2010 von Dr. med. I._, Spezialarzt Orthopädie FMH, leide die
Versicherte an einem Fersensporn beidseits bei Senk- und Spreizfuss und
Handgelenksschmerzen rechts (IV.act. 70 S. 15). Die Ursache der
Handgelenksschmerzen sei unklar. Die Neurologie des KSSG hatte am 29. Juni 2010
die folgende Diagnose gestellt (IV-act. 70 S. 10 f.): Belastungsabhängige Schmerzen im
Bereich des Thenars und Hypothenars rechts mit begleitenden Dysästhesien unklarer
Ätiologie (ICD-10: R52.2). Man hatte die Durchführung eines MRI der HWS empfohlen.
Laut einem Austrittsbericht vom 19. Juli 2010 (IV-act. 70 S. 16 ff.) war die Versicherte
vom 10. Juni 2010 bis 15. Juli 2010 in der Psychiatrischen Klinik H._ hospitalisiert
gewesen. Dem Bericht war die Diagnose einer Anpassungsstörung (längere depressive
Reaktion, ICD-19: F43.21) zu entnehmen; als Differentialdiagnose wurde eine
mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F32.1) angegeben. Gemäss dem Bericht
hätten die Frustration und Ungerechtigkeit über die Kündigung durch den letzten
Arbeitgeber und die anschliessende Arbeitslosigkeit die Versicherte sehr belastet. Sie
habe im Verlauf psychopatholgisch deutliche Auffälligkeiten in der Affektivität mit
Ratlosigkeit, Affektarmut, Deprimiertheit, deutlicher innerer Unruhe und
Insuffizienzgefühle gezeigt. Beim Austritt habe sie noch eine leichte Störung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Vitalgefühle und in der Affektivität eine leichte innere Unruhe gezeigt. Sie habe in einem
psychisch deutlich stabileren Zustand entlassen werden können.
A.g Am 20. Dezember 2010 reichte Dr. med. J._ vom Psychiatrischen Zentrum K._
einen Bericht ein (IV-act. 78). Als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gab
er eine seit dem Jahr 2007 bestehende mittelgradige depressive Episode mit
somatischem Syndrom an (ICD-10: F32.11). Die Versicherte habe ihm geschildert, dass
die zunehmende depressive Entwicklung nach der Kündigung der letzten Arbeitsstelle
durch den Arbeitgeber eingetreten sei. Die Brustkrebserkrankung habe diese
Entwicklung noch deutlich verstärkt. Der Psychiater attestierte der Versicherten ab
Beginn der Behandlung im Psychiatrischen Zentrum K._, d.h. ab dem 12. November
2009, und bis auf Weiteres, eine Arbeitsunfähigkeit von 100 %. Er gab weiter an, dass
die Versicherte aufgrund der depressiven Symptomatik unter einer schnellen
Ermüdbarkeit, Konzentrationsstörungen und einer verminderten Belastbarkeit leide. Sie
sei ‒ im Sinne eines Arbeitsversuches ‒ vier Stunden pro Tag arbeitsfähig, wobei ihre
Leistungsfähigkeit um 30 % vermindert sei. Eine realistische Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit könne jedoch nur durch einen Arbeitsversuch ermittelt werden.
Versuchsweise könne die Versicherte ab sofort eine Tätigkeit von 25 % (2 Stunden)
ausüben.
A.h Das Brustzentrum des KSSG gab in seinem Bericht vom 11. Februar 2011 an,
dass es keine Anhaltspunkte für ein Rezidiv oder eine Metastasierung gebe (Stand
Januar 2011; IV-act. 81). Die Versicherte leide an einem chronischen Lymphödem links.
Aufgrund ihrer Armbeschwerden (Schwellung, Kraftminderung, Sensibilitätsstörung) sei
sie in der bisherigen Tätigkeit nur noch drei Stunden pro Tag arbeitsfähig. Ihre
Leistungsfähigkeit sei durch die postoperative, eingeschränkte Armbeweglichkeit, die
schnelle Ermüdung und die depressionsbedingte Konzentrationsschwäche vermindert.
Sie sei körperlich und psychisch nicht mehr belastbar. Seit August 2008 sei sie bis auf
Weiteres aus physischer Sicht zu 70 % arbeitsunfähig. Während dem Bericht am
Anfang zu entnehmen war, dass die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit nicht
verbessert werden könne und der Versicherten keine anderen Tätigkeiten zumutbar
seien, hielt das Brustzentrum später fest, dass die Versicherte in einer
behinderungsangepassten Tätigkeit 3-4 Stunden pro Tag bzw. 30-40 % arbeitsfähig
sei und die Arbeitsfähigkeit schrittweise steigerbar sei.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.i Am 20. September 2011 wurde die Versicherte von der Ärztlichen
Begutachtungsinstitut GmbH (ABI) polydisziplinär gutachterlich abgeklärt (IV-act. 87).
Folgende Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit wurden angegeben:
Mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F32.1), anhaltende somatoforme
Schmerzstörung (ICD-10: F45.4), chronische plantare Fersenschmerzen beidseits
(ICD-10 M79.67/M77.3), chronische Beschwerden an der rechten Hüfte (ICD-10: Z96.6/
M79.65) und chronische Nacken-, Schulter-, Arm- und Handschmerzen der
dominanten rechten Seite (ICD-10: M54.2/M79.60). Als Diagnosen ohne Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit wurden ein wenig differenziertes, invasiv-duktales Mamma-Carzinom
links (ICD-10: C50.4) und eine Adipositas (ICD-10: E66.0) angegeben. Die Versicherte
habe anlässlich der Untersuchung erklärt, sie besuche seit zwei Monaten jeden Morgen
die psychiatrische Tagesklinik. Sie mache dort eine Maltherapie und arbeite im Atelier.
Sie habe weiter angegeben, Angst vor einem Tumorrezidiv zu haben sowie antriebslos,
müde und erschöpft zu sein. Sie leide unter Schmerzen in beiden Beinen, im ganzen
rechten Arm und in der Hüfte. Nur aus Rücksicht auf ihre Kinder habe sie sich bisher
noch nicht umgebracht. Im Haushalt sei sie bei schwereren Arbeiten auf Hilfe
angewiesen. Selber erledige sie noch kleinere Einkäufe und die Wäsche und sie bereite
einfachere Mahlzeiten zu. Die Tochter helfe ihr gelegentlich im Haushalt. Der
orthopädische Gutachter kam zum Schluss, dass die beklagten, recht diffusen
Beschwerden durch die klinischen und radiologischen Befunde nicht vollständig
begründet werden könnten. Einzig die Beschwerden an beiden Fersen und an der
rechten Hüfte seien nachvollziehbar. Aus Sicht des Bewegungsapparates bestehe für
körperlich leichte bis mittelschwere, adaptierte Tätigkeiten unter Wechselbelastung
eine volle Arbeitsfähigkeit. Dabei sollte das Heben und Tragen von Lasten über 15 kg
sowie der wiederholte Einsatz der rechten oberen Extremitäten oberhalb der
Horizontalen vermieden werden. In der allgemein-internistischen Untersuchung hätten
sich keine weiteren Diagnosen und Befunde mit zusätzlicher Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit finden lassen. Aktuell gebe es keine Hinweise für ein Tumorrezidiv.
Zwischenzeitlich sei auch die vom KSSG empfohlene MRI-Untersuchung der rechten
Hand durchgeführt worden. Auch diese habe jedoch keinen Hinweis für die diffus an
der rechten oberen Extremität angegebenen Beschwerden geben können. Weder das
moderate Lymphödem an der linken oberen Extremität noch die Adipositas könnten
eine relevante Arbeitsunfähigkeit begründen. Aufgrund des Tumorleidens könne der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherten jedoch eine zwischenzeitliche Arbeitsunfähigkeit von 100 % vom 1.
September 2008 bis Mai 2009 attestiert werden. In der psychiatrischen Beurteilung
wurde festgehalten, dass aufgrund der Divergenzen zwischen dem Ausmass der
geklagten körperlichen Beschwerden und den somatischen Befunden die Diagnose
einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung gestellt werden könne. Die
Versicherte sei durch ihre ganztägige Berufstätigkeit und ihre Aufgaben als Hausfrau
und Mutter während Jahren überlastet gewesen. Später sei die Belastung durch ihre
Krebserkrankung hinzugekommen. Daneben leide die Versicherte auch an einer
mittelgradigen depressiven Episode. Sie sei freudlos, resigniert, habe kaum Hoffnung
auf Besserung der Beschwerden, ihr Antrieb sei vermindert, sie zeige einen sozialen
Rückzug, sei gereizt und psychisch vermindert belastbar. Zudem habe sie über
Einschlaf- und Durchschlafstörungen sowie einen ausgeprägten Lebensverleider
geklagt und habe eine ausgeprägte Angst vor einem Rezidiv; sie habe erlebt, wie
zahlreiche Personen aus ihrer näheren Umgebung an Krebs gestorben seien oder
wegen Krebs Suizid begangen hätten. Hinweise auf eine schwere depressive Störung
fehlten. Die Versicherte sei nicht suizidal, könne ihren Haushalt noch weitgehend selbst
führen und habe nach wie vor eine gute Beziehung zu ihren Familienangehörigen.
Zudem habe sich die depressive Störung im Rahmen des stationären Aufenthalts in der
Psychiatrischen Klinik H._ aufgehellt. Aufgrund der mittelgradigen depressiven
Episode und der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung bestehe aus
psychiatrischer Sicht eine Arbeitsunfähigkeit von 50 %. Es liege eine psychische
Komorbidität von erheblicher Schwere und Dauer vor. Der Eintritt der
Arbeitsunfähigkeit sei auf den Beginn der ambulanten psychiatrischen Behandlung,
d.h. auf den November 2009, festzusetzen. Das Psychiatrische Zentrum K._ habe
zwar auch eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert, der Versicherten aber
eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % attestiert. Aufgrund einer mittelgradigen depressiven
Episode könne jedoch keine vollständige Arbeitsunfähigkeit attestiert werden. Da sich
die subjektive Krankheitsüberzeugung der Versicherten kaum noch wesentlich
beeinflussen lasse, seien berufliche Massnahmen nicht erfolgsversprechend. Aus
polydisziplinärer Sicht schätzten die Gutachter die Arbeitsunfähigkeit für körperlich
leichte bis mittelschwere adaptierte Tätigkeiten unter Wechselbelastung auf 50 %.
Dagegen habe der Hausarzt wiederholt teilweise und vollständige Arbeitsunfähigkeiten
attestiert. Das Brustzentrum des KSSG habe die Arbeitsunfähigkeit auf 70 %
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
geschätzt. Diagnostisch hätten beide jedoch keine anderen Diagnosen erwähnt, als
anlässlich der gutachterlichen Untersuchung hätten objektiviert werden können. Die
Diskrepanz der Arbeitsfähigkeitsschätzungen sei dadurch erklärbar, dass der Hausarzt
und das Brustzentrum offenbar die ihnen fachfremden psychiatrischen
Einschränkungen zu hoch eingestuft hätten.
A.j In einer internen Stellungnahme vom 2. Dezember 2011 zum ABI-Gutachten
erklärte der RAD-Arzt Dr. L._, es sei nicht a priori nachvollziehbar, dass die Ver
sicherte neben der halbtägigen Therapie in der Tagesklinik gleichzeitig zu 50 %
arbeitsfähig sei (IV-act. 88). Im Übrigen könne vollständig auf das Gutachten abgestellt
werden: Es sei umfassend, konsistent, nachvollziehbar und in sich widerspruchsfrei.
Auf Nachfrage der IV-Stelle erklärten die Gutachter, dass die medizinisch-theoretische
Arbeitsfähigkeit von 50 % unabhängig von der aktuellen, tagesklinischen Behandlung
der Versicherten bestehe (IV-act. 90). Der RAD-Arzt hielt daraufhin fest, dass die
Antwort der Gutachter eindeutig und die Versicherte demnach aus medizinisch-
theoretischer Sicht in einer adaptierten Tätigkeit seit November 2009 zu 50 %
arbeitsunfähig sei (IV-act. 91).
B.
B.a Mit einem Vorbescheid vom 7. Februar 2012 teilte die IV-Stelle der Versicherten
mit, dass die Abweisung des Rentenbegehrens vorgesehen sei (IV-act. 95). Die
Abklärungen hätten ergeben, dass sie seit dem 9. September 2008 in ihrer
angestammten Tätigkeit als Montage-Mitarbeiterin ununterbrochen arbeitsunfähig
gewesen sei. Ohne Behinderung hätte sie in ihrer angestammten Tätigkeit ein
Jahreseinkommen von Fr. 52'265.-- erzielen können. Dieses Einkommen setze sich aus
dem Jahreseinkommen 2007 von Fr. 52'083.-- gemäss dem IK-Auszug plus der
Nominallohnentwicklung zusammen. Mit Behinderung sei ihr aus medizinischer Sicht
eine adaptierte Tätigkeit von 100 % zumutbar. Gemäss der Lohnstrukturerhebung
(LSE) des Bundesamtes für Statistik des Jahres 2009 sei es ihr zumutbar, ein
Jahreseinkommen von Fr. 51'368.-- zu erzielen. Aus dem Einkommensvergleich
resultiere ein Invaliditätsgrad von 2 %, welcher nicht rentenbegründend sei.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.b Am 1. März 2012 erhob die Versicherte einen Einwand gegen den Vorbescheid
(IV-act. 98). Zur Begründung brachte sie vor, dass das ABI in seinem Gutachten eine
Arbeitsunfähigkeit von 50 % bescheinigt habe. Es sei daher nicht nachvollziehbar,
weshalb die IV-Stelle davon ausgehe, dass sie zu 100 % arbeitsfähig sei. Wegen dem
Lymphödem müsse sie den linken Arm mehrmals pro Tag und in der Nacht senkrecht
nach oben halten. Aufgrund der chronischen Schmerzen sei sie auch im Haushalt nicht
belastbar. Im Alltag sei sie zum grössten Teil auf die Hilfe ihres Ehemannes und ihrer
Kinder angewiesen. Wegen der Hüftschmerzen könne sie nicht lange sitzen und wegen
des Fersensporns beidseits nicht lange stehen und Treppen laufen. Unter Belastung
nähmen die Schmerzen zu. Deshalb habe sie mehrere Arbeitsabklärungen abbrechen
müssen. Auch die Behandlung in der Tagesklinik M._ habe aus diesem Grund
unterbrochen werden müssen. Nachdem sie jeweils drei bis vier Stunden in der
Tagesklinik gewesen sei, habe sie mehrere Stunden zur Erholung benötigt. Die
körperliche und psychische Erschöpfung belaste sie enorm, sie sei ständig
angespannt, traurig, habe keine Freude und ziehe sich immer mehr zurück. Sie könne
nicht mehr lange bei der Sache bleiben und vergesse viel. Ihrem Einwand legte die
Versicherte einen Bericht ihres Hausarztes vom 9. Februar 2012 bei. Er hatte darin die
bekannten Diagnosen wiederholt und angefügt, dass die mentale Leistungsfähigkeit
der Versicherten aktuell massiv gestört sei. So habe die Versicherte
Maltherapiesitzungen im sozialtherapeutischen Zentrum in K._ abbrechen müssen,
obwohl damit eigentlich keine starke Belastung einhergehe. Eine länger dauernde
"adaptierte" Tätigkeit stelle eine ähnliche Situation dar. Regelmässige Tätigkeiten
könne die Versicherte deshalb lediglich über ein bis zwei Stunden pro Tag ausüben.
B.c Mit Verfügung vom 20. März 2012 lehnte die IV-Stelle das Rentengesuch aus den
im Vorbescheid angeführten Gründen ab (IV-act. 99). Zum Einwand nahm sie wie folgt
Stellung: Die Versicherte wie auch ihr Hausarzt würden die subjektive Sichtweise der
Versicherten beschreiben, welche für die Schätzung der Arbeitsfähigkeit nicht relevant
sei. Weiter entspreche die mittelgradige depressive Störung keiner invalidisierenden
psychischen Komorbidität, da kein von den depressiven Verstimmungszuständen klar
unterscheidbarer verselbständigter und pathologischer Gesundheitsschaden vorliege.
Vielmehr leite sie sich aus der vorhandenen Schmerzstörung ab. Aus psychiatrischer
Sicht bestehe daher eine volle Arbeitsfähigkeit.
C.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.a Gegen diese Verfügung erhob die Procap St. Gallen-Appenzell am 7. Mai 2012
namens und mit Vollmacht der Versicherten (nachfolgend: Beschwerdeführerin)
Beschwerde (act. G 1). Die Vertreterin gab an, dass die Kumulation der
gesundheitlichen Beeinträchtigungen es der Beschwerdeführerin verunmögliche, einer
Arbeitstätigkeit nachzugehen. Sie beantragte zudem die unentgeltliche Rechtspflege
(Befreiung von den Gerichtskosten).
C.b Mit Schreiben vom 8. Mai 2012 setzte das Versicherungsgericht der Vertreterin
eine Frist bis am 6. Juni 2012 zur Einreichung der für die Beurteilung des Gesuchs um
unentgeltliche Rechtspflege notwendigen Unterlagen (act. G 2). Bei Nichteinreichung
innert angesetzter Frist werde angenommen, dass am Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege nicht festgehalten werde. Gleichentags gewährte das
Versicherungsgericht der Beschwerdeführerin die bis am 6. Juni 2012 beantragte
Nachfrist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung (act. G 3).
C.c Am 23. Mai 2012 teilte Rechtsanwalt L. Gehrer dem Versicherungsgericht mit,
dass die Beschwerdeführerin ihn mit der Vertretung ihrer Interessen im vorliegenden
Beschwerdeverfahren beauftragt habe. Seinem Schreiben lag eine Vollmacht der
Beschwerdeführerin bei (act. G 4). Antragsgemäss erstreckte das Versicherungsgericht
die Frist zur Einreichung der Beschwerdeergänzung bis 25. Juni 2012 (act. G 5). Am 6.
Juni 2012 teilte die Procap mit, dass das Mandat zwischenzeitlich Rechtsanwalt L.
Gehrer übergeben worden sei und die Procap somit ihre Beschwerde und ihr Mandat
zurückziehe (act. G 6). Zwei Tage später erklärte die Procap schriftlich, dass das
Schreiben vom 7. Mai 2012 zu vernichten sei, da es formal unrichtig sei (act. G 7). Sie
habe mit dem Schreiben lediglich mitteilen wollen, dass sie ihr Mandat niederlege.
C.d Der Rechtsvertreter reichte die Beschwerdeergänzung am 25. Juni 2012 ein
(act. G 9). Er beantragte die Rückweisung der Sache zur Neubeurteilung an die IV-
Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin). Eventualiter sei der Beschwerdeführerin ab
dem 1. September 2009 mindestens eine halbe IV-Rente zuzusprechen; alles unter
Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten der Beschwerdegegnerin. In formeller
Hinsicht brachte er vor, dass dem Schreiben der Procap vom 6. Juni 2012 ‒ trotz der
unglücklichen Formulierung ‒ kein Wille zum Beschwerderückzug zu entnehmen sei.
Dies habe die Procap mit Schreiben vom 8. Juni 2012 denn auch ausdrücklich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bekräftigt. Ein Rückzug durch die Procap hätte am 6. Juni 2012 im Übrigen gar nicht
mehr erfolgen können, weil ihr Mandat mit seinem Schreiben vom 23. Mai 2012
widerrufen worden sei. Zur materiellen Begründung der Beschwerde führte der
Rechtsvertreter an, dass das ABI das Vorliegen einer psychischen Komorbidität von
erheblicher Schwere und Dauer bejaht habe und die Beschwerdeführerin folglich bei
zumutbarer Willensanstrengung nicht in der Lage sei, die Folgen ihrer Beschwerden zu
mehr als der Hälfte zu überwinden. Eine ambulante, stationäre oder auch
tagesklinische Behandlung vermöge nicht zu einer höheren Arbeitsfähigkeit zu führen.
Der RAD-Arzt habe das ABI-Gutachten als umfassend, konsistent, nachvollziehbar und
in sich widerspruchsfrei bezeichnet. Mit der Feststellung, es liege keine psychische
Komorbidität vor, habe die Beschwerdegegnerin unzulässigerweise eine rein
medizinische Beurteilung vorgenommen. Sodann hätten neben den Gutachtern
zahlreiche andere Ärzte Arbeitsunfähigkeiten von mindestens 50 % bis teilweise 100 %
festgestellt. Die Annahme der Beschwerdegegnerin, die Beschwerdeführerin sei nur zu
2 % invalid, entbehre daher jeglicher Grundlage. Der Beschwerdeergänzung legte der
Rechtsvertreter das zitierte Schreiben vom 23. Mai 2012 an die Procap bei (act. G 9.1).
C.e Am 27. Juli 2012 reichte die Beschwerdegegnerin die Beschwerdeantwort ein
(act. G 12). Sie machte geltend, dass die vom ABI festgesetzte Arbeitsunfähigkeit aus
psychiatrischer Sicht von 50 % nicht im Einklang mit der Rechtsprechung des
Bundesgerichts stehe. Bei der mittelgradigen depressiven Störung handle es sich um
eine reaktive Begleiterscheinung zur Schmerzstörung und zur psychosozialen Situation.
Bei der Beschwerdeführerin bestehe das Hauptproblem darin, dass sie ihre Doppelrolle
als Vollerwerbstätige und als Hausfrau und Mutter überfordert habe. Es handle sich
hierbei um psychosoziale Faktoren, die nach der Rechtsprechung für sich allein zu
keiner Invalidität führten. Die Feststellung der Komorbidität sei im Übrigen eine
Rechtsfrage und daher auch oder sogar in erster Linie von Nichtmedizinern zu
beantworten, zumal sich der RAD gar nicht zur Komorbidität geäussert habe. Mit
Bezug auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung könne vom ABI-Gutachten abgewichen
werden, ohne dass dem Gutachten deshalb im restlichen Teil (Befunderhebung und
Diagnosestellung) der Beweiswert abgesprochen werden müsste. Die angefochtene
Verfügung sei rechtmässig.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.f Am 8. Oktober 2012 reichte der Rechtsvertreter die Replik ein (act. G 16). In
Ergänzung zur Beschwerdeschrift brachte er vor, dass es sich bei der Frage, ob eine
psychische Komorbidität vorliege, gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
um eine Tatsachenfeststellung handle; als Rechtsfrage frei überprüfbar sei lediglich, ob
eine festgestellte psychische Komorbidität hinreichend erheblich sei. Gemäss den ABI-
Gutachtern sei die Überforderung der Beschwerdeführerin in ihrer Doppelrolle als
Vollerwerbstätige und Hausfrau ‒ entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin ‒
nicht die Ursache der depressiven Störung, sondern die Grundlage für die
somatoforme Schmerzstörung. Dem Gutachten sei zu entnehmen, dass es sich bei der
mittelgradigen depressiven Störung auch nicht um eine reaktive Begleiterscheinung zur
Schmerzstörung, sondern um eine völlig unabhängige und verselbständigte Erkrankung
handle. Das Psychiatrische Zentrum K._ teile diese Ansicht. Bei der depressiven
Störung handle es sich nicht um einen ätiologisch-pathogenetisch unerklärlichen
syndromalen Leidenszustand. Die ABI-Gutachter hätten das Vorliegen einer
psychischen Komorbidität von erheblicher Schwere und Dauer ‒ in Kenntnis der
Rechtsprechung zur somatoformen Schmerzstörung ‒ unmissverständlich bejaht. Das
Gutachten sei der kleinste gemeinsame Nenner aller ärztlichen Berichte mit
Berücksichtigung der psychiatrischen Aspekte.
C.g Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 18).
C.h Mit Schreiben vom 25. Februar 2013 informierte der Rechtsvertreter darüber, dass
die Beschwerdeführerin heute bei der N._ AG tätig sei (act. G 19). Dem Schreiben
legte er einen Bericht des Hausarztes vom 7. Februar 2013 bei. Diesem Bericht war zu
entnehmen, dass die Beschwerdeführerin vor einigen Tagen eine neue Stelle mit einem
Pensum von 20 % angenommen habe. Schon nach kurzer Zeit habe sich gezeigt, dass
die Arbeitsbelastung von 20 % momentan ihrer physischen Belastungsgrenze
entspreche. Möglicherweise komme sie aufgrund der Schmerzen in beiden Armen und
des rechten Beines den Anforderungen der Arbeitsstelle nicht nach. Die
Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Stellungnahme hierauf (act. G 20).

Erwägungen:
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.1 Die Procap St. Gallen-Appenzell hat am 7. Mai 2012 "vorsorglich" Beschwerde
gegen die Verfügung vom 20. März 2012 erhoben. Eine von der Erfüllung einer
Bedingung (z.B. dass die betroffene Person der Beschwerdeerhebung noch zustimmen
werde) abhängende Beschwerdeerhebung kann keine Wirksamkeit entfalten, denn das
Rechtsmittel der Beschwerde ist bedingungsfeindlich. Wären bedingte Beschwerden
zulässig, könnte damit nämlich die gesetzliche Beschwerdefrist faktisch ‒
rechtsmissbräuchlich ‒ verlängert werden. Wäre die Beschwerde vom 7. Mai 2012 also
tatsächlich bedingt erhoben worden, könnte nicht auf sie eingetreten werden.
Begründet hat die Procap St. Gallen-Appenzell ihre "vorsorgliche" Beschwerde damit,
dass sie die Sache noch mit der Versicherten besprechen müsse. Deshalb ersuche sie
um eine Frist bis
6. Juni 2012, um allenfalls eine Beschwerdeergänzung einreichen zu können oder um
die Beschwerde zurückzuziehen. Das lässt darauf schliessen, dass die Procap
St. Gallen-Appenzell am 7. Mai 2012 nicht "vorsorglich", sondern "definitiv" hat
Beschwerde erheben wollen. Mit dem aus Rechtsunkenntnis verwendeten Begriff
"vorsorglich" hat sie nur zum Ausdruck bringen wollen, dass sie um eine Nachfrist zur
Beschwerdeergänzung nachsuche. Auf die Beschwerde ist deshalb einzutreten.
1.2 Die Beschwerdeführerin hat am 23. März 2012 die Procap St. Gallen-Appenzell
und am
18. Mai 2012 dann einen Rechtsanwalt mit ihrer Vertretung betraut. Die Procap St.
Gallen-Appenzell ist vom Rechtsanwalt am 23. Mai 2012 darüber informiert worden,
dass ihr Mandat erloschen sei. Sie hat darauf reagiert, indem sie am 6. Juni 2012 die
Beschwerde "und unser Mandat" zurückgezogen hat. Sie hat dies damit begründet,
dass die Beschwerdeführerin die Angelegenheit einem Rechtsanwalt übergeben habe.
Da das Mandat der Procap St. Gallen-Appenzell zu diesem Zeitpunkt bereits erloschen
war, konnte diese die Beschwerde gar nicht mehr wirksam zurückziehen. Im Übrigen
kann das Schreiben vom 6. Juni 2012 nur so interpretiert werden, dass die Procap St.
Gallen-Appenzell gar nicht die Beschwerde zurückziehen, sondern nur das Ende des
Vertretungsverhältnisses mitteilen wollte.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Mit der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin einen Renten
anspruch der Beschwerdeführerin abgelehnt. Strittig ist demnach, ob die
Beschwerdeführerin einen Anspruch auf eine Invalidenrente hat oder nicht.
2.2 Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder ver
bessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40 Prozent invalid sind (Art. 28 Abs. 1 IVG). Invalidität ist gemäss Art. 8
Abs. 1 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine Beeinträchtigung
der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach
zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust
der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG).
2.3 Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist der Invaliditätsgrad
grundsätzlich durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen).
3.
3.1 In medizinischer Hinsicht liegen Berichte des Hausarztes, der Klinik für Onkologie/
Hämatologie des KSSG, der Klinik für Neurologie des KSSG, des Brustzentrums des
KSSG, des Orthopäden Dr. I._, des Psychiatrischen Zentrums K._ der
Psychiatrischen Klinik H._ sowie ein polydisziplinäres ABI-Gutachten im Recht.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Die Sachverständigen haben in diesem Gutachten festgehalten, dass die
Beschwerdeführerin den Haushalt noch weitgehend selbst führen könne. Im Gegensatz
dazu hat die Beschwerdeführerin ein halbes Jahr später in ihrer Stellungnahme zum
Vorbescheid vorgebracht, dass sie aufgrund der chronischen Schmerzen auch im
Haushalt nicht belastbar sei. Im Alltag sei sie zum grössten Teil auf die Hilfe ihres
Ehemannes und ihrer Kinder angewiesen. Vorab ist daher zu prüfen, ob sich der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin zwischen der Begutachtung und dem
Verfügungserlass verschlechtert hat. Anlässlich der Begutachtung hat die
Beschwerdeführerin angegeben, im Haushalt lediglich bei den schwereren Arbeiten auf
Hilfe angewiesen zu sein. Kleinere Einkäufe und die Wäsche erledige sie selber. Auch
einfachere Mahlzeiten könne sie alleine zubereiten. Die Tochter helfe ihr nur
gelegentlich bei der Haushalterledigung. Zwar hat die Beschwerdeführerin in ihrer
Stellungnahme tatsächlich stärkere Einschränkungen im Haushalt geltend gemacht, als
sie dies gegenüber den Gutachtern getan hat. Aus ihrer Stellungnahme geht allerdings
nicht hervor, dass sie damit eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes hätte
behaupten wollen. Auch ihr Rechtsvertreter hat weder in der Beschwerdeschrift noch in
der Replik behauptet, dass sich ihr Gesundheitszustand verändert hätte. Der Hausarzt
hat in seinem Bericht vom 7. Februar 2013 keine neuen Diagnosen angegeben. Es ist
daher mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin zwischen der Begutachtung und dem
Erlass der angefochtenen Verfügung keine relevante Veränderung erfahren hat.
3.3 Die Befunde und Diagnosen der Gutachter decken sich grundsätzlich mit
denjenigen der behandelnden Ärzte. Sie sind im Übrigen auch unbestritten. Die
Arbeitsfähigkeitsschätzung kann daher gestützt auf die im Gutachten angegebenen
Diagnosen erfolgen. Dagegen stimmen die Arbeitsfähigkeitsschätzungen der
behandelnden Ärzte und diejenige der Gutachter nur teilweise überein. Zunächst ist
daher die Überzeugungskraft bzw. der Beweiswert der im Recht liegenden
Arbeitsfähigkeitsschätzungen zu prüfen.
3.4 Der Hausarzt hat der Beschwerdeführerin vom 1. September 2008 bis am 21.
Januar 2009 eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % und ab dem 22. April 2009 eine solche
von 50 % attestiert. Am 27. November 2010 hat er mitgeteilt, dass die
Beschwerdeführerin lediglich zwei Stunden pro Tag arbeitsfähig sei. Aufgrund der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schmerzen des Bewegungsapparates, einem Lymphödem, einer Depression, einer
körperlichen Müdigkeit, einer Mattigkeit sowie aufgrund eines erhöhten
Schlafbedürfnisses sei es der Beschwerdeführerin nicht möglich, einer regelmässigen
Arbeit nachzugehen. Am 25. Februar 2013 hat der Hausarzt angegeben, ein erneuter
Arbeitsversuch habe gezeigt, dass die Beschwerdeführerin aufgrund der Schmerzen in
beiden Armen und im rechten Bein nur 20 % arbeitsfähig sei. Die
Arbeitsfähigkeitsschätzung hat nach objektiven Kriterien zu erfolgen. Dies erfordert,
dass auch geprüft wird, ob die versicherte Person ihre Krankheitsüberzeugung mit
zumutbarer Willensanstrengung ganz oder teilweise überwinden kann. Hausärzte
neigen erfahrungsgemäss dazu, die (subjektive) Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung ihrer
Patienten als objektiv zu betrachten. In der Folge schätzen sie die Arbeitsunfähigkeit
ihrer Patienten oft zu hoch ein. Dass der Hausarzt im vorliegenden Fall seine
Arbeitsfähigkeitsschätzung zumindest grösstenteils gestützt auf die subjektive
Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung der Beschwerdeführerin abgegeben hat, geht deutlich
aus der Arbeitsfähigkeitsschätzung vom 7. Februar 2013 hervor: Bei dieser
Einschätzung hat er sich auf den Arbeitsversuch bei der N._ abgestützt. Da nicht
davon auszugehen ist, dass er die Beschwerdeführerin bei der Arbeit beobachtet hat,
muss er diese Arbeitsfähigkeitsschätzung gestützt ausschliesslich auf deren
subjektiven Angaben vorgenommen haben. Hinzu kommt, dass der Hausarzt ‒ bis auf
seine letzte Arbeitsfähigkeitsschätzung ‒ neben somatischen auch psychische
Gesundheitsbeeinträchtigungen miteinbezogen hat. Gerade bei psychischen
Erkrankungen ist es sehr schwierig einzuschätzen, ob eine versicherte Person die
subjektive Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung durch eine zumutbare Willensanstrengung
überwinden kann oder nicht. Eine solche Einschätzung muss deshalb durch eine
psychiatrische Fachperson erfolgen. Eine Einschätzung durch einen praktischen Arzt,
wie es der Hausarzt ist, reicht nicht aus, um eine überwiegende Wahrscheinlichkeit zu
begründen. Dr. E._ von der Klinik für Onkologie/Hämatologie hat die Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführerin ab September 2008 auf 50 % geschätzt. Sie hat jedoch
ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich hier um eine Einschätzung aus
onkologischer Sicht handle. Ihre Anmerkung, die Arbeitsfähigkeit betrage bei
Besserung der depressiven Reaktion im Dezember 2009 voraussichtlich 80 %, zeigt
auf, dass die Krebserkrankung an sich (jedoch nicht mögliche Folgen wie z.B. eine
Depression) ihrer Meinung nach lediglich eine vorübergehende Einschränkung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit zur Folge hat. Auch der Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. E._
kommt daher nicht die erforderliche Beweiskraft zu. Dasselbe gilt für die
Arbeitsfähigkeitsschätzung des Brustzentrums des KSSG, da diese widersprüchlich
und ungenau ist: In Ziff. 1.2 des Beiblattes zum Arztbericht hat die zuständige Ärztin
erklärt, dass die Beschwerdeführerin aufgrund der Armbeschwerden (Schwellung,
Kraftminderung, Sensibilitätsstörung) noch drei Stunden pro Tag arbeitsfähig sei und
dass ihr keine anderen Tätigkeiten mehr zumutbar seien (IV-act. 81 S. 1 f.). Im
Arztbericht (IV-act. 81 S. 3 ff.) hat sie hinzugefügt, dass die Leistungsfähigkeit während
der dreistündigen Arbeitsfähigkeit um 30 % vermindert sei und dass nicht mehr mit
einer Erhöhung der Einsatzfähigkeit gerechnet werden könne (Ziff. 1.7 und 1.9).
Demgegenüber hat sie in der Beilage zum Arztbericht (Ziff. 3) festgehalten, dass die
Beschwerdeführerin in einer behinderungsangepassten Tätigkeit drei bis vier Stunden
täglich arbeitsfähig sei und die Leistungsfähigkeit 30 - 40 % betrage. Entgegen der
früheren Aussage hat sie nun auch erklärt, dass die Arbeitsfähigkeit schrittweise
steigerbar sei. Hinzu kommt, dass die Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit auch als zu
hoch erscheint. So ist denn der orthopädische Gutachter auch zu einem völlig anderen
Schluss gekommen, nämlich dass es sich um ein moderates Lymphödem handle,
welches keine relevante Arbeitsunfähigkeit zu begründen vermöge. Anders als die
Psychiatrische Klinik H._ hat das Psychiatrische Zentrum K._ eine
Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben. Dr. J._ hat angegeben, dass die
Beschwerdeführerin seit November 2009 bis auf Weiteres 100 % arbeitsunfähig sei.
Daneben hat er jedoch auch erklärt, dass eine realistische Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit nur durch einen Arbeitsversuch ermittelt werden könne. Aus dieser
Aussage geht einerseits hervor, dass Dr. J._ von seiner Arbeitsfähigkeitsschätzung
nicht überzeugt ist. Andererseits ist ersichtlich, dass sie ‒ wie diejenige des Hausarztes
‒ auf der subjektiven Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung der Beschwerdeführerin beruht
und damit nicht objektiv ist. Aus diesen Gründen fehlt auch der
Arbeitsfähigkeitsschätzung des Psychiatrischen Zentrums K._ die notwendige
Beweiskraft.
3.5 Somit bleibt noch zu überprüfen, ob die Einschätzung der Gutachter geeignet ist,
die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu belegen. Die Gutachter haben die Beschwerdeführerin in
somatischer Hinsicht für voll arbeitsfähig erklärt. Aus psychiatrischer Sicht sei sie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wegen der somatoformen Schmerzstörung und der mittelgradigen depressiven
Episode zu 50 % arbeitsunfähig. Es bestehe eine psychische Komorbidität von
erheblicher Schwere und Dauer. Diese Einschätzung sei ab November 2009, dem
Beginn der psychiatrischen Behandlung durch das Psychiatrische Zentrum K._
gültig.
3.6 Nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung begründet ein psychisches Leiden
als solches noch keine Invalidität. Eine somatoforme Schmerzstörung ‒ wie auch alle
anderen pathogenetisch-ätiologisch unklaren syndromalen Beschwerdebilder ‒ vermag
als solche in der Regel keine lang dauernde, zu einer Invalidität führende
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bewirken. Ein Abweichen von diesem Grundsatz
fällt nur dann in Betracht, wenn die festgestellte somatoforme Schmerzstörung nach
Einschätzung des Arztes eine derartige Schwere aufweist, dass der versicherten
Person die Verwertung ihrer verbleibenden Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt bei
objektiver Betrachtung sozial-praktisch nicht mehr zumutbar ist. Die ‒ nur in
Ausnahmefällen anzunehmende ‒ Unzumutbarkeit einer willentlichen
Schmerzüberwindung und eines Wiedereinstiegs in den Arbeitsprozess setzt das
Vorliegen einer mitwirkenden, psychisch ausgewiesenen Komorbidität von erheblicher
Schwere, Intensität, Ausprägung und Dauer oder aber das Vorhandensein anderer,
qualifizierter, mit gewisser Intensität und Konstanz erfüllter Kriterien voraus (sog.
Foerster-Kriterien; BGE 130 V 352 E 2.2.3, mit Hinweisen). Depressive Stimmungslagen
sind nach der Rechtsprechung in der Regel reaktive Begleiterscheinungen einer
somatoformen Schmerzstörung und stellen keine selbständige, vom Schmerzsyndrom
losgelöste psychische Komorbidität dar. Es kann aber auch sein, dass sie sich
aufgrund ihres Schweregrades von einer somatoformen Störung unterscheiden lassen
(Urteil des EVG vom 20. April 2004, I 805/04, E. 5.2.1; vgl. auch BGE 130 V 352 E.
3.3.1).
3.7 Zunächst ist zu prüfen, ob die depressive Störung bereits vor der Erkrankung an
der somatoformen Schmerzstörung bestanden hat und somit als Hauptkrankheit
angesehen werden muss. Wäre dies der Fall, könnte es sich bei der depressiven
Störung zum Vornherein nicht um eine reaktive Begleiterkrankung zur somatoformen
Schmerzstörung handeln. Da es sich bei einer depressiven Störung nicht um ein
pathogenetisch-ätiologisch unklares syndromales Beschwerdebild handelt, wäre die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
oben umschriebene "Schmerzpraxis" des Bundesgerichts auf den vorliegenden Fall
nicht anwendbar. Einzig der Hausarzt und der psychiatrische Gutachter haben eine
somatoforme Schmerzstörung diagnostiziert. Der psychiatrische Gutachter hat als
Grund für die somatoforme Schmerzstörung die Überlastung wegen der Doppelrolle als
Vollerwerbstätige, Hausfrau und Mutter ab dem Jahr 2005 sowie die spätere
Krebserkrankung angegeben. Daneben leide die Beschwerdeführerin an einer
mittelgradigen depressiven Episode. Der Gutachter hat zwar nicht direkt erwähnt, was
die Ursache der depressiven Störung ist. Aus der Umschreibung der depressiven
Störung (kaum Hoffnung auf Besserung der Beschwerden, ausgeprägte Angst vor
einem Rezidiv) lässt sich jedoch schliessen, dass er der Ansicht gewesen ist, dass die
somatoforme Schmerzstörung die depressive Störung zumindest verstärkt hat. Diese
Annahme lässt sich auch mit der Aussage des Hausarztes vereinbaren, gemäss
welchem die Schmerzstörung beim "Ausbruch" der depressiven Störung bereits
bestanden hatte. Auch die Einschätzungen der übrigen Ärzte stehen der Aussage des
psychiatrischen Gutachters nicht entgegen: Ihrer Meinung nach hat sich die depressive
Störung entweder im Jahr 2007 oder 2008 und somit erst nach der somatoformen
Schmerzstörung zu entwickeln begonnen. Hieraus folgt, dass zumindest nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden kann, dass die
depressive Störung die Hauptkrankheit ist.
3.8 Gemäss dem Bundesgericht handelt es sich bei der Frage, ob eine psychische
Komorbidität vorliegt, um eine Tatsache, deren Feststellung den psychiatrischen
Fachpersonen obliegt. Hierbei ist von Bedeutung, dass die psychiatrische Exploration
naturgemäss mit Ermessenszügen behaftet ist. Bei der Frage, ob eine festgestellte
psychische Komorbidität hinreichend erheblich ist, handelt es sich demgegenüber um
eine Rechtsfrage (Urteil des Bundesgerichts vom 17. September 2012, 9C_148/2012,
E. 1.2; BGE 130 V 352 E 2.2.4, mit Hinweisen). Der psychiatrische Gutachter hat das
Vorliegen einer psychischen Komorbidität bejaht. Es sind keine Gründe ersichtlich,
weshalb von dieser Einschätzung abgewichen werden sollte, zumal auch der RAD-Arzt
das Gutachten als umfassend, konsistent, nachvollziehbar und in sich widerspruchsfrei
beschrieben hat. Es stellt sich somit lediglich die Frage, ob die depressive Episode ‒
entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin ‒ hinreichend erheblich und damit als
ein verselbständigter Gesundheitsschaden angesehen werden muss, oder ob es sich
bei ihr nur um eine reaktive Begleiterscheinung der somatoformen Schmerzstörung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
handelt. Die depressive Störung wird von den behandelnden Ärzten und dem
psychiatrischen Gutachter auf die folgenden Ereignisse zurückgeführt: Die Kündigung
der Arbeitsstelle und die nachfolgende Arbeitslosigkeit, die Krebserkrankung
(insbesondere Angst vor Rezidiv) sowie die chronischen (somatoformen) Schmerzen.
Die mittelgradige depressive Störung ist somit nur teilweise durch die somatoforme
Schmerzstörung bedingt. Hinzu kommt, dass die Beschwerdeführerin wegen ihrer
depressiven Störung und nicht wegen der somatoformen Schmerzstörung im
Psychiatrischen Zentrum K._ und in der Psychiatrischen Klinik H._ behandelt
worden ist; diese Kliniken hatten nicht einmal die Diagnose einer somatoformen
Schmerzstörung gestellt. Ein weiterer Hinweis dafür, dass die depressive Störung den
Charakter einer eigenständigen Erkrankung hat, liegt in der Tatsache, dass sich die
Beschwerdeführerin wegen der depressiven Störung intensiven psychiatrischen
Therapien unterzogen hat: So ist sie vom 10. Juni bis am 15. Juli 2010 stationär in der
Psychiatrischen Klinik H._ behandelt worden und sie hat von Juli 2011 bis
mindestens März 2012 ‒ mit Unterbrechung ‒ jeweils halbtags in der Psychiatrischen
Tagesklinik M._ eine Maltherapie besucht sowie im Atelier gearbeitet. Zu beachten ist
des Weiteren, dass der psychiatrische Gutachter die Erheblichkeit der psychischen
Komorbidität in Kenntnis der bundesgerichtlichen Rechtsprechung, d.h. insbesondere
in Kenntnis der Bedeutung der zumutbaren Willensanstrengung als Element des
Arbeitsfähigkeitsbegriffs, bejaht hat. So hat das Bundesgericht in seinem Entscheid
vom 14. Februar 2014, 8C_251/2013, E. 4.2.2 denn auch festgehalten, dass beim
Zusammentreffen einer zuverlässig diagnostizierten depressiven Episode und einer
somatoformen Schmerzstörung in erster Linie die (fach)ärztlichen Feststellungen zur
Beurteilung des Gesundheitszustandes und der Arbeitsunfähigkeit massgeblich seien.
Auch der RAD-Arzt hat den von den Gutachtern geschätzten Arbeitsunfähigkeitsgrad
und damit auch die Annahme einer erheblichen psychischen Komorbidität als
nachvollziehbar eingestuft; wäre er mit dieser Schlussfolgerung nicht einverstanden
gewesen, hätte er sich ‒ entgegen der Annahme der Beschwerdegegnerin ‒ in seiner
Stellungnahme zum Gutachten dazu geäussert. Unter Berücksichtigung aller
vorangegangenen Argumente kann die depressive Störung nicht als blosse
Begleiterscheinung zur somatoformen Schmerzstörung angesehen werden. Es liegt
also mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine erhebliche psychische Komorbidität
vor, welche es der Beschwerdeführerin teilweise verunmöglicht, die durch die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
somatoformen Schmerzen bewirkte Überzeugung, vollständig arbeitsunfähig zu sein,
willentlich zu überwinden. Nicht unberücksichtigt gelassen werden darf auch, dass die
Beschwerdeführerin gemäss den im Recht liegenden psychiatrischen Einschätzungen
u.a. an einer verminderter Antriebskraft, schneller Ermüdbarkeit, Gereiztheit,
verminderter psychischer Belastbarkeit, einem eingeschränkten
Konzentrationsvermögen, Einschlaf- und Durchschlafstörungen und an einem
ausgeprägten Lebensverleider leide. Bereits am zweiten und dritten Tag der beruflichen
Abklärung habe die Beschwerdeführerin müde und aufgewühlt gewirkt. Es ist auch für
den medizinischen Laien gut nachvollziehbar, dass eine versicherte Person aufgrund
der genannten depressionstypischen Symptome nicht den ganzen Tag lang eine
qualitativ und quantitativ volle Arbeitsleistung erbringen kann. Die von den Gutachtern
abgegebene Arbeitsfähigkeitsschätzung ist somit schlüssig und gut nachvollziehbar. Es
ist deshalb davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit in körperlich leichten bis mittelschweren, adaptierten
Tätigkeiten unter Wechselbelastung noch zu 50 % arbeitsfähig ist. Die Gutachter
haben den Eintritt der Arbeitsunfähigkeit auf den Behandlungsbeginn durch das
Psychiatrische Zentrum K._ im November 2009 festgelegt. Auch diese Einschätzung
überzeugt: So war die Beschwerdeführerin zwar schon ab September 2008 bei F._,
einem Psychotherapeuten, in Behandlung gewesen. Aus dessen Bericht geht hervor,
dass es sich dabei um eine psychoonkologisch orientierte Psychotherapie zur
Krankheitsverarbeitung unter Berücksichtigung der krankheitsbedingten Impulsivität
und der depressiven Züge gehandelt hatte. Der Verlauf der Therapie war wellenförmig
gewesen. Die Behandlung war im März 2009 abgeschlossen worden, da scheinbar kein
Bedarf mehr an einer psychoonkologischen Behandlung bestanden hatte. In der Folge
hatte sich die Beschwerdeführerin im November 2009 erstmals in psychiatrische
Behandlung begeben. Es ist daher davon auszugehen, dass sich die depressive
Störung erst zwischen März und November 2009 zu einem invalidisierenden
Gesundheitsschaden entwickelt hat. Der Beginn des Wartejahres ist deshalb auf den
November 2009 festzulegen. Ein möglicher Rentenanspruch würde folglich ab dem 1.
November 2010 bestehen.
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.1 Der Invaliditätsgrad ist aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen, da
die Beschwerdeführerin bis zur Kündigung ihrer letzten Arbeitsstelle 100 %
erwerbstätig gewesen ist. Im vorliegenden Fall besteht die Validenkarriere in der
hypothetischen weiteren Ausübung der letzten Arbeitstätigkeit als Montage-
Mitarbeiterin. Das Valideneinkommen ist daher anhand jenes Lohnes zu ermitteln, den
die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns an ihrem
letzten Arbeitsplatz erzielt hätte. Die Beschwerdeführerin hat bis am 10. September
2007 bei der C._ AG gearbeitet und in diesem Jahr einen Bruttolohn von Fr. 41'742.--
erzielt. Aufgerechnet auf ein Jahr hat ihr Jahreslohn Fr. 60'108.-- betragen (Fr.
41'742.--/8 / x 12). Angepasst an die Nominallohnentwicklung hätte die
Beschwerdeführerin im Jahr 2010 ein Valideneinkommen von Fr. 60'409.-- erzielen
können. Die Beschwerdegegnerin hat das Valideneinkommen folglich zu tief eingestuft.
Das Invalideneinkommen ist ‒ wie die Beschwerdegegnerin richtig erkannt hat ‒
anhand der Tabellenlöhne der LSE zu ermitteln, da der Beschwerdeführerin die
bisherige Tätigkeit als Montage-Mitarbeiterin nicht mehr zumutbar ist. Die
Beschwerdeführerin hat eine Anlehre als Näherin absolviert, jedoch lediglich in den
Jahren 1988-1990 auf diesem Beruf gearbeitet. Von 1995 bis 2005 hat sie in der B._
als Verkäuferin gearbeitet (IV-act. 16 S. 2 f.). Zwar hat es sich von 1995 bis 2000 dabei
lediglich um einen Zwischenverdienst gehandelt, da sie nebenbei noch eine
Arbeitslosenentschädigung erhalten hat. Dennoch ist davon auszugehen, dass sie in
ihrer 10-jährigen Tätigkeit als Verkäuferin bei der B._ beachtliche Berufserfahrung im
Detailhandel sammeln konnte. Da es sich hierbei um eine adaptierte Tätigkeit handelt,
ist von einer Invalidenkarriere als Detailhandelsangestellte auszugehen. Hierfür spricht
auch die Tatsache, dass die Beschwerdeführerin ab Anfang 2013 eine Tätigkeit bei der
N._ aufgenommen hat. Als Vollerwerbstätige Detailhandelsangestellte hätte die
Beschwerdeführerin im Jahr 2010, aufgerechnet auf die betriebsübliche
durchschnittliche Arbeitszeit von 41.6 Stunden, Fr. 4'534.-- verdienen können (LSE
2010, TA 1, Sektor 3 Dienstleistungen, Detailhandel, Anforderungsniveau 3). Unter
Berücksichtigung der reduzierten Arbeitsfähigkeit von 50 % beträgt das
Invalideneinkommen somit Fr. 27'206.--. Daraus ergibt sich ein Invaliditätsgrad von 55
%.
4.2 Damit steht fest, dass die Beschwerdeführerin ab dem 1. November 2010 einen
Anspruch auf eine halbe Invalidenrente hat. Die Beschwerde ist deshalb gutzuheissen.
1 3
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
5.1 Die Procap St. Gallen-Appenzell hat in ihrer Beschwerde vom 7. Mai 2012 darum
ersucht, der Beschwerdeführerin für die Gerichtskosten die unentgeltliche
Prozessführung zu bewilligen und die Beschwerdeführerin von der Pflicht zur Leistung
eines Kostenvorschusses zu befreien. Die Gerichtsleitung hat die Procap St. Gallen-
Appenzell am 8. Mai 2012 aufgefordert, das Formular "Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege" auszufüllen und einzureichen. Am 24. Mai 2012 hat die Gerichtsleitung
dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin die Frist zur Einreichung der Unterlagen
zum Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege bis 25. Juni 2012 erstreckt. Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat am 25. Juni 2012 die
Beschwerdeergänzung eingereicht. Darin hat er nicht um die Befreiung von den
Gerichtskosten und auch nicht um die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung ersucht. Er hat auch das entsprechende Gesuchsformular nicht
eingereicht. Am 2. Juli 2012 hat die Beschwerdeführerin einen Kostenvorschuss von Fr
600.-- bezahlt. Dieser Verfahrensverlauf lässt darauf schliessen, dass der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin nicht am Gesuch um die Befreiung von den
Gerichtskosten festgehalten hat und dass er auch kein Gesuch um die Gewährung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gestellt hat. Ohnehin wäre ein solches Gesuch
bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens gegenstandslos geworden.
5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend ist sie vollumfänglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist der Beschwerdeführerin
zurückzuerstatten.
5.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. In einem Fall
mit mittlerem Aufwand und Schwierigkeitsgrad wird praxisgemäss eine
Pauschalentschädigung von Fr. 3'500.-- ausgerichtet. Die Beschwerdegegnerin hat die
Beschwerdeführerin entsprechend mit Fr. 3'500.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) zu entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP