Decision ID: d3b8a92a-fc40-4ff5-9f48-a9d93fbc5c5e
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
Das kantonale Steueramt trat mit Entscheiden vom 17. Oktober 2019 auf die
Einsprachen von K._ gegen die Veranlagungen für die Kantons- und Gemeindesteuern
sowie die direkte Bundessteuer 2015 bis 2017 wegen Verspätung nicht ein.
Rechtsanwalt Theodor G. Seitz, Jona, erhob gegen die Nichteintretensentscheide für
K._ mit Eingabe vom 18. November 2019 Rekurs und Beschwerde bei der
Verwaltungsrekurskommission (VRK) des Kantons St. Gallen. Am 20. November 2019
stellte die Verfahrensleitung der VRK dem Rechtsvertreter das Formular "unentgeltliche
Rechtspflege" zu mit der Aufforderung, dieses innert der angesetzten Frist ausgefüllt
mit den notwendigen Unterlagen einzureichen, wobei sie darauf hinwies, dass nach
unbenütztem Ablauf der Frist aufgrund der Akten entschieden werde. Nachdem der
Rechtsvertreter am 23. Dezember 2019 das teilweise ausgefüllte Formular mit einigen
wenigen Unterlagen eingereicht hatte, setzte ihm die Verfahrensleitung der VRK am
30. Dezember 2019 eine neue Frist für die Einreichung weiterer Unterlagen und eines
vollständig ausgefüllten Formulars an (act. G 10/8/3). In der Folge stellte der
Rechtsvertreter diesbezüglich acht Fristerstreckungsgesuche, denen die VRK jeweils
ganz oder teilweise stattgab. Die am 15. Juni 2020 gewährte Fristerstreckung
bezeichnete sie dann als letztmalig und wies darauf hin, dass eine weitere Erstreckung
ausgeschlossen sei (act. G 10/8/21). In der Folge bewilligte die VRK ein weiteres
Erstreckungsgesuch des Rechtsvertreters vom 24. Juni 2020 nicht mehr und wies mit
Präsidialverfügung vom 8. Juli 2020 das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und -
verbeiständung ab, da die Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin nicht gegeben sei.
Gleichzeitig setzte sie eine Frist bis 31. Juli 2020 für die Bezahlung der
Kostenvorschüsse von je CHF 600 für die beiden Verfahren an, unter Androhung der
Verfahrensabschreibung im Säumnisfall (act. G 10/8/26).
A.a.
Am 31. Juli 2020 ersuchte der Rechtsvertreter von K._ bei der VRK um eine
Fristerstreckung für die Zahlung der Kostenvorschüsse bis 20. August 2020. Diesem
Gesuch entsprach die VRK am 3. August 2020 (act. G 10/9 f.). Weil indes die
Kostenvorschüsse innert erstreckter Frist nicht geleistet wurden, schrieb der
Abteilungspräsident der VRK die Verfahren (Rekurs und Beschwerde) mit Verfügung
vom 26. August 2020 in Anwendung von Art. 39 Abs. 1 lit. b und Art. 96 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (sGS 951.1, VRP) ab (act. G 10/11). Am
A.b.
bis
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B.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, VRP; Art. 229 in Verbindung
mit Art. 196 Abs. 1 des Steuergesetzes, sGS 811.1, StG; Art. 1 Abs. 3 und Art. 7 Abs. 2
7. September 2020 zahlte der Rechtsvertreter einen Betrag von CHF 600 ein mit dem
gleichzeitigen Antrag, die Verfügung vom 26. August 2020 sei aufzuheben und die Frist
zur Leistung eines Kostenvorschusses von CHF 600 sei unter angemessener
Fristansetzung wiederherzustellen; es sei davon Vormerk zu nehmen, dass der
Prozesskostenvorschuss per 7. September 2020 einbezahlt worden sei (act. G
10/14/1). Mit Verfügung vom 7. Oktober 2020 wies der Präsident der VRK das Gesuch
um Wiederherstellung der Frist für die Kostenvorschussleistung im Rekurs- und im
Beschwerdeverfahren ab (Ziffern 1 und 2) und auferlegte der Beschwerdeführerin
Verfügungskosten von CHF 300. Die Gebühren der Verfügungen vom 26. August 2020
(CHF 300) und vom 7. Oktober 2020 (CHF 300) wurden mit der am 7. September 2020
geleisteten Zahlung verrechnet (Ziffern 3 und 4; act. G 2).
Gegen diese Verfügung erhob Rechtsanwalt Seitz für K._ mit Eingabe vom
21. Oktober 2020 Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit den Rechtsbegehren, die
Verfügung sei aufzuheben und der Beschwerdeführerin sei eine erneute angemessene
Frist zur Leistung eines Prozesskostenvorschusses von CHF 600 zu gewähren, unter
Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwerdegegner (act. G 1).
B.a.
In der Vernehmlassung vom 26. November 2020 beantragte die Vorinstanz Abweisung
der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie auf die Erwägungen der angefochtenen
Verfügung (act. G 9). Der Beschwerdegegner teilte am 4. Dezember 2020 den Verzicht
auf eine Vernehmlassung mit und beantragte Abweisung der Beschwerde (act. G 12).
Die Beschwerdebeteiligte verzichtete stillschweigend auf eine Vernehmlassung (vgl.
act. G 13). Die Beschwerdeführerin verzichtete auf eine Stellungnahme zu den
Vernehmlassungen.
B.b.
Auf die Vorbringen in der Beschwerde wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.
B.c.
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der Verordnung zum Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer, sGS 815.1; Art. 145
des Gesetzes über die direkte Bundessteuer, SR 642.11, DBG). Die
Beschwerdeführerin ist zur Beschwerde legitimiert, und die Eingabe vom 21. Oktober
2020 entspricht zeitlich, formal und inhaltlich den gesetzlichen Anforderungen (Art. 229
in Verbindung mit Art. 194 Abs. 1 StG in Verbindung mit Art. 64 und Art. 48 Abs. 1 VRP;
Art. 145 in Verbindung mit Art. 140 Abs. 1 und 2 DBG). Auf die Beschwerde ist somit
einzutreten.
2.
Streitig ist vorliegend einzig die Wiederherstellung der am 3. August 2020 zwar bis
20. August 2020 verlängerten (act. G 10/9 f.), in der Folge indes unbenützt
abgelaufenen Frist zur Leistung der Kostenvorschüsse im vorinstanzlichen Rekurs- und
Beschwerdeverfahren (vgl. Abschreibungsverfügung vom 26. August 2020, act. G
10/11). Die Wiederherstellung der Frist kann gemäss Art. 30 Abs. 1 VRP nach Art.
148 Abs. 1 der Schweizerischen Zivilprozessordnung (SR 272, ZPO) angeordnet
werden. Nach Art. 140 Abs. 4 i.V.m. Art. 133 Abs. 3 DBG wird auf verspätete
Rechtsmittel nur eingetreten, wenn der Steuerpflichtige nachweist, dass er durch
Militär- oder Zivildienst, Krankheit, Landesabwesenheit oder andere erhebliche Gründe
an der rechtzeitigen Einreichung verhindert war und dass die Einsprache innert 30
Tagen nach Wegfall der Hinderungsgründe eingereicht wurde. Art. 148 Abs. 1 ZPO
bestimmt, dass der säumigen Partei auf Gesuch hin eine Nachfrist gewährt werden
kann, wenn diese glaubhaft macht, dass sie kein oder nur ein leichtes Verschulden trifft
(N. Gozzi, in: Spühler/Tenchio/Infanger [Hrsg.], Basler Kommentar zur Schweizerischen
Zivilprozessordnung, 3. Aufl. 2017, N 10 zu Art. 148 ZPO mit Hinweisen). Diese
Grundsätze gelten auch für Fristen betreffend die Leistung von Vorschüssen (vgl. U.P.
Cavelti, in: Rizvi/Schindler/Cavelti [Hrsg.], Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege,
Praxiskommentar, St. Gallen/Zürich 2020, N 141 und 172). Ein unverschuldetes
Hindernis als Säumnisursache ist ein Umstand, den die Säumige nicht zu vertreten hat
(Cavelti a.a.O., N 177). War die Gesuchstellerin wegen eines von ihrem Willen
unabhängigen Umstands verhindert, zeitgerecht zu handeln, liegt objektive
Unmöglichkeit vor. Subjektive Unmöglichkeit wird demgegenüber angenommen, wenn
zwar die Vornahme der Handlung objektiv betrachtet möglich gewesen wäre, die
betroffene Person aber durch besondere Umstände, die sie nicht zu verantworten hat,
am Handeln gehindert worden ist (BGer 1C_336/2011 vom 12. Dezember 2011, E.
2.3.). In der Literatur wird die Auffassung vertreten, ein entschuldbarer Irrtum könne
rechtzeitiges Handeln ebenfalls unverschuldet verhindern (vgl. B. Merz, in: Brunner/
2.1.
ter
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Gasser/Schwander [Hrsg.], Schweizerische Zivilprozessordnung, Kommentar, Zürich/
St. Gallen 2011, N 14 zu Art. 148 ZPO). Nach Art. 148 Abs. 2 ZPO ist das Gesuch
innert zehn Tagen (Art. 133 Abs. 3 DBG: 30 Tage) nach Wegfall des Säumnisgrundes
einzureichen. Das Hindernis im Sinn von Art. 148 Abs. 2 ZPO gilt in dem Zeitpunkt als
weggefallen, in welchem die Partei erkannte oder hätte erkennen müssen, dass sie die
Frist oder den Termin versäumt hat (Gozzi, a.a.O., N 41 zu Art. 148 ZPO).
Aktenkundig und unbestritten ist, dass das Wiederherstellungsgesuch rechtzeitig innert
zehn Tagen seit Zustellung der Abschreibungsverfügung vom 26. August 2020 gestellt
worden ist. Das Wiederherstellungsgesuch begründete der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin mit Hinweis auf eine seit Jahren bestehende schwere körperliche
Erkrankung der Beschwerdeführerin und ihre daraus herrührende Hilfsbedürftigkeit bei
alltäglichen Verrichtungen. Weil die Vorinstanz den entsprechenden Einzahlungsschein
vom 8. Juli 2020 nur der Beschwerdeführerin selber, nicht aber dem Rechtsvertreter
zugestellt habe, habe dieser eine fristgerechte Einzahlung selber gar nicht vornehmen
bzw. beaufsichtigen können, weshalb ihn oder die Beschwerdeführerin an der nicht
zeitgerechten Zahlung kein Verschulden treffe (act. G 10/14/1). Die Vorinstanz hielt
hierzu in der angefochtenen Verfügung vom 7. Oktober 2020 fest, dass der
Rechtsvertreter über die beeinträchtigte Gesundheit der Beschwerdeführerin im Bild
gewesen sei. Er habe daher ihrer Zusicherung, sie werde selber um die Überweisung
der einverlangten Kostenvorschüsse besorgt sein, nicht unbesehen vertrauen dürfen,
sondern hätte vielmehr geeignete Vorkehren treffen sollen, um eine fristgerechte
Zahlung der Vorschüsse sicherzustellen. Offenbar habe er aber solche Vorkehren nicht
getroffen, weshalb nicht von einer unverschuldeten Säumnis oder einem nur leichten
Verschulden ausgegangen werden könne. Entsprechend erweise sich die anbegehrte
Fristwiederherstellung denn auch als nicht gerechtfertigt (act. G 2 S. 3).
2.2.
Der Beschwerdeführer wendet ein, der geforderte Prozesskostenvorschuss sei
nachweislich am 7. September 2020 erfolgt. Dennoch stufe die Vorinstanz die Leistung
des Kostenvorschusses als verspätet ein. Die Beschwerdeführerin dürfe, insbesondere
mit Blick auf ihre schwere Erkrankung, die sie ohne Unterstützung alleine meistern
müsse, nicht mit überspitzten formalistischen Erwägungen in ihren Rechten
eingeschränkt werden. Infolge ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigung könne ihr das
knappe Verpassen einer Frist nicht zu einem allzu grossen Vorwurf gemacht werden.
Die Vorinstanz verweigere ihr in Missachtung der Rechtsgleichheit auch den ihr
2.3.
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3.
(...).