Decision ID: 56dd2658-84ad-5800-b071-597e6668f1d0
Year: 2020
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

Sachverhalt
A. Der am XX.XX.1958 geborene A. _ (nachfolgend: Beschwerdeführer) war in einem
Pensum von 85% als Logopäde beim C. _ tätig und über die Arbeitgeberin bei der
Versicherung B. _ obligatorisch unfallversichert, als er am 28. Mai 2012 als
Velofahrer mit einem Auto kollidierte. Der Beschwerdeführer wurde per Ambulanz ins
Kantonsspital D. _ gebracht, wo er bis zum 30. Mai 2012 hospitalisiert blieb und
folgende Diagnosen gestellt wurden (act. 8.2/4): Schädelhirntrauma nach Fahrradunfall mit
Rissquetschwunde an der rechten Augenbraue, Commotio cerebri, ausgeprägte retrograde
Amnesie (ungefähr 2 Tage) sowie Contusio orbitae. Dem Beschwerdeführer wurde eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit bis zum 12. August 2012 attestiert, danach bis 21. Oktober
2012 eine Arbeitsunfähigkeit von 50% (act. 8.2/17). Die Versicherung B. _
anerkannte ein Unfallereignis und kam in der Folge für diverse Heilbehandlungen auf.
B. Im psychologischen Bericht des Ambulatoriums der Klinik E. _ vom 30. August 2012
(act. 8.2/21) wurde eine erste neurologische Standortbestimmung gestützt auf psy-
chologische Untersuchungen vom 28. und 30. August 2012 vorgenommen. Die Fachärzte
diagnostizierten beim Beschwerdeführer leichte neurologische Auffälligkeiten; im Rahmen
der psychologischen Untersuchung zeigten sich aber mehrheitlich unauffällige Ergebnisse.
Seite 3
Die kognitive Belastbarkeit des Beschwerdeführers sei „momentan noch vermindert“. Aus
neuropsychologischer Sicht sei die genauere Exploration des affektiven Befindens relevant.
Zusätzlich werde aufgrund der momentan noch verminderten Belastbarkeit eine psy-
chologische Therapie empfohlen.
Dr. F. _, die den Beschwerdeführer seit dem 17. Oktober 2012 ambulant psycholo-
gisch betreute, stellte im Bericht vom 18. Februar 2013 (act. 8.2/30) folgende Diagnosen:
Leichte neuropsychologische Auffälligkeiten bei Status nach Schädelhirntrauma nach Fahr-
radunfall am 28. Mai 2012 sowie Anpassungsstörung, Angst und depressive Reaktion ge-
mischt. Die Therapie werde voraussichtlich noch bis April 2013 fortgesetzt. Gemäss Bericht
der Klinik für Neurologie Kantonsspital D. _ vom 2. August 2013 (act. 8.2/39) über die
tagesklinische Demenzabklärung vom 31. Juli 2013 wurden beim Beschwerdeführer mini-
male kognitive Funktionsstörungen sowie seit vielen Jahren täglich für mehrere Stunden
bestehende episodische Spannungskopfschmerzen festgestellt. Es ergäben sich keine Hin-
weise auf eine dementielle Erkrankung. Die Ursache für die leichten kognitiven Einschrän-
kungen sei am ehesten durch die leichte depressive und ängstliche Stimmungslage des
Beschwerdeführers begründet. Eine posttraumatische Genese der jetzt noch nachweisba-
ren Beschwerden sei „zwar denkbar, eine Kausalität angesichts des milden Traumas ohne
Residuen im MRI aber kaum mehr zu beweisen.“
Am 20. Januar 2014 stellte der den Beschwerdeführer behandelnde Hausarzt Dr. G.
_ bei der Versicherung B. _ einen Antrag um Kostengutsprache für drei
Wochen stationäre psychosomatische Rehabilitation, unter Hinweis auf ein Burn-out-
Syndrom bei psychosozialer Belastungssituation (act. 8.2/47). Nach Rücksprache mit dem
Vertrauensarzt Dr. H. _ (act. 8.2/48) teilte die Versicherung B. _ dem
Beschwerdeführer hierauf mit, mangels überwiegend wahrscheinlichem Kausalzusammen-
hang zwischen dem Unfall und den aktuell bestehenden Beschwerden würden weitere Kos-
tenübernahmen abgelehnt und er solle sich für die Übernahme der weiteren Kosten an sei-
ne Krankenversicherung wenden (act. 8.2/49).
Am 24. Juni 2014 unterzog sich der Beschwerdeführer einer cranio-zerebralen Kernspinto-
mographie im Diagnosezentrum der Radiologie I. _. Im Vergleich zur Vor-
untersuchung vom 29. Oktober 2012 ergab sich ein unveränderter Befund, d.h. ein grund-
sätzlich normales cranio-zerebrales Kernspintomogramm, insbesondere ohne kernspin-
tomographisch fassbare posttraumatische Veränderungen (act. 8.2/57). Mit Schreiben vom
26. Juni 2014 (act. 8.2/61) wandte sich der den Beschwerdeführer seit August 2013 be-
handelnde Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie J. _ an die Versicherung B.
_, um mitzuteilen, sowohl die neurologischen Defizite als auch die Verhaltensverän-
Seite 4
derung, für welche die Diagnose einer organisch emotional labilen asthenischen Störung
gestellt werden könne, seien Folgen des Unfalles, weshalb um weitere Übernahme der Be-
handlungskosten ersucht werde. Im Juli 2014 wurde im Ambulatorium der Klinik E. _
eine Verlaufsuntersuchung durchgeführt (act. 8.2/64). Dabei wurden „überwiegend normge-
rechte, vereinzelt leicht unterdurchschnittliche kognitive Leistungen“ diagnostiziert. Es sei
keine Zunahme der kognitiven Defizite festzustellen, die erhobenen Befunde könnten das
Ausmass der subjektiv empfundenen Beeinträchtigungen im Alltag und im Beruf nicht erklä-
ren (act. 8.2/68).
Nachdem die Versicherung B. _ in der Folge diverse Arztrechnungen, die ihr zur Be-
gleichung zugeschickt worden waren, zurückgewiesen hatte, meldete sich am 24. Januar
2015 der inzwischen vom Beschwerdeführer mandatierte Rechtsanwalt K. _ bei der
Vorinstanz und ersuchte um Mitteilung, gestützt auf welche Unterlagen sie zum Schluss
gekommen sei, die Behandlungen würden nicht im Zusammenhang mit dem Unfallereignis
stehen (act. 8.2/90). Die Versicherung B. _ stellte dem Rechtsvertreter hierauf die re-
levanten Akten zu (act. 8.2/91). Am 3. Februar 2015 reichte der behandelnde Hausarzt bei
der Versicherung B. _ erneut einen Antrag ein um Kostengutsprache für drei Wochen
stationäre psychosomatische Rehabilitation im Zusammenhang mit einem Burn-out-Syn-
drom bei psychophysischer Erschöpfung. Mittlerweile hätten sich die Unfallfolgen verstärkt,
der Fall sei wegen Fortbestand direkter posttraumatischer Beschwerden und Folgebe-
schwerden noch nicht abgeschlossen. Es bestehe aktuell „eine theoretische Arbeitsunfäh-
igkeit von 50% bei einem 85%-Stellenpensum als Logopäde“ (act. 8.2/94). Hierauf teilte die
zuständige Mitarbeiterin der Versicherung B. _ dem Hausarzt telefonisch mit, dass
weiterhin an der Leistungsablehnung festgehalten werde (act. 8.2/112). Mit Schreiben vom
17. März 2015 (act. 8.2/115) verlangte Rechtsanwalt K. _ von der Versicherung B.
_ eine anfechtbare Verfügung über den Leistungsanspruch.
C. Mit Verfügung vom 11. Juni 2015 (act. 8.2/146) lehnte die Versicherung B. _ eine
Leistungspflicht mangels Kausalzusammenhang zum Unfallereignis ab. Sie sei nach einer
weiteren Rücksprache mit ihrem beratenden Arzt Dr. L. _ (act. 8.2/117) beim Schluss
geblieben, dass die gesundheitliche Beeinträchtigung des Beschwerdeführers mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht mehr auf das Ereignis vom 28. Mai 2012, sondern
ausschliesslich auf ereignisfremde Faktoren zurückzuführen sei. Der status quo sine in
Bezug auf das Ereignis vom 28. Mai 2012 sei am 23. Oktober 2012 wieder erreicht worden.
Auf die Rückforderung der über diesen Zeitpunkt hinaus bereits erbrachten Leistungen
werde verzichtet.
Seite 5
D. Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer Einsprache (act. 8.2/161) und stellte
der Versicherung B. _ zur Begründung unter anderem ein neurologisch-psy-
chiatrisches Gutachten vom 23. Juni 2015 (act. 8.2/198) zu, welches zu Handen der
Versicherung M. _ (einem privaten Unfallversicherer des Beschwerdeführers), er-
stellt worden war. Hierauf teilte die Versicherung B. _ dem Rechtsvertreter am
28. September 2016 mit, sie erachte es als notwendig, zusätzlich ein interdisziplinäres Gut-
achten einzuholen (act. 8.2/227).
Am 22. Februar 2017 stellte die Versicherung B. _ als Gutachterstelle die N. _
in Aussicht und räumte dem Beschwerdeführer, der inzwischen von Rechtsanwalt RA AA.
_ vertreten wurde, das rechtliche Gehör mit Bezug auf den Fragekatalog für die
Begutachtung ein (act. 8.2/246). Mit Schreiben vom 29. März 2017 (act. 8.2/275) teilte
Rechtsanwalt RA AA. _ der Versicherung B. _ mit, nachdem der Be-
schwerdeführer bereits ein neurologisch-psychiatrisches Gutachten vorgelegt habe, sei es
weder nötig noch zulässig, erneut ein Gutachten einzuholen, weil das vorliegende
Gutachten bereits genüge. Zudem würde die N. _ als Gutachterstelle zum Vornherein
nicht in Frage kommen, da dort auch Dr. L. _, der beratende Arzt der Versicherung B.
_, tätig sei. Am 16. Mai 2017 (act. 8.2/311) teilte die Versicherung B. _ Rechts-
anwalt RA AA. _ mit, bei dem von der Versicherung M. _ eingeholten
Gutachten handle es sich um ein nicht beweiswertiges Parteigutachten. Aufgrund der Ein-
wendungen gegen die in Aussicht gestellte Gutachterstelle N. _ werde neu als
Gutachterstelle die Klinik O. _ vorgeschlagen.
Nachdem der Beschwerdeführer gegen diese Gutachterstelle keine Einwendungen erhob,
wurde der Gutachtenauftrag am 6. September 2017 erteilt (act. 8.2/364).
E. Der Beschwerdeführer nahm am 18. und 19. Januar 2018 zwei Gutachtertermine bei Dr. P.
_ und Dr. Q. _ in der Klinik O. _ wahr, weigerte sich aber, die ihm
vorgelegte Ermächtigungserklärung zur Einholung medizinischer Auskünfte zu unter-
zeichnen. Am 9. Februar 2018 (act. 8.2/404) forderte die Versicherung B. _ den
Beschwerdeführer auf, eine solche Ermächtigung unverzüglich abzugeben und wies ihn
unter Einräumung einer Bedenkfrist von 30 Tagen auf die Rechtsfolgen bei Verletzung
seiner Mitwirkungspflichten hin. Daraufhin stellte der Beschwerdeführer mit Schreiben vom
22. Februar 2018 (act. 8.2/410) klar, er wolle einzig die Befreiung vom Arztgeheimnis
derjenigen Ärzte verweigern, welche am Gutachten vom 23. Juni 2015 mitgewirkt hätten,
also namentlich Dr. R. _. Wenn Dr. Q. _ und Dr. P. _ das Gutachten
Seite 6
nicht ohne Rücksprache mit den früheren Gutachtern erstellen könnten, seien sie nicht die
richtigen Gutachter. Der Beschwerdeführer befreie die Ärzte in XY bzw. XX nicht von ihrem
Berufsgeheimnis. Mit Schreiben vom 22. Juni 2018 (act. 8.2/415) räumte die Versicherung
B. _ dem Beschwerdeführer eine letzte Frist zur Unterzeichnung einer ihm
zugeschickten Ermächtigungserklärung ein, welche eine allgemeine Entbindung der
Schweigepflicht von „involvierten Ärzten und medizinischen Sachverständigen“ vorsah und
wies darauf hin, dass bei unbenutztem Fristablauf das Gutachten als gescheitert betrachtet
werde und die Versicherung B. _ gestützt auf die Akten entscheiden oder Nichteintre-
ten beschliessen werde. Mit Schreiben vom 5. Juli 2018 (act. 8.2/419) hielt der Beschwer-
deführer fest, er werde die ihm zugestellte Entbindungserklärung nicht unterzeichnen, da er
nicht verpflichtet sei, die früheren Gutachter von deren Schweigepflicht zu befreien. Es
werde darum ersucht, neue Gutachter zu bezeichnen, die das Gutachten auch ohne Kon-
taktaufnahme mit Dr. R. _ erstellen können.
F. Mit Entscheid vom 30. Januar 2019 (act. 8.2/442) wies die Versicherung B. _ die Ein-
sprache des Beschwerdeführers daraufhin ab, soweit darauf einzutreten sei. Sie hielt fest,
der Beschwerdeführer habe letztlich nicht nur die Kontaktaufnahme mit der U. _ von
einer allfälligen Bevollmächtigung der Gutachter ausgeschlossen, sondern er habe vielmehr
überhaupt keine Vollmacht zuhanden der Gutachter unterzeichnet; dieses Verhalten könne
nicht nachvollzogen werden. In Anwendung von antizipierter Beweiswürdigung könne aber
ohnehin von einer weiteren Begutachtung abgesehen werden. Die vom Beschwerdeführer
geltend gemachten Beschwerden seien bereits gestützt auf die vorhandenen Unterlagen
seit dem 23. Oktober 2012 nicht mehr als überwiegend wahrscheinlich unfallkausal zu
betrachten. Auf Basis der gesamten medizinischen Aktenlage sowie der Einschätzung der
beratenden Ärzte sei die Einstellung der Versicherungsleistungen zu Recht erfolgt.
G. Gegen diesen leistungsabweisenden Einspracheentscheid richtet sich die vom Beschwer-
deführer am 4. März 2019 erhobene Beschwerde ans Obergericht mit den eingangs er-
wähnten Anträgen (act. 1). Mit Vernehmlassung vom 5. Juni 2019 (act. 7) verlangte die
Vorinstanz deren Abweisung. Mit Replik vom 30. August 2019 (act. 14) hielt der Beschwer-
deführer unverändert an seinen Anträgen fest. Die Vorinstanz reichte am 25. September
2019 eine Duplik ein, ebenfalls unter Festhaltung an ihren bereits gestellten Anträgen (act.
17). Keine der Parteien hatte die Durchführung einer mündlichen Verhandlung verlangt. Am
30. April 2020 fällte das Gericht einen Zirkularbeschluss.
Seite 7
H. Auf weitere Einzelheiten im Sachverhalt sowie die Vorbringen der Parteien in den Rechts-
schriften wird, soweit entscheidrelevant, in den nachfolgenden Erwägungen näher einge-
gangen.

Erwägungen
1. Formelles
a. Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversicherungsrecht ergangen. Zu-
ständig für die Beurteilung von sozialversicherungsrechtlichen Streitigkeiten ist gemäss Art.
58 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG, SR 830.1) das Versicherungsgericht desjenigen Kantons, in dem die versicherte
Person zur Zeit der Beschwerdeerhebung Wohnsitz hat. Da der Beschwerdeführer in Reute
wohnt, ist die örtliche Zuständigkeit in Appenzell Ausserrhoden gegeben.
b. Gemäss Art. 57 ATSG i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b des Justizgesetzes (JG, bGS 145.31) be-
urteilt das Obergericht als kantonales Versicherungsgericht Beschwerden aus dem Bereich
der Sozialversicherungen. Das Gesamtgericht hat Beschwerden in Sozialversicherungssa-
chen mit medizinischen Fragestellungen der 3. Abteilung zur Beurteilung zugewiesen (so
publiziert im aktuellen Staatskalender des Kantons Appenzell Ausserrhoden [https://
staatskalender.ar.ch/organizations/pdf], Ziff. 2.6.1.2), weshalb diese zur Beurteilung der
vorliegenden Beschwerdesache zuständig ist. Gestützt auf Art. 2 der Verordnung über
COVID-19-Massnahmen: Gerichte (bGS 113.2) kann das Obergericht zur Bewältigung der
aktuell ausserordentlichen Lage in allen Fällen auf dem Zirkularweg entscheiden, wenn das
Gesetz keine Verhandlung vorschreibt. Entscheide, die auf dem Zirkularweg gefällt werden,
bedürfen der Einstimmigkeit (Art. 52 Abs. 2 JG). Da vorliegend keine Durchführung einer
Verhandlung vorgeschrieben ist und die Parteien auf die Durchführung einer solchen
verzichteten, hat das Obergericht den vorliegenden Entscheid im Zirkularverfahren gefällt
c. Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen er-
gibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung auf Seiten des Beschwer-
deführers als auch hinsichtlich der Form- und Fristerfordernisse mit Bezug auf die Be-
schwerdeschrift erfüllt sind (insbesondere Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Un-
fallversicherung [UVG, SR 832.20] i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und Art. 61 lit. b ATSG).
d. Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.
Seite 8
2. Materielles
2.1 Vorbemerkungen
a. Auf den 1. Januar 2017 sind die mit Bundesgesetz vom 25. September 2015 revidierten
Bestimmungen des UVG in Kraft getreten. Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor
dem Inkrafttreten dieser revidierten Bestimmungen ereignet haben, und für Berufskrank-
heiten, die vor diesem Zeitpunkt ausgebrochen sind, werden nach bisherigem Recht ge-
währt (Art. 118 Abs. 1 UVG). So verhält es sich auch hier, weshalb im konkreten Fall das
früher geltende Recht zur Anwendung gelangt (vgl. zum Ganzen anstelle vieler: Urteil des
Bundesgerichts 8C_842/2018 vom 6. Mai 2019, E. 2, m.w.H.).
b. Gemäss Art. 4 ATSG ist unter dem Begriff „Unfall“, die plötzliche, nicht beabsichtigte schä-
digende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper
zu verstehen, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Ge-
sundheit oder den Tod zur Folge hat. Zwischen den Parteien ist dem Grundsatz nach unbe-
stritten, dass der Beschwerdeführer am 28. Mai 2012 einen Unfall in Sinne dieser Gesetz-
esbestimmung erlitten hatte, als er als Velofahrer mit einem Auto kollidierte. Die
Versicherung B. _ erbrachte zunächst diverse Leistungen im Zusammenhang mit
dem Unfallereignis, verfügte jedoch schliesslich rückwirkend per 23. Oktober 2012 eine
Leistungseinstellung, wobei sie zugunsten ihres Versicherten auf die Rückforderung der bis
zum Verfügungszeitpunkt im Juni 2015 bereits ausgerichteten Leistungen ausdrücklich
verzichtete.
c. Insoweit die Versicherung B. _ auf die Einsprache des Beschwerdeführers gegen die
leistungseinstellende Verfügung vom 11. Juni 2015 (act. 8.2/146) gemäss
Einspracheentscheid vom 30. Januar 2019 (act. 8.2/442) gar nicht eingetreten ist,
argumentiert sie, der Beschwerdeführer habe nicht nur die Kontaktaufnahme mit der U.
_ von einer allfälligen Bevollmächtigung der Gutachter ausgeschlossen, sondern er
habe überhaupt keine Vollmacht zuhanden der Gutachter unterzeichnet (S. 13 des
angefochtenen Einspracheentscheids), was eine Weigerung, beim fraglichen Gutachten
mitzuwirken, darstelle. Gemäss Art. 43 Abs. 3 ATSG kann der Versicherungsträger bei
unentschuldbarer Verweigerung der Auskunfts- und Mitwirkungspflichten ihres Versicherten
auf Grund der Akten verfügen oder die Erhebungen einstellen und Nichteintreten be-
schliessen, wenn er die betreffende Person vorher schriftlich gemahnt und auf die Rechts-
folgen hingewiesen hat, wobei eine angemessene Bedenkzeit einzuräumen ist. Die
Seite 9
Versicherung B. _ hat den Beschwerdeführer via dessen Rechtsanwalt mit Schreiben
vom 22. Juni 2018 (act. 8.2/415) nachweislich auf seine Mitwirkungspflichten aufmerksam
gemacht, ihm eine nochmalige Frist zur Unterzeichnung der Ermächtigungserklärung ange-
setzt und ihn darauf hingewiesen, bei unbenutztem Verstreichenlassen der Frist werde sie
gestützt auf die Akten entscheiden oder Nichteintreten beschliessen. Der Beschwerdefüh-
rer stellte sich aber in der Folge ausdrücklich auf den Standpunkt, eine Ermächtigung zur
Einholung von Auskünften „bei involvierten Ärzten und medizinischen Sachverständigen“
gehe zu weit, er müsse nur die behandelnden Ärzte vom Berufsgeheimnis befreien. Er wer-
de deshalb die ihm zugestellte, aus seiner Sicht zu weit gefasste Ermächtigungserklärung
(vgl. act. 8.28/413) nicht unterzeichnen. Allerdings unterliess es der Beschwerdeführer be-
reits, die ihm vorher von der Klinik O. _ vorgelegte Ermächtigungserklärung (act.
8.2/396) zu unterzeichnen, obwohl diese sich ausdrücklich auf die „behandelnden Ärzte“
beschränkte und daher, wie der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers gegenüber der
Versicherung B. _ selbst erklärte (vgl. Schreiben vom 22. Februar 2018, act.
8.2/410), eigentlich gar keine ausdrückliche Ermächtigung enthalten hätte, frühere
Gutachter von ihrer Schweigepflicht zu befreien. Offenbar hatte aber der Gutachter Dr. Q.
_ den Beschwerdeführer informiert, er benötige Auskünfte von den früheren
Gutachtern, welche er gestützt auf diese Ermächtigungserklärung einzuholen gedenke, was
erklärt, weshalb der Beschwerdeführer auch diese Erklärung nicht unterzeichnete. Es fragt
sich, ob dem Beschwerdeführer unter den gegebenen Umständen anzuraten gewesen
wäre, einfach eine Vollmachtserklärung, versehen mit dem ihm wichtigen Vorbehalt,
abzugeben - dies, weil er ja gar nicht bestreitet, dass er zu einer jedenfalls die
behandelnden Ärzte betreffenden Vollmachtserteilung durchaus verpflichtet gewesen wäre.
Rein formell betrachtet hat der Beschwerdeführer mit seiner vollständigen Weigerung,
jegliche Ermächtigungserklärung zu unterzeichnen, seine Mitwirkungspflichten verletzt,
wobei allerdings noch näher zu prüfen wäre, inwieweit sich der Beschwerdeführer diese
Mitwirkungspflichtsverletzung unter den gegebenen Umständen nach Treu und Glauben
tatsächlich entgegenhalten lassen müsste: Immerhin war auch für die Versicherung B.
_ klar erkennbar, dass der Beschwerdeführer sich einzig daran störte, dass auch Dr.
R. _ bzw. die früheren Gutachter umfassend vom Berufsgeheimnis befreit werden
sollten. Es wäre daher naheliegend gewesen, dass die Versicherung B. _ diesen
Umstand von sich aus so berücksichtigt hätte und stattdessen in der dem Beschwer-
deführer zur Unterzeichnung zugestellten Ermächtigungserklärung (vgl. dazu act. 8.2/413)
konkret angegeben hätte, welche genau definierten Unterlagen zusätzlich von den U.
_-Gutachtern nötig sind (nämlich wohl in erster Linie die radiologischen Unterlagen
im Zusammenhang mit dem Untersuch vom 6. Mai 2015, siehe dazu E. 2.4c nachfolgend);
unter den gegebenen Umständen darf angenommen werden, dass eine so präzisierte Er-
mächtigungserklärung wohl vom Beschwerdeführer unterzeichnet worden wäre.
Seite 10
d. Nachdem die Versicherung B. _ allerdings, wie sich aus der Begründung im
angefochtenen Einspracheentscheid ergibt, die Einsprache des Beschwerdeführers
ohnehin in erster Linie aus konkreten, im Einspracheentscheid ausführlich dargelegten ma-
teriellen Überlegungen abgewiesen hat, hat auch im vorliegenden Beschwerdeverfahren
eine diesbezüglich umfassende Prüfung zu erfolgen. Somit erübrigt es sich, abschliessend
dazu Stellung zu nehmen, inwieweit die Weigerung des Beschwerdeführers, die aus seiner
Sicht zu weit gefasste Ermächtigungserklärung zu unterzeichnen, zu einem (reinen)
Nichteintretensentscheid berechtigt hätte oder nicht, nachdem die Vorinstanz gar keinen
solchen erlassen, sondern die Einsprache hauptsächlich aus materiellen Gründen abge-
wiesen hat.
2.2. In materieller Hinsicht ist zwischen den Parteien die Frage umstritten, ob die nach dem
23. Oktober 2012 vom Beschwerdeführer geltend gemachten Beschwerden weiterhin auf
das Unfallereignis vom 28. Mai 2012 zurückzuführen sind oder nicht.
a. Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt zunächst das Bestehen ei-
nes natürlichen Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfallereignis und dem eingetrete-
nen Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod) voraus. Ursachen im Sinne des natürlichen Kau-
salzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Er-
folg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit
eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung
des natürlichen Kausalzusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder
unmittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädigende Er-
eignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geistige Integrität der ver-
sicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit anderen Worten nicht weggedacht wer-
den kann, ohne dass auch die eingetretene gesundheitliche Störung entfiele. Die Leis-
tungspflicht des obligatorischen Unfallversicherers erstreckt sich auch auf mittelbare bzw.
indirekte Unfallfolgen (vgl. anstelle vieler: Urteil des Bundesgerichts 8C_558/2019 vom
19. September 2019, E. 3, m.w.H.). Der Unfallversicherer haftet jedoch für einen Gesund-
heitsschaden nur insoweit, als dieser nicht nur in einem natürlichen, sondern auch in einem
adäquaten Kausalzusammenhang zum versicherten Ereignis steht. Bei organisch objektiv
ausgewiesenen Unfallfolgen deckt sich die adäquate weitgehend mit der natürlichen Kau-
salität, so dass in solchen Fällen die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der sich aus
dem natürlichen Kausalzusammenhang ergebenden Haftung des Unfallversicherers prak-
tisch keine Rolle spielt (Urteil des Bundesgerichts 8C_786/2019 vom 20. Februar 2020, E.
3.1, namentlich mit Hinweis auf BGE 129 V 177).
Seite 11
b. Während bei der Frage, ob ein Kausalzusammenhang überhaupt jemals gegeben ist, die
versicherte Person beweisbelastet ist, trägt die Beweislast für einen behaupteten Wegfall
der Kausalität aufgrund des Erreichens des Status quo sine (oder allenfalls des Status quo
ante) der Unfallversicherer. Allerdings tragen die Parteien im Sozialversicherungsrecht in
der Regel eine Beweislast nur insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu
Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte
ableiten wollte. Diese Beweisregel greift aber erst Platz, wenn es sich als unmöglich er-
weist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes aufgrund einer Beweiswürdigung einen
Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit
zu entsprechen (Urteil des Bundesgerichts 8C_623/2019 vom 21. Januar 2020, E. 2.1.2,
m.w.H.). Bevor sich aber überhaupt die Frage der Beweislast stellt, ist der Sachverhalt im
Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes richtig und vollständig zu klären (Urteile des Bun-
desgerichts 8C_488/2017 vom 27. November 2017, E. 3.1; 8C_777/2015 vom 22. März
2016, E. 2.2 und 8C_476/2011 vom 5. Dezember 2011, E. 6.3; je m.w.H.).
2.3 Zum Gutachten U. _ vom 23. Juni 2015
Während der Beschwerdeführer insbesondere gestützt auf das neurologisch-psychiatrische
Gutachten vom 23. Juni 2015 der U. _, welches zu Handen der Versicherung M.
_, abgegeben wurde, davon ausgeht, ein Kausalzusammenhang seiner geklagten
Beschwerden zum Unfallereignis vom 28. Mai 2012 und damit auch eine weiterhin
bestehende Leistungspflicht der Versicherung B. _ sei klar nachgewiesen, vertritt die
Versicherung B. _ die Ansicht, diesem Gutachten komme gar kein Beweiswert zu.
a. Vorweg ist darauf hinzuweisen, dass der Vorwurf des Beschwerdeführers, die Versicherung
B. _ habe vor dem Erlass des Einspracheentscheids gar nie Stellung genommen
zum aus seiner Sicht beweiskräftigen Gutachten U. _, was eine Rechtsverweigerung
darstelle und damit unabhängig von einer inhaltlichen Prüfung schon aus formellen
Gründen zur Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheids führe, unberechtigt er-
scheint. Sinn und Zweck des Einspracheverfahrens ist es, der verfügenden Stelle die Mög-
lichkeit zu geben, die angefochtene Verfügung nochmals zu überprüfen und über die be-
strittenen Punkte zu entscheiden, bevor allenfalls die Beschwerdeinstanz angerufen wird.
Der Versicherungsträger nimmt in diesem Rahmen soweit nötig weitere Abklärungen vor
und überprüft die eigenen Anordnungen aufgrund des vervollständigten Sachverhalts. Das
Verwaltungsverfahren wird erst durch den Einspracheentscheid abgeschlossen, welcher
die ursprüngliche Verfügung ersetzt (vgl. zum Ganzen auch: Urteil des Bundesgerichts
Seite 12
8C_121/2009 vom 26. Juni 2009, E. 3.5, m.w.H.). Die Versicherung B. _ hat sich im
angefochtenen Einspracheentscheid ausführlich mit dem Gutachten U. _ befasst.
Somit ist nicht ersichtlich, inwiefern in diesem Zusammenhang eine Rechtsverweigerung
vorliegen soll.
b. Bei der Beurteilung der für die Haftung eines Unfallversicherers entscheidenden Frage, ob
ein Gesundheitsschaden als kausal zu einem Unfallereignis zu beurteilen ist oder nicht,
stützt sich der Unfallversicherer bzw. im Beschwerdefall das Gericht regelmässig auf medi-
zinische Unterlagen und Berichte von ärztlichen Fachleuten. Hinsichtlich des Beweiswertes
eines Arztberichtes ist gemäss ständiger Rechtsprechung entscheidend, ob dieser für die
streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Be-
schwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in
der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen Situation ein-
leuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Experten begründet sind (anstelle vieler: Urteil
des Bundesgerichts 9C_601/2019 vom 7. Januar 2020, E. 3.1, m.w.H.).
c. Das Gutachten U. _ wurde vom privaten Unfallversicherer des Beschwerdeführers in
Auftrag gegeben, um die Frage zu klären, ob die vom Beschwerdeführer geklagten Be-
schwerden weiterhin kausal auf das Unfallereignis vom 28. Mai 2012 zurückzuführen sind
oder nicht. Dr. R. _, Arzt für Neurologie und Psychiatrie, gab sein neurologisch-psy-
chiatrisches Gutachten am 23. Juni 2015 ab (act. 8.2/198), das neurologische
Zusatzgutachten von Dr. V. _ datiert vom 10. Juni 2015 (act. 8.2/171). Ihre
Schlussfolgerungen stützen sich je auf persönliche Untersuchungen des Beschwerde-
führers während seines dreitägigen stationären Aufenthalts im Rehabilitationszentrum U.
_ sowie auf die den Gutachtern von der Versicherung M. _ zur Verfügung ge-
stellten Unterlagen, welche auf S. 4 bis 13 des Gutachtens U. _ erwähnt sind.
Die Vorinstanz weist zu Recht darauf hin, dass diese Unterlagen offensichtlich nicht voll-
ständig waren:
• So wurde der Unfallhergang im Gutachten offenbar gestützt auf eine „Unfall-Schaden-
Anzeige“ vom 3. Juli 2012 beschrieben (diese ging vermutlich an die Versicherung M.
_ und ist, soweit ersichtlich, in den vorinstanzlichen Unterlagen nicht enthalten);
anamnestische Angaben konnten nicht erhoben werden, da der Beschwerdeführer be-
richtete, persönlich an den Unfall keine Erinnerungen zu haben (act. 8.2/185). Im Gut-
achten wird in sachverhaltsmässiger Hinsicht von einem Verkehrsunfall ausgegangen,
bei welchem der Beschwerdeführer „von einem Pkw erfasst und schwer verletzt“ (act.
8.2/195) worden sei; an anderer Stelle heisst es, er sei „frontal mit einem Pkw, der etwa
50 km/h fuhr“ zusammengeprallt (act. 8.2/194; ferner auch act. 8.2/189 oben). Diese
Schilderung des Unfallhergangs ist nicht nur ungenau, sondern zumindest in Teilen klar
Seite 13
unzutreffend. Gemäss Angaben im Polizeirapport (vgl. act. 2/6), welcher den Unfallher-
gang wohl am detailliertesten und zeitnahsten beschreibt, befuhr der in die Kollision ver-
wickelte Autolenker nämlich lediglich „im Schritttempo“ das Trottoir, während der Be-
schwerdeführer dort gleichzeitig in hohem Tempo auf seinem Fahrrad unterwegs war.
Die Kollision erfolgte gemäss Angaben im Polizeibericht zudem auch nicht frontal, son-
dern seitlich. Zu Recht weist die Versicherung B. _ darauf hin, dass es für die
medizinische Beurteilung - und damit insbesondere auch für die hier interessierende
Beurteilung des Kausalzusammenhangs zwischen Beschwerden und Unfallereignis -
durchaus von grosser Bedeutung sein kann, wie sich der Unfall genau abgespielt hat. In
diesem Zusammenhang erscheinen die Angaben im Polizeirapport aber zum Vornherein
genauer und verlässlicher als jene auf einer nachträglich ausgefüllten Schadenanzeige.
• Den Gutachtern lagen in erster Linie Berichte der behandelnden Hausärzte an die
Versicherung M. _ vor, nicht aber die in den vorinstanzlichen Akten enthaltenen
weiteren Facharztberichte. Für eine umfassende medizinische Beurteilung erscheinen
allerdings gerade auch letztere Unterlagen durchaus bedeutungsvoll. Die Vorinstanz er-
wähnt in diesem Zusammenhang namentlich den Bericht der E. _ vom 18. Fe-
bruar 2013 (act. 8.2/30), den Bericht vom 2. August 2013 über die tagesklinische De-
menzabklärung im Kantonsspital D. _ (act. 8.2/39), den Bericht der Radiologie I.
_ über die cranio-zerebrale Kernspintomographie vom 24. Juni 2014 (act. 8.2/57)
und den psychologischen Bericht der Klinik E. _ vom 31. Juli 2014 (act. 8.2/64).
• Im Gutachten U. _ ist auf S. 24 (act. 8.2/175) festgehalten: „Zweifellos erlitt A.
_ bei dem Unfall eine substanzielle Hirnschädigung im Sinne einer diffusen
axonalen Schädigung, die durch die kernspintomographische Untersuchung objektiviert
werden kann. Das nicht pathologische cranielle Computertomogramm vom Unfalltag
spricht dem nicht entgegen, da es zu keiner grösseren Hirnblutung oder Hirnquetschung
gekommen ist. Diffuse axonale Hirnschädigungen können erst durch
kernspintomographische Untersuchungen im posttraumatischen Verlauf nachgewiesen
werden.“ Diese Beurteilung scheint allerdings im bereits erwähnten (den Gutachtern
allerdings nicht bekannten) Bericht der Radiologie I. _ vom 29. Oktober 2012 (act.
8.2/284) gerade nicht bestätigt zu werden, nachdem dort rund fünf Monate nach dem
Unfallereignis beim Schädel-MR nebst Nebenbefunden ohne Krankheitswert als Befund
einzig angegeben wurde: „Kernspintomographisch kein AP für posttraumatische intra-
kranielle Blutungsresiduen oder posttraumatische kortikale Kontusionszonen“ und somit
offenbar kein Anlass bestand, von einer diffusen axonalen Hirnschädigung auszugehen.
Im weiteren Verlaufsbericht der Radiologie I. _ vom 24. Juni 2014 (act. 8.2/57;
dieser lag den Gutachtern ebenfalls nicht vor) sind schliesslich „unveränderte
Befundverhältnisse“ bzw. „weiterhin normales cranio-zerebrales Kernspintomogramm
insbesondere ohne kernspintomographisch fassbare posttraumatische Veränderungen“
Seite 14
festgehalten. Schon in dem mehrere Jahre vor dem Unfallereignis erstellten cranio-
cerebralen Kernspintomogramm vom 30. April 2004 (act. 8.2/262) - das den Gutachtern
aber genauso wenig bekannt war wie die bereits aufgeführten späteren Radiologie-
berichte - wurde auf ein „kleines venöses Angiom im Mitteldrittel der linken Cella media
vom Ventrikelsystem bis zum Cortex ziehend“ hingewiesen. Ob die Gutachter auch in
Kenntnis all dieser für eine abschliessende medizinische Beurteilung durchaus
wesentlich erscheinenden Unterlagen an ihrer eigenen Schlussfolgerung im Gutachten
festgehalten hätten oder nicht, kann ohne deren konkrete Stellungnahme dazu letztlich
nicht beurteilt werden, genauso wenig, wie bekannt ist, ob sie, wenn dies so wäre, dafür
eine überzeugende und schlüssige Begründung angeben könnten, die die An-
forderungen an den Beweiswert ihrer Einschätzung erfüllen würde. Der Vertrauensarzt
der Vorinstanz, Dr. W. _, hat gemäss seiner Einschätzung vom 12. Dezember
2018 jedenfalls klar darauf geschlossen, die bei der Begutachtung U. _ im MRT
gesehenen klinisch unbedeutenden Nebenbefunde seien fehlgedeutet worden. Welche
dieser diametral auseinandergehenden medizinischen Einschätzungen aber tatsächlich
zumindest überwiegend wahrscheinlich erscheint, kann gestützt auf die aktuellen
Unterlagen noch nicht abschliessend beantwortet werden: Eine umfassende, d.h.
namentlich in Kenntnis sämtlicher radiologischer Unterlagen erfolgte nachvollziehbare
Einschätzung fehlt nämlich bisher, da, wie nachfolgend noch aufgezeigt wird (E. 2.4),
wohl auch Dr. W. _ nicht sämtliche nötigen Unterlagen für eine solche
umfassende beweiswertige Beurteilung vorlagen.
• Dem Gutachten U. _ fehlt es insgesamt an nachvollziehbaren Begründungen für
die darin gezogenen Schlussfolgerungen. Sowohl die Aussage auf S. 26 des
Gutachtens (act. 8.2/173), wonach das „Heilverfahren [...] seit 20.08.2013 abgeschlos-
sen“ sei, als auch die sehr offen formulierte abschliessende Schlussfolgerung im neuro-
logischen Zusatzgutachten, wonach insgesamt „mittlere unfallbedingte neuropsycho-
logische Funktionseinschränkungen festzustellen“ seien (act. 8.2/162), bleiben schwierig
einzuordnen. Letztlich kann der gutachterliche Schluss von Dr. R. _, „der Grad der
Beeinträchtigungen beträgt 25%“ (act. 8.2/174 unten) mangels schlüssiger Herleitung
dieser Einschätzung nicht nachvollzogen werden (wobei zusätzlich zu klären wäre, ob
mit „Beeinträchtigung“ eine Arbeitsunfähigkeit im Sinn des schweizerischen Sozial-
versicherungsrechts gemeint ist; einen Invaliditätsgrad, wie er im Schweizerischen
Recht definiert wird, könnte jedenfalls zum Vornherein nicht der Arzt festlegen, wie die
Vorinstanz zu Recht vorbringt; der Neurologe des Kantonsspital D. _ geht im
Bericht 2. März 2017 [act. 8.2/303] ausdrücklich davon aus, aus rein neurologischer
Sicht bestünde auf körperlicher Ebene gerade keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit,
weshalb für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit vor allem eine neuropsychologische
Einschätzung relevant sei).
Seite 15
d. Bei einer Gesamtwürdigung gelangt das Obergericht mit der Vorinstanz zum Schluss, dass
das Gutachten U. _ die Anforderungen an die Beweistauglichkeit im konkreten Fall
nicht zu erfüllen vermag. Weder waren den Gutachtern die vollständigen Akten bekannt,
noch haben sie ihre Schlussfolgerungen nachvollziehbar begründet. Da ihre Einschätz-
ungen nicht ohne weiteres einleuchten, kann für die Beurteilung der hier interessierenden
Frage, ob (bzw. allenfalls bis zu welchem Zeitpunkt) die vom Beschwerdeführer geklagten
Beschwerden kausal zum Unfallereignis vom 28. Mai 2012 sind oder nicht, nicht auf das
Gutachten abgestellt werden.
2.4 Zu den Stellungnahmen der Vertrauensärzte der V orinstanz
Während die Vorinstanz gestützt auf die Stellungnahmen ihrer Vertrauensärzte Dr. L.
_ (act. 8.2/117) und Dr. W. _ (act. 8.2/427) davon ausgeht, weitere
medizinische Abklärungen würden sich inzwischen erübrigen, da deren Beurteilungen
basierend auf den vollständigen Akten abgegeben worden, einleuchtend, widerspruchsfrei
und damit voll beweiswertig seien, stellt der Beschwerdeführer Antrag auf Einholung eines
neutralen Gutachtens zum medizinischen Sachverhalt.
a. Die Vorinstanz macht geltend, die interessierende Frage nach dem Kausalzusammenhang
könne gestützt auf die in den vorinstanzlichen Akten vorhandenen MRT-Bilder bereits ab-
schliessend beurteilt werden, es sei keine neue Untersuchung des Beschwerdeführers nö-
tig. Im konkreten Fall stelle sich letztlich einzig die Frage, ob die Glioseherdchen von den
Kantonsspital D. _-Ärzten, den involvierten Radiologen und den Dres. L. _ und
W. _ zu Recht konstant als Nebenbefunde ohne krankheitswert beurteilt worden
seien oder ob diesen der Charakter einer diffusen axonalen Störung zukomme, wie im Gut-
achten U. _ behauptet werde. Da gar kein gesicherter neurologischer Befund vorlie-
ge, könne zum Vornherein keine neuropsychologische Diagnose gestellt werden.
b. Ob diese Argumentation zutrifft oder nicht, ist keine juristische, sondern primär eine medizi-
nische Frage. Zur Beurteilung sozialversicherungsrechtlicher Leistungsansprüche bedarf es
daher - gerade auch im vorliegenden Fall - verlässlicher medizinischer Entscheidungs-
grundlagen. Berichten und Gutachten von versicherungsinternen Ärztinnen und Ärzten
kommt nach der Rechtsprechung Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nach-
vollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zu-
verlässigkeit bestehen. Auch wenn den Berichten versicherungsinterner medizinischer
Fachpersonen grundsätzlich Beweiswert zuerkannt wird, so ist doch zu betonen, dass
Seite 16
ihnen praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft wie einem im Verfahren nach Art. 44 ATSG
vom Versicherungsträger in Auftrag gegebenen Gutachten zuzubilligen ist. Soll ein Versi-
cherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an
die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel
an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellung-
en, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen. Anspruch auf ein unabhängiges Gut-
achten besteht damit rechtsprechungsgemäss, wenn die verwaltungsinternen Abklärungs-
ergebnisse in rechtserheblichen Punkten nicht ausreichend beweiswertig sind (vgl. dazu
anstelle vieler: Urteil des Bundesgerichts 8C_824/2018 vom 26. März 2019, E. 3.3,
m.w.H.).
c. Die Versicherung B. _ geht gestützt auf die Beurteilung ihrer Vertrauensärzte davon
aus, der Sachverhalt sei bereits genügend abgeklärt und weitere Abklärungen, namentlich
die Einholung eines unabhängigen Gutachtens, würden sich daher erübrigen. Die Beur-
teilung des zunächst von der Vorinstanz angefragten Vertrauensarztes Dr. L. _ (act.
8.2/117) wurde allerdings bereits im März 2015 abgegeben, also noch bevor der Beschwer-
deführer im Mai 2015 im U. _ begutachtet worden ist; diese Beurteilung ist daher zum
Vornherein insoweit als unvollständig zu betrachten, als sie noch gar nicht zum Gutachten
U. _ Stellung nehmen kann. Der später von der Vorinstanz beigezogene
Vertrauensarzt Dr. W. _ gab seine Beurteilung im Dezember 2018 ab (act. 8.2/427).
Ihm war das Gutachten U. _ zwar bekannt, ob ihm aber auch sämtliche für eine um-
fassende Gesamtbeurteilung relevant erscheinenden MRT-Unterlagen vorlagen, ist fraglich.
Folgende bildgebenden Unterlagen erscheinen jedenfalls klar unerlässlich für eine
abschliessende medizinische Beurteilung:
• Radiologiebericht / Bildmaterial vom 30. Juni 2004 (act. 8.2/262 und 263):
Diese Unterlagen werden von Dr. W. _ erwähnt, offenbar hat er die Bilder aber
nicht persönlich eingesehen (oder dies jedenfalls nicht so angemerkt). Für eine umfas-
sende medizinische Beurteilung scheint es unabdingbar, auch die Bildunterlagen einzu-
sehen.
• Radiologiebericht / Bildmaterial vom 29. Oktober 2012 (act. 8.2/281-284):
Diesbezüglich hat Dr. W. _ in seiner Stellungnahme ausdrücklich angemerkt
„Bilder wurden persönlich eingesehen“ (act. 8.2/427). Da diese Bemerkung nur hier von
ihm abgegeben wurde, ist es naheliegend, zu vermuten, dass er sämtliche übrigen bild-
gebenden Unterlagen gerade nicht persönlich eingesehen hat. Dies erweckt unter den
gegebenen Umständen gewisse Zweifel an der Verlässlichkeit seiner Beurteilung.
• Radiologiebericht / Bildmaterial vom 24. Juni 2014 (act. 8.2/57):
In den vorinstanzlichen Akten konnte nur der Bericht gefunden werden; Dr. W. _
hat in seinem Bericht nicht vermerkt, er habe das dazugehörige Bildmaterial persönlich
Seite 17
gesichtet. Auch hier wäre vor einer abschliessenden medizinischen Beurteilung grund-
sätzlich zu erwarten, dass nicht nur Berichte, sondern auch das Bildmaterial persönlich
gesichtet wird.
• Radiologiebericht / Bildmaterial vom 6. Mai 2015:
Ein Bericht zu der im Gutachten U. _ erwähnten (act. 8.2/195 oben) kernspintomo-
graphischen gutachterlichen Untersuchung ist in den vorinstanzlichen Akten, zumindest
soweit ersichtlich, gar nicht enthalten (siehe auch angefochtener Einspracheentscheid,
act. 8.2/434: „Dieser Bericht wurde bis dato nicht eingereicht“). Dr. W. _ zitierte in
seiner Stellungnahme zwar das Gutachten U. _, die radiologischen Unterlagen
selber standen ihm aber offensichtlich nicht zur Verfügung.
Der Beschwerdeführer hatte der Vorinstanz auf deren Nachfrage hin (act. 8.2/207) aller-
dings bereits am 25. Januar 2016 eine CD-ROM in diesem Zusammenhang zukommen
lassen (vgl. act. 8.2/208 sowie act. 8.2/274 oben), welche Bilder der kernspintomogra-
phischen Untersuchung vom 6. Mai 2015 im U. _ Klinikum XY zu enthalten
scheint. Handschriftlich ist auf dem Begleitbrief des Rechtsvertreters von einer Mitarbei-
terin/eines Mitarbeiters der Versicherung B. _ vermerkt worden, diese CD gehe
nicht (act. 8.2/208). Bereits auf act. 8.2/124 ist zudem die wohl das in Frage stehende
Bildmaterial enthaltende CD abgebildet; ob auch eine physische Kopie der CD für die
vorinstanzlichen Akten gemacht wurde und ob diese lesbar war, bleibt unklar, ebenso,
ob nebst dem Bildmaterial auch der dazugehörige Bericht auf der CD abgespeichert ist.
Aus den Beilagen zur Beschwerde ist der Bericht schliesslich ersichtlich (act. 2/4).
Für eine umfassende medizinische Beurteilung scheint es aber auch hier unabdingbar,
dass sowohl der Bericht als auch die dazugehörigen bildgebenden Unterlagen vorliegen,
bevor ein medizinischer Sachverständiger sich abschliessend dazu äussert. Diese Auf-
fassung scheinen auch die O. _-Gutachter zu teilen: Aus Sicht des Gerichts ist es
nämlich naheliegend, dass auch die O. _-Gutachter wohl insbesondere diesen
Bericht samt Bildmaterial zusätzlich bei Dr. R. _ anfordern wollten; auf S. 21 des
Gutachtens U. _ ist zwar immerhin ein kurzer Ausschnitt aus dem Bericht von Dr.
£. _ zitiert worden [act. 8.2/178], dies ersetzt aber nicht den Originalbericht. Da Dr.
Q. _ in act. 8.2/392 ausdrücklich auf die ihm „aktuell nicht vorliegende Bildge-
bung“ im Zusammenhang mit dem Gutachten U. _ hinwies, verfügte er offenbar
gerade nicht über die in act. 8.2/124 abgebildete CD mit den MRT-Bildern. Für eine ab-
schliessende medizinische Beurteilung erscheint aber eine Mitberücksichtigung sämtli-
cher bildgebenden Unterlagen samt dazugehörigen Berichten zwingend nötig. Da diese
Unterlagen den O. _-Gutachtern nicht oder nur unvollständig vorlagen, ist daher
nachvollziehbar, dass sie das Gutachten ohne entsprechende Rückfrage bei den Vor-
gutachtern nicht abgeben wollten.
Seite 18
Aus dem gleichen Grund erfüllt aber auch die vertrauensärztliche Stellungnahme von Dr.
W. _ die Anforderungen an die Beweistauglichkeit nicht, da er genauso wenig
über sämtliche, für eine abschliessende Beurteilung nötigen Unterlagen verfügte. Der
auf S. 19 der Vernehmlassung (act. 7) angebrachte Vermerk der Vorinstanz, Dr. W.
_ habe sich der Beurteilung, wonach keine unfallkausalen Befunde erhoben
wurden, „nach Sichtung aller Bilder“ angeschlossen, trifft also wohl tatsächlich gar nicht
zu. Im Übrigen wird vom Beschwerdeführer zu Recht die Frage aufgeworfen, ob der Ver-
trauensarzt, der Orthopäde und Traumatologe ist, überhaupt als kompetente Fachper-
son für die Beurteilung dieser Bilder angesehen werden könnte; tatsächlich drängt es
sich auch aus Sicht des Gerichts im konkreten Fall geradezu auf, dass eine abschlies-
sende Gesamtbeurteilung der erhobenen radiologischen Befunde durch eine dafür spe-
ziell ausgebildete und damit medizinisch klar kompetente Fachperson erfolgt.
d. Zusammengefasst bestehen somit konkrete Indizien, die gegen die Zuverlässigkeit der Ein-
schätzungen der Vertrauensärzte der Versicherung B. _ sprechen. Angesichts der
dargelegten strengen Rechtsprechung zur Beweiswertigkeit von versicherungsinternen me-
dizinischen Stellungnahmen sind unter diesen Umständen zwingend ergänzende Abklä-
rungen vorzunehmen (vgl. auch: Urteil des Bundesgerichts 8C_844/2019 vom 26. Februar
2020, E. 2.2, m.w.H.). Für die abschliessende medizinische Beurteilung ist es im konkreten
Fall nötig, ein unabhängiges Gutachten einzuholen, was im Übrigen die Vorinstanz gemäss
E-Mail vom 28. September 2016 an den Rechtsvertreter des Beschwerdeführers jedenfalls
damals ebenfalls für das angezeigte Vorgehen hielt (act. 8.2/227).
2.5 Zusätzlich nötige Abklärungen mit Bezug auf so matische Beschwerden
Der Beschwerdeführer macht ausserdem geltend, die Versicherung B. _ stelle
sämtliche somatischen Befunde zu Unrecht einfach in Abrede, obwohl er nachweislich
multiple Verletzungen erlitten habe. Namentlich seine seit dem Unfall bestehenden
Schulter- und Hörprobleme seien gar nie näher abgeklärt worden.
a. Noch während der bei der Vorinstanz laufenden Abklärungen im Rahmen des Verwaltungs-
verfahrens vor dem Erlass des angefochtenen Einspracheentscheids liess der Beschwer-
deführer der Vorinstanz am 19. Dezember 2017 mitteilen, er sei vom Hausarzt einerseits an
Hals- Nasen- und Ohrenarzt Dr. X. _, sowie andererseits an Dr. Y. _ von der
Radiologie I. _ überwiesen worden. Gemäss Bericht der Radiologie I. _ vom 2.
Oktober 2017 (act. 8.2/381) wurde ein MRT des rechten Schultergelenks erstellt. Dr. X.
_ untersuchte den Beschwerdeführer am 24. November 2017 (act. 8.2/390); mit der
Seite 19
Replik hat der Beschwerdeführer nun im vorliegenden Verfahren einen weiteren Bericht des
Ohrenarztes vom 11. März 2019 eingereicht (act. 15/12). Bereits im Schreiben vom 14. Mai
2014 (act. 8.2/54) wies der Beschwerdeführer die Versicherung B. _ zudem
ausdrücklich auf Probleme mit dem Kiefergelenk hin.
b. Bezüglich Schulterbeschwerden enthält der Radiologiebericht (act. 8.2/381) keine konkre-
ten Aussagen zu einem allfälligen Kausalzusammenhang zwischen festgestellten Befunden
und Unfallereignis vom 28. Mai 2012. Eine konkrete medizinische Stellungnahme zu dieser
Frage erscheint aber unerlässlich, da unter den gegebenen Umständen jedenfalls nicht oh-
ne weiteres ausgeschlossen werden kann, dass vom Beschwerdeführer geklagte Schulter-
beschwerden allenfalls in einem Zusammenhang zum Unfallereignis stehen könnten: Be-
reits im Polizeibericht (act. 2/6) wurde auf Prellungen an Brust, Schulter und Knie hingewie-
sen. Dass dabei die Rede von der linken Körperhälfte war, ist ein offensichtliches Versehen
des protokollierenden Polizisten und ändert nichts an der grundsätzlichen Beweiswertigkeit
des Polizeirapports, nachdem die Photoaufnahmen (act. 2/3) belegen, dass bei richtiger
Betrachtung offensichtlich die rechte Körperhälfte vom Sturz betroffen war. Gemäss Bericht
vom 9. April 2019 (act. 15/14) wurde der Beschwerdeführer nach dem Velounfall regelmäs-
sig in der Osteopathiepraxis Z. _ betreut, zudem wurden ihm im Zusammenhang mit
den Unfallfolgen auch mehrfach Physiotherapien zur Verbesserung der Gelenks- und Mus-
kelfunktionen verordnet (act. 8.2/45, 41-43). Dass beim Beschwerdeführer angeblich über-
haupt kein Leidensdruck für die Behandlung somatischer Beschwerden bestanden haben
soll, wie die Versicherung B. _ in der Duplik vorbringt, kann somit nicht ohne weiteres
nachvollzogen werden. Der vom Beschwerdeführer verlangte Beizug des Berichts der
zentralen Notaufnahme macht in diesem Zusammenhang wohl Sinn, zumal sich der in den
vorinstanzlichen Unterlagen vorhandene Bericht der Neurochirurgie (act. 8.2/4) zu somati-
schen Beschwerden gerade nicht äussert und der Bericht der zentralen Notaufnahme dies-
bezüglich weiter gefasst sein dürfte. Es ist daher angezeigt, die medizinischen Akten mit
diesem Bericht sowie, soweit sich dies aufgrund des Zeitablaufs noch als möglich erweist,
mit einem Bericht des behandelnden Physiotherapeuten zu komplettieren.
c. Dr. X. _, der den Beschwerdeführer am 24. November 2017 bezüglich
Gehörproblemen untersuchte, hielt in seinem Bericht (act. 8.2/390) ohne Angabe einer
konkreten Wahrscheinlichkeitseinschätzung fest, es sei möglich, dass beim Unfallereignis
eine contusio labyrinthi einen Schwindel ausgelöst habe und allenfalls würden auch die
aktuellen Schwindelereignisse damit in Zusammenhang stehen. Da jedoch das
Reintonaudiogramm und das Sprachaudiogramm eine deutliche Diskrepanz gezeigt hätten,
sollten diese Befunde nochmals überprüft werden. In dem im Rahmen der Replik zusätzlich
eingereichten Bericht von Dr. X. _ vom 11. März 2019 (act. 15/12) empfiehlt der
Seite 20
Ohrenarzt ausdrücklich eine gutachterliche Abklärung, um die Kausalität der von ihm
diagnostizierten Hörminderung - diese besteht offenbar links, und nicht auf der sonst von
somatischen Beschwerden betroffenen rechten Körperseite - abschliessend zu klären.
Angesichts dieser unmissverständlichen Äusserung des behandelnden Facharztes kann
auch hier nicht ohne weiteres auf vertiefte Abklärungen verzichtet und eine Unfallfolge zum
Vornherein ausgeschlossen werden.
d. Bereits im Schreiben vom 14. Mai 2014 (act. 8.2/54) berichtete der Beschwerdeführer der
Versicherung B. _ nicht nur von Augen- und Sehproblemen, sondern wies schon
damals darauf hin, dass auch das rechte Kiefergelenk betroffen gewesen sei. Dr. S.
_ und Dr. T. _ hätten ihm aber aktuell dazu geraten, den status quo besser so
zu belassen, als mit einer korrigierenden Operation möglicherweise noch zu
verschlimmern. Diese Sachverhaltsdarstellung erscheint grundsätzlich nachvollziehbar. Der
von Dr. S. _ im Bericht vom 9. Juli 2019 (act. 15/13) geäusserte Verdacht einer
Schädel-Basis-Fraktur kann zwar gestützt auf die übrigen medizinischen Unterlagen nicht
ohne weiteres nachvollzogen werden (im CT vom 28. Mai 2012 wurde jedenfalls keine
frische ossäre Läsion nachgewiesen, vgl. act. 8.2/4), insgesamt erscheint es aber dennoch
nicht zum Vornherein ausgeschlossen, dass die vom Beschwerdeführer geklagten
Kieferprobleme kausal zum Unfallereignis vom 28. Mai 2012 sein könnten. Auch hier
drängen sich weitere Abklärungen auf, bevor über diese Frage abschliessend entschieden
werden kann.
2.6 Fazit
Zusammengefasst erweist sich im konkreten Fall der medizinische Sachverhalt als noch
nicht ausreichend abgeklärt. Nach einer Komplettierung der medizinischen Unterlagen
durch weitere nötige Abklärungen zum medizinischen Sachverhalt wird ein unabhängiges
Gutachten zur Frage der Unfallkausalität der vom Beschwerdeführer auch nach dem
23. Oktober 2012 (Zeitpunkt der Leistungseinstellung der Versicherung B. _ gemäss
Verfügung vom 11. Juni 2015, act. 8.2/146, wobei die Versicherung B. _ ausdrücklich
auf eine Rückforderung der darüber hinaus bereits erbrachten Leistungen verzichtet hat)
geklagten Beschwerden einzuholen sein.
a. Art. 43 Abs. 1 ATSG schreibt dem Versicherungsträger gesetzlich vor, die an ihn gerichte-
ten Begehren zu prüfen, die notwendigen Abklärungen von Amtes wegen vorzunehmen
und die erforderlichen Auskünfte einzuholen. Das bedeutet konkret, dass der Versiche-
rungsträger die Pflicht hat, den Sachverhalt bis zur zweifelsfreien Eruierung abzuklären.
Seite 21
Gemäss Rechtsprechung kommt ihm dabei zwar durchaus ein Ermessensspielraum bezüg-
lich Notwendigkeit, Umfang und Zweckmässigkeit von medizinischen Erhebungen zu. Das
heisst allerdings nicht, dass ein Versicherungsträger die von ihm zu erfüllende Untersu-
chungspflicht einfach durch Nichttätigkeit dem Gericht, das den Fall später beurteilt, zu-
schieben kann. Die Versicherung B. _ hat ihre eigene gesetzlich vorgesehene
Abklärungspflicht im konkreten Fall keineswegs erfüllt, indem sie sich lediglich auf die
Stellungnahmen ihrer Vertrauensärzte abstützt, die, wie dargelegt wurde, die
Anforderungen an die Beweistauglichkeit nicht zu erfüllen vermögen. Die Einholung eines
Gerichtsgutachtens erscheint unter diesen Umständen nicht angezeigt. Da die Sachver-
haltsabklärungen im Verwaltungsverfahren offensichtlich unvollständig geblieben sind, wird
die Sache zur Wahrung des Instanzenzugs an die Vorinstanz zurückgewiesen, damit diese
zunächst den medizinischen Sachverhalt abschliessend klärt, bevor sie gestützt auf die so
vervollständigten Unterlagen zur abschliessenden Beurteilung ihrer Leistungspflicht gegen-
über dem Beschwerdeführer ein interdisziplinäres Gutachten einholt (wie dies gemäss act.
8.2/227 auch ursprünglich von der Versicherung B. _ beabsichtigt wurde).
b. Angesichts der inzwischen bereits jahrelang dauernden Auseinandersetzung zwischen dem
Beschwerdeführer und der Versicherung B. _ wird die Vorinstanz darauf
hingewiesen, dass erwartet wird, dass sie ihren Pflichten möglichst beförderlich
nachkommt. Sie wird zunächst innert nützlicher Frist sicherzustellen haben, dass die
medizinischen Unterlagen soweit nötig komplettiert werden (zu den wesentlichen
Unterlagen gehören, wie sich aus vorstehenden Erwägungen ergibt, etwa der Polizeirap-
port zur Eruierung des genauen Unfallhergangs, der Bericht der zentralen Notaufnahme
des Kantonsspital D. _, ergänzende Physiotherapieberichte sowie insbesondere
auch sämtliche unter E. 2.4c angeführten Radiologieberichte samt Bildmaterial).
Anschliessend wird die Vorinstanz ein umfassendes interdisziplinäres Gutachten, das nicht
nur die Bereiche Neurologie und Psychiatrie, sondern auch die somatischen Beschwerden
(vgl. E. 2.5 vorstehend) berücksichtigt, einzuholen haben.
c. Gestützt auf die so ergänzten Untersuchungen und Schlussfolgerungen der medizinischen
Fachexperten wird die Vorinstanz schliesslich in einem neuen Einspracheentscheid erneut
über den Leistungsanspruch des Beschwerdeführers zu befinden haben. Die Vorinstanz
wird vorsorglich darauf hingewiesen, dass ihr Entscheid gestützt auf Art. 49 Abs. 4 ATSG
dem Krankenversicherer des Beschwerdeführers ebenfalls zu eröffnen sein wird, damit
auch diesem die Möglichkeit eingeräumt wird, gegebenenfalls ein Rechtsmittel dagegen zu
ergreifen. Aufgrund des vorliegenden Verfahrensausgangs hat sich eine Beiladung der
Krankenkasse zum gerichtlichen Beschwerdeverfahren erübrigt.
Seite 22
3. Kosten und Entschädigung
3.1 Es handelt sich um ein kostenloses Verfahren (Art. 1 Abs. 1 UVG i.V.m. Art. 61 lit. a
ATSG), weshalb keine Gerichtskosten zu erheben sind.
3.2 Nach Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf
Ersatz der Parteikosten; diese werden vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne
Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierig-
keit des Prozesses bemessen. Im Übrigen ist die Bemessung der Parteientschädigung dem
kantonalen Recht überlassen (Urteil des Bundesgerichts 8C_11/2016 vom 22. Februar
2016, E. 3.1). Zu berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang namentlich Art. 13 Abs. 1
lit. c der kantonalen Verordnung über den Anwaltstarif (AT, bGS 145.53), wonach in Ver-
waltungssachen vor Obergericht die pauschale Bemessung zur Anwendung gelangt. Für
das Honorar ist grundsätzlich ein Rahmen zwischen Fr. 1‘000.-- bis Fr. 10‘000.-- vorgeseh-
en (Art. 16 Abs. 1 AT).
Beim vorliegenden Verfahrensausgang ist der Beschwerdeführer als obsiegend zu betrach-
ten (vgl. dazu anstelle vieler: Urteil des Bundesgerichts 8C_509/2019 vom 8. November
2019, E. 6). Der Beschwerdeführer wurde im vorliegenden Verfahren durch seinen Rechts-
anwalt vertreten, so dass ihm für diesen Aufwand wie beantragt eine Entschädigung zuzu-
sprechen ist. Insoweit in der Replik vorgetragen wurde, dem Beschwerdeführer seien die
„Akten ab Nr. 312“ mit der Beschwerdeantwort erstmals zur Einsicht zugestellt worden, was
bei der Entschädigung zu berücksichtigen sei, ist darauf hinzuweisen, dass aus act. 8.2/424
zu schliessen ist, dass die Versicherung B. _ dem Rechtsvertreter mit Schreiben vom
19. Oktober 2018 die UVG-Akten ab 1. Juni 2018 in Kopie zustellte, nachdem der Rechts-
vertreter dies explizit so verlangt hatte (vgl. act. 8.2/423) und somit davon ausgegangen
werden kann, dass ihm die vorinstanzlichen Akten bis Ende Mai 2018 sehr wohl bekannt
waren. Im Übrigen handelt es sich bei den vorinstanzlichen Akten Nr. 312 ff. (datierend ab
Mai 2017) ohnehin in weiten Teilen um eigene Korrespondenz des Rechtsvertreters mit der
Versicherung B. _, so dass sich auch aus diesem Grund kein Anlass ergibt, dem
Beschwerdeführer eine höhere Entschädigung als in vergleichbaren Fällen üblich
zuzusprechen, selbst wenn er, wie er behauptet, erst nachträglich Kenntnis von diesen ins
vorinstanzliche Aktendossier integrierten Akten erhalten haben sollte.
Im Vergleich zu anderen Fällen aus dem Bereich der Unfallversicherung sowie insbesonde-
re auch unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache für den Beschwerdeführer
Seite 23
und dem Umfang der erforderlichen Aufwendungen im vorliegenden Beschwerdeverfahren
erscheint ein Honorar von pauschal Fr. 5‘500.-- als angemessen. Zuzüglich der praxisge-
mäss üblichen Barauslagenpauschale von 4% sowie der Mehrwertsteuer von 7.7% ergibt
sich somit eine Entschädigung im Gesamtbetrag von Fr. 6‘160.45, welche dem Beschwer-
deführer zulasten der Vorinstanz zuzusprechen ist.
Seite 24