Decision ID: 5084821f-62aa-5158-a660-fa8a57f9e8d8
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Der im Jahre
1965 geborene
X._
, gelernter Möbelschreiner (
Urk.
7/2
),
zog sich
am 2
4.
Juli 2015
,
mit einem Roller am Rotlicht
stehend
, bei der Auffahrkollision durch den nahenden Personenwagen eine Deckplatten
frak
tur an der
Lendenwirbelsäule (
LWS
)
sowie eine Prellung an der linken Schulter zu (
Urk.
7/5/3). Die Suva übernahm für die Folgen des Unfallereignisses die Versicherungsleistungen (
Urk.
7/5/75).
Im Zusammenhang mit den Unfallfolgen meldete sich der Versicherte am 1
4.
Oktober 2017 bei der Sozialversiche
rungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
,
zum Leistungsbezug an (
Urk.
7/3). Mit Mit
teilung vom
4.
Juli 2018 informierte die IV-Stelle über die Kostengutsprache für einen Arbeitsversuch (
Urk.
7/32); mit Mitteilung vom 1
3.
Dezember 2018 erteilte sie die Kostengutsprache für eine Umschulung zum technischen Kaufmann
ab 2
8.
Januar 2019 bis 1
5.
Oktober 2021
(
Urk.
7/56). Nachdem der Versicherte den erforderlichen Notendurchschnitt für die Abschlussprüfung nicht erreicht hatte (
Urk.
7/81), kündigte er am 2
6.
Februar 2020 seinen Praktikumsvertrag aus ge
sund
heitlichen Gründen (
Urk.
7/82).
1.2
Mit Verfügung vom
9.
April 2020 s
prach die Suva dem Versicherten ausgehend von einer Erwerbsunfähigkeit von 23
%
eine Invalidenrente zu, neben einer Inte
gritätsentschädigung bei einer Integritätseinbusse von 10
%
(
Urk.
7/90). Mit Ver
fügung vom 2
9.
April 2020 informierte die IV-Stelle über den Abbruch der beruf
lichen Massnahmen (
Urk.
7/91). Mit Vorbescheid vom 2
4.
September 2020 stellte sie die Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht (
Urk.
7/108) und hielt an dieser Einschätzung mit Verfügung vom 1
2.
November 2020 fest (
Urk.
7/117 =
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob der Vertreter des Versicherten am 1
0.
Dezember 2020 Beschwerde und beantragte, es sei dem Beschwerdeführer spätestens ab März 2018 min
des
tens eine
Viertelsrente
auszurichten, eventualiter sei die Angelegenheit zur wei
teren medizinischen Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen; alles
unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegnerin (
Urk.
1
S. 2).
Mit Beschwerdeantwort vom 2
5.
Januar 2021 beantragte die Beschwerdegegnerin unter Hinweis auf die Verfahrensakten die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6), was dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 2
7.
Januar 2021 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
8).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil
des Sozialversicherungsrechts; ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines aner
kannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.4
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei aus
geglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), in Bezie
hung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht in
valid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
). Der Einkommensver
gleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegen
über
gestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditäts
grad bestimmen lässt (sog. allgemeine Methode des Einkommensvergleichs; BGE 130 V 343 E. 3.4.2, 128 V 29 E. 1).
1.5
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Be
schwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
be
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
Das Gericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine zuverlässige Beurteilung des stritti
gen Leistungsanspruches gestatten. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztbe
richtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berück
sichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Dar
legung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizi
nischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten be
gründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c, je mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene Verfügung damit, dass
dem Beschwerdeführer die Belastungen in der angestammten Tätigkeit als Schreiner
nicht mehr zuzumuten seien; demgegenüber sei in einer angepassten Tätigkeit weiterhin von einer
vollständigen
Arbeitsfähigkeit auszugehen. Die psychischen Einschränkungen seien nicht IV-relevant, insbesondere seien die psychosozialen Belastungsfaktoren im Rahmen der Invaliditätsbemessung nicht zu berücksich
tigen; zudem sei es dem Beschwerdeführer möglich gewesen, ab August 2020 eine Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt zu finden (
Urk.
2).
2.2
Demgegenüber machte der Vertreter des Beschwerdeführers im Wesentlichen geltend, dass die Suva für die reinen Unfallfolgen von einem Invaliditätsgrad von 23
%
ausgehe. Daneben sei aber unbestritten, dass der Beschwerdeführer
an wei
te
ren Beschwerden leide, wobei die depressive Störung von der Beschwerde
geg
nerin als nicht relevant angesehen worden sei (
Urk.
1 S. 4). Gestützt auf eine Aktenbeurteilung
des regionalen ärztlichen Dienstes (RAD)
habe diese in der Folge einen tieferen IV-Grad als die Suva errechnet; auf die entsprechende ver
sicherungsinterne Abklärung könne vorliegend nicht abge
stellt werden (S. 5 f.). Zuletzt sei
zu berücksichtigen, dass die Umschulung aus gesundheitlichen Grün
den nicht erfolgreich habe abgeschlossen werden können
(S. 6).
3.
3.1
Dr.
med.
Y._
, Fachärztin für Chirurgie, diagnostizierte
anlässlich ihrer kreis
ärztlichen Untersuchung vom
8.
Juni 2018 eine chronische
Lumboischialgie
bei Status nach Deckplattenimpressionsfraktur LWK2 nach Motorradunfall vom 2
4.
Juli 201
5.
Als unfallfremd seien die folgenden Diagnosen anzusehen:
-
Bandscheibendegeneration L4/5 und
Spondylolisthesis
L5/S1 Grad 1 nach
Meyerding
mit Bandscheibendegeneration,
Spondylolyse
L5 bei
d
seits
-
Coxarthrose
beidseits (Angaben des Versicherten)
-
Schulters
chmerzen beidseits (gemäss Herrn X._
entzündungsbedingt)
Bei der heutigen klinischen Untersuchung habe sich eine Bewegungsein
schrän
kung der Lendenwirbelsäule in sämtliche Richtungen sowie eine Bewegungsein
schränkung der Schulter- und Hüftgelenke beidseits ergeben. Bezüglich der LWK2-Fraktur liege ein stabiler Endzustand vor; eine Einschränkung in der an
gestammten Tätigkeit als Schreiner sei nachvollziehbar. In einer leichten bis mittel
schweren, wechselbelastenden Tätigkeit, ohne Zwangshaltungen für die Wirbelsäule, ohne nach vorn gebeugte Tätigkeiten oder repetitive Erschütte
rungen der Wirbelsäule, sei von einer ganztägigen Arbeitsfähigkeit auszugehen (
Urk.
7/29 S. 6 f.).
3.2
Aufgrund der beidseitig bestehenden Schulterbeschwerden führte Prof.
Dr.
med.
Z._
(Sonografie-Institut
A._
) am 2
3.
November 2018 eine
sonografische
Untersuchung beider Schultern durch. Dabei stellte er eine Bursitis
subacromialis
links mehr als rechts bei persistierender, umschriebener Verkal
kung von rund 1 cm Grösse in der linke
n
Supraspinatussehne
fest; weiter eine AC-Gele
nks-Arthrose rechts. Therapeutis
ch wurde eine
subacromiale
Infiltration an der linken Schulter durchgeführt (
Urk.
7/95/15).
3.3
Dr.
med.
B._
, leitender Arzt Orthopädie an der Klinik
C._
, diagnostizierte in seinem Bericht vom 1
2.
November 2019 einen Status nach diagnostisch-the
rapeutischer Schulterarthroskopie links mit
Bu
r
sektomie
,
Akromioplastik
, Eröff
nen des Kalkherdes und
Kalkd
é
brid
e
ment
vom 1
2.
September 2019 mit/bei chro
ni
schem
Impingement
-Syndrom der linken Schulter bei Tendini
ti
s
calcarea
.
Bis auf eine leichtgradige Resteinschränkung der endphasigen Bewegungen für die Abduktion und Innenrotation zeige sich eine nahezu freie Schulterfunktion im Vergleich zur rechten Seite. Er empfehle die Fortsetzung der Physiotherapie (
Urk.
7/95/9).
3.4
Dr.
med.
D._
, Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin, ging in seinem Bericht vom
5.
Juni 2020 von den folgenden Diagnosen aus:
-
Chronische
Lumboischialgie
bei Status nach Deckplattenimpressions
frak
tur LWK2 nach Motorradunfall 24.7.2015
-
Bandscheibendegeneration L4/5 und
Spondylolisthesis
Grad 1, Band
scheibendegeneration,
Spondylo
ly
se
L5 beidseits
-
Schulterschmerzen beidseits bei rezidivierender Bursitis, Verkalkung linke
Supraspinatussehne
, AC-Gelenk-Arthrose rechts
-
Schulterarthroskopie links
Bu
rsektomie
,
Akromioplastik
-
F
33.0
-
Coxarthrose
beidseits
Der Beschwerdeführer stehe bei ihm seit dem 1
6.
Juni 2018 in Behandlung. Der Unfall vom 2
4.
Juli 2015 habe zu persistierenden Beschwerden im Bereich der Lendenwirbelsäule geführt. Die körperliche Belastbarkeit habe deutlich abge
nom
men, auch hätten die Beschwerden an beiden Schultern sowie an beiden Hüft
gelenken im Verlauf zugenommen, wobei die Operation an der linken Schulter am 1
2.
September 2019 eine Verbesserung gebracht habe. Weiter hätten die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Umschulung zu einer depressiven Entwicklung geführt (
Urk.
7/95/2-3).
3.5
Dr.
med.
E._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, diagnos
tizierte in seinem Bericht vom 2
6.
Juni 2020
eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41) sowie eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode (ICD-10 F33.0).
Seit August 2019 sei es
neben der chronis
chen Schmerzstörung zu einem Burnout gekommen mit zunehmenden Erschöpfungsgefühlen, Stimmungsschwankungen und Müdigkeit. Der Beschwerdeführer sei erstmals am 2
4.
September 2019 in seine Behandlung gekommen. Durch eine medikamentöse Behandlung h
ätten
der Antrieb und die depressive Stimmung verbessert werden können, nicht aber das Erschöpfungsgefühl sowie die schnelle Ermüdbarkeit. Daher sei die Umschulungs
massnahme beendet worden bei Anmeldung beim RAV für eine angepasste Tätig
keit im Umfang von 50
%
. Seit August 2020 habe der Beschwerdeführer eine Arbeitsstelle als Klassenassistent in einer Oberstufe für 12 Stunden in der Woche. Ab
7.
Januar 2020 sei bis auf Weiteres von einer Arbeitsunfähigkeit von 50
%
auszugehen (
Urk.
7/96).
3.6
In seinem Schreiben vom 1
7.
Juli 2020 führte
Dr.
E._
aus, dass
der Be
schwerdeführer bei ihm seit Mai 2020 in monatlicher ambulanter Behandlung stehe; eine Intensivierung sei aktuell nicht indiziert, da der Beschwerdeführer durch seine Anstellung zu 25
%
als Lehrerassistent gut motiviert und der weitere Verlauf abzuwarten sei (
Urk.
7/101).
3.7
Pract
. med.
F._
, Facharzt für Arbeitsmedizin (RAD), ging in seiner versi
cherungsmedizinischen Stellungnahme
vom 2
4.
Juli
2020
von den folgenden Diagnosen mit dauerhafter Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit aus:
-
Motorradunfall 7/2015 mit LWK2-Fraktur
-
Bandscheibendegeneration L4/5,
Spondylolisthesis
L5/S1
-
Coxarthrose
beidseits
-
Schulterschmerzen beidseits (siehe auch kreisärztliche Untersuchung vom 8.6.2018)
-
Schulterarthrosk
opie links 9/2019 (siehe auch Abklärungsbericht
Klinik C._
vom 12.11.2019)
-
Chronische Schmerzstörung F
45.41
Ohne dauerhafte Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
bleibe eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode ICD-10 F33.
0.
Die körperlich schwere Tätigkeit als Schreiner übersteige seit dem Unfall die körperliche Belast
barkeit des Beschwerdeführers. In einer körperlich angepassten Tätigkeit sei nicht von einer wesentlichen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit auszugehen. Der Be
schwerdeführer leide zudem lediglich an einer leichten depressiven Störung, welche keine wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit nach sich ziehe. Aus versicherungsmedizinischer Sicht würden sich keine Hinweise ergeben, dass der Beschwerdeführer die berufliche Massnahme aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen habe, vielmehr habe er die Prüfung nicht bestanden. Trotzdem sei er in der Lage gewesen
,
ab August 2020 eine Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt zu finden. Insgesamt sei von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit mit folgendem Belas
tungsprofil auszugehen: Körperlich leichte bis max
imal
mittelschwere, wechsel
be
lastende Tätigkeit, ohne Zwangshaltungen für die Wirbelsäule, ohne Tätigkei
ten in nach vorne gebeugter Haltung, keine repetitiven Erschütterungen für die Wirbelsäule, keine Tätigkeiten über Schulterhöhe (
Urk.
7/110 S. 5 f.).
4.
4.1
Vorliegend unbestritten ist, dass der Beschwerdeführer seit dem Unfall vom 2
4.
Juli 2015 an persistierenden Rückenbeschwerden leidet, welche in der Folge in der angestammten Tätigkeit zu einer nachhaltigen Einschränkung der Leis
tungs
fähigkeit geführt haben, sodass der Beschwerdeführer auf eine angepasste Tätigkeit angewiesen ist.
Aufgrund der Anmeldung zum Leistungsbezug am 1
4.
Oktober 2017 ergibt sich ein früh
e
stmöglicher Rentenbeginn per
1.
April 2018
(
Art.
29
Abs.
1 IVG)
. Bei der Würdigung der medizinischen Akten ist dabei darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdegegnerin auf
eine
eigene Untersuchung
des Be
schwerdeführers
verzichtet hat und sich die Leistungsabweisung im Wesentli
chen auf die RAD-Aktenbeurteilung vom 2
4.
Juli 2020 stützt.
4.2
Festzuhalten ist
sodann
, dass
d
en Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärztinnen und Ärzte nach der Rechtsprechung Beweiswert zu
kommt
, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchs
frei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 134 V 231 E. 5.1 mit Hinweis auf BGE 125 V 351 E. 3b/
bb
/
ee
). Trotz dieser grundsätzlichen Beweiseignung kommt den Berichten versicherungsinterner medizinischer Fach
personen praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft zu wie einem gerichtlichen oder im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger veranlassten Gut
achten unabhängiger Sachverständiger. Soll ein Versicherungsfall ohne Ein
ho
lung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Be
weis
würdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Fest
stellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 139 V 225 E. 5.2; 135 V 465 E. 4.4 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts 8C_348/2016 vom 9. Dezember 2016 E. 2.4).
4.3
Die letzte etwas umfassendere Abklärung
des Gesundheitszustands des Be
schwerdeführers fand
gemäss den vorliegenden Akten
im Rahmen der
kreis
ärzt
liche
n
Untersuchung vom
8.
Juni 2018
statt
, wobei sich diese
schwerpunktmässig
mit der
unfallkausale
n
LWK2-Fraktur
befasste
. Bezüglich der schon dannzumal bestehenden Schulter- und Hüftbeschwerden ist die medizinische Aktenlage,
insbesondere wa
s
den Verlauf der Beschwerden betrifft
,
äusserst dünn. Vor diesem
Hintergrund sind hohe Anforderungen an die Schlüssigkeit und Nachvollzieh
barkeit der massgebenden RAD-Aktenbeurteilung zu stellen. Diese vermag den Beweisanforderungen aber in verschied
ener Hinsicht nicht zu genügen, sodass zumindest geringe Zweifel an der erfolgten Einschätzung der Sachlage gegeben sind.
So führt
Dr.
F._
aus, dass keine Hinweise für einen Ab
bruch der be
ruflichen Massnahme
aus gesundheitlichen Gründen gegeben seien (
Urk.
7/110 S. 6). Dies
e Auffassung steht im Widerspruch zur Aktenlage
.
D
er Beschwerde
führer
nahm
die psychotherapeutische Behandlung am 2
4.
September 2019 auf, nachdem er bereits seit August 2019 an
Burnout-Symptomen gelitten ha
ben soll
; zu berücksichtigen ist daneben auch, dass die Schulteroperation links am 1
2.
September 2019 stattfand, sodass auch in dieser Hinsicht von einer gesund
heitlichen Belastungssituation auszugehen
war
. Weiter wies der Be
schwerde
füh
rer auch in der Kündigung des Praktikumsvertrages am 2
6.
Februar 2020 auf gesundheitliche Gründe hin (
Urk.
7/82).
Den echtzeitlichen Ausführungen von
Dr.
E._
ist dabei eindeutig zu entnehmen, dass die Beendigung der Umschu
lung gesundheitliche Gründe hatte.
Weiter vermag die RAD-Aktenbeurteilung auch hinsichtlich des Verlaufs der Beschwerden nicht zu überzeugen. Entspre
chend der hausärztlichen Beurteilung (vgl. E. 3.4) ist dabei im Verlauf ab Juni 2018 von einer stetigen Zunahme der Beschwerden auszugehen; die Zunahme der Schulterprobleme links w
ird
dabei auch durch die Infiltration im November 2018 sowie die Operation am 1
2.
September 2019 belegt. Auch bezüglich des Verlaufs der psychischen Beschwerden wird die RAD-Aktenbeurteilung dem Verlauf seit August 2019 nicht gerecht. So fehlt eine Auseinandersetzung mit der Einschät
zung von
Dr.
E._
, insbesondere in der Zeit von August 2019 bis Mai 202
0.
Auch kann
aufgrund des
Umstands, dass es dem Beschwerdeführer gelang,
auf dem freien Arbeitsmarkt
eine Teilzeittätigkeit
als Klassenassistent zu finden,
nicht per se auf eine vollständige Arbeitsfähigkeit geschlossen werden (vgl.
Urk.
7/110 S. 6).
Sein
Pensum
in der Schule
beträgt rund 25
%
, wobei
Dr.
E._
bis auf Weiteres von einer Arbeitsfähigkeit von 50
%
ausgeht
(vgl. E. 3.5 f.). Zuletzt ist anzumerken, dass der Beschwerdeführer mittlerweile an einer Vielzahl von körperlichen Beschwerden leidet, wobei er zuletzt auch in psychischer Hinsicht an eine Belastungsgrenze gekommen ist.
Dem Erfordernis e
iner umfassenden Ein
schätzung der Leistungsfähigkeit vermag
die vorliegende
reine Aktenbeurteilung nicht zu genügen.
Insgesamt ist für die schlüssige Beurteilung der Gesamtsituation, insbesondere auch des Verlaufs der Beschwerden seit dem
1.
April 2018 (früh
e
stmöglicher Ren
tenbeginn) eine polydisziplinäre
,
den Grundsätzen von BGE 141 V 281 entspre
chende
Abklärung des Beschwerdeführers unumgänglich. Dazu ist
die
Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
5.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 800.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Die Rückweisung einer Sache kommt einem Obsiegen des Beschwerdeführers gleich
. Ausgangsgemäss ist die Beschwerdegegnerin demnach zu verpflichten,
dem Beschwerdeführer eine angemessene Prozessentschädigung zu bezahlen, wel
che in Anwendung von
Art.
61
lit
. g ATSG, namentlich unter Berück
sich
tigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses auf
Fr.
2’000.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.