Decision ID: 6e100d0a-0ca9-4582-8157-98d24bfbade3
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VB
Chamber: SG_VB_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Sachverhalt
A.
a) Die D._AG, Y._, ist Eigentümerin von Grundstück Nr. 001,
Grundbuch Z._, an der G._strasse in X._. Das Grundstück liegt
gemäss geltendem Zonenplan der Gemeinde Z._ vom 18. Juli 1994
in der Wohnzone (WE). Es ist mit dem Einfamilienhaus mit der Versi-
cherungs-Nr. 002 überbaut. A._ und B._, Y._, sind Eigentümer
des westlich angrenzenden Grundstücks Nr. 003.
b) Mit Beschluss vom 29. April 2019 hat die Baukommission Z._
erstmalig die Baubewilligung für die Erstellung eines zweiten Einfami-
lienhauses mit Garagen auf dem Grundstück Nr. 001 unter Bedingun-
gen und Auflagen erteilt. In der Folge erhob der damalige Eigentümer
von Grundstück Nr. 003 C._, Z._, vertreten durch lic.iur. Thomas
Bösch, Rechtsanwalt, St.Gallen, Rekurs beim Baudepartement. Mit
Entscheid vom 2. Juni 2020 hat das Baudepartement das Verfahren
wegen Gegenstandslosigkeit abgeschrieben, da das ursprüngliche
Baugesuch von der Grundeigentümerin zurückgezogen wurde.
B.
a) Mit Projektänderung bzw. vollständigem Baugesuch vom
18. Juli 2019 beantragte die D._AG bei der Baukommission Z._
wiederum die Baubewilligung für die Erstellung eines zweiten Einfami-
lienhauses mit Garagen auf Grundstück Nr. 001.
b) Innert der Auflagefrist vom 27. August bis 9. September 2019
erhob erneut C._ durch seinen Rechtsvertreter Einsprache gegen
das Bauvorhaben.
c) Mit Beschluss vom 13. Januar 2020 erteilte die Baukommission
Z._ die Baubewilligung unter Bedingungen und Auflagen und wies
die Einsprache von C._ ab.
C.
Gegen diesen Beschluss erhob C._ mit Schreiben vom 28. Januar
2020 Rekurs beim Baudepartement. Es werden folgende Anträge ge-
stellt:
1. Die Baubewilligung und der Einspracheentscheid der
Baukommission der Gemeinde Z._ vom 13.  2020 seien aufzuheben.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Rekursgegnerin.
Zur Begründung wird geltend gemacht, die vorbefassten Mitglieder der
Vorinstanz hätten in den Ausstand treten müssen. Sodann sei der
grosse Grenzabstand vom vorliegenden Bauprojekt, eventualiter der
massgebliche Gebäudeabstand gegenüber dem bestehenden Ge-
bäude auf Grundstück Nr. 001 nicht eingehalten.
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 79/2020), Seite 3/13
D.
a) Mit Schreiben vom 5. März 2020 verzichtet die Vorinstanz auf
eine Vernehmlassung.
b) Mit Vernehmlassung vom 5. März 2020 beantragt die Rekurs-
gegnerin, vertreten durch lic.iur. Thomas Stadelmann, Rechtsanwalt,
Gossau, den Rekurs unter Kostenfolge abzuweisen. Zur Begründung
wird geltend gemacht, der Vorwurf der Befangenheit sei unzutreffend.
Weiter sei ohnehin die Legitimation von C._ zu verneinen. Sodann
seien der grosse Grenzabstand sowie der Gebäudeabstand eingehal-
ten. Sofern die Rekursinstanz zu einer anderen Auffassung gelangen
würde, werde eine Ausnahmebewilligung beantragt.
c) Mit Schreiben vom 30. März 2020 lässt sich C._ nochmalig zu
den Vorbringen der Rekursgegnerin vernehmen und teilt den Eigentü-
merwechsel des Grundstücks Nr. 003 mit. Er reicht eine Vollmacht ein,
die ihn im vorliegenden Rekursverfahren als Vertreter der neuen Ei-
gentümer, A._ und B._, ausweist. Zudem stellt er sich neu auf den
Standpunkt, das Bauprojekt sei unpassend.
E.
Auf die weiteren Ausführungen der Verfahrensbeteiligten in den vor-

genannten Eingaben wird – soweit erforderlich – in den Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen
1.
1.1 Die Zuständigkeit des Baudepartementes ergibt sich aus
Art. 43bis des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (sGS 951.1;
abgekürzt VRP).
1.2 Die Rekursgegnerin bestreitet die Legitimation des ursprüngli-
chen bzw. der neuen Rekurrenten. Es sei nicht ersichtlich, weshalb
der Rekurrent bzw. die Rekurrenten für ein Bauprojekt auf dem Nach-
bargrundstück die Einhaltung des Gebäudeabstands auf der von ihnen
abgewandten Seite verlangen können. Es fehle am verlangten Rechts-
schutzinteresse.
1.2.1 Zur Erhebung des Rekurses ist berechtigt, wer an der Änderung
oder Aufhebung der Verfügung oder des Entscheids ein eigenes
schutzwürdiges Interesse dartut (Art. 45 Abs. 1 VRP). Nach der bun-
desgerichtlichen Rechtsprechung muss sich das tatsächliche Inte-
resse nicht auf jede einzelne Rüge beziehen. Bei einer Baubewilligung
ist das schutzwürdige Interesse einzig mit Blick auf das gesamte Vor-
haben zu ermitteln (BGE 137 II 30). Ob die vom Rekurrenten dabei
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 79/2020), Seite 4/13
konkret gerügten Normen etwa die ihm zugewandte oder von ihm ab-
gewandte Seite der geplanten Fassade betrifft, ist somit nicht mass-
geblich. Entscheidend ist einzig, dass der Rekurrent mit der betreffen-
den Rüge eine Aufhebung, Änderung oder Ergänzung der angefoch-
tenen Baubewilligung als solcher erwirken kann und ihm dadurch ein
(tatsächlicher) praktischer Nutzen entsteht (G. GEISSER/T. ZOGG, in:
Rizvi/Schindler/Cavelti [Hrsg.], Gesetz über die Verwaltungsrechts-
pflege, Praxiskommentar, Zürich/St.Gallen 2020, N 14 zu Art. 45).
1.2.2 C._ war früher Eigentümer des an die Liegenschaft der Re-
kursgegnerin angrenzenden Grundstücks Nr. 003. Heute sind es die
Rekurrenten. Durch diese örtliche Nähe war C._ bzw. sind die Re-
kurrenten durch das Bauprojekt mehr als die Allgemeinheit betroffen.
Folglich ist die Rekursberechtigung gegeben und die Rekurrenten kön-
nen sämtliche Rügen vorbringen, die eine Aufhebung der Baubewilli-
gung zur Folge haben könnten und ihnen dadurch einen praktischen
Nutzen verschaffen würden. So auch eine allfällige Verletzung der
Grenz- und Gebäudeabstandsvorschriften.
1.3 Die Frist- und Formerfordernisse von Art. 47 Abs. 1 und
Art. 48 VRP sind erfüllt. Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.
Am 1. Oktober 2017 ist das Planungs- und Baugesetz (sGS 731.1;
abgekürzt PBG) in Kraft getreten und das Baugesetz vom 6. Juni 1972
(nGS 8, 134; abgekürzt BauG) aufgehoben worden (Art. 172 Bst. a
PBG). Der erstinstanzliche Einsprache- und Baubewilligungsent-
scheid erging am 13. Januar 2020. Mithin sind vorliegend grundsätz-
lich die Bestimmungen des PBG anwendbar, sofern sie gemäss An-
hang zum Kreisschreiben „Übergangsrechtliche Bestimmungen im
PBG“ vom 8. März 2017 (Baudepartement SG, Juristische Mitteilun-
gen 2017/I/1) als unmittelbar anwendbar erklärt werden. Im Übrigen
gelangen weiterhin das Baugesetz und das entsprechende Bauregle-
ment zur Anwendung.
3.
Die Rekurrenten machen eine Verletzung der Ausstandspflicht gel-
tend. Die Vorinstanz habe das vorliegende Bauprojekt der Sache nach
bereits mit Entscheid vom 29. April 2019 gutgeheissen. Damit sei das
gespiegelte Bauprojekt schonmalig bewilligt worden und die Behörde
im vorliegenden Verfahren befangen.
Nach Ansicht der Rekursgegnerin hätte sich das Ausstandsbegehren
immer gegen einzelne Personen zu richten. Weiter liege keine Vorbe-
fassung vor, weshalb der Anschein der Befangenheit zu verneinen sei.
3.1 Art. 29 Abs. 1 der Bundesverfassung (SR 101; abgekürzt BV)
gewährleistet den Anspruch auf richtige Zusammensetzung der Ent-
scheidbehörde. Von der entscheidenden Behörde und deren Mitglie-
dern wird zudem ein gewisses Mass an Unabhängigkeit verlangt
(G. STEINMANN, in: Ehrenzeller/Schindler/Schweizer/Vallender [Hrsg.],
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 79/2020), Seite 5/13
Kommentar zur Schweizerischen Bundesverfassung, 3. Aufl., Zü-
rich/St.Gallen 2014, N 35 zu Art. 29 BV). Wegen fehlender Unabhän-
gigkeit können Mitglieder von gerichtlichen und von Verwaltungsbe-
hörden unter anderem dann abgelehnt werden, wenn Umstände vor-
liegen, die nach objektiven Gesichtspunkten geeignet sind, den An-
schein der Befangenheit zu erwecken (BGE 127 I 198). Die in
Art. 29 BV statuierten Verfahrensgarantien gelten in allen Gerichts-
sowie Verwaltungsverfahren; ihr Anwendungsbereich ist weiter als
derjenige von Art. 6 Ziff. 1 der Konvention zum Schutz der Menschen-
rechte und Grundfreiheiten (SR 0.101; abgekürzt EMRK;
HÄFELIN/HALLER/KELLER/THURNHERR, Schweizerisches Bundesstaats-
recht, 9. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2016, N 829 unter Hinweis auf
BGE 131 II 169).
Die bundesgerichtlichen Anforderungen an die Unabhängigkeit der
Mitglieder einer Entscheidbehörde werden im kantonalen Recht in
Art. 7 Abs. 1 VRP konkretisiert. Danach haben Behördenmitglieder, öf-
fentliche Angestellte und amtlich bestellte Sachverständige, die Anord-
nungen treffen, solche vorbereiten oder daran mitwirken, von sich aus
in den Ausstand zu treten:
a) wenn sie selbst, ihre Verlobten oder Ehegatten, ihre eingetragenen Partner, ihre Verwandten und  bis und mit dem dritten Grad, ihre -, Pflege- oder Stiefeltern oder ihre Adoptiv-, Pflege- oder Stiefkinder, der eingetragene Partner eines  oder die Kinder des eingetragenen Partners an der Angelegenheit persönlich beteiligt sind. Der Ausstandsgrund der Verschwägerung besteht nach Auflösung der Ehe oder der eingetragenen  fort;
b) wenn sie Vertreter, Beauftragte, Angestellte oder Organe einer an der Angelegenheit beteiligten Person sind oder in der Sache Auftrag erteilt haben;
bbis) wenn sie bei einer Anordnung einer Vorinstanz  haben;
c) wenn sie aus anderen Gründen befangen .
Der letztgenannte Ausstandsgrund verlangt nicht, dass der Betroffene
tatsächlich befangen ist. Es genügt, wenn das betroffene Mitglied be-
fangen sein könnte oder befangen erscheint. Allein das persönliche
Empfinden einer Partei reicht dafür nicht aus. Das Misstrauen in die
Unabhängigkeit und Unparteilichkeit müssen vernünftige Gründe ob-
jektiv rechtfertigen (CAVELTI/VÖGELI, Verwaltungsgerichtsbarkeit im
Kanton St.Gallen – dargestellt an den Verfahren vor dem Verwaltungs-
gericht, 2. Aufl., St.Gallen 2003, Rz. 191). Misstrauen in die Unpartei-
lichkeit kann namentlich in einem bestimmten subjektiven Verhalten
der betroffenen Person oder in funktionellen und organisatorischen
Gegebenheiten begründet sein. Funktionelle und organisatorische
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 79/2020), Seite 6/13
Gründe werden aber nicht grundsätzlich als Ausstandsgründe aner-
kannt (I. HÄNER, Die Beteiligten im Verwaltungsverfahren und Verwal-
tungsprozess, Zürich 2000, N 448). Befangenheit ist in der Regel zu
bejahen, wenn eine besonders ausgeprägte Freundschaft oder Feind-
schaft besteht. Als befangen gilt auch, wer ein unmittelbares persönli-
ches Interesse am Ausgang des Verfahrens hat (CAVELTI/VÖGELI,
a.a.O., Rz. 192).
3.2 Grundsätzlich haben sich Ausstandsbegehren immer gegen ein-
zelne Personen zu richten (vgl. BDE Nr. 36/2016 vom 6. Juli 2016
Erw. 2.3.3; BDE Nr. 48/2019 vom 6. August 2019 Erw. 2.2; BDE
Nr. 73/2019 vom 5. Dezember 2019 Erw. 3.2; Baudepartement SG,
Juristische Mitteilungen 2016/III/7), weil die Befangenheit einen inne-
ren Gemütszustand betrifft. Deshalb können nur natürliche Personen,
nicht aber eine Gesamtbehörde befangen sein (vgl. CAVELTI/VÖGELI,
a.a.O., Rz. 180; B. SCHINDLER, Die Befangenheit der Verwaltung, Zü-
rich 2002, S. 75 ff.; BDE Nr. 33/2016 vom 28. Juni 2016 Erw. 2.1.2;
Baudepartement SG, Juristische Mitteilungen 2016/III/7). Die Rüge
der Rekurrenten ist schon deshalb unbegründet, weil sie sich allge-
mein gegen die Mitglieder der vorinstanzlichen Entscheidbehörde rich-
tet. Sodann kann in der Politischen Gemeinde Z._ gemäss Art. 2
des Baureglementes der Politischen Gemeinde Z._ vom 10. De-
zember 2013 (abgekürzt BauR) für das Baubewilligungsverfahren und
die baupolizeilichen Aufgaben eine Baukommission eingesetzt wer-
den. Dabei nehmen die Mitglieder der Baukommission bzw. der Vo-
rinstanz keine persönlichen, sondern ausschliesslich öffentliche Inte-
ressen wahr. Dass eine Baukommission mehrmalig eine Baupro-
jektänderung bzw. ein Baugesuch auf dem gleichen Grundstück zu
beurteilen hat, ist nicht aussergewöhnlich und systembedingt – selbst
wenn die Änderungen am Bauvorhaben minim oder bereits zu einem
früheren Zeitpunkt fälschlicherweise mit einer Auflage bejahend ver-
fügt worden sind. Jedenfalls stellt dies kein Ausstandsgrund dar. Das
Ausstandsbegehren gegen die Mitglieder der Baukommission ist folg-
lich unbegründet und abzuweisen.
4.
Die Rekurrenten beanstanden zudem, dass das Bauvorhaben den
grossen Grenzabstand verletze. Beim vorliegenden Bauprojekt gehe
die Ostseite der Südseite als Hauptwohnseite vor. Auf der Ostseite
würde doppelt so viel "Hauptaktivität des Wohnens" stattfinden wie
hinter der Südfassade und es gäbe mehr Fensterfläche. Im Erdge-
schoss würden Küche und Esszimmer funktional nicht der Südseite
zugeordnet werden können; im Obergeschoss sei nur eins der drei
Kinderzimmer nach Süden gerichtet. Auch der Aussenbereich würde
im Osten und Westen mehr Platz bieten, während der südliche Sitz-
platz an eine Böschung grenze. Jedoch sei es nach richtiger Ausle-
gung von Art. 16 BauR unzulässig, die Hauptwohnseite nach Osten
auszurichten. Eine andere Auslegung würde dem Zweck der Wohnhy-
giene widersprechen. Sodann würde sich auch aus Art. 34 Abs. 4
Bst. b BauR nicht schliessen lassen, dass eine Hauptwohnseite nach
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 79/2020), Seite 7/13
Osten erlaubt sei. Selbst wenn eine Hauptwohnseite nach Osten er-
laubt sein sollte, müsste der grosse Grenzabstand von der längeren
Hauptwohnseite eingehalten werden. Dies sei vorliegend nicht der
Fall.
Nach Ansicht der Rekursgegnerin stellt Art. 16 Abs. 1 BauR den Nut-
zungszweck einer Wohnseite ins Zentrum und nicht das Längenmass.
Sodann befasse sich der besagte Artikel nicht mit der Definition der
Hauptwohnseite, sondern mit jener des Grenzabstands. Nach dem
klaren Wortlaut von Art. 16 Abs. 1 BauR würden nämlich bezüglich des
grossen Grenzabstands ausschliesslich Süden oder Westen in Frage
kommen. Beim projektierten Gebäude sei im Erdgeschoss von Norden
nach Süden ausgerichtet die Küche, der Essraum und der Wohnraum
angeordnet, der im Süden in den Sitzplatz und den Aussenbereich
übergehe. Auf der Westseite seien demgegenüber bloss wenige und
kleine Fenster vorgesehen, die keinen direkten Übergang in den Aus-
senraum ermöglichen. Entsprechend sei die Ausrichtung der Baute
von Norden nach Süden gestaltet, womit die Hauptwohnseite klarer-
weise Richtung Süden orientiert sei.
4.1 Nach Art. 31 BauR beträgt der grosse Grenzabstand in der
Wohnzone WE 8 m. Art. 16 BauR mit der Marginalie "Grenzabstand
für Bauten, Definition" lautet wörtlich wie folgt:
"Der grosse Grenzabstand dient hauptsächlich der Wohnhygiene von Bauten auf dem eigenen . Er ist gegenüber der längsten nach Süden oder Westen orientierten Hauptwohnseite einzuhalten.
Der kleine Grenzabstand dient hauptsächlich dem Schutz der Nachbarschaft. Er ist auf allen übrigen  einzuhalten."
Gemäss Art. 34 Abs. 4 Bst. b BauR darf die Mehrzahl der Wohn- und
Schlafräume einer Wohnung nicht gegen Norden orientiert sein.
4.2 Vorab ist der Rekursgegnerin zuzustimmen, dass
Art. 16 Abs. 1 BauR gemäss Marginale sowie der Systematik des
Baureglements die Definition des grossen Grenzabstands und nicht
die der Hauptwohnseite beinhaltet. Die Bestimmung bezieht sich ein-
zig darauf, auf welcher Seite der grosse Grenzabstand einzuhalten ist
und nicht wo die Hauptwohnseite zu liegen hat. Aufgrund des klaren
Wortlauts lässt sich offensichtlich nicht aus dieser Bestimmung ablei-
ten, in welche Himmelsrichtung die Hauptwohnseite – nach Ansicht
der Rekurrenten Osten – nicht ausgerichtet sein darf.
Hinzu kommt, dass in Art. 34 Abs. 4 Bst. b BauR ausdrücklich geregelt
ist, dass die Ausrichtung der Mehrzahl der Wohn- und Schlafräume
gegen Norden unzulässig ist. Die Ostausrichtung ist in dieser Bestim-
mung nicht erwähnt. Auch aus diesem Grund erscheint die von den
Rekurrenten vertretene Auslegung als unzutreffend.
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 79/2020), Seite 8/13
4.3
4.3.1 Der grosse Grenzabstand dient nicht in erster Linie dem Nach-
barschutz, sondern will im Interesse der Wohnhygiene eine gute Be-
sonnung und Belichtung der Hauptfassade gewährleisten (VerwGE
vom 14. Juli 1976 i.S. L.). Auf dieser Seite soll durch den grösseren
Abstand aber auch der Immissionsschutz verbessert werden, da hier
auch regelmässig der Aussenraum die intensivste Nutzung erfährt.
Aufgrund dieser Zielsetzung sind für die Bestimmung der massgebli-
chen Hauptwohnseite verschiedene Anknüpfungspunkte möglich. So
kann auf die Ausrichtung der Fensterflächen, auf Art und Flächen der
zur betreffenden Fassade orientierten Räume, wobei die Nutzung des
Wohn- und Essbereichs dabei regelmässig ausgeprägter als die der
Schlafzimmer und der weiteren Nebenräume ist, oder – wenn in erster
Linie ein besserer Immissionsschutz erreicht werden soll – auf die Ori-
entierung bezüglich der Aussenräume, wie Sitzplatz oder Balkonano-
rdnungen, abgestellt werden. Zumindest hilfsweise kann auch darauf
abgestellt werden, welche Fassade aufgrund ihrer Gestaltung als die
dominierende erscheint (vgl. BEZ 2005, Nr. 21, S. 18 f.). Folglich kann
je nach örtlichen Verhältnissen auch eine der Kurzseiten eines Gebäu-
des als Hauptwohnseite ausgestaltet sein (VerwGE B 2015/14 vom
20. Januar 2017 Erw. 10.1; VerwGE B 2013/50, 2013/51 vom
8. Juli 2014 Erw. 3.1.2 und 3.1.4).
4.3.2 Für die Bestimmung der für den grossen Grenzabstand relevan-
ten Gebäudeseite legt Art. 16 Abs. 1 BauR entsprechend der allgemei-
nen Ausführungen mehrere Kriterien fest. Unter anderem stellt er auf
deren geographische Orientierung ab ("nach Süden oder Westen").
Aufgrund der eindeutigen Ausrichtung des rechteckigen Bauprojekts
in die vier Himmelsrichtungen lassen sich vorliegend ohne weiteres die
Süd- und Westseite feststellen.
4.3.3 Sodann ist der grosse Grenzabstand gegenüber der
"Hauptwohnseite" einzuhalten. Beim projektierten Einfamilienhaus be-
findet sich im Erdgeschoss auf der Südseite der Wohnbereich, der in
die offene Küche und den Essbereich übergeht. Die Fassade besteht
in diesem Bereich grossmehrheitlich aus Fenstern (zweiflüglig und bo-
dentief). Ein Sitzplatz schliesst direkt an die südliche Fensterfront an.
Im Gegensatz dazu sind hinter der westlichen Gebäudefassade im
Erdgeschoss mehrheitlich Gebäudeteile vorhanden, die nur der
Erschliessung und/oder nur dem kurzzeitigen Aufenthalt von
Menschen dienen, so namentlich der Treppenaufgang sowie das Bad
und die Vorratskammer. Die Westfassade ist in diesem Bereich einzig
mit drei kleinen quadratischen Fenstern versetzt. Im Obergeschoss
befindet sich im Süden die Längsseite eines Schlafzimmers mit einem
grossen Fenster. Eine der beiden kurzen Seiten desselben Zimmers
zeigt nach Westen. Im Übrigen befinden sich auf der Westseite,
wiederum ähnlich wie im Erdgeschoss, Treppeaufgang, Gang und
Bad. In einer Gesamtbetrachtung lässt sich insbesondere aufgrund
der ausgeprägten Nutzung der Südseite im Erdgeschoss mit der
grossen Fensterfront und dem anschliessenden Sitzplatz sagen, dass
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 79/2020), Seite 9/13
die südliche Gebäudeseite als "Hauptwohnseite" im Sinn von
Art. 16 Abs. 1 BauR zu qualifizieren ist.
Grundriss Erdgeschoss Grundriss Obergeschoss
4.3.4 Art. 16 Abs. 1 BauR stellt hinsichtlich des grossen Grenzab-
stands schliesslich auf die Länge der Seite ab ("gegenüber der längs-
ten nach Süden oder Westen orientierten Hauptwohnseite"). Nach
dem Gesagten erfüllt nur die Südseite die obigen Kriterien, weshalb
sie gleichzeitig auch die "Längste" der in Frage kommenden Gebäu-
deseiten sein muss. Dass es sich dabei um die Kurzseite des Gebäu-
des handelt, ist nach der Rechtsprechung möglich
(VerwGE B 2015/14 vom 20. Januar 2017 Erw. 10.1).
4.3.5 Zusammenfassend ist der Entscheid der Vorinstanz, die südli-
che Gebäudeseite als die für die Einhaltung des grossen Grenzab-
stands massgebliche Hauptwohnseite zu betrachten, rechtlich nicht zu
beanstanden. Der grosse Grenzabstand von 8 m ist somit nicht gegen
Westen oder Osten einzuhalten und wird nicht verletzt.
5.
Weiter bringen die Rekurrenten vor, beim bereits auf Grundstück
Nr. 001 befindenden Wohnhaus mit der Versicherungs-Nr. 002 sei das
Wohnzimmer mit der grössten Fläche und den meisten Fenstern sowie
ein Kinderzimmer nach Westen, zwei Kinderzimmer und die Küche
nach Süden ausgerichtet; Terrasse und Esszimmer seien gleicher-
massen beiden Seiten zuzuordnen. Deshalb liege die Hauptwohnseite
im Westen. Daraus folge, dass – sofern die Hauptwohnseite des an-
gefochtenen Bauprojekts im Osten als zulässig betrachtet wird – sich
die Hauptwohnseiten der beiden Wohnhäuser gegenüberliegen wür-
den und ein Mindestabstand von 16 m (2 x grosser Grenzabstand von
8 m) zwischen den Fassaden der beiden Gebäude einzuhalten wäre.
Das Bauvorhaben verletze folglich den massgeblichen Gebäudeab-
stand.
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 79/2020), Seite 10/13
Nach Ansicht der Rekursgegnerin ist beim bestehenden Gebäude auf-
grund der Nutzung die Hauptwohnseite im Süden. Schon aus topogra-
phischen Gründen liege diese nicht im Westen. Sei der grosse Grenz-
abstand gegen Süden respektiert, so genüge gegen Westen die Ein-
haltung des kleinen Grenzabstands. Der massgebliche Gebäudeab-
stand entspreche der Summe der kleinen Grenzabstände (2 x kleiner
Grenzabstand von 4 m) und sei eingehalten.
5.1 Nach Art. 57 Abs. 3 BauG ist im Baureglement und gegebenen-
falls in den Überbauungsplänen die Grösse der Gebäudeabstände
festzulegen. Fehlen solche Vorschriften, so ist der Gebäudeabstand
gleich der Summe der für die beiden Gebäude vorgeschriebenen
Grenzabstände. Vorliegend beträgt der kleine Grenzabstand in der
Wohnzone WE 4 m, der grosse Grenzabstand 8 m (Art. 31 BauR).
5.2 Nach dem oben Gesagten, ist beim angefochtenen Bauprojekt
die südliche Gebäudeseite als die für die Einhaltung des grossen
Grenzabstands massgebliche Hauptwohnseite zu betrachten. Zu klä-
ren bleibt nachfolgend einzig, welche Gebäudeseite des Wohnhauses
mit der Versicherungs-Nr. 002 den grossen Grenzabstand einzuhalten
hat bzw. wo sich die längste gegen Süden oder Westen gerichtete
Hauptwohnseite befindet; wobei für die allgemeinen Ausführungen
dazu nach oben verwiesen werden kann.
5.3 Im Erdgeschoss befindet sich auf der Südseite das Esszimmer
sowie die Küche mit Essmöglichkeit. Beide Zimmer haben zwei Fens-
ter. Hinter der Westfassade befindet sich der Wohnraum mit vier Fens-
tern. Wie die Rekurrenten treffend ausführen, ist der Sitzplatz mit Eck-
bank gleichermassen beiden Seiten zuzurechnen. Zu beachten ist hin-
gegen, dass das Gelände vor der Westfassade terrassiert ist, was eine
Nutzung des Vorbereichs erschwert. Im Obergeschoss sind zwei
Schlafzimmer sowie die "Diele" mit je zwei Fenstern nach Süden ge-
richtet. Hingegen ist nur ein Zimmer nach Westen orientiert. Die Länge
beider Seiten ist identisch (11,60 m). In einer Gesamtbetrachtung er-
scheint die Nutzung der Süd- und Westseite im Erdgeschoss mindes-
tens von gleicher Intensität. Hingegen sprechen die topographischen
Gegebenheiten sowie die Anzahl der Fenster im Obergeschoss für die
Annahme, die Hauptwohnseite im Süden festzusetzen. Jedenfalls ist
es nicht angezeigt, in den Entscheid der Vorinstanz, die südliche Ge-
bäudeseite als die für die Einhaltung des grossen Grenzabstands
massgebliche Hauptwohnseite zu betrachten, einzugreifen. Folglich
wird der massgebliche Gebäudeabstand von 8 m (2 x kleiner Grenz-
abstand von 4 m) eingehalten.
6.
Abschliessend rügen die Rekurrenten, der Neubau mit Flachdach
würde nicht in das Baumgartenquartier passen. Es soll verhindert wer-
den, dass die Baum- und Gartenanlage verbaut werden würde.
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 79/2020), Seite 11/13
Die Baubehörde hat die Baubewilligung zu erteilen, wenn alle Regel-
bauvorschriften eingehalten sind. Es sind vorliegend keine anwendba-
ren Bestimmungen erkennbar, die eine grosszügige Gartengestaltung
verlangen würden. Hingegen bringen die Rekurrenten nicht vor, dass
das Bauvorhaben verunstaltend wäre – wobei ohnehin keine Anhalts-
punkte vorliegen, die diese Rüge als einschlägig erscheinen lassen
würden.
7.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die Ausstandspflicht nicht verletzt
wurde und der Grenz- und Gebäudeabstand eingehalten sind. Der Re-
kurs erweist sich deshalb als unbegründet und ist abzuweisen.
8.
8.1 Nach Art. 95 Abs. 1 VRP hat in Streitigkeiten jener Beteiligte die
Kosten zu tragen, dessen Begehren ganz oder teilweise abgewiesen
werden. Die Entscheidgebühr beträgt Fr. 3'000.– (Nr. 20.13.01 des
Gebührentarifs für die Kantons- und Gemeindeverwaltung,
sGS 821.5). Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend sind die
amtlichen Kosten den Rekurrenten zu überbinden.
8.2 Der von C._ am 11. Februar 2020 geleistete Kostenvorschuss
von Fr. 1'800.– ist anzurechnen.
9.
Die Rekurrenten und die Rekursgegnerin stellen ein Begehren um Er-
satz der ausseramtlichen Kosten.
9.1 Im Rekursverfahren werden ausseramtliche Kosten entschädigt,
soweit sie auf Grund der Sach- und Rechtslage notwendig und ange-
messen erscheinen (Art. 98 Abs. 2 VRP). Die ausseramtliche Entschä-
digung wird den am Verfahren Beteiligten nach Obsiegen und Unter-
liegen auferlegt (Art. 98bis VRP). Die Vorschriften der Schweizerischen
Zivilprozessordnung (SR 272) finden sachgemäss Anwendung
(Art. 98ter VRP).
Nicht anwaltlich vertretene Verfahrensbeteiligte haben grundsätzlich
mangels eines besonderen Aufwands keinen Anspruch auf eine aus-
seramtliche Entschädigung (Art. 98ter VRP in Verbindung mit Art. 95
Abs. 3 Bst. c ZPO; vgl. dazu und zum Folgenden: VerwGE B 2013/178
vom 12. Februar 2014 Erw. 4.3 ff., zusammengefasst in: Baudeparte-
ment SG, Juristische Mitteilungen 2014/I/6). Dass ihnen gleichwohl er-
satzfähige Kosten für Umtriebe erwachsen, ist ungewöhnlich und be-
darf deshalb einer besonderen Begründung. Eine Umtriebsentschädi-
gung erfolgt somit nur ausnahmsweise, insbesondere wenn es sich
um eine komplizierte Sache mit hohem Streitwert handelt, wenn der
getätigte Aufwand erheblich ist und zwischen dem betrieblichen Auf-
wand und dem Ergebnis der Interessenwahrung ein vernünftiges Ver-
hältnis besteht. Nicht anwaltlich vertretenen Personen spricht das
Baudepartement lediglich eine Umtriebsentschädigung ohne Bezug-
nahme auf den Anwalts- oder einen anderen Branchentarif zu, und
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 79/2020), Seite 12/13
zwar praxisgemäss in der Höhe von Fr. 300.– bis Fr. 500.– (vgl. auch
hierzu VerwGE B 2013/178 vom 12. Februar 2014 Erw. 5, insbeson-
dere Erw. 5.1 mit Hinweisen).
9.2 Die Rekursgegnerin obsiegt mit ihren Anträgen. Da das Verfah-
ren zudem in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht Schwierigkeiten
bot, die den Beizug eines Rechtsvertreters rechtfertigen, besteht
grundsätzlich Anspruch auf eine ausseramtliche Entschädigung
(Art. 98bis VRP). Weil keine Kostennote vorliegt, ist die ausseramtliche
Entschädigung in Anwendung von Art. 6 in Verbindung mit Art. 22 der
Honorarordnung (sGS 963.75) ermessensweise auf Fr. 2'750.– fest-
zulegen; sie ist von den Rekurrenten zu bezahlen.
Da kein begründeter Antrag um Zusprechung der Mehrwertsteuer ge-
stellt wurde, wird diese aufgrund des per 1. Januar 2019 geänderten
Art. 29 HonO nicht zum Honorar hinzugerechnet.
9.3 Da die Rekurrenten mit ihren Anträgen unterliegen, haben sie
von vornherein keinen Anspruch auf eine ausseramtliche Entschädi-
gung. Ihr Begehren ist deshalb abzuweisen.