Decision ID: 67d85de8-a372-4a6e-b5da-6748ee697792
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X erwarb den Führerausweis der Kategorien B und BE sowie der Unterkategorien
A1, D1 und D1E am 17. August 1999. Im Informationssystem über die
Verkehrszulassung (IVZ; früher: Administrativmassnahmen-Register) ist er nicht
verzeichnet.
B.- Am Dienstag, 31. März 2020, um 14.54 Uhr überschritt X auf der Furtstrasse in
Brunnadern in Fahrtrichtung St. Peterzell (jeweils politische Gemeinde Neckertal) die
zulässige Höchstgeschwindigkeit innerorts von 50 km/h um 26 km/h (nach Abzug der
Messtoleranz). Mit Schreiben vom 2. April 2020 wandte er sich an das
Strassenverkehrsamt des Kantons St. Gallen und erklärte, er sei davon ausgegangen,
dass die Höchstgeschwindigkeit dort 80 km/h betrage. Erst vor drei Wochen sei die
Geschwindigkeit auf 50 km/h reduziert worden. Das Strassenverkehrsamt teilte ihm
daraufhin mit, man werde den Ausgang des Strafverfahrens abwarten.
Mit Strafbefehl des Untersuchungsamts Gossau vom 6. Mai 2020 wurde X der groben
Verkehrsregelverletzung schuldig gesprochen und mit einer bedingten Geldstrafe von
20 Tagessätzen zu je Fr. 210.– und einer Busse von Fr. 840.– bestraft. Den Strafbefehl
focht er nicht an.
C.- Wegen des Vorfalls vom 31. März 2020 eröffnete das Strassenverkehrsamt am 11.
Juni 2020 ein Administrativmassnahmeverfahren gegen X, stellte zufolge schwerer
Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften einen Führerausweisentzug für
die Dauer von mindestens drei Monaten in Aussicht und gab Gelegenheit zur
Stellungnahme. Am 16. Juni 2020 gab X den Führerausweis für drei Monate ab. Mit
Verfügung vom 17. Juni 2020 entzog das Strassenverkehrsamt X den Führerausweis
für die Dauer von drei Monaten. Es qualifizierte die Geschwindigkeitsüberschreitung als
schwere Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften.
D.- Gegen die Verfügung des Strassenverkehrsamts erhob X am 30. Juni 2020 Rekurs
bei der Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK) mit dem
sinngemässen Antrag, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Dauer des
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Führerausweisentzugs sei auf einen Monat herabzusetzen. Der Verfahrensleiter tätigte
in der Folge Abklärungen zur Neusignalisation auf dem fraglichen Strassenabschnitt.
Das Strassenverkehrsamt verzichtete am 17. August 2020 auf eine Vernehmlassung.

Auf die Ausführungen des Rekurrenten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 30. Juni 2020 ist rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Obschon der
Rekurrent den Führerausweis bereits während der von der Vorinstanz verfügten drei
Monate abgegeben hat, besteht nach wie vor ein Rechtsschutzinteresse an der
Behandlung des Rekurses, da die Qualifikation der Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften (schwer oder mittelschwer) im Fall einer künftigen
Widerhandlung für die Bemessung der Entzugsdauer (Kaskade) von Bedeutung ist (vgl.
Art. 16b Abs. 2 und Art. 16c Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01,
abgekürzt: SVG). Auf den Rekurs ist somit einzutreten.
2.- Umstritten ist eine Geschwindigkeitsüberschreitung im Innerortsbereich auf einer
Strasse, auf welcher bis vor kurzem noch 80 km/h (ausserorts) als
Höchstgeschwindigkeit galt.
a) Art. 27 Abs. 1 SVG schreibt vor, dass Signale und Markierungen sowie die
Weisungen der Polizei befolgt werden müssen. Nach Art. 4a Abs. 2 der
Verkehrsregelnverordnung (SR 741.11, abgekürzt: VRV) gilt die allgemeine
Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h im ganzen dicht bebauten Gebiet der Ortschaft.
Sie beginnt beim Signal "Höchstgeschwindigkeit 50 generell" (2.30.1) und endet beim
Signal "Ende der Höchstgeschwindigkeit 50 generell" (2.53.1). Die Signale
"Höchstgeschwindigkeit" (2.30) und "Höchstgeschwindigkeit 50 generell" (2.30.1)
nennen die Geschwindigkeit in Stundenkilometern, welche die Fahrzeuge auch bei
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günstigen Strassen-, Verkehrs- und Sichtverhältnissen nicht überschreiten dürfen. Die
signalisierte Höchstgeschwindigkeit wird mit dem Signal "Ende der
Höchstgeschwindigkeit" (2.53) oder "Ende der Höchstgeschwindigkeit 50
generell" (2.53.1) aufgehoben (Art. 22 Abs. 1 der Signalisationsverordnung, SR 741.21,
abgekürzt: SSV). Der Beginn der allgemeinen Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h wird
mit dem Signal "Höchstgeschwindigkeit 50 generell" (2.30.1) dort angezeigt, wo die
dichte Bebauung auf einer der beiden Strassenseiten beginnt. Das Ende der
allgemeinen Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h wird mit dem Signal "Ende der
Höchstgeschwindigkeit 50 generell" (2.53.1) angezeigt; es steht dort, wo keine der
beiden Strassenseiten mehr dicht bebaut ist (Art. 22 Abs. 3 SSV).
Das Anbringen des Signals "Höchstgeschwindigkeit 50 generell" (2.30.1) muss weder
verfügt noch veröffentlicht werden (Art. 107 Abs. 3 lit. e SSV), wobei es sich dabei
lediglich um eine Verordnungsbestimmung handelt. Ob diese übergeordnetem Recht
entspricht – insbesondere stellt sich die Frage, ob eine Publikation nicht notwendig
wäre, weil eine Allgemeinverfügung (Neusignalisation) grundsätzlich anfechtbar ist –,
kann indessen aufgrund des Verfahrensausgangs offengelassen werden. Signale und
Markierungen richten sich an eine Vielzahl von Strassenbenutzern. Diese müssen sich
auf die Verkehrszeichen verlassen können. Eine allfällige Rechtswidrigkeit eines
solchen Zeichens ist meist nicht erkennbar. Auch nicht gesetzeskonforme
Geschwindigkeitsbeschränkungen sind daher in der Regel zu beachten, es sei denn,
sie seien nichtig (BGE 128 IV 184 E. 4; 113 IV 123 E. 2b).
b) Auf Ersuchen des Gemeinderats Neckertal verfügte die Kantonspolizei St. Gallen am
18. November 2019 mehrere Herabsetzungen von Höchstgeschwindigkeiten auf der
Wasserfluh-, Furt- und Haselackerstrasse von bisher ausserorts 80, 70 und 60 km/h
auf 50 km/h innerorts. Es handelte sich um die Weiler Chrüzweg (bisher 70 km/h),
Spreitenbach (bisher 60 km/h) und Furt (bisher 80 km/h), wobei insbesondere die
Anwohner des Weilers Furt um eine Reduktion der Geschwindigkeit ersuchten. In den
beiden Weilern Spreitenbach und Furt wurde über die gesamte Strecke, inklusive eines
dazwischenliegenden, nicht bebauten Abschnitts von ca. 80 Metern, neu Tempo "50
generell" angeordnet. Von Brunnadern herkommend wurde das Schild
"Höchstgeschwindigkeit 50 generell" zu Beginn des Weilers Spreitenbach am
Kandelaber im Bereich der Zufahrt zur Liegenschaft Nr. 19 angebracht. Das Ortsende
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mit den Schildern "Ende der Höchstgeschwindigkeit 50 generell" und "Ortsende auf
Hauptstrassen" (4.27) wurde am Ende des Weilers Furt beim Kandelaber östlich der
Gemeindestrasse Nr. 170 festgelegt. Die Änderung der Signalisation wurde am 13.
März 2020 vollzogen und galt damit ab diesen Zeitpunkt.
c) Dass die Beschränkung der Höchstgeschwindigkeit auf "50 generell" als solche nach
den örtlichen Verhältnissen unrechtmässig wäre, ist nicht ersichtlich. Aufgrund der
Akten ist erstellt, dass sich in den genannten Weilern Spreitenbach und Furt mehrere
nahe an der Strasse liegende Bauten mit teils unübersichtlichen Zufahrten befinden.
Das Erscheinungsbild entspricht zu einem grossen Teil dem einer eher dichten
Bebauung auf einer der beiden Strassenseiten; teilweise sind auch beide Seiten dicht
bebaut. Vor dem Weiler Spreitenbach (von Brunnadern herkommend) ist ein Abschnitt
von rund 200 Metern auf beiden Seiten nicht bebaut. Die Signalisation
"Höchstgeschwindigkeit 50 generell " beim Beginn des Weilers Spreitenbach ist somit
gültig (vgl. Art. 22 Abs. 3 SSV). Das Signal ist gut sichtbar angebracht.
Der Rekurrent war somit verpflichtet, die Signalisation zu beachten, seine
Geschwindigkeit bei der Einfahrt in den Weiler Spreitenbach auf 50 km/h zu reduzieren
und diese Höchstgeschwindigkeit bis zum Ende des Weilers Furt, wo die
Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h aufgehoben wird, nicht zu überschreiten. Bei
Anwendung der gebotenen Aufmerksamkeit wäre dies ohne Weiteres möglich
gewesen. Sodann war eine Polizeikontrolle 18 Tage nach der Neusignalisation nicht
unzulässig. Es gibt keine gesetzlichen Vorschriften, wonach dafür eine gewisse Frist
einzuhalten wäre. In tatsächlicher Hinsicht bestreitet der Rekurrent denn auch nicht, am
31. März 2020 die zulässige Höchstgeschwindigkeit innerorts von 50 km/h im Weiler
Furt in Brunnadern um 26 km/h überschritten zu haben.
3.- Umstritten ist die rechtliche Qualifikation der Verkehrsregelverletzung.
a) Das Strassenverkehrsgesetz unterscheidet zwischen der leichten, mittelschweren
und schweren Widerhandlung (Art. 16a bis c SVG). Eine leichte Widerhandlung
nach Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine
geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und dabei nur ein leichtes
Verschulden trifft. Mittelschwer ist die Widerhandlung gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a
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SVG, wenn der Fahrzeuglenker durch Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für
die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt. Nach Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG
liegt schliesslich eine schwere Widerhandlung vor, wenn durch grobe Verletzung von
Verkehrsregeln eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in
Kauf genommen wird. Dies setzt kumulativ eine qualifizierte objektive Gefährdung und
ein qualifiziertes Verschulden voraus (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_83/2008
vom 16. Oktober 2008 E. 2.1; 1C_355/2009 vom 21. Dezember 2009 E. 2.2; Botschaft
vom 31. März 1999 zur Änderung des Strassenverkehrsgesetzes, BBl 1999 4489).
Die straf- und verwaltungsrechtlichen Sanktionen werden von verschiedenen Behörden
ausgesprochen und ergehen in unterschiedlichen Verfahren mit je separaten
Rechtsmittelmöglichkeiten. Ihre Funktionen sind nicht identisch. Der Entzug des
Führerausweises weist zwar strafrechtliche Züge auf, wird aber um der
Verkehrssicherheit willen angeordnet und ist eine von der Strafe unabhängige
Verwaltungsmassnahme mit präventivem und erzieherischem Charakter (BGE 133 II
331 E. 4.2). Von der strafrechtlichen Sanktion kann deshalb nicht immer ohne Weiteres
auf die anzuordnende Verwaltungsmassnahme geschlossen werden. Bei der
rechtlichen Würdigung des Sachverhalts ist die Verwaltungsbehörde grundsätzlich
nicht an das Strafurteil gebunden. Eine Ausnahme besteht dann, wenn die rechtliche
Beurteilung sehr stark von der Würdigung von Tatsachen abhängt, die der Strafrichter
besser kennt als die Verwaltung, etwa, wenn er den Beschuldigten persönlich
einvernommen hat (BGE 119 Ib 158 E. 3c und 136 II 447 E. 3.1). Folglich ist die
Verwaltungsbehörde in Fällen, wo der Strafrichter seine Verfügung lediglich aufgrund
eines Polizeirapports und ohne Einvernahme des Betroffenen oder von Zeugen
erlassen hat, nicht an die rechtliche Qualifikation des Sachverhalts im Strafverfahren
gebunden (BGer 1C_413/2014 vom 30. März 2015 E. 2.2 mit Hinweis auf 1C_424/2012
vom 15. Januar 2013 E. 2.3; vgl. auch Entscheid der VRK IV-2016/2 vom 4. Juli 2016
E. 3b, im Internet abrufbar unter: www.sg.ch/recht/gerichte und dort unter
Rechtsprechung). Das Verschulden kann aus strafrechtlicher Sicht in einem anderen
Lichte erscheinen als bei der Beurteilung der Verwaltungsmassnahme. Die
strafrechtliche Qualifikation des Verschuldens nach Art. 90 Abs. 2 SVG schliesst
deshalb die Anwendung von Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG nicht in jedem Fall aus. Die
Verwaltungsbehörde ist in Bezug auf die rechtliche Würdigung des Verschuldens frei
(vgl. BGer 1C_224/2010 vom 6. Oktober 2010 E. 4.2).
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b) Art. 90 Abs. 2 SVG ist nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung objektiv erfüllt,
wenn der Täter eine wichtige Verkehrsvorschrift in objektiv schwerer Weise missachtet
und die Verkehrssicherheit ernstlich gefährdet. Subjektiv erfordert der Tatbestand nach
der Rechtsprechung ein rücksichtsloses Verhalten. Ein solches ist unter anderem zu
bejahen, wenn der Täter ein bedenkenloses oder sonst
wie schwerwiegend regelwidriges Verhalten gegenüber fremden Rechtsgütern
offenbart. Der Führerausweis ist nur dann gestützt auf Art. 16c Abs. 3 lit. a SVG zu
entziehen, wenn dem Fahrzeuglenker ein schweres Verschulden anzulasten ist, mithin
bei fahrlässigem Handeln mindestens grobe Fahrlässigkeit. Diese ist zu bejahen, wenn
der Täter sich der allgemeinen Gefährlichkeit seiner verkehrswidrigen Fahrweise
bewusst war. Grobe Fahrlässigkeit kann aber auch vorliegen, wenn der Täter die
Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer pflichtwidrig gar nicht in Betracht zog, also
unbewusst fahrlässig handelte. In solchen Fällen bedarf jedoch die Annahme grober
Fahrlässigkeit einer sorgfältigen Prüfung (BGE 126 II 206 E. 1; 131 IV 133 E. 3.2).
Nach der Rechtsprechung sind die objektiven und grundsätzlich auch die subjektiven
Vor-aussetzungen von Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG ungeachtet der konkreten Umstände
erfüllt, wenn die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen um 35 km/h oder
mehr, auf nicht richtungsgetrennten Autostrassen sowie Autobahnausfahrten um 30
km/h oder mehr und innerorts um 25 km/h oder mehr überschritten wird (vgl. BGE 132
II 234 E. 3). Diese fixen Limiten sind angesichts der Häufigkeit von
Geschwindigkeitsüberschreitungen unabdingbar. Der damit einhergehende
Schematismus gewährleistet eine rechtsgleiche Behandlung (BGE 133 II 331 E. 3.1
und 132 II 234 E. 3). In aller Regel ist also von einer objektiv groben Verletzung der
Verkehrsregeln durch Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit auf ein
zumindest grobfahrlässiges Verhalten zu schliessen. Diese Schematisierung entbindet
die Entzugsbehörde allerdings nicht, den konkreten Umständen des Einzelfalls
Rechnung zu tragen (BGer 1C_129/2010 vom 3. Juni 2010 E. 3.1). Einerseits hat sie zu
prüfen, ob besondere Umstände vorliegen, die das Verhalten subjektiv in einem
milderen Licht und die Verkehrsregelverletzung damit als weniger gravierend
erscheinen lassen, etwa wenn der Fahrer aus ernsthaften Gründen annahm, sich noch
nicht oder nicht mehr in einer geschwindigkeitsbegrenzten Zone zu befinden (BGE 123
II 37 E. 1f; BGer 1C_222/2008 vom 18. November 2008 E. 2.2 und 6B_563/2009 vom
20. November 2009 E. 1.4.2). Ein besonderer Umstand wurde vom Bundesgericht
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sodann bezüglich eines Fahrzeugführers angenommen, der die während einer Woche
geltende, örtlich begrenzte Geschwindigkeitsreduktion übersehen hatte (BGer
6B_109/2008 vom 13. Juni 2008 E. 3.2; 6B_622/2009 vom 23. Oktober 2009 E. 3.5).
c) Mit Strafbefehl des Untersuchungsamts Gossau vom 6. Mai 2020 wurde der
Rekurrent aufgrund des Vorfalls vom 31. März 2020 wegen einer schweren
Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften nach Art. 90 Abs. 2 SVG
schuldig erklärt. Der Rekurrent wurde durch den Strafrichter weder befragt noch hat
dieser weitere Untersuchungen vorgenommen. Unter diesen Umständen sind die
Administrativbehörden nicht an die rechtliche Würdigung der Strafverfolgungsbehörde
gebunden.
d) aa) Der Rekurrent sagte unmittelbar nach dem Vorfall gegenüber der Polizei aus, er
habe das Schild mit der Geschwindigkeitsbeschränkung "50 km/h generell" übersehen.
Er sei wohl gedanklich etwas abwesend gewesen. Er kenne diesen Streckenabschnitt,
weshalb er davon ausgegangen sei, dass die Höchstgeschwindigkeit hier 60 oder 80
km/h betrage. Er sei sich fast sicher, dass hier früher die Höchstgeschwindigkeit 80
km/h gegolten habe
(act. 4/19 f.).
bb) Der Rekurrent überschritt die signalisierte Höchstgeschwindigkeit innerorts im
Weiler Furt in Brunnadern um 26 km/h, weshalb ein objektiv schwerer Fall vorliegt. Dies
wird von ihm nicht bestritten.
Das Übersehen der signalisierten Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h schliesst
vorsätzliches Handeln des Rekurrenten aus. Das Bundesgericht führte im Urteil
6B_109/2008 vom 13. Juni 2008 E. 3.1 aus, dass die Annahme der subjektiven
Rücksichtslosigkeit nach aArt. 90 Ziff. 2 SVG streng gehandhabt werden müsse. Wolle
man das Schuldprinzip auch im Strassenverkehrsstrafrecht ernst nehmen, dürfe nicht
unbesehen von der objektiven auf die subjektive schwere Verkehrsregelverletzung
geschlossen werden. Im damaligen Fall verneinte das Bundesgericht ein
rücksichtsloses Verhalten eines Automobilisten, der eine bloss während einer Woche
geltende und örtlich begrenzte Geschwindigkeitsreduktion auf der Autobahn von 120
km/h auf 80 km/h übersehen und die erlaubte Geschwindigkeit um 51 km/h
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überschritten hatte. Das Bundesgericht beurteilte das Verhalten als pflichtwidrig
unachtsam, was zwar als Fehlverhalten, nicht aber als Rücksichtslosigkeit einzustufen
sei, da kein bedenkenloses Verhalten gegenüber fremden Rechtsgütern offenbart
worden sei (vgl. E. 3.2).
Der vorliegende Fall ist im gleichen Sinn zu beurteilen. Seit jeher befand sich der
fragliche Streckenabschnitt im Weiler Furt im Ausserortsbereich. Damit betrug die
Höchstgeschwindigkeit seit 1984 stets 80 km/h (vgl. act. 10). Die Reduktion auf 50 km/
h im Weiler Furt erfolgte am 13. März 2020. Einen speziellen Hinweis auf die
Neusignalisation in der Anfangsphase gab es nicht. Im Zeitpunkt der zu beurteilenden
Fahrt vom 31. März 2020 galt die neue Signalisation mit der deutlich reduzierten
Geschwindigkeit somit erst seit 18 Tagen. Es besteht folglich noch eine gewisse
zeitliche Nähe zwischen der Geschwindigkeitsherabsetzung und dem Regelverstoss.
Der Rekurrent befuhr die Strecke an jenem Tag zum ersten Mal seit der Reduktion der
Geschwindigkeit auf 50 km/h. Aus seiner früheren langjährigen Erfahrung hatte er als
Höchstgeschwindigkeit 80 km/h im Kopf, was bis vor kurzem auch noch zutraf. Danach
richtete er seine Geschwindigkeit aus; sie betrug bei der Messung 76 km/h (nach
Abzug der Toleranz).
Dass der Rekurrent die neue Signalisation "Höchstgeschwindigkeit 50 generell" zu
Beginn des Weilers Spreitenbach wie auch die Entfernung des Schildes am Ende des
Weilers Spreitenbach, das die damalige Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h aufhob,
infolge mangelnder Aufmerksamkeit übersah, war zweifellos fahrlässig. Das Verhalten
des Rekurrenten, der den fraglichen Strassenabschnitt seit Jahrzehnten als
Ausserortsstrecke kannte, ist jedoch unter Würdigung der in seiner Person liegenden
besonderen Umstände, die den Grund des momentanen Versagens erkennen und in
einem milderen Licht erscheinen lassen, nicht als rücksichtslos, sondern lediglich als
pflichtwidrig unachtsam einzustufen. Hinzu kommt, dass der betreffende
Strassenabschnitt gut ausgebaut ist, im Zeitpunkt der Messung gute Sicht- sowie
Lichtverhältnisse herrschten und die Strasse trocken war. Ein klassisch rücksichtsloses
Verhalten gegenüber fremden Rechtsgütern kann in der Fahrt des Rekurrenten somit
nicht erblickt werden. Hinzu kommt schliesslich, dass er seit dem Erwerb des
Führerausweises im Jahr 1999 im Strassenverkehr, soweit aktenkundig, nie auffällig
wurde, mithin einen tadellosen automobilistischen Leumund aufweist. In subjektiver
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Hinsicht liegt damit keine schwere Widerhandlung im Sinn von Art. 16c Abs. 1 lit. a
SVG.
Vielmehr handelt es sich um eine mittelschwere Widerhandlung nach Art. 16b Abs. 1 lit.
a SVG. Eine solche liegt immer dann vor, wenn nicht alle privilegierenden Elemente
einer leichten und nicht alle qualifizierenden einer schweren Widerhandlung erfüllt sind
(Botschaft, a.a.O., S. 4487). Der Rekurrent rief mit der übersetzten Geschwindigkeit
zwar eine ernstliche Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer hervor, ohne jedoch
grobfahrlässig und damit rücksichtslos gehandelt zu haben.
4.- Nach Art. 16b Abs. 2 lit. a SVG ist der Führerausweis nach einer mittelschweren
Widerhandlung für mindestens einen Monat zu entziehen, wobei die
Mindestentzugsdauer selbst bei beruflicher Angewiesenheit der betroffenen Person auf
den Führerausweis und bei einem ungetrübten automobilistischen Leumund nicht
unterschritten werden darf (Art. 16 Abs. 3 SVG; vgl. BGE 132 II 234 E. 2.3). Vorliegend
erscheint unter Berücksichtigung der erhöhten Sanktionsempfindlichkeit ein
Warnungsentzug für einen Monat angemessen.
5.- Zusammenfassend sind die Voraussetzungen einer schweren Widerhandlung
gemäss Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG nicht erfüllt. Insbesondere fehlt es entgegen der
Ansicht des Strafrichters und der Vorinstanz am schweren Verschulden. Der Rekurs ist
somit gutzuheissen und die Ziff. 1 Abs. 1 der Verfügung der Vorinstanz vom 17. Juni
2020 dahingehend abzuändern, dass der Führerausweis dem Rekurrenten wegen einer
mittelschweren Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften für einen
Monat zu entziehen ist. Der Vollzug der Massnahme hat bereits stattgefunden. Die
Gebühr für die angefochtene Verfügung von Fr. 290.– erscheint auch für einen
einmonatigen Führerausweisentzug wegen mittelschwerer Widerhandlung als
angemessen (vgl. Ziff. 206.02.1 des Verkehrsgebührentarifs [sGS 718.1] mit einem
Rahmen von Fr. 150.– bis Fr. 1'000.– bei Führerausweisentzügen) und bleibt deshalb
unverändert.
6.- Die Kosten des Rekursverfahrens haben die Verfahrensbeteiligten nach Massgabe
ihres Obsiegens und Unterliegens zu tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Da der Rekurrent
obsiegt, sind die amtlichen Kosten dem Staat aufzuerlegen. Eine Entscheidgebühr von
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Fr. 1'200.– erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung,
sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist dem Rekurrenten
zurückzuerstatten.