Decision ID: b9903c2b-14a3-4878-a693-be5fa33c4eec
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1992 geborene
X._
brach ihre Lehre als Kauffrau in ei
nem Hotel in Davos im ersten Lehrjahr ab (
Urk.
15/5/1). Im August 2009 be
gann sie bei der
Z._
erneut eine Lehre als Kauffrau. Das Lehrver
hältnis wurde per 31. Dezember 2011 im dritten Lehrjahr vorzeitig aufgelöst (Urk. 15/5/7). Nach einer Lehrvertragsübernahme durch die Kantonale Ver
waltung Zürich führte die Versicherte die Lehre zunächst ab dem 4. Januar 2012 weiter, bis das Lehrverhältnis per 29. Februar 2012 erneut aufgelöst wurde (
Urk.
15/2). Am 24. Juli 2012 wurde die Tochter der Versicherten ge
boren (
Urk.
15/1). Am 29. Dezember 2012 meldete sie sich unter Hinweis auf psychische Beschwerden bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
15/6). Die
Sozial
versicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
sprach ihr mit Mitteilung vom 24. September 2013 (
Urk.
15/26) berufliche Massnahmen zu, welche aus gesundheitlichen Gründen im Dezember 2013 wieder abgebrochen wurden (
Urk.
15/31 und
Urk.
15/32). Die IV-Stelle tätigte medizinische und erwerbliche Abklärungen und wies das Rentenbegehren
nach
durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 15/47) mit Verfügung vom
31. Juli
2015 (Urk. 2
) ab.
2.
Dagegen erhob die Versicherte am 9. September 2015 unter Auflage eines Berichtes von
Dr.
med.
A._
, FMH Psychiatrie und Psychothe
rapie, vom 24. April 2015 (
Urk.
3) Beschwerde (
Urk.
1) und beantragte, die Verfügung vom 31. Juli 2015 sei aufzuheben und es sei ihr eine Rente zu
zusprechen, zudem sei ihr die unentgeltliche
Prozessführung
zu gewähren. Mit Eingabe vom 28. September 2015 (
Urk.
7) reichte sie einen Bericht von
Dr.
A._
vom 23. September 2015 (
Urk.
8) nach. Am 16. Okto
ber 2015 beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
14), was der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 21. Oktober 2015 (
Urk.
16) zur Kenntnis gebracht wurde.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG).
Sie kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4
Abs. 1 des Bundesgeset
zes über die Invalidenversicherung, IVG).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verblei
bende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Be
tracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder her
stellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min
des
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreivier
telsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene Verfügung vom
31. Juli
2015 (Urk. 2) damit, dass
die gestellten Diagnosen nicht nachvollzieh
bar ausgewiesen seien. Die Arbeitsfähigkeit sei aus psychosozialen und damit invaliditätsfremden Faktoren eingeschränkt. Ein invalidisierender
Gesund
heitsschaden
liege nicht vor.
2.2
Die
Beschwerdeführer
in
stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt,
bei ihr sei spätestens seit ihrer Jugend eine psychische Beeinträchtigung vorhan
den. Die Symptome auf rein psychosoziale Belastungsfaktoren zu reduzieren
,
sei irreführend. Die Interpretationen der Arzt-Berichte durch den RAD-Arzt seien nicht haltbar. Es liege sehr wohl ein IV-relevanter Gesundheitsschaden vor. Bei der Rentenberechnung müsse das
Valideneinkommen
zudem auf den Frühbehindertenwert abgestützt werden, da sie krankheitsbedingt zweimal ihre Lehre abgebrochen habe.
3.
3.1
Die Beschwerdeführerin war vom 2
0.
Juli 2011 bis 1
4.
November 2012 bei der
B._
in ambu
lanter Behandlung. Oberarzt
Dr.
med.
C._
und
dipl.
Psych. FH
D._
, Psychologin, hielten in ihrem Abschlussbericht vom 14. November 2012 (
Urk.
15/36) folgende Diagnosen fest:
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode, ohne somatisches Syndrom (ICD-10 F33.10)
Verdacht auf emotional instabile Persönlichkeitsstörung,
Borderline
Typ (ICD-10 F60.31)
Dazu führten sie aus, dass ein Teil der Kindheit der Beschwerdeführerin von Gewalt geprägt gewesen sei. Der Grossvater habe die Grossmutter, der Vater die Mutter und den Bruder
regelmässig geschlagen. D
er Bruder habe bis vor einem Jahr die Beschwerdeführerin geschlagen. Die Beschwerdeführerin sei im Kindesalter wegen ständige
r
Kopf- und Bauchschmerzen erstmals psy
chologisch behandelt worden. Im Alter von 13 bis 15 Jahren habe sie sich geritzt. Wegen starke
r
Konflikte mit ihrer Mutter sei sie mit 15 Jahren von zuhause ausgezogen und habe eine erste Lehrstelle angetreten. Es seien Aus
einandersetzungen am Arbeitsplatz gefolgt. Die Beschwerdeführerin habe sich während sechs bis sieben Monaten erneut in psychotherapeutische Be
handlung begeben, wobei in diesem Zeitraum wegen einer suizidalen Krise mit Suizidversuch eine
Hospitalisation
vom
3.
bis
8.
Mai 2008
erfolgt sei. Im Januar 2010 habe sie einen sexuellen Übergriff mit versuchter Vergewalti
gung erlitten und sei daraufhin vom
1.
bis
6.
Februar 2010 stationär und anschliessend während sechs Monaten ambulant behandelt worden (S. 5).
In der ersten Behandlungssequenz sei es um Krisenintervention gegangen. Die Beschwerdeführerin sei mit ihrer
(
beruflichen und familiären
)
Situation
sehr belastet und damit
überfordert gewesen.
Suizidalität in Form von
Sui
zidgedanken
sei in dieser Zeit persistent gewesen. Die depressive Krise habe sich rasch rückläufig entwickelt, die Körpersymptome (Rückenschmerzen, Schwindel, Kopf- und Bauchschmerzen) hätten hingegen weiterhin dominiert und zu einer mehrmonatigen Arbeitsunfähigkeit geführt. Aufgrund der vielen krankheitsbedingten Absenzen sei die Situation am Arbeitsplatz und in der Berufsschule problematisch geblieben. Auf steigenden Druck habe die Be
schwerdeführerin mit suizidalen Krisenzuständen reagiert. Zur selben Zeit sei sie schwanger geworden, woraufhin sich die Stresssymptomatik deutlich ver
bessert habe. Es sei ein Wechsel der Lehrstelle erfolgt, nach wieder vermehr
ten Absenzen habe sie sich schliesslich für eine Lehrvertragsauflösung ent
schieden. Auf der Symptomebene seien Minderwertigkeitsgefühle,
Stim
mungsschwankungen
und Leergefühle sehr ausgeprägt gewesen. Mit der Schwangerschaft hätten sich diese jedoch deutlich rückläufig entwickelt (S. 2).
3.2
Vom 1
6.
September bis
6.
Dezember 2013 war die Beschwerdeführerin bei der
E._
, im Rahmen einer beruflichen Massnahme in Abklärung. Im Bericht vom 1
1.
Dezember 2013 (
Urk.
15/34) wurde ausgeführt, dass eine durchgehende Präsenzzeit von 2 Tagen pro Woche im Umfang von jeweils 5.25 Stunden habe erreicht wer
den können. Dies entspreche einem Pensum von ca. 30
%
im geschützten Rahmen. Während dieser Präsenzzeit habe ein Leistungsgrad von ca. 80
%
in einem geschützten Arbeitsumfeld mit optimal angepassten Arbeitszeiten und ohne Leistungsdruck erzielt werden können. Mit der Doppelbelastung als Mutter/Hausfrau und der Abklärung sei die Beschwerdeführerin an die Grenze ihrer Belastbarkeit gekommen. Sie habe emotional oft instabil gewirkt und häufige Fehlzeiten aufgewiesen. Sie verfüge zwar über sehr gute intel
lektuelle Ressourcen, könne diese aber aufgrund ihrer emotionalen Instabili
tät und der damit verbundenen eingeschränkten Belastbarkeit nicht optimal umsetzen (S. 6-8).
3.3
Seit Oktober 2013 befindet sich die Beschwerdeführerin bei
lic
. phil.
F._
, Psychologin FSP, in delegierter psychotherapeutischer Behandlung. Der dele
gierende Psychiater
Dr.
med.
G._
, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, stellte in seinem Bericht vom 19. Februar 2014 (
Urk.
15/41/6-11) folgende Diagnosen:
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1)
Emotional instabile Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.3)
Dazu hielt er fest, dass die Beschwerdeführerin zu Beginn der Behandlung eine berufliche Massnahme im
E._
absolviert habe. Sie habe sich dabei unter Druck und ständig an der Belastungsgrenze gefühlt sowie unter
Überforde
rungsgefühlen
gelitten, insbesondere aufgrund der psychosozialen Belas
tungssituation als alleinerziehende Mutter eines Kleinkindes.
Es f
inde
wö
chentlich
eine ambulante psychotherapeutische Behandlung
statt. Es bestän
den
Stimmungsschwankungen mit Spannungszuständen, Schwankungen im Antrieb, Schlafstörungen sowie Überforderungsgefühle mit wiederkehrenden depressiven Einbrüchen. Die Schwierigkeiten in der Emotionsregulation wür
den zu Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen sowie zu innerer Leere und Selbstentwertung führen. Die seit der Kindheit bestehenden psy
chischen Auffälligkeiten sprächen für eine eher
ungünstige Prognose. Die Beschwerdeführerin verfüge jedoch über gute Ressourcen wie beispielsweise Intelligenz und Introspektionsfähigkeit. Eine Prognose könne deshalb erst im weiteren Verlauf gemacht werden. In der bisher ausgeübten Tätigkeit als KV-Lehrling werde bezugnehmend auf die Abklärungen im Rahmen der berufli
chen Massnahmen von einer mindestens 80%igen Arbeitsunfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt ausgegangen.
3.
4
In seiner Stellungnahme vom
3.
September 2014 (
Urk.
15/45/4 f.)
hielt
med. prakt.
H._
, Psychiatrie und Psychotherapie, des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) fest, dass aus psychiatrischer Sicht mit überwiegender Wahr
scheinlichkeit die psychosoziale Belastung als alleinerziehende Mutter als weit vorherrschend erscheine. Eine zusätzliche Belastung mit beruflichen Massnahmen sei daher derzeit kaum möglich. Mit Blick auf den Bericht des
E._
vom 1
1.
Dezember 2013 (E. 3.2
hievor
) wirke sich die angegebene emo
tionale Persönlichkeitsstörung nicht gravierend bei der Arbeit aus, eine ei
genständige depressive Störung scheine zudem gegenwärtig nicht vorzulie
gen.
3.5
Im Verlaufsbericht vom 2
4.
April 2015 (
Urk.
15/56) führte die seit Januar 2015
behandelnde Ärztin
Dr.
A._
folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit auf:
Emotional instabile Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.3)
Anorexia
nervosa
(ICD-10 F50.0)
Zudem stellte sie folgende Diagnose ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähig
keit:
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert unter laufender Behandlung (ICD-10 F33.4)
Dazu hielt sie fest, dass sich im Verlauf seit Februar 2014 wiederkehrende Stimmungsschwankungen mit emotionalen Krisen gezeigt hätten. Auch sei es immer wieder zu körperlichen Zusammenbrüchen mit Kopf-, Rücken- und Bauchschmerzen gekommen. Dabei habe sich gezeigt, dass die Beschwerde
führerin auf Belastung mit psychosomatischen Beschwerden reagiere. Seit Herbst 2014 habe sich mehr und mehr das Bild einer Essstörung im Rahmen der zugrundeliegenden Emotionsregulationsstörung gezeigt. Im Februar 2015 habe die Beschwerdeführerin ein Praktikum im Rahmen eines selbständig initiierten Arbeitsversuches (Pensum 60
%
) als Betreuerin in einem Wohn
heim für körperlich und geistig Behinderte begonnen. Dabei habe sie zuneh
mend starke Rückenschmerzen entwickelt, welche zuletzt und bis anhin zu einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit geführt hätten. Zugleich habe sie eine
emotionale Krise im Rahmen der Persönlichkeitsstörung mit Panikgefühlen, Spannungs- und Erschöpfungszuständen sowie überflutenden
Überforde
rungsgefühlen
entwickelt, was wiederum aus psychiatrischer Sicht zu einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit geführt habe. Es f
i
nde eine wöchentlich bis zweiwöchentliche psychotherapeutische Behandlung statt. Der
Krankheits
verlauf
seither bestätige in neuer Deutlichkeit
, dass die Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit ursächlich auf die Persönlichkeitsstörung zurückzuführen und nicht mit psychosozialen Belastungsfaktoren erklärbar seien. Die soziale Situation habe sich im Verlauf stabilisiert (feste Partnerschaft, Entlastung bei der Kinderbetreuung), die Arbeitsfähigkeit schwanke jedoch entsprechend dem Krankheitsbild einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung. Ins
gesamt sei von einer konstanten erheblichen Einschränkung auszugehen. Seit mindestens Februar 2014 bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 70 - 100
%
.
3.6
In seiner Stellungnahme vom
7.
Juli 2015 (
Urk.
15/62/3 f.) führte med. prakt.
H._
des RAD aus,
dass
die ICD-Kriterien einer emotional instabilen
Per
sönlichkeitsstörung
nicht erfüllt seien. Mit Blick auf die Biografie
der Be
schwerdeführerin
sei eine gewisse emotionale Instabilität verstehbar, die sich in den letzten Jahren wohl verbessert habe. Es sei gut nachvollziehbar, dass die Beschwerdeführerin durch die Belastung als Mutter, Partnerin und Be
rufstätige
dekompensiere
, zumal eine Arbeit in einem Behindertenheim wohl kaum ihre Abgrenzungsfähigkeiten fördere. Diese Arbeitsstelle sei für eine Persönlichkeit mit emotional instabilen Akzentuierungen wenig geeignet. Für die Diagnose einer Anorexia
nervosa
seien keine Belege genannt worden, man könne jedoch davon ausgehen, dass „psychosomatische Bauchschmer
zen“ auch zu Essstörungen führen würden,
dies berechtige
jedoch nicht zur Diagnose einer Anorexie.
3.7
In ihrem Bericht vom 2
3.
September 2015 (
Urk.
8) hielten
Dr.
A._
und
lic
. phil.
F._
an ihren Diagnosen gemäss ihrem letzten
Arztbe
richt
vom 2
4.
April 2015 (E. 3.5
hievor
) fest und führten aus, dass die erheb
lichen Einschränkungen durch die Persönlichkeitsstörung zu einem
Lehrab
bruch
geführt hätten noch bevor die Beschwerdeführerin unter einer Doppel
belastung gestanden habe, also noch vor der Geburt ihrer Tochter. Die Ar
beitsfähigkeit werde auf 30
%
, idealerweise auf drei
Halbtage
verteilt
,
in ei
nem wohlwollenden Arbeitsumfeld geschätzt.
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin stützte sich bei ihrer leistungsabweisenden Verfü
gung vom 3
1.
Juli 2015 (Urk. 2) auf die Stellungnahmen ihres RAD-Arztes vom
3.
September 2014 und
7.
Juli 2015 (E. 3.4 und 3.6
hievor
).
4.2
Die RAD stehen den IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Vorausset
zungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung. Sie setzen die für die Invali
denversicherung nach Art. 6 ATSG massgebende funktionelle Leistungsfä
higkeit der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Sie sind in ihrem medizinischen
Sachent
scheid
im Einzelfall unabhängig (Art. 59 Abs. 2
bis
IVG).
Nach Art. 49 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV)
beurteilen die RAD die medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs. Die geeigneten Prüfmethoden können sie im Rahmen ihrer medizinischen Fachkompetenz und der allgemeinen fachlichen Weisungen des Bundesamtes frei wählen (Abs. 1). Die RAD können Versicherte bei Bedarf selber ärztlich untersuchen. Sie halten die Untersuchungsergebnisse schriftlich fest (Abs. 2; Urteil des Bundesgerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweis auf BGE 135 V 254 E. 3.5).
Die Funktion interner RAD-Berichte besteht darin, aus medizinischer Sicht – gewissermassen als Hilfestellung für die medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche in der Folge über den Leistungsanspruch zu entschei
den haben – den medizinischen Sachverhalt zusammenzufassen und zu wür
digen, wozu namentlich auch gehört, bei widersprüchlichen medizinischen Akten eine Wertung vorzunehmen und zu beurteilen, ob auf die eine oder die andere Ansicht abzustellen oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzu
nehmen sei. Sie würdigen die vorhandenen Befunde aus medizinischer Sicht (Urteil des Bundesgerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweisen).
RAD-Berichte sind versicherungsinterne Dokumente, die von Art. 44 ATSG betreffend Gutachten nicht erfasst werden; die in dieser Norm vorgesehenen Verfahrensregeln entfalten daher bei Einholung von RAD-Berichten keine Wirkung (Urteil des Bundesgerichts 8C_385/2014 vom 16. September 2014 E. 4.2.1 mit Hinweis auf BGE 135 V 254 E. 3.4).
Der Beweiswert von RAD-Berichten nach Art. 49 Abs. 2 IVV ist mit jenem externer medizinischer Sachverständigengutachten vergleichbar, sofern sie den praxisgemässen Anforderungen an ein ärztliches Gutachten (
BGE 134 V 231
E. 5.1) genügen und die Arztperson über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügt (
BGE 137 V 210
E. 1.2.1). Allerdings kann auf das
Ergebnis versicherungsinterner ärztlicher Abklärungen – zu denen die RAD-Berichte gehören – nicht abgestellt werden, wenn auch nur geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit bestehen (Urteil des Bundesge
richts 8C_197/2014 vom 3. Oktober 2014 E. 4.2 mit Hinweisen auf
BGE 139 V 225
E. 5.2;
135 V 465
E. 4.4 und E. 4.7).
Aus dem Grundsatz der Waffengleichheit folgt das Recht der versicherten Person, mittels eigener Beweismittel die Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der ärztlichen Feststellungen der versicherungsinternen Fachpersonen in Zweifel zu ziehen. Diese von der versicherten Person eingereichten Beweismittel stammen
regelmässig
von behandelnden Ärzten oder von anderen medizini
schen Fachpersonen, die in einem auftragsrechtlichen Verhältnis zur versi
cherten Person stehen. Aufgrund der Erfahrungstatsache, dass
die behan
delnden Ärzte
mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauens
stellung im Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen, wird im Streitfall eine
direkte
Leistungszusprache
ein
zig gestützt auf
deren
Angaben jedoch kaum je in Frage kommen (vgl. BGE 135 V 465 E. 4.5).
4.3
4.3.1
Gemäss den Ausführungen von RAD-Arzt med. prakt.
H._
ist die Beschwer
deführerin
weit vorherrschend
aufgrund einer psychosozialen Be
lastungssituation (Doppelbelastung Mutter / Berufstätige) in ihrer Arbeitsfä
higkeit eingeschränkt. Dabei lässt er unerwähnt, dass bereits vor der Geburt ihrer Tochter dreimal ein Lehrverhältnis mit der Beschwerdeführerin aufge
löst wurde. Einzig mit psychosozialen Belastungsfaktoren lässt sich dies
so
mit
kaum erklären, zumal gemäss den Ausführungen von
RAD-Vertrauens
ärztin
Dr.
med.
I._
, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, vom 2
0.
September 2013 davon ausgegangen werden k
ann
, dass der Lehrabbruch krankheitsbedingt erfolgt
ist
(Urk. 15/28). Während der Dauer der beruflichen Massnahme war die Tochter der Beschwerdeführerin zudem fremdbetreut, trotzdem schaffte
diese
es nicht, ihre Arbeitstätigkeit auf mehr als ein 30
%
-Pensum zu steigern (vgl. E. 3.2
hievor
). Zwar wiesen auch die behandelnden Ärzte auf psychosoziale Belastungsfaktoren hin,
vertraten
jedoch
die Mei
nung
, die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
sei
ursächlich auf die
Persön
lichkeitsstörung
zurückzuführen. So h
at
sich die soziale Situation der Be
schwerdeführerin inzwischen stabilisiert (feste Partnerschaft, Entlastung bei der Kinderbetreuung), dennoch ist sie gemäss ihrer behandelnden Psychiate
rin weiterhin zu 70 - 100
%
arbeitsunfähig. Zu diesen Widersprüchen äus
serte sich med. prakt.
H._
nicht.
4.3.2
Weiter führte med. prakt.
H._
aus, die Abklärung im
E._
habe gezeigt, dass sich die Persönlichkeitsstörung der Beschwerdeführerin nicht gravierend bei der Arbeit ausgewirkt habe. Die Beschwerdeführerin vermochte
aber
während der Dauer der beruflichen Massnahme
lediglich
eine durchgehende wöchentliche Präsenzzeit von 10.5 Stunden (davon 1.3 Stunden Pause) ver
teilt auf zwei Tage zu erreichen. Dies bei einem durchschnittlichen
Leis
tungsgrad
von 80 %, was
insgesamt
einer Leistungsfähigkeit von weniger als 20
%
im geschützten Rahmen entspricht. Bei einer um mehr als 80
%
einge
schränkten
Leistungsfähigkeit selbst in einem geschützten Arbeitsumfeld mit optimal angepassten Arbeitszeiten und ohne Leistungsdruck kann der Aus
sage von med. prakt.
H._
, die Persönlichkeitsstörung habe sich nicht gra
vierend bei der Arbeit ausgewirkt, nicht gefolgt werden.
4.3.3
Zwar können
RAD-Stellungnahmen nicht einfach
immer dann in Frage ge
stellt werden, wenn die behandelnden Ärzte eine abweichende Meinung zur Arbeitsunfähigkeit
äussern
(
vgl. etwa Urteil des Bundesgerichts 9C_668/2015 vom 17. Februar 2016 E. 3). Jedoch ist
,
wie bereits dargelegt
,
auf
einen RAD-Bericht
nicht
abzustellen
, wenn
– wie hier -
auch nur geringe Zweifel an
dessen
Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit bestehen
.
4.4
Während der Behandlung durch die
B._
konnte eine Remission der depressi
ven Symptomatik, ein Sistieren der Suizidalität und eine rückläufige Ent
wicklung der somatischen Symptome erreicht werden, sodass die Behandlung im November 2012 beendet werden konnte (E. 3.1
hievor
). Seit Oktober 2013 ist die Beschwerdeführerin wiederum in psychiatrischer Behandlung
.
D
ie be
handelnde Psychiaterin ging in der Folge von einer 70
-
100%igen Arbeits
unfähigkeit aus (E. 3.3, 3.5 und 3.7
hievor
). Die zu Beginn der
erneuten
Be
handlung diagnostizierte rezidivierende depressive Störung mit mittelgradi
ger Episode besserte sich
wiederum
und hatte im April 2015 keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit mehr. Auch die Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen, das Gefühl von Leere und das selbstverletzende Verhalten besserten sich und standen im September 2015 unter der psycho
therapeutischen Behandlung im Hintergrund
(E. 3.5 und
3.
7
hievor
). Zudem konnte die Beschwerdeführerin eine feste Partnerschaft eingehen
, was mit Blick auf die ICD-Kriterien einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung (u.a. intensive aber unbeständige Beziehungen) ebenfalls für eine Besserung der psychischen Beschwerden spricht
. Unverändert wird die Arbeitsunfähig
keit jedoch seit mindestens Februar 2014 auf 70
-
100
%
eingeschätzt, was angesichts
der dargelegten
Umstände nicht als ausreichend begründet er
scheint.
Nach der Rechtsprechung können zudem psychosoziale Faktoren ein gewichti
ges Argument gegen das Vorliegen eines rechtlich relevanten invali
disierenden Gesundheitsschadens sein (vgl. Urteile des Bundesgerichts 9C_89/2016 vom 12. Mai 2016 E. 4.2 und 9C_559/2015 vom 2. Dezember 2015 E. 3.2 f. mit Hinweisen). Vorliegend wurde von allen beteiligten
Fach
personen
auf psychosoziale Belastungsfaktoren hingewiesen. Zwar vermögen diese wie bereits dargelegt die Einschränkungen der Beschwerdeführerin nicht vollumfänglich zu erklären, die behandelnde Psychiaterin scheint ihnen jedoch gar keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit beizumessen.
Die Diagnose einer Anorexie wurde zudem nicht nachvollziehbar begründet, worauf auch RAD-Arzt med. prakt.
H._
hinwies (E. 3.6
hievor
).
Die Berichte von
Dr.
G._
und
Dr.
A._
sind damit nicht durch
wegs nachvollziehbar, wobei ihren Ausführungen als behandelnde Ärzte
rechtsprechungsgemäss
ohnehin mit Zurückhaltung zu
folgen
ist.
4.5
Nach dem Gesagten kann aufgrund der Akten nicht mit überwiegender Wahr
scheinlichkeit festgelegt werden, in welchem Umfang die
Beschwerde
führerin arbeitsfähig ist. So fehlt namentlich eine differenzierte
und
rechts
genügende
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht. Ange
sichts des Verzichts der Beschwerdegegnerin auf eine externe Begutachtung im
Rahmen des Verwaltungsverfahrens rechtfertigt sich eine gerichtliche Be
gutachtung
aber
nicht. Der angefochtene Entscheid ist
demzufolge
aufzuhe
ben und die Sache zur ergänzenden Abklärung
und
anschliessend
em neuen Entscheid
über die
Leistungsa
nsprüche der Beschwerdeführerin
an die
Be
schwerdegegnerin
zurückzuweisen
.
5.
5.1
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57). Die Kosten des Verfahrens gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr.
8
00.-- festzusetzen und entsprechend dem
Ausgang des Verfahrens der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
5.2
Der Beschwerdeführerin steht ausgangsgemäss eine Prozessentschädigung zu, welche vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses, dem Zeitaufwand und den Barauslagen festgesetzt wird (§ 34 Abs. 1 und 3 des Gesetzes über
das Sozial
versicherungsgericht,
GSVGer
). Entsprechend ist ihr - bei einem Stundenansatz von
Fr.
145.-- z
uzüglich
MWSt
- eine Prozessentschädigung von Fr. 1‘
3
00.-- (inkl
usive
Barauslagen und
MWSt
) auszurichten.
5.3
Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege erweist sich damit als gegen
standslos.