Decision ID: 722d7521-d837-4006-a31f-4a492f5133b4
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im März 2019 unter Hinweis auf eine im Jahr 1998
diagnostizierte Multiple Sklerose für eine Hilflosenentschädigung der
Invalidenversicherung an (IV-act. 158). Sie gab an, sie benötige mehrheitlich die Hilfe
ihrer Mutter beim An- und Auskleiden. Je nach Tagesform könne sie mithilfe eines
Rollators selbst aufstehen; mehrheitlich brauche sie aber Hilfe beim Aufstehen. Das
Essen müsse ihr zerkleinert werden. Sie benötige Hilfe beim Duschen, Abtrocknen und
Anziehen. Da sie nicht frei stehen könne, müsse sie während des Duschens auf dem
Rollator sitzen. In Ausnahmefällen benötige sie auch Hilfe beim Verrichten der Notdurft.
Wenn die Kleider auf den Boden fallen würden, könne sie sie nicht wieder selbständig
aufheben. Auch bei der Fortbewegung ausser Haus sei sie auf Hilfe angewiesen. Man
müsse sie bringen und wieder abholen und man müsse ihr beim Ein- und Aussteigen
helfen. Bereits seit einigen Jahren lebe sie wieder bei ihren Eltern, da ihr ein
selbständiges Wohnen wegen ihrer Erkrankung nicht mehr möglich sei. Am 28. März
2019 befragte eine Sachbearbeiterin der IV-Stelle die Versicherte telefonisch zu deren
Hilflosigkeit (IV-act. 162). Sie hielt die folgenden Angaben der Versicherten fest: Die
Multiple Sklerose sei im Jahr 1998 diagnostiziert worden. Gegen Ende des Jahres 2017
habe sich der Gesundheitszustand der Versicherten verschlechtert. Die Gehfähigkeit
sei deutlich eingeschränkt. Mithilfe des Rollators betrage die maximale Gehstrecke 80
Meter. Die Versicherte könne den linken Arm nicht mehr hochheben. Die Beweglichkeit
des Arms sei eingeschränkt. Ohne eine Dritthilfe könne sich die Versicherte nicht mehr
anziehen. Von einem gewöhnlichen Stuhl könne sie „hauptsächlich“ selbständig
aufstehen. Morgens könne sie das Bett mehrheitlich ohne eine Dritthilfe verlassen. Ein
Elektrobett stehe nicht zur Verfügung, aber die Matratze sei höher als ein gewöhnliches
Modell, was das Aufstehen erleichtere. Die Versicherte könne sämtliche Nahrung
A.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausser „härtere Speisen (z.B. Fleisch)“ selbständig zerkleinern und einnehmen. Die
Morgentoilette könne sie ebenfalls selbständig ausführen. Auch beim Duschen könne
sie sich selbständig reinigen. Beim Abtrocknen würde ihr aber die Mutter zur Hand
gehen, damit der Zeitaufwand verringert werden könne. Die Versicherte könnte sich
selbständig abtrocknen, aber das wäre mühseliger und zeitaufwendiger. Die Notdurft
könne von der Versicherten selbständig verrichtet werden. Wenn ihr ein Kleidungsstück
hinunter rutsche, benötige sie aber Hilfe. Je nach Tagesform benötige sie auch Hilfe
beim Aufstehen vom Closomat. Ausser Haus bewege sich die Versicherte nur in
Begleitung. Die Sachbearbeiterin der IV-Stelle notierte, gestützt auf diese Angaben sei
von einer relevanten Hilflosigkeit beim An- und Auskleiden sowie bei der Fortbewegung
auszugehen. Bei den übrigen alltäglichen Lebensverrichtungen sei die Versicherte nicht
auf eine erhebliche und regelmässige Dritthilfe angewiesen. Die Versicherte benötige
eine lebenspraktische Begleitung. Am 9. April 2019 unterzeichnete die Versicherte den
Abklärungsbericht.
Mit einem Vorbescheid vom 18. April 2019 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit
(IV-act. 164), dass sie die Zusprache einer Entschädigung bei einer Hilflosigkeit leichten
Grades mit Wirkung ab dem 1. Dezember 2018 vorsehe. Zur Begründung führte sie
aus, der Wirkungszeitpunkt ergebe sich unter Berücksichtigung eines sogenannten
„Wartejahrs“ aus dem Zeitpunkt der erheblichen Verschlechterung des
Gesundheitszustandes im Dezember 2017. Die Hilflosigkeit bei der Fortbewegung
ausser Haus werde vom Bedarf nach einer lebenspraktischen Begleitung „konsumiert“.
Die Notwendigkeit einer lebenspraktischen Begleitung und die Notwendigkeit einer
erheblichen und regelmässigen Dritthilfe bei einer der sechs alltäglichen
Lebensverrichtungen (An- und Auskleiden) entspreche einer leichtgradigen Hilflosigkeit.
Dagegen liess die Versicherte am 16. Mai 2019 einwenden (IV-act. 168), sie sei auch
beim Absitzen und Aufstehen sowie bei der Körperpflege auf eine regelmässige und
erhebliche Dritthilfe angewiesen, weshalb sie einen Anspruch auf eine Entschädigung
bei einer Hilflosigkeit mittleren Grades habe. Mit einer Verfügung vom 24. Juli 2019
sprach die IV-Stelle der Versicherten mit Wirkung ab dem 1. Dezember 2018 eine
Entschädigung bei einer Hilflosigkeit leichten Grades zu (IV-act. 172). Bezugnehmend
auf die Einwände der Versicherten führte sie aus, im Rahmen ihrer
Schadenminderungspflicht habe die Versicherte unvorteilhafte und tiefere
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Sitzmöglichkeiten zu vermeiden. Die Versicherte habe angegeben, dass sie die
Transfers bei adäquaten Sitzmöglichkeiten selbständig ausführen könne. In diesem
Bereich liege folglich keine relevante Hilflosigkeit vor. Die Körperpflege sei unter
Erschwernissen und in Anwendung der geeigneten Hilfsmittel selbständig möglich.
Auch diesbezüglich liege keine relevante Hilflosigkeit vor.
Am 12. September 2019 liess die Versicherte (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 24. Juli 2019 erheben
(act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung
und die Zusprache einer Entschädigung bei einer Hilflosigkeit mittleren Grades sowie
eventualiter die Rückweisung der Sache zur weiteren Sachverhaltsabklärung an die IV-
Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin). Zur Begründung führte er aus (vgl. act.
G 3), die Beschwerdegegnerin habe den Sachverhalt ungenügend abgeklärt, denn sie
habe – weisungswidrig – nicht einmal eine persönliche Abklärung in der Wohnung der
Beschwerdeführerin durchgeführt. Die Beschwerdeführerin habe bereits im
Anmeldeformular darauf hingewiesen, dass sie mehrheitlich auf eine Dritthilfe beim
Aufstehen angewiesen sei. Zwischenzeitlich sei ihr ein Elektrobett zugesprochen
worden (vgl. die Mitteilung vom 15. August 2019; IV-act. 180). Auch bei der
Körperpflege sei die Beschwerdeführerin auf eine Dritthilfe angewiesen, da sie sich
aufgrund der Einschränkungen ihrer linken Hand die Haare nicht selbständig waschen
könne und da sie deswegen auch beim Abtrocknen und beim Eincremen des Körpers
Hilfe benötige.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 24. Dezember 2019 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 10). Zur Begründung führte sie an, es bestehe kein Zwang zu einer
Abklärung vor Ort. Die zuständige Sachbearbeiterin habe die Beschwerdeführerin
umfassend befragt und sie habe die Angaben der Beschwerdeführerin detailliert
festgehalten. Die Beschwerdeführerin habe die Korrektheit des Berichtes
unterschriftlich bestätigt. Die Akten belegten, dass die Beschwerdeführerin (teils mit
Hilfsmitteln) selbständig aufstehen könne. Nur bei tiefen Sitzgelegenheiten sei sie auf
eine Dritthilfe angewiesen. Da sie ihren rechten Arm uneingeschränkt einsetzen könne,
sei es ihr auch möglich, die Körperpflege selbständig zu verrichten.
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Mit der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin ein
Verwaltungsverfahren abgeschlossen, das die Prüfung des Begehrens der
Beschwerdeführerin vom März 2019 um die Zusprache einer Hilflosenentschädigung
zum Gegenstand gehabt hatte. Da dieses Beschwerdeverfahren die Überprüfung der
angefochtenen Verfügung auf deren Rechtmässigkeit bezweckt, muss sein
Gegenstand zwingend jenem des vorangegangenen Verwaltungsverfahrens
entsprechen. Das bedeutet, dass in diesem Verfahren (umfassend) zu prüfen ist, ob die
Beschwerdeführerin im massgebenden Zeitraum einen Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung gehabt hat.
2.
Die Beschwerdeführerin liess am 5. Februar 2020 an ihren Anträgen festhalten
(act. G 12). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 13 f.).
B.c.
Gemäss dem Art. 42 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person mit Wohnsitz und
gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz einen Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung, wenn sie hilflos im Sinne des Art. 9 ATSG ist. Laut dem Art. 42
Abs. 3 IVG kann auch der Bedarf nach einer lebenspraktischen Begleitung einen
Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung der Invalidenversicherung begründen. Bei
der Festsetzung einer Hilflosenentschädigung wird zwischen einer leicht-, einer mittel-
und einer schwergradigen Hilflosigkeit unterschieden (Art. 42 Abs. 2 IVG). Als
leichtgradig gilt eine Hilflosigkeit gemäss dem Art. 37 Abs. 3 IVV, wenn die versicherte
Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln in mindestens zwei alltäglichen
Lebensverrichtungen regelmässig in einer erheblichen Weise auf die Hilfe Dritter
angewiesen ist (lit. a), wenn sie eine dauernde persönliche Überwachung benötigt (lit.
b), wenn sie aufgrund ihres Gebrechens eine ständige und besonders aufwendige
Pflege benötigt (lit. c), wenn sie wegen einer schweren Sinnesstörung oder eines
schweren körperlichen Gebrechens nur dank regelmässiger und erheblicher
Dienstleistungen Dritter gesellschaftliche Kontakte pflegen kann (lit. d) oder wenn sie
dauernd auf eine lebenspraktische Begleitung im Sinne des Art. 38 IVV angewiesen ist.
Eine mittelgradige Hilflosigkeit liegt laut dem Art. 37 Abs. 2 IVV vor, wenn die
versicherte Person in den meisten alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in
einer erheblichen Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist (lit. a), wenn sie in
2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in einer erheblichen
Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und zusätzlich eine dauernde persönliche
Überwachung benötigt (lit. b) oder wenn sie in mindestens zwei alltäglichen
Lebensverrichtungen regelmässig in einer erheblichen Weise auf die Hilfe Dritter
angewiesen ist und zusätzlich eine lebenspraktische Begleitung benötigt (lit. c). Der
Anspruchsbeginn richtet sich laut dem Art. 42 Abs. 4 IVG nach dem Art. 29 Abs. 1 IVG,
womit allerdings nicht der heutige Art. 29 Abs. 1 IVG, sondern der Inhalt des Art. 29
Abs. 1 IVG in einer älteren Fassung des IVG gemeint ist, der heute im Art. 28 Abs. 1 lit.
b IVG zu finden ist. Vor dem Beginn eines Anspruchs auf eine Hilflosenentschädigung
ist demnach ein sogenanntes „Wartejahr“ zu absolvieren.
Die Beschwerdeführerin hat ihren Wohnsitz und ihren gewöhnlichen Aufenthalt in
der Schweiz und sie benötigt gemäss den Akten überwiegend wahrscheinlich eine
lebenspraktische Begleitung. Folglich besteht grundsätzlich ein Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung der Invalidenversicherung. Zu prüfen bleibt, ob es sich um eine
Hilflosigkeit leichten oder mittleren Grades handelt. Massgebend dafür ist, in welchen
respektive in wie vielen alltäglichen Lebensverrichtungen die Beschwerdeführerin eine
erhebliche und regelmässige Dritthilfe benötigt. Gemäss den Akten benötigt die
Beschwerdeführerin überwiegend wahrscheinlich eine erhebliche und regelmässige
Dritthilfe beim An- und Auskleiden. Bezüglich ihrer Fähigkeit, selbständig aufzustehen
oder abzusitzen, sind die Angaben in den Akten nicht eindeutig. Im Anmeldeformular
hat die Beschwerdeführerin angegeben, sie benötige mehrheitlich Hilfe beim
Aufstehen; je nach Tagesform könne sie mithilfe des Rollators selbständig aufstehen.
Bei der telefonischen Abklärung hat sie festgehalten, dass sie „hauptsächlich“
selbständig aufstehen könne, wenn sie auf einem gewöhnlichen Stuhl gesessen habe.
Die Abklärungsbeauftragte der Beschwerdegegnerin hat diese Angabe so interpretiert,
dass die Beschwerdeführerin grundsätzlich beim Aufstehen keine Hilfe benötige
respektive dass eine Dritthilfe nur dann notwendig sei, wenn sich die
Beschwerdeführerin aus einer ungünstigen Sitzgelegenheit (wie etwa einem Sofa mit
einer niedrigen Sitzfläche) erheben müsse. Das steht in einem gewissen Widerspruch
zur Angabe im Anmeldeformular, die darauf hindeutet, dass die Beschwerdeführerin
auch beim Aufstehen von adäquaten Sitzgelegenheiten eine Dritthilfe benötigen
könnte. Da die Abklärungsbeauftragte die Antwort der Beschwerdeführerin auf ihre
Frage nicht wortgetreu protokolliert hat, lässt sich nachträglich nicht feststellen, ob die
Angaben der Beschwerdeführerin widersprüchlich gewesen sind oder ob die
Abklärungsbeauftragte eine sich mit der Angabe im Anmeldeformular weitgehend
deckende Aussage der Beschwerdeführerin lediglich falsch protokolliert hat. Jedenfalls
lässt sich anhand der Akten die Frage, ob die Beschwerdeführerin beim Aufstehen
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(sowie beim Absitzen und Abliegen) auf eine regelmässige und erhebliche Dritthilfe
angewiesen gewesen ist, nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit beantworten. Diese Unsicherheit bezüglich des massgebenden
Sachverhalts hätte problemlos anhand eines Augenscheins beseitigt werden können.
Wie der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin zu Recht festgehalten hat, wäre die
Beschwerdegegnerin gemäss den für sie verbindlichen Weisungen der
Aufsichtsbehörde (Rz. 2114 des Kreisschreibens über das Verfahren in der
Invalidenversicherung; KSVI) verpflichtet gewesen, eine Abklärung in der Wohnung der
Eltern der Beschwerdeführerin durchzuführen. Spätestens nachdem die –
weisungswidrig – nur telefonisch durchgeführte Abklärung kein eindeutiges Resultat
geliefert hatte, hätte die Beschwerdegegnerin die Abklärung in der Wohnung der Eltern
der Beschwerdeführerin nachholen müssen. Indem sie dies trotz der
Widersprüchlichkeit der Aktenlage unterlassen hat, hat sie ihre Untersuchungspflicht
(Art. 43 Abs. 1 ATSG) verletzt. Die angefochtene Verfügung ist deshalb als rechtswidrig
aufzuheben. Die Sache ist zur Durchführung eines Augenscheins in der Wohnung der
Eltern der Beschwerdeführerin an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Auch
bezüglich der Fähigkeit der Beschwerdeführerin, die Körperpflege selbständig zu
verrichten, erweist sich die Aktenlage als widersprüchlich, weil die Beschwerdeführerin
im Anmeldeformular angegeben hat, dass sie Hilfe beim Duschen und beim
Abtrocknen benötige, während es im Abklärungsbericht heisst, die Beschwerdeführerin
könne selbständig duschen und sie nehme nur deshalb die Hilfe ihrer Mutter beim
Abtrocknen in Anspruch, weil sich das selbständige Abtrocknen mühseliger und
zeitaufwendiger gestalten würde. In ihrer Beschwerdebegründung hat die
Beschwerdeführerin dann geltend gemacht, sie benötige regelmässig die Hilfe ihrer
Mutter beim Haarewaschen, beim Abtrocknen und beim Eincrèmen des Körpers. Auch
in diesem Zusammenhang lässt sich anhand der Akten nicht eruieren, ob die
Abklärungsbeauftragte bloss die Aussagen der Beschwerdeführerin falsch protokolliert
hat oder ob diesbezüglich ein echter Widerspruch zwischen den Angaben der
Beschwerdeführerin im Anmeldeformular und bei der telefonischen Abklärung besteht.
Auch diese Sachverhaltsunsicherheit hätte problemlos bei einer – weisungsgemässen –
Abklärung in der Wohnung der Eltern der Beschwerdeführerin beseitigt werden können.
Die Beschwerdegegnerin wird die versäumte Abklärung bezüglich einer allfälligen
relevanten Hilflosigkeit der Beschwerdeführerin bei der Körperpflege anlässlich des
ohnehin durchzuführenden Augenscheins betreffend die Fähigkeit der
Beschwerdeführerin, selbständig aufzustehen, abzusitzen und abzulegen, nachholen.
Beim Augenschein wird sich die Beschwerdegegnerin also auch (im Sinne einer
„Trockenübung“) von der Beschwerdeführerin vorzeigen lassen, inwieweit diese in der
Lage ist, die Körperpflege noch selbständig zu verrichten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Zusammenfassend ist die angefochtene Verfügung in teilweiser Gutheissung der
Beschwerde aufzuheben und die Sache ist zur ergänzenden Sachverhaltsabklärung
und zur anschliessenden neuen Verfügung im Sinne der Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Dieser Verfahrensausgang gilt
rechtsprechungsgemäss hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen als ein
vollständiges Obsiegen der Beschwerdeführerin. Die Gerichtskosten, die angesichts
des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzen sind, sind
der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der Beschwerdeführerin wird
der von ihr geleistete Kostenvorschuss von 600 Franken zurückerstattet. Die
Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung
auszurichten. Der erforderliche Vertretungsaufwand ist deutlich geringer gewesen als
bei einem durchschnittlichen Rentenfall, der praxisgemäss eine Parteientschädigung
von 3’500 Franken rechtfertigt. Deshalb erweist sich eine Parteientschädigung von
2’500 Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen.