Decision ID: de026870-4443-4a98-a8d7-c751461b9d6b
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.- X lenkte am Montag, 14. März 2011, um 17.13 Uhr den Lieferwagen "L" mit dem
amtlichen Kennzeichen SG 000 in S/TG auf der Überholspur der Autobahn A1 in
Richtung St. Gallen. Nach den Feststellungen einer Patrouille der Kantonspolizei
Thurgau schloss er dabei auf einen vor ihm fahrenden Personenwagen auf und hielt
diesem gegenüber auf einer Distanz von über 1500 Metern bei Geschwindigkeiten
zwischen 116 und 135 km/h einen Abstand von rund acht Metern ein. Von der
Staatsanwaltschaft Frauenfeld wurde er mit Strafbefehl vom 6. Mai 2011 wegen grober
Verletzung der Verkehrsregeln durch ungenügenden Abstand beim
Hintereinanderfahren zu einer bedingten Geldstrafe von zehn Tagessätzen zu je
Fr. 50.-- und einer Busse von Fr. 500.-- verurteilt. Der Strafbefehl wurde nach einem
Rückzug der dagegen erhobenen Einsprache rechtskräftig. Das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen entzog X wegen des Vorfalls vom 14. März
2011 den Führerausweis am 17. Februar 2012 für die Dauer von drei Monaten.
B.- Gegen die Verfügung vom 17. Februar 2012 erhob X durch seinen Rechtsvertreter
mit Eingabe vom 5. März 2012 und Ergänzung vom 21. März 2012 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission mit dem Rechtsbegehren, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und der
Führerausweis für die Dauer von einem, eventualiter zwei Monaten zu entziehen. Auf
die Ausführungen zur Begründung des Begehrens wird, soweit erforderlich, in den

Erwägungen eingegangen. Im Rekursverfahren zog das Gericht die Strafakten samt der
von der Polizeipatrouille erstellten Videoaufzeichnung bei. Die Vorinstanz verzichtete
am 14. April 2012 auf eine Vernehmlassung.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 5. März 2012 ist unter Berücksichtigung
des Fristenlaufs am Wochenende rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt zusammen
mit der Ergänzung vom 21. März 2012 in formeller und inhaltlicher Hinsicht die
gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP; Art. 58 Abs. 1 und Art. 30 Abs. 1
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
VRP in Verbindung mit Art. 142 Abs. 3 der Schweizerischen Zivilprozessordnung, SR
272). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das
Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 ausgeschlossen ist,
der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das
Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG)
und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht,
wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG).
Ist die Verletzung der Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche Gefahr für
die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die Widerhandlung
schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer
durch Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft
oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Von einer mittelschweren
Widerhandlung ist immer dann auszugehen, wenn nicht alle privilegierenden Elemente
einer leichten und nicht alle qualifizierenden einer schweren Widerhandlung erfüllt sind
(vgl. Botschaft, in: BBl 1999 S. 4487).
3.- In tatsächlicher Hinsicht ist angesichts der Feststellungen im Strafverfahren zu
Recht unbestritten, dass der Rekurrent am 14. März 2011 um 17.13 Uhr als Lenker
eines Lieferwagens auf dem Überholstreifen der Autobahn A1 in S/TG in Fahrtrichtung
St. Gallen bei einer Geschwindigkeit von 133 km/h einen Abstand von lediglich 8,1
Metern zum voranfahrenden Personenwagen einhielt. Dadurch verletzte er Art. 34
Abs. 4 SVG in Verbindung mit Art. 12 Abs. 1 der Verkehrsregelnverordnung (SR 741.11,
abgekürzt: VRV), wonach der Lenker namentlich beim Hintereinanderfahren einen
ausreichenden Abstand zu wahren hat, so dass er auch bei überraschendem Bremsen
des voranfahrenden Fahrzeugs rechtzeitig halten kann.
4.- Im Rekurs wird einzig die rechtliche Qualifikation des Verhaltens des Rekurrenten
als schwere Widerhandlung beanstandet. Der rechtskräftige Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft Frauenfeld vom 6. Mai 2011 stützt sich zur rechtlichen Qualifikation
des Verhaltens des Rekurrenten als grobe Verkehrsregelverletzung auf den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Polizeirapport vom 15. März 2011 samt Einzelbildern aus der von der Polizeipatrouille
angefertigten Videoaufzeichnung der Fahrt des Rekurrenten sowie das unterzeichnete
Protokoll der Befragung durch die Kantonspolizei Thurgau unmittelbar im Anschluss an
das Ereignis. Die weiteren, von der Strafbehörde im Einspracheverfahren gegen den
Strafbefehl beigezogenen Beweismittel, insbesondere die vollständige
Videoaufzeichnung, waren für diese Qualifikation nicht von Belang, da der Rekurrent
die Einsprache schliesslich zurückzog und das Einspracheverfahren am 12. Januar
2012 als erledigt abgeschrieben wurde. Sie wurden im Übrigen auch von der
Administrativbehörde, welche die angefochtene Verfügung vom 17. Februar 2012
erliess, nicht beigezogen; ein solcher Verfahrensantrag wurde nicht gestellt. Die
Strafbehörde hat ihre rechtliche Beurteilung des Verhaltens des Rekurrenten
ausschliesslich auf Beweismittel gestützt, die auch der Administrativbehörde bekannt
waren. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist deshalb die rechtliche
Qualifikation der Verkehrsregelverletzung durch die Strafbehörde nicht bindend für das
Administrativverfahren (vgl. dazu BGE 120 Ib 312 E. 4b, 119 Ib 158 E. 3c/bb, 104 Ib
359). Dies gilt umso mehr, als das für die Administrationsmassnahme zuständige
Gericht seinen Entscheid auf die zusätzlichen Beweismittel, die im Rekursverfahren
beigezogen wurden, abstützen kann.
a) aa) Die Regel zur Wahrung eines ausreichenden Abstands beim
Hintereinanderfahren ist von grundlegender Bedeutung. Viele Unfälle sind auf
ungenügenden Abstand zurückzuführen. Was unter einem ausreichenden Abstand im
Sinn von Art. 34 Abs. 4 SVG zu verstehen ist, hängt von den gesamten Umständen ab.
Dazu gehören unter anderem die Strassen-, Verkehrs- und Sichtverhältnisse sowie die
Beschaffenheit der beteiligten Fahrzeuge. Der Sinn der Verkehrsregel zum
ausreichenden Abstand beim Hintereinanderfahren besteht in erster Linie darin, dass
der Fahrzeuglenker auch bei überraschendem Bremsen des voranfahrenden Fahrzeugs
rechtzeitig hinter diesem halten kann. Das überraschende Bremsen schliesst auch ein
brüskes Bremsen mit ein. Letzteres ist, auch wenn ein Fahrzeug folgt, im Notfall
gestattet (vgl. Art. 12 Abs. 2 VRV; vgl. BGE 131 IV 133 E. 3.1).
Während die Praxis in Deutschland einen Abstand von weniger als 0,8 Sekunden als
gefährdend qualifiziert, wird in der schweizerischen Lehre etwa vorgeschlagen, einen
Abstand von 0,6 Sekunden ("1/6-Tacho-Regel") oder weniger als grobe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verkehrsregelverletzung zu qualifizieren. Das Bundesgericht hat – entgegen einer
Meinungsäusserung in der Lehre (vgl. A. Roth, Entwicklungen im
Strassenverkehrsrecht, in: SJZ 97/2001 S. 194 ff., S. 198) – in BGE 126 II 358 nicht
entschieden, dass erst bei einem Abstand von 0,3 Sekunden oder weniger eine grobe
Verkehrsregelverletzung anzunehmen ist (vgl. BGE 131 IV 133 E. 3.2.2 mit Hinweisen).
Die bundesgerichtliche Rechtsprechung hat keine allgemeinen Grundsätze zur Frage
entwickelt, bei welchem Abstand in jedem Fall, d.h. auch bei günstigen Verhältnissen,
eine grobe Verkehrsregelverletzung im Sinn von Art. 90 Ziff. 2 bzw. eine schwere
Widerhandlung im Sinn von Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG anzunehmen ist (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 6B_700/2010 vom 16. November 2010, E. 1.3). Bei der Beurteilung, ob
ein Abstand beim Hintereinanderfahren auf der Autobahn ausreichend ist, sind keine
schematischen Einteilungsregeln möglich, sondern müssen im Einzelfall alle
massgebenden Umstände berücksichtigt werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts
1C_356/2009 vom 12. Februar 2010, E. 3.2).
bb) Das Bundesgericht hat einen zeitlichen Abstand von 0,54 s – Distanz von 15 m
zwischen Personenwagen bei einer Geschwindigkeit von durchschnittlich 100 km/h – in
objektiver Hinsicht als grobe Verkehrsregelverletzung beurteilt. Darüber hinaus hielt es
fest, aufgrund der ungünstigen Strassen- und Sichtverhältnissen – Fahrt auf dem
Überholstreifen der Autobahn bei Dämmerung und Feierabendverkehr mit hohem
Verkehrsaufkommen – sei es nicht entscheidend, ob der zeitliche Abstand zum
vorausfahrenden Fahrzeug 0,635 s (bei 85 km/h), 0,6 s (bei 90 km/h) oder 0,54 s (bei
100 km/h) betragen habe (vgl. Urteil 6B_700/2010 vom 16. November 2010, E. 1.6.3).
Soweit überblickbar, ist nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung bei einem
zeitlichen Abstand von 0,54 s und weniger in der Regel unabhängig von der
Beschaffenheit der Fahrzeuge und auch bei günstigen Strassen-, Verkehrs- und
Sichtverhältnissen von einer erhöhten abstrakten Gefahr und damit in objektiver
Hinsicht von einer groben Verkehrsregelverletzung auszugehen (vgl. Urteil 6B_3/2010
vom 25. Februar 2010, E. 3.3.1; vgl. auch Urteile 6B_725/2010 vom 21. Oktober 2010,
6B_464/2009 vom 21. Juli 2009 und 6B_20/2009 vom 14. April 2009). Gleichermassen
hat das Bundesgericht die Qualifikation eines Abstandes von 0,51 s – Distanz von 10 m
zwischen Personenwagen bei 70 km/h ausserorts bei dichtem Verkehr – als grobe
Verkehrsregelverletzung nicht beanstandet (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_616/2010 vom 19. Oktober 2010). Gleiches gilt für die Annahme eines
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mittelschweren Falles bei einem Abstand von 0,68 s – Distanz von 5-15 m bei 80 km/h
zu einem Lastwagen (vgl. Urteil 1C_104/2009 vom 26. Mai 2009).
Zahlreiche weitere Bundesgerichtsurteile betreffen Abstände von weniger als 0,5 s, die
in objektiver Hinsicht ausnahmslos als grobe Verkehrsregelverletzung bzw. schwere
Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften geahndet wurden, nämlich
0,18-0,36 s (5-10 m bei 100 km/h, Urteil 1C_274/2010 vom 7. Oktober 2010), 0,25-0,36
s (7-10 m bei 100 km/h, Urteil 1C_7/2010 vom 11. Mai 2010), 0,36 s (10 m bei 100 km/
h, Urteil 1C_356/2009 vom 12. Februar 2010), 0,23-0,45 s (5-10 m zu einem
sichtbehindernden Sattelschlepper bei 80 km/h, Urteil 6B_660/2009 vom 3. November
2009; 5-10 m bei 80 km/h in einem Baustellenbereich auf der Autobahn, Urteil
6B_1014/2010 vom 12. Mai 2011), 0,14-0,44 s (5-14 m bei 113-135 km/h, Urteil
6B_288/2009 vom 13. August 2009), 0,21-0,41 s (5-10 m bei 87 km/h, Urteil 6A.
54/2004 vom 3. Februar 2005) und 0,34 s (9,9 m bei 105 km/h, Urteil 6B_730/2011 vom
17. April 2012).
cc) Der Rekurrent hielt als Lenker eines Lieferwagens gegenüber dem voranfahrenden
Personenwagen einen zeitlichen Abstand zwischen 0,2160 und 0,2514 s ein (8,1 m bei
Geschwindigkeiten zwischen 116 und 135 km/h; vgl. Videoaufzeichnung 17:13.40 bis
17:14.35 Uhr; act. 20). Die Strassen- und Sichtverhältnisse waren zwar nicht
beeinträchtigt, das Verkehrsaufkommen indessen rege, so dass jederzeit mit
Fahrspurwechseln anderer Verkehrsteilnehmer zu rechnen war. Im Licht der
dargestellten bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist deshalb von einer schweren
abstrakten Gefährdung im Sinn einer schweren Widerhandlung gemäss Art. 16c Abs. 1
lit. a SVG auszugehen.
b) In subjektiver Hinsicht macht der Rekurrent geltend, auf dem fraglichen
Streckenabschnitt befinde sich eine stationäre Geschwindigkeitsmessanlage. Die
zahlreichen Verkehrsteilnehmer, denen die Anlage bekannt sei, verlangsamten ihre
Fahrt merklich, was auf einer relativ kurzen Strecke regelmässig zu gedrängterem
Verkehrsaufkommen und zu einem kurzzeitigen Auffahren führe (Handorgelbewegung).
Diese ausserordentlichen Umstände führten zur sehr geringen Busse von Fr. 500.--.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Subjektiv erfordert Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG ein rücksichtsloses oder sonst
schwerwiegend verkehrswidriges Verhalten, d.h. ein schweres Verschulden, bei
fahrlässigem Handeln mindestens grobe Fahrlässigkeit (BGE 131 IV 133 E. 3.2; 130 IV
32 E. 5.1 je mit Hinweisen). Davon ist unter anderem auszugehen, wenn der Täter sich
der allgemeinen Gefährlichkeit seiner verkehrswidrigen Fahrweise bewusst ist. Grobe
Fahrlässigkeit kann aber auch vorliegen, wenn der Täter die Gefährdung anderer
Verkehrsteilnehmer pflichtwidrig gar nicht in Betracht gezogen, also unbewusst
fahrlässig gehandelt hat (BGE 130 IV 32 E. 51 mit Hinweis). In solchen Fällen ist grobe
Fahrlässigkeit zu bejahen, wenn das Nichtbedenken der Gefährdung anderer
Verkehrsteilnehmer auf Rücksichtslosigkeit beruht. Rücksichtslos ist unter anderem ein
bedenkenloses Verhalten gegenüber fremden Rechtsgütern. Dieses kann auch in
einem blossen (momentanen) Nichtbedenken der Gefährdung fremder Interessen
bestehen (BGE 131 IV 133 E. 3.2 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts
6B_660/2009 vom 3. November 2009 E. 4.3).
Der Rekurrent folgte dem voranfahrenden Personenwagen mit dem festgestellten
geringen Abstand von knapp mehr als acht Metern während mehr als 50 Sekunden
(17:13.40 – 17:14.35 Uhr der Videoaufnahme, act. 20) bei Geschwindigkeiten zwischen
116 und 135 km/h, was zeitlichen Abständen zwischen 0,2 und 0,3 Sekunden
entspricht. Dass der Rekurrent damit keinen ausreichenden Abstand einhielt, ist
offenkundig und wird von ihm auch nicht bestritten. Er bringt vor, der ungenügende
Abstand sei auf eine, zahlreichen Verkehrsteilnehmern bekannte stationäre
Geschwindigkeitsmessanlage auf dem fraglichen Streckenabschnitt zurückzuführen,
die vorübergehende Temporeduktionen und deshalb verkürzte Abstände nach sich
ziehe. Selbst ein solches Verkehrsverhalten führt aber nicht zwingend zu derart
geringfügigen Abständen im Bereich von 0,2 bis 0,3 Sekunden. Vielmehr ist es den
nachfolgenden Fahrzeuglenkern möglich, sukzessive dafür zu sorgen, einen
ausreichenden Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug zu schaffen. Im Übrigen lassen
die Videoaufnahmen und die Aussagen des Rekurrenten nach dem Ereignis ohne
Weiteres den Schluss zu, dass er den Abstand zum voranfahrenden Personenwagen
bewusst derart gering hielt und die Verkehrssituation nicht Folge der beschriebenen
Handorgelbewegung war. In der polizeilichen Befragung führte er zu den Gründen aus,
er habe bei einer Geschwindigkeit von 120 km/h einen Abstand von ein bis zwei
Fahrzeuglängen eingehalten, was sicher zu wenig gewesen sei. Der vorausfahrende
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Personenwagen habe "genervt", weil er mit 120 km/h und zum Teil noch langsamer die
Überholspur sehr lange nicht freigegeben habe. Die Videoaufnahme bestätigt diese
Aussage insbesondere für den Zeitabschnitt von 17:13.40 bis 17:14.35 Uhr, wo der
Abstand bei Geschwindigkeiten zwischen 116 km/h bis 135 km/h rund acht Meter und
damit deutlich weniger als 0,3 Sekunden beträgt. Dem Rekurrenten wäre es im Übrigen
durchaus möglich gewesen, seiner Pflicht als nachfolgender Fahrzeuglenker zur
Einhaltung eines angemessenen Abstandes (vgl. BGE 137 IV 326 E. 3.3.3 mit
Hinweisen) nachzukommen.
Unter den dargelegten Umständen ist davon auszugehen, dass dem Rekurrenten die
besondere Gefährlichkeit seiner verkehrsregelwidrigen Fahrweise bewusst war und er
es vorsätzlich unterliess, einen ausreichenden Abstand zum vorausfahrenden
Personenwagen einzuhalten. Sollte er allerdings die allgemeine Gefährlichkeit seines
verkehrsregelwidrigen Verhaltens lediglich nicht bedacht haben, hat er sich
bedenkenlos über die Interessen der anderen Verkehrsteilnehmer hinweg gesetzt und
in einem Ausmass gedankenlos gehandelt, das ihm als grobe Fahrlässigkeit und damit
als schweres Verschulden im Sinn von Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG anzulasten ist. Daran
ändert auch der Umstand nichts, dass der Rekurrent zu einer Busse von Fr. 500.--
verurteilt wurde. Die Bussenhöhe lässt keinen direkten Schluss auf ein geringes
Verschulden zu. Namentlich wird sie nach den Verhältnissen des Täters bemessen
(Art. 106 Abs. 2 des Schweizerischen Strafgesetzbuches, SR 311.0); darunter fällt auch
die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, die beim Rekurrenten gemäss dessen eigenen
Angaben gering ist. Im Übrigen wird im Rekurs nicht erwähnt, dass der Rekurrent auch
zu einer – wenn auch bedingten – Geldstrafe verurteilt wurde. Aus der Gesamtstrafe
ergibt sich, dass auch der Strafrichter, der die Verurteilung auf Art. 90 Ziff. 2 SVG
stützte, weder von einem geringen Verschuldensgrad noch von einer objektiv
geringfügigen Tatschwere ausgegangen ist.
5.- Die von der Vorinstanz verfügte Entzugsdauer entspricht der Mindestentzugsdauer
von drei Monaten gemäss Art. 16c Abs. 2 lit. a SVG, die nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung zu Art. 16 Abs. 3 SVG selbst bei einer beruflichen Angewiesenheit des
Betroffenen auf den Führerausweis und bei einem ungetrübten automobilistischen
Leumund nicht unterschritten werden darf (vgl. BGE 132 II 234 E. 2.3 für einen
selbständig erwerbenden Taxichauffeur). Die Ausführungen im Rekurs zum
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verschulden, welches mit der Anwendung von Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG als schwer
beurteilt wurde (vgl. dazu oben E. 4b), und zur beruflichen Angewiesenheit des als
selbständiger Kaffeemaschinentechniker in der Deutschschweiz tätigen Rekurrenten
rechtfertigen deshalb keine Unterschreitung der gesetzlichen Mindestentzugsdauer von
drei Monaten.
6.- Der Rekurs ist somit abzuweisen. Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die
amtlichen Kosten dem Rekurrenten aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von Fr. 1'200.-- ist zu
verrechnen.