Decision ID: a1a0f99f-36d4-4a3a-aa7e-d14cf225747e
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X erwarb den Führerausweis der Kategorie B am 20. August 2010. Seither wurde
ihm der Führerausweis viermal wegen Widerhandlungen gegen die
Strassenverkehrsvorschriften entzogen: am 19. März 2014 für die Dauer eines Monats
wegen Lenkens eines Fahrzeugs mit vereister Frontscheibe (mittelschwere
Widerhandlung, Vollzug vom 25. März bis 24. April 2011), am 6. November 2017 für die
Dauer von zwei Monaten wegen Überschreitens der zulässigen Höchstgeschwindigkeit
innerorts um 22 km/h (mittelschwere Widerhandlung, Vollzug vom 31. Januar bis
30. März 2018), am 12. Juli 2018 für zwei Monate wegen Überschreitens der zulässigen
Höchstgeschwindigkeit innerorts um 22 km/h (mittelschwere Widerhandlung, Vollzug
vom 3. August bis 2. Oktober 2018) und am 15. Oktober 2019 für die Dauer eines
Monats wegen Überschreitens der zulässigen Höchstgeschwindigkeit auf der
Autobahn um 30 km/h (leichte Widerhandlung, noch nicht vollzogen). Zudem verwarnte
ihn das Strassenverkehrsamt in dieser Zeit zweimal, und zwar am 28. März 2011
wegen Verursachens eines Verkehrsunfalls und am 20. April 2017 wegen Lenkens
eines Fahrzeugs mit einer Blutalkoholkonzentration (BAK) von 0,64 Gewichtspromille.
B.- Am Freitag, 18. Oktober 2019, 0.40 Uhr, war X mit seinem Audi RS5 Quattro D in
Hinwil/ZH unterwegs, als er von der Kantonspolizei Zürich kontrolliert wurde. Wegen
lauter Motorengeräusche und starken Abgasgeruchs untersuchten die Polizisten das
Fahrzeug genauer und stellten technische Änderungen fest. Da sich X dazu nicht
äussern wollte, wurde das Fahrzeug sichergestellt und zur Überprüfung der
Betriebssicherheit dem Technischen Dienst der Kantonspolizei Zürich übergeben.
Dieser kam im Bericht vom 29. November 2019 zum Schluss, der Audi RS5 befinde
sich auf Grund der festgestellten Mängel (deutlich zu tiefer Reifendruck vorne rechts,
sichtbarer Reifenunterbau [Karkasse] an beiden Vorderrädern, ungenügende
Bremsscheibendicke vorne und hinten rechts) in einem nicht betriebssicheren Zustand.
Am 11. Dezember 2019 zeigte die Kantonspolizei Zürich X beim Statthalteramt des
Bezirks Hinwil wegen Führens eines nicht betriebssicheren Fahrzeugs an. Das
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Strassenverkehrsamt des Kantons St. Gallen erhielt am 16. Dezember 2019 Kenntnis
davon und entzog X den Führerausweis am 20. Dezember 2019 vorsorglich. Einen
dagegen erhobenen Rekurs wies der Abteilungspräsident der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK) mit Entscheid vom
20. Januar 2020 ab (VRKE IV-2019/208). Das Strassenverkehrsamt teilte X mit
Schreiben vom 29. Januar 2020 mit, es werde den Ausgang des Strafverfahrens
abwarten und gestützt auf das rechtskräftige Strafurteil über das weitere Vorgehen
entscheiden.
C.- Am 7. Februar 2020 forderte X das Strassenverkehrsamt durch seinen
Rechtsvertreter auf, die Verfahrensakten dem Verkehrspsychologen B zuzustellen,
damit den Zweifeln an seiner Fahreignung mit einem verkehrspsychologischen
Gutachten begegnet und der vorsorgliche Führerausweisentzug aufgehoben werden
könne. Das Strassenverkehrsamt teilte X am 12. Februar 2020 mit, es beabsichtige, am
Vorgehen gemäss Schreiben vom 20. Dezember 2019 festzuhalten, und gab ihm
Gelegenheit zur Stellungnahme. Der Rechtsvertreter forderte das Strassenverkehrsamt
am 13. Februar 2020 auf, "die in Aussicht gestellte Verfügung die Verweigerung einer
verkehrspsychologischen Untersuchung betreffend" umgehend zu erlassen. Mit
Verfügung vom 19. Februar 2020 entzog das Strassenverkehrsamt den Führerausweis
auf unbestimmte Zeit, mindestens aber für zwei Jahre ab 20. Dezember 2019 (Ziffer 1
des Rechtsspruchs). Die Wiedererteilung wurde nach Ablauf einer zweijährigen
Sperrfrist von einem positiv lautenden verkehrspsychologischen Gutachten abhängig
gemacht (Ziff. 2) und einem allfälligen Rekurs die aufschiebende Wirkung entzogen
(Ziff. 3).
D.- Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 5. März 2020 erhob X Rekurs bei der
VRK. Er beantragte, die Verfügung des Strassenverkehrsamts vom 19. Februar 2020
sei kostenfällig aufzuheben. Auf die Ausführungen zur Begründung des Antrags wird,

soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen. Die Vorinstanz verzichtete am
1. April 2020 auf eine Vernehmlassung.
Erwägungen:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 5. März 2020 ist rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP).
2.- Die angefochtene Verfügung und das vorinstanzliche Verfahren sind von Amtes
wegen auf die formelle Rechtmässigkeit hin zu überprüfen.
a) Im gesamten verwaltungsinternen und gerichtlichen Verfahren besteht der Anspruch
auf rechtliches Gehör als persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht. Dieses umfasst
alle Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt wirksam
zur Geltung bringen kann, namentlich das voraussetzungslose Akteneinsichtsrecht, das
Recht auf Begründung sowie das Recht auf vorgängige Äusserung und Anhörung.
Letzteres betrifft auch die Information über das Verfahren, den zu fällenden Entscheid
und die Beweismittel (vgl. PK VRP/SG-Rizvi/Risi, Art. 15-17 N 6 ff.).
b) aa) Nach dem Entscheid der VRK über den vorsorglichen Führerausweisentzug
sistierte die Vorinstanz das Sicherungsentzugsverfahren mit Zwischenverfügung vom
29. Januar 2020. Sie teilte dem Rekurrenten mit, über das weitere Vorgehen werde
nach Vorliegen des rechtskräftigen Strafurteils entschieden. Am 7. Februar 2020
forderte der Rechtsvertreter die Vorinstanz auf, die Verfahrensakten einem
akkreditieren Verkehrspsychologen zuzustellen. Er beabsichtige, den vorsorglichen
Führerausweisentzug mittels eines verkehrspsychologischen Gutachtens aufheben zu
lassen (act. 9/72). Die Vorinstanz kam dieser Aufforderung nicht nach, kündigte am
12. Februar 2020 an, am Schreiben vom 20. Dezember 2019 (Hinweis auf den
beabsichtigten Führerausweisentzug auf unbestimmte Zeit im Zusammenhang mit dem
Erlass des vorsorglichen Führerausweisentzugs) festzuhalten, gab Gelegenheit zu einer
schriftlichen Stellungnahme bis 26. Februar 2020 und wies darauf hin, dass das
Verfahren nach Ablauf der Frist mit einer kostenpflichtigen Verfügung abgeschlossen
werde (act. 9/75).
Die Vorinstanz stellte die Akten dem Verkehrspsychologen nicht zu. Dazu war sie auch
nicht verpflichtet. Der Anspruch auf rechtliches Gehör erfasst nicht das Recht, von
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einer Behörde zu verlangen, die aufgelaufenen Verfahrensakten einer Drittperson
zuzustellen. Eine solche Aktenzustellung könnte zudem leicht den Anschein erwecken,
dass diese im Rahmen einer behördlichen Untersuchung erfolge und deshalb für das
Verfahren erforderlich ist. Insoweit ist der Vorinstanz keine Gehörsverletzung
vorzuwerfen. Abgesehen davon hätte der Rechtsvertreter die Akten selbst
herausverlangen und diese dem Verkehrspsychologen schicken können. Er stellte bei
der Vorinstanz jedoch kein entsprechendes Akten-editionsgesuch, was nicht erstaunt,
weil ihm die Akten aufgrund des vorgängigen vorsorglichen
Führerausweisentzugsverfahrens vorlagen.
bb) Der Rechtsvertreter bestätigte den Eingang des vorinstanzlichen Schreibens vom
12. Februar 2020 am nächsten Tag und bat um Erlass der "in Aussicht gestellten
Verfügung die Verweigerung einer verkehrspsychologischen Untersuchung betreffend."
Obwohl für die Vorinstanz damit erkennbar sein musste, dass er davon ausging, es
werde über die Anordnung einer verkehrspsychologischen Untersuchung verfügt,
entzog die Vorinstanz den Führerausweis am 19. Februar 2020 ohne weitere
Zwischenschritte auf unbestimmte Zeit, mindestens aber für zwei Jahre; dies, obwohl
sie das Hauptverfahren mit Schreiben vom 29. Januar 2020 sistiert hatte, und zwar
ausdrücklich bis zum Vorliegen des rechtskräftigen Strafurteils. Dass diese Sistierung
aufgehoben wurde, geht aus dem Schreiben vom 12. Februar 2020 nicht hervor (dazu
nachfolgend E. 3). Ob die Vorinstanz damit den Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt
hat, kann offenbleiben. Im Folgenden wird dargelegt, dass sie die materiellen
Voraussetzungen eines Führerausweisentzugs auf unbestimmte Zeit, mindestens aber
für zwei Jahre, zu Unrecht bejahte.
3.- Streitig ist, ob der Führerausweis zu Recht gemäss Art. 16b Abs. 2 lit. e des
Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG) entzogen wurde.
a) Gemäss Art. 16b Abs. 2 lit. e SVG wird der Lern- oder Führerausweis nach einer
mittelschweren Widerhandlung auf unbestimmte Zeit, mindestens aber für zwei Jahre
entzogen, wenn in den vorangegangenen zehn Jahren der Ausweis dreimal wegen
mindestens mittelschwerer Widerhandlungen entzogen war; auf diese Massnahme wird
verzichtet, wenn die betroffene Person während mindestens fünf Jahren nach Ablauf
eines Ausweisentzugs keine Widerhandlung, für die eine Administrativmassnahme
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausgesprochen wurde, begangen hat. Grundlage einer solchen
Administrativmassnahme ist in der Regel das rechtskräftige Strafurteil. Die
Administrativbehörde hat mit ihrem Entscheid über eine Warnungsmassnahme und,
wie aufzuzeigen sein wird, auch in einem solchen Sicherungsentzugsverfahren,
grundsätzlich zuzuwarten, bis ein rechtskräftiges Strafurteil vorliegt. Diese Pflicht
besteht jedoch nur, sofern und soweit der Sachverhalt oder die rechtliche Qualifikation
des in Frage stehenden Verhaltens für das Verwaltungsverfahren von Bedeutung sind
(Ph. Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015, Vorbemerkungen zu
Art. 16 ff. SVG N 13).
b) Die Vorinstanz erwog, wie sich aus dem Entscheid der VRK vom 20. Januar 2020
(VRKE IV-2019/208) ergeben habe, sei auch das Gericht der Auffassung, dass die
Widerhandlung nicht mehr als leicht gemäss Art. 16a SVG zu qualifizieren sei, weshalb
mindestens von einer mittelschweren Widerhandlung nach Art. 16b SVG auszugehen
sei. Eine mittelschwere Widerhandlung begehe, wer durch Verletzung von
Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorrufe oder in Kauf nehme.
Bei einer nicht mehr gering einzustufenden Gefährdung könne die Schwere des
Verschuldens offenbleiben. In Anbetracht dessen, dass der Rekurrent ein
Motorfahrzeug mit den festgestellten Mängeln gelenkt habe, seien sowohl das
Verschulden als auch die Gefährdung als mittelschwer einzustufen. Grundsätzlich sei
zwar mit dem Abschluss des Administrativmassnahmenverfahrens zuzuwarten, bis ein
rechtskräftiges Strafurteil vorliege. Da der Sachverhalt schlüssig und polizeilich
genügend festgestellt sei, könne jedoch davon abgewichen werden.
c) aa) Die VRK hielt im Entscheid über den vorsorglichen Führerausweisentzug fest, im
Rahmen der summarischen Prüfung sei nicht auszuschliessen, dass der Rekurrent mit
seinem Verhalten eine zumindest nicht mehr nur geringe Gefahr für die Sicherheit
anderer hervorgerufen habe. Eine Sanktionierung als leichte Widerhandlung käme in
diesem Fall nicht in Frage. Zusammenfassend ergäben sich konkrete Anhaltspunkte
dafür, dass der Rekurrent am 18. Oktober 2019 eine mittelschwere Widerhandlung
begangen haben könnte (VRKE IV-2019/208 E. 4c/cc und 4d). Über die Qualifikation
der Widerhandlung als leichte, mittelschwere oder schwere Widerhandlung wurde
damit entgegen den Ausführungen in der angefochtenen Verfügung nicht entschieden
und der streitige Vorfall keineswegs als mittelschwere Widerhandlung eingestuft.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Deshalb bildet der Entscheid, der in einem Verfahren mit vorläufigem und
summarischem Charakter ergangen ist, keine ausreichende Grundlage für eine
abschliessende Beurteilung der Schwere des Verschuldens und des Ausmasses der
Gefährdung.
bb) Im Entscheid über den vorsorglichen Führerausweisentzug wurde das Ereignis vom
18. Oktober 2019 administrativmassnahmenrechtlich nicht abschliessend beurteilt.
Dies wäre angesichts der ausstehenden strafrechtlichen Beurteilung auch nicht
sachgerecht gewesen. Die VRK hat in ihrer Rechtsprechung mehrmals darauf
hingewiesen, dass der Betroffene ihn entlastende Einwände bereits im Strafverfahren
geltend zu machen hat. Versäumt er dies, kann er sie im
Administrativmassnahmeverfahren nicht erneut vorbringen (vgl. zum Beispiel VRKE
IV-2019/195 vom 30. April 2020 E. 3c, im Internet abrufbar unter: www.sg.ch/recht/
gerichte und dort unter Rechtsprechung). Es widerspräche deshalb dem Grundsatz von
Treu und Glauben gemäss Art. 9 BV (SR 101), im vorliegenden Fall die strafrechtliche
Beurteilung ausser Acht zu lassen bzw. deren Ausgang nicht abzuwarten. Daran ändert
nichts, dass es sich um ein Sicherungsentzugsverfahren handelt. Bei einer
Konstellation wie hier, in welcher jene Verkehrsregelverstösse bestritten werden, womit
die charakterliche Nichteignung begründet wird, muss analog zur Rechtsprechung
beim Warnungsentzug mit der Hauptverfügung zugewartet werden, bis ein
rechtskräftiges Strafurteil vorliegt (vgl. BGE 119 Ib 158 E. 2c/bb; VRKE IV-2010/15 vom
19. August 2010 E. 3d). Auch wenn ein Strafurteil die Verwaltungsbehörde
grundsätzlich nicht zu binden vermag, gebietet der Grundsatz der Einheit der
Rechtsordnung, widersprüchliche Entscheide im Rahmen des Möglichen zu vermeiden.
Die Verwaltungsbehörde darf deshalb beim Entscheid über die Massnahme von den
tatsächlichen Feststellungen des Strafrichters nur unter bestimmten Voraussetzungen
abweichen (vgl. Weissenberger, a.a.O., Vorbemerkungen zu Art. 16 ff. SVG N 10; BGer
1C_413/2014 vom 30. März 2015 E. 2.2; Entscheid des Verwaltungsgerichts [VerwGE]
B 2015/108 vom 17. Dezember 2015 E. 3.3.2, im Internet abrufbar unter: www.sg.ch/
recht/gerichte und dort unter Rechtsprechung; BGE 124 II 103 E. 1c/aa). Die Vorinstanz
hätte deshalb die Verfügung nicht losgelöst von der strafrechtlichen Beurteilung
erlassen dürfen; dies auch deshalb nicht, weil die strafrechtliche Relevanz der am
Fahrzeug festgestellten Mängel bestritten und damit der Sachverhalt in Frage gestellt
wurde (vgl. Weissenberger, a.a.O., Art. 16 ff. SVG N 13). Es bestand kein Anlass, die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ursprünglich bis zum rechtskräftigen Abschluss des Strafverfahrens angeordnete
Sistierung (vgl. act. 9/71) wieder aufzuheben, zumal auch keine übermässig lange
Dauer des Strafverfahrens geltend gemacht wurde (vgl. Weissenberger, a.a.O.,
Vorbemerkungen zu Art. 16 ff. SVG N 13). Die Vorinstanz hätte unter den gegebenen
Umständen nur verfügen müssen, ob eine verkehrspsychologische Untersuchung
anzuordnen ist oder nicht. Schliesslich verfügt sie seit der Anordnung des
vorsorglichen Führerausweisentzugs über keine neuen Erkenntnisse; jedenfalls wurde
dies nicht geltend gemacht. Es ist deshalb nicht nachvollziehbar, wenn sie ausführt,
aus dem Fahrzeugprüfbericht gehe schlüssig und überzeugend hervor, dass das
Motorfahrzeug nicht betriebssicher gewesen sei. Wenn dem so wäre, hätte die
Vorinstanz direkt den Sicherungsentzug verfügen müssen, weil der strikte Beweis für
die Fahreignung ausschliessende Umstände erbracht wäre (vgl. BGer 1C_339/2016
vom 7. November 2016 E. 3.1.); dies hat sie aber zu Recht nicht getan.
cc) Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorinstanz die angefochtene Verfügung in
Unkenntnis der strafrechtlichen Beurteilung und somit gestützt auf einen nicht
vollständig geklärten Sachverhalt erliess. In solchen Fällen ist in der Regel auf
Rückweisung zu erkennen, insbesondere wenn es sich wie hier nicht nur um einen
geringen Mangel handelt, der sich ohne Weiteres beheben lässt (PK VRP/SG-Kamber,
Art. 56 N 16; Kiener/Rütsche/Kuhn, Öffentliches Verfahrensrecht, 2. Aufl. 2015, N 1649;
A. Griffel, in: Kommentar VRG, 3. Aufl. 2014, § 28 N 38). Mit der Rückweisung der
Streitsache an die Vorinstanz wird zudem sichergestellt, dass dem Rekurrenten der
Instanzenzug nicht in unzulässiger Weise verkürzt wird. Der Rekurs ist demnach
gutzuheissen und die angefochtene Verfügung vom 19. Februar 2020 aufzuheben. Die
Angelegenheit ist zur Klärung des Sachverhalts im Sinn der Erwägungen und – nach
rechtskräftigem Abschluss des parallel laufenden Strafverfahrens – zu neuer Verfügung
an die Vorinstanz zurückzuweisen.
4.- Da die Wirksamkeit einer Verfügung mit deren Eröffnung an die Beteiligten eintritt
und nicht erst mit Ablauf der Rechtsmittelfrist (F. Gygi, Aufschiebende Wirkung und
vorsorgliche Massnahmen in der Verwaltungsrechtspflege, in: ZBl 1976 S. 3), wurde die
Verfügung der Vorinstanz vom 20. Dezember 2019 (vorsorglicher Führerausweisentzug)
mit Erlass der angefochtenen Verfügung hinfällig. Die vorsorgliche Massnahme endete
mit der Endverfügung (PK VRP/SG-Märkli, Art. 18 N 16; Kölz/Häner/Bertschi, a.a.O.,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rz. 559). Während des Rekursverfahrens war der Rekurrent nicht fahrberechtigt, weil
dem Rekurs gegen den mit diesem Entscheid aufzuhebenden Sicherungsentzug die
aufschiebende Wirkung entzogen war. Auch dieses Fahrverbot fällt nun dahin. Unter
diesen Umständen hat die Vorinstanz umgehend zu prüfen, ob allenfalls die
Voraussetzungen für einen vorsorglichen Führerausweisentzug gemäss Art. 30 der
Verkehrszulassungsverordnung (SR 741.51) erfüllt sind. Bevor dies nicht geklärt ist, ist
der Rekurrent aus Gründen der Verkehrssicherheit nicht fahrberechtigt. Insbesondere
erscheint nicht ausgeschlossen, dass die Voraussetzungen für einen vorsorglichen
Führerausweisentzug erfüllt sind und der Rekurrent deshalb vom Strassenverkehr
fernzuhalten ist. Einer allfälligen Beschwerde ist aus denselben Gründen die gesetzlich
vorgesehene aufschiebende Wirkung zu entziehen (Art. 64 und Art. 51 VRP).
5.- a) Bei diesem Verfahrensausgang sind die amtlichen Kosten vom Staat zu tragen
(Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'500.– erscheint angemessen
(Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von
Fr. 1'500.– ist dem Rekurrenten zurückzuerstatten.
b) Zufolge Obsiegens hat der Rekurrent Anspruch auf volle Entschädigung seiner
Partei-kosten (Art. 98 VRP), soweit diese aufgrund der Rechts- und Sachlage als
notwendig und angemessen erscheinen (Art. 98 Abs. 2 VRP). Im Rekursverfahren war
der Beizug eines Rechtsbeistandes geboten. Dieser reichte keine Kostennote ein und
beantragte, die ausseramtliche Entschädigung sei ermessensweise festzusetzen. Das
Honorar im Verfahren vor der Verwaltungsrekurskommission wird grundsätzlich
pauschal bemessen, wobei der Rahmen zwischen Fr. 1'500.– und Fr. 15'000.– liegt
(Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung, sGS 963.75, abgekürzt: HonO). Innerhalb
dieses Rahmens wird das Grundhonorar nach den besonderen Umständen, namentlich
nach Art und Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeit des Falls und den
wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten bemessen (Art. 19 HonO). Der
Aktenumfang ist im Vergleich zu anderen Strassenverkehrsfällen durchschnittlich. Da
sich zudem weder in tatsächlicher noch in rechtlicher Hinsicht besondere
Schwierigkeiten ergaben und der Rechtsvertreter aufgrund des früheren Verfahrens
zum vorsorglichen Führerausweisentzug mit dem Fall vertraut war, ist das Honorar
ermessensweise auf Fr. 1'700.– festzulegen. Zum Honorar hinzuzuzählen sind die
Barauslagen von Fr. 68.– (4% von Fr. 1'700.–, Art. 28 Abs. 1 HonO) und die
bis
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mehrwertsteuer von Fr. 136.15 (7,7% von Fr. 1'768.–, Art. 29 HonO). Die
ausseramtliche Entschädigung beläuft sich somit auf Fr. 1'904.15;
entschädigungspflichtig ist der Staat (Strassenverkehrsamt).