Decision ID: 1b842f09-3e85-519c-bab4-1452c6a4c25b
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 20.09.2011 Art. 23 Abs. 2 AVIG, Art. 41 Abs. 1 AVIV. Niedrigster Pauschalansatz bei einjähriger Ausbildung zum uniformierten Postbeamten. Die Ausbildung entspricht weder hinsichtlich der Dauer noch des Ausbildungsinhalts einer zwei- oder dreijährigen beruflichen Grundbildung gemäss Bundesgesetz über die Berufsbildung (BBG) (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 20. September 2011, AVI 2010/69). Präsidentin Lisbeth Mattle Frei, Versicherungsrichterinnen Karin Huber-Studerus und Marie Löhrer; Gerichtsschreiberin Anita Raimann Entscheid vom 20. September 2011 in Sachen A._, Beschwerdeführer, gegen UNIA Arbeitslosenkasse, Sektion St. Gallen, Teufenerstrasse 8, Postfach 2163, 9001 St. Gallen, Beschwerdegegnerin, betreffend versicherter Verdienst Sachverhalt:
A.
A.a A._ befand sich vom 2. April 2007 bis 7. März 2010 im Strafvollzug (act. G 3/3).
Nach seiner Entlassung stellte er am 8. März 2010 Antrag auf
Arbeitslosenentschädigung bei der UNIA Arbeitslosenkasse (act. G 3/2). Am 1. April
2010 beantragte er, der versicherte Verdienst sei zu überprüfen und in Form einer
Verfügung festzusetzen (act. G 3/6). Mit Verfügung vom 15. April 2010 setzte die UNIA
Arbeitslosenkasse den versicherten Verdienst auf Fr. 2'213.-- fest mit der Begründung,
der versicherte Verdienst bilde im vorliegenden Fall eine Pauschale und zur
Bestimmung der Höhe des Taggeldes werde die Berufsausbildung berücksichtigt. Der
Versicherte könne lediglich eine einjährige Ausbildung zum uniformierten Postbeamten
vorweisen. Für ein höheres Taggeld müsste er eine mindestens zweijährige Berufslehre
mit Fähigkeitsausweis abgeschlossen haben (act. G 3/7).
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A.b Der Versicherte erhob am 26. April 2010 Einsprache gegen die Verfügung vom 15.
April 2010. Er beantragte, die Verfügung sei aufzuheben, und der versicherte Verdienst
sei zu überprüfen. In der Sache führte er aus, er sei von Januar 2005 bis Januar 2006
bei der UNIA Arbeitslosenkasse in Winterthur mit Fr. 2'756.-- eingestuft worden. Die
Umstände hätten sich seither nicht geändert. Der versicherte Verdienst sei auf
Fr. 2'756.-- festzusetzen. Die Unterschiede zwischen den Kantonen und den UNIA-
Zweigstellen seien nicht nachvollziehbar. Es sei ihm die rechtliche Grundlage zu
nennen, gemäss derer eine einjährige Berufslehre nicht mehr akzeptiert werde (act.
G 3/8).
A.c Mit Einspracheentscheid vom 8. Juli 2010 wies die UNIA Arbeitslosenkasse die
Einsprache ab. Sie begründete ihren Entscheid damit, dass der Einsprecher nach wie
vor keine absolvierte zweijährige Berufslehre vorweisen könne (act. G 3/9).
B.
B.a Gegen den Einspracheentscheid vom 8. Juli 2010 richtet sich die Beschwerde des
Versicherten vom 12. Juli 2010 (Datum Poststempel). Er beantragt, der
Einspracheentscheid sei aufzuheben und der versicherte Verdienst ab 8. März 2010 auf
Fr. 2'756.-- festzulegen. In der Sache führt er aus, nach den Haftentlassungen in den
Jahren 1997 und 2005 habe er dank seiner Postlehre einen versicherten Verdienst in
dieser Höhe gehabt. Es sei ihm die rechtliche Grundlage zu nennen, weshalb nach
seiner erneuten Haftentlassung seine abgeschlossene Lehre beim versicherten
Verdienst nun nicht mehr berücksichtigt werde (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 10. September 2010 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (act. G 3). In der Begründung
verweist sie auf die schriftliche Antwort des Bundesamtes für Berufsbildung und
Technologie BBT vom 4. August 2010 auf ihre Anfrage vom 29. Juli 2010. Dieses teilte
mit, dass die fragliche einjährige Ausbildung weder von der Dauer noch vom
Ausbildungsinhalt her einer zwei- oder dreijährigen beruflichen Grundbildung gemäss
Bundesgesetz über die Berufsbildung vom 13. Dezember 2002 entspreche (act.
G 3/11).
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B.c Der Beschwerdeführer hält in der Replik vom 11. Oktober 2010 unverändert an den
gestellten Anträgen sowie an deren Begründung fest. Ergänzend bringt er vor, gemäss
Auskunft des Rechtsdienstes der UNIA Arbeitslosenkasse sei den Verantwortlichen der
Arbeitslosenkasse in Winterthur in den Jahren 1997 und 2005 ein Fehler unterlaufen,
als sie ihm den mittleren Pauschalansatz ausgerichtet hätten. Es verwundere ihn aber,
dass niemals eine Rückforderung der angeblich zu viel bezahlten
Arbeitslosenentschädigung erfolgt sei (act. G 5).
B.d Die Beschwerdegegnerin hat auf die Einreichung einer Duplik verzichtet (act. G 7).

Erwägungen:
1.
Am 1. April 2011 sind die revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die
obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG;
SR 837.0) sowie der Verordnung über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und
die Insolvenzentschädigung (AVIV; SR 837.02) in Kraft getreten. Mangels spezifischer
Übergangsregelung im revidierten Recht sind die generellen übergangsrechtlichen
Grundsätze anzuwenden. Danach sind der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde
zu legen, die im Zeitpunkt gegolten haben, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen
führende Sachverhalt verwirklicht hat (vgl. BGE 131 V 425 E. 5 S. 429, BGE 127 V 467
E. 1 je mit Hinweisen). Vorliegend ist die Höhe des versicherten Verdienstes in der ab 8.
März 2010 eröffneten Rahmenfrist umstritten. Mithin ist das bisherige Recht
anwendbar.
2.
2.1 Als versicherter Verdienst gilt der im Sinne der AHV-Gesetzgebung massgebende
Lohn, der während eines Bemessungszeitraumes aus einem oder mehreren
Arbeitsverhältnissen normalerweise erzielt wurde (Art. 23 Abs. 1 AVIG). Für Versicherte,
die im Anschluss an eine Berufslehre Arbeitslosenentschädigung beziehen oder von
der Erfüllung der Beitragszeit befreit sind, setzt der Bundesrat Pauschalansätze als
versicherten Verdienst fest. Er berücksichtigt dabei insbesondere das Alter, den
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Ausbildungsstand sowie die Umstände, die zur Befreiung von der Erfüllung der
Beitragszeit im Sinne von Art. 14 AVIG geführt haben (Art. 23 Abs. 2 AVIG).
2.2 Entsprechend dieser Kompetenznorm hat der Bundesrat in der Verordnung in Art.
41 lit. a bis c AVIV die Pauschalansätze wie folgt festgelegt:
153 Franken im Tag für Personen mit Hochschulabschluss, mit höherer Berufsbildung
oder mit gleichwertiger Ausbildung (lit. a);
127 Franken im Tag für Personen mit einer abgeschlossenen Berufslehre (lit. b);
102 Franken im Tag für alle übrigen Personen, die 20 Jahre oder älter sind, und 40
Franken im Tag für jene, die weniger als 20 Jahre alt sind (lit. c).
Das Eidgenössische Versicherungsgericht [EVG; ab 1. Januar 2007: Sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts] hat mehrmals festgehalten, dass die Regelung in Art.
41 Abs. 1 AVIV bundesrechtskonform ist (ARV 2000 Nr. 3 S. 16 E. 4b/cc mit
Hinweisen). Im angeführten Entscheid wurde weiter entschieden, dass bei der
Bestimmung des anwendbaren Pauschalansatzes nicht einzig auf die Dauer der
höchsten bzw. letzten Ausbildungsetappe abzustellen sei. Vielmehr müsse die
Ausbildung auch in qualitativer Hinsicht gewürdigt werden. Im konkreten Fall wurde der
mittlere Pauschalansatz angewendet, obwohl die versicherte Person nur eine 1-jährige
Ausbildung zur Direktionssekretärin nachweisen konnte, diese Ausbildung aber Matura
oder eine gleichwertige Vorbildung erforderte (ARV 2000 a.a.O. E 4.b/dd).
Entsprechend gilt der mittlere Pauschalansatz auch für Personen, die eine Matura oder
eine der Matura bzw. Berufslehre gleichwertige Ausbildung an einer Fachschule oder
an einer ähnlichen Lehranstalt absolviert haben (vgl. BGE 126 V 36 und Kreisschreiben
des seco über die Arbeitslosenentschädigung [KS ALE], Fassung Januar 2007, C 32).
Vorausgesetzt ist im Übrigen, dass ein Berufs- bzw. Ausbildungsabschluss vorliegt.
Eine Berufslehre ohne Abschluss genügt in keinem Fall, auch wenn sich eine Person
umfangreiches Fachwissen angeeignet hat (vgl. ARV 2003 Nr. 23, S. 243).
2.3 Der Beschwerdeführer stand vom 16. Mai 1983 bis 16. Februar 1985 in den
Diensten der Schweizerischen Post (act. G 3/5). Gemäss der am 19. September 1996
ausgestellten Arbeitsbestätigung schloss er die einjährige Ausbildung zum
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uniformierten Postbeamten Ende Mai 1984 erfolgreich ab. Er macht geltend, seine
einjährige Ausbildung bei der Post sei damals eine vom Staat anerkannte Ausbildung
gewesen. Es handle sich um einen "Monopolberuf" der PTT-Betriebe (Staatsbetrieb).
Es sei nicht verständlich, dass der Fähigkeitsausweis der PTT, welcher von einer
ganzen Berufsgruppe, namentlich der Pöstler erworben worden sei, nun hinfällig
geworden sein sollte (act. G 1).
2.4 Gemäss Art. 17 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Berufsbildung vom 13.
Dezember 2002 (BBG, in Kraft seit 1. Januar 2004) dauert die berufliche Grundbildung
zwei bis vier Jahre. Die zweijährige Grundbildung führt zum eidgenössischen
Berufsattest, die drei- bis vierjährige Grundbildung zum eidgenössischen
Fähigkeitszeugnis (Art. 17 Abs. 2 und 3 BBG). Auch das bisherige Bundesgesetz über
die Berufsbildung vom 19. April 1978 enthielt die Regelung, dass die Berufslehre
mindestens zwei Jahre dauert (Art. 8 aBBG). Unter Hinweis auf diese Bestimmungen
bestätigte das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie BBT gegenüber der
UNIA Arbeitslosenkasse am 4. August 2010, dass eine abgeschlossene berufliche
Grundbildung gemäss BBG mindestens zwei Jahre dauere. Nach dem BBT entspricht
die in Frage stehende einjährige Ausbildung bei der Schweizerischen Post weder
hinsichtlich der Dauer noch des Ausbildungsinhaltes einer zwei– oder dreijährigen
beruflichen Grundbildung gemäss BBG (act. G 3/11).
2.5 Dieser Auffassung ist zu folgen. Die einjährige Ausbildung zum uniformierten
Postbeamten hat keine der Matura ähnliche Schule vorausgesetzt. Sie kann daher
weder einer minimal zweijährigen Berufslehre nach BBG noch einer Matura
gleichwertig eingestuft werden. Damit besteht kein Anspruch des Beschwerdeführers
auf den mittleren Pauschalansatz.
3.
3.1 Der Beschwerdeführer beruft sich darauf, er habe in den Jahren 1997 und 2005, als
er jeweils aus einer Haftstrafe entlassen worden sei, bei der UNIA Arbeitslosenkasse in
Winterthur (ZH) den mittleren Pauschalansatz erhalten. Letzteres hat er für das Jahr
2005 auch belegt (act. G 1.5). Es sei ihm nach seiner Haftentlassung im März 2010 nun
wieder ein mittlerer Pauschalansatz auszurichten. Es erscheine ihm seltsam, dass er
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nicht mehr einen versicherten Verdienst von Fr. 2'756.-- zugesprochen bekommen
habe. Sinngemäss macht er geltend, er sei nun wieder gleich zu behandeln.
3.2 Die UNIA Arbeitslosenkasse in Winterthur hat in den Jahren 1997 und 2005
offenbar übersehen, dass es sich bei der einjährigen Ausbildung zum uniformierten
Postbeamten bei der Schweizerischen Post um keine Berufslehre handelt, wie sie die
Regelung von Art. 41 Abs. 1 lit. b AVIV verlangt.
3.3 Mit der Missachtung des Gesetzes entsteht ein Konflikt zwischen Gesetzmässigkeit
und Rechtsgleichheit (Fritz Gygi, Verwaltungsrecht, Bern 1986, S. 159). Das
Gesetzmässigkeitsprinzip hat zu seinem Hauptanliegen, alle Verwaltungstätigkeit an
das Gesetz zu binden. Dies gewährleistet, dass die Behörden in ähnlich gelagerten
Fällen gleich entscheiden. Der Anspruch auf Gleichbehandlung verlangt, dass Rechte
und Pflichten der Betroffenen nach dem gleichen Massstab festzusetzen sind. Gleiches
ist nach Massgabe seiner Gleichheit gleich, Ungleiches nach Massgabe seiner
Ungleichheit ungleich zu behandeln (Häfelin/Müller/Ullmann, Allgemeines
Verwaltungsrecht, 6. Auflage, Zürich 2010, Rz. 368, 373 und 495). Nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung "geht der Grundsatz der Gesetzmässigkeit der
Verwaltung in der Regel der Rücksicht auf die gleichmässige Rechtsanwendung
vor" (BGE 126 V 390 E. 6a S. 392). Dies bedeutet, dass es grundsätzlich keinen
Anspruch auf sogenannte Gleichbehandlung im Unrecht gibt. Der Umstand, dass das
Gesetz in früheren Fällen nicht oder nicht richtig angewendet wurde, vermittelt dem
Rechtsuchenden kein Recht, in einem ähnlichen Fall ebenfalls gesetzeswidrig
begünstigt zu werden. Nur ausnahmsweise wird ein Recht auf gesetzeswidrige
Gleichbehandlung anerkannt, nämlich in jenen Fällen, in denen eine rechtsanwendende
Behörde eine gesetzeswidrige Praxis pflegt und zu erkennen gibt, dass sie davon auch
in Zukunft nicht abweichen werde. Überdies dürfen keine gewichtigen öffentlichen
Interesse und keine schutzwürdigen Interessen Dritter der gesetzwidrigen
Begünstigung gegenüberstehen (Tschannen/Zimmerli/Müller, Allgemeines
Verwaltungsrecht, 3. Auflage, Bern 2009, S. 179).
3.4 Vorliegend hält sich die UNIA Arbeitslosenkasse an das Gesetz, indem sie beim
Beschwerdeführer den Ansatz nach Art. 41 Abs. 1 lit. c AVIV zur Anwendung brachte.
Es bestehen auch keine Anzeichen dafür, dass die UNIA Arbeitslosenkasse in Zukunft
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bei denselben Gegebenheiten nicht denselben Ansatz zugrunde legen würde. Von
daher sind die Voraussetzungen für eine – ausnahmsweise - Gleichbehandlung im
Unrecht nicht erfüllt.
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die nicht richtige Anwendung des Gesetzes durch
die UNIA Arbeitslosenkasse im Kanton Zürich dem Beschwerdeführer keinen Anspruch
darauf gibt, im Kanton St. Gallen erneut abweichend vom Gesetz behandelt zu werden.
Infolgedessen ist die Beschwerde abzuweisen.
4.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP