Decision ID: cafae411-e6de-5deb-9ee8-8b48fa93a92c
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin verliess Syrien eigenen Angaben zufolge im Jahr
2014 und sei in den Libanon gereist. Sie habe sich bis 2018 im Libanon
aufgehalten und sei danach über den Nordirak nochmals nach Syrien zu-
rückgekehrt. Nach zwei bis drei Monaten sei ihr die Ausreise in die Türkei
gelungen. Über Griechenland und weitere Länder sei sie am 23. Dezember
2019 in die Schweiz gelangt, wo sie am 24. Dezember 2019 im Bundesas-
ylzentrum (BAZ) (...) um Asyl nachsuchte.
B.
Gemäss einem eingereichten ärztlichen Bericht wurde die Beschwerdefüh-
rerin am 27. Dezember 2019 in einem Krankenhaus in (...) aufgrund einer
Episode von Zittern behandelt.
C.
Am 8. Januar 2020 reichte das HEKS Rechtsschutz Bundesasylzentren
(...) eine Mandatsanzeige unter Beilegung einer Vollmacht ein.
D.
Am 9. Januar 2020 fand eine Personalienaufnahme und am 15. Januar
2020 ein Dublingespräch gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013
statt, bei welchen sie summarisch zu ihrer Person, ihrem Reiseweg und
ihrem Gesundheitszustand befragt wurde.
E.
Die Beschwerdeführerin reichte einen provisorischen Untersuchungsbe-
richt vom 19. Januar 2020 des Spitals (...) ein, aus welchem im Wesentli-
chen hervorgeht, dass sie an einem grippalen Infekt und an einer Blasen-
entzündung gelitten habe.
F.
Mit Schreiben vom 21. Januar 2020 ersuchte der Vater der Beschwerde-
führerin, wohnhaft im Kanton (...), um Zuweisung seiner Tochter ebenfalls
in den Kanton (...). Er sei auf medizinische Hilfe angewiesen und seine
Tochter könne ihn im Alltag unterstützen.
G.
Am 27. Januar 2020 fand eine Befragung nach Art. 26 Abs. 3 AsylG
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(SR 142.31) statt. Im Anschluss an die Befragung wurde der Beschwerde-
führerin das rechtliche Gehör zum Schreiben ihres Vaters betreffend die
Kantonszuweisung gewährt.
H.
Am 20. Februar 2020 fand eine Anhörung gemäss Art. 29 AsylG statt. Da-
bei machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen folgenden Sachver-
halt geltend:
Sie stamme aus (...) und sei mit ihren Eltern und sechs Geschwistern im
Dorf (...) aufgewachsen. Sie sei neun Jahre zur Schule gegangen und
habe in der Folge einen Kurs für (...) besucht. Nach dem Abschluss habe
sie als (...) in einem (...) gearbeitet. Später sei sie während etwa fünf Mo-
naten in einer Firma für (...) tätig gewesen. Danach habe sie morgens in
einem (...) gearbeitet und nachmittags eine Fachhochschule besucht.
Nach Ausbruch des Bürgerkrieges habe sie an etwa zwölf Demonstratio-
nen, gemeinsam mit ihrem Bruder B._, teilgenommen. B._
sei einer der ersten gewesen, der an den Demonstrationen im Dorf teilge-
nommen habe. Er sei Teil einer Gruppierung von jungen Leuten gewesen,
welche die Demonstrationen organsiert hätten, und er habe die Rolle eines
Koordinators innegehabt. Ihre letzte Demonstrationsteilnahme sei im Juni
2012 erfolgt. Bei einem Bombenangriff auf ihr Dorf im Juli oder August 2012
sei sie verwundet worden. Sie sei durch einen Bombensplitter am Bein ver-
letzt worden und habe Verbrennungen am Körper davongetragen. Ihr Vater
habe sie in ein Privatspital nach (...) bringen wollen. Sie seien jedoch an
einem Checkpoint angehalten worden und man habe, nachdem man die
Identitätskarte des Vaters überprüft habe, sie aufgefordert in ein Militärspi-
tal zu gehen. Sie seien von einem Soldaten begleitet worden. Im Militärspi-
tal angekommen, habe ein Dabet (General) sie gefragt, ob sie an Demonst-
rationen teilgenommen habe. Statt sie umfassend zu behandeln, sei sie
gefoltert worden. Man habe ihr Zitronensäure auf die Wunden am Rücken
geleert. Sie sei auch angefasst worden und man habe ihr mit Vergewalti-
gung gedroht. Sie sei mehrfach nach ihren Brüdern und den Demonstrati-
onen gefragt worden und man habe von ihr Informationen haben wollen.
Sie habe jedoch keine konkreten Informationen über die Demonstrationen
geben können, weshalb sie weiterhin misshandelt worden sei. Ihr Vater
habe für die Baath Partei in der Administration gearbeitet und eine gewisse
Stellung innerhalb der Partei gehabt. So sei es ihm gelungen, sie im Mili-
tärspital kurz zu besuchen, und er habe ihre Freilassung zu bewirken ver-
sucht. Nach etwa zwei Wochen habe sie das Spital verlassen können, es
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sei ihr jedoch sehr schlecht gegangen. Ihr Vater habe sie zu einem Kolle-
gen gebracht, und sie sei dort von einem befreundeten Arzt behandelt wor-
den. Ihr Vater habe in der Zwischenzeit versucht herauszufinden, ob ihr
Name auf einer behördlichen Liste veröffentlicht worden sei, habe jedoch
unterschiedliche Informationen erhalten. Ihr Vater habe schliesslich ihre
Ausreise organisiert und habe an der Grenze viel Geld bezahlt, damit man
sie in den Libanon ausreisen lasse. Sie sei etwa im April 2013 in den Liba-
non gereist. Ungefähr zwei Monate später sei ihre Familie ebenfalls aus-
gereist.
Sie reichte eine Identitätskarte im Original, Kopien ihres Passes und ihres
Familienbüchleins ein.
I.
Mit Verfügung vom 25. Februar 2020 teilte das SEM der Beschwerdefüh-
rerin mit, dass weitere Abklärungen nötig seien und ihr Asylgesuch gemäss
Art. 26d AsylG im erweiterten Verfahren behandelt werde. Gleichzeitig
wurde sie dem Kanton St. Gallen zugewiesen.
J.
Am 27. Februar 2020 informierte die damalige Rechtsvertretung das SEM,
dass das Mandatsverhältnis beendet sei.
K.
Am 21. April 2020 reichte die HEKS Rechtsberatungsstelle für Asylsu-
chende (...) eine Mandatsanzeige und ein Akteneinsichtsgesuch ein.
L.
Mit Schreiben vom 23. April 2020 informierte das SEM die neu mandatierte
Rechtsvertretung, dass die Untersuchungen zu den Asylvorbringen noch
nicht abgeschlossen seien, und die beantragte Akteneinsicht derzeit nicht
gewährt werden könne.
M.
Am 4. Juni 2020 fand eine ergänzende Anhörung im erweiterten Verfahren
statt, in welcher die Beschwerdeführerin nochmals ausführlich zu ihren
Asylgründen befragt wurde (siehe Zusammenfassung der Asylgründe
Sachverhalt Bst. H). Zudem wurde ihr das rechtliche Gehör zu abweichen-
den Aussagen ihres Vaters, welche er im Verlauf seines Asylverfahrens
(N [...]) gemacht hatte, gegeben.
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N.
Mit Verfügung vom 19. Juni 2020, eröffnet am 22. Juni 2020, verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte ihr Asylge-
such ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, schob den Voll-
zug der Wegweisung infolge Unzumutbarkeit indessen auf und ordnete
eine vorläufige Aufnahme an. Es begründete die Verfügung im Wesentli-
chen mit der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen.
O.
Die Beschwerdeführerin focht diese Verfügung mit Beschwerde vom
22. Juli 2020 (Poststempel) an und beantragte, die angefochtene Verfü-
gung sei aufzuheben, es sei ihre Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und
ihr Asyl zu gewähren, eventualiter sei ihre Flüchtlingseigenschaft anzuer-
kennen und sie sei infolge Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs vor-
läufig aufzunehmen, subeventualiter sei die Sache an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei die unentgeltliche
Rechtspflege zu gewähren und ihr ein amtlicher Rechtsbeistand zu bestel-
len.
Sie legte eine Fürsorgebestätigung, einen Arztbericht aus dem Libanon,
eine Medikamentenliste aus dem Libanon, eine Echtheitsbestätigung für
den Arztbericht und die Medikamentenliste sowie ein syrisches Gerichts-
dokument ins Recht.
P.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
23. Juli 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 2 AsylG).
Q.
Am 24. Juli 2020 bestätigte das Gericht den Eingang der Beschwerde.
R.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Juli 2020 hielt die Instruktionsrichterin fest,
dass die Beschwerdeführerin aufgrund der vom SEM angeordneten vor-
läufigen Aufnahme über eine Berechtigung zum Aufenthalt in der Schweiz
verfüge und somit in jedem Fall den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten könne. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um unentgelt-
liche Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses. Die Beschwerdeführerin wurde aufgefordert, eine Rechtsver-
tretung zu bezeichnen, welche amtlich beigeordnet werden soll.
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S.
Am 7. August 2020 reichte die rubrizierte Rechtsvertreterin unter Vorlegung
einer Vollmacht eine Mandatsanzeige ein und ersuchte um Beiordnung als
amtliche Rechtsbeiständin.
T.
Mit Verfügung vom 11. August 2020 setzte die Instruktionsrichterin MLaw
Olivia Eugster antragsgemäss als amtliche Rechtsbeiständin ein und for-
derte die Beschwerdeführerin auf, die Beschwerdebeilagen 3 bis 6 in eine
Amtssprache übersetzen zu lassen.
U.
Am 25. August 2020 ersuchte die Beschwerdeführerin um Übersetzung der
Dokumente von Amtes wegen, da sie fürsorgeabhängig sei und somit über
keine finanziellen Mittel verfüge.
V.
Am 27. August 2020 teilte die Instruktionsrichterin der Beschwerdeführerin
mit, dass die Beschwerdebeilagen 3 bis 6 von Amtes wegen durch das Ge-
richt übersetzt würden.
W.
Mit Schreiben vom 23. September 2020 erhielt die Beschwerdeführerin die
Übersetzungen der Beschwerdebeilagen 3 bis 6 zur Vervollständigung ih-
rer Akten.
X.
Am 29. September 2020 wurde das SEM eingeladen, sich zur Beschwerde
vernehmen zu lassen.
Y.
Am 9. Oktober 2020 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein.
Z.
Am 27. Oktober 2020 replizierte die Beschwerdeführerin und reichte medi-
zinische Unterlagen betreffend ihren Vater ein.
AA.
Unter Beilegung eines Arztberichtes informierte die Beschwerdeführerin
das Gericht am 13. Juli 2021, dass sie seit März 2021 nach einem Suizid-
versuch in regelmässiger psychologischer Behandlung stehe.
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BB.
Am 3. August 2021 reichte die Beschwerdeführerin einen Austrittsbericht,
datierend auf den 31. März 2021, der Klinik (...) ein. Aus dem Bericht geht
hervor, dass sie vom 5. März 2021 bis am 15. März 2021 nach einem Sui-
zidversuch stationär in der Klinik untergebracht war.
CC.
Die erstinstanzlichen Verfahrensakten des Vaters der Beschwerdeführerin,
(...) (N [...]), wurden im vorliegenden Beschwerdeverfahren beigezogen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
Art. 108 Abs. 2 AsylG Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
1.4 Das Gericht hat die Verfahrensakten des Vaters der Beschwerdeführe-
rin (N [...]) beigezogen. Diesbezüglich ist ihr im Rahmen ihrer ergänzenden
Anhörung das rechtliche Gehör gewährt worden (vgl. A37 F 105 ff.).
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden
(Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Ge-
fährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen,
die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifi-
schen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führte in seiner Verfügung aus, dass man die Schilderungen
der Beschwerdeführerin hinsichtlich der Erzählqualität gewichtet habe. Da-
bei habe man festgestellt, dass ihre Berichte einerseits lange und ausführ-
lich ausgefallen seien. Andererseits würden sie eine hohe Linearität auf-
weisen und sie habe sich auf die Abfolge der geltend gemachten Gescheh-
nisse fokussiert. Dabei falle auf, dass ihre Aussagen zwar viele Details ent-
halten würden, diese aber insbesondere im Zusammenhang mit der Bom-
benexplosion zu Hause, dem Transport ins Spital, der Behandlung der Ver-
brennungen und ihrem Aufenthalt in einem Spital stehen würden. Diese
Geschehnisse zweifle das SEM nicht an und es verkenne nicht, dass sie
Opfer von Verbrennungen geworden sei. Ihre eigentlichen Vorfluchtgründe,
die Begegnungen mit dem Dabet und dem Musaa’id (Bezeichnung für ei-
nen syrischen Militärgrad), würden indes mehrheitlich auf Dialogen grün-
den. Sie würden insofern einen vergleichsweise kleinen Raum in den Er-
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zählungen einnehmen, obwohl sie rund zwei Wochen in einem Spital fest-
gehalten worden sei. Eigene Gedankengänge, Schilderungen von uner-
warteten Ereignissen oder besonders prägende Beschreibungen bezüglich
der Peiniger fehlten jedoch. Aufgrund dessen könne zwar noch nicht auf
die Unglaubhaftigkeit der Vorbringen geschlossen worden. Es habe sich im
Weiteren aber auch die Frage nach der Plausibilität der Vorbringen gestellt.
In der Befragung zur Person und der ersten Anhörung habe sie nicht er-
wähnt, dass sie bereits vor August / September 2012 durch die syrischen
Behörden kontaktiert worden sei. Dies erstaune, da sie gemäss ihren Aus-
sagen im Militärspital mit ihren Demonstrationsteilnahmen konfrontiert wor-
den sei. Es sei somit fraglich, wieso sie nicht schon eher aufgesucht und
zu ihren Teilnahmen an den Kundgebungen, zu den Organisatoren und zu
ihren Brüdern einvernommen worden sei. Stattdessen sei sie in einer zu-
fälligen Personenkontrolle, bei welcher der Ausweis ihres Vaters kontrolliert
worden sei, erstmals in konkrete Schwierigkeiten geraten. Es sei merkwür-
dig, dass ihr Vater nicht einvernommen worden sei, obwohl zu erwarten
gewesen wäre, dass die Behörden auch ihn zu den politischen Aktivitäten
seiner Kinder befragt hätten. Zudem falle im Vergleich mit ihren anderen
Schilderungen auf, dass ihre Aussagen in Zusammenhang mit der Freilas-
sung aus dem Militärspital ungemein kurz und unverbindlich ausgefallen
seien. Ein Strukturbruch in ihrer Erzählung sei offensichtlich. Allgemein sei
schwer nachvollziehbar, dass sie während zwei Wochen dermassen
schlimm behandelt worden sei, ihr Vater sie aber schliesslich wegen seiner
Stellung in der Baath-Partei habe besuchen und freikaufen können. Be-
zeichnenderweise seien die beiden Schilderungen des kurzen Treffens mit
ihrem Vater im Militärspital in der Anhörung und der ergänzenden Anhörung
unterschiedlich ausgefallen. Erschwerend komme hinzu, dass ihr Vater in
seinem Asylverfahren die vorgebrachten Vorkommnisse mit keinem Wort
erwähnt habe. Er habe zu Protokoll gegeben, dass niemand aus der Fami-
lie politisch aktiv gewesen sei. Er habe die Ausreise der Familie aus Syrien
lediglich mit dem Krieg und mit der behördlichen Suche nach seinen Söh-
nen C._ und B._ aufgrund des Militär- und Reservedienstes
begründet. B._ sei deswegen bereits inhaftiert worden. Zudem
habe es auch in den Aussagen des Vaters Ungereimtheiten betreffend
seine Ausreisegründe gegeben. Er habe auch erst in seiner zweiten Anhö-
rung erwähnt, Mitglied bei der Baath-Partei gewesen zu sein. Auch ihre
Mutter habe in ihrem Schreiben an die Schweizer Botschaft in Beirut die
geltend gemachten Vorbringen der Beschwerdeführerin nicht erwähnt. Die
Beschwerdeführerin habe nur die Probleme der Brüder B._ und
C._ sowie ihres Schwagers dargelegt. Sie sei in der ergänzenden
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Anhörung auf die Unstimmigkeiten angesprochen worden, habe diesen je-
doch nichts Substantielles entgegenhalten können. Es müsse davon aus-
gegangen werden, dass ihre Eltern die politischen Tätigkeiten von ihr und
ihren Brüdern sowie die davon abgeleiteten Schwierigkeiten zumindest an-
satzweise erwähnt hätten. Dies umso mehr, als sich die Mutter ein Visum
für die Schweiz erhofft habe. Es wäre zu erwarten gewesen, dass die Mut-
ter, unabhängig davon, ob die Beschwerdeführerin sich zu diesem Zeit-
punkt noch im Libanon befunden habe, ihre Probleme ebenfalls aufgeführt
hätte, da dadurch die Chancen für eine Visaausstellung tendenziell gestie-
gen wären. Hinzukommend habe die Beschwerdeführerin eine Vorladung
der syrischen Behörden aufgrund ihrer Demonstrationsteilnahme und die
Drohbriefe erst anlässlich der ergänzenden Anhörung erwähnt. Ihr Erklä-
rungsversuch, sie habe sich an der Anhörung zuvor auf die Geschehnisse
im Militärspital konzentriert, könne nicht gehört werden. Sie sei nämlich ex-
plizit gefragt worden, ob sie alles habe erwähnen können, was sie für das
Asylgesuch als wichtig erachte. In der Erstbefragung sei ihr bereits die
Frage gestellt worden, weshalb sie sich bedroht gefühlt habe. Sie habe
daraufhin weder die Drohbriefe noch eine Vorladung genannt. Auch ihr Va-
ter habe diese in seinem Verfahren nicht erwähnt. Es könne schliesslich
offen blieben, ob sie an Demonstrationen teilgenommen habe, zumal sie
nicht zufriedenstellend habe ausführen können, inwiefern sie dabei identi-
fiziert worden sei. Die Ereignisse im Militärspital, die Drohbriefe und die
Vorladung seien nicht glaubhaft gemacht, weshalb deren Asylrelevanz
nicht zu prüfen sei. Im Übrigen sei anzumerken, dass sie auch keine Nach-
teile von den wenigen Teilnahmen an Kundgebungen im Libanon ableiten
könne respektive solche nicht geltend gemacht habe. Es bestünden inso-
fern auch keine subjektiven Nachfluchtgründe.
4.2 Die Beschwerdeführerin führte in ihrer (Laien)Beschwerde erneut aus,
sie und ihre Brüder hätten an Demonstrationen teilgenommen, weswegen
sie in Syrien verfolgt werde. In Bezug auf die Verletzungen durch den Bom-
benangriff führte sie aus, dass sie an der Anhörung über sieben Seiten lang
detailliert über ihren Spitalaufenthalt gesprochen habe. Man habe sie ge-
foltert, da man von ihr Informationen habe erlangen wollen. Sie fürchte sich
nun, dass sie wegen ihrer politischen Ansichten und derjenigen ihrer Fami-
lie bei einer Rückkehr nach Syrien erneut gefoltert werde. Auch ihr Vater
sei in der Vergangenheit bereits festgenommen und gefoltert worden. Hin-
sichtlich der vom SEM festgestellten unplausiblen Freilassung aus dem
Spital sei anzumerken, dass ihr Vater zwar Mitglied der Partei gewesen,
aber bloss in der Administration tätig gewesen sei, weswegen er sie nicht
eigenmächtig aus dem Spital habe holen können. Er habe zuerst mit dem
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Verantwortlichen des Spitals sprechen müssen und habe alles Mögliche
versucht, damit sie freigelassen werde. Zum Vorwurf, dass ihr Vater die
politischen Tätigkeiten der Familienmitglieder in seinem Asylverfahren
nicht erwähnt habe, sei anzumerken, dass sie bereits gesagt habe, dass
ihr Vater bei der Anhörung angeschlagen gewesen sei, da er drei Tage zu-
vor eine Operation gehabt habe. Er sei noch sehr schwach gewesen und
habe Psychopharmaka eingenommen. Der Vater sei selbst gefoltert wor-
den und habe vermutlich nichts über ihre Folter und die Androhung von
sexueller Gewalt gesagt, da er sich kulturell bedingt wohl geschämt habe.
Ihre Mutter habe sie zudem in ihrem Schreiben an die Schweizer Botschaft
nicht erwähnt, da sie (die Beschwerdeführerin) zu diesem Zeitpunkt bereits
nicht mehr im Libanon gewesen sei und es somit auch keine Rolle gespielt
habe, was sie in Syrien erlebt habe. Die Vorladung und die Drohbriefe habe
sie zudem nicht von Anfang an erwähnt, da man sie jeweils nach den Asyl-
gründen gefragt habe, und diese nicht die Gründe für ihre Ausreise gewe-
sen seien. Sie habe in der Zwischenzeit medizinische Unterlagen aus dem
Libanon beschaffen können, welche ihre Verbrennungen bestätigen wür-
den. Zudem habe sie eine Bestätigung, dass sie und ihr Bruder B._
in Syrien gesucht würden, von einem syrischen Anwalt erhalten.
4.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, dass die eingereichten
medizinischen Unterlagen die Verletzungen und die Behandlung bestäti-
gen würden. Diese seien vom SEM auch nicht angezweifelt worden. In Be-
zug auf die eingereichte Vorladung, welche teilweise unleserliche Textstel-
len enthalte, sei darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin diese
erstmals in der dritten Befragung des SEM erwähnt habe. Das Dokument
datiere vom Jahr 2013 und die Beschwerdeführerin und ihr Bruder
B._ seien gemäss handschriftlicher Notiz des syrischen Anwalts zu
drei Jahren Haft verurteilt worden. Erstaunlich sei jedoch, dass sie bei der
Personalienaufnahme verneint habe, einen Rechtsvertreter im Heimatstaat
zu haben. Andererseits sei auffällig, dass sie das Urteil bis anhin nicht er-
wähnt habe. Wäre sie tatsächlich zu drei Jahren Haft verurteilt worden,
wäre zu erwarten gewesen, dass sie dies angegeben hätte. Weiter sei auf-
fallend, dass der Anwalt zwar ein Urteil erwähne, dieses jedoch nicht bei-
gelegt habe. Somit könne die Anmerkung zum angeblichen Urteil von einer
beliebigen Person angebracht worden sein. Zudem handle es sich bei der
Vorladung um eine Kopie. Entsprechende Dokumente seien in Syrien leicht
fälschbar und käuflich erhältlich. Aufgrund der aufgeführten Ungereimthei-
ten sei die nachgereichte Vorladung in Kopie nicht geeignet, die Vorbringen
der Beschwerdeführerin zu stützen. Erschwerend komme hinzu, dass die
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Aussagen der Beschwerdeführerin von den Aussagen ihres Vaters abwei-
chen würden. So habe er die Frage, ob Familienangehörige politisch aktiv
seien, verneint. Er habe einzig eine behördliche Suche nach C._
aufgrund des Militärdienstes zu Protokoll gegeben. Dass die Beschwerde-
führerin ebenfalls in den Fokus der syrischen Behörden geraten sei, habe
er nicht erwähnt. Ihr Vater habe im Verlauf seines Verfahrens angegeben,
politisch aktiv gewesen zu sein. Sein Gesuch sei aber mit der Begründung,
die Vorbringen seien widersprüchlich und nicht hinreichend begründet, ab-
gelehnt worden und die Verfügung sei inzwischen in Rechtskraft erwach-
sen. Es seien deshalb keine Gründe erkennbar, weshalb die Beschwerde-
führerin in den Fokus der syrischen Behörden hätte geraten sollen.
Schliesslich sei anzumerken, dass die Angabe der Beschwerdeführerin, ihr
Vater sei 11 Stunden angehört worden, übertrieben sei. Seinem Anhö-
rungsprotokoll sei zu entnehmen, dass die Anhörung um 10 Uhr angefan-
gen habe und inklusive 70 Minuten Pausen um 16 Uhr fertig gewesen sei.
4.4 Die Beschwerdeführerin replizierte, sie habe die Vorladung und die
Drohbriefe erst in der dritten Befragung erwähnt, da diese für sie nicht die
Hauptgründe gewesen seien, Syrien zu verlassen. Sie sei insbesondere
aufgrund ihres politischen Engagements und aufgrund der erlittenen, un-
menschlichen Behandlung im Militärspital aus Syrien geflohen. Über diese
Gründe habe sie detailliert berichtet. Gemäss handschriftlicher Notiz des
syrischen Anwalts seien sie und ihr Bruder B._ zu je drei Jahren
Haft verurteilt worden. Der Anwalt sei von ihrem Onkel in Syrien beauftragt
worden. Sie sei nicht direkt involviert gewesen, weshalb sie die Frage nach
einer Rechtsvertretung im Heimatland an der Personalienaufnahme ver-
neint habe. Die Vorladung sei bis anhin von den Schweizer Behörden nicht
auf Fälschungsmerkmale überprüft worden. Es lasse sich zwar nicht be-
streiten, dass Dokumente in Syrien gekauft werden könnten. Indes ent-
spreche es keiner seriösen Beweiswürdigung, ein Dokument einzig mit der
Begründung, syrische Dokumente seien käuflich erhältlich, für beweisun-
tauglich zu erklären. So könne die Beweistauglichkeit jedes Dokuments –
möge es noch so echt sein – mit dieser Begründung in Frage gestellt wer-
den. Zu den abweichenden Aussagen ihres Vaters sei zu betonen, dass er
gesundheitlich angeschlagen sei, wie aus den beigelegten medizinischen
Unterlagen entnommen werden könne. Aufgrund der im Heimatsaat erleb-
ten Traumata nehme er regelmässig Psychopharmaka ein und befinde sich
in engmaschiger ärztlicher Betreuung. Seit der in Syrien erlebten Folter
falle es ihm schwer, über die Probleme der Familie zu sprechen. Er habe
wohl auch nicht von ihrer Folter und der Androhung von sexueller Gewalt
gesprochen, da er sich dafür geschämt habe. Als Vater und Mann schäme
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er sich, dass seiner Tochter mit sexuellem Missbrauch gedroht worden sei.
Aufgrund des erlittenen Traumas und der Scham vermeide er es, über die
Probleme seiner Familienmitglieder zu sprechen.
5.
5.1 Das SEM hat in seiner Verfügung die Bombenexplosion, den Transport
in ein Spital, die Behandlung der Verbrennungen und den Aufenthalt im
Spital nicht angezweifelt. Die Begegnungen mit dem Dabet und dem
Musaa’id hat es indes als unglaubhaft befunden. Nach Durchsicht der An-
hörungsprotokolle stellt das Gericht fest, dass die Beschwerdeführerin äus-
serst ausführlich über ihre Asylgründe berichtet hat und diese insgesamt
als glaubhaft zu befinden sind.
5.2 Entgegen der Ansicht des SEM sind in den Schilderungen der Be-
schwerdeführerin keine auffallenden Strukturbrüche erkennbar. Die Erzähl-
dichte ist bezüglich verschiedener Themen, über welche sie berichtet, kon-
sistent. Beispielweise hat sie über ihren Aufenthalt im Nordirak und die be-
absichtigte Weiterreise (SEM Akte A25, F16) genau so detailliert berichtet
wie über die Bombenexplosion, bei welcher sie verwundet wurde (a.a.O.,
F48, Absätze 1 und 2), und den darauffolgenden Aufenthalt im Militärspital,
während welchem sie gefoltert wurde (a.a.O., F48, Absätze 2-10, F50-
F56). Die Argumentation des SEM, man halte den Aufenthalt im Spital für
glaubhaft, nicht jedoch die Gespräche mit dem Dabet, wird den Ausführun-
gen der Beschwerdeführerin nicht gerecht. Ihre Aussagen über die Be-
handlung im Spital und die Begegnungen mit dem Dabet lassen sich nicht
klar trennen. Sie berichtete über mehrere Seiten über die Behandlung, die
ihr im Militärspital widerfahren ist, und ihren Aussagen sind zahlreiche Re-
alkennzeichen sowohl in Bezug auf das Spital an sich als auch in Bezug
auf die spezifische (Folter)Behandlung zu entnehmen. Ihre Erzählungen
lassen nicht vermuten, dass sie sich abwechslungsweise auf reale und
dann wieder auf erfundene Elemente stützen würde. Neben einem quanti-
tativen Detailreichtum sind auch viele qualitative Aussagen ersichtlich, wel-
che den Eindruck vermitteln, dass die Beschwerdeführerin sich auf reale
Erinnerungen stützt. Beispielsweise gab sie an, der Dabet habe anstelle
des Arztes den Verband auf ihrem Rücken weggenommen und es habe
sich angefühlt, als wäre ein Stück Fleisch von ihrem Körper mit dem Ver-
band weggekommen (SEM Akte A25, F48, S.10, Absatz 1). Sie erwähnt
auch, ihr Rücken habe die Metallkante des Bettes berührt (a.a.O., Ab-
satz 2). Oder sie bemerkte, dass der Dabet gelacht habe, als er mit einem
Metallstück Haut von ihrem Rücken genommen habe (a.a.O., F52). Sie gab
beispielsweise auch an, dass sich ein Arzt für das Verhalten des Dabet
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geschämt habe und nicht habe glauben können, wie man sie behandle
(SEM Akte A37, F40). Ebenso erzählt sie aussergewöhnliche Einzelheiten,
wie dass man nicht nur auf ihren offenen Rücken Zitronensalz gerieben
habe, sondern dies auch in ihre Hausschuhe hineingetan habe, die sie
dann wieder habe tragen müssen (SEM Akte A25, F48 S. 10). Auch Ne-
bensächlichkeiten, wie dass sie dank eines schwarzen Vorhangs nicht ge-
sehen habe, wie andere Leute gefoltert worden seien (a.a.O., F54), oder
dass der Dabet einen in eine Folie verpackten Notizzettel bei sich gehabt
habe, mit Informationen über sie und ihre Familie (a.a.O.), finden sich in
ihren Aussagen und lassen auf eine erlebnisbasierte Erzählung schliessen.
Sie gab ferner an, dass es sich nach einer Weile im Spital angefühlt habe,
als käme etwas aus ihrem Körper heraus, sie habe es jedoch nicht mit ihren
Händen berühren können, da ihre Hände gefesselt worden seien (a.a.O.,
F56). Sie nahm damit zu einem späteren Zeitpunkt auf eine frühere Aus-
sage Bezug, dass man sie mit einer Handschelle an ihr Bett gefesselt habe
(a.a.O., F54). Ausserdem kann die Ansicht des SEM nicht geteilt werden,
dass sie über die Begegnungen mit dem Dabet vergleichsweise weniger
berichtet hätte. Sie gab mehrfach Dialoge mit dem Dabet wieder und führte
substantiiert aus, wie er sie gequält habe (SEM Akten A25, F48, S. 9 und
10, F50, F54, F56; A37, F19-F23). Dem SEM ist zwar insofern beizustim-
men, dass die Erzählungen über ihre Freilassung aus dem Militärspital ver-
gleichsweise kurz ausgefallen sind (SEM Akten A25, F56, S.14, Absätze 2
und 3; A37, F53). Sie gab jedoch sowohl an der Anhörung als auch an der
ergänzenden Anhörung Einzelheiten an, wie dass der Krankenpfleger ei-
nen Sack mit Kleidern dabeigehabt habe, sie sich aber zunächst geweigert
habe, sich vor ihm anzuziehen (SEM Akten A25, F56, S.13 Absatz 4; A37,
F53). Daneben blieben auch die Aussagen über die Reaktionen und Hand-
lungen des Vaters eher vage. Beispielsweise fielen ihre Ausführungen über
den Moment, als sie am Checkpoint längere Zeit hätten warten müssen,
bis sie hätten weiterfahren dürfen, vergleichsweise oberflächlich aus. In
Anbetracht der dramatischen Situation, in welcher sich der Vater befunden
hat – mit der schwer verletzten Tochter im Auto, wo er eine halbe bis eine
dreiviertel Stunde am Checkpoint warten musste (SEM Akte A25, F48) –
wären emotionalere Ausführungen zu erwarten gewesen. Andererseits
kann von der Beschwerdeführerin nicht erwartet werden, dass sie über die
(zugeschriebene) Gefühlslage und die Handlungen des Vaters ebenso de-
tailliert wie über ihre eigenen Erlebnisse berichtet.
5.3 Das SEM führt ferner als Unglaubhaftigkeitselement auf, dass die
Schilderungen über die Begegnungen mit dem Dabet und dem Musaa’id
mehrheitlich auf Dialogen gründen und einen vergleichsweise kleinen
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Raum einnehmen würden. Inwiefern die Wiedergabe von Dialogen gegen
die Glaubhaftigkeit der Vorbringen sprechen soll, erschliesst sich dem Ge-
richt jedoch nicht. Es ist anzumerken, dass die Beschwerdeführerin auch
bezüglich ihres Aufenthalts in Erbil mehrfach Dialoge wiedergibt und es
sich dabei um Schilderungen handelt, welche nicht in Frage gestellt wer-
den (SEM Akte A25, F16). Insgesamt scheint es ihrem Erzählstil geschul-
det, dass sie viele Dialoge wiedergibt.
5.4 Es bleibt zwar anzumerken, dass die Beschwerdeführerin die Folter in
dem Militärspital in der ersten Befragung vom 27. Januar 2020 nicht konk-
ret erwähnt hat. An verschiedenen Stellen im Protokoll lässt sich indes ein
Bezug auf die in der nächsten Anhörung im Detail geschilderte Folter er-
kennen. Sie hat in der Erstbefragung ihre Asylgründe summarisch darge-
legt und dabei die Demonstrationsteilnahmen, die Arbeit ihres Vaters sowie
die Tätigkeit ihres Bruders für die Revolutions-Koordination genannt. Ihr
Hauptgrund sei gewesen, dass sie nach allem, was man ihr angetan habe,
Angst vor einer Vergewaltigung gehabt habe, da man ihr das angedroht
habe (SEM Akte [...]/10 [nachfolgend A22], F41). Danach wurde sie ge-
fragt, ob das alle Asylgründe gewesen seien. Sie bejahte die Frage und
führte aus, es habe keine Sicherheit mehr gegeben und sie seien alle be-
droht worden (a.a.O., F42). Später wurde sie gefragt, inwiefern sie durch
die Zusammenarbeit des Bruders mit der Revolutions-Koordination per-
sönlich bedroht worden sei. Hierzu gab sie an, man habe Druck auf ihre
Familie ausgeübt und man habe ihr und ihren Brüdern wehgetan, um an
den Bruder B._ zu gelangen, sie hätten es jedoch nicht geschafft
(a.a.O., F52). In der Folge wurde sie gefragt, ob sie in einem Frauenteam
angehört werden wolle. Sie erklärte, dass es zu Belästigungen und War-
nungen gekommen sei, aber eine Vergewaltigung nicht passiert sei (a.a.O.,
F53). Es spiele für sie keine Rolle, ob Männer bei der Befragung dabei
seien. Sie habe sich auch von männlichen Ärzten behandeln lassen und
sie hätten ihren Rücken gesehen (a.a.O., F54). Danach führte sie aus, bei
Ankunft im Spital habe es ihr geholfen, dass ihr Vater bei der Baath-Partei
gewesen sei, ansonsten man ihr vielleicht etwas angetan hätte. Es habe
sie aber nicht davon abgehalten, sie zu bedrohen. Falls man sie nochmal
in dem Spital sehe, werde man sie vergewaltigen (a.a.O., F55). Sie spricht
die Misshandlungen somit nicht konkret aus, was sich jedoch auf die trau-
matischen Erlebnisse zurückführen lassen dürfte. Immerhin sind Belästi-
gungen aufgrund des Bruders ansatzweise aus dem Protokoll erkennbar.
5.5 In Bezug auf die erst im Beschwerdeverfahren eingereichte Vorladung
(Beschwerdebeilage 6) und die Drohbriefe bleibt anzumerken, dass die
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Drohbriefe offenbar den Vater betroffen haben (SEM Akte A37, F26, F89),
weshalb der Beschwerdeführerin nicht zum Vorwurf gemacht werden kann,
dass sie diese erst in der ergänzenden Anhörung erwähnt hat. Zudem gab
sie an, dass man ihr nicht immer von den Drohbriefen erzählt habe, um ihr
keine Angst zu machen (a.a.O., F114). In der Anhörung vom 20. Februar
2020 lag der Fokus der Befragung sodann bei den Vorkommnissen im Mi-
litärspital (SEM Akte A25), welche für die Beschwerdeführerin bezüglich ih-
rer Asylgründe auch im Vordergrund standen. Dasselbe gilt für die nachge-
reichte Vorladung. Es ist nachvollziehbar, dass die erlittenen Folterungen
für die Beschwerdeführerin den zentralen Ausreisegrund gebildet haben
und im Fokus standen.
5.6 Als weiteres Element, welches gegen die Glaubhaftigkeit der Vorbrin-
gen spreche, führt das SEM diverse Widersprüche, insbesondere auch im
Vergleich zu den Aussagen des Vaters der Beschwerdeführerin auf. Es fällt
tatsächlich auf, dass der Vater der Beschwerdeführerin ihre Probleme im
Militärspital in seinem Asylverfahren nicht genannt hat (N [...], SEM Akten
[...]-15/21 [nachfolgend A15]; [...]-17/18 [nachfolgend A17]). Die Be-
schwerdeführerin führte hierzu aus, dass das Thema für den Vater mit
Scham behaftet sei und er selbst auch ein Trauma habe, weshalb er ge-
wisse Themen vermeide (vgl. Replik vom 27. Oktober 2020). Der Vater
wurde in seinem Verfahren nicht konkret auf die Tochter angesprochen und
persönliche Nachteile hat er aus ihrem Aufenthalt im Militärspital nicht er-
litten. Es handelte sich somit für ihn nicht um sein wesentliches Asylvorbin-
gen. Unter Berücksichtigung eines allfälligen Traumas und eines Verdrän-
gungsmechanismus des Vaters erscheint der Umstand, dass der Vater die
Misshandlungen der Beschwerdeführerin im Spital nicht erwähnt hat, nicht
als derart gravierend, als dass deswegen die glaubhaft geschilderten Vor-
bringen der Beschwerdeführerin in Frage zu stellen wären.
5.7 Einen Widerspruch erblickt das SEM auch darin, dass der Vater in sei-
nem Asylverfahren angegeben habe, niemand aus seiner Familie sei poli-
tisch aktiv gewesen. Demonstrationsteilnahmen seiner Kinder erwähnte er
nicht (N [...], SEM Akte A15, F83). Die Beschwerdeführerin gab hingegen
an, sie selbst habe an etwa 12 Demonstrationen teilgenommen, sei aber
im Spital insbesondere nach den Aktivitäten ihres Bruders B._ und
allgemein über die Organisatoren der Demonstrationen befragt worden.
Die unterschiedlichen Angaben kann sich die Beschwerdeführerin auf
Nachfrage des SEM nicht genau erklären, vermutet jedoch, der Vater habe
gemeint, dass seine Kinder in keiner Partei aktiv gewesen seien. Zudem
verweist sie auf seine erlittene Folter und dass er seither Angst habe, über
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seine Familie zu sprechen (SEM Akte A37, F105). Auch wenn tatsächlich
zu erwarten gewesen wäre, dass der Vater die Demonstrationsteilnahmen
genannt hätte, wird aus seinen Akten deutlich, dass andere Probleme für
ihn im Vordergrund gestanden haben. Zudem kann auch das Argument,
der Vater habe die Frage mehr im Sinne einer institutionalisierten Aktivität
der Kinder in einer Partei verstanden, als Erklärung dienen.
5.8 Sodann ist für das Gericht auch erklärbar, dass die Mutter der Be-
schwerdeführerin in ihrem Schreiben an die Schweizer Botschaft betref-
fend ein Gesuch um ein humanitäres Visum die Probleme der Beschwer-
deführerin nicht genannt hat (N [...], SEM Akte [...]-6 [nachfolgend A6], Be-
weismittel 12). Die Mutter hat sich in dem Gesuch auf die Probleme der
Personen konzentriert, welche in ihrem Gesuch eingeschlossen waren, na-
mentlich die Brüder C._ und B._ sowie einen Schwager. So
hat die Mutter auch die Haft ihres Mannes beziehungsweise des Vaters der
Beschwerdeführerin nicht genannt. Zudem handelt es sich bei der Eingabe
der Mutter lediglich um ein vierseitiges Schreiben, und es fand keine ei-
gentliche Befragung der Mutter statt, welche allenfalls Aufschluss über die
Probleme aller Familienangehöriger hätte geben können.
5.9 Die bisher aufgeführten Widersprüche zwischen dem Vater (und der
Mutter) und der Beschwerdeführerin erachtet das Gericht als vernachläs-
sigbar. Einzig der Umstand, dass die Beschwerdeführerin und ihr Vater un-
terschiedliche Angaben zu den Gründen der behördlichen Suche nach den
Brüdern C._ und B._ sowie zu erfolgten Inhaftierungen der
Brüder gemacht haben, lässt beim Gericht Zweifel über die Darstellung der
Vorkommnisse durch die Beschwerdeführerin aufkommen. Der Vater gab
an, seine Söhne würden aufgrund des Militär- und Reservedienstes von
den syrischen Behörden gesucht (N [...], SEM Akte A15, F53). Er sei be-
fragt worden, damit er Informationen über seine Söhne preisgeben würde
und er habe angegeben, die Söhne seien im Libanon (a.a.O., F54). Als der
Vater vom SEM gefragt wurde, ob andere Familienangehörige Probleme
aufgrund der Nichtbefolgung der Aufgebote gehabt hätten, nannte der Va-
ter die Probleme der Beschwerdeführerin wiederum nicht (a.a.O., F73). Der
Vater führte ferner aus, der Sohn B._ sei einmal für 20-30 Tage be-
ziehungsweise für drei bis vier Monate inhaftiert worden (a.a.O., F73-F75).
Auch C._ sei etwa einen Monat lang in Haft gewesen (a.a.O.,
F139). Der Vater hat in seinem Verfahren dazu Gerichtsdokumente einge-
reicht, aus welchen hervorgeht, dass seine Söhne B._ und
C._ am (...) März 2012 inhaftiert worden seien. Nachdem sie dem
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Friedensrichter vorgeführt und befragt worden seien, habe man sie or-
dentlich entlassen. Die Dokumente sind auf den (...) November 2012 da-
tiert (N [...], SEM Akte A6, Beweismittel 7, 9 und 14; N [...] A15 F15). Auch
die Mutter der Beschwerdeführerin hat angegeben, ihre beiden Söhne
C._ und B._ seien inhaftiert worden. Demonstrationsteilnah-
men erwähnt sie nicht, sondern führt aus, die Brüder würden in Syrien auf-
grund des Militär- und Reservedienstes gesucht (N 718 275, SEM Akte A6,
Beweismittel 12). Die Beschwerdeführerin hat wiederum angegeben,
B._ sei nie inhaftiert gewesen. Er sei lediglich einmal aufgrund ei-
nes Streits mit einem Freund zu einem Verhör vorgeladen worden (SEM
Akte A37, F102). B._ werde in Syrien aufgrund seiner Aktivitäten an
den Demonstrationen gesucht. Gegen C._ gebe es aber keine Be-
weise (a.a.O., F104). Darauf angesprochen, dass gemäss dem Schreiben
der Mutter an die Schweizer Botschaft und den damit eingereichten Unter-
lagen die Brüder im Jahr 2012 inhaftiert gewesen seien, gab sie an, sie sei
im Jahr 2012 oft bei Freundinnen in (...) aufgrund des Maturaexamens ge-
wesen und habe vielleicht deswegen nichts von den Verhaftungen mitbe-
kommen (a.a.O., F111). Zudem habe B._ oft ausserhalb übernach-
tet (a.a.O., S. 20, Anmerkung zu F113). Es ergeben sich somit Widersprü-
che in Bezug auf die Aussagen der Eltern sowie in Bezug auf die durch den
Vater eingereichten Dokumente. Es gilt jedoch festzuhalten, dass die Aus-
sagen des Vaters vom SEM teilweise als unglaubhaft erachtet wurden und
der Vater sich selbst auch in Bezug auf seine Söhne und deren Inhaftie-
rungen widersprochen hat (N [...], SEM Akte [...]-24/10). Es fragt sich so-
mit, inwiefern diese Aussagen nun beigezogen werden können, nachdem
sie ohnehin mit Zweifeln behaftet gewesen sind. Andererseits handelt es
sich um Details, welche nicht die Beschwerdeführerin persönlich betroffen
haben; die wesentlichen Eckpunkte (Suche nach den Brüdern, Inhaftie-
rung) werden sowohl von der Beschwerdeführerin als auch ihrem Vater ge-
nannt.
Insgesamt erachtet das Gericht die Ungereimtheiten, welche sich nach Bei-
zug der erstinstanzlichen Verfahrensakten des Vaters der Beschwerdefüh-
rerin ergeben, als teilweise erklärbar und insgesamt als nicht derart gravie-
rend, als dass die glaubhaft gewordenen Aussagen der Beschwerdeführe-
rin deswegen grundsätzlich in Frage zu stellen wären.
5.10 Hinzukommend erscheinen die Aussagen der Beschwerdeführerin
auch im länderspezifischen Kontext plausibel. Verschiedene Quellen bele-
gen, dass es in syrischen Militärspitälern zu Folterungen und Misshandlun-
gen gekommen ist. Auch das Unbehagen des einen Arztes, welches die
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Beschwerdeführerin anspricht (SEM Akte A37, F40), passt in den Kontext,
in welchem sich medizinisches Personal in Syrien befindet (vgl. Amnesty
International, Health Crisis, Syrian Government targets the Wounded and
Health Workers, Oktober 2011, https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/fi-
les/resources/Full_Report_2706.pdf, abgerufen am 30. August 2021).
5.11 Insgesamt ist festzustellen, dass nach einer Abwägung aller Ele-
mente, welche für oder gegen die Glaubhaftigkeit der Vorbringen der Be-
schwerdeführerin sprechen, das Gericht zum Schluss kommt, dass insge-
samt die positiven Elemente überwiegen. Einige der Aussagen bleiben
zwar mit Zweifeln behaftet, im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist jedoch
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Be-
schwerdeführerin im Militärspital, wie von ihr dargestellt, gefoltert wurde.
6.
Im Folgenden bleibt zu prüfen, ob die als überwiegend glaubhaft befunde-
nen Vorbringen, namentlich die Folter und Misshandlungen im Militärspital,
flüchtlingsrechtlich relevant im Sinne des Asylgesetzes sind.
6.1 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürch-
ten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive
durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zu-
gefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl.
BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37).
Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage
nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begrün-
deten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylent-
scheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Verfol-
gungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation
im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zu-
gunsten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berück-
sichtigen (vgl. zum Ganzen BVGE 2011/51 E. 6.1, 2011/50 E. 3.1.1 und
3.1.2, jeweils m.w.H.).
6.2 Die Beschwerdeführerin hat mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
glaubhaft gemacht, dass sie in einem Militärspital gefoltert und misshandelt
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Seite 20
wurde, anstatt dass ihre Verbrennungen ordentlich behandelt worden wä-
ren. Ihr wurden somit von staatlichen Organen erhebliche Nachteile im
Sinne des Art. 3 AsylG zugefügt. Ein sachlicher und zeitlicher Kausalzu-
sammenhang zwischen der erlittenen Verfolgung und der Flucht ist gege-
ben, da sie einige Monate danach Syrien verlassen hat. Die erlittenen Be-
nachteiligungen weisen ausserdem ein asylrelevantes Motiv auf. Die Über-
griffe waren politisch motiviert und hatten im Sinne einer Reflexverfolgung
zum Zweck, Informationen über den Bruder der Beschwerdeführerin sowie
Informationen über Demonstrationsteilnehmer und die Organisatoren der
Demonstrationen im Dorf zu erhalten. Eine innerstaatliche Fluchtalterna-
tive kann vorliegend im syrischen Kontext verneint werden. Demnach ist
davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt ihrer Aus-
reise einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt war.
6.3 Praxisgemäss besteht die Regelvermutung, dass von erlittener, mit der
Ausreise in Kausalzusammenhang stehender Vorverfolgung ohne weiteres
auf das Bestehen einer begründeten Furcht vor weiterer, zukünftiger Ver-
folgung zu schliessen ist (vgl. BVGE 2009/51 E. 4.2.5 m.w.H.). Vorliegend
besteht kein Grund, von dieser Regelvermutung abzuweichen, zumal sich
die Situation im Heimatland der Beschwerdeführerin und insbesondere
auch in (...) seit ihrer Ausreise nicht in einem entscheidrelevanten Aus-
mass verändert respektive verbessert hat.
6.4 Zusammenfassend erfüllt die Beschwerdeführerin die Voraussetzun-
gen der Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG. Aus den Akten ergeben
sich keine Anhaltspunkte für eine Asylunwürdigkeit im Sinne von Art. 53
AsylG. Der Beschwerdeführerin ist somit Asyl zu gewähren.
7.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen und die angefochtene Verfü-
gung vom 19. Juni 2020 ist aufzuheben. Die Beschwerdeführerin ist ge-
stützt auf Art. 3 AsylG als Flüchtling anzuerkennen und das SEM ist anzu-
weisen, ihr Asyl zu gewähren.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit wird die mit Zwischenverfügung vom
27. Juli 2020 gewährte unentgeltliche Prozessführung nachträglich gegen-
standslos.
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Seite 21
8.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist in Anwendung von Art. 64
VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE,
SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr notwendigerweise erwach-
senen Parteikosten zuzusprechen.
Die Kostennote vom 13. Juli 2021 weist einen Aufwand von 3.5 Stunden
bei einem Stundenansatz von Fr. 200.– (ohne Mehrwertsteuer) sowie eine
Auslagenpauschale von Fr. 50.– auf. Der verlangte Stundenansatz von
Fr. 200.– ist reglementskonform (vgl. Art. 10 VGKE). Die angeführte Ausla-
genpauschale ist praxisgemäss nicht zu vergüten; das Gericht erachtet
Auslagen in Höhe von Fr. 20.– als angemessen. Die von der Vorinstanz
auszurichtende Parteientschädigung ist demnach insgesamt auf Fr. 720.–
(inkl. Auslagen) festzusetzen.
8.3 Der Anspruch auf amtliches Honorar der als amtliche Rechtsbeiständin
im Sinne von Art. 102m AsylG eingesetzten Rechtsvertreterin wird damit
gegenstandslos.
(Dispositiv nächste Seite)
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