Decision ID: 75b793cd-e81f-49c1-b0fc-4b4fe3376f9f
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Mit Antrag vom 5. Januar 2019 ersuchte
X._
die Arbeitslosen
kasse des Kantons Zürich um Ausrichtung einer Insolvenzentschädigung für offene Lohnforderungen
von insgesamt Fr. 22'421.10
, da über die Arbeitgeberin,
Y._
,
Z._
, wegen offensichtlicher Über
schuldung kein Konkurs eröffnet worden sei (Urk.
7/145
f. und Urk.
7/117
ff.). Unter anderem legte die Versicherte die Verfügung des Konkurs
gerichts des Kantons Zürich vom 17. Dezember 2018 auf, mit welcher auf ihr Konkursbegehren nicht eingetreten worden war, da sie den Kostenvorschuss von Fr. 1'800.-- im Sinne von Art. 169 des Schuldbetreibungs- und Konkursgesetzes (SchKG) nicht geleistet hatte (Urk. 7/118-121). Auf entsprechende Aufforderung der Arbeitslosenkasse hin (Urk. 7/109) übermittelte die Versicherte der Arbeitslo
senkasse
sodann
ein Dokument des Stadtamman- und Betreibungsamts
A._
, um damit zu belegen, dass ein
Zahlungsbefehl vorliege (Urk. 7/105). Mit Verfü
gung vom 22. Mai 2019 wurde der Versicherten eine Insolvenzentschädigung von Fr. 10'855.60 brutto beziehungsweise Fr. 9'315.90 netto zugesprochen (Urk. 7/97-99).
Dagegen erhob die Versicherte mit Eingabe vom 17. Juni 2019 Einsprache (Urk. 7/77-82). Mit Verfügung vom 10. Oktober 2019 hob die Arbeits
losenkasse die Verfügung vom 22. Mai 2019 wiedererwägungsweise auf und stellte fest, dass die Versicherte keinen Anspruch auf Insolvenzentschädigung habe. Die Versicherte wurde sodann zur Rückerstattung der bereits ausbezahlten Insolvenzentschädigung von Fr. 6'513.35 verpflichtet (Urk. 7/73-75). Mit Ent
scheid vom 11. Oktober 2019 schrieb die Arbeitslosenkasse das
Einsprachever
fahren
betreffend die in Wieder
erwägung gezogene Verfügung vom 22. Mai 2019 als gegenstandslos geworden ab (Urk. 7/71 f. = Urk. 2).
2.
Dagegen erhob die Versicherte mit Eingabe vom 6. November 2019 Beschwerde beim hiesigen Gericht und beantragte die Aufhebung des angefochtenen
Ein
sprache
entscheids
sowie die Rückweisung der Sache an die Beschwerde
gegnerin zur Neuentscheidung über die Höhe des Anspruchs auf Insolvenz
entschädigung (Urk. 1). Gegen die Verfügung vom 10. Oktober 2019 erhob die Versicherte sodann Einsprache bei der Arbeitslosenkasse (Einsprache vom 6. November 2019 [Urk. 7/42-48]).
Mit Beschwerdeantwort vom 21. November 2019 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 6).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1
.
1
.1
Die Beschwerdeführerin brachte in ihrer Beschwerdeschrift vom 6. November 2019 vor, die Verfügung vom 22. Mai 2019, gegen welche Einsprache erhoben worden sei, sei nicht in formelle Rechtskraft erwachsen, weshalb sie auch nicht in Wiedererwägung gemäss Art. 53 Abs. 2 des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG)
habe gezogen werden dürfen
. Indem die Beschwerdegegnerin das
Einspracheverfahren
betreffend die Verfü
gung vom 22. Mai 2019 als gegenstandslos geworden abgeschrieben habe, habe sie ihr die Möglichkeit genommen, auch ein Rechtsmittel betreffend die Höhe der Insolvenzentschädigung
zu ergreifen
(Urk. 1).
1
.2
Demgegenüber hielt die Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort vom 21
.
November 2019 dafür, wenn gemäss Art. 53 Abs. 2 ATSG auf formell rechts
kräftige Verfügungen oder
Einspracheentscheide
zurückgekommen werden dürfe, wenn diese zweifellos unrichtig seien oder deren Berichtigung von erheblicher Bedeutung sei, könne e
contrario
daraus geschlossen werden, dass auch auf for
mell nicht rechtskräftige Verfügungen jederzeit zurückgekommen werden dürfe. Dem Beschwerdeführer stehe sodann die Möglichkeit offen, ein weiteres Rechts
mittel gegen den noch zu erlassenden
Einspracheentscheid
betreffend die Verfü
gung vom 10. Oktober 2019 zu ergreifen (Urk. 6).
2.
2.1
Gemäss Art. 1 Abs. 1 des Bun
desgesetzes über die oblig
atorische Arbeitslosen
versicherung und die Insolvenzentschädigun
g (Arbeitslosenver
siche
rungs
gesetz, AVIG) sind die Bestimmungen des ATSG auf die obligatorische Arbeitslosen
ver
siche
rung
und
die Insolvenzentschädigung anwendbar, soweit das AVIG nicht ausdrücklich eine Abweichung vom ATSG vorsieht.
2.2
Gegen Verfügungen kann innerhalb von 30 Tagen bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben werden; davon ausgenommen sind prozess- und verfa
hrens
leitende Verfügungen (Art. 52 Abs. 1
ATSG).
2.3
Gemäss Art. 12 Abs. 1
der Verordnung über den Allge
meinen Teil des Sozialver
sicherun
gsrechts (ATSV) ist
der Versicherer an das Begehren
der Ei
nsprache füh
renden Person nicht gebunden. Er kann die Verfügung zu Gunsten ode
r zu Ungunsten der
Einsprache fü
hrenden Partei abändern. Allerdings hat er
ihr
gemäss Abs.
2 der Bestimmung Gel
egenheit zum Rückzug der Einspra
che einzu
räumen, wenn er beabsichtigt, die Ve
rfügung zu Ungunsten der Einspra
che führenden Person abzuändern (vgl. auch bereits BGE 122 V 166).
2.4
Bei einem Rückzug der Einspra
che tritt die formelle Rechtskraft der Verfügung ein, gegen welche sich die Einsprache richtet. In der Folge steht es der verfügen
den Behörde frei, die in formelle Rechtskraft erwachsene Verf
ü
gung in Wieder
erwägung zu ziehen, wenn die entsprechenden Vor
aussetzungen (insbesondere Art. 53 Abs.
2 ATSG) erfüllt sind. Es muss also jedenfalls erstellt sein, dass die betreffende Verfügung zweifellos unrichtig ist, was jewe
ils
nicht ohne Weiteres angenommen werden kann (vgl.
Ueli
Kieser
, ATSG-Kommentar, 3.
A
ufl., Zürich/Basel/Genf 2015, N 163
f.)
.
3.
Ob die Voraussetzungen von Art. 53 Abs. 2 ATSG gegeben wären, ist vorliegend nicht zu prüfen
.
Indem die Beschwerdegegnerin die Ver
fügung vom 22.
Mai
2019 mittels Verfügung vom 10.
Oktober 2019 wiedererwägungsweise aufhob und das
Einspracheverfahren
b
etreffend die Verfügung vom 22. Mai 2019 mit Entscheid vom 11.
Oktober 2019 als gegenstandslos geworden ab
schrieb, umging sie das für solche Fälle in Art. 12 Abs. 2 ATSV vorgesehene Vorgehen und verletzte das rechtliche Gehör der
Beschwerdeführer
in;
insbesondere
nahm sie ihr
die
Mö
g
lichkeit
, die
Einsprache
zurückzuziehen
.
Es besteht daher
ein Rechtsschutz
interesse
an der Aufhebung des hier angefochtenen
Einspracheentscheids
.
4.
Die Sache ist an die Beschwerdegegner
in zurückzuweisen, damit sie das
Ein
sprache
verfahren
weiterführt und der Besch
werdef
ührerin gemäss Art.
12 ATSV Gelegenheit ein
räumt
, die
Einsprache
allenfalls
zurückzuziehe
n
.
Unter diesen Umständen
versteht
es
sich von selbst, dass die wiedererwägungs
weise erlassene Ver
fügung vom 10.
Oktober 2019
als nichtig zu betrachten ist.
5.
5.1
Das Verfahren ist kostenlos.
5.2
Die Beschwerdeführerin beantragte die Zusprechung einer Prozessentschädigung (Urk. 1 S. 2).
Nach § 34 Abs. 1
des
Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht
(
GSVGer
)
hat die obsiegende
Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem
Mass
des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs. 3
GSVGer
).
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollstän
di
ges Obsiegen (BGE 137 V 57 E.
2.2), weshalb
die
vertretene Beschwerdeführer
in
Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat
, welche auf Fr. 900.-- festzusetzen ist.
D
as
Gericht
erkennt:
1.
In Gutheissung der Beschwerde vom 6. November 2019 wird der angefochtene
Ein
spracheentscheid
der Beschwerdegegnerin vom 11. Oktober 2019 aufgehoben und die Sache wird an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen, damit diese i
m Sinne der Erwägungen verfahre
.
2.
Das Verfahren ist kostenlos.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird
verpflichtet,
der Beschwerdeführerin
eine Prozessent
schädigung von
Fr.
900
.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) zu bezahlen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt David Holliger
-
Arbeitslosenkasse des Kantons Zürich, unter Beilage des Doppels von Urk. 6
-
seco
- Direktion für Arbeit
-
Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA)
5.