Decision ID: 2f185b15-805f-5b37-84a4-bd53f40079e2
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin verliess ihren Heimatstaat eigenen Angaben
zufolge im Jahr (...) und hielt sich danach überwiegend im Nordirak auf.
Am 27. März 2018 reiste sie illegal in die Schweiz ein und suchte am 5. Ap-
ril 2018 im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) B._ um Asyl
nach. Das SEM befragte sie am 10. April 2018 zu ihrer Identität, zum Rei-
seweg sowie summarisch zu den Gesuchsgründen (Befragung zur Person;
BzP). Die ausführliche Anhörung zu den Asylgründen fand am 30. Juli 2019
statt.
A.b Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte die Beschwerdeführerin im
Wesentlichen geltend, sie sei bereits im Jahr (...) aus der Türkei ausge-
reist, nachdem sie vom informellen Geheimdienst der Gendarmerie unge-
fähr zwei Wochen lang festgehalten und dabei gefoltert worden sei. Ein
Verwandter habe sie an die Grenze zum Iran gebracht und dort Mitgliedern
der Partiya Karkerên Kurdistanê (PKK) übergeben. In der Folge habe sie
sich ein Jahr lang in einem PKK-Haus in C._ aufgehalten und in
dieser Zeit Befehle und Anweisungen von Abdullah Öcalan übersetzt. Die
PKK-Leute hätten ihr die Organisation und deren Ziele nähergebracht und
sie schliesslich überzeugt, ebenfalls Mitglied zu werden. Im Jahr (...) sei
sie in die nordirakischen Berge gegangen und habe sich der PKK ange-
schlossen. Sie habe eine interne Ausbildung (politisch, ideologisch sowie
militärisch) absolviert und sich danach dem Aufbau eines PKK-Frauenka-
ders gewidmet. Ausserdem sei sie als Dolmetscherin tätig gewesen. Zwi-
schen Herbst (...) und dem Jahr (...) sei sie zur politischen und ideologi-
schen Weiterbildung in D._ (Syrien) gewesen. Nach ihrer Rückkehr
in den Irak habe sie sich bis zum Jahr (...) in leitender Funktion mit «Frau-
entätigkeiten» beschäftigt. Am (...) sei sie ausserdem in das (...) gewählt
worden. Im Jahr (...) habe sie ihre Führungspositionen aufgegeben, sich
jedoch weiterhin für die Belange der Frauen engagiert. Noch im selben
Jahr sei sie in den (...) gewählt worden, und zwischen den Jahren (...) bis
(...) habe sie für die (...) gearbeitet, wobei sie sich mit frauenspezifischen
Aufklärungsarbeiten befasst habe. Im Jahr (...) sei sie dem (...)) beigetre-
ten, und im Jahr (...) sei sie – als Vertreterin der Frauenbewegung – in den
(...) gewählt worden. Im Jahr 2014 habe der Islamische Staat (IS) Kirkuk,
Maxmur und Sengal überfallen. Die PKK habe daraufhin eine militärische
sowie eine politische Einheit dorthin geschickt. Die PKK habe sich mit der
PCDK und der Yekêtiy Nîştimaniy Kurdistan (YNK) gegen den IS verbün-
det, und sie (Beschwerdeführerin) sei zur Koordination der Kommunikation
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zwischen der PKK und den beiden anderen Organisationen eingesetzt
worden. Ausserdem habe sie zusammen mit Mitarbeitenden die Bevölke-
rung über die vom IS ausgehenden Gefahren und möglichen Abwehrstra-
tegien informiert und sie motiviert, Widerstand zu leisten. Nachdem der IS
erfolgreich zurückgedrängt worden sei, sei sie wieder ins PKK-Lager in den
Bergen zurückgekehrt und habe ihre Arbeit im Bereich «Frauengesell-
schaftstätigkeiten» fortgesetzt: Sie habe Schulungen für Frauen organisiert
und die Teilnehmerinnen über die Rechte der kurdischen Frauen aufge-
klärt. Auch weitere Themen (Rolle der Frau in der Gesellschaft, Familien-
begriff, Frauen in der Politik, sexuelle Belästigung) seien dabei angespro-
chen worden. Sie sei mit dem Gedankengut der PKK nicht vollumfänglich
einverstanden gewesen, und es habe Dinge gegeben, die sie nicht habe
akzeptieren können. Ausserdem habe sie mit ihrem Mann (E._,
geb. [...], selbe N-Nummer) ein ruhiges Leben führen wollen. Daher sei sie
im (...) aus der PKK desertiert. In der Folge habe sie sich im Gebiet (...)
(Nordirak) aufgehalten. Sie habe jedoch damit rechnen müssen, infolge ih-
rer Desertion von der PKK getötet zu werden, zumal sie eine Kaderfunktion
innegehabt habe. In die Türkei könne sie nicht zurückkehren, da ihr dort
aufgrund ihrer leitenden Funktion in der PKK eine lebenslängliche Gefäng-
nisstrafe drohe. Ausserdem wäre es für die PKK ein Leichtes, sie in der
Türkei ausfindig zu machen. Aus diesen Gründen sei sie schliesslich in die
Schweiz geflüchtet.
A.c Die Beschwerdeführerin reichte im Rahmen des vorinstanzlichen Ver-
fahrens folgende Unterlagen zu den Akten: einen Zivilregisterauszug, ei-
nen Auszug aus einem türkischen Gerichtsdokument betreffend ihren Bru-
der (Kopie), ein Ehezertifikat (Kopie; Original bei den Akten des Eheman-
nes; gleiche N-Nummer), mehrere Fotos aus ihrer Zeit im Nordirak sowie
einige Familienfotos.
B.
Das SEM bejahte mit Verfügung vom 11. Oktober 2019 die Flüchtlingsei-
genschaft der Beschwerdeführerin, lehnte jedoch ihr Asylgesuch in Anwen-
dung von Art. 53 AsylG (SR 142.31) ab und verfügte die Wegweisung aus
der Schweiz. Gleichzeitig ordnete es infolge Unzulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzugs die vorläufige Aufnahme an.
C.
Die Beschwerdeführerin focht diesen Entscheid mit Beschwerde vom
13. November 2019 beim Bundesverwaltungsgericht an. Sie beantragte,
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die Dispositivziffern 2 und 3 der angefochtenen Verfügung seien aufzuhe-
ben, und es sei ihr Asyl zu gewähren, eventuell sei die Sache zur weiteren
Abklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht er-
suchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und amtliche
Verbeiständung.
Der Beschwerde lagen die angefochtene Verfügung, eine Vollmacht vom
23. August 2018 sowie eine Bescheinigung betreffend Sozialhilfeleistun-
gen vom 12. November 2019 (Kopien) bei.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 11. Dezember 2019 hiess die Instruktionsrich-
terin das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut und verzichtete
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Gesuch um amtliche Ver-
beiständung wurde ebenfalls gutgeheissen, und der Beschwerdeführerin
wurde ihre Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet.
E.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 9. Januar 2020 vollumfäng-
lich an seiner Verfügung fest.
F.
Die Beschwerdeführerin replizierte – nach gewährter Fristerstreckung – mit
Eingabe vom 14. Februar 2020 und hielt dabei sinngemäss an den gestell-
ten Rechtsbegehren fest. Der Replik lag eine Honorarnote selben Datums
bei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gestützt auf Art. 31 VGG Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer
Vorinstanz im Sinne von Art. 33 VGG erlassen wurden, sofern keine das
Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG vorliegt.
Demnach ist das Bundesverwaltungsgericht zuständig für die Beurteilung
von Beschwerden gegen Entscheide des SEM auf dem Gebiet des Asyls,
und entscheidet in diesem Bereich in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde wurde frist- und formgerecht eingereicht. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt.
108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist demnach einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Das SEM hat die Beschwerdeführerin mit der angefochtenen Verfügung
gestützt auf Art. 3 AsylG als Flüchtling anerkannt und ihre vorläufige Auf-
nahme in der Schweiz angeordnet. Nachfolgend bleibt demnach einzig zu
prüfen, ob das SEM zu Recht zum Schluss gelangt ist, das Asylgesuch der
Beschwerdeführerin sei infolge Asylunwürdigkeit (vgl. Art. 53 AsylG) abzu-
lehnen.
4.
4.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres Entscheids im Wesentli-
chen aus, es sei aufgrund der Aktenlage davon auszugehen, dass die Be-
schwerdeführerin im Falle einer Rückkehr in die Türkei asylrelevante Nach-
teile zu befürchten habe; sie erfülle daher die Flüchtlingseigenschaft. Je-
doch sei sie als asylunwürdig im Sinne von Art. 53 AsylG zu qualifizieren.
Sie sei eigenen Angaben zufolge jahrelang Mitglied der PKK gewesen,
habe dabei mehrere Jahre lang Kader- respektive Vorstandsfunktionen in-
negehabt und sei logistisch und propagandistisch tätig gewesen. Die PKK
gelte in der Schweiz zwar nicht als terroristische Organisation, sie begehe
aber zur Erreichung ihrer politischen Ziele bekanntlich massive Gewalt-
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akte, welche als terroristische Handlungen zu bezeichnen seien. Die Be-
schwerdeführerin habe durch ihre Unterstützungstätigkeiten in den Berei-
chen Logistik, Propaganda und «Förderung» den bewaffneten Kampf res-
pektive konkrete Kampfhandlungen ermöglicht. Sie habe ihre Aktivitäten
für die PKK in verharmlosender und beschönigender Weise dargestellt, in-
dem sie die PKK nicht als terroristische Partei, sondern als Ausbildungsor-
ganisation beschrieben habe. Ihr Aussageverhalten lasse darauf schlies-
sen, dass sie versucht habe, ihre Rolle und ihren Tatbeitrag abzuschwä-
chen. Es stehe jedoch fest, dass sie die PKK jahrelang und in qualifizierter
Art und Weise unterstützt und damit den bewaffneten Kampf direkt und
massgeblich befördert habe. Sie sei insbesondere im (...) gewesen, wel-
cher auch (...) unterstellt seien. Unter Berücksichtigung der gegebenen
Umstände sei es nicht erforderlich, den Nachweis zu erbringen, dass die
Beschwerdeführerin mit ihrem Engagement einen kausalen Beitrag zu ei-
nem konkreten Delikt geleistet habe. Vielmehr sei es als erstellt zu erach-
ten, dass sie mit ihren Tätigkeiten den bewaffneten Kampf der PKK-Gue-
rillas ermöglicht und unterstützt habe. Ihre Handlungen seien daher als ver-
werflich im Sinne von Art. 53 AsylG zu bezeichnen. Die Anwendung des
Asylausschlussgrundes von Art. 53 AsylG sei zudem verhältnismässig, zu-
mal die der PKK anzulastenden Straftaten, zu welchen die Beschwerde-
führerin mit ihren Aktivitäten beigetragen habe, mit mehrjähriger Haftstrafe
bedroht und noch nicht verjährt seien und die Beschwerdeführerin zwar
aus der PKK ausgetreten sei, sich jedoch nicht in erkennbarer Weise von
der Ideologie dieser Partei distanziert habe. Das Asylgesuch sei demnach
abzulehnen.
4.2 In der Beschwerde wird – nach einer Wiederholung des Sachverhalts –
kritisiert, das SEM habe sich in der angefochtenen Verfügung nur ungenü-
gend mit den Organisationsstrukturen der PKK auseinandergesetzt und
keine Differenzierung vorgenommen. Obwohl die PKK in der Schweiz nicht
als terroristische Organisation gelte, werde der Beschwerdeführerin vorge-
worfen, sich für eine terroristisch operierende Organisation eingesetzt zu
haben. Gleichzeitig habe es das SEM jedoch unterlassen zu berücksichti-
gen, dass der Europäische Gerichtshof (EuGH) in einem Urteil vom No-
vember 2018 festgestellt habe, die PKK sei zwischen 2014 und 2017 zu
Unrecht auf der Liste der terroristischen Bewegungen geführt worden.
Auch das Bundesstrafgericht habe die PKK bisher nicht als Ganzes als
kriminelle Organisation im Sinne von Art. 260ter Schweizerisches Strafge-
setzbuch vom 21. Dezember 1937 (StGB, SR 311.0) eingestuft. Ferner sei
auf das auch in der angefochtenen Verfügung erwähnte Urteil der vormali-
gen Asylrekurskommission, EMARK 2002 Nr. 9, zu verweisen, in welchem
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aus der Erkenntnis, «dass innerhalb der PKK auch das gewaltlose Mitglied
seinen Platz habe», abgeleitet worden sei, dass keine pauschale Katego-
risierung der PKK und ihrer Mitglieder vorgenommen werden könne, son-
dern auf die individuellen Handlungen abzustellen sei. Die Qualifizierung
der PKK als «terroristisch operierend» sei demnach unhaltbar, weshalb
auch die Schlussfolgerung des SEM, wonach kein Nachweis eines kausa-
len Beitrags im Hinblick auf ein konkretes Delikt erforderlich sei, nicht zu-
treffe. Die Beschwerdeführerin habe sich insbesondere im Bereich der po-
litischen Bildungsarbeit, mit Fokus auf die Stärkung der Rechte der Frauen,
engagiert. Sie habe Basisarbeit in zivilen Strukturen geleistet und keine
militärischen Aufgaben wahrgenommen. Das SEM habe die PKK in unzu-
treffender Weise als Konstrukt aus verschiedenen Unterorganisationen mit
einer gemeinsamen, übergeordneten Entscheidungsstruktur dargestellt. In
Tat und Wahrheit würden die verschiedenen kurdischen Strukturen und Or-
ganisationen zueinander in einem unabhängigen und nicht weisungsge-
bundenen Verhältnis stehen respektive über Autonomie verfügen. Entge-
gen der Darstellung des SEM sei der bewaffnete Kampf – und damit die
Begehung von kriminellen Handlungen – nicht der einzige Zweck der PKK.
Es treffe auch nicht zu, dass es der Beschwerdeführerin – wie vom SEM
suggeriert werde – nur darum gegangen sei, mit ihren Tätigkeiten derartige
kriminelle Handlungen zu unterstützten. Vielmehr seien ihre Aktivitäten al-
lesamt der politischen und ideologischen Arbeit im Bereich der Frauen-
rechte zuzuordnen. Sie sei seit dem Abschluss ihrer Grundausbildung mit
dem Aufbau einer Frauenpartei und der Förderung der Rechte der kurdi-
schen Frauen beschäftigt gewesen. Sie habe in der Bevölkerung Aufklä-
rungsarbeit geleistet und Ausbildungen durchgeführt, ausserdem habe sie
einen Sitz im (...) und später im (...) sowie im (...) innegehabt. Die Befrei-
ung der Frauen und der Feminismus würden seit langem mit den Befrei-
ungsbemühungen der Kurdinnen und Kurden einhergehen. Im Übrigen
treffe die Formulierung des SEM, wonach (...) der (...) unterstellt sei, nicht
zu; die (...) sei eine Dachorganisation und verfüge über keine Befehlsge-
walt hinsichtlich ihrer Mitgliederorganisationen. Im Gegensatz zum Sach-
verhalt, welcher dem – vom SEM erwähnten – Urteil D-3720/2006 vom 18.
Januar 2008 zugrunde liege, habe die Beschwerdeführerin weder logis-
tisch noch organisatorisch Kampfhandlungen unterstützt oder an solchen
teilgenommen. Sie habe auch keine Propaganda betrieben für jene Teile
der Organisation, denen allfällige kriminelle Handlungen zugerechnet wer-
den könnten. Im Jahr 2014, nach dem Angriff des IS auf den Nordirak, habe
sie indirekt an Kampfhandlungen teilgenommen, da sie als Koordinatorin
zwischen den verschiedenen kurdischen Organisationen und dem politi-
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schen und militärischen Flügel sowie zur Kommunikation mit der Bevölke-
rung eingesetzt worden sei. Ihre diesbezüglichen Aussagen seien weder
widersprüchlich noch abstrakt ausgefallen, ausserdem sei die damalige
Abwehr des IS nicht als illegale Handlung zu qualifizieren. Hinsichtlich der
Frage der Verhältnismässigkeit der Anwendung des Asylausschlussgrun-
des sei schliesslich festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin die PKK nur
habe verlassen können, weil eine erhebliche Distanzierung erfolgt sei. Sie
sei mit vielen Handlungen der Partei nicht mehr einverstanden gewesen
und habe das Gedankengut nicht mehr geteilt. Im Übrigen könne nicht ge-
fordert werden, dass sich jemand umfassend von der Ideologie der PKK
als Ganzes distanziere. Die Beschwerdeführerin habe nach dem Gesagten
keine verwerflichen Handlungen begangen. Es bestehe kein Nachweis ei-
nes kausalen Beitrags zu einem konkreten Delikt. Sie sei daher des Asyls
nicht unwürdig.
4.3 Das SEM bringt in seiner Vernehmlassung vor, die Aktivitäten der Be-
schwerdeführerin würden in der Beschwerde auf ehrbare Frauentätigkeiten
reduziert; diese Darstellung sei jedoch einseitig, insbesondere würden da-
bei das Wesen und die Ziele der PKK ausgeklammert. Als langjähriges Ka-
dermitglied sei die Beschwerdeführerin jedoch daran mitbeteiligt gewesen.
Das Bundesverwaltungsgericht habe in seiner Rechtsprechung die Asylun-
würdigkeit auch in Fällen bejaht, in denen das Engagement in der PKK
bedeutend geringer ausgefallen sei als jenes der Beschwerdeführerin (Ver-
weis auf drei Urteile des BVGer).
4.4 In der Replik wird entgegnet, offenbar halte die Vorinstanz weiterhin an
ihrer Auffassung, fest, wonach jedes langjährige (Kader-)Mitglied der PKK
per se asylunwürdig sei. Wie bereits in der Beschwerde dargelegt worden
sei, sei dieses Bild jedoch falsch. Im Übrigen sei es nach den 90er Jahren
und den jahrelangen Friedensgesprächen erst im Jahr 2013 respektive
2015 wieder zu Kampfhandlungen gekommen, und bei diesen habe es sich
um einen innerstaatlichen Konflikt und nicht um Terrorismus gehandelt. Oh-
nehin habe sich die Beschwerdeführerin damals im Nordirak aufgehalten.
Nach ihrer Rückkehr in die Berge im (...) habe sie sich sodann einige Mo-
nate später von der PKK verabschiedet. Die vom SEM in der Vernehmlas-
sung erwähnten Urteile des Bundesverwaltungsgerichts seien für die Be-
urteilung der vorliegenden Beschwerde kaum relevant. Es gehe dabei im
einen Fall nicht um die KCK/PKK, sondern um die Mitgliedschaft bei der
DHKP-C (Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front). Im anderen Fall (Ur-
teil des BVGer E-7453/2009 vom 28. Oktober 2013) würden genau die in
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Seite 9
der vorliegenden Beschwerde kritisierten Pauschalisierungen vorgenom-
men. Ausserdem handle es sich beim fraglichen PKK-Mitglied um einen
Mann, welcher teilweise andere Tätigkeitsfelder gehabt habe und bei wel-
chem Indizien für die Teilnahme an konkreten Kampfhandlungen bestan-
den hätten.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlingen wird indessen in Anwendung von Art. 53 Bst. a
AsylG namentlich dann kein Asyl gewährt, wenn sie wegen verwerflicher
Handlungen dessen unwürdig sind.
5.2 Unter den Begriff der "verwerflichen Handlungen" fallen praxisgemäss
grundsätzlich Delikte, die dem abstrakten Verbrechensbegriff von Art. 10
Abs. 2 StGB entsprechen, also Straftaten, die mit Freiheitsstrafe von mehr
als drei Jahren bedroht sind (vgl. BVGE 2011/29 E. 9.2.2; 2011/10 E. 6;
2010/44 E. 6). Ob die verwerfliche Handlung einen ausschliesslich gemein-
rechtlichen Charakter hat oder als politisches Delikt aufzufassen ist, ist da-
bei irrelevant. Unter Art. 53 AsylG sind mithin auch Handlungen zu subsu-
mieren, denen keine strafrechtliche Konnotation im engeren Sinne des
Strafrechts zukommt. Aus der Anbindung des Asylausschlussgrundes der
„verwerflichen Handlungen“ im Sinne von Art. 53 AsylG an den Verbre-
chensbegriff des StGB ergibt sich, dass in Bezug auf die in Frage stehen-
den Handlungen der betreffenden Person eine individuelle strafrechtliche
Verantwortlichkeit gegeben sein muss. Dies setzt bei im Ausland begange-
nen Handlungen zwar keinen strikten Nachweis voraus; erforderlich sind
im konkreten Fall aber jedenfalls schwerwiegende Gründe für die gerecht-
fertigte Annahme, dass sich die betreffende Person einer Straftat im Sinn
der genannten Bestimmungen schuldig gemacht hat. Dabei ist auf den in-
dividuellen Tatbeitrag abzustellen. Demnach vermag gemäss Praxis die al-
leinige Tatsache einer Mitgliedschaft bei einer als extremistisch einzustu-
fenden Organisation nicht zur Folgerung der Asylunwürdigkeit zu führen.
Es ist vielmehr der individuelle Tatbeitrag – unter Berücksichtigung der
Schwere der Tat, des persönlichen Anteils am Tatentscheid, des Tatmotivs
sowie allfälliger Rechtfertigungs- oder Schuldminderungsgründe – zu prü-
fen. Dabei sind neben der unmittelbaren Täterschaft auch andere Formen
der Täterschaft respektive der Tatteilnahme, die sich aus einer Verantwor-
tung für Handlungen Dritter aufgrund einer entsprechenden Befehlsgewalt
ergeben können, relevant. Die Rechtsfolge des Asylausschlusses kommt
schliesslich nur zur Anwendung, wenn diese Massnahme als verhältnis-
mässig zu erachten ist (vgl. zum Ganzen BVGE 2011/10 E. 6 S. 131 ff.,
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Seite 10
m.w.H.; 2011/29 E. 9.2.3 und 9.2.4 m.w.H. sowie beispielsweise die Urteile
des BVGer D-7352/2018 vom 11. März 2020 E. 3, D-290/2018 vom
29. Juni 2020 E. 6.1 und D-1071/2015 vom 19. April 2016 E. 5).
5.3 Im Folgenden ist zu prüfen, ob und inwiefern der Beschwerdeführerin
verwerfliche Handlungen im oben genannten Sinne vorgeworfen werden
können.
5.3.1 Die Beschwerdeführerin war eigenen Angaben zufolge nie selber an
gewalttätigen oder terroristischen Handlungen der PKK oder dieser nahe-
stehenden Verbänden beteiligt. Zwar besuchte sie nach ihrem Beitritt zur
PKK unter anderem eine (obligatorische) dreimonatige militärische Grund-
ausbildung, jedoch dienten ihr die dabei erworbenen Kenntnisse lediglich
zur Selbstverteidigung; sie war nie in militärische Operationen involviert
(vgl. A19 F79 f. und F105). Als die PKK im Jahr 2014 die irakischen Kurden
im Kampf gegen den IS unterstützte, war die Beschwerdeführerin offenbar
vor Ort, jedoch weder als Kämpferin noch im Bereich Logistik, sondern als
Vermittlerin/Koordinatorin zwischen den verschiedenen kurdischen Ver-
bänden. Ausserdem war sie damals zuständig für die Information der Be-
völkerung betreffend den Umgang mit der Bedrohung durch den IS. Ihre
Aufgaben waren demnach im Wesentlichen beschränkt auf den Bereich
Kommunikation. Aus ihren Aussagen geht insbesondere klar hervor, dass
sie keine Kontakte zum militärischen Bereich pflegte respektive damit
nichts zu tun hatte (vgl. A19 F82 ff.). Im Gegensatz zu dem vom SEM in
seiner Vernehmlassung erwähnten Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
E-7453/2009 vom 28. Oktober 2013 besteht vorliegend keine Veranlas-
sung, die geltend gemachte Nichtbeteiligung an Kampfhandlungen zu be-
zweifeln.
5.3.2 Praxisgemäss stellen weder die PKK-Mitgliedschaft für sich allein
noch gewaltlose Aktivitäten innerhalb dieser Organisation verwerfliche
Handlungen im Sinne von Art. 53 AsylG dar; für die Beurteilung, ob die
betroffene Person verwerfliche Handlungen begangen hat, muss auf den
individuellenTatbeitrag und die individuelle Verantwortung abgestellt wer-
den (vgl. BVGE 2011/10 E. 6.1 S. 132; EMARK 2002 Nr. 9 E. 7c). Hinsicht-
lich der konkreten Tätigkeiten der Beschwerdeführerin ist aufgrund der Ak-
tenlage davon auszugehen, dass sie sich während der gesamten Dauer
ihres Aufenthalts bei der PKK vorwiegend mit dem Thema Frauenförderung
beschäftigte und die von ihr besetzten, leitenden Funktionen ([...]) allesamt
in diesem Zusammenhang standen. Die sogenannte Frauenbefreiung ist
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Seite 11
seit den 1990er-Jahren ein grosses Anliegen von Abdullah Öcalan respek-
tive der PKK und führte zu einer starken Beteiligung von Frauen auf allen
Ebenen der Bewegung, nicht zuletzt auch zur Gründung einer unabhängi-
gen Frauenarmee (vgl. dazu Alex de Jong, Geschichte der PKK: Die Rolle
der Frauen [Teil 3], 25. Juni 2018 [https://sozialismus.ch/theorie/2018/ge-
schichte-der-pkk-die-rolle-der-frauen-teil-3/]). Den Akten sind indes keine
Hinweise darauf zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin einer militä-
rischen Fraueneinheit (YJA-Star) angehört hat oder dass ihre Vorstandstä-
tigkeiten im Zusammenhang mit den militärischen Zielsetzungen der PKK
gestanden haben. Ob respektive inwieweit sich die Beschwerdeführerin
generell mit der Ideologie des bewaffneten Kampfes identifiziert hat, kann
aufgrund der Aktenlage nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Es ist in-
dessen davon auszugehen, dass sie sich ohne weiteres einer Kampfein-
heit hätte anschliessen können, falls sie dies gewollt hätte. Der Umstand,
dass sie das nicht getan hat, lässt daher vermuten, dass sie zumindest für
sich selber die Anwendung von Gewalt ausgeschlossen hat. Ihren Anga-
ben zufolge hat sie sich ohnehin nicht primär aus ideologischen Gründen,
sondern aus einer Notsituation heraus und erst nach erfolgter Indoktrinie-
rung (vgl. A19 F52 f.) der PKK angeschlossen. Sie führte zudem aus, sie
habe das Gedankengut der Partei nicht vollumfänglich geteilt und einige
Dinge innerhalb der PKK nicht akzeptieren können (vgl. A19 F115), wes-
halb sie schliesslich aus der PKK desertiert sei (um welche Dinge es sich
dabei gehandelt hat, geht aus dem Protokoll mangels sachdienlicher Fol-
gefragen der Vorinstanz nicht hervor.) Jedenfalls können auch die von ihr
konkret geschilderten Aktivitäten, welche allesamt (frauen-)politischer
und/oder administrativer Art sind (Durchführung von Schulungen für
Frauen zu verschiedenen Themen [Rechte der Frauen, Rolle der Frau in
Gesellschaft und Familie, Frauen in der Politik, sexuelle Belästigung; vgl.
A19 F101], Übersetzungsarbeiten [vgl. A4 Ziff. 7.1, A19 F52]), nicht dahin-
gehend interpretiert werden, dass sie damit den bewaffneten Kampf der
PKK in signifikanter und gezielter Weise unterstützt und befördert hat. Der
Vorwurf des SEM, sie habe ihre Tätigkeiten beschönigt und verharmlost,
vermag nicht zu überzeugen, zumal der Frauenförderung innerhalb der
PKK wie erwähnt ein hoher Stellenwert beigemessen wird und es daher
plausibel erscheint, dass auch Ausbildungsveranstaltungen zu frauenspe-
zifischen zivilen Themen angeboten wurden. Es finden sich in den Akten
keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass die Beschwerdeführerin an den
von ihr durchgeführten Versammlungen und Schulungen den gewaltsamen
Kampf propagiert hat, und es ist aufgrund der dargelegten Tätigkeiten auch
nicht davon auszugehen, dass sie – auch wenn sie zeitweise Kaderfunkti-
onen in verschiedenen Gremien bekleidet hat – entscheidenden Einfluss
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Seite 12
auf Kampfhandlungen der PKK oder dieser nahestehenden kurdischen
Einheiten (z.B. YJA-Star) nehmen konnte; insofern ist der vorliegende Fall
nicht vergleichbar mit den Sachverhalten, welche den vom SEM in seiner
Vernehmlassung erwähnten Urteilen des Bundesverwaltungsgerichts D-
3636/2006 vom 9. April 2008 (Propaganda für die DHKP-C) und E-
4286/2008 vom 17. Oktober 2008 (Mitglied des Zentralkomitees der PKK)
zugrunde lagen. Die Tätigkeiten der Beschwerdeführerin können nach dem
Gesagten auch nicht als indirekte Beteiligung an den von der PKK im frag-
lichen Zeitraum begangenen Menschenrechtsverletzungen qualifiziert wer-
den.
5.3.3 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführerin
aufgrund der Aktenlage nicht mit der erforderlichen Gewissheit ein konkre-
ter und individueller Tatbeitrag zu verwerflichen Handlungen im Sinne von
Art. 53 AsylG vorgeworfen werden kann. Bei dieser Sachlage kann offen-
bleiben, ob ein Ausschluss vom Asyl gegebenenfalls verhältnismässig
wäre.
6.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass das SEM die Be-
schwerdeführerin zu Unrecht gestützt auf Art. 53 AsylG vom Asyl ausge-
schlossen hat. Die Beschwerde ist daher gutzuheissen, die angefochtene
Verfügung ist hinsichtlich der Dispositivziffern 2 bis 6 aufzuheben und das
SEM anzuweisen, der Beschwerdeführerin Asyl zu gewähren. Auf den
eventualiter gestellten Kassationsantrag ist demnach nicht mehr näher ein-
zugehen.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) sowie unter Berücksichtigung
der massgeblichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 9–13 VGKE) eine Ent-
schädigung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzu-
sprechen. In der eingereichten Kostennote vom 14. Februar 2020 wird sei-
tens der Rechtsvertretung ein Aufwand von total 12.58 Stunden sowie Aus-
lagen von insgesamt Fr. 53.90 geltend gemacht, was als angemessen zu
erachten ist. Der ausgewiesene Stundenansatz von Fr. 250.– bewegt sich
D-6021/2019
Seite 13
im Rahmen von Art. 10 Abs. 2 VGKE. Demnach ist der Beschwerdeführerin
zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt
Fr. 3'445.20 (inkl. Mehrwertsteuerzuschlag) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 14