Decision ID: 998bf6f7-25c7-4155-9562-640064dfe188
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
I.
A.
A.a Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöriger und eth-
nischer Hazara, schiitischen Glaubens, mit letztem Wohnsitz in Khashik,
Ghazni – verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge etwa im
Jahr 1392 nach iranischem Kalender (2013) und reiste zuerst in den Iran
und später, zirka im Jahre 2017, gemeinsam mit Frau und Kindern nach
Griechenland. Am 16. August 2019 suchte er in der Schweiz um Asyl nach.
Am 21. August 2019 erfolgte die Personalienaufnahme (PA). Am 24. Okto-
ber 2019 wurde er gemäss Art. 29 AsylG (SR 142.31) vertieft zu seinen
Asylgründen angehört.
Der Beschwerdeführer machte dabei im Wesentlichen geltend, er habe
nach dem Tod seines Vaters – da sei er zirka vier oder fünf Jahre alt gewe-
sen – und der erneuten Heirat seiner Mutter bis zu seiner Ausreise bei sei-
nem Onkel väterlicherseits gelebt. Er habe seinen Cousins im Laden res-
pektive beim Transport von Waren mit dem LKW geholfen. Er habe im Jahr
1388 (2009/2010) geheiratet. In E._ hätten die Taliban die Macht
innegehabt. Die Leute hätten die Taliban unterstützt respektive akzeptiert.
Niemand habe die Forderungen der Taliban abzulehnen gewagt. Eines Ta-
ges seien NATO-Kräfte ins Dorf gekommen und hätten seinen Onkel ge-
fragt, ob die Taliban die Leute zu etwas zwingen würden. Er habe sich in
dieses Gespräch eingemischt und erzählt, dass die Taliban die Leute
schlecht beeinflussen und sie zwingen würden, für ihre Verpflegung aufzu-
kommen. Ungefähr eine Woche später habe die NATO eine grosse Mission
durchgeführt, bei der ein Anführer der Taliban umgekommen sei. Kurze Zeit
später seien zwei oder drei Personen zu ihm – dem Beschwerdeführer –
gekommen, hätten ihm vorgeworfen, für die ungläubigen Soldaten Spio-
nage zu betreiben, und ihn blutig geschlagen. Sie seien ins Haus einge-
drungen und hätten seine Ehefrau mit einem Messer verletzt. Sie seien für
unbestimmte Zeit in Ohnmacht gefallen bis ihr Onkel sie entdeckt habe.
Dieser habe daraufhin Kontakt zu einem Freund aufgenommen, bei dem
er sich zusammen mit seiner Ehefrau und ihrem Kind während zirka einer
Woche im Keller versteckt habe. Da ihr Leben nicht mehr sicher gewesen
sei, hätten sie auf Rat seines Onkels Afghanistan verlassen und seien in
den Iran geflüchtet. Da die Situation im Iran für sie nicht einfach gewesen
sei und sie mangels Dokumenten ihre Kinder dort nicht hätten einschulen
können, hätten sie den Iran verlassen. Seine Ehefrau und Kinder würden
sich noch in Griechenland aufhalten.
E-5922/2019, E-3513/2020
Seite 3
Für den Inhalt der weiteren Aussagen wird auf die Akten verwiesen.
Der Beschwerdeführer reichte zum Nachweis seiner Identität eine Tazkira
in Kopie zu den Akten.
A.b Das SEM händigte der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers den
auf den 29. Oktober 2019 datierten Entscheidentwurf zwecks Stellung-
nahme aus. Die Rechtsvertretung reichte diese am 30. Oktober 2019 ein.
A.c Mit Verfügung vom 31. Oktober 2019 stellte das SEM fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte sein
Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es die Wegweisung aus der Schweiz
an, schob deren Vollzug aber zufolge Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. Es begründete seine
Verfügung im Wesentlichen damit, die Vorbringen des Beschwerdeführers
würden weder den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit noch denjenigen
an die Flüchtlingseigenschaft standhalten.
A.d Mit Eingabe vom 11. November 2019 erhob der Beschwerdeführer
durch seine Rechtsvertretung beim Bundesverwaltungsgericht dagegen
Beschwerde und beantragte die Aufhebung der Dispositivziffern 1 – 3 der
angefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft, die
Gewährung von Asyl, eventualiter die Rückweisung an die Vorinstanz zur
Prüfung der Asylrelevanz, subeventualiter zur vollständigen Erhebung des
Sachverhalts und Neubeurteilung.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses ersucht.
A.e Mit Verfügung vom 14. November 2019 (Beschwerdeverfahren
E-5922/2019) hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung – unter Vorbehalt einer nachträglichen
Veränderung der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers – gut
und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig
lud sie die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein.
A.f Die Vorinstanz reichte mit Eingabe vom 19. November 2019 ihre Ver-
nehmlassung zu den Akten.
A.g Mit Eingabe vom 12. Juni 2020 wies die Rechtsvertretung darauf hin,
dass die Ehefrau des Beschwerdeführers zwischenzeitlich in der Schweiz
E-5922/2019, E-3513/2020
Seite 4
ein Asylgesuch gestellt habe, und verwies auf deren Akten, die beizuziehen
seien.
A.h Am 3. August 2020 reichte der Beschwerdeführer eine Replik ein.
II.
B.
B.a Die Beschwerdeführerin – eine afghanische Staatsangehörige und
ethnische Hazara – verliess ihren Heimatstaat zusammen mit dem Be-
schwerdeführer (Ehemann) und den gemeinsamen Kindern eigenen Anga-
ben zufolge im Jahre 2013 und reiste nach Griechenland. Am 10. März
2020 reiste sie in die Schweiz ein, wo sie am gleichen Tag um Asyl nach-
suchte. Am 5. Juni 2020 wurde sie gemäss Art. 29 AsylG vertieft zu ihren
Asylgründen angehört.
Die Beschwerdeführerin machte dabei im Wesentlichen geltend, sie habe
bis zu ihrer Heirat in F._, Provinz Samangan, und danach in
E._, Ghazni, gelebt. Eines Nachts hätten Taliban ihr Haus in
E._ angegriffen und sie (am Bauch und Zahn) und ihren Ehemann
mit einem Messer verletzt. Zuvor habe sich ihr Ehemann der NATO gegen-
über kritisch zu den Taliban geäussert. Sie sei beim Angriff in Ohnmacht
gefallen und habe sich gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihrem Kind an
einem ihr unbekannten unterirdischen Ort befunden. Ein Arzt habe ihr
Wunde am Bauch genäht, noch bevor sie wieder das Bewusstsein erlangt
habe. Sie seien zirka eine Woche am unterirdischen Ort geblieben und hät-
ten danach Afghanistan verlassen und seien in den Iran gereist. Die Taliban
hätten im Übrigen den Laden des Onkels väterlicherseits ihres Ehemannes
geschlossen, ihn (den Onkel) geschlagen und nach ihrem Ehemann ge-
sucht. Im Weiteren fürchte sie sich wegen ihrer Heirat vor ihren Brüdern
beziehungsweise Cousins väterlicherseits. Im Iran hätten sie und ihre Fa-
milie wegen des schlechten Gesundheitszustandes ihres jüngeren Kindes
sowie wegen fehlender Dokumente nicht bleiben können. Deshalb seien
sie nach Griechenland gereist, von wo aus ihr Ehemann alleine in die
Schweiz weitergereist sei. Sie und ihre beiden Kinder seien schliesslich im
Rahmen des Dublin-Verfahrens in die Schweiz überstellt worden. Sie leide
an Schlaflosigkeit, Depressionen, Stress und Eisenmangel. Das jüngere
Kind leide an verschiedenen gesundheitlichen Problemen (Schilddrüsen-
unterfunktion, Verdauungsprobleme, Wutanfälle, etc.).
Für den Inhalt der weiteren Aussagen wird auf die Akten verwiesen.
E-5922/2019, E-3513/2020
Seite 5
Die Beschwerdeführerin reichte keine Identitätsdokumente oder andere
Beweismittel zu den Akten.
B.b Das SEM händigte der Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin den
auf den 10. Juni 2020 datierten Entscheidentwurf zwecks Stellungnahme
aus. Die Rechtsvertretung reichte am 10. Juni 2020 eine Stellungnahme
ein, worin vorab um Koordination mit dem Verfahren des Ehemannes der
Beschwerdeführerin und um Sistierung des vorliegenden Verfahrens er-
sucht wurde. Die Vorinstanz habe weiter die kognitiven Fähigkeiten der Be-
schwerdeführerin nicht ausreichend berücksichtigt.
B.c Mit Verfügung vom 12. Juni 2020 stellte das SEM fest, die Beschwer-
deführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte ihr Asylge-
such ab. Gleichzeitig ordnete es die Wegweisung aus der Schweiz an,
schob deren Vollzug aber zufolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. Es begründete seine Ver-
fügung im Wesentlichen damit, die Vorbringen der Beschwerdeführerin
würden weder den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit noch denjenigen
an die Flüchtlingseigenschaft standhalten.
B.d Mit Eingabe vom 10. Juli 2020 erhob die Beschwerdeführerin durch
ihre Rechtsvertretung beim Bundesverwaltungsgericht dagegen Be-
schwerde und beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung,
die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl,
eventualiter die Rückweisung an die Vorinstanz zwecks Neubeurteilung.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Beizug der Akten E-5922/2019
betreffend ihren Ehemann sowie um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
ersucht.
B.e Mit Verfügung vom 14. Juli 2020 (Beschwerdeverfahren E-3513/2020)
hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung – unter Vorbehalt einer nachträglichen Veränderung
der finanziellen Verhältnisse der Beschwerdeführerin – gut und verzichtete
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Zudem werde das Beschwer-
deverfahren mit demjenigen ihres Ehemannes E-5922/2019 koordiniert
und die entsprechenden Verfahrensakten beigezogen.
E-5922/2019, E-3513/2020
Seite 6
III.
C.
Mit Verfügung vom 23. Juni 2022 wurden die Verfahren E-5922/2019 (be-
treffend den Beschwerdeführer) und E-3513/2020 (betreffend die Be-
schwerdeführerin und die Kinder) aufgrund ihres engen persönlichen und
sachlichen Zusammenhangs vereinigt. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz
zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen.
D.
In seiner Vernehmlassung vom 28. Juni 2022 hielt das SEM an den Erwä-
gungen in seinen Verfügungen fest.
E.
Mit Replik vom 15. Juli 2022 nahmen die Beschwerdeführenden zur Ver-
nehmlassung Stellung.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerden sind frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtenen Verfügungen besonders berührt und
haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise
Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
(Art. 105 und Art. 108 Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerden ist einzutreten.
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Seite 7
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Nachdem mit Verfügung vom 23. Juni 2022 die Beschwerdeverfahren
E-5922/2019 und E-3513/2020 vereinigt worden sind, sind daher in einem
Entscheid zu behandeln.
4.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fragen
der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegwei-
sungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz die Be-
schwerdeführenden wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
vorläufig aufgenommen hat. Da die Wegweisungsvollzugshindernisse al-
ternativer Natur sind (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748), erübrigen sich
praxisgemäss Ausführungen zur Durchführbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs. Auch ist Ziffer 8 des Dispositivs der Verfügung des SEM vom 12. Juni
2020 (betreffend die Beschwerdeführerin und die Kinder) in Rechtskraft er-
wachsen, da der Begründung der Beschwerde vom 10. Juli 2020 keine ent-
sprechenden Ausführungen zu entnehmen sind (vgl. E-3513/2020 Akte 1).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung betreffend den Beschwerde-
führer insbesondere damit, seine Angaben rund um den geschilderten Vor-
fall mit den Taliban und den darauffolgenden Aufenthalt in einem Keller
seien in wesentlichen Aspekten unsubstanziiert und widersprüchlich aus-
gefallen. Seine Schilderungen würden nicht den Eindruck erwecken, dass
er das Gesagte selbst erlebt habe.
5.2 In der Verfügung betreffend die Beschwerdeführerin hielt die Vorinstanz
fest, die Vorbringen hinsichtlich des Angriffs der Taliban auf sie (die Be-
schwerdeführerin) und ihren Ehemann seien vage, wenig substanziiert und
stereotyp ausgefallen. Ferner wäre von ihr zu erwarten gewesen, dass sie
zu ihrem Aufenthalt an einem unterirdischen Ort, wo sie die Zeit unmittelbar
vor ihrer Ausreise zugebracht habe, konkreter Auskunft hätte geben und
substanziierter und differenzierter über diese Woche dort berichten kön-
nen. Im Weiteren verneinte die Vorinstanz in Bezug auf die Probleme mit
ihrer Familie wegen ihrer Heirat in zeitlicher und sachlicher Hinsicht einen
Kausalzusammenhang. Ihr Ehemann habe die Probleme mit ihrer Familie
nicht als Grund für ihre gemeinsame Ausreise genannt. Weiter sei es ihr
E-5922/2019, E-3513/2020
Seite 8
offenbar möglich gewesen, sich allfälligen Verfolgungsmassnahmen sei-
tens der Familie erfolgreich durch einen Wegzug in einen anderen Teil ihres
Heimatlandes zu entziehen. Weiter brachte die Vorinstanz einen Vorbehalt
hinsichtlich der Glaubhaftigkeit dieser Vorbringen an, da die Angaben der
Beschwerdeführerin zu den Problemen mit ihrer Familie, ihrer Heirat und
dazu, wie ihr Ehemann um ihre Hand angehalten habe, insgesamt detail-
arm und kaum erlebnisgeprägt geblieben seien. Sie habe erst im späteren
Verlauf der Anhörung die Tötungsabsichten seitens ihrer Familie erwähnt.
Entgegen der Stellungnahme vom 10. Juni 2020 sei die Beschwerdeführe-
rin in der Lage gewesen, den ihr gestellten Fragen zu folgen und diese
adäquat zu beantworten. Auch habe sie ohne ersichtliche Schwierigkeiten
komplexe Sachverhalte wiedergeben können.
5.3 Schliesslich sprach die Vorinstanz den von den Beschwerdeführenden
vorgebrachten Nachteilen im Iran die Asylrelevanz ab, da sich diese in ei-
nem Drittstaat ereignet hätten.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer entgegnet demgegenüber, die Vorinstanz sei
nicht auf alle Sachverhaltselemente eingegangen. Er kritisiert zudem die
Vorgehensweise bei der Würdigung seiner Aussagen durch die Vorinstanz.
Seine Aussagen hätten dahingehend überprüft werden müssen, ob er das
von ihm Geschilderte auch tatsächlich erlebt habe. Zudem verweist er in
diesem Zusammenhang auf seine persönlichen Umstände (aus ländlichen
Verhältnissen, bescheidene Schulbildung, Zeitablauf seit den Vorfällen,
Kopf- und Stichverletzung mit Bewusstlosigkeit, seitheriger Aufenthalt im
Iran, Aufenthalt der Ehefrau und der Kinder in Griechenland, schlechter
Schlaf vor Anhörung).
Insgesamt sei vorliegend von einer Verfolgung aus religiösen und politi-
schen Motiven, welche zudem intensiv und zielgerichtet sei, auszugehen.
Gestützt darauf sei der Beschwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen und
ihm Asyl zu gewähren.
6.2 Die Beschwerdeführerin ihrerseits macht in ihrer Beschwerdeeingabe
im Wesentlichen geltend, die Vorinstanz habe keine Abwägung der für und
gegen die Glaubhaftigkeit sprechenden Aussagen vorgenommen respek-
tive diese einseitig gewichtet. Diese seien erlebnisbasiert und enthielten
Realkennzeichen. Mit einer erklärbaren Ausnahme seien keine Widersprü-
che vorhanden. Zudem seien ihre Aussagen in den Kontext derjenigen ih-
res Ehemannes zu stellen.
E-5922/2019, E-3513/2020
Seite 9
6.3 Die Vorinstanz hält in ihrer Vernehmlassung vom 19. November 2019
(betreffend den Beschwerdeführer) an ihrem Standpunkt fest. Überdies
habe dieser von sich aus zu Protokoll gegeben, dass es kein Problem sei,
die Anhörung durchzuführen, und vom Angebot, eine Pause einzulegen,
keinen Gebrauch gemacht. Sein Sprach- und Antwortverhalten enthalte
keine Hinweise auf eine eingeschränkte Aussagefähigkeit. Vielmehr habe
diese darauf schliessen lassen, dass er die Fragen verstanden habe und
in der Lage gewesen sei, adäquat auf diese einzugehen. Die Vorinstanz
habe nicht zu prüfen, ob er in der Lage sei, einen Bericht zu erfinden, son-
dern vielmehr ob das Gesagte eine Qualität aufweise, die sich ohne Erleb-
nisbezug nicht erreichen lasse. Auch sei der Rechtsvertretung ausreichend
Gelegenheit geboten worden, Fragen zu stellen und damit die Vollständig-
keit des Sachverhalts sicherzustellen.
6.4 In seiner Replik vom 3. August 2020 hält der Beschwerdeführer dem-
gegenüber fest, die Vorinstanz habe seine aktuelle psychische und ge-
sundheitliche Verfassung zu berücksichtigen und einzelfallspezifisch auf
seine Situation einzugehen. Weiter weist er auf den Umgang mit erlebnis-
basierten Aussagen hin. Der Vorinstanz obliege die Aufgabe, zu prüfen, ob
der Beschwerdeführer in der Lage sei, seinen Bericht zu erfinden oder
nicht. Auch wenn die Narben und Verletzungen keinen absoluten Beweis-
wert hätten, handle es sich dabei doch um Indizien, die zu würdigen seien.
6.5 Die Vorinstanz äussert sich in einer weiteren Vernehmlassung vom
28. Juni 2022 beide Beschwerdeführenden betreffend ergänzend, die
Machtübernahme der Taliban vermöge ihre Einschätzung nicht zu ändern,
zumal die Vorbringen der Beschwerdeführenden im Zusammenhang mit
den Taliban nicht glaubhaft seien und ihre übrigen Vorbringen von der ver-
änderten Situation nicht tangiert seien.
6.6 In ihrer Replik vom 15. Juli 2022 fügten die Beschwerdeführenden
nichts Neues bei.
7.
Der Beschwerdeführer wirft der Vorinstanz eine Verletzung seines An-
spruchs auf rechtliches Gehör und eine unzureichende Feststellung des
Sachverhalts vor. Diese formellen Rügen sind vorab zu prüfen, da sie ge-
eignet sein könnten, die Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu be-
wirken.
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Seite 10
7.1 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufge-
listeten Beweismittel. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an
der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG).
Dazu gehört, an der Feststellung des Sachverhaltes mitzuwirken und in der
Anhörung die Asylgründe darzulegen sowie allfällige Beweismittel vollstän-
dig zu bezeichnen und unverzüglich einzureichen (vgl. BVGE 2011/28
E. 3.4).
Die unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in Ver-
letzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen Beschwer-
degrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unvollständig ist sie, wenn nicht
alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt
werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwal-
tungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1043).
7.2 Insofern der Beschwerdeführer vorbringt, der Sachverhalt sei unrichtig
und unvollständig abgeklärt, da das SEM ihm zu der von ihm festgestellten
Unglaubhaftigkeit in seinen Aussagen nicht vorgängig das rechtliche Gehör
gewährt habe, um allfällige Missverständnisse zu erklären, vermengt er die
sich aus dem Untersuchungsgrundsatz ergebende Frage der Feststellung
des rechtserheblichen Sachverhalts sowie das Recht auf Gewährung des
rechtlichen Gehörs mit der Frage der rechtlichen Würdigung der Sache, die
die materielle Entscheidung über die vorgebrachten Asylgründe betrifft.
Insbesondere bestand für die Vorinstanz nicht die Notwendigkeit, den Be-
schwerdeführer vorgängig zu sämtlichen von ihr als unglaubhaft zu erach-
teten Vorbringen das rechtliche Gehör zu gewähren. Zudem hat sie entge-
gen der Meinung des Beschwerdeführers in ihrer Verfügung die Entgeg-
nungen in dessen Stellungnahme zum Entscheidentwurf mitberücksichtigt.
Deshalb kann vorliegend keine Verletzung des rechtlichen Gehörs und des
Untersuchungsgrundsatzes durch die Vorinstanz erblickt werden.
7.3 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als un-
begründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen
Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das diesbe-
zügliche Eventualbegehren ist somit abzuweisen.
7.4 Soweit der Beschwerdeführer mit der materiellen Würdigung durch die
Vorinstanz nicht einverstanden ist, ist auf die nachfolgenden Erwägungen
zu verweisen.
E-5922/2019, E-3513/2020
Seite 11
8.
8.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
8.2 Eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne dieser Bestimmung
liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht. Letztere hätte
sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch
aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zu-
kunft verwirklichen. Es müssen demnach hinreichende Anhaltspunkte für
eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in ver-
gleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur
Flucht hervorrufen würden. Die erlittene Verfolgung oder die begründete
Furcht vor zukünftiger Verfolgung muss zudem sachlich und zeitlich kausal
für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grundsätzlich
auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein.
Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise
und Asylentscheid sind zugunsten und zulasten der das Asylgesuch stel-
lenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2 m.w.H.).
8.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
8.4 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1 sowie BVGE 2013/11 E. 5.1; ANNE KNEER und LINUS
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Seite 12
SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asylverfahren – Ein Überblick
über die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, Asyl 2/2015
S. 5).
9.
9.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Prüfung sämtlicher Akten
zum Schluss, dass den Vorbringen der Beschwerdeführenden hinsichtlich
des Übergriffs seitens unbekannter Personen, der sich zirka im Jahr 2013
zugetragen haben soll, zwar gewisse Realkennzeichen zu entnehmen
sind. Es kann aber auf eine Auseinandersetzung mit den vom SEM aufge-
führten Unglaubhaftigkeitselementen und den weiteren Ausführungen zur
Glaubhaftigkeit verzichtet werden, zumal gestützt auf die nachfolgenden
Erwägungen von der fehlenden Asylrelevanz auszugehen ist.
So bestehen selbst bei Glaubhaftigkeit des vorgebrachten Überfalls auf die
Beschwerdeführenden keine Hinweise darauf, dass dieser tatsächlich in
direktem Zusammenhang mit der damaligen Tötung eines Anführers der
Taliban durch die NATO steht, auch wenn sich der Beschwerdeführer bei
der NATO damals über die Behandlung durch die Taliban beschwert haben
soll. Überdies handelte es sich um einen lokal beschränkten Vorfall, der
alleine die erforderliche Intensität im Sinne von Art. 3 AsylG nicht erfüllt.
Die Beschwerdeführenden hätten damals weiteren Behelligungen durch
eine interne Wohnsitzalternative entgehen können. Selbst wenn zum heu-
tigen Zeitpunkt die Taliban in Afghanistan an der Macht sind, ist nicht er-
sichtlich, weshalb diese heute ein Interesse am Beschwerdeführer haben
könnten und die Beschwerdeführenden damit einer Verfolgungsgefahr
ausgesetzt sein sollten. Jedenfalls haben sie nicht erwähnt, dass nach ih-
rer Ausreise in den Iran Nachforschungen seitens der Taliban erfolgt seien,
was aber zu erwarten gewesen wäre, hätten sie tatsächlich ein Interesse
am Beschwerdeführer gehabt. Auch machten die Beschwerdeführenden
nicht geltend, dass die in ihrer Heimat verbliebenen Familienmitglieder (vgl.
Akten A25 F16 ff., F34, F39 ff.) wegen dem Beschwerdeführer behelligt
worden seien. Insbesondere ist dabei berücksichtigen, dass das damalige
Gespräch des Beschwerdeführers mit der NATO im Hause seines Onkels
stattgefunden haben soll, dieser aber offenbar unbehelligt blieb (vgl. Akte
A25 F114 ff.). Gestützt darauf ist davon auszugehen, dass die Beschwer-
deführenden bereits zum Zeitpunkt ihrer Ausreise nichts mehr zu befürch-
ten hatten. Jedenfalls gibt es keine Hinweise dafür, dass sie zum heutigen
Zeitpunkt seitens der Taliban etwas zu befürchten haben.
E-5922/2019, E-3513/2020
Seite 13
9.2 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorbringen der Be-
schwerdeführenden als nicht asylrelevant zu bezeichnen sind. Die ange-
fochtene Verfügung ist im Ergebnis zu bestätigen. Es liegen keine konkre-
ten Hinweise dafür vor, dass sie im Zeitpunkt ihrer Ausreise einer asylbe-
achtlichen Verfolgung oder einer entsprechenden Verfolgungsgefahr aus-
gesetzt waren oder im Falle ihrer Rückkehr in den Heimatstaat ernsthafte
Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu gewärtigen hätten. Demnach
hat die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und die
Asylgesuche abgelehnt.
10.
10.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
10.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.3 Abschliessend ist festzuhalten, dass sich aus den vorstehenden Er-
wägungen nicht der Schluss ergibt, die Beschwerdeführenden seien zum
heutigen Zeitpunkt angesichts der Entwicklungen in Afghanistan nicht ge-
fährdet. Indessen ist eine solche Gefährdungslage unter dem Aspekt von
Art. 83 Abs. 4 AIG einzuordnen, wonach der Vollzug für Ausländerinnen
und Ausländer unzumutbar sein kann, wenn sie im Heimat- oder Herkunfts-
staat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt
und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Der generellen Gefähr-
dung aufgrund der aktuellen Situation wurde durch die Vorinstanz mit der
Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs Rechnung getragen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihnen jedoch mit Verfü-
gungen vom 14. November 2019 und 14. Juli 2020 die unentgeltliche Pro-
zessführung gewährt wurde und aufgrund der Akten keine wesentliche Än-
derung der finanziellen Lage zu erkennen ist, haben die Beschwerdefüh-
renden keine Verfahrenskosten zu tragen.
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E-5922/2019, E-3513/2020
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