Decision ID: 578a9366-659a-5e4d-9948-ca039e675593
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der kurdische Beschwerdeführer stellte am 22. August 2018 im damaligen
Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Bern ein Asylgesuch. Anlässlich
der dort durchgeführten Befragung zur Person (BzP) vom 30. August 2018
und der Anhörung vom 12. August 2020 zu den Asylgründen machte er im
Wesentlichen geltend, in seiner Heimat aufgrund verschiedener regie-
rungskritischer und oppositioneller politischer Aktivitäten und Zugehörigkei-
ten sowie seiner Militärdienstverweigerung einer staatlichen Verfolgung
ausgesetzt zu sein. Er sei deswegen auch schon festgenommen, festge-
halten, inhaftiert, misshandelt und bedroht worden sowie in Strafgerichts-
verfahren involviert gewesen, wobei er eines selber mittels Klage gegen
einen ihn mit dem Messer verletzenden Beamten eingeleitet habe. Aus
Furcht vor weiteren Benachteiligungen und weil die türkischen Behörden
nach ihm gesucht hätten, habe er sein Heimatland am 16. August 2018 in
Richtung Schweiz verlassen. Für den weiteren Inhalt der Vorbringen wird
auf die Akten verwiesen.
Als Beweismittel gab der Beschwerdeführer seine Identitätskarte, seinen
Führerausweis, eine Anklageschrift, zwei Verhandlungsprotokolle, zwei Ur-
teile, zwei Zwischenverfügungen, weitere Gerichts- und Anwaltsdoku-
mente, einen Medienbericht, ein Schreiben des Dorfvorsitzenden sowie
verschiedene von ihm verfasste Online-Artikel zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 24. Februar 2021 – eröffnet am 26. Februar 2021 –
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es dessen
Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug an. Weiter wurden dem Be-
schwerdeführer die aus Sicht des SEM editionspflichtigen Akten ausgehän-
digt.
C.
Mit Schreiben vom 15. März 2021 ersuchte der Beschwerdeführer durch
seine neu mandatierte und rubrizierte Rechtsvertreterin um Einsicht in das
gesamte Aktendossier, inklusive in ihm bekannte Aktenstücke.
Mit nicht selbstständig anfechtbarer Zwischenverfügung vom 24. März
2021 (Ausgang 25. März 2021) gewährte das SEM Akteneinsicht. Diese
verband sie mit dem Hinweis, dass in Aktenstücke der Editionsklassen A
E-1415/2021
Seite 3
(überwiegende öffentliche oder private Interessen an einer Geheimhal-
tung) und B (interne Akten) kein Einsichtsrecht bestehe und für den Fall,
dass explizit auch Einsicht in für den Entscheid unwesentliche oder dem
Beschwerdeführer bereits bekannte Akten Einsicht verlangt werde, das
SEM zu kontaktieren sei.
D.
Mit Eingabe vom 29. März 2021 erhob der Beschwerdeführer gegen die
Verfügung des SEM vom 24. Februar 2021 Beschwerde beim Bundesver-
waltungsgericht. Darin beantragt er die Aufhebung der Verfügung, die Ge-
währung von Asyl, eventualiter die Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz zur weiteren Sachverhaltsabklärung sowie subeventualiter die
Gewährung der vorläufigen Aufnahme unter Feststellung der Unzulässig-
keit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges. In verfahrensrechtli-
cher Hinsicht beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung mit Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und die
Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als unentgeltliche amtliche
Rechtsbeiständin.
E.
Mit Verfügung vom 31. März 2021 stellte die Instruktionsrichterin den einst-
weilen rechtmässigen Aufenthalt des Beschwerdeführers in der Schweiz
während des Beschwerdeverfahrens fest.
Mit Zwischenverfügung vom 14. April 2021 bestätigte sie diese Feststel-
lung. Weiter hiess sie die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung, Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und Bei-
ordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin
gut. Mit derselben Zwischenverfügung wurde das SEM unter Beilage sämt-
licher Akten zur Einreichung einer Vernehmlassung bis zum 4. Mai 2021
eingeladen, mit dem Hinweis, dass bei ungenutzter Frist ohne weitere Pro-
zesshandlungen Verzicht angenommen und das Beschwerdeverfahren
fortgesetzt werde.
Einem am 29. April 2021 vom SEM gestellten Gesuch um Fristerstreckung
bis zum 18. Mai 2021 gab die Instruktionsrichterin am 3. Mai 2021 statt.
Innert dieser erstreckten Frist ging keine Vernehmlassung beim Bundes-
verwaltungsgericht ein, weshalb das Gericht am 25. Mai 2021 die Akten
zurückforderte.
E-1415/2021
Seite 4
F.
Mit Schreiben an das Bundesverwaltungsgericht vom 29. Juni und vom
2. August 2021 teilte der Beschwerdeführer mit, dass er bislang weder eine
Vernehmlassung erhalten habe noch zur Replik eingeladen worden sei,
weshalb ihn der Stand des Verfahrens interessiere.
Die Instruktionsrichterin verzichtete angesichts des damals bereits abseh-
baren vorliegenden Kassationsurteils auf eine Beantwortung der Schrei-
ben.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
E-1415/2021
Seite 5
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder
zumindest glaubhaft machen (vgl. Art. 7 AsylG).
3.2 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
3.3 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
4.
4.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids führte das SEM im
Wesentlichen aus, die geltend gemachten Verfolgungsvorbringen würden
den Anforderungen von Art. 3 AsylG an die flüchtlingsrechtliche Beachtlich-
keit nicht genügen. In den Strafverfahren könnten vorliegend keine un-
rechtsstaatlichen Vorgehensweisen der Justiz erkannt werden und allfäl-
lige behördliche Massnahmen im Zusammenhang mit der Militärdienstver-
weigerung seien legitim. Die Furcht vor weiteren, eine genügende Intensi-
tät aufweisenden Benachteiligungen sei trotz behördlicher Erkundigungen
nach dem Beschwerdeführer zumindest objektiv nicht hinreichend begrün-
det; zudem würde es sich um lokal oder regional beschränkte Massnah-
men handeln, denen er innerstaatlich ausweichen könne. Er erfülle daher
E-1415/2021
Seite 6
die Flüchtlingseigenschaft nicht. Die gesetzliche Regelfolge der Ablehnung
des Asylgesuchs sei die Wegweisung aus der Schweiz. Der Wegweisungs-
vollzug sei zulässig, zumutbar und möglich. Für die detaillierte Begründung
wird auf die Akten verwiesen.
4.2 In seiner Rechtsmitteleingabe macht der Beschwerdeführer in verfah-
rensrechtlicher Hinsicht geltend, seine Rechtsvertreterin habe am 15. März
2021 – mithin kurz nach der Mandatierung – die Akten beim SEM bestellt,
diese aber erst am 26. März 2021 und somit unmittelbar vor Ablauf der
Beschwerdefrist erhalten. Zudem habe die Vertreterin explizit um Einsicht
in alle Akten gebeten, inklusive die dem Mandanten bekannten Aktenstü-
cke. Dennoch habe das SEM mit der Begründung der Verfahrensökonomie
die bekannten Akten nicht zugestellt. Das Beschwerderecht sei dadurch
erschwert und die Einsichtsgewährung sei rechtskonform nachzuholen. Im
Weiteren rügt der Beschwerdeführer eine Verletzung der vorinstanzlichen
Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des Sachverhalts, indem
das SEM insbesondere das eingereichte und entscheidwesentliche An-
waltsschreiben vom 4. Oktober 2018 gänzlich unerwähnt belassen und fer-
ner nicht nach seinen exilpolitischen Aktivitäten in der Schweiz gefragt
habe. Im Übrigen wiederholt, bekräftigt und ergänzt der Beschwerdeführer
den bislang geltend gemachten und vom SEM erfassten Sachverhalt und
stützt diesen mit weiteren Beweismitteln. Sodann wendet er sich argumen-
tativ gegen die in der angefochtenen Verfügung vorgenommene rechtliche
Würdigung im Asyl- und Wegweisungs- beziehungsweise Vollzugspunkt
und leitet daraus einen Anspruch auf Gewährung der Flüchtlingseigen-
schaft, des Asyls oder zumindest der vorläufigen Aufnahme ab. Für diese
Teile der Beschwerde und die hierfür vorgelegten Beweismittel wird auf die
Akten verwiesen.
5.
5.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen, was sich entsprechend
in einer sachgerecht anfechtbaren Entscheidbegründung niederzuschla-
gen hat (vgl. Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 29, Art. 32 Abs. 1 und Art. 35 Abs. 1
VwVG). Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Partei-
standpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen
E-1415/2021
Seite 7
ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). Der Anspruch auf recht-
liches Gehör beschlägt nur die Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts, nicht aber dessen rechtliche Würdigung. Die unrichtige oder unvoll-
ständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts bildet einen Be-
schwerdegrund und dem Bundesverwaltungsgericht obliegt gemäss
Art. 49 Bst. b VwVG beziehungsweise Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG eine
umfassende Sachverhaltskontrolle. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststel-
lung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zu-
grunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollstän-
dig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachum-
stände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungs-
verfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013,
Rz. 1043). Ermittelt das Bundesverwaltungsgericht eine fehler- oder lü-
ckenhafte Feststellung des Sachverhalts, hebt es die Verfügung auf und
weist die Sache an die Vorinstanz zurück, damit diese den rechtserhebli-
chen Sachverhalt neu und vollständig feststellt (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEU-
BÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013,
Rz. 2.191; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 1155). Der Untersuchungs-
grundsatz gehört sodann zu den allgemeinen Grundsätzen des Verwal-
tungs- beziehungsweise Asylverfahrens (Art. 12 VwVG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Gemäss Art. 33
Abs. 1 VwVG nimmt sie ferner die ihr angebotenen Beweise ab, wenn
diese zur Abklärung des Sachverhalts tauglich erscheinen. Sodann besteht
eine Aktenführungspflicht. Diese beinhaltet insbesondere die geordnete
Ablage, die Paginierung und die Registrierung der vollständigen Akten im
Aktenverzeichnis und ergibt sich aus dem Akteneinsichtsrecht des Ge-
suchstellers beziehungsweise Beschwerdeführers, welches in Art. 26 ff.
VwVG geregelt ist und ebenfalls Teilgehalt des Anspruchs auf rechtliches
Gehör darstellt (vgl. dazu ausführlich BVGE 2011/37 E. 5.4.1). Sie ist aber
auch für die rekursinstanzlichen Behörden von massgeblicher Bedeutung,
weil im Falle einer Unkenntnis über die von der Vorinstanz tatsächlich her-
angezogenen Akten die Gefahr eines unrichtigen – wenngleich grundsätz-
lich revisionsfähigen – Urteils besteht, wodurch erneut der Anspruch des
Betroffenen auf rechtliches Gehör verletzt wäre. Gegenstand der Aktenfüh-
rungspflicht sind sämtliche Akten. Eine Einschränkung des Akteneinsichts-
rechts gegenüber dem um Einsicht Ersuchenden ist grundsätzlich zulässig,
muss aber nach Art. 27 VwVG konkret begründet sein und sich im Rahmen
der Verhältnismässigkeitsprüfung auf das Erforderliche beschränken.
E-1415/2021
Seite 8
5.2 Das Bundesverwaltungsgericht erachtet die genannten Grundsätze
vorliegend zumindest teilweise als verletzt:
Das SEM hat der damaligen Rechtsvertretung zusammen mit dem ange-
fochtenen Entscheid bereits Akteneinsicht gewährt. Dass es dabei aus pro-
zessökonomischen und ökologischen Gründen auf die Edition von dekla-
rierten unwesentlichen und dem Beschwerdeführer bekannten Akten ver-
zichtet hat, ist in keiner Weise zu beanstanden. Der Beschwerdeführer hat
aber dennoch ein Recht auf Einsicht in unwesentliche Akten und gestützt
auf Art. 27 Abs. 3 VwVG ebenso ein uneingeschränktes Recht auf Einsicht
in von ihm selber zu den Akten gegebene und somit bekannte Dokumente.
Nach dieser Bestimmung darf insbesondere die Einsichtnahme in eigene
Eingaben einer Partei und in ihre als Beweismittel eingereichten Urkunden
nicht verweigert werden. Diesem Anspruch ist seitens der entscheidenden
Behörde spätestens dann nachzukommen, wenn – wie vorliegend mittels
Schreiben vom 15. März 2021 – ausdrücklich um Einsicht in sämtliche Ak-
ten ersucht wird und dabei gar explizit auch die dem Beschwerdeführer
bekannten Akten hervorgehoben werden. Der standardisierte Inhalt der
Zwischenverfügung des SEM vom 24. März 2021, wonach für den Fall,
dass explizit auch Einsicht in für den Entscheid unwesentliche oder dem
Beschwerdeführer bereits bekannte Akten Einsicht verlangt werde, das
SEM zu kontaktieren sei, ist vor diesem Hintergrund nicht nachvollziehbar.
Dass damit das Beschwerderecht des Beschwerdeführers in nicht hin-
nehmbarer Weise beschnitten und eine seriöse Mandatsführung durch die
Rechtsvertreterin weitgehend verunmöglicht wird, zeigt sich schon in An-
betracht des Umstandes, dass der Beschwerdeführer im Verlaufe des erst-
instanzlichen Verfahrens eine Fülle von Beweismitteln (darunter umfang-
reiche Gerichtsakten) abgegeben hat. Die blosse Offenlegung des Beweis-
mittelverzeichnisses (vorinstanzliche Akte A12) reicht klar nicht. Es kann
vom Beschwerdeführer nicht verlangt werden, die von ihm vorgelegten Do-
kumente nur noch aus dem Kopf abzurufen. An der gewonnenen Erkennt-
nis einer ungenügenden Akteneinsichtsgewährung und mithin einer Verlet-
zung des Anspruchs auf rechtliches Gehör ändert im Übrigen der Umstand
nichts, dass der Beschwerdeführer für die knapp gewordene Beschwerde-
frist eine Mitverantwortung trägt, indem er seine neue Rechtsvertreterin
erst nach Ablauf der Hälfte der Beschwerdefrist mandatiert hat und diese
zunächst ein Gesuch um weitergehende Akteneinsicht stellen musste.
Eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör führt – angesichts
des formellen Charakters des Gehörsanspruchs unabhängig davon, ob die
E-1415/2021
Seite 9
angefochtene Verfügung bei korrekter Verfahrensführung im Ergebnis an-
ders ausgefallen wäre – grundsätzlich zur Kassation und Rückweisung der
Sache an die Vorinstanz. Die Heilung von Gehörsverletzungen aus pro-
zessökonomischen Gründen ist auf Beschwerdeebene nur unter restrikti-
ven Voraussetzungen möglich. Der Beschwerdeführer hat in seiner
Rechtsmitteleingabe (dort S. 3 oben) für eine solche Möglichkeit selber
Hand geboten und die Variante einer Beschwerdeergänzung nach verbes-
serter Akteneinsichtsgewährung durch das SEM erwähnt. Die Frage einer
allfällig möglichen Heilung des Verfahrensmangels hat sich aber durch die
Tatsache erledigt, dass das SEM im Rahmen des Vernehmlassungsverfah-
rens weder innert der angesetzten noch innert der grosszügig erstreckten
Frist auf die betreffende Rüge des Beschwerdeführers und dessen erneu-
tes Einsichtsgesuch reagiert hat. Dem Bundesverwaltungsgericht selber ist
es grundsätzlich verwehrt, eine erweiterte Einsicht in die N-Akten zu ge-
währen, da es sich um Akten der Vorinstanz und mithin um fremde Akten
handelt.
5.3 Zusammenfassend ist festzustellen, dass das SEM den Anspruch des
Beschwerdeführers auf Wahrung des rechtlichen Gehörs insbesondere in
der Erscheinungsform des bundesrechtlichen Akteneinsichtsrechts verletzt
hat, eine Heilung des Verfahrensmangels auf Beschwerdestufe vorliegend
ausser Betracht fällt und die angefochtene Verfügung somit aufzuheben
ist.
Das SEM ist im Rahmen des wiederaufzunehmenden erstinstanzlichen
Verfahrens gehalten, dem Anspruch des Beschwerdeführers auf rechts-
genügliche Akteneinsicht in geeigneter Weise nachzukommen und unter
Mitberücksichtigung der Beschwerdeakten neu zu verfügen. In diesem Zu-
sammenhang ist darauf hinzuweisen, dass der in Art. 27 Abs. 3 VwVG ver-
wendete Wortlaut eines gerechtfertigten Einsichtsverweigerungsrechts
„nur bis zum Abschluss der Untersuchung“ sinnvollerweise nur heissen
kann, dass – falls wie in casu nunmehr vorgängig ein Einsichtsantrag ge-
stellt wurde – im Anschluss an die Untersuchung und vor Ergehen des
neuen Entscheids die Einsicht zu gewähren ist. So hat die gesuchstellende
Person die Möglichkeit (mit oder ohne formelle Fristansetzung) Ergänzun-
gen, Berichtigungen, oder Stellungnahmen anderer Art noch einzubringen
und damit womöglich einen unrichtigen Entscheid der Behörde und damit
ein unnötiges Beschwerdeverfahren zu vermeiden (vgl. dazu z.B. auch das
Urteil des BVGer E-777/2020 vom 10. März 2020 E. 4.3.1). Auf die weitere
formelle Rüge einer Verletzung der vorinstanzlichen Pflicht zur vollständi-
E-1415/2021
Seite 10
gen und richtigen Abklärung des Sachverhalts sowie auf den weiteren Be-
schwerdeinhalt ist einstweilen nicht weiter einzugehen. Die betreffenden
Ausführungen sind jedoch vom SEM im Rahmen des wiederaufzunehmen-
den erstinstanzlichen Verfahrens ebenfalls zur Kenntnis zu nehmen.
6.
6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dem ohnehin unentgeltliche
Prozessführung geniessenden Beschwerdeführer keine Kosten zu aufzu-
erlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
6.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
betreffend den Kassationsantrag notwendigerweise erwachsenen und ver-
hältnismässig hohen Parteikosten zuzusprechen. Die Rechtsvertreterin
präsentiert mit der Beschwerde eine Honorarnote mit einem Zeitaufwand
von 15 Stunden und 30 Minuten bei einem Stundenansatz von Fr. 200.–
zuzüglich Auslagen im Betrag von Fr. 392.60 (inkl. Übersetzungskosten);
total Fr. 3'492.60. Der Gesamtbetrag ist um Fr. 100.– zu reduzieren, da der
betreffende Posten «E-Mail Austausch/Akten» mit «0 h 00 min» ausgewie-
sen wird. Der Zeitaufwand erscheint auch abgesehen davon überhöht. Ge-
stützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 8-13
VGKE) ist dem Beschwerdeführer zu Lasten der Vorinstanz eine Parteient-
schädigung von insgesamt Fr. 2’500.– (inkl. Auslagen) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
E-1415/2021
Seite 11