Decision ID: 330a0939-ed38-515e-93cc-b53630e6d428
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 5. Dezember 2011 in der Schweiz um
Asyl nach. Mit Verfügung vom 24. Juli 2015 lehnte das SEM das Asylge-
such des Beschwerdeführers ab und wies ihn aus der Schweiz weg, unter
Ausschluss des Wegweisungsvollzugs in die Volksrepublik China. Die ge-
gen diese Verfügung erhobene Beschwerde vom 18. August 2015 wurde
mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-5025/2015 vom 25. August
2015 abgewiesen.
B.
Mit Eingabe vom 21. August 2018 stellte der Beschwerdeführer gestützt
auf Art. 51 Abs. 1 AsylG ein Gesuch um Einbezug in die Flüchtlingseigen-
schaft seiner Konkubinatspartnerin B._, Staatsangehörige der
Volksrepublik China (N [...]).
C.
Mit tags darauf eröffneter Verfügung vom 4. Oktober 2018 lehnte das SEM
dieses Gesuch ab.
D.
Gegen diesen Entscheid liess der Beschwerdeführer durch seine Rechts-
vertreterin mit Eingabe vom 2. November 2018 beim Bundesverwaltungs-
gericht Beschwerde erheben und beantragen, es sei die vorinstanzliche
Verfügung aufzuheben und er sei in die Flüchtlingseigenschaft seiner Le-
benspartnerin einzubeziehen. In prozessualer Hinsicht wurde um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung und
um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht.
Mit der Beschwerde reichte der Beschwerdeführer unter anderem eine
Schwangerschaftsbestätigung betreffend seine Lebenspartnerin, eine Be-
stätigung des Tibet Büros und fünf Fotos von Besuchen der indischen und
nepalesischen Botschaft ein.
E.
Mit Verfügung vom 6. November 2018 hiess der Instruktionsrichter das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, wies jedoch
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung ab.
Gleichzeitig wurde dem SEM Gelegenheit eingeräumt, eine Vernehmlas-
sung einzureichen.
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F.
Das SEM liess sich am 13. November 2018 zur Beschwerde vernehmen.
Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 19. November
2018 zur Kenntnisnahme zugestellt.
G.
Am 9. August 2019 anerkannte der Beschwerdeführer seine am (...) gebo-
rene Tochter.
H.
Am (...) 2019 heirateten der Beschwerdeführer und seine Lebenspartnerin
B._ in C._.
I.
Mit Verfügung vom 30. September 2019 stellte das SEM fest, die Tochter
des Beschwerdeführers werde gestützt auf Art. 51 Abs. 3 AsylG als Flücht-
ling anerkannt, und gewährte ihr Asyl.
J.
Am 27. November 2019 bewilligte das SEM dem Beschwerdeführer den
Wechsel vom Kanton D._ in den Kanton C._.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998
(AS 2016 3101) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das
bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung
des AsylG vom 25. September 2015).
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1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m.
Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Das SEM führt zur Begründung seiner Verfügung aus, es habe in seiner
rechtskräftigen Verfügung vom 24. Juli 2015 festgestellt, dass der Be-
schwerdeführer keine glaubhaften Angaben zu seiner Herkunft und seiner
Staatsangehörigkeit gemacht und die Verschleierung seiner Herkunft auch
die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft in Bezug auf sein effektives Her-
kunftsland verunmöglicht habe. Das Bundesverwaltungsgericht habe be-
reits in seinem Grundsatzurteil BVGE 2014/12 festgehalten, dass bei Per-
sonen tibetischer Ethnie, die ihre wahre Herkunft verschleiern oder ver-
heimlichen würden, vermutungsweise davon auszugehen sei, dass keine
flüchtlings- oder wegweisungsbeachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr
an ihren bisherigen Aufenthaltsort bestünden. Die Staatsangehörigkeit des
Beschwerdeführers oder ein allfälliger Aufenthaltsstatus seien dem SEM
bis heute nicht bekannt. Entsprechend sei es dem SEM nicht möglich zu
prüfen, ob er mit seiner Partnerin an den bisherigen Aufenthaltsort zurück-
kehren könne. Die Verunmöglichung dieser Prüfung sei den Falschanga-
ben zu seiner Sozialisierung im Rahmen des Asylverfahrens geschuldet.
Es könne deshalb nicht zu seinen Gunsten davon ausgegangen werden,
es bestünden keine besonderen Umstände im Sinne von Art. 51 Abs. 1
AsylG. Der Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft sei demnach zu vernei-
nen. Es sei jedoch darauf hinzuwiesen, dass es ihm offenstehe, seine
wahre Herkunft in überprüfbarer Weise offenzulegen und gegebenenfalls
erneut um Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft seiner Partnerin zu ersu-
chen. Es verzichte aufgrund des Vorliegens besonderer Umstände zu prü-
fen, inwiefern die Beziehung zwischen ihm und seiner Partnerin einem
Konkubinat entspreche. Das SEM weise daraufhin, dass der Beschwerde-
führer in seinem Asylverfahren angegeben habe, bereits verheiratet zu
sein. In diesem Sinne liege es nahe, dass auch aufgrund dessen weitere
besondere Umstände vorhanden seien.
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3.2 In der Beschwerde wird im Wesentlichen eingewendet, der Einbezug
eines Ehegatten beziehungsweise eines Konkubinatspartners in die
Flüchtlingseigenschaft seiner Lebenspartnerin stelle gemäss der gesetzli-
chen Konzeption von Art. 51 Abs. 1 AsylG den Regelfall dar. Das Bejahen
besonderer Umstände, die einem Einbezug entgegenstehen würden, sei
als Ausnahmeklausel zu verstehen. Der Beschwerdeführer habe anlässlich
der Befragung zur Person angegeben, seine damalige Ehefrau nach
Brauch geheiratet zu haben. Die einzig nach Brauch geschlossene Ehe
des Beschwerdeführers sei nach chinesischem Recht nicht gültig und
könne deshalb von der Schweiz nicht anerkannt werden. Ferner sei seine
damalige Frau im Jahr 2012 in Nepal verstorben. Diese Bestätigung habe
der Beschwerdeführer bereits im Jahr 2015 dem Zivilstandsamt einge-
reicht. Schliesslich würden der Beschwerdeführer und seine Lebenspart-
nerin offensichtlich im Konkubinat leben, seit sechs Jahren eine Beziehung
führen und sofort den Bund der Ehe eingehen, wenn der Beschwerdeführer
über die nötigen Zivilstandsdokumente verfügen würde. Sie hätten einen
Konkubinatsvertrag abgeschlossen und würden ein Kind erwarten.
Zur Erfüllung des in der Verfügung angerufenen besonderen Umstands un-
terschiedlicher Nationalitäten werde gemäss Rechtsprechung verlangt,
dass der einzubeziehende Angehörige eine andere Staatsangehörigkeit
besitze als der anerkannte Flüchtling. Die Ansicht der Vorinstanz, dass der
Beschwerdeführer eine andere als die chinesische Staatsbürgerschaft
habe, sei völlig hypothetisch. Es sei nicht bestritten, dass es sich bei ihm
um einen ethnischen Tibeter handle. Aus der Formulierung des LINGUA-
Experten sei ferner zu schliessen, dass eine Sozialisierung im Autonomen
Gebiet Tibet nicht a priori ausgeschlossen werden könne. Das Bundesver-
waltungsgericht habe inzwischen anerkannt, dass fehlende Chinesisch-
Kenntnisse sowie fehlender Schulbesuch bei Tibeterinnen und Tibeter sehr
wohl plausibel seien und nicht gegen eine Sozialisierung in Tibet sprächen.
Beim Beschwerdeführer sei die Sozialisierung in Tibet hauptsächlich we-
gen den fehlenden Chinesisch-Kenntnissen sowie der fehlenden Kenntnis
der administrativen Gliederung des Schulwesens als unglaubhaft erachtet
worden. Der Beschwerdeführer habe seine Herkunft und Staatsangehörig-
keit bereits offengelegt und es stehe ihm keine Möglichkeit offen, weitere
Beweise dafür einzureichen. So sei notorisch, dass die chinesischen Aus-
landbehörden in der Schweiz Tibeterinnen und Tibetern keine Identitätsdo-
kumente ausstellen würden. Ferner sei ebenfalls notorisch, dass Botschaf-
ten nur für ihre eigenen Staatsangehörigen tätig würden. Dem Beschwer-
deführer sei es deshalb nicht möglich, eine Bestätigung der indischen oder
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nepalesischen Botschaft zu erhalten, dass er nicht indischer oder nepale-
sischer Staatsbürger sei. Er habe dies auf der indischen und nepalesischen
Botschaft versucht. Ohnehin handle es sich bei der Tatsache, dass er nicht
eine weitere beziehungsweise eine andere als die chinesische Staatsbür-
gerschaft besitze, um eine negative Tatsache, die nicht bewiesen werden
könne. Schliesslich wäre es selbst dann, wenn der Beschwerdeführer nicht
in Tibet, sondern in Nepal oder Indien aufgewachsen wäre, völlig unwahr-
scheinlich, dass er die indische oder nepalesische Staatsbürgerschaft er-
halten hätte. Es müsse davon ausgegangen werden, dass ein grosser Teil
der in Nepal und Indien lebenden Exil-Tibeterinnen und -Tibeter keine neue
Staatsangehörigkeit erworben hätten und nach wie vor die chinesische
Staatsangehörigkeit besässen. Auch die Vorinstanz scheine nicht davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer die indische oder nepalesische
Staatsbürgerschaft besitze, da sie seit der rechtskräftigen Ablehnung sei-
nes Asylgesuches im Jahr 2015 nie eine Botschaftsvorführung angeordnet
habe. Es rechtfertige sich vorliegend nicht, ihn aufgrund der hypotheti-
schen Möglichkeit der abweichenden Nationalität nicht in die Flüchtlingsei-
genschaft seiner Lebenspartnerin miteinzubeziehen.
Eine andere Staatsangehörigkeit des Ehegatten führe an sich nicht bereits
zum Vorliegen von besonderen Umständen. Vielmehr müsse es der in der
Schweiz als Flüchtling anerkannten Person auch zumutbar sein, sich in
das Herkunftsland des Ehepartners zu begeben. Dies sei vorliegend nicht
der Fall. Die Lebenspartnerin halte sich bereits sechs Jahre in der Schweiz
auf und sei bestens integriert. Sie habe sehr gut Deutsch gelernt, sei er-
werbstätig und erwarte ein Kind. Indien und Nepal hätten die Flüchtlings-
konvention nicht anerkannt, weshalb sie ihren schweizerischen Flücht-
lingsstatus verlieren und dort als normale Ausländerin gelten würde. Die
Vorinstanz habe nicht geprüft, ob eine Ausreise aus der Schweiz sowie die
Niederlassung in einem Drittstaat für die Lebenspartnerin zumutbar wäre.
Die Schweizerische Flüchtlingshilfe halte fest, dass tibetische Flüchtlinge
sowohl mit als auch ohne Registrierung kein gesetzliches Aufenthaltsrecht
in Indien hätten. Der Beschwerdeführer und seine Lebenspartnerin könn-
ten gar nicht legal nach Indien einreisen beziehungsweise sich legal in In-
dien aufhalten. Das Gleiche gelte bezüglich Nepal. Falls das Gericht wider
Erwarten vom Vorliegen besonderer Umstände ausgehen sollte, sei das
Verfahren an die kantonalen Behörden zu verweisen, da der Beschwerde-
führer und seine Lebenspartnerin sich eindeutig auf Art. 8 EMRK und den
Schutz ihres Familienlebens stützen könnten, weshalb eine Wegweisung
des Beschwerdeführers nicht zulässig sei.
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4.
4.1 Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden – unter dem Titel Familienasyl –
namentlich Ehegatten und minderjährige Kinder von Flüchtlingen ihrerseits
als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl in der Schweiz, wenn keine
besonderen Umstände dagegensprechen. Das Kriterium der "besonderen
Umstände" dient gemäss ständiger Praxis insbesondere dem Zweck, Miss-
bräuche zu verhindern (vgl. Urteil des BVGer E-1683/2013 vom 21. April
2015 E. 6.2.2 m.w.H.). In der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts wurde in verschiedenen Konstellationen das Vorliegen von besonde-
ren Umständen bejaht. So ist ein Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft
namentlich dann ausgeschlossen, wenn die in der Schweiz als Flüchtling
anerkannte Person ihre Flüchtlingseigenschaft selbst derivativ erworben
hat, wenn die eheliche Gemeinschaft während einer längeren Zeit nicht
mehr gelebt beziehungsweise aufgegeben wurde oder wenn die in die
Flüchtlingseigenschaft einzubeziehende Person eine andere Staatsange-
hörigkeit besitzt als die als Flüchtling anerkannte Person und es der Familie
an sich zumutbar und möglich wäre, statt in der Schweiz auch in diesem
anderen Land zu leben (vgl. BVGE 2012/32 E. 5.1). Soll der Einbezug in
die Flüchtlingseigenschaft des Ehepartners aufgrund unterschiedlicher Na-
tionalitäten verweigert werden, ist – in hypothetischer Weise – zu prüfen,
ob sich die ganze Familie gegebenenfalls im Heimatland des nicht verfolg-
ten Ehepartners niederlassen könnte (vgl. Urteil des BVGer E-1683/2013
vom 21. April 2015 E. 6.2.4 m.w.H.).
4.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem kürzlich ergangenen Ur-
teil E-1813/2019 vom 1. Juli 2020 (zur Publikation vorgesehen) festgehal-
ten, dass ein "besonderer Umstand" im Sinne des Art. 51 Abs. 1 AsylG vor-
liege, wenn dem SEM die Prüfung des Vorliegens einer weiteren Staatsan-
gehörigkeit verunmöglicht werde, weil die gesuchstellende Person im Rah-
men des Verfahrens betreffend Familienasyl eine schwere Mitwirkungs-
pflichtverletzung begangen habe (vgl. a.a.O. E. 9.10). In einem solchen
Verfahren treffe die gesuchstellende Person eine qualifizierte Mitwirkungs-
pflicht, deren Verletzung nicht zu einer Besserstellung gegenüber einer
Person führen dürfe, welche ihrer diesbezüglichen Pflicht nachgekommen
sei (vgl. a.a.O. E. 9.6). Es stehe der gesuchstellenden Person frei, im Ver-
fahren um Familienasyl aktiv mitzuwirken und anhand neuer konkreter An-
haltspunkte den Anschein einer Mitwirkungspflichtverletzung auszuräumen
oder wesentliche Tatsachen hinsichtlich ihrer tatsächlichen Herkunft offen-
zulegen, in welchem Fall nicht von "besonderen Umständen" im Sinne von
Art. 51 Abs. 1 AsylG auszugehen sei (vgl. a.a.O. E. 9.7 f.). Umgekehrt sei
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bei einer schwerwiegenden Mitwirkungspflichtverletzung weder die chine-
sische Staatsangehörigkeit noch das Fehlen einer anderen Staatsangehö-
rigkeit glaubhaft gemacht. Auch wenn die Möglichkeit einer chinesischen
Staatsangehörigkeit nicht ausgeschlossen sei, obliege es der gesuchstel-
lenden Person, ihre angebliche Staatsangehörigkeit beziehungsweise das
Fehlen des Erwerbs einer neuen Staatsangehörigkeit glaubhaft zu ma-
chen. Es sei nicht Sache des SEM, den Gegenbeweis zu erbringen, dass
die gesuchstellende Person eine andere als die chinesische Staatsange-
hörigkeit besitze (vgl. a.a.O. E. 9.9).
4.3 Sodann erwog das Bundesverwaltungsgericht, dass das SEM einer an-
tragstellenden Person im Verfahren um Familienasyl eine Mitwirkungs-
pflichtverletzung, welche dieser Person bereits im einem vorgängigen (ab-
geschlossenen) ordentlichen Asylverfahren vorgeworfen worden sei, vor-
halten dürfe, wenn sich die Person im Rahmen eines rechtlichen Gehörs
zur beabsichtigten Würdigung der sich aus dem ersten Verfahren ergeben-
den Sachverhaltselemente und Beweismittel erneut habe äussern können,
und wenn sie über die Konsequenzen einer Mitwirkungspflichtverletzung in
Bezug auf den Entscheid zum Familienasyl informiert worden sei (vgl.
a.a.O. E. 8.3.5). Das SEM berücksichtige im Rahmen der freien Beweis-
würdigung nicht nur das für das vorherige Verfahren erstellte Lingua-Gut-
achten, sondern auch das Fehlen von Beweismitteln oder konkreten neuen
Anhaltspunkten betreffend die Identität der gesuchstellenden Person, das
Fehlen von Beweismitteln betreffend ihren Hauptsozialisationsort, ihre
Aussagen im ersten ordentlichen Asylverfahren und im Verfahren betref-
fend das Familienasyl sowie auch ihr Verhalten während beider Verfahren
im Hinblick auf das Prinzip von Treu und Glauben und den Fairnessgedan-
ken (vgl. a.a.O. E. 9.8).
5.
5.1 Vorliegend erliess das SEM seine Verfügung einzig gestützt auf die
Feststellungen im vorangegangenen Asylverfahren und unterliess es, dem
Beschwerdeführer vorgängig das rechtliche Gehör zu gewähren. Es hätte
den Beschwerdeführer jedoch einladen müssen, sich zur Frage zu äus-
sern, ob er an seinen Vorbringen im ordentlichen Asylverfahren, wonach er
in Tibet hauptsozialisiert worden und chinesischer Staatsangehöriger sei,
festhalte oder nicht. Weiter hätte er aufgefordert werden müssen, allfällige
neue Beweismittel seine früheren Vorbringen betreffend beizubringen oder
seine Tatsachenbehauptungen in substantiierter Weise und wahrheitsge-
mäss zu ändern oder zu ergänzen – insbesondere unter Angabe seiner
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Nationalität, seines Geburtsortes und Geburtsdatums, der genauen Zeit-
angaben und Adressen seine verschiedenen Aufenthaltsorte betreffend
und seines jeweiligen Aufenthaltsstatus an jedem dieser Orte, der ausge-
stellten offiziellen Dokumente sowie der Identität und der Adressen seiner
zurückgebliebenen Verwandten. Ausserdem hätte das SEM ihn im Falle
von neuen Vorbringen einladen müssen, allfällige entsprechende Beweis-
mittel zu bezeichnen und beizubringen – etwa einen Aufenthaltstitel für
Ausländer in der Exilgemeinschaft, ein Identitätspapier oder einen Reise-
ausweis (vgl. Urteil des BVGer E-1813/2019 vom 1. Juli 2020 E. 10.5).
5.2 Indem das SEM dieser Pflicht nicht nachgekommen ist, hat es nicht nur
das Recht des Beschwerdeführers verletzt, im neuen Verfahren mitzuwir-
ken und sich vor Ergehen des Entscheides zum Familienasyl zu den ent-
scheidrelevanten Elementen zu äussern – beides Teilgehalte des An-
spruchs auf rechtliches Gehör. Die Vorinstanz hat damit auch den Unter-
suchungsgrundsatz verletzt und den Sachverhalt nicht korrekt festgestellt.
Das SEM wird deshalb dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör auf
schriftlichem Weg oder im Rahmen einer erneuten Anhörung zu gewähren
haben. Sollte der Beschwerdeführer dann weiterhin an seinen früheren
Vorbringen hinsichtlich des Ortes seiner Hauptsozialisation und seiner
Staatsangehörigkeit festhalten oder nichts Neues und Entscheidendes vor-
bringen, sei es auch nur, um seine früheren Vorbringen zu untermauern,
wird das SEM auf die Beweiswürdigung im ordentlichen Asylverfahren ab-
stellen dürfen (vgl. Urteil des BVGer E-1813/2019 vom 1. Juli 2020
E. 10.6).
6.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, soweit die Aufhebung der an-
gefochtenen Verfügung beantragt wird. Die Verfügung des SEM vom
4. Oktober 2018 ist aufzuheben und die Sache zur Gewährung des recht-
lichen Gehörs und zur korrekten Sachverhaltsfeststellung sowie zu neuer
Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu
erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
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notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die Rechts-
vertreterin des Beschwerdeführers reichte keine Kostennote ein. Die Par-
teientschädigung ist deshalb in Anwendung der massgeblichen Bemes-
sungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) pauschal auf Fr. 1'500.– (inkl. Auslagen
und Mehrwertsteuerzuschlag i.S.v. Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) festzulegen.
Das SEM ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer diesen Betrag als Par-
teientschädigung auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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