Decision ID: 87dbcf9c-bdb1-4191-99fc-113d4ba0a4de
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Verstoss gegen das Hundegesetz
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung - Einzelgericht, vom 12. September 2013 (GC130130)
- 2 -
Strafverfügung:
Der Strafbefehl des Stadtrichters von Zürich vom 20. August 2012 ist diesem Ur-
teil beigeheftet (Urk. 2/1).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Einsprecher ist schuldig der mangelnden Beaufsichtigung eines Hundes
im Sinne von § 9 Abs. 1 lit. a in Verbindung mit § 27 Abs. 1 Hundegesetz.
2. Der Einsprecher wird bestraft mit einer Busse von Fr. 100.–.
3. Bezahlt der Einsprecher die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 1 Tag.
4. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf Fr. 900.–. Über die weiteren Kosten
(Barauslagen usw.) wird die Gerichtskasse Rechnung stellen.
5. Die Kosten gemäss vorstehender Ziffer sowie die Kosten des Strafbefehls
Nr. 2012-055-580 vom 20. August 2012 in Höhe von Fr. 150.– und die nach-
träglichen Untersuchungs- und Überweisungskosten des Stadtrichteramtes
Zürich im Betrage von Fr. 506.– werden dem Einsprecher auferlegt.
Berufungsanträge:
a) des Verteidigers des Beschuldigten:
(Urk. 31 S. 2)
1. Der Beschuldigte sei in Aufhebung des angefochtenen Urteils des Be-
zirksgerichts Zürich vom 12. September 2013 von Schuld und Strafe
freizusprechen.
- 3 -
2. Die Kosten des gesamten Verfahrens seien auf die Staatskasse zu
nehmen und es sei dem Berufungskläger eine angemessene Prozess-
entschädigung für das gesamte Verfahren zuzusprechen.
b) des Stadtrichteramtes Zürich:
(Urk. 36)
Abweisung der Berufung
_

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte
Am 20. August 2012 wurde der Beschuldigte mittels Strafbefehl des Stadt-
richteramts Zürich wegen mangelnder Beaufsichtigung eines Hundes im Sinne
von § 9 Abs. 1 lit. a in Verbindung mit § 27 Abs. 1 Hundegesetz (HuG) mit einer
Busse von Fr. 100.– bestraft (Urk. 2/1). Der Beschuldigte erhob am 29. August
2012 fristgerecht Einsprache gegen den Strafbefehl und hielt auch nach Ab-
schluss der Untersuchung durch das Stadtrichteramt daran fest (Urk. 3 und 11).
Mit Eingabe vom 22. Mai 2013 überwies das Stadtrichteramt die Akten ans Be-
zirksgericht Zürich mit dem Antrag, den Strafbefehl zu bestätigen und die Unter-
suchungskosten dem Beschuldigten aufzuerlegen (Urk. 14).
Mit Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 10. Abteilung - Einzelgericht, vom
12. September 2013 wurde der Beschuldigte wegen mangelnder Beaufsichtigung
eines Hundes im Sinne von § 9 Abs. 1 lit. a in Verbindung mit § 27 Abs. 1 HuG
mit einer Busse von Fr. 100.– bestraft (Urk. 24). Dagegen meldete er mit Eingabe
vom 23. September 2013 Berufung an (Urk. 19). Nach Erhalt des begründeten Ur-
teils ging fristgerecht auch die Berufungserklärung ein (Urk. 25). Dem Stadtrich-
- 4 -
teramt Zürich wurde die Berufungserklärung mittels Präsidialverfügung vom
9. Dezember 2013 zugestellt (Urk. 26). Anschlussberufung wurde nicht erhoben.
Mit Beschluss vom 13. Januar 2014 wurde die schriftliche Durchführung des
Berufungsverfahrens angeordnet und dem Beschuldigten Frist zur Einreichung
der Berufungsbegründung angesetzt (Urk. 28). Die Berufungsbegründung des
Beschuldigten erfolgte innert erstreckter Frist mit Eingabe vom 5. März 2014, mit
dem Antrag, das vorinstanzliche Urteil sei vollumfänglich aufzuheben, die Verfah-
renskosten seien auf die Staatskasse zu nehmen und er sei für das ganze Verfah-
ren angemessen zu entschädigen (Urk. 30; Urk. 31). Anschliessend wurde mit
Präsidialverfügung vom 6. März 2014 dem Stadtrichteramt Frist zur Einreichung
der Berufungsantwort angesetzt und der Vorinstanz Gelegenheit zur freigestellten
Vernehmlassung eingeräumt (Urk. 33). Es folgten je fristgemäss der vorinstanzli-
che Verzicht auf Vernehmlassung mit Datum vom 10. März 2014 (Urk. 35) sowie
die Berufungsantwort des Stadtrichteramts vom 13. März 2014, welches eine Ab-
weisung der Berufung verlangte (Urk. 36), wovon dem Beschuldigten mit Präsidi-
alverfügung vom 19. März 2014 Kenntnis gegeben wurde (Urk. 37). Damit erweist
sich das Berufungsverfahren als spruchreif.
II. Prozessuales
Bildeten ausschliesslich Übertretungen Gegenstand des erstinstanzlichen
Hauptverfahrens, so kann mit der Berufung nur geltend gemacht werden, das Ur-
teil sei rechtsfehlerhaft oder die Feststellung des Sachverhalts sei offensichtlich
unrichtig oder beruhe auf einer Rechtsverletzung. Neue Behauptungen und Be-
weise können nicht vorgebracht werden (Art. 398 Abs. 4 StPO). Mit der Berufung
bei Übertretungen können Fehler bei der Anwendung des anwendbaren materiel-
len oder formellen Rechts geltend gemacht werden, insbesondere des StGB und
der StPO. Gerügt werden können sodann Überschreitungen und Missbrauch des
Ermessens sowie Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung, nicht aber blosse
Unangemessenheit (Schmid, Handbuch StPO, N 1538). Soweit die Beweiswürdi-
gung bzw. die Feststellung des (rechtmässig erhobenen) Sachverhalts gerügt
wird, beschränkt sich die Überprüfung auf offensichtliche Unrichtigkeit, also auf
- 5 -
Willkür (Hug in: Donatsch, Hansjakob, Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizeri-
schen Strafprozessordnung, Art. 398 N 23). Gerügt werden können damit nur kla-
re Fehler bei der Sachverhaltsermittlung, wobei zunächst an Versehen und Irrtü-
mer, ferner an Diskrepanzen zwischen der sich aus den Akten sowie der Haupt-
verhandlung ergebenden Beweislage und den Feststellungen im Urteil zu denken
ist. In Betracht fallen sodann Fälle, in denen die gerügte Sachverhaltsfeststellung
auf einer Verletzung von Bundesrecht, vorab der StPO selbst beruht. Zu denken
ist weiter an Fälle, in denen die an sich zur Verfügung stehenden Beweismittel of-
fensichtlich ungenügend ausgeschöpft wurden, also der Sachverhalt unvollständig
festgestellt und damit der Grundsatz der Wahrheitsforschung von Amtes wegen
missachtet wurde (Schmid, a.a.O., N 1538).
III. Sachverhalt und rechtliche Würdigung
1. Im Strafbefehl des Stadtrichteramts Zürich vom 20. August 2012 wird
dem Beschuldigten mangelnde Beaufsichtigung eines von ihm als Hundesitter ge-
führten Hundes (B._) vorgeworfen; der Hund habe eine Fussgängerin (Zeu-
gin C._) belästigt, indem er ihr ein halbes Sandwich aus der Hand wegge-
schnappt und verspiesen habe (wobei der Beschuldigte der Fussgängerin an-
schliessend Fr. 10.– für das Sandwich vergütete) (Urk. 2/1).
2. Die Vorinstanz hielt fest, unbestritten sei, dass der Hund des Beschul-
digten an der Zeugin C._ hochgesprungen sei und das Sandwich aus ihrer
Hand weggeschnappt habe. Die vom Beschuldigten bestrittene mangelnde Be-
aufsichtigung prüft die Vorinstanz unter dem Titel der rechtlichen Würdigung. Da-
für stützt sie sich auf Aussagen der Zeugin C._ sowie des Beschuldigten und
würdigt diese. Sie kommt zum Schluss, dass der Beschuldigte seinen Hund zwar
zurück rief, als sich dieser der Zeugin genähert hatte, dieser jedoch nicht ge-
horchte und dem Befehl keine Folge leistete. Für die Erfüllung des Tatbestands
von § 9 Abs. 1 lit. a HuG sei bereits ausreichend, dass der Hund auf das erste
Rufen des Einsprechers nicht sofort reagierte, sondern weiterhin bei der Zeugin
C._ verweilte. Die Zeugin sei in erheblichem Masse belästigt worden, indem
der Hund an ihr hochgesprungen sei und ihr das Sandwich aus der Hand ge-
- 6 -
schnappt habe. Unerheblich sei, ob die Zeugin mit dem Hund tatsächlich intera-
gierte und zu welchem Zeitpunkt sie den Hund erblickt habe. Selbst wenn die
Zeugin den Hund bereits frühzeitig bemerkt hätte und diesem durch ihre Gestik
vermeintlich ihr Sandwich zum Essen angeboten hätte, würde dies nichts an der
rechtlichen Würdigung ändern. Entscheidend sei einzig, dass der Einsprecher den
Hund im Zeitpunkt, als er nach ihm rief, nicht unter Kontrolle hatte (Urk. 24 S. 3
ff.).
3. Die Verteidigung macht eine offensichtlich unrichtige Sachverhaltsfest-
stellung sowie die darauf gestützte fehlerhafte rechtliche Würdigung geltend. Sie
führte in ihrer Berufungsbegründung aus, entscheidend sei, aus welchen Gründen
der Hund nicht gehorcht habe und wer oder was dafür verantwortlich gewesen
sei. Die Zeugin C._ habe mit dem Hund interagiert und durch das Herum-
fuchteln mit ihrem Sandwich den Hund dazu aufgefordert, dieses zu verspeisen.
Der Beschuldigte habe den Hund erst gerufen, nachdem dieser das Sandwich
verspeist habe, davor habe dazu kein Anlass bestanden, da sein Hund zunächst
auf den Hund der Zeugin zugegangen sei. Die Vorinstanz würdige vordergründig
zwar die Aussagen der Zeugin, setze sich aber nicht genügend mit ihren Aussa-
gen und ihrem Aussageverhalten auseinander, weshalb nicht von deren Version
ausgegangen werden könne. Der Beschuldigte sei seinen Beaufsichtigungspflich-
ten nachgekommen. Dort, wo die Hunde frei laufen und sich beschnüffeln können,
habe er keinen Anlass sehen müssen, seinen Hund zurückzurufen, zumal es sich
bei der Zeugin ebenfalls um eine Hundehalterin handelte, welche Kenntnis von ih-
ren Pflichten im Umgang mit Hunden habe, diese jedoch selbst verletzt habe. Der
Beschuldigte habe nicht damit rechnen müssen, dass die Zeugin die klare Situati-
on falsch einschätze und sich nicht wie im Codex für Hundehalter und Nicht-
hundehalter aufgeführt verhalten habe, sondern mit dem Hund interagiert und ihm
fälschlicherweise zu verstehen gegeben habe, es gäbe Fressen für ihn. Der Hund
habe erst nachdem er sich mit dem von der Zeugin "offerierten" Sandwich befass-
te nicht mehr sofort auf die Rufe des Beschuldigten reagiert (Urk. 31 S. 1 ff.).
4. Die Zeugin C._ führte gleichbleibend aus, sie habe den Beschul-
digten gesehen und gehört, wie er einem Hund gerufen habe. Plötzlich sei sie von
- 7 -
einem Hund angesprungen worden und dieser habe einen Teil ihres Sandwichs
abgebissen. Danach habe der Beschuldigte den Hund gerufen, dieser habe aber
nicht auf ihn gehört und sei weiter um sie "herumgetänzelt" (Urk. 8 S. 2, Urk. 1/1
S. 4 und Urk. 1/2/2). Sie führte konstant aus, den Hund nicht angesprochen zu
haben. Die Vorinstanz erachtete diese Aussagen als lebensnah und glaubhaft.
Sie befand, dass die Aussagen der Zeugin auf tatsächlich Erlebtes und Empfun-
denes schliessen lassen. Sodann hielt die Vorinstanz fest, damit sei erstellt, dass
die Zeugin vor dem Anspringen durch den Hund mit diesem keinen Kontakt auf-
genommen habe. Die vorinstanzliche Beweiswürdigung ist nachvollziehbar und
erfolgte willkürfrei. Es liegt keine offensichtlich unrichtige Sachverhaltserstellung
vor. Den vorinstanzlichen Erwägungen folgend ist daher auf die glaubhafte Dar-
stellung der Zeugin abzustellen und davon auszugehen, dass sie den Hund nicht
angesprochen hat, dieser vielmehr unvermittelt an ihr hochsprang und von ihrem
Brötchen abbiss (Urk. 24 S. 7).
5. Gemäss § 9 Abs. 1 lit. a HuG sind Hunde so zu halten, zu führen und
zu beaufsichtigen, dass sie weder Mensch noch Tier gefährden, belästigen oder
in der bestimmungsgemässen und sicheren Nutzung des frei zugänglichen Rau-
mes beeinträchtigen. Die Vorinstanz befasste sich für die Auslegung dieses Arti-
kels zutreffend und eingehend mit der Entstehungsgeschichte des am 1. Januar
2010 in Kraft getretenen Hundegesetzes des Kantons Zürich, worauf verwiesen
werden kann (Art. 82 Abs. 4 StPO; Urk. 24 S. 4 f.).
Der Beschuldigte war zum Zeitpunkt des Vorfalls als Hundesitter für den
Hund verantwortlich und hatte ihn so zu führen und zu beaufsichtigen, dass es zu
keiner Belästigung von Mensch oder Tier kommen kann. Die Zeugin wurde durch
den Hund direkt belästigt, indem er an ihr hochsprang und das Sandwich aus ih-
rer Hand wegschnappte. Der Beschuldigte hätte dieses Verhalten seines Hundes
durch eine genügende Beaufsichtigung verhindern müssen. Wie der Beschuldigte
selbst geltend machte, handelt es sich beim Hund B._ um einen kontaktfreu-
digen jungen Hund (Urk. 7 S. 2). Indem er im Wissen um das Wesen des Hundes
diesen frei herumlaufen liess, nahm er zumindest in Kauf, dass B._ andere
Personen anspringen und belästigen könnte. Der Beschuldigte handelte somit
- 8 -
eventualvorsätzlich sowohl bezüglich der mangelnden Beaufsichtigung als auch
der Gefährdung und Belästigung von Personen. Die Vorinstanz würdigte das Ver-
halten des Beschuldigten damit zu Recht als mangelnde Beaufsichtigung eines
Hundes im Sinne von § 9 Abs. 1 lit. a in Verbindung mit § 27 HuG.
6. Die Vorinstanz hat somit weder den Sachverhalt offensichtlich unrichtig
festgestellt, noch ist ihr Urteil rechtsfehlerhaft. Der Schuldspruch der Vorinstanz
ist deshalb zu bestätigen und der Beschuldigte der mangelnden Beaufsichtigung
eines Hundes im Sinne von § 9 Abs. 1 lit. a in Verbindung mit § 27 Abs. 1 HuG
schuldig zu sprechen.
IV. Strafzumessung
Der Beschuldigte beantragt einen vollumfänglichen Freispruch und stellt kei-
nen Eventualantrag bezüglich der Strafzumessung.
Die Vorinstanz hat den Strafrahmen korrekt dargelegt und zutreffende Aus-
führungen zur Strafzumessung gemacht, auf welche verwiesen werden kann
(Urk. 24 S. 9 f.). Mit der Vorinstanz ist von einem noch leichten Verschulden aus-
zugehen, da der Hund sich noch in Sichtweite befand, die Zeugin nicht verletzt
wurde und der Beschuldigte ihr den Verlust des Sandwichs ersetzte. Hingegen
kann der Vorfall nicht als leichter Fall, für welchen lediglich ein Verweis auszu-
sprechen wäre, betrachtet werden. Die Zeugin wurde durch den Hund doch recht
intensiv belästigt; er sprang an ihr hoch und schnappte das Sandwich aus ihrer
Hand. Angesichts der finanziellen Verhältnisse des Beschuldigten, welcher ge-
mäss eigenen Angaben ca. Fr. 5'000.– pro Monat verdient und weder Schulden
noch Vermögen hat (Prot. I S. 5), sowie unter Berücksichtigung seines Verschul-
dens erweist sich die von der Vorinstanz ausgesprochene Busse von Fr. 100.– als
angemessen. Der Beschuldigte ist folglich mit einer Busse von Fr. 100.– zu be-
strafen.
Für den Fall der schuldhaften Nichtbezahlung der Busse ist eine Ersatzfrei-
heitsstrafe auszufällen (Art. 106 Abs. 2 StGB). Diese ist nach den Verhältnissen
des Täters so zu bemessen, dass sie seinem Verschulden angemessen ist
- 9 -
(Art. 106 Abs. 3 StGB), wobei dem Gericht bei der Bemessung ein weiter Ermes-
senspielraum zusteht (BGE 134 IV 60 E. 7.3.3.). Vorliegend erscheint eine Ersatz-
freiheitsstrafe von einem Tag bei schuldhafter Nichtbezahlung der Busse als an-
gemessen.
V. Kosten
Ausgangsgemäss ist das erstinstanzliche Kostendispositiv (Ziff. 4 und 5) zu
bestätigen (Art. 426 Abs. 1 StPO).
Im Berufungsverfahren tragen die Parteien die Kosten nach Massgabe ihres
Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Der Beschuldigte unterliegt
mit seiner Berufung vollständig, weshalb ihm die Kosten des Berufungsverfahrens
aufzuerlegen sind.