Decision ID: 43e8f705-f730-5159-9141-ba1b750b553a
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Mit Verfügung vom 13. Februar 2019 an die Beschwerdeführenden hielt die
Gemeinde Laupen fest, bei einer Besichtigung vor Ort habe sie festgestellt, dass entlang
der Parzelle Laupen Grundbuchblatt Nr. C._, angrenzend an die
Gemeindestrassen (D._strasse und E._weg), eine massive
Sichtbetonmauer erstellt worden sei. Diese halte die Vorschriften der
Strassengesetzgebung betreffend die Sichtraumprofile nicht ein. Die Gemeinde ordnete die
unverzügliche Einstellung der Bauarbeiten an. Sie forderte die Beschwerdeführenden auf,
den rechtmässigen Zustand bis zum 30. März 2019 wieder herzustellen. Gleichzeitig wies
sie auf die Möglichkeit eines nachträglichen Baugesuchs hin und drohte für den Fall der
Nichtbefolgung die Ersatzvornahme an. Sie wies darauf hin, dass die Nichteinhaltung der
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Sichtraumprofile, insbesondere im Kreuzungsbereich D._strasse /
E._weg, ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstelle. Mindestens in diesem
Abschnitt sei die Baute nicht bewilligungsfähig.
2. Mit Schreiben vom 2. April 2019 wandte sich die Gemeinde erneut mit einem
Schreiben an die Beschwerdeführenden. Sie erstreckte die Frist für die Einreichung eines
nachträglichen Baugesuchs für die Mauer bis zum 30. April 2019. Zudem hielt sie fest,
dass gemäss Anzeigen von Nachbarn sowie einem Augenschein des Bauverwalters der
Gemeinde hinter der Mauer, innerhalb des Sichtraumperimeters, zusätzlich eine
Grünhecke gepflanzt worden sei. Dies verstosse gegen die verfügte Baueinstellung und
stelle ein zusätzliches Sicherheitsrisiko dar. Die Hecke sei im Bereich des Sichtraums bis
spätestens am 15. April 2019 zu entfernen. Die Gemeinde drohte erneut die
Ersatzvorname an und behielt sich die Einreichung einer Strafanzeige nach Art. 50 BauG
vor.
3. Am 15. April 2019 (Eingang bei der Gemeinde am 23. April 2019) reichten die
Beschwerdeführenden ein nachträgliches Baugesuch ein für eine um 0,20 m von der
Strasse rückversetzte, 1,20 m hohe Mauer entlang D._strasse und
E._weg auf Parzelle Nr. C._. Die Parzelle liegt in der Wohnzone W2a. Auf
dem Situationsplan vom 5. April 2019 ist auf der gegenüberliegenden Parzelle
Nr. F._ ein Spiegel eingezeichnet. Die Beschwerdeführenden reichten eine Liste
mit Unterschriften zustimmender Nachbarn mit dem Vermerk "Umgebungsmauer entlang
D._strasse / E._weg; in Kurve ohne Sträucher" ein. Auf diesem fehlte die
Unterschrift des Eigentümers der Parzelle Nr. F._.
4. Mit Bauentscheid und Wiederherstellungsverfügung vom 14. August 2019 ordnete
die Gemeinde an, dass die Betonmauer im Bereich der Kreuzung D._strasse /
E._weg auf eine maximale Höhe von 0,60 m zurückgebaut werden müsse, und
zwar auf einer Länge vom 7 m entlang dem E._weg und einer Länge von 4,50 m
entlang der D._strasse gemäss Darstellung in einem dem Entscheid beiliegenden
Situationsplan. Der entsprechende Sichtraum sei von Bauten und Bepflanzungen dauernd
freizuhalten. Die übrigen bereits erstellten Mauerteile wurden bewilligt.
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5. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 30. August 2019 Beschwerde bei
der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen
sinngemäss die Aufhebung der Wiederherstellungsanordnung. Zur Begründung machen
sie im Wesentlichen geltend, sie hätten sich vor Baubeginn bei der Gemeinde informiert
und dort die Auskunft erhalten, dass die Mauer bei einer Rückversetzung von 0,20 m von
der Strasse bis 1,20 m hoch gebaut werden dürfe, und dass es hierfür keiner
Baubewilligung bedürfe. Die baupolizeiliche Intervention der Gemeinde habe sie daher
überrascht. Vom Markstein an der Kurve (gemeint wohl am Eck D._strasse /
E._weg) sei die Mauer 2,10 m entfernt. Die Begrünung hinter der Mauer sei
entfernt worden. Beim E._weg handle es sich um eine Sackgasse mit nur 5
Anwohnern, die alle ihr Einverständnis zum Bauvorhaben gegeben hätten. Auf der
D._strasse gelte Tempo 30. Andernorts im Quartier gebe es hohe Büsche oder
Bauten in Kurven. Sinngemäss machen die Beschwerdeführenden zudem geltend, die
angeordnete Wiederherstellung sei unverhältnismässig. Sie ersuchen darum, bei einem
allfälligen Augenschein eingeladen zu werden.
6. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die Vorakten
ein und führte den Schriftenwechsel durch. Die Gemeinde hält mit Stellungnahme vom
26. September 2019 am angefochtenen Entscheid fest und beantragt die Abweisung der
Beschwerde.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Bauentscheide können nach Art. 40 BauG2 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Gemäss Art. 49 Abs. 1 BauG können
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
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auch baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 45 bis 48 BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung
mit Beschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig. Zur Beschwerde gegen den Bauentscheid befugt sind die
Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die Einsprecherinnen, die Einsprecher und
die zuständige Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden sind
durch den vorinstanzlichen Entscheid beschwert und daher zur Beschwerdeführung
legitimiert, da ihr Baugesuch teilweise abgewiesen wurde und sie zum teilweisen Rückbau
der Mauer verpflichtet wurden. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten.
2. Streitgegenstand
a) Anfechtungsobjekt ist die Verfügung der Vorinstanz. Der Streitgegenstand braucht
sich nicht mit dem Anfechtungsobjekt zu decken, kann aber auch nicht über dieses
hinausgehen. Innerhalb dieses Rahmens bestimmen die Parteien den Streitgegenstand.
Sowohl für das Einleiten eines Beschwerdeverfahrens als auch für dessen Umfang und
eine allfällige vorzeitige Beendigung gelten somit die Verfügungs- oder Dispositionsmaxime
sowie das Rügeprinzip.3
b) Die Beschwerde wendet sich sinngemäss gegen die Anordnungen gemäss
Dispositivziffern 1 und 2 des angefochtenen Entscheids, wonach die Betonmauer im
definierten und auf dem Situationsplan dargestellten Bereich auf eine Höhe von 0,60 m
zurückgebaut werden muss und dieser Sichtraum von Bauten und Bepflanzungen dauernd
freizuhalten ist. Die Überprüfung des angefochtenen Entscheids beschränkt sich auf diese
Anordnungen. Ob die Teilbaubewilligung für die restlichen Teile der Mauer zu Recht erteilt
wurde, ist nicht zu beurteilen.
3. Widerrechtlichkeit
a) Wird ein Bauvorhaben ohne Baubewilligung oder in Überschreitung einer
Baubewilligung ausgeführt oder werden bei der Ausführung eines bewilligten Vorhabens
3 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 72 N. 6 bis 8
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Vorschriften missachtet, so setzt die Baupolizeibehörde eine angemessene Frist zur
Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands unter Androhung der Ersatzvornahme (Art.
46 Abs. 1 und 2 BauG). Bei Einreichung eines nachträglichen Baugesuchs wird die
Wiederherstellungsverfügung aufgeschoben und es ist zu prüfen, ob das Bauvorhaben
wenigstens teilweise bewilligt werden kann (Art. 46 Abs. 2 Bst. b und c BauG). Soweit dies
der Fall ist, fällt die Wiederherstellungsverfügung im entsprechenden Umfang dahin. Für
nicht bewilligungsfähige Teile des Bauvorhabens ist erneut über die Wiederherstellung des
rechtmässigen Zustands zu entscheiden (Art. 46 Abs. 2 Bst. d und e BauG).
Die Wiederherstellung kann demnach angeordnet werden, soweit sich die Mauer im
nachträglichen Baubewilligungsverfahren als nicht bewilligungsfähig erweist und somit
formell und materiell widerrechtlich ist. Es ist daher zu prüfen, ob die Gemeinde den von
der Wiederherstellungsanordnung betroffenen Teil der Mauer zu Recht als nicht
bewilligungsfähig erachtet hat.
b) D._strasse und E._weg sind öffentliche Strassen, die dem
Strassengesetz (SG4) unterstehen. Dieses schreibt vor, dass im sogenannten
Bauverbotsstreifen entlang öffentlicher Strassen keine Bauten und Anlagen erstellt werden
dürfen (Art. 80 SG). Einfriedungen bis zu einer Höhe von 1,20 m dürfen in einem Abstand
von mindestens 0,50 m ab Fahrbahnrand erstellt werden (Art. 56 Abs. 1 SV5). Dieser
Abstand entspricht der sogenannten lichten Breite nach Art. 83 Abs. 3 SG, die in jedem
Fall freizuhalten ist. Die lichte Breite muss auch bei allfälligen vom kantonalen Recht
abweichenden Gemeindevorschriften (Art. 59 BauV) eingehalten werden.6 Demnach sind
Einfriedungen mit einem Strassenabstand von weniger als 0,50 m nicht bewilligungsfähig.
Gemessen wird ab Fahrbahnrand, unabhängig von der Parzellengrenze.7
Die Mauer der Beschwerdeführenden ist unbestrittenermassen nur 0,20 m von der Strasse
zurückversetzt. Unerheblich ist die Lage des alten Marksteins. Die Parzelle hat heute eine
abgerundete Form und grenzt auch im Bereich der Kreuzung direkt an die Strasse. Für die
Bemessung des Abstands bzw. der lichten Breite ist der Fahrbahnrand massgebend, der
4 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11) 5 Strassenverordnung vom 29. Oktober 2008 (SV; BSG 732.111.1) 6 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 12 N. 19 7 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 12 N. 16
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vorliegend mit der Parzellengrenze übereinstimmt.8 Die Mauer hält also den erforderlichen
Abstand von 0,50 m ab Fahrbahnrand nicht ein.
c) An unübersichtlichen Strassenstellen dürfen Einfriedungen, selbst wenn sie den
erforderlichen Abstand einhalten, die Fahrbahn um höchstens 0,60 m überragen (Art. 56
Abs. 3 SV). Unübersichtlich sind insbesondere Kurven9, namentlich auch an Kreuzungen
(Verkehrsknoten). Für die Bestimmung der erforderlichen Sichtweiten können die VSS-
Norm 40 273a "Knoten; Sichtverhältnisse in Knoten in einer Ebene" und die Empfehlung
"Sicht an Verzweigungen und Grundstückszufahrten" der Beratungsstelle für
Unfallverhütung (bfu) herangezogen werden. Die Gemeinde hat die erforderlichen
Sichtweiten im Situationsplan, der dem angefochtenen Entscheid beiliegt und auf den die
streitigen Anordnungen Bezug nehmen, eingezeichnet. Diese dargestellten Sichtweiten
sind bei einer Zufahrtsgeschwindigkeit von 30 km/h korrekt.10 Im Bereich dieser Sichtweiten
beträgt die zulässige Höhe für Einfriedungen 0,60 m.
Die Mauer der Beschwerdeführenden ist 1,20 m hoch. Sie überragt demnach im Bereich
der von der Gemeinde im Situationsplan eingezeichneten Sichtweiten (7 m entlang dem
E._weg sowie 4,50 m entlang der D._strasse) die zulässige Höhe von
0,60 m.
d) Nach Art. 6 Abs. 1 Bst. i BewD sind Einfriedungen bis 1,20 m bewilligungsfrei. Dies
entbindet jedoch nicht von der Einhaltung der Vorschriften, insbesondere der
Strassenabstandsvorschriften (Art. 1b Abs. 2 BauG). Die streitige Mauer hält den
vorgeschriebenen Strassenabstand (lichte Breite) nicht ein und überragt im Bereich der
Kreuzung D._strasse / E._weg die zulässige Höhe.
Ausnahmen von der lichten Breite können nicht erteilt werden.11 Auch hinsichtlich der Höhe
ist vorliegend keine Ausnahme möglich. Nach Art. 26 BauG setzt die Gewährung einer
Ausnahme von einzelnen Bauvorschriften u.a. voraus, dass keine öffentlichen Interessen
beeinträchtigt werden. Vorliegend sprechen aber gewichtige Interessen der
Verkehrssicherheit gegen die Gewährung einer Ausnahme. Die im angefochtenen
8 Vgl. Orthofoto des Grundstücksinformationssystems Grudis 9 Vgl. VGE 2015/306 vom 15. Juni 2016 E. 2.3.3 10 Vgl. VSS-Norm 40 273a Ziff. 15 11 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 12 N. 19
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Entscheid gestützt auf die erwähnte VSS-Norm und die Empfehlung der bfu festgelegten
Sichtweiten sind für die Gewährleistung der Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer
unerlässlich.12 Es besteht ein allgemeines öffentliches Interesse an der Vermeidung von
Verkehrsunfällen. Daher ist nicht erheblich, ob nur wenige Anstösser in den
E._weg abzweigen bzw. aus diesem auf die D._strasse ausfahren und ob
diese ihr Einverständnis zum Bauvorhaben gegeben haben.
Ein allfälliger Verkehrsspiegel auf der anderen Strassenseite würde daran nichts ändern.
Ohnehin fehlt die Zustimmung des Grundeigentümers, auf dessen Parzelle der Spiegel
eingezeichnet ist.
e) Die von der angefochtenen Wiederherstellungsanordnung betroffenen Mauerteile
sind demnach nicht bewilligungsfähig. Die Gemeinde hat für diese zu Recht keine
Bewilligung erteilt. Diese Mauerteile sind widerrechtlich und müssen zurückgebaut werden,
sofern die weiteren Voraussetzungen einer Wiederherstellungsanordnung nach Art. 46
Abs. 2 BauG erfüllt sind.
4. Vertrauensschutz, Verhältnismässigkeit
a) Eine Wiederherstellungsverfügung muss im öffentlichen Interesse liegen,
verhältnismässig sein und darf den Vertrauensgrundsatz nicht verletzen. Eine
Wiederherstellungsmassnahme ist verhältnismässig, wenn sie geeignet ist, das
angestrebte Ziel zu erreichen, nicht weiter geht, als zur Herstellung des rechtmässigen
Zustands nötig ist und die Belastung für die pflichtige Person in einem vernünftigen
Verhältnis zum verfolgten Ziel steht.13 Die Beschwerdeführenden machen geltend, dass sie
die Mauer im Vertrauen auf eine behördliche Auskunft erstellt haben. Zudem rügen sie
sinngemäss eine Verletzung des Verhältnismässigkeitsgrundsatzes.
b) Nach dem Grundsatz von Treu und Glauben (Art. 9 BV14) haben Private Anspruch
darauf, in ihrem berechtigten Vertrauen in behördliche Zusicherungen oder in anderes,
bestimmte Erwartungen begründendes Verhalten der Behörden geschützt zu werden.15
12 Vgl. VSS-Norm 40 273a Ziff. 3 13 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9; BVR 2013 S. 85 E. 5.1 14 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101)
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Die Beschwerdeführenden berufen sich auf eine mündliche Auskunft, die ihnen die
zuständige Mitarbeiterin der Bauverwaltung vorgängig zur Erstellung der Mauer erteilt
habe. Die Gemeinde weist mit Stellungnahme vom 26. September 2019 darauf hin, dass
die Beschwerdeführenden in der Beschwerde und in der Beschwerdebeilage
unterschiedliche Angaben dazu machten, an welchem Datum diese Auskunft erteilt worden
sei. Gemäss Beschwerdebeilage erfolgte die Auskunft im Februar 2017 und die Mauer
wurde ab April 2017 erstellt. In der Beschwerde wird hingegen ausgeführt, die Auskunft sei
am 27. Oktober 2019 erteilt worden, also nach dem in der Beschwerdebeilage genannten
Baubeginn. Die Gemeinde führt weiter aus, gemäss ihren internen Abklärungen sei
hinsichtlich der Baubewilligungsfreiheit für die fragliche Mauer jedenfalls keine konkrete
Zusicherung gegeben worden. Da die Beschwerdeführenden für ihre Behauptung keinen
Nachweis erbringen können, ist letztlich nicht klar, ob und welche Aussagen seitens der
Gemeinde gemacht wurden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es zu einem
Missverständnis gekommen ist.
Bei gehöriger Sorgfalt hätte den Beschwerdeführenden auffallen müssen, dass an einer
allfälligen Auskunft, wonach die streitige Mauer bewilligungsfrei erstellt werden dürfe,
Zweifel angebracht wären. Es entspricht der allgemeinen Lebenserfahrung, dass fehlende
Sichtweiten an Kreuzungen zu gefährlichen Situationen führen können, weil von anderer
Seite herannahende Verkehrsteilnehmer nicht rechtzeitig erkannt werden. Die Fotografien
in der anonymen Anzeigeschrift in den Vorakten16 zeigen, dass die Gefährlichkeit der
streitigen Mauer im Bereich der Einmündung des Blumenwegs in die D._strasse
augenfällig ist. Die Beschwerdeführenden hätten nicht darauf vertrauen dürfen, dass die
Erstellung eines solchen Sichthindernisses bewilligungsfrei gestattet sei. Der Anspruch auf
Vertrauensschutz setzt ein "berechtigtes" Vertrauen in die behördliche Auskunft voraus.17
Daran fehlt es hier. Der Anspruch auf Vertrauensschutz kann daher nicht greifen.
c) Der angeordnete Rückbau der Mauer im Bereich der Sichtweiten bis auf die
vorgeschriebene Höhe von 0,60 m über der Fahrbahn ist geeignet, um die Sicht auf andere
Verkehrsteilnehmer bei der Kreuzung D._strasse / E._weg zu verbessern,
und dient damit dem angestrebten Ziel der Verkehrssicherheit. Die angeordnete
15 Vgl. Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Auflage, Zürich/St. Gallen 2016, S. 142 16 Pag. 10 17 Vgl. Häfelin/Müller/Uhlmann, a.a.O., S. 150
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Massnahme ist zur Erreichung dieses Ziels auch erforderlich; eine mildere Massnahme, mit
der das Ziel ebenso gut erreicht werden könnte, ist nicht ersichtlich. Die
Beschwerdeführenden machen vor allem geltend, dass die angeordneten Massnahmen
eine unzumutbare Belastung für sie darstellten. Dies trifft jedoch nicht zu. Zwar ist
nachvollziehbar, dass es die Beschwerdeführenden als erheblichen persönlichen Nachteil
empfinden, dass der getätigte Aufwand und die Kosten für die Erstellung der Mauer mit
dem geforderten Rückbau teilweise nutzlos werden. Diese Interessen sind jedoch im
Verhältnis zum mit der Anordnung verfolgten Ziel, an der fraglichen Strassenkreuzung
Unfälle zu vermeiden, zu würdigen. Bei dieser Abwägung überwiegt das Interesse an der
Verkehrssicherheit klar. Den Beschwerdeführenden ist daher der angeordnete Rückbau
zuzumuten; der Grundsatz der Verhältnismässigkeit ist gewahrt.
d) Die mit dem angefochtenen Entscheid angeordneten
Wiederherstellungsmassnahmen sind demnach nicht zu beanstanden. Die dagegen
vorgebrachten Rügen erweisen sich als unbegründet. Die für die Wiederherstellung
angesetzte Frist bis 15. Oktober 2019 ist im Verlauf des Beschwerdeverfahrens
verstrichen. Sie muss daher neu angesetzt werden. Gemäss den Erwägungen des
angefochtenen Entscheids ist eine Frist von rund 3 Monaten angemessen. Die im
Entscheiddispositiv angesetzte Frist war jedoch nur 2 Monate lang (Entscheiddatum 14.
August 2019, Wiederherstellungsfrist bis 15. Oktober 2019). Angesichts der von der
streitigen Mauer ausgehenden Sicherheitsrisiken erscheint eine Frist von 2 Monaten
angemessen. Es gilt jedoch zu berücksichtigen, dass die Festtage in die neu angesetzte
Wiederherstellungsfrist fallen. In Anbetracht dieser Umstände erscheint es angemessen,
die Frist neu anzusetzen bis 15. Februar 2020.
5. Besitzstand; Gleichbehandlung im Unrecht
a) Die Beschwerdeführenden argumentieren, beim vorherigen Zustand mit Sträuchern
und Bäumen sei die Sicht noch schlechter gewesen. Daraus können sie jedoch nichts zu
ihren Gunsten ableiten. Der Besitzstand (Art. 3 BauG) kann nur für bestehende Bauten
oder Anlagen in Anspruch genommen werden. Neu erstellte Bauwerke müssen
unabhängig vom vorherigen Zustand den anwendbaren Vorschriften entsprechen.
RA Nr. 120/2019/58 Seite 10 von 13
b) Die Beschwerdeführenden führen zudem aus, im ganzen Quartier gebe es
sichtbehindernde Büsche in Kurven. Es gebe auch neu Gebautes über 0,60 m.
Der in Art. 8 Abs. 1 BV18 und Art. 10 Abs. 1 KV19 enthaltene Grundsatz der
Rechtsgleichheit verpflichtet die rechtsanwendenden Behörden, gleiche Sachverhalte mit
gleichen relevanten Tatsachen gleich zu behandeln, es sei denn, ein sachlicher Grund
rechtfertige eine unterschiedliche Behandlung.20 Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung geht aber der Grundsatz der Gesetzmässigkeit der Verwaltung in der
Regel der Rücksicht auf die gleichmässige Rechtsanwendung vor. Der Umstand, dass das
Gesetz in anderen Fällen nicht oder nicht richtig angewendet worden ist, gibt den
Bürgerinnen und Bürgern grundsätzlich keinen Anspruch darauf, ebenfalls abweichend
vom Gesetz behandelt zu werden. Ausnahmsweise und unter strengen Bedingungen wird
jedoch im Rahmen des verfassungsmässig verbürgten Gleichheitsgebots ein Anspruch auf
Gleichbehandlung im Unrecht anerkannt. Die Gleichbehandlung im Unrecht setzt voraus,
dass die zu beurteilenden Fälle in den relevanten Sachverhaltselementen übereinstimmen
und dass dieselbe Behörde in ständiger Praxis vom Gesetz abweicht und zudem zu
erkennen gibt, auch künftig nicht gesetzeskonform entscheiden zu wollen. Schliesslich
dürfen keine entgegenstehenden überwiegenden Gesetzmässigkeitsinteressen oder
Interessen Dritter bestehen.21 Wird eine ständige Praxis zum ersten Mal einer gerichtlichen
Prüfung unterzogen, ist davon auszugehen, dass die Behörde ihre rechtswidrige Praxis
anpasst.22
Die Beschwerdeführenden legen nicht dar, dass die Voraussetzungen einer
Gleichbehandlung im Unrecht erfüllt sind. Zwar ist auf den in den Vorakten enthaltenen
Fotos ersichtlich, dass auch andere Einfriedungen im Quartier die lichte Breite und
eventuell auch die Höhe von 0,60 m an unübersichtlichen Stellen nicht einhalten. Es
könnte sich dabei aber um Fälle handeln, in denen die Besitzstandsgarantie greift. Zudem
18 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) 19 Verfassung des Kantons Bern vom 6. Juni 1993 (KV; BSG 101.1) 20 Statt vieler BGE 136 I 345 E. 5 mit Hinweisen; VGE 2016/242 vom 8. Juni 2017 E. 5.3; Tschannen/Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Auflage 2014, § 23 N. 11 f. 21 BGE 139 II 49 E. 7.1 (Pra 102/2013 Nr. 33), 136 I 65 E. 5.6; BVR 2013 S. 85 E. 8.1, 2012 S. 74 E. 4.8.1 je mit Hinweisen; VGE 2017/199 vom 13. August 2018 E. 5.3.1; Tschannen/Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, § 23 N. 11-13 und 18-20; Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016, N. 599 ff.; Pierre Tschannen, Gleichheit im Unrecht: Gerichtsstrafe im Grundrechtskleid, in ZBl 2011, S. 57 ff., 65 ff. 22 BGer 1C_414/2015 vom 10. Februar 2016 E. 4.2, 1C_43/2015 vom 6. November 2015 E. 6
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sind die aktenkundigen Vergleichsobjekte nicht massiv in Beton gestaltet. Die
Vergleichbarkeit der relevanten Sachverhalte ist daher zweifelhaft. Eine ständige
gesetzeswidrige Praxis der Gemeinde ist nicht nachgewiesen. Ohnehin würde das
entgegenstehende Interesse an der Verkehrssicherheit gegenüber dem
Gleichbehandlungsinteresse überwiegen. In solchen Fällen besteht nach dem Gesagten
keine Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht. Die Beschwerdeführenden können
daher aus allfälligen unrechtmässigen Einfriedungen bei Vergleichsobjekten keinen
Anspruch auf Beibehaltung der gesamten Mauer ableiten.
6. Ergebnis und Kosten
a) Nach dem Gesagten erweisen sich die Rügen der Beschwerdeführenden als
unbegründet und die Beschwerde ist abzuweisen. Auf die Durchführung eines
Augenscheins kann im Interesse der Prozessökonomie verzichtet werden, da der
entscheidrelevante Sachverhalt aus den Akten ersichtlich ist.
b) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden. Sie
haben die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf
eine Pauschalgebühr von Fr. 800.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV23).
c) Parteikosten sind nicht angefallen.