Decision ID: b9f4884f-23bd-4044-a9f7-46207a3659b1
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X überschritt am Sonntag, 18. April 2010, um 11.39 Uhr auf der B-Strasse in W als
Lenker des Personenwagens "VW D Scirocco" mit dem amtlichen Kennzeichen SG 000
die allgemeine Höchstgeschwindigkeit ausserorts von 80 km/h um 28 km/h.
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B.- Wegen dieses Vorfalls eröffnete das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des
Kantons St. Gallen am 10. September 2010 ein Administrativverfahren. X liess sich
dazu am 24. September 2010 vernehmen. Für die Zustellung der weiteren
Korrespondenz gab er eine Postfachadresse in K an und ersuchte für die
Stellungnahme zum möglichen Vollzugszeitpunkt um eine zusätzliche Frist bis
7. Oktober 2010. Das Strassenverkehrsamt gewährte ihm diese Frist mit Schreiben
vom 28. September 2010, das an die Postfachadresse in K gesandt wurde, und
forderte ihn gleichzeitig auf, den ausgefüllten Fragebogen zur beruflichen
Angewiesenheit einzureichen oder den Verkehrsunterricht zu besuchen.
Am 11. Oktober 2010 verfügte das Strassenverkehrsamt einen Führerausweisentzug
für die Dauer von fünf Monaten. In der Begründung wurde unter anderem ausgeführt, X
habe sich nicht zum Besuch des angebotenen Kurses entschliessen können und auch
nicht geltend gemacht, er sei beruflich auf den Führerausweis angewiesen. Ein
"Gesuch um Vollzugsbeginn" sei "innert der Frist, bis am 7. Oktober 2010 nicht
eingereicht" worden. Die Verfügung wurde mit eingeschriebenem Brief an die
Wohnadresse von X in G gesandt. Ebenfalls am 11. Oktober 2010 (Postaufgabe:
08.10.10) ging beim Strassenverkehrsamt der von X ausgefüllte Fragebogen zur
beruflichen Angewiesenheit ein. Gleichzeitig ersuchte er für die Angaben zum
gewünschten Vollzugszeitpunkt um einen weiteren Aufschub von zehn Tagen. Mit
Eingabe vom 20. Oktober 2010 (Postaufgabe: 21.10.10, Eingang: 25. Okt. 2010)
ersuchte er das Strassenverkehrsamt, den Entzug frühestens ab 26. November 2010 zu
vollziehen und wies wiederum auf seine Korrespondenzadresse hin.
Nachdem der Brief mit der Verfügung vom 11. Oktober 2010 bis zum 21. Oktober 2010
bei der Post in G nicht abgeholt und an das Strassenverkehrsamt zurückgesandt
worden war, wurde die Verfügung zusammen mit einem am 22. Oktober 2010 datierten
Schreiben mit A-Post erneut an die Wohnadresse von X in G gesandt. Am 25. Oktober
2010 setzte der für die Anordnung des Vollzugs zuständige Sachbearbeiter des
Strassenverkehrsamts den Vollzugsbeginn auf spätestens 26. November 2010 fest.
C.- Nach einem – aktenmässig nicht belegten – Telefongespräch mit der für die
Bearbeitung des Administrativverfahrens zuständigen Sachbearbeiterin vom
2. November 2010 ersuchte X am 6. November 2010 (Postaufgabe: 08.11.10) das
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Strassenverkehrsamt, die Verfügung vom 11. Oktober 2010 in Wiedererwägung zu
ziehen und die Entzugsdauer unter Berücksichtigung seiner beruflichen
Angewiesenheit auf die Mindestdauer von vier Monaten herabzusetzen. Er machte
geltend, die Korrespondenz sei nicht an die von ihm bezeichnete Postfachadresse
gesandt worden, so dass er nicht rechtzeitig davon habe Kenntnis erhalten können. Mit
Verfügung vom 11. November 2010 trat das Strassenverkehrsamt auf das
Wiedererwägungsgesuch nicht ein.
D.- Gegen die Nichteintretensverfügung vom 11. November 2010 und die
Entzugsverfügung vom 11. Oktober 2010 erhob X mit Eingabe vom 25. November 2010
Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit den Anträgen, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge sei dem Rekurs nach Ablauf der anerkannten Entzugsdauer von
vier Monaten die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Entzugsdauer unter
Berücksichtigung der beruflichen Angewiesenheit und des erfolgreich besuchten
Verkehrsunterrichts von fünf Monaten auf vier Monate herabzusetzen. Auf die
Ausführungen zur Begründung der Anträge wird, soweit erforderlich, in den

Erwägungen eingegangen. Die Vorinstanz verzichtete am 13. Januar 2011 auf eine
Vernehmlassung.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 26. November 2010 (Postaufgabe)
richtet sich in erster Linie gegen die von der Vorinstanz mit Verfügung vom 11. Oktober
2010 angeordnete Entzugsdauer von fünf Monaten. Die Verfügung wurde mit
eingeschriebenem Brief und – nachdem dieser nicht abgeholt worden war – mit A-Post
am 22. Oktober 2010 an die Wohnadresse des Rekurrenten gesandt, obwohl er in
seiner Stellungnahme vom 24. September 2010 der Vorinstanz ausdrücklich ein
Postfach in K als Korrespondenzadresse bekannt gegeben hatte. Deshalb und weil die
Vorinstanz die Bewilligung einer Fristverlängerung bis zum 7. Oktober 2010 an die
angegebene Postfachadresse sandte, musste der Rekurrent nicht damit rechnen, dass
ihm Korrespondenz oder Verfügungen in diesem Verfahren an seine Wohnadresse in G
zugestellt würden.
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Aus der mangelhaften Eröffnung einer Verfügung oder eines Entscheids darf dem
Betroffenen kein Nachteil erwachsen. Diesem Grundsatz ist nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung dann Genüge getan, wenn eine objektiv
mangelhafte Eröffnung trotz ihres Mangels ihren Zweck erreicht hat. Es ist nach den
Umständen des Einzelfalls zu prüfen, ob der Betroffene durch den Eröffnungsmangel
tatsächlich irregeführt und dadurch benachteiligt worden ist und ob sie im Rahmen des
ihr Zumutbaren die sich aufdrängenden Schritte unternommen hat. Es erscheint
zumutbar, dass der Verfügungsadressat, hat er einmal von der ihn betreffenden
Verfügung Kenntnis erhalten, darum besorgt ist, den Inhalt der Verfügung und deren
Begründung zu erfahren, um über die Ergreifung eines Rechtsmittels zu entscheiden.
Er darf nach dem Grundsatz von Treu und Glauben den Zeitpunkt des Beginns des
Fristenlaufs nicht beliebig hinauszögern, wenn er einmal von der ihn betreffenden
Verfügung Kenntnis erhalten hat (vgl. Urteil des Bundesgerichts 1P.763/2006 vom
26. März 2007, E. 3.3 mit Hinweisen auf BGE 122 V 189 E. 2; 102 Ib 91 E. 4; Urteil des
Bundesgerichts 1A.256/1993 vom 31. Dezember 1993, in: ZBl 95/1994 S. 529 E. 2a, je
mit Hinweisen).
Aus den Akten – insbesondere aus dem Schreiben vom 6. November 2010
(vgl. act. 9/13) – ist zu schliessen, dass der Rekurrent erst aufgrund des
Telefongesprächs vom 2. November 2010 erfuhr, dass die Vorinstanz bereits am
11. Oktober 2010 eine Entzugsverfügung erlassen hatte. Die Vorinstanz hatte bis dahin
sämtliche Korrespondenz und auch die Verfügung an die Wohnadresse des
Rekurrenten in G gesandt; einzig – aber immerhin – die Gewährung der
Fristverlängerung bis zum 7. Oktober 2010 wurde an die von ihm bezeichnete
Korrespondenzadresse zugestellt (act. 9/5). Auf dieses vorinstanzliche Schreiben vom
28. September 2010 reagierte der Rekurrent – wenn auch einen Tag nach Ablauf der
gewährten Frist – mit der Einreichung des ausgefüllten Fragebogens zur beruflichen
Angewiesenheit und einem weiteren Gesuch um einen zehntägigen Aufschub. Kurz
nach Ablauf dieser Frist teilte er mit Schreiben vom 20. Oktober 2010 (Postaufgabe:
21.10.10) der Vorinstanz den gewünschten Vollzugsbeginn mit. Da der eingeschrieben
versandte Brief mit der Entzugsverfügung vom 11. Oktober 2010 bei der Poststelle in G
nicht abgeholt und am 21. Oktober 2010 an die Vorinstanz zurückgesandt worden war,
konnte der Rekurrent bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Kenntnis vom Inhalt der
Verfügung haben. Die Vorinstanz macht auch nicht geltend, der Rekurrent habe zu
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diesem Zeitpunkt zumindest von einer Abholungseinladung gewusst oder auf eine
anfechtbare Verfügung im Entzugsverfahren schliessen und sich entsprechend
informieren müssen.
Die zweite Zustellung der Verfügung mit A-Post erfolgte am 22. Oktober 2010
wiederum an die Wohnadresse des Rekurrenten in G (act. 9/9). Anhaltspunkte dafür,
dass ihm der Inhalt dieses Briefes vor dem Telefongespräch mit der Vorinstanz vom
2. November 2010 bekannt war, sind den Akten nicht zu entnehmen. Die Vorinstanz hat
weder den Inhalt dieses Gesprächs in einer Aktennotiz festgehalten, noch kann sie
einen früheren Zeitpunkt belegen, in welchem der Rekurrent konkret von der
Entzugsverfügung Kenntnis nahm. Damit begann die Rechtsmittelfrist gegen die
Verfügung vom 11. Oktober 2010 frühestens am 2. November 2010 zu laufen. In der
innerhalb der 14-tägigen Rekursfrist eingereichten Eingabe vom 6. November 2010
(Postaufgabe: 08.11.10) kommt – wenn auch in der Form eines
Wiedererwägungsgesuchs – der klare Wille des Rekurrenten zum Ausdruck, eine
Änderung der Verfügung vom 11. Oktober 2010 im Sinn einer Reduktion der
fünfmonatigen Entzugsdauer zu erwirken. Die Vorinstanz, die auf das
Wiedererwägungsgesuch nicht eintrat, wäre deshalb gehalten gewesen, die Eingabe
gestützt auf Art. 11 Abs. 3 VRP zuständigkeitshalber als Rekurs an die
Verwaltungsrekurskommission zu übermitteln.
Die Eingabe vom 6. November 2010 erfüllt ebenso wie jene vom 26. November 2010
(Postaufgabe), mit welcher der Rekurrent an die Verwaltungsrekurskommission gelangt
ist, in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g ,
45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt:
VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Der Rekurrent beantragt, unter Berücksichtigung seiner beruflichen Angewiesenheit
auf den Führerausweis und des erfolgreich besuchten Verkehrsunterrichts sei die
Entzugsdauer in der angefochtenen Verfügung vom 11. Oktober 2010 von fünf
Monaten auf vier Monate herabzusetzen. Im vorinstanzlichen Verfahren blieben die
Vorbringen des Rekurrenten insbesondere zu seiner beruflichen Angewiesenheit
ungehört. Die zuständige Sachbearbeiterin der Vorinstanz erliess die angefochtene
Verfügung am 11. Oktober 2010, bevor sie vom gleichentags bei der Vorinstanz
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eingegangenen ausgefüllten Fragebogen zur beruflichen Angewiesenheit des
Rekurrenten und seinem Ersuchen um eine weitere Erstreckung der Frist von zehn
Tagen zur Angabe eines Wunsches zum Vollzugszeitpunkt Kenntnis nehmen konnte.
Aus dem Schreiben des Rekurrenten vom 2. November 2010 ist zu schliessen, dass
diese Aktenstücke nie bei der zuständigen Sachbearbeiterin eintrafen. Unter diesen
Umständen erscheint die Angelegenheit vor der Vorinstanz, welche den Rekurrenten
am 28. September 2010 aufforderte, den erwähnten Fragebogen auszufüllen und
einzureichen, im Wesentlichen als ungeprüft. Dies rechtfertigt es, die Angelegenheit
gestützt auf Art. 56 Abs. 2 VRP zur weiteren Prüfung und zu neuer Entscheidung an die
Vorinstanz zurückzuweisen (vgl. dazu Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im
Kanton St. Gallen, St. Gallen 2003, Rz. 1032).
Dementsprechend ist der Rekurs teilweise gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung
der Vorinstanz vom 11. Oktober 2010 ist aufzuheben und die Angelegenheit zur
weiteren Prüfung und zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Damit
wird auch der vorinstanzliche Entscheid vom 11. November 2010, auf das
Wiedererwägungsgesuch vom 6. November 2010 nicht einzutreten, hinfällig.
3.- Entsprechend dem Verfahrensausgang und dem Verursacherprinzip – die
Vorinstanz hat die Vorbringen des Rekurrenten nicht wiedererwägungsweise geprüft,
obwohl sie die Verfügung vom 11. Oktober 2010 nicht an der von ihm bezeichneten
Zustelladresse eröffnet hat – sind die amtlichen Kosten vom Staat zu tragen (Art. 95
Abs. 1 und 2 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- ist angemessen (vgl. Art. 7
Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Die Finanzverwaltung ist
anzuweisen, dem Rekurrenten den Kostenvorschuss von Fr. 1'200.--
zurückzuerstatten.
Der Rekurrent stellt einen Antrag auf Entschädigung. Nach Art. 98 Abs. 2 VRP werden
im Rekursverfahren ausseramtliche Kosten entschädigt, soweit sie aufgrund der Sach-
und Rechtslage als notwendig und angemessen erscheinen. Die Vorschriften der
Schweizerischen Zivilprozessordnung (SR 272, abgekürzt: ZPO) über die Parteikosten
finden sachgemäss Anwendung (Art. 98 VRP). Gestützt auf das frühere kantonale
Zivilprozessgesetz hat die Verwaltungsrekurskommission entschieden, dass einer nicht
vertretenen Partei der Zeitaufwand für das Erstellen von Rechtsschriften nicht
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entschädigt wird und Barauslagen nur ersetzt werden, wenn sie erheblich und
nachgewiesen sind (GVP 1993 Nr. 52). Als nicht vertreten im Sinn dieser
Rechtsprechung hat zu gelten, wer sich nicht berufsmässig vertreten lässt. Diese
Rechtsprechung lässt sich beim – unselbständig erwerbenden – Rekurrenten ohne
Weiteres auch mit der sachgemässen Anwendung von Art. 95 Abs. 3 ZPO vereinbaren,
wonach – neben den Kosten einer berufsmässigen Vertretung (lit. b) – als
Parteientschädigung der Ersatz notwendiger Auslagen (lit. a) und in begründeten Fällen
eine angemessene Umtriebsentschädigung, wenn eine Partei nicht berufsmässig
vertreten ist, gelten (lit. c; vgl. dazu Suter/von Holzen, in: Kommentar zur
Schweizerischen Zivilprozessordnung, Zürich/Basel/Genf 2010, N 31 zu Art. 95 ZPO).
Angesichts dieser Rechtsprechung und der Tatsache, dass erhebliche Barauslagen
oder ein verfahrensbedingter Verdienstausfall weder ersichtlich sind noch geltend
gemacht oder gar nachgewiesen werden, hat der nicht vertretene Rekurrent weder
Anspruch auf eine ausseramtliche Entschädigung noch auf eine
Umtriebsentschädigung.