Decision ID: f987080a-e9ea-5ae9-87a4-9ba9f3b8bc78
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin gelangte eigenen Angaben zufolge am (...) in die
Schweiz, wo sie gleichentags um Asyl nachsuchte. Am 28. April 2017 fand
die Befragung zur Person (BzP) statt und am 3. September 2019 wurde die
Beschwerdeführerin vom SEM vertieft zu ihren Asylgründen angehört.
Dabei machte sie geltend, sie sei als Ajanib (beziehungsweise Ajnabiyya;
behördlich registrierte staatenlose Kurdin) in C._ geboren und habe
dort bis zu ihrer Ausreise gelebt. Sie habe die Schule aus finanziellen Grün-
den und weil sie Ajanib gewesen sei nach der (...) Klasse abbrechen müs-
sen. Sie habe sich danach zu Hause aufgehalten, im Haushalt geholfen
und schliesslich die letzten (Nennung Dauer) vor ihrer Ausreise in einer
D._ in C._ gearbeitet. Ihre Mutter sei (...) und ihr Vater (...)
verstorben. Im (...) habe ein Imam sie und E._ in Syrien religiös
getraut. Ihr Ehemann sei dabei nicht anwesend und von seinem Vater ver-
treten worden; er wohne in der Schweiz, wo er am (...) als staatenlose Per-
son anerkannt worden sei und gestützt darauf über eine Aufenthaltsbewil-
ligung B verfüge. Sie habe ihr Heimatland am (...) illegal verlassen, um mit
ihrem Mann zusammenleben zu können. Zudem habe sie der prekären Si-
cherheitslage entgehen wollen und ausserdem sei sie als Ajanib diskrimi-
niert worden und habe keine Rechte gehabt.
Die Beschwerdeführerin reichte (Nennung Beweismittel) zu den Akten.
B.
Am (...) heiratete die Beschwerdeführerin E._ in der Schweiz. Am
(...) gebar sie den gemeinsamen Sohn B._, welcher in ihr Asylge-
such einbezogen wurde.
C.
Das SEM stellte mit Verfügung vom 30. April 2020 fest, die Beschwerde-
führerin und ihr Kind erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht und lehnte
ihre Asylgesuche ab. Es verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige
Aufnahme an.
D.
Die Beschwerdeführerin erhob mit Eingabe vom 21. Mai 2020 für sich und
ihr Kind gegen diesen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsge-
richt. Sie beantragte sinngemäss, es sei die angefochtene Verfügung in
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den Ziffern 1–3 aufzuheben, ihre Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und
ihnen Asyl zu gewähren.
E.
Die Instruktionsrichterin forderte die Beschwerdeführerin mit Zwischenver-
fügung vom 2. Juni 2020 zur Leistung eines Kostenvorschusses innert ge-
setzter Frist auf. Dieser wurde am 15. Juni 2020 fristgerecht bezahlt.
F.
F.a Mit Eingabe vom 5. April 2019 ersuchte E._ das SEM um Aner-
kennung seines Sohnes B._ als Staatenloser.
F.b Mit Verfügung vom 15. Juli 2020 stellte das SEM unter Bezugnahme
auf die am 2. Juni 2020 von der zuständigen kantonalen Migrationsbehörde
dem Kind B._ (erfasst als Staatenloser) erteilte Aufenthaltsbewilli-
gung B fest, dass die vorläufige Aufnahme für B._ erloschen und
die angeordnete Wegweisung dahingefallen sei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September
2015, SR 142.31).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat für sich und ihr Kind am Verfahren vor dem SEM teil-
genommen. Sie sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs-
weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legiti-
miert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52
Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist – vorbehältlich nachstehender Er-
wägung 4 – einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend
aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der Be-
schwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung
eines Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Die Beschwerdeführerin und ihr Kind wurden zufolge Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufgenommen. Am (...) er-
teilte der Kanton F._ dem Kind B._ eine Aufenthaltsbewilli-
gung B, worauf das SEM mit Verfügung vom 15. Juli 2020 feststellte, die
vorläufige Aufnahme für B._ sei erloschen und die angeordnete
Wegweisung dahingefallen (vgl. Bst. F.b. hievor). Die Beschwerde von
B._ ist demnach hinsichtlich der Wegweisung als gegenstandslos
geworden abzuschreiben. Der Prozessgegenstand des vorliegenden Be-
schwerdeverfahrens beschränkt sich folglich bei B._ auf die Frage
der Flüchtlingseigenschaft und des Asyls, bei der Beschwerdeführerin zu-
sätzlich auf die Frage der Wegweisung aus der Schweiz. Der Vollständig-
keit halber ist festzuhalten, dass im vorliegenden Beschwerdeverfahren
auch nicht weiter auf die Frage einzugehen ist, ob die Beschwerdeführerin
die Voraussetzungen zur Anerkennung der Staatenlosigkeit erfüllt, zumal
das SEM bisher nicht über ein Gesuch der Beschwerdeführerin um Aner-
kennung der Staatenlosigkeit befunden hat. Es hat indessen in der ange-
fochtenen Verfügung festgehalten, es stehe der Beschwerdeführerin frei,
ein entsprechendes Gesuch beim SEM einzureichen (vgl. Ziff. II.1 und 2
der vorinstanzlichen Verfügung).
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1
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AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Lei-
bes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträg-
lichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgrün-
den ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Das SEM kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen der Beschwerdeführerin würden den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten.
Die Beschwerdeführerin habe sinngemäss ausgesagt, dass eine Einbür-
gerung für sie möglich gewesen wäre. In der eingereichten Ehebescheini-
gung werde sie als Maktumin (nicht registrierte Kurdin ohne syrische
Staatsangehörigkeit), nicht aber als Ajanib aufgeführt. Ungeachtet dessen
würden die Ajanib in Syrien gemäss geltender Rechtsprechung der Asylbe-
hörden keiner Kollektivverfolgung unterliegen. Von staatlichen Repressio-
nen, die ein menschenwürdiges Leben in Syrien verunmöglichen würden,
könne für diese Personengruppe generell nicht gesprochen werden. Die im
Distrikt G._ registrierten Ajanib hätten gemäss präsidialem Dekret
49 vom 7. April 2011 die Möglichkeit erhalten, die syrische Staatsangehö-
rigkeit zu erhalten. Seither hätten sich zahlreiche Ajanib einbürgern lassen
und seien somit den Kurden gleichgestellt, welche schon zuvor im Besitz
der syrischen Staatsangehörigkeit gewesen seien. Ihrem Vorbringen,
Ajanib zu sein, komme daher keine asylrelevante Bedeutung zu. Sodann
würden im Rahmen von Krieg oder Situationen allgemeiner Gewalt erlit-
tene Nachteile keine Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes darstellen, so-
weit sie nicht auf der Absicht beruhen würden, einen Menschen aus einem
der in Art. 3 AsylG erwähnten Gründe zu treffen.
6.2 Die Beschwerdeführerin entgegnet in ihrer Beschwerdeschrift, sie habe
wahrheitsgemäss ausgesagt und mittels sämtlichen ihr möglichen Bewei-
sen belegt, dass sie Ajanib sei, dennoch habe das SEM ihr Asylgesuch
abgelehnt. Sie wolle zusammen mit ihrem Kind und E._ in der
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Schweiz in Frieden leben. Es gebe in der Schweiz ein Gesetz für Kurden
ohne syrische Staatsangehörigkeit, dieses müsse auch für sie gelten.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Durchsicht der Akten zum
Schluss, dass die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft der Be-
schwerdeführerin und ihrem Kind verneint und ihre Asylgesuche abgelehnt
hat.
7.2 Soweit die Beschwerdeführerin vorbrachte, sie sei als Ajnabi in Syrien
diskriminiert worden, hielt die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung
zu Recht fest, dass gemäss geltender Rechtsprechung auch für staaten-
lose Kurden, trotz der unbestrittenen weitreichenden Diskriminierungen,
nicht generell von einer Verfolgung in asylrelevantem Ausmass auszuge-
hen ist; dieser Einschätzung der Lage der Ajanib schliesst sich das Gericht
an (vgl. auch Urteil des BVGer E-6128/2013 vom 22. Dezember 2015
E. 7.5); die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Diskriminie-
rungen erreichen nicht jene Intensität ernsthafter Nachteile, die zur Beja-
hung der Asylrelevanz erforderlich wäre.
7.3 Das SEM qualifizierte sodann auch das Vorbringen der Beschwerde-
führerin, sie sei aufgrund des Bürgerkriegs ausgereist, zu Recht als nicht
asylrelevant, da der geltend gemachte Nachteil unter dem Blickwinkel der
allgemein schwierigen Lage in Syrien und insbesondere im Lichte des an-
haltenden bewaffneten Konflikts zu betrachten ist und vom SEM durch die
Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs angemessen
berücksichtigt wurde.
7.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die geltend gemachten Asyl-
gründe nicht geeignet sind, eine asyl- respektive flüchtlingsrechtlich rele-
vante Verfolgung beziehungsweise eine entsprechende Verfolgungsfurcht
zu begründen. Das SEM hat deshalb zu Recht die Asylgesuche der Be-
schwerdeführerin und ihres Kindes abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
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8.2 Wie bereits in Erwägung 4 ausgeführt wurde, ist die mit Verfügung des
SEM vom 30. April 2020 angeordnete Wegweisung von B._ dahin-
gefallen, nachdem ihm eine Aufenthaltsbewilligung B erteilt wurde. Die Be-
schwerdeführerin verfügt dagegen über keine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung. Ihre Wegweisung wurde – mangels Vorliegens eines bei
der zuständigen kantonalen Ausländerbehörde eingereichten Gesuchs um
Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung – zu Recht angeordnet (vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Der Beschwerdeführerin steht es
allerdings frei, bei der zuständigen kantonalen Migrationsbehörde ein Ge-
such um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung einzureichen (Familienver-
einigung; vgl. Art. 44 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über
die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration (Ausländer-
und Integrationsgesetz [AIG, SR 142.20]).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
9.2 Der Wegweisungsvollzug der Beschwerdeführerin wurde vom SEM zu-
gunsten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben. Da die Wegweisungs-
vollzugshindernisse alternativer Natur sind (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4
S. 748), erübrigen sich praxisgemäss Ausführungen zur Durchführbarkeit
des Wegweisungsvollzugs. Das Vorliegen von Vollzugshindernissen ist bei
einer allfälligen Aufhebung der vorläufigen Aufnahme der Beschwerdefüh-
rerin erneut zu prüfen. Die vorläufige Aufnahme tritt mit dem vorliegenden
Entscheid formell in Kraft.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die Verfügung des SEM vom
30. April 2020 Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachver-
halt richtig sowie vollständig feststellt und angemessen ist. Die Be-
schwerde ist abzuweisen, soweit sie nicht gegenstandslos geworden ist.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwerdefüh-
renden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
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SR 173.320.2]). Der am 15. Juni 2020 einbezahlte Kostenvorschuss in der
gleichen Höhe ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden.
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