Decision ID: d75001b6-4eff-5de5-8289-78aba7c7c6ca
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Januar 2011 wegen eines Sturzes am 2. März 2010 erstmals
zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung (IV) an (IV-act. 3). Sie gab an, in
ihrem Heimatland acht Jahre die Schule besucht zu haben. Einen Beruf habe sie nicht
erlernt. Sie arbeite in einem Vollzeitpensum als Küchenhilfe. Die Arbeitgeberin der
Versicherten, ein Pflegeheim, teilte am 19. Februar 2011 mit (IV-act. 22), es beschäftige
die Versicherte seit August 1992 als Küchenhilfe. Vor dem Unfall habe das Pensum
100% betragen, seit dem 2. März 2010 sei dieses variabel. Ohne eine gesundheitliche
Beeinträchtigung würde die Versicherte heute Fr. 55'023.15 verdienen.
A.a.
Nach dem Einholen von Akten des Unfall- und des Taggeldversicherers (vgl.
Fremdakten, unter anderem ein bidisziplinäres Gutachten der Z._ vom 28. Oktober
2011) sowie von diversen medizinischen Berichten, namentlich einem Austrittsbericht
der Y._ vom 25. Februar 2011 betreffend einen stationären Aufenthalt vom
11. Januar 2011 bis 8. Februar 2011 (IV-act. 24), wurde die Versicherte am 20. und
22. August 2013 von der Medas Ostschweiz polydisziplinär (internistisch,
rheumatologisch und psychiatrisch) begutachtet. Im Gutachten vom 7. Oktober 2013
gaben die Sachverständigen keine Diagnosen mit Einschränkung der zumutbaren
Arbeitsfähigkeit an. Als Diagnosen ohne wesentliche Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit nannten sie (IV-act. 117-31): Chronisches Schmerzsyndrom gluteal und
linker Oberschenkel lateral seit Sturzereignis 03/2010, multiple klinische und
bildgebende Untersuchungen ohne relevante somatische Befunde, St.n. transanaler
A.b.
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Rektumresektion 04/2009 bei Rektozele, anamnestisch Teilinkontinenz, massive
Adipositas, leichte arterielle Hypertonie, Verdacht auf Analgetika-induzierte
Kopfschmerzen, Anpassungsstörung (längere depressive Reaktion, DSM IV 309.9). Der
psychiatrische Sachverständige Dr. med. X._ führte aus (IV-act. 117-28 f.), die
Versicherte habe nach der Operation im Jahr 2009 mit folgenden Mastdarmstörungen
eine reaktive depressive Episode mit suizidalen Gedanken entwickelt. Diese Episode
sei kurzzeitig gewesen. Nach dem Unfall im März 2010 seien erneut depressive und
ängstliche Symptome aufgetreten. Aus heutiger Sicht scheine es sich um eine
psychische Reaktion auf das Unfallereignis bzw. die Schmerzen zu handeln. Mit der
Zeit habe sich die Symptomatik zu einer rezidivierenden depressiven Störung, die
zeitweise mittelgradig, gegenwärtig eher leichtgradig zu beurteilen sei, entwickelt. Die
depressive Störung, an der die Versicherte leide, sei höchstwahrscheinlich eine
chronische Anpassungsstörung und keine Komorbidität. Aus psychiatrischer Sicht
bestehe eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als
Küchenhilfe. Der internistische/rheumatologische Gutachter Dr. med. B._ erklärte (IV-
act. 117-32 f.), das Schmerzsyndrom bleibe aus somatischer Sicht ätiologisch unklar.
Internistisch und rheumatologisch bestünden keine Schädigungen oder
Funktionsstörungen mit Auswirkungen auf das berufliche Leistungsvermögen. Die
subjektiv beklagten Kontinenzprobleme (Stuhlinkontinenz) könnten belastend sein,
dürften jedoch zu keiner wesentlichen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit führen. Die
Versicherte sei demnach weder somatisch noch psychiatrisch in ihrer Arbeitsfähigkeit
in der angestammten Tätigkeit wesentlich eingeschränkt. Die Beurteilung gelte ab dem
Gutachtenzeitpunkt. Am 18. November 2013 nahmen die Gutachter ergänzend zum
Verlauf der Arbeitsfähigkeit Stellung (IV-act. 120). Sie teilten mit, nach dem Austritt aus
der Y._ am 8. Februar 2011 bis zum Gutachtenzeitpunkt sei (aus psychiatrischer
Sicht) höchstens von einer 50%igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen. Mit einer
Verfügung vom 24. Februar 2014 wies die IV-Stelle das Rentengesuch bei einem
Invaliditätsgrad von 3% ab (IV-act. 140). Die dagegen erhobene Beschwerde hiess das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen am 27. Oktober 2016 dahingehend gut,
dass es die Verfügung vom 24. Februar 2014 aufhob, der Versicherten für die Zeit vom
1. Januar 2012 bis 31. Januar 2014 eine halbe Rente zusprach und die Sache zur
Festsetzung der Rentenhöhe an die IV-Stelle zurückwies (Entscheid vom 27. Oktober
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B.
2016, IV 2014/182, IV-act. 179). Das Bundesgericht wies eine dagegen erhobene
Beschwerde ab (Urteil vom 23. Mai 2017, 9C_808/2016, IV-act. 197).
Bereits am 23. April 2014 hatte die Versicherte eine ärztliche Bestätigung von Dr.
med. C._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 22. April 2014 am Schalter der
IV-Stelle abgegeben (IV-act. 154). Dr. C._ hatte bestätigt, dass die Versicherte seit
Juli 2013 in einer regelmässigen tagesklinischen Behandlung stehe. Aufgrund der
depressiven Symptomatik und der zusätzlichen Notwendigkeit der täglichen
Therapiepräsenz sei die Versicherte seit Juli 2013 vollständig arbeitsunfähig. Am
13. Februar 2015 hatte die Versicherte einen Bericht der W._ vom 14. November
2014 eingereicht (IV-act. 160). Deren Fachärzte hatten mitgeteilt, bei der Versicherten
bestehe seit ca. zwei Monaten eine neu aufgetretene unkontrollierte Urininkontinenz bei
einem schleichenden Beginn. Sie hatten eine Überaktivität des Detrusormuskels sowie
eine Inkontinenz für weichen Stuhl (mit/bei St.n. Stapled transanaler Rektumresektion
04/2009 bei obstruktivem Defäkationssyndrom, Intussuszeption und anteriorer
Rektozele, St.n. Fissur-Débridement und Botoxinjektion 09/2013) diagnostiziert. In der
Zeit von August 2015 bis August 2016 hatte die Versicherte folgende Berichte der
W._ eingereicht: Vom 10. und 11. August 2015, 10. September 2015, 26. Januar
2016, 12. Februar 2016, 6. Juli 2016 und 10. August 2016 (IV-act. 165 ff.). Im Bericht
vom 10. August 2016 (IV-act. 178) hatte ein Facharzt die Diagnosen einer unklaren
Urininkontinenz, einer Dranginkontinenz und Inkontinenz für weichen Stuhl und eines
chronifizierten oligolokulären Schmerszyndroms Chronifizierungsgrad III nach
Gebershagen angegeben.
B.a.
Am 16. November 2016 bat die IV-Stelle die Versicherte (IV-act. 182), die
Wiederanmeldung vom 23. April 2014 noch zu unterzeichnen sowie allfällige weitere
Berichte seit der letzten Untersuchung im W._ einzureichen. Am 22. November 2016
ging die von der Versicherten am 21. November 2016 unterzeichnete ärztliche
Bestätigung von Dr. C._ vom 22. April 2014 ein (IV-act. 186).
B.b.
Am 2. November 2016 berichtete die leitende Ärztin der V._ (IV-act. 187), die
Befunde der Versicherten seien am 28. Oktober 2016 am interdisziplinären Becken-
Board mit Fachärzten der Gynäkologie, Urologie und Neurologie besprochen worden.
B.c.
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Die Befunde seien in ihrer Gesamtheit nicht konklusiv. Am 21. November 2016 wurde
die Versicherte in der U._ untersucht. Deren Fachärzte gaben am 5. Dezember 2016
die folgenden Diagnosen an (IV-act. 208): Unklare Urininkontinenz, Dranginkontinenz
und Inkontinenz für weichen Stuhl, chronifiziertes oligolokuläres Schmerzsyndrom
Chronifizierungsgrad III nach Gebershagen, manifeste Hypothyreose, Vitamin B12-
Mangel. Sie führten aus, die Versicherte beschreibe eine seit längerer Zeit bestehende
Stuhl- und Urininkontinenz, welche bei mehreren Fachdisziplinen abgeklärt worden sei.
Eine Ursache habe bislang nicht gefunden werden können. Klinisch und laborchemisch
ergäben sich weiterhin keine Hinweise auf eine neurologische Ursache der
Inkontinenzsymptomatik. Die beschriebenen Sensibilitätsstörungen liessen sich weder
einem Dermatom noch einem peripheren Nerven sicher zuordnen. Am 20. Dezember
2016 teilten Fachärzte des T._ die Diagnosen einer komplexen
Beckenbodenerkrankung, einer Hypästesie/Hypalgesie, einer Dranginkontinenz und
Inkontinenz für weichen Stuhl, eines chronifizierten oligolokulären Schmerzsyndroms
Chronifizierungsgrad III nach Gebershagen und einer arteriellen Hypertonie mit (IV-
act. 206). Sie gaben an, die Versicherte leide an einer unklaren totalen Inkontinenz mit
einer wechselnden Blasenkapazität; anatomisch sei keine hypokapazitäre Blase
nachweisbar. Die Blase sei deutlich asensiv. Weder die neurologischen noch die
urogynäkologischen Befunde seien kongruent.
Dr. med. D._ vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) notierte am
20. September 2017 nach einer Durchsicht der medizinischen Berichte (IV-act. 209), es
sei plausibel, dass sich der Gesundheitszustand der Versicherten verändert haben und
dass dies einen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit haben könne. Bei der Versicherten sei
im Jahr 2014 neu eine Urininkontinenz aufgetreten. Zur Beurteilung, ob sich der
Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit verändert hätten, seien weitere
Abklärungen nötig.
B.d.
Dr. C._ gab am 6. Oktober 2017 die Diagnosen einer andauernden
Persönlichkeitsänderung im Rahmen der körperlichen und psychischen Erkrankung
(ICD-10 F62.8) und einer rezidivierend depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradige
Episode mit somatischen Symptomen (ICD-10 F33.11), an (IV-act. 217). Er berichtete,
bei der Versicherten bestünden abgesehen von Konzentrationsstörungen unauffällige
mnestische Funktionen. Das formale Denken sei verlangsamt und weitschweifig. Die
B.e.
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Versicherte grüble über die eigene Zukunftslosigkeit, sei im Affekt deprimiert und
intermittierend dysphorisch gereizt. Die affektive Schwingungsfähigkeit und der Elan
vitae seien reduziert. Ein affektiver Rapport sei knapp herstellbar. Der Antrieb sei
vermindert und die Versicherte sei motorisch wenig lebhaft. Mindestens seit dem
Anmeldedatum bestehe eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Dr. med. E._,
Allgemeine Innere Medizin FMH, Praxisvertreter des Hausarztes Dr. med. F._, teilte
am 30. Oktober 2017 mit (IV-act. 229), die Versicherte leide an einer chronischen
Insomnie (seit ca. 2015), einem chronischen Schmerzsyndrom (seit 2010) mit einer
depressiven Verstimmung und Angst, einer arteriellen Hypertonie, einer komplexen
Beckenbodenerkrankung und einer Stuhlinkontinenz. Er attestierte eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit vom 1. April 2013 bis 31. Dezember 2017. Er legte einen Bericht des
S._ vom 12. Oktober 2017 bei (vgl. IV-act. 229-7). Eine Fachärztin hatte im
Zusammenhang mit der in diesem Bericht angegebenen Diagnose einer chronischen
Insomnie Schlafhygienemassnahmen und Entspannungstechniken empfohlen.
Am 22. November 2017 bat die IV-Stelle Dr. C._ (IV-act. 231), sich unter
Berücksichtigung des Berichts der W._ vom 6. Juli 2016 zu der darin erwähnten
möglichen Nebenwirkung von Psychopharmaka hinsichtlich der Urininkontinenz zu
äussern. Dr. C._ teilte am 17. Januar 2018 mit (IV-act. 233), ab Juni 2015 sei eine
schlaffördernde und schmerzdistanzierende antidepressive Behandlung mit
Trimipramin eingeleitet worden, wobei das Nebenwirkungsprofil bei einer bestehenden
Urininkontinenz mitberücksichtigt worden sei. Das Präparat Trimipramin sei bekannt für
antiholinergische Nebenwirkungen inklusive Urinretention, aber nicht für
Harninkontinenz. Trotzdem sei am 22. Dezember 2017 eine Umstellung der
Psychopharmakotherapie auf Trazodon (Trittico) vorgenommen worden, was gemäss
der Sprechstunde vom 12. Januar 2018 zu keiner Verbesserung der Urininkontinenz
geführt habe.
B.f.
Am 6. März 2018/3. April 2018 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit (IV-act. 235,
241), dass eine polydisziplinäre Begutachtung notwendig und dass die ABI
Begutachtungsinstitut GmbH (ABI GmbH) damit beauftragt worden sei. Am 4./5./7. und
11. Juni 2018 wurde die Versicherte polydisziplinär (internistisch, gynäkologisch,
orthopädisch, psychiatrisch, neurologisch, gastroenterologisch und urologisch)
untersucht. Im Gutachten vom 24. Juli 2018 gaben die Sachverständigen folgende
B.g.
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Diagnosen mit einer Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit an: Komplexe
Beckenbodenerkrankung mit einer totalen Belastungsinkontinenz, Dranginkontinenz
und Inkontinenz für weichen Stuhl, Diarrhoe-Symptomatik unklarer Ätiologie. Als
Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannten sie: Chronisches
Schmerzsyndrom gluteal linksbetont und tieflumbal, chronische mediale
Knieschmerzen rechts, leichte depressive Episode (ICD-10 F33.0), Adipositas, arterielle
Hypertonie, Verdacht auf COPD, asymptomatische Cholecystolithiasis, anamnestisch
Hyperthyreose (ausführliche Diagnosen siehe IV-act. 245-9 f.). Der internistische
Sachverständige führte aus (IV-act. 245-38), es bestehe eine medikamentös
behandelte arterielle Hypertonie mit aktuell leicht erhöhten Blutdruckwerten. Zudem
finde sich eine Adipositas, ein chronischer Nikotinabusus, eine asymptomatische
Cholecystolithiasis sowie eine in der Vergangenheit festgestellte Hyperthyreose mit
aktuell einem laborchemischen Nachweis einer manifesten Hypothyreose. Diese
Befunde und Diagnosen könnten behandelt werden und begründeten keine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Die gynäkologische Expertin hielt fest (IV-
act. 245-46 f.), seit dem Jahr 2014 bestehe eine schleichend begonnene
Urininkontinenz mit wechselnden Untersuchungsbefunden im Verlauf. Sämtliche
therapeutische Massnahmen hätten zu keiner Besserung der Beschwerden geführt.
Aus urogynäkologischer Sicht finde sich keine erklärende Diagnose. Auch aus
neurologischer Sicht bestehe keine Erklärung der Inkontinenz. Die Arbeitsfähigkeit in
der angestammten Tätigkeit und in adaptierten Tätigkeiten sei wegen eines erhöhten
Pausenbedarfs zu 10% eingeschränkt. Dies ermögliche es der Versicherten,
regelmässig die Toilette zu besuchen. Bedauerlicherweise sei die bisherige
Psychopharmaka-Therapie trotz einer Empfehlung der Urologen nur eingeschränkt (ein
Medikament) auf ihre Nebenwirkungen hin überprüft worden. Eine körperlich sehr
belastende Tätigkeit sei ausgeschlossen. Der orthopädische Sachverständige erklärte
(IV-act. 245-55 ff.), die Versicherte demonstriere ein ausgeprägtes, keinesfalls
reproduzierbares linksseitiges Hinken. Während der Zehengang beidseits problemlos
gelinge, erfolge beim Fersengang auf beiden Seiten ein Absinken. Beim Treppengehen
werde nicht die subjektiv erheblich beeinträchtigte linke, sondern die rechte Seite
vorangestellt. Die Untersuchung der Wirbelsäule ergebe unter Verspannung eine
erhebliche Bewegungseinschränkung sämtlicher Abschnitte, doch könne der initial
vermehrte Finger-Boden-Abstand später durch eine freie Auslenkung im Langsitz
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relativiert werden. Auch die bei der expliziten Prüfung verminderte Kopfrotation gelinge
unter Ablenkung frei und offenbar schmerzlos. An den oberen und unteren
Extremitäten liege gleichfalls eine freie Beweglichkeit vor. Auf radiologischer Ebene
fehlten relevante Veränderungen an der zervikalen, thorakalen und lumbalen
Wirbelsäule, an den Hüft- und Iliosakralgelenken sowie am rechten Kniegelenk.
Zusammenfassend könne festgestellt werden, dass sich die beklagten, letztlich
unbeeinflussbaren Beschwerden durch die klinischen, radiologischen und infiltrativen
Befunde keinesfalls klar begründen liessen. Nicht auszuschliessen sei eine gewisse
Affektion des linken Iliosakralgelenks, doch sei dafür die anamnestische und klinische
inkonsistente Präsentation keinesfalls typisch. Zu betonen sei aber eine massive
Fehlhaltung im Sinne einer vermehrten Beckenkippung, welche in Zusammenhang mit
der deutlichen Adipositas als sehr ungünstig anzusehen sei. Für körperlich leichte bis
selten mittelschwere Verrichtungen unter Wechselbelastung bestehe eine zeitlich und
leistungsmässig uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit. Der psychiatrische Gutachter legte
dar (IV-act. 245-63 ff.), der affektive Kontakt sei gut herstellbar gewesen. Die Stimmung
sei leicht depressiv mit etwas verminderter Freude bei durchaus erhaltenen Interessen
gewesen. Auch der Antrieb sei erhalten gewesen. Die Versicherte habe
Schlafstörungen in der Nacht und eine erhöhte Ermüdbarkeit am Tag angegeben. Es
hätten negative Zukunftsperspektiven bezüglich der gesundheitlichen und beruflichen
Situation bestanden. Der Selbstwert sei erhalten gewesen. Hinweise auf manifeste
Ängste mit vegetativen Symptomen als Ausdruck der Ängste und Zwänge hätten nicht
bestanden. Die Versicherte sei wach, bewusstseinsklar und allseits orientiert gewesen.
Die Aufmerksamkeit, die Auffassung und das Gedächtnis seien intakt gewesen. Das
Denken sei formal geordnet gewesen und inhaltlich hätten keine Wahnideen,
Halluzinationen und Ich-Störungen bestanden. Eine Zirkadianität sei nicht ausgeprägt
gewesen. Die Versicherte habe als Hauptbeschwerden ausgeweitete Schmerzen am
Bewegungsapparat angegeben. Sie habe auch Probleme mit der Blase und mit dem
Dickdarm angegeben. Diagnostisch bestehe eine leichte depressive Episode,
gekennzeichnet durch depressive Verstimmungen mit einer verminderten Freude, aber
auch durch eine erhöhte Ermüdbarkeit, Schlafstörungen und negative
Zukunftsperspektiven bezüglich der gesundheitlichen und beruflichen Situation. Im
Jahr 2011 sei eine teilstationäre psychiatrische Behandlung erfolgt. Gut möglich sei,
dass die Depression punktuell stärker ausgeprägt gewesen sei. Da im bidisziplinären
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Gutachten (2011) keine depressive Episode (mehr) diagnostiziert worden sei, vom
behandelnden Psychiater aber wieder (2017), sei von einer rezidivierenden depressiven
Störung auszugehen. Die Versicherte habe somatische Probleme angegeben. Sie habe
die Schmerzen relativ genau lokalisiert; dies spreche eher für eine somatische Ursache
der Symptomatik. Eine zusätzliche Schmerzstörung bzw. somatoforme
Schmerzstörung könne nicht diagnostiziert werden. Der behandelnde Psychiater
Dr. C._ habe im Jahr 2017 eine Persönlichkeitsänderung im Rahmen körperlicher und
psychischer Krankheit diagnostiziert und eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig mittelgradig mit somatischem Syndrom, angegeben. Die depressive
Episode sei aber leicht ausgeprägt, wie oben dargelegt worden sei. Vielleicht sei die
depressive Episode auch deutlicher ausgeprägt gewesen, nicht aber gemittelt über den
Verlauf. In der R._ und in der Y._ sei 2011 eine mittelgradig depressive Episode
angegeben worden. Eine depressive Episode könne behandelt werden, wenn auch eine
Heilung nicht immer möglich sei. Die Diagnose einer Persönlichkeitsänderung könne
nicht bestätigt werden. Dafür müssten deutlich schwere und mit entsprechenden
somatischen Befunden objektivierbare Schmerzen vorliegen, zum Beispiel im Rahmen
eines lange dauernden Tumorleidens, oder es müsste eine deutlich schwere
psychische Störung bestehen, was bei einer leichten oder mittelgradigen depressiven
Episode im Rahmen einer rezidivierend depressiven Störung nicht der Fall sei. Auch
fehle die entsprechende Symptomatik, für die auch eine Entfremdung gefordert werde.
Die Versicherte sei im Untersuchungsgespräch vielmehr sehr gut zugänglich und
affektiv gut spürbar gewesen. Im Gutachten der Medas Ostschweiz 2013 sei auch
keine Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gestellt worden. Gut möglich sei,
dass damals keine depressive Episode mehr vorgelegen habe, sondern lediglich noch
eine Anpassungsstörung im Rahmen der rezidivierenden depressiven Störung habe
diagnostiziert werden können. Die Versicherte verfüge über Ressourcen bezüglich
angelernter Arbeiten mit Berufserfahrung. Sie habe eine Familie mit zwei Kindern
gegründet und könne leichtere Haushaltsarbeiten selber erledigen. Sie könne sogar
kochen. Sie beschäftige sich auch gerne mit Zeichnen, Stricken und Häkeln. Die
Arbeitsfähigkeit sei nicht eingeschränkt. Von einer vollständigen Arbeitsfähigkeit könne
mit Sicherheit seit mindestens der aktuellen Untersuchung ausgegangen werden. Auch
im Verlauf könne aber keine langanhaltende Arbeitsunfähigkeit begründet werden. Der
neurologische Sachverständige hielt fest (IV-act. 245-71 f.), die Versicherte klage seit
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einem Sturz im Jahr 2010 über Gefühlsstörungen und Schmerzen in der linken Hüfte,
zum Teil auch in den Rücken und das Bein ausstrahlend. In den Vordergrund ihrer
Beschwerden stelle sie allerdings eine Harninkontinenz. Diesbezüglich seien mehrfache
Abklärungen erfolgt. Eine schlüssige Ursache dafür habe sich nicht ergeben,
insbesondere sei neurologischerseits eine neurale Läsion ausgeschlossen worden. Das
neurologische Gebiet werde von einer jetzt angegebenen, nicht näher untersuchten
Sensibilitätsstörung im Schritt, welche seit zwei Monaten bestehe, mittangiert. Die
Anamnese sei aber unklar geblieben. Insgesamt sei die Anamneseerhebung sehr
schwierig gewesen. Die Schilderungen seien diffus geblieben und er habe den
Eindruck gewonnen, die Vorgeschichte sei nur sehr begrenzt mitgeteilt worden. Die
neurologische Untersuchung sei in objektiver Hinsicht regelrecht ausgefallen. Eine
wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestehe nicht. Die motorischen,
sensorischen und kognitiven Funktionen seien erhalten. Der gastroenterologische
Experte erklärte (IV-act. 245-76 f.), seit einer Operation wegen einer
Defäkationsproblematik sei die Versicherte im Gegenteil nun dranginkontinent, vor
allem bei weichem Stuhl. Die Inkontinenz sei durch die verminderte Stuhlkontinenz
(richtig wohl: Stuhlkonsistenz) verstärkt. Deren Ätiologie sei unklar. Bisherige Versuche,
die Inkontinenz zu behandeln, seien fehlgeschlagen; die Möglichkeiten schienen
ausgeschöpft. Hingegen scheine es, dass die Verminderung der Stuhlkonsistenz selbst
nicht vollständig abgeklärt worden sei. Erst seit kurzem werde diese symptomatisch
behandelt, was bisher keinen Einfluss auf die Inkontinenzsymptomatik gehabt habe.
Eine Arbeit in der Küche sei aus hygienischen Gründen nicht geeignet. Die aktuelle
Situation bestehe seit dem Jahr 2009. Die Versicherte sollte eine Arbeit ausüben
können, welche keinen erhöhten Pressdruck im Abdomen verursache, zum Beispiel
beim Tragen von Lasten. Sie müsse ihre Arbeit jederzeit unterbrechen können, um eine
Toilette aufzusuchen und sie müsse die Möglichkeit haben, Pausen einzulegen, wenn
sie sich reinigen müsse. Bei einer Präsenz von acht Stunden bestehe in einer
adaptierten Tätigkeit eine Arbeitsunfähigkeit von 20%. Die aktuelle Situation bestehe
seit mindestens fünf Jahren. Der urologische Gutachter führte aus (IV-act. 245-82 f.),
bei der Versicherten bestünden seit Ende 2009 im Rahmen der Stuhlentleerung auch
zunehmende Miktionsbeschwerden. Diese seien seit August 2014 deutlich zunehmend
und resultierten aktuell in einer kompletten Inkontinenzproblematik. Sämtliche
therapeutischen Massnahmen hätten keinerlei Verbesserung gebracht. Die
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Inkontinenzproblematik habe zu einem sozialen Regress geführt und sei für die
Versicherte sehr belastend. Insgesamt bestehe die Notwendigkeit, dass am
Arbeitsplatz eine Toilette unmittelbar erreichbar sei. Die Versicherte müsse die
Möglichkeit haben, mehrfach am Tag, sicherlich fünfmal, die Einlagen zu wechseln. Bei
einer Präsenz von acht Stunden am Tag bestehe in der angestammten Tätigkeit und in
adaptierten Tätigkeiten eine 90%ige Arbeitsfähigkeit. In der Konsensbeurteilung gaben
die Gutachter an (IV-act. 245-12 f.), die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Küchenhilfe sei
der Versicherten aus hygienischen Gründen wegen der Inkontinenz sicher seit
Dezember 2016 nicht mehr zumutbar. In einer adaptierten Tätigkeit bestehe bei einer
Präsenz von acht Stunden am Tag eine verminderte Leistung von 20% aufgrund
regelmässiger Toilettengänge. Von dieser Arbeits- und Leistungsfähigkeit könne sicher
seit Dezember 2016 ausgegangen werden. Vorangehend könne auf die Annahmen im
Gerichtsurteil vom Oktober 2016 abgestützt werden. Die in den Teilgutachten
aufgeführten Arbeitsunfähigkeiten könnten in der Summe nicht addiert werden, da für
die verschiedenen geringen Einschränkungen die gleichen Ruhephasen und dieselben
Pausen in Anspruch genommen werden könnten. Als Adaptionskriterien nannten die
Gutachter: Keine Arbeiten in der Küche und keine Tätigkeiten, welche einen erhöhten
Pressdruck im Abdomen verursachen würden, zum Beispiel beim Tragen von Lasten.
Die Versicherte sollte jederzeit die Möglichkeit haben, die Arbeit zu unterbrechen, um
eine Toilette aufzusuchen. Ausserdem sollte sie die Möglichkeit haben, zur Reinigung
Pausen einzulegen. Das berufsbedingte Führen eines Fahrzeuges sei nicht möglich.
Der RAD-Arzt Dr. D._ notierte am 13. August 2018 (IV-act. 246), das Gutachten
sei umfassend und schlüssig. Darauf könne abgestellt werden.
B.h.
Mit einem Vorbescheid vom 14. August 2018 stellte die IV-Stelle die Abweisung
des Begehrens um eine Invalidenrente in Aussicht (IV-act. 249). Zur Begründung gab
sie an, die medizinischen Abklärungen hätten ergeben, dass die Versicherte in der
angestammten Tätigkeit als Küchenhilfe in der Arbeitsfähigkeit vollständig
eingeschränkt sei. Es wäre der Versicherten möglich, in dieser Tätigkeit ein
Jahreseinkommen von Fr. 56'523.-- (aufgerechnet auf das Jahr 2015) zu erzielen. Für
leidensadaptierte Tätigkeiten bestehe eine 80%ige Arbeitsfähigkeit. Dabei wäre es der
Versicherten möglich, ein Jahreseinkommen von Fr. 43'244.-- zu erzielen. Sie (die IV-
Stelle) stütze sich hierbei auf den durchschnittlichen Lohn einer Hilfsarbeiterin gemäss
B.i.
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der Lohnstrukturerhebung des Bundesamts für Statistik. Der Invaliditätsgrad betrage
damit 23%. Die Versicherte erhob dagegen am 15. November 2018 einen Einwand (IV-
act. 260). Sie machte im Wesentlichen geltend, die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit sei
nicht korrekt "interpretiert" worden. Sie leide an einer schweren Urin- und
Stuhlganginkontinenz, darüber hinaus an einem chronifizierten Schmerzsyndrom. Als
Folge davon müsse sie mit weiteren Problemen zurechtkommen. So müsse sie immer
wieder kurz erbrechen und habe mit einem anhaltenden und unzumutbaren
Körpergeruch zu kämpfen. Die damit verbundenen und anhaltenden psychischen
Folgen seien seit Jahren vorhanden, würden jedoch immer wieder ignoriert. Der Bericht
von Dr. C._ sei ebenfalls nicht berücksichtigt worden. Aus urologischer und
psychiatrischer Sicht sei sie seit Jahren arbeitsunfähig. Das Invalideneinkommen
betrage Fr. 0.--. Selbst wenn ein Einkommen, welches nach einem "Leidensabzug" von
25% höchstens Fr. 14'322.-- betrage, berücksichtigt werde, resultiere ein
Invaliditätsgrad von 74%. Der "Leidensabzug" begründe sich durch die Tatsache, dass
sie aufgrund der Schmerzen, der Urin- und Stuhlganginkontinenz sowie der
psychischen Leiden nie das durchschnittliche Einkommen erzielen könne. Die
Versicherte reichte Berichte der W._ vom 26. September 2018 und von Dr. med.
G._, Facharzt Chirurgie FMH, vom 16. Oktober 2018 ein. Eine Fachärztin der W._
hatte mitgeteilt (IV-act. 261), im April bzw. Mai 2018 sei eine Pessaranpassung
durchgeführt worden. Auch diese habe keinerlei Wirkung auf die einschränkende
Inkontinenz gezeigt. Sie überwies die Versicherte zur Beurteilung und gegebenenfalls
Therapieeinleitung an die Q._. Dr. G._ hatte die Diagnosen einer Stuhlinkontinenz
3°, einer Harninkontinenz 3° und von chronischen Schmerzen Hüfte und LWS Z.n.
Unfall 2010 angegeben und mitgeteilt (IV-act. 261-4), die Proktoskopie/Rekto habe bei
einem St.n. Hämorrhoiden OP einen partiellen Mukosaprolaps bei ca. 11-3°° SSL
gezeigt. Ein Tumor habe nicht bestanden. Der Sphinkter habe sich mit einer
erniedrigten Ruhe und Aktionstonus/Kraft gezeigt.
Die IV-Stelle bat am 16. Januar 2019 die Gutachter der ABI GmbH, zum Einwand
der Versicherten Stellung zu nehmen (IV-act. 263). Diese teilten am 24. Januar 2019 mit
(IV-act. 264), beim Bericht der W._ handle es sich um ein Überweisungsschreiben an
die Q._. Neue Befunde, Erkenntnisse oder Aussagen seien dem Schreiben nicht zu
entnehmen. Der Anmerkung der Versicherten, dass der psychischen Einschränkung zu
B.j.
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C.
wenig Rechnung getragen worden sei, sei entgegenzuhalten, dass eine funktionelle
Überlagerung des Geschehens auf der Hand liege. Unbesehen davon hätten sie den
funktionellen Einschränkungen, welche durch die Inkontinenz resultierten, Genüge
getan, ob diese nun eher somatisch oder nur psychiatrisch erklärbar seien. Hinsichtlich
der Arbeitsfähigkeit würde sich folglich nichts ändern, wenn die funktionelle bzw. eine
dysfunktionelle oder eine dissoziative Komponente in den Vordergrund gerückt würde;
es wären die gleichen Vorgaben hinsichtlich der Erreichbarkeit der Toilette zu
formulieren, wie dies aus somatischer Sicht getan worden sei. Die IV-Stelle stellte der
Versicherten am 4. Februar 2019 die gutachterliche Stellungnahme im Rahmen einer
zweiten Anhörung zu (IV-act. 265). Die Versicherte liess sich nicht vernehmen.
Mit einer Verfügung vom 5. März 2019 wies die IV-Stelle das Begehren um eine
Invalidenrente bei einem Invaliditätsgrad von 23% ab (IV-act. 266). Zum Einwand hielt
sie fest, dieser sei der ABI GmbH zur Stellungnahme unterbreitet worden. Die
gutachterliche Stellungnahme sei der Versicherten zugestellt worden. Es werde nicht
nochmals darauf eingegangen. Somit sei am Entscheid festzuhalten.
B.k.
Die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin) erhob am 5. April 2019
(Postaufgabe: 6. April 2019) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 5. März 2019
(act. G 1). Sie beantragte die "Annullierung" der angefochtenen Verfügung und die
Zusprache einer Invalidenrente. Ausserdem beantragte sie die Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung. Die Begründung entsprach
im Wesentlichen dem Einwand zum Vorbescheid. Ergänzend reichte sie einen Bericht
der Q._ vom 7. Februar 2019 betreffend eine neuro-urologische Untersuchung vom
31. Januar 2019 ein (act. G 1.1.6). Fachärzte hatten die folgenden Diagnosen mitgeteilt:
Harnblasenfunktionsstörung unklarer Ätiologie (DD neurogen), Darmfunktionsstörung
unklarer Ätiologie, chronifiziertes Schmerzsyndrom nach Sturz auf Becken 2013 (recte:
2010) mit einer psycho-somatischen Komponente, Anpassungsstörung (Angst und
Depression gemischt) und Verdacht auf posttraumatische Belastungssituation
(Hospitalisation in der P._ seit 12/2018 wegen einer akuten psychiatrischen
Dekompensation mit Suizidalität), arterielle Hypertonie. Sie hatten berichtet, die
Bildgebung sowie die neurophysiologische Untersuchung hätten eine neurologische
C.a.
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Pathologie nicht objektivieren können, so dass die Ursache für die Harnblasen- und
Darmfunktionsstörung unklar bleibe.
Die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am 22. Mai 2019 die
Abweisung der Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie an, das
polydisziplinäre Gutachten der ABI GmbH vom 24. Juli 2018 erfülle zusammen mit der
Stellungnahme vom 24. Januar 2019 zweifellos die Voraussetzungen an eine
beweisfähige medizinische Entscheidgrundlage. Der psychiatrische Sachverständige
habe sich mit den Einschätzungen der behandelnden psychiatrischen Fachärzte
auseinandergesetzt und seine eigene Einschätzung ausführlich begründet.
Beschwerdeweise werde nichts vorgebracht, was gegen die Zuverlässigkeit des
Gutachtens sprechen würde. Ein "Leidensabzug" sei nicht vorzunehmen, da die dafür
geltend gemachten Gründe von den Gutachtern bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung
bereits berücksichtigt worden seien.
C.b.
Der verfahrensleitende Richter des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen
bewilligte am 14. Juni 2019 das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von
den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung) für das
Beschwerdeverfahren (act. G 6).
C.c.
Die Beschwerdeführerin verzichtete auf eine Replik (vgl. act. G 8).C.d.
Am 18. Januar 2021 bat das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen die
Beschwerdegegnerin, bei der P._ einen Austrittsbericht betreffend die Hospitalisation
seit 12/2018 einzuholen (act. G 9). Am 19. Februar 2021 reichte die
Beschwerdegegnerin einen Austrittsbericht der P._ vom 12. März 2019 ein (act. G 10,
10.1). Fachärzte hatten berichtet, die Beschwerdeführerin sei vom 15. November 2018
bis 28. Februar 2019 hospitalisiert gewesen. Sie hatten die Diagnosen einer
rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische
Symptome (ICD-10 F33.2), einer andauernden Persönlichkeitsänderung bei einem
chronischen Schmerzsyndrom (ICD-10 F62.80), einer chronischen Schmerzstörung mit
somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41) sowie einer Stuhl- und einer
nicht näher bezeichneten Harninkontinenz angegeben.
C.e.
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Erwägungen
1.
Die Beschwerdeführerin machte am 3. März 2021 geltend (act. G 12), der Bericht
der P._ belege alle ihre vorgängigen Eingaben. Die bereits erwähnten Beschwerden
hätten sich verschlechtert. Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 11. März 2021 auf
eine Stellungnahme (act. G 14).
C.f.
Die Beschwerdeführerin hat der Beschwerdegegnerin ab April 2014 bis August
2016, also während des beim Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen laufenden
Beschwerdeverfahrens betreffend die Anfechtung der rentenabweisenden Verfügung
vom 24. Februar 2014, routinemässig und unaufgefordert mehrere Arztberichte
eingereicht. Eine Begründung für das Einreichen dieser Unterlagen ist den Akten nicht
zu entnehmen. Der Beschwerdeführerin kann es aber nur darum gegangen sein, dass
die Beschwerdegegnerin den Rentenanspruch erneut prüfen solle, insbesondere für
den Fall, dass das Versicherungsgericht die Beschwerde gegen die Verfügung vom
24. April 2014 abweisen sollte. Die Beschwerdegegnerin hat die am 23. April 2014
eingereichte Bestätigung von Dr. C._ vom 22. April 2014 daher zu Recht als
(formlose) Neuanmeldung qualifiziert (vgl. das Schreiben der Beschwerdegegnerin an
die Beschwerdeführerin vom 16. November 2016, IV-act. 182).
1.1.
Zu prüfen ist alsdann, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht auf die (formlose)
Neuanmeldung eingetreten ist. Gemäss Art. 87 Abs. 2 und 3 der Verordnung über die
Invalidenversicherung (IVV, SR 831.201) wird eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn
darin glaubhaft gemacht wird, dass sich der Grad der Invalidität in einer für den
Anspruch erheblichen Weise geändert hat. Dr. C._ hat in der Bestätigung vom
22. April 2014 weder neue psychiatrische Befunde noch eine neue Diagnose
angegeben; Dr. X._ von der Medas Ostschweiz hatte nämlich anlässlich der
Begutachtung im August 2013 bereits eine depressive Symptomatik festgestellt. Die
Angabe von Dr. C._, dass die Beschwerdeführerin seit Juli 2013 in einer
regelmässigen tagesklinischen Behandlung gestanden sei, vermag keine
Verschlechterung des Gesundheitszustands glaubhaft zu machen, da die Tatsache
einer tagesklinischen Behandlung allein keinen Rückschluss auf einen verschlechterten
psychischen Gesundheitszustand zulässt. Eine relevante Sachverhaltsveränderung ist
damit nicht glaubhaft gemacht worden. Die Beschwerdegegnerin ist damit zu Unrecht
auf die (formlose) Neuanmeldung vom 23. April 2014 eingetreten. Am 13. Februar 2015
hat die Beschwerdeführerin einen Bericht der Klinik für W._ vom 14. November 2014
1.2.
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2.
Die Beschwerdegegnerin hat mit der angefochtenen Verfügung vom 5. März 2019
einen Rentenanspruch der Beschwerdeführerin bei einem Invaliditätsgrad von 23%
verneint. Strittig ist somit, ob die Beschwerdeführerin einen Anspruch auf eine
Invalidenrente hat.
3.
eingereicht. Das ist – gleich wie die am 23. April 2014 eingereichte Bestätigung von
Dr. C._ – als (formlose) Neuanmeldung zu qualifizieren, da es der Beschwerdeführerin
mit dem routinemässigen Einreichen von Arztberichten bei der Beschwerdegegnerin
nur darum gegangen sein kann, letztere dazu bringen, den Anspruch auf eine
Invalidenrente erneut zu prüfen (vgl. E. 1.1). Fachärzte haben im Bericht vom 14.
November 2014 angegeben, die Beschwerdeführerin leide seit ca. zwei Monaten an
einer neu aufgetretenen unkontrollierten Urininkontinenz bei einem schleichenden
Beginn. Im Gutachten der Medas Ostschweiz vom 7. Oktober 2013, das der
rentenabweisenden Verfügung vom 24. Februar 2014 zugrunde gelegen hat und das
vom Versicherungsgericht als beweiskräftig qualifiziert worden ist, ist die
Urininkontinenz nicht erwähnt worden. Damit hat die Möglichkeit bestanden, dass sich
der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin nach dem 24. Februar 2014
verschlechtert haben könnte. Die Beschwerdeführerin hat also mit diesem Bericht eine
relevante Sachverhaltsveränderung glaubhaft gemacht. Auf die zweite (formlose)
Neuanmeldung vom 13. Februar 2015 ist die Beschwerdegegnerin somit zu Recht
eingetreten. Der Zeitpunkt des frühest möglichen Rentenbeginns ist der 1. August 2015
gewesen (vgl. Art. 29 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG,
SR 831.20).
Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40% invalid sind (Art. 28 Abs. 1 IVG). Invalidität ist die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG, SR 830.1). Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
3.1.
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4.
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist die Invalidität grundsätzlich
durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das Erwerbseinkommen,
das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares
Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte,
wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
3.2.
Um das zumutbare Invalideneinkommen ermitteln zu können, muss der
verbliebene Arbeitsfähigkeitsgrad der Beschwerdeführerin mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststehen. Massgebend zur Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin sind das von der Beschwerdegegnerin bei der
ABI GmbH in Auftrag gegebene polydisziplinäre (internistisch, gynäkologisch,
orthopädisch, psychiatrisch, neurologisch, gastroenterologisch und urologisch)
Gutachten vom 24. Juli 2018 sowie die im Nachgang dazu erstellten Berichte der
W._ vom 26. September 2018, von Dr. G._ vom 16. Oktober 2018, der Q._ vom
7. Februar 2019 und der P._ vom 12. März 2019. Strittig und im Folgenden zu prüfen
ist, ob dem Gutachten voller Beweiswert zukommt, das heisst, ob es die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung
mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegt.
4.1.
Ein Gutachten hat vollen Beweiswert, wenn es für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen
Situation einleuchtet und die Schlussfolgerungen der Experten begründet sind (BGE
125 V 352 E. 3a). Notwendig ist zudem, dass der psychiatrische Gutachter die vom
Bundesgericht in Bezug auf anhaltende somatoforme Schmerzstörungen und
vergleichbare psychosomatische Leiden geschaffenen und später auf alle psychischen
Erkrankungen, insbesondere auf leichte bis mittelschwere depressive Störungen,
anwendbar erklärten Standardindikatoren berücksichtigt hat (vgl. BGE 141 V 281; 143
V 409 und 143 V 418).
4.2.
Im Vordergrund der gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin
stehen die Stuhl- und die Urininkontinenz unklarer Ätiologie. Sowohl die
4.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/24
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gynäkologische Gutachterin als auch der urologische Sachverständige der ABI GmbH
haben übereinstimmend mit den Berichten der behandelnden Fachärzte eine komplexe
Beckenbodenerkrankung mit einer totalen Belastungsinkontinenz diagnostiziert. Sie
haben dieser Diagnose eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zugemessen und
angegeben, aufgrund eines erhöhten Pausenbedarfs für das regelmässige Aufsuchen
einer Toilette (zum Wechseln der Einlagen, sicherlich fünfmal am Tag) bestehe eine
10%ige Arbeitsunfähigkeit. Der gastroenterologische Gutachter hat – ebenfalls
übereinstimmend mit den behandelnden Fachärzten – eine Dranginkontinenz und
Inkontinenz für weichen Stuhl und eine Diarrhoe-Symptomatik unklarer Ätiologie
diagnostiziert. Die bisherige Tätigkeit in der Küche hat er aus hygienischen Gründen als
ungeeignet qualifiziert. In adaptierten Tätigkeiten hat er eine 20%ige Arbeitsunfähigkeit
attestiert und diese mit der Notwendigkeit des jederzeitigen Aufsuchens einer Toilette
und des Einlegens von Pausen zur Körperreinigung begründet. Diese
Arbeitsunfähigkeitsschätzung scheint bei Inkontinenzen von bis zweimal pro Tag bzw.
bei Zeitdruck von mehr als zweimal pro Tag (vgl. IV-act. 245-75) eher grosszügig
bemessen zu sein. Im Bericht der W._ vom 26. September 2018 sind im Vergleich zu
den früheren Berichten der behandelnden Ärzte sowie zum Gutachten keine neuen
Diagnosen angegeben worden. Eine Fachärztin hat in diesem Bericht über eine
erfolglose Behandlung mittels einer Pessaranpassung im April bzw. Mai 2018 berichtet
und die Beschwerdeführerin zur weiteren Abklärung an die Q._ überwiesen. Neue
Befunde sind darin nicht enthalten. Die gynäkologische Gutachterin hat von dieser
Behandlung und den entsprechenden Berichten Kenntnis gehabt (vgl. die
Aktenanamnese im gynäkologischen Teilgutachten, IV-act. 245-43). Die Berichte über
diese Behandlung im April/Mai 2018 liegen nicht bei den Akten. Dieser Umstand
vermag den Beweiswert des Gutachtens aber nicht zu schmälern, da die
gynäkologische Gutachterin von diesen Berichten offenkundig Kenntnis gehabt hat und
da sich aus dem Bericht vom 26. September 2018 keine Änderung des
Gesundheitszustands ergibt. Aus dem Bericht der Q._ vom 7. Februar 2019 ergeben
sich in Bezug auf die Stuhl- und Urininkontinenzbeschwerden ebenfalls keine
Veränderungen. Die Fachärzte haben nämlich weitere Untersuchungen durchgeführt
und angegeben, die Ursache für die Harnblasen- und Darmfunktionsstörung bleibe
unklar. Dr. G._ hat die Beschwerdeführerin wegen der Stuhlinkontinenzbeschwerden
untersucht. Weder der RAD noch die Gutachter der ABI GmbH haben zum Bericht von
Dr. G._ vom 16. Oktober 2018 Stellung genommen (vgl. IV-act. 262, 264). Aus der
Anamneseerhebung ergibt sich jedoch keine Verschlechterung der Beschwerden; die
Beschwerdeführerin hat nämlich angegeben, an einer Inkontinenz bei einem breiigen,
eher weichen Stuhl zu leiden. Überwiegend wahrscheinlich hat sich also in Bezug auf
die Stuhlinkontinenz im Vergleich zum Zeitpunkt der Begutachtung keine Veränderung
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 19/24
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ergeben. Die Beurteilungen der gynäkologischen Gutachterin, des urologischen und
des gastroenterologischen Sachverständigen überzeugen. Der internistische Gutachter
hat keine Diagnose mit einer Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit stellen können. Er hat
überzeugend erklärt, dass die arterielle Hypertonie, die Adipositas, der chronische
Nikotinabusus, die asymptomatische Cholecystolithiasis und die anamnestische
Hyperthyreose behandelt werden könnten und keine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit begründeten. Zu der von Dr. E._ und einer Fachärztin des S._
angegebenen Diagnose einer chronischen Insomnie hat sich der internistische
Sachverständige nicht geäussert, obwohl die Beschwerdeführerin auf die
Schlafstörung hingewiesen hatte (IV-act. 243-34). Da die Fachärztin des S._ zur
Behandlung der Schlafstörung Schlafhygienemassnahmen und
Entspannungstechniken empfohlen hat, ist davon auszugehen, dass die Schlafstörung
ohne weiteres behandelbar ist. Sie hat daher mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten. Der orthopädische
Experte hat ebenfalls keine Diagnose mit einer Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
gestellt. Er hat dargelegt, dass die beklagten Beschwerden an der linken Hüfte, an der
Wirbelsäule und am rechten Knie durch die klinischen, radiologischen und infiltrativen
Befunde nicht klar begründet werden könnten; eine gewisse Affektion des linken
Iliosakralgelenks könne nicht ausgeschlossen werden, doch sei die anamnestische und
klinische inkonsistente Präsentation nicht typisch dafür. Er hat jedoch betont, dass eine
massive Fehlhaltung im Sinne einer vermehrten Beckenkippung bestehe, welche in
Zusammenhang mit der Adipositas als ungünstig anzusehen sei. Er hat als Diagnosen
ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit ein chronisches Schmerzsyndrom gluteal
linksbetont und tieflumbal sowie chronische mediale Knieschmerzen rechts
angegeben. Den Beschwerden hat er Rechnung getragen, indem er als
Belastungsprofil für eine adaptierte Tätigkeit eine körperlich leichte bis selten
mittelschwere, wechselbelastende Tätigkeit formuliert hat. Unter Beachtung dieser
Adaptionskriterien hat er überzeugend eine vollständige Arbeitsfähigkeit attestiert. Zu
berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang, dass bereits im (beweiskräftigen)
Gutachten der Medas Ostschweiz vom 7. Oktober 2013 (IV-act. 117) festgestellt
worden ist, dass das Schmerzsyndrom ätiologisch unklar geblieben sei. Der
rheumatologische Gutachter hat damals ebenfalls keine Diagnose mit einer Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit stellen können. Die Beschwerdeführerin hat vorgebracht, im
Bericht der Q._ vom 7. Februar 2019 sei angegeben worden, dass sie nur mit
Gehstöcken laufen könne. Soweit sie damit geltend machen möchte, dass ihre
Beschwerden nicht ausreichend berücksichtigt worden seien, ist festzuhalten, dass die
Beschwerdeführerin auch in der Untersuchung durch den orthopädischen
Sachverständigen Stöcke benutzt hat (IV-act. 245-51). Das Argument der
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Beschwerdeführerin ist damit nicht stichhaltig. Der neurologische Gutachter der ABI
GmbH hat auch keine Diagnose mit einer Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit stellen
können. Er hat dargelegt, dass die neurologische Untersuchung aus objektiver Sicht
regelrecht ausgefallen sei und dass die Beschwerden mit den Untersuchungsbefunden
nicht konsistent gewesen seien. Auch diese Einschätzung überzeugt. Die
Beschwerdeführerin hat geltend gemacht, sie müsse immer wieder kurz erbrechen und
habe mit einem anhaltenden und unzumutbaren Körpergeruch zu kämpfen. Gegenüber
dem internistischen Gutachter hat sie angegeben, dass sie an Erbrechen leide (IV-
act. 245-34). Sofern sie damit geltend machen möchte, dass sie stärker in ihrer
Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sei als im Gutachten der ABI GmbH angegeben, ist
festzuhalten, dass es sich dabei um eine rein subjektive Angabe der
Beschwerdeführerin handelt. Auch der behauptete unzumutbare Körpergeruch ist
weder von den Gutachtern noch von den behandelnden Ärzten erwähnt worden; er ist
damit nicht belegt. Dieses Vorbringen ist daher nicht geeignet, Zweifel am Beweiswert
des Gutachtens zu wecken.
Der psychiatrische Gutachter hat eine leichte depressive Episode (ICD-10 F33.0)
diagnostiziert und diese mit depressiven Verstimmungen mit einer verminderten
Freude, einer erhöhten Ermüdbarkeit, Schlafstörungen und negativen
Zukunftsperspektiven bezüglich der gesundheitlichen und beruflichen Situation
begründet. Er hat erklärt, dass von einer rezidivierenden depressiven Störung
auszugehen sei, da bereits früher über depressive Episoden berichtet worden sei. Eine
Schmerzstörung bzw. somatoforme Störung hat er ausgeschlossen. In Bezug auf die
von Dr. C._ im Jahr 2017 diagnostizierte rezidivierende depressive Störung,
mittelgradig mit somatischem Syndrom, hat er festgehalten, die depressive Episode sei
– wie dargelegt – nur leicht ausgeprägt. Selbst wenn diese (früher) deutlicher
ausgeprägt gewesen sei, sei sie gemittelt über den Verlauf nur leicht ausgeprägt
gewesen. Eine depressive Episode könne behandelt werden. Eine nachvollziehbare
Begründung für diese Einschätzung fehlt. Dennoch ist davon auszugehen, dass der
psychiatrische Gutachter im Rahmen einer sorgfältigen Würdigung der Vorakten zu
diesem Schluss gekommen ist, zumal der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen ist,
dass behandelnde Ärzte aufgrund ihrer auftragsrechtlichen Vertrauensstellung im
Zweifel eher zugunsten ihrer Patienten auszusagen pflegen und dazu neigen, die
pessimistischen Beschwerdeschilderungen ihrer Patienten als objektiv ausgewiesen zu
qualifizieren (vgl. BGE 125 V 353, E. 3b.cc; Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts vom 5. April 2004, I814/03, E. 2.4.2). Die von Dr. C._ gestellte
Diagnose einer Persönlichkeitsänderung hat der psychiatrische Gutachter nicht
bestätigen können und hat dies damit begründet, dass dafür deutlich schwere und mit
4.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 21/24
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somatischen Befunden objektivierbare Schmerzen oder eine deutlich schwere
psychische Störung vorliegen müssten. Die von der Beschwerdeführerin vorgebrachte
Kritik, dass der Bericht von Dr. C._ nicht berücksichtigt worden sei, vermag in
Anbetracht der ausführlichen Würdigung dieses Berichts durch den psychiatrischen
Gutachter nicht zu überzeugen. Im Weiteren hat der psychiatrische Sachverständige
darauf hingewiesen, dass im Gutachten der Medas Ostschweiz vom 7. Oktober 2013
keine psychiatrische Diagnose mit einer Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit habe
gestellt werden können. Das Vorbringen der Beschwerdeführerin, die Abklärung durch
Dr. X._, also des psychiatrischen Gutachters der Medas Ostschweiz (IV-act. 117), sei
nicht berücksichtigt worden, ist damit nicht stichhaltig. Der psychiatrische Gutachter
der ABI GmbH hat sich zu den Standardindikatoren geäussert; insbesondere hat er bei
der Beschwerdeführerin erhebliche Ressourcen festgestellt. Er hat der Diagnose einer
leichten depressiven Episode keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zugemessen
und eine vollständige Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten im
Begutachtungszeitpunkt attestiert, was angesichts der gering ausgeprägten objektiven
Befunde und der erheblichen Ressourcen überzeugt. Auch retrospektiv hat er eine
vollständige Arbeitsfähigkeit attestiert, da keine langanhaltende psychiatrische
Arbeitsunfähigkeit begründet werde könne. Auch diese Angabe überzeugt.
In der Konsensbeurteilung haben die Sachverständigen festgehalten, dass die in
den Teilgutachten aufgeführten Arbeitsunfähigkeiten nicht addiert werden könnten, da
für die quantitativen Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit die gleichen Ruhephasen
und Pausen in Anspruch genommen werden könnten. Nicht ausgeschlossen scheint
jedoch, dass aufgrund der Stuhl- und der Urininkontinenz nicht stets die gleichen
Pausen genutzt werden können, da die Möglichkeit besteht, dass beispielsweise kurz
nach dem Wechseln der Einlage wegen der Stuhlinkontinenz die Einlage wegen der
Urininkontinenz erneut gewechselt werden muss. Weil die 20%ige Arbeitsunfähigkeit
aufgrund der Stuhlinkontinenz aber grosszügig bemessen scheint (vgl. E. 4.3),
überzeugt die in der Konsensbeurteilung angegebene 20%ige Arbeitsunfähigkeit.
Damit ist mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt, dass die
Beschwerdeführerin im Begutachtungszeitpunkt in adaptierten Tätigkeiten zu 20% in
ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt gewesen ist. Nicht geeignete Tätigkeiten sind
Tätigkeiten, welche einen erhöhten Pressdruck im Abdomen verursachen, und Arbeiten
in der Küche. Die Beschwerdeführerin muss jederzeit die Möglichkeit haben, die Arbeit
zu unterbrechen, um eine Toilette aufzusuchen und Pausen einzulegen, um sich zu
reinigen. Ausserdem muss es sich um eine körperlich leichte bis selten mittelschwere,
wechselbelastende Tätigkeit handeln. Zum Verlauf haben die Gutachter angegeben,
diese Einschränkung habe sicher seit Dezember 2016 bestanden. Vorangehend könne
4.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 22/24
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auf die Annahmen im Gerichtsurteil vom Oktober 2016 abgestellt werden. Eine
Begründung dafür, weshalb sicher ab Dezember 2016 von einer 20%igen
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten ausgegangen werden
könne, fehlt. Das Versicherungsgericht hat im Entscheid vom 27. Oktober 2016 über
den Rentenanspruch der Beschwerdeführerin bis zum 24. Februar 2014 entschieden
und einen Rentenanspruch ab dem 1. Februar 2014 mit der ab November 2013
bestandenen vollständigen Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als
Küchenhilfe verneint. Sofern die Gutachter also haben aussagen wollen, vor Dezember
2016 habe eine vollständige Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten bestanden,
überzeugt dies aufgrund des langen Zeitraums von Februar 2014 bis Dezember 2016
nicht. Der frühest mögliche Rentenbeginn ist der 1. August 2015 gewesen (vgl. E. 1.2).
Angesichts des Behandlungsverlaufs mit den in etwa gleichbleibenden Beschwerden
ab August 2015 (vgl. die Berichte der W._ vom 10. August 2015, 10. September
2015, 26. Januar 2016, 12. Februar 2016, 6. Juli 2016, 10. August 2016 und
5. Dezember 2016, IV-act. 165 ff.) ist aber davon auszugehen, dass vor Dezember 2016
überwiegend wahrscheinlich keine Arbeitsunfähigkeit von mehr als 20% bestanden hat.
Dr. C._ und Dr. E._ haben im Oktober 2017 je eine vollständige Arbeitsunfähigkeit
attestiert (vgl. IV-act. 217, 229). Dabei handelt es sich aber lediglich um andere
Beurteilungen desselben Sachverhalts. Diese sind nicht geeignet, Zweifel an der
Arbeitsfähigkeitsschätzung im Gutachten zu wecken, zumal auch hier der
Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen ist, dass behandelnde Ärzte aufgrund ihrer
auftragsrechtlichen Vertrauensstellung im Zweifel eher zugunsten ihrer Patienten
auszusagen pflegen und dazu neigen, die pessimistischen Beschwerdeschilderungen
ihrer Patienten als objektiv ausgewiesen zu qualifizieren (vgl. BGE 125 V 353, E. 3b.cc;
Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 5. April 2004, I814/03, E. 2.4.2).
Auch das Vorbringen der Beschwerdeführerin, dass die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit
nicht korrekt geschätzt worden sei, da sie an einer schweren Urin- und
Stuhlganginkontinenz, an einem chronifizierten Schmerzsyndrom und an psychischen
Beeinträchtigungen leide, vermag keine Zweifel an der Arbeitsfähigkeitsschätzung der
Gutachter zu wecken, da es sich auch hier lediglich um eine andere Beurteilung des
gleichen Sachverhalts handelt. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die
Beschwerdeführerin überwiegend wahrscheinlich ab Dezember 2016 bis zum
Begutachtungszeitpunkt zu 20% in der Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten
eingeschränkt gewesen ist und dass ab August 2015 bis Dezember 2016 keine
höhergradige Arbeitsunfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten bestanden hat.
Vom 15. November 2018 bis 28. Februar 2019, also vor dem Erlass der
angefochtenen Verfügung vom 5. März 2019, ist die Beschwerdeführerin in der P._.
4.6.
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5.
hospitalisiert gewesen. Die Fachärzte haben als Hauptdiagnose eine rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome
(ICD-10 F33.2), und als Nebendiagnosen eine andauernde Persönlichkeitsänderung bei
einem chronischen Schmerzsyndrom (ICD-10 F62.80), eine chronische
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41) sowie
eine Stuhl- und eine nicht näher bezeichnete Harninkontinenz angegeben. Sie haben
über einen beim Austritt gebesserten Zustand, aber mit einer weiterhin beschränkten
Belastbarkeit, berichtet. In Anbetracht der dreieinhalb Monate dauernden
Hospitalisation und der beim Austritt angegebenen weiterhin bestehenden
beschränkten Belastbarkeit besteht die Möglichkeit, dass sich der psychische
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin noch vor dem Erlass der angefochtenen
Verfügung relevant verschlechtert haben könnte. Damit kann nicht mit dem Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass am 5. März
2019 nach wie vor eine 20%ige Arbeitsunfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten bestanden
hat. Die Sache ist deshalb zu weiteren Abklärungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Sie wird im Rahmen einer Verlaufsbegutachtung zu prüfen haben, ob
sich die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in adaptierten Tätigkeiten seit der
Begutachtung durch die ABI GmbH langandauernd verändert hat.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erweist
sich als angemessen. Praxisgemäss ist die Rückweisung an die Verwaltung zur
ergänzenden Abklärung als volles Obsiegen der Beschwerdeführerin zu werten (vgl.
BGE 132 V 235, E. 6.1). Dementsprechend ist die Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
vollumfänglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.1.
bis
Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Auch hier gilt, dass eine Rückweisung zur
weiteren Abklärung als volles Obsiegen der Beschwerdeführerin zu betrachten ist. Die
Parteientschädigung wird vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht
auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des
Prozesses bemessen. In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung (sGS 963.75)
pauschal Fr. 1'500.-- bis Fr. 15'000.--. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat
keine Honorarnote eingereicht. In durchschnittlich aufwändigen Beschwerdeverfahren
betreffend einen Rentenanspruch wird regelmässig eine pauschale
5.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 24/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte