Decision ID: 4b024b9b-79b1-47a0-acfb-146dd6a297cb
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Die im Jahre 1967 geborene
X._
erwarb 1986 im ehemaligen Jugo
slawien das Abitur und besuchte für ein halbes
Jahr
die Pädagogische Universität.
A
m
9.
Februar 1988
reiste sie
in die Schweiz ein (
Urk.
10/1 S. 3 f.), wo sie von 1991 bis 1995 als Betriebsmitarbeiterin in einer Grossmetzgerei und von 1995 bis 1999 bei der
Y._
als Maschinenführerin erwerbs
tätig war (
Urk.
10/63/
10). Ab
1.
April 2001 war die Versicherte bei der
Z._
als Mitarbeiterin Kun
dendienst angestellt (
Urk.
10/51). Infolge Rückenbeschwerde
n
meldete sie sich erstmals am
7.
Juni 2002 bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungsbezug an (Berufsberatung, Umschulung;
Urk.
10/1 S. 5-7). Mit Verfügung vom 2
0.
Dezember 2002 wies diese das Leistungsbegehren ab (
Urk.
10/12).
1.2
Am 3
0.
August 2006 meldete sich die Versicherte aufgrund einer Verschlechte
rung der Rückenbeschwerden erneut bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug an (
Urk.
10/14). Nach erfolgten Abklärungen wies diese das Leistungsbegehren man
gels
eines IV-
relevante
n
Gesundheitsschaden
s
mit Verfügung vom
3.
Januar 2007 ab (
Urk.
10/24). Eine weitere Anmeldung zum Leistungsbezug erfolgte am 3
0.
November 2009, noch immer unter Hinweis auf die bekannten Rückenbe
schwerden (
Urk.
10/25). In der Folge veranlasste die IV-Stelle die polydisziplinäre Abklärung (
A._
-Gutachten vom 1
1.
November 2010,
Urk.
10/63) und wies das Leistungsbegehren mit Verfügung vom 1
5.
Februar 2011 ab (
Urk.
10/69).
1.3
Aufgrund
seit 2009
bestehender, trotz Operationen persistierender Bauchschmer
zen meldete sich die Versicherte am 2
1.
März 2014 erneut bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug an (
Urk.
10/73). Mit Vorbescheid vom 1
2.
August 2014 stellte diese das Nichteintreten auf das Leistungsbegehren in Aussicht (Urk. 10/81). Im Zuge des
Einwandverfahrens
ordnete die IV-Stelle eine polydisziplinäre Abklä
rung an (
A._
-Gutachten vom 1
8.
Dezember 2015,
Urk.
10/127; ergänzende Stel
lungnahme vom
3.
Mai 2016,
Urk.
10/135). Mit Vorbescheid vom
5.
Juli 2016 stellte die IV-Stelle die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht (
Urk.
10/138) und hielt an diesem Entscheid mit Verfügung vom 1
2.
Oktober 2016 fest (
Urk.
10/146 =
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob der Vertreter der Versicherten am 1
4.
November 2016 Beschwerde und beantragte, es sei der Beschwerdeführerin eine Rente nach Gesetz zu gewäh
ren; eventualiter sei ein Gerichtsgutachten in Auftrag zu geben,
subeventualiter
sei die Sache an die Beschwerdegegnerin zur erneuten polydisziplinären Begut
achtung zurückzuweisen; unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Laste
n der Beschwerdegegnerin (
Urk.
1 S. 2). Nebst der Durchführung eines zweiten Schrif
tenwechsels sei der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Prozessführung und Rechtsvertretung zu gewähren (S. 3).
Mit Schreiben vom
9.
Januar 2017 zog der Vertreter der Beschwerdeführer das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und
Verbeiständung
zu
rück (
Urk.
7). Mit Beschwerdeantwort vom 2
6.
Januar 2017 beantragte die Be
schwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde (
Urk.
9).
Mit Replik vom 1
8.
Mai 2017 hielt der Vertreter der Beschwerdeführerin an den bereits gestellten Anträgen fest (
Urk.
14); die Beschwerdegegnerin verzichtete in der Folge auf das Einreichen einer Duplik (
Urk.
16), was der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 1
4.
Juni 2017 mitgeteilt wurde (
Urk.
17).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts;
ATSG).
Sie kann Folge von Geburts
gebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung;
IVG).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgegliche
nen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein
trächtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken.
Rechtsprechungsgemäss
ist bei psychi
schen Beeinträchtigungen zu prüfen,
ob ein psychischer Gesundheitsschaden mit Krankheitswert besteht, welcher
die versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein
rentenausschliessendes
Erwerbseinkommen zu
erzielen (
vgl.
BGE
139 V 547
E. 5
,
131 V 49
E. 1.2
,
130 V 352
E. 2.2.1
; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_125/2015 vom 1
8.
November 2015 E. 5.4).
Die Annahme
eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt
eine psychiatrische,
lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose vor
aus (
vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2,
141 V 281 E. 2.1
, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6
). Eine fachärztlich
einwandfrei
festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In je
dem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit un
abhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausge
wiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die
nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende
Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arb
eitsleistung zu erbringen (BGE 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7,
139 V 547 E. 5.2
, 127 V 294 E. 4c, je mit Hinweisen; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG
).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, er
halten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.4
War eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert worden und ist die Verwaltung auf eine Neuanmeldung eingetreten (Art. 87 Abs. 3
der Verordnung über die Invalidenversicherung;
IVV), so ist im Beschwerdeverfahren zu prüfen, ob im Sinne von
Art.
17 ATSG eine für den Rentenanspruch relevante Änderung des Invaliditätsgrades eingetreten ist (BGE 117 V 198 E. 3a mit Hin
weis).
Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, her
abgesetzt oder aufgehoben (
Art.
17
Abs.
1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen seit Zusprechung
der Rente, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen Änderung des Gesundheitszustandes revidierbar. Weiter sind, auch bei an sich gleich gebliebe
nem Gesundheitszustand, veränderte Auswirkungen auf den Erwerbs- oder Auf
gabenbereich von Bedeutung (BGE 141 V 9 E. 2.3, 134 V 131 E. 3). Ferner kann ein Revisionsgrund unter Umständen auch in einer wesentlichen Änderung hin
sichtlich des für die Methodenwahl
massgeblichen
(hypothetischen) Sachverhalts bestehen (BGE 130 V 343 E. 3.5, 117 V 198 E. 3b mit Hinweisen; vgl. zur Publi
kation vorgesehenes Urteil des Bundesgerichts 8C_429/2017 vom 20. Dezember 2017 E. 2.2). Hingegen ist die lediglich unterschiedliche Beurteilung eines im We
sentlichen gleich gebliebenen Sachverhalts im revisionsrechtlichen Kontext un
beachtlich (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
Liegt in diesem Sinne ein Revisionsgrund vor, ist der Rentenanspruch in rechtli
cher und tatsächlicher Hinsicht umfassend ("allseitig") zu prüfen, wobei keine Bindung an frühere Beurteilungen besteht (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinwei
sen).
1.5
Das Sozialversicherungsgericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustel
len und alle Beweismittel objektiv zu prüfen, unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden, ob sie eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Leistungsanspruches gestatten. Insbesondere darf es beim Vorliegen
ei
nander widersprechender medizinischer Berichte den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, wa
rum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (ZAK 1986 S. 188 E. 2a). Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Gutachtens ist im Lichte dieser Grundsätze entscheidend, ob es für die Beantwortung der gestell
ten Fragen umfassend ist, auf den erforderlichen allseitigen Untersuchungen be
ruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt und sich mit diesen sowie dem Verhalten der untersuchten Person auseinander setzt – was vor allem bei psychi
schen Fehlentwicklungen nötig ist –, in Kenntnis der und gegebenenfalls in Aus
einandersetzung mit den
Vorakten
abgegeben worden ist, ob es in der Darlegung der medizinischen Zustände und Zusammenhänge einleuchtet, ob die Schlussfol
gerungen der medizinischen Experten in einer Weise begründet sind, dass die rechtsanwendende Person sie prüfend nachvollziehen kann, ob der Experte oder die Expertin nicht auszuräumende Unsicherheiten und Unklarheiten, welche die Beantwortung der Fragen erschweren oder verunmöglichen, gegebenenfalls deut
lich macht (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c; Ulrich Meyer, Die Rechtspflege in der Sozialversicherung, BJM 1989, S. 30 f.; derselbe in: Hermann
Fredenhagen
, Das ärztliche Gutachten, 4. Auflage 2003, S. 24 f.).
2.
2.
1
Nachdem die Beschwerdegegnerin auf die Neuanmeldung eingetreten war,
be
gründete
sie
die angefochtene
leistungsabweisende
Verfügung
hinsichtlich
der Arbeitsfähigkeit damit, dass gestützt auf das
A._
-Gutachten
vom 1
8.
Dezember 2015
ab November 2015 in einer angepassten Tätigkeit von einer 75%igen Ar
beitsfähigkeit
auszugehen sei (
Urk.
2).
2.
2
Demgegenüber machte der Vertreter der Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, dass auf das
A._
-Gutachten vom 1
8.
Dezember 2015 nicht abgestellt werden könne, da keine plausible
,
nachvollziehbare Begründung geliefert werde, w
eshalb
keine relevante somatoforme Schmerzstörung bestehe (
Urk.
1 S. 12). Weiter sei die ergänzende Stellungnahme
des
A._
vom
3.
Mai
2016 insbesondere betreffend
Addierung der attestierten Arbeitsunfähigkeiten sowie Fehlen einer Depression ungenügend (S. 13).
Im Rahmen des rheumatologischen Teilgutach
tens werde zudem unnötig stark auf das letzte orthopädische Teilgutachten von 2010 abgestützt (S. 12 unten).
2.3
Mit Blick darauf, dass die
Beschwerdeführerin insbesondere die Verwertbarkeit des
A._
-Gutachtens vom 1
8.
Dezember 2015 in Frage stell
en lässt
, ist zunächst zu prüfen, ob das genannte Gutachten eine verlässliche Beurteilungsgrundlage darstellt, um eine wesentliche Veränderung des Gesundheitszustandes verglichen mit dem Zeitpunkt der leistungsverweigernden Verfügung vom 1
5.
Februar 2011 nachzuweisen.
3.
3.1
Die für das
A._
-Gutachten vom
1
8.
Dezember 2015 verantwortlichen Fachärzte gingen
-
mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
-
von den folgenden Diagnosen aus
(
Urk.
10/127
/40)
:
-
48-jährige 0P mit
Endometriose
ASRM II (ICD-10 N80)
-
Status nach diagnostisch-therapeutischer Laparoskopie am
3.
Septem
ber 2009, Frauenklinik
B._
-
5.
September 2009 diagnostische Laparoskopie und
Laparatomie
bei iatrogener
Rektumvorderwandperforation
anlässlich einer Biopsie am
3.
September 2009, mit Resektion der
Rektumläsion
und
Übernähung
derselben
-
1
1.
September 2009
Diskontinuitätsresektion nach Hartmann wegen Leckage und Anlage eines Anus
praeter
-
1
6.
September 2009 Sepsis mit Revisionslaparotomie bei Abszess im Bereich der Bauchdecke und präsakral sowie
Adhäsiolyse
, Appendekto
mie und VAC-Anlage bei
Dünndarmileus
-
1
1.
Februar 2010 Stoma-Rückverlagerung,
B._
Chirurgie
-
Chronische Schmerzen im Mittel- und Unterbauch (ICD-10 R10.4)
-
DD bei Status nach eitriger Peritonitis (ICD-10 K85.8) und Status nach
Dünndarmileus
bei Verwachsungssitus 2009
-
DD
in Anbetracht der gesamten bisherigen medizinischen Anamnese Verdacht auf psychosomatische Überlagerung der Beschwerden mit Aggravation der Symptomatik, vgl. Diagnose nachstehend
-
Andauernde Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0)
-
Chronisches, therapieresistentes panvertebrales Schmerzsyndrom (ICD-10 M53.8)
-
Leichte Wirbelsäulenfehlform/-
fehlhaltung
(
thorakolumbale
Torsions
skoliose, leichte Antepositionsfehlhaltung
des Schultergürtels und der HWS)
-
Muskuläre
Dysbalance
mit Abschwächung der abdominellen und rü
ckenstabilisierenden Muskelgruppen
-
Radiomorphologisch weder aktuell im
Rx
HWS und LWS vom 1
6.
No
vember 2015 noch gemäss Aktenlage in den früheren konventionellen und MRT-Abklärungen zwischen 2002 bis 2008 Hinweise für relevante degenerative Veränderungen am Achsenskelett
-
Koronare Herzkrankheit mit
Eingefässerkrankung
(Status nach Akut-P
CI-Stent-Implantation [DS]
in
filiforme
proximale RIVA-Stenose am 1
0.
Juli 2014 bei instabiler Angina
pectoris
; ICD-10 I25.9)
-
Global erhaltene linksventrikuläre Funktion
-
Kardiovaskuläre Risikofaktoren: familiä
re Belastung und behandelte
Dysl
ipidämie
.
Im Vordergrund der Beschwerden würden die therapieresistenten
Abdomi
nalschmerzen
stehen, wobei von einem organischen Kern auszugehen sei, was gemäss der gynäkologischen und allgemeininternistischen Beurteilung zu einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 25
%
in sämtlichen Tätigkeiten führe. Sowohl bei den Bauchbeschwerden als auch bei den am Bewegungsapparat be
klagten Beschwerden sei eine Diskrepanz zwischen dem Ausmass der subjektiv geklagten Beschwerden und den objektivierbaren Befunden festzustellen. Auf
grund der andauernden Persönlichkeitsveränderung sei von einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 10
%
auszugehen. In einer körperlich leichten bis selten mittelschweren wechselbelastenden beruflichen Tätigkeit mit der Möglichkeit, die Arbeitsplatzposition regelmässig zu wechseln, ohne stereotype Rotationsbewe
gungen der Wirbelsäule oder Arbeiten in anhaltender Oberkörpervorneigeposi
tion ohne Heben und Tragen von Lasten bis zur Taille über 10 kg oder über der Taille von mehr als 7.5 kg bestehe eine Ar
b
eits- und Leistungsfähigkeit von 75
%
. Die geringen
Einschränkungen aus psychiatris
cher Sicht würden sich beim vor
gegebene
n Pausenbedarf aus somatischer S
icht nicht zusätzlich auswirken. Das
Pensum könne vollschichtig
umgesetzt werden, mit erhöhtem Pausenbedarf von 10-15 Minuten pro Stunde und leicht vermindertem Rendement (
Urk.
10/127/42).
3.2
3.2.1
Aufgrund der Einwände des Vertreters der Beschwerdeführerin ist zunächst die Beweistauglichkeit des psychiatrischen Teilgutachtens zu prüfen. Zutreffend ist dabei, dass sich
dieses
nicht mit der möglichen Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung au
seinandersetzt (vgl.
Urk.
7
/127/29 ff.). Unbestritten ist, dass
– auch wenn aktuell aus
viszeralchirurgischer
Sicht keine objektiven Korrelate für die therapieresistenten
Abdominalschmerzen
bestehen – bei Status nach iatrogener
Rektumläsion
mit unter anderem konsekutiver eitriger Peritonitis und verschiedenen
abdominalchirurgischen
Eingriffen (vgl. eingehend
Urk.
10/127/
36 f.) immerhin teilweise ein "organischer Kern" der Beschwerden vorliegt, der zu einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 25
%
in sämtlichen Tätigkeiten führt (
Urk.
10/127/40 ff.). I
m psychiatrischen Teilgutachten
wird
eine Aggravation ausgeschlossen (
Urk.
10/127/3
0
). Dem rheumatologischen Teilgut
achten ist zu entnehmen, dass mittlerweile von einer wegweisenden ausgeprägten psychosozialen Schmerzsymptomatik mit Schmerzgeneralisierungs
-
und
-
a
us
weitungstendenz
auszugehen
ist
(
Urk.
10/127/44 unten).
Laut
viszeralchirurgi
sche
m
Gutachten
hat
sich über die Jahre ein progredientes Schmerzsyndrom ent
wickelt
(Urk. 10/127/
27
unten). Auch anlässlich der gynäkologischen Untersu
chung wurde darauf hingewiesen, dass möglicherweise eine somatoforme Schmerzstörung bestehe, wobei auch eine Aggravation nicht ausgeschlossen sch
ien
(
Urk.
10/127/3
8 f.
).
Bei dieser Sachlage muss im Rahmen eines psychiatrischen Teilgutachtens auf die Themenkreise somatoforme Schmerzstörung und Aggravation einlässlich einge
gangen werden, um eine schlüssige und nachvollziehbare Gesamtbeurteilung zu gewährleisten. So ist es einem medizinischen Laien
weder
möglich
noch ist es angebracht
, den ärztlich mehrfach geäusserten Verdacht auf eine Schmerzstörung ohne weitere Abklärung zu entkräften; auch der
erarbeitete interdisziplinäre
Kon
sens weist nur auf
eine
Diskrepanz zwischen dem Ausmass der subjektiv geklag
ten Beschwerden und den objektivierbaren Befunden
hin
(
Urk.
7/127/40)
.
Hinzu
weisen ist
schliesslich
auf die im Zusammenhang mit der Herzerkrankung be
klagten thorakalen Schmerzen, welche ebenfalls nicht objektiviert werden konn
ten (
Urk.
7/127/45 f.). Weitere Abklärungen im Zusammenhang mit den geltend gemachten Kopfschmerzen
wurden zudem unter Hinweis auf die bei der vorhan
denen Somatisierung fehlende Evidenz für nicht nötig erachtet (
Urk.
7/135 S. 2).
Das psychiatrische Teilgutachten erscheint schon allein deshalb
als
nicht
hinrei
chend
beweiskräftig, sodass weitere Abklärungen nötig
sind
.
3.2.2
Für die Diagnose einer anda
uernden Persönlichkeitsänderung
nach Extrembelas
tung
wird eine katastrophale oder extrem
e
(
anhaltende
)
Belastung gefordert (
z.B.
Konzentrationslager, Folter, Katastrophen, andauernde lebendbedrohliche Situa
tionen
[
als Geisel oder in Gefangenschaft mit drohender Todesgefahr
])
. Lang an
haltende Änderungen der Persönlichkeit nach einer kurzzeitigen Lebensbedro
hung s
ind
nicht unter dieser Kategorie einzuordnen
(
Dilling
/
Mombour
/Schmidt [Hrsg.],
Internationale
Klassifikation psychischer Störungen,
ICD-10, Kapitel V/F, 1
0.
Auflage 2015, F62.0 S. 286)
.
Inwieweit mit den
lebensbedrohlichen Komplikationen nach der iatrogenen
Rek
tumvorderwandperforation
die Diagnose-Kriterien gemäss ICD-10 F62.0 erfüllt sind, bedarf einer näheren Begründung;
eine solche ist dem psychiatrischen Teil
gutachten aber nicht zu entnehmen. Weiter
sollte die Persönlichkeitsänderung
fremdanamnestisch
bestätigt werden
(
Dilling
/
Mombour
/Schmidt,
a.a.O.
,
S. 286 unten)
, was hier fehlt.
Im Rahmen der allgemeininternistischen Untersuchung wurde auf eine hintergründig depressiv wirkende Patientin hingewiesen (
Urk.
7/127/17).
Bei dieser Ausgangslage kann nicht von einer umfassenden Be
rücksichtigung der medizinischen
Vorakten
gesprochen werden
;
vielmehr wäre die Einholung eines aktuellen Berichts der behandelnden
Psychiaterin angezeigt gewesen, auch für die allseitige Beurteilung des in Frage stehenden depressiven Geschehens.
3.2.3
Schliesslich
ist dem psychiatrischen Gutachten nicht zu entnehmen
,
wie sich die funktionellen Beschwerden genau auf die Arbeitsfähigkeit auswirken. Damit kann auch die in der Konklusion erfolgte Annahme, dass sich die Einschränkungen durch zusätzliche Pausen von 10-15 Minuten beheben liessen, nicht schlüssig überprüft werden. Dies
aber
wäre im Hinblick auf die
Beantwortung der
Frage, ob die Einschränkung
en
zu addieren sind oder nicht, von entscheidender Bedeu
tung.
Zudem stellen sich in diesem Zusammenhang auch Fragen bezüglich des Anforderungsprofils, sofern der Beschwerdeführerin aus psychi
atri
scher Sicht nicht mehr alle Tätigkeiten zuzumuten wären.
3.3
Zusammenfassend legt das psychiatrische Teilgutachten den medizinischen Sach
verhalt nicht in einer
hinreichend
schlüssigen und nachvollziehbaren Weise dar
;
insbesondere wurde auf den mehrfach geäusserten Verdacht auf eine somato
forme Schmerzstörung
nur
am Rande
eingegangen.
Zudem zeigen sich Mängel im Zusammenhang mit der Begründung der gestellten psychiatrischen Diagnose sowie
hinsichtlich
Berücksichtigung der medizinischen
Vorakten
.
Die Sache ist
demnach zur ergänzenden Abklärung
– zumindest in Form
eines
umfangreichen
Katalogs von
Ergänzungsfragen -
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
B
ei veränderter somatischer Sachlage
würde sich allenfalls eine umfassende Ab
klärung
auf
drängen; zudem liegt die letzte Begutachtung bereits zum jetzigen Zeitpunkt mehr als 2.5 Jahre zurück.
4.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 800.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Ver
fahrens sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.
Ausgangsgemäss ist die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, der Beschwerdefüh
rerin eine angemessene Prozessentschädigung zu bezahlen, welche in Anwen
dung von
Art.
61
lit
. g ATSG, namentlich unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwi
erigkeit des Prozesses auf
Fr.
2'3
00.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.