Decision ID: 1fe058f5-66cd-5e1c-b215-43ac48d79831
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Edwin Bigger, Rechtsagent, Sonnenbühlstrasse 3, 9200 Gossau,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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gesetzliche Vertretungsermächtigung in IV-Sachen
Sachverhalt:
A.
S._ ist seit 30. November 2001 der Beistand von A._ (nachfolgend Versicherter).
Letzterer ist Bezüger einer Invalidenrente. Am 16. Februar 2009 gelangte S._
telefonisch an die IV-Stelle, da die den Versicherten betreffende Korrespondenz
offenbar immer noch an seinen (S._) Vorgänger gesandt werde. Die IV-Stelle forderte
S._ auf, ihr eine neue Kopie der Ernennungsurkunde sowie eine vom Versicherten
unterzeichnete Vollmacht zuzustellen (act. G 5.1). In der Folge reichte S._ die
Ernennungsurkunde zum Beistand sowie den betreffenden Protokollauszug der
Vormundschaftsbehörde B._ vom 30. November 2001 ein; eine vom Versicherten
unterzeichnete Vollmacht reichte er nicht ein (act. G 5.2 bis 5.2b). Mit Schreiben vom
28. April 2009 teilte die IV-Stelle S._ mit, damit die Korrespondenz generell an ihn
gesandt werden könne, benötige sie eine entsprechend lautende, vom Versicherten
unterzeichnete Vollmacht (act. G 5.3). Mit Schreiben vom 5. Mai 2009 stellte sich S._
auf den Standpunkt, als Beistand brauche er keine Vollmacht. Er verlange
diesbezüglich eine anfechtbare Verfügung (act. G 5.4).
B.
Mit Verfügung vom 23. Juli 2009 teilte die IV-Stelle S._ mit, dass er ohne Vollmacht
des Versicherten keinen Anspruch auf Zustellung der Korrespondenzen und Entscheide
betreffend den Versicherten habe (act. G 5.5).
C.
C.a Mit Eingabe vom 12. September 2009 (Datum Postaufgabe) erhebt S._, vertreten
durch Rechtsagent Edwin Bigger, Beschwerde. Der Rechtsagent beantragt, die
Verfügung vom 23. Juli 2009 sei aufzuheben, und es sei festzustellen, dass der
Beschwerdeführer zur Vertretung des Versicherten in sämtlichen
Sozialversicherungsangelegenheiten gegenüber der Sozialversicherungsanstalt des
Kantons St. Gallen ohne Vollmacht des Versicherten berechtigt sei. Die
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Beschwerdegegnerin sei anzuweisen, sämtliche Korrespondenzen, Vorbescheide,
Verfügungen und Entscheide direkt dem Beschwerdeführer zu eröffnen. Zur
Begründung macht er im Wesentlichen geltend, der Versicherte sei wegen einer
schweren psychischen Krankheit auf eigenes Begehren verbeiständet. Die
Beistandschaft sei notwendig, weil er seine Angelegenheiten krankheitsbedingt nicht zu
besorgen vermöge und zu seinem Schutz dauernd des Beistands bedürfe. Eine an sich
mögliche Vormundschaft sei deshalb nicht erforderlich, weil er in seine Krankheit und
seine Hilfsbedürftigkeit einsichtig sei, die Hilfe des Beschwerdeführers und von
weiteren Fachpersonen annehme und sich kooperativ verhalte. Dem Beistand auf
eigenes Begehren komme dieselbe Vertretungsmacht zu wie dem Vormund. Die
Rechtsstellung eines Beistands entspreche derjenigen eines rechtsgeschäftlich
ernannten Vertreters (act. G 1).
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 24. November 2009 verzichtet die
Beschwerdegegnerin auf rechtliche Ausführungen und enthält sich eines Antrags. In
dieser Frage sei ein Grundsatzentscheid erforderlich (act. G 5).

Erwägungen:
1.
1.1 Gemäss Art. 49 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) hat der Versicherungsträger über
Leistungen, Forderungen und Anordnungen, die erheblich sind oder mit denen die
betroffene Person nicht einverstanden ist, schriftlich eine Verfügung zu erlassen. Dies
hat die Beschwerdegegnerin vorliegend getan, nachdem der Beschwerdeführer für den
Fall, dass sie ihm die den Versicherten betreffenden Akten ohne dessen Vollmacht
nicht zustelle, ausdrücklich den Erlass einer anfechtbaren Verfügung verlangt hatte.
Dieses Vorgehen ist nicht zu beanstanden. Als Adressat der Verfügung ist der
Beschwerdeführer zu deren Anfechtung ohne weiteres legitimiert.
1.2 In der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin die Zustellung von
"Korrespondenzen und Entscheide[n]" an den Beschwerdeführer ohne Vollmacht des
Versicherten abgelehnt. Soweit der Beschwerdeführer im vorliegenden Verfahren
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neben der Zustellung der betreffenden Unterlagen die Feststellung verlangt, "dass der
Beistand zur Vertretung des Verbeiständeten in sämtlichen
Sozialversicherungsangelegenheiten gegenüber der SVA des Kantons St. Gallen ohne
Vollmacht des Verbeiständeten berechtigt ist", kann darauf nicht eingetreten werden,
geht dieser Antrag doch über den Gegenstand der angefochtenen Verfügung hinaus.
Zudem ist für die Prozessführung (im Namen des Bevormundeten bzw.
Verbeiständeten und nicht wie vorliegend in eigenem Namen des Beistands) laut Art.
421 Ziff. 8 des Schweizerischen Zivilgesetzbuchs (ZGB; SR 210) die Zustimmung der
Vormundschaftsbehörde erforderlich.
2.
2.1 Die Beschwerdegegnerin hat die Aktenzustellung an den Beschwerdeführer unter
Hinweis auf Art. 50a des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10) und Art. 33 ATSG vom Einreichen einer
vom Versicherten unterzeichneten Vollmacht abhängig gemacht.
2.2 Gemäss Art. 33 ATSG haben Personen, die an der Durchführung sowie der
Kontrolle oder der Beaufsichtigung der Durchführung der Sozialversicherungsgesetze
beteiligt sind, gegenüber Dritten Verschwiegenheit zu bewahren. Art. 50a AHVG (der
gemäss Art. 66a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]
auch im Bereich der Invalidenversicherung anwendbar ist) enthält eine Liste von
Organen bzw. Behörden, denen in Abweichung von Art. 33 ATSG Daten bekannt
gegeben werden dürfen, sofern keine überwiegenden Privatinteressen entgegenstehen;
vormundschaftliche Organe sind in dieser Liste nicht enthalten.
2.3 Nachfolgend ist zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin die Zustellung von Akten an
den Beschwerdeführer ohne Vollmacht des Versicherten zu Recht unter Hinweis auf die
Schweigepflicht bzw. auf Datenschutzgründe abgelehnt hat.
3.
3.1 Gemäss Protokollauszug der Vormundschaftsbehörde B._ vom 30. November
2001 (act. G 5.2b) wurde beim Versicherten eine Beistandschaft nach Art. 394 ZGB,
also eine Beistandschaft auf eigenes Begehren errichtet. Die Beistandschaft auf
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eigenes Begehren ist ein Institut sui generis. Sie begründet die Aufgaben und
Befugnisse des Beistands zu einer auf Dauer angelegten umfassenden Vermögens-
und Personensorge (Ernst Langenegger, Basler Kommentar zum ZGB, Band I, 3. Aufl.,
Art. 3945, N 4; Affolter/Steck/Vogel, Handkommentar zum Schweizer Privatrecht,
Zürich, Basel, Genf 2007, ZGB 394, N 1; Schnyder/Murer, Berner Kommentar, 3. Aufl.,
N 5 ff. zu ZGB 394). Entsprechend umfassend wurde der Aufgabenbereich des
Beschwerdeführers im Protokollauszug der Vormundschaftsbehörde denn auch
umschrieben: Der Beschwerdeführer hat u.a. den Auftrag "dem Verbeiständeten in
allen wichtigen Angelegenheiten beizustehen [und] die Verwaltung der Einkünfte und
des Vermögens dem Verbeiständeten zu besorgen".
3.2 Für den Beistand gelten, soweit keine besonderen Vorschriften aufgestellt sind, die
Bestimmungen über den Vormund (Art. 367 Abs. 3 ZGB). Nach Art. 407 ZGB vertritt
der Vormund den Bevormundeten in allen rechtlichen Angelegenheiten, unter Vorbehalt
der Mitwirkung der vormundschaftlichen Behörde. Anders als bei der Entmündigung
bzw. Vormundschaft findet bei der Beistandschaft kein Entzug der Handlungsfähigkeit
statt. Dies bedeutet, dass in der Angelegenheit, zu deren Erledigung der Beistand
eingesetzt wurde, sowohl der handlungsfähige Verbeiständete als auch der Beistand,
d.h. jeder für sich allein, rechtswirksam handeln können. Der handlungsfähige
Verbeiständete kann deshalb durch eigene Handlungen denjenigen des Beistands
zuvorkommen oder sie durchkreuzen. Umgekehrt muss sich der Verbeiständete die
Handlungen des Beistands, welche er nicht rechtzeitig durchkreuzt hat, anrechnen
lassen. Die Stellung des Beistands entspricht insofern derjenigen eines
rechtsgeschäftlich ernannten Vertreters (Urteil des Bundesgerichts vom 31. August
2006, 5P.79/2006 E. 3.3). Die Vertretungsmacht des Beistands leitet sich aus dem
Gesetz ab und ist nicht vom Willen des Vertretenen abhängig (Urteil des
Bundesgerichts vom 11. Juli 2001, P.48/99 E. 1a). Kraft seines Amts kann der Beistand
für die verbeiständete Person handeln, auch ohne oder gegen deren Willen (Affolter/
Steck/Vogel, a.a.O., ZGB 417, N 2 mit Hinweisen).
3.3 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass der Beschwerdeführer gesetzlich ermächtigt
ist, den Verbeiständeten zu vertreten. Er benötigt keine Vollmacht, leitet er seine
Befugnisse doch direkt aus dem Gesetz bzw. aus dem ihm von der
Vormundschaftsbehörde erteilten Auftrag ab. Der Versicherte als Verbeiständeter kann
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die dem Beschwerdeführer als Beistand zukommende Vertretungsmacht
rechtsgeschäftlich nicht einschränken. Da dem Beschwerdeführer als Beistand
vorliegend eine umfassende Personen- und Vermögenssorge betreffend den
Versicherten zukommt, umfasst seine Vertretungsmacht auch die Einsichtnahme in die
invalidenversicherungsrechtlichen Akten. Der Beschwerdeführer kann diesbezüglich an
Stelle des Versicherten handeln, weshalb er (gleich wie ein gewillkürter Stellvertreter)
nicht als Dritter im Sinn von Art. 33 ATSG zu betrachten ist. Folglich besteht ihm
gegenüber keine Schweigepflicht. Damit hat die Beschwerdegegnerin die
Aktenzustellung an den Beschwerdeführer zu Unrecht vom Einreichen einer Vollmacht
des Versicherten abhängig gemacht. Ohnehin erscheint es aufgrund der Ausführungen
in der Beschwerdeschrift fraglich, ob der Versicherte in Bezug auf
invalidenversicherungsrechtliche Belange als urteilsfähig betrachtet werden kann.
Sollte dem nicht so sein, wäre er gar nicht in der Lage, dem Beschwerdeführer eine
(gültige) Vollmacht zu erteilen. Dieser Frage braucht vorliegend jedoch nicht weiter
nachgegangen zu werden.
4.
4.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit darauf eingetreten
werden kann. Die angefochtene Verfügung ist aufzuheben, und die
Beschwerdegegnerin ist zu verpflichten, dem Beschwerdeführer die den Versicherten
betreffenden Akten zuzustellen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 400.--
erscheint als angemessen.
4.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Diese bemisst sich gemäss Art. 61 lit. g ATSG nach der
Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses. Unter
Berücksichtigung dieser Kriterien erweist sich eine Parteientschädigung von Fr.
2'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
bis
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im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG