Decision ID: af93ba0f-e599-5bd2-9381-1800cfaeff6f
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit dem Schreiben vom 11. September 2017 ersuchte die Bundesstelle
Vollstreckung Zoll beim Hauptzollamt Hannover, Deutschland (nachfol-
gend: BVZ), bei der Eidgenössischen Zollverwaltung, Oberzolldirektion
(nachfolgend: OZD), um Einziehung der vollstreckbar gewordenen Forde-
rungen der deutschen Behörden gegenüber A._ (nachfolgend:
Schuldner) in der Höhe von CHF 343'094.99. Dem Ersuchen lagen zwei
«Rückstandsanzeigen» vom 5. September 2017 als Vollstreckungstitel so-
wie eine Kopie der «Tabaksteuerbescheide» vom 24. August 2011 bei.
B.
Mit dem Schreiben vom 19. Oktober 2017 hat die OZD dem Schuldner eine
Kopie des Ersuchens vom 11. September 2017 und der Rückstandsanzei-
gen vom 5. September 2017 als Vollstreckungstitel sowie der Tabaksteu-
erbescheide vom 24. August 2011 zugestellt.
C.
Mit dem Schreiben vom 24. November 2017 nahm der Schuldner zum Er-
suchen Stellung.
D.
Mit dem Schreiben der OZD vom 7. Dezember 2017 wurde der BVZ das
Ersuchen zur allfälligen Korrektur bezüglich des Deliktszeitraums sowie zur
Anpassung der Forderung in Bezug auf den Anwendungsbereich des Ab-
kommens vom 26. Oktober 2004 über die Zusammenarbeit zwischen der
Schweizerischen Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Ge-
meinschaft und ihren Mitgliedstaaten andererseits zur Bekämpfung von
Betrug und sonstigen rechtswidrigen Handlungen, die ihre finanziellen In-
teressen beeinträchtigen (Betrugsbekämpfungsabkommen, [BBA,
SR 0.351.926.81]), zurückgewiesen, da ein Teil der Delikte vor den Anwen-
dungszeitraum des BBA gefallen sei.
E.
Mit dem Schreiben vom 21. August 2018 bat die OZD die BVZ um Mittei-
lung des Sachstandes.
F.
Mit dem Schreiben vom 5. Dezember 2018 ersuchte die BVZ um Einzie-
hung der im Deliktszeitraum und Betrag angepassten, vollstreckbar gewor-
denen Forderungen der deutschen Behörden gegenüber dem Schuldner
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in der Höhe von CHF 342'696.26 und anschliessender Übermittlung des
Betrages an die ersuchende Behörde. Dem Ersuchen liegen die Rück-
standsanzeigen vom 5. September 2017 sowie vom 28. November 2018
als Vollstreckungstitel bei.
G.
Mit dem Schreiben vom 17. Januar 2019 wurden dem Schuldner eine Ko-
pie des Ersuchens vom 5. Dezember 2018, der beiden Rückstandsanzei-
gen vom 5. September 2017 und vom 28. November 2018 als Vollstre-
ckungstitel, sowie der Tabaksteuerbescheide vom 24. August 2011 zuge-
stellt.
H.
Mit Stellungnahme vom 18. Februar 2019 machte der Schuldner verschie-
dene Einwände geltend, welche der BVZ mit dem Schreiben vom 6. März
2019 weitergeleitet wurden.
I.
Mit dem Schreiben vom 4. April 2019 der BVZ und mit dem Schreiben der
OZD vom 26. April 2019 wurden der Anwendungszeitraum des BBA und
die Berechnung der streitgegenständlichen Forderung dem Schuldner dar-
gelegt.
J.
Mit der Schlussverfügung vom 3. Mai 2019 entsprach die OZD dem Ersu-
chen der BVZ.
K.
Gegen diese Schlussverfügung erhob der Schuldner (nachfolgend: Be-
schwerdeführer) am 7. Juni 2019 Beschwerde an das Bundesverwaltungs-
gericht und beantragt, die Verfügung vom 3. Mai 2019 sei aufzuheben,
eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die OZD zurückzuweisen,
unter entsprechender Kostenfolge.
L.
Mit der Vernehmlassung vom 31. Juli 2019 verlangt die OZD (nachfolgend:
Vorinstanz), die Beschwerde sei abzuweisen und die Verfahrenskosten
seien dem Beschwerdeführer aufzuerlegen.
M.
Mit der Stellungnahme vom 11. November 2019 führte der Beschwerde-
führer einige Argumente weiter aus.
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Seite 4
N.
Mit der Stellungnahme vom 10. Dezember 2019 führte die Vorinstanz ei-
nige Argumente weiter aus.
Auf die einzelnen Ausführungen der Parteien sowie die eingereichten
Unterlagen wird – soweit entscheidwesentlich – im Rahmen der nachfol-
genden Erwägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Beurteilung von Beschwerden ge-
gen Schlussverfügungen der OZD betreffend Einziehung von Forderungen
gestützt auf Art. 24 BBA zuständig (Art. 31 und 33 Bst. d des Bundesge-
setzes über das Bundesverwaltungsgericht vom 17. Juni 2005 [VGG,
SR 173.32] i.V.m. Art. 115i Abs. 3 des Zollgesetzes vom 18. März 2005
[ZG, SR 631.0]; vgl. Urteile des BVGer A-7596/2016 vom 23. Februar 2018
E. 1, A-1531/2015 vom 26. Juni 2015 E. 1.4 ff., A-1735/2011 vom 21. De-
zember 2011 E. 1.1). Das Verfahren richtet sich nach den Vorschriften des
Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren vom 20. Dezember 1968
(VwVG, SR 172.021), soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
Der Beschwerdeführer ist zur Erhebung der vorliegenden Beschwerde be-
rechtigt (Art. 115i Abs. 3 ZG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 VwVG), hat diese frist-
und formgerecht eingereicht (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG) und
den verlangten Kostenvorschuss rechtzeitig geleistet (vgl. Art. 21 Abs. 3
VwVG).
Auf die vorliegende Beschwerde ist demnach einzutreten.
2.
2.1 Grundlage der hier angefochtenen Schlussverfügung vom 3. Mai 2019
der OZD bildet das amtshilfeweise Einziehungsersuchen der BVZ vom
11. September 2017 bzw. 5. Dezember 2018, welches sich auf Art. 24 BBA
stützt.
2.2 Die Schweiz als ersuchte Vertragspartei und Deutschland als ersu-
chende Vertragspartei haben das BBA am 23. Oktober 2008 bzw. 29. Sep-
tember 2008 ratifiziert und am 8. Januar bzw. 9. Januar 2009 die gegen-
seitige Anwendbarkeit nach Art. 44 Ziff. 3 BBA notifiziert. Folglich findet das
BBA zwischen diesen beiden Staaten seit dem 9. April 2009 Anwendung
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(vgl. Art. 44 Ziff. 3 Satz 2 BBA; Urteil des BVGer A-6205/2018 vom
23. September 2019 E. 2.2.1).
2.3 Beim BBA handelt es sich um einen völkerrechtlichen Vertrag im Sinn
von Art. 2 Abs. 1 Bst. a des Wiener Übereinkommens vom 23. Mai 1969
über das Recht der Verträge (VRK, SR 0.111; in Kraft getreten für die
Schweiz am 6. Juni 1990), welcher vorliegend direkt zur Anwendung
gelangt (ohne Transformation ins Landesrecht; Urteile des BVGer
A-6205/2018 vom 23. September 2019 E. 2.2.2, A-1531/2015 vom 26. Juni
2015 E. 1.3).
2.4 Die Behörden der Vertragsparteien wenden die Bestimmungen der
Amtshilfe im Rahmen der Zuständigkeiten an, die ihnen auf der Grundlage
ihres internen Rechts übertragen worden sind (vgl. betr. Zuständigkeiten
Art. 9 BBA). Jede Vertragspartei benennt die zentrale Dienststelle, welche
für die Bearbeitung der Amtshilfeersuchen zuständig ist (vgl. Art. 11 BBA;
siehe hierzu das Urteil des BVGer A-1531/2015 vom 26. Juni 2015
E. 3.1.2.2; ANNA SKVARC, Bekämpfung von strafbaren Verhaltensweisen
nach dem Betrugsbekämpfungsabkommen zwischen der Schweiz und der
EU, 2010, S. 178 ff.).
2.5 Der räumliche Geltungsbereich des BBA umfasst für das Gebiet der
Schweizerischen Eidgenossenschaft und die Gebiete, in denen der Vertrag
zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft angewandt wird (Art. 43
BBA).
2.6 Der zeitliche Geltungsbereich des BBA ist in Art. 46 BBA geregelt.
Danach gilt das BBA nur für Ersuchen, die Straftaten betreffen, die
mindestens sechs Monate nach der am 26. Oktober 2004 erfolgten
Unterzeichnung des BBA, d.h. ab dem 26. April 2005, begangen wurden
(vgl. Urteil des BVGer A-1531/2015 vom 26. Juni 2015 E. 3.1.7; SKVARC,
a.a.O., S. 15).
2.7 Der sachliche Anwendungsbereich des BBA umfasst nach Art. 2 Ziff. 1
Bst. b BBA die Beschlagnahme und Einziehung geschuldeter oder zu Un-
recht vereinnahmter Beträge, die sich aus den in Art. 2 Ziff. 1 Bst. a BBA
genannten rechtswidrigen Handlungen ergeben. Als rechtswidrige Hand-
lungen gelten nach Art. 2 Ziff. 1 Bst. a BBA die verwaltungs- und strafrecht-
liche Verhinderung, Aufdeckung, Untersuchung, Verfolgung und Ahndung
von Betrug und sonstigen rechtswidrigen Handlungen, welche die finanzi-
ellen Interessen der Vertragsparteien beeinträchtigen, unter anderem in
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Bezug auf den Waren- und Dienstleistungsverkehr, der gegen steuerrecht-
liche Vorschriften auf dem Gebiet der Mehrwertsteuer, der besonderen Ver-
brauchssteuern und der Verbrauchssteuern verstösst (Art. 2 Ziff. 1 Bst. a
Lemma 2 BBA worunter auch die Tabaksteuer fällt; Botschaft vom 1. Okto-
ber 2004 zur Genehmigung der bilateralen Abkommen zwischen der
Schweiz und der Europäischen Union, einschliesslich der Erlasse zur Um-
setzung der Abkommen, Bilaterale II, Bundesblatt [BBl] 2004 5965 ff.,
6002; vgl. auch Urteile des BVGer A-6205/2018 vom 23. September 2019
E. 2.3.1, A-1735/2011 vom 21. Dezember 2011 E. 1.1.2). Der Begriff «Be-
trug und sonstige rechtswidrige Handlungen» gemäss BBA wird weit aus-
gelegt und umfasst grundsätzlich die Gefährdung bzw. Schädigung öffent-
licher Haushalte durch fiskalisch oder strafrechtliche Handlungen (vgl. Ur-
teil des BVGer A-6205/2018 vom 23. September 2019 E. 2.3.1; betreffend
eine Umsatzsteuerhinterziehung: Urteil des BVGer A-7596/2016 vom
23. Februar 2018 E. 2.3.1 und E. 3.1.1, teilweise publiziert in BVGE 2018
III/1; SKVARC, a.a.O., S. 31 ff., insb. S. 56 ff. und S. 83 ff. mit weiteren Lite-
raturhinweisen; HERMAN KÄSTLI, Betrugsbekämpfung im Rahmen der bila-
teralen Abkommen II mit der EU, in: ASA 74 S. 177–199, insb. S. 182 f.).
Die direkten Steuern sind vom Anwendungsbereich des BBA ausgeschlos-
sen (Art. 2 Ziff. 4 BBA).
2.8 Gemäss Art. 4 BBA kann die ersuchte Vertragspartei die Zusammenar-
beit ablehnen, wenn die Erledigung des Ersuchens nach Auffassung der
ersuchten Vertragspartei geeignet ist, die Souveränität, die Sicherheit, die
öffentliche Ordnung oder andere wesentliche Interessen der ersuchten
Vertragspartei zu beeinträchtigen.
2.9 Art. 10 BBA sieht sodann unter dem Titel "Verhältnismässigkeit" vor,
dass die ersuchte Behörde ein Amtshilfeersuchen ablehnen darf, wenn der
Verhältnismässigkeitsgrundsatz verletzt wird (vgl. Urteile des BVGer
A-1531/2015 vom 26. Juni 2015 E. 3.1.5, A-1735/2011 vom 21. Dezember
2011 E. 3.1; SKVARC, a.a.O., S. 180). Namentlich hält Art. 10 Bst. b BBA
fest, dass die Behörde der ersuchten Vertragspartei ein Ersuchen um Zu-
sammenarbeit ablehnen kann, wenn sich eindeutig ergibt, dass die Be-
hörde der ersuchenden Vertragspartei die üblichen Informationsquellen
nicht ausgeschöpft hat, die sie unter den gegebenen Umständen zur Er-
langung der erbetenen Informationen hätte nutzen können, ohne die Errei-
chung des angestrebten Ergebnisses zu gefährden.
Art. 4 und 10 BBA stellen sog. "Kann-Bestimmungen" dar. Die ersuchte
Vertragspartei verfügt im Anwendungsbereich dieser Bestimmungen daher
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über Ermessen (Urteil des BVGer A-1531/2015 vom 26. Juni 2015
E. 3.1.5).
2.10 Amtshilfeersuchen sind schriftlich zu stellen und die zu ihrer Erledi-
gung erforderlichen Unterlagen sind beizufügen. In dringenden Fällen sind
mündliche Ersuchen zulässig, die jedoch so bald wie möglich schriftlich zu
bestätigen sind (Art. 18 Ziff. 1 BBA). In Art. 18 Ziff. 2 BBA sind die Angaben
aufgeführt, die ein Amtshilfeersuchen nach dem BBA im Allgemeinen ent-
halten muss, nämlich die ersuchende Behörde (Bst. a); die Massnahme,
um die ersucht wird (Bst. b); den Gegenstand und Grund des Ersuchens
(Bst. c); die betroffenen Rechts- und Verwaltungsvorschriften und sonsti-
gen rechtlichen Elemente (Bst. d); möglichst genaue und umfassende An-
gaben zu den natürlichen oder juristischen Personen, gegen die sich die
Ermittlungen richten (Bst. e) sowie eine Zusammenfassung des Sachver-
halts und der bereits durchgeführten Massnahmen, ausser in Fällen von
Art. 14 BBA (Bst. f).
Das Ersuchen sollte klar und logisch aufgebaut sein. Zudem muss die
Sachverhaltsdarstellung von den verlangten Amtshilfemassnahmen abge-
grenzt sein.
Unrichtige oder unvollständige Ersuchen können berichtigt oder ergänzt
werden (Art. 18 Ziff. 4 BBA; zum Ganzen: Urteile des BVGer A-6205/2018
vom 23. September 2019 E. 2.4.1; A-7596/2016 vom 23. Februar 2018
E. 2.4.1; A-1531/2015 vom 26. Juni 2015 E. 3.1.6; A-249/2012 vom 2. April
2012 E. 3.6.2 und A-1735/2011 vom 21. Dezember 2011 E. 3.2; SKVARC,
a.a.O., S. 181 f.).
2.11 Nach Art. 24 Ziff. 1 BBA kann ein Amtshilfeersuchen den Einzug von
Forderungen zum Gegenstand haben. Die ersuchte Vertragspartei zieht
Forderungen der ersuchenden Vertragspartei ein, die in den (sachlichen)
Anwendungsbereich des BBA fallen, als ob es ihre eigenen wären (Urteil
des BVGer A-1531/2015 vom 26. Juni 2015 E. 1.2).
In einem Einziehungsersuchen nach Art. 24 BBA ist rechtsgenügend dar-
zutun, dass die einzuziehende Forderung aus einer nach Art. 2 Ziff. 1 Bst. a
BBA amtshilfefähigen Straftat stammt (vgl. Art. 24 Ziff. 1 i.V.m. Art. 2 Ziff. 1
Bst. b BBA; Urteil des BVGer A-1531/2015 vom 26. Juni 2015 E. 3.1.3).
Die Einziehung nach Art. 24 BBA ist sodann nur in Bezug auf geschuldete
oder zu Unrecht vereinnahmte Beträge zulässig (vgl. Art. 2 Ziff. 1 Bst. b
BBA).
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Einem entsprechenden Ersuchen sind zwingend eine amtliche Ausferti-
gung oder eine beglaubigte Kopie des von der ersuchenden Vertragspartei
erlassenen Vollstreckungstitels und gegebenenfalls das Original oder eine
beglaubigte Kopie sonstiger für die Einziehung erforderlicher Unterlagen
beizulegen (Art. 24 Ziff. 2 BBA; Urteil des BVGer A-1531/2015 vom 26. Juni
2015 E. 3.1.2; vgl. Botschaft Bilaterale II, BBl 2004 6194).
2.12 Ein wichtiges Element der internationalen Behördenzusammenarbeit
bildet der Grundsatz, wonach – ausser bei offenbarem Rechtsmissbrauch
oder bei berechtigten Fragen im Zusammenhang mit dem Schutz des
schweizerischen oder internationalen ordre public prinzipiell – kein Anlass
besteht, an Sachverhaltsdarstellungen und Erklärungen anderer Staaten
zu zweifeln (sog. völkerrechtliches Vertrauensprinzip; vgl. Art. 4 BBA;
vgl. BGE 144 II 206 E. 4.4, 142 II 218 E. 3.3, 142 II 161 E. 2.1.3 f.; Urteil
des BVGer A-4992/2016 vom 29. November 2016 E. 4.3; für das BBA: Ur-
teile des BVGer A-6205/2018 vom 23. September 2019 E. 2.8,
A-7596/2016 vom 23. Februar 2018 E. 2.8). Auf diesem Vertrauen gründet
letztlich das ganze Amtshilfeverfahren. Dementsprechend ist der ersuchte
Staat an die Darstellung des Sachverhalts im Ersuchen insoweit gebun-
den, als diese nicht wegen offensichtlicher Fehler, Lücken oder Widersprü-
che sofort entkräftet werden kann (vgl. statt vieler: BGE 128 II 407 E. 5.2.1;
Urteil des BVGer A-381/2018 vom 21. November 2018 E. 4.2, mit weiteren
Hinweisen). Gleiches gilt für die vom ersuchenden Staat abgegebenen Er-
klärungen. Werden diese sofort entkräftet, kann der ersuchte Staat ihnen
nicht mehr vertrauen (Urteile des BVGer A-6205/2018 vom 23. September
2019 E. 2.8, A-3716/2015 vom 16. Februar 2016 E. 3.5, mit weiteren Hin-
weisen).
2.13 Nach Art. 29 Abs. 2 BV haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, ander-
seits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass
eines Entscheids dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen ein-
greift. Aus dem Grundsatz des rechtlichen Gehörs leitet sich auch die
Pflicht der Behörden ab, ihre Verfügungen und Entscheide zu begründen.
Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs als persönlichkeitsbezogenes Mit-
wirkungsrecht verlangt, dass die Behörde die Vorbringen des vom Ent-
scheid in seiner Rechtsstellung Betroffenen auch tatsächlich hört, sorgfäl-
tig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung berücksichtigt
(vgl. hierzu BGE 129 I 232 E. 3.2, 124 I 241 E. 2 je mit Hinweisen).
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Seite 9
2.14 Gemäss Art. 9 BV hat jede Person Anspruch darauf, von den staatli-
chen Organen ohne Willkür behandelt zu werden. Willkürlich ist ein Ent-
scheid nicht schon dann, wenn eine andere Lösung ebenfalls vertretbar
erscheint oder gar vorzuziehen wäre, sondern erst dann, wenn er offen-
sichtlich unhaltbar ist, zur tatsächlichen Situation in klarem Widerspruch
steht, eine Norm oder einen unumstrittenen Rechtsgrundsatz krass verletzt
oder in stossender Weise dem Gerechtigkeitsgedanken zuwiderläuft. Will-
kür liegt nur vor, wenn nicht bloss die Begründung eines Entscheides, son-
dern daneben das Ergebnis unhaltbar ist (vgl. hierzu BGE 125 I 166 E. 2a,
123 I 1 E. 4a, je mit Hinweisen).
3.
Im vorliegenden Beschwerdeverfahren ist die Bundesrechtskonformität der
angefochtenen Schlussverfügung der OZD vom 3. Mai 2019 zu überprü-
fen.
3.1 Vorab ist zu erwähnen, dass die im vorliegenden Fall erfolgte
Berichtigung des Ersuchens durch den BZA mit Schreiben vom
5. Dezember 2018 an sich nicht zu beanstanden ist; dies ist dem
Grundsatz nach substanziell auch nicht umstritten (siehe aber E. 3.3). Das
BBA sieht nämlich die Möglichkeit der Berichtigung eines Ersuchens
ausdrücklich vor (vgl. Bst. F und E. 2.10 sowie Art. 18 Abs. 4 BBA).
3.2 Die amtshilfeweise Einziehung geschuldeter Beträge ist möglich bei
Verfolgung und Ahndung von Betrug und sonstigen rechtswidrigen
Handlungen, welche in den (sachlichen) Anwendungsbereich des BBA
fallen (vgl. E. 2.7 und 2.11). Dem Ersuchen der BVZ und den damit
eingereichten Unterlagen vom 11. September 2017 bzw. vom 5. Dezember
2018 an die OZD kann sachverhaltlich entnommen werden, dass der
Beschwerdeführer mit Urteil vom 28. April 2011 des Landgerichts Frankfurt
am Main wegen Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit der illegalen
Einfuhr von Zigaretten aus Lettland nach Deutschland verurteilt wurde
(Tabaksteuerbescheide (...) vom 24. August 2011 des Hauptzollamtes
Darmstadt und (...) vom 24. August 2011 des Hauptzollamtes Darmstadt).
Aus diesem Ersuchen ist ebenfalls ersichtlich, dass diese Straftat
Ausgangspunkt der streitgegenständlichen Forderung ist sowie, dass der
Beschwerdeführer als Schuldner neben anderen Gesamtschuldnern in
voller Höhe in der Forderung aufgeführt ist. Aus den Rückstandsanzeigen
als Vollstreckungstitel vom 5. September 2017 bzw. 28. November 2018,
die dem Ersuchen vom 11. September 2017 bzw. vom 5. Dezember 2018
ebenso beigelegen sind, geht hervor, dass die aus diesen
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Seite 10
Tabaksteuerbescheiden vom 24. August 2011 des Hauptzollamtes
Darmstadt resultierende Forderung «bestandskräftig» festgesetzt und
vollstreckbar ist. Damit wird im vorliegenden Fall um amtshilfeweise
Einziehung der in Deutschland in Rechtskraft erwachsenen Tabaksteuer
ersucht, welche durch das Verbringen der Zigaretten in das deutsche
Steuergebiet vorsätzlich hinterzogen wurde. Der vorliegend im Ersuchen
vom 11. September 2017 bzw. vom 5. Dezember 2018 zugrundeliegende
Sachverhalt bzw. die anbegehrte Einziehung rechtskräftiger und
vollstreckbarer Tabaksteuerforderungen fällt somit grundsätzlich in den
Anwendungsbereich des BBA, weshalb der sachliche
Anwendungsbereich, aber ebenso der räumliche Geltungsbereich des
BBA zwischen den Parteien damit für den vorliegend zu beurteilenden
Sachverhalt zu Recht unbestritten sind (vgl. E. 2.5 sowie E. 2.7).
3.3 Strittig zwischen den Parteien ist hingegen, ob der für das Ersuchen
massgebende Deliktszeitraum dem zeitlichen Geltungsbereich des BBA,
wie es vorliegend anwendbar ist, vollumfänglich entspricht.
Der Beschwerdeführer rügt nämlich insbesondere, dass die mit Schreiben
vom 5. Dezember 2018 erfolgte Anpassung durch die BVZ an den
zeitlichen Anwendungsbereich des BBA unrichtig bzw. nicht korrekt und
nicht nachvollziehbar sei. Mit Beschwerde vom 7. Juni 2019 und der
Stellungnahme vom 11. November 2019 macht der Beschwerdeführer
zudem namentlich Einwände betreffend die Säumniszuschläge geltend.
Diese seien, anders als die Tabaksteuerbeträge an sich, nicht
entsprechend an den zeitlichen Geltungsbereich des BBA angepasst und
reduziert worden. Der von der ersuchenden Behörde nicht genauer
begründete, aber betragsmässig trotzdem miteinbezogene Deliktszeitraum
liege teilweise ausserhalb des zeitlichen Anwendungsbereiches des BBA.
Der eingeforderte Betrag widerspreche der Begründung, denn
insbesondere für den Zeitraum vom 24. März 2005 bis 23. Juni 2005 liege
keine solche ausreichende Begründung vor.
Die Vorinstanz erachtet diese Einwände des Beschwerdeführers mit der
Anpassung des Ersuchens vom 5. Dezember 2018 bereits als
berücksichtigt. Zudem seien mit Stellungnahme der BVZ vom 4. April 2019
der Deliktszeitraum sowie die betreffende Abgabenberechnung nochmals
ausdrücklich dargelegt worden. Die Säumniszuschläge seien nicht
angepasst worden, da es sich dabei um Zinsen handle, welche
zeitabhängig seien. Überdies verkenne der Beschwerdeführer, dass die
Vorinstanz gemäss dem völkerrechtlichen Vertrauensprinzip auf die
A-2898/2019
Seite 11
Darstellung des Sachverhalts und die Erklärungen vertrauen dürfe, sofern
nicht ernsthafte Zweifel vorliegen würden. Durch die deutschen Behörden
sei bestätigt worden, dass der Steuerbescheid nach deutschen Recht in
voller Höhe bestehe und lediglich der zeitliche Anwendungsbereich des
BBA zu einer Reduktion der Forderung geführt habe. Zudem sei der
Standpunkt des Beschwerdeführers bereits substanziell widerlegt worden
und verfolge offensichtlich nur das Ziel der Verzögerung bzw. Verhinderung
von Vollstreckungsmassnahmen.
Dem Beschwerdeführer ist in Übereinstimmung mit der Argumentations-
weise der Vorinstanz entgegenzuhalten, dass die OZD mit dem Schreiben
vom 6. März 2019 die Einwände des Beschwerdeführers und seine «Stel-
lungnahme zwecks Wahrnehmung des rechtlichen Gehörs» an die BVZ
weitergeleitet hat. Mit dem Schreiben vom 26. April 2019 wurden dem Be-
schwerdeführer die Stellungnahme der BVZ vom 4. April 2019 und die Be-
rechnung der Forderung erläutert. Der entsprechende Betrag ergibt sich
unmittelbar aus den Rückstandsanzeigen als Vollstreckungstitel und setzt
sich zusammen aus der Tabaksteuer sowie den Säumniszuschlägen der
Tabaksteuer. Die entsprechenden Ausführungen und Berechnungen erwei-
sen sich als nachvollziehbar und rechtmässig. Der Beschwerdeführer ver-
kennt überdies, dass die Vorinstanz, wie diese in der Vernehmlassung vom
31. Juli 2019 korrekt ausführt, gemäss dem völkerrechtlichen Vertrauens-
prinzip auf die Darstellung des Sachverhalts und die Erklärungen der BVZ
im Ersuchen vom 11. September 2017 bzw. 5. Dezember 2018 grundsätz-
lich vertrauen darf (vgl. E. 2.12). Nach dem völkerrechtlichen Vertrauens-
prinzip liegt es weder an der OZD noch am Bundesverwaltungsgericht, im
Rahmen eines Einziehungsverfahrens nach Art. 24 BBA den Bestand, die
Bemessung oder die Höhe der im ausländischen Verfahren ermittelten,
rechtskräftigen und vollstreckbaren Steuerforderung weitergehend zu be-
gründen. Vielmehr sind die Vorinstanz und das Bundesverwaltungsgericht
an die Darstellung des Sachverhalts im vorliegenden Einziehungsersuchen
insoweit gebunden, als diese nicht wegen offensichtlicher Fehler, Lücken
oder Widersprüche von vornherein entkräftet werden können (vgl. E. 2.12).
Die Gewährung von Amtshilfe darf aufgrund des völkerrechtlichen Vertrau-
ensprinzips nur dann abgelehnt werden, wenn Gründe dafür vorliegen,
dass die abgegebene Erklärung (klarerweise) unzutreffend ist
(vgl. E. 2.12). Die nicht weiter belegten und substanziierten Behauptungen
des Beschwerdeführers reichen dafür nicht aus. Dem Beschwerdeführer
gelingt dies insbesondere nicht, da mit der Stellungnahme der BVZ vom
4. April 2019 die betreffende Berechnungsweise und der einschlägige De-
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Seite 12
liktszeitraum nochmals detailliert und nachvollziehbar durch die BVZ dar-
gelegt worden ist. Insoweit der Beschwerdeführer also vorbringt, die fragli-
chen Forderungen seien entgegen den Angaben in den eingereichten Voll-
streckungstiteln fehlerhaft und zu hoch, bestehen für diese Behauptung
keinerlei Anhaltspunkte in den vorgelegten Akten.
Der Beschwerdeführer vermag im vorliegenden Fall ansonsten keine
Gründe darzutun, weshalb das Ersuchen nicht rechtsgenügend sein sollte
bzw. weshalb das Gericht entgegen dem völkerrechtlichen Vertrauensprin-
zip an der Richtigkeit der darin enthaltenen Angaben ernsthaft zweifeln
müsste.
Dem Gericht erschliesst sich ebenfalls nicht, inwiefern die mit Schreiben
vom 18. Februar 2019 geäusserten Einwände des Beschwerdeführers von
der Vorinstanz nicht gehört worden seien, die Anpassung des Ersuchens
willkürlich erfolgt sei bzw. die vorgenommene Reduktion überhaupt nicht in
Zusammenhang mit der Anpassung an den Deliktszeitraum stehe
(vgl. E. 2.13 und 2.14). Insofern kann dem Beschwerdeführer auch in
diesem Punkt nicht gefolgt werden.
3.4 Mit Blick auf Art. 4 BBA sei noch erwähnt, dass vorliegend kein Verstoss
gegen die öffentliche Ordnung, den ordre public, erkennbar ist. Gegenteili-
ges wird denn auch nicht geltend gemacht. Ferner erscheint das vorlie-
gende Ersuchen vom 11. September 2017 bzw. vom 5. Dezember 2018
insofern nicht als unverhältnismässig, als nach der darin enthaltenen, un-
bestrittenen Darstellung der ersuchenden Vertragspartei Vollstreckungs-
massnahmen in Deutschland ausgeschöpft sind (vgl. Art. 10 Bst. b BBA;
E. 2.8).
3.5 Andere Gründe, die gegen eine Gewährung von Amtshilfe sprechen
würden, sind schliesslich für das Bundesverwaltungsgericht im vorliegen-
den Fall nicht ersichtlich und wurden durch den Beschwerdeführer nicht
explizit oder substanziiert geltend gemacht. Insbesondere genügt das vor-
liegende amtshilfeweise Einziehungsersuchen vom 11. September 2017
bzw. vom 5. Dezember 2018 der deutschen Behörden, welches gestützt
auf Art. 9 und Art. 11 BBA von der OZD als zuständige schweizerische Ver-
waltungsbehörde geprüft und bewilligt wurde, den Anforderungen und den
inhaltlichen sowie formellen Voraussetzungen von Art. 18 und 24 BBA
(vgl. E. 2.10 f. und E. 2.4).
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3.6 Im vorliegenden Verfahren erweist sich nach dem Gesagten die
Schlussverfügung der OZD vom 3. Mai 2019 als abkommens- sowie bun-
desrechtskonform und die vorliegende Beschwerde ist abzuweisen.
4.
4.1 Ausgangsgemäss hat der unterliegende Beschwerdeführer die Verfah-
renskosten zu tragen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Diese sind auf CHF 7‘500.-
festzusetzen (vgl. Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Der einbezahlte Kostenvorschuss in derselben Höhe ist
zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden.
4.2 Eine Parteientschädigung ist nicht zuzusprechen (vgl. Art. 64 Abs. 1
VwVG e contrario und Art. 7 Abs. 1 VGKE e contrario sowie Art. 7 Abs. 3
VGKE).
5.
Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet der internatio-
nalen Amtshilfe im Bereich der Zölle und der Mehrwertsteuer endgültig,
wenn die Amtshilfe wie im vorliegenden Fall ihre völkerrechtliche Grund-
lage im BBA hat (Art. 115i Abs. 3 ZG; Urteile des BVGer A-6205/2018 vom
23. September 2019 E. 6, A-7596/2016 vom 23. Februar 2018 E. 6;
A-1531/2015 vom 26. Juni 2015 E. 5; vgl. Botschaft StAhiG, BBl 2011
6193 ff., 6228 sowie BEUSCH/IMSTEPF, in: Zweifel/Beusch/Glauser/Robin-
son [Hrsg.], Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Bundesgesetz
über die Mehrwertsteuer, 2015, Art. 75a MWSTG, Rz. 5, 12 und 16).
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