Decision ID: cec4d36c-a257-5b47-af99-e0118a906574
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamili-
scher Ethnie mit letztem Wohnsitz in B._, C._, Distrikt
Jaffna, ersuchte erstmals am 3. Dezember 2014 in der Schweiz um Asyl.
Er machte im Wesentlichen geltend, im September 2013 bei den Kommu-
nalwahlen in der Nordprovinz die Tamil National Alliance (TNA) respektive
eine Partei mit Namen «Tamil kut Amai Pu» unterstützt zu haben, ohne
deren Mitglied zu sein. Konkret habe er einem Politiker geholfen, indem er
Flugblätter verteilt, andere zur Versammlungsteilnahme motiviert, Plakate
aufgehängt und eine Rednerbühne dekoriert habe. Aufgrund dessen seien
Unbekannte zu ihm gekommen und hätten ihn mit dem Tod bedroht für den
Fall, dass er weiterhin Unterstützungsleistungen erbringe. Er machte so-
dann geltend, dass er nach seiner Ankunft in der Schweiz im Frühling 2015
an einer Protestkundgebung der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE)
teilgenommen habe. Im Heimatstaat habe er keine Kontakte zu den LTTE
oder Organisationen gepflegt, welche die LTTE unterstützt hätten.
A.b
Mit Verfügung vom 1. September 2015 lehnte das SEM das Asylgesuch
des Beschwerdeführers ab und ordnete seine Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Vollzug an. Es führte zur Begründung im Wesentlichen
an, dass die Vorfluchtgründe des Beschwerdeführers den Anforderungen
an die Glaubhaftmachung gemäss Art. 7 AsylG (SR 142.31) nicht Stand
halten würden. Bezüglich der Nachfluchtgründe hielt das SEM fest, dass
diese nicht relevant im Sinne von Art. 3 AsylG seien.
A.c
Eine gegen diese Verfügung am 5. Oktober 2015 eingereichte Beschwerde
wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil E-6302/2015 vom 18. April
2017 ab. Es stützte die vorinstanzlichen Erwägungen inhaltlich, indem es
festhielt, es sei dem Beschwerdeführer nicht gelungen, das Bestehen einer
begründeten Furcht vor Verfolgung im Zeitpunkt seiner Ausreise glaubhaft
zu machen (E. 4). Er weise auch kein Risikoprofil im Sinne der etablierten
Rechtspraxis (Referenzurteil des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016)
auf. Soweit der Beschwerdeführer auf ein exilpolitisches Engagement, na-
mentlich die zwischenzeitliche Teilnahme an mehreren Demonstrationen
und am Heldengedenktag verweise, sei nach Einschätzung des Gerichts
nicht davon auszugehen, dass er aufgrund dieser Teilnahmen seitens der
sri-lankischen Regierung als Person wahrgenommen werde, die bestrebt
E-2408/2021
Seite 3
sei beziehungsweise einen wesentlichen Beitrag dazu leisten könnte, den
ethnischen Konflikt im Land wieder aufflammen zu lassen. Subjektive
Nachfluchtgründe seien daher zu verneinen (E. 5). Der Vollzug der ange-
ordneten Wegweisung wurde als zulässig, zumutbar und möglich erachtet
(E. 7).
B.
Am 1. Mai 2021 reichte der Beschwerdeführer, handelnd durch den rubri-
zierten Rechtsvertreter, bei der Vorinstanz ein Gesuch um erneute Prüfung
seiner Asylgründe ein.
Er machte dabei im Wesentlichen geltend, in der Schweiz exilpolitisch tätig
und ein «grosser» Aktivist innerhalb der sri-lankischen Diaspora zu sein. Er
habe in der Schweiz an zahlreichen Demonstrationen sowie an den «(...)»
teilgenommen. Nach diesen Kundgebungen sei seine Familie in Sri Lanka
vom sri-lankischen Geheimdienst nach den Namen weiterer Demonstran-
ten befragt worden. Des Weiteren habe sich die Situation in seinem Hei-
matland seit dem Machtwechsel im November 2019 erheblich verschlech-
tert.
Zur Untermauerung seines Gesuchs reichte der Beschwerdeführer unter
anderem Belege zu seinem exilpolitischen Engagement und zahlreiche Be-
richte zur derzeitigen Lage in Sri Lanka zu den Akten.
C.
In seiner Verfügung vom 14. Mai 2021 – eröffnet am 20. Mai 2021 – quali-
fizierte das SEM die Eingabe des Beschwerdeführers vom 1. Mai 2021 als
Mehrfachgesuch und trat darauf gestützt auf Art. 111c AsylG i.V.m. Art. 13
Abs. 2 VwVG nicht ein. Weiter verfügte es die Wegweisung aus der
Schweiz, ordnete den Vollzug an und erhob eine Gebühr in der Höhe von
Fr. 600.–.
D.
Am 22. Mai 2021 erhob der Beschwerdeführer – handelnd durch den rubri-
zierten Rechtsvertreter – beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ge-
gen diese Verfügung und beantragte deren Aufhebung sowie die Rückwei-
sung der Sache an die Vorinstanz mit der Anweisung, auf das Mehrfach-
gesuch einzutreten. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhe-
E-2408/2021
Seite 4
bung eines Kostenvorschusses, um Beiordnung eines amtlichen Rechts-
beistandes in der Person des rubrizierten Rechtsvertreters sowie um Ertei-
lung der aufschiebenden Wirkung der vorliegenden Beschwerde.
E.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte dem Beschwerdeführer mit
Schreiben vom 26. Mai 2021 den Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Im vorliegenden Verfahren stellt sich ausschliesslich die Frage, ob die
Vorinstanz zu Recht infolge mangelhafter Begründung auf das neue Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten ist (vgl. Art. 111c Abs. 1
E-2408/2021
Seite 5
Satz 1 AsylG). Die Beschwerdeinstanz enthält sich – sofern sie den Nicht-
eintretensentscheid als unrechtmässig erachtet – einer selbständigen ma-
teriellen Prüfung; sie hebt die angefochtene Verfügung auf und weist die
Sache zu neuer Entscheidfindung an die Vorinstanz zurück (vgl. BVGE
2007/8 E. 2.1 m.w.H.).
3.2 Im Wegweisungs- und Vollzugspunkt hat die Vorinstanz eine materielle
Prüfung vorgenommen, weshalb dem Bundesverwaltungsgericht diesbe-
züglich volle Kognition zukommt.
4.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
5.
Hinsichtlich des Verfahrensantrages, die aufschiebende Wirkung sei zu er-
teilen, ist anzumerken, dass der Beschwerde von Gesetzes wegen auf-
schiebende Wirkung zukommt (Art. 55 Abs. 1 VwVG) und das SEM einer
allfälligen Beschwerde diese aufschiebende Wirkung nicht entzogen hat
(Art. 55 Abs. 2 VwVG). Auf den Antrag ist daher nicht einzutreten.
6.
6.1 Asylgesuche, die innert fünf Jahren nach Eintritt der Rechtskraft des
Asyl- und Wegweisungsentscheides eingereicht werden, haben gemäss
Art. 111c Abs. 1 AsylG schriftlich und begründet zu erfolgen.
6.2 Kommt eine asylsuchende Person im Rahmen eines Mehrfachgesuchs
ihrer Begründungspflicht offensichtlich nicht nach, hat die Behörde auch in
Verfahren, in denen nicht ohnehin schon die speziellen Voraussetzungen
der Art. 31a Abs. 1–3 AsylG vorliegen, die Möglichkeit, auf das Gesuch ge-
stützt auf Art. 111c Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 13 Abs. 2 VwVG nicht einzutre-
ten (vgl. BVGE 2014/39 E. 7.1).
7.
7.1 Zur Begründung ihres Nichteintretensentscheids hielt die Vorinstanz
zunächst fest, dass hinsichtlich des Profils des Beschwerdeführers und den
E-2408/2021
Seite 6
bereits im ersten Asylverfahren vorgebrachten Vorbringen auf die Verfü-
gung vom 1. September 2015 und das Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts E-6302/2015 vom 18. April 2017 verwiesen werden könne. Es sei
bereits festgestellt worden, dass der Beschwerdeführer die vorgebrachte
Vorverfolgung nicht habe glaubhaft machen können und keine risikobe-
gründenden Faktoren vorliegen würden.
In Bezug auf die vom Beschwerdeführer vorgebrachte exilpolitische Tätig-
keit in der Schweiz sei festzustellen, dass tamilische Personen ohne ei-
gene Verbindungen zu den LTTE, welche sich exilpolitisch betätigen wür-
den, die Flüchtlingseigenschaft in der Regel nicht erfüllen würden. Mehr-
heitlich seien die ausgeübten Tätigkeiten unproblematisch, da sie keine
Gefahr für die Einheit des sri-lankischen Staates darstellen würden. Ohne
ein gewisses Profil sei mithin nicht davon auszugehen, dass die sri-lanki-
schen Behörden solchen Personen bei einer Rückkehr eine enge Verbin-
dung zu den LTTE unterstellen würden. Dies gelte umso mehr, wenn, wie
es vorliegend der Fall sei, die Personen nach Kriegsende im Jahr 2009
noch mehrere Jahre unbehelligt in Sri Lanka hätten leben können. Vorlie-
gend sei im Rahmen des ersten Asylverfahrens rechtskräftig festgestellt
worden, dass keine hinreichenden Hinweise dafür ersichtlich seien, wo-
nach der Beschwerdeführer aufgrund einer tatsächlichen oder bloss unter-
stellten Verbindung zu den LTTE ins Visier der sri-lankischen Behörden
geraten könnte. Auch aufgrund der neu eingereichten Beweismittel sei
nicht davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr in seinen Heimatstaat
von den dortigen Behörden zu jener Gruppe gezählt würde, die bestrebt
sei, den tamilischen Separatismus wieder aufleben zu lassen. Soweit im
Gesuch vorgebracht werde, der sri-lankische Geheimdienst habe seine
Verwandten in Sri Lanka befragt, sei festzustellen, dass es sich bei diesem
Vorbringen um eine durch nichts belegte Parteibehauptung handle, der es
angesichts der nicht glaubhaft gemachten Verfolgungsvorbringen im ersten
Asylverfahren an einer Grundlage fehle. Schliesslich stünde auch die vom
Beschwerdeführer angeführte Verschlechterung der Menschenrechts- und
Sicherheitslage in Sri Lanka seit den Osteranschlägen 2019 und dem
Machtwechsel im November 2019 in keinem persönlichen Zusammenhang
zu ihm. Mangels eines Bezugs zwischen den Ereignissen und dem Be-
schwerdeführer sei das entsprechende Vorbringen bloss behauptet und in-
haltlich nicht hinreichend begründet.
7.2 Dem entgegnete der Beschwerdeführer in der Rechtsmittelschrift, dass
er sich aktiv für die Belange der Tamilen einsetze, die LTTE in der Schweiz
und in Europa vertrete und in der Schweiz als Anführer junger Tamilen eine
E-2408/2021
Seite 7
Facebook-Seite gegründet habe, auf welcher er regelmässig über politi-
sche Aktivitäten und Kundgebungen in der Schweiz informiere. Er habe
des Weiteren an zahlreichen Kundgebungen in der Schweiz teilgenom-
men, um Gerechtigkeit für die an den Tamilen in Sri Lanka verübten Ver-
brechen durch die sri-lankische Regierung zu fordern. Unter anderem habe
er an einer Demonstration am (...) 2021 in D._ teilgenommen, zu
welcher teilnehmende Demonstranten mit einer Velotour, über welche na-
tional und international berichtet worden sei, von Frankreich in die Schweiz
gelangt seien. Auf den eingereichten Fotos sei er als Demonstrant, der die
tamilische Flagge und ein Bild des tamilischen Führers halte, gut erkenn-
bar. Er habe auch am «(...)» teilgenommen, welches zweimal jährlich in
der Schweiz stattfinde. Im Nachgang zu seinen Demonstrationsteilnahmen
seien seine Verwandten in Sri Lanka von singhalesischen Behördenmit-
gliedern aufgesucht und nach den Namen weiterer Demonstrationsteilneh-
mer gefragt worden. Bei einer Rückkehr nach Sri Lanka sei sein Leben
gefährdet und er würde sich in ständiger Gefahr befinden. Die Menschen-
rechtslage für Tamilen in Sri Lanka sei ausserdem prekär und volatil.
8.
8.1 Eine Prüfung der Akten ergibt, dass die vorinstanzlichen Erwägungen
zu bestätigen sind.
Wie vom SEM zutreffend festgestellt ist das Erfordernis einer (materiell)
ausreichenden Begründung im Sinn von Art. 111c Abs. 1 AsylG vorliegend
als nicht erfüllt zu erachten (vgl. zum Nichteintretensgrund der mangelhaf-
ten Begründung BVGE 2014/39 E. 7). Wie nachfolgend aufgezeigt, vermag
die vom Beschwerdeführer angeführte Begründung inhaltlich nicht zu über-
zeugen beziehungsweise ist sie als nicht ausreichend im Sinne der erhöh-
ten Anforderungen an die Begründung eines solchen Mehrfachgesuchs zu
qualifizieren.
8.2 Die im Mehrfachgesuch ausgeführten exilpolitischen Tätigkeiten wer-
den zwar mit Fotos und zahlreichen Verweisen auf internationale Medien-
berichte belegt. Die Fotos sind aber weder datiert noch ist aus der Eingabe
ersichtlich, wo diese Fotos publiziert worden sein sollen. Aus diesen lässt
sich sodann nicht auf ein in irgendeiner Weise geartetes exponiertes Profil
des Beschwerdeführers schliessen. Dem Auszug des angeblichen Face-
book-Profils des Beschwerdeführers (unter einer anderen Identität) ist
ebenso wenig der Inhalt und die Reichweite seiner behaupteten exilpoliti-
schen Tätigkeit zu entnehmen. Die blossen Verweise auf internationale
E-2408/2021
Seite 8
Medienberichte zur Kundgebung respektive zur Velotour im März 2021 las-
sen ebenfalls einen Bezug zum Beschwerdeführer vermissen. Auch fehlt
in der Beschwerdeschrift eine konkrete Auseinandersetzung mit den vo-
rinstanzlichen Erwägungen.
8.3 Schliesslich handelt es sich, wie von der Vorinstanz zutreffend ausge-
führt, bei den vorgebrachten Besuchen des sri-lankischen Geheimdienstes
bei der Familie des Beschwerdeführers in Sri Lanka um eine unsubstanti-
ierte und unbelegte Parteibehauptung. So hat der Beschwerdeführer in kei-
ner Weise konkretisiert, wer von seinen Verwandten, zu welchem Zeitpunkt
und mit welchen Fragen von den Beamten behelligt worden sein soll.
8.4 Mit der insgesamt unsubstantiierten Behauptung, aufgrund exilpoliti-
scher Tätigkeiten drohe ihm im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka eine
unmenschliche Behandlung, wird den erhöhten Anforderungen an die Be-
gründungspflicht von Mehrfachgesuchen offensichtlich nicht Genüge ge-
tan.
8.5 Die Vorinstanz hat sodann zutreffend festgestellt, der Beschwerdefüh-
rer habe in seiner Eingabe vom 1. Mai 2021 in Bezug auf die aktuelle La-
geentwicklung in Sri Lanka keine konkrete ihn betreffende Gefährdungssi-
tuation dargetan, weshalb er auch diesbezüglich den erhöhten Anforderun-
gen an die Begründungspflicht nicht nachgekommen ist. Das Gericht geht
– unter Berücksichtigung der Entwicklungen in Sri Lanka – praxisgemäss
davon aus, dass es auch zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur An-
nahme gibt, wonach seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölke-
rungsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Es ist
vielmehr im Einzelfall darzulegen, ob und in welcher Form ein persönlicher
Bezug der asylsuchenden Personen zur Präsidentschaftswahl vom 16. No-
vember 2019 und den seitherigen Entwicklungen besteht. Ein solcher Be-
zug wird vom Beschwerdeführer nicht geltend gemacht und ist auch nicht
ersichtlich. In der Rechtsmitteleingabe beschränkte sich der Beschwerde-
führer im Wesentlichen darauf, den aktenkundigen Sachverhalt zu wieder-
holen und die allgemeine Lage in Sri Lanka ohne individualisierten Bezug
zu ihm aufzuführen. Die eingereichten Berichte dokumentieren die allge-
meine Lage und die politische Situation in Sri Lanka.
8.6 Die Vorinstanz ist somit zu Recht auf das Mehrfachgesuch mangels
gehöriger Begründung der neuen Asylvorbringen in Anwendung von
Art. 111c AsylG Abs. 1 i.V.m. Art. 13 Abs. 2 VwVG nicht eingetreten.
E-2408/2021
Seite 9
9.
9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
9.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.2
10.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
E-2408/2021
Seite 10
10.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste
der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.). An der letztmals im Urteil E-6302/2015 vom 18. April 2017 ge-
troffenen Einschätzung zur Zulässigkeit ist – auch unter Berücksichtigung
der Veränderung der Sicherheits- und Menschenrechtslage in Sri Lanka –
weiterhin festzuhalten. Aus Sicht des Bundesverwaltungsgerichts besteht
kein Grund zur Annahme, dass sich die jüngsten politischen Entwicklungen
in Sri Lanka konkret auf den Beschwerdeführer auswirken könnten. Die
allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegweisungs-
vollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als generell unzulässig erscheinen
und der Beschwerdeführer weist seinerseits keine individuellen Merkmale
auf, welche eine Unzulässigkeit des Vollzugs begründen könnten. Der Voll-
zug der Wegweisung erweist sich damit als zulässig.
10.3
10.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
E-2408/2021
Seite 11
10.3.2 Die Vorinstanz hat die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs mit
Verweis auf das diesbezüglich ergangene Urteil des Bundesverwaltungs-
gerichts E-6302/2015 vom 18. April 2017, in welchem sich das Gericht mit
der Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs, namentlich auch
der individuellen Situation des Beschwerdeführers auseinandersetzte, in
zutreffender Weise bejaht. Zudem hat die Vorinstanz zu Recht darauf hin-
wiesen, dass trotz der jüngsten politischen Geschehnisse keine gänzlich
unsichere, von bewaffneten Konflikten oder anderen unberechenbaren Un-
ruhen dominierte Lage herrscht, aufgrund derer Rückkehrer unabhängig
von ihrem individuellen Hintergrund konkret gefährdet sind. An dieser Ein-
schätzung vermag auch die Präsidentschaftswahl vom 16. Novem-
ber 2019 und der damit einhergehende Machtwechsel nichts zu ändern.
Auch im vorliegend zu beurteilenden Verfahren macht der Beschwerdefüh-
rer keine anderen Gründe geltend, welche gegen die Zumutbarkeit spre-
chen würden, noch sind solche aus den Akten ersichtlich. Der Vollzug der
Wegweisung ist somit zumutbar.
10.4 Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers nach Sri Lanka
ist schliesslich möglich, da keine Vollzugshindernisse bestehen (Art. 83
Abs. 2 AIG), und es dem Beschwerdeführer obliegt, bei der Beschaffung
gültiger Reisepapiere mitzuwirken (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12).
10.5 Schliesslich steht auch die Corona-Pandemie dem Wegweisungsvoll-
zug nicht entgegen. Ihr ist im Rahmen der Vollzugsmodalitäten durch die
kantonalen Behörden Rechnung zu tragen, indem etwa der Zeitpunkt des
Vollzugs der Situation im Heimatland angepasst wird.
10.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
E-2408/2021
Seite 12
12.
12.1 Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwer-
debegehren des Beschwerdeführers schon bei Einreichung des Rechts-
mittels als aussichtslos zu gelten hatten. Damit ist – ungeachtet der Frage
der prozessualen Bedürftigkeit des Beschwerdeführers – eine der kumula-
tiv zu erfüllenden Voraussetzungen für die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung nach Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt und das entspre-
chende Gesuch ist abzuweisen. Aus demselben Grund fällt auch die amt-
liche Rechtsverbeiständung nach Art. 65 Abs. 2 vwVG (vgl. Art. 102m Abs.
2 AsylG) von vornherein ausser Betracht. Das Gesuch um Verzicht auf die
Kostenvorschusserhebung ist mit dem vorliegenden Entscheid gegen-
standslos geworden.
12.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 1’500.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
E-2408/2021
Seite 13