Decision ID: 3a0a7eff-036b-5bbc-901f-c54020106633
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 14. November 2016 beim Regionalen
Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zur Arbeitsvermittlung an und beantragte
Arbeitslosenentschädigung ab dem 1. Januar 2017 (act. G 3.1 I/1 und 2). Die
Versicherte war seit dem 1. Mai 2009 bei der B._ GmbH als Geschäftsführerin
angestellt gewesen. Am 30. September 2016 hatte sie die Kündigung der Arbeitgeberin
per 31. Dezember 2016 erhalten.
A.b Mit Verfügung vom 6. April 2017 wies die Unia Arbeitslosenkasse (Arbeitslosen-
kasse) den Antrag auf Arbeitslosenentschädigung ab 2. Januar 2017 ab. Die
Versicherte habe bereits vor der Kündigung vom 30. September 2016 bei der
Pensionskasse C._ um eine vorzeitige Pensionierung per 1. Januar 2017 ersucht.
Demnach habe sie sich freiwillig vor Erreichen des ordentlichen AHV-Rentenalters
pensionieren lassen und seither keine beitragszeitbildende Tätigkeit mehr ausgeübt.
Damit seien aufgrund der fehlenden Beitragszeit die Anspruchsvoraussetzungen für die
Arbeitslosenentschädigung nicht gegeben (act. G3.1 II/1).
B.
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B.a Mit Schreiben vom 18. April 2017 erhob die Versicherte Einsprache gegen die
Verfügung vom 6. April 2017. Sie habe sich aufgrund der Schwierigkeiten am
Arbeitsplatz und einer befürchteten Kündigung bei der Pensionskasse erkundigt, da sie
auf jeden Fall eine Altersrente und nicht ein Alterskapital habe beziehen wollen. Sie
habe das Arbeitsverhältnis nicht freiwillig aufgelöst. Die im Mai 2016 durch die
Pensionskasse C._ mitgeteilte Rentenhöhe von ca. Fr. 800.-- pro Monat dürfte eine
freiwillige Pensionierung schon widerlegen. Sie sei nicht freiwillig in Pension gegangen
sondern aus wirtschaftlichen Gründen pensioniert worden. Zudem habe sie weiterhin
arbeiten wollen (act. G3.1 II/2).
B.b Mit Einspracheentscheid vom 10. Mai 2017 wurde die Einsprache abgewiesen.
Nach Abklärungen bei der ehemaligen Arbeitgeberin stehe fest, dass der Versicherten
seitens der Arbeitgeberin gekündigt worden sei. Grund dafür sei eine Umstrukturierung
im Betrieb gewesen. Der Inhaber der Arbeitgeberin habe aufgrund von Veränderungen
in seinem eigenen Arbeitsverhältnis mehr Kapazität gehabt und daher die Tätigkeiten,
welche die Versicherte ausgeübt habe, übernommen. Die Versicherte sei somit weder
aus wirtschaftlichen Gründen noch aufgrund zwingender Regelungen der
Pensionskasse frühzeitig pensioniert worden. Eine vorzeitige Pensionierung sei der
Versicherten im Rahmen der Kündigung nicht angeboten worden, womit die
Pensionierung ausschliesslich auf der Initiative der Versicherten beruhe. Weiter habe
sich die Versicherte trotz mehreren Möglichkeiten für die vorzeitige Pensionierung
entschieden. Vorliegend handle es sich um eine freiwillige vorzeitige Pensionierung,
weshalb nur jene beitragspflichtige Beschäftigung als Beitragszeit angerechnet werden
dürfe, welche nach der Pensionierung ausgeübt worden sei. Die Versicherte habe seit
der Pensionierung keine beitragszeitbildende Tätigkeit mehr ausgeübt, weshalb die
vorgesehene Beitragszeit von zwölf Monaten nicht erfüllt sei und kein Anspruch auf
Arbeitslosenentschädigung bestehe (act. G3.1 II/3).
C.
C.a Gegen diesen Entscheid richtet sich die vorliegend zu beurteilende Beschwerde
vom 6. Juni 2017 (Datum Poststempel: 8. Juni 2017) mit den Anträgen, der
Einspracheentscheid vom 10. Mai 2017 sei aufzuheben und die vorzeitige
Pensionierung als unfreiwillig zu akzeptieren. Sie habe sich weder freiwillig
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pensionieren lassen noch das Arbeitsverhältnis freiwillig aufgelöst, denn es habe ihr
keine Alternative offen gestanden. Das Formular „Meldung Altersfall“ habe sie erst am
12. Januar 2017 bei der Pensionskasse eingereicht, womit gezeigt sei, dass sie sich
nicht im Mai 2016 habe freiwillig vorzeitig pensionieren lassen. Die Kündigung sei aus
wirtschaftlichen Gründen aufgrund der Umstrukturierung, auf die sie keinen Einfluss
gehabt habe, erfolgt. Damit gelte die Pensionierung als unfreiwillig und ihr seien die vor
der vorzeitigen Pensionierung ausgeübten beitragspflichtigen Beschäftigungen als
Beitragszeit anzurechnen (act. G1).
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 4. Juli 2017 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Obwohl die Gründe für den Bezug von Altersleistungen
nachvollziehbar seien, könne den Ausführungen der Beschwerdeführerin nicht gefolgt
werden. Die Pensionskasse habe die Beschwerdeführerin auf die unterschiedlichen
Möglichkeiten, insbesondere auf die Auszahlung des Altersguthabens auf ein
Freizügigkeitskonto, hingewiesen und dennoch habe sie sich freiwillig für den vollen
Rücktritt entschieden. Der Beschwerdeführerin könne demnach nur noch die
Beitragszeit, welche sie nach der vorzeitigen Pensionierung ausgeübt habe,
angerechnet werden (act. G3).
C.c Mit Replik vom 8. September 2017 hält die Beschwerdeführerin an den gestellten
Anträgen fest. Sie sei unfreiwillig aus wirtschaftlichen Gründen entlassen worden. Der
Rentenbezug sei nicht ausschlaggebend für die Beurteilung der Freiwilligkeit der
Pensionierung (act. G5).
C.d Die Beschwerdegegnerin bringt in ihrer Duplik vom 16. Oktober 2017 vor, dass aus
Sicht der Arbeitslosenkasse kein Ausnahmefall vorliege, auch wenn sich die
Versicherte aus persönlichen Gründen gezwungen gesehen habe, sich pensionieren zu
lassen und eine Altersrente zu beziehen. Der Beschwerdeführerin sei allerdings
insoweit zuzustimmen, dass sie unfreiwillig aus der B._ GmbH ausgeschieden sei
(act. G7).

Erwägungen
1.
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Vorliegend ist strittig, welche Beitragszeiten der Beschwerdeführerin aufgrund der
vorzeitigen Pensionierung anzurechnen sind beziehungsweise ob die
Beschwerdeführerin die Anspruchsvoraussetzung der genügenden Beitragszeit erfüllt.
1.1 In Art. 8 Abs. 1 lit. e des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) wird als eine
Voraussetzung für den Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung die Erfüllung der
Beitragszeit genannt. Die Beitragszeit hat erfüllt, wer innerhalb der Rahmenfrist nach
Art. 9 Abs. 3 AVIG während mindestens zwölf Monaten eine beitragspflichtige
Beschäftigung ausgeübt hat (Art. 13 Abs. 1 AVIG). Die Rahmenfrist für die Beitragszeit
beginnt zwei Jahre vor dem Tag, an welchem die versicherte Person erstmals
sämtliche Anspruchsvoraussetzungen erfüllt (Art. 9 Abs. 3 i.V.m. Abs. 2 AVIG).
1.2 Nach Art. 13 Abs. 3 AVIG kann der Bundesrat zur Verhinderung eines
ungerechtfertigten gleichzeitigen Bezugs von Altersleistungen der beruflichen Vorsorge
und von Arbeitslosenentschädigung die Anrechnung von Beitragszeiten für diejenigen
Personen abweichend regeln, die vor Erreichen des Rentenalters nach Art. 21 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR
831.10) pensioniert wurden, jedoch weiterhin als Arbeitnehmende tätig sein wollen. Art.
13 Abs. 3 AVIG will den gleichzeitigen Bezug von Pensionskassenleistungen und
Arbeitslosenentschädigung nicht schlechterdings verbieten, sondern nur den
ungerechtfertigten Bezug beider Leistungen verhindern (BGE 123 V 146 E. 4b).
1.3 Gestützt auf diese Delegationsnorm hat der Bundesrat Art. 12 der Verordnung über
die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIV; SR
837.02) erlassen. Darin wird festgelegt, dass einer versicherten Person, die vor
Erreichung des Rentenalters der AHV pensioniert worden ist, nur jene
beitragspflichtigen Beschäftigungen als Beitragszeit angerechnet werden, die sie nach
der Pensionierung ausgeübt hat (Art. 12 Abs. 1 AVIV). Davon ist eine Ausnahme zu
machen, wenn die versicherte Person aus wirtschaftlichen Gründen oder auf Grund
von zwingenden Regelungen im Rahmen der beruflichen Vorsorge vorzeitig pensioniert
wurde (Art. 12 Abs. 2 lit. a AVIV) und einen Anspruch auf Altersleistungen erwirbt, der
geringer ist als die Entschädigung, die ihr nach Art. 22 AVIG zustünde (Art. 12 Abs. 2 lit.
b AVIV). Dabei gelten als Altersleistungen die Leistungen der obligatorischen und
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weitergehenden beruflichen Vorsorge, unabhängig davon, ob es sich um eine
ordentliche Altersleistung oder um eine Vorruhestandsleistung handelt (Art. 12 Abs. 3
AVIV). Mit Urteil vom 25. Februar 2003 hat das Eidgenössische Versicherungsgericht
(EVG; seit dem 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts) die
Gesetz- und Verfassungsmässigkeit von Art. 12 AVIV bejaht (BGE 129 V 329 ff. E. 4).
2.
Um zu klären, welche Beitragszeiten vorliegend anzurechnen sind, ist zu prüfen, ob die
vorzeitige Pensionierung der Beschwerdeführerin aus einem der in Art. 12 Abs. 2 lit. a
AVIV genannten Gründen erfolgte.
2.1 Vorab ist zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin aus wirtschaftlichen Gründen
entlassen worden ist.
2.1.1 Die Beschwerdeführerin macht in diesem Zusammenhang geltend, ihr sei von
der ehemaligen Arbeitgeberin gekündigt worden, weil deren Inhaber durch
Veränderungen in seinem eigenen Arbeitsverhältnis mehr Kapazität gehabt habe und
die Tätigkeiten, welche bis anhin sie erledigt habe, selber übernommen habe. Es
handle sich dabei um eine Umstrukturierung im Betrieb, welche einen wirtschaftlichen
Grund für die erfolgte Kündigung darstelle (act. G3.1 II/2, G1 und G5).
2.1.2 Die Beschwerdegegnerin führt aus, es stehe fest, dass die Arbeitgeberin das
Arbeitsverhältnis mit der Beschwerdeführerin wegen Umstrukturierung im Betrieb am
30. September 2016 auf den 31. Dezember 2016 aufgelöst habe. Es handle sich dabei
nicht um eine Kündigung aus wirtschaftlichen Gründen (act. G3.1 II/3).
2.1.3 Beide Parteien gehen von einer Kündigung aufgrund von Umstrukturierungen
im Betrieb aus, was von der ehemaligen Arbeitgeberin der Beschwerdeführerin
entsprechend bestätigt wurde (act. G3.1 III/1). Die Beschwerdeführerin wurde folglich
nicht aus in ihrer Person liegenden Gründen, sondern gerade aus betriebsbedingten
Gründen entlassen. Ihre Stelle wurde nicht wieder besetzt, sondern der Betriebsinhaber
übt die Geschäftsführung nun alleine aus. Entgegen der Ansicht der
Beschwerdegegnerin liegt damit eine Kündigung aus wirtschaftlichen Gründen vor.
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2.2 Die Beschwerdeführerin hatte im Anschluss an die Kündigung aufgrund des
Reglements der Pensionskasse C._ die Wahl zwischen einer Austritts- und einer
Altersleistung und hat sich am 12. Januar 2017 für die Altersleistung entschieden. Das
Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) hält im Kreisschreiben (AVIG-Praxis ALE) fest,
dass eine unfreiwillige vorzeitige Pensionierung vorliege, wenn die Arbeitgeberin das
Arbeitsverhältnis aus wirtschaftlichen Gründen auflöst und die versicherte Person von
der ihr im Vorsorgereglement eingeräumten Möglichkeit Gebrauch mache, die
Ausrichtung einer Altersleistung zu verlangen (AVIG-Praxis ALE Rz B178). Nach
ständiger Rechtsprechung sind Verwaltungsweisungen keine Rechtsnormen und daher
für das Gericht - im Gegensatz zu den der Aufsichtsbehörde untergeordneten
Durchführungsstellen - nicht verbindlich. Das Gericht berücksichtigt die Kreisschreiben
und weicht nicht ohne triftigen Grund davon ab, wenn sie eine dem Einzelfall
angepasste und gerecht werdende Auslegung der anwendbaren gesetzlichen
Bestimmungen zulassen und eine überzeugende Konkretisierung der rechtlichen
Vorgaben enthalten. Dadurch wird dem Bestreben einer rechtsgleichen
Gesetzesanwendung Rechnung getragen (BGE 142 V 425 E. 7.2). Die Auslegung des
Gesetzes beziehungsweise der Verordnungsbestimmung durch das SECO ist im
Folgenden auf ihre Überzeugungskraft zu prüfen.
2.2.1 Gemäss den von der Beschwerdegegnerin aufgeführten Entscheiden des EVG
(BGE 126 V 396 E. 3b/aa und 129 V 327 E. 3.1) fallen nur jene Personen unter die
Spezialbestimmung von Art. 12 Abs. 2 AVIV, bei welchen die vorzeitige Pensionierung
aufgrund objektiver Umstände erfolgte, ohne dass ihnen eine Alternative offen stand.
Die Beschwerdegegnerin verweist weiter darauf, dass für die Anwendbarkeit von Art.
12 Abs. 2 AVIV nicht der unfreiwillige Stellenverlust, sondern die Unfreiwilligkeit der
vorzeitigen Pensionierung, mithin des Bezuges einer Altersleistung der beruflichen
Vorsorge entscheidend sei (Urteil des EVG vom 23. Juni 2003, C 227/02 E. 3.3; vgl.
THOMAS NUSSBAUMER, Arbeitslosenversicherung, in: Schweizerisches
Bundesverwaltungsrecht [SBVR], Bd. XIV, Soziale Sicherheit, 3. Aufl. Basel 2016, Rz
226. f.). Diese Urteile des EVG können nicht ohne Weiteres auf den vorliegenden Fall
angewendet werden. In den genannten Fällen lag gerade keine Kündigung aus
wirtschaftlichen Gründen vor. Das EVG führt in diesen Urteilen aus, dass Personen in
einem festen Anstellungsverhältnis durch Art. 12 AVIV davon abgehalten werden sollen,
ihr Arbeitsverhältnis zu kündigen, um neben der Altersleistung der beruflichen Vorsorge
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auch noch Arbeitslosenentschädigung zu erhalten. Personen, die an ihrer Arbeitsstelle
bleiben möchten, dies aber nicht tun können, weil sie aus wirtschaftlichen Gründen
entlassen werden, sollen dagegen nicht unter die Regel von Art. 12 Abs. 1 AVIV fallen.
Demgegenüber fallen Personen, deren Arbeitsverhältnis seitens der Arbeitgeberschaft
nicht aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt wird, unter Art. 12 Abs. 1 AVIV (vgl. BGE
126 V 393 E. 3 b/bb). Die Einschränkung auf Kündigungen aus wirtschaftlichen
Gründen sollte verhindern, dass eine durch die Arbeitgeberschaft erfolgte, jedoch
durch die arbeitnehmende Person provozierte Kündigung zu einer Anrechnung der
Beitragszeiten nach Art. 12 Abs. 2 AVIV führt, da dies einer Selbstkündigung
gleichkommen würde. Das EVG spricht im zitierten Entscheid entgegen dem Wortlaut
des Gesetzes („pensioniert“) denn auch von „aus wirtschaftlichen Gründen entlassen/
gekündigt“. Diese Terminologie erscheint zutreffender, da die Arbeitgeberschaft,
vorbehältlich eines reglementarischen Zwangs, nie durch eine Kündigung die
Pensionierung veranlassen kann (vgl. CHRISTIAN WENGER, Probleme rund um die
vorzeitige Pensionierung in der beruflichen Vorsorge, 2009, S. 200 ff.). Entsprechend
hat das EVG bei Auflösung des Arbeitsverhältnisses aus wirtschaftlichen Gründen
entschieden, dass es einen Anwendungsfall von Art. 12 Abs. 2 AVIV darstelle, auch
wenn eine versicherte Person die Wahl zwischen der vorzeitigen Pensionierung und
einer betriebsbedingten Entlassung habe. Die Tatsache, dass die versicherte Person
zwischen den beiden Optionen „wählen“ könne, lasse nicht den Schluss zu, dass sie
freiwillig in den Ruhestand gegangen sei (Urteil des EVG vom 13. April 2006, C 12/05 E.
3.2).
2.2.2 Diese Auslegung der Verordnungsbestimmung ergibt sich auch aus den
Materialien. In der bundesrätlichen Botschaft zu einem neuen Bundesgesetz über die
obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung vom 2. Juli
1980 heisst es zum heute bestehenden Art. 13 Abs. 3 AVIG (Art. 12 Abs. 3 des
Entwurfs entspricht dem Gesetz gewordenen Art. 13 Abs. 3 AVIG in seiner
ursprünglichen Fassung [vgl. BBl 1980 III 652 mit AS 1982 2188]), dass dieser die
Rechtsgrundlage dafür biete, dass unter Umständen auf dem Verordnungswege für
vorzeitig Pensionierte strengere Anforderungen an die vorgängige Beitragspflicht
gestellt werden könne. Es soll damit verhindert werden, dass diese unmittelbar im
Anschluss an ihre Pensionierung zusätzlich zur Pension noch
Arbeitslosenentschädigung beziehen können, ohne dass sie ihre weitere
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Vermittlungsfähigkeit und vor allem Vermittlungswilligkeit unter Beweis stellen (BBl
1980 III 563). Es bestand demnach die Vermutung, dass die Vermittlungsfähigkeit und
insbesondere der Vermittlungswille nach der Pensionierung nicht mehr gegeben und
durch eine neue Beitragszeit unter Beweis zu stellen sind. Der Verordnungsgeber hat
dabei angenommen, dass eine versicherte Person, welche aus wirtschaftlichen
Gründen entlassen worden ist, also aus Gründen, die ausserhalb ihrer Person stehen,
weiterhin vermittlungsfähig und vor allem vermittlungsbereit ist, da sie die Arbeitsstelle
nicht freiwillig aufgeben wollte. Art. 12 Abs. 2 lit. a AVIV wurde denn auch erst im
Rahmen der 3. Teilrevision des AVIG ergänzt durch „oder aufgrund von zwingenden
Regelungen im Rahmen der beruflichen Vorsorge“. Damit wurde der Personenkreis von
Art. 12 Abs. 2 AVIV erweitert durch jene, die beispielsweise aufgrund einer bestimmten
Zugehörigkeitsdauer zur entsprechenden Vorsorgeeinrichtung zwingend pensioniert
wurden. Damit sollte nicht ein kumulativ zu erfüllendes Kriterium neben jenes der
Kündigung aus wirtschaftlichen Gründen hinzukommen. Dies zeigt sich bereits aus
dem Wortlaut der Bestimmung, indem „oder“ und nicht „und“ verwendet wurde. Würde
für die Anwendbarkeit von Art. 12 Abs. 2 AVIV verlangt, dass die versicherte Person
nach der Kündigung aus wirtschaftlichen Gründen ohne Alternative pensioniert wird,
sie also keine Wahlmöglichkeit haben dürfte, würde das Kriterium der wirtschaftlichen
Gründe hinfällig werden, da die Arbeitgeberschaft - vorbehältlich eines
reglementarischen Zwangs - durch die Kündigung keine Pensionierung veranlassen
kann. Vielmehr wird in einer solchen Situation zur Veranlassung der Pensionierung
immer ein Antrag der versicherten Person benötigt (vgl. WENGER, a.a.O., S. 200;
GERHARDS, Kommentar zum Arbeitslosenversicherungsgesetz [AVIG], Bd. 3, Bern
1993, S. 1184).
2.2.3 Dieselbe Meinung vertritt auch RUBIN (BORIS RUBIN, Commentaire de la loi
sur l’assurance-chômage, 2014, Art. 13 Rz 34). Er geht klar davon aus, dass eine
versicherte Person, die aus wirtschaftlichen Gründen entlassen wurde und von der im
Vorsorgereglement vorgesehenen Wahlmöglichkeit einer vorzeitigen Pensionierung
Gebrauch macht, in den Anwendungsbereich von Art. 12 Abs. 2 AVIV fällt.
2.2.4 Zu berücksichtigen sind bei der Auslegung von Gesetzes- und
Verordnungsbestimmungen jeweils auch von der Schweiz unterzeichnete
Staatsverträge und Übereinkommen. Am 17. Oktober 1991 ist für die Schweiz das
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Übereinkommen Nr. 168 der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) über
Beschäftigungsförderung und den Schutz gegen Arbeitslosigkeit vom 21. Juni 1988
(nachfolgend Übereinkommen; SR 0.822.726.8) in Kraft getreten. Gemäss dessen Art.
20 lit. g können Leistungen, auf die eine geschützte Person bei Voll- oder
Teilarbeitslosigkeit Anspruch hätte, in einem vorgeschriebenen Masse verweigert,
entzogen, zum Ruhen gebracht oder gekürzt werden, solange die betreffende Person
eine andere Leistung der Einkommenssicherung erhält, die in der Gesetzgebung des
betreffenden Mitgliedstaates vorgesehen ist, vorausgesetzt, dass der ruhende Teil der
Leistung die andere Leistung nicht übersteigt. Damit soll auf Seiten der Versicherten
die Einkommenssicherung gewährleistet werden und auf Seiten der Mitgliedstaaten die
Möglichkeit zur Verhinderung einer Überentschädigung geboten werden. Bei einer
völkerrechtskonformen Auslegung von Art. 12 Abs. 2 lit. a AVIV können keine
überhöhten Anforderungen an die wirtschaftlichen Gründe oder an die zwingenden
Regelungen im Rahmen der beruflichen Vorsorge gestellt werden, da ansonsten die
Einkommenssicherung nicht mehr gewährleistet wäre. Insbesondere kann nicht
entgegen dem Wortlaut der Bestimmung und den Materialien davon ausgegangen
werden, dass neben einer Kündigung aus wirtschaftlichen Gründen seitens der
Arbeitgeberschaft auch ein Zwang zur Pensionierung aus dem Vorsorgereglement der
beruflichen Vorsorge vorliegen muss. Dies würde den Anwendungsbereich von Art. 12
Abs. 2 AVIV in einer zu restriktiven Weise beschränken, die nicht mehr mit Art. 20 lit. g
des Übereinkommens vereinbar wäre.
2.2.5 Im zur Publikation vorgesehenen Urteil vom 12. Januar 2018 (8C_465/2017)
bejahte das Bundesgericht den gleichzeitigen Bezug einer Teilrente aus der beruflichen
Vorsorge und von Arbeitslosenentschädigung bei einem befristeten Arbeitsverhältnis,
welches mit Ablauf der Frist endete, wobei anschliessend eine selbstgewählte
Teilpensionierung erfolgte. Das Bundesgericht hielt fest, die Arbeitslosenkasse habe
durch die Teilpensionierung tiefere Arbeitslosenentschädigungen zu entrichten, weil die
ausbezahlten Leistungen aus der beruflichen Vorsorge in Abzug gebracht werden
könnten (vgl. Art. 18c Abs. 1 AVIG). Die vom Versicherten gewählte Teilpensionierung
stelle daher eine Schadenminderung dar (E. 4.3.3 dieses Urteils). Die geringe Höhe der
erworbenen Rente aus der beruflichen Vorsorge der Beschwerdeführerin von Fr.
809.15 ist zweifellos nicht existenzsichernd. Vielmehr ist auch die Beschwerdeführerin
durch die Wahl der vorzeitigen Pensionierung ihrer Schadenminderungspflicht
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nachgekommen. Denn sie hat ohne Verschulden ihre Arbeitsstelle verloren, obwohl sie
weiterarbeiten wollte und aus finanziellen Gründen auch musste. Durch den Bezug der
Rente aus der beruflichen Vorsorge verringert sich auch bei der Beschwerdeführerin
aufgrund von Art. 18c Abs. 1 AVIG die Höhe der Arbeitslosenentschädigung.
2.2.6 Insgesamt stellt das Kreisschreiben des SECO (AVIG-Praxis ALE Rz B178)
eine überzeugende Interpretation des Gesetzes dar, weshalb auch das Gericht aus
Gründen der Rechtsgleichheit nicht ohne Not davon abweicht. Damit sind der
Beschwerdeführerin auch Beitragszeiten, welche sie vor der Pensionierung ausgeübt
hat, anzurechnen. Bei einer vom Kreisschreiben des SECO abweichenden Auslegung
der Verordnungsbestimmung wäre der Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht zu
prüfen. Denn die Verwaltungsbehörden sind an die Weisungen des SECO gebunden,
womit vorliegend wohl eine langjährige Praxis besteht, wonach bei Kündigungen aus
wirtschaftlichen Gründen seitens der Arbeitgeberschaft die anschliessende Ausübung
der im Vorsorgereglement eingeräumten Möglichkeit als unfreiwillige vorzeitige
Pensionierung qualifiziert und entsprechend Taggelder ausgerichtet werden.
3.
3.1 Im Sinne der Erwägungen ist die Beschwerde damit gutzuheissen, der
Einspracheentscheid vom 10. Mai 2017 aufzuheben und die Sache zur Prüfung der
übrigen Anspruchsvoraussetzungen und neuen Verfügung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
3.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]).