Decision ID: aa0ca0b4-2b48-54c4-994e-565ec19fde46
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reichte am 13. Dezember 2018 ein Asylgesuch in
der Schweiz ein. Am 18. Dezember 2018 wurde er zur Identität, zum Rei-
seweg und summarisch zu seinen Asylgründen befragt. Am 16. Januar
2019 fand im Beisein der Vertrauensperson seine Anhörung statt.
B.
Der Beschwerdeführer behauptet, Staatsangehöriger von Côte d’Ivoire zu
sein und der Ethnie der Bete anzugehören. Er sei in B._ geboren
und aufgewachsen, nach der Trennung der Eltern habe er mit dem Vater
gelebt, er habe neun Jahre die Schule besucht. Nach dem Tod des Vaters
Anfang 2014 hätten ihn die Onkel väterlicherseits aus dem Haus gejagt. Er
sei zu seiner Mutter gegangen. Nachdem es nicht gelungen sei, als recht-
mässiger Erbe des Vaters anerkannt zu werden und weil die Onkel ihn und
seine Mutter bedroht hätten, habe er mit der Mutter das Land verlassen;
sie seien via Ghana, Togo, Benin nach Nigeria geflohen, wo sie in
C._ gelebt hätten. Nachdem auch die Mutter krank geworden sei,
und kein Geld für eine Operation vorhanden gewesen sei, habe er sich mit
den letzten Ersparnissen auf den Weg nach Europa gemacht. Von Libyen
habe er mit einem Freund gemeinsam das Mittelmeer in einem Boot über-
quert. Sie seien auf dem Meer gerettet und nach Italien gebracht worden,
wo er ein Asylgesuch eingereicht habe: er habe einen positiven Entscheid
aus humanitären Gründen erhalten. Man habe ihn in ein Camp für Minder-
jährige nach D._ transferiert. Er habe in Italien erfahren, dass seine
Mutter inzwischen verstorben sei. In D._ habe er Schwierigkeiten
mit einem Landbesitzer bekommen, für den er gearbeitet habe. Dieser
habe ihm den Lohn nicht zahlen wollen. Als er reklamiert habe, habe der
Italiener ihn mit einer Waffe bedroht. Er habe aus Angst die Polizei nicht
eingeschaltet, jedoch die Leitung des Camps mehrmals um Hilfe und eine
Verlegung aus dem Camp ersucht. Dies sei abgelehnt worden. Aus diesem
Grund habe er Italien verlassen und sei am 13. Dezember 2018 über Mai-
land in die Schweiz gereist, wo er gleichentags Asyl beantragt habe. Der
Beschwerdeführer reichte einen italienischen Reisepass für Ausländer so-
wie eine italienische Aufenthaltsbewilligung (permesso di soggiorno aus
humanitären Gründen) zu den Akten.
C.
Am 8. Februar 2019 wurde betreffend seine behauptete Minderjährigkeit
E-2012/2020
Seite 3
eine medizinische Altersabklärung vorgenommen. Diese gelangte zur zu-
sammenfassenden Beurteilung, das vom Beschwerdeführer genannte Ge-
burtsdatum könne zutreffen; eine Vollendung des 18. Lebensjahres könne
nicht mit der notwendigen Sicherheit belegt werden.
D.
Am 27. März 2019 ersuchte die Vorinstanz die Schweizer Vertretung in
Abidjan um Abklärung der Herkunft und Identität des Beschwerdeführers.
E.
Am 24. Juli 2019 wurde dem Beschwerdeführer im Beisein seiner Vertrau-
ensperson das rechtliche Gehör zu den Ergebnissen der Abklärungen der
Schweizer Vertretung in Abidjan gestützt auf Art. 36 Abs. 1 Bst. a AsylG
[SR 142.31] gewährt. Das SEM erläuterte, dass weder dem Zivilstandsre-
gister der Stadt B._ noch dem Schulregister in Côte d’Ivoire Hin-
weise auf ihn oder seine Familienangehörigen zu entnehmen seien. Zu-
dem trage er einen typischen nigerianischen Namen; Hinweise, dass allen-
falls seine Eltern in Côte d'Ivoire eingebürgert worden wären, seien eben-
falls nicht gefunden worden. Der Beschwerdeführer hielt an seiner geltend
gemachten Herkunft aus Côte d’Ivoire fest.
F.
Mit Verfügung vom 10. März 2020 – der Beschwerdeführer war inzwischen
volljährig geworden – lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerde-
führers ab und verfügte die Wegweisung und den Wegweisungsvollzug. Es
änderte den Herkunftsstaat auf «unbekannt» und stellte fest, er habe über
seine Identität getäuscht. Sein Vorbringen sei unglaubhaft, ohnehin sei es
auch nicht geeignet, um eine asylbeachtliche Verfolgung zu begründen.
Den Vollzug der Wegweisung erachtete es als zumutbar, zulässig und
möglich. Der Entscheid wurde dem Beschwerdeführer am 13. März 2020
eröffnet.
G.
Am 1. April 2020 ersuchte das Zivilstandsamt E._ um Einsicht in die
Akten des Beschwerdeführers.
H.
Mit Eingabe vom 14. April 2020 focht der Beschwerdeführer den Entscheid
der Vorinstanz betreffend die Anordnung der Wegweisung an und ersuchte
um die Feststellung, dass der Vollzug unzulässig beziehungsweise unzu-
mutbar sei, eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und
E-2012/2020
Seite 4
die Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. In prozessua-
ler Hinsicht ersuchte er um die unentgeltliche Rechtspflege, einhergehend
mit dem Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um die
Beiordnung eines Rechtsvertreters seiner Wahl.
In der Sache hielt er daran fest, aus Côte d’Ivoire zu stammen. Im Dezem-
ber 2019 habe er erfahren, dass er Vater werde. Die Mutter des Kindes sei
Schweizerin, er wolle mit ihr gemeinsam das Kind aufziehen, obwohl sie
momentan kein Paar seien. Das Verfahren zur Vaterschaftsanerkennung
sei bereits eingeleitet worden. Er unterstütze die Mutter seines zukünftigen
Kindes und sie seien auf der Suche nach einer passenden Wohnung in der
Nähe der Asylunterkunft. Er nehme am Tagesschulprojekt F._ teil
und wolle eine Lehre machen, sobald sich seine Deutschkenntnisse ver-
bessert hätten. Der Vollzug der Wegweisung verletze Art. 8 EMRK sowie
das Kindeswohl. Zudem sei der Wegweisungsvollzug unzumutbar, da er in
Côte d'Ivoire kein Beziehungsnetz mehr habe und dort in eine existentielle
Notlage geraten würde. Zum Beleg seiner Vorbringen legte er Fotos vor,
welche ihn mit der Kindsmutter zeigen, sowie eine Kopie des Passes der
Kindsmutter, eine E-Mail des Zivilstandsamts E._ betreffend die Va-
terschaftsanerkennung, Ultraschallbilder und einen Schnupperlehrbericht.
I.
Mit Verfügung vom 15. April 2020 hielt die Instruktionsrichterin fest, der Be-
schwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwar-
ten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
E-2012/2020
Seite 5
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezem-
ber 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer-
und Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende
Gesetzesartikel (Art. 83 Abs. 1 – 4) ist unverändert vom AuG ins AIG über-
nommen worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Gesetzesbe-
zeichnung verwenden wird.
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise
Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
(Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet die verfügte
Wegweisung und der Vollzug der Wegweisung. Die Ziffern 1 (Verneinung
der Flüchtlingseigenschaft) und 2 (Ablehnung des Asylgesuchs) der Verfü-
gung vom 10. März 2020 sind mangels Anfechtung in Rechtskraft erwach-
sen.
http://links.weblaw.ch/AS-2018/3171
E-2012/2020
Seite 6
5.
Das SEM würdigte die geltend gemachte Herkunft und Staatsangehörigkeit
des Beschwerdeführers aus Côte d'Ivoire in der angefochtenen Verfügung
als unglaubhaft und hielt mit einlässlicher Begründung seine Einschätzung
fest, der Beschwerdeführer habe über seine Staatsangehörigkeit ge-
täuscht. Die Erwägungen des SEM basieren auf einlässlichen Abklärungen
durch die Schweizer Vertretung in Abidjan, die einen sorgfältigen und über-
zeugenden Eindruck machen (vgl. A27/8) und deren Würdigung durch das
SEM sich auch das Gericht anschliesst. Dem Beschwerdeführer wurde, im
Beisein seiner Vertrauensperson, zu den Botschaftsabklärungen das recht-
liche Gehör gewährt und die Möglichkeit einer Stellungnahme eingeräumt;
er hielt diesbezüglich an seinen vorherigen Angaben fest, vermochte damit
aber die Erkenntnisse der Botschaftsabklärung nicht zu widerlegen.
Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers (Beschwerde S. 4f.) ver-
mag der italienische permesso di soggiorno seine ivorische Staatsangehö-
rigkeit nicht zu belegen; diesbezüglich wurde in der angefochtenen Verfü-
gung zutreffend festgehalten, diese Registrierung in Italien basiere offen-
kundig ebenfalls lediglich auf den Angaben des Beschwerdeführers; seinen
Angaben gemäss hat der Beschwerdeführer auch in Italien keine Identi-
tätspapiere eingereicht (vgl. A8 Ziff. 4.04).
Der Rüge, die Gewährung des rechtlichen Gehörs sei voreingenommen,
hostil und despektierlich erfolgt und es habe dabei ein feindliches Klima
geherrscht (Beschwerde S. 5), kann sich das Gericht nicht anschliessen;
dem Beschwerdeführer wurden die Art der Abklärungen erklärt und die Ab-
klärungsergebnisse in korrekter Weise zur Stellungnahme unterbreitet (vgl.
A32/7).
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Im Asyl- und Wegweisungsverfahren ist die Wegweisung nicht zu ver-
fügen, wenn die asylsuchende Person im Besitze einer gültigen Niederlas-
sungs- oder Aufenthaltsbewilligung ist (Art. 32 Bst. a der Asylverordnung 1
vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311]) oder ein grundsätzlicher An-
spruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung besteht, wobei die kanto-
E-2012/2020
Seite 7
nale Ausländerbehörde zuständig ist, über den Anspruch konkret zu befin-
den (vgl. auch BVGE 2013/37 E. 4.4; EMARK 2006 Nr. 23 E. 3.2; EMARK
2001 Nr. 21 E. 9). Ist die asylsuchende Person nicht im Besitz einer Auf-
enthalts- oder Niederlassungsbewilligung, ist im Asyl- und Wegweisungs-
verfahren mit Blick auf die mögliche Zuständigkeit der kantonalen Auslän-
derbehörde daher vorfrageweise zu prüfen, ob die asylsuchende Person
sich im Sinn von Art. 14 Abs. 1 AsylG auf einen grundsätzlichen Anspruch
auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung berufen kann (vgl. EMARK 2001
Nr. 21 E. 10). Soweit nicht das Gesetz oder das Freizügigkeitsabkommen
einen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung vermittelt,
kommt als Anspruchsgrundlage Art. 8 EMRK in Betracht, wobei diesbezüg-
lich die bundesgerichtliche Rechtsprechung massgeblich ist (vgl. EMARK
2001 Nr. 21 E. 8 und 9). Diese besagt, dass Ausländerinnen und Auslän-
dern gestützt auf den in Art. 8 EMRK und Art. 13 BV gewährleisteten
Schutz des Familienlebens ein potenzieller Anspruch auf Aufenthalt in der
Schweiz erwächst, wenn eine enge, nahe, echte und tatsächlich gelebte
familiäre Beziehung zu einer Person mit gefestigtem Aufenthalt in der
Schweiz vorliegt. Zu den Familienbeziehungen, die nach dem Bundesge-
richt unter den Schutz von Art. 8 Abs. 1 EMRK fallen, gehört neben jener
zwischen den Gatten auch jene zwischen Eltern und ihren minderjährigen
Kindern. Hinweise für eine familiäre Beziehung sind das Zusammenleben
in einem gemeinsamen Haushalt, eine finanzielle Abhängigkeit sowie re-
gelmässige Kontakte oder die Übernahme von Verantwortung für eine an-
dere Person. Das in der Schweiz lebende Familienmitglied muss hier über
ein gefestigtes Anwesenheitsrecht verfügen. Von einem solchen ist ohne
weiteres bei schweizerischer Staatsangehörigkeit auszugehen, ebenso bei
einer Niederlassungsbewilligung oder einer Aufenthaltsbewilligung, auf de-
ren Verlängerung ein Anspruch besteht (vgl. BGE 135 I 143 E. 1.3.1 und
3.1, BGE 130 II 281 E. 3.1; EMARK 2005 Nr. 3 E. 3.1). Die im Asylverfahren
angeordnete Wegweisung wird demzufolge praxisgemäss aufgehoben,
wenn erstens ein potenzieller Anspruch gestützt auf Art. 8 EMRK vorfrage-
weise bejaht wird, die betroffene Person zweitens an die zuständige kan-
tonale Ausländerbehörde ein Gesuch um Erteilung einer Aufenthaltsbewil-
ligung gerichtet hat und dieses Gesuch, drittens, noch hängig ist (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4.2.2).
6.3 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Niederlassungs- oder Aufenthaltsbewilligung noch über einen selbständi-
gen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung. Er macht jedoch
geltend, dass er mit einer Schweizerin ein gemeinsames Kind erwartet und
die Anerkennung der Vaterschaft bereits beim Zivilstandsamt in die Wege
http://links.weblaw.ch/BVGE-2013/37 http://links.weblaw.ch/EMARK-2006/23 http://links.weblaw.ch/EMARK-2001/21 http://links.weblaw.ch/EMARK-2001/21 http://links.weblaw.ch/EMARK-2001/21 http://links.weblaw.ch/EMARK-2001/21 http://links.weblaw.ch/EMARK-2001/21 http://links.weblaw.ch/EMARK-2001/21 http://links.weblaw.ch/BGE-135-I-143 http://links.weblaw.ch/BGE-130-II-281 http://links.weblaw.ch/EMARK-2005/3 http://links.weblaw.ch/BVGE-2013/37
E-2012/2020
Seite 8
geleitet habe. Folglich ist vorfrageweise zu prüfen, ob er gestützt auf Art. 8
EMRK einen Anspruch auf Aufenthalt in der Schweiz ableiten kann.
6.4 Gemäss eigenen Angaben lebt der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt
der Beschwerde mit der Kindsmutter nicht zusammen und führt auch seit
Februar 2020 keine Beziehung mehr mit ihr – wobei er nicht ausschliesst,
dass er und seine ehemalige Freundin als Paar wieder zusammenfinden
könnten (vgl. Beschwerdeeingabe S. 6). Er wolle sich gerne um das Kind
kümmern und die Mutter nach Kräften unterstützen, sobald das Kind im
September 2020 zur Welt kommen werde. Er unterstütze die Kindsmutter
bei der Suche einer geeigneten Wohnung, die sich auch in der Nähe seines
Wohnortes, der kantonalen Unterkunft in E._ befinden sollte.
6.5 Angesichts dieser Angaben stellt das Bundesverwaltungsgericht vor-
frageweise fest, dass der Beschwerdeführer zum heutigen Zeitpunkt keine
aus Art. 8 EMRK fliessenden Ansprüche geltend zu machen vermag. Das
Kind ist noch nicht geboren und bisher erschöpft sich das familiäre Enga-
gement des Beschwerdeführers in Absichtserklärungen. Er führt mit der
Mutter keine Beziehung und das Paar hat auch noch nie zusammengelebt.
Ergänzend ist festzuhalten, dass aus den Akten nicht ersichtlich ist, dass
der Beschwerdeführer bei der zuständigen ausländerrechtlichen Behörde
ein Gesuch um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung gestellt hätte. Es
bleibt ihm jedoch unbenommen, nach Ausfällung dieses Urteils einen all-
fälligen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung gestützt auf
Art. 8 EMRK mit einem entsprechenden Gesuch bei der zuständigen Aus-
länderbehörde geltend zu machen.
Eine Rückweisung der Sache ans SEM, da dieses bisher den Grundsatz
der Einheit der Familie nicht habe berücksichtigen können (vgl. Be-
schwerde S. 8), drängt sich aufgrund dieser Erwägungen nicht auf.
6.6 Nach dem Gesagten wurde die Wegweisung von der Vorinstanz zu
Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4, BVGE
2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Nachdem das Gericht angesichts der überzeugenden Ausführungen
der Vorinstanz im angefochtenen Entscheid sowie aufgrund der sich aus
den Vorakten ergebenden Informationen davon überzeugt ist, dass der Be-
schwerdeführer nicht die ivorische Staatsangehörigkeit besitzt (vgl. Bst. E
http://links.weblaw.ch/BVGE-2013/37 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/50 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/50
E-2012/2020
Seite 9
und F sowie oben E. 5), fällt die Prüfung eines möglichen Wegweisungs-
vollzugs nach Côte d’Ivoire ausser Betracht. Auf die diesbezüglich vorge-
brachten Argumente in der Rechtsmitteleingabe betreffend das dort feh-
lende soziale Netz und die schlechten Perspektiven ist somit nicht weiter
einzugehen.
7.2 Wie die Vorinstanz weiter zu Recht festgehalten hat, hat der Beschwer-
deführer gegenüber den Schweizer Asylbehörden über seine wahre Her-
kunft getäuscht, auch in der Beschwerdeeingabe hält er an der Aussage,
er stamme aus Côte d’Ivoire, weiterhin fest.
7.3 Bei erheblichen Mitwirkungspflichtverletzungen ist praxisgemäss ver-
mutungsweise davon auszugehen, dass einer Wegweisung keine Voll-
zugshindernisse im gesetzlichen Sinne entgegenstehen (vgl. BVGE
2014/12 E. 6). Dies gilt für die Zulässigkeit (Art. 83 Abs. 3 AIG), die Zumut-
barkeit (Art. 83 Abs. 4 AIG) und die Möglichkeit (Art. 83 Abs. 2 AIG) des
Wegweisungsvollzugs gleichermassen. Es ist nicht Sache der schweizeri-
schen Asylbehörden, bei fehlenden glaubhaften Angaben oder gezielt vor-
enthaltenen Hinweisen nach allfälligen Wegweisungsvollzugshindernissen
in hypothetischen Herkunftsländern zu forschen. Vermutungsweise ist in
solchen Fällen davon auszugehen, einer Wegweisung stünden keine Voll-
zugshindernisse im gesetzlichen Sinne entgegen (BVGE 2014/12 E. 6).
7.4 An dieser Einschätzung vermag auch der sich in den Akten befindende,
auf einer Ferndiagnose beruhende Untersuchungsbericht der Kinder- und
Jugendpsychiatrie vom 5. Juni 2019 (vgl. act. A31/5) nichts zu ändern, zu-
mal der Beschwerdeführer auf Beschwerdestufe keine weiteren Präzisie-
rungen hinsichtlich seines Gesundheitszustands lieferte und sich auch aus
den Akten keine Hinweise entnehmen lassen, wonach er – nach einer ers-
ten Einschätzung, die ohne direkten Arztkontakt erfolgte – medizinisch wei-
terbehandelt wurde.
7.5 Schliesslich ist auch festzuhalten, dass die Ausführungen in der Be-
schwerdeeingabe betreffend die Verletzung des Kindeswohls nicht geeig-
net sind, den Vollzug als unzumutbar erscheinen zu lassen. Das Kind ist
noch gar nicht geboren und es ist aktuell auch nicht ersichtlich, wie sich die
Beziehung zum Vater zukünftig überhaupt gestalten würde. Eine Kindes-
wohlverletzung ist nicht ersichtlich.
http://links.weblaw.ch/BVGE-2014/12 http://links.weblaw.ch/BVGE-2014/12 http://links.weblaw.ch/BVGE-2014/12
E-2012/2020
Seite 10
7.6 Der Vollzug der Wegweisung ist – unter Hinweis auf die vorstehenden
Ausführungen und entgegen den Ausführungen in der Beschwerde – man-
gels überzeugender gegenteiliger Anhaltspunkte als zumutbar zu erachten.
Es erübrigt sich, auf die weiteren Ausführungen in der Beschwerdeeingabe
einzugehen, da sie an der vorgenommenen Würdigung des Sachverhalts
nichts zu ändern vermögen. Ebenso wenig erscheint es angezeigt, dass
die schweizerischen Asylbehörden sich bei den ivoirischen oder nigeriani-
schen Behörden erkundigen, ob der Beschwerdeführer Staatsangehöriger
dieser Länder ist oder in einem dieser Länder über eine Aufenthaltsbewilli-
gung verfügt. Schliesslich steht es dem Beschwerdeführer auch frei, sich
allenfalls in Italien um die Verlängerung seiner dortigen Aufenthaltsbewilli-
gung zu bemühen.
8.
Es obliegt dem Beschwerdeführer, sich die für eine Rückkehr allenfalls be-
nötigten Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG und BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist.
9.
Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht
als durchführbar bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme
fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt und – soweit diesbezüglich überprüfbar – ange-
messen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
Nachdem die Beschwerdebegehren aufgrund der vorstehenden Erwägun-
gen als aussichtslos bezeichnet werden müssen, ist das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtpflege ungeachtet der finanziellen Situ-
ation des Beschwerdeführers abzuweisen (vgl. Art. 65 VwVG).
http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/34 http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/34
E-2012/2020
Seite 11