Decision ID: 8cba37f8-52f1-58ef-8e59-aa6d5da9d4b8
Year: 2019
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Verfügung vom 27. Oktober 2017 sprach die IV-Stelle für Versicherte
im Ausland IVSTA (nachfolgend: Vorinstanz) A._ (nachfolgend: Ver-
sicherte oder Beschwerdeführerin) eine vom 1. März 2015 bis 30. Septem-
ber 2016 befristete ganze Invalidenrente zu. Die Versicherte liess die 30-
tägige Beschwerdefrist ungenutzt verstreichen (Akten der IV-Stelle des
Kantons Thurgau [nachfolgend: IV-Stelle] gemäss Aktenverzeichnis vom
4. März 2019 [act.] 104).
B.
B.a Nachdem sich die Versicherte mit Formular vom 20. Dezember 2017
erneut zum Leistungsbezug angemeldet hatte, trat die Vorinstanz nach
Durchführung des Vorbescheidverfahrens mit Verfügung vom 25. Septem-
ber 2018 auf das neue Leistungsbegehren nicht ein mit der Begründung,
aus den neu eingereichten Akten könne nicht auf eine wesentliche gesund-
heitliche oder berufliche Veränderung geschlossen werden (act. 106 und
115).
B.b Gegen diese Verfügung erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe
vom 26. Oktober 2018 (Posteingang) Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht mit dem sinngemässen Antrag, die angefochtene Verfügung
sei aufzuheben und es sei auf ihr neues Leistungsbegehren materiell ein-
zutreten (Akten im Beschwerdeverfahren C-6114/2018 [BVGer act., C-
6114/2018]).
B.c Mit Schreiben vom 29. Januar 2019 zog die Beschwerdeführerin, nun-
mehr vertreten durch Rechtsanwältin Stefanie Maag, die Beschwerde vor-
behaltlos zurück (BVGer act. 13, C-6114/2018). Mit Entscheid vom 25. Juli
2019 schrieb das Bundesverwaltungsgericht das Beschwerdeverfahren C-
6114/2018 zufolge Rückzugs der Beschwerde als gegenstandslos gewor-
den ab.
C.
Mit Eingabe vom 29. Januar 2019 erhob die Beschwerdeführerin, weiterhin
vertreten durch Rechtsanwältin Stefanie Maag, gegen die (frühere) Verfü-
gung vom 27. Oktober 2017 Beschwerde mit den Anträgen, es sei die
Rechtsmittelfrist der Verfügung vom 27. Oktober 2017 wiederherzustellen
und es sei diese Verfügung aufzuheben und ihr ab 1. Mai 2014 eine ganze
C-537/2019
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Invalidenrente zuzusprechen. Eventualiter sei die Sache an die Beschwer-
degegnerin zur weiteren medizinischen Abklärung zurückzuweisen, und es
sei danach über den Rentenanspruch neu zu entscheiden. Zur Begrün-
dung ihres Wiederherstellungsbegehrens bringt die Beschwerdeführerin im
Wesentlichen vor, ihr Fristversäumnis sei durch eine unzutreffende Rechts-
auskunft der damals zuständigen Mitarbeiterin der IV-Stelle verursacht
worden. Denn die zuständige Sachbearbeiterin habe sie dahingehend
falsch informiert, dass im konkreten Fall eine Neuanmeldung – und nicht
eine Anfechtung der Verfügung vom 27. Oktober 2017 – das richtige Vor-
gehen sei. Im Vertrauen auf diese Auskunft habe sie von der Anfechtung
der Verfügung vom 27. Oktober 2017 abgesehen und stattdessen eine
Neuanmeldung vorgenommen (Akten im Beschwerdeverfahren [BVGer
act.] 1).
D.
Am 13. Februar 2019 ging der von der Beschwerdeführerin geforderte Kos-
tenvorschuss von Fr. 800.- bei der Gerichtskasse ein (BVGer act. 2 und 4).
E.
Mit Vernehmlassung vom 18. März 2019 stellte die Vorinstanz – unter Ver-
weis auf die Stellungnahme der IV-Stelle vom 13. März 2019 – den Antrag,
es seien das Wiederherstellungsbegehren und die Beschwerde abzuwei-
sen sowie die angefochtene Verfügung zu bestätigen (BVGer act. 6 samt
Beilage).
F.
Mit Zwischenverfügung vom 21. März 2019 stellte der Instruktionsrichter
der Beschwerdeführerin die Eingabe der Vorinstanz vom 18. März 2019
samt der Stellungnahme der IV-Stelle vom 13. März 2019 zu und teilte den
Parteien mit, dass der Schriftwechsel, vorbehältlich weiterer Instruktions-
massnahmen, am 2. April 2019 abgeschlossen werde (BVGer act. 7).
G.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 25. März 2019 stellte die Be-
schwerdeführerin die Anträge, es seien ihr die von der Vorinstanz mit Ver-
nehmlassung vom 18. März 2019 eingereichten Verfahrensakten zur Ein-
sichtnahme zuzustellen und es sei ihr die Gelegenheit zu einer ergänzen-
den Stellungnahme zu gewähren (BVGer act. 8).
C-537/2019
Seite 4
H.
Mit Zwischenverfügung vom 28. März 2019 übermittelte der Instruktions-
richter der Beschwerdeführerin die gesamten Akten und gab ihr Gelegen-
heit, bis zum 29. April 2019 eine ergänzende Stellungnahme zu den Vorak-
ten und zu den Stellungnahmen der Vorinstanz vom 18. März 2019 und der
IV-Stelle vom 13. März 2019 einzureichen (BVGer act. 9).
I.
Mit Stellungnahme ihrer Rechtsvertreterin vom 26. April 2019 hielt die Be-
schwerdeführerin an ihrer bisherigen Argumentation fest und führte zur Be-
gründung ergänzend aus, die IV-Stelle habe ihre Aktenführungspflicht ver-
letzt, indem sie vom massgebenden Telefonat keine Aktennotiz erstellt
habe. Diese Unterlassung sei als Beweisvereitelung zu qualifizieren, wel-
che rechtsprechungsgemäss zu einer Umkehr der Beweislast führen
müsse. Die zuständige Sachbearbeiterin der IV-Stelle sei zudem als Zeu-
gin zu befragen (BVGer act. 10).
J.
Mit Verfügung vom 1. Mai 2019 liess der Instruktionsrichter der Vorinstanz
die Stellungnahme der Rechtsvertreterin vom 26. April 2019 zukommen
und gab ihr Gelegenheit, bis zum 31. Mai 2019 Schlussbemerkungen ein-
zureichen (BVGer act. 11).
K.
Nachdem die Vorinstanz ein Gesuch um Fristerstreckung gestellt hatte
(Eingabe vom 29. Mai 2019; BVGer act. 12), teilte sie dem Bundesverwal-
tungsgericht – unter Verweis auf eine Stellungnahme der IV-Stelle vom
23. Mai 2019 – am 4. Juni 2019 mit, dass sie unter Verzicht auf Schluss-
bemerkungen an ihrem Antrag auf Abweisung der Beschwerde und Bestä-
tigung der angefochtenen Verfügung festhalte (BVGer act. 13 samt Bei-
lage).
L.
Mit Verfügung vom 11. Juni 2019 teilte der Instruktionsrichter den Parteien
mit, dass das von der Vorinstanz gestellte Fristerstreckungsgesuch auf-
grund des Verzichts der Vorinstanz auf Schlussbemerkungen gegen-
standslos geworden sei und der Schriftenwechsel – vorbehältlich weiterer
Instruktionsmassnahmen – abgeschlossen werde (BVGer act. 14).
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Seite 5
M.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien und die eingereichten Beweismit-
tel ist – soweit für die Entscheidfindung erforderlich – in den nachfolgenden
Erwägungen einzugehen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht prüft von Amtes wegen und mit freier Kog-
nition, ob die Prozessvoraussetzungen vorliegen und auf die Beschwerde
einzutreten ist (Art. 7 Abs. 1 VwVG [SR 172.021]; BVGE 2007/6 E. 1 mit
Hinweisen; vgl. auch Urteil des BVGer C-3291/2017, C-3304/2017 vom
18. Oktober 2017 E. 2).
1.1 Bei der Fristwiederherstellung handelt es sich um einen speziellen
Rechtsbehelf, der im Sozialversicherungsverfahren in Art. 41 i.V.m. Art. 60
Abs. 2 ATSG sowie für das Bundesverwaltungsverfahren im Allgemeinen
in 24 Abs. 1 VwVG geregelt ist. Art. 41 ATSG ist dabei in Übereinstimmung
mit Art. 24 Abs. 1 VwVG geschaffen worden. Die zu dieser Bestimmung
entwickelte Praxis hat insoweit auch Bedeutung für das Verständnis von
Art. 41 ATSG (UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, Art. 41 N. 3).
Zuständig für die Behandlung des Wiederherstellungsbegehrens ist jene
Instanz, welche bei Gewährung der Wiederherstellung über die nachge-
holte Parteihandlung respektive Rechtsvorkehr entscheiden muss (PATRI-
CIA EGLI, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar Verwal-
tungsverfahrensgesetz, 2016, Art. 24 N. 6). Nachdem das Bundesverwal-
tungsgericht im Hauptverfahren zuständig ist (vgl. dazu Art. 31, 32 und 33
Bst. d VGG; Art. 69 Abs. 1 Bst. b IVG [SR 831.20]), ist es auch für die Be-
handlung des vorliegenden Fristwiederherstellungsgesuchs zuständig (Ur-
teile des BVGer C-1247/2014 vom 2. April 2014; C-7104/2008 vom 23. De-
zember 2008 E. 1.1). Soweit das Verwaltungsgerichtsgesetz vom 17. Juni
2005 (VGG, SR 173.32) nichts anderes bestimmt, richtet sich das Verfah-
ren gemäss dessen Art. 37 nach dem VwVG.
1.2 Die Beschwerdeführerin ist als Partei durch die angefochtene Verfü-
gung vom 27. Oktober 2017 berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse
an der Wiederherstellung der Frist zur Einreichung der Beschwerde res-
pektive an der Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Die Legitimation
ist damit gegeben (Art. 59 ATSG; vgl. Art. 48 VwVG). Die Beschwerde-
schrift genügt zudem in formeller Hinsicht den gesetzlichen Anforderungen
(Art. 52 Abs. 1 VwVG) und der Kostenvorschuss wurde fristgerecht über-
wiesen.
C-537/2019
Seite 6
1.3 Nachdem die 30-tägige Frist zur Erhebung einer Beschwerde gegen
die Verfügung vom 27. Oktober 2017 abgelaufen ist, ist auf die erst mit
Eingabe vom 29. Januar 2019 erhobene Beschwerde grundsätzlich nicht
einzutreten, es sei denn, die Beschwerdeführerin könne sich auf einen
Grund zur Wiederherstellung der Frist berufen.
1.4 Gemäss Art. 24 Abs. 1 VwVG kann eine unverschuldet versäumte Frist
wiederhergestellt werden, sofern unter Angabe des Grundes innert 30 Ta-
gen nach Wegfall des Hindernisses darum ersucht und die versäumte
Rechtshandlung nachgeholt wird.
Laut Angaben der Beschwerdeführerin erhielt ihre Rechtsvertreterin an-
lässlich eines am 8. Januar 2019 geführten Telefonats von der geltend ge-
machten Auskunft der Sachbearbeiterin der IV-Stelle Kenntnis. Das Frist-
wiederherstellungsgesuch wurde mit Beschwerdeeingabe vom 29. Januar
2019 (Poststempel) beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht. Am
29. Januar 2019, und damit innerhalb der 30-tägigen Frist, wurde zudem
die versäumte Rechtshandlung (Einreichung der Beschwerde) nachgeholt.
Auf das Fristwiederherstellungsgesuch ist somit einzutreten.
2.
Im Folgenden gilt es zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin im Sinne von
Art. 41 ATSG beziehungsweise Art. 24 Abs. 1 VwVG unverschuldet davon
abgehalten worden sei, innert Frist zu handeln.
2.1 Die Rechtsprechung zur Wiederherstellung der Frist ist allgemein sehr
restriktiv (vgl. ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, Pro-
zessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 2.139 mit
Hinweisen auf die Praxis). Als unverschuldete Hindernisse gelten etwa Na-
turkatastrophen, obligatorischer Militärdienst oder schwerwiegende Er-
krankung, nicht aber organisatorische Unzulänglichkeiten, Arbeitsüberlas-
tung, Ferienabwesenheit oder Unkenntnis der gesetzlichen Vorschriften
(STEPHAN VOGEL, in: Auer/Müller/Schindler, 2. Aufl. 2019, Art. 24 N 10).
Überdies können auch subjektive Umstände eine Wiederherstellung recht-
fertigen. Vorwerfbar ist in diesen Fällen eine Säumnis, wenn es der Pflich-
tige an der zumutbaren Aufmerksamkeit hat fehlen lassen. Im Interesse der
Rechtssicherheit und eines geordneten Verfahrens darf ein Hinderungs-
grund nicht leichthin angenommen werden. Als unverschuldet im Sinne von
Art. 24 Abs. 1 VwVG kann ein Versäumnis nur dann gelten, wenn dafür
objektive Gründe vorliegen und der Partei respektive der Vertretung keine
Nachlässigkeit vorgeworfen werden kann. Als erheblich sind mit anderen
C-537/2019
Seite 7
Worten nur solche Gründe zu betrachten, welche der Partei auch bei Auf-
wendung der üblichen Sorgfalt die Wahrung ihrer Interessen verunmöglicht
oder unzumutbar erschwert hätten (MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O.,
Rz. 2.140 ff. mit Hinweisen).
2.2
2.2.1 Im Beschwerdeverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht ist der
rechtserhebliche Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen. Das Gericht
ist demnach nicht an die Beweisanträge der Parteien gebunden. Der Un-
tersuchungsgrundsatz gilt jedoch nicht uneingeschränkt, sondern ist ein-
gebunden in den Verfügungsgrundsatz, das Erfordernis der Begründung
einer Rechtsschrift (Art. 52 Abs. 1 VwVG), die objektive Beweislast sowie
in die Regeln der Sachabklärung und Beweiserhebung mit richterlichen
Obliegenheiten und Mitwirkungspflichten der Parteien. Es verhält sich da-
bei so, dass die Verfahrensbeteiligten die mit der Sache befasste Instanz in
ihrer aktiven Rolle zu unterstützen haben, indem sie das ihrige zur Ermitt-
lung des Sachverhaltes beitragen, unabhängig von der Geltung des Unter-
suchungsgrundsatzes (MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 1.49).
Die Beschwerdeinstanz ist jedenfalls nicht verpflichtet, über die tatsächli-
chen Vorbringen der Parteien hinaus den Sachverhalt vollkommen neu zu
erforschen (BGE 122 V 157 E. 1a; BGE 121 V 204 E. 6c; BVGE 2007/27
E. 3.3; vgl. Urteil des BVGer A-1746/2016 vom 17. Januar 2017 E. 1.4;
MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 1.52).
2.2.2 Nach dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung bildet sich das
Bundesverwaltungsgericht unvoreingenommen, gewissenhaft und sorgfäl-
tig seine Meinung darüber, ob der zu erstellende Sachverhalt als wahr zu
gelten hat. Es ist dabei nicht an bestimmte förmliche Beweisregeln gebun-
den, die genau vorschreiben, wie ein gültiger Beweis zu Stande kommt und
welchen Beweiswert die einzelnen Beweismittel im Verhältnis zueinander
haben (vgl. BGE 130 II 482 E. 3.2; vgl. Urteil des BVGer A-6660/2011 vom
29. Mai 2012 E. 4.2.1; MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 3.140).
Gelangt das Gericht gestützt auf die freie Beweiswürdigung nicht zum Er-
gebnis, dass sich ein rechtserheblicher Sachumstand verwirklicht hat,
kommen die Beweislastregeln zur Anwendung. Gemäss der allgemeinen
Beweislastregel hat, wo das Gesetz es nicht anders bestimmt, dieje-
nige Person das Vorhandensein einer behaupteten Tatsache zu bewei-
sen, die aus ihr Rechte ableitet (Art. 8 ZGB). Bei Beweislosigkeit ist folglich
zu Ungunsten derjenigen Person zu entscheiden, welche die Beweislast
trägt (vgl. Urteile des BVGer A-1746/2016 vom 17. Januar 2017 E. 1.5.2
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Seite 8
und A-3119/2014 vom 27. Oktober 2014 E. 2.5; MOSER/BEUSCH/KNEUBÜH-
LER, a.a.O., Rz. 3.149 ff.).
2.3
2.3.1 Die Beschwerdeführerin macht zur Begründung ihres Wiederherstel-
lungsbegehrens geltend, sie treffe kein Verschulden, weil ihr die zuständige
Sachbearbeiterin die falsche Auskunft erteilt habe, dass eine Neuanmel-
dung – und nicht eine Anfechtung der Verfügung vom 27. Oktober 2017 –
unter den gegebenen Umständen das richtige Vorgehen sei.
2.3.2 Dagegen wendet die Vorinstanz unter Verweis auf die Stellungnahme
der IV-Stelle ein, entgegen der Behauptung der Beschwerdeführerin treffe
es nicht zu, dass die damals fallführende Sachbearbeiterin der IV-Stelle
eine unrichtige Auskunft zu den Erfolgschancen einer Anfechtung der Ver-
fügung vom 27. Oktober 2017 erteilt habe. Selbst wenn die falsche Aus-
kunft erteilt worden wäre, was bestritten werde, wäre der Beschwerdefüh-
rerin das Versäumnis als erhebliches Verschulden vorzuwerfen, da die Ver-
fügung eine korrekte Rechtsmittelbelehrung enthalte, deren Lektüre und
Verständnis ihr ohne Weiteres möglich und zumutbar gewesen wäre
(BVGer act. 6 samt Beilage).
2.4
2.4.1 Die Grundrechtsgarantie, von den staatlichen Organen nach Treu
und Glauben behandelt zu werden, wird durch Art. 9 der Bundesverfas-
sung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV;
SR 101) gewährleistet. Der Grundsatz von Treu und Glauben (Art. 9 BV)
umfasst den Anspruch auf Schutz berechtigten Vertrauens in Zusicherun-
gen oder sonstiges, bestimmte Erwartungen begründendes Verhalten der
Behörden, sofern sich dieses auf eine konkrete, den betreffenden Bürger
berührende Angelegenheit bezieht (BGE 130 I 26 E. 8.1 mit Hinweisen,
BGE 127 II 49 E. 5a; Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts
[EVG] H 157/04 vom 14. Dezember 2004 E. 3.3.1 mit Hinweisen).
2.4.2 Der Vertrauensgrundsatz verlangt unter anderem, dass falsche be-
hördliche Auskünfte bindend sind, wenn folgende Voraussetzungen kumu-
lativ erfüllt sind:
– Die Behörde hat in einer konkreten Situation mit Bezug auf bestimmte
Personen gehandelt (1);
C-537/2019
Seite 9
– sie war für die Erteilung der betreffenden Auskunft zuständig oder der
Bürger respektive die Bürgerin durfte die Behörde aus zureichenden
Gründen als zuständig betrachten (2);
– die Auskunft wurde von der Behörde vorbehaltlos erteilt (3);
– der Bürger oder die Bürgerin konnte die Unrichtigkeit der Auskunft nicht
ohne Weiteres erkennen (4);
– im Vertrauen auf die Richtigkeit der Auskunft werden Dispositionen ge-
troffen, die nicht ohne Nachteil rückgängig gemacht oder nachgeholt
werden können (5) und
– die gesetzliche Ordnung hat seit der Auskunftserteilung keine Ände-
rung erfahren ([6]; vgl. BGE 131 V 472 E. 5, BGE 127 I 31 E. 3a).
Der Grundsatz des Vertrauensschutzes gilt nicht nur dann, wenn der Bür-
ger oder die Bürgerin Dispositionen getroffen hat, die nicht ohne Nachteil
rückgängig gemacht werden können, sondern auch dann, wenn er oder sie
im Vertrauen auf die Richtigkeit der behördlichen Auskunft oder Anordnung
unterlassen hat, Dispositionen zu treffen, die nicht mit dem früher mögli-
chen Erfolg nachgeholt werden können (BGE 121 V 67 E. 6b mit Hinwei-
sen).
Der im öffentlichen Recht aus dem Grundsatz von Treu und Glauben her-
geleitete Vertrauensschutz ruft darüber hinaus in jedem Falle nach einer
Abwägung der widerstreitenden Interessen in dem Sinne, dass selbst bei
gegebenen Voraussetzungen dem Vertrauensschutz nur zum Durchbruch
verholfen werden kann, wenn ihm keine öffentlichen Interessen entgegen-
stehen. Daher lässt das öffentliche Recht die Berufung der betroffenen Per-
son auf den guten Glauben über den Vertrauensschutz grundsätzlich glo-
bal zu, wobei die erforderliche Interessenabwägung erst im Anwendungs-
fall vorzunehmen ist (BGE 120 V 319 E. 8d/bb mit Hinweisen). Auch wenn
die Voraussetzungen für den Schutz des Vertrauens der Privaten in eine
unrichtige Auskunft erfüllt sind, bleibt somit abzuwägen, ob das öffentliche
Interesse an der richtigen Rechtsanwendung dennoch dem Vertrauens-
schutz vorzugehen hat (BGE 114 Ia 209 E. 3c; ULRICH HÄFELIN/GEORG
MÜLLER/FELIX UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016,
Rz. 668 ff.; BEATRICE WEBER-DÜRLER, Vertrauensschutz im Öffentlichen
Recht, 1983, S. 79 ff., 128 ff.).
C-537/2019
Seite 10
2.5
2.5.1 Vorliegend stellt sich die Frage, ob der Beschwerdeführerin ein vor-
werfbares Verhalten anzulasten ist, wenn sie die Frist zur Erhebung der
Beschwerde ungenutzt hat verstreichen lassen.
2.5.2 Die von der Beschwerdeführerin geltend gemachte Falschauskunft
wird von der Vorinstanz und der IV-Stelle bestritten (BVGer act. 6 samt
Beilage). Im konkreten Fall fällt auf, dass die behauptete Auskunft nicht
näher substanziiert wird. Es fehlen Angaben zum genauen Zeitpunkt, zur
Dauer dieses Telefonates sowie insbesondere substanziierte Details zum
Inhalt und exakten Wortlaut des behaupteten Telefongesprächs. Dass die
Beschwerdeführerin mit einer Sachbearbeiterin der IV-Stelle telefoniert hat,
ist zwar nicht von vornherein ausgeschlossen. Ob das Gespräch allerdings
den behaupteten Inhalt aufgewiesen hat, lässt sich mit Blick auf die verstri-
chene Zeit – namentlich unter Berücksichtigung der vorliegenden Akten –
nicht mehr feststellen. Eine vom Gesetz abweichende Behandlung eines
Rechtsuchenden als Folge des Vertrauensschutzes kann nur in Betracht
fallen, wenn die Voraussetzungen des Vertrauensschutzes klar und ein-
deutig erfüllt sind. In Bezug auf mündliche und namentlich telefonische Zu-
sicherungen und Auskünfte hat die Rechtsprechung erkannt, dass die
blosse, unbelegte Behauptung einer telefonischen Auskunft oder Zusage
nicht genügt, um einen Anspruch aus dem Grundsatz des Vertrauensschut-
zes zu begründen (BGE 143 V 341 E. 5.3.1; Urteil des BGer 8F_6/2013
vom 25. Juni 2013 E. 2; Urteile des BVGer A-5832/2016 vom 18. April 2017
E. 3.1.2; C-1147/2014 vom 21. Dezember 2016 E. 6.2).
Hinzu kommt, dass rechtsprechungsgemäss selbst mündlich oder telefo-
nisch eingeholte und in einer Aktennotiz festgehaltene Auskünfte nur inso-
weit eine taugliche Beweisgrundlage bilden, als damit blosse Nebenpunkte
oder Hilfstatsachen festgestellt werden (ULRICH MEYER/MARCO REICH-
MUTH, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG, 3. Aufl. 2014,
Art. 28a N. 217, Art. 53 - 57 N 13; Urteil des BGer 8C_67/2010 vom 8. Juni
2010 E. 6.5; Urteile des EVG I 152/02 vom 15. Januar 2003 E. 5 und
C 129/00 vom 30. August 2000 E. 3, je mit Hinweisen). Die von der Be-
schwerdeführerin geltend gemachte Falschauskunft betrifft demgegenüber
einen wesentlichen Punkt des Sachverhaltes, so dass einer entsprechen-
den Aktennotiz auch die notwendige Beweiseignung fehlen würde.
2.5.3 Mit Blick auf diese Rechtsprechung kann die Beschwerdeführerin aus
der von ihr behaupteten, nicht belegten Falschauskunft nichts zu ihren
C-537/2019
Seite 11
Gunsten ableiten. Insbesondere ist vorliegend nicht nachgewiesen, dass
sie durch eine Falschauskunft der Behörde von der rechtzeitigen Erhebung
einer Beschwerde gegen die Verfügung vom 27. Oktober 2017 abgehalten
worden wäre.
2.5.4 Gelangt das Gericht gestützt auf die freie Beweiswürdigung zum Er-
gebnis, dass ein behaupteter rechtserheblicher Sachumstand nicht nach-
gewiesen ist, kommen die Beweislastregeln zur Anwendung (vgl. E. 2.2.2
hievor). Nachdem die Beschwerdeführerin aus der von ihr behaupteten Tat-
sache des Erhalts einer Falschauskunft Rechte ableiten will, trägt sie die
Beweislast. Entsprechend wäre es an ihr (gewesen), den Erhalt und Inhalt
der behaupteten Falschauskunft nachzuweisen. Einen solchen Nachweis
ist sie indes schuldig geblieben, weshalb in diesem Punkt zu ihren Unguns-
ten zu entscheiden ist. Entgegen ihrer Argumentation führt das Fehlen ei-
ner Aktennotiz über eine behauptete telefonische Besprechung auch nicht
zu einer Umkehr der Beweislast.
2.5.5 Dass sie als Folge des geltend gemachten Telefongesprächs von der
rechtzeitigen Beschwerdeerhebung abgehalten worden sein soll, ist dem-
nach nicht nachgewiesen. Die von der Beschwerdeführerin beantragte
Partei- respektive Zeugenbefragung ist – nicht zuletzt mit Blick auf die in-
zwischen verstrichene Zeit – nicht geeignet, über den Wortlaut des geltend
gemachten Telefongesprächs einen rechtsgenüglichen Beweis zu erbrin-
gen. In Anbetracht des Zeitablaufs ist zu berücksichtigen, dass das
menschliche Erinnerungsvermögen vor allem mit Bezug auf Einzelheiten
eines Geschehens relativ rasch verblasst (Urteil des EVG U 26/00 vom
26. Januar 2001 E. 3b). Von den beantragten ergänzenden Beweiserhe-
bungen sind keine wesentlichen neuen Erkenntnisse zu erwarten, so dass
in antizipierter Beweiswürdigung (vgl. dazu BGE 136 I 229 E. 5.3 S. 236;
134 I 140 E. 5.3 S. 148; 131 I 153 E. 3 S. 157; Urteile des BGer
9C_847/2017 vom 31. Mai 2018 E. 5.1; 2C_408/2017 vom 12. Februar
2018 E. 3.2) davon abzusehen ist.
2.5.6 Aufgrund dieser Sachlage ist nicht mit dem Beweisgrad der überwie-
genden Wahrscheinlichkeit erstellt, dass die Beschwerdeführerin durch ein
Fehlverhalten respektive eine Falschauskunft der Sachbearbeiterin der IV-
Stelle von der rechtzeitigen Beschwerdeerhebung abgehalten worden ist.
2.6 Nach dem Gesagten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass der Beschwerdeführerin die Nichteinhaltung der Beschwer-
defrist als erhebliches Verschulden anzulasten ist und sie den Eintritt der
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C-537/2019
Seite 12
Säumnisfolgen demnach zu verantworten hat. Das Fristwiederherstel-
lungsgesuch erweist sich somit als unbegründet und ist deshalb abzuwei-
sen. Demnach ist auf die Beschwerde im Verfahren C-537/2019 nicht ein-
zutreten.
3.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Gesuch um Wiederherstel-
lung der Beschwerdefrist – mit Blick auf das nicht als leicht zu bewertende
Verschulden der Beschwerdeführerin – als unbegründet abzuweisen und
auf die offensichtlich verspätet eingereichte Beschwerde vom 29. Januar
2019 nicht einzutreten ist.
4.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und eine allfällige Parteient-
schädigung.
4.1 Die Verfahrenskosten können ganz oder teilweise erlassen werden,
wenn – wie vorliegend – Gründe in der Sache oder in der Person der Partei
es als unverhältnismässig erscheinen lassen, diese der Partei aufzuerle-
gen (Art. 6 Bst. b des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]; Urteil des BGer 2A.191/2005 vom 2. September 2005 E. 2.2
mit Hinweisen).
4.2 Der obsiegenden Partei kann von Amtes wegen oder auf Begehren
eine Entschädigung für ihr erwachsene notwendige und verhältnismässig
hohe Kosten zugesprochen werden (Art. 64 Abs. 1 VwVG). Als Bundesbe-
hörde hat die obsiegende Vorinstanz jedoch keinen Anspruch auf eine Par-
teientschädigung (Art. 7 Abs. 3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Der unterliegenden Beschwerdeführerin ist ent-
sprechend dem Verfahrensausgang keine Parteientschädigung zuzuspre-
chen (Art. 64 Abs. 1 VwVG).
(Für das Urteilsdispositiv wird auf die nächste Seite verwiesen).
C-537/2019
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