Decision ID: 1e647f1f-8161-59f4-973f-dc960b678d2a
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A. Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschwerdeführer, ein sri-lanki-
scher Staatsangehöriger tamilischer Ethnie aus B._(Nordprovinz)
stammend, im Oktober 2015 sein Heimatland und reiste über Indien nach
Malaysia, wo er sich mehrere Jahre aufhielt. Am 14. Januar 2018 ersuchte
er am (...) um Asyl in der Schweiz. Am 15. Januar 2018 wurde ihm per
Verfügung die Einreise in die Schweiz vorläufig verweigert.
Am 17. Januar 2018 wurde der Beschwerdeführer zu seiner Person, sei-
nem Reiseweg und summarisch zu seinen Asylgründen befragt (Befragung
zur Person [BzP]). Mit Verfügung des SEM vom 24. Januar 2018 wurde
ihm die Einreise in die Schweiz gemäss Art. 21 AsylG bewilligt.
B.
B.a Am 12. März 2018 fand die Anhörung zu den Asylgründen statt.
B.b Der Beschwerdeführer legte bezüglich seines Lebenslaufs dar, er
habe seit seinem zwölften Lebensjahr in C._ gelebt, wo seine Fa-
milie neben einem Haus verschiedene unbewirtschaftete Reisfelder be-
sitze. In schulischer Hinsicht habe er das A-Level abgeschlossen und da-
nach bei seinem Vater im Geschäft als (...) gearbeitet. Er sei 2004 erstmals
ausgereist und habe in der Folge bis 2014 in Frankreich gelebt. Sein dort
gestelltes Asylgesuch sei abgelehnt worden. Daneben sei er 2010 in
Deutschland gewesen und habe auch dort erfolglos um Asyl ersucht. Nach-
dem die französischen Behörden ihn und seine Ehefrau nach D._
abgeschoben hätten, habe man sie dort von August 2014 bis Juli 2015
während rund elf Monaten in Haft genommen, weil sie beide im Besitz ei-
nes gefälschten (...) Passes gewesen seien. Danach seien er und seine
Ehefrau nach Sri Lanka abgeschoben worden. Im November 2015 hätten
sie gemeinsam als Ehepaar Sri Lanka mit Hilfe eines Schleppers erneut
verlassen. Da es für ihn Probleme mit der Weiterreise gegeben habe, habe
er bis Januar 2018 in Malaysia verbracht.
B.c Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen vor, er und seine Ehefrau seien im Juli 2015 nach Sri Lanka
eingereist. Bei der Einreise hätten sie keine Probleme gehabt, weil sich ein
Onkel für sie eingesetzt habe. Zunächst hätten sie sich nicht angemeldet,
damit sich aber seine schwangere Ehefrau in einer Klinik hätte melden kön-
nen, hätten sie sich beim zuständigen Dorfvorsteher registrieren lassen
müssen. Dafür sei es notwendig gewesen, einen Polizeirapport beizule-
gen. Zwei Tage nachdem er sich bei der Polizei in E._ gemeldet
D-268/2019
Seite 3
habe und dort befragt worden sei, seien abends vier Mitarbeitende des Cri-
minal Investigation Departments (CID) bei ihnen zu Hause erschienen und
hätten ihn sowie seine Ehefrau aufgefordert, umgehend mitzukommen, um
Fragen zu diesem Polizeirapport zu beantworten. Nachdem sie in ein na-
hegelegenes Militärcamp gebracht worden seien, habe man ihnen die
Hände gefesselt, sie separiert und in der Folge verhört. Sie seien während
zwei Tagen dort festgehalten worden. Während der ungefähr sieben erfolg-
ten Verhören sei er geschlagen und mit glühenden Zigaretten malträtiert
worden. Man habe ihn beschuldigt, für die LTTE (Liberation Tigers of Tamil
Eelam) aktiv zu sein und im Ausland Geld gesammelt zu haben, um diese
wieder aufleben zu lassen. Weiter sei er auch zu den beiden Geschwistern
seiner Ehefrau befragt worden, welche früher beide bei den LTTE aktiv ge-
wesen, jedoch seit 2008 verschollen seien. Im Rahmen der Verhöre habe
er zugegeben, von 1992 bis 1996 Mitglied der Student Organization of
Liberated Tigers (SOLT) gewesen zu sein, sich jedoch im Übrigen nie po-
litisch betätigt zu haben und wegen der damaligen allgemeinen Situation
während des Krieges ausgereist zu sein. Nachdem sein Bruder Lösegeld
gezahlt habe, seien er und seine Ehefrau zeitgleich freigelassen worden.
Sie habe sehr verstört gewirkt und von Suizid gesprochen. Sie habe Angst
gehabt, deshalb seien sie umgehend zu einem Freund gegangen, um da-
nach mit dem Schiff von F._ aus nach Indien zu reisen.
In Frankreich habe er einige Male an Demonstrationen, am Märtyrertag
und einmal am Pongu Tamil-Tag teilgenommen und sei 2009 gemeinsam
mit anderen Personen in einen Hungerstreik getreten.
Als Beweismittel wurden folgende Dokumente zu den Akten gereicht: eine
Kopie seiner Identitätskarte, eine Kopie seiner Heiratsurkunde vom 12. Juli
2015, eine beglaubigte Kopie des Geburtsregisterauszugs, Dokumente der
französischen Behörden zur Rückkehrhilfe aus dem Jahr 2011 sowie ver-
schiedene Flugunterlagen zum Teil aus dem Jahr 2012.
Auf die weiteren Ausführungen des Beschwerdeführers wird, soweit
wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
C.
Die Verfügung des SEM vom 10. Dezember 2018 wurde nicht abgeholt und
anschliessend retourniert. Mit neu adressierter Verfügung vom 18. Dezem-
ber 2019 – eröffnet am 19. Dezember 2018 – stellte das SEM fest, der
D-268/2019
Seite 4
Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asyl-
gesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren
Vollzug.
D.
Der Beschwerdeführer focht die Verfügung des SEM mit Eingabe seiner
Rechtsvertreterin vom 14. Januar 2019 beim Bundesverwaltungsgericht an
und beantragte, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben, er sei als
Flüchtling anzuerkennen und ihm sei Asyl zu gewähren oder eventualiter
sei er als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. Als Subeventual- respektive
Subsubeventualantrag stellte er die Begehren, er sei als Ausländer vorläu-
fig aufzunehmen, respektive die Sache sei zur erneuten Abklärung und Be-
urteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht er-
suchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie um
Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses. Weiter beantragte er die
Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeistän-
din gemäss aArt. 110a Abs. 1 Bst. a und Abs. 3 AsylG (SR 142.31).
Der Beschwerde wurden verschiedene Fotos des Beschwerdeführers und
seiner Ehefrau, eine Bestätigung des Teaching Hospitals in G._
über einen Aufenthalt vom 30. Juli 2015, ein Screenshot einer Nachricht
auf Facebook sowie ein Foto der Todesanzeige der Mutter des Beschwer-
deführers als weitere Beweismittel beigelegt. Auf dem beigelegten USB-
Stick befinden sich dieselben Beweismittel.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 24. Januar 2019 hiess die damalige Instrukti-
onsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete auf einen Kos-
tenvorschuss. Nora Maria Riss wurde antragsgemäss als amtliche Rechts-
beiständin beigeordnet. Gleichzeitig wurde das SEM eingeladen, eine Ver-
nehmlassung einzureichen.
F.
Die Vorinstanz reichte am 6. Februar 2019 eine Vernehmlassung ein.
G.
Der Beschwerdeführer replizierte mit Eingabe vom 25. Februar 2019.
H.
Das vorliegende Verfahren wurde aus organisatorischen Gründen auf die
im Rubrum aufgeführte vorsitzende Richterin umgeteilt.
D-268/2019
Seite 5
I.
Mit Zwischenverfügung vom 29. Januar 2021 wurde die Vorinstanz aufge-
fordert, zu ihrer Vernehmlassung vom 6. Februar 2019 Stellung zu neh-
men, da die Vernehmlassung in verschiedenen Versionen versandt wor-
den war.
J.
Mit Eingabe vom 4. Februar 2021 nahm die Vorinstanz Stellung und ver-
wies auf einen administrativen Fehler. Die neue Vernehmlassung ersetze
diejenige vom 6. Februar 2019 vollumfänglich.
K.
Mit Eingabe vom 4. Mai 2021 wurde die Replik ergänzt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
D-268/2019
Seite 6
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26, E.5).
3.
3.1 Die Vorinstanz begründete ihren Entscheid einleitend damit, dass die
geltend gemachte Abschiebung des Beschwerdeführers nach D._
durch die französischen Behörden unbelegt sei, was angesichts der Tatsa-
che, dass er zahlreiche andere Belege seiner anderen Flüge habe einrei-
chen können, nicht glaubhaft sei. Auch seine geltend gemachte elfmona-
tige Haft in D._ habe er nicht belegen können. Es gebe insgesamt
keine überzeugenden Beweismittel dafür, dass er und seine Ehefrau 2015
nach Sri Lanka zurückgekehrt seien und sich dort tatsächlich von Juli bis
Oktober 2015 aufgehalten hätten. Die eingereichte Kopie der Heiratsur-
kunde sei fälschungsanfällig und zudem kein amtliches Dokument, wes-
halb diese keinen Beweiswert für den geltend gemachten Aufenthalt in Sri
Lanka darstelle. Da er den Aufenthalt nicht habe glaubhaft machen kön-
nen, könne folglich auch seine Festnahme durch den CID nicht geglaubt
werden. Diese Einschätzung werde dadurch gestützt, dass er den sri-lan-
kischen Behörden gegenüber eingestanden habe, als Jugendlicher Mit-
glied bei SOLT gewesen zu sein und diese massgeblich unterstützt zu ha-
ben. Angesichts des erheblichen sri-lankischen Verfolgungsinteresse an
Mitgliedern oder Unterstützern der LTTE, erscheine es unwahrscheinlich,
dass man ihn dennoch bereits nach zwei Tagen wieder freigelassen habe.
Seine Aussage, sein Bruder habe einem (einfachen) Soldaten ohne Kom-
petenzen Bestechungsgelder für seine Freilassung gegeben, erscheine im
länderspezifischen Kontext als Schutzbehauptung. Des Weiteren sei zu
bemerken, dass an seiner Mitgliedschaft bei SOLT gezweifelt werden
müsse, zumal er den korrekten Namen des Anführers während dieser Zeit
nicht habe nennen können. Auffallend sei zudem, dass er sich nach seiner
Ausreise im Jahr 2015 nicht mehr danach erkundigt habe, ob er weiterhin
behördlich gesucht werde. Seine Erklärung, dass er keinen Kontakt mit sei-
ner Familie aufgenommen habe, um diese zu schützen, überzeuge nicht,
da der Bruder als Garant für ihn aufgetreten sei und er diesem bereits mit
D-268/2019
Seite 7
seiner Ausreise Probleme verursacht habe. Deshalb wäre vielmehr anzu-
nehmen gewesen, dass er ein vitales Interesse gehabt haben müsste, sich
nach der Situation der Familie im Heimatland zu erkundigen. Sodann sei
seine persönliche Glaubwürdigkeit in Frage gestellt, da er zu zentralen bio-
graphischen Ereignissen widersprüchlich geantwortet habe, etwa, indem
er anlässlich der BzP angegeben habe, sein Vater sei erschossen und wäh-
rend der Anhörung erklärt habe, der Vater sei nach einer Haft den Folgen
von Folter erlegen. Insgesamt könne seinen Schilderungen zu seinen gel-
tend gemachten Vorfluchtgründen nicht geglaubt werden und es bleibe
weiterhin unklar, wann er sich zuletzt in Sri Lanka aufgehalten habe. Mit
seinen unglaubhaften Angaben zu seiner Biographie habe er ausserdem
die Mitwirkungspflicht verletzt, weshalb nur eingeschränkte Möglichkeiten
vorliegen würden, ein Risiko einer zukünftigen asylrelevanten Verfolgung
ausgesetzt zu sein, prüfen zu können.
Schliesslich würden keine Vollzugshindernisse vorliegen, da die individuel-
len Zumutbarkeitskriterien vorliegend bejaht werden könnten. Er sei (...)
und in C._ aufgewachsen, wo auch seine Mutter und sein Bruder
leben würden. Dieser habe ihn immer wieder finanziell unterstützt, als er
sich in Frankreich aufgehalten habe. Trotz eines langjährigen Ausland-
aufenthalts werde es ihm möglich sein, für sich und seine Familie eine exis-
tenzsichernde Zukunft aufbauen zu können. Zudem sei auch die Wohnsi-
tuation gesichert, da er in H. _ ein Haus besitze.
3.2
3.2.1 Der Beschwerdeführer machte formelle Rügen geltend. Der Untersu-
chungsgrundsatz sowie die Gewährung des rechtlichen Gehörs seien ver-
letzt worden, da die detaillierten Aussagen des Beschwerdeführers unge-
nügend berücksichtigt worden seien. Sodann sei der Untersuchungsgrund-
satz verletzt worden, indem die Vorinstanz sich bei den französischen Be-
hörden seine Deportation nach D._ nicht habe bestätigen lassen.
Zudem sei es unterlassen worden, die eingereichten Beweismittel einge-
hend zu prüfen. Deshalb werde als Sub-Subeventualantrag die Rückwei-
sung der Sache an die Vorinstanz zur erneuten Abklärung und Beurteilung
beantragt.
3.2.2 In der Beschwerde wurde weiter moniert, dass die vorinstanzliche Ar-
gumentation zur Glaubhaftigkeit der Vorfluchtgründe des Beschwerdefüh-
rers vorwiegend darauf basiere, dass er seine Aufenthalte in D._
und in Sri Lanka nicht habe nachweisen können. Da im Asylverfahren ein
reduziertes Beweismass gelte, müsse er keine strikten Beweise für seine
D-268/2019
Seite 8
Vorbringen vorlegen. Auch dürfe in Bezug auf die eingereichte Kopie seiner
Heiratsurkunde vom 12. Juli 2015, welche seinen Aufenthalt in Sri Lanka
belege, nicht mit dem pauschalen Argument der Fälschungsanfälligkeit sri-
lankischer Dokumente abgetan werden. Im Zusammenhang mit seiner
Freilassung sei es nicht nachvollziehbar, weshalb die Vorinstanz davon
ausgehe, eine Freilassung aufgrund von Bestechungsgeldern sei als
Schutzbehauptung zu werten, zumal bekannt sein dürfte, dass Korruption
in Sri Lanka Realität sei, wie dies denn auch einer Lageanalyse des SEM
von 2016 und einer Recherche des Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH
zu entnehmen sei. Zudem habe er ausführlich dargelegt, wie sein Bruder
einem Mitarbeiter des CID das Lösegeld gezahlt und gemutmasst habe,
dass es sich bei den Personen um Militärangehörige in Zivil und somit
wahrscheinlich um Soldaten gehandelt haben müsse. Es falle in diesem
Zusammenhang auch auf, dass die Begriffe «Soldaten», «Sicherheitsan-
gehörige» und «CID-Angehörige» als Synonyme verwendet und vermischt
worden seien. Somit könne die Vorinstanz nicht einfach behaupten, der
Bruder des Beschwerdeführers habe einem einfachen Soldaten das Be-
stechungsgeld gezahlt. Hinsichtlich des Vorhalts, er habe den Führer von
SOLT, bei welcher er als Jugendlicher Mitglied gewesen sei, nicht richtig
nennen können, sei darauf hinzuweisen, dass die von der Vorinstanz zi-
tierte Quellenangabe äusserst unsicher sei, zumal auch aus verschiede-
nen Quellen keine zuverlässigen Informationen über die Führerstrukturen
von SOLT vorhanden seien. Sodann erscheine es nachvollziehbar, dass er
keinen Kontakt mit seiner Familie aufgenommen habe, nämlich, um ihnen
nicht noch weitere Probleme wegen ihm aufzubürden. Dabei verbleibe die
vorinstanzliche Argumentation unklar, warum dies nicht zu den Motiven
und dem Verhalten einer sich tatsächlich bedroht fühlenden Person passen
solle. Der Widerspruch in Bezug auf den Tod seines Vaters dürfe ihm nicht
angelastet werden, da es sich dabei sowohl um ein nicht relevantes Detail,
als auch um ein Missverständnis handle, welches seine persönliche Glaub-
würdigkeit nicht in Frage stellen würde. Insgesamt habe er seine Gründe
detailliert und plausibel dargelegt. Schliesslich falle auf, dass man ihn we-
der über seine Haft noch über seine Deportation nach D._ befragt
habe, obwohl letzterer Fakt bei den französischen Behörden leicht zu be-
stätigen gewesen wäre. Ausserdem würden die neu eingereichten Beweis-
mittel den strittigen Aufenthalt in Sri Lanka belegen.
Zudem sei der Beschwerdeführer während der Anhörung mehrmals unter-
brochen worden und es sei ihm erklärt worden, nicht alles so detailliert zu
schildern. Ferner könne bei einer lediglich eineinhalbstündigen Anhörungs-
dauer eine umfassende Fluchtgeschichte nicht erfragt werden. Weiter falle
D-268/2019
Seite 9
auf, dass das Anhörungsprotokoll von der befragenden Person nicht unter-
schrieben worden sei, was die Rechtsmässigkeit des Protokolls allgemein
in Frage stelle.
3.3 Die Vorinstanz hielt in ihrer Vernehmlassung fest, dass es zwar zu-
treffe, dass im Asylverfahren das Beweismass herabgesetzt sei, jedoch
verbleibe die Rückkehr, die Dauer des Aufenthalts in Sri Lanka sowie die
Umstände der Ausreise bis in die Schweiz sowohl vom Beschwerdeführer
als auch seiner Ehefrau weiterhin unklar. Er habe keine rechtsgenüglichen
Identitätsdokumente eingereicht, wie dies die Mitwirkungspflicht gebiete.
Auch die auf Beschwerdeebene eingereichten Fotos seien nicht geeignet,
den Aufenthalt im Jahr 2015 in Sri Lanka zu belegen, zumal aus diesen
keine örtliche Zuordnung abgeleitet werden könne. Obwohl auf dem einge-
reichten Operationsbericht des Teaching Hospitals in G._ vom Au-
gust 2015 der Name seiner Ehefrau figuriere, lasse dieser keine eindeutige
Identifizierung zu. Ausserdem habe weder der Beschwerdeführer noch
seine Ehefrau zuvor erwähnt, sich kurz nach der Rückkehr einer Operation
unterzogen zu haben. Es werde daran festgehalten, dass weder er noch
die Ehefrau hätten glaubhaft machen können, in Sri Lanka 2015 einer asyl-
relevanten Verfolgung ausgesetzt gewesen zu sein. Die in der Beschwerde
angeführten Argumente seien nicht überzeugend und würden in erster Li-
nie als Anpassungsversuche an die Vorhaltungen im Asylentscheid auffal-
len. Auch die auf Beschwerdeebene eingereichte Facebook-Nachricht sei-
ner Schwester sei zu unsubstanziiert, um daraus eine begründete Furcht
vor zukünftiger Verfolgung in Sri Lanka ableiten zu können. Ferner stelle
sich die Frage, weshalb er diese Nachricht vom Dezember 2015 erst rund
drei Jahre später im Rahmen des Asylverfahrens ins Recht gelegt habe.
3.4 In der Replik wurde eingangs bemängelt, dass es nicht nachvollziehbar
sei, weshalb sich die Vorinstanz trotz des reduzierten Beweismasses auf
den Standpunkt stelle, der Zeitpunkt der Rückkehr des Beschwerdefüh-
rers, sein Aufenthalt in Sri Lanka und die Umstände der erneuten Einreise
in die Schweiz seien unklar. Dabei stütze sich die Vorinstanz nur auf die
nicht erbrachten Beweise, aber nicht auf die Elemente für die Glaubhaf-
tigkeit seiner Aussagen. Damit sei der Untersuchungsgrundsatz erneut ver-
letzt, zumal keine Auseinandersetzung mit seinen Vorbringen erfolgt sei.
Auch könne bezüglich der Ausweispapiere nicht von einer Verletzung der
Mitwirkungspflicht gesprochen werden, da er während der BzP dargelegt
habe, weshalb er über keine Identitätsdokumente verfüge. Sodann wird er-
neut die kurze Anhörungsdauer kritisiert, insbesondere im Zusammenhang
mit dem Nichterwähnen der Operation. Dies könne dem Beschwerdeführer
D-268/2019
Seite 10
unter den gegebenen Umständen nicht vorgeworfen werden, zumal die
Operation mit den Fluchtgründen nichts zu tun habe. Des Weiteren sei es
nicht nachvollziehbar, dass die eingereichten Fotos als Beweismittel des
dargelegten Aufenthalts in Sri Lanka ungeeignet seien und weshalb aus
dem Screenshot keine begründete Frucht vor einer zukünftigen asylrele-
vanten Verfolgung abgeleitet werden könne, zumal diese Beweismittel die
Aussagen im Asylverfahren untermauern würden. Ferner wird auf den
Kurzbericht der HWV verwiesen, wonach diese auf das kooperative Ver-
halten des Beschwerdeführers während der Anhörung und die Voreinge-
nommenheit der zuständigen Sachbearbeiterin hingewiesen habe.
Schliesslich sei die Formulierung «... Anpassung an die Vorhaltungen im
Asylentscheid...» nicht verständlich und bedürfe einer Erklärung, damit zu
diesem Punkt eine Stellungnahme erfolgen könne. In der zweiten Replik
wurde erneut auf die von der Vorinstanz verwendete – in der zweiten Ver-
nehmlassung offengelegte – Quelle zu SOLT Bezug genommen und dar-
gelegt, dass die darin zitierten Angaben bereits von der Quelle selber nicht
hätten verifiziert werden können, demensprechend nicht zuverlässig und
verwertbar seien.
4.
4.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben, wel-
che vorab zu behandeln sind, da sie allenfalls geeignet sein könnten, eine
Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. E 3.2.1).
4.2 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Dabei beschrän-
ken sich die behördlichen Ermittlungen nicht nur auf jene Umstände, wel-
che die Betroffenen belasten, sondern haben auch die sie entlastenden
Momente zu erfassen. Die Behörde hat alle sach- und entscheidwesentli-
chen Tatsachen und Ergebnisse in den Akten festzuhalten. Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und ak-
tenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird, etwa, weil die Rechtserheb-
lichkeit einer Tatsache zu Unrecht verneint wird und folglich nicht alle ent-
scheidwesentlichen Gesichtspunkte des Sachverhalts geprüft werden,
oder weil Beweise falsch gewürdigt wurden. Unvollständig ist die Sachver-
haltsfeststellung demgegenüber, wenn nicht alle für den Entscheid rechts-
relevanten Sachumstände berücksichtigt wurden. Dies ist häufig dann der
D-268/2019
Seite 11
Fall, wenn die Vorinstanz gleichzeitig den Anspruch der Parteien auf recht-
liches Gehör verletzt hat (vgl. BVGE 2015/10, E. 3.2 m.w.H.).
4.3 Nach Art. 8 AsylG hat die asylsuchende Person demgegenüber die
Pflicht (und unter dem Blickwinkel des rechtlichen Gehörs im Sinne von
Art. 29 VwVG und Art. 29 Abs. 2 BV auch das Recht) an der Feststellung
des Sachverhaltes mitzuwirken. Sofern die gesetzlichen Mitwirkungspflich-
ten durch die asylsuchende Person nicht verletzt worden sind, muss die
Behörde insbesondere dann weitere Abklärungen ins Auge fassen, wenn
aufgrund der Vorbringen der asylsuchenden Person und der von ihr einge-
reichten oder angebotenen Beweismittel Zweifel und Unsicherheiten am
Sachverhalt weiterbestehen, die voraussichtlich mit Ermittlungen von Am-
tes wegen beseitigt werden können (vgl. BVGE 2009/50, E. 10.2; 2008/24,
E. 7.2.; 2007/21, E. 11.1).
4.4 Gemäss Art. 29 Abs. 2 BV haben die Parteien eines Verfahrens An-
spruch auf rechtliches Gehör. Dieser Grundsatz wird in den Art. 29 ff.
VwVG für das Verwaltungsverfahren konkretisiert. Er dient einerseits der
Aufklärung des Sachverhalts, andererseits stellt er ein persönlichkeitsbe-
zogenes Mitwirkungsrecht der Partei dar. Der Anspruch auf rechtliches Ge-
hör verlangt, dass die verfügende Behörde die Vorbringen des Betroffenen
tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung
berücksichtigt, was sich entsprechend in der Entscheidbegründung nieder-
schlagen muss (BVGE 2015/10 E. 3.3 m.w.H.).
4.5 Einleitend ist festzustellen, dass sich die geltend gemachten formellen
Rügen als unbegründet herausstellen und dem Sub-Subeventualantrag,
die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, nicht zu folgen ist. Das Ge-
richt kommt zum Schluss, dass sich die Vorinstanz mit dem vom Beschwer-
deführer dargelegten Sachverhalt genügend auseinandergesetzte und
auch die eingereichten Beweismittel berücksichtigte.
4.5.1 Die Tatsache, dass keine Dokumentenanalyse durchgeführt wurde,
ist nicht zu beanstanden, zumal die entsprechenden Beweismittel lediglich
in Kopie vorliegen und es somit nicht möglich ist, diese im Sinne einer Do-
kumentenanalyse auf ihre Echtheit hin überprüfen zu lassen (vgl. E. 6.4).
Im Übrigen hat das SEM die vorgelegten Beweismittel aufgeführt und hat
diese in genügender Weise gewürdigt.
4.5.2 Das Gericht erachtet sodann, den Sachverhalt als genügend erstellt.
Insbesondere weitere Nachfragen in Bezug auf den Aufenthalt in
D-268/2019
Seite 12
D._ waren nicht notwendig, zumal sich daraus nichts in Bezug auf
die Reise nach Sri Lanka und eine asylrechtlich relevante Verfolgung dort
zu ergeben vermöchte. Von einer zu kurzen Befragung ist vorliegend nicht
auszugehen, war doch der Beschwerdeführer in der Lage, seine Flucht-
gründe umfassend darzulegen. Hinsichtlich seines Vorhalts, er sei mehr-
mals während der Anhörung unterbrochen worden, ist festzustellen, dass
dies lediglich einmal am Ende der Frage 5 der Fall war (vgl. act. A82/12,
F5, S. 3). Daraus ergibt sich noch nicht, dass die befragende Person vor-
eingenommen war oder dass es dem Beschwerdeführer verunmöglicht
wurde, seine Fluchtgründe ausführlich darzulegen. Die Vorinstanz durfte in
antizipierter Beweiswürdigung darauf verzichten Erkundigungen bei den
französischen Behörden zur Deportation des Beschwerdeführers einzuho-
len. Auch die Rüge, das SEM hätte sich bei den französischen Behörden
nach seiner Identität erkundigen müssen, vermag nicht zu verfangen, zu-
mal es ihm im Rahmen der Mitwirkungspflicht obliegt, Identitätsdokumente
beizubringen und diese den Schweizerischen Asylbehörden vorzulegen.
Sofern er sich darauf beruft, das rechtliche Gehör und der Untersuchungs-
grundsatz seien verletzt worden, indem seine Aussagen ungenügend ge-
würdigt worden seien, ist darauf hinzuweisen, dass er dabei das materielle
mit dem formellen Recht vermengt. Auf die Frage der Korrektheit der ma-
teriellen Würdigung ist nachfolgend einzugehen.
4.5.3 Sodann stellte der Beschwerdeführer Gültigkeit des Protokolls in
Frage, da dieses von der befragenden Person nicht unterzeichnet worden
sei. Massgebend für die Verwertbarkeit eines Anhörungsprotokolls ist die
Bestätigung der Richtigkeit der Aussagen der asylsuchenden Person durch
ihre eigene Unterschrift (vgl. D-484/2019, E.6.4.2). Das Anhörungsproto-
koll wurde vom Beschwerdeführer auf jeder Seite unterschrieben, womit er
die Richtigkeit seiner Aussagen bestätigte. Dass die befragende Person
ein knappes Jahr verspätet unterschrieben hat (gemäss beiliegendem
Post-it am 4. Februar 2019), spricht zwar nicht für eine saubere Aktenfüh-
rung, wirkt sich vorliegend jedoch nicht auf die Verwertbarkeit des Anhö-
rungsprotokolls aus, zumal auch davon auszugehen ist, dass sie anwe-
send war und die Anhörung leitete.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
D-268/2019
Seite 13
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken, Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft, wenn sie genügend
substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in
vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten widersprüchlich
sein oder der inneren Logik entbehren und auch nicht den Tatsachen oder
der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus muss die asyl-
suchende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere
dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder ver-
fälschte Beweismittel abstützt (vgl. Art. 7 Abs. 3 AsylG), aber auch dann,
wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im
Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet
nachschiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mit-
wirkung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Gegensatz
zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuch-
stellers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Ge-
richt von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für
wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftma-
chung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen
zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche
und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdar-
stellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob
die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
D-268/2019
Seite 14
6.2 Die Vorinstanz kam in ihrer Verfügung zum Schluss, dass den Ausfüh-
rungen des Beschwerdeführers zu den Ereignissen in Sri Lanka im Jahr
2015 nicht geglaubt werden könne, dies einerseits aus dem Grund, weil er
nicht habe belegen können, 2015 tatsächlich für einige Monate in sein Hei-
matland zurückgekehrt zu sein, anderseits, weil er seine Vorfluchtgründe
insgesamt nicht glaubhaft dargelegt worden seien. Im Ergebnis sind die
vorinstanzlichen Erwägungen zu stützen.
6.2.1 Vorweg ist allerdings festzuhalten, dass anders als die Vorinstanz
das Gericht es durchaus für glaubhaft hält, dass der Beschwerdeführer
während seiner Schulzeit von 1992 bis 1996 Mitgliedschaft bei SOLT ge-
wesen ist. Seine entsprechenden Aktivitäten und den Hergang, wie er die-
ser Organisation – trotz der lang zurückliegenden Ereignisse – beigetreten
ist und dort mitgewirkt hat, vermochte er detailliert zu schildern. Zu Recht
wendet der Beschwerdeführer sodann ein, dass sich die Vorinstanz bezüg-
lich Führungsfigur lediglich auf eine einzige Quelle stützte, und daraus zu
Unrecht schloss, der Beschwerdeführer habe den darin aufgeführten Na-
men des damaligen Anführers von SOLT nicht richtig nennen können. Ers-
tens ist hierzu zu bemerken, dass die zitierte Quelle davon ausgeht, dass
im Jahr der Anführer von SOLT im Jahr 1996 Idayan gewesen sei, wobei
unklar bleibt, ob er dies auch zuvor gewesen war. Dies wäre wesentlich
gewesen, zumal der Beschwerdeführer erklärte, von 1992 bis 1996 bei
SOLT aktiv mitgewirkt zu haben. Überdies ist der Argumentation des Be-
schwerdeführers beizupflichten, dieselbe Quelle habe im gleichen Bericht
erwähnt, dass die Informationen nicht hätten verifiziert werden können.
Und schliesslich bescheinigt eine andere Quelle, dass es mehrere «moti-
vierte» Führungskräfte gegeben haben soll und erst «später» der Studen-
tenpräsident der Universität von G._ der Führer von SOLT gewe-
sen sei. Insgesamt verfügt die vorinstanzliche Information über fehlende
Aussagekraft und kann nicht als Bestätigung angeblich falscher Aussagen
des Beschwerdeführers hinzugezogen werden (vgl. IRB – Immigration and
Refugee Board of Canada: „Student Organization of Liberation Tigers
[SOLT]; mandate; recruitment; relationship with the Liberation Tigers of Ta-
mil Eelam [LTTE] [LKA32459.E]“, Dokument #1127806 - ecoi.net; IRB –
Immigration and Refugee Board of Canada: „Update to LKA32459.E of 9
August 1999 on the Student Organization of Liberation Tigers [SOLT]; how
organization functioned, age of recruitment [LKA35458.E]“, Dokument
#1143333 - ecoi.net, 6. Absatz, beide abgerufen am 20. April 2021).
6.2.2 Erste gewichtige Zweifel ergeben sich jedoch am Wahrheitsgehalt
der Aufenthaltsorte nach 2014 insbesondere der Umstände der Reise nach
https://www.ecoi.net/de/dokument/1127806.html https://www.ecoi.net/de/dokument/1127806.html https://www.ecoi.net/de/dokument/1127806.html https://www.ecoi.net/de/dokument/1127806.html https://www.ecoi.net/de/dokument/1143333.html https://www.ecoi.net/de/dokument/1143333.html https://www.ecoi.net/de/dokument/1143333.html https://www.ecoi.net/de/dokument/1143333.html https://www.ecoi.net/de/dokument/1143333.html
D-268/2019
Seite 15
Sri Lanka im Jahr 2015. Es fällt auf, dass der Beschwerdeführer zwar di-
verse Belege verschiedener anderer Flüge, jedoch keine für die Reise nach
Sri Lanka im Jahr 2015 ins Recht legte. Dies erstaunt umso mehr, als dass
er auch ältere Dokumente, wie etwa ein Rückkehrhilfegesuch aus dem
Jahr 2011 sowie Flugunterlagen zum Teil aus dem Jahr 2012 aufbewahren
und im Asylverfahren zu den Akten legen konnte. Vor diesem Hintergrund
wäre klar zu erwarten, dass er auch über Unterlagen zu der viel späteren
Reise nach Sri Lanka verfügen müsste. Dies umso mehr, als er aufgrund
seiner bereits durchlaufenen Asylverfahren in Frankreich und Deutschland
um die Wichtigkeit solcher Beweismittel wissen müsste. Zwar ist dem Be-
schwerdeführer Recht zu geben, dass im Rahmen des Asylrechts die
Glaubhaftmachung genügt. Ist jedoch zu erwarten, dass gewisse Beweis-
mittel vorliegen sollten, kann das Fehlen solcher sehr wohl gegen die
Glaubhaftigkeit der Vorbringen sprechen. Die Zweifel an der Glaubhaf-
tigkeit seiner Schilderungen werden ausserdem zum Hergang der Mit-
nahme durch Beamte des CID sowie zur anschliessenden Inhaftierung und
Freilassung bestätigt. Es fällt auf, dass er die Abfolge der Ereignisse zwar
chronologisch schilderte, jedoch kaum Details oder Nebensächlichkeiten
hierzu einfliessen liess und einzelne Punkte nicht weiter ausführte, was bei
der relativ langen freien Rede anlässlich seiner Anhörung zu erwarten ge-
wesen wäre. Seine Schilderungen lassen den Eindruck entstehen, sie wür-
den auf der Nacherzählung von auswendig gelernten Ereignissen beruhen.
Neben der fehlenden Substanz und fehlenden Realkennzeichen fällt ins-
besondere seine Emotionslosigkeit im Zusammenhang mit der Äusserung
zu den Suizidgedanken seiner Ehefrau auf (auf vgl. act. A82/12, F6).
Schliesslich erachtet es auch das Gericht als nicht glaubhaft, dass sich der
Beschwerdeführer nicht bei seiner Familie über deren Wohlergehen und
allfälligen Folgen seiner Flucht für diese erkundigt haben soll. Selbst mit
Blick auf die Möglichkeit, dass das Telefon abgehört werden sollte, müsste
es Mittel und Wege geben, mit der Familien in Kontakt zu treten. Insgesamt
überwiegen letztlich die Elemente, die gegen die Glaubhaftigkeit der Vor-
bringen sprechen.
6.2.3 An dieser Einschätzung vermögen weder die Kopie der Heiratsur-
kunde noch der Bericht des Spitals in G._ seine Ehefrau betreffend,
etwas zu ändern. Kopien von Beweismitteln stellen keinen hohen Beweis-
wert dar und können auch nicht auf ihre Echtheit überprüft werden, wes-
halb die Heiratsurkunde ungeeignet ist, den geltend gemachten Aufenthalt
in Sri Lanka 2015 zu belegen. Zudem ist darauf hinzuweisen, dass es sich
dabei nicht um ein amtliches Dokument handelt und auch beim Vorliegen
D-268/2019
Seite 16
dessen Originals über keine Aussagekraft verfügen würde. Sodann ist fest-
zustellen, dass Spitalberichte leicht manipuliert werden können, weshalb
auch dieser nicht geeignet ist, die Zweifel aus dem Weg zu räumen. Die
auf Beschwerdeebene eingereichten Fotos zeigen zwar den Beschwerde-
führer und seien Ehefrau zusammen mit verschiedenen Personen offenbar
im asiatischen Raum. Obwohl nicht auszuschliessen ist, dass es sich dabei
um Familienangehörige handeln könnte, kann einerseits deren Identität
nicht überprüft werden. Anderseits lassen sich daraus weder eine örtliche
noch zeitliche Zuordnung ableiten, weshalb auch diese Eingaben ungeeig-
net sind zu belegen, dass sich der Beschwerdeführer und seine Ehefrau
tatsächlich von Juli bis Oktober 2015 in Sri Lanka aufgehalten haben und
dort asylrechtlich relevanter Verfolgung ausgesetzt waren. Schliesslich
lässt sich anhand des Screenshots vom Dezember 2015, gemäss welchem
seine Schwester gesucht werde, keine Verfolgungsabsicht der sri-lanki-
schen Behörden für den Beschwerdeführer entnehmen, zumal unklar
bleibt, weshalb die Schwester gesucht wird und inwiefern dies den Be-
schwerdeführer betreffen sollte. Auch dass die Vertretung der Hilfswerke
die Glaubhaftigkeit der Vorbringen anders einschätzte, vermag schliesslich
nichts zu ändern, zumal es den Asylbehörden obliegt, die Glaubhaftigkeit
der Vorbringen abschliessend zu qualifizieren.
6.3 Das Bundesverwaltungsgericht kommt in Einklang mit den Erwägun-
gen der Vorinstanz zum Schluss, dass der Beschwerdeführer seine Rück-
kehr im Jahr 2015 nach Sri Lanka und seine geltend gemachten Vorflucht-
gründe nicht hat glaubhaft darzulegen vermögen. Hingegen ist seinen Aus-
sagen, er habe während seiner Schulzeit der Organisation SOLT angehört
und für diese gewirkt, zu glauben.
7.
7.1 Weiter bleibt zu prüfen, ob der Beschwerdeführer über ein erhöhtes
Risikoprofil verfügt und ihm bei einer Wiedereinreise ins Heimatland eine
asylrelevante Verfolgung im Sinne von Nachfluchtgründen droht oder dro-
hen könnte.
7.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 eine Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri
Lanka vorgenommen und festgestellt, dass aus Europa respektive der
Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer
ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien
(vgl. a.a.O. E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung des Ri-
D-268/2019
Seite 17
sikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaf-
tung und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei han-
delt es sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeintli-
chen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, um die Teil-
nahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen und um das Vorlie-
gen früherer Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicher-
weise im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbin-
dung zu den LTTE (sogenannte stark risikobegründende Faktoren,
vgl. a.a.O., E. 8.4.1–8.4.3). Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und
überprüft zu werden, unterliegen ausserdem Personen, die ohne die erfor-
derlichen Identitätspapiere nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangs-
weise zurückgeführt werden oder die über die Internationale Organisation
für Migration (IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut
sichtbaren Narben (sogenannte schwach risikobegründende Faktoren,
vgl. a.a.O., E. 8.4.4 und 8.4.5). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die
konkret glaubhaft gemachten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante
Gefährdung der betreffenden Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht,
dass insbesondere jene Rückkehrenden eine begründete Furcht vor ernst-
haften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-
lankischen Behörden zugeschrieben wird, dass sie bestrebt seien, den ta-
milischen Separatismus wiederaufleben zu lassen (vgl. a.a.O., E. 8.5.1).
7.3 Am 16. November 2019 wurde Gotabaya Rajapaksa zum neuen Präsi-
denten Sri Lankas gewählt (vgl. Neue Zürcher Zeitung [NZZ], In Sri Lanka
kehrt der Rajapaksa-Clan an die Macht zurück, 17.11.2019;
https://www.theguardian.com/world/2019/nov/17/sri-lanka-presidential-
candidate-rajapaksa-premadas-count-continues, abgerufen am 5. März
2020). Gotabaya Rajapaksa war unter seinem älteren Bruder, dem ehema-
ligen Präsidenten Mahinda Rajapaksa, der von 2005 bis 2015 an der Macht
war, Verteidigungssekretär. Er wurde angeklagt, zahlreiche Verbrechen ge-
gen Journalistinnen und Journalisten sowie Aktivisten begangen zu haben.
Zudem wird er von Beobachtern für Menschenrechtsverletzungen und
Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht; er bestreitet die Anschuldigun-
gen (vgl. Human Rights Watch [HRW]: World Report 2020 – Sri Lanka,
14.1.2020). Kurz nach der Wahl ernannte der neue Präsident seinen Bru-
der Mahinda zum Premierminister und band einen weiteren Bruder, Cha-
mal Rajapaksa, in die Regierung ein; die drei Brüder Gotabaya, Mahinda
und Chamal Rajapaksa kontrollieren im neuen Regierungskabinett zusam-
men zahlreiche Regierungsabteilungen oder -institutionen (vgl. vgl.
https://www.aninews.in/news/world/asia/sri-lanka-35-including-presidents-
brother-chamal-rajapksa-sworn-in-as-ministers-of-state 20191127174753,
https://www.aninews.in/news/world/asia/sri-lanka-35-including-presidents-brother-chamal-rajapksa-sworn-in-as-ministers-of-state https://www.aninews.in/news/world/asia/sri-lanka-35-including-presidents-brother-chamal-rajapksa-sworn-in-as-ministers-of-state
D-268/2019
Seite 18
abgerufen am 4. März 2020). Beobachter und ethnische oder religiöse Min-
derheiten befürchten insbesondere mehr Repression und die vermehrte
Überwachung von Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, Journalis-
tinnen und Journalisten, Oppositionellen und regierungskritischen Perso-
nen (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH]: Regierungswechsel weckt
Ängste bei Minderheiten, 21.11.2019). Am 5. August 2020 fanden Parla-
mentswahlen statt mit dem Resultat, dass der Rajapaksa-Clan seine Macht
in Sri Lanka ausweiteten konnte (vgl. Sri Lanka: Rajapaksa-Clan weitet
seine Macht weiter aus [nzz.ch] vom 7. August 2020).
Das Bundesverwaltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka
bewusst. Es beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt
diese bei seiner Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand
durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage auszu-
gehen, der Personen mit einem bestimmten Risikoprofil ausgesetzt sind
beziehungsweise bereits vorher ausgesetzt waren (vgl. Referenzurteil des
Bundesverwaltungsgerichts E 1866/2015 vom 15. Juli 2016, HRW, Sri
Lanka: Families of "Disappeared" Threatened, 16.02.2020). Dennoch gibt
es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem
Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer
Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im Ein-
zelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Personen
zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 und den Parlaments-
wahlen vom 5. August 2020 respektive deren Folgen besteht.
7.4 Der Beschwerdeführer brachte vor, er habe während seines Aufent-
halts in Frankreich einmal am Pongu Tamil-Tag, an einigen Demonstratio-
nen und Märtyrertagen sowie 2009 an einem Hungerstreik teilgenommen
(vgl. act. A82/12, F34-36). Weitere exilpolitische Aktivitäten machte keine
geltend, weshalb davon auszugehen ist, dass er sich weder regelmässig
noch in einem besonderen Mass in politischer Weise engagiert und seine
Aktivitäten in Frankreich nicht als erheblich einzustufen sind. Auch aus sei-
ner Mitgliedschaft bei SOLT sind ihm keine Nachteile entstanden, zumal er
nach seinem Austritt bei dieser Organisation noch acht Jahre unbehelligt
in Sri Lanka lebte (vgl. E.5.3). Insgesamt ist nicht davon auszugehen, dass
er deshalb den sri-lankischen Behörden aufgefallen ist und aufgrund des-
sen bei einer Rückkehr einer asylrechtlich relevanten Verfolgung ausge-
setzt wäre. Sodann machte er keine strafrechtliche Verfolgung geltend,
welche zu einem möglichen Eintrag auf der sog. «Stop-List» führen könnte.
Einen direkten sowie persönlichen Bezug zur Präsidentschaftswahl vom
November 2019 oder zu den Parlamentswahlen und sich allfällige, daraus
D-268/2019
Seite 19
ergebende Nachteile für ihn, konnte er nicht darlegen. Angesichts der vo-
rangehenden Erwägungen ist deshalb nicht davon auszugehen, dass stark
risikobegründende Faktoren vorliegen.
Schwach risikobegründende Faktoren führen allein für sich genommen in
der Regel nicht zu einer asylrelevanten Verfolgungsgefahr (vgl. Referenz-
urteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016, E.8.5.5). Schliesslich ist zwar nicht
abzustreiten, dass er sich während einer beachtlichen Zeitspanne im Aus-
land aufgehalten hat. Diese langjährige Landesabwesenheit führt jedoch
allein nicht zu einem potentiellen Risikofaktor, welcher einem Vollzug der
Wegweisung im Wege stehen würde.
7.5 Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht seiner teilweise unglaubhaf-
ten Schilderungen ist das Vorhandensein eines Risikoprofils zu verneinen.
Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, glaubhaft
vorzubringen, dass ihm bei einer Rückkehr durch die sri-lankischen Behör-
den eine Gefahr vor einer asylbegründeten Verfolgung drohen würde und
er ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG befürchten
müsste. Die Vorinstanz hat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint
und sein Asylgesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
D-268/2019
Seite 20
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.3 Das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement schützt nur
Personen, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Sri
Lanka ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
D-268/2019
Seite 21
erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl
im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.4 Der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im Hinblick auf eine
EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem europä-
ischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wiederholt befasst
(vgl. Urteil R.J. gegen Frankreich vom 19. September 2013, Beschwerde
Nr. 10466/11; E.G. gegen Grossbritannien vom 31. Mai 2011, 41178/08;
T.N. gegen Dänemark vom 20. Januar 2011, 20594/08; P.K. gegen Däne-
mark vom 20. Januar 2011, 54705/08; N.A. gegen Grossbritannien vom
17. Juli 2008, 25904/07). Dabei unterstreicht der Gerichtshof, dass nicht in
genereller Weise davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilinnen und
Tamilen drohe eine unmenschliche Behandlung. Eine Risikoeinschätzung
müsse im Einzelfall vorgenommen werden (vgl. Urteil des EGMR R.J. ge-
gen Frankreich vom 19. September 2013, Nr. 10466/11; Rechtsprechung
zuletzt bestätigt in J.G. gegen Polen vom 11. Juli 2017, Nr. 44114/14). Aus
den Akten ergeben sich keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass der Be-
schwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die über einen so genann-
ten „Background Check“ (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im
In- und Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich gefährdet
wäre.
9.5 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.6 In Sri Lanka herrscht weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Ge-
walt. Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. In den beiden Referenzur-
teilen E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 und D-3619/2016 vom 16. Oktober
2017 hat das Bundesverwaltungsgericht eine aktuelle Einschätzung der
Lage in Sri Lanka vorgenommen. Dabei stellte es fest, dass der Wegwei-
sungsvollzug sowohl in die Nordprovinz als auch in die Ostprovinz unter
Einschluss des sogenannten Vanni-Gebiets zumutbar ist, wenn das Vorlie-
gen von individuellen Zumutbarkeitskriterien bejaht werden kann. Zu den
individuellen Zumutbarkeitskriterien gehören insbesondere das Vorhan-
D-268/2019
Seite 22
densein eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes so-
wie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation
(vgl. Referenzurteil des BVGer E-1866/2015 E. 13.2 ff. und Urteil des
BVGer D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5).
9.7 Der Beschwerdeführer ist gesund und verfügt über einen A-Level-
Schulabschluss, über mehrjährige Arbeitserfahrung als (...) und Verkäufer
im familieneigenen Betrieb in Sri Lanka sowie über weitere Berufserfahrun-
gen als Restaurationsmitarbeiter. Den Familienbetrieb hat nach dem Tod
des Vaters sein älterer Bruder übernommen, welcher ihn, den Beschwer-
deführer, bereits mehrmals finanziell unterstützte (vgl. act. BzP, F1.17.04
und 1.17.05). Mit seiner breiten Berufserfahrung und dem familiären Be-
ziehungsnetz, respektive dem familiären (...), wird es ihm möglich sein,
sich in Sri Lanka trotz einer langen Landesabwesenheit eine neue Existenz
für sich und seine Familie aufbauen zu können. Ferner besitzt er eigenen
Angaben zufolge ein Haus und einige Reisfelder in H._ (vgl. act.
BzP, F1.17.07), womit auch die Wohnsituation geregelt ist. Schliesslich
wird es ihm möglich sein, zusätzliches Einkommen durch den Besitz der
Reisfelder zu generieren.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
9.8 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.9 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements vom
D-268/2019
Seite 23
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem jedoch das mit der
Beschwerde eingegangene Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege mit Verfügung vom 20. März 2020 gutgeheissen wurde, wer-
den keine Verfahrenskosten auferlegt.
12.
Die Kostennote zur Beschwerde vom 13. Januar 2019 weist einen Auf-
wand von 5 Stunden auf. Dabei ging die Rechtsvertreterin von einem Stun-
denansatz von Fr. 200.– aus. Mit Zwischenverfügung vom 24. Januar 2019
war darauf aufmerksam gemacht worden, dass bei einer nicht-anwaltlichen
Vertretung bei einer amtlichen Rechtsvertretung in der Regel von einem
Stundenansatz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– ausgegangen werde (vgl. Art. 12
i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Das Honorar ist entsprechend zu kürzen und
der Stundenansatz auf Fr. 150.– herabzusetzen. Für die Eingaben vom
25. Februar 2019 und 4. Mai 2021 wurde keine Kostennote zu den Akten
gereicht. Der notwendige Vertretungsaufwand lässt sich aufgrund der Ak-
ten zuverlässig abschätzen, weshalb auf die Einholung einer solchen ver-
zichtet werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Dabei ist zu berücksich-
tigen, dass die Rechtsvertretung auch die Ehefrau des Beschwerdeführers
vertreten hat, woraus sich gewisse Synergien ergeben haben dürften. Der
amtlichen Rechtsbeiständin ist ein Honorar von insgesamt Fr. 1’100.– (in-
klusive Auslagen) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
D-268/2019
Seite 24