Decision ID: 0c112962-1918-567b-a1b2-087dec88ee0c
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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A.- X ist Gesellschafter und Geschäftsführer mit Einzelunterschrift der U Bar GmbH, die
gemäss Eintrag im Handelsregister den Betrieb eines Restaurants an der S-Strasse in
V bezweckt. Für 2005 deklarierten X und seine Ehefrau am 3. Juni 2006 – bei
Einkünften von X aus unselbständiger Erwerbstätigkeit von Fr. 42'252.-- gemäss
Lohnausweis der U Bar GmbH – ein steuerbares Einkommen von Fr. 43'640.--. Die
Veranlagungsbehörde nahm Korrekturen bei den Abzügen für Berufskosten,
Schuldzinsen und Versicherungsprämien vor und setzte das steuerbare Einkommen für
die Staats- und Gemeindesteuern 2005 am 9. Januar 2007 auf Fr. 50'800.-- fest. Das
steuerbare Vermögen wurde entsprechend der Deklaration mit Fr. 39'000.-- veranlagt.
Die Veranlagung wurde unangefochten rechtskräftig.
B.- Die U Bar GmbH deklarierte am 28. September 2006 für das Geschäftsjahr 2005
entsprechend dem Geschäftsabschluss per 31. Dezember 2005 einen Reinverlust von
Fr. 83'654.16. Der Bruttogewinn betrug Fr. 121'837.99 (51,6% des Umsatzes von
Fr. 236'048.29; Warenaufwand Fr. 114'210.30). Weil der Warenanteil gemessen am
Umsatz die Erfahrungswerte erheblich überschritt, schlug die Veranlagungsbehörde am
8. Oktober 2007 eine Ermessensveranlagung vor. Sie ging – "basierend auf
Erfahrenszahlen (Zuschlagssätze zum Warenaufwand/massgebender Bruttogewinn von
75%)" – von einem Umsatz von Fr. 400'000.-- aus (Bruttogewinn Fr. 285'789.70;
71,45% des Umsatzes), so dass sich ein steuerbarer Gewinn von Fr. 80'200.-- ergab.
Am 27. Dezember 2007 erging vom kantonalen Steueramt eine steueramtliche Meldung
an das Steueramt der Gemeinde V, wonach die U Bar GmbH X im Geschäftsjahr 2005
eine geldwerte Leistung von Fr. 163'952.-- (geschätzter Umsatz Fr. 400'000.--
abzüglich verbuchter Umsatz Fr. 236'048.--) erbracht habe. Die U Bar GmbH wandte
sich am 29. Dezember 2007 gegen die vorgeschlagene Ermessensveranlagung. Nach
einer Besprechung vom 17. April 2008 schätzte die Veranlagungsbehörde gleichentags
den Umsatz auf Fr. 330'000.-- und liess Kosten von Fr. 15'000.-- für einen Schadenfall
nicht zum Abzug zu. Die Veranlagung der U Bar GmbH mit einem steuerbaren Gewinn
von Fr. 25'200.-- wurde unangefochten rechtskräftig. Auf der steueramtlichen Meldung
vom 27. Dezember 2007 wurde der Betrag der geldwerten Leistung handschriftlich auf
Fr. 93'952.-- korrigiert (geschätzter Umsatz Fr. 330'000.-- abzüglich verbuchter Umsatz
Fr. 236'048.--).
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C.- Gestützt auf die am 9. Januar 2008 eingegangene steueramtliche Meldung
veranlasste die für die Veranlagung von X zuständige Steuerkommissärin am 29. Ja
nuar 2008 die Einleitung eines Nachsteuer- und allenfalls Steuerstrafverfahrens für das
Steuerjahr 2005 wegen fehlender Deklaration geldwerter Leistungen in der Höhe von
Fr. 163'952.--. Am 10. Februar 2009 leitete die Abteilung Nachsteuern des kantonalen
Steueramtes gegenüber X und dessen Ehefrau – ohne das betroffene Steuerjahr zu
bezeichnen – ein Nachsteuerverfahren wegen noch nicht erfasster geldwerter
Leistungen aufgrund der Buchprüfung bei der U Bar GmbH ein. Auf die Stellungnahme
von X vom 24. Februar 2009 hin erläuterte das kantonale Steueramt am 5. März 2009,
nach erneuter Prüfung der Veranlagungsakten der U Bar GmbH betrage die
aufzurechnende geldwerte Leistung nur Fr. 93'952.--. Am 27. März 2009 ergingen die
Nachsteuerverfügungen für die Staats- und Gemeindesteuern und die direkte
Bundessteuer 2005.
D.- a) Das kantonale Steueramt verzeigte X bei der Staatsanwaltschaft des Kantons St.
Gallen wegen Steuerbetrugs, weil er vorsätzlich eine inhaltlich unwahre Urkunde
(Jahresrechnung 2005) eingereicht habe. Das zuständige Untersuchungsamt stellte mit
Verfügung vom 22. Oktober 2009 das Strafverfahren definitiv ein. Zur Begründung
wurde ausgeführt, die ermessensweise Festlegung eines Betriebsgewinns sei
steuerrechtlich unbedenklich, jedoch für eine strafrechtliche Beweisführung nicht
hinreichend. Es seien keine Beweise vorhanden, welche den strafrechtlich unabdingbar
erforderlichen strikten Beweis eines vorsätzlichen Handelns im Ausmass der Anzeige
erbringen könnten. Weitere sachdienliche Beweismassnahmen seien nicht ersichtlich.
b) Die Rechtsabteilung/Strafen des kantonalen Steueramtes leitete am 22.
Februar 2010 gegen X gestützt auf die Feststellungen in den Nachsteuerverfügungen
vom 27. März 2009 ein Untersuchungsverfahren wegen nicht deklarierter geldwerter
Leistungen der U Bar GmbH von Fr. 93'952.-- ein und stellte Bussen in der Höhe von
100% der Nachsteuern in Aussicht. Das Verfahren wurde für die Staats- und
Gemeindesteuern am 12. April 2010 mit einem Strafbescheid, mit welchem X unter
Auferlegung von Verfahrenskosten von Fr. 300.-- der vollendeten Steuerhinterziehung
schuldig gesprochen und mit Fr. 14'340.-- gebüsst wurde, erledigt. Gegen den
Strafbescheid erhob X mit Eingabe seines Vertreters vom 19. April 2010 Einsprache
beim kantonalen Steueramt.
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c) Am 22. April 2010 überwies das kantonale Steueramt die Strafsache der
Verwaltungsrekurskommission zur Beurteilung. Das Gericht zog am 26. April 2010 die
Steuerakten der U Bar GmbH bei. Nach Einsicht in die Akten ergänzte der Vertreter des
Angeschuldigten die Einsprache am 15. Mai 2010 mit Beweisanträgen. Die
Anklagebehörde nahm dazu keine Stellung. Am 7. Dezember 2010 fand die öffentliche
Verhandlung statt.
Der Angeschuldigte erklärte auf Befragen, eine geldwerte Leistung in der von der
Steuerbehörde angenommenen Höhe sei unmöglich. Zur Nachfrage, wie gross die
geldwerte Leistung denn gewesen sei, antwortete der Angeschuldigte, es habe
überhaupt keine solche Leistung gegeben. Seit der Eröffnung im Mai 2002 verfüge die
Bar über eine Registrierkasse, auf der alles getippt werde. Die Bar betreibe er auch
heute noch in der Form der GmbH. Diese sei zwar in Liquidation, jedoch noch nicht
gelöscht. Es sei vorgesehen, das Geschäft wieder als Einzelfirma zu führen. Das Haus
an der S-Strasse gehöre ihm. Im Erdgeschoss befinde sich die Bar, im
1. Obergeschoss eine 3-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad und im
2. Obergeschoss 4 Einzelzimmer. In den oberen Stockwerken wohne er mit seiner
Familie. Früher hätten Angestellte in den Zimmern im 2. Obergeschoss wohnen
können. Im Jahr 2005 habe er 2 Angestellte gehabt. Eine davon habe er nach 2-3
Wochen fristlos entlassen müssen, weil sie nicht alle verkauften Getränke getippt habe;
die andere habe etwa ein halbes Jahr gearbeitet. Die Ertragseinbusse im Jahr 2005
gegenüber dem Vorjahr könne er sich nur mit der Happy-hour – 1 Getränk zahlen, 2
konsumieren – erklären. Dürfe ein Gast beispielsweise für Fr. 11.-- 2 statt 1 Whisky-
Cola trinken, führe das zu erheblich tieferen Einkünften. Die Idee sei von einem Gast
gekommen. Da der Geschäftsgang nicht zufriedenstellend gewesen sei, habe er damit
versucht, Gäste ins Lokal zu holen. Es habe dann tatsächlich mehr Leute gegeben. Das
Angebot habe während etwa 8-9 Monaten jeden Tag ab 16.00 Uhr und während des
ganzen Abends gegolten. Daran, ob die Aktion schon im Jahr 2004 angelaufen sei oder
nur das Jahr 2005 betroffen habe, könne er sich nicht mehr erinnern. Der Privatkonsum
sei seiner Familie mit den beiden 18- bis 19-jährigen Kindern und den Angestellten, die
alkoholfreie Getränke und auch RedBull konsumieren durften, zugutegekommen. Der
tägliche private Konsum sei schwer zu quantifizieren. Heute betreibe er die Bar ohne
Angestellte. Manchmal helfe seine Tochter mit. Das Geschäft laufe zurzeit nicht so gut,
trotzdem biete er aber keine Happy-hour an. Der Umsatz belaufe sich auf Fr. 10'000.--
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bis Fr. 20'000.-- monatlich. Seine Frau arbeite nicht. Sie sei am Rücken operiert
worden und beziehe eine halbe IV-Rente.
Der Vertreter des Angeschuldigten beantragte einen Freispruch. Zur Begründung
machte er eine krasse Verletzung des Anklagegrundsatzes, eine Verletzung des
Doppelbestrafungsverbots, eine unzutreffende Würdigung des subjektiven
Tatbestandes, die Verjährung für den Fall, dass von einer versuchten
Steuerhinterziehung ausgegangen werde, und insbesondere eine Verletzung der
Beweisregeln geltend. Zwar sei eine Ermessensveranlagung zulässig, jedoch bleibe die
Hochrechnung des Umsatzes, wie die Herabsetzung von Fr. 400'000.-- auf
Fr. 330'000.-- im Nachsteuerverfahren zeige, eine Annahme des Steueramtes. Gestützt
auf eine solche blosse Vermutung dürfe strafrechtlich nicht verurteilt werden. Die
Anklagebehörde habe nicht Beweis geführt. Insbesondere habe sie die
Erfahrungszahlen nicht belegt. Bei der Ermittlung von Vergleichszahlen sei zu
berücksichtigen, dass jedes Jahr ein erheblicher Teil der Gastronomiebetriebe in
Konkurs fielen. Schon deshalb könne nicht einfach auf Vergleichszahlen abgestellt
werden. Es gebe auch Betriebe, die unterdurchschnittlich rentierten. Man hätte also
unter anderem auch die Entwicklung des Lagerbestandes untersuchen müssen.
Im Schlusswort fügte der Angeschuldigte an, er führe keinen Betrieb mit 1 Mio.
Franken Umsatz und 10 Angestellten. Auch heute noch gehe mancher Kaffee auf die
Rechnung des Hauses.
d) Das Urteil wurde dem Angeschuldigten und seinem Vertreter am 7. Dezember 2010
mit Kurzbegründung mündlich verkündet und den Verfahrensbeteiligten gleichentags
schriftlich ohne Begründung mitgeteilt. Die Anklagebehörde verlangte am
15. Dezember 2010 innert der gesetzlichen Frist von 10 Tagen eine ausführliche
Begründung.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Zu beurteilen ist
der Strafbescheid des kantonalen Steueramtes vom 12. April 2010 wegen
Steuerhinterziehung (Staats- und Gemeindesteuern). Soweit sich die Einsprache vom
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19. April 2010 gegen die gleichentags ergangene Bussenverfügung (direkte
Bundessteuern) richtet, fällt sie in die Zuständigkeit der Anklagebehörde (vgl. R. Sieber,
in: Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Band I/2b, N 91 zu Art. 182 des
Bundesgesetzes über die direkte Bundessteuer, SR 642.11, abgekürzt: DBG). Die
Verwaltungsrekurskommission ist zur gerichtlichen Beurteilung zuständig. Der
Angeschuldigte ist zur Erhebung der Einsprache befugt. Die Einsprache ist rechtzeitig
erhoben worden. Sie erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen. Die Streitsache wurde dem Gericht am 22. April 2010 zusammen mit
den Akten überwiesen. Der Strafbescheid gilt als Anklage (Art. 264 Abs. 1 und 2 und
Art. 265 des Steuergesetzes, sGS 811.1, abgekürzt: StG; Art. 161 StG in Verbindung
mit Art. 48 Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1,
abgekürzt: VRP).
2.- Nach Art. 262 Abs. 1 StG bezeichnet der Strafbescheid den Angeschuldigten, die
dem Angeschuldigten zur Last gelegte Handlung, die angewendeten
Gesetzesbestimmungen, die Beweismittel, die Strafe und weist auf die Möglichkeit der
Einsprache sowie die Folgen der Unterlassung hin. Er ist nach Art. 262 Abs. 2 StG
"kurz" zu begründen, die Begründung muss aber ausreichend sein (vgl. Richner/Frei/
Kaufmann/ Meuter, Kommentar zum harmonisierten Zürcher Steuergesetz, Zürich
2006, N 3 zu § 251). Als Anklageschrift kommt dem Strafbescheid im Wesentlichen die
Aufgabe zu, den der Anklage zugrunde liegenden Sachverhalt zu konkretisieren und
damit dem Angeschuldigten die für seine Verteidigung erforderlichen Informationen zu
vermitteln. Der als Sachverhalt umschriebene konkrete Lebensvorgang ist unter einen
der gesetzlichen Straftatbestände zu subsumieren. In die Anklageschrift aufzunehmen
ist deshalb die rechtliche Beurteilung der dem Angeschuldigten zur Last gelegten
Handlung mitsamt den anwendbaren Gesetzesbestimmungen. Erscheint die
Rechtslage klar, bedarf es dazu keiner besonderen Erörterung. Sodann sind
Ausführungen zum Vorleben und den persönlichen Verhältnissen zu machen; erst damit
wird die Ausfällung einer dem Verschulden und der Persönlichkeit des Angeschuldigten
angemessenen Sanktion ermöglicht (N. Oberholzer, Grundzüge des
Strafprozessrechts, 2. Aufl. 2005, S. 592 ff.).
Der Strafbescheid vom 12. April 2010 bezeichnet den Angeschuldigten sowie seinen
Wohnort, die ihm zur Last gelegte Handlung der Steuerhinterziehung und die mass
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