Decision ID: 57ad6409-debd-5acc-910d-c27ade124f06
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
Z._,
Beschwerdeführerin,
gegen
Amt für Arbeit, Unterstrasse 22, 9001 St. Gallen,
Beschwerdegegner,
betreffend
Erlass (guter Glaube)
Sachverhalt:
A.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit Verfügung vom 3. September 2008 forderte das Staatssekretariat für Wirtschaft
(seco) von der Z._ GmbH unrechtmässig bezogene Versicherungsleistungen
(Schlechtwetter- und Kurzarbeitsentschädigung) in Höhe von Fr. 122'466.25 zurück
(act. G 7.1.A1). Diese Verfügung blieb unangefochten. Am 30. Oktober 2010 liess die
Z._ GmbH um Erlass der Rückforderung ersuchen (act. G 7.1.A2). Dieser wurde ihr
mit Verfügung des Amts für Arbeit vom 25. März 2009 verwehrt (act. G 7.1.A6), was auf
Einsprache hin (act. G 7.1.A8) mit Entscheid vom 4. August 2009 bestätigt wurde (act.
G 7.1.A9).
B.
B.a Mit Eingabe vom 11. September 2009 (Datum Postaufgabe) erhebt die Z._ GmbH
Beschwerde und beantragt sinngemäss die Aufhebung des Einspracheentscheids vom
4. August 2009. Zur Begründung bringt sie im Wesentlichen vor, die
Erlassvoraussetzungen der grossen Härte und des guten Glaubens seien erfüllt. Sie
habe sich infolge Unklarheiten an Herrn A._ vom Amt für Arbeit gewandt und sei in
der Folge nach seinen Angaben vorgegangen (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 10. November 2009 beantragt der
Beschwerdegegner die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt er im
Wesentlichen aus, die Beschwerdeführerin sei mit ausgehändigten Unterlagen
mehrfach, ausführlich, vollständig und korrekt über die formellen Voraussetzungen für
den Bezug von Schlechtwetter- und Kurzarbeitsentschädigung informiert worden. Eine
falsche Auskunft durch Herrn A._ werde ausdrücklich bestritten (act. G 7).
B.c Mit Replik vom 29. Januar 2010 (Datum Postaufgabe) hält die Z._ GmbH an
ihrem Antrag fest (act. G 11). Der Beschwerdegegner verzichtet auf das Einreichen
einer Duplik (vgl. act. G 13).

Erwägungen:
1.
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens ist einzig die Frage, ob der
Beschwerdeführerin die vom seco verfügte Rückforderung (act. G 7.1.A1) erlassen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
werden kann oder nicht. Die Frage der Rechtmässigkeit der verfügten Rückforderung
kann demgegenüber nicht überprüft werden, hat die Beschwerdeführerin die
betreffende Verfügung des seco doch unangefochten in Rechtskraft erwachsen lassen.
Das Gericht ist vorliegend an die betreffenden Feststellungen gebunden, weshalb
darüber nicht erneut befunden werden kann (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 25.
April 2005, C 243/04 E. 2).
2.
2.1 Nach Art. 25 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) sind unrechtmässig bezogene Leistungen
zurückzuerstatten. Wer jedoch Leistungen im guten Glauben empfangen hat, muss sie
nicht zurückerstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt. Der Rückforderungsanspruch
erlischt nach Art. 25 Abs. 2 ATSG mit dem Ablauf eines Jahres, nachdem die
Versicherungseinrichtung davon Kenntnis erhalten hat, spätestens aber mit dem Ablauf
von fünf Jahren nach der Entrichtung der einzelnen Leistung. Voraussetzungen für den
Erlass einer Rückforderung sind somit das Vorhandensein des guten Glaubens beim
Empfang der Leistungen und die grosse Härte. Der gute Glaube wird vermutet (vgl.
Art. 3 Abs. 1 des Schweizerischen Zivilgesetzbuchs [ZGB; SR 210] analog). Ein
gutgläubiger Bezug einer Sozialversicherungsleistung liegt vor, wenn das Bewusstsein
über den unrechtmässigen Leistungsbezug fehlt, sofern dieses Fehlen in einer
objektiven Betrachtungsweise unter den konkret gegebenen Umständen entschuldbar
ist. Er besteht insbesondere dann, wenn sich die empfangende Person keiner groben
Nachlässigkeit schuldig gemacht hat (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Auflage, 2009,
Art. 25 Rz 33). Nach der Rechtsprechung ist bezüglich der Erlassvoraussetzungen
zwischen dem guten Glauben als fehlendem Unrechtsbewusstsein und der Frage zu
unterscheiden, ob sich jemand unter den gegebenen Umständen auf den guten
Glauben berufen kann bzw. ob er bei zumutbarer Aufmerksamkeit den bestehenden
Rechtsmangel hätte erkennen sollen (BGE 122 V 221 E. 3; AHI-Praxis 2/1994 S. 123 E.
2c). Wer einen Rechtsmangel kennt, gilt diesbezüglich nicht als gutgläubig. Sodann
darf sich derjenige nicht auf den guten Glauben berufen, dem der Mangel bei
Anwendung zumutbarer Aufmerksamkeit erkennbar gewesen wäre (Art. 3 Abs. 2 ZGB
analog). Dabei ist diejenige Aufmerksamkeit geboten, die nach den Umständen
verlangt werden kann. Dies lässt sich nur im Einzelfall in Würdigung aller
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gegebenheiten beurteilen, wobei von objektiven Kriterien auszugehen ist (BGE 120 V
319 E. 10a).
2.2 Vorliegend fehlen konkrete Anhaltspunkte dafür, dass die Beschwerdeführerin beim
Empfang der Schlechtwetter- bzw. Kurzarbeitsentschädigung die vom seco
beanstandeten Rechtsmängel gekannt hat. Sie ist von daher als gutgläubig anzusehen.
Umstritten ist einzig, ob sie sich unter den gegebenen Umständen auf diesen guten
Glauben berufen kann, d.h. ob sie die Rechtsmängel bei der gebotenen
Aufmerksamkeit hätte erkennen können und müssen.
3.
3.1 Was die Erlassvoraussetzung des guten Glaubens anbelangt, bringt die
Beschwerdeführerin im Wesentlichen vor, gestützt auf Unklarheiten im Rahmen der
Gesuchseingabe für Schlechtwetterentschädigung habe sie den zuständigen
Sachbearbeiter, Herrn A._, kontaktiert. Gestützt auf diesen "Hilferuf" sei er in den
Betrieb gekommen, um sich ein Bild des Ist-Zustands zu machen. An der Besprechung
vom 25. Juli 2007 habe Herr A._ u.a. gesagt, sie (die Beschwerdeführerin) werde
unter Kurzarbeit und nicht unter Schlechtwetterentschädigung "eingestuft". Es müsse
eine Excel-Tabelle (wohl zur Arbeitszeitkontrolle) geführt werden. Sie (die
Beschwerdeführerin) habe sich an die Anweisungen von Herrn A._ gehalten und die
betreffenden Aussagen nicht nochmals anhand der diesbezüglichen Merkblätter
überprüft.
3.2 Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichts ist im Zusammenhang mit
Gesuchen um Erlass der Rückforderung von wegen ungenügender Arbeitszeitkontrolle
zu Unrecht ausgerichteter Kurzarbeitsentschädigung die Berufung auf den guten
Glauben regelmässig ausgeschlossen, weil die Informationsbroschüre des seco für
Arbeitgeber "Info-Service Kurzarbeitsentschädigung" in Ziff. 6 ausdrücklich festhält,
dass Arbeitnehmer, deren Arbeitsausfall nicht bestimmbar oder deren Arbeitszeit nicht
ausreichend kontrollierbar ist, keinen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung haben. In
Ziff. 7 der Broschüre wird ausgeführt, dass für die von Kurzarbeit betroffenen
Arbeitnehmenden eine betriebliche Arbeitszeitkontrolle (z.B. Stempelkarten,
Stundenrapporte) geführt werden muss, welche täglich über die geleisteten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsstunden inkl. allfälliger Mehrstunden, die wirtschaftlich bedingten Ausfallstunden
sowie über sämtliche übrigen Absenzen wie z.B. Ferien-, Krankheits-, Unfall- oder
Militärdienstabwesenheiten Auskunft gibt. Zudem führt auch das vom Arbeitgeber für
jede Abrechnungsperiode einzureichende Formular "Antrag auf
Kurzarbeitsentschädigung" in Ziff. 2 als "Nicht anspruchsberechtigte Arbeitnehmer"
jene auf, deren Arbeitsausfall nicht bestimmbar oder deren Arbeitszeit nicht
ausreichend kontrollierbar ist. Aufgrund dieser klaren und unmissverständlichen
Hinweise könnte und müsste nach Auffassung des Bundesgerichts ein Arbeitgeber bei
Anwendung eines Mindestmasses an Aufmerksamkeit ohne weiteres erkennen, dass
für jene Angestellten, für welche überhaupt keine Arbeitszeitkontrolle geführt wird, kein
Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung besteht (Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Bundesgericht] vom 11. September
2000, C 437/99 E. 3; Urteil des Bundesgerichts vom 19. März 2008, 8C_775/2007 E. 2;
vgl. in verwandtem Zusammenhang auch Urteil des EVG vom 8. Juni 2006, C 196/05
E. 6).
3.3 Die Beschwerdeführerin gibt zu, die betreffende Broschüre nicht gelesen zu haben,
da sie den Angaben von Herrn A._ vertraut habe. Damit beruft sie sich auf den
Vertrauensschutz. Abgeleitet aus dem Grundsatz von Treu und Glauben (vgl. Art. 9 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft [BV; SR 101]), der eine
Person in ihrem berechtigten Vertrauen auf behördliches Verhalten schützt, können
falsche Auskünfte von Verwaltungsbehörden unter bestimmten Voraussetzungen eine
vom materiellen Recht abweichende Behandlung der rechtsuchenden Person gebieten.
Gemäss Rechtsprechung und Lehre ist dies der Fall, 1. wenn die Behörde in einer
konkreten Situation mit Bezug auf bestimmte Personen gehandelt hat; 2. wenn sie für
die Erteilung der betreffenden Auskunft zuständig war oder wenn die rechtsuchende
Person die Behörde aus zureichenden Gründen als zuständig betrachten durfte;
3. wenn die Person die Unrichtigkeit der Auskunft nicht ohne weiteres erkennen
konnte; 4. wenn sie im Vertrauen auf die Richtigkeit der Auskunft Dispositionen
getroffen hat, die nicht ohne Nachteil rückgängig gemacht werden können und 5. wenn
die gesetzliche Ordnung seit der Auskunftserteilung keine Änderung erfahren hat (BGE
131 V 472 E. 5 mit Hinweisen).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Der Beschwerdegegner hat sich weder in der Verfügung vom 25. März 2009 (act. G
7.1.A6) noch im angefochtenen Einspracheentscheid (act. G 7.1.A9) zureichend mit
dem von der Beschwerdeführerin angerufenen Vertrauensschutz auseinandergesetzt.
In der Verfügung vom 25. März 2009 bestritt er die Kausalität der von der
Beschwerdeführerin behaupteten Auskunftserteilung durch Herrn A._ vom 25. Juli
2007, welche erst nach dem unrechtmässigen Empfang (eines Teils) der Leistungen
erfolgt sei. Weiter hielt er im Einspracheentscheid lediglich fest, es seien bezüglich der
behaupteten Falschauskunft keine konkreten Angaben gemacht worden, weder über
die gestellten Fragen noch über die angeblich erteilten Auskünfte. Damit könne nicht
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit von einer falschen Auskunft ausgegangen
werden. Anlässlich der Beschwerdeantwort (act. G 7) führte der Beschwerdegegner
aus, Herr A._ sei ein langjähriger Mitarbeiter, welcher die Anforderungen an eine
genügende Kontrollierbarkeit des Arbeitsausfalls bestens kenne. Gemäss Erlassgesuch
soll das angeblich geführte Gespräch am 25. Juli 2007 stattgefunden haben. Die
geschilderte Besprechung und eine falsche Auskunft durch Herrn A._ würden
ausdrücklich bestritten.
Dieses Vorgehen des Beschwerdegegners ist nicht statthaft. Es ist Aufgabe der
Verwaltung, den massgeblichen Sachverhalt zureichend abzuklären. Aufgrund der
Vorbringen der Beschwerdeführerin wäre der Beschwerdegegner folglich gehalten
gewesen, sich über die Durchführung der Besprechung am 25. Juli 2007 und den
genauen Inhalt des Gesprächs zwischen der Beschwerdeführerin und Herrn A._ zu
informieren und von diesem eine ausdrückliche Stellungnahme einzuholen. Es geht
nicht an, die geltend gemachte Falschauskunft durch Herrn A._ ohne weitere
Abklärungen, insbesondere ohne diesen dazu zu befragen, zu verneinen und der
Beschwerdeführerin gestützt darauf den guten Glauben für alle Bezugszeiten
abzusprechen. Ohne entsprechende Abklärungen kann nicht beurteilt werden, ob die
Beschwerdeführerin vorliegend ausnahmsweise davon ausgehen durfte, dass ihre
Arbeitszeitkontrolle den gesetzlichen Anforderungen genügte. Die Sache ist daher an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie die entsprechenden Abklärungen
nachholt.
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen. Der angefochtene
Einspracheentscheid vom 4. August 2009 ist aufzuheben, und die Sache ist zu
weiteren Abklärungen und zu anschliessender neuer Verfügung im Sinn der
Erwägungen an den Beschwerdegegner zurückzuweisen.
4.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53
GerG entschieden:
1. In teilweiser Gutheissung der Beschwerde wird der angefochtene
Einspracheentscheid vom 4. August 2009 aufgehoben, und die Sache wird zu weiteren
Abklärungen und anschliessender neuer Verfügung an den Beschwerdegegner
zurückgewiesen.
2. Es werden keine Gerichtskosten erhoben.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 28.07.2010 Art. 25 ATSG. Erlass. Rückweisung zu weiteren Abklärungen, da Beschwerdegegner es unterlassen hat, in Bezug auf geltend gemachte Falschauskunft Abklärungen vorzunehmen (Entscheid Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen vom 28. Juli 2010, AVI 2009/82).
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
2021-09-19T17:38:22+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen