Decision ID: 356744c5-e2f3-4464-9c3f-59df5facd726
Year: 2021
Language: de
Court: SH_OG
Chamber: SH_OG_001
Canton: SH
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
Das Kantonsgericht verpflichtete den Beklagten, die prozessgegenständlichen
Pflanzen auf seinem Grundstück in Schaffhausen zum Grundstück der Kläger wie
folgt zurückzuschneiden bzw. zu entfernen:
– Bis spätestens Ende März 2016: Rückschneidung aller über die Grundstücks-
grenze ragender Äste der Weide bis zur Grundstücksgrenze, ab März 2016
wiederholend alle 5 Jahre;
– bis Ende Juni 2015: Entfernung aller Büsche und Haselsträucher, inkl. Strünke,
welche sich näher als 60 cm an der Grundstücksgrenze befinden;
– bis Ende März eines jeden Jahres, erstmals bis Ende März 2015: Rück-
schneidung aller Büsche, Haselsträucher und Stauden, welche sich mindes-
tens 60 cm von der Grundstücksgrenze entfernt befinden, auf die Grenze und
auf die gesetzliche Höhe.
Sollte der Beklagte seiner Verpflichtung nicht innert Frist nachkommen, ordnete
das Kantonsgericht für jeden weiteren Tag der Nichterfüllung eine Ordnungsbusse
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von Fr. 100.– an. Ausserdem berechtigte es diesfalls die Kläger, die Rückschnitte
und Entfernungen auf Kosten des Beklagten durch eine Fachperson ausführen zu
lassen. Der Beklagte beschwerte sich daraufhin beim Obergericht, welches die Be-
schwerde teilweise guthiess, soweit es darauf eintrat.

Aus den Erwägungen
3. Gemäss Art. 687 Abs. 1 ZGB kann der Nachbar überragende Äste und ein-
dringende Wurzeln kappen und für sich behalten, wenn sie sein Eigentum schä-
digen und auf seine Beschwerde hin nicht binnen angemessener Frist beseitigt
werden. Statt das Kapprecht auszuüben, kann der Nachbar grundsätzlich mit der
Negatorienklage (Art. 641 Abs. 2 ZGB) die Beseitigung der eindringenden Wurzeln
und Äste verlangen. Allerdings hat er diesfalls dieselben Voraussetzungen wie bei
der Beanspruchung des Kapprechts zu beachten: Es muss eine erhebliche Schä-
digung vorliegen (Rey/Strebel, in: Honsell/Vogt/Geiser [Hrsg.], Basler Kommentar,
Zivilgesetzbuch II, 5. A., Basel 2015, Art. 687/688 N. 12, S. 1243; BGE 131 III 505
E. 5.4 f. S. 509 f.). Schädigung ist jede erhebliche, das heisst übermässige Be-
einträchtigung des nachbarlichen Grundeigentums. Dazu gehören Grund und Bo-
den, die damit fest verbundenen Objekte wie Bauten, Anlagen und Pflanzen sowie
der Luftraum. Folge einer derartigen Schädigung kann zum Beispiel sein: Die
Behinderung oder Erschwerung der Bewirtschaftung, das Begehen oder Befahren
des Nachbargrundstücks, übermässige Feuchtigkeit oder Schattenwurf. Die Über-
mässigkeit wird aufgrund der konkreten Umstände und des Ortsgebrauchs beurteilt
(Rey/Strebel, Art. 687/688 N. 8, S. 1242). Eine allein durch Laubfall verursachte
Beeinträchtigung gilt nicht als übermässig (BGE 131 III 505 E. 4.2 S. 507).
Gemäss Art. 688 ZGB sind die Kantone befugt, für Anpflanzungen je nach der Art
des Grundstücks und der Pflanzen bestimmte Abstände vom nachbarlichen Grund-
stück vorzuschreiben oder den Grundeigentümer zu verpflichten, das Übergreifen
von Ästen oder Wurzeln fruchttragender Bäume zu gestatten und für diese Fälle
das Anries zu regeln oder aufzuheben. Art. 688 ZGB enthält einen echten, zu-
teilenden Vorbehalt i.S.v. Art. 5 Abs. 1 ZGB zugunsten der Kantone (Rey/Strebel,
Art. 687/688 N. 26, S. 1245). Dementsprechend hält Art. 93a Abs. 1 des Gesetzes
über die Einführung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches vom 27. Juni 1911
(EG ZGB, SHR 210.100) Mindestgrenzabstände für neue Anpflanzungen fest, so
für Wald-, grosse Zier-, Nuss- und hochstämmige Obstbäume (Ziff. 1 – 4) sowie für
kleine Zier- und Nutzbäume, Sträucher und Hecken (Ziff. 5). Allerdings verjähren
Ansprüche aus der Unterschreitung von gesetzlichen Mindestabständen fünf Jahre
nach Anpflanzung eines Baums gemäss Art. 93a Abs. 1 Ziff. 1 – 4 EG ZGB. Der
Anspruch auf das Zurückschneiden von kleinen Zier- und Nutzbäumen, Sträuchern
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sowie Hecken gemäss Art. 93a Abs. 1 Ziff. 5 EG ZGB verjährt nicht (Art. 94c EG
ZGB).
4. Das Kantonsgericht verpflichtete den Beklagten, alle über die Grundstücks-
grenze ragenden Äste des sich auf seinem Grundstücks befindlichen Weiden-
baums bis zur Grundstücksgrenze bis Ende März 2016 zurückzuschneiden. Im
Weiteren verpflichtete es den Beklagten, diesen Rückschnitt alle 5 Jahre ab März
2016 zu wiederholen.
4.1. Der Beklagte macht im Wesentlichen geltend, es sei unbestritten, dass die
Äste der Weide auf das klägerische Grundstück hinüberragten. Er habe sich daher
bereit erklärt, den Rückschnitt im Winter 2014/2015 vorzunehmen. Hierzu sei er
aber rechtlich nicht verpflichtet. Die Vorinstanz habe denn auch keine rechtliche
Grundlage genannt. Zudem hätten es ihm die Kläger untersagt, ihr Grundstück zu
betreten. Es sei ihm daher gar nicht möglich, die Weide zurückzuschneiden. Dar-
über hinaus hätten die Kläger keinen Antrag gestellt, dass er den Rückschnitt alle
fünf Jahre wiederholen solle.
4.2. Unbestritten ist, dass Äste des beklagtischen Weidenbaums auf das Grund-
stück der Kläger hinüberragen. Zwar können die Kläger, statt das Kapprecht ge-
mäss Art. 687 Abs. 1 ZGB auszuüben, gestützt auf Art. 641 Abs. 2 ZGB vom
Beklagten die Beseitigung der auf ihr Grundstück ragenden Äste der Weide ver-
langen. Allerdings müsste hierfür eine erhebliche Schädigung ihres Grundeigen-
tums vorliegen. Eine solche Schädigung machten die Kläger vor Kantonsgericht
jedoch nicht substanziert geltend. Die durch Laubfall allein verursachte Beeinträch-
tigung wäre im Übrigen nicht eigentumsschädlich. Der auf Art. 641 Abs. 2 ZGB
gestützte Beseitigungsanspruch der Kläger scheitert somit von vornherein am
Umstand, dass eine erhebliche Schädigung ihres Grundeigentums durch die hin-
überragenden Äste des Weidenbaums nicht behauptet ist. Überdies könnte der
Beklagte auch bei Vorliegen einer solchen Schädigung mangels eines ent-
sprechenden Antrags der Kläger (Art. 58 Abs. 1 ZPO) nicht verpflichtet werden,
den Baum ab März 2016 alle 5 Jahre zurückzuschneiden. Das Kantonsgericht
hätte die Klage somit in Bezug auf den Weidenbaum abweisen müssen.
Die Beschwerde erweist sich in diesem Punkt als begründet.
5. Das Kantonsgericht verpflichtete den Beklagten, bis Ende Juni 2015 alle Bü-
sche und Haselsträucher, inklusive Strünke, welche sich näher als 60 cm an der
Grundstücksgrenze befinden, zu entfernen und bis Ende März eines jeden Jahres
– erstmals bis Ende März 2015 – alle Büsche, Haselsträucher und Stauden, welche
sich mindestens 60 cm von der Grundstücksgrenze entfernt befinden, auf die
Grenze und auf die gesetzliche Höhe zu schneiden.
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5.1. Der Beklagte macht im Wesentlichen geltend, die Kläger hätten keinen An-
trag gestellt, dass er bis Ende März jeden Jahres, erstmals bis Ende März 2015,
alle Büsche, Haselsträucher und Stauden, welche sich mindestens 60 cm von der
Grenze entfernt befinden, zurückschneiden solle. Sie hätten lediglich verlangt,
dass er die Hecken, Stauden inklusive Wurzeln und Baumstrünke entlang der
Grundstücksgrenze und die mittlerweile auf das Grundstück gewachsenen Dor-
nenbüsche etc. entferne. Zudem genüge das Rechtsbegehren der Kläger den
gesetzlichen Anforderungen nicht, zumal nicht klar festgelegt werde, welche kon-
kreten Pflanzen zu beseitigen seien. Selbst wenn das Rechtsbegehren hinreichend
wäre, bestehe gestützt auf das EG ZGB kein Anspruch der Kläger auf Beseitigung.
Schliesslich habe er – entgegen der Auffassung der Vorinstanz – auch keinen An-
spruch auf Entfernung oder Rückschnitt anerkannt.
5.2. Der Beklagte anerkannte an der Hauptverhandlung vom 17. März 2015 vor
Kantonsgericht, dass es oben noch drei Haselnussbäume gebe. X. habe ihm ganz
klar gesagt, dass oben zwei bis drei Haselnussbäume noch zu hoch seien. Oben
gebe es nur den Weidenstrauch und den Haselnussbaum. Er könne den Hasel-
nussbaum auf 1.50 Meter schneiden. Und die anderen Sträucher, die zu hoch
seien, seien zu hoch. An der Hecke gebe es im Übrigen zur Zeit nichts zu schnei-
den; dort sei gerade Kahlschlag. Es sei nicht mehr so, wie heute behauptet würde.
Ausserdem würden sämtliche Haselnusssträucher durch den Umbau entfernt, da
an deren Stelle der Bau von Parkplätzen vorgesehen sei. Deswegen werde er die-
sen Haselnussstrunk auch nicht sofort entfernen. Es stimme, dass die Haselnuss-
sträucher beim asphaltierten Platz noch vorhanden seien, diese würden aber eben-
falls mit dem Bauvorhaben entfernt werden und die Strünke liessen sich einfach
auf zwei Meter schneiden. Jedoch würden diese Strünke nur so hoch aussehen,
weil von unten fotografiert worden sei. In der Beschwerdeschrift vom 3. Juni 2015
bestätigt der Beklagte sodann, dass er gesagt habe, dass es zu hohe Sträucher
gebe. Im Übrigen ist es notorisch, dass Sträucher nach jedem Schnitt nach-
wachsen.
Gemäss Art. 93a Abs. 1 Ziff. 5 EG ZGB beträgt der Mindestabstand kleiner Zier-
und Nutzbäume, Sträucher sowie Hecken von der Grenze die Hälfte ihrer Höhe,
mindestens aber 60 cm. Der Beklagte hat daher alle Sträucher, die mindestens
60 cm von der Grundstückgrenze entfernt sind, auf die gesetzlich zulässige Höhe
zurückzuschneiden. Dieser Anspruch auf Rückschnitt verjährt nicht (Art. 94c Abs. 2
EG ZGB). Sodann hat der Beklagte alle Sträucher und Strünke, die näher als 60 cm
an der Grenze sind, zu entfernen. Zwar beantragten die Kläger gemäss Klage-
bewilligung vom 9. September 2014 den Rückschnitt der Sträucher und in der
Klageschrift vom 26. September 2014 deren Entfernung. Zu Beginn der Haupt-
verhandlung vom 17. März 2015 beantragten sie wiederum das Zurückschneiden
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der Gewächse. Es ging den Klägern somit darum, die fraglichen Sträucher zurück-
zuschneiden bzw. zu entfernen. Dies stellt einen rechtsgenügenden Antrag dar.
Überdies wäre eine entsprechende Klageänderung ohne weiteres zulässig
(Art. 227 Abs. 1 lit. a ZPO). Die konkrete Nennung der Sträucher und Strünke ist –
entgegen der Auffassung des Beklagten – sodann nicht erforderlich, ergibt sich
doch aus der gewählten Formulierung klar, welche Sträucher vor Ort betroffen sind.
Demgegenüber kann der Beklagte – entgegen der Auffassung der Vorinstanz –
mangels eines entsprechenden Antrags der Kläger (Art. 58 Abs. 1 ZPO) nicht ver-
pflichtet werden, die Sträucher jeweils bis Ende März eines jeden Jahres zurück-
zuschneiden.
6. Das Kantonsgericht ordnete für den Fall, dass der Beklagte seiner Ver-
pflichtung nicht innert Frist nachkommen sollte, für jeden Tag der Nichterfüllung
eine Ordnungsbusse von Fr. 100.– an. Ausserdem berechtigte es diesfalls die
Kläger, die Rückschnitte und Entfernungen auf Kosten des Beklagten durch eine
Fachperson ausführen zu lassen.
6.1. Der Beklagte macht geltend, die Kläger hätten den Antrag auf direkte Voll-
streckung nicht rechtzeitig gestellt.
6.2. Gemäss Art. 236 Abs. 3 ZPO ordnet das Gericht auf Antrag der obsiegenden
Partei Vollstreckungsmassnahmen an. Der Antrag auf Anordnung einer Voll-
streckungsmassnahme kann im ordentlichen Verfahren analog Art. 227 ZPO bis
zur Hauptverhandlung gestellt werden. In der Hauptverhandlung ist er nur noch
zulässig, wenn er auf neuen Tatsachen oder Beweismitteln beruht (Art. 230 Abs. 1
lit. b ZPO). Allerdings hat das Gericht die klagende Partei im Rahmen seiner Frage-
pflicht (Art. 56 ZPO) auf die Möglichkeit, direkte Vollstreckungsmassnahmen zu
beantragen, hinzuweisen (Laurent Killias, Berner Kommentar, Schweizerische
Zivilprozessordnung, Bern 2012, Art. 236 N. 41, S. 2356 f.; Daniel Staehelin, in:
Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuenberger [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen
Zivilprozessordnung, 2. A., Zürich/Basel/Genf 2013, Art. 236 N. 27, S. 1531; Daniel
Steck, in: Spühler/Tenchio/Infanger [Hrsg.], Basler Kommentar, Schweizerische
Zivilprozessordnung, 2. A., Basel 2013, Art. 236 N. 43, S. 1290). Im (hier vorliegen-
den) vereinfachten Verfahren gilt zudem die verstärkte gerichtliche Fragepflicht
(Art. 247 Abs. 1 ZPO). Das Gericht hat somit eine über Art. 56 ZPO hinausgehende
Fragepflicht, falls das Vorbringen einer Partei unklar, widersprüchlich, unbestimmt
oder unvollständig erscheint. Über den Wortlaut von Art. 247 Abs. 1 ZPO hinaus
sollten sich die entsprechenden Fragen des Gerichts nicht bloss auf den
Sachverhalt und die Beweismittel, sondern auch auf die Rechtsbegehren, die
prozessualen Anträge sowie allfällige rechtliche Ausführungen der Parteien be-
ziehen (Killias, Art. 247 N. 10 und 12, S. 2462 f.; Bernd Hauck, in: Sutter-Somm/
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Hasenböhler/Leuenberger [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozess-
ordnung, 2. A., Zürich/Basel/Genf 2013, Art. 247 N. 9, S. 1620).
Die Kläger verlangten in der Klage vom 26. September 2014 keine Vollstreckungs-
massnahmen. Mit Vorladung vom 4. März 2015 wurden die Parteien zur Haupt-
verhandlung im vereinfachten Verfahren vorgeladen. An dieser Verhandlung
erkundigte sich der Einzelrichter – entsprechend seiner verstärkten richterlichen
Fragepflicht gemäss Art. 247 Abs. 1 ZPO – bei den Klägern, ob sie Vollstreckungs-
massnahmen beantragen. Zwar tat er dies erst, nachdem die Parteien Replik und
Duplik gehalten hatten und die Verhandlung kurz unterbrochen worden war. Aus
diesem Umstand darf den nicht rechtskundig vertretenen Klägern jedoch kein
Nachteil erwachsen, weshalb auf jeden Fall davon auszugehen ist, dass ihr Antrag
auf direkte Vollstreckung rechtzeitig gestellt wurde. Im Übrigen werden die vom
Kantonsgericht angeordneten Vollstreckungsmassnahmen nicht beanstandet.