Decision ID: 15d4d09f-8282-42c5-a60c-92bf6e0e5210
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 11.10.2011 Art. 17 Abs. 2 ATSG; Art. 25 Abs. 1 lit. c ELV; Art. 25 Abs. 2 lit. b ELV. Keine Anrechnung von uneinbringlichen Unterhaltsbeiträgen als Einkommen bei der Berechnung von Ergänzungsleistungen. Meldepflicht in dem Zeitpunkt erfüllt, wenn Auskunft über weiteres Vorgehen verlangt worden ist bei anschliessender Betreibung. Rückwirkende Neuverfügung ab Meldedatum. Verlustschein ist bloss ein nachträglicher Beweis, der die Änderungsmeldung belegt (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 11. Oktober 2011, EL 2011/21). Präsidentin Karin Huber-Studerus, Versicherungsrichter Joachim Huber, Versicherungsrichterin Miriam Lendfers; a.o. Gerichtsschreiber David Zünd Entscheid vom 11. Oktober 2011 in Sachen A._ Beschwerdeführerin, vertreten durch Amtsvormundschaft Mittelrheintal, Balgacherstrasse 206, 9435 Heerbrugg, gegen Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St. Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen, Beschwerdegegnerin, betreffend Ergänzungsleistung zur IV Sachverhalt:
A.
A.a A._ bezieht seit Jahren Ergänzungsleistungen (EL) zu ihrer ganzen Invalidenrente,
wobei die nachehelichen Unterhaltsbeiträge des geschiedenen Ehemannes an das
Einkommen der Versicherten angerechnet wurden (act. G 3.1.69-5 ff.). Da der
geschiedene Ehemann die gerichtlich festgesetzten monatlichen Unterhaltsbeiträge
seit März 2000 nur unregelmässig bezahlte, mahnte ihn der Beistand der Versicherten
am 7. September und am 21. Oktober 2009, seinen Unterhaltspflichten nachzukommen
(act. G 3.1.11-1 f., act. G 1.3). Im November 2009 leitete der Beistand die Betreibung
ein und informierte den Pflichtigen darüber (act. G 3.1.11-3 f.). Da kein pfändbares
Vermögen festgestellt wurde und auch kein künftiger Lohn gepfändet werden konnte,
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wurde durch das Betreibungsamt ein Verlustschein ausgestellt (act. G 3.1.11-7). Am 3.
März 2011 reichte der Beistand der EL-Stelle das Schreiben vom 7. September 2009,
den Verlustschein sowie das Mutationsformular ein, worin er angab, dass der
geschiedene Ehemann der EL-Ansprecherin seinen Unterhaltspflichten seit dem Jahr
2000 nur noch unregelmässig nachkommen würde, und beantragte sinngemäss, die
Ergänzungsleistungen seien neu zu berechnen und zu verfügen (act. G 3.1.14-1).
A.b Mit Verfügung vom 18. April 2011 berechnete die EL-Stelle die
Ergänzungsleistungen ab dem 1. März 2011 neu, wobei sie die Unterhaltsbeiträge des
geschiedenen Ehemannes nicht mehr als Einkommen anrechnete (act. G 3.1.12-1 ff.).
A.c Gegen diese Verfügung erhob der Beistand der Versicherten am 27. April 2011
Einsprache und beantragte eine rückwirkende EL-Berechnung ab seinem
"Ausstandschreiben" vom 7. September 2009, eventualiter ab Einleitung der
Inkassomassnahmen (act. G 3.1.7-1 ff.).
A.d Mit Einspracheentscheid vom 12. Juli 2011 wies die EL-Stelle die Einsprache ab
(act. G 3.1.72). Die Nichtbezahlung der Alimente unter Beilage der nötigen Belege sei
ihr erst im März 2011 gemeldet worden. Vor Vorliegen des Verlustscheines hätte selbst
bei entsprechender Meldung nicht auf die Anrechnung der Alimente als Einnahmen
verzichtet werden können.
B.
B.a Mit Beschwerde vom 11. August 2011 hält der Beistand der Versicherten an den
bereits in der Einsprache vom 27. April 2011 gestellten Anträgen fest und merkt an, die
Beschwerdegegnerin verschweige, dass er sich vor Einleitung der Inkassomassnahmen
vom 12. November 2009 telefonisch bei ihr erkundigt habe, wie er in dieser Situation
vorzugehen habe (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 17. August 2011 beantragt die Beschwerdegegnerin

die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verweist sie auf die Erwägungen im
Einspracheentscheid (act. G 3).
B.c Da die Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort auf weitere Ausführungen
verzichtete, wurde kein zweiter Schriftenwechsel durchgeführt (act. G 4).
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Erwägungen:
1.
1.1 Die Verwaltung als verfügende Instanz und – im Beschwerdefall – das Gericht
dürfen eine Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen
überzeugt sind. Im Sozialversicherungsrecht – und somit auch im vorliegenden Fall –
hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes
vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die
blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen
nicht. Das Gericht hat vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen
möglichen Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE 121 V 45, E.
2a, mit Hinweisen).
1.2 Bei der Berechnung von Ergänzungsleistungen sind gemäss Art. 11 Abs. 1 lit. h
des Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung (ELG; SR 831.30) familienrechtliche Unterhaltsbeiträge als
Einnahmen anzurechnen.
1.3 Da über den Anspruch der Versicherten auf Ergänzungsleistungen und die damit
verbundene Anrechnung der Unterhaltsbeiträge des geschiedenen Ehemannes bereits
formell rechtskräftig verfügt wurde (act. G 3.1.69-5 ff.), kann diese Verfügung gemäss
Art. 17 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) nur revisionsweise geändert werden, falls
sich der Sachverhalt nachträglich verändert hat. So ist bei Eintritt einer voraussichtlich
längere Zeit dauernden Verminderung oder Erhöhung der vom ELG anerkannten
Ausgaben und anrechenbaren Einnahmen sowie des Vermögens die jährliche
Ergänzungsleistung anzupassen oder aufzuheben. Dabei sind die neuen, auf ein Jahr
umgerechneten dauernden Ausgaben und Einnahmen und das bei Eintritt der
Veränderung vorhandene Vermögen massgebend (Art. 25 Abs. 1 lit. c der Verordnung
über die Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung
[ELV; SR 831.301]). Bei einer dadurch bedingten Erhöhung des Ausgabenüberschusses
ist die jährliche Ergänzungsleistung gemäss Art. 25 Abs. 2 lit. b ELV auf den Beginn des
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Monats, in dem die Änderung gemeldet wurde, frühestens aber auf den Beginn des
Monats, in dem diese eingetreten ist, neu zu verfügen.
2.
2.1 Der Beistand der Beschwerdeführerin hat sowohl in der Einsprache als auch in der
Beschwerde angeführt, er habe sich im September 2009 telefonisch bei der
Beschwerdegegnerin erkundigt, wie er in der vorliegenden Situation weiter zu verfahren
habe. Die Beschwerdegegnerin habe ihm die Auskunft erteilt, er müsse zuerst den
Inkassoweg beschreiten und könne erst mit einem allfälligen Verlustschein eine
Mutationsmeldung erstatten. Es ist deshalb zu prüfen, ob es überwiegend
wahrscheinlich ist, dass sich der Beistand der Beschwerdeführerin bei der
Beschwerdegegnerin telefonisch erkundigt und die Beschwerdegegnerin ihm diese
Auskunft erteilt hat. Der Beistand der Beschwerdeführerin hat die behauptete Auskunft
durch die Beschwerdegegnerin explizit in seinem Schreiben an den geschiedenen
Ehemann vom 12. November 2009 erwähnt (act. G 3.1.11-3). Die Tatsache, dass der
Beistand der Beschwerdeführerin zudem die Betreibung für Forderungen, welche seit
dem Jahr 2000 aufgelaufen waren, eingeleitet hat, spricht ebenfalls dafür, dass er sich
bei der Beschwerdegegnerin erkundigt hatte, wie weiter vorzugehen sei, und diese ihm
mitgeteilt hatte, er müsse Inkassomassnahmen ergreifen. Die Beschwerdegegnerin hat
zwar in ihrem Einspracheentscheid vom 12. Juli 2011 (act. G 3.1.72) festgehalten, sie
hätte vor März 2011 zu keiner Zeit Kenntnis davon gehabt, dass die Einsprecherin die
Zahlungen nicht oder nur unregelmässig erhalte; Sie hat aber nicht explizit bestritten,
dass ein Telefongespräch mit dem Beistand der Beschwerdeführerin stattgefunden
hätte. Es ist davon auszugehen, dass der Beistand dabei die Situation der
Beschwerdeführerin konkret darlegte und um eine fallbezogene Auskunft bat. Somit ist
überwiegend wahrscheinlich, dass sich der Beistand der Beschwerdeführerin bei der
Beschwerdegegnerin telefonisch und auf seinen Fall bezogen erkundigt hat, die
Beschwerdegegnerin demzufolge bereits bei diesem Telefonat erfahren hat, dass der
geschiedene Ehemann der Beschwerdeführerin seinen Unterhaltspflichten nicht
regelmässig nachkam, und sie dem Beistand die Auskunft erteilt hat, er müsse zuerst
den Inkassoweg beschreiten und könne erst mit einem allfälligen Verlustschein eine
Mutationsmeldung erstatten.
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2.2 Zu klären bleibt, wann das Telefonat stattgefunden hat. In der Einsprache vom
27. April 2011 machte der Beistand der Beschwerdeführerin geltend, dass diese
mündliche Auskunft im September 2009 erteilt worden sei. Dies erscheint durchaus
plausibel, da der erste Brief des Beistandes der Beschwerdeführerin an deren
geschiedenen Ehemann, in welchem bereits mit dem Inkassoverfahren gedroht wird,
vom 7. September 2009 datiert. Dass der Beistand einfach von sich aus nach über 9
Jahren, in welchen die Unterhaltsbeiträge nur unregelmässig oder teilweise gar nicht
bezahlt wurden, ohne dass er je ein Inkassoverfahren eingeleitet hat, plötzlich mit
einem Inkassoverfahren drohen sollte, erscheint wenig wahrscheinlich. Vielmehr macht
es den Anschein, dass er durch die Auskunft der Beschwerdegegnerin hierzu
veranlasst wurde. Somit muss die Auskunft der Beschwerdegegnerin vor dem ersten
Schreiben des Beistandes an den geschiedenen Ehemann der Beschwerdeführerin,
also vor dem 7. September 2009, stattgefunden haben. Da der Beistand der
Beschwerdeführerin in der Einsprache angibt, dass das Telefonat im September 2009
stattgefunden habe, ist anzunehmen, dass dies zwischen dem 1. September 2009 und
dem 7. September 2009 der Fall gewesen ist. Somit wusste die Beschwerdegegnerin
spätestens am 7. September 2009, dass die Unterhaltsbeiträge, welche an das
Einkommen der Beschwerdeführerin im Rahmen der EL-Berechnung stets angerechnet
wurden, nur unregelmässig beziehungsweise gar nicht bezahlt wurden.
2.3 Der Beistand der Beschwerdeführerin hat demzufolge mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit in den ersten Tagen des Monats September 2009 seine
Meldepflicht erfüllt und die Beschwerdegegnerin über die ausstehenden
Unterhaltsbeiträge informiert. Voraussetzung für eine neue Verfügung ist jedoch, dass
sich die Einkommensverhältnisse auch tatsächlich verändert haben. Die
Beschwerdeführerin muss somit beweisen, dass sie die nicht bezahlten
Unterhaltsbeiträge auch nicht über ein Inkassoverfahren erlangen kann. Dies hat, so die
Auskunft der Beschwerdegegnerin, praxisgemäss durch Vorlage eines Verlustscheins
zu erfolgen. Der im März 2011 an die Beschwerdegegnerin eingereichte Verlustschein
stellt einen nachträglich vorgebrachten Beweis dar, der die in der Änderungsmeldung
von anfangs September 2009 genannten Ausstände belegt. Auf den Zeitpunkt der
erfolgten Meldung hat es keinen Einfluss. Gemäss Art. 25 Abs. 2 lit. b ELV wäre die
jährliche Ergänzungsleistung somit per 1. September 2009 neu zu verfügen gewesen,
da die Meldung – wie ausgeführt – mit überwiegender Wahrscheinlichkeit im
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September 2009 erfolgte. Die Bedingung von Art. 25 Abs. 2 lit. b ELV, dass die
Veränderung des Einkommens im Monat der Neuverfügung bereits eingetreten sein
muss, war vorliegend erfüllt, sind doch einige Unterhaltsbeiträge seit dem Jahr 2000
ausstehend, wobei im Jahr 2009 gar keine Unterhaltsbeiträge mehr bezahlt wurden.
3.
3.1 Demzufolge ist die Beschwerde gutzuheissen, der Einspracheentscheid vom
12. Juli 2011 aufzuheben und die Sache zur rückwirkenden Neuverfügung im Sinne der
Erwägungen per 1. September 2009 an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.2 Es werden keine Gerichtskosten erhoben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP