Decision ID: 0c4aa0dd-d119-480d-95da-3930e1293c76
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Gemäss eigenen Angaben verliess der Beschwerdeführer seinen Heimat-
staat im März 2022 und suchte am 28. Juni 2022 in der Schweiz um Asyl
nach. Dabei wurde ihm eine Kopie eines Ausweises für Asylsuchende aus
Griechenland abgenommen.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 26. Juni 2022 bereits
in Österreich ein Asylgesuch gestellt hatte.
C.
Am 1. Juli 2022 fand die Personalienaufnahme (PA) und am 21. Juli 2022
das persönliche Gespräch (nachfolgend: Dublin-Gespräch) gemäss Art. 5
der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten
Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-
VO), statt.
C.a Der Beschwerdeführer machte im Wesentlichen geltend, in Griechen-
land nicht um Asyl ersucht zu haben. Er habe dort während eines Monats
illegal gearbeitet. Da ihm im Falle einer Kontrolle durch die griechische Po-
lizei 18 Monate Haft gedroht hätten, habe sein Arbeitgeber ihm den Aus-
weis für Asylsuchende besorgt. In Österreich sei er polizeilich aufgegriffen
worden und habe die Fingerabdrücke abgeben müssen. Ein Interview habe
dort nicht stattgefunden.
Im Rahmen des rechtlichen Gehörs zu einer möglichen Zuständigkeit Ös-
terreichs zur Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zum
beabsichtigten Nichteintretensentscheid sowie zur Wegweisung nach Ös-
terreich erklärte der Beschwerdeführer, die Polizei habe ihn beim Aufgriff
angeschrien und gefragt, warum er nach Österreich gekommen sei. Man
habe ihm gesagt, er sei nicht willkommen. Anschliessend habe man ihn in
ein Zelt-Camp gebracht. Dort habe er den ganzen Tag draussen im Zelt
ohne Essen und nur mit Wasser verbringen müssen. Er habe zudem
draussen putzen müssen. Erst nach stetigem Betteln habe er auf die Toi-
lette gehen dürfen, welche in einem miserablen Zustand gewesen sei. Es
habe auch keine Waschmöglichkeiten gegeben. In der Folge sei er in eine
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geschlossene Einrichtung gebracht worden. Dort habe er lediglich eine Fla-
sche Wasser, aber kein Essen erhalten. Mit dem Wasser habe er sich ge-
waschen, dann aber nichts mehr zu Trinken gehabt. Danach habe man ihn
in ein Zimmer gebracht, welches abgeschlossen worden sei. Später sei er
geweckt worden und man habe ihm gesagt, dass er um Asyl ersuchen
sollte. Das habe er aber nicht tun wollen. Er sei in eine Schlange gestellt
und mit Stöcken geschlagen, getreten und geschubst worden. Dann sei er
vor die Wahl gestellt worden, entweder die Fingerabdrücke abzugeben o-
der in seinen Herkunftsstaat abgeschoben zu werden. Er habe die Finger-
abdrücke abgeben müssen. Um zwei Uhr habe er wieder schlafen dürfen,
sei dann jedoch kurze Zeit später wiederum geweckt worden, um die Fin-
gerabdrücke abzugeben.
In gesundheitlicher Hinsicht machte er geltend, in schlechter und ange-
schlagener psychischer Verfassung zu sein, seit er seine Heimat verlassen
habe. Manchmal gehe es ihm gut, aber er müsse weinen. Er habe Kopf-
schmerzen und das Gefühl, innerlich so leer zu sein, dass es vorbei sei mit
dem Leben. Er habe den Wunsch, einfach im Dunkeln zu sitzen und mit
niemandem zu sprechen. Er habe Angst vor Menschen. Zudem habe er
kaum Appetit und ziemlich viel Gewicht verloren. Weiter leide er unter
Schlafstörungen und Alpträumen.
Die grundsätzliche Zuständigkeit Österreichs bestritt der Beschwerdefüh-
rer nicht.
D.
Am 26. Juli 2022 ersuchte das SEM die österreichischen Behörden um
Rückübernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO. Diesem Gesuch wurde am 10. August 2022 entsprochen.
E.
Den aktenkundigen Arztberichten (vgl. vorinstanzliche Akten [...] [nachfol-
gend: SEM-act. 18], SEM-act. 19, 22 und 25) ist zu entnehmen, dass der
Beschwerdeführer am (...) Juli 2022 notfallmässig an die B._ über-
wiesen wurde, nachdem er klare Suizidgedanken geäussert hat, von wel-
chen er sich nicht mehr distanzieren konnte. Eine Fremdagressivität konnte
ebenfalls nicht ausgeschlossen werden. In der Folge befand er sich vom
(...) Juli bis (...) August 2022 in stationärer psychiatrischer Behandlung.
Gemäss Kurzaustrittsbericht vom (...) August 2022 (vgl. SEM-act. 22)
wurde bei ihm eine (...) diagnostiziert, wobei eine medikamentöse Behand-
lung und psychiatrische Betreuung vorgesehen wurde.
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Am (...) August 2022 wurde er wegen akuter Suizidalität erneut an die
B._ überwiesen (vgl. SEM-act. 25). Seither befindet er sich in stati-
onärer psychiatrischer Behandlung.
F.
F.a Mit Verfügung vom 16. August 2022 (eröffnet tags darauf) trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte die Überstellung
nach Österreich, welches gemäss Dublin-III-VO für die Behandlung seines
Asylgesuchs zuständig ist. Gleichzeitig verfügte das SEM den Vollzug der
Wegweisung nach Österreich, ordnete die Aushändigung der editions-
pflichtigen Akten an den Beschwerdeführer an und stellte fest, einer allfäl-
ligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wir-
kung zu.
F.b Zur Begründung führte das SEM im Wesentlichen aus, der Abgleich
mit der Datenbank Eurodac weise nach, dass er am 26. Juni 2022 in Ös-
terreich ein Asylgesuch eingereicht habe. Nur zwei Tage später habe er in
der Schweiz ein Asylgesuch eingereicht. Mithin lägen keine Anhaltspunkte
vor, wonach die Zuständigkeit Österreichs im Sinne von Art. 19 Dublin-III-
VO erloschen sein könnte. Die österreichischen Behörden hätten das Er-
suchen des SEM um seine Übernahme gutgeheissen, womit Österreich für
die Durchführung seines Verfahrens zuständig sei.
Weiter stehe es Österreich frei, die Fingerabdrücke von illegal aufhältigen
Drittstaatsangehörigen abzunehmen. Es sei indes nicht davon auszuge-
hen, dass Österreich Personen gegen deren Willen als Asylsuchende re-
gistrieren würde. Seine Schilderungen liessen vielmehr vermuten, dass die
österreichischen Behörden ihm das rechtliche Gehör betreffend Wegwei-
sung in seinen Heimatstaat gewährt hätten. Indem er schliesslich ein Asyl-
gesuch eingereicht habe, sei er einer Inhaftierung und möglichen Wegwei-
sung in seinen Herkunftsstaat entgangen. Seine Ausführungen vermöch-
ten die Zuständigkeit Österreichs zur Durchführung seines weiteren Ver-
fahrens nicht zu widerlegen. Es gebe keine wesentlichen Gründe für die
Annahme gemäss Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO, dass das Asylverfahren und
die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Österreich Schwachstellen
aufwiesen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden
Behandlung im Sinne von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta und Art. 3 der
Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) mit sich bringen wür-
den. Österreich habe die Richtlinien 2013/32/EU (Verfahrensrichtlinie),
2011/95/EU (Qualifikationsrichtlinie) und 2013/33/EU (Aufnahmerichtlinie)
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ohne Beanstandungen von Seiten der Europäischen Kommission umge-
setzt. Es lägen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass sich Österreich nicht
an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen halten und die Asyl- und Weg-
weisungsverfahren nicht korrekt durchführen würde. Es sei nicht davon
auszugehen, dass er bei einer Überstellung nach Österreich gravierenden
Menschenrechtsverletzungen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO und
Art. 3 EMRK ausgesetzt, in eine existenzielle Notlage geraten oder ohne
Prüfung seines Asylgesuchs und unter Verletzung des Non-Refoulement-
Gebots in seinen Heimat- oder Herkunftsstaat überstellt würde. Zudem
gebe es keine systemischen Mängel in Österreichs Asyl- und Aufnahme-
system. Es lägen auch keine Gründe gemäss Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO
vor, die die Schweiz verpflichten würden, sein Asylgesuch zu prüfen. Es
lägen sodann auch keine Gründe vor, die Anlass zur Anwendung der Sou-
veränitätsklausel gemäss Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 (SR 142.311) geben wür-
den. Es sei nicht davon auszugehen, dass sich die von ihm geschilderten
Vorfälle in einer österreichischen Aufnahmestruktur für Asylsuchende zu-
getragen hätten. Da er bereits zwei Tage nach seinem Asylgesuch in Ös-
terreich in der Schweiz um Asyl ersucht habe, sei fraglich, ob er sich über-
haupt je in ein österreichisches Aufnahmezentrum begeben habe. Öster-
reich sei ein Rechtsstaat mit funktionierendem Justizsystem. Sollte er sich
durch die österreichischen Behörden ungerecht oder rechtswidrig behan-
delt fühlen, könne er sich mit einer Beschwerde an die zuständigen Stellen
wenden und dort auch eine Unterkunft und sozialstaatliche Unterstützung
erhalten.
Hinsichtlich seines Gesundheitszustands sei der Sachverhalt ausreichend
erstellt. Es sei nicht davon auszugehen, dass im Rahmen seines aktuellen
stationären Aufenthalts infolge akuter Suizidalität anderweitige und derart
gravierende Diagnosen gestellt werden könnten, welche an der Einschät-
zung des SEM etwas zu ändern vermögen würden. Österreich verfüge
über eine ausreichende medizinische Infrastruktur und sei gemäss Aufnah-
merichtlinie verpflichtet, ihm die erforderliche medizinische Versorgung zu
gewähren. Es lägen keine Hinweise vor, wonach Österreich ihm eine me-
dizinische Behandlung verweigert hätte oder zukünftig verweigern würde.
Sein Gesundheitszustand – auch unter Berücksichtigung seiner latenten
Suizidalität – vermöge eine Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs im
Sinne der restriktiven Rechtsprechung nicht zu rechtfertigen. Gemäss bun-
desgerichtlicher Rechtsprechung stelle Suizidalität zudem kein Vollzugs-
hindernis dar. Seinem psychischen Gesundheitszustand könne im Zusam-
menhang mit der Überstellung mit einer adäquaten psychiatrisch-psycho-
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logischen Betreuung im Vorfeld und während der Überstellung vollumfäng-
lich Rechnung getragen werden. Dasselbe gelte für die Zeit nach seiner
Ankunft in Österreich, wo die Gesundheitsversorgung gewährleistet sei. Im
Rahmen der Überstellung sei auch nicht von einer Retraumatisierung aus-
zugehen, welche die hohe Schwelle einer Verletzung von Art. 3 EMRK zu
überschreiten drohen würde. Das SEM anerkenne zwar, dass eine Rück-
kehr nach Österreich für ihn subjektiv eine Belastung darstellen könnte.
Dieser könne aber mit einer adäquaten psychiatrisch-psychologischen Be-
treuung und der entsprechenden Medikation Rechnung getragen werden.
Es sei einzig die Reisefähigkeit ausschlaggebend. Diese werde erst kurz
vor der Überstellung definitiv beurteilt. Zudem informiere das SEM die ös-
terreichischen Behörden vor der Überstellung über seinen Gesundheitszu-
stand und die notwendige Behandlung. Sodann könnten die österreichi-
schen Behörden eine adäquate Unterbringung und eine angemessene me-
dizinische Betreuung sicherstellen. Entsprechend werde er in Österreich
vergleichbare Umstände wie in der Schweiz antreffen.
G.
G.a Mit Beschwerde vom 23. August 2022 an das Bundesverwaltungsge-
richt beantragte der Beschwerdeführer, die Verfügung vom 16. August
2022 sei aufzuheben und auf sein Asylgesuch sei einzutreten. Eventualiter
sei die Verfügung aufzuheben und die Sache zur vollständigen Feststel-
lung des Sachverhalts und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der auf-
schiebenden Wirkung der Beschwerde, die Anweisung an die Vorinstanz
und die Vollzugsbehörden, bis zum Entscheid über die Beschwerde von
jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen sowie die Gewährung der unent-
geltlichen Rechtspflege inklusive Kostenvorschuss und Bestellung eines
unentgeltlichen Rechtsbeistands.
G.b Zur Begründung seiner Beschwerde bekräftigte der Beschwerdeführer
zunächst seine Vorbringen anlässlich des Dublin-Gesprächs und gab an,
bereits die Aussicht einer Rückweisung nach Österreich habe ihn retrau-
matisiert. Zusammen mit der in der Vergangenheit erlittenen Erlebnissen
in seiner Heimat habe ihn dies in die Suizidalität getrieben. Eine Rückwei-
sung nach Österreich würde ihn noch tiefer in die psychische Krise stürzen.
Er habe Angst, dass er sich bei einer zwangsweisen Rückführung nach
Österreich letztlich das Leben nehmen würde.
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Seite 7
H.
Am 25. August 2022 setzte der Instruktionsrichter gestützt auf Art. 56
VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus.
I.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
25. August 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Be-
schwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legiti-
miert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
2.3 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie
nachstehend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, wes-
halb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
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Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zustän-
digen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im
Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet
grundsätzlich keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-
III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen: BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zustän-
digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An-
nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An-
tragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen,
die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung
im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union
(2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist
zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zu-
ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zustän-
dig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat
zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen, einen
bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten An-
trag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser
Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht).
4.
4.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der "Eu-
rodac"-Datenbank ergab, dass dieser am 26. Juni 2022 in Österreich ein
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Asylgesuch eingereicht hatte. Das SEM ersuchte deshalb die österreichi-
schen Behörden am 26. Juli 2022 um Wiederaufnahme des
Beschwerdeführers gestützt auf Art. 23 Dublin-III-VO. Die österreichischen
Behörden stimmten dem Gesuch um Übernahme am 10. August 2022 zu.
Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Österreich ein Asylgesuch einge-
reicht zu haben, und auch die grundsätzliche Zuständigkeit dieses Mitglied-
staates blieb unbestritten.
Die grundsätzliche Zuständigkeit Österreichs ist somit gegeben.
4.2 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli-
che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Asylsuchende in Österreich würden systemische Schwach-
stellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdi-
genden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit
sich bringen würden.
Österreich kommt als Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen nach
und es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben.
Im Übrigen kann diesbezüglich zur Vermeidung von Wiederholungen auf
die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (vgl. a.a.O.
Ziff. II).
4.2.1 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
4.3 Die Einwände des Beschwerdeführers vermögen auch unter dem
Blickwinkel humanitärer Gründe keine Zuständigkeit der Schweiz zu be-
gründen.
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Seite 10
4.3.1 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitions-
beschränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Strei-
chung der Angemessenheitskontrolle des Bundesverwaltungsgerichts ge-
mäss aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den vorinstanz-
lichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht mehr auf
Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung nunmehr
im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüglich kor-
rekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen Rechnung ge-
tragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1
Bst. a und b AsylG).
4.3.2 Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu be-
anstanden, zumal der Beschwerdeführer den überzeugenden Argumenten
der Vorinstanz mit seiner knappen Beschwerdeeingabe nichts entgegen-
zusetzen vermag.
Der Beschwerdeführer beruft sich darauf, sein Gesundheitszustand stehe
einer Überstellung entgegen; diese würde ihn noch tiefer in die psychische
Krise stürzen und er habe Angst, dass er sich bei einer zwangsweisen
Rückführung nach Österreich letztlich das Leben nehmen würde. Damit
macht der Beschwerdeführer (implizit) geltend, die Überstellung nach Ös-
terreich setze ihn einer Gefahr für seine Gesundheit aus und verletze damit
Art. 3 EMRK.
Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Prob-
lemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK
darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene Person
sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und be-
reits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem sicheren Tod
rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwarten könnte
(vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des Euro-
päischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine weitere vom
EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Ab-
schiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Ziel-
staat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen
und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands
ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen
Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR
E-3661/2022
Seite 11
Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10,
§§ 180–193 m.w.H.).
Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Gemäss Arztbericht
vom 3. August 2022 (vgl. SEM-act. 22) wurde bei ihm eine (...) (Klassifika-
tion gemäss ICD-10: [...]) diagnostiziert. Das weitere Prozedere sah eine
psychiatrische Betreuung durch das Ambulatorium C._ sowie eine
medikamentöse Behandlung mit (...), (...) und (...) sowie – als Reser-
vemedikation – (...), (...), (...) und (...) vor. Im Rahmen des Notfallplans
sei besprochen worden, dass eine Wiedervorstellung auf dem psychiatri-
schen Notfall bei einer akuten Exazerbation des psychischen Zustandsbil-
des jederzeit möglich sei. Am (...) August 2022 wurde er erneut an die
B._ überwiesen. Gemäss Zuweisungsschreiben (vgl. SEM-act. 25)
war von akuter Suizidalität auszugehen, nachdem neben seinem Bett ein
Frotteestrick und ein Messer aufgefunden worden seien. Ein aktuellerer
Arztbericht liegt nicht vor.
Sein Gesundheitszustand vermag eine Unzulässigkeit im Sinne der er-
wähnten restriktiven Rechtsprechung nicht zu rechtfertigen. Die gesund-
heitlichen Probleme sind auch nicht von einer derartigen Schwere, dass
aus humanitären Gründen von einer Überstellung abgesehen werden
müsste.
Betreffend eine allfällige Suizidgefahr ist festzuhalten, dass gemäss bun-
desgerichtlicher Rechtsprechung Suizidalität für sich allein kein Vollzugs-
hindernis darstellt (vgl. Urteil BGer 2C_221/2020 vom 19. Juni 2020 E. 2),
was auch der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts entspricht (vgl. z.B.
Urteil BVGer F-27/2021 vom 25. Februar 2021 E. 9.2 m.w.H.). In solchen
Fällen sind die schweizerischen Behörden jedoch gehalten, im Rahmen
der konkreten Rückkehrmassnahmen alles ihnen Zumutbare vorzukehren,
um medizinisch sowie betreuungstechnisch sicherzustellen, dass das Le-
ben und die Gesundheit der rückkehrpflichtigen Person möglichst nicht be-
einträchtigt wird (vgl. Urteil BGer 2C_221/2020 a.a.O.). Im Übrigen ist all-
gemein bekannt, dass Österreich über eine ausreichende und mit der
Schweiz vergleichbare medizinische Infrastruktur verfügt. Die Mitgliedstaa-
ten sind verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische Ver-
sorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche
Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen um-
fasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den An-
tragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische
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Seite 12
oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psycholo-
gischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es
liegen keine Hinweise vor, wonach Österreich dem Beschwerdeführer eine
adäquate medizinische Behandlung verweigern würde. Die schweizeri-
schen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochten Verfügung beauf-
tragt sind, werden den medizinischen Umständen bei der Bestimmung der
konkreten Modalitäten der Überstellung des Beschwerdeführers Rechnung
tragen. Den Akten ist zu entnehmen, dass das SEM die österreichischen
Behörden bereits über die spezifischen medizinischen Probleme des Be-
schwerdeführers in Kenntnis gesetzt hat und auch über inskünftig über al-
lenfalls veränderte Umstände und Bedürfnisse des Beschwerdeführers in
dieser Hinsicht informieren wird (vgl. Überstellungsmodalitäten in SEM-
act. 26, Art. 31 f. Dublin-III-VO)
4.3.3 Die angefochtene Verfügung ist unter dem Blickwinkel der Kann-Be-
stimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht zu beanstanden; insbesondere
sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein
Über- respektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Ge-
richt enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserun-
gen.
4.3.4 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist
festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3).
4.4 Somit bleibt Österreich der für die Behandlung des Asylgesuchs des
Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO. Öster-
reich ist verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 23, 24, 25 und 29
wiederaufzunehmen.
5.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Österreich in An-
wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
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Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
Eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur vollständigen Sachver-
haltsabklärung gemäss dem Eventualbegehren ist nicht angezeigt, zumal
der Beschwerdeführer auch nicht ausführt, inwiefern das SEM den Sach-
verhalt nicht vollständig abgeklärt hat und in der Beschwerde hinsichtlich
des Sachverhalts und der Prozessgeschichte sogar explizit auf die Ausfüh-
rungen der Vorinstanz verwies.
Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes-
halb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung sowie
Anweisung an die Vollzugsbehörden, von jeglichen Vollzugshandlungen
abzusehen, als gegenstandslos erweist.
7.
Aufgrund obiger Erwägungen ist die eingereichte Beschwerde von vornhe-
rein als aussichtslos zu erachten, weshalb das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung nach Art. 65 Abs. 1 VwVG unbesehen der
allfälligen Mittellosigkeit abzuweisen ist. Dementsprechend ist auch das
Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung abzuweisen. Mit dem
vorliegenden Direktentscheid ist das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
9.
Der am 25. August 2022 angeordnete superprovisorische Vollzugsstopp
fällt mit vorliegendem Urteil dahin.
E-3661/2022
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