Decision ID: 9e553e56-f1fa-5ff9-912f-ee0b8e1beab5
Year: 2003
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführerin ist Eigentümerin der in der Gemischten Gemeinde Oberried
am Brienzersee gelegenen Parzelle Oberried Gbbl. Nr. D._. Das Grundstück
befindet sich teilweise in der Uferbauzone Dorfkern im Sinne von Art. 42 Abs. 3 GBR,1
soweit den vorliegenden Fall interessierend, liegt es innerhalb der Uferschutzzone nach
Art. 52 GBR.
Seit Jahren stellte die Beschwerdeführerin dort jeweils im Sommer für mehrere Monate ein
Wohnzelt auf. Die Gemeinde erteilte ihr hierzu in den Jahren 1985 bis 1994 je eine
Campingbewilligung gestützt auf Art. 6 GCR.2 Ab 1995 verzichtete die Beschwerdeführerin
1 Baureglement der Gemischten Gemeinde Oberried am Brienzersee vom 8. Juni 1990 (GBR) 2 Campingreglement der Gemischten Gemeinde Oberried am Brienzersee vom 30. November 1973 (GCR)
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auf das Einholen der entsprechenden Bewilligung, weil sie sich nun auf den Standpunkt
stellte, das Aufstellen ihres Zeltes sei gar nicht bewilligungspflichtig. Die Gemeinde hatte in
dieser Zeit Kenntnis davon, dass das Zelt ohne behördliche Bewilligung errichtet wurde.
2. Am 19. Juni 2002 forderte die Gemeinde die Beschwerdeführerin schriftlich auf, eine
Bewilligung gemäss Art. 6 GCR zu beantragen. Nachdem diese daraufhin am 1. Juli 2002
erklärte, ihr Zelt falle nicht in den Geltungsbereich des GCR und bedürfe daher keiner
Bewilligung, verfügte die Gemeinde mit Entscheid vom 7. August 2002 die
Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes, indem das Zelt bis zum 12. September
2002 abzubrechen sei. Im Falle eines erneuten Aufstellens zu einem späteren Zeitpunkt
kündigte sie die Einreichung einer Strafanzeige und den unmittelbaren Vollzug der
Ersatzvornahme an.
3. Gegen diesen Entscheid hat die Beschwerdeführerin bei der Bau-, Verkehrs- und
Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) Beschwerde erhoben. Sie beantragt die
Aufhebung der angefochtenen Wiederherstellungsverfügung und macht geltend, deren
Grundlage im Campingreglement verstosse gegen das übergeordnete kantonale Recht.
Die Gemeinde gehe zu Unrecht von der Bewilligungspflicht des Zeltes aus, ihre Verfügung
sei unverhältnismässig und durch kein öffentliches Interesse gedeckt. Im Zusammenhang
mit dem Bau des Uferweges sei der heutige Standort der Beschwerdeführerin überdies
durch den damaligen Projektleiter des Uferweges und heutigen Gemeindepräsidenten
mündlich zugewiesen worden, worauf sie im Vertrauen darauf den betreffenden Platz habe
ausebnen lassen. Dies habe ihr Kosten verursacht, sie sei daher in ihrem Vertrauen zu
schützen.
4. Die Gemischte Gemeinde Oberried beantragt in ihrer Stellungnahme vom 20.
September 2002 die Abweisung der Beschwerde. Sie hält fest, das gemeindeeigene
Campingreglement bilde eine gültige gesetzliche Grundlage für ihre Verfügung. Der
Gemeinderat suche eine Ausdehnung von „wildem Campieren“ wegen der damit
zusammenhängenden visuellen Beeinträchtigung des Landschafts- und Ortsbildes und
wegen fehlender Ver- und Entsorgungsmöglichkeiten zu verhindern. Im Rahmen der
Stellungnahmen zum Beweisergebnis bestreitet sie zudem mit Eingabe vom 3. April 2003
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die geltend gemachte mündliche Standortzuweisung durch den Gemeindepräsidenten.
5. Das Rechtsamt, das gestützt auf Art. 7 OrV BVE3 für die BVE die
Beschwerdeverfahren leitet, führte den Schriftenwechsel durch und edierte die Vorakten.
Es holte zudem bei den Beteiligten ergänzende Auskünfte ein und gab ihnen Gelegenheit,
sich zum Beweisergebnis zu äussern.
Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachfolgenden
Erwägungen zurückzukommen sein.

II. Erwägungen
1. Die BVE prüft die Prozessvoraussetzungen von Amtes wegen.
a) Die Gemeinde Oberried hat eine baupolizeiliche Verfügung im Sinne von Art. 45 ff.
BauG4 erlassen. Gestützt auf Art. 49 Abs. 1 BauG können baupolizeiliche Verfügungen
innert dreissig Tagen seit Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE angefochten werden. Die
BVE ist somit zur Beurteilung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Zur Beschwerde
gegen baupolizeiliche Verfügungen ist gemäss Art. 65 VRPG5 befugt, wer ein
schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung oder Änderung der angefochtenen Verfügung
hat (lit. a), sowie jede andere Person, Organisation oder Behörde, die durch Gesetz oder
Dekret dazu ermächtigt ist (lit. b). Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin der
Wiederherstellungsverfügung durch den vorinstanzlichen Entscheid formell und materiell
beschwert und demzufolge zur Beschwerdeführung legitimiert.6
b) Wie die Beschwerdeführerin in ihren Schlussbemerkungen vom 21. Februar 2003
ausführt, wurde das Zelt in der Zwischenzeit abgebaut. Dadurch ist das von Art. 65 VRPG
geforderte aktuelle Interesse an einem Entscheid in der Sache eigentlich dahin gefallen.
Die Beschwerdeführerin erklärt indessen, das Zelt auch im laufenden Jahr wiederum im
3 Verordnung über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion vom 18. Oktober 1995 (OrV BVE; BSG 152.221.191)
4 Baugesetz des Kantons Bern vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 5 Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege des Kantons Bern vom 23. Mai 1989 (VRPG; BSG 155.21) 6 MERKLI/AESCHLIMANN/HERZOG, Kommentar zum bernischen VRPG, Bern 1997, Art. 65 N. 5
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selben Umfang aufstellen zu wollen, weshalb sich die gleiche oder ähnliche Situation jedes
Jahr wieder ergeben könne. Das Rechtschutzinteresse der Beschwerdebefugten muss im
allgemeinen aktuell sein, um die Behandlung einer Beschwerde zu rechtfertigen. In
besonderen Fällen verzichtet die Rechtsprechung jedoch auf das Erfordernis der Aktualität.
Eine Beschwerde wird trotz dahin gefallenem aktuellem Interesse behandelt, wenn es um
eine Frage mit grundsätzlicher Bedeutung geht, die sich jederzeit unter gleichen oder
ähnlichen Umständen wieder stellen und wegen der Dauer des Verfahrens kaum je
endgültiger Beurteilung zugeführt werden könnte.7 Im vorliegenden Verfahren liegt
unzweifelhaft eine derart beschriebene Situation vor, weshalb auf die im Übrigen form- und
fristgerecht eingereichte Beschwerde eingetreten wird.
2. Umstritten ist die Frage, ob das Zelt der Baubewilligungspflicht unterliegt.
a) Von der Baubewilligungspflicht ausgenommen sind – neben Unterhaltsarbeiten und in
andern Erlassen geregelten Bauvorhaben – geringfügige Bauvorhaben und nur für eine
kurze Dauer erstellte Bauten und Anlagen (Art. 1 Abs. 3 Bst. b/bb BauG). Welche
Bauvorhaben darunter zu verstehen sind, führt das Bewilligungsdekret8 näher aus. Nach
Art. 5 Abs. 1 Bst. i BewD sind u.a. Fahrnisbauten wie Festhütten, Zirkuszelte, Tribünen und
die Lagerung von Material bis zu einer Dauer von drei Monaten von der
Baubewilligungspflicht befreit. Soweit jedoch derartige Bauten und Anlagen die öffentliche
Ordnung stören, hat die Baupolizeibehörde gemäss Art. 5 Abs. 2 BewD die erforderlichen
baupolizeilichen Massnahmen anzuordnen, insbesondere im Interesse der Sicherheit und
Gesundheit sowie des Ortsbild- und Landschaftsschutzes.
b) Das Zelt als Fahrnisbaute könnte demnach unter dem Vorbehalt der Störung der
öffentlichen Ordnung (Art. 5 Abs. 2 BewD) grundsätzlich während maximal drei Monaten
bewilligungsfrei aufgestellt werden. Das Beweisverfahren hat ergeben, dass das strittige
Zelt im vergangenen Jahr in der Zeit vom 25. Mai 2002 bis 14. September 2002, d.h.
während 16 Wochen und damit mehr als drei Monaten, gestanden hat. Es wäre daher
bereits gestützt auf Art. 4 Abs. 1 Bst. f BewD bewilligungspflichtig.
7 MERKLI/AESCHLIMANN/HERZOG, a.a.O., Art. 65 N. 25 8 Dekret über das Baubewilligungsverfahren vom 22. März 1994 (BewD; BSG 725.1)
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c) Das Zelt fällt aber auch aus einem anderen Grund – und unabhängig davon ob es drei
Monate oder länger steht – nicht unter Art. 5 Abs. 1 Bst. i BewD. Die Bestimmung gilt
nämlich nur dort, wo keine besonderen Nutzungsbeschränkungen vorhanden sind. In
Gebieten, in denen ein generelles oder teilweises Bauverbot besteht (z.B. ausserhalb der
Bauzone, im Waldabstand, in Schutzgebieten, im Strassenabstand usw.), gilt dieses auch
für bewilligungsfreie Bauten und Anlagen9. Die Parzelle der Beschwerdeführerin, in welcher
das fragliche Zelt aufgestellt wird, befindet sich gemäss dem Uferschutzplan „Dörfli/Platzli“
der Gemeinde Oberried am Brienzersee in der Uferschutzzone. Bei der Uferschutzzone,
welche sich auf Art. 3 Abs. 1 Bst. a SFG10 stützt, handelt es sich um eine Schutzzone im
Sinne von Art. 17 RPG. Deren Zweck ist in Art. 1 SFG allgemein damit umschrieben, dass
Kanton und Gemeinden die Uferlandschaften schützen und für öffentlichen Zugang zu
See- und Flussufern sorgen. Gemäss Art. 4 Abs. 1 SFG dürfen Bauten und Anlagen in der
Uferschutzzone nur unter den kumulativen Voraussetzungen errichtet werden, dass sie
nach ihrem Zweck einen Standort in der Uferschutzzone erfordern, im öffentlichen
Interesse liegen und die Uferlandschaft nicht beeinträchtigen. Diese Einschränkung der
Baumöglichkeiten in der Uferschutzzone gilt auch für Bauten und Anlagen, die nach Art. 5
Abs. 1 BewD in der Bauzone ohne Bewilligung erstellt werden dürfen.
3. Voraussetzung für die Bewilligungspflicht auch in einer Schutzzone ist aber, dass es
sich tatsächlich um eine Baute oder Anlage im Sinne von Art. 1 BauG und Art. 22 RPG handelt.
a) Nach Art. 22 RPG11 dürfen Bauten und Anlagen nur mit behördlicher Bewilligung
errichtet oder geändert werden. Aus dieser Bestimmung lassen sich die von Bundesrechts
wegen bewilligungspflichtigen Bauten und Anlagen ableiten. Das kantonale Recht darf den
Kreis der nach dem RPG bewilligungspflichtigen Bauten und Anlagen nur ergänzen, nicht
jedoch einschränken12. Das bernische Baugesetz stellt als Generalklausel in Art. 1 Abs. 1
das Bewilligungserfordernis für alle Bauvorhaben auf, die unter die Bestimmungen der
Baugesetzgebung fallen. Diese Umschreibung geht weiter als die bundesrechtliche
Mindestanforderung. Bewilligungsbedürftig sind insbesondere die Erstellung, die
wesentliche Änderung (einschliesslich der wesentlichen Zweckänderung) und der Abbruch
9 Bernische Systematische Information Gemeinden (BSIG) Nr. 7/725.1/1.1 10 Gesetz über See- und Flussufer des Kantons Bern vom 6. Juni 1982 (SFG, BSG 704.1) 11 Bundesgesetz über die Raumplanung vom 22. Juni 1979 (RPG; SR 700) 12 ALEXANDER RUCH, in Kommentar RPG, Zürich 1999, Art. 22 N. 4
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von Gebäuden, Gebäudeteilen und sonstigen Bauten, die Errichtung oder Erweiterung von
Campingplätzen, Lager- und Abstellplätzen, Ablagerungs- und Materialentnahmestellen
sowie wesentliche Terrainveränderungen. Sie beinhaltet unter anderem auch nicht fest mit
dem Boden verbundene Fahrnisbauten und nur vorübergehende Einrichtungen. Ob eine
Baute oder Anlage gestützt der Baubewilligungspflicht untersteht, hängt nach der
Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts von deren Erscheinungsbild und Auswirkung auf
die Umgebung ab. Ist sie insofern mit einer (auch kleinen) Baute vergleichbar und soll sie
zudem während einer gewissen Mindestdauer am vorgesehenen Ort verbleiben, ist die
Baubewilligungspflicht zu bejahen13.
b) Nach der Praxis des Bundesgerichts gelten als bewilligungspflichtige Bauten und
Anlagen jedenfalls jene künstlich geschaffenen und auf Dauer angelegten Einrichtungen,
die in bestimmter fester Beziehung zum Erdboden stehen und geeignet sind, die
Vorstellung über die Nutzungsordnung zu beeinflussen, sei es, dass sie den Raum
äusserlich erheblich verändern, die Erschliessung belasten oder die Umwelt
beeinträchtigen. Dazu gehören auch Fahrnisbauten, welche über nicht unerhebliche
Zeiträume ortsfest verwendet werden. Ausschlaggebend für die Bejahung der
Bewilligungspflicht ist im Sinne einer funktionellen Betrachtungsweise die räumliche
Bedeutung eines Vorhabens insgesamt. Bewilligungspflichtig sind danach auch
Nutzungen, die ohne bauliche Vorkehrungen auskommen, wenn diese derart erhebliche
Auswirkungen auf Planung, Umwelt und Erschliessung haben, dass sie wie Bauten und
Anlagen wirken. Die Baubewilligungspflicht soll der Behörde die Möglichkeit verschaffen,
das Bauprojekt vor seiner Ausführung auf die Übereinstimmung mit der raumplanerischen
Nutzungsordnung und der übrigen einschlägigen Gesetzgebung zu überprüfen. Massstab
dafür, ob eine Massnahme erheblich genug ist, um sie dem Baubewilligungsverfahren zu
unterwerfen, ist daher, ob damit im allgemeinen, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge,
so wichtige räumliche Folgen verbunden sind, dass ein Interesse der Öffentlichkeit oder
der Nachbarn an einer vorgängigen Kontrolle besteht.14
c) Die Beschwerdeführerin hat das Zelt in den vergangenen Jahren jeweils während den
Sommermonaten aufgestellt, und zwar für eine zusammenhängende Phase von drei
Monaten oder länger. In diesen Zeiträumen hat sie das Zelt nicht bloss für einmalige oder
13 ALDO ZAUGG, Kommentar zum bernischen BauG, 2. Auflage, Bern 1995, Art. 1 N. 10 ff.; BVR 1996 S. 305 E. 3.b
14 BGE 123 II 256, E. 3; 119 Ib 222, E. 3.a; 113 Ib 219 E. 4.d; ALDO ZAUGG, a.a.O., Art. 1 N. 10; CHRISTOPHE CUENI, Baubewilligungspflicht für temporäre und/oder geringfügige Bauten, Anlagen und Vorkehren, in KPG-Bulletin 2000, S. 2, Kap. 4
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gelegentliche Übernachtungen verwendet, sondern als regelmässige Wochenend- und
Ferienunterkunft bewohnt. Es blieb dabei während der gesamten Dauer am gleichen
Standort innerhalb der Uferschutzzone stehen und wurde auch in der unbenutzten Zeit
nicht abgebrochen. Die vorliegende Nutzung durch die Beschwerdeführerin entspricht
damit nach den konkreten Umständen eher derjenigen einer Wochenend- und
Ferienwohnung als der üblichen Funktion eines Zeltes als gelegentliches und
unregelmässiges Logis an unterschiedlichen Standorten. Kommt dazu, dass das Zelt in der
Uferschutzzone zu stehen kommt, die nach dem Willen des SFG von Bauten frei gehalten
werden soll. Diese drei Faktoren zusammengenommen (jährliche Wiederholung, das Zelt
bleibt während mehreren Monaten stehen, das Zelt steht in der Uferschutzzone) führen
dazu, dass das Zelt als eine künstlich geschaffene Einrichtung zu gelten hat, die geeignet
ist, die Vorstellung über die Nutzungsordnung zu beeinflussen. Das Zelt ist demnach im
Sinne der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts und des Bundesgerichts als Baute zu
bezeichnen und untersteht deshalb der Baubewilligungspflicht.
4. Im Weiteren ist zu prüfen, ob das Zelt in der Uferschutzzone mit den Bestimmungen
des See- und Flussufergesetzes vereinbar ist und bewilligt werden kann.
a) Nach Art. 2 Abs. 1 i.V. mit Art. 8 Abs. 1 SFG haben die Gemeinden innert 5 Jahren seit
Inkrafttreten des See- und Flussufergesetzes Uferschutzpläne zu erlassen. Die Gemeinde
Oberried am Brienzersee hat gestützt auf die genannten Normen ihre Uferschutzplanung
erlassen, bestehend aus den Uferschutzplänen 1-5 und den zugehörigen
Überbauungsvorschriften vom 29. Januar 1993. In Art. 10 dieser Vorschriften wird für die
Uferschutzzone auf Art. 52 GBR verwiesen, der ausser für die Errichtung von Uferwegen
und standortgebundenen Bauten und Anlagen im Sinne von Art. 4 Abs. 1 SFG in der
Uferschutzzone ein allgemeines Bauverbot festlegt. Art. 4 Abs. 1 SFG schreibt vor, dass
Bauten und Anlagen in der Uferschutzzone nur errichtet werden dürfen, wenn sie nach
ihrem Zweck einen Standort in der Uferschutzzone erfordern, im öffentlichen Interesse
liegen und die Uferlandschaft nicht beeinträchtigen. Diese Voraussetzungen müssen
kumulativ erfüllt sein.
b) Die Beschwerdeführerin will das Zelt auf ihrem Grundstück aufstellen, um während
den Sommermonaten jeweils die Wochenenden und Ferien in der Gemeinde Oberried am
Brienzersee zu verbringen. Sie macht geltend, das sich auf derselben Parzelle befindliche
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Haus biete dafür zuwenig Platz, weshalb sie mit ihrer Familie im Zelt wohne. Diese
persönlichen Anliegen der Beschwerdeführerin sind zwar nachvollziehbar, sie stellen indes
nach objektiven Massstäben keine ausreichenden Gründe dar, welche nach Art. 4 Abs. 1
SFG die Standortgebundenheit des Zeltes in der Uferschutzzone zu rechtfertigen
vermöchten. Die Beschwerdeführerin ist zum Aufstellen ihres Zeltes klarerweise nicht auf
einen Standort in der Uferschutzzone angewiesen, ihre subjektiven Vorstellungen und
Wünsche vermögen weder die Standortgebundenheit zu rechtfertigen noch liegen sie im
öffentlichen Interesse.
c) Gemäss Art. 6 Abs. 3 SFG können aus wichtigen Gründen Ausnahmen von einzelnen
Vorschriften gewährt werden, sofern der Zweck des SFG nicht gefährdet wird. Allerdings
muss der Bauherr um die Ausnahmebewilligung nachsuchen. Es gibt keine
Ausnahmeerteilung von Amtes wegen.15 Zudem sind hier auch in materieller Hinsicht keine
wichtigen Gründe ersichtlich, die eine Ausnahme rechtfertigen könnten.
d) Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Aufstellen des Zeltes aufgrund der
fehlenden Standortgebundenheit in der Uferschutzzone nicht bewilligt werden kann.
5. Inwieweit dem Aufstellen des Zeltes allfällige kommunale Bestimmungen aus dem
Campingreglement der Gemeinde Oberried am Brienzersee entgegenstehen bzw. ob diese Normen gegen übergeordnetes kantonales Recht verstossen, kann vorliegend offen
bleiben, da die Bewilligung schon gestützt auf Art. 4 Abs. 1 SFG und Art. 52 GBR
verweigert werden muss.
6. Die Beschwerdeführerin beruft sich schliesslich auf den Vertrauensgrundsatz und verlangt sinngemäss einen Verzicht auf die Wiederherstellung des rechtmässigen
Zustandes.
a) Der Vertrauensgrundsatz ist Teil des verfassungsmässigen Grundsatzes von Treu und
Glauben16. Danach haben alle Personen Anspruch darauf, in ihrem berechtigten Vertrauen
in behördliche Zusicherungen oder in anderes, bestimmte Erwartungen begründendes
15 vgl. dazu ALDO ZAUGG, a.a.O., Vorbemerkungen zu den Art. 26 bis 31, N. 6 16 Art. 9 Bundesverfassung (BV; SR 101), Art. 11 Verfassung des Kantons Bern (KV; BSG 101.1)
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Verhalten der Behörden geschützt zu werden. Nach der Rechtsprechung haben
Adressatinnen und Adressaten einer falschen behördlichen Auskunft Anspruch darauf,
abweichend vom Gesetz behandelt zu werden, wenn die Auskunft für einen bestimmten
Einzelfall aufgrund einer vollständigen und richtigen Darstellung des Sachverhalts
vorbehaltlos erteilt wurde, die Amtsstelle zur Auskunftserteilung zuständig war oder
gutgläubig als zuständig erachtet werden durfte, die Unrichtigkeit der Auskunft bei
pflichtgemässer Aufmerksamkeit nicht ohne weiteres erkennbar war, im Vertrauen auf die
Richtigkeit der Auskunft unwiderrufliche oder nicht ohne Nachteil rückgängig zu machende
Dispositionen getroffen wurden und die Rechtslage sich seit der Auskunftserteilung nicht
geändert hat. Bei Vorliegen dieser Voraussetzungen ist ausserdem zu prüfen, ob das
öffentliche Interesse an der Anwendung des zwingenden Rechts nicht dennoch Vorrang
vor dem Vertrauensschutz beansprucht.17
b) Die Beschwerdeführerin macht geltend, der heutige Standort des Zeltes sei ihr im
Zusammenhang mit dem Bau des Uferweges durch den damaligen Projektleiter des
Uferweges und heutigen Gemeindepräsidenten mündlich zugewiesen worden, worauf sie
im Vertrauen darauf den betreffenden Platz habe ausebnen lassen. Dies habe ihr Kosten
verursacht, sie sei daher in ihrem Vertrauen zu schützen. Die Gemeinde bestreitet
demgegenüber die Abgabe einer derartigen Zusicherung durch die genannte Person
vollständig. Ob die behauptete Zuweisung des Ersatzplatzes durch den damaligen
Projektleiter tatsächlich vorgenommen worden war oder nicht, kann indessen offen bleiben,
wie die nachstehenden Erwägungen zeigen werden.
c) Nach dem Gesagten muss sich die Zusicherung - sollte sie den Vertrauensschutz
geniessen - zunächst eignen, Vertrauen zu begründen, d.h. sie muss sich auf einen
konkreten Sachverhalt beziehen sowie inhaltlich eine gewisse Bestimmtheit aufweisen.
Unter dem Vorbehalt, dass die Zuweisung tatsächlich wie behauptet stattgefunden hat,
bezog sie sich unzweifelhaft auf einen konkreten Sachverhalt und wies wohl auch inhaltlich
eine gewisse Bestimmtheit auf. Ob die Beschwerdeführerin allerdings vom Hinweis, sie
könne das Zelt an einem bestimmten Standort aufstellen, gleich auf dessen
Bewilligungsfreiheit schliessen durfte, ist zumindest zweifelhaft. Die Frage braucht jedoch
nach den folgenden Erwägungen ebenso wenig beantwortet zu werden.
17 BGE 117 IA 285 E. 2b; BVR 2000, S. 174 E. 4.b m.w.H.
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d) Als weitere Voraussetzung des Vertrauensschutzes müssen im Vertrauen auf die Rich-
tigkeit der Auskunft Dispositionen getroffen worden sein, die unwiderruflich sind oder
jedenfalls nicht ohne Schaden rückgängig gemacht werden können. Die angefochtene
Wiederherstellungsverfügung der Gemeinde verlangt von der Beschwerdeführerin, das in
der Uferschutzzone errichtete Zelt abzubrechen und inskünftig nicht wieder aufzustellen,
unter Androhung der Ersatzvornahme und einer Strafanzeige im Widerhandlungsfall. Wie
das Beweisverfahren ergeben hat, ist das fragliche Zelt in der Zwischenzeit entfernt
worden. Es kann daher nicht gesagt werden, die im Vertrauen auf die behauptete Auskunft
getroffenen Dispositionen der Beschwerdeführerin seien unwiderruflich oder könnten nicht
ohne Schaden rückgängig gemacht werden. Mit dem Abbruch des Zeltes im vergangenen
Herbst erfüllte die Beschwerdeführerin bereits einen Teil der angefochtenen Verfügung, der
Verzicht auf das erneute Aufstellen im laufenden Jahr verlangt von der Beschwerdeführerin
überhaupt keine Dispositionen. Die von ihr geltend gemachten Kosten für das Ausebnen
des Platzes können vorliegend nicht berücksichtigt werden, das Rückgängigmachen dieser
Arbeiten wird durch die angefochtene Wiederherstellungsverfügung nicht umfasst und
bildet demnach nicht Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens. Die
Beschwerdeführerin hat daher keine Dispositionen getroffen, die nicht ohne Schaden
rückgängig gemacht werden können. Ob der Projektleiter des Uferweges die behauptete
Zusicherung tatsächlich abgegeben hat oder nicht, kann deshalb offen bleiben, da die
Beschwerdeführerin jedenfalls keine Dispositionen getroffen hat, die den Vertrauensschutz
zu begründen vermöchten.
e) Ob die Beschwerdeführerin im Übrigen nach den konkreten Umständen in guten
Treuen annehmen durfte, der damalige Projektleiter des Uferweges sei zur behaupteten
Platzzuweisung für das Zelt zuständig gewesen, kann nach den obigen Erwägungen
ebenso offen bleiben. Ergänzend sei bloss angefügt, dass entsprechende Bauten in der
Uferschutzzone gemäss Art. 5 Abs. 3 SFG i.V.m. Art. 17 Abs. 2 SFV18 der Zustimmung des
Amtes für Gemeinden und Raumordnung bedürfen. Der durch die Gemeinde eingesetzte
Projektleiter für die Erstellung des Uferweges ist jedenfalls objektiv nicht die zuständige
Behörde zur Erteilung einer entsprechenden Auskunft. Auch ausserhalb der
Uferschutzzone ist es nebenbei nicht möglich, dass der Projektleiter eines kommunalen
Planungs- und Bauvorhabens zur Erteilung derartiger vertrauensbegründender Auskünfte
zuständig sein könnte. Die diesbezügliche Zuständigkeit ist auf Baubewilligungs- und
Baupolizeibehörden nach Art. 33 und 45 BauG beschränkt.
18 See- und Flussuferverordnung des Kantons Bern vom 29. Juni 1983 (SFV BSG 704.111)
11
f) Aus den genannten Gründen kann auch gestützt auf den Vertrauensgrundsatz nicht
eine Bewilligung zum Aufstellen des Zeltes in der Uferschutzzone erteilt werden.
7. Im Weiteren hat die Wiederherstellungsverfügung den Grundsatz der
Verhältnismässigkeit zu beachten.
Die angeordnete Wiederherstellungsmassnahme muss mit anderen Worten geeignet und
erforderlich sein, um den mit der Wiederherstellung verfolgten Zweck zu erreichen.
Ausserdem muss die mit der Wiederherstellung verbundene Belastung der oder des
Pflichtigen durch ein genügendes öffentliches Interesse gerechtfertigt sein, sie muss also
zumutbar sein. Als unverhältnismässig erweist sich eine Wiederherstellungsmassnahme,
wenn die Abweichung vom Gesetz gering ist und das öffentliche Interesse den Schaden,
der dem Eigentümer durch die Wiederherstellung entstünde, nicht zu rechtfertigen
vermag.19
Die Anordnung, das Zelt in der Uferschutzzone abzubrechen, stellt zweifellos eine
geeignete Massnahme zur Erreichung des angestrebten Zieles, nämlich der
Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes, dar. Eine mildere Massnahme, mit der
dasselbe Ziel erreicht werden könnte, ist vorliegend nicht ersichtlich. Aufgrund seiner
Zweckbestimmung ist das Zelt als Ganzes, nicht bloss eine bestimmte Art und Weise
seiner Nutzung, innerhalb der Uferschutzzone nicht bewilligungsfähig, die
Wiederherstellung erscheint deshalb auch erforderlich. Das öffentliche Interesse an der
Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes besteht im dargelegten Schutz der
Uferlandschaft im Sinne von Art. 1 SFG und Art. 3 Abs. 2 lit. c RPG sowie in der Einhaltung
der Zonenordnung, die das Verwaltungsgericht als eigentliches Kernstück der
Raumplanung bezeichnet und damit als zwingendes öffentliches Interesse anerkennt.20 Für
die Beschwerdeführerin ist die Wiederherstellung mit keinen weiteren Kosten verbunden,
sie steht in einem angemessenen Verhältnis zum öffentlichen Interesse an der
Massnahme. Aufgrund der obigen Erwägungen erscheint die Wiederherstellung des
rechtmässigen Zustandes daher als verhältnismässig.
19 ALDO ZAUGG, a.a.O., Art. 46 N. 8 20 BVR 1992 S. 487 f.
12
8. Zusammenfassend ergibt sich aus den Erwägungen, dass die Beschwerde abzuweisen und die vorinstanzliche Wiederherstellungsverfügung zu bestätigen ist. Da die
Beschwerdeführerin das strittige Zelt in der Zwischenzeit bereits abgebrochen hat, erübrigt
sich die Neuansetzung der Wiederherstellungsfrist im vorliegenden Fall.
9. Die Verfahrenskosten bestehen aus einer Pauschalgebühr. Für besondere Untersuchungen, Gutachten und dergleichen können zusätzliche Gebühren erhoben
werden. Die Behörde setzt die Gebühr gestützt auf die gesetzliche Gebührenordnung nach
pflichtgemässem Ermessen fest (Art. 103 Abs. 1 und 2 VRPG). Gestützt auf Art. 19 der
Verordnung über die Gebühren der Kantonsverwaltung vom 22. Februar 1995 (GebV, BSG
154.21) werden die Verfahrenskosten auf eine Pauschalgebühr von Fr. 700.- bestimmt.
Die Verfahrenskosten werden der unterliegenden Partei auferlegt, es sei denn, das
prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen
Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Im
vorliegenden Verfahren liegen keine speziellen prozessualen Verhältnisse vor, die
Beschwerdeführerin ist als unterliegend zu betrachten. Bei diesem Ausgang des
Verfahrens werden die Verfahrenskosten der Beschwerdeführerin zur Bezahlung auferlegt.
Gestützt auf Art. 108 Abs. 3 i.V.m. Art. 104 Abs. 3 VRPG werden keine Parteikosten gesprochen.