Decision ID: 7db2eacb-439f-44fd-a58c-b32da06819a7
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Mit einer Verfügung vom 29. Mai 2015 hob die IV-Stelle des Kantons St. Gallen die
mit einer Verfügung vom 9. Dezember 2005 zugesprochene ganze Rente des durch
den Rechtsanwalt lic. iur. Simon Näscher vertretenen A._ auf. Dagegen liess dieser
am 6. Juli 2015 eine Beschwerde beim Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
erheben. Am 24. September 2015 bewilligte das Versicherungsgericht die
unentgeltliche Rechtspflege, das heisst die unentgeltliche Prozessführung und die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung. Am 10. November 2017 drohte das
Versicherungsgericht A._ eine reformatio in peius an. Am 28. November 2017 erklärte
dieser, dass er an seiner Beschwerde festhalte. Nach einer Praxisänderung (das
Versicherungsgericht hatte den Art. 88bis Abs. 2 IVV als gesetzwidrig qualifiziert)
drohte das Versicherungsgericht A._ am 12. Dezember 2017 nochmals eine
reformatio in peius an. Mit einem Schreiben vom 15. Januar 2018 liess A._ seine
Beschwerde vorbehaltlos zurückziehen. Mit seinem Entscheid IV 2015/211 vom 17.
Januar 2018 schrieb das Versicherungsgericht das Beschwerdeverfahren ab. Es erhob
keine Gerichtskosten. Der Entscheid enthielt keine Ausführungen bezüglich der am 24.
September 2015 bewilligten unentgeltlichen Rechtsverbeiständung.
B. Am 27. Februar 2018 erhob der Rechtsanwalt lic. iur. Simon Näscher eine
Beschwerde gegen den Entscheid des Versicherungsgerichtes vom 17. Januar 2018
beim Bundesgericht. Er beantragte die Zusprache einer Entschädigung für die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung und eventualiter die Rückweisung der Sache zur
Zusprache einer solchen Entschädigung an das Versicherungsgericht des Kantons St.
Gallen. Das Bundesgericht hiess diese Beschwerde mit seinem Urteil 8C_204/2018
vom 27. April 2018 gut. Es hielt fest, das Versicherungsgericht sei seiner
Begründungspflicht nicht nachgekommen, da es initial einen Anspruch auf eine
unentgeltliche Rechtsverbeiständung bejaht, das Beschwerdeverfahren dann aber
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ohne eine auch nur ansatzweise Regelung des Aspektes der unentgeltlichen
Verbeiständung abgeschrieben habe. Angesichts der Schwere des Mangels müsse der
Entscheid IV 2015/211 vom 17. Januar 2018 „ganz“ aufgehoben werden und die Sache
müsse an das Versicherungsgericht zur Verbesserung zurückgewiesen werden.

Erwägungen
1.
An sich hätte das Urteil IV 2015/211 vom 17. Januar 2018 zwei Entscheide beinhalten
müssen, nämlich einerseits die Abschreibung des Beschwerdeverfahrens in Sachen
A._ gegen die IV-Stelle des Kantons St. Gallen zufolge eines Beschwerderückzuges
und andererseits einen Entscheid betreffend die Entschädigung für die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung durch den Rechtsanwalt lic. iur. Simon Näscher zulasten des
Kantons St. Gallen. Bei genauer Betrachtung betreffen diese beiden Entscheide
getrennte Gegenstände: Die Abschreibung des Beschwerdeverfahrens hat die
Rentenaufhebungsverfügung vom 29. Mai 2015 beziehungsweise die beiden Parteien
A._ und die IV-Stelle des Kantons St. Gallen betroffen, während der Entscheid über
die unentgeltliche Rechtsverbeiständung den Anspruch auf eine Entschädigung für die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung beziehungsweise die beiden Parteien
Rechtsanwalt lic. iur. Simon Näscher und den Kanton St. Gallen betroffen hat. Formal
gesehen muss es sich folglich um zwei voneinander unabhängige Entscheide handeln,
die nur einen losen Zusammenhang zueinander aufweisen und die an sich in zwei
getrennten Entscheiden eröffnet werden könnten. Das Verbindende, das dazu zwingt,
beide Entscheide in einem Urteil zu fällen, besteht einzig darin, dass der Anspruch auf
eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung die Abweisung des Begehrens um eine
Parteientschädigung in der Hauptsache voraussetzt. Dass der Entscheid in der
Hauptsache und der Entscheid über die Entschädigung für die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung je für sich allein mit einem Rechtsmittel angefochten werden
können, zeigt schon der Umstand, dass die Parteien in einem Rechtsmittelverfahren
betreffend den Entscheid in der Hauptsache andere sind als die Parteien in einem
Rechtsmittelverfahren betreffend den Entscheid über die Entschädigung für die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung: Der Rechtsanwalt lic. iur. Simon Näscher ist zur
Beschwerde gegen den (Nicht-) Entscheid betreffend die Entschädigung für die
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unentgeltliche Rechtsverbeiständung legitimiert gewesen, hätte aber keine
Beschwerde im eigenen Namen gegen die Abschreibung des Beschwerdeverfahrens
führen können, da er davon nicht persönlich berührt gewesen ist. Der Kanton St. Gallen
wäre nicht zur Anfechtung des Abschreibungsbeschlusses legitimiert gewesen. In
Bezug auf die IV-Stelle verhält es sich umgekehrt: Sie hätte den
Abschreibungsbeschluss, aber nicht den Entscheid betreffend die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung anfechten können. Die logische Konsequenz dieser
gesonderten Anfechtbarkeit eines Entscheides in der Hauptsache und eines
Entscheides betreffend eine Entschädigung für die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung ist, dass diese beiden Entscheide je für sich allein formell
rechtskräftig werden können. Da der Abschreibungsbeschluss betreffend die
Beschwerde gegen die Rentenrevisionsverfügung vom 29. Mai 2015 weder von A._
noch von der IV-Stelle innert der gesetzlichen Rechtsmittelfrist angefochten worden ist,
ist er unangefochten formell rechtskräftig geworden. Das Beschwerdeverfahren vor
dem Bundesgericht kann deshalb nur den (Nicht-) Entscheid betreffend die
Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsverbeiständung zum Gegenstand gehabt
haben. Entgegen der missverständlichen Formulierung im Bundesgerichtsurteil hat der
Entscheid IV 2015/211 vom 17. Januar 2018 also nicht mehr „ganz“, sondern nur
betreffend die Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsverbeiständung aufgehoben
werden können. Im vorliegenden Verfahren kann es also nur noch um die den
Rechtsanwalt lic. iur. Simon Näscher und den Kanton St. Gallen betreffende
Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsverbeiständung gehen. Die ehemalige
Hauptsache – die revisionsweise Rentenaufhebung – gehört dagegen nicht mehr zu
diesem Verfahren. A._ und die IV-Stelle des Kantons St. Gallen sind entsprechend
auch nicht Parteien in diesem Beschwerdeverfahren.
2.
Die unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Beschwerdeverfahren IV 2015/211 ist
bereits mit dem verfahrensleitenden Entscheid vom 24. September 2015 bewilligt
worden. Dieser Entscheid ist im Zeitpunkt der Eröffnung des
verfahrensabschliessenden Entscheides IV 2015/211 längst verbindlich gewesen.
Damit bleibt in diesem Verfahren lediglich noch zu prüfen, wie hoch der erforderliche
Vertretungsaufwand gewesen ist beziehungsweise auf welchen Betrag die
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Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsverbeiständung festzusetzen ist.
Angesichts des Umstandes, dass nach einer Rückweisung der Sache zur weiteren
Abklärung (Entscheid IV 2012/97 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 23. Juni
2014) nur noch wenige neue Akten angefallen sind, die der Rechtsanwalt lic. iur. Simon
Näscher hat studieren müssen, ist der erforderliche Vertretungsaufwand als im
Vergleich zu einem durchschnittlichen „Rentenfall“ deutlich unterdurchschnittlich zu
qualifizieren. Allerdings haben die beiden Androhungen einer reformatio in peius einen
zusätzlichen Vertretungsaufwand erfordert, weshalb gesamthaft von einem leicht
unterdurchschnittlichen Vertretungsaufwand auszugehen ist. Praxisgemäss ist die
Entschädigung deshalb auf 80 Prozent von 2’500 Franken, das heisst auf 2’000
Franken festzusetzen.
3.
Für dieses Beschwerdeverfahren sind weder Gerichtskosten zu erheben noch eine
Parteientschädigung zuzusprechen.