Decision ID: 94afc6f2-89ae-492b-aa2a-be25a72d11a8
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Die Beschwerdekammer hält fest, dass:
- die Eidgenössische Spielbankenkommission (nachfolgend «ESBK») in der
Verwaltungsstrafsache gegen A. am 27. Januar 2022 in Anwendung von
Art. 21 Abs. 1 i.V.m. Art. 73 VStrR die Akten zuhanden des zuständigen
Strafgerichts der Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich überwies
(BH.2022.2, act. 4.1), was als Anklage gilt (siehe Art. 73 Abs. 2 VStrR);
- sie gleichentags beim Zwangsmassnahmengericht am Bezirksgericht Hinwil
ein Gesuch um Anordnung von Sicherheitshaft des sich seit dem 22. Okto-
ber 2021 in Untersuchungshaft befindenden A. stellte (BH.2022.2, act. 4.2);
- die Anklageschrift offenbar erst am 2. Februar 2022 beim Bezirksgericht Hin-
wil eingegangen ist (vgl. act. 1.1, S. 2);
- das Bezirksgericht Hinwil A. mit Verfügung vom 10. Februar 2022 in Sicher-
heitshaft versetzte (act. 1.1), nachdem es zuvor mit Verfügung vom 3. Feb-
ruar 2022 die vorbestehende Untersuchungshaft verlängerte (vgl. act. 1.1,
S. 2 f.);
- der Verteidiger von A. der angegebenen Rechtsmittelbelehrung folgend mit
Beschwerde vom 14. Februar 2022 an die Beschwerdekammer des Bun-
desstrafgerichts gelangte und u.a. die Aufhebung der Verfügung des Be-
zirksgerichts Hinwil vom 10. Februar 2022 verlangt (act. 1);
- hierzu A. persönlich am 14. Februar 2022 eine ergänzende Stellungnahme
einreichte (act. 2).

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung, dass:
- Untersuchungshaft mit ihrer Anordnung durch das Zwangsmassnahmenge-
richt beginnt und – nebst anderen Fällen – mit dem Eingang der Anklage
beim erstinstanzlichen Gericht endet (vgl. Art. 220 Abs. 1 StPO);
- als Sicherheitshaft die Haft während der Zeit zwischen dem Eingang der An-
klageschrift beim erstinstanzlichen Gericht und der Rechtskraft des Urteils,
dem Antritt einer freiheitsentziehenden Sanktion, dem Vollzug der Landes-
verweisung oder der Entlassung gilt (vgl. Art. 220 Abs. 2 StPO);
- 3 -
- das Verwaltungsstrafrecht in Art. 52 ff. VStrR einzig Regeln für die Untersu-
chungshaft während der Phase der «Untersuchung und Strafverfügung» vor-
sieht (zweiter Abschnitt des dritten Titels VStrR);
- die Sicherheitshaft durch das VStrR zwar nicht ausgeschlossen, im Gesetz
aber lediglich in Art. 59 Abs. 3 VStrR im Umkehrschluss erwähnt wird (EI-
CKER/FRANK/ACHERMANN, Verwaltungsstrafrecht und Verwaltungsstrafver-
fahrensrecht, 2012, S. 216; vgl. auch GRAF, Basler Kommentar, 2020, Art. 51
VStrR N. 5);
- die Art. 73–81 VStrR für die Phase des gerichtlichen Verfahrens (dritter Ab-
schnitt des dritten Titels VStrR) keine Bestimmungen zur strafprozessualen
Haft und zu den diesbezüglichen Zuständigkeiten enthalten;
- Art. 82 VStrR festhält, dass für das Verfahren vor den kantonalen Gerichten
die entsprechenden Vorschriften der StPO gelten, soweit die Art. 73–81
VStrR nichts anderes bestimmen;
- sich soweit ersichtlich weder das Bundesgericht noch das Bundesstrafge-
richt jemals mit Fragen der Zuständigkeiten bei Sicherheitshaft im Anwen-
dungsbereich des VStrR haben befassen müssen;
- mit Hinweis auf die eben erwähnten gesetzlichen Bestimmungen vertreten
wurde, dass die Möglichkeit der Haftbeschwerde an die Anklagekammer des
Bundesgerichts (vgl. Art. 26, Art. 51 Abs. 5 und 6, Art. 59 Abs. 3 VStrR in
ihrer bis zum 1. April 2004 geltenden Fassung) bestehe, solange der Fall
nicht gerichtshängig sei (FORSTER, Rechtsschutz bei strafprozessualer Haft,
SJZ 1998, S. 2 ff., 5 f.);
- das kantonale Gericht betreffend Haftprüfung jedoch das kantonale Strafpro-
zessrecht anwende, sobald die Verwaltungsstrafsache gemäss Art. 73
Abs. 1 VStrR diesem zur Beurteilung überwiesen wurde (FORSTER, a.a.O.,
S. 6);
- diese Überlegungen bezüglich der heute in Kraft stehenden Schweizeri-
schen Strafprozessordnung vom 5. Oktober 2007 für die Sicherheitshaft zur
Anwendbarkeit der Art. 229 ff. StPO führen;
- auch in der neueren Lehre diesbezüglich Übereinstimmung zu herrschen
scheint (siehe LEMKUHL/TABAKOVIC, Basler Kommentar, 2020, Art. 53 VStrR
N. 6 f.; EICKER/FRANK/ACHERMANN, a.a.O., S. 217);
- 4 -
- die verhaftete Person Entscheide über die Anordnung, die Verlängerung und
die Aufhebung der Sicherheitshaft bei der Beschwerdeinstanz (nach Art. 20
Abs. 1 lit. c StPO) anfechten kann (Art. 222 i.V.m. Art. 393 Abs. 1 lit. c StPO),
womit die Beschwerdeinstanz des Kantons Zürich für den vorliegenden Fall
zuständig ist;
- diese Auffassung teilweise auch in der Lehre vertreten wird (siehe LEM-
KUHL/TABAKOVIC, a.a.O., Art. 53 VStrR N. 19 zumindest für den Fall der erst-
maligen Anordnung von Sicherheitshaft, bei welcher sich der Beschwerde-
weg nach Art. 222 i.V.m. Art. 393 ff. StPO richte);
- LEMKUHL/TABAKOVIC (a.a.O.) demgegenüber für den Fall einer Beschwerde
gegen die Umwandlung von Untersuchungshaft in Sicherheitshaft offenbar
weiterhin die Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts für zuständig hal-
ten, was aber nicht überzeugt, da das VStrR auch für diesen Fall keine ge-
setzlichen Bestimmungen enthält und dieselben Autorinnen andernorts auch
für diesen Fall zunächst auf das Verfahren nach Art. 229 Abs. 1 i.V.m.
Art. 229 Abs. 3 lit. b i.V.m. Art. 227 StPO verweisen (LEMKUHL/TABAKOVIC,
a.a.O., Art. 53 VStrR N. 6);
- die Beschwerdekammer nach dem vorstehend Ausgeführten mangels ge-
setzlicher Zuständigkeit nicht auf die vorliegende Beschwerde eintreten
kann;
- die Beschwerde gestützt auf Art. 91 Abs. 4 StPO zuständigkeitshalber an die
III. Strafkammer des Obergerichts des Kantons Zürich weiterzuleiten ist (§ 49
des Gesetzes über die Gerichts- und Behördenorganisation im Zivil- und
Strafprozess des Kantons Zürich vom 10. Mai 2010 [GOG/ZH; LS 211.1]);
- für diesen Beschluss keine Gerichtsgebühr zu erheben ist;
- 5 -