Decision ID: 8dc51a16-aa6e-4bbf-a344-b07b99231b18
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Die 19
8
3
geborene
X._
meldete sich a
m
21. Dezember 2002
unter Hinweis auf
eine Angstphobie
bei der Invalidenversicher
ung zum Leistungsbezug an (Urk.
7/
4
).
Die
Sozialversicherungsanstalt
Basel-Landschaft
tätigte in der Folge medizinische
Abklärungen und sprach der Versicherten
mit Verfügung vom 28.
April 2
003 medizinische Massnahmen (Psychotherapie
;
Urk. 7/7) und
mit Verfügung vom 22.
Juni 2005 ab
1.
Mai 2002 eine ganze Rente zu (Urk. 7/19)
.
1.2
Die Versicherte ist per
6.
April 2006 in den Kanton Zürich
um
gezogen (Urk. 7/24).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
lehnte
mit Verfü
gung vom 2
0.
Dezember 2006
eine
Kostengutsprache für berufliche Massnahmen (Fremdsprachenkurs) ab (Urk. 7/41).
Mit Einga
be vom 17.
Juli 2008 ersuchte die Versicherte um Einstellung der Rente (Urk. 7/42). Mit Mitteilung vom 2
3.
Juli 2009 leistete die IV-Stelle Kostengutsprache für eine erstmalige be
rufliche Aus
bildung zur Kauffrau EFZ, Profil B,
vom
1
7.
August 2009 bis 1
6.
August 2012 (Urk. 7/55). Im Juli 2010 erlangte
die Versicherte
ein Bürofachdiplom VSH (Urk. 7/73
/1
). Am
2.
August 2012 leistete die IV-Stelle Kostengutsprache für die Mehrkosten der erstmaligen beruflichen Ausbildung
im Rahmen der Berufsma
tura
vom
2
0.
August 2012 bis 3
0.
Juni 2013 (Urk. 7/100). Mit Mitteilung vom
3.
Juli 2013 hob die IV-Stelle die
genannte
Mitte
ilung per 9.
Januar 2013 auf und übernahm die Mehrkosten der erstmaligen beruflichen Ausbildung im Rahmen der Berufsmatura
vom
1
9.
August 2013 bis 3
0.
Juni 2014 (Urk. 7/116). Am
7.
April 2014 leistete die IV-Stelle Kostengutsprache für
Nachhilfeunterricht (Urk. 7/124).
Mit Mitteilung vom 11.
August 2014 informierte die IV-Stelle über den erfolgreichen Abschluss der beruflichen Massnahmen (Urk. 7/
1
29, vgl. auch Urk. 7/137). Mit Verfügung vom 1
8.
November 2014 hob die I
V
-Stelle die Rente nach
Zustellung der Verfügung auf Ende des folgenden Monats auf (Urk. 7/132).
1.
3
Am 1
8.
März 2019 meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf eine starke Panikstörung erneut
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an
(Urk. 7/139).
Na
ch durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(
Urk.
7/
146-148, Urk. 7/150) wies die IV-Stelle
das Leistungsbegehren mit Verfügung vom
16.
September
2019 (Urk. 7/152
=
Urk.
2) ab.
2.
Die Versicherte erhob am
1
6.
Oktober 2019
Beschwerde gegen die Verfügung vom
16. September 2019
(
Urk.
2) und beantragte,
auf das Leistungsbegehren sei ein
zutreten und der medizinische Gesundheitszustand genauer abzuklären. Hernach sei über mögliche Eingliederungsmassnahmen oder Rentenansprüche zu ent
scheiden
.
In prozessualer Hinsicht beantragte
sie
die Gewährung der unentgeltli
chen Prozessführung
(
Urk.
1 S. 2). Am
2
1.
November 2019
(
Urk.
6) beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde, was der Beschwerdeführerin am
3.
De
zember 2019
z
ur Kenntnis gebracht wurde (Urk
.
8
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen
Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, er
halten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines
rentenbegründenden Inva
liditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizi
nisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwie
gender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Ja
nuar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
1.4
War eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert worden und ist die Verwaltung auf eine Neuanmeldung eingetreten (Art. 87 Abs. 3
der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV)
), so ist im Beschwerdeverfah
ren zu prüfen, ob im Sinne von Art. 17 ATSG eine für den Rentenanspruch rele
vante Änderung des Invaliditätsgrades eingetreten ist (BGE 117 V 198 E. 3a mit Hinweis).
1.
5
Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, her
abgesetzt oder aufgehoben (
Art.
17
Abs.
1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen seit Zusprechung der Rente, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen Änderung des Gesundheitszustandes revidierbar. Weiter sind, auch bei an sich gleich gebliebe
nem Gesundheitszustand, veränderte Auswirkungen auf den Erwerbs- oder Auf
gabenbereich von Bedeutung (BGE 141 V 9 E. 2.3, 134 V 131 E. 3). Ferner kann ein Revisionsgrund unter Umständen auch in einer wesentlichen Änderung hin
sichtlich des für die Methodenwahl massgeblichen (hypothetischen) Sachverhalts bestehen (BGE 144 I 28 E. 2.2, 130 V 343 E. 3.5, 117 V 198
E. 3b, je mit Hinwei
sen). Hingegen ist die lediglich unterschiedliche Beurteilung eines im Wesentli
chen gleich gebliebenen Sachverhalts im revisionsrechtlichen Kontext unbeacht
lich (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
Liegt in diesem Sinne ein Revisionsgrund vor, ist der Rentenanspruch in rechtli
cher und tatsächlicher Hinsicht umfassend («allseitig») zu prüfen, wobei keine Bindung an frühere Beurteilungen besteht (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
1.
6
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Be
schwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebe
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arz
tes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versi
cherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärzt
lichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
1.
7
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene leistungsabweisende Ver
fügung vom 1
6.
September 2019 (
Urk.
2) damit, dass
der Diagnose
einer komple
xen
Traumafolgestörung
nicht gefolgt werden
könne
, da die
Voraussetzungen nicht erfüllt seien. Von der behandelnden Psychiaterin werde eine den Beschwer
den angepass
te Tätigkeit mit einer zirka 40
%igen Arbeitsfähigkeit ab sofort für möglich gehalten und eine dem Leiden angepasste Tätigkeit sei vier Stunden am Tag zumutbar.
Die Beschwerdeführerin sei hoch motiviert und die Prognose hin
sichtlich der Eingliederung werde als gut eingeschätzt.
Mit einer weiteren Besse
rung und Stabilisierung sei medizintheoretisch unter konsequenter Durchführung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung zu rechnen. Eine dauer
hafte Verschlechterung des Gesundheitszustands sei sei
t dem letzten Entscheid vom 18.
November 2014 nicht ausgewiesen
(S. 2)
.
2.2
Die
Beschwerdeführer
in
stellte sich demgegenüber
auf den Standpunkt
,
der RAD-Stellungnahme könne
aus näher genannten Gründen
nicht ohne weiteres ein Be
weiswert zukommen
(
Urk. 1 S. 5
ff.
)
. Die prognostizierte Verbesserung respektive Stabilisierung
ihr
es Gesundheitszustandes habe offensichtlich seit mehreren Jah
ren zu keiner wesentlichen Erhaltung der Arbeitsfähigkeit geführt (S. 7
Rz
5).
2.3
Streitig ist, ob der medizinische Sachverhalt
rechtsgenüglich
abgeklärt wurde und ob die Beschwerdeführerin Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung hat.
Die Beschwerdegegnerin ist auf die erneute Anmeldung, welche am
2
1.
März 2019
bei der IV-Stelle einging (
Urk.
7/139
), materiell eingetreten. Es ist daher zu prüfen, ob sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin im massgebli
chen Zeitraum zwischen der am
1
8.
November 2014
erlassenen Verfügung
(
Urk.
7/132)
und der angefochtenen Verfügung vom
1
6.
September 2019
(
Urk.
2) insoweit verschlechtert hat, dass nunmehr ein Anspruch auf Leistungen der In
validenversicherung besteht.
3.
3.1
Im Zeitpunkt der
Verfügung vom 1
8.
November 2014, mit welcher
die Invaliden
rente eingestellt wurde (
Urk.
7/132)
,
lag
im Wesentlichen
der
folgende
Bericht
vor:
3.2
Dr.
med.
Z._
, Facharzt für
Allgemeine Innere Medizin
, führte mit Bericht vom 1
4.
Januar 2009 (Urk. 7/49) aus, insgesamt sei der Verlauf äusserst erfreulich und es gehe der Beschwerdeführerin gesundheitlich sehr gut und der Zustand sei stabil.
Aufgrund der unbefriedigenden beruflichen Situation und der aktuell nun seit längerem andauernden stabilen gesundheitlichen Situation, würde es sinnvoll sein,
dass die Beschwerdeführerin
die «verlorenen Jahre» bildungsmässig nach
hole und ihr diesbezüglich berufliche Unterstützung für eine geeignete Ausbil
dung
ge
geben
werde
(S. 1).
4.
4.1
Der aktuelle Gesundheitszustand stellt sich folgendermassen dar.
4
.
2
Dr.
med.
A._
, Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie
, führte mit Bericht vom
23.
Juli 2019 (Urk. 7/147)
aus, sie behandle die Beschwer
deführerin seit dem 2
4.
Oktober 2016
,
und nannte folgende Diagnose
n
(S. 1):
-
komplexe
Traumafolgestörung
(ICD-10 F43.1)
mit
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.2)
-
generalisierte Angststörung (ICD-10 F41.1)
-
Panikstörung (ICD-10 F41.0)
Die Beschwerdeführerin zeige sich hoch therapiemotiviert und stehe unter Lei
densdruck. Der bisherige Verlauf sei langwierig und
fluktuierend
gewesen mit insgesamt leichter Besserung der Beschwerden. Die Angst- und Panikstörung habe sich anamnestisch seit 2013 wesentlich verschlechtert.
Es bestehe eine rele
vante Einschränkung der Leistungs- und Belastungsfähigkeit. Im Vordergrund der Beschwerden stünden Energielosigkeit, Müdigkeit,
Grübeln, starke Ängste und Panikattacken, niedergedrückte Stimmungslage, innerliche Unruhe und An
spannung, sozialer Rückzug, Schlafstörungen. Es bestehe eine 100%ige Arbeits
unfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt. Eine de
n
Beschwerden angepasste Tä
tigkeit sei mit zirka 40 % ab sofort möglich. Prognostisch sei am ehesten von e
i
ner langsamen Zustandsverbesserung im weiteren Verlauf auszugehen. Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit werde die Beschwerdeführerin langfristig wie
der auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten können. Ob eine volle Arbeitsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt erreicht werden könne, könne noch nicht einge
schätzt werden
(S. 2)
.
4.3
M
it Bericht vom
7.
August 2019 (Urk. 7/150)
nannte
Dr.
A._
folgende Diagno
sen
(Ziff. 2.5)
:
-
komplexe
Traumafolgestörung
(ICD-10 F43.1)
mit
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige
bis schwere
Episode (ICD-10 F33.
1
)
-
generalisierte Angststörung (ICD-10 F41.1)
-
Panikstörung (ICD-10 F41.0)
Seit dem 2
4.
Oktober 2016 bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (Ziff. 1.3). Die Beschwerdeführerin leide seit ihrem 1
6.
Altersjahr unter starken Ängsten und Panikattacken, phasenweise auch immer wieder an Depressionen. Ausgelöst wor
den seien die Beschwerden durch mehrere traumatische Erlebnisse innerhalb von wenigen Monaten. Die Ängste und Panikattacken seien seit 2013 schlimmer ge
worden. Die Beschwerdeführerin sei seit 2014 ohne Arbeit (Ziff. 2.1).
Es bestehe eine relevante Einschränkung der Leistungs- und Belastungsfähigkeit. Im Vordergrund der Beschwerden stünden Energielosigkeit, Müdigkeit, Grübeln, starke Ängste und Panikattacken, niedergedrückte Stimmungslage, innerliche Unruhe und Anspannung, sozialer Rückzug, Schlafstörungen. Die Beschwerde
führerin fühle sich inzwischen in der Lage, eine den Beschwerden angepasste Tätigkeit zu übernehmen (Ziff. 2.2).
Eine psychodiagnostische Testung habe beim Beck
Depressions
Inventar (BDI) einen Gesamtscore von 29
Punkten (von insgesamt 63 Punkten) ergeben, was dem klinischen Zustandsbild einer schweren Depression entspreche. Die Auswer
tung des Beck Angst Inventar (BAI) habe einen Gesamtscore von 63 Punkten (von insgesamt 105 Punkten), demnach ein hohes Niveau der Ängstlichkeit ergeben. Die Auswertung des Impact
of
Event
Scale
(IES) habe einen Gesamtscore von 82 Punkten ergeben, was dem klinischen Bild einer Traumatisierung (
Cutt
-Off für signifikantes Trauma ab 26 Punkten) entspreche (Ziff. 2.4).
Prognostisch sei am ehesten von einer langsamen Zustandsverbesserung im wei
teren Verlauf auszugehen. Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit werde die Be
schwerdeführerin langfristig wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten kön
nen. Ob eine volle Arbeitsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt erreicht werden könne, könne noch nicht eingeschätzt werden.
Eine den Beschwerden angepasste Tätigkeit sei mit zirka 40 % ab sofort möglich (Ziff. 2.7).
Die Beschwerdeführerin übe aktuell keine Tätigkeit aus (Ziff. 3.1). Sie sei seit fünf Jahren nicht arbeitstätig (Ziff. 3.2).
Die bisherige Tätigkeit sei nicht zumutbar (Ziff. 4.1) Eine dem Leiden angepasste Tätigkeit sei vier Stunden pro Tag zumutbar (Ziff. 4.2).
Die
Prognose hinsichtlich der Eingliederung
sei
gut
(Ziff. 4.3)
.
Bei Aufgaben im Haushalt sei die Beschwer
deführerin nicht eingeschränkt (Ziff. 4.5).
4.
4
Dr.
med.
B._
, Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie
, Re
gionaler Ärztlicher Dienst (
RAD
), führte mit Stellungnahme vom
9.
September 2019
(Urk.
7
/151
/3
)
aus, die 36-jährige Beschwerdeführerin leide unter einer re
zidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1), einer generalisierten Angststörung (ICD-10 F41.1), und einer Panikstö
rung (ICD-10 F41.0). Die Ängste, Panikattacken und Depressionen seien durch mehrere traumatische Erlebnisse innerhalb von wenigen Monaten ausgelöst wor
den
und bestünden seit dem 1
6.
Lebensjahr. Die Ängste und Panikattacken seien seit 2013 schlimmer geworden. Der Diagnose einer komplexen
Traumafolgestö
rung
nach ICD-10 F43.1 könne nicht gefolgt werden, da die Voraussetzungen nicht erfüllt seien. Von der behandelnden Psychiaterin werde eine den Beschwer
den angepasste Tätigkeit mit einer zirka 40 %
igen
Arbeitsfähigkeit ab sofort für möglich gehalten und eine dem Leiden angepasste Tätigkeit sei vier Stunden am Tag zumutbar. Das Ausmass der funktionellen Leistungseinschränkung betreffe nicht alle Lebensbereiche, in der Haushaltsführung bestehe keine Einschränkung. Mit einer weiteren Besserung und Stabilisierung sei medizintheoretisch unter konsequenter Durchführung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Behand
lung zu rechnen. Eine dauerhafte Verschlechterung des Gesundheitszustands sei sei
t dem letzten Entscheid vom 18.
November 2014 nicht ausgewiesen.
5
.
5.1
Die Frage, ob sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin in einer für den Anspruch erheblichen Weise verändert hat, beurteilt sich durch einen Ver
gleich des Gesundheitszustandes im Zeitpu
nkt der renteneinstellende
n Verfügung vom
1
8.
November 2014 (Urk. 7/132
) mit dem Gesundheitszustand im Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2).
5.2
Bei der Renteneinstellung 2014 ging
die Beschwerdegegnerin
davon aus, nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung mit Praktikum im ersten Arbeitsmarkt könne die
Beschwerdeführerin
ein
rentenausschliessendes Einkommen
erzielen
(
vgl.
Urk.
7/132)
.
Der aktuellste ärztliche Bericht datierte vom 1
4.
Januar 200
9.
Daraus ging hervor, dass die gesundheitliche Situation der Beschwerdefüh
rerin stabil war (vorstehend E. 3.2).
5.3
Die Beschwerdegegnerin vertrat in der angefochtenen Verfügung die Ansicht,
ei
ne dauerhafte Verschlechterung des Gesundheitszustands sei seit dem letzten Entscheid
vom 1
8.
November 2014 nicht ausgewie
sen (vgl. vorstehend E. 2.1).
Dabei stützte sie sich insbesondere auf die
RAD-Beurteilung
.
Die RAD-Ärztin
Dr.
B._
führte aus,
die
Beschwerdeführer
in
leide unter einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1), einer generalisierten Angststörung (ICD-10 F41.1), und einer Pa
nikstörung (ICD-10 F41.0).
D
er Diagnose einer komplexen
Traumafolgestörung
nach ICD-10 F43.1 könne nicht gefolgt werden, da die Voraussetzungen nicht erfüllt seien. Von der behandelnden Psychiaterin werde eine den Beschwerden angepasste Tätigkeit mit einer zirka 40%igen Arbeitsfähigkeit ab sofort für mög
lich gehalten und eine dem Leiden angepasste Tätigkeit sei vier Stunden am Tag zumutbar. Das Ausmass der funktionellen Leistungseinschränkung betreffe nicht alle Lebensbereiche, in der Haushaltsführung bestehe keine Einschränkung. Mit einer weiteren Besserung und Stabilisierung sei medizintheoretisch unter konse
quenter Durchführung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung zu rechnen
(vorstehend E. 4.
4
)
.
5.4
Bezüglich des aktuellen psychiatrischen Gesundheitszustands enthalten die Akten
als externe Einschätzung
einzig die fachärztliche Beurteilung de
r
behandelnden Psychiater
in
Dr.
A._
. Diese führte im August 2019 (vorstehend E. 4.
3
) aus, die Beschwerdeführerin sei seit dem 2
4.
Oktober 2016 vollständig arbeitsunfähig. Prognostisch sei am ehesten von einer langsamen Zustandsverbesserung im wei
teren Verlauf auszugehen. Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit werde die Be
schwerdeführerin langfristig wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten kön
nen. Ob eine volle Arbeitsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt erreicht werden könne, könne noch nicht eingeschätzt werden. Eine den Beschwerden angepasste Tätigkeit sei mit zirka 40
%
ab sofort möglich.
Vorliegend
kann nicht unbesehen
und allein auf die Angaben der behandelnden
Psychiaterin
abgestellt werden. Die
behandelnden Ärztinnen und Ärzte stehen in einem auftragsrechtlichen Verhältnis zur versicherten Person und haben sich zudem in erster Linie auf die Behandlung zu konzentrieren. Ihre Berichte verfol
gen daher nicht den Zweck einer den abschliessenden Entscheid über die Versi
cherungsansprüche erlaubenden objektiven Beurteilung des Gesundheitszustan
des und erfüllen deshalb kaum je die materiellen Anforderungen an ein Gutachten gemäss BGE 125 V 351 E. 3a. Aus diesen Gründen und aufgrund der Erfahrungs
tatsache, dass Hausärzte – beziehungsweise regelmässig behandelnde Spezial
ärzte (vgl. Urteil des Bundesgerichts I 551/06 vom
2.
April 2007 E. 4.2) – mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung im Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen, kommt im Streitfall ein direktes Abstellen einzig gestützt auf die Angaben der behandelnden Ärztinnen und Ärzte nur selten in Frage (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_1055/2010 vom 1
7.
Februar 2011 E.
4.1).
5.5
RAD-Ärztin
Dr.
B._
ist zwar Fachärztin für Psychiatrie und Psychothera
pie,
nahm
jedoch
keine eigene Untersuchung, sondern lediglich eine Aktenbeur
teilung vor, was den Beweisanforderungen (vgl. vorstehend E. 1.
7
)
vorliegend
kaum zu genügen vermag. Praxisgemäss kommt einer reinen Aktenbeurteilung des RAD im Vergleich zu einer auf allseitigen Untersuchungen beruhenden Ex
pertise, welche auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizini
schen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein
leuchtet und die Schlussfolgerungen widerspruchsfrei begründet, nicht der glei
che Beweiswert zu (Urteil des Bundesgerichts 8C_971/2012 vom 1
1.
Juni 2013 E.
3.4).
Zudem begründete
Dr.
B._
nicht, weshalb sie zum Schluss kommt, die Voraussetzungen für die Diagnose einer komplexen
Traumafolgestörung
seien nicht erfüllt.
Auch mit der Tatsache, dass die behandelnde Psychiaterin im Juli 2019 eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode, und im August 2019
eine gegenwärtig mittelgradige bis schwere Episode
diag
nostizierte, setzte sie sich nicht auseinander.
Weiter ist nicht nachvollziehbar, weshalb sie im Ergebnis eine vollständige Arbeitsfähigkeit postulierte.
Ferner hat gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts für sämtliche psychiatrischen Er
krankungen unabhängig von der diagnostischen Einordnung bei psychischen Lei
den in der Regel eine umfassende Prüfung anhand der Standardindikatoren zu erfolgen (vgl. vorstehend E. 1.3). Eine
Indikatorenprüfung
erweist sich jedoch ge
stützt auf die vorliegenden Berichte als nicht möglich.
5.6
Der Beweiswert von RAD-Berichten nach
Art.
49
Abs.
2 IVV ist mit jenem exter
ner medizinischer Sachverständi
gengutachten vergleichbar, sofern sie den pra
xisgemässen Anforderungen an ein ärztliches Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1) genügen und die Arztperson über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügt (BGE 137 V 210 E. 1.2.1). Allerdings kann auf das Ergebnis versiche
rungsinterner ärztlicher Abklärungen – zu denen die RAD-Berichte gehören – nicht abgestellt werden, wenn auch nur geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit bestehen (Urteil des Bundesgerichts 8C_197/2014 vom
3.
Ok
tober 2014 E. 4.2 mit Hinweisen auf BGE 139 V 225 E. 5.2; 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7).
Solche Zweifel bestehen vorliegend, weshalb der RAD-Bericht keinen genügen
den Aufschluss über die Arbeit
s
fähigkeit der Beschwerdeführerin zu geben ver
mag. Nachdem auch nicht einzig auf die Beurteilung de
r
behandelnden
Psychia
terin
abgestellt werden kann, fehlt es an der Grundlage für einen Entscheid.
6.
6.1
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert
und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrelevante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
6.2
Vorliegend wurde die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin und damit der
ent
scheidrelevante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt. Die angefochtene Verfügung ist deshalb aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuwei
sen,
damit sie die Arbeitsfähigkeit de
r
Beschwerdeführer
in
in geeigneter Weise abkläre und
hernach über den Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin neu verfüge.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
7.
7.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und auf
Fr.
6
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Ver
fahrens sind sie der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
7.2
Bei diesem Ausgang des Verfahrens erweist sich das Gesuch de
r Beschwerdefüh
rerin
um Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung (vgl.
Urk.
1 S. 2) als gegenstandslos.
Das Gericht
erkennt:
1.
Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, dass die angefochtene Verfügung vom
1
6.
September 2019
aufgehoben und die Sache an die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zurückgewiesen wird, damit diese, nach erfolgter Abklärung im Sinne der Erwägungen, neu verfüge.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
600
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zu
gestellt.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Stadt Zürich Soziale Dienste
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
4.