Decision ID: b2db2416-5311-5e42-82c9-af7ee53cdaf1
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Am (...) suchte die Beschwerdeführerin in der Schweiz um Asyl nach.
Sie wurde dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region B._ zugewie-
sen. Am 26. März 2020 fand die Personalienaufnahme statt und am
25. Juni 2020 wurde die Beschwerdeführerin vom SEM zu ihren Asylgrün-
den angehört.
A.b Dabei führte die ursprünglich aus C._ stammende Beschwer-
deführerin kurdischer Volkszugehörigkeit aus, sie sei nach der Heirat zu
ihrem Mann nach D._/E._ (Provinz F._) gezogen.
Sie sei wegen des Krieges aus Syrien geflüchtet. Das Regime habe sie
bedroht. Im Jahr (...) sei sie dem (Nennung Institution) (G._) beige-
treten, um auf diesem Weg die kurdische Kultur, die Sprache und ihre An-
sichten zu fördern. Während (Nennung Dauer) habe sie die Funktion (Nen-
nung Funktion) ausgeübt und sich in dieser Funktion um die zivilen Prob-
leme der Menschen und Bewohner gekümmert. Ein Waffentraining habe
sie jedoch nicht absolviert und sie sei auch nie an Kampfhandlungen be-
teiligt gewesen. In der Folge habe sie aus gesundheitlichen Gründen den
G._ verlassen müssen. Auf der Flucht habe sie an der Grenze zu
Kurdistan realisiert, dass unter ihrem Namen eine "rote Linie" bestehe, was
bedeute, dass sie als Frau sowie als (Nennung Funktion) beim G._
über ein unannehmbares Profil verfüge. Die Behörden hätten ihr gesagt,
dass sie entweder nach Syrien zurückkehren oder in Haft bleiben müsse.
Ferner sei einer ihrer Mitarbeiter im Jahr (...) wegen Zugehörigkeit zur
H._ von der Regierung festgenommen, gefoltert und insgesamt
während (Nennung Dauer) inhaftiert und schliesslich getötet worden. Sie
habe sich nach diesem Ereignis besonders vor dem Regime gefürchtet.
Ausserdem habe sie es nicht mehr ertragen können, dass viele ihrer
Freunde und Kollegen des G._ von den Behörden ermordet worden
seien. Sie selber habe sich während ihrer Tätigkeit für den G._ im-
mer vorsichtig verhalten. Bei einer Rückkehr würde sie sowohl vom syri-
schen Regime als auch vom türkischen Militär, dem IS und den Pe-
schmerga getötet.
Abgesehen von ihren eigenen Problemen sei der jüngere Sohn I._
ins militärdienstpflichtige Alter gelangt. Deshalb habe ihn die J._
aufgefordert, sich am Kampfgeschehen zu beteiligen. Ihr Sohn habe je-
doch nicht im Krieg sterben wollen. Ihr Mann sei (Nennung Funktion) des
D-3955/2020
Seite 3
Camps K._ gewesen, das sich in der Nähe von D._ befun-
den habe. In diesem Camp seien verhaftete Angehörige des sogenannten
Islamischen Staates (IS) untergebracht gewesen. Diese hätten manchmal
das Camp verlassen und seien eines Tages ihrem Mann nachgegangen,
wodurch sie ihren Wohnort in Erfahrung gebracht hätten. Dies sei etwa vor
(Nennung Zeitpunkt) gewesen. Einmal seien diese Angehörigen in ihrer
Abwesenheit zu ihnen nach Hause gekommen. Daraufhin hätten sie sich
nicht mehr getraut, zuhause zu übernachten und sich deshalb während
(Nennung Dauer) versteckt und ständig ihren Aufenthaltsort gewechselt.
Mit der Hilfe ihres in der Schweiz wohnhaften Mannes hätten sie und
I._ je ein humanitäres Visum erlangt, mittels welchen sie im (...) von
L._ in die Schweiz gereist seien. Angehörige des Regimes würden
immer wieder bei ihrem (Nennung Verwandter) nach ihrem Aufenthaltsort
fragen, so letztmals vor (Nennung Zeitpunkt). Der ältere Sohn M._
habe für die N._ respektive die H._ als (Nennung Tätigkeit)
gearbeitet und sei vom IS mit dem Tod bedroht worden, weshalb er ge-
flüchtet sei.
A.c Zum Beleg ihrer Identität und ihrer Ausführungen reichte die Be-
schwerdeführerin (Aufzählung Beweismittel) zu den Akten.
A.d Das SEM räumte der Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin am
3. Juli 2020 Gelegenheit ein, sich zum ablehnenden Entscheidentwurf zu
äussern. In ihrer Stellungnahme vom 6. Juli 2020 hielt die Rechtsvertretung
fest, die Beschwerdeführerin habe ihre Aufgaben als (Nennung Funktion)
beim G._ und die vorausgehende Ausbildung beschrieben. Na-
mentlich sei sie dabei der Bitte der SEM-Befragerin nachgekommen, ein
Beispiel ihrer Funktionen zu nennen (...). Auch hätte sie so genau wie mög-
lich geschildert, warum sie in Syrien gefährdet gewesen sei ("rote Linie"
unter ihrem Namen wegen ihrer jahrelangen Tätigkeit für den G._
und deswegen drohende Festnahme/Folterung, wie geschehen bei einem
Arbeitskollegen; drohende Rachehandlungen durch den lS; Probleme we-
gen der Militärdienstaufgebote für ihren Sohn I._). Das SEM gehe
im Entwurf davon aus, dass sie nicht gefährdet gewesen sei, da ihr bisher
nichts Ernsteres zugestossen sei. Dies würde bedeuten, dass einem zuerst
etwas Schlimmes passieren müsse, damit für die Asylbehörden eine Ge-
fährdung vorliege. Die Beschwerdeführerin habe sich als Folge der geschil-
derten Bedrohung sehr vorsichtig verhalten, sich namentlich versteckt.
Hätte sie noch länger mit der Flucht zugewartet, wäre ihr bestimmt etwas
D-3955/2020
Seite 4
zugestossen. Weiter sei die Beschwerdeführerin keine Person, die ausgie-
big erzähle. Deswegen seien denn auch sämtliche ihrer Antworten in der
Befragung eher kurz ausgefallen.
B.
Mit Verfügung vom 7. Juli 2020 stellte das SEM fest, die Beschwerdefüh-
rerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht und lehnte ihr Asylgesuch ab.
Gleichzeitig ordnete es die Wegweisung der Beschwerdeführerin aus der
Schweiz an, schob den Vollzug derselben jedoch wegen Unzumutbarkeit
zugunsten einer vorläufigen Aufnahme in der Schweiz auf.
C.
Mit Eingabe vom 6. August 2020 erhob die Beschwerdeführerin beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, es sei die angefoch-
tene Verfügung des SEM vom 7. Juli 2020 aufzuheben, sie sei als Flücht-
ling anzuerkennen und es sei ihr Asyl zu gewähren, eventuell sei sie als
Flüchtling vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht beantragte sie,
das SEM sei zu verpflichten, ihr eine Kopie des Aktenverzeichnisses zuzu-
stellen und ergänzende Akteneinsicht zu gewähren, sollten nicht alle ent-
scheidrelevanten Aktenstücke zur Verfügung stehen. Es sei ihr sodann die
unentgeltliche Prozessführung samt Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses und die unentgeltliche Verbeiständung durch ihren Rechts-
vertreter zu gewähren.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 4. September 2020 hiess die vormals zustän-
dige Instruktionsrichterin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung sowie um unentgeltliche Rechtsverbeiständung – unter
Vorbehalt des Nachreichens einer Fürsorgebestätigung – gut und ordnete
der Beschwerdeführerin Fürsprech und Notar Jürg Walker als amtlicher
Rechtsbeistand bei. Ferner stellte sie der Beschwerdeführerin das Akten-
verzeichnis des erstinstanzlichen Verfahrens zu und räumte ihr Frist ein,
dem Gericht bis am 21. September 2020 mitzuteilen, in welche Akten sie
noch Einsicht benötige.
E.
Mit Eingabe vom 19. September 2020 teilte die Beschwerdeführerin sinn-
gemäss mit, es würden die notwendigen Schritte zur Beibringung einer Für-
sorgebestätigung eingeleitet. Ferner ersuchte sie um Einsicht in die im Be-
weismittelcouvert enthaltenen Beweismittel inklusive Deckblatt (Nummer
18), in die Beilage zur Stellungnahme zum Entscheidentwurf (Nummer
D-3955/2020
Seite 5
22/5), in das Formular F2 "Zuweisung zur medizinischen Abklärung" (Num-
mer 23/5) sowie in die Mutationsmeldung des Kantons (Nummer 29/2).
F.
Mit Zwischenverfügung vom 29. September 2020 forderte die vormals zu-
ständige Instruktionsrichterin die Beschwerdeführerin auf, bis am 7. Okto-
ber 2020 eine Fürsorgebestätigung einzureichen mit der Androhung, dass
bei ungenutztem Fristablauf auf die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege zurückzukommen sein werde. Ferner stellte sie fest, dass die
beantragte Einsicht in die in der Eingabe vom 19. September 2020 aufge-
führten Dokumente zu gewähren sei und wies das SEM an, der Beschwer-
deführerin die in den Erwägungen aufgeführten Aktenstücke (vgl. Bst. E.
oben) zur Einsicht zuzustellen. Sodann räumte sie der Beschwerdeführerin
die Gelegenheit ein, innert 15 Tagen ab Gewährung der Akteneinsicht
durch die Vorinstanz eine Stellungnahme beim Gericht einzureichen, wobei
bei ungenutzter Frist das Verfahren aufgrund der Aktenlage fortgeführt
werde.
G.
Mit Eingaben vom 1. und 2. Oktober 2020 reichte die Beschwerdeführerin
eine (Nennung Beweismittel) nach.
H.
In ihrem Schreiben vom 21. Oktober 2020 teilte die Beschwerdeführerin
mit, dass das SEM inzwischen ergänzende Akteneinsicht gewährt habe
und nahm gleichzeitig zu den ihr zugestellten Aktenstücken Stellung.
I.
Aus Gründen des engen Sachzusammenhangs mit dem Verfahren des
Ehemannes der Beschwerdeführerin (Verfahrens-Nr. D-557/2020) wurde
das vorliegende – und bisher unter der Verfahrensnummer E-3955/2020
geführte – Beschwerdeverfahren am 21. Januar 2021 zur Behandlung auf
Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger übertragen und neu unter der Ver-
fahrensnummer D-3955/2020 geführt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
D-3955/2020
Seite 6
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
1.2 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde-
führung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG)
ist einzutreten.
1.3 Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden in der
Regel in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen (vgl. Art. 21
Abs. 1 VGG). Das Bundesverwaltungsgericht kann auch in solchen Fällen
auf die Durchführung des Schriftenwechsels verzichten (Art. 111a Abs. 1
AsylG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Das Bundesverwaltungsgericht hat die
Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen
Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier
verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m. Verw.).
4.
4.1 Die Vorinstanz kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen der Beschwerdeführerin erfüllten die Voraussetzungen für
die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 und 7 AsylG
nicht.
D-3955/2020
Seite 7
Sie habe angeführt, in den Jahren (...) und (...) (Nennung Funktion) beim
G._ gewesen seien. Ihr (Nennung Verwandter) habe ihr beim letz-
ten Kontakt vor (Nennung Zeitpunkt) gesagt, dass das Regime immer noch
nach ihr suche. Auf Nachfrage in der Anhörung, wann sie von den staatli-
chen Behörden gesucht worden sei, habe sie geantwortet "als ich bei der
G._ war". Wenn sie ihre Arbeit beim G._ jedoch im Jahr (...)
beendet und das Gespräch mit ihrem (Nennung Verwandter) etwa im (Nen-
nung Zeitpunkt) stattgefunden haben soll, sei anzunehmen, dass sie auch
im Jahr (...) gesucht worden sein müsse. Warum es in dieser Zeit zu keinen
konkreten Vorfällen oder Suchaktionen nach der Beschwerdeführerin ge-
kommen sei, lasse erste Zweifel an der Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens
aufkommen. Weiter sei die Beschreibung ihrer Tätigkeit als (Nennung
Funktion) beim G._ auch nach zweimaliger Aufforderung nur sehr
kurz und unsubstanziiert ausgefallen. Als sie schliesslich über ihre ersten
Monate beim G._ berichtet habe, habe sie zwar die Ausbildungs-
trainings angesprochen, deren Trainingsinhalte jedoch nicht ausgeführt.
Die diesbezüglichen Ausführungen seien insgesamt vage und oberflächlich
geblieben. So habe sie beispielsweise mehrmals die Waffenausbildungen
als wichtigen Bestandteil des Trainings bezeichnet, sich aber gar nicht zur
politischen Ausbildung geäussert. Dies sei insbesondere deswegen auffäl-
lig, da sie betont habe, aufgrund ihrer gesundheitlichen Probleme nie wirk-
lich eine Waffenausbildung absolviert zu haben. Umso mehr müsste sie in
der Lage sein, über die politische und theoretische Ausbildung beim
G._ ausführlich berichten zu können. Entgegen der zu erwartenden
Ausführungen habe die Beschwerdeführerin jedoch ihre Aussagen in eine
andere Richtung gelenkt, indem sie plötzlich von einer Auseinanderset-
zung zwischen der H._, der Freien Syrischen Armee, dem IS und
der türkischen Armee berichtete habe. Weiter habe sie auf Nachfrage zu
ihrer genauen Aufgabe als (Nennung Funktion) äusserst knapp geantwor-
tet. So habe sie angeführt, ihre Aufgabe sei es gewesen "Probleme zu lö-
sen". Nach Beispielen zur Konkretisierung dieser weit gefassten Aussage
gefragt, habe sie angegeben, beispielsweise bei (Nennung einer Aufgabe)
beigezogen worden zu sein und dass sie sich in erster Linie um Probleme
der Bewohner gekümmert habe. Es wäre zu erwarten, dass eine mutmass-
liche (Nennung Funktion) beim G._, die gemäss eigenen Angaben
(...) Personen unter sich gehabt habe, detaillierter und ausführlicher über
ihre Tätigkeiten und Kompetenzen zu berichten vermöchte. Die geltend ge-
machte Furcht vor einer Verfolgung seitens der syrischen Behörden er-
scheine daher insgesamt als fragwürdig. Einerseits habe sich die Be-
schwerdeführerin nie am bewaffneten Kampf beteiligt, andererseits habe
sie vorwiegend eine soziale Rolle innerhalb der Dorfbewohner ausgeübt.
D-3955/2020
Seite 8
Sie vermöge auch keine konkreten Beispiele zu nennen, welche aufzeig-
ten, dass die syrischen Behörden ein ernsthaftes Interesse an ihrer Person
hätten und ihr ein politisches Profil unterstellten, auch wenn nicht auszu-
schliessen sei, dass sie sich in einem gewissen Mass für die kurdischen
Interessen eingesetzt habe. Unter diesen Umständen sei auch die vorge-
brachte Gefährdung infolge einer "roten Linie" unter ihrem Namen nicht
nachvollziehbar. Die Beschwerdeführerin vermöge nicht glaubhaft zu ma-
chen, dass sie über ein politisches Profil verfüge und eine asylrelevante
Verfolgung seitens der syrischen Regierung zu befürchten hätte.
Hinsichtlich der angeführten ernsthaften Bedrohungen ihres Mannes durch
den IS sei den Akten nicht zu entnehmen, dass sie persönlich jemals einer
Verfolgung seitens des IS ausgesetzt gewesen wäre. Die geltend ge-
machte Angst vor den mutmasslichen Feinden ihres Mannes stelle somit
kein asylbeachtliches Vorbringen dar. Unter diesen Umständen erübrige es
sich, auf allfällige Unglaubhaftigkeitselemente in Bezug auf dieses Vorbrin-
gen näher einzugehen. Vollständigkeitshalber sei darauf hinzuweisen,
dass das Asylgesuch ihres Mannes abgelehnt worden sei. Weiter sei auch
in Berücksichtigung der Unruhen und des Krieges in Syrien die Vorausset-
zungen für die Annahme einer Kollektivverfolgung der kurdischen Bevölke-
rung in Syrien nicht erfüllt.
Soweit die Beschwerdeführerin anführe, dass die N._ respektive
der militärische Flügel ihren Sohn bedroht und ihr am (...) das Aufgebot
zum Militärdienst für ihn überreicht habe, treffe es zu, dass in jenen Gebie-
ten Nordsyriens, die durch die J._ und die N._ kontrolliert
würden, Aufforderungen zur Wahrnehmung der Dienstpflicht ergingen. Ge-
mäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (mit Verweis auf
das Referenzurteil D-5329/2014 vom 23. Juni 2015) vermöchten diese
Rekrutierungsbemühungen mangels eines Verfolgungsmotivs im Sinne
von Art. 3 AsylG und mangels hinreichender Intensität keine Asylrelevanz
zu entfalten (mit Verweis auf das). In der Stellungnahme der Rechtsvertre-
tung seien weder Tatsachen noch Beweismittel vorgelegt worden, welche
eine Änderung des Standpunktes des SEM rechtfertigen könnten.
4.2 Dem entgegnete die Beschwerdeführerin in ihrer Rechtsmitteleingabe,
sie sei wegen ihrer Zugehörigkeit zum G._ vom syrischen Regime
verfolgt worden. Dabei spiele in asylrechtlicher Hinsicht die Art und das
Ausmass der von ihr verrichteten Aufgaben keine Rolle. Für die syrischen
Behörden sei lediglich ihre Zugehörigkeit zum G._ und vielleicht
D-3955/2020
Seite 9
noch der Umstand, dass sie in (Nennung Funktion) für diesen tätig gewe-
sen sei, entscheidend gewesen. Das SEM verkenne in diesem Zusammen-
hang, dass sie so lange vom syrischen Regime in Ruhe gelassen worden
sei, als sie im Kurdengebiet gelebt habe. Sie habe lediglich darauf achten
müssen, bei Fahrten im Grenzgebiet zum syrisch beherrschten Teil die
Grenze nicht zu überschreiten, ansonsten sie festgenommen worden wäre.
Den syrischen Behörden sei ihre Tätigkeit für den G._ infolge der
Verhaftung eines Arbeitskollegen bekannt geworden, da dieser unter Folter
auch ihren Namen preisgegeben habe. Kurz bevor dieser an den Folgen
der erlittenen Folterungen gestorben sei, habe er die durch ihn kompromit-
tierten Mitarbeiter des G._ noch warnen können. Wäre sie verhaftet
worden, wäre ihr das gleiche Schicksal widerfahren. Sie könne deshalb
nicht nach Syrien zurückkehren, jedenfalls nicht in den vom Regime be-
herrschten Teil. Dazu habe sie ausgeführt, dass ihr Name mit einer roten
Linie versehen gewesen sei, was bedeute, dass sie im Rahmen einer Kon-
trolle den syrischen Sicherheitskräften hätte übergeben werden müssen.
Dem Vorhalt ungenauer Aussagen zu ihrer Tätigkeit für den G._ sei
entgegenzuhalten, dass sie keine Person sei, die viel erzähle. Aus diesem
Grund seien ihre Antworten auch relativ kurz ausgefallen. Dies auch des-
halb, weil sie immer noch unter der Schweigepflicht stehe und über den
kurdischen Geheimdienst nichts verraten dürfe, weil sie sonst auch in
Schwierigkeiten mit den kurdischen Behörden gerate. In Berücksichtigung
dieses Umstandes seien ihre Ausführungen ausführlich genug ausgefallen,
um als glaubhaft angesehen zu werden (so ihre Antworten zu F53 und F59
der Anhörung). Hinzu komme, dass sie bei ihren Einsätzen schlimme Sa-
chen gesehen habe (so ihre Ausführungen zu F54, F55 und F82 der Anhö-
rung). Es dürfe nicht ausser Acht gelassen werden, dass sie sowohl phy-
sisch als auch psychisch angeschlagen sei. Betreffend den Vorhalt, dass
sie zwar über die Waffenausbildung, nicht aber über die politische Ausbil-
dung Auskunft gegeben habe, übersehe die Vorinstanz, dass sie von der
Waffenausbildung viel mehr beeindruckt gewesen sei, da ihr diese bis zu
einem gewissen Grad Angst gemacht habe. Sie sei aus gesundheitlichen
Gründen nicht in der Lage gewesen, eine Schusswaffe einzusetzen, wes-
halb sie erleichtert gewesen sei, dass es diesbezüglich bei der theoreti-
schen Ausbildung geblieben sei. Da sie sich anlässlich der Anhörung derart
auf ihr Problem mit dem Abfeuern einer Waffe konzentriert habe, sei die
Schilderung ihrer politischen Ausbildung zu kurz gekommen. Überdies
habe das SEM diesbezüglich auch nicht nachgefragt. So sei wiederholt
nach der Tätigkeit – auch als (Nennung Funktion) – für den G._,
nicht aber nach dem Umfang und der Richtung der politischen Ausbildung
D-3955/2020
Seite 10
gefragt worden. Insgesamt sei in diesem Punkt von einem glaubhaft ge-
machten und auch asylrelevanten Sachverhaltselement auszugehen. Fer-
ner sei sie einerseits wegen der Tätigkeiten ihres Mannes im Flüchtlings-
camp K._ andererseits aber auch wegen ihres Kontakts zu diesem
in der Schweiz dem Risiko einer Reflexverfolgung ausgesetzt. So dürfte
der IS Kenntnis davon haben, dass es ihrem Mann gelungen sei, sie und
ihren Sohn mit Hilfe von humanitären Visa in die Schweiz – somit in das
Exilland ihres Mannes – zu holen. Weiter dürfte die Ansicht des SEM, wo-
nach keine Kollektivverfolgung der kurdischen Bevölkerung gegeben sei,
im jetzigen Zeitpunkt korrekt sein. Dies könne sich aber angesichts des
Einmarschs der türkischen Truppen in Syrien jederzeit ändern. Sodann sei
ihr Sohn von der N._ nachweislich zur Leistung des Militärdienstes
aufgefordert worden. Zwar fehlten gemäss der schweizerischen Praxis den
Rekrutierungen zur militärischen Wehrpflicht durch die N._ ein asyl-
rechtliches Verfolgungsmotiv. Ihr Sohn befürchte jedoch infolge seiner Wei-
gerung, für die N._ Militärdienst zu leisten, von dieser mit übertrie-
bener Härte bestraft und an der Front eingesetzt zu werden. In einem sol-
chen Fall müsste dieser bei einer Rückkehr mit Sanktionen rechnen, wel-
che das Folterverbot verletzten. Ausserdem sei die N._ in der Ver-
gangenheit hart gegen Personen vorgegangen, welche militärdienstpflich-
tigen Männern zur Flucht verholfen hätten. Insofern bestehe für sie ein Ri-
siko, sollte die N._ annehmen, dass sie ihrem Sohn die Flucht er-
möglicht habe. Aus diesem Grund sei die Verfolgung durch die N._
eben doch asylrelevant.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Abwägung der Argu-
mente zum Schluss, dass die Vorinstanz das Asylgesuch der Beschwerde-
führerin zu Recht abgelehnt hat. Der Beschwerdeführerin gelingt es mit ih-
ren Entgegnungen auf Beschwerdeebene nicht, die vom SEM getroffene
Einschätzung umzustossen.
5.1.1 Zunächst vermag sie den Vorhalt unsubstanziierter, vager und aus-
weichender Angaben zu ihrer angeblichen Tätigkeit als (Nennung Funk-
tion) beim G._ nicht plausibel zu entkräften. Der Hinweis, dass sie
eine Person sei, die nicht viel erzähle, weshalb ihre Antworten relativ knapp
ausgefallen seien, ist als nicht stichhaltig zu erachten. Zu Beginn der An-
hörung wurde sie auf die Wichtigkeit ihrer Aussagen mit Blick auf die Beur-
teilung ihres Asylgesuchs hingewiesen und dass sie verpflichtet sei, wahr-
heitsgetreue und vollständige Angaben zu machen (vgl. act. 1064086-
17/16, S. 1 f.). Der Beschwerdeführerin musste – auch in ihrem eigenen
D-3955/2020
Seite 11
Interesse – demnach bewusst sein, dass sie gehalten war, möglichst de-
taillierte Ausführungen zu machen und entsprechend viele Informationen
zu ihren Fluchtgründen zu geben, die eine nachvollziehbare Prüfung ihres
Gesuchs ermöglichten. Nachdem sie am Schluss der Anhörung überdies
die Vollständigkeit und Korrektheit ihrer Ausführungen unterschriftlich be-
stätigte, hat sie es sich entgegenhalten zu lassen, wenn wesentliche Vor-
bringen der geltend gemachten Verfolgung lediglich oberflächlich und
kaum Realkennzeichen enthaltend vorgebracht wurden. Sodann bleibt
auch der Einwand, sie stehe immer noch unter der Schweigepflicht gegen-
über dem kurdischen Geheimdienst unbehelflich, zumal sie bei der Anhö-
rung einleitend auf die Pflicht des SEM, ihre Angaben vertraulich zu behan-
deln, hingewiesen wurde (vgl. act. 1064086-17/16, F2). Abgesehen davon
wäre es ihr ohne Weiteres möglich gewesen, den Inhalt der theoretischen
und praktischen Ausbildung in groben Zügen respektive in einer Weise zu
schildern, welche mit einer allenfalls bestehenden Schweigepflicht hätte
vereinbart werden können. Ausserdem ist nicht einsichtig, welche Geheim-
nisse sie über eine Ausbildung an der Waffe hätte wahren müssen. Zur
Ausbildung an der Waffe äusserte sie sich überdies widersprüchlich. So
habe sie einerseits ein solches Waffentraining absolvieren müssen, um im
späteren Verlauf der Anhörung anzugeben, sie habe diese Ausbildung we-
gen (Nennung Grund) immer vermieden beziehungsweise sie habe keine
solche Ausbildung gemacht (vgl. act. 1064086-17/16, F53 und F60). Dies
erstaunt umso mehr, als die Beschwerdeführerin von sich behauptet, wäh-
rend Jahren eine (Nennung Funktion) innerhalb des G._ ausgeübt
zu haben, weshalb nicht nachvollziehbar ist und von der Beschwerdefüh-
rerin auch in keiner Weise näher ausgeführt wird, weshalb gerade sie und
aus welchen Gründen sie von dieser für den G._ offenbar wichtigen
Ausbildung befreit worden sein soll. Alleine der Hinweis auf (...) Probleme
vermag in diesem Zusammenhang nicht zu überzeugen, wäre unter diesen
Umständen doch schon in grundsätzlicher Hinsicht ihre Eignung, für den
G._ zu arbeiten, in Frage zu stellen. Auch der Hinweis, dass sie bei
ihren Einsätzen Kriegsgräuel miterlebt habe und sie sowohl physisch als
auch psychisch angeschlagen sei, vermögen die fehlende Substanz in die-
sem Punkt ihres Sachverhaltsvortrags nicht einleuchtend zu erklären. Es
bestehen nämlich keine Anhaltspunkte, dass diese Umstände sie im Rah-
men der Anhörung in irgendeiner Weise der Möglichkeit beraubt hätten,
über ihren langjährigen Arbeitsalltag und ihre Funktionen beim G._
ausführlich zu berichten. Solches machte sie in der Anhörung denn auch
nicht geltend. Dort führte sie auf Nachfrage an, es gehe ihr gesundheitlich
gut respektive es gehe ihr super (vgl. act. 1064086-17/16, F4 und F53)
D-3955/2020
Seite 12
beziehungsweise es gehe ihr aber psychisch nicht so gut, weil sie (Nen-
nung Grund) (vgl. act. 1064086-17/16, F53). Doch auch sonst ist nicht
nachvollziehbar, inwiefern schlimme Kriegserlebnisse es ihr verunmögli-
chen sollten, über ihre damit nicht in Zusammenhang stehende Ausbildung
und Tätigkeit Auskünfte zu geben.
5.1.2 Den Angaben nach ist die Beschwerdeführerin im Rahmen ihrer Tä-
tigkeit für zivile Probleme der Bewohner zuständig gewesen, so beispiels-
weise (Nennung Beispiel) (vgl. act. 1064086-17/16, F58 f.). Abgesehen da-
von, dass sie trotz ihrer angeblich langjährigen Tätigkeit als (Nennung
Funktion) beim G._ keine weiteren Beispiele für ihre Funktion und
Aktivitäten zu geben vermochte, wird die von ihr beispielhaft genannte Tä-
tigkeit (...) von der tatsächlichen Rolle und den Aufgaben des G._
allgemeinen Quellen zufolge gar nicht abgedeckt (vgl. Role, activities and
ranking of Asayish forces in the Kurdistan Region of Iraq (KRI);
https://www.ecoi.net/en/file/local/1431347/1226_1525354053_67-q-iraq-
asayish.pdf., letztmals abgerufen am 19.02.2021). Zwar führte sie auf
Nachfrage, was sie respektive der G._ in der Ortschaft O._
gemacht hätten, an, sie hätten einen Kontrollposten eingerichtet und –
nicht näher bezeichnete – Durchsuchungen durchgeführt. Inwiefern sie
persönlich mit diesem Einsatz betraut gewesen sei oder welche Rolle sie
dabei gespielt habe, wird aber aus ihren allgemeinen Ausführungen nicht
ersichtlich. Auf die weitere Nachfrage, in welchen Ortschaften sie sonst
noch tätig gewesen sei, erwähnte sie den Ort P._, gab dazu aber
lediglich an, diese Ortschaft sei bombardiert worden, sie hätten viele Tote
gesehen und Freunde von ihr, welche in einem Auto vorbeigefahren seien,
seien durch eine Bombe getötet worden. Die Frage nach ihrer eigenen Tä-
tigkeit oder Funktion in P._ beantwortete sie aber weder bezüglich
ihrer Person noch hinsichtlich des G._ (vgl. act. 1064086-17/16,
F54 f.). Ihre diesbezüglichen Angaben sind von einer derartigen Einfach-
heit, dass sie auch von einer am Geschehen gänzlich unbeteiligten Person
problemlos nacherzählt werden könnten. Sodann kann in Ermangelung
entsprechender Entgegnungen auf Beschwerdeebene zum Vorhalt unge-
reimter Angaben hinsichtlich des Zeitpunkts, wann sie letztmals vom syri-
schen Regime zuhause gesucht worden sein soll, zur Vermeidung von
Wiederholungen auf die vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden,
welche zu bestätigen sind.
5.1.3 In Bezug auf die vorgebrachte Verfolgung seitens des syrischen Re-
gimes infolge ihrer Tätigkeit für den G._ muss festgehalten werden,
dass sich die Rechtsmitteleingabe diesbezüglich in einer Wiedergabe des
D-3955/2020
Seite 13
bereits bekannten Sachverhalts und einer Bekräftigung einer konkreten
Gefahr für ihre Person – dies bereits alleine aufgrund ihrer Zugehörigkeit
zum G._ – beschränkt. Die Beschwerdeführerin weist demgegen-
über aber in der Tat kein solches politisches Profil auf, das den Schluss
zuliesse, die Behörden ihres Heimatlandes hätten ein tatsächliches und
gezieltes Verfolgungsinteresse an ihrer Person. Aufgrund ihrer Asylvorbrin-
gen kann sie sich nicht darauf berufen, sie habe begründete Furcht gehabt,
asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt zu werden. So ge-
nügt es nicht, bloss auf Vorkommnisse zu verweisen, welche sich früher
oder später eventuell ereignen könnten, auch wenn sich die Beschwerde-
führerin in subjektiver Hinsicht vor einer Verhaftung oder weiteren behörd-
lichen Nachteilen gefürchtet haben mag. Nachdem ihre Tätigkeit im Rah-
men des G._ zu bezweifeln ist (vgl. E. 5.1.1 und 5.1.2), sind auch
an einer tatsächlichen Zugehörigkeit zu demselben überwiegende Zweifel
anzubringen, auch wenn nicht gänzlich auszuschliessen ist, dass sie sich
in irgendeiner Form für die kurdischen Anliegen eingesetzt hat. Sie will sich
denn auch nie am Kampfgeschehen beteiligt haben und sei überdies stets
vorsichtig gewesen, so dass es zu keinerlei Kontakten mit den syrischen
Behörden oder Kontrollposten des Regimes gekommen sei (vgl. act.
1064086-17/16, F61 und F81). Ferner gelingt es der Beschwerdeführerin
– selbst bei Wahrunterstellung einer Tätigkeit für den G._ – nicht,
Genaueres zu dieser angeblichen Verfolgung auszuführen. Zwar machte
sie geltend, die syrischen Behörden seien deshalb auf sie aufmerksam ge-
worden, weil ein Kollege von ihr im Jahr (...) oder (...) bei einer Kontrolle
verhaftet worden sei und unter Folter ihren Namen angegeben habe. Die
Preisgabe ihres Namens als Mitarbeiterin des G._ stellt jedoch eine
blosse Mutmassung ihrerseits dar (vgl. act. 1064086-17/16, F80). Sie ver-
mag daher auch aus diesem Vorbringen nichts zu ihren Gunsten abzulei-
ten, zumal ihre Ausführungen auch diesbezüglich relativ oberflächlich aus-
gefallen sind. Denn wie bereits erwähnt genügt eine bloss entfernte Mög-
lichkeit künftiger Verfolgung nicht. Bei dieser Sachlage ist auch ihre Aus-
sage, es bestehe eine Gefährdung für ihre Person seitens der syrischen
Behörden, da unter ihrem Namen eine "rote Linie" stünde, weder nachvoll-
ziehbar noch glaubhaft. Dies auch deshalb, weil sie sich bezüglich der Per-
son, von welcher sie von dieser "roten Linie" erfahren haben will, in Unge-
reimtheiten verstrickte. So gab sie in der Anhörung zunächst an, die Be-
hörden an der Grenze hätten ihr anlässlich eines Fluchtversuchs von der
Existenz dieser Linie berichtet (vgl. act. 1064086-17/16, F66), um später
anzugeben, sie habe diese Information von ihrem im Jahr (...) oder (...)
verhafteten Kollegen erfahren respektive um auf Nachfrage vorzubringen,
dies habe sie von ihren Kollegen vom G._ erfahren (vgl. act.
D-3955/2020
Seite 14
1064086-17/16, F111 f.). Die von der Beschwerdeführerin in diesem Zu-
sammenhang eingereichten Fotos, welche sie angeblich in der Uniform des
G._ zeigen, vermögen zu keiner anderen Einschätzung zu führen.
Selbst wenn die von der Beschwerdeführerin auf den Fotos getragene Klei-
dung tatsächlich derjenigen des (Nennung Organisation) entsprechen
sollte, vermögen die im Übrigen nicht datierten Bilder nicht zu belegen,
dass die darauf mit einer oder mehreren Frauen posierende, jedoch keiner
erkennbaren Tätigkeit nachgehende Beschwerdeführerin effektiv im ange-
gebenen Zeitraum und in der geltend gemachten Funktion beim
G._ tätig und deswegen einer Verfolgung durch die syrischen Be-
hörden ausgesetzt war respektive eine solche befürchten musste.
5.1.4 Sodann ergibt sich auch aus der Zugehörigkeit der Beschwerdefüh-
rerin zur kurdischen Ethnie keine asylrelevante Verfolgung. Das Bundes-
verwaltungsgericht verneint das Vorliegen einer Kollektivverfolgung der
Kurden in Syrien in konstanter Praxis (vgl. statt vieler die Urteile
E-1276/2015 vom 18. Juli 2017 E. 7.1.3, D-1966/2015 vom 9. Juni 2017
E. 5.2 und E-2793/2016 vom 26. Februar 2018 E. 6.6, je m.w.H.). Die all-
gemeine Lage in Syrien wurde schliesslich vom SEM bereits durch die
Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs angemessen
berücksichtigt (vgl. Urteil des BVGer D-1163/2015 vom 22. Januar 2016
E. 5.4.).
5.1.5 Ferner vermag die Beschwerdeführerin aus dem Vorbringen, dass
sich ihr älterer Sohn dem Dienst für die N._ durch Flucht entzogen
habe und sie deshalb allfälligen Vergeltungsmassnahmen ausgesetzt wer-
den könnte, nichts zu ihren Gunsten herleiten. Aus dem Urteil des Bundes-
verwaltungsgerichts gleichen Datums betreffend den Ehemann (Ge-
schäfts-Nr. D-557/2020) ist ersichtlich, dass er wegen der Flucht des Soh-
nes von der N._ im Jahr (...) während (Nennung Dauer) festgehal-
ten wurde. Das Verhalten des Sohnes wurde demnach bereits geahndet
respektive die Strafe durch den Ehemann verbüsst. Dem Ehemann er-
wuchsen daraus in der Folge auch keine weiteren Schwierigkeiten, wes-
halb keine Anhaltspunkte bestehen, dass sie wegen des nämlichen Vorfalls
einem Risiko einer Verfolgung ausgesetzt werden könnte.
5.1.6 Soweit die Beschwerdeführerin anführt, sie sei während ihres Aufent-
halts in Syrien wegen der Tätigkeit ihres Ehemannes als (Nennung Funk-
tion) eines Flüchtlingscamps dem Risiko einer Reflexverfolgung ausge-
setzt gewesen, kann dieser Ansicht nicht beigepflichtet werden. Im bereits
erwähnten Urteil betreffend den Ehemann (vgl. E. 5.1.5) wurde die von ihm
D-3955/2020
Seite 15
geltend gemachte Verfolgungssituation als Folge der angeführten Tätigkeit
und Funktion im Flüchtlingslager K._ als nicht glaubhaft erachtet.
Dementsprechend ist auch eine allfällig daraus resultierende Verfolgung
für die Beschwerdeführerin klarerweise zu verneinen.
5.2 Insgesamt vermögen die Vorfluchtgründe der Beschwerdeführerin die
Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG und an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht zu erfüllen.
5.3 Asylsuchende sind auch dann als Flüchtlinge anzuerkennen, wenn sie
erst aufgrund von Ereignissen nach ihrer Ausreise im Falle einer Rückkehr
in ihren Heimat- oder Herkunftsstaat in flüchtlingsrechtlich relevanter
Weise verfolgt würden. Zu unterscheiden ist dabei zwischen objektiven und
subjektiven Nachfluchtgründen. Objektive Nachfluchtgründe liegen vor,
wenn äussere Umstände, auf welche die asylsuchende Person keinen Ein-
fluss nehmen konnte, zur drohenden Verfolgung führen; der von einer Ver-
folgung bedrohten Person ist in solchen Fällen die Flüchtlingseigenschaft
zuzuerkennen und Asyl zu gewähren. Subjektive Nachfluchtgründe liegen
vor, wenn eine asylsuchende Person erst durch die unerlaubte Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach
der Ausreise eine Verfolgung zu befürchten hat; in diesen Fällen wird kein
Asyl gewährt (Art. 54 AsylG; vgl. BVGE 2010/44 E. 3.5 m.w.H.).
5.3.1 Was das allfällige Bestehen einer Reflexverfolgung nach der Aus-
reise der Beschwerdeführerin – mithin eines objektiven Nachfluchtgrundes
– durch Angehörige des IS infolge der Tätigkeit ihres Ehemannes betrifft,
liegt eine solche Reflexverfolgung ebenfalls nicht vor. Diesbezüglich ist zu-
nächst auf die Feststellungen in der vorstehenden E. 5.1.6 zu verweisen.
Sodann stellt sich das Vorbringen in der Rechtsmitteleingabe (S. 9 unten),
wonach der IS wisse, dass die Beschwerdeführerin im Exilland Schweiz
gewesen sei, weil es ihr Ehemann geschafft habe, sie und ihren Sohn mit
Hilfe von humanitären Visa in die Schweiz zu holen, als blosse Parteibe-
hauptung dar. Demnach liegt kein objektiver Nachfluchtgrund vor.
5.3.2 Ferner ist eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung der Be-
schwerdeführerin allein aufgrund der illegalen Ausreise aus Syrien oder der
Asylgesuchstellung in der Schweiz gemäss konstanter Praxis des Bundes-
verwaltungsgerichts (vgl. Urteil des BVGer D-3839/2013 vom 28. Oktober
2015 E. 6.4.3 [als Referenzurteil publiziert]) nicht anzunehmen. Deshalb ist
auch das Vorliegen subjektiver Nachfluchtgründe zu verneinen.
D-3955/2020
Seite 16
5.4 Zusammenfassend ist es der Beschwerdeführerin nicht gelungen, eine
relevante Verfolgungsgefahr im Sinne von Art. 3 respektive Art. 54 AsylG
darzutun oder auch nur glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat demnach
die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin zu Recht verneint und
ihr Asylgesuch abgelehnt.
6.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
Präzisierend ist festzuhalten, dass sich aus den vorstehenden Erwägun-
gen nicht der Schluss ergibt, die Beschwerdeführerin sei zum heutigen
Zeitpunkt in ihrem Heimatstaat nicht gefährdet. Eine solche Gefährdungs-
lage ist jedoch auf die in Syrien herrschende Bürgerkriegssituation zurück-
zuführen. Das SEM hat dieser generellen Gefährdung Rechnung getragen
und die Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 83 Abs. 1 und 4 AIG wegen
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufgenommen.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wurde mit Verfü-
gung vom 4. September 2020 das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung gutgeheissen, weshalb auf die Erhebung von Verfah-
renskosten zu verzichten ist.
9.2 Mit derselben Verfügung wurde ausserdem das Gesuch um amtliche
Verbeiständung gutgeheissen (Art. 102m Abs. 1 AsylG) und der Be-
schwerdeführerin ihr Rechtsvertreter als Rechtsbeistand bestellt. Dem-
D-3955/2020
Seite 17
nach ist diesem ein amtliches Honorar für seine notwendigen Aufwendun-
gen im Beschwerdeverfahren auszurichten. Der Rechtsvertreter hat keine
Kostennote zu den Akten gereicht. Auf die Nachforderung einer solchen
kann jedoch verzichtet werden, da sich im vorliegenden Verfahren der Auf-
wand zuverlässig abschätzen lässt (Art. 14 Abs. 2 VGKE) und auf insge-
samt neun Stunden zu beziffern ist. Nach Praxis des Bundesverwaltungs-
gerichts werden anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter mit einem Stun-
densatz von Fr. 200.– bis 220.– entschädigt (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10
Abs. 2 VGKE). Dem amtlichen Rechtsvertreter ist daher zu Lasten des
Bundesverwaltungsgerichts eine Entschädigung von gesamthaft
Fr. 2200.– (inkl. Auslagen und MWSt) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
D-3955/2020
Seite 18