Decision ID: 0096b549-3f22-49f1-80bc-c0f8b486af4d
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ Die Eheleute N. und V. K.-N. wurden am 24. Juni 2008 für die direkte Bundessteuer
2006 nach Ermessen veranlagt, nachdem sie den verlangten Nachweis über die
Eigenfinanzierung einer am 2. Oktober 2006 erworbenen Liegenschaft in U. nicht
beigebracht hatten. Eine dagegen erhobene Einsprache wies das kantonale Steueramt
mit Entscheid vom 12. Februar 2009 ab. Eine Beschwerde bei der
Verwaltungsrekurskommission blieb ebenfalls erfolglos. Die
Verwaltungsrekurskommission wies das Rechtsmittel mit Entscheid vom 16. Februar
2010 ab. Der entsprechende Entscheid wurde am 18. Februar 2010 expediert und am
20. Februar 2010 zugestellt.
Mit Eingabe vom 17. März 2010 reichten N. und V. K.-N. diverse Unterlagen bei der
Verwaltungsrekurskommission ein. Der Abteilungspräsident übermittelte die Eingabe
mitsamt den eingereichten Unterlagen am 18. März 2010 an das Verwaltungsgericht.
Dieses teilte am 19. März 2010 N. und V. K.-N. mit, der Entscheid betreffend Staats-
und Gemeindesteuern sei rechtskräftig. Die Frist für eine Beschwerde gegen den
Entscheid betreffend direkte Bundessteuer sei möglicherweise noch nicht abgelaufen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wenn innert der gesetzlichen Frist keine gültige Beschwerde gegen den Entscheid
betreffend direkte Bundessteuer eingereicht werde, würden die Unterlagen wieder
retourniert. Auf dieses Schreiben reagierten N. und V. K.-N. nicht.
B./ Mit Eingabe vom 5. November 2010 ersuchte N. K. beim kantonalen Steueramt
darum, es sei nochmals ein gerechter Gerichtsprozess durchzuführen. Am 14. Januar
2011, 28. Januar 2011 und 9. Februar 2011 reichte er sodann weitere Eingaben sowie
Unterlagen ein. Das kantonale Steueramt übermittelte diese Eingaben am 11. Februar
2011 an die Verwaltungsrekurskommission mit dem Hinweis, die Eingaben würden als
(sinngemässes) Begehren um Wiederaufnahme des Verfahrens gegen den Entscheid
vom 16. Februar 2010 betrachtet.
Der Abteilungspräsident der Verwaltungsrekurskommission orientierte N. K. mit
Schreiben vom 22. Februar 2011 über die Weiterleitung der Eingaben und Unterlagen
durch das kantonale Steueramt. Gleichzeitig wies er ihn darauf hin, dass noch kein
eigentliches Revisionsgesuch gestellt worden sei; sollte ein solches Verfahren
gewünscht sein, so sei bis zum 22. März 2011 ausdrücklich ein Revisionsgesuch zu
stellen und ein Revisionsgrund zu bezeichnen. Mit Schreiben vom 28. Februar 2011
stellte N. K. Antrag auf Revision. Zur Begründung gab er an, die Einschätzungen für die
Steuern 2006 seien fehlerhaft. Die Verwaltungsrekurskommission trat darauf mit
Entscheid vom 20. Oktober 2011 nicht ein.
C./ Mit Eingabe vom 24. November 2011 liessen N. und V. K.-N. Beschwerde gegen
den Entscheid der Verwaltungsrekurskommission vom 20. Oktober 2011 mit folgenden
Anträgen erheben:
"1. Es sei der Entscheid der Verwaltungsrekurskommission vom 20. Oktober 2011
vollumfänglich aufzuheben;
2. Es sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit es die Eingabe der
Beschwerdeführer vom 5. November 2010 als Wiederherstellungsgesuch und
Beschwerde an das Verwaltungsgericht weiterleitet, und das Revisionsverfahren bis
zum rechtskräftigen Entscheid über dieses Wiederherstellungsgesuch sistiert;
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3. Eventualiter sei das Revisionsgesuch der Beschwerdeführer gutzuheissen, und es
sei die für das Steuerjahr 2006 erfolgte ermessensweise Aufrechnung von
Fr. 280'000.-- ersatzlos aufzuheben;
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen."
Im Rahmen der Beschwerdeergänzung vom 9. Dezember 2011 hielten sie an
vorgenannten Anträgen fest. Die Verwaltungsrekurskommission beantragte in ihrer
Vernehmlassung vom 13. Dezember 2011 Abweisung der Beschwerde, soweit darauf
eingetreten werden könne. Das kantonale Steueramt erklärte mit Schreiben vom
16. Dezember 2011 Verzicht auf eine Vernehmlassung. Die Eidgenössische
Steuerverwaltung liess sich nicht vernehmen.
Am 26. Januar 2012 wurden die Vernehmlassungen an den Rechtsvertreter von N. und
V. K.-N. weitergeleitet. Gleichzeitig wurde ihm Gelegenheit gegeben, innert einer Frist
von vierzehn Tagen zu den in den Vernehmlassungen allfällig vorgebrachten neuen
tatsächlichen und rechtlichen Argumenten eine ergänzende Stellungnahme
einzureichen. N. und V. K.-N. liessen sich am 9. Februar 2012 ergänzend vernehmen.
Auf die Begründungen von N. und V. K.-N. und der Verwaltungsrekurskommission
sowie auf die Ausführungen im angefochtenen Entscheid wird, soweit erforderlich, in

den folgenden Erwägungen eingegangen.
Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. (...).
2. Die Beschwerdeführer beantragen primär die Aufhebung des angefochtenen
Entscheids. Sie begründen diesen Antrag damit, die Vorinstanz habe das falsche
Verfahren durchgeführt; es wäre nicht ein Revisionsverfahren durchzuführen gewesen,
sondern die Vorinstanz hätte die Eingabe vom 5. November 2010 als
Wiederherstellungsgesuch entgegennehmen und an das Verwaltungsgericht
weiterleiten müssen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1. Gerichtliche Eingaben haben einen Antrag und eine Begründung zu enthalten. Dies
gilt gleichermassen auch für ein Revisionsgesuch und ein Gesuch um
Fristwiederherstellung. Lässt das Begehren die Absicht der gesuchtellenden Partei
nicht hinreichend erkennen, kann zur Auslegung auch die Begründung beigezogen
werden. Es wird sogar als hinreichend erachtet, wenn das Begehren nur aus der
Begründung hervorgeht (Kölz/Häner, Verwaltungsverfahren und
Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 2. Auflage, Zürich 1998). Bedeutsam ist, dass
eine Prozesserklärung nicht buchstabengetreu ausgelegt werden darf. Es ist vielmehr
danach zu fragen, welcher Sinn ihr vernünftigerweise beizumessen sei.
Dementsprechend ist sie unter Berücksichtigung von Treu und Glauben auszulegen,
das heisst, sie muss so ausgelegt werden, wie sie der Empfänger nach den gesamten
Umständen nach guten Treuen verstehen durfte und verstehen musste (BGer 1P.
424/2003 vom 3. September 2003, E. 2.5).
2.2. Vorliegend machte der Beschwerdeführer in der Eingabe vom 5. November 2010
geltend, er verlange nochmals einen Gerichtsprozess unter Einschluss all derjenigen
Personen, denen er Land verkauft habe, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Er
brachte damit zum Ausdruck, dass er mit der ergangenen Entscheidung nicht
einverstanden ist. Mit den Eingaben vom 28. Januar 2011 und vom 9. Februar 2011
reichte er zudem weitere Unterlagen über Landverkäufe im Kosovo ein, deren Erlöse er
zur Finanzierung der Liegenschaft in U. verwendet haben will. Offensichtlich war er der
Meinung, mit den neu eingereichten Unterlagen die ergangene Entscheidung
widerlegen zu können. Dabei wandte er sich an das kantonale Steueramt. All dies lässt
die Absicht erkennen, den Sachverhalt mit den neu eingereichten Beweismitteln richtig
stellen und damit eine erneute (gerichtliche) Beurteilung auf verbesserter Grundlage
erreichen zu wollen. In keiner Eingabe ist von einer Fristversäumnis die Rede. Von
daher ist auch nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz ein Revisionsverfahren
eingeleitet hat. Dies gilt umso mehr, als der Beschwerdeführer auf entsprechende
Nachfrage der Vorinstanz hin mit Schreiben vom 28. Februar 2011 bekräftigt hat, es sei
ein Revisionsverfahren durchzuführen. Dadurch wurde der Streitgegenstand klar
bestimmt. Dies liegt denn auch aufgrund der in diesem Zusammenhang geltenden
Dispositionsmaxime am Beschwerdeführer. Dabei kann von ihm ein Mindestmass an
Sorgfalt verlangt werden (Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St.
Gallen, 2. Auflage, St. Gallen 2003, Rz. 916). Auch deshalb war die Vorinstanz nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gehalten, das nun sogar ausdrücklich gestellte Revisionsbegehren noch in Frage zu
stellen.
3. Selbst wenn aber die Eingabe vom 5. November 2010 als Wiederherstellungsgesuch
aufzufassen wäre, könnte einem entsprechenden Gesuch nicht stattgegeben werden.
Ein die Fristwiederherstellung rechtfertigender Grund ist nicht nachgewiesen. Aus den
eingereichten Arztzeugnissen ergibt sich zwar, dass der Beschwerdeführer vom 21. Juli
2009 bis Ende November 2010 zwischen 75% und 100% arbeitsunfähig war. Dass es
ihm deswegen aber nicht möglich war, auf den Entscheid vom 16. Februar 2010 zu
reagieren, weist der Beschwerdeführer nicht nach. Immerhin war es ihm möglich, am
Verfahren vor der Verwaltungsrekurskommission teilzunehmen und sich nach Erhalt
des Beschwerdeentscheids mit Eingabe vom 17. März 2010 nochmals an die
Verwaltungsrekurskommission zu wenden. Ausserdem legt der Beschwerdeführer nicht
einmal dar, an was für einer Erkrankung er litt. Des Weiteren machen es sich die
Beschwerdeführer zu einfach, wenn sie ausführen, die Ehefrau spreche kein Deutsch
und damit eine Fristversäumnis rechtfertigen wollen. Fehlende Sprachkenntnisse
stellen keinen Fristwiederherstellungsgrund dar, ansonsten wäre immer dann, wenn
eine Verfügung oder ein Entscheid an eine (nicht vertretene) Person zugestellt wird, die
der deutschen Sprache nicht oder kaum mächtig ist, so lange ein Säumnisgrund
gegeben, bis die Sprache genügend beherrscht wird. Dies erscheint nicht sachgerecht.
Auch von einer sprachunkundigen Person kann erwartet werden, dass sie Hilfe
beizieht, wenn sie den Inhalt einer Verfügung oder eines Entscheids nicht versteht, um
in der Folge die allenfalls notwendigen weiteren Vorkehrungen treffen zu können.
Macht sie dies nicht, lässt sie die gebotene Sorgfalt nicht walten.
4. Eventualiter beziehungsweise für den Fall, dass von einem Revisionsgesuch
ausgegangen würde, beantragen die Beschwerdeführer dessen Gutheissung. Eine
Revision fällt jedoch allein schon deshalb dahin, weil nicht ersichtlich ist, weshalb die
erst im Revisionsverfahren eingereichten Unterlagen nicht schon im ordentlichen
(Rechtsmittel-)Verfahren hätten beigebracht werden können. Es ist somit ein
Ausschlussgrund im Sinn von Art. 147 Abs. 2 DBG gegeben. Daran ändert auch die
von Juli 2009 bis Ende November 2010 dauernde Krankheit des Beschwerdeführers
nichts. Die Ermessensveranlagung wurde am 24. Juni 2008 vorgenommen, und der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einspracheentscheid datiert vom 12. Februar 2009. Bei Eintritt der Krankheit war also
das Veranlagungs- beziehungsweise Rechtsmittelverfahren schon längst im Gange.
5. (...).
Demnach hat das Verwaltungsgericht