Decision ID: ce1c0298-e871-523b-8275-5ba700c97a48
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 14. September 2020 in der Schweiz um
Asyl nach und machte dabei geltend, er sei noch minderjährig.
B.
Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der europäi-
schen Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass der
Beschwerdeführer am 16. August 2020 in Italien aufgegriffen und dort am
17. August 2020 daktyloskopisch erfasst worden war.
C.
Das SEM ersuchte die italienischen Behörden am 18. September 2020 um
Informationen über den Beschwerdeführer gemäss Art. 34 der Verordnung
(EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO).
D.
Am 25. September 2020 fand in Anwesenheit der zugewiesenen Rechts-
vertretung die Erstbefragung UMA statt. Dabei gab der Beschwerdeführer
an, er sei in B._ geboren, habe jedoch nach der Scheidung der El-
tern von 2008 bis 2019 in Algerien gelebt, zunächst bis 2012 mit seiner
Mutter und danach bei einem Onkel mütterlicherseits. In Algerien habe er
die Schule bis zur 4. Klasse besucht und im Übrigen zusammen mit seinem
Onkel (...). Am 1. August 2020 habe er Marokko verlassen, weil er keine
Zukunft für sich gesehen habe. Über Spanien, Frankreich und Italien, wo
er in C._ registriert worden sei, sei er schliesslich in die Schweiz
gereist. Er sei am (...) geboren. Dies wisse er, da er eine Karte von einer
Firma gehabt habe und ihm dies auch schon immer von seiner Familie ge-
sagt worden sei. In Italien habe er den gleichen Namen, jedoch das Ge-
burtsdatum (...) angegeben, um nicht in ein Heim gesteckt und später nach
Hause geschickt zu werden.
In der gleichen Befragung gewährte das SEM dem Beschwerdeführer das
rechtliche Gehör zur allfälligen Zuständigkeit Italiens für die Durchführung
des Asyl- und Wegweisungsverfahrens. Der Beschwerdeführer erklärte, er
wolle nicht nach Italien zurück, da ihn die italienischen Behörden sofort
nach Algerien oder Marokko schicken würden, man in Italien keine Rechte
D-173/2021
Seite 3
habe und er während seines dortigen Aufenthalts von fünf oder sechs Ta-
gen auf der Strasse habe leben müssen. Sodann klärte das SEM den Be-
schwerdeführer über den Ablauf einer medizinischen Altersabklärung auf
und gewährte ihm überdies das rechtliche Gehör zum medizinischen Sach-
verhalt. Dabei erklärte der Beschwerdeführer, sowohl körperlich als auch
seelisch gesund zu sein.
E.
Das SEM wiederholte am 6. Oktober 2020 sein Ersuchen vom 18. Septem-
ber 2020 (vgl. Bst. C), worauf die italienischen Behörden dem SEM am
12. Oktober 2020 mitteilten, dass der Beschwerdeführer in Italien unter
dem Namen D._, geboren am (...), Algerien, bekannt sei, und am
17. August 2020 illegal in Italien eingereist sei. In der Folge wurden diese
Personalien als neue Nebenidentität im Zentralen Migrationsinformations-
system (ZEMIS) eingetragen. Zudem fragte das SEM die italienischen Be-
hörden am 12. Oktober 2020 an, worauf sich die in Italien eingetragenen
Personalien stützen würden.
F.
Am 14. Oktober 2020 erstattete das Institut für Rechtsmedizin des (...) ent-
sprechend dem Auftrag des SEM vom 7. Oktober 2020 über die Ergeb-
nisse der forensischen Altersdiagnostik ein rechtsmedizinisches Gutach-
ten. Darin gelangte es zum Schluss, es ergebe sich bei Zugrundelegung
der erhobenen Befunde ein durchschnittliches Lebensalter des Beschwer-
deführers von 18 bis 20 Jahren, wobei basierend auf dem Medianwert der
radiologischen Untersuchung der Hand das wahrscheinlichste Alter bei
18.5 Jahren liege. In Zusammenschau aller Untersuchungsbefunde lasse
sich ein Mindestalter von 17 Jahren ermitteln. Als Fazit wurde festgehalten,
eine Vollendung des 18. Lebensjahres könne nicht mit der notwendigen
Sicherheit belegt werden.
G.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 16. Oktober 2020 über
seine zugewiesene Rechtsvertreterin das rechtliche Gehör zu den Abklä-
rungsergebnissen und zur beabsichtigten Anpassung der Daten im ZEMIS.
H.
Nach einer erneuten Nachfrage seitens des SEM vom 19. Oktober 2020
teilten die italienischen Behörden am 20. Oktober 2020 mit, der Beschwer-
deführer habe in Italien kein Asylgesuch eingereicht und die eingetragenen
Personalien würden auf seinen Angaben beruhen.
D-173/2021
Seite 4
I.
In seiner Stellungnahme vom 21. Oktober 2020 erklärte sich der Beschwer-
deführer mit der Änderung seines Geburtsdatums nicht einverstanden. So-
dann wurde beantragt, die Informationen zum Registrierungsort bei den
italienischen Behörden anzufordern.
J.
Am 30. Oktober 2020 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer das
rechtliche Gehör zur ergänzenden Information, wonach eine polizeiliche
Überprüfung der in Italien registrierten Personalien ergeben habe, dass ge-
gen ihn eine Wegweisung durch die Präfektur E._ verfügt worden
sei. Demnach würden sowohl das Resultat des Eurodac-Abgleiches als
auch die erwähnte Wegweisung auf einen Aufenthalt auf der Insel
F._ hinweisen, weshalb das SEM keinen Anlass sehe, weitere Ab-
klärungen zu tätigen.
K.
Mit Eingabe vom 4. November 2020 ersuchte die Rechtsvertretung, von
einer Altersanpassung abzusehen.
L.
In der Folge änderte das SEM das Geburtsdatum des Beschwerdeführers
im ZEMIS auf den (...) (mit Bestreitungsvermerk).
M.
Am 6. November 2020 ersuchte das SEM die italienischen Behörden ge-
stützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO um Übernahme des Beschwerdefüh-
rers.
N.
Mit Verfügung vom 7. Januar 2021 – eröffnet am 8. Januar 2021 – trat das
SEM gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylge-
such des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte dessen Wegweisung
aus der Schweiz in den zuständigen Dublin-Staat (Italien). Gleichzeitig
setzte es eine Ausreisefrist auf den Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist
an, beauftragte den Kanton G._ mit dem Vollzug der Wegweisung,
händigte die editionspflichtigen Akten aus, hielt fest, dass einer Be-
schwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme, und stellte fest, die Per-
sonalien des Beschwerdeführers würden laut ZEMIS wie folgt lauten:
A._, geb. (...), Marokko, mit Bestreitungsvermerk.
D-173/2021
Seite 5
O.
Am 11. Januar 2021 teilte das SEM den italienischen Behörden mit, es er-
achte Italien als zuständig für die Durchführung des Asylverfahrens, nach-
dem das Übernahmeersuchen vom 6. November 2020 innert Frist unbe-
antwortet geblieben sei.
P.
Der Beschwerdeführer erhob mit eigener Eingabe vom 14. Januar 2021
beim Bundesverwaltungsgericht gegen diese Verfügung Beschwerde und
beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vor-
instanz sei anzuweisen, ihre Pflicht oder ihr Recht zum Selbsteintritt aus-
zuüben und sich für vorliegendes Asylverfahren für zuständig zu erklären.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er, ihm sei eine angemessene
Nachfrist zwecks Beschwerdeergänzung zu gewähren, es sei im Sinne vor-
sorglicher Massnahmen die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die
Vollzugsbehörden seien anzuweisen, von einer Überstellung nach Italien
abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die vorliegende Be-
schwerde entschieden habe. Schliesslich sei auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses zu verzichten und die unentgeltliche Prozessführung zu
gewähren.
Q.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 15. Januar 2021 setzte der In-
struktionsrichter den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus.
R.
Mit Eingabe vom 15. Januar 2021 reichte die rubrizierte Rechtsvertreterin
ebenfalls eine Beschwerde gegen die Verfügung des SEM ein und bean-
tragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und das SEM sei an-
zuweisen, auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers einzutreten. Das
SEM sei weiter anzuweisen, das Geburtsdatum im ZEMIS auf den (...) zu-
rückzusetzen. Sodann seien das SEM und die Vollzugsbehörden einstwei-
lig und superprovisorisch anzuweisen, bis zum Entscheid über das vorlie-
gende Rechtsmittel von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen, und der
Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu gewähren. Zudem sei dem
Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und es sei
insbesondere von der Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen.
S.
In der Folge reichte der Beschwerdeführer mit eigener Eingabe vom 19. Ja-
D-173/2021
Seite 6
nuar 2021 eine Beschwerdeergänzung ein und beantragte, die angefoch-
tene Verfügung sei aufzuheben, es sei auf sein Asylgesuch einzutreten und
ein nationales Asylverfahren durchzuführen. Eventualiter sei die Sache zur
weiteren Abklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Weiter sei das SEM
anzuweisen, sein Geburtsdatum im ZEMIS auf den (...) zu ändern. In pro-
zessualer Hinsicht beantragte er, es sei der Beschwerde die aufschie-
bende Wirkung zu erteilen, ihm sei die unentgeltliche Rechtspflege zu be-
willigen und es sei von der Erhebung eines Kostenvorschusses abzuse-
hen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
Über das Begehren, das Geburtsdatum im ZEMIS sei auf den (...) zurück-
zusetzen, ist nicht im vorliegenden Dublin-Verfahren zu entscheiden, wes-
halb im Nachgang ein separates Verfahren bezüglich der beantragten Da-
tenänderung im ZEMIS zu führen ist.
3.
Auf einen Schriftenwechsel wurde gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG ver-
zichtet.
4.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
D-173/2021
Seite 7
5.
5.1 Eine geltend gemachte Minderjährigkeit ist von der asylsuchenden Per-
son zu beweisen, soweit ihr ein Beweis möglich ist, und andernfalls we-
nigstens glaubhaft zu machen, da sie die Beweislast dafür trägt, auch wenn
das SEM die entscheidrelevanten Sachverhaltsmomente von Amtes we-
gen festzustellen hat (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweize-
rischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 30 E. 5.3.3; BVGE
2018/VI/3 E. 4.2.3 m.w.H.). Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist eine
Abwägung aller Anhaltspunkte, die für oder gegen die Richtigkeit der be-
treffenden Altersangabe sprechen, vorzunehmen (vgl. BVGE 2009/54
E. 4.1).
5.2 Das SEM hält zur Begründung der Volljährigkeit fest, die Angaben des
Beschwerdeführers zum Alter und zur Schulbildung seien im Rahmen der
Erstbefragung zwar weitgehend widerspruchslos geblieben, jedoch seien
sie insgesamt oberflächlich und wenig detailliert. Auf die Frage, woher er
sein Geburtsdatum kenne, habe er gesagt, dass er eine Karte von einer
Firma gehabt habe. Auf die Frage, seit wann er sein Geburtsdatum kenne,
habe er dann angegeben, dass er es durch die Familie erfahren habe.
Diese zwei Aussagen zu seinem Alter würden im Widerspruch zueinander
stehen. Weiter habe er angegeben, dass er einmal ein Identitätsdokument
besessen habe, jedoch sei es ihm nicht gelungen, zumindest eine Kopie
eines Ausweises einzureichen und so seine Angaben zu untermauern. Zu
seiner Registrierung in Italien befragt, habe er angegeben, er habe dort
dieselben Personalien angegeben wie in der Schweiz, jedoch mit Jahrgang
(...). Dies habe er gemacht, da man ihn sonst in ein Heim gebracht und
später nachhause geschickt hätte. Das eingeholte Altersgutachten belege,
dass er zum Zeitpunkt der Untersuchung das 17. Lebensjahr sicher vollen-
det habe und das von ihm angegebene Alter zutreffen könne. Aufgrund der
erhobenen Befunde ergebe sich ein durchschnittliches Lebensalter von 18
bis 20 Jahren. Die italienischen Behörden hätten mitgeteilt, dass er in Ita-
lien unter den Personalien D._, geboren am (...), Algerien, bekannt
sei. Diese Informationen würden im Widerspruch stehen zu seiner Aus-
sage, er habe in Italien das Geburtsdatum (...) und denselben Namen wie
in der Schweiz angegeben. Zudem liessen sich auch seine Angaben zum
Reiseweg nicht mit seiner Registrierung auf der Insel F._ in Italien
vereinbaren. Zusammenfassend sei festzuhalten, dass die Vollendung des
18. Lebensjahres durch das Altersgutachten nicht mit der notwenigen Si-
cherheit habe belegt werden können. Jedoch liege das durchschnittliche
Lebensalter des Beschwerdeführers zwischen 18 und 20 Jahren. Beim
festgestellten Mindestalter von 17 Jahren handle es sich lediglich um das
D-173/2021
Seite 8
tiefst mögliche Alter, jedoch nicht um das tatsächliche oder wahrschein-
lichste Alter. Zudem habe sich der Beschwerdeführer in Italien als volljäh-
rige Person ausgegeben und sei sogar massgeblich älter registriert worden
als von ihm anlässlich der Erstbefragung geltend gemacht. In seiner Stel-
lungnahme habe er zugegeben, diesbezüglich bei der Erstbefragung nicht
die Wahrheit gesagt zu haben. Auch seine Angaben zur Registrierung in
Italien sowie zum Reiseweg seien aufgrund der Aktenlage nicht plausibel,
was sich auf die Glaubwürdigkeit seiner gesamten Aussagen negativ aus-
wirke. Weiter habe er sein geltend gemachtes Alter nicht mittels Identitäts-
dokumenten belegen können, obwohl er angegeben habe, dass er zuvor
Identitätsdokumente besessen habe und versuchen werde, diese einzu-
reichen. Die geltend gemachte Minderjährigkeit habe somit weder glaub-
haft gemacht noch belegt werden können.
5.3 In der Beschwerde vom 15. Januar 2021 wird geltend gemacht, es
handle sich beim Altersgutachten gemäss höchstrichterlicher Rechtspre-
chung um ein starkes Indiz, was im vorliegenden Fall für das vom Be-
schwerdeführer angegebene Geburtsdatum spreche. In der Erstbefragung
habe der Beschwerdeführer zahlreiche Jahreszahlen und Altersangaben
genannt, ohne widersprüchliche Angaben zu machen. Seine Angaben
seien durchaus substantiiert, insbesondere auch vor dem Hintergrund,
dass es sich bei der Erstbefragung um eine summarische Befragung
handle. Der in der Verfügung einzige aufgeführte Widerspruch erscheine
in der Gesamtbetrachtung als vernachlässigbar. Für seine Glaubwürdigkeit
spreche des Weiteren, dass er an der Erstbefragung von Beginn an offen-
gelegt habe, dass er sich in Italien als Volljähriger habe registrieren lassen.
Er habe zudem plausibel erklären können, weshalb er in Italien die ent-
sprechende Falschangabe gemacht habe. Sodann sei nicht ersichtlich,
welchen Vorteil er aus seiner Angabe ziehen sollte, in C._ registriert
worden zu sein. Das konstante Festhalten an seinen Angaben, obwohl ihm
diese zu seinem Nachteil ausgelegt würden, spreche vielmehr für seine
Glaubwürdigkeit. Auch die spontane Reaktion in der Erstbefragung, ob es
ein F._ in C._ gebe, spreche für seine Glaubwürdigkeit. Ins-
gesamt genüge diese Unstimmigkeit nicht, sämtliche widerspruchsfreien
und substantiierten Angaben zu seinem Alter in Zweifel zu ziehen, insbe-
sondere nicht, solange bei den italienischen Behörden keine weiteren An-
gaben zum Registrierungsort und dessen Erfassung im Eurodac eingeholt
worden seien. Er (der Beschwerdeführer) bemühe sich, ein Dokument er-
hältlich zu machen, welches seine Angaben belege. Nachdem er im (...)
18 Jahre alt geworden sei, habe er kürzlich in der Heimat die Aufforderung
zum Wehrdienst erhalten. Er habe seinen Onkel und weitere Personen in
D-173/2021
Seite 9
der Heimat kontaktiert, damit jemand ihm diese Aufforderung zukommen
lasse, habe aber von niemandem eine Antwort erhalten. Das Dokument
werde nach Erhalt umgehend nachgereicht. Demnach sei gemäss Art. 8
Abs. 4 Dublin-III-VO die Schweiz für die Durchführung des Asylverfahrens
zuständig.
5.4 In seiner Beschwerdeergänzung vom 19. Januar 2021 führte der Be-
schwerdeführer aus, er habe sein ungefähres Alter von seinen Eltern er-
fahren, das genaue Datum kenne er von einer Karte einer Firma. Nach der
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts sei jedes Alter ab dem
ermittelten Mindestalter gleich wahrscheinlich. Das Gutachten über sein
Alter könne demnach nicht als Indiz für seine Volljährigkeit herangezogen
werden. Sodann habe das Gericht schon mehrmals festgehalten, dass im
Zweifelsfall von der Minderjährigkeit einer unbegleiteten Person auszuge-
hen sei. Er sei durch die in Italien herrschenden Zustände gezwungen ge-
wesen, ein höheres Alter anzugeben. Minderjährige Flüchtlinge würden in
separaten Camps untergebracht, in welchen sie keinen Ausgang erhielten
und schlechte Umstände herrschen würden. Es sei auch nicht berücksich-
tigt worden, unter welchen Umständen seine Angaben zu Stande gekom-
men seien. Es erscheine nicht angebracht, ihm Angaben, die er in anderen
Ländern unter schwierigen Bedingungen (Quarantäne und ungenügende
Übersetzung) gemacht habe, vorzuhalten. Er habe sich in einer Stresssi-
tuation lediglich darauf fokussiert, einen Jahrgang anzugeben, mit wel-
chem er sicher als volljährig registriert werden würde. Da die Angabe falsch
gewesen sei, habe er sich nachher nicht mehr an den exakten Jahrgang
erinnern können, den er damals genannt habe. Zudem habe er an seinem
Geburtsmonat und Geburtstag nie etwas geändert. Des Weiteren habe er
kein Schulsystem durchlaufen und könne seine Kindheit nicht in Schulstu-
fen unterteilen. Eine solche Struktur sei zur zeitlichen Einordnung von Er-
eignissen und Entwicklungen von grosser Bedeutung. Daher falle es ihm
sehr schwer, detaillierte Angaben zu machen. Was den Reiseweg anbe-
lange, seien seine Kenntnisse über die Geografie Europas spärlich, wes-
halb er keine exakten Angaben zu seinem genauen Reiseweg machen,
geschweige denn genaue Ortschaften nennen könne.
5.5 Was das Alter des Beschwerdeführers anbelangt, kann vorab vollum-
fänglich auf die zutreffenden Ausführungen in der angefochtenen Verfü-
gung verwiesen werden. In Ergänzung dazu ist festzuhalten, dass das ein-
geholte rechtsmedizinische Gutachten aufgrund dessen Schlussfolgerung
weder als Beweis der Minderjährigkeit noch der Volljährigkeit des Be-
D-173/2021
Seite 10
schwerdeführers herangezogen werden kann. Für die Beurteilung der be-
haupteten Minderjährigkeit zur Zeit der Asylgesuchstellung sind deshalb
die weiteren Vorbringen des Beschwerdeführers zu würdigen. Ins Gewicht
fällt, dass er bis heute kein Beweismittel einreichte, welches sein behaup-
tetes Geburtsdatum belegen könnte. So ist davon auszugehen, dass ins-
besondere seine Mutter im Besitz eines amtlichen Dokuments ihren Sohn
betreffend sein müsste. Auch ist nicht ersichtlich, weshalb der Beschwer-
deführer bislang nicht in der Lage war, die angeblich eingegangene Auffor-
derung zum Wehrdienst einzureichen, zumal ihm diese offenbar zur Kennt-
nis gebracht wurde und er in der Heimat eigenen Angaben zufolge über
verschiedene Kontaktpersonen verfügt. Sodann ist seine Erklärung, er
habe von seinen Eltern nur sein ungefähres Alter erfahren, nicht in Einklang
zu bringen mit seinen Ausführungen in der Erstbefragung. Damals antwor-
tete er auf die Frage, seit wann er wisse, dass der (...) sein Geburtsdatum
sei, seine Familie habe ihn informiert. Immer am (...) habe man ihm gesagt,
heute sei sein Geburtstag (vgl. Akten SEM [...]-14/14 Ziff. 1.06). Auch er-
scheint kaum vorstellbar, dass er von den Eltern zwar den genauen Tag
und den genauen Monat seiner Geburt, nicht jedoch das Geburtsjahr er-
fahren haben könnte. Als nachgeschoben und daher unglaubhaft ist im
Weiteren das Vorbringen zu qualifizieren, er habe nicht mehr gewusst, wel-
ches Geburtsjahr er bei den italienischen Behörden angegeben habe. In
der Erstbefragung gab er nämlich auf die Frage nach seiner Registrierung
in Italien an, dort denselben Namen angegeben zu haben wie in der
Schweiz, jedoch mit Jahrgang (...), um nicht in ein Heim gebracht und spä-
ter nachhause geschickt zu werden (vgl. Akten SEM [...]-14/14 Ziff. 5.02).
Diese Angabe erwies sich in der Folge als wahrheitswidrig; vielmehr liess
sich der Beschwerdeführer in Italien unter gänzlich anderen Personalien
registrieren. Seine Erklärung in der Stellungnahme zum rechtlichen Gehör,
er habe in der Schweiz befürchtet, von den Behörden zurück nach Italien
oder sogar in die Heimat geschickt zu werden, wenn er offenlegen würde,
in Italien falsche Angaben gemacht zu haben, überzeugt nicht, zumal er
bereits in der Erstbefragung angab, in Italien ein anderes Geburtsjahr an-
gegeben zu haben. Nicht nachvollziehbar ist sodann seine Erklärung, er
sei durch die in Italien herrschenden Zustände gezwungen gewesen, ein
höheres Alter anzugeben, zumal Minderjährige auch in Italien bevorzugt
behandelt werden. Im Weiteren ist auch bei fehlenden Schulstufen davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer detailliertere Angaben zu seiner
Vorgeschichte machen könnte. Dass es sich bei der Erstbefragung um eine
summarische Befragung handelt, ändert an dieser Einschätzung nichts,
zumal dem Beschwerdeführer verschiedene Zusatzfragen gestellt wurden.
D-173/2021
Seite 11
Was den Reiseweg anbelangt, bestehen aufgrund der Akten keine Hin-
weise, dass der erfasste Registrierungsort auf der Insel F._ nicht
zutreffen würde. Auch bei spärlichen Kenntnissen über die Geografie Eu-
ropas müsste dem Beschwerdeführer aufgrund der erforderlichen Ver-
kehrsmittel, um in die Schweiz zu gelangen (Schiff oder Flugzeug), be-
wusst gewesen sein, dass er sich nicht auf dem Festland aufhielt. Insge-
samt ist festzuhalten, dass die Angaben des Beschwerdeführers zu seinen
Personalien und seinem Reiseweg verschiedene ungeklärte Ungereimthei-
ten enthalten, und es dem Beschwerdeführer vor diesem Hintergrund nicht
gelingt, seine Minderjährigkeit zum Zeitpunkt der Stellung des Asylgesuchs
glaubhaft zu machen. Zusammenfassend ergibt sich, dass das SEM zu
Recht von der Volljährigkeit des Beschwerdeführers ausgegangen ist. Es
kann daher darauf verzichtet werden, auf die weiteren diesbezüglichen
Vorbringen in den Rechtsschriften einzugehen.
6.
6.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
6.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
6.3 Im Falle eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge)
sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der
dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskri-
terien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Si-
tuation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in ei-
nem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im
Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet dem-
gegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Ka-
pitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
D-173/2021
Seite 12
6.4 Wenn eine antragstellende Person, aus einem Drittstaat kommend, die
Land-, See- oder Luftgrenze eines Mitgliedstaates illegal überschritten hat,
ist dieser Staat gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO für die Prüfung des
Antrags auf internationalen Schutz zuständig. Die Zuständigkeit endet ge-
mäss dieser Norm zwölf Monate nach dem Tag des illegalen Grenzüber-
tritts.
6.5 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
6.6 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
eine antragstellende Person, die in einem anderen Mitgliedstaat einen An-
trag gestellt hat, nach Massgabe der Art. 21, 22 und 29 Dublin-III-VO auf-
zunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO).
6.7 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und
das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani-
tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO
ein anderer Staat zuständig wäre.
7.
Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden grundsätzlich kein Recht
ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3). Den vorliegenden Akten ist zu entnehmen, dass
der Beschwerdeführer am 17. August 2020 in Italien registriert wurde. Am
D-173/2021
Seite 13
6. November 2020 ersuchte die Vorinstanz die italienischen Behörden ge-
stützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO um Übernahme des Beschwerdefüh-
rers. Diese liessen das Ersuchen innert der in Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO
vorgesehenen Frist unbeantwortet, womit sie ihre Zuständigkeit implizit an-
erkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO). Die grundsätzliche Zuständigkeit
Italiens ist somit gegeben.
8.
8.1 Die Vorinstanz hält zur Begründung ihres Nichteintretensentscheids
fest, der geäusserte Wunsch, nicht nach Italien zurückzukehren, habe kei-
nen Einfluss auf die Zuständigkeit für das Asyl- und Wegweisungsverfah-
ren. Es obliege den italienischen Behörden, das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers zu prüfen, seinen Aufenthaltsstatus zu regeln oder gege-
benenfalls eine Wegweisung ins Heimatland anzuordnen. Es würden keine
konkreten Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich Italien nicht an seine
völkerrechtlichen Verpflichtungen halten und die Asyl- und Wegweisungs-
verfahren nicht korrekt durchführen würde. Es liege in der Verantwortung
des Beschwerdeführers, mit stichhaltigen Beweisen zu belegen, dass die
italienischen Behörden seine Rechte verletzt hätten und ihm nicht den nö-
tigen Schutz hätten zukommen lassen oder ihn eines menschenwürdigen
Lebens beraubt hätten. Mangels Beweisen oder ernsthafter Indizien könne
das SEM von einer vertieften und individualisierten Prüfung seiner künfti-
gen Aufnahme in Italien absehen.
8.2 In der Beschwerde der Rechtsvertreterin und der Beschwerdeergän-
zung des Beschwerdeführers werden unter Bezugnahme auf verschiedene
Quellen mehrere Mängel im italienischen Asylwesen geltend gemacht. Es
sei unter den momentanen Umständen nicht klar, ob er in Italien überhaupt
Zugang zu einem fairen Asylverfahren und zu einer Unterbringung haben
werde. Asylsuchende hätten grundsätzlich nur noch Zugang zu den Notun-
terkünften (und teilweise nicht einmal mehr das), wo es weder genügend
medizinische noch psychologische Betreuung noch angemessene sanitäre
Anlagen gebe und die hygienischen Zustände sehr schlecht seien. Men-
schen aus den Asylstrukturen würden auch auf Schiffen in Quarantäne un-
tergebracht. Nach dem dortigen Aufenthalt würden sie nicht automatisch in
die angestammten Unterkünfte zurückgebracht und es werde nicht einmal
garantiert, dass sie wieder ins Asylverfahren aufgenommen würden. In Ita-
lien habe man ohnehin nur für eine gewisse Zeit Anspruch auf eine Unter-
bringung in einem Asylcamp. Danach werde man weggeschickt, habe aber
erst nach fünf Jahren Aufenthalt ein Recht auf eine Wohnung des sozialen
Wohnungsbaus. Sehr viele Asylsuchende würden daher auf der Strasse
D-173/2021
Seite 14
leben, wie das auch bei ihm (dem Beschwerdeführer) der Fall gewesen sei.
Dasselbe Problem ergebe sich auch beim Zugang zur Sozialhilfe oder zum
Arbeitsmarkt. Dies entspreche auch seiner persönlichen Erfahrung, da er
in Italien keinen Zugang zu einer Unterkunft oder sonstiger Unterstützung
erhalten habe. Auch der Zugang zum Asylverfahren werde in Italien nicht
bei allen Personen gewährleistet. Insgesamt sei davon auszugehen, dass
in Italien systematische Mängel bestünden in Bezug auf die Unterbringung
von Asylsuchenden, deren medizinische Versorgung und der Rechtsstaat-
lichkeit des Verfahrens. Bei einer Rückkehr laufe er Gefahr, wieder auf der
Strasse zu landen, nicht genug Essen und Trinken zu erhalten oder gar
unter unmenschlichen Bedingungen und grundlos inhaftiert zu werden. Es
sei auch in keiner Weise gesichert, dass er bei einer Rückkehr Zugang zu
einem rechtsstaatlich korrekten Asylverfahren haben werde, obwohl er auf-
grund seiner Herkunft mit hoher Wahrscheinlichkeit zumindest Anspruch
auf subsidiären Schutz haben müsste. Zudem gelte Marokko in Italien als
sicheres Herkunftsland, womit er grosse Gefahr laufe, dass sein Asylge-
such von Beginn weg als unbegründet eingestuft und er gar keinen Zugang
zu einem fairen Verfahren haben werde. Eine Ausschaffung nach Italien sei
in seinem Fall als Verletzung von Art. 3 EMRK zu werten.
8.3 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli-
che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Asylsuchende in Italien würden systemische Schwachstellen
aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden
Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich
bringen würden.
Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und es kann nach wie vor davon ausgegangen werden,
Italien komme seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen
nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und
schütze weiterhin die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
D-173/2021
Seite 15
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben.
Diese Ansicht wird durch den EGMR bestätigt, indem dieser in seiner bis-
herigen Rechtsprechung festhält, dass in Italien kein systemischer Mangel
an Unterstützung und Einrichtungen für Asylsuchende bestehe, obwohl die
allgemeine Situation und insbesondere die Lebensumstände von Asylsu-
chenden, anerkannten Flüchtlingen und Personen mit einem subsidiären
Schutzstatus in Italien gewisse Mängel aufweisen würden (vgl. die Urteile
des EGMR Mohammed Hussein und andere gegen die Niederlande vom
2. April 2013 [Beschwerde-Nr. 27725/10] und A.S. gegen die Schweiz vom
30. Juni 2015 [Beschwerde-Nr. 39350/13]).
An der konstanten Rechtsprechung zur Situation in Italien ist auch in Be-
rücksichtigung des inzwischen erlassenen Salvini-Dekrets grundsätzlich
festzuhalten (vgl. etwa Urteile des BVGer E-962/2019 vom 17. Dezember
2019 E. 8, E-3149/2019 vom 27. Juni 2019 S. 9, D-2513/2019 vom 28. Mai
2019 E. 8.1, F-2058/2019 vom 6. Mai 2019 E. 5, E-1489/2019 vom 3. April
2019 E. 6.2, F-1299/2019 vom 22. März 2019 und F-6212/2020 vom
14. Dezember 2020 E. 6.2 f.).
Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO
nicht gerechtfertigt.
8.4 Sodann kann jeder Mitgliedstaat abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-
III-VO beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder
Staatenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch
wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die
Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbstein-
trittsrecht). Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999
(AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert das Selbsteintrittsrecht landesrechtlich
und legt es ins pflichtgemässe Ermessen des SEM, ein Gesuch aus huma-
nitären Gründen auch dann zu behandeln, wenn die Prüfung ergeben hat,
dass ein anderer Staat dafür zuständig ist. Indessen besteht auf die Aus-
übung des Selbsteintrittsrecht ein einklagbarer Anspruch, wenn die Über-
stellung des Antragsstellers in den an sich zuständigen Mitgliedstaat über-
geordnetes Recht, namentlich eine Norm des Völkerrechts, verletzen
würde (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.2; ferner Urteil des BVGer F-3457/2019
vom 11. Juli 2019 E. 4.4, je m.w.H.).
D-173/2021
Seite 16
Zwar kann die Vermutung, Italien halte seine völkerrechtlichen Verpflich-
tungen ein, insbesondere mit Blick auf Art. 3 EMRK im Einzelfall widerlegt
werden (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.; Urteil des BVGer D-5698/2017 vom
6. März 2018 E. 5.3.1). Was seine diesbezüglichen Einwände anbelangt,
ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer bis anhin in Italien noch gar
kein Asylgesuch gestellt hat, sondern das Land nach wenigen Tagen ver-
liess. Dass er in diesen Tagen auf der Strasse leben musste, kann deshalb
zum Vornherein nicht den italienischen Behörden angelastet werden. Im
Übrigen könnte er sich – nach der Stellung eines Asylgesuchs – bei einer
vorübergehenden Einschränkung nötigenfalls an die italienischen Behör-
den wenden und die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem
Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Neben den staatli-
chen Strukturen nehmen sich auch zahlreiche private Hilfsorganisationen
der Betreuung von Asylsuchenden und Flüchtlingen an, bei denen der Be-
schwerdeführer bei Bedarf ebenfalls um Unterstützung nachsuchen kann.
Den Akten sind auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Italien
werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulements missachten
und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, Leben oder
seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet sind
oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land ge-
zwungen zu werden. Es besteht kein Grund zur Annahme, der Beschwer-
deführer gerate in Italien wegen fehlenden Zugangs zum Asylverfahren
oder ungenügender Aufenthaltsbedingungen in eine existenzielle Notlage.
Insgesamt ergibt sich aus der Überstellung nach Italien mithin keine Ver-
letzung von Art. 3 EMRK oder anderer völkerrechtlicher Verpflichtungen.
Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der
Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspielraum
(vgl. BVGE 2015/9 E. 7 und 8). Die angefochtene Verfügung ist unter die-
sem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine
Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Un-
terschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich des-
halb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen. Zusammenfassend
besteht kein Grund für eine Anwendung der Ermessensklauseln von Art. 17
Dublin-III-VO sowie von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1.
8.5 Allfällige Verzögerungen aufgrund der herrschenden Situation im Zu-
sammenhang mit der COVID-19-Pandemie stellen – gemäss aktuellem
Kenntnisstand – lediglich temporäre Vollzugshindernisse dar und vermö-
gen am Ausgang des vorliegenden Verfahrens nichts zu ändern (vgl. Urteil
des BVGer F-1829/2020 vom 9. April 2020 E. 5.2).
D-173/2021
Seite 17
9.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Weil
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Italien in Anwen-
dung von Art. 44 AsylG zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1).
Gründe für eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Neubeur-
teilung sind nicht ersichtlich.
10.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
11.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen.
12.
Der am 15. Januar 2021 verfügte Vollzugsstopp fällt mit dem vorliegenden
Urteil dahin.
13.
Das Gesuch, es sei dem Beschwerdeführer eine angemessene Nachfrist
zur Beschwerdeergänzung zu gewähren, ist mit Eingang der Beschwerde-
ergänzung vom 19. Januar 2021 gegenstandslos geworden.
14.
Da das Beschwerdeverfahren mit vorliegendem Urteil abgeschlossen ist,
werden die Anträge um Erteilung der aufschiebenden Wirkung und um Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos.
D-173/2021
Seite 18
15.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch die Be-
schwerdebegehren nicht als von vornherein aussichtslos bezeichnet wer-
den konnten und aufgrund des Aufenthalts des Beschwerdeführers im BAZ
G._ von dessen prozessualer Bedürftigkeit auszugehen ist, ist das
in den Rechtsschriften gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung gutzuheissen. Somit sind dem Beschwerdeführer
keine Verfahrenskosten aufzuerlegen (vgl. Art. 65 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
D-173/2021
Seite 19