Decision ID: e6fa9be5-2e27-420a-beb9-de9b63488ddf
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a Bei A._ wurde im Sommer 1982 eine beginnende Retinopathia pigmentosa
festgestellt (IV-act. 18). Ihre Sehfähigkeit verschlechterte sich in der Folge zusehends.
Im Juli 1990 teilte die Augenärztin Dr. med. B._ mit, dass bei der beruflichen
Ausbildung mit einer späteren Erblindung gerechnet werden müsse (IV-act. 29). Die
Invalidenversicherung vergütete die Kosten diverser medizinischer und beruflicher
Massnahmen. Mit einer Verfügung vom 20. Juni 2001 sprach die IV-Stelle der
Versicherten per 1. Mai 2001 eine Entschädigung bei einer Hilflosigkeit leichten Grades
„im Sonderfall“ zu (Visus beidseits max. 0,2; IV-act. 120). Im November 2014 meldete
sich die Versicherte zum Bezug eines Assistenzbeitrages an (IV-act. 280). Im Dezember
2014 füllte sie einen Fragebogen bezüglich ihres Assistenzbedarfs aus (IV-act. 284). Sie
gab an, sie benötige regelmässig Pflege und Hilfe durch den Ehemann und durch
Angehörige. Zudem müsse sie eine Putzfrau beschäftigen. Sie könne sich nicht mehr
selbständig an- und auskleiden, benötige beim Essen und Trinken teilweise Hilfe,
könne die Körperpflege nicht mehr selbständig verrichten und sei bei der
Administration des Haushaltes, bei der Ernährung, bei der Wohnungspflege, bei den
Besorgungen und bei der Wäsche auf erhebliche Hilfestellungen angewiesen. Auch
Freizeitaktivitäten, die Pflege gesellschaftlicher Kontakte, die Fortbewegung ausser
Haus sowie die Pflege und Erziehung der beiden Kinder seien nicht ohne eine
umfassende Hilfe Dritter möglich. Zudem bestehe ein erheblicher Hilfebedarf bezüglich
ihrer selbständigen Erwerbstätigkeit als medizinische Masseurin und der
entsprechenden Weiterbildung. Am 19. Januar 2015 fand eine Befragung in der
Wohnung der Versicherten statt. Die Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle notierte (IV-
act. 287 ff.), die Versicherte benötige Hilfe beim Zusammenstellen der Kleidung (eine
Minute pro Tag), bei der Nagelpflege (eine Minute pro Tag), bei der Kosmetik (zwei
Minuten pro Tag), bei der Planung der Assistenz (eine Minute pro Tag), bei anderen
Verwaltungsarbeiten (zwei Minuten pro Tag), beim Kochen (sechs Minuten pro Tag),
beim Aufräumen der Küche (vier Minuten pro Tag), beim Tageskehr (zwei Minuten pro
Tag), beim Wochenkehr (sechs Minuten pro Tag), bei der Ernährungs- und
Einkaufsplanung (eine Minute pro Tag), beim Einkaufen (fünf Minuten pro Tag), bei
anderen Besorgungen (zwei Minuten pro Tag), beim Sortieren der Wäsche (eine Minute
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pro Tag), beim Bügeln und Flicken der Wäsche (zwei Minuten pro Tag), in der Freizeit
(zwei Minuten pro Tag), bei der Pflege gesellschaftlicher Kontakte (fünf Minuten pro
Tag), bei der Fortbewegung ausser Haus (sechs Minuten pro Tag; inkl. Reisen), bei der
Kleinkinderpflege (jüngeres Kind, noch nicht vier Jahre alt; 50 Minuten pro Tag), bei den
Erziehungsaufgaben (älteres Kind, über vier Jahre alt; 20 Minuten pro Tag), bei der
beruflichen Weiterbildung (18 Minuten pro Tag; inkl. Mobilität) und bei der
selbständigen Erwerbstätigkeit (36 Minuten pro Tag; inkl. Mobilität). Bezüglich der
Küchenreinigung, des Wochenkehrs, der anderen Besorgungen und der Wäsche sei
einerseits eine Mithilfe des Ehegatten und andererseits ein – zeitlich identischer –
Mehraufwand wegen der Kinder zu berücksichtigen. Der anerkannte Hilfebedarf
belaufe sich insgesamt also auf 67,99 Stunden pro Monat. Davon sei ein Anteil von
14,27 Stunden durch die Hilflosenentschädigung abgedeckt. Der (ungedeckte)
Assistenzbedarf betrage folglich 53,72 Stunden, weshalb die Versicherte ab dem 1.
November 2014 einen Anspruch auf einen Assistenzbeitrag von 1'762 Franken pro
Monat habe. Mit einer Verfügung vom 23. März 2015 sprach die IV-Stelle der
Versicherten per 1. November 2014 einen Assistenzbeitrag von 1'762 Franken pro
Monat beziehungsweise von 19'382 (= 11 × 1'762) Franken pro Jahr zu (IV-act. 295).
A.b Am 24. November 2016 notierte eine Sachbearbeiterin der IV-Stelle, per 1.
November 2016 müsse der Assistenzbeitrag von Amtes wegen revidiert werden, da
das jüngere Kind der Versicherten im Oktober 2016 das vierte Altersjahr vollendet habe
(IV-act. 304). Am 28. November 2016 hielt sie fest (IV-act. 310), gemäss den Vorgaben
des Bundesamtes für Sozialversicherungen müsse der Assistenzbedarf für die
Betreuung eines Kleinkindes (bis vier Jahre) revisionsweise durch den tieferen Bedarf
für die Betreuung eines Kindes (ab vier Jahre) ersetzt werden. Vorliegend reduziere sich
der Assistenzbedarf deshalb von 53,72 Stunden auf 28,35 Stunden. Mit einem
Vorbescheid vom 1. Dezember 2016 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie
die Reduktion des Assistenzbeitrages auf 10'259.70 Franken pro Jahr auf das Ende
des der Zustellung der Verfügung folgenden Monats, also voraussichtlich per 31. März
2017 vorsehe (IV-act. 311). Dagegen wandte die Versicherte am 15. Januar 2017 ein
(IV-act. 324), sie benötige mehr Betreuung. Ihr Sehvermögen habe sich
zwischenzeitlich verschlechtert. Bei der Abklärung vom 19. Januar 2015 seien zudem
viele wesentliche Punkte nicht berücksichtigt worden. Sie ersuche deshalb um eine
neue Abklärung. Die Eingabe enthielt eine umfassende Auflistung von
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Einschränkungen, die gemäss der Versicherten bei der ursprünglichen Abklärung im
Januar 2015 nicht hinreichend berücksichtigt worden waren, und den Vermerk:
„Aufzählung nicht vollständig“. Am 24. Januar 2017 notierte eine Fachmitarbeiterin (IV-
act. 330), bei der erstmaligen Festlegung des Assistenzbeitrages sei die
Hilfebedürftigkeit „grosszügig“ berücksichtigt worden. Der Assistenzbeitrag decke
bereits die meisten der von der Versicherten aufgelisteten Hilfestellungen ab. Er
entspreche weitgehend jenem für eine vollständig erblindete Person, weshalb die
zwischenzeitliche Verschlechterung der Sehfähigkeit irrelevant sei. Zur Verbesserung
der Lesefähigkeit könnten Hilfsmittel abgegeben werden. Zudem habe die Versicherte
ja die ursprüngliche Verfügung akzeptiert. Allerdings könne angesichts der von der
Versicherten beschriebenen zwischenzeitlichen Verschlechterung des
Gesundheitszustandes für die Nahrungsaufnahme ein leicht höherer Hilfebedarf und für
den Transfer im Zusammenhang mit der Verrichtung der Notdurft neu ebenfalls ein
gewisser Hilfebedarf berücksichtigt werden. Weitere Abklärungen seien nicht
notwendig. Mit einer Verfügung vom 1. Februar 2017 setzte die IV-Stelle den
Assistenzbeitrag auf das Ende des der Zustellung der Verfügung folgenden Monats auf
10'994.50 Franken herab (IV-act. 331).
B.
B.a Am 28. Februar 2017 erhob die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 1. Februar 2017 (act. G 1). Sie beantragte
eine „Anpassung der Assistenzstunden“. Zur Begründung führte sie aus, der
Assistenzbedarf, den die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) berechnet
habe, entspreche nicht ihrem realen Assistenzbedarf. Die Reduktion des
Assistenzbeitrages verunmögliche ihr ein selbstbestimmtes Leben. Sie habe Einsicht in
die Verfügungen und Berechnungen anderer sehbehinderter Menschen genommen.
Deren Bedarf sei in mehreren Punkten massiv höher eingestuft worden als bei ihr.
Bezüglich des von der Fachmitarbeiterin erwähnten Lese- und Schreibsystems sei zu
berücksichtigen, dass die aktuellen Lesegeräte weder die Handschrift eines
Erstklässlers noch Dialekt richtig ausgeben könnten.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 4. Mai 2017 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie an, sie sei an die
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Verwaltungsweisungen gebunden. Eine Ermittlung des Assistenzbedarfs aufgrund der
effektiv benötigten Zeit komme daher zum Vorneherein nicht in Frage. Die
ursprüngliche leistungszusprechende Verfügung vom 23. März 2015 sei unangefochten
in formelle Rechtskraft erwachsen. Im Revisionsverfahren seien nur die Vollendung des
vierten Altersjahres des jüngeren Kindes und der erhöhte Assistenzbedarf beim Essen
und Trinken sowie für den Transfer zur Verrichtung der Notdurft zu berücksichtigen
gewesen.
B.c Die Beschwerdeführerin hielt am 6. Juni 2017 an ihrem Antrag fest (act. G 6). Die
Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 8).

Erwägungen
1.
Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin mit einer Verfügung vom 23.
März 2015 erstmals einen Assistenzbeitrag zugesprochen. Dessen Höhe hatte sie
anhand eines weitgehend standardisierten beziehungsweise pauschalierten
Fragebogens festgelegt. Ein ähnliches Vorgehen ist in einem vergleichbaren Fall vom
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen als gesetzwidrig qualifiziert worden
(Entscheide IV 2012/133 vom 8. Mai 2013 und IV 2014/101 vom 19. Januar 2016). Das
Bundesgericht hat ebenfalls die Notwendigkeit einer umfassenden Ermittlung des
konkreten Sachverhaltes für die Festsetzung eines Assistenzbeitrags betont und damit
den Entscheid des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen weitgehend
bestätigt. Folglich steht fest, dass die Verwaltungsweisungen, auf die sich die
Beschwerdegegnerin zur Rechtfertigung der Sachverhaltsermittlung anhand
standardisierter beziehungsweise pauschalierter Vorgaben stützt, gegen den
Untersuchungsgrundsatz verstossen und deshalb gesetz- und verfassungswidrig sind
(Urteil 8C_161/2016 vom 26. August 2016, E. 3.1.2). Ob der ursprünglichen
leistungszusprechenden Verfügung vom 23. März 2015 eine ausreichende
Sachverhaltsabklärung vorangegangen ist, kann allerdings in diesem
Beschwerdeverfahren nicht mehr überprüft werden, denn jene Verfügung ist
unangefochten in formelle Rechtskraft erwachsen und damit für die Parteien und für
das Gericht verbindlich geworden. Auf die Einwände der Beschwerdeführerin, der
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Sachverhalt sei bereits damals nicht hinreichend abgeklärt worden, kann deshalb nicht
eingegangen werden. Den Gegenstand dieses Verfahrens bildet nur die Frage, ob die
angefochtene Revisionsverfügung vom 1. Februar 2017 rechtmässig ist.
2.
2.1 Eine formell rechtskräftig zugesprochene Dauerleistung ist gemäss dem Art. 17
Abs. 2 ATSG mittels einer Revision zu erhöhen, herabzusetzen oder aufzuheben, wenn
sich der ihr zugrunde liegende Sachverhalt nachträglich erheblich verändert hat. Die
Revision bezweckt also nicht die Korrektur eines Fehlers, an dem eine formell
rechtskräftige Verfügung von Beginn weg gelitten hat. Solche Korrekturen sind nur
mittels einer Wiedererwägung (Art. 53 Abs. 2 ATSG) oder mittels einer sogenannt
prozessualen Revision (Art. 53 Abs. 1 ATSG) möglich. Die Revision (Art. 17 Abs. 2
ATSG) ist hingegen das verfahrensrechtliche Korrekturinstrument, mit dem die
Richtigkeit einer Dauerleistungsverfügung über einen längeren Zeitraum hinweg
sichergestellt werden kann. Eine Dauerleistungszusprache beruht nämlich für die
Zukunft notwendigerweise auf der Prognose, dass sich der anspruchsrelevante
Sachverhalt nicht verändern werde. Tritt später aber doch eine
Sachverhaltsveränderung ein, verliert diese Prognose ihre Gültigkeit; ab diesem
Moment wird die formell rechtskräftige Verfügung materiell falsch. Sie muss deshalb
„aktualisiert“ werden, das heisst es muss eine neue Prognose für die Zukunft
aufgestellt werden, die auf dem nun aktuellen Sachverhalt beruht. Die Dauerleistung ist
dann ausgehend von dieser Prognose für die Zukunft neu festzusetzen. Diesem Sinn
und Zweck der Revision entsprechend beschränkt sich ein Revisionsverfahren auf jene
Sachverhaltselemente, die sich tatsächlich nachträglich verändert haben (vgl. zum
Ganzen RALPH JÖHL, Die Revision nach Art. 17 ATSG, in: JaSo 2012, S. 153 ff.).
2.2 Der Art. 43 Abs. 1 ATSG verpflichtet die Verwaltung in jedem Verfahren, den
massgebenden Sachverhalt von Amtes wegen umfassend abzuklären. Die in der E. 2.1
dargestellte Beschränkung des Revisionsverfahrens auf einzelne Sachverhaltselemente
rechtfertigt keine herabgesetzte Sachverhaltsabklärungsqualität. Auch in einem
Revisionsverfahren muss deshalb der relevante Sachverhalt umfassend abgeklärt
werden, allerdings zunächst beschränkt auf die Beantwortung der Frage, ob eine
wesentliche Veränderung eingetreten ist. Aber das bedeutet nicht, dass der
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Sachverhalt nicht sorgfältig ermittelt werden müsste. Auch die Beantwortung der Frage
nach allfälligen Sachverhaltsveränderungen setzt nämlich einen mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit ermittelten Sachverhalt voraus. Das
gilt selbstverständlich auch bezüglich des allfälligen zweiten Schrittes in einem
Revisionsverfahren, das heisst hinsichtlich der Abklärung, wie genau sich der
massgebende Sachverhalt gegebenenfalls verändert hat. Im Revisionsverfahren gilt die
Untersuchungspflicht also genau gleich wie in einem Verfahren, das den gesamten
anspruchsbegründenden Sachverhalt beschlägt. Auch in einem Revisionsverfahren
muss folglich der Sachverhalt so ermittelt werden, dass mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht, ob und gegebenenfalls
wie sich der massgebende Sachverhalt verändert hat. Nur dann kann die Leistung
revidiert werden. Eine Einschränkung dieser Untersuchungspflicht kann sich allerdings
aus gesetzlichen (widerlegbaren) Vermutungen und (unwiderlegbaren) Fiktionen
ergeben. Wenn sich beispielsweise der pauschal vorgegebene Stundenansatz für den
Assistenzbeitrag (Art. 42sexies Abs. 4 lit. b IVG i.V.m. Art. 39f Abs. 1 IVV) ändern
würde, dann müsste der gesamte Assistenzbeitrag im konkreten Einzelfall für die
Zukunft entsprechend angepasst werden, ohne dass diesbezüglich
Sachverhaltsabklärungen erforderlich wären. Da es sich bei jener Vorgabe um eine
Fiktion handelt, könnte eine Revision selbst dann nicht verhindert werden, wenn
nachgewiesen werden könnte, dass die tatsächliche Stundenzahl unverändert
geblieben ist. Weil eine solche Fiktion nicht nur der Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs.
1 ATSG) zuwiderläuft, sondern auch dem Grundsatz, dass eine Leistung dem
tatsächlichen Leistungsbedarf entsprechen muss, widerspricht, muss sie sich
zwingend auf eine gesetzliche Grundlage stützen können.
2.3 Offenbar sieht das standardisierte Abklärungssystem „FAKT2“ für den zeitlichen
Aufwand im Zusammenhang mit der Betreuung und Pflege von minderjährigen Kindern
pauschale Minutenansätze vor, die für Kinder im Alter von 0–4 Jahre deutlich höher als
für Kinder ab vier Jahre sind. Bei der ursprünglichen Leistungszusprache hat die
Beschwerdegegnerin nämlich für das ältere Kind, das damals bereits das vierte
Altersjahr vollendet hatte, bei einem Hilfebedarf „Stufe 3“ einen Aufwand von 20
Minuten berücksichtigt, während sie für das jüngere Kind bei einem tieferen Hilfebedarf
„Stufe 2“ einen Aufwand von 50 Minuten angerechnet hat (vgl. IV-act. 289–31). Die
entsprechenden Fiktionen („Kleinkinderpflege bis vier Jahre, Stufe 2: 50 Minuten pro
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Tag“ und „Erziehungsaufgaben ab vier Jahre, Stufe 3: 20 Minuten pro Tag“) finden
weder im Gesetz noch in der Verordnung eine Stütze. Selbst im Kreisschreiben über
den Assistenzbeitrag (KSAB) lassen sich diese Fiktionen nicht finden; der einschlägige
Anhang 3 sieht nur generelle Bandbreiten vor, innerhalb derer sich der tägliche
Aufwand für Erziehungsaufgaben belaufen soll. Die offenbar im „FAKT2“ hinterlegte
fiktive Veränderung des Betreuungsaufwandes im Zeitpunkt der Vollendung des vierten
Altersjahres beruht also auf keiner gesetzlichen (oder auch nur weisungsrechtlichen)
Grundlage. Zwar mag eine allgemeine Erfahrung dafür sprechen, dass die Betreuung
von Kleinkindern aufwendiger als jene von älteren Kindern ist. Diese mögliche
Erfahrungstatsache kann aber jene im „FAKT2“ hinterlegte Fiktion, der
Betreuungsaufwand sinke im Zeitpunkt der Vollendung des vierten Altersjahres
drastisch, offensichtlich nicht rechtfertigen. Die Annahme der Beschwerdegegnerin, es
liege ein Revisionsgrund vor, weil das jüngere Kind der Beschwerdeführerin das vierte
Altersjahr vollendet habe, beruht also auf einer gesetzwidrigen und damit unhaltbaren
Fiktion. Weil es die Beschwerdegegnerin in grober Missachtung ihrer
Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) unterlassen hat, auch nur irgendeine
Sachverhaltsabklärungsmassnahme durchzuführen, steht nicht einmal mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, ob sich der
anspruchsrelevante Sachverhalt seit der ursprünglichen Zusprache eines
Assistenzbeitrages verändert hat. Über den tatsächlichen Sachverhalt im Zeitpunkt der
Eröffnung der angefochtenen Verfügung ist nichts bekannt, denn das
Verwaltungsverfahren hat sich auf die Erstellung zweier interner Notizen, die Eröffnung
des Vorbescheides, eine interne Stellungnahme zu den Einwänden der
Beschwerdeführerin und die Eröffnung der verfahrensabschliessenden Verfügung
beschränkt. Selbst nachdem die Beschwerdeführerin bezugnehmend auf den
Vorbescheid geltend gemacht hatte, der vorgesehene Entscheid entspreche nicht den
Tatsachen, hat die Beschwerdegegnerin keine Abklärungen vorgenommen, sondern
sich damit begnügt, eine interne Stellungnahme einer Fachmitarbeiterin einzuholen. Die
angefochtene Verfügung beruht deshalb ganz offensichtlich auf einem ungenügend
abgeklärten Sachverhalt. Sie ist also in Verletzung der Untersuchungspflicht ergangen
und folglich als rechtswidrig aufzuheben.
2.4 Immerhin besteht angesichts der Schilderungen der Beschwerdeführerin und unter
Berücksichtigung der aus der allgemeinen Lebenserfahrung entspringenden
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Vermutung, dass ihre beiden Kinder mittlerweile wohl wesentlich selbständiger als
noch im März 2015 sein dürften, Grund zur Annahme, dass sich der relevante
tatsächliche Assistenzbedarf der Beschwerdeführerin seit der erstmaligen Zusprache
eines Assistenzbeitrages im März 2015 wesentlich verändert haben könnte. Das
rechtfertigt weitere Abklärungen bezüglich des aktuellen Assistenzbedarfs der
Beschwerdeführerin. Die Sache ist deshalb zur Sachverhaltsabklärung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Diese wird eine eingehende Abklärung vor Ort
durchführen und einen Abklärungsbericht erstellen, der diesen Namen verdient, das
heisst ein vollständiges Protokoll der anlässlich des Augenscheins gemachten
Beobachtungen sowie der gestellten Fragen und der dazu gehörigen Antworten, das
sie von der Beschwerdeführerin unterzeichnen lassen wird. Gestützt auf dieses
Protokoll wird sie den aktuellen Assistenzbedarf der Beschwerdeführerin berechnen
und die Frage beantworten, ob der Assistenzbeitrag zu revidieren ist. Anschliessend
wird sie neu verfügen.
2.5 Für die vollständige Erfüllung der Begründungspflicht ist darauf hinzuweisen, dass
es gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichtes – entgegen den obigen
Ausführungen – zulässig wäre, den Anspruch der Beschwerdeführerin auf einen
Assistenzbeitrag für die Zukunft umfassend zu prüfen beziehungsweise neu
festzusetzen. Das Bundesgericht vertritt nämlich die Auffassung, dass der
massgebende Sachverhalt in einem Revisionsverfahren umfassend neu gewürdigt
werden könne, das heisst dass sich das Revisionsverfahren nicht nur auf die
Anpassung einer Dauerleistung an Veränderungen des Sachverhaltes beschränke,
sondern darauf abziele, die Gesetzmässigkeit der Leistung für die Zukunft
sicherzustellen, was auch die Korrektur von Fehlern erlaube, die bereits bei der
ursprünglichen Leistungszusprache begangen worden seien. Zum selben Resultat führt
auch eine zweite bundesgerichtliche Praxis, nämlich die sogenannte „Wiedererwägung
ex nunc“. Diese soll eine umfassende Korrektur einer formell rechtskräftigen Verfügung
ermöglichen, die im Überprüfungszeitpunkt zweifellos unrichtig ist, selbst wenn diese
ursprünglich nicht zweifellos unrichtig gewesen ist. Unter Berufung auf diese beiden
Praxen des Bundesgerichtes könnte die Beschwerdeführerin möglicherweise eine
umfassende Überprüfung und Neufestsetzung des Assistenzbeitrages für die Zukunft
erwirken. Allerdings lässt weder der Art. 17 ATSG noch der Art. 53 Abs. 2 ATSG bei
einer korrekten Interpretation eine umfassende ex nunc-Überprüfung zu. Die
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Unhaltbarkeit der bundesgerichtlichen Interpretation des Art. 17 ATSG und des Art. 53
Abs. 2 ATSG zeigt sich augenfällig darin, dass der Wirkungszeitpunkt auf den Zeitpunkt
fallen würde, in dem das jüngere Kind das vierte Altersjahr vollendet hat, was absurd
wäre, weil nicht ersichtlich wäre, weshalb der von Anfang an falsche Assistenzbeitrag
genau auf diesen (völlig willkürlich bestimmten) Zeitpunkt hin umfassend korrigiert
werden müsste.
3.
Die Rückweisung einer Sache zur weiteren Abklärung gilt rechtsprechungsgemäss
hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen als ein vollständiges Obsiegen der
beschwerdeführenden Partei. Die Gerichtskosten von 600 Franken sind deshalb der
unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der Beschwerdeführerin wird der
von ihr geleistete Kostenvorschuss von 600 Franken zurückerstattet. Die nicht
anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung.