Decision ID: e5c47422-cee0-522c-a3ed-09d3ca9977e1
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein sri-lankischer Staatsangehöriger, stellte am
4. Dezember 2014 erstmals in der Schweiz ein Asylgesuch.
A.b Mit Verfügung vom 9. März 2017 lehnte SEM das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers ab und ordnete dessen Wegweisung aus der Schweiz so-
wie den Vollzug derselben an.
A.c Die gegen diese Verfügung gerichtete Beschwerde wies das Bundes-
verwaltungsgericht mit Urteil D-2159/2017 vom 25. September 2018 ab.
B.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters an das SEM vom 10. Mai 2019 er-
suchte der Beschwerdeführer unter der Bezeichnung "Wiedererwägungs-
gesuch gemäss Art. 111c AsylG" darum, angesichts der politischen Ent-
wicklungen in Sri Lanka sei ein Wiedererwägungsverfahren einzuleiten. Mit
Eingaben vom 13. und vom 15. Mai 2019 reichte der Rechtsvertreter in-
haltliche Ergänzungen des Gesuchs ein.
C.
Mit Verfügung vom 17. Mai 2019 (Datum der Eröffnung: 27. Mai 2019) wies
das SEM dieses Gesuch (behandelt als Wiedererwägungsgesuch im Sinne
von Art. 111b des Asylgesetzes [AsylG, SR 142.31]) ab und erklärte die
Verfügung vom 9. März 2017 für rechtskräftig und vollstreckbar, wobei es
ausserdem eine Verfahrensgebühr von Fr. 600.– erhob. Des Weiteren er-
klärte das SEM unter anderem gestützt auf Art. 111b Abs. 3 AsylG, einer
allfälligen Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu.
D.
Gegen diese Verfügung liess der Beschwerdeführer mittels Eingabe seines
Rechtsvertreters vom 4. Juni 2019 beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde erheben. In dieser wurde beantragt, der Entscheid des SEM sei
aufzuheben und dem Beschwerdeführer sei Asyl zu gewähren. Eventuali-
ter sei ihm die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Eventualiter sei der
Streitgegenstand zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. Der
Beschwerdeführer sei umgehend aus der Ausschaffungshaft zu entlassen.
In prozessualer Hinsicht wurde ferner beantragt, es sei eine Nachfrist für
die Eingabe von Beweisofferten zu gewähren, der Beschwerde sei die auf-
schiebende Wirkung zu gewähren, dem Beschwerdeführer sei die unent-
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geltlichen Rechtspflege zu gewähren und ihm eine angemessene Partei-
entschädigung zuzusprechen. Mit der Beschwerde wurden verschiedene
Beweismittel eingereicht.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 24. Juni 2019 stellte der Instruktionsrichter
fest, bei der Eingabe des Beschwerdeführers an das SEM vom 10. Mai
2019 handle es sich um ein Mehrfachgesuch im Sinne von Art. 111c Abs. 1
AsylG, womit der Antrag auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung ange-
sichts von Art. 42 AsylG gegenstandslos sei. In Bezug auf das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wurde dem Beschwerde-
führer mitgeteilt, über dieses werde zu einem späteren Zeitpunkt befunden.
Zudem wurde der Beschwerdeführer aufgefordert, binnen dreissig Tagen
ab Erhalt der Zwischenverfügung weitere Beweismittel einzureichen. Auf
den Antrag, der Beschwerdeführer sei aus der Ausschaffungshaft zu ent-
lassen, wurde mangels Zuständigkeit nicht eingetreten. Die Zwischenver-
fügung ging dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers am 26. Juni
2019 zu.
F.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 12. Juli 2019 übermittelte der Be-
schwerdeführer unter anderem ein Schreiben eines sri-lankischen Rechts-
anwalts und ersuchte um Erstreckung der Frist zur Einreichung der ver-
langten Beweismittel bis zum 18. August 2019.
G.
Am 17. Juli 2019 hiess der Instruktionsrichter das Gesuch um Erstreckung
der Frist gut.
H.
Mit Eingaben seines Rechtsvertreters vom 19. und vom 27. August 2019
reichte der Beschwerdeführer verschiedene Beweismittel ein, darunter
weitere Schreiben sri-lankischer Rechtsanwälte, Kopien amtlicher sri-lan-
kischer Aktenstücke (polizeilicher Rapport, Todesurkunde, Grundbuchaus-
zug) sowie eine Kopie eines sri-lankischen Zeitungsartikels.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 1. Oktober 2019 hiess der Instruktionsrichter
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut.
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J.
Mit Vernehmlassung vom 4. Oktober 2019 nahm das SEM zur Beschwerde
Stellung.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 9. Oktober 2019 wurde dem Beschwerdefüh-
rer in Bezug auf die Vernehmlassung des SEM das Replikrecht erteilt.
L.
Mit Eingabe des Rechtsvertreters vom 21. Oktober 2019 wurden eine ent-
sprechende Stellungnahme und zwei Schreiben eines sri-lankischen
Rechtsanwalts eingereicht.
M.
Mit Eingaben seines Rechtsvertreters vom 17. November 2019, 18. De-
zember 2019, 10. Januar 2020, 21. August 2020, 3. Februar 2021 und
26. März 2021 übermittelte der Beschwerdeführer weitere Beweismittel.
N.
Mit Eingabe vom 13. April 2021 reichte der Rechtsvertreter eine Honorar-
abrechnung ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge-
gen Verfügungen, die gestützt auf das AsylG durch das SEM erlassen wor-
den sind, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich (mit
Ausnahme von Verfahren betreffend Personen, gegen die ein Ausliefe-
rungsersuchen des Staates vorliegt, vor welchem sie Schutz suchen) end-
gültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen-
dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Bereich des Ausländerrechts richtet
sich die Kognition des Gerichts nach Art. 49 VwVG (BVGE 2014/26 E. 5).
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2.
2.1 In Bezug auf die angefochtene Verfügung ist zunächst festzustellen,
dass diese – wie bereits mit Zwischenverfügung 24. Juni 2019 ausge-
führt – eine fehlerhafte Rechtsmittelbelehrung enthält, indem hinsichtlich
der Beschwerdefrist auf Art. 108 Abs. 1 AsylG in der Fassung vor der am
1. März 2019 in Kraft getretenen Gesetzesänderung verwiesen wird. Da
jedoch die Beschwerde innerhalb der im vorliegenden Fall geltenden Be-
schwerdefrist von Art. 108 Abs. 6 AsylG – die ausserdem zeitlich mit jener
gemäss aArt. 108 Abs. 1 AsylG übereinstimmt – eingereicht wurde, ist dem
Beschwerdeführer aus der unrichtigen Rechtsmittelbelehrung kein Nachteil
erwachsen. Aus dem genannten Mangel ergibt sich daher keine weitere
Rechtsfolge.
2.2 In verfahrensmässiger Hinsicht ist des Weiteren festzuhalten, dass mit
der Eingabe an das SEM vom 10. Mai 2019 – unter der Bezeichnung "Wie-
dererwägungsgesuch gemäss Art. 111c AsylG" – darum ersucht wurde, an-
gesichts der jüngsten politischen Entwicklungen in Sri Lanka sei ein Wie-
dererwägungsverfahren einzuleiten. Dabei wurde zur Begründung unter
anderem geltend, aufgrund der aktuell veränderten Situation in seinem
Heimatstaat sowie angesichts des politischen und religiösen Profils des
Beschwerdeführers erfülle dieser die Voraussetzungen von Art. 3 AsylG.
Insofern wurde implizit geltend gemacht, der Beschwerdeführer erfülle die
Flüchtlingseigenschaft aufgrund von objektiven Nachfluchtgründen. In Ab-
grenzung zum Wiedererwägungsgesuch (mit welchem ausschliesslich
neue Wegweisungshindernisse vorgebracht werden) liegt gemäss ständi-
ger Rechtsprechung ein neues Asylgesuch vor, wenn die gesuchstellende
Person geltend macht, sie erfülle aufgrund neuer Vorbringen die Flücht-
lingseigenschaft (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 f. m.w.H.). Ungeachtet der of-
fensichtlich fehlerhaften Bezeichnung der Eingabe durch den Rechtsver-
treter des Beschwerdeführers hätte das SEM die Eingabe vom 10. Mai
2019 folglich nicht als Wiedererwägungsgesuch im Sinne von Art. 111b
AsylG, sondern als Mehrfachgesuch gemäss Art. 111c Abs. 1 AsylG zu be-
handeln gehabt. Nachdem es sich inhaltlich aber mit sämtlichen in der Ein-
gabe vom 10. Mai 2019 enthaltenen Asylvorbringen des Beschwerdefüh-
rers auseinandergesetzt hat, besteht kein Anlass für eine Rückweisung der
Angelegenheit an das SEM.
2.3 Der Beschwerdeführer ist legitimiert (Art. 105 AslyG i.V.m. Art. 37 VGG
und Art. 48 Abs. 1 VwVG; auf die – nach dem zuvor Gesagten – frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 6
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
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3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in ihrem
Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Re-
ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen aus-
gesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von
Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlings-
eigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Der Beschwerdeführer ist sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer
Sprache und ethnischer Zugehörigkeit zur sri-lankisch-muslimischen
Volksgruppe (englisch „Moors“) und stammt aus B._ (Distrikt
C._, Ostprovinz). Anlässlich seiner Befragungen durch die Vo-
rinstanz im ersten Asylverfahren machte er im Wesentlichen Folgendes
geltend: Wie seine (...) – darunter bereits sein (...) und sein (...) – habe er
die sri-lankische United National Party (UNP) unterstützt. So sei sein (...).
Er selbst habe sich ‒ insbesondere in der lokalen Sektion des (...) ‒ sozial
engagiert und die Absicht gehabt, künftig möglicherweise bei den Wahlen
für die UNP zu kandidieren. Beruflich habe er ein (...) geführt, und für die-
sen Laden habe er im Jahr 2012 während eines halben Jahres (...). Des-
wegen sei er von Unbekannten angerufen worden, die ihm vorgeworfen
hätten, diese (...) auch politisch zu unterstützen, und ihm mit Konsequen-
zen gedroht hätten. Auch sei ihm einmal in seinem Laden ein anonymes
Schreiben ähnlichen Inhalts zugegangen. Er habe diese Drohungen nicht
ernstgenommen und sie auf geschäftliche Rivalitäten zurückgeführt. Je-
doch seien in der Folge zweimal des Nachts Steine auf sein Haus geworfen
worden. Am 10. Dezember 2012 sei er auf der Strasse von zwei Unbe-
kannten, die mit einem Motorrad unterwegs gewesen seien, wegen seiner
(...) beschimpft und mit einem Stock geschlagen worden. Wegen dieses
Vorfalls habe er eine Anzeige bei der Polizei erstattet. Am (...) 2014 sei er
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zum lokalen Organisator des (...) ernannt worden. Am Abend des (...) 2014
seien vier Unbekannte ‒ die ausgesehen hätten wie ehemalige Angehörige
der Sicherheitskräfte ‒ zu seinem Haus gekommen, hätten ihn in einem
weissen Kleinbus entführt und an einen unbekannten Ort gebracht, wo er
bis zum (...) 2014 festgehalten worden sei. Während dieser fünf Tage sei
er bedroht und gefoltert worden, wobei ihm erneut die (...) in der (...) vor-
geworfen worden seien. Seine Entführer hätten ihn ausserdem zwingen
wollen, die erwähnte Funktion bei der UNP nicht anzunehmen und gegen-
über den Medien Aussagen über die Korruption in der Partei zu machen,
wobei sie ihm mit der Erschiessung gedroht hätten. Er vermute, dass die
Bedrohungen im Jahr 2012 und die Entführung im Jahr 2014 mit seinen
politischen Ambitionen zugunsten der UNP zu tun gehabt hätten. So
stamme ein ranghoher Politiker und Mitglied der sri-lankischen Regierung
namens D._ ebenfalls aus B._. Dieser habe eine eigene
Schlägertruppe, die er benutze, um Leute anzugreifen, die sich gegen ihn
oder seine Partei stellen würden. Es gehe darum, in B._ nur dessen
Partei zuzulassen. Zudem sei auch möglich, dass der (damalige) Verteidi-
gungsminister Gotabhaya Rajapaksa für die Vorfälle verantwortlich sei, ar-
beite dieser doch manchmal mit D._ zusammen. Im Rahmen seiner
Anhörungen gab der Beschwerdeführer als Beweismittel unter anderem
Bestätigungsschreiben der UNP und (...), einen Auszug aus einem sri-lan-
kischen Polizeiregister, einen Artikel aus der Zeitung (...) sowie einen Aus-
zug aus dem sri-lankischen Handelsregister zu den Akten.
4.2 Im Rahmen des ersten Asylverfahrens ersuchte das SEM die schwei-
zerische Botschaft in Sri Lanka mit Schreiben vom 5. August 2016 um die
Abklärung folgender Fragen zur Person des Beschwerdeführers und seiner
Familie: (1) Wie gross ist der Bekanntheitsgrad der Familie des Beschwer-
deführers bei den sri-lankischen Behörden? (2) Ist davon auszugehen,
dass der Beschwerdeführer als Zeuge von Übergriffen, die von höherran-
gigen Politikern angeordnet wurden, bei einer Aussage gefährdet sein
könnte? (3) Wäre in diesem Fall von der Nichtgewährung staatlichen
Schutzes für den Beschwerdeführer auszugehen?
Die Botschaft übermittelte dem SEM mit Schreiben vom 30. August 2016
die Ergebnisse der durchgeführten Abklärungen, aus welchen sich im We-
sentlichen Folgendes ergab: Das Asylgesuch des Beschwerdeführers
stamme aus einer Zeit des politischen Umbruchs. Mit der Schaltung von
(...), die für die (...) bekannt sei, habe der Beschwerdeführer gegen die
damaligen Machthaber Stellung bezogen und indirekt die kritische Mei-
nungsbildung gegen die damalige Machtstruktur unterstützt. Die Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers würden auf den ersten Blick im damaligen
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Kontext als nachvollziehbar und glaubwürdig erscheinen. Anfangs des Jah-
res 2015 sei bei den sri-lankischen Wahlen der damalige Staatspräsident
Mahinda Rajapaksa abgewählt worden. Mit dem Regierungswechsel sei
die UNP zur stärksten Partei Sri Lankas geworden. Die neue Regierung
habe eine Kursänderung vorgenommen; es werde aber noch einige Zeit
dauern, bis die Personen des alten Regimes in Schlüsselpositionen ersetzt
seien. Eine der grossen Errungenschaften der seit dem Machtwechsel ver-
strichenen eineinhalb Jahre sei die Möglichkeit zur (beinahe) freien Mei-
nungsäusserung, und die Medien könnten nun weitgehend frei arbeiten. Im
heutigen (d.h. damaligen) Kontext sei eine Gefährdung wegen des (...)
nicht mehr wahrscheinlich. Bezüglich des Zeugenschutzes könne gesagt
werden, dass der Staat grundsätzlich schutzwillig sei. Eine andere Frage
sei, inwiefern die Schutzfähigkeit des Staates tatsächlich gegeben sei. Die
Familie (...) aus C._ sei seit (...) eng mit der UNP verbunden, und
es würden ihr (...) entstammen. Es sei davon auszugehen, dass (...) an-
gehöre und dank ihrer politischen Aktivitäten auch Verbindungen in die
Hauptstadt habe. In den (...) würden üblicherweise nur (...) aufgenommen.
Es sollte daher dem Beschwerdeführer auch wirtschaftlich zuzumuten sein,
in der Hauptstadt eine Aufenthaltsalternative zu prüfen. Eine Gefährdung
des Beschwerdeführers aufgrund seines Engagements für die UNP und
seiner indirekten Unterstützung einer (...) sei im heutigen (d.h. damaligen)
Kontext sehr unwahrscheinlich.
4.3 Im ersten Asylentscheid vom 9. März 2017 zog das SEM nicht in Zwei-
fel, dass der Beschwerdeführer in seinem Heimatstaat im Zusammenhang
mit seiner Unterstützung der sri-lankischen Partei UNP bedroht und ‒ ins-
besondere ‒ im Jahr 2014 Opfer einer Entführung und von Misshandlun-
gen wurde. Jedoch hielt das SEM dafür, die damals erlittene Verfolgung sei
nicht asylrelevant, da nach den Wahlen des Jahres 2015 in Sri Lanka und
dem dadurch eingeleiteten Regierungswechsel die UNP nunmehr die
stärkste Partei sei. Zur weiteren Begründung dieser Einschätzung stützte
sich das Staatssekretariat im damaligen Entscheid im Wesentlichen auf die
Ergebnisse der Abklärungen, welche die schweizerische Botschaft in Sri
Lanka hinsichtlich des Beschwerdeführers durchgeführt hatte.
4.4 Im Urteil vom D-2159/2017 vom 25. September 2018 stellte das Bun-
desverwaltungsgericht im Wesentlichen fest, es sei zwar nachvollziehbar,
dass die vom Beschwerdeführer erlebten Übergriffe auf sein Engagement
zugunsten der UNP zurückzuführen waren. Jedoch sei mangels konkreter
Beweise nicht gesichert, ob die Verantwortung für diese Behelligungen tat-
sächlich D._ anzulasten sei oder allenfalls anderen Personen oder
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Gruppierungen, welche die UNP zum damaligen Zeitpunkt in der Heimat-
region des Beschwerdeführers, dem Distrikt C._ in der Ostprovinz,
zu bekämpfen suchten. Zugleich sei die Beantwortung der Frage nach der
persönlichen Verantwortung für die Übergriffe – aus damaliger Sicht – nicht
von entscheidwesentlicher Bedeutung.
Ausschlaggebend sei vielmehr, dass die UNP auf nationaler Ebene die –
damals, zum Zeitpunkt des Urteils – einflussreichste Partei Sri Lankas dar-
gestellt habe. Anlässlich der Präsidentschaftswahl vom 8. Januar 2015
habe nämlich der von der UNP massgeblich unterstützte Maithripala Siri-
sena gesiegt, der zum Zeitpunkt des Urteils auch nach wie vor das Amt des
sri-lankischen Staatspräsidenten innegehabt habe. Zudem sei die UNP –
damals – die führende Kraft in der Koalition namens United National Front
for Good Governance (UNFGG) gewesen, welche bei den Wahlen zum
nationalen Parlament vom 17. August 2015 einen Stimmenanteil von 45,66
Prozent errungen habe und dabei zum mächtigsten Parteienbündnis ge-
worden sei. Zwar habe die UNP in der Folge bei den Wahlen der Lokalbe-
hörden auf Distrikts- und Gemeindeebene vom 10. Februar 2018 erhebli-
che Verluste erlitten. Dies habe aber nichts daran geändert, dass die UNP
aufgrund der Wahlergebnisse vom Jahr 2015 zum damaligen Zeitpunkt
weiterhin die wichtigste an der sri-lankischen Regierung beteiligte Partei
gewesen sei. Die vom Beschwerdeführer in den Jahren 2012 und 2014
erlebten Behelligungen hätten nach seiner eigenen Einschätzung aus-
schliesslich darauf abgezielt, ihn von der Unterstützung der UNP abzubrin-
gen. Nachdem diese Partei an der Regierungsmacht sei, sei ein aktuelles
Verfolgungsinteresse des sri-lankischen Staats gegenüber dem Beschwer-
deführer auszuschliessen.
Zu berücksichtigen sei dabei auch, dass der Beschwerdeführer nach eige-
nen Angaben aus einer (...) stamme, die seit (...) die UNP unterstützt und
verschiedene (...) habe, darunter (...). Unter den aktuellen politischen
Machtverhältnissen in Sri Lanka sei auch deswegen nicht davon auszuge-
hen, dass der Beschwerdeführer wegen seiner Unterstützung der UNP ei-
ner Verfolgungsgefahr ausgesetzt wäre. Vielmehr sei anzunehmen, dass
er nicht zuletzt durch seine (...) auch den Schutz der sri-lankischen Behör-
den erlangen könnte, sollte er bei der Rückkehr in den Heimatstaat erneut
von Behelligungen aufgrund seiner politischen Haltung betroffen werden.
Die geltend gemachten Vorfälle hätten sich zudem ausschliesslich im Hei-
matort des Beschwerdeführers, B._ im Distrikt C._ in der
Ostprovinz, abgespielt. Unter Berücksichtigung der politischen Rolle der
UNP sei deshalb nicht anzunehmen, der Beschwerdeführer könnte aus-
serhalb seiner engeren Herkunftsregion und zumal im Grossraum der Stadt
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Colombo einer aktuellen Gefahr vergleichbarer Behelligungen ausgesetzt
sein. In Colombo liege für den Beschwerdeführer somit eine innerstaatli-
chen Schutzalternative vor.
5.
5.1 Zur Begründung des erneuten Asylgesuchs vom 10. Mai 2019 wurde
geltend gemacht, im Rahmen der aktuell rigorosen und menschenrechts-
widrigen Notstandsgesetze in Sri Lanka stünden muslimische Bürgerinnen
und Bürger unter Generalverdacht und würden Opfer von willkürlichen
Übergriffen der Sicherheitsbehörden.
5.2 Das SEM begründete die Ablehnung des Mehrfachgesuchs in der an-
gefochtenen Verfügung vom 17. Mai 2019 im Wesentlichen folgendermas-
sen: Am Ostersonntag, 21. April 2019, seien in Sri Lanka Terroranschläge
auf Kirchen und Hotels verübt worden. Dennoch bestehe dort derzeit keine
gänzlich unsichere, von bewaffneten Konflikten oder anderen unberechen-
baren Unruhen dominierte Lage, aufgrund derer Rückkehrer unabhängig
ihres individuellen Hintergrunds konkret gefährdet wären. Daran ändere
auch der von Staatspräsident Sirisena ausgerufene Notstand zur Wahrung
der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nichts. Dem SEM sei bewusst,
dass die Situation für Muslime in Sri Lanka derzeit in der Tat angespannt
sei. Es sei davon auszugehen, dass die muslimische Gemeinschaft in Sri
Lanka in Folge der durch extremistische Islamisten durchgeführten An-
schläge für absehbare Zeit einer verstärkten Kontrolle unterworfen sein
werde. Jedoch sei in Bezug auf jeden Rückkehrer eine Prüfung des Ein-
zelfalls vorzunehmen. Es sei davon auszugehen, dass die staatlichen Be-
hörden gegen sri-lankische Muslime vorgehen würden, welche den unter-
dessen verbotenen Gruppierungen "National Thowheeth Jama'ath" (NTJ)
und "Jamathei Millathu Ibraheem" (JMI) angehören oder mit den Attentaten
vom 21. April 2019 in Verbindung stehen beziehungsweise entsprechend
verdächtigt würden. Dies sei in Bezug auf den Beschwerdeführer nicht der
Fall. Die bloss abstrakte Angst vor verschärften behördlichen Massnah-
men, ohne dabei einen persönlichen Zusammenhang zu den erwähnten
Anschlägen herzustellen, erfülle die Anforderungen einer begründeten Ver-
folgungsfurcht nicht. Hinsichtlich des Beschwerdeführers lägen keinerlei
Indizien dafür vor, dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka aufgrund
seiner religiösen Zugehörigkeit konkret gefährdet wäre.
5.3 Dieser Argumentation des SEM wird in der Beschwerde im Wesentli-
chen Folgendes entgegen gehalten: Der Beschwerdeführer sei seit Jahren
ein engagiertes Mitglied der UNP und daher in einer exponierten Lage.
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Dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-2159/2017 vom 25. Septem-
ber 2018 könne entnommen werden, dass sowohl das Gericht als auch
das SEM die Vorbringen des Beschwerdeführers in Bezug auf die Über-
griffe seitens des sri-lankischen Staats und staatlich gelenkter Paramilitärs
als glaubhaft erachtet hätten. Ebenso seien die Rolle der Person namens
D._ und die Tatsache bekannt, dass sich der Beschwerdeführer ge-
gen den Genannten als Zeuge zur Verfügung gestellt habe. Der sri-lanki-
sche Staatspräsident habe D._ (...). Aktuell finde in vielen Bezirken
eine massive Verhaftungswelle von bekannten Muslimen statt, denen die
Unterstützung von Islamisten vorgeworfen werde. Viele prominente Mus-
lime befänden sich in Haft und im Hungerstreik, und die sri-lankische Re-
gierung verhindere den anwaltlichen Schutz für die betroffenen Menschen.
Es herrsche eine Notstandsgesetzgebung mit Aussetzung von verfas-
sungsmässigen Rechten. Der (...) des Beschwerdeführers, ein (...) enga-
giertes Mitglied der sri-lankischen Zivilgesellschaft, sei von staatsnahen
Paramilitärs entführt und anschliessend tot aufgefunden worden. Seine
(...) und weitere Angehörige würden massiv unter Druck gesetzt, den Auf-
enthaltsort des Beschwerdeführers bekanntzugeben. Der Beschwerdefüh-
rer habe auch erfahren, dass in den drei Wochen vor Einreichung der Be-
schwerdeschrift vom 4. Juni 2019 viele seiner Mitstreiter und weitere Mit-
glieder der UNP verschwunden beziehungsweise verhaftet worden seien.
Die umfassende Macht des (...) D._ habe sofort Wirkung gezeigt.
Dieser habe auch bereits Polizisten zur Familie des Beschwerdeführers
geschickt und nach dessen Verbleib fragen lassen.
5.4
5.4.1 Mit den weiteren Eingaben im Beschwerdeverfahren wird, soweit den
im vorliegenden Verfahren massgeblichen Zeitraum seit dem Urteil des
Bundesverwaltungsgerichts D-2159/2017 vom 25. September 2018 betref-
fend, im Wesentlichen Folgendes geltend gemacht.
5.4.2 Mit Eingabe vom 19. August 2019 wird dargelegt, der bisherige sri-
lankische Rechtsanwalt des Beschwerdeführers habe mitgeteilt, er habe
sein Mandat wegen Arbeitsüberlastung niederlegen müssen. Indessen
gehe er, der Beschwerdeführer, davon aus, dass der Genannte das Man-
dat wegen möglicher Repressalien aufgegeben habe. Mit der Eingabe
wurde ein Schreiben des neuen sri-lankischen Rechtsanwalts des Be-
schwerdeführers, G._, B._, vom (...) 2019 eingereicht, der
ebenfalls der muslimischen Minderheit angehöre. Aus diesem Schreiben
geht hinsichtlich des erwähnten massgeblichen Zeitraums hervor, dass der
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(...) des Beschwerdeführers im (...) 2018 durch Angehörige der sri-lanki-
schen Sicherheitskräfte zum Aufenthaltsort des Beschwerdeführers befragt
und bedroht worden sei. Danach sei der (...) in ein Spital eingewiesen wor-
den, wo er zwei Tage später gestorben sei. Nach den Bombenanschlägen
vom Ostersonntag, 21. April 2019, sei der (...) des Beschwerdeführers
durch Angehörige der Sicherheitskräfte nach dessen Aufenthaltsort befragt
worden. Einige Tage vor den Anschlägen vom 21. April 2019 hätten die
verantwortlichen Terroristen in der Nähe eines Grundstücks des Beschwer-
deführers (...).
Mit der Eingabe wurden als Beweismittel zudem die Kopie eines Auszugs
aus einem Sterberegister mit englischer Übersetzung in Bezug auf den (...)
des Beschwerdeführers, die Kopie eines Grundbuchauszugs in Bezug auf
ein Grundstück des Beschwerdeführers in H._ (Distrikt C._,
Ostprovinz) sowie die Kopie eines Artikels in der sri-lankischen Zeitung (...)
eingereicht. Aus dem genannten Zeitungsartikel geht zum einen hervor,
dass am (...) 2019 in der Polizeistation von B._ eine Person eine
Anzeige erstattet habe, weil auf einem ihr gehörenden Grundstück (...).
Dem Artikel ist ausserdem zu entnehmen, dass Zahran Cassim, der Anfüh-
rer der Terroristen, welche für die Bombenanschläge vom 21. April 2019
verantwortlich gemacht würden, (...).
5.4.3 Mit Eingabe des Beschwerdeführers vom 27. August 2019 wurde un-
ter anderem ein weiteres Schreiben seines sri-lankischen Rechtsanwalts,
G._, vom (...) 2019 eingereicht. Aus diesem Schreiben geht hervor,
dass die Korruptionsverfahren gegen D._ in Sri Lanka nunmehr ge-
mäss den nationalen Sicherheitsgesetzen geführt würden, weshalb es
schwierig sei, diesbezüglich Informationen zu erlangen. Gegen den Be-
schwerdeführer werde ein Verfahren geführt, das dem Terrorism Investiga-
tion Department (TID) zugewiesen worden sei.
5.4.4 Im Rahmen der Replik vom 21. Oktober 2019 wurden sodann zwei
weitere Schreiben des genannten sri-lankischen Rechtsanwalts einge-
reicht. Insbesondere ist einem Schreiben vom (...) 2019 zu entnehmen,
der Reisepass des Beschwerdeführers sei durch die sri-lankischen Behör-
den gesperrt worden, um seine Ausreise wie auch seine Einreise zu ver-
unmöglichen. Der Name des Beschwerdeführers sei durch einen höhe-
ren – im Schreiben namentlich bezeichneten – Beamten der Sicherheits-
behörden auf die Liste der gesuchten Personen gesetzt worden, und über
ihn seien auf geheime Weise Informationen erhoben worden. Es bestehe
die Gefahr, dass Drohungen und Repressalien gegen die Familie des Be-
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schwerdeführers gerichtet würden. Es seien mehr als 220 Personen ver-
haftet worden, darunter auch Frauen und Knaben im Alter von vierzehn
Jahren. Es sei zu erwähnen, dass der Beschwerdeführer einen Sohn im
Alter von fünfzehn Jahren habe. Die Familie des Beschwerdeführers halte
sich deswegen verborgen.
5.4.5 Mit Eingabe vom 17. November 2019 wurden unter anderem weitere
Beweismittel eingereicht, so ein Haftbefehl, ein polizeilicher Rapport, die
Originale der bereits zuvor als Kopien eingereichten Auszüge aus einem
Sterberegister und einem Grundbuch sowie diesbezügliche notarielle Be-
glaubigungen.
Dabei ist dem Schreiben des sri-lankischen Rechtsanwalts vom (...) 2019
im Wesentlichen zu entnehmen, dass gegen den Beschwerdeführer eine
Anzeige erstattet und von einem Gericht in C._ ein Haftbefehl aus-
gestellt worden sei. Aus einem Schreiben des sri-lankischen Rechtsan-
walts vom (...) 2019 geht im Wesentlichen hervor, die bereits erwähnte An-
zeige gegen den Beschwerdeführer sei bei der Polizei von B._
durch einen Unterstützer von D._ erhoben worden. In diesem Zu-
sammenhang ist einem als Beweismittel eingereichten Auszug aus einem
polizeilichen Rapport ("Information Book") der Polizeistation B._
vom (...) 2019 im Wesentlichen zu entnehmen, dass dem Beschwerdefüh-
rer vorgeworfen wird, als Mitglied einer muslimischen separatistischen Or-
ganisation im Jahr 2014 die anzeigende Person bedroht zu haben, um
diese von ihrem politischen Engagement für singhalesische Interessen ab-
zubringen. Am (...) 2019 sei die anzeigende Person durch eine Drittperson
aus dem gleichen Grund mit einer Waffe bedroht worden, wobei die Grup-
pierung des Beschwerdeführers für diese Drohung verantwortlich sei. Aus
der eingereichten Kopie eines Haftbefehls des (...) von C._ vom
(...) 2019 geht hervor, dass der Beschwerdeführer nicht vor Gericht er-
schienen und deshalb zur Festnahme ausgeschrieben sei.
Im Schreiben des sri-lankischen Rechtsanwalts vom (...) 2019 wurde des
Weiteren erneut darauf hingewiesen, dass die Terroristen, welche für die
Bombenanschläge vom 21. April 2019 verantwortlich seien, auf Land, das
in der Nähe eines Grundstücks des Beschwerdeführers liege, (...). In die-
sem Zusammenhang wurden originale Auszüge aus einem sri-lankischen
Grundbuch sowie eine notarielle Bestätigung eingereicht.
5.4.6 Mit Eingaben vom 18. Dezember 2019, 10. Januar 2020, 21. August
2020, 3. Februar 2021 und 26. März 2021 wurde unter Einreichung ver-
schiedener Beweismittel, darunter Berichte von Medien, des UNHCR und
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sonstiger Organisationen sowie ein weiteres Schreiben seines sri-lanki-
schen Rechtsanwalts, auf die Entwicklungen der politischen und men-
schenrechtlichen Lage in Sri Lanka hingewiesen, welche sich auf die Ge-
fährdungssituation des Beschwerdeführers auswirken würden.
Aus dem betreffenden Schreiben des sri-lankischen Rechtsanwalts vom
(...) 2020 geht im Wesentlichen hervor, die Ehefrau des Beschwerdefüh-
rers sei aus Furcht vor Verfolgungsmassnahmen von B._ nach
E._ (Ostprovinz) gezogen, wo sie nun lebe. Jedoch sei sie am (...)
2020 gleichwohl von Angehörigen der sri-lankischen Sicherheitskräfte auf-
gesucht und bedroht worden, wobei sie zum Beschwerdeführer befragt
worden sei. Sie habe am folgenden Tag bei der sri-lankischen Menschen-
rechtskommission eine Klage eingereicht. Mit dem genannten Schreiben
wurden die Kopie einer Bestätigung der sri-lankischen Menschenrechts-
kommission in E._ vom (...) 2020 sowie verschiedene Medienarti-
kel übermittelt.
5.5 Im Rahmen der Vernehmlassung vom 21. Oktober 2019 stellte sich das
SEM im Wesentlichen auf den Standpunkt, weder aus den beschwerde-
weisen Vorbringen noch aus den – bis zum damaligen Zeitpunkt – einge-
reichten Beweismitteln lasse sich auf eine asylrechtlich relevante Gefähr-
dung des Beschwerdeführers schliessen.
6.
6.1 Seit dem Urteil D-2159/2017 vom 25. September 2018, mit welchem
das erste Asylverfahren des Beschwerdeführers abgeschlossen wurde, hat
sich die politische und menschenrechtliche Situation in Sri Lanka – welche
sich nach dem offiziellen Ende des Bürgerkriegs im Mai 2009 und insbe-
sondere nach dem Regierungswechsel vom Januar 2015 zwischenzeitlich
verbessert hatte – in erheblicher Weise verändert.
Bei der Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 unterlag der dama-
lige Staatspräsident Maithripala Sirisena seinem Herausforderer Gotabaya
Rajapaksa, Bruder des vorherigen (bis Januar 2015) Präsidenten Mahinda
Rajapaksa. Letzterer wurde durch Gotabaya Rajapaksa nach dieser Wahl
als Premierminister eingesetzt. Bei den folgenden Parlamentswahlen vom
5. August 2020 errang die von Mahinda Rajapaksa geführte Parteienkoali-
tion mit einem Stimmenanteil von 59,09 Prozent auch in der Legislative die
absolute Mehrheit.
Gemäss übereinstimmenden Einschätzungen vieler beobachtender Orga-
nisationen gehen die Sicherheitsbehörden in Sri Lanka seit der Machtüber-
D-2738/2019
Seite 15
nahme der derzeitigen Regierung unter den Brüdern Rajapaksa im Novem-
ber 2019 auf äusserst repressive Weise gegen jegliche Opposition vor (vgl.
AMNESTY INTERNATIONAL, Report 2020/21. The state of the World’s Human
Rights, London 2021, S. 337 ff.; dies., Old Ghosts in new Garb: Sri Lanka's
Return to Fear, London 2021, insb. S. 4 ff., 35 ff.; HUMAN RIGHTS WATCH,
Sri Lanka: Increasing Suppression of Dissent, 8. August, 2020; dies., World
Report 2021: Sri Lanka, 13. Januar 2021; UNITED NATIONS HUMAN RIGHTS
COUNCIL, Promoting reconciliation, accountability and human rights in Sri
Lanka. Report of the Office of the High Commissioner for Human Rights,
27. Januar 2021, S. 6 ff.; U. S. DEPARTMENT OF STATE/BUREAU OF DEMOC-
RACY, HUMAN RIGHTS AND LABOR, 2020 Country Reports on Human Rights
Practices: Sri Lanka, 30. März 2021). Regimekritische Politikerinnen und
Politiker, Mitarbeitende von unabhängigen Medien, Menschenrechtsorga-
nisationen und sonstige Gruppierungen der Zivilgesellschaft sowie zahlrei-
che Einzelpersonen wurden Opfer von Tötungen, Folter und sonstiger
Misshandlung, willkürlicher Festnahme und Inhaftierung, Verletzungen der
politischen Freiheiten und weiterer Grundrechte. Insgesamt ist von einem
eigentlichen, von staatlicher Seite geschürten Klima der Angst unter einem
zunehmend diktatorischen Regime die Rede. Von erheblicher Tragweite ist
dabei auch, dass für die in den vergangenen Jahren durch die sri-lanki-
schen Sicherheitskräfte (Armee, Polizei, Geheimdienste und dem staatli-
chen Regime loyale Milizen) begangenen massiven Menschenrechtsver-
letzungen eine weitgehende Straflosigkeit herrscht.
Zu den Ereignissen, die zu den jüngsten politischen und menschenrechtli-
chen Veränderungen in Sri Lanka beigetragen haben, ist ausserdem eine
Serie von Bombenanschlägen radikal-islamistischer Terroristen am Oster-
sonntag, 21. April 2019, gegen christliche Kirchen und Touristenhotels im
Grossraum der Stadt Colombo sowie in Batticaloa zu zählen, bei denen
253 Menschen ums Leben kamen und viele weitere Personen verletzt wur-
den (vgl. nebst den bereits erwähnten Quellen auch die ausführlichen An-
gaben bei AMARNATH AMARASINGAM, Terrorism on the Teardrop Island. Un-
derstanding the Easter 2019 Attacks in Sri Lanka, in: CTC Sentinel 12
[2019], Nr. 5, S. 1 ff., <https://ctc.usma.edu/wp-content/uploads/2019/05/
CTC-SENTINEL-052019.pdf>, abgerufen am 12. April 2021). Die Verant-
wortung für diese Anschläge beanspruchten der sogenannte "Islamische
Staat" beziehungsweise die mit diesem in Verbindung stehende sri-lanki-
sche Gruppierung "National Thowheeth Jama'ath" um den bei den Atten-
taten getöteten Anführer Zahran Hashim (auch: Zahran Cassim). Letzterer
stammte aus Kattankudy, wo er seit Anfang des Jahres 2017 öffentlich für
die Unterstützung des "Islamischen Staates" durch sri-lankische Muslime
zu werben begann. Diese radikal-islamistischen Bestrebungen wurden
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Seite 16
durch die eingesessene muslimische Gemeinde von Kattankudy vehement
zurückgewiesen (vgl. AMARASINGAM, a.a.O., S. 5). Im Anschluss an die Er-
eignisse vom 21. April 2019 kam es jedoch auch gegen unbeteiligte Ange-
hörige der muslimischen Religionsgemeinschaft in Sri Lanka zu zahlrei-
chen, sowohl von staatlicher Seite als auch durch Private verübten Repres-
sionen und gewaltsamen Vergeltungsaktionen.
6.2 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts gilt der sri-
lankische Staat auch gegenüber Minderheiten wie der muslimischen und
tamilischen Bevölkerung grundsätzlich als schutzfähig und schutzwillig.
Dabei anerkennt das Gericht, dass Angehörige der muslimischen Gemein-
schaft im Zuge der Osteranschläge vom Frühjahr 2019 intensivierten Be-
obachtungen und Kontrollen durch die sri-lankischen Sicherheitskräfte un-
terliegen, welchen jedoch im Allgemeinen keine asylrechtliche Relevanz
zukommt (vgl. zuletzt Urteil des BVGer E-6467/2018 vom 15. Januar 2021
E. 8.2.2 m.w.N.). Im Zusammenhang mit der Wahl von Gotabaya Rajapa-
ksa zum neuen Staatspräsidenten im November 2019 und der damit ein-
hergehenden politischen Wiedererstarkung der Familie Rajapaksa ist nach
Ansicht des Gerichts nicht davon auszugehen, ganze Bevölkerungsgrup-
pen seien kollektiver Verfolgungsgefahr ausgesetzt. In Bezug auf Perso-
nen mit einem bestimmten Risikoprofil hält es jedoch fest, dass sich deren
Gefährdungslage akzentuieren kann und die Prüfung der Auswirkungen
der jüngsten politischen Veränderungen einzelfallbezogen erfolgen muss
(vgl. anstelle vieler Urteil des BVGer E-6309/2018 vom 6. November 2020
E. 7.2.2 m.w.N.).
6.3
6.3.1 Im vorliegenden Fall ist zunächst festzuhalten, dass der Beschwer-
deführer bereits im ersten Asylverfahren geltend gemacht hatte, er sei in
seinem Heimatstaat im Zusammenhang mit seiner Unterstützung der Par-
tei UNP bedroht und im Jahr 2014 Opfer einer Entführung und von Miss-
handlungen geworden. Diese Verfolgungsmassnahmen wurden sowohl
durch das SEM mit damaligem Asylentscheid vom 9. März 2017 als auch
vom Bundesverwaltungsgericht im Urteil D-2159/2017 vom 25. September
2018 als glaubhaft erachtet. Jedoch wurde die in der Vergangenheit erlit-
tene Verfolgung von beiden Instanzen zum Zeitpunkt der jeweiligen Ent-
scheide hauptsächlich aufgrund des Umstands als asylrechtlich nicht
(mehr) relevant eingestuft, weil sich in der Zwischenzeit, nachdem die ehe-
malige Regierung von Mahinda Rajapaksa bei der Präsidentschaftswahl
vom 8. Januar 2015 abgewählt worden war, die politischen Machtverhält-
nisse derart geändert hatten, dass eine weiter anhaltende Gefährdung des
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Seite 17
Beschwerdeführers aufgrund dessen politischen Engagements für die
UNP als überwiegend unwahrscheinlich eingestuft wurde.
6.3.2 Die damals als massgeblich erachtete Veränderung der politischen
Machtverhältnisse in Sri Lanka hat sich, wie aus den vorangehenden Aus-
führungen (vgl. E. 6.1) hervorgeht, offensichtlich wieder ins Gegenteil ver-
kehrt. Es stellt sich somit die Frage, welche Schlüsse aus den jüngeren
Entwicklungen der politischen und menschenrechtlichen Situation in Sri
Lanka unter Berücksichtigung der bereits einmal bestandenen Gefähr-
dungslage des Beschwerdeführers für die Beurteilung zum heutigen Zeit-
punkt zu ziehen sind.
6.3.3 Hinsichtlich dieser Frage ist dem Umstand Rechnung zu tragen, dass
im Sinne von Art. 3 AsylG auch verfolgt ist, wer eine begründete Furcht hat,
aus den in Abs. 1 der genannten Norm aufgezählten Gründen ernsthaften
Nachteilen ausgesetzt zu werden. Dabei umfasst die Furcht vor künftiger
Verfolgung allgemein ein auf tatsächlichen Gegebenheiten beruhendes ob-
jektives Element einerseits sowie die persönliche Furchtempfindung der
betroffenen Person als subjektives Element andererseits. Begründete
Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG hat demnach, wer gute –
das heisst von Dritten nachvollziehbare – Gründe (objektives Element) für
seine Furcht (subjektives Element) vorweist, mit gewisser Wahrscheinlich-
keit und in absehbarer Zukunft das Opfer von Verfolgung zu werden (vgl.
BVGE 2014/27 E. 6.1, 2010/57 E. 2.5 je mit weiteren Hinweisen). Dabei ist
auch zu beachten, dass eine Person, die bereits einmal Verfolgungen aus-
gesetzt war, objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht
hat als jemand, der erstmals in Kontakt mit staatlichen Sicherheitskräften
kommt (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5 mit weiteren Hinweisen).
6.3.4 Wie zuvor festgehalten wurde, war der Beschwerdeführer in seinem
Heimatstaat bereits einmal von Verfolgungsmassnahmen betroffen. Dar-
über hinaus ergeben sich für die Beurteilung seiner Furcht vor künftiger
erneuter Verfolgung konkrete Auswirkungen aus den seit dem Urteil
D-2159/2017 vom 25. September 2018 eingetretenen Entwicklungen der
politischen und menschenrechtlichen Lage in Sri Lanka. Dabei ist zunächst
der Umstand zu nennen, dass von einem Schutz der sri-lankischen Behör-
den, welchen der Beschwerdeführer gemäss der Einschätzung im erwähn-
ten Urteil vor Behelligungen wegen seiner politischen Haltung zum dama-
ligen Zeitpunkt genoss, heute nicht mehr ausgegangen werden kann. Viel-
mehr ist es ungewiss, ob der Beschwerdeführer, sollte er im Falle seiner
Rückkehr nach Sri Lanka erneut zum Ziel von Verfolgungsmassnahmen
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werden – deren tatsächliche Urheberschaft in der Vergangenheit zwar un-
klar blieb, jedoch auf sein politisches Engagement zugunsten der UNP zu-
rückzuführen war –, auf einen staatlichen Schutz durch die Behörden unter
der jetzigen Regierung der Brüder Rajapaksa würde zählen können. In ei-
nem weiteren Punkt ist zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer ein
Angehöriger der muslimischen Minderheit ist und aus B._ stammt,
(...). Selbst wenn gemäss aktueller Rechtsprechung auch nach den Terror-
anschlägen vom Ostersonntag 2019 aus der alleinigen Zugehörigkeit zur
muslimischen Volksgruppe keine asylrechtliche Relevanz resultiert, weist
der Sachverhalt im Falle des Beschwerdeführers Elemente auf, die es als
wahrscheinlich erscheinen lassen, dass er selbst als Angehöriger dieser
ethnisch-religiösen Minderheit in Verbindung mit seiner politischen Vergan-
genheit – bei welcher auch das langjährige und prominente Engagement
von Mitgliedern (...), darunter sein (...) und sein (...), für die UNP eine Rolle
spielen – in besonderer Weise exponiert ist. Unter diesem Gesichtspunkt
sind auch die im Beschwerdeverfahren eingereichten Beweismittel zu be-
werten, welche unter anderem anhaltende polizeiliche und gerichtliche Ver-
folgungsmassnahmen und sonstige Behelligungen gegen den Beschwer-
deführer (...) – so seinen (...) – in seiner Herkunftsregion C._ bele-
gen sollen. Die mit diesen Beweismitteln geltend gemachte, den Beschwer-
deführer betreffende Bedrohungslage erscheint vor dem Hintergrund der
letzten politischen Entwicklungen in Sri Lanka als glaubhaft. Bei gesamt-
hafter Würdigung aller wesentlichen Umstände ist die subjektive Furcht des
Beschwerdeführers, im Falle seiner Rückkehr nach Sri Lanka einer asyl-
rechtlich relevanten Gefährdung ausgesetzt zu werden, jedenfalls zum
heutigen Zeitpunkt – und insofern in veränderter Einschätzung gegenüber
dem Urteil D-2159/2017 vom 25. September 2018 – auch objektiv als nach-
vollziehbar zu bezeichnen. Angesichts dessen erübrigt es sich, auf jeden
Aspekt der geltend gemachten Bedrohungslage im Einzelnen einzugehen.
6.4 Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer die Flücht-
lingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Folglich ist die Be-
schwerde gutzuheissen, die angefochtene Verfügung ist aufzuheben, der
Beschwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen und das SEM anzuweisen,
ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 3 VwVG).
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Seite 19
7.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG kann die Beschwerdeinstanz der ganz
oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren
eine Entschädigung für die ihr erwachsenen notwendigen und verhältnis-
mässig hohen Kosten zusprechen (vgl. für die Grundsätze der Bemessung
der Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff. des Reglements über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom
21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). In der Kostennote des Rechts-
vertreters vom 13. April 2021 wird für die Mandatsführung ein zeitlicher
Aufwand von 20 Stunden ausgewiesen. Dieser ist auch unter Berücksich-
tigung der im Verlauf des Beschwerdeverfahrens eingereichten Eingaben
nicht als angemessen zu bezeichnen. Gestützt auf die in Betracht zu zie-
henden Bemessungsfaktoren (Art. 9‒13 VGKE), bei einem als angemes-
sen erscheinenden Zeitaufwand von 12 Stunden und auf der Basis des
geltend gemachten Stundenansatzes von Fr. 250.– sind dem Beschwerde-
führer insgesamt Fr. 3'000.‒ (inkl. Auslagen) zuzusprechen. Dieser Betrag
ist dem Beschwerdeführer durch das SEM zu entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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