Decision ID: dc931643-84d6-4e10-a0dd-af8c528ec135
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 02.12.2011 Art. 17 ATSG. Rentenanpassung. Eine Rentenanpassung ist nur bei erheblicher Veränderung des relevanten Sachverhalts vorzunehmen (Entscheid des Kreisgerichts St. Gallen vom 2. Dezember 2011, IV 2009/323).
Entscheid Versicherungsgericht, 02.12.2011
Vizepräsidentin Miriam Lendfers, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und
Karin Huber-Studerus; Gerichtsschreiber Tobias Bolt
Entscheid vom 2. Dezember 2011
in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Andreas Fäh, Oberer Graben 26, 9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rentenrevision
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Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich nach einem am 29. Oktober 1990 erlittenen Unfall, anlässlich
dessen er sich insbesondere einen Knochenbruch am linken Fuss zugezogen hatte, am
15. Juli 1991 zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 3).
A.b Nach Durchführung der notwendigen Abklärungen wurde dem Versicherten mit
Wirkung ab 1. Januar 1993 eine halbe Rente zugesprochen (Verfügung vom 18. März
1994; IV-act. 71). Ein dagegen an das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
erhobener Rekurs wurde mit Entscheid IV 51/94 vom 28. September 1995 abgewiesen
(IV-act. 75).
A.c Mittels formloser Mitteilungen vom 21. April 1996 (IV-act. 84), vom 2. Juli 1998 (IV-
act. 93) und vom 6. Juni 2001 (IV-act. 98) wurde der Rentenanspruch bestätigt.
A.d Im Rahmen eines Mitte 2004 eingeleiteten Verfahrens betreffend Überprüfung des
Rentenanspruchs gab der Versicherte an, sein Gesundheitszustand habe sich
verschlechtert (IV-act. 103), woraufhin die IV-Stelle die Ärztliche Begutachtungsinstitut
(ABI) GmbH mit der Erstellung eines polydisziplinären Gutachtens beauftragte. Im
Gutachten vom 22. September 2005 diagnostizierten die Fachärzte der ABI GmbH im
Wesentlichen persistierende Rückfussschmerzen links sowie ein chronisches
cervicovertebrales Schmerzsyndrom ohne radiculäre Symptomatik; bezüglich
Arbeitsfähigkeit führten sie aus, der Versicherte sei sowohl in Bezug auf die damals
ausgeübte Tätigkeit als Kunststoffbearbeiter als auch in Bezug auf jede andere
körperlich leichte Tätigkeit im Sitzen mit der Möglichkeit zu regelmässigen
Positionswechseln zeitlich und leistungsmässig uneingeschränkt arbeitsfähig (IV-
act. 129).
A.e Gestützt auf das Gutachten der ABI GmbH verneinte die IV-Stelle eine erhebliche
Veränderung des Gesundheitszustandes. Entsprechend verfügte sie am 4. November
2005, die halbe Rente werde weiterhin ausgerichtet (IV-act. 136).
B.
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B.a Am 29. Februar 2007 ersuchte der Versicherte um Erhöhung der Rente (IV-
act. 142). Zur Begründung verwies er auf den seinem Schreiben beigelegten Bericht
von Dr. med. B._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 29. Januar
2007, in welchem im Wesentlichen eine somatoforme Schmerzstörung, eine
Anpassungsstörung mit multipler Symptomatik sowie eine depressive Störung mit
mittelgradiger Episode diagnostiziert und die Arbeitsfähigkeit auf höchstens 30 %
geschätzt worden waren (IV-act. 140).
B.b Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die ABI GmbH am 26. Mai 2008 ein
polydisziplinäres Verlaufsgutachten. Die Gutachter diagnostizierten im Wesentlichen
wiederum persistierende Rückfussschmerzen links und ein chronisches panvertebrales
cervical und lumbal betontes Schmerzsyndrom und hielten wiederum fest, in körperlich
leichten, wechselbelastenden Tätigkeiten sei der Versicherte ohne
Leistungseinschränkungen ganztägig arbeitsfähig (IV-act. 156).
B.c Gestützt auf das Verlaufsgutachten der ABI GmbH teilte die IV-Stelle mit
Vorbescheid vom 25. Februar 2009 mit, dass die Abweisung des
Rentenerhöhungsgesuchs vorgesehen sei (IV-act. 163). Mit Einwand vom 30. März
2009 und Ergänzung vom 25. Juni 2009 liess der Versicherte insbesondere das
Verlaufsgutachten der ABI GmbH kritisieren und eine weitere Begutachtung fordern (IV-
act. 167 und 171–1 ff.). Dem Schreiben vom 25. Juni 2009 liess er einen Bericht der
Klinik für Kardiologie des Kantonsspitals St. Gallen vom 19. Juni 2009 beilegen,
gemäss welchem er unter anderem an extrakardialen Thoraxschmerzen bei
stenosefreien Koronarien leide (IV-act. 171–6 ff.).
B.d Nachdem Dr. med. C._, Fachärztin FMH für Physikalische Medizin und
Rehabilitation, vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD) in einer internen
Stellungnahme vom 8. Juli 2009 eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes aus
kardiologischer Sicht verneint hatte (IV-act. 172), verfügte die IV-Stelle am 10. Juli 2009
gemäss Vorbescheid vom 25. Februar 2009 (IV-act. 173).
C.
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C.a Dagegen richtet sich die Beschwerde vom 14. September 2009, mit der die
Zusprache einer Invalidenrente basierend auf einem Invaliditätsgrad von mindestens
70 % beantragt und zur Begründung im Wesentlichen ausgeführt wird, der Bericht von
Dr. B._ sei nicht genügend gewürdigt worden, und die Gutachter der ABI GmbH
seien voreingenommen, weshalb ein neues Gutachten einzuholen sei; da dem
Beschwerdeführer die Stellungnahme der RAD-Ärztin Dr. C._ nicht zur Einsicht und
Stellungnahme zugestellt worden sei, sei überdies der Anspruch auf rechtliches Gehör
verletzt, was bei der Kostenverlegung zu berücksichtigen sei (act. G 1).
C.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde. In ihrer
Beschwerdeantwort vom 26. Februar 2010 führte sie zur Begründung ihres Antrags
aus, im Bericht von Dr. B._ fänden sich weder eine klare, nach ICD-10 codierte
Diagnose noch psychopathologische Befunde, weshalb ihm kein Beweiswert
zukomme. Angesichts der Tatsachen, dass der Beschwerdeführer die Medikamente
nicht regelmässig einnehme und seinen Psychiater lediglich jeden zweiten Monat
aufsuche, sei zudem davon auszugehen, dass er sich subjektiv kaum krank fühle. Es
sei deshalb auf das Verlaufsgutachten der ABI GmbH abzustellen und eine erhebliche
Veränderung des Gesundheitszustandes entsprechend zu verneinen (act. G 10).
C.c Der Beschwerdeführer verzichtete auf die Einreichung einer Replik (act. G 12).

Erwägungen:
1.
Dem Beschwerdeführer wurde mit Verfügung vom 18. März 1994 (IV-act. 71), bestätigt
durch den Entscheid IV 51/94 des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom
28. September 1995 (IV-act. 75), eine halbe Rente bei einem Invaliditätsgrad von 50 %
zugesprochen. Gemäss Art. 17 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) kann diese rechtskräftig
zugesprochene Rente nur bei erheblicher Änderung des Invaliditätsgrades, die – mit
Blick auf Art. 17 Abs. 2 ATSG – ihren Grund in einer nachträglichen erheblichen
Veränderung des zu Grunde liegenden Sachverhalts finden muss, entsprechend
angepasst werden. Eine Rentenanpassung fällt mit anderen Worten nur dann in
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Betracht, wenn sich der massgebende Sachverhalt nach der letztmaligen materiellen
Prüfung des Rentenanspruchs (vgl. BGE 133 V 108) so verändert hat, dass sich der
rechtskräftig festgelegte Rentenanspruch als den aktuellen Verhältnissen nicht mehr
entsprechend erweist.
2.
Nachdem mit Verfügung vom 4. November 2005 (IV-act. 136) der Anspruch auf eine
halbe Rente letztmals rechtskräftig und nach eingehender materieller Prüfung bestätigt
wurde, bildet diese Verfügung den zeitlichen Ausgangspunkt für die Beurteilung der
Frage, ob sich der massgebende Sachverhalt erheblich verändert hat. Besagte
Verfügung beruhte auf dem (ersten) Gutachten der ABI GmbH vom 22. September
2005 (IV-act. 129), in welchem bei den Diagnosen persistierende Rückfussschmerzen
links und chronisches cervicovertebrales Schmerzsyndrom volle Arbeitsfähigkeit in
körperlich leichten, wechselbelastenden Tätigkeiten attestiert worden war. Der
Rentenanspruch wurde trotz der Schlussfolgerungen der Gutachter der ABI GmbH
(keine Arbeitsunfähigkeit in angepassten Tätigkeiten) für die Zukunft bestätigt, weil sich
dem Gutachten der ABI GmbH keine relevante Veränderung des Sachverhalts
entnehmen liess. Wäre das Gutachten nicht im Rahmen eines Verfahrens betreffend
Rentenanpassung ergangen, sondern im Rahmen eines Verfahrens betreffend
erstmalige Rentenzusprache, wäre ein Anspruch des Beschwerdeführers auf eine
Rente der Invalidenversicherung möglicherweise verneint worden. Der entsprechenden
Einstellung der Rente stand indessen die Tatsache, dass dem Beschwerdeführer bei an
sich gleichen Befunden rechtskräftig eine Rente zugesprochen worden war, entgegen.
Da die Gutachter der ABI GmbH in ihrem Verlaufsgutachten vom 26. Mai 2008 (IV-
act. 156) zu denselben Schlüssen gelangt sind wie in ihrem ersten Gutachten, ist –
wenn auf das Verlaufsgutachten abzustellen wäre, was nachfolgend zu prüfen ist –
auch in diesem Verfahren eine relevante Änderung des Sachverhalts zu verneinen und
entsprechend das Erhöhungsgesuch des Beschwerdeführers abzuweisen.
3.
Das Verlaufsgutachten der ABI GmbH vermag grundsätzlich zu überzeugen, nachdem
die Gutachter den Beschwerdeführer allseitig untersucht und ihre Beurteilung in
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Anbetracht der erhobenen Befunde, der Anamnese und der geklagten Beschwerden
abgegeben haben und ihre Schlussfolgerungen nachvollziehbar und einleuchtend sind.
Indessen stehen die Schlussfolgerungen des psychiatrischen Consiliargutachters der
ABI GmbH in Widerspruch zu den Schlussfolgerungen von Dr. B._, der insbesondere
eine relevante depressive Störung, verbunden mit einer Anpassungsstörung,
diagnostiziert und die Arbeitsfähigkeit auf höchstens 30 % geschätzt hatte. Die
Tatsache allein, dass Dr. B._ den Beschwerdeführer behandelt und damit in einem
Auftragsverhältnis zu diesem steht, rechtfertigt es nicht, unbesehen auf das
Verlaufsgutachten der ABI GmbH abzustellen, standen doch auch die Gutachter der
ABI GmbH in einem Auftragsverhältnis zur Beschwerdegegnerin. Auch der Einwand der
Beschwerdegegnerin, Dr. B._ habe keine klare, nach ICD-10 codierte Diagnose
gestellt, geht fehl, hat doch Dr. B._ klare Diagnosen – somatoforme Schmerzstörung,
Anpassungsstörung, depressive Störung mittelgradiger Ausprägung – gestellt. Ins
Gewicht fällt hingegen, dass sich dem Bericht von Dr. B._ keine konkrete Befunde
entnehmen lassen, die seine Einschätzung begründen würden; immerhin attestierte er
eine praktisch aufgehobene Arbeitsfähigkeit. Mangels solcher Befunde vermag der
Bericht von Dr. B._ keine Zweifel an der Einschätzung der Gutachter der ABI GmbH
aufkommen zu lassen. Zweifel an der Zuverlässigkeit des Verlaufsgutachtens der ABI
GmbH rechtfertigen sich auch nicht mit Blick auf die Feststellung der Gutachter, den
Berichten behandelnder Ärzte komme tendenziell weniger Gewicht zu als den
Berichten rein begutachtender Ärzte, handelt es sich dabei doch um eine weitgehend
notorische Tatsache. Immerhin wird auch in der medizinischen Fachliteratur teilweise
sogar explizit davon abgeraten, als behandelnder Arzt ein Gutachten über den eigenen
Patienten abzugeben, dies aus Befangenheitsgründen (nicht-finanzieller Art; vgl.
Hermann Fredenhagen, Das ärztliche Gutachten, 3. Aufl., Bern 1994, S. 18).
Gesamthaft rechtfertigt es sich deshalb, vorliegend auf das Verlaufsgutachten der ABI
GmbH abzustellen. Nachdem sich auch dem Bericht der Klinik für Kardiologie des
Kantonsspitals St. Gallen, wie die RAD-Ärztin Dr. C._ nachvollziehbar und
überzeugend ausführte, keine erhebliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes
entnehmen lässt, ist eine solche gesamthaft zu verneinen. Die Beschwerdegegnerin hat
das Rentenerhöhungsgesuch des Beschwerdeführers deshalb zu Recht abgewiesen.
4.
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Was die Rüge des Beschwerdeführers, die Stellungnahme der RAD-Ärztin Dr. C._ sei
ihm nicht zur Einsicht und Stellungnahme zugestellt worden, womit sein Anspruch auf
rechtliches Gehör verletzt worden sei, betrifft, ist festzuhalten, dass es sich bei
besagter Stellungnahme lediglich um eine Würdigung der medizinischen Aktenlage
handelt, die insofern Teil der Begründung der angefochtenen Verfügung bildet. Als
solche musste sie dem Beschwerdeführer vor Erlass der angefochtenen Verfügung
nicht unterbreitet werden (vgl. den Entscheid IV 2009/280 des Versicherungsgerichts
des Kantons St. Gallen vom 6. April 2011, bestätigt durch das Urteil des
Bundesgerichts 9C_436/2011 vom 5. August 2011). Eine Verletzung des rechtlichen
Gehörs ist daher im Vorgehen der Beschwerdegegnerin nicht zu erblicken.
5.
Demnach ist die Beschwerde abzuweisen. Der Beschwerdeführer hat deshalb gemäss
Art. 69 Abs. 1 IVG die Gerichtsgebühr, die angesichts des durchschnittlichen
Aufwands auf Fr. 600.-- festgelegt wird, zu bezahlen, wobei diese durch den in gleicher
Höhe geleisteten Kostenvorschuss gedeckt ist. Ein Anspruch auf Parteientschädigung
besteht nicht.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39
VRP