Decision ID: 35e4b9af-cc48-4caa-92c7-0001e3af871d
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 17.03.2020 Art. 43 Abs. 1 ATSG. Willkürliche, aber vom BGer zu verantwortende Anwendung der Kalenderjahr-Praxis für einen einzigen von über 10'000 per 1. Jan. 2017 revidierten Fälle. Zwingende Notwendigkeit einer umfassenden Sachverhaltsabklärung analog einer erstmaligen EL-Zusprache. Höhe der anrechenbaren Tagespauschale für Kinder in einer Pflegefamilie. Koordination der Ergänzungsleistung mit Sozialhilfeleistungen (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kanton St. Gallen vom 17. März 2020, EL 2019/67). Aufgehoben durch Urteil des Bundesgerichts 9C_237/2020.
Entscheid vom 17. März 2020
Besetzung
Präsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und Karin Huber-
Studerus; Gerichtsschreiber Tobias Bolt
Geschäftsnr.
EL 2019/67
Parteien
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt Thomas Stark, Hauptstrasse 59, 9113 Degersheim,
gegen
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Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, EL-Durchführungsstelle,
Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
Gegenstand
Ergänzungsleistung zur IV (Pflegefamilie-Finanzierung)
Sachverhalt
A.
Die Mutter von A._ bezog Ergänzungsleistungen zu einer Rente der
Invalidenversicherung (vgl. EL-act. 29–5). Im Januar 2016 wurde der bei einer
Pflegefamilie lebende A._ zum Bezug von Ergänzungsleistungen angemeldet (EL-act.
29). Am 28. Mai 2016 verfügte die EL-Durchführungsstelle mit Wirkung ab dem 1. Mai
2016 eine für A._ gesondert berechnete, formal der Mutter zustehende
Ergänzungsleistung von 1’002 Franken pro Monat (EL-act. 14). Bei der
Anspruchsberechnung hatte sie die kantonale Durchschnittsprämie für die
obligatorische Krankenpflegeversicherung, die maximale Tagestaxe für den
Heimaufenthalt (12’045 Franken = 365 × 33 Franken) sowie die Pauschale für die
persönlichen Auslagen als Ausgaben und die Kinderrente zur Invalidenrente der Mutter
sowie einen geringfügigen Vermögensertrag als Einnahme berücksichtigt (EL-act. 15).
In der Verfügungsbegründung hatte sie ausgeführt, gemäss dem Art. 1b Abs. 2 der
kantonalen Verordnung über die nach dem ELG anrechenbaren Tagespauschalen sei
bei einem Aufenthalt in einer anerkannten Pflegefamilie von Kindern, die einen
Anspruch auf eine Kinderrente begründeten, die anrechenbare Tagespauschale auf den
im Art. 11 Abs. 1 AHVV enthaltenen Ansatz für Verpflegung und Unterkunft (33 Franken)
begrenzt. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in formelle Rechtskraft.
A.a.
Mit einer Verfügung vom 19. Dezember 2016 erhöhte die EL-Durchführungsstelle
die laufende Ergänzungsleistung mit Wirkung ab dem 1. Januar 2017 auf 1’008
Franken pro Monat (EL-act. 11). Die Anspruchsberechnung (EL-act. 10) entsprach
abgesehen von einer leicht höheren kantonalen Durchschnittsprämie für die
A.b.
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B.
obligatorische Krankenpflegeversicherung jener zur Verfügung vom 28. Mai 2016. Am
10. Januar 2017 liess A._ eine Einsprache gegen diese Verfügung erheben (EL-act.
7). Seine Beiständin beantragte die Anrechnung der vollen Kosten der Pflegefamilie.
Zur Begründung führte sie an, die Ergänzungsleistungen müssten auch bei einem
Heimaufenthalt oder bei einem Aufenthalt bei einer bewilligten Pflegefamilie
sicherstellen, dass keine finanzielle Sozialhilfeabhängigkeit eintrete. Mit einem
Entscheid vom 9. März 2017 wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprache ab (EL-
act. 4). Zur Begründung führte sie aus, A._ befinde sich nicht in einem Pflegeheim,
weshalb er kantonalrechtlich keinen Anspruch auf eine Bewahrung vor einer
Sozialhilfeabhängigkeit habe. Die Anrechnung einer Tagestaxe von 33 Franken sei
folglich rechtmässig.
Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen wies eine gegen den
Einspracheentscheid vom 9. März 2017 erhobene Beschwerde mit einem Urteil vom
27. Juni 2019 ab (EL 2017/15). Zur Begründung führte es aus, bei der Verfügung vom
19. Dezember 2016 habe es sich ganz offensichtlich um eine gewöhnliche
Revisionsverfügung im Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG gehandelt, deren Inhalt sich
allein darauf beschränkt habe, die laufende Ergänzungsleistung mit Wirkung ab dem 1.
Januar 2017 an eine Erhöhung der kantonalen Durchschnittsprämie für die
obligatorische Krankenpflegeversicherung anzupassen. Die Verfügung enthalte nicht
einen einzigen Hinweis darauf, dass die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin) die sogenannte „Kalenderjahr-Praxis“ des Bundesgerichtes
angewendet hätte. Im Übrigen entspreche es der ständigen Praxis der
Beschwerdegegnerin, die „Kalenderjahr-Praxis“ nicht anzuwenden. Ganz offensichtlich
würde es gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz verstossen, wenn die
Beschwerdegegnerin in einem Einzelfall entgegen ihrer eigenen ständigen Praxis eine
Verfügung in Anwendung der „Kalenderjahr-Praxis“ erlassen würde. Mit ihrer aus nicht
nachvollziehbaren Gründen vorgenommenen Umdeutung der Revisionsverfügung vom
19. Dezember 2016 im Einspracheverfahren habe die Beschwerdegegnerin den Inhalt
der Revisionsverfügung vom 19. Dezember 2016 komplett ausgewechselt. Dieses
Vorgehen müsse als rechtsmissbräuchlich und wegen der damit verbundenen
Verletzung des Gleichbehandlungsgebotes als verfassungswidrig qualifiziert werden.
B.a.
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Erwägungen
1.
Gemäss dem formell rechtskräftigen und damit verbindlichen Urteil des
Bundesgerichtes 9C_541/2019 vom 7. Oktober 2019 ist es zulässig gewesen, die
Revisionsverfügung vom 19. Dezember 2016 durch einen „Kalenderjahr“-
Einspracheentscheid zu ersetzen, auch wenn damit eine durch nichts zu
rechtfertigende Besserstellung des Beschwerdeführers gegenüber all jenen EL-
Bezügern verbunden ist, die von der Beschwerdegegnerin – der Verwaltungspraxis
entsprechend – per 1. Januar 2017 eine Revisionsverfügung gemäss Art. 17 Abs. 2
ATSG erhalten haben, die also keine Gelegenheit erhalten haben, früher begangene
Fehler zu rügen und gegebenenfalls korrigiert zu sehen. Das Urteil des Bundesgerichts
kann nur so interpretiert werden, dass im entsprechenden Einspracheverfahren
keinerlei Bindung an frühere Verfügungen bestanden haben soll und dass die
Beschwerdegegnerin die Ergänzungsleistung im Einspracheentscheid vom 9. März
2017 folglich wie bei einer erstmaligen Zusprache einer Ergänzungsleistung vollständig
neu hätte zusprechen müssen. Selbstverständlich hätte dieser vollständigen
Neufestsetzung der Ergänzungsleistung ohne jede Bindung an frühere Verfügungen in
Nachachtung des Untersuchungsgrundsatzes eine umfassende Ermittlung des
Daran ändere das Urteil des Bundesgerichtes 9C_480/2018 vom 30. Januar 2019 in
einem ähnlich gelagerten Fall nichts, denn das Bundesgericht habe in jenem Fall
offensichtlich übersehen, dass die Beschwerdegegnerin – wie hier – eine ganz
gewöhnliche Revisionsverfügung nachträglich in einer rechtsmissbräuchlichen Weise
umgedeutet habe. Zudem könne das Bundesgericht nicht wissen, dass die
Beschwerdegegnerin die „Kalenderjahr-Praxis“ konsequent nicht anwende.
Mit einem Urteil vom 7. Oktober 2019 (9C_541/2019) hob das Bundesgericht den
Entscheid EL 2017/15 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 27. Juni 2019 auf. Es
hielt fest, wenn man die Argumentation des Versicherungsgerichtes des Kantons St.
Gallen zu Ende denken würde, hätte A._ (nachfolgend: der Beschwerdeführer) den
Erlass einer separaten Verfügung verlangen müssen mit dem Hinweis, er bestreite die
Berechnungsposition „Tagestaxe“, was offensichtlich sinnlos gewesen wäre. Das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen müsse die Höhe der beanstandeten
Tagestaxe prüfen und danach über die jährliche Ergänzungsleistung für den
Beschwerdeführer ab dem 1. Januar 2017 neu entscheiden. Dafür sei die Sache an das
St. Galler Versicherungsgericht zurückzuweisen.
B.b.
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gesamten für den EL-Anspruch ab 1. Januar 2017 massgebenden Sachverhaltes
vorausgehen müssen. Der Gegenstand des Einspracheverfahrens hätte also – nach der
Auffassung des Bundesgerichts – jenem eines Verwaltungsverfahrens mit dem Ziel der
erstmaligen Zusprache einer Ergänzungsleistung per 1. Januar 2017 entsprechen
müssen. Demnach hätte die Beschwerdegegnerin zwingend umfassende Abklärungen
zu jeder in Frage kommenden Ausgaben- und Einnahmenposition tätigen müssen.
Tatsächlich hat die Beschwerdegegnerin die Ergänzungsleistung im
Einspracheverfahren ohne jede Sachverhaltsabklärung neu festgesetzt. Das muss als
grobe Verletzung der Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) qualifiziert werden. Es
kann offensichtlich nicht der Inhalt des erstinstanzlichen Beschwerdeverfahrens sein,
jene Abklärungen nachzuholen, welche die Beschwerdegegnerin in rechtswidriger
Weise unterlassen hat, denn die originäre Sachverhaltsabklärung kann nur die Aufgabe
der Beschwerdegegnerin und nicht diejenige der Beschwerdeinstanz sein. Die Sache
muss deshalb zur umfassenden Sachverhaltsabklärung per 1. Januar 2017 an die
Beschwerdegegnerin zurückgewiesen werden. Diese wird den Beschwerdeführer
auffordern, ein detailliertes Gesuchsformular, wie es für die erstmalige Zusprache einer
Ergänzungsleistung zur Anwendung gelangt, auszufüllen und die Belege einzureichen,
die erforderlich sind, um sämtliche massgebende Ausgaben- und Einnahmenpositionen
per 1. Januar 2017 zu ermitteln. Wenn nötig wird die Beschwerdegegnerin
anschliessend weitere Abklärungen tätigen, bis der gesamte massgebende Sachverhalt
per 1. Januar 2017 abschliessend ermittelt sein wird. Dann wird die
Beschwerdegegnerin über den EL-Anspruch des Beschwerdeführers ab dem 1. Januar
2017 neu entscheiden, wie wenn sie dem Beschwerdeführer erstmals eine
Ergänzungsleistung zusprechen würde. Da die Beschwerdegegnerin den Gegenstand
des Verfahrens erst im Einspracheverfahren von einer Revision im Sinne des Art. 17
Abs. 2 ATSG in eine erstmalige Leistungszusprache per 1. Januar 2017 „verwandelt“
hat, kann die Sache nicht zur Durchführung eines mit einer Verfügung
abzuschliessenden Verwaltungsverfahrens an die Beschwerdegegnerin
zurückgewiesen werden. Vielmehr wird die Beschwerdegegnerin die erforderlichen
Abklärungen im Rahmen des wieder aufzunehmenden, vom Beschwerdeführer am 10.
Januar 2017 angestossenen Einspracheverfahrens vornehmen und dann einen neuen
Einspracheentscheid erlassen.
2.
In Anwendung des Art. 56 Abs. 2 VRP wird die Beschwerdegegnerin für das
wieder aufzunehmende Einspracheverfahren hiermit verbindlich angewiesen, die
folgenden Grundsätze bezüglich der anrechenbaren Tagestaxe zu berücksichtigen:
2.1.
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Die Anrechnung einer Tagestaxe von 33 Franken ist eine verkürzte Darstellung,
denn selbstverständlich ist auf jeden Fall die gesamte Tagestaxe als Ausgabe
anzurechnen, die sich gemäss dem Pflegevertrag vom 19. Mai 2016 (EL-act. 19) auf
200 Franken zu belaufen scheint. Nur stellt sich die Frage, ob dieser Ausgabenposition
eine Einnahmenposition – nämlich eine kantonale Leistung zur
Pflegeplatzmitfinanzierung – gegenübersteht, die so hoch ist, dass letztlich nur noch
ein ungedeckter Teilbetrag von 33 Franken als „Netto“-Ausgabe verbleibt. Der Streit
um die Höhe der anrechenbare Tagestaxe dreht sich also bei genauer Betrachtung
nicht um die anrechenbare Tagestaxe selbst, sondern vielmehr um die Frage, ob dieser
Ausgabenposition eine korrespondierende anrechenbare Einnahme gegenübersteht,
worauf nachfolgend eingegangen wird. Allerdings steht hier auch noch nicht mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass sich die
massgebende Tagestaxe wirklich auf 200 Franken belaufen hat, denn in diesem
Betrag, der im Pflegevertrag vom 19. Mai 2016 erwähnt wird, könnten Ausgaben für die
professionelle Begleitung der Pflegefamilie enthalten gewesen sein, die unter
Umständen nicht zur massgebenden Tagestaxe gehören würden. Die
Beschwerdegegnerin wird also abzuklären haben, wie hoch die anrechenbare
Tagestaxe im hier massgebenden Zeitraum effektiv gewesen ist.
2.2.
Für die Beantwortung der Frage, ob eine allfällige Einnahmequelle existiert, die der
anrechenbaren Tagestaxe bei der EL-Anspruchsberechnung gegenüberstünde, ist die
kantonalrechtliche Regelung massgebend. Der Art. 1b Abs. 2 der St. Galler Verordnung
über die nach dem St. Galler Ergänzungsleistungsgesetz anrechenbare
Tagespauschale (sGS 351.52) beruht offenbar auf dem Gedanken, dass sich der
Anspruch eines Kindes auf eine Betreuung in einer Pflegefamilie in erster Linie gegen
die unterhaltspflichtigen Eltern richtet (vgl. Art. 276 Abs. 1 ZGB) und dass sich daran
auch dann nichts ändert, wenn dieser Unterhaltsanspruch auf das Gemeinwesen
übergeht (vgl. Art. 289 ZGB), weil der Unterhaltsanspruch zivilrechtlicher Natur bleibt
und sich nicht in eine Leistung der – finanziellen oder betreuenden – Sozialhilfe
verwandelt, weshalb er auch nicht der Rückerstattungspflicht gemäss dem Art. 18 Abs.
1 des St. Galler Sozialhilfegesetzes (sGS 381.1; entspricht dem Art. 18 Abs. 2 des
Sozialhilfegesetzes in der bis zum 31. Dezember 2017 gültigen Fassung) unterliegt (vgl.
dazu auch den Entscheid III-2007/2 der Verwaltungsrekurskommission vom 4. April
2008). Das ist in der seit dem 1. Januar 2018 gültigen Fassung des Sozialhilfegesetzes
nun explizit so vorgesehen (Art. 18 Abs. 1 lit. c SHG). Gemäss dem am 1. Januar
2020 in Kraft getretenen Art. 4 Abs. 1 der Verordnung über die Unterbringung von
Minderjährigen (sGS 381.21) werden die Kosten für die Unterkunft und Verpflegung von
Minderjährigen in Pflegefamilien einheitlich für alle Altersstufen in Anwendung des Art.
2.3.
bis
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11 Abs. 1 AHVV (derzeit 33 Franken pro Tag) festgesetzt; diese Kosten sind als Beitrag
von den unterhaltspflichtigen Eltern zu vergüten (vgl. Art. 8 der Verordnung über die
Unterbringung von Minderjährigen). Die weiteren Kosten für die Betreuung sind gemäss
dem Sozialhilfegesetz durch das Gemeinwesen zu tragen, das das Pflegegeld direkt
den Pflegeeltern bezahlt. Da die Eltern also gemäss der geltenden sozialhilferechtlichen
Regelung lediglich verpflichtet sind, die Unterkunfts- und Verpflegungspauschale zu
bezahlen, sieht der Art. 1b Abs. 2 der Verordnung über die nach dem
Ergänzungsleistungsgesetz anrechenbare Tagespauschale – insofern folgerichtig – vor,
dass bei einem EL-Bezug der Eltern nur diese Unterkunfts- und Verpflegungspauschale
als EL-anerkannte Ausgabe angerechnet werden darf.
Obwohl diese gesetzliche Konzeption auf den ersten Blick schlüssig und
nachvollziehbar erscheint, hält sie einer kritischen Würdigung nicht stand, denn die
gemäss dem St. Galler Sozialhilfegesetz in „stellvertretender“ Erfüllung der elterlichen
Unterhaltspflicht ausgerichteten Leistungen für die Unterbringung von Minderjährigen
in einer Pflegefamilie lassen sich keiner der im Art. 11 Abs. 1 ELG genannten
Einahmenpositionen zuordnen. Diese Leistungen sind offensichtlich keine
Versicherungsleistungen, weshalb sie nicht unter den Art. 11 Abs. 1 lit. d ELG
subsumiert werden können, der die Anrechnung von Renten, Pensionen oder anderen
wiederkehrenden Versicherungsleistungen (insbesondere Taggeldleistungen) vorsieht.
Man könnte sich zwar auf den Standpunkt stellen, dass es sich um familienrechtliche
Unterhaltsbeiträge im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. h ELG handle, weil diese Leistungen
ihre Grundlage im ZGB finden. Aber dem ist entgegen zu halten, dass sich diese
Leistungen wesensmässig in Sozialhilfeleistungen im Sinne des Art. 11 Abs. 3 lit. b ELG
oder aber in Leistungen mit einem ausgesprochenen Fürsorgecharakter im Sinne des
Art. 11 Abs. 3 lit. c ELG verwandeln, sobald die Sozialhilfe bei einer finanziellen Notlage
der an sich unterstützungspflichtigen Eltern „einspringen“ muss. Etwas anderes gälte
nur, wenn es sich bei diesen Leistungen des Gemeinwesens nicht um typische
Sozialhilfeleistungen, sondern um Staatsbeiträge („Subventionen“) handeln würde. Das
wäre nur der Fall, wenn eine Rückerstattungspflicht der Eltern ausgeschlossen wäre.
Das trifft aber nicht zu, denn gemäss dem am 1. Januar 2020 in Kraft getretenen Art.
40b Abs. 4 SHG können die Unterhaltspflichtigen abhängig von ihrer (finanziellen)
Leistungsfähigkeit zu einer Beteiligung an diesen Kosten verpflichtet werden. Eine
solche Beteiligung lässt sich mit einer Qualifikation der Vergütung der
Betreuungskosten durch das Gemeinwesen als Staatsbeiträge respektive
Subventionen nicht vereinbaren. Sie ist ein typisches Element der klassischen
Sozialhilfe, weshalb diese Möglichkeit einer Beteiligung der Unterhaltspflichtigen keinen
anderen Schluss zulässt, als dass die Vergütung der Betreuungskosten durch das
2.4.
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Gemeinwesen als eine besondere Form einer Sozialhilfeleistung zu qualifizieren ist. Vor
dem 1. Januar 2020 hat keine Sonderregelung bezüglich der Beteiligungspflicht von
Unterhaltspflichtigen im Zusammenhang mit der Vergütung von Betreuungskosten bei
einem Aufenthalt in einer Pflegefamilie existiert, was nur bedeuten kann, dass bis zum
31. Dezember 2019 die generellen Regeln für die Sozialhilfe im Allgemeinen gegolten
haben, dass also die Unterhaltspflichtigen damals schon zu einer Beteiligung an den
Kosten haben verpflichtet werden können. Denn ohne eine explizite gesetzliche
Grundlage kann nicht davon ausgegangen werden, dass für die Vergütung von
Betreuungskosten in Bezug auf die Rückerstattungspflicht eine Sonderregelung
gegolten hätte. Zusammenfassend steht fest, dass die Vergütung der
Betreuungskosten durch das Gemeinwesen ihrer Natur nach als eine besondere Form
einer typischen Sozialhilfeleistung zu qualifizieren ist und dass sie folglich unter den
Art. 11 Abs. 3 lit. b ELG oder unter den Art. 11 Abs. 3 lit. c ELG subsumiert werden
muss.
Bei einer sorgfältigen systematischen Interpretation zeigt sich, dass die EL-
Anspruchsberechnung auf den folgenden Überlegungen beruht: Der Art. 10 ELG
definiert das ergänzungsleistungsrechtliche Existenzminimum, das heisst jenen
finanziellen Bedarf, dessen Deckung das ELG bezweckt; der Art. 11 ELG regelt, wie
dieser Bedarf zu decken ist respektive welche Rolle die Ergänzungsleistungen bei der
Deckung dieses Bedarfs spielen, wobei der Art. 11 Abs. 1 ELG vorgibt, welche
Einnahmenquellen einer Ergänzungsleistung vorgehen, während der Art. 11 Abs. 3 ELG
bestimmt, welchen Einnahmenquellen die Ergänzungsleistung vorgeht. Mit anderen
Worten sollen die im Art. 11 Abs. 1 ELG erwähnten Einnahmenquellen einen EL-
Anspruch ausschliessen oder zumindest minimieren, während eine allfällige
Ergänzungsleistung aber jedenfalls eine Notwendigkeit der Ausrichtung der im Art. 11
Abs. 3 ELG erwähnten Leistungen ausschliessen soll. Wer also grundsätzlich einen
Anspruch auf eine Ergänzungsleistung hat, soll keine Sozialhilfeleistungen beziehen
müssen. Sinnvollerweise sind die Sozialhilfegesetze so zu konzipieren, dass sie keine
sozialhilfe- beziehungsweise fürsorgerechtliche Leistungspflicht der zuständigen
politischen Gemeinde für jenen Bedarf vorsehen, der mittels Ergänzungsleistungen
gedeckt werden kann. Wenn aber ein Sozialhilfegesetz eine Leistungspflicht vorsieht,
die mit einem EL-Anspruch konkurrieren könnte, kann es nicht die Aufgabe der EL-
Gesetzgebung sein, hierfür eine spezifische Koordinationslösung zu bieten, denn es
besteht ja bereits die allgemeine EL-Koordinationslösung, dass Sozialhilfeleistungen
bei der EL-Anspruchsberechnung keine Rolle spielen dürfen. Die spezifischen
Koordinationslösungen, die bei einer allfälligen Konkurrenz eines EL-Anspruchs und
eines Sozialhilfeanspruchs benötigt würden, müssten im Anwendungsbereich der
2.5.
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3.
Die Sache ist zusammenfassend zur Weiterführung des Einspracheverfahrens im Sinne
der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die Rückweisung einer
Sache zur weiteren Sachverhaltsabklärung und zum anschliessenden neuen
Einspracheentscheid gilt hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen
rechtsprechungsgemäss als ein vollständiges Obsiegen der beschwerdeführenden
Partei. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Der erforderliche
Vertretungsaufwand ist angesichts des dünnen Aktendossiers und der Beschränkung
des Verfahrens auf eine isolierte Rechtsfrage als klar unterdurchschnittlich zu
qualifizieren, weshalb die Parteientschädigung auf 2’000 Franken (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt wird.
nachrangigen Sozialhilfe geschaffen werden. Reichen die im Art. 11 Abs. 1 ELG
genannten Einnahmen nicht zur Deckung des EL-anerkannten Existenzbedarfs aus,
kann nur eine Vergütung der ungedeckten Kosten durch eine entsprechende
Ergänzungsleistung in Frage kommen. Der Art. 11 Abs. 3 ELG lässt es nämlich nicht zu,
dass diese ungedeckten Kosten durch eine Sozialhilfeleistung (Art. 11 Abs. 3 lit. b ELG)
oder durch eine öffentliche oder private Leistung mit einem ausgesprochenen
Fürsorgecharakter (Art. 11 Abs. 3 lit. c ELG) beglichen werden. Diese gesetzliche
Regelung kann vom Sozialhilfegesetzgeber nicht modifiziert werden, denn über die
Sozialhilfegesetzgebung kann augenscheinlich nicht beeinflusst werden, wie die EL-
Durchführungsstellen das ELG anzuwenden haben. Die aus
ergänzungsleistungsrechtlicher Sicht systematisch richtige Lösung kann folglich nur
darin bestehen, dass die Ergänzungsleistung die gesamten Kosten decken muss, die
bei einer Betreuung in einer Pflegefamilie entstehen. Der Art. 1b Abs. 2 der Verordnung
über die nach dem Ergänzungsleistungsgesetz anrechenbare Tagespauschale erweist
sich damit als gesetzwidrig, denn er verstösst gegen den Art. 11 Abs. 3 ELG. Deshalb
ist ihm die Anwendung zu versagen. Daran ändert die vom Bundesgericht im Urteil
9C_884/2018 vom 1. Mai 2019 vertretene Auffassung nichts, weil sich das
Bundesgericht nicht mit dem entscheidenden koordinationsrechtlichen Zusammenspiel
zwischen den Ergänzungsleistungen und der Sozialhilfe auseinandergesetzt und
deshalb wohl übersehen hat, dass die „St. Galler Lösung“ sich nicht mit dem ELG in
Übereinstimmung bringen lässt. Bei der EL-Anspruchsberechnung ist folglich der
gesamte vereinbarte Tagessatz, dessen Höhe die Beschwerdegegnerin noch zu
ermitteln haben wird, zu berücksichtigen.
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