Decision ID: a7fe8f32-c234-4941-8018-1b18e72aac91
Year: 2012
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Die Staatsanwaltschaft Mannheim führt ein Strafverfahren gegen A. wegen
Abgabebetrug. In diesem Zusammenhang gelangten die deutschen Behör-
den mit Rechtshilfeersuchen vom 12. Juli 2004 an die Schweiz. Unter an-
derem ersuchten sie um Bankenermittlungen bei der Bank C. betreffend
drei Konten und um Sperrung aller Vermögenswerte von A. bei der Bank C.
(act. 7.1.2.1).
B. Mit Eintretens- und Zwischenverfügung vom 26. Juli 2004 ordnete die da-
malige Bezirksanwaltschaft IV für den Kanton Zürich (nachfolgend "Be-
zirksanwaltschaft") u.a. eine Kontosperre hinsichtlich aller auf A. lautenden
Konten bei der Bank C. an (act. 7.1.2.3).
C. Mit Schlussverfügung vom 18. August 2004 entsprach die Bezirksanwalt-
schaft dem deutschen Rechtshilfeersuchen und ordnete diverse Rechtshil-
femassnahmen an. In Disp. Ziff. 3 der Schlussverfügung wurde die mit Ver-
fügung der Bezirksanwaltschaft vom 26. Juli 2004 bei der Bank C. ange-
ordnete Kontosperre hinsichtlich des Kontos Stamm-Nr. 1, lautend auf A.
und/oder B., aufrechterhalten, bis die ersuchende Behörde über die sicher-
gestellten Vermögenswerte von insgesamt ca. CHF 1,6 Mio. rechtskräftig
entschieden hat oder bis klar ist, dass ein solche Entscheid nicht erfolgen
wird (act. 7.1.2.6).
D. Mit Ergänzungsersuchen vom 20. Oktober 2004 ersuchte die Staatsanwalt-
schaft Mannheim um weitere Rechtshilfemassnahmen. Mit Schlussverfü-
gung vom 13. Januar 2005 wurden die ergänzend beantragten Rechtshil-
femassnahmen angeordnet. In Disp. Ziff. 3 dieser Schlussverfügung wurde
die mit Verfügung der Bezirksanwaltschaft vom 26. Juli 2004 angeordnete
und mit Schlussverfügung vom 18. August 2004 bestätigte Kontosperre
hinsichtlich des auf A. und/oder B. lautenden Kontos aufrechterhalten, bis
die ersuchende Behörde über die sichergestellten Vermögenswerte von
insgesamt ca. CHF 1,6 Mio. rechtskräftig entschieden hat oder bis klar ist,
dass ein solche Entscheid nicht erfolgen wird (act. 7.1.6.5).
E. Mit Blick auf die Aufrechterhaltung der Kontosperre erkundigte sich die aus-
führende Behörde in den folgenden Jahren in regelmässigen Abständen
bei den deutschen Behörden nach dem Stand des Verfahrens in Deutsch-
land, welche darüber nachstehende Mitteilungen machten:
Am 23. Januar 2006 teilte die Staatsanwaltschaft Mannheim der Bezirks-
anwaltschaft bzw. Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich (nachfolgend
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"Staatsanwaltschaft") mit, dass die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen
seien und der Beschuldigte A. zudem flüchtig sei, so dass ein Abschluss
des Verfahrens zur Zeit nicht absehbar sei (act. 7.1.4.1 und 7.1.4.2). Im
folgenden Jahr erteilte die Staatsanwaltschaft Mannheim mit Schreiben
vom 18. Juni 2007 dieselbe Antwort (act. 7.1.4.3 und 7.1.4.4). Mit Schrei-
ben vom 7. Februar 2008 erklärte die Staatsanwaltschaft Mannheim, das
Verfahren gegen A. sei aufgrund unbekannten Aufenthalts vorläufig einge-
stellt, und ersuchte um Aufrechterhaltung der Kontosperre. Sie informierte
sodann, dass eine abschliessende Entscheidung betreffend das Ermitt-
lungsverfahren gegen A. voraussichtlich im März 2009 erfolgen werde
(act. 7.1.4.5 und 7.1.4.6). Ein Jahr später führte die Staatsanwaltschaft
Mannheim mit Schreiben vom 25. August 2009 aus, dass ein Abschluss
des Ermittlungsverfahrens wegen des unbekannten Aufenthalts des Be-
schuldigten A. noch nicht erfolgt sei. Dieser sei zur Aufenthaltsermittlung
ausgeschrieben, weshalb das Verfahren weiterhin vorläufig eingestellt sei.
Zur Unterbrechung der Verjährung werde sie voraussichtlich im Laufe des
nächsten Jahres Anklage gegen den Beschuldigten A. erheben. Die end-
gültige Verjährung der Tatvorwürfe werde dann erst im Jahr 2013 eintreten.
Abschliessend ersuchte sie um Aufrechterhaltung der Kontosperre
(act. 7.1.4.7 und 7.1.4.8). Mit Schreiben vom 4. Januar 2011 teilte die
Staatsanwaltschaft Mannheim sodann mit, dass am 29. April 2010 Anklage
gegen A. wegen Steuerhinterziehung gemäss § 370 Abgabenordnung er-
hoben worden sei. Der durch die angeklagten Taten verursachte steuerli-
che Gesamtschaden betrage EUR 1'748'853.55. Das Hauptverfahren sei
mit Beschluss des Landgerichts Mannheim vom 2. Juli 2010 eröffnet wor-
den, die Hauptverhandlung sei bislang noch nicht terminiert worden, da
dem die Abwesenheit des Angeklagten entgegenstehe, der nach wie vor
zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben sei. Abschliessend ersuchte die
Staatsanwaltschaft Mannheim, die Vermögenssperre sei bis zum rechts-
kräftigen Abschluss des Verfahrens aufrecht zu erhalten (act. 7.1.4.9 und
7.1.4.10). Am 8. Februar 2012 erklärte die Staatsanwaltschaft Mannheim
schliesslich, dass der Termin zur Hauptverhandlung vor dem Landgericht
Mannheim im November 2011 bestimmt gewesen sei. Der Angeklagte A.
sei zur Hauptverhandlung nicht erschienen. Der Angeklagte habe von die-
sem Termin jedenfalls durch seine Verteidigerin Kenntnis gehabt, jedoch
habe seine ordnungsgemässe formale Ladung nicht nachgewiesen werden
können. Sein Erscheinen könne daher zwangsweise nicht durchgesetzt
werden. Das Verfahren sei daher wegen unbekannten Aufenthalts des An-
geklagten erneut durch Beschluss des Landgerichtes vom 23. Novem-
ber 2011 vorläufig eingestellt worden. Der Angeklagte sei weiterhin zur
Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben. Abschliessend ersuchte die Staats-
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anwaltschaft Mannheim um Aufrechterhaltung der Kontosperre
(act. 7.1.4.11 und 7.1.4.12).
F. Mit Schreiben vom 9. Juli 2012 liessen B. und A. durch ihren gemeinsamen
Rechtsvertreter bei der Staatsanwaltschaft ein Wiedererwägungsgesuch
stellen mit dem Begehren, die Verfügungen vom 18. August 2004 und vom
13. Januar 2005 seien aufzuheben (act. 7.1.6.1).
In der Folge ersuchte die Staatsanwaltschaft mit Schreiben vom 8. Au-
gust 2012 die deutschen Behörden um eine Stellungnahme zum Wieder-
erwägungsgesuch und erkundigte sich, wann die Fiskaldelikte nach deut-
schem Recht verjähren, ob in der Zwischenzeit das sistierte Verfahren in
irgendeiner Weise vorangetrieben werde und wann mit einem Entscheid
gerechnet werden könne (act. 7.1.6.9).
In ihrem Antwortschreiben vom 15. August 2012 erklärte die Staatsanwalt-
schaft Mannheim, der Termin zur Hauptverhandlung sei mit Verfügung vom
31. März 2011 auf den 9. November 2011 bestimmt worden. Zu diesem
Termin sei der Angeklagte A. nicht erschienen und habe sich durch Attest
eines Arztes in den Vereinigten Staaten Reiseunfähigkeit wegen einer kurz-
fristigen Infektion bescheinigen lassen. Daraufhin habe das Verfahren
durch das Landgericht wegen der Abwesenheit des Angeklagten eingestellt
werden müssen. Die deutschen Behörden hielten fest, dass der Förderung
des Verfahren allein die Abwesenheit des Angeklagten A. entgegen steht,
der - in Kenntnis des Verfahrens - nicht bereit sei, sich diesem zu stellen.
Der Angeklagte A. habe sich dem Strafverfahren in Deutschland bereits
2003 durch Flucht entzogen. Sein Aufenthaltsort sei seither unbekannt; et-
waige bekannt gewordene angebliche Anschriften in den USA und – durch
das Wiedererwägungsgesuch – nunmehr in Taiwan könnten zum einen
nicht überprüft werden, zum anderen bestünde auch keine rechtliche
Handhabe, den Angeklagten durch Zwangsmassnahmen zur Teilnahme an
der Hauptverhandlung vor dem Landgericht in Deutschland zu bewegen.
Der Angeklagte A. sei sowohl taiwanesischer als auch US-amerikanischer
Staatsbürger. Eine Hauptverhandlung in Abwesenheit des Angeklagten sei
nach deutschem Strafverfahrensrecht unter den gegebenen Voraussetzun-
gen nicht möglich. Die Fortdauer der Vermögenssperre erscheine daher
aus Sicht der deutschen Behörde keinesfalls unverhältnismässig, da die
Fortdauer des Verfahrens und eine endgültige Entscheidung über die Ein-
ziehung des gesperrten Vermögens allein durch das Verhalten des Ange-
klagten A. verschuldet sei. Dem Verfahren könne erst und nur dann Fort-
gang gegeben werden, wenn der Angeklagte sich diesem stelle
(act. 7.1.6.11). Die der Vermögenssperre zu Grunde liegenden Taten seien
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sodann nach deutschem Recht nicht verjährt. Die Verjährung sei durch di-
verse Massnahmen unterbrochen worden und werde auch erst sukzessive
ab dem Jahr 2019 bis zum Jahr 2023 eintreten (act. 7.1.6.11).
Mit Schreiben vom 18. September 2012 wies die Staatsanwaltschaft unter
Hinweis auf die vorstehende Stellungnahme der deutschen Behörden das
Gesuch um Wiedererwägung bzw. um Aufhebung der Kontosperre ab
(act. 7.1.6.12).
G. Gegen diesen Entscheid vom 18. September 2012 der Staatsanwaltschaft
lassen B. und A. durch ihren gemeinsamen Rechtsvertreter mit Eingabe
vom 1. Oktober 2012 Beschwerde bei der Oberstaatsanwaltschaft des Kan-
tons Zürich erheben. Sie beantragen, die Verfügung der Staatsanwaltschaft
vom 18. September 2012 sei aufzuheben und es seien die Verfügungen
vom 18. August 2004 sowie vom 13. Januar 2005 in Wiedererwägung zu
ziehen und die Sperren des Kontos 1. bei der Bank C. aufzuheben (act. 1
S. 2). Mit Schreiben vom 16. Oktober 2012 überwies die Oberstaatsanwalt-
schaft die Beschwerde zuständigkeitshalber der Beschwerdekammer des
Bundesstrafgerichts (act. 1.1).
Mit Eingabe vom 21. November 2012 verzichtete die Beschwerdegegnerin
auf eine Stellungnahme zur Beschwerde (act. 7). Das Bundesamt für Justiz
beantragt mit Schreiben vom 26. November 2012 die kostenfällige Abwei-
sung der Beschwerde (act. 8). Beide Eingaben wurden den Beschwerde-
führern zur Kenntnis zugestellt (act. 9).
H. Auf die weiteren Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten
wird, soweit erforderlich, in den rechtlichen Erwägungen eingegangen.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1.
1.1 Für die Rechtshilfe zwischen Deutschland und der Schweiz sind in erster
Linie das Europäische Übereinkommen über die Rechtshilfe in Strafsachen
vom 20. April 1959 (EUeR; SR 0.351.1), dem beide Staaten beigetreten
sind, der zwischen ihnen abgeschlossene Zusatzvertrag vom 13. Novem-
ber 1969 (ZV-D/EUeR; SR 0.351.913.1), sowie die Bestimmungen der
Art. 48 ff. des Übereinkommens vom 19. Juni 1990 zur Durchführung des
Übereinkommens von Schengen vom 14. Juni 1985 (Schengener Durch-
führungsübereinkommen, SDÜ; ABl. L 239 vom 22. September 2000,
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S. 19 - 62) massgebend. Zusätzlich kann das von beiden Ländern ratifizier-
te Übereinkommen vom 8. November 1990 über Geldwäscherei sowie Er-
mittlung, Beschlagnahme und Einziehung von Erträgen aus Straftaten
(GwUe; SR 0.311.53) zur Anwendung gelangen.
1.2 Soweit das Staatsvertragsrecht bestimmte Fragen nicht abschliessend re-
gelt, gelangen das Bundesgesetz über internationale Rechtshilfe in Straf-
sachen vom 20. März 1981 (IRSG; SR 351.1) und die Verordnung über in-
ternationale Rechtshilfe in Strafsachen vom 24. Februar 1982 (IRSV;
SR 351.11) zur Anwendung (Art. 1 Abs. 1 IRSG; BGE 130 II 337 E. 1
S. 339; 128 II 355 E. 1 S. 357; 124 II 180 E. 1a S. 181). Das innerstaatliche
Recht gilt nach dem Günstigkeitsprinzip auch dann, wenn dieses geringere
Anforderungen an die Rechtshilfe stellt (BGE 137 IV 33 E. 2.2.2; 136 IV 82
E. 3.1; 129 II 462 E. 1.1 S. 464, mit weiteren Hinweisen). Vorbehalten bleibt
die Wahrung der Menschenrechte (BGE 135 IV 212 E. 2.3; 123 II 595
E. 7c).
2.
2.1 Die Verfügung der ausführenden kantonalen Behörde oder der ausführen-
den Bundesbehörde, mit der das Rechtshilfeverfahren abgeschlossen wird,
unterliegt zusammen mit den vorangehenden Zwischenverfügungen der