Decision ID: 80585996-680b-5f5d-8b6c-8b5ecfff2bb0
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin ersuchte am (...) für sich und ihre Kinder in
G._ um Asyl. Am (...) wurde ihnen im Rahmen des Relocation-Pro-
gramms die Einreise in die Schweiz bewilligt, worauf sie am (...) – zusam-
men mit der (Nennung Verwandte) der Beschwerdeführerin (N [...]), wel-
cher am (Nennung Zeitpunkt) hierzulande Asyl gewährt worden ist – in die
Schweiz einreisten.
B.
Am (...) ersuchte die Beschwerdeführerin für sich und ihre Kinder in der
Schweiz um Asyl. Am 30. Dezember 2016 fand die Befragung zu ihrer Per-
son (BzP) statt und am 15. August 2017 wurde sie vom SEM vertieft zu
ihren Asylgründen angehört.
Die Beschwerdeführerin brachte dabei vor, sie sei (Nennung Ethnie) und
in D._ geboren. Sie habe bis zur (...) Klasse die Schule besucht und
sich danach bis zu ihrer Hochzeit am (Nennung Zeitpunkt) zu Hause auf-
gehalten. Nach der Heirat sei sie bis im (Nennung Zeitpunkt) in E._
wohnhaft gewesen. Sie habe keinen Militärdienst geleistet und sei auch nie
für den Nationaldienst aufgeboten worden. Ihr Ehemann arbeite seit dem
Jahr (...) in F._ für das Militär und dort in der (Nennung Abteilung)
seiner Einheit. Nach ihrer Heirat sei sie jeweils zwischen E._ und
D._ hin- und hergependelt. Ihr Ehemann habe jeweils seinen Ur-
laub überzogen, weshalb er regelmässig von Soldaten zuhause verhaftet
und mitgenommen worden sei. Dies sei jeweils schwierig für sie gewesen
und sie habe sich schlecht gefühlt. Im (Nennung Zeitpunkt) habe sich ihr
Mann auf dem Markt aufgehalten, weil er dort habe arbeiten wollen. Er sei
jedoch von den Soldaten aufgegriffen und während (Nennung Dauer) auf
dem Stützpunkt in F._ inhaftiert worden. Über einen Freund habe
sie von dieser Festnahme erfahren. Sie habe ihren Mann während der Haft
nicht besuchen können. Anlässlich der letzten Festnahme habe sie den
Entschluss gefasst, das Land zu verlassen, zumal ihr diese ständigen Mit-
nahmen zu viel geworden seien und diese Situation auch für ihre Kinder
schwierig gewesen sei. Ihr Mann habe sie im (Nennung Zeitpunkt) telefo-
nisch darüber informiert, dass er aus der Haft entlassen worden sei. Zu
diesem Zeitpunkt habe sie sich bereits in G._ aufgehalten, nach-
dem sie am (Nennung Zeitpunkt) zusammen mit ihrer (Nennung Ver-
wandte) und ihren Kindern bei H._ in Richtung I._ geflüchtet
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und später nach Europa weitergereist sei. Sie befürchte, bei einer Rück-
kehr wegen ihrer illegalen Ausreise bestraft zu werden.
C.
Mit Verfügung vom 20. Dezember 2018 stellte das SEM fest, die Beschwer-
deführerin und ihre Kinder erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte
die Asylgesuche ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ord-
nete den Vollzug der Wegweisung an. Die gegen diese Verfügung erho-
bene Beschwerde vom 21. Januar 2019 hiess das Bundesverwaltungsge-
richt mit Urteil D-377/2019 vom 24. Dezember 2019 gut, hob die Verfügung
vom 20. Dezember 2018 auf und wies die Sache zur Neubeurteilung an
die Vorinstanz zurück. Zur Begründung führte das Gericht an, mit Blick auf
die auf Beschwerdestufe neu dargelegte Vergewaltigung seien weitere Ab-
klärungen, beispielsweise eine durch ein reines Frauenteam durchzufüh-
rende Anhörung der Beschwerdeführerin, vorzunehmen.
D.
D.a Mit Schreiben vom 3. März 2020 ersuchte die Beschwerdeführerin das
SEM im Hinblick auf die am 6. März 2020 stattfindende Anhörung um Ein-
setzung einer Dolmetscherin für die arabische Sprache ohne eritreischen
Hintergrund. Sie befürchte, eine allenfalls eritreisch-stämmige Dolmet-
scherin könnte nicht unabhängig sein, sondern mit dem eritreischen Re-
gime zusammenarbeiten. Das SEM kam diesem Ersuchen nicht nach.
D.b Am 6. März 2020 wurde die Beschwerdeführerin vom SEM durch ein
reines Frauenteam ergänzend angehört.
Sie brachte dabei vor, sie habe anlässlich der letzten Anhörung aus Scham
nicht alle Erlebnisse, die ihr widerfahren seien, geschildert. Am (Nennung
Zeitpunkt), zirka (...) Tage nach der letzten Festnahme ihres Mannes, hät-
ten zwei Angehörige seiner militärischen Einheit in der Nacht an ihre Türe
geklopft. Sie habe geöffnet und die Soldaten hätten nach ihrem Mann ge-
fragt, sie beleidigt sowie geschubst und sich Zugang zur Wohnung ver-
schafft. Sie sei in ein Zimmer gebracht, mit Tüchern gefesselt und verge-
waltigt worden. Anschliessend sei sie mit vorgehaltener Schusswaffe ge-
warnt worden, niemandem von der Sache zu erzählen, ansonsten ihre
ganze Familie umgebracht würde. Nachdem die Soldaten die Wohnung
verlassen hätten, habe sie die ganze Nacht geweint. Frühmorgens habe
sie sich dann mit ihren Kindern zu ihren Eltern nach D._ begeben.
Diese seien über ihren Zustand besorgt gewesen. Sie habe ihnen jedoch
nicht erzählen können, was ihr zugestossen sei, weil ihre Eltern andernfalls
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ihr die Schuld dafür gegeben und versucht hätten, sie umzubringen. Sie
habe deswegen auch nicht ins Spital gehen wollen. Zu jener Zeit sei sie
von ihren (Nennung Verwandte) immer wieder aufgefordert worden, ihre
Tochter beschneiden zu lassen. Dies habe sie jedoch stets abgelehnt, des-
wegen aber einfach keine Ruhe mehr gehabt. Zudem habe sie sich aus
Angst, die Soldaten könnten wieder zu ihr kommen, nicht mehr getraut,
nach Hause zu gehen. Schliesslich habe sie ihre (Nennung Verwandte)
gebeten, ihr einen Schlepper zu organisieren, damit sie das Land verlas-
sen könne. Diese sei wegen ihren kleinen Kindern zunächst nicht einver-
standen gewesen, habe sie dann aber aufgefordert, an eine Hochzeit in
H._ mitzukommen. Dort sei sie mit anderen Frauen bekannt ge-
macht worden, welche in den I._ hätten gehen wollen und sich be-
reit erklärt hätten, sie mitzunehmen.
E.
Mit Verfügung vom 25. Mai 2020 stellte das SEM fest, die Beschwerdefüh-
rerin und ihre Kinder erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte die
Asylgesuche ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete
den Vollzug der Wegweisung an.
F.
Gegen diesen Entscheid erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom
25. Juni 2020 für sich und ihre Kinder Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht. Sie beantragte, es sei die angefochtene Verfügung vollum-
fänglich aufzuheben, ihre Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihr Asyl
zu gewähren und ihre Kinder in das Asyl miteinzubeziehen, eventualiter sei
die Vorinstanz anzuweisen, die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In pro-
zessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung samt Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und
um Bestellen eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes in der Person ihres
Rechtsvertreters.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 2. Juli 2020 hiess die Instruktionsrichterin die
Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechts-
verbeiständung – unter Vorbehalt des Nachreichens einer Fürsorgebestä-
tigung – gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und
ordnete den rubrizierten Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand bei.
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H.
Mit Eingabe vom 14. Juli 2020 legte die Beschwerdeführerin (Nennung Be-
weismittel) ins Recht.
I.
Das SEM reichte – nach einmalig erstreckter Frist – am 29. Juli 2020 seine
Vernehmlassung ein.
J.
Die Beschwerdeführerin replizierte – nach einmalig erstreckter Frist – mit
Eingabe vom 8. September 2020.
K.
Mit Verfügung vom 1. September 2021 teilte die Instruktionsrichterin der
Beschwerdeführerin mit, das Bundesverwaltungsgericht erwäge die vom
SEM nicht abschliessend als unglaubhaft beurteilten, sondern letztlich als
asylirrelevant erachteten Vorbringen betreffend die geltend gemachte Ver-
gewaltigung nicht unter dem Gesichtspunkt von Art. 3 AsylG, sondern voll-
umfänglich unter dem Aspekt der Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG zu
würdigen. Gleichzeitig räumte die Instruktionsrichterin der Beschwerdefüh-
rerin die Gelegenheit ein, sich bis am 16. September 2021 zur beabsich-
tigten Motivsubstitution zu äussern, wobei im Unterlassungsfall aufgrund
der Akten entschieden werde.
L.
Nach einmalig gewährter Fristerstreckung reichte die Beschwerdeführerin
mit Eingabe vom 30. September 2021 ihre Stellungnahme ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des AsylG in Kraft
getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl.
Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
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1.3 Die Beschwerdeführerin und ihre Kinder sind als Verfügungsadressa-
ten zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist-
und formgerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG sowie
Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014726 E. 5).
3.
Da das Bundesverwaltungsgericht an die rechtliche Begründung der Vor-
instanz nicht gebunden ist (Art. 62 Abs. 4 VwVG), kann es eine angefoch-
tene Verfügung im Ergebnis gleich belassen, dieser aber eine andere Be-
gründung zu Grunde legen. Die Möglichkeit einer solchen Motivsubstitution
ist im Grundsatz der Rechtsanwendung von Amtes wegen begründet.
Sollte sich der neue Entscheid auf Rechtsnormen stützen, mit deren An-
wendung die Parteien nicht rechnen mussten, ist ihnen Gelegenheit zu ge-
ben, sich vorgängig dazu zu äussern (ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/
LORENZ KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht,
2. Aufl. 2013, S. 24 Rz. 1.54; BVGE 2009/61 E. 6.1 S. 856; 2007/41 E. 2
S. 529 f.).
4.
4.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres ablehnenden Asylent-
scheids aus, die Vorbringen der Beschwerdeführerin, wonach ihr Ehemann
infolge seiner Dienstpflicht nur selten zuhause gewesen sei und dessen
Verhaftungen für die Beschwerdeführerin und ihre Kinder schwierig gewe-
sen seien, seien nicht asylrelevant. Beim erwähnten Ausreisegrund handle
es sich um Probleme, welche lediglich den Ehemann persönlich betroffen
hätten. Die Verhaftungen hätten für die Beschwerdeführerin keine persön-
lichen Konsequenzen gehabt respektive es sei nicht zu gezielten Verfol-
gungsmassnahmen gegen sie und ihre Kinder gekommen, mit Ausnahme
der geltend gemachten Vergewaltigung, auch wenn das SEM die daraus
resultierende schwierige Lebenssituation nicht verkenne. Es handle sich
dabei nicht um lebensbedrohende, sondern um unerwünschte Lebensum-
stände. Ferner vermöge die illegale Ausreise aus Eritrea als solche keinen
ernsthaften Nachteil zu begründen, zumal andere Anknüpfungspunkte,
welche die Beschwerdeführerin als missliebige Person erscheinen lassen
könnten, nicht ersichtlich seien. Sie sei nie in den Militär- oder National-
dienst einberufen worden, sondern habe bis zirka zu ihrem (...) Lebensjahr
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als verheiratete Mutter unbehelligt in Eritrea gelebt. Vor diesem Hinter-
grund sei von einer Freistellung vom Nationaldienst auszugehen, weshalb
sie bei einer Rückkehr nicht mit einer Inhaftierung wegen Missachtung der
Dienstpflicht oder einem Einzug in den Militärdienst rechnen müsse. Auch
andere Gründe für eine Inhaftierung lägen nicht vor, sei die Beschwerde-
führerin politisch doch nie aktiv gewesen und habe keine Probleme mit den
Behörden gehabt. Eine Reflexverfolgung der Beschwerdeführerin infolge
der illegalen Ausreise ihrer (Nennung Verwandte) und der Desertion ihres
Ehemannes – wie mit Beschwerde vom 21. Januar 2019 vorgebracht – sei
kaum anzunehmen, zumal sich der Ehemann angeblich wieder bei der
Truppe befinde und es trotz ihrer regelmässigen Kontakte zu ihren Ange-
hörigen nicht aktenkundig sei, dass die dortigen Behörden wegen ihrer
(Nennung Verwandte) gegen ihre Familie vorgegangen wären. Bezüglich
der erst auf Beschwerdeebene geltend gemachten Vergewaltigung seien
im eigentlichen Vorbringen durchaus Ungereimtheiten festzustellen, so hin-
sichtlich der Anzahl der Angreifer sowie der zur Einschüchterung verwen-
deten Schusswaffe. Es bestünden deshalb Zweifel an der Glaubhaftigkeit
dieses Vorbringens. Auf eine abschliessende Beurteilung könne aber inso-
fern verzichtet werden, als die Beschwerdeführerin die behauptete Verge-
waltigung im Zusammenhang mit der Desertion und anschliessenden Haft
ihres Ehemannes gesehen habe. Der Ehemann sei aber angeblich wieder
im Dienst. In Bezug auf eine mögliche Verfolgung weise der Umstand, dass
die beiden Angreifer ihr gesagt hätten, sie dürfe vom Vorfall nichts erzäh-
len, gerade nicht auf einen staatlich "legitimierten" Akt hin, weshalb bei ob-
jektiver Betrachtung aus diesem Vorbringen keine zukünftige Verfolgung
abgeleitet werden könne. Es lägen in diesem Zusammenhang keine Hin-
weise dafür vor, dass ihre Rückkehr nach Eritrea aus Gründen, die auf eine
frühere Verfolgung zurückgingen, unzumutbar wäre. Bezüglich der erst in
der ergänzenden Anhörung vom 20. März 2020 geäusserten Befürchtung,
ihre (Nennung Verwandte) wollten ihre Tochter beschneiden lassen und
hätten deswegen auf sie (die Beschwerdeführerin) Druck ausgeübt, sei
auch hier nicht von einer hohen Wahrscheinlichkeit einer Drittverfolgung
auszugehen. Die Beschwerdeführerin habe sich in der Vergangenheit
durchaus erfolgreich gegen dieses Ansinnen wehren können. Schliesslich
habe die eritreische Regierung Massnahmen gegen die weibliche Genital-
verstümmelung getroffen, weshalb die (Nennung Verwandte) den Angaben
der Beschwerdeführerin zufolge über dieses Thema am Telefon nicht spre-
chen könnten. Überdies sei dieses Vorbringen erst spät im Asylverfahren
eingebracht worden, weshalb gewisse Zweifel daran bestünden, ob es tat-
sächlich eine subjektiv begründete Furcht auszulösen vermöge, zumal es
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in der Familie – im Gegensatz zur behaupteten Vergewaltigung – durchaus
bekannt gewesen sei.
4.2 Die Beschwerdeführerin entgegnete in der Rechtsmitteleingabe, sie
habe die vorgebrachte Vergewaltigung anlässlich der ergänzenden Anhö-
rung detailliert geschildert. Die Ausführungen würden auch mit der mit Be-
schwerde vom 21. Januar 2019 eingereichten Übersetzung ihrer schriftlich
verfassten Schilderungen übereinstimmen. Die in der Beschwerdeschrift
gemachten Ausführungen zur Vergewaltigung seien von der Verfasserin
der Beschwerde formuliert worden, weshalb es möglicherweise zu gering-
fügigen Abweichungen gekommen sei, welche ihr jedoch nicht angelastet
werden könnten und auch nicht geeignet seien, die Glaubhaftigkeit ihrer
ausführlichen Schilderungen in Frage zu stellen. Entgegen der vorinstanz-
lichen Ansicht habe die Situation ihres Ehemannes durchaus direkte Kon-
sequenzen für sie gehabt, da die geschilderte Vergewaltigung offensicht-
lich auf das Verhalten ihres Ehemannes zurückzuführen sei. Sodann werde
die Freistellung von Frauen vom militärischen Nationaldienst willkürlich ge-
handhabt und eine solche Demobilisierung bedeute nicht eine Befreiung
als Ganzes, zumal Frauen jederzeit in den zivilen Teil des Nationaldienstes
einberufen werden könnten. Die bisherige Freistellung bedeute demnach
nicht, dass sie nicht Gefahr laufe, plötzlich einberufen zu werden. Im Nati-
onaldienst hätte sie verschiedene Schikanen – auch sexueller Art – zu ge-
wärtigen. Hinsichtlich der Reflexverfolgung überzeugten die Erwägungen
des SEM nicht. Sie sei bereits vor ihrer Ausreise Opfer von Reflexverfol-
gung geworden; so sei die Vergewaltigung als ein Akt einer solchen Re-
flexverfolgung zu betrachten. Zudem sei ihre Familie seit ihrer Ausreise
auch nicht völlig unbehelligt geblieben, zumal sie in der ergänzenden An-
hörung eine vor (Nennung Zeitpunkt) stattgefundene Verhaftung ihres
(Nennung Verwandter) erwähnt habe. Ferner würden sich die von den
Schweizer Behörden anerkannte subjektiv begründete Verfolgung ihrer
(Nennung Verwandte) sowie die Verfolgung aufgrund ihres Ehemannes ob-
jektiv auf ihre Verfolgungslage auswirken, weshalb sie bei einer Rückkehr
Reflexverfolgung befürchten müsste. Berichten zufolge (so beispielsweise
der Schweizerischen Flüchtlingshilfe [SFH] vom 30. September 2018)
seien vor allem Familienangehörige von illegal ausgereisten Personen von
Reflexverfolgung betroffen. Doch selbst wenn nicht davon ausgegangen
würde, dass sie eine längere Haftstrafe zu befürchten hätte, stellte das Le-
ben unter dem konstanten Risiko einer Inhaftierung einen unerträglichen
psychischen Druck dar. Zudem könne auch ein informeller Kontakt mit mi-
litärischen Behörden Furcht vor ernsthaften Nachteilen begründen (mit
Verweis auf das Urteil des BVGer E-2321/2018 vom 5. Juni 2018). Sodann
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sei sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Eritrea weit verbreitet und Verge-
waltigungen würden fast ausschliesslich Frauen betreffen, weshalb sie Op-
fer einer asylrelevanten geschlechtsspezifischen Verfolgung geworden sei.
Sie habe auch keinen Zugang zu staatlichem Schutz, weil einerseits die
Gesetze in Eritrea nicht umgesetzt würden und andererseits die Täter, ins-
besondere Militärangehörige, geschützt würden. Ausserdem würden Opfer
sexueller Gewalt unter den Folgen sozialer Ächtung und Ausgrenzung lei-
den. Sie habe ihre illegale Ausreise glaubhaft machen können und es lägen
weitere Faktoren vor, welche sie in den Augen der eritreischen Behörden
als missliebige Person erscheinen lassen würden. So sei ihr Ehemann wie-
derholt aus dem Militärdienst desertiert, deshalb wiederholt inhaftiert wor-
den und dadurch der Regierung als Regimegegner bekannt. Sie sei des-
halb selber Opfer von Verfolgung geworden und den Behörden folglich be-
reits bekannt. Da sie mit ihrer (Nennung Verwandte), einer Wehrdienstver-
weigerin, geflüchtet sei, laufe sie als deren Familienangehörige Gefahr, bei
einer Rückkehr menschenrechtswidriger Behandlung ausgesetzt zu wer-
den.
4.3 Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung fest, die Furcht, bei einer
Rückkehr nach Eritrea in den Nationaldienst rekrutiert zu werden, sei ent-
gegen den Ausführungen in der Beschwerde flüchtlingsrechtlich nicht rele-
vant. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts und des
EGMR müsse ein "tatsächliches und unmittelbares Risiko" einer zukünfti-
gen Verletzung von Art. 4 EMRK im Einzelfall glaubhaft gemacht werden.
Die blosse Möglichkeit einer zukünftigen Verwirklichung der Gefahr genüge
nicht. Aufgrund aktueller Länderinformationen müsse davon ausgegangen
werden, dass die eritreischen Behörden bei Frauen, die verheiratet,
schwanger oder Mutter oder über 30 Jahre alt seien, kein Interesse an ei-
ner Einberufung in den Nationaldienst hätten. Da die Beschwerdeführerin
mehrere der oben genannten Kriterien erfülle, drohe ihr im Falle einer
Rückkehr nach Eritrea keine Einberufung in den Nationaldienst. Überdies
stünde selbst eine drohende Einberufung in den eritreischen National-
dienst der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs nach Eritrea nicht ent-
gegen. Ferner werde die von der Beschwerdeführerin in der Anhörung er-
wähnte Verhaftung eines (Nennung Verwandter) als Beispiel angeführt,
dass die vorinstanzlichen Ausführungen hinsichtlich einer Reflexverfolgung
nicht überzeugen würden. Dieser (Nennung Verwandter) sei offenbar auf
der Flucht in den I._ festgenommen worden. Dass es sich bei ihm
um ein Opfer einer Reflexverfolgung handle, sei nicht belegt. Zudem spre-
che wohl auch die letzte Information der Beschwerdeführerin über ihren
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Ehemann, wonach dieser aus der Haft entlassen worden und immer noch
in seiner Einheit sei, gegen die Annahme einer Reflexverfolgung.
4.4 Die Beschwerdeführerin hielt in der Replik an ihren bisherigen Ausfüh-
rungen und ihrer Feststellung, dass für sie bei einer Rückkehr das tatsäch-
liche Risiko einer unmenschlichen Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK
bestehe, fest. Zwar würden gemäss dem von der Vorinstanz zitierten
EASO-Bericht Länderfokus Eritrea vom Mai 2015 faktisch normalerweise
auch verheiratete oder verlobte Frauen, Frauen mit Kindern, Schwangere
sowie muslimische Frauen aus konservativen, ländlichen Gegenden vom
militärischen Teil des Nationaldienstes ausgenommen. Es komme jedoch
vor, dass sie im Rahmen einer "Giffa" trotzdem zum Dienst eingezogen
würden oder Aufgaben im zivilen Nationaldienst übernehmen müssten. Es
könne daher nicht ohne Weiteres davon ausgegangen werden, dass ihr bei
einer Rückkehr keine Einberufung drohe. Ungeachtet dessen bestehe die
Gefahr einer mehrjährigen Freiheitsstrafe. Durch den erlittenen sexuellen
Übergriff sei sie im Übrigen bereits Opfer von Reflexverfolgung geworden.
5.
5.1 Die Entgegnungen in der Rechtsmitteleingabe vermögen ebenso we-
nig wie die angerufenen Beweismittel zu einem anderen Ergebnis hinsicht-
lich der im angefochtenen Entscheid des SEM gezogenen Schlussfolge-
rungen zu führen.
5.2
5.2.1 Die Vorinstanz hielt bezüglich der von der Beschwerdeführerin gel-
tend gemachten Fluchtgründe insgesamt fest, diese würden den Anforde-
rungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhal-
ten. Die Vorinstanz stellte in ihren Erwägungen sodann die Glaubhaftigkeit
der geltend gemachten Vergewaltigung aufgrund erheblicher Widersprü-
che in Frage, verzichtete indes auf eine abschliessende Beurteilung der
Glaubhaftigkeit und würdigte dieses Vorbringen auch unter dem Blickwin-
kel von Art. 3 AsylG. Im vorliegenden Fall nimmt das Bundesverwaltungs-
gericht in diesem Punkt eine Motivsubstitution im Sinne von E. 2 oben vor
und gelangt nachstehend zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin die
vorgebrachte Vergewaltigung nicht glaubhaft zu machen vermag.
5.2.2 Das SEM führte in seiner Begründung an, die Beschwerdeführerin
habe laut der am 28. Januar 2019 eingereichten Übersetzung ihres hand-
schriftlichen Schreibens (damalige Beschwerdebeilage 4 im Verfahren
D-377/2019; Anmerkung BVGer) festgehalten, sie sei von einer Person
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vergewaltigt worden, während in der damaligen Beschwerde vom 21. Ja-
nuar 2019 von zwei Vergewaltigern die Rede gewesen sei. Auch habe sie
bezüglich der Schusswaffe, mit welcher sie bedroht worden sei, einmal von
einem Gewehr, das andere Mal von einer aus dem Hosensack gezogenen
Pistole gesprochen. Die diesbezüglich von der Beschwerdeführerin ange-
führten Einwände, sie habe den entsprechenden Vorfall anlässlich ihrer An-
hörung vom 6. März 2020 detailliert geschildert, ihre Aussagen würden
auch mit den Ausführungen in ihrer erwähnten persönlichen Stellung-
nahme übereinstimmen und die in der damaligen Beschwerdeschrift ge-
machten Ausführungen zur Vergewaltigung seien von der dortigen Rechts-
vertreterin formuliert worden, weshalb es möglicherweise zu geringfügigen
Abweichungen gekommen sei, vermögen nicht zu überzeugen. Zunächst
ist anzuführen, dass sich die Beschwerdeführerin den Darlegungen zufolge
im Rahmen ihres ersten Beschwerdeverfahrens gegenüber ihrer damali-
gen Rechtsvertretung erstmals getraute, über die angeblichen Vorgänge
am (Nennung Zeitpunkt) zu berichten. Da es sich dabei um Kernvorbringen
handelte, welche letztlich zur Kassation der vorinstanzlichen Verfügung
vom 20. Dezember 2018 führten, ist in Ermangelung gegenteiliger Anhalts-
punkte davon auszugehen, dass diese als "Ergänzender Sachverhalt" an-
geführten Geschehnisse von der damaligen Rechtsvertretung vollständig
und korrekt, wie sie ihr von der Beschwerdeführerin in der damaligen Be-
sprechung vorgetragen wurden, erfasst und niedergeschrieben wurden.
Nachdem sich die Beschwerdeführerin die Angaben ihrer jeweiligen
Rechtsvertretung grundsätzlich entgegenzuhalten hat, vermag sie den Wi-
derspruch zu den Angaben in ihrer persönlichen Stellungnahme oder der
ergänzenden Anhörung nicht mit dem Hinweis auf eine mögliche Abwei-
chung bei der Niederschrift ihrer Angaben durch die Rechtsvertretung plau-
sibel zu erklären. Auch der in der Stellungnahme vom 30. September 2021
gemachte Hinweis, es lasse sich das Zustandekommen dieses durchaus
formellen Widerspruchs nicht mehr zweifelsfrei feststellen, da sie jedoch
von zwei Männern überwältigt worden sei, habe die damalige Rechtsver-
treterin ihre Schilderungen so verstanden, dass sie auch von beiden Män-
nern vergewaltigt worden sei, bleibt unbehelflich. Gerade aufgrund des
Umstands, dass die Beschwerdeführerin sich ihrer damaligen Rechtsver-
tretung öffnete und zum ersten Mal über den Vorfall berichtet hat, ist zu
schliessen, dass sie folglich ausführlich darüber erzählte und sich die
Rechtsvertretung bei der Aufnahme deren Schilderungen auch dement-
sprechend Zeit nahm, diese genau aufzuführen, weshalb Missverständ-
nisse in den Kernvorbringen nicht plausibel erscheinen und deshalb aus-
zuschliessen sind. Daher überzeugt auch das Vorbringen nicht, bei einer
Betrachtung des Gesamtvorgangs (Überwältigen, fesseln und sexuelle
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Seite 12
Handlungen gegen den Willen der Beschwerdeführerin) sei die Vergewal-
tigung "im weiteren Sinne" von beiden Männern begangen worden, wes-
halb das Missverständnis zwischen ihr und ihrer damaligen Rechtsvertre-
tung auf diese unterschiedliche Betrachtungsweise zurückzuführen sein
dürfte. Der Beschwerdeführerin ist in dem Sinne beizupflichten, dass es bei
Übersetzungen zu Missverständnissen kommen kann und in der tigrini-
schen Sprache mehrere Wörter für den Begriff "Waffe" vorkommen bezie-
hungsweise die Wörter "Gewehr" und "Pistole" mit einem gleichen Wort –
nebst anderen – übersetzt werden kann. Jedoch führte sie in diesem Zu-
sammenhang in der ergänzenden Anhörung an, der eine Mann habe die
Pistole aus der Hosentasche herausgeholt und ihr angedroht, sie mit der
Pistole umzubringen (vgl. act. A34, F39, S. 6 oben). Eine solche Hand-
lungsweise wäre beim Gebrauch eines Gewehrs nicht möglich gewesen.
Sodann gab sie in ihrem handschriftlichen Schreiben an, "Dann holte die-
ser Mann seine Waffe raus....", was ebenfalls gegen die Verwendung eines
Gewehrs und für diejenige einer kleineren Waffe, beispielsweise der er-
wähnten Pistole, spricht. Der Einwand eines möglichen Übersetzungsfeh-
lers oder Missverständnisses ist deshalb erheblich zu relativieren. Auch
wenn das Bundesverwaltungsgericht nicht in Abrede stellt, dass bisweilen
unterschiedliche Sachverhalte oder ausgelassene Sachverhaltsteile mit
dem Aussageverhalten von Menschen, die ein Trauma erlitten haben res-
pektive – wie die Beschwerdeführerin mit Verweis auf die eingereichten
(Nennung Beweismittel) vorbringt – an einer posttraumatischen Belas-
tungsstörung leiden, erklärt werden können, ist in diesen Fällen indessen
ebenso davon auszugehen, dass die Grundzüge einer Fluchtgeschichte in
den wesentlichen Teilen ohne auffallende Widersprüche oder markante
Ungereimtheiten und folglich mehrheitlich übereinstimmend dargestellt
werden (vgl. Urteil des BVGer D-2737/2017 vom 28. Juni 2017 E. 5.5.2).
Der Beschwerdeführerin gelingt dies vorliegend nicht. Auch die diesbezüg-
lichen Entgegnungen in der Stellungnahme vom 30. September 2021 ver-
mögen nicht zu einer anderen Schlussfolgerung zu führen. Soweit die Be-
schwerdeführerin dabei vorbringt, sie habe sowohl in ihrem handschriftli-
chen Bericht als auch anlässlich der Anhörung vom 6. März 2020 und
ebenso in der Beschwerdeschrift vom 21. Januar 2019 übereinstimmend
vorgebracht, von zwei Männern bei sich zuhause aufgesucht, gefesselt
und von einem der Männer vergewaltigt zu sein, vermag die gleichartige
Nennung dieser drei Punkte die unterschiedliche Darstellung der Einzel-
heiten des geltend gemachten Vorfalls sowie weitere Ungereimtheiten im
Sachverhaltsvortrag nicht plausibel aufzulösen. Zu keiner anderen Ein-
schätzung vermag auch der Umstand, dass die Beschwerdeführerin bei
der Schilderung des Sachverhalts wiederholt weinte, zu führen, zumal die
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erst bei einer Befragung gezeigten Gefühlsregungen nicht zwangsläufig
auf die Glaubhaftigkeit der geschilderten Sachverhaltselemente schliessen
lassen (vgl. act. A34, F39, F83).
5.2.3 Sodann sind die Ausführungen der Beschwerdeführerin zur geltend
gemachten Vergewaltigung insgesamt als oberflächlich, wenig substanzi-
iert und in sich unstimmig zu bezeichnen, zumal die beiden Männer angeb-
lich während (Nennung Dauer) bei ihr im Haus gewesen sind und deshalb
eine grössere Erzähldichte hätte erwartet werden dürfen. Sowohl die er-
gänzende Sachverhaltsschilderung in der Beschwerdeschrift vom 21. Ja-
nuar 2019 als auch die persönliche Stellungnahme zum letztlich fluchtaus-
lösenden Vorfall sind knapp ausgefallen und enthalten kaum Realkennzei-
chen (so insbesondere Detailreichtum der Schilderung, freies assoziatives
Erzählen, Interaktionsschilderung sowie inhaltliche Besonderheiten). Zwar
vermochte sie in der Tat – wie sie in ihrer Stellungnahme vom 30. Septem-
ber 2021 betont – zu verschiedenen Punkten einzelne Details und einige
Sätze, welche zwischen ihr und den beiden Soldaten gesagt worden seien,
anzuführen. Dies alleine reicht jedoch nicht, um glaubhaft darzulegen, dass
ihren diesbezüglichen Vorbringen eine genügende inhaltliche Dichte und
Erlebnisrelevanz zukommt, die auf einen tatsächlich erlebten Sachverhalt
hindeuten würden. Diese könnten in ihrer Einfachheit auch von einer am
Geschehen unbeteiligten Drittperson problemlos nacherzählt werden (vgl.
act. A34, F39, F68 ff.). Alleine der Umstand, dass die bei der ergänzenden
Anhörung anwesende Hilfswerkvertretung vereinzelt das Gefühl gehabt
habe, die Beschwerdeführerin fühle sich durch die Dolmetscherin missver-
standen, da es mehrmals zu Nachfragen der Dolmetscherin an die Be-
schwerdeführerin gekommen sei, lässt weder am obigen Schluss noch an
der Verwertbarkeit des fraglichen Protokolls Zweifel aufkommen. Zunächst
ist anzuführen, dass die Leitung der Anhörung der zuständigen Mitarbeite-
rin des SEM obliegt (vgl. act. A34, S. 1) und es der Dolmetscherin grund-
sätzlich verwehrt ist, in eigener Regie Fragen zu stellen. Das Protokoll lässt
in Ermangelung entsprechender Vermerke denn auch nicht darauf schlies-
sen, dass es bei den von der Hilfswerkvertretung auf dem Unterschriften-
blatt zitierten Protokollstellen in der Tat zu Nachfragen inhaltlicher Art sei-
tens der Dolmetscherin selber kam. Allenfalls könnte es sich dabei um Ver-
ständigungsschwierigkeiten akkustischer Art gehandelt haben, da die Hilfs-
werkvertretung im erwähnten Unterschriftenblatt das Gefühl äusserte, dass
die Beschwerdeführerin teilweise nicht sehr deutlich gesprochen habe und
es deswegen zu Nachfragen gekommen sei. Im Übrigen stellen sich die
von der Hilfswerkvertretung auf dem Unterschriftenblatt angeführten Fra-
gen, bei welchen sich ihrer Ansicht nach die Beschwerdeführerin eventuell
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missverstanden gefühlt haben könnte, als im Rahmen der Sachverhaltsab-
klärung üblicherweise gestellte Vertiefungsfragen der für die Anhörung zu-
ständigen Person des SEM dar (vgl. act. A34, F61, F66, F78, F82, F98).
Die Beschwerdeführerin bringt bezüglich des Vorhalts fehlender Detail-
dichte ihres Sachverhaltsvortrags vor, da sie durch das Erlebte traumati-
siert sei, führe dies erfahrungsgemäss dazu, dass sie als Betroffene auch
Jahre später Mühe bekunde, über das Erlebte offen zu sprechen. Dem ist
jedoch nebst den Ausführungen in E. 5.2.2 oben entgegenzuhalten, dass
sie sich in einigen Punkten ihres Sachverhaltsvortrags, welche nicht in ei-
nem unmittelbaren Bezug zum geltend gemachten traumatisierenden Er-
eignis der Vergewaltigung als solchem stehen, in Unstimmigkeiten ver-
strickte. So gab sie bei der Anhörung an, die Männer hätten sie – nachdem
sich diese Zutritt zur Wohnung verschafft und sie geschubst hätten, worauf
sie wieder aufgestanden sei – getragen und ins Bett gebracht. Sie habe
wiederholt gebeten, in Ruhe gelassen zu werden. Sie sei jedoch beleidigt
und aufgefordert worden, still zu bleiben. Anschliessend seien ihr Tücher
um den Mund und die Hände gebunden worden (vgl. act. A34, F39 S. 5).
In ihrer persönlichen Stellungnahme hingegen gab sie in diesem Zusam-
menhang an, sie habe mehrmals versucht aufzustehen, die Männer hätten
sie gegen die Zimmertür gedrückt, sie umarmt und auf das Bett gelegt. Als
dann einer der Männer über sie habe herfallen wollen, habe sie sich mit
Händen und Füssen gewehrt, worauf einer der Männer den anderen auf-
gefordert habe, ihm zu helfen ihre Beine und ihren Mund zu fesseln. Dem-
gegenüber gab sie in der Beschwerdeschrift vom 21. Januar 2019 an, die
Männer hätten sie an den Armen festgehalten und ins Schlafzimmer ge-
zerrt. Dort seien ihre Arme und Füsse ans Bett gefesselt worden. Sodann
will die Beschwerdeführerin lediglich gemäss ihren Angaben in der Anhö-
rung, nachdem sie die ganze Nacht geheult habe, in der Früh aufgestan-
den sein, um zu duschen, die Kleider zu wechseln und anschliessend mit
ihren Kindern zu ihren Eltern zu gehen (vgl. act. A34, F39, S. 6 oben). Ge-
mäss Ausführungen in der Beschwerdeschrift vom 21. Januar 2019 und in
der persönlichen Stellungnahme hat die Beschwerdeführerin hingegen am
nächsten Morgen gleich ihre Kinder gepackt und ist nach D._ ge-
reist. Im Weiteren führte die Beschwerdeführerin in der Anhörung an, die
Männer hätten beim Verlassen des Hauses die Türe "zugeschletzt" (vgl.
act. A34, F71), um gleich bei der nächsten Frage nach dem weiteren Ver-
lauf des Geschehens anzugeben, sie habe – nachdem die Männer gegan-
gen seien – die Türe zugemacht (vgl. act. A34, F72). Da die Türe demnach
bereits geschlossen gewesen wäre, erscheint diese Aussage logisch nicht
nachvollziehbar und lässt nicht auf einen tatsächlich erlebten Sachverhalt
schliessen. Unstimmig ist in diesem Zusammenhang überdies, dass die
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Kinder der Beschwerdeführerin die ganze Nacht geschlafen haben und
nicht aufgewacht sein sollen, obwohl zwei Männer während (Nennung
Dauer) im Haus und in unmittelbarer Nähe der Kinderzimmer mit der Be-
schwerdeführerin gekämpft, diese vergewaltigt und beim Weggehen die
Türe mit Schwung zugeknallt haben sollen. Selbst wenn sich – gemäss
Stellungnahme vom 30. September 2021 – zwischen dem Schlaf- und dem
Kinderzimmer eine Toilette, mithin ein Raum, befunden haben soll, ist we-
nig plausibel, dass die Kinder vom Lärm nicht aufgewacht wären.
Das Gericht erachtet daher die dargelegte Vergewaltigung der Beschwer-
deführerin insgesamt als nicht glaubhaft gemacht.
5.3 Die Beschwerdeführerin hatte zudem vor ihrer Ausreise keinerlei Kon-
takt mit den eritreischen Behörden betreffend einen allfälligen Einzug in
den Nationaldienst. Sie verneinte ausdrücklich, je ein offizielles Aufgebot
für eine militärische Ausbildung oder den National Service erhalten zu ha-
ben. Sie habe die Schule bis zur (...) Klasse besucht, weil damals die
Frauen nicht nach I._ gegangen seien. Den Akten zufolge heiratete
die Beschwerdeführerin in der Folge und wurde Mutter zweier Kinder (vgl.
act. A5, Ziff. 1.17.04 f.; A14, F56). Es ist unter diesen Umständen – entge-
gen der auf Beschwerdeebene vertretenen Ansicht – nicht davon auszuge-
hen, dass ihr als Mutter zweier Kinder eine Einberufung in den National-
dienst droht oder dass sie von den eritreischen Militärbehörden als Wehr-
dienstverweigerin angesehen würde. Allein die Befürchtung, eines Tages
in den Militärdienst einberufen zu werden, erfüllt im Übrigen die nach Art. 3
AsylG erforderliche Intensität ohnehin nicht (vgl. Entscheidungen und Mit-
teilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3
E. 4.10).
5.4 Soweit die Beschwerdeführerin vorbringt, die wiederholten Fest- und
Mitnahmen ihres Ehemannes durch Armeeangehörige – weil dieser nach
Ablauf seines Urlaubs jeweils nicht rechtzeitig zur Truppe zurückgekehrt
sei – seien für sie und ihre Kinder eine schwierige Situation gewesen, ver-
mag sie daraus keine flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdung abzuleiten,
nachdem die Beschwerdeführenden in diesem Zusammenhang jeweils un-
behelligt blieben (vgl. act. A14, S. 8).
5.5 Schliesslich ist hinsichtlich des Vorbringens im Zusammenhang mit
dem Wunsch der (Nennung Verwandte) der Beschwerdeführerin, ihre
Tochter beschneiden zu lassen und des dabei auf die Beschwerdeführerin
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ausgeübten Drucks, in Ermangelung entsprechender Entgegnungen auf
die zutreffenden vorinstanzlichen Erörterungen zu verweisen.
5.6 Asylsuchende sind auch dann als Flüchtlinge anzuerkennen, wenn sie
erst aufgrund von Ereignissen nach ihrer Ausreise im Falle einer Rückkehr
in ihren Heimat- oder Herkunftsstaat in flüchtlingsrechtlich relevanter
Weise verfolgt würden. Zu unterscheiden ist dabei zwischen objektiven und
subjektiven Nachfluchtgründen. Objektive Nachfluchtgründe liegen vor,
wenn äussere Umstände, auf welche die asylsuchende Person keinen Ein-
fluss nehmen konnte, zur drohenden Verfolgung führen; der von einer Ver-
folgung bedrohten Person ist in solchen Fällen die Flüchtlingseigenschaft
zuzuerkennen und Asyl zu gewähren. Subjektive Nachfluchtgründe liegen
vor, wenn eine asylsuchende Person erst durch die unerlaubte Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach
der Ausreise eine Verfolgung zu befürchten hat; in diesen Fällen wird kein
Asyl gewährt (Art. 54 AsylG; vgl. BVGE 2010/44 E. 3.5 m.w.H.).
5.6.1 Die Beschwerdeführerin macht eine drohende Reflexverfolgung, mit-
hin einen objektiven Nachfluchtgrund geltend. Unter Reflexverfolgung sind
behördliche Belästigungen oder Behelligungen von Angehörigen aufgrund
des Umstandes zu verstehen, dass die Behörden einer gesuchten, poli-
tisch unbequemen Person nicht habhaft werden oder schlechthin von de-
ren politischer Exponiertheit auf eine solche auch bei Angehörigen schlies-
sen. Der Zweck einer solchen Reflexverfolgung kann insbesondere darin
liegen, Informationen über effektiv gesuchte Personen zu erlangen, bezie-
hungsweise Geständnisse von Inhaftierten zu erzwingen. Aufgrund der Ak-
ten besteht vorliegend kein Anlass zur Annahme einer solchen Reflexver-
folgung. Soweit die Beschwerdeführerin anführt, sie sei infolge der erlitte-
nen Vergewaltigung bereits vor ihrer Ausreise ein Opfer von Reflexverfol-
gung geworden, ist festzuhalten, dass sie gemäss E. 5.2 oben diesen Vor-
fall nicht glaubhaft zu machen vermag. Insofern die Beschwerdeführerin
auf eine Desertion ihres Ehemannes als Grund für eine Reflexverfolgung
verweist, ist festzustellen, dass ihr Ehemann ihren Angaben zufolge aus
der Haft entlassen wurde und sich mittlerweile wieder bei seiner Einheit
befindet (vgl. act. A34, F102). Sodann ist auch aufgrund der vorgebrachten
illegalen Ausreise ihrer (Nennung Verwandte) nicht auf eine solche Re-
flexverfolgung zu schliessen. Einerseits hat die Vorinstanz mit zutreffender
Begründung erwogen, dass es trotz der regelmässigen Kontakte der Be-
schwerdeführerin zu ihren Angehörigen nicht aktenkundig sei, dass die
dortigen Behörden wegen ihrer (Nennung Verwandte) gegen ihre Familie
vorgegangen wären. Anlässlich der ergänzenden Anhörung gab sie denn
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auch an, sie habe mit ihren Eltern regelmässigen Kontakt aufgenommen,
ohne bei den nachfolgenden Schilderungen der Neuigkeiten aus ihrer Hei-
mat auch nur ansatzweise anzudeuten, dass sich ihre Ausreise oder dieje-
nige ihrer (Nennung Verwandte) nachteilig auf die in Eritrea verbliebenen
Familienangehörigen ausgewirkt hätte oder sich die Behörden deswegen
nach ihr erkundigt hätten (vgl. act. A34, F14 ff.). Zudem lebte die Beschwer-
deführerin in ihrer Heimat nicht mit ihrer (Nennung Verwandte) zusammen,
sondern führte einen eigenen Haushalt mit zwei kleinen Kindern, weshalb
davon auszugehen ist, dass den eritreischen Behörden die gemeinsame
illegale Ausreise nicht bekannt geworden ist. Soweit die Beschwerdeführe-
rin in diesem Zusammenhang entgegnet, ihre Familie sei seit ihrer Ausreise
nicht völlig unbehelligt geblieben, zumal sie in der ergänzenden Anhörung
eine vor (Nennung Zeitpunkt) stattgefundene Verhaftung ihres (Nennung
Verwandter) erwähnt habe, bleibt dieser Einwand unbehelflich. So wurde
der besagte (Nennung Verwandter) auf seiner Flucht in den I._ von
den Behörden aufgegriffen und einzig deshalb verhaftet (vgl. act. A34,
F21). Es sind daher keine tatsächlichen Hinweise auf das allfällige Beste-
hen einer Reflexverfolgung zu erkennen. Ausserdem liegen derzeit keine
konkreten Hinweise vor, welche auf eine künftige Furcht vor einer Re-
flexverfolgung schliessen lassen würden. Zusammenfassend gilt festzu-
stellen, dass sich die Beschwerdeführerin nicht auf objektive Nachflucht-
gründe berufen kann.
5.6.2 Sodann ist hinsichtlich der geltend gemachten illegalen Ausreise der
Beschwerdeführerin das Vorliegen subjektiver Nachfluchtgründe gemäss
Art. 54 AsylG zu prüfen.
Das Bundesverwaltungsgericht befasste sich im Rahmen des Urteils
D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Referenzurteil publiziert) mit der
Frage, ob Eritreerinnen und Eritreer, die ihr Land illegal verlassen haben,
allein deswegen bei einer Rückkehr Verfolgung zu befürchten haben. Das
Gericht kam dabei zum Schluss, dass sich die bisherige Praxis nicht mehr
habe aufrechterhalten lassen und vom SEM zu Recht angepasst worden
sei. Für die Entscheidfindung des Gerichts war auch die Tatsache von Be-
deutung, dass seit einiger Zeit Personen aus der eritreischen Diaspora für
kurze Aufenthalte in ihren Heimatstaat zurückkehren und sich unter ihnen
auch Personen befinden, die Eritrea zuvor illegal verlassen hatten. Es sei
mithin nicht mehr davon auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund
ihrer unerlaubten Ausreise aus Eritrea eine flüchtlingsrechtlich relevante
Verfolgung droht. Von der begründeten Furcht vor intensiven und flücht-
lingsrechtlich begründeten Nachteilen sei nur dann auszugehen, wenn zur
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illegalen Ausreise weitere Faktoren hinzukommen, welche die asylsu-
chende Person in den Augen der eritreischen Behörden als missliebige
Person erscheinen lassen (a.a.O., E. 5).
Wie aus den vorstehenden Erwägungen hervorgeht, konnte die Beschwer-
deführerin zum Zeitpunkt ihrer Ausreise aus Eritrea keine bestehende oder
drohende, asylrechtlich relevante Gefährdung beziehungsweise Verfol-
gung nachweisen oder glaubhaft machen. Ferner ist das Vorliegen zusätz-
lichen Gefährdungsfaktoren für die Beschwerdeführerin aufgrund der Ak-
tenlage – entgegen der in der Beschwerde vertretenen Ansicht – zu ver-
neinen. Wie erwähnt, vermag die illegale Ausreise allein keine Furcht vor
einer zukünftigen flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung zu begründen.
Die Beschwerdeführerin vermochte mit Blick auf die angeführte Vergewal-
tigung, die Desertion des Ehemannes sowie diejenige der (Nennung Ver-
wandte) und deren illegale Ausreise keine Hinweise auf das allfällige Be-
stehen einer Reflexverfolgung oder für eine künftige Furcht vor einer sol-
chen glaubhaft darzulegen. Sodann sind aus den Akten auch keine ande-
ren zusätzlichen Anknüpfungspunkte ersichtlich, welche sie in den Augen
der eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen liessen. Die
in der Beschwerdeschrift geäusserte Kritik am erwähnten Referenzurteil
D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 und an den vom Bundesverwaltungs-
gericht in diesem Zusammenhang getroffenen Einschätzungen und
Schlussfolgerungen vermag nicht zu einer anderen Betrachtungsweise zu
führen. Die Beschwerdeführerin erfüllt damit die Flüchtlingseigenschaft ge-
mäss Art. 3 AsylG auch unter dem Aspekt subjektiver Nachfluchtgründe
nicht.
5.7 Zusammenfassend ergibt sich, dass sowohl das Vorliegen von Vor-
fluchtgründen im Sinne von Art. 3 AsylG als auch dasjenige von objektiven
und subjektiven Nachfluchtgründen gemäss Art. 54 AsylG zu verneinen ist.
Das SEM hat die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden zu
Recht verneint und ihre Asylgesuche zutreffend abgelehnt, weshalb es sich
erübrigt, auf die weiteren Vorbringen und Beweismittel auf Beschwerde-
ebene näher einzugehen, da sie an obiger Erkenntnis nichts zu ändern
vermögen.
6.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
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ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht ange-
ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2
7.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
7.2.2 Die Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bei einer allfäl-
lig anstehenden Einziehung in den eritreischen Nationaldienst ist vom Bun-
desverwaltungsgericht geklärt worden (vgl. BVGE 2018 VI/4). Das Gericht
hat die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs im genannten Urteil sowohl
unter dem Gesichtspunkt des Zwangsarbeitsverbots (Art. 4 Abs. 2
EMRK) als auch unter jenem des Verbots der Folter und der unmenschli-
chen und erniedrigenden Behandlung (Art. 3 EMRK) geprüft und bejaht
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Seite 20
(vgl. a.a.O., E. 6.1.5.2). Es kann auf die Ausführungen im genannten Urteil
verwiesen werden. Sodann wurde die Beschwerdeführerin – wie in E. 5.3
oben bereits dargelegt – weder jemals von den zuständigen Behörden für
eine militärische Ausbildung noch für den National Service aufgeboten. Zu-
dem zog sie nach ihrer Heimat nach E._, wo sie in der Folge die
aus der Ehe stammenden zwei Kinder betreute (vgl. act. A5, Ziff. 1.17.04
f.; A14, F56). Es ist demzufolge davon auszugehen, dass die Beschwerde-
führerin von der Dienstpflicht dispensiert wurde und daher im Zeitpunkt der
Ausreise weder im Dienst stand noch desertiert ist. Angesichts dieser
Sachlage ist – entgegen der in der Beschwerde vertretenen Ansicht – nicht
damit zu rechnen, dass sie bei einer Rückkehr nach Eritrea wegen Miss-
achtung der Dienstpflicht inhaftiert oder (noch) in den Nationaldienst ein-
gezogen würde. Auch andere Gründe für eine drohende Haftstrafe sind
nicht zu erkennen. Es ist somit nicht davon auszugehen, dass die Be-
schwerdeführerin oder die Kinder für den Fall einer Rückkehr nach Eritrea
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK
verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wären.
7.2.3 Aus den Akten ergeben sich keine weiteren Gründe für die Annahme
der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs.
7.3
7.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.3.2 Gemäss geltender Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von einem
Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungs-
weise einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausge-
gangen werden. Die Lebensbedingungen haben sich in den vergangenen
Jahren in einigen Bereichen verbessert. Zwar ist die wirtschaftliche Lage
nach wie vor schwierig. Die medizinische Grundversorgung, die Ernäh-
rungssituation, der Zugang zu Wasser und Bildung haben sich jedoch sta-
bilisiert. Der Krieg ist seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder
religiöse Konflikte sind nicht zu verzeichnen. Zu erwähnen sind auch die
umfangreichen Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil der
Bevölkerung profitiert. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage des
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Seite 21
Landes muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenzbedro-
hung ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorliegen. Anders
als noch unter der früheren Rechtsprechung sind begünstigende individu-
elle Faktoren indessen nicht mehr zwingende Voraussetzung für die Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des BVGer
D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 16 f.).
7.3.3 Es liegen keine Anhaltspunkte und somit keine besonderen Um-
stände vor, wonach die Beschwerdeführerin und ihre Kinder aus individu-
ellen Gründen in Eritrea einer existenzbedrohenden Situation ausgesetzt
wären. Die Beschwerdeführerin verfügt über eine elfjährige Schulbildung
sowie über ein familiäres und persönliches Beziehungsnetz, mit welchem
sie in Kontakt steht und das sie und ihre Kinder bei ihrer sozialen und wirt-
schaftlichen Wiedereingliederung unterstützen kann, zumal sie schon bei
ihrer Ausreise finanziell unterstützt wurde (vgl. act. A5, S. 5 f. und S. 9; A14,
F14 ff. und F52; A34, F14 ff.). Zudem verfügt sie in ihrer Heimat über eine
gesicherte Wohnsituation (vgl. act. A5, Ziff. 2.02) sowie über weitere Ange-
hörige in verschiedenen Drittstaaten, so insbesondere einen in J._
lebenden (Nennung Verwandter) – der ihre Mutter finanziell unterstütze –,
welche ihr zumindest in finanzieller Hinsicht Hilfe bieten können (vgl. act.
A5, S. 6; A34, F24). Es ist daher davon auszugehen, dass es ihr gelingen
wird, sich allenfalls mit Hilfe ihrer Verwandten in ihrem Heimatland eine
wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Die auf Beschwerdeebene geäusser-
ten Bedenken vermögen die sich auf die Akten stützenden obigen Ausfüh-
rungen sowie die weitergehenden einlässlichen Erörterungen der Vor-
instanz im angefochtenen Entscheid nicht umzustossen (vgl. act. A16,
S. 8 f.). Angesichts des offenbar bestehenden Kontakts zu den Familien-
angehörigen vermag auch die langjährige Landesabwesenheit der Be-
schwerdeführerin kein Wegweisungsvollzugshindernis darzustellen.
An dieser Einschätzung vermag auch die psychische Situation der Be-
schwerdeführerin nichts zu ändern. Gemäss den in den Akten liegenden
(Nennung Beweismittel) wurde bei ihr (Nennung Diagnose und Therapie).
Die Beschwerdeführerin führte anlässlich der ergänzenden Anhörung vom
6. März 2020 auf Nachfragen zu ihrem aktuellen Gesundheitszustand an,
es gehe ihr allgemein gesundheitlich gut. Psychisch sei sie ein bisschen
bedrückt, aber es gehe ihr einigermassen besser. Derzeit sei sie bei einer
Ärztin in regelmässiger Behandlung, welche jeweils ein Gespräch mit ihr
führe. Medikamente (...) nehme sie keine mehr (vgl. act. A34, F4-11). Unter
Beachtung der gestellten Diagnose gelangt das Gericht vorliegend zum
Schluss, dass einer Überstellung der Beschwerdeführerin nach Eritrea kein
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Seite 22
Wegweisungsvollzugshindernis entgegensteht. Vorweg ist anzuführen,
dass die Beschwerdeführerin die vorgebrachte Vergewaltigung nicht glaub-
haft machen konnte. Das ärztlich festgehaltene (Nennung Leiden) ist daher
nicht auf diesen angeblichen Vorfall, sondern auf einen anderen Grund zu-
rückzuführen. Eine (Nennung Leiden) kann denn auch bei allen Menschen
auftreten, die einem traumatischen Stresssymptom ausgesetzt waren. So-
dann geht aus den erwähnten medizinischen Berichten nicht das Bild her-
vor, dass die Beschwerdeführerin in Zukunft auf eine engmaschige psychi-
atrische und medizinische Betreuung angewiesen wäre. Anlässlich der An-
hörung beschrieb die Beschwerdeführerin ihren aktuellen psychischen Ge-
sundheitszustand – wie oben bereits erwähnt – dergestalt, dass sie ein
bisschen bedrückt sei, es ihr aber einigermassen besser gehe (vgl. act.
A34, F6). Aus der vorliegend von ihr selber beschriebenen Verbesserung
ihres psychischen Gesundheitszustandes kann trotz der diagnostizierten
Beeinträchtigung nicht geschlossen werden, dass sie bei einer Rückkehr
mangels einer notwendigen medizinischen Behandlung einer akuten Le-
bensgefahr ausgesetzt wäre. Zudem bestehen in Eritrea gewisse Möglich-
keiten, psychische Erkrankungen zu behandeln; namentlich gibt es in
E._ – dem letzten Wohnort der Beschwerdeführenden – eine Psy-
chiatrie. Es ist zwar auch anzumerken, dass der Zugang zu psychiatrischer
Behandlung mangels ausreichenden Fachpersonals erschwert ist (vgl. Eu-
ropean Asylum Support Office, EASO-Bericht über Herkunftsländer-Infor-
mationen, Länderfokus Eritrea, Mai 2015). Massgebend ist allerdings nicht,
ob die medizinische Versorgung im Heimatstaat den in der Schweiz vor-
handenen Standards entspricht. Sodann kann ergänzend auf die Möglich-
keit der medizinischen Rückkehrhilfe verwiesen werden (Art. 93 Abs. 1 Bst.
c AsylG). Ausgehend von den weiterhin intakten Familienverhältnissen und
der zu erwartenden Übernahme von Verantwortung und Sorge durch die
Kernfamilie und weiteren Verwandten geht das Gericht davon aus, dass
trotz der diversen Ängste und psychischen Beschwerden kein Vollzugshin-
dernis vorliegt. Aus der bestehenden Aktenlage lassen sich somit keine
medizinischen Gründe ableiten, welche gegen die Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs sprechen würden.
Auch das Kindeswohl führt zu keiner anderen Annahme. Nach geltender
Rechtsprechung sind bei der Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AlG im Lichte
von Art. 3 Abs. 1 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die
Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) unter dem Aspekt des Wohls des Kin-
des namentlich folgende Kriterien im Rahmen einer gesamtheitlichen Be-
urteilung von Bedeutung: Alter, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe, Intensi-
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tät, Tragfähigkeit) seiner Beziehungen, Eigenschaften seiner Bezugsper-
sonen, Stand und Prognose bezüglich Entwicklung/Ausbildung sowie der
Grad der erfolgten Integration bei einem längeren Aufenthalt in der
Schweiz (vgl. BVGE 2015/30 E. 7.2 m.w.H.). Angesichts des Alters der Kin-
der (Nennung Alter) ist davon auszugehen, dass die Hauptbezugsperson
nach wie vor ihre Mutter ist. Weiter kann, auch wenn sich der Sohn und die
Tochter nun seit (Nennung Dauer) in der Schweiz aufhalten, noch keine
eigenständige Integration in die schweizerischen Lebensverhältnisse an-
genommen werden. Es halten sich in Eritrea weitere Familienangehörige
der Kinder, so insbesondere auch deren Vater, auf (vgl. act. A5, S. 6, Ziff.
3.01 f.). Vor diesem Hintergrund spricht auch das Kindeswohl nicht gegen
die Zumutbarkeit (vgl. dazu Urteil des BVGer D-5328/2016 vom 25. März
2019 E. 7.3.3).
Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit auch in individueller Hin-
sicht als zumutbar. Die übrigen Beschwerdevorbringen sind nicht geeignet,
eine Änderung dieser Einschätzung zu bewirken, weshalb nicht weiter da-
rauf einzugehen ist.
7.4 Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass eine zwangsweise Rückfüh-
rung nach Eritrea derzeit generell nicht möglich ist. Die Möglichkeit der frei-
willigen Rückkehr steht jedoch praxisgemäss der Feststellung der Unmög-
lichkeit des Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 2 AIG entge-
gen. Es obliegt daher den Beschwerdeführenden, sich bei der zuständigen
Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reise-
dokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
D-3259/2020
Seite 24
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären den Beschwerdeführenden
die Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 VwVG). Da das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Verfügung vom 2. Juli
2020 gutgeheissen wurde und den Akten keine Hinweise auf eine Verän-
derung ihrer finanziellen Verhältnisse zu entnehmen sind, ist von einer Kos-
tenauflage abzusehen.
9.2 Mit Verfügung vom 2. Juli 2020 wurde ausserdem das Gesuch um amt-
liche Verbeiständung gutgeheissen (Art. 110a Abs. 1 AsylG) und der rubri-
zierte Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand bestellt. Demnach ist
diesem ein amtliches Honorar für seine notwendigen Aufwendungen im
Beschwerdeverfahren auszurichten. Mit Eingabe vom 30. September 2021
wurde eine aktualisierte Kostennote ins Recht gelegt, wonach sich die Be-
mühungen des Rechtsvertreters auf 16 Stunden bei einem Stundenansatz
von Fr. 300.– belaufen. Zusätzlich werden Auslagen in der Höhe von
Fr. 32.50 aufgeführt. Nach Praxis des Bundesverwaltungsgerichts werden
amtlich eingesetzte anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter mit einem
Stundensatz von Fr. 200.– bis 220.– entschädigt (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10
Abs. 2 VGKE), worauf der Rechtsvertreter mit Zwischenverfügung vom
2. Juli 2020 aufmerksam gemacht wurde. Der Stundenansatz ist entspre-
chend auf Fr. 220.– herabzusetzen. Der ausgewiesene Aufwand ist als an-
gemessen zu erachten. Unter Berücksichtigung der massgebenden Be-
messungsfaktoren ist das Honorar demnach gerundet auf insgesamt
Fr. 3827.– (inkl. sämtlicher Auslagen und MWSt) festzulegen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-3259/2020
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