Decision ID: 0a993a04-77d6-4f81-83ae-1c03f83995cc
Year: 2005
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ E.H., geboren 1950, wohnte bis Frühjahr 2004 in der Politischen Gemeinde V.. 1983
hatte ihr Ehemann H.H. sie und ihre beiden Kinder Freddy (geboren 1970) und Daniela
(geboren 1976) verlassen. In der Folge richtete die Fürsorgebehörde zwischen 1983
und 1988 Sozialhilfeleistungen an E.H. aus.
Am 22. November 2001 verstarb H.H.. Am 25. März 2002 errichtete das Amtsnotariat
Buchs auf Antrag von E.H. ein öffentliches Inventar über seinen Nachlass. Darin
wurden Aktiven von Fr. 293'622.80 und Passiven von Fr. 130'588.40 ausgewiesen.
Aufgrund des Todes von H.H. wurde E.H. ab 22. November 2001 von der ASPIDA-
Sammelstiftung eine Witwenrente ausbezahlt. Am 24. Oktober 2003 zahlte die
Freizügigkeitsstiftung der UBS AG das Freizügigkeitsguthaben von H.H. im Betrag von
Fr. 90'317.05 an die Tochter Daniela H. aus.
Mit Verfügung vom 16./29. Dezember 2003 verpflichtete die Sozialhilfekommission V.
E.H., die geleistete Sozialhilfe von insgesamt Fr. 65'314.35 (für die Zeit von 1977 bis
1988) zurückzuerstatten. Weiter verfügte sie, es werde eine Strafklage wegen
Leistungsbetrugs erhoben.
Gegen die Verfügung der Sozialhilfekommission erhob E.H. mit Eingaben ihres
Rechtsvertreters vom 12. Januar und 2. Februar 2004 Rekurs, der vom Gemeinderat V.
mit Entscheid vom 20./23. April 2004 abgewiesen wurde, soweit darauf einzutreten
war.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B./ Mit Eingaben ihres Rechtsvertreters vom 10. Mai und 30. Juni 2004 erhob E.H.
Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission und beantragte, der Entscheid des
Gemeinderates V. sei aufzuheben und es sei von einer Verpflichtung zur
Rückerstattung von finanzieller Sozialhilfe abzusehen, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge.
Die Verwaltungsrekurskommission wies den Rekurs mit Entscheid vom 12. Januar
2005 ab. Sie erwog, nach den Uebergangsbestimmungen des neuen
Sozialhilfegesetzes (sGS 381.1, abgekürzt SHG) richte sich die Rückerstattung der
finanziellen Sozialhilfe nach neuem Recht. Die Rückerstattungsforderung der
Politischen Gemeinde V. sei noch nicht verjährt. Es stelle sich die Frage, ob E.H.
gestützt auf Art. 18 und/oder Art. 20 SHG zur Rückerstattung verpflichtet sei. Weiter
hielt sie fest, im Lichte der Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Zuständigkeit
für die Unterstützung Bedürftiger (SR 851.1, abgekürzt ZUG) sei die getrennt lebende
Ehefrau als Unterstützte für die Leistungen, die sie für sich und die minderjährigen
Kinder bezogen habe, rückerstattungspflichtig. Hinsichtlich der einzelnen Arten der
geleisteten Sozialhilfe kam die Verwaltungsrekurskommission zum Schluss, für die an
den Ehemann in den Jahren 1977/78 ausgerichtete Unterstützung von Fr. 200.-- sei die
Rekurrentin rückerstattungspflichtig, da sie aus dem Nachlass ihres Ehemannes mit Fr.
7'283.-- bereichert sei und der Nachlass die Unterstützung bei weitem übersteige.
Dabei sei festzuhalten, dass die Rentenansprüche betreffend den überobligatorischen
Teil der beruflichen Vorsorge und das Freizügigkeitsguthaben nicht in den Nachlass
fallen würden. In den Jahren 1983 bis 1988 habe die Rekurrentin für sich und ihre
beiden Kinder Unterstützung im Umfang von Fr. 65'114.35 erhalten. Für diesen Betrag
sei die Rekurrentin nach Art. 18 SHG rückerstattungspflichtig. Es stelle sich die Frage,
ob die Rückerstattung zumutbar sei. Aufgrund der konkreten persönlichen und
finanziellen Verhältnisse gelangte die Rekurskommission zum Schluss, dass sich die
wirtschaftliche Situation der Rekurrentin durch eine Rückzahlungsverpflichtung
erheblich verschlechtern würde und sie der Gefahr einer erneuten Bedürftigkeit
ausgesetzt wäre. Sie erblickte aber in der Abtretung des Freizügigkeitsguthabens von
Fr. 90'317.05 an die Tochter Daniela ein rechtsmissbräuchliches Verhalten. Gestützt
darauf kam sie zum Schluss, dass die Rekurrentin gestützt auf Art. 18 SHG zur
Rückerstattung der finanziellen Sozialhilfe im Umfang von Fr. 65'114.35 verpflichtet sei.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C./ Mit Eingaben ihres Rechtsvertreters vom 27. Januar und 21. Februar 2005 erhob
E.H. Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem Antrag, der Rekursentscheid vom
12. Januar 2005 sei aufzuheben und es sei von einer Verpflichtung zur Rückerstattung
von finanzieller Sozialhilfe abzusehen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Zur
Begründung wird vorgebracht, die Sozialhilfebehörde habe es unterlassen, ihren
Rückerstattungsanspruch rechtzeitig geltend zu machen und den Ehemann rechtzeitig
zur Rechenschaft zu ziehen. Weiter wird in der Beschwerde geltend gemacht, als
unterstützte und damit rückerstattungspflichtige Person sei ihr verstorbener Ehemann
zu betrachten. Eine allfällige Rückerstattungspflicht der Beschwerdeführerin könne sich
nur auf Art. 20 SHG stützen. Der Anteil der Beschwerdeführerin am Nachlass habe
lediglich Fr. 7'283.-- betragen. Aufgrund des geringen Werts des Nachlasses und der
Tatsache, dass dieser Betrag bereits verbraucht sei, könne nicht mehr von einer
Bereicherung der Beschwerdeführerin aus dem Nachlass gesprochen werden, weshalb
von einer Rückforderung im Sinn von Art. 20 SHG abzusehen sei. Im weiteren werde
bestritten, dass die Uebertragung der Freizügigkeitsleistung auf die Tochter nur erfolgt
sei, um der Rückerstattung finanzieller Sozialhilfe zu entgehen. Die Beschwerdeführerin
sei der Auffassung gewesen, dass sie nicht zur Rückerstattung verpflichtet sei. Ihre
Tochter habe sich mit Kosten für die Ausbildung zur Naturheilkundefachfrau im Betrag
von Fr. 50'000.-- konfrontiert gesehen. Ohne den Betrag aus der Freizügigkeitsstiftung
ihres verstorbenen Vaters wäre es ihr nicht möglich gewesen, diese Ausbildung zu
machen. In dieser Situation seien die Beschwerdeführerin und ihre Kinder
übereingekommen, dass es sachgerecht sei, den Betrag aus der Freizügigkeitsstiftung
der Tochter zukommen zu lassen. Dementsprechend dürfe nicht von einem
rechtsmissbräuchlichen Verhalten der Beschwerdeführerin ausgegangen werden. Auf

die weiteren Vorbringen wird, soweit wesentlich, in den nachstehenden Erwägungen
eingegangen.
Die Vorinstanz schliesst in ihrer Vernehmlassung vom 4. März 2005 auf Abweisung der
Beschwerde.
Auch die Politische Gemeinde V. schliesst in ihrer Vernehmlassung vom 9. März 2005
auf Abweisung der Beschwerde.
Darüber wird in Erwägung gezogen:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1./ Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Die
Beschwerdeführerin ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingaben vom 27. Januar und 21.
Februar 2005 entsprechen zeitlich, formal und inhaltlich den gesetzlichen
Anforderungen (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 und 2
VRP). Auf die Beschwerde ist daher einzutreten.
2./ Art. 18 Abs. 1 SHG bestimmt, dass derjenige, der für sich oder für
Familienangehörige finanzielle Sozialhilfe bezogen hat, diese zurückerstattet, wenn sich
seine finanzielle Lage gebessert hat und die Rückerstattung zumutbar ist. Nach Art. 18
Abs. 2 SHG erstreckt sich die Rückerstattung auf finanzielle Sozialhilfe, welche die
unterstützte Person für sich, für die mit ihr verheiratete Person und ihre unmündigen
Kinder erhalten hat.
Wer für sich während der Unmündigkeit oder bis zum Abschluss einer in dieser Zeit
begonnenen Ausbildung, längstens jedoch bis zur Vollendung des 25. Altersjahres,
finanzielle Sozialhilfe bezogen hat, erstattet diese zurück, soweit er aus Erbschaft
bereichert ist. Art. 19 SHG bestimmt, dass unrechtmässig erworbene finanzielle
Sozialhilfe samt Zins zurückzuerstatten ist. Art. 20 SHG bestimmt, dass Erben die vom
Erblasser bezogene finanzielle Sozialhilfe zurückerstatten, soweit sie aus dem Nachlass
bereichert sind.
a) Die Vorinstanz stützte die Verpflichtung zur Rückerstattung auf Art. 18 Abs. 1 SHG,
während die Beschwerdeführerin dagegen einwendet, es sei ausschliesslich ihr
verstorbener Ehemann, der für die Fürsorgeleistungen, welche seine
Familienangehörigen erhalten hätten, rückerstattungspflichtig sei. Eine allfällige Pflicht
ihrerseits könnte sich nur auf Art. 20 SHG stützen.
Art. 18 SHG bestimmt, dass die Rückerstattungspflicht diejenige Person trifft, die für
sich oder für Familienangehörige finanzielle Sozialhilfe bezogen hat. Die
Rückerstattungspflicht umfasst Leistungen, die die unterstützte Person für sich, für die
mit ihr verheiratete Person und ihre unmündigen Kinder erhalten hat. Nach dem
Wortlaut des Gesetzes bedeutet dies aber nicht, dass bei Verheirateten lediglich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
derjenige Ehegatte rückerstattungspflichtig ist, der familienrechtlich für die
Unterstützung seiner Angehörigen verpflichtet gewesen wäre. Eine solche Verpflichtung
bestünde in jenen Fällen, in denen Ehegatten im gemeinsamen Haushalt leben und
lediglich einer der Ehegatten unterstützt wird, wobei sich die Unterstützung auf ihn
selbst und auf seinen Ehegatten bzw. allfällige Kinder bezieht. Leben wie im
vorliegenden Fall die Eheleute nicht in einer Gemeinschaft und wird daher einer oder
werden beide Ehegatten direkt unterstützt, so schliesst das Gesetz nicht aus, den
unterstützten Ehegatten zur Rückerstattung zu verpflichten, selbst wenn dieser einen
Unterhaltsanspruch gegenüber seinem Gatten gehabt hat. Das Gesetz und die
Verfassung verschaffen jedermann unmittelbar einen Anspruch auf Sozialhilfe. Dieser
Anspruch entfällt nicht, wenn jemand einen familienrechtlichen Anspruch auf Unterhalt
hat.
Art. 56 Abs. 2 SHG bestimmt im übrigen ausdrücklich, dass in bezug auf die
Rückerstattung das neue Recht gilt. Entgegen den Ausführungen in der Beschwerde ist
deshalb für die Beantwortung der Frage, wer im Sinne von Art. 18 SHG als unterstützte
Person gilt, nicht auf das alte Fürsorgegesetz zurückzugreifen. Auch die Bestimmungen
des alten Eherechts sind für die Auslegung von Art. 18 SHG irrelevant. Dasselbe gilt für
die Frage, ob die Fürsorgebehörde im Jahr 1983 den Ehemann oder die Ehefrau als
unterstützungspflichtige Person bzw. unterstützte Person betrachtete. Nicht die
Rechtmässigkeit der während der Geltung des FüG erlassenen
Unterstützungsverfügungen ist im vorliegenden Fall zu überprüfen, sondern die unter
der Geltung des SHG konkretisierte Pflicht zur Rückerstattung bezogener
Sozialhilfeleistungen. Es ist deshalb auch nicht entscheidend, dass das ZUG einen
eigenen Unterstützungswohnsitz für getrennt lebende Ehegatten vorsieht. Dies
unterstreicht lediglich, dass Ehegatten ungeachtet der familienrechtlichen
Unterstützungspflicht einen eigenen Rechtsanspruch auf Sozialhilfe geltend machen
können. Dass die Unterstützung der getrennt lebenden Ehefrau wirtschaftlich auch
dem unterstützungspflichtigen Ehemann zukommt, ändert daran nichts. Im Umfang
seiner familienrechtlichen Unterstützungspflicht wird er durch die direkte Leistung von
Sozialhilfe an die Ehefrau selber rückerstattungspflichtig. Somit trifft es entgegen den
Ausführungen in der Beschwerde nicht zu, dass eine Rückerstattungspflicht der
Beschwerdeführerin nur auf Art. 20 SHG gestützt werden könnte. Vielmehr ist sie auch
im Sinne von Art. 18 SHG als unterstützte Person zu betrachten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
b) Unbestritten ist, dass eine Rückerstattung der Sozialhilfeleistungen von Fr.
65'114.35 aufgrund der gegenwärtigen Einkommens- und Vermögensverhältnisse nicht
zumutbar ist. Diesbezüglich kann auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz
verwiesen werden (Erw. 5, a, aa).
c) Die Vorinstanz verpflichtete die Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 20 SHG zur
Rückerstattung einer direkt dem Ehemann ausgerichteten Barunterstützung von Fr.
200.--. Da die Beschwerdeführerin aus dem Nachlass einen Betrag von Fr. 7'283.--
erhielt, erweist sich der angefochtene Entscheid in diesem Punkt als rechtmässig. In
der Beschwerde werden dagegen denn auch keine konkreten Einwendungen erhoben.
d) aa) Die Vorinstanz qualifizierte das Vorgehen der Beschwerdeführerin, die ihr
zustehende Kapitalleistung von Fr. 90'317.05 aus der Freizügigkeitspolice ihres
Ehemannes an ihre Tochter Daniela zu übertragen, als rechtsmissbräuchlich. Es stehe
fest, dass sich ihr Vermögen ohne diese Abtretung um diesen Betrag erhöht bzw. sich
ihre finanzielle Lage in diesem Umfang verbessert hätte und die Rückerstattung der
geleisteten Sozialhilfe im Umfang von Fr. 65'114.35 angesichts des ihr verbleibenden
Restbetrages durchaus zumutbar gewesen wäre. Auffallend sei, dass die Abtretung an
die Tochter zu einem Zeitpunkt erfolgt sei, da die Beschwerdeführerin gewusst habe,
dass die Sozialhilfekommission V. die Rückerstattung der finanziellen Sozialhilfe
geprüft und den Erlass einer entsprechenden Rückerstattungsverfügung beabsichtigt
habe, ebenso der Umstand, dass die Kapitalauszahlung vollumfänglich an ihre Tochter
gegangen sei, welche seit April 2004 im gleichen Haushalt wie sie wohne. Unter diesen
Umständen sei es objektiv betrachtet stossend, dass sich die Beschwerdeführerin in
Erwartung der Forderung der Sozialhilfebehörde rechtzeitig der ihr zustehenden
Kapitalleistung entäussert habe, um der Rückerstattung zu entgehen. In diesem
Verhalten liege offensichtlich ein Rechtsmissbrauch, und die Beschwerdeführerin sei so
zu behandeln, wie wenn keine Abtretung stattgefunden bzw. die Kapitalleistung an sie
direkt ausgeschüttet worden wäre. Würde anders entschieden, hätte es jeder
Sozialhilfebezüger in der Hand, sich rechtzeitig eines bevorstehenden
Vermögensanfalles zu entäussern, um allfällige Rückerstattungsansprüche zu vereiteln.
Ein solches Vorgehen stehe in krassem Widerspruch zum Gerechtigkeitsgedanken.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bb) Dagegen wendet die Beschwerdeführerin ein, sie sei der Ansicht gewesen, dass sie
keiner Rückerstattungsverpflichtung unterworfen bzw. eine solche Forderung überdies
verjährt sei. Das Vermögen bei der Freizügigkeitsstiftung der UBS sei wie das
Guthaben der zweiten Säule in jenem Zeitpunkt nicht Gegenstand ihrer Ueberlegungen
gewesen und habe dementsprechend keinen Eingang in ihre Stellungnahme vom 24.
Oktober 2003 gefunden. Aufgrund der Auseinandersetzung mit dem Amtsnotariat und
der anschliessenden Korrektur des Nachlasses sei sie in jenem Zeitpunkt davon
überzeugt gewesen, dass das Geld aus der Freizügigkeitsstiftung unter keinem Titel
der Rückerstattung unterworfen sein könnte. Der Zeitpunkt der Ueberweisung habe
sich denn auch nicht aus der Aufforderung zur Stellungnahme ergeben, sondern
vielmehr aus dem Beginn der Ausbildung der Tochter. Diese lasse sich zur
Naturheilkundefachfrau ausbilden. Da es für diese Ausbildung keine staatlich
anerkannten Schulen gebe, sei man den Forderungen der Ausbildungsstätten mehr
oder weniger ausgeliefert und komme nicht darum herum, horrend hohe
Ausbildungskosten zu bezahlen. So habe sich die Tochter mit einer Forderung für
Schulkosten von Fr. 50'000.-- konfrontiert gesehen. Ohne den Betrag aus der
Freizügigkeitsstiftung ihres verstorbenen Vaters sei es ihr nicht möglich gewesen, diese
Ausbildung zu machen. In dieser Situation seien die verbliebenen Mitglieder der Familie
H. übereingekommen, dass es sachgerecht sei, den Betrag aus der
Freizügigkeitsstiftung der Tochter Daniela zukommen zu lassen. Die
Beschwerdeführerin sei im Zeitpunkt der Ueberweisung des Betrags an ihre Tochter
keineswegs in Erwartung einer Rückerstattungsverfügung gewesen. Vielmehr sei sie
aufgrund der Entwicklung des Verfahrens im Zusammenhang mit dem öffentlichen
Nachlassinventar davon ausgegangen, dass keine Rückerstattungsverfügung auf sie
zukommen werde. Aufgrund der Tatsache, dass die Gemeinde ihre
Rückerstattungsforderung im Nachlass geltend machte, habe sie davon ausgehen
können, dass sich dies damit erledigt habe. Dies sei denn auch der Grund gewesen,
dass sie den früheren Aufforderungen zur Stellungnahme nicht nachgekommen sei.
Aus ihrer Sicht habe sich die Angelegenheit mit der Nachlassteilung, in welcher weder
die bei den Stiftungen lagernden Gelder noch die Forderung der Gemeinde V. ene Rolle
spielten, erledigt. Da das Geld der Freizügigkeitsstiftung nicht in den Nachlass gehört
habe, sei sie zu Recht der Ansicht gewesen, dass sie dieses Geld der Tochter
zukommen lassen dürfe.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
cc) Das Verbot des rechtsmissbräuchlichen Verhaltens stützt sich auf Art. 2 ZGB und
Art. 5 Abs. 3 der Bundesverfassung (SR 101). Es kann diesbezüglich auf die
zutreffenden Erwägungen im angefochtenen Entscheid (E. 5 b aa) verwiesen werden.
Fest steht, dass der Beschwerdeführerin aufgrund des Todes ihres Ehemannes ein
Guthaben von Fr. 90'317.05 der Freizügigkeitsstiftung der UBS AG zustand. Die
Stiftung bestätigte, dass aufgrund der gesetzlichen Regelung und ihres Reglements
sowie mangels einer gegenteiligen Anordnung des verstorbenen H.H. die
Beschwerdeführerin als Begünstigte der Kapitalleistung gilt.
Am 6. Oktober 2003 vereinbarten die Beschwerdeführerin, ihre Tochter Daniela H. und
ihr Sohn Freddy H., das Guthaben aus der Freizügigkeitsstiftung im Betrag von Fr.
90'317.05 an Daniela H. zu übertragen. Als Grund für diese Uebertragung wird in der
Beschwerde vorgebracht, Daniela H. lasse sich zur Naturheilkundefachfrau ausbilden.
Für die entsprechenden Behauptungen wird als Beweis eine Zeugenbefragung von
Daniela H. angeboten. Andere Beweismittel wurden nicht beigebracht oder bezeichnet.
Wenn die Darstellung in der Beschwerde zutrifft, dass die Tochter der
Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Auszahlung des Freizügigkeitsguthabens eine
Ausbildung als Naturheilkundefachfrau begann und sich mit einer Forderung für
Schulkosten von Fr. 50'000.-- konfrontiert sah, so wären darüber schriftliche
Unterlagen vorhanden. In der Beschwerde werden auch keine Angaben über die
Ausbildungsstätte gemacht, was eine Ueberprüfung der Sachdarstellung in der
Beschwerde ermöglichen würde. Allein die Bestätigung der Sachdarstellung der
Beschwerdeführerin durch die Tochter vermöchte unter diesen Umständen den
Nachweis, dass mehr als die Hälfte des Guthabens der Freizügigkeitsstiftung für die
Ausbildung der Tochter verwendet wurde, nicht zu erbringen. Bei dieser Sachlage kann
von einer Zeugenbefragung der Tochter abgesehen werden. Es ist davon auszugehen,
dass die Tochter die Darstellung der Beschwerdeführerin bestätigen würde. Ohne
Sachbeweise über den Beginn der Ausbildung ist aber ein Nachweis der geltend
gemachten Verwendung nicht erbracht.
Nicht überzeugend ist im weiteren der Einwand, die Beschwerdeführerin habe im
Zeitpunkt der Vereinbarung mit ihren beiden Kindern nicht damit gerechnet, mit einer
Rückerstattungsforderung konfrontiert zu werden. Hiezu ist festzuhalten, dass es auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die persönlichen Absichten und Motive, die einen Privaten bei einer Handlung leiten,
nicht ankommt, wie die Vorinstanz unter Berufung auf Häfelin/ Müller und Imboden/
Rhinow zutreffend festhielt. Fest steht jedenfalls, dass die Sozialhilfekommission V.
wiederholt, und zwar mit Schreiben vom 22. November 2002, 18. März, 19. August und
26. September 2003 die Beschwerdeführerin darauf hinwies, dass infolge des Todes
ihres Ehemannes und des ihr zustehenden Nachlasses die Frage einer allfälligen
Rückerstattung bezogener finanzieller Sozialhilfe geprüft werde. Obwohl die
Beschwerdeführerin mehrmals aufgefordert wurde, dazu Stellung zu nehmen, nahm sie
erstmals am 24. Oktober 2003 Stellung, mithin nach der Uebertragung des
Freizügigkeitsguthabens auf ihre Tochter bzw. nach der Vereinbarung mit ihren Kindern
über die Verwendung dieses Guthabens. Ihr Einwand, sie habe nicht mit einer
Rückerstattung rechnen müssen, überzeugt nicht. Selbst wenn sie der Ueberzeugung
gewesen wäre, eine Rückerstattungspflicht bestehe nicht und zudem wäre eine
Rückerstattungsforderung verjährt, so hätte sie zumindest damit rechnen müssen, dass
die Beschwerdegegnerin versuchen würde, eine Rückerstattung zu erwirken. Unter
diesen Umständen ging die Vorinstanz zu Recht davon aus, dass sich die
Beschwerdeführerin in Kenntnis eines möglichen Rückforderungsanspruches einer ihr
zustehenden Kapitalleistung entäusserte und damit einen beträchtlichen
Vermögenswert verschenkte und dass sie ohne diese Schenkung über einen
Vermögenswert verfügt hätte, der eine Rückerstattung der bisher bezogenen
finanziellen Sozialhilfe ermöglicht hätte. Die Entäusserung des Vermögenswertes lässt
nach den vorliegenden Akten keine andere Absicht plausibel erscheinen als das Motiv,
einer allfälligen Rückerstattungsforderung unter Berufung auf fehlende
Vermögenswerte bzw. Unzumutbarkeit der Rückerstattung zu begegnen. Die
Vorinstanz hat in diesem Zusammenhang zu Recht festgehalten, dass es im Falle der
Anerkennung der Vermögenslosigkeit im vorliegenden Fall jeder Sozialhilfebezüger in
der Hand hätte, sich rechtzeitig eines bevorstehenden Vermögensanfalles zu
entäussern, um allfällige Rückerstattungsansprüche zu vereiteln. Ein
rechtsmissbräuchliches Verhalten wurde bei dieser Sachlage zu Recht bejaht.
e) Unbegründet sind schliesslich die Einwände, die Sozialhilfebehörde habe es
unterlassen, ihren Rückerstattungsanspruch rechtzeitig geltend zu machen. Namentlich
geht der Einwand fehl, die Beschwerdegegnerin habe es zugelassen, dass sich der
Ehemann beim Einwohneramt ohne Angabe einer neuen Adresse abgemeldet habe.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Aus dem entsprechenden Aktenstück ergibt sich, dass H.H. ohne Angabe einer neuen
Adresse abgemeldet wurde. Solche Abmeldungen erfolgen dann, wenn eine Person
unbekannten Aufenthalts ist. Aus dem Aktenstück kann jedenfalls nicht die
Schlussfolgerung gezogen werden, die Beschwerdegegnerin habe sich einer
Pflichtverletzung schuldig gemacht und H.H. bei der Abmeldung auf dem
Einwohneramt nicht nach dem neuen Wohnort gefragt.
Fehl geht ausserdem der Einwand, die Beschwerdegegnerin habe Abklärungen über
den Wohnort ihres Ehemannes unterlassen, nachdem sie erfahren habe, dass die
Beschwerdeführerin ab Juni 1985 Zahlungen von ihrem Ehemann erhalten habe.
Zutreffend ist, dass die Beschwerdegegnerin keine Angaben macht, wann und unter
welchen Umständen sie davon erfuhr, dass H.H. jahrelang Zahlungen an die
Beschwerdeführerin leistete. Auch steht fest, dass 1986 nur noch Unterstützung für die
Wohnungsmiete geleistet wurde. Ob die Beschwerdeführerin in dieser Zeit erwerbstätig
war, geht aus den Akten nicht hervor. Es ist jedenfalls aufgrund der Akten nicht
ausgewiesen, dass die Beschwerdegegnerin ohne weiteres hätte wissen müssen, dass
die Beschwerdeführerin ihren Lebensunterhalt aus Quellen deckte, die diese der
Sozialhilfebehörde verheimlichte. Solange die Beschwerdeführerin Sozialhilfe bezog,
war sie gesetzlich verpflichtet, diese Zahlungen der Behörde gegenüber offen zu legen.
Hätte sie dies getan, wäre es der Behörde zudem möglich gewesen, den Wohnort von
H.H. festzustellen.
f) Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerde
abzuweisen ist.
3./ Dem Verfahrensausgang entsprechend gehen die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens zulasten der Beschwerdeführerin (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 2'000.-- ist angemessen (Ziff. 382 Gerichtskostentarif, sGS
941.12). Sie ist mit dem geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe zu verrechnen.
Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen (Art. 98bis VRP). Die
Beschwerdeführerin ist unterlegen, und die Beschwerdegegnerin hat keinen Anspruch
auf eine ausseramtliche Entschädigung (R. Hirt, Die Regelung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kosten nach st. gallischem Verwaltungsrechtspflegegesetz, Diss. St. Gallen 2004, S.
175 ff.).