Decision ID: c677c937-1d02-559d-894e-d99e3663d67a
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Nachdem
X._
, welche im Kanton Thurgau
wohnt, sich am 29.
März 2020 bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Aus
gleichskasse, zum Bezug einer Corona-Erwerbsersatzentschädigung angemeldet hatte, lehnte die Ausgleichskasse das Leistungsbegehren mit Verfügung vom 1
8.
Mai 2020 ab (
Urk.
3/1). Die dagegen erhobene Einsprache wies die Aus
gleichskasse mit Einspracheentscheid vom 2
3.
Juli 2020 ab bzw. trat auf die Einsprache gar nicht ein (
Urk.
2).
2.
Gegen den Einspracheentscheid
vom 2
3.
Juli 2020 (
Urk.
2) liess
X._
am 2
0.
August 2020
beim Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich Beschwerde erheben (
Urk.
1). Mit Verfügung vom 2
8.
August 2020 (
Urk.
5) wurde
der Beschwerdeführerin, der Beschwerdegegnerin
sowie dem Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) Frist angesetzt, um zur örtlichen Zuständigkeit des hiesigen Gerichts Stellung zu nehmen. Die Besch
werdeführerin liess sich am 22.
September 2020 (
Urk.
7), die Beschwerdegegnerin am 2
4.
September 2020 (
Urk.
9) und das BSV am
9.
Oktober 2020 (
Urk.
11) vernehmen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Zu prüfen ist, ob das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich für die Be
handlung der Beschwerde
der Beschwerdeführerin, welche ihren Wohnsitz im Kanton Thurgau hat,
örtlich zuständig ist.
2.
2.1
Die vorliegende Streitigkeit betrifft den Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine Entschädigung gemäss der Verordnung über Massnahmen bei Erwerbsausfall im Zusammenhang mit dem
Coronavirus
(C
ovid-19; Covid
-19-Verordnung Erwerbsausfall).
Gemäss
Art.
1 der C
ovid
-19-Verordnung-Erwerbsausfall sind die Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozial
versicherungsrechts (ATSG) auf die Entschädigungen gemäss dieser Verordnung anwendbar, soweit die nachstehenden Bestimmungen nicht ausdrücklich eine Abweichung vom ATSG vorsehen. Betreffend Rechtspflegeverfahren enthält die Verordnung
keine Bestimmungen. Gemäss Art.
58
Abs.
1 ATSG ist für Beschwerden das Versicherungsgericht desjenigen Kantons zuständig, in dem die
versicherte Person oder der Beschwerde führende Dritte zur Zeit der Beschwerde
erhebung Wohnsitz hat.
2.2
Der Gesetzgeber hat in mehreren Spezialgesetzen für Beschwerden gegen Ent
scheide kantonaler Ausgleichskassen einen von
Art.
58
Abs.
1 ATSG abweichenden Gerichtsstand vorgesehen. So entscheidet gemäss
Art.
24
Abs.
1 des Bundesgesetzes über den Erwerbsersatz für Dienstleistende und bei Mutter
schaft (EOG) über Beschwerden ge
gen Verfügungen und
Einsprachen
entscheide
kantonaler Ausgleichskassen in Abweichung von
Art.
58
Abs.
1 ATSG das Versicherungsgericht am Ort der Ausgleichskasse. Eine analoge Regelung enthält das Bundesgesetz über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung
(
AHVG
) in
Art.
84
Abs.
1 AHVG. Doch nicht nur hinsichtlich Beschwerden gegen Entscheide kantonaler Ausgleichskassen ordnete der Gesetzgeber eine Zuständigkeit des Versicherungsgerichts am Ort der kantonalen Amtsstelle an, sondern auch für Beschwerden gegen Entscheide kantonaler IV-Stellen (
Art.
69
Abs.
1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG) und kantonaler Amtsstellen im Bereich der Arbeitslosenversicherung (
Art.
128
Abs.
2 der Verordnung über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung, AVIV).
3.
Die Beschwerdeführerin (
Urk.
7) und die Beschwerdegegnerin (
Urk.
9) machten mit ihren Stellungnahmen vom 2
2.
beziehungsweise vom 2
4.
September 2020 geltend, dass das hiesige Gericht für die Beurteilung der Beschwerde örtlich zuständig sein.
Das BSV
erachtete
mit Stellungnahme vom
9.
Oktober 2020 (
Urk.
11)
ebenfalls das hiesige Gericht für örtlich zustä
ndig und erklärte, mi
t
dem Corona-Erwerbs
ersatz habe inner
t
kürz
ester
Zeit eine neue Sozialversicherung geschaffen werden müssen, um Personen zu entschädigen, die aufgrund der Schutzmassnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Epidemie ihr
e
Erwerbstätigkeit hätten unterbrechen müsse
n
. Aufgrund dieser Ausgangslage sei als Basis auf ein bereits bestehendes System, die Erwerbsersatzordnung
(EO)
, zurückgegriffen worden. Vereinzelt über
nehme die C
ovid-19-Verordnung Erwerbsausfall
Bestimmungen des EOG sinngemäss oder verweise auf
diese
. Zum Rechtspflegeverfahren enthalte die Verordnung keine Bestimmungen. Es sei jedoch nicht die Absicht des Verordnungsgebers gewesen, beim R
e
chtspflegeverfa
h
ren vom System abzuweichen. Das Unterlassen der Regelung eines von
Art.
58
Abs.
1 ATSG abweichenden Gerichtsstandes für Beschwerden gegen Entscheid
e
kantonaler Ausgleichskassen sei unbeabsichtigt erfolgt. Um eine einheitliche Rechtsprechung
sicherzustellen, sei es wichtig, dass sämtliche Beschwerden gegen Entscheid
e
einer kantonalen Ausgleichskasse
vom gleichen kantonalen Gericht gefällt würden. Da der Corona-Erwerbsersat
z auf dem System der EO basiere
,
sei der Gerichtsstand bei Beschwerden gegen
Entscheide
von
kantonalen Ausgleichs
kassen in analoger Anwendung von
Art.
24
Abs.
1 EOG zu bestimmen.
4.
4.1
Die vom Verordnungsgeber in der C
ovid
-19-Verordnung Erwerbsausfall getroffene Regelung betreffend örtliche Zuständigkeit, gemäss welcher gestützt auf
Art.
58
Abs.
1 ATSG auch gegen Beschwerden kantonaler Ausgleichskassen das Versicherungsgericht am Wohnsitz der
beschwerdeführenden
Person zuständig ist, weicht – wie dargelegt
(E. 2.2)
– von
den spezialgesetzl
ichen Regelun
gen im EOG und im AHVG ab, ist gemäss diesen Bestimmungen für Beschwerden gegen Entscheide der kantonalen Ausgleichskasse doch das Versicherungsgericht am Ort der Ausgleichskasse zuständig.
Eine (echte) Gesetzeslücke besteht, wenn sich eine Regelung als unvollständig erweist, weil sie jede Antwort auf die sich stellende Rechtsfrage schuldig bleibt. Hat der Gesetzgeber eine Rechtsfrage nicht übersehen, sondern stillschweigend - im negativen Sinn - mitentschieden (qualifiziertes Schweigen), bleibt kein Raum für richterliche Lückenfüllung.
Gibt
ein
Gesetz
auf eine Frage
eine Antwort
, die aber nicht befriedigt, liegt grundsätzlich eine unechte Lücke vor, die auszufüllen dem Richter verwehrt ist. Anders verhält es sich nur, wenn die vom Gesetz gegebene Antwort als sachlich unhaltbar angesehen werden muss bzw. auf einem offensichtlichen Versehen des Gesetzgebers, einer gesetzgeberischen Inkongruenz oder einer planwidrigen Unvollständigkeit beruht
.
Ist ein lückenhaftes Gesetz zu ergänzen, gelten als Massstab die dem Gesetz selbst
zugrunde liegenden
Ziel
setzungen und Werte
(BGE 146 V 121 E. 2.5
mit Hinweisen
)
.
4.2
Die
C
ovid
-19-
Veror
d
n
ung Erwerbsaufall
wurde
am 2
0.
März 2020 angesichts des am
1
6.
März 2020 angeordnete
n
«
Lockdowns
» unter zeitlicher Dringlichkeit erlassen, sollte
n
durch die
Verordnung
doch
-
zusammen mit anderen Mass
nahmen
-
von der Pandemie wirtschaftlich betroffene Personen und Branchen im B
edarfsfall rasch
unterstützt werden
(vgl. Medienmitteilung des
Bundesrates vom
2
0.
März
2020
;
https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen/bundesrat.msg-id-78515.html
).
Es liegen keinerlei Anhaltspunkte dafür
vor, dass der Verordnungsgeber die örtliche Zuständigkeit bei Beschwerden
gegen
Entscheide
kantonale
r
Ausgleichskassen abweichend von den übrigen spezialgesetzlichen Regelungen, insbesondere derjenigen gemäss EOG
und AHVG,
regeln wollte. Das BSV, welches bei der Erarbeitung der Verordnung massgeblich beteiligt
gewesen
sein dürfte, hielt denn in seiner S
tellungn
a
h
me
vom
9.
Oktober 2020 auch fest, dass das Unterlassen der
Reg
elung eines von
Art.
58
Abs.
1 ATSG abweichenden Gerichtsstandes für Beschwerden gegen Entscheide kantonaler Ausgleichskassen unbeabsichtigt erfolgt sei
(vgl. E. 3
.
)
.
Das Fehlen einer spezifischen Regelung betreffend örtliche Zuständigkeit bei Beschwerden gegen Entscheide der kantonalen Ausgleichskasse in der Covid-19-Verordnung ist
daher
als
– angesichts der zeitlichen Dringlichkeit nachvollziehbare –
planwidrige Unvoll
ständigkeit
zu qualifizieren und es ist von der
örtlichen Zuständigkeit des Versicherungsgerichts am Ort der kantonalen Ausgleichskasse auszugehen.
4.3
Das hiesige Gericht
ist daher für die Beurteilung der Beschwerde
der Beschwerde
führerin vom 2
0.
August 2020 (
Urk.
1) gegen den Entscheid der Beschwerde
gegnerin vom 2
3.
Juli 2020 (
Urk.
2)
örtlich zuständig.
5.
Der Beschwerdegegnerin ist Frist anzusetzen, um zur Beschwerde vom 2
0.
August 2020 (
Urk.
1) Stellung zu nehmen (
§
19
Abs.
1
des Gesetzes über
das Sozial
versicherungsgericht,
GSVGer)
. Sie hat zudem ihre vollständigen Akten einzureichen (
§
21
Abs.
1 GSVGer).