Decision ID: fe875b96-097a-4ee3-9731-245df80b9ebf
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
meldete sich am 28. November 2007
bei der Sozialversiche
rungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungsbezug an (
Urk.
9/4). Diese tätigte darauf erwerbliche und medizinische Abklärungen (vgl.
Urk.
9/6 ff.).
Am 1
2.
Mai 2014 erliess
die IV-Stelle
einen Vorbescheid (Urk.
9/83).
Mit Verfügung vom 29. Juli 2014 sprach sie
dem Versicherten
von November 2007 bis Ende Dezember 2013 eine ganze Invalidenrente zu (vgl.
Urk.
9/9/90 und 9/93).
2.
M
it Eingabe vom 1
2.
September 2014
liess
X._
Beschwerde erhe
ben (
Urk.
1). Sein Rechtsvertreter beantragte im Wesentlichen, es sei die Nichtigkeit der Verfügung
vom 29. Juli 2014
festzustellen. Eventualiter sei
die Verfügung
aufzuheben und
es sei
dem Beschwerdeführer
bis auf
W
eiteres
eine ganze Invalidenrente zuzusprechen.
Subeventualiter
sei vor der Festsetzung der Rentenleistung eine Begutachtung vorzunehmen. Alles unter Kosten- und
Ent
schädigungsfolgen
zu Lasten der
Beschwerdegegnerin
(
Urk.
1 S. 1 f.). Ferner ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Bestel
lung als unentgeltlicher Re
chtsbeistand (
Urk.
1 S.
2).
Am 14. Oktober 2014 reichte er Unterlagen bezüglich der finanziellen Verhältnisse des Beschwerde
führers ein (vgl.
Urk.
6 und 7/1-7). Die Gegenpartei schloss am 14. Oktober 2014 auf Abweisung der Beschwerde
(
Urk.
8)
.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Die Verfügung vom 29. Juli 2014 wurde während des vom 15. Juli bis zum 15. August 2014 dauernden Fristenstillstandes erlassen (
vgl.
§
13
Abs.
1 und 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht [
GSVGer
] in Verbindung mit Art. 1
Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG] in Ver
bindung mit Art. 38
Abs.
4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG]
). Die Rechtsmittelfrist konnte daher
frühes
tens am 16.
August 2014 zu laufen beginnen
, selbst wenn die Verfügung
zuvor
eröffnet worden sein sollte
(vgl. BGE 131 V 305 E
.
4.2.3).
1.2
Am 4. September 2014 reichte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers bei der Beschwerdegegnerin seine Vollmacht vom 7. Juli 2014 ein (vgl.
Urk.
9/98 und 9/99). Es wurden ihm daraufhin die gesamten Akten zur Einsichtnahme zu
gestellt (
Urk.
9/100). Mit denselben erhielt er am 10. September 2014 auch
die
Verfügung vom 29. Juli 2014
zur
Kenntnis
(
Urk.
1 S. 2).
Er erhob
dagegen
mit Eingabe vom 12. September 201
4 (Datum Poststempel;
Urk.
1 S.
1) Beschwerde
. Diese
wurde innert der 30tä
gigen Rechtsmittelfrist und damit rechtzeitig einge
reicht
(vgl.
§
13
Abs.
1 und 3
GSVGer
in Verbindung mit
Art.
1
Abs.
1 IVG in Verbindung mit
Art.
38
Abs.
1
und 4
,
Art.
39
Abs.
1
und
Art.
60
ATSG
)
.
Es ist folglich darauf einzutreten.
2.
2.1
Fehlerhafte Verwaltungsakte sind in der Regel nicht nichtig, sondern nur anfecht
bar. Nichtigkeit,
das heisst
absolute Unwirksamkeit einer Verfügung wird nur angenommen, wenn sie mit einem tiefgreifenden und wesentlichen Mangel behaftet ist, wenn dieser schwerwiegende Mangel offensichtlich oder zumindest leicht erkennbar ist und wenn zudem die Rechtssicherheit durch die Annahme der Nichtigkeit nicht ernsthaft gefährdet wird. Inhaltliche Mängel haben nur in seltenen Ausnahmefällen die Nichtigkeit einer Verfügung zur Folge; erforderlich ist hierzu ein ausserordentlich schwerwiegender Mangel. Als Nichtigkeitsgründe fallen hauptsächlich funktionelle und sachliche Unzustän
digkeit einer Behörde sowie schwerwiegende Verfah
rensfehler in Betracht (wie zum Beispiel
der Umstand, dass der Betroffene keine Gelegenheit hatte, am Verfahren teilzunehmen). Fehlt einer Verfügung in diesem Sinne jegliche Rechtsverbindlichkeit, so ist das durch jede Behörde, die mit der Sache befasst ist, jederzeit und von Amtes wegen zu beachten
(BGE 137 I 273 E. 3.1).
2.2
Die Beschwerdegegnerin hat dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers am 1
0.
September 2014 mit der Zusendung der Akten auch die Verfügung vom 29. Juli 2014 zur Kenntnis gebracht (
Urk.
1 S. 2 und 9/100). Eine mangelhafte Eröffnung, welche
die
Nichtigkeit
der Verfügung
nach sich zu ziehen ver
möchte,
ist der Beschwerdegegnerin somit nicht vorzuwerfen
.
Die geltend gemachte
Nichtigkeit liess
e
sich auch nicht damit begründen, dass der Vorbe
scheid vor dem Erlass der Rentenverfügung nicht ordnungsgemäss zugestellt worden
sei
. Ein entsprechender Mangel würde lediglich im Rahmen eines Beschwerdeverfahrens zur Aufhebung der Verfügung führen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_577/2008 vom 7. November 2008 E. 4.6 mit zahlreichen Hinweisen)
. Darüber hinaus wird
weder etwas vorgebracht noch ist etwas ersichtlich
, weswegen die Verfügung vom 29. Juli 2014 als nichtig zu qualifi
zieren wäre.
3.
3.1
Es bleibt zu prüfen, ob die Verfügung vom 29. Juli 2014
an einem Mangel leidet, weswegen sie
aufzuheben
oder abzuändern ist.
3.2
Der Beschwerdeführer macht geltend, er habe
den Vorbescheid vom 12. Mai 2014
bis zum 10. September 2014 weder direkt noch über einen erbetenen Ver
treter erhalten (
Urk.
1 S. 1 und 2).
3.3
Es ist unbestritten und geht aus den Akten hervor, dass die vom Beschwerdefüh
rer am 5. März 2008 erteilte Vollmacht an
Dr.
phil. et
lic
.
iur
.
Y._
und
Z._
bereits
vor
längerer Zeit widerrufen worden war, als die Beschwerdegegnerin den Vorbescheid vom 1
2.
Mai 2014 an diese versandte (vgl.
Urk.
8 S. 1 und 9/57).
Nach dessen Erhalt wies
Y._
die
Beschwerde
gegnerin
t
elefonisch und mit E-Mail vom 19. Mai 2014 darauf hin, dass das Mandat schon vor langer Zeit beendet worden sei
,
und ersuchte um Zustellung des Vorbescheides direkt an den Beschwerdeführer
(
Urk.
9/86)
.
Die
Beschwerde
gegnerin
sandte daraufhin den Vorbescheid mit normaler Post an
die
aktuelle schweizerische Wohnadresse des
Beschwerdeführer
s
(vgl.
Urk.
8 S. 1,
9/68,
9/83 und 9/84).
Zu Recht wird nicht geltend gemacht, der Beschwerdeführer habe der Beschwerdegegnerin mitgeteilt, dass er
inzwischen
nur noch
in Deutschland wohnhaft se
i (vgl. Urk.
1, insbesondere S. 3
Rz
. 5).
3.4
Nach der Rechtsprechung ist es Sache der Verwaltung, den Be
weis zu erbringen, dass und gegebenenfalls in welchem Zeit
punkt ihre Verfügung der angeschrie
benen Person zugestellt worden ist; da
gegen hat die
beschwerdeführende
Per
son den Nachweis für die rechtzei
tige Einreichung ihrer Beschwerde zu leisten (BGE 103 V 63 E. 2a, 99
Ib
356 E. 2; ZAK 1987, 50, E. 3). Weil der
So
zialversi
cherungsprozess
von der Untersuchungsmaxime be
herrscht wird, handelt es sich dabei nicht um die subjektiv
e Beweisführungslast (
Art.
8 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches; ZGB
), sondern in der Regel nur um die sog. objektive Beweislast in dem Sinne, dass im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zuun
gunsten jener Partei aus
fällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte (BGE 115 V 111 E.
bb
mit Hinweisen).
Wählt der Versicherungsträger den Versand mit gewöhnlicher Post, so kann er auf postalischem Weg den Nachweis nicht erbringen, dass und wann eine Ver
fügung der angeschriebenen Person ordnungsgemäss zu
gestellt worden ist. In diesem Fall obliegt es ihm, die Zu
stellung mit anderen Mitteln zu beweisen beziehungsweise mindestens glaubhaft zu machen (BGE 99
Ib
356 f.; ARV 1977 Nr. 35).
Die Beschwerdegegnerin bringt lediglich vor, dass sie den Vorbescheid
an die Adresse in
A._
gesandt habe, wo der Beschwerdeführer nach wie vor als wohnhaft gemeldet sei. An dieselbe
Adresse
habe sie
zuvor
auch eine Einla
dung zu einem Gespräch vom 3. April 2014 gesandt, zu
d
em der Beschwerde
führer erschienen sei (
Urk.
1 S. 1 und 2
; vgl.
Urk.
9/70, 9/77 und 9/79
).
Mit diesen Ausführungen allein gelingt es der Beschwerde
gegnerin
nicht, die Zustellung glaubhaft zu machen.
Insbesondere ist ein Fehler bei der Postzustel
lung nicht auszuschliessen. Es ist folglich nicht hin
reich
end bewiesen, dass der Beschwerdeführer den Vorbescheid vom 1
2.
Mai 2014 tatsächlich empfangen hat.
3.5
Gemäss
Art.
57a
Abs.
1 IVG hat die IV-Stelle der versicherten Person den vorgese
henen Endentscheid über ein Leistungsbegehren mitte
ls Vorbescheid mitzuteilen, wobei
d
ie versicherte Person Anspruch auf rechtliches Gehör im Sinne von Artikel 42 ATSG
hat
.
Im
Vorbescheidverfahren
können die Parteien innerhalb einer Frist von 30 Tagen Einwände z
um Vorbescheid vorbringen (Art.
73
ter
Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV[).
I
ndem
die Beschwerdegegnerin
die
Verfügung vom 2
9.
Juli 2014
erlassen hat
, ohne dem Beschwerdeführer vor
gängig einen Vorbescheid zuzustellen und das rechtliche Gehör zu gewähren
, hat sie die erwähnten Vorschriften in schwer
wiegender Weise verletzt
.
Das Recht, angehört zu werden, ist formeller Natur. Dies bedeutet, dass die Verletzung des rechtlichen Gehörs ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sache selbst zur Aufhebung der ange
fochtenen Verfügung führt. Es kommt mit anderen Worten nicht darauf an, ob die Anhörung im konkreten Fall für den Inhalt des Entscheids von Bedeutung ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_577/2008 vom
7.
November 2008 E. 4.6 mit zahlreichen Hinweisen).
Die Beschwerde ist in diesem Sinne gutzuheissen und die Sache ist zur Durc
hführung eines rechtskonformen
Vorbescheidve
rfah
rens
und zu neuem Entscheid an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Bei diesem Ausgang ist d
er Antrag
auf
Sistierung des Beschw
er
dever
fahrens bis zur Einreichung eines detaillierten ärztlichen Berichtes
(
Urk.
1 S.
3 f.) gegenstands
los.
4.
4.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem
Verfahrens
aufwand
und unabhäng
ig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis 1‘000.-- festzulegen
(
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG)
und
auf
Fr. 3
00.--
fest
zusetzen.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der unterliegenden
Beschwerde
gegnerin
aufzuerlegen.
4
.2
Überdies
hat
der vertretene Beschwerdeführer
Anspruch auf eine Prozess
-
entschä
digung
. Diese wird ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeu
tung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsie
gens bemessen (
§ 34 Abs.
3
GSVGer
). Angesichts der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses erscheint eine Prozessentschädigung von Fr. 1‘
200.--
(inklusive Barauslagen und 8 % Mehrwertsteuer) als angemessen, weshalb die Beschwerdegegnerin zu verpflichten ist, eine solche zu bezahlen.
4.3
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltliche Prozessführung und Bestellung eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes
(
Urk.
1 S. 2 und 4)
ist somit gegen
standslos
.