Decision ID: a6e65754-16f8-49aa-86f7-87105a1ed08a
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X ist Primarlehrerin. Am 19. April 2007 zog sie von H nach S. Im Januar 2007
wurden ihr Taggelder der Arbeitslosenversicherung von Fr. 2'588.-- und ein Nettolohn
von der Schulverwaltung A von Fr. 4'922.-- ausbezahlt. Für die Zeit vom 1. Januar bis
8. Juli 2007 bezog sie von der Schulgemeinde E und für die Zeit vom 1. August bis
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31. Dezember 2007 von der Gemeinde U Nettolöhne von Fr. 31'571.-- und
Fr. 21'505.--. Zudem war sie während des ganzen Jahres bei der Katholischen
Kirchgemeinde E, bei der sie einen Nettolohn von Fr. 1'070.-- erzielte, angestellt.
B.- Wegen Nichteinreichens der Steuererklärung 2007 trotz Aufforderungen vom
6. Mai, 5. Juni und 4. Juli 2008 wurde X vom kantonalen Steueramt am 29. August
2008 mit Fr. 200.-- gebüsst. Am 21. September 2008 reichte sie die Steuererklärung, in
der sie Einkünfte von Fr. 22'575.-- (Schulgemeinde U Fr. 21'505.--, Schulgemeinde E
Fr. 1'070.--) eingetragen hatte, auf elektronischem Weg ein. Die eTaxes-Quittung, die
ein steuerbares Einkommen von Fr. 10'480.-- und kein steuerbares Vermögen auswies,
unterzeichnete sie am 10. Oktober 2008. Die Quittung ging zusammen mit
Lohnausweisen der Gemeinde U (Fr. 21'505.--) und der Schulgemeinde E
(Fr. 18'943.--) und einer Bescheinigung der Arbeitslosenkasse des Kantons Y
(Fr. 2'588.--) am 15. Oktober 2008 bei der Veranlagungsbehörde ein (act. 4-II/5, 9-11).
Eine weitere, am 31. Oktober 2008 wegen Nichteinreichens der Steuererklärung 2007
verfügte Busse über Fr. 500.-- wurde auf Einsprache hin am 10. Dezember 2008
aufgehoben.
Im Veranlagungsverfahren hatte die Steuerbehörde am 25. August 2008 bei der
Sozialversicherungsanstalt des Kantons S einen Auszug aus dem individuellen Konto
von X für das Jahr 2007 (act. 4-II/6) angefordert und holte in der Folge von den
Schulgemeinden E und A die für 2007 ausgestellten Lohnausweise über Fr. 31'571.--
und Fr. 4'922.-- ein (act. 4-II/7+8). Die Veranlagungsbehörde erhöhte die von X bereits
eingetragenen Einkünfte von Fr. 22'575.-- um Fr. 39'149.-- (Fr. 31'571.--
Schulgemeinde E, Fr. 4'922.-- Schulgemeinde A, Fr. 2'588.-- Arbeitslosentaggelder
und Fr. 68.-- Katholische Kirchgemeinde E [Differenz zwischen Brutto- und Nettolohn])
auf Fr. 61'724.--. Sie liess von den Kosten für öffentliche Verkehrsmittel Fr. 510.-- und
nicht nachgewiesene Schuldzinsen von Fr. 2'688.-- nicht zum Abzug zu. Wegen des
höheren Nettoeinkommens entfiel der Abzug der Krankheitskosten von Fr. 359.--.
Dementsprechend wurde X am 7. Januar 2009 für die Staats- und Gemeindesteuern
2007 mit einem steuerbaren Einkommen von Fr. 53'100.-- und ohne steuerbares
Vermögen veranlagt.
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C.- Das kantonale Steueramt leitete gegen X am 5. März 2009 ein
Untersuchungsverfahren wegen im Jahr 2007 nicht deklarierter Einkünfte aus
unselbständiger Erwerbstätigkeit von Fr. 31'571.-- (Schulgemeinde H; richtig: E),
Fr. 4'922.-- (Schulgemeinde A) und Fr. 1'138.-- (Bruttoeinkünfte Katholische
Kirchgemeinde E, Nettoeinkünfte: Fr. 1'070.--) sowie aus Arbeitslosentaggeldern von
Fr. 2'588.-- ein. In der Stellungnahme vom 12. März 2009 brachte X vor, sie habe
erstmals versucht, die Steuererklärung selbst auszufüllen. Sie habe die fehlenden
Unterlagen nicht absichtlich vergessen, sondern einfach den Durchblick und das nötige
Wissen nicht gehabt. Am 26. März 2009 schloss das kantonale Steueramt das
Untersuchungsverfahren ab und hielt im Wesentlichen fest, Einkommensbestandteile
von Fr. 40'219.-- seien nicht deklariert worden. Im Jahr 2007 seien weit mehr als die
deklarierten Einkünfte von Fr. 21'505.-- zugeflossen. Es lägen keine Strafminderungs-
oder -erhöhungsgründe vor. Unter Einräumung der Möglichkeit zur Stellungnahme
wurde eine Busse von Fr. 11'500.-- in Aussicht gestellt. Mit Strafbescheid vom 17. Juni
2009 wurde X mit Fr. 11'500.-- gebüsst. Zudem wurden ihr die Verfahrenskosten von
Fr. 100.-- auferlegt.
D.- Gegen den Strafbescheid erhob X mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 17. Juli
2009 Einsprache. Das kantonale Steueramt überwies die Strafsache am 20. Juli 2009
der Verwaltungsrekurskommission zur Beurteilung. Der Rechtsvertreter ergänzte die
Einsprache am 28. August 2009. Die Anklagebehörde nahm am 3. September 2009
Stellung.
E.- Am 10. März 2010 fand die öffentliche Verhandlung statt. Vor Gericht erklärte die
unsicher wirkende Angeschuldigte auf Befragen, sie wohne in R und unterrichte mit
einem Teilpensum von 40% in U und D. Monatlich verdiene sie netto Fr. 2'600.--. Sie
habe ein 8 Monate altes Kind. Die Ausbildung habe sie im Sommer 2006
abgeschlossen. Anschliessend habe sie in E ein Berufspraktikum absolvieren können.
Im Oktober 2006 habe sie in A zunächst zwei Wochen als Aushilfe unterrichtet. Die
Anstellung sei bis Weihnachten verlängert worden. Ab Anfang 2007 sei sie wieder in E,
zunächst in Stellvertretung, nachher in fester Anstellung, tätig gewesen. Bis April 2007
habe sie bei ihren Eltern, denen sie auch ihre Steuerangelegenheiten übergeben habe,
in H gewohnt. Die Steuererklärung habe bis dahin ein Treuhänder ausgefüllt. Sie habe
auf die Richtigkeit vertraut und jeweils "einfach" unterschrieben. Nach ihrem Wegzug
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habe sie selber deklarieren wollen. Sie habe die Angelegenheit allerdings vor sich
hergeschoben, weil sie in E – "frisch" ab Lehrerseminar – eine "happige" 1./2. Klasse
unterrichtet und alle Energie in die Arbeit als Junglehrerin investiert habe. Deshalb habe
sie auch auf die Mahnungen nicht reagiert. Die Busse von Fr. 200.-- sei ein Zeichen
gewesen, die Deklaration nicht weiter aufzuschieben. Die Versuche, das Formular
schriftlich auszufüllen, habe sie aufgegeben, nachdem eine Kollegin ihr geraten habe,
die Deklaration elektronisch einzureichen, und sie darauf hingewiesen habe, fehlende
Unterlagen würden nachgefordert. Das Ausfüllen sei mit viel "Ärger, Groll und
Ausrufen" verbunden gewesen. Bei der Quittung habe sie nicht auf das Ergebnis – ein
steuerbares Einkommen von Fr. 10'480.-- – geachtet, sondern sich aufs
Unterschreiben konzentriert. Über die Einkünfte den Überblick zu behalten, sei in jener
Zeit etwas schwierig gewesen, da sie als Stellvertreterin wegen der nicht bezahlten
Ferien und Festtage jeden Monat einen anderen Betrag ausbezahlt erhalten habe. Sie
habe nicht Lohnausweise beiseitegelegt, um sie nicht einzureichen. Vielmehr seien sie
"kreuz und quer" an ihrem früheren und am neuen Wohnort herumgelegen. Der
Umgang mit dem Computer sei ihr normal vertraut. Beim Ausfüllen sei für sie vor allem
schwierig gewesen, welche Zahl nun einzutragen sei. Bei den Eingaben habe sie sich
jeweils gefragt, ob nicht vorher nach etwas Ähnlichem gefragt worden sei und wie sie
innerhalb des Programms an eine frühere Stelle und nachher wieder zurück zum
aktuellen Stand gelangen könne.
Der Vertreter der Anklagebehörde hielt am Antrag fest. Dass – bei steigender Tendenz
– rund ein Drittel der Steuerpflichtigen elektronisch deklariere, spreche dagegen, dass
das Programm unüberblickbar sei. Die Bildschirmausdrucke (act. 19/1-5) belegten die
Einfachheit und Übersichtlichkeit des Vorgehens. Von einer Primarlehrerin sei zu
erwarten, dass sie ihre privaten Unterlagen "im Griff" habe, auch wenn sie zum ersten
Mal selbst eine Steuererklärung ausfülle. Sie müsse den Umgang mit Computern
gewohnt sein, werde heute doch ab der 1. Klasse am PC geschult. Bei Schwierigkeiten
hätte sie sich an den Help-Desk wenden, um Fristerstreckung ersuchen und
nötigenfalls schriftlich deklarieren können. Das Steueramt dürfe von der Richtigkeit der
Deklaration ausgehen. Eventualvorsatz sei nach der Rechtsprechung bei nicht
angegebenen Einkünften von / bis / des Haupterwerbs oder mehr als Fr. 20'000.--
anzunehmen. Die Angeschuldigte habe bei Einkünften von Fr. 61'700.-- lediglich
Fr. 22'500.-- deklariert. Die mit der Nichtangabe von 4 Positionen verbundene
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kriminelle Energie habe gestützt auf Art. 248 Abs. 5 StG eine Verdoppelung der Busse
gerechtfertigt.
Der Verteidiger beantragte, unter Kosten- und Entschädigungsfolge sei der
Strafbescheid aufzuheben. Auf eine Busse sei zu verzichten, eventuell sei sie auf
maximal Fr. 1'000.-- festzulegen. Zur Begründung brachte er im Wesentlichen vor, es
sei nachvollziehbar, dass die Angeschuldigte nach dem Umzug im April 2007 von H
nach S beim Ausfüllen der Steuererklärung gewisse Probleme gehabt habe. Die
Schulgemeinde E habe einen falschen Lohnausweis – nur für die Zeit vom 4. April bis
6. Juli 2007, in welcher die Angeschuldigte nicht mehr als Praktikantin, sondern im
ordentlichen Angestelltenverhältnis arbeitete – ausgestellt. Die Angeschuldigte habe
diesen Lohnausweis und die Bestätigung der Kantonalen Arbeitslosenkasse
eingereicht, die Einkünfte aber irrtümlicherweise in der elektronischen Steuererklärung
nicht aufgeführt. Sie habe nie die Absicht gehabt, Steuern zu hinterziehen, sondern sei
ganz einfach mit dem Ausfüllen der Steuererklärung überfordert gewesen. Da der
Steuerpflichtige die Steuererklärung persönlich unterzeichnen müsse, die
Angeschuldigte jedoch lediglich die eTaxes-Quittung, auf der irgendwo ganz klein auch
das steuerbare Einkommen aufgedruckt sei, unterschrieben habe, könne sie gar keinen
Versuch einer Steuerhinterziehung begangen haben. Ohne amtliches Formular liege
keine rechtsgenügende Deklaration vor. In der Wegleitung werde festgehalten, aus
rechtlichen Gründen sei die unterzeichnete Original-Steuererklärung, in welche die
Totalergebnisse zu übertragen seien, einzureichen. Das Steueramt habe die Busse
bereits vor dem Untersuchungsverfahren ohne Begründung auf das Doppelte des
Regelmasses festgelegt. Nach dem Strafbescheid lägen im konkreten Fall keine
Strafminderungs- oder –erhöhungsgründe vor. Dem Faktor / komme die Funktion
eines Höchstmasses der Versuchsstrafe zu. Da dem Steueramt der Auszug der
Sozialversicherungsanstalt des Kantons S aus dem individuellen Konto der
Angeschuldigten bereits am 15. September 2008 – mithin einen Monat vor dem
Eingang der eTaxes-Quittung – vorgelegen und damit ein allfälliger Versuch zur
Steuerhinterziehung nicht "tauglich" gewesen wäre, sei der untere Strafrahmen zu
durchbrechen. Schliesslich wären bei der Ermittlung der hinterzogenen Steuer – wie bei
jeder anderen Steuererklärung auch – die Abweichungen zwischen der elektronischen
Deklaration und den eingereichten Unterlagen zu berücksichtigen. Es ergäbe sich dann
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eine Differenz von lediglich Fr. 18'688.-- (Fr. 61'724.- abzüglich eingereichte
Lohnausweise und Bestätigung der Arbeitslosenkasse Fr. 43'036.--).
Im Schlusswort fügte die Angeschuldigte an, sie habe nicht absichtlich unvollständige
Angaben gemacht. Frisch ab dem Lehrerseminar sei es wirklich nicht ihr erster
Gedanke gewesen, Einkommen nicht zu deklarieren.
F.- Nach der mündlichen Verhandlung zog das Gericht die Steuerakten 2006 bei.
Abklärungen bei der Schulgemeinde A ergaben am 29. März 2010, dass die
Angeschuldigte bis im Dezember 2006 angestellt war und der im Januar 2007
ausbezahlte Lohn entgegen dem Vermerk im Lohnausweis nicht das Jahr 2007 betraf.
Zu den zusätzlichen Unterlagen nahmen die Anklagebehörde am 13. April 2010 und der
Verteidiger am 19. April 2010 Stellung. Letzterer liess sich am 22. April 2010 zur
vorinstanzlichen Stellungnahme vernehmen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Zu beurteilen ist
der Strafbescheid des kantonalen Steueramtes vom 17. Juni 2009 wegen versuchter
Steuerhinterziehung (Staats- und Gemeindesteuern 2007). Die
Verwaltungsrekurskommission ist zur gerichtlichen Beurteilung zuständig. Die
Angeschuldigte ist zur Erhebung der Einsprache befugt. Die Einsprache vom 17. Juli
2009 ist rechtzeitig erhoben worden. Die Eingabe erfüllt in formeller und inhaltlicher
Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen. Die Streitsache wurde dem Gericht am
20. Juli 2009 zusammen mit den Akten überwiesen. Der Strafbescheid gilt als Anklage
(Art. 264 Abs. 1 und 2 und Art. 265 des Steuergesetzes, sGS 811.1, abgekürzt: StG;
Art. 161 StG in Verbindung mit Art. 48 Abs. 1 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP).
2.- Nach Art. 262 Abs. 1 StG bezeichnet der Strafbescheid den Angeschuldigten, die
dem Angeschuldigten zur Last gelegte Handlung, die angewendeten
Gesetzesbestimmungen, die Beweismittel sowie die Strafe und weist auf die
Möglichkeit der Einsprache sowie die Folgen der Unterlassung hin. Er ist nach Art. 262
Abs. 2 StG "kurz" zu begründen, die Begründung muss aber ausreichend sein (vgl.
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Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, Kommentar zum harmonisierten Zürcher Steuergesetz,
Zürich 2006, N 3 zu § 251). Als Anklageschrift kommt dem Strafbescheid im
Wesentlichen die Aufgabe zu, den der Anklage zugrunde liegenden Sachverhalt zu
konkretisieren und damit dem Angeschuldigten die für seine Verteidigung
erforderlichen Informationen zu vermitteln. Der als Sachverhalt umschriebene konkrete
Lebensvorgang ist unter einen der gesetzlichen Straftatbestände zu subsumieren. In
die Anklageschrift aufzunehmen ist deshalb die rechtliche Beurteilung der dem
Angeschuldigten zur Last gelegten Handlung mitsamt den anwendbaren
Gesetzesbestimmungen. Erscheint die Rechtslage klar, bedarf es dazu keiner
besonderen Erörterung. Sodann sind Ausführungen zum Vorleben und den
persönlichen Verhältnissen zu machen; erst damit wird die Ausfällung einer dem
Verschulden und der Persönlichkeit des Angeschuldigten angemessenen Sanktion
ermöglicht (N. Oberholzer, Grundzüge des Strafprozessrechts, 2. Aufl. 2005, S. 592 ff.).
Der Strafbescheid vom 17. Juni 2009 bezeichnet die Angeschuldigte sowie die ihr zur
Last gelegte Handlung der versuchten Steuerhinterziehung und die massgeblichen