Decision ID: b4074188-c857-490e-a96a-0fd3ccef04dc
Year: 2014
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 24.01.2014 Art. 53 Abs. 1 ATSG. Das vorgelegte psychiatrische Gutachten - erstellt in Kenntnis von Unterlagen aus einer Observation - bietet keine ausreichende Grundlage zur Beurteilung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers zum Begutachtungszeitpunkt, es vermag auch nicht gegen die früheren medizinischen Einschätzungen anzukommen. Indessen ist ergänzend abzuklären, ob sich allenfalls eine erhebliche Veränderung des Sachverhalts eingestellt habe, die nach einer Anpassung im Sinn von Art. 17 ATSG verlangt (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 24. Januar 2014, IV 2012/349 und IV 2012/350).
Entscheid Versicherungsgericht, 24.01.2014
Präsidentin Karin Huber-Studerus, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und
Marie-Theres Rüegg Haltinner; Gerichtsschreiberin Fides Hautle
Entscheid vom 24. Januar 2014
in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwältin Dr. iur. Monika Brenner, Paradiesstrasse 4,
9030 Abtwil SG,
gegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rentenrevision (Einstellung) und unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Ver
waltungsverfahren
Sachverhalt:
A.
A._ meldete sich am 1. September 1998 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an und beantragte eine Rente. Er sei Automonteur und in einer
Garage angestellt. Seit dem 14. Mai 1997 leide er an einer schweren Depression. Er
könne nicht mehr richtig Auskunft geben (IV-act. 1). - Dr. med. B._, Facharzt FMH für
Allgemeinmedizin, bezeichnete in einem IV-Arztbericht vom 28. Oktober 1998 (IV-
act. 7) als Diagnosen: einen St. n. Verkehrsunfall am 14.12.94 mit HWS-Distorsion und
St. n. Verkehrsunfall am 14.05.97 mit Verdacht auf Commotio cerebri und Verdacht auf
HWS-Distorsion, eine schwere kognitive Beeinträchtigung und eine schwere
chronische Depression. Nach der Kollision von 1994 seien hartnäckige Beschwerden
im Bereich der HWS aufgetreten, die aber wieder verschwunden seien. Nach dem
Zusammenstoss als Mofa-Fahrer mit einem Lieferwagen im Mai 1997 sei der
Versicherte für einen Tag auf der Klinik für Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen
hospitalisiert gewesen. Es sei danach zu primär zervikalen, dann zunehmend auch
cephalen Beschwerden gekommen, ausserdem zu ausgeprägten Konzentrations- und
Gedächtnisstörungen. Der Versicherte sei immer mehr abwesend gewesen, habe seine
Arbeit nicht mehr leisten können und falsch gemacht und habe schliesslich entlassen
werden müssen. Bei der klinischen Untersuchung habe zunehmend eine Einengung
bestanden; man habe das Gefühl, man werde gar nicht mehr verstanden. Auch wenn er
(der Arzt) ihn auf der Strasse sehe, stehe er zum Beispiel an einer Ecke, schaue
verloren vor sich hin und reagiere kaum auf Ansprache. Er sei nicht mehr lebenstüchtig.
Die ausgedehnten neurologischen und neuropsychologischen Abklärungen hätten nicht
zu einer Besserung der Symptomatik geführt. Er habe ihn nun beim
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sozialpsychiatrischen Dienst angemeldet. Vom 14. bis 19. Mai 1997 sei der Versicherte
voll und hernach bis 25. November 1997 zu 50 % arbeitsunfähig gewesen. Seither sei
er wiederum zu 100 % arbeitsunfähig. In dem beigelegten Schreiben vom
29. September 1998 hatte der Arzt die Reha-Klinik C._ um eine konsiliarische
Beurteilung ersucht, da bei keiner der umfangreichen Abklärungen eine strukturelle
Veränderung habe festgestellt werden können. - Dr. med. D._ gab im IV-Arztbericht
vom 13. November 1998 (IV-act. 8) unter Beilage eines Berichts an Dr. B._ vom
14. August 1998 an, der Versicherte sei voll arbeitsunfähig und benötige in erster Linie
eine psychiatrische Betreuung. Er leide an posttraumatischen Beschwerden,
vorwiegend Schmerzen im Kopf- und Nackenbereich, ausgeprägter depressiver
Entwicklung und einer kognitiven Funktionsstörung bei St. n. zweitem Verkehrsunfall
am 14.05.1997. Weitere medizinische Abklärungen seien nicht sinnvoll. - Die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen hatte die
Unfallversicherungsakten eingeholt (IV-act. 2). Diesen hatte sich unter anderem
entnehmen lassen, dass nach dem ersten Unfall von 1994 ein depressives
Zustandsbild und eine Neurotisierungstendenz festgestellt worden waren (vgl. UV-
act. 152). Der Arbeitgeber hatte am 13. März 1995 berichtet, er erkenne den
Versicherten nicht mehr wieder, er habe nun eine ganz andere Persönlichkeit (UV-
act. 143). Dr. med. E._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, hatte am 19. April 1995
mitgeteilt, der Versicherte sei zunächst sehr verschlossen, zittrig, kompliziert wirkend
und sich umständlich benehmend in die Praxis gekommen. Den Kopf behalte er auch
jetzt noch in stetiger Inklinationsstellung. Aufgrund der demonstrativen Umständlichkeit
vermittle er nonverbal eine gewichtige psychische Begleitkomponente. Das sei
sicherlich auch eine kulturell bedingte Schmerzäusserung. Nach fünf bis sechs
manuellen Behandlungen sehe er nun viel besser aus, sei umgänglicher geworden und
sage selbst, dass sich die Kopfschmerzen um die Hälfte gebessert hätten. Er arbeite
seit dem 13. April 1995 zu 25 % und seit dem 19. April 1995 wieder zu 50 %. Der
Versicherte habe einige HWS-Dysfunktionen nebst einer offensichtlichen Überlagerung
(UV-act. 131; vgl. Ärzte-Shopping, auch UV-act. 137). Die Klinik für Neurochirurgie am
Kantonsspital St. Gallen hatte am 1. Mai 1995 erklärt, da die geschilderte Symptomatik
nicht mit bildgebendem Verfahren objektiviert werden könne, müsse den subjektiven
Angaben Gewicht gegeben werden (UV-act. 126). Im Juli 1995 war berichtet worden,
der Versicherte habe sich nun integrationswillig gezeigt (UV-act. 123). Er hatte im Mai
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1995 geheiratet (IV-act. 1-1). Der Arbeitgeber hatte am 12. Juli 1995 berichtet, der
Versicherte habe sich in den letzten zwei Wochen erneut verändert. Sein Arbeitseinsatz
sei wie früher; es sei ein Rätsel (UV-act. 122). Der Versicherte selber hatte angegeben,
er habe erfreuliche Fortschritte erzielen können. Die Behandlung durch Dr. E._ zahle
sich nun aus. Die Beschwerden seien von Tag zu Tag unterschiedlich und hielten sich
nun in erträglichem Rahmen (UV-act. 121). Im März 1996 hatte die letzte Behandlung
bei Dr. E._ stattgefunden (vgl. UV-act. 112). Der UV-Kreisarzt hatte nach dem
zweiten Unfall dann am 1. September 1997 angegeben, nach dem zweiten Unfall habe
sich ein ähnliches Bild, etwas weniger ausgeprägt, gezeigt wie nach dem ersten. Der
Versicherte habe die Lehre abgebrochen (UV-act. 111). Dr. E._ hatte bestätigt, dass
die Situation etwas besser aussehe als nach dem ersten Unfall (UV-act. 71). Der
Arbeitgeber hatte am 10. Dezember 1997 berichtet, es sei ab November 1997 von
voller Arbeitsunfähigkeit auszugehen. Der Versicherte sei teilweise völlig abwesend. So
schlecht sei sein Gesundheitszustand noch nie gewesen. Er habe bei einem Fahrzeug
einen Motorenschaden verursacht, sei auch schon mit dem Kopf gegen einen Pfosten
gestossen, habe im Betrieb auch schon erbrechen müssen und man habe ihm
angesehen, dass es ihm miserabel gegangen sei. Vom Autofahren habe er ihm
abgeraten, denn ein Kollege habe ihm einmal als Beifahrer gerade noch das Steuer
herumreissen können, als er mit dem Wagen über die Fahrbahn hinaus geraten sei. Vor
den Unfällen sei er ein guter und zuverlässiger Mitarbeiter gewesen (UV-act. 62). Der
Praktische Arzt F._ hatte am 6. Februar 1998 von ausgeprägten
neuropsychologischen Defiziten (Hirnleistungsschwächen), hoch verdächtig auf
contusionelle Genese, berichtet. Das Ausmass der allenfalls zusätzlich bestehenden,
damit interferierenden psychogenen Überlagerung abzuschätzen, sei bis anhin nicht
sicher möglich gewesen. Nicht selten seien ja depressive Symptome und
charakterliche Auffälligkeiten Folgeerscheinungen komplexer neuropsychologischer
Defizite (UV-act. 55 ff.). Dr. B._ hatte am 24. März 1998 berichtet, es gehe dem
Versicherten zunehmend schlechter. Er (der Arzt) könne nicht mehr zuschauen und
habe Prothiaden eingesetzt (UV-act. 47). Die Klinik für Neurologie am Kantonsspital
St. Gallen hatte am 25. März 1998 festgehalten, es hätten bei verschiedenen
Abklärungen keine sicheren Korrelate mit dem seit Mai 1997 eindrücklichen klinischen
Zustandsbild gefunden werden können. Im Vordergrund stünden wiederum der hohe
Leidensdruck, Verzweiflung, psychomotorische Verlangsamung, ausgeprägte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen, leichte Reizbarkeit, eine etwas mürrisch-
vorwurfsvolle Haltung, Lust- und Konzeptlosigkeit und total fehlende emotionale
Schwingungsfähigkeit. Gemäss der Beurteilung standen die Kopfschmerzen, die
psychomotorische Verlangsamung und die depressive Symptomatik im Vordergrund.
Das klinische Zustandsbild scheine massiv psychogen überlagert zu sein. Benannt
wurde eine somatoforme Schmerzstörung (UV-act. 44 f.). Dr. phil. G._, hatte am
20. April 1998 (UV-act. 39 ff.) erklärt, der Versicherte weise eine schwere kognitive
Beeinträchtigung, hauptsächlich psychogener Art, teilweise schmerzbedingt, auf. Eine
so geringe kognitive Gesamtleistungsfähigkeit sei in der Regel nur bei schwerst
hirngeschädigten Patienten oder tiefgehender psychischer Blockierung festzustellen,
bei der keine ausreichende Aufgabenzuwendung und Kooperationsbereitschaft mehr
möglich sei. Als Folgen der beiden Unfälle im Sinn einer hirnorganisch bedingten
Funktionsstörung würden sich die Befunde des Versicherten nicht erklären lassen. Sie
seien mit grosser Wahrscheinlichkeit zur Hauptsache als Auswirkung der psychischen
Dekompensation mit genereller Leistungsblockierung zu sehen. Arbeitsfähigkeit
bestehe zurzeit nicht. Der Versicherte sei eindeutig nicht fahrfähig. Der UV-Kreisarzt
hatte über die ärztliche Abschlussuntersuchung vom 26. August 1998 (UV-act. 25 ff.)
berichtet, nach zunächst guten Fortschritten anschliessend an den zweiten Unfall habe
die Heilung dann stagniert und es sei eine progrediente Verschlimmerung mit zuletzt
voller Arbeitsunfähigkeit eingetreten. Zunehmende psychisch-depressive Momente
seien in den Vordergrund getreten. Alle Abklärungen auf somatischer Ebene hätten
keine pathologischen Befunde erkennen lassen. Auffallend sei, dass der Versicherte im
Vergleich zur Voruntersuchung deutlich verlangsamt sei und dass sein sprachlicher
Ausdruck durch Stammeln und Stottern verändert sei. Die Unfallversicherung hatte die
Leistungen mit Verfügung vom 1. September 1998 (UV-act. 21 f.) eingestellt. - Am
28. Mai 1999 (IV-act. 20) teilte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle dem
Versicherten mit, die Unfallversicherung habe den massgebenden
Arbeitsunfähigkeitsgrad festzulegen, da die gesundheitlichen Beschwerden
unfallbedingt seien. Sie warte das Urteil des Versicherungsgerichts über den UV-
Einspracheentscheid ab. - Am 30. November 2000 (IV-act. 24) reichte das zuständige
Sozialamt die UV-Urteile des kantonalen Versicherungsgerichts vom 26. Januar 2000
und des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 23. Oktober 2000 ein und
ersuchte um Weiterführung des Verfahrens. - Dr. B._ gab am 22. Januar 2001 an, es
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
liege eine diskrete Besserung vor, denn mindestens könne man mit dem Versicherten
wieder sprechen und er könne seine Frustration und seine Beschwerden schildern. - In
einem Gutachten der Sozialpsychiatrischen Beratungsstelle (Dr. med. H._,
Psychiatrie und Psychotherapie FMH) vom 4. Oktober 2001 (IV-act. 32) wurde
festgehalten, dass gewisse Befunde und Beschwerden diagnostisch nicht
zufriedenstellend eingeordnet werden könnten. Rein deskriptiv sei zunächst eine
chronifizierte somatoforme Schmerzstörung zu diagnostizieren. Die depressive
Verstimmung sei so ausgeprägt, dass es gerechtfertigt erscheine, sie als andere
depressive Episode zu bezeichnen, da der ganze Krankheitsverlauf nicht demjenigen
einer typischen depressiven Erkrankung entspreche, sondern in enger Verbindung zu
den Unfällen und zur Schmerzstörung stehe. Die depressive Symptomatik könnte
wenigstens teilweise die erheblichen kognitiven Defizite erklären. Ebenso wenig sei der
Befund, dass der Versicherte trotz früher guter Deutschkenntnisse nun kaum mehr
deutsch spreche und verstehe, dadurch hinreichend zu erklären. Der Versicherte sei zu
100 % arbeitsunfähig. Er sei nur bedingt in der Lage, im Haushalt und bei der
Kindererziehung zu helfen. Auch wenn die depressive Symptomatik nach Angaben der
Familie nachgelassen habe, sei er noch in seinem Kontaktverhalten, der Aktivität, der
Kommunikationsfähigkeit, Merkfähigkeit und Ausdauer sowie allgemein kognitiv so
eingeschränkt, dass die Voraussetzungen einer beruflichen Wiedereingliederung nicht
gegeben seien. Es sei aber, da sich der Versicherte nach dem ersten Unfall wieder
habe auffangen können, nicht ausgeschlossen, dass auch diesmal - durch eine
Tagesstruktur (aus welcher er abends nach Hause zur Familie fahren könnte) und den
erneuten Versuch einer antidepressiven Therapie - eine Linderung der Symptomatik
bewirkt werden könnte. - Nach einem Vorbescheid vom 5. November 2001 sprach die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle dem Versicherten mit Verfügung vom 24. Januar
2002 (IV-act. 37) ab 1. Mai 1998 eine ganze Invalidenrente zu.
B.
Am 16. Mai 2006 nahm die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle ein
Anpassungsverfahren auf. Im Fragebogen für die Revision (IV-act. 45) gab der
Versicherte am 23. Mai 2006 an, die Kopfschmerzen seien gleich geblieben, in Bezug
auf Rückenschmerzen habe sich der Zustand verschlimmert. Dr. B._ gab am 30. Mai
2006 (IV-act. 48) an, er habe den Versicherten seit dem 11. Februar 2005 - damals
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wegen eines viralen Infekts - nicht mehr gesehen. In einem Arztzeugnis vom 29. Juni
2006 (IV-act. 49) teilte er mit, bei der Kontrolle am 26. Juni 2006 sei der Versicherte
sicher etwas offener und nahbarer gewesen als früher, insgesamt habe sich aber an
der Problematik nichts geändert. In der Folge blieb es (Mitteilung vom 28. November
2006, IV-act. 50) bei der unveränderten Rente.
C.
C.a Mit Schreiben vom 28. März 2008 (IV-act. 51) wandte sich Dr. B._ für den
Versicherten an die IV-Stelle und gab bekannt, dieser habe ihn am 26. März 2008 auf
gesucht und ihn gebeten, dafür zu schauen, dass er etwas arbeiten könnte. Der Ver
sicherte fühle sich besser. Er habe wirklich zugänglicher gewirkt, allerdings schlecht
fassbar, weil er nicht viel spreche und dabei stottere. Vielleicht wäre es aber möglich,
ihn in einer geschützten Atmosphäre wenigstens teilweise wieder in den Arbeitsprozess
zurückzuführen. Dafür ersuchte der Arzt um Hilfestellung. - Die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle antwortete am 2. April 2008 (IV-act. 52), berufliche
Massnahmen könnten nur zugesprochen werden, wenn sie sich rentenbeeinflussend
auswirkten. Der Versicherte solle sich an die I._ wenden. - Diese Beratungsstelle
ersuchte am 22. Mai 2008 (IV-act. 53) um Zustellung der Akten, da der Versicherte sie
mit verschiedenen Fragen aufgesucht habe.
C.b Am 9. September 2010 (IV-act. 59) offerierte die Sozialversicherungsanstalt/IV-
Stelle dem Versicherten, an einem Pilotprojekt teilzunehmen. Es werde ein Startkapital
ausgerichtet, wenn eine versicherte Person eine Beschäftigung aufnehme und sich in
der Folge die Invalidenrente reduziere.
D.
D.a Am 30. Dezember 2010 (IV-act. 60) ging bei der Sozialversicherungsanstalt/IV-
Stelle ein anonymer Hinweis ein, wonach (unter anderem) es viele Leute gebe, die IV-
Rentner seien, aber keine Krankheit hätten. Fast die ganze Familie des Versicherten
beziehe eine Invalidenrente der IV. Es sei zu fragen, weshalb.
D.b Ein IV-Arzt stellte sich am 28. Februar 2011 (IV-act. 61) auf den Standpunkt, es sei
etwas schwer nachvollziehbar, wie der Versicherte mit seinen ausgeprägten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
neuropsychologischen Defiziten nach dem Vorschlag der Gutachter abends aus der
Tagesklinik zu seiner Familie hätte fahren können sollen. Jegliche körperlichen Befunde
fehlten ausserdem. Eine relevante Depression sei ausgeschlossen worden. Es seien
gewisse invaliditätsfremde Ursachen zu bedenken. Die Unfälle seien zu einer Zeit
geschehen und hätten sich auf das Verhalten ausgewirkt, als der Versicherte seine
Familie gegründet habe. Solche biografischen Umstände würden im Allgemeinen die
Glaubwürdigkeit schwer fassbarer Leiden schmälern.
D.c Weil die Krankengeschichte Zweifel an der Glaubwürdigkeit der
Beschwerdeschilderung aufkommen lasse, die behandelnden Ärzte und die Gutachter
vorwiegend auf die Aussagen des Versicherten abstellen und sich in den Akten
Hinweise auf theatralisches Verhalten und mangelnde Compliance finden lassen
würden und weil bereits ein Hinweis aus dem Jahr 2007 vorliege, wonach der
Versicherte einer Tätigkeit nachgehe, sah die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle am
14. März 2011 (IV-act. 62) vor, eine Überwachung zu tätigen. - Gemäss dem
entsprechenden Bericht vom 4. April 2011 (IV-act. 65) hatte sich der Versicherte
während der Zeit vom 22. bis 31. März 2011 normal und ohne sichtbare körperliche
und psychische Einschränkungen bewegt, war stets zügigen Schrittes unterwegs
gewesen und hatte aufmerksam, körperlich fit und kontaktfreudig gewirkt. Er sei
mehrmals als Lenker seines Autos unterwegs gewesen. Er habe während zehn Minuten
allein einen Einkauf erledigt und an zwei andern Tagen einmal ein Behältnis und einmal
eine offensichtlich schwere Einkaufstasche getragen.
D.d Der IV-Arzt hielt am 12. April 2011 (IV-act. 66) fest, der Versicherte habe ein
Verhalten gezeigt, das gemäss dem Leistungsprofil in keiner Weise zu erwarten
gewesen wäre. Dass eines von drei Elementen einer depressiven Störung
(Antriebsstörung, Interesseverlust, fehlende affektive Ansprechbarkeit) vorliegen
könnte, lasse sich nicht andeutungsweise annehmen. Anhaltende schwere
neurokognitive Defizite seien ausnahmslos mit Gangstörungen verknüpft. Sie könnten
deshalb ausgeschlossen werden. Der Versicherte habe sich im Umgang mit Dritten
kommunikativ verhalten. Ein invalidisierender Hirnschaden habe nie vorgelegen. Es sei
möglich, dass sich der Gesundheitszustand des Versicherten verbessert habe. Es frage
sich, ob das zutreffe oder ob die Versicherung von Anfang an getäuscht worden sei.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
D.e In einem Fragebogen für die Revision der Invalidenrente gab der Versicherte
am 10. Mai 2011 (IV-act. 68) an, sein Gesundheitszustand sei gleich geblieben. -
Dr. med. J._, Innere Medizin FMH, bestätigte am 5. Juni 2011 (IV-act. 70), dass der
Gesundheitszustand stationär sei. In den letzten Monaten sei der Versicherte nur wenig
beurteilt worden. In der Kontrolle vom April 2011 sei er aufgrund des Todes seines
Vaters sehr distanziert und kaum nahbar gewesen.
D.f Am 16. Juni 2011 wurde der Versicherte zu einem Standortgespräch eingeladen.
Bei diesem Gespräch vom 6. Juli 2011 (IV-act. 74) gab er unter anderem zur Auskunft,
er habe immer Rückenschmerzen, manchmal seien sie sehr schlimm und manchmal sei
es erträglich. Er könne sich aber trotzdem bewegen. Der Arzt empfehle eine Operation,
aber es gebe keine Garantie. Neben den Rückenbeschwerden habe er manchmal
einen schweren Kopf; dieser sei dann irgendwie gross. Er habe auch manchmal
Kopfschmerzen, sei lustlos. Diese beiden Probleme (Rücken und Kopf) seien alles an
Beschwerden. Es gehe ihm an diesem Befragungstag gut, aber der Rücken schmerze.
Er könne gehen und habe keine Probleme mit Armen und Beinen. Beim Autofahren
fühle er sich sicher, wenn es ihm gut gehe, sonst nicht. Die Sozialversicherungsanstalt
habe er nach ein paar entsprechenden Erkundigungen gefunden. Er spreche immer mit
schwerer Zunge und stottere, nicht allein bei der Befragung. Er gehe unter anderem
jeweils spazieren und einkaufen oder im Restaurant mit Freunden Kaffee trinken. Sein
Hirn sei gut; er habe nur manchmal einen schweren Kopf. Er habe einen Führerschein
und könne schon Auto fahren. Es gehe ihm seit 2002 besser; er könne besser für sich
schauen. Auf den Brief von Dr. B._ vom 28. März 2008 angesprochen, erklärte der
Versicherte, er habe gedacht, es sei und werde besser, wenn er arbeite. Nach dem
Kontakt mit der I._ habe er einmal in L._ zu arbeiten versucht. Er könne und wolle
arbeiten, aber es wolle ihn niemand und es frage sich, wie er das machen könne, wenn
er die Schmerzen habe. Er würde gern etwas im Zusammenhang mit Autos arbeiten. -
In einem zweiten Teil des Gesprächs (IV-act. 75) antwortete der Versicherte, früher sei
es ihm schlecht gegangen. Es sei besser geworden; er habe nun weniger
Kopfschmerzen und nur noch manchmal (statt ständig) Schmerzen. Er gehe
gelegentlich in die Garage, in welcher er gearbeitet habe, und in eine andere Werkstatt
und Garage. Er habe an seinem Auto Verschiedenes repariert (Licht eingestellt, Öl und
Wasser und Reifen gewechselt, Bremsen geflickt) und oft mit einem Garagisten Kaffee
getrunken. Seinem O._ habe er am P._-Stand geholfen. Er sei nicht langsam (im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sprechen). - In einer Gesprächsnotiz hielt der Befragende fest, der Versicherte habe
zunächst unsicher und unkonzentriert gewirkt und habe statt des verlangten Passes
den Führerausweis gezeigt. Beim Gespräch habe er meist verlangsamt gewirkt, habe
Verständnisprobleme gehabt, sich die Fragen erklären lassen. Er habe langsam, mit
Stottern und schwerer Zunge gesprochen. Oft habe er abwesend gewirkt. Er habe
zunächst bestätigt, dass er sich selber als verlangsamt wahrnehme. Nach Vorhalt des
Observationsergebnisses habe er plötzlich bestritten, verlangsamt zu sein. Er habe
präsenter gewirkt und deutlich zügiger geredet. Beim Begleiten zum Lift nach dem
Gespräch habe sich der Versicherte wieder deutlich behäbiger als auf den
Videoaufnahmen gegeben.
D.g Der IV-Arzt stellte sich am 13. Juli 2011 (IV-act. 77) auf den Standpunkt, das
Protokoll bestätige die bisherigen Zweifel am Vorliegen einer Invalidität. Es sei aber
nicht geeignet, die Frage einer psychischen Störung zu klären und insbesondere nicht,
die Resultate der neuropsychologischen Untersuchung von 1998 zu widerlegen. Diese
Untersuchung sei vermutlich Ursache einer Fehleinschätzung gewesen. Es seien
psychiatrische Abklärungen zu veranlassen.
D.h In einem Gutachten vom 14. Januar 2012 (IV-act. 83) bezeichnete Dr. med. K._,
Eidg. Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, als Diagnose eine Simulation.
Hierfür würden die Ausgangssituation, der Verlauf, das Verhalten des Versicherten und
die aktuellen Befunde sprechen. Es sei davon auszugehen, dass der Versicherte seit
den Unfällen nie aus psychiatrischer Sicht arbeitsunfähig gewesen sei. Die im
Gutachten von 2001 attestierte Arbeitsunfähigkeit habe auf dem Vortäuschen einer
psychischen Störung basiert; sie sei falsch gewesen. Die Willensanstrengung, von den
grotesk dargestellten Beschwerden und dem Krankheitsgewinn abzusehen und im
ersten Arbeitsmarkt Fuss zu fassen, sei dem Versicherten voll zumutbar. Es dürfte ihm
aber angesichts der hohen Rentenleistungen der wirtschaftliche Anreiz dazu fehlen.
D.i Der IV-Arzt hielt am 15. Februar 2012 (IV-act. 84) dafür, das Verhalten des Ver
sicherten bei der Untersuchung und die klinische Prüfung von Kognition und
Gedächtnis seien zum klinischen Gesamteindruck und den Ergebnissen der
Observation so inkonsistent gewesen, dass der Psychiater nur auf gezielte Täuschung
habe schliessen können. Die Einschränkungen seien mit einer kaum zu übertreffenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nonchalance vorgespielt worden. Bei dieser Evidenz könne man sich kurz fassen. Der
Versicherte habe mit der Naivität der Ärzte spekuliert und arbeitsfreie Zahlungen
gewonnen und er sehe wenig Grund, daran etwas zu ändern.
D.j Mit Verfügung vom 27. Februar 2012 (IV-act. 85) stellte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen die Rente des Versicherten
ab sofort vorsorglich ein. Die Rechtmässigkeit der Verfügung vom 24. Januar 2002
werde geprüft und diese möglicherweise aufgehoben werden. Die konkreten Umstände
würden auf einen unrechtmässigen Leistungsbezug schliessen lassen. Es sei davon
auszugehen, dass seit Langem eine Arbeitsfähigkeit vorliege (ein Beschwerdeverfahren
gegen diese Zwischenverfügung wurde am 16. Mai 2012 nach Rückzug
abgeschrieben, IV-act. 104).
D.k Dr. J._ wies am 13. März 2012 (IV-act. 89) auf das Schreiben seines Vorgängers
Dr. B._ und auf die Antwort der Verwaltung vom März 2008 hin. Es könne dem
Versicherten kaum eine betrügerische Absicht unterstellt werden. Dieser sei auch jetzt
nicht arbeitsunwillig. Eine Eingliederung wäre sinnvoller, als ihm kurzerhand die Rente
zu streichen.
D.l Mit Vorbescheid vom 8. Mai 2012 (IV-act. 96 f.) stellte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle dem Versicherten in Aussicht, die Verfügung vom
24. Januar 2002 aufzuheben, festzuhalten, dass er keinen Anspruch auf eine Rente
habe, und sich eine Rückforderung vorzubehalten. Die erste Rentenzusprache habe
sich auf die Beschwerdeschilderungen gestützt, die glaubwürdig erschienen seien. Die
neuen Erkenntnisse würden aber zeigen, dass er Einschränkungen vorspiele, die er
nicht habe. Es gebe keinen Grund zur Annahme, dies sei zurzeit der erstmaligen
Rentenprüfung anders gewesen. Er habe schon damals mit seinen Aussagen und
seinem Verhalten alle behandelnden Ärzte, die Gutachter und die IV-Stelle wissentlich
getäuscht, um so IV-Leistungen zu erlangen. Schon im März 1995 und im September
1997 seien seine schlechte Compliance und theatralisches Verhalten aufgefallen.
Immer wieder habe er massive Einschränkungen demonstriert und dieses Verhalten bis
anhin aufrechterhalten. Auch im neuen psychiatrischen Gutachten habe er sich als
leidende und kranke Person dargestellt. Er habe eine objektivierbare Befunderhebung
verunmöglicht. Es sei bewiesen, dass er der IV und den Gutachtern und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherungen mehrfach in wesentlichen Punkten falsche Angaben gemacht habe. Die
ursprüngliche Verfügung werde gestützt auf neue Tatsachen und Beweismittel
aufgehoben.
D.m Gegen den Vorbescheid wandte Rechtsanwältin Dr. iur. Monika Brenner am
18. Juni 2012 (IV-act. 109) für den Versicherten ein, der Versicherte habe sich während
den zehn beobachteten Tagesabläufen drei Mal aus dem Haus bewegt. Auch aktuell
leide der Versicherte noch an der schweren Depression, die sich mit den Jahren noch
verstärkt habe. Er verlasse deswegen über Tage hinweg die Wohnung nicht und
wechsle auch zuhause kein Wort. Aufgrund des Krankheitsbildes und der
grundsätzlichen intellektuellen Möglichkeiten habe er nur wenig Einsicht in die schwere
psychische Krankheit; er wolle diese nicht wahrhaben. Bei der Befragung sei der
Versicherte überfordert gewesen. Er habe seine Antworten zeitlich nicht differenziert.
Der O._ des Versicherten habe damals schon seit über zehn Jahren keinen N._-
Stand mehr gehabt und sei bereits seit einem Jahr tot gewesen (er sei erschossen
worden). Der Versicherte wäre schon intellektuell nicht in der Lage gewesen,
neuropsychologische Defizite vorzutäuschen. Die Diagnose einer Simulation sei nicht
nachvollziehbar. Die Untersuchungen seien ausserdem nicht unvoreingenommen
erfolgt. Die Renten seien ab März 2012 nachzuzahlen. Eventualiter seien dem
Versicherten, der seit vierzehn Jahren nicht mehr im Erwerbsleben gestanden habe,
Wiedereingliederungsmassnahmen zuzusprechen. Sofern die
Rechtsschutzversicherung die Kosten nicht übernehme, sei dem Versicherten die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung zu gewähren.
D.n Am 12. Juli 2012 (IV-act. 113) verfügte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle,
dass die Verfügung vom 24. Januar 2002 aufgehoben werde und der Versicherte
keinen Anspruch auf eine Rente habe. Eine Rückforderung zu viel ausbezahlter
Leistungen werde vorbehalten. Einer Beschwerde gegen die Verfügung werde die
aufschiebende Wirkung entzogen. Die ursprüngliche Entscheidbasis, nämlich die
Annahme glaubwürdiger Beschwerdeschilderungen, sei durch neue Tatsachen und
Beweismittel umgestossen worden. Der Versicherte habe durch die massiven
Übertreibungen die Entscheidfindung der IV in strafrechtlich relevanter Art zu seinen
Gunsten beeinflusst, so dass von einer deliktischen Herbeiführung des
Rentenanspruchs auszugehen sei. Auch unter diesem Aspekt sei die Korrektur der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ursprünglichen Verfügung angezeigt. Da der Versicherte in allen Hilfsarbeitertätigkeiten
voll arbeitsfähig sei, bestehe keine Einschränkung bei der Stellensuche. Für die
Arbeitsvermittlung sei das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zuständig. -
Gleichentags wies sie das Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung im
Verwaltungsverfahren ab. Diese sei nicht notwendig und das Verfahren aussichtslos.
Der Versicherte habe nachweislich falsche Angaben gemacht, um die Zusprechung
einer Rente zu erwirken. Ein solches Verhalten liege zumindest in der Nähe eines
strafrechtlich relevanten Verhaltens.
E.
Gegen die Verfügung vom 12. Juli 2012 betreffend Aufhebung des Rentenanspruchs
richtet sich die von der Rechtsvertreterin für den Betroffenen am 13. September 2012
erhobene Beschwerde (IV 2012/350). Die Rechtsvertreterin beantragt, die
angefochtene Verfügung sei aufzuheben. Die aufschiebende Wirkung der Beschwerde
sei wiederherzustellen und dem Beschwerdeführer sei die unentgeltliche Rechtspflege
zu gewähren. Die Beschwerdegegnerin habe die Rente mit sofortiger Wirkung
eingestellt, weil sie Anhaltspunkte für eine wesentliche Verbesserung des
Gesundheitszustands des Beschwerdeführers als gegeben erachte. Das könne nicht
nachvollzogen werden.
F.
Gegen die Verfügung vom 12. Juli 2012 betreffend die Abweisung des Gesuchs um
unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren richtet sich die von der
Rechtsvertreterin für den Betroffenen ebenfalls am 13. September 2012 erhobene
Beschwerde (IV 2012/349). Die Rechtsvertreterin beantragt, die angefochtene
Verfügung sei aufzuheben und die unentgeltliche Rechtspflege sei zu gewähren.
G.
In der Beschwerdeergänzung in beiden Verfahren vom 3. Januar 2013 wird eventualiter
beantragt, es seien dem Beschwerdeführer Wiedereingliederungsmassnahmen zu
gewähren. Der Beschwerdeführer werde seit dem 1. April 2012 sozialhilferechtlich
unterstützt; die Bedürftigkeit sei ausgewiesen. Die Beschwerdegegnerin widerspreche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sich, indem sie einerseits eine wesentliche Verbesserung des Gesundheitszustands
annehme, anderseits festhalte, es hätten von Anfang an keine invalidisierenden
Krankheitssymptome vorgelegen. Ein Teil des anonymen Hinweises sei abgedeckt
worden. Er richte sich aber auch gegen weitere Familienglieder. [....]. Es sei das
rechtliche Gehör zu gewähren. Während der Observierungszeit von zehn Tagen sei
nichts weiter festgestellt worden, als dass der Beschwerdeführer insgesamt drei Mal
ausser Haus gegangen und zum Einkaufen gefahren sei. Es sei nicht ersichtlich,
inwiefern sich aus den Beobachtungen etwas über den Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers ableiten lasse. Sogar der Observationsbericht habe festgehalten,
dass der Beschwerdeführer sich ansonsten fast ausschliesslich zu Hause aufgehalten
habe. Es habe sich ergeben, dass der Beschwerdeführer nicht in irgendwelchen
Garagen als Automechaniker tätig gewesen sei oder sei. Er wünsche aber seit Langem
von sich aus die Wiedereingliederung und habe - leider erfolglos - entsprechende
Versuche gestartet. Kleinere Arbeitsbemühungen müssten gestattet sein. Wenn der
Beschwerdeführer zwischen vier und sechs Mal im Jahr sein Auto selbst repariere, sei
das kein Grund, ihm seine Arbeitsunfähigkeit abzusprechen. Er leide immer noch - und
mit den Jahren verstärkt - an der somatoformen Schmerzstörung und der schweren
Depression, die 2001 diagnostiziert worden seien. Deswegen verlasse er über Tage die
Wohnung nicht. Anlässlich des Standortgesprächs sei der Beschwerdeführer
offensichtlich völlig überfordert gewesen. Er habe schon grammatikalisch nicht alle
Fragen verstanden; es hätte ein Übersetzer beigezogen werden müssen. Die von
Dr. K._ gestellte Diagnose sei nicht nachvollziehbar. Das Verfahren sei nicht
aussichtslos und der Beschwerdeführer sei nicht in der Lage, alle Argumente ohne
anwaltliche Vertretung vorzubringen.
H.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 6. Februar 2013 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der beiden Beschwerden. Die Verfügung sei gemäss den klaren

Erwägungen in prozessuale Revision gezogen (und nicht angepasst) worden. Es habe
gezeigt werden können, dass der Beschwerdeführer seine Leiden simuliere. Aufgrund
des spezifischen Krankheitsbildes könne ausserdem ausgeschlossen werden, dass
eine wesentliche Verbesserung seit dem 24. Januar 2002 eingetreten sei. Der
Beschwerdeführer habe zudem verschiedentlich einen Erwerb aufgenommen, ohne
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dies der IV zu melden. Sollte das Gericht wider Erwarten eine prozessuale Revision als
unzulässig betrachten, müsste die Rente wegen der Meldepflichtverletzungen dennoch
rückwirkend eingestellt werden. Eine Edition der vollständigen Denunziationen sei aus
datenschutzrechtlichen Überlegungen nicht möglich. Dritte betreffende Informationen
würden üblicherweise abgedeckt. Ausserdem sei die Information nur als Behauptung
entgegen genommen worden. Das rechtliche Gehör sei nicht verletzt worden. Die
Rechtsverbeiständung im Gerichtsverfahren sei nicht erforderlich gewesen; der
Beschwerdeführer hätte ebenso gut eine Kopie des Einwands einreichen können. Der
Beschwerdeführer habe deutlich schlechtere Prozessaussichten als sie (die
Beschwerdegegnerin). Ausserdem wäre ihm eine Rückzahlung höchst wahrscheinlich
nicht möglich. Sein Interesse daran, nicht zur Sozialhilfe gehen zu müssen, habe vor
demjenigen der Verwaltung, uneinbringliche Rückforderungen zu vermeiden,
zurückzutreten. Für eine Rückforderung könne die aufschiebende Wirkung zuerkannt
werden, nicht aber für die weiterhin zu erbringenden Leistungen.
I.
Mit Schreiben vom 12. März 2013 und vom 29. April 2013 ist die Rechtsvertreterin des
Beschwerdeführers darauf aufmerksam gemacht worden, dass das Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege nur gutgeheissen werden könnte, wenn das Gericht die
Bestätigung erhielte, dass der Gesuchsteller nicht über eine Rechtsschutzversicherung
verfüge, die für den Prozess beansprucht werden könnte, und dass die Bezahlung der
Rechtsvertreterin nicht durch eine Drittorganisation (Gewerkschaft o.ä.) erfolge. - Eine
Erklärung ist ausgeblieben. - Von der Möglichkeit, eine Replik einzureichen, hat die
Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers keinen Gebrauch gemacht.
Erwägungen:
1.
1.1 Mit der angefochtenen Verfügung vom 12. Juli 2012 (strittig im Verfahren
IV 2012/350) hat die Beschwerdegegnerin die Verfügung vom 24. Januar 2002 in
prozessuale Revision gezogen und aufgehoben und sie durch die Anordnung ersetzt,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dass der Beschwerdeführer keinen Rentenanspruch habe. Sie hat sich eine
Rückforderung vorbehalten.
1.2 Mit dem Entscheid in der Sache erübrigt sich eine förmliche Behandlung des
beschwerdeweise gestellten Antrags auf Wiederherstellung der aufschiebenden
Wirkung der Beschwerde IV 2012/350; dieser wird hinfällig.
2.
2.1 Formell rechtskräftige Verfügungen müssen in Revision gezogen werden, wenn
die versicherte Person oder der Versicherungsträger nach deren Erlass erhebliche neue
Tatsachen entdeckt oder Beweismittel auffindet, deren Beibringung zuvor nicht
möglich war (vgl. Art. 53 Abs. 1 ATSG). - In prozessuale Revision zu ziehen sind
Entscheide, die anfänglich unrichtig waren (vgl. Bundesgerichtsentscheid i/S B. vom
19. Januar 2007, I 522/06 E. 2.2 und 3.1).
2.2 Das erste Tatbestandselement betrifft die Konstellation, dass erhebliche
Tatsachen neu entdeckt werden. Die betreffende Tatsache muss zur Zeit der
Erstbeurteilung bereits bestanden haben. Bei der Entscheidfällung darf sie der um
Revision ersuchenden Person (oder der Verwaltung; Bundesgerichtsentscheid i/S S.
vom 10. August 2007, U 51/07) aber trotz hinreichender Sorgfalt nicht bekannt
gewesen, das heisst, sie muss unverschuldeterweise unbekannt geblieben sein (vgl.
Entscheid des Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S B. vom 18. September 2002,
I 183/02; I 522/06 E. 3.1.1; BGE 122 V 273 E. 4). Eine neue Tatsache ist nur dann im
Sinn von Art. 53 Abs. 1 ATSG erheblich, wenn sie die tatsächliche Grundlage der
Verfügung so zu ändern vermag, dass bei zutreffender rechtlicher Würdigung ein
anderer Entscheid resultiert (vgl. Bundesgerichtsentscheide i/S A. vom 8. Dezember
2011, 8C_434/11, und i/S L. vom 15. Februar 2010, 8C_720/09).
2.3 Die zweite Tatbestandskonstellation betrifft das Auffinden von Beweismitteln,
deren Beibringung zuvor nicht möglich war. Neue Beweismittel haben entweder dem
Beweis der die Revision begründenden neu entdeckten erheblichen Tatsachen oder
dem Beweis von Tatsachen zu dienen, die zwar ursprünglich schon bekannt gewesen,
zum Nachteil des Gesuchstellers (oder der Verwaltung) aber damals unbewiesen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
geblieben sind. Sollen bereits vorgebrachte Tatsachen mit neuen Mitteln bewiesen
werden, hat der Gesuchsteller auch darzutun, dass er die Beweismittel im früheren
Verfahren nicht beibringen konnte. Ausschlaggebend ist wiederum, dass das
Beweismittel nicht bloss der Sachverhaltswürdigung, sondern der
Sachverhaltsfeststellung dient. Es genügt daher nicht, dass beispielsweise ein neues
Gutachten den Sachverhalt anders wertet; vielmehr bedarf es neuer Elemente
tatsächlicher Natur, welche die Entscheidungsgrundlagen als objektiv mangelhaft
erscheinen lassen. Ein Revisionsgrund ist somit nicht schon gegeben, wenn die
Verwaltung oder das Gericht bereits im ursprünglichen Verfahren bekannt gewesene
Tatsachen möglicherweise unrichtig gewürdigt haben. Notwendig ist vielmehr, dass die
unrichtige Würdigung erfolgte, weil für den Entscheid wesentliche Tatsachen nicht
bekannt waren oder unbewiesen blieben (vgl. Bundesgerichtsentscheid 8C_720/09,
BGE 110 V 138).
2.4 Über den Wortlaut von Art. 53 Abs. 1 ATSG hinaus ist die Einwirkung durch
Verbrechen und Vergehen als prozessualer Revisionsgrund zu qualifizieren (vgl.
Bundesgerichtsentscheid i/S K. vom 20. Dezember 2011, 9C_690/11, diesbezüglich
den angefochtenen Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom
14. Juni 2011 bestätigend; vgl. U. Kieser, ATSG-Kommentar, 2. A. 2009, N 11 zu
Art. 53).
3.
3.1 Die Beschwerdegegnerin stützt ihre angefochtene Anordnung auf die Beweismittel
der Observation, der Befragung und eines in deren Kenntnis erstellten psychiatrischen
Gutachtens.
3.2 In BGE 137 I 327 hat das Bundesgericht festgehalten, auch im verfassungsrecht
lichen Persönlichkeitsschutz sei es ein wichtiges Element der Interessenabwägung,
dass eine Observation objektiv geboten sei. Es müssten also konkrete Anhaltspunkte
vorliegen, die Zweifel an den geäusserten gesundheitlichen Beschwerden oder der
geltend gemachten Arbeitsunfähigkeit aufkommen lassen würden. Das könne bei
spielsweise der Fall sein bei widersprüchlichem Verhalten der versicherten Person,
wenn Zweifel an deren Redlichkeit bestünden, bei Inkonsistenzen anlässlich der medi
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zinischen Untersuchung, bei Aggravation, Simulation oder Selbstschädigung. Konkret
genügten dort die Feststellung einer Tendenz zur Symptomausweitung und jene, dass
ein Schmerzsyndrom somatisch nur teilweise erklärt werden könne, sowie Hinweise auf
eine erhebliche Verdeutlichung und eine Selbstlimitierung mit zum Teil nicht
nachvollziehbarer Schmerzangabe. Ob auf diese Weise - da konkret fassbare Indizien
oder Verdachtsmomente auf bewusst widersprüchliches oder unredliches Verhalten
offenbar nicht verlangt werden - dem Umstand genügend Rechnung getragen wird,
dass eine Observation einen erheblichen Eingriff in die Grundrechte der versicherten
Person darstellt, erscheint gemäss einem Entscheid des Versicherungsgerichts des
Kantons St. Gallen i/S S. vom 22. Mai 2012, IV 2011/142, fraglich.
3.3 Vorliegend war bei der Beschwerdegegnerin ein anonymer Hinweis eingegangen,
wonach (sinngemäss) der Beschwerdeführer Rentner sei, aber keine Krankheit habe.
Im Jahr 2007 hatte bereits jemand angezeigt, der Beschwerdeführer gehe einer Arbeit
in einer Garage nach, und gefragt, wie einer bis mitten in der Nacht Karten spielen
könne, wenn er doch wegen Problemen mit dem Kopf invalid sei. Die
Beschwerdegegnerin betrachtete diese Hinweise als Anhaltspunkt dafür, dass es dem
Beschwerdeführer besser gehe, als er angebe. Die Krankengeschichte lasse Zweifel an
der Glaubwürdigkeit aufkommen. Es fänden sich zudem Hinweise auf theatralisches
Verhalten (vgl. UV-act. 146) und mangelnde Compliance. - Dass die
Beschwerdegegnerin den anonymen Hinweis zum Anlass nahm, den Sachverhalt
abzuklären, war nicht unangebracht. Abgesehen von der Pflicht zu regelmässigen
Revisionen war eine Prüfung, ob sich allenfalls erneut eine Verbesserung eingestellt
habe, angesichts der nach dem ersten Unfall erreichten Wiedereingliederung ohnehin
unerlässlich. Es trifft zu, dass ursprünglich von einer Stelle eine massive psychogene
Überlagerung (UV-act. 45) angenommen worden war. Strukturelle Veränderungen
hatten nicht gefunden werden können. Gemäss einem psychiatrischen Gutachten von
2001 hatten gewisse Beschwerden und Befunde diagnostisch nicht zufriedenstellend
eingeordnet werden können. Aus den Akten wird aber auch ersichtlich, dass der
behandelnde Arzt anlässlich der Revision 2006 (vier Jahre nach der
Rentenzusprechung) von einer leichten, aber nicht wesentlichen Verbesserung
berichtet hatte. Im Jahr 2008 hatte er die Beschwerdegegnerin um berufliche
Massnahmen für den Beschwerdeführer ersucht, weil dieser sich besser fühle. Der Arzt
hatte objektivierend erklärt, dieser habe tatsächlich zugänglicher gewirkt, doch sei er
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wenig fassbar geblieben, weil er nicht viel spreche und dabei stottere. Die
Beschwerdegegnerin hatte dem Beschwerdeführer daraufhin einen ablehnenden
Bescheid gegeben. Da der Arzt lediglich von der Möglichkeit einer Beschäftigung in
geschütztem Rahmen ausgegangen war, war das verständlich. Aus den Akten war
allerdings auch bekannt, dass der Beschwerdeführer bereits auf den ersten
Verkehrsunfall psychisch heftig reagiert, hernach die Arbeit aber wieder aufgenommen
hatte. Auch nach dem zweiten (Mofa-)Unfall ging er rasch wieder zur Arbeit, ab dem
27. November 1997 konnte sein Arbeitgeber dies aber wegen der Unzuverlässigkeit
des Beschwerdeführers nicht mehr verantworten (vgl. UV-act. 64). Wenn der anonyme
Hinweis bei der Beschwerdegegnerin Zweifel an der Begründetheit des Anspruchs auf
eine ganze Rente hervorrief, so hätte sie bei diesen Gegebenheiten die üblichen
erweiterten medizinischen Abklärungen zum Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers (im Hinblick auf eine allfällige Verbesserung, für welche es
Anzeichen gegeben hatte und die der Beschwerdeführer hatte melden lassen) einleiten
können. Weshalb von solchen medizinischen Abklärungen (ohne Observation)
prospektiv nicht genügend zuverlässige Auskünfte zu erwarten gewesen sein sollten,
ist nicht ersichtlich. Denn widersprüchliches Verhalten des Beschwerdeführers oder
Gründe für Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit waren aktenmässig nicht festzustellen.
Die Voraussetzungen zur Anordnung einer Überwachung waren demnach nicht erfüllt.
Aus dem Observationsergebnis lässt sich aber im Übrigen auch nichts Wesentliches
ableiten. Die Frage einer Verletzung des rechtlichen Gehörs kann ausserdem
dahingestellt bleiben.
4.
4.1 Die Beschwerdegegnerin hält dafür, es sei erwiesen, dass der Beschwerdeführer
der Versicherung und den Gutachtern mehrfach in wesentlichen Punkten falsche
Angaben gemacht habe. Die ursprüngliche Annahme glaubwürdiger
Beschwerdeschilderungen, die damals Entscheidbasis gebildet habe, sei umgestossen
worden. Auch im neuen psychiatrischen Gutachten habe er sich als leidende und
kranke Person dargestellt, obwohl die Beschwerden nicht vorlägen.
4.2 Der Beschwerdeführer hatte wie erwähnt im Jahr 2008 von sich aus von einer
(subjektiven) Verbesserung seines Zustands berichtet und um Unterstützung der IV bei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess ersucht. Wie von der
Beschwerdegegnerin angeraten, hat er sich in der Folge bei der I._ gemeldet. Bereits
auf erstes Befragen durch die Beschwerdegegnerin, nicht erst nach Kenntnisgabe von
den Observationsergebnissen, hat er bekannt gegeben, dass es ihm seit 2002 besser
gehe. Er habe gedacht, es sei und werde besser, wenn er arbeite. Nach dem Kontakt
mit der I._ habe er einmal in L._ zu arbeiten versucht. Er hat auch mitgeteilt, dass
er arbeiten könne und wolle. Allerdings wolle ihn niemand anstellen und es frage sich,
wie er das machen könne, wenn er die Schmerzen habe. Er würde gern etwas im
Zusammenhang mit Autos arbeiten. Diese Einschätzung des Beschwerdeführers
erscheint widerspruchsfrei. Der Beschwerdeführer hat ferner eingeräumt, dass er in
Garagen und Werkstätten Arbeiten an seinem eigenen Auto erledige und dass es
möglich sei, dass er im Gegenzug hierfür einem Garagisten auch schon beim
Reparieren anderer Autos geholfen habe. Dass er einer Erwerbstätigkeit nachgehe, hat
er aber verneint.
4.3 Der Beschwerdeführer bezeichnete sich bei der Befragung jedenfalls (wohl mit
Einschränkungen in Phasen stärkeren Schmerzes) als arbeitsfähig.
4.4 Aufgrund der Untersuchung vom November 2011 beschrieb Dr. K._ zum
Psychostatus unter anderem, der Beschwerdeführer sei in seiner Orientierung unsicher,
im formalen Denken äusserst verlangsamt und in der Gedächtnis- und
Konzentrationsfähigkeit sowie der Umstellungsfähigkeit im Denken so grob
beeinträchtigt gewesen, dass ein Gespräch nur mit viel Geduld habe geführt werden
können. Die Stimmung sei gleichgültig, die Modulationsfähigkeit nivelliert, der affektive
Rapport distanziert, Mimik und Gestik seien verhalten und der Antrieb verdeutlicht
reduziert gewesen. Psychomotorisch habe sich der Beschwerdeführer insgesamt und
konsequent verlangsamt gegeben. Sein Verhalten habe auf eine
Verdeutlichungstendenz der neuropsychologischen Defizite hingewiesen. Schon bei
der Befundaufnahme interpretiert der Gutachter, dass die Darstellung vom
Beschwerdeführer gezielt beeinflusst sei.
4.5 Bei der gutachterlichen psychiatrischen Untersuchung erreichte der
Beschwerdeführer in einer "Raschen Beurteilung kognitiver Funktionen" 34 von
50 Punkten, was gemäss dem Gutachter auf eine schwere hirnorganische Störung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hinweisen würde. Das Ergebnis sei eher kompatibel mit einem pseudodementiellen
Verhalten. Ein hirnorganisches Korrelat, das die Beschwerden erklären könnte, liege
nicht vor. Zu einem solchen Ergebnis war bereits die neuropsychologische Abklärung
aus dem Jahr 1998 gelangt. Damals war aber von einer psychischen Dekompensation
mit genereller Leistungsblockierung ausgegangen worden.
4.6 Dr. K._ hingegen hielt fest, die (allerdings aus oben erwähnten Gründen nicht
verwertbaren) Observationsberichte hätten gezeigt, dass der Beschwerdeführer in
seinem Verhalten keine Hinweise auf neuropsychologische Defizite aufweise, die ihn
bei der Bewältigung der Gepflogenheiten des alltäglichen Lebens beeinträchtigen
würden. Auf den aufgenommenen Bildern sieht man den Beschwerdeführer Auto
fahren, einen Geldbezug tätigen, gehen, ein Gespräch führen. Eine Verlangsamung in
der Bewegung ist nicht sichtbar geworden. Den Eindruck eines schwer depressiven
Gesundheitszustands hinterlassen das Verhalten des Beschwerdeführers, sein
körperlicher Ausdruck und die abgebildeten Bewegungen nicht. Allerdings hat der
Beschwerdeführer subjektiv über eine solche Beeinträchtigung auch nicht (mehr)
geklagt und es gibt beeinträchtigtes psychisches Befinden, das durch sporadisch
aufgenommene Bilder des äusserlichen Verhaltens kaum oder gar nicht offenkundig
wird. Kopf- und Rückenschmerzen mit wechselnder Intensität, wie sie der
Beschwerdeführer dem Gutachter gegenüber angegeben hat, oder eine
Verlangsamung im formalen Denken und Beeinträchtigung der Umstellungsfähigkeit
des Denkens bis zu einem gewissen Grad (beeinträchtigt waren vor allem das
Sprachverständnis, die Merkfähigkeit und das Gedächtnis) werden im Verhalten einer
Person wohl kaum sichtbar, jedenfalls auch nicht durchwegs und
situationsunabhängig. Mit Schwankungen ist zu rechnen. Den Bildern ist nichts zu
entnehmen, das den Schilderungen des Beschwerdeführers eindeutig widersprechen
würde.
4.7 Die gutachterliche Annahme, es bestehe überwiegende Wahrscheinlichkeit dafür,
dass der Beschwerdeführer die Beschwerden bewusst tatsachenwidrig dargestellt
habe, lässt sich nicht bestätigen. Die gestellte Diagnose einer Simulation ist nicht
nachvollziehbar begründet worden, auch wenn eine Verdeutlichungstendenz bezüglich
der kognitiven Beeinträchtigungen möglich erscheint.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.8 Gemäss dem psychiatrischen Gutachten vom 14. Januar 2012 bestanden zur Be
gutachtungszeit keine Beeinträchtigungen (des Gesundheitszustands und der Arbeits
fähigkeit). Der Beschwerdeführer hält sich selber wie erwähnt ebenfalls für (wenigstens
teilweise) arbeitsfähig, für beweglich und auch für fahrtauglich. Angesichts der im
Befund doch immer noch festgestellten kognitiven Beeinträchtigungen ist aber
abklärungsbedürftig, wie hoch bzw. umfangreich die Arbeitsfähigkeit objektiv ist. Die
Befunde durch reine Simulation zu erklären, erscheint nach der gesamten Aktenlage
nicht stichhaltig begründet. Aus den Observationsberichten den Schluss zu ziehen,
dass keine neuropsychologischen Defizite vorlägen, geht zu weit. Wie der IV-Arzt am
13. Juli 2011 dargelegt hatte, ist das Befragungsprotokoll (wie wohl auch das
Observationsergebnis) nicht geeignet, die Frage einer psychischen Störung zu klären
(und die Resultate der neuropsychologischen Untersuchung von 1998 zu widerlegen;
vgl. IV-act. 77). Eine neue neuropsychologische Untersuchung wurde vom Gutachter
offenbar nicht für erforderlich gehalten. Aus dem Vergleich der entsprechenden Muster
hätten sich jedoch möglicherweise zusätzliche Erkenntnisse gewinnen lassen, auch
wenn zu berücksichtigen ist, dass neuropsychologische Untersuchungsergebnisse
nach der Rechtsprechung im Rahmen einer gesamthaften Beweiswürdigung nur
insoweit bedeutsam sind, als sie überprüf- und nachvollziehbar sind und sich in die
übrigen medizinischen Abklärungsergebnisse schlüssig einfügen (vgl. Entscheid des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S R. vom 17. November 2006, I 542/05; BGE
119 V 340 E. 2b/bb; Bundesgerichtsentscheid i/S L. vom 8. Juni 2010, 8C_234/2010).
Sie wäre unter den gegebenen Umständen angezeigt gewesen. Möglich erscheint
auch, dass der Beschwerdeführer seine (kognitiven) Fähigkeiten überschätzt, dass ihm
etwa die Einsicht in seine Fahruntauglichkeit fehlt (vgl. UV-act. 43). Die Vergesslichkeit
war im Übrigen fremdanamnestisch bestätigt worden (IV-act. 32-5).
4.9 Das psychiatrische Gutachten vom Januar 2012 bietet zusammenfassend keine
ausreichende Grundlage zur Beurteilung des Gesundheitszustands und der
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers zum Begutachtungszeitpunkt. Die
Beschwerdegegnerin wird (im Hinblick auf eine allfällige Anpassung, vgl. unten
E. 6.2 ff.) ergänzende Abklärungen hierzu zu veranlassen haben.
5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.1 Dr. K._ stellt sich in seinem Gutachten im Weiteren auf den Standpunkt, die
Schlussfolgerungen im Gutachten der Sozialpsychiatrischen Beratungsstelle vom
Oktober 2001 würden sich aufgrund der derzeitigen Aktenlage als falsch erweisen,
denn sie hätten nicht auf einem klinischen Befund, sondern auf einer vorgetäuschten
neuropsychologischen Störung ohne jeden nachweisbaren hirnorganischen Befund
basiert. Das Gutachten von 1998 sei ausserdem widersprüchlich gewesen, denn
obwohl der Beschwerdeführer danach kognitiv so deutlich eingeschränkt gewesen sei,
habe jener Gutachter ihm Fahrtauglichkeit zugemutet. - Selbst wenn mit Letzterem zu
weit gegangen worden wäre, sind damit indessen nicht die Ergebnisse der damaligen
gutachterlichen Abklärung in Frage gestellt. Dr. K._ stellt ferner eine hirnorganische
Schädigung in Abrede. Entgegen der Annahme des IV-Arztes (IV-act. 66-2) war aber
nicht etwa ursprünglich von einer schweren Hirnschädigung ausgegangen worden.
Vielmehr war damals festgestellt worden, dass keine sicheren Hinweise für eine über
eine Commotio cerebri hinaus gehende Hirnschädigung gefunden worden seien.
Hingegen habe der Beschwerdeführer auf beide Unfälle mit einer zur Chronifizierung
neigenden Schmerzstörung und einem depressiven Zustandsbild reagiert. Es wurde im
Gutachten von 1998 erwogen, gerade bei Migranten sei die körperliche Integrität
entscheidend für das Selbstwertgefühl und das narzisstische Gleichgewicht und damit
für die psychische Stabilität allgemein. Körperliche Einschränkungen würden
unbewusst als Angriff auf die Integrität erlebt, worauf mit chronifizierten
Schmerzstörungen und depressiven Verstimmungen reagiert werde. Beim
Beschwerdeführer sei die depressive Verstimmung so ausgeprägt, dass es
gerechtfertigt erscheine, sie als andere depressive Episode zu diagnostizieren. Diese
könnte wenigstens teilweise die erheblichen kognitiven Defizite erklären. Es könne
keine Aussage darüber gemacht werden, weshalb der Beschwerdeführer auf die
Unfälle so stark reagiert habe, und auch nicht darüber, weshalb es ihm ein Jahr nach
dem ersten Unfall dennoch gelungen sei, wieder volle Arbeitsfähigkeit zu erreichen,
nach dem zweiten Unfall aber nicht mehr. Bereits damals hatte die depressive
Symptomatik nach Angaben der Familie des Beschwerdeführers etwas nachgelassen
gehabt. Er war aber nach gutachterlicher Einschätzung damals in seinem
Kontaktverhalten, der Aktivität, der Kommunikations- und Merkfähigkeit und der
Ausdauer sowie allgemein kognitiv so eingeschränkt gewesen, dass die
Voraussetzungen für eine berufliche Eingliederung nicht vorlagen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.2 Schon aus grundsätzlicher Überlegung ist eine gewisse Zurückhaltung am Platz,
wenn eine Begutachtung sich mit einer anderen, viele Jahre zurückliegenden Be
urteilung zu befassen hat oder befasst. Denn der Gutachter ist nicht in der Lage, den
damaligen Sachverhalt anders als über die Beschreibung des Erstgutachters (und
weiterer sich mit dem damaligen Sachverhalt befassender Akten) zur Kenntnis zu
nehmen. Ausgeschlossen ist eine retrospektive Beurteilung zwar nicht, doch ist ihr
Ergebnis im Rahmen der Beweiswürdigung entsprechend zu bewerten. - Bei der
Diagnostik psychiatrischer (und neuropsychologischer) Störungen von der in den Akten
erwähnten Art hängt vieles von den anamnestischen und Beschwerdeangaben der
betroffenen versicherten Personen ab. Schon eine erhebliche Aggravation der
Beschwerden erschwert die ärztliche Beurteilung, so dass eine Fehlbeurteilung trotz
hoher ärztlicher Kompetenz nicht ausgeschlossen ist (vgl. auch Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen i/S Z. vom 3. März 2010, UV 2008/117
E. 3.2 unten). Obwohl der Beschwerdeführer - soweit ersichtlich - keine unzutreffenden
Angaben gemacht hat, erscheint eine Verdeutlichung in der Beschwerdeschilderung
wie erwähnt nicht ausgeschlossen. Indessen ist auch zu berücksichtigen, dass der
Beschwerdeführer wiederholt (auch von sich aus) von einer Verbesserung im Zeitablauf
berichtet hat. Vermag das Gutachten von Dr. K._ keine genügende Basis zur
Beurteilung des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers zum
Begutachtungszeitpunkt zu bieten, so vermag es auch nicht gegen die echtzeitlichen
früheren medizinischen Einschätzungen anzukommen.
5.3 Ausreichende Beweismittel dafür, dass die ursprüngliche medizinische Beurteilung
(und damit die ursprüngliche, eine Rente zusprechende Verfügung) unzutreffend
gewesen sei, finden sich somit nicht. Die verfügte prozessuale Revision der Verfügung
vom 24. Januar 2002 lässt sich daher nicht rechtfertigen. In antizipierender
Beweiswürdigung ist anzunehmen, dass auch weitere Abklärungen diesen Nachweis
nicht zu erbringen vermögen werden.
6.
6.1 Es fragt sich, ob die angefochtene Verfügung insofern als zutreffend betrachtet
werden könnte, als eine Aufhebung der Rente aus anderen Gründen zu erfolgen hat.
Beide Parteien haben sich bereits zur Frage geäussert, ob sich allenfalls eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 25/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Veränderung im Zeitablauf ergeben habe. Dass die Zusprechung einer Rente
ursprünglich zweifellos unrichtig im Sinn von Art. 53 Abs. 2 ATSG gewesen wäre, ist
jedenfalls nicht anzunehmen, hatte sie sich doch damals auf zumindest zureichende
medizinische Grundlagen gestützt.
6.2 Nach der Aktenlage ist hingegen möglich, dass sich eine Veränderung des
massgeblichen Sachverhalts im Zeitablauf ergeben hat, die nach einer Anpassung im
Sinn von Art. 17 ATSG verlangt. Hierauf hat nicht zuletzt der Beschwerdeführer
hingewiesen. Am 12. April 2011 hatte ausserdem der IV-Arzt nach Kenntnisnahme von
den Bildern für möglich gehalten, dass die ursprünglichen schlechten Ergebnisse mit
fluktuierenden psychischen Problemen, etwa im Rahmen der Schmerzverarbeitung,
zusammengehangen haben könnten und sich der Gesundheitszustand verbessert habe
(vgl. IV-act. 66). Es wird mittels ergänzender Abklärungen zu prüfen sein, ob sich eine
erhebliche Veränderung eingestellt habe.
7.
7.1 Die Beschwerde IV 2012/350 ist demnach unter Aufhebung der angefochtenen
Verfügung vom 12. Juli 2012 teilweise zu schützen und die Sache ist zu ergänzenden
medizinischen Abklärungen im Sinn der Erwägungen und zu allfälliger entsprechender
neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
7.2 Nach Art. 69 Abs. 1 IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die
Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen
Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand
und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt.
Sie sind ermessensweise auf Fr. 600.-- zu veranschlagen.
7.3 Da eine rückwirkende Einstellung entfällt und eine Rückweisung zur weiteren
Abklärung der Streitsache und (hier: allfälliger) anschliessender neuer Verfügung an die
Beschwerdegegnerin praxisgemäss aus prozessualer Sicht in Bezug auf die Kosten ein
vollständiges Obsiegen darstellt (vgl. SVR 1995 IV Nr. 51 S. 143; ZAK 1987 S. 266
E. 5a), sind die Gerichtskosten gesamthaft der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen
(vgl. Art. 95 Abs. 1 VRP/SG).
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 26/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.4 Der Beschwerdeführer hat bei Obsiegen Anspruch auf Ersatz der Parteikosten, die
vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache
und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen werden (Art. 61 lit. g ATSG; vgl.
auch Art. 98 ff. VRP). Der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand angemessen
erscheint eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer). Das Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege vom
13. September 2012 wird diesbezüglich obsolet. Es ist zufolge Gegenstandslosigkeit
vom Protokoll abzuschreiben.
8.
8.1 Im Verfahren IV 2012/349 ist sodann der Anspruch des Beschwerdeführers auf
unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren strittig.
8.2 Wo die Verhältnisse es erfordern, wird der gesuchstellenden Person nach Art. 37
Abs. 4 ATSG (eingeordnet unter dem Titel "Sozialversicherungsverfahren", geltend also
für das ganze Verwaltungsverfahren, vgl. Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. A. 2009,
N 20 zu Art. 37) ein unentgeltlicher Rechtsbeistand bewilligt. Vorausgesetzt ist, dass
die Partei nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, dass ihr Rechtsbegehren nicht
aussichtslos erscheint und dass die Verbeiständung zur Wahrung ihrer Rechte konkret
notwendig ist (vgl. BGE 132 V 200 E. 4.1).
8.3 Die Beschwerdegegnerin hat einen Anspruch auf unentgeltliche
Rechtsverbeiständung des Beschwerdeführers im Verwaltungsverfahren deswegen
abgelehnt, weil dieser im IV-Verfahren nachweislich falsche Angaben gemacht habe,
um die Zusprechung einer Rente zu erwirken. Dies liege zumindest in der Nähe eines
strafrechtlich relevanten Verhaltens (im Sinn von Art. 70 IVG in Verbindung mit Art. 87
AHVG). Sinn und Zweck der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung könne es nicht
sein, ein verpöntes Verhalten zu unterstützen. Die Berufung auf Verfahrensgarantien
müsse daher als rechtsmissbräuchlich erscheinen.
8.4 Ein rechtsmissbräuchliches Prozessieren ist nicht vom Schutzbereich von Art. 29
Abs. 3 BV erfasst. Dass einer versicherten Person durch die Gewährung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung bei der rechtsmissbräuchlichen Durchsetzung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 27/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eines vermeintlichen Anspruchs geholfen werde, setzte voraus, dass von einer solchen
Absicht auszugehen ist. Das ist vorliegend nach dem oben Dargelegten nicht der Fall.
Einer versicherten Person in einem Verfahren wie diesem, da eine rückwirkende
Aufhebung der Rente strittig ist und der Vorwurf eines unrechtmässigen
Leistungsbezugs erhoben und bestritten wird, eine unentgeltliche
Rechtsverbeiständung von vornherein zu verweigern, liesse sich indessen nicht
rechtfertigen. Das Bundesgericht machte die Bewilligung im Entscheid 8C_272/11
E. 8.4 vom nachträglichen Ausgang der materiellen Streitfrage abhängig. Die Frage, ob
der Anspruch auf Vertretung in einem laufenden Verwaltungsverfahren je nach seinem
materiellen Ausgang rückwirkend bejaht oder verneint werden kann, kann aber hier
letztlich dahingestellt bleiben.
8.5 Hingegen sind weitere Anspruchsvoraussetzungen zu prüfen. Wird der
versicherten Person von einer Rechtsschutzversicherung oder einem Berufsverband
(z.B. Gewerkschaften oder Behindertenorganisationen) unentgeltlicher Rechtsschutz
gewährt und sind diese gemäss ihren Statuten oder ihrem Vertrag auch zur Übernahme
der Rechtsvertretung verpflichtet, erhält diese Person keine unentgeltliche
Rechtsverbeiständung (Rz 2059 des Kreisschreibens des Bundesamtes für
Sozialversicherungen über die Rechtspflege in der AHV, der IV, der EO und bei den EL,
KSRP; vgl. Entscheid des Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S A. vom
12. Januar 2006, I 501/05). - Da die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers trotz
zweimaliger Aufforderung nicht bestätigt hat, dass der Beschwerdeführer nicht über
eine Rechtsschutzversicherung verfügt, die für den Prozess beansprucht werden
könnte, oder dass sie (die Rechtsvertreterin) nicht durch eine Drittorganisation bezahlt
werde, ist davon auszugehen, dass dies zutrifft. Es kann angenommen werden, dass
auch die Kosten der Vertretung im Verwaltungsverfahren übernommen werden
(müssen). Eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung hat damit zu entfallen.
9.
9.1 Die Beschwerde IV 2012/349 ist demnach abzuweisen.
9.2 Für Streitigkeiten betreffend die unentgeltliche Rechtsverbeiständung im
Verwaltungsverfahren (hier IV 2012/349) sind, da es sich nicht um eine Streitigkeit um
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 28/29
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen nach Art. 69 Abs. 1 IVG
handelt (vgl. Bundesgerichtsentscheid i/S K. vom 30. August 2012, 9C_639/11), keine
Gerichtskosten zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG; Entscheid des Versicherungsgerichts
vom 12. Januar 2012, IV 2010/270 E. 6.4).
9.3 Eine Parteientschädigung ist nicht zuzusprechen. Das Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für das Gerichtsverfahren IV 2012/349 ist angesichts der
anderweitigen Deckung der Kosten abzuweisen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP