Decision ID: eb326d33-f91c-5b7c-9fcd-a6bcff53d634
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin verliess Eritrea gemäss eigenen Angaben am
14. Juli 2014. Am 1. Juli 2015 reiste sie in die Schweiz ein und suchte tags
darauf um Asyl nach. Am 9. Juli 2015 wurde sie im Empfangs- und Verfah-
renszentrum zur Person befragt (BzP). Die Vorinstanz hörte die Beschwer-
deführerin am 21. Februar 2017 zu ihren Asylgründen an.
Anlässlich der BzP machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen gel-
tend, sie stamme aus B._, Zoba C._, Subzoba D._,
wo auch ihre Eltern leben würden. Ferner habe sie vier Halbgeschwister
im Heimatland. Sie habe die Schule bis zur (...) Klasse besucht und abge-
schlossen, sei danach jedoch keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen. Zu
den Fluchtgründen führte sie aus, sie habe zwar noch kein Aufgebot erhal-
ten, hätte aber nach Schulabschluss im Rahmen der 2(...). Rekrutierungs-
runde nach Sawa in den Nationaldienst gehen müssen. Die 2(...). Runde
sei aus Sawa nicht zurückgekehrt, sondern auf einen Fussmarsch ge-
schickt worden. Viele ihrer Klassenkameraden seien deshalb ausgereist.
Da sie ebenfalls Angst gehabt habe, mitgenommen zu werden, sei sie auch
ausgereist. Sie sei im Heimatland nie verhaftet worden und habe nie Prob-
leme mit den Behörden oder Privaten gehabt. Politisch sei sie nicht aktiv
gewesen.
Im Rahmen der Anhörung zu den Asylgründen präzisierte die Beschwer-
deführerin vorab, ihre Eltern seien geschieden und der Vater lebe in
E._, wo sie auch einen Onkel sowie zwei Tanten habe. Sodann
habe sie eine Cousine, welche sich im Rahmen der 2(...). Rekrutierungs-
runde in Sawa aufgehalten habe. Sie habe von ihr einen Brief erhalten, in
welchem sie schreckliche Dinge über den Dienst in Sawa berichtet und ihr
geraten habe, den Dienst nicht anzutreten. Die 2(...). Rekrutierungsrunde
sei nicht mehr aus Sawa zurückgekehrt, sondern nach F._ gebracht
worden. Sie habe sich deshalb entschieden, ihr Heimatland zu verlassen.
Sie habe sich zu einer Verwandten begeben, welche nahe an der Grenze
lebe, um die Flucht zu planen. Während dieser Zeit habe ihre Mutter zwei
Aufforderungen erhalten, sie den Behörden zu übergeben. Die Behörden
hätten die Mutter in der Folge festgenommen.
Als Beweismittel gab die Beschwerdeführerin eine Kopie ihres Taufscheins
sowie Kopien der Identitätskarten ihrer Eltern zu den Akten.
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B.
Mit Verfügung vom 29. November 2018 stellte die Vorinstanz fest, die Be-
schwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylge-
such ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnetet den Voll-
zug der Wegweisung an.
C.
Mit Eingabe vom 6. Dezember 2018 teilte die Beschwerdeführerin dem Ge-
richt sinngemäss mit, sie sei mit dem Entscheid der Vorinstanz nicht ein-
verstanden und erhebe dagegen Beschwerde.
D.
Die Instruktionsrichterin forderte die Beschwerdeführerin mit Zwischenver-
fügung vom 17. Dezember 2018 auf, innert der noch laufenden Rechtsmit-
telfrist ihre Beschwerde zu verbessern.
E.
Innert Frist reichte die Beschwerdeführerin am 18. Dezember 2018 eine
verbesserte Rechtsmitteleingabe ein. Sie beantragt, der Entscheid der
Vorinstanz sei aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vor-
instanz zurückzuweisen mit der Anweisung, die einschlägige Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts zu berücksichtigen. Eventualiter sei
ihr Asyl zu gewähren. Subeventualiter sei die Unzumutbarkeit sowie die
Unzulässigkeit des Vollzuges der Wegweisung festzustellen und als Folge
davon die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Sodann sei auf einen Kosten-
vorschuss zu verzichten, die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen
und ihr in der Person des Unterzeichnenden ein unentgeltlicher Rechtsbei-
stand zu gewähren.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 9. Januar 2019 wies die Instruktionsrichterin
die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Bei-
ordnung eines amtlichen Rechtsbeistands ab und forderte die Beschwer-
deführerin dazu auf, innert Frist einen Kostenvorschuss zu leisten.
G.
Den Kostenvorschuss leistete die Beschwerdeführerin am 21. Januar
2019.
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Seite 4
H.
Die Instruktionsrichterin liess der Beschwerdeführerin mit Schreiben vom
24. Januar 2019 ein Doppel der Zwischenverfügung vom 9. Januar 2019
zukommen, nachdem deren Rechtsvertreter mit Eingabe vom 21. Januar
2019 darauf hingewiesen hatte, die Verfügung sei nur unvollständig zuge-
stellt worden.
I.
In der Eingabe vom 30. Januar 2019 machte die Beschwerdeführerin er-
gänzende Ausführungen zur in der Zwischenverfügung vom 9. Januar
2019 vorgenommenen summarischen Einschätzung der Prozessaussich-
ten sowie zu einer allfälligen Motivsubstitution.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom-
men worden. Das Gericht verwendet nachfolgend die neue Gesetzesbe-
zeichnung.
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerdefüh-
rerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
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Seite 5
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der
Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung
eines Schriftenwechsels verzichtet.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1 sowie 2012/5 E. 2.2).
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Seite 6
6.
Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen der Beschwerdeführerin hielten weder den Anforderungen an
das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die Flücht-
lingseigenschaft nach Art. 3 AsylG stand.
Zur Begründung führt die Vorinstanz aus, die Angaben der Beschwerde-
führerin zur Einberufung in den Nationaldienst anlässlich der BzP und der
Anhörung würden voneinander abweichen. Namentlich seien anlässlich
der BzP zentrale Sachverhaltselemente wie die Festnahme der Mutter so-
wie die behördlichen Schreiben unerwähnt geblieben und die Gründe für
die Ausreise unterschiedlich dargestellt worden. Insgesamt seien die dies-
bezüglichen Vorbringen unglaubhaft ausgefallen. Sodann sei die Furcht
vor einem möglichen Einzug in den Nationaldienst sowie möglicher Bestra-
fung wegen Refraktion und Desertion für sich genommen nicht flüchtlings-
rechtlich relevant. Gleiches treffe auf mögliche Sanktionen im Zusammen-
hang mit der geltend gemachten illegalen Ausreise sowie den allgemeinen
Vorbringen zur Lebenssituation in Eritrea zu. Schliesslich seien auch keine
andere Gründe ersichtlich, welche die Beschwerdeführerin in den Augen
der eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen lassen könn-
ten.
7.
In der Rechtsmitteleingabe macht die Beschwerdeführerin vorab geltend,
die Ausführungen der Vorinstanz seien insofern doppeldeutig, als im Asyl-
punkt die Möglichkeit eines Einzugs in den Nationaldienst grundsätzlich
bejaht werde, im Wegweisungspunkt jedoch nicht. Ferner habe sich die
Vorinstanz in ihrem Entscheid diesbezüglich nicht mit der aktuellen Recht-
sprechung des Bundesverwaltungsgerichts auseinandergesetzt. Der Ent-
scheid sei deshalb an die Vorinstanz zurückzuweisen und diese anzuhal-
ten, ihren Erwägungen die Tatsache zugrundezulegen, dass sie in den Na-
tionaldienst eingezogen werde. Mit Blick auf die Rechtsprechung des Bun-
desverwaltungsgerichts sei ferner zu berücksichtigen, dass sie als weibli-
che Dienstpflichtige – im Vergleich zu männlichen Dienstleistenden – ei-
nem erheblich höheren Risiko ausgesetzt sei, während ihres Dienstes Op-
fer von Übergriffen zu werden. Dies deshalb, da sie sowohl Misshandlun-
gen als auch sexuelle Übergriffe erleiden könnte, während Männer gemäss
Rechtsprechung nur Misshandlungen erfahren würden. Insbesondere
seien dienstpflichtige weibliche Personen eritreischer Nationalität als ver-
folgte soziale Gruppe zu qualifizieren.
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Seite 7
8.
8.1 Die Vorinstanz hat bereits eingehend dargelegt, dass die Vorbringen
der Beschwerdeführerin betreffend ihr Aufgebot zum Nationaldienst, die
Behelligung der Mutter durch die Behörden und die Gründe ihrer Ausreise
widersprüchlich und insgesamt nicht glaubhaft ausgefallen seien. In der
Rechtsmitteleingabe werden die Vorbringen zwar teilweise wiederholt, es
wird aber nichts vorgebracht, was die Einschätzung der Vorinstanz entkräf-
ten könnte. Das Gericht schliesst sich diesbezüglich der Auffassung der
Vorinstanz an und es kann – um Wiederholungen zu vermeiden – auf deren
zutreffende Ausführungen verwiesen werden.
8.2 Sodann hat die Vorinstanz bereits zutreffend ausgeführt, dass weder
eine allfällige illegale Ausreise (vgl. Referenzurteil des BVGer D-7898/2015
vom 30. Januar 2017 E. 5) noch ein möglicher Einzug in den eritreischen
Nationaldienst (vgl. Referenzurteil des BVGer D-2311/2016 vom 17. Au-
gust 2017 E. 13.2 sowie E. 13.4 u.a. mit Hinweis auf die Möglichkeit der
Regelung des Diasporastatus) für sich genommen eine flüchtlingsrechtli-
che Relevanz zu entfalten vermögen. Ferner wurde – in Anbetracht der
unglaubhaften Vorbringen der Beschwerdeführerin (vgl. E. 8.1) – zutref-
fend festgehalten, es bestünden keine Anzeichen dafür, die Beschwerde-
führerin habe Kontakt mit den heimatlichen Behörden gehabt oder er-
scheine in deren Augen als missliebige Person.
Soweit die Beschwerdeführerin vorbringt, dienstpflichtige eritreische
Staatsbürgerinnen würden eine bestimmte soziale Gruppe darstellen, ist
festzuhalten, dass insbesondere bereits aufgrund der allgemein geltenden
Dienstpflicht im Heimatland das Merkmal der "Dienstpflicht" nicht als prä-
gend für die Identität der betroffenen Personen zu bezeichnen ist (vgl. als
weitere Beispiele die Urteile des BVGer D-6272/2012 vom 6. März 2013
S. 10, E-7192/2006 vom 12. Februar 2007 E. 4.5 sowie Entscheidungen
und Mitteilungen der vormaligen Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 2006/32 E. 8.7.1). Auf das Vorbringen ist somit nicht weiter ein-
zugehen.
8.3 Aufgrund des Ausgeführten ist festzuhalten, dass die Vorinstanz die
Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin zu Recht verneint und ihr
Asylgesuch abgelehnt hat.
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9.
9.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
9.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.2
10.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Nach der Praxis des
Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) müsste die Be-
schwerdeführerin eine konkrete Gefahr („real risk“) nachweisen oder
glaubhaft machen, dass sie im Falle einer Rückschiebung in ihren Heimat-
staat Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde. Art. 4 EMRK
statuiert zudem das Verbot der Sklaverei und der Zwangsarbeit.
10.2.2 Die Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bei anstehen-
der Einziehung in den eritreischen Nationaldienst ist vom Bundesverwal-
tungsgericht im Grundsatzurteil BVGE 2018 VI/4 geklärt worden. Das Ge-
richt hat die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs im genannten Urteil
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Seite 9
sowohl unter dem Gesichtspunkt des Zwangsarbeitsverbots (Art. 4 Abs. 2
EMRK) als auch unter jenem des Verbots der Folter und der unmenschli-
chen und erniedrigenden Behandlung (Art. 3 EMRK) geprüft.
Nach einer umfassenden Analyse der verfügbaren Quellen gelangte das
Bundesverwaltungsgericht im genannten Urteil in tatsächlicher Hinsicht
zum Ergebnis, die Bemessung der Dienstdauer und die Gewährung von
Urlauben im eritreischen Nationaldienst seien für die Einzelperson kaum
vorhersehbar. Die durchschnittliche Dienstdauer lasse sich nicht genau be-
ziffern, auszugehen sei jedoch davon, dass sie zwischen fünf und zehn
Jahren betrage und in Einzelfällen darüber hinausgehen könne. Die Le-
bensbedingungen gestalteten sich sowohl in der Grundausbildung als auch
im militärischen und im zivilen Nationaldienst schwierig; im zivilen Natio-
naldienst insbesondere deshalb, weil Verpflegung und Unterkunft nicht im-
mer zur Verfügung gestellt würden und der Nationaldienstsold – trotz ein-
zelner Verbesserungen in jüngster Zeit – kaum ausreiche, um den Lebens-
unterhalt zu decken. Darüber hinausgehend stellte das Bundesverwal-
tungsgericht fest, es komme im eritreischen Nationaldienst – insbesondere
in der Grundausbildung und im militärischen Nationaldienst – zu Misshand-
lungen und sexuellen Übergriffen (vgl. a.a.O., E. 6.1.5.2).
In rechtlicher Hinsicht führte das Bundesverwaltungsgericht aus, Art. 4
Abs. 2 EMRK stehe dem Wegweisungsvollzug nur dann entgegen, wenn
das ernsthafte Risiko einer flagranten Verletzung des Zwangsarbeitsver-
bots anzunehmen wäre. Der im eritreischen Nationaldienst effektiv zu be-
fürchtende Nachteil, auf unabsehbare Zeit eine niedrig entlöhnte Arbeit für
den Staat ausführen zu müssen, sei zwar als unverhältnismässige Last zu
qualifizieren. Der Nachteil beraube jedoch Art. 4 Abs. 2 EMRK nicht seines
essenziellen Gehalts; insofern sei keine flagrante Verletzung anzunehmen.
Nicht erstellt sei zudem, dass die kolportierten Misshandlungen und sexu-
ellen Übergriffe derart systematisch stattfänden, dass jede Nationaldienst-
leistende und jeder Nationaldienstleistende dem ernsthaften Risiko ausge-
setzt wäre, selbst solche Übergriffe zu erleiden. Auch insofern sei eine Ver-
letzung von Art. 4 Abs. 2 EMRK durch den Wegweisungsvollzug zu vernei-
nen (vgl. a.a.O., E. 6.1.5.2).
Gemäss Praxis des EGMR müsste die Beschwerdeführerin mit Blick auf
Art. 3 EMRK das ernsthafte Risiko ("real risk") nachweisen, dass ihr im Fall
einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen
würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom
28. Februar 2008, Nr. 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Im Grundsatzurteil
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BVGE 2018 VI/4 führte das Bundesverwaltungsgericht diesbezüglich aus,
es würden keine hinreichenden Belege dafür existieren, Misshandlungen
und sexuelle Übergriffe im Nationaldienst fänden derart flächendeckend
statt, dass jede Dienstleistende und jeder Dienstleistende dem ernsthaften
Risiko ausgesetzt wäre, selbst solche Übergriffe zu erleiden. Es besteht
daher kein ernsthaftes Risiko einer Verletzung von Art. 3 EMRK im Falle
einer Einziehung in den eritreischen Nationaldienst (a.a.O. E. 6.1.6).
10.2.3 Die Beschwerdeführerin bringt in diesem Zusammenhang vor, sie
sei im Gegensatz zu dienstleistenden Männern einem hohen Risiko aus-
gesetzt, Übergriffe zu erleiden, da sie einerseits Opfer von Misshandlung
und andererseits Opfer von sexuellen Übergriffen werden könne. Gemäss
dem zitierten Grundsatzurteil könnten Männer dagegen nur Opfer von
Misshandlungen werden.
Dazu ist festzuhalten, dass gemäss BVGE 2018 VI/4 weder von einer ho-
hen Wahrscheinlichkeit von Misshandlungen noch von einer hohen Wahr-
scheinlichkeit von sexuellen Übergriffen gegenüber weiblichen Dienstleis-
tenden auszugehen ist (vgl. a.a.O. E. 6.1.5.2). Der Argumentation, die Be-
schwerdeführerin sei als Frau stärker gefährdet, da sie sowohl Opfer von
Misshandlungen als auch Opfer von sexuellen Übergriffen werden könne,
wäre bei einer rein grammatikalischen Lesart einiger Stellen des zitierten
Grundsatzurteils eine gewisse Logik nicht vollständig abzusprechen. Ab-
gesehen davon, dass sie alleine aufgrund dieser theoretischen Überlegung
die ernsthafte beziehungsweise hohe Gefahr einer Misshandlung oder ei-
nes Missbrauchs im Rahmen der sie treffenden Beweisfolgelast (vgl.
E. 10.1 vorstehend) nicht glaubhaft zu machen vermag, überzeugt das Vor-
bringen aber auch vor dem Hintergrund des zitierten Grundsatzurteils nicht.
Wäre alleine aufgrund der Tatsache, dass Frauen in beide "Übergriffskate-
gorien" fallen können, von einer entsprechend hohen Wahrscheinlichkeit,
Opfer von Misshandlung oder sexuellen Übergriffen zu werden, auszuge-
hen, hätte das Gericht die flagrante Verletzung des Zwangsarbeitsverbots
bei weiblichen Nationaldienstleistenden per se bejahen müssen (vgl.
a.a.O. E. 6.1.5.2 erster Abschnitt). Es hat diese jedoch für beide Ge-
schlechter verneint. Zudem werden die Begriffe Misshandlung und sexuel-
ler Übergriff im Urteil nicht durchgehend in einem streng geschlechtsspe-
zifischen Sinne unterschieden (vgl. a.a.O. E. 6.1.6. wo sich das Wort "Über-
griff" sowohl auf sexuelle Übergriffe als auch auf Misshandlungen bezieht
und damit beide Geschlechter gemeint sind).
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Aufgrund des Ausgeführten ist nicht davon auszugehen, die Beschwerde-
führerin sei einem ernsthaften beziehungsweise hohen Risiko ausgesetzt,
im Falle eines Einzuges in den Nationaldienst Opfer von Misshandlungen
oder sexuellen Übergriffen zu werden. Den Akten sind sodann keine wei-
teren völkerrechtlichen Wegweisungsvollzugshindernisse zu entnehmen.
10.2.4 Selbst wenn die Beschwerdeführerin – mit Blick auf die Begründung
der Vorinstanz – in den vorstehenden Ausführungen zur Zulässigkeit des
Wegweisungsvollzuges zu Recht eine Motivsubstitution erblicken sollte, ist
ergänzend festzuhalten, dass eine darauf gestützte Rückweisung vorlie-
gend einem formalistischen Leerlauf gleichkommen würde. Dies insbeson-
dere deshalb, da sich die Rechtsmitteleingabe eingehend zur einschlägi-
gen Rechtsprechung äussert (und in diesem Sinne das Ergebnis einer all-
fälligen Rückweisung bereits vorwegnimmt). Insoweit besteht keine Veran-
lassung, die Sache zur neuen Begründung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen.
10.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
10.3.1 Im Zuge der Spannungen zwischen dem Nachbarstaat Äthiopien
und seiner abtrünnigen Provinz Tigray kam es gemäss offiziellen Quellen
vor wenigen Tagen im Umland der eritreischen Hauptstadt Asmara zu ei-
nem Raketenbeschuss durch Tigray-Rebellen. Dabei soll auch der Flugha-
fen von Asmara Ziel der Attacken gewesen sein. Ferner soll es nach
Aussagen der Tigray-Streitkräfte zu Gefechten mit der eritreischen Armee
an der eritreisch-äthiopischen Grenze gekommen sein. Die eritreische
Regierung hat eine Beteiligung am Konflikt dagegen bisher verneint
(vgl. Aljazeera, Ethiopia: Tigray leader confirms bombing Eritrean
capital, 15.11.2020, https://www.aljazeera.com/news/2020/11/15/rockets-
fired-from-ethiopias-tigray-region-hit-eritrean-capital; BBC News/Ethiopia
Tigray crisis: Rockets hit outskirts of Eritrea Capital, 15.11.2020, https://
www. bbc.com/news/world-africa-54942546; alle abgerufen am
19.11.2020). Dass sich die Aggressionen auf dem eritreischen Gebiet wei-
ter ausgebreitet hätten, ist nicht bekannt beziehungsweise liegen hierfür
keine Indizien vor.
Auch wenn zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mit Sicherheit abgeschätzt
werden kann, wie sich der Konflikt rund um die äthiopische Provinz Tigray
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Seite 12
auf die Nachbarregionen auswirken wird, kann aufgrund der vorliegenden
Fakten nicht von einer Kriegssituation beziehungsweise einer Situation all-
gemeiner Gewalt in Eritrea gesprochen werden.
10.3.2 Im Referenzurteil D-2311/2016 vom 17. August 2017 hatte sich das
Bundesverwaltungsgericht ausführlich mit der Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs nach Eritrea beschäftigt. Dabei kam es nach Auswertung
der zur Verfügung stehenden Quellen zum Schluss, angesichts der doku-
mentierten Verbesserungen in der Nahrungsmittel- und Wasserversor-
gung, im Bildungswesen sowie im Gesundheitssystem Eritreas sei die
frühere Praxis, wonach eine Rückkehr nur bei begünstigenden individuel-
len Umständen zumutbar sei (vgl. [EMARK] 2005 Nr. 12), nicht länger be-
rechtigt. Angesichts der schwierigen allgemeinen – und insbesondere wirt-
schaftlichen – Lage des Landes müsse bei Vorliegen besonderer individu-
eller Umstände aber nach wie vor von einer Existenzbedrohung ausgegan-
gen werden. Die Frage der Zumutbarkeit bleibe daher im Einzelfall zu be-
urteilen (vgl. Urteil D-2311/2016 E. 17.2).
10.3.3 Bei der Beschwerdeführerin handelt es sich um eine junge und ge-
sunde Frau. In ihrem Heimatland leben ihre Eltern, vier Halbgeschwister,
ein Onkel und zwei Tanten. Aufgrund ihrer Schilderungen ist ferner zu ver-
muten, dass noch zwei weitere Verwandte in ihrem Heimatland leben (vgl.
SEM-Akten A16/15 F41). Auch wenn sich die Beschwerdeführerin längere
Zeit im Ausland aufgehalten hat, dürfte es ihr mit den ihr zumutbaren An-
strengungen sowie der Unterstützung ihres Umfeldes voraussichtlich ge-
lingen, sich in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht in ihrem Heimatland
wieder zu integrieren. Der Wegweisungsvollzug erweist sich somit auch in
individueller Hinsicht als zumutbar.
10.3.4 Aufgrund des unter E. 8.2 Ausgeführten ist auf die von der Be-
schwerdeführerin unter dem Titel der Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zuges gemachten Vorbringen zur Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozi-
alen Gruppe nicht mehr näher einzugehen.
10.4 Die zwangsweise Rückführung abgewiesener Asylsuchender nach
Eritrea ist zurzeit generell nicht möglich. Die Möglichkeit der freiwilligen
Rückkehr steht jedoch praxisgemäss der Feststellung der Unmöglichkeit
des Wegweisungsvollzugs entgegen. Es obliegt daher der Beschwerdefüh-
rerin, bei der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rück-
kehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG
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und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12). Der Vollzug der Wegweisung ist
deshalb auch als möglich zu bezeichnen (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Verfahrenskosten der Be-
schwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE;
SR 173.320.2]). Der am 21. Januar 2019 geleistete Kostenvorschuss in
gleicher Höhe ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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