Decision ID: b4758601-e5ce-5394-841e-6e56946a4dae
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer − ein Tamile mit letztem Wohnsitz in B._
(C._) − reiste am (...) Juni 2016 in die Schweiz ein und stellte am
22. Juni 2016 im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ)
D._ ein Asylgesuch. Am 28. Juni 2016 fand seine summarische Be-
fragung zur Person (BzP) im EVZ und am 5. Dezember 2018 die Anhörung
zu den Asylgründen gemäss Art. 29 Abs. 1 AsylG (SR 142.31) statt.
B.
B.a Der Beschwerdeführer brachte zur Begründung seines Asylgesuchs im
Wesentlichen vor, sein Onkel mütterlicherseits E._ (Rebellenname:
F._) sei (...) der LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) gewesen.
Während der Zeit des Friedensabkommens (2002 bis 2005, Anmerkung
des Gerichts) habe dieser sich bei seiner (des Beschwerdeführers) Familie
in G._ aufgehalten und von ihrem Haus aus (...) für die LTTE erle-
digt. Da er (Beschwerdeführer) gut singen, reden und schauspielern
könne, habe sein Onkel veranlasst, dass er von der Kulturabteilung der
LTTE engagiert worden sei. Für diese habe er von 2004 bis (...) 2005 an
Strassentheatern mitgewirkt und Reden gehalten. Im (...) 2005 sei sein
Onkel an den Folgen von Verletzungen gestorben. In der Folge hätten das
Militär und das CID (Criminal Investigation Department) begonnen, in
G._ Razzien durchzuführen. Sie hätten auch das Haus seiner Fa-
milie durchsucht und dabei viele Fotos seines Onkels mitgenommen. Im
(...) oder (...) 2007 sei er vom Militär zum Verhör in ein Camp in H._
vorgeladen und zu seinen Aktivitäten sowie zu der Tätigkeit seines Onkels
befragt worden. Sein Vater sei ebenfalls mitgenommen und verhört wor-
den. Aus diesem Grund habe der Vater Passierscheine organisiert; sie
seien innert einem Monat nach den Verhören (vgl. Protokoll BzP A5 S. 8)
respektive etwa zwei oder drei Monate nach ihren Befragungen (vgl. Pro-
tokoll Anhörung A27 S. 9 F54) zusammen nach Colombo gereist, wo sie
sich in einer Lodge aufgehalten hätten. Dort hätten die Sicherheitskräfte
auch regelmässig Kontrollen durchgeführt, und nach einiger Zeit hätten sie
begonnen, Leute mitzunehmen, die verdächtigt worden seien, mit den
LTTE zu tun zu haben. Auch er und sein Vater seien kontrolliert und befragt
worden. Aus Angst vor weiteren Repressalien sei sein Vater im (...) 2008
nach G._ zurückgekehrt. Er selber sei nach I._ gegangen,
wo er bei entfernten Verwandten gelebt habe. Da der Dorfvorsteher ihm
keine Aufenthaltserlaubnis habe geben wollen, habe er sich einen Monat
später zu Bekannten in J._ im Vanni-Gebiet begeben. Als die sri-
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lankische Armee vorgerückt sei, seien er und die Familie, mit der er zusam-
mengelebt habe, zunächst geflüchtet und hätten sich schliesslich im (...)
2009 der Armee in K._ ergeben. Sie seien zuerst nach L._
und dann nach I._ gebracht worden, wo er aufgrund einer bei der
Flucht erlittenen Verletzung vom Militär ins Spital gebracht worden sei. Die
Familie, mit welcher er zusammengelebt habe, habe schliesslich seine
Freilassung erreichen können, und im (...) 2009 sei er zu seiner Familie
nach G._ zurückgekehrt. Dort habe er zunächst keine Probleme
mehr gehabt. Im Januar 2016 sei er jedoch erneut vom Militär ins Camp in
H._ vorgeladen und während mehrerer Stunden verhört sowie ge-
schlagen worden. Es sei ihm auch angedroht worden, ihn in ein Rehabili-
tationsprogramm zu schicken. Sie hätten ihn zur Tätigkeit seines Onkels
befragt, insbesondere dazu, mit wem dieser zusammengearbeitet habe
und wo er Geld versteckt habe. Er habe diese Fragen nicht beantworten
können, weil er von diesen Dingen keine Kenntnisse gehabt habe. Dies
hätten ihm die Armeeangehörigen aber nicht geglaubt. Sein Vater sei eben-
falls ins Camp mitgenommen und befragt worden. In der Folgezeit seien
wiederholt Militärangehörige und ihm unbekannte Personen in Zivil zu
ihnen nach Hause gekommen und hätten ihn sowie seine Eltern zum Onkel
befragt. Diese Behelligungen hätten ihn psychisch stark belastet, und er
sei deswegen schon in Sri Lanka in psychologischer Behandlung gewesen.
Schliesslich habe seine Familie entschieden, ihn ins Ausland zu schicken.
Am (...) 2016 sei er in Begleitung einer Schlepperin mit auf eine andere
Identität lautenden Reisepapieren per Flugzeug nach N._ gereist,
von wo er in einem Auto und zu Fuss in die Schweiz weitergereist sei. Auch
nach seiner Ausreise hätten die Sicherheitskräfte sich mehrmals bei seiner
Familie nach ihm erkundigt. Nachdem seine Angehörigen mit Fotos belegt
hätten, dass er im Ausland sei, sei ihnen gesagt worden, er solle sich mel-
den, sobald er wieder zu Hause sei. Sein Vater sei einmal von Angehörigen
der Polizei oder des CID so heftig gegen eine Wand gestossen worden,
dass er sich deswegen im Spital habe behandeln lassen müssen. Kurz
nach dem letzten Besuch der Sicherheitskräfte bei seiner Familie sei auch
sein Bruder von unbekannten Leuten auf der Strasse zusammengeschla-
gen worden. Er und seine Familie würden vermuten, dass dieser Vorfall in
Zusammenhang mit der Suche nach ihm stehe. Schliesslich habe auch ei-
ner seiner Cousins Probleme wegen des Onkels E._ bekommen
und sei deswegen ins Ausland gegangen. Im Übrigen habe er in der
Schweiz zwei- oder dreimal an exilpolitischen Veranstaltungen teilgenom-
men.
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B.b Zum Beleg seiner Vorbringe reichte der Beschwerdeführer folgende
Dokumente ein:
− Identitätskarte in Kopie
− Arztbericht der Psychiatrischen Dienste N._ vom 31. Oktober
2018
− beglaubigte Kopie des Geburtsscheins
− Geburtsurkunden der Mutter und des Onkels (Originale, inklusive Über-
setzung)
− Todesurkunde des Onkels (Original, inklusive Übersetzung)
− drei Todesanzeigen des Onkels
− mehrere Fotos des Onkels und von seiner Beerdigung
− Arztbericht (Diagnosis Ticket) betreffend den Vater vom (...) 2016 (Ko-
pie)
− Arztbericht (Diagnosis Ticket) und Fotos der Verletzungen des Bruders
− zwei Fotos des Beschwerdeführers, aufgenommen bei Veranstaltungen
in der Schweiz
C.
Mit Verfügung vom 17. Dezember 2018 (eröffnet am 18. Dezember 2018)
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, wies sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Vollzug an.
D.
D.a Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 17. Januar 2019 erhob der
Beschwerdeführer gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsge-
richt Beschwerde und beantragte, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzu-
heben und es sei ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Unzulässig-
keit, allenfalls die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen
und ihm als Folge davon die vorläufige Aufnahme in der Schweiz zu ge-
währen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung, um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses sowie um Beiordnung seiner Rechtsvertreterin als unent-
geltliche Rechtsbeiständin.
D.b Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer fol-
gende Beweismittel ein:
− ärztlicher Bericht der Psychiatrischen Dienste N._ vom 15. Ja-
nuar 2019 (betreffend den Beschwerdeführer)
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− drei Bestätigungen des (...) Hospital H._ beziehungsweise des
(...) Hospital G._ betreffend Spitalaufenthalte des Vaters und
des Bruders
− Führerschein des Bruders (Kopie)
− Brief der Mutter vom 11. Januar 2019
− Passkopie der Mutter
− französische Aufenthaltsbewilligung und Identitätskarte eines Cousins,
dem dort Asyl gewährt wurde
− Unterstützungsschreiben eines katholischen Priesters der (...) Church,
H._, vom 9. Januar 2019
− drei Online-Zeitungsartikel
E.
Mit Zwischenverfügung vom 23. Januar 2019 hiess der Instruktionsrichter
die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1
VwVG sowie um unentgeltliche Verbeiständung gemäss aArt. 110a AsylG
gut, ordnete antragsgemäss dem Beschwerdeführer seine Rechtsvertrete-
rin, MLaw Cora Dubach, als unentgeltliche Rechtsbeiständin bei und ver-
zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Ferner wurde der Be-
schwerdeführer aufgefordert, innert Frist die in Aussicht gestellten Über-
setzungen der mit der Beschwerdeeingabe eingereichten fremdsprachigen
Beweismittel in eine Amtssprache nachzureichen.
F.
Mit Eingabe vom 7. Februar 2019 wurden Übersetzungen des Briefs der
Mutter sowie von zwei Online-Zeitungsartikeln nachgereicht.
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 12. Februar 2019 lud der Instruktionsrichter
das SEM zur Vernehmlassung ein.
H.
In ihrer Vernehmlassung vom 22. Februar 2019 heilt die Vorinstanz an ihrer
Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
I.
Mit Eingabe vom 8. März 2019 machte der Beschwerdeführer von dem ihm
(mit Instruktionsverfügung vom 26. Februar 2019) eingeräumten Recht zur
Replik Gebrauch, wobei er vollumfänglich an den Ausführungen in der Be-
schwerdeeingabe festhielt.
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J.
Mit Eingaben seiner Rechtsbeiständin vom 7. Juni 2019, 3. Januar 2020
und 24. Juli 2020 liess der Beschwerdeführer weitere Beweismittel zu den
Akten reichen (ärztliche Berichte der Psychiatrischen Dienste N._
vom 17. Mai 2019 und 27. Dezember 2019, Bericht "Gotabaya Rajapa-
ksa’s Präsidentschaft – Menschenrechte unter Beschuss", aktualisiert am
2. Januar 2020, Arztbericht von O._, FMH Psychiatrie und Psycho-
therapie, P._, vom 12. Juli 2020). Ferner wurde auf seine Trauma-
tisierung, die in Sri Lanka stattgefunden habe, hingewiesen und auf die
allgemeine Situation in Heimatstaat des Beschwerdeführers.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Ausliefe-
rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinn von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor,
weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Zur Begründung ihrer Verfügung führte die Vorinstanz Folgendes aus:
3.1.1 Es gebe Anlass zu Zweifeln an den vom Beschwerdeführer vorge-
brachten Aktivitäten für die LTTE in den Jahren 2004 bis 2005. Es erstaune,
dass er zwar Fotos seines Onkels, nicht aber solche seiner eigenen kultu-
rellen Aktivitäten für die LTTE habe einreichen können, zumal er angege-
ben habe, es gebe viele gemeinsam Aufnahmen von ihm und seinem On-
kel. Seine Aussagen zum Verbleib dieser Fotos würden nicht überzeugen.
Ferner sei auch die vom Beschwerdeführer aus seinem Engagement für
die LTTE abgeleitete Verfolgung durch die sri-lankischen Sicherheitskräfte
als unglaubhaft zu erachten. Er habe bei der BzP angegeben, zur Befra-
gung im Jahr 2007 von den Sicherheitskräften ins Camp mitgenommen
worden zu sein, während er in der Anhörung zu Protokoll gegeben habe,
sich nach Erhalt einer Vorladung selber ins Camp begeben zu haben.
Zudem habe er bei der BzP vorgebracht, sein Vater sei einige Tage später
ebenfalls zu einer Befragung mitgenommen worden; in der Anhörung habe
er jedoch ausgesagt, der Vater sei am selben Tag wie er befragt worden.
Widersprüchliche Aussagen habe der Beschwerdeführer schliesslich auch
zum Zeitpunkt der geschilderten Flugreise nach Colombo gemacht. Diese
Ungereimtheiten habe er nicht überzeugend auszuräumen vermocht.
Seine widersprüchlichen, ungereimten und unsubstanziierten Aussagen
würden zum Schluss führen, dass es sich hierbei um einen konstruierten
Sachverhalt handle. Im Weiteren erscheine es angesichts des erheblichen
Verfolgungsinteresses der sri-lankischen Behörden und Sicherheitskräfte
an LTTE-Unterstützern als unwahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer
wiederholt mitgenommen und befragt, aber trotzdem immer wieder frei-
gelassen worden sei. Dies ergebe auch vor dem Hintergrund, dass er an-
schliessend angeblich wiederholt zu Hause aufgesucht worden sei, keinen
Sinn. Ebenso habe der Beschwerdeführer das plötzliche Verfolgungsinte-
resse der Behörden an ihm im Jahre 2016 nicht plausibel zu erklären ver-
mocht. Falls ein solches aufgrund neuer Erkenntnisse aufgekommen wäre,
wäre er nicht ohne vertiefte Untersuchungsmassnahmen wieder auf freien
Fuss gesetzt worden. Die realitätsfremden Angaben des Beschwerdefüh-
rers zu seiner Verfolgungssituation würden die Folgerung stützen, dass die
angebliche Verfolgung in seinem Heimatstaat wegen Kontakten zu den
LTTE nicht glaubhaft sei.
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3.1.2 Die eingereichten Beweismittel vermöchten an dieser Einschätzung
nichts zu ändern. Der Arztbericht betreffend den Vater des Beschwerde-
führers enthalte keine Aussagen zu den Ursachen der festgestellten Ver-
letzungen, weshalb diesem Dokument kein Beweiswert in Bezug auf eine
Verfolgung in Sri Lanka beigemessen werden könne. Ebenso sei durch das
Arztzeugnis seines Bruders nicht belegt, dass dieser von Angehörigen der
sri-lankischen Sicherheitskräfte zusammengeschlagen worden sei. Betref-
fend den Hinweis der Hilfswerksvertretung (HWV) bei der Anhörung auf
eine Traumatisierung des Beschwerdeführers und das eingereichte psychi-
atrische Zeugnis sei festzustellen, dass er nicht glaubhaft gemacht habe,
bei einer Mitnahme durch die sri-lankischen Sicherheitskräfte gefoltert wor-
den zu sein. Eine Traumatisierung durch die allgemeine Bürgerkriegslage
in Sri Lanka und die Flucht ins Vanni-Gebiet könne zwar nicht ausgeschlos-
sen werden. Die Aussagefähigkeit des Beschwerdeführers scheine aber
nicht eingeschränkt gewesen zu sein; er habe seine Asylgründe flüssig,
zeitlich geordnet und inhaltlich stimmig schildern können. Weder der Arzt-
bericht noch die Beobachtungen der HWV würden eine Rechtfertigung
oder Erklärung der Widersprüche und Ungereimtheiten in seinen Asyl-
vorbringen liefern.
3.1.3 Da der Beschwerdeführer nicht glaubhaft habe darlegen können,
in der Vergangenheit wegen einer tatsächlichen oder vermeintlichen LTTE-
Unterstützung asylrelevanter Verfolgung ausgesetzt gewesen zu sein,
könne er auch keine Furcht vor einer entsprechenden Verfolgung in Zu-
kunft geltend machen. Im Weiteren sei aufgrund der Aktenlage nicht von
einem intensiven oder exponierten exilpolitischen Engagement des Be-
schwerdeführers auszugehen. Die eingereichten Fotos würden ihn nur bei
massentypischen Aktivitäten ohne besondere Funktion zeigen. Demnach
sei auch hieraus nicht auf eine begründete Furcht vor asylrelevanter Ver-
folgung im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka zu schliessen. Zwar
würden die sri-lankischen Behörden gegenüber zurückkehrenden Person
tamilischer Ethnie erhöhte Wachsamkeit zeigen. Die ethnische Zugehörig-
keit des Beschwerdeführers und seine Landesabwesenheit seien aber
nicht per se geeignet, Verfolgungsmassnahmen auszulösen. Eine zu er-
wartende Befragung, die allfällige Eröffnung eines Strafverfahrens wegen
der illegalen Ausreise sowie Kontrollmassnahmen am Herkunftsort würden
auch keine asylrelevante Verfolgung darstellen. Es sei nicht davon auszu-
gehen, dass der Beschwerdeführer von den Behörden als Person einge-
stuft werde, die besonders enge Beziehungen zu den LTTE gepflegt habe.
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3.1.4 Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) habe
mehrfach festgestellt, es sei nicht in genereller Weise davon auszugehen,
dass zurückkehrenden Tamilinnen und Tamilen in Sri Lanka eine
unmenschliche Behandlung drohe; zudem würden sich weder aus den
Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte da-
für ergeben, dass ihm eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder
Behandlung drohe. Er verfüge in seinem Herkunftsort im District
G._ über ein tragfähiges familiäres Beziehungsnetz und gemäss
seinen Angaben habe seine Familie nie wirtschaftliche Probleme gehabt.
Aufgrund dessen sowie der persönlichen Fertigkeiten des Beschwerdefüh-
rers seien die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Aufbau einer wirt-
schaftlichen Existenz gegeben. Der Wegweisungsvollzug des jungen, ge-
sunden und alleinstehenden Beschwerdeführers erweise sich demnach
auch als zumutbar.
3.2
3.2.1 In der Beschwerde wurde zum Sachverhalt ergänzend ausgeführt,
der Onkel des Beschwerdeführers sei auch international vernetzt gewesen
und habe gut über (...) der LTTE Bescheid gewusst. Es sei davon auszu-
gehen, dass die sri-lankischen Behörden über die Tätigkeit des Onkels und
dessen Umfeld genau im Bilde seien. Er (Beschwerdeführer) habe zahlrei-
che freundschaftliche Kontakte zu Freunden seines Onkels gepflegt. Das
plötzliche Wiederauftauchen der CID-Agenten im Jahre 2016 sei darauf
zurückzuführen gewesen, dass in den Jahren zuvor zahlreiche ehemalige
LTTE-Mitglieder zum sri-lankischen Militär übergelaufen seien und diesem
– teilweise unter Folter – Informationen preisgegeben hätten. Darunter sei
ein Mann namens Q._ gewesen, welcher auch im (...) der LTTE
tätig gewesen sei und viel über seine Familie gewusst habe. Dass die sri-
lankischen Sicherheitskräfte auch nach dem erneuten Verhör im Jahr 2016
nicht von ihm abgelassen hätten, sei auf zwei Ereignisse zurückzuführen:
Einerseits sei im (...) 2016 ein ranghohes ehemaliges LTTE-Mitglied fest-
genommen worden, welches in seiner unmittelbaren Nachbarschaft gelebt
habe. Andererseits habe die sri-lankische Armee ehemalige LTTE-Mitglie-
der landesweit aufgerufen, sich bis (...) 2016 für Abklärungen zu melden.
Es sei davon auszugehen, dass die Armee durch diese beiden Massnah-
men zusätzliche Informationen über seinen Onkel erhalten habe, was zu
einem erhöhten Verfolgungsinteresse an ihm (Beschwerdeführer) geführt
habe. Ab (...) 2016 habe er sich aus Angst vor weiteren Nachstellungen
nicht mehr zu Hause aufgehalten.
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3.2.2 Das schablonenhafte Vorgehen der Vorinstanz bei der Feststellung
von Widersprüchen in seinen Aussagen widerspreche der Europäischen
Menschenrechtskonvention und sei mit den anerkannten Grundsätzen der
Beweiswürdigung nicht vereinbar. Es müsse berücksichtigt werden, dass
die ihm vorgeworfenen Widersprüche die erste Befragung durch das sri-
lankische Militär im Jahr 2007 betreffen würden, die mehr als zehn Jahre
zurückliege. Zudem sei er in diesem Zeitpunkt erst (...)-jährig gewesen und
habe in der Zwischenzeit traumatische Ereignisse durchlebt. Ferner handle
es sich hierbei nicht um das zentrale Element seiner Verfolgungsvorbrin-
gen. Seine Aussagen in der Anhörung betreffend die Umstände, unter de-
nen er sich im Jahr 2007 zur Befragung ins Camp begeben habe, stünden
nicht im Widerspruch zu seiner diesbezüglichen Darstellung in der BzP,
sondern würden eine detailliertere Schilderung dieses Ereignisses darstel-
len. Bezüglich des Zeitpunkts der Befragung seines Vaters im Camp
H._ sei es bei der Anhörung zu einem Missverständnis gekommen;
er habe die Frage, mit welcher die Befragerin den Widerspruch in seinen
diesbezüglichen Aussagen habe aufklären wollen, nicht verstanden.
Es müsse zudem seine psychische Verfassung berücksichtigt werden,
habe er doch selber darauf verwiesen, dass er psychisch angeschlagen
sei und eventuell gewisse Tatsachen verwechselt habe. In der Anhörung
habe er darauf hingewiesen, dass er sich nicht mehr daran erinnern könne,
wieviel Zeit zwischen dem Verhör im Jahre 2007 und der Reise mit seinem
Vater nach Colombo vergangen sei, und habe damit den gerügten Wider-
spruch in seinen diesbezüglichen Aussagen erklärt. Der Inhalt seiner Vor-
bringen müsse unter Berücksichtigung seiner spezifischen Fähigkeiten und
der Komplexität der vorgebrachten Geschehnisse bewertet werden.
Traumatisierten Personen falle es namentlich schwer, Zeitperioden chro-
nologisch zu schildern. Seine Ausführungen seien in Anbetracht der Um-
stände als quantitativ und qualitativ ausgeprägt zu bewerten. Der Vorwurf,
seine Ausführungen würden nicht den allgemeinen Erfahrungswerten oder
der Logik des Handelns entsprechen, sei bedenklich und erfülle die
Voraussetzungen an ein fair geführtes Asylverfahren nicht. Über angebli-
che Handlungsmuster zu urteilen, sei aufgrund der teilweise diametral
verschiedenen kulturellen Hintergründe verfehlt. Die Befragerin bei der
Anhörung sei anscheinend über die in Sri Lanka vorherrschende Situation
nur wenig aufgeklärt gewesen.
3.2.3 Er habe bereits in der Anhörung erklärt, weshalb er von den Sicher-
heitskräften mitgenommen und befragt, aber danach wieder freigelassen
worden sei, sowie weshalb im Jahr 2016 das Verfolgungsinteresse an ihm
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Seite 11
plötzlich wieder aufgeflammt sei. Das Militär und das CID hätten ihn jeder-
zeit wieder einfangen können, weil sie seinen Wohnort gekannt hätten. Zu-
dem sei er nach seiner Freilassung observiert worden. Es sei davon aus-
zugehen, dass die Behörden sich erhofft hätten, dadurch zusätzliche Infor-
mationen zu erhalten. Darüber hinaus habe das CID in dieser Zeit laufende
Ermittlungen angestellt und sei anscheinend zu neuen Informationen über
seinen Onkel gelangt. Seine Aussagen würden ein kohärentes Bild der Ver-
folgungssituation ergeben. Er habe seine Verfolgungsgeschichte detail-
reich und plausibel dargelegt. Seine Vorbringen seien als überwiegend
wahrscheinlich und damit glaubhaft zu bewerten. Dass die Vorinstanz
Zweifel an diesen geäussert habe, weil er keine Beweismittel zu seinen
Aktivitäten für die LTTE habe einreichen können, stelle eine Verletzung von
Art. 7 AsylG dar, da gemäss dieser Bestimmung die Glaubhaftmachung
genüge. Zudem habe er erklärt, wieso er keine Fotos seiner Tätigkeit mehr
besitze. Auch in Bezug auf die eingereichten Arztberichte und die Fotos
seines Bruders habe das SEM einen zu hohen Massstab an das Glaub-
haftmachen angesetzt.
3.2.4 Er sei dadurch, dass er von den sri-lankischen Behörden wegen sei-
ner Verbindung zu den LTTE gesucht, befragt und bedroht worden sei, zum
Opfer gezielter asylrelevanter Verfolgung geworden. Wegen seiner beson-
deren Nähe zu seinem Onkel und seiner Tätigkeit für die LTTE-Kultur-
abteilung sei er besonders ins Augenmerk des CID geraten und intensiver
als seine Familienangehörigen verfolgt worden. Er werde nach wie vor ge-
sucht, weil die Behörden überzeugt seien, dass er immer noch über wert-
volle Informationen über seinen Onkel verfüge. Die Gewaltbereitschaft der
Behörden habe noch zugenommen; es scheine, dass sie über seine Flucht
aufgebracht seien. Die Verfolgung habe eine Schwelle erreicht, die eine
Asylgewährung rechtfertige und habe zu einem unerträglichen psychi-
schen Druck geführt, der einen weiteren Verbleib im Heimatstaat verun-
möglicht habe. Die Verfolgung stütze sich zudem auf ein asylrelevantes
Motiv, und es sei von deren Aktualität auszugehen. Es gebe keinen Grund
zur Annahme, die sri-lankischen Behörden hätten seine Verfolgung einge-
stellt. Im Weiteren könne sein Aufenthalt in der Schweiz, welche als Hort
tamilischer Separatisten gelte, einen negativen Einfluss auf seine Verfol-
gungssituation haben, dies umso mehr, als er hier exilpolitisch aktiv gewe-
sen sei. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die heimatlichen
Behörden hierüber informiert seien. Im Weiteren sei die politische Lage in
Sri Lanka instabil. Es sei davon auszugehen, dass seine Verfolger unge-
straft bleiben würden. Schliesslich verfüge er über keine inländische
Fluchtalternative.
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3.2.5 Die Einschätzung, ihm drohe in Sri Lanka keine gemäss Art. 3 EMRK
verbotene Strafe oder Behandlung, sei nicht zutreffend; es gebe Grund zur
Annahme, das ihm im Falle einer Rückkehr der Tod drohe. Diesbezüglich
sei auch auf den Arztbericht vom 15. Januar 2019 zu verweisen, gemäss
welchem sich seine psychische Verfassung deutlich verschlechtert habe.
Der Bericht spreche sich gegen eine medizinische Behandlung im Her-
kunftsstaat aus.
3.3 Die Vorinstanz stellte sich in ihrer Vernehmlassung auf dem Stand-
punkt, es gelinge dem Beschwerdeführer in seiner Beschwerdeschrift
nicht, die in der angefochtenen Verfügung aufgezeigten Widersprüche und
Ungereimtheiten überzeugend zu entkräften. Bei seinen Ausführungen
handle es sich im Wesentlichen um einen Versuch der Anpassung des
Sachverhalts. An der Gesamteinschätzung vermöchten auch mit der Be-
schwerde eingereichten Beweismittel nichts zu ändern. Die medizinischen
Unterlagen würden keine Aussagen zum Grund der festgestellten gesund-
heitlichen Probleme des Vaters enthalten. Das Schreiben eines Kirchen-
vertreters vom 9. Januar 2019 sowie der Brief der Mutter des Beschwerde-
führers hätten Gefälligkeitscharakter und somit keinen Beweiswert. Der
Bericht der Psychiatrischen Dienste N._ vom 15. Januar 2019
stütze sich hinsichtlich der Gründe für das attestierte Trauma vollumfäng-
lich auf die Angaben des Beschwerdeführers ohne diese kritisch zu hinter-
fragen und könne demnach die Beurteilung der Asylvorbringen durch die
Asylbehörden nicht widerlegen. Auch dieses Dokument habe keine Be-
weiskraft hinsichtlich der geltend gemachten Verfolgung.
3.4
3.4.1 In der Replik hielt der Beschwerdeführer daran fest, dass in der Be-
schwerdeeinabe die Argumentation der Vorinstanz vollumfänglich wider-
legt worden sei und er seine Verfolgungsgeschichte glaubhaft habe darle-
gen können. Aus dem Arztzeugnis der Psychiatrischen Dienste N._
vom 15. Januar 2019 gehe hervor, dass er Schwierigkeiten habe, sich zu
konzentrieren und Erinnerungen abzurufen, was bei der Entscheidfindung
berücksichtigt werden müsse. Die Diagnose in diesem durch Fachperso-
nen erstellten Bericht könne nicht ohne weiteres in Frage gestellt werden,
und sei ein Indiz für die Wahrheit seiner Vorbringen. Die Bestätigungs-
schreiben zweier Spitaldirektoren betreffend seinen Vater würden dessen
Hospitalisierung bestätigen und damit seine Vorbringen untermauern
ebenso wie die Schreiben seiner Mutter und eines katholischen Priesters
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Schliesslich habe die Vorinstanz ignoriert, dass er mit der Beschwerdeein-
gabe noch weitere Beweismittel eingereicht habe, die geeignet seien,
seine Vorbringen zu belegen.
3.4.2 In der ergänzenden Eingabe vom 3. Januar 2020 wurde namentlich
darauf hingewiesen, dass der Rajapaksa-Clan, welcher nach den Wahlen
vom 16. November 2019 die Macht übernommen habe, die ethnische
Polarisierung voranreibe und verstärke. Die Lage spitze sich zu, und poli-
tische Gegner des Rajapaksa-Clans würden sich zunehmend in Gefahr
fühlen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die wegen
ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Ausdruck
noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat bestehen-
den Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei die Einhaltung des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 4 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie ge-
nügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich
nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht
E-319/2019
Seite 14
widersprüchlich sein, der inneren Logik entbehren oder den Tatsachen
oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Vorbringen sind substan-
ziiert, wenn sie sich auf detaillierte, präzise und konkrete Schilderungen
stützen. Als schlüssig gelten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer Anhö-
rung, zwischen Anhörungen oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine
Widersprüche aufweisen. Allerdings sollten kleine, marginale Widersprü-
che sowie solche, die nicht die zentralen Asylvorbringen betreffen, zwar in
die Gesamtbetrachtung einfliessen, jedoch nicht die alleinige Begründung
für die Verneinung der Glaubhaftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die
gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbe-
sondere dann nicht der Fall ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt
oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen aus-
wechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt oder die nötige Mitwir-
kung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der
gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, welche für die
Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht.
Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2012/5
E. 2.2, BVGE 2010/57 E. 2.2 und 2.3; Entscheidungen und Mitteilungen
der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 21 E. 6.1
S. 190 f.; ANNE KNEER und LINUS SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung
im Asylverfahren – Ein Überblick über die Rechtsprechung des Bundesver-
waltungsgerichts, in: ASYL 2/2015 S. 5).
5.2 Aussagewidersprüche zwischen den Protokollen der summarischen
ersten Befragung und der einlässlichen Anhörung dürfen für die Beurtei-
lung der Glaubhaftigkeit herangezogen werden, wenn klare Angaben bei
der Befragung zur Person in wesentlichen Punkten der Asylbegründung
von späteren Aussagen in der Anhörung zu den Asylgründen diametral ab-
weichen, oder wenn bestimmte Ereignisse oder Befürchtungen, welche
später als zentrale Asylgründe genannt werden, nicht bereits in der Emp-
fangsstelle zumindest ansatzweise erwähnt werden (vgl. EMARK 1993
Nr. 3).
6.
6.1 Es besteht kein Grund, die Tätigkeit des Beschwerdeführers für die Kul-
turabteilung der LTTE in den Jahren 2004/2005 zu bezweifeln. Seine Aus-
führungen lassen indessen nicht darauf schliessen, dass die vorgebrach-
ten Repressalien seitens der sri-lankischen Sicherheitskräfte mit dem ge-
E-319/2019
Seite 15
nannten Engagement im Kindesalter in Zusammenhang standen. Im Übri-
gen hat der Beschwerdeführer das Verhör durch das Militär in H._
im Jahr 2007 sowie die Flucht mit seinem Vater nach Colombo in den bei-
den Befragungen in den wesentlichen Zügen übereinstimmend geschildert.
Die in der angefochtenen Verfügung gerügten Widersprüche betreffen in
erster Linie die zeitliche Einordnung; sie sind zu relativieren in Anbetracht
des grossen Zeitabstands zwischen den geschilderten Ereignissen und
den beiden Befragungen im Rahmen des Asylverfahrens (neun respektive
elf Jahre) sowie der schlechten psychischen Verfassung des Beschwerde-
führers, welche namentlich Konzentrationsprobleme zur Folge habe (vgl.
Bemerkung der HWV im Anhörungsprotokoll A27 sowie Arztzeugnisse der
Psychiatrischen Dienste N._ vom 31. Oktober 2018 und 15. Januar
2019). Anlass zu gewissen Zweifeln an diesen Verfolgungsmassnahmen
besteht aber aufgrund des damals noch jugendlichen Alters des Beschwer-
deführers.
Letztlich kann die Frage der Glaubhaftigkeit dieser Vorbringen aber offen-
gelassen werden, da jedenfalls ein hinreichender zeitlicher und sachlicher
Kausalzusammenhang mit der Ausreise im Jahr 2016 zu verneinen ist,
weshalb diesen keine asylrechtliche Relevanz beizumessen ist. Dasselbe
gilt auch für die Vorkommnisse während der Aufenthalte des Beschwerde-
führers in Colombo 2007/2008 sowie danach in I._ und im Vanni-
Gebiet, deren Glaubhaftigkeit von der Vorinstanz zu Recht nicht bestritten
wurde.
6.2
6.2.1 Der Beschwerdeführer brachte ferner vor, er sei im Januar 2016 auf
dem Armeeposten verhört worden, wobei von ihm Informationen über sei-
nen Onkel verlangt worden seien. Danach sei er aus demselben Grund bis
zu seiner Ausreise mehrmals zu Hause befragt worden, und die Sicher-
heitskräfte hätten ihn auch nach seiner Ausreise gesucht. Er war in dem
Zeitraum, in dem er gemäss seiner Darstellung eine nahe Beziehung zu
seinem verstorbenen Onkel pflegte, noch im Kindesalter, weshalb – auch
aus Sicht der sri-lankischen Behörden ─ nicht zu erwarten wäre, dass er
über relevante Kenntnisse von dessen Tätigkeit für die LTTE verfügt. Dem-
entsprechend gab der Beschwerdeführer im Rahmen der Anhörung zu Pro-
tokoll, er habe beim Verhör auf dem Armeeposten gesagt, dass er die ihm
zu Geldverstecken und Bezugspersonen seines Onkels gestellten Fragen
nicht beantworten könne (vgl. Akten SEM A15 S. 4 F15). Vor diesem Hin-
tergrund erscheint es als unplausibel, dass die Verfolgungsmassnahmen
E-319/2019
Seite 16
durch die sri-lankischen Sicherheitskräfte gegen ihn ungeachtet seines of-
fensichtlich fehlenden Wissens andauerten. Vielmehr wäre zu erwarten ge-
wesen, dass diese sich in erster Linie auf die Eltern des Beschwerdefüh-
rers konzentriert hätten. Zweifel sind auch an der Darstellung anzubringen,
dass seine Angehörigen nach seiner Ausreise in Zusammenhang mit der
Suche nach ihm erhebliche Nachteile erlitten hätten. In dem "Diagnosis
Ticket" betreffend die Behandlung des Vaters vom (...) 2016 bis (...) 2016
wird als Ursache der bei ihm festgestellten Verletzungen "fall from 15 feet
height accidently" genannt (unfallbedingter Sturz aus viereinhalb Metern
Höhe). Dies steht im Widerspruch zu der Aussage des Beschwerdeführers,
sein Vater sei gegen eine Wand gestossen worden. Auch die im erwähnten
Arztzeugnis beschriebenen Verletzungen ([...], [...], [...]) scheinen weit
eher mit einem Sturz vereinbar zu sein als mit einem Stoss gegen eine
Wand. Die zum Beleg der Verletzungen seines Bruders eingereichten Do-
kumente (Diagnosis Ticket, Fotos) geben keinen Aufschluss über die Ver-
letzungs-ursache. Dass er im Zusammenhang mit der Suche nach dem
Beschwerdeführer zusammengeschlagen worden sei, ist deshalb eine un-
belegte Behauptung.
6.2.2 Die übrigen vom Beschwerdeführer eingereichten Beweismittel sind
nicht geeignet, seine Vorbringen zu untermauern. Den Dokumenten betref-
fend seinen Cousin lässt sich zwar entnehmen, dass dieser in Frankreich
als Flüchtling anerkannt worden ist. Sie enthalten aber keine Informationen
zu den Gründen hierfür. Ein konkreter Zusammenhang mit den Verfol-
gungsvorbringen des Beschwerdeführers ist daher weder belegt noch
wurde ein solcher substanziiert dargelegt. Dies trifft auch auf die einge-
reichten Zeitungsartikel zu, die sich allgemein mit der Situation ehemaliger
LTTE-Kämpfer auseinandersetzen. Die Schreiben der Mutter sowie eines
katholischen Priesters sind unter Würdigung der gesamten Aktenlage als
Gefälligkeitsschreiben ohne relevanten Beweiswert zu bewerten. Auch die
Fotos des Onkels und von dessen Beerdigung vermögen keine Verfolgung
zu belegen.
6.2.3 Im Übrigen ist festzustellen, dass die dargelegten Verfolgungsmass-
nahmen im Jahre 2016 (einmaliges Verhör ohne Festnahme im Armee-
camp, wiederholte Befragungen zu Hause) mangels hinreichender Intensi-
tät auch die Anforderungen an die asylrechtliche Relevanz im Sinn von
Art. 3 AsylG nicht zu erfüllen vermöchten. Es ergeben sich aus den Akten
auch keine konkreten Hinweise dafür, dass der Beschwerdeführer im ge-
schilderten Zusammenhang im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka Ver-
folgungsmassnahmen intensiveren Ausmasses zu befürchten hätte.
E-319/2019
Seite 17
6.3 Eine begründete Verfolgungsfurcht des Beschwerdeführers lässt sich
im Weiteren auch nicht aus den vom Bundesverwaltungsgericht im Refe-
renzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 definierten Risikofaktoren ablei-
ten.
6.3.1 Das Gericht orientiert sich gemäss diesem Urteil bei der Beurteilung
des Risikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von
Verhaftung und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei
handelt es sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeint-
lichen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, um die Teil-
nahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen, und um das Vor-
liegen früherer Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicher-
weise im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbin-
dung zu den LTTE (sog. stark risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O.,
E. 8.4.1–8.4.3). Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu
werden, unterliegen ausserdem Personen, die ohne die erforderlichen
Identitätspapiere nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangsweise zu-
rückgeführt werden oder die über die Internationale Organisation für Mig-
ration (IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut sicht-
baren Narben (sog. schwach risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O.,
E. 8.4.4 und 8.4.5). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konkret glaub-
haft gemachten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der
betreffenden Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht, dass insbeson-
dere jene Rückkehrenden eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachtei-
len im Sinn von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Be-
hörden zugeschrieben wird, dass sie bestrebt sind, den tamilischen Sepa-
ratismus wiederaufleben zu lassen (vgl. a.a.O., E. 8.5.1).
6.3.2 Der Beschwerdeführer ist keiner dieser Risikogruppen zuzurechnen.
Es sind keine stichhaltigen Hinweise dafür ersichtlich, dass er aufgrund
seiner Vorgeschichte ins Visier der sri-lankischen Behörden geraten könnte
und diese ein asylrechtlich relevantes Verfolgungsinteresse an ihm haben
könnten. Insbesondere ist nicht davon auszugehen, dass er befürchten
muss, die sri-lankischen Behörden könnten ihm eine Verbindung zu den
LTTE unterstellen, da seine Vorbringen weder auf eine relevante Vorverfol-
gung noch auf ein massgebliches exilpolitisches Engagement schliessen
lassen. Im Weiteren besteht kein Grund zur Annahme eines aktuellen rele-
vanten Verfolgungsrisikos wegen der Zugehörigkeit des Beschwerdefüh-
rers zur tamilischen Ethnie oder aufgrund seiner mehrjährigen Landesab-
wesenheit.
E-319/2019
Seite 18
6.4
6.4.1 Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers lässt schliesslich
auch die aktuelle allgemeine Situation in seinem Heimatstaat nicht auf eine
asylrelevante Gefährdung schliessen. Seit Einreichung des Asylgesuchs
durch den Beschwerdeführer war die Lage in Sri Lanka verschiedenen Ver-
änderungen unterworfen, wobei namentlich politische Spannungen, die
verheerenden Terroranschläge an Ostern 2019 sowie zuletzt die Wahl von
Gotabaya Rajapaksa zum Präsidenten von Sri Lanka zu erwähnen sind.
6.4.2 Das Bundesverwaltungsgericht ist sich der Veränderungen in Sri
Lanka in letzter Zeit bewusst, beobachtet die Entwicklungen aufmerksam
und berücksichtigt sie bei der Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen
Kenntnisstand durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Gefähr-
dungslage für Personen, die bestimmte Risikofaktoren erfüllen, auszuge-
hen (vgl. Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E‐1866/2015 vom
15. Juli 2016, HRW, Sri Lanka: Families of "Disappeard" Threatened,
16.02.2020). Dennoch gibt es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur
Annahme, dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungs-
gruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen
Umständen ist im Einzelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asyl-
suchenden Personen zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019
respektive deren Folgen besteht.
6.4.3 Ein solcher Bezug ist vorliegend, wie sich aus den vorstehenden Er-
wägungen ergibt, nicht ersichtlich.
6.5 Nach dem Gesagten lassen sich den Akten keine stichhaltigen Anhalts-
punkte dafür entnehmen, dass der Beschwerdeführer vor seiner Ausreise
asylrelevante Nachteile erlitten hat, oder dass er begründete Furcht hat,
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft solche zu erlei-
den.
6.6 In Bezug auf die Frage, ob dem Beschwerdeführer aufgrund des von
ihm geltend gemachten exilpolitischen Engagements subjektive Nach-
fluchtgründe zuzuerkennen sind, ist Folgendes festzustellen:
6.6.1 Eine Person, die subjektive Nachfluchtgründe geltend macht, hat be-
gründeten Anlass zur Furcht vor künftiger Verfolgung, wenn der Heimat-
oder Herkunftsstaat mit erheblicher Wahrscheinlichkeit von den Aktivitäten
im Ausland erfahren hat und die Person deshalb bei einer Rückkehr in
flüchtlingsrechtlich relevanter Weise im Sinn von Art. 3 AsylG verfolgt
E-319/2019
Seite 19
würde (vgl. BVGE 2009/29 E. 5.1 S. 376 f.; BVGE 2009/28 E. 7.1 S. 352;
zudem EMARK 2006 Nr. 1 E. 6.1). Die Anforderungen an den Nachweis
einer begründeten Furcht bleiben dabei grundsätzlich massgeblich (Art. 3
und Art. 7 AsylG). Wesentlich ist, ob die heimatlichen Behörden das Ver-
halten des Asylsuchenden als staatsfeindlich einstufen und dieser deswe-
gen bei einer Rückkehr eine Verfolgung im Sinn von Art. 3 AsylG befürch-
ten muss.
6.6.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in seiner aktuellen Praxis davon
aus, dass geltend gemachte exilpolitische Aktivitäten nur dann eine rele-
vante Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinn von Art. 3 AsylG durch die
sri-lankischen Behörden zu begründen vermögen, wenn diese der betroffe-
nen Person infolge ihres Engagements im Ausland einen überzeugten Ak-
tivismus mit dem Ziel der Wiederbelebung des tamilischen Separatismus
zuschreiben. Dass sich eine Person in besonderem Masse exilpolitisch ex-
poniert, ist dafür zwar nicht erforderlich. Angesichts des gut aufgestellten
Nachrichtendienstes ist aber davon auszugehen, dass die sri-lankischen
Behörden blosse "Mitläufer" von Massenveranstaltungen als solche identi-
fizieren können und diese in Sri Lanka mithin nicht als Gefahr wahrgenom-
men werden (vgl. Referenzurteil des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 E. 8.5.4).
6.6.3 Die eingereichten Fotos, auf welchen der Beschwerdeführer vor einer
Wand mit Bildern von Märtyrern respektive als Teil einer Gruppe mutmass-
licher tamilischer Landsleute mit einer LTTE-Fahne zu sehen ist, lässt nicht
auf ein relevantes exilpolitisches Engagement schliessen. Weitergehende
Aktivitäten wurden von ihm weder geltend gemacht noch mit Beweismitteln
dokumentiert. Es erscheint äusserst unwahrscheinlich, dass er allein durch
eine Teilnahme an Massenveranstaltungen in der Schweiz ins Visier der
sri-lankischen Behörden geraten ist. Diese dürften die höchstens margi-
nale exilpolitische Tätigkeit des Beschwerdeführers – sollten sie davon
überhaupt Kenntnis erlangt haben – kaum als ernsthafte Bedrohung erach-
ten.
6.6.4 Unter Berücksichtigung dieser Umstände ergibt sich, dass der Be-
schwerdeführer auch die Voraussetzungen für die Anerkennung von sub-
jektiven Nachfluchtgründen im Sinn von Art. 54 AsylG nicht erfüllt.
E-319/2019
Seite 20
6.7 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer somit nicht gelungen,
eine relevante Verfolgungsgefahr im Sinn von Art. 3 AsylG beziehungs-
weise Art. 54 AsylG darzutun. Das SEM hat folglich zu Recht seine Flücht-
lingseigenschaft verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.2.2 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
E-319/2019
Seite 21
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.2.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.2.4 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des EGMR sowie jener des UN-Anti-
Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr
("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer
Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl.
Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Die allgemeine Menschenrechtssituation
in Sri Lanka lässt den Wegweisungsvollzug nach Auffassung des Gerichts
nicht als unzulässig erscheinen (vgl. Urteil des BVGer E-1866/2015, a.a.O.,
E. 12.2). Auch der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im Hinblick
auf eine EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem
europäischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wiederholt be-
fasst (vgl. EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19. September 2013,
Beschwer-de Nr. 10466/11; E.G. gegen Grossbritannien, a.a.O.; T.N. ge-
gen Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 20594/08;
P.K. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011, Beschwerde
Nr. 54705/08; Rechtsprechung zuletzt bestätigt in J.G. gegen Polen, Ent-
scheidung vom 11. Juli 2017, Beschwerde Nr. 44114/14). Dabei unter-
streicht der Gerichtshof, dass nicht in genereller Weise davon auszugehen
sei, zurückkehrenden Tamilen drohe eine unmenschliche Behandlung. Den
Akten lassen sich keine stichhaltigen Hinweise dafür entnehmen, dass
diese Einschätzung nicht mehr zutreffend wäre.
E-319/2019
Seite 22
8.2.5 Es ergeben sich aus den Akten keine konkreten Anhaltspunkte dafür,
dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beacht-
licher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die über einen
"Background Check" (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im In-
und Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich gefährdet
wäre.
8.2.6 Der Vollzug erweist sich damit als zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen, und es herrscht weder Krieg
noch eine Situation allgemeiner Gewalt (vgl. BVGE 2011/24 E. 13.2.1). Im
Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 ist das Gericht nach einer
eingehenden Analyse der Sicherheitslage in Sri Lanka zum Schluss ge-
kommen, dass der Vollzug von Wegweisungen in die Nordprovinz grund-
sätzlich zumutbar ist (vgl. E. 13.2). Betreffend den Distrikt G._ hielt
es zusammenfassend fest, dass es den Wegweisungsvollzug dorthin als
zumutbar erachte, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskri-
terien – insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen
Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
Wohnsituation – bejaht werden könne (vgl. E. 13.3.3). In einem weiteren
als Referenzurteil publizierten Entscheid qualifizierte das Bundesverwal-
tungsgericht auch den Vollzug von Wegweisungen ins "Vanni-Gebiet"
grundsätzlich als zumutbar (vgl. Urteil D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017
E. 9.5).
8.3.3 Nach Auffassung des Gerichts hat die Vorinstanz ferner zu Recht
auch das Bestehen individueller Wegweisungshindernisse verneint. Der
Beschwerdeführer verfügt gemäss Aktenlage über ein tragfähiges soziales
Beziehungsnetz in seinem Heimatstaat, auf dessen Unterstützung er zur
Sicherung seiner wirtschaftlichen Existenz er mutmasslich zählen kann. Es
besteht kein Grund zur Annahme, dass er bei einer Rückkehr nach Sri
Lanka in eine existenzielle Notlage geraten wird.
E-319/2019
Seite 23
8.3.4 In Bezug auf die vom Beschwerdeführer geltend gemachten gesund-
heitlichen Probleme ist Folgendes festzustellen:
8.3.4.1 Gründe ausschliesslich medizinischer Natur lassen den Wegwei-
sungsvollzug im Allgemeinen nicht als unzumutbar erscheinen, es sei
denn, die erforderliche Behandlung sei wesentlich und im Heimatland nicht
erhältlich. Entsprechen die Behandlungsmöglichkeiten im Herkunftsland
nicht dem medizinischen Standard in der Schweiz, bewirkt dies allein noch
nicht die Unzumutbarkeit des Vollzugs. Von einer solchen Unzumutbarkeit
ist erst dann auszugehen, wenn die ungenügende Möglichkeit der Weiter-
behandlung eine drastische und lebensbedrohende Verschlechterung des
Gesundheitszustandes nach sich zieht (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3
S. 1003 f., BVGE 2009/2 E. 9.3.2 S. 21).
8.3.4.2 Gemäss den eingereichten Arztzeugnissen vom 31. Oktober 2018,
11. Januar 2019, 17. Mai 2019, 27. Dezember 2019 sowie 12. Juli 2020
wurden beim Beschwerdeführer eine Posttraumatische Belastungsstörung
(ICD-10: F43.1) sowie eine mittelgradige depressive Episode (F32.1) diag-
nostiziert.
Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers sind für
ihn mit Sicherheit belastend, lassen aber nicht auf eine medizinische Not-
lage schliessen. Es kann davon ausgegangen werden, dass eine adäquate
Behandlung im Heimatstaat gewährleistet ist, zumal gemäss Erkenntnis-
sen des Gerichts im Distrikt G._ verschiedenen staatlichen Institu-
tionen sowie auch NGOs ambulante Therapien anbieten (vgl. hierzu etwa
die Urteile des BVGer D-6325/2018 vom 13. Juli 2020 E. 8.4.5 und
E-3613/2018 vom 17. Juli 2020 E. 7.3.4, je m.w.H.). Allfälligen spezifischen
Bedürfnissen kann im Rahmen der medizinischen Rückkehrhilfe (vgl.
Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG, Art. 75 der Asylverordnung 2 vom 11. August
1999 [AsylV 2, SR 142.312]) sowie bei der Ausgestaltung der Vollzugsmo-
dalitäten Rechnung getragen werden. Unter diesen Umständen ist nicht
davon auszugehen, dass die Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung
seines Gesundheitszustandes führen wird.
8.3.5 Bezüglich der sich derzeit in zahlreichen Ländern ausbreitenden
Corona-Pandemie ist festzuhalten, dass in Sri Lanka gemäss öffentlich zu-
gänglichen Quellen der erste Fall einer Covid-19-Erkrankung Ende Januar
2020 und somit rund einen Monat bevor in der Schweiz der erste Fall ge-
meldet wurde, diagnostiziert wurde. Die Krankheit hat sich in Sri Lanka weit
E-319/2019
Seite 24
weniger als in der Schweiz ausgebreitet, wobei unter Hinweis auf die Dun-
kelziffer in beiden Ländern nicht alle Fälle bekannt sein dürften. Jedenfalls
führt die Tatsache, dass auch Sri Lanka von Covid-19-Erkrankungen be-
troffen ist, nicht bereits zur Annahme der Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs.
8.3.6 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
Die Massnahmen im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Coronavirus-
Krankheit stehen dem Wegweisungsvollzug auch unter dem Aspekt der
Möglichkeit nicht entgegen. Bei dieser Pandemie handelt es sich – wenn
überhaupt – um ein temporäres Vollzugshindernis, welchem im Rahmen
der Vollzugsmodalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tra-
gen ist, indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation in Sri Lanka
angepasst wird (vgl. Urteil des BVGer D-4796/2019 vom 27. April 2020
E. 8.9 m.w.H.).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
E-319/2019
Seite 25
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit Zwi-
schenverfügung vom 23. Januar 2019 sein Gesuch um unentgeltliche Pro-
zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde und keine
Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich seine finanzielle Lage seither ent-
scheidrelevant verändert hat, ist von der Auflage von Verfahrenskosten ab-
zusehen.
11.
Mit der Zwischenverfügung vom 23. Januar 2019 wurde auch das Gesuch
des Beschwerdeführers um amtliche Verbeiständung gutgeheissen
(aArt. 110a Abs. 1 VwVG) und seine Rechtsvertreterin als Rechtsbeistän-
din eingesetzt. Demnach ist dieser ein amtliches Honorar für ihre notwen-
digen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten. Die Rechts-
beiständin hat in der mit der Eingabe vom 24. Juli 2020 eingereichten ak-
tualisierten Kostennote eine "Dossiereröffnungspauschale" von Fr. 50.–,
einen Arbeitsaufwand von insgesamt 24.5 Stunden à Fr. 150.– sowie Aus-
lagen von Fr. 307.– (3.5 Stunden Dolmetscherin à Fr. 80.– und Portospe-
sen Fr. 21.–) ausgewiesen. Mit Blick auf Umfang und Komplexität des vor-
liegenden Falles erweist sich der geltend gemachte zeitliche Aufwand als
überhöht, weshalb er auf ein als angemessen zu erachtendes Mass von
insgesamt 18 Honorarstunden zu kürzen ist. Ferner wird eine Eröffnungs-
pauschale praxisgemäss nicht vergütet. Unter Berücksichtigung der mas-
sgebenden Bemessungsfaktoren ist das Honorar demnach auf insgesamt
Fr. 3'000.– (inkl. Auslagen) festzulegen.
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E-319/2019
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