Decision ID: 37a0b51d-0093-4f43-8efd-18d3a5557c19
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
D._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Eugen Koller, LL.M., St. Jakob Strasse 37,
9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.
A.a D._, Jahrgang 1953, verheiratet und Mutter zweier Kinder, übte nach ihrer
Einreise in die Schweiz im Jahr 1986 verschiedene Hilfstätigkeiten aus. Seit September
1995 arbeitete sie mit einem Arbeitspensum von 60% als Mitarbeiterin in der A._. Mit
Schreiben vom 28. Januar 2003 wurde der Versicherten die Kündigung des
Dienstverhältnisses per 31. Mai 2003 zufolge struktureller Anpassungen in Aussicht
gestellt (IV-act. 3). Ab 29. Januar 2003 war sie arbeitsunfähig (IV-act. 10, 11). Am
12. Dezember 2003 meldete sie sich bei der Invalidenversicherung (IV) zum
Leistungsbezug an (IV-act. 2).
A.b In der Folge ersuchte die IV-Stelle die beiden behandelnden Ärzte, Dr. med. B._,
Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, und Dr. med. C._, Spezialarzt für Psychiatrie
und Psychotherapie, um Einreichung eines Arztberichts. Während Dr. B._ dieser
Aufforderung am 9. Januar 2004 nachkam (IV-act. 11), unterliess es Dr. C._ trotz
mehrmaliger Mahnung von Seiten der IV-Stelle (IV-act. 12-14) und eines Schreibens
des Regionalen Ärztlichen Dienstes der Invalidenversicherung (RAD; IV-act. 16), einen
Arztbericht einzureichen.
A.c Am 16. September 2005 führte die IV-Stelle eine Abklärung im Haushalt der
Versicherten durch. Dabei gab die Versicherte an, dass sie ohne Gesundheitsschaden
weiterhin zu 60% erwerbstätig und im Übrigen im Haushalt tätig wäre. Die
Abklärungsperson ermittelte eine Einschränkung der Versicherten im Haushalt von rund
38% (IV-act. 28). Zur Abklärung der zumutbaren Arbeitsleistungen wurde eine
medizinische Abklärung vorgeschlagen.
A.d Mit Schreiben vom 13. Oktober 2005 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass
eine ambulante medizinische Abklärung notwendig sei. Diese werde von Dr. med.
E._, FMH Rheumatologie, durchgeführt. Die Wartefrist betrage ca. 12 Monate (IV-
act. 31). Diesen Gutachtensauftrag gab Dr. E._ am 10. Januar 2006 unerledigt zurück
(IV-act. 34).
A.e Am 18. April 2006 war die Versicherte in einen Auffahrunfall verwickelt. Im Rahmen
einer am 19. April 2006 im Spital Wil durchgeführten Untersuchung diagnostizierte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dr. med. F._ bei der Versicherten ein HWS/BWS-Distorsions-Trauma und eine
Kontusion des Brustkorbs links (act. G 11.1).
A.f Im März resp. Mai 2007 wurde die Versicherte durch das Zentrum für
Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene (AEH) und Dr. med. G._, Psychiatrie /
Psychotherapie FMH, bidisziplinär begutachtet. Dabei wurde ein generalisiertes
Schmerzsyndrom mit Panvertebralsyndrom und Weichteilschmerzsyndrom der
Extremitäten, Haltungsinsuffizienz, segmentalen Funktionsstörungen der BWS und des
zervikothorakalen Übergangs, leichter muskulärer Dysbalance paravertebral und
leichten degenerativen Wirbelsäulenveränderungen sowie Symptomausweitung, ein
Status nach Unfall 1980 mit Quetschtrauma Dig. I bis III rechts und Status nach
dreimaliger Operation, eine Hypothyreose, substituiert, und eine Anpassungsstörung
mit gemischter Störung der Gefühle und des Sozialverhaltens (ICD10 F43.25)
festgestellt und die Arbeitsunfähigkeit der Versicherten auf 30% ab Januar 2003 in der
angestammten Tätigkeit als Küchenhilfe wie auch in einer leidensadaptierten Tätigkeit
festgesetzt (IV-act. 39, 42).
A.g Auf Anfrage der IV-Stelle präzisierte das AEH seine Arbeitsfähigkeitsschätzung mit
Schreiben vom 29. August 2007 dahingehend, dass sowohl in der angestammten
Tätigkeit als Küchenhilfe als auch in einer adaptierten Tätigkeit aus psychiatrischen
Gründen eine 30%ige Arbeitsunfähigkeit seit Januar 2003 bestehe (IV-act. 45).
A.h Mit Vorbescheid vom 27. November 2007 stellte die IV-Stelle der Versicherten in
Aussicht, den Anspruch auf eine Invalidenrente abzulehnen (IV-act. 50). Hiegegen
erhob die Versicherte am 4. Januar 2008 Einwand und beantragte, es sei ihr eine Rente
zuzusprechen oder eine neue umfassende medizinische Untersuchung anzuordnen.
Dem Einwand legte sie einen Arztbericht von Dr. B._ vom 4. Januar 2008 und von Dr.
C._ vom 7. Januar 2008 bei (IV-act. 51).
A.i Im Arztbericht vom 7. Januar 2008 kritisierte Dr. C._ die im Rahmen des AEH-
Gutachtens vorgenommene psychiatrische Beurteilung der Versicherten als
unvollständig. Insbesondere werde nicht erwähnt, dass die Versicherte aus der Klinik
Gais als 100% arbeitsunfähig entlassen worden sei. Auch werde der am 18. April 2006
erlebte Auffahrunfall mit HWS-Distorsion psychiatrisch zu wenig gewürdigt. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherte sei im Januar 2003 in einen depressiven Zustand geraten, nachdem sie an
ihrer Arbeitsstelle beschuldigt worden sei, das Arbeitsklima verdorben zu haben. Die
Patientin habe psychisch dekompensiert und sei schwer depressiv geworden. Er habe
sie niedergeschlagen, freud- und interesselos, innerlich sehr angespannt, in ihrem
Antrieb vermindert und ganz erschöpft erlebt. Sie habe sich wertlos geführt, unter
Schuldgefühlen sowie starken Konzentrationsschwierigkeiten gelitten und teilweise
auch Suizidgedanken geäussert. Nach dem Verkehrsunfall habe die Versicherte unter
noch intensiveren Kopfschmerzen, starken Konzentrationsschwierigkeiten und einer
ausgeprägten Affektlabilität gelitten und sei die ganze Zeit völlig erschöpft gewesen,
was typisch sei für einen Zustand nach einer HWS-Distorsion. Diese Diagnose werde
im AEH-Gutachten aber überhaupt nicht gestellt. Die Versicherte leide in
psychiatrischer Hinsicht unter einer Anpassungsstörung (ICD-10 F43.25) und einer
mittel- bis schwergradigen depressiven Störung (ICD-10 F32.11 F32.2) auf dem Boden
einer anankastischen Persönlichkeit (ICD-10 F60.5) bei Status nach Autounfall mit
HWS-Distorsion sowie lumbospondylogenem Syndrom bei bekannter Diskushernie L2/
L3, Protrusion L3/L4 und Spondylathrose (IV-act. 51 - 2 f.).
A.j Zu den Einwänden betreffend das psychiatrische Teilgutachten nahm Dr. G._ am
23. April 2008 Stellung. Er führte an, dass der Austrittsbericht der Klinik Gais betreffend
Hospitalisation der Versicherten vom 6. bis 25. Oktober 2003 nicht bei den Akten
gelegen habe. Nachdem ihm dieser jetzt aber vorliege, könne er sich dazu wie folgt
äussern: die Ärzte der Klinik Gais hätten bei der Versicherten eine depressive Störung
mit Angst gemischt und somatischen Symptomen (ICD10 F43.22) diagnostiziert. Die
Versicherte habe immer wieder ausführlich ihre somatischen Beschwerden geäussert
und von Zukunftsängsten und Existenzsorgen berichtet. Am Schluss habe die
Versicherte den Aufenthalt als angenehm beschrieben, obwohl er keine Besserung
bewirkt habe. Dr. G._ stellte sich auf den Standpunkt, der Psychostatus spreche
eindeutig gegen die Diagnose einer isolierten depressiven Störung, weshalb auch von
der Klinik Gais eine depressive Störung mit Angst gemischt und somatischen
Symptomen diagnostiziert worden sei. Die bei Austritt attestierte 100%ige
Arbeitsunfähigkeit habe sich eindeutig auf geklagte somatische Symptome beschränkt.
Dass die Versicherte im Verlauf eine depressive Störung entwickelt habe, könne er
nicht verneinen. Allerdings habe er während der Exploration vom 6. März 2007
aufgrund der erhobenen Befunde keine depressive Störung diagnostizieren können. Es
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sei deshalb anzunehmen, dass die Versicherte im Rahmen der fachlichen Behandlung
doch profitiert und sich die depressive Störung zurückgebildet habe. Die von Dr. C._
erwähnten Anzeichen für eine Depression (Niedergeschlagenheit, Freud- und
Interesselosigkeit, Angespanntheit, Verminderung im Antrieb sowie Erschöpfung) habe
er nicht feststellen können. Zusammenfassend halte er an seiner Beurteilung fest (IV-
act. 64).
A.k Dr. med. H._, FHM Physikalische Medizin und Rehabilitation / Rheumatologie,
äusserte sich am 28. April 2008 aus rheumatologischer Sicht zum Schreiben von
Dr. C._. Er stellte sich auf den Standpunkt, der radiologische Befund L3/L4 mit
Kompression der Wurzel L2 sei von der Klinik für Neurochirurgie des Kantonsspitals
St. Gallen unspezifisch abgegeben worden. Da ein entsprechender radiologischer
Befund nicht vorgelegen sei, habe man auf eine Auflistung in der Diagnoseliste
verzichtet. In Bezug auf die Diagnose eines Schleudertraumas seien bei im
Wesentlichen entsprechend unauffälligen somatischen Befunden und sich absolut mit
den psychiatrischen Diagnosen deckenden Zusatzsymptomen sowie aufgrund des
schlecht dokumentierten Verlaufs und einer einzigen Beurteilung diese Aspekte zwar
erwähnt, jedoch nicht eine eigentliche Diagnose gestellt worden (IV-act. 65).
A.l Auf erneute Anfrage der IV-Stelle gab Dr. G._ am 22. August 2008 an, dass keine
Anzeichen für eine somatoforme Schmerzstörung vorgelegen hätten (IV-act. 68).
A.m Mit Verfügung vom 18. September 2008 lehnte die IV-Stelle die Zusprechung einer
Rente ab.
B.
B.a Gegen die Verfügung der IV-Stelle vom 18. September 2008 richtet sich die am
20. Oktober 2008 von Rechtsanwalt Eugen Koller, St. Gallen, für D._ beim
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen erhobene Beschwerde. Darin beantragt
die Beschwerdeführerin die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die
Ausrichtung von mindestens einer Dreiviertelsrente der Invalidenversicherung sowie je
einer Kinderrente für ihre beiden Kinder ab 1. Januar 2004 unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen. Zudem sei ihr für das Beschwerdeverfahren die unentgeltliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Prozessführung zu gewähren. Zur Begründung führt sie an, dass die
Beschwerdegegnerin bei der Berechnung des Invaliditätsgrades die im Rahmen der
bidisziplinären Begutachtung festgestellte 30%ige Arbeitsunfähigkeit zu Unrecht nicht
als Einschränkung in der Erwerbstätigkeit berücksichtigt habe. Zudem seien ihre
Beschwerden seit dem Unfallereignis vom 18. Oktober 2006, namentlich die
regelmässigen Kopfschmerzen, die andauernde Erschöpfung und die ausgeprägte
Affektlabilität im Gutachten kaum bzw. zu wenig berücksichtigt worden, weshalb
diesbezüglich ein Ergänzungsgutachten durch einen Neurologen oder
Neuropsychologen anzuordnen sei. Aufgrund ihrer geringen Sprachkenntnisse und
ihrer Beschwerden sei sie schliesslich im Vergleich zu anderen Hilfsarbeiterinnen auf
dem Arbeitsmarkt stark benachteiligt, weshalb ihr ein Leidensabzug von 25%
zuzugestehen sei (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 16. Dezember 2008 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Sie stellt sich auf den
Standpunkt, das bidisziplinäre Gutachten berücksichtige die geklagten Beschwerden.
Zudem stütze sich das Gutachten auf eingehende Untersuchungen und sei in Kenntnis
der Vorakten abgegeben worden. Da die begutachtenden Ärzte keine
schwerwiegenden Befunde am Bewegungsapparat hätten feststellen können, sei in
somatischer Hinsicht eine 100%ige Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin für eine
körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeit plausibel. Eine neurologische oder
neuropsychologische Abklärung sei nicht erforderlich gewesen, hätten bei der
Erhebung des Allgemeinstatus keine Anzeichen einer radikulären Symptomatik
vorgelegen; zudem seien auch keine Funktionsausfälle festzustellen gewesen. Der von
Dr. G._ erhobene psychiatrische Untersuchungsbefund spreche zudem für das
Vorliegen einer lediglich leichtgradigen psychischen Beeinträchtigung, die zwar eine
Leistungseinbusse mit sich bringen könne, die aber für sich alleine nicht einen
Gesundheitsschaden im Sinne des Gesetzes darstelle, zumal Dr. G._ die attestierte
Einschränkung teilweise auf psychosoziale Faktoren zurückgeführt habe. Die
Beschwerdeführerin sei deshalb in einer der somatischen Beeinträchtigung
angepassten Tätigkeit voll arbeitsfähig. Es sei zudem davon auszugehen, dass sie ihre
Resterwerbsfähigkeit auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt realisieren könnte.
Schliesslich sei im Lichte der Befunde der Gutachter davon auszugehen, dass die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin im Haushalt nicht im Umfang von 38% eingeschränkt sei (act.
G 6).
B.c Am 18. Dezember 2008 bewilligte die Präsidentin der 1. Abteilung des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen die von der Beschwerdeführerin
beantragte unentgeltliche Prozessführung (act. G 7).
B.d In ihrer Replik vom 4. März 2009 macht die Beschwerdeführerin erneut geltend,
dass die Einschränkung in der Erwerbstätigkeit zumindest 30% betrage. Zudem seien
die unfallbedingten Beschwerden, insbesondere das Schleudertrauma, nicht
berücksichtigt worden. Ferner treffe auch die in der Verfügung vom 18. September
2008 enthaltene Behauptung der Beschwerdegegnerin, dass bei einem psychischen
Leiden ein Leidensabzug entfalle, nicht zu. Vielmehr sei ihr aufgrund ihrer
Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt ein Leidensabzug von 25% zu gewähren.
Schliesslich sei auf die im Rahmen der Haushaltsabklärung festgestellte Einschränkung
von 38% im Haushalt abzustellen (act. G 11).
B.e Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf das Einreichen einer Duplik (act. G 13).

Erwägungen:
1.
1.1 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]).
Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder
geistigen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende, ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG). Nach Art. 28 Abs. 2
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) besteht der
Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn der Versicherte mindestens zu 70%,
derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn er wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein
Invaliditätsgrad von mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente
und bei einem solchen von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.2 Bei einer erwerbstätigen versicherten Person erfolgt die Invaliditätsbemessung
gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG nach der in Art. 16 ATSG festgelegten, sog. allgemeinen
Methode des Einkommensvergleichs. Danach wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), verglichen mit dem
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (sog. Valideneinkommen). Bei einer nichterwerbstätigen versicherten
Person wird für die Bemessung der Invalidität nach der sog. spezifischen Methode
darauf abgestellt, in welchem Mass die versicherte Person unfähig ist, sich im
bisherigen Aufgabenbereich zu betätigen (Art. 28a Abs. 2 IVG i.V.m. Art. 8 Abs. 3
ATSG). Invaliditätsrelevante Aufgabenbereiche bilden insbesondere die Tätigkeit im
Haushalt, die Kindererziehung und die Ausbildung (vgl. Art. 26bis, Art. 27 der
Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV, SR 831.201]). Bei einer versicherten
Person schliesslich, die teilweise erwerbstätig, teilweise in einem anderen
Aufgabenbereich tätig war, wird die Invalidität für den Bereich der Erwerbstätigkeit
nach Art. 16 ATSG, für den anderen Aufgabenbereich nach Art. 28a Abs. 2 IVG
festgelegt (Art. 28a Abs. 3 IVG). In diesem Falle sind demnach die Anteile der
Erwerbstätigkeit und der Tätigkeit im anderen Aufgabenbereich festzustellen und der
Invaliditätsgrad entsprechend der Behinderung in beiden Bereichen zu bemessen (sog.
gemischte Methode). Ist bei einer versicherten Person, die nur zum Teil erwerbstätig
ist, anzunehmen, dass sie im Zeitpunkt der Prüfung des Rentenanspruchs ohne
Gesundheitsschaden ganztägig erwerbstätig wäre, so ist die Invaliditätsbemessung
ausschliesslich nach den Grundsätzen für Erwerbstätige zu bemessen (Art. 27 IVV).
1.3
1.3.1 In ständiger Praxis prüft das Bundesgericht die Frage, ob und gegebenenfalls in
welchem Ausmass eine versicherte Person auch ohne den Gesundheitsschaden im
Aufgabenbereich tätig wäre, anhand der hypothetischen Verhaltensweise der
versicherten Person. Zu prüfen ist nach Ansicht des Bundesgerichts, ob die versicherte
Person ohne den Gesundheitsschaden mit Rücksicht auf die gesamten Umstände
(persönlicher, familiärer, sozialer und erwerblicher Art) erwerbstätig oder im
Aufgabenbereich tätig wäre. Dabei sind die finanzielle Notwendigkeit der Aufnahme
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
oder der Ausdehnung einer Erwerbstätigkeit, allfällige Erziehungs- und
Betreuungsaufgaben, das Alter der versicherten Person und deren berufliche
Fähigkeiten, Neigungen und Begabungen massgebend. Abzustellen ist auf die
hypothetischen Verhältnisse in tatsächlicher Hinsicht, wie sie sich bis zum
massgebenden Zeitpunkt entwickelt haben würden, wobei für die hypothetische
Annahme einer im Gesundheitsfall ausgeübten (Teil-) Erwerbstätigkeit der im
Sozialversicherungsrecht übliche Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
erforderlich ist (BGE 125 V 150 E. 2c; BGE 117 V 194 f. E. 3b mit Hinweisen; AHI 1997
S. 288 ff. E. 2b, AHI 1996 S. 197 E. 1c, je mit Hinweisen, a.M. Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen, vgl. für viele: Urteil vom 17. Februar 2009, IV 2007/425, E. 1.2 mit
Hinweisen). Neben dem früheren Arbeitsverhalten sind im Wesentlichen die Absicht der
versicherten Person und ihre Vorstellungen und Pläne zum Alltag ohne
Gesundheitsschaden zu berücksichtigen. Von Bedeutung sind insbesondere auch die
Sicherstellung der Kinderbetreuung und die Verdienstverhältnisse. Die konkrete
Situation und die Vorbringen der versicherten Person sind nach Massgabe der
allgemeinen Lebenserfahrung zu würdigen.
1.3.2 Die Beschwerdeführerin äusserte sich sowohl im Rahmen der
Haushaltsabklärung vom 16. September 2005 als auch in der Beschwerdeschrift
dahingehend, dass sie ohne Gesundheitsschaden weiterhin zu 60% erwerbstätig
geblieben und im Umfang von 40% im Haushalt tätig wäre. Diese Auffassung ist
zwischen den Parteien unbestritten und im Hinblick auf die im Verfügungszeitpunkt
vorliegende familiäre Situation und die bis zu diesem Zeitpunkt gelebte eheliche
Aufgabenteilung durchaus realistisch, lebte die Beschwerdeführerin doch vor und nach
Eintritt des Gesundheitsschadens zusammen mit ihrem voll erwerbstätigen Ehemann
und den beiden sich noch in Ausbildung befindenden Kinder im gemeinsamen
Haushalt, dessen Besorgung offenbar immer der Beschwerdeführerin oblag. Die
Invaliditätsbemessung hat daher anhand der gemischten Methode zu erfolgen.
2.
2.1 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von
Amtes wegen festzustellen und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel
eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Die
höchstrichterliche Rechtsprechung hat es aber mit dem Grundsatz der freien
Beweiswürdigung als vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte Formen
medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen
(BGE 125 V 351 E. 3b). Gemäss Bundesgericht besitzen daher im Rahmen des
Verwaltungsverfahrens eingeholte Gutachten von externen Spezialärzten, die aufgrund
eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten
Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen
gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft, solange nicht konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb).
2.2 Vorerst festzuhalten gilt, dass der Austrittsbericht der Klinik Gais, in welcher die
Versicherte vom 6. bis 25. Oktober 2003 hospitalisiert war, Dr. G._ bei der Erstellung
des psychiatrischen Teilgutachtens vom 23. März 2007 nicht vorgelegen hat (vgl. IV-
act. 64) und dass sein Gutachten demnach nicht auf einer Würdigung sämtlicher
medizinischen Akten basiert. Dies ist insbesondere deshalb problematisch, weil die
Ärzte der Klinik Gais der Beschwerdeführerin in besagtem Austrittsbericht offenbar eine
depressive Störung und - unter anderem gestützt darauf - eine volle Arbeitsunfähigkeit
bei Austritt attestierten. Nach Ansicht der AEH-Gutachter und damit auch von Dr. G._
beträgt die ausschliesslich psychiatrisch bedingte Arbeitsunfähigkeit der
Beschwerdeführerin demgegenüber seit Januar 2003 lediglich 30% (IV-act. 45). Auf
diese Diskrepanz hingewiesen schreibt Dr. G._ in seiner Stellungnahme vom 23. April
2008: "Dass die Versicherte im Verlauf eine depressive Störung entwickelt hat, kann ich
nicht verneinen" (IV-act. 64 - 2) und räumt damit ein, dass die von ihm für die
Vergangenheit abgegebene Arbeitsfähigkeitsschätzung allenfalls nicht zutreffend ist.
Nachdem eine widerspruchsfreie und in sich schlüssige Beurteilung des Verlaufs der
psychischen Beschwerden und die damit einhergehende Arbeitsunfähigkeit der
Beschwerdeführerin im massgebenden Zeitraum ab Januar 2003 weder dem AEH-
Gutachten noch den in der Folge ergangenen Stellungnahmen oder den übrigen Akten
entnommen werden kann, ist es vorliegend nicht möglich, den Rentenanspruch der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin zu beurteilen. Die Beschwerdegegnerin wird ein psychiatrisches
Obergutachten einzuholen haben, in welchem der Experte oder die Expertin sich
anhand sämtlicher von den behandelnden Ärzten erstellten Akten und aufgrund eigener
Untersuchungen zum psychischen Gesundheitszustand und den Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit äussert. Zudem wird sich die Expertise auch mit den divergierenden
Arbeitsfähigkeitsschätzungen von Dr. G._, der Klinik Gais und von Dr. C._ zu
befassen haben.
3.
3.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen, die Verfügung der
Beschwerdegegnerin vom 18. September 2008 aufzuheben und die Sache zur
Einholung eines psychiatrischen Obergutachtens an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
3.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis
Fr. 1000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.- erscheint
als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als volles
Obsiegen (ZAK 1987 S. 268 E. 5a). Somit ist die Gerichtsgebühr der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
3.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen
(Art. 61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal
Fr. 1'000.00 bis Fr. 12'000.00. Im hier zu beurteilenden Fall erscheint eine
Parteientschädigung von Fr. 3'500.00 (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als
angemessen. Damit wird die bewilligte unentgeltliche Prozessführung gegenstandslos.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht