Decision ID: 378dea0a-d5fd-4a41-a72f-910384e14df1
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 04.07.2018 Art. 28 IVG. Art. 43 ATSG. Rentenanspruch. Beginn des Wartejahres. Sachverhaltsabklärung. Untersuchungspflicht (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 4. Juli 2018, IV 2016/157).
Besetzung
Präsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und Karin Huber-
Studerus; Gerichtsschreiber Tobias Bolt
Geschäftsnr.
IV 2016/157
Parteien
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Daniel Ehrenzeller, Engelgasse 214, 9053 Teufen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
Gegenstand
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Rente
Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im August 2011 zum Bezug eines Hilfsmittels respektive von
orthopädischen Serienschuhen bei der Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Die Klinik
für Endokrinologie, Diabetologie und Osteologie des Kantonsspitals St. Gallen hatte am
20. August 2011 berichtet (IV-act. 2), der Versicherte leide an einem diabetischen
Fusssyndrom bei einer schweren peripheren Polyneuropathie. Aktuell liege ein
chronisches neuropathisches Druckulcus unter dem MTP I links vor. Mit einer
Mitteilung vom 29. September 2011 sprach die IV-Stelle dem Versicherten die
Vergütung der Kosten für orthopädische Serienschuhe nach ärztlicher Verordnung für
die Zeit vom 30. August 2011 bis zum 31. August 2016 zu (IV-act. 12).
A.b Am 31. März 2014 meldete sich der Versicherte für berufliche
Eingliederungsmassnahmen und für eine Rente bei der Invalidenversicherung an (IV-
act. 14). Er gab an, er habe in seinem Herkunftsland das Gymnasium und ein
Jurastudium absolviert und sei dann im Juli 1980 in die Schweiz eingereist. Hier habe
er einen Deutschunterricht in verschiedenen Schulen absolviert. In der Zeit vom 16.
Februar 2004 bis zum 28. Juni 2011 sei er als Hausmann tätig gewesen. In einem
Begleitschreiben zum Anmeldeformular hielt er fest (IV-act. 16), seine Gesundheit sei
schon seit Jahren angeschlagen. Am 28. Juni 2011 habe sich sein Gesundheitszustand
infolge eines Herzinfarktes „dramatisch“ verschlechtert. Seither hätten sich seine
Leiden stetig verschlimmert. Es sei ihm nicht nur unmöglich, einer Tätigkeit
nachzugehen oder einfach den Haushalt zu bewältigen. Vielmehr schaffe er es kaum
mehr, richtig für sich zu sorgen. Die Klinik für Innere Medizin des Spitals Z._ hatte am
21. Februar 2014 berichtet (IV-act. 19–6 f.), der Versicherte leide an einem Diabetes
mellitus Typ 2, der erstmals im Jahr 1994 diagnostiziert worden sei und der als
Sekundärkomplikationen eine diabetische Retinopathie, eine schwere periphere
Polyneuropathie und eine Makroangiopathie verursacht habe, an einem diabetischen
Fusssyndrom, an einer coronaren Dreigefäss-Erkrankung, an einer peripheren
arteriellen Verschlusskrankheit Stadium I beidseits, an einer arteriellen Hypertonie, an
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einer Struma multinodosa sowie an einer Discushernie C6/7, an einer
Spinalkanalstenose C5/6 und an einer Foraminalstenose L4/5 rechts. Der Hausarzt Dr.
med. B._ teilte am 2. Mai 2014 mit (IV-act. 38), der Versicherte sei seit dem Jahr
2008 vollständig arbeitsunfähig. Obwohl er schon seit dem Jahr 2005 von Dr. B._
behandelt werde, habe dieser erst per 28. Juni 2011 erstmals ein
Arbeitsunfähigkeitszeugnis ausgestellt. Dem Versicherten seien keine erwerblichen
Tätigkeiten zumutbar. Die Prognose sei ungünstig.
A.c Am 2. Mai 2014 notierte ein Sachbearbeiter der IV-Stelle (IV-act. 37), der
Versicherte habe telefonisch angegeben, dass er „seit seiner Einreise in die Schweiz im
Jahr 2004“ nie einer Erwerbstätigkeit nachgegangen sei. Seine Frau – Dr. med. C._ –
sei als Ärztin tätig; ihr Einkommen habe für die Versorgung der Familie ausgereicht. Der
Versicherte sei deshalb für die Betreuung der Kinder zuständig und als Hausmann tätig
gewesen. Mit einer Mitteilung vom 7. Mai 2014 wies die IV-Stelle das Begehren um
berufliche Massnahmen mit der Begründung ab, der Versicherte sei als Hausmann
tätig, weshalb keine beruflichen Eingliederungsmassnahmen angezeigt seien (IV-act.
44). Am 19. Mai 2014 verlangte der Versicherte die Eröffnung einer beschwerdefähigen
Verfügung. Er machte geltend (IV-act. 46–5 f.), er sei nur bis ins Jahr 2008 als
Hausmann tätig gewesen. Ab dem Jahr 2008 habe er aufgrund seiner
Gesundheitsbeeinträchtigungen den Haushalt nicht mehr verrichten können. Insofern
sei die Begründung der Mitteilung vom 7. Mai 2014 zu unspezifisch gehalten.
A.d Mit einer Mitteilung vom 11. Juni 2014 wies die IV-Stelle den Versicherten darauf
hin (IV-act. 50), dass ein allfälliger Rentenanspruch frühestens ab Oktober 2014
entstehen könnte, weshalb die IV-Stelle im August 2014 aktuelle Unterlagen
einverlangen und den Fall dann prüfen werde. Dagegen wandte der Versicherte am 23.
Mai 2014 ein (IV-act. 51), er habe das Wartejahr schon längst vollendet, denn sämtliche
behandelnden Ärzte gingen davon aus, dass er schon seit dem Jahr 2008 vollständig
arbeitsunfähig sei und dass keinerlei Aussicht auf eine Verbesserung des
Gesundheitszustandes bestehe. Im September 2014 berichtete Dr. C._ (IV-act. 60),
der Versicherte werde dauernd arbeitsunfähig bleiben. Eine Heilung stehe ausser
Frage. Die medizinische Behandlung ziele auf eine Stabilisierung des
Gesundheitszustandes ab. Auch Dr. B._ berichtete im September 2014 über eine
weiter andauernde vollständige Arbeitsunfähigkeit des Versicherten (IV-act. 61). Am 20.
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März 2015 notierte Dr. med. D._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD),
retrospektiv könne die Frage, ab wann genau die nun bestehende Einschränkung
vorhanden gewesen sei, nicht beantwortet werden; die Angabe des Hausarztes, dass
der Versicherte seit dem Jahr 2008 für körperliche Tätigkeiten arbeitsunfähig gewesen
sei, könne allerdings nicht von der Hand gewiesen werden (IV-act. 79). Am 26. Mai
2015 wurde eine Abklärung im Haushalt des Versicherten durchgeführt. Der
Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle hielt in seinem Bericht fest (IV-act. 83), der
Versicherte habe angegeben, dass er ohne seine Gesundheitsbeeinträchtigung ab dem
Jahr 2007 wieder erwerbstätig gewesen wäre, da er ab dann keine Betreuungspflichten
mehr habe erfüllen müssen. Gestützt auf diese Angabe sei der Versicherte als (im sog.
„hypothetischen Gesundheitsfall“) voll Erwerbstätiger zu qualifizieren. Die
Einschränkung im Haushalt müsse deshalb gar nicht erst abgeklärt werden. Im Auftrag
der IV-Stelle führte der Neurologe Prof. Dr. med. E._ am 28. September 2015 eine
Consiliaruntersuchung durch. Er berichtete (IV-act. 86), der Versicherte leide an einer
„höchstgradigen“ senso-motorischen axonalen Polyneuropathie, an einer medio-
lateralen Discushernie C6/7 rechts, an einem Diabetes mellitus Typ 2, an einer
arteriellen Hypertonie, an einer coronaren Herzkrankheit sowie an einer peripheren
arteriellen Verschlusskrankheit. Hinsichtlich der Polyneuropathie habe sich der Zustand
des Versicherten im Vergleich zu jenem im Jahr 2008 deutlich verschlechtert. Aus
neurologischer Sicht sei der Versicherte vollständig arbeitsunfähig. Der RAD-Arzt Dr.
D._ notierte am 9. November 2015, es sei davon auszugehen, dass das von Prof. Dr.
E._ beschriebene Funktionsdefizit seit etwa vier Jahren bestehe (IV-act. 87).
A.e Mit einem Vorbescheid vom 30. November 2015 teilte die IV-Stelle dem
Versicherten mit (IV-act. 90), dass sie die Zusprache einer ganzen Rente bei einem
Invaliditätsgrad von 100 Prozent vorsehe. Angesichts der „verspäteten Anmeldung“
entstehe der Rentenanspruch mit Wirkung ab dem 1. Oktober 2014. Mit einer
Verfügung vom 14. April 2016 sprach sie dem Versicherten mit Wirkung ab dem 1.
Oktober 2014 eine Rente von 482 Franken pro Monat und mit Wirkung ab dem 1.
Januar 2015 eine Rente von 484 Franken pro Monat zu (IV-act. 97). Für die Berechnung
der Beitragsdauer hatte sie zwölf Beitragsjahre und elf Beitragsmonate berücksichtigt,
was im Verhältnis zur Anzahl der beitragspflichtigen Jahre gemäss dem Jahrgang des
Versicherten (36 Jahre) zur Anwendung der Rentenskala 15 geführt hatte. Die IV-Stelle
hatte 5,5 Erziehungsgutschriften, ein massgebendes durchschnittliches
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Jahreseinkommen von 25’380 Franken und eine für die Berechnung dieses
massgebenden durchschnittlichen Jahreseinkommens relevante Beitragsdauer von
zwölf Jahren und fünf Monaten berücksichtigt.
B.
B.a Am 13. Mai 2016 liess der nun anwaltlich vertretene Versicherte (nachfolgend: der
Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 14. April 2016 erheben
(act. G 1). Sein Rechtsvertreter beantragte die „teilweise“ Aufhebung der
angefochtenen Verfügung, die Zusprache einer Rente spätestens ab Juni 2012 und die
Überprüfung der Rentenhöhe („insbesondere die angerechneten Beitragsjahre“)
beziehungsweise die „erhebliche“ Erhöhung des durchschnittlichen
Jahreseinkommens. Zur Begründung führte er aus (vgl. auch act. G 3), das Wartejahr
habe gemäss der angefochtenen Verfügung bereits im Juni 2011 zu laufen begonnen.
Der Beschwerdeführer habe sich bereits im September 2011 zum Leistungsbezug
angemeldet. Der Rentenanspruch sei folglich spätestens per 1. Juni 2012 entstanden.
Die Jahre 1981, 1985–1990, 1992, 1994 und 2003 seien nicht voll berücksichtigt
worden. Die abgelieferten Beiträge in jenen Jahren seien aber höher als die
Nichterwerbstätigenbeiträge gewesen. Folglich müssten diese Jahre voll angerechnet
werden, denn ansonsten würde der Beschwerdeführer schlechter gestellt als ein
Nichterwerbstätiger in der ansonsten gleichen Lage. Stossend sei auch, dass bezüglich
der Einkommen kein „Splitting“ erfolgt sei. Wenn der Rentenanspruch wirklich erst im
Jahr 2014 entstanden sei, dann sei es falsch, nur die Beitragsjahre bis zum Jahr 2011
zu berücksichtigen.
B.b Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 25. Juli 2016
die Abweisung der Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie an, das
Verwaltungsverfahren im Jahr 2011 habe nur den Anspruch auf ein Hilfsmittel
respektive auf orthopädische Serienschuhe zum Gegenstand gehabt. Weder aus dem
Begehren des Beschwerdeführers noch aus den Akten hätten sich Anhaltspunkte dafür
ergeben, dass der Beschwerdeführer eine Rente hätte beantragen wollen
beziehungsweise dass er einen Rentenanspruch gehabt hätte. Die Anmeldung zum
Bezug einer Rente sei erst am 31. März 2014 erfolgt. In seinem Begleitschreiben zum
Anmeldeformular habe der Beschwerdeführer explizit darauf hingewiesen, dass er sich
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erst dann zum Bezug einer Rente habe anmelden wollen. Bezüglich des
Rentenbetrages sei darauf hinzuweisen (vgl. AK-act. 1), dass die Zeiten, während
denen kein Versicherungsverhältnis bestanden habe, nicht als Beitragsdauer
berücksichtigt werden könnten. Der Beschwerdeführer habe seinen Wohnsitz nur in der
Zeit von Juli bis Oktober 1981 (vier Monate), von Juli bis Oktober 1985 (vier Monate),
von Juli bis September 1986 (drei bzw. unter Berücksichtigung der
Beschäftigungsdauer in der Schweiz: vier Monate), von August bis November 1987
(vier Monate), von August bis November 1988 (vier Monate), von August bis November
1989 (vier Monate), von Februar bis Juni 1990 (fünf Monate), von Oktober 1992 bis
Oktober 1994 (zwei Jahre und ein Monat) und von Februar 2001 bis Dezember 2011
(sieben Jahre und elf Monate) in der Schweiz gehabt. Die Beitragslücken hätten unter
Berücksichtigung der sechs Beitragsmonate im Rentenjahr 2012 teilweise geschlossen
werden können. Eine weitere Ausdehnung der Beitragsdauer sei nicht zulässig. Die
Einkommensteilung (vulgo „Splitting“) sei nicht möglich, da die Ehefrau des
Beschwerdeführers noch nicht rentenberechtigt sei. Eine Einkommensteilung hätte
aber ohnehin keinen Einfluss auf die Beitragsdauer. Der Eintritt des Versicherungsfalls
sei nicht vom Zeitpunkt der Anmeldung zum Leistungsbezug abhängig.
B.c Der Beschwerdeführer liess am 6. September 2016 replicando – „korrigiert und
präzisiert“ – die Zusprache der Rente ab Oktober 2014 und die Berechnung der
Rentenbeträge unter Berücksichtigung der Beitragsjahre 2012 und 2013 beantragen
(act. G 9). Zur Begründung liess er im Wesentlichen geltend machen, der
Versicherungsfall sei erst im ersten Quartal 2014 eingetreten.
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 11).

Erwägungen
1.
Eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungs¬massnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern kann, die
während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem Ablauf dieses
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Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, hat laut dem Art. 28 Abs. 1 IVG einen
Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung. Gemäss dem Art. 28a Abs. 1 IVG
in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG wird für die Bemessung der Invalidität das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, zu jenem
Erwerbseinkommen in Beziehung gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund
geblieben wäre. Laut dem Art. 29 Abs. 1 IVG entsteht der Rentenanspruch frühestens
nach dem Ablauf von sechs Monaten nach der Geltendmachung des
Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1 ATSG.
2.
2.1 Da der Beschwerdeführer in den Jahren vor dem Eintritt seiner
Gesundheitsbeeinträchtigung nicht erwerbstätig gewesen war, hat die
Beschwerdegegnerin zunächst geprüft, ob sein Invaliditätsgrad anhand eines
Einkommensvergleichs, anhand eines Betätigungsvergleichs oder anhand der
sogenannten gemischten Methode berechnet werden müsse (vgl. Art. 28a IVG).
Gestützt auf die Angaben des Beschwerdeführers bei der Haushaltsabklärung ist die
Beschwerdegegnerin dann von einer (hypothetischen) Erwerbstätigkeit in einem
Vollpensum ausgegangen, weshalb sie den Invaliditätsgrad anhand eines
Einkommensvergleichs berechnet hat. Das ist im Ergebnis richtig gewesen, denn das
IVG erlaubt nur in seltenen Fällen eine Abweichung vom Grundsatz, dass der
Invaliditätsgrad anhand eines Einkommensvergleichs zu berechnen ist, von denen hier
keiner vorliegt (vgl. zum Ganzen den Entscheid IV 2014/125 des St. Galler
Versicherungs¬gerichtes vom 24. Mai 2016).
2.2 Der Beschwerdeführer hat in seinem Herkunftsland ein juristisches Studium
abgeschlossen. Sein Diplom hat ihn aber hier in der Schweiz nicht befähigen können,
als Jurist zu arbeiten. Für eine juristische Tätigkeit hätte er folglich in der Schweiz eine
weitere juristische Ausbildung absolvieren müssen. Ob er ohne eine
Gesundheitsbeeinträchtigung trotz seines fortgeschrittenen Alters noch eine solche
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Ausbildung in Angriff genommen und erfolgreich abgeschlossen hätte, ist fraglich, kann
aber aus den nachfolgenden Gründen offen bleiben.
2.3 Im Auftrag der Beschwerdegegnerin hat der Neurologe Prof. Dr. E._ –
übereinstimmend mit den Angaben sämtlicher behandelnder Ärzte – überzeugend
dargelegt, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr in der
Lage ist, irgendeiner erwerblichen Tätigkeit nachzugehen. Eingliederungsmassnahmen,
die daran etwas ändern würden, fallen nicht in Betracht. Folglich ist mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt, dass der
Beschwerdeführer für sämtliche Tätigkeiten vollständig arbeitsunfähig ist. Er kann also
kein Erwerbseinkommen mehr erzielen, das heisst das zumutbarerweise erzielbare
Invalideneinkommen beläuft sich auf null Franken. Unabhängig von der Höhe des
Valideneinkommens (vgl. E. 2.2) resultiert bei einem zumutbarerweise erzielbaren
Invalideneinkommen von null Franken stets ein Invaliditätsgrad von 100 Prozent. Damit
kann die Frage nach einer allfälligen Umschulungsmöglichkeit beziehungsweise die
Frage nach der Validenkarriere unbeantwortet bleiben. Der Beschwerdeführer hat
jedenfalls gemäss dem Art. 28 Abs. 2 IVG einen Anspruch auf eine ganze Rente der
Invalidenversicherung.
3.
3.1 Der Zeitpunkt des Eintrittes der vollständigen Arbeitsunfähigkeit ist nicht nur für
den Beginn des Rentenanspruchs, sondern auch für die Berechnung des
Rentenbetrages ent¬scheidend, denn laut dem Art. 36 Abs. 2 IVG in Verbindung mit
dem Art. 29bis AHVG ist so¬wohl für die Beantwortung der Frage nach allfälligen
Beitragslücken als auch für die Berechnung des massgebenden durchschnittlichen
Jahreseinkommens grundsätzlich nur der Zeitraum zwischen dem 1. Januar nach der
Vollendung des 20. Altersjahres und dem 31. Dezember vor dem Eintritt des
Versicherungsfalles relevant.
3.2 Der Neurologe Prof. Dr. E._ hat sich nur vage zum Verlauf der Erkrankung des
Beschwerdeführers äussern können, da er diesen nur je einmal in den Jahren 2008 und
2015 untersucht hatte und da er deshalb lediglich eine deutliche Progredienz in den
dazwischen liegenden Jahren hatte feststellen können. Die Frage, ab wann der
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Beschwerdeführer vollständig arbeitsunfähig gewesen war, hat Prof. Dr. E._ folglich
nicht genau beantworten können. Ihm gegenüber hatte der Beschwerdeführer
angegeben, die – die Arbeitsfähigkeit am stärksten einschränkende – Beeinträchtigung
der oberen Extremitäten bestehe schon seit etwa vier Jahren (also etwa seit dem Jahr
2011). Der RAD-Arzt Dr. D._ hat diese Angabe als nachvollziehbar erachtet, obwohl
auch ihm keine Unterlagen vorgelegen haben, mit denen er diese mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit hätte verifizieren
können. Folgerichtig hat Dr. D._ deshalb eingeräumt, der Verlauf der Arbeitsfähigkeit
könne retrospektiv nicht genau nachvollzogen werden; von einer seit vier Jahren
bestehenden Arbeitsfähigkeit könne nur „füglich“ ausgegangen werden. Gestützt auf
die Berichte der behandelnden Ärzte hatte Dr. D._ allerdings vor der Erstellung des
Consiliarberichtes von Prof. Dr. E._ eine bereits seit dem Jahr 2008 bestehende
Arbeitsunfähigkeit zumindest für körperliche Tätigkeiten als nicht „von der Hand zu
weisen“ erachtet. In seinem Bericht vom 2. Mai 2014 hatte Dr. B._ angegeben, dass
er den Beschwerdeführer bereits seit dem Jahr 2005 behandle und dass dieser seit
dem Jahr 2008 zu 100 Prozent arbeitsunfähig sei, wobei er allerdings weder den
Beginn der Arbeitsunfähigkeit noch die Tätigkeiten, auf die sich sein Attest bezogen
hat, näher spezifiziert hat. Ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis sei jedoch erstmals am 28.
Juni 2011 ausgestellt worden, wohl weil der Beschwerdeführer, der im
Aufgabenbereich tätig gewesen war, davor kein solches benötigt hatte. Auch die
Angaben von Dr. B._ lassen also keine genaue Bestimmung des Beginns der
vollständigen Arbeitsunfähigkeit zu. Auch Dr. Shabani hat zwar eine seit dem Jahr 2008
bestehende Arbeitsunfähigkeit attestiert, aber ihr Bericht enthält keine Angaben, die es
erlauben würden, den genauen Zeitpunkt des Eintrittes der vollständigen
Arbeitsunfähigkeit hinreichend zu bestimmen. Zudem handelt es sich bei Dr. C._ um
die Ehefrau des Beschwerdeführers, was die Beweiskraft ihres Berichtes schmälert. Die
übrigen Berichte der behandelnden Ärzte enthalten gar keine Angaben zum Beginn der
Arbeitsunfähigkeit. Die Frage nach dem genauen Zeitpunkt des Eintrittes der
Arbeitsunfähigkeit kann folglich nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit beantwortet werden. Das bedeutet aber nicht, dass
diesbezüglich von einer objektiven Beweislosigkeit ausgegangen werden müsste. Es
besteht nämlich die Möglichkeit, dass sich der den Beschwerdeführer seit dem Jahr
2005 behandelnde Hausarzt Dr. B._ spezifischer zum Verlauf der Erkrankung äussern
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könnte oder dass anhand der von ihm geführten Krankengeschichte nachvollzogen
werden könnte, ab wann der Beschwerdeführer massgebend arbeitsunfähig gewesen
ist. Indem die Beschwerdegegnerin das Verwaltungsverfahren abgeschlossen hat,
ohne zu versuchen, weitere Angaben von Dr. B._ (oder allenfalls auch von anderen
behandelnden Ärzten) zu erhalten und gestützt darauf den Zeitpunkt des Beginns der
Arbeitsunfähigkeit genauer zu bestimmen, hat sie die Sachverhaltsabklärung verfrüht
abgebrochen. Die angefochtene Verfügung ist deshalb in Verletzung der
Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) ergangen, weshalb sie als rechtswidrig
aufgehoben werden muss. Das Gericht könnte zwar mittels einer Rückfrage an Dr.
B._ versuchen, die Sachverhaltsabklärung anstelle der Beschwerdegegnerin
abzuschliessen. Allerdings verfügt das Gericht über keinen ärztlichen Dienst, der eine
entsprechende Stellungnahme respektive die Krankenakten medizinisch würdigen
könnte. Eine solche medizinische Würdigung insbesondere der Krankengeschichte des
Beschwerdeführers ist für die Beantwortung der Frage, ab wann genau der
Beschwerdeführer selbst für eine rein intellektuelle Tätigkeit ohne jeden Körpereinsatz
arbeitsunfähig gewesen ist, unabdingbar. Aus diesem Grund sieht das
Versicherungsgericht von einer Rückfrage an Dr. B._ ab. Die Sache wird vielmehr an
die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen. Diese wird Dr. B._ nochmals zu einer
Stellungnahme zum Verlauf und zur Einreichung der gesamten Krankengeschichte des
Beschwerdeführers auffordern. Mithilfe ihres RAD wird sie die Angaben von Dr. B._
(oder von anderen behandelnden Ärzten) medizinisch würdigen und versuchen, die
Frage zu beantworten, ab wann das Wartejahr zu laufen begonnen hat. Anschliessend
wird sie erneut über den Rentenanspruch des Beschwerdeführers verfügen.
4.
Die Rückweisung einer Sache zur weiteren Abklärung gilt hinsichtlich der Kosten- und
Entschädigungsfolgen rechtsprechungsgemäss als ein vollständiges Obsiegen der
beschwerdeführenden Partei. Die Gerichtskosten sind deshalb der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Dem Beschwerdeführer wird der von ihm geleistete
Kostenvorschuss zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer
eine Parteientschädigung auszurichten. Angesichts des bescheidenen Aktenumfangs
ist von einem deutlich unterdurchschnittlichen erforderlichen Vertretungsaufwand
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auszugehen, weshalb der Betrag der Parteientschädigung auf 2’500 Franken
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt wird.