Decision ID: d7b61ca9-4d33-580f-a205-1268eb3d1379
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer), B._ (nachfolgend:
Beschwerdeführerin) und ihr Kind C._, ethnische Hazara mit letz-
tem Wohnsitz in E._, Iran, reisten am 13. Januar 2016 in die
Schweiz ein, wo sie am selben Tag um Asyl nachsuchten. Am 26. Januar
2016 erfolgte die Befragung zur Person (BzP). Am 29. Mai 2017 kam ihre
Tochter, D._, zur Welt. Am 19. Juni 2018 wurden sie beide zu den
Asylgründen angehört.
Die Beschwerdeführenden machten zur Begründung ihrer Asylgesuche im
Wesentlichen geltend, sie hätten mit ihren jeweiligen Familien Afghanistan
bereits als Minderjährige verlassen und sich im Iran kennengelernt. Ende
(...) seien sie nach Afghanistan deportiert worden, wo sie wegen der
schwierigen Sicherheitslage und wegen der Diskriminierungen ethnischer
Hazara nicht hätten bleiben können. Sie seien in den Iran zurückgekehrt,
wo sie indes keinen geregelten Aufenthaltsstatus mehr gehabt hätten.
Anlässlich der Anhörung zu den Asylgründen brachten sie weiter vor, die
Beschwerdeführerin sei als Vierzehnjährige von ihrem Cousin F._,
einem Drogenhändler, belästigt worden, worauf ihr Vater, ein Drogenab-
hängiger, sie mit diesem religiös verheiratet habe. Einen Tag später sei
F._ verhaftet worden. Nur ihr Vater, F._ und sie hätten von
der Heirat gewusst. Ihr Vater habe die Heirat verheimlichen wollen und ihr
verboten, mit irgendjemandem, insbesondere ihrer Mutter, darüber zu
sprechen. Kurz darauf sei ihre Familie, innerhalb des Irans, nach
E._ umgezogen, wo sie ihren jetzigen Mann, den Beschwerdefüh-
rer, kennengelernt und geheiratet habe. Dieser habe nicht gewusst, dass
seine Frau bereits mit F._ verheiratet gewesen sei.
Etwa fünf oder sechs Jahre später – der Vater der Beschwerdeführerin sei
zum Kämpfen in Syrien gewesen – sei F._ aus der Haft entlassen
worden und habe die Mutter der Beschwerdeführerin kontaktiert, um seine
Ehefrau (die Beschwerdeführerin) abzuholen. Als er von ihrer zweiten Hei-
rat erfahren habe, sei er wegen Ehrverletzung wütend geworden und habe
ihre Mutter bedroht. Kurze Zeit später, als die Beschwerdeführenden die
Mutter (im Iran) besucht hätten, sei mitten in der Nacht ein Stein durch die
Fensterscheibe geworfen worden, worauf eine Drohung geschrieben ge-
wesen sei. Erst nach diesem Vorfall habe der Beschwerdeführer von der
Heirat der Beschwerdeführerin und F._ erfahren. Er habe daraufhin
einige Zeit bei einem Freund verbracht und realisiert, dass seine Heirat
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illegal gewesen sei und sie sich strafbar gemacht hätten. Daraufhin hätten
sie sich entschieden, den Iran zu verlassen. An der iranisch-türkischen
Grenze seien sie festgenommen und nach Afghanistan deportiert worden.
Aus Angst vor F._, der sie auch in Afghanistan hätte finden und an
die Behörden verraten können, seien sie in den Iran zurückgekehrt, von wo
aus sie im Winter 2016 über die Türkei und die Balkanroute in die Schweiz
gelangt seien.
Die Beschwerdeführenden reichten ihre Heiratsurkunde im Original, einen
Arztbericht der integrierten Psychiatrie G._ sowie ein Schreiben der
Beratungsstelle Frauen – Nottelefon (beide betreffend die Beschwerdefüh-
rerin) zu den Akten.
B.
Am 29. Mai 2017 wurde das zweite Kind der Beschwerdeführenden gebo-
ren und ins Verfahren einbezogen.
C.
Mit Verfügung vom 8. Juli 2019 stellte das SEM fest, dass die Beschwer-
deführenden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, und lehnte die Asyl-
gesuche ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete wegen Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung die vorläu-
fige Aufnahme in der Schweiz an. Zur Begründung führte es aus, die gel-
tend gemachten Benachteiligungen würden den Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit und an die Flüchtlingseigenschaft nicht standhalten.
D.
Mit Eingabe vom 7. August 2019 reichten die Beschwerdeführenden gegen
diese Verfügung durch ihre Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsge-
richt Beschwerde ein und beantragten die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung, die Asylgewährung und die Feststellung ihrer Flüchtlingseigen-
schaft. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses sowie um Beiordnung der unterzeichnenden Rechtsvertre-
terin als unentgeltliche Rechtsbeiständin ersucht. Auf die Begründung der
Beschwerde wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen
eingegangen.
E.
Mit Verfügung vom 13. August 2019 stellte die Instruktionsrichterin fest,
dass die Beschwerdeführenden den Ausgang des Verfahrens in der
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Schweiz abwarten dürfen. Gleichzeitig hiess sie die Gesuche um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses sowie um amtliche Rechtsverbeiständung
gut. Ferner forderte sie die Beschwerdeführenden auf, innert Frist den in
Aussicht gestellten Arztbericht nachzureichen.
F.
Mit Eingabe vom 28. August 2019 reichten die Beschwerdeführenden frist-
gerecht einen Arztbericht betreffend die Beschwerdeführerin nach.
G.
In ihrer Vernehmlassung vom 22. Februar 2021 führte die Vorinstanz aus,
weshalb sie an ihrer Verfügung festhalte, und würdigte den auf Beschwer-
deebene neu eingereichten Arztbericht.
H.
Mit Replik vom 11. März 2021 nahmen die Beschwerdeführenden zur Ver-
nehmlassung Stellung. Gleichzeitig reichte die Rechtsvertreterin eine Kos-
tennote zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
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(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fragen
der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegwei-
sungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz die Be-
schwerdeführenden wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
vorläufig aufgenommen hat. Damit sind die beiden anderen Bedingungen
für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung (Unzulässigkeit und
Unmöglichkeit) wegen ihrer alternativen Natur – ist eine Bedingung erfüllt,
ist der Vollzug der Wegweisung undurchführbar – ebenfalls nicht mehr zu
prüfen (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid dahingehend, dass die Vor-
bringen der Beschwerdeführenden die Anforderungen an die Glaubhaf-
tigkeit und die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 und 7 AsylG nicht
zu erfüllen vermöchten. Die Probleme mit F._ hätten sie anlässlich
der BzP nicht erwähnt, sondern angegeben, ihre Heimat aufgrund der all-
gemeinen Sicherheitslage und wegen der Verfolgung der Hazara verlassen
zu haben. Nach Befürchtungen bei einer Rückkehr in den Iran gefragt, hät-
ten sie angegeben, dort keine Dokumente mehr zu besitzen. Es sei nicht
nachvollziehbar, dass sie ihr Heimatland und den Iran aufgrund der in der
Anhörung geltend gemachten Drohungen verlassen, diese jedoch bei ex-
pliziter Nachfrage zu ihren Asylgründen bei der BzP nicht erwähnt hätten.
Ihre Erklärungsversuche, wonach sie bei der BzP nicht darüber hätten
sprechen können respektive wollen, vermöchten nicht zu überzeugen.
Zwar hätten sich die Beschwerdeführenden im freien Bericht in der Anhö-
rung detailliert und ausgiebig zu den Problemen im Zusammenhang mit
F._ geäussert. Zu einzelnen Situationen befragt, seien ihre Aussa-
gen zur geltend gemachten Verfolgung aber substanzarm, nicht nachvoll-
ziehbar und widersprüchlich geblieben. Die Beschwerdeführerin habe nicht
glaubhaft machen können, dass sie mit ihrem Cousin verheiratet worden
sei. Es sei nicht verständlich, weshalb sie und ihr Vater die Heirat vor an-
deren Familienmitgliedern hätten verheimlichen müssen. Ihre Erklärung,
wonach sie bei der Heirat jung gewesen sei und nichts verstanden habe,
könne nicht nachvollzogen werden, zumal zwischen ihrer angeblichen Hei-
rat mit F._ und seinen Drohungen etwa fünf oder sechs Jahre ver-
strichen seien. Auch ihre Begründung, dass die Verwandten ihres Mannes
weit weg gewesen seien, vermöge nicht zu überzeugen, zumal verschie-
dene technische Möglichkeiten bestünden, die Familienangehörigen über
eine Hochzeit innerhalb der Familie zu informieren. Zudem seien ihre An-
gaben zu F._ und dessen Familie vage ausgefallen. Obwohl sie ihn
mehrmals gesehen habe, habe sie lediglich angegeben, Angst vor ihm ge-
habt zu haben und dass er aus einer einflussreichen Familie stamme. Auf
Nachfrage habe sie keine vertieften Angaben über seinen familiären Hin-
tergrund machen können und gesagt, nicht über ihn sprechen zu wollen.
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Sie sei im weiteren Verlauf der Anhörung trotz Hinweisen auf die Wichtig-
keit ihrer Aussagen für ihr Asylverfahren nicht bereit gewesen, detaillierte
Informationen über F._ und die Umstände der Heirat zu geben. Aus-
serdem habe sie nicht begründen können, weshalb F._ über fünf
oder sechs Jahre keinen Kontakt zu ihr gesucht habe. Dass er aus dem
Gefängnis keinen Kontakt zu ihr hätte aufbauen können, er ihre Nummer
nicht gehabt habe und erst nach seiner Freilassung die Nummer ihrer Mut-
ter über gemeinsame Verwandte habe ausfindig machen können erstaune,
zumal auch Häftlinge die Möglichkeit hätten, Kontakt mit ihren Verwandten
aufzunehmen. Ihren Schilderungen betreffend F._ und die Heirat
fehle der persönliche Bezug und eine persönliche Auseinandersetzung mit
dem Geschehenen.
Gegen die Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen würden auch die widersprüch-
lichen Angaben zur Verfolgung in Afghanistan sprechen. Der Beschwerde-
führer habe auf explizites Nachfragen in der Anhörung erst lediglich die
allgemeine Sicherheitslage als Hindernis für eine Rückkehr nach Afghanis-
tan erwähnt. Erst im weiteren Verlauf der Anhörung habe er die Befürch-
tung geäussert, in Afghanistan wegen der illegalen Heirat mit seiner Frau
gesteinigt zu werden. Diesen Widerspruch habe er nicht aufzuklären ver-
mocht.
Aus den eingereichten Dokumenten gehe hervor, dass die Beschwerde-
führerin in der Schweiz aufgrund einer Posttraumatischen Belastungsstö-
rung (nachfolgend: PTBS) in Behandlung sei. Für ihre Traumatisierung ma-
che sie die vorgenannten Erlebnisse geltend. Das medizinische Personal
vermöge die Frage der Ursachen der festgestellten psychischen Erkran-
kung nicht schlüssig zu beantworten, zumal es sich diesbezüglich lediglich
auf die Aussagen der Beschwerdeführerin stütze. Der Ursprung der PTBS
könne auch in anderen als in den geltend gemachten Gründen liegen.
Demzufolge vermöchten die ärztlichen Berichte (Gutachten der Integrier-
ten Psychiatrie G._ und Schreiben der Beratungsstelle-Nottelefon)
die Glaubwürdigkeit (recte: Glaubhaftigkeit) ihrer Vorbringen nicht zu be-
stätigen.
Ferner sei das Vorbringen, sie seien als Hazara diskriminiert und würden
aufgrund der instabilen Lage nicht nach Afghanistan zurückkehren können,
nicht asylrelevant. Nach Beurteilung des SEM würden keine Anzeichen da-
für vorliegen, dass die Hazara allein wegen ihrer Volkszugehörigkeit einer
gezielten Verfolgung unterliegen würden.
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5.2 Auf Beschwerdeebene führen die Beschwerdeführenden im Wesentli-
chen aus, die Beschwerdeführerin sei massiver Gewalt durch ihren Vater
und ihren Cousin ausgesetzt gewesen. In Afghanistan wäre sie F._
und seiner Familie schutzlos ausgeliefert, zumal dieser ein einflussreicher
Mann sei. Sie habe aufgrund frauenspezifischer Gründe ernsthafte Nach-
teile in Afghanistan zu befürchten. Von den afghanischen Behörden würde
sie keinerlei Hilfe und Schutz erhalten. Der Beschwerdeführer würde getö-
tet und das Kind (recte: die Kinder) ihr weggenommen.
Der Beschwerdeführerin sei aufgrund des Erlebten eine PTBS diagnosti-
ziert worden. Die Diagnose bilde, mit Verweis auf die Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts, ein Indiz, welches bei der Beurteilung der
Glaubhaftigkeit von Verfolgungsvorbringen im Rahmen der Beweiswürdi-
gung zu berücksichtigen sei.
Die Beschwerdeführenden hätten grosse Angst, dass ihre – nach islami-
schem Recht ungültige – Ehe annulliert würde und ihre Kinder ihnen weg-
genommen würden. Die Beschwerdeführerin habe sich strafbar gemacht,
weil sie jemanden anderen geheiratet habe. Es sei verständlich, dass die
Beschwerdeführenden anlässlich der BzP nichts von diesen Problemen er-
zählt hätten. Der Beschwerdeführerin falle es sehr schwer, über das Er-
lebte zu sprechen, weshalb kaum erwartet werden könne, dass sie dies in
der BzP vor fremden Personen getan hätte, zumal die Unterbringungssitu-
ation in den EVZ damals äusserst angespannt gewesen und deshalb nur
eine verkürzte BzP – vor allem zum Reiseweg – durchgeführt worden sei,
was kaum vertrauensbildend sei. Anlässlich der Anhörung habe sie indes
– wenn auch unter grosser Anstrengung, weinend und mit stockender
Stimme – sehr ausführlich und detailliert von ihrem Erlebten berichtet.
Bei der Zwangsverheiratung sei die Beschwerdeführerin erst 14 Jahre alt
gewesen. Ihr Vater sei drogenabhängig gewesen; die Mutter oft abwesend,
da diese das Geld verdient habe. Sie sei ihrem Cousin und ihrem Vater
völlig ausgeliefert gewesen. Es sei verständlich, dass ein junges Mädchen,
das missbraucht worden sei, kaum etwa über den zwangsweise geheira-
teten Mann wissen wolle. Sie habe gewusst, dass ihr, für sie alte, Cousin
und seine Familie reich gewesen sei. Er sei zwischen Afghanistan und Iran
hin und her gereist, habe mit Drogen zu tun gehabt und auch ihrem Vater
Drogen verkauft. Ihr Vater habe Geld gebraucht um seine Drogensucht zu
finanzieren, weshalb der einzige Zweck der Zwangsheirat gewesen sei,
Geld zu verdienen. Entgegen der Einschätzung der Vorinstanz wäre eher
erstaunlich gewesen, wenn der Cousin aus einem iranischen Gefängnis
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aus einem langjährigen Strafvollzug mit der Familie hätte Kontakt aufneh-
men können. Die iranischen Behörden hätten nichts von der Heirat ge-
wusst, da eine religiöse, nicht nach iranischem Recht geschlossene Heirat
zwischen zwei afghanischen Personen nicht bei den iranischen Behörden
registriert würde. Anschliessend an seine Haftstrafe sei der Cousin sofort
nach Afghanistan ausgeschafft worden. Die Vorbringen der Beschwerde-
führerin seien somit weder nachgeschoben noch widersprüchlich oder sub-
stanzlos ausgefallen.
5.3 In ihrer Vernehmlassung hält die Vorinstanz an ihrer Verfügung fest und
fügt an, dass aufgrund der mit Verfügung vom 8. Juli 2019 festgestellten
Unglaubhaftigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführenden nicht davon
auszugehen sei, dass die psychischen Belastungsstörungen der Be-
schwerdeführerin auf die geltend gemachte drohende Verfolgung in Afgha-
nistan zurückzuführen seien. Eine ärztliche Diagnose könne lediglich das
Vorliegen von Symptomen glaubhaft machen, bilde jedoch keinen Beweis
für die Glaubhaftigkeit eines geltend gemachten traumatisierenden Erleb-
nisses.
5.4 In ihrer Replik bringen die Beschwerdeführenden ergänzend vor, be-
handelnde Ärzte würden sehr wohl feststellen können, ob die zur Trauma-
tisierung führenden Erlebnisse nachvollziehbar, glaubhaft und kongruent
erzählt würden. Im Gegensatz dazu habe die Sachbearbeiterin die Be-
schwerdeführerin einmal gesehen und knapp einen halben Tag befragt, so
dass nicht von einer sehr intensiven Auseinandersetzung mit ihren trauma-
tisierenden Erlebnissen ausgegangen werden könne. Die Beschwerdefüh-
rerin sei seit 2018 in therapeutischer Behandlung. Sowohl das Frauen-Not-
telefon G._ als auch die behandelnden Ärzte in der Integrierten
Psychiatrie G._ würden von einer sehr glaubhaften, plausiblen,
nachvollziehbaren und kongruenten Schilderung der Erlebnisse durch die
Beschwerdeführerin ausgehen.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden
(vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
6.2 Hinsichtlich der psychischen Verfassung der Beschwerdeführerin
wurde im vorinstanzlichen Verfahren ein ärztlicher Bericht der Integrierten
Psychiatrie G._ vom 14. Februar 2019 zu den Akten gereicht, in
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welchem über eine seit November 2018 laufende psychiatrisch-psychothe-
rapeutische Behandlung aufgrund einer bei der Beschwerdeführerin diag-
nostizierten PTBS berichtet wurde. Sie weise unter anderem Symptome
wie Flashbacks, Intrusionen, dissoziative Zustände, Albträume sowie
starke innere Spannungszustände, Ängste und Schlafstörungen auf. Nebst
dem psychotraumaspezifischen Behandlungsverfahren nehme sie eine an-
tidepressive Medikation ein. Dem auf Beschwerdeebene eingereichten
ärztlichen Bericht der Integrierten Psychiatrie G._ vom 23. August
2019 ist zusätzlich zu entnehmen, dass sie – um ihren Funktionsmodus
nicht zu stören – versuche, jegliche Erinnerungen an traumatische Ereig-
nisse und bekannte Trigger zu vermeiden. Dies sei auch ein Grund, warum
sie mit den Informationen zu ihrer Biographie von sich aus sehr sparsam
umgehe und nur auf explizite Fragen Genaueres erzähle. Die Interviews
im Rahmen des Asylverfahrens hätten aufgrund der expliziten Erzählungen
ihrer Erlebnisse zu einer massiven Verschlechterung ihrer Symptomatik
geführt.
Den Anmerkungen im Anhörungsprotokoll ist zu entnehmen, dass sie of-
fensichtlich psychisch stark belastet war und – obwohl sie in einem reinen
Frauenteam befragt wurde (vgl. SEM-Akte A29/16 [nachfolgend: A29]
S. 15) – sichtlich Mühe hatte, ihre Fluchtgründe (insbesondere die ge-
schlechtsspezifische Verfolgung) ungehemmt zu schildern. So brach sie
bei der Darlegung ihrer Asylgründe wiederholt in Tränen aus und berichtete
mit brüchiger Stimme (vgl. A29 F14 ff., F46, F63, F66 und F81). Zudem
schweifte sie teilweise mit ihren Gedanken ab und erinnerte sich nicht mehr
an die Frage, so dass diese wiederholt werden musste (vgl. A29 F16 f. und
F43 f.). Anhand des Anhörungsprotokolls kann folglich durchaus angenom-
men werden, dass die Traumatisierung der Beschwerdeführerin Einfluss
auf ihr Aussageverhalten gehabt hat.
Die Vorinstanz schloss zwar nicht aus, dass die Beschwerdeführerin an
einer PTBS leidet, aufgrund der Unglaubhaftigkeit ihrer Vorbringen sei aber
nicht davon auszugehen, dass diese auf die geltend gemachten Vorbrin-
gen im Zusammenhang mit F._ zurückzuführen sei. Eine ärztliche
Diagnose könne ohnehin lediglich das Vorliegen von Symptomen glaubhaft
machen, bilde jedoch keinen Beweis für die Glaubhaftigkeit des durch ei-
nen Asylsuchenden geltend gemachten traumatisierenden Ereignisses.
Dem SEM ist insoweit zuzustimmen, als der Arztbericht zu den psychi-
schen Leiden der Beschwerdeführerin die vorgebrachte Verfolgungssitua-
tion nicht belegen kann, da die Diagnose per se keine Rückschlüsse auf
die der PTBS zugrundeliegende spezifische Ursache der Traumatisierung
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zulässt. Gleichwohl kann die Einschätzung eines Facharztes in Bezug auf
die Plausibilität von Vorkommnissen oder Ereignissen, die als Ursache für
die diagnostizierte PTBS in Betracht fallen, ein Indiz bilden, das bei der
Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Verfolgungsvorbringen im Rahmen der
Beweiswürdigung – welche als solche Aufgabe des Gerichts ist – zu be-
rücksichtigen ist (vgl. BVGE 2015/11 E. 7.2.2 und 2007/31 E. 5.1). Ausser-
dem ist zu beachten, dass traumatisierende Erlebnisse und eine diagnos-
tizierte PTBS eine gewisse Ungenauigkeit in der Erinnerung oder deren
Wiedergabe zu erklären vermögen (vgl. Urteile des BVGer E-3415/2013
vom 8. April 2014 E. 4.3.2; E-7734/2016 vom 24. Januar 2018 E. 3.8) be-
ziehungsweise diese zumindest relativieren. Dies ist im vorliegenden Fall
bei der Glaubhaftigkeitseinschätzung zu beachten und gebührend zu be-
rücksichtigen.
6.3 Die Vorinstanz qualifizierte die Vorbringen der Beschwerdeführenden
als nachgeschoben, widersprüchlich und substanzlos. Was die einzelnen,
den Beschwerdeführenden vom SEM entgegengehaltenen Argumente be-
trifft, ist Folgendes festzuhalten:
Die Beschwerdeführenden haben anlässlich der BzP zwar die Probleme
im Zusammenhang mit F._ nicht erwähnt. Hierbei ist aber zu be-
rücksichtigen, dass Personen, welche traumatische Erlebnisse erlitten ha-
ben, oft Mühe haben, umfassend über das Erlebte zu sprechen. Der Grund
dafür liegt im oft vorkommenden Vermeidungsverhalten hinsichtlich Ge-
danken, Gefühlen und Gesprächen mit Bezug auf die traumatischen Erleb-
nisse. Entsprechend kann es insbesondere für das verspätete Geltendma-
chen von Vergewaltigungsvorbringen nachvollziehbare Gründe geben (vgl.
BVGE 2013/22 E. 5.5; 2009/51 E. 4.2.3 und 2007/31 E. 5.1, jeweils m.H.
auf EMARK 2003 Nr. 17 E. 4b). Diese Rechtsprechung hat die Vorinstanz
in der angefochtenen Verfügung zu wenig berücksichtigt, zumal die Be-
schwerdeführerin nachgewiesenermassen unter einer PTBS leidet und,
wie bereits erwähnt, aus dem Anhörungsprotokoll an diversen Stellen her-
vorgeht, dass es für sie schwierig war, über das Erlebte zu sprechen
(vgl. hierzu E. 6.2 des vorliegenden Urteils). Dass die Beschwerdeführen-
den die Probleme im Zusammenhang mit F._ in der summarischen
Befragung nicht erwähnten – die Beschwerdeführerin habe den Beschwer-
deführer davor gebeten, anlässlich der BzP nichts darüber zu erzählen (vgl.
A28 F59) – kann ihnen nicht entgegengehalten werden und darf entspre-
chend nicht als alleiniger Hinweis auf die Unglaubhaftigkeit dieses Vorbrin-
gens angesehen werden, zumal sie sich, wie die Vorinstanz zutreffend fest-
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gestellt hat, im freien Bericht anlässlich der Anhörung detailliert und aus-
giebig zu den Problemen im Zusammenhang mit F._ äusserten. Zu-
dem hat die Beschwerdeführerin auch gegenüber den behandelnden Ärz-
ten die Hintergründe der traumatischen Erlebnisse beziehungsweise der
Probleme im Zusammenhang mit F._ ausführlich und mit den An-
gaben im Asylverfahren übereinstimmend beschrieben, was ein zusätzli-
ches Element für die Glaubhaftigkeit der Vorbringen darstellt.
Entgegen der Einschätzung der Vorinstanz sind die Aussagen der Be-
schwerdeführerin, wonach ihr Vater sie gezwungen habe, die Heirat mit
F._ zu verheimlichen, nachvollziehbar ausgefallen (vgl. A29 F46 S.
7). Ihr Vater verheiratete sie primär, um seine Drogensucht zu finanzieren.
Nachdem F._ bereits am nächsten Tag inhaftiert wurde und sie so-
mit nie ein gemeinsames Eheleben führten (vgl. A29 F55), gab es weder
für den Vater der Beschwerdeführerin noch für sie selber einen ersichtli-
chen Grund, die Verwandtschaft über die unter Zwang erfolgte und aus
ihrer Sicht aufgrund der vorangehenden Belästigung mit Scham behaftete
Heirat zu informieren. Bei der zweiten Eheschliessung mit ihrem jetzigen
Ehemann war die Beschwerdeführerin nach wie vor minderjährig. Sie hatte
keinen Kontakt zu F._, der nach wie vor in Haft war; ihr Vater versi-
cherte ihr zudem, dass dieser niemals aus dem Gefängnis freikommen
würde. Vor diesem Hintergrund kann ihr nicht vorgeworfen werden, dass
sie nicht von sich aus von ihrer ersten Heirat und den sich daraus ergeben-
den Schwierigkeiten erzählte, vielmehr ist davon auszugehen, dass sie
sich bei der zweiten Eheschliessung dem Wunsch ihrer Familie fügte und
dies damals auch als Ausweg aus der Ehe mit F._ betrachtete (vgl.
zum Ganzen A29 F46 S. 7).
Sodann sind auch ihre Angaben zu F._ nicht vage, sondern den
Umständen entsprechend angemessen ausgefallen: So gab sie an, dass
dieser älter war als sie und mehrfach zu ihnen nach Hause kam, um ihrem
Vater Drogen zu konsumieren. Sie wusste, dass er diese auch verkaufte
(vgl. A29 F46). Weiter führte sie aus, dass F._ wohlhabend und ein-
flussreich war (vgl. A29 F 47 ff.). Von ihrer Mutter hatte sie erfahren, dass
er aus einer reichen Familie stammt, die sehr streng und religiös ist (vgl.
A29 F63 ff.). Angesichts der Tatsache, dass die Familie keinen Kontakt zu
ihren Verwandten in Afghanistan hatte (vgl. A29 F78), ist nicht ersichtlich,
welche vertieften Angaben über den familiären Hintergrund von F._
das SEM von der Beschwerdeführerin erwartet hätte. Ferner fällt auch das
Argument des SEM dahin, wonach nicht begründet sei, weshalb F._
über fünf oder sechs Jahre – während er in Haft war – keinen Kontakt zu
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der Beschwerdeführerin aufgenommen habe, zumal angesichts der
Zustände in iranischen Gefängnissen nicht davon auszugehen ist, dass
F._ regelmässiger (telefonischer) Kontakt zu seinen Angehörigen
zugestanden wurde (vgl. United Kingdom: Home Office, Country
Information and Guidance, Iran: Prison conditions, Februar 2016,
S. 12, https://www.ref-world.org/docid/56d6b7f34.html, zuletzt besucht
am 16.11.2021). Zudem dürfte dessen Hauptinteresse während seiner
mehrjährigen Haft wohl auch nicht in der Kommunikation mit seiner
kurz vorher geheirateten Cousine gelegen haben, sondern wohl
eher in seinem Wohlergehen während der Haft und allenfalls in der Orga-
nisation seiner Entlassung.
Es mag zwar tatsächlich seltsam anmuten, dass der Beschwerdeführer –
wie vom SEM in der angefochtenen Verfügung ausgeführt – in der Anhö-
rung zuerst lediglich die allgemeine Sicherheitslage und Ängste seines Va-
ters als Hindernis für eine Rückkehr nach Afghanistan erwähnte (vgl. A28
F35) und erst im weiteren Verlauf der Anhörung die Befürchtung äusserte,
in Afghanistan wegen der Heirat seiner Frau gesteinigt zu werden (vgl. A28
F57 ff.). Hingegen ist seine Antwort auf Frage 35 im Kontext der vorange-
henden Fragen F33 und 34 nachvollziehbar. Frage 33 betraf die Gründe
der Ausreise mit seiner Familie als er noch jung war. Es ist durchaus vor-
stellbar, dass er deshalb die Fragen 34 bis 36 nach allfälligen persönlichen
Problemen in Afghanistan und Gründen, weshalb er nicht dorthin zurück-
kehren wolle, vor diesem Hintergrund beantwortet und seine Antwort zur
Frage 35 nicht auf die Probleme im Zusammenhang mit F._ bezo-
gen hat, zumal diese nicht nur in Afghanistan drohten, erhielten die Be-
schwerdeführenden doch im Iran bei der Mutter der Beschwerdeführerin
bereits eine Drohnachricht. Das "wir" in der Antwort zur Frage 35 könnte
sich ebenfalls auf seine Familie und nicht auf die Beschwerdeführerin und
ihn beziehen, was ebenfalls dafür sprechen würde, dass er den Fokus bei
diesen Antworten nicht auf die neuen Bedrohungen legte.
6.4 Nach einer Gesamtwürdigung ist festzuhalten, dass die Vorbringen im
Zusammenhang mit den Folgen der Beziehung zwischen den Beschwer-
deführenden nach der Zwangsheirat mit F._ und der sich daraus
ergebenden drohenden Behelligungen von dessen Seite – insbesondere
auch mit Blick auf die übereinstimmenden Aussagen der Beschwerdefüh-
renden – insgesamt als überwiegend wahrscheinlich erscheinen.
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7.
7.1 Sodann ist in einem nächsten Schritt zu prüfen, ob die als glaubhaft
befundenen Vorbringen flüchtlingsrechtliche Relevanz aufweisen.
7.2 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr
gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Hei-
matstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind bezie-
hungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Auf-
grund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Aner-
kennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimatland oder in einem Drittstaat keinen aus-
reichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 7, 2008/12
E. 7.2.6.2 sowie 2008/4 E. 5.2). Ausgangspunkt für die Beurteilung der
Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise
vorhandenen Verfolgung oder begründeten Furcht vor einer solchen. Die
Situation im Zeitpunkt des Asylentscheids ist jedoch im Rahmen der Prü-
fung nach der Aktualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Ver-
änderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise
und Asylentscheid sind deshalb zugunsten und zulasten der das Asylge-
such stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. dazu BVGE 2013/11
E. 5.1, 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5 je m.w.H.; WALTER STÖCKLI, Asyl, in:
UEBERSAX/RUDIN/HUGI YAR/GEISER [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl. 2009,
Rz. 11.16 ff.).
Eine Verfolgung ist ausserdem flüchtlingsrechtlich nur relevant, wenn sie
aus einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG beziehungsweise Art. 1A Ziff. 2 des
Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) genannten Motive erfolgt. Diese Motive sind so zu ver-
stehen, dass die Verfolgung wegen äusserer oder innerer Merkmale, die
untrennbar mit der Person oder Persönlichkeit des Opfers verbunden sind,
erfolgt ist beziehungsweise droht (vgl. BVGE 2014/28 E. 8.4.1, 2014/27
E. 6.3, 2013/11 E. 5.1). Nachteilen, die Frauen zugefügt werden oder zu-
gefügt zu werden drohen, liegt ein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv zu-
grunde, wenn diese Nachteile in diskriminierender Weise an das Merkmal
des (weiblichen) Geschlechts anknüpfen (vgl. zum Verfolgungsmotiv bei
frauenspezifischer Verfolgung: EMARK 2006 Nr. 32 E. 8.7.1). Dies ist etwa
der Fall, wenn in Ländern mit weit verbreiteten traditionell-konservativen
Wertvorstellungen von Zwangsheirat oder Ehrenmord bedrohte Frauen
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und Mädchen nicht denselben staatlichen Schutz erhalten, mit dem im All-
gemeinen männliche Opfer von privater Gewalt rechnen können (vgl. Urteil
des BVGer D-4289/2006 vom 11. September 2008 E. 6.4).
7.3 Die Beschwerdeführerin legte glaubhaft dar, dass sie im Iran gegen ih-
ren Willen mit ihrem älteren Cousin F._ verheiratet wurde. Einige
Monate später hat sie ihren jetzigen Ehemann geheiratet. Dies hat bei
F._ Ehrgefühle verletzt (vgl. A29 F51 ff.). Später folgten Drohnach-
richten auf das Handy ihrer Mutter und eine auf einen geworfenen Stein
geschriebene Drohung (vgl. A29 F46 S. 8 und F72 f.). Ungeachtet der Gül-
tigkeit der religiös geschlossenen Ehe zwischen den Beschwerdeführen-
den ist nicht zu leugnen, dass zumindest ein Konkubinat besteht, zumal
das Paar zwei gemeinsame Kinder hat. Durch die aussereheliche Bezie-
hung hat nicht nur die Beschwerdeführerin gegen die vorherrschenden
streng konservativen Gesellschaftsstrukturen, die kulturellen Wertvorstel-
lungen sowie die sozialen Normen in Afghanistan verstossen, was bereits
genügt, ihr gesellschaftliche Ächtung einzubringen (vgl. UNHCR Richtli-
nien zur Feststellung des internationalen Schutzbedarfs afghanischer Asyl-
suchender, 30. August 2018, S. 87ff). Aussereheliche Beziehungen (sog.
Zina) sind ausserdem in Afghanistan sowohl gemäss Strafgesetz (Art. 426-
429 des afghanischen Strafgesetzes) als auch der Scharia verboten. So-
wohl Frauen als auch Männer werden wegen Zina strafrechtlich verfolgt
und zu langen Haftstrafen verurteilt. Die Höchststrafe für Zina beträgt sie-
ben Jahre; in Ausnahmefällen, unter anderem wenn die Frau verheiratet
ist, beträgt die Höchststrafe zehn Jahre (vgl. SFH, Afghanistan: Zina, aus-
serehelicher Geschlechtsverkehr, 2. Oktober 2012, S. 2 f., https://www.e-
coi.net/en/file/local/1162575/1930_1351245038_afghanistan-zina-ausser-
ehelicher-geschlechtsverkehr.pdf, zuletzt besucht am 17.11.2021). Die
drohenden Strafen wegen der ausserehelichen Beziehung und die allfälli-
gen von F._ ausgehenden – allenfalls gar bis zum Ehrenmord ge-
henden – körperlichen Misshandlungen stellen ernsthafte Nachteile dar.
Angesichts der Schwere der allfälligen Eingriffe in die körperliche Unver-
sehrtheit und des damit einhergehenden unerträglichen psychischen
Drucks sind sie als genügend intensiv im Sinne des Art. 3 AsylG zu be-
zeichnen. Sie erweisen sich zudem als gezielt, da diese gegen die Be-
schwerdeführenden gerichtet und sie dadurch persönlich betroffen sind.
Weiter bestand die Furcht vor ernsthafter Verfolgung im Zeitpunkt der
Flucht, war objektiv begründet, nachdem das Paar nach der Kenntnis-
nahme durch F._ von der ausserehelichen Beziehung Drohungen
erhielt, und ausschlaggebend für die Ausreise zunächst aus dem Iran und
dann – nach der Deportation aus der Türkei nach Afghanistan – aus ihrem
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Heimatland. Somit liegt zwischen der Verfolgung und der Flucht ein zeitli-
cher und sachlicher Kausalzusammenhang vor. Aufgrund der frauenspezi-
fischen Verfolgungssituation ist auch ein flüchtlingsrelevantes Verfolgungs-
motiv anzuerkennen (vgl. EMARK 2006 Nr. 32 E. 8; Urteil BVGer E-
4794/2018 vom 11. März 2020 E. 6.8; Urteil BVGer E-2245/2017 vom 26.
November 2019 E. 7.4. in fine). Die Situation in ihrem Heimatstaat hat sich
für die Beschwerdeführenden seither nicht grundlegend verändert, zumal
sich F._ heute noch dort befinden dürfte. Da F._ der ältere
Cousin der Beschwerdeführerin ist, ist nicht auszuschliessen, dass er von
ihrer Rückkehr erfahren würde und ihr bei einer Rückkehr dieselbe Verfol-
gungsgefahr drohen würde wie damals. Die drohende Verfolgung ist somit
auch im heutigen Zeitpunkt aktuell.
7.4 Im Referenzurteil D-3501/2019 vom 21. August 2019 hat das Bundes-
verwaltungsgericht sodann festgehalten, dass es in Afghanistan insbeson-
dere am Schutzwillen der afghanischen Behörden bei geschlechtsspezifi-
schen Übergriffen, aber auch an der Schutzinfrastruktur fehle (a.a.O.
E. 5.4.5, m.w.H). Dagegen würden Täter sexueller Gewalt und sogenann-
ter Ehrenmorde von Straflosigkeit profitieren. Nach dem Gesagten können
sich die Beschwerdeführenden nicht an die afghanischen Behörden wen-
den, um Schutz vor möglichen Übergriffen durch F._ zu erhalten.
7.5 Schliesslich kann vorliegend eine innerstaatliche Flucht- beziehungs-
weise Schutzalternative insbesondere unter dem heutigen Regime der Ta-
liban ausgeschlossen werden. Es bestehen keine Anhaltspunkte dafür,
dass die Beschwerdeführenden an einem anderen Ort Afghanistans
Schutz vor der drohenden Verfolgung durch F._ erhalten würden.
Schliesslich ist der Iran nicht als sicherer Drittstaat anzusehen. Die Be-
schwerdeführenden gaben an, dort über keinen legalen Aufenthaltsstatus
zu verfügen. Es ist somit nicht weiter zu prüfen, ob der Iran ihnen Schutz
vor allfälligen dortigen Behelligungen durch F._ bieten würde, der
ihnen ohne Weiteres dorthin folgen könnte.
8.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorbringen der Beschwerde-
führenden im Sinne von Art. 7 AsylG glaubhaft sind und sie die Vorausset-
zungen für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft im Sinne von
Art. 3 AsylG erfüllen. Da den Akten des Weiteren keine Anhaltspunkte für
das Vorliegen von Ausschlussgründen im Sinne von Art. 53 AsylG zu ent-
nehmen sind, ist ihnen in der Schweiz Asyl zu gewähren.
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9.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerde gut-
zuheissen und die angefochtene vorinstanzliche Verfügung vom
8. Juli 2019 aufzuheben ist. Die Vorinstanz ist anzuweisen, die Beschwer-
deführenden als Flüchtlinge anzuerkennen und ihnen Asyl zu gewähren.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu
erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
10.2 Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsie-
gens in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG eine Ent-
schädigung für die ihnen erwachsenen notwendigen und verhältnismässig
hohen Kosten zuzusprechen (vgl. für die Grundsätze der Bemessung der
Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Die Rechtsvertreterin reichte mit Eingabe vom 11. März 2021 eine Kosten-
note in der Höhe von Fr. 2'220.– ein. In dieser wird für das Aktenstudium
und das Verfassen der Beschwerde ein Vertretungsaufwand von insge-
samt 11 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 200.– sowie eine Aus-
gabenpauschale von Fr. 20.– für Portospesen geltend gemacht. Der aus-
gewiesene zeitliche Aufwand scheint dem vorliegenden, nicht übermässig
komplexen oder umfangreichen Verfahren nicht vollumfänglich angemes-
sen und ist auf 6.5 Stunden zu kürzen. Die Parteientschädigung, welche
von der Vorinstanz zu leisten ist, ist demnach auf Fr. 1'320.– (inklusive Aus-
lagen) festzusetzen.
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