Decision ID: 75cbf5d2-2061-5479-8e73-df151730ca8c
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich in den Achtzigerjahren für berufliche Massnahmen bei der IV-
Stelle an, nachdem er nach einer Rachitis im Kindsalter wegen Auskugelungen des
Schultergelenks sowie Lähmungserscheinungen mit Schmerzen an der rechten
Schulter operiert worden war (vgl. IV-act. 109-2). Die IV-Stelle gewährte ihm eine
Umschulung vom Maler zum Offsetdrucker (vgl. IV-act. 16-1; IV-act. 190 i.V.m. IV-
act. 6). Im Jahr 1995 musste der Versicherte sich erneut einer Schulteroperation
unterziehen. Der Heilverlauf war zunächst gut.
A.a.
Ab Dezember 2001 traten wieder Schmerzen auf (vgl. IV-act. 10-9). Daraufhin
meldete sich der Versicherte erneut bei der IV-Stelle an (IV-act. 1). Die IV-Stelle sprach
ihm berufliche Massnahmen in Form einer Umschulung zum Webpublisher zu (IV-
act. 36). Diese Umschulung konnte der Versicherte unverschuldet nicht abschliessen
(IV-act. 47; vgl. auch IV-act. 49). Auf seinen Wunsch erteilte die IV-Stelle
Kostengutsprache für eine Umschulung zum Pastoralassistenten einer Freikirche (IV-
act. 59). Nach einer weiteren Operation war der Versicherte ab dem 24. Januar 2005 zu
50% arbeitsunfähig geschrieben, sodass sich die Dauer der Umschulung entsprechend
verlängerte (vgl. IV-act. 83 ff.).
A.b.
Im Jahr 2006 attestierten Dr. med. B._, Spezialarzt Orthopädie FMH, und
Dr. med. C._, Arzt für Neurologie und Psychiatrie, vom Medizinischen
Gutachtenzentrum St. Gallen (nachfolgend: MGSG) dem Versicherten in seiner
Tätigkeit als Drucker/ Webpublisher eine Arbeitsfähigkeit von 60% und in seiner
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Tätigkeit als Pastoralassistent ebenso wie in einer (anderen) adaptierten Tätigkeit eine
Arbeitsfähigkeit von 100% (IV-act. 109-7 f.).
Am 18. Januar 2007 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass die beruflichen
Massnahmen ohne Rentenanspruch erfolgreich beendet worden seien, zumal er die
Umschulung zum Pastoralassistenten abgeschlossen habe (IV-act. 120). Mit Verfügung
vom 7. Februar 2007 wies sie sein Rentengesuch ab (IV-act. 127). Die dagegen
erhobenen Rechtsmittel wurden ebenfalls abgewiesen, soweit darauf eingetreten
wurde (IV-act. 142 und 149).
A.d.
Am 9. Februar 2009 meldete der Versicherte sich erneut zum Bezug von IV-
Leistungen an (IV-act. 150). Mit Bericht vom 19. März 2009 führte sein Hausarzt,
Dr. med. D._, aus, die Schulterschmerzen hätten sich verstärkt und eine depressive
Entwicklung sei eingetreten (IV-act. 155). Mit Verfügung vom 15. Februar 2010 trat die
IV-Stelle nicht auf das neue Leistungsbegehren ein, da der Versicherte nicht glaubhaft
gemacht habe, dass sich die tatsächlichen Verhältnisse erheblich verändert hätten (IV-
act. 167).
A.e.
Am 7. Juli 2012 meldete sich der Versicherte wegen einer Burnoutproblematik mit
Angst- und Panikzuständen neuerlich zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 175).
Mit Schreiben vom 2. August 2012 teilte Dr. D._ mit, seit Herbst 2011 habe sich
zunehmend eine schwere Angsterkrankung mit invalidisierenden Symptomen
entwickelt, was eine medikamentöse sowie fachärztliche Behandlung und eine
psychologische Betreuung nötig gemacht habe (IV-act. 184). Am 7. August 2012
informierte E._, psychologische Beraterin, der Versicherte sei seit Anfang Dezember
2011 in ihrer psychologischen Betreuung, nachdem er psychisch dekompensiert sei. Er
besuche eine ambulante Angstbewältigungsgruppe in der Psychiatrischen Klinik F._.
Ab Mitte September 2012 sei ein Eintritt in die Tagesklinik der Psychiatrischen Klinik
F._ vorgesehen (IV-act. 188). Gemäss Bericht vom 16. Januar 2013 von Dr. med.
G._, Oberarzt der Tagesklinik der Psychiatrischen Klinik F._, leide der Versicherte
an sonstigen phobischen Störungen (F40.8), Panikstörung (episodisch paroxysmale
Angst; F41.0) und habitueller Schulterluxation rechts (M24.41). Er neige zu Zittern und
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Stottern. Es bestehe ein ausgeprägter sozialer Rückzug. Er befinde sich in
teilstationärer-tagesklinischer Behandlung an drei Tagen pro Woche (IV-act. 195).
Mit Aktennotiz vom 23. Januar 2013 hielt RAD-Arzt Dr. H._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie fest, der Versicherte unternehme die zumutbaren
Behandlungen und erziele Fortschritte in der Genesung. Die Arbeitsfähigkeit werde
hochgradig eingeschränkt beschrieben, der Gesundheitszustand erscheine auch für
niederschwellige Eingliederungsmassnahmen nicht ausreichend stabil. Er schlage
deshalb vor, abzuwarten, ob in sechs Wochen eine weitere Verbesserung verzeichnet
werden könne (IV-act. 197).
B.b.
Vom 6. Januar 2014 bis 4. April 2014 erteilte die IV-Stelle dem Versicherten
Kostengutsprache für ein Belastbarkeitstraining (vgl. IV-act. 215, 224 und 233) und
anschliessend für ein Aufbautraining bei der I._. Am Ende dieses Aufbautrainings
hätte der Versicherte eine Arbeitsfähigkeit von 50% erreichen sollen (IV-act. 234).
Aufgrund starker Schmerzen in der rechten Schulter wurde der Versicherte von
Dr. G._ vom 13. bis 15. sowie ab dem 25. August 2014 vollständig arbeitsunfähig
geschrieben. Da das Ziel des Aufbautrainings nicht mehr erreicht werden konnte,
wurde es per 31. August 2014 vorzeitig beendet (IV-act. 243 und 245).
B.c.
Mit Stellungnahme vom 19. September 2014 erachtete RAD-Arzt Dr. H._,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, mittelfristig eine Arbeitsfähigkeit von 60
bis 80% als möglich. Innerhalb eines Jahres könne eine Arbeitsfähigkeit von 50% in
der freien Wirtschaft erreicht werden (IV-act. 250).
B.d.
Mit Bericht vom 27. Januar 2015 stellte Dr. G._ folgende Diagnosen:
Agoraphobie mit Panikstörung (ICD-10: F40.01), rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig leichte Episode, ohne somatisches Syndrom (F33.0), anhaltende
somatoforme Schmerzstörung (F45.4) und Z. n. mehrfachen Schulteroperationen bei
habitueller Schulterluxation (IV-act. 257).
B.e.
Am 1. April 2015 wurde der Versicherte in der Klinik J._ wegen der
schmerzhaften Funktionsstörung erneut an der rechten Schulter operiert (IV-act. 263;
vgl. auch IV-act. 264 bis 266). Mit Bericht vom 11. Mai 2015 diagnostizierten Dr. med.
K._, Oberärztin, und Dr. med. L._, Chefarzt Orthopädie Klinik J._, einen St. n.
B.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arthroskopie Schulter rechts mit Bicepssehnen-Tenotomie, Débridement der
Subscapularissehne sowie Bursektomie vom 1. April 2015. Die Schmerzen des
Versicherten hätten sich deutlich zurückgebildet (IV-act. 270). Mit Bericht vom 22. Juni
2015 hielt Dr. K._ fest, es würde nach wie vor eine flaue Verkalkung am ehesten im
Bereich der Infraspinatussehne bestehen. Immer noch würden Schmerzen bestehen.
Dass eine normale Schulter entstehen würde, sei von vornherein unwahrscheinlich
gewesen. Aktuell sei eine Wiederaufnahme der Arbeit zu früh (IV-act. 275).
Mit Mitteilung vom 25. Juni 2015 informierte die IV-Stelle den Versicherten, dass
das Leistungsbegehren um (weitere) berufliche Massnahmen abgewiesen werde (IV-
act. 276).
B.g.
Am 5. August 2015 beschrieb Dr. K._ das Resultat der Operation vom 1. April
2015 als sehr erfreulich. Die Arbeitsunfähigkeit sei multifaktoriell. Neben dem
orthopädischen Problem mit einem Korrelat und auch persistierenden Schmerzen
bestehe ein chronisches Schmerzproblem sowie eine psychische Komponente. Sie
attestierte dem Versicherten eine Arbeitsunfähigkeit von 100% bis Ende August 2015.
Danach solle der Hausarzt unter Zusammenführung der Informationen der diversen
Fachrichtungen die Arbeitsfähigkeit beurteilen (IV-act. 280).
B.h.
Mit Vorbescheid vom 5. Januar 2016 stellte die IV-Stelle dem Versicherten bei
einem Invaliditätsgrad von 0% eine Abweisung seines Begehrens auf eine
Invalidenrente in Aussicht (IV-act. 286).
B.i.
Mit Bericht vom 8. Februar 2016 meldeten med. pract. M._, Assistenzarzt, und
med. pract. N._, Oberärztin, Ambulatorium der Psychiatrischen Klinik F._, eine
Verschlechterung des Gesundheitszustands des Versicherten. Die Leistungsfähigkeit
sei auf maximal 70 Minuten täglich bei leichten Computerarbeiten beschränkt, der
Versicherte sei bis auf Weiteres 100% arbeitsunfähig. Sie stellten folgende
psychiatrische Diagnosen: F45.41 Chronische Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren, F33.11 rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig
mittelgradige Episode, mit somatischem Syndrom, sowie F40.01 Agoraphobie mit
Panikstörung. Im Langzeitverlauf sei eine deutliche Verschlechterung des psychischen
Zustandes zu verzeichnen (IV-act. 289).
B.j.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit Verfügung vom 22. Februar 2016 lehnte die IV-Stelle das Gesuch um
Invalidenrente ab (IV-act. 300). Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte, nun
vertreten durch Dr. iur. Ronald Pedergnagna, am 24. März 2016 Beschwerde und
machte im Wesentlichen geltend, es hätte eine polydisziplinäre Begutachtung
stattfinden müssen (IV-act. 305). Daraufhin widerrief die IV-Stelle ihre Verfügung am
23. Mai 2016 (IV-act. 317) und beauftragte die medexperts AG, St. Gallen, mit einer
bidisziplinären Begutachtung (IV-act. 323 und 336). Das Versicherungsgericht schrieb
das Verfahren ab (IV-act. 331).
B.k.
Mit Gutachten vom 9. Januar 2017 stellten die medexperts-Gutachterinnen
Dr. med. O._, Fachärztin Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, und Dr. med. P._, Psychiatrie und Psychotherapie, folgende
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: Schmerzhafte
Bewegungseinschränkung der rechten Schulter bei St. n. fünfmaliger Operation,
endgradige Bewegungsschmerzen der HWS bei geringen degenerativen
Veränderungen, chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen
Faktoren, Agoraphobie und Panikstörung sowie Dysthymie, Differentialdiagnose
rezidivierende depressive Störung gegenwärtig weitgehend remittiert. Als
Nebendiagnosen hielten sie anamnestisch Beschwerden an den Hüften sowie
akzentuierte Persönlichkeitszüge mit perfektionistischen und vermeidenden Anteilen
fest (IV-act. 338-44). In einer adaptierten, d.h. leichten Tätigkeit in Hüfthöhe bzw.
maximal bis zur Horizontalen ohne Arbeiten über Kopfhöhe und mit Heben bis 10 kg,
bestehe aus polydisziplinärer Sicht eine Arbeitsfähigkeit von 80%. Beginn dieser
Arbeitsfähigkeit sei wahrscheinlich September 2015 (Abschluss Behandlungen der
Klinik J._), spätestens aber der Begutachtungszeitpunkt (IV-act. 338-49 f.).
B.l.
Mit Vorbescheid vom 17. Januar 2017 stellte die IV-Stelle dem Versicherten
erneut die Abweisung seines Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 342). Dagegen erhob
der Versicherte am 21. Februar 2017 Einwand. Er reichte eine Liste seiner bisherigen
psychiatrischen Behandler sowie ein Schreiben seiner Ehefrau, die den Verlauf des
Begutachtungsgesprächs aus ihrer Sicht schilderte, ein. Die IV-Stelle habe eine
Arbeitsfähigkeit von 50% für die Tätigkeit als Pastoralassistent akzeptiert, habe sie
damals doch die Umschulung um ein Jahr im 50%-Pensum verlängert. Zu jenem
Zeitpunkt habe noch gar keine psychische Einschränkung bestanden. Zu einer bloss
B.m.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
20%igen Leistungsfähigkeitseinschränkung im Widerspruch stehe zudem, dass ihm
seit 2012 berufliche Eingliederungsmassnahmen verwehrt worden seien. Das
Arbeitstraining bei der I._ sei abgebrochen worden, weil er eine 50%ige Präsenzzeit
aus gesundheitlichen Gründen nicht habe erreichen können. Am 8. Februar 2016 habe
die Psychiatrische Klinik F._ eine Verschlechterung gemeldet. Es sei also
wahrheitswidrig, wenn Dr. P._ im Gutachten schreibe, eine Besserungstendenz ziehe
sich seit Herbst 2014 bis zum Bericht vom 8. Februar 2016 durch (IV-act. 343).
Mit Verfügung vom 22. März 2017 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab.
Soweit die Arbeitsfähigkeit von 80% angezweifelt werde, könne nicht auf den
Schlussbericht der I._ vom 4. September 2014 abgestellt werden. Ein Aufbautraining
sei subjektiv, da es weitgehend von der Motivation der Versicherten im Rahmen der
Mitwirkung abhänge. Für die IV-Stelle sei die medizinisch-theoretische Einschätzung
der Arbeitsfähigkeit massgebend. Die Angaben der Ehefrau seien im Gutachten bereits
festgehalten und in der Gesamtbeurteilung berücksichtigt worden. Es gebe demnach
keine Gründe, weshalb nicht auf das Gutachten abgestellt werden könnte (IV-act. 346).
B.n.
Gegen diese Verfügung erhob A._ am 8. Mai 2017 Beschwerde. Er beantragt,
die Verfügung vom 22. März 2017 sei aufzuheben. Ihm sei bis Ende 2015 eine ganze,
danach eine Dreiviertelsrente, eventualiter eine halbe Rente zuzusprechen.
Subeventualiter sei ein unabhängiges psychiatrisches Gutachten zu erstellen. Unter
Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwerdegegnerin. Im Sinne eines
Prozessantrags verlange er die Durchführung einer mündlichen Verhandlung. Zur
Begründung der Beschwerde verweise er grundsätzlich auf seinen Einwand vom
21. Februar 2017. Das psychiatrische Gutachten sei unsorgfältig erstellt worden und
nicht nachvollziehbar. Schon die Datierung sei falsch. Teile davon seien schon fast vier
Monate vor dem Gespräch erstellt worden, das offenbar nur noch eine vorgefasste
Meinung habe bestätigen sollen. Darin werde beschrieben, der Beschwerdeführer habe
am Kopf und im Bereich der oberen Extremitäten gezittert. Er habe aber auch an den
unteren Extremitäten gezittert, was die psychiatrische Gutachterin hätte vermerken
müssen. Dass sie das nicht getan habe, zeige ihre Unsorgfältigkeit und ihre Tendenz,
die psychischen Einschränkungen des Beschwerdeführers klein zu schreiben. Der
C.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer sei mit kurzen Unterbrüchen immer in Behandlung gewesen, sodass
ein Leidensdruck gegeben sei. Dr. P._ halte im Gutachten betreffend mnestischer
Funktionen fest, es habe keine wesentliche Ermüdbarkeit beobachtet werden können,
dabei sei die Stimme des Beschwerdeführers wegen Müdigkeitserscheinungen belegt
gewesen, Kopf und Arme hätten auf dem Tisch gelegen und er hätte nicht einmal mehr
das Alter der Kinder gewusst. Das hätte Dr. P._ im Gutachten jedenfalls beschreiben
und einordnen müssen. Gemäss Bundesgericht könne eine trotz optimaler Kooperation
misslungene Eingliederung im Rahmen einer gesamthaften, die jeweiligen Umstände
des Einzelfalles berücksichtigenden Prüfung bedeutsam sein. Der in den
Eingliederungsversuchen gezeigten Leistungsfähigkeit könne deshalb nicht mit Hinweis
auf das medexperts-Gutachten die Bedeutung abgesprochen werden. Sie sei sogar
noch höher zu gewichten, da es sich um einen praktischen Einsatz über einen längeren
Zeitraum handelt. Die Verringerung der Belastbarkeit sei in der I._ auch von aussen
wahrnehmbar gewesen, lasse sich also durch objektivierbare Drittangaben verifizieren.
Bereits der Berufsberater habe 2002 festgestellt, dass die Umschulungsmöglichkeiten
des Beschwerdeführers behinderungsbedingt schon stark eingeschränkt seien, weil ein
grosser Teil der handwerklichen Berufe nicht in Frage käme und auch die
kaufmännischen Berufe nur bedingt möglich seien. Dem Beschwerdeführer gehe es
nicht besser, sodass das medexperts-Gutachten mit einer Arbeitsfähigkeit von 80%
falsch liege. Während der Umschulung bei Q._ in einen EDV-Beruf 2003 sei das
Pensum gesundheitsbedingt von 100% auf 80% gesenkt worden. Wenn die
Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer jetzt gestützt auf das medexperts-
Gutachten eine Arbeitsfähigkeit von 80% attestiere, verhalte sie sich wider Treu und
Glauben. Denn sie habe die von Dr. R._ im Arztzeugnis vom 18. Mai 2005 attestierte
Arbeitsfähigkeit von 50% in der Tätigkeit als Pastoralassistent akzeptiert und die
Umschulung infolge reduzierter Leistungsfähigkeit deshalb um ein Jahr verlängert. Zu
dem Zeitpunkt hätten noch gar keine psychischen Einschränkungen bestanden,
sodass zu erwarten sei, dass der Leistungsgrad heute sogar noch tiefer liege (act. G1).
Mit Beschwerdeantwort vom 19. Juni 2017 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Aufgabe des Berufsberaters sei es, festzustellen, wie die
ärztlich festgestellte medizinisch-theoretische Arbeitsfähigkeit in konkret zu
bezeichnenden Berufen verwertet werden könne und wie sich die invaliditätsbedingten
C.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Faktoren auf die Vermittlungsfähigkeit und die Erwerbsmöglichkeit auswirken würden.
Es gehe nicht an, die Arbeitsfähigkeit aufgrund der Ergebnisse einer beruflichen
Abklärung festzulegen. Demnach sei nicht entscheidend, dass der Beschwerdeführer
bei der I._ keine im ersten Arbeitsmarkt verwertbare Leistung gezeigt habe. Aufgrund
seiner subjektiven Krankheitsüberzeugung seien Arbeitsversuche von vornherein zum
Scheitern verurteilt. Es treffe nicht zu, dass Dr. P._ ihr Gutachten bereits vor der
psychiatrischen Exploration verfasst habe. Bei der Datumsangabe handle es sich um
einen Verschrieb. Bezüglich des Vorwurfs, Dr. P._ habe die Müdigkeit des
Beschwerdeführers nicht erkannt, differenziere die Gutachterin klar zwischen der ersten
Phase des Untersuchungsgesprächs, nach der sich der Beschwerdeführer deutlich
erholt habe, und der zweiten Phase, in welcher er das Gespräch ohne mnestische
Einschränkungen habe führen können. Das Gutachten werde durch die Aussage der
Ehefrau nicht erschüttert. Es sei deshalb darauf abzustellen (act. G4).
Mit Replik vom 24. August 2017 hält der Beschwerdeführer an den gestellten
Rechtsbegehren und namentlich auch an seinem Antrag auf eine mündliche
Verhandlung fest. Ihm sei schleierhaft, worauf die Beschwerdegegnerin ihre
Behauptungen einer subjektiven Krankheitsüberzeugung und mangelnden Motivation
abstütze. Aus den von ihr zitierten Aktenstellen gehe das Gegenteil hervor. Ihm werde
von der I._ eine gute soziale Kompetenz, gute Motivation und sehr gute
Leistungsbereitschaft attestiert. Die Medikamente, die er wegen seiner Schmerzen
brauche, hätten massive Nebenwirkungen, welche sich auf seine Leistungs- und
Arbeitsfähigkeit auswirken würden. Der Datumsverschrieb stelle nicht die einzige
Unsorgfältigkeit des medexperts-Gutachtens dar. Schon auf dem Titelblatt werde als
zuletzt ausgeübte Tätigkeit falsch "Drucker" angegeben. Der Beschwerdeführer habe
zuletzt als Pastoralassistent gearbeitet. Zudem seien die Vorakten mutmasslich nicht
vollständig einbezogen worden. S. 2 des Schlussberichtes der I._ habe in den IV-
Akten gefehlt, was von den Gutachtern unbemerkt geblieben sei. Auffällig sei zudem,
dass nirgends im psychiatrischen Gutachten auf die massiven Nebenwirkungen der
Medikamente des Beschwerdeführers eingegangen werde (act. G6).
C.c.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf die Einreichung einer Duplik (act. G7 i.V.m.
act. G8).
C.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Am 19. September 2019 verzichtet der Beschwerdeführer auf die Durchführung
einer mündlichen Verhandlung (act. G9).
C.e.
Anspruch auf eine Invalidenrente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) versicherte Personen,
die ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40% invalid sind. Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG;
SR 830.1) die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich
die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist
(Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.1.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente. Der Rentenanspruch entsteht frühestens nach
Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung (vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG).
1.2.
Nachdem seine früheren Rentengesuche rechtskräftig abgewiesen worden sind
(vgl. IV-act. 142, 149 und 167), hat sich der Beschwerdeführer am 7. Juli 2012 erneut
zum Bezug von IV-Leistungen angemeldet (IV-act. 175). Da der Rentenanspruch
frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach der Anmeldung entsteht (vgl. Art. 29
Abs. 1 IVG), hat der Beschwerdeführer frühestens ab 1. Januar 2013 Anspruch auf eine
Invalidenrente.
1.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4).
2.1.
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz und der Grundsatz
der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebenden Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a). Die urteilenden Instanzen haben
die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a mit
Hinweisen). Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das
Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 360 E. 5b; BGE 125 V 195 E. 2, je mit
Hinweisen).
2.2.
Der Beschwerdeführer rügt, das medexperts-Gutachten vom 9. Januar 2017,
insbesondere dessen psychiatrischer Teil, sei mangelhaft, sodass darauf nicht
abgestellt werde könne. Stattdessen sei ihm gestützt auf die Berichte der
behandelnden Ärzte eine Rente zuzusprechen, eventualiter sei ein unabhängiges
psychiatrisches Gutachten zu erstellen. Es ist daher zu prüfen, ob das medexperts-
Gutachten die gesetzlichen Anforderungen erfüllt und eine rechtsgenügliche
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers zulässt.
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Der Beschwerdeführer verweist auf einige "Unsorgfältigkeiten" im psychiatrischen
Gutachten. Dabei handelt es sich aber um bloss formale Flüchtigkeitsfehler oder
unwesentliche Details, welche an der medizinischen Beurteilung keine Zweifel zu
wecken vermögen. Im Einzelnen soll dazu Folgendes ausgeführt werden.
3.1.
Anhand der falschen Datumsangabe im psychiatrischen Gutachten kann nicht
bestimmt werden, ob Dr. P._ Teile ihrer Begutachtung bereits einige Monate vor der
Begutachtung verfasst hat. Das ist aber ohnehin nicht von massgeblicher Bedeutung.
Das Gutachten wird unabhängig davon auf seinen Beweiswert überprüft, also darauf,
ob es für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht,
die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben
worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der
Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des
Experten begründet sind. Damit es dieser Prüfung standhält, muss es die Vorakten im
Wesentlichen korrekt wiedergeben und sich darauf sowie auf die persönliche
Untersuchung abstützen. Das ist vorliegend, wie noch zu zeigen sein wird, der Fall.
3.1.1.
Dass die Gutachterin med. pract. M._ versehentlich als Dr. bezeichnet,
schadet dem Beschwerdeführer nicht. Es handelt sich um einen formalen
Flüchtigkeitsfehler ohne Relevanz.
3.1.2.
Dr. P._ schreibt zwar in der Einleitung: "Der Versicherte zittert heftig im
Kopfbereich und im Bereich der oberen Extremitäten" (IV-act. 338-32), während der
Beschwerdeführer vorbringt, am ganzen Leib gezittert zu haben. Später hält Dr. P._
indes fest, klinisch seien ein "Tremor (besonders im Kopfbereich) mit zittriger Stimme
und Schweissausbrüche" zu beobachten gewesen (IV-act. 338-39). Daraus wird klar,
dass die Gutachterin ein generelles Zittern festgestellt und auch dementsprechend
gewürdigt hat. Für eine zweite Phase des Gesprächs weichen die Beobachtungen der
Gutachterin von der Beschreibung der Ehefrau des Beschwerdeführers ab. Während
letztere eine sichtbare Erschöpfung beschreibt (Arme / Kopf auf dem Tisch / Müdigkeit
der Stimme anzuhören; IV-act. 343-5), schrieb Dr. P._, es könne keine wesentliche
Ermüdbarkeit beobachtet werden (IV-act. 338-36). Dieser Widerspruch lässt sich
anhand der Akten nicht vollends auflösen. Wünschenswert wäre gewesen, dass die
Beschwerdegegnerin die Schilderung der Ehefrau über den Gesprächsverlauf Dr. P._
zur Stellungnahme hätte zukommen lassen, bevor sie den RAD-Arzt diesbezüglich
konsultierte (vgl. IV-act. 345). Die Ehefrau nahm die Panikattacke generell gravierender
wahr als die Gutachterin. So beschrieb sie, das Zittern sei so heftig gewesen, dass der
3.1.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer kaum auf dem Stuhl habe sitzen bleiben können, und sie habe mit
Informationen aushelfen müssen, weil der Beschwerdeführer die Antworten nicht habe
geben können (IV-act. 343-5). Als Ehefrau ist sie naturgemäss auch persönlich
betroffen und nimmt offenkundig stärker Anteil an der Verfassung des
Beschwerdeführers. Dr. P._ hingegen ist Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie und beurteilte die Situation deshalb als ausgebildete Fachperson von
einem neutraleren medizinischen Standpunkt aus. Sie hat sowohl den Tremor
beschrieben als auch, dass der Beschwerdeführer in einer zweiten Phase merklich
ruhiger geworden ist. Dies deckt sich im Übrigen auch mit der Beschreibung eines
früheren Ereignisses. Anlässlich eines Gesprächs mit seiner damaligen
Eingliederungsverantwortlichen, S._, zeigte der Beschwerdeführer anfänglich
ebenfalls starkes Zittern und Stottern. Im Verlauf des Gesprächs beruhigte sich die
Situation. Gemäss S._ entspannte der Beschwerdeführer sich zusehends und konnte
sich auch inhaltlich gut einlassen (siehe Assessmentprotokoll vom 28. August 2013, IV-
act. 213-2). Dem Gutachten kann demnach vorliegend wegen den diskrepanten
Einschätzungen eines mitbetroffenen medizinischen Laien einerseits und der
begutachtenden Fachärztin andererseits bezüglich Ermüdbarkeit nicht der Beweiswert
abgesprochen werden. Zu beachten ist im Zusammenhang mit der Relevanz für eine
Arbeitsfähigkeitsschätzung auch, dass die Panikattacken gemäss den Angaben des
Beschwerdeführers normalerweise milder ausfallen als jene anlässlich der
gutachterlichen Untersuchungen und auch nicht allzu häufig vorkommen (vgl. IV-
act. 338-33). Sie treten ebenfalls weniger stark auf, wenn der Beschwerdeführer an
etwas gewöhnt ist, so die Ehefrau (IV-act. 343-5).
Da Dr. P._ im Gutachten schrieb, der Beschwerdeführer befinde sich aktuell
nicht in psychiatrischer Behandlung (IV-act. 338-33), weist dieser darauf hin, dass er
mit wenigen kurzen Unterbrüchen seit 2011 immer in psychiatrischer Behandlung
gewesen sei (vgl. hierzu auch IV-act. 343-4). Er anerkennt aber gleichzeitig, dass die
Angaben im Gutachten korrekt sind (act. G1-11). Sofern er geltend macht, es bestehe
ein Leidensdruck, wird ihm dieser seitens der medexperts-Gutachter nicht
abgesprochen. Insbesondere attestierte ihm Dr. P._ eine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit um 20% aus psychischen Gründen.
3.1.4.
Der Beschwerdeführer macht geltend, das Gutachten sei unsorgfältig erstellt
worden, weil die Gutachterinnen nicht gemerkt hätten, dass vom Zwischenbericht
Aufbautraining Juli 2014 (der Beschwerdeführer spricht hier fälschlicherweise vom
Schlussbericht) eine Seite in den IV-Akten fehle (vgl. IV-act. 242). Dem
Beschwerdeführer selbst ist das Fehlen dieser Seite erst beim Verfassen der Replik
3.1.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aufgefallen, nachdem ihm die Beschwerdegegnerin zuvor bereits mehrmals
Gelegenheit geboten hatte, das IV-Dossier zu vervollständigen, sollten aus seiner Sicht
fallrelevante Unterlagen fehlen (vgl. IV-act. 302 und 342). Mit Ausnahme der Auflistung
der aktuellen Medikation finden sich jedoch alle Aussagen dieser S. 2 im Wesentlichen
im Schlussbericht Aufbautraining vom 4. September 2014 (IV-act. 245, insbesondere
IV-act. 245-3 f.). Daraus, dass die Gutachterinnen nicht auf das Fehlen dieser Seite
hingewiesen haben, kann deshalb nicht abgeleitet werden, sie hätten die Vorakten
unsorgfältig studiert. Mit dem Schlussbericht vom 4. September 2014 verfügten die
Gutachterinnen sodann über alle wesentlichen Informationen der fehlenden Seite,
sodass nicht anzunehmen ist, bei deren Vorliegen wäre es zu einer anderen
medizinischen Beurteilung des Sachverhalts gekommen.
Der Beschwerdeführer rügt, im medexperts-Gutachten werde auf dem Deckblatt
als letzte Tätigkeit "Drucker" statt "Pastoralassistent" angegeben. Dr. P._ hat im
Gutachten formuliert: "In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Pastoralassistent bzw.
Sachbearbeiter liegt aus rein psychiatrischer Sicht aktuell eine Arbeitsfähigkeit von
80% vor" (IV-act. 338-42). Der berufliche Werdegang des Beschwerdeführers war ihr
bei der medizinischen Beurteilung der Arbeitsfähigkeit also klar. Die Gutachterinnen
haben für beide Tätigkeiten – die eines Druckers und die eines Pastoralassistenten –
eine Schätzung der Arbeitsfähigkeit abgegeben (IV-act. 338-42 und 338-49).
3.1.6.
Der Beschwerdeführer führt aus, es sei nicht einzusehen, warum der I._-
Bericht nicht dazu dienen könne, die Schlussfolgerungen eines Gutachtens auf ihre
Plausibilität zu überprüfen. Die im Rahmen des Eingliederungsversuchs bei der I._
gezeigte Leistungsfähigkeit sei höher zu gewichten, da sie sich bei einem praktischen
Einsatz über einen längeren Zeitraum gezeigt habe (vgl. act. G1). Dem
Beschwerdeführer ist insofern Recht zu geben, als sich in den I._-Berichten keine
Hinweise darauf finden, er wäre nicht motiviert gewesen. Die Berichte stehen aber nicht
im Widerspruch zum medexperts-Gutachten. Nach dem Eingliederungsversuch fand
noch einmal eine Schulteroperation statt. Der Beschwerdeführer selbst beschreibt,
man habe ihm nach dieser Operation im April 2015 mitgeteilt, die Schmerzen hätten
eine organische Ursache gehabt. Die Schulter sei ein einziger Entzündungsherd
gewesen. Die Bizeps-Sehne sei angerissen und ausgefranst gewesen. Zudem sei eine
weitere Sehne verkalkt, was inoperabel sei (act. G1 S. 8; siehe auch Operationsbericht
Dr. K._ vom 1. April 2015, IV-act. 263-2 und persönliche Schilderung des
Beschwerdeführers, IV-act. 307-5). Sechs Wochen postoperativ berichtete Dr. K._
von einer Verbesserung des Zustands. Der Beschwerdeführer sei vom aktuellen
Zustand im Vergleich zur präoperativen Situation begeistert. Die Schmerzen seien im
3.1.7.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ruhen fast vollständig weg (IV-act. 270-3). Es darf deshalb angenommen werden, dass
sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers in somatischer Hinsicht nach
Beendigung des Eingliederungsversuchs und der Operation vom April 2015 verbessert
hat, auch wenn die Verkalkung der Sehne inoperabel ist. Jedenfalls ist die damalige
gesundheitliche Situation nicht mehr eins zu eins mit der Situation zum
Begutachtungszeitpunkt vergleichbar. Die somatoforme Schmerzstörung wurde von
der Gutachterin sodann eingeordnet. Sie hat die psychischen Beeinträchtigungen
gewürdigt, indem sie eine Arbeitsunfähigkeit von 20% attestierte. Zudem lässt das
Gutachten offen, wie hoch die Arbeitsfähigkeit während des Trainings bei der I._ war.
Es besagt lediglich, dass rückwirkend, wahrscheinlich ab September 2015, spätestens
aber ab Begutachtungszeitpunkt eine Arbeitsfähigkeit von 80% vorliege. Was vor
diesem Zeitpunkt zu gelten hat, wird noch zu prüfen sein. Am Rande sei erwähnt, dass
in den I._-Berichten weitgehend die Äusserungen des Beschwerdeführers
wiedergegeben werden. Eigene Beobachtungen finden sich nur sehr vereinzelt und
wenig detailliert, z.B. an der vom Beschwerdeführer zitierten Stelle (IV-act. 233-3).
Der Beschwerdeführer bringt sodann weitere Argumente vor, welche eine
weitergehende Arbeitsunfähigkeit ausweisen sollen. Es ist deshalb zu prüfen, ob diese
Vorbringen Zweifel an der Arbeitsfähigkeit-Schätzung gemäss medexperts-Gutachten
zu wecken vermögen.
3.2.
Wenn der Beschwerdeführer geltend macht, der Berufsberater habe bereits im
Jahr 2002 festgestellt, die Umschulungsmöglichkeiten des Beschwerdeführers seien
behinderungsbedingt stark eingeschränkt, ist er damit im vorliegenden Verfahren nicht
mehr zu hören. Das MGSG-Gutachten hat ihm 2006 eine Arbeitsfähigkeit von 100% in
einer adaptierten Tätigkeit attestiert (IV-act. 109-7 f.), worauf sein Rentengesuch
rechtskräftig abgelehnt wurde (IV-act. 127, 142 und 149).
3.2.1.
Der Beschwerdeführer empfindet das Abstellen auf die
Arbeitsfähigkeitsschätzung des medexperts-Gutachtens sodann als treuwidrig, weil die
Beschwerdegegnerin während seiner Umschulung zum Pastoralassistenten die ärztlich
attestierte Arbeitsfähigkeit von 50% akzeptiert habe. Damit kann er ebenfalls nicht
durchdringen; die Beschwerdegegnerin traf damals Abklärungen und gab in der Folge
auch das MGSG-Gutachten in Auftrag. Die MGSG-Gutachter kamen kurz vor dem
Abschluss der verlängerten Umschulung des Beschwerdeführers zum Schluss, es
bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 100% als Pastoralassistent. Es kann der
Beschwerdegegnerin kein Vorwurf daraus gemacht werden, dass sie dem
Beschwerdeführer eine Verlängerung der Umschulung gestattete, bevor sie die
3.2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit einlässlich abgeklärt hatte. Wenig später teilte sie dem
Beschwerdeführer mit, dass die beruflichen Massnahmen erfolgreich beendet worden
seien und kein Anspruch auf eine Invalidenrente bestehe (IV-act. 120 und 127). Dieser
Bescheid erwuchs später in Rechtskraft. Insbesondere hatte das Versicherungsgericht
St. Gallen diesbezüglich in seinem Entscheid vom 6. August 2008 festgehalten: "Vor
diesem Hintergrund vermögen auch die [im MGSG-Gutachten] enthaltenen
Schlussfolgerungen, namentlich die Beurteilung der vollen Arbeitsfähigkeit in einer
adaptierten Tätigkeit – entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers – zu
überzeugen" (vgl. IV-act. 142, insbesondere 142-6 f.). Ein Verhalten wider Treu und
Glaube kann daher für den vorliegenden Sachverhalt nicht ausgemacht werden.
Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, seine Medikation habe massive
Nebenwirkungen, ist festzuhalten, dass die damals aktuelle psychiatrische Medikation
Dr. P._ bekannt war und im Gutachten auch besprochen wurde (IV-act. 338-33 und
338-41). Das subjektive Erleben des Beschwerdeführers vermag daher das Gutachten
nicht zu erschüttern.
3.2.3.
Das medexperts-Gutachten vom 9. Januar 2017 berücksichtigt nach dem
Gesagten die geklagten Beschwerden und die aktenkundigen Befunde. Objektive
Gesichtspunkte, welche an der gutachterlichen Beurteilung ernstliche Zweifel
erwecken, liegen nicht vor. Es ist deshalb grundsätzlich darauf abzustellen und
demzufolge davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer spätestens ab dem
Begutachtungszeitpunkt, mithin ab dem 7. Dezember 2016, in einer adaptierten
Tätigkeit zu 80% arbeitsfähig ist (IV-act. 338-49 f.). Zu prüfen ist indes der Verlauf der
Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit zwischen Januar 2013 (frühestmöglicher
Rentenbeginn) und dem Begutachtungszeitraum.
3.3.
Für den Zeitraum vor der Begutachtung legt sich Dr. P._ nicht ausdrücklich auf
eine Arbeitsfähigkeitsschätzung fest. Im Gutachten heisst es einzig, Beginn der
Arbeitsfähigkeit von 80% sei "wahrscheinlich September 2015". Wäre das Gutachten
insofern unvollständig, so wäre die Sache unter Umständen zur Klärung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Dr. P._ schreibt aber, dass seit 2011 psychiatrische
Diagnosen angeführt würden. Anfänglich sei eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestätigt.
Im Herbst 2014 werde eine Besserungstendenz berichtet. Diese ziehe sich durch bis
zum letzten Bericht von med. pract. M._ vom 8. Februar 2016. Zur Arbeitsfähigkeit
werde jedoch keine Stellung genommen (IV-act. 338-48). Der letzte Satz bezieht sich
nicht, wie der Beschwerdeführer annimmt, auf den Bericht vom 8. Februar 2016,
sondern auf den Zeitraum von Herbst 2014 bis zu diesem Bericht. Dr. P._ impliziert
mithin, dass der Verlauf der Arbeitsfähigkeit anhand der vorhandenen Akten – nach
3.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einer anfänglich vollständigen Arbeitsunfähigkeit 2011 – nicht genauer bestimmt
werden kann. Eine Rückweisung für Rückfragen würde deshalb zu einem
formalistischen Leerlauf führen. Stattdessen ist unter Anwendung des im
Sozialversicherungsrecht vorgegebenen Beweismasses festzulegen, welche
Arbeitsfähigkeit im fraglichen Zeitraum überwiegend wahrscheinlich war.
Aus den Akten ergibt sich, dass der Beschwerdeführer psychisch
dekompensierte und infolgedessen seit Dezember 2011 in psychologischer
Behandlung war sowie zusätzlich die ambulante Angstbewältigungsgruppe in der
Psychiatrischen Klinik F._ besuchte. Auch begab er sich offenbar ab September
2012 in teilstationäre tagesklinische Behandlung bei der Psychiatrischen Klinik F._ an
drei Tagen pro Woche (IV-act. 188 und 195). Mit Aktennotiz vom Januar 2013 ging der
RAD-Arzt Dr. H._ von Fortschritten bei der Genesung aus, erachtete gleichzeitig den
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers aber noch als so schlecht, dass selbst
niederschwellige Eingliederungsmassnahmen noch nicht möglich seien (IV-act. 197). Es
erscheint daher überwiegend wahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer seit
Dezember 2011 in einem hohen Ausmass und seit der teilstationären Behandlung im
September 2012 vollständig arbeitsunfähig war. Diese Arbeitsunfähigkeit gilt für alle
Tätigkeiten, angestammt wie adaptiert, sodass der Beschwerdeführer das Wartejahr
gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG im Dezember 2012 erfüllt hatte. Weil beim
Beschwerdeführer bezüglich der angestammten Tätigkeit als Drucker maximal eine
Arbeitsfähigkeit von 60% besteht, ist für den nachfolgenden Zeitraum nur noch die
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit zu betrachten.
3.4.1.
Im Verlaufe des Jahres 2013 verbesserte und stabilisierte sich der
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers, sodass ab Januar 2014 zuerst ein
Belastbarkeits-, und ab April 2014 dann ein Aufbautraining bei der I._ möglich wurde
(IV-act. 215, 224, 230 und 234). Der Beschwerdeführer war ab 6. Januar 2014 in einem
Pensum von 40%, ab 16. Juni 2014 in einem Pensum von 45%, ab 7. Juli 2014 in
einem Pensum von 50% und ab 18. August 2014 wieder in einem Pensum von 40% in
der I._ anwesend, wobei die I._ vom 21. Juli bis 3. August 2014 Betriebsferien
hatte. Ab dem 25. August 2014 war der Beschwerdeführer vollumfänglich
krankgeschrieben (IV-act. 245-2 und 245-4). Es fällt auf, dass der Beschwerdeführer
trotz guter Motivation das angestrebte Pensum von 50% nur mit Mühe erreichen und
danach nicht halten konnte. Selbst nach der durch die Betriebsferien ermöglichten
Erholung war er nicht in der Lage, das Pensum aufrechtzuerhalten, sodass er am
25. August 2014 vollständig krankgeschrieben wurde. Sieben Monate später wurde er
erneut an der Schulter operiert, wobei somatische Ursachen für seine starken
3.4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schmerzen gefunden und teilweise behoben wurden (vgl. IV-act. 263). Es rechtfertigt
sich daher, für den Zeitraum vom 6. Januar 2014 (Beginn des Belastbarkeitstrainings)
bis zur Krankschreibung am 25. August 2014 eine Arbeitsfähigkeit von 40% als
überwiegend wahrscheinlich anzunehmen.
Per 25. August 2014 war eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes
eingetreten. Dr. G._ berichtete von einer massiven Verschlechterung des
Zustandsbildes (IV-act. 257). Zudem fanden somatische Untersuche statt (vgl.
beispielhaft IV-act. 256 und 266). Als Ergebnis davon wurde der Beschwerdeführer am
1. April 2015 erneut an der Schulter operiert (IV-act. 263), wodurch die Schmerzen
deutlich gemildert werden konnten (IV-act. 270-3). Nach der Operation benötigte er
eine Phase der Heilung und Rehabilitation, welche Ende August 2015 abgeschlossen
war (vgl. IV-act. 275-2 und 280). Somit darf eine volle Arbeitsunfähigkeit bis Ende
August 2015 als überwiegend wahrscheinlich angesehen werden.
3.4.3.
Über die Arbeitsfähigkeit zwischen dem 1. September 2015 und dem 7. Februar
2016 finden sich keine aussagekräftigen Arztberichte in den Akten. RAD-Arzt Dr. H._
war am 19. September 2014 davon ausgegangen, dass innerhalb eines Jahres eine
Arbeitsfähigkeit von 50 bis 80% erreicht werden könne (IV-act. 250). Mit Stellungnahme
vom 8. Juni 2015 meinte Dr. H._, aus versicherungsmedizinischer Sicht spreche
nichts gegen eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit auf über 50%, ohne auszuführen,
welches Pensum er konkret für möglich hielte (IV-act. 272-2). Dr. D._ attestierte am
16. Oktober 2015 eine Verbesserung des Gesundheitszustands und empfahl neuerliche
Eingliederungsmassnahmen, ohne sich aber zum Grad der Arbeitsfähigkeit zu äussern
(IV-act. 282). Die Folgen einer Beweislosigkeit hat der Beschwerdeführer zu tragen. Da
eine Verbesserung des Gesundheitszustands ausgewiesen ist, sowohl Dr. H._ als
auch die medexperts-Gutachterinnen eine Arbeitsfähigkeit von (bis zu) 80% für möglich
erachteten und sich auch aus dem Bericht des Hausarztes nichts anderes schliessen
lässt, muss als überwiegend wahrscheinlich gelten, dass der Beschwerdeführer vom
1. September 2015 an 80% arbeitsfähig war.
3.4.4.
Am 8. Februar 2016 vermeldete med. pract. M._ wiederum eine
Verschlechterung des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers und attestierte
dem Beschwerdeführer eine Arbeitsunfähigkeit von 100% (IV-act. 289). Diese
medizinische Einschätzung blieb von Dr. P._ unwidersprochen. Sie stellte im
medexperts-Gutachten weder die damaligen Diagnosen noch deren Therapie oder die
Arbeitsfähigkeitsschätzung in Frage. Deshalb ist für den Zeitraum vom 8. Februar 2016
bis zur Begutachtung eine volle Arbeitsunfähigkeit anzunehmen. Ab dem
3.4.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
0% vom 1. Dezember 2011 bis 5. Januar 2014
40% vom 6. Januar 2014 bis 24. August 2014
0% vom 25. August 2014 bis 31. August 2015
80% vom 1. September 2015 bis 7. Februar 2016
0% vom 8. Februar 2016 bis 6. Dezember 2016
80% ab 7. Dezember 2016
4.
4.1 Nachdem der Grad der Arbeitsfähigkeit für den vorliegend interessierenden
Zeitraum festgelegt wurde, ist der Invaliditätsgrad anhand eines Einkommensvergleichs
zu bestimmen. Dabei ist zu beachten, dass eine Verbesserung der Erwerbsfähigkeit für
die Herabsetzung oder Aufhebung der Leistung von dem Zeitpunkt an zu
berücksichtigen ist, in dem angenommen werden kann, dass sie voraussichtlich
längere Zeit dauern wird. Sie ist in jedem Fall zu berücksichtigen, nachdem sie ohne
wesentliche Unterbrechung drei Monate gedauert hat und voraussichtlich weiterhin
andauern wird. Eine Verschlechterung der Erwerbsfähigkeit ist zu berücksichtigen,
sobald sie ohne wesentliche Unterbrechung drei Monate gedauert hat. Wurde die
Rente nach Verminderung des Invaliditätsgrades aufgehoben oder herabgesetzt,
erreicht diese jedoch in den folgenden drei Jahren wegen einer auf dasselbe Leiden
zurückzuführenden Arbeitsunfähigkeit erneut ein rentenbegründendes oder
rentenerhöhendes Ausmass, so werden bei der Berechnung der Wartezeit früher
zurückgelegte Zeiten angerechnet (Art. 88a i.V.m. Art. 29 der Verordnung über die
Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]).
Begutachtungszeitpunkt, mithin ab dem 7. Dezember 2016, ist auf die Arbeitsfähigkeit
gemäss medexperts-Gutachten abzustellen und somit von einer Arbeitsfähigkeit von
80% auszugehen.
Zusammenfassend sind somit die folgenden Arbeitsfähigkeiten überwiegend
wahrscheinlich:
3.4.6.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2 Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen
könnte, wenn sie gesund geblieben wäre (Valideneinkommen; Art. 28a Abs. 1 IVG
i.V.m. Art. 16 ATSG). Für den Einkommensvergleich sind die Verhältnisse im Zeitpunkt
des Beginns des Rentenanspruchs massgebend, wobei Validen- und
Invalideneinkommen auf zeitidentischer Grundlage zu erheben und allfällige
rentenwirksame Änderungen der Vergleichseinkommen bis zum Verfügungserlass zu
berücksichtigen sind (BGE 129 V 222 E. 4.1 f. mit Hinweisen).
4.3 Für die Ermittlung des Valideneinkommens ist entscheidend, was die versicherte
Person im Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdient hätte. Dabei wird
in der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen
Einkommensentwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da es empirischer
Erfahrung entspricht, dass die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden
fortgesetzt worden wäre. Relevant ist grundsätzlich das tatsächlich bezogene
Einkommen (BGE 129 V 222 E. 4.3.1 und BGE 131 V 51 E. 5.1.2). Die
Beschwerdegegnerin hat dem Valideneinkommen den Jahresverdienst als Drucker
gemäss dem Urteil des Versicherungsgerichts vom 6. August 2008 in Höhe von
Fr. 75'400.-- (Basis: 2006) zu Grunde gelegt (IV-act. 341 und 342-2), was unbestritten
geblieben und nicht zu beanstanden ist. Es ist hochzurechnen auf das Jahr 2013, da
der Rentenanspruch ab Januar 2013 entsteht (vgl. E. 1.3 vorstehend). Das
Valideneinkommen beträgt somit Fr. 82'513.-- (Fr. 75'400.-- / 2'014 x 2'204 gemäss
der Tabelle "T39 Entwicklung der Nominallöhne, der Konsumentenpreise und der
Reallöhne" der vom Bundesamt für Statistik periodisch herausgegebenen
Schweizerischen Lohnstrukturerhebung [nachfolgend: LSE]).
4.4 Für die Festsetzung des Invalideneinkommens ist primär von der beruflich-
erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret steht. Ist
kein effektives Erwerbseinkommen gegeben, namentlich weil die versicherte Person
nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine ihr an sich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat, so können nach der
Rechtsprechung statistische Werte, insbesondere die Tabellenlöhne gemäss LSE
beigezogen werden (BGE 139 V 592 E. 2.3).
4.5 Der Beschwerdeführer ist nicht erwerbstätig. Da er in seinem angestammten und
ersten umgeschulten Beruf als Maler bzw. Drucker sowie in anderen körperlich
mittelschweren und schweren Tätigkeiten nur noch eingeschränkt, nämlich zu 60%
arbeiten kann (IV-act. 338-49), ist für das Invalideneinkommen auf statistische Werte
abzustellen. Dabei kann der Beschwerdeführer seine Berufskenntnisse als Maler und
Drucker kaum mehr gewinnbringend einsetzen, denn er ist seit vielen Jahren nicht
mehr in diesen Bereichen tätig gewesen und kann nur noch leichte Tätigkeiten
verrichten. Auch seine EDV-Kenntnisse aus der begonnenen Umschulung kann er nicht
verwerten, da er diese Umschulung nicht abschliessen konnte und nie in diesem
Bereich berufstätig war. Schliesslich verfügt der Beschwerdeführer zwar über eine
abgeschlossene Ausbildung zum Pastoralassistenten. Es liegt jedoch nahe, dass er als
solcher faktisch schwerlich eine Anstellung wird finden können, solange er aus
psychischen Gründen nur teilweise arbeitsfähig ist und Seelsorge ein wesentlicher
Bestandteil der Stellenbeschreibung ausmacht. Es sind deshalb die statistischen Werte
des Kompetenzniveaus 1 heranzuziehen. Der Jahreslohn 2013 beläuft sich demnach
auf Fr. 65'654.-- (siehe Anhang 2 der vom Bundesamt für Sozialversicherungen
herausgegebenen IV-Textausgabe, Ausgabe 2018, S. 222, basierend auf der LSE).
4.6 Dem Beschwerdeführer ist sodann ein Tabellenlohnabzug zu gewähren. Mit dem
Tabellenlohnabzug ist zu berücksichtigen, dass gesundheitlich beeinträchtigte
Personen im Vergleich zu voll leistungsfähigen und entsprechend einsetzbaren
arbeitnehmenden Personen lohnmässig benachteiligt sind und deshalb mit
unterdurchschnittlichen Lohnansätzen rechnen müssen. In BGE 126 V 75 hat das
Bundesgericht festgestellt, dass es von sämtlichen persönlichen und beruflichen
Umständen des konkreten Einzelfalls (leidensbedingte Einschränkung, Alter,
Dienstjahre, Nationalität, Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad) abhängt, ob
und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind. Bereits in der Beurteilung
der medizinischen Arbeitsfähigkeit enthaltene gesundheitliche Einschränkungen dürfen
nicht zusätzlich in die Bemessung des leidensbedingten Abzugs einfliessen und so zu
einer doppelten Anrechnung desselben Gesichtspunkts führen. Der Einfluss sämtlicher
https://swisslex.westlaw.com/search/Document.asp?DocService=DocLink&D=BGEx126xVx75_82&AnchorTarget=BGEx126xVx75
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Merkmale auf das Invalideneinkommen ist nach pflichtgemässem Ermessen
gesamthaft zu schätzen. Der Abzug ist auf höchstens 25% begrenzt (Urteil des
Bundesgerichts vom 20. April 2018, 9C_833/2017, E. 2.2; BGE 134 V 327 E. 5.2).
4.7 Dr. P._ beschreibt, eine adaptierte Tätigkeit sei idealerweise zeitlich flexibel, in
einer wohlwollenden konfliktarmen Atmosphäre ohne permanenten Zeit- und
Termindruck sowie mit nur geringem Publikumsverkehr verbunden (IV-act. 338-42). Nur
dann kann der Beschwerdeführer eine Arbeitsfähigkeit von 80% umsetzen. Zumindest
gelegentlich dürfte der Beschwerdeführer auch Panikattacken erleiden, zumal eine
Arbeitstätigkeit immer wieder unerwartete Situationen mit sich bringt. Darauf muss ein
potentieller Arbeitgeber ebenso Rücksicht nehmen wie auf den erhöhten
Erholungsbedarf des Beschwerdeführers, der mit einiger Wahrscheinlichkeit auch nicht
immer eine stabile Leistung wird erbringen können. Der Beschwerdeführer kann
sodann nur für leichte Tätigkeiten eingesetzt werden. Aus der Sicht eines ökonomisch
denkenden Arbeitgebers senken diese Risiken, deren Verwirklichung die
Gesamtlohnkosten des Betriebes erhöhen, den "Wert" des Beschwerdeführers als
Arbeitnehmer. Um dies zu kompensieren und konkurrenzfähig zu bleiben, muss der
Beschwerdeführer mit einem erheblich tieferen Einkommen rechnen als eine gesunde
Person im Rahmen einer Hilfstätigkeit (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 9. Dezember
2009, 9C_68/2009, E. 3.3). Es ist deshalb ein Abzug von 10% vom Tabellenlohn
vorzunehmen. Das Invalideneinkommen für ein 100%-Pensum ist folglich auf
Fr. 59'089.-- zu beziffern (Fr. 65'654.-- x 0.9).
5.
5.1 Während der ersten Phase vom 1. Januar 2013 (frühestmöglicher Rentenanspruch,
siehe E. 1.3 vorstehend) bis 30. April 2014 (drei Monate seit Eintritt der Verbesserung
des Gesundheitszustandes per 6. Januar 2014, vgl. Art. 88a i.V.m. Art. 29 IVV) ist der
Beschwerdeführer als vollständig arbeitsunfähig zu betrachten, sodass ein
Invaliditätsgrad von 100% vorliegt und der Beschwerdeführer für diese Zeit Anspruch
auf eine ganze Invalidenrente hat.
5.2 Während der zweiten Phase ab 1. Mai 2014 stand dem Valideneinkommen von
Fr. 82'513.-- ein Invalideneinkommen von Fr. 23'636.-- (Fr. 59'089.-- x 0.4) gegenüber,
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
was einem Invaliditätsgrad von 71% entspricht (Fr. 23'636.-- / [Fr. 82'513.-- / 100] -
100), sodass der Beschwerdeführer weiterhin Anspruch auf eine ganze Invalidenrente
hat.
5.3 Während der dritten Phase ab 25. August 2014 fiel die Arbeitsfähigkeit wieder
vollumfänglich weg, sodass weiterhin Anspruch auf eine ganze Invalidenrente besteht.
5.4 Während der vierten Phase ab 1. September 2015 stand dem Valideneinkommen
von Fr. 82'513.-- ein Invalideneinkommen von Fr. 47'271.-- (Fr. 59'089.-- x 0.8)
gegenüber, was einem Invaliditätsgrad von 43% entspricht (Fr. 47'271.-- /
[Fr. 82'513.-- / 100] - 100), sodass der Beschwerdeführer ab 1. Dezember 2015
Anspruch auf eine Viertelsrente hat.
5.5 Ab 8. Februar 2016 fiel die Arbeitsfähigkeit wieder gänzlich weg, sodass der
Beschwerdeführer ab 1. Juni 2016 erneut Anspruch auf eine ganze Invalidenrente hat.
5.6 Ab 7. Dezember 2016 ist wiederum von einer Arbeitsfähigkeit im Umfang von 80%
auszugehen, sodass ab 1. April 2017 Anspruch auf eine Viertelsrente besteht.
5.7 Die Beschwerde ist somit teilweise gutzuheissen und die angefochtene Verfügung
vom 22. März 2017 aufzuheben. Die Sache ist zur Berechnung der Invalidenrente an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Bei der Ausrichtung der Rentenleistungen
wird die Beschwerdegegnerin zu beachten haben, dass der Beschwerdeführer
während des Belastbarkeits- und Aufbautrainings bei der I._ IV-Taggeldleistungen
bezog (vgl. IV-act. 227 und 236). Dies führt – unter Vorbehalt von Art. 20 Abs. 1 IVV –
dazu, dass für die IV-Taggeldperiode keine Rentenleistungen geschuldet sind bzw. der
Rentenanspruch unterbrochen wird (Art. 29 Abs. 2 IVG; Ulrich Meyer/Marco
Reichmuth, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung [IVG], in Hans-Ulrich
Stauffer/Basile Cardinaux [Hrsg.], Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
Sozialversicherungsrecht, 3. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2014, Art. 29 N 11 f.).
6.
6.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
ter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint angemessen. Hinsichtlich der Beschwerde gegen die Rentenverfügung gilt es
zu beachten, dass gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung zur Überklagung in
sozialversicherungsrechtlichen Rentenfällen im vorliegenden Fall von einem Obsiegen
des Beschwerdeführers auszugehen ist (Urteil des Bundesgerichts vom 7. Januar
2016, 9C_288/2015, E. 4.2). Die Beschwerdegegnerin hat deshalb die gesamte
Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen. Dem Beschwerdeführer ist der geleistete
Kostenvorschuss in Höhe von Fr. 600.-- zurückzuerstatten.
6.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach
Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten (HonO;
sGS 963.75; in der vorliegend anwendbaren, seit 1. Januar 2019 gültigen Fassung,
siehe Art. 30bis HonO) pauschal Fr. 1'500.-- bis Fr. 15'000.--. Im vorliegenden Fall
erscheint eine durchschnittliche pauschale Parteientschädigung von Fr. 3'500.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer, vgl. act. G11) als angemessen.