Decision ID: 25d4b1d5-f1a7-4082-b72f-f23fdb2959eb
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1957 geborene
X._
war seit 2001 in einem Lebensmittelgeschäft
zunächst als Verkäuferin und seit 2010 als Filialleiterin in einem 100 %-Pensum angestellt
und bei der
Alba Allgemeine Versicherungs
gesellschaft AG
,
deren Unfallversicherungsgeschäft per 1. Januar 2012 von der
Solida
Versicherungen AG
übernommen worden war,
obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen versichert
, als sie am
4. September 2011
bei einem Auto
unfall ein HWS-Distorsionstrauma Grad I-II erlitt (Urk. 11/M
1
). Das MRI
der HWS und der LWS vom 19. Oktober 2011 ergab keine pathologischen organisch-struk
turellen Befunde (Urk. 11/M2). Die
Alba respektive
Solida
Versicherungen AG kam für die Heilbehandlung auf und richtete Taggelder aus. Die Arbeitgeberin
der Versicherten
kündigte das Arbeitsverhältnis auf den 30. Juni 2012 (Urk. 11/A9).
Am 20. November 2013 beauftragte die
Solida
Versicherungen AG
die
Abklä
rungs
stelle
Y._
mit der polydisziplinären Begutachtung in den Fachbereichen Psychiatrie,
Chirurgie
, Neurologie und Neuropsychologie (Urk. 11/A26). Das Gut
achten wurde am 24. März 2014 erstattet (Urk. 11/M11).
Gestützt auf die Schluss
folgerungen der Gutachter stellte die
Solida
Versicherungen AG die Leistungen mit Verfügung vom 2. Juli 2015 per 30. Juni 2014 ein (Urk. 11/A38.3). Die dage
gen erhobene Einsprache der Versicherten wies sie mit Entscheid vom
20. Februar 2017
ab (Urk.
11/A48 = Urk. 2
).
2.
Dagegen erhob die Versicherte mit Eingabe vom 23. März 2017 Beschwerde und beantragte, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und es seien die geset
zlichen Leistungen weiterhin zu erbringen. Eventualiter sei ein medizinisches
Ge
richtsgutachten zu erstellen (Urk. 1 S. 2).
Mit Beschwerdeantwort vom 17.
August
2017 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (Urk. 10
),
was der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 21. August 2017 mitgeteilt wurde
(Urk. 12).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen ist, soweit für die
Entscheidfindung
erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen einzuge
hen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2017 sind die am 25. September
2015 beziehungsweise am
9. Novem
ber 2016 verabschiedeten geänderten Bestimmungen des Bundesge
setzes
über die Unfallversicherung (UVG) und der Verordnung über die Unfallver
sich
e
rung (UVV) in Kraft getreten.
Gemäss den allgemeinen übergangsrechtlichen Regeln sind der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen,
die in Geltung standen, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende und somit rechtserhebliche Sachverhalt ver
wirk
licht hat
(vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b, je mit Hinweisen). Dementsprechend sehen die Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. September 2015 des UVG vor, dass Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem 1. Januar 2017 ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt werden (Absatz 1 der genannten Übergangsbestimmungen).
Der hier zu beurteilende Unfall hat sich am
4. September 2011
ereignet, weshalb die bis 31. Dezember 2016 gültig gewesenen Normen auf den vorliegenden Fall Anwendung finden und in
dieser Fassung zitiert werden.
1.2
1.2.1
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Inva
lidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhan
den
sein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der glei
chen Weise beziehungsweise nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausal
zusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder un
mittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädi
gende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geis
tige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weg
gedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene ge
sundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1, 402 E. 4.3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die Ver
waltung beziehungsweise im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen der ihm obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die blosse
Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines Leistungs
anspruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
1.2.2
Die Leistungspflicht des Unfallversicherers setzt im Weiteren voraus, dass zwi
schen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden ein adäquater Kausal
zusammenhang besteht. Nach der Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als adäquate Ursache eines Erfolges zu gelten, wenn es nach dem ge
wöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebens
erfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Er
folges also durch das Ereignis allgemein als begünstigt erscheint (BGE 129 V 177 E. 3.2, 405 E. 2.2, 125 V 456 E. 5a).
1.2.3
Für die Beurteilung der Frage, ob ein Unfall nach dem gewöhnlichen Lauf der
Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet ist, eine psychische Gesund
heitsschädigung
herbeizuführen, ist nach der in BGE 115 V 133 ergangenen Rechtsprechung auf eine weite Bandbreite von Versicherten abzustellen. Dazu gehören auch jene Versicherten, die aufgrund ihrer Veranlagung für psychische Störungen anfälliger sind und einen Unfall seelisch weniger gut verkraften als Gesunde, somit im Hinblick auf die erlebnismässige Verarbeitung des Unfalles zu einer Gruppe mit erhöhtem Risiko gehören, weil sie aus versicherungsmässiger Sicht auf einen Unfall nicht optimal reagieren (BGE 115 V 133 E. 4b).
Für die Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhanges zwischen dem Unfall und psychischen Gesundheitsschädigungen ist im Einzelfall zu verlangen, dass dem Unfall für die Entstehung der Arbeits- beziehungsweise Erwerbsunfähigkeit eine massgebende Bedeutung zukommt. Dies trifft dann zu, wenn er objektiv eine gewisse Schwere aufweist oder mit anderen Worten ernsthaft ins Gewicht fällt (vgl. RKUV 1996 Nr. U 264 S. 288 E. 3b; BGE 115 V 133 E. 7 mit Hinweisen). Für die Beurteilung dieser Frage ist an das Unfallereignis anzuknüpfen, wobei – aus
geh
end vom augenfälligen Geschehensablauf – folgende Einteilung vorge
nomme
n wurde: banale beziehungsweise leichte Unfälle einerseits, schwere Unfälle ande
rseits und schliesslich der
dazwischen liegende
mittlere Bereich (BGE 115 V 133 E. 6; vgl. auch BGE 134 V 109 E. 6.1, 120 V 352 E. 5b/
aa
;
SVR
1999
UV
Nr. 10 E. 2).
Bei banalen Unfällen wie zum Beispiel bei geringfügigem Anschlagen des Kopfes oder Übertreten des Fusses und bei leichten Unfällen wie zum Beispiel einem gewöhnlichen Sturz oder Ausrutschen kann der adäquate Kausalzusammenhang zwischen Unfall und psychischen Gesundheitsstörungen in der Regel ohne wei
teres verneint werden, weil aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung aber auch unter Einbezug unfallmedizinischer Erkenntnisse davon ausgegangen werden
darf, dass ein solcher Unfall nicht geeignet ist, einen erheblichen Gesund
heits
schaden zu verursachen (BGE 120 V 352 E. 5b/
aa
, 115 V 133 E. 6a).
Bei Unfällen aus dem mittleren Bereich lässt sich die Frage, ob zwischen Unfall und Folgen ein adäquater Kausalzusammenhang besteht, nicht aufgrund des Unfalles allein schlüssig beantworten. Es sind daher weitere, objektiv erfassbare Umstände, welche unmittelbar mit dem Unfall im Zusammenhang stehen oder als direkte beziehungsweise indirekte Folgen davon erscheinen, in eine Gesamt
würdigung einzubeziehen. Als wichtigste Kriterien sind zu nennen:
-
besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalls;
-
die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen, insbesondere ihre erfahrungsgemässe Eignung, psychische Fehlentwicklungen auszulösen;
-
ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung;
-
körperliche Dauerschmerzen;
-
ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert;
-
schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen;
-
Grad und Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit (BGE 134 V 109 E.
6.1, 115 V 133 E. 6c/
aa
).
Der Einbezug sämtlicher objektiver Kriterien in die Gesamtwürdigung ist nicht in jedem Fall erforderlich. Je nach den konkreten Umständen kann für die Beur
teilung des adäquaten Kausalzusammenhangs ein einziges Kriterium genügen. Dies trifft einerseits dann zu, wenn es sich um einen Unfall handelt, welcher zu den schwereren Fällen im mittleren Bereich zu zählen oder sogar als Grenzfall zu einem schweren Unfall zu qualifizieren ist (vgl. RKUV 1999 Nr. U 346 S. 428, 1999 Nr. U 335 S. 207 ff.; 1999 Nr. U 330 S. 122 ff.; SVR 1996 UV Nr. 58). Anderseits kann im gesamten mittleren Bereich ein einziges Kriterium genügen, wenn es in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist, wie zum Beispiel eine auf
fal
lend lange Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit infolge schwie
ri
gen Heilungsverlaufes. Kommt keinem Einzelkriterium besonderes beziehungs
weis
e ausschlaggebendes Gewicht zu, so müssen mehrere unfallbezogene Krite
rien herangezogen werden. Dies gilt umso mehr, je leichter der Unfall ist. Handelt es sich beispielsweise um einen Unfall im mittleren Bereich, der aber dem Grenz
bereich zu den leichten Unfällen zuzuordnen ist, müssen die weiteren zu berück
sichtigenden Kriterien in gehäufter oder auffallender Weise erfüllt sein, damit die Adäquanz bejaht werden kann. Diese Würdigung des Unfalles zusammen mit den objektiven Kriterien führt zur Bejahung oder Verneinung der Adäquanz. Damit entfällt die Notwendigkeit, nach andern Ursachen zu forschen, die möglicher
weise die psychisch bedingte Erwerbsunfähigkeit mitbegünstigt haben könnten (BGE 115 V 133 E. 6c/
bb
, vgl. auch BGE 120 V 352 E. 5b/
aa
;
RKUV
2001 Nr. U
442 S. 544 ff., Nr. U 449 S. 53 ff., 1998 Nr. U 307 S. 448 ff., 1996 Nr. U 256 S.
215 ff.; SVR 1999 UV Nr. 10 E. 2).
1.2.4
Die Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall und der infolge eines Schleudertraumas der Halswirbelsäule auch nach Ablauf einer ge
wissen Zeit nach dem Unfall weiterbestehenden gesundheitlichen Beeinträchtigun
gen, die nicht auf organisch nachweisbare Funktionsausfälle zurück
zuführen sind, hat nach der in BGE 117 V 359 begründeten Rechtsprechung des Bundesgerichts in analoger Anwendung der Methode zu erfolgen, wie sie für psy
chische Störun
gen nach einem Unfall entwickelt worden ist (vgl. BGE 123 V 98 E. 3b, 122 V 415 E. 2c).
Es ist im Einzelfall zu verlangen, dass dem Unfall eine massgebende Bedeu
tung für die Entstehung der Arbeits- beziehungsweise der Erwerbsunfähigkeit zu
kommt. Das trifft dann zu, wenn er eine gewisse Schwere aufweist oder mit ande
ren Worten ernsthaft ins Gewicht fällt. Demnach ist zunächst zu ermitteln, ob der Unfall als leicht oder als schwer zu betrachten ist oder ob er dem mittleren Bereich angehört. Auch hier ist der adäquate Kausal
zusammenhang zwischen Unfall und gesundheitlicher Beeinträchtigung bei leichten Unfällen in der Regel ohne Weiteres zu verneinen und bei schweren Unfällen ohne Weiteres zu bejahen, wogegen bei Unfällen des mittleren Bereichs weitere Kriterien in die Beurteilung mit einzu
beziehen sind. Je nachdem, wo im mittleren Bereich der Unfall einzuordnen ist und abhängig davon, ob einzelne dieser Kriterien in besonders ausgeprägter Weise erfüllt sind, genügt zur Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhangs ein Kriterium oder müssen mehrere heran
gezogen werden.
Als Kriterien nennt die Rechtsprechung hier:
-
besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalls;
-
die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen;
-
fortgesetzt spezifische, belastende ärztliche Behandlung;
-
erhebliche Beschwerden;
-
ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert;
-
schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen;
-
erhebliche Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen.
Diese Aufzählung ist abschliessend. Anders als bei den Kriterien, die das Bundes
gericht in seiner oben zitierten Rechtsprechung (BGE 115 V 133) für die Beurtei
lung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall und einer psy
chischen Fehlentwicklung für relevant erachtet hat, wird bei der Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall mit Schleudertrauma der Halswirbelsäule und den in der Folge eingetretenen Beschwerden auf eine
Dif
ferenzierung zwischen physischen und psychischen Komponenten verzichtet, da es bei Vorliegen eines solchen Traumas nicht entscheidend ist, ob Beschwerden medizinisch eher als organischer und/oder psychischer Natur bezeichnet werden (BGE 134 V 109; RKUV 2001 Nr. U 442 S. 544 ff., 1999 Nr. U 341 S. 409 E. 3b, 1998 Nr. U 272 S. 173 E. 4a; BGE 117 V 359 E. 5d/
aa
und 367 E. 6a).
Die Beurteilung der Adäquanz in denjenigen Fällen, in denen die zum typischen Beschwerdebild eines Schleudertraumas der Halswirbelsäule gehörenden Beein
trächtigungen zwar teilweise gegeben sind, im Vergleich zu einer ausgeprägten psychischen Problematik aber ganz in den Hintergrund treten, ist nach der Praxis des Bundesgerichts nicht nach den für das Schleudertrauma in BGE 117 V 359 entwickelten Kriterien, sondern nach den in BGE 115 V 133 für psychische Fehl
entwicklungen nach einem Unfall aufgestellten Kriterien vorzunehmen (BGE 127 V 102 E. 5b/
bb
, 123 V 98 E. 2a, RKUV 1995 Nr. U 221 S. 113 ff., SVR 1995 UV Nr. 23 S. 67 E. 1; ferner BGE 134 V 109 E. 10.2 f.).
1.3
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vor
akten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Im angefochtenen Entscheid erwog die Beschwerdegegnerin,
den medizinischen Akten sei zu entnehmen, dass bei der Beschwerdeführerin zu keinem Zeitpunkt objektiv ausgewiesene Unfallfolgen im Sinne struktureller Läsionen vorgelegen hätten. Die Beschwerdeführerin habe zwar eine HWS-Distorsion erlitten, aller
dings ohne nachgewiesene strukturelle Schädigung. Bei der Beschwerdeführerin stünden subjektiv diffuse ausgedehnte Schmerzen und Funktionseinbussen in den Halte- und Bewegungsorganen im Vordergrund. Das somatische Beschwerdebild – bei fehlenden organisch-strukturellen Faktoren, die das Beschwerdebild erklä
ren könnten – sei gegenüber der psychischen Problematik in den Hintergrund getreten. Aus diesem Grund sei die Prüfung der Adäquanz nach der für die psychische Fehlentwicklung massgebenden Rechtsprechung gerechtfertigt. Selbst wenn die Schleudertrauma-Praxis angewandt werde, sei die Adäquanz zu ver
nei
n
en
, da keines der Adäquanzkriterien erfüllt sei
. Somit sei ein adäquater Kau
sal
zusammenhang zwischen dem Unfal
lereignis vom 4.
September 2011 und den
über den Fallabschluss vom 30.
Juni 2014 hinaus andauernden Beschwerden zu verneinen
(Urk. 2 S.
13 ff.).
2.2
Die Beschwerdeführerin machte demgegenüber im Wesentlichen geltend,
der angefochtene Entscheid stütze sich auf ein ungenügendes und unverwertbares Gutachten. Moniert werde die Diagnose einer
„Rentenneurose". Dies
e
Wortwahl allein genüge
,
um
die Unparteilichkeit des Gutachters in Frage zu stellen.
Das Gutachten mache ungefragt biomechanische Ausführungen, indem es ausführe,
eine Heckauffahrkollision könne keine lumbalen Beschwerden verursachen. Solche
sachfremden Ausführungen hätten in einem neutralen Gutachten nichts verloren, vielmehr erweckten sie den Anschein einer Befangenheit und verminderten den Beweiswert
des
Gutachtens. Es fehle an einer qualifizierten Auseinandersetzung mit der gegenteiligen Auffassung von
Dr.
Z._
. Das Gutachten stütze sich auf ein veraltetes MRI. Die Gutachter hätten ein
aktuelles MRI erstellen müssen (Urk. 1 S. 5 ff.)
3.
3.1
Der Hausarzt der Beschwerdeführerin,
Dr.
med.
Z._
, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, stellte anlässlich der Erstkonsultation am 5. September 2011 die Diagnose eines HWS-Distorsionstraumas Grad I-II und attestierte eine anhaltende Arbeitsunfä
higkeit von 100 % (Urk. 11/M1).
3.2
Das MRI der HWS vom 19. Oktober 2011 zeigte eine beginnende
Chondrose
C5/6 mit nur geringer
Protrusion
, keine Hinweise für eine
discoligamentäre
Läsion und keine neurale Beeinträchtigung bei normalem weitem Spinalkanal sowie
Neuro
foramina
(Urk. 11/M2).
Das MRI der LWS vom 19. Oktober 2011 ergab wahrscheinlich leichte Zeichen eines Status nach Morbus Scheuermann der unteren BWS bzw. des
thoraco
lum
balen
Übergangs bei ganz geringer Hyperkyphose, eine minime
Protrusion
L4/5, insignifikant, keine
diskoligamentäre
Läsion oder anderweitig posttraumatische Veränderung und einen normal weiten Spinalkanal sowie
Neuroforamina
(Urk. 11/M2
.1
).
3.3
Dr.
med.
A._
, Facharzt FMH für Rheumatologie
, Physikalische Medizin und Rehabilitation, hielt in seinem Bericht vom 23. Dezember 2011 betreffend die Untersuchung vom 21. Dezember 2011 fest, im Vordergrund stünde eine durch das Trauma ausgelöste
myofasziale
Problematik der Schultergürtel- und Nackenmuskulatur (Verspannungen,
Triggerpunkte
,
Dysbalancen
).
Strukturelle Läsionen, insbesondere im Bereich von HWS und LWS lägen nicht vor, ebenso wenig liessen sich neurologische Defizite nachweisen
(Urk. 11/M3.1).
3.4
Der behandelnde Psychiater
Dr.
med.
B._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, nannte in seinem Bericht vom 21. August
2012
die Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung.
3.5
Im inter
disziplinären Gutachten vom 24.
März 2014
wurde
n die folgenden Diag
nosen gestellt:
-
St.n
. Heckauffahrkollision am 4.9.2011 mit/bei
i
nitial diagnostizierter HWS-Distorsion QTF Grad I-II mit/bei
-
Entwicklung eines
zerviko
- und
lumbovertebralen
Schmerzsyndroms ohne neurologische Symptomatik, ohne nachweisbare unfallbedingte organisch-strukturelle Läsionen
-
geringen degenerativen Veränderungen an der lumbalen und zervi
ka
len Wirbelsäule
-
Hinweisen auf vorbestehende rezidivierende Beschwerden im Nacken- Schultergürtelbereich und Lumbalgien
-
aktuell: persistierenden ausgedehnten diffusen Schmerzen im Nacken- Schultergürtelbereich,
zerviko-zephal
,
zerviko
-brachial links sowie im lumbalen Bereich ohne organisch-strukturelles Korrelat, ohne neuro
logische Reiz- oder Ausfallzeichen bei allenfalls leichtem muskulärem
Zervikalsyndrom
, ohne neuro
p
sychologische Defizite, ohne unfall
reak
tive psychiatrische Erkrankung, ohne unfallbedingt zu postulierende Arbeitsunfähigkeit
-
F68.0
Entwicklung körperlicher Symptome aus psychischen Gründen
-
F43.23
Anpassungsstörung mit vorwiegender Beeinträchtigung anderer
Gefühle bei massiven psychosozialen und sozioökonomischen
Belastungen
-
Z59
Probleme in Verbindung mit ökonomischen Verhältnissen
-
Z60.8
Probleme in Verbindung mit Angehörigen
Es wurde
ausgeführt, bei der chirurgisch-
traumatologischen
Untersuchung hätten
zahlreiche organisch-strukturell nicht plausible Befunde
bestanden. Zum Beispiel habe die Beschwerdeführerin bei der zervikalen Extension Schmerzen direkt zen
tral auf der Kalotte bek
lagt, was organisch-strukturell
nicht erklärbar sei, ebenso wenig
wie
die Schmerzangaben lumbal beim Test für das vordere Kreuzband und die Schmer
z
angabe im
relaxierten
dorsalen Bereich der zervikalen Muskulatur beim frontalen Widerstandstest.
Die Schmerzangaben seien diffus.
Selbst im Bereich der Schulterblattgräte seien Schmerzen angegeben worden.
Im Kontrast zu den als massiv
(VAS 9/10) angegebenen diffusen Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule und der linken Schulter sei das Spontanverhalten wäh
rend der Untersuchung gestanden.
So hätten sich bei der Beschwerdeführerin insgesamt
kaum auf Schmerz hindeutende Schonbewegungen
feststellen lassen, das An- und Ausziehen sei zügig ohne Schmerzhinweise gelungen und sämtliche Trans
fers seien problemlos sowie ohne Schmer
z
angabe durchgeführt worden. Sie habe
dabei spontan auch eine freie Überkopfbeweglichkeit beider Arme gezeigt.
Bei der Untersuchung der HWS hätten sich klinisch keine Hinweise auf organisch-strukturelle Schäden von Seiten der
ossären
Strukturen und der Bandscheiben ergeben, namentlich keine segmentalen Auffälligkeiten, die auf eine
spondylo
gene
Problematik hingewiesen hätten. Eine
spondylogene
Ursache für die bei der Untersuchung unspezifisch für alle Ebenen gezeigte Beweglichkeitsein
schrän
kung der HWS habe sich damit nicht erhärten lassen, was vor dem Hi
n
tergrund der bildgebenden Befunde auch nicht zu erwarten gewesen sei (beginnende
Chondrose
C5/6 im
MRI
der
HWS
mit geringfügiger
Protrusion
ohne Hinweise auf eine
diskoligamentäre
Läsion, keine Einengungen der
Neuroforamina
, keine Hinweise auf Facetten
ge
lenksprobleme). Somit könne die gezeigte Beweglich
keitseinschränkung allenfalls muskulär bedingt sein (formal könnte dann von einem
Zervikalsyndrom
gesprochen werden), wobe
i sich klinisch in der Schulter
g
ürtel- und Nackenmuskulatur aber weder
Myogelosen
und pathologische
Trigger
points
noch nennenswerte muskuläre Verkürzungen (
Dysbalancen
) fest
machen liessen, welche bei einem muskulären
Zervikalsyndrom
mit Beweglich
keitseinschränkungen aber zu erwarten wären. Auch die global eingeschränkte HWS-Beweglichkeit spreche gegen ein echtes
Zervikalsyndrom
.
Auch für die thorakale und lumbale Wirbelsäule hätten sich klinisch keine wegweisenden Befunde ergeben, aber wiederum diverse organisch nicht plausible Befunde.
Bild
ge
bend seien organisch-strukturelle Läsionen sowie auch über das Altersmass
hinausgehende nennenswerte degenerative Veränderungen bereits ausgeschlossen
worden. Di
e
Beschwerdeführerin könne ohne
qualitative und quantitative Ein
schränku
n
gen gehen, stehen oder sitzen und
auch L
asten tragen, so dass sie dem
entsprechend auch
in
der ehemaligen Tätigkeit als Filialleiterin im Fischverkauf mit einer Arbeitsfähigkeit von 100 % arbeiten könne (Urk. 11/M11.22 f.)
Betreffend die n
eurologische Untersuchung wurde
festgehalten
,
im aktuellen Neu
rostatus ergäben sich keine Hinweise auf eine Erkrankung des peripheren oder des zentralen Nervensystems. Es bestünden keine
myelären
oder
radikulären
bzw.
peripher-neurologischen Reizzeichen, welche die geklagten Schmerz
ausstrah
lungen
in die linke obere Extremität erklären würden.
In Bezug auf die neuropsychologische Untersuchung wurde ausgeführt, es hätten
klinisch und testpsychologisch keine Hinweise auf eine krankheitswertige kog
nitive Beeinträchtigung festgestellt werden können.
Ebenso hätten keine neuro
psychologischen Hinweise auf eine sich allenfalls anbahnende neurodegenerative Erkrankung bestanden. Klinisch habe in der neuropsychologischen Untersuchung die herabgesetzte und angespannte Stimmungslage der Beschwerdeführerin
im Vordergrund
gestanden, was sie auf die desolate finanzielle Situation und den
drohenden Gang auf das Sozialamt zurückgeführt habe. Klinisch fassbare kog
nitive Einschränkungen und Defizite hätten jedoch nicht vorgelegen. Auch in den neuropsychologischen Tests hätten keine neuropsychologischen Defizite objekti
viert werden können. Die Ergebnisse in den durchgeführten neuropsy
cholo
gi
schen Tests hätten im alters- und bildungsentsprechenden Normbereich gelegen. Davon ausgenommen seien lediglich minimal unterhalb des Normbereichs lie
gende Leistungen bei der
Alertnessaufgabe
und bei der Aufgabe zur selektiven Aufmerksamkeit, die jedoch keinen Krankheitswert beinhalte
te
n, da sich klinisch
keine Aufmerksamkeitsstörungen (keine psychomotorische Verlangsamung, keine
Hinweise auf Störungen der selektiven Aufmerksamkeit) gezeigt hätten und die Versicherte zudem bei anderen Tests, in denen indirekt auch die
Alertness
und die selektive Aufmerksamkeit erfasst werde, normale Leistungen gezeigt habe. Hinzuzufügen sei, dass die Beschwerdevalidierung in der neuropsychologischen Untersuchung unauffällig ausgefallen sei, d.h. es hätten in den neuropsy
cho
logischen Tests im Allgemeinen und im Beschwerdevalidierungstest im Speziellen keine Hinweise auf Inkonsistenzen im Antwortverhalten oder auf Selbstli
mitie
rungen bestanden. Aus neuropsychologischer Sicht ergäben sich aufgrund der aktuellen Untersuchung intakte kognitive Fähigkeiten und Ressourcen, ohne Anhaltspunkte für kognitive Störungen, die auf den erlittenen Unfall oder auf eine andere krankhafte Ursache zurückzuführen wären.
Es liege dementsprechend auch keine neuropsychologisch begründbare Leistungsminderung vor. Die Be
schwer
de
führerin sei aus neuropsychologischer Sicht zeitlich vollschichtig und
mit 100 % Leistung in der angestammten Tätigkeit einsetzbar (Urk. 11/M11.23 f.).
Im Rahmen der psychiatrischen Untersuchung sei eine
dysphorische
Herabge
stimmtheit mit Gefühlen von Verzweiflung, Sorge und auch Wut
zu erkennen gewesen, die von dem Moment an
in Erscheinung getreten sei, als die Be
schwer
deführerin über ihre sehr belastende, prekäre und verzweifelte aktuelle Lebens
situation berichtet habe.
Es seien chronische, diffuse, kaum modulierbare Schmer
zen mit hoher Intensität beklagt worden, die organisch-strukturell nicht ausrei
chend erklärbar seien. Im Interaktionsverhalten sei im Zusammenhang mit ihrer prekären soziökonomischen Situation nebst einer erheblichen
Klagsamkeit
und Gereiztheit eine enorm
e Erwartungshaltung aufgefallen
.
Die Dysphorie und die anderen geäusserten Gefühle seien nicht durchgehend zu beobachten gewesen, sondern seien erst aufgebrochen, als die Beschwerdeführerin über ihre schwierige sozioökonomische Situation und ihre Sorgen wegen der Gesundheit ihres jüngs
ten Sohnes, der zu erblinden drohe, berichtet habe. Dabei sei ein
erheblicher Leidensdruck spürbar gewesen, der zuvor nicht erkennbar gewesen sei, als die Beschwerdeführerin über die Beschwerdeentwicklung und ihre aktuellen Be
schwer
den berichtet habe.
Darüber hinaus sei der psychische Befund aber regel
recht, d.h. die psychischen Grundfunktionen des formalen Denkablaufes, der Wahr
nehmungsfunktionen, der Ich-Funktionen, der Affektmodulation und des Antriebs seien erhalten und intakt gewesen. Abgesehen von einem affektiven Ausbruch habe die Grundstimmung
euthym
, die Beschwerdeführerin affektiv gut moduliert, freundlich-zugewandt imponiert und es habe sich ein recht breites Spek
trum affektiver Tönungen erkennen lassen, in dem aber negativ getönte Affekte insgesamt überwogen hätten. Der erhobene psychische Befund entspreche nicht dem Bild eines depres
siven Syndroms im engeren Sinne
, sondern viel eher dem Bild einer
Anpassungsstörung mit vorwiegender Beeinträchtigung anderer Gefühle
(ICD-10 F43.23)
im Rahmen der überaus belastenden psychosozialen und sozioökonomischen Situation
. Zu dieser Diagnose passten auch die aktuell ge
klag
ten psychischen Beschwerden
sehr gut. Formal gesehen könne die vom Psy
chiater
Dr.
B._
gestellt
e
Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerz
stö
rung an sich bestätigt werden, zumal andauernde Schmerzen mit somato
for
men
Charakteristika
geklagt würden,
die kein ausreichendes organisches Korrelat hätten
.
Zweifel bestünden allerdings beim Kriterium der Schwere der geltend gemachten Schmerzen.
Zum einen weil die Beschwerdeführerin keinerlei Leidens
druck vermittelt habe, als sie von ihren Schmerzen berichtet habe, dies bei Angabe einer
VAS
von 9/10 im Zeitpunkt der Untersuchung und zum zweiten auch aufgrund der erheblichen
Diskrepanzen zwischen Befinden
und den intakten
funk
tionellen Verhältnissen bei der chirurgisch-
traumatologischen
Untersu
chung
. Die im ICD-10 geforderte enge Verbindung mit schwerwiegenden psychosozialen Problemen dagegen würde an sich für dies
e
Diagnose sprechen, zumindest in einer Querschnittsbetrachtung.
Berücksichtige man dabei aber auch die persön
liche Anamnese und die Sozi
o
biographie, so liessen sich bei der Beschwerde
führerin keine Anhaltspunkte auf eine neurotische Grundlage mit unlösbaren innerseelischen, aus dem Bewusstsein verdrängten Konflikten, vorbestehenden psychischen Störungen und/oder einer zugrundeliegenden psychischen Vulner
abi
lität eruieren, was für die Diagnosestellung einer anhaltenden somatoformen Störung zwar nicht zwingend sei, aber doch zumindest für die schwerere Form dieser Störung, der im psychodynamischen Störungsverständnis ein neurotischer Konversions
mechanismus zugrunde liege. Im vorliegenden Fall stünden aber Probleme und motivationale Konflikte, die der Beschwerdeführerin vollständig bewusst seien, ganz im Zentrum. Die Beschwerdeführerin befinde sich in einer schlichtweg verzweifelten soziökonomischen Situation
, was sie auch in einen ganz handfesten motivationalen Konflikt bringe. Um
i
hre akute soziökonomische Notlage zu entschärfen, müsste sie entweder sich als stellensuchen
d
und damit arbeitsfähig dekla
rieren, obwohl sie sich als 56-J
ährige ohne Berufsausbildung
nur minimale Chancen ausrechnen könne, eine Arbeitsstelle mit einer so hohen Entlohnung zu finden, wie sie sie bei i
hrer letzten Stelle gehabt habe
. Damit müsste sie aber die bisher eingenommene „Kranken- bzw.
Geschädigtenrolle
" aufgeben. Oder aber sie entscheide sich dafür, in der „
Geschädigtenrolle
" zu verbleiben und auf eine Entschädigung zu pochen, was die Konsequenz habe, dass sie die Verantwortung für die Verbesserung ihrer Situation aber ganz nach aussen delegieren und ihre Erwartungen an die
Entscheidträger
entsprechend deutlich überbringen müsse, was in der Untersuchung auch sehr deutlich zum Ausdruck gekommen sei. Vor diesem Hintergrund biete sich deshalb differen
tialdiagnostisch die Diagnose
Entwicklung körperlicher Symptome aus psychi
schen Gründen
(ICD-10 F68.0) an. Diese Diagnose, die auch unter dem Begriff „Rentenneurose"
bekannt sei, trage dem Aspekt der Verhaltensstörungen im Zusammenhang mit dem Symptom besser Rechnung, zumal die F68.0 in der Kategorie der anderen Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen der ICD-10 eingeordnet sei.
Es handle sich um eine Störung, welche wesentlich durch äussere psychosoziale Faktoren im Sinne des sekundären Krankheitsgewinns determiniert werde
. Der frühere Begriff der „Rentenneurose" impliziere aber auch bei dieser Störung die Annahme eines gewissen neurotischen Hintergrundes – z.B. bei Ent
täuschungen und Kränkungen, persönlichkeitsbedingten ängstlich-hypochon
drischen passiven und anderen dysfunktionalen Verarbeitungsmuster, die eine psychische Fehlverarbeitung von Beschwerden nahelegten. Dieser neurotische Hintergrund impliziere gemäss ICD-10 auch, dass die Störung mutmasslich nicht verschwinde, selbst wenn die versicherungsrechtlichen Abklärungen/Ausein
an
dersetzungen beendet seien. Im Falle der Beschwerdeführerin sei bei den Unter
suchern allerdings der Eindruck entstanden, dass
sich
ihre gesundheitlichen Be
schwerden durch eine Lösung der sozioökonomischen Probleme ganz wesentlich verbessern lassen würden, so dass ein allfälliger neurotischer Anteil im Sinne einer krankheitswertigen psychischen Fehlverarbeitung – wenn überhaupt – nur einen kleinen Anteil ausmache. Deshalb sei die Diagnose
F68.0 und nicht die Diagnose
einer anhaltenden somatoformen Schmer
z
störung
zu stellen
(Urk. 11/M11.24 f.)
.
3.6
In seinem Bericht vom 21. August 2015 hielt
Dr.
Z._
fest, dass der MRI-Befund der LWS vom Oktober 2011 nicht normal sei. Dies
es
zeig
e
eine
Osteochondrose
auf Höhe TH 9 bis TH 12 sowie Unregelmässigkeiten der Deck- und Grundplatten. Zudem
bestehe
eine
Protrusion
der Bandscheibe L4/5, was durchaus posttraumatisch bedingt sein könnte (Urk. 3).
4.
4.1
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin ihre Leistungen unter Prüfung der
Unfalladäquanz
zu Recht auf Ende Juni 2014 eingestellt hat.
4.2
Die Beschwerdeführerin macht geltend, die rückwirkende Einstellung der Tag
gelder sei nicht rechtmässig (Urk. 1 S. 4 f.). Gemäss bundesgerichtlicher Recht
sprechung stellen Heilbehandlung und Taggeld der Unfallversicherung vorüber
gehende und nicht Dauerleistungen dar
, weshalb
Art. 17 Abs.
2
des Bundesge
setzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (
ATSG
)
auf diese Leistungen nicht anwendbar
ist
.
Die rückwirkende Einstellung dieser Leistungen ist daher nicht zu beanstanden.
Einem verspäteten Verfügungserlass käme unter dem Gesichtspunkt des Vertrauensschutzes allenfalls Bedeutung zu, wenn es um die Frage einer Rückerstattung zu Unrecht bezogener Leistungen ginge (vgl. BGE 133 V 57), was vorliegend
jedoch
nicht der Fall ist.
4.3
Im angefochtenen Entscheid stützte sich d
ie Beschwerdegegnerin im Wesent
lichen auf das interdisziplinäre Gutachten vom
24. März 201
4.
Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Auffassung vermag das Gutachten zu überzeugen. Es erfüllt die rechtsprechungsgemäss
erforderlichen Kriterien für beweiskräftige ärztliche Entscheidungsgrundlagen
(vgl. E.1.3)
.
Das Gutachten ist für die streitigen Belange umfassend, beruht auf
fachärztlichen Untersuchungen durch die
Gutach
ter und wurde in Kenntnis der relevanten
Vorakten
abgegeben.
Es würdigt die vorhandenen Arztberichte sorgfältig,
berücksichtigt die von der Beschwerde
füh
rerin geklagten Beschwerden und setzt sich mit diesen hinreichend auseinander. Die Darlegung der medizinischen Zustände und
Zusammenhänge ist einleuchtend und die Schlu
ssfolgerungen sind nachvollzieh
bar
.
Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, die Gutachterstelle verfasse einzig und allein Gutachten für Versicherungen
(Urk. 1 S. 6)
, ist darauf hinzuweisen,
dass ein
Ausstandsgrund
nicht schon deswegen gegeben ist, weil eine
Gutachter
stelle
vom Versicherungsträger
regelmässig
beigezogen wird, sondern erst, wenn
die begutachtenden Personen
in d
er Sache persönlich befangen sind
(vgl. BGE 137 V 201 E.
1.3.3 mit weiteren Hinweisen).
Hierfür bestehen jedoch keine Anhaltspunkte. Inwiefern der Begriff „Rentenneurose“ die Unparteilichkeit des Gutachters in Frage stellen soll (Urk. 1 S.5), ist nicht nachvollziehbar, wird dieser Begriff doch ausdrücklich in
Di
lling
/
Mombour
/Schmidt (Hrsg.), i
nternationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V(F), Klinisch-diagnos
tische Leitlinien, 10. Auflage 2015, unter F68.0
auf Seite 304
erwähnt.
Nur weil ein Gutachter auf gewisse (bewusste oder unbewusste) psychische Vorgänge hin
weist
, welchen kein
Krankheitswert zukommt, kann ihm nicht Befangenheit unterstellt werden.
Zudem
hat der psychiatrische Gutachter seine Schlussfol
ge
rungen ausführlich und schlüssig begründet.
Ob die von der Beschwerdefüh
rerin
monierten
„
biomechanischen Ausführungen
“
, wonach eine Heckauffahr
kollision keine lumbalen Beschwerden verursachen
könne (Urk. 1 S. 5), zutreffen
, kann
offen
bleiben
, zumal sie
vorliegend
für die Beurteilung der
Unfalladäquanz
ohne
hin nicht relevant sind.
Auch der Vorwurf der Beschwerdeführerin, die Gutachter seien sich nicht im Klaren gewesen, ob es sich bei der angestammten Tätigkeit um eine Fischverkäuferin oder eine Filialleiterin handle (Urk. 1 S. 5),
ist nicht stichhaltig
. So wird
im Gutachten
auf Seite 8
(11/M11.7) die berufliche Situa
tion
und auf S. 24
(Urk. 11/M11.23)
die zuletzt ausgeübte Tätigkeit
der Beschwer
de
führerin korrekt wiedergegeben.
Im Übrigen besteht
ohnehin
für beide Tätigkeiten
eine volle Arbeitsfähigkeit.
4.4
Unbestritten ist
, dass die Beschwerdeführerin beim Unfallereignis vom
4. Septem
ber 2011
ein HWS-Distorsionstrauma Grad I-II
erlitt
en hat
.
Anhand der MR-Auf
nahmen der LWS und der HWS
vom 19. Oktober 2011
konnten keine struktu
rellen posttraumatischen Läsionen nachgewiesen
werden. Es liessen sich keinerlei organisch nachweisbare Unfallfolgen feststellen.
Der behandelnde Rheumatologe
Dr.
A._
hielt bereits in seinem Bericht vom 23. Dezember 2011 fest, dass
im Bereich
der
HWS und
der
LWS
keine
s
trukturellen Läsionen
vorlägen und sich
ebenso wenig neurologische Defizite nachweisen liessen (Urk. 11/M3.1).
In diesem
Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass
Verhärtungen und Verspannungen der Muskulatur
,
Druckdolen
zen
und
klinisch festste
llbare Bewegungsein
schrän
kungen
kein klar fassbares organisches Korrelat eines Beschwerdebildes zu be
gründen vermögen (vgl.
Urteil des Bundesgerichts 8C_369/2007 vom 6.
Mai 2008 E. 3
mit Hinweisen
).
Der Bericht von Hausarzt
Dr.
Z._
vermag das Gutachten
daher
nicht
zu entkräften
. Neue medizinische Erkenntnisse
, die im Gutachten unberücksichtigt geblieben wären,
sind diesem nicht zu entnehmen.
Die minimale insignifikante
Protrusion
L4/5
wurde
bereits im
radiologischen
Bericht vom
19. Oktober 2011
erwähnt (
Urk. 11/M2.1
). Die
Aussage
von
Dr.
Z._
,
wonach
di
ese
Protrusion
durchaus posttraumatisch sein könnte (Urk. 3
= Urk. 11/A45.12
), genügt dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nicht und
wurde
auch nicht näher begründet.
Im Gutachten wurde diesbezüglich
festgehalten
, dass keine Hinweise auf eine Traumatisierung dieser altersentsprechenden degene
ra
tiven Veränderungen im Rahmen der HWS-Distorsion bestehen (Urk. 11/M11.20).
Im Übrigen
ist darauf hinzuweisen, dass
anlässlich der chirurgisch-ortho
pä
disch/
manualmedizinischen
Untersuchung
diverse organisch nicht plausible Befunde
bestanden
(Urk. 11/M11.22)
.
Ob weitere bildgebende Abklärungen erforderlich sind, liegt im Ermessen der Gutachter. Offenbar erachtete es
nicht einmal
der Hausarzt als erforderlich
,
ein weiteres MRI zu veranlassen
, obwohl er dies in seinem Bericht vom 21. August 2015 in Aussicht stellte
.
Die neurologische Untersuchung ergab keine Hinweise auf eine Erkrankung des peripheren oder des
zentralen Nervensystems
(Urk. 11/M11.23)
. In der neuropsychologischen Unter
suchung konnten klinisch und testpsychologisch keine Hinweise auf eine krank
heitswertige kognitive Beeinträchtigung festgestellt werden
(Urk. 11/M11.23)
.
Im psychiatrischen Gutachten konnte die vom behandelnden Psychiater
Dr.
B._
gestellte Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung mangels des Kriteriums der Schwere der geltend gemachten Beschwerden nicht bestätigt werden.
Hingegen wurde die Diagnose der Entwicklung körperlicher Symptome aus psy
chischen Gründen (ICD-10 F68.0)
sowie einer Anpassungsstörung mit vor
wiegender Beeinträchtigung anderer Gefühle bei massiven psychosozialen und sozioökonomischen Belastungen (ICD-10 F43.23) gestellt (Urk. 11/M11.
24 f.).
Medizinische Unterlagen, die diese Beurteilung in Frage zu stellen vermöchten, liegen nicht vor.
D
e
r
objektive medizinische Sach
verhalt
ist
damit
klar erstellt und gibt keinen Anlass zu weiteren Abklärungen.
4.5
Da keine organisch ausgewiesenen Unfallfolgen vorliegen, hängt eine allfällige Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin davon ab, ob die verbleibenden Be
schwer
den noch in einem rechtsgenüg
enden
Kausalzusammenhang
zum
erlitte
nen Unfall stehen
, mithin ob die Adäquanz gegeben ist.
Die Adäquanzbeurteilung hat in dem Zeitpunkt zu erfolgen,
in dem von der Fort
setzung der Behandlung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes meh
r erwartet werden kann. Dies war spätestens im Zeitpunkt der strittigen Leis
tungs
einstellung per
30. Juni 2014
der Fall, zumal
angesichts der primär medi
kamen
tösen und insbesondere physiotherapeutischen Behandlung der Beschwerden bei
gelegentlichen hausärztlichen Kontrolluntersuchungen von diesen unspezifi
schen
Heilbehandlungsmassnahmen
keine bedeutende Verbesserung des Gesundheits
zu
standes mehr erwartet werden konnte
.
4.6
Es stellt sich die Frage, ob die Adäquanz nach der Schleudertrauma- (BGE 117 V 359) oder nach der sogenannten Psycho-Praxis (BGE 115 V 133) zu beurteilen ist. Gemäss der Psycho-Praxis werden die Adäquanzkriterien unter Ausschluss psychischer Aspekte geprüft, während nach der Schleudertrauma-Praxis auf eine Differenzierung zwischen physischen und psychischen Komponenten verzichtet wird (v
gl. oben E. 1.2.3 und E. 1.2.4)
. Vorliegend wurde
zwar
ein Schleudertrauma der HWS diagnostiziert. Aktuell stehen jedoch psychische Beschwerden im Vordergrund, weshalb sich eine Prüfung der Adäquanz nach der Psycho-Praxis rechtfertigen würde. Die Adäquanz ist
aber
auch
nach der für die Beschwer
de
führerin günstigeren Schleudertrauma-Praxis zu verneinen, wie
nachfolgend zu zeigen ist
.
Im Hinblick auf die Prüfung der Adäquanz ist zunächst der Unfall nach seiner Schwere zu qualifizieren, welche sich nach dem augenfälligen Geschehensablauf
mit den sich dabei entwickelnden Kräften bestimmt. Dabei werden einfache Auf
fahrkollisionen auf ein haltendes Fahrzeug in der Regel als mittelschwere Unfälle im Grenzbereich zu den leichten Unfällen
qualifiziert
(
vgl. Urteil 8C_833/2016 vom 14. Juni
2017 E.
6.1 mit Hinweisen)
.
Eine Geschwindigkeitsänderung von 10-15 km/h gilt bei Auffahrkollisionen als sogenannte Harmlosigkeitsgrenze für
HWS-Beschwerden. Beim Unfall vom
4. September 2011
lag die kollisions
be
din
gte Geschwindigkeitsänderung (Delta-v) des Fiat Panda zwischen 7,9 und 9,8 km/h (vgl. Unfallanalytisches Gutachten vom 22. März 2012)
, und damit
sogar
unter der Harmlosigkeitsgrenze
.
Die Beschwerdegegnerin ist somit zu Recht von einem höchstens
mittelschweren Unfall im Grenzbereich zu den leichten Unfällen
aus
gegangen. Ein
adäquate
r
Kausalzusammenhang
kann
somit
nur
bejaht werden
, wenn vier der
Adäquanzkriterien
erfüllt sind
oder eines der Kri
terien
besonders
ausgeprägt
vorliegt
(BGE 134 V 109 E. 10.3)
.
Der Auffahrunfall vom
4. September 2011
zeichnet sich
weder
durch besonders
dramatische
Begleitumstände noch besondere
Eindrücklichkeit aus
.
Die Besch
wer
deführerin
erlitt
keine Verletzungen von nennenswert
er Schwere oder besonderer
Art.
Die durchgeführten MRI-Untersuchungen der LWS und der HWS
vom
19. Oktober 2011
ergaben
keine objektivierbaren strukturellen und traumatischen Verletzungen.
Aus psychiatrischer Sicht
handelt
es sich um eine Störung
, welche wesentlich durch äussere psychosoziale Faktoren im Sinne des sekundären Krank
heitsgewinns determiniert
wird
.
Zur ärztlichen Behandlung ist festzuhalten, dass sich
diese
im Wesentlichen auf eine konservative Therapie mit Medika
menteneinnahme und Physiotherapie beschränkte.
Vor diesem Hintergrund kann nicht von
einer fortgesetzt spezifischen
belastenden ärztlichen Behandlung ge
sprochen werden. Auch ein schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Kompli
kationen lagen nicht vor.
Ebenso wenig bestehen Hinweise für eine ärztliche Fehl
behandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hätte
.
Die Erheb
lichkeit der Beschwerden beurteilt sich nach den glaubhaften Schmerzen und nach der Beeinträchtigung, welche die verunfallte Person durch die Be
schwerden im Lebensalltag erfährt (BGE 134 V 109 E. 10.2.4
). Die
Beschwerdeführerin leidet unter
intermittierenden
, von ihrem Aktivitätsniveau abhängigen
,
und damit nicht
dauernd vorhandenen Beschwerden.
Anlässlich der Begutachtung bestanden diverse organisch nicht plausible Befunde. Das Spontanverhalten der Beschwer
deführerin während der Untersuchung stand zudem im Kontrast zu den als massiv angegebenen diffusen Beschwerden. So konnten
beispielsweise
kaum
auf Schmerz hindeutende Schonbewegungen festgestellt werden
(Urk. 11/M11.22)
.
Aus psychia
trischer Sicht stehen psychosoziale und sozioökonomische Schwierigkeiten im Vordergrund.
Die Erheblichkeit der Beschwerden ist somit nicht gegeben.
Die Beschwerdeführerin hat keine Arbeitsversuche unternommen
(Urk. 11/M11.4 f.)
,
obwohl
gemäss
Gutachten eine 100%
ige
Arbeitsfähigkeit in
der
ange
s
t
ammten Tätigkeit
besteht
.
Damit ist auch das Kriterium der erheblichen Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen zu verneinen.
Da keines der massgebenden Kriterien erfüllt ist und erst recht nicht in besonders ausgeprägter Weise, ist der adäquate Kausalzusammenhang zum Unfallereignis vom 4. September 2011
zu verneinen. Ein
en weiteren
Leistungsan
sp
ruch
hat die Beschwerdegegnerin
daher zu Recht
verneint
. Entsprechend ist die Beschwerde abzuweisen.