Decision ID: 37eb95b7-18d9-46b1-94b1-ada6d1123c7f
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Am 3. September 1999 verunfallte A._ (nachfolgend: Versicherter) mit einem
125er-Motorrad (Suva-act. 12) und erlitt dabei ein Polytrauma (Suva-act. 13;
Distorsionstrauma der Halswirbelsäule [HWS] mit Plexusschädigung des rechten
Armes und Stauchungsfraktur des neunten Brustwirbelkörpers [BWK9]: Suva-act. 279
S. 10, 17). Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), bei welcher der
Versicherte aufgrund des Bezugs von Arbeitslosentaggeld versichert war, anerkannte
ihre Leistungspflicht und sprach dem Versicherten mit Verfügung vom 9. Dezember
2002 ab 1. August 2002 eine Rente gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 57% zu
(Suva-act. 125). Sie folgte damit der Einschätzung der Invalidenversicherung (Suva-act.
121, 126). Bereits am 4. Januar 2001 war eine Integritätsentschädigung gestützt auf
eine Integritätseinbusse von Fr. 35% verfügt worden (Suva-act. 86).
A.a.
Bei im Jahr 2008 zunehmenden Rückenschmerzen (Suva-act. 134 ff.) wurde der
Versicherte am 2. Juli 2009 von Dr. med. B._ im Kantonsspital St. Gallen (KSSG),
Klinik für Orthopädische Chirurgie, operiert. Bezüglich Indikation wurde festgehalten,
dass der Versicherte unter einer idiopathischen Kyphoskoliose verstärkt durch die
Brustwirbelfraktur im früheren Verlauf bei Status nach Polytrauma leide. Aufgrund
zunehmender Imbalance bzw. konsekutiver tieflumbaler Rückenschmerzen bestehe die
Indikation zur Korrekturspondylodese ventro-dorsal (Suva-act. 142; dorsale
Aufrichtespondylodese Th5-L1 mit Smith-Peterson-Osteotomien Th8, Th9, Th10 und
ventrales Release, transthorakal Th5-Th10 von links: Suva-act. 279 S. 10 f.). Die Suva
anerkannte ihre Leistungspflicht für Rückfall (Suva-act. 156) und erhöhte mit Verfügung
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 29. Mai 2013 die Rente mit Wirkung ab 1. Februar 2011 auf 64% sowie den
Integritätsschaden auf 45% (plus 10%; Suva-act. 266).
Im Jahr 2013 eröffnete die IV-Stelle des Kantons St. Gallen ein
Verwaltungsverfahren zur Überprüfung des Rentenanspruchs und beauftragte das
C._, ein medizinisches Gutachten zu erstellen. Die Sachverständigen des C._
hielten in ihrem Gutachten vom 22. März 2016 fest (Suva-act. 281), der Versicherte
leide an einer leichten kongenitalen Intelligenzminderung, an einem komplexen
Rückenleiden und an einer cervicalen Wurzelläsion C5, C6 und weniger ausgeprägt C7
rechts. Die aktuell ausgeübte Tätigkeit als Mitarbeiter in einem Tauchwarengeschäft sei
als ideal leidensadaptiert zu qualifizieren, da sie körperlich leicht und geistig wenig
anforderungsreich sei. Für diese und andere leidensadaptierte Tätigkeiten sei eine
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit zu attestieren. Gestützt auf diese Beurteilung hob
die IV-Stelle mit Verfügung vom 16. November 2016 die laufende Rente auf das Ende
des der Zustellung der Verfügung folgenden Monats auf. Diese Verfügung wurde vom
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen mit Entscheid vom 22. August 2017 (IV
2016/434) aufgehoben und die Sache zur weiteren Abklärung und zur anschliessenden
neuen Verfügung an die Verwaltung zurückgewiesen. Das Revisionsverfahren ist –
soweit ersichtlich – noch nicht abgeschlossen. Die Rentenleistungen wurden
vorsorglich eingestellt, was das Gericht mit Entscheid vom 17. August 2018 (IV
2017/448) bestätigt hat.
A.c.
Das vorgenannte Gutachten der Sachverständigen des C._ wurde dem Kreisarzt
der Suva, Dr. med. D._, Facharzt Orthopädische Chirurgie und Traumatologie, unter
anderem zur Beurteilung einer Veränderung des unfallkausalen Gesundheitszustands
des Versicherten vorgelegt (Suva-act. 282). Dieser kam mit Einschätzung vom 12.
Januar 2017 zum Schluss, dass sich der Zustand des Versicherten seit der Berentung
offensichtlich verbessert habe. Zum Zeitpunkt der Berentung sei eine tägliche
Schmerzbehandlung mit einem potenten Analgetikum (Targin) notwendig gewesen.
Gemäss dem neuen Gutachten der Invalidenversicherung (IV) bestehe aktuell lediglich
noch eine Bedarfsmedikation bei starken Schmerzen mit dem einfachen Schmerzmittel
Dafalgan. Dies allein sei ein Beweis, dass sich die Situation deutlich verbessert habe.
Des Weiteren habe der Versicherte auch angegeben, dass er keiner Physio- und
Ergotherapie mehr bedürfe. Das Zumutbarkeitsprofil und die
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Gegen die Verfügung vom 3. März 2017 liess der Versicherte, vertreten durch
Rechtsanwalt Dr. iur. Markus Züst, St. Margrethen, Einsprache erheben (Suva-act. 292
ff.). In diesem Zusammenhang reichte er einen Bericht von Dr. med. E._, Spezialarzt
Orthopädische Chirurgie FMH, vom 29. November 2016 (Suva-act. 300) sowie vom
Kantonsspital F._, Klinik für Orthopädie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, vom 2. März 2017 (Suva-act. 295) ein. Am 26. Januar 2018 wies
die Suva die Einsprache ab (Suva-act. 311).
C.
C.a. Gegen den Einsprachentscheid der Suva (nachfolgend: Beschwerdegegnerin)
liess der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer) am 17. Februar, ergänzt am 12.
März 2018 durch seinen Rechtsvertreter Beschwerde erheben. Die Verfügung bzw. der
Einspracheentscheid seien aufzuheben und die IV-Rente auf der Basis von 64% zu
belassen. Dem Beschwerdeführer sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolge (act. G 1 und 3).
C.b. In der Beschwerdeantwort vom 27. April 2018 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde sowie die Bestätigung des
Einspracheentscheids vom 26. Januar 2018 (act. G 5).
C.c. Mit Replik vom 29. Juni 2018 liess der Beschwerdeführer an seinen Anträgen und
deren Begründungen unverändert festhalten (act. G 11).
C.d. Am 12. Juli 2018 wurde dem Gesuch des Beschwerdeführers um Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtspflege, umfassend die unentgeltliche Rechtsverbeiständung
durch Rechtsanwalt Dr. iur. Markus Züst, entsprochen (act. G 12).
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung im neuen IV-Gutachten seien nachvollziehbar und könnten
berücksichtigt werden (Suva-act. 284).
Mit Verfügung vom 3. März 2017 reduzierte die Suva die Rente ab 1. Februar 2017
auf 25% (Suva-act. 289).
A.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.e. Die Beschwerdegegnerin hielt in der Duplik vom 14. August 2018 an der
beantragten Beschwerdeabweisung fest (act. G 14).
C.f. Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie den Inhalt der

übrigen Akten wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen
1.
Am 1. Januar 2017 sind die aufgrund der 1. UVG-Revision geänderten Bestimmungen
des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) und der dazu
gehörenden Verordnung über die Unfallversicherung (UVV; SR 832.202) in Kraft
getreten. Nachdem vorliegend Bestimmungen zur Anwendung gelangen, die mit der
Revision keine Änderung erfahren haben, erübrigt sich eine intertemporalrechtliche
Beurteilung.
2.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist, ob die Herabsetzung
der Invalidenrente der Unfallversicherung von 64% auf 25% (per 1. Februar 2017)
rechtmässig war.
Wird die versicherte Person infolge eines Unfalles zu mindestens 10% invalid (Art.
8 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
[ATSG; SR 830.1]), so hat sie Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 UVG).
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Für die Bestimmung des
Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt
der unfallbedingten Invalidität und nach Durchführung allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das
sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG).
2.1.
Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Rentenbezügers
erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft
entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Anlass zur
2.2.
https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/042b0d3b-5456-43fd-b41a-c0571c3f6493/bec63398-1ea3-40a1-ab6c-91488c2831f9?source=document-link&SP=5|inysh0 https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/042b0d3b-5456-43fd-b41a-c0571c3f6493/58c5a559-c6a3-450d-9584-6ba472e794fd?source=document-link&SP=5|inysh0 https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/042b0d3b-5456-43fd-b41a-c0571c3f6493/45e08215-537c-4e51-8f58-d8b382198d48?source=document-link&SP=5|inysh0
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die
geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen.
Insbesondere ist die Rente nicht nur bei einer wesentlichen Änderung des
Gesundheitszustands, sondern auch dann revidierbar, wenn sich die erwerblichen
Auswirkungen des an sich gleich gebliebenen Gesundheitszustands erheblich
verändert haben (BGE 130 V 349 f. E. 3.5). Eine Veränderung der gesundheitlichen
Verhältnisse liegt auch bei gleich gebliebener Diagnose vor, wenn sich ein Leiden in
seiner Intensität und in seinen Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit verändert hat
(Urteil des Bundesgerichts vom 11. Mai 2009, 9C_261/2009, E. 1.2). Dagegen stellt die
bloss unterschiedliche Beurteilung der Auswirkungen eines im Wesentlichen
unverändert gebliebenen Gesundheitszustands auf die Arbeitsfähigkeit für sich allein
genommen keinen Revisionsgrund im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG dar (Urteil des
Bundesgerichts vom 3. Oktober 2013, 8C_211/2013, E. 2.2). Im Bereich der
obligatorischen Unfallversicherung ist die erforderliche Erheblichkeit der
Sachverhaltsänderung gegeben, wenn sich der Invaliditätsgrad um 5% verändert (BGE
140 V 87 E. 4.3). Die Frage der wesentlichen Änderung in den tatsächlichen
Verhältnissen beurteilt sich durch Vergleich des Sachverhalts, wie er im Zeitpunkt der
ursprünglichen Rentenverfügung bestanden hat (bzw. der letzten rechtskräftigen
Verfügung, welche auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs beruht), mit
demjenigen zur Zeit der streitigen Revisionsverfügung (BGE 134 V 132 f. E. 3).
Für das gesamte Verwaltungs- und Beschwerdeverfahren gilt der Grundsatz der
freien Beweiswürdigung. Danach haben die Versicherungsträger und das Gericht die
Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das
Gericht alle Beweismittel objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen
Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen
und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere
medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist
entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob die
Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den
Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die
2.3.
https://www.swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/c4deb209-705e-435e-b41d-9ca2aa29635e?citationId=12329e78-8853-4edb-ab86-9ac540659092&source=document-link&SP=5|inysh0 https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/042b0d3b-5456-43fd-b41a-c0571c3f6493/45e08215-537c-4e51-8f58-d8b382198d48?source=document-link&SP=5|inysh0 https://www.swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/13f2b03d-ddd1-491f-8bb5-78f8119abd91?citationId=68f51938-ce36-493a-85d0-81922f79de46&source=document-link&SP=5|2zkqfs https://www.swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/13f2b03d-ddd1-491f-8bb5-78f8119abd91?citationId=68f51938-ce36-493a-85d0-81922f79de46&source=document-link&SP=5|2zkqfs https://www.swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/ababa0a2-8593-41ed-92e9-ba19312ad9e6?citationId=06de9d85-fd22-4a5f-ac71-aa1be8f63d95&source=document-link&SP=5|2zkqfs
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht
oder Gutachten (BGE 125 V 352 E. 3.a).
Den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens formgerecht eingeholten Gutachten
von externen Spezialärzten, welche auf Grund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, ist bei der
Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; vgl. ferner
Thomas Flückiger, Medizinische, insbesondere hausärztliche Berichte und ihre
Beweiskraft – mit einem Seitenblick auf die medizinischen Gutachten, in: Kieser/
Lendfers [Hrsg.], Sozialversicherungsrechtstagung 2013, St. Gallen 2014, S. 138 ff.). In
Bezug auf Berichte von Hausärzten darf und soll das Gericht der Erfahrungstatsache
Rechnung tragen, dass Hausärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche
Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (BGE
125 V 351 E. 3b/bb und cc). Dies gilt auch für Stellungnahmen behandelnder
Spezialärzte (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG] vom 6. April
2006, I 803/05, E. 5.5). Widersprechen Berichte behandelnder Ärzte dem von der
Verwaltung bei externen Spezialärzten eingeholten Gutachten, ist die unterschiedliche
Natur von Behandlungsauftrag der therapeutisch tätigen (Fach-)Ärzte einerseits und
Begutachtungsauftrag der amtlich bestellten fachmedizinischen Experten anderseits zu
beachten (Urteil des EVG vom 18. April 2006, I 783/05, E. 2.2). Es ist deshalb nicht
zulässig, ein medizinisches Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu
stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden
Ärzte später zu anderslautenden Einschätzungen gelangen oder an vorgängig
geäusserten abweichenden Auffassungen festhalten. Vorbehalten bleiben aber Fälle, in
denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die behandelnden Ärzte
wichtige – und nicht rein subjektiver ärztlicher Interpretation entspringende – Aspekte
benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben
sind (Urteil des Bundegerichts vom 27. Mai 2008, 9C_24/2008, E. 2.3.2).
2.4.
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz. Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
2.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebenden Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 f. E. 4a). In beweisrechtlicher Hinsicht gilt
der Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Danach haben die urteilenden Instanzen
die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Die Verwaltung resp. das Gericht dürfen eine Tatsache nur
dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind. Im
Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht
etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts
genügt den Beweisanforderungen nicht. Das Gericht hat vielmehr jener
Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen Geschehensabläufen als
die wahrscheinlichste würdigt (BGE 126 V 360 E. 5b mit Hinweisen).
In Anlehnung an das in E. 2.2 Ausgeführte ist zu beurteilen, ob sich der
Sachverhalt, wie er sich im Zeitpunkt der rentenerhöhenden Verfügung vom 29. Mai
2013 (mit Wirkung ab Februar 2011 Suva-act. 266) präsentierte, bis zum Zeitpunkt der
streitigen Revisionsverfügung vom 3. März 2017 (Invaliditätsgrad von 25% mit Wirkung
ab Februar 2017; Suva-act. 289) im Sinne der erwähnten bundesgerichtlichen
Vorgaben verändert hat. Die Beschwerdegegnerin bejaht dies. Es liege im Vergleich zur
Rentenzusprache mit Wirkung ab Februar 2011 eine wesentliche
Sachverhaltsänderung im Sinne einer gesundheitlichen Verbesserung und damit ein
Revisionsgrund vor. Der Beschwerdeführer lässt dies bestreiten. Es sei keine
Verbesserung ausgewiesen. Im Gegenteil habe sich der Gesundheitszustand nochmals
verschlechtert.
3.1.
Die Rentenzusprache mit Wirkung ab Februar 2011 erging vorwiegend aufgrund
der Beurteilung der verantwortlichen Ärzte der Rehaklinik Bellikon. Diese bescheinigten
dem Beschwerdeführer mit Austrittsbericht vom 11. April 2012 (bei stationärem
Aufenthalt vom 29. Februar bis 29. März 2012; Suva-act. 251) aus unfallkausaler Sicht
eine Arbeitsfähigkeit von vier Stunden pro Tag für eine leichte Tätigkeit, welche am
ehesten in Form von mehreren, über den Tag verteilten, kürzer dauernden
Arbeitseinsätzen aufgrund von im Tagesverlauf kumulierender Beschwerden zu
realisieren sei (Suva-act. 251-2). Die arbeitsrelevanten Probleme seien bewegungs-
und belastungsverstärkte Schmerzen der Schulter rechts sowie bewegungs- und
belastungsabhängige Schmerzen im BWS- und LWS-Bereich, wobei die Beschwerden
durch eine mässige Symptomausweitung funktionell überlagert würden (Suva-act.
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
251-4). Als Schmerzmedikation wurden bei Austritt zweimal täglich Targin (Ret Tabl
10/5 mg) und zweimal täglich Vimovo (Filmtabl) angegeben (Suva-act. 251-2).
3.3.
Die Revisionsverfügung vom 3. März 2017 (Suva-act. 289) stützt sich im
Wesentlichen auf das Gutachten des C._ vom 22. März 2016 (Suva-act. 281), dabei
namentlich auf die orthopädische Beurteilung von Dr. med. G._, Spezialarzt FMH für
Chirurgie (Unfallchirurgie, Sportmedizin, Orthopädische Chirurgie), vom 6. Februar
2016 (Suva-act. 279) sowie auf die neurologische Beurteilung von Dr. med. H._,
Facharzt für Neurologie FMH, zertifizierter medizinischer Gutachter SIM, medizinischer
Sachverständiger cpu, vom 21. März 2016 (Suva-act. 280), sowie auf die Beurteilung
des Kreisarztes Dr. D._ vom 12. Januar 2017 (Suva-act. 284).
3.3.1.
Dr. G._ kommt nach umfassender Untersuchung zum Schluss, dass eine
ganztägige leichte wechselbelastende Arbeit unter Berücksichtigung der
Funktionseinschränkung des rechten Arms und der verminderten Belastbarkeit der
Wirbelsäule zumutbar sei. Die Einschränkungen im Beruf sollten dahingehend sein,
dass Arbeiten auf Gerüsten und Leitern zu vermeiden seien und eine wechselnd
sitzende bzw. stehende Tätigkeit möglich wäre. Auch die Hebe- und Tragfähigkeit von
Lasten bleibe auf ein Gewicht von zehn Kilogramm reduziert. Überkopfarbeiten
könnten mit dem rechten Arm nicht mehr ausgeführt werden. Selbstversorgende
Tätigkeiten seien im Haushalt ohne Einschränkungen möglich (Suva-act. 279 S. 19, S.
21). Als Schmerzmedikation werden im orthopädischen Gutachten Dafalgan Filmtab. 1
g (bei Bedarf dreimal täglich) angegeben (Suva-act. 279 S. 10). Die genannte
Arbeitsfähigkeit gelte wahrscheinlich ab Mai 2013, sicher aber ab dem
Untersuchungszeitpunkt (Suva-act. 279 S. 23).
3.3.2.
Dr. H._ führt in seinem Gutachten aus, dass die in der Versicherungsakte
dokumentierte Commotio cerebri im Rahmen des Motorradsturzes im Jahr 1999 zu
keiner Verschlechterung der Kognition geführt habe. Eine in der Versicherungsakte
immer wieder hypothetisierte Contusio cerebri sei durch keine klinischen Befunde
substantiiert. MRI-Untersuchungen des Schädels hätten traumatische strukturelle
Läsionen ausgeschlossen. Die beklagten Rückenschmerzen würden sich im
Wesentlichen durch Erkrankungen bzw. Verletzungsresiduen auf orthopädischem
Fachgebiet bzw. am Bewegungsapparat erklären. Deswegen werde bezüglich der
Einschätzung der Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit explizit auf das orthopädische
Gutachten verwiesen. In der Begutachtung habe sich kein Anhalt für eine nerval oder
radikulär bedingte Schmerzgenese der vorgetragenen Rückenbeschwerden, weder im
3.3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bereich des Nackens noch im Bereich der Brust- oder Lendenwirbelsäule (BWS bzw.
LWS) ergeben. Die beklagte und diagnostizierte Armparese rechts erkläre sich durch
eine traumatische Läsion der zervikalen Nervenwurzeln C5 und C6 sowie weniger stark
auch C7. Hierdurch ergebe sich eine proximal betonte Armparese rechts, wobei die
Kraftminderung und Feinmotorik der rechten Hand nicht wesentlich beeinträchtigt
seien. Aufgrund der Armparese rechts seien dem Beschwerdeführer Tätigkeiten mit
Heben und Tragen schwerer und mittelschwerer Lasten für den rechten Arm nicht mehr
zumutbar. Auch dauerhaftes Überkopfarbeiten sei nicht möglich. Die Funktionen der
rechten Hand seien jedoch nicht wesentlich gestört. Unter Einhaltung dieser Kriterien
sei ein Pensum von 100% ohne Leistungseinschränkung zumutbar. Diese
Einschätzung gelte wahrscheinlich seit Mai 2013, mit Sicherheit ab dem Zeitpunkt der
Begutachtung (Suva-act. 280 S. 29 ff.; vgl. zum Ganzen auch die Konsensbeurteilung
von Dr. G._ und Dr. H._ in Suva-act. 281 S. 2).
Das neuropsychologische Gutachten (Suva-act. 278), welches dem
Beschwerdeführer aufgrund unfallfremder Beeinträchtigungen eine verminderte
Leistungsfähigkeit bescheinigt (vgl. dazu insbesondere S. 30 ff.), ist für die Beurteilung
eines veränderten unfallkausalen Sachverhalts bzw. für die Beurteilung der
unfallkausalen Einschränkungen im vorliegenden Verfahren, anders als in
invalidenversicherungsrechtlicher Hinsicht, nicht von Relevanz. Anderslautende
Einschätzungen liegen auf jeden Fall nicht im Recht und werden nicht substantiiert
geltend gemacht. Dasselbe gilt bezüglich einer allenfalls bestehenden depressiven
Symptomatik.
3.3.4.
Vergleicht man den unfallkausalen (orthopädischen und neurologischen)
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers, wie er sich anlässlich des stationären
Aufenthalts in der Rehaklinik Bellikon im Jahr 2012 präsentiert hat, mit demjenigen
anlässlich der Begutachtung durch das C._ im Jahr 2016, so fällt auf, dass entweder
die unfallkausale Schmerzproblematik bezüglich des Rückens nachgelassen hat oder
aber der Beschwerdeführer sich besser mit den bestehenden Schmerzen arrangiert
bzw. sich bis zu einem gewissen Grade daran gewöhnt hat (vgl. dazu auch die
Ausführungen des Beschwerdeführers in Suva-act. 279 S. 12 oben: "Seine Schmerzen
habe er gelernt zu akzeptieren und er befürchte, damit zukünftig leben zu müssen").
Dies zeigt sich, wie der Kreisarzt Dr. D._ nachvollziehbar ausführt (Suva-act. 284), in
der aktuell vermindert notwendigen Schmerzmedikation. Entsprechend hat sich das
Leiden zumindest in der subjektiven Wahrnehmung des Beschwerdeführers
offensichtlich in dem Sinne verbessert, dass es an Intensität verloren hat. Auch
bezüglich der Problematik der oberen rechten Extremität scheint eine Verbesserung
3.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
eingetreten zu sein. Während gemäss Bericht der Rehaklinik noch eine weit unter Norm
gelegene Handkraft rechts vorgelegen hat (18 Kilogramm rechts, 30.7 Kilogramm links;
Suva-act. 251 S. 10), wird diese im Gutachten von Dr. H._ als fast normal
beschrieben, mit einer allenfalls diskreten Schwäche beim Faustschluss, wobei die
Feinmotorik unauffällig sei (Suva-act. 280 S. 25). Auch bezüglich Beschwerden der
rechten oberen Extremität und Schulter hat offensichtlich eine gewisse Akzeptanz und
Angewöhnung stattgefunden. Diesbezüglich führte der Beschwerdeführer aus, dass er
die Bewegungseinschränkung der rechten Schulter mit der linken Seite kompensiere
(Suva-act. 279 S. 12). Gestützt auf das Gesagte ist festzuhalten, dass eine wesentliche
Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen bei Angewöhnung bzw. geringerer
Intensität der Schmerzproblematik und verbesserter Funktionalität überwiegend
wahrscheinlich ausgewiesen ist. Folglich ist ein Revisionsgrund nach Art. 17 Abs. 1
ATSG zu bejahen und der Rentenanspruch in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht
allseitig und ohne Bindung an frühere Beurteilungen zu prüfen (BGE 143 V 94 E. 4.2,
vgl. auch BGE 141 V 11 E. 2.3).
Daran vermögen die Einwände des Beschwerdeführers nichts zu ändern. Der
Umstand, dass dieser leidensadaptiert Tauchsport betreibt, ist für die Frage, ob eine
wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen eingetreten ist, nur von
untergeordneter Bedeutung. Nicht relevant ist weiter, ob die Rückenoperation im Jahr
2009 missglückt ist oder nicht. Entscheidend ist einzig – wie in E. 3.4 ausgeführt –,
dass das unfallkausale Leiden sich in seiner Intensität relevant verändert und der
Beschwerdeführer sich an die tatsächlichen Verhältnisse angepasst hat. Letzteres
beschreibt er im Übrigen gerade in Bezug auf den Tauchsport, wo er besondere
Vorkehren getroffen hat, um dabei möglichst schmerzfrei zu sein (vgl. dazu Suva-act.
279 S. 11 und 280 S. 23).
3.5.
Wie bereits erwähnt (vgl. vorstehende E. 3.3.1), stützt sich die Revisionsverfügung
vom 3. März 2017 (Suva-act. 289) im Wesentlichen auf das Gutachten des C._ vom
22. März 2016 (Suva-act. 281), dabei namentlich auf die orthopädische (Suva-act. 279)
und die neurologische (Suva-act. 280) Beurteilung. Diesen formgerecht eingeholten
Expertisen von externen Fachärzten ist bei der Beweiswürdigung voller Beweiswert
zuzuerkennen, sofern nicht konkrete Indizien gegen deren Zuverlässigkeit sprechen
(vgl. vorstehende E. 2.4).
4.1.
Es bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass den Beurteilungen im
orthopädischen und neurologischen Gutachten nicht gefolgt werden könnte. Den
4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gutachten der Dres. G._ und H._ liegt eine persönliche Untersuchung des
Beschwerdeführers zugrunde und es wurde die somatische (Kranken-)Geschichte mit
den dazugehörenden Dokumenten (inkl. bildgebende Unterlagen) von den involvierten
Experten aufgeführt, einbezogen und diskutiert. Auch konnte sich der
Beschwerdeführer zu seinen Beschwerden und deren Entwicklung genügend äussern.
Gestützt darauf wurden die somatischen Diagnosen überzeugend gestellt, ein
begründetes Belastungsprofil erstellt und die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers
nachvollziehbar geschätzt. Es kann vollumfänglich darauf abgestellt werden.
Mängel vermag der Beschwerdeführer auch mit den Berichten des Dr. E._ vom
29. November 2016 (Suva-act. 300) und 6. Februar 2018 (act. G 1.3) sowie des
Kantonsspitals F._ vom 2. März 2017 (Suva-act. 295) nicht zu begründen. Dr. E._
weicht, abgesehen von seiner anderen Einschätzung in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit
(wobei er diesbezüglich auch unfallfremde Beeinträchtigungen miteinbezieht), nicht von
den Beurteilungen der Gutachter ab. Er benennt insbesondere keine unerkannten oder
ungewürdigten Aspekte und vermag damit die andere Einschätzung in Bezug auf die
Arbeitsfähigkeit im Administrativgutachten weder zu widerlegen noch konkrete Indizien
gegen deren Zuverlässigkeit aufzuzeigen. Diesbezüglich ist auch zu beachten, dass
Arbeitsunfähigkeitsschätzungen ein Ermessensspielraum inhärent ist (Urteil des
Bundesgerichts vom 18. Juni 2019, 9C_28/2019, E. 4.1). Wie in E. 2.4 erwähnt, ist auch
der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen ist, dass Hausärzte und therapeutisch
tätige Fachärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in
Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen. Die Ärzte des Kantonsspitals
F._ äussern sich nicht ausdrücklich in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit in optimal
angepasster Tätigkeit und beziehen – wie Dr. E._ – die unfallfremden kognitiven
Beeinträchtigungen mit ein. Unerkannte oder ungewürdigte Aspekte werden auch nicht
aufgezeigt. Entsprechend vermag auch dieser Bericht keine Zweifel an der
Zuverlässigkeit des Gutachtens zu schüren.
4.3.
Zusammengefasst ist festzuhalten, dass dem Administrativgutachten in
orthopädischer und neurologischer Hinsicht Beweiswert zukommt und kein Anlass
besteht, bezüglich der unfallkausalen medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit von
dessen Einschätzungen abzuweichen. Damit sind dem Beschwerdeführer aus
unfallkausaler Sicht ganztägige leichte wechselbelastende Arbeiten unter
Berücksichtigung der Funktionseinschränkung des rechten Arms und der verminderten
Belastbarkeit der Wirbelsäule zumutbar (vgl. zum ganzen Belastungsprofil vorstehende
E. 3.3.2 und 3.3.3).
4.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Zu bestimmen ist im Folgenden die Höhe der Invalidität im Rahmen eines
Einkommensvergleichs (vgl. vorstehende E. 2.1). Diesbezüglich kann vollumfänglich auf
die Ausführungen in der Verfügung vom 3. März 2017 verwiesen werden (Suva-act.
289). Aus der Gegenüberstellung von Valideneinkommen (Fr. 67'521.--) und
Invalideneinkommen (Fr. 50'634.--) resultiert eine Erwerbseinbusse von Fr. 16'887.--
bzw. ein Invaliditätsgrad von 25% (Fr. 16'887.-- / Fr. 67'521.--).
6.