Decision ID: c6827b0a-22af-4516-8a34-cbe9072cd7f1
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KG
Chamber: SG_KG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
Ein Sachbearbeiter mit staatsanwaltlichen Befugnissen (SmsB) führt ein Strafverfahren
gegen A. und erliess am 25. August 2017 einen Strafbefehl wegen Beschimpfung,
Drohung sowie Tätlichkeiten. Nach Einspracheerhebung reichte der SmsB Anklage
beim Kreisgericht ein. Mit Verfügung vom 29. Dezember 2017 wies der Einzelrichter
des Kreisgerichts die Anklage „zur Ergänzung respektive Berichtigung an die
Staatsanwaltschaft“ zurück. Grundlage jener Rückweisung bildete ein Entscheid der
Strafkammer des Kantonsgerichts St. Gallen vom 29. November 2017, wonach SmsB
nicht befugt seien, einen Strafbefehl zu erlassen oder Anklage zu erheben, wenn
Vergehen oder Verbrechen Gegenstand der Anklage seien (ST.2016.82-SK3). Aufgrund
des revidierten Art. 13 nEG-StPO (in Kraft seit 30. Januar 2018) erhob am 13. Februar
2018 wiederum ein SmsB beim Kreisgericht Anklage. Mit Entscheid vom 7. März 2018
wies der Einzelrichter des Kreisgerichts die Anklage (erneut) „zur Ergänzung respektive
zur Berichtigung an die Staatsanwaltschaft“ zurück, da die Revision von Art. 13 EG-
StPO nichts an der Rechtslage bzw. am Entscheid der Strafkammer vom 29.
November 2017 geändert habe.

Aus den Erwägungen:
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II.2.a) Ausgehend vom Grundsatz von Art. 123 Abs. 2 BV sind die Kantone
organisatorisch frei, soweit die StPO nichts anderes vorsieht. Die StPO sieht einen
Grobraster vor, wonach Bund und Kantone verpflichtet sind, die Behörden gemäss Art.
12 StPO einzusetzen bzw. gemäss Art. 13 StPO dafür besorgt zu sein, dass eine
gerichtliche Instanz die entsprechenden Funktionen wahrnimmt (vgl. BSK StPO –
Uster, Art. 14 N 1). Gemäss Art. 14 StPO bestimmen Bund und Kantone ihre
Strafbehörden und deren Bezeichnung (Abs. 1). Sie regeln Wahl, Zusammensetzung,
Organisation und Befugnisse der Strafbehörden, soweit die StPO oder andere
Bundesgesetze dies nicht abschliessend regeln (Abs. 2). Sie können mehrere
gleichartige Strafbehörden einsetzen und bestimmen für diesen Fall den jeweiligen
örtlichen und sachlichen Zuständigkeitsbereich; ausgenommen sind die
Beschwerdeinstanz und das Berufungsgericht (Abs. 4).
b) Die StPO schreibt demnach Bund und Kantonen in eher rudimentärer Form
vor, welche Behörden sie zu schaffen haben. Wie diese Behörden aber im Einzelnen
zusammengesetzt sind, wie sie bezeichnet oder welche sachlichen Zuständigkeiten
ihnen zugewiesen werden, bleibt jedoch weitgehend Bund und Kantonen überlassen.
Die StPO enthält lediglich einen Grobraster. Die nähere Regelung der
Behördenorganisation obliegt Bund und Kantonen (BGE 142 IV 70 E. 3.1 mit Verweis
auf BBl 2006 1102 Ziff. 1.5.1.3 und BBl 2006 1134 Ziff. 2.2.1.1). Art. 14 Abs. 1 StPO
überlässt es Bund und Kantonen insbesondere festzulegen, welche Behörden die
Funktionen der in Art. 12 StPO aufgelisteten Strafverfolgungsbehörden zu übernehmen
haben und welche Bezeichnungen sie tragen sollen, sowie den Kreis der Beamten zu
bestimmen, die in der Strafverfolgung tätig werden (BGE 142 IV 70 E. 3.2.1 mit Verweis
auf BBl 2006 1134 Ziff. 2.2.1.1; BSK StPO – Uster, Art. 14 N 3; Keller, in: Donatsch/
Hansjakob/Lieber, StPO Komm., Art. 14 N 3). Mit den ihnen überlassenen Freiheiten
soll den Kantonen die nötige Flexibilität eingeräumt werden, um je nach Grösse des
Kantons sowie mit Rücksicht auf die historisch gewachsenen Strukturen geeignete
Behördenorganisationen zu schaffen, ohne das Ziel der StPO, nämlich die
Sicherstellung einer möglichst weit gehenden Vereinheitlichung des eigentlichen
Verfahrensrechts, zu gefährden (BGE 142 IV 70 E. 3.2.1; vgl. auch Keller, in: Donatsch/
Hansjakob/Lieber, StPO Komm., Art. 14 N 5). Die StPO hat hinsichtlich der
Terminologie zwar zu einer gewissen Vereinheitlichung geführt. Dies gilt allerdings nicht
mit Bezug auf die Funktionen innerhalb der Staatsanwaltschaft. Diesbezüglich bleibt es
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bei einer grossen Uneinheitlichkeit in der Bezeichnung der verschiedenen Hierarchie-
bzw. Funktionsstufen. Es muss nach wie vor für jeden Kanton gesondert geklärt
werden, was eine Funktionsbezeichnung hinsichtlich Befugnissen und hierarchischer
Einordnung konkret bedeutet (Keller, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber, StPO Komm., Art.
14 N 3).
c) Die StPO „denkt“ – wie dargelegt – in Funktionen. Mit diesen Funktionen soll
ein einheitliches Verfahrensrecht sichergestellt werden. Funktion der
Staatsanwaltschaft ist gemäss Art. 16 StPO die gleichmässige Durchsetzung des
staatlichen Strafanspruchs, wobei die Staatsanwaltschaft bzw. der einzelne
Staatsanwalt das Vorverfahren leitet, die Strafuntersuchung führt, gegebenenfalls
Anklage erhebt und die Anklage vertritt (vgl. Abs. 1 und Abs. 2). Zu den Aufgaben
gehören aber auch die anderen Formen des Verfahrensabschlusses, namentlich die
Nichtanhandnahme, die Einstellung und der Strafbefehl. Im Wesentlichen will „der
Gesetzgeber das Strafverfahren aus einer Hand“ (vgl. BSK StPO – Uster, Art. 16 N 4 f.).
3.a) Der Kanton St. Gallen hat in seiner Einführungsgesetzgebung festgelegt, dass
der Staatsanwaltschaft nebst Staatsanwälten u.a. auch Sachbearbeiterinnen und
Sachbearbeiter mit staatsanwaltlichen Befugnissen angehören (vgl. Art. 7 lit. c EG-
StPO). Gemäss Art. 13 nEG-StPO führt ein solcher SmSB Untersuchungen, verfügt die
Nichtanhandnahme, sistiert das Verfahren oder stellt es ein, erlässt einen Strafbefehl
oder erhebt Anklage, wenn als Sanktion voraussichtlich eine Busse, eine Geldstrafe
oder eine Freiheitsstrafe von höchstens sechs Monaten in Betracht kommt (Abs. 1). Der
Kanton St. Gallen verfügt damit über die vom Bundesgericht geforderte (vgl. BGE 142
IV 70 E. 4.3) klare gesetzliche Grundlage.
b) Entsprechend der gesetzlichen Regelung von Art. 13 nEG-StPO nimmt der
SmsB genau die von Art. 16 StPO vorgesehenen Funktionen eines Staatsanwalts im
Bereich bis zu sechs Monaten Freiheitsstrafe wahr. Er ist also von der Funktion her ein
„Staatsanwalt“ im Sinne der StPO mit aufgrund dem nach Art. 14 Abs. 4 StPO
ausdrücklich als zulässig bezeichneten sachlich begrenzten Zuständigkeitsbereich und
mit zulässigerweise anderer Bezeichnung. Die durch die Ausführungsgesetzgebung
mögliche Einschränkung in sachlicher Hinsicht ermöglicht (ausdrücklich) die
Beschränkung auf einen bestimmten Sachbereich (z.B. SVG Delikte) oder auf Verfahren
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bis zu einer maximalen Strafhöhe. Diese Personen (im Kanton SG: SmsB; im Kanton
ZH: Assistenzstaatsanwälte) üben dann (nur) in ihrem Zuständigkeitsbereich die
Befugnisse eines Staatsanwalt aus (Keller, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber, StPO
Komm., Art. 14 N 16).
c) Die SmsB haben die Funktion von „Assistenz-Staatsanwälten“ und sollen
Verfahren gemäss dem Willen des kantonalen Gesetzgebers selbständig führen und
Abschlussverfügungen erlassen können (vgl. Botschaft und Entwurf der Regierung vom
2. Mai 2017 zum Nachtrag zum Einführungsgesetz zur StPO und JStPO, S. 4). An
dieses st. gallische Gesetz ist der st. gallische Richter gebunden (vgl. Art. 50 GerG).
Anderslautendes übergeordnetes Recht liegt – wie dargelegt – nicht vor, vielmehr
überlässt die StPO die Organisation der Strafverfolgungsbehörden gerade den
Kantonen und will historisch gewachsene Strukturen – im Kanton St. Gallen eben auch
die Verfahrensführung in beschränktem sachlichen Zuständigkeitsbereich durch SmsB
(bzw. früher „SmuB“ [Sachbearbeiter mit untersuchungsrichterlichen Befugnissen]) –
zulassen. Zudem schreiben weder die StPO noch das EG-StPO vor, welche
(fachlichen) Voraussetzungen eine Person zu erfüllen hat, um in der Funktion
„Staatsanwalt“ tätig sein zu können. Inwiefern eine solche – wie vom st. gallischen
Gesetzgeber in Anwendung von Art. 14 StPO geschaffene – Organisation die
bundesrechtlich geforderte Vereinheitlichung des Verfahrensrechts gefährden würde,
ist weder ersichtlich noch dargetan. Vielmehr ist ein beschränkter sachlicher
Zuständigkeitsbereich gesetzlich ausdrücklich zulässig (Art. 14 Abs. 4 StPO) und in der
Bezeichnung sind die Kantone frei (Art. 14 Abs. 1 StPO).
d) Mit der gesetzlichen Regelung von Art. 13 EG-StPO bzw. der Revision dieses
Artikels wurde zudem auch klar gestellt, dass der SmsB seine Arbeit im Sinne eines
unabhängigen Strafverfolgers gemäss Art. 4 StPO ausübt. Der SmsB soll die Verfahren
(auch künftig) selbständig führen und die Abschlussverfügungen erlassen (so Botschaft
und Entwurf der Regierung vom 2. Mai 2017 zum Nachtrag zum Einführungsgesetz zur
StPO und JStPO, S. 4).
Daran vermag – entgegen der Ansicht der Privatklägerin – Art. 12 Abs. 1 lit. f nEG-StPO
nichts zu ändern. Die entsprechenden Weisungsbefugnisse entsprechen vielmehr den
gesetzlichen Vorgaben (vgl. Art. 4 Abs. 2 i.V.m. Art. 14 StPO). Aus der hierarchischen
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Struktur der Strafverfolgungsbehörden folgt, dass der einzelne Amtsträger keine
richterliche Unabhängigkeit geniesst, sondern zumindest einem internen
Weisungsrecht unterliegt. Das interne Weisungsrecht hat die Funktion, die
Organisation, Arbeitsteilung und Zusammenarbeit innerhalb der Behörde näher zu
regeln und damit das gute Funktionieren und die rationelle, einheitliche und
rechtmässige Ausübung der öffentlichen Aufgaben durch die Behörde zu
gewährleisten. Um die sachgerechte Erfüllung der öffentlichen Aufgabe der
Strafverfolgung zu gewährleisten, können vorgesetzte Staatsanwälte sowohl die
administrative wie auch die fachliche Aufsicht über die ihnen untergeordneten
Staatsanwälte ausüben. Das interne Weisungsrecht umfasst neben der Befugnis zum
Erlass generell-abstrakter Dienstanweisungen auch die Kompetenz zur Weisung
bezüglich der Behandlung konkreter Einzelfälle, findet seine Grenze aber in der
Bindung an das Gesetz (Wohlers, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber, StPO Komm., Art. 4
N 17, N 19 f. m.w.H.; vgl. ferner auch BSK StPO - Wiprächtiger, Art. 4 N 33 ff.).
Aufgrund dieser Ordnung kann der Staatsanwalt (zulässigerweise) den SmsB fachlich
beaufsichtigen, ihm Weisungen erteilen und seine Schlussverfügungen kontrollieren
(Art. 12 Abs. 1 lit. f StPO); der Staatsanwalt seinerseits untersteht der
Weisungsbefugnis des Leitenden Staatsanwalts (vgl. Art. 11 Abs. 1 lit. d EG-StPO).
e) Zusammenfassend ist festzuhalten, dass ein SmsB kein Verwaltungsbeamter
im Sinne der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (BGE 142 IV 70) ist, sondern in
seiner Funktion ein Staatsanwalt mit beschränktem sachlichen Zuständigkeitsbereich.
Nicht massgebend für die generelle Organisation der Strafverfolgungsbehörde ist im
Übrigen Art. 311 StPO. Bei dieser Bestimmung geht es vielmehr um die
Aufgabenteilung innerhalb eines konkreten Strafverfahrens bzw. im Verlaufe der
„Durchführung der Untersuchung“ (vgl. Abschnittsüberschrift im Gesetz). Ebenso nicht
relevant ist vorliegend Art. 17 StPO (i.V.m. Art. 357 StPO) betreffend die
Übertretungsstrafbehörden. Das Übertretungsstrafverfahren im Kanton St. Gallen wird
denn auch (separat) in Art. 49 EG-StPO geregelt.
4. Die Vorinstanz hält schliesslich fest, dass vorliegend die gesamte
Untersuchung (und damit Verfahrenshandlungen vor der Revision von Art. 13 EG-StPO)
von einem SmsB geführt worden sei(en), was nicht bundesrechtskonform erscheine.
Diesbezüglich bleibt darauf hinzuweisen, dass es der Praxis der Strafkammer des
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Kantonsgerichts entspricht, es in diesem Bereich den Parteien zu überlassen, ob sie
den „formellen Mangel“ rügen oder sich mit einer materiellen Beurteilung einverstanden
erklären wollen. Auch im vorliegenden Fall wurden die Parteien ausdrücklich angefragt,
ob sie Wiederholungen von „SmsB-Verfahrenshandlungen“ wünschen; sie haben dies
explizit nicht verlangt. Verwertungsverbote sind denn auch mindestens teilweise
verzichtbar (BSK StPO – Hauri/Venetz, Art. 343 N 18 m.w.H.; vgl. auch Gut/Fingerhuth,
in: Donatsch/ Hansjakob/Lieber, StPO Komm., Art. 343 N 29). Im Übrigen ist es – wie
die Staatsanwaltschaft richtig ausführt – Aufgabe des Gerichtes, seiner Ansicht nach
nicht ordnungsgemäss erhobene Beweise nochmals zu erheben (Art. 343 Abs. 2 StPO).
5. Insgesamt ist die Beschwerde zu schützen und der Entscheid des
Einzelrichters am Kreisgericht St. Gallen vom 7. März 2018 [...] ist aufzuheben. [...]
Hinweis: Dieser Entscheid ist rechtskräftig.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Anklagekammer, 26.04.2018 Art. 14 StPO (SR 312.0), Art. 13 EG-StPO (sGS 962.1)Ein Sachbearbeiter mit staatsanwaltlichen Befugnissen (SmsB) ist kein Verwaltungsbeamter im Sinne der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (BGE 142 IV 70), sondern in seiner Funktion ein Staatsanwalt mit beschränktem sachlichen Zuständigkeitsbereich (Strafverfahren mit Sanktion Busse, Geldstrafe oder Freiheitsstrafe von höchstens sechs Monaten) (Anklagekammer, 26. April 2018, AK.2018.75).
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