Decision ID: a3f6f6dd-650b-52b0-bae0-e66e8d32f293
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) war als Kauffrau bei der B._ AG angestellt und
dadurch bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) gegen die Folgen
von Unfällen versichert. Mit Schadenmeldung UVG vom 11. Juni 2019 liess die
Versicherte durch ihre Arbeitgeberin melden, sie habe am 4. Juni 2019 beim
Beachvolleyballspielen bei einem unberechenbaren Ball einen Ausfallschritt gemacht
und habe sich dabei das Knie verdreht (Suva-act. 1). Die Versicherte hatte sich am
selben Tag in die unfallchirurgische Klinik des Spitals C._ begeben, wo die
behandelnden Ärzte nach einer Röntgen- sowie CT-Untersuchung des rechten Knies
(Suva-act. 8) eine Kniedistorsion rechts bei Volleyballspiel am 4. Juni 2019
diagnostizierten, unter anderem eine Ruhigstellung in einer Knieklettschiene für zwei
Wochen veranlassten und der Versicherten bis 18. Juni 2019 eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit bescheinigten (Suva-act. 7).
A.a.
Am 17. Juni 2019 machte die Versicherte in einem Fragebogen der Suva nähere
Angaben zum Hergang des Ereignisses vom 4. Juni 2019. Sie habe Beachvolleyball
gespielt und habe dabei mit einem Ausfallschritt versucht, einen Ball zu erreichen.
Dabei müsse sie im Sand stecken geblieben sein, denn es habe ihr das Knie verdreht
und es habe einen lauten Knall gegeben (Suva-act. 6).
A.b.
Am 2. Juli 2019 legte die Suva den Schadenfall ihrem Kreisarzt Dr. med. D._,
Facharzt Orthopädische Chirurgie, vor, der festhielt, aufgrund der Akten sei keine
Listendiagnose erkennbar, jedoch würden die gesamte Anamnese und die klinischen
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Befunde für eine partielle oder vollständige Verletzung des VKB (vorderes Kreuzband)
oder des Innenbandes sprechen, weshalb er eine MRI-Untersuchung empfahl (Suva-
act. 10). Eine solche war bereits zuvor am 6. Juni 2019 in der Radiologie E._,
Diagnosezentrum F._, durch Dr. med. G._, Facharzt FMH für medizinische
Radiologie, durchgeführt worden (Suva-act. 18).
Am 6. August 2019 wurde die Versicherte durch Dr. med. H._, Leitender Arzt
Orthopädie, Spital C._, untersucht, der im Untersuchungsbericht vom 13. August
2019 ein Kniedistorsionstrauma am 4. Juni 2019 mit/bei fraglich symptomatischem
Lappenriss am Innenmeniskushorn, MCL-Distorsion mit Läsion der tiefen Anteile,
aktiviertem Knorpelschaden asymptomatisch retropatellär und Knorpelschaden
lateraler Femurcondylus diagnostizierte (Suva-act. 21).
A.d.
In einer Aktenbeurteilung vom 29. August 2019 kam Kreisarzt Dr. D._ sodann
zum Schluss, dass die MRI-Befunde - insgesamt eine mittelgradige Gonarthrose mit
Betonung des femoropatellaren und femorotibialen Gelenkkompartiments -
degenerativer Natur seien. Ein Riss des medialen Seitenbandes sei zu verneinen, eine
Listendiagnose gemäss Art. 6 Abs. 2 lit. c des Bundesgesetzes über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) jedoch zu bejahen. Eine Anerkennung derselben
als unfallähnliche Körperschädigung sei aber aufgrund von Verschleisserscheinungen
zu verneinen. Dr. D._ stellte schliesslich eine Aktivierung der Gonarthrose fest (Suva-
act. 22).
A.e.
Mit Verfügung vom 4. September 2019 wies die Suva ihre Leistungspflicht für die
Kniebeschwerden rechts der Versicherten ab, da diese weder auf einen Unfall noch auf
eine unfallähnliche Körperschädigung zurückzuführen seien (Suva-act. 23).
A.f.
Gegen diese Verfügung liess die Versicherte, vertreten durch ihre
Rechtsschutzversicherung, die Dextra Rechtsschutz AG, am 27. September 2019
Einsprache erheben (Suva-act. 30).
B.a.
Nach Einholung einer ausführlichen Stellungnahme ihres Kreisarztes Dr. D._
(Suva-act. 32 f.) wies die Suva die Einsprache vom 27. September 2019 mit
Einspracheentscheid vom 9. Januar 2020 ab (Suva-act. 34).
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.

Erwägungen
1.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin für das von der
Beschwerdeführerin gemeldete Ereignis vom 4. Juni 2019 und die bei ihr in der Folge
behandelten Gesundheitsstörungen im Bereich des rechten Kniegelenks sowie die ab
5. Juni 2019 ärztlich bescheinigte Arbeitsunfähigkeit (vgl. insbesondere Suva-act. 7)
leistungspflichtig ist.
Gegen den Einspracheentscheid vom 9. Januar 2020 liess die Versicherte
(nachfolgend: Beschwerdeführerin), vertreten durch ihre Rechtsschutzversicherung, mit
Eingabe vom 6. Februar 2020 Beschwerde erheben mit dem Antrag, der angefochtene
Einspracheentscheid sei aufzuheben und es seien die gesetzlichen Leistungen
auszurichten, unter Kosten- und Entschädigungsfolge (act. G 1). Zusammen mit der
Beschwerde reichte die Rechtsschutzversicherung eine E-Mail von Dr. H._ vom 5.
Februar 2020 ein (act. G 1.1.3).
C.a.
Mit Schreiben vom 12. Februar 2020 teilte das Versicherungsgericht der
Rechtsschutzversicherung der Beschwerdeführerin mit, dass die berufsmässige
Vertretung der Parteien vor Gericht Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten mit
Bewilligung zur Berufsausübung vorbehalten sei, und forderte sie auf, eine
entsprechende Berufsausübungsbewilligung vorzulegen (act. G 2). Die
Rechtsschutzversicherung teilte dem Versicherungsgericht daraufhin am 3. März 2020
telefonisch mit, es solle künftig direkt mit der Beschwerdeführerin korrespondiert
werden (act. G 3).
C.b.
In der Beschwerdeantwort vom 27. April 2020 beantragte die Suva (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde und die Bestätigung des
angefochtenen Einspracheentscheids (act. G 5).
C.c.
Mit Schreiben vom 29. Mai 2020 verzichtete die Beschwerdeführerin auf eine
Replik (act. G 7).
C.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Nach Art. 6 Abs. 1 UVG werden Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen,
Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt, soweit das Gesetz nichts anderes
bestimmt. Als Unfall gilt nach Art. 4 des Bundesgesetztes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die plötzliche, nicht beabsichtigte
schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den
menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat. Dabei bezieht sich das
Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors,
sondern auf den Faktor selbst. Ohne Belang für die Prüfung der Ungewöhnlichkeit ist
somit, dass der äussere Faktor allenfalls schwerwiegende, unerwartete Folgen nach
sich gezogen hat. Ein äusserer Faktor ist ungewöhnlich, wenn er den Rahmen des im
jeweiligen Lebensbereich Alltäglichen oder Üblichen überschreitet. Ob dies zutrifft,
beurteilt sich im Einzelfall, wobei grundsätzlich nur die objektiven Umstände in Betracht
fallen (André Nabold, N 42 zu Art. 6, in Marc Hürzeler/Ueli Kieser [Hrsg.], Bundesgesetz
über die Unfallversicherung, Kommentar zum schweizerischen
Sozialversicherungsrecht, 2018 [nachfolgend zitiert: KOSS UVG]; Irene Hofer, N 32 ff.
zu Art. 6, in: Ghislane Frésard-Fellay/Susanne Leuzinger/Kurt Pärli [Hrsg.],
Unfallversicherungsgesetz, Basler Kommentar, 2019, [nachfolgend zitiert: BSK UVG]).
Das für den Unfallbegriff wesentliche Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors
kann nach Lehre und Rechtsprechung auch in einer unkoordinierten Bewegung
bestehen. Bei unkoordinierten Bewegungen ist das Merkmal der Ungewöhnlichkeit
erfüllt, wenn ein in der Aussenwelt begründeter Umstand den natürlichen Ablauf einer
Körperbewegung gleichsam „programmwidrig“ beeinflusst hat, was beispielsweise
dann zutrifft, wenn die versicherte Person stolpert, ausgleitet oder an einen
Gegenstand anstösst oder wenn sie, um ein Ausgleiten zu verhindern, eine reflexartige
Abwehrbewegung ausführt oder auszuführen versucht. Dass es tatsächlich zu einem
Sturz kommt, wird mithin nicht vorausgesetzt. Wo sich eine Schädigung auf das
Körperinnere beschränkt und sie erfahrungsgemäss auch als alleinige Folge von
Krankheiten, namentlich von degenerativen Veränderungen eines Körperteils innerhalb
eines durchaus normalen Geschehensablaufs auftreten kann, muss die unkoordinierte
Bewegung als unmittelbare Ursache der Schädigung indessen unter besonders
sinnfälligen Umständen gesetzt worden sein; denn ein Unfallereignis manifestiert sich
in der Regel in einer äusserlich wahrnehmbaren Schädigung, während bei deren Fehlen
eine erhöhte Wahrscheinlichkeit rein krankheitsbedingter Ursachen besteht (vgl. BGE
134 V 80 E. 4.3.2.1 mit Hinweisen; KOSS UVG-Nabold, N 32 zu Art. 6; BSK UVG-Hofer,
N 38 zu Art. 6).
2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bei einer Sportverletzung ist ohne besonderes Vorkommnis das Merkmal der
Ungewöhnlichkeit und damit das Vorliegen eines Unfalls zu verneinen (BGE 130 V 118
E. 2.2 mit Hinweis). Hingegen ist bei sportlichen Tätigkeiten ein Unfall im Rechtssinn
dann anzunehmen, wenn die sportliche Übung anders verläuft als geplant (vgl. RKUV
1992 Nr. U 156 S. 258). Wenn sich das in einer sportlichen Übung inhärente Risiko
einer Verletzung verwirklicht, liegt kein derartiges Unfallereignis vor. Ein solches ist
auch dann zu verneinen, wenn die Übung zwar nicht ideal verläuft, die Art der
Ausführung sich aber in der Spannweite des Üblichen bewegt (RKUV 2004 Nr. U 502 S.
185 E. 4.4).
2.2.
Gestützt auf Art. 6 Abs. 1 UVG hat der Unfallversicherer sodann bei Vorliegen
eines Unfalls für einen Gesundheitsschaden nur insoweit Leistungen zu erbringen, als
dieser in einem natürlichen sowie adäquaten Kausalzusammenhang zum versicherten
Ereignis steht (BGE 129 V 181 E. 3.1 ff. mit Hinweisen; KOSS UVG-Nabold, N 48 ff. zu
Art. 6; BSK UVG-Hofer, N 63 ff. zu Art. 6; Alexandra Rumo-Jungo/André Pierre Holzer,
Bundesgesetz über die Unfallversicherung, in: Erwin Murer/Hans-Ulrich Stauffer [Hrsg.],
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, S. 55). Für die
Beantwortung der Tatfrage nach dem Bestehen natürlicher Kausalzusammenhänge im
Bereich der Medizin ist das Gericht in der Regel auf Angaben ärztlicher Experten und
Expertinnen angewiesen. Die Frage nach dem adäquaten Kausalzusammenhang ist
demgegenüber eine Rechtsfrage, die vom Gericht nach den von Doktrin und Praxis
entwickelten Regeln zu beurteilen ist (vgl. KOSS UVG-Nabold, N 53, 59 zu Art. 6; BSK
UVG-Hofer, N 66 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 55, 58; BGE 129 V 181 E.
3.1 und 3.2 sowie in BGE 135 V 465 nicht publizierte E. 2 des Urteils 8C_216/2009 vom
28. Oktober 2009, je mit Hinweisen). Die Adäquanz spielt im Bereich organisch objektiv
ausgewiesener Unfallfolgen indessen praktisch keine Rolle, da sich hier die adäquate
weitgehend mit der natürlichen Kausalität deckt (BGE 134 V 111 f. E. 2).
2.3.
Gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG (in Kraft seit 1. Januar 2017) erbringt die Versicherung
ihre Leistungen auch bei den folgenden, abschliessend aufgelisteten
Körperschädigungen (vgl. dazu KOSS UVG-Nabold, N 42 zu Art. 6), sofern sie nicht
vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen sind: a. Knochenbrüche,
b. Verrenkungen von Gelenken; c. Meniskusrisse; d. Muskelrisse, e. Muskelzerrungen;
f. Sehnenrisse; g. Bandläsionen; h. Trommelfellverletzungen. Mit Art. 6 Abs. 2 lit. a bis h
UVG wird die gesetzliche (Kausalitäts-)Vermutung statuiert, dass der Unfallversicherer
bei erfüllter Listendiagnose leistungspflichtig ist. Dieser kann sich aber von seiner
Leistungspflicht befreien, wenn er den Nachweis erbringt, dass die Körperschädigung
vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen ist (Botschaft vom 30. Mai
2.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2008, BBl 2008 S. 5411, und Zusatzbotschaft vom 19. September 2014, BBl 2014
S. 7922; SZS 2017 S. 33). Auf das Kriterium des äusseren Faktors wird explizit
verzichtet (BBl 2014 S. 7922). Der Gegenbeweis der vorwiegend abnützungs- oder
krankheitsbedingten Verursachung beschlägt den natürlichen Kausalzusammenhang.
Nur der Nachweis eines rechtsgenügenden, d.h. vorwiegend degenerativ oder
krankhaft verursachten Schadens, kann zu einer Verneinung des natürlichen
Kausalzusammenhangs bzw. der Leistungspflicht des Unfallversicherers führen
(Evalotta Samuelsson, Neuregelung der unfallähnlichen Körperschädigung, Das
Beispiel des Meniskusrisses, in: SZS 2018 S. 358). Der (Gegen-)Beweis der vorwiegend
krankhaften oder degenerativen Pathogenese der Listendiagnose ist erbracht, wenn
die Listendiagnose zu mehr als 50% auf Abnützung oder Erkrankung beruht (BGE 146
V 64 E. 8.2.2.1 mit Hinweisen). Aus der in Art. 6 Abs. 2 UVG vorgesehenen Möglichkeit
des Gegenbeweises ergibt sich allerdings auch nach der am 1. Januar 2017 in Kraft
getretenen UVG-Revision die Notwendigkeit der Abgrenzung der vom Unfallversicherer
zu übernehmenden unfallähnlichen Körperschädigung von der abnützungs- und
erkrankungsbedingten Ursache einer Listenverletzung und damit letztlich zur
Leistungspflicht des Krankenversicherers. Insoweit bleibt auch beim Vorliegen einer
Listendiagnose die Frage nach einem initialen erinnerlichen und benennbaren Ereignis -
nicht zuletzt auch aufgrund der Bedeutung als zeitlicher Anknüpfungspunkt für Fragen
der Versicherungsdeckung oder Zuständigkeit des Unfallversicherers - relevant (zum
Ganzen BGE 146 V 69 f. E. 8.6 mit Hinweisen; zum Datum des Inkrafttretens der
Revisionsbestimmungen vgl. E. 6.1). Zur Feststellung der medizinischen Verhältnisse,
konkret zur Beurteilung der Tatfrage, ob eine Schädigung vorwiegend auf Abnützung
oder Erkrankung zurückzuführen ist, ist die rechtsanwendende Behörde auf Unterlagen
angewiesen, die ihr von Ärzten und Ärztinnen zur Verfügung zu stellen sind (vgl. BGE
122 V 157 E. 1b mit zahlreichen Hinweisen; vgl. dazu KOSS UVG-Nabold, N 53 zu Art.
6; BSK UVG-Hofer, N 66 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 55; Samuelsson,
a.a.O., S. 357 f.).
Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach hat die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht von Amtes wegen für
die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen.
Dieser Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt; er findet sein Korrelat in den
Mitwirkungspflichten der Parteien (BGE 122 V 158 E. 1a, 121 V 210 E. 6c). Die
Verwaltung respektive das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als bewiesen
annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind. Die Frage, ob sich ein
Unfallereignis im Rechtssinn ereignet hat (vgl. Erwägung 2.1), und falls ja, die weitere
Frage, ob zwischen dem Unfallereignis und einer gesundheitlichen Störung ein
2.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Zu prüfen ist zunächst, ob das Ereignis vom 4. Juni 2019 als Unfall zu qualifizieren ist,
und dabei insbesondere, ob im Sinne der Legaldefinition des Unfalls gemäss Art. 4
ATSG von einem ungewöhnlichen äusseren Faktor gesprochen werden kann.
natürlicher Kausalzusammenhang gegeben ist (vgl. Erwägung 2.3), und ebenso die
Frage, ob eine Schädigung vorwiegend durch Abnützung oder Krankheit verursacht ist
(vgl. Erwägung 2.4), beurteilt sich nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit; die blosse Möglichkeit eines
Sachverhalts genügt für die Begründung eines Leistungsanspruchs bzw. für die
Verneinung einer Leistungspflicht nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1 mit Hinweisen; vgl.
Thomas Locher/Thomas Gächter, Grundriss des Sozialversicherungsrecht, 4. Aufl.
2014, § 70 N 58 f.).
Die Beschwerdegegnerin hat den Sachverhalt nach Eingang der Schadenmeldung
UVG vom 11. Juni 2019 (Suva-act. 1) mit einem Fragebogen detailliert erhoben (Suva-
act. 5 f.). Darin schilderte die Beschwerdeführerin am 17. Juni 2019, sie habe am 4.
Juni 2019 Beachvolleyball gespielt und versucht, mit einem Ausfallschritt einen Ball zu
erreichen. Dabei müsse sie im Sand stecken geblieben sein, denn es habe ihr das Knie
verdreht. Die Frage, ob sich etwas Besonderes (Ausgleiten, Sturz, Anschlagen usw.)
ereignet habe, beantwortete die Beschwerdeführerin damit, sie sei in einem Sandloch
hängen geblieben. Mit dieser Frage wird offensichtlich das Ungewöhnliche bzw.
Programmwidrige ermittelt (vgl. Erwägung 2.1). Zur weiteren Frage, wann sich die
Beschwerden erstmals bemerkbar gemacht hätten, schrieb die Beschwerdeführerin
"unmittelbar nach dem Unfall" (Suva-act. 6). Die detaillierte Erhebung der tatsächlichen
Verhältnisse erfolgt durch den Unfallversicherer oft mittels Frageblättern. Im
Vordergrund stehen entsprechend - wie auch im konkreten Fall - Fragen betreffend die
für die Leistungspflicht des Unfallversicherers massgebenden Voraussetzungen des
Unfallgeschehens. Sofern der Unfallversicherer die tatsächlichen Verhältnisse mittels
Frageblättern detailliert erhoben hat, ist er seiner Verpflichtung zur richtigen und
vollständigen Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts grundsätzlich
rechtsgenüglich nachgekommen (Untersuchungsgrundsatz; vgl. BGE 125 V 195 E. 2,
122 V 158 E. 1a). Dem Einwand der Beschwerdegegnerin im Einspracheentscheid vom
9. Januar 2020 (Suva-act. 34, Erwägung 4.b.), die Beschwerdeführerin habe die
"Präzisierung" "im Sand stecken geblieben" bzw. "in einem Sandloch hängen
geblieben" erst in der Einsprache vorgebracht, weshalb sie unter dem Gesichtspunkt
zu betrachten sei, dass sie im Rahmen des Rechtsmittelverfahrens bewusst oder
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unbewusst durch nachträgliche Überlegungen beeinflusst sein könne (vgl. dazu BGE
121 V 47 E. 2a mit Hinweisen), kann demnach nicht gefolgt werden. Die
Sachverhaltsschilderung im Fragebogen stimmt im Übrigen in den wesentlichen
Elementen mit der Sachverhaltsschilderung in der Schadenmeldung UVG vom 11. Juni
2019 (Suva-act. 1) überein. Die Sachverhaltselemente "im Sand stecken geblieben"
bzw. "in einem Sandloch hängen geblieben" sind zwar der Schadenmeldung UVG nicht
zu entnehmen, doch können die Sachverhaltsschilderungen im Fragebogen und in der
Schadenmeldung UVG zumindest nicht als widersprüchlich bezeichnet werden.
Allgemein ist zu beachten, dass die Schadenmeldung UVG durch die Arbeitgeberin
ausgefüllt worden war und die Beschwerdeführerin erstmals mit dem Fragebogen die
Gelegenheit bekam, sich persönlich zum Ereignis vom 4. Juni 2019 zu äussern. Der
darin vorgetragene Sachverhalt ist damit als glaubwürdig zu betrachten und bei der
Beurteilung, ob ein Unfall im Rechtssinn vorliegt, ist von diesem auszugehen.
3.2.
Bei einem Ausfallschritt handelt es sich zunächst, selbst wenn dabei das
Kniegelenk verdreht wird und der Sand uneben ist, um ein typisches
Bewegungselement beim Beachvolleyball, welches mit dem Körper ausgeführt werden
kann. Es ist eine Erfahrungstatsache, dass im alltäglichen Bewegungsablauf und
insbesondere bei sportlichen Betätigungen mässige Verdrehungen oder ein gewisser
Zug auf Sehnen, Muskeln, Bänder und Gelenke nichts Aussergewöhnliches darstellen,
sondern die genannten Körperteile gerade ein normales und verletzungsfreies
Funktionieren im täglichen Leben bzw. im Sport mit verschiedensten Bewegungen und
Drehungen und dergleichen gewährleisten. Die erstbehandelnden Ärzte der
unfallchirurgischen Klinik C._ diagnostizierten am 4. Juni 2019 eine Kniedistorsion
rechts bei Volleyballspiel am 4. Juni 2019 (Suva-act. 7). Bei einer Distorsion handelt es
sich zwar im Regelfall um eine traumatische Diagnose, doch können Distorsionen in
verschiedensten Schweregraden und auch nach einem geringfügigen Trauma auftreten
(vgl. Alfred M. Debrunner, Orthopädie, Orthopädische Chirurgie, 4. Aufl. 2002, a.a.O.,
S. 1090 ff.; Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 267. Aufl. 2017, S. 420; Roche
Lexikon, Medizin, 5. Aufl. 2003, S. 441; vgl. dazu auch Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG] vom 30. August 2001, U 277/99). Damit ist allgemein
gesagt, dass eine Distorsion nicht in jedem Fall einem Unfall mit unphysiologischer,
programmwidriger Beanspruchung eines Körperteils im Sinne eines ungewöhnlichen
äusseren Faktors entspricht. Beachvolleyball ist zwar bekanntermassen eine Sportart,
bei welcher die Knie- und Sprunggelenke beansprucht und belastet werden. Allein
3.2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
deshalb kann jedoch nicht von einem Überschreiten der physiologischen
Bewegungsgrenze ausgegangen werden.
Auch verbunden mit dem Umstand, dass der Ausfallschritt laut Schadenmeldung
UVG vom 11. Juni 2019 bei einem unberechenbaren Ball ausgeführt worden ist (Suva-
act. 1), ist das Unfallbegriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit nicht erfüllt. Laut EVG
(Urteil vom 10. Mai 2004, U 199/03, E. 4.2) ist es im Volleyball durchaus üblich, dass
ein Zuspiel ungenau erfolgt oder aber der Absprung des Spielers nicht optimal auf ein
Zuspiel abgestimmt ist. In diesen Fällen wie auch bei Angriffen des Gegners müssten
Bälle regelmässig mit aussergewöhnlichen Körperbewegungen oder im Fallen geholt
werden. Entsprechende Bewegungsabläufe würden denn auch trainiert. Ballabnahmen
in der spezifischen Körperlage eines Ausfallschritts bei unberechenbaren Bällen
kommen ebenso beim Beachvolleyball, wo die einzelnen Spieler einen noch grösseren
Raum abzudecken haben als beim Volleyball, häufig vor und fallen in die gewöhnliche
Bandbreite der Bewegungsmuster dieses Sports.
3.2.2.
Ein Stecken- bzw. Hängenbleiben im Sand(loch), wie es von der
Beschwerdeführerin im Fragebogen am 17. Juni 2019 beschrieben wurde (vgl. Suva-
act. 6), kann im Beachvolleyball ebenfalls nicht als relevante Programmwidrigkeit oder
als besonderes, ungewöhnliches Vorkommnis betrachtet werden. Das rasche und
reaktionsschnelle Bewegen im tiefen, unebenen Sand ist ein Wesensmerkmal des
Beachvolleyballspiels. Der Beachvolleyballsand ist im Regelfall feinkörnig, leicht und
locker und dadurch geeignet für die Ausübung dieser Sportart. Es ist auch im
vorliegenden Fall davon auszugehen, dass das Spielfeld normal beschaffen war.
Zumindest behauptet die Beschwerdeführerin nichts Gegenteiliges. Abgesehen davon
ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin ein Stecken- bzw. Hängenbleiben im
Sand(loch) lediglich vermutet und einen solchen Sachverhalt aus der Verdrehung des
Knies ableitet. Mit der blossen Vermutung, dass ein Schaden durch einen
ungewöhnlichen äusseren Faktor eingetreten sei, ist nur ein möglicher Sachverhalt
dargetan, ein entsprechender Nachweis jedoch nicht mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit erbracht (vgl. Erwägung 2.5).
3.2.3.
Nach dem Gesagten ist das Merkmal der Ungewöhnlichkeit des äusseren Faktors
nicht erfüllt, weshalb das Ereignis vom 4. Juni 2019 keinen Unfall im Rechtssinne
darstellt.
3.3.
Da die Beschwerdeführerin ein auslösendes Ereignis genannt hat, bleibt zu prüfen,
ob eine Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin aufgrund einer der in Art. 6 Abs. 2
4.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
UVG abschliessend aufgelisteten unfallähnlichen Körperschädigungen besteht (vgl.
Erwägung 2.4).
Die erstbehandelnden Ärzte der unfallchirurgischen Klinik C._ diagnostizierten
am 4. Juni 2019 eine Kniedistorsion rechts (Suva-act. 7). Die für eine Distorsion
typischen Befunde einer Schwellung und eines Hämatoms konnten zwar nicht erhoben
werden, doch zeigte sich eine typische Druckdolenz und schmerzbedingte
Bewegungseinschränkung (vgl. Debrunner, a.a.O., S. 412; Roche Lexikon, a.a.O., S.
357). Zwar wäre die Subsumtion der Distorsion als Verrenkung eines Gelenks (lit. b)
vorstellbar. Das Bundesgericht steht jedoch dieser weiten Auslegung ablehnend
gegenüber. Als Gelenksverrenkungen werden ausschliesslich vollständige
Verrenkungen (Luxationen) anerkannt, nicht aber Verdrehungen (Torsionen) und
Verstauchungen (Distorsionen; Urteil des Bundesgerichts vom 4. Februar 2013,
8C_909/2012, E. 5.2). Hinweise für eine Luxation bestehen nicht. Eine unfallähnliche
Körperschädigung gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG lit. b UVG ist damit nicht gegeben.
4.2.
4.3.
In seiner Kurzbeurteilung vom 2. Juli 2019 hatte Dr. D._ festgehalten, dass die
gesamte Anamnese sowie der klinische Befund für eine partielle oder vollständige
VKB- oder Innenbandläsion sprechen würden, weshalb er dringend eine MRI-
Untersuchung empfehle (Suva-act. 10). In der bereits am 6. Juni 2019 durchgeführten
MRI-Untersuchung (Suva-act. 18) hatte Dr. G._ eine mediale Seitenbandläsion Grad
1-2 humeralseitig (Zerrung/leichte Partialruptur) sowie einen moderaten Gelenkserguss
erhoben. Bezüglich des vorderen Kreuzbandes hatte Dr. G._ eine ursprungsnahe
leichtgradige interstitielle Partialruptur und differentialdiagnostisch eine myxoide
Degeneration beschrieben. Dr. D._ betrachtet in seiner Beurteilung vom 3. Oktober
2019 eine Bandläsion des vorderen Kreuzbandes unter Berücksichtigung des
geschilderten Ereignisses als ausgeschlossen. Eine eigentliche Begründung bzw. eine
Konkretisierung dieser Aussage ist der Beurteilung nicht zu entnehmen. Dass das
Ereignis vom 4. Juni 2019 keinen Unfall darstellt, vermag jedenfalls eine unfallähnliche
Körperschädigung nicht bereits in Frage zu stellen (vgl. dazu KOSS UVG-Nabold, N 40
zu Art. 6; BSK UVG-Hofer, N 53 ff. zu Art. 6). Zudem hatte Dr. D._, wie bereits
erwähnt, in seiner Beurteilung vom 2. Juli 2019 (Suva-act. 10) offensichtlich gerade im
Widerspruch zu seiner Aussage in der Beurteilung vom 3. Oktober 2019 aufgrund der
Anamnese und des klinischen Befundes eine partielle oder vollständige VKB- oder
Innenbandläsion in Erwägung gezogen. Bei der Beschwerdeführerin wurde
unbestrittenermassen eine Distorsion diagnostiziert (vgl. Erwägung 4.2), eine
4.3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verletzung also, welche durchaus auch geeignet ist, Bandläsionen zu bewirken (vgl.
Debrunner, a.a.O., S. 1090 f.). Entsprechend nennt Dr. H._ im Untersuchungsbericht
13. August 2019 (Suva-act. 21) in der Diagnose die Distorsion zusammen mit der
medialen Seitenbandläsion. Der Befund einer myxoiden Degeneration des vorderen
Kreuzbandes wurde von Dr. G._ nur als Differentialdiagnose festgehalten. Als solche
bezeichnet man eine Diagnose, die alternativ als Erklärung für die erhobenen
medizinischen Befunde oder Symptome (Krankheitszeichen) in Betracht zu ziehen ist
und damit nicht eindeutig feststeht. Dr. G._ erhob ausserdem eine mediale
Seitenbandläsion Grad 1-2, welche er als Zerrung/leichte Partialruptur erkannte. Beim
erhobenen moderaten Gelenkerguss handelt es sich zudem um einen mit einer
Seitenbandläsion zu vereinbarenden Befund (vgl. Debrunner, a.a.O., S. 1090 ff.;
Pschyrembel, a.a.O., S. 420; Roche Lexikon, a.a.O., S. 441). Laut höchstrichterlicher
Rechtsprechung gelten schliesslich Risse, Zerrungen und blosse Dehnungen von
Bändern als UVG-versicherte Bandläsionen (BGE 114 V 298 E. 3d; Rumo-Jungo/
Holzer, a.a.O., S. 84).
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass angesichts der Ausführungen in
Erwägung 4.3.1 der überwiegend wahrscheinliche Nachweis, dass die Bandläsionen
vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen sind, von der
Beschwerdegegnerin nicht erbracht werden konnte, womit sie bis zur Heilung der
fraglichen Verletzungen die gesetzlichen Leistungen zu erbringen hat.
4.3.2.
Im Sinne eines obiter dictum ist anzufügen, dass es sich bei einer Bandläsion um
eine einfache Weichteilverletzung handelt. Nach der medizinischen Erfahrung heilt eine
Weichteilverletzung auch ohne spezifische Behandlung innert kurzer Zeit folgenlos ab
und die mit ihr verbundenen Beschwerden bilden sich demzufolge gänzlich zurück
(Debrunner, a.a.O., S. 412, 1096 f.). Für eine solche vorübergehende unfallbedingte
Gesundheitsschädigung hat der Unfallversicherer bis zur Besserung der klinischen, für
eine Bandläsion spezifischen Befundsituation (allfällige Hämatome, Schwellungen,
Druckdolenzen, Bewegungseinschränkungen usw.; Debrunner, a.a.O., S. 412) und
damit offensichtlichen Heilung der Unfallverletzung die gesetzlichen Leistungen zu
erbringen (vgl. dazu "Status quo ante" in Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O. S. 54; KOSS
UVG-Nabold, N 54 zu Art. 6; BSK UVG-Hofer, a.a.O., N 71 zu Art. 6 UVG). Aktenkundig
ist insbesondere, dass der Beschwerdeführerin von den Ärzten der unfallchirurgischen
Klinik C._ eine Ruhigstellung in einer Knieklettschiene für zwei Wochen verschrieben
wurde, wobei es sich um die für eine Bänderzerrung spezifische konservative
Behandlung handelt (Debrunner, a.a.O., S. 1097 f.). Ausserdem wurde ihr vom 4. bis
18. Juni 2019 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt (Suva-act. 7).
4.3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.4.
Im Rahmen der MRI-Untersuchung vom 6. Juni 2019 erhob Dr. G._ schliesslich
eine mediale Meniskopathie mit Fibrillation, horizontaler Auffaserung und vemuteter
kleiner radiärer Rissbildung des freien Randes am Übergang Hinterhorn/Korpus mit/bei
postulierter kleiner flacher lappenförmiger nach zentro-ventral vorgewölbter
Meniskuskomponente (DD kleiner dislozierter Lappenriss), zudem eine interstitielle
Auffaserung/ feine Rissbildung des medialen Meniskuskorpus und eine
meniskokapsuläre Zerrung medial am Übergang Korpus/Hinterhorn (Suva-act. 18). Dr.
H._ diagnostizierte daraufhin ein Kniedistorsionstrauma am 4. Juni 2019 mit/bei
fraglich symptomatischem kleinen Lappenriss am Innenmeniskushinterhorn (Suva-act.
21).
4.4.1.
Dr. D._ stellte in seiner Beurteilung vom 29. August 2019 fest, dass die MRI-
Untersuchung eine randständige Veränderung des Innenmeniskus degenerativer Natur
zeige (Suva-act. 22). In seiner Beurteilung vom 3. Oktober 2019 bezeichnete er sodann
die Meniskusproblematik als arthroseassoziierten Innenmeniskusschaden (Suva-act.
33). Die kreisärztliche Beurteilung einer unfallfremden Meniskusproblematik ist - wie
nachfolgend erörtert - schlüssig und nachvollziehbar. Im vorliegenden Fall ergeben sich
keine bedeutsamen Hinweise für einen traumatisch bedingten Meniskusriss.
4.4.2.
Der Meniskusriss wird in der medizinischen Literatur im Regelfall als
degenerative bzw. chronische Schädigung beschrieben (Pschyrembel, a.a.O., S. 1146;
Roche Lexikon, a.a.O., S. 1204, 1852; Debrunner, a.a.O., S. 1056; Samuelsson, a.a.O.,
S. 344 f.). Dr. G._ spricht im MRI-Untersuchungsbericht vom 6. Juni 2019 von einer
medialen Meniskopathie und führt nachfolgend die einzelnen diesbezüglichen
Auffälligkeiten im Bereich des Hinterhorns auf. Eine Meniskopathie bzw. der Zusatz "-
pathie" kennzeichnet eine "Krankheit" (Roche Lexikon, a.a.O., S. 1204, 1419) und
benennt damit keine traumatische Meniskusläsion. Dementsprechend sind auch
Fibrillationen sowie Auffaserungen Stadien bzw. Zeichen einer Knorpeldegeneration.
4.4.3.
Bei der Beschwerdeführerin zeigten sich sodann in der MRI-Untersuchung des
rechten Kniegelenks vom 6. Juni 2019 eine retropatelläre Knorpelläsion Grad 3-4,
Chondropathiezonen Grad 2-3 am lateralen Femurkondylus und am lateralen
Tibiaplateau sowie eine kleinflächige, leichte Chondropathie am medialen
Femurkondylus (Suva-act. 18). Entsprechend hielt Dr. D._ in seiner Beurteilung vom
3. Oktober 2019 schlüssig und nachvollziehbar fest, dass sich bei der
Beschwerdeführerin neben deutlichen Knorpelschäden im Bereich der
Kniescheibenrückfläche und der Trochlea Knorpelschäden im Bereich des lateralen
4.4.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und medialen Gelenkkompartiments im Sinne einer vorbestehenden leichten bis
mittelschweren Pangonarthrose finden würden (vgl. dazu Debrunner, a.a.O., S. 579 ff.,
1068 ff.; Roche Lexikon, a.a.O., S. 134). Die arthrotischen Veränderungen würden
vorwiegend das femoropatellare und laterale Gelenkkompartiment betreffen (Suva-act.
33, vgl. auch Suva-act. 22). Eine Arthrose kann definitionsgemäss keine primäre
Unfallverletzung, sondern einzig eine degenerative Erkrankung sein. Im Regelfall
entsteht sie im Rahmen des normalen Alterungsprozesses oder durch
Überbeanspruchung, kann aber im Einzelfall auch als sekundärer unfallkausaler
Gesundheitsschaden in Form einer Spätfolge einer primären Verletzung - hauptsächlich
nach einer schlecht verheilten intraartikulären Fraktur; nach Verletzungen von
Gelenkweichteilstrukturen (z.B. Menisci) oder des Gelenkknorpels - auftreten (vgl.
Debrunner, a.a.O., S. 579 ff, 700 f., 735; Roche Lexikon, a.a.O., S. 134; Pschyrembel,
Klinisches Wörterbuch, 267. Aufl. 2017, S. 152 f.). Angesichts des kurzen Zeitraums
zwischen dem fraglichen Ereignis und der nur zwei Tage später erhobenen
Pangonarthrose ist von einem Vorzustand auszugehen und wird auch in den übrigen
medizinischen Akten die Frage nach einer unfallbedingten (sekundären) Arthrose in
Bezug auf das Ereignis vom 4. Juni 2019 nicht diskutiert. Alle degenerativen Vorgänge
in einem Gelenk führen zum Endzustand der Arthrose. Insofern passen die
Meniskusproblematik und die Pangonarthrose im Sinne des von Dr. D._ benannten
arthroseassoziierten Innenmeniskusschadens zueinander. Ebenfalls nachvollziehbar
erscheint, dass eine ausgedehnte Meniskopathie, wie im vorliegenden Fall, mit
Rissbildungen in verschiedenen Anteilen, in der Regel nicht durch eine bestimmte
Bewegung verursacht werden kann. Bei der vorliegenden Gesamtsituation des rechten
Kniegelenks mit einer umfassenden degenerativen Arthrosesituation im lateralen und
medialen Gelenkkompartiment würde die Herauslösung des Meniskusschadens und
dessen Betrachtung als unabhängiger, traumatisch bedingter Gesundheitsschaden
ohne konkreten Grund nicht einleuchten. Zumindest ist eine traumatische Genese nicht
wahrscheinlicher als eine durch Degeneration begünstigte Entwicklung. Die Ausdrücke
"Riss" und "Läsion" können auch nicht ohne Weiteres mit einer Traumarelevanz
verbunden werden (vgl. zu allem Debrunner, a.a.O., S. 123 f., 412, 579 ff., 628, 724 f.,
728 ff, 1056 f.; Pschyrembel, a.a.O., S. 152 f., 1576; Roche Lexikon, a.a.O., S. 134).
In Übereinstimmung mit der Beschwerdegegnerin (act. G 5) vermag die E-Mail
von Dr. H._ vom 5. Februar 2020 (act. G 1.1.3) die kreisärztliche Beurteilung nicht in
Zweifel zu ziehen. Die Formulierung "ich denke" beschreibt lediglich einen möglichen,
nicht überwiegend wahrscheinlichen Sachverhalt (vgl. Erwägung 2.5). Dass sich Dr.
H._ hinsichtlich Ätiologie der Meniskusproblematik nicht sicher ist, wird auch
4.4.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.