Decision ID: f77cc108-189c-5d4d-82b9-286bfc9a9c25
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer am 27. September 2021 in der Schweiz um
Asyl nachsuchte,
dass ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zent-
raleinheit Eurodac) vom 29. September 2021 ergab, dass er am 23. August
und am 3. November 2017 in Deutschland und am 2. Juni 2021 in den Nie-
derlanden um Asyl nachgesucht hatte,
dass er am 30. September 2021 den Rechtsschutz im Bundesasylzentrum
(BAZ) B._ mit seiner Rechtsvertretung mandatierte und er tags da-
rauf durch das SEM zu seinen Personalien befragt wurde,
dass das SEM ihm im Rahmen des Dublin-Gespräches vom 5. Oktober
2021 (SEM-Akten 1110226-14/2, in der Folge A14) im Beisein seiner
Rechtsvertretung das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständigkeit
der Niederlanden oder Deutschlands für die Durchführung des Asyl- und
Wegweisungsverfahrens, zu einer Überstellung dorthin sowie zum medizi-
nischen Sachverhalt gewährte,
dass er angab, in den Niederlanden sei er von einer Gruppe aus
C._ bedroht worden, ausserdem habe man ihm dort gesagt, er
werde nach Deutschland zurückgewiesen,
dass er nicht nach Deutschland zurückkehren wolle, obwohl er dort grund-
sätzlich keine Probleme gehabt habe,
dass er aber homosexuell sei und in Deutschland eine Beziehung zu einem
Mann gehabt habe, dessen Familie habe ihn deswegen umbringen wollen,
weshalb er in die Schweiz gereist sei,
dass er bezüglich des medizinischen Sachverhalts angab, es gehe ihm
körperlich gut, psychisch jedoch nicht, so leide er unter Schlaflosigkeit, weil
er Angst habe und sich Sorgen mache,
dass er zudem viel rauche und sein Kopf nicht mehr richtig funktioniere,
dass er einen Termin bei einem Psychiater habe und die Medikamente (...)
und (...) einnehme,
E-4727/2021
Seite 3
dass das SEM am 5. Oktober 2021 die zuständige niederländische Be-
hörde gestützt auf die Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (Dub-
lin-III-VO), um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers ersuchte (Art. 18
Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO),
dass die Rechtsvertretung des Beschwerdeführers am selben Tag einen
ärztlichen Kurzbericht vom 1. Oktober 2021 zu den Akten reichte,
dass die niederländischen Behörden die Anfrage um Wiederaufnahme am
18. Oktober 2021 ablehnten mit der Begründung, Deutschland sei für die
Behandlung des Schutzersuchens des Beschwerdeführers zuständig,
dass das SEM gleichentags die zuständige deutsche Behörde, gestützt auf
Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO um Wiederaufnahme des Beschwerde-
führers ersuchte,
dass die deutschen Behörden diesem Ersuchen gestützt auf dieselbe Be-
stimmung am 20. Oktober 2021 zustimmten,
dass das SEM mit Verfügung vom 22. Oktober 2021 – eröffnet am 25. Ok-
tober 2021 – in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch nicht eintrat, die Wegweisung aus der Schweiz nach
Deutschland anordnete und den Beschwerdeführer aufforderte, die
Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen,
dass es gleichzeitig feststellte, einer allfälligen Beschwerde gegen den Ent-
scheid komme keine aufschiebende Wirkung zu, und die Aushändigung
der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an den
Beschwerdeführer verfügte,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 27. Oktober 2021 in eigenem
Namen gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde erhob und beantragt, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuhe-
ben und das Verfahren sei zwecks vollständiger Abklärung des Sachver-
halts und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen,
E-4727/2021
Seite 4
dass er in verfahrensrechtlicher Hinsicht begehrt, der Beschwerde sei die
aufschiebende Wirkung einzuräumen sowie die Vorinstanz und die Voll-
zugsbehörden seien im Rahmen von vorsorglichen Massnahmen unver-
züglich anzuweisen, bis zum Entscheid über das Rechtsmittel von jegli-
chen Vollzugshandlungen abzusehen,
dass ihm ferner die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren, von der
Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen und ihm ein amtlicher
Rechtsbeistand beizuordnen sei,
dass er seiner Beschwerdeeingabe unter anderem ein medizinisches Ver-
laufsprotokoll vom 20. Oktober 2021 beilegte,
dass die vorinstanzlichen Akten am 29. Oktober 2021 beim Bundesverwal-
tungsgericht eintrafen (aArt. 109 Abs. 3 AsylG),

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen (Art. 5 VwVG) des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass sich das Verfahren nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG richtet,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG),
dass die Beschwerde frist- und formgerecht eingereicht worden ist, der Be-
schwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen hat, durch
die angefochtene Verfügung besonders berührt ist und ein schutzwürdiges
Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung hat, weshalb er
zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass demnach auf die Beschwerde einzutreten ist,
dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich
vorliegend um eine solche handelt, weshalb der Beschwerdeentscheid nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
E-4727/2021
Seite 5
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf die Durchführung eines Schrif-
tenwechsels verzichtet wurde,
dass mit der Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden kann (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass der Beschwerdeführer sich in der Rechtsmitteleingabe zwar auf einen
Rückweisungsantrag beschränkt, aber zumindest sinngemäss auch
geltend macht, eine Wegweisung nach Deutschland verletzte Art. 3 EMRK,
weshalb das Bundesverwaltungsgericht die angefochtene Verfügung – im
Rahmen seiner Kognition – auch in materieller Hinsicht überprüft,
dass der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitteleingabe geltend macht,
das SEM hätte seinen Gesundheitszustand weiter abklären müssen,
dass nämlich aus dem ärztlichen Kurzbericht vom 1. Oktober 2021 hervor-
gehe, dass bei ihm psychische Störungen beziehungsweise (...) diagnos-
tiziert worden und ihm durch den damals behandelnden Hausarzt die Me-
dikamente (...) und (...) verordnet worden seien,
dass am 18. Oktober 2021 ein weiterer Termin geplant gewesen sei, wel-
chen er aufgrund seiner Verhaftung nicht mehr habe wahrnehmen können,
dass er sich seit zwei Wochen in ungerechtfertigter Untersuchungshaft be-
finde und bisher erst einmal einen Arzt gesehen habe, wobei er einen Psy-
chiater, der seinen psychischen Zustand adäquat einschätzen könnte, trotz
ausdrücklich geäussertem Wunsch noch nicht habe sehen können,
dass sich sein Gesundheitszustand seitdem noch mehr verschlechtert und
er immer wieder Suizidgedanken habe,
dass er in der Haft mit niemandem sprechen könne, ihm die Verordnung
von (...) verweigert und er stattdessen auf (...) umgestellt worden sei, was
ihm grosse Mühe bereite und zudem nicht gut sei für sein Herz, zumal er
ohnehin Probleme mit dem Herzen habe (m.H.a. medizinisches Ver-
laufsprotokoll vom 20. Oktober 2021),
dass er dies alles am 25. Oktober 2021 dem zuständigen Personal im Ge-
fängnis D._ via seine ehemalige Rechtsvertreterin mitgeteilt habe,
E-4727/2021
Seite 6
welcher zugesichert worden sei, dass eine entsprechende Visite veranlasst
würde,
dass er neben den psychischen Beschwerden an Herzbeschwerden sowie
an Schmerzen an der Hand beziehungsweise den Fingern leide,
dass die Vorinstanz über seine Haft informiert sei und aufgrund dieser
neuen Sachlage gehalten gewesen wäre, aktuelle ärztliche Berichte über
seinen Gesundheitszustand – namentlich die medizinischen Verlaufskon-
trollen in Haft – einzuholen,
dass das SEM entsprechend den Anforderungen an eine richtige und voll-
ständige Sachverhaltsabklärung offensichtlich nicht gerecht geworden sei,
umso mehr, als bei ihm deutliche Hinweise auf schwerwiegende psychi-
sche Gesundheitsprobleme vorlägen, welche durch den zuständigen Psy-
chiater im Gefängnis D._ fachärztlich noch abzuklären seien,
dass die Vorinstanz die Frage einer mit diesen Umständen einhergehen-
den möglichen Verletzung von Art. 3 EMRK nicht habe prüfen beziehungs-
weise ihren Ermessensentscheid bezüglich einer möglichen Anwendung
der Souveränitätsklausel aus humanitären Gründen ohne Kenntnisse der
rechtserheblichen Sachverhaltselemente nicht rechtskonform habe ausü-
ben können,
dass bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1‒3 AsylG), die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt ist, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.),
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass diesbezüglich die Dublin-III-VO zur Anwendung kommt,
dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird,
E-4727/2021
Seite 7
dass das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates ein-
geleitet wird, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt
wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (take back) – wie vor-
liegend – keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach den in Kapitel III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien stattfindet (vgl. BVGE 2017
VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.),
dass der Beschwerdeführer letztmals am 3. November 2017 in Deutsch-
land ein Asylgesuch eingereicht hatte und Deutschland innert der in Art. 25
Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist dem Gesuch um Wiederaufnahme
zustimmte (Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO),
dass die grundsätzliche Zuständigkeit Deutschlands somit gegeben ist,
und zwar über ein rechtskräftig abgeschlossenes Asylverfahren hinaus bis
zu einem allfälligen Vollzug der Wegweisung, was vom Beschwerdeführer
auch nicht bestritten wird,
dass gemäss Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO der die Zuständig-
keit prüfende Mitgliedstaat für die Durchführung des Asylverfahrens zu-
ständig wird, falls es sich als unmöglich erweist, einen Antragsteller in den
eigentlich zuständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grund-
rechte der Europäischen Union (EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen,
und nach den Regeln der Dublin-III-VO kein anderer zuständiger Mitglied-
staat bestimmt werden kann,
dass jeder Mitgliedstaat abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO be-
schliessen kann, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder
Staatenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch
wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die
Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbstein-
trittsrecht),
dass es keine wesentlichen Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfah-
ren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in Deutschland wür-
E-4727/2021
Seite 8
den systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer un-
menschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 EU–
Grundrechtecharta mit sich bringen,
dass Deutschland Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) ist und seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nachkommt,
dass auch davon ausgegangen werden darf, dieser Staat anerkenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben,
dass unter diesen Umständen die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Satz 2
Dublin-III-VO nicht in Betracht fällt,
dass nach Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO die Schweiz ein Asylgesuch
materiell prüfen kann, auch wenn nach den in der Verordnung vorgesehe-
nen Kriterien ein anderer Staat zuständig ist (sog. Selbsteintrittsrecht),
dass diese Bestimmung nicht unmittelbar anwendbar ist, sondern nur in
Verbindung mit einer anderen Norm des nationalen oder internationalen
Rechs angerufen werden kann (vgl. BVGE 2010/45 E. 5) und ein einklag-
barer Anspruch auf Ausübung des Selbsteintrittsrechts dann besteht, wenn
ein Verstoss gegen übergeordnetes Recht, zum Beispiel gegen eine Norm
des Völkerrechts, droht (vgl. ebd. E. 7.2),
dass der Beschwerdeführer mit seinen Einwänden offensichtlich nichts dar-
zutun vermag, was die Vermutung, Deutschland halte seine völkerrechtli-
chen Verpflichtungen grundsätzlich ein, in seinem Fall zu widerlegen ver-
mag,
dass keine Gründe für die Annahme bestehen, Deutschland werde in
seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur
Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine
E-4727/2021
Seite 9
Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in
dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen
zu werden,
dass insbesondere davon auszugehen ist, dass Deutschland auch in sei-
nem Fall bei einer allfälligen Abschiebung in den Herkunfts- oder einen
Drittstaat ausserhalb des Asylverfahrens unions- oder völkerrechtskonform
handeln wird, wobei diesbezüglich die Richtlinie des Europäischen Parla-
ments und des Rates 2008/115/EG vom 16. Dezember 2008 über die ge-
meinsamen Normen und Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung
illegal aufhältiger Drittstaatsangehöriger zur Anwendung gelangt,
dass das SEM in der angefochtenen Verfügung zutreffend erwogen hat,
der Beschwerdeführer könne sich an die deutschen Behörden wenden,
sollte er aufgrund seiner Homosexualität respektive seiner Beziehung
Schwierigkeiten mit der Familie seines Partners haben und von Drittperso-
nen bedroht werden,
dass im Übrigen der in diesem Zusammenhang erhobene Einwand der
Verletzung der Begründungspflicht unbegründet ist,
dass eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen dann ausnahmsweise Art. 3 EMRK verletzen kann, wenn eine
schwer kranke Person durch die Abschiebung – mangels angemessener
medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfron-
tiert würde, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechte-
rung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem
Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen
würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember
2016, Grosse Kammer 41738/10, § 180 ff. m.w.H.),
dass dies für die Situation des Beschwerdeführers offensichtlich nicht zu-
trifft, zumal es sich bei ihm nicht um eine schwerkranke Person im mass-
geblichen Sinne handelt und weder der Umstand, dass er aufgrund seiner
Inhaftierung den für den 18. Oktober 2021 vorgesehenen Arzttermin nicht
habe wahrnehmen können, noch die angebliche Zusicherung, er werde Zu-
gang zu einem spezialisierten Facharzt erhalten, etwas daran zu ändern
vermögen,
dass sich auch aus dem Verlaufsprotokoll vom 20. Oktober 2021 – dabei
wird festgehalten, es handle sich beim Beschwerdeführer um einen Pati-
enten mit Dauertherapie mit (...) und (...); wegen hausinterner Regelung sei
E-4727/2021
Seite 10
(...) jedoch äquivalent auf (...) umgestellt worden, jedoch ziehe der Patient
(...) vor und dass es keine Hinweise auf Entzugssymptomatik gebe – nichts
anderes ergibt,
dass auch die vorgebrachten Herzbeschwerden und weiteren Schmerzen
keine andere Einschätzung zulassen,
dass im Übrigen allgemein bekannt ist, dass Deutschland über eine aus-
reichende medizinische Infrastruktur verfügt und nicht ersichtlich ist, wes-
halb der Beschwerdeführer nach seiner Überstellung nach Deutschland
keinen Zugang zu medizinischer Behandlung haben sollte, sollte er dieser
tatsächlich bedürfen,
dass die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochten
Verfügung beauftragt sind, gemäss den bereits erstellen Überstellungsmo-
dalitäten den medizinischen Umständen der Überstellung des Beschwer-
deführers Rechnung tragen werden (A26),
dass auch die Hinweise auf seine Suizidalität an der vorgenommenen Wür-
digung nichts ändern, zumal die für den Vollzug zuständigen Behörden ein-
zig gehalten sind, einer solchen gegebenenfalls mit geeigneten Massnah-
men zu begegnen,
dass das Selbstbestimmungsrecht im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3
der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkre-
tisiert wird und das SEM ein Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung «aus
humanitären Gründen» auch dann behandeln kann, wenn dafür gemäss
der Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre,
dass dem SEM bei der Anwendung dieser sogenannten Souveränitätsklau-
sel Ermessen zukommt (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.) und den Akten – entge-
gen dem Einwand in der Beschwerde – keine Hinweise auf eine gesetzes-
widrige Ermessensausübung (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG) durch die
Vorinstanz zu entnehmen sind,
dass insbesondere nicht ersichtlich ist, inwiefern das SEM nicht alle we-
sentlichen Umstände des vorliegenden Einzelfalles berücksichtigt hätte
und insbesondere den rechtserheblichen medizinischen Sachverhalt un-
richtig oder unvollständig abgeklärt worden wäre, respektive inwiefern es
weiterer entsprechender Abklärungen bedürfte,
E-4727/2021
Seite 11
dass das Bundesverwaltungsgericht sich angesichts seiner Kognitionsbe-
schränkung in diesem Bereich unter diesen Umständen weiterer Ausfüh-
rungen zur Frage eines Selbsteintritts enthält,
dass es nach dem Gesagten keinen Grund für eine Anwendung der Ermes-
sensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO gibt und an dieser Stelle festzuhal-
ten bleibt, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3),
dass das SEM demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten ist
und – weil keine Ausnahme im Sinne von Art. 32 Bst. a der Asylverordnung
1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) vorliegt –, zu Recht in An-
wendung von Art. 44 AsylG die Wegweisung nach Deutschland angeordnet
hat,
dass die angefochtene Verfügung des SEM Bundesrecht nicht verletzt und
den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt
(Art. 106 Abs. 1 AsylG), weshalb die Beschwerde abzuweisen ist,
dass das Beschwerdeverfahren mit dem vorliegenden Urteil abgeschlos-
sen ist, weshalb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wir-
kung als gegenstandslos erweist und der am 1. November 2021 angeord-
nete Vollzugsstopp dahinfällt,
dass sich die Behandlung des Antrages auf Verzicht auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses mit dem abschliessenden Urteil erübrigt,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten grundsätzlich dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) sind und sein Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung abzuweisen ist,
da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als
aussichtlos zu bezeichnen waren, weshalb die Voraussetzungen von
Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind,
dass mangels Erfüllung von Art. 65 Abs. 1 VwVG kein amtlicher Rechtsbei-
stand bestellt werden kann,
E-4727/2021
Seite 12
dass die Verfahrenskosten von Fr. 750.– (Art. 1‒3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) dem Beschwerdeführer aufzu-
erlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
E-4727/2021
Seite 13