Decision ID: 743fab24-212d-5c09-b3dd-0bbd2cd8f4c4
Year: 2018
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Das SEM stellte mit Verfügung vom 17. Mai 2018 (eröffnet am 23. Mai
2018) fest, die Gesuchstellerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und
lehnte deren Asylgesuch vom 10. September 2015 ab, verbunden mit der
Anordnung der Wegweisung aus der Schweiz und des Wegweisungsvoll-
zuges (vgl. dazu im Einzelnen die Akten).
B.
Gegen diesen Entscheid erhob die Gesuchstellerin am 12. Juni 2018
– handelnd durch ihren Rechtsvertreter – Beschwerde. In ihrer Eingabe
beantragt sie zur Hauptsache die Aufhebung der angefochtenen Verfü-
gung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von
Asyl, eventualiter die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zu neuem
Entscheid, subeventualiter die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme in
der Schweiz (vgl. Rechtsbegehren [RB] Nr. 1-3). In prozessualer Hinsicht
ersucht sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und um Bei-
ordnung ihres Rechtsvertreters als unentgeltlicher Rechtsbeistand (vgl. RB
Nr. 4 und 5). In prozessualer Hinsicht bringt sie ausserdem als Antrag ein,
im Beschwerdeverfahren lehne sie die Besetzung des Spruchkörpers beim
Bundesverwaltungsgericht aufgrund fehlender Unabhängigkeit und damit
wegen Verstosses gegen Art. 3 und/oder Art. 4 i.V.m. Art. 13 EMRK voll-
ständig ab (vgl. RB Nr. 6).
C.
Nach Eingang der Beschwerde wurde betreffend die Anträge zur materiel-
len Hauptsache (RB Nr. 1-3) das Verfahren D-3427/2018 eröffnet. Dieses
Verfahren wurde mit Zwischenverfügung vom 15. Juni 2018 sistiert.
D.
Betreffend den prozessualen Antrag, mit welchem der Ausstand sämtlicher
Richterinnen und Richter des Bundesverwaltungsgerichts beantragt wird
(RB Nr. 6), wurde das vorliegende Verfahren eröffnet. Mit Zwischenverfü-
gung vom 20. Juni 2018 wurde der Gesuchstellerin zur Kenntnis gebracht,
dass dieser Antrag vom Bundesverwaltungsgericht als Ausstandsbegeh-
ren im Sinne von Art. 38 VGG in Verbindung mit Art. 34 ff. BGG entgegen
genommen werde. Wegen mutmasslicher Aussichtslosigkeit des Begeh-
rens wurde gleichzeitig das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege und um amtliche Verbeiständung abgewiesen und die Ge-
suchstellerin aufgefordert, innert Frist einen Kostenvorschuss von Fr. 750.–
einzuzahlen, unter Androhung des Nichteintretens im Unterlassungsfall.
D-3433/2018
Seite 3
E.
Der Kostenvorschuss wurde am 26. Juni 2018 fristgerecht einbezahlt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet das Bundesverwaltungsgericht
endgültig über Beschwerden gegen Verfügung des SEM, ausser – was
vorliegend nicht der Fall ist – bei Vorliegen eines Auslieferungsgesuches
des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht
(vgl. Art. 105 AsylG [SR 142.31] i.V.m. Art. 31-33 VGG und Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG).
1.2 Im Rahmen dieser Verfahren ist das Bundesverwaltungsgericht auch
zur abschliessenden Beurteilung von Ausstandsbegehren zuständig
(vgl. Art. 38 VGG i.V.m. Art. 37 BGG; vgl. ferner BVGE 2007/4 E. 1.1).
2.
2.1 Will eine Partei den Ausstand einer Gerichtsperson verlangen, so hat
sie dem Gericht ein schriftliches Begehren einzureichen, sobald sie vom
Ausstandsgrund Kenntnis erhalten hat (Art. 36 Abs. 1 BGG [erster Satz]).
Macht die Partei die Ausstandsgründe nicht unverzüglich geltend, so ver-
wirkt sie ihr Ablehnungsrecht (vgl. BGE 120 Ia 19 E. 2c).
Die Eingabe vom 12. Juni 2018 umfasst ein Ausstandsbegehren und des-
sen Einreichung erfolgte unverzüglich, mithin bereits im Rahmen der Be-
schwerdeanhebung. Die Gesuchstellerin ist im Hauptverfahren Partei und
damit zur Einreichung eines Ausstandsbegehrens legitimiert (Art. 48 Abs. 1
VwVG).
2.2 Der Rechtsvertreter verlangt den Ausstand sämtlicher Richterinnen
und Richter des Bundesverwaltungsgerichts.
Gemäss Praxis kann eine Behörde selber über ihren Ausstand bezie-
hungsweise denjenigen ihrer Mitglieder bestimmen, wenn die gestellten
Ablehnungsbegehren von vornherein unzulässig oder offensichtlich unbe-
gründet sind (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-7915/2015 vom
5. Januar 2016 E. 1.2, mit Hinweis auf Urteil des Bundesgerichts
9C_513/2015 vom 9. Dezember 2015 E. 4.3; erneut bestätigt im Urteil des
Bundesverwaltungsgerichts D-3742/2018 vom 11. Juli 2018 E. 3.2). Das
D-3433/2018
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vorliegende Ausstandsbegehren richtet sich nicht gegen eine bestimmte
Gerichtsperson oder mehrere bestimmte Gerichtspersonen, sondern viel-
mehr pauschal und unterschiedslos gegen sämtliche Richterinnen und
Richter des Bundesverwaltungsgerichts beziehungsweise des Bundes. Es
ist als unzulässig zu qualifizieren (vgl. nachfolgend E. 3), weshalb das vor-
liegende Ausstandsbegehren in der im Rubrum angegebenen Besetzung
beurteilt wird.
2.3 Bei einer solchen Konstellation ist weiter darauf zu verzichten, von al-
len der aktuell 76 Richterinnen und Richtern eine Stellungnahme einzuho-
len (Art. 36 Abs. 2 BGG).
3.
3.1 Die Ausstandsregelung von Art. 34 ff. BGG gewährleistet den in Art. 30
Abs. 1 BV und in Art. 6 Ziff. 1 EMRK verankerten Anspruch der Einzelnen
darauf, dass ihre Sache von einem unparteiischen, unvoreingenommenen
und unbefangenen Richter ohne Einwirkung von sachfremden Umständen
entschieden wird (vgl. BGer-Urteil 5A_701/2017 vom 14. Mai 2018 E. 4.3
[zur Publikation vorgesehen], BGE 134 I 238 E. 2.1 und BVGE 2007/5
E. 2.2, je mit Hinweisen). Die Eingabe vom 8. Juni 2018 umfasst ein Aus-
standsbegehren im Sinne von Art. 36 Abs. 1 BGG, auch wenn weder im
Rechtsbegehren noch in der diesbezüglichen Begründung einer der in
Art. 34 BGG normierten Ausstandsgründe explizit angerufen wird. Von den
dort aufgezählten Gründen, welche zu einem Ausstand führen, kommt kei-
ner der Spezialtatbestände nach Art. 34 Abs. 1 Bst. a - d BGG in Frage,
weshalb vorliegende Sache im Lichte der Auffangbestimmung von Art. 34
Abs. 1 Bst. e BGG zu beurteilen ist. Dieser Bestimmung kommt die Funk-
tion einer Auffangklausel zu, die – über den Bereich der namentlich er-
wähnten, besonderen sozialen Beziehungen hinausgehend – sämtliche
weiteren Umstände abdeckt, welche den Anschein der Befangenheit einer
Gerichtsperson erwecken und objektiv Zweifel an deren Unvoreingenom-
menheit zu begründen vermögen (vgl. ISABELLE HÄNER, in: Basler Kom-
mentar zum Bundesgerichtsgesetz, Basel 2011, Art. 34, N. 6, 16 und 17).
3.2 Festzuhalten bleibt in diesem Zusammenhang, dass eine Partei zur Ab-
lehnung einer Gerichtsperson nicht deren tatsächliche Befangenheit nach-
weisen muss, sondern es genügt, wenn Umstände glaubhaft gemacht wer-
den, die den Anschein der Befangenheit und die Gefahr der Voreingenom-
menheit zu begründen vermögen (vgl. Art. 36 Abs. 1 BGG [zweiter Satz];
vgl. ferner BGer-Urteil 5A_701/2017 E. 4.3). Dabei ist jedoch nicht auf das
subjektive Empfinden der Partei abzustellen, sondern das Misstrauen in
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die Unvoreingenommenheit muss in objektiver Weise begründet erschei-
nen (vgl. BGE 131 I 24 E.1.1, mit weiteren Hinweisen). Das vorliegende
Ausstandsbegehren wird dieser Anforderung – wie nachfolgend aufge-
zeigt – offensichtlich nicht gerecht.
3.3
3.3.1 Von der Gesuchstellerin wird geltend gemacht, aufgrund der Resul-
tate der Gesamterneuerungswahl des Bundesverwaltungsgerichts für die
Amtsperiode 2019-2024 vom 14. März 2018 (vgl. dazu AB 2018 N 576) und
der diesbezüglichen Presseberichterstattung hege sie die berechtigte Be-
sorgnis, dass das Gericht in ihrer Sache nicht unabhängig entscheiden
werde, weil auf die Richterinnen und Richter von aussen, mithin vonseiten
der Politik, Druck ausgeübt werde. Unter Berufung darauf lehnt sie nicht
eine bestimmte Gerichtsperson als potentiell befangen ab, und auch nicht
eine bestimmte Gruppe von Gerichtspersonen, sondern vielmehr alle Rich-
terinnen und Richter des Bundesverwaltungsgerichts, weil allen die erfor-
derliche Unabhängigkeit im Sinne der Praxis zu Art. 13 EMRK abzuspre-
chen sei. Der damit vertretene Ansatz ist als haltlos zu erkennen.
3.3.2 Der Gesuchstellerin ist zunächst entgegenzuhalten, dass sich ihre
Vorbringen schlicht in blossen Mutmassungen erschöpfen. Dass die zur
Gesamterneuerungswahl vom 14. März 2018 angetretenen Personen im
Rahmen der Wahl unterschiedliche Resultate erzielten, ist völlig unbestrit-
ten, ebenso wie der Umstand, dass dies Folge der internen Wahlempfeh-
lungen einer einzelnen Partei gewesen sein dürfte, zumal diesbezügliche
Äusserungen von Parteiexponenten bekannt sind. Inwiefern dieser Um-
stand oder die Wiederwahl an sich nun aber die gewählten Personen ernst-
haft in ihrer Rechtsprechung beeinflussen könnte, wird – über die blosse
Behauptung hinaus – nicht im Mindesten konkretisiert, geschweige denn
individualisiert. Zwar wird von der Gesuchstellerin auf die unterschiedli-
chen Resultate verwiesen. Es bleibt jedoch nur schon völlig offen, ob nun
ein hohes oder ein tiefes Resultat als Hinweis auf eine mögliche persönli-
che Beeinflussbarkeit verstanden werden soll. Bezogen auf die einzelnen
Personen unter den aktuell 76 Richterinnen und Richtern des Gerichts wird
jedenfalls nichts Konkretes ersichtlich gemacht, was einer individuellen
Prüfung zugänglich wäre. Ersichtlich ist lediglich die Behauptung einer an-
geblich generellen Beeinflussbarkeit durch die Politik, womit es dem Aus-
standsbegehren nur schon an der im Ausstandsverfahren geforderten indi-
viduellen Zurechenbarkeit mangelt (vgl. dazu Urteil des Bundesverwal-
tungsgerichts B-3927/2015 E. 3.2.3-3.2.5). Mit Blick auf das Gesagte muss
sich die Gesuchstellerin vielmehr entgegenhalten lassen, dass sich ihre
D-3433/2018
Seite 6
Vorbringen im Kern in einer allgemeinen Kritik an der Organisation der Bun-
desrechtspflege erschöpfen, mithin in einer Kritik daran, dass die Richte-
rinnen und Richter der eidgenössischen Gerichte von der Bundesver-
sammlung gewählt werden und nicht auf Lebenszeit gewählt sind. Ihrer Ar-
gumentation folgend müsste schlicht sämtlichen Richterinnen und Richtern
aller vier Gerichte des Bundes die notwendige Unabhängigkeit abgespro-
chen werden, weil diese Druck vonseiten der Politik zugänglich sein könn-
ten, da alle von der Bundesversammlung – und damit von Vertreterinnen
und Vertretern "der Politik" – auf eine Amtszeit von jeweils sechs Jahren
gewählt werden (vgl. dazu Art. 5 und 9 BGG, Art. 5 und 9 VGG, Art. 42
und 48 StBOG sowie Art. 9 und 13 PatGG), und dies nur selten mit identi-
schen Resultaten. Der damit hinreichend klar erkennbare Ansatz einer all-
gemeinen Systemkritik ist als haltlos zu erkennen, ebenso wie die sinnge-
mäss erhobene Rüge, die Gerichtsorganisation des Bundes – welche auf
dem System der Wahl der Richter und Richterinnen des Bundes durch die
Bundesversammlung basiert – halte den Anforderungen von Art. 6 Abs. 1
und Art. 13 EMRK nicht stand.
3.3.3 Nach dem Gesagten ist als insgesamt offenkundig zu bezeichnen,
dass das vorliegende Ausstandsbegehren primär auf eine Ausschaltung
des gesetzlichen Instanzenzugs abzielt, was keinen Rechtsschutz verdient
(vgl. BGE 105 Ib 301 E. 1b).
4.
Nach vorstehenden Erwägungen ist nicht das Mindeste ersichtlich ge-
macht, was im Hauptverfahren zum Ausschluss von bestimmten Gerichts-
personen führen könnte, geschweige denn aller Richterinnen und Richtern
des Bundesverwaltungsgerichts. Das Ausstandsbegehren ist vielmehr als
rechtsmissbräuchlich zu erkennen (vgl. dazu TSCHANNEN/ZIMMERLI/MÜL-
LER, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, § 22 Rz. 26), weshalb
das Begehren unzulässig und darauf nicht einzutreten ist.
5.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind der Gesuchstellerin die Kosten
des Verfahrens aufzuerlegen, welche auf Fr. 750.– zu bestimmen sind
(Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Der am 26. Juni 2018 geleistete Kostenvorschuss
in gleicher Höhe ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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