Decision ID: a52ebbac-bad5-4142-8336-3cf18a61a620
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1990,
litt
in ihrer Kindheit an schulischen Teil
leis
tungsschwächen (
Bericht
e
der
Schulpsychologin
lic
. phil. Y._
vom
1.
Oktober 1999
und vom 1
5.
Mai 2001,
Urk.
8/13
und
Urk.
8/14
; Bericht von
Dr.
Z._
, Fachpsychologin für Neuropsychologie, vom
3.
Januar
2003,
Urk.
8/10)
.
Nach dem Abschluss der Sekundarschule im Jahr 2007 (vgl. die Zeug
nisse in
Urk.
8/27) nahm
X._
im Rahmen eines Sozialjahr
es
in der Institution
A._
ein Praktikum in einem Altersheim auf. In dieser Zeit wurde eine
depressive Symptomatik manifest, wegen der
X._
im
Früh
jahr/Sommer des
Jahr
es
2008 während drei Monaten
im Zentrum
B._
st
ati
onär behandelt wurde (Anmelde
schreiben
von
Dr.
med. C._
, Spezialärztin für Kinder- und Jugendpsychia
trie/Psy
cho
therapie, vom 1
6.
Januar 2008,
Urk.
8/9; Bericht des
Zentrums B._
vom
1.
Juli 2008,
Urk.
8/11)
.
Anschliessend
durchlief
X._
ein kaufmännisches Berufswahljahr, das sie
im Jahr 2009
mit einem Zertifikat abschloss (Zeugnisse der
Schule D._
,
Urk.
8/26)
. Eine weiterführende Ausbildung ergab sich daraus jedoch nicht, sondern
X._
brach die entsprechende Schulung an der
Schule D_
nach kurzer Zeit ab (vgl. den Lebenslauf in
Urk.
8/30 und
die Angaben in
Urk.
8/157/20).
Nach einem erneuten P
flegep
raktikum in einem Alterszentrum (Zeugnis der Stadt Winter
thur, Alter und Pflege, vom 29.
August 2011,
Urk.
8/29/1-2) trat
X._
im August 2011 in der Praktikums
institution die dreijährige Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit (FaGe) EFZ an (Lehrvertrag vom 11./1
3.
März 2011,
Urk.
8/1)
. Im Sommer 2013 brach sie die Ausbildung ab (Lehr
zeugnis vom 3
0.
Juni 2013, Urk.
8/29/3-4, und Zeugnisse in
Urk.
8/29/5-6), und im Herbst 2013 verbrachte sie zwei Monate in
der Privatklinik
E._
der
F._
-Gruppe, wo die Diagnose einer schweren depressiven Epi
sode gestellt
wurde (Austrittsbericht vom 11.
November 2013,
Urk.
8/8).
1.2
Am 2
5.
Juli 2014 meldete sich
X._
bei der Invalidenversicherung an
(
Urk.
8/4)
und ersuchte namentlich
um Hilfe bei der Suche eines geschützten Ausbildungsplatzes (
Urk.
8/4/6).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, liess mit der Versicherten am 2
9.
August 2014 ein Standort
-
gespräch führen (
Urk.
8/22), nahm
neben den erwähnten anamnestischen Berich
ten den Bericht des Psychiatriezentrums
W._
der
F._
-Gruppe vom 14.
Juli 2014 zu den Akten, wo die Versicherte i
m Juli 2014 vorgesprochen
und den Rat zur Anmeldung bei der Invalidenve
rsicherung erhalten hatte (Urk.
8/18/7-9), und holte zusätzlich den Bericht des Psychiatriezentrums
W._
vom 2
9.
September 2014 ein (
Urk.
8/20).
Im Dezember 2014 nahm die Versicherte einen Arbeitseinsatz in einem Brocken
haus der Arbeitsintegrationsinstitution
G._
auf, der jedoch im September 2
015 beendet
wurde, nachdem sich die Versicherte nicht dazu in der Lage gesehen hatte, die geplante Potentialabklärung durchzustehen (Bericht
des Integrations
berat
ers
der
G._
vom 1
6.
Oktober 2015
,
Urk.
8/34; vgl. die Protokolleintra
gungen der Berufsberatung der IV-Stelle in
Urk.
8/36). Am
19.
Oktober 2015 teilte die IV-Stelle ihr daraufhin mit, dass aufgrund ihres Gesundheitszustandes zurzeit keine beruflichen Massnahmen möglich seien
, und stellte die Prüfung des Rentenanspruchs in Aus
s
icht
(
Urk.
8/35).
In der Folge wurde die Versicherte v
om 2
2.
Oktober bis am 1
0.
Dezember 2015
im
P
sychiatriezentrum
W._
stationär behandelt (Berichte
vom 1
7.
Dezember 2015 und vom
1
2.
April 2016
,
Urk.
8/38
und
Urk.
8/43); danach begab sie sich während drei Monaten in die ambulante Behandlung
bei
Dr.
med. H._
, Spezialarzt für
Psychiatrie und Psychotherapie
, und
der Psychologin
lic
. phil. I._
(Bericht vom 2
0.
Juni
/
4.
Juli
2016,
Urk.
8/49).
1.3
Nachdem sich die Versicherte am 3
0.
August 2016 bei der IV-Stelle nach dem
Stand der
Rentenprüfung erkundigt
und zudem darauf hingewiesen hatte, dass si
e sich wieder zu einer Tätigkeit in einem geschützten Rahmen im Umfang von 50
%
in der Lage fühle (
Urk.
8/52), auferlegte ihr die IV-Stelle mit Schreiben vom
5.
September 2016, sich einer intensiven, regelmässigen psychiatrisch-psycho
the
rapeutischen Behandlung zu unterziehen, einschliesslich Labornachweis des feh
lenden Cannabis-Konsums (
Urk.
8/57). Im Oktober 2016 nahm die Versicherte da
raufhin eine Behandlung bei
der Psychologin Dipl. Psych. J._
auf, die jedoch Anfang Februar 2017 wegen fehlenden Kostenträgers abge
bro
chen wurde (Bericht v
on
J._
vom 3.
Februar 2017,
Urk.
8/69).
Am 1
1.
April 2017 führte die IV-Stelle mit der Versicherten
wieder ein
Standort
gespräch (
Urk.
8/72)
. Als
dessen Folge
sprach die IV-Stelle ihr
die Übernahme der Kosten
(einschliesslich Taggelder) eines Arbeitstrainings in einem Nähatelier der Institution Zürcher Eingliederung
zu, mit dem sie bereits im Januar 2017 be
gonnen hatte
(
Urk.
8/72/
1,
Urk.
8/75-80
und
Urk.
8/90
; vgl. die Zielvereinbarung vom 1
9.
Juni 2017,
Urk.
8/81-82)
.
Des Weiteren unterzog sich die Versicherte im September 2017 einem schri
ftlichen
Berufsfeldertest
(Urk.
8/84) und im Oktober
2017 einer Eignungsanalyse in Bezug auf den Beruf einer Kauffrau EFZ (
Urk
.
8/85).
Nach dem Abschluss
der Tätigkeit im Nähatelier
im Dezember 2017 (Abschluss
bericht
der Zürcher Eingliederung
vom 2
0.
Dezember 2017,
Urk.
8/90
; vgl. auch die Protokolleintragungen
der Berufsberatung der IV-Stelle
,
Urk.
8/120/2-3 und
Urk.
8/120/4-8
)
durchlief die Versicherte von Anfang Januar bis Anfang April 20
18 ein Training in der
K._
-Stiftung zur
vertieften
Abklärung der Eignung für eine Ausbildung zur Kauffrau (Zielvereinbarung vom Dezember 2017/Januar 2018,
Urk.
8/92); die Kosten wurden wiederum von der Invalidenversicherung getragen (vgl.
Urk.
8/91).
Im Training bestätigte si
ch die Eignung
(Schlussbericht der
K._
-Stiftung vom 1
4.
März 2018,
Urk.
8/98), und die Versicherte
konnte
- wiederum mit Unterstützung der Invalidenversicherung - von April bis Juli 2
018 zunächst das ausbildungsspezifische Training fortsetzen
(Zielvereinbarung vom 26./2
7.
März 2018,
Urk.
8/101
;
Standortbestimmungsbericht der
K._
-Stiftung vom 11./1
2.
Juli 2018 zum Zeitraum Februar bis Juli 2018,
Urk.
8/106
) und da
nach mit der Lehre beginnen (
Lehrvertrag
Kauffrau EFZ
vom 2
8.
März 2018,
Urk.
8/105).
Nachdem sie die Probezeit
bestanden hatte (Standortbestimmungs
bericht
der
K._
-Stiftung
vom 3
0.
November 2018
zum Zeitraum August bis Oktober 2018
,
Urk.
8/110), erlitt sie Ende
Oktober
2018 einen gesundheitlichen Einbruch und
war im November und Dezember 2018 ganz oder teilweise a
rbeits
unfähig geschrieben (Zeugnisse von
Dr.
sc. nat. L._
des Psychiatriezen
trums
M._
der
F._
-Gruppe,
behandelnder Psychiater seit September 2017
[vgl.
Urk.
8/134/2],
Urk.
8/112)
, konnte die Ausbildung aber zunächst weiter
führen (Standortbestimmungsbericht der
K._
-S
tiftung vom 3
1.
Januar/
1.
Feb
ru
ar 2019 zum Zeitraum August 2018 bis Januar 2019,
Urk.
8/116). Nach einer erneuten Arbeitsunfähigkeit im Februar
und März
2019 (
Zeugnisse von Dr.
L._
, Urk.
8/118) wurde die Lehre jedoch am 1
9.
März 2019 abgebrochen (
Auf
he
bungsvereinbarung vom 2
0.
März 2019,
Urk.
8/126;
Abschlussbericht der
K._
-Stiftung vom 2
1.
März 2019,
Urk.
8/121
; vgl. auch die Protokollein
tra
gungen der Berufsberatung der IV-Stelle,
Urk.
8/
120/
1-2
und Urk.
8/120/8-13
).
1.4
In der Folge holte die IV-Stelle den Bericht von
Dr.
L._
vom 1
8.
Juni 2019 ein (
Urk.
8/134)
und ordnete anschliessend
auf die Empfehlung des RAD Arztes Dipl. med. P.
S._
, Facharzt für Neurologie und für
Psychiatrie und Psycho
therapie, hin
(vgl. dessen Stellungnahme vom 2
6.
Juli 2019,
Urk.
8/160/7)
eine psychiatrische und neuropsychologische Begutachtung der V
ersicherten an, mit der sie Prof.
Dr.
med. N._
, Spezialarzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und
Dr.
phil. O._
, Fachpsychologin für Neuropsychologie, beauftragte (vgl. die Mitteilung und die Fragestellung vom
2.
September 2019,
Urk.
8/141 und Urk.
8/142).
Zwischenzeitlich hatte sich die Versicherte im Sommer 2019 einer Wirbel
säulenoperation unterzogen (mikrochir
urgische Dekompression im Berei
ch L4/5 mit
Rezessotomie
und
Nukleotomie
) und liess der IV-Stelle im Oktober 2019 die Berichte der Universitätsklinik
P._
hie
rzu zukommen (
Urk.
8/145-149; E
Mail der Versicherten vom 1
7.
Oktober 2019,
Urk.
8/151).
Die IV-Stelle holte
aufgrund dieser neuen Information den Bericht
des Hausarztes
Dr.
med.
Q._
, Facharzt für Allgemeine Medizin, vom 2
2.
Oktober 2019 ein (
Urk.
8/152 mit den beigelegten weiteren Berichten)
.
Am 2
8.
und 2
9.
Oktober 2019 fanden die Explorationen durch Prof.
N._
und
Dr.
O._
statt; das Gutachten, in das zudem
eine Laboruntersuchung vom
12.
Novemb
er 2019 einbezogen war (vgl
.
Urk.
8/153-155), wurde am 19.
Dezem
ber
2019 vorgelegt (
Urk.
8/157). Des Weiteren liess die IV-Stelle die Versicherte
An
fang Januar 2020 durch den RAD-Arzt
Dr.
med. R._
, Facharzt für Ortho
pädische Chirurgie und Traumatologie,
im Hinblick auf die Wirbelsäulen
pro
blematik
untersuchen (Untersuchungsbericht vom 1
0.
Januar 2020,
Urk.
8/158)
.
Nach E
inholen der Stellungnahme von Dipl. med
.
S._
vom 2
8.
Januar 2020 zum Gutachten von Prof.
N._
und
Dr.
O._
(
Urk.
8/160/9-10) hielt die IV-Stelle die Versicherte m
it Schreiben vom 2
8.
Februar 2020
z
u e
iner konsequenten antidepressiven
Psychotherapie mit Einnahme der entsprechenden M
edikamente
an
und ersuchte sie darum, einen Behandlungsplan einzureichen, falls sie bereits in fachärztlicher Behandlung sei
(
Urk.
8/159).
Gleichzeitig eröffnete sie ihr im
Vorbescheidverfahren
, dass sie ihr ab März 2019 eine halbe Rente bei einem Invaliditätsgrad von 50
%
zuzusprechen gedenke (
Urk.
8/162
; Feststellungsblatt in
Urk.
8/160)
.
1.5
Die Versicherte liess mit Schreiben vom 2
0.
April 2020 Einwendungen gegen den Vorbescheid vom 2
8.
Februar 2020 erheben (
Urk.
8/177)
. Ausserdem korrespon
dierte der behandelnde Psychiater
Dr.
L._
, unterdessen
mit Facharzttitel für Psychiatrie und Psychotherapie
in eigener Praxis
tätig
, mit der IV-Stelle über den Vorbescheid und den verlangten Behandlungsplan (E-Mail-Austausch von Ende
März 2020,
Urk.
8/168-169 und
Urk.
8/172; Schreiben der IV-Stelle vom 2
8.
April
2020,
Urk.
8/179), und
Dr.
L._
liess der IV-Stelle seine Stellungnahme vom 3
1.
Mai
2020 zum G
utachten von Prof.
N._
und Dr.
O._
zukommen (
Urk.
8/182).
Ausserdem äusserte sich
Dr.
L._
in einem separaten Schreiben vom
6.
Juli 2020 zu den Fragen der IV-Stelle zur künftigen Behandlung (
Urk.
8/195).
Die IV-Stelle holte die nochmalige Stellungnahme von Dipl. med.
S._
vom 1
3.
Juni 2020 ein (
Urk.
8/185/2-3); anschlies
s
end entschied sie m
it Verfügung vom
9.
Juli 2020 im Sinne ihres Vorbescheids und sprach der Versicherten ab März 2019 eine halbe Rente zu (
Urk.
2 und
Urk.
8/187+197; Feststellungsblatt in
Urk.
8/185).
2.
Gegen diese Verfügung liess
X._
, vertreten durch Rechtsanwältin Stephanie C. Elms, mit Eingabe vom
9.
Septembe
r 2020 Beschwerde erheben (Urk.
1) und beantragen, die Verfügung
sei aufzuheben, die Beschwerdegegnerin sei zu verp
flichten, ihr
mindestens eine
Dreiviertelsrente
zuzusprechen
, und die Beschwerdegegnerin habe sie
erneut psychiatrisch begutachten zu lassen (
Urk.
1
S. 2).
Zudem liess sie i
n prozessualer Hinsicht um die unentgeltliche Rechtspflege ersuchen (
Urk.
1 S. 14 f.). Die IV-Stelle schloss in der Beschwerdeantwort vom 1
9.
Oktober 2020 auf
Abweisung der Beschwerde (Urk.
7). Mit Verfügung vom 2
8.
Oktober 2020 wurde dem prozessualen Antrag der Beschwerdeführerin ent
sprochen, und ihr wurde ihre Anwältin zur unentgeltlichen Rechtsvertreterin be
stellt. Gleichzeitig wurde ihr die Beschwer
deantwort zur Kenntnis gebracht
(
Urk.
9)
.
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Am 1.
Januar 2012 sind die im Zuge der Revision 6a geänderten Bestimmun
gen des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) und der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) in Kraft getreten. In materiellrechtlicher Hinsicht gilt der allgemeine übergangsrechtliche Grundsatz, dass der Beurtei
lung jene Rechtsnormen zugrunde zu legen sind, die gegolten haben, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklicht hat (vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b, je mit Hinweisen). Soweit jedoch die Revision 6a keine substanziellen Änderungen gegenüber der früheren Rechtslage gebracht hat, ist die zur altrechtlichen Regelung ergangene Rechtsprechung weiterhin massgebend (Urteil des Bundesgerichts 8C_76/2009 vom 19.
Mai 2009 E. 2).
Der Sachverhalt, welcher der ange
fochtenen Verfügung vom
9.
Juli
2020 zu
grunde liegt, reicht in die Zeit vor dem Inkrafttreten der revidierten Bestim
mun
gen der IV-Revision 6a zurück, da die Frage nach dem Rentenanspruch aufgrund von langjährigen gesundheitlichen Beeinträchtigungen zur Diskussion steht. Die dargelegte intertemporalrechtliche Regelung, nach der bis Ende 2011 auf die vor
angegangenen Gesetzesfassungen abzustellen wäre, ist indessen
vorliegen
den
falls
nicht von Belang, da die massgebenden, im Folgenden zitierten Bestimmungen von der Revision 6a nicht tangiert worden sind.
2.
2.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art.
8 Abs.
1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG]). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art.
7 Abs.
1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art.
7 Abs.
2 ATSG).
2.2
Im Hinblick auf das Erfordernis in Art.
7 Abs.
2 Satz 2 ATSG hat das Bundes
gericht Leitlinien aufgestellt, die seit einem Grundsatzurteil des Jahres 2015 in spezifischen Standardindikatoren bestehen, anhand derer die Auswirkungen von
sogenannten
pathogenetisch
-ätiologisch unklaren
syndromalen
Beschwerde
bil
dern
ohne nachweisbare organische Grundlage, insbesondere von somato
formen
Schmerzstörungen und vergleichbaren Leiden, zu ermitteln sind (BGE 141 V 281).
Das Prüfungsraster
präsentiert sich wie folgt (BGE 141 V 281 E. 4.1.3 und E. 6):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad»
-
Komplex «Gesundheitsschädigung»
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder –
resistenz
-
Komorbiditäten
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen)
-
Komplex «Sozialer Kontext»
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens)
-
gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen ver
gleich
baren Lebensbereichen
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Lei
dens
druck.
Sodann hat das Bundesgericht in zwei Grundsatzurteilen des Jahres 2017 die An
wendbarkeit dieser Standardindikatoren auf grundsätzlich sämtliche psychi
schen Erkrankungen ausgedehnt, insbesondere auch auf die depressiven Störungen, und hat damit nicht länger an der früheren Rechtsprechung fest
gehalten, wonach Depressionen leicht- bis mittelgradiger Natur einzig dann als invalidisierende Krankheiten in Betracht fallen, wenn sie erwiesenermassen therapieresistent sind
(BGE 143 V 418 E. 7, 143 V 409 E. 4.4 und E. 4.5; vgl. die Zusammenfassung der früheren Rechtsprechung in BGE 143 V 409 E. 4.1).
Entscheidend ist somit unabhängig von der diagnostischen Einordnung einer psy
chischen Erkrankung, ob es gelingt, auf objektivierter Beurteilungsgrundlage den Beweis einer rechtlich relevanten Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit zu erbrin
gen, wobei die versicherte Person die materielle Beweislast trägt (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 unter Hinweis auf BGE 141 V 281 E. 3.7.2; vgl. BGE
144 V 50 E. 4.3).
2.3
Gemäss Art.
28 Abs.
2 IVG haben Versicherte Anspruch auf eine ganze Rente
, wenn sie mindestens zu 70
%, auf eine
Dreiviertelsrente
, wenn sie mindestens zu 60
%, auf eine halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50
% oder auf eine
Viertels
rente
, wenn sie mindestens zu 40
% invalid sind.
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art.
16 ATSG (in Verbindung mit Art.
28a Abs.
1 IVG) aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sogenanntes Invalideneinkom
men), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (sogenanntes
Valideneinkommen
).
Der Ein
kommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt. In gewissen Fällen, insbesondere dort, wo Vali
den- und Invalideneinkommen anhand derselben Tätigkeit zu ermitteln sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_295/2017 vom 2
7.
September 2017 E. 6.5), kann auch eine Gegenüberstellung blosser Prozentzahlen genügen. Das ohne Invali
di
tät erzielbare hypothetische Erwerbseinkommen ist alsdann mit 100
%
zu bewer
ten, während das Invalideneinkommen auf einen entsprechend kleineren Prozent
satz veranschlagt wird, sodass sich aus der Prozentdifferenz der Invaliditätsgrad ergibt (sogenannter Prozentvergleich; BGE 114 V 310 E. 3a mit Hinweisen).
Ferner
ist in
Art.
26 IVV
und in
Art.
26
bis
IVV
die Bemessung des
Validenein
kommens
von Versicherten festgelegt, welche wegen der Invalidität keine zu
reichenden beruflichen Kenntnisse erwerben beziehungsweise eine begonnene berufliche Ausbildung
nicht abschliessen konnten oder welche in Ausbildung begriffen sind.
Der Rentenanspruch entsteht nach Art.
28 Abs.
1 IVG frühe
stens in dem Zeit
punkt, in dem die versicherte Person während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens zu 40
% arbeitsunfähig war (
lit
. b), sofern sie nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40
% invalid ist (
lit
. c). Zusätzlich kann der Rentenanspruch gemäss Art.
29 Abs.
1 IVG nicht vor Ablauf von sechs Monaten nach der Geltendmachung entstehen.
2.4
Invalide oder von einer Invalidität bedrohte Versicherte haben nach
Art.
8
Abs.
1 IVG Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese notwendig und ge
eignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im (nicht erwerb
lichen) Aufgabenbereich zu betätigen, wiederherzustellen, zu erhalten oder zu verbessern (
lit
. a), und die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind (
lit
. b). Zu diesen Massnahmen gehören die Integra
tionsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung nach
Art.
14a IVG (Art.
8
Abs.
3
lit
.
a
bis
IVG) und die in
Art.
15 ff. IVG geregelten Massnahmen beruflicher Art (
Art.
8
Abs.
3
lit
. b IVG).
Versicherte
, die noch nicht erwerbstätig waren und denen infolge Invalidität bei der erstmaligen beruflichen Ausbildung in wesent
lichem Umfang zusätzliche Kosten entstehen,
haben
nach
Art.
16
Abs.
1 IVG ein
en
Anspruch auf Ersatz dieser Kosten, sofern die Ausbildung
ihren
Fähigkeiten entspricht. Der erstmaligen beruflichen Ausbildung gleichgestellt sind nach
Art.
16
Abs.
2
IVG
die Vorbereitung auf eine Hilfsarbeit oder auf eine Tätigkeit in einer geschützten Werkstätte (
lit
. a), die berufliche Neuausbildung invalider Versicherter, die nach dem Eintritt der Invalidität eine ungeeignete und au
f die Dauer unzumutbare Erwerbs
tätigkeit aufgenommen haben (
lit
. b), und die beruf
liche Weiterausbildung im bisherigen oder in einem anderen Berufsfeld, sofern sie geeignet und angemessen ist und dadurch die Erwerbsfähigkeit voraussicht
lich erhalten oder verbessert werden kann (
lit
. c).
Gemäss
Art.
22
Abs.
1 IVG haben Versicherte während der Durchführung von Eingliederungsmassnahmen nach
Art.
8
Abs.
3 IVG Anspruch auf ein Taggeld, wenn sie an wenigstens drei aufeinander folgenden Tagen wegen der Mass
nah
men verhindert sind, einer Arbeit nachzugehen, oder
wenn sie
in ihrer gewohnten Tätigkeit zu mindestens 50
%
arbeitsunfähig im Sinne von
Art.
6 ATSG sind. Versicherte in der erstmaligen beruflichen Ausbildung und Versicherte, die das 2
0.
Altersjahr noch nicht vollendet haben und noch nicht erwerbstätig gewesen sind, haben gemäss
Art.
22
Abs.
1
bis
IVG Anspruch auf ein Taggeld, wenn sie ihre Erwerbsfähigkeit ganz oder teilweise einbüssen.
Müssen Versicherte eine Eingliederungsmassnahme wegen Krankheit, Unfall oder Mutterschaft unterbrechen, so wird ihnen das Taggeld der Invalidenversicherung gestützt auf
Art.
20
quater
Abs.
1 und
Abs.
2 IVV während einer beschränkten
Zeitspanne weitergewährt, wenn sie keinen Anspruch auf ein Taggeld eines anderen Versicherungsträgers in mindestens der gleichen Höhe haben.
Nach Art.
20
quater
Abs.
4 IVG entfällt der
A
nspruch auf das Taggeld
, wenn feststeht, dass die Eingliederungsmassnahme nicht mehr weitergeführt wird.
Umgekehrt ent
steht nach
Art.
29
Abs.
2 IVG der Rentenanspruch nicht, solange die versi
cherte Person ein Taggeld nach
Art.
22 IVG beanspruchen kann.
2.5
Nach dem Prinzip «Eingliederung vor Rente»
, wie er in
Art.
28
Abs.
1
lit
. a IVG in der ab Januar 2008 geltenden Fassung ausdrücklich festgeschrieben worden ist, aber schon vorher gegolten hat
te
, kann vor der Durchführu
n
g von Ein
glie
de
rungsmassnahmen, insbesondere derjenigen beruflicher Art,
eine Rente
grund
sätz
lich
nur gewährt werden, wenn die versicherte Person wegen ihres Ge
sund
heitszustandes (noch) nicht eingliederungsfähig ist (Urteil des Bundesgerichts 9C_186/2009
vom 2
9.
Juni 2009
E. 3.2 mit Hinweisen, insbesondere
auf BGE 121 V 190 E. 4a und c).
Ausserdem schliesst das Bundesgericht in bestimmten Kon
stellationen
einen Rentenanspruch
auch
bei an sich
eingliederungsfähigen Per
sonen solange
nicht aus, als die Erwerbsunfähigkeit
nicht oder noch nicht mit geeigneten
Eingliederungsmassnahmen
tatsächlich behoben oder in einer für den Rentenanspruch erheblichen
Weise verringert werden konnte (vgl.
Urteil des Bun
desgerichts
I 291/05
vom 3
1.
März 2006 E. 3.2 mit Hinweis
; vgl. auch die Urteile des Bundesgerichts 9C_892/2011 vom 2
1.
September 2012 E. 3.3.1 und 9C_420/2011 vom 21.
Juli 2011 E. 4.2 mit Hinweisen).
3.
Gegenstand der ange
fochtenen Verfügung vom
9.
Juli
2020 ist der Renten
an
spruch, den die Beschwerdegegnerin geprüft hatte, nachdem die Beschwerde
füh
rerin ihre kaufmännische Ausb
ildung im März 2019 aus gesundheitlichen Grün
den abgebrochen hatte.
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin stützte sich bei der Festsetzung des Rentenanspruchs und der Bemessung des Invaliditätsgrades auf 5
0
%
auf das Gutachten von Prof.
N._
und
Dr.
O._
(
Urk.
8/157), dem der RAD-Arzt Dipl
. med.
S._
zu folgen empfohlen hatte
(
Urk.
8/160/9-10).
4.2
Prof.
N._
hielt
aufgrund des Interviews mit der Beschwerdeführerin
vom
28.
Oktober 2019 (vgl.
Urk.
8/157/2)
fest, aktuell liege ein leichtes depressiv-ängstliches Syndrom mit deprimierter Stimmung, erlebter Kraftlosigkeit, empfun
dener innerer Leere und Angst in Stresssituationen vor, zudem bestünden Insuf
fizienz- und Schuldgefühle
;
die Beschwerdeführerin sei während der Unter
su
chung aber aufhellbar in der Stimmung
gewesen
,
habe
immer wieder situations
adäquat
gelacht
und
habe
insgesamt auch über ihre Anamnese ohne Scheu und durchaus lebhaft
berichtet
(
Urk.
8/157/2
5; vgl. auch
Urk.
8/157/23
). In Analyse der Schilderungen der Beschwerdeführerin
und der
Vorakten
stellte Prof.
N._
sodann die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung mit gegenwärtig leichter depressiver Episode (F33.0
der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen der Weltgesundheitsorganisation, ICD-10)
. Des Weiteren setzte sich Prof.
N._
da
mit
auseinander, dass die
behandelnden Fachpersonen
verschie
dent
lich
einen Zusammenhang der Schwierigkeiten der Beschwerdeführerin mit deren P
ersönlichkeit vermutet hatten
,
gelangte jedoch
zum S
chluss, dass die Kri
t
erien des ICD-10 für eine eigentliche Persönlichkeitsstörung nicht allesamt erfüllt
seien und dass die beschriebenen
dependenten
und ängstlich-vermei
den
den Züge
der Diagnose
d
er rezidivierenden depressiven Störung zugeordnet werden könnten
, sodass die selbständige Diagnose einer Persönlichkeitsstörung oder einer phobi
schen Störung nicht gerechtfertigt sei (
Urk.
8/157/27-28). Schliesslich verneinte Prof.
N._
angesichts
der Ergebnisse der klinischen
Untersuchung und der neu
ropsychologischen Abklärung auch ausreichende Hinweise auf eine
Aufmerksam
ke
its
-Defizit-Störung (ADHS; Urk.
8/157/26-27
).
Im Anschluss an die Diagnosestellung beantwortete Prof.
N._
die
verschiedene
n
Fragen zur Arbeitsfähigkeit
; d
er Fragenkatalog gliedert sich in je einen Abschnitt mit Fragen zur Arbeitsfähigkeit in der bisherigen und in einer angepassten Tätig
keit, und es wird in beiden Kategorien nach der Anzahl
an zumutbaren
Präsenz
stunden,
nach der Leistungseinschränkung während dies
er Präsenzstunden, nach dem M
ass der Arbeits
fähigkeit in Bezug auf ein 100%
Pensum und nach dem zeitlichen Verlauf der Entwicklung der Arbeitsfähigkeit
gefragt
. Zusammen
ge
fasst hob Prof.
N._
das sehr wechselhafte M
ass der Arbeitsfähigkeit
hervor und hielt fest, dass
Phasen
100%iger Arbeitsunfähigkeit während der stationären Behandlungen und in den angrenzenden Zeiträumen abgelöst würden durch Phasen einer mindestens 50%igen Arbeitsfähigkeit in den symptomarmen Inter
vallen wie dem aktuellen. Die 50%ige Arbeitsfähigke
it war gemäss Prof.
N._
in einem zumutbaren Pensum von 60
%
einer Vollzeitstelle mit einer Leistungs
ein
schränkung von 20
%
zu realisieren, wobei der Gutachter die Einschränkung in der Präsenzzeit auf die deutliche Antriebsstörung und die rasche Ermüdbarkeit zurückführte und die Einschränkung in der Leistung mit den leichten kognitiven Störungen erklärte, welche die nicht vollständig abgeklungene depressive Episode begleiteten.
Weiter wies Prof.
N._
darauf hin, dass die Einschränkungen durch
die Erkrankung und nicht durch die Umgebungsbedingungen bei der Arbeit her
vorgerufen würden, und definierte
die Einschränkungen
für die bisherige Tätig
keit und für angepasste Tätigkeiten
dementsprechend gleich; zu den Anforde
run
gen an eine angepasste Tätigkeit hielt er zusätzlich fest,
es müsse berück
sichtigt werden
, dass das Risiko von Krankheitsphasen mit länger dauernder 100%iger Arbeitsunfähigkeit erhöht sei, dass die Beschwerdeführerin - zumindest solange die Behandlung unverändert bleibe - immer wieder Ruhepausen während der Arbeit benötige und dass die kognitiven Anforderungen an die Tätigkeit nicht weit überdurchschnittlich sein sollten (
Urk.
8/157/33-35).
S
chliesslich äusserte sich Prof.
N._
zur Frage nach der Verbesserung der Arbeits
fähigkeit durch medizinische M
assnahmen. Dabei konstatierte er, dass die l
aboranalytisch festgestellten Medikamentenspiegel (
vgl.
Urk.
8/157/43-45)
nicht
der verordneten Dosis der
Medikation
entsprächen, und ging davon aus, dass die pharmakologische Behandlung bislang nicht konsequent leitliniengerecht durch
ge
führt worden sei und die Compliance der Beschwerdeführerin mangelhaft sei (
Urk.
8/157/
24+
35)
.
4.3
Gemäss ihren Notizen vom 1
3.
Februar 2020 (
Urk.
8/160/10-12)
legte die
Be
schwerdegegnerin
-
nach einer Rücksprache mit Dipl. med.
S._
im Anschluss an dessen Stellungnahme vom 2
8.
Januar 2020
(
Urk.
8/160/10) - der Invali
di
tätsbemessung die Arbeitsfähigkeit beziehungsweise -
unfähigkeit von 50
% zu
grunde, die Prof.
N._
der Beschwerdeführerin für die symptomarmen Phasen attestierte, und schloss daraus im Sinne eines
Prozentvergleichs
unmittelbar auf den
Invaliditätsgrad von 50
%
(
Urk.
8/160/11; vgl. auch Urk.
8/185/3).
5.
5.1
Die Einwendungen der Beschwerdeführerin betreffen zunächst die Diagnostik von Prof.
N._
.
Zum einen liess die Beschwerdeführerin dabei in Frage stellen, dass sie zur Zeit der Exploration durch den Gutachter, wie von diesem angenommen, an einer lediglich leichten Episode ihrer rezidivierenden
depressiven
Störung ge
litten habe
(
Urk.
1 S. 6-8 und S. 9 f.)
,
und berief sich hierzu namentlich auf die Stellungnahme von
Dr.
L._
vom 3
1.
Mai 2020 (vgl.
Urk.
8/182/3-6). Z
um andern liess sie die Beurteilung, dass die Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung und für
eine
Aufmerksamkeits-Defizit-Störung
nicht erfüllt seien
, als zu wenig
fundiert rügen (
Urk.
1 S. 8)
und bezog sich auch in
dieser
Hinsicht auf Dr.
L._
(vgl.
Urk.
8/182/6-7).
Angesichts dieser geltend gemachten Mängel in der Dia
gnosestellung erachtete die Beschwerdeführerin sodann auch die Arbeitsfähig
keits
beurteilung von Prof.
N._
als mangelhaft
und hielt namentlich die Annah
me einer dauerhaft nur 50%igen Arbeitsunfähigkeit für nicht gerechtfertigt (
Urk.
1 S. 8-11).
Schliesslich liess die Beschwerdeführerin unter Hinweis auf die
ergänzende Sachverhaltsdarstellung durch
Dr.
L._
(Urk.
8/182/1-3) Einwen
dungen zur Annahme einer unzureichenden Kooperation bei der Medikamenten
einnahme vorbringen (
Urk.
1 S. 11-12).
5.2
Über die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung als solche besteht Einigkeit unter den Fachleuten, die im Laufe der Zeit mit der Beschwerdeführerin befasst waren.
Die Ärztin und der Psycholog
e des
B._
gingen bereits anlässlich
der stationären Behandlung der Beschwerdeführerin im Jahr 2008 von einer schon
länger bestehenden depressiven Störung aus (
Urk.
8/11
/1
), der Arzt und die Ärztin der Privatklinik
E._
diagnostizieren
im Herbst 2013 eine depressive Episode schweren Ausmasses (
Urk.
8/8/1), die Ärztinnen des Psychiatriezentrums
W._
führten in den Berichten von Juli und September 2014 beide Male eine rezidivierende depressive Störung auf, die sie zuerst als mittelgradig und danach noch als leichtgradig einstuften (
Urk.
8/18/7 und Ur
k.
8/20/1)
, in den Berichten
des
Psychiatriezen
trums
W._
zur stationären Behandlung von Oktober bis Deze
m
ber 2015 wurde wiederum die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Stö
rung,
mit erneut
mittelgradiger Episode,
angegeben (
Urk.
8/38/2 und
Urk.
8/43/1), die Psychologin
J._
übernahm diese Diagnose im
Bericht vom Februar 2017 (Urk.
8/69/1), und
Dr.
L._
schloss sich der Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung im Bericht vom
1
8.
Juni 2019 an und hielt fest, die Depression habe sich bei der Behandlungsaufnahme im September 2017 in Remission befunden, habe sich jedoch Ende 2018/Anfang 2019 verstärkt und sei nach zwischenzeitlich etwas besseren Wochen gegenwärtig als schwergradig
zu qualifizieren (
Urk.
8/134/2-3).
Hinsichtlich der
Diagnose der
Depression
stimmt
Prof.
N._
damit überein mit den
behandelnden Ärz
tinnen und Ärzte
n
.
Einigkeit besteht unter den Fachleuten
nach dem Dargelegten
auch darin, dass
die
depressive
Symptomatik Schwankungen unterworfen war und dass sich dabei
leichtere Episoden mit solchen schwererer
Natur
abwechselten.
Dr.
L._
stellte
dies
e Schwankungen mit unterschiedlicher
Ausprägung der Symptome für die Zeit um den Abbruch der kaufmännischen Lehre
in seinem Bericht vom 18.
Juni 2019
anschaulich dar (
Urk.
8/134/2-3), und Prof.
N._
hielt diese
Darstellung
sowie auch die Beschreibung der Symptome dur
ch die Beschwerdeführerin
f
ür plausibel (
Urk.
8/157/31-32). Dabei wies er
darauf hin, dass die rezidivierende depressive Störung definitionsgemäss eine Erkrankung sei, bei der neben sym
ptom
armen oder längeren symptomfreien Intervallen auch immer wieder akute,
längerdauernde Krankheit
sphasen auftreten könnten (Urk.
8/157/30)
, und be
zeich
nete
dieses
Risiko
auch im konkreten Fall als erhöht (
Urk.
8/157/34).
5.3
Dr.
L._
konnte aber
dem Gutachter Prof.
N._
insoweit nicht folgen, als dieser für den Zeitpunkt der Begutachtung
eine depressive Episode lediglich leich
ten Grades feststellte (
Urk.
8/157/25+26+28)
.
Vielmehr ging
Dr.
L._
i
n seiner
Stellungnahme vom 3
1.
Mai 2020 davon aus, dass die depressive Symptomatik im Begutachtungszeitpunkt mindestens mittelschwer gewesen sei
,
und
begrün
dete
diese abweichende Einschätzung
mit
den Schilderungen der Beschwerde
führerin, wie Prof.
N._
sie im Gutachten wiedergab,
sowie mit den
Ergebnissen der
gutachterlichen
Befunderh
ebung nach dem AMDP-System
und der
Beein
trächtigungs
-Einstufung nach dem
Mini-ICF-APP-Ratingbogen
(Urk.
8/182/3-6
; vgl.
Urk.
8/157/38-39 und
Urk.
8/157/40-41
).
Tatsächlich
erwähnte
die Beschwerdeführerin im Gespräch mit Prof.
N._
mehr
mals, dass es ihr gegenwärtig bes
onders schlecht gehe (vgl. Urk.
8/157/17+18+
21)
. Darauf wies
Dr.
L._
in seiner Stellungnahme zutreffend hin (vgl.
Urk.
8/182/4-5).
Auf der einen Seite
vermochte Prof.
N._
jedoch
im Auftreten und im Verhalten der Beschwerdeführeri
n während des Gesprächs Züge
der Offen
heit, Lebhaftigkeit und
Fröhlichkeit
zu erkennen (vgl.
Urk.
8/157/23
), und es
leuchtet daher ein, dass er deren Angaben
zum aktuell
en
Befinden relativierte.
Auf der ander
e
n Seite
gab Prof.
N._
aber dem äusseren Erscheinungsbild der Beschwerdeführerin im Rahmen seiner Beurteilung auch kein Gewicht, das als unangemessen hoch erschiene. Denn auch wenn er von einer gegenwärtig leich
ten depressiven Episode ausging,
leitete
er aus dem Hinweis der Beschwerd
e
führerin auf ihren momentan schlechten Zustand zu Recht nicht
ab, dass d
ie depressive Symptomatik in der Vergangenheit nicht
schon schwerer ausgeprägt gewesen sei. Vielmehr nahm
er
eingehend Bezug auf die Feststellungen der be
handelnden medizinischen Fachpersonen und
erachtete diese als
einleuchtend und als
bezeichnend für die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung mit Episoden unterschiedlichen Schweregrades
(vgl. Urk.
8/157/25-26).
In diesem Zusammenhang
gilt es
auch
zu beachten, dass der Schweregrad der depressiven Episode gemäss den Kriterien des ICD mitbestimmt wird durch
das Mass der Einschränkung in den A
ktivitäten des täglichen Lebens, indem eine leichte depressive Episode in der Reg
el deren Weiterführung
erlaubt, eine de
pressive Episode mittelschweren Grades hingegen dur
ch
erhebliche
Schwierig
keiten in der Fortsetzung der alltäglichen Aktivitäten gekennzeichnet ist (vgl.
ICD-10
F32.0 im Vergleich zu
ICD-10
F
32.1
).
Auf diesen Gesichtspunkt ging Prof.
N._
ein und hielt dabei zwar
fest, dass sich
das E
inschränk
ungsmass, wie es aus dem einschlägigen
Mini-ICF-APP-Rating resultierte, eher auf
Krankheitsphasen stärkerer Ausprägung
als die gegenwärtige
beziehe, betonte aber
gleichzeitig
, dass auch aktuell noch von einer Aktivitäts- und Partizipationsbeeinträchtigung aus medizinisch
en Gründen auszugehen sei (Urk.
8/157/28). Dieser aktuellen Be
einträchtigung trug er bei der Arbeitsfähigkeitsbeurteilung
dadurch Rechnung, dass er der Beschwerdeführerin selbst während der symptomärmeren Phasen be
trächtliche Einschränkungen in der zumutbaren Präsenzzeit und zusätzlich in der L
eistungsfähigkeit
attestierte.
Erst die Aussagen zur Arbeitsfähigkeit und nicht bereits die isolierte Festlegung des Schweregrades der Depressivität sind indessen invalidenversicherungsrechtlich von Belang.
5.4
Diese Aussagen von Prof.
N._
zur Arbeitsfähigkeit leuchten
grundsätzlich
ein
angesichts der medizinischen
Vorakten
und angesichts der beruflichen B
iografie der Beschwerdeführerin.
Die
Biografie macht einerseits Phasen einer guten Leistungsfähigkeit erkennbar; der Beschwerdeführerin gelang es etwa, 2008/2009 das kaufmännische Berufs
wahljahr erfolgreich abzuschliessen
(Sachverhalt Ziffer 1.1)
, sie wurde im Jahr 2011 im Anschluss an das Pflegepraktikum bei der Stadt Winterthur in die Aus
bildung zur FaGe aufgenommen
(Sachverhalt Ziffer 1.1)
, die Zürcher Eingliede
rung stellte ihr im Dezember 2017 für die Arbeit im Nähatelier ein gutes Zeugnis aus (
vgl.
Urk.
8/90
; Sachverhalt Ziffer 1.3
),
und
das kaufmännische Training
bei der
K._
-Stiftung
verlief zunächst
gut und führte zum Abschluss eines Lehr
vertrags
(Sachverhalt Ziffer 1.3)
. Andersei
ts zeigt die Biografie aber
, dass es der Bes
chwerdeführerin trotz dieser Leistungsfähigkeit bis anhin nicht möglich war,
einen A
usbildungsabschluss zu erlangen. I
nsbesondere endete sowohl die begon
nene
Ausbild
ung zur FaGe als auch diejenige
zur kaufmännischen Angestellten mit einem Abbruch, der beide Male mit
einer Verstärkung der depressiven Symp
tomatik einherging, und mehrmals mussten auch Tät
igkeiten ohne das
Ziel eines Lehrabschlusses, wie etwa im Jahr 2007 das Praktikum in der Insti
t
ution
A._
(Sachverhalt Ziffer 1.1) und im Jahr 2015 der Einsatz in einem Brockenhaus (Sachverhalt Ziffer 1.2)
,
vorzeitig eingest
e
llt werden.
Wenn Prof.
N._
unter diesen Umständen die Arbeitsfähigkeit
der Beschwerde
führerin
auch in gesundheitlich stabileren Zeiten als um rund 50
%
eingeschrän
kt beurteilte, so trug er damit
auf der einen Seite
den mehrfach erprobten Ressourcen und
auf der anderen Seite
der Gefahr, durch zu hohen Druck bei der Nutzung dieser Ressourcen einen gesundheitlichen Einbruch zu erleiden
(so die Beschwer
deführerin selbst in
Urk.
8/157/18 und
Dr.
L._
in
Urk.
8/134/3)
,
aus medi
zinisch-theoretischer Sicht
ausgewogen Rechnung.
Die
Beurteilung
folgt
den
massgebenden
bundesgerichtlichen Standardindikatoren
,
berücksichtigt
des Wei
te
ren
zumindest implizit
auch
die spezifischen Merkmale der Persönlichkeit der Beschwerdeführerin, auch wenn Prof.
N._
ihnen keine eigenständige Diagnose zuordnete, und bezieht
ferner
die leichten kognitiven Störungen ein (vgl.
Urk.
8/157/33), die
Dr.
O._
anlässlich der neuro
psychologischen Begutachtung neben
grundsätzlich guten, als Ressource
gewerteten kognitiven Leistungen
fest
gestellt hatte (
Urk.
8/157/59
; vgl. Urk.
8/157/29-30).
Nicht richtig ist
sodann die Interpretation in de
r Beschwerdeschrift, dass Prof.
N._
für die Zukunft nicht mehr mit mittelgradigen oder schweren depressiven Epi
soden
ge
rechne
t habe
, sondern dauerhaft von einer
50%igen Arbeitsfähigkeit aus
gegangen sei
(
Urk.
1 S. 9). Denn Prof.
N._
wies ausdrücklich darauf hin, dass das Risiko von Krankheitsphasen mit länger dauernder 100%iger Arbeits
un
fähig
keit erhöht sei und eine optimal angepasste Tätigkeit dies tolerieren sollte (
Urk.
8/15
7
/34). Zutreffend ist nur, dass Prof.
N._
eine Anpassung der Medika
tion für angezeigt hielt und sich davon ein Abklingen der gegenwärtigen de
pressiven Restsymptomatik und eine Verminderung des Risikos neu auftretender akuter Phasen versprach (
Urk.
8/157/30-31).
5.5
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung verbietet es sich indessen,
bei der Festlegung der Ansprüche gegenüber der Invalidenversicherung vom Gesund
heits
zustand auszugehen, wie er
sich im Falle eines
T
herapieerfolgs mutmasslich einstellen würde, solange die empfohlene Behandlung
noch nicht
durchgeführt worden und der Erfolgseintritt demgemäss
ungewiss ist
(vgl. 145 V 215 E. 8.2,
143 V 409 E. 4.2.1, 127 V 294 E. 4b und 4c
).
Für die Anspruchsermittlung
im strittigen Zeitraum bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung vom
9.
Juli 2020 sind somit die Auswirkungen des Störungsbildes massgebend, wie sie sich gemäss der Einschätzung von Prof.
N._
bis dahin präsentierten.
Daher ist für die Festlegung der Ansprüche, namentlich des Rentenanspruchs, im Beurteilungszeitraum n
icht von unmittelbarer Bedeutung,
ob Prof.
N._
die medikamentöse Behandlung zu Recht als bislang unzulänglich und somit als
verbesserungswürdig erachtet hat
. Auf die entsprechende Kritik von
Dr.
L._
und seinen Hinweis auf ein
e
Umstellung der Medikation in der Zeit zwischen der psychiatrischen Exploration und des erst
zwei Wochen
später - am 1
2.
November 2019 - erhobenen Medikamentenspiegels (
Urk.
8/182/1-3) braucht damit im Ein
zelnen nicht eingegangen zu werden. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass
es Aufgabe des Gutachters gewesen wäre, die Beschwerdeführerin vor der Abgabe einer Beurteilung mit dem Resultat der Laboruntersuchung und der Vermutung einer vernachlässigten Medikamenteneinnahme zu konfrontieren und sich zu
sätzlich beim behandelnden Psychiater
Dr.
L._
über die bisherige
Medi
kation
und die
Erfahrungen hierzu - g
emäss der Stellungnahme von Dr.
L._
vom 3
1.
M
ai 2020 wurde im Laufe der Zeit eine grössere Zahl von Medikamenten mit unterschiedlichen Wirkun
gsmechanismen ausprobiert (Urk.
8/182/3) -
zu in
formieren.
Denn wie
Dr.
L._
in seinem Schreiben an die Beschwerdegeg
nerin
vom
6.
Juli 2020
zutreffend bemerkte (vgl.
Urk.
8/195), ist eine zuverlässige Kenntnis von den bereits erprobten therapeutischen Vorkehrungen und
von deren Erfolg oder Scheitern
Voraussetzung dafür, dass Massnahmen der Schadenmin
derungspflicht auferlegt werden können und deren Einhaltung überprüft werden kann.
5.6
In Bezug auf den Rentenanspruch, der Gegenstand der angefochtenen Verfügung
ist, gilt es vorab darauf hinzuweisen, dass der Grundsatz «Eingliederung vor R
ente» nach dem Abbruch der Ausbildung zur Kauffrau im März 2019
fortbe
stand, dass al
so im Zuge der Rentenprüfung
nicht nur die Frage nach
medizinischen
Be
handlungsmöglichkeiten, sondern auch
die Frage nach möglichen weiteren Vor
kehren der beruflichen Eingliederung zu stellen war.
Die Beschwerdegegnerin unterbreitete dem Gutachter diese Frage denn auch
als
ergänzende Frage
zum Standard-Fragenkatalog
, allerdings in der missverständ
li
chen Formulierung, «ob berufliche oder/und medizinische Massnahmen geeignet»
seien, «den Gesundheitszustand
weiter
zu verbessern
»
(
Urk.
8/141 und
Urk.
8/157
/36)
.
Es mag damit
zusammenhängen, dass sich Prof.
N._
unter dieser Frage darauf beschränkte, sich
zu den medizinischen Massnahmen zu äussern.
Denn Ziel der beruflichen Eingliederungsmassnahmen
ist nicht primär die Ver
besserung des Gesundheitszustandes, sondern es wird damit angestrebt, die krank
heitsbedingt eingeschränkte Arbeitsfähigkeit zu realisieren. Dabei obliegt es nicht dem Arzt, sondern vielmehr den Fachleuten der
Berufsberatung,
geeignete
berufliche Eingliederungsmassnahmen vorzuschlagen
und zu ermöglichen.
Die Berufsberater
sind dafür jedoch auf A
ngaben zu den Anforderungen angewiesen, die solche Massnahmen aus medizinischer Sicht erfüllen müssen, um erfolgver
sprechend zu sein.
Die Frage nach den Voraussetzungen für eine gelingende berufliche E
inglie
de
rung kam
indessen im Rahmen der Begutachtung durch
Prof.
N._
kaum zur Sprache
. Vielmehr wurden dem Gutachter abgesehen von der genannten Zusatz
frage offenbar nur die Standardfragen zur Arbeitsfähigkeit in der bisherigen und in einer angepassten Tätigkeit u
nterbreitet (vgl. Urk.
8/157/33
35), die indessen
dem vorliegenden Fall einer jungen Erwachsenen, die bei wiederholten gesund
heit
lichen Einbrüchen keine berufliche
Erstausbildung abgeschlossen hat, nicht ge
nügend Rechnung tragen.
Namentlich ist
die Frage nach der Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit nicht auf einen solchen Fall zugeschnit
ten
, sondern
hier
sind
vielmehr die spezifischen Fragen
zu prüfen
, die
sich
im Zusammenhang mit der erstmaligen beruflichen Ausbildung im Sinne von
Art.
16 IVG und mit der Invaliditätsbemessung von Versicherten ohne Ausbildung
oder mit laufender Aus
bildung
im Sinne von
Art.
26
und
Art.
26
bis
IVV
stellen
(vgl. hierzu
Kreis
schreiben des Bundesamtes für Sozialversicherungen BSV über Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung [
KSIH],
Rz
3035-3042 und
Rz
3091-3094).
5.7
Somit ist die medizinisch-theoretische Arbeits
fähigkeitsbeurteilung von Prof.
N._
mit gesamthaft 50%iger Einschränkung in symptomärmeren Phasen und bis
zu
100%iger Einschränkung in Phasen der gesundheitlichen Verschlechterung nach dem Gesagten zwar nachvollziehbar und es kann darauf abgestellt werden.
Es fehlen jedoch Angaben dazu, wie diese Leistungsfähigkeit aus medizinischer und aus
berufsberaterischer
Sicht auf dem Arbeitsmarkt umgesetzt werden könnte.
In medizinischer Hinsicht wäre hier eine vertiefende Auseinandersetzung mit der ganzen Geschichte der immer wieder gescheiterten beruflichen Massnahmen
trotz guter schulischer Fähigkeiten und bescheinigter guter Arbeitsleistungen
gefragt
(vgl. beispielsweise die Protokolleintragungen der Beschwerdegegnerin zur Tätig
keit der Beschwerdeführerin im Nähatelier,
Urk.
8/120/4-8, und den Abschluss
bericht hierzu,
Urk.
8/90)
, und bei der entsprechenden Analyse
, bei der auch der behandelnde Psychiater eine massgebliche Rolle spielen müsste,
wären neben den schriftlichen Dokumentationen über den Ausbildungsverlauf gegebenenfalls auch unmittelbare Auskünfte der Ausbildner einzuholen, etwa des Verfassers der Standortbestimmungsberichte der
K._
-Stiftung.
Von Interesse wäre dabei, ob es ungeachtet der Feststellung von Prof.
N._
, dass die Einschränkungen nicht von den Arbeitsbedingungen, sondern von der Erkrankung als solche
r
herrührten (
Urk.
8/157/34), Umstände gibt, die einen Eingliederungserfolg begünstigen oder umgekehrt behindern.
Denn
Dr.
L._
führte im Bericht vom 1
8.
Juni 2019 aus, die Einschränkungen in der Leistungsfähigkeit seien auch durch eine ausge
prägte Selbstunsicherheit mit sozialen Ängsten, Versagensängsten und einer Ver
meidungstendenz bedingt
, welche den Hintergrund für die rezidivierenden De
pres
sionen bilde
(
Urk.
8/134/4
)
, und
Prof.
N._
scheint mit dieser Beurteilung
insofern überein
zustimmen
, als er die Rolle von psychosozialen Belastungs
fakto
ren als Auslöser einer
majoren
Depression bei erhöhter Vulnerabilität beschrieb (
Urk.
8/157/26).
In beruflicher Hinsicht wäre alsdann
ausgehend von der
erfragte
n
medizinische
n
Beurteilung
namentlich zu
prüfen, ob
nach dem Abbruch der beiden EFZ-Aus
bildungen zur FaGe und zur Kauffrau - vorerst - berufliche Eingliederungsmass
nahmen
niederschwelligerer
Natur in Frage kämen, wie etwa gestützt auf
Art.
16
Abs.
2
lit
. a IVG die Vorbereitung auf eine Hilfsarbeit oder eine Tätigkeit in geschütztem Rahmen oder
gestützt auf
Art.
18a IVG die Unterstützung bei einem Arbeitsversuch.
5.8
Im Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung vom
9.
Juli 2020 hat, soweit dokumentiert, noch keine
nähere
Prüfung
der beruflichen Eingliederungs
möglichkeiten
im gebotenen Sinn
stattgefunden
.
Zur Zeit des A
usbildungsabbruch
s
vom März 2019
befand sich die Beschwer
de
führerin indessen gemäss den Darlegungen von
Dr.
L._
in einer Phase
schwerergradiger
Depression (
Urk.
8/134/3)
, und Prof.
N._
ging davon aus, dass diese Phase mit 100%iger Arbeitsunfähigkeit noch bis etwa September 2019 andauerte (
Urk.
8/157/34). In den ersten Monaten nach dem Erlöschen des An
spruchs auf Taggelder war die Beschwerdeführerin somit zweifellos noch nicht dazu in der Lage, eine Restarbeitsfähigkeit zu realisieren. Aber auch für die Zeit danach ist
angesichts der bisherigen Berufsbiografie
nicht anzunehmen,
dass die Beschwerdeführerin ohne
Vorkehren begleitender und unterstützender
Art auf dem Arbeitsmarkt
hätte
Fuss fassen kön
nen
.
Dies gilt umso mehr, als auch
Prof.
N._
konstatierte
, dass die Beschwerdeführerin durch ihre Symptomatik und allenfalls auch begleitend durch adoleszente Reifungsprobleme eine Arbeits
stelle nicht ausreichend lang versehen könne beziehungsweise bislang habe ver
sehen können (
Urk.
8/157/29)
. Es erscheint daher als
sehr unwahrscheinlich, dass es der Beschwerdeführer
in gelingen würde, eigenständig
eine angepasste S
telle zu finden, soweit es auf dem Arbeitsmarkt überhaupt Arbeitgeber gibt, die ent
sprechend dem Kriterium im Gutachten von Prof.
N._
wiederkehrende längere Abwesenheiten mit 100%iger Arbeitsunfähigkeit tolerieren.
Die Beschwerdeführerin war damit in der z
ur Diskussion stehenden Zeit von
März 2019 bis zum Erlass der Verfügung vom
9.
Juli 2020 entweder
gar noch nicht eingliederungsfähig oder
sie
konnte eine an sich bestehende Eingliederungs
fähig
keit
nicht umsetzen, weil die geeigneten Vorkehren hierzu noch nicht feststanden und getroffen worden war
en. Damit hat sie in Anwendung
der dargelegten Recht
sprechung zum Grundsatz «Eingliederung vor Rente» ab März 2019 Anspruch auf eine ganze Rente, ungeachtet der attestierten - zeitweiligen - Restarbeitsfähigkeit.
Das Wartejahr nach
Art.
28
Abs.
1
lit
. a IVG war in diesem Zeitpunkt schon lange abgelaufen angesichts dessen, dass
die Beschwerdeführerin nach dem Abbruch ihrer ersten Lehre bei der Stadt Winterthur im Jahr 2013 keine auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unmittelbar verwertbare Arbeitsfähigkeit mehr erlangt hatte.
Hat die Beschwerdeführerin somit im strittigen Zeitraum bereits aufgrund der ps
y
chischen Problematik einen Anspruch auf eine ganze Rente, so braucht an dieser Stelle nicht näher darauf eingegangen zu werden, welche zusätzlichen Einschrän
kungen aus dem Rückenleiden resultieren, das Anlass zur Operation vom Sommer 2019 gebildet hatte (S
a
chverhalt Ziffer 1.4).
Dies gilt auch für den Einwand von
Dr.
L._
, dass
wegen
der Anordnung einer separaten orthopädischen Unter
suchung durch den RAD-Arzt
Dr.
R._
(
Urk.
8/158) eine polydisziplinäre Arbeitsfähigkeitsbeurteilung verunmöglicht worden sei und zudem das Zufalls
ver
fahren für die Anordnung polydisziplinärer Gutachten nicht zum Tragen ge
kommen sei (vgl.
Urk.
8/182/9-10).
Schliesslich ist es bei diesem Ausgang des Verfahrens auch nicht Aufgabe des Gerichts, die Beschwerdegegnerin im Sinne des entsprechenden Antrags in der Beschwerdeschrift zur Veranlassung einer wei
t
eren Begutachtung der Beschwerdeführerin zu verpflichten.
5.9
Die Beschwerdegegnerin wies in der Begründung der angefochtenen Verfügung richtigerweise darauf hin, dass kein Rentenanspruch hatte bestehen können, solange Taggeldleistungen erbracht worden waren (
Urk.
2 S. 4)
,
und hatte
den Beginn der Rente für die Zeit nach dem A
usbildungsabbruch
im März 2019
ge
st
ützt auf die Regelung in
Art.
47
Abs.
2 IVG zur Ablösung des Taggeldes durch eine Rente (vgl. hierzu auch die Berechnung in
Urk.
8/192)
korrektermassen
auf den
1.
März 2019 angesetzt.
Die Anmeldung der Beschwerdeführerin bei der Invalidenversicherung datiert allerdings bereits vom Juli 2014 (
Urk.
8/4). Ab dann stand
die Beschwerde
füh
rerin durchgehend
bei der Beschwerdegegnerin
in der Abklärung
und durchlief auf deren Veranlassung Eingliederungsmassnahmen. Dabei fällt allerdings auf, dass im Auszug aus dem individuellen Konto vom
1.
April 2020 lediglich in den Jahren 2017 und 2018 Taggeld
zahlungen der Invalidenversicherung
eingetragen sind, währendem in den übrigen Jahren jeweils der Mindestbeitrag für Nichter
werbstätige verbucht ist (
Urk.
8/170). Gleichzeitig ist in den eingereichten Akten nicht dokumentiert, dass
die Beschwerdegegnerin
für die
Zeit,
die dem 1.
März 2019 voranging,
den Rentenanspruch der
Beschwerdeführerin
geprüft und ihr Rentenleistungen zugesprochen oder einen
Rentenanspruch verneint hätte.
Der Grundsatz
des Anspruchs auf eine Rente bei noch
nicht möglicher bezie
hungsweise noch nicht erfolg
t
er Eingliederung ist
indessen
auch
für die An
sprüche in der Zeit vor dem Abbruch der letzten Ausbildung im März 2019 mass
gebend
. Auf
grund der Anmeldung vom Juli 2014
und der Erkundigungen der Beschwerdeführerin vom März 2015 und vom August 2016 (
Urk.
8/36/6 und
Urk.
8/52)
wäre demnach auch der Rentenanspruch für diese vorangegangene Zeit zu prüfen gewesen (zur Wahrung der Frist für die Geltendmachung vgl.
Kieser,
ATSG-Kommentar,
4.
Auflage, Zürich 2020,
N 10, N 20, N 34 und N 36 zu
Art.
24 ATSG
)
, zumal die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin
nach der Beendigung des Arbeitseinsatzes im Brockenhaus im
Oktober 2015 mitgeteilt hatte, dass
aus gesundheitlichen Gründen derzeit keine beruflichen Massnahmen möglich seien (
Urk.
8/35).
Gestützt auf den Grundsatz, dass von einer Verfügung auch diejenigen Ansprüche umfasst sind, über die zu Unrecht nicht verfügt worden ist
(vgl. Urteile des Bundesgerichts 9C_858/2007 vom 2
8.
Januar 2008
E.
2.2 und
I 534/02 vom 2
5.
August 2003 E. 4.1
, je
mit Hinweis auf
BGE 111 V 261
E. 3b)
, ist die Sache
daher an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit
diese
über den Rentenanspruch der Beschwerdeführerin in der Zeit vor März 2019 noch befinde.
6.
Zusammengefasst ist die angefochtene Verfügung vom
9.
Juli 2020
in Gut
heis
s
ung der Beschwerde
dahingehend zu ändern, dass
die Beschwerdeführerin ab dem
1.
März 2019
Anspruch auf eine ganze Rente hat
. Des Weiteren ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit
dies
e im Sinne der Erwägungen über den Rentenanspruch der Beschwerdeführerin vor März 2019 befinde.
7.
Gestützt auf
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG ist das Verfahren für die
unterliegende Be
schwerdegegnerin kostenpflichtig. Die Kosten sind unter Berücksichtigung des g
esetzlichen Rahmens (Fr.
200.-- bis Fr.
1'000.--) ermessensweise auf Fr.
700.--
festzusetzen.
8.
Nach
Art.
61
lit
. g ATSG hat die obsiegende
beschwerdeführende
Person An
spruch auf den vom Gericht festzusetzenden Ersatz der Parteikosten, die ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses zu bemessen sind; als weitere Bemes
sungskrite
rien nennen die ergänzenden kantonalen Vorschriften (
§
34 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht [
GSVGer
] sowie
§
8 der Verordnung über die Gebüh
ren, Kosten und Entschädigungen vor dem Sozialversicherungsgericht [
GebV
SVGer]) den Zeitaufwand und die Barauslagen.
Unter Berücksichtigung dieser Kri
terien rechtfertigt es sich, der
Beschwerde
führer
in
eine
Prozessentschädigung von
Fr.
2'900.--
(inklusive Barauslagen und Mehr
wertsteuer) zuzusprechen.