Decision ID: fd3be6bd-0d7a-4198-9ab3-27e7409e032a
Year: 2012
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
schwere Körperverletzung und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 2. Abteilung, vom 18. April 2012 (DG110376)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 2. Dezem-
ber 2011 (Urk. 32) und die Eventualanklage vom 19. Dezember 2012 (Urk. 84)
sind diesem Urteil beigeheftet.
Entscheid der Vorinstanz: (Urk. 68 S. 106ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig der schweren Körperverletzung im Sinne von
Art. 122 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 2 Jahren und 6 Monaten Freiheitsstrafe, wovon
79 Tage durch Untersuchungshaft erstanden sind.
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird im Umfang von 24 Monaten aufgeschoben und die
Probezeit auf 3 Jahre festgesetzt. Im Umfang von 6 Monaten, abzüglich 79 Tagen, die
durch Untersuchungshaft erstanden sind, wird die Freiheitsstrafe vollzogen.
4. Die mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 9. November 2010
für eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu Fr. 120.– angesetzte Probezeit von
zwei Jahren wird um ein weiteres Jahr verlängert.
5. a) Der Beschuldigte wird gemäss seiner Anerkennung verpflichtet, dem Privat-
kläger B._ für den Lohnausfall für die Nacht- und Sonntagszulagen und die Über-
zeitentschädigung von April 2011 bis und mit März 2012 Schadenersatz von
Fr. 8'481.– zuzüglich 5 % Zins ab 30. Oktober 2011 sowie für die Besuchskosten der
Privatklägerin C._ Schadenersatz von Fr. 3'418.40 zuzüglich 5 % Zins ab 3. Juni
2011 zu bezahlen.
b) Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger
B._ aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach für allfälligen
weiteren Schaden schadenersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges
des weiteren Schadenersatzanspruches wird der Privatkläger B._ auf den Weg
des Zivilprozesses verwiesen.
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6. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger B._ aus
dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach zur Leistung einer Genugtuung ver-
pflichtet ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges des Genugtuungsanspruchs wird
der Privatkläger B._ auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
7. a) Der Beschuldigte wird gemäss seiner Anerkennung verpflichtet, der Privat-
klägerin C._ für die Behandlungskosten Schadenersatz von Fr. 150.20 zuzüglich
5 % Zins ab 19. Mai 2011 zu bezahlen.
b) Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin
C._ aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach für allfälligen
weiteren Schaden schadenersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges
des weiteren Schadenersatzanspruches wird die Privatklägerin C._ auf den Weg
des Zivilprozesses verwiesen.
8. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin C._ Fr. 3'000.– zuzüglich
5 % Zins ab 10. April 2011 als Genugtuung zu bezahlen. Im Übrigen wird das
Genugtuungsbegehren abgewiesen.
9. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 5'500.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 560.– Kosten Kantonspolizei
Fr. 2'000.– Gebühr Anklagebehörde
Fr. Kanzleikosten
Fr. 1'887.30 Auslagen Untersuchung
Fr. 12'240.35 amtliche Verteidigung
allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
10. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem Beschul-
digten auferlegt. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden dem Beschuldigten
auferlegt, aber einstweilen auf die Staatskasse genommen; vorbehalten bleibt eine
Nachforderung nach Art. 135 Abs. 4 StPO.
11. Der Beschuldigte wird verpflichtet, den Privatklägern B._ und C._ eine Pro-
zessentschädigung von insgesamt Fr. 14'564.65 (inklusive Mehrwertsteuer) zu bezah-
len.
12. (Mitteilung)
13. (Rechtsmittel)"
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Berufungsanträge: (Prot. II. S. 5f.)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(schriftlich; Urk. 86)
1. Es sei Ziff. 1 des erstinstanzlichen Dispositivs aufzuheben und der
Beschuldigte wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung schuldig
zu sprechen.
2. Es seien in Abweisung der Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft
Ziff. 2 und 3 des erstinstanzlichen Dispositivs aufzuheben und es sei
der Beschuldigte zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten, bedingt auf
drei Jahre, und unter Anrechnung der erstandenen Untersuchungshaft
zu verurteilen.
Eventualiter - im Fall der Bestätigung des erstinstanzlichen Schuld-
spruchs - sei die Strafe zu reduzieren auf max. 24 Monate, bedingt auf
drei Jahre und unter Anrechnung der erstandenen Untersuchungshaft.
3. Ziff. 4 ff. des erstinstanzlichen Urteils seien zu bestätigen.
4. Alles unter ausgangsgemässer Regelung der zweitinstanzlichen
Kostenfolgen.
b) Der Staatsanwaltschaft
(schriftlich; Urk. 88 und Urk. 84)
1. Das Urteil der 2. Abteilung des Bezirksgerichts Zürich vom
18. April 2012 sei grundsätzlich zu bestätigen, mit folgenden wesentli-
chen Ausnahmen:
2. Der Beschuldigte sei mit 3 Jahren Freiheitsstrafe zu bestrafen, unter
Anrechnung der erstandenen Untersuchungshaft von 79 Tagen;
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3. Der Beschuldigte sei der teilbedingten Strafvollzug zu gewähren, wobei
der unbedingt vollziehbare Anteil auf 12 Monate und der bedingt voll-
ziehbare Anteil, unter Ansetzung einer dreijährigen Probezeit auf
24 Monate festzusetzen sei.
4. Eventualiter sei der Beschuldigte der fahrlässigen Körperverletzung im
Sinne von Art. 125 Abs. 1 und 2 StGB schuldig zu sprechen und an-
gemessen zu bestrafen.
c) Der Privatklägerschaft:
(sinngemäss; Prot. II. S. 12)
Es sei das vorinstanzliche Urteil zu bestätigen und der Privatklägerschaft
eine Prozessentschädigung in Höhe von F. 1'400.– für das Berufungsver-
fahren zuzusprechen.

Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Gegen das eingangs im Dispositiv wiedergegebene Urteil des Bezirksgerich-
tes Zürich, 2. Abteilung, vom 18. April 2012 meldete der Beschuldigte am 19. April
2012 Berufung an (Urk. 60). Nach Zustellung des begründeten Urteils (Urk. 64 =
Urk. 68; Urk. 67/2) reichte er am 15. August 2012 fristgerecht dem Obergericht
die Berufungserklärung ein (Urk. 69). Damit beschränkte der Beschuldigte die
Berufung auf den Schuldpunkt (Dispositiv Ziff. 1 des vorinstanzlichen Urteils) und
den Strafpunkt (Dispositiv Ziff. 2 und 3). Er beantragte einen Schuldspruch wegen
fahrlässiger schwerer Körperverletzung und eine Freiheitsstrafe von acht
Monaten, bedingt vollziehbar bei einer Probezeit von drei Jahren. Für den Fall ei-
nes Schuldspruchs im Sinne der Anklage und des vorinstanzlichen Urteils bean-
tragte er die Ausfällung einer Freiheitsstrafe von maximal zwei Jahren, bedingt
vollziehbar bei einer Probezeit von drei Jahren. Beweisanträge wurden vorerst
keine gestellt.
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2. Mit Präsidialverfügung vom 3. September 2012 wurde die Berufungserklä-
rung in Anwendung von Art. 400 Abs. 2 und 3 StPO der Staatsanwaltschaft und
den Privatklägern übermittelt, um gegebenenfalls Anschlussberufung zu erheben
oder Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen (Urk. 72). Hierauf erhob die
Staatsanwaltschaft am 19. September 2012 fristgerecht Anschlussberufung,
welche sie auf den Strafpunkt beschränkte (Urk. 73; Urk. 74). Sie beantragte die
Ausfällung einer Freiheitsstrafe von drei Jahren, im Umfang von 24 Monaten
bedingt vollziehbar bei einer Probezeit von drei Jahren, im Umfang von 12 Mona-
ten vollziehbar. Beweisanträge stellte sie ebenfalls keine. Die Privatkläger
erhoben weder Berufung noch Anschlussberufung.
3. Mit Eingabe vom 29. November 2012 stellte der Beschuldigte den
Beweisantrag, es sei durch das Gericht im Blick auf die Berufungsverhandlung
vom 20. Dezember 2012 ein ärztlicher Bericht einzuholen, der über den aktuellen
gesundheitlichen Zustand des Geschädigten informiert (Urk. 79). Mit Verfügung
vom 10. Dezember 2012 wies der Vorsitzende diesen Antrag ab (Urk. 81). Die
Begründung ergibt sich aus den nachfolgenden Erwägungen unter Ziff. III.1.1.
4. Mit Schreiben vom 18. Dezember 2012 wurde der Staatsanwalt
aufgefordert, gestützt auf Art. 333 Abs. 1 StPO eine Anklageformulierung beizu-
bringen, welche eine fahrlässige Verübung der Tat umschreibt (Urk. 83). Anläss-
lich der heutigen Berufungsverhandlung reichte die Staatsanwaltschaft eine ent-
sprechende Ergänzung der Anklageschrift ein (Urk. 84).
5. In der heutigen Berufungsverhandlung stellten die Parteien die oben wieder-
gegebenen Anträge (Urk 86 S. 1; Urk. 88 S. 1). Der Beschuldigte reichte ein
Zwischenzeugnis seines Arbeitgebers ins Recht (Urk. 87). Die Privatklägerschaft
liess Bestätigung des vorinstanzlichen Urteil beantragten und machte eine
Prozessentschädigung in Höhe von Fr. 1'400.– geltend (Prot. II. S. 12).
6. Wie erwähnt, wurden mit den (Anschluss-) Berufungen der Schuld- und
Strafpunkt angefochten. Gegenstand der (Anschluss-) Berufungen bilden damit
zunächst die Dispositivziffern 1-3 des vorinstanzlichen Urteils. Als weitere Folge
des Schuldspruchs entschied die Vorinstanz in Dispositiv Ziff. 4 ihres Urteils vom
18. April 2012 über das Schicksal einer Vorstrafe des Beschuldigten; es
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verzichtete auf den beantragten Widerruf des mit Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 9. November 2010 für eine Geldstrafe von
90 Tagessätzen zu Fr. 120.- gewährten bedingten Strafvollzugs und verlängerte
dafür die angesetzte Probezeit von zwei Jahren um ein weiteres Jahr. Diese
Anordnung, welche von keiner Partei angefochten wurde, ist mit dem Entscheid
über die Art des Vollzugs der für die neue Tat auszufällenden Strafe verknüpft,
weshalb sie ihm Rahmen des vorliegenden Verfahrens ebenfalls zu überprüfen
ist. Der Grundsatz des Verbots der reformatio in peius verbietet es allein, die
Berufung abzuweisen und gleichzeitig den Widerruf des für die Vorstrafe gewähr-
ten bedingten Strafvollzugs anzuordnen. In den übrigen Punkten - Entscheid über
Zivilansprüche (Dispositiv Ziff. 5-8), Kostenfestsetzung (Dispositiv Ziff. 9) und
Regelung der Entschädigungsfolgen (Dispositiv Ziff. 11) - ist das vorinstanzliche
Urteil in Rechtskraft erwachsen, was vorab vorzumerken ist (Art. 399 Abs. 3 StPO
i.V.m. Art. 402 StPO).
II. Sachverhalt
1. Teilweise bestrittener Sachverhalt
1.1. Der Beschuldigte ist geständig, dass er am 10. April 2011, um ca. 18.20 Uhr,
an der ...strasse in D._ den Privatkläger B._ ins Gesicht geschlagen ha-
be und dieser infolgedessen gestürzt sei und mit dem Kopf auf dem Boden aufge-
schlagen habe (Urk. 15/1 Rz 8, 56 und 60; Urk. 15/2 S. 6; Urk. 14/4 S. 2;
Urk. 15/5 S. 2; Urk. 50 S. 8). Er gesteht auch zu, durch seine Handlungsweise
B._ ein schweres Schädelhirntrauma mit Kalottenfraktur, eine Felsenbein-
längsfraktur und eine Hirnblutung verursacht zu haben, und anerkennt auch, dass
B._ aufgrund dieser Verletzungen nach dem Sturz bis zur Untersuchung im
Spital in unmittelbarer Lebensgefahr geschwebt habe und anschliessend mehrere
Wochen in einem künstlichen Koma habe gehalten werden müssen (Urk. 15/6
S. 3 i.V.m. Urk. 21/5 und Urk. 21/6). Diese Ausführungen bestätigte der Beschul-
digte anlässlich der heutigen Berufungsverhandlung (Urk. 85 S. 6f). Sein Ge-
ständnis deckt sich mit dem Untersuchungsergebnis, weshalb der objektive Tat-
bestand insoweit erstellt ist.
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Weitergehende Auskünfte bzw. ärztliche Berichte zum aktuellen Gesundheits-
zustand von B._, wie sie der Beschuldigte mit Eingabe vom
29. November 2012 beantragen liess (Urk. 79), sind für die Beurteilung des vor-
liegenden Falles nicht erforderlich. Die Anklagebehörde begründet die
Schwere der Tat mit der unmittelbaren Lebensgefahr, in welcher sich der
Privatkläger aufgrund der erlittenen Verletzungen nach der Tat befand. In dieser
Hinsicht ist der Beschuldigte wie erwähnt geständig und die Beweislage
ausreichend. Aber auch für die Strafzumessung, wo auch die weiteren
Auswirkungen der Verletzungen zu berücksichtigen sein werden, ist eine
Beweisergänzung nicht erforderlich. Es kann dazu auf die Erwägungen unter
Ziff. V.3.1. verwiesen werden.
1.2. Hinsichtlich des äusseren Geschehensablaufes streitet der Beschuldigte ab,
den Schlag mit der Faust ausgeführt zu haben. Diesbezüglich anerkennt er
immerhin den Eventualvorwurf, dass er mit der halboffenen Hand (nicht "Pranke")
zugeschlagen habe (u.a. Urk. 15/6 S. 4; Urk. 50 S. 10 und S. 15f.; Urk. 85 S. 9).
Nicht geständig ist er auch darin, dass es sich um einen heftigen Schlag
gehandelt habe (u.a. Urk. 15/6 S. 4f. und S. 7; Urk. 50 S. 11; Urk. 85 S. 10). In
subjektiver Hinsicht bestreitet der Beschuldigte, die lebensgefährliche Verletzung
von B._ in Kauf genommen und damit eventualvorsätzlich gehandelt zu ha-
ben (u.a. Urk. 15/6 S. 4 und S. 6f.; Urk. 85 S. 12ff.). Sinngemäss räumt er immer-
hin ein, bei seinem Vorgehen die schwere Verletzungsfolge aus
pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedacht und insofern fahrlässig gehandelt zu
haben (Urk. 56 S. 4 und Urk. 69).
1.3. Bezüglich der bestrittenen objektiven und subjektiven Sachverhaltselemente
ist im Rahmen der Beweiswürdigung zu prüfen, ob diese erwiesen sind.
2. Grundsätze der Beweiswürdigung
2.1. Bestreitet ein Beschuldigter die ihm vorgeworfenen Taten, ist der
Sachverhalt aufgrund der Untersuchungsakten und der vor Gericht vorgebrachten
Argumente nach den allgemein gültigen Beweisregeln zu erstellen. Gemäss der
aus Art. 8 und 32 Abs. 1 BV fliessenden und in Art. 6 Ziff. 2 EMRK verankerten
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Maxime "in dubio pro reo" ist bis zum gesetzlichen Nachweis seiner Schuld zu
vermuten, dass der wegen einer strafbaren Handlung Beschuldigte unschuldig ist
(Urteile des Bundesgerichts 1P_587/2003 vom 29. Januar 2004, E. 7.2., und
1P_437/2004 vom 1. Dezember 2004, E. 4.2.; Pra 2002 S. 4 f. Nr. 2 und S. 957 f.
Nr. 180; BGE 127 I 40, 120 Ia 31. E. 2b). Als Beweiswürdigungsregel besagt die
Maxime, dass sich der Strafrichter nicht von der Existenz eines für den
Beschuldigten ungünstigen Sachverhaltes überzeugt erklären darf, wenn bei
objektiver Betrachtung Zweifel bestehen, ob sich der Sachverhalt so verwirklicht
hat (Urteile des Bundesgerichtes 6B_795/2008 vom 27. November 2008, E. 2.4.,
und 6B_438/2007 vom 26. Februar 2008, E. 2.1.). Die Überzeugung des Richters
muss auf einem verstandesgemäss einleuchtenden Schluss beruhen und für den
unbefangenen Beobachter nachvollziehbar sein (Hauser/Schweri/Hartmann,
Schweizerisches Strafprozessrecht, 6. A., Basel 2006, § 54 Rz 11 f.).
Wenn erhebliche oder nicht zu unterdrückende Zweifel bestehen, ob sich der
Sachverhalt so abgespielt hat, wie er eingeklagt ist, ist der Beschuldigte nach
dem Grundsatz "in dubio pro reo" freizusprechen (Bernard Corboz, "in dubio pro
reo", in ZBJV 1993, N 419 f.). Soweit ein direkter Beweis nicht möglich ist, ist der
Nachweis der Tat mit Indizien zu führen, wobei die Gesamtheit der einzelnen
Indizien, deren "Mosaik", zu würdigen ist (vgl. dazu auch Pra 2004 Nr. 51 S. 256,
Ziff. 1.4.; Pra 2002 Nr. 180 S. 962 f., Ziff. 3.4.). Es liegt in der Natur der Sache,
dass mit menschlichen Erkenntnismitteln keine absolute Sicherheit in der
Beweisführung erreicht werden kann; daher muss es genügen, dass das
Beweisergebnis über jeden vernünftigen Zweifel erhaben ist (vgl.
Kassationsgerichtsentscheid vom 26. Juni 2003, Nr. 2002/387S, E. 2.2.1. mit
Hinweisen). Bloss abstrakte oder theoretische Zweifel dürfen dabei nicht
massgebend sein, weil solche immer möglich sind (Hauser/Schweri/Hartmann,
a.a.O., § 54 N 12, Urteile des Bundesgerichtes 6B_297/2007 vom 4. September
2007, E. 3.4., und 1 P_587/2003 vom 29. Januar 2004, E. 7.2.). Es genügt also,
wenn vernünftige Zweifel an der Schuld ausgeschlossen werden können.
Hingegen darf ein Schuldspruch nie auf blosser Wahrscheinlichkeit beruhen.
2.2. Stützt sich die Beweisführung auf die Aussagen von Beteiligten, so sind
diese frei zu würdigen. Es ist anhand sämtlicher Umstände, die sich aus den
Akten und den Verhandlungen ergeben, zu untersuchen, welche Sachdarstellung
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überzeugend ist, wobei es vorwiegend auf den inneren Gehalt der Aussagen
ankommt, verbunden mit der Art und Weise, wie die Angaben erfolgten. Bei der
Würdigung von Aussagen darf nicht einfach auf die Persönlichkeit oder
allgemeine Glaubwürdigkeit von Aussagenden abgestellt werden. Massgebend ist
vielmehr die Glaubhaftigkeit der konkreten, im Prozess relevanten Aussagen.
Diese sind einer kritischen Würdigung zu unterziehen, wobei auf das
Vorhandensein von sogenannten Realitätskriterien grosses Gewicht zu legen ist
(vgl. Rolf Bender, Die häufigsten Fehler bei der Beurteilung von Zeugenaussagen,
in SJZ 81 [1985] S. 53 f.; Bender/Nack/Treuer, Tatsachenfeststellungen vor
Gericht, Glaubwürdigkeits- und Beweislehre, Vernehmungslehre, 3. Auflage,
München 2007, N 310 f. und N 350 f.).
3. Beweismittel
Die relevanten Beweismittel wurden von der Vorinstanz korrekt und vollständig
aufgezählt (Urk. 68 S. 8f. Ziff. 3.3.). Ebenso hat sie die Rolle der einvernommenen
Personen richtig erfasst und die zutreffenden Folgerungen hinsichtlich ihrer
Glaubwürdigkeit gezogen (Urk. 68 S. 10ff. Ziff. 4.), dabei aber nicht ausser Acht
gelassen, dass der allgemeinen Glaubwürdigkeit einer Person eine
untergeordnete Rolle zukommt und vielmehr auf die Glaubhaftigkeit ihrer
Aussagen abzustellen ist (Urk. 68 S. 9 Ziff. 3.5.). Die Vorinstanz hat schliesslich
auch die konkreten Aussagen der einvernommenen Personen - Beschuldigter,
E._, F._, G._, H._, I._ und J._ - in ausführlicher
Weise und zutreffend wiedergegeben (Urk. 68 S. 12ff. Ziff. 5.-7.). Um Wiederho-
lungen zu vermeiden, kann diesbezüglich vollumfänglich auf die Erwägungen der
Vorinstanz verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO).
4. Beweiswürdigung
4.1. Die Vorinstanz befasste sich zunächst eingehend mit der Vorgeschichte der
eigentlichen Tat und handelte in diesem Zusammenhang die Entstehung des
zunächst verbal und später körperlich ausgetragenen Konflikts zutreffend ab, so
dass darauf verwiesen werden kann (Urk. 68 S. 61ff. Ziff. 9.2.1. [Beteiligte],
Ziff. 9.2.2. [Verbale Auseinandersetzung vor dem Restaurant K._] und Ziff. 9.2.3. [Zwei-
te verbale Auseinandersetzung an der ...strasse]). Hervorzuheben ist, dass gemäss über-
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einstimmender Aussagen der Beteiligten die Provokationen von der Gruppe um
B._ ausgingen, wobei namentlich H._ durch sein provozierendes und
aggressives Verhalten auffiel, und der Beschuldigte und seine Begleiter zunächst
Ruhe bewahrten. Als sich die beiden Gruppen ein zweites Mal, nun an der
...strasse, begegneten, war es erneut die Gruppe um B._, welche den Be-
schuldigten und seine Begleiter anpöbelte und damit auch nicht aufhörte, als sich
die beiden Gruppen bereits gekreuzt hatten (Urk. 17/3 Rz 21ff. [E._]; Urk. 17/9
Rz 11 und Urk. 17/10 S. 4 [F._]; Urk. 17/23 Rz 21ff. [H._]). Nun konnte sich
der Beschuldigte nicht mehr zurück halten, er machte kehrt und begab sich zu-
sammen mit E._ zur Gruppe von B._, wobei, wie die Vorinstanz richtig
bemerkte (Urk. 68 S. 63), offen bleiben kann, ob er auf sie zulief oder zurannte.
4.2. Was die anschliessende tätliche Auseinandersetzung betrifft, gehen die
Aussagen der einvernommenen Personen in verschiedenen Punkten
auseinander. Dies ist nicht weiter verwunderlich, handelte es sich doch einerseits
um ein ausgeprägt dynamisches Geschehen, an dem mindestens sechs
Personen beteiligt waren, und hatte andererseits jede Person einen anderen
Standort bzw. Blickwinkel. Dennoch lässt sich der Ablauf der tätlichen
Auseinandersetzung rekonstruieren, wobei in Zweifelsfällen aufgrund der
Unschuldsvermutung von der für den Beschuldigten günstigeren Version
auszugehen ist.
4.2.1. Fest steht, dass der Beschuldigte, bevor er auf B._ losging, F._,
welcher nicht betrunken war, wegstiess, so dass dieser zu Boden fiel, allerdings
ohne sich zu verletzen (Urk. 15/1 Rz 33 und Urk. 50 S. 7 [Beschuldigter]; Urk. 17/9
Rz 12 und Rz 11, 21 und Urk. 17/10 S. 5 [F._]). F._ will sich dem Be-
schuldigten in den Weg gestellt haben, um eine Schlägerei zu verhindern
(Urk. 17/9 Rz 12 und Urk. 17/10 S. 4 [F._]; Urk. 17/17 Rz 12 [G._]). Die
Aussage des Beschuldigten, er habe das Vorgehen von F._ als Angriffsver-
such empfunden (Urk. 50 S. 8), lässt sich allerdings nicht widerlegen.
4.2.2. H._, welcher zum fraglichen Zeitpunkt sichtlich angetrunken gewesen
war (Urk. 17/20 S. 3 [G._]; Urk. 17/10 S. 3 [F._]; Urk. 15/1 Rz 8 [Beschuldig-
ter]), sagte in der polizeilichen Befragung aus, vom Beschuldigten auch einen
Schlag ins Gesicht erhalten, sich dabei aber nicht verletzt zu haben. Dieser An-
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griff sei aber erst erfolgt, als B._ bereits am Boden gelegen habe (Urk. 17/23
Rz 18). Der Beschuldigte selber hatte bis zu diesem Zeitpunkt und auch noch in
späteren Einvernahmen einen Schlag zum Nachteil von H._ nie erwähnt
(Urk. 15/1; Urk. 15/2; Urk. 15/4; Urk. 15/5). Anlässlich der Schlusseinvernahme
vom 15. November 2011 nahm er erstmals auf die Darstellung von H._ Be-
zug und hielt dazu fest, dass dieser trotz des Schlages nicht gestürzt sei
(Urk. 15/6 S. 4). Anlässlich der Hauptverhandlung sagte der Beschuldigte alsdann
aus, H._ eine "Flättere" gegeben zu haben, nachdem ihn dieser an den Klei-
dern gepackt habe. Dieser sei erschrocken und beide hätten einen Schritt rück-
wärts gemacht. Dies sei geschehen, bevor er sich F._ und dann B._ zu-
gewendet habe (Urk. 50 S. 7f.). F._ selber machte keine Aussagen, die diese
Darstellung des Beschuldigten stützen würden (Urk. 17/8 und Urk. 17/10). Anläss-
lich seiner Einvernahme als Zeuge durch die Staatsanwaltschaft bestätigte
H._ zwar, dass sich der Beschuldigte zu ihm umgedreht und mit dem Arm
ausgeholt habe, war sich aber nicht mehr sicher, ob er vom Beschuldigten tat-
sächlich getroffen worden sei (Urk. 17/24 S. 4f.).
Da keiner der übrigen Beteiligten die vom Beschuldigten - erst spät im Verfahren -
beschriebene "Flättere" zum Nachteil von H._ wahrnahm, insbesondere
F._ nicht, der in dieser Phase die Situation vergeblich zu entschärfen ver-
suchte und entsprechende Wahrnehmungen hätte machen müssen, ist mit der
Vorinstanz davon auszugehen, dass es möglicherweise den Versuch eines
Schlages gegen H._ gab, nicht aber einen Treffer vergleichbar mit jenem im
Gesicht von B._. Die Schlussfolgerung der Vorinstanz ist insofern zutreffend,
als der Beschuldigte aus diesem Vorfall nichts zu seinen Gunsten ableiten kann
(vgl. Urk. 68 S. 64f.).
4.2.3. Der Beschuldigte sagte in der Untersuchung von Anfang und konstant aus,
dass er, nachdem er F._ weggestossen habe, sich umgedreht und gesehen
habe, wie sich E._ und B._ in kampfbereiter Stellung, d.h. mit
erhobenen Fäusten, gegenüber gestanden seien. In dieser Situation habe er
B._ geschlagen (Urk. 15/1 Rz 34ff.; Urk. 15/2 S. 5; Urk. 50 S. 8; Urk. 85 S.
8f.). Diese Darstellung, welche von E._ im Wesentlichen bestätigt wurde
(Urk. 17/3 Rz 26ff.; Urk. 17/5 S. 3), lässt sich nicht widerlegen. Die Aussagen von
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G._, wonach B._ eine Hand im Hosensack gehabt und in der anderen
Hand ein Zigarette gehalten habe (Urk. 17/17 Rz 11; Urk. 17/20 S. 4) überzeugen
nicht. G._, welcher zunächst davon sprach, dass B._ vom Beschuldig-
ten gestossen, allenfalls auf Brusthöhe geschlagen worden sei (Urk. 17/17 Rz 11f.
und Rz 16ff.), räumte ein, nicht genau gesehen zu haben, wie der Beschuldigte
B._ zu Fall gebracht habe. Der Beschuldigte sei mit dem Rücken zu ihm ge-
standen, er habe nicht durch ihn hindurchschauen können (Urk. 17/17 Rz 18;
Urk. 17/20 S. 4). Unter diesen Umständen kann nicht ausgeschlossen werden,
dass er auch die Körperhaltung von B._ im Moment, als dieser getroffen
wurde, nicht genau wahrnehmen konnte.
Nach den Aussagen des Beschuldigten sei E._ rechts von ihm, leicht schräg
nach vorne versetzt, gestanden, B._ diesem gegenüber. In diesem Moment
habe er B._ von der Seite her geschlagen (Urk. 15/1 Rz 8; Urk. 15/2 S. 6
i.V.m. Urk. 15/3 [Skizze]; Urk. 50 S. 8; Urk. 85 S. 12). Diese
Darstellung wurde von E._ im Wesentlichen bestätigt (Urk. 17/3 Rz 26) und
lässt sich aufgrund der Aussagen der übrigen Zeugen, welche zur genauen
Position der drei Kontrahenten keine präzisen Angaben machen konnten, nicht
widerlegen.
Aufgrund der dargelegten Umstände kann gefolgert werden, dass im Moment, als
der Beschuldigte von der Seite her auf B._ zuging und diesen schlug,
B._ primär auf E._, der ihm in kampfbereiter Stellung gegenüber stand,
konzentriert war. Die Aussage des Beschuldigten, dass B._ ihn gesehen ha-
be, bevor er den Schlag kassiert habe (Urk. 50 S. 11 und 15), kann aber nicht wi-
derlegt werden. Aufgrund der Schilderungen der Beteiligten steht immerhin fest,
dass B._ nicht in der Lage war, sich abzudrehen oder den Angriff abzuweh-
ren, sondern der Schlag ihn überraschend traf.
4.2.4. Laut übereinstimmender Aussagen mehrerer Zeugen befand sich B._
sowie weitere Mitglieder seiner Gruppe zur fraglichen Zeit in
angetrunkenem Zustand und fielen durch verbal-aggressives, pöbelndes
Verhalten auf (Urk. 17/2 S. 3 [I._]; Urk. 17/10 S. 3f. [F._]). Im Blut, welches
dem Opfer rund zwei Stunden nach der Tat entnommen worden war, liess sich
eine Blutalkoholkonzentration von mind. 1.23‰ feststellen (act. 21/13), so dass
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für den Tatzeitpunkt von einer deutlichen Angetrunkenheit ausgegangen werden
muss. Dem Beschuldigten war dies nicht entgangen. In seiner ersten
Einvernahme sprach er davon, dass alle Leute aus der gegnerischen Gruppe
"ziemlich betrunken" gewesen seien (Urk. 15/1 Rz 23). Mit Bezug auf B._
erwähnte er ebenfalls, dass dieser "betrunken" gewesen sei. Dies habe er daran
gemerkt, dass er "auch gelallt" habe. Er sei zwar nicht extrem auffällig
gewesen, habe "aber schon leicht getorkelt" (Urk. 15/1 Rz62ff.). In der folgenden
Einvernahme durch den Staatsanwalt sagte er aus, dass er das Gefühl habe,
dass B._ "recht betrunken" gewesen sei (Urk. 15/2 S. 6). Anlässlich der vo-
rinstanzlichen Hauptverhandlung bestätigte der Beschuldigte diese
Aussagen im Wesentlichen (HD 50 S. 10). Auch heute führte er aus, es hätten
alle getrunken und Alkohol in den Händen gehabt. Sie seien nicht getorkelt, aber
alle seien angeheitert und laut gewesen. Sie seien aber noch gut bei Kräften und
keine Alkoholleichen gewesen, hätten noch rennen und die Hände hoch halten
können (Urk. 85 S. 8 und S. 14f.). Entgegen den Ausführungen der Verteidigung
(Urk. 86 S. 16) präsentierte sich der Privatkläger dem Beschuldigten somit nicht
als noch voll leistungsfähig trotz des Alkoholkonsums. Eine gewisse
Angetrunkenheit des Privatklägers war für den Beschuldigten gemäss eigenen
Aussagen klar erkennbar.
4.2.5. Was die Ausführung und Intensität des Schlages betrifft, sind die massge-
blichen Aussagen des Beschuldigten und der Zeugen im vorinstanzlichen Urteil
richtig wiedergegeben und im Wesentlichen zutreffend gewürdigt worden. Zur
Vermeidung von Wiederholung kann zunächst auf diese Erwägungen verwiesen
werden (Urk. 68 S. 67ff. Ziff. 9.3.4. - 9.3.6.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Zusammen-
gefasst und präzisierend ist Folgendes festzuhalten:
Der Beschuldigte ist 188 cm gross und wog zum Tatzeitpunkt ca. 118 kg
(Urk. 15/1 Rz 23; Urk. 85 S. 1). In seiner Freizeit übte er Krafttraining aus
(Urk. 15/2 S. 3f.), über Kampfsporterfahrung verfügte er aber nicht (Urk. 15/1
Rz 53). Das Opfer war mit 175 cm zwar einiges kleiner als der Beschuldigte, bei
einem Gewicht von rund 90 kg (Urk. 21/6 S. 3) allerdings ebenfalls von stämmiger
Statur.
- 15 -
Der Beschuldigte schlug nach eigenen Angaben mit seiner stärkeren linken Hand
gegen die rechte, untere Gesichtshälfte von B._. (Urk. 15/1 Rz 8,und 40;
Urk. 15/2 S. 3). Bei der Aussage von J._, welcher von der rechten Faust
sprach (Urk. 17/13 Rz 13; Urk. 17/14 S. 3), dürfte es sich um eine
Verwechslung handeln, die sich mit der Hektik und Dynamik der Situation
durchaus erklären lässt. Beim Beschuldigten, Linkshänder, ist jedenfalls kein
Grund ersichtlich, weshalb er in diesem Punkt nicht die Wahrheit gesagt haben
soll.
Dass der Beschuldigte, wie die Staatsanwaltschaft im Hauptstandpunkt geltend
macht, den Schlag mit der zur Faust geballten Hand ausgeführt haben soll, lässt
sich nicht nachweisen. Auch anlässlich der heutigen Berufungsverhandlung
bestritt der Beschuldigte vehement, den Privatkläger mit der Faust geschlagen zu
haben, seine Hand sei offen eventuell etwas angewinkelt gewesen (Urk. 85 S. 9;
Prot. II S. 11: "tatzenartige Haltung"). J._, welcher von der Faust sprach, war
mit einem Abstand von rund 20 Metern zwar relativ nahe am Geschehen, als er
die Auseinandersetzung beobachtete (17/13 Rz 13; Urk. 17/14 S. 3). Die
Tatsache, dass er die Hand verwechselte - er sprach durchwegs von der rechten
Faust -, zeigt allerdings auf, wie schwierig es für einen Zeugen ist, bei einem
dynamischen Geschehen unter Beteiligung mehrerer Personen den genauen
Tathergang erkennen zu können. Die übrigen Zeugen konnten oder wollten keine
präzisen Aussagen zur Ausführung des Schlages machen. Der Umstand, dass im
Bereich des Gesichts von B._ keinerlei Hinweise auf eine stumpfe
Gewalteinwirkung festgestellt werden konnten (Urk. 21/6 S. 5), passt jedenfalls
schlecht zum vorgeworfen Schlag mit der Faust. In dubio pro reo und mit der
Vorinstanz ist deshalb davon auszugehen, dass der Beschuldigte, wie von ihm
eingestanden (Urk. 15/2 S. 3; Urk. 15/6 S. 4; Urk. 50 S. 10; Urk. 85 S. 9), mit der
halboffenen Hand B._ ins Gesicht schlug.
Die Wucht des Schlages lässt sich einerseits anhand der Art seiner Ausführung
beurteilen und andererseits aufgrund der Wirkung, welche der Schlag beim Opfer
zeitigte.
Der Beschuldigte selber sagte während der ganzen Untersuchung konstant aus,
dass er mit dem Arm seitlich ausgeholt sowie den Oberkörper zur Unterstützung
- 16 -
leicht abgedreht und auf diese Weise B._ einen Schwinger versetzt habe
(Urk. 17/1 Rz 41; Urk. 15/2 S. 3; Urk. 50 S. 10). Diese Aussagen bestätigte er
auch anlässlich der heutigen Verhandlung (Urk. 85 S. 9f.). J._ sagte in der
polizeilichen Einvernahme demgegenüber aus, dass der Beschuldigte richtig-
gehend ausgeholt und mit voller Wucht und Anlauf zugeschlagen habe. Er habe
richtig gehört, wie es geknallt habe (Urk. 17/13 Rz 13). Anlässlich seiner Einver-
nahme durch den Staatsanwalt sagte er aus, dass es "wie ein K.O. Schlag"
gewesen sei, "einfach ein Peng", beschrieb den Schlag aber als schwingende
Bewegung (Urk. 17/14 S. 3f.). Weiter sagte er aus, dass der Täter mit seinem
Oberkörper sich auch noch zum Opfer hin bewegt und so zugeschlagen habe.
Aus seiner Sicht sei es ein Schlag mit voller Wucht gewesen (Urk. 17/14 S. 6).
Die Aussagen des Zeugen J._ in den beiden Einvernahmen stimmen über-
ein, ein Grund, den Beschuldigten über Gebühr belasten zu wollen, ist bei ihm
nicht ersichtlich. Dennoch sind gewisse Zweifel an seinen Aussagen bzw. an sei-
nen Wahrnehmungen angebracht. Hätte der Beschuldigte den Schlag so wie vom
Zeugen beschrieben ausgeführt - mit der Faust und zwar mit Anlauf und unter
Einsatz seines Oberkörpers -, hätten mit grösster Wahrscheinlichkeit Verletzun-
gen im Gesicht des Beschuldigten resultieren müssen (wenn nicht gar Brüche, so
doch geplatzte Hautpartien oder zumindest Schwellungen und Hämatome).
Solche gab es aber nicht (Urk. 21/6 S. 5). Wie bereits erwähnt, hatte dieser Zeuge
die Hand, mit welcher der Beschuldigte den Schlag ausführte, verwechselt. Er war
auch der einzige, der schon beim Aufschlag der Faust im Gesicht des Opfers
einen Knall gehört haben will. Von einer vergleichbaren Wahrnehmung berichtete
keiner der übrigen Zeugen. Das Geräusch, von welchem F._ berichtete, be-
zog sich auf das Aufschlagen des Kopfes auf dem Asphalt (Urk. 17/9 Rz 12;
Urk. 17/10 S. 5).
I._ (Urk. 17/1 Rz 6; Urk. 17/2 S. 4) und J._ (Urk. 17/13 Rz 13;
Urk. 17/14 S. 3) sagten unabhängig voneinander aus, dass B._
unmittelbar nach dem Schlag zu Boden gegangen sei. Es besteht kein Anlass, an
diesen übereinstimmenden Aussagen der beiden unbeteiligten Zeugen zu
zweifeln. Die Darstellung des Beschuldigten, wonach B._ zunächst
getorkelt und erst nach einigen Sekunden umgefallen sei (Urk. 15/1 Rz 8;
Urk. 15/2 S. 6; Urk. 50 S. 8 und S. 11), ist als Schutzbehauptung zu qualifizieren.
- 17 -
Als Beschuldigter hatte er von Anfang an ein erhebliches Interesse, die Wirkung
seines Schlages herunterzuspielen. Dies zeigt sich insbesondere in seinen
Aussagen zur Reaktion des Opfers, nachdem es auf den Boden gefallen war.
Nach seinen Angaben soll B._ sich mit dem Oberkörper wieder
aufgerichtet haben (Urk. 15/1 Rz 8 und Rz 56ff.; Urk. 50 S. 13). Diese Darstellung
widerspricht den Wahrnehmungen der übrigen Zeugen, welche davon sprachen,
dass B._ regungslos, allenfalls unter unkontrolliertem Zucken, am
Boden liegen geblieben sei (Urk. 17/2 S. 3 [I._]; Urk. 17/9 Rz 18 [F._];
Urk. 17/17 Rz 12 [G._]; Urk. 17/23 Rz 17 [H._]). Einzig E._ erwähnte
bei der polizeilichen Befragung, dass B._, nachdem er zu Boden gegangen
sei, auf dem Boden "gehockt" sei (Urk. 17/3 Rz 33). Anlässlich seiner
Einvernahme durch den Staatsanwaltschaft konnte oder wollte er sich an die
Details der Tat weitgehend nicht mehr erinnern, was sich nicht anders erklären
lässt, als dass er den Beschuldigten nicht belasten wollte (Urk. 17/5 S. 3ff.). Seine
Aussagen vermögen daher die übereinstimmenden Wahrnehmungen der übrigen
Zeugen nicht in Zweifel zu ziehen.
Im Resultat ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte den Privatkläger
B._ mit einem heftigen, schwingenden Schlag mit der halboffenen
linken Hand in die rechte, untere Gesichtshälfte schlug, worauf dieser nach einem
allenfalls unbewussten Schritt als Folge des Impulses sofort zusammensackte
und direkt zu Boden stürzte. Entgegen den Ausführungen der Anklagebehörde -
wonach das sofortige Zusammensacken des Opfers und dessen Aufprall nur mit
einem ganz massiven, wuchtigen Schlag des Beschuldigten zu erklären sei
(Urk. 88 S. 3) - kann auch ein 'bloss' heftiger Schlag Ursache des Sturzes des
Privatklägers gewesen sein, zumal letzterer kurz vor dem Schlag aufgrund eines
Schaukampfs auf E._ fixiert war und offenbar völlig unerwartet
getroffen wurde (Urk. 85 S. 8 und S. 11). Das Überraschungsmoment
verunmöglichte es ihm, den Schlag auf irgendeine Art abzufangen.
4.2.6. Zum Verhalten des Beschuldigten nach dem Schlag ins Gesicht von
B._ kann zur Vermeidung von Wiederholungen vorbehaltlos auf die
zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 68 S. 73f.
Ziff. 9.4.).
- 18 -
4.3. Am Sachverhalt gemäss Anklageschrift sind somit folgende Präzisierungen
bzw. Korrekturen anzubringen: Der Beschuldigte versetzte B._ mit der linken,
halboffenen Hand, wobei er mit dem Arm seitlich bis zur Brusthöhe
ausholte und dabei den Oberkörper leicht drehte, einen heftigen, schwingenden
Schlag in die untere, rechte Gesichtshälfte. Der Privatkläger sackte sofort
zusammen und stürzte direkt zu Boden, wo er mit seinem Kopf auf dem Asphalt
aufschlug und bewusstlos liegenblieb. Allenfalls machte er, vom Schlag getroffen,
noch einen unbewussten Ausfallschritt als Folge des Impulses. Im übrigen ist der
Sachverhalt gemäss Anklageschrift in objektiver Hinsicht erstellt.
4.4. Was der Beschuldigte bei Ausführung des Schlages ins Gesicht von
B._ wusste, wollte oder in Kauf nahm, gehört zum Inhalt des
subjektiven Tatbestandes. Dabei geht es um einen inneren Vorgang, auf den
anhand der eingehenden Würdigung des äusseren Verhaltens des Täters sowie
allenfalls weiterer Umstände geschlossen werden kann. Auch wenn die
Feststellung des subjektiven Tatbestandes Bestandteil der Sachverhaltsabklärung
ist, erweist es sich in casu zwecks Vermeidung unnötiger Wiederholungen als
zweckmässig, im Rahmen der nachfolgenden rechtlichen Würdigung näher darauf
einzugehen, was der Beschuldigte bei seiner Handlung gewusst, gewollt bzw. in
Kauf genommen hat, zumal in diesem Bereich Tat- und Rechtsfragen sehr eng
miteinander verbunden sind (Pra 82 (1993) Nr. 237 S. 881 f.; BGE 119 IV 242 ff.
und 248).
An dieser Stelle sind immerhin die folgenden Tatumstände aufzuführen, welche
gemäss den vorstehenden Erwägungen erwiesen und für die rechtliche
Würdigung des subjektiven Tatbestandes relevant sind. Danach steht fest, dass
B._ mit seinen Kumpels F._, H._ und G._, welche ausser
F._ erkennbar angetrunken waren, am frühen Abend des 10. April 2011,
nach dem Fussballderby ... gegen ..., um das Stadion zog, wobei namentlich
H._ und B._ durch aggressives, pöbelndes Verhalten auffielen. Vor dem
Restaurant K._ kam es zu einem ersten Aufeinandertreffen mit der Gruppe,
in welcher sich der Beschuldigte und E._ aufhielten. Der Beschuldigte und
seine Begleiter verhielten sich zu diesem Zeitpunkt passiv und liessen sich auf
keinen Streit ein. Eine Weile später, gegen 18:20 Uhr, begegneten sich die beiden
- 19 -
Gruppen an der ...strasse ein zweites Mal. Der Beschuldigte und seine
Begleiter wurden von H._ und B._ erneut angepöbelt, und diese
hörten damit auch nicht auf, als sich die beiden Gruppen bereits gekreuzt hatten.
Nun riss der Geduldsfaden beim Beschuldigten, er und E._ gingen auf die
Unruhestifter zu. Der Beschuldigte stiess zunächst F._, welcher als einziger
seiner Gruppe nüchtern war und die angespannte Situation zu entschärfen
versuchte, von sich weg, so dass dieser hinfiel, allerdings ohne sich zu verletzen.
Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Beschuldigte das Herantreten
von F._ als feindliche Annährung wertete. Ebenfalls kann nicht ausgeschlos-
sen werden, dass der Beschuldigte noch vor dem tätlichen Angriff auf B._
versuchte, H._ zu schlagen, was allerdings nicht gelang bzw. von H._
gar nicht richtig wahrgenommen wurde. Danach drehte sich der Beschuldigte um
und erblickte rechts von ihm, leicht schräg nach vorne versetzt, E._ und die-
sem gegenüber B._, beide mit erhobenen Fäusten. Der Beschuldigte,
188 cm gross, ca. 118 kg schwer und trainiert, ging von der Seite her auf
B._, 175 cm gross und ca. 90 kg schwer, zu und schlug ihn wie zuvor
beschrieben, so dass dieser zu Boden ging und sich schwere Verletzungen
zuzog. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass B._ den
Beschuldigten noch vor Ausführung des Schlages mit den Augen wahrgenommen
hatte. Zu einem Ausweichen oder einer Abwehr war er indessen nicht fähig, war
er doch primär auf E._ fixiert und dürfte auch sein alkoholisierte Zustand sei-
ne Reflexe beeinträchtigt haben, so dass der Schlag ihn überraschend traf.
III. Rechtliche Würdigung
1. Die Anklagebehörde stellt sich auf den Standpunkt, der Beschuldigte habe
mit seiner Handlung den objektiven und subjektiven Tatbestand der (eventual-)
vorsätzlichen schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1 StGB
erfüllt (Urk. 32, Urk. 51). Der amtliche Verteidiger qualifiziert die Tat hingegen als
fahrlässige schwere Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB
(Urk. 56; Urk. 69), allenfalls in Konkurrenz mit einer eventualvorsätzlichen ein-
fachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB ( Prot. II S. 11).
- 20 -
2. Diese beiden (Haupt-)Tatbestände sind in objektiver Hinsicht, d.h. was Art
und Ausmass der Körperverletzungen betrifft, identisch (BSK Strafrecht
II-Roth/Keshelava, N 4 zu Art. 125). Die Vorinstanz hielt mit zutreffender Begrün-
dung fest, dass die Verletzungen, welche B._ als Folge des Schlages durch
den Beschuldigten erlitt, unmittelbare Lebensgefahr begründeten, und dass der
Kausalzusammenhang zwischen dem Schlag und den lebensgefährlichen
Verletzungen zu bejahen ist. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann darauf
verwiesen (Urk. 68 S. 77f. Ziff. 2.2.) und im Ergebnis festgehalten werden, dass
die objektiven Voraussetzungen von Art. 122 Abs. 1 StGB und damit auch von
Art. 125 Abs. 2 StGB erfüllt sind.
3. Die rechtlichen Grundlagen zu den subjektiven Tatbestandsmerkmalen - den
verschiedenen Vorsatzformen (direkter Vorsatz, Eventualvorsatz) einerseits und
zur Fahrlässigkeit andererseits - wurden von der Vorinstanz ausführlich und zu-
treffend dargelegt, so dass zunächst darauf verwiesen werden kann (Urk. 68
S. 78ff. Ziff. 2.3.1.). Für den vorliegenden Fall entscheidend ist die Abgrenzung
des Eventualvorsatzes von der bewussten Fahrlässigkeit. Eventualvorsatz und
bewusste Fahrlässigkeit stimmen auf der Wissensseite überein. In beiden Fällen
ist dem Täter die Möglichkeit, das Risiko der Tatbestandsverwirklichung bewusst.
Die entscheidende Differenz liegt auf der Willensseite. Auch wer jene Möglichkeit
erkennt, kann sich, selbst leichtfertig, über sie hinwegsetzen, d.h. darauf vertrau-
en, dass nichts passieren werde. In diesem Fall liegt bewusste Fahrlässigkeit vor.
Eventualvorsatz ist demgegenüber gegeben, wenn der Täter den Eintritt des
Erfolges beziehungsweise der Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber
dennoch handelt, weil er den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt,
sich mit ihm abfindet, mag er ihm auch unerwünscht sein (BSK StGB-Jenny, N 53
zu Art. 12; BGE 131 IV 4 E.2.2 mit diversen Hinweisen). Eine zentrale Rolle
spielen beim nicht geständigen Täter die Tatumstände. Ob der Täter die Tatbe-
standsverwirklichung in Kauf genommen hat, muss das Gericht aufgrund der Um-
stände entscheiden. Dazu gehören die Grösse des dem Täter bekannten Risikos
der Tatbestandsverwirklichung, die Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung, die
Beweggründe des Täters und die Art der Tathandlung. Je grösser die Wahr-
scheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung ist und je schwerer die Sorgfalts-
pflichtverletzung wiegt, desto näher liegt die Schlussfolgerung, der Täter habe die
- 21 -
Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen und nicht darauf vertraut, dass sich
das ihm bekannte Risiko nicht verwirklichen werde. Das Gericht darf vom Wissen
des Täters auf den Willen schliessen, wenn sich diesem der Eintritt des Erfolges
als so wahrscheinlich aufdrängte, dass die Bereitschaft, ihn als Folge hinzu-
nehmen, vernünftigerweise nur als Inkaufnahme des Erfolges ausgelegt werden
kann. Eventualvorsatz kann auch vorliegen, wenn sich der Eintritt des tatbe-
standsmässigen Erfolges statistisch gesehen nur relativ selten verwirklicht. Doch
darf in diesem Fall nicht allein aus dem Wissen des Beschuldigten um die
Möglichkeit des Erfolgseintritts auf dessen Inkaufnahme und damit auf Eventual-
vorsatz geschlossen werden. Vielmehr müssen weitere Umstände hinzukommen.
Für die rechtliche Qualifikation von Körperverletzungen als Folge von Faust-
schlägen sind die Heftigkeit des Faustschlages und die Verfassung des Opfers
von massgeblicher Bedeutung (Entscheid des Bundesgerichts 6B_388/2012 vom
12. November 2012, Erw. 2.2.1., mit weiteren Hinweisen, und Erw. 2.4.2.).
4.1. Dazu befragt, weshalb er B._ geschlagen habe, sagte der
Beschuldigte in seiner ersten, polizeilichen Befragung aus, dass er gewollt habe,
dass er (B._) aufhöre, dass dieser merke, dass es falsch sei und
erschrecke (Urk. 15/1 Rz 44), dass B._, wie wenn ein Vater seinem Jungen
eins klöpfe, es "checkt" und merke: "lönd mir das jetzt lieber" (Urk. 15/1 Rz 61). Er
habe den Eindruck gehabt, dass E._ jeden Moment von B._ geschlagen
werden könne. Er habe nicht das Gefühl gehabt, dass E._ einen Schlag hät-
te abwenden können, weshalb er dazwischen gegangen sei (Urk. 15/1 Rz 49). In
der folgenden Einvernahme durch den Staatsanwalt sagte er aus, er habe erwar-
tet, dass B._ erschrecke, aufhöre und weggehe. Dies habe er bei anderer
Gelegenheit schon so umsetzen können (Urk. 15/2 S. 4). In der Schlusseinver-
nahme sagte er aus, dass er B._ nicht habe verletzen, sondern erschrecken
wollen. Hätte er ihn verletzen wollen, hätte er ihm die Faust gegeben. Ihm sei be-
wusst, dass ein starker Schlag gegen das Gesicht eines Angetrunkenen bewirken
könne, dass dieser stürze. Deshalb habe er auch nicht stark zugeschlagen. Er
habe gesehen, dass B._ betrunken gewesen sei. Er habe lange Erfahrung
als Türsteher und habe Erfahrung mit betrunkenen Personen. Er wisse, wie
schnell diese stürzen können. Er habe deshalb mit der offenen Hand und nicht
fest geschlagen (Urk. 15/6 S. 4f.). Anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhand-
- 22 -
lung sagte er zur angestrebten Wirkung seines Schlages aus, dass zuerst ein
Schreck komme, dass es dem Getroffenen den Kopf richtig durchschüttle, nicht
aber gleich zu Boden werfe. Sein Schlag sei sicher kein Streicheln gewesen, aber
er wisse, wie viel Kraft er habe. Er habe den Schlag nicht so dosiert, das B._
gleich umfalle oder es ihn aus den Schuhen haue. Der Schlag sei als Schockef-
fekt gedacht gewesen (Urk. 50 S. 11 und S. 16). Auch heute führte er aus, dass
er B._ geschlagen haben, weil dieser auf seinen Kollegen losgegangen sei.
Er habe erreichen wollen, dass er von ihm ablasse. Er habe gedacht, sein Schlag
sei nicht so heftig, dass es ihn aus den Schuhen haue oder er gleich umfallen
würde. Er habe ihn auch nicht verletzen wollen. Er habe vielleicht gedacht, dass
ihm seine Wange etwas pochen, aber nicht, dass er eine blutige Nase davon tra-
gen würde oder er sich am Kopf schwer verletzen würde. Das wünsche man ja
niemandem. Es hätte ihn auch erstaunt, wenn ihm nach dem Schlag ein Zahn
gewackelt hätte, er habe ihm keine Verletzungen zufügen wollen. Wenn er ihn
hätte verletzen wollen, hätte er ihn anders angegriffen (Urk. 85 S. 8, 10 und 12f.).
4.2. Der Beschuldigte, welcher zur Absicht und beabsichtigten Wirkung seines
Schlages in allen Einvernahmen wie dargelegt im Wesentlichen gleich aussagte,
stellt sich somit auf den Standpunkt, nicht gewollt zu haben, dass sich B._
verletze. Er habe gedacht, dass es ihm den Kopf richtig durchschüttle, und ihn
damit erschrecken und zum Aufhören bewegen wollen. Ihm sei bewusst gewesen,
dass B._ angetrunken gewesen sei und dass angetrunkene Personen
schnell stürzen können. Deshalb habe er mit der offenen Hand und nicht fest ge-
schlagen. Hätte er ihn verletzten wollen, hätte er ihm die Faust
gegeben. Diese Aussagen des Beschuldigten über seine innere Einstellung, im
Resultat bestreitet er, mit seinem Schlag eine schwere Körperverletzung von
B._ in Kauf genommen zu haben, sind nachfolgend aufgrund der äusseren
Tatumstände auf ihre Plausibilität zu überprüfen.
4.3. Der Beschuldigte und seine Begleiter, darunter E._, wurden von der
Gruppe, zu welcher B._ gehörte, wiederholt angepöbelt und zum Streit her-
ausgefordert, wobei namentlich H._ aber auch B._ durch verbal-
aggressives Verhalten auffielen. Die Gruppe mit dem Beschuldigten
verhielt sich zunächst passiv und liess sich auf keinen Streit ein. Erst beim
- 23 -
zweiten Aufeinandertreffen, als sie von H._ und B._ erneut angepöbelt
wurde, und diese damit auch nicht aufhörten, als sich die beiden Gruppen bereits
gekreuzt hatten, riss beim Beschuldigten der Geduldsfaden. Er ging
zusammen mit E._ auf die Unruhestifter zu, stiess zunächst F._, wel-
cher als einziger seiner Gruppe nüchtern war, sich dazwischen stellte und die an-
gespannte Situation zu entschärfen versuchte, von sich weg, so dass dieser hin-
fiel, allerdings ohne sich zu verletzen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammen-
hang die Aussage von F._, wonach der Beschuldigte vor dem Stoss zu ihm
gesagt habe, dass "jetzt (ist) aber Schluss, genug" sei (Urk. 17/10 S. 5; Urk. 17/9
Rz 12). Dieser Ausspruch passt zur sinngemässen Darstellung des Beschuldig-
ten, wonach er habe klarmachen wollen, dass die Provokateure ihr Treiben ein-
stellen und sich aus dem Staub machen sollen.
Als sich der Beschuldigte umdrehte, erblickte er rechts von ihm E._ und die-
sem gegenüber B._, beide mit erhobenen Fäusten. Der Beschuldigte will
nach eigenen Angaben den Eindruck gehabt haben, dass E._ mit B._
nicht zurecht komme, und deshalb eingegriffen haben (Urk. 15/1 Rz 49). Er habe
E._ helfen wollen (Urk. 15/6 S. 6). E._ selber sagte aus, dass er nicht
wisse, weshalb der Beschuldigte B._ geschlagen habe, er aber vermute,
dass der Beschuldigte ihn habe beschützen wollen (Urk. 17/3 Rz 31). Anlässlich
seiner Einvernahme als Zeuge sprach er davon, dass der Beschuldigte ihm gehol-
fen habe (Urk. 17/5 S. 3). Aus den Aussagen von E._ geht somit nicht her-
vor, dass dieser selbst sich in einer Notlage gefühlt und die Hilfe des Beschuldig-
ten daher nötig gehabt habe. Dennoch wertete er das Eingreifen des Beschuldig-
ten so wie dieser selber, nämlich als Hilfestellung. Diese Motivlage des
Beschuldigten lässt sich mit seiner Darstellung, er habe B._ durch den
Schlag erschrecken und zum Aufhören bewegen wollen, in Einklang bringen,
auch wenn sie nicht ausschliesst, dass der Beschuldigte einen sofortigen Knock-
out von B._ und damit ein unkontrolliertes Stürzen in Kauf nahm.
Letzteres wäre indessen stimmiger, wenn der Beschuldigte selber zuvor von
B._ geschlagen oder auf ähnlich schwere Weise gereizt worden wäre und
deshalb aus blinder Wut zugeschlagen hätte oder von Rachegefühlen geleitet
gewesen wäre, wofür aber keine Anhaltspunkte vorliegen.
- 24 -
B._ war angetrunken, was dem Beschuldigten nicht entgangen war. Er sel-
ber sprach davon, dass B._ auch gelallt habe. Dieser sei zwar nicht extrem
auffällig gewesen, habe aber schon leicht getorkelt (Urk. 15/1 Rz 62ff.). Der Be-
schuldigte, welcher über Erfahrung als Türsteher verfügte, wusste auch, dass be-
trunkene Personen rasch stürzen können. Die Gefahr, dass ein Schlag ins Ge-
sicht von B._ einen Sturz zur Folge haben könnte, war ihm somit bekannt.
Diese Gefahr war vorliegend dadurch noch etwas grösser, als B._, welcher
primär auf E._ fixiert war, vom Schlag überrascht wurde, zeigte er doch kei-
nerlei Abwehrmassnahmen. Dem Beschuldigten kann zwar nicht vorgeworfen
werden, B._ hinterrücks angegriffen zu haben. Wie erwähnt kann nicht aus-
geschlossen werden, dass B._ den Beschuldigten vor Ausführung des
Schlages noch erblickte. Viel Zeit für eine Reaktion blieb B._, welcher durch
die Angetrunkenheit in seinen Reflexen zusätzlich eingeschränkt gewesen sein
dürfte, allerdings nicht, was dem Beschuldigten klar sein musste. Hinzu kommt,
dass der Beschuldigte B._ körperlich überlegen war, wobei relativierend an-
zufügen ist, dass B._ zwar kleiner war, aber ebenfalls über eine stattliche
Statur verfügte. Unter den genannten Umständen muss davon ausgegangen wer-
den, dass dem Beschuldigten nicht nur die Gefahr eines Sturzes auf den Boden
bewusst war, was die Möglichkeit einer Verletzung miteinschliesst, sondern auch
die Gefahr, dass der Sturz unkontrolliert verlaufen und der Beschuldigte unge-
bremst mit dem Kopf auf dem Boden aufschlagen kann. Da die Auseinanderset-
zung auf asphaltiertem Grund stattfand, was für alle Beteiligten offensichtlich war,
muss dem Beschuldigten daher auch die Gefahr einer schweren Körperverletzung
bewusst gewesen sein. Die Beurteilung der Grösse dieser Gefahr hat unter Ein-
bezug der Intensität des Schlages zu erfolgen.
Was dies betrifft, ist in den Aussagen des Beschuldigten die Tendenz zu erken-
nen, den Schlag zu verharmlosen, sprach er doch bis zuletzt von einer "Flättere",
womit umgangssprachlich eine Ohrfeige, d.h. ein klatschender Schlag mit der
offenen Hand auf eine Gesichtshälfte, gemeint ist (Urk. 15/6 S. 6; Urk. S. 8ff.).
Davon kann vorliegend keine Rede sein, was der Beschuldigte, stellt man auf
seine eigene konkrete Umschreibung des Schlages ab, an sich auch einräumte.
Wie ausgeführt, holte er mit seinem Arm seitlich bis zur Brusthöhe aus und drehte
dabei seinen Oberkörper leicht ab und schlug B._ in die rechte, untere Ge-
- 25 -
sichtshälfte. Den Schlag führte er allerdings nicht mit gestrecktem Arm und zur
Faust geballter Hand, sondern mit einer schwingenden Bewegung mit der halb-
offenen Hand aus, was weniger verletzungsanfällig ist. Der Schlag war dennoch
heftig aber, wie die fehlenden Verletzungen im Gesichtsbereich zeigen, weder mit
vollster noch voller Wucht ausgeführt worden.
Unter diesen Umständen war für den Beschuldigten die Gefahr eines Sturzes und
damit die Möglichkeit von Verletzungen gross. Deutlich weniger hoch war indes-
sen das Risiko, dass B._ als Folge dieses Schlages sofort zusammensacken
und mit dem Kopf gänzlich unkontrolliert, also ohne sich auffangen oder den Sturz
mit den Armen abbremsen zu können, auf dem harten Asphalt aufschlägt und
sich dadurch schwere Verletzungen zuzieht.
4.4. Es handelt sich vorliegend um einen Grenzfall. Ähnlich wie im jüngst vom
Bundesgericht entschiedenen Fall, in dem es auf eventualvorsätzliches Handeln
schloss (Entscheid des Bundesgerichts 6B_388/2012 vom 12. November 2012,
Erw. 2.ff.), war das Opfer in einem reduzierten Zustand, was der Beschuldigte
wusste. Hier kommt noch dazu, dass der Täter dem Opfer körperlich überlegen
war. Vergleichbar mit der Situation im genannten Entscheid des Bundesgerichts
ist auch, dass das Opfer überraschend getroffen wurde, wobei der Beschuldigte
im vorliegenden Fall damit gerechnet haben muss, dass das Opfer zu einer
Abwehrhandlung kaum in der Lage sein würde (im erwähnten Bundesgerichtsent-
scheid war erschwerend davon auszugehen, dass der Täter wusste, dass der
Faustschlag das Opfer völlig überraschend treffen würde). Unterschiedlich ist die
Art und Intensität des Schlages. Im genannten Entscheid des Bundesgerichts war
von einem aussergewöhnlich wuchtigen Schlag auszugehen, der zudem mit der
Faust ausgeführt worden war. Hier ist von einem "nur" heftigen Schlag mit der
halboffenen Hand auszugehen, der zweifellos weniger verletzungsanfällig ist. Der
Beschuldigte, welcher von B._ und seinen Kumpanen wiederholt
provoziert worden war, befand sich wohl in gereizter Stimmung. Dafür, dass er in
blinder Wut oder von Rachegefühlen geleitet zuschlug, bestehen allerdings keine
Anhaltspunkte. Vielmehr ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte B._
und dessen Begleiter klarmachen wollte, wer an diesem Ort das Sagen hat und
dass er und seine Begleiter die falschen Gegner sind. Diese Botschaft wollte er
- 26 -
mit Nachdruck, gegebenenfalls unter Einsatz von Gewalt, vermitteln. Dass er im
Moment, als er E._ und B._ in kampfbereiter Stellung sich gegenüber
stehen sah, E._ beistehen wollte, in dem er B._ mit einem
kräftigen Schlag den Kopf durchschütteln und dadurch erschrecken und zum
Aufhören bewegen wollte, ist aufgrund der gegebenen Umstände plausibel. Der
Beschuldigte handelte mit seinem Schlag ins Gesicht von B._ zweifellos
pflichtwidrig; es hätten mehrere Alternativen bestanden, um die Situation ohne
Verletzungsgefahr für B._ zu beenden. Die Gefahr eines Sturzes und damit
einer Verletzung war wie erwähnt hoch, so dass der Beschuldigte, entgegen sei-
ner Darstellung, eine Verletzungsfolge jedenfalls billigte. Die Gefahr einer schwe-
ren Körperverletzung war in der vorliegenden Situation indessen deutlich weniger
hoch, so dass nicht mit der nötigen Gewissheit auf Inkaufnahme
geschlossen werden kann. Zu Gunsten des Beschuldigten ist daher davon aus-
zugehen, dass er - pflichtwidrig - darauf vertraute, dass B._ nicht sofort zu-
sammensackt und unkontrolliert mit dem Kopf auf dem Asphalt aufschlägt und
sich so eine schwere Körperverletzung zuzieht. Der subjektive Tatbestand der
schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1 StGB wurde vom
Beschuldigten somit nicht erfüllt, wohl aber derjenige der fahrlässigen schweren
Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB, was er auch selber
anerkennt.
4.5. Nach den obigen Ausführungen ist davon auszugehen, dass der Beschuldig-
te mit seinem Schlag gegen das Gesicht von B._ jedenfalls Verletzungsfol-
gen wie Prellungen, Hämatome, Hirnerschütterung oder ähnliches, die als einfa-
che Körperverletzung zu qualifizieren sind, in Kauf nahm. Der Beschuldigte erfüll-
te mit seinem Handeln somit auch den Tatbestand der einfachen
Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB, welcher in echter Idealkon-
kurrenz zum Tatbestand der fahrlässigen schweren Körperverletzung steht (BGE
134 IV 26ff.). Unter Hinweis darauf, dass B._ aufgrund der Gewalttat vom
10. April 2011 immer noch im künstlichen Koma gehalten werde, forderte dessen
Vertreter mit Eingabe vom 11. Mai 2011 die Bestrafung des Täters (Urk. 23/1).
Ein rechtzeitig erklärter Strafantrag liegt damit vor (vgl. Art. 31 StGB i.V.m.
Art. 123 Ziff. 1 StGB).
- 27 -
5. Rechtfertigungs- oder Schuldausschlussgründe sind nicht ersichtlich.
Namentlich lag keine Notwehrlage vor. Entsprechendes wurde vom Beschuldigten
auch nicht geltend gemacht.
6. Der Beschuldigte ist nach dem Gesagten vom Vorwurf der (eventual-) vor-
sätzlichen schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1 StGB freizu-
sprechen. Er ist demgegenüber der fahrlässigen schweren Körperverletzung im
Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB sowie der einfachen Körperverletzung im Sinne
von Art. 123 Ziff. 1 StGB schuldig zu sprechen.
IV. Strafzumessung
1. Hat der Täter durch eine oder mehrere Handlungen die Voraussetzungen für
mehrere gleichartige Strafen erfüllt, so verurteilt ihn das Gericht zu der Strafe der
schwersten Straftat und erhöht sie angemessen. Es darf jedoch das Höchstmass
der angedrohten Strafe nicht um mehr als die Hälfte erhöhen. Dabei ist es an das
gesetzliche Höchstmass der Strafart gebunden (Art. 49 Abs. 1 StGB).
Sowohl fahrlässige schwere Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB
als auch einfache Körperverletzung im Sinne von 123 Ziff. 1 StGB werden mit
Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft. Der Umstand, dass der
Beschuldigte mehrere Delikte verübte, ist straferhöhend zu berücksichtigen. Aus-
sergewöhnliche Umstände, die ein Überschreiten des ordentlichen Strafrahmens
nach oben erforderlich machen (vgl. Urteil des Bundesgerichtes 6B_238/2009
vom 8. März 2010, E.5.8 mit Hinweisen), liegen allerdings nicht vor. Strafmilde-
rungsgründe sind ebenfalls nicht gegeben, so dass auch gegen unten keine
Ausdehnung des ordentlichen Strafrahmens zur Debatte steht. Die Strafe ist somit
innerhalb des ordentlichen Strafrahmens festzulegen.
2. Die Vorinstanz hat die Strafzumessungskriterien zutreffend dargelegt. Um
Wiederholungen zu vermeiden, kann vollumfänglich darauf verwiesen werden
(Urk. 68 S. 86ff. Ziff. 2. und S. 90 Ziff. 4.1.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
- 28 -
3. Tatkomponente
3.1. Zur objektiven Tatschwere ist zunächst festzuhalten, dass die Verletzungen,
welche der Beschuldigte dem Privatkläger zufügte und in den ersten Stunden
nach der Tat unmittelbare Lebensgefahr bewirkten, schwer wiegen. B._
musste fünf Wochen im künstlichen Koma gehalten (Urk. 48/1 S. 2) und hernach
über zwei Monate in der Rehabilitationsklinik L._ stationär behandelt werden.
Bei Austritt aus der Klinik Ende Juli 2011 waren keine kognitiven Defizite mehr
festzustellen, ebenso wenig eine psychische Störung. Verbliebene
Beschwerden wie leichte Ermüdbarkeit und Lärmempfindlichkeit sowie minim er-
höhte Reizbarkeit machten aber die Fortführung der Behandlung im ambulanten
Rahmen erforderlich, insbesondere zur Vorbereitung der beruflichen Reintegrati-
on (Urk. 48/2 S. 3). Gemäss den Angaben seines Vertreters war der Privatkläger
im April 2012 zu 50% wieder arbeitsfähig (Prot. I S. 13). Die behandelnden Ärzte
gehen davon ausgehen, dass die Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit als
Lokführer aus neuropsychologischer Sicht möglich ist (Urk. 48/2 S. 3). Der bis-
herige Heilungsverlauf und die ärztlichen Berichte lassen erwarten, dass sich der
Privatkläger von seinen Verletzungen zu erholen und auch die volle Arbeitsfähig-
keit wieder zu erreichen vermag. Die Entwicklung zeigt dennoch auf, wie gravie-
rend die Verletzungen und deren Folgen für den Privatkläger und sein Umfeld,
namentlich seine Ehefrau, welche wegen des Vorfalls psychiatrisch behandelt
werden musste, waren und noch sind. Die Bemessung der Tatschwere erfordert
es unter den gegebenen Umständen nicht, weitere ärztliche Berichte einzuholen.
Was die Art und Weise des Vorgehens betrifft, ist hervorzuheben, dass der
Beschuldigte, welcher B._ ohnehin körperlich überlegen war, von der Seite
her, als B._ auf E._ konzentriert war, angriff und dabei damit rechnen
musste, dass sich B._ gegen den Schlag nicht wird wehren können, zumal
dieser angetrunken war, was der Beschuldigte wusste. Die
Vorinstanz hat ihm daher zurecht eine gewisse Heimtücke und Gleichgültigkeit
attestiert. In dieses Bild passt auch, dass der Beschuldigte sich nach dem Schlag
sofort vom Tatort entfernte und sich nicht weiter um das Opfer kümmerte,
obschon er wahrgenommen haben musste, dass B._ bewusstlos am Boden
liegen blieb. Immerhin konnte er darauf vertrauen, worauf die Vorinstanz zurecht
- 29 -
hinwies, dass sich dessen Begleiter um ihn kümmern würden. Dass sich der Be-
schuldigte 90 Minuten später nochmals an den Tatort begab und nach
Spuren (Blut) suchte, um sich ein Bild über die Schwere der Verletzung zu
machen (Urk. 15/2 S. 5), zeigt aber auch, dass der Beschuldigte über ein
(schlechtes) Gewissen verfügt(e).
Der Vorwurf an den Beschuldigten besteht darin, mit seinem Schlag ins Gesicht
von B._ in völlig unangemessener Weise reagiert zu haben. Abgesehen von
einfachen Körperverletzungen wie Prellungen, Hämatome, Hirnerschütterung o-
der ähnliches, welche der Beschuldigte mit seinem Vorgehen in Kauf nahm, han-
delte er hinsichtlich der unmittelbaren Lebensgefahr, welche die von ihm tatsäch-
lich zugefügten Verletzungen bewirkten, bewusst fahrlässig, wobei sich der Grad
der Fahrlässigkeit nahe der Grenze zum Eventualvorsatz bewegt. Dies ist spürbar
verschuldenserhöhend zu gewichten.
Indem der Beschuldigte unter den vorgenannten Umständen B._
gezielt ins Gesicht schlug, beging er objektiv betrachtet eine sehr schwere Sorg-
faltspflichtverletzung. Dass es sich beim Kopf um einen empfindlichen Köperteil
handelt, ist jedermann bekannt. Für den Beschuldigten war es denn auch vorher-
sehbar, dass sein Angriff schwerwiegende Folgen für die Gesundheit des Privat-
klägers haben könnte.
In Würdigung dieser Umstände ist von einem schweren objektiven Verschulden
auszugehen.
3.2. Zur subjektiven Tatschwere ist Folgendes festzuhalten. Wie die Vorinstanz
zutreffend ausführte, wurde der Beschuldigte als Erster handgreiflich, indem er
F._ wegstiess und hernach den Privatkläger angriff, und damit den Streit ge-
walttätig eskalieren lassen. Zu Gunsten des Beschuldigten ist allerdings zu be-
rücksichtigen, dass es die Gruppe um B._ war, welche auf eine Schlägerei
aus war und den Beschuldigten und seine Begleiter solange provoziert hatte, bis
diesen der Geduldsfaden riss. Auch wenn es die Absicht von F._ war, zu
beschwichtigen und die Situation zu entschärfen, kann nicht ausgeschlossen
werden, dass der Beschuldigte sein Dazwischentreten als feindliche Annäherung
empfand. B._ hielt sich zudem nicht etwa im Hintergrund auf, sondern nahm
- 30 -
wie sein Gegenüber E._ Kampfstellung ein. Auch wenn E._ sich nicht in
einer Notlage befand und mit B._ alleine zurecht gekommen wäre, ist es
nachvollziehbar, dass der Beschuldigte diesem Beistand leisten wollte. Diese
Umstände mindern das Verschulden.
Eine Einschränkung der Schuldfähigkeit liegt nicht vor, eben sowenig bestand
Anlass für Notwehrhilfe.
Das objektive Tatverschulden wird durch die subjektive Tatkomponente leicht
relativiert.
3.3. Bei dieser Tatschwere erscheint eine hypothetische Einsatzstrafe von
24 Monaten Freiheitsstrafe als angemessen.
4. Täterkomponente
Die täterbezogenen Strafzumessungselemente wurden von der Vorinstanz
zutreffend gewürdigt, weshalb darauf verwiesen werden kann (Urk. 68 S. 90
Ziff. 4.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich aus seiner Biographie - Herkunft,
Schul- und Berufsbildung, berufliche und soziale Stellung - keine besonderen Auf-
fälligkeiten ergeben, welche sich strafmindernd oder straferhöhend auswirken.
Der Vorstrafe aus dem Jahre 2006, der Beschuldigte wurde wegen SVG-Delikten
mit Fr. 600.- gebüsst, kommt vorliegend keine nennenswerte Bedeutung zu.
Anders die zweite Vorstrafe aus dem Jahre 2010. Der Beschuldigte wurde mit
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 9. November 2010 wegen
Landfriedensbruchs und Tätlichkeiten mit einer bedingten Geldstrafe von
90 Tagessätzen zu Fr. 120.- unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren
sowie einer Busse von Fr. 600.- verurteilt. Diese Vorstrafe, welcher zwei
einschlägige Ereignisse zu Grunde liegen und deren Probezeit im Zeitpunkt der
vorliegend zu beurteilenden Tat noch lief, ist merklich (mehr als nur leicht) straf-
erhöhend zu gewichten.
Sein Verhalten nach der Tat - er hat sich selber bei der Polizei gestellt, den Sach-
verhalt von Anfang an im Wesentlichen eingestanden und durch sein Verhalten
- 31 -
gegenüber dem Privatkläger nach der Tat glaubwürdig Reue und Einsicht
manifestiert - wirkt sich erheblich strafmindernd aus.
Zusammengefasst resultiert aus den Täterkomponenten eine leichte Straf-
minderung.
5. Gesamtwürdigung
Unter Berücksichtigung der dargelegten Strafzumessungskriterien erscheint eine
Strafe von 20 Monaten Freiheitsstrafe als angemessen. Der Anrechnung der
erstandenen Untersuchungshaft von 79 Tagen steht nichts entgegen.
V. Vollzug
1. Das Gericht schiebt den Vollzug einer Freiheitsstrafe von mindestens sechs
Monaten und höchstens zwei Jahren in der Regel auf, wenn eine unbedingte
Strafe nicht notwendig erscheint, um den Täter von der Begehung weiterer
Verbrechen oder Vergehen abzuhalten (Art. 42 Abs. 1 StGB). In subjektiver
Hinsicht ist für die Gewährung des bedingten Strafvollzuges das Fehlen einer
ungünstigen Prognose vorausgesetzt (BGE 134 IV 97 E. 7.3.). Die günstige
Prognose wird also – gemäss Gesetz – vermutet, doch kann diese Vermutung wi-
derlegt werden (BGer 6B_214/2007 vom 13. November 2007, E.5.3.2. am Ende
samt Verweis auf die Botschaft). Die Gewährung des Strafaufschubs setzt mit
anderen Worten nicht mehr die positive Erwartung voraus, der Täter werde sich
bewähren, sondern es genügt die Abwesenheit der Befürchtung, dass er es nicht
tun werde (BGer 6B_1017/2008 vom 24. März 2009, E. 5.1.). Der Strafaufschub
ist deshalb die Regel, von der grundsätzlich nur bei ungünstiger Prognose abge-
wichen werden darf. Er hat im breiten Mittelfeld der Ungewissheit den Vorrang
(BGer 6B_214/2007 vom 13. November 2007, E. 5.3.1.).
Bei der Prognosestellung sind die Tatumstände, das Vorleben, der Leumund
sowie alle weiteren Tatsachen, die gültige Schlüsse auf den Charakter des Täters
und die Aussichten seiner Bewährung zulassen, zu berücksichtigen. Für die
Einschätzung des Rückfallrisikos ist ein Gesamtbild der Täterpersönlichkeit uner-
lässlich. Relevante Tatsachen sind etwa strafrechtliche Vorbelastung, Sozialisati-
- 32 -
onsbiographie und Arbeitsverhalten, das Bestehen sozialer Bindungen, Hinweise
auf Suchtgefährdungen und so weiter. Dabei sind die persönlichen Verhältnisse
bis zum Zeitpunkt des Entscheides mit zu berücksichtigen (eingehend BSK StGB
I – Schneider/Garré, Art. 42 StGB N 43 ff. mit zahlreichen Hinweisen; BGE 134 IV
1; 128 IV 193; 118 IV 97; BGer 6S.408/2003 vom 6. Januar 2004; BGer
6B_1017/2008 vom 24. März 2009 E. 5.2.2.). In der Rechtsprechung fällt auf,
dass dem gleichzeitigen Widerruf des bedingten Vollzugs einer früheren Strafe
besonderes Gewicht bei der Prognosebildung zukommt (BGE 134 IV 140; BGE
116 IV 100; BGer 6B_600/2008 vom 3. Februar 2009, E.3.3.4., 6B_7/2009
vom 4. Mai 2009, E. 2.1. am Ende). Mit in die Beurteilung einzubeziehen ist
schliesslich auch die Schock- und Warnwirkung des Strafverfahrens und der
allenfalls erlittenen Untersuchungshaft (BSK StGB I - Schneider/Garré, N 74 zu
Art. 42 StGB).
Schiebt das Gericht den Vollzug einer Strafe ganz oder teilweise auf, so bestimmt
es dem Verurteilten eine Probezeit von zwei bis fünf Jahren (Art. 44 Abs. 1 StGB).
2. Der Beschuldigte hat zwei Vorstrafen, eine aus dem Jahre 2006 und eine
aus dem Jahre 2010, wobei die jüngere einschlägig ist. Der Beschuldigte hatte
am 1. Mai 2009 anlässlich der 1. Mai-Nachdemonstration an einem zusammenge-
rotteten Haufen teilgenommen, bei welchem mittels Faustschlägen und Fuss-
tritten Gewalttätigkeiten gegen linksextreme Aktivisten begangen wurden. Er wur-
de deswegen mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom
9. November 2010 des Landfriedensbruchs schuldig gesprochen (Urk. 9 der
Beizugsakten). Gleichzeitig erfolgte ein Schuldspruch wegen einer Tätlichkeit. Es
ging dabei um einen Vorfall vom 12. September 2009, welcher sich bei einem
Gerangel zwischen Risikofans anlässlich des Fussballspiels ...-... ereignete. Der
Beschuldigte umschlang einen diensthabenden Beamten der Stadtpolizei von hin-
ten mit den Armen und schleuderte diesen weg, wobei er nicht erkannt hatte,
dass es sich um einen Polizisten handelte. Er wurde mit einer bedingten Geld-
strafe von 90 Tagessätzen zu Fr. 120.- bei einer Probezeit von 2 Jahren und mit
einer Busse von Fr. 600.- bestraft. Bereits fünf Monate nach Erlass dieses Straf-
befehls, noch im ersten Viertel der laufenden Probezeit, beging der Beschuldigte
die Tat, derentwegen er heute vor Gericht steht. Bemerkenswert ist, dass der
- 33 -
Beschuldigte am 10. April 2011 das Fussballspiel gar nicht besucht, sondern sich
erst nach Spielende in die unmittelbare Umgebung des Stadions begeben hatte.
Erneut begab er sich also an einen Anlass bzw. eine Lokalität, in deren Umfeld,
wie er aus eigener Erfahrung wusste, sich immer wieder gewalttätige Auseinan-
dersetzungen zwischen randalierenden Gruppen ereignen. Er hinterlässt
unweigerlich den Eindruck, solche gefahrgeneigte Orte bewusst aufgesucht zu
haben. Das Vorleben des Beschuldigten weist somit deutlich auf Rückfallgefahr
hin.
Positiv zu werten ist zunächst, dass der im Wesentlichen geständige Beschuldigte
echte Reue zeigt und sich beim Privatkläger nicht nur mehrfach entschuldigte,
sondern darüber hinaus Interesse an dessen Person und seinem Heilungsverlauf
zeigt. Auch sein Bemühen um Regelung des von ihm angerichteten finanziellen
Schadens, offenbart, dass er bereit ist, Verantwortung für die Tat zu übernehmen.
Anlässlich der Berufungsverhandlung führte der Beschuldigte aus, er habe fünf,
sechs Monate vor der erstinstanzlichen Verhandlung Kontakt mit dem Privatkläger
gehabt, man sei auch ab und zu einen Kaffee trinken gegangen. Man gehe
anständig miteinander um. Zivilforderungen habe er noch keine beglichen, er
habe noch keine Rechnung erhalten (Urk. 85 S. 5 und S. 18). In die richtige Rich-
tung weist sodann, dass der Beschuldigte gemäss eigenen Angaben
zwischenzeitlich den Kontakt zu seinen damaligen Kollegen aus der Hooligan-
Szene abgebrochen hat und zu diesem Zweck umgezogen und seine Telefon-
nummer gewechselt hat (Urk. 15/6 S. 3; Urk. 50 S. 6). Erfreulich ist auch, dass
der Beschuldigte über eine Arbeitsstelle und geordnete Wohnverhältnisse verfügt
und in einer festen Beziehung lebt. Er will seine Freundin heiraten, sie wollen aber
das Berufungsverfahren abwarten. Er arbeitet nun bei der Firma M._ als
Elementbauer und verdient zwischen Fr. 4'500.– bis 5'000.– (Urk. 85 S. 2f.). Im
Zwischenzeugnis wird unter anderem festgehalten, dass es sich beim Beschuldig-
ten um einen sehr engagierten, verantwortungsbewussten und zuverlässigen
Mitarbeiter handle, sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Mitarbeitern sei
immer freundlich, kooperativ und jederzeit vorbildlich (Urk. 87). Relativierend ist
allerdings anzumerken, dass der Beschuldigte bei Ausübung der Straftaten vom
1. Mai 2009, 12. September 2009 und 10. April 2011 bereits über vergleichbare
- 34 -
Lebensverhältnisse - Wohnung, Arbeit, Freundin - verfügte (Urk. 15/1 Rz 65;
Urk. 27/6 S. 1f.; Urk. 7 S. 4 der Beizugsakten), und dennoch straffällig wurde.
Hinzu kommt nun aber, dass der Beschuldigte im Rahmen des vorliegenden
Strafverfahrens sich 2 1⁄2 Monate in Untersuchungshaft befand, was für ihn eine
schlimme Erfahrung war (Urk. 15/5 S. 3f.). Überdies ist der bedingte Vollzug der
Geldstrafe, welche mit Strafbefehl vom 9. November 2010 ausgefällt wurde, zu
widerrufen (vgl. Ziff. VI.). Die Warnwirkung, welche diese Sanktionen auf den
Beschuldigten ausüben, verbunden mit der positiven Tendenz, welche in der
Lebensführung des Beschuldigten zu erblicken ist, lassen trotz der einschlägigen
Vorstrafe erwarten, dass der Beschuldigte den Ernst der Lage nun begreift und in
Zukunft von der Begehung weiterer Delikte absehen wird.
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe ist demnach aufzuschieben. Den verbleiben-
den Bedenken ist mit einer auf drei Jahre verlängerten Probezeit Rechnung zu
tragen.
VI. Widerruf
1. Begeht der Verurteilte während der Probezeit ein Verbrechen oder Ver-
gehen und ist deshalb zu erwarten, dass er weitere Straftaten verüben wird, so
widerruft das Gericht die bedingt ausgesprochene Strafe oder den bedingt ausge-
sprochenen Teil der Strafe (Art. 46 Abs. 1 StGB). Die Begehung eines
Verbrechens oder Vergehens während der Probezeit bildet also - wie schon unter
altem Recht - einen möglichen Widerrufsgrund. Die neu begangene Straftat muss
dabei eine gewisse Mindestschwere aufweisen, nämlich mit Freiheits- oder Geld-
strafe bedroht sein. Allerdings führt ein während der Probezeit begangenes Ver-
brechen oder Vergehen nicht zwingend zum Widerruf des bedingten Strafauf-
schubs. Dieser soll nach Art. 46 Abs. 1 StGB nur erfolgen, wenn „deshalb“, also
wegen der Begehung des neuen Delikts, zu erwarten ist, dass der Täter weitere
Straftaten verüben wird. Das heisst, dass die Prognose seines künftigen Legal-
verhaltens in solchem Fall erneut gestellt werden muss, wobei dem Richter bei
diesem Entscheid ein Ermessensspielraum zusteht (BGE 134 IV 140 ff. unter
dortige Hinweise zu Literatur).
- 35 -
Die Anforderungen an die Prognose der Legalbewährung für den Widerrufs-
verzicht sind unter neuem Recht weniger streng. Früher setzte der Verzicht auf
einen Widerruf unter anderem die „begründete Aussicht auf Bewährung“ (Art. 41
Ziff. 3 Abs. 2 aStGB) voraus. Es ging dabei der Sache nach um dieselbe Voraus-
setzung wie bei der Gewährung des bedingten Strafvollzugs, nämlich um die posi-
tive Erwartung, der Täter werde sich inskünftig wohl verhalten (BGE 98 IV 76).
Unter neuem Recht soll hingegen vom Widerruf abgesehen werden können, wenn
nicht zu erwarten ist, dass der Täter weitere Straftaten begehen wird. Verlangt
wird also nicht mehr eine günstige Prognose, sondern das Fehlen einer ungünsti-
gen Prognose. Mit anderen Worten ist eine bedingte Strafe oder der bedingte Teil
einer Strafe nur zu widerrufen, wenn von einer negativen Einschätzung der
Bewährungsaussichten auszugehen ist, das heisst aufgrund der erneuten Straf-
fälligkeit eine eigentliche Schlechtprognose besteht. Die Prüfung der Bewäh-
rungsaussichten des Täters ist anhand einer Gesamtwürdigung aller wesentlicher
Umstände vorzunehmen.
Bei der Beurteilung der Bewährungsaussichten im Falle des Widerrufs des
bedingten Strafvollzuges einer Freiheitsstrafe ist im Rahmen der Gesamtwürdi-
gung auch mit zu berücksichtigen, ob die neue Strafe bedingt oder unbedingt
ausgesprochen wird. Der Richter kann zum Schluss kommen, dass vom Widerruf
des bedingten Strafvollzuges abgesehen werden kann, wenn die neue Strafe voll-
zogen wird. Auch das Umgekehrte ist zulässig: Wenn die frühere Strafe wider-
rufen wird, kann unter Berücksichtigung ihres nachträglichen Vollzugs eine
Schlechtprognose für die neue Strafe im Sinne von Art. 42 Abs. 1 StGB verneint
und diese folglich bedingt ausgesprochen werden (BGE 134 I 140; BGE 116 IV
177; BGE 107 IV 91, BSK StGB I - Schneider/Garré, N 36 zu Art. 46 StGB).
2. Wie bereits bei der Frage des Vollzugs erwähnt, machte sich der Beschul-
digte nicht zum ersten Mal strafbar. Die Geldstrafe von 90 Tagessätzen zeigt,
dass die Tat, welche der jüngsten Vorstrafe zu Grunde liegt, keinen Bagatell-
charakter hatte. Bereits fünf Monate nach Erlass des Strafbefehls vom 9. Novem-
ber 2010, während laufender Probezeit, wurde der Beschuldigte erneut straffällig.
Die aktuelle Tat ist nicht nur einschlägiger Natur, sondern auch viel gravierender.
Wie bereits erwähnt, ist deswegen von deutlicher Rückfallgefahr auszugehen.
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Beim Beschuldigten ist zwar eine positive Tendenz auszumachen (vgl. vor-
stehende Ziff. V.2.). Diese ist allerdings noch zu wenig deutlich bzw. zu wenig
lang anhaltend und vermag deswegen die festgestellte Rückfallgefahr nicht
ausreichend zu schmälern.
Es ist deshalb unumgänglich, die mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-
Limmat vom 9. November 2010 ausgefällte bedingte Geldstrafe von 90 Tagessät-
zen zu Fr. 120.- zu vollziehen. Die Möglichkeit, diese bedingte Strafe zu wider-
rufen und mit der neu auszufällenden Strafe eine Gesamtstrafe zu bilden (Art. 46
Abs. 1 2. Satz StGB), besteht nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung nicht, da
eine vorbestehende Geldstrafe nicht in eine Freiheitsstrafe, welche eine schwere-
re Sanktion darstellt, umgewandelt werden darf (BGE 137 IV 249ff.). Dass die
Vorinstanz diese Vorstrafe nicht widerrufen, sondern die Probezeit verlängert hat
und diese Anordnung von keiner Partei angefochten wurde, steht einem Widerruf
im vorliegenden Berufungsverfahren nicht entgegen. Wie bereits dargelegt,
verstösst die Anordnung des Widerrufs nicht gegen das Verbot der reformatio in
peius, fällt dieser Entscheid im Ergebnis doch besser für den Beschuldigte aus als
das Urteil der Vorinstanz, welche den Vollzug von sechs Monaten Freiheitsstrafe
beinhaltete (vgl. vorstehende Ziff. I. 6.).
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Die Kosten des Berufungsverfahrens sind auf Fr. 3'000.– zu veranschlagen
(Art. 424 Abs. 1 StPO i.V.m. § 16 Abs. 1 und § 14 der Gebührenverordnung des
Obergerichts, LS. 211.11).
2. Im Berufungsverfahren erfolgt die Auflage der Kosten nach Massgabe des
Obsiegens oder Unterliegens der Parteien (Art. 428 Abs. 1 StPO). Der Beschul-
digte obsiegt im Schuldpunkt, allerdings nur teilweise. Neben dem beantragten
Schuldspruch wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung im Sinne von
Art. 125 Abs. 2 StGB erfolgte eine Verurteilung wegen einfacher Körperverletzung
im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB. Dementsprechend sind die Kosten zu einem
Viertel dem Beschuldigten aufzuerlegen und zu drei Vierteln auf die Gerichts-
kasse zu nehmen. Die Kosten seiner amtlichen Verteidigung sind zu drei Vierteln
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definitiv und einem Viertel einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen. Hinsicht-
lich der einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmenden Kosten der amtlichen
Verteidigung bleibt die Rückzahlungspflicht gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO vorbe-
halten.
3. Gemäss Art. 433 Abs. 1 lit. a StPO hat die Privatklägerschaft gegenüber der
beschuldigten Person Anspruch auf eine angemessene Entschädigung für not-
wendige Aufwendungen im Verfahren, wenn sie obsiegt. Vorliegend unterliegt die
Privatklägerschaft mit ihrem Antrag auf Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
(Prot. II S. 12), weshalb ihr keine Prozessentschädigung zuzusprechen ist.