Decision ID: 18526fed-307a-41e1-ad64-add3f673c2d7
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (geb. 1993, Eritrea) reiste am 8. Mai 2008 zusam-
men mit seiner Mutter in die Schweiz, nachdem ihm am 7. Februar 2008
vom Bundesamt für Migration (BFM; heute SEM) gestützt auf Art. 51 Abs. 4
AsylG eine Einreisebewilligung zwecks Familienvereinigung ausgestellt
worden war. Am 9. Mai 2008 stellte er hier ein Asylgesuch. Mit Entscheid
vom 19. Juni 2008 stellte das BFM fest, dass er die Flüchtlingseigenschaft
gemäss Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG nicht erfülle. Indes wurde er gestützt auf
Art. 51 Abs. 1 AsylG (derivativ) als Flüchtling anerkannt und erhielt Fami-
lienasyl. Am 21. August 2008 erhielt er die Aufenthaltsbewilligung B, wel-
che jährlich und letztmals bis zum 30. Juni 2018 verlängert wurde.
B.
Während seines Aufenthaltes in der Schweiz wurde der Beschwerdeführer
mehrfach straffällig. Am 30. November 2016 verurteilte ihn die Staatsan-
waltschaft des Kantons Zürich wegen einfacher Körperverletzung zu einer
Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu Fr. 30.- und einer Busse. Wegen ver-
suchter vorsätzlicher Tötung verurteilte ihn das Obergericht des Kantons
Bern am 30. Juni 2017 zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren.
C.
Mit Verfügung vom 25. Februar 2019 widerrief das SEM gestützt auf Art. 63
Abs. 2 AsylG das Asyl des Beschwerdeführers, ohne jedoch seine Flücht-
lingseigenschaft abzuerkennen. In den Erwägungen wurde festgehalten,
der Beschwerdeführer sei weiterhin als Flüchtling anerkannt und könne
sich auf das Non-Refoulement-Gebot berufen. Diese Verfügung erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
D.
Am 19. Mai 2020 verweigerte das Amt für Migration und Integration des
Kantons Aargau (nachfolgend: Migrationsbehörde) aufgrund der Straffällig-
keit des Beschwerdeführers die Verlängerung seiner Aufenthaltsbewilli-
gung und wies ihn aus der Schweiz weg. Allerdings erachtete die
Migrationsbehörde den Vollzug der Wegweisung aufgrund der Flüchtlings-
eigenschaft des Beschwerdeführers nach Art. 51 Abs. 1 AsylG als unzuläs-
sig, weshalb sie am 1. Juli 2020 beim SEM die vorläufige Aufnahme bean-
tragte.
E.
Am 18. September 2020 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer das
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rechtliche Gehör zur Absicht, den kantonalen Antrag vom 1. Juli 2020 ab-
zulehnen. Der Beschwerdeführer nahm dazu am 7. Januar 2021 Stellung.
F.
Mit Verfügung vom 28. Juli 2021 lehnte das SEM den Antrag der kantona-
len Migrationsbehörde um Anordnung der vorläufigen Aufnahme ab und
hielt fest, dass der Beschwerdeführer nach seiner Haftentlassung und ab
Eintritt der Rechtskraft dieser Verfügung verpflichtet sei, die Schweiz un-
verzüglich zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte es die Migrationsbehörde
mit dem Vollzug der Wegweisung ab Eintritt der Rechtskraft dieser Verfü-
gung.
G.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 30. August 2021 beantragte der Beschwer-
deführer beim Bundesverwaltungsgericht die Aufhebung der angefochte-
nen Verfügung und die Anordnung der vorläufigen Aufnahme. Eventualiter
sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeur-
teilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Ferner ersuchte er um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtspflege und um Beiordnung des unterzeich-
nenden Rechtsanwalts als unentgeltlichen Rechtsbeistand.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 8. September 2021 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht das Gesuch des Beschwerdeführers um Gewährung der un-
entgeltlichen Rechtspflege gut und ordnete ihm den unterzeichnenden
Rechtsanwalt als unentgeltlichen Rechtsbeistand bei.
I.
In ihrer Vernehmlassung vom 22. September 2021 beantragte die
Vorinstanz die Abweisung der Beschwerde.
J.
Mit Replik vom 22. Oktober 2021 hielt der Beschwerdeführer an seinen
Begehren und deren Begründung vollumfänglich fest.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Verfügungen des SEM betreffend vorläufige Aufnahme unterliegen der
Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht (Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m.
Art. 31 ff. VGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.3 Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (Art. 50 Abs. 1 und 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Sache
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. c Ziff. 3 BGG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitens oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes sowie die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 48
VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht von Am-
tes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begründung der
Begehren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als
den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen. Massgebend
ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheids (vgl. BGE
139 II 534 E. 5.4.1; BVGE 2014/1 E. 2).
3.
3.1 Das SEM verfügt die vorläufige Aufnahme eines Ausländers oder einer
Ausländerin, wenn der Vollzug der Weg- oder Ausweisung nicht möglich,
nicht zulässig oder nicht zumutbar ist (Art. 83 Abs. 1 AIG). Gemäss Art. 83
Abs. 7 AIG wird die vorläufige Aufnahme wegen Unmöglichkeit oder Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (Art. 83 Abs. 2 und 4 AIG) nicht ver-
fügt, wenn die weg- oder ausgewiesene Person zu einer längerfristigen
Freiheitsstrafe im In- oder Ausland verurteilt wurde oder wenn gegen sie
eine strafrechtliche Massnahme im Sinne von Art. 59–61 oder 64 StGB an-
geordnet wurde (Bst. a), erheblich oder wiederholt gegen die öffentliche
Sicherheit und Ordnung in der Schweiz oder im Ausland verstossen hat
oder diese gefährdet oder die innere oder die äussere Sicherheit gefährdet
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(Bst. b), oder die Unmöglichkeit des Vollzugs der Weg- oder Ausweisung
durch ihr eigenes Verhalten versursacht hat (Bst. c). In einem solchen Fall
ist lediglich zu prüfen, ob sich der Vollzug aufgrund völkerrechtlicher Ver-
pflichtungen als unzulässig im Sinne von Art. 83 Abs. 3 AIG erweist.
3.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). Im Zentrum steht dabei das Verbot der Rückschiebung in einen Staat,
in dem der Person Folter oder unmenschliche, grausame oder erniedri-
gende Strafe oder Behandlung droht (vgl. Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des
Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau-
same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK,
SR 0.105] und Art. 3 EMRK). Auch darf keine Person in irgendeiner Form
zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben
oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist
oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in eine solches Land gezwungen
zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG, vgl. ebenso Art. 33 Ziff. 1 des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtstellung der Flüchtlinge [FK,
SR 0.142.30]).
4.
4.1 Die Vorinstanz führt in der angefochtenen Verfügung im Wesentlichen
aus, mit dem Widerruf des Asyls und der damit verbundenen Nichtverlän-
gerung der Aufenthaltsbewilligung verfüge der Beschwerdeführer in der
Schweiz über keine Anwesenheitsberechtigung mehr. Er gelte nur noch
formell als Flüchtling im Sinne der Flüchtlingskonvention. Aufgrund seiner
persönlichen Situation und der Lage in seinem Heimatland erfülle er die
Flüchtlingseigenschaft materiell nicht. Es bestünden keine Hinweise, die
mit ausreichender Wahrscheinlichkeit Grund zur Annahme lieferten, dass
er beim Vollzug der Wegweisung nach Eritrea mit einer unmenschlichen
oder grausamen Behandlung bzw. einer konkreten asylrechtlich relevanten
Verfolgung rechnen müsste. Unter diesen Umständen stünden weder das
Non-Refoulement-Gebot noch eine andere völkerrechtliche Verpflichtung
einer Rückkehr in sein Heimatland entgegen. Da das Rückschiebungsver-
bot in der Sache selber nicht verletzt werde, brauche nicht geprüft zu wer-
den, ob sich der Beschwerdeführer im Hinblick auf seine Straftat hierauf
überhaupt berufen könnte. Auch die Tatsache, dass er heute mit fast 28
Jahren – und seit 13 Jahren in der Schweiz wohnhaft – nach Eritrea zu-
rückkehren müsse, genüge nicht, um eine ernstzunehmende Gefährdung
im Sinne von Art. 3 EMRK zu begründen, zumal sich die Nichtverlängerung
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der Aufenthaltsbewilligung als verhältnismässig erwiesen habe. Es wäre
an ihm, die (individuelle) Bedrohungslage in Eritrea im Rahmen seiner Mit-
wirkungspflicht substanziiert vorzubringen und soweit möglich auch zu be-
legen, was er nicht gemacht habe. Insgesamt sei daher der Vollzug der
Wegweisung zum heutigen Zeitpunkt als zulässig zu erachten.
4.2 In seiner Rechtsmitteleingabe führt der Beschwerdeführer dagegen
insbesondere an, dass seine Flüchtlingseigenschaft beim Asylwiderruf ex-
plizit beibehalten worden sei. In einer Stellungnahme vom 13. Juni 2019
habe die Vorinstanz zudem festgehalten, dass gestützt auf die Aktenlage
und aufgrund seiner fehlenden Gemeingefährlichkeit die Bedingungen für
die Aberkennung des Flüchtlingsstatus nicht erfüllt seien. Gemäss bundes-
gerichtlicher Rechtsprechung sei eine Ausweisung eines Flüchtlings in
dessen Heimatland regelmässig nicht verhältnismässig. Zudem kenne die
Flüchtlingskonvention weder die Unterscheidung nach originärer und deri-
vativer Flüchtlingseigenschaft, noch mache sie einen Unterschied zwi-
schen "materiellen" und "formellen" Flüchtlingen. Als anerkannter Flücht-
ling könne er – der Beschwerdeführer – sich so oder so auf Art. 33 FK be-
rufen und dürfe nicht in sein Heimatland abgeschoben werden. Im Übrigen
sei er in seinem Heimatland gefährdet und folglich auch materiell als
Flüchtling zu qualifizieren. Die allgemeine politische Lage in Eritrea be-
gründe sehr wohl eine konkrete Gefahr einer unmenschlichen Behandlung
des Beschwerdeführers. So sei insbesondere die Lage in seiner Heimatre-
gion alles andere als ungefährlich (militärische Offensive der äthiopischen
Regierung seit November 2020, Gräueltaten im Sinne einer unmenschli-
chen Behandlung gemäss Art. 3 EMRK gegenüber der Zivilbevölkerung).
Mehr als 400'000 Menschen hätten die Schwelle zur Hungersnot über-
schritten und weitere 1,8 Millionen Menschen würden sich am Rande einer
Hungersnot befinden. Eine Wegweisung in sein Heimatland sei daher un-
zumutbar und unzulässig. Zusätzlich wäre eine solche auch klar unverhält-
nismässig, da seine privaten Interessen am Verbleib in der Schweiz die
öffentlichen Interessen an der Wegweisung überwiegen würden.
4.3 In ihrer Vernehmlassung hält die Vorinstanz daran fest, dass die Flücht-
lingseigenschaft des Beschwerdeführers einer Wegweisung und Rückkehr
nicht entgegenstehe. Gegenstand des Verfahrens bilde lediglich die Frage
des Vollzugs der bereits angeordneten Wegweisung. Daher sei geprüft
worden, ob die Person im Falle einer Rückkehr immer noch eine flücht-
lingsrelevante Verfolgung zu befürchten hätte. Dabei sei die Wegweisung
als zulässig befunden worden. Zudem habe sich die Rechtsprechung und
Praxis in Bezug auf Eritrea seit dem 25. Februar 2019 (dem Datum des
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Asylwiderrufs) geändert. Schliesslich werde die vorläufige Aufnahme we-
gen Unzumutbarkeit gemäss Art. 83 Abs. 7 AIG nicht verfügt, wenn die aus-
oder weggewiesene Person zu einer längerfristigen Freiheitsstrafe im In-
oder Ausland verurteilt worden sei.
4.4 In seiner Replik hält der Beschwerdeführer seinerseits an seinen An-
trägen und deren Begründung fest. Ergänzend macht er u.a. geltend, das
Verhalten der Vorinstanz sei willkürlich und verstosse gegen Treu und
Glauben. So könne es nicht angehen, dass die Vorinstanz im Februar 2019
ihm die Flüchtlingseigenschaft explizit nicht aberkenne und ihm im Ent-
scheid sogar noch zusichere, er könne sich somit auf das Non-Refoule-
ment-Gebot berufen, diese Haltung im Juni 2019 bestätige, in der ange-
fochtenen Verfügung vom 28. Juli 2021 jedoch etliche materielle Gründe
aufführe, weshalb die Flüchtlingseigenschaft nur noch formell bestehe und
deshalb einer Wegweisung nicht im Wege stehe.
5.
5.1 Es trifft zu, dass der Beschwerdeführer seinerzeit gestützt auf Art. 51
Abs. 1 AsylG Familienasyl erhalten und somit die Flüchtlingseigenschaft
nicht originär aufgrund seiner eigenen Vorbringen, sondern derivativ erwor-
ben hat, indem sie ihm aufgrund des Einbezugs in die Flüchtlingseigen-
schaft seines Vaters zuerkannt wurde. Das ändert jedoch nichts daran,
dass dem schweizerischen Asylgesetz nur ein einziger und einheitlicher
Flüchtlingsbegriff zugrunde liegt. Bei der Unterscheidung zwischen origi-
närer oder derivativer Flüchtlingseigenschaft (beziehungsweise zwischen
materieller und formeller Flüchtlingseigenschaft) handelt es sich nicht um
eine vom Gesetz vorgenommene Differenzierung, sondern um eine in der
Praxis aufgegriffene dogmatische Unterscheidung, der aber im Asylgesetz
nicht unterschiedliche Begriffe oder ein anderer Rechtsstatus entsprechen.
Namentlich hat sich auch die Aberkennung der (derivativen) Flüchtlingsei-
genschaft an die im Asylgesetz vorgesehen Grundlagen zu halten, mit de-
nen auf die massgeblichen Bestimmungen der FK verwiesen wird, welche
im Übrigen auch keine Unterscheidung zwischen originärer und derivativer
oder materieller und formeller Flüchtlingseigenschaft vornimmt (vgl. zum
ganzen Urteil der Schweizerischen Asylrekurskommission vom 3. März
2003 E. 8 [EMARK 2003/11]).
5.2 Solange der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft besitzt, ist
daher grundsätzlich davon auszugehen, dass der Vollzug seiner Wegwei-
sung unzulässig ist. Davon ging die Vorinstanz auch noch im Asylwiderruf
vom 25. Februar 2019 aus, indem sie dort ausdrücklich festhielt, dass der
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Beschwerdeführer weiterhin als Flüchtling anerkannt sei und sich auf das
Non-Refoulement-Gebot berufen könne. Dies dürfte u.a. auch ein Grund
dafür gewesen sein, dass der Asylwiderruf seinerzeit unangefochten in
Rechtskraft erwachsen war. Dass sich die Rechtsprechung und Praxis zu
Eritrea seit dem 25. Februar 2019 geändert habe, trifft – entgegen den Vor-
bringen der Vorinstanz – nicht zu. Die besagte Rechtsprechungsänderung
in Bezug auf die Zumutbarkeit und Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs
bei drohender Einziehung in den eritreischen Nationaldienst trat nämlich
schon vorher ein (vgl. Grundsatzurteil des BVGer E-5022/2017 vom
10. Juli 2018 [BVGE 2018 VI/4] m.H. auf die früheren Referenzurteile
D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 und D-2311/2016 vom 17. August
2017). Wenn nun die Vorinstanz die Zulässigkeit des Wegweisungsvoll-
zugs u.a. mit der seit dem Asylwiderruf (angeblich) eingetretenen Ände-
rung der Rechtsprechung und Praxis begründet, ist das willkürlich und
steht im Widerspruch zur Verfügung vom 25. Februar 2019.
5.3 Das flüchtlingsrelevante Non-Refoulement-Gebot von Art. 33 Ziff. 1 FK,
welches ebenfalls in Art. 25 Abs. 2 BV sowie Art. 5 Abs. 1 AsylG verankert
ist, verbietet es den Vertragsstaaten, einen Flüchtling in ein Land zurück-
zuführen, in welchem sein Leben oder seine Freiheit wegen seiner Rasse,
Religion, Staatszugehörigkeit, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten
sozialen Gruppe oder seiner politischen Anschauungen gefährdet wäre
(vgl. Art. 1A Ziff. 2 FK bzw. Art. 3 Abs. 1 AsylG). Auf diese Vorschrift kann
sich ein Flüchtling nicht berufen, wenn erhebliche Gründe dafür vorliegen,
dass er als eine Gefahr für die Sicherheit des Aufenthaltsstaates betrachtet
werden muss oder wenn er eine Bedrohung für die Gemeinschaft dieses
Landes bedeutet, weil er wegen eines besonders schweren Verbrechens
oder Vergehens rechtskräftig verurteilt worden ist (Art. 33 Abs. Abs. 2 FK,
Art. 5 Abs. 2 AsylG). In einem solchen Fall kann somit auch bei einem
(noch) anerkannten Flüchtling die Wegweisung vollzogen werden. Dies ist
jedoch beim Beschwerdeführer nicht der Fall, ging doch die Vorinstanz
selbst in ihrem Antwortschreiben vom 19. Juni 2019 an die kantonale Mig-
rationsbehörde von einer fehlenden Gemeingefährlichkeit aus.
5.4 Daran, dass die Vorinstanz im vorliegenden Verfahren verpflichtet ge-
wesen wäre, die Voraussetzungen des Wegweisungsvollzugs im Zusam-
menhang mit einem Verfahren betreffend Aberkennung des Flüchtlingssta-
tus zu prüfen, ändert auch die von ihr zitierte bundesgerichtliche Recht-
sprechung (Urteil des BGer 2C_833/2011 vom 6. Juni 2012) nichts. In je-
nem Verfahren ging es um den Widerruf der Niederlassungsbewilligung ei-
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nes anerkannten Flüchtlings, wobei die kantonale Vorinstanz (Verwal-
tungsgericht) beim Widerruf der Niederlassung und Wegweisung aus der
Schweiz auch die Unzulässigkeit eines allfälligen Wegweisungsvollzugs
prüfte und sich dabei auf einen Bericht des BFM stützte, welches zum
Schluss kam, dass der betreffende Ausländer im heutigen Zeitpunkt die
Flüchtlingseigenschaft nicht mehr erfüllen würde. Da der Ausländer in je-
nem Verfahren diese Sachverhaltsfeststellungen nicht in Frage stellte,
schützte das Bundesgericht das Urteil des Verwaltungsgerichts und wies
die Beschwerde ab (vgl. Urteil 2C_833/2011 E. 3.4). Dies trifft in casu nicht
zu, macht doch der Beschwerdeführer geltend, nach wie vor im Heimatland
gefährdet zu sein und die (materiellen) Voraussetzungen eines Flüchtlings
zu erfüllen.
5.5 Hinsichtlich der Voraussetzungen des Wegweisungsvollzugs sind in
prozessualer Hinsicht zwei Konstellationen zu unterscheiden: Wird in ei-
nem vom Kanton eingeleiteten Verfahren die vorläufige Aufnahme eines
Ausländers ohne Flüchtlingsstatus geprüft, liegt es an diesem (als Quasi-
Gesuchsteller), im Rahmen seiner Mitwirkungspflicht (vgl. Art. 90 AIG) die
individuelle Bedrohungslage im Heimatland substanziiert vorbringen und
soweit möglich zu belegen (Art. 8 ZGB). Hingegen ist es im Verfahren be-
treffend Aberkennung des Flüchtlingsstatus primär Sache der verfügenden
Behörde, das Nichtbestehen einer Bedrohungslage und der Flüchtlingsei-
genschaft zu belegen. Dies hat die Vorinstanz nicht beachtet, indem sie
dem Beschwerdeführer die Beweislast für das Vorliegen einer individuellen
Gefährdung in Eritrea auferlegte, obwohl er die Flüchtlingseigenschaft be-
sitzt. Auch aus diesem Grund wäre die Vorinstanz verpflichtet gewesen, die
Voraussetzungen des Wegweisungsvollzugs im Zusammenhang mit ei-
nem Verfahren betreffend Aberkennung des Flüchtlingsstatus zu prüfen.
5.6 Zusammenfassend ergibt sich, dass – solange der Beschwerdeführer
anerkannter Flüchtling ist – von der Unzulässigkeit des Wegweisungsvoll-
zugs auszugehen ist. Daraus folgt, dass die vorläufige Aufnahme zu ge-
währen ist (vgl. E. 3). Somit erübrigen sich weitere Ausführungen zu einer
allfälligen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und zur Verhältnis-
mässigkeit.
6.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen, die angefochtene
Verfügung aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, dem Beschwerde-
führer die vorläufige Aufnahme zu erteilen.
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7.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerle-
gen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Dem Beschwerdeführer ist für die ihm
durch die anwaltliche Vertretung erwachsenen notwendigen Kosten zulas-
ten der Vorinstanz eine Parteientschädigung in gerichtlich festzusetzender
Höhe zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 ff. des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mangels Kostennote ist die
Höhe der Parteientschädigung aufgrund der Akten festzulegen. Mit Blick
auf den aktenkundigen Aufwand und die Komplexität des Falles sowie in
Anwendung der gesetzlichen Bemessungskriterien von Art. 8 ff. VGKE er-
scheint eine Parteientschädigung von Fr. 2'500.- als angemessen. Darin ist
der Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE ein-
geschlossen. Da mit der Ausrichtung einer Parteientschädigung die Ausla-
gen des Beschwerdeführers gedeckt sind, ist kein zusätzliches Honorar für
den am 8. September 2021 amtlich eingesetzten Anwalt zu entrichten (vgl.
Urteil des BVGer F-6106/2019 vom 3. Dezember 2020 E. 7 m.H.).
(Dispositiv nächste Seite)
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