Decision ID: 9d4df856-1884-5f87-80bc-7f7ff123167b
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die "Firma" „A._ & B._ Rechtsanwälte“ (nachfolgend: An-
waltssozietät) war vom 1. Januar 1995 bis 31. Januar 2016 als einfache
Gesellschaft im Register der Mehrsteuerpflichtigen bei der Eidgenössi-
schen Steuerverwaltung (ESTV) unter der MWST-Nr. (...) eingetragen.
In der Anmeldung vom 13. Dezember 1994 waren A._ (nachfol-
gend: Teilhaber 1) und B._ (nachfolgend: Teilhaber 2) als Gesell-
schafter aufgeführt.
B.
B.a Im September 2015 stellte die Anwaltssozietät der ESTV ein Schreiben
betreffend Änderung der Kanzlei-Struktur zu (eingegangen am 2. Septem-
ber 2015). Darin teilten die beiden Teilhaber mit, dass die Kanzlei unter der
bisherigen "Firma" nunmehr vom Teilhaber 2 als allein haftendem Partner
mit dem bisherigen Team weitergeführt werde. Der Teilhaber 1 werde sich
als "Konsiliarius" vermehrt wissenschaftlichen und publizistischen Projek-
ten widmen. Er stehe der Klientschaft jedoch weiterhin in beratender Funk-
tion und als Gutachter zur Verfügung. Dieses Schreiben wurde sowohl vom
Teilhaber 1 wie auch vom Teilhaber 2 unterzeichnet.
B.b Mit Schreiben vom 4. November 2015 teilte die ESTV der Anwaltsso-
zietät (per Adresse des Teilhabers 2) in Beantwortung des Schreibens vom
September 2015 mit, dass sie aufgrund der auf der Website aufgeführten
Beschreibung der Anwaltssozietät weiterhin davon ausgehe, dass ein ge-
meinsamer Aussenauftritt gegeben sei, weshalb der Teilhaber 1 nicht "aus
dem Register der Mehrwertsteuerpflichtigen" gelöscht werde.
C.
Nachdem die die Anwaltssozietät betreffenden MWST-Abrechnungen für
die Steuerperiode 2015 eingereicht worden waren und nachdem der Teil-
haber 1 weiterhin bestritt, für die dort deklarierten MWST-Schulden solida-
risch haftbar zu sein, erliess die ESTV am 19. September 2019 gegenüber
dem Teilhaber 1 als Gesellschafter der aufgelösten Anwaltssozietät eine
Verfügung, setzte darin die Steuerforderung der Anwaltssozietät für die
Steuerperiode 2015 auf CHF 75'893.35 zuzüglich Verzugszins zu 4% fest,
verpflichtete den Teilhaber 1 als solidarisch Haftenden zur Zahlung des ge-
nannten Betrages zuzüglich Verzugszins sowie weiteren Kosten von
CHF 317.70 und rechnete einen Betrag von CHF 3'636.15 an die offene
Steuerschuld samt Zinsen an.
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D.
Die seitens des Teilhabers 1 (fortan auch: Beschwerdeführer) hiergegen
erhobene Sprungbeschwerde wies das Bundesverwaltungsgericht mit Ur-
teil vom 12. März 2020 ab, soweit damit sinngemäss beantragt wurde, die
von der ESTV vorgenommene Festsetzung der Mehrwertsteuerforderung
für die Steuerperiode 2015 (inkl. Verzugszins) und die Verpflichtung des
Teilhabers 1 zur Zahlung dieser Forderung (inkl. Verzugszins) seien aufzu-
heben. Im Übrigen trat das Bundesverwaltungsgericht auf das Rechtsmittel
nicht ein.
E.
Mit Eingabe vom 7. Mai 2020 erhob der Teilhaber 1 Beschwerde in öffent-
lich-rechtlichen Angelegenheiten gegen das Urteil des Bundesverwal-
tungsgerichts vom 12. März 2020 und beantragte dessen Aufhebung. Mit
Urteil 2C_345/2020 vom 14. April 2021 (nachfolgend auch nur als bundes-
gerichtliches Urteil bezeichnet) hiess das Bundesgericht die genannte Be-
schwerde gut, hob das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom
12. März 2020 auf und wies die Sache zur Ergänzung des Sachverhalts
und zu neuem Entscheid im Sinne der Erwägungen an das Bundesverwal-
tungsgericht zurück.
F.
Das Bundesverwaltungsgericht nimmt das Verfahren unter der vorliegen-
den Nummer A-2178/2021 wieder auf.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968
über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) entscheidet das Bun-
desverwaltungsgericht in der Sache oder weist diese ausnahmsweise mit
verbindlichen Weisungen an die jeweilige Vorinstanz zurück. Letzteres ist
namentlich dann angezeigt, wenn eine aufwendigere Beweiserhebung
nachgeholt werden muss, sind doch (im Vergleich zum Bundesverwal-
tungsgericht) die Vorinstanzen mit den tatsächlichen Verhältnissen besser
vertraut und aufgrund ihrer funktionellen und instrumentellen Ausstattung
in der Regel eher in der Lage, die erforderlichen Abklärungen durchzufüh-
ren und mit den Parteien in direkten Kontakt zu treten (Urteile des BVGer
A-4632/2019 vom 14. Oktober 2019 E. 1.1, A-7273/2015 vom 3. Dezember
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2015 E. 5; vgl. ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, Pro-
zessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 3.194).
1.2 Daher kann es sich unter Umständen rechtfertigen, eine vom Bundes-
gericht ans Bundesverwaltungsgericht zurückgewiesene Sache weiter an
die Vorinstanz zurück zu überweisen («renvoi sur renvoi»; Urteil des BVGer
A-978/2020 vom 31. März 2020 E. 1.2).
2.
2.1 Im vorliegenden Fall erwog das Bundesgericht betreffend die Streit-
frage der subjektiven Steuerpflicht der Anwaltssozietät, dass einzig ent-
scheidend sei, ob die Anwaltssozietät als Personengesamtheit gegen aus-
sen bzw. im Verkehr mit Dritten als Leistungserbringerin aufgetreten sei,
was zu bejahen sei. Das Bundesverwaltungsgericht sei daher in bundes-
rechtskonformer Weise davon ausgegangen, dass die Anwaltssozietät in
der Steuerperiode 2015 subjektiv steuerpflichtig gewesen sei (vgl. E. 5 des
bundesgerichtlichen Urteils).
2.2 Weiter prüfte das Bundesgericht, ob der Beschwerdeführer für die im
Zusammenhang mit der Steuerperiode 2015 angefallenen Mehrwertsteu-
erausstände der Anwaltssozietät persönlich belangt werden durfte. Hierzu
erwog das Bundesgericht vorab, dass aufgrund der Art und Weise des Auf-
tritts der Anwaltskanzlei gegen aussen nicht nur die subjektive Mehrwert-
steuerpflicht dieser Kanzlei bejaht werden müsse, sondern auch eine in der
Steuerperiode 2015 weiterbestehende vertragliche Einigung zwischen den
beiden Teilhabern über die Verfolgung eines gemeinsamen Zwecks als ge-
geben betrachtet werden müsse, womit (auch) in der Steuerperiode 2015
der für eine Personengesellschaft erforderliche animus societatis vorgele-
gen habe. Da nach dem Gesagten eine einfache Gesellschaft oder Kollek-
tivgesellschaft vorgelegen habe, sei die Vorinstanz zurecht zum Ergebnis
gelangt, dass der Beschwerdeführer nach Art. 15 Abs. 1 Bst. a MWSTG
solidarisch und unbeschränkt für Mehrwertsteuerschulden der Anwaltsso-
zietät aus der Steuerperiode 2015 hafte (vgl. E. 6.2 f. des bundesgerichtli-
chen Urteils).
2.3 Sodann befasste sich das Bundesgericht mit dem Grundsatz der «Ein-
heit des Unternehmens» und hielt fest, dass die Steuerpflicht einer Gesell-
schaft nicht ausschliesse, dass einer ihrer Gesellschafter ausserhalb der
Gesellschaft allein ihm selbst zuzuordnende, der Mehrwertsteuer unterlie-
gende Umsätze tätige. Für die Frage, ob Umsätze der Gesellschaft oder
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einem Gesellschafter zuzuordnen seien, sei massgebend, wer nach aus-
sen als Leistungserbringer auftrete.
Hierzu stellte das Bundesgericht fest, dass das Bundesverwaltungsgericht
im angefochtenen Urteil seitens des Teilhabers 2 deklarierte, über Spar-
hefte und ein Privatkonto vereinnahmte Umsätze aus der Steuerperiode
2015 der Anwaltssozietät bzw. der Gesellschaft zugeordnet habe (und
nicht dem Teilhaber 2 persönlich). Für diese Zuordnung habe sich das Bun-
desverwaltungsgericht allerdings einzig auf den Umstand berufen, dass
aktenkundige Rechnungen aus früheren Jahren auf dem Briefpapier der
Anwaltskanzlei ausgestellt worden seien und dabei jeweils die Referenz-
nummer der Anwaltssozietät aufgeführt worden sei. Es sei aber nicht er-
sichtlich, inwiefern aus diesem Umstand zwingend folgen müsste, dass es
sich bei den im Jahr 2015 deklarierten Umsätzen statt um solche des Teil-
habers 2 persönlich um Umsätze der Anwaltssozietät gehandelt habe.
Das Bundesgericht moniert diesbezüglich, dass es im angefochtenen Urteil
an Feststellungen fehle, gestützt auf welche eine entsprechende klare Zu-
ordnung (der Umsätze) gemacht oder ausgeschlossen werden könne.
Denn das Bundesverwaltungsgericht habe nicht im Einzelnen untersucht,
ob bei den in Frage stehenden Umsätzen nach aussen die Anwaltssozietät
oder aber der Teilhaber 2 persönlich als Leistungserbringer aufgetreten sei.
Auch ergebe sich aus den dem Bundesgericht vorliegenden Akten nicht
ohne Weiteres, wem die fraglichen Umsätze aus der Steuerperiode 2015
zuzuordnen seien. Unter diesen Umständen falle eine Ergänzung des
Sachverhalts von Amtes wegen ausser Betracht, zumal dies die Ausnahme
bleiben und vor allem bei untergeordneter Unvollständigkeit erfolgen solle,
weshalb die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten insofern
gutzuheissen sei, als der angefochtene Entscheid aufzuheben und die Sa-
che zur Ergänzung des Sachverhalts sowie zum Neuentscheid hinsichtlich
der Zuordnung der Umsätze der Steuerperiode 2015 an das Bundesver-
waltungsgericht zurückzuweisen sei (vgl. E. 7 des bundesgerichtlichen Ur-
teils).
3.
3.1 Weder das Bundesverwaltungsgericht noch die Vorinstanz haben Fest-
stellungen gemacht, gestützt auf welche – gemäss E. 7 des bundesgericht-
lichen Urteils – eine klare Zuordnung der in der Steuerperiode 2015 dekla-
rierten Umsätze zur Anwaltssozietät oder zum Teilhaber 2 hätte gemacht
werden können.
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3.2
3.2.1 Um den bundesgerichtlichen Vorgaben nachzukommen, sind
Sachverhaltsabklärungen notwendig, für die ursprünglich die Vorinstanz
als Behörde mit ausgewiesenen Fachkenntnissen in diesem Bereich
zuständig ist. Entsprechende Unterlagen, die eine eindeutige Zuordnung
sämtlicher Umsätze der Steuerperiode 2015 erlauben, lagen bisher –
soweit ersichtlich – weder der Vorinstanz noch dem
Bundesverwaltungsgericht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist
hingegen für die Überprüfung von Entscheiden der Vorinstanz zuständig
(Art. 31 und 33 Bst. d VGG i.V.m. Art. 5 VwVG).
3.2.2 Insgesamt erweist es sich damit vorliegend als sachgerecht, dass die
Vorinstanz Beweismassnahmen durchführt und die Beweise würdigt, so
dass gestützt darauf der Sachverhalt im Sinne der bundesgerichtlichen
Erwägungen ergänzt werden und die Vorinstanz hinsichtlich der
Zuordnung der Umsätze der Steuerperiode 2015 neu entscheiden kann,
bevor sich allenfalls das Bundesverwaltungsgericht als Zweitinstanz
wiederum mit der Sache befasst. Eine vorgängige Beweiserhebung und
Beurteilung der Sache durch das Bundesverwaltungsgericht würde sowohl
in Bezug auf noch gar nicht erhobene Beweise als auch in Bezug auf die
(allfällige) Neubeurteilung des Sachverhalts den Rechtsweg verkürzen.
Durch eine Rückweisung bleibt hingegen der doppelte Instanzenzug
erhalten. Somit ist die Sache an die Vorinstanz zurück zu überweisen,
damit diese in Beachtung der bundesgerichtlichen Erwägungen und
Weisungen neu über die Sache entscheidet (Urteile des BVGer
A-978/2020 vom 31. März 2020 E. 3.2.2, A-4632/2019 vom 14. Oktober
2019 E. 2.3).
3.3 Demnach ist die Beschwerde vom 21. Oktober 2019 insofern gutzu-
heissen, als die angefochtene Verfügung vom 19. September 2019 aufzu-
heben und die Sache zur Ergänzung des Sachverhalts im Sinne der Erwä-
gungen sowie zum Neuentscheid hinsichtlich der Zuordnung der Umsätze
der Steuerperiode 2015 an die Vorinstanz zurückzuweisen ist.
4.
4.1 Die Verfahrenskosten sind in der Regel von der unterliegenden Partei
zu tragen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). In der Verwaltungsrechtspflege des Bun-
des gilt die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zu weiteren Abklä-
rungen und neuem Entscheid mit noch offenem Ausgang praxisgemäss als
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Obsiegen der beschwerdeführenden Partei (vgl. BGE 137 V 210 E. 7.1;
Urteil des BVGer A-2646/2018 vom 30. September 2019 E. 8.1).
Der Beschwerdeführer gilt demnach im vorliegenden Verfahren als obsie-
gend, weshalb ihm keine Verfahrenskosten aufzuerlegen sind. Der im Ver-
fahren A-5911/2019 einbezahlte Kostenvorschuss von CHF 4'500.- wird
dem Beschwerdeführer nach Eintritt der Rechtskraft des vorliegenden Ur-
teils zurückerstattet. Der Vorinstanz sind keine Verfahrenskosten aufzuer-
legen (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
4.2 Der rechtsvertretene Beschwerdeführer hat dem Verfahrensausgang
entsprechend Anspruch auf eine Parteientschädigung (vgl. Art. 64 Abs. 1
VwVG i.V.m. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Vorliegend ist diese praxisgemäss auf CHF 6'750.- festzu-
setzen und der Vorinstanz zur Zahlung aufzuerlegen.
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