Decision ID: 6d17b1b6-f2d8-523a-8a17-49bbb7fa76f4
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden, russische Staatsangehörige tschetschenischer
Ethnie, ersuchten am 28. Oktober 2018 erstmals am Flughafen F._
um Asyl. Gemäss Art. 22 AsylG (SR 142.31) wurde ihnen die Einreise in
die Schweiz verweigert und der Transitbereich des Flughafens F._
als Aufenthaltsort zugewiesen. Am 2. November 2018 wurden sie zur Per-
son, zum Reiseweg sowie summarisch zu den Gesuchsgründen befragt
(Befragung zur Person [BzP]) und am 12. November 2018 eingehend an-
gehört.
Zur Begründung ihres Asylgesuchs machten sie im Wesentlichen geltend,
sie hätten in Grosny gewohnt. Der Beschwerdeführer, A._, habe
sein Heimatland im Jahr 2005 verlassen und im April 2006 in Norwegen
um Asyl ersucht. Die Beschwerdeführerin, B._, sei im Jahr 2006
nach G._ gegangen. Dort hätten sie sich kennengelernt und im
März 2008 religiös geheiratet. In G._ hätten sie beide humanitäre
Aufenthaltsbewilligungen erhalten. Im Juli 2013 sei die Beschwerdeführe-
rin mit den Kindern nach Tschetschenien gereist, um ihre Papiere in Ord-
nung zu bringen, habe sich später aber entschlossen, dort zu bleiben. Im
Herbst 2014 oder 2015 habe sie in Grosny eine Stelle als Direktorin einer
Mittelschule angetreten. Daraufhin sei der Beschwerdeführer im Septem-
ber 2015 ebenfalls nach Grosny zurückgekehrt, habe im Juli 2017 aber
beschlossen, wieder nach G._ zu gehen. Dort sei ihm jedoch auf-
grund seiner langen Landesabwesenheit die Aufenthaltsbewilligung entzo-
gen worden und er sei am 4. Dezember 2017 mit der (...) Rückkehrhilfe
nach Grosny zurückgereist.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, man habe sie in ihrer Tätigkeit als
Direktorin in illegale Geldtransaktionen verwickelt. Ihre Vorgesetzten hät-
ten sie angehalten, von den Mitgliedern des Lehrkörpers ihrer Schule Geld
zur Finanzierung verschiedener Projekte einzufordern. Wenn sie versucht
habe, sich dagegen zu wehren oder in Aussicht gestellt habe, zu kündigen,
habe man ihr mit einer Strafverfolgung gedroht, da ihre Buchhaltung nicht
korrekt sei. Sie habe keine andere Möglichkeit gesehen, als bei den illega-
len Geldtransaktionen mitzumachen. Aus Angst habe sie auf eine Kündi-
gung verzichtet. Als sie später auch die Lohnerhöhungen der Mitglieder ih-
res Lehrkörpers hätte mitfinanzieren müssen, habe sie sich stärker zur
Wehr gesetzt. Am folgenden Montag, am 24. September 2018, sei der Be-
schwerdeführer von Polizeikräften auf einen Posten gebracht worden, wo
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man ihn befragt, beschimpft und mit einem Plastikrohr geschlagen habe.
Unter der Auflage, die Vorfälle um seine Frau nicht publik zu machen be-
ziehungsweise seine Frau «zur Vernunft zu bringen», sei er wieder auf
freien Fuss gesetzt worden. Die Beschwerdeführerin habe sich daraufhin
für einige Tage krankgemeldet, sei dann zu ihrem Vorgesetzten gegangen
und habe sich bei ihm für ihr Verhalten entschuldigt und um Urlaub ersucht,
der ihr bewilligt worden sei. In der Folge habe sich die Familie so schnell
als möglich ausser Landes begeben.
B.
Mit Verfügung vom 16. November 2018 lehnte das SEM die Asylgesuche
gestützt auf Art. 7 AsylG ab und verfügte die Wegweisung sowie deren Voll-
zug. Die am 23. November 2018 dagegen erhobene Beschwerden lehnte
das Bundesverwaltungsgericht mit Urteilen D-6674/2018 und D-6673/2018
vom 4. Dezember 2018 ab.
C.
Mit Eingabe vom 6. Dezember 2018 reichten die Beschwerdeführenden
beim Bundesverwaltungsgericht ein Revisionsgesuch ein. Dieses wurde
damit begründet, sie könnten neue Beweismittel vorlegen, die ihre Asylvor-
bringen bestätigen würden. Sie reichten Sprachnachrichten von Zeugen
der illegalen, informellen Geldforderungen sowie Schreiben an eine Men-
schenrechtlerin ein.
D.
Am 11. Dezember 2018 reichten die Beschwerdeführenden Individualmit-
teilungen vor dem UN-Ausschuss gegen Folter (CAT) ein.
E.
Mit Eingabe an das SEM vom 12. Dezember 2018 reichten die Beschwer-
deführenden Mehrfachgesuche ein. Zur Begründung führten sie neue
Gründe an, die eine Änderung der ursprünglichen Verfügung notwendig
machen würden. So sei die Wohnung der Beschwerdeführenden in Grosny
am 8. Dezember 2018 von Mitarbeitern der Strafverfolgungsbehörden auf-
gebrochen und durchsucht worden. Dies hätten sie von der Mutter des Be-
schwerdeführers erfahren, die von einer Nachbarin informiert worden sei.
Auch die Wohnung der Eltern des Beschwerdeführers sei durchsucht wor-
den und diese seien zum Aufenthaltsort der Beschwerdeführerin befragt
worden. Dabei sei ihnen eine Vorladung für die Beschwerdeführerin abge-
geben worden, gemäss der sie am 28. Dezember 2018 um 14.20 Uhr als
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Angeschuldigte in einem Strafverfahren betreffend Veruntreuung im gros-
sen Massstab und Eigenwilliges Handeln gegen behördlich geregelte Ab-
läufe zu erscheinen habe.
Als Beweismittel reichten die Beschwerdeführenden eine Fotografie der
Vorladung mit Übersetzung, Google-Übersetzungen der relevanten russi-
schen Strafartikel sowie Fotografien der aufgebrochenen Wohnungstür
und der Unordnung nach der Hausdurchsuchung zu den Akten. Das Origi-
nal der Vorladung wurde in Aussicht gestellt.
F.
Nachdem das Gericht durch die Beschwerdeführenden auf das Mehrfach-
gesuch bei der Vorinstanz aufmerksam gemacht worden war und diese den
einverlangten Kostenvorschuss nicht geleistet hatten, trat das Bundesver-
waltungsgericht mit Urteil vom 2. Januar 2019 auf das Revisionsgesuch
nicht ein und hielt fest, die Akten des Revisionsverfahrens würden zur gut-
scheinenden Berücksichtigung im Rahmen des Mehrfachgesuchs an das
SEM überwiesen.
G.
Mit Eingabe vom 10. Januar 2019 reichten die Beschwerdeführenden das
Original der Vorladung betreffend die Beschwerdeführerin bei der Vor-
instanz ein. Gleichzeitig wurde eine Ausweiskopie der Mutter des Be-
schwerdeführers, ein Schreiben derselben vom 23. Dezember 2018 sowie
ein Umschlag eingereicht. Ferner wurde festgehalten, in den bisherigen
Revisions- und Asylverfahren seien folgende Beweismittel eingereicht wor-
den, die alle zu berücksichtigen seien:
- sechs Sprachnachrichten auf einem Datenträger, mit Übersetzung;
- Screenshots zum Erhalt der eingereichten Sprachnachrichten auf
Whatsapp;
- Erklärung der Beschwerdeführerin zu den informellen Geldtransfers an
ihrer Schule, mit Übersetzung;
- drei erklärte und übersetzte Fotos von Quittungen der Gesuchstellerin
aus Russland;
- Fotografien des Beschwerdeführers, auf denen die Folgen der erlitte-
nen Schläge zu sehen sind;
- Nachricht der Beschwerdeführerin an Svetlana Gannushkina auf Face-
book vom 23. September 2018;
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- Schreiben der Beschwerdeführerin an Svetlana Gannushkina vom
18. November 2018;
- Fotografie der Vorladung und Übersetzung;
- Fotografien der aufgebrochenen Wohnungstür und der Unordnung
nach der Hausdurchsuchung;
- Schreiben an Svetlana Gannushkina vom 10. Dezember 2018 mit
Übersetzung;
- Schreiben des CAT an die Rechtsvertreterin vom 13. Dezember 2018.
Der Sachverhalt sei damit ausreichend erstellt und es werde sehr deutlich,
dass (zumindest) die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft ge-
mäss Art. 3 AsylG erfülle und ihr und ihrer Familie Asyl zu gewähren sei.
H.
Mit Eingabe vom 28. Januar 2019 reichten die Beschwerdeführenden wei-
tere Beweismittel, namentlich eine Vorladung für den 9. Januar 2019 und
eine Verfügung des Bezirksgerichts H._ vom 10. Januar 2019 über
die zwangsweise Vorführung der Beschwerdeführerin vor Gericht, zu den
Akten. Ferner wurde ausgeführt, die Eltern des Beschwerdeführers seien
anlässlich der Übergabe der Verfügung des Bezirksgerichts bedroht wor-
den und ihnen sei verständlich gemacht worden, die Beschwerdeführen-
den würden ins Gefängnis kommen, sobald man sie ausfindig mache.
I.
Am 25. März 2019 ersuchten die Beschwerdeführenden das SEM um Aus-
stellung von N-Ausweisen.
J.
Am 30. April 2019 reichten die Beschwerdeführenden beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde wegen Rechtsverzögerung gegen das SEM ein.
Mit Urteil D-2050/2019 vom 9. September 2019 wurde diese gutgeheissen
und das SEM angewiesen, die Asylgesuche vom 12. Dezember 2018 um-
gehend an die Hand zu nehmen.
K.
Mit Eingabe vom 2. Oktober 2019 wurden folgende Beweismittel bei der
Vorinstanz eingereicht: betreffend D._: ein Ambulanter Bericht ORL
des Universitätsspitals Zürich (USZ) vom 15. August 2019; ein Schreiben
betreffend stationärer Aufenthalt des USZ vom 15. August 2019; ein Arzt-
bericht des Kinderpsychiaters vom 18. September 2019; betreffend den
Beschwerdeführer: ein Austrittsbericht des Spitals Zollikerberg vom
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15. Juli 2019; ein Sprechstundenbericht des Spitals Zollikerberg vom
16. August 2019; ein Austrittsbericht des Spitals Zollikerberg vom 23. Au-
gust 2019 sowie eine psychiatrisch-psychologische Beurteilung vom 3. Ok-
tober 2019 betreffend C._. Ferner wurde auf das Themenpapier der
Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) «Tschetschenien, Gesundheitswe-
sen und Behandlung von psychischen Erkrankungen und Störungen» vom
8. September 2015 hingewiesen.
L.
Der Antwort des SEM vom 18. Oktober 2019 auf das Akteneinsichtsgesuch
der Beschwerdeführenden vom 2. Oktober 2019, mit dem auf das Urteil
des Bundesverwaltungsgerichts vom 9. September 2019 verwiesen und
beantragt wurde, es sei über geplante Verfahrensschritte zu informieren,
lässt sich unter anderem entnehmen, das SEM habe keine Kenntnis von
einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts und plane betreffend die Be-
schwerdeführenden keine weiteren Verfahrensschritte. In der Folge stellten
die Beschwerdeführenden am 11. November 2019 ein Ausstandsbegehren
/ Bitte um Umsetzung der bundesrichterlichen Anweisungen. Mit Schreiben
vom 20. November 2019 entschuldigte sich die Vizedirektorin des SEM für
die Fehler im Verfahren und stellte Abklärungen in Aussicht. In der Folge
wurden die Beschwerdeführenden um erneute Einreichung des Mehrfach-
gesuchs gebeten. Dem kamen sie am 17. Januar 2020 nach und baten um
Mitteilung, ob die weiteren Eingaben, welche Originaldokumente enthalten
hätten, beim SEM angekommen seien. Ferner reichten sie verschiedene
Schreiben und Beweismittel erneut ein.
M.
Mit Verfügung vom 30. April 2020 – eröffnet am 1. Mai 2020 – stellte das
SEM fest, das Mehrfachgesuch werde abgewiesen und ordnete die Weg-
weisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Auf die Erhebung von Ge-
bühren wurde verzichtet.
N.
Dagegen erhoben die Beschwerdeführenden mit Eingabe vom 2. Juni
2020 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragten die
Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung, die Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz zur rechtsgenüglichen Abklärung des Sachverhalts un-
ter Würdigung der eingereichten Beweismittel, eventualiter die Gutheis-
sung der Asylgesuche, subeventualiter die Anordnung der vorläufigen
Aufnahme sowie in prozessualer Hinsicht die Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung. Als Beweismittel reichten sie eine Kopie des
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Schreibens des SEM vom 11. November 2019, korrigierte Übersetzungen
der Verfügung über die Einleitung eines Vollstreckungsverfahrens des
Bezirksgerichts H._ der Stadt Grozny vom 10. Januar 2019, Ko-
pien der Aktenverzeichnisse der Vorinstanz sowie Kopien der Eingaben
im Namen der Beschwerdeführenden an den CAT vom 11. Dezember
2018 und vom 3. August 2019 ein.
O.
Am 4. Juni 2020 bestätigte die Instruktionsrichterin den Beschwerdefüh-
renden den Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
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und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Glaubhaftmachung im
Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Gegensatz zum strikten Be-
weis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse
Einwände und Zweifel an den Vorbringen der Gesuchstellenden. Entschei-
dend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der gesuchstellerischen
Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf
eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Bei der Beurteilung der Glaub-
haftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Überein-
stimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Substantiiertheit und
Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder
gegen die Gesuchstellenden sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhalts-
darstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaft-
machung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar
möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und
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überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstel-
lung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2).
Klärend sei hier auf die international empfohlenen Kriterien des Amts des
Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) zur
Glaubhaftigkeitsprüfung verwiesen, welche die in Art. 7 Abs. 3 AsylG fest-
geschriebenen Kriterien präzisieren. Danach sind Vorbringen unglaubhaft,
wenn sie in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wider-
sprüchlich sind: Vorbringen der asylsuchenden Person sollten auf Folgen-
des überprüft werden: a) Hinlänglichkeit und Spezifizierung der Details; b)
Innerer Zusammenhang beziehungsweise Kohärenz; c) die Übereinstim-
mung mit Informationen anderer Familienmitglieder oder Zeugen; d) Kohä-
renz mit Country of Origin Information (COI) und e) Plausibilität (vgl. dazu
Beyond Proof, Credibility Assessment in EU Asylum Systems, UNHCR /
European Refugee Fund of the European Commission [Hrsg.], Brüssel
2013, S. 49).
3.3 Im Verwaltungsverfahren gelten der Untersuchungsgrundsatz und die
Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts (Art. 12 VwVG; vgl. auch Art. 49 Bst. b VwVG; für das Asyl-
verfahren ausserdem Art. 6 AsylG). Mithin ist die zuständige Behörde ver-
pflichtet, den für die Beurteilung eines Asylgesuchs relevanten Sachverhalt
von Amtes wegen festzustellen (vgl. zur Bedeutung des Untersuchungs-
grundsatzes allgemein etwa ULRICH HÄFELIN/GEORG MÜLLER/FELIX UHL-
MANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 5. Aufl., Zürich/ St. Gallen 2010,
S. 375 f.; PATRICK KRAUSKOPF/KATRIN EMMENEGGER, in: Bernhard Wald-
mann/Philippe Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar VwVG, Zürich/
Basel/Genf 2009, Art. 12, N 15 ff.).
4.
4.1 Die Vorinstanz begründete ihren Entscheid im Wesentlichen damit, die
geltend gemachten Vorbringen seien weder glaubhaft noch würden sie ei-
nen Grad an Intensität erreichen, dass von einem asylrelevanten Ausmass
ausgegangen werden müsste. So würden die geltend gemachte Haus-
durchsuchung, die polizeilichen Vorladungen und die Gerichtsverfügung
wegen Nichterscheinens nicht genügen, damit von einer asylrelevanten
Verfolgung ausgegangen werden müsse. Die Beschwerdeführerin bringe
vor, sie sei in Russland in ein Gerichtsverfahren wegen Veruntreuung von
Geldern involviert und nach ihr werde gefahndet, da sie verschiedene Ge-
richtstermine nicht wahrgenommen habe. Gegen ein solches Vorgehen der
Behörden sei nichts einzuwenden, da ein Staat die Aufgabe habe, bei Hin-
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weisen auf Veruntreuung Ermittlungen zu tätigen und bei Bedarf Strafver-
fahren zu führen. Es würden Anhaltspunkte dafür fehlen, dass das angeb-
liche Strafverfahren nicht legitim wäre. Abgesehen davon würden die Vor-
bringen der Beschwerdeführenden nicht zu überzeugen vermögen. Bereits
das Bundesverwaltungsgericht habe festgehalten, dass die Beschwerde-
führerin nicht habe darlegen können, inwiefern sie tatsächlich wider Willen
Teil eines Systems illegaler Geldbeschaffung gewesen sei. Die neuen Asyl-
gründe würden sich auf Vorbringen stützen, die vom SEM nicht als glaub-
haft und vom Bundesverwaltungsgericht nicht als relevant erachtet worden
seien. Demnach seien starke Vorbehalte im Hinblick auf die Glaubhaftma-
chung und Relevanz angebracht. Die schriftlichen Ausführungen zu den be-
haupteten Ereignissen seien sodann substanzlos ausgefallen. Es sei nicht
ersichtlich, aus welchem asylrelevanten Grund die Behörden im Dezember
2018 und Januar 2019 gegen die Beschwerdeführerin aktiv geworden sein
sollten. Auffällig erscheine auch der Zeitpunkt der Suchaktion am 8. De-
zember 2018, unmittelbar nach der rechtskräftigen Ablehnung der ersten
Asylgesuche. Zudem vermöge einzig das Einreichen polizeilicher Vorla-
dungen oder eines Festnahmebefehls die Glaubhaftigkeit ihrer früheren
Aussagen nicht herzustellen. Solche Dokumente seien im länderspezifi-
schen Kontext zu würdigen und in Russland leicht käuflich erhältlich. Ge-
mäss dem Danish Immigration Service seien zudem im tschetschenischen
Kontext einfache Nassstempel oft das einzige Sicherheitsmerkmal auf ei-
ner polizeilichen Vorladung, was auch für die vorliegenden zutreffe. Somit
würden die neu eingereichten Beweismittel höchstens einen geringen Be-
weiswert aufweisen. Ausserdem sei davon auszugehen, dass Vorladungen
nur in leichten Strafsachen oder für Zeugen ausgestellt würden. Zudem
könnten den Schreiben nicht entnommen werden, dass die Beschwerde-
führerin aus den geltend gemachten Asylgründen vorgeladen worden sei.
Ferner sei zu den Polizeivorladungen festzuhalten, dass das verwendete
Formular von einem Gericht ausgestellt werden sollte, und nicht, wie der
Übersetzung zu entnehmen sei, von einer Polizeistelle. Schliesslich würde
sich unter dem Namen des auf dem Festnahmebefehl unterzeichnenden
Richters am 10. Januar 2020 auf der Webseite des Distriktgerichts kein
Hinweis mit dem Namen der Beschwerdeführerin finden. Die Fotografien
einer eingebrochenen Wohnung würden die behaupteten Vorbringen nicht
beweisen können. Eine beschädigte Eingangstür und eine Unordnung in
der Wohnung könnten problemlos inszeniert werden. Die Vorbringen der
Beschwerdeführerin seien somit nicht glaubhaft. Der Beschwerdeführer
mache sodann lediglich Vorbringen geltend, die sich auf die angeblichen
Verfolgungsmassnahmen gegen seine Ehefrau stützen. Gemäss Vorladun-
gen werde er denn auch nicht von den Behörden gesucht.
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4.2 Dem entgegneten die Beschwerdeführenden in ihrer Rechtsmittelein-
gabe, die Vorinstanz habe nicht sämtliche Fakten und Beweismittel gewür-
digt, sondern basiere ihren Entscheid auf mangelhafter Aktenführung,
Missachtung von Beweismitteln, deren willkürlicher Würdigung und vorge-
fassten Meinungen betreffend die Unglaubhaftigkeit ihrer Vorbringen. Eine
objektive und unvoreingenommene Würdigung der Sachverhaltsumstände
und der eingereichten Beweismittel sei nicht vorgenommen worden, viel-
mehr scheine das Ergebnis der Gesuchsprüfung während des gesamten
Verfahrens bereits festgestanden zu haben. Die Vorinstanz sei ihrer Akten-
führungspflicht sodann nicht nachgekommen. So falle auf, dass ein Gross-
teil der in diesem Verfahren zu berücksichtigenden Beweismittel im Akten-
verzeichnis betreffend das zweite Asylgesuch nicht zu finden seien. Auch
die Beweismittel, die anlässlich des Revisionsverfahrens beim Gericht ein-
gereicht worden seien, hätten offensichtlich keinen Eingang ins Aktenver-
zeichnis gefunden, obschon sie dem SEM durch das Gericht zur Berück-
sichtigung im Rahmen des Mehrfachgesuchs überwiesen worden seien.
Somit seien diese Beweismittel, die vom Bundesverwaltungsgericht zur
gutscheinenden Berücksichtigung an die Vorinstanz überwiesen worden
seien, von der Vorinstanz bis dato unbeachtet geblieben. Damit verstosse
die Vorinstanz in gravierendem Masse gegen ihre Pflicht zur vollständigen
und korrekten Aktenführung und verweigere den Beschwerdeführenden
das rechtliche Gehör, verstosse gegen den Untersuchungsgrundsatz, ver-
letze ihre Begründungspflicht, ignoriere die Anweisungen des Bundesver-
waltungsgerichts und die Anträge der Beschwerdeführenden, was in der
Summe einer Verletzung des Willkürverbots gleichkomme. Die Vorinstanz
habe die Beweismittel sodann zu Unrecht als nicht asylrelevant qualifiziert.
Es handle sich ganz offensichtlich um ein nach der Ausreise der Beschwer-
deführerin gegen sie eingeleitetes Strafverfahren. Der Zeitpunkt erschiene
entgegen der Einschätzung der Vorinstanz nicht merkwürdig, wenn man
bedenke, dass die Beschwerdeführenden keine zwei Monate davor ihre
Heimat verlassen hätten. Auch dass ein Tag nach dem zweiten Nichter-
scheinen der Beschwerdeführerin ein Haftbefehl gegen diese erlassen
worden sei, dürfte durchaus der Praxis entsprechen und sei nicht unplau-
sibel. Weshalb die genannte gerichtliche Behördenhandlung in der öffent-
lichen Verhandlungsliste des Bezirksgerichts erscheinen müsste, zumal
die Beschwerdeführerin nicht geltend mache, es sei eine Gerichtsverhand-
lung angesetzt gewesen, sei nicht ersichtlich. Die von der Vorinstanz auf-
geführte Ungereimtheit betreffend den eingereichten Festnahmebeschluss
des Bezirksgerichts H._ sei sodann erfunden. Die Vorinstanz be-
haupte, gemäss Übersetzung stamme das Dokument von einer Polizei-
stelle. Dies entspreche nicht den Tatsachen. Zwar habe sich tatsächlich
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bei der Übersetzung ein Fehler eingeschlichen, jedoch sei aus der bei der
Vorinstanz eingereichten Form der Übersetzung deutlich klargeworden,
dass es sich um ein Dokument vom Bezirksgericht H._ handle. Die
Vorinstanz sei nach dem Gesagten ihrer Pflicht, den Sachverhalt und die
dargebrachten Beweismittel einer umfassenden und objektiven Prüfung zu
unterziehen, in keiner Weise gerecht geworden, weshalb das Verfahren zur
erneuten Beurteilung an diese zurückzuweisen sei. Betreffend die Asylrele-
vanz der Vorbringen sei auf das System der Bereicherung der Tschetsche-
nischen Machthaber durch illegale Geldforderungen hingewiesen. Herz-
stück dieses Systems in Tschetschenien sei – wie mittlerweile bekannt – der
Fond Achmat Kadyrow (FAK). Bereits 2016 habe die global tätige Nichtre-
gierungsorganisation Transparency International den FAK auf ihre globale
Korruptionsliste aufgenommen. In den letzten Jahren sei mehr und mehr
bekannt geworden, dass Bürgerinnen und Bürger Tschetscheniens von
den Behörden des Landes inoffiziell gezwungen würden, regelmässig so-
wie zu besonderen Anlässen für den FAK zu spenden. Wer sich den Wei-
sungen der tschetschenischen Machthaber widersetze, gelte automatisch
als politischer Gegner von Volk und Staat. Die Verfolgung und Bestrafung
von Regimegegnern werde in Tschetschenien systematisch und mit gros-
ser Grausamkeit vorangetrieben. Dabei würden die Behördenvertreter we-
der vor konstruierten Strafverfahren noch vor Verschleppung, Erpressung,
Folter und Misshandlung, Sippenhaft und Verfolgung Angehöriger sowie
öffentlicher Entehrung und Bedrohung der Fehlbaren am Pranger der re-
gimetreuen Medien zurückschrecken. Es würden in der Beschwerde im
Weiteren genaue Ausführungen zum FAK gemacht. Damit solle den
Asylbehörden aufgezeigt werden, dass die Beschwerdeführerin von den
tschetschenischen Behörden verfolgt werde. Der Vorstellung, es handle
sich bei den Verfolgungshandlungen der tschetschenischen Behörden um
legitime rechtsstaatliche Massnahmen, sei entschieden zu widersprechen.
Es handle sich um ein Unrechtsregime und die Verfolgung gründe auf der
geltend gemachten Weigerung der Beschwerdeführerin, das «Spiel» wei-
ter mitzumachen. Die russischen Behörden würden sodann dem gewalt-
samen Treiben des Russland treu ergebenen tschetschenischen Repub-
likoberhaupts stillschweigend zusehen. Auch würden die russischen Be-
hörden und Sicherheitsorgane eng mit den tschetschenischen Behörden
zusammenarbeiten. Entsprechend könnten die Beschwerdeführenden der
geltend gemachten Verfolgung auch nicht durch Wegzug in einen anderen
Landesteil innerhalb der Russischen Föderation ausweichen. Am neuen
Wohnort müssten sie sich gemäss russischer Gesetzgebung bei der
Wohnsitzbehörde anmelden und die tschetschenischen Behörden würden
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über den neuen Wohnsitz informiert, wodurch sie die Verfolgungshandlun-
gen ohne Weiteres wiederaufnehmen könnten. Somit stehe fest, dass den
Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr nach Russland ernsthafte Nach-
teile im Sinne des Asylgesetzes und zwingender Völkerrechtsnormen dro-
hen würde.
5.
5.1 In den Vorverfahren wurden die Aussagen der Beschwerdeführenden
als unglaubhaft eingestuft. Im Sinne einer Gesamtwürdigung überwogen
zu jenem Zeitpunkt die Anhaltspunkte für die Unglaubhaftigkeit der Vorbrin-
gen. In der Folge wurden neue Beweismittel eingereicht, darunter polizeili-
che Vorladungen und eine gerichtliche Verfügung. Die Vorinstanz erachtet
die Vorbringen der Beschwerdeführenden nach wie vor gesamthaft als un-
glaubhaft und legt dar, auch die neu eingereichten Beweismittel würden an
dieser Einschätzung nichts ändern. Dieser Einschätzung kann nicht ohne
Weiteres gefolgt werden. Vielmehr erscheinen weitere Abklärungen für die
abschliessende Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen vorliegend
als angebracht. Zu den genannten Dokumenten führt die Vorinstanz aus,
diese würden nicht genügen, um eine asylrelevante Verfolgung zu belegen,
da Anhaltspunkte dafür fehlen würden, dass das angebliche Strafverfahren
nicht legitim wäre. Zudem seien solche Dokumente im länderspezifischen
Zusammenhang zu würdigen und in Russland leicht käuflich erhältlich. Im
tschetschenischen Kontext seien einfache Nassstempel oft das einzige
Sicherheitsmerkmal auf einer polizeilichen Vorladung, was auch für die
vorliegenden zutreffe. Somit hätten diese höchstens einen geringen Be-
weiswert. Damit hat es die Vorinstanz einerseits unterlassen, die Beweis-
mittel einer ernsthaften inhaltlichen Prüfung zu unterziehen, und anderer-
seits auch keine Gesamtwürdigung der Vorbringen unter Berücksichtigung
der neuen Beweismittel vorgenommen. Zwar ist aufgrund der Qualität der
Dokumente (Nassstempel als einziges Sicherheitsmerkmal) deren Authen-
tizität nicht zweifelsfrei erstellt, jedoch weisen sie auch keine objektiven
Fälschungsmerkmale auf, sondern entsprechen anscheinend – gemäss
entsprechenden Ausführungen der Vorinstanz – der tschetschenischen
Norm. Die geringe Qualität der Sicherheitsmerkmale allein kann somit nicht
dazu führen, dass ihnen jeglicher Beweiswert abgesprochen werden kann.
Nach dem Gesagten wären vorliegend weitere Abklärungen angebracht
gewesen. Aufgrund der eingereichten Beweismittel sowie der Aussagen
der Beschwerdeführenden sind relevante Abklärungen im Herkunftsstaat
– beispielsweise mittels einer Botschaftsanfrage – möglich und wären an-
gezeigt gewesen. Die Beweismittel sind sodann im Zusammenhang mit
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den Vorbringen und den weiteren Beweismitteln zu würdigen. Diesbezüg-
lich ist festzuhalten, dass in den Vorverfahren eine Gesamtbetrachtung
zwar zur Annahme der Unglaubhaftigkeit der Asylvorbringen geführt hat,
den Anhörungsprotokollen aber durchaus auch Anhaltspunkte für die
Glaubhaftigkeit derselben entnommen werden können. So war insbeson-
dere die Beschwerdeführerin als Hauptbetroffene in der Lage, ausführlich,
frei und substanziiert zu schildern, was ihre Probleme als Schuldirektorin
waren und wie sie wiederholt versuchte, sich zur Wehr zu setzen. Die Aus-
sagen der Beschwerdeführenden betreffend Mitnahme des Beschwerde-
führers fielen sodann übereinstimmend aus. Vor diesem Hintergrund greift
die Argumentation der Vorinstanz, den Beweismitteln könne nicht entnom-
men werden, dass die Beschwerdeführerin aus den geltend gemachten
Asylgründen vorgeladen worden sei, zu kurz. So sind die Beweismittel und
die Vorbringen der Beschwerdeführenden im tschetschenischen Kontext
zu prüfen. Die Beschwerde enthält diesbezüglich ausführliche Schilderun-
gen, während der vorinstanzlichen Verfügung nicht zu entnehmen ist, in-
wiefern die Asylvorbringen im Hinblick auf den länderspezifischen Kontext
geprüft wurden. Herkunftsinformationen sind praxisgemäss ständig (also
sowohl in die Befragungen der asylgesuchstellenden Person als auch in
die Würdigung der entsprechenden Elemente) miteinzubeziehen bezie-
hungsweise Aussagen vor dem Hintergrund des länderspezifischen Kon-
textes zu betrachten und entsprechend zu würdigen (vgl. dazu das Urteil
E-4013/2017 vom 11. Oktober 2019 E. 5.1). Indem das SEM dies jedoch
unterliess und die geltend gemachten Asylgründe lediglich aufgrund der
Anhörungen als unglaubhaft qualifizierte, hat es den Sachverhalt nicht rich-
tig abgeklärt und damit den Untersuchungsgrundsatz verletzt. Insbeson-
dere bei der vorliegenden Aktenlage und den gravierenden Mängeln im
zweiten Asylverfahren wäre eine eingehende inhaltliche Prüfung der neuen
Beweismittel inklusive entsprechender Abklärungen im Heimatland zu er-
warten gewesen. Der äusserst geringe Zeitablauf zwischen tatsächlicher
Anhandnahme des Verfahrens (erneute Einreichung der relevanten Doku-
mente am 17. Januar 2020) und Entscheid vom 30. April 2020 (bezie-
hungsweise Entscheidentwurf vom 10. Februar 2020) erstaunen unter die-
sen Umständen sehr.
6.
6.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
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stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist (PHILIPPE WEISSENBERGER, ASTRID HIRZEL, Praxiskommentar Ver-
waltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, Art. 61 VwVG, N 16 S.1264). Die
in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar
auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies
im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie
muss dies aber nicht (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der ARK [E-
MARK] 2004 Nr. 38 E. 7.1).
6.2 Im vorliegenden Fall ist die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen,
zumal – wie bereits erwähnt – die Erstellung des Sachverhalts weiterer Ab-
klärungen bedarf und diese den Rahmen des Beschwerdeverfahrens
sprengen würde. Angesichts der Rückweisung der Sache erübrigt sich eine
Auseinandersetzung mit den weiteren Vorbringen auf Beschwerdeebene
und den dem Gericht zu den Akten gereichten Beweismitteln. Das Be-
schwerdedossier wird nämlich ebenfalls Gegenstand des wiederaufzuneh-
menden erstinstanzlichen Verfahrens sein und das SEM wird sich damit zu
befassen haben. Der Vollständigkeit halber ist jedoch darauf hinzuweisen,
dass die aktuellen Aktenverzeichnisse der Vorinstanz nun zwar korrekt er-
scheinen beziehungsweise aus der Beschwerde nicht klar wird, was die
Beschwerdeführenden daran beanstanden. Das SEM ist jedoch anzuhal-
ten, bei der Prüfung des Mehrfachgesuchs alle von den Beschwerdefüh-
renden eingereichten Beweismittel angemessen zu würdigen.
6.3 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als die
vorinstanzliche Verfügung aufzuheben und zur erneuten Beurteilung im
Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen ist.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG). Damit wird das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung (inkl. Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses) gegenstandslos.
8.
Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Partei-
kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren
(Art. 9–13 VGKE) ist den Beschwerdeführenden zulasten der Vorinstanz
eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1'500.– zuzusprechen.
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