Decision ID: e3447a72-3d3b-4290-8da5-6cab03ad55b9
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_VG
Chamber: ZH_VG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: public_law

hat sich ergeben:
I.
Nach einem grossen, mit Überschwemmungen verbundenen Unwetter im Jahr 2005 unternahm der Kanton Zürich Anstrengungen, um den Hochwasserschutz zu verstärken. 2007 wurden erste Abklärungen getätigt zur Möglichkeit der Erstellung eines Entlastungsstollens zwischen der Sihl und dem Zürichsee. 2010 wurde eine Machbarkeitsstudie erstellt. 2017 hielt der Regierungsrat in einem Grundsatzentscheid fest, dass ein Sihlhochwasser-Entlastungsstollen erstellt werden solle.
Vom 5. April bis 10. Mai 2019 legte der Regierungsrat die Pläne zu einem Projekt öffentlich auf, das einen rund 2 km langen Hochwasserentlastungsstollen mit einem Innendurchmesser von 6,6 m von Rütiboden (Einbaulaufwerk von der Sihl) bis nach Thalwil (Auslaufbauwerk in den Zürichsee) vorsieht. Das Auslaufbauwerk in Thalwil besteht gemäss den Projektplänen aus der sogenannten Toskammer, dem Rechteckkanal und dem Mündungsbauwerk. Die Toskammer – der sichtbare Teil des Auslaufbauwerks – dient dazu, die Geschwindigkeitsenergie des aus dem Entlastungsstollen eintreffenden Wassers zu verringern, damit der Seegrund vor dem eintretenden Wasser möglichst geschont werden kann. Die Toskammer soll grösstenteils auf dem Grundstück der ARA Zimmerberg realisiert werden (Kat.-Nr. 01; Landerwerb von ca. 703 m
2
). Beim angrenzenden Grundstück von A (Kat.-Nr. 02; C-Strasse 03) ist aufgrund der Erstellung der Toskammer eine definitive Landabtretung von ca. 23 m
2
und eine vorübergehende Landbeanspruchung von ca. 105 m
2
vorgesehen. Während der vom Regierungsrat gewährten Einsprachefrist gingen 24 Einsprachen ein, darunter auch eine Einsprache von A.
Am 16. Dezember 2020 beschloss der Regierungsrat – soweit hier von Bedeutung –, (I.) das bereinigte Auflageprojekt für die Hochwasserschutzmassnahme "Entlastungsstollen Thalwil" werde gemäss § 18 WWG [Wasserwirtschaftsgesetz] festgesetzt; II. mit der Festsetzung würden die baurechtliche Bewilligung und das Enteignungsrecht erteilt; IV. die gegen das Ausführungsprojekt eingereichten Einsprachen würden im Sinn der Erwägungen abgewiesen, soweit auf sie eingetreten werde und soweit sie nicht ausdrücklich gutgeheissen würden; V. in Bezug auf die enteignungsrechtlichen [Entschädigungs-]Ansprüche würden die Einsprechenden in das Enteignungsverfahren verwiesen (RRB-Nr. 04).
II.
Gegen diesen Beschluss erhob A am 9. Februar 2021 Beschwerde beim Verwaltungsgericht. Er beantragte, Disp.-Ziff. I, II, IV und V des Regierungsratsbeschlusses vom 16. Dezember 2020 seien insoweit aufzuheben, als damit seine Einsprache abgewiesen und das Enteignungsrecht für sein Grundstück erteilt worden sei, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zzgl. Mehrwertsteuer.
Mit Beschwerdeantwort vom 10. März 2021 beantragte die Baudirektion, die Beschwerde sei abzuweisen und die aufschiebende Wirkung sei zu entziehen, soweit nicht der Perimeter der vorliegend im Streit liegenden Fläche auf Grundstück Kat.-Nr. 02 betroffen sei (act. 6).
Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs verfügte das Verwaltungsgericht mit Präsidialentscheid vom 14. April 2021, der Beschwerde werde – im von der Baudirektion beantragten Umfang – die aufschiebende Wirkung entzogen.
Im weiteren Schriftenwechsel hielt A an seinen Anträgen fest (Replik vom 9. April 2021 [act. 10], Stellungnahme vom 13. August 2021 [act. 14]); ebenso die Baudirektion (Duplik vom 12. Mai 2021 [act. 13]). Am 25. August 2021 verzichtete die Baudirektion auf eine weitere Stellungnahme und informierte die Verfahrensbeteiligten über den geplanten Beginn des Bauvorhabens im Frühjahr 2022 (act. 15).
Die Kammer

erwägt:
1.
1.1
Im Streit liegt ein Wasserbauprojekt, das der Regierungsrat gestützt auf § 18 Abs. 4 des Wasserwirtschaftsgesetzes vom 2. Juni 1991 (WWG; LS 724.11) festgesetzt hat. Mit der Projektfestsetzung wurden die notwendigen Bewilligungen erteilt und über die innert der Auflagefrist erhobenen Einsprachen entschieden (§ 18a Abs. 2 und 5 WWG). Dieser Entscheid ist nach den Vorschriften über die Verwaltungsrechtspflege weiterziehbar. Nach § 41 Abs. 1 des Verwaltungsrechtspflegegesetzes vom 24. Mai 1959 (VRG) in Verbindung mit § 19 Abs. 2 lit. a VRG und § 78a Abs. 2 WWG ist unmittelbar das Verwaltungsgericht für die Beurteilung der gegen das Wasserbauprojekt gerichteten Beschwerde zuständig.
1.2
Der Beschwerdeführer ist als direkter Anstösser des Wasserbauprojekts von dessen Festsetzung ohne Weiteres in seinen schutzwürdigen Interessen betroffen und daher zur Rechtsmittelerhebung legitimiert (§ 49 VRG in Verbindung mit § 21 Abs. 1 VRG). Da auch die weiteren Prozessvoraussetzungen erfüllt sind, ist auf die Beschwerde einzutreten.
2.
2.1
Die Beschwerdegründe vor Verwaltungsgericht sind gemäss § 50 Abs. 1 in Verbindung mit § 20 Abs. 1 lit. a und b VRG auf Rechtsverletzungen einschliesslich Ermessensmissbrauch, Ermessensüberschreitung oder Ermessensunterschreitung sowie die unrichtige oder ungenügende Feststellung des Sachverhalts beschränkt. Nach § 50 Abs. 2 VRG ist allerdings auch die Rüge der Unangemessenheit zulässig, wenn ein Gesetz dies vorsieht.
2.2
Ein solcher Fall liegt hier vor: Das strittige Wasserbauprojekt stellt – ähnlich wie ein Strassenbauprojekt – einen Sondernutzungsplan dar, der allerdings einen derart hohen Konkretisierungsgrad aufweist, dass er materiell einer Baubewilligung gleichkommt (RB 2006 Nr. 60; vgl. auch act. 4 Disp.-Ziff. II). Das Projekt untersteht sowohl in seiner Eigenschaft als Nutzungsplan als auch in seiner Eigenschaft als Baubewilligung den Anforderungen des Raumplanungsgesetzes vom 22. Juni 1979 (RPG). Da dieses in Art. 33 Abs. 2 und 3 lit. b RPG von den Kantonen verlangt, dass sie gegen derartige Akte mindestens ein innerkantonales Rechtsmittel mit voller Überprüfung gewährleisten, ist vorliegend auch die Angemessenheit der Projektfestsetzung zu überprüfen. Dabei darf sich das Verwaltungsgericht aber, auch wenn es als erste und einzige kantonale Rechtsmittelinstanz amtet, insofern eine gewisse Zurückhaltung auferlegen, als es bei der Projektierung um spezifisch technische Fragen, gleichsam um Verwaltungsermessen geht. Weiter hat sich das Verwaltungsgericht eine gewisse Zurückhaltung aufzuerlegen, soweit der Vorinstanz mit der Anwendung unbestimmter Gesetzesbegriffe oder bei der Handhabung des Planungsermessens ein Beurteilungsspielraum oder Ermessensbereich zusteht. Keiner Zurückhaltung bedarf es dagegen bezüglich der – nur in Fällen der
kommunalen
Nutzungsplanung zu beachtenden – Gemeindeautonomie oder der Berücksichtigung spezifisch örtlicher Verhältnisse (zum Ganzen BGr, 25. September 2014, 1C_582/2013, E. 4.4; VGr, 14. November 2019, VB.2019.00198, E. 2.2; 16. Januar 2014, VB.2013.00444, E. 2; Heinz Aemisegger/Stefan Haag, in: Praxiskommentar RPG, Zürich 2020, Art. 33 N. 83 ff.; Marco Donatsch in: Alain Griffel [Hrsg.], Kommentar zum Verwaltungsrechtspflegegesetz des Kantons Zürich [VRG], 3. A., Zürich etc. 2014 [Kommentar VRG], § 20 N. 80 ff.).
2.3
Spezifische Ermessensregeln gelten, wenn im Zusammenhang mit der Realisierung eines Bauwerks
Planungsvarianten
zu prüfen sind, die mit Eigentumsbeschränkungen bzw. mit Enteignungen verbunden sind. Gemäss der Lehre ist jeweils aufgrund einer Einzelfallbetrachtung zu beurteilen, inwiefern enteignungsrechtlich eine Prüfung von Planungsvarianten geboten ist (vgl. Franz Kessler Coendet in: Fachhandbuch Verwaltungsrecht, Zürich etc. 2015, Rz. 26.100). Dabei anerkennt die Rechtsprechung den Grundsatz, dass Vorhaben, die gewichtige Nachteile oder keine wesentlichen Vorteile aufweisen, bereits aufgrund einer summarischen Prüfung ausgeschlossen werden können (BGr, 8. Juni 2021, 1C_217/2020, E. 6.2.6). Sodann berücksichtigt die Rechtsprechung, dass bei Bauprojekten regelmässig mehrere geeignete Varianten denkbar sind. Der Entscheid, welche davon umgesetzt wird, liegt grundsätzlich im Ermessen der Planungsbehörde und wird regelmässig durch die politischen Entscheidungsträger vorgeprägt. Dieser Ermessensentscheid wird im gerichtlichen Verfahren zurückhaltend überprüft. Hat die Vorinstanz eines Gerichts eine besondere Fachkompetenz, die dem Gericht selber abgeht, so kann und soll das Gericht dieses technische Ermessen respektieren, jedenfalls soweit die Fachinstanz die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte geprüft und die erforderlichen Abklärungen sorgfältig und umfassend durchgeführt hat. Das Gericht soll nicht aus eigenem Gutdünken, sondern nur aus triftigen Gründen von der Beurteilung durch die zuständige Fachbehörde abweichen (BGr, 25. September 2014, 1C_582/2013, E. 4.4; 14. Februar 2006, 1E.16/2005, E. 3; VGr, 22. März 2018, VB.2016.00349, E. 8.3.4).
3.
3.1
Der Beschwerdeführer macht vorab eine Verletzung des rechtlichen Gehörs geltend: Zum einen habe er zu Beginn des Abtretungsverfahrens keine persönliche Anzeige erhalten und sei erst an der Einigungsverhandlung über den Umfang der Enteignung informiert worden. Zum anderen habe er erst im Rahmen der Beschwerdeantwort erfahren, dass die vorübergehende Beanspruchung seines Grundstücks (auch) der Erschliessung eines Nachbargrundstücks diene.
3.2
Aus den Akten geht hervor, dass der Beschwerdegegner dem Beschwerdeführer am 1. April 2019 eine persönliche Anzeige i.S.v. § 23 des Gesetzes betreffend die Abtretung von Privatrechten vom 30. November 1879 (AbtrG; LS 781) zugestellt hat, aus der der Umfang der Eigentumsbeschränkungen auf dem Grundstück des Beschwerdeführers (Kat.-Nr. 02) hervorgeht (ca. 23 m
2
Landabtretung; ca. 105 m
2
vorübergehende Landbeanspruchung; ca. 64 Anker). Im Begleitschreiben zur persönlichen Anzeige wies der Beschwerdegegner den Beschwerdeführer ferner darauf hin, dass die Projektunterlagen vom 5. April bis 10. Mai 2019 öffentlich – u.
a. in Thalwil – aufgelegt würden. Auch der Landerwerbsplan, der die Lage der abtretungsbetroffenen und der temporär beanspruchten Grundstücksflächen darstellt, wurde öffentlich aufgelegt (vgl. act. 7/4.3). Der Beschwerdeführer bzw. seine Rechtsvertreterin hat daraufhin fristgerecht – am 9. Mai 2019 – Einsprache erhoben. Gegenüber der Post hat der Beschwerdeführer am 3. April 2019 unterschriftlich bestätigt, dass er die Sendung des Beschwerdegegners vom 1. April 2019 erhalten hat. Damit erweist sich die nicht näher substanziierte Behauptung des Beschwerdeführers als unzutreffend, wonach er die Informationen über den Abtretungsumfang erst an der Einigungsverhandlung vom 29. November 2019 erfahren habe.
3.3
Unzutreffend ist auch die Behauptung des Beschwerdeführers, wonach er nicht darüber informiert gewesen sei, dass die vorübergehende Landbeanspruchung u.
a. der Erschliessung des Nachbargrundstücks diene: In mehreren Plänen, die vom 5. April bis 10. Mai 2019 öffentlich aufgelegt waren, ist im Bereich der vorübergehend beanspruchten Fläche des Grundstücks des Beschwerdeführers jeweils in einem gelb markierten Bereich festgehalten: "Erschliessung Parzelle D [Nachbargrundstück Kat.-Nr. 05] während Bauzeit".
3.4
Damit erweist sich die Rüge des Beschwerdeführers, wonach sein Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt worden sei, als unbegründet.
4.
4.1
Der Beschwerdeführer macht sodann geltend, der Beschwerdegegner habe das
Koordinationsgebot
verletzt: Zurzeit seien in der Nähe des vorliegend umstrittenen Auslaufbauwerks im Seebeckenbereich der Gemeinde Thalwil zahlreiche weitere grössere Bauprojekte vorgesehen. Diese hätten auf inhaltlich koordinierte Weise geplant, aufgelegt und beurteilt werden müssen, und die entsprechenden Beschlüsse hätten zeitgleich eröffnet werden müssen. Das gelte insbesondere für den unmittelbar an die Toskammer des Auslaufbauwerks angrenzenden Neubau der ARA Zimmerberg, aber auch für diverse weitere Bauvorhaben, z.
B. für die Badeanstalt Bürger. Der Beschwerdegegner habe nur jeweils im Rahmen von letztlich unverbindlichen Äusserungen festgehalten, dass diese verschiedenen Bauvorhaben zu koordinieren seien. Wenn eine effektiv hinreichende materielle und formelle Koordination vorgenommen worden wäre, hätte sich hingegen gezeigt, dass das Auslaufbauwerk auch ohne Inanspruchnahme des Grundstücks des Beschwerdeführers hätte erstellt werden können. Die Verletzung der Koordinationspflicht sei somit die Ursache dafür, dass der Beschwerdegegner einen unnötigen und somit unzulässigen Eingriff in sein Grundeigentum vorgenommen habe. Das Bestreben des Beschwerdegegners, den Baubeginn bzw. die Erstellung des Auslaufbauwerks zu beschleunigen, sei keine Rechtfertigung für die erfolgte Verletzung der Koordinationspflicht bzw. für den unzulässigen Eigentumseingriff.
4.2