Decision ID: 615a692f-f325-5b42-b872-c433e1a92710
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 29. August 2016 in der Schweiz um Asyl
nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 8. September 2016
und der Anhörung vom 4. Dezember 2018 machte er im Wesentlichen Fol-
gendes geltend:
Er sei ethnischer Oromo und stamme aus B._, wo er bis zu seiner
Ausreise gelebt habe. Sein Vater und sein älterer Bruder hätten sich für
Anliegen der Oromo eingesetzt. Sein Bruder sei verdächtigt worden, der
Oromo Liberation Front (OLF) anzugehören. Im Jahr 2014 sei er (Bruder)
festgenommen worden und seither verschollen. Sein Vater sei ebenfalls
mehrmals inhaftiert worden. Ihre Familie habe als regierungsfeindlich be-
ziehungsweise terroristisch gegolten.
Ab und an hätten Regierungsfunktionäre zum Zwecke der Propaganda
seine Schule besucht und obligatorische Versammlungen abgehalten. An
diesen Versammlungen habe er sich jeweils kritisch geäussert. Deshalb
habe man ihn immer wieder ins Büro des Direktors zitiert, wo man ihn be-
fragt und ihm vorgeworfen habe, fremdgesteuert zu sein. Man habe wissen
wollen, wer ihn beauftrage. Zudem sei sein Name auf eine schwarze Liste
der Schulleitung gesetzt worden. Am (...) 2016 habe er an einer Demonst-
ration von den Schülern seiner Schule gegen die Regierung teilgenommen.
Nach dieser Demonstration sei die Lage in der Stadt chaotisch gewesen,
weshalb er nicht nachhause gegangen sei, sondern sich bei einer anderen
Familie versteckt habe. Damals habe ihm seine Familie mitgeteilt, es sei
zu gefährlich für ihn, nachhause zu kommen. Zwei Tage später, am (...)
2016, habe er erneut an einer Demonstration teilgenommen und sich da-
nach wiederum bei einer Familie versteckt. In der Folge sei er bei seiner
Familie zuhause von den äthiopischen Behörden gesucht worden. Aus die-
sem Grund habe er Äthiopien am (...) 2016 verlassen und sei über den
Sudan, Libyen und Italien am (...) 2016 illegal in die Schweiz eingereist.
Der Beschwerdeführer reichte im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens
Dokumente betreffend seine Integration in der Schweiz zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 20. Februar 2020 – eröffnet am 24. Februar 2020 – ver-
neinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers
und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte sie seine Wegweisung
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aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. Auf die Begründung wird –
soweit wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
C.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 20. März 2020 be-
antragte der Beschwerdeführer die vollumfängliche Aufhebung der ange-
fochtenen Verfügung, die Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft und
die Gewährung von Asyl; eventualiter sei er wegen Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht
beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive
Kostenvorschussverzicht sowie das Ausrichten einer Parteientschädigung.
Auf die Begründung wird – soweit wesentlich – in den nachfolgenden Er-
wägungen eingegangen.
Der Beschwerdeführer reichte einen Bericht der an der Anhörung anwe-
senden Hilfswerksvertretung (HWV), ein Sendungsprotokoll, diverse Un-
terlagen betreffend seine Integration in der Schweiz, einen Zeitungsartikel
sowie eine selber zusammengestellte «Quellenübersicht Äthiopien» ins
Recht.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 26. März 2020 wies der Instruktionsrichter das
Gesuch des Beschwerdeführers um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung unter Hinweis auf die Aussichtslosigkeit seiner Beschwerde
ab und erhob einen Kostenvorschuss. Dieser wurde in der Folge fristge-
recht bezahlt.
E.
Mit Eingabe vom 16. April 2020 beantragte der Beschwerdeführer die Auf-
hebung der Zwischenverfügung vom 26. März 2020 betreffend die Nicht-
gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege, den Verzicht auf den bereits
geleisteten Kostenvorschuss sowie die vollumfängliche Prüfung der in sei-
ner Beschwerdeeingabe formulierten Begründungen betreffend die Zumut-
barkeit einer Rückkehr ins Herkunftsland.
Sein Gesuch begründete der Beschwerdeführer im Wesentlichen damit,
dass seiner Auffassung zufolge die Einschätzung des Bundesverwaltungs-
gerichts betreffend die Aussichtslosigkeit seiner Beschwerde im Sinne der
Zumutbarkeit der Rückkehr gemäss Art. 83 Abs. 3 AIG zu summarisch er-
folgt sei. Seine glaubhaften Aussagen im Asylpunkt hätten für diese Beur-
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teilung miteinbezogen werden müssen. Im Weiteren stütze sich die Vo-
rinstanz wie auch das Bundesverwaltungsgericht bei der Einschätzung der
Sicherheitslage in Äthiopien auf eine seiner Ansicht nach unzutreffende
Quellenlage.
Der Beschwerdeführer reichte eine Vorladung aus Äthiopien im Original in-
klusive entsprechender deutscher Übersetzung, die Originalverpackung
der Sendung, eine selber zusammengestellte, aktualisierte Quellenliste so-
wie eine Zusammenfassung eines Berichts des UK Home Office ins Recht.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 27. April 2020 verneinte der Instruktionsrichter
das Vorliegen von Gründen, welche eine Wiedererwägung der angefoch-
tenen Zwischenverfügung rechtfertigen könnten und wies das Gesuch um
wiedererwägungsweise Aufhebung der Zwischenverfügung vom 26. März
2020 ab.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG (SR 142.31) in Kraft
getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül-
tig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
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Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb das
Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.3 Massgeblicher Zeitpunkt für die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft
ist derjenige des Entscheides über das Asylgesuch, das heisst, es ist zu
prüfen, ob die Furcht vor einer absehbaren Verfolgung dannzumal (noch)
begründet ist; dabei sind Veränderungen der objektiven Situation im Hei-
matstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid zugunsten und zulasten der
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asylsuchenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2008/12 E. 5.2
S. 154 f.).
5.
5.1 Die Vorinstanz befand die Vorbringen des Beschwerdeführers für asyl-
irrelevant im Sinne von Art. 3 AsylG. Die Lage in Äthiopien habe sich seit
dem Frühling 2018 mit der Wahl von Abiy Ahmed zum Premierminister
grundlegend verändert. So sei der Ausnahmezustand aufgehoben, ein
Friedensabkommen mit Eritrea geschlossen, blockierte Webseiten wieder
zugelassen, diverse Oromo-Organisationen (wie die OLF, ONLF, Ginbot 7)
von der Liste terroristischer Gruppierungen gestrichen und die Oppositio-
nellen im Exil zur Rückkehr und zur Teilnahme am politischen Prozess in
Äthiopien aufgerufen worden. Darüber hinaus seien Haftbefehle gegen
zahlreiche Sicherheitsleute ausgestellt, tausende von politischen Gefange-
nen begnadigt und freigelassen sowie das berüchtigte Gefängnis Makelawi
geschlossen worden. Es sei nicht wahrscheinlich, dass der Beschwerde-
führer im Falle einer Rückkehr zum jetzigen Zeitpunkt gezielten Verfol-
gungshandlungen ausgesetzt werden könnte, zumal die OLF als politische
Partei anerkannt worden sei und in den Demokratisierungsprozess mitein-
bezogen werde. Auch bei unterstellter Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen
weise er keinerlei Profil auf, welches die Annahme einer objektiven Verfol-
gungsfurcht rechtfertigen könnte. Damit hielten seine Vorbringen den An-
forderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand.
Aufgrund der offensichtlich fehlenden Asylrelevanz verzichtete die Vo-
rinstanz darauf, auf allfällige Unglaubhaftigkeitselemente einzugehen.
5.2 Zur Begründung seiner Beschwerde bekräftigte der Beschwerdeführer
zunächst die Glaubhaftigkeit seiner Asylvorbringen. Diese habe die Vor-
instanz nicht in Abrede gestellt, auch die Hilfswerksvertretung (nachfol-
gend: HWV) attestiere seinen Vorbringen Glaubhaftigkeit und Substanzi-
iertheit. Bereits an der BzP habe er sehr detailliert über die Demonstratio-
nen berichtet, welche zu seiner Flucht und Ausreise geführt hätten. Seine
Beschreibung der Vorkommnisse anlässlich der Demonstrationen sei de-
tailreich und logisch gewesen und habe typische Realkennzeichen aufge-
wiesen. Er habe auch nicht versucht, seine Situation zu dramatisieren. Die
Auflösung der Demonstration durch die Sicherheitskräfte habe er logisch,
konsistent und plausibel geschildert. Er habe sich zudem zu keinem Zeit-
punkt in Widersprüche verstrickt.
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Im Weiteren habe er detailliert und mit Realkennzeichen darauf hingewie-
sen, dass er sowohl während der Ereignisse rund um die Demonstrationen
im Jahr 2016, unmittelbar vor seiner Flucht und auch zuvor von Behörden-
mitgliedern drangsaliert und misshandelt worden sei. Diese Probleme
seien mit seiner Familienzugehörigkeit und seiner Ethnie im Zusammen-
hang gestanden. Die behördliche Verfolgung der gesamten Familie auf-
grund ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu den Oromo habe er stringent und
glaubhaft geschildert. Bereits an der Anhörung habe er darauf hingewie-
sen, dass seine Familie aufgrund ihrer Ethnie als potential terroristische
Familie abgestempelt worden sei. Er habe überdies dargelegt, weshalb er
daran zweifle, dass sich die Situation der Familie mit dem Machtantritt von
Abyi Ahmed verbessert habe. Gemäss seinen eigenen Informationen lebe
der örtliche Parteileiter der OPDO (Demokratische Organisation des Oro-
movolkes) – welcher ihn persönlich befragt und dabei aggressiv angegan-
gen und als Terroristen bezeichnet habe – nach wie vor in B._ und
sei noch immer im Amt. Die erlittenen Benachteiligungen sowie die spätere
Verfolgung basierten auf der ethnischen Zugehörigkeit der Familie sowie
der ihr deswegen zugeschriebenen politischen Gesinnung. Nach den De-
monstrationen vom (...) 2016 hätten die Behörden nach ihm gesucht. Die
inter- wie auch die innerethnischen Spaltungen in Äthiopien hätten sich
noch verschärft. Er müsse deshalb wohl befürchten, bei einer Rückkehr
erneut Benachteiligungen und Verfolgungen ausgesetzt zu werden.
Schliesslich erläuterte der Beschwerdeführer, weshalb seiner Ansicht nach
die Lageeinschätzung der Vorinstanz zu Äthiopien unzutreffend sei. So
habe sich seiner Auffassung zufolge die Situation in diversen Gegenden
Äthiopiens nach der Wahl von Abiy Ahmed noch nicht beruhigt. Aus seiner
Sicht bestünden daher eher Zweifel, ob die eingeleiteten Reformen auch
wirklich nachhaltig umgesetzt werden könnten. Es komme nicht selten zu
ethnisch respektive religiös motivierten Ausschreitungen. Die Konflikte in
seiner Herkunftsregion Oromia seien nicht verschwunden, sondern eher
aufgeflammt. Um gegen die zunehmend unsichere Lage in vielen Gebieten
vorzugehen, greife die Regierung Abiy nebst Repression auch wieder auf
altbekannte Mittel zurück. Menschenrechtsorganisationen befürchteten
eine Rückkehr zur Zensur und zu Übergriffen auf die Zivilbevölkerung. Es
sei bereits wieder zu Verhaftungen von Oppositionellen gekommen. Inte-
rethnische Konflikte träten am Auffälligsten in den Oromo-Gebieten zutage,
wo sich die zurückgekehrten respektive aus der Haft entlassenen Oromo-
Führer gegen die Regierung stellten. Der Beschwerdeführer verfüge ferner
auch über keine valable innerstaatliche Fluchtalternative. Es sei daher un-
erlässlich, den Ausgang der Wahlen abzuwarten.
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6.
6.1 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht in
Übereinstimmung mit der Vorinstanz zum Schluss, dass dem Beschwerde-
führer aufgrund seiner damals in der Schule und gegenüber Regierungs-
funktionären geäusserten Kritik sowie seiner Demonstrationsteilnahmen
bei einer Rückkehr nach Äthiopien keine behördliche Verfolgung flücht-
lingsrechtlich relevanten Ausmasses gemäss Art. 3 AsylG drohen würde.
Das Vorgehen der Vorinstanz, auf eine Glaubhaftigkeitsprüfung zu verzich-
ten, ist daher vorliegend nicht zu bemängeln. Auch das Bundesverwal-
tungsgericht verzichtet im Folgenden aufgrund der im vorliegenden Fall
fehlenden Asylrelevanz auf eine Prüfung der Glaubhaftigkeit.
Diesbezüglich ist mit aller Deutlichkeit anzumerken, dass mit dieser Vorge-
hensweise entgegen der repetitiv von der Rechtsvertreterin des Beschwer-
deführers vorgebrachten irrigen Auffassung hiermit die Glaubhaftigkeit der
Vorbringen ihres Mandanten nicht stillschweigend bestätigt wird, sondern
diese schlicht und ergreifend bloss offengelassen wird; dies, weil den ent-
sprechenden Vorbringen keine Asylrelevanz zukommt und daher gar nicht
erst von Belang ist, ob diese glaubhaft sind oder nicht.
6.2 Es ist (erneut) nachdrücklich auf die im als Referenzurteil publizierten
Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts D-6630/2018 vom 6. Mai 2019
aktualisierte – und nach wie vor auch für Angehörige der Ethnie der Oromo
gültige (vgl. an Stelle vieler das Urteil des BVGer D-4535/2019 vom 26. Au-
gust 2020 E. 6.2) – Analyse der politischen Lage in Äthiopien zu verweisen.
Demzufolge hat sich die dortige Lage mit Amtsantritt von Abiy Ahmed als
erstem Präsidenten des Landes mit Oromo-Volkszugehörigkeit im April
2018 und den damit einhergehenden Reformen deutlich verbessert (vgl.
a.a.O. E. 7.3.). Das Ziel von Abiy Ahmed ist die Stärkung der Demokratie
unter Einbindung aller politischen Kräfte. Er unternimmt Anstrengungen, in
vielen Bereichen Reformen anzustossen oder durchzuführen. Dies betrifft
auch den Umgang mit regierungskritischen Personen, gegen die das Re-
gime bisher mit grosser Härte vorging. Die Regierung rief die Oppositionel-
len im Exil zur Rückkehr und Teilnahme am politischen Prozess auf. Politi-
sche Dissidenten, ehemalige Rebellen, Abspaltungsanführer und Journa-
listen sind seither nach Äthiopien zurückgekehrt. Tausende politische Ge-
fangene wurden seit April 2018 begnadigt und freigelassen. Die OLF und
weitere Vereinigungen, die sich für die Anliegen der Oromo einsetzen, wur-
den im Sommer 2018 von der Liste der terroristischen Gruppierungen ge-
strichen. Das Gefängnis Makelawi, das für Folter und unmenschliche Be-
handlung der Häftlinge bekannt war, wurde geschlossen. (vgl. a.a.O. E. 7).
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Dennoch kommt es nach wie vor zu ethnischen Unruhen in verschiedenen
Regionen Äthiopiens, so auch in Oromia, der Herkunftsregion des Be-
schwerdeführers. Dass es dabei zu interethnischen Racheoperationen
kommen kann ist ebenfalls nicht ausgeschlossen. Auch wird teilweise von
Menschenrechtsverletzungen äthiopischer Sicherheitskräfte berichtet. Da-
bei würden vor allem Unterstützer der Oromo Liberation Army (OLA), dem
bewaffneten Arm der OLF, Opfer von Menschenrechtsverletzungen, wie
zum Beispiel willkürliche Inhaftierungen (vgl. u.a. Amnesty International,
Beyond Law Enforcement: Human Rights Violations by Ethiopian Security
Forces in Amhara and Oromia, 29. Mai 2020, < https://www.amne
sty.ch/de/laender/afrika/aethiopien/dok/2020/sicherheitskraefte-vertreiben
-verhaften-und-toeten-menschen >, abgerufen am 9. November 2020
sowie UK Home Office, Country Policy and Information Note, Ethiopia: Op-
position to the government, Juli 2020, < https://assets.publishing.ser-
vice.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/900
975/CPIN_-_Ethiopia_-_Opposition_to_the_government.pdf >, S. 12 ff.,
abgerufen am 9. November 2020 [nachfolgend: Opposition]).
6.3 Das Bundesverwaltungsgericht verkennt folglich nicht, dass die Situa-
tion in Äthiopien nach dem Amtsantritt von Abiy Ahmed – in anderem
Masse und Kontext – weiterhin von gewissen ethnischen Spannungen und
entsprechenden Unruhen geprägt ist. Dies ist jedoch ein Ausfluss des an-
geschobenen Demokratisierungsprozesses (vgl. hierzu statt vieler: Urteile
D-1759/2018 des BVGer vom 7. August 2020, E. 5.1. sowie E-1865/2020
vom 24. Juli 2020, E.5.2.).
An dieser Einschätzung vermögen auch die vom Beschwerdeführer mit sei-
ner Beschwerdeeingabe vom 20. März 2020 und der ergänzenden Ein-
gabe vom 16. April 2020 zahlreich eingereichten respektive zitierten Be-
richte zur Lage in Äthiopien und der von ihm zu den Akten gereichten, sel-
ber zusammengestellten «Quellenlage» und Lageanalyse nichts zu än-
dern. Diese wurden seitens des Gerichts geprüft und einer Gesamtwürdi-
gung unterzogen. Diesen (Nachrichtenportal- resp. Zeitungs-) Berichten
lässt sich zum einen keine systematische Verfolgung der Oromo durch die
Regierung entnehmen. Insbesondere weist auch der vom Beschwerdefüh-
rer hervorgehobene Bericht des UK Home Office zur Situation der Oromo
auf grundsätzliche Verbesserungen unter Abiy Ahmed hin und erwähnt
überdies die Notwendigkeit einer Einzelfallprüfung im Asylverfahren (vgl.
vom Beschwerdeführer eingereichte Zusammenfassung eines Berichts
des UK Home Office vom Oktober 2019 zur Situation der Oromo [UK Home
Office, Country Policy and Information Note, Ethiopia: Oromos, November
https://www.amnesty.ch/de/laender/afrika/aethiopien/dok/20 https://www.amnesty.ch/de/laender/afrika/aethiopien/dok/20
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2019, S. 8, < https://assets.publishing.service.gov.uk/government/uplo
ads/system/uploads/attachment_data/file/847556/Ethiopia_-_Oromos_-_
CPIN_-_v3.0e_October_2019_.pdf >, abgerufen am 9. November 2020];
mit Verweis auf UK Home Office, Opposition, S. 12 ff.). Zum anderen erge-
ben sich aus den eingereichten Berichten auch keinerlei Hinweise für eine
konkrete individuelle Verfolgung des Beschwerdeführers selbst. Dass dem
Beschwerdeführer im heutigen Zeitpunkt bei der Rückkehr nach Äthiopien
eine asylrelevante Verfolgung drohen könnte, ist selbst bei Wahrunterstel-
lung seiner Vorbringen – deren Glaubhaftigkeit vorliegend offengelassen
wird; sowie unter Berücksichtigung der aktuellen Lage in Äthiopien – nicht
anzunehmen. Ohnehin lässt sich weder den Befragungsprotokollen noch
der Beschwerdebegründung entnehmen, dass er persönlich der OLF nahe
steht oder mit ihren Anliegen sympathisiert. Diesbezüglich erwähnte er le-
diglich, die Behörden hätten ihn als Regimegegner und Sprössling einer
potentiell terroristischen Familie eingestuft (vgl. Beschwerdeeingabe S. 3
und S. 6; vorinstanzliche Akten A22, F54, F84, F86). Dass er als allenfalls
einfacher Sympathisant der zwischenzeitlich nun als politische Partei an-
erkannten und in den Demokratisierungsprozess einbezogenen OLF im
Falle einer Rückkehr zum jetzigen Zeitpunkt derartigen gezielten Verfol-
gungshandlungen ausgesetzt werden könnte, ist nicht wahrscheinlich. Da-
bei gilt auch zu berücksichtigen, dass sein politisches Engagement als
Schüler, der sich an Versammlungen seiner Schule gegenüber der Schul-
leitung und dem lokalen Behördenvertreter bloss kritisch gegenüber der
vormaligen Regierung geäussert beziehungsweise gerade einmal zwei Mal
an Schülerkundgebungen teilgenommen habe, als äusserst begrenzt zu
bezeichnen ist. Schliesslich vermag auch die Behauptung des Beschwer-
deführers, der Parteifunktionär der OPDO – welcher ihn persönlich bedroht
habe – habe in seinem Heimatort nach wie vor denselben Posten inne, an
dieser Einschätzung nichts zu ändern. Nach Berücksichtigung der be-
schriebenen Veränderungen ist nicht ersichtlich, weshalb diese Person
nach wie vor ein Verfolgungsinteresse an ihm haben sollte. Folglich lassen
die Vorbringen des Beschwerdeführers nicht auf eine heute aktuelle Ver-
folgung schliessen. An dieser Einschätzung vermag auch das eingereichte,
angebliche Schreiben der äthiopischen Polizei vom (...) 2017 über eine
Suche nach dem Beschwerdeführer nichts zu ändern, zumal sich dieses
Ereignis zeitlich noch vor den beschriebenen rechtsrelevanten Verbesse-
rungen der Situation in Äthiopien zugetragen hätte.
6.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass keine konkreten Anhalts-
punkte für eine im heutigen Zeitpunkt objektiv begründete Furcht des Be-
schwerdeführers vor einer Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG durch die
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Seite 11
äthiopischen Behörden vorliegen. Das SEM hat demzufolge seine Flücht-
lingseigenschaft zu Recht verneint und folgerichtig sein Asylgesuch abge-
lehnt.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange-
ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Betreffend die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs hielt die Vo-
rinstanz fest, dass der Grundsatz der Nichtrückschiebung gemäss Art. 5
Abs. 1 AsylG aufgrund der fehlenden Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers nicht angewandt werden könne. Aus den Akten ergäben
sich auch keine Anhaltspunkte dafür, dass ihm im Falle einer Rückkehr in
den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3
EMRK verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Der Vollzug sei weiter so-
wohl in allgemeiner als auch in individueller Hinsicht zumutbar. In Äthiopien
herrschten weder Krieg noch Bürgerkrieg noch eine Situation der allgemei-
nen Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG. Er sei zudem jung, habe neun
Jahre lang die Schule besucht und in der Schweiz bereits erste Arbeitser-
fahrung gesammelt. Seine geltend gemachten Rückenschmerzen schie-
nen ihn zudem im Alltag nicht einzuschränken. In Äthiopien verfüge er mit
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Seite 12
seiner Familie über ein soziales Beziehungsnetz und eine gesicherte
Wohnsituation, womit ihm die Wiedereingliederung zumutbar sei.
8.3 Diesbezüglich brachte der Beschwerdeführer zunächst sein Unver-
ständnis über die Einschätzung der Vorinstanz zur Sicherheitslage in Äthi-
opien zum Ausdruck. In individueller Hinsicht machte er geltend, dass seine
familiäre Situation bereits zum Zeitpunkt seiner Flucht prekär gewesen sei.
Seit der Bundesanhörung habe sich die familiäre Situation verschlechtert.
Insbesondere habe sich der psychische und physische Zustand des Vaters
verschlechtert. Dieser sei 2018 in eine Klinik eingewiesen worden und lebe
heute bei seiner Schwester (Tante des Beschwerdeführers), welche sich
um diesen kümmere. Damit sei seit 2018 der Ernährer der Familie wegge-
fallen. Seine Mutter sicher nun durch Landwirtschaft das Überleben der
Familie. Die Bewirtschaftung des kleinen Landstücks sei aber schwierig
und sichere nur das Existenzminimum. Der zweitälteste Bruder sei auf-
grund seiner psychischen Probleme eher eine Last denn eine Hilfe. Der
Kontakt zum Vater sei fast vollständig abgebrochen. Ein intaktes familiäres
Beziehungsnetz bestehe nicht mehr. Im Weiteren sei der Vollzug der Weg-
weisung aufgrund seiner fortgeschrittenen Integration ohenhin unverhält-
nismässig und daher unzumutbar.
8.4 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
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Seite 13
8.5 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Dies gelingt ihm nicht. Auch die allgemeine Men-
schenrechtssituation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum
heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen (vgl. zur Verbesserung
der generellen Situation in Äthiopien seit Amtsantritt von Ministerpräsident
Abiy Ahmed im April 2018 Ausführungen unter E. 6 m.w.H.).
Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der
asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.6 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.6.1 Das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Praxis von der
grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in alle Regionen
Äthiopiens aus (vgl. Referenzurteil des BVGer D-6630/2018 vom 6. Mai
2019 E. 12.2 und BVGE 2011/25 E. 8.3). Die Situation im Land ist seit dem
Amtsantritt von Premierminister Abiy Ahmed stabiler. Insbesondere in den
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ländlichen Gebieten gibt es aber nach wie vor ungelöste ethnische Kon-
flikte, welche teilweise zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Ver-
treibungen führen (vgl. Urteil des BVGer D-7203/2017 vom 1. März 2019
E. 7.4.2 m.w.H.). Entgegen der vom Beschwerdeführer geäusserten Auf-
fassung und der hierzu eingereichten Quellen kann nach Ansicht des Bun-
desverwaltungsgerichts aber nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt
gesprochen werden, aufgrund derer auf eine konkrete Gefährdung im
Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG geschlossen werden müsste (vgl. auch Aus-
führungen unter E. 6 m.w.H.). Die Sicherheitslage in seinem Heimatstaat
spricht somit nicht gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl.
dazu ausführlich Urteil des BVGer D-7203/2017, a.a.O.). Auch unter Be-
rücksichtigung der neueren Entwicklungen lässt sich diese Praxis bestäti-
gen (vgl. etwa Urteile des BVGer D-7176/2018 vom 3. Juli 2020 E. 9.3;
E-4708/2019 vom 12. Juni 2020 E. 9.4.1; E-6707/2018 vom 8. Juni 2020
E. 12.3). Sodann vermögen auch die Entwicklungen der letzten Wochen
mit Blick auf einen drohenden Konflikt zwischen der äthiopischen Regie-
rung und der TPLF (Tigray People’s Liberation Front, Volksbefreiungsfront
von Tigray) im Norden des Landes daran vorerst nichts zu ändern.
Weiter ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer gleichwohl aus persönlichen
Gründen konkret gefährdet sein könnte.
8.6.2 Die Lebensbedingungen in Äthiopien sind nach wie vor prekär, wes-
halb gemäss konstanter Praxis zur Existenzsicherung genügend finanzielle
Mittel, berufliche Fähigkeiten sowie ein intaktes Beziehungsnetz erforder-
lich sind, um individuell die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs bestä-
tigen zu können (vgl. Referenzurteil des BVGer D-6630/2018 E. 12.4, in
Bestätigung von BVGE 2011/25 E. 8.4).
In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass die individu-
ellen Umstände vorliegend nicht auf eine konkrete Gefährdung des Be-
schwerdeführers bei seiner Rückkehr schliessen lassen. Auch wenn sich
die familiäre Situation des Beschwerdeführers zufolge der mentalen und
körperlichen Einschränkungen des Vaters verschlechtert haben sollte und
dieser nun behauptungsweise bei der Tante des Beschwerdeführers
wohnt, verfügt er nach wie vor über ein ausreichendes Beziehungsnetz.
Die Mutter und mehrere (jüngere) Geschwister des Beschwerdeführers le-
ben nach wie vor in Äthiopien. Es sind keine Gründe ersichtlich, weshalb
er nicht wieder bei seiner Mutter wohnen und dort ebenfalls in der Land-
wirtschaft wird arbeiten können. Dies gilt umso mehr, als der Beschwerde-
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-6630/2018 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/25
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führer selber sinngemäss vorbringt, die Mutter wäre eigentlich auf eine hel-
fende Hand in der Landwirtschaft angewiesen. Zusätzlich ist anzunehmen,
dass er auch auf die ergänzende Unterstützung seiner Tante wird zählen
können, die gemäss seinen Angaben bereits seinen Vater bei sich aufnahm
und sich um diesen kümmert. Weiter ist sein jüngerer Bruder mittlerweile
(...)jährig (vgl. A7, Ziff. 3.01). Es ist anzunehmen, dass auch dieser im Be-
darfsfall den Beschwerdeführer im Alltag ergänzend unterstützen können
wird. Weiter ist davon auszugehen, dass er nach seiner Rückkehr auch
Teile seines vormaligen Freundes- und Bekanntenkreises wieder wird re-
aktivieren können. Der Beschwerdeführer ist jung und verfügt über eine
mehrjährige Schulbildung. In der Schweiz hat er zudem Arbeitserfahrungen
als (...) sammeln und schulisch weitere Fortschritte machen können. Die
erworbenen Kenntnisse wird er sich bei der Arbeitssuche in Äthiopien zu
Nutze machen können. Aus seinen Arbeitstätigkeiten und übrigen Integra-
tionsbemühungen in der Schweiz geht überdies auch hervor, dass der Be-
schwerdeführer gut in der Lage ist, sich angemessen auf neue Situationen
einzustellen. Vor dem aufgezeigten Hintergrund ist somit nicht davon aus-
zugehen, dass er in eine existenzielle Notlage geraten wird. Es steht dem
Beschwerdeführer auch offen, im Bedarfsfall um Rückkehrhilfe zu ersu-
chen.
Letztlich ist darauf hinzuweisen, dass auch die aktuelle Corona-Pandemie
dem Wegweisungsvollzug nicht entgegensteht. Die Anordnung einer vor-
läufigen Aufnahme setzt voraus, dass ein Vollzugshindernis nicht bloss vo-
rübergehender Natur ist, sondern für eine gewisse Dauer bestehen bleibt.
Ist dies nicht der Fall, so ist dem temporären Hindernis bei den Vollzugs-
modalitäten Rechnung zu tragen (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen
der [ehemaligen] Asylrekurskommission [EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und
e). Bei der Corona-Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt – um ein
bloss temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im Rahmen der Voll-
zugsmodalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist,
indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatland ange-
passt wird (vgl. statt vieler: Urteil D-3831/2020 des BVGer vom 23. Oktober
2020, E. 9.4.).
8.6.3 Die geltend gemachten und mit mehreren Dokumenten untermauer-
ten Integrationsbemühungen des Beschwerdeführers in der Schweiz sind
zu begrüssen. Es ist aber darauf hinzuweisen, dass eine weit fortgeschrit-
tene Integration nach Gesetz und Praxis höchstens indirekt bei der Beur-
teilung der Zumutbarkeit des Vollzugs eine Rolle spielen kann, nämlich
wenn die betreffende Person in der Schweiz derart verwurzelt ist, dass bei
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Durchführung des Vollzugs (reziprok) eine Entwurzelung im Heimatstaat
zu erwarten ist (vgl. zu dieser vorab für Kinder und Jugendliche entwickel-
ten Praxis insbes. BVGE 2009/28 E. 9.3 ff. und 2009/51 E. 5.6 m.w.H.). Für
das Vorliegen einer derartigen Situation des im Erwachsenenalter in die
Schweiz eingereisten Beschwerdeführers ergeben sich aus den Akten je-
doch keine Hinweise.
8.6.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
8.7 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.8 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Der in gleicher Höhe geleistete Kostenvorschuss
ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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