Decision ID: d60d1812-c52a-502d-b75c-e8a94d5911db
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 6. März 2015 (Posteingang) bei der IV-Stelle zum Bezug
von Leistungen an (IV-act. 7), nachdem seine damalige Krankentaggeldversicherung
ihn zur Früherfassung angemeldet hatte (siehe IV-act. 1 bis 5).
A.a.
Vom 7. April 2015 bis 3. Juni 2015 befand sich der Versicherte in stationärer
Behandlung in der Klinik Z._, welche in psychiatrischer Hinsicht eine mittelgradige
depressive Episode und einen Verdacht auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörung
diagnostizierte (IV-act. 47-5).
A.b.
Anschliessend begab der Versicherte sich im Psychiatriezentrum Y._ ab 5. Juni
2015 zuerst in ambulante und ab 7. Juli 2015 bis 9. November 2015 in teilstationäre
tagesklinische Behandlung, wobei ihm eine bipolare affektive Störung, gegenwärtig
mittelgradige depressive Episode, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, eine
einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung, ein Tinnitus aurium und ein
beidseitiger Hörverlust durch Schallempfindungsstörung diagnostiziert und ab 5. Juni
2015 eine mehrmonatige 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert wurde (Bericht vom
5. August 2015, act. G4.2/11-3 f.).
A.c.
Mit psychiatrischem Gutachten vom 10. September 2015, in Auftrag gegeben von
der Krankentaggeldversicherung, hielt Dr. med. B._, FMH Psychiatrie und
Psychotherapie Psychosomatik, fest, die Befunderhebung habe sich wegen der
spärlichen, vagen, widersprüchlichen und inkonsistenten Angaben des Versicherten
A.d.
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sowie seiner exzessiven Symptompräsentation schwierig gestaltet. Sie schilderte einen
eindrucksvollen psychopathologischen Befund bei einem exzessiv aggravierenden,
wenn nicht simulierenden Versicherten. Insbesondere wegen der Inkonsistenzen sowie
unklarer und lückenhafter Angaben hätten sich deutliche Hinweise auf
bewusstseinsnahe Simulationstendenzen (und bezüglich Suchtmittelgebrauch
Dissimulationstendenzen) ergeben. Die Symptompräsentation sei so dominant und
eindrucksvoll gewesen, dass eventuell vorhandene bewusstseinsnahe
Symptompräsentationen nicht sicher hätten erschlossen werden können. Bei
insgesamt flacher Affektamplitude seien die Affektäusserungen (Weinen) maskenhaft.
Der Versicherte habe während der gesamten Befunderhebung unauthentisch und
wenig spürbar gewirkt. Sichere Hinweise für eine depressive Stimmungslage hätten
sich trotz seiner exzessiven Jammrigkeit daher nicht gefunden. Der Versicherte sei
nicht durch eine allfällig vorhandene Hörminderung beeinträchtigt gewesen. Eine
sichere Diagnose sei wegen exzessiver Aggravations- und Demonstrationstendenzen
nicht möglich. Es bestehe ein dringender Verdacht auf Simulationsverhalten mit
bewusstseinsnaher unklarer und aggravierender Symptompräsentation. Zu erwägen
wäre eine negative therapeutische Reaktion im Sinne eines Behandlungsartefakts nach
Beginn der psychiatrischen Behandlung vor dem Hintergrund einer bewusstseinsnahen
Symptompräsentation mit Leistungsbegehren und/oder einer hysteriformen
Persönlichkeitsakzentuierung. In keinem Fall würde eine dieser diagnostischen
Erwägungen Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit haben (act. G4.2/13, insbesondere
act. G4.2/13-6 f.). Sollte die Einschätzung eines exzessiven Aggravationsverhaltens mit
Simulation zutreffen, so würde rein medizinisch-theoretisch eine volle Arbeitsfähigkeit
in jeder für den Exploranden geeigneten Tätigkeit vorliegen (act. G4.2/13-8).
Mit Arztbericht vom 5. Oktober 2015 diagnostizierte Dr. C._, Oberarzt,
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Psychiatriezentrum Y._, eine narzisstische
Persönlichkeitsstörung (F60.80) und eine mittelgradige depressive Episode (F32.1)
sowie nicht näher bezeichnete Rückenschmerzen. Der Beschwerdeführer sei in der
bisherigen Tätigkeit 100% arbeitsunfähig und bei weiterer Behandlung voraussichtlich
ab Januar 2016 in einer angepassten Tätigkeit 50% arbeitsfähig (IV-act. 57).
A.e.
Mit Stellungnahme vom 8. Dezember 2015 ging der RAD in Übereinstimmung mit
Dr. B._ von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit spätestens ab Gutachtenszeitpunkt aus
A.f.
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(IV-act. 60). Mit Vorbescheid vom 8. Dezember 2015 stellte die IV-Stelle dem
Versicherten die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht (IV-act. 63).
Im Abschlussbericht über die teilstationäre Behandlung vom 2. Juli bis
9. November 2015 vom 14. Dezember 2015 diagnostizierte Dr. C._ eine mittelgradige
depressive Episode, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, einen Tinnitus aurium
und einen beidseitigen Hörverlust durch Schallempfindungsstörung. Im Verlauf hätten
narzisstische Persönlichkeitsanteile im Sinne einer inadäquat anmutenden
Selbstüberhöhung, Externalisierungsneigung und Tendenz zur bereitwilligen Einnahme
einer Opfer- bzw. Krankenrolle rasch imponiert. Der Versicherte habe die Schwere und
Dysfunktionalität seiner Störung (u.a. selbstinvalidisierende Krankenrolle, narzisstische
Selbstüberhöhung) nur teilweise erkennen können, weshalb eine stationäre
Psychotherapie in der Psychiatrischen Klinik X._ aufgegleist worden sei. Der
Versicherte habe den Eintrittstermin um einen Monat verzögert und plötzlich über
täglichen, teils extensiven Alkoholkonsum sowie eine Freundin gesprochen, die ihm im
November bei Aufräumarbeiten behilflich sein würde. In dieser Situation sei, wie
phasenweise auch schon zuvor, der Eindruck von fehlender Transparenz gegenüber
dem Behandlungsteam entstanden. In den letzten Wochen bis zum geplanten Übertritt
in die Psychiatrische Klinik X._ sei es zu vielen Fehlzeiten gekommen, wobei der
Versicherte sich schliesslich gar nicht mehr in der Tagesklinik gemeldet habe. Der
Versicherte leide unter einer schweren Persönlichkeitsstörung, die sich im
teilstationären Setting nur bedingt habe behandeln lassen, unter anderem aufgrund
fehlender Behandlungskontinuität und teils fehlender Offenheit des Patienten mit
Tendenz zur „doppelten Buchführung“. Der zweifellos grosse Leidensdruck des
Beschwerdeführers mit immer wieder depressiven Einbrüchen habe teils gemildert
werden können (IV-act. 71-6 ff.).
A.g.
Mit Einwand vom 18. Januar 2016 und Ergänzung vom 21. Januar 2016 ersuchte
der Versicherte, vertreten durch Rechtsanwalt J. Jakob, um Rentenzusprache und
reichte weitere medizinische Unterlagen ein. Er teilte insbesondere mit, er sei seit
28. Dezember 2015 für drei Monate in stationärer Behandlung in der Psychiatrischen
Klinik X._ (IV-act. 68 und 71).
A.h.
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Mit Austrittsbericht vom 29. März 2016 über den stationären Aufenthalt vom
28. Dezember 2015 bis 21. März 2016 attestierten die Behandler der Psychiatrischen
Klinik X._ dem Versicherten als Hauptdiagnosen eine narzisstische
Persönlichkeitsstörung sowie einen schädlichen Gebrauch von Alkohol. Zum
Entlassungszeitpunkt wurde der Versicherte als zu 100% arbeitsunfähig über 14 Tage
beurteilt (IV-act. 88). Auf Nachfrage der IV-Stelle ergänzten die Behandler am 4. Mai
2016, bei der Entlassung sei von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit ausgegangen
worden. Die Arbeitsfähigkeit könne aber stufenweise, beginnend bei 40% mit
prognostisch erreichbarer vollständiger Leistungsfähigkeit sowohl für den Bezugsberuf
als auch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt wiederhergestellt werden (IV-act. 93-5).
A.i.
Mit Stellungnahme vom 2. September 2016 hielt der RAD fest, die
versicherungsmedizinische Relevanz der gestellten Diagnosen sei unklar. Es sei
deshalb eine polydisziplinäre Begutachtung in Auftrag zu geben (IV-act. 109). Die
Begutachtung erfolgte durch die ABI Begutachtungsinstitut GmbH (nachfolgend: ABI;
vgl. IV-act. 104, 108 und 113).
A.j.
Mit Gutachten vom 27. März 2017 stellten die ABI-Gutachter folgende Diagnosen
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: Schallempfindungsschwerhörigkeit beidseits
(H90.3), Tinnitus beidseits (H93.1) und Hyperakusis beidseits (H93.2). Als Diagnosen
ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannten sie insbesondere eine leichte
depressive Episode, Störung durch Cannabinoide bei anhaltendem Konsum,
akzentuierte narzisstische Persönlichkeitszüge, ein chronisches panvertebrales
Schmerzsyndrom ohne fassbare radikuläre Symptomatik und anamnestisch Asthma
bronchiale (IV-act. 121-31 f.). Der Beschwerdeführer sei in einer körperlich leichten bis
mittelschweren adaptierten Tätigkeit (keine Tätigkeiten unter gesteigertem
Umgebungsgeräuschpegel oder Tätigkeiten, welche ein gutes Sprachverständnis unter
Störlärm voraussetzten, keine Tätigkeiten in staubiger Umgebung) ab 2014
durchgehend 90% arbeitsfähig (90% Leistungsfähigkeit wegen vermehrter
Ruhepausen zwecks Erholung, vollschichtig realisierbar; IV-act. 121-33 f. und 121-30
f.). Es bestehe eine Diskrepanz zwischen der gutachterlichen Beurteilung und der
Selbsteinschätzung des Versicherten, welcher sich kaum oder nicht mehr arbeitsfähig
fühle. Der abgenommene Medikamentenspiegel für Quetiapin sei im
subtherapeutischen Bereich gelegen, was Hinweis für eine mangelnde Compliance sein
A.k.
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B.
könne (IV-act. 121-33). Die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung könne nicht bestätigt
werden. Der Versicherte sei vor seiner Erkrankung in der Sozialisation recht wenig
auffällig gewesen (IV-act. 121-18). Beruflich wäre eine Reintegration dringend
anzustreben, jedoch aufgrund der ausgeprägten Krankheits- und
Behinderungsüberzeugung nicht erfolgsversprechend (IV-act. 121-34).
Mit Mitteilung vom 29. August 2017 wurden berufliche Massnahmen abgewiesen,
da der Beschwerdeführer sich nicht in der Lage fühlte, an Eingliederungsmassnahmen
mitzuwirken (IV-act. 140).
A.l.
Mit Vorbescheid vom 18. September 2017 stellte die IV-Stelle dem Versicherten
die Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht (IV-act. 143). Dagegen erhob der
Versicherte, nun vertreten durch Rechtsanwalt Florian Weishaupt, am 7. November
2017 Einwand (IV-act. 147). Nach Rückfrage bei den ABI-Gutachtern (vgl. IV-act. 151)
stellte die IV-Stelle dem Versicherten erneut die Abweisung seines Rentenbegehrens in
Aussicht (IV-act. 153).
A.m.
Mit Verfügung vom 26. April 2018 wies die IV-Stelle das Gesuch um Invalidenrente
ab (IV-act. 154).
A.n.
Gegen diese Verfügung erhebt A._ am 30. Mai 2018 Beschwerde. Er beantragt,
ihm sei ab 6. März 2016 eine ganze Rente zuzusprechen. Eventualiter sei ein neutrales
Obergutachten in Auftrag zu geben, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Das
ABI-Gutachten könne den Widerspruch zwischen seiner Beurteilung und den
zahlreichen kohärenten Arztberichten, welche den Beschwerdeführer als 100%
arbeitsunfähig wegen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung beurteilten, nicht
erklären. Die Gutachter hätten keine umfassende Familienanamnese erhoben, womit
das Gutachten in dieser Hinsicht mangelhaft sei. Stattdessen stütze das Gutachten
sich vorbehaltlos auf die Exotenmeinung von Dr. B._, welche lediglich einen Verdacht
geäussert habe. Wann ein Verhalten nur verdeutlichend und wann die Grenze zur
Aggravation überschritten sei, bedürfe einer einzelfallbezogenen, sorgfältigen Prüfung.
Der Beschwerdeführer habe sich nicht von sich aus bei der Beschwerdegegnerin
angemeldet. Eine bewusste Verdeutlichungsabsicht sei daher nicht anzunehmen. Es
B.a.
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bestünden keine Anhaltspunkte für eine Aggravation. Der Beschwerdeführer sei von
den Ärzten, welche ihn über längere Zeit behandelt hätten, zu 100% arbeitsunfähig
geschrieben worden, wobei diese keine Diskrepanzen zwischen subjektiver
Beschwerdeschilderung und objektivierbaren Befunden dokumentiert hätten. Eine
Vielzahl von Hinweisen, welche von den ABI-Gutachtern völlig ignoriert worden seien,
würden darauf hindeuten, dass der Beschwerdeführer bereits seit der Kindheit an
verschiedenen schweren Persönlichkeitsstörungen gelitten habe. Die Überforderung,
als Erwachsener funktionieren zu müssen, zeige sich beim Beschwerdeführer sehr
deutlich. Als eindrückliches Beispiel sei das Gespräch des
Eingliederungsverantwortlichen mit ihm und seiner damaligen Arbeitgeberin zu nennen,
in welchem der Beschwerdeführer aus Sicht des Eingliederungsverantwortlichen mit
seinen unhaltbaren Behauptungen und selbstüberschätzenden Äusserungen
Irritationen bei der Arbeitgeberin ausgelöst habe. Der Beschwerdeführer sei immer
fleissig und arbeitsam gewesen. Er habe sich vollkommen auf den beruflichen Erfolg
konzentriert, bis es irgendwann einfach nicht mehr gegangen sei. Zusammenfassend
sei das ABI-Gutachten weder umfassend (fehlende Familienanamnese) noch in der
Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtend (krasser, unzureichend
begründeter Widerspruch zur Beurteilung der Behandler). Der Beschwerdeführer habe
deshalb Anspruch auf eine ganze Invalidenrente (act. G1).
Mit Beschwerdeantwort vom 18. Juli 2018 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Im Gegensatz zu behandelnden Ärzten klammere das ABI
Leiden ohne Krankheitswert bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung konsequent aus. Die
Berichte der Behandler seien genügend gewürdigt worden. Im Weiteren sei der
Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen, dass behandelnde Ärzte aufgrund ihrer
auftragsrechtlichen Stellung überwiegend zugunsten ihrer Patienten aussagen würden.
Im ABI-Gutachten werde dargelegt, dass die Sozialisation des Beschwerdeführers
recht wenig auffällig gewesen sei, bis zu dessen Eintritt in die psychiatrische Klinik
Z._ keine psychischen Erkrankungen oder Behandlungen bekannt gewesen seien
und sich die Berufsbiographie nicht auffällig gezeigt habe. Dass die
Persönlichkeitsstörung im späten Kindesalter oder in der Adoleszenz begonnen habe,
sei demnach nicht nachgewiesen. Vor diesem Hintergrund sei die Diagnose einer
Persönlichkeitsstörung zu Recht verneint worden. Ob eine Fremdanamnese nötig sei,
B.b.
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Erwägungen
1.
sei in erster Linie eine medizinische Ermessensfrage. Auch aus den Qualitätsleitlinien
der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie für
versicherungspsychiatrische Gutachten ergebe sich nichts Anderes. Somit mindere das
Nichteinholen einer Fremdanamnese den Beweiswert des ABI Gutachtens nicht
(act. G4).
Mit Replik vom 6. September 2018 betont der Beschwerdeführer, es würden
eindeutig Hinweise bestehen, dass er bereits früher an verschiedenen, schweren
Persönlichkeitsstörungen gelitten habe. Die Behauptung des psychiatrischen
Teilgutachters, wonach der Beschwerdeführer vor seiner Erkrankung wenig auffällig
gewesen sei, sei falsch. Er habe an einer zerrütteten Kindheit gelitten und sei
fremdplatziert worden. Eine Fremdanamnese in Form einer Befragung der Pflegemutter
dränge sich unter diesen Umständen geradezu auf (act. G6).
B.c.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G8).B.d.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) versicherte Personen, die ihre
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern
können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40% invalid sind. Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich
die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist
(Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.1.
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Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente. Der Rentenanspruch entsteht frühestens nach
Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung (vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG).
1.2.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswertes eines
Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob
die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a mit
Hinweisen).
1.3.
Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten, den
Anforderungen der Rechtsprechung genügenden Gutachten externer Spezialärzte
(sogenannte Administrativgutachten) darf voller Beweiswert zuerkannt werden, solange
nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (Urteil des
Bundesgerichts vom 20. August 2018, 9C_86/2018, E. 5.1, mit Hinweisen). Gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung entspricht es einer Erfahrungstatsache, dass
behandelnde Ärztinnen und Ärzte mit Blick auf ihre auftragsrechtliche
Vertrauensstellung im Zweifel eher zugunsten ihrer Patienten aussagen und ihre
Berichte deshalb zurückhaltend zu werten sind (vgl. hierzu etwa BGE 125 V 351 E. 3b/
cc oder BGE 135 V 465 E. 4.5). Dabei handelt es sich um eine Richtlinie, die als solche
mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG) vereinbar ist. Die
unterschiedliche Natur von Behandlungsauftrag des therapeutisch tätigen
(Fach-)Arztes einerseits und Begutachtungsauftrag des amtlich bestellten
fachmedizinischen Experten anderseits lässt nicht zu, ein Administrativ- oder
Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu
nehmen, wenn die behandelnden Ärzte zu anderslautenden Einschätzungen gelangen.
Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil
die behandelnden Ärzte wichtige – und nicht rein subjektiver ärztlicher Interpretation
1.4.
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2.
entspringende – Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder
ungewürdigt geblieben sind (Entscheid des Bundesgerichts vom 27. Mai 2008,
9C_24/2008, E. 2.3.2 mit Hinweisen). Zudem ist auch dem Umstand, dass die ärztliche
Beurteilung von der Natur der Sache her unausweichlich Ermessenszüge trägt,
Rechnung zu tragen (Entscheid des Bundesgerichts vom 23. Januar 2019,
9C_804/2018, E. 2.2 mit Hinweisen).
Im Sozialversicherungsrecht gelten der Untersuchungsgrundsatz und der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 157 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebenden Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a). Im Sozialversicherungsrecht hat
das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht,
nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V
353 E. 5b; BGE 125 V 193 E. 2, je mit Hinweisen).
1.5.
Der Beschwerdeführer macht geltend, das ABI-Gutachten sei mangelhaft. Auf die
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch die ABI-Gutachter könne nicht abgestellt
werden. Stattdessen sei von einer vollen Arbeitsunfähigkeit auszugehen oder ein
neutrales Obergutachten in Auftrag zu geben. Es ist deshalb zu prüfen, ob das ABI-
Gutachten die rechtlichen Anforderungen erfüllt und eine rechtsgenügliche Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers zulässt.
2.1.
Das ABI-Gutachten stützt sich unstreitig auf die vollständigen Vorakten sowie auf
persönlichen Untersuchungen durch die Gutachter der Fachdisziplinen Allgemeine
Innere Medizin, orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates,
Oto-Rhino-Laryngologie und Psychiatrie und Psychotherapie. Eine Notwendigkeit für
den Beizug weiterer Fachgebiete ergibt sich aus den Akten nicht und wurde auch von
den Gutachtern nicht als erforderlich erachtet. Die Gutachter setzten sich mit den
Angaben des Beschwerdeführers sodann auseinander, indem sie seine Ausführungen
zusammengefasst wiedergaben und anhand ihrer Untersuchungsbefunde sowie der
Vorakten in ihre Beurteilung einfliessen liessen. Somit erfüllt das Gutachten die
2.2.
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Anforderungen, die geklagten Beschwerden berücksichtigt zu haben und in Kenntnis
der Vorakten erfolgt zu sein. Zu prüfen bleibt, ob das Gutachten auf allseitigen
Untersuchungen beruht, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und
der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
genügend begründet sind.
Der Beschwerdeführer rügt, das ABI-Gutachten erkläre nicht ansatzweise den
Widerspruch in der Beurteilung gegenüber früheren Arztberichten, namentlich der
Kliniken Z._, Y._ und X._ sowie der Arztpraxis W._.
2.3.
Der Beschwerdeführer trat im Jahr 2015 zur Behandlung seines Tinnitus in die
Klinik Z._ ein (vgl. auch IV-act. 88-4, wo der Beschwerdeführer selbst angab, er sei in
der Klinik Z._ auf der Tinnitusstation behandelt worden). Demensprechend legte die
Klinik Z._ den Fokus sowohl ihrer Abklärungen als auch ihrer Behandlung auf diese
Erkrankung. Eine allfällige depressive Erkrankung war lediglich von untergeordneter
Bedeutung. Auffällig ist, dass die depressive Symptomatik bei Eintritt klinisch
unauffällig war und bei Austritt als leicht eingestuft wurde, obwohl sich die Stimmung
des Beschwerdeführers aufgehellt hatte (IV-act. 47-4 f.). Die seitens der Klinik Z._
gestellte Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode ist deshalb nicht
nachvollziehbar. Die Klinik Z._ stellte sodann bloss eine Verdachtsdiagnose auf eine
narzisstische Persönlichkeitsstörung. Aufgrund der relativ kurzen Behandlungsdauer
und des Behandlungsschwerpunktes, welcher auf den Tinnitus gelegt wurde, wäre
etwas anderes auch nicht überzeugend. Die blosse Verdachtsdiagnose einer
narzisstischen Persönlichkeitsstörung weckt somit keine Zweifel am Ergebnis des ABI-
Gutachtens.
2.3.1.
Der Beschwerdeführer verweist auf den Arztbericht vom 5. Oktober 2015, mit
dem Dr. C._ vom Psychiatriezentrum Y._ ihm eine narzisstische
Persönlichkeitsstörung attestierte. Dr. C._ war damit der erste Facharzt, der diese
Störung nicht bloss als Verdachtsdiagnose stellte. Er prognostizierte jedoch gleichzeitig
eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit und sah den Beschwerdeführer ab Januar 2016 als
zu 50% arbeitsfähig (IV-act. 57). Zudem hielt Dr. C._ in seinem Abschlussbericht vom
14. Dezember 2015 fest, das Auftreten des Beschwerdeführers habe nach aussen auch
klar theatralische und nicht ganz stimmig wirkende Elemente gehabt. Phasenweise sei
der Eindruck von fehlender Transparenz gegenüber dem Behandlungsteam
entstanden. Der Beschwerdeführer habe eine Tendenz zur „doppelten
Buchführung“ (IV-act. 71-6 ff.). Gegenüber Dr. B._ äusserte Dr. C._, der
Beschwerdeführer verhalte sich manipulativ. Unoffenheit und Kalkül würden mit
2.3.2.
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hineinspielen. Dr. C._ sei nicht sicher, ob er den Beschwerdeführer in die
Psychiatrische Klinik X._ zuweisen solle (vgl. act. G4.2/13-4). Dr. C._ sprach
teilweise lediglich von narzisstischen Persönlichkeitsanteilen (IV-act. 57) statt von einer
Persönlichkeitsstörung. Zwar gelangte er zum Schluss, es liege eine narzisstische
Persönlichkeitsstörung vor. Aus seinen Berichten und den Angaben gegenüber
Dr. B._ gehen jedoch gerade auch das manipulative und das dramatisierende
Verhalten des Beschwerdeführers hervor, welche zwar zum Krankheitsbild einer
narzisstischen Persönlichkeitsstörung gehören können, aber auch zu Unsicherheiten in
der medizinischen Einschätzung beitrugen, sodass Dr. C._ zeitweise sogar unsicher
war, ob er den Beschwerdeführer an die Psychiatrische Klinik X._ zuweisen solle.
In diesem Zusammenhang ist mit dem RAD festzuhalten, dass die Behandler ihre
Einschätzung als Therapeuten auf das bio-psycho-soziale Modell abstützen,
wohingegen die Gutachter aus versicherungsmedizinischer Sicht keine
krankheitsfremden Faktoren berücksichtigen dürfen. Zudem ist der Übergang von einer
blossen Persönlichkeitsakzentuierung zu einer Persönlichkeitsstörung fliessend. Die
Einstufung als das eine oder das andere beinhaltet deshalb bis zu einem gewissen
Grad ärztliches Ermessen. Selbst bei Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung ist nicht
per se eine Arbeitsunfähigkeit gegeben. Invalidenversicherungsrechtlich kommt es
grundsätzlich nicht auf die Diagnose an, sondern darauf, welche Auswirkungen eine
Erkrankung auf die Arbeitsfähigkeit hat (vgl. IV-act. 149-2 f.; zum vorrangigen
Beweiswert von Administrativgutachten E. 1.4 vorstehend; zur Relevanz einer Diagnose
für die Arbeitsfähigkeit Urteil des Bundesgerichts vom 28. Juni 2018, 9C_273/2018,
E. 4.2 mit Hinweisen).
2.3.3.
Vorliegend ging auch Dr. C._ von einer Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers
(vorderhand im Umfang von 50%) aus. Die im Psychiatriezentrum Y._ ebenfalls
gestellte Diagnose einer bipolaren affektiven Störung wurde von den späteren
Behandlern nicht bestätigt. Die ärztliche Einschätzung Dr. C._s, wonach eine
Persönlichkeitsstörung vorliegt, vermag nach dem Gesagten keine erheblichen Zweifel
an jener des ABI-Gutachtens, in welchem lediglich von akzentuierten narzisstischen
Persönlichkeitszügen ausgegangen wird, zu wecken.
2.3.4.
Der Beschwerdeführer beruft sich sodann auf die Berichte der Psychiatrischen
Klinik X._. Er lässt dabei unerwähnt, dass die Behandler der Psychiatrischen Klinik
X._ ihm nach einer kurzen Vorlaufphase von 14 Tagen eine Arbeitsfähigkeit von
vorderhand 40%, rasch steigerbar auf eine volle Leistungsfähigkeit, sowohl in der
angestammten Tätigkeit als auch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt attestierten (IV-
2.3.5.
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act. 88 und 93-5). Wiederum ist zu berücksichtigen, dass die Berichte der
Psychiatrischen Klinik X._ von Behandlern ausgestellt wurden, welche sich im Zweifel
erfahrungsgemäss eher zugunsten ihrer Patienten äussern und den therapeutischen
Blickwinkel vertreten (E. 1.4 vorstehend). Die unterschiedliche Einschätzung der
gezeigten Symptomatik als Persönlichkeitsstörung im Gegensatz zur blossen Diagnose
einer Persönlichkeitsakzentuierung zerstört damit den Beweiswert des ABI-Gutachtens
nicht.
Der Beschwerdeführer nimmt sodann Bezug auf die Arztberichte der
behandelnden Arztpraxis W._. Dort befindet der Beschwerdeführer sich seit dem
6. April 2016 in Behandlung. Im Arztbericht vom 20. Juli 2016 antwortete med. prakt.
W._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, auf die Frage, in welchem Umfang eine
angepasste Tätigkeit dem Beschwerdeführer möglich sei: "Ich kann es noch nicht
beurteilen. Zurzeit steht die medizinische Behandlung im Vordergrund." (IV-act. 99-4).
Daraus wie auch aus den übrigen Angaben dieses Berichtes ergibt sich, dass zu jenem
Zeitpunkt eine Arbeitsfähigkeit aus therapeutischen Gründen verneint wurde. Aspekte,
welche im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben wären,
ergeben sich hingegen nicht, sodass sich eine Abweichung vom ABI-Gutachten
gestützt darauf nicht rechtfertigt. Hinzu kommt, dass die von med. prakt. W._
delegierte Psychotherapeutin lic. phil. / M SC UZH D._ im Zusammenhang mit den
ursprünglich geplanten beruflichen Massnahmen mit E-Mail vom 13. Juni 2017
mitteilte, der Beschwerdeführer sehe sich in der Lage, mit wenigen Stunden pro Tag zu
starten (IV-act. 129). Dies ergibt nur Sinn, wenn auch die Behandler davon ausgingen,
dass beim Beschwerdeführer innert absehbarer Zeit zumindest eine teilweise
Arbeitsfähigkeit vorliege. Andernfalls hätten sie interveniert und dargelegt, weshalb
berufliche Massnahmen ihres Erachtens nicht möglich seien. Dass med. prakt. W._
kurze Zeit später eine vorläufig volle Arbeitsunfähigkeit attestierte (IV-act. 99-8) ist in
dem Kontext zu sehen, dass der Beschwerdeführer sich selbst seit 2015 stets mit
grossem Nachdruck als weitgehend bzw. vollständig arbeitsunfähig bezeichnete (vgl.
beispielhaft IV-act. 71-7, wo von einer "selbstinvalidiserenden Krankheitsrolle" die
Rede ist).
2.3.6.
Zusammenfassend ist die Diskrepanz zwischen dem ABI-Gutachten und den
Berichten der Behandler nicht so gross, wie der Beschwerdeführer geltend macht. Die
Einschätzung der Gutachter ist nachvollziehbar und aus den im Recht liegenden
Berichten der Behandler drängt sich keine abweichende Beurteilung auf.
2.3.7.
Der Beschwerdeführer bringt vor, das ABI-Gutachten sei mangelhaft, weil keine
Fremdanamnese, namentlich keine Befragung seiner Pflegemutter und kein Beizug von
2.4.
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Akten der Kindesschutzbehörde stattgefunden habe. Die Argumentation des ABI-
Gutachtens, wonach die Sozialisation wenig auffällig gewesen sei, sei falsch.
Dem ist entgegenzuhalten, dass aus den Berichten der Behandler ebenfalls keine
Fremdanamnese ersichtlich ist, auf welche die ABI-Gutachter hätten eingehen müssen.
Auch hat der Beschwerdeführer anlässlich der Begutachtung nicht von sich aus
umfassendere Angaben zu seiner Kindheit und Jugend sowie der Zeit bei Pflegeeltern
gemacht – wozu er ohne weiteres Gelegenheit gehabt hätte. Der Beschwerdeführer hat
aber einen Lebenslauf mitgebracht (IV-act. 121-17), woraus zu folgern ist, dass er
durchaus in der Lage gewesen wäre, relevante Fakten aus der Kindheit vorzubringen,
zu substantiieren und zu belegen. Zudem ergibt sich aus den Akten und ist unstreitig,
dass der Beschwerdeführer sich erstmals 2015 – und damit im Alter von _ Jahren – in
psychiatrische Behandlung begeben hat (IV-act. 88-2; vgl. auch IV-act. 43-2). Da der
Beschwerdeführer zuvor nie psychiatrische Behandlung in Anspruch genommen hat,
bestand auch kein Grund für eine vertiefte Anamnese oder Fremdanamnese zu seiner
Kindheit und Jugend.
2.4.1.
Der Beschwerdeführer hat die obligatorische Schulzeit auf Sekundarschulniveau
abgeschlossen und im Jahr 2002 ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis als
Detailhandelsangestellter erworben (IV-act. 9-2). Danach war er bis _ bei der V._
angestellt und machte verschiedene Weiterbildungen im Verkauf und der
Lehrlingsausbildung. Ab _ arbeitete er als Kundenberater bei der T._, wobei er _
ein Zertifikat als Versicherungsvermittler VBV des Berufsbildungsverbands der
Versicherungswirtschaft erlangte (IV-act. 4-2 f., 6 und 9-1; vgl. auch IV-act. 121-16). Da
er vor seiner Krankschreibung ab 4. August 2014 in einer Festanstellung zu 100%
berufstätig war, kann die Arbeitsunfähigkeit frühestens dann eingetreten sein. Dabei ist
zu beachten, dass der Beschwerdeführer ursprünglich im Jahr 2014 und zu Beginn des
Jahres 2015 nicht wegen einer psychischen Beeinträchtigung, sondern wegen einer
protrahierten Rhinosinusitis teilweise vollständig, teilweise zu 50% arbeitsunfähig
geschrieben worden ist (vgl. etwa act. G4.2/1-6). Erstmals aus psychischen Gründen
krankgeschrieben wurde der Beschwerdeführer im Jahr 2015. Die Aussage der ABI-
Gutachter, wonach die Sozialisation wenig auffällig gewesen sei, ist demnach nicht zu
beanstanden.
2.4.2.
Zwar ist dem Beschwerdeführer zuzustimmen, wenn er vorbringt, dass er
mehrere Jahre gearbeitet habe, lasse nicht ohne Weiteres den Schluss zu, dass keine
psychische Störung vorbestanden habe. Offenkundig war der Beschwerdeführer aber
während mehr als 15 Jahren (Lehrzeit eingeschlossen) in der Lage, berufstätig zu sein,
2.4.3.
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sodass jedenfalls keine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit vorlag.
Persönlichkeitsstörungen manifestieren sich sowohl nach der Definition von ICD-10 als
auch DSM-5 in der Regel in der Kindheit und Jugend. Vorliegend traten die
narzisstischen Persönlichkeitszüge des Beschwerdeführers jedoch erst in seinem
33. Lebensjahr im Zusammenhang mit seiner Arbeitsfähigkeit medizinisch in
Erscheinung, sodass auch aus diesem Grund nicht zu beanstanden ist, dass das ABI-
Gutachten eine blosse Persönlichkeitsakzentuierung diagnostizierte. Dass der
Beschwerdeführer, wie er vorbringt, nur dadurch erwerbstätig sein konnte, weil er sich
vollkommen auf den beruflichen Erfolg konzentrierte, ist angesichts der Tatsache, dass
er über 15 Jahre lang berufstätig war, nicht überwiegend wahrscheinlich. Seine
Behauptung, es würden sich eine Vielzahl von Hinweisen darauf finden, dass er bereits
früher an verschiedenen, schweren Persönlichkeitsstörungen gelitten habe, findet in
den Akten keine Stütze. Insbesondere werden in dem von ihm in diesem
Zusammenhang angeführten Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik X._ (IV-
act. 88) lediglich seine eigenen Angaben gegenüber den Behandlern wiedergegeben.
Angesichts der Tatsache, dass der Beschwerdeführer auch gegenüber seinen
Behandlern teilweise wenig transparent war und sich widersprüchlich verhielt oder
äusserte (vgl. etwa IV-act. 71-6 ff.), erwecken diese Angaben keinen Zweifel an der
ABI-Begutachtung. Die von ihm besonders betonte Behauptung, er sei
beziehungsgestört (was für sich genommen ohnehin keine Arbeitsunfähigkeit
begründet), wird weder von den ABI-Gutachtern noch den Behandlern in dieser Form
bestätigt.
Der Beschwerdeführer macht sodann geltend, ihm werde zu Unrecht Aggravation
bzw. Simulation unterstellt. Dr. B._ habe diesbezüglich lediglich einen Verdacht
geäussert. Der psychiatrische ABI-Gutachter hielt jedoch lediglich fest, die bereits von
Dr. B._ beobachtete nach aussen gerichtete Beschwerdedarstellung habe sich auch
in seiner Untersuchung gezeigt. Der Beschwerdeführer habe dabei wenig Rücksicht auf
den Untersucher genommen und sich in seiner Selbstdarstellung schliesslich selber
erschöpft, was im Rahmen von narzisstischen Persönlichkeitszügen mit wenig
Einfühlungsvermögen und deutlicher Überzeugtheit von sich selber gesehen werden
könne. Eine Simulation könne letztlich nur durch eine Beobachtung im wirklichen
Leben festgestellt werden (IV-act. 121-19). Der psychiatrische ABI-Gutachter attestierte
mithin weder Aggravation noch Simulation, sondern stellte lediglich eine nach aussen
gerichtete Beschwerdedarstellung fest (siehe auch IV-act. 121-20). Folglich hat er nicht
etwa wegen einer (vermuteten) Aggravation oder Simulation das Vorliegen einer
Persönlichkeitsstörung verneint. Somit kommt die Rechtsprechung zu dieser Thematik
im vorliegenden Fall nicht zur Anwendung.
2.5.
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