Decision ID: a28a46d0-def5-4690-8957-7978535206b2
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein Paschtune sunnitischen Glaubens aus der
Provinz Nangarhar reichte an 24. Mai 2022 in der Schweiz ein Asylgesuch
ein. Er wurde dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region B._ zu-
gewiesen und dort am 17. Juni 2022 im Beisein der ihm zugewiesenen
Rechtsvertretung, welche gleichzeitig als Vertrauensperson für den unbe-
gleiteten minderjährigen Beschwerdeführer (UMA) fungierte, zu seiner Per-
son und summarisch zu den Asylgründen befragt (Protokoll Erstbefragung
[EB] UMA). Am 12. Juli 2022 wurde er – ebenfalls im Beisein der zugewie-
senen Rechtsvertretung – zu seinen Asylgründen angehört.
A.b Der Beschwerdeführer führte aus, er sei zusammen mit einem älteren
Bruder und vier jüngeren Geschwistern mit den Eltern in der Provinz
Nangarhar geboren und aufgewachsen. Seine Familie sei sehr arm gewe-
sen. Das Einkommen habe aus der Bewirtschaftung von Feldern anderer
Leute sowie aus dem Einkommen des älteren Bruders resultiert, der ein
Auto besessen und damit Personentransporte durchgeführt habe.
Er (Beschwerdeführer) habe bei der Feldarbeit mithelfen und keine Schule,
(jedoch ab dem [...] Lebensjahr die Koranschule) besuchen können. Zu
Beginn des Jahres 2021 respektive kurz vor Beginn des Ramadans im Jahr
2021 habe der ältere Bruder eines Tages nach der Arbeit berichtet, er sei
von vier vermummten Taliban angehalten und bedroht worden. Diese hät-
ten ihn aufgefordert, sich in ihren Dienst zu stellen und mit seinem Auto
Bomben für sie zu transportieren. Der Bruder habe dieser Aufforderung
keine Folge geleistet und seine Arbeit als Taxichauffeur in der Folge fort-
gesetzt. Etwa drei Wochen später habe der Vater einen Brief vor dem Hof-
tor gefunden. Der Inhalt sei dem leseunkundigen Vater von einem Dorf-
bewohner vorgelesen worden. Im Brief hätten die Taliban den älteren
Bruder unter Todesdrohungen erneut aufgefordert, für sie zu arbeiten und
Bomben für sie zu transportieren. Der Vater habe den Bruder zum Aufge-
ben seiner Arbeit aufgefordert. Dieser habe jedoch aufgrund fehlender an-
derer Arbeitsmöglichkeiten und der Notwendigkeit, für die Familie sorgen
zu müssen, dennoch weiter als Chauffeur gearbeitet. Etwa eineinhalb
Monate später habe der Vater während Feldarbeiten mit dem Beschwer-
deführer einen Anruf erhalten und erfahren, dass sein Sohn in der Nähe
der Ortschaft C._ tot aufgefunden worden sei. Zusammen mit ei-
nem Cousin seien sie sofort dorthin gefahren. Der Bruder sei bereits in der
Moschee aufgebahrt gewesen. Dessen Anblick habe ihn (Beschwerdefüh-
rer) nachhaltig erschüttert und er sei ohnmächtig geworden. Der getötete
Bruder sei am Folgetag am Wohnort beerdigt worden.
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Einen Monat später sei erneut ein Schreiben der Taliban eingegangen, das
dem Vater und ihm durch den Mullah vorgelesen worden sei. Darin sei auf
den Tod des ältesten Sohnes hingewiesen und der Vater sei aufgefordert
worden, nun ihn (Beschwerdeführer) den Taliban zu überlassen. Der Vater
habe den Brief vor den Augen des Mullahs zerrissen. Etwa 20 oder 25 Tage
später sei der Beschwerdeführer auf dem Heimweg von der Arbeit von den
Taliban angehalten worden. Vier oder fünf Taliban seien aus einem schwar-
zen Wagen gestiegen, hätten ihn ins Fahrzeug gezerrt und zu ihrem Stütz-
punkt in D._ bei E._ im Bezirk Khogyani gebracht, wo er zu
anderen Personen in einen dunklen Raum gesperrt worden sei. In den
nächsten Tagen habe man ihn wiederholt an das Schicksal des Bruders
erinnert und ihn unter Schlägen aufgefordert, sich den Taliban anzuschlies-
sen und mit ihnen gegen die Regierung zu kämpfen. Er habe sich mit dem
Hinweis geweigert, er müsse nun für die Familie sorgen. Dies habe die
Taliban erzürnt, und am vierten oder fünften Tag hätten diese ihm die
zweite Zehe des linken Fusses abgehackt. Kurz darauf sei er mit einem
Wächter ins Gespräch gekommen, der seinen Dienst nicht freiwillig ausge-
übt und ihm nach etwa zwei weiteren Nächten zur Flucht verholfen habe,
indem er ihn des Nachts mit einem Motorrad zum Bazar in F._ ge-
fahren habe. Er sei sofort zur nahe wohnhaften Tante mütterlicherseits und
in Begleitung deren Ehemannes gegen Mitternacht nach Hause gelangt. In
der Nacht sei über seine Situation diskutiert worden und es sei entschieden
worden, dass der Beschwerdeführer Afghanistan um seiner Sicherheit wil-
len unverzüglich verlassen müsse. In den frühen Morgenstunden habe ihn
ein Cousin väterlicherseits nach G._ begleitet. Von dort sei der Be-
schwerdeführer allein mit einem Taxi nach H._ gefahren, habe dort
einen Bus nach I._ bestiegen und sei anschliessend, begleitet von
Schleppern und anderen Personen, illegal über die Grenze nach Pakistan,
weiter in den Iran und schliesslich in die Türkei gelangt. Nach sechs Mo-
naten in Istanbul habe er die Türkei Ende 2021 verlassen und sei über die
sogenannte Balkanroute am 24. Mai 2022 in die Schweiz eingereist.
Die Taliban hätten nach seiner Ausreise wiederholt bei der Familie nach
ihm gefragt und vom Vater verlangt, ihn herbeizuschaffen. Die Familie habe
deswegen selber auch ausreisen wollen, allerdings sei dieser Versuch
misslungen und die Familie sei ins Dorf zurückgekehrt.
A.c Der Beschwerdeführer reichte eine Kopie seiner Tazkira sowie drei Fo-
tografien, die seinen Bruder zeigen würden, zu den Akten des SEM.
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Seite 4
B.
B.a Am 19. Juli 2022 wurde der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers
der Verfügungsentwurf zur Stellungnahme zugestellt.
B.b In der Stellungnahme vom 20. Juli 2022 liess der Beschwerdeführer
unter Hinweis auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahr
2020 ausführen, es würden – entgegen der vom SEM im Entwurf vertrete-
nen Auffassung – sehr wohl asylrechtlich relevante Verfolgungsmotive vor-
liegen. Diese würden in der sozialen Stellung des Beschwerdeführers,
seinem Alter und seinem Geschlecht liegen. Weiter sei eine politische
Komponente gegeben, da der Beschwerdeführer sich durch seine Weige-
rung und seine Flucht aus dem Camp den Taliban gegenüber oppositionell
verhalten habe. Nach der (glaubhaft vorgebrachten) Zwangsrekrutierung
durch die Taliban habe er begründete Furcht gehabt, durch diese für illegi-
time Kampfhandlungen rekrutiert zu werden. Dies sei wegen seiner Zuge-
hörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe – von Armut betroffener
junger Mann – geschehen. Auch habe er wegen seiner politischen Gesin-
nung eine Verfolgung zu befürchten, da er ein Mitmachen bei den Taliban
verweigert habe und aus deren Gefangenschaft geflohen sei. Ihm hätten
daher gezielte ernsthafte Nachteile im Sinn des Asylgesetzes gedroht,
denen er sich nicht innerstaatlich im Sinn einer Fluchtalternative habe ent-
ziehen können.
C.
Mit Verfügung vom 28. Juli 2022 – gleichentags eröffnet – lehnte das SEM
das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete die Wegweisung
aus der Schweiz an. Den Vollzug der Wegweisung schob es wegen Unzu-
mutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme in der Schweiz auf.
D.
Gegen diesen Entscheid liess der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
22. August 2022 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben.
Er beantragte die Aufhebung der Dispositivziffern 1–3 der Verfügung des
SEM vom 28. Juli 2022, die Anerkennung als Flüchtling und die Gewäh-
rung des Asyls; eventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sach-
verhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er die Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung und den Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses.
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Seite 5
E.
Am 26. August 2022 stellte der Instruktionsrichter fest, der Beschwerde-
führer dürfe den Ausgang des Verfahrens (zumal die vorläufige Aufnahme
bereits angeordnet worden sei) in der Schweiz abwarten. Er hiess das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und ver-
zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Mit gleicher Verfü-
gung lud er die Vorinstanz zum Einreichen einer Vernehmlassung innert
Frist ein.
F.
Die Vorinstanz reichte ihre Stellungnahme am 2. September 2022 zu den
Akten. Diese wurde dem Beschwerdeführer am 8. September 2022 zur
Kenntnis gebracht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 10 der Verordnung vom 1. April 2020 über Massnahmen
im Asylbereich im Zusammenhang mit dem Coronavirus [Covid-19-Verord-
nung Asyl, SR 142.318] sowie Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
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Seite 6
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihrer Verfügung Folgendes aus:
3.1.1 Die Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft setze voraus, dass die asyl-
suchende Person gezielt wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zuge-
hörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politi-
schen Anschauung verfolgt werde und von ihrem Verfolger beziehungs-
weise von ihren Verfolgern in einer dieser Eigenschaften getroffen werden
solle. Gemäss den Aussagen des Beschwerdeführers seien die Taliban am
Bruder interessiert gewesen, da dieser ein Auto besessen habe. Sie hätten
diesen daher aufgefordert, sich ihnen mitsamt seinem Auto zur Verfügung
zu stellen und Bomben für sie zu transportieren. Die Verfolgungsabsicht
der Taliban im Fall des Bruders könne damit mit keinem der im Gesetz ab-
schliessend genannten Motive in Verbindung gebracht werden. Selbst
wenn die Verfolgungsmotivation der Taliban in Bezug auf den Beschwer-
deführer zusätzlich in gekränktem Stolz oder verletzter Eitelkeit gelegen
haben könne, lasse sich aus der Verfolgungssituation des Bruders und
dessen Ermordung für den Beschwerdeführer kein flüchtlingsrechtlich
relevantes Verfolgungsmotiv ableiten. Dies gelte umso mehr, als er ange-
geben habe, die Familie habe keine Feindschaft mit den Taliban gehabt, er
könne sich das Interesse der Taliban an der Familie beziehungsweise am
älteren Bruder und seiner Person nicht erklären.
3.1.2 Die Verfolgung müsse gemäss Art. 3 Abs. 1 AsylG zudem gezielt ge-
gen eine Person gerichtet sein. Der Beschwerdeführer habe ausgeführt,
die Taliban hätten mitunter Leute zum Mitmachen gezwungen, manche
seien mitgegangen, andere hätten sich gewehrt. Die Menschen seien ent-
weder geflohen oder ums Leben gekommen; es sei das Pech der jeweili-
gen Familie gewesen, von den Taliban ausgewählt worden zu sein. Daraus
werde klar, dass viele von derartigen Nachstellungen der Taliban betroffen
gewesen seien, mithin mache der Beschwerdeführer damit weder für den
Bruder noch für sich selbst eine individueIle Verfolgung geltend. Damit sei
auch die geforderte Zielgerichtetheit der Verfolgungsmassnahme nicht ge-
geben.
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Seite 7
3.1.3 Anknüpfungspunkte für die geltend gemachten Verfolgungsmass-
nahmen in der Heimatregion des Beschwerdeführers seien gemäss den
Aussagen des Beschwerdeführers der Ort, das Alter, das Geschlecht und
weitere Merkmale der betroffenen Personen gewesen (wie beim Bruder der
Besitz eines Autos). Bei diesen Merkmalen handle es sich nicht um die in
Art. 3 Abs. 1 AsyIG erwähnten Eigenschaften, die eine Verfolgungshand-
lung flüchtlingsrechtlich relevant erscheinen lassen würden. Das Vorgehen
der Taliban habe offensichtlich nicht das Ziel gehabt, ihn und andere be-
troffene Personen in der Eigenschaft als junge Männer zu treffen respek-
tive ihn und die anderen aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten
sozialen Gruppe zu verfolgen. Entsprechend sei der Beschwerdeführer
weder aus einem flüchtlingsrechtlich relevanten Motiv verfolgt noch in die-
sem Rahmen gezielt verfolgt worden, weshalb für den Zeitpunkt der Aus-
reise eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung durch die Taliban zu
verneinen sei, zumal den Aussagen keine Anhaltspunkte dafür zu entneh-
men seien, dass er für die Taliban aus einem weiteren als den obenge-
nannten Motiven von Interesse gewesen oder er von diesen als Feind oder
Verräter wahrgenommen worden wäre, so dass ihm eine oppositionelle
Gesinnung hätte unterstellt werden können.
3.1.4 Hinzu komme, dass es zeitliche Unstimmigkeiten in den Vorbringen
des Beschwerdeführes gebe. So habe dieser in der EB UMA zu Protokoll
gegeben, Afghanistan drei oder vier Monate vor der Machtübernahme der
Taliban – mithin etwa Frühjahr 2021 – verlassen zu haben. Im Rahmen der
Anhörung habe er als Beginn der Geschehnisse, namentlich der ersten
Kontaktaufnahme der Taliban mit seiner Familie, einerseits die Zeit kurz
vor Ramadan und damit einen Zeitpunkt kurz vor dem 12. April 2021 an-
gegeben. Andererseits gehe aus den Aussagen aber auch hervor, dass
zwischen der ersten Kontaktaufnahme der Taliban mit dem Bruder und sei-
ner Ausreise etwa vier Monate verstrichen seien. Damit hätte der Be-
schwerdeführer Afghanistan Mitte August 2021 und nicht, wie in der
EB UMA angegeben, drei oder vier Monate vor der Machtübernahme der
Taliban verlassen.
3.1.5 Es sei weiter anhand von Risikofaktoren zu prüfen, ob die mit der
Machtübernahme der Taliban eingetretenen politischen Veränderungen ab
August 2021 dazu geführt hätten, dass der Beschwerdeführer aufgrund
seiner Ausreise aus Afghanistan bei einer Rückkehr flüchtlingsrelevante
Verfolgung befürchten müsse. Afghanistan befinde sich seit der faktischen
Machtübernahme durch die Taliban Mitte August 2021 weiterhin in einer
Übergangsphase und es sei immer noch nicht vollständig absehbar, wie
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Seite 8
diese mit spezifischen Personengruppen in der afghanischen Bevölkerung
umgehen würden. Praxisgemäss würden sich Gruppen von Personen
definieren lassen, die in Afghanistan aufgrund ihrer Exponiertheit einem er-
höhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt seien. So seien seit August 2021 zahl-
reiche Übergriffe gegenüber Personen aus bestimmten Risikogruppen
dokumentiert, wobei die Übergriffe weder systematisch noch einheitlich
seien. Den Aussagen des Beschwerdeführers seien keine Hinweise darauf
zu entnehmen, dass ihm die Taliban aufgrund seines Verhaltens eine
oppositionelle Gesinnung unterstellen könnten. Aufgrund seines politisch
gänzlich unauffälligen Profils und seines zum Zeitpunkt der Ausreise
jugendlichen Alters sei objektiv betrachtet die Wahrscheinlichkeit einer
flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung bei einer Rückkehr nach Afgha-
nistan als äusserst gering einzustufen, mithin bestehe kein begründeter
Anlass zur Annahme, dass sich die Lageveränderung risikoschärfend auf
seine persönliche Situation auswirke und er zum Entscheidzeitpunkt bei
einer Heimkehr mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zu-
kunft flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsmassnahmen durch die
Taliban ausgesetzt würde.
3.1.6 Die Ausführungen der Rechtsvertretung in der Stellungnahme zum
Verfügungsentwurf würden zu keiner Änderung des Standpunkts des SEM
zu führen. Dies gelte auch für den Verweis auf das Urteil des Bundesver-
waltungsgerichts (E-5072/2018 vom 17. Dezember 2020), bei dem es sich
weder um ein Grundsatz- noch um ein Referenzurteil handle: In diesem
Urteil sei die Illegitimität der Einberufung von Minderjährigen zu militäri-
schen Handlungen durch lokale quasi-staatliche Machthaber als flücht-
lingsrechtlich relevant qualifiziert worden. Bei den Taliban habe es sich im
Zeitpunkt der vom Beschwerdeführer geltend gemachten Zwangsrekrutie-
rung um eine nicht-staatliche Gruppierung gehandelt; allein deshalb sei der
vorliegende Fall nicht vergleichbar und es könne kein direkter Analog-
schluss gezogen werden.
3.1.7 Insgesamt würden die Vorbringen den Anforderungen an die Flücht-
lingseigenschaft gemäss Art. 3 AsyIG nicht standhalten. Der Beschwerde-
führer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht; sein Asylgesuch sei abzu-
lehnen.
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3.2 In der Beschwerde wird Folgendes festgehalten:
3.2.1 Eine Zwangsrekrutierung von Minderjährigen sei stets illegitim und
stelle eine Verletzung des Völkerrechts dar. Es sei auch auf ein anderes
Urteil des Bundesverwaltungsgerichts (E-1144/2018 vom 29. Juni 2020) zu
verweisen, in welchem die Verfolgung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer
bestimmten sozialen Gruppe zumindest implizit bejaht worden sei; dies
aufgrund der Tatsache, dass das somalische Militär in diesem Fall bei der
Rekrutierung auf die unabänderbaren Merkmale des Alters und der sozia-
len Schicht abgezielt habe. Das zusätzliche Kriterium der örtlichen Zuge-
hörigkeit sei gar nicht erst erwähnt worden.
3.2.2 Vorliegend hätte der Beschwerdeführer wegen seines Alters, seines
Geschlechts und der örtlichen Zugehörigkeit zwangsrekrutiert werden sol-
len; in Afghanistan drohe nur Männern eine Zwangsrekrutierung, was klar
an das Unterscheidungsmerkmal des Geschlechts anknüpfe. Der Be-
schwerdeführer sei von den Taliban entführt und gefoltert worden, und es
habe ihm Zwangsrekrutierung gedroht. Das Widersetzen des Bruders habe
seine oppositionelle politische Haltung impliziert. Dass nun er hätte mit-
kämpfen sollen, weise auf ein mitunter politisch motiviertes Vorgehen der
Taliban hin. Der Beschwerdeführer sei zudem auch wegen seiner sozialen
Stellung auserkoren worden, da oft von Armut betroffene Jugendliche
zwangsrekrutiert würden. Das Verfolgungsmotiv der Zugehörigkeit zu einer
bestimmten sozialen Gruppe gründe mithin genau darauf, dass jemand we-
gen unabänderlichen Eigenschaften in seiner Person verfolgt werde. Dies
werde auch im erwähnten Urteil BVGer E-5072/2018 erkannt. Weiter impli-
ziere gerade die Tatsache, dass der Beschwerdeführer trotz Folter und
Gefangennahme ein Mitmachen bei den Taliban verweigert habe, seine
oppositionelle Haltung diesen gegenüber, die er durch die Flucht noch un-
terstrichen habe. Es sei daher entgegen der Auffassung des SEM von einer
Furcht vor künftiger Verfolgung auszugehen, zumal die Taliban seit der
Ausreise mehrfach bei der Familie nach dem Beschwerdeführer gefragt
und diese aufgefordert hätten, ihn auszuliefern.
3.2.3 Weiter habe das Bundesverwaltungsgericht in Urteil E-5072/2018
festgehalten, dass die drohende Zwangsrekrutierung eines Minderjährigen
für einen Kampf- oder Kriegseinsatz, für den ihn die örtlichen Führer rekru-
tieren wollten, zumindest im Sinn eines unerträglichen psychischen Drucks
eine ernsthafte Verfolgungsgefahr darstelle. Dies sei vorliegend auch der
Fall. In diesem Urteil werde zudem festgehalten, dass die Rekrutierung von
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Seite 10
Kindern unter 15 Jahren durch (quasi-staatliche) Behörden ein Kriegsver-
brechen darstelle, das auch in der Schweiz strafrechtlich verfolgt werde,
selbst wenn die Tat im Ausland begangen worden sei. Die Schweiz habe
die Kinderrechtskonvention und weitere einschlägige Konventionen ratifi-
ziert. Auch gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
könne eine gegen den Willen eines minderjährigen Jugendlichen erfolgte
Einziehung ins Militär und Ausbildung zur Teilnahme an Kampfhandlungen
per se keine staatlich legitimierte Massnahme darstellen. Eine bevorste-
hende Zwangsrekrutierung eines Minderjährigen zur Teilnahme an Kampf-
handlungen (zumal eine Zwangsrekrutierung durch lokale, quasi-staatliche
Machthaber oder private Milizenführer) müsse als illegitimer, ernsthafter
und gezielter Nachteil gewertet werden, der auch die erforderliche Intensi-
tät aufweise.
3.2.4 Insgesamt hätten dem Beschwerdeführer gezielte ernsthafte Nach-
teile im Sinn von Art. 3 AsylG gedroht, denen er sich nicht innerstaatlich
habe entziehen können. Er sei daher als Flüchtling anzuerkennen und es
sei ihm Asyl zu gewähren.
3.2.5 Sollte die Vorinstanz an den Machtverhältnissen in der Herkunftsre-
gion des Beschwerdeführers zum Zeitpunkt der Zwangsrekrutierung und
an den vorgebrachten Verfolgungsmotiven der Taliban zweifeln, wäre eine
ergänzende Befragung angezeigt, zumal die Ausführungen der Vorinstanz
im Kontext des Urteils E-5072/2018 nicht begründet seien. Die Sache sei
daher eventuell zur gehörigen Abklärung und zur rechtsgenüglichen Be-
gründung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
4.
4.1 Der Beschwerdeführer rügt eine Verletzung der Begründungspflicht so-
wie eine ungenügende Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts.
4.1.1 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufge-
listeten Beweismittel. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an
der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG).
Diese beinhaltet, an der Feststellung des Sachverhaltes mitzuwirken und
in der Anhörung die Asylgründe darzulegen sowie allfällige Beweismittel
vollständig zu bezeichnen und unverzüglich einzureichen (vgl. BVGE
2011/28 E. 3.4).
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Seite 11
4.1.2 Die unvollständige Feststellung des Sachverhalts in Verletzung der
behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen Beschwerdegrund
(Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unvollständig festgestellt ist der Sach-
verhalt, wenn nicht alle für den Entscheid wesentlichen Sachumstände be-
rücksichtigt wurden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren
und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1043).
4.1.3 Die Begründung einer Verfügung muss die wesentlichen Überlegun-
gen wiedergeben, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf
die sie ihren Entscheid gestützt hat. Es ist allerdings nicht erforderlich, dass
sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinander-
setzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (BGE
141 IV 249 E. 1.3.1; BVGE 2008/47 E. 3.2 m.w.H.). Die Begründungs-
pflicht soll der betroffenen Person ermöglichen, die Verfügung gegebenen-
falls sachgerecht anzufechten. In diesem Sinne kann sich die Vorinstanz
auf die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken (vgl.
ausführlich BGE 2013/43 E. 4, mit weiteren Hinweisen).
4.2 Die Vorinstanz stellte sich in der angefochtenen Verfügung vornehmlich
auf den Standpunkt, die geltend gemachte Verfolgung durch die Taliban sei
nicht aus einem flüchtlingsrechtlich relevanten Motiv erfolgt, weil diese den
Beschwerdeführer nicht wegen seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten
sozialen Gruppe hätten treffen wollen. Als Zusatzargument wurde auf Un-
glaubhaftigkeitsindizien – namentlich auf zeitliche Unstimmigkeiten in den
Vorbringen – hingewiesen. Die diesbezügliche Begründung ist transparent,
nachvollziehbar und ausreichend. Eine sachgerechte Anfechtung des Asyl-
entscheids war dem Beschwerdeführer, wie den Ausführungen in der Be-
schwerdeschrift zu entnehmen ist, denn auch möglich (vgl. hierzu etwa
BVGE 2011/37 E. 5.4.1 m.w.H.). Insgesamt ist die Vorinstanz damit vorlie-
gend ihrer Begründungspflicht nachgekommen. Den Akten sind auch keine
Hinweise auf eine unvollständige Sachverhaltserhebung zu entnehmen,
mithin kann keine Verletzung der Untersuchungspflicht festgestellt werden.
4.3 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als un-
begründet. Es besteht keine Veranlassung, die Sache aus formellen Grün-
den aufzuheben und zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung und
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das Eventual-Rechts-
begehren ist abzuweisen.
E-3618/2022
Seite 12
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine Person die Flüchtlingsei-
genschaft im Sinn von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter
Intensität mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft
begründeterweise befürchten muss, welche ihr gezielt und aufgrund
bestimmter – im Gesetz abschliessend erwähnter – Verfolgungsmotive zu-
gefügt zu werden drohen und vor denen sie keinen ausreichenden staatli-
chen Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f. und 2008/4 E. 5.,
jeweils m.w.H.).
6.2 Die Vorinstanz kam zum Schluss, die geltend gemachten Rekrutie-
rungsversuche durch die Taliban würden auf keinem flüchtlingsrechtlich re-
levanten Motiv beruhen. Die Behelligungen hätten den Beschwerdeführer
auch nicht aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen
Gruppe getroffen, und es könnten den Akten keine zusätzlichen Risikofak-
toren entnommen werden, wonach ihm seitens der Taliban eine oppositio-
nelle Gesinnung unterstellt worden wäre.
Der Beschwerdeführer seinerseits beruft sich massgeblich darauf, er sei
als Zugehöriger zu einer bestimmten sozialen Gruppe und – aufgrund sei-
ner Weigerung, bei den Taliban mitzumachen und seiner Flucht – letztlich
auch aus politischen Gründen verfolgt respektive müsste bei einer Rück-
kehr begründeterweise mit Verfolgung rechnen.
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Seite 13
6.3 Die Argumentation des Beschwerdeführers zur Verfolgungsmotivation
vermag das Gericht nicht zu überzeugen.
6.3.1 Aus seinen Schilderungen ist zu schliessen, dass die Taliban seinen
Bruder zu rekrutieren versucht haben sollen, weil er als Transporteur über
ein Auto verfügt habe, das sie hätten nutzen wollen (vgl. Protokoll Anhö-
rung ad F/A16, F/A38). Der Besitz eines Fahrzeugs ist kein untrennbar mit
der Person oder Persönlichkeit des Opfers verbundenes Merkmal, und die
Verfolgung des Bruders soll wegen des "Tuns" (Durchführen von Transpor-
ten) und nicht wegen des "Seins" erfolgt sein (vgl. BVGE 2014/28 E. 8.4.1
m.w.H.).
6.3.2 Aus welchem Grund die Taliban sich nach der angeblichen Tötung
des Bruders auf den (damals [...]-jährigen) Beschwerdeführer konzentriert
und diesen zu rekrutieren versucht haben sollen, ergibt sich aus den Akten
nicht. Das Beschwerdevorbringen, dies sei möglicherweise erfolgt, weil
das Widersetzen des Bruders aus Sicht der Taliban auch die oppositionelle
politische Einstellung des Beschwerdeführers gegenüber ihrem Gedan-
kengut impliziert habe (vgl. Beschwerde S. 8), ist weit hergeholt und findet
in seinen protokollierten Aussagen keine Stütze. Der Beschwerdeführer
gab im Gegenteil an, seine Familie habe keine Feindschaft mit den Taliban
gehabt; er könne sich das Interesse der Taliban an der Familie und an sei-
ner Person nicht erklären; die Taliban hätten mitunter einfach beliebige
Leute zum Mitmachen gezwungen; dass seine Familie ausgewählt worden
sei, sei letztlich wohl einfach Pech gewesen (vgl. Protokoll Anhörung ad
F/A64 f.). Mit diesen Aussagen beschreibt der Beschwerdeführer offenbar
eine angeblich generelle Situation in seiner Heimatregion. Die eigene
Weigerung habe er gegenüber den Taliban damit begründet, dass er als
einziger verbleibender Sohn für die Familie verantwortlich beziehungs-
weise die letzte "Hoffnung meiner Mutter" sei und er sich deshalb nicht dem
Kampf gegen die Regierung anschliessen könne (vgl. a.a.O. ad A/F23,
A/F59). Auch angesichts dieser objektiv nachvollziehbaren Begründung
dürften die Taliban kaum auf eine oppositionelle Haltung des Beschwerde-
führers ihnen gegenüber geschlossen haben.
6.3.3 Den Akten sind nach dem Gesagten keine konkreten Anhaltspunkte
zu entnehmen, die auf eine Verfolgung des Beschwerdeführers (und seiner
Familie) aus einem der im Gesetz genannten Motive schliessen lassen
würde. In diesem Zusammenhang ist auch auf die Angaben des Beschwer-
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deführers hinzuweisen, wonach die Familie nach einem missglückten Aus-
reiseversuch in ihr Heimatdorf zurückgekehrt ist, wo sie offenbar weiterhin
wohnt (vgl. Protokoll Anhörung F/A 63).
6.3.4 Unter den gegebenen Umständen kann eine Auseinandersetzung mit
den vom Beschwerdeführer thematisierten Urteilen des Bundesverwal-
tungsgerichts verzichtet werden.
6.3.5 Auch bei Berücksichtigung der aktuellen Situation in Afghanistan lie-
gen keine konkreten Hinweise für die Annahme vor, dass dem Beschwer-
deführer nach einer – derzeit hypothetischen, angesichts der vorläufigen
Aufnahme in der Schweiz – Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung drohen
könnte.
6.4 Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass der Beschwerdeführer die
Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt.
7.
7.1 Die Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers braucht da-
mit nicht mehr abschliessend beurteilt zu werden. Das Bundesverwal-
tungsgericht beschränkt sich in diesem Zusammenhang auf die folgenden
Feststellungen:
7.2 Die Hinweise des SEM auf Unstimmigkeiten in der Chronologie der an-
geblichen Ereignisse erfolgen zu Recht (vgl. angefochtene Verfügung
S. 6 f. mit Hinweisen auf die entsprechenden Protokollstellen). Es fällt auch
auf, dass der Beschwerdeführer bei der zusammenfassenden Schilderung
seiner Asylgründe (vgl. Protokoll EB UMA S. 10: "Mein Leben war in Ge-
fahr. Deswegen habe ich mein Heimatland verlassen. Mein Bruder wurde
von den Taliban ermordet. Danach wurde auch mir gedroht. Und aufgrund
dieser Drohungen musste ich mein Land verlassen.") insbesondere seine
Entführung durch die Taliban, seine einwöchige Inhaftierung unter miss-
lichsten Bedingungen und die Teilamputation seines Fusses mit keinem
Wort erwähnte.
7.3 Bei Durchsicht der protokollierten Asylbegründung stechen weitere
klare Unglaubhaftigkeitsindizien ins Auge, die ebenfalls kaum alleine auf
das Alter des Beschwerdeführers zurückgeführt werden können. Seine
Vorbringen wirken teilweise stereotyp-konstruiert, kaum authentisch und
bisweilen offensichtlich unplausibel. Dies betrifft beispielsweise die Be-
schreibung der angeblichen Festhaltung durch die Taliban, die Tatsache,
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dass ein ihm zuvor unbekannter Taliban-Wächter den Beschwerdeführer
befreit und auf seinem Motorrad auf den Bazar gefahren habe oder die
umgehende Flucht aus dem Land ohne zuvor den angeblich durch die Ta-
liban teilamputierten Fuss in irgendeiner Weise medizinisch behandeln zu
lassen (vgl. Protokoll Anhörung ad A/F21 f.).
7.4 Das in den Protokollen beschriebene Spurenbild am Fuss – der zweite
Zeh des Fusses sei entfernt, der grosse Zeh ebenfalls teilweise abgetrennt
gewesen, sei aber wieder angewachsen – lässt eher auf einen Unfall als
auf eine gezielte Amputation mit einem Beil schliessen (vgl. Protokoll An-
hörung ad A/F20 und A/F24). Bei den angeblichen Fotografien des Bruders
lässt sich nicht verifizieren, um wen es sich bei der abgebildeten Person
handelt.
7.5 Hinzu kommt, dass es gemäss der bekannten Rekrutierungspraxis der
Taliban vor der Machtübernahme aufgrund struktureller Zwänge praktisch
unmöglich war, sich einem tatsächlichen Rekrutierungsversuch durch
diese zu entziehen; nicht zuletzt ist festzuhalten, dass die Rekrutierungen
der Taliban bisher üblicherweise nicht durch Zwang, Drohungen und Ge-
walt gekennzeichnet waren; Fälle von Rekrutierungen Minderjähriger sind
zwar dokumentiert, bilden jedoch die Ausnahme (vgl. Urteil des BVGer
E-4538/2021 vom 21. Juni 2022 E. 7.3; LANDINFO, Afghanistan: Recruit-
ment to Taliban, 29. Juni 2017, < https://landinfo.no/wp-content/uplo-
ads/2018/03/Afghanistan-Recruitment-to-Taliban-29062017.pdf >; abgeru-
fen am 14. September 2022). Das vom Beschwerdeführer geschilderte
Vorgehen der Taliban entspricht diesen Erkenntnissen nicht.
8.
Nach dem Gesagten hat das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers
zu Recht abgelehnt.
9.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange-
ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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10.
Der Wegweisungsvollzug ist praxisgemäss nicht zu prüfen, nachdem die
Vorinstanz den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs vorläufig aufgenommen hat.
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist
abzuweisen.
12.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm jedoch mit Zwischen-
verfügung vom 26. August 2022 die unentgeltliche Prozessführung gemäss
Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, und keine massgebliche Veränderung
der finanziellen Verhältnisse des Minderjährigen ersichtlich ist, ist von der
Auferlegung von Verfahrenskosten abzusehen.
(Dispositiv nächste Seite)
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