Decision ID: b57e5874-5e62-42ad-9b67-3fd4a71fbdbf
Year: 2015
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Mit Verfügung vom 5. Juli 2011 sprach die IV-Stelle A._ ausgehend von einer
60%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten mit Wirkung ab
1. Dezember 2007 eine Viertelsrente zu (IV-act. 87). In teilweiser Gutheissung der
dagegen erhobenen Beschwerde sprach das Versicherungsgericht der
Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. Dezember 2007 eine halbe Rente zu (siehe
hierzu sowie bis zum dahin eingetretenen Sachverhalt Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 30. September 2013, IV 2011/261). Auf Beschwerde in
öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten der IV-Stelle hin hob das Bundesgericht den
kantonalen Entscheid auf und wies die Sache zur Neubegutachtung an das
Versicherungsgericht zurück (Urteil des Bundesgerichts vom 3. April 2014,
8C_774/2013, act. G 1).
A.b Nach der Gewährung des rechtlichen Gehörs zur in Aussicht gestellten
Begutachtung (act. G 2; die Beschwerdeführerin erhob dagegen keine Einwände, act.
G 3; die Beschwerdegegnerin liess die Frist für eine Stellungnahme unbenützt
verstreichen) beauftragte das Gericht am 5. Juni 2014 die MEDAS asim Begutachtung
Universitätsspital Basel mit einer polydisziplinären (internistischen, rheumatologischen
und psychiatrischen) Begutachtung (act. G 4). Am 5. und 8. August 2014 wurde die
Beschwerdeführerin in der MEDAS asim polydisziplinär (internistisch, rheumatologisch
und psychiatrisch) untersucht. Im Gesamtgutachten vom 29. Dezember 2014 gaben die
Gutachter an, die Beschwerdeführerin leide mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit an:
einer Supraspinatussehnenruptur (ICD-10: M75.1) beidseits, einer Gonarthrose
beidseits (ICD-10: M17), einem panvertebralen Schmerzsyndrom (ICD-10: M54.80);
einer rezidivierenden depressiven Störung gegenwärtig mittelgradige Episode mit
somatischem Syndrom (ICD-10: F33.11) und einer anhaltenden somatoformen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schmerzstörung (ICD-10: F45.4). Für die angestammte Tätigkeit als Verpackerin in
einer Metzgerei bestehe schon aus rein somatischen Gründen keine Arbeitsfähigkeit
mehr. Aufgrund der psychischen Erkrankung sei die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin ab Datum der RAD-Beurteilung vom 28. Oktober 2009 in einer
leichten (aus rheumatologischer Sicht) leidensangepassten Tätigkeit um 40%
eingeschränkt. Zuvor habe seit Dezember 2006 eine volle Arbeitsunfähigkeit
bestanden. Es liege nicht primär eine sogenannte syndromale Diagnose vor, sondern
eine klare somatische Einschränkung mit einer darauf aufgepfropften reaktiven
depressiven Erkrankung und im Rahmen derselben einer gewissen
Symptomausweitung. Die überwertige Interpretation der Schmerzen und der
Einschränkungen seitens der Beschwerdeführerin sei vor allem im Rahmen der
rezidivierenden depressiven Krankheit zu interpretieren. Es könne zwar eine
somatoforme Störung als Zusatzdiagnose zur Depression gestellt werden, jedoch sei
für die Beurteilung einerseits der somatische Status massgebend, aus psychiatrischer
Sicht andererseits die "Depressivität". Psychosoziale oder soziokulturelle Faktoren
seien hier nicht massgebend, sondern die initial und weiterhin klare somatische
Einschränkung und die dadurch bedingte reaktive psychische Dekompensation (act.
G 7).
A.c Die Beschwerdeführerin führt zum Gerichtsgutachten aus, es frage sich, warum
der rheumatologische Experte die Rückenproblematik bei der Umschreibung einer
Verweistätigkeit nicht mitgewichtet habe. Des Weiteren hätten die Gutachter
übersehen, dass die erste RAD-Beurteilung vor der Reruptur der Supraspinatussehnen
erfolgt sei. Offensichtlich würden die Beschwerdenherde in der Schulter dazu neigen,
sich zu wiederholen, was ebenfalls unberücksichtigt geblieben sei. Das
Gerichtsgutachten erscheine nicht vollständig schlüssig. Schliesslich macht die
Beschwerdeführerin mit Blick auf das Invalideneinkommen unterdurchschnittliche
Verdienstmöglichkeiten geltend. Eine "volle Rente" (ganze Rente) sei mindestens ab
Datum der RAD-Beurteilung vom 28. Oktober 2009 bis zur Begutachtung zu gewähren.
Danach könne eine halbe Rente verfügt werden (act. G 9). Die Beschwerdegegnerin hat
die Frist für eine Stellungnahme zum Gerichtsgutachten unbenützt verstreichen lassen.

Erwägungen:
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der Rentenanspruch
der Beschwerdeführerin. Bezüglich der für die Beurteilung des Rentenanspruchs
massgebenden rechtlichen Grundlagen kann auf die Ausführungen im Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 30. September 2013, IV 2011/261, E. 1, 2.1 f. und E. 3.4,
verwiesen werden. Ergänzend ist mit Blick auf Gerichtsgutachten anzuführen, dass das
Gericht "nicht ohne zwingende Gründe" von den Einschätzungen der medizinischen
Experten abweicht. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat
diesbezüglich erwogen, der Meinung der von einem Gericht ernannten Experten
komme bei der Beweiswürdigung vermutungsweise hohes Gewicht zu (BGE 135 V 469
f. E. 4.4 mit Hinweisen).
2.
Zunächst ist die Frage zu beantworten, ob das Gerichtsgutachten eine beweiskräftige
Grundlage für die Beurteilung des Rentenanspruchs bildet.
2.1 Die Beschwerdeführerin bringt gegen das Gerichtsgutachten verschiedene Mängel
vor (act. G 9).
2.1.1 Als erstes rügt sie, der rheumatologische Gutachter habe bei der
Umschreibung der
Verweistätigkeit das Rückenleiden nicht mitgewichtet (act. G 9, S. 1). Unbestritten ist
(siehe die Darstellung der Beschwerdeführerin in der Eingabe vom 26. Januar 2015,
zweiter Satz), dass sich der rheumatologische Gutachter im Rahmen der
Diagnoseerhebung (panvertebrales Schmerzsyndrom; act. G 7, S. 14) und der
allgemeinen Beurteilung mit den geklagten Rückenschmerzen auseinander gesetzt hat
("Um die Rückenschmerzen zu verdeutlichen kann sie z.B. mit der rechten Hand auf
ihre lumbale Wirbelsäule fassen. Bei der Aufforderung, eine Innenrotation
durchzuführen, ist dies kaum möglich", act. G 7, S. 13; vgl. auch die Ausführungen
betreffend die Hüfte, act. G 7, S. 13; "Ausserdem vom Rücken ausgehende Lumbalgien
der lateralen Seite des rechten Oberschenkels"; act. G 7, S. 2 des rheumatologischen
Teilgutachtens; "Hinsichtlich der Wirbelsäule ist die Beweglichkeit auch hier auf Grund
der starken Schmerzangabe eingeschränkt beurteilbar. Es scheint aber eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
weitgehend normale Beweglichkeit mit unauffälligem Schober-Test vorzuliegen. Auch
hier kann keine radikuläre Symptomatik festgestellt werden"; act. G 7, S. 4 des
rheumatologischen Teilgutachtens). Angesichts dessen, dass der rheumatologische
Gutachter nachvollziehbar davon ausging, dass eine weitgehend normale
Beweglichkeit der Wirbelsäule besteht (act. G 7, S. 4 des rheumatologischen
Teilgutachtens), stellt es keinen den Beweiswert des Gerichtsgutachtens
erschütternden Mangel dar, wenn er über die von ihm aufgrund der
Supraspinatussehnen-Läsionen und der aktivierten AC-Gelenkarthrose zu beachtenden
Anforderungen an eine leichte Verweistätigkeit hinaus (siehe hierzu act. G 7, S. 13 f.)
unter dem Aspekt des geklagten Rückenleidens keine zusätzlichen Bedingungen
formuliert hat. Damit geht einher, dass nach der Auffassung der Beschwerdeführerin
die Schulterschmerzen im Vordergrund stehen ("Hauptproblem", "Schulterschmerzen
das sei das Schlimmste"; act. G 7, S. 4) und das vom rheumatologischen Gutachter
umschriebene Anforderungsprofil mit den Schmerzklagen (siehe hierzu act. G 7, S. 4 f.)
der Beschwerdeführerin vereinbar ist.
2.1.2 Des Weiteren macht die Beschwerdeführerin den Gerichtsgutachtern zum
Vorwurf, sie hätten offenbar danach getrachtet, dem ursprünglichen RAD-Bericht um
jeden Preis Recht zu geben. Dabei hätten sie noch übersehen, dass die erste RAD-
Beurteilung vor der Reruptur der Supraspinatussehnen erfolgt sei (act. G 9, S. 2).
Dieser Vorwurf erweist sich als unbegründet. So legte der psychiatrische Gutachter
schlüssig in eingehender Diskussion der Vorakten dar, weshalb er die Einschätzung im
RAD-Bericht vom 4. Januar 2010 (Untersuchung vom 28. Oktober 2009; IV-act. 45) für
die plausibelste hielt (act. G 7, S. 11 und 17). Die Beschwerdeführerin benennt ferner
keine konkreten Mängel an der gutachterlichen Einschätzung, die ihre Sichtweise
bekräftigen würden. Zu ergänzen bleibt, dass der rheumatologische Gutachter eine von
der rheumatologischen RAD-Beurteilung (100%ige Arbeitsfähigkeit für
leidensangepasste Tätigkeiten, IV-act. 45-8) abweichende Beurteilung (80%ige
Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten; act. G 7, S. 13) vorgenommen und
im Rahmen der Begründung der eigenen Einschätzung nicht die RAD-Beurteilung
herangezogen hat. Deshalb und da der rheumatologische Gutachter eine "chronische
Ruptur/Re-Ruptur" diagnostiziert (act. G 7, S. 12) und die entsprechenden
Verletzungen gewürdigt ("Supraspinatussehnen-Läsionen"; act. G 7, S. 13; zur
berücksichtigten einschlägigen Voraktenlage siehe act. G 7, S. 17 ff.) sowie bei der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verlaufsbeurteilung berücksichtigt hat ("Passager ist nach Schulterarthroskopie vom
16. November 2010 von einer vollen Arbeitsunfähigkeit für jede Tätigkeit von ca. drei
Monaten auszugehen."; act. G 7, S. 17), ist ein Mangel nicht erkennbar.
2.1.3 Aus der Sicht der Beschwerdeführerin ist schliesslich zu Unrecht
unberücksichtigt geblieben, dass die Beschwerdenherde in der Schulter dazu neigen
würden, sich zu wiederholen (act. G 9, S. 2). Dieser Einwand erweist sich allein schon
angesichts der vom rheumatologischen Gutachter diagnostizierten "chronischen
Ruptur/Re-Ruptur der Supraspinatussehne" (act. G 7, S. 14) als aktenwidrig, weshalb
sich Weiterungen erübrigen.
2.2 Bei der Würdigung des Gerichtsgutachtens fällt ins Gewicht, dass es auf
eigenständigen gründlichen Abklärungen beruht und für die streitigen Belange
umfassend ist. Die medizinischen Vorakten wurden verwertet und die von der
Beschwerdeführerin geklagten Leiden berücksichtigt und gewürdigt. Die darin
vorgenommene Arbeitsfähigkeitsschätzung leuchtet in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein.
Weiter bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass objektiv wesentliche Tatsachen nicht
berücksichtigt worden wären. Aus medizinischer Sicht ist deshalb davon auszugehen,
dass die Beschwerdeführerin für den Zeitraum von Dezember 2006 bis zum
27. Oktober 2009 vollständig arbeitsunfähig gewesen ist und seit 28. Oktober 2009
(Datum RAD-Untersuchung) über eine 60%ige Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste
Tätigkeiten verfügt (act. G 7, S. 17).
3.
Zu prüfen bleibt die invalidenversicherungsrechtliche Erheblichkeit der psychiatrisch
bescheinigten Arbeitsunfähigkeit.
3.1 Die Gutachter begründeten die bescheinigte Arbeitsunfähigkeit - nebst dem
somatischen Leiden - einzig mit der rezidivierenden depressiven Störung gegenwärtig
mittelgradige Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F33.11). Es liege nicht
primär eine sogenannte syndromale Diagnose vor, sondern eine klare somatische
Einschränkung mit einer darauf aufgepfropften reaktiven depressiven Erkrankung und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Rahmen derselben einer gewissen Symptomausweitung. Die überwertige
Interpretation der Schmerzen und der Einschränkungen seitens der
Beschwerdeführerin sei v.a. im Rahmen der rezidivierenden depressiven Krankheit zu
interpretieren. Es könne zwar eine somatoforme Störung als Zusatzdiagnose zur
Depression gestellt werden. Jedoch sei für die Beurteilung einerseits der somatische
Status massgebend, aus psychiatrischer Sicht andererseits die "Depressivität" (act.
G 7, S. 15). Die aktuelle Einschätzung der Arbeitsfähigkeit "orientiert sich an den für
uns fassbaren und plausiblen Erkrankungen somatisch und psychiatrisch" (act. G 7,
S. 16). Die Gutachter haben damit den festgestellten Beeinträchtigungen der
Arbeitsfähigkeit ein somatisches sowie ein selbstständiges depressives (zur Bejahung
der "psychiatrischen Komorbidität" siehe act. G 7, S. 14 des psychiatrischen
Teilgutachtens) und damit kein somatoformes Leiden zugrunde gelegt.
3.2 Im Licht dieser Umstände besteht kein Anlass, die von den Gutachtern
bescheinigte Arbeitsunfähigkeit aus rechtlicher Sicht in Frage zu stellen. Daran ändert
die u.a. mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (an letzter Stelle) diagnostizierte anhaltende
somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4; act. G 7, S. 14) nichts. Denn die
Rechtsprechung zu den syndromalen Gesundheitsschädigungen (BGE 130 V 352)
kommt hier nicht zum Tragen, weil sich die somatoforme Schmerzstörung (wenn
überhaupt) höchstens auf die Rahmenbedingungen einer zumutbaren Tätigkeit
auswirkt. Die zentrale Frage, wie weit das anrechenbare Leistungsvermögen quantitativ
eingeschränkt ist, stellt sich nur mit Blick auf die Depression und die somatischen
Leiden (vgl. vorstehende E. 3.1). Hierfür ist die erwähnte Rechtsprechung nicht
einschlägig (Urteil des Bundesgerichts vom 7. Januar 2015, 9C_140/2014, E. 2).
Schliesslich ergeben sich auch aus dem Gerichtsgutachten keine Hinweise, welche die
Selbstständigkeit des depressiven Leidens in Frage zu stellen vermögen, oder dass
das depressive Leiden in psychosozialen oder soziokulturellen Umständen aufginge
(vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 7. Januar 2015, 9C_140/2014, E. 3.4.1). Vielmehr
führten die Gutachter nachvollziehbar in Diskussion dieser Thematik aus, insgesamt
seien die psychosozialen oder soziokulturellen Faktoren hier nicht massgebend,
sondern die klare somatische Einschränkung und die damit bedingte reaktive
psychische Dekompansation. Dabei besteht nach den Ausführungen der Gutachter die
rezidivierende depressive Störung trotz Psychotherapie und Psychopharmakotherapie
seit 2007 ohne Remission (act. G 7, S. 16). Gestützt auf das Gerichtsgutachten kann
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ein erhebliches psychisches Leiden angenommen werden, welches die zumutbare
Willensanspannung beeinträchtigt und invalidisierenden Charakter hat.
4. Zu beurteilen bleiben die erwerblichen Auswirkungen der bescheinigten
Arbeitsunfähigkeiten.
4.1 Vorliegend ergeben sich keine Gesichtspunkte - und solche werden auch nicht von
den Parteien vorgebracht -, die ein Abweichen von dem im Entscheid vom
30. September 2013, IV 2011/261, E. 4.1, festgelegten Valideneinkommen (Stand:
2007) von Fr. 59'719.-nahe legen.
4.2 Hinsichtlich der Bestimmung des Invalideneinkommens kann auf die Ausführungen
im Entscheid vom 30. September 2013, IV 2011/261, E. 4.2, verwiesen werden, worin
der einschlägige LSE-Hilfsarbeiterinnenlohn (Stand 2007: Fr. 51'047.--) herangezogen
und ein Tabellenlohnabzug von 10% gewährt wurde. Die Beschwerdeführerin bringt
verschiedene Gründe vor, die aus ihrer Sicht einen höheren Tabellenlohnabzug
rechtfertigen, ohne diesen indessen zu quantifizieren.
4.2.1 Was die zu beachtenden Anforderungen an eine Verweistätigkeit und die
daraus zu erwartenden lohnmindernden Auswirkungen anbelangt, so kann an dem im
erwähnten Entscheid aus leidensbedingtem Blickwinkel gewährten Abzug von 10%
festgehalten werden.
4.2.2 Das von der Beschwerdeführerin (sinngemäss) geltend gemachte erhöhte
Absenzenrisiko (sie muss sich "wegen der vielen Beschwerdenherde stets in
medizinische Behandlung geben", act. G 9, S. 2) findet in den Akten, insbesondere im
Gerichtsgutachten (aus rheumatologischer Sicht wurden keine medizinischen
Massnahmen empfohlen; act. G 7, S. 5 des rheumatologischen Teilgutachtens; zu den
psychiatrischen Behandlungsoptionen, die keine wesentliche Einschränkung der
Arbeitspräsenz bewirken siehe act. G 7, S. 18 f.) keine Stütze.
4.2.3 Sodann führt die Beschwerdeführerin ins Feld, es "ist erstellt, dass die Leute
vom Balkan ca. 20% generell weniger verdienen, selbst wenn sie gesund sind. Wenn
sie angeschlagen sind, haben sie erst recht Mühe, wieder integriert zu werden, was
selbst die Spatzen vom Dach pfeifen". Sie ersucht das Gericht, einmal die Statistiken
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Bundesamtes für Statistik zu beschaffen, die eindeutig belegen, wie es mit den
Chancen "von Balkanstämmigen" in der Arbeitswelt aussehe (act. G 9, S. 2).
Entscheidend fällt im hier zu beurteilenden Fall ins Gewicht, dass die
Beschwerdeführerin als Gesunde im Vergleich zum durchschnittlichen LSE-
Hilfsarbeiterinnenlohn einen erheblich höheren Lohn zu erzielen vermochte (siehe
vorstehende E. 4.1 und 4.2). Die Beschwerdeführerin legt weder dar noch ist plausibel,
dass sie als gesundheitlich beeinträchtigte Person nun wegen ihrer ethnischen
Herkunft auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zusätzlich zu den leidensbedingten
Einflüssen (siehe hierzu vorstehende E. 4.2.1) einen Lohnnachteil zu gewärtigen hat.
Ergänzend ist mit Blick auf die Statistik zu bemerken, dass die Beschwerdeführerin
über die Niederlassungsbewilligung verfügt (IV-act. 2). Gemäss Tabelle TA12,
Monatlicher Bruttolohn (Zentralwert und Quartilbereich), Schweizer/innen und
Ausländer/innen, nach beruflicher Stellung und Geschlecht, Tabelle "ohne
Kaderfunktion", 2008, beträgt der durchschnittliche Monatslohn für eine
Niedergelassene (bei 40-stündiger Arbeitswoche) Fr. 4'264.--, was über dem
durchschnittlichen Hilfsarbeiterinnenlohn des Jahres 2008 (bei 40-stündiger
Arbeitswoche) von Fr. 4'116.-- (vgl. Anhang 2: Lohnentwicklung, IVG-Gesetzesausgabe
der Informationsstelle AHV/IV, Ausgabe 2015) liegt. Damit spricht auch die Statistik
gegen die nicht substanziierte Mutmassung der Beschwerdeführerin.
4.2.4 Insgesamt ist damit ein 10%iger Tabellenlohnabzug zu gewähren.
4.3 Für die Dauer von Dezember 2006 bis 27. Oktober 2009 war die
Beschwerdeführerin vollständig arbeitsunfähig (act. G 7, S. 17). Für diesen Zeitraum
beträgt der Invaliditätsgrad 100% und die Beschwerdeführerin hat ab 1. Dezember
2007 (zum Rentenbeginn siehe E. 4.3 des Entscheids des Versicherungsgerichts vom
30. September 2013, IV 2011/261) bis 31. Januar 2010 (Art. 88a Abs. 1 der Verordnung
über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]) Anspruch auf eine ganze Rente. Ab
28. Oktober 2009 beträgt die Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten 60%
(act. G 7, S. 17). Daraus resultieren ein Invalideneinkommen von Fr. 27'565.--
(Fr. 51'047.-- x 0.6 x 0.9), eine Erwerbseinbusse von Fr. 32'154.-- (Fr. 59'719.-- -
Fr. 27'565.--) und ein Invaliditätsgrad von aufgerundet 54% ([Fr. 32'154.-- /
Fr. 59'719.--] x 100), womit die Beschwerdeführerin ab 1. Februar 2010 Anspruch auf
eine halbe Rente hat.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
5.1 In Gutheissung der Beschwerde ist die Verfügung vom 5. Juli 2011 aufzuheben
und der Beschwerdeführerin für die Dauer vom 1. Dezember 2007 bis 31. Januar 2010
eine ganze und ab 1. Februar 2010 eine halbe Rente zuzusprechen. Zur Festsetzung
der Rentenhöhe sowie zur Ausrichtung der geschuldeten Leistungen ist die Sache an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Aufgrund der Einholung eines
Gerichtsgutachtens und des damit verbundenen Zusatzaufwands erscheint eine
Gerichtsgebühr von Fr. 1'000.-- in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als
angemessen. Der vollständig unterliegenden Beschwerdegegnerin sind die
Gerichtskosten in der Höhe von Fr. 1'000.-- aufzuerlegen. Der Beschwerdeführerin ist
der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- zurückzuerstatten.
5.3 Die Kosten des Gerichtsgutachtens von Fr. 9'608.80 (act. G 7.1) hat die
Beschwerdegegnerin zu tragen (BGE 137 V 265 f. E. 4.4.2).
5.4 Gemäss Art. 61 lit. g des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) hat die obsiegende beschwerdeführende
Partei Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach
Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Im hier
zu beurteilenden Fall erscheint wegen des im Zusammenhang mit dem
Gerichtsgutachten verbundenen Mehraufwands eine Parteientschädigung Fr. 4'500.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39
VRP
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte