Decision ID: f45f1234-142a-5a98-90ef-cb7385570e79
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die
1992
geborene
X._
absolvierte bei der
Y._
eine kaufmännische Lehre im
1.
Lehrjahr und war daher
bei der Suva
obli
gatorisch
gegen die Folgen von Unfällen
versichert
,
als sie
a
m 1
.
Juni 2009
als
Beifahrerin einen
Verkehrsunfall erlitt
(vgl.
Akten
der Kantonspolizei Zürich
,
Urk.
9/20/1-35
)
. Daraufhin wurde
sie
mit dem Re
ttungsdienst in
s
Kantonsspital
Z._
verbracht, wo die erstbehandelnden Ärzte
ein mittelschw
eres Schädelhirnt
rauma mit Kon
tusions
blutungen und Schädelfrakturen, ein schweres Wirbelsäulen
trauma mit multiplen
Frakturen sowie ein
Thoraxtrau
m
a
mit Lungen
kontusion und
Skapulafrakturen
beidseits
diagnostizierten
(
Urk.
9/10/1).
Auf die
konserva
tive Therapie des Schädelhirntraumas mit
initialer Stabilisierung
folgte die postprimäre Versorgung des Wirbelsäulentraumas
(vgl. Operations
be
richt
e
,
Urk.
9/11
/1 ff.
).
Eine ebenfalls
beifahrende
Freundin der Beschwerde
führerin erlitt anlässlich des Verkehrsunfalls tödliche Verletzungen und verstarb noch am Unfalltag im Spital (
Urk.
9/93/87 ff.).
Am 2
3.
Juni 2009 wurde die Ver
sicherte bei gutem Allgemein
zustand zur
vierwöchige
n
stationäre
n Rehabilitation in das
A._
(vgl.
Konsiliarbericht vom 24.
August 2009,
Urk.
9/28/1 ff., vgl. auch psychologischer Abschlussbericht vom 1
6.
Juni 2010,
Urk.
9/139/2 f.) verlegt, mit anschliessender
ambulante
r
Langzeit
physiotherapie (
Urk.
9/25).
Die Suva
anerkannte ihre Leistungspflicht
und erbrachte Versicherungsleistungen.
Eine i
m September 2009 festgestellte
progre
diente segmentale
Instabilität C3/C4
mit bewegungsabhängiger, neurologischer Symptomatik
(
Urk.
9/36/2 f.)
hatte eine weitere
Operation
zur Folge
(Operations
bericht vom
2.
November 2009,
Urk.
9/53
, vgl. auch Austrittsbericht
Z._
vom
4.
November 2009,
Urk.
9/54
).
In somatischer Hinsicht notierten die behandeln
den Ärzte in Anbetracht der schweren Verletzungen einen erfreulichen
Verlauf (
Urk.
9/10/2 f.,
Urk.
9/28/7,
Urk.
9/333/1,
Urk.
9/248/2
,
Urk.
9/476/1
).
Demge
genüber
beklagte
die Versicherte
seit
Herbst 2009
zunehmend
psychologische Schwierigkeiten
verbunden mit Übelkeit und Magenbeschwerden
(
Urk.
9/57,
Urk.
9/59
,
Urk.
9/69
). Verschiedentlich aufgenommene psychotherapeutische Behandlungen brach sie jeweils nach kurzer Zeit ab (
Urk.
9/92,
Urk.
9/427,
Urk.
9/607/13).
Mit Datum vom 29.
Januar 2010 wurde der Lehrvertrag
mit der
Y._
aus gesundheitlichen Gründen
im gegenseitige
n
Einverständnis per 28.
Februar 2010 aufgelöst
. Gleichzeitig verblieb
die Versicherte vom
1.
März bis 3
1.
Juli 2010 als Praktikantin
im Lehrb
etrieb
(
Urk.
9/83 f.).
Im August 2010 nahm
sie
die Lehre mit Einstieg ins zweite Lehrjahr wieder auf (
Urk.
9/153,
Urk.
9/148) und schloss diese im Juli 2012 erfolgreich
ab (
Urk.
9/437,
Urk.
9/439
).
Bei intermittierend beklagten psychologischen
Schwierigkeiten wurde
die Versi
cherte
wiederholt neuropsychologisch und psychiatrisch abgeklärt (vgl.
psychiatri
sche Untersuchungsberichte von
Dr.
B._
, Fach
ärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 2
0.
Juli 2010 und 2
0.
Juni 2011,
Urk.
9/150,
Urk.
9/289;
Untersuchungsbericht
des Instituts C._
vom1
5.
Juli 2010,
Urk.
9/145; psychiatrischer Untersuchungsbericht von
Dr.
D._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie,
protraumacare
, vom 1
0.
Dezember 2010, Urk.
9/207; vgl. auch psychiatrische Aktenbeurteilung von
Dr.
B._
vom
5.
Dezember 2011,
Urk.
9/356). Dabei wurde im Wesentlichen eine Anpassungs
störung diagnostiziert (ICD-10: F 43.22,
Urk.
9/150/19,
Urk.
9/207/7). Im April 2011 führte
Dr.
E._
, Facharzt FMH für Chirurgie, eine
kreis
ärztliche Untersuchung durch (Untersuchungs
bericht vom 1
9.
April 2011,
Urk.
9/248). Mit Schreiben vom 2
2.
August 2012 stellte die Suva die bisher erbrachten Versicherungsleistungen per 3
1.
Juli 2012 ein (
Urk.
9/440).
V
on August 2012 bis Ende Juni 2013
war die Versicherte
als kaufmännisch
e
A
nge
stellte bei
der
F._
(40
%
) sowie
G._
(20
%
) arbeit
s
tätig
(
Urk.
9/402/2,
Urk.
9/535,
Urk.
9/607/26
,
Urk.
9/607/34
)
.
2013/2014 absolvierte
sie
berufsbegleitend
die Berufsmittelschule (
Urk.
9/607/34)
.
Im April 2013 erfolgte eine versicherungsinterne
inter
diszi
plinäre
(Orthopä
d
ie/Neurologie/Psychiatrie) Abschlussu
ntersuchung (Unter
su
chungs
berichte
vom 2
4.
April und 1
4.
Mai 2013 sowie interdisziplinäre Gesamt
beurteilung vom 1
0.
Mai 2013,
Urk.
9/474 f
f
.).
In psychiatrischer Hinsicht hielt Kreisärztin
Dr.
B._
eine Anpassungs
störung im Sinne einer abnormen Trauer
reaktion und regressives Verhalten mit Tendenzen zum Verharren in der Spät
adoleszenz fest (ICD-10: F43.23 und F
43.24,
Urk.
9/475/13).
M
it Verfügung vom 2
0.
Juni 2013 verneinte die Suva bei vollständig wiedererlangter Arbeitsfähigkeit einen Rentenanspruch. Gleichzeitig sprach sie der Versicherten eine Integritäts
e
ntschädigung auf der Basis einer Inte
gritäts
ei
n
busse
von 27.5
%
zu (
Urk.
9/494). Dagegen erhob die Versicherte
am 2
1.
August 2013
Einsprache (
Urk.
9/506)
.
Daraufhin
holte die Suva das inter
disziplinäre Gutachten (Psychi
at
rie/Orthopädie/Neurologie/
Neuro
psycholo
gie) vom 1
1.
Dezember 2016
von
Dr.
H._
, Facharzt FMH für Psyc
hiatrie und Psychotherapie und
feder
führender Gutachter
(
Urk.
9/586
f.
,
9/607 ff.
)
ein
.
Bei persistierenden
Schmerzen
im Bereich der Wirbelsäule
unterzog sich die Versicherte
zwischenzeitlich
eine
r
neurologische
n
Rehabilitation i
n der Rehak
lini
k
I._
. Ausserdem
trat
sie
vor dem Hintergrund des
beklagten Beschwerdebildes mit Übelkeit, Schw
indel,
Appetitlosigkeit, Diarrhoe, Schlaf
probleme
n, Energielosigkeit und Kopfschmerzen ein
ganzheitlich orientierte
s
, interdisziplinäres Behandlungsprogramm
für psycho
soma
tische Erkrankungen in der Rehak
lini
k
J._
an
(vgl. Austritts
bericht
e
vom 10.
September 2013
und 1
5.
Mai 2015
,
Urk.
9/511,
Urk.
9/579
).
M
it
Einspracheentscheid
vom 11. Mai 2017
hielt die Suva
daran fest,
es bestehe
kein Rentena
nspruch
. Demgegenüber sprach sie der Versicherten in teilweise
r
Gut
heissung ihrer Einsprache eine Integritätsent
schädigung auf der Basis einer Integritätse
inbusse von 35
%
zu
(Urk.
2)
.
2.
Dagegen erhob
X._
am
9.
Juni 2017 Beschwerde und beantragte, es
sei
ihr in Aufhebung des angefochtenen Entscheids vom 1
1.
Mai 2017 nebst der anerkannten Integritätsentschädigung ab Ende der Taggeldzahlungen eine halbe Rente zuzusprechen. Eventualiter sei die Sache zwecks Durchführung einer externen Expertise an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte die Beschwerdeführerin um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (
Urk.
1 S. 2). Mit Beschwerdeantwort vom
5.
Juli 2017 schloss die Beschwerdegegner
in auf
Abweisung der Beschwerde (
Urk.
8). Mit Eingabe vom
2
9.
September 2017 gab die Beschwerdeführerin weitere Beilagen zu den Akten (
Urk.
15,
Urk.
16). Mit Stellungnahme vom 2
3.
Oktober 2017 liess sich die Beschwerdege
gnerin dazu vernehmen (
Urk.
19). Diese wurde der Beschwerde
führerin am 25.
Oktober
2017 zur Kenntnis gebracht
(
Urk.
20).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2017 sind die am 25. September 2015 beziehungsweise am 9. November 2016 verabschiedeten geänderten Bestimmungen des Bundesge
setzes über die Unfallversicherung (UVG) und der Verordnung über die Unfall
versicherung (UVV) in Kraft getreten.
Gemäss den allgemeinen übergangsrechtlichen Regeln sind der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen,
die in Geltung standen, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende und somit rechtserhebliche Sachverhalt ver
wirklicht hat
(vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b, je mit Hinweisen). Dem
entsprechend sehen die Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. Septem
ber 2015 des UVG vor, dass Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem 1. Januar 2017 ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeit
punkt
ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt werden (Absatz 1 der genannten Übergangsbestimmungen).
Der hier zu be
urteilende Unfall hat sich am
1.
Juni 2009
ereignet, weshalb die bis 31. Dezember 2016 gültig gewesenen Normen auf den vorliegenden Fall Anwen
dung finden und in
dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Nach Art. 1a Abs. 1 UVG (ab 1. Januar 2017: Art. 1a Abs. 1
lit
. a UVG) sind die in der Schweiz beschäftigten Arbeitnehmer, einschliesslich der Heimarbeiter, Lehrlinge, Praktikanten, Volontäre sowie der in Lehr- oder Invalidenwerkstätten tätigen Personen obligatorisch versichert. Als Arbeitnehmer gilt, wer eine unselb
ständige Erwerbstätigkeit im Sinne des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hin
terlassenenversicherung
(AHVG) ausübt (Art. 1 UVV).
1.3
Gemäss Art. 6 Abs. 1 UVG werden - soweit das Gesetz nichts
anderes
bestimmt - die Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufs
krankheiten gewährt.
1.4
Wird die versicherte Person infolge eines Unfalles zu mindestens 10 % invalid, so hat sie Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 UVG). Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Allgemeinen Teils des Sozialversicherungs
rechts,
ATSG). Zur Bestimmung des Invaliditätsgrades wird gemäss Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der (unfall
be
dingten) Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworde
n wäre (sog.
Valideneinkommen
).
Der
Rentenanspruch entsteht, wenn von der Fortsetzung der ärztlichen Behand
lung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes mehr erwartet werden kann. Mit dem Rentenbeginn fallen die Heilbehandlung und die Taggeldleistun
gen dahin (
Art.
19
Abs.
1 UVG).
1.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
1.6
Nach der Rechtsprechung kommt auch den Berichten und Gutachten versiche
rungsinterner Ärztinnen und Ärzte Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE
125 V 351 E.
3b/
ee
). Das
Anstellungsverhältnis einer versicherungsinternen Fachperson zum Versiche
rungsträger alleine lässt nicht schon auf mangelnde Objektivität und Befangen
heit schliessen
(BGE 137 V 210 E. 1.4, 135 V 465 E. 4.4
)
.
Soll ein Versicherungs
fall jedoch ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungs
internen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzu
nehmen (BGE
142 V 58 E. 5.1, 139 V 225 E. 5.2, 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7).
2.
2.1
Im angefochtenen Entscheid erwog die Beschwerdegegnerin, gestützt auf das interdisziplinäre Gutachten
vom
1
1.
Dezember 2016
sei die Beschwerdeführerin in ihrer angestammten Tätigkeit
zu 100
%
arbeitsfähig
. Mangels
unfallbedingter
Arbeitsunfähigkeit bestehe kein Rentenanspruch.
H
insichtlich der Integritätsent
schädigung sei gestützt auf das Gutachten
vom 1
1.
Dezember 2016 von einer
Integritäts
einbusse
von
insgesamt
35
%
auszugehen. Eine höhere Integritätsein
busse sei
indes
nicht ausgewiesen
(
Urk.
2)
.
2.2
Dagegen wandte die Beschwerdeführerin ein,
aufgrund ihrer körperlichen Beschwerden sei ihr eine berufliche Tätigkeit von mehr als 50
%
nicht möglich
.
Dies ergebe sich auch aus ihrer Erwerbsbiographie.
Auf die interdisziplinäre Kon
sensbeurteilung der fachärztlichen Gutachter
, wonach
sie
zu 100
%
arbeitsfähig sei,
könne nicht abgestellt werden
.
Das psychiatrische Teilgutachten sei
weit
schweifig, wenig systematisch, schwer lesbar und verliere sich in Einzelheiten.
Weiter
seien die Ausführungen und Schlussfolgerungen von Dr.
H._
wider
sprüchlich,
lückenhaft
,
unseriös und nicht nachvollziehbar
. Dies
gelte sowohl betreffend den medizinischen
Sachverhalt als auch
die Kausalität.
Insbesondere seien die traumatischen Unfallereignisse bagatellisiert und die Beschwerdeführe
rin
in
ebenso fälschlicher-
wie
verletzender Weise als Haschisch konsumierendes Sorgenkind dargestellt worden, welches auch ohne den Unfall dieselben Probleme entwickelt hätte.
Weiter - so
Dr.
H._
-
bes
tünden
Risikofaktoren, welche gemäss Fachliteratur dafür bekannt seien, im späteren Leben manifeste psycho
pathologische Leidenszustände oder eigentliche psychische Erkrankungen her
vorzurufen. Dabei habe
er es
indes unterlassen, die hierfür einschlägige Fachlite
ratur zu zitieren.
Ausserdem
sei fraglich, inwiefern eine homöopathische bzw. psychiatrische Behandlung im Alter von 12 Jahren eine Angststörung vermuten la
ssen könne. Vielmehr handle es
s
ich hierbei
lediglich um eine Vermutung, wel
che
Dr.
H._
nicht belegt habe.
Zudem sei die im verhaltensneurologi
schen/neuropsychologischen Teilgutachten erwähnte deutliche und klinisch rele
vante Ausprägung der depressiven Symptomatik im Hauptgutachten
von
Dr.
H._
weder erwähnt noch abgeklärt worden.
Zusammenfassend
sei gestützt auf das orthopädische Teilgutachten von einer 50%igen Arbeitsunfähigkeit aus
zugehen
und der Beschwerdeführerin eine halbe Rente zuzusprechen
.
Daran ändere auch die interdisziplinäre Konsensbeurteilung nichts.
Mithin
seien z
wischen dem orthopädischen Teilgutachten datierend vom
2
4.
Februar 2016
und der
(undatierten)
Erklärung zum
interdisziplinären Konsens 10 Monate vergan
gen, zumal das psychiatrische Teilgutachten vom 1
1.
Dezember 2016 datiere. Vor diesem Hintergrund sei es durchaus möglich, dass sich der orthopädische Gut
achter nach so langer Zeit nicht mehr an die Details seiner Untersuchung habe erinnern
können
oder sich nicht mehr
darum
gekümmert habe. Jedenfalls sei ein derart eklatanter Widerspr
u
ch nicht annehmbar.
Eventualiter sei die Sache zur erneuten Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Die Integritäts
entschädigung auf der Basis einer Integritäts
einbusse von 35
%
werde nicht angefochten (
Urk.
1).
2.3
In ihrer Beschwerdeantwort hielt die Beschwerdegegnerin an ihrem
Standpunkt fest und führte ergä
n
z
e
n
d aus, die Einwände gegen das psychiatrische Teilgut
achten
seien ungerechtfertigt
. Vielmehr sei der 74-seitige Expertenbericht detail
liert, seriös und nachvollziehbar begründet. Ausserdem basiere die persönlich
keitsbezogene Einschätzung des psychiatrischen Gutachters auf den eigenen Angaben der Beschwerdeführerin und korreliere mit den Feststellungen in den
Vorakten
. Mithin habe auch
Kreisärztin
Dr.
B._
2013 festgehalten, die Beschwerdeführerin habe «ganz wesentlich Mühe, sich dem Erwachsenenle
ben zu stellen und die notwendigen Schritte ins Erwachsenenleben zu tun». In der
bidisziplinären
Gesamtbeurteilung vom 1
0.
Mai 2013 seien regressive Tendenzen und das Verharren in der Spätadoleszenz vermerkt worden. Die geklagten Zukunftsängste knüpften an ihre Situation vor dem
Unfallereignis an. Diese Einschätzung teile auch der behandelnde Hausarzt
. Im Übrigen sei die Beschwerdeführerin aus psychiatrischer Sicht zu 100
%
arbeitsfähig
. Sodann
habe der orthopädische Teilgutachter lediglich festgehalten, die Beschwerde
führerin sei mindestens zu 50
%
arbeitsfähig in ihrer angestammten Tätigkeit. Damit habe er sich im Teilgutachten zum zeitlichen Umfang noch nicht genau festgelegt. Im Rahmen der Konsensbeurteilung seien die beurteilenden Fachärzte schliesslich übereingekommen, es bestehe eine 100%ige Arbeitsfähigkeit. Dies sei in Anbetracht der aus
somatischer
Sicht optimalen Genesung nachvollziehbar
und stehe da
rüber hinaus im Einklang mit den
kreisärztlichen
orthopädische
n
Untersuchungen
vom 1
4.
Mai 2013
und
1
2.
Dezember 201
3.
Schliesslich sei darauf hinzuweisen, dass es der Beschwerdeführerin möglich war, sich 2013/2014 beruflich weiterzubilden, wobei sie zu 60
%
die Berufsmittelschule besucht habe
und gleichzeitig zu
30
%
erwerbstätig gewesen sei
(
Urk.
8 S. 4 ff.)
3.
Die mit
Einspracheentscheid
vom 1
1.
Mai 2017 zugesprochene Integritätsent
schädigung hat die Beschwerdeführerin ausdrücklich anerkannt (vgl.
Urk.
1
Ziff.
27).
Strittig und zu
prüfen bleibt
ein allfälliger Rentenanspruch.
4.
4.1
Am
3.
April 2013
erfolgte eine versicherungsinterne
,
interdisziplinäre
(Neurolo
gie/Orthopädie/Psychiatrie)
Abschlussuntersuchung
.
4.1.1
Aus
orthop
ädischer
Sicht stellte
Kreisärztin
Dr.
K._
, Fachärztin FMH für Orthopädische Chirurgie
,
folgende Diagnosen (
Urk.
9/474/8):
-
Mittelschweres Schädelhirntrauma
-
St
abile sagittale
HWK4 Fraktur Typ Magerl A
1
-
S
tabile
Vorderkantenfraktur BWK6 Typ Magerl A
1
-
Stabile
Frakturen LWK3 und LWK5 Typ Magerl A
1
-
Instabile
Berstungsfraktur BWK12 Typ Magerl B2
-
Frakturen der
Processi
spinosi
und der Bogenwurzeln BWK9 bis BWK12
-
Instabile
Fraktur LWK4 Typ Magerl A3
bei/mit:
-
Status nach dorsaler Instru
mentierung TH11 bis L
1
und Aufrichtung der Th
1
2 Fraktur
und Instrumentierung L3 bis L5 mit Aufrichtung der LWK4 Fraktur am 8.6.2009
-
Status nach
transthorakaler
Spondylodese
Th
1
O bis Th
1
2 mittels Titan-
-
Wirbelkörperersatz und
autologer
Spongiosa am 9.6.2009
-
Status nach
ventraler Fusion C3/C4 mit PEEK-Cage u
nd HWS-Platte am 26.10.2009 bei
progredienter segmentaler Instabilität C3/C4
-
Status nach
Metallentfernung lumbal von L3-L5 am 26.10.2009
Betreffend die
Wirbelsäule sei das Resultat
nach dem Unfall vom
1.
Juni 2009
aus o
rthopädisch-radiologischer
Sicht sehr gut. Klinisch bestehe
keine Ein
schrän
kung des
Bewegungsapparat
es
. Auch hätten sich keine Zeichen einer Nervenwur
zelkompression oder einer anderweitigen neurologischen oder einer relevanten orthopädischen Problematik an der Wirbelsäule und an den Schultern
ergeben
.
Die
beklagten Schmerzen im Bereich des Rückens, des Nackens sowie im Bereich der Schultern
seien
aus orthopädisch-
traumatologischer
Sicht
nicht erklärbar.
Vielmehr liege mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine somato
forme Schmerz
störung vor
.
Aus orthopädischer Sicht
sei eine Büro
t
ätigkeit ganztags und mit voller Leistung
zumutbar. Dies gelte auch für jede andere
leichte, wech
selbelastende Frauenarbeit (Gewichte b
is 5 kg). Selbstver
ständlich sei bei der Bild
schirma
rbeit auf eine gute Ergonomie zu achten
,
in
klusive
Stehpult (
Urk.
9/474/3 ff.)
.
4.1.2
In psychiatrischer Hinsicht notierte
Dr.
B._
eine Anpassungs
stö
rung im Sinne einer abnormen Trauerreaktion und regressives Verhalten mit Tendenzen zum V
erharren in der Spätadoleszenz (
ICD-10: F 43.22 und F43.24,
Urk.
9/475/13).
Die Beschwerdeführerin habe sich
sowohl körperlich als auch
kognitiv erstaunlich
schnell und verhältnismässig gut
vom Unfall
erholt
.
Demgegenüber hätten sich im Verlauf
gewisse
Auffällig
keiten bei der
Verarbeitung emotionaler und af
fek
tiver Signale
ergeben
.
Ärztlicherseits seien
zunächst
psyc
hische Sekundär
folgen des erlit
tenen Traumas
dokumentiert worden
, allenfalls auch
in Form
eine
r
Inter
aktion mit einer vorbestehenden
leichten Schwäche in die
sem Bereich.
Gleichzei
tig habe die
Beschwerdeführerin
das Angebot einer psychiatrischen-psychothe
rapeutischen Behandlung, insbesondere einer Aufarbeitung und Trauer um die Freundin
trotz
wiederholter
Versuche
nicht wirklich nutzen
können
.
Bereits im
Rahmen der
Voruntersuchung im Mai 2011
hätten
Ängste
im Vorder
grund gestanden.
Dabei fussten die Prüfungsängste auf
Ängste
n
vor dem
nun anstehen
de
n Lebensabschnitt
; das
Erwach
senenleben mit der Herausforde
rung,
das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Bereits damals habe
sich
die Frage nach der Persönlichkeit
der Beschwerdeführerin vor dem Unfallereignis
gestellt
,
mithin
nach
ihre
r
Grundpersönlichkeit.
Nach
fremdanamnestischen Angaben ihrer Mutter
habe
diese
bereits vor dem Unfallereignis unter Span
nungskopfschmerzen bzw. einem
Mi
schtyp
von Spannungskop
fschmerzen und Migräne gelitten.
Sodann sei s
eitens
des Leh
rarbeitsplatzes und den Ausbildungsverantwortlichen
v
erschiedentlich erwähnt worden, bereits vor dem Unfallereig
nis
sei e
s
zu Fehl
zeiten gekom
men und
seien
Motivation und Konzentration am A
rbeitsplatz nicht immer ganz zu
friedenstellend ausgefallen.
Mit der Näherung des Lehrabschlusses hätten die Fehlzeiten deutlich zugenommen und
die Beschwerdeführerin habe
paralle
l dazu
zunehmend über Schmerzen geklagt und Schonung
verlangt
. Auch
anlässlich der Voruntersuchungen
2010 und 2011
habe
die Beschwerdeführerin
über Schmerzen im Kopf, Nacken, Rücken und Schultern geklagt. Bei näherem Nachfragen
sei jedoch
deutlich
geworden
, dass sich h
inter den Schmerzen Ängste
verbergen würden
.
Aktuell falle auf, dass die Beschwerdeführerin wenig
er
Bereit
schaft gezeigt habe,
über sich nachzudenken und sich diesen Ängsten, der Trauer und gelegentlich auftauchenden Erinnerungen an die Vergangenheit zu stellen.
Vielmehr
habe
sie
ihre
Schmerzen und Körperbeschwerden
-
gut vorbereitet
-
als Folgen der körperlichen Einsc
hränkungen
präsentiert
, um
den Blick
nicht
auf
zugrundliegende
psyc
hische Probleme
zu
eröffnen
. Mithin habe sie ihre
Beschwerden als Faktum
dargestellt,
dessen Folgen eine nicht mehr zu hinterfra
gende Leistungseinschränkung sein sollte
n
.
In Ergänzung zu den geklagten Schmerzen an Kopf, Nacken, Schulter und Rücken
sei
die Liste der vorgetragenen Körperbeschwerden eindrücklich
gewesen
; Einschlafstörunge
n, Durchschlafstö
rungen, Verminderung der Libido, Ü
belkeit, Schwindel, Bauchweh bzw. unange
nehme Bauchgefühle.
Aus psychiatrischer Sicht entspreche diese
Liste
vielen
unspezifischen
somatischen Be
schwerden
, welche
relativ weit verbreitet
seien in der Allgemeinbevölkerung
.
Die
Bauchbeschwerden
liessen sich
aber
auch mit der
Angst
,
dem Leben nicht gewachsen sein zu können,
in Verbindung bringen, und erinnerten
an Klagen über Bauchweh
im Ki
ndesalter, die häufig Ausdruck eines äng
stlich depressiven Rückzugs seien
.
Sodann liesse eine
ganze
Reihe
weitere
r
Hinweise
auf regressive Tendenzen
bei der Beschwerdeführerin
schliessen
: Ihre Äusserung
en
, sie könne (aus körperlichen
Gründen) keinen Haus
halt führen mit Waschen, Putzen, etc., nicht den eigenen Lebensunterhalt verdienen, (deshalb) nicht bei den Eltern ausziehen und mit dem Freund einen gemeinsamen Haushalt gründen, nicht ganze Tage, oder gar Wochen und Monate ein Arbeitsleben durch
stehen (ohne Fehlzeiten). Dazu
passe
auch die einzig explizit und spürbar formu
lierte Angst, dem Lebe
n nicht gewachsen zu sein. Die
enge kollegial freundschaft
liche Beziehung zum Ex-Freund,
dem
Unfallverursacher und engen Freund ihres jetzigen Partners, und
zu
weiteren sehr naheste
henden Menschen aus der Zeit
vor dem Unfallereignis imponiere
als Teil einer jugendlichen Peer-Gruppe, sodass
sich die Frage stelle
, ob nicht auch die Beziehung
zu ihrem aktuellen Lebensgefährten eher dem Verharren in einer jug
endlichen Peer-Gruppe entspreche
als einer erwachsenen Paarbezie
hung
. Ihre Lehre habe die Beschwerdeführerin
mit viel Unterstützung a
bgeschlossen
. Im Anschluss daran
habe
sie
sich aber nicht eine Stelle entsprechend ihrem Lehrabschluss gesucht
,
sondern in Qualifikation und Prozentsatz deutlich darunter, sodass sie
auch hier
den Schritt
ins Erwachsenen
leben
nicht wirklich
gewagt habe. Über längere Zeit hätten die Beschwerdeführe
rin und ihr Hausarzt
eine Schonzeit bis Abschluss der Lehre postuliert. Aktuell entstehe indes der Eindruck
, erstere
gehe davon aus,
die Schonzeit gehe
unfall
bedingt
über den Lehrabschluss hinaus
und dass sie aktuell
sogar noch deutlich mehr
eingeschränkt sei als bisher. Demgegenüber seien weder
das
Verhalten
der Beschwerdeführerin
anlässlich der aktuellen Untersuchung noch das Ausmass ihrer Klagen nachvollziehbar. Zusammenfassend bestünden regressive Tendenzen und Hinweise auf eine gewisse Unreife der nunmehr 21
jährige
n Beschwerde
führerin. Hierbei zeigten sich eindeutig
e
Bezüge
zu ihrer Grundpersönlichkeit
und
ihrem Verhalten vor dem Unfallereignis
(
Urk.
9/475/14 ff.)
4.1.3
Kreisärztin
Dr.
L._
, Fachärztin FMH für Neurologie und Psychiatrie
,
hielt
folgende Diagnosen
fest
(
Urk.
9/477/5):
-
Kopf
schmerz bei Medikamentenübergebrauch (ICHD-II 8.2.3) bei bildge
bend nachgewiesenen
strukturellen Hirnläsionen nach schwerem Schädel-Hirn-Trauma am 01.06
.
2009
-
Neuropathisches Schmerzsyndrom mit
residuellen
Sensibilitätsstörungen Höhe Th6 nach operativer Versorgung eines schweren Wirbelsäulentrau
mas mit stabiler sagittaler HWK 4 Spaltfraktur
Typ Magerl A
1
, stabiler Vorderkantenfraktur BWK 6 Typ Magerl A
1
, stabiler LWK 3 und LWK 5
Fraktur
Typ Magerl A
1
, instabiler Berstungsfraktur BWK 12 Typ Magerl B2 mit Frakturen der
Processi
spinosi
und der Bogenwurzeln BWK 9-12, instabile Fraktur LWK4 Typ Magerl A3 mit
Thoraxtrauma
mit Lungen
kontusion und
Scapulafraktur
beidseits
-
Anosmie links
-
Vorbestehende Migräne ohne Aura (ICHD-II 1.1)
Bereits anlässlich der Voruntersuchung 2010 hätten aus neurologischer Sicht keine entscheidenden Defizite mehr bestanden. Entsprechend habe die Beschwer
deführerin ihre Lehre erfolgreich absolviert.
Im Vergleich zur Voruntersuchung
sei
die
beklagte Beschwerdeprogredienz
auf
gefallen
.
Im Voruntersuch
habe die Beschwerdeführerin
bezüglich Kopfschmerzen an
gegeben, grundsätzlich
zweimal pro Woche Migräne
zu
habe
n. Gleichzeitig gebe es auch Monate
, in denen sie keine Kopfschmerzen habe.
Ausserdem habe
si
e damals
Rückenschmerzen
beklagt
, im Nacken und am Übergang von der Brust- zur Lendenwirbelsäule lokalisiert, sowie starke Versp
annungen in der Lendenwirbelsäul
e. Der
Lokalbe
fund habe
eine sehr verhärtete Muskulatur paravertebral thorakal und lumbal passend zu den Beschwerden
gezeigt
. Zum damaligen Zeitpunkt
habe die Beschwerdeführerin nach eigenen Angaben
Übungen durch
geführt, um
die
Rückenschmerzen zu therapieren
.
Die aktuell
geklagten Schmerzen im Nacken-, Hals
- und Schul
terbereich seien neu und der gesamte
Habitus
der Beschwerde
führerin sei geprägt
durch eine eher spärliche und wenig ausgebildete Musku
la
tur. Muskelverspannungen seien im Rahmen der aktuellen Untersuchung
weder im Nacken noch am Rücken zu tasten
gewesen
. Zusammen mit der wenig affektiv dargestellten Betroffenheit bei
der Schmerz- und Beschwerde
schilderung falle
es schwer, das Ausmass der Schmerzen und der Beeint
rächtigung
nachzuvollziehen. Aus neurologischer Sicht
sei
en bis auf die Anosmie links und
Sensibilitätsstörung in Höhe Th6 kein krankhafter Be
fund aus
zuweisen. Insgesamt habe sich die Beschwerdeführerin
in Anbetracht der Schwere des Ereignisses rein
physisch neurologisch betrachtet
weitgehend von den Unfallf
olgen erholt. Allerdings bestehe
ein reduzierter Trainingszustand, was
mit dem subjektiven Gefühl der Schwäche korreliere und Grundlage der
g
eschilderten Beschwerden sein kö
nn
e. Vor diesem
Hintergrund
sei
dringend ein gezieltes körperliches Training auf
zu
nehmen, um
vor allem mehr Haltungsmuskula
tur aufzubauen und dem Gefühl der Schwäche entgegenzuwirken.
Demgegenüber schein
e die Beschwerde
führerin
unbegründet
Angst
davor zu
habe
n,
die Unfallfolgen
durch Sport
zu verschlechtern. Die auf neurologischem Gebiet geklagten Beschwerden wie Kopf
schmerzen und Schwindel
seien
mit Blick auf den
unauf
fälligen neurologischen Befund als unspezifische Symptome anzusehen. Angesichts der geklagten Beschwerdeprogredienz könnten diese auch
nicht mehr dire
kt auf den Unfall zurückgeführt werden
.
Gerade nach schweren Kopfverletzungen würden
Kopf
schmerzen eher selten auf
treten und
sich phänomenologisch
auch
anders
ausdrü
cken
als von der Beschwerdeführerin be
schrieben
.
Weder die
darge
stellte Schmerzzunahme noch die subjektiv erlebte
Verschlechterung der Arbeitsfähig
keit
seien aus neurologischer
Sicht
erklärbar (
Urk.
9/477/5 ff.).
4.1
.4
Im Rahmen der interdisziplinären Gesamtbeurteilung kamen die
beurteilenden Fachärzti
nnen
am 1
0.
Mai 2013
zum Schluss, die Beschwerdeführerin
habe sich sowohl aus neurologischer als auch orthopädischer Sicht sehr gut erholt nach dem
Unfall. Im Zusammenhang mit dem Bewegungsapparat bestünden keine Ein
schränkungen mehr.
Aus somatischer Sicht sei ihr eine Bürotätigkeit ganztags und mit voller Leistung zuzumuten.
Aus psychiatrisc
her Sicht stehe die Beschwer
defüh
rerin auf der Schwelle
dazu
, die sub
jektiv erleb
ten Beein
trächtigungen ins Zentrum ihre
s Lebens zu rücken.
Als beeinträchtigend präsentiere sie im Wesent
lichen Schmerzen, die sie als körperlich begründet verstanden wissen wolle. Neben der wahrscheinlich unabgeschlossenen Trauerreaktion auf den Tod ihrer Freundin würden regressive Tendenzen und das Verharren in der Spätadoleszenz auffallen.
Bei genügender Motivation sollte sie in der Lage sein, einer Arbeitstä
tigkeit zu 100
%
nachzugehen. Soweit dennoch vereinzelt (d.h. an einzelnen Stunden pro Woche) gewisse Eins
chränkungen aufträten
, so könnten diese mit vermehrten Pausen aufgefangen werden (Urk.
9/476/3 f.).
4.2
Im interdisziplinären Gutachten vom 1
1.
Dezember 2016 hielten die Gutachter folgende aktuelle Diagnosen fest (
Urk.
9/607/66):
-
Andere spezifische Angststörung (ICD-10: F 41.8)
-
Chronifiziertes
Schmerzsyndrom im B
e
reich der Wirbelsäule mit
zerviko
zephaler
Ausstrahlung
und Spannungskopfschmerzen mit
migräniformen
Exaz
erbationen
-
Neuropathisches Schmerzsyndrom Th6/7 links und Anosmie links
-
Chronische Schmerzen
thorakolumbaler
Übergang und Lendenwirbelsäule
-
Chronische
Zervikobrachialgie
beidseits
Im Rahmen der
psychiatrischen
Anamnese führte die
Beschwerdeführerin gegen
über
Dr.
H._
aus, ihre Eltern hätten sich «wieder einmal»
getrennt.
Auf die Frage nach wichtigen Veränderungen in ihrer Kindheit habe sie geschildert, vor
knapp 10 Jahren
hätten sich ihre Eltern fast getrennt
, da die Mutter einen anderen Partner gehabt habe. Quasi in letzter Minute
sei es doch nicht zur Trennung gekommen
. Danach hätten ihre Eltern während etwa drei Jahren eine gute Zeit gehabt.
D
ie Beschwerdeführerin
habe sich erinnert, dass sie im Alter von 5 Jahren
in einen Loyalitätskonflikt geraten
sei
, als sie ihre Mutter in Begleitung eines anderen Mannes gesehen, dies aber dem Vater nicht habe erzählen dürfen. Aktuell habe die Mutter wieder einen neuen Partner. Allerdings habe sie den Eindruck, dass es dem Vater derzeit besser gelinge, damit zurechtzukommen.
Dieser sei ein ruhiger und introvertierter Mensch. Er hab ihr und ihren Geschwistern viel Frei
raum gelassen und ihnen viel zugetraut.
Die Beziehung zur Mutter und deren Persönlichkeit
werde
vielschichtiger und problematische
r beschrieben
. Der Kon
takt zur Mutter sei
anhaltend
eigenartig
und
geprägt
von all den
Wechseln in der Familie. Die Beziehung zu ihrem vier
Jahre
älteren Bruder sei unkompliziert. Demgegenüber sei die Beziehung zu ihrer vier Jahre jüngere
n Schwester zufolge
deren
unterschiedliche
n
Charakteren
erschwert
.
In schulischer Hinsicht habe die Beschwerdeführerin angegeben,
während
insgesamt sieben Jahre die Steiner Schule besucht zu haben. In de
r
7.
Klasse sei allerdings klar
geworden, dass sie nichts mehr lerne. Die Eltern
hätten dies mit
«einer Krankheit»
in
Verbindung gebracht und sie mit Globuli behandelt.
Im Alter von 12 Jahren habe
die Beschwerdeführ
erin
angefangen zu kiffen
und dies während der gesamten Ober
stufenschulzeit fortgeführt. Die Eltern hätten das nicht akzeptiert und auch nicht verstanden. Gegen Ende der Schulzeit habe sie keine Ahnung gehabt, was s
ie beruflich machen wolle, da
sie zu nichts Lust verspürt habe
.
Schl
iesslich
habe sie sich für eine KV-Lehre
entschieden, zumal dies eine solide Grundausbildung sei. Die Lehre habe sie nach dem gesundheitlich bedingten Unterbruch mit guten Schulabschlussnoten erfolgreich absolviert. Nach Abschluss der Berufsmittel
schule 2013/2014 sei es zu einem
eigentlichen
Zusammenbruch gekommen.
Plötzlich sei sie von akuter Übelkeit und anhaltendem Schwindel erfasst worden. Sie habe ständig erbrochen und sei erschöpft gewesen, zumal sie wegen des anhaltenden Schwindels zu wenig Schlaf bekommen habe. In dieser akuten Zeit habe sie auch Flüssignahrung bekommen und sei zu Hause rund um die Uhr, insbesondere von ihrem Vater, betreut worden. Nach zahlreichen Untersuchungen und Abklärungen sei von einer «somatoformen Störung» die Rede gewesen. In der Folge habe sie bei ihrem Hausarzt eine Psychotherapie angefangen
und
eine stationäre Behandlung in der Klinik
J._
angetreten. Schon am ersten Tag sei sie mit der Oberärztin in Konflikt geraten und daraufhin
auf eigenen Wunsch vorzeitig ausgetreten
. Danach habe sie vorübergehend
Cymbalta
(Antidepressiva)
eingenommen und selbständig weder abgesetzt. Nach zweifacher Konsultation einer Notfallpsychiaterin sei es im Juni 2015 schliesslich zu einer Besserung gekommen.
Aktuell verspüre sie noch einen leichten Schwindel. Dieser werde bei geselliger Ablenkung schwächer, bei schwierigen Themen hingegen stärker.
Im
September 2015
trat die Beschwerdeführerin eine mehrmonatig
angedachte Reise nach Brasilien an.
Dabei sei es ihr
in den ersten drei
Wochen
gut geg
angen. Sie sei mit ihrem Kolleg
en unterwegs gewesen. Danach seien Übelkeit, Schwindel und Kopfschmerzen wieder aufgetreten. Da sie keine Medikamente dabeigehabt habe, sei es ihr auch psychisch schlechter gegangen, sodass sie
bereits
Ende Oktober nach Hause zurückgekehrt sei.
Die
antidepressive
Medikation (
Cymbalta
) habe sie in Absprache mit dem Hausarzt im November
2015
wieder abgesetzt
.
Danach seien die Symptome
(Übelkeit und Schwindel)
wieder stärker geworden. Zudem hätten sich die
Rückenschmerzen auf der Höhe der verletzten Stelle intensiviert und
sie
bemerke diesbezüglich eine gewisse Wetterfühligkeit. Insgesamt seien die psychosomatischen Beschwerden
allerdings
regredient
. Der
aktuell
psychiatrisch
behandelnde Hausarzt mit Zusatzausbildung kenne die ganze Familie und sei
der Me
inung
,
ihre Beschwerden stünden im Zusammenhang mit ihrer Entwicklung und dem Heranwachsen in dieser familiären Konstellation. Hiermit könne sie sich nicht einverstanden erklären
. Daher sei sie auf der Suche nach einem neuen Arzt
(
Urk.
9/607/29 ff.)
In objektiver Hinsicht notierte
Dr.
H._
eine vitale Mimik
und
ein unbefangenes
Lächeln sogleich bei der Begrüssung
, welches belege, dass die Beschwerdeführerin
den zwischenmenschlichen Kontak
t gewohnt sei
und auch einen kontinuierl
ichen Umgang mit Menschen pflege
.
Ihre anfängliche
Anspannung
und Zurückhaltung
habe
sich
schon nach wenigen Minuten
gelegt
. In
der Folge
habe die Beschwer
deführerin
flüssig und
mit affektiv modulierter
Stimme auch über
k
omplexere familiäre Belange
berichten können (
Urk.
9/607/38 ff.)
.
D
ie erlebten Geschehnisse
habe sie
illustrativ darlege
n und jeweils
eine
eigene Einschätzung dazu abgeben können. Die Beschwerdeführerin sei
darum
bemüht gewesen,
ein eigenes Ver
ständnis sichtbar werden zu lassen.
Bezüglich
Aufme
rksamkeit, Konzentration und Gedächtnisleistung
hätten
sich im Verlaufe des Interviews keine manifesten Beeinträchtigungen
gezeigt
, insbesondere keine Wortfindungsstörungen, anam
nestischen Lücken bezüglich faktischer Details
oder
erkennbare
Schwierigkeiten
, die Erlebnisse in einen Zeitrahmen einzuordnen. Zu einem Abreissen oder Un
ter
bruch des Gesprächsfadens sei
es nicht gekommen
. A
uch nach jeweils gut zwei Stunden konstant intensiver Beantwortung der Fragen
hätten sich
keine nennenswerten Anzeichen
von
Ermüdung und Erschöpfung ergeben.
Das Denken der Beschwerdeführerin und deren sprachlicher Ausdruck seien
weitgehend unauffällig, kohärent, fliessend und durch strukturiertere Nachfragen des Refe
renten in klaren Sinn
bezügen geordnet
gewesen
.
Auch
hätten sich
keine
rlei
Beeinträchtigungen des formalen Gedankenganges (Gedankendrängen, Ideen
fluc
ht oder Perseverationen) ergeben. Daraus werde ersichtlich
, dass
sich
die Beschwerdeführerin
offen
,
aber auch überlegt in ihren verbalen
Mitteilungen aus
zudrücken vermöge. Affektiv
bestehe
eine unauffällige Grundstimmung in mittlerer Stimmungslage, die
sich in feinen
Nua
ncierungen der jeweiligen Thematik anpasse
. Vitalitätsstörung
en lägen nicht vor.
Jedoch
habe
eine
erkenn
bare ängstlich-eingefärbte Sorge bezüglich der gesundheitlichen und persönli
chen Zukunft
bestanden
, ebenso eine Verunsicherung
hinsichtlich
berufliche
r
Entscheidungen.
Demgegenüber hätten sich keine pessi
mistische Selbstherab
setzung oder überwertig
e
Selbstan
klage
n
gezeigt
, wie
dies bei depressiven Selbst
wahrnehmungen regelhaft vorzufinden sei
.
Weiter bestünden weder m
anifester Ä
rge
r
noch tiefer Groll. Vielmehr habe die Beschwerdeführerin
auch
freudige und zufriedene Aspekte in ihrem Leben
geschildert.
Ein manifestes schweres depressives Zustandsbild, welches von einer ständigen, schuldhaften und nicht beeinflussbaren übermässigen Herabwürdigung geprägt
sei
,
könne damit sowie
aufgrund der erh
obenen Befunde verneint werden
.
Im
Mini-ICF-
Rating
notierte
Dr.
H._
einzig
betreffend die Durchhaltefähigkeit
sowie
Grupp
enfähigkeit
eine
(leichte) Beeinträchtigung
.
Sodann führte
er
b
ezugnehmend auf die psychiatri
schen
Vorakten
insbesondere aus, aktuell seien die Kriterien einer posttraumati
schen Belastungsstörung
(PTBS)
nicht erfüllt
. Rückblickend fänden sich zwar
Hinweise darauf, dass
die Kriterien
zumindest teilweise vorgelegen hätten. Aller
dings seien diese bereits im Frühjahr 2010 deutlich remittiert gewesen.
Auch seien die geforderten Kriterien einer
Anpassungsstörung im Sinne einer
abnormen Trauer vorliegend
mehrheitlich
nicht erfüllt.
Fraglich bleibe die Einschätzung der Grundpersönlichkeit der Beschwerdeführerin. In den
Vorakten
sei sie teilweise als sehr fröhliches, unbelastetes, von den Anforderungen des Lebens weitgehend befreites Mädchen/junge Frau geschildert worden, welches durch das Unfaller
eignis jäh mit dem Ernst des Lebens konfrontiert worden sei. Diese Darstellung widerspreche indes de
n
Angaben der Beschwerdeführerin anlässlich der Explora
tion. Sowohl ein gewohnheitsmässiger
Canabiskonsum
seit dem 12.
Lebensjahr als auch der Eindruck der Eltern
, wonach ihre 13-jährige Tochter «krank» und daraufhin sowohl homöopathisch als psychiatrisch behandelt worden sei, weise bereits in der damaligen Entwicklungszeit auf erhebliche Belastungen hin. Dies entspreche denn auch der Einschätzung ihrer Mutter, wonach die Beschwerde
führerin sowohl «ein Sommervogel als auch ein Sorgenkind» gewesen sei.
Soweit die persönliche Entwicklung der Beschwerdeführerin in den ersten Kinder- und Jugendjahren als unproblematisch und ungetrübt beschriebe werde, so werde doch ab dem 12./1
3.
Lebensjahr eine psychische Verfassung ersichtlich, welche mit einem gewissen manifesten psychischen Leiden verbunden gewesen sei. Der Beginn des regelmässigen Kiffens im 1
2.
Altersjahr und die Gewöhnung an Nikotin würden das Ausmass der Neugier in diesem Altersabschnitt übersteigen. Aus fachärztlicher Sicht stelle sich die Frage, ob damit nicht schon im Sinne einer Selbsttherapie einer Angstproblematik begegnet worden sei.
Aktenkundig sei fer
ner, dass letztere bereits vor dem Unfallereignis an einem
Mischtyp
von Spannungskopfschmerzen und Migräne gelitten habe.
Die
Angaben der Beschwerdeführerin
würden
ausserdem
auf spezifische Problembereiche
hinwei
sen
, die in der Fachliteratur als Risikofaktoren dafür bekannt seien, im späteren Leben
manifeste psychopathologische Leidenszustände oder gar psychiatrische Erkrankungen zu beg
ünstigen
. Mithin
habe die Beschwerdeführerin die Beziehung der Eltern über Jahre hinweg als wenig stabil und wechselhaft beschrieben. Wenngleich beide Eltern darum bemüht gewesen seien, ihre elterli
chen Verpfl
ichtungen trotz der partners
c
h
aftlichen Differenzen zu erfüllen, so würden die anamnestischen Angaben der Beschwerdeführerin darauf hinweisen, dass sie als Kind gewissen Loyalitätskonflikten ausgesetzt gewesen sei. Bis heute sei die Beziehung zur Mutter davo
n geprägt
.
Die beklagten Beschwerden in Form von Schwindel, Übelkeit, Magenbeschwerden und Schlafstörungen liessen sich einer Angststörung zuordnen.
Dr.
B._
habe bereits 2013
darauf hingewiesen,
dass die geklagten Zukunftsängste an die Situation vor dem Unfall
ereign
is anknüpften und
die bestehende psychische Symptomatik nicht auf struk
turell objektivierbare Folgen des Unfallereignisses zurück
zuführen seien
. Viel
mehr sei
von regressiven Tendenzen und Problemen in
der Spätadoleszenz
auszugehen
. Zudem
habe
Dr.
B._
bereits 2013
klar festgehalten,
die
psychiatrische
Beeinträchtigung
begründe
keine andauernde Einschränkung der Leistungsfähigkeit
. Bei der 2015 seitens der Klinik
J._
diagnostizierten atypischen Anorexia
Nervosa
(ICD-10 F: 50.1) handle es sich um eine eigenstän
dige psychiatrische Erkrankung ohne kausalen Zusammenhang mit dem Unfall
ereignis aus dem Jahre 200
9.
Erkrankungen aus dem Formenkreis der
Anorexien stünden
pathogenetisch
häufig
im Kontext mit
Schwierigkeiten in der Identitäts
findung sowie dysfunktionalen Familienstrukturen
. Zusammenfassend
könne
die vorliegende Symptomatik
diagnostisch als eigenständige, unfallfremde Angster
krankung eingeordnet werden.
Mit
Blick auf die dokumentierten Entwicklungs
beeinträchtigungen in der Spätadoleszenz
weise die Beschwerdeführerin hierzu
eine persönliche D
i
sposition auf
.
Ihre
subjektive Schmerzwahrnehmung und Schmerzpräsentation
zeige zudem
eine
Somatisierungste
ndenz
. Mithin werde eine Tendenz erkennbar, körperliche Beschwerden, die nicht durch somatisch-pathologische Befunde erklärbar seien, zu erleben und auszudrücken, sie körper
lichen Ursachen zuzuschreiben und diesbezüglich medizinische Hilfe zu bean
spruchen
. Hierfür ursächlich sei im vorliegenden Fall eine eigenständige psychiatrische Erkrankung, nämlich die Angststörung. Das Phänomen des «Angstaffektes» sei in neurobiologisch-evolutionären Prozessen tief verwurzelt, um über neuroendokrine und neuronale Vermittlerprozesse wesentliche Überle
bensprozesse in Ganz zu setzen. Entsprechend könnten sich Angsterkrankungen über Somatisierungen manifestieren
. Zudem zeige sich bei
Somatisierungsten
denzen
,
dass die
bewussten Entscheidungen
-
wie bei der Beschwerdeführerin
- vor dem Hintergrund eines besorgt-ängstlichen
Schonverhaltens
von Kogni
tionen der Vermeidung, de
r
Regression und der Leistungsminderung
beeinflusst werden
(
Urk.
9/607/38 ff.
,
Urk.
9/607/70
)
.
Beim neurologischen Gutachter habe die Beschwer
deführerin
Schmerzen im Nacken-, Schulter- und im Bereich der gesamten Wirbelsäule
sowie wechselnde Schmerzen in den Kniegelenken und aktuell im rechten Ellbogen
geschildert (
Urk.
9/586/28). Die Schulter- und Nackenschmerzen seien immer vorhanden und würden sich belastungsabhängig verstärken. Kopfschmerzen habe sie ni
cht jeden Tag. Starke Kopfschmerzen gingen mit
eine
r
leichte
n
Übelkeit
einher
, ohne Erb
rechen und
/oder Sehstörungen, jedoch
mit dem Bedürfnis nach Ruhe und Dun
kelheit
. Sodann leide sie an
den Schmerzen im Bereich der Brustwirbelsäule
. Seit dem Unfall habe sie auch weniger Gefühl im behaarten Kopfbereich. Zudem ver
spüre
sie
seit ein paar Monaten ein vermehrtes intermittierendes Einschlafgefühl an der linken Körperseite. Seit ca. einem halben Jahr nach dem Unfall habe
sie
auch immer wieder ein Gefühl eines übersäuerten Magens, weshalb sie bisweilen auch aufwache. Die starke Übelkeit würde tagsüber die
Nahrungsaufnahme ver
hindern. Die Beschwerdeführerin
habe
nach eigenen Angaben
eine Essstörung entwickelt. Die Ärzte seien der Meinung, die Magenbeschwerden könnten auch Stress bedingt sein.
Aktuell bestünden keine somatisch ausgerichteten Therapien (
Urk.
9/586/27 ff.).
Im Rahmen seiner Befundung notierte der neurologische Facharzt, die Beschwer
deführerin wirke im Gespräch und Verhalten neuropsychologisch unauffällig und psychisch ausgeglichen
. Sie habe keine
relevante
n
kognitive
n
Probleme
und ein
neuropsychologisch un
auffälliges
Leistungsprofil
gezeigt
. Trotz der nicht uner
heblichen Hirnverletzung
bestehe
aus neurologischer Sicht insgesamt ein sehr erfreulicher Verlauf.
Im
Bereich der Hirnnerven
sei
eine Anosmie links bei
Normosmie
rechts
zu vermerken
. Diese stehe wohl im Zusammenhang dem ope
rativen Eingriff (
Frontobasisrevision
) und sei
folglich
unfallbedingt. Diesbezüg
lich sei der Endzustand erreicht; mit einer Erholung der Riechfunktion links sei nicht mehr zu rechnen. Auf der Ebene der Wirbelsäule und Extremitäten bestehe eine unfallbedingte
Radikulopathie
im Sinne eines sensorischen Ausfalls auf der linken Seite, assoziiert mit einem neuropathischen Schmerzsyndrom. Zudem leide die Beschwerdeführerin an einem
multilokulären
Schmerzsyndrom mit teilweise somatoform anmutenden Beschwerden, so zum Beispiel in der Bauchregion und in Form von neurologisch aktuell nicht objektivierbaren Schwindelbeschwerden. In diesem Zusammenhang sei im Einklang mit den
Vorakten
eine
Somati
sierungstendenz
und dazu passend
eine erhöhte Selbstbeobachtung mit längeren Berichten über körperliche Probleme in
diversen Körperregionen aufgefallen.
Dies sei sowohl bei der Beurteilung der Schmerzen im Kopf-
und Wirbelsäulenbereich als auch der links
hemikorporellen
se
nsorischen Phänomene
zu berücksichtigen. Letztere seien denn auch
anatomisch inkorrekt verortet und klinisch widersprüch
lich geschildert worden. Diesbezüglich ergebe sich auch aus den
Vorakten
kein kohärentes Bild
. Zusammenfassend bestehe eine unfallkausale
, dauerhafte
Schädigung des
Nervus
olfactorius
links und der thorakalen Nervenwurzeln Th6/7 links, wobei letzteres aktuell nicht im Vordergrund stehe. Die festgest
ellten Gesundheitsschäden führten
nicht zu einer relevanten Einschränkung der Arbeitsf
ähigkeit in der angestammten Tätigkeit der Beschwerdeführerin.
Aller
dings
resultiere daraus
ein Integritätsschaden von insgesamt 10
%
(7.5
%
auf
grund der Anosmie links und 2.5
%
zufolge der Neuropathie Th6/7,
Urk.
9/586/37 ff.).
Gegenüber der Neuropsychologin gab die Beschwerdeführerin an, seit anfangs Jahr an psychis
chen Problemen zu leiden. Dabei stünden
neben einer Depression «psychosomatische Reaktionen» im Vordergrund.
Aktuell
merke sie den Wetter
umschlag und verspüre Schmerzen im Kopf- und Nackenbereich
sowie einen Druck im Kopf. Generell würde es ihr im Sommer und bei schönem Wetter
besser
gehen
. Ihre geistige Leistungsfähigkeit sei seit dem Unfall eigentlich immer gut gewesen. Das Hauptproblem seien ihrer Meinung nach nicht kognitive Einschrän
kungen, sondern ihr Körper, insbesondere
der
Bauch.
Mithin
habe sie oft stress
bedingte Bauchschmerzen, Mühe zu essen und
darob
auch eine gewisse Essstö
rung entwickelt. Ein weiteres Problem sei ihre psychische Verfassung. Zudem leide sie nebst den Kopf- und Rückenschmerzen auch an Schwindel (Urk.
9/610/2).
In objektiver Hinsicht hielt die beurteilende Neuropsychologin fest, sowohl die Sprache als auch die Sprachprosodie der Beschwerdeführerin seien im Gespräch unauffällig gewesen.
Ihre psychomotoris
che Geschwindigkeit und das Arb
eits
tempo
seien
durchschnittlich bis überdurchschnittlich. Ebenso
hätten
sich die basalen Prozesse der längerfristigen Aufmerksamkeitsaktivierung und Auf
rec
ht
erhaltung als
intakt
erwiesen. Mithin hätten sich während
der gut drei
stün
digen Untersuchung
weder Konzentrationsdefiz
ite noch eine erhöhte Ablenk
bar
keit oder signifikante Ermüdungserscheinungen mit Konzentrations
abfällen beobach
ten
lassen
. Auch
die Qualität der Leistungen sei
hinsichtlich der Genauig
keit und Ausdauer unauffällig. Die Beschwerdeführerin habe
eine sorgfältige und über
legte Arbeitsweise
gezeigt. Ausserdem habe
sie
engagiert und ausdauernd
gearbeitet und
sich stets um gute Leistungen
bemüht
. Hinweise auf eine vermin
derte Leistungsmotivation oder
Anst
rengungs
bereitschaft hätten sich
weder in der Verhaltensbeobach
tung noch in den Symptomvalidie
rungstests oder im Leistungsprofil
ergeben. Im Testverfahren
habe sich
ein homogenes Testleistungs
profil mit durchschnittlichen bis vereinzelt überdurchschnittlichen Leistungen im
attentional
-exekutiven, mnestischen, sprachlich
-
spra
chassoziier
ten sowie visu
ell-rä
umlichen und -konstruktiven Bereich
ergeben
. Dazu kon
kordant - und weit
gehend kongruent mit der
Einschätzung und Beurteilung vom Juli
2010 am Schweizerischen Epilepsieze
ntrum
-
verfüge die Beschwerde
führerin
über ein all
gemeines kognitives Leistungsvermögen im Normbereic
h (Gesamt-IQ 103). Besondere Stärken bestünden
in den Bereichen Verarbeitungs
geschwindig
keit sowie im mnestischen Bereich (insbesondere in der verbalbetonten Lern-
und Abruffähigkeit)
.
Auf Verhalt
ensebene habe die Beschwerdeführerin
bei erhaltener
Schwingungsfähigkeit
und adäquatem
Antrieb
leicht bedrückt und nachdenklich
gewirkt
.
Sodann habe sie
eine angenehme Art und eine adäquate zwischen
menschliche und soziale Kompetenz
gezeigt
. Im Fragebogenverfahren zur emo
tionalen Kompetenz und emotional
en Intelligenz (EKF-S)
seien
in allen Dimensionen (Erkennen und Verstehen fremder und eigener Emotionen, Regula
tion und Kontrolle eigener Emotionen, emotionale Expressivität) unauffällige Gesamtwerte
zu vermerken
.
In der Einschätzung ihres gegen
wärtigen Befindens durch die Selbstbeurteilungsskala depressiver Symptome (BDI)
habe sich
eine deutliche, klinisch relevante Ausprägung der depressiv
en Symptomatik ergeben
.
In diesem Zu
sammenhang
sei
auf die separate psychiatrische Untersuchung
zu verweisen
. Im Testleistungsprofil
hätten sich jedenfalls
keine augenscheinlichen resp. psychometrisch signifikanten
, nachweisbaren negativen Ausw
irkungen durch mögliche affektive Phänomene im Sinne von
attentionalen
Fluktuationen oder Leistungs-Schwankungen objektivieren
lassen
. Zusammen
fassend
figuriere das allgemeine kognitive
Leistungsvermögen im Normbereich und
bestehe ein
ausgeglich
enes neuropsychologisches Profil, ohne
Hinweise für
residuelle
,
kognitive Beeinträchtigungen als Folg
e der schweren traumatischen Hirn
ver
letzung. Im Vergleich zur neurop
sychologischen Untersuchung im Juli 2010
am Schweizeri
schen Epilepsie-Zentrum lägen damit
testpsychologisch weitgeh
end übereinstimmende Ergebnisse bei sogar nor
malisiertem resp. nun unauffälligem (gut durchschnittlichem) Leistungswert in der verbal-
phonolo
gischen Ideenpro
duktion vor. Entsprechend verneinte die beurteilende Neuro
psychologin eine Ein
schränkung der Arbeitsfähigkeit hinsichtlich einer kauf
männischen Tätigkeit (
Urk.
9/610/3 ff.).
Anlässlich der orthopädischen Anamnese habe die Beschwerdeführerin eine starke Wetterfühligkeit
betreffend die Wirbelsäule
beklagt; Kälte sei
von morgens bis abends
mit Schmerzen verbunden. Im Bereich des thorakalen Übergangs ver
spüre sie auf der linken Seite einen ziehenden Schmerz entlang des unteren Rippenbogens. Diese verstärkten sich beim Sitzen, bei längerem Stehen sowie beim Tragen von Lasten und bei längerem Gehen (mehr als 20
Minuten).
Ebenfalls schmerzhaft seien Tätigkeiten in vornüber gebeugter Haltung
.
Daneben
bestün
den in den Arm ausstrahlende
Spannungskopfschmerzen
occipital
bis
frontal
reichend, etwa alle 2-3 Wochen
.
Zudem leide sie an ausstrahlenden Nacken
schmerzen, welche
sich bei Tätigkeiten der Arme über der Schulterhorizontale
verstärkten
. Auf einer Schmerzskala
habe d
ie
Beschwerdeführerin
die Nacken
schmerzen bei 7 von 10, die
thorakolumbalen
Ü
bergan
gsbeschwerden bei 7
von 10 und Schmerzen in der Lendenwirbelsäule
bei 4 von 10
skaliert. Entsprechend stünden
die permanenten Nackenschmerzen im Vordergrund gefolgt von den Beschwerden des
thorakolumbalen
Ü
berganges
und zuletzt der Lendenwirbel
säule
. Trotz
starker
Schmerzen nehme sie keine Schmerzmittel
, zumal diese nicht
helfen
würden
. Mithin
fühle
sie
sich
abgehärtet gegen Schmerzmittel. Auch bestünden in somatischer Hinsicht derzeit keine spezifischen Therapien, da
ihr diese in der Vergangenheit nichts gebracht hätten
;
weder aktive noch passive Physiotherapie, Krafttraining, Osteopathie, medizinische Massagen,
Kinesiologie, Akupunktur oder
Bauchtanz hätten
geholfen. Derzeit
mache
sie
auch
keine Fitness
(
Urk.
9/611/4
f.
).
Der orthopädische Gutachter hielt fest,
die Beschwerdeführerin habe im Rahmen des
Polytraumas zweifelsohne eine schwere Verletzung der
Wirbel
säule auf mehreren Etagen der Halswirbelsäule, Brust- und Lendenwirbelsäule
erlitten. Diese seien inzwischen
knöchern ausgeheilt und zeig
t
en zum Zeitpunkt der Begutachtung eine stabile Situation. Posttraumatische degenerative Veränder
ungen in der Lendenwirbe
lsäule und im
thorakolumbalen
Ü
bergang
seien kaum feststellbar und es bestünden
ausdrücklich keine neurologischen Ausfälle an Armen und Beinen
. Auch seien
ausstrahlende Beschwerden in den Beinen ver
neint
worden. Die beschriebenen
ausstrahlenden Beschwerde
n in die Arme seien nicht vergesellschaftet mit
neu
rologischen Ausfällen.
Die
Wirbelsäule
sei
zumin
dest
für leichte körperliche Arbeiten belastbar
, so dass hinsichtlich leichte
r
Tätig
keiten ohne Heben schwerer Lasten zumindest eine 50%ige Arbeitsfähigkeit bestehe. Im Vordergrund stehe
ein multifaktorielles Geschehen mit psychischen
Verarbeitungsstörungen
, wofür auf die psychiatrische Expertise zu verweisen sei. Aus wirbelsäulenchirurgischer Sicht sei der
Beschwerdeführerin ein Integritäts
schaden von 20-30% zu konstatieren
(
Urk.
9/611/8 ff.).
Im Rahmen der Konsensbeurteilung
kamen
die Gutachter
zum Schluss, aus inter
disziplinärer Sicht bestünden keine relevanten Einschränkungen hinsichtlich
einer körperlich leichten kaufmännischen Tätigkeit, ohne Heben von schweren Lasten. Sodann bestehe eine Integritätseinbusse von insgesamt 35
%
(10
%
neu
rologisch, 25
%
orthopädisch;
Urk.
9/607/72
,
Urk.
9/607/74
).
5
.
5
.1
Das polydisziplinäre Gutachten vom
1
1.
Dezember 2016
erging in Kenntnis und in Auseinandersetzung mit den
Vorakten
, den geklagten Beschwerden sowie gestützt auf die klinischen Untersuchun
gen vom 2
1.
August, 2.,
1
1.
und 23.
September 2015 sowie 2
3.
Februar
und 1
1.
März 2016 (
Urk.
9/607/3)
. Die Gutachter haben ihre Diagnosen und Schlussfolgerungen ausführlich und diffe
renziert begründet, zu den Beurteilungen in den
Vorakten
einlässlich Stellung bezogen und – soweit Diskrepanzen bestanden – ihre abweichende Einschätzung plausibel begründet. Mithin genügt das Gutachten den an eine beweiskräftige Entscheidungsgrundlage gestellten Anforderungen (vgl. E. 1.7).
5
.2
Die in den somatischen Teilgutachten festgestellten Diagnosen und Arbeitsfähig
keitsbeurteilungen blieben bes
chwerdeweise unbestritten. Strit
tig und
zu prüfen sind
demgegenüber die Feststellungen im psychiatrischen Teilgutachten und ins
besondere
die aus interdisziplinärer Sicht festgestellte Arbeitsfähigkeit.
5
.2.1
Zunächst erfolgen p
sychiatrische Explorationen von der
Natur der Sache her nicht ermes
sensfrei, weshalb verschiedene medizinisch-psychiatri
sche Interpreta
ti
onen möglich, zulässig und zu respektieren sind, sofern der Experte lege
artis
vorge
gangen ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 5. März 2009 in Sachen A., 8C_694/2008,
Erw
. 5.1). Insofern lassen sich unterschiedliche Qualifikationen
eines
psychiatrischen
Beschwerdebildes erklären. Sodann hat Dr.
H._
in
aus
führlicher und einlässlicher Auseinandersetzung mit den verbindlichen Kriterien des ICD-10 nachvollziehbar begründet, weshalb er abweichend
von
frühere
n
Diagnosen
das
aktuelle
Vorliegen einer posttraumatischen Belastungsstörung
(PTBS,
ICD-10: F43.1)
sowie
Anpassungsstörung im Sinne einer abnormen Trauerreaktion (ICD-10: F 43.28) verneinte (Urk. 9/607/46 ff.
).
Damit
konkordant
hat
auch
der behandelnde
Dr.
M._
, Facharzt FMH
für Psychiatrie und Psychotherapie
,
bereits im
Verlaufsbericht vom
4.
Oktober 2011 das Vorliegen einer PTBS ausdrück
lich verneint und
einen Status nach Anpassungsstörung (ICD-10: F43.2) diagnostiziert (
Urk.
9/349
;
vgl. auch Verlaufsbericht vom 2
8.
Mai 2012,
Urk.
9/427
; vgl. ausserdem Telefonnotiz vom 1
9.
September 2011, wonach der behandelnde
Dr.
N._
, Facharzt FMH für Allgemeine Medizin, mitteilte, die Beschwerdeführerin habe keine PTBS. Sie sei lediglich von Natur aus extrovertiert und temperamentvoll. Eine psychotherapeutische Behandlung sei nicht indiziert,
Urk.
9/322
).
Daran ändert auch d
ie im Austrittsbericht
des Rehak
lini
k
J._
vom 1
5.
Mai 2015 notierte PTBS nichts.
Insbesondere
lässt der Bericht objektiv erhobene Befunde und damit jegliche diagnostische Begrün
dung vermissen.
Kommt hinzu, dass
die Beschwerdeführerin die Klinik noch vor Abschluss der diagnostischen Phase auf eigenen Wunsch verlassen
hat
(
Urk.
9/579/1 f.).
Gegen
die
diagno
stische Einordnung
von
Dr.
H._
hat die Beschwerdeführerin
denn auch
nichts
vorgebracht
.
Ebenso wenig hat sie sich auf den Standpunkt gestellt, sie
sei
aus psychiatrischen Gründen nicht oder nur ein
geschränkt arbeitsfähig.
Im Gegenteil führte sie bei
Dr.
H._
aus
, seit Juni 2015 gehe es ihr besser. Aktuell verspüre sie lediglich
noch
einen leichten Schwindel (
Urk.
9/607/35).
5
.2.2
Die im verhaltensneurologischen/neuropsychologischen Teilgutachten notierte deutliche, klinische relevante Ausprägung der depressiven Symptomatik fusst auf der eigenen Einschätzung der Beschwerdeführerin, ist mithin Ergebnis einer Selbstbeurteilungsskala (vgl.
Urk.
9/610/6 f.). Freilich ist das Vorliegen einer nach Massgabe der einschlägigen ICD-10 Kriterien zu beurteilenden depressiven Symptomatik mit Krankheitswert damit nicht ausgewiesen. Zur diagnostischen Einordnung verwies die beurteilende Neuropsychologin denn auch korrekterweise auf die psychiatrische Expertise. Darin hielt
Dr.
H._
im Einklang mit den objektiv erhobenen Befunden keine Diagnose aus dem depressiven Formenkreis fest. Gleichwohl hat er das Vorliegen einer Depression (oder anderen psychiatri
schen Erkrankung) diskutiert und seine Konklusion
nachvollziehbar
begründet (
Urk.
9/607/58). Damit erweist sich der
Einwand,
Dr.
H._
habe sich mit dem Vorliegen einer
«
pos
ttraumatischen Depression»
nicht auseinander
gesetzt (
Urk.
1
Ziff.
17), als unbegründet.
Ganz abgesehen davon wurde eine Depression in der gesamten medizinischen Aktenlage nie
fachärztlicherseits
aus
gewiesen. Dazu passend hat
sich
die Beschwerdeführerin weder in
psycho
pharmako
- noch psycho
therapeutischer Hinsicht
je
eine
r
konsequent und länger andau
ernde
n
Behandlung
unterzogen
.
5.2.3
Dem
Vorbringen
,
Dr.
H._
habe
das traumatische Unfallereignis bagatellisiert
,
kann nicht gefolgt werden
.
Zunächst hat
Dr.
H._
darauf hingewiesen, retro
spektiv bestünden durchaus Anhaltspunkte dafür, dass spezifische Merkmale einer PTBS zumindest teilweise vorhanden gewesen seien. Diese hätten indes bereits im Frühjahr 2010 eine deutliche Remission erfahren (
Urk. Urk.
9/60
7/48). Sodann stehen seine
psychiatrische Würdigung
der
familiären Ausgangslage
sowie
Interpretation des
Canabiskonsums
und
die gestützt darauf
notierte
per
sönliche Disposition der Beschwerdeführerin zur Entwicklung psychischer Leiden
nicht in Bezug zum
Unfallereignis
,
geschweige
denn
ist damit
dessen Schwere
in Frage stellt
. Im Übrigen hat auch
Dr.
B._
bereits 2013 auf Paralle
len zwischen dem psychiatrischen Beschwerdebild nach dem Unfall und ihrem Verhalten vor d
em Unfallereignis einerseits sowie
der Grundpersönlichkeit der Beschwerdeführerin andererseits hingew
iesen (vgl. E. 4.
1
.2).
Mit Blick auf die vorliegend interessierende und abzuklärende
Gesundheit und
Arbeitsfähigkeit der Bes
chwerdeführerin im Zeitraum
ab
Fallabschluss
(Juli 2012) bis zum
angefoch
t
enen Entscheid
ist im Übrige
n unerheblich, ob diese
bereits im Alter von 12 oder 13 Jahren an einer Angstsymptomatik ge
litten hatte. Insofern geht
auch
der Ein
wand
,
Dr.
H._
habe
letzteres
nicht abschliessend belegt
, ins Leere.
5.2.4
Sodann monierte die Beschwerdeführerin
,
Dr.
H._
habe
die einschlägige
Fach
literatur betreffend Risikofaktoren für die Entwicklung psychischer Leiden
nicht zitiert (
Urk.
1
Ziff.
10 S. 5)
.
Dass jeder gutachterliche
Hinweis
auf die Fachlitera
tur mit entsprechenden Zitaten
belegt
sein muss, ergibt sich nicht aus höchstrich
terlichen Praxis zur Beweiseignung
medizinischer
Expertisen
(vgl.
E.
1.5)
.
Im Übrigen ist
– erst recht mit Blick auf die gleichzeitig
geäusserte Kritik
an der Weitschweifigkeit und schweren Lesebarkeit (
Urk.
1
Ziff.
8)
–
zweifelhaft, ob letzteres bei konsequenter Durchführung
der Sache und
Lesbarkeit
fachärztlicher Expertisen
dienlich
wäre.
5.2.5
Anlässlich der aktenkundig von allen Gutachtern unterzeichneten Gesamtbeur
teilung
(
Urk.
9/608/1 f.)
- der weitere Vorwurf, das Zustandekommen eines Gesamtkonsens sei fraglich (Urk. 1
Ziff.
23), zielt mithin ebenfalls ins Leere -,
attestierten
die beurteilenden Fachärzte der Beschwerdeführerin
eine 100%ige Arbeitsfähigkeit
hinsichtlich einer körperlich leichten, kaufmännischen Tätigkeit, ohne s
chweres Lastenheben
(vgl. damit korrelierend das versicherungsmedizini
sche, interdisziplinäre Gutachten vom 1
0.
Mai 2013,
Urk.
9/476/3)
. Die
beschwer
deweise vorgebrachten
Ausführungen
zu den
Erstellungsdaten der Teilgutachten
sowie
die
gestützt darauf
gehegte
Vermutung, der orthopädische Gutachter habe anlässlich der
Konsensbeurteilung an Gedächtnisschwund und/oder Ignoranz gelitten,
sind
unbehelflich
. Weiterung
en
dazu erübrigen sich.
5.2.6
Soweit die
Beschwerde
führerin geltend
macht, sie sei aus körperlichen Gründen lediglich zu
50
%
a
rbeits
f
ähig, so
ist
dies
medizinisch nicht ausgewiesen
. Dass sie
– nach Darstellung in der Beschwerde (vgl.
Urk.
1 S. 3 f
., vgl. demgegenüber
Urk.
9/607/34
, wonach sie 2013/2014
im 60
%
-Pensum
die Berufsmittelschule absolviert und sich zeitgleich zu 30
%
beruflich engagiert habe
) –
seit dem Unfall
nie
zu einem höheren Pensum als
50
%
leistungsfähig gewesen sein soll
,
sagt selbstredend nichts über ihre medizinisch-theoretische Arbeitsfähigkeit aus.
5.2.7
Endlich lässt sich
weder der
Stellungnahme
ihrer Eltern
vom
2
2.
Januar 2017
noch
dem Schreiben
von
Dr.
N._
vom 2
0.
September 2017
(
Urk.
3/3,
Urk.
16) etwas
zum Vorteil der Beschwerdeführerin ab
leiten
.
Insbesondere hat
Dr.
N._
weder die
diagnostische Einordnung von
Dr.
H._
in Frage gestellt noch eine psychiatrisch oder sonst
wie geartete
Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit postu
liert
. Ganz abgesehen davon
steht
sein
e
Darstellung
gemäss
Schreiben
vom 2
0.
September 2017
, wonach
die Beschwerdeführerin
nach dem schweren Unfall relevante
–
jedoch nicht
weiter konkretisierte
-
psychische Probleme entwickelt habe,
i
n
eklatantem
Widerspruch
zu seinen früheren Aussagen
und Stellung
nahmen
(
vgl.
Urk.
9/322
; vgl. auch Telefonnotiz vom
7.
Januar 2011, wonach die Beschwerdeführerin aufgrund ihres guten Befindens eine Psychotherapie als unnötig erachte und ihr auch seitens
Dr.
N._
nicht
dazu
gerate
n worden sei,
Urk.
9/2016; vgl. ausserdem
Besprechungsprotokoll vom 2.
März 2011, wonach es der Beschwerdeführerin nach eigenen Angaben psychisch gut gehe, sie keine psychologische Behandlung wünsche und
letzteres
von
Dr.
N._
unterstützt werde,
Urk.
9/228/1
sowie die Telefonnotiz vom 7.
April 2011, wonach
Dr.
N._
mitgeteilt habe, bei der Beschwerdeführerin werde es immer ein «Auf und Ab» geben. Eine psychologische Behandlung dränge sich nicht auf,
Urk.
9/242
, vgl. sch
l
iesslich
Urk.
9/607/36, wonac
h das psychiatrische Beschwer
debild
nach Auffassung von
Dr.
N._
in Zusammenhang mit der Entwicklung und familiären Konstellation der Beschwerdeführerin stehe
).
5.3
Zusammenfassend ist gestützt auf das interdisziplinäre Gut
achten vom 11.
Dezember 2016
erstellt, dass die
Beschwerde
führerin
jedenfalls seit August 2015
(Datum erste Untersuchung)
als
kaufmännisch Angestellte
, ohne schweres Lastenheben
zu 100
%
arbeitsfähig ist
.
Sodann ist gestützt auf die
unbestritten gebliebene,
hinreichend aufschlussreiche
und
in allen Belangen den recht
spre
chungsgemässen Anforderungen als genügend (vgl. E. 1.6) zu betrachtende kreis
ärz
tliche interdisziplinäre B
eurteilung
vom 1
0.
Mai 2013
auch
in
retrospektive
r Hinsicht seit dem Fallabschluss
keine
unfallbedingte
Arbeitsunfähigkeit ausge
wiesen.
Aufgrund der
insoweit
beweiskräftigen medi
zini
schen Aktenlage b
esteht – entgegen
der Auffassung
der Beschwerde
führerin
(
Urk.
1 S. 2 und
Ziff.
26)
–
kein weiterer Abklärungsbedarf (antizipierte Beweiswürdigung; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_468/2007 vom
6.
Dezember 2006 E.2.2 mit Hinweisen).
Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.
6
.
6
.1
Da der Prozess indes nicht als aussichtslos betrachtet werden kann und die übrigen Voraussetzungen
gemäss
§
16
Abs.
1 und 2 de
s Gesetzes über das Sozialver
si
cherungsgericht (
GSVGer
)
zur Gewährung der unentgeltlichen
Rechtsvertretung erfüllt sind (vgl.
Urk.
4,
Urk.
5/1-19
), ist das Gesuch vom
9.
Juni 2017
zu bewillig
en und Rechtsanwalt
Dr.
Kurt Meier, Zürich, zum unentgeltlichen Rechts
beistand
zu bestellen.
Die
Beschwerdeführer
in ist darauf hinzuweisen, dass sie
zur Nachzahlung der Gerichtskosten sowie der Entschädi
gung verpflichtet ist, sobald sie
dazu in der Lage ist
(
§
16
Abs. 4
GSVGer
).
6.2
Rechtsanwalt
Dr.
Kurt Meier
ist nach
§
34
Abs.
3
GSVGer
(vgl. auch Verfü
gung vom 1
9.
Juli 2017,
Disp
.-Ziffer 2,
Urk.
14
) beim
gerichtsüblichen Ansatz von Fr.
220.--/Stunde
mit
Fr.
1‘900.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse zu entschädigen.