Decision ID: 2dc780a6-694d-410d-a732-dd3bb26b5d3c
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte
Berufung gegen ein Urteil des Einzelgerichtes des Bezirkes Zürich (10. Abteilung) vom 30. Oktober 2012 (GG120166)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 27. Juni 2012 (Urk. 31)
ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist nicht schuldig und wird freigesprochen.
2. Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz; die weiteren Kosten betragen
Fr. 526.80 Auslagen Untersuchung
Fr. 1'000.00 Gebühr Anklagebehörde.
Die vorgenannten sowie allfällige weitere Kosten werden auf die Gerichts-
kasse genommen.
3. Dem Beschuldigten wird für die Untersuchung und das Gerichtsverfahren
eine Prozessentschädigung von Fr. 5'000.– für anwaltliche Verteidigung aus
der Gerichtskasse zugesprochen.
4. Dem Beschuldigten wird für die erstandene Haft eine Genugtuung von
Fr. 300.– zugesprochen.
Berufungsanträge:
a) Der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl:
(Urk. 56 S. 1)
1. Der Beschuldigte sei der Gewalt und Drohung gegen Behörden und
Beamte im Sinne von Art. 285 Ziff. 1 StGB schuldig zu sprechen.
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2. Der Beschuldigte sei mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu
Fr. 3'000.00 (entsprechend Fr. 90'000.00) sowie einer Busse von
Fr. 6'000.00 zu bestrafen.
3. Die erstandene Haft von einem Tag sei an die Geldstrafe anzurechnen.
4. Dem Beschuldigten sei der bedingte Vollzug der Geldstrafe unter An-
setzung einer Probezeit von zwei Jahren zu gewähren.
5. Festsetzung einer Ersatzfreiheitsstrafe von zwei Tagen bei schuldhaf-
ter Nichtbezahlung der Busse
6. Entscheid über die Zivilansprüche der Privatklägerschaft
7. Kostenauflage zu Lasten des Beschuldigten.
b) Des Vertreters der Privatklägerschaft:
(Urk. 57 S. 1)
1. Es sei der Beschuldigte B._ der Gewalt und Drohung gegen Be-
hörden und Beamte im Sinne von Art. 285 Ziff. 1 StGB schuldig zu
sprechen.
2. Es sei der Beschuldigte nach den Anträgen der Staatsanwaltschaft zu
bestrafen.
3. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Geschädigten und dem Pri-
vatkläger für die Kosten der Rechtsvertretung in diesem Berufungsver-
fahren eine Entschädigung von Fr. 3'858.60 zuzüglich des Aufwandes
für die heutige Berufungsverhandlung zu entrichten.
c) Der Verteidigung des Beschuldigten
(Urk. 59 S. 2)
Es sei das Urteil der 1. Instanz zu bestätigen und der Beschuldigte B._
wegen Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte freizusprechen.
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Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Staates.

Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Mit Urteil vom 30. Oktober 2012 sprach das Bezirksgericht Zürich den Beschul-
digten vom Vorwurf der Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte im
Sinne von Art. 285 Ziff. 1 StGB frei. Ihm wurde ferner eine Prozessentschädigung
von Fr. 5'000.– und eine Genugtuung von Fr. 300.– aus der Gerichtskasse zuge-
sprochen (Urk. 47).
2. Gegen das Urteil, das am gleichen Tag mündlich eröffnet wurde (Prot. I S. 7),
liess der Privatkläger A._ am 1. November 2012 Berufung anmelden (Urk.
42). Die Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl meldete am 2. November 2012 ihre Beru-
fung an (Urk. 43). Das begründete Urteil wurde der Staatsanwaltschaft am 18.
Dezember 2012 und dem Privatkläger am 19. Dezember 2012 zugestellt (Urk.
46/1 und 46/3). Mit Eingabe vom 18. Dezember 2012 reichte die Staatsanwalt-
schaft ihre Berufungserklärung ein (Urk. 48). Am 21. Dezember 2012 folgte die
Berufungserklärung des Privatklägers (Urk. 49). Die Verteidigung verzichtete auf
Anschlussberufung und beantragte die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
(Urk. 60 S. 2). Die Berufungen wurden nicht beschränkt.
3. Anlässlich der heutigen Berufungsverhandlung liessen die Parteien die ein-
gangs erwähnten Anträge stellen. Beweisanträge wurden keine gestellt.
II. Sachverhalt
1. Dem Beschuldigten wird im Wesentlichen vorgeworfen, am 29. Mai 2011 um
ca. 3.50 Uhr auf dem Polizeiposten der Kantonspolizei Zürich an der ... [Adresse]
den Polizeibeamten und Privatkläger A._ mit einer Hand oder beiden Hän-
den heftig gegen die Brust gestossen und den Polizeibeamten C._ zur Seite
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gestossen zu haben, um in einen Raum, in dem seiner Ehefrau Blut abgenommen
wurde, zu gelangen (Urk. 31 S. 2).
2. Der Beschuldigte hat den eingeklagten Sachverhalt während des gesamten
Verfahrens bestritten. Er habe zwar geflucht und gegen die Türe gepoltert, sei
aber nicht aggressiv geworden und habe die Polizisten nicht gestossen (Urk. 36
S. 5 ff.).
3. Die Anklage beruht im Wesentlichen auf den Zeugenaussagen der Privatkläger
A._ und C._ sowie den Aussagen des Beschuldigten, seiner Ehefrau
und des Zeugen D._ (HD Urk. 4, Urk. 6-8, Urk. 12-16 und Urk. 36; Prot. II S.
8 f.). Zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen kann vorab auf die zutreffenden
vorinstanzlichen Erwägungen zur Glaubwürdigkeit der Zeugen und des Beschul-
digten und die allgemeinen Ausführungen zur Beweiswürdigung verwiesen wer-
den (Art. 82 Abs. 4 StPO, Urk. 47 S. 5 f. und S. 9 ff.). Die erwähnten Aussagen
stimmen weitgehend überein, was die Vorgeschichte des Zwischenfalles betrifft.
Dies hat auch die Vorinstanz bereits festgehalten. Bezüglich des anklagerelevan-
ten Sachverhaltes hingegen divergieren die Darstellungen.
Die Polizeibeamten A._ und C._ sagten übereinstimmend aus, der Be-
schuldigte habe A._ am fraglichen Morgen einen Stoss versetzt (Urk. HD 12
S. 4, Urk. 13 S. 4). Dabei waren beide sich nicht mehr sicher, ob dies mit einer
Hand oder beiden Händen erfolgte (HD Urk. 6 S. 4, Urk. 12 S. 4 und Urk. 13 S. 4).
Auch die Intensität des Stosses wird unterschiedlich eingeschätzt. Der Privatklä-
ger A._ führte aus, als Folge des "festen" Stosses sei er mehrere Schritte
nach hinten gestolpert (HD 4 S. 4 und Urk. 12 S. 4). C._ hingegen sprach in
seiner polizeilichen Einvernahme davon, A._ sei aufgrund des Stosses "ein
wenig" zurückgetreten (HD Urk. 6 S. 4). Gegenüber der Staatsanwaltschaft mach-
te er keine spezifischen Angaben zur Intensität des Stosses.
Demgegenüber behauptete der Beschuldigte, er habe keinen der Polizisten be-
rührt, sondern sei sofort, nachdem die Türe zum Raum, in dem seine Frau befragt
wurde, geöffnet worden sei, zu Boden geführt und in Handschellen gelegt worden
(HD Urk. 8 S. 3). Seine Ehefrau bestätigte diese Darstellung (HD Urk. 14 S. 3).
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Beide erwähnten aber auch, dass der Beschuldigte versucht habe, zu seiner Ehe-
frau zu gelangen. Auch der Zeuge D._ sagte aus, der Beschuldigte habe sich
sofort, nachdem die Türe geöffnet worden sei, hineingedrängt (HD Urk. 15 S. 3).
4. Dass der Beschuldigte tatsächlich zu Boden geführt worden wäre, ohne dass er
einen Polizeibeamten berührt oder gestossen hätte, nachdem man ihn vorher
während über einer Stunde ungehindert fluchen und poltern liess, ist unwahr-
scheinlich. Die diesbezüglichen pauschalen Ausführungen des Beschuldigten und
seiner Ehefrau überzeugen nicht, zumal der Beschuldigte gegenüber der Polizei
zunächst geltend machte, er könne sich an den Vorfall nicht erinnern (HD Urk. 7
S. 3), was er später sinngemäss als bewusste Falschaussage auf Ratschlag ei-
nes Freundes hin bezeichnete (Urk. 36 S. 7). Der Zeuge D._ stand während
des Vorfalles hinter dem Beschuldigten und konnte nicht sehen, ob dieser die Po-
lizisten berührt hatte. Er führte aber aus, dass der Beschuldigte herumgefuchtelt
und sich sofort und überraschend in die Türe gedrängt habe, was gegen die Dar-
stellung des Beschuldigten spricht (HD Urk. 15 S. 2).
Demgegenüber schilderten die beiden Privatkläger den Vorfall detailliert und im
Ablauf nachvollziehbar. Soweit ihre Aussagen in einzelnen Details voneinander
abweichen, ist dies durch die jeweilige subjektive Wahrnehmung des Vorfalles, in
den sie direkt verwickelt waren, zu erklären. Es ist daher erstellt, dass der Be-
schuldigte den Privatkläger A._ mit mindestens einer Hand gestossen hatte.
Der Stoss erfolgte auch bewusst, da der Beschuldigte zu seiner Frau gelangen
wollte und der Privatkläger im Weg war. In Anwendung des Grundsatzes "in dubio
pro reo" ist zugunsten des Beschuldigten davon auszugehen, dass A._ als
Folge des Stosses ein wenig zurücktrat.
Was den Vorwurf betrifft, der Beschuldigte habe C._ weggestossen, so führ-
te dieser selbst in seiner polizeilichen Einvernahme vom 29. Mai 2011 nur aus,
der Beschuldigte habe versucht, sich an ihm vorbeizudrücken. Er verneinte auf
entsprechende Frage ausdrücklich, dass der Beschuldigte dabei Gewalt ausgeübt
habe (HD Urk. 6 S. 5). Dies bestätigte er auch am 15. Juni 2012 gegenüber der
Staatsanwaltschaft (HD Urk. 13 S. 3 ff.). Der Privatkläger A._ sprach eben-
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falls nur von einem Vorbeidrängen (HD Urk. 4 S. 4). Von einem Wegstossen, wie
es die Anklageschrift postuliert, kann diesbezüglich keine Rede sein.
III. Rechtliche Würdigung
1. Vorliegend ist zu prüfen, ob der Stoss gegen den Privatkläger A._ und das
Vorbeidrängen am Privatkläger C._ den Tatbestand der Gewalt und Drohung
gegen Behörden und Beamte im Sinne von Art. 285 Ziff. 1 StGB in Form eines
tätlichen Angriffes erfüllen.
2. Wie die Vorinstanz, auf deren entsprechende Erwägungen verwiesen werden
kann (Urk. 47 S. 13 ff.), zutreffend festhielt, stellen nur heftige Stösse eine über
das allgemein übliche und gesellschaftlich geduldete Mass hinausgehende physi-
sche Einwirkungen und damit einen tätlichen Angriff dar, nicht aber harmlose
Schubse. Gemäss erstelltem Sachverhalt trat der Privatkläger A._ als Folge
des einhändigen Stosses nur ein wenig zurück. Dieses Zurücktreten war zudem in
einen dynamischen Vorgang eingebettet. Es kann daher nicht von einem heftigen
Stoss im Sinne eines tätlichen Angriffes ausgegangen werden, auch wenn der
Stoss an der Grenze zur Tätlichkeit anzusiedeln ist.
Das Vorbeidrängen am Privatkläger C._ wurde, wie bereits erwähnt, von die-
sem selbst ausdrücklich nicht als Gewalt bezeichnet. Ohne Zweifel ist es daher
ebenfalls nicht als tätlichen Angriff zu qualifizieren.
3. Weder der Stoss mit einer Hand noch das Vorbeidrängen erfüllen damit den
objektiven Tatbestand von Art. 285 Ziff. 1 StGB. Der Beschuldigte ist somit vom
Vorwurf der Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte freizusprechen.
IV. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Ausgangsgemäss ist das Kosten- und Entschädigungsdispositiv der Vorinstanz
zu bestätigen. Gründe, die für eine Kostenauflage an den freizusprechenden Be-
schuldigten sprechen würden, sind keine auszumachen; das ungebührliche Ver-
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halten des Beschuldigten (Fluchen, Poltern, Stossen, Vorbeidrängen) reicht hier-
für nicht aus.
Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der Privatkläger A._ unterliegen im
Berufungsverfahren vollständig. Die Kosten des Berufungsverfahrens sind daher
zur Hälfte dem Privatkläger aufzuerlegen und im Übrigen auf die Gerichtskasse
zu nehmen.
2. Dem Beschuldigten ist für seine anwaltliche Verteidigung im Berufungsverfah-
ren eine Prozessentschädigung von Fr. 5'000.– (inkl. MwSt.) aus der Gerichtskas-
se zuzusprechen. Für die unschuldig erlittene Haft von einem Tag ist ihm eine
Genugtuung von Fr. 300.– zuzusprechen.
3. Dem Privatkläger A._ ist keine Prozessentschädigung zuzusprechen.