Decision ID: 59e74bf5-9b7d-43ae-af10-4b3a09a84ae1
Year: 2013
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Das Eidgenössische Finanzdepartement EFD (nachfolgend "EFD") erliess am
14. Dezember 2012 gegen A. einen Strafbescheid gemäss Art. 62 ff. des Bun-
desgesetzes über das Verwaltungsstrafrecht (VStrR; SR 313.0). A. wurde der
Widerhandlung gegen Art. 41 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Börsen
und den Effektenhandel (Börsengesetz, BEHG; SR 954.1) schuldig gesprochen
und zu einer Busse von Fr. 4'500.-- sowie zur Bezahlung der Verfahrenskosten
von Fr. 3'040.-- verurteilt (cl. 1 pag. 103-001 ff.).
B. Gegen diesen Strafbescheid liess A. durch seine Rechtsvertreter am 30. Januar
2013 Einsprache erheben (cl. 1 pag. 104-001 ff.). Das EFD trat auf diese Ein-
sprache mit Verfügung vom 14. Februar 2013 nicht ein, mit der Begründung,
diese sei verspätet erfolgt (cl. 1 pag. 102-001 ff.).
C. Mit Eingabe vom 28. Februar 2013 stellte A. ein "Begehren um gerichtliche Be-
urteilung durch das Bundesstrafgericht" und beantragte im Wesentlichen die
Aufhebung der Nichteintretensverfügung des EFD vom 14. Februar 2013 sowie
die Rückweisung der Sache an das EFD zur materiellen Beurteilung im Ein-
spracheverfahren (cl. 1 pag. 101-002 ff.).
D. Mit Schreiben vom 7. März 2013 überwies der Rechtsdienst EFD die Verfah-
rensakten "gestützt auf Art. 50 Abs. 2 des Bundesgesetzes vom 22. Juni 2007
über die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finanzmarktaufsichtsgesetz,
FINMAG; SR 956.1)" der Bundesanwaltschaft zuhanden des Bundesstrafge-
richts (cl. 1 pag. 100-001). Mit Schreiben vom 19. März 2013 leitete die Bun-
desanwaltschaft die Akten dem hiesigen Gericht ebenfalls gestützt auf Art. 50
Abs. 2 FINMAG weiter, wo diese am 20. März 2013 eingingen (cl. 1 pag. 100-
001 ff.).
E. Am 21. März 2013 wies der Präsident der Strafkammer des Bundesstrafgerichts
die Sache dem Einzelrichter der Strafkammer zu (cl. 1 pag. 160-001).
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Der Einzelrichter erwägt:
1. Gemäss Art. 50 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 lit. e des Bundesgesetzes über die
Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finanzmarktaufsichtsgesetz, FINMAG;
SR 956.1) ist für Widerhandlungen gegen Strafbestimmungen des Bundesge-
setzes über die Börsen und den Effektenhandel (Börsengesetz, BEHG;
SR 954.1) – welche durch das EFD zu verfolgen und zu beurteilen sind – das
Bundesgesetz über das Verwaltungsstrafrecht (VStrR; SR 313.0) anwendbar,
soweit das FINMAG oder das Börsengesetz nichts anderes bestimmen.
Art. 50 Abs. 2 FINMAG bestimmt (in Abweichung von Art. 73 Abs. 1 VStrR),
dass Widerhandlungen gegen das Börsengesetz der Bundesgerichtsbarkeit un-
terstehen, falls die im Verwaltungsverfahren beschuldigte Person die gerichtli-
che Beurteilung verlangt oder das EFD die Voraussetzungen für eine Freiheits-
strafe oder eine freiheitsentziehende Massnahme für gegeben hält. Das EFD
hat hiernach die Akten der Bundesanwaltschaft zuhanden des Bundesstrafge-
richts zu überweisen, wobei die Überweisung als Anklage gilt.
In Bezug auf das gerichtliche Verfahren verweist das FINMAG auf die sinnge-
mässe Anwendung der Art. 73 – 83 VStrR (Art. 50 Abs. 2 FINMAG). Das VStrR
weist seinerseits auf die ergänzende Anwendung der Eidgenössischen Straf-
prozessordnung (StPO; SR 312.0) weiter (Art. 82 VStrR). Da die Überweisung
der Akten wie erwähnt als Anklage zu gelten hat, hat das Gericht – das VStrR
kennt diesbezüglich keine Vorschriften – die Akten bzw. die Anklage analog Art.
329 StPO zu prüfen und aufgrund dieser Prüfung die weiteren Anordnungen zu
treffen bzw. Verfügungen zu erlassen (namentlich Sistierung bzw. Einstellung
des Verfahrens).
2. Die gerichtliche Beurteilung durch das Bundesstrafgericht kann verlangen, wer
von einer Straf- oder Einziehungsverfügung betroffen ist (Art. 72 Abs. 1 VStrR).
Eine solche kann erst nach durchgeführtem Einspracheverfahren gegen den
Strafbescheid ergehen (Art. 67 ff. VStrR). Das Begehren um gerichtliche Beur-
teilung ist sodann binnen zehn Tagen seit Eröffnung der Verfügung schriftlich
bei der verfügenden Verwaltung einzureichen (Art. 72 Abs. 1 und 2 VStrR). Es
bedarf keiner Begründung (SCHWOB, Schweizerische Juristische Kartothek
[SJK], Nr. 1290, S. 2 f.). Beim Begehren um gerichtliche Beurteilung handelt
sich nicht um ein Rechtsmittel; es bewirkt lediglich, dass das gerichtliche Ver-
fahren eingeleitet wird, in welchem dann über die Vorwürfe, die den Gegen-
stand der Straf- oder Einziehungsverfügung bilden, entschieden wird
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(EICKER/FRANK/ACHERMANN, Verwaltungsstrafrecht und Verwaltungsstrafverfah-
rensrecht, Bern 2012, S. 262).
Ausnahmsweise kann gemäss Art. 71 VStrR das Einspracheverfahren über-
sprungen und die Einsprache als Begehren um gerichtliche Beurteilung behan-
delt werden, wenn der Einsprecher dies ausdrücklich beantragt oder dieser die-
sem Vorgehen auf Vorschlag der Verwaltung hin zustimmt. Der Verzicht auf ein
Einspracheverfahren erscheint dann sinnvoll, wenn der Einsprecher seinen Fall
ohnehin dem Gericht zur Überprüfung vorlegen will und das
Einspracheverfahren als reine Formalität erscheint, das zu einer nutzlosen Ver-
längerung des Verfahrens führen würde (vgl. HAURI, Verwaltungsstrafrecht
[VStrR], Motive – Doktrin – Rechtsprechung, Bern 1998, Art. 71 Bem. 1; Bot-
schaft zum VStrR, BBl 1971, S. 1003). Die Entscheidung über das Auslassen
des Einspracheverfahrens steht auf jeden Fall der Verwaltung zu und bedarf
der gegenseitigen Übereinkunft (vgl. Art. 71 VStrR).
3.
3.1 Vorliegend hat sich der Beschuldigte ausdrücklich gegen ein Überspringen des
Einspracheverfahrens ausgesprochen (cl. 1 pag. 101-004 Ziff. 7). Art. 71 VStrR
kommt somit nicht zur Anwendung. Zudem liegt auch keine Straf- oder Einzie-
hungsverfügung nach Art. 72 Abs. 1 VStrR vor, hinsichtlich welcher eine ge-
richtliche Beurteilung verlangt werden könnte. Das Begehren um gerichtliche
Beurteilung erfolgte vielmehr als Reaktion gegen eine auf Art. 67 Abs. 2 VStrR
gestützte Nichteintretensverfügung wegen verspäteter Einsprache. Entspre-
chend stellt sich die Frage, ob die gerichtliche Beurteilung auch bei einer
Nichteintretensverfügung bezüglich einer Einsprache gegen den Strafbescheid
gemäss Art. 67 Abs. 1 VStrR verlangt werden kann, und nicht nur bei einer
Strafverfügung gemäss Art. 72 Abs. 1 VStrR, also erst nach Durchführung des
Einspracheverfahrens.
3.2 In den Materialien zum VStrR finden sich keinerlei Hinweise für die Interpretati-
on des Gesetzestextes. Auch die bundesgerichtliche Rechtsprechung hat sich
hierüber nicht geäussert. In der Literatur wird indes vereinzelt die Ansicht ver-
treten, dass eine strenge Orientierung am Gesetzestext nicht ganz befriedigen
könne. Entgegen dem klaren Gesetzeswortlaut müsse auch in Bezug auf einen
Nichteintretensentscheid die gerichtliche Beurteilung verlangt werden können
(PETER, Erste Erfahrungen mit dem Bundesgesetz über das Verwaltungsstraf-
recht, ZStrR, Bd. 93, 1977, S. 353 ff., 371; SCHWOB, a.a.O., S. 3; im Wesentli-
chen zustimmend EICKER/FRANK/ACHERMANN, a.a.O., S. 263 f.). Die in der Lite-
ratur vorgebrachten Argumente gehen dahin, dass die Frage, ob Fristvorschrif-
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ten eingehalten wurden dem Rechtsunkundigen oftmals grosse Mühe bereite,
dem Richter dagegen vertraut sei. Da der Betroffene vor allem bei Verwal-
tungsstrafsachen nicht ohne Weiteres einen Rechtsanwalt beiziehe, erscheine
es angebracht, ihm die Möglichkeit zu geben, direkt mit einem formlosen Be-
gehren um gerichtliche Beurteilung die strittigen Fristfragen dem Richter zu un-
terbreiten. Würde man ihn hingegen auf die Beschwerde nach Art. 27 f. VStrR
verweisen (vgl. hiezu infra), wäre er mit weiteren, komplexeren Form- und Frist-
vorschriften konfrontiert (vgl. Art. 28 Abs. 3 VStrR), womit ihm letztlich wenig
gedient sei. Ein solches Vorgehen würde auch dem Streben des Gesetzgebers
nach vereinfachtem Zugang zur richterlichen Kontrolle entgegenlaufen (zum
Ganzen SCHWOB, a.a.O., S. 371; zustimmend EICKER/FRANK/ACHERMANN,
a.a.O., S. 263 f.). Diese Argumente vermögen indes nicht zu überzeugen. Nur
schon mit Blick auf die Rechtssicherheit kann es nicht angehen, dass je nach
Rechtskenntnis des vom Entscheid der Verwaltung Betroffenen ein anderer
Rechtsweg eingeschlagen werden kann bzw. muss. Für die Sicherstellung der
Rechte des Betroffenen – auch des Laien – ist insbesondere eine zutreffende