Decision ID: efc8cc2c-f783-4d58-a947-5db964bb8be7
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1965, war
zuletzt von
September bis Dezember 2015 als Maler
bei der
Stellenvermittlerin
Z._
AG
angestellt
(
Urk.
8/3
Ziff.
5.4,
Urk.
8/7/5
). Unter Hinweis auf
eine
Coxarthrose
links und
eine
Alko
holabhängigkeit
meldete sich der Versicherte am
1
6.
Mai 2018
bei der Inva
liden
versicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
8/3
). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinisch
e und erwerbliche
Situation ab
(
Urk.
8/
6-7,
Urk.
8/8,
Urk.
8/11,
Urk.
8/12,
Urk.
8/14
)
und holte bei
Dr.
med.
A._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD), eine Stellungnahme ein (
Urk.
8/15/3-5). Gestützt darauf verneinte die IV-Stelle mit Vorbescheid vom 1
9.
Oktober 2018 (
Urk.
8/16) einen Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung, da der Versicherte vor Ablauf des gesetzlichen Wartejahres wieder voll arbeitsfähig ge
wesen sei.
Nach
dem dagegen
am 2
6.
Oktober 2018 sowie am
7.
Januar 2019
Ein
wand erhoben worden war
(
Urk.
8/18,
Urk.
8/30)
,
nahm die IV-Stelle weitere
medizinis
che Abklärungen vor (
Urk.
8/34,
Urk.
8/36,
Urk.
8/39,
Urk.
8/42,
Urk.
8/45) und holte
schliesslich
eine
Beurteilung bei
Dr.
med.
B._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie des RAD
,
ein, welche am
2
8.
April 2020 (
Urk.
8/50/
6)
erstattet wurde
.
N
ach weiterer Stellungnahme des Versicherten vom 2
6.
Mai 2020 (
Urk.
8/49)
verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom
9.
Juni 2020 einen Anspruch
auf Leistungen der Invalidenversicherung, da keine lang
andauernde gesundheitliche Beeinträchtigung
vorliege (
Urk.
8/51 =
Urk.
2).
2.
Der
Versicherte erhob am
9.
Juli 2020
Beschwerde gegen die Verfügung vom
9.
Juni 2020
(
Urk.
2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei ihm
eine ganze Rente
zuzusprechen, eventuell sei
die Sache an die Vorinstanz zur Ein
holung eines Gutachtens zurückzuweisen
(
Urk.
1 S. 2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
1
1.
September 2020
(
Urk.
7
) die Abweisung der Beschwerde. Mit
Verfügung
vom
1
2.
Oktober 2020 wurde
antragsgemäss (vgl.
Urk.
1
S. 2
) die unentgeltliche Prozessführung bewilligt und dem Beschwerdeführer die Beschwerdeantwort zugestellt (
Urk.
9
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts
,
ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines aner
kannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend ob
jektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zu
mutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.
3
Zur Annahme einer Invalidität aus psychischen Gründen bedarf es in jedem Fall eines medizinischen Substrats, das (fach-)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und
nachgewiesenermassen
die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Bestimmen psy
chosoziale oder soziokulturelle Faktoren das Krankheitsgeschehen mit, dürfen die
Beeinträchtigungen nicht einzig von den belastenden invaliditätsfremden Fakto
r
en herrühren, sondern das Beschwerdebild hat davon psychiatrisch zu unter
schei
dende Befunde zu umfassen. Solche von der soziokulturellen oder psycho
sozialen Belastungssituation zu unterscheidende und in diesem Sinne verselbständigte psychische Störungen mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit
sind unabdingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann (BGE
141 V 281 E. 4.3.3; 127 V 294 E. 5a; Urteil des Bundesgerichts 9C_543/2018 vom 21. November 2018 E. 2.2).
Somit sind psychosoziale und soziokulturelle Faktoren nur mittelbar invalidi
täts
begründend, wenn und soweit sie den Wirkungsgrad der unabhängig von den in
validitätsfremden Elementen bestehenden Folgen des Gesundheitsschadens beeinflussen. Zeitigen soziale Belastungen direkt negative funktionelle Folgen, bleiben sie bei der Beurteilung der Gesundheitsbeeinträchtigung ausgeklammert (Urteil des Bundesgerichts 8C_717/2018 vom 22. März 2019 E. 3).
1.4
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
tu
rierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Inva
li
ditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medi
zinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwie
gender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Gleich
wie bei allen anderen psychischen Erkrankungen
ist nach der neusten Rechtsprechung des Bundesgerichts auch bei einem fachärztlich diagnostizierten
Abhängigkeitssyndrom nach dem strukturierten Beweisverfahren zu ermitteln, ob und gegebenenfalls inwieweit sich
dieses
im Einzelfall auf die Arbeitsfähigkeit der versicherten Person auswirkt
(BGE 145 V 215)
.
1.5
Versicherungsträger und das Sozialversicherungsgericht haben den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Sie haben alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuver
lässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere dürfen
sie bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu
geben, warum sie auf die eine und nicht auf die andere medizinische These ab
stellen (BGE 125 V 351 E. 3a).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist also entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Her
kunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a).
1.
6
Den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärztinnen und Ärzte kommt nach der Rechtsprechung Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 134 V 231 E. 5.1 mit Hinweis auf BGE 125 V 351 E. 3b/
ee
). Trotz dieser grundsätzlichen Beweiseignung kommt den Be
richten versicherungsinterner medizinischer Fachpersonen praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft zu wie einem gerichtlichen oder im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger veranlassten Gutachten unabhängiger Sachver
stän
diger. Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssig
keit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 142 V 58 E. 5.1; 139 V 225 E. 5.2; 135 V 465 E. 4.4 und E.
4.7).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2) davon aus, dass
der Beschwerdeführer vo
n
April bis Juli 2018 in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt und ihm per August 2018 wieder eine 100%ige Tätigkeit
zumutbar
gewesen sei (S. 1). Da vor Ablauf des gesetzlichen Wartejahres wieder eine volle Arbeitsfähigkeit
vorgelegen habe
, bestehe kein Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung. Aufgrund der erheblichen psychosozialen Belastungen seien die geltend gemachten psychischen Beeinträchtigungen nicht zu berück
sichtigen und es liege keine langandauernde gesundheitliche Beeinträchtigung vor (S. 2).
2.2
Dagegen machte
der
Beschwerdeführer in
seiner
Beschwerde (
Urk.
1) geltend, dass
gestützt auf die medizinischen Akten ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ausge
wiesen sei. Auf die RAD-Stellungnahme vom
4.
Oktober 2018 könne nicht ab
gestellt werden. Einerseits sei die Beurteilung des psychischen
Leidens durch
Dr.
med.
A._
als fachfremd zu bezeichnen und andererseits datiere die Stel
lungnahme noch vor der Änderung der Rechtsprechung zur Sucht
(S. 10 f.)
. Die Abhängigkeitssyndrome seien auch von der
RAD-Ärztin
Dr.
B._
völlig unberücksichtigt geblieben.
Die von ihr gestellte Prognose widerspreche dia
me
tral den Prognosen der behandelnden Fachärzte
(S. 11 unten)
.
Es liege ein inva
lidenversicherungsrechtlich bedeutsames psychisches Leiden vor und es sei seit November 2017 von keiner Arbeitsfähigkeit auszugehen, weshalb ihm eine ganze Rente zuzusprechen sei
(S. 13)
. Sowohl die Prognose als auch die Ansicht der Beschwerdegegnerin, wonach beim Beschwerdebild psychosoziale Faktoren im Vordergrund stünden, l
iessen
sich durch die Akten nicht stützen und berück
sich
tig
t
e
n
die diagnostizierten Abhängigkeitssyndrome nicht. Eine eigene Untersu
chung ha
be
der RAD keine vorgenommen. Es bestünden daher Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der RAD-Beurteilung, weshalb die Rückwei
sung an die Verwaltung zur Anordnung eines psychiatrisch-orthopädischen Gut
achtens beantragt werde (S. 14).
2.3
In der Beschwerdeantwort vom 1
1.
September 2020 (
Urk.
7) führte die Be
schwer
degegnerin ergänzend aus, gemäss
Bericht von
Dr.
G
._
der Klinik
D._
vom 2
8.
September 2018, auf welchen sich auch der RAD stützte, sei der Beschwer
deführer betreffend Alkohol- und
Cannabinoidabhängigkeit
abstinent gewesen. Dies sei auch im Bericht der Klinik
E._
vom 1
1.
Januar 2019 erwähnt worden. Daran habe sich auch gemäss
B
ericht von
Dr.
L
._
der Klinik
D._
vom 2
0.
Januar 2020 nichts geändert.
Somit leide der Beschwerdeführer an einer Nikotinabhängigkeit, welche keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit habe
,
und ein strukturiertes Beweisverfahren erübrige
sich
(S. 2).
Im Übrigen sei auf die in Kenntnis der Vorakten abgegebene Stellungnahme von
Dr.
B._
des RAD abzustellen, welche über die notwendige fachliche Qualifikation verfüge
und die medizinische Situation einleuch
tend beurteilt habe
. Zusammenfassend liege kein invalidisierender Gesundheitsschaden vor und ein Anspruch auf Invalidenleis
tungen sei zu verneinen (S. 3).
2.4
Streitgegenstand ist der Anspruch auf eine Invalidenrente.
Strit
tig und zu prüfen ist
dabei
, wie es sich mit der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers verhält und ob die Beschwerdegegnerin zu Recht einen invalidisierenden Gesundheitsschaden verneint hat.
3.
3.1
Dipl.-Psych.
G._
und Psychotherapeut
H._
, Klinik
D._
,
äusserten sich
im Austrittsbericht vom 2
2.
Januar 2018 (
Urk.
8/11/10-12) über
die stationäre Behandlung
des Versicherten
vom 1
6.
N
ovember 2017 bis
3.
Januar
2018 und nannten folgende
psychiatrische Diagnosen
bei Austritt aus der Klinik
:
-
p
sychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Abhängigkeits
syn
drom, gege
n
w
ärtig abstinent (ICD-10 F10.21)
-
p
sychische und Verhaltensstörungen durch
Cannabinoide
: Abhängig
keitssyndrom, gegenw
ärtig abstinent (ICD-10 F11.21)
-
p
sychische und Verhaltensstörung durch Tabak: Abhängigkeitssyndrom, ständiger Substanzgebrauch (ICD-10
F17.25)
-
Anpassungsstörung mit längerer depre
ssiver Reaktion (ICD-10 F43.21)
.
Mit 16 Jahren sei es zum ersten Alkoholkonsum, danach rasch zu täglichem Kon
sum von hochprozentigem Alkohol gekommen. In der Folge sei der tägliche Kon
sum von Tabak und Haschisch und gelegentlich Kokain
hinzugekommen. Bis zum Klinike
intritt habe es keine Abstinenzphasen gegeben. Als Folgeerkrankungen seien eine Fettleber und ein beginnende
r
Diabetes entstanden (S. 2 unten). Der qualifizierte körperliche Alkoholentzug sei mit
Temesta
komplikationslos verlau
fen. Nach Übertritt in die Entwöhnungsabteilung habe der Beschwerdeführer am multimodalen Behandlungsprogramm teilgenommen. Der Beschwerdeführer habe die Behandlung bedingt durch einen Todesfall in der Familie vorzeitig abbrechen müssen (S. 3). Es bestehe bis auf weiteres eine 0%ige Arbeitsfähigkeit (S. 2 Mitte).
3.2
Dr.
med.
I._
, Facharzt für
Orthopädische Chirurgie und Trau
mato
logie des Bewegungsapparates
, Leitender Arzt des Spitals
J._
,
berichtete am
5.
Juni 2018
(
Urk.
8/8/1-7)
unter Beilage eines Sprechstundenberichts vom
7.
März
2018 (
Urk.
8/8/8-9) und des Austrittsberichts vom 1
1.
April
2018 (
Urk.
8/8/10-12) von einer am
5.
April 2018 durchgeführten Implantation einer totalen Hüft-
Endoprothese
und nannte als weitere Diagnosen
eine
Coxarthrose
rechts sowie
eine
Adipositas. In Anbetracht der durchgeführten Operation sei eine 100%ige Arbeitsfähigkeit drei Monate nach
der
Operation gestattet. Angesichts der Nebendiagnosen könne er keine Stellung zur Arbeitsfähigkeit nehmen. Der Beschwerdeführer habe sich zu den eingeplanten Nachuntersuchungen nicht vorgestellt
(
Urk.
8/8/1-6
Ziff.
2.5 und 2.7-8)
.
Am 2
7.
Juni 2018
stellte sich der Beschwerdeführer zum ersten Mal
nach der Operation
in der Sprechstunde bei
Dr.
I._
vor. Dieser berichtete über einen
sehr zufriedenstellenden Verlauf. Das vom Beschwerdeführer geschilderte Brennen
habe als Ursache eine Schädigung des
Nervus
cutaneus
lateralis
femoralis
, welche sich im Verlauf
regredient
zeigen werde und nicht behandlungsbedürftig sei.
Aus seiner Sicht sei jegliche gewünschte Aktivität ohne Einschränkungen erlaubt (
Urk.
8/11/8-9).
3.
3
Dr.
med.
K._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, nannte im
Bericht vom
6.
Juli 2018 (
Urk.
8/11/1-7) als Diagnosen
p
sychisch
e
un
d Verhal
tens
störung durch Alkohol: Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F10.21), eine An
pas
sungs
störung mit längerer depressiver Reaktion (ICD-10 F43.21) sowie eine
Cox
arthro
se
links mit Status nach Hüft-TP links
(
Ziff.
2.5)
.
Er sehe den Beschwer
deführer
unregelmässig. Er habe
ihn
im Herbst/Winter 2017/
201
8 nach längerer Zeit weg
en Depression und Exazerbation der Alkoholabhängigkeit wiedergesehen (
Ziff.
1.2). Leider sei es n
ach dem Aufenthalt in der
Klinik
D._
zu einem Rückfall der Alkoholabhängigkeit gekommen. Dennoch habe im April 2018 eine Hüft-TP ein
gesetzt werden können (
Ziff.
2.2). Bei Statu
s nach erfolgreicher
Implantation werde die Arbeitsfähigkeit vor allem durch das Alkoholabhängigkeitssyndrom geprägt sein (
Ziff.
2.7). Er habe den Beschwerdeführer seit April 2018 nicht mehr gesehen (
Ziff.
2.8).
3.4
Dipl.-Psych.
G._
berichtete am 2
8.
September 2018 (
Urk.
8/14) über die
erneute,
vom 3
0.
April bis
7.
August 2018 erfolgte stationäre Behandlung und nannte folgende Diagnosen (
Ziff.
2.5):
-
p
sychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Abhängigkeits
syn
drom, gegenwärtig abstinent, aber in beschützender Umgebung (ICD-10 F10.21)
-
Status nach Implantation einer Hüft-TP (Mai 2018) bei
Coxarthrose
links
-
p
sychische und Verhaltensstörungen durch
Cannabinoide
: Abhängig
keits
syndrom, gegenwärtig abstinent, aber in beschützender Umgebung (ICD-10 F12.21)
-
p
sychische und Verhaltensstörungen durch Kokain: schädlicher Gebrauch (ICD-10 F14.1)
Die Entwöhnungsbehandlung basiere auf einem abstinenzorientierten Therapie
programm zur Festigung der psychischen Stabilität ohne Such
t
mittel. Ziel der Behandlung sei es, die Patienten im stationären abstinenzorientierten Rahmen auf ein rauschmittelfreies Leben vorzubereiten und hierzu Ressourcen zu akti
vie
ren oder aufzubauen. Der Beschwerdeführer sei somatisch so stark eingeschränkt gewesen, dass er während
der
Behandlung den Aufzug habe benutzen müssen. Längere Strecken zu laufen sei kaum möglich gewesen, weshalb zum Zeitpunkt des Austritts nicht von einer Arbeitsfähigkeit ausgegan
gen werden könne (
Ziff.
2.7-8).
3.5
Dr.
A._
, RAD,
führte in seiner Stellungnahme vom
4.
Oktober
2018 (
Urk.
8/15/3-5) aus, die Tätigkeit a
ls Maler sei sehr hüftbelastend
,
und nannte als
mögliches
Belastungsprofil eine körperlich leichte, wechselbelastende Tätigkeit ohne Arbeiten auf Leitern und Gerüsten, ohne häufiges Treppensteigen, ohne hüftbelastende Zwangshaltungen, ohne häufiges Gehen auf unebenem Gelände.
Zu vermeiden seien Vibrationsb
e
l
astungen und Nässe-/Kälteexposition
en
. Es sei nicht zu erwarten, dass sich der Gesundheitszustand wesentlich verändern werde. Die degenerativen Veränderungen würden im Laufe des Lebens zunehmen (S. 4). Bei der Abhängigkeitserkrankung handle es sich um eine primäre Sucht (S. 5).
3.6
Med.
pract
.
L._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinik
D._
, nannte im ärztlichen Zeugnis
vom 2
1.
November 2018 (
Urk.
8/28)
zuhan
den des Sozialzentrums
M._
als Diagnose eine rezidivierende depressive Stö
rung, gegenwärtig schwere Episode (ICD-10 F33.2)
und eine Alkoholabhän
gigkeit, gegenwärtig abstinent (ICD-10 F10.2). Es bestehe seit dem
1.
September 2018 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit und der Beschwerdeführer sei aktuell in der
Klinik E._
hospitalisiert.
Im Austrittsbericht der
Klinik E._
vom
1
1.
Januar 2019 (
Urk.
8/34, korrigierter Bericht siehe
Urk.
8/36
) über die
se
vom
7.
November
2018 bis 1
1.
Januar 2019 dauernde
Hospitalisation nannten
die Ärzte
als
psychiatrische
Diagnosen
eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode
ohne psychotische Symptome (ICD-10 F33.2), psychische und Verhaltens
stö
run
g
e
n
durch Tabak
: schädlicher Gebrauch (ICD-10 F17.1) sowie psychische und Verhal
tensstörungen durch Alkohol: Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig seit Mitte 2018
abstinent (ICD-10 F10.21).
Als Auslöser für die Verschlechterung der depressiven Symptomatik kämen die anhaltende Stellenlosigkeit, familiäre Kon
flikte im Zu
sammenhang mit dem Tod des Vaters im Januar 2018 in Frage. Verstärkt werde die Symptomatik durch noch ungenügende Strategien im Um
gang mit Verlangen nach Alkohol, so dass der Beschwerdeführer seine Wohnung zum Teil nicht mehr verlassen
habe
. Symptomatisch standen ein sozialer Rück
zug, Ein- und Durch
schlafstörungen mit Alpträumen, innere Anspannung mit der Gefahr zu impul
siven Durchbrüchen sowie lebensmüde Gedanken im Vordergrund. Es sei aufge
fallen, dass es für den Beschwerdeführer schwierig gewesen sei, sich auf andere Strategien einzulassen, insbesondere auf Strategien, welche auch zu Hause umsetzbar
sein
en
. Bezüglich des belastenden Familienkonflikts und der Trauer über den Tod des Vaters habe er nur wenige Möglichkeiten gefunden, mit den schwierigen Emotionen umzugehen. Der Beschwerdeführer
habe
wiederholt Mühe
gehabt
, sich an Termine zu halten, habe diese oft selbständig abgesagt
oder unentschuldigt gefehlt. Insgesamt habe eine gewisse Stabilisierung beobachtet werden können, die Schlafqualität habe sich verbessert und der Beschwerdeführer habe entspannter und zugänglicher gewirkt. Für die weitere Entwicklung von dringend benötigten Strategien zur Abstinenzeinhaltung sei die Anschluss
behan
d
lung
i
n der Tagesklinik der Klinik
D._
aufgegleist worden.
3.
7
Dr.
med.
N._
, Oberarzt
Klinik
D._
, berichtete am 1
8.
Januar 2019 (
Urk.
8/39/1-6) über einen verschlechterten Gesundheitszustand
und führte neben den bekannten Diagnosen aus, es imponiere ein mittel- bis teils
schwergradiges
depressives Syndrom. Zudem leide der Beschwerdeführer psychisch stark unter der schlechten physischen Verfassung (
Ziff.
1.1-3). Es bestehe beim Beschwer
deführer aufgrund der psychischen Symptomatik und des Verlaufes eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für eine Tätigkeit sowohl im freien Arbeitsmarkt als auch bezogen auf eine geschützte Stelle. Die Prognose sei eher schlecht in dem Sinne, dass der Beschwerdeführer im ersten Arbeitsmarkt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr voll belastbar sei
n
werde
(
Ziff.
2.1)
.
Der Be
schwerdeführer befinde sich vollzeitig in der Tagesklinik in Behandlung. Die rezi
divierende depressive Störung sei eine Erkrankung mit wiederkehrenden Krank
heitsepisoden. Bei Alkoholerkrankungen handle es sich um eine chronische Erkrankung. Die Abstinenzerhaltung bezüglich des Alkoholkonsums sei essenziell für eine dauerhafte und erfolgreiche Wiederaufnahme der Berufstätigkeit. Daher sei eine suchtspezifische langfristige Therapie die Grundl
age der Behandlung (
Ziff.
3.3).
Im Schlussbericht vom 1
5.
April 2019 (
Urk.
8/42) über die tagesklinische Be
handlung vom 1
4.
Januar bis 1
2.
April 2019 hielt
Dr.
N._
fest, der Beschwer
deführer sei in
einem
in
s
gesamt
gebesserten
psychischen Gesamtzustand und bei klarer Distanzierung von Suizidalität aus der Tagesklinik in die angestammten Verhältnisse ausgetreten. Aufgrund der anhaltenden somatischen und psychi
schen Beschwerden sei eine künftige Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt als nicht realistisch zu betrachten (S. 5).
3.
8
Med.
pract
.
L._
nannte im Bericht vom 2
0.
Januar 2020
(
Urk.
8/45) als Dia
gnosen ein Alkoholabhängigkeitssyndrom, episodisches Trinken, gegenwärtig abstinent (ICD-10 F10.20), eine rezidivierende Depression, gegenwärtig mitt
schwere Depression (ICD-10 F33.1), eine Nikotinabhängigkeit (ICD-10 F17.25) sowie eine Persönlichkeitsakzentuierung. Es bestehe eine 100%ige Arbeitsun
fähigkeit sowohl für die bisherige als auch für angepasste Tätigkeiten (
Ziff.
2.1). Die gegenwärtige Behandlung bestehe aus wöchentlich
stattfindenden
ambu
lante
n
psychotherapeutische
n Gespräche
n
(1-2 Termine) mit verhaltens
thera
peu
tischen Ansätzen und medikamentöser Langzeittherapie (
Ziff.
3.1). Die Prog
nose sei eher schlecht. Die rezidivierende depressive Symptomatik habe seit dem letzten Bericht Schwankungen
gezeigt
von
einer
mitt
elschweren
bis zu
einer
schweren Depression mit kon
s
tanten passiven Suizidgedanken
.
Eine längere Ab
stinenzphase (2018/19) sei seit der letzten tagesklinischen Behandlung in der Klinik
D._
(April 2019) durch mehrere kurze Rückfälle unterbrochen worden. Rückfälle seien mit starkem soziale
m
Rückzug und mit Vernachlässigung von allen Lebensbereichen verbunden. Eine gute therapeutische Beziehung helfe dem Beschwerdeführer
,
seinen Alltag einigermassen bewältigen zu können. Im Herbst 2019 hab
e er Motivation gezeigt
,
in ein betreutes Wohnen (Haus
O._
) zu gehen, sei dort aber abgelehnt worden (
Ziff.
3.3). Eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit sei nur zum Teil möglich und eventuell sei nur eine Arbeit mit weniger Pensum
auf dem zweiten Arbeitsmarkt möglich. Die zuletzt im Januar 2020 vom Sozial
amt
organisierte Grundbeschäftigung habe eine Überforderung ausgelöst (
Ziff.
4.1).
3.
9
Dr.
B._
des RAD führte in der Stellungnahme vom 2
8.
April 2020 (
Urk.
8/50/6) aus, im Behandlungsverlauf habe die schwere depressive Sympto
matik bereits teilremittieren können. Im Verlauf der tagesklinischen Behandlung habe sich der Beschwerdeführer zunehmend stabiler und mit verbesserter Stim
mung gezeigt. Im weiteren ambulanten Verlauf habe bereits eine mittelgradige depressive Symptomatik bestanden. Medizintheoretisch sei unter weiterer adä
quater psychiatrischer Behandlung mit
einer
vollständige
n
Remission der gegen
wärtig mittelgradigen depressiven Episode zu rechnen.
D
ie erheblichen psy
cho
sozialen Belastungen
würden die Krankheit
aufrecht erhalten
. So sei das Befinden des Beschwerdeführers stark von äusserlichen Umständen abhängig, so dass zu Hause die Einsamkeit, die soziale und familiäre Situation aber auch somatische Probleme immer wieder zu Verschlechterungen führen würden. Aus psychia
tri
sche
r
Sicht ergebe sich au
s der seit der RAD-Stellungnahme
vom
4.
Oktober 2018 neu aufgeführten Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung, gegen
wärtig mittelschwere depressive Episode, keine dauerhafte Verschlechterung des Gesundheitszustandes. Es könne an der Stellungnahme vom
4.
Oktober 2018 festgehalten werden.
4.
4.1
Der Beschwerdeführer stützt sich bei der Geltendmachung eines psychischen Gesundheitsschadens auf die Berichte des behandelnden Psychiaters
med.
pract
.
L._
(vorstehend E. 3.6 und 3.9)
sowie die
zahlreichen Berichte
über die
stati
onären Aufenthalte in der
Klinik
D._
(vorstehend E. 3.1, E. 3.4 und E. 3.8)
und der
Klinik E._
(vorstehend E. 3.7), welche
im Wesentlichen
eine mittel- bis
schwergradige
rez
idivierende depressive Störung und
ein
Alkoholab
hängig
keitssyndrom diagnostizierten sowie eine Arbeitsunfähigkeit attestierten.
Die Beschwerdegegnerin mass den Berichten de
r
behandelnden
Ärzte
keinen Beweiswert zu und kam -
nach
Rücksprache mit dem
RAD
- zum Schluss, dass
keine langandauernde gesundheitliche Beeinträchtigung vorliege und die
gege
benen
erheblichen psychosozialen Belastungen von der Invalidenversicherung nicht berücksichtigt werden könnten (
vgl.
Urk.
2 S. 2
).
Mit ergänzender Begrün
dung führte die Beschwerdegegnerin im Rahmen des vorliegenden Beschwer
de
verfahrens unter anderem weiter aus,
dass der Beschwerdeführer hinsichtlich Alkohol- und
Cannabinoidabhängigkeit
inzwischen abstinent sei und gestützt auf die nachvollziehbare
Beurteilung des RAD kein invalidisierender Gesundheits
schaden vorliege
(vgl.
Urk.
7
S. 2
f.
).
4.2
Soweit sich die Beschwerdegegnerin auf die Stellungnahme
n
ihre
r
RAD-
Ärzte
Dr.
A._
vom
4.
Oktober 2018 und
Dr.
B._
vom
2
8.
April 2020
ab
stützte
,
kann ihr
- zumindest in psychiatrischer Hinsicht -
nicht gefolgt werden.
Die
von den behandelnden Ärzten
genannten Diagnosen wurden von psychia
tri
schen Fachärzten gestellt und geben gewichtige Anhaltspunkte für ein mass
gebliches Krankheitsgeschehen,
das
laut sämtlichen Arztberichten zu einer länger dauernden Arbeitsunfähigkeit geführt hat.
Auch wenn die Berichte über den stationären Aufenthalt in der
Klinik E._
vom
7.
November 2018 bis 1
1.
Januar 2019 eine gewisse Stabilisierung
sowie die tagesklinische
Behandlung in der Klinik
D._
vom 1
4.
Januar bis 1
2.
April 2019 nach anfänglicher Ver
schlechterung einen verbesserten psychischen Gesamtzustand aufzeigen
,
kann daraus
nicht geschlossen werden, dass die Depression gänzlich verschwunden ist und das Beschwerdebild einzig in den psychosozialen und soziokulturellen Um
ständen seine hinreichende Erklärung findet.
Allein mit dem Hinweis
der RAD-Ärztin
Dr.
B._
, dass
das Befinden des Beschwerdeführers von
äusseren
Umständen abhängig sei, lässt
sich
die
fachärztlich gestellte Diagnose einer mittel- bis
schwergradigen
rezidivierenden depressiven Störung
nicht entkräften.
Auch wenn sich in den
Berichten der behandelnden
Fachärzte
zweifellos
Anhaltspunkte für
psychosoziale Belastungen
finden, fehlt es
- sowohl
in
den Be
richten der behandelnden Ärzte als auch der RAD Stellungnahme von
Dr.
B._
-
an einer schlüssigen und nachvollziehbaren Aussage darüber,
ob die
erhobenen
Befunde ihre hinreichende Erklärung ausschliesslich in den
psy
chosozialen Faktoren finden
oder
aber, ob sich ein eigenständiger invalidisie
render Gesundheitsschaden entwickelt hat.
4.3
Bei einer depressiven Episode, sei sie nun schwer oder mittelschwer, kann eine invalidisierende Wirkung entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin nicht a priori mit dem Hinweis auf psychosoziale Faktoren von der Hand gewiesen werden. So ist bei leichten bis mittelschweren depressiven Störungen, wie bei jeder geltend gemachten gesundheitsbedingten Erwerbsunfähigkeit, im Einzelfall (einzig) danach zu fragen, ob und wie sich die Krankheit leistungslimitierend
auswirkt, wobei eine leistungs-, insbesondere rentenbegründende Invalidität jeden
falls eine psychiatrische, lege artis gestellte Diagnose voraussetzt. Denn gerade mit Blick darauf, dass auch bei einem depressiven Leiden soziale Belastungen, die
direkt negative funktionelle Folgen zeitigen, auszuklammern sind, setzt die vor
zu
nehmende Abgrenzung zu reaktiven, invaliditätsfremden Geschehen auf psy
cho
soziale Belastungen eine nachvollziehbare Diagnosestellung voraus. Entspre
chend
sind auch affektive Störungen, einschliesslich der leichten bis mittel
schwe
ren depressiven Erkrankungen, gemäss geänderter Rechtsprechung dem struktu
rier
ten Beweisverfahren unterstellt (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2, 143 V 418 E. 7.1).
Wie weit die depressive Episode respektive Störung während der Therapie oder auch des Klinikaufenthaltes
schliesslich
reduziert werden konnte
,
ist im Übrigen nicht entscheidend, lässt doch eine psychiatrische Diagnose für sich allein ge
nommen ohnehin keinen Schluss auf eine gesundheitlich bedingte Einschränkung in der Arbeitsfähigkeit zu, sondern erst deren Folgeabschätzung.
Eine medizinische Einschätzung der gesamthaft, auch unter Berücksichtigung de
r langen und lebensprägenden Suchtbiographie
, vorhandenen funktionellen Ein
schränkungen und ihrer Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit ist weder der Be
urteilung der behandelnden Ärzte noch derjenigen von RAD-Ärztin
Dr.
B._
zu entnehmen.
Insbesondere aber fehlt es den vorliegenden medizinischen Be
richten an den erforderlichen Angaben zu den Standardindikatoren (vorstehend E.
1.
4
).
Die
Verneinung des Vorliegens eines
invalidisierenden Gesundheits
scha
dens
basiert
vorliegend
einzig
auf einer reinen
und kurzen
Aktenbeurteilung durch
die
RAD-
Ärztin
Dr.
B._
. Diese
hat
den Beschwerdeführer
nicht selber gesehen und untersucht. Dies wäre aber angezeigt gewesen, da es vor
liegend
entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin
nicht bloss um die Beur
teilung eines im Wesentlichen feststehenden Sachverhalts ging
. Die unter
schied
liche Einschätzung der Arbeitsfähigkeit ist nicht nur eine abweichende Folgen
abschätzung eines an sich feststehenden und unbestrittenen Leidens. So erweist sich der medizinische Sachverhalt im Zeitpunkt der angefochtenen V
erfügung
in psychiatrischer Hinsicht
nicht als stabilisiert und die behandelnden Ärzte gehen im Gegensatz zum RAD weder von einer guten Prognose noch einer vollständigen Remission aus
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_159/2016 vom
2.
November 2016 E. 3.4).
Damit lässt sich aufgrund der vorhandenen Abklärungen nicht hin
reichend feststellen, dass lediglich ein psychosozial bedingtes Beschwerdebild und keine langandauernde gesundheitliche Beeinträchtigung vorliegen.
4.4
Nach dem Gesagten ist der medizinische Sachverhalt ungenügend erstellt. So zeigt sich die Beurteilung des RAD
als für die Beurteilung der Auswirkungen der rezi
divierenden depressiven Störung, der
Suchtmittelabhängigkeit
und
möglichen Wechselwirkungen
als zu wenig aussagekräftig
.
Zur Feststellung, inwieweit vor
liegend die psychosozialen oder soziokulturellen Faktoren in den Vordergrund treten und das Beschwerdebild mitbestimmen oder eine verselbständigte und im Rahmen des gesamten Beschwerdebildes ins Gewicht fallende psychische Störung vorliegt und gegebenenfalls eine längerdauernde Erwerbsunfähigkeit begründet, bedarf es einer eingehenden fachärztlichen psychiatrischen Beurteilung
,
welche
die Anforderungen der neueren Rechtsprechung
an die psychiatrische Begutach
tung
, wie oben dargelegt (E.
1.3, 1.4
),
beachtet
.
Aufgrund der in den Akten erwähnten
,
auch
schlechten physischen Verfassung
und der ebenfalls vorhandenen somatischen Beeinträchtigungen
sowie
wegen all
fälliger Suchtfolgeschäden, ist es angezeigt, dass
die Beschwerdegegnerin
ein polydisziplinäres Gutachten veranl
asst.
Seit der
Hüftoperation
und der
erfolgten Nachkontrolle im April und Juni 2018
finden sich diesbezüglich keine neueren Berichte in den Akten und auch der letzte Bericht des Hausarztes datiert vom
6.
Juli 201
8.
4.
5
Nach dem Gesagten erweist sich die vorliegende Aktenlage für eine abschlies
sende Beurteilung des Leistungsanspruchs in Bezug auf den medizinischen Sach
verhalt als unvollständig, weshalb die angefochtene Verfügung vom
9.
Juni 2020
aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist, damit diese eine den aktuellen Anforderungen der geänderten Rechtsprechung genü
gende Prüfung der Auswirkung der diagnostizierten Leiden auf die Arbeits
fähig
keit vornehme und hernach über den Leistungsanspruch (berufliche Massnahmen und Invalidenrente) des Beschwerdeführers neu verfüge. In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
5.
Gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung vor dem kantonalen Versicherungsgericht in Abweichung von
Art.
61
lit
. a ATSG in der hier anwendbaren, bis am 3
1.
Dezember 2020 in Kraft gewesenen Fassung (
Art.
83 ATSG) kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von
Fr.
200.-- bis
Fr.
1'000.
—
fest
gesetzt (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG). Vorliegend erweist sich eine Kostenpauschale von
Fr.
700.-- als angemessen. Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb die Gerichtskosten in der Höhe von
Fr.
700.-- der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen sind.