Decision ID: 3e2dde57-f82d-42fe-95d9-cde0100f6a26
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Verwaltungsrekurskommission, 25.11.2010 Art. 18 Abs. 1 SHG (sGS 381.1). Die Behörde, welche von der unterstützten Person die Rückerstattung der finanziellen Sozialhilfe verlangt, hat nicht nur die Verbesserung der finanziellen Situation, sondern auch die Zumutbarkeit der Rückerstattung zu prüfen. Die dazu notwendigen Sachverhaltsabklärungen können nicht im Rekursverfahren nachgeholt werden (Verwaltungsrekurskommission, Abteilung III, 25. November 2010, III-2010/1).
Präsident Ralph Steppacher, Mitglieder Rudolf Lippuner und Martin Würmli;
Gerichtsschreiberin Sabrina Häberli
X, Rekurrentin,
gegen
Gemeinderat Ebnat-Kappel, Hofstrasse 1, 9642 Ebnat-Kappel, Vorinstanz,
betreffend
Rückerstattung finanzieller Sozialhilfe
Sachverhalt:
A.- X wohnte bis am 30. September 2009 in Ebnat-Kappel. Per 1. Oktober 2009 zog sie
nach Wattwil. Vom 1. August 2008 bis 30. September 2009 wurde sie vom Sozialamt
Ebnat-Kappel mit insgesamt Fr. 13'338.85 unterstützt.
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Am 15. Februar 2009 starb der Vater von X. Daraufhin erhielt sie am 10. und 11.
November 2009 zwei Auszahlungen aus der Erbschaft von insgesamt Fr. 77'500.--
wovon Fr. 50'000.-- auf ein Konto bei der UBS Wattwil und Fr. 27'500.-- auf ein Konto
der Raiffeisenbank Bichelsee überwiesen wurden.
B.- Mit Verfügung des Sozialamts Ebnat-Kappel vom 1. Dezember 2009 wurde X
verpflichtet, die vom 1. August 2008 bis 30. September 2009 bezogenen
Sozialhilfeleistungen im Betrag von Fr. 13'338.85 zurückzuerstatten. Einen von X
dagegen erhobenen Rekurs wies der Gemeinderat Ebnat-Kappel mit Entscheid vom
14. Januar 2010 ab.
C.- Gegen diesen Entscheid erhob X mit Eingabe vom 28. Januar 2010 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, der Entscheid des Gemeinderats sei
aufzuheben. Die Vorinstanz verzichtete am 25. März 2010 auf eine Vernehmlassung.
Auf die Akten und die zur Begründung vorgebrachten Argumente der

Verfahrensbeteiligten wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 28. Januar 2010 erfüllt in formeller und
materieller Hinsicht die gesetzlichen Voraussetzungen (Art. 41 lit. a, 45 Abs. 1, 47 Abs.
1 und 48 Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1,
abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Gegenstand des Rekurses ist der Entscheid des Gemeinderates Ebnat-Kappel vom
14. Januar 2010 betreffend die Verfügung des Sozialamtes vom 1. Dezember 2009
bezüglich Rückerstattung der finanziellen Sozialhilfe im Umfang von Fr. 13'338.85.
a) Gemäss Art. 18 Abs. 1 des Sozialhilfegesetzes (sGS 381.1, abgekürzt: SHG) erstattet
derjenige, der für sich, für Familienangehörige, für eine Person, die mit ihm in
eingetragener Partnerschaft lebt, oder für ein Kind, das in der Gemeinschaft der
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eingetragenen Partnerschaft lebt, finanzielle Sozialhilfe bezogen hat, diese zurück,
wenn sich seine finanzielle Lage gebessert hat und die Rückerstattung zumutbar ist. Zu
prüfen ist also, ob die Voraussetzungen von Art. 18 Abs. 1 SHG (Verbesserung der
finanziellen Verhältnisse und Zumutbarkeit) gegeben sind, welche die Rückerstattung
der finanziellen Sozialhilfe aus der Zeit vom 1. August 2008 bis 30. September 2009 in
der Höhe von Fr. 13'338.85 rechtfertigen.
Aus den allgemeinen Zielsetzungen der Sozialhilfe ist zunächst abzuleiten, dass die
Rückerstattung nicht zumutbar ist, wenn sie mit einiger Wahrscheinlichkeit zu einer
erneuten Bedürftigkeit des Pflichtigen führen würde. Die Rückerstattung setzt voraus,
dass sich die wirtschaftliche Lage der unterstützten Person grundlegend verbessert
hat. Einkünfte, die nur wenig über dem Existenzminimum liegen, vermögen die
Rückerstattungspflicht noch nicht auszulösen, weil dadurch die Motivation zur
Selbsthilfe untergraben würde. Der unterstützten Person ist eine den durchschnittlichen
Verhältnissen entsprechende Lebenshaltung zuzugestehen. Zumutbar ist die
Rückerstattung insbesondere dann, wenn dadurch eine den Verhältnissen des
Verpflichteten angemessene Lebenshaltung nicht verunmöglicht wird (F. Wolffers,
Grundriss des Sozialhilferechts, Bern 1999, 2. Auflage, S. 178 f.). Gemäss
verwaltungsgerichtlicher Praxis muss die Rückerstattungspflicht in ihrem Umfang und
ihrer Art so bestimmt werden, dass die wirtschaftliche Existenz und das Fortkommen
des Pflichtigen weder gefährdet noch erheblich beeinträchtigt werden. Die
Rückerstattung ist nur zumutbar, wenn unter Berücksichtigung der gesamten
persönlichen Verhältnisse angenommen werden darf, der Betroffene werde durch die
Rückerstattung nicht der Gefahr einer erneuten Bedürftigkeit ausgesetzt. Dabei sind
nicht dieselben strengen Massstäbe anzulegen wie bei der Prüfung der Frage, ob der
Gesuchsteller Anspruch auf finanzielle Sozialhilfe hat (GVP 2001 Nr. 6; vgl. die nicht
verbindlichen [ABl 2002 S. 411 f.] Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für
Sozialhilfe, Ausgabe April 2005, A. 6, abgekürzt: SKOS-Richtlinien).
b) Die Vorinstanz stellt sich auf den Standpunkt, die Rekurrentin sei nicht bereit zu
arbeiten, um ihren Lebensunterhalt durch Erwerbseinkommen decken zu können. Seit
einem Unfall im Januar 2009 stütze sie sich darauf, noch immer nicht vollständig
genesen zu sein, weshalb sich die Stellensuche weiterhin erschwere. Von ärztlicher
Seite sei aber eine 100% Arbeitsfähigkeit ab 13. August 2009 bescheinigt worden. Aus
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der bei der RGB Rechts- und Gemeindeberatung eingeholten Rechtsauskunft ergebe
sich, dass die verfügte Rückerstattung korrekt erfolgt sei. Ein erneuter Antrag auf
Sozialhilfe am neuen Wohnort in Wattwil und das Vorgehen der neuen Wohngemeinde
bezüglich Unterstützung der Rekurrentin habe nichts mit dem Rückforderungsanspruch
des Sozialamts Ebnat-Kappel zu tun. Die Rückforderung aufgrund der Erbschaft sei
korrekt erfolgt und es sei der Rekurrentin möglich, bei angemessener Arbeitssuche mit
Erwerbseinkommen und dem verbleibenden Vermögen aus der Erbschaft den
Lebensunterhalt bis auf weiteres bestreiten zu können.
Dem hält die Rekurrentin entgegen, seit Dezember 2008 arbeite sie stundenweise als
private Pflegehelferin. Daneben bewerbe sie sich täglich an neuen Arbeitsstellen. Es sei
aber auf dem ausgetrockneten Arbeitsmarkt schwierig eine Stelle zu finden. Ihr
durchschnittlicher Monatslohn von Fr. 350.-- trage kaum zu einer verbesserten
Lebenssituation bei. Der Mietzins betrage Fr. 680.--. Das Nachlassguthaben von rund
Fr. 50'000.-- sei bei der UBS Wattwil auf einem Terminkonto angelegt und zur jetzigen
Zeit nicht verfügbar. Vom restlichen Nachlassguthaben lebe sie seit dem 1. November
2009. Die Gemeinde Wattwil habe entschieden, dass sie ihren Lebensunterhalt für drei
Jahre selber bestreiten solle. Dazu benötige sie Fr. 2'000.-- pro Monat aus dem
Nachlass, also Fr. 24'000.-- pro Jahr und total Fr. 72'000.-- für drei Jahre. Die
restlichen Fr. 5'500.-- würden für Unvorhergesehenes zurückgestellt. Um ihre
jeweiligen Arbeitsorte zu erreichen, brauche sie beispielsweise ein Kleinmotorfahrzeug
mit Wechselschild für den Kleinmotorradroller. Dies habe sie mit dem Sozialdienst
Wattwil abgesprochen. Eine Rückforderung würde zur erneuten Bedürftigkeit führen,
was für sie ein Härtefall wäre.
c) Unbestritten ist, dass die Rekurrentin im Rahmen der Erbteilung aus dem Nachlass
ihres Vaters zwei Geldzahlungen im Gesamtbetrag von Fr. 77'500.-- erhalten hat.
Dadurch hat sich ihre finanzielle Situation in vermögensmässiger Hinsicht verbessert.
Art. 18 Abs. 1 SHG verlangt allerdings zur Begründung der Rückerstattungspflicht
kumulativ auch deren Zumutbarkeit. Dies setzt voraus, dass im Zeitpunkt des Erlasses
der Rückerstattungsverfügung bzw. des Rekursentscheids eine Prüfung der aktuellen
wirtschaftlichen Situation der Betroffenen vorgenommen wird. Der Nachweis der
Zumutbarkeit obliegt der Vorinstanz, welche die Rückerstattung gegenüber der
Rekurrentin verfügt hat. Die Vorinstanz reicht lediglich die Kontoauszüge der beiden im
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November 2009 erfolgten Überweisungen der Erbschaft ein. Es kann jedoch nicht ohne
weitere Abklärungen davon ausgegangen werden, dass aufgrund einer verbleibenden
Differenz von Fr. 64'161.15 (Fr. 77'500.-- minus Fr. 13'338.85) die Rückerstattung
zumutbar ist. Weder hat die Vorinstanz die sonstige Vermögenssituation noch die
tatsächliche Bedarfs- und Einkommenssituation oder die persönlichen
Lebensumstände der Rekurrentin abgeklärt. Diesbezüglich müssten beispielsweise
allfällige Kontoguthaben oder Schulden, Wohnkosten, Krankenkassenprämie,
Krankheitskosten, steuerliche Belastung und andere Verpflichtungen sowie der
tatsächlich erzielte Lohn ermittelt werden. Auch wäre zu prüfen, ob ein Verzicht auf
Versicherungsleistungen vorliegt (vgl. act. 4/12) und inwieweit man die Rekurrentin
verpflichten könnte, diese wieder zu beziehen. Ebenso ist der Stand des IV-
Abklärungsverfahrens (vgl. act. 4/7) in Erfahrung zu bringen. Eine bei einer privaten
Rechtsberatungsstelle eingeholte Rechtsauskunft entbindet die Vorinstanz nicht von
den notwendigen Sachverhaltsabklärungen.
Gestützt auf die vorliegenden Akten kann die Zumutbarkeit der Rückerstattung nicht
beurteilt werden. Die abschliessende Klärung der Frage der Zumutbarkeit ist erst
aufgrund zusätzlicher Sachverhaltsabklärungen möglich.
d) Nach Art. 56 Abs. 2 VRP kann eine Streitsache zu neuer Entscheidung an die
Vorinstanz zurückgewiesen werden. Dabei handelt es sich um eine "Kann-Vorschrift",
was bedeutet, dass der Verwaltungsrekurskommission ein erhebliches Ermessen
zukommt. Die Rückweisung ist dann geboten, wenn die Vorinstanz den Sachverhalt
ungenügend abgeklärt hat oder im Rechtsmittelverfahren umfangreiche Nova
vorgebracht werden, so dass aufwändige Abklärungen nötig werden, wodurch der
Gang des Rechtsmittelverfahrens erheblich belastet würde (W. Hagmann, Die st.
gallische Verwaltungsrechtspflege und das Rechtsmittelverfahren vor dem
Regierungsrat, Zürich 1979, S. 263; VRKE III-2002/5 vom 22. Oktober 2003 i.S. A. A.,
S. 10).
Wegen der nicht bekannten aktuellen Bedarfs- und Einkommenssituation und
Lebensumstände der Rekurrentin ist es nicht möglich, die Frage der Zumutbarkeit der
Rückerstattung im Rekursverfahren zu beurteilen. Die bezüglich Zumutbarkeit
notwendigen, umfangreichen Abklärungen können nicht durch die
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Verwaltungsrekurskommission vorgenommen werden. Unter diesen Umständen
erscheint es gerechtfertigt, die angefochtene Verfügung aufzuheben und die
Streitsache an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit diese die notwendigen
Sachverhaltsabklärungen vornehmen kann, um anschliessend über die Frage der
Zumutbarkeit der Rückerstattung von Fr. 13'338.85 oder allenfalls eines Teilbetrages
davon zu entscheiden.
3.- Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs teilweise gutzuheissen ist, der
angefochtene Entscheid vom 14. Januar 2010 sowie die diesem zugrunde liegende
Verfügung des Sozialamts Ebnat-Kappel vom 1. Dezember 2009 aufzuheben sind und
die Streitsache zur Vornahme zusätzlicher Sachverhaltsabklärungen und zu erneuter
Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen ist.
4.- Dem Verfahrensausgang entsprechend - die Aufhebung und Rückweisung ist von
der Vorinstanz zu vertreten, da sie den rechtserheblichen Sachverhalt nicht genügend
abgeklärt hat - sind die amtlichen Kosten von der Politischen Gemeinde Ebnat-Kappel
zu tragen (Art. 95 Abs. 2 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 800.-- ist angemessen
(vgl. Ziff. 362 Gerichtskostentarif, sGS 941.12). Auf ihre Erhebung ist nicht zu
verzichten, da das Gemeinwesen überwiegend finanzielle Interessen verfolgt (Art. 95
Abs. 3 VRP; VerwGE vom 14. Dezember 2000 in Sachen Pol.Gde.W., S. 13). Die
Finanzverwaltung ist anzuweisen, der Rekurrentin den Kostenvorschuss von Fr. 500.--
zurückzuerstatten.