Decision ID: 52d728ec-e272-4c08-89da-548fb97710a1
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Schreiben vom 10. Dezember 2021 stellte B._ (N [...]), welchem
in der Schweiz am 10. November 2021 Asyl gewährt wurde, ein Gesuch
um Familiennachzug seiner Verlobten (der Beschwerdeführerin). Dem Ge-
such legte er Fotos von seiner Aufenthaltsbewilligung sowie von Identitäts-
nachweisen der Beschwerdeführerin, gemeinsame Fotos und Chat-Ver-
läufe bei. Mit Schreiben vom 14. Januar 2022 forderte die Vorinstanz
B._ dazu auf, einige Fragen zu beantworten und weitere Unterla-
gen einzureichen. Am 26. Januar 2022 beantwortete er schriftlich die vom
SEM gestellten Fragen zu seiner Beziehung mit der Beschwerdeführerin.
Mit Verfügung vom 7. Februar 2022 lehnte die Vorinstanz das Gesuch um
Familiennachzug ab mit der Begründung, es handle sich bei ihrer Bezie-
hung nicht um eine bereits vor der Flucht aus dem Verfolgerstaat gefestigte
Familiengemeinschaft respektive nicht um eine seit längerer Zeit eheähn-
lich gelebte partnerschaftliche Beziehung. Sie hätten ab Herbst 2019 be-
wusst und ohne äusseren Zwang auf eine Fortsetzung des Zusammenle-
bens in einer gemeinsamen Wohnung verzichtet. Nachdem die Verfügung
zweimal nicht zugestellt werden konnte, erwuchs sie unangefochten in
Rechtskraft.
B.
Gemäss eigenen Angaben verliess die Beschwerdeführerin ihren Heimat-
staat am (...) September 2022, reiste am (...) September 2022 über Italien
in die Schweiz ein und suchte am 26. Oktober 2022 im Bundesasylzentrum
C._ um Asyl nach (vgl. SEM act. [...]-2/2; [...]-4/2). Die Abklärungen
des SEM ergaben, dass Italien ihr ein vom (...) 2022 bis zum (...) Septem-
ber 2022 gültiges Schengen-Visum ausgestellt hatte.
Anlässlich der Befragung vom 16. November 2022 wurde der Beschwerde-
führerin das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid
und der Möglichkeit einer Überstellung nach Italien gewährt, welches ge-
mäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren
zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem
Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten
Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-
VO), grundsätzlich für die Behandlung ihres Asylgesuchs zuständig sei.
Dabei machte sie geltend, nicht nach Italien zurückkehren zu wollen, da ihr
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Verlobter B._ sich in der Schweiz befinde und sie mit ihm zusam-
menleben wolle.
C.
Mit Eingabe vom 15. November 2022 bekundete B._ schriftlich sei-
nen Wunsch, dass das Asylgesuch der Beschwerdeführerin, welche seine
langjährige Partnerin und Verlobte sei, in der Schweiz geprüft werde. Sie
wollten in der Schweiz ihr gemeinsames Leben fortführen.
D.
Am 16. November 2022 ersuchte das SEM die italienischen Behörden um
Übernahme der Beschwerdeführerin gemäss Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO.
Dieses Gesuch wurde am 21. November 2022 mit der Begründung abge-
lehnt, dass ihre Fingerabdrücke nicht im Gesuch enthalten seien. Ausser-
dem erkundigten sich die italienischen Behörden nach ihrem Zivilstand.
Dem am 22. November 2022 vom SEM erneut gestellten Gesuch um Über-
nahme der Beschwerdeführerin wurde am 30. November 2022 entspro-
chen.
E.
Mit Verfügung vom 1. Dezember 2022 (eröffnet am 2. Dezember 2022) trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, verfügte die Überstel-
lung nach Italien und beauftragte den Kanton D._ mit dem Vollzug
der Wegweisung. Gleichzeitig verfügte es die Aushändigung der editions-
pflichtigen Akten und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen
den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme.
F.
Mit Beschwerde vom 7. Dezember 2022 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte die Beschwerdeführerin, die Verfügung vom 1. Dezember 2022
sei aufzuheben und auf ihr Asylgesuch sei einzutreten. In prozessualer
Hinsicht beantragte sie die Gewährung der aufschiebenden Wirkung sowie
der unentgeltlichen Prozessführung und die Beiordnung des rubrizierten
Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Gemäss Art. 105 AsylG in Verbindung mit Art. 31 VGG ist das Bundes-
verwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des
Asyls zuständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Die Beschwerdeführerin
ist zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist-
und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall
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eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in
Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufge-
führten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl.
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im
Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitglied-
staat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.3 Gemäss Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO ist grundsätzlich jener Staat für die
Prüfung des Antrages auf internationalen Schutz zuständig, der ein Visum
ausgestellt hat, das im Zeitpunkt der ersten Antragsstellung im Hoheitsge-
biet der Mitgliedstaaten noch gültig ist (vgl. CHRISTIAN FILZWIESER/ANDREA
SPRUNG, Dublin III-Verordnung, 2014, K8 zu Art. 12). Art. 12 Abs. 4 Dublin-
III-VO hält seinerseits fest, dass im Normalfall derjenige Mitgliedstaat für
die Prüfung des Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist, welcher
der antragstellenden Person ein Visum erteilt hat, das seit weniger als
sechs Monaten abgelaufen ist.
4.
4.1 Gemäss einem Abgleich mit dem CS-VIS wurde der Beschwerdeführe-
rin in E._ am 27. Juli 2022 von den italienischen Behörden ein
Schengen-Visum mit Gültigkeit vom (...) 2022 bis (...) September 2022
ausgestellt (vgl. SEM act. [...]-8/1). Die italienischen Behörden hiessen ein
Aufnahmegesuch am 30. November 2022 gestützt auf Art. 12 Abs. 2 Dub-
lin-III-VO gut (vgl. SEM act. [...]-20/1). Die grundsätzliche Zuständigkeit
Italiens ist somit gegeben.
4.2 Die Beschwerdeführerin beruft sich – gestützt auf ihre Verlobung mit
B._, welchem in der Schweiz Asyl gewährt worden ist – dagegen
auf eine Zuständigkeit der Schweiz gestützt auf Art. 9 Dublin-III-VO. Ange-
sichts ihrer als familienähnlich zu bezeichnenden Beziehung sei sie als Fa-
milienangehörige ihres Verlobten im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO
zu qualifizieren. Das Paar lebe in einer gemeinsamen Wohnung und
schliesse bald die Ehe ab.
4.3 Gemäss Art. 9 Dublin-III-VO ist bei einem Antragsteller, der einen Fa-
milienangehörigen – ungeachtet der Frage, ob die Familie bereits im Her-
kunftsland bestand – hat, der in seiner Eigenschaft als Begünstigter inter-
nationalen Schutzes in einem Mitgliedstaat aufenthaltsberechtigt ist, dieser
Mitgliedstaat für die Prüfung des Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig, sofern die betreffenden Personen diesen Wunsch schriftlich kund-
tun (vgl. zum Ganzen BVGE 2015/18 E. 3; Urteil des BVGer F-465/2022
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vom 4. Februar 2022 E. 6.2). Als Familienangehörige gilt unter anderem
der Ehegatte der Antragstellerin oder ihr nicht verheirateter Partner, der mit
ihr eine dauerhafte Beziehung führt, soweit nach dem Recht oder nach den
Gepflogenheiten des betreffenden Mitgliedstaats nicht verheiratete Paare
ausländerrechtlich vergleichbar behandelt werden wie verheiratete Paare
(Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO; vgl. dazu BVGE 2015/41 E. 8.1 m.w.H.). Mit
anderen Worten stellt Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO für (formelle) Ehegatten
keine weiteren Voraussetzungen auf, wohingegen für nicht verheiratete
Partner eine dauerhafte Beziehung verlangt wird (vgl. BVGE 2017 VI/1 E.
4.2; BVGE 2015/41 E. 8.1 m.w.H).
4.4 Gemäss ihren Angaben lernte die Beschwerdeführerin ihren Verlobten
im Jahre 2014 an der Universität kennen und sei seit dem Jahr 2016 mit
ihm liiert. Von 2017 bis 2019 hätten sie gemeinsam in einer Wohnung in
E._ gelebt. Als er im Jahr 2019 zum Studieren nach F._ ge-
gangen sei, habe er fortan in G._ gewohnt, und sie mit ihren Eltern
in E._. Wenn er jeweils nach E._ gekommen sei, seien sie
zusammen gewesen. Nach seiner Ausreise aus der Türkei seien sie täglich
per Telefon beziehungsweise Whatsapp miteinander in Kontakt gewesen.
Wie die Vorinstanz zutreffend festgestellt hat, haben sich die Beschwerde-
führerin und ihr Verlobter somit freiwillig – ohne äusseren Zwang – dafür
entschieden, das gemeinsame Zusammenleben aufzugeben. Bei dieser
Ausgangslage kann nicht von einer bestehenden dauerhaften Beziehung
zwischen der Beschwerdeführerin und ihrem Verlobten ausgegangen wer-
den. Hieran vermögen die Privatunterbringung bei ihrem Verlobten in der
Schweiz und das eingeleitete Ehevorbereitungsverfahren nichts zu ändern.
Es kann der Beschwerdeführerin zugemutet werden, den Ausgang des
Ehevorbereitungsverfahrens in Italien abzuwarten, zumal weder der per-
sönliche noch der telefonische Kontakt zu ihrem Partner durch die Über-
stellung in diesen Nachbarstaat der Schweiz verunmöglicht wird.
4.5 Die Beschwerdeführerin vermag folglich aus Art. 9 Dublin-III-VO in Ver-
bindung mit Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO nichts zu ihren Gunsten abzuleiten.
Anzumerken bleibt, dass auch die italienischen Behörden Art. 9 Dublin-III-
VO für nicht anwendbar hielten, zumal sie ihre Zustimmung zur Übernahme
der Beschwerdeführerin vom 30. November 2022 in Kenntnis deren Verlo-
bung mit einem in der Schweiz aufenthaltsberechtigten Flüchtling erteilten.
5.
5.1 Nachfolgend ist demnach im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu
prüfen, ob es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren
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und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Italien würden syste-
mische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen
oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich bringen würden und ob nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-
VO das Selbsteintrittsrecht auszuüben ist.
5.2 Gemäss konstanter Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
weist das Asylverfahren in Italien – trotz punktueller Schwachstellen –
keine systemischen Mängel im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO auf
(vgl. anstelle vieler: Urteile des BVGer D-5292/2022 vom 8. Dezember
2022 E. 6.2.2; E-5508/2022 vom 6. Dezember 2022 E. 5 m.w.H.). Folglich
ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
6.
6.1 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintritts-
recht). Dieses Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311)
konkretisiert. Erweist sich die Überstellung einer asylsuchenden Person in
einen Dublin-Mitgliedstaat als unzulässig im Sinne der EMRK oder einer
anderen die Schweiz bindenden, völkerrechtlichen Bestimmung, muss die
Vorinstanz die Souveränitätsklausel anwenden und das Asylgesuch in der
Schweiz behandeln (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1; 2010/45 E. 7.2).
6.2 Das SEM führt aus, dass eine Anwendung von Art. 17 Abs. 1 Dublin-
III-VO vorliegend nicht in Frage komme. Sodann gibt es die Gründe wieder,
welche bereits zur Ablehnung des Familiennachzugsgesuchs geführt hat-
ten (vgl. oben Bst. A). Ergänzend hält es fest, dass es nicht Sinn und Zweck
des Asylverfahrens sei, ausländerrechtliche Bestimmungen zum Familien-
nachzug zu umgehen. Der Beschwerdeführerin und ihrem Verlobten könne
zugemutet werden, das Eheverfahren rechtmässig durchzuführen und er-
neut um Familiennachzug zu ersuchen. Erstens sei die räumliche Tren-
nung nicht sonderlich gross und nur vorübergehender Natur und zweitens
sei B._ reiseberechtigt, weshalb der Eingriff verhältnismässig sei.
Die von der Beschwerdeführerin allenfalls benötigte medizinische Behand-
lung sei auch in Italien gewährleistet.
6.3
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Seite 8
6.3.1 Der Schutz des Familienlebens ist gemäss Art. 8 EMRK im Dublin-
Verfahren zu berücksichtigen, soweit eine tatsächlich gelebte Beziehung
besteht. Gemäss Lehre und Praxis kann sich jemand aber nur dann auf
den Schutz des Familienlebens nach Art. 8 EMRK berufen, wenn eine
nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre Beziehung vorliegt, wobei als
wesentliche Faktoren das gemeinsame Wohnen respektive der gemein-
same Haushalt, die finanzielle Verflochtenheit, die Länge und Stabilität der
Beziehung sowie das Interesse und die Bindung der Partner aneinander
zu berücksichtigen sind (statt vieler das Urteil des BVGer E-1070/2022 vom
10. März 2022 E. 5.8.1 m.w.H.; vgl. auch GRABENWARTER / PABEL, Europä-
ische Menschenrechtskonvention, 6. Aufl., München/Basel/Wien 2016,
S. 204 und ). Der Anspruch auf ein Zusammenleben gilt allerdings auch bei
einer nahen, echten und tatsächlich gelebten familiären Beziehung im
Sinne von Art. 8 EMRK nicht absolut, sondern es hat vielmehr eine Abwä-
gung zwischen dem Interesse an der Erteilung beziehungsweise am Erhalt
des Anwesenheitsrechts und dem öffentlichen Interesse an dessen Verwei-
gerung stattzufinden (vgl. BGE 139 I 330 E. 2.2 f. m.w.H.).
6.3.2 Wie von der Vorinstanz bereits mit Verfügung vom 7. Februar 2022
rechtskräftig festgehalten wurde, bilden die Beschwerdeführerin und
B._ keine eheähnliche Gemeinschaft, weshalb sie aus dem Grund-
satz der Einheit der Familie gemäss Art. 8 EMRK nichts zu ihren Gunsten
ableiten können (vgl. auch oben E. 4.4). Wie das SEM zu Recht festgehal-
ten hat, ist es der Beschwerdeführerin zuzumuten, das Ehevorbereitungs-
verfahren von Italien aus fortzuführen und sich in der Folge erneut um eine
Familienzusammenführung mit B._ zu bemühen.
6.4 Die Beschwerdeführerin hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die italienischen Behörden würden sich weigern, sie aufzunehmen
und ihren Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln
der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine Gründe
für die Annahme zu entnehmen, Italien werde in ihrem Fall den Grundsatz
des Non-Refoulement missachten und sie zur Ausreise in ein Land zwin-
gen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach
Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr laufen würde, zur
Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Hinweise darauf, dass
die sie bei einer Rückführung zu erwartenden Bedingungen in Italien derart
schlecht seien, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten, liegen nicht vor.
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Seite 9
6.5 Die Beschwerdeführerin machte im Dublin-Gespräch geltend, ihr gehe
es aufgrund der Trennung von ihrem Verlobten psychisch nicht gut und sie
benötige eine Behandlung sowie Medikamente. Bis zum heutigen Zeit-
punkt wurden jedoch keinerlei medizinische Akten eingereicht, weshalb da-
von auszugehen ist, dass ihr Gesundheitszustand nicht derart gravierend
ist, als dass eine Überstellung nach Italien eine tatsächliche Gefahr (real
risk) einer Verletzung von Art. 3 EMRK mit sich bringen würde (vgl. BVGE
2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die Rechtsprechung des EGMR sowie Urteil
des EGMR P. gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, 41738/10). Die vor-
gebrachten gesundheitlichen Probleme sind auch nicht von einer derarti-
gen Schwere, dass aus humanitären Gründen von einer Überstellung ab-
gesehen werden müsste. Im Übrigen ist allgemein bekannt, dass Italien
über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt und es liegen
keine Hinweise vor, dass Italien der Beschwerdeführerin eine adäquate
medizinische Behandlung verweigern würde.
6.6 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspiel-
raum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter die-
sem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine
Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Un-
terschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich des-
halb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
6.7 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Somit bleibt Italien der für die
Behandlung des Asylgesuchs der Beschwerdeführerin zuständige Mit-
gliedstaat gemäss Dublin-III-VO.
7.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten. Da
die Beschwerdeführerin nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder
Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Italien in An-
wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
8.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheids gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind all-
fällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
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unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
9.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes-
halb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als ge-
genstandslos erweist.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung sowie um amtliche Rechtsverbeiständung sind unbesehen der fi-
nanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers abzuweisen, da die Be-
schwerde gemäss den vorstehenden Erwägungen als aussichtslos zu be-
zeichnen ist und es daher an einer gesetzlichen Grundlage zu deren Ge-
währung fehlt (vgl. Art. 65 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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