Decision ID: 997bfe15-5e7e-4e5b-8ba9-3e2000e36edd
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Rainer Braun, Oberdorfstrasse 6, Postfach 29,
8887 Mels,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Ergänzungsleistung zur IV
Sachverhalt:
A.
A.a A._, dem mit Teilverfügung vom 5. April 2006 eine Viertelsrente der
Invalidenversicherung zugesprochen worden war, meldete sich am 21. April 2006 zum
Bezug von Ergänzungsleistungen an (EL-act. A/10).
A.b Gegen die Verfügungen vom 5. April 2006 und 11. Januar 2007 betreffend die
Zusprache einer Viertelsrente der Invalidenversicherung mit Wirkung ab dem 1. Juni
2003 erhob der Versicherte Einsprache. Den abschlägigen Einspracheentscheid vom
2. März 2007 focht der Versicherte beschwerdeweise beim Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen an. Die Beschwerde wurde insofern gutgeheissen, als die IV-Stelle
verpflichtet wurde, weitere Abklärungen zu tätigen und anschliessend neu zu verfügen
(Entscheid IV 2007/156 des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom
18. September 2008).
A.c Nach Durchführung diverser Abklärungen verneinte die EL-Durchführungsstelle
mit Verfügung vom 17. Juni 2010 einen Anspruch auf eine jährliche Ergänzungsleistung
sowohl für den Zeitraum von Juni 2003 bis Juni 2010 als auch für die Zukunft (EL-
act. B/13). Den der Verfügung beigelegten Berechnungsblättern lässt sich unter
Berücksichtigung der übrigen Akten entnehmen, dass dem Versicherten ab Januar
2004 ein Erwerbseinkommen im Betrag von Fr. 23’066.-- bis Fr. 24’960.-- angerechnet
wurde (vgl. EL-act. B/15 ff.).
A.d Gegen diese Verfügung liess der Versicherte am 18. August 2010 Einsprache er
heben, wobei er insbesondere geltend machen liess, die Anrechnung eines (hypothe
tischen) Erwerbseinkommens sei rechtswidrig (EL-act. B/10).
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A.e Mit vier Verfügungen vom 7. Oktober 2010 sprach die IV-Stelle dem Versicherten
erneut eine Viertelsrente mit Wirkung ab dem 1. Juni 2003 zu, wogegen der Versicherte
am 5. November 2010 wiederum Beschwerde an das Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen erhob.
A.f Mit Entscheid vom 15. November 2010 wurde die Einsprache des Versicherten
gegen die EL-Verfügung vom 17. Juni 2010 abgewiesen (EL-act. B/1).
B.
B.a Dagegen richtet sich die am 26. November 2010 erhobene Beschwerde, mit der
die Neuberechnung des EL-Anspruchs ab September 2004 ohne Berücksichtigung
eines hypothetischen Erwerbseinkommens beantragt wird (act. G 1).
B.b Dem in der Beschwerde vom 26. November 2010 gestellten Gesuch, das
Verfahren bis zum Vorliegen eines rechtskräftigen Entscheides betreffend Rente der
Invalidenversicherung zu sistieren, wurde mit Entscheid vom 29. November 2010
entsprochen (act. G 2).
B.c Mit Entscheid IV 2010/438 vom 22. Februar 2012 hob das Versicherungsgericht
des Kantons St. Gallen die IV-Verfügungen vom 7. Oktober 2010 auf und sprach dem
Beschwerdeführer mit Wirkung ab dem 1. Juni 2003 eine Dreiviertelsrente zu. Die
dagegen von der IV-Stelle ans Bundesgericht erhobene Beschwerde in öffentlich-
rechtlichen Angelegenheiten wurde mit Urteil 9C_271/2012 vom 3. September 2012
abgewiesen.
B.d Am 24. September 2012 wurde die Sistierung des vorliegenden Verfahrens auf
gehoben und die Beschwerdegegnerin zur Beschwerdeantwort aufgefordert (act. G 4).
B.e Die Beschwerdegegnerin erstattete die Beschwerdeantwort am 15. Oktober 2012.

Sie schliesst unter Verweis auf die Erwägungen des angefochtenen Einsprache
entscheides auf Abweisung der Beschwerde (act. G 5).
B.f Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine weitere Stellungnahme (act. G 8).
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B.g Die Parteien liessen sich zu den vom Versicherungsgericht beigezogenen IV-
Akten (vgl. act. G 9 und G 10) nicht vernehmen.
Erwägungen:
1.
1.1 Die Beschwerdegegnerin hat ihrem Einspracheentscheid bzw. den durch diesen
bestätigten Verfügungen die Vermutung zugrunde gelegt, dem Beschwerdeführer sei
es zumutbar, ein Erwerbseinkommen im Betrage des um einen Drittel erhöhten Höchst
betrages für den Lebensbedarf von Alleinstehenden nach Art. 10 Abs. 1 lit. a Ziff. 1 des
Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invaliden
versicherung (ELG; SR 831.30) zu erzielen. Sie stützte sich dabei auf Art. 14a Abs. 2
lit. a der Verordnung über die Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung (ELV; SR 831.301), wonach Versicherten unter 60 Jahren bei
einem Invaliditätsgrad von 40 bis unter 50 Prozent der entsprechende Betrag als
(hypothetisches) Erwerbseinkommen anzurechnen ist.
1.2 Mit Eröffnung des Urteils des Bundesgerichts 9C_271/2012 vom 3. September
2012 wurde dem Beschwerdeführer formell rechtskräftig eine Dreiviertelsrente der
Invalidenversicherung bei einem Invaliditätsgrad von 60 Prozent zugesprochen. Dies
hat zur Folge, dass Art. 14a Abs. 2 lit. a ELV nicht anwendbar ist. Vielmehr hat Art. 14a
Abs. 2 lit. c ELV zur Anwendung zu gelangen, wonach als Erwerbseinkommen nurmehr
ein Anteil von zwei Dritteln des Höchstbetrages für den Lebensbedarf von Allein
stehenden anzurechnen ist, wenn der Invaliditätsgrad 60 bis unter 70 Prozent beträgt.
Weshalb die Beschwerdegegnerin den angefochtenen Einspracheentscheid nach Auf
hebung der Sistierung nicht in Anwendung von Art. 53 Abs. 3 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) widerrufen
und den EL-Anspruch unter Berücksichtigung des rechtskräftigen Entscheides
betreffend Rente der Invalidenversicherung neu berechnet hat, ist nicht
nachvollziehbar.
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1.3 Jedenfalls ergibt bereits eine summarische Prüfung der Berechnungsblätter, dass
die Berücksichtigung des tieferen hypothetischen Erwerbseinkommens gemäss
Art. 14a Abs. 2 lit. c ELV dazu führt, dass für den fraglichen Zeitraum ein Anspruch auf
eine jährliche Ergänzungsleistung zu bejahen ist. Der angefochtene
Einspracheentscheid ist daher ohne Weiteres als rechtswidrig zu qualifizieren und
aufzuheben.
2.
2.1 Das Bundesgericht hat Art. 14a Abs. 2 ELV bereits früh und seither konstant als
widerlegbare Vermutung qualifiziert. Den Betroffenen steht mithin die Möglichkeit offen,
im Einzelfall den Gegenbeweis zu erbringen, das heisst nachzuweisen, dass sie das
vermutungsweise erzielbare Einkommen gemäss Art. 14a Abs. 2 ELV nicht erzielen
können. Im Unterschied zur Festlegung des zumutbarerweise erzielbaren Invaliden
einkommens bei der Prüfung des Anspruchs auf eine Rente der Invalidenversicherung
ist dabei nicht der ausgeglichene Arbeitsmarkt (der sich durch einen breiten Fächer
verschiedenartiger Tätigkeiten und ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage
auszeichnet) massgebend, sondern der reale Arbeitsmarkt. Entscheidend ist also, ob
und inwiefern es der betroffenen Person unter Berücksichtigung sämtlicher Umstände
zumutbar ist, auf dem realen Arbeitsmarkt eine Arbeitsstelle zu finden. In aller Regel
wird der entsprechende Gegenbeweis mit erfolglosen Stellenbemühungen (die für die
Festlegung des Invalideneinkommens grundsätzlich nur von untergeordneter
Bedeutung wären) geführt.
2.2 Der Beschwerdeführer befindet sich bereits in fortgeschrittenem Alter und kann
lediglich noch körperlich leichte Tätigkeiten ausüben. Für sich alleine sprechen diese
Umstände nicht gegen eine Verwertbarkeit der Resterwerbsfähigkeit auch auf dem
realen Arbeitsmarkt. Hinzu kommen allerdings gewichtige psychische Beeinträchti
gungen (vgl. den Entscheid IV 2010/438 des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen vom 22. Februar 2012, E. 4.5), welche erhebliche Zweifel an einer realis
tischerweise verwertbaren Resterwerbsfähigkeit wecken. Unter anderem befand sich
der Beschwerdeführer vom 13. November 2008 bis zum 9. Januar 2009 und vom
25. Juni bis zum 8. September 2009 – die Einweisung erfolgte mittels fürsorgerischen
Freiheitsentzuges nach einem (weiteren) Suizidversuch (vgl. IV-act. 163–1) – in
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stationärer und vom 7. Oktober 2009 bis im März 2010 in tagesambulanter Behandlung
(vgl. IV-act. 163–5 und 170–3), wobei die Behandlung an fünf Tagen pro Woche
stattfand. Vom 27. Januar bis zum 1. März 2011 befand sich der Beschwerdeführer
wiederum in stationärer Behandlung (vgl. IV-act. 201–1). Zumindest in diesen Zeit
räumen kann nicht von einer verwertbaren Arbeitsfähigkeit ausgegangen werden.
Nachdem aber bereits die Gutachter der Ärztliches Begutachtungsinstitut (ABI) GmbH
im Dezember 2005 ausgeführt hatten, realistischerweise bestehe keine verwertbare
Restarbeitsfähigkeit mehr, was aber auf invaliditätsfremde Gründe zurückzuführen sei
(vgl. IV-act. 105–23), und da es weder der IV-Stelle noch dem Sozialamt gelungen ist,
den Beschwerdeführer wieder einzugliedern, ist auch für die übrigen relevanten
Zeiträume an einer realistischerweise verwertbaren Resterwerbsfähigkeit zu zweifeln.
Spätestens ab November 2008 (Beginn des fürsorgerischen Freiheitsentzuges)
verbietet sich jedenfalls die Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens.
Betreffend den relevanten Zeitraum vor November 2008 hat die Beschwerdegegnerin
allenfalls weitere Abklärungen vorzunehmen (gegebenenfalls mit unter anderem einer
Nachfrage beim Sozialamt, warum die Wiedereingliederung des Beschwerdeführers
nicht gelungen ist) und anschliessend die auf dem realen Arbeitsmarkt noch
verwertbare Resterwerbsfähigkeit festzulegen.
2.3 Die übrigen Berechnungselemente wurden vom Beschwerdeführer nicht gerügt
und sind auch nicht zu beanstanden.
3.
3.1 Die Beschwerde ist entsprechend teilweise gutzuheissen.
3.2 Bei diesem Verfahrensausgang ist hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungs
folgen praxisgemäss von vollem Obsiegen des Beschwerdeführers auszugehen.
Gerichtskosten sind gemäss Art. 61 lit. a ATSG zwar keine zu erheben, die Be
schwerdegegnerin hat den Beschwerdeführer aber mit einer – angesichts des
einfachen Schriftenwechsels – reduzierten praxisgemässen Pauschale von Fr. 2’000.--
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.
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Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP