Decision ID: fa67b5f3-2ac0-59f8-b635-79da7ed27036
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
X._ reiste am Samstag, 1. Februar 2020, von Österreich her beim Grenzübergang A._
in die Schweiz ein. Bei der Kontrolle durch die Grenzwache gab er an, aus Serbien zu
stammen. Er konnte sich nicht mit gültigen Reisepapieren ausweisen und trug eine
gefälschte, auf einen anderen Namen lautende kosovarische Identitätskarte auf sich.
Abklärungen bei EURODAC ergaben, dass er am 4. März 2015 in Deutschland um Asyl
nachgesucht hatte. In der Zwischenzeit war er seinen Angaben zufolge wieder in sein
Heimatland zurückgekehrt. Er beantragte Asyl in der Schweiz. Die Kantonspolizei
St. Gallen eröffnete ihm die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete die
Ausschaffungshaft ab Sonntag, 2. Februar 2020, 11.25 Uhr, an. Das Asylgesuch wurde
am 4. Februar 2020 zur prioritären Behandlung an die zuständigen Bundesbehörden
weitergeleitet. Die Haft wird im Ausschaffungsgefängnis in Bazenheid vollzogen.
B.
Auf Ersuchen des Migrationsamts vom 4. Februar 2020 hin führte der zuständige
Einzelrichter der Verwaltungsrekurskommission am 6. Februar 2020 um 9.00 Uhr eine
mündliche Verhandlung durch, bestätigte den Haftbefehl der Kantonspolizei St. Gallen
vom 2. Februar 2020 und genehmigte die Ausschaffungshaft für drei Monate bis 1. Mai
2020. Einer allfälligen Beschwerde entzog er die aufschiebende Wirkung.
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C.
X._ (Beschwerdeführer) erhob gegen den ihm am 10. Februar 2020 ausgehändigten
Entscheid der Verwaltungsrekurskommission (Vorinstanz) mit in englischer Sprache
abgefasster Eingabe vom 18. Februar 2020 Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit
dem Antrag, er sei aus der Haft zu entlassen und in einem Zentrum für Asylsuchende
unterzubringen.
Die Vorinstanz verzichtete am 19. Februar 2020 auf eine Vernehmlassung. Der
Beschwerdeführer wurde am 25. Februar 2020 von den zuständigen Bundesbehörden
zu seinem Asylgesuch befragt. Das Migrationsamt (Beschwerdegegner) liess sich am
27. Februar 2020 zur Beschwerde vernehmen. Am 4. März 2020 erklärte der
Beschwerdeführer, er ziehe das Asylgesuch zurück, und ersuchte um möglichst rasche
Rückschaffung nach Serbien. Mit Eingabe vom 11. März 2020 (Poststempel 13.03.20;
Eingang: 16. März 2020) ersuchte der Beschwerdeführer um Haftentlassung, weil er
"due to Coronavirus (Covid-19)" nicht nach Serbien zurückkehren könne. Es drohe eine
sehr lange, seine Rechte verletzende Haft. Gleichzeitig macht er geltend, die serbische
Botschaft sei bereit, ihm rasch Reisedokumente auszustellen. Er werde die Schweiz am
gleichen Tag verlassen, an welchem er aus der Haft entlassen werde (act. 9). Diese
während der Aktenzirkulation beim Gericht eingegangene Eingabe wurde den
Mitgliedern des Spruchkörpers noch vor der Fällung des Entscheides zur Kenntnis
gebracht.
Auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid und auf die Ausführungen der
Verfahrensbeteiligten sowie die Akten wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen
eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Der Beschwerdeführer –
mit dem angefochtenen Entscheid wurde die gegen ihn verfügte Ausschaffungshaft
genehmigt, und er ist wegen der der Beschwerde entzogenen aufschiebenden Wirkung
nach wie vor in Haft – ist zur Erhebung der Beschwerde befugt (Art. 64 in Verbindung
mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Der Beschwerdeführer hat die Beschwerde gegen den ihm am
10. Februar 2020 ausgehändigten Entscheid mit Eingabe vom 18. Februar 2020
rechtzeitig erhoben (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 VRP). Die Eingabe erfüllt in
formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in
Verbindung mit Art. 48 Abs. 1 VRP). Dass sie in englischer Sprache abgefasst ist,
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schadet nicht (Art. 58 Abs. 2 des Gerichtsgesetzes; sGS 941.1). Auf die Beschwerde ist
dementsprechend einzutreten.
2.
Gegenstand des Verfahrens ist einzig die dem Beschwerdeführer gegenüber
angeordnete ausländerrechtliche Administrativhaft. Seine Ausführungen in der
Beschwerde zu den Asylgründen sind deshalb lediglich insoweit von Bedeutung, als sie
sich auf die Zulässigkeit der Haft auswirken können. Abgesehen davon relativieren sich
die geltend gemachten Asylgründe mit der Erklärung des Beschwerdeführers, er ziehe
das Asylgesuch zurück. Der Beschwerdeführer beanstandet sodann weder das
Verfahren der richterlichen Haftüberprüfung durch die Vorinstanz noch die
dreimonatige Dauer, für welche die Ausschaffungshaft – vorläufig – genehmigt wurde
und die Umstände des Haftvollzugs. Der Beschwerdegegner hat die Beschaffung von
Reisepapieren zur Rückführung des Beschwerdeführers nach Serbien bereits
eingeleitet. Die aktuellen Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus schliessen
nicht von vornherein aus, dass die Rückführung des Beschwerdeführers in absehbarer
Zeit möglich sein wird. Insoweit liegen keine konkreten Gründe vor, die ernsthaft darauf
schliessen lassen, dass die Ausschaffung auch innerhalb der maximal zulässigen
Haftdauer nicht durchführbar sein wird (vgl. BGer 2C_400/2017 vom 3. Mai 2017
E. 2.2.2 mit Hinweisen). Der Beschwerdeführer kann sodann die Haftdauer dadurch
beeinflussen, dass er bei der Beschaffung eines gültigen Reisepapiers bei der
serbischen Botschaft mitwirkt. Zu prüfen ist damit einzig, ob die Anordnung der
Ausschaffungshaft rechtmässig ist.
3.
Wurde ein erstinstanzlicher Wegweisungsentscheid eröffnet, kann die zuständige
Behörde die betroffene Person zur Sicherstellung des Vollzugs (dazu nachfolgend
Erwägung 3.1) gestützt auf Art. 76 Abs. 1 Ingress und lit. b des Bundesgesetzes über
die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration (SR 142.20, AIG) in Haft
nehmen, wenn konkrete Anzeichen befürchten lassen, dass sie sich der Ausschaffung
entziehen will (Ziff. 3) oder ihr bisheriges Verhalten darauf schliessen lässt, dass sie
sich behördlichen Anordnungen widersetzt (Ziff. 4, dazu nachfolgend Erwägung 3.2).
Die Haftprüfung dient nicht der Kontrolle des Wegweisungsentscheids. Der Haftrichter
hat sich grundsätzlich nur zu vergewissern, ob (überhaupt) ein – erstinstanzlicher, nicht
notwendigerweise auch rechtskräftiger (vgl. BGer 2C_490/2019 vom 18. Juni 2019
E. 3; BGE 128 II 193 E. 2.1) – Weg- oder Ausweisungsentscheid vorliegt. Nur wenn der
Wegweisungsentscheid offensichtlich unzulässig, das heisst praktisch geradezu
3.1.
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willkürlich, erscheint, darf beziehungsweise muss die Haftgenehmigung verweigert
werden, da der Vollzug einer in diesem Sinn rechtswidrigen Anordnung nicht mit einer
ausländerrechtlichen Zwangsmassnahme sichergestellt werden kann. Einer potentiellen
Verletzung von Art. 3 der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte
und Grundfreiheiten (SR 0.101, EMRK) beziehungsweise Art. 10 Abs. 3 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (SR 101, BV) (drohende
unmenschliche oder erniedrigende Behandlung beziehungsweise Strafe) muss der
Haftrichter Rechnung tragen, soweit der entsprechende Einwand konkret und auf den
Einzelfall bezogen substantiiert begründet wird und eine tatsächliche Beeinträchtigung
von Leib und Leben im Sinne eines "real risk" nicht ausgeschlossen werden kann
(BGer 1C_1063/2019 vom 17. Januar 2020 E. 2.3.2 mit Hinweisen auf weitere
Rechtsprechung).
Die – dafür ausserhalb der Bürozeiten des Beschwerdegegners zuständige (Art. 5
Abs. 1 Ingress und lit. a der Verordnung zur Bundesgesetzgebung über die
Ausländerinnen und Ausländer (sGS 453.51) – Kantonspolizei hat dem
Beschwerdeführer mangels Erfüllung der Einreisevoraussetzungen am 2. Februar 2020
gestützt auf Art. 64 Abs. 1 Ingress und lit. b AIG eine ordentliche
Wegweisungsverfügung eröffnet. Dass der Beschwerdeführer sich nicht mit gültigen,
ihm die Einreise in die Schweiz erlaubenden Reisedokumenten ausweisen konnte,
bestreitet er selbst nicht. Ob die zur Begründung des Asylgesuchs vorgebrachte
Verfolgung durch die eigene Familie für die Zulässigkeit der Wegweisung unter den
Gesichtspunkten von Art. 3 EMRK und Art. 10 Abs. 3 BV überhaupt von Bedeutung
sein kann, kann offenbleiben. Der Beschwerdeführer hat am 4. März 2020 erklärt, er
ziehe sein Asylgesuch zurück und wolle so rasch als möglich nach Serbien
ausgeschafft werden. Die Wegweisung erscheint deshalb nicht als offensichtlich
unzulässig. Mit dem Rückzug des Asylgesuchs steht dem Vollzug der Wegweisung
auch Art. 42 des Asylgesetzes (SR 142.31, AsylG), wonach sich Asylsuchende bis zum
Abschluss des Asylverfahrens in der Schweiz aufhalten dürfen, nicht mehr entgegen.
Die beiden Haftgründe von Art. 76 Abs. 1 Ingress lit. b Ingress Ziff. 3 und 4 AIG werden
in der Praxis zum Haftgrund der "Untertauchensgefahr" zusammengefasst. Eine solche
liegt nach der Rechtsprechung vor, wenn konkrete Anzeichen befürchten lassen, dass
sich die ausländische Person der Ausschaffung entziehen will, insbesondere weil ihr
bisheriges Verhalten darauf schliessen lässt, dass sie sich den Anordnungen der
Ausländerbehörde im Zusammenhang mit der Ausschaffung widersetzen wird. Dies ist
regelmässig der Fall, wenn sie bereits einmal untergetaucht ist, durch erkennbare
3.2.
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4.
Zusammenfassend erweist sich die Beschwerde als unbegründet. Sie ist abzuweisen. –
Bei diesem Verfahrensausgang sind die amtlichen Kosten des Beschwerdeverfahrens
vom Beschwerdeführer zu tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von
CHF 1'500 erscheint angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung; sGS
941.12). Auf die Erhebung ist zu verzichten (Art. 97 VRP). Ausseramtliche Kosten sind
nicht zu entschädigen (Art. 98 Abs. 1 und Art. 98 VRP).