Decision ID: 5842cbba-5dd3-5541-81a7-4ca4fa594001
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Daniel Ehrenzeller, Engelgasse 214, 9053 Teufen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a Der Versicherte A._ meldete sich am 2. November 2004 zum Bezug von
beruflichen Massnahmen (Berufsberatung, Umschulung auf eine neue Tätigkeit) bei der
IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 1-1 ff.).
A.b Am 8. November 2004 erstattete der behandelnde Arzt Dr. med. B._, Facharzt
für Allgemeine Medizin FMH, einen Arztbericht. Er diagnostizierte mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit ein persistierendes rechtsseitiges Lumbalgiesyndrom mit
pseudoradikulärer Ausstrahlung rechts und attestierte in einer leichten Arbeit mit
Wechselbelastung stehend, sitzend und gehend eine 50 %ige Arbeitsfähigkeit (IV-
act. 11-1 ff.).
A.c Am 8. Januar 2005 erstattete die Firma C._ einen Arbeitgeberbericht (IV-act.
12-1 ff.). Darin wird ausgeführt, dass der seit dem 7. August 1989 als Hilfsarbeiter/
Heizungsmonteur tätige Versicherte am 19. Dezember 2003 seinen letzten effektiven
Arbeitstag gehabt habe (IV-act. 12-1). Das AHV-beitragspflichtige Einkommen des
Versicherten im Jahr 2002 habe inkl. Gratifikation Fr. 58'355.--, die AHV-
beitragspflichtigen Einkommen der Jahre 2003 und 2004 inkl. Gratifikationen hätten
Fr. 58'340.-- und Fr. 55'900.-- betragen (IV-act. 12-2).
A.d In einer internen Stellungnahme der IV-Stelle vom 27. Juni 2005 führte der Ein
gliederungsberater aus, der Versicherte fühle sich aktuell nicht in der Lage, die
attestierte Arbeitsfähigkeit von 50 % ganztags zu verwerten. Die gesundheitliche
Situation erscheine nicht stabil genug und die Schmerzen stünden aktuell unverrückbar
im Zentrum. Die bisher durchgeführten Arbeitsversuche in angepassten Tätigkeiten
seien abgebrochen worden. Weiterführende Abklärungen würden unter anderem
deshalb nicht als sinnvoll erachtet, weil der Versicherte entgegen seinen Aussagen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
persönliche Bemühungen objektiv nicht erbracht habe. Der Versicherte beantrage die
Rentenprüfung (IV-act. 20-1).
A.e Am 12. August 2005 erstattete der seit Mai 2005 behandelnde Arzt Dr. med.
D._, Facharzt für Allgemeinmedizin FMH, einen Arztbericht. Er diagnostizierte mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine mittelgrosse lumbale Diskushernie L4/5 rechts
bei multisegmental degenerativer Veränderung der LWS L2 bis L5 sowie ein
persistierendes, nur langsam regredientes rechtsbetontes Lumbalgie-Syndrom mit
rechts glutealer Ausstrahlung und attestierte in leichter Arbeit mit Wechselbelastung
eine 50 %ige Arbeitsfähigkeit ganztags mit reduzierter Leistung (IV-act. 22-1 ff.).
A.f Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die Klinik Valens am 18. September 2006 ein
multidisziplinäres medizinisches Gutachten unter Einschluss von psychiatrischen,
internistischen und rheumatologischen/rehabilitativen Teilgutachten sowie einer
Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL; IV-act. 33-1 ff.). Die Gutachter
diagnostizierten mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ein chronisches
lumbospondylogenes Syndrom rechts, eine mittelgradige depressive Episode mit
somatischem Syndrom sowie ein zervikovertebrales und zervikozephales Syndrom (IV-
act. 33-21 f.). Die Gutachter hielten fest, die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als
Heizungsmonteur sei dem Versicherten aufgrund der pathologisch-anatomischen
Befunde an der Wirbelsäule und der aktuellen körperlichen Belastbarkeit nicht mehr
möglich. Für behinderungsgeeignete Tätigkeiten – körperlich leicht und
wechselbelastend mit Gewichtsbelastungen bis maximal 7,5 kg, in stressfreier und
wohlwollender Arbeitsumgebung, ohne Produktionsstrassen oder Fliessband –
schätzten die Gutachter die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit auf 50 %. Nach den
Akten zu schliessen, bestehe diese eingeschränkte Arbeitsfähigkeit sicherlich seit
Sommer 2004 (IV-act. 33-30).
A.g Mit Schreiben vom 13. Dezember 2006 forderte die IV-Stelle den Versicherten
dazu auf, sich im Rahmen der allgemeinen Schadenminderungspflicht in eine
stationäre psychiatrisch / psychotherapeutische oder psychosomatische Behandlung
zu begeben und nach Massgabe der zuständigen Klinik ausreichend lange behandeln
zu lassen (IV-act. 38-1 f.). In der Folge begab sich der Versicherte für die Zeit vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
12. Februar 2007 bis 10. März 2007 zur stationären Rehabilitation in die Klinik Gais (IV-
act. 44-1 ff.).
A.h Im Auftrag der IV-Stelle erstattete das Psychiatrie-Zentrum E._, wo der
Versicherte seit Juni 2006 in ambulanter Behandlung war, am 12. Juni 2007 einen
Arztbericht. Die Ärzte hielten fest, aufgrund der mittelgradigen Depression sei der
Versicherte momentan nur zu 50 % arbeitsfähig, entsprechend einem
Halbtagspensums von vier Stunden täglich. Zusätzlich bestehe durch die Depression
noch eine gewisse Verlangsamung, aus der eine verminderte Leistungsfähigkeit von ca.
20 % beobachtbar wäre (IV-act. 48-1 ff.).
A.i Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die Klinik Valens am 23. Oktober 2007 ein
psychiatrisches Verlaufsgutachten. Der Gutachter Dr. med. F._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie, beurteilte die Prognose, wegen inzwischen
stattgefundener Chronifizierung, als infaust. Im Weiteren führte er aus, aufgrund der
unverändert bestehenden leicht- bis mittelgradig depressiven Verstimmung sei dem
Versicherten bei einer 50 %igen Arbeitsfähigkeit die Aufnahme einer rheumatologisch-
internistisch adaptierten Verweistätigkeit bei Arbeitsplatzanwesenheit von mindestens
61⁄2 Stunden bis ganztägig und halber Arbeitsleistung pro Tag sofort zumutbar, dies
erscheine zudem heilungsfördernd (IV-act. 60-1 ff.).
A.j Am 21. November 2007 erstattet Dr. med. G._, Fachärztin FMH für Neurologie,
welche den Beschwerdeführer gleichentags neurologisch und elektrodiagnostisch
untersucht hatte, einen Arztbericht. Sie diagnostizierte einen dringenden Verdacht auf
ein Restless-legs-Syndrom, ein chronisches lumbospondylogenes Syndrom rechts bei
degenerativen LWS-Veränderungen sowie eine mittelgradige depressive Episode mit
somatischem Syndrom (IV-act. 73-1 ff.).
A.k Am 19. März 2008 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass die
Arbeitsvermittlung abgeschlossen werde. Als Begründung wird angeführt, der
Versicherte fühle sich aktuell nicht in der Lage, die attestierte Arbeitsfähigkeit
umzusetzen. Er wünsche keine weitere Unterstützung bei der Stellensuche (IV-act.
76-1 f.). Gleichentags stellte die IV-Stelle mit Vorbescheid vom 19. März 2008 die
Ausrichtung einer halben Rente ab 1. Januar 2005 in Aussicht (IV-act. 78-1 f.). Ohne
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitsschaden würde der Versicherte im Jahr 2007 Fr. 61'009.-- verdienen. Bei
einer Arbeitsfähigkeit von 50 % in einer adaptierten Tätigkeit und nach Abzug von
10 % vom Tabellenlohn sei ein Einkommen von Fr. 26'563.-- erzielbar (IV-act. 74-1).
Die Erwerbseinbusse von Fr. 34'446.-- entspreche einem Invaliditätsgrad von 56 % (IV-
act. 76-2).
A.l Dagegen liess der Versicherte am 28. April 2008 Einwand erheben. Er beantragte
eine ganze IV-Rente und bemängelte die im Vorbescheid vorgenommene Berechnung
des Invalideneinkommens (IV-act. 85-1 ff.).
A.mMit Verfügung vom 14. Juni 2008 sprach die IV-Stelle dem Versicherten die im
Vorbescheid in Aussicht gestellte halbe IV-Rente mit Wirkung ab 1. Juli 2008 zu (IV-
act. 90-1 ff.).
A.n Gegen diese Verfügung richtete sich die Beschwerde vom 14. August 2008. Der
Versicherte beantragte, die angefochtene Verfügung aufzuheben und ihm ab Januar
2005 eine ganze IV-Rente zuzusprechen. Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben
und bei der Klinik Valens eine Ergänzung des Gutachtens vom 23. Oktober 2007 in
Auftrag zu geben. Als Begründung bemängelte der Versicherte die vorgenommene Be
rechnung des Invalideneinkommens, insbesondere den seiner Meinung nach viel zu
geringe Abzug vom Tabellenlohn (IV-act. 94-2 ff.).
A.o Am 18. August 2008 verfügte die IV-Stelle die Ausrichtung der halben IV-Rente
plus Kinderrente für die Zeit vom 1. Januar 2005 bis 30. Juni 2008 (IV-act. 97-1 ff.).
A.p In einem internen Protokoll vom 6. Januar 2009 empfahl Dr. med. H._ des
Regionalen Ärztlichen Dienstes der IV-Stelle (RAD) nach einem stattgefundenen
internen Gespräch mit der zuständigen juristischen Sachbearbeiterin des
Rechtsdienstes der IV-Stelle eine erneute umfassende MEDAS-Begutachtung
(rheumatologisch-orthopädisch, neurologisch und psychiatrisch) mit anschliessender
Konsensbildung betreffend Arbeitsfähigkeit, Leistungsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit
und zumutbarem Zeitpensum unter kritischer Würdigung der bisherigen Befund-,
Behandlungs- und Verlaufsberichte und bisherigen Gutachten mit den üblichen
Routine- und zusätzlichen Fragen (IV-act. 107-1 ff.). Mit Verfügung vom 7. Januar 2009
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
widerrief die IV-Stelle in der Folge die Verfügungen vom 14. Juni 2008 und 18. August
2008. Als Begründung wurde angeführt, es würden weitere notwendige Abklärungen
vorgenommen. Anschliessend werde eine neue beschwerdefähige Verfügung erlassen
(IV-act. 109-1 f.). Infolge Gegenstandslosigkeit schrieb das Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen mit Entscheid vom 5. Februar 2009 (IV-act. 115-1 ff.) das Be
schwerdeverfahren ab (IV 2008/335).
A.q Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die Ärztliche Begutachtungsinstitut (ABI) GmbH
in Basel am 17. August 2009 ein polydisziplinäres Gutachten unter Einschluss eines
psychiatrischen und eines orthopädischen Teilgutachtens (IV-act. 125-1 ff.). Die
Gutachter stellten folgende Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit: (1)
Chronisches lumbovertebrales Schmerzsyndrom ohne radikuläre Auffälle (ICD-10
M54.5) mit kleinvolumiger Diskushernie LWK 2/3/4 und breitbasiger Diskusprotrusion
LWK 4/51, ohne Nervenwurzelkompression, und mässiger Osteochondrose LWK 2/3,
weniger auch LWK 4/5; (2) Chronisches zervikovertebrales Schmerzsyndrom ohne
radikuläre Ausfälle (ICD-10 M54.2) mit freier Beweglichkeit der HWS und anamnestisch
fortgeschrittener degenerativer Veränderungen unter Betonung der Segmente HWK 3⁄4
und HWK 6/7; (3) Mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.0); (4) Anhaltende
somatoforme Schmerzstörung (ICED-10 F45.4). Zusammenfassend wurde
festgehalten, aus polydisziplinärer Sicht könnten dem Versicherten weder die als
angestammt anzusehende Tätigkeit als Bauarbeiter und Heizungsmonteur noch andere
körperlich mittelschwere bis schwere Tätigkeiten zugemutet werden; für leichte,
angepasste Tätigkeiten bestehe eine Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 50 %. Die
adaptierte Tätigkeit lasse sich mit der angegebenen Arbeitsfähigkeit von 50 %
entweder in einem halbtägigen Pensum oder vollschichtig mit vermehrten Pausen
realisieren, was durch die aufgrund der vorliegenden psychischen Störungen
bestehende erhöhte Ermüdbarkeit bedingt sei. Die aus orthopädischer Sicht attestierte
vollständige Arbeitsunfähigkeit für körperlich belastende Tätigkeiten könne aufgrund
der Akten rückwirkend seit ca. 2004 bestätigt werden; die Arbeitsfähigkeit von 50 % für
adaptierte Tätigkeiten bestehe seit mindestens 2006, und der vorliegende
Gesundheitszustand sei seither mehr oder weniger stabil geblieben (IV-act. 125-22 ff.).
A.r Mit Vorbescheid vom 2. November 2009 wurde dem Versicherten ab dem
1. Januar 2005 eine halbe IV-Rente in Aussicht gestellt (IV-act. 129-1 ff.). Dagegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erhob der Versicherte am 3. Dezember 2009 Einwand und beantragte, ihm sei mit
Wirkung ab Januar 2005 mindestens eine Dreiviertelsrente zuzusprechen. Als
Begründung bemängelte der Versicherte den seiner Meinung nach viel zu geringen
Abzug vom Tabellenlohn (IV-act. 131-1 ff.).
A.s Mit einem weiteren Vorbescheid vom 12. Januar 2010 teilte die IV-Stelle dem
Versicherten mit, dass sein Leistungsbegehren bei einem IV-Grad von weniger als
40 % abgewiesen werde (IV-act. 134-1 ff.). Dem ABI-Gutachten vom 18. August 2009
sei zu entnehmen, dass die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit von 50 % rein aus
psychiatrischer Sicht erfolgt sei. Körperlich leichte wechselbelastende Tätigkeiten ohne
Notwendigkeit, Lasten über 10 kg zu heben und zu tragen, seien dem Versicherten
zeitlich und leistungsmässig uneingeschränkt zumutbar. Die Arbeitsfähigkeit sei nur aus
psychiatrischer Sicht eingeschränkt. Eine schwere psychische Störung liege nicht vor.
Eine Komorbidität von erheblicher Schwere sei durch den Begutachter nicht erkannt
und diagnostiziert worden. Es liege eine ausgeprägte Krankheitsüberzeugung vor,
wofür jedoch nicht die Invalidenversicherung einzustehen habe (IV-act. 134-2).
Dagegen erhob der Versicherte am 12. Februar 2010 Einwand (IV-act. 138-1).
A.t Mit Verfügung vom 22. Februar 2010 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren
des Versicherten ab. Da der Invaliditätsgrad lediglich 11 % betrage, bestehe kein
Rentenanspruch (IV-act. 139-1 ff.).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die am 23. März 2010 erhobene Beschwerde,
in der beantragt wird, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei dem Be
schwerdeführer rückwirkend ab 1. Januar 2005 mindestens eine halbe IV-Rente zuzu
sprechen. Zur Begründung wird im Wesentlichen ausgeführt, die ABI GmbH habe ganz
klar zwei eigenständige Diagnosen gestellt, nämlich die mittelgradige Depression und
daneben eine somatoforme Schmerzstörung. Bei der somatoformen Schmerzstörung
habe die ABI GmbH die Zumutbarkeit überprüft und sei im Konsens wie bei der
mittelgradigen Depression zum Ergebnis gekommen, dass adaptierte Tätigkeiten
insgesamt zu 50 % zumutbar seien. In orthopädischer Hinsicht sei keine
Einschränkung für leichte Arbeit postuliert worden. Sollte sich die Sache nicht im Sinne
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Beschwerdeführers erledigen lassen, werde eine zusätzliche MRI-Abklärung nicht
nur der LWS, sondern auch der HWS beantragt. Offenbar seien keinerlei saubere
bildgebende Unterlagen vorhanden, welche eine zweifelsfreie Beurteilung aktuell
ermöglichen würden. Dass der Beschwerdeführer an chronischen Schmerzen leide, sei
auch von der ABI GmbH anerkannt worden und lasse sich nicht wegdiskutieren. Im
ABI-Gutachten werde ausgeführt, dass die attestierte Arbeitsunfähigkeit seit
mindestens 2006 bestehe und der vorliegende Gesundheitszustand seither mehr oder
weniger stabil geblieben sei. Zum ABI-Gutachten habe der RAD gemeint, dass das
Gutachten gesamthaft die Anforderungen in jeder Hinsicht erfülle und dass die die
Arbeitsfähigkeit/Arbeitsunfähigkeit betreffenden Einschätzungen plausibel seien. Es
könne somit voll auf dieses Gutachten abgestellt werden. Der Beschwerdeführer
verweist im Weiteren auf die Stellungnahme zum Vorbescheid vom 2. November 2009.
Es werde verkannt, dass er an zwei Diagnosen leide, an einer mittelgradigen
depressiven Erkrankung und an einer somatoformen Schmerzstörung. Trotz dieses
Unterschiedes würden einfach die Kriterien der Rechtsprechung zu den somatoformen
Schmerzstörungen an sich behandelt. Dabei liege eine eigenständige psychiatrische
Erkrankung vor. Ein ausgeprägter sozialer Rückzug liege ebenfalls vor. In BGE 127 V
294 habe ausschliesslich die Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung
vorgelegen. Hier würden die Dinge entscheidend anders liegen. Die Aktenlage sei auch
klar und unmissverständlich, dies im Gegensatz zum ebenfalls erwähnten BGE
9C_803/2008 vom 29. Mai 2009. Auch habe bereits die ABI GmbH die Frage der
Zumutbarkeit der Schmerzüberwindung behandelt und in der Gesamtkonklusion
beantwortet; der ABI GmbH sei die Problematik zweifellos ebenso bekannt. Weiter sei
darauf hinzuweisen, dass das psychische Leiden des Beschwerdeführers schon viele
Jahre andauere und immer wieder von ganz verschiedenen Ärzten auch diagnostiziert
worden sei. Es liege eine ernsthafte, andauernde und eigenständige psychische
Erkrankung von mindestens mittlerem Schweregrad vor, wobei keine Aussicht auf
Besserung bestehe. So gesehen liege zweifellos eine psychische Begleiterkrankung
von Erheblichkeit, Ausprägung und Dauer vor, auch wenn diese nicht ausdrücklich als
schwere Depression postuliert werde. Eine mittelgradige Depression als eigenständige
Erkrankung führe (gerade auch ohne somatoforme Schmerzstörung) zu einer
relevanten Arbeitsunfähigkeit (act. G 1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 10. Mai 2010 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt sie im Wesentlichen aus, der Be
schwerdeführer habe bei der psychiatrischen Exploration in der ABI GmbH in erster
Linie über (diffuse) nicht hinreichend objektivierbare körperliche Beschwerden geklagt.
Aus seinen Angaben sei zu schliessen, dass die depressiven Symptome eher im
Hintergrund stehen würden. Aus der Beschreibung der Symptome und der
psychischen Vorgänge im ABI-Gutachten gehe jedenfalls mit einer gewissen
Deutlichkeit hervor, dass das Schmerzgeschehen dominiere, die Schmerzsymptomatik
also im Vordergrund stehe. Die depressive Symptomatik scheine sich aus dem
anhaltenden Schmerzgeschehen heraus entwickelt zu haben und ausserdem sei sie
gemäss den Ausführungen des psychiatrischen Gutachters auch durch ausgeprägte
(invaliditätsfremde) psychosoziale Belastungsfaktoren (angespannte finanzielle
Situation, Erkrankung der Ehefrau, Sohn leide seit Geburt unter Epilepsie) verursacht.
Bei diesen Gegebenheiten stelle die mittelgradige depressive Episode keine
Komorbidität zur somatoformen Schmerzstörung dar (bzw. sie weise für sich allein
genommen nicht die für die Annahme eines invalidisierenden psychischen
Gesundheitsschadens erforderliche Schwere auf) und die übrigen
rechtsprechungsgemäss relevanten Kriterien, die einem adäquaten Umgang mit den
geklagten Schmerzen entgegenstehen könnten, seien nicht (hinreichend) erfüllt, um
insgesamt den rechtlichen Schluss auf eine invalidisierende Gesundheitsschädigung zu
gestatten. Aus rechtlichen Gründen müsse deshalb von der Schlussfolgerung der ABI
GmbH, wonach es dem Beschwerdeführer trotz der geklagten Schmerzen zugemutet
werden könne, in einer seinen körperlichen Einschränkungen angepassten Tätigkeit zu
50 % zu arbeiten, abgewichen werden. Die Frage, ob eine Willensanstrengung zur
Überwindung der Schmerzen ganz oder wenigstens teilweise unzumutbar sei, könne
sich nur stellen, wenn eine psychisch ausgewiesene Komorbidität von erheblicher
Schwere, Intensität, Ausprägung und Dauer zu bejahen sei oder aber die weiteren
diesbezüglich relevanten Kriterien in hinreichender Ausprägung und Anzahl erfüllt
seien. Wo dies wie hier klar nicht der Fall sei, müsse von einer vollständigen
Überwindbarkeit der somatoformen Schmerzstörung ausgegangen werden, da
derselben keine invalidisierende Wirkung zukomme. Da neben dem ABI-Gutachten
auch die beiden Gutachten der Klinik Valens sowie die Berichte der behandelnden
psychiatrischen Fachärzte durchgehend eine mittelschwere depressive Symptomatik
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beschrieben, sei von einem in den letzten Jahren im Wesentlichen unverändert
gebliebenen psychischen Leiden auszugehen, dem invalidenversicherungsrechtlich
keine invalidisierende Wirkung zukomme. Aufgrund der medizinischen Aktenlage sei in
somatischer Hinsicht konstant von einer 100 %igen Arbeitsfähigkeit für
behinderungsangepasste Tätigkeit auszugehen. Es stehe also rechtsgenüglich fest,
dass beim Beschwerdeführer zu keiner Zeit ein rentenbegründender invalidisierender
Gesundheitsschaden vorgelegen habe (act. G 4).
B.c Mit Replik vom 23. Juni 2010 hält der Beschwerdeführer an seinen Anträgen fest.
Eventualiter wird zudem beantragt, es sei die Verfügung vom 22. Februar 2010
aufzuheben und die Angelegenheit zwecks Vornahme von LWS- und HWS- MRI's an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Er führt zusammenfassend aus, dass sowohl
in rechtlicher wie aber auch in tatsächlicher Hinsicht die Voraussetzungen für eine
Berentung gegeben seien (act. G 8).
B.d In der Folge verzichtete die Beschwerdegegnerin mit Schreiben vom 1. Juli 2010
auf eine Duplik (act. G 10).

Erwägungen:
1.
Am 1. Januar 2008 sind die anlässlich der 5. IV-Revision vorgenommenen Änderungen
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) in Kraft getreten.
Auf den 1. Januar 2012 sind die im Zug des ersten Teils der 6. Revision revidierten
Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20),
der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR
830.1) geändert worden. In zeitlicher Hinsicht gilt der übergangsrechtliche Grundsatz,
dass der Beurteilung jene Rechtsnormen zugrunde zu legen sind, die bei Erlass des
angefochtenen Entscheids beziehungsweise im Zeitpunkt gegolten haben, als sich der
zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklichte (vgl. BGE 127 V
467 E. 1, 126 V 136 E. 4b, je mit Hinweisen). Die Beschwerdegegnerin hat die
angefochtene Verfügung am 22. Februar 2010 (IV-act. 139-1 ff.) und somit vor
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Inkrafttreten der IV-Revision 6a erlassen. Der Sachverhalt reicht sogar in eine Zeit vor
Inkrafttreten der 5. IV-Revision zurück. Bezüglich der Invaliditätsbemessung und
Anspruchsprüfung sind indessen keine materiellen Änderungen eingetreten gegenüber
der bis 31. Dezember 2007 bzw. 31. Dezember 2011 gültig gewesenen Rechtslage
eingetreten, und die zur altrechtlichen Regelung ergangene Rechtsprechung ist
weiterhin massgebend. Daher werden nachfolgend die aktuell geltenden
Gesetzesbestimmungen wiedergegeben. Angesichts der Anmeldung zum
Leistungsbezug im November 2004 und des Eintritts der Arbeitsunfähigkeit im Januar
2004 sind betreffend den allfälligen Rentenbeginn die bis zum 31. Dezember 2007
gültig gewesenen Bestimmungen anzuwenden.
2.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin den Anspruch des
Beschwerdeführers auf eine Rente zu Recht verneint hat.
3.
3.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG), das heisst der durch
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach ärztlicher Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach dem
Grad der Invalidität abgestuft. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent vor,
besteht Anspruch auf eine Viertelsrente. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50
Prozent ist der Anspruch auf eine halbe Rente gegeben. Eine Dreiviertelsrente können
Versicherte beanspruchen, die einen Invaliditätsgrad von mindestens 60 Prozent
aufweisen, und eine ganze Rente, wer einen Invaliditätsgrad von mindestens 70
Prozent aufweist.
3.2 Die Feststellung des Gesundheitsschadens, das heisst die Befunderhebung und
die gestützt darauf gestellte Diagnose, aber auch die Prognose und die Ätiologie, die
durch den festgestellten Gesundheitsschaden verursachte Arbeitsunfähigkeit sowie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
das noch vorhandene funktionelle Leistungsvermögen oder das Vorhandensein und die
Verfügbarkeit von Ressourcen sind Tatfragen (BGE 132 V 398 E. 3.2), deren
Beantwortung entsprechendes Fachwissen voraussetzt. Im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes (Art. 43 Abs. 1 ATSG) hat die IV-Stelle daher in aller Regel
ärztliche Sachverständige zur Beantwortung dieser Fragen beizuziehen (vgl. Art. 43
Abs. 2 ATSG und Art. 69 Abs. 2 und 4 IVV), so etwa jene des IV-internen regionalen
ärztlichen Dienstes (RAD; vgl. Art. 49 Abs. 1 IVV) oder solche einer MEDAS. Aufgabe
der IV-Stelle und des Versicherungsgerichts ist es, diese Tatsachen rechtlich zu
würdigen, das heisst zu beurteilen, ob die ärztlichen Aussagen und Schätzungen die
zuverlässige Beurteilung des Leistungsanspruchs erlauben und, falls dies der Fall ist,
gestützt auf diese Feststellungen sowie die Feststellungen zu den beiden
Vergleichseinkommen den Invaliditätsgrad zu bemessen (vgl. BGE 132 V 398 f.
E. 3.2 f.).
4.
Es stellt sich zuerst die Frage, ob das vorliegende Gutachten der ABI GmbH vom
17. August 2009 (IV-act. 125-2 ff.) als medizinische Grundlage für die Bemessung des
Invaliditätsgrades beigezogen werden kann.
4.1 Die ABI GmbH zählt zu den medizinischen Abklärungsstellen (MEDAS) im Sinn
von Art. 72 IVV. Im Grundsatzurteil BGE 137 V 210 hat das Bundesgericht einlässlich
und in Berücksichtigung aller in Betracht fallenden Gesichtspunkte zur Beschaffung
medizinischer Entscheidungsgrundlagen durch externe Begutachtungsinstitute wie die
MEDAS in der Invalidenversicherung Stellung genommen und diese – wie bereits früher
(vgl. statt vieler Urteil des Bundesgerichts 9C_500/2009 vom 24. Juni 2009, E. 2.1 mit
Hinweis) – als verfassungs- und konventionskonform erklärt.
4.2 Der Beschwerdeführer wurde am 15. Juli 2009 in der ABI GmbH Basel
begutachtet. Die polydisziplinäre Begutachtung bestand aus einer psychiatrischen
sowie einer orthopädischer Untersuchung.
4.2.1 Aus psychiatrischer Sicht wurden als Diagnosen mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.0) sowie eine
bis
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=9C_342%2F2012&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F137-V-210%3Ade&number_of_ranks=0#page210
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4) gestellt. In der
psychopathologischen Befundaufnahme beschreibt der Gutachter, der
Beschwerdeführer sei durch einen deutlich verlangsamten Gang aufgefallen. Die
Klagen der körperlichen Beschwerden seien diffus. Neben seinen Schmerzen habe der
Beschwerdeführer über depressive Verstimmungen, Verlust von Interesse und Freude,
Antriebsstörung, erhöhte Ermüdbarkeit, Appetitverminderung mit leichtem
Gewichtsverlust und Schlafstörungen mit Albträumen geklagt. Er habe über die
angespannte finanzielle Situation und den Rückzug von seinen Landsleuten, die
Belastung durch die kranke Ehefrau und den an Epilepsie leidenden Sohn gesprochen.
Die Stimmung sei depressiv gewesen. Mimik und Gestik seien herabgesetzt gewesen.
Die affektive Modulationsfähigkeit sei eingeschränkt gewesen. Er sei bewusstseinsklar
und allseits orientiert gewesen. Lebensdaten habe er kaum angeben können. Das
Denken sei formal unauffällig gewesen, inhaltlich hätten depressive Gedanken im
Vordergrund gestanden. Wahnhafte Gedanken, Sinnestäuschungen, Halluzinationen
und Ich-Störungen seien nicht vorhanden gewesen. Eine deutliche Circadianität habe
nicht vorgelegen. Hinweise auf Suizidalität hätten nicht bestanden. Die Realitätsprüfung
und die Urteilsbildung seien nicht gestört gewesen. Die Beziehungsfähigkeit sei nicht
deutlich beeinträchtigt gewesen. Der Antrieb sei vermindert gewesen. Die
Intentionalität sei erhalten geblieben. Die Selbstwertregulation sei nicht beeinträchtigt
gewesen. Die Abwehrmechanismen seien nicht deutlich gestört gewesen. Der
Gutachter stellte weiter fest, der Beschwerdeführer befinde sich in psychiatrisch-
psychotherapeutischer Behandlung und erhalte eine antidepressive Medikation; der
Medikamentenspiegel des verordneten Antidepressivums sei im therapeutischen
Bereich gewesen. Bei den verwendeten Schmerzmitteln (Opioidtyp) gebe es keine
Hinweise auf missbräuchliche Einnahme (IV-act. 125-12 ff.). Für körperlich angepasste
Tätigkeiten bestehe aus psychiatrischer Sicht eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
von 50 %, bedingt durch die mittelgradige depressive Episode und die anhaltende
somatoforme Schmerzstörung.
4.2.2 Aus dem orthopädischen Teilgutachten geht hervor, dass sich die vom
Beschwerdeführer angegebenen, äusserst diffusen Beschwerden durch die
objektivierbaren Befunde, die vorliegenden Bilddokumente und radiologischen
Befundberichte keinesfalls vollständig begründen liessen. Auch die unablässige
Schmerzäusserung während der gesamten körperlichen Untersuchung samt deutlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Inkonsistenzen sei ein klarer Hinweis darauf, dass im Wesentlichen eine nicht-
organische Komponente der Schmerzen vorliege. An der zervikalen und lumbalen
Wirbelsäule beständen degenerative Veränderungen, welche grundsätzlich bei
körperlich hohen Belastungen zu Beschwerden führen könnten. Nicht geklärt blieben
allerdings die Schmerzen in vielen weiteren Abschnitten des Bewegungsapparates und
die Tatsache, dass es trotz körperlich langdauernden Schonung und wiederholter
konservativer Therapiemassnahmen nicht zu einer deutlichen Schmerzreduktion
gekommen sei. Insgesamt beständen ausgeprägte Anzeichen einer Ausweitung der
Schmerzproblematik, indem an den Extremitäten weitgehend unauffällige Befunde
festgehalten werden könnten. Aufgrund der Untersuchungen bestehe für die
angestammte Tätigkeit als Heizungsmonteur und für jede andere körperlich schwere
Tätigkeit eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Für körperlich leichte, wechselbelastende
Tätigkeiten – ohne Heben und Tragen von Lasten über 10 kg – liege dagegen zeitlich
und leistungsmässig eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit vor. Eine derart
angepasste Tätigkeit sei auch zumutbar, denn sie dürfte im Vergleich zum aktuellen
Alltagsleben kaum eine wesentliche Schmerzprovokation auslösen (IV-act. 125-19 ff.).
4.2.3 Gesamthaft gesehen kamen die Gutachter zum Schluss, die
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers sei auch in einer körperlich angepassten und
zumutbaren Tätigkeit um 50 % eingeschränkt, was mit den psychiatrischen Befunden
erklärt wurde. Es habe eine mittelgradige depressive Symptomatik mit depressiven
Verstimmungen, Verlust von Interesse und Freude, Konzentrationsstörungen, erhöhte
Ermüdbarkeit, Antriebsstörung, Appetitverminderung mit leichtem Gewichtsverlust,
Schlafstörungen, negative Zukunftsperspektiven sowie eine diffuse
Schmerzsymptomatik im Bewegungsapparat festgestellt werden können. Die
Schmerzen des Beschwerdeführers liessen sich durch die somatischen Befunde nicht
hinreichend objektivieren und es müsse eine psychische Überlagerung angenommen
werden. Diagnostisch handle es sich dabei um eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung (IV-act. 125-23 f.).
4.3 Das ABI-Gutachten beruht auf eigenständigen interdisziplinären Abklärungen,
mithin auf allseitigen Untersuchungen und ist damit für die streitigen Belange
umfassend. Die Beurteilung erfolgte in Kenntnis der Vorakten, und die vom
Beschwerdeführer geklagten Beschwerden wurden berücksichtigt. Das Gutachten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
leuchtet in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung
der medizinischen Situation ein. Vor diesem Hintergrund vermögen auch die darin
enthaltenen Schlussfolgerungen zu überzeugen. Für die Bemessung des
Invaliditätsgrads ist in erster Linie ausschlaggebend, wie es sich mit der
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit verhält; dazu sind dem ABI-Gutachten
plausible Angaben zu entnehmen. Das Gutachten erfüllt mithin alle praxisgemässen
Kriterien für beweiskräftige Gutachten (vgl. BGE 125 V 352 E. 3a), so dass
grundsätzlich darauf abzustellen ist bzw. es für die Bemessung des Invaliditätsgrades
beigezogen werden kann. Diese Auffassung vertrat auch der RAD in seiner
Stellungnahme vom 25. September 2009 (IV-act. 126-1).
5.
5.1 Aufgrund der durch die Sachverständigen der ABI GmbH ermittelten Diagnosen
im polydisziplinären Gutachten vom 17. August 2009 ist der Beschwerdeführer
insgesamt nur noch zu 50 % in einer körperlich leichten, angepassten Tätigkeit
arbeitsfähig. Die Beschwerdegegnerin bestreitet, dass die im Gutachten diagnostizierte
mittelgradige depressive Episode als Komorbidität zur somatoformen Schmerzstörung
besteht. Vielmehr handle es sich hierbei um eine Begleiterscheinung. Aus rechtlicher
Sicht sprächen keine hinreichenden Gründe dafür, dass die psychischen Ressourcen
es dem Beschwerdeführer nicht ermöglichen würden, trotz seiner Schmerzen eine
vollzeitige Erwerbstätigkeit auszuüben (act. G 4).
5.2 Ausgangspunkt der Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens ist die
Arbeitsfähigkeit der versicherten Person. Die von der Beschwerdegegnerin selbst ange
stellte Arbeitsfähigkeitsschätzung (Arbeitsfähigkeit 100 % in adaptierter Tätigkeit)
überzeugt nicht. Die Sachverständigen der ABI GmbH haben dem Umstand, dass eine
objektiv zumutbare Willensanstrengung zur Überwindung der
Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung unterstellt werden muss, korrekt Rechnung getragen.
Der Beschwerdeführer leidet nämlich nicht nur an einer Depression oder an einer
somatoformen Schmerzstörung, sondern an einer Kombination aus diesen beiden
Krankheiten. Es erscheint deshalb plausibel und wird auch durch den RAD-Arzt
bestätigt (IV-act. 126-1), dass der Beschwerdeführer seine
Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung nur zum Teil durch eine objektiv zumutbare
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Willensanstrengung überwinden könnte. Entgegen der von der Beschwerdegegnerin
offenbar vertretenen Auffassung ist nämlich nicht generell jede durch eine
somatoforme Schmerzstörung oder durch eine Depression ausgelöste
Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung durch eine objektiv zumutbare Willensanstrengung
vollständig überwindbar (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_958/2010 und 8C_1039/
2010 vom 25. Februar 2011). Vielmehr ist das Ausmass der Überwindbarkeit in jedem
Einzelfall durch den medizinischen Sachverständigen zu ermitteln (vgl. Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen IV 2008/223 vom 10. Dezember 2009
E. 1.3 und IV 2009/214 vom 10. Mai 2011 E. 8.2). Dass die Gutachter die Überwindung
der psychischen Einschränkungen insgesamt nur im Ausmass von 50 % für zumutbar
hielten, erscheint plausibel und ist einer "juristischen Korrektur" in dem von der
Beschwerdegegnerin vorgenommenen Sinn nicht zugänglich (vgl. zu dieser Thematik
auch die Urteile des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen IV 2009/52 vom
7. Dezember 2010, E. 4.4 [bestätigt durch den Bundesgerichtsentscheid 9C_1041/2010
vom 30. März 2011], und IV 2010/122 vom 9. November 2010 [bestätigt durch den
Bundesgerichtsentscheid 8C_958/2010 vom 25. Februar 2011]).
5.3 Im Übrigen steht die Beurteilung des Gesundheitszustandes und Einschätzung
der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in wesentlicher Übereinstimmung mit den
früheren Einschätzungen sowohl der behandelnden Ärzte als auch des Psychiaters der
Klinik Valens, der den Beschwerdeführer in den Jahren 2006 und 2007 im Auftrag der
IV-Stelle begutachtet hatte (IV-act. 34-1 ff., 60-1 ff.). Sie alle hatten eine mittelgradige
depressive Episode mit somatischem Syndrom diagnostiziert; die Klinik Gais stellte
2007 daneben die Diagnose einer chronischen somatoformen Schmerzstörung (IV-
act. 44-1). Der psychiatrische Gutachter der Klinik Valens schätzte die Arbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers auf 50%. Die Kohärenz dieser medizinischen Beurteilungen
über eine längere Zeitspanne hinweg seit der IV-Anmeldung im Jahre 2004 lassen auf
eine Chronifizierung des Krankheitsbildes schliessen ebenso wie auf die
Verselbständigung der Depression. Auch auf diesem Hintergrund erscheinen die
Schlussfolgerungen und die Arbeitsfähigkeitsschätzung der ABI-Gutachter begründet
und nachvollziehbar.
5.4 Bei der Bemessung des zumutbaren Invalideneinkommens des
Beschwerdeführers ist somit von einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 50 % in einer
körperlich leichten, angepassten Tätigkeit auszugehen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
6.1 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätigen Versicherten ist gemäss
Art. 28a Abs. 1 IVG Art. 16 ATSG anwendbar. Danach wird für die Bestimmung des
Invaliditätsgrades das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der
Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das
sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre. Der Einkommensvergleich
hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen
Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander
gegenübergestellt werden; sie können aber auch nach Massgabe der im Einzelfall
bekannten Umstände geschätzt werden (AHI 1998 S. 119).
6.2 Vorliegend ist ein Einkommensvergleich vorzunehmen. Rechtsprechungsgemäss
ist bei der Ermittlung des Valideneinkommens entscheidend, was die versicherte
Person im massgebenden Zeitpunkt nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdienen würde. Da nach empirischer
Feststellung in der Regel die bisherige Tätigkeit im Gesundheitsfall weitergeführt
worden wäre, ist Anknüpfungspunkt für die Bestimmung des Valideneinkommens
grundsätzlich der letzte vor Eintritt der Gesundheitsschädigung erzielte, nötigenfalls der
Teuerung und der realen Einkommensentwicklung angepasste Verdienst (vgl.
Bundesgerichtsentscheid i/S. K. vom 23. März 2009, 8C_515/2008). Für die Vornahme
des Einkommensvergleichs ist grundsätzlich auf die Gegebenheiten im Zeitpunkt des
allfälligen Rentenbeginns abzustellen (BGE 129 V 222). Es rechtfertigt sich, von den
Einkommensverhältnissen im letzten Jahr vor Eintritt der gesundheitlichen
Beeinträchtigung, nämlich 2002, auszugehen. Der Beschwerdeführer erzielte im Jahr
2002 ein Einkommen von Fr. 58'355.--, das als Valideneinkommen heranzuziehen ist.
6.3 Nach Eintritt der gesundheitlichen Beeinträchtigung stehen dem
Beschwerdeführer gemäss dem Begutachtungsergebnis noch verschiedene
Hilfstätigkeiten offen. Für die Bestimmung des Invalideneinkommens ist primär von der
beruflich-erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret
steht. Hat sie nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine ihr an
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen, so können nach der
Rechtsprechung statistische Werte (Tabellenlöhne) beigezogen werden (BGE 129 V
472 E. 4.2.1, Bundesgerichtsentscheid i/S C. vom 19. Juni 2008, 9C_81/2008). Im Jahr
2002 machte der statistische Durchschnittslohn für einfache und repetitive Tätigkeiten
von Männern Fr. 57'008.-- aus (Anhang 2 der Textausgabe 2010 IVG und ATSG,
gestützt auf die Tabelle TA1 der vom Bundesamt für Statistik herausgegebenen
Lohnstrukturerhebung).
6.4 Bestehen im Einzelfall Anhaltspunkte dafür, dass die versicherte Person ihre
gesundheitlich bedingte (Rest-) Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur
mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg verwerten kann, ist ein Abzug von den
Tabellenlöhnen zu machen. Mit dem behinderungsbedingten Abzug wird in der Praxis
dem Umstand Rechnung getragen, dass versicherte Personen, die in ihrer letzten
Tätigkeit körperliche Schwerarbeit verrichteten, nach Eintritt des Gesundheitsschadens
auch für leichtere Arbeiten nur beschränkt einsatzfähig sind, dass sie - unabhängig von
der früher ausgeübten Tätigkeit - als gesundheitlich Beeinträchtigte im Rahmen leichter
Hilfsarbeitertätigkeiten nicht mehr voll leistungsfähig sind oder dass weitere
persönliche und berufliche Merkmale wie Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit,
Nationalität oder Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die
Höhe des Lohnes haben können. Bei der Bestimmung der Höhe des Abzuges ist der
Einfluss aller in Betracht fallenden Merkmale auf das Invalideneinkommen unter
Würdigung der Umstände im Einzelfall gesamthaft zu schätzen und insgesamt auf
höchstens 25 % des Tabellenlohnes zu begrenzen. (vgl. zum Ganzen: BGE 134 V 322
E. 5.2 und BGE 126 V 75). - Die medizinisch bedingten Einschränkungen des
Beschwerdeführers sind bei der Festsetzung der (ganztägig zu verwertenden)
Arbeitsfähigkeit bereits berücksichtigt worden. Alter, Migrationshintergrund und
Ausbildungsstand bieten ebenfalls nicht Grund für einen Abzug, weil sie sich auf das
Validen- wie auf das Invalideneinkommen gleichermassen auswirken. Vorliegend ist
allerdings zu beachten, dass dem Beschwerdeführer körperlich mittelschwer und
schwer belastende berufliche Tätigkeiten nicht mehr zugemutet werden können. Er
kann mithin nur noch körperlich leichte, angepasste Tätigkeiten ausüben. Aufgrund der
vorliegenden psychischen Störungen besteht eine erhöhte Ermüdbarkeit (IV-act.
125-25). Der Beschwerdeführer ist daher auf besonderes Verständnis seitens des
Arbeitgebers und der Arbeitskollegen angewiesen. Es ist deshalb damit zu rechnen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dass der Beschwerdeführer im Vergleich zu gesunden Mitbewerbern um eine
entsprechende Stelle auf dem Arbeitsmarkt ein geringeres Einkommen erzielen wird.
Tabellenlöhne werden bei gesunden Arbeitnehmern erhoben. In Würdigung der hier
konkreten Umstände erscheint ein Tabellenlohnabzug von 10 % angemessen. Das
Durchschnittseinkommen ist somit auf Fr. 51'307.20 herabzusetzen. Bei einer
Arbeitsfähigkeit von 50 % ergibt sich ein zumutbares Invalideneinkommen von
Fr. 25'653.60. Der Invaliditätsgrad beträgt somit 56 %. Da der Invaliditätsgrad über
50 % und unter 60 % liegt, ist der Anspruch auf eine halbe Rente der
Invalidenversicherung gegeben.
6.5 Der Eintritt des Versicherungsfalles setzt (in der Regel) kumulativ eine Wartezeit
und danach einen rentenbegründenden Invaliditätsgrad voraus. Der Rentenanspruch
entsteht - gemäss aArt. 29 Abs. 1 lit. b IVG (in der bis zum 31. Dezember 2007 gültig
gewesenen Fassung) - frühestens in dem Zeitpunkt (abgesehen von der hier nicht
relevanten lit. a), in dem die versicherte Person während eines Jahres ohne
wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens zu 40 % arbeitsunfähig gewesen
war. Ein wesentlicher Unterbruch der Arbeitsfähigkeit liegt vor, wenn die versicherte
Person an mindestens 30 aufeinanderfolgenden Tagen voll arbeitsfähig war (Art. 29
IVV; Entscheid des Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S K. vom 26. März 2004,
I 19/04). Nach dem Ablauf dieses Wartejahres muss ein Invaliditätsgrad in der für die
betreffende Rentenabstufung erforderlichen Mindesthöhe erreicht werden. Aktenkundig
ist, dass der Beschwerdeführer in seiner angestammten Tätigkeit als Hilfsarbeiter
Heizungsmonteur seit dem 5. Januar 2004 zu mindestens 50 % arbeitsunfähig war (IV-
act. 13-1, 33-27, 125-25). Der Rentenanspruch des Beschwerdeführers entstand damit
nach Ablauf des Wartejahres gemäss dem oben Ausgeführten per 1. Januar 2005.
7.
7.1 Gemäss den obigen Erwägungen ist die Beschwerde gutzuheissen und die
angefochtene Verfügung vom 22. Februar 2010 aufzuheben. Der Beschwerdeführer hat
Anspruch auf eine halbe IV-Rente ab 1. Januar 2005.
7.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
ter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Die Beschwerdegegnerin unterliegt vollumfänglich, so dass
ihr die ganze Gerichtsgebühr aufzuerlegen ist.
7.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat der Beschwerdeführer Anspruch auf
Ersatz der Parteikosten, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen
werden (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Der Bedeutung
der Streitsache und dem Aufwand erscheint eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.--
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP