Decision ID: 8011de31-04d6-4726-ae6b-6ad2eeda1b18
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1980, ist als Küchenchef und Koch bei der
Y._
angestellt und in dieser Funktion bei der
Vaudoise
Allgemeine
Ver
siche
rungs
-Gesellschaft AG (nachfolgend:
Vaudoise
) gegen die Folgen von Unfällen versichert.
Der
Schadenmeldung vom 11. Januar 2019
ist Folgendes zu entneh
men: Am
27. Dezember 2018 sei eine Küchenmaschine (Teigmaschine) vom Fahr
untersatz gerutscht.
Der Versicherte
ha
be diese Maschine wieder auf den
Fahr
untersatz zu heben versucht und dabei Stichschmerzen bekommen (Urk. 7/26/2).
Mit Verfügung vom 20. Februar 2019 verneinte die
Vaudoise
das Vorliegen eines Unfalles wie auch einer unfallähnlichen Körperschädigung und verneinte einen
Leistungsanspruch (Urk. 7/14/1-2). Die dagegen erhobene Einsprache vom 18. März
2019 (Urk. 7/11/1)
,
welche am
9. Mai 2019
ergänzend begründet wurde
(Urk. 7/3)
,
wies die
Vaudoise
mit Entscheid vom 18. Juni 2019
ab (Urk. 2 =
7/2/1-5
).
2.
Der Versicherte erhob am 15. August 2019 Beschwerde gegen den
Einspra
che
entscheid
vom 18. Juni 2019 (Urk. 2) und beantragte, dieser sei aufzuheben und es seien ihm die gesetzlichen Versicherungsleistungen zu erbringen, eventuell seien ergänzende Abklärungen insbesondere zur Frage des Unfallherganges vor
zunehmen (Urk. 1 S. 2 oben). Mit Beschwerdeantwort vom 17. September 2019 beantragte die
Vaudoise
die Abweisung der Beschwerde (Urk. 6).
Mit
Replik vom 20. November 2019
hielt der Beschwerdeführer an seinen Anträgen fest (Urk. 11).
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf das Einreichen einer Duplik (vgl. Urk
. 14), was dem Beschwerdeführer am 9. Januar 2020 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 15).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss Art. 6
des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG)
werden – soweit das Gesetz nichts
anderes
bestimmt – die Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt (Abs. 1). Die Versicherung erbringt ihre Leistungen auch bei folgenden Körperschädigungen, sofern sie nicht vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen sind (Abs. 2):
Knochenbrüche (
lit
. a), Verrenkungen von Gelenken (
lit
. b), Meniskus
risse (
lit
. c), Muskelrisse (
lit
. d), Muskelzerrungen (
lit
. e), Sehnenrisse (
lit
. f), Band
läsionen (
lit
. g) und Trommelfellverletzungen (
lit
. h). Ausserdem erbringt die Ver
sicherung ihre Leistungen für Schädigungen, die der verunfallten Person bei der Heilbehandlung zugefügt werden (Abs. 3).
1.2
1.2.1
Ein Unfall ist gemäss Art. 4
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG)
die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende
Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper
, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesund
heit oder den Tod zur Folge hat.
1.2.2
Nach der Rechtsprechung bezieht sich das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selber. Ohne Belang für die Prüfung der Ungewöhnlichkeit ist somit, dass der äussere Faktor allenfalls schwerwiegende, unerwartete Folgen nach sich zog. Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er – nach einem objektiven Massstab – den Rahmen des im jeweiligen Lebensbereich Alltäglichen oder Üblichen überschreitet. Ausschlag
gebend ist also, dass sich der äussere Faktor vom Normalmass an Umweltein
wirkungen auf den menschlichen Körper abhebt. Ungewöhnliche Auswirkungen allein begründen keine Ungewöhnlichkeit (BGE 134 V 72 E. 4.1 und E. 4.3.1 mit Hinweis).
1.2.3
Nach Lehre und Rechtsprechung kann das Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors in einer unkoordinierten Bewegung bestehen. Bei Körperbewegungen gilt dabei der Grundsatz, dass das Erfordernis der äusseren Einwirkung lediglich dann erfüllt ist, wenn ein in der Aussenwelt begründeter Umstand den natürlichen Ablauf einer Körperbewegung gleichsam «programmwidrig» beeinflusst hat. Bei einer solchen unkoordinierten Bewegung ist der ungewöhnliche äussere Faktor zu bejahen; denn der äussere Faktor – Veränderung zwischen Körper und Aussenwelt – ist wegen der erwähnten Programmwidrigkeit zugleich ein unge
wöhnlicher Faktor (BGE 130 V 117 E. 2.1 mit Hinweisen). Ohne besonderes Vorkommnis ist bei einer Sportverletzung das Merkmal der Ungewöhnlichkeit und damit das Vorliegen eines Unfalles zu verneinen (BGE 130 V 117 E. 2.2 mit Hinweis).
1.2.4
Selbst bei fehlender Störung des Bewegungsablaufs durch einen äusseren Faktor kann die Aussergewöhnlichkeit auch dann gegeben sein, wenn beim Heben oder Schieben einer Last zufolge ausserordentlichen Kraftaufwandes, das heisst einer sinnfälligen
Überanstrengung, eine Schädigung eintritt. Es muss allerdings je
weils geprüft werden, ob die Anstrengung im Hinblick auf Konstitution und berufliche und ausserberufliche Gewöhnung der betreffenden Person ausser
or
dentlicher Art war (BGE 116 V 136 E. 3b mit Hinweisen; RKUV 1994 Nr. U 180 S. 38). Kein Unfall liegt vor, wenn die Anstrengung nur wegen bestehender krankhafter Veränderungen zu Schädigungen führen kann, weil sich dann eine innere Ursache auswirkt, während der äussere, oft harmlose Anlass bloss den pathologischen Faktor manifest werden lässt (BGE 116 V 136 E. 3b mit Hin
wei
sen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging im angefochtenen
Einspracheentscheid
(Urk. 2) davon aus,
beim Ereignis vom 27. Dezember 2018 handle es sich um keinen Unfall im Sinne von Art. 4 ATSG (S. 3 f. Ziff. 2.2 ff.). Selbst wenn dem so wäre, wäre der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem besagten Ereignis und dem am 5. März 2019 operierten Leistenbruch nicht gegeben. Denn es entspreche medizinischer Erfahrungstatsache, dass Leistenbrüche nur sehr selten auf Unfälle zurückzuführen seien (S. 4).
2.2
Demgegenüber stellte sich der Beschwerdeführer auf den Standpunkt (Urk. 1)
, sein natürlicher Bewegungsablauf sei gestört worden, als er reflexartig versucht habe, eine schwere Küchenmaschine beim Abrutschen vom Fahruntersatz aufzu
fangen und wieder auf den Fahruntersatz zu heben. Ein ungewöhnlicher äusserer Faktor sei vorliegend gegeben. Es seien auch unmittelbar Symptome aufgetreten sowie eine sofortige, mehrstündige Arbeitsunfähigkeit. Ein Unfallere
ignis sei zu bejahen (S. 4
Rn
17, vgl. auch S. 6
Rn
23
).
Die Schilderungen des Beschwer
de
führers betreffend reflexartiger Auffangbewegungen stünden den Aussagen der ersten Stunde nicht entgegen, sondern würden diese ergänzen (S. 5
Rn
20).
Dass der Beschwerdeführer erst nach 15 Tagen einen Arzt aufgesucht habe, liege am Selbstlinderungsversuch mittels im Internet bestelltem Bruchband. Da diese Behandlung nicht angeschlagen habe und sich die Beschwerden erneut ver
schlimmert hätten, habe er am 11.
Januar 2019 ärztliche Hilfe
gesucht. Er habe
offensichtlich
unter schweren Beschwerden gelitten, ansonsten hätte am 26. Mär
z 2019 keine Operation durchgeführt werden müssen (Urk. 11 S. 2 f.).
2.3
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin den Unfallbegriff zu Recht als nicht erfüllt erachtet hat.
Unbestritten
ermassen
liegt keine Listenverletzung gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG vor.
3.
3.1
In der Schaden
meldung vom 11. Januar 2019 wurde unter Ziffer 3 «
Unfall
her
gang» zum Ereignis am 27. Dezember 2018 Folgendes ausgeführt
(
Urk.
7/26/2)
: «Eine Küchenmaschine (Teigmaschine) rutschte ab Fahruntersatz. Patient ver
suchte diese Maschine wieder auf den Fahruntersatz zu heben. Er bekam Stich
schmerzen.»
Er habe sich einen Leistenbruch recht
s
zugezogen und sei am 28. Dezember 2018 arbeitsunfähig gewesen (Ziff. 4).
3.2
Am 11. Januar 2019 stellte sich der Beschwerdeführer notfallmässig am
Z._
vor (Urk. 7/16/3-4). Der Beschwerdeführer habe be
richtet, dass er am 27. Dezember 2018 beim Tragen eines schweren Pizza-Teiges plötzlich Schmerzen sowie eine Schwellung in der linken Leiste bemerkt habe. Seither trage er ein Bruchband. Gestern Abend habe er erneut eine grosse Schwellung bemerkt, welche massiv schmerzhaft gewesen sei. Jetzt auf der Notfallstation seien die Schwellung und die Schmerzen bereits wieder komplett
regredient
(S. 1). Nach ärztlicher Beurteilung imponierte in Zusammenschau der Befunde eine klinisch symptomatische
Inguinalhernie
linksseitig. Aktuell sei der Beschwerdeführer wieder beschwerdefrei bei angelegtem Bruchband. Es sei eine zeitnahe operative Versorgung empfohlen (S. 2).
3.3
Im am 22. Januar 2019 vom Beschwerdeführer ausgefüllten Fragebogen der Be
schwerdegegnerin (Urk. 7/20) gab er an, es habe beim Anheben einer Küchen
maschine in der Leiste heftig «gezwickt» (Ziff. 1
)
. Es habe sich um ein Gewicht von zirka 10 kg gehandelt (Ziff. 4). Auf die Frage, ob es sich um eine für ihn öfters vorkommende Tätigkeit gehandelt habe, ob diese unter normalen Umstän
den vor sich gegangen sei oder ob sich etwas Ausserordentliches ereignet habe, antwortete der Beschwerdeführer «ja normale Arbeit» (Ziff. 5). Er sei nicht wieder arbeitsfähig (Ziff. 7).
3.4
Am 5. März 2019 wurde der Beschwerdeführer am
Z._
operiert (vgl. Urk. 7/4/5-6).
Im Austrittsbericht vom 9. März 2019 wurde
n
eine indirekte
Inguinalhernie
rechts und eine kombinierte
Inguinalhernie
links sowie eine symptomatische
Umbilikalhernie
diagnostiziert (Urk. 7/4/2-4).
3.5
Der Hausarzt des Beschwerdeführers,
Dr.
med.
A._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, gab auf Mahnung der Beschwerdegegnerin betref
fend dem am 8. Februar 2019 zugestellten Arztzeugnis an, es handle sich um keinen Unfall (Notiz vom 25. März 2019, Urk.
7/8/2
).
4.
Das Ereignis vom 27. Dezember 2018 passierte im Rahmen der Tätigkeit als Koch. Aktenkundig sind verschiedene Schilderungen dieses Vorfalles, allen gemeinsam ist, dass
d
er
Beschwerdeführer
beim Hochheben eines Gewichte
s von zirka 10 kg einen stichar
tigen Schmerz verspürt hat.
In der Schadenmeldung wird angegeben, die Leiste rechts schmerze (vorstehend E. 3.1). Auf dem Notfall des
Z._
gab er linksseitige Beschwerden an (vorstehend E. 3.2)
, was doch gewisse Fragen hin
sichtlich des Zusammenhangs mit dem Ereignis vom 27. Dezember 2018 aufwirft
.
Ob
- wie der späteren Ereigniss
childerung zu entnehmen ist - auch eine ref
lex
artige Auffangbewegung aufgrund einer herunterrutschenden Küchenmaschine vonstattenging, kann
offenbleiben
.
Denn die Rechtsprechung anerkennt eine Leistenhernie nur dann als unfallbedingt,
wenn das Unfallereignis mit einer direkten, heftigen sowie bestimmten Einwirkung verbunden ist und die schwer
wiegenden Symptome der Hernie unverzüglich und mit sofortiger, mindestens mehrstündiger Arbeitsunfähigkeit auftreten (Urteil des Bundesgerichts 8C_
601/2007 vom 10. Januar 2008 E.
2.1).
Ein ärztliches Arbeitsunfähig
keits
zeugnis ist nicht aktenkundig.
W
enn
sich die Beschwerden des
Beschwerdeführer
s
nach Anlegen eine
s Bruchbandes so verhielten, dass er erstmals am 11. Januar 2019, also über zwei Wochen nach dem besagten Ereignis, einen Arzt aufsuchen musste (vgl. vorstehend E. 3.2)
, spricht auch dies dafür, dass die Symptome nur
geringgradig
ausgeprägt gewesen waren, was einen unfallbedingten
Leistenbruch
unwahrscheinlich erscheinen lässt.
Im Übrigen wurden bei ihm verschiedene Hernien
(Leistenhernien und
Umbilikalhernie
; vgl. vorstehend E. 3.4)
diagnos
ti
ziert, was ebenfalls für ein krankheitsbedingtes Leiden und nicht für ein unfall
bedingtes Geschehen spricht.
Damit ist belegt, dass die unmittelbar nach dem Ereignis aufgetretenen Symptome nicht die Intensität aufwiesen, die recht
sprechungsgemäss gefordert wäre.
Nach dem Gesagten ist der
Einspracheentscheid
vom 18. Juni 2019 nicht zu beanstanden. Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.