Decision ID: 90335710-d97d-5a76-aa0b-142f6a4d8871
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 2. Mai 2018 bei der Gemeinde Reichenbach im
Kandertal ein Baugesuch ein für den Umbau und die Sanierung des Wohn- und
Gewerbehauses auf Parzelle Reichenbach im Kandertal Grundbuchblatt Nr. E._.
Die Parzelle liegt in der Dorfkernzone D. Gegen das Bauvorhaben erhoben die
RA Nr. 110/2019/18 2
Beschwerdeführenden Einsprache. Mit Gesamtentscheid vom 4. Januar 2019 erteilte die
Gemeinde Reichenbach im Kandertal die Baubewilligung inklusive der drei beantragten
Ausnahmebewilligungen (Unterschreitung der Dachneigung des Dachschleppers nach Art.
16 GBR1, Unterschreitung des Gebäudeabstands nach Art. 33 GBR, Unterschreitung der
Raumhöhe nach Art. 67 BauV2).
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 31. Januar 2019 Beschwerde bei
der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen die
Aufhebung des Gesamtentscheids vom 4. Januar 2019 und die Erteilung des
Bauabschlags.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet3, führte einen
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Mit Eingabe vom 11. Februar 2018
verzichtete die Gemeinde auf eine Stellungnahme. Die Beschwerdegegnerin beantragt mit
Beschwerdeantwort vom 28. Februar 2019 die Abweisung der Beschwerde. Auf Verlangen
des Rechtsamts reichte die Gemeinde am 26. März 2019 die Akten sämtlicher
Baubewilligungsverfahren auf den Parzellen Reichenbach im Kandertal Grundbuchblatt
Nr. E._ und Nr. F._ sowie einen Auszug des Protokolls der
Gemeinderatssitzung vom 30. August 2018 ein.
4. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
1 Baureglement der Gemeinde Reichenbach vom 29. Mai 2006, genehmigt vom AGR am 5. März 2007, inkl. Änderungen vom 3. Dezember 2014. 2 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1) . 3 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191).
RA Nr. 110/2019/18 3

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG4. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann er –
unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG5 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen,
die Baugesuchsteller, die Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige
Gemeindebehörde (Art. 10 KoG i.V.m. Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden
sind Grundeigentümerin und Grundeigentümer der unmittelbar angrenzenden Parzelle
Reichenbach im Kandertal Grundbuchblatt Nr. F._. Ihre Einsprache wurde
abgewiesen. Sie sind damit durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert und
daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten.
2. Grenz- und Gebäudeabstand
a) Die Beschwerdeführenden rügen, entlang der gemeinsamen Parzellengrenze befinde
sich auf dem Grundstück der Beschwerdegegnerin ein Anbau von 1994, welcher nun
aufgestockt werden solle. Dabei würden die gesetzlich vorgeschriebenen Grenz- und
Gebäudeabstände unterschritten. Die von der Vorinstanz erteilte Ausnahmebewilligung zur
Unterschreitung des Gebäudeabstands hätte nicht erteilt werden dürfen. Im
Dienstbarkeitsvertrag vom 10. Februar 1953 würden sie sich zwar gegenseitig das Recht
einräumen, bis auf die Grenze bauen zu dürfen. Bei der Bewilligung werde jedoch nicht
beachtet, dass die im Dienstbarkeitsvertrag vorausgesetzte Gegenseitigkeit wegen der
einseitigen Bebauung der Nachbarparzelle nicht mehr bestehe. Auch das
Regierungsstatthalteramt erachte den Dienstbarkeitsvertrag als zu allgemein formuliert,
weshalb nicht ohne ihre Zustimmung gebaut werden dürfe.
4 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1). 5 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0).
RA Nr. 110/2019/18 4
Die Beschwerdegegnerin entgegnet in ihrer Beschwerdeantwort vom 28. Februar 2019,
das gegenseitige Grenzbaurecht sei mit dem Dienstbarkeitsvertrag gemäss klarem und
unzweifelhaftem Wortlaut dauerhaft und auch für künftige Bauten erteilt worden. Eine
beschränkte Ausübung hätte im Vertrag festgehalten oder mit anderen Beweismitteln
belegt werden müssen. Mit der gängigen Formulierung der "Gegenseitigkeit" werde einzig
verdeutlicht, dass beide Parteien sowohl berechtigt als auch belastet seien, führe aber
keine Notwendigkeit von jeweils gleichzeitig auszuführenden Bauten herbei. Die beiden
Gebäude stünden seit Jahrzehnten an der Grundstücksgrenze. Im Bereich der
umstrittenen Erweiterung werde der bestehende Grenzanbau lediglich um ein Stockwerk
erhöht. Folglich sei es unhaltbar, hierfür neuerdings Gebäude- und Grenzabstände
vorzusehen. Die Unterschreitung des Gebäudeabstands sei sodann gestützt auf Art. 32
Abs. 6 GBR6 i.V.m. Art. 15 NBRD7 zulässig.
b) Die massgebenden Bestimmungen im GBR zum Grenz- und Gebäudeabstand lauten
wie folgt:
Art. 32 Unterschreiten der Bauabstände gegenüber nachbarlichem Grund durch Bauteile 1 Mit schriftlicher Zustimmung des Nachbarn dürfen Bauten näher an die Grenze gestellt oder an die
Grenze gebaut werden, sofern der vorgeschriebene Gebäudeabstand gewahrt bleibt. 2 Bei fehlender nachbarlicher Zustimmung oder Anbaubefugnis an nachbarliche Grenzbauten ist ein
Näherbau nur mit Ausnahmebewilligung gemäss Art. 26 des Baugesetzes gestattet. Der
privatrechtliche Minimalabstand (Art. 79 ff EG zum ZBG) darf dabei nicht unterschritten werden.
Art. 33 Gebäudeabstand 1 Der Abstand zwischen zwei Gebäuden muss wenigstens der Summe der dazwischen liegenden,
für sie vorgeschriebenen Grenzabstände entsprechen. Bei Gebäuden auf demselben Grundstück
wird er berechnet, wie wenn eine Grenze zwischen ihnen läge. 2 Im Falle der Einräumung eines Näherbaurechts darf der Gebäudeabstand von 6 m nicht
unterschritten werden. 3 Die Gebäudeabstände innerhalb der Zone für öffentliche Nutzungen richten sich nach den
Bedürfnissen einer zweckmässigen öffentlichen Überbauung.
6 Baureglement der Gemeinde Reichenbach im Kandertal vom 29. Mai 2006, genehmigt durch das AGR am 5. März 2007, mit Änderung vom 3. Dezember 2014. 7 Dekret vom 10. Februar 1970 über das Normalbaureglement (NBRD; BSG 723.13).
RA Nr. 110/2019/18 5
4 Für bewohnte An- und Nebenbauten im Sinne von Art. 29 kann die Baubewilligungsbehörde den
Gebäudeabstand gegenüber Bauten auf dem demselben Grundstück und mit Zustimmung des
Nachbars gegenüber Nachbarbauten auf 4 m herabsetzen, wenn nicht öffentliche Interessen
tangiert werden. Für unbewohnte An- und Nebenbauten kann der Zusammenbau bewilligt werden. 5 Gegenüber Bauten, die aufgrund früherer baurechtlicher Bestimmungen den nach diesem
Reglement vorgeschriebenen Grenzabstand nicht einhalten, reduziert sich der Gebäudeabstand um
das Mass des fehlenden Grenzabstandes. Die Baupolizeibehörde kann jedoch den
Gebäudeabstand angemessen vergrössern, wenn sonst für das altrechtliche oder für das neue
Gebäude die Beschattungstoleranzen der Bauverordnung überschritten würden. 6 Vorbehalten bleibt die Befugnis zum Zusammenbau.
Art. 15 Abs. 1 NBRD enthält unter dem Titel "Abstände nach Ortsgebrauch" folgende
Bestimmung: An Orten, wo traditionell oder aufgrund bisherigen Rechts die Gebäude zusammengebaut sind
(geschlossene Bauweise) oder nur geringe Gebäudeabstände aufweisen (annähernd geschlossene
Bauweise), ist diese Bauweise beizubehalten, soweit es die Erhaltung der Eigenart der Ortschaft
erfordert.
c) Auf den Grundstücken Reichenbach im Kandertal Grundbuchblatt Nr. E._
(im Eigentum der Beschwerdegegnerin) und Nr. F._ (im Eigentum der
Beschwerdeführenden) lastet je als Recht sowie als Last ein Grenzbaurecht. Dieses
basiert auf dem Dienstbarkeitsvertrag vom 10. Februar 1953.8 Gemäss Ziffer 1 der
Vertragsbestimmungen dieses Dienstbarkeitsvertrags räumen sich die Parteien auf alle
Zeiten gegenseitig das Recht ein, bis auf die Grenze zwischen ihren beiden Grundstücken
bauen zu dürfen. Dem klaren Wortlaut dieser Bestimmung folgend gilt dieses
Näherbaurecht "für alle Zeiten" und damit auch für Bauvorhaben, welche nach Abschluss
dieses Vertrags realisiert wurden bzw. werden. Wie die Beschwerdegegnerin richtig
vorbringt, bedeutet die in der Bestimmung erwähnte Gegenseitigkeit, dass das
Grenzbaurecht auf beiden Parzellen als Recht und als Last verankert wird. Diese
Gegenseitigkeit setzt – entgegen der Ansicht der Beschwerdeführenden – nicht voraus,
dass das Grenzbaurecht gleichzeitig von beiden Seiten ausgeübt werden muss. Wieso der
Dienstbarkeitsvertrag zu allgemein formuliert sein soll, begründen die
Beschwerdeführenden nicht näher und ist nicht nachvollziehbar. Der Wortlaut der
erwähnten Bestimmung ist klar und unmissverständlich. Mit dem erwähnten
Dienstbarkeitsvertrag und dem gestützt darauf grundbuchlich verankerten Grenzbaurecht
8 Beilage 1 der Beschwerde.
RA Nr. 110/2019/18 6
liegt somit die schriftliche Zustimmung der Beschwerdeführenden zur Unterschreitung des
Grenzabstands im Sinne von Art. 32 Abs. 1 GBR vor.
d) Damit an die Grenze gebaut werden kann, muss gemäss Art. 32 Abs. 1 GBR
zusätzlich der vorgeschriebene Gebäudeabstand eingehalten werden. Soweit die
Beschwerdegegnerin sinngemäss vorbringt, vorliegend sei gar kein Gebäudeabstand
einzuhalten, so kann ihr nicht gefolgt werden. Wie sie zwar richtig vorbringt, bleibt beim
Gebäudeabstand gemäss Art. 33 Abs. 6 GBR die Befugnis des Zusammenbaus
vorbehalten und es fehlt (mit Ausnahme des hier nicht anwendbaren Zusammenbaus von
unbewohnten An- und Nebenbauten nach Art. 33 Abs. 4 GBR) eine nähere Regelung zur
geschlossenen Bauweise im GBR, weshalb auf Art. 15 Abs. 1 NBRD als ergänzendes
Recht zurückgegriffen werden kann. Entgegen ihrer Ansicht gelangt diese Bestimmung
jedoch vorliegend nicht zur Anwendung, da die geschlossene oder annähernd
geschlossene Bauweise vorliegend nicht im Interesse des Ortsbildschutzes steht. So ist die
Dorfkernzone Reichenbach nicht geprägt durch eine geschlossene oder annähernd
geschlossene Bauweise; die Gebäude der Beschwerdeführenden und der
Beschwerdegegnerin sind entlang der G._strasse die einzigen Häuser, die
zusammengebaut sind. Die umstrittene Erweiterung auf Höhe des Erdgeschosses um zwei
Zimmer inkl. darüber liegender Terrasse befindet sich sodann auf der Südseite des
Hauptgebäudes der Beschwerdegegnerin und damit auf der strassenabgewandten Seite
der Parzelle. Das umstrittene Bauvorhaben bzw. die damit vorgesehene Unterschreitung
des Gebäudeabstands ist aus diesen Gründen nicht für die Erhaltung der Eigenart der
Ortschaft erforderlich. Damit ist vorliegend ein Gebäudeabstand einzuhalten, welcher
gestützt auf Art. 33 Abs. 1 i.V.m. Art. 50 Abs. 1 GBR sechs Meter beträgt, wobei sich
dieser im Falle der Anwendbarkeit von Art. 33 Abs. 5 GBR auf 3 m reduziert. So oder so
wird der Gebäudeabstand vom umstrittenen Erweiterungsbau gegenüber dem Gebäude
der Beschwerdeführenden nicht eingehalten.
Auch aus dem Einwand, wonach die beiden Häuser schon seit mehreren Jahrzehnten
zusammengebaut seien und es lediglich um eine Erweiterung des bestehenden
Grenzanbaus gehe, lässt sich nichts zu Gunsten der Beschwerdegegnerin ableiten. Mit
diesem Einwand scheint sich die Beschwerdegegnerin auf die Besitzstandsgarantie nach
Art. 3 BauG zu berufen. Vorliegend hat die Gemeinde – trotz Aufforderung – die
ursprünglichen Baubewilligungen der beiden Hauptgebäude auf den Parzellen der
Beschwerdeführenden und der Beschwerdegegnerin nicht eingereicht, weshalb nicht
überprüft werden konnte, ob diese Bauten ursprünglich formell rechtmässig bewilligt
RA Nr. 110/2019/18 7
wurden. Unabhängig von dieser Frage kann sich die Beschwerdegegnerin jedoch nicht auf
den Besitzstand stützen, da mit der umstrittenen Erweiterung die durch die Unterschreitung
des Gebäudeabstands bestehende Rechtswidrigkeit verstärkt würde (Art. 3 Abs. 2 BauG).
Gleiches gilt für den neuen Anbau mit Treppenhaus und neuen Räumen auf allen Ebenen
auf der Ostseite des bestehenden Hauses der Beschwerdegegnerin. Auch diese
Erweiterung ist für die Erhaltung der Eigenart der Ortschaft nicht erforderlich, hält den
reglementarischen Gebäudeabstand nicht ein und verstärkt die Rechtswidrigkeit.
3. Ausnahme nach Art. 26 BauG
a) Mit dem angefochtenen Entscheid erteilte die Gemeinde für das umstrittene
Vorhaben eine Ausnahmebewilligung zur Unterschreitung des Gebäudeabstands nach Art.
33 GBR. Eine Begründung dieser Ausnahme lässt sich weder dem Entscheid noch dem
vom Rechtsamt bei der Gemeinde edierten Auszug des Protokolls der
Gemeinderatssitzung vom 30. August 2018 entnehmen.
b) Die Beschwerdeführenden bringen sinngemäss vor, die von der Vorinstanz erteilte
Ausnahmebewilligung zur Unterschreitung des Gebäudeabstands hätte nicht erteilt werden
dürfen.
Die Beschwerdegegnerin hat mit Schreiben vom 3. Mai 2018 ein Gesuch um Erteilung
einer Ausnahmebewilligung eingereicht, ohne darin näher zu begründen, wieso sie auf eine
Ausnahme angewiesen ist und worin die "besonderen Verhältnisse" im Sinne von Art. 26
BauG bestehen. In der Beschwerdeantwort vom 28. Februar 2019 bringt sie vor, aufgrund
des seit Jahrzehnten bestehenden Zusammenbaus der beiden Gebäude sei es unhaltbar,
vorliegend neuerdings einen Gebäudeabstand vorzusehen. Die geschlossene Bauweise
sei für den vorliegenden Bereich beizubehalten. Die Gewährung der Ausnahme
widerspreche weder öffentlichen noch privaten Interessen. Ihr Umbau diene vielmehr dem
lokalen Gewerbe und entspreche folglich dem in Art. 41 Abs. 4 GBR für die
G._strasse vorgesehenen Zweck.
c) Laut Art. 26 BauG können Ausnahmen von einzelnen Bauvorschriften bewilligt
werden, wenn besondere Verhältnisse es rechtfertigen und wenn keine öffentlichen
Interessen beeinträchtigt werden. Ausnahmen dürfen überdies keine wesentlichen
RA Nr. 110/2019/18 8
nachbarlichen Interessen verletzen, es sei denn, die Beeinträchtigung könne durch
Entschädigung vollwertig ausgeglichen werden. Diese Voraussetzungen müssen kumulativ
erfüllt sein.
Eine Ausnahmebewilligung soll die gesetzliche Regelung, die im Interesse der
Rechtssicherheit sowie der Rechtsgleichheit die tatsächlichen Verhältnisse generalisierend
erfasst, einzelfallgerecht verfeinern. Ausnahmegründe beziehen sich deshalb auf den
Zweck, den Umfang oder die Gestaltung eines Bauvorhabens, wenn diese in den
geltenden Vorschriften nicht genügend berücksichtigt sind. Sie müssen mit den
Besonderheiten des Baugrundstücks oder des Bauvorhabens zusammenhängen. Unter
Umständen können aber auch Besonderheiten, die sich aus den subjektiven Verhältnissen
der bauwilligen Personen ergeben, eine Ausnahme begründen. Rein finanzielle Interessen,
der Wunsch nach einer Ideallösung oder intensives Ausnützungsstreben rechtfertigen aber
keine Ausnahmebewilligung. Es geht vielmehr darum, ausgesprochene Unbilligkeiten und
Unzweckmässigkeiten zu vermeiden, die die strikte Anwendung der Vorschrift für die
Bauwilligen zur Folge hätte.
Schliesslich ist zu berücksichtigen, dass der Ausnahmegrund keine absolute Grösse ist.
Ob ein Sachverhalt als Ausnahmegrund genügen kann, hängt von drei Komponenten ab:
vom Interesse an der Ausnahme, von der Bedeutung der Vorschrift, von der abgewichen
werden soll, und von Art und Mass der verlangten Abweichung.9
d) Die für die Erteilung einer Ausnahmebewilligung nach Art. 26 BauG notwendigen
besonderen Verhältnisse lassen sich vorliegend nicht daraus ableiten, dass die beiden
Hauptgebäude im Bereich des Erdgeschosses zusammengebaut sind. Dieser Umstand
stellt keinen wichtigen oder gar zwingenden Grund dar, dass auch sämtliche An- oder
Nebenbauten auf diesen Parzellen zusammenzubauen sind bzw. der Gebäudeabstand von
solchen An- und Nebenbauten ebenfalls unterschritten werden dürfte. Es sind keine
objektiven Besonderheiten im Zusammenhang mit dem Baugrundstück oder des
Bauvorhabens (z.B. Lage und Form der Parzelle, Beschaffenheit des Baugrundes, Art des
Bauvorhabens, technische Besonderheit der Nutzung) erkennbar, welche eine
Unterschreitung des Gebäudeabstands rechtfertigen könnte. Der blosse Wunsch nach
9 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art.  N. 4
RA Nr. 110/2019/18 9
einer optimalen Nutzung oder einer besseren Lösung genügt nicht.10 Die Schaffung von
verbesserten bzw. vergrösserten Platzverhältnissen für das angesiedelte Gewerbe sowie
die darüber liegenden Wohnungen vermag daher keine Ausnahme zu rechtfertigen.
Gleiches gilt für den ostseitigen Anbau mit neuem Treppenhaus, neuem Büro im
Erdgeschoss und Wohnraumerweiterungen im Ober- und Dachgeschoss. Die
Beschwerdegegnerin bringt zwar vor, dass die Einhaltung der Bauabstände für die
vorliegenden Bauten unhaltbar sei, begründet dies jedoch nicht näher. Entgegen der
Ansicht der Beschwerdegegnerin sind gewisse Erweiterungen durchaus auch unter
Einhaltung der Bauabstandsvorschriften möglich. Dazu kommt, dass die Bauparzelle im
südlichen Bereich noch über eine grössere unbebaute Fläche verfügt. Die besonderen
Verhältnisse für die Unterschreitung des Gebäudeabstands liegen nicht vor.
4. Gleichbehandlung im Unrecht
a) Die Beschwerdegegnerin weist darauf hin, dass auch beim Bau der auf ihrer Parzelle
befindlichen Halle im Jahr 1994 keine weitere Zustimmung der Nachbarn erforderlich
gewesen sei. Auch den Beschwerdeführenden sei sodann im Jahr 2015 eine Erweiterung
der Balkone im Grenzabstand bewilligt worden, ohne dass sie dafür die Zustimmung erteilt
hätte. Es sei folglich stossend, wenn knapp drei Jahre später für den Grenzbau nicht auf
die gleiche Begründung abgestellt werden und die Ausnahme nicht erteilt werden könnte.
Die Gemeinde habe sämtliche Beteiligten in gleichen Situationen gleich zu behandeln.
b) Das Gebot rechtsgleicher Behandlung nach Art. 8 Abs. 1 BV11 ist ein
verfassungsmässiges Recht. Die Rechtsgleichheit gebietet, Gleiches nach Massgabe
seiner Gleichheit gleich und Ungleiches nach Massgabe seiner Ungleichheit ungleich zu
behandeln.12 Der Umstand, dass das Gesetz in anderen Fällen nicht oder nicht richtig
angewendet worden ist, gibt dem Bürger grundsätzlich keinen Anspruch darauf, ebenfalls
abweichend vom Gesetz behandelt zu werden. Der Grundsatz der Gesetzmässigkeit der
Verwaltung geht dem Rechtsgleichheitsprinzip, und damit dem Anspruch auf
Gleichbehandlung im Unrecht, in der Regel vor. Auf Gleichbehandlung im Unrecht besteht
ausnahmsweise ein Anspruch, wenn die Behörde nicht nur in einem oder einigen Fällen,
10 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 26-27 N. 5. 11 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101). 12 Regina Kiener/Walter Kälin, Grundrechte, 2. Auflage, Bern 2013, S. 414.
RA Nr. 110/2019/18 10
sondern in ständiger Praxis vom Gesetz abweicht und zu erkennen gibt, dass sie auch in
Zukunft nicht gesetzeskonform handeln werde. Selbst wenn diese Voraussetzungen erfüllt
sind, können öffentliche Interessen oder berechtigte Interessen Dritter an einer
gesetzmässigen Rechtsanwendung der Gleichbehandlung im Unrecht entgegenstehen.13
c) Es trifft zwar zu, dass die Gemeinde die Lagerhalle Ende 1993 bewilligte, ohne sich
zur Unterschreitung des Gebäudeabstands zu äussern. Dies bedeutet jedoch nicht, dass
die Gemeinde in ständiger Praxis vom Gesetz abweicht und bei Näherbaurechten nach
Art. 32 Abs 1 GBR entgegen dieser Vorgabe die Einhaltung des Gebäudeabstands
ignoriert. Für eine solche Praxis gibt es keine Indizien. Vielmehr macht die Gemeinde mit
dem angefochtenen Entscheid deutlich, dass sie sich der grundsätzlichen Notwendigkeit
der Einhaltung des Gebäudeabstands trotz gegenseitigem Grenzbaurecht sehr wohl
bewusst ist. Aus dem Umstand, dass sie im vorliegenden Fall – zu Unrecht – eine
Ausnahmebewilligung zur Unterschreitung des Gebäudeabstands erteilt hat, lässt sich
ebenfalls keine gesetzeswidrige Praxis in diesem Sinne ableiten. So stellt die Beurteilung
von Ausnahmegesuchen nach Art. 26 BauG stets eine Einzelfallbeurteilung dar und zudem
ist weder bekannt noch wird von der Beschwerdegegnerin behauptet, dass die Gemeinde
solche Ausnahmen zur Unterschreitung des Gebäudeabstands bei Erweiterungsbauten in
steter Praxis erteilen würde. Die von der Beschwerdegegnerin erwähnte
Balkonerweiterung, welche die Gemeinde den Beschwerdeführenden mit Entscheid vom 6.
Oktober 2015 bewilligte, stellt schliesslich keinen vergleichbaren Fall dar, da für Balkone
andere Abstandsregelungen gelten (vgl. Art. 30 Abs. 1 GBR). Die Voraussetzungen für
eine Gleichbehandlung im Unrecht sind damit nicht erfüllt.
5. Ergebnis und Kosten
a) Zusammenfassend hat die Gemeinde für die Unterschreitung des Gebäudeabstands
zu Unrecht eine Ausnahmebewilligung nach Art. 26 BauG erteilt. Der Gebäudeabstand
gemäss GBR muss vom Bauvorhaben eingehalten werden. Dies trifft nicht nur auf den
vorliegend in erster Linie umstrittenen Erweiterungsbau mit Terrasse angrenzend an die
Parzelle Reichenbach im Kandertal Grundbuchblatt Nr. F._ der
Beschwerdeführenden zu, sondern auch auf den ostseitigen Anbau angrenzend an die
13 BGer 1C_400/2014 vom 4.12.2014, E. 2.3.
RA Nr. 110/2019/18 11
Parzelle Reichenbach im Kandertal Grundbuchblatt Nr. H._. Auch dort wird der
Gebäudeabstand gemäss GBR unterschritten und es bestehen keine besonderen
Verhältnisse für eine Ausnahmebewilligung. In Gutheissung der Beschwerde ist daher dem
Bauvorhaben der Bauabschlag zu erteilen.
b) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdegegnerin. Sie hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG14). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 2'000.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV15).
Die amtlichen Kosten für das erstinstanzliche Baubewilligungsverfahren von Fr. 1'811.65
hat in jedem Fall die Beschwerdegegnerin als Baugesuchstellerin zu tragen (Art. 52 Abs. 1
BewD16).
Da die Beschwerdeführerenden nicht anwaltlich vertreten waren, sind keine Parteikosten
angefallen (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Auch sind hier die Voraussetzungen für eine
Parteientschädigung nach Art. 104 Abs. 2 VRPG nicht erfüllt, weil das Verfahren nicht
besonders aufwändig war.