Decision ID: 34e597fa-2488-4bd2-96c6-6adf8a4648d6
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Die Eheleute X. und Y. wohnen in A. Der Ehemann ist unselbständig erwerbstätig.
Ihre Tochter C. (geb. 1987) schloss im Juli 2010 die Ausbildung zur Kindergarten- und
Primarlehrkraft an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen ab. Per 16. August 2010
trat sie eine Stelle als Primarlehrerin in B. an. Während ihrer Ausbildung wurde sie von
den Eltern finanziell unterstützt. Die jüngere Tochter D. (geb. 1991) befand sich
während des gesamten Jahres 2010 in einer Ausbildung in der Krippe F. in L.
Die Eheleute machten in der Steuererklärung 2010 Kinderabzüge von Fr. 20'400.--
sowie Ausbildungskosten von Fr. 10'271.-- für beide Töchter geltend. Die
Veranlagungsbehörde gewährte den Kinderabzug sowie den Abzug für
Versicherungsprämien lediglich für die jüngere Tochter und begründete dies damit, C.
habe sich am Stichtag nicht mehr in Ausbildung befunden, weshalb für sie der
Kinderabzug entfalle. X. und Y. wurden am 4. Januar 2012 für die Kantons- und
Gemeindesteuer 2010 mit einem steuerbaren Einkommen von Fr. 79'400.-- und ohne
steuerbares Vermögen und für die Direkte Bundessteuer 2010 mit einem steuerbaren
Einkommen von Fr. 92'600.-- veranlagt. Gegen diese Veranlagungen erhoben die
Steuerpflichtigen am 23. Januar 2012 Einsprache und hielten fest, es sei richtig, dass
C. am 31. Dezember 2010 nicht mehr im Studium gewesen sei. Dieses habe mitten im
Jahr geendet. Gemäss Ziff. 25 der Steuererklärung würden die Sozialabzüge anteilig
nach Massgabe der Dauer der Steuerpflicht gewährt. Das kantonale Steueramt wies
die Einsprachen mit Entscheiden vom 25. September 2012 ab. Zur Begründung hielt es
fest, die Ausführungen der Pflichtigen bezüglich der Gewährung von Sozialabzügen bei
anteiliger Steuerpflicht seien korrekt. Die Pflichtigen seien jedoch das ganze Jahr
steuerpflichtig gewesen. Der Kinderabzug könne nicht gewährt werden, weil die
Tochter C. per 31. Dezember 2010 nicht mehr in Ausbildung gewesen sei.
B.- Mit Eingabe vom 21. Oktober 2010 erhoben X. und Y. Rekurs und Beschwerde bei
der Verwaltungsrekurskommission. Sie machten geltend, die Abweisung der
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Einsprache bezüglich der Ausbildungskosten sei unklar. Es könne doch nicht sein,
dass die Ausbildungskosten nicht geltend gemacht werden könnten, weil das
Studienjahr unterjährig geendet habe. Bis Ende Juli 2010 habe C. die Pädagogische
Hochschule Rorschach besucht. Dafür hätten sie Aufwendungen für Miete, Prüfungen
und Bahnabonnement etc. gehabt, und zwar bis zum Abschluss der Prüfungen.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 5. Dezember 2012, der Rekurs
und die Beschwerde seien abzuweisen. Hinsichtlich der Kantons- und
Gemeindesteuern beantragte sie, die versehentlich zum Abzug zugelassenen
Ausbildungskosten für die Tochter C. seien nicht mehr zu gewähren. Da die Pflichtigen
in der Einsprache nur den nicht gewährten Kinderabzug gerügt hätten, sei bei den zu
Unrecht gewährten Ausbildungskosten für die per Ende 2010 nicht mehr in Ausbildung
stehende Tochter keine Korrektur vorgenommen worden. Nachdem die
Voraussetzungen für den Abzug nicht mehr gegeben seien, werde beantragt, die
Ausbildungskosten nicht mehr zu gewähren. Die Eidgenössische Steuerverwaltung hat
auf eine Vernehmlassung zur Beschwerde verzichtet.
Die Rekurrenten und Beschwerdeführer erhielten Gelegenheit, sich zur
Vernehmlassung der Vorinstanz und zur beantragten Verschlechterung ihrer
Rechtsposition im Bereich der Kantons- und Gemeindesteuern zu äussern. Die
Pflichtigen hielten mit Eingabe vom 1. Januar 2013 an ihrem Antrag fest.

Die Erwägungen des angefochtenen Entscheids sowie die Vorbringen der
Verfahrensbeteiligten werden, soweit wesentlich, in den nachstehenden Erwägungen
dargelegt und gewürdigt.
Erwägungen:
1.- Angefochten sind die Einsprache-Entscheide hinsichtlich der Veranlagungen der
Kantons- und Gemeindesteuern 2010 sowie der direkten Bundessteuer 2010. Zwar
müssen für Rekurs und Beschwerde verschiedene Entscheide ergehen; sie können
indessen in einem einzigen Dokument mit Verweisungen und einem gemeinsamen
Dispositiv, das die beiden Steuern allerdings ausdrücklich auseinanderhält, enthalten
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sein (vgl. BGE 130 II 509 = Pra 2005 Nr. 114 E. 8.3, BGE 135 II 260 = Pra 2010 Nr. 37
E. 1.3.1).
2.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurs- bzw. Beschwerdeerhebung ist gegeben. Rekurs und Beschwerde vom
21. Oktober 2012/12. November 2012 wurden rechtzeitig eingereicht. Sie erfüllen in
formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 194 Abs. 1 des
Steuergesetzes, sGS 811.1, abgekürzt: StG; Art. 140 Abs. 2 des Bundesgesetzes über
die direkte Bundessteuer, SR 642.11, abgekürzt: DBG; Art. 7 der Verordnung zum
Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer, sGS 815.1; Art. 41 lit. h Ziff. 1 und
Art. 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP).
Auf den Rekurs und die Beschwerde ist einzutreten.
3.- Vorab ist festzuhalten, dass die Abzüge, welche Kinder betreffen, bei der direkten
Bundessteuer und bei der kantonalen Steuer nicht identisch sind. So kennt die direkte
Bundessteuer keinen Ausbildungskostenabzug für Kinder in schulischer oder
beruflicher Ausbildung gemäss Art. 48 Abs. 1 lit. a Ziff. 2 StG. Die Vorinstanz hat daher
zu Recht die unter Ziff. 25.3 der Steuererklärung deklarierten Aufwendungen bei der
direkten Bundessteuer nicht berücksichtigt.
4.- Vorliegend ist umstritten, ob die Pflichtigen Anspruch auf den Kinderabzug und den
erhöhten Abzug für Versicherungsprämien und Sparzinsen für ihre 1987 geborene
Tochter C. haben.
a) Nach Art. 48 Abs. 1 lit. a Ziff. 2 StG werden für jedes unter der elterlichen Sorge oder
Obhut des Steuerpflichtigen stehende oder volljährige Kind, das in der schulischen
oder beruflichen Ausbildung steht, als Sozialabzug Fr. 10'200.-- abgezogen, wenn der
Steuerpflichtige für den Unterhalt zur Hauptsache aufkommt und keinen Abzug nach
Art. 45 Abs. 1 lit. c StG beansprucht. Zusätzlich zum Kinderabzug gemäss Art. 48 Abs.
1 lit. a Ziff. 2 StG kann für Ausbildungskosten für jedes unter der elterlichen Sorge oder
Obhut des Steuerpflichtigen stehende oder volljährige Kind, das in der schulischen
oder beruflichen Ausbildung steht, ein weiterer Abzug von maximal Fr. 13'000.--
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vorgenommen werden. Von diesem zusätzlichen Betrag ist ein Selbstbehalt von Fr.
3'000.-- abzuziehen (vgl. Art. 48 Abs. 1 lit. a Ziff. 3 StG).
Gemäss Art. 213 Abs. 1 lit. a DBG in Verbindung mit Art. 7 lit. a der Verordnung über
den Ausgleich der Folgen der kalten Progression für die natürlichen Personen bei der
direkten Bundessteuer (in der für 2010 massgebenden Fassung AS 2005 S. 1937,
SR 642.119.2, abgekürzt: VKP) werden für jedes minderjährige oder in der beruflichen
Ausbildung stehende Kind, für dessen Unterhalt der Steuerpflichtige sorgt, Fr. 6'100.--
vom Einkommen abgezogen. Der erhöhte Abzug für Versicherungsprämien und
Sparzinsen nach Art. 212 Abs. 1 DBG in Verbindung mit Art. 6 Abs. 2 VKP beträgt
Fr. 700.-- und kann nur gewährt werden, wenn ein Abzug nach Art. 213 Abs. 1 lit. a
oder b DBG geltend gemacht werden kann.
Die Sozialabzüge werden nach den Verhältnissen am Ende der Steuerperiode oder der
Steuerpflicht festgesetzt (Art. 48 Abs. 2 StG; Art. 213 Abs. 2 DBG). Massgebend ist der
31. Dezember. Eine anteilmässige Gewährung kommt in Frage, wenn die Steuerpflicht
nur während eines Teils der Steuerperiode besteht (Art. 48 Abs. 3 StG, Art. 213 Abs. 3
DBG).
b) Mit den Sozialabzügen trägt das Steuergesetz, ähnlich wie mit den allgemeinen
Abzügen, den besonderen wirtschaftlichen Belastungen der Steuerpflichtigen
Rechnung. Anders als die allgemeinen Abzüge lassen sie jedoch nicht den Abzug
angefallener Aufwendungen zu; vielmehr kann bei Vorliegen bestimmter persönlicher
Verhältnisse ein gesetzlich festgelegter Betrag beansprucht werden (vgl. Weidmann/
Grossmann/ Zigerlig, Wegweiser durch das st. gallische Steuerrecht, 6. Aufl. 1999, S.
165). Sie sind nicht unmittelbar auf die Berücksichtigung von effektiven Aufwendungen
der Steuerpflichtigen, sondern auf Gruppendifferenzierung ausgerichtet. Sie sind
deshalb ein Element der Tarifgestaltung bzw. Tarifvariationen oder Tarifverfeinerungen
und wirken als solche grobschlächtig. Sie tragen den konkret verausgabten Mitteln
bloss typisiert Rechnung (M. Reich, Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht,
Band I/1, 2. Aufl. 2002, N 67 zu Art. 9 StHG).
Da die Gewährung von Sozialabzügen an das Vorliegen bestimmter Verhältnisse
anknüpft, gilt für deren Festsetzung gemäss Art. 213 Abs. 2 DBG das Stichtagsprinzip.
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Es ist ein typisches Beispiel einer gesetzlichen Vereinfachung im Rahmen des
Steuervollzugs, indem Veränderungen in den persönlichen Verhältnissen nicht laufend,
sondern (grundsätzlich) nur einmal in der Steuerperiode berücksichtigt werden.
Bestehen die Verhältnisse am Stichtag, so wird undifferenziert davon ausgegangen,
dass sie in der ganzen Steuerperiode bestehen (I.P. Baumgartner, Kommentar zum
Schweizerischen Steuerrecht, Band I/2a, 2. Aufl. 2008, N 2 zu Art. 35 DBG). Dem
Stichtagsprinzip liegt eine Gesamtbetrachtung zugrunde, bei der in Kauf genommen
wird, dass im Einzelfall eine steuerliche Bevorzugung oder Benachteiligung eines
Pflichtigen eintreten kann. Entscheidend ist, dass – soweit eine absolut korrekte
Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit nicht erreicht werden kann –
es im Sinn der bundesgerichtlichen Rechtsprechung genügt, wenn die gesetzliche
Regelung nicht in genereller Weise zu Ungerechtigkeiten führt (VerwGE B 2007/147
vom 12. Februar 2008, in: www.gerichte.sg.ch bzw. SGE 2008 Nr. 1 E. 2.3.2). Eine
solche generelle Benachteiligung gewisser Kategorien von Pflichtigen tritt beim
Stichtagsprinzip gerade nicht ein, indem allen Pflichtigen ein Sozialabzug, der sich zu
ihrem Vorteil auswirkt, auch dann gewährt wird, wenn die Veränderung in den
persönlichen Verhältnissen erst kurze Zeit bestand. Andererseits ist es möglich, dass
bei der Beendigung einer Ausbildung Ende November der Abzug nicht gewährt wird,
obwohl während elf Monaten eine Unterstützung zur Hauptsache geleistet wurde. Dies
ist nach der verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung hinzunehmen (SGE 2008 Nr. 1
E. 2.3.3). Auch wenn es durchaus bedenkenswert wäre, den Kinderabzug pro rata
temporis zuzulassen, verbietet der klare Wortlaut von Art. 48 Abs. 2 und Art. 213 Abs. 2
und 3 DBG zum heutigen Zeitpunkt eine entsprechende Gesetzesauslegung (vgl.
allgemein Bosshard/Bosshard/Lüdin, Sozialabzüge und Steuertarife im
schweizerischen Steuerrecht, Zürich 2000, S. 109 ff.).
c) Es ist unstreitig, dass C. bis Mitte 2010 in Ausbildung war und die Pflichtigen
während rund eines halben Jahres wesentliche Beiträge an sie leisteten. Da jedoch das
Stichtagsprinzip zur Anwendung gelangt, ist die Dauer der Unterstützung nicht
massgebend. Vielmehr ist entscheidend, dass die Tochter am 31. Dezember 2010,
dem Ende der Steuerperiode, unselbständig erwerbstätig war und sich nicht mehr in
schulischer oder beruflicher Ausbildung befand. Bei dieser Sachlage hat die Vorinstanz
den Kinderabzug und den erhöhten Abzug für Versicherungsprämien und Sparzinsen
zu Recht nicht zugelassen. Der Rekurs und die Beschwerde sind deshalb abzuweisen.
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5.- In der Vernehmlassung zur Veranlagung der Kantons- und Gemeindesteuer
beantragte die Vorinstanz eine reformatio in peius. Für C. sei der
Ausbildungskostenabzug zu Unrecht gewährt worden. Die Voraussetzungen für den
Abzug seien nicht gegeben und die Veranlagung sei in diesem Punkt zu Lasten der
Rekurrenten zu korrigieren.
a) Die Verwaltungsrekurskommission hat aufgrund von Art. 56 Abs. 1 VRP umfassende
Überprüfungsbefugnis. Insbesondere kann sie nach Anhörung des Steuerpflichtigen
die Veranlagung auch zu dessen Nachteil abändern.
b) Der von der Vorinstanz für C. gewährte Ausbildungskostenabzug nach Art. 48 Abs. 1
lit. a Ziff. 3 StG setzt systematisch zwingend einen Kinderabzug gemäss Art. 48 Abs. 1
lit. a Ziff. 2 StG voraus (vgl. auch StB 48 Nr. 1 Ziff. 3). Dies ist sowohl aus dem
Gesetzeswortlaut als auch aus der Systematik des entsprechenden Artikels zu
schliessen. So setzt Art. 48 Abs. 1 lit. a Ziff. 3 StG fest, dass – zusätzlich zum
Kinderabzug gemäss dem unmittelbar vorangehenden Art. 48 Abs. 1 lit. a Ziff. 2 StG –
"höchstens weitere Fr. 13'000.--" als Abzug für Ausbildungskosten geltend gemacht
werden können. Weiter wird in der Wegleitung zur Steuererklärung 2010 zu Ziffer 25.3
ausdrücklich festgehalten, dass ein Ausbildungskostenabzug nur dann vorgenommen
werden könne, wenn für das Kind ein Kinderabzug geltend gemacht werden könne. Der
Ausbildungskostenabzug für C. von Fr. 4'643.-- ist daher zu streichen und lediglich der
Abzug für D. von Fr. 5'628.-- zuzulassen. Der Einspracheentscheid für die Kantons-
und Gemeindesteuer ist deshalb aufzuheben das steuerbare Einkommen auf
Fr. 84'000.-- festzusetzen. Das steuerbare Einkommen für die direkte Bundessteuer
bleibt unverändert, da bei dieser kein Ausbildungskostenabzug vorgesehen ist.
6.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die Verfahrenskosten den Rekurrenten
und Beschwerdeführern aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP; Art. 144 Abs. 1 DBG). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 600.-- ist angemessen (vgl. Art. 144 Abs. 5 DBG in
Verbindung mit Art. 7 Ziff. 122 Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist zu verrechnen.