Decision ID: 1c795a04-ddf9-4d56-8d8a-53c6e8b32ae7
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte schwere Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur vom 30. Oktober 2019 (DG190040)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 3. Juni 2019
(D1/Urk. 17) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 43 S. 54 ff.)
1. Die Beschuldigte ist schuldig
− der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB
in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB,
− der Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144 Abs. 1 StGB,
− der mehrfachen Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB, teilweise in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB sowie
− der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB.
2. Die Beschuldigte wird bestraft mit einer Freiheitsstrafe von 34 Monaten,
wovon bis und mit heute 401 Tage durch Untersuchungshaft und vorzeitigen
Strafvollzug erstanden sind.
3. Die Freiheitsstrafe wird vollzogen.
4. Es wird eine ambulante Behandlung der Beschuldigten im Sinne von Art. 63
StGB (Behandlung von psychischen Störungen) während des Strafvollzugs
angeordnet.
5. Die Beschuldigte wird im Sinne von Art. 66a StGB für die Dauer von 7
Jahren des Landes verwiesen.
6. Das gemäss Polizeirapport der Kantonspolizei Zürich vom 25. September
2018 (D1 act. 1) sichergestellte und beim Forensischen Institut Zürich
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aufbewahrte Messer (Asservat-Nr. A011'884'869) wird eingezogen und der
Lagerbehörde, nach Eintritt der Rechtskraft, zur Vernichtung überlassen.
7. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 4'000.00 ; die weiteren Kosten des Verfahrens betragen:
Fr. 3'000.00 Gebühr Vorverfahren Fr. 9'147.34 Gutachten/Expertisen
Fr. 33.30 Auslagen Untersuchung Fr. 54.00 Entschädigungen der Zeugen Fr. 15'813.40 amtliche Verteidigung (inkl. Barauslagen und MwSt.)
Fr. 32'048.04 Total
Allfällige weitere Kosten bleiben vorbehalten.
8. Die Kosten des Vorverfahrens (Gebühr Vorverfahren, Gutachten/Expertisen,
Auslagen Untersuchung und Entschädigungen der Zeugen) sowie des
gerichtlichen Verfahrens, einschliesslich derjenigen der amtlichen
Verteidigung, werden der Beschuldigten auferlegt, diejenigen der amtlichen
Verteidigung indessen einstweilen auf die Gerichtskasse genommen. Art.
135 Abs. 4 StPO bleibt vorbehalten.
9. (Mitteilungen.)
10. (Berufung.)
Berufungsanträge:
Der Verteidigung der Beschuldigten:
(Urk. 55 S. 2 f.)
1. Die Beschuldigte sei vom Vorwurf der versuchten schweren
Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB freizusprechen.
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2. Die Beschuldigte sei der Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144
Abs. 1 StGB, der mehrfachen Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB,
teilweise in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB sowie der Drohung im
Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
3. Die Beschuldigte sei zu einer Freiheitsstrafe von 12 Monaten zu
verurteilen, unter Anrechnung der Polizei-, Untersuchungs- sowie
Sicherheitshaft von 730 Tagen. Der Vollzug der Freiheitsstrafe sei
unter Ansetzung einer Probezeit von 2 Jahren bedingt aufzuschieben.
4. Über die Einziehung und die Verwendung des sichergestellten und
beim Forensischen Institut Zürich aufbewahrten Messers (Asservat-Nr.:
A011'844'869) habe das Gericht zu befinden.
5. Die Beschuldigte sei gemäss Art. 429 Abs. 1 lit. c i.V.m. Art. 431 Abs. 2
StPO für die entstandene Überhaft nach dem Ermessen des Gerichts
zu entschädigen.
6. Die Verfahrenskosten und Kosten der amtlichen Verteidigung des
vorinstanzlichen Verfahrens seien zu 1⁄2 der Beschuldigten
aufzuerlegen und zu 1⁄2 vom Staat zu tragen.
7. Die Verfahrenskosten des Berufungsverfahrens seien vom Staat zu
tragen und es sei der bestellte amtliche Verteidiger für die Kosten der
amtlichen Verteidigung gemäss eingereichter detaillierter Honorarnote
zuzüglich des allfälligen Mehraufwandes für die Dauer der
Berufungsverhandlung und der Urteilseröffnung aus der Staatskasse
zu entschädigen.
Eventualiter:
1. Das Urteil des Bezirksgerichts Winterthur vom 30. Oktober 2019 sei mit
Ausnahme von Ziff. 5 vollumfänglich zu schützen.
2. Von einer Landesverweisung gemäss Art. 66a StGB sei abzusehen.
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3. Die Verfahrenskosten des Berufungsverfahrens seien der
Beschuldigten nach richterlichem Ermessen aufzuerlegen und es sei
der bestellte amtliche Verteidiger für die Kosten der amtlichen
Verteidigung gemäss eingereichter detaillierter Honorarnote zuzüglich
des allfälligen Mehraufwands für die Dauer der Berufungsverhandlung
und der Urteilseröffnung aus der Staatskasse zu entschädigen.
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Erwägungen:
I. Prozessgeschichte
Mit Urteil vom 30. Oktober 2019 sprach das Bezirksgericht Winterthur die
Beschuldigte der versuchten schweren Körperverletzung i.S.v. Art. 122 StGB
i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, der Sachbeschädigung i.S.v. Art. 144 Abs. 1 StGB,
der mehrfachen Nötigung i.S.v. Art. 181 StGB, teilweise in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB, sowie der Drohung i.S.v. Art. 180 StGB schuldig. Die Beschuldigte
wurde mit einer Freiheitsstrafe von 34 Monaten bestraft (unter Anrechnung von
401 Tagen Untersuchungshaft und vorzeitigen Strafvollzug). Es wurde eine
vollzugsbegleitende ambulante Behandlung der psychischen Störung der
Beschuldigten angeordnet und sie wurde für die Dauer von 7 Jahren des Landes
verwiesen. Weiter wurde die Vernichtung eines bei der Kantonspolizei
aufbewahrten Messers angeordnet. Ausgangsgemäss wurden die Kosten der
Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens der Beschuldigten auferlegt (Urk.
43 S. 54 f.).
Gegen das vorinstanzliche Urteil liess die Beschuldigte noch vor Schranken
Berufung anmelden (Prot. I S. 40). Am 24. Februar 2020 liess sie fristgerecht die
Berufungserklärung einreichen (Urk. 41, Urk. 47).
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Die Staatsanwaltschaft meldete weder Berufung an noch erhob sie
Anschlussberufung.
II. Prozessuales
1. Umfang der Berufung
Nach Art. 399 Abs. 4 StPO kann die Berufung auf einzelne Urteilspunkte
eingeschränkt werden. Eine isolierte Anfechtung des Schuldpunktes ist indes
nicht möglich: Bei einem Antrag auf Freispruch gelten für den Fall der
Gutheissung automatisch auch die mit der Tat untrennbar zusammenhängenden
Folgepunkte des Urteils (z.B. Sanktion, Zivilpunkt, Kostenfolgen) als angefochten,
also alle Punkte nach Art. 399 Abs. 4 lit. b - g StPO. Bestätigt das
Berufungsgericht den Schuldpunkt, sind die weiteren Urteilspunkte – soweit nicht
explizit angefochten – nicht zu überprüfen (vgl. Schmid, StPO Praxiskommentar,
Art. 399 N 18; BSK StPO - Eugster, Art. 399 StPO N7).
Die Berufung der Beschuldigten richtet sich gegen den Schuldspruch wegen
versuchter schwerer Körperverletzung (Dispositivziffer 1 al. 1). Ferner beantragte
die amtliche Verteidigung eine Reduktion der Freiheitsstrafe sowie den bedingten
Vollzug derselben. Somit ist die Sanktion und deren Vollzug angefochten
(Dispositivziffer 2 und 3). Damit einhergehend gilt die Anordnung der ambulanten
Massnahme (Dispositivziffer 4) als mitangefochten. Sodann wurde die Anordnung
der Landesverweisung (Dispositivziffer 5) sowie die Kostenauflage
(Dispositivziffer 8) angefochten (Urk. 55 S. 2).
Unangefochten und damit in Rechtskraft erwachsen sind die Schuldsprüche
wegen Sachbeschädigung, mehrfacher, teilweise versuchter Nötigung und
Drohung (Dispositivziffern 1 al. 2-4), die Einziehung des sichergestellten Messers
(Dispositivziffer 6) sowie die Kostenfestsetzung (Dispositivziffer 7). Die
Rechtskraft ist vorab mittels Beschluss festzustellen.
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III. Materielles
1. Allgemeine Beweisregeln
Vorab ist auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz zu den allgemeinen
Beweiswürdigungsregeln zu verweisen (vgl. Urk. 43 S. 6 ff.). Erneut ist
festzuhalten, dass das Gericht die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten
Verfahren gewonnenen Überzeugung würdigt (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen
unüberwindliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Voraussetzungen der
angeklagten Tat, so geht das Gericht von der für die beschuldigte Person
günstigeren Sachlage aus (Art. 10 Abs. 3 StPO).
Gemäss dem in Art. 8 und 32 Abs. 1 BV sowie Art. 6 Ziff. 2 EMRK verankerten
Grundsatz «in dubio pro reo» (im Zweifel für den Beschuldigten) ist bis zum
gesetzlichen Nachweis seiner Schuld zu vermuten, dass der wegen einer
strafbaren Handlung Beschuldigte unschuldig ist (BGE 127 I 40, 120 Ia 31 E. 2b;
BGer 6S.363/2006 vom 28. Dezember 2006 E. 4; Pra 2002 Nr. 2 S. 4 f. und
Nr. 180 S. 957 f.).
Als Beweislastregel bedeutet dieser Grundsatz einerseits, dass es Sache der
Anklagebehörde ist, die Schuld der beschuldigten Person zu beweisen, und nicht
dieser seine Unschuld nachweisen muss. Eine beschuldigte Person darf nie mit
der Begründung verurteilt werden, sie habe ihre Unschuld nicht nachgewiesen
(BGE 127 I 38 E. 2a mit Hinweis).
Wenn allerdings eine beschuldigte Person eine sie entlastende Behauptung
aufstellt, ohne dass sie diese wenigstens in einem Mindestmass glaubhaft
machen kann, findet der Grundsatz in «dubio pro reo» keine Anwendung. Es tritt
nämlich insoweit eine Beweislastumkehr ein, als nicht jede aus der Luft gegriffene
Schutzbehauptung von der Anklagebehörde durch hieb- und stichfesten Beweis
widerlegt werden muss. Ein solcher Beweis ist nur dann zu verlangen, wenn
gewisse Anhaltspunkte wie konkrete Indizien oder eine natürliche Vermutung für
die Richtigkeit der Behauptung sprechen bzw. diese zumindest als zweifelhaft
erscheinen lassen, oder wenn die beschuldigte Person sie sonst wie glaubhaft
macht (vgl. OGer ZH, SB160176-O/U vom 20. September 2016 E. III/3.3; Stefan
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Trechsel, SJZ 77 [1981] S. 320). Andernfalls könnte jede Anklage mit einer
abstrusen Schutzbehauptung zu Fall gebracht werden.
2. Sachverhalt
Die Vorinstanz hat die Aussagen der Beschuldigten und der Geschädigten
wiedergegeben und im Kontext mit der Fotodokumentation und dem
aufgefundenen Brotmesser gewürdigt. Es kann, um Wiederholungen zu
vermeiden, auf diese verwiesen werden (Urk. 77 S. 7 ff., 15 ff.; Art. 82 Abs. 4
StPO).
Die Vorinstanz kam zum Schluss, die Aussagen der Zeuginnen seien glaubhaft,
während jene der Beschuldigten wirr, unstrukturiert und durchgehend
widersprüchlich erschienen. Es lasse sich erahnen, dass es sich bei den
Aussagen der Beschuldigten teilweise um gedankliche Rekonstruktionen des
Erlebten handle, weshalb zur Erstellung des Anklagesachverhalts auf die
Schilderungen der Zeuginnen abzustellen sei (Urk. 43 S. 17 f.).
Der Auffassung der Vorinstanz ist im Ergebnis zuzustimmen. Die Beschuldigte
gab in der polizeilichen Einvernahme auf die Feststellung, sie solle mit einem
Messer auf B._ losgegangen sein, an, sie habe gewollt, dass sie einfach
nicht rauskomme (aus dem Zimmer) und Angst bekomme. Jedoch habe sie
B._ nicht verletzen wollen (Urk. D1/3/1 S. 8). Als B._ sie beschimpft
habe und sie von ihr (B._) als verrückt und psychisch krank beschimpft
worden sei, habe sie das Messer auf sie gerichtet und danach habe sie es
weggeworfen, als sie in ihr Zimmer gegangen sei (Urk. D1/3/1 S. 8). Als der
Polizist sie mit einem grösseren Stock habe schlagen wollen, habe sie das
Messer in die Hand genommen und als ihre Betreuerin ihr gesagt habe, dass sie
sie nicht schlagen sollten, habe sie das Messer weggeworfen (Urk. D1/3/1 S. 8).
Es stimme nicht, dass sie eine Stichbewegung gegen B._ ausgeführt habe
(Urk. D1/3/1 S. 10). Diese sei zehn Meter von ihr entfernt gewesen, sie habe nur
von weitem gesagt, dass sie zurück in ihr Zimmer gehen solle (Urk. D1/3/1 S. 10).
B._ habe sich selbst verletzt und jetzt behaupte sie, dass sie (die
Beschuldigte) es gewesen sei (Urk. D1/3/1 S. 11).
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In der Hafteinvernahme führte die Beschuldigte aus, sie habe nicht gewollt, dass
B._ ihr Zimmer verlasse, weshalb sie versucht habe, sie (B._) zu
erschrecken. Die Beschuldigte habe sie nicht angerührt (Urk. D1/3/2 S. 2). Sie
(die Beschuldigte) habe auch ein Messer in der Hand gehabt, jedoch nicht, um
B._ damit zu bedrohen, sondern weil es verdorbene Zwiebeln in ihrem
Zimmer gehabt habe und sie mit dem Messer die verdorbenen Schalen habe
entfernen wollen. B._ sei aber zu ihr gekommen und habe ihr (der
Beschuldigten) ihren Bauch gezeigt und gesagt, sie solle hier reinstechen. Als die
Beschuldigte wütend geworden sei, habe sie das Messer weggeworfen und es sei
zerbrochen (Urk. D1/3/2 S. 5). Auf die Frage, ob sie B._ mit dem Messer
bedroht habe, antwortete die Beschuldigte, sie habe B._ nicht bedroht. Sie
(die Beschuldigte) habe ihr nur gesagt, sie solle in ihr Zimmer gehen. Sie habe
dabei das Messer in der Hand gehalten und diese in ihre Richtung gestreckt.
Dabei hätte B._ meinen können, dass die Beschuldigte sie bedrohe. Sie
habe B._ nicht verletzt (Urk. D1/3/2 S. 7).
Die Beschuldigte machte bei der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom
8. April 2019 geltend, dass B._ irgendetwas vom Tisch habe wegnehmen
wollen. In dem Moment habe sie mit dem Brotmesser, welches sie in der Hand
gehalten habe, so auf die Hände geschlagen, dass B._ das, was sie
gehalten habe, losgelassen habe. B._ habe einen Esstisch, der vor ihrem
Zimmer gestanden sei, auf die Seite schieben wollen (Urk. D1/3/3 S. 7). Die
Beschuldigte habe B._ ausdrücklich gesagt, sie solle ihr Zimmer nicht
verlassen, weil sie sehr schlecht drauf sei. Dabei habe sie das Brotmesser in der
Hand gehalten; B._ habe wohl nicht geglaubt, dass sie es wagen würde, sie
damit zu schlagen (Urk. D1/3/3 S. 7). Die Beschuldigte habe mit der Klinge nach
unten zugeschlagen und B._ wohl an den Fingern erwischt (Urk. D1/3/3
S. 8). Es könne sein, dass sie irgendetwas dabei gesagt habe, aber sie könne
sich nicht erinnern. Sie glaube überhaupt nicht, dass sie gesagt habe, sie werde
sie umbringen. Sie liebe B._. Sie wisse nicht, weshalb sie ihr mit dem
Messer auf die Hand geschlagen habe (Urk. D1/3/3 S.10). Sie habe nicht
versucht, B._ abzustechen (Urk. D1/3/3 S. 10). Ferner habe sie den
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Mitbewohnerinnen verboten, aus ihren Zimmern zu kommen. Sie habe dabei aber
keine Drohung ausgesprochen (Urk. D1/3/3 S. 9, S. 23).
Die Beschuldigte führte vor Vorinstanz aus, sie könne sich jetzt gut daran
erinnern, was vorgefallen sei. Sie habe B._ nur mit dem Brotmesser und
nicht mit einem Fleischmesser verletzt, weil sie eine plötzliche Bewegung
gemacht habe. Sie habe nicht stechen wollen. Ihr sei es damals sehr schlecht
gegangen. Sie sei sehr krank und traurig gewesen. Sie habe ihre Tochter
vermisst (Prot. I S. 15, S. 16). Die Beschuldigte sagte weiter aus, sie habe
B._ ausdrücklich gesagt, sie solle den Tisch nicht berühren. Weil sie es
trotzdem getan habe, habe sie ihren Finger verletzt. Sie habe das Messer zufällig
in der Hand gehabt und damit herumgefuchtelt (Prot. I S. 20). Sie habe B._
nicht abstechen wollen, sondern B._ nur darin hindern wollen, den Tisch
anzufassen (Prot. I S. 21).
Anlässlich der Berufungsverhandlung gab die Beschuldigte an, B._ habe ihr
überhaupt nichts angetan, sie (die Beschuldigte) sei gestört bzw. krank gewesen
(Prot. II S. 16). Sie habe anlässlich der Auseinandersetzung mit B._ ein
Brotmesser in der Hand gehabt. Es sei auch das Messer gewesen, mit welchem
sie aus dem Haus gegangen sei und welches sichergestellt worden sei. B._
irre sich, wenn sie davon ausgehe, es sei ein Fleischmesser gewesen. Sie habe
B._ mit dem Messer schlagen wollen. Es treffe zu, dass sie (die
Beschuldigte) sie auf die Hände habe schlagen wollen, damit diese den Tisch
bzw. das Brett, welchen bzw. welches sie habe aufheben wolle, loslasse (Prot. II
S. 16, 18). Es stimme wirklich nicht, dass sie eine Stichbewegung gegen den
Bauch von B._ ausgeführt habe. Sie habe sie davon abhalten wollen, dass
sie den Tisch nehme (Prot. II S. 19). Zudem treffe es nicht zu, dass B._ die
Stichbewegung habe abwehren können, wodurch sie verletzt worden sei und das
Messer gegen das Holz geprallt sei. B._ habe auch nicht nach dem Messer
gegriffen und sie (die Beschuldigte) habe das Messer auch nicht fallen gelassen.
B._ habe eine kleine Schnittverletzung davongezogen (Prot. II S. 19, S. 20).
Die Aussagen der Beschuldigten anlässlich der polizeilichen Einvernahme
erscheinen unstrukturiert und wirr und stehen zudem im Widerspruch zu den
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Aussagen, welche die Beschuldigte gegenüber der Staatsanwaltschaft, vor Vor-
instanz und an der Berufungsverhandlung machte. Während B._ nach
Angaben der Beschuldigten anlässlich der polizeilichen Einvernahme zehn Meter
von ihr entfernt gewesen sei, gab sie an der Berufungsverhandlung an, sie sei ca.
ein Meter weit weg von B._ gestanden. Ferner konnte die Beschuldigte auch
keinen plausiblen Grund dafür nennen, weshalb sich B._ selber verletzt
habe, wie sie dies bei der polizeilichen Einvernahme vorgebracht hat (Urk. 1/371
S. 11). Auf die unglaubhaften Aussagen anlässlich der polizeilichen Einvernahme
kann somit nicht abgestellt werden.
Die Beschuldigte anerkannte, dass sie B._ mit einem Brotmesser auf die
Hände geschlagen habe, wodurch sich diese eine kleine Schnittverletzung
zugezogen habe (Prot. II S. 16, S. 19). Eine Stichbewegung bestritt die
Beschuldigte. Nachfolgend ist gestützt auf die Aussagen von B._ zu prüfen,
ob sich die der Beschuldigten vorgeworfene Stichbewegung gegen den Bauch
von B._ erstellen lässt.
B._ schilderte am 20. September 2018 bei der Polizei, sie habe an jenem
Morgen die von der Beschuldigten umgeworfenen Möbel zur Seite schieben
wollen, damit sie ins Badezimmer gehen könne. Die Beschuldigte habe geschrien:
"Fass das nicht an, fass das nicht an!" Sie (B._) habe gesagt, sie wolle nur
zum Badezimmer gehen, so könne sie nicht zum Badezimmer. Der umgeworfene
Tisch sei im Gang, vor der Türe zum Badezimmer gestanden. Die Beschuldigte
habe gewollt, dass sie in ihrem Zimmer bleibe und habe gesagt: "Bleibe in deinem
Zimmer. Und fass das nicht an!" Dadurch habe sie (B._) nicht ins
Badezimmer gehen können. Sobald sie den Tisch habe aufstellen wollen, habe
die Beschuldigte sie direkt angegriffen. Mit dem Messer in der rechten Hand. Sie
(B._) habe ihre Hand mit dem Messer weggestossen, damit sie sie nicht
treffe. Es sei ein grosses Fleischmesser gewesen, etwas grösser als ein A4-Blatt.
Sie habe das grosse Fleischermesser in der Hand gehabt, mit der Spitze nach
vorne in ihre Richtung (jene von B._). Sie habe eine Stichbewegung in
Richtung ihres Bauches gemacht. Sie (B._) habe schnell reagiert. Sie habe
das Messer vorne an der Klinge fassen und abwehren können. Dadurch sei sie an
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der linken Hand verletzt worden. Sie habe eine Schnittverletzung. Sie sei aus
Angst rückwärts in ihr Zimmer gelaufen und habe die Zimmertüre geschlossen
(Urk. D1/4/1 S. 2 ff.). Ein gesunder Mensch hätte das mit dem Messer nicht getan.
Die Beschuldigte sei krank. Sie nehme nicht wahr, was sie tue. Sie hätte sie töten
können. Wenn sie (B._) das Messer nicht erwischt hätte, wäre sie tot (Urk.
D1/4/1 S. 6).
Bei der Staatsanwaltschaft führte B._ aus, sie habe am Morgen zur Toilette
gehen wollen. Es seien Sachen am Boden gelegen, deshalb habe sie nicht zur
Toilette gehen können. Sie habe dann einige Sachen aufheben wollen. In dem
Moment sei die Beschuldigte rauf gesprungen und habe ein Messer in den
Händen gehalten. Sie habe zu ihr (B._) gesagt, dass sie die Sachen nicht
berühren solle und dass sie es nicht zulassen würde, dass sie das Zimmer
verlasse. Sie (B._) habe trotzdem ein Brett vom Boden aufgehoben, weil sie
sich nicht habe vorstellen können, dass die Beschuldigte das, was sie gesagt
habe, auch machen würde. In dem Moment habe die Beschuldigte sie mit dem
Messer attackieren wollen. Das Messer sei gegen das Brett geprallt und sei ihr
aus der Hand auf den Boden gefallen. Sie (B._) sei trotzdem am Ringfinger
getroffen worden (Urk. D1/4/2 S. 5). Sie habe sich etwas gebückt, da sie das Brett
auf die Seite habe schieben wollen. In diesem Moment habe die Beschuldigte
eine Stichbewegung gemacht. Wenn sie (B._) das zugelassen hätte, hätte
die Beschuldigte sie am Bauch verletzen können. Die Frage, ob die Beschuldigte
eine Stichbewegung in Richtung des Bauchs machte, bejahte B._. Die
Beschuldigte habe immer wieder gemurmelt, sie werde sie umbringen (Urk.
D1/4/2 S. 6). Als sich die Beschuldigte mit dem Messer genähert habe, habe sie
(B._) versucht, das Messer wegzuschieben. So habe sie sich die Verletzung
am Finger zugezogen. Das Brett sei zwischen ihnen beiden gewesen. Sie
(B._) habe das Brett wegschieben wollen. In dem Moment, als sie das Brett
bewegt habe, habe die Beschuldigte die Stichbewegung gemacht. Sie habe den
Bauch treffen wollen. In dem Moment habe sie (B._) gedacht, dass sie das
tun werde, weil sie die Lage nicht richtig habe einschätzen können bzw. nicht
habe einschätzen können, ob die Beschuldigte zurechnungsfähig war (Urk.
D1/4/2 S. 9).
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Der vorinstanzlichen Erwägung, die Aussagen der Zeugin B._ seien
konstant, widerspruchsfrei und in sich schlüssig (Urk. 43 S. 16), ist nicht zu
folgen. Während B._ gegenüber der Polizei einzig erwähnte, sie habe das
Messer vorne an der Klinge fassen und abwehren können, schilderte sie
gegenüber der Staatsanwaltschaft, das Messer sei gegen das Brett geprallt und
sei der Beschuldigten aus der Hand gefallen. Sie (B._) sei trotzdem am
Ringfinger getroffen worden. Später gab B._ wiederum an, die Verletzung
am Finger habe sie sich zugezogen, weil sie das Messer habe wegschieben
wollen. Ein konsistentes Aussageverhalten kann B._ im Lichte dieser
Schilderungen nicht ohne Weiteres attestiert werden. Auch weisen ihre
Ausführungen in Bezug auf den Vorgang, ob sie das Brett bzw. den Tisch vom
Boden aufgehoben hat, Unstimmigkeiten bzw. Ungenauigkeiten auf. So gab sie
anfänglich an, das Brett vom Boden aufgehoben zu haben, wobei die
Beschuldigte sie in dem Moment mit dem Messer habe attackieren wollen (Urk.
D1/4/2 S. 5). An anderer Stelle gab B._ zu Protokoll, sie sei nicht einmal
dazu gekommen, das Brett in den Händen zu halten. Sie habe es gerade berührt.
In dem Moment habe die Beschuldigte die Stichbewegung gemacht (Urk. D1/4/2
S. 9). Ferner ist mit der Verteidigung nicht davon auszugehen (Urk. 55 S. 4 f.),
dass die Beschuldigte als Tatwaffe ein Fleischmesser einsetzte. Dies, da die
Beschuldigte gemäss polizeilichen Feststellungen beim Eintreffen der Polizei ein
Brotmesser in den Händen hielt, welches sie hernach zu Boden warf (Urk. D1/1 S.
3) und ein Brotmesser am Tatort sichergestellt wurde. Auch bestätigte die
Beschuldigte anlässlich der Berufungsverhandlung, mit dem Messer aus dem
Haus gegangen zu sein, als die Polizei eingetroffen sei und das Messer
anschliessend auf den Boden getan zu haben (Prot. II S. 20).
Vorgenannte Unstimmigkeiten und die Tatsache, dass von einem Brotmesser als
Tatwaffe auszugehen ist, vermögen dennoch nicht dazu zu führen, dass die
Aussagen von B._ gesamthaft als unglaubhaft zu qualifizieren sind und
folglich nicht auf diese abgestellt werden kann.
Hinsichtlich des Kerngeschehens, dass die Beschuldigte Stichbewegungen gegen
B._ ausführte, sind deren Aussagen nachvollziehbar. Es erscheint
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realitätsnah, dass sie (B._) am Morgen ins Badezimmer gehen wollte und
dafür den versperrten Weg räumte. Wenn sie dabei einmal von einem
umgestürzten Tisch und ein anderes Mal von einem Brett im Weg sprach, spricht
das nicht gegen die Glaubhaftigkeit der Aussagen, war doch offenkundig
dasselbe Material gemeint, welches ihr im Weg stand. Zwar ist mit der
Verteidigung nicht auszuschliessen, dass B._ ein Motiv hätte haben können,
die Beschuldigte falsch zu belasten, um diese schliesslich in Folge des gegen sie
eröffneten Strafverfahrens als Mitbewohnerin loszuwerden. So äusserte B._
auch den Wunsch, getrennt von der Beschuldigten wohnen zu wollen (Urk D1/4/1
S. 7). Die Hypothese einer Falschbelastung lässt sich jedoch nicht stützen. Zum
einen ging die Aggression unbestrittenermassen von der Beschuldigten aus, da
diese die Unterkunft verwüstete und B._ nachweislich eine Stichverletzung
am Finger zugefügt hat. Dass sich B._ in dieser Konstellation aus hier
letztlich nicht zu erstellenden Motiven kurz nach dem Tatgeschehen spontan zu
einer falschen Beschuldigung entschieden hätte, kann B._ nicht unterstellt
werden. Zum anderen sind in den Schilderungen betreffend die ihr zugefügten
Verletzungen keine krassen Übertreibungen erkennbar. Obwohl sie an der Hand
mit dem Messer verletzt wurde, was von der Beschuldigten nicht bestritten wird,
schilderte sie keine heftigen Schmerzen, was bei einer Dramatisierung der
Schilderung durchaus zu erwarten wäre. Vielmehr betonte B._ in der
Konfrontationseinvernahme, dass die Verletzung gut verheilt sei (Urk. D1/4/2
S. 8).
Die Schilderung von B._, die Beschuldigte habe eine Stichbewegung in
Richtung ihres Bauches ausgeführt, lässt sich sodann stimmig in das Geschehen
einbetten, welches der Auseinandersetzung zwischen der Beschuldigten und
B._ voranging und von der Beschuldigten nicht mehr bestritten wird. So
anerkannte die Beschuldigte, in der Unterkunft einen Sachschaden angerichtet
und mit einem Messer herumgefuchtelt zu haben (Prot. I S. 20). Die Zeugin
C._ sagte sodann aus, dass sie am Abend zuvor von der Beschuldigten
aufgefordert worden sei, am nächsten Tag nicht aus ihrem Zimmer zu kommen,
ansonsten ihr die Beschuldigte die Kehle durchschneide (Urk. D1/6/1 S. 3). Am
nächsten Morgen habe die Beschuldigte an die Türe von C._ geklopft und
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gesagt, sie solle die Türe öffnen. Sie habe ein Messer. Sie werde ihr den Bauch
aufschneiden. Sie habe heftig gegen die Türe gepoltert und auch mit den Füssen
gegen die Türe getreten. Sie (C._) habe Angst gehabt. Diese Schilderungen
lassen auf eine von der Beschuldigten ausgehenden nicht zu unterschätzenden
Unberechenbarkeit im Tatzeitpunkt schliessen. Die Aussage von B._, dass
sie erschrak, als die Beschuldigte mit dem Messer auf sie losging, ist vor diesem
Hintergrund nachvollziehbar. Aufgrund der Schnittverletzung, welche B._ am
Finger erlitt, gilt sodann auch als erstellt, dass die Beschuldigte mit dem Messer
auf B._ einwirkte. Dass B._ in diesem Zusammenhang wahrheitswidrig
ausgeführt haben sollte, die Beschuldigte habe mit dem Messer eine
Stichbewegung gegen den Bauch ausgeführt, erscheint nicht plausibel, zumal
keine ausreichenden Indizien für eine Falschbelastung vorliegen. Auch die
Tatsache, dass die Zeugin C._ aussagte, die Beschuldigte habe ihr
Messerstiche in den Bauch angedroht, ist ein weiteres Indiz dafür, dass die
Beschuldigte beabsichtigte, ihre Mitbewohnerinnen mit solchen Messerstichen zu
traktieren. Die Verteidigung brachte weiter vor, dass gemäss Polizeirapport
D._, der von B._ alarmierte Kollege, gegenüber der Polizei die
Notfallmeldung gemacht habe, seine Kollegin, B._, habe ihn kontaktiert und
gebeten, die Polizei zu alarmieren, "da eine Bewohnerin mit dem Messer in der
Wohnung herumlaufe und herumschreie" (Urk. 55 S. 5 f.). Gemäss der
Verteidigung habe sich dieses Telefonat von B._ an D._ nach der
mutmasslichen Messerattacke ereignet, was sich aus der
staatsanwaltschaftlichen Einvernahme ergebe (Urk. 55 S. 5). Diese
Schlussfolgerung der Verteidigung ist unzutreffend. Aus der
staatsanwaltschaftlichen Einvernahme ergibt sich einzig, dass sich B._ nach
der Attacke der Beschuldigten in ihr Zimmer begeben, die Tür geschlossen und
sie dann die Polizei informiert habe (Urk. D1/4/2 S. 5). Der Zeitpunkt, wann
B._ ihren Kollegen angerufen hat, lässt sich somit nicht abschliessend
feststellen. Ob B._ den Vorfall gegenüber ihrem Kollegen vollständig
geschildert hat, lässt sich vorliegend ebenfalls nicht mit letzter Gewissheit
beurteilen. Ebenfalls ist ungewiss, ob D._ seinerseits den Inhalt des
Telefonats mit B._ gegenüber der Polizei vollständig wiedergab. Schliesslich
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lässt sich auch der Inhalt des Telefonats von B._ an D._ anhand der
Akten nicht rechtsgenügend rekonstruieren, um die Aussagen von B._ in
Zweifel zu ziehen. Selbst wenn B._ ihren Kollegen nach der
Auseinandersetzung mit der Beschuldigten angerufen hat und in diesem
Telefonat die Messerattacke nicht ausdrücklich erwähnt haben soll, kann daraus
entgegen der Verteidigung nicht gefolgert werden, dass keine Stichbewegung mit
dem Messer stattgefunden hat. Eine nicht vollständige Schilderung des
Tatgeschehens könnte beispielsweise auf die durch die akute Bedrohungslage
erzeugte Stresssituation zurückzuführen sein. Über den Grund eines nicht
vollständig geschilderten Tathergangs kann aber letztlich nur spekuliert werden.
Nach dem Dargelegten lässt sich aus der von der Verteidigung zitierten Stelle im
Polizeirapport jedenfalls nichts zu Gunsten der Beschuldigten ableiten.
Ferner ist nicht auszuschliessen, dass B._ in Bezug auf die Tatwaffe einem
Irrtum unterlag. Es ist nicht gänzlich unplausibel, dass sie sich angesichts der
Auseinandersetzung mit der Beschuldigten und der von ihr ausgehenden
Aggression über die genaue Beschaffenheit der Klinge des Messers irrte. Ferner
ist auch nicht lebensfremd, anzunehmen, dass sich B._ in dieser
Konfliktsituation insbesondere auf die Klingenlänge des Messers achtete, welche
sie mit einer DIN A4 Seite verglich (Urk. D1/4/1 S. 4), um die vom Angriff
ausgehende Gefahr einschätzen zu können. Somit lassen auch die Aussagen von
B._ in Bezug auf das Tatmesser nicht auf eine übermässige bzw. eine
falsche Belastung der Beschuldigten schliessen.
Entgegen der Ansicht der Verteidigung lässt sich aus dem Verletzungsbild nicht
ableiten, dass B._ das Messer nicht ergriffen haben könne weil
gegebenenfalls mehr Finger als nur der Ring- und Mittelfinger verletzt worden
wären (vgl. Urk. 33 S. 5). Eine solche geringere Verletzung liesse sich gerade mit
einem gezackten Brotmesser erklären. Die Verletzung auf der linken
Handinnenseite (vgl. Urk. D1/7/1 S. 1) weist vielmehr auf ein Ergreifen des in der
rechten Hand geführten Messers als Ursache hin als auf einen Stich mit dem
Messer auf eine Hand, welche gegen den Willen des Zustechenden im Begriff ist,
einen Tisch zu ergreifen. Gegebenenfalls wäre eine Verletzung auf der
- 17 -
Aussenseite der Hand zu erwarten. Mit anderen Worten spricht das
Verletzungsbild für den von B._ geschilderten Tatablauf.
Sodann ist dem weiteren Einwand der Verteidigung zu widersprechen, ein
Brotmesser sei für die Zufügung von schwerwiegenden Stichverletzungen zum
vornherein untauglich (Urk. 33 S. 5). Auch mit einem spitzen Brotmesser können
schwere Stichverletzungen zugefügt werden, gerade wenn sie wie vorliegend
gegen den Bauch ausgeführt werden. Dies räumte auch die Beschuldigte ein
(Urk. D1/3/2 S. 23).
Insgesamt ist somit erstellt, dass B._ das Badezimmer aufsuchen wollte, die
Beschuldigte ihr jedoch befahl, im Zimmer zu bleiben und den umgestürzten Tisch
nicht anzufassen. Als B._ den Tisch gleichwohl aus dem Weg räumen wollte,
griff die Beschuldigte B._ mit dem Messer an und führte eine Stichbewegung
gegen ihren Bauch aus, welche B._ abwehren konnte. Durch diese
Stichbewegung erlitt B._ eine Schnittverletzung am Finger.
Was ein Täter wusste, wollte oder in Kauf nahm, betrifft sog. innere Tatsachen
und ist damit zwar eine Tatfrage. Da sich diese inneren Tatsachen bei
ungeständigen Tätern regelmässig nur gestützt auf äusserlich feststellbare
Indizien und Erfahrungsregeln ermitteln lassen, die Rückschlüsse von den
äusseren Umständen auf die innere Einstellung des Täters erlauben (Urteil des
Bundesgerichtes 6S.133/2007 vom 11. August 2008 E. 2.4), und die Beurteilung,
ob im Lichte dieser äusseren Umstände der Schluss auf Vorsatz bzw.
Eventualvorsatz begründet ist, eine Rechtsfrage darstellt, ist das Bestehen eines
Vorsatzes bzw. Eventualvorsatzes nachfolgend im Rahmen der rechtlichen
Würdigung zu beurteilen (vgl. BGE 133 IV 1 E. 4.1; BGE 130 IV 58 E. 8.5; BGE
125 IV 242 E. 3c, je m.H.)
IV. Rechtliche Würdigung
1. Allgemeines
Im Berufungsverfahren ist einzig die versuchte schwere Körperverletzung
angefochten (Urk. 55 S. 2). Die Vorinstanz hat die rechtlichen Grundlagen der
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schweren Körperverletzung i.S.v. Art. 122 StGB, die theoretischen Grundlagen
zum Vorsatz sowie zum Versuch unter Hinweis auf Lehre und Rechtsprechung
sorgfältig erörtert und grundsätzlich zutreffend gewürdigt (Urk. 43 S. S. 23 ff.). Auf
diese Erwägungen kann zwecks der Vermeidung von Wiederholungen verwiesen
werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). Die nachfolgenden Erwägungen verstehen sich als
Hervorhebungen und Präzisierungen.
2. Körperverletzung
In Bezug auf die Körperverletzung ist zu beachten, dass die Beschuldigte im
Moment des Einsatzes des Messers nicht in Bedrängnis war. B._ schickte
sich an, einen von der Beschuldigten umgestürzten Tisch aus dem Weg zu
räumen, um ins Badezimmer zu kommen. Deswegen und weil sie nicht ins
Zimmer zurückkehren wollte, wurde sie von der Beschuldigten mit dem Messer
angegriffen. Die erlittenen Verletzungen sind leicht, doch hätten durch Stiche mit
einem Brotmesser in den Bauch durchaus schwere oder gar lebensgefährliche
Verletzungen verursacht werden können. Von einem untauglichen Versuch, wie
ihn die Verteidigung annimmt, kann keine Rede sein. Auch mit einem Brotmesser
sind Stiche in den Bauch einer Person möglich. Mit der Vorinstanz sind die
objektiven Voraussetzungen der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne
von Art. 22 Abs. 2 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB erfüllt.
In subjektiver Hinsicht weist die Vorinstanz zu Recht darauf hin, dass es keiner
anatomischen Kenntnisse bedarf, um zu wissen, dass Stichverletzungen in die
Bauchregion, ausgeführt mit einer langen Klinge, tödlich enden können (Urk. 43
S. 27). Auch Stiche mit einem Brotmesser gegen den Bauch einer Person können
schwere Verletzungen hervorrufen. Dies wusste auch die Beschuldigte und durch
das Zustechen nahm sie Stichwunden mit schweren Verletzungsfolgen in Kauf.
Die Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung war als hoch einzustufen,
zumal die Beschuldigte selbst angab, mit dem Messer herumgefuchtelt zu haben.
Zudem muss die Stichbewegung in nächster Nähe zu B._ stattgefunden
haben, andernfalls sich B._ keine Schnittverletzung am Finger zugezogen
hätte. Ferner gab die Beschuldigte an, am Vorabend anlässlich der Verwüstung
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der Wohngemeinschaft ausser Kontrolle gewesen zu sein und ihre Emotionen
nicht unter Kontrolle gehabt zu haben (Prot. II S. 21). Auch am nächsten Tag sei
sie sehr wütend gewesen (Urk.D1/3/4 S. 8). Da die Beschuldigte auch am Tattag
sehr aufgebracht war und eine Stichbewegung in unmittelbarer Nähe zu B._
ausführte, war nicht auszuschliessen, dass schwerwiegendere Verletzungen
hätten resultieren können. Letztlich war es Zufall, dass die Messerklinge
abgewehrt werden konnte und keine lebensgefährlichen Verletzungen verursacht
wurden. Zwar lässt sich den Akten nicht entnehmen, mit welcher Heftigkeit die
Stichbewegung erfolgte. Aufgrund der Schilderung der Geschädigten, wonach
das Messer nach der Stichbewegung und abgelenkt durch ihr Eingreifen gegen
das Brett geprallt sei (D1 act. 4/2 S. 5), lässt sich mit der Vorinstanz zumindest
erahnen, dass die Stichbewegung wohl mit einer gewissen Wucht ausgeführt
wurde.
Unter diesen Umständen nahm die Vorinstanz zu Recht Eventualvorsatz an.
Zusammenfassend ist die Beschuldigte der versuchten schweren
Körperverletzung i.S.v. Art. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB
schuldig zu sprechen.
3. Fazit
Es liegen keine Rechtfertigungs- oder Schuldausschlussgründe vor.
Entsprechend ist die Beschuldigte der versuchten schweren Körperverletzung
i.S.v. Art. 122 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
V. Strafzumessung
1. Allgemeines
Das anwendbare Recht, die allgemeinen Regeln und Kriterien der
Strafzumessung sowie der massgebliche Strafrahmen wurden im vorinstanzlichen
Urteil unter Hinweis auf Rechtsprechung und Lehre zutreffend und umfassend
wiedergegeben (Urk. 43 S. 33 ff.), worauf zur Vermeidung unnötiger
Wiederholungen verwiesen werden kann.
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Die Vorinstanz bestrafte die Beschuldigte mit einer unbedingten Freiheitsstrafe
von 34 Monaten (unter Anrechnung von 401 Tagen Untersuchungshaft und
vorzeitigen Strafvollzug; Urk. 43 S. 54 f.).
Gestützt auf die in Rechtskraft erwachsenen Schuldsprüche und des vorstehend
dargelegten zusätzlichen Schuldspruches ist nunmehr eine Strafe auszufällen
wegen - versuchter schwerer Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB,
- Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144 Abs. 1 StGB,
- mehrfacher Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB, teilweise in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB,
- Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB.
2. Einsatzstrafe
Zur objektiven Tatschwere ist zu bemerken, dass die Beschuldigte - ausgehend
von der vollendeten Tatbegehung - mit einem Brotmesser auf ihre Mitbewohnerin
B._ einstach, nachdem diese ihrer Aufforderung nicht nachgekommen war,
den umgestürzten Tisch nicht anzufassen und ins Zimmer zurückzukehren.
B._ wollte am Morgen ins Badezimmer und wollte den Tisch zur Seite
schieben, um sich den Weg frei zu machen. Sie liess sich von der Aufforderung
der Beschuldigten nicht beeindrucken. Nicht erstellt ist, dass die Beschuldigte
B._ zuvor mit dem Tode gedroht hatte. Umso unvermittelter mutete es an,
wenn sie wegen des Anfassens des Tischs bzw. des Bretts auf B._ mit dem
Messer in den Bauch stechen wollte. Die Tat geschah ohne Vorwarnung und
unvermittelt, auch wenn die Beschuldigte bereits zuvor aufgewühlt war. Diese
Aggression hatte sich jedoch bislang ausschliesslich gegen Gegenstände
gerichtet. Insgesamt ist von einem nicht mehr leichten objektiven Tatverschulden
auszugehen. Ausgehend von einer vollendeten Tat ist das Verschulden innerhalb
des bis 10 Jahre reichenden Strafrahmens als Mittel zu bezeichnen, wofür eine
Einsatzstrafe von 5 Jahren angezeigt ist.
Zur subjektiven Tatschwere ist zu bemerken, dass die Beschuldigte
eventualvorsätzlich handelte, was verschuldensmindernd zu berücksichtigen ist.
Ein nachvollziehbares Motiv für ihr Handeln ist nicht ersichtlich. Die Beschuldigte
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hatte kein Recht, B._ ins Zimmer zu verweisen oder sie vom Wegräumen der
Unordnung, welche die Beschuldigte verursacht hatte, abzuhalten. Die subjektive
Tatschwere vermindert somit die objektive Tatschwere leicht. Die Einsatzstrafe ist
um 6 Monate zu reduzieren.
Da der tatbestandsmässige Erfolg nicht eintrat und B._ keine schwere
Körperverletzung erlitt, ist die verschuldensunabhängige Tatkomponente der
versuchten Tatbegehung zu gewichten. Das Mass der zulässigen Strafreduktion
beim vollendeten Versuch hängt u.a. von der Nähe des tatbestandsmässigen
Erfolges und den tatsächlichen Folgen der Tat ab. Mit dem Zustechen mit dem
Messer gegen den Bauch von B._ hat die Beschuldigte alles getan, was sie
nach ihrer Vorstellung zur Herbeiführung des tatbestandsmässigen Erfolges, der
schweren Verletzung von B._, für notwendig hielt. Letztere wurde nur
deshalb nicht schwer verletzt, weil B._ den Messerstich gegen den Bauch
abwehren konnte. Es lag somit nicht an der Beschuldigten, dass der Erfolg nicht
eingetreten ist. Eine weitere Reduktion der Einsatzstrafe auf 3 1⁄2 Jahre
Freiheitsstrafe trägt diesem Strafminderungsgrund ausreichend Rechnung.
Zusammenfassend erscheint eine Einsatzstrafe von 3 1⁄2 Jahren dem Verschulden
der Beschuldigten für die versuchte schwere Körperverletzung angemessen.
3. Einzelstrafe: Nötigung
Zur objektiven Tatschwere ist zu bemerken, dass die Beschuldigte C._ mit
dem Tod drohte, wenn sie nicht in ihrem Zimmer bleibe. Diese war verängstigt
und befolgte die Anweisung. Die Todesdrohung und damit die Einwirkung auf den
freien Willen von C._ war massiv, jedoch ist nicht erstellt, dass C._
dadurch einen konkreten Nachteil erlitt. Betreffend die Nötigung zum Nachteil von
B._ kann festgehalten werden, dass auch ihre Bewegungsfreiheit für kurze
Zeit eingeschränkt wurde. Zu Ungunsten der Beschuldigten ist mithin die
mehrfache Tatbegehung zu berücksichtigen. Hingegen muss in Bezug auf die
Geschädigte B._ festgehalten werden, dass es lediglich beim Versuch blieb,
was sich verschuldensmindernd auswirkt. Innerhalb des bis 3 Jahre reichenden
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Strafrahmens ist die objektive Tatschwere insgesamt als leicht zu bezeichnen und
die Einzelstrafe auf 90 Tagessätze Gelstrafe festzusetzen.
In subjektiver Hinsicht handelte die Beschuldigte betreffend beide Geschädigte
direktvorsätzlich. Es ist kein rationales Motiv erkennbar, die Bewegungsfreiheit
ihrer Mitbewohnerinnen in der Wohnung einzuschränken. Die subjektive
Tatschwere verändert die objektive Tatschwere daher nicht.
Zusammenfassend erscheint eine Einzelstrafe von 90 Tagessätzen Geldstrafe als
dem Verschulden der Beschuldigten angemessen.
4. Einzelstrafe: Drohung
Zur objektiven Tatschwere der Drohung gegenüber E._ ist zu bemerken,
dass die Beschuldigte diese mit dem Tod und damit mit der Beendigung des
höchsten Rechtsgutes drohte. Dabei hatte sie ein Brotmesser in der Hand. Es
erscheint nachvollziehbar, dass E._ durch diese Aussage in Angst und
Schrecken versetzt wurde. Daran vermag der Hinweis der Verteidigung, die
Aussage habe der Asylorganisation und nicht E._ persönlich gegolten (Urk.
33 S. 6), nichts zu ändern. Innerhalb des bis 3 Jahre reichenden Strafrahmens
erscheint auch hier das Verschulden als leicht, was einer Einzelstrafe von 3
Monaten Geldstrafe entspricht.
In subjektiver Hinsicht ist von eventualvorsätzlichem Handeln auszugehen, was
das Verschulden sehr leicht mindert. E._ hatte für eine Drohung keinen
Anlass gegeben und es ist kein rationales Motiv für das Handeln der
Beschuldigten ersichtlich. Unter diesen Umständen relativiert das objektive
Tatverschulden das subjektive Tatverschulden leicht.
Zusammenfassend erscheint eine Einzelstrafe von 90 Tagessätzen Geldstrafe als
dem Verschulden der Beschuldigten angemessen.
5. Einzelstrafe: Sachbeschädigung
Zur objektiven Tatschwere ist festzuhalten, dass die Beschuldigte im Rahmen
eines Wutanfalls grund- und wahllos Gegenstände die Treppe hinunterwarf und
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das Bad, den Flur und die Küche unter Wasser setzte. Der entstandene
Sachschaden ist mit der Vorinstanz gering, wobei der Reinigungsaufwand nicht
zu berücksichtigen ist, handelt es sich doch bei Verschmutzungen nicht um
Sachbeschädigungen, wenn die Funktion des Gegenstandes erhalten geblieben
ist. Innerhalb des bis 3 Jahre reichenden Strafrahmens ist das Verschulden als
leicht zu werten und eine Strafe von 60 Tagessätzen Geldstrafe festzulegen.
Zur subjektiven Tatschwere ist festzuhalten, dass die Beschuldigte vorsätzlich
handelte. Nach eigenen Angaben verwüstete sie die Wohnung und zerstörte
fremde Gegenstände, um eine neue Unterkunft zu erhalten. Es ist als
verwerfliches Motiv zu würdigen, dass sie sich durch die Zerstörung einen
persönlichen Vorteil versprach. Dies führt zu einer Erhöhung des subjektiven
Tatverschuldens auf 40 Tagessätze.
6. Strafart
Das Gericht kann statt auf eine Geldstrafe auf eine Freiheitsstrafe erkennen,
wenn eine solche geboten erscheint, um den Täter von der Begehung weiterer
Verbrechen oder Vergehen abzuhalten oder eine Geldstrafe voraussichtlich nicht
vollzogen werden kann (Art. 41 Abs. 1 lit. a und b StGB). Es hat die Wahl der
Freiheitsstrafe näher zu begründen (Art. 41 Abs. 2 StGB).
Die Vorinstanz erkannte ohne nähere Begründung auf eine Freiheitsstrafe für die
Nötigung und die Drohung. Dies ist unzulässig. Sie hätte die Wahl der
Freiheitsstrafe näher begründen müssen.
An dieser Stelle ist betreffend die Nebendelikte festzuhalten, dass keine
Anhaltspunkte ersichtlich sind, um von der Regelsanktion der Geldstrafe
abzuweichen.
Zusammengefasst rechtfertigt es sich, für die versuchte schwere
Körperverletzung eine Einsatzstrafe von 3 1⁄2 Jahren festzusetzen. Für die
Nebendelikte erweist sich in Anwendung des Asperationsprinzips eine
Einsatzstrafe von 180 Tagessätzen Geldstrafe als verschuldensangemessen.
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7. Schuldfähigkeit
Gemäss Gutachten liegen keine Hinweise für eine Verminderung der Einsichts-
oder Steuerungsfähigkeit vor (Urk. 14/4 S. 47, S. 57). So seien weder
Entwicklungsstörungen noch Intelligenzminderungen oder psychische Störungen
feststellbar. Obwohl die bizarren Verhaltensmuster (vor allem nach der
Verhaftung) und die Sprachbarriere einen schweren und nicht nachvollziehbaren
Krankheitsprozess suggerieren würden, folge dieser bei genauer Betrachtung
weitgehend normalpsychologischen Dynamiken. So habe die Beschuldigte ihre
beiden Delikte bereits Tage zuvor angekündigt. Persönlichkeitsstörungen würden
ihre Wirkung zudem vor allem dann entfalten, wenn der Betroffene unter starken
Druck gerate und die Anforderungen an die Selbststeuerung hoch seien. Gerade
dies lasse sich jedoch bei den Anlassdelikten eben gerade nicht finden, weil es
sich um keine situativ unmittelbar hochbelasteten Situationen gehandelt habe (D1
act. 14/4 S. 47 f., S. 57). Trotzdem könne eine leichte Verminderung der
Steuerungsfähigkeit für alle Vorfälle diskutiert werden, sofern der Entzug des
Kindes als schwere Belastung eingestuft werde (D1 act. 14/4 S. 57). Unter den
gegebenen Umständen erscheint glaubhaft, dass der Entzug des Kindes für die
Beschuldigte eine schwere Belastung darstellt. Entsprechend ist von einer
leichten Verminderung der Schuldfähigkeit auszugehen. Als Einsatzstrafe für die
versuchte schwere Körperverletzung erweist sich nach Berücksichtigung der
leichten Verminderung der Schuldfähigkeit eine Freiheitsstrafe von 36 Monaten
als angemessen. Für die Nebendelikte ist eine Geldstrafe von 160 Tagessätzen
festzusetzen.
8. Täterkomponente
In Bezug auf die persönlichen Verhältnisse der Beschuldigten kann auf die vor-
instanzlichen Erwägungen sowie die Akten verwiesen werden (Urk. 43 S. 38,
D1/31 S. 4 ff., Prot. I S. 8 ff., Prot. II S. 6 ff.).
Die persönlichen Verhältnisse wurden bereits bei der Erstellung des Gutachtens
vom 12. Februar 2019 miteinbezogen (vgl. D1 act. 14/4). Die daraus folgende
- 25 -
leicht verminderte Schuldfähigkeit fand bereits Beachtung, weswegen das
Vorleben der Beschuldigten strafzumessungsneutral zu werten ist.
Die Vorstrafenlosigkeit der Beschuldigten (Urk. 45) ist sodann auch
strafzumessungsneutral zu würdigen.
Zu den Täterkomponenten gehört auch das Nachtatverhalten eines Täters.
Darunter fällt das Verhalten nach der Tat sowie im Strafverfahren (wie zum
Beispiel Reue, Einsicht und Strafempfindlichkeit; vgl. BSK StGB I, 3. A., Basel
2013, N 174 zu Art. 47 StGB). Ein Geständnis, das kooperative Verhalten eines
Täters bei der Aufklärung von Straftaten sowie die Einsicht und Reue wirken
strafmindernd. Aus der Rechtsprechung des Bundesgerichts ergibt sich, dass nur
ein ausgesprochen positives Nachtatverhalten zu einer erheblichen Strafreduktion
führen kann. Zu einem solchen gehört ein umfassendes Geständnis von allem
Anfang an und aus eigenem Antrieb, also nicht erst auf konkrete Vorwürfe hin
oder nach dem Vorhalt entsprechender Beweise. Die Berücksichtigung von
Geständnissen im Rahmen der Strafzumessung beruht hauptsächlich auf zwei
Gründen. Zum einen kann das Geständnis (vorbehältlich seiner kritischen Prüfung
im Rahmen der freien richterlichen Beweiswürdigung) zur Vereinfachung und
Verkürzung des Verfahrens und zur Wahrheitsfindung beitragen. Zum andern
kann das Opfer bzw. die geschädigte Partei durch die Schuldanerkenntnis des
Täters bereits eine gewisse immaterielle Genugtuung erfahren. Ein Verzicht auf
Strafminderung kann sich allenfalls aufdrängen, wenn das Geständnis die
Strafverfolgung nicht erleichtert hat, weil die Täterschaft ohnehin bereits überführt
gewesen wäre. Bei umfangreichen und prozessentscheidenden Geständnissen
kann die Strafreduktion nach der bundesgerichtlichen Praxis hingegen bis zu
einem Drittel betragen (vgl. BGE 121 IV 202 E. 2d/cc). Schliesslich stellen auch
Einsicht ins Unrecht der Tat und Reue Strafminderungsgründe dar. Nur wenn all
diese Faktoren erfüllt sind, kann eine massgebliche Strafreduktion erfolgen.
Fehlen einzelne Elemente, ist die Strafe entsprechend weniger stark zu
reduzieren (vgl. BGE 6B_974/2009 vom 18. Februar 2010, E. 5.4.).
Die Beschuldigte bestritt ihre Handlungen anfänglich weitgehend. Gleichwohl gab
sie zu, E._ bedroht und Gegenstände zerstört zu haben. Sodann gestand sie
- 26 -
auch ein, C._ verboten zu haben, ihr Zimmer zu verlassen und B._ mit
dem Messer verletzt zu haben. Ferner akzeptierte sie im Berufungsverfahren die
Schuldsprüche wegen der Nötigung bzw. der versuchten Nötigung sowie der
Drohung und gab zudem zu, eine Schlagbewegung mit dem Messer ausgeführt
zu haben. Diese Zugaben sind durchaus als teilweises Geständnis anzuerkennen,
zumal die Vorinstanz den Sachverhalt betreffend Drohung aufgrund der
Anerkennung der Beschuldigten als erstellt erachtete. Weiter räumte die
Beschuldigte glaubhaft ein, dass es ihr leid tue. Entsprechend ist von einem
teilweisen Geständnis auszugehen und die Strafe ist zu mindern.
Weitere Straferhöhungs- oder -minderungsgründe sind nicht ersichtlich.
9. Fazit
Insgesamt überwiegen die strafmindernden Faktoren der Täterkomponente,
weshalb die angemessene Strafe auf 28 Monate Freiheitsstrafe und auf 140
Tagessätze Geldstrafe festzusetzen ist. Der Anrechnung von 730 Tagen
erstandener Haft steht nichts entgegen.
10. Tagessatzhöhe
Gemäss Art. 34 Abs. 2 StGB beträgt ein Tagessatz in der Regel mindestens
Fr. 30.– und höchstens Fr. 3'000.–. Ausnahmsweise, wenn die persönlichen und
wirtschaftlichen Verhältnisse des Täters dies gebieten, kann der Tagessatz bis
auf Fr. 10.– gesenkt werden. Die Höhe des Tagessatzes bemisst sich laut Gesetz
nach den persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen des Beschuldigten. In
die Bemessung einzubeziehen sind insbesondere seine Einkommens- und
Vermögensverhältnisse sowie sein Lebensaufwand, allfällige Familien- und
Unterstützungspflichten und das Existenzminimum (Art. 34 Abs. 2 StGB).
Aufgrund der persönlichen Verhältnisse der Beschuldigten rechtfertigt es sich, die
Tagessätzhohe auf Fr. 30.– festzulegen.
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VI. Vollzug
Das Gericht schiebt den Vollzug einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von
höchstens zwei Jahren in der Regel auf, wenn eine unbedingte Strafe nicht
notwendig erscheint, um den Täter von der Begehung weiterer Verbrechen oder
Vergehen abzuhalten (Art. 42 Abs. 1 StGB).
Die Beschuldigte leidet an der angeführten Persönlichkeitsstörung. Es besteht
kurzfristig eine Rückfallgefahr für Drohungen und Tätlichkeiten und langfristig für
schwerere Delikte. Unter diesen Umständen kann der Beschuldigten keine
positive Prognose gestellt werden. Die Freiheitsstrafe und die Geldstrafe sind
daher zu vollziehen.
VII. Ambulante Massnahme
Voraussetzung für die Anordnung einer ambulanten Massnahme ist das Vorliegen
einer schweren psychischen Störung sowie die Begehung einer damit
zusammenhängenden Tat. Weiter muss zu erwarten sein, dass durch die
Anordnung einer ambulanten Behandlung der Gefahr weiterer mit der
psychischen Störung in Zusammenhang stehender Taten begegnet werden kann
(Art. 63 Abs. 1 StGB). Die Anordnung einer Massnahme bedingt ausserdem, dass
die Strafe allein nicht geeignet ist, der Gefahr weiterer Straftaten zu begegnen
und dass ein Behandlungsbedürfnis besteht oder die öffentliche Sicherheit dies
erfordert (Art. 56 Abs. 1 lit. a und b StGB). Zudem darf der mit der Massnahme
verbundene Eingriff in die Persönlichkeitsrechte im Hinblick auf die
Wahrscheinlichkeit und Schwere weiterer Straftaten nicht unverhältnismässig sein
(Art. 56 Abs. 2 StGB).
Die Beschuldigte leidet gemäss Gutachten an einer Borderline Störung, einer
kombinierten Persönlichkeitsstörung mit emotional instabilen, narzisstischen und
histrionischen Anteilen. Weiter besteht ein Verdacht auf dissoziative Störung (Urk.
14-4 S. 57). Ohne Behandlung besteht die Gefahr erneuter Straftaten. Bei einer
Entlassung aus der Haft sei bereits kurzfristig mit Drohungen und Tätlichkeiten zu
rechnen. Langfristig sei mit einer deutlich erhöhten Rückfallgefahr auch für
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schwerere Delikte zu rechnen (a.a.O. S. 58). Die Behandelbarkeit der
Beschuldigten sei stark eingeschränkt (sprachliche/kulturelle Barriere). Es
empfehle sich eine vollzugsbegleitende ambulante Massnahme (a.a.O. S. 59).
Das Gutachten erscheint schlüssig und überzeugend. Es besteht kein Anlass,
davon abzuweichen. Entsprechend ist davon auszugehen, dass eine
Behandlungsbedürftigkeit besteht und ohne Behandlung kurzfristig leichte und
längerfristig schwerere Delikte zu befürchten sind.
Vor Vorinstanz erklärte die Beschuldigte, sie sei sehr dankbar für die
therapeutische Behandlung im vorzeitigen Strafvollzug. Es gehe ihr viel besser.
Sie werde sehr eng betreut und nehme regelmässig Medikamente. Anlässlich der
Berufungsverhandlung ergänzte sie, von der Therapie zu profitieren und gegen
eine Massnahme nicht zu opponieren (Prot. II S. 13, S. 15).
Die Beschuldigte scheint behandlungswillig. Ihre Therapie scheint zu wirken,
weshalb sie auch therapierbar erscheint.
Nachdem eine Massnahme geeignet und erforderlich erscheint und von der
Beschuldigten als nützlich empfunden wird, ist eine solche mit der Vorinstanz
anzuordnen.
VIII. Landesverweisung
1. Katalogtat
Die Vorinstanz hat die Beschuldigte im Sinne von Art. 66a Abs. 1 StGB für die
Dauer von 7 Jahren des Landes verwiesen. Betreffend die allgemeinen
Voraussetzungen der obligatorischen Landesverweisung und dem Vorliegen einer
Katalogtat (schwere Körperverletzung) kann auf die zutreffenden Ausführungen
der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 43 S. 47 ff.). Art. 66a Abs. 1 StGB erfasst
auch den Versuch einer Katalogtag (Art. 144 IV 168 E. 1.4.1). Die nachfolgenden
Erwägungen verstehen sich als Hervorhebungen:
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2. Rechtliches
Erneut ist festzuhalten, dass von der Anordnung der Landesverweisung nur
"ausnahmsweise" abgesehen werden kann, wenn sie kumulativ (1) einen
"schweren persönlichen Härtefall bewirken würde und (2) die öffentlichen
Interessen an der Landesverweisung gegenüber den privaten Interessen des
Ausländers am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegen" (Art. 66a Abs. 2 StGB).
Die Härtefallklausel ist restriktiv anzuwenden (BGE 144 IV 332 E. 3.3.1, Urteil des
Bundesgerichts 6B_690/2019 vom 4. Dezember 2019 E. 3.4.2). Ein Härtefall lässt
sich erst bei einem Eingriff von einer gewissen Tragweite in den Anspruch des
Ausländers auf das in Art. 13 BV bzw. Art. 8 EMRK gewährleistete Privat- und
Familienleben annehmen (Urteil des Bundesgerichts 6B_378/2018 vom 22. Mai
2019 E. 2.2). Soweit ein Anspruch aus Art. 8 EMRK in Betracht fällt, ist primär die
Rechtsprechung des EGMR zu beachten. Die Staaten sind nach dieser
Rechtsprechung berechtigt, Delinquenten auszuweisen; berührt die Ausweisung
indes Gewährleistungen von Art. 8 Ziff. 1 EMRK, ist der Eingriff nach Art. 8 Ziff. 2
EMRK zu rechtfertigen (Urteil in Sachen I.M. c. Suisse vom 9. April 2019,
Verfahren 23887/16, Ziff. 68). Nach diesem Urteil haben sich die nationalen
Instanzen von den im Urteil Üner c. Niederlande vom 18. Oktober 2006
(Verfahren 46410/99) resümierten Kriterien leiten zu lassen (ausführlich Urteil des
Bundesgerichts 6B_48/2019 vom 9. August 2019 E. 2.5).
Die EMRK verschafft keinen Anspruch auf Einreise und Aufenthalt oder auf einen
besonderen Aufenthaltstitel. Sie hindert die Konventionsstaaten nicht daran, die
Anwesenheit auf ihrem Staatsgebiet zu regeln und den Aufenthalt ausländischer
Personen unter Beachtung überwiegender Interessen des Familien- und
Privatlebens gegebenenfalls auch wieder zu beenden. Das entsprechende, in Art.
8 EMRK bzw. Art. 13 BV geschützte Recht ist indes berührt, wenn eine staatliche
Entfernungs- oder Fernhaltemassnahme eine nahe, echte und tatsächlich gelebte
familiäre Beziehung einer in der Schweiz gefestigt anwesenheitsberechtigten
Person beeinträchtigt, ohne dass es dieser ohne weiteres möglich bzw. zumutbar
wäre, ihr Familienleben andernorts zu pflegen. Der Anspruch gilt im Übrigen nicht
absolut: Liegt eine aufenthaltsbeendende oder -verweigernde Massnahme im
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Schutz- und Anwendungsbereich von Art. 8 EMRK, erweist sich diese als
zulässig, falls sie gesetzlich vorgesehen ist, einem legitimen Zweck im Sinne von
Art. 8 Ziff. 2 EMRK entspricht und zu dessen Realisierung in einer
demokratischen Gesellschaft "notwendig" erscheint. Zum geschützten
Familienkreis gehört in erster Linie die Kernfamilie, d.h. die Gemeinschaft der
Ehegatten mit ihren minderjährigen Kindern. In den Schutzbereich von Art. 8
EMRK fallen aber auch andere familiäre Verhältnisse, sofern eine genügend
nahe, echte und tatsächlich gelebte Beziehung besteht. Hinweise für solche
Beziehungen sind das Zusammenleben in einem gemeinsamen Haushalt, eine
finanzielle Abhängigkeit, speziell enge familiäre Bande, regelmässige Kontakte
oder die Übernahme von Verantwortung für eine andere Person (Urteil des
Bundesgerichts 6B_659/2018 vom 20. September 2018 unter Verweis auf BGE
144 II 1 E. 6.1 S. 12 und BGE 142 II 35 E. 6.1; Urteil des Bundesgerichts
6B_612/2018 vom 22. August 2018 E. 2.2).
Unter dem Titel der Achtung des Privatlebens im Sinne von Art. 8 Ziff. 1
EMRK genügen selbst eine lange Anwesenheit und die damit verbundene
normale Integration nicht; erforderlich sind besonders intensive, über eine
normale Integration hinausgehende private Beziehungen beruflicher oder
gesellschaftlicher Natur (BGE 144 II 1 E. 6.1 S. 13; Urteil des Bundesgerichts
6B_1218/2019 vom 19. Dezember 2019 E. 2.3.1 f.). Es ist nicht gleichsam
schematisch ab einer gewissen Aufenthaltsdauer eine Verwurzelung in der
Schweiz anzunehmen (Urteile des Bundesgerichts 6B_690/2019 vom 4.
Dezember 2019 E. 3.4.4; 6B_689/2019 vom 25. Oktober 2019 E. 1.7.2). Unter
dem familienrechtlichen Titel von Art. 8 Ziff. 1 EMRK ist dessen Schutzbereich
berührt, wenn eine Ausweisung eine nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre
Beziehung einer in der Schweiz gefestigt anwesenheitsberechtigten Person
beeinträchtigen würde, ohne dass es dieser ohne Weiteres möglich bzw.
zumutbar wäre, ihr Familienleben andernorts zu pflegen. Intakte familiäre
Beziehungen zu in der Schweiz niedergelassenen Familienmitgliedern sind
grundsätzlich als erhebliches privates Interesse an einem weiteren Verbleib in der
Schweiz zu gewichten (Urteil des Bundesgerichts 2C_253/2015 vom 9.
September 2015 E. 3.3.3).
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F144-II-1%3Ade&number_of_ranks=0#page1
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Härtefallbegründende Aspekte bei Dritten sind zu berücksichtigen, wenn sie sich
auf den Beschuldigten auswirken, was etwa bei einem schweren persönlichen
Härtefall für Frau und Kinder zutreffen würde (BGE 145 IV 161 E. 3.3, E. 3.4,
publ. in: Pra 11/2019 S. 1256). Ausländische minderjährige Kinder teilen schon
aus familienrechtlichen Gründen regelmässig das ausländerrechtliche Schicksal
der Eltern und haben das Land gegebenenfalls mit diesen zu verlassen; für
Kinder im anpassungsfähigen Alter ist der Umzug in das Heimatland zumutbar
(BGE 143 I 21 E. 5.4; Urteil des Bundesgerichts 2C_234/2019 vom 14. Oktober
2019 E. 4.3.2). Art. 8 EMRK gewährleistet grundsätzlich weder ein Recht auf
Einreise oder Aufenthalt in einem bestimmten Staat noch auf Wahl des für das
Familienleben am geeignetsten erscheinenden Orts (Urteil des Bundesgerichts
2C_458/2019 vom 27. September 2019 E. 5.2). Die familiäre Beziehung lässt sich
in einem gewissen Masse über moderne Kommunikationsmittel und allenfalls
über bewilligungsfähige Kurzaufenthalte pflegen (BGE 143 I 21 E. 5.3 S. 28;
Urteile des Bundesgerichts 2C_221/2019 vom 25. Juli 2019 E. 3.2; 6B_680/2018
vom 19. September 2018 E. 1.5). Allerdings ist dem Kindeswohl bei jeder
Entscheidung Rechnung zu tragen (BGE 143 I 21 E. 5.5.1 S. 29 mit Hinweis auf
die UNO-Kinderrechtskonvention [Art. 3 KRK; SR 0.107]; Urteil 2C_221/2019 vom
25. Juli 2019 E. 3.4), insbesondere wenn eine enge Eltern-Kind-Beziehung wegen
der Distanz zwischen der Schweiz und dem Heimatstaat praktisch nicht aufrecht
erhalten werden könnte (BGE 143 I 21 E. 5.2 S. 27). Dieser Umstand lässt eine
ausländerrechtliche Wegweisung jedoch nicht bereits als unverhältnismässig
erscheinen (BGE 143 I 21 E. 6.3.6 S. 36). Das gilt umso mehr bei der als
strafrechtliche Massnahme ausgestalteten Landesverweisung (Urteil des
Bundesgerichts 6B_627/2018 vom 22. März 2019 E. 1.3.2).
3. Persönliche Umstände
Die Vorinstanz erwog zu Recht, dass eine Landesverweisung der Beschuldigten
hinsichtlich ihrer Beziehung zu ihrer Tochter F._, geboren am tt.mm.2017,
den Schutzbereich von Art. 8 EMRK berühre, sofern im Zeitpunkt des Vollzugs
der Landesverweisung nach wie vor von einer Kindeswohlgefährdung
auszugehen wäre und die Tochter der Beschuldigten folglich nach wie vor
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- 32 -
fremdplatziert werden müsste (Urk.43 S. 51). Da eine Landesverweisung der
Beschuldigten in diesem Fall das durch Art. 8 EMRK bzw. Art. 13 BV geschützte
Recht auf Achtung des Familienlebens tangiert, ist eine umfassende
Interessenabwägung vorzunehmen. Nachfolgende Erwägungen verstehen sich
als Hervorhebungen:
Die Beschuldigte hat sich eines Verbrechens schuldig gemacht. Mit ihrer Tat hat
sie die körperliche Integrität der Geschädigten B._ massiv gefährdet. Die
Tatschwere ist als nicht mehr leicht einzustufen.
Sodann wurde die Beschuldigte in Eritrea geboren. Sie verbrachte dort ihre
Kindheit, absolvierte für dortige Verhältnisse eine gute Ausbildung an einer
technischen Schule und ist noch immer mit ihrem in Israel lebenden Ehepartner
verheiratet. Sie spricht die lokalen Sprachen und konnte in Eritrea, wenn auch
beim dortigen Militär, einen Beruf ausüben (Prot. II S. 7 ff.). Ferner gab sie vor
Vorinstanz an, zu ihrer Mutter und ihren Geschwistern in Eritrea Kontakt zu haben
(Prot. I S. 10). Es ist somit von vorhandenen Resozialisierungschancen in ihrem
Heimatland auszugehen. Ferner geht aus den Akten auch nicht hervor, dass die
Beschuldigte in Eritrea einer konkreten Gefahr ausgesetzt wäre, was von der
Verteidigung sodann auch nicht geltend gemacht wird.
Demgegenüber sind die Bindungen der Beschuldigten zur Schweiz nicht
besonders ausgeprägt. Sie befindet sich erst seit 2015 in der Schweiz, ist
weiterhin auf eine Dolmetscherin angewiesen und bezeichnet einzig B._ als
ihre Freundin in der Schweiz. Sie übt heute keinen Beruf aus, weshalb eine
Landesverweisung die gegenwärtigen Verhältnisse in beruflicher Hinsicht nicht
beeinflusst.
Weiter scheint die Beschuldigte auch sozial mit der Schweiz nicht besonders
verwurzelt zu sein. Es fehlt eine gelebte partnerschaftliche Beziehung mit
gemeinsamem Haushalt. Die Tochter befand sich vom 10. Juli 2018 bis zum 3.
Juli 2019 in einem Heim und wurde danach einer Pflegefamilie zugewiesen (Urk.
26). Gemäss dem Austrittsbericht des G._s sehe der KESB-Beschluss vor,
dass die Beschuldigte ihre Tochter drei Mal wöchentlich besuche (Urk. 26 S. 6). In
- 33 -
der Zeit nach dem Heimeintritt bis zur Verhaftung besuchte die Beschuldigte die
Tochter im G._ mehr oder minder regelmässig, wobei einige Besuche
aufgrund der körperlichen bzw. psychischen Verfassung der Beschuldigten
abgesagt werden mussten. Insbesondere im letzten Monat vor der Verhaftung
verliefen die Besuche hingegen gut (Urk. 26 S. 6-8). Im vorzeitigen Strafvollzug
sei die Beschuldigte einmal monatlich besucht worden. Während der Corona-
Krise seien die Besuche aber nicht möglich gewesen. Zum letzten Mal habe sie
ihre Tochter am 26. August 2020 gesehen (Prot. II S. 16). Über die Beziehung der
Beschuldigten zu ihrer Tochter vor dem Heimeintritt ist wenig bekannt. Auf stabile
Familienverhältnisse kann aber nicht geschlossen werden. So sei der Grund für
eine freiwillige Hospitalisierung der Beschuldigten im Juni 2018 gewesen, dass
sie wegen einer Erkältung ihrer damals ...-monatigen Tochter überfordert
gewesen sei. Sodann sei die Beschuldigte wenig später im Juli 2018 fürsorgerisch
untergebracht worden, nachdem die damals ...-monatige Tochter aufgrund eines
Schädel-Hirn-Traumas ins Spital gekommen sei (Urk. 14/4 S. 10). Gemäss dem
Austrittsbericht der Stiftung G._ sei die Tochter der Beschuldigten seit ihrer
Geburt verbeiständet, da die Beschuldigte Unterstützung im Alltag gebraucht
habe und psychisch labil gewesen sei. Dies habe sich darin gezeigt, weil die
Beschuldigte in Überforderungssituationen oft umgekippt und bewusstlos
geworden sei (Urk. 26 S. 1).
Die Beschuldigte gab anlässlich der Berufungsverhandlung an, neuerdings mit
dem Kindsvater zusammen zu sein; sie hätten vor, zu heiraten, wenn sie
entlassen werde. Er lebe in Zürich und habe eine eigene Wohnung. Die Tochter
sei derzeit immer noch bei einer Pflegefamilie. Das Ziel sei es, eine Annäherung
zu ihr zu ermöglichen und dass sie schliesslich mit ihr und dem Kindsvater
zusammenleben könnte (Prot. II S. 11, S. 12).
Aufgrund der Umstände, dass die Tochter bereits vor mehr als zwei Jahren
fremdplatziert wurde und die Beschuldigte sich infolgedessen während dieser Zeit
nicht um die Erziehung und die Betreuung ihrer Tochter kümmern konnte, kann
nicht von einer tatsächlich gelebten Beziehung ausgegangen werden.
Festzuhalten bleibt aber, dass die Ursache dafür massgeblich in der damals als
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akut erscheinenden psychischen Erkrankung der Beschuldigten bzw. in ihren
gesundheitlichen Beschwerden zu sehen ist und es ihr vor diesem Hintergrund
schliesslich verwehrt blieb, die Kraft aufzubringen, eine nahe Beziehung zu ihrer
Tochter aufzubauen. Ein intaktes Familienleben – eine nahe, echte und
tatsächlich gelebte Beziehung – im Sinne von Art. 8 Ziff. 1 EMRK liegt letztlich
umständehalber nicht vor. Insgesamt zeigt sich eine Situation, in welcher die
Beschuldigte sichtlich darum bemüht ist, den Kontakt zu ihrer Tochter zu pflegen
und sich um diese kümmern möchte.
Eine finanzielle Abhängigkeit des Kindes von der Beschuldigten wurde nicht
behauptet und ist auch nicht ersichtlich, zumal die Beschuldigte bisher in der
Schweiz noch nicht gearbeitet hat und somit noch nie aus eigener Kraft für den
Unterhalt ihrer Tochter aufkommen konnte. Für das Kindeswohl ist insofern
gesorgt, als die Tochter bei einer Pflegefamilie lebt. Zudem lebt der Kindsvater in
Zürich. Für den Lebensunterhalt der Tochter ist somit gesorgt. Alsdann erwähnte
die Beschuldigte in der Berufungsverhandlung – wie vorstehend ausgeführt –,
neuerdings mit dem Kindsvater zusammen zu sein und dass sie beabsichtigten,
nach der Entlassung zu heiraten. Aufgrund des scheinbar geplanten
Zusammenlebens kann somit nicht ausgeschlossen werden, dass sich auch
dereinst der Kindsvater vermehrt um die gemeinsame Tochter kümmern kann und
auch allfällige Besuche bei der Mutter in Eritrea organisieren könnte. Die
Aufrechterhaltung des persönlichen Kontaktes zwischen der Beschuldigten und
ihrer Tochter würde aus Eritrea zwar schwer fallen und die Intensität der
Beziehung zu ihrer Tochter würde durch die geographische Distanz unweigerlich
beeinflusst werden. Ein Aufrechterhalten des persönlichen Kontakts wäre jedoch
zumindest ansatzweise telefonisch, über Skype oder ähnliche Applikationen
möglich (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_1314/2019 vom 9. März 2020).
Ausser ihrer fremdplatzierten Tochter lebt ihre gesamte Familie in Eritrea. Mit
anderen Worten besteht dort ein gewisses soziales Gefüge, in welches sich die
Beschuldigte nach der Rückkehr in ihr Heimatland einfügen kann.
Zusammenfassend liegen familiäre bzw. soziale Bindungen zu Eritrea vor und es
ist davon auszugehen, dass sich die Beschuldigte auch aufgrund ihrer
- 35 -
Ausbildung, welche sie in Eritrea absolvierte (Prot. II S. 7), in ihrem Heimatland
zurechtfinden würde. Insgesamt ist von einer intakten Resozialisierungschance in
ihrem Heimatland auszugehen. Aufgrund der umständehalber nicht gelebten
Beziehung der Beschuldigten zu ihrer Tochter kann vorliegend auch nicht von
einer tatsächlich gelebten Beziehung ausgegangen werden, weshalb (gerade
knapp) kein Härtefall vorliegt.
Insofern die Verteidigung vorbringt, dass eine Rückkehr der Beschuldigten nach
Eritrea aufgrund des Ausschaffungs-Stopps nicht möglich sei, ist dem
entgegenzuhalten, dass dies allein keinen Härtefall zu begründen vermag.
Ergänzend ist festzuhalten, dass der Straf- oder Massnahmenvollzug für die
betroffene Person, das Kind sowie eine allfällige Partnerschaft unbestreitbar eine
Belastung darstellt und sie für jeden in ein familiäres Umfeld eingebetteten Täter
mit einer gewissen Härte verbunden ist; die Trennung von seinem Kind ist eine
zwangsläufige, unmittelbare gesetzmässige Folge des Vollzugs der
Freiheitsstrafe und der damit verbundenen Nebenfolgen (Urteil des
Bundesgerichts 6B_243/2016 vom 8. September 2016 E. 3.4.2).
4. Frage übergewichtiger privater Interessen
Es liegt kein Härtefall vor, weshalb die privaten Interessen der Beschuldigten nicht
weiter zu prüfen sind.
Lediglich der Vollständigkeit halber bleibt anzufügen, dass die Interessen der
Beschuldigten an einem Verbleib in der Schweiz nicht als hoch zu gewichten sind.
Ihnen steht das Sicherheitsbedürftnis der Schweiz gegenüber. Es besteht
langfristig eine hohe Rückfallgefahr für Körperverletzungsdelikte. Damit
gefährdete die Beschuldigte die Gesundheit von Menschen, was ein gewichtiges
öffentliches Interesse an der Ausschaffung eines Täters begründet, zumal der
Gesetzgeber aus einer entsprechenden Straftat eine obligatorische
Landesverweisung fordert.
- 36 -
5. Fazit
Zusammenfassend bestehen weder ein Härtefall noch überwiegende Interessen
der Beschuldigten an einem Verbleib in der Schweiz i.S.v. Art. 66a Abs. 2 StGB.
Sie ist in Anwendung von Art. 66a Abs. 1 lit. b StGB obligatorisch des Landes zu
verweisen.
6. Dauer der Landesverweisung
Art. 66a StGB sieht als Dauer der obligatorischen Landesverweisung einen
Rahmen von 5 bis 15 Jahren vor. Die Bemessung der Dauer der
Landesverweisung liegt im Ermessen des Gerichts, welches sich dabei
insbesondere am Verhältnismässigkeitsgrundsatz zu orientieren hat (Botschaft,
BBI 2013, 5975 ff., S. 6021). Die Dauer der Landesverweisung ist unter
Würdigung aller Umstände des Einzelfalls, namentlich des Verschuldens des
Beschuldigten, der Schwere des Delikts sowie der persönlichen Verhältnisse des
Betroffenen und seiner allfälligen Bindung zur Schweiz festzulegen (vgl. Urteil des
Bundesgerichtes 2C_881/2018 E. 4.1 vom 14. Dezember 2018).
Das Verschulden für die versuchte schwere Körperverletzung wurde als nicht
mehr leicht erachtet. Angesichts der Strafhöhe erscheint die Anordnung der
obligatorischen Landesverweisung für die Dauer von 7 Jahren dem Verschulden
angemessen.
IX. Eintrag im SIS
Die Vorinstanz hat im angefochtenen Entscheid nicht geprüft, ob ein Eintrag im
Schengener Informationssystem angezeigt ist und darüber auch nicht befunden.
Die Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informationssystems
unterliegt - wie auch die Landesverweisung selber - nicht dem Anklageprinzip
(vgl. zur Nichtanwendbarkeit des Anklageprinzips auf Sanktionen:
HEIMGARTNER/NIGGLI, in: Basler Kommentar, Strafprozessordnung, 2. Aufl.
2014, N. 1 zu Art. 326 StPO). Spricht das Gericht eine Landesverweisung aus,
muss es bei Drittstaatsangehörigen - unabhängig von einem entsprechenden
- 37 -
Antrag der Staatsanwaltschaft - daher zwingend auch darüber befinden, ob die
Landesverweisung im SIS auszuschreiben ist. Es hat die Frage der
Ausschreibung der Landesverweisung im SIS materiell zu beurteilen und im
Dispositiv des Strafurteils zwingend zu erwähnen, ob die Ausschreibung
vorzunehmen ist oder ob darauf verzichtet wird. Aus dem Dispositiv des
Strafurteils muss hervorgehen, ob ein Strafgericht bereits über die Ausschreibung
der Landesverweisung im SIS materiell entschieden hat (Urteil des
Bundesgerichts 6B_572/2019 vom 8. April 2020, E. 3.2.5).
Die Ausschreibung der Landesverweisung im SIS ist vollzugs- bzw.
polizeirechtlicher Natur (vgl. Erläuterungen BJ, a.a.O., S. 7). Sie hat unbestritten
insofern weitreichende Konsequenzen, als den betroffenen Personen ohne einen
vorgängigen Entscheid die Einreise in die Schengen-Staaten verwehrt ist (oben E.
3.2.3). Dessen ungeachtet ist die Ausschreibung im SIS - anders als die
Anordnung der Landesverweisung nach Art. 66a f. StGB selber (vgl. Art. 4 Abs. 1
lit. ebis der Verordnung vom 29. September 2006 über das Strafregister
[VOSTRA-Verordnung; SR 331]) - keine Sanktion. Vorliegend blieb die zwingend
zu beantwortende Vollzugsfrage der Ausschreibung der Landesverweisung im
SIS im erstinstanzlichen Verfahren unbehandelt. Das erstinstanzliche Urteil war
angesichts der unbeantwortet gebliebenen Frage der Ausschreibung der
Landesverweisung im SIS unvollständig. Das Verschlechterungsverbot gelangt
zumindest in dieser Konstellation nicht zur Anwendung (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 6B_572/2019 vom 8. April 2020, E. 3.3.5).
Die Beschuldigte focht das erstinstanzliche Urteil auch betreffend
Landesverweisung an. Nachdem diese zu bestätigen ist, stellt sich gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung zwingend die Frage einer Ausschreibung im
SIS.
Am 1. März 2017 ist die Verordnung über die Einführung der Landesverweisung
in Kraft getreten. Art. 20 der Verordnung über den nationalen Teil des
Schengener Informationssystems und das SIRENE-Büro (N-SIS-Verordnung vom
8. März 2013) wurde dahingehend geändert, dass Drittstaatangehörige nur zur
- 38 -
Einreise- und Aufenthaltsverweigerung ausgeschrieben werden können, wenn der
entsprechende Entscheid einer Verwaltungs- oder einer Justizbehörde vorliegt.
Landesverweisungen gegenüber Ausländern aus Staaten, die nicht zum
Schengen-Raum gehören, werden im Schengen-Informationssystem
ausgeschrieben, wenn davon auszugehen ist, dass die Anwesenheit der
betreffenden Person im Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaates die öffentliche
Sicherheit und Ordnung gefährdet. Dies ist insbesondere der Fall, wenn der
Drittstaatsangehörige wegen einer Straftat verurteilt worden ist, die mit
mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe bedroht ist (Art. 24 Abs. 2 SIS-II-VO, vgl.
Art. 96 Abs. 2 lit. a Schengener Durchführungsübereinkommen [SDÜ]). Das SDÜ
ist in diesem Punkt unklar formuliert, ob eine Höchststrafe von mindestens einem
Jahr oder eine Mindeststrafe von einem Jahr gemeint ist. Ersteres kann indessen
nicht die richtige Auslegung des Abkommens sein, denn so würden von der
Ausschreibung im Schengen-Informationssystem nicht nur schwere Straftaten
erfasst, sondern auch eine Vielzahl eher geringfügiger Delikte.
Die Beschuldigte ist Bürgerin von Eritrea und wird heute mit einer überjährigen
Freiheitsstrafe bestraft. Zum Verschulden ist auf das oben Ausgeführte zu
verweisen. Die von der Beschuldigten ausgehende Gefahr war und ist erheblich.
Ausgehend vom Gutachten ist längerfristig von einer erheblichen Gefahr für Leib
und Leben auszugehen. Entsprechend rechtfertigt sich der Eintrag im
Schengener Informationssystem.
X. Kosten- und Entschädigungsfolgen
Gestützt auf Art. 428 Abs. 3 StPO hat die Rechtsmittelinstanz von Amtes wegen
auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung zu befinden, wenn
sie selber ein neues Urteil fällt und nicht kassatorisch entscheidet (Griesser in:
Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen
Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014 [kurz ZH StPO Komm.], N 14 zu Art. 428).
Gemäss Art. 426 Abs. 1 StPO trägt die beschuldigte Person die
Verfahrenskosten, wenn sie verurteilt wird. Das ist vorliegend der Fall, sodass
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ausgangsgemäss die Kosten der Untersuchung und des erstinstanzlichen
Gerichtsverfahrens der Beschuldigten aufzuerlegen sind.
Die Kosten des Berufungsverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe ihres
Obsiegens und Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Ob bzw. inwieweit eine
Partei im Sinne dieser Bestimmung obsiegt oder unterliegt, hängt davon ab, in
welchem Ausmass ihre vor der zweiten Instanz gestellten Anträge gutgeheissen
werden (Urteil des Bundesgerichtes 6B_1025/2014 vom 9. Februar 2015 E. 2.4.1
mit Hinweisen; bestätigt in 6B_10/2015 vom 24. März 2015 E. 4.2.1). Die
Beschuldigte unterliegt mit ihren Anträgen vollumfänglich, wobei sie einzig im
Rahmen eines Ermessensentscheides eine geringfügige Strafreduktion erreicht.
Bei diesem Ausgang sind der Beschuldigten auch die Kosten des
Berufungsverfahrens aufzuerlegen.
Die Gerichtsgebühr ist praxisgemäss auf Fr. 3'000.– festzusetzen. Die Kosten der
amtlichen Verteidigung in der Höhe von Fr. 5'700.– werden auf die Gerichtskasse
genommen. Die Rückzahlungspflicht der Beschuldigten bleibt gemäss Art. 135
Abs. 4 StPO vorbehalten.