Decision ID: 5d7561e3-81dc-5196-ab17-16bd400fc25e
Year: 2005
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ M. S., geboren 1977, ist Staatsangehöriger von Bosnien und Herzegowina. Er
gelangte 1987 im Rahmen des Familiennachzugs zu seiner Mutter in die Schweiz und
verfügt seither über eine Niederlassungsbewilligung.
Das Bezirksgericht St. Gallen sprach M. S. am 19. März 2002 des gewerbs- und
bandenmässigen Diebstahls, der mehrfachen Sachbeschädigung, des mehrfachen
Hausfriedensbruchs und des mehrfachen Betrugs sowie der mehrfachen
Widerhandlung gegen das Transportgesetz schuldig und bestrafte ihn mit achtzehn
Monaten Zuchthaus und einer Busse von Fr. 200.--. Der Vollzug der Freiheitsstrafe
wurde unter Ansetzung einer Probezeit von drei Jahren aufgeschoben.
Das Kreisgericht St. Gallen sprach M. S. sodann am 30. Oktober 2003 des gewerbs-
und bandenmässigen Diebstahls, der mehrfachen Sachbeschädigung und des
mehrfachen Hausfriedensbruchs schuldig und verurteilte ihn zu zweieinhalb Jahren
Zuchthaus, teilweise im Zusatz zum Urteil vom 19. März 2002. Die mit jenem Urteil
ausgesprochene Zuchthausstrafe von achtzehn Monaten wurde vollziehbar erklärt.
Mit Verfügung vom 9. Juni 2004 wies das Ausländeramt M. S. für die Dauer von fünf
Jahren aus der Schweiz aus.
B./ Gegen die Ausweisung erhob der Betroffene Rekurs, der vom Justiz- und
Polizeidepartement mit Entscheid vom 1. Oktober 2004 abgewiesen wurde.
C./ Mit Verfügung vom 28. Oktober 2004 wurde M. S. auf den 4. November 2004
bedingt aus dem Strafvollzug entlassen. Die Probezeit wurde auf drei Jahre festgelegt.
D./ Mit Eingaben vom 15. Oktober und 16. November 2004 erhob M. S. Beschwerde
beim Verwaltungsgericht mit dem Antrag, der Rekursentscheid vom 1. Oktober 2004
sei aufzuheben und es sei von einer Ausweisung abzusehen, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge. Zur Begründung wird im wesentlichen geltend gemacht, die
Ausweisung sei unverhältnismässig. Der Strafrichter habe zwar das Verschulden als
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schwer erachtet, doch habe die Vorinstanz die strafmindernden und die
strafmildernden Gesichtspunkte bisher nicht berücksichtigt. Die Einbruchdiebstähle
hätten in direktem Zusammenhang mit der Spielsucht gestanden. Ausserdem seien die
persönlichen Anstrengungen im Strafvollzug nicht berücksichtigt worden. Schliesslich
lebe er bereits seit 1987 in der Schweiz, und auch seine engsten Verwandten seien in
der Schweiz ansässig. Auf die einzelnen Vorbringen wird, soweit wesentlich, in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.
Die Vorinstanz schliesst in ihrer Vernehmlassung vom 7. Dezember 2004 unter Hinweis
auf die Erwägungen des angefochtenen Entscheids auf Abweisung der Beschwerde.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1./ Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59bis Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Der
Beschwerdeführer ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingaben vom 15. Oktober und
16. November 2004 entsprechen zeitlich, formal und inhaltlich den gesetzlichen
Anforderungen (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 und 2
VRP). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2./ Nach Art. 10 Abs. 1 des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung der
Ausländer (SR 142.20, abgekürzt ANAG) kann ein Ausländer aus der Schweiz
ausgewiesen werden, wenn er wegen eines Verbrechens oder Vergehens gerichtlich
bestraft wurde (lit. a) oder wenn sein Verhalten im allgemeinen und seine Handlungen
darauf schliessen lassen, dass er nicht gewillt oder nicht fähig ist, sich in die im
Gaststaat geltende Ordnung einzufügen (lit. b).
Die Ausweisung kann befristet, aber nicht für weniger als zwei Jahre, oder unbefristet
ausgesprochen werden (Art. 11 Abs. 1 ANAG). Sie soll nur verfügt werden, wenn sie
nach den gesamten Umständen angemessen erscheint (Art. 11 Abs. 3 Satz 1 ANAG).
a) Art. 10 Abs. 1 ANAG ist eine typische "Kann-Bestimmung". Das Gesetz schreibt
beim Vorliegen bestimmter Voraussetzungen nicht zwingend die Anordnung einer
Ausweisung vor, sondern es räumt der Verwaltung diesbezüglich einen
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Ermessensspielraum ein. Das Verwaltungsgericht ist zur Ueberprüfung der
Angemessenheit einer Verfügung oder eines Entscheides nicht befugt (Art. 61 Abs. 1
und 2 VRP). Es darf daher auch bei der Prüfung der Angemessenheit im Sinne von Art.
11 Abs. 3 Satz 1 ANAG nicht sein eigenes Ermessen - im Sinne einer Prüfung der
Opportunität bzw. der Zweckmässigkeit der Massnahme - anstelle des Ermessens der
Verwaltung stellen (VerwGE vom 11. November 2003 i.S. M.B.A. mit Hinweis auf
VerwGE vom 17. August 1999 i.S. J. und S.R.; BGE 125 II 107). Es kann nur
überprüfen, ob der Entscheid der Verwaltung auf einer Ueberschreitung bzw. einem
Missbrauch des Ermessens beruht und damit rechtswidrig ist (GVP 1996 Nr. 9 mit
Hinweisen).
Für die Beurteilung der Angemessenheit der Ausweisung im Sinne von Art. 11 Abs. 3
ANAG bzw. der Verhältnismässigkeit sind namentlich die Schwere des Verschuldens
des Ausländers, die Dauer seiner Anwesenheit in der Schweiz sowie die ihm und seiner
Familie drohenden Nachteile zu berücksichtigen (Art. 16 Abs. 3 der Vollzugsverordnung
zum ANAG, SR 142.201, abgekürzt ANAV). In der Prüfung der Angemessenheit im
Sinne von Art. 11 Abs. 3 ANAG, d.h. der Verhältnismässigkeit, geht auch diejenige auf,
ob die Massnahme im Sinne von Art. 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention
(SR 0.101, abgekürzt EMRK) verhältnismässig bzw. als in einer demokratischen
Gesellschaft notwendig erscheint (BGE 120 Ib 130 f.).
b) Der Beschwerdeführer wurde wegen verschiedener Delikte zu Zuchthausstrafen von
achtzehn Monaten und zweieinhalb Jahren verurteilt, wobei die zweite Strafe teilweise
als Zusatzstrafe zur ersten ausgefällt wurde. Aufgrund dieser Verurteilungen sind die
Voraussetzungen für eine Ausweisung gemäss Art. 10 Abs. 1 lit. a ANAG
unbestrittenermassen erfüllt.
c) Im folgenden ist zu prüfen, ob die angeordnete Ausweisung für die Dauer von fünf
Jahren verhältnismässig ist.
Ausgangspunkt und Massstab für die Schwere des Verschuldens und die
fremdenpolizeiliche Interessenabwägung ist die vom Strafrichter verhängte Strafe (BGE
129 II 216).
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Im Urteil vom 19. März 2002 wurde das Verschulden des Beschwerdeführers als nicht
mehr leicht qualifiziert. Er habe insgesamt zwanzig Einbruchdiebstähle und -versuche
verübt. Er habe diese Delikte begangen, um seinen Lebensunterhalt und seine
Spieleinsätze zu finanzieren. Straferhöhend wurde berücksichtigt, dass der
Beschwerdeführer nach der Haftentlassung und während der laufenden Untersuchung
skrupellos weiter delinquierte. Strafmindernd wurde berücksichtigt, dass er dem
Automatenspiel verfallen war.
Im Urteil vom 30. Oktober 2003 wurde das Verschulden des Beschwerdeführers als
schwer qualifiziert. Er habe sich zwischen April 1999 und März 2002 insgesamt 59
Einbruchdiebstähle und -versuche zuschulden kommen lassen. Dabei habe er
zusammen mit seinen jeweiligen Mittätern einen Gesamtdeliktsschaden von ca. Fr.
645'000.-- und einen Sachschaden von mindestens Fr. 63'500.-- verursacht.
Unmittelbar nach der Verurteilung am 19. März 2002 habe er weitere neun
Einbruchdiebstähle begangen. Die Spielsucht und der allgemeine Geldmangel hätten
dazu geführt, dass er sich zu den Delikten habe hinreissen lassen. Wiederum wurde die
Delinquenz während eines laufenden Strafverfahrens und trotz Untersuchungshaft
straferhöhend berücksichtigt. Als erheblich strafmildernd wurde die verminderte
Zurechnungsfähigkeit infolge Spielsucht angenommen.
Auch in fremdenpolizeilicher Hinsicht ist das Verschulden des Beschwerdeführers als
schwer zu qualifizieren. Die verminderte Zurechnungsfähigkeit infolge der Spielsucht
wurde beim Strafmass berücksichtigt. Dasselbe gilt für den Umstand, dass die
Einbruchdiebstähle und der Deliktsbetrag im Zusammenhang mit der Spielsucht
stehen. Dass die Vorinstanz den hohen Deliktsbetrag daneben auch der
Geldbeschaffung für den allgemeinen Lebensunterhalt zuordnete, ist im Lichte der
Feststellungen in den Strafurteilen nicht zu beanstanden. In diesen ist festgehalten,
dass der Beschwerdeführer seit Mai 2000 keine feste Anstellung mehr hatte und dass
er das deliktisch erlangte Geld auch für den Lebensunterhalt verwendete. Aufgrund der
Straftaten bzw. der Verurteilungen besteht ein gewichtiges öffentliches Interesse an der
Ausweisung des Beschwerdeführers.
Der Beschwerdeführer reiste 1987 im Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz
ein. Er hält sich somit seit rund achtzehn Jahren in der Schweiz auf. Die relativ lange
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Aufenthaltsdauer ist bei der Beurteilung der Verhältnismässigkeit zugunsten des
Beschwerdeführers zu berücksichtigen. Allerdings fällt in Betracht, dass der
Beschwerdeführer bereits 1999 und damit nach einem Aufenthalt von rund zwölf
Jahren in der Schweiz mit seiner deliktischen Tätigkeit begann. Ebenso fällt auf, dass
der Beschwerdeführer seine deliktische Tätigkeit in wechselnder Zusammensetzung
mit Mittätern aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien beging. Unter diesen
Umständen muss die Integration trotz des relativ langen Aufenthalts in der Schweiz als
ungenügend eingestuft werden.
Der Beschwerdeführer ist unverheiratet und hat keine familiären
Unterstützungspflichten. Auch in dieser Beziehung liegen somit keine besonderen
Umstände vor, welche bei der Interessenabwägung zu seinen Gunsten zu
berücksichtigen sind. Als volljährige Person kann er zudem aus der Anwesenheit von
Eltern und Geschwistern keinen Rechtsanspruch auf einen Aufenthalt in der Schweiz
gestützt auf Art. 8 Ziff. 1 EMRK geltend machen (vgl. statt vieler BGE 127 II 65).
Der Beschwerdeführer verbrachte rund zehn Jahre seiner Kindheit in seinem
Herkunftsstaat. Als erwachsener junger Mann kann er sich daher ohne
überdurchschnittliche Schwierigkeiten wieder in seinem Herkunftsstaat zurechtfinden.
Zu Gute zu halten ist dem Beschwerdeführer, dass er sich im Strafvollzug klaglos
verhielt. Dies war denn auch Voraussetzung für die bedingte Entlassung. In der
Verfügung betreffend vorzeitige bedingte Entlassung wurde aber ausdrücklich darauf
hingewiesen, dass die strafrechtliche Prognose nach anderen Gesichtspunkten
vorgenommen wird als die fremdenpolizeiliche Interessenabwägung bei der Beurteilung
einer Ausweisung. Das Bundesgericht bestätigte in einem unlängst ergangenen
Entscheid seine Praxis, wonach abweichende Entscheidungen zulässig sind. So erwog
es, die Voraussetzungen für die strafrechtliche Landesverweisung und die Ausweisung
seien nicht deckungsgleich. Sie beruhten auf unterschiedlichen Interessenlagen. Die
strafrechtliche Landesverweisung sei vorab auf die Person des betreffenden
Ausländers ausgerichtet. So sei für den Entscheid über den bedingten Vollzug der
strafrechtlichen Landesverweisung die Prognose über ein künftiges Wohlverhalten des
Ausländers in der Schweiz entscheidend. Für den Entscheid über den probeweisen
Aufschub nach Art. 55 Abs. 2 StGB sei einzig auf die Resozialisierungschancen
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abzustellen, wobei regelmässig die Aussichten auf Wiedereingliederung in der Schweiz
denjenigen im Heimatland gegenüberzustellen seien. Demgegenüber stehe für den
Entscheid über die fremdenpolizeiliche Ausweisung das allgemeine Interesse der
öffentlichen Ordnung und Sicherheit im Vordergrund. Der konkreten Prognose über das
Wohlverhalten sowie dem Resozialisierungsgedanken des Strafrechts sei zwar im
Rahmen der umfassenden fremdenpolizeilichen Interessenabwägung ebenfalls
Rechnung zu tragen, die beiden Umstände gäben aber nicht den Ausschlag (BGE 125
II 110 mit Hinweisen). Eine abweichende Beurteilung ist auch in bezug auf die bei der
bedingten Entlassung aus dem Strafvollzug geltenden Grundsätze einerseits und der
fremdenpolizeilichen Interessenabwägung anderseits zulässig. Jedenfalls kann dem
Beschwerdeführer trotz der gewährten bedingten Entlassung nicht uneingeschränkt
eine gute Prognose gestellt werden. Im Therapiebericht vom 23. Februar 2004 wird
zwar kurzfristig das Rückfallrisiko bezüglich Spielen und damit verbundener Delinquenz
als gering erachtet. Dagegen werden mittel- und langfristig die Probleme einer
beruflichen und sozialen Eingliederung als beträchtlich qualifiziert. Seine Familie stelle
zwar einen protektiven Faktor dar, welcher jedoch in der Vergangenheit das
Rückfallrisiko nicht wesentlich habe beeinflussen können.
e) Zusammenfassend gelangt das Verwaltungsgericht zum Schluss, dass das
öffentliche Interesse an der Ausweisung des Beschwerdeführers dessen private
Interessen an einem weiteren Verbleib in der Schweiz aufgrund des schweren
Verschuldens und des Fehlens besonderer persönlicher und familiärer, nach Art. 8
EMRK relevanter Bindungen trotz des relativ langen Aufenthaltes in der Schweiz
überwiegt. Die Dauer der Massnahme von fünf Jahren ist im Lichte der dargelegten
Umstände nicht zu beanstanden. Eine Reduktion erscheint aufgrund der Schwere und
Art der Straftaten nicht gerechtfertigt. Folglich ist die Beschwerde als unbegründet
abzuweisen.
3./ Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 2'000.-- ist angemessen (Ziff. 382 Gerichtskostentarif, sGS
941.12). Sie ist mit dem geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe zu verrechnen.
Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen (Art. 98bis VRP).
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