Decision ID: aa783e0d-0593-4cd4-8112-f13d6f26a714
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._, geboren in B._, Schweizer Staatsangehöriger, meldete sich am 9. August
2018 zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er gab an, er
sei gelernter C._ und habe zuletzt im Bereich der D._ gearbeitet (IV-act. 1 und 21).
Am ._ Juli 2016 sei er in die Schweiz eingereist (IV-act. 1). Gemäss dem Auszug aus
dem individuellen Beitragskonto der Alters- und Hinterlassenenversicherung (IK-
Auszug) vom 30. Oktober 2019 hat er seit August 2016 Beiträge als
Nichterwerbstätiger geleistet (IV-act. 59).
A.a.
Dem mit der Anmeldung eingereichten Arztbericht vom 18. August 2018 von Dr.
med. E._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, sind die folgenden Diagnosen
zu entnehmen: Kombinierte Persönlichkeitsstörung bei vermeidendem Einzelgängertum
(F61.0), Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung (Z73.4) mit stressbedingten
Hautsymptomen (F54.0), soziale und spezifische Angststörungen (F41.8) nach
traumatischer Kindheitserfahrung mit Störung des Sozialverhaltens (F 91.2),
Computerspielabhängigkeit (F63.8), Störung durch Cannabis, chronischer
Substanzgebrauch (F12.24), sowie Status nach multiplem Substanzgebrauch (F19.0;
IV-act. 3-1). Dr. E._ gab weiter an, der Versicherte führe eine zurückgezogene, teils
isolierte Lebensweise, vor dem Hintergrund eines sozialen Vermeidungsverhaltens in
Situationen, die er nicht kontrollieren könne. Nur selten verlasse er die Wohnung. Als
Kind hätte er Verlust- und Existenzängste sowie ein Vermeidungs- und Fluchtverhalten
entwickelt. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis habe er bei Versuchen mit
diversen Drogen und anhaltendem Cannabiskonsum ein zurückgezogenes Leben mit
Gelegenheitsarbeiten geführt. Zuletzt habe er auf einem Grundstück eines Freundes als
Selbstversorger mit minimalen Kosten für Miete und Lebensunterhalt gelebt. Nach der
A.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Trennung von seiner Freundin sei er in die Schweiz in die Nähe eines alten Freundes
gezogen (IV-act. 3).
Um das Dossier zu vervollständigen versuchten die IV-Stelle (IV-act. 19 und 17)
und der RAD-Arzt (IV-act. 18-2) erfolglos beim behandelnden Psychiater weitere
Berichte und Angaben einzuholen. Der RAD-Arzt Dr. med. F._, Facharzt für
Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, hielt in der E-Mail vom 14. März 2019 an
den Sozialdienst fest, dass ausser dem einseitigen psychiatrischen Bericht kaum
Angaben zur medizinischen Vorgeschichte bestehen würden. Der behandelnde
Psychiater gehe in seinem Bericht vorderhand nachvollziehbar von einer
schwerwiegenden seelischen Störung aus. Versicherungsmedizinisch sei ein
psychiatrisches Gutachten vorzusehen, für welches eine detaillierte Dokumentation der
in die Jugend reichenden Vorgeschichte hilfreich wäre. Er bat den Sozialdienst, der IV-
Stelle weitere Angaben zur bisherigen psychiatrischen Behandlung und einen kurzen
Lebenslauf des Versicherten zukommen zu lassen (IV-act. 20).
A.c.
Aus dem vom Versicherten verfassten Lebenslauf (gemäss Aktenverzeichnis am 8.
April 2019 bei der Beschwerdegegnerin eingelesen) geht hervor, dass er nach seiner
Einschulung in verschiedenen Heimen in B._ und kurz bei den Grosseltern gelebt
habe. Er habe sich als Jugendlicher respektive junger Erwachsener unterschiedlich
lange in verschiedenen Justizvollzuganstalten aufgehalten und während des _-jährigen
Aufenthaltes in der Justizvollzuganstalt G._ eine C._-lehre abgeschlossen. Danach
habe er zwischen 19_ und 19_ bei der L._ in der D._ gearbeitet. Zwischen 20_
und 20_ habe er als Selbstversorger auf dem Grundstück eines Freundes gelebt und
als Allrounder zeitweise Gelegenheitsarbeiten geleistet, um ein wenig Geld zu
verdienen (IV-act. 21-1, 23 - 27).
A.d.
Die IV-Stelle erteilte PD Dr. med. H._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, am 24. April 2019 den Auftrag (vgl. entsprechende RAD-
Stellungnahme vom 15. April 2019, IV-act. 29) für die Erstellung eines psychiatrischen
und neuropsychologischen Gutachtens (IV-act. 31).
A.e.
Die Einladung zum Begutachtungstermin vom 3. Juli 2019 wurde am 7. Juni 2019
an den Versicherten geschickt (IV-act. 38). Der Sozialdienst teilte der IV-Stelle am
A.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
20. Juni 2019 mit, dass der Versicherte seit ungefähr dem 29. Mai 2019 im
Kantonsspital St. Gallen hospitalisiert gewesen und am 18. Juni 2019 in die Rehaklinik
I._ verlegt worden sei. Aufgrund seines Gesundheitszustandes sei er nicht in der
Lage, seinen Mitwirkungsplichten nachzukommen (IV-act. 39). Daraufhin sistierte die
IV-Stelle den Gutachtensauftrag am 21. Juni 2019 (IV-act. 41) und stornierte diesen
schliesslich am 31. Oktober 2019 (IV-act. 60).
Mit Stellungnahme vom 22. Oktober 2019 würdigte der RAD-Arzt Dr. F._ die
eingereichten Arztberichte des Kantonsspitals St. Gallen (IV-act. 51), des Spitals J._
(IV-act. 52) und der Rehaklinik I._ (IV-act. 54). Der Versicherte habe im
Zusammenhang mit einer Erkrankung der Herzkranzgefässe ein Kammerflimmern
(funktionell einem Herzstillstand vergleichbar) erlitten, wodurch es als unmittelbare
Folge zu einem hypoxischen Hirnschaden sowie zu weiteren Folgekomplikationen
gekommen sei. Eine Arbeitsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt oder auch nur ein
Eingliederungspotential im geschützten Rahmen sei bis im Frühjahr/Sommer 2020 mit
an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zu erwarten und darüber hinaus eher
unwahrscheinlich. Er kam zum Schluss, dass eine versicherungsmedizinisch indizierte
psychiatrische und neuropsychologische Abklärung aktuell weder zweckmässig noch
für eine versicherungsmedizinische Festlegung erforderlich sei und empfahl eine rasche
Rentenprüfung (IV-act. 55).
A.g.
Mit Schreiben vom 23. Oktober 2019 wies die IV-Stelle das Begehren um
berufliche Massnahmen infolge des Gesundheitszustandes des Versicherten ab (IV-act.
58).
A.h.
Aus der von der IV-Stelle eingeholten Bescheinigung des Versicherungsverlaufs in
B._ vom 4. März 2020 geht hervor, dass der Versicherte eine
Gesamtversicherungszeit von 104 Monaten aufweist (act. 67). Gemäss telefonischer
Auskunft der schweizerischen Ausgleichskasse an die Rentensachbearbeitung würden
Angaben betreffend Schule und Studium fehlen, weshalb die Bescheinigung als "Fiktiv"
gekennzeichnet worden sei, da das Konto noch nicht habe geklärt werden können (IV-
act. 66).
A.i.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit Beschluss der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Z._ vom 10. März
2020 wurde W._ zum Beistand des Versicherten ernannt und diesem die Vertretung
bei administrativen und finanziellen Angelegenheiten übertragen (IV-act. 86).
A.j.
Am 20. März 2020 hielt der RAD-Arzt fest, dass der Beginn der Arbeitsunfähigkeit
spätestens ab Mai 2019 mit Sicherheit belegt sei. Für die Zeit davor lägen nur die
knappen Angaben von Dr. E._ vor. Seine Angaben würden zwar eine
Arbeitsunfähigkeit vor August 2018 nahelegen, ob diese Angaben die für die
Rechtsanwendung notwendige Aussagetiefe und Aussagesicherheit aufwiesen, müsse
normativ entschieden werden (IV-act. 73-2).
A.k.
Am 12. Mai 2020 nahm der RAD-Arzt zur folgenden Frage der IV-Sachbearbeiterin
Stellung: "Ist der Versicherte mit überwiegender Wahrscheinlichkeit bereits mit einem
Gesundheitsschaden, welcher eine volle Erwerbsunfähigkeit begründete, im Juli 2016
in die Schweiz eingereist?". Der RAD-Arzt kam zum Schluss, dass eine Antwort
aufgrund der knappen Aktenlage nur abstrakt möglich sei. Der behandelnde Psychiater
habe in seinem Bericht vom 18. August 2018 ein schweres in der Jugend beginnendes
seelisches Störungsbild beschrieben. Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit sei von
einer langjährigen durch einen psychischen Gesundheitsschaden bedingten und ganz
erheblichen Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit auszugehen (IV-act. 82).
A.l.
Mit Vorbescheid vom 15. Mai 2020 stellte die IV-Stelle die Abweisung des
Rentenantrages in Aussicht. Diese begründete sie damit, dass der Versicherte im Juli
2016 bereits mit einem Gesundheitsschaden in die Schweiz eingereist sei, welcher
überwiegend wahrscheinlich eine volle Erwerbsunfähigkeit begründet habe (IV-act. 88).
A.m.
Am 29. Juni 2020 erhob der Beistand für den Versicherten Einwand gegen den
Vorbescheid. Aufgrund der Akten sei nicht belegt, dass eine volle IV-Rente ab
Zeitpunkt der Einreise in die Schweiz gegeben sei. Es könne höchstens und vermutlich
von einer Teilinvalidität ausgegangen werden (IV-act. 97).
A.n.
Mit Verfügung vom 17. August 2020 wies die IV-Stelle das Rentengesuch wie
angekündigt ab. Zum Einwand hielt sie fest, dass der RAD-Arzt in seiner
Stellungnahme vom 12. Mai 2020 gestützt auf die Akten davon ausgehe, dass der
Versicherte mit überwiegender Wahrscheinlichkeit im Jahr 2016 mit einem eine volle
A.o.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
oder eine höhergradige Erwerbsunfähigkeit begründenden Gesundheitsschaden
eingereist sei. Aufgrund des gegenwärtigen Gesundheitszustandes des Versicherten
könne die Frage des Gesundheitszustandes bei Einreise in die Schweiz weder mit
einem medizinischen Gutachten noch anderweitig mit Sicherheit abgeklärt werden. Da
der Versicherte aus dem angeblich unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte
ableiten möchte, trage er die Folgen der Beweislosigkeit (IV-act. 113).
Gegen diese Verfügung richtet sich die vom Beistand für den Versicherten (nach
folgend: Beschwerdeführer) am 11. September 2020 erhobene Beschwerde. Er lässt
beantragen, die angefochtene Verfügung sei unter Kosten- und Entschädigungsfolge
und unter Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege aufzuheben und es seien die
ihm zustehenden Leistungen aus der Invalidenversicherung auszurichten. Zur
Begründung bringt er vor, an der RAD-Beurteilung vom 12. Mai 2020 bestünden
erhebliche Zweifel betreffend Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit. Aufgrund der
Aktenlage sei davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer erst seit dem Herzinfarkt
im Mai 2019 mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zu 100 % arbeitsunfähig sei. Im
Zeitpunkt der Einreise in die Schweiz könne nicht mit Sicherheit von einer vollen
Erwerbsunfähigkeit ausgegangen werden. Die Behandlung bei Dr. E._ sei
aktenkundig erst im Januar 2017 aufgenommen worden, was eindeutig gegen eine
volle Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit im Juli 2016 spreche. Zudem habe die
Beschwerdegegnerin den ihr obliegenden Untersuchungsgrundsatz nicht beachtet und
zu Unrecht die Beweislast auf den Beschwerdeführer überwälzt (act. G 1).
B.a.
Mit Schreiben vom 16. September 2020 fordert das hiesige Gericht den Beistand
auf, eine Prozessvollmacht des Beschwerdeführers oder die Zustimmung der
zuständigen Erwachsenenschutzbehörde einzureichen (act. G 2). Am 30. September
2020 geht beim hiesigen Gericht das Dispositiv des Entscheides der Kindes- und
Erwachsenenschutzbehörde Region St. Gallen vom 29. September 2020 ein, in
welchem dem Beistand für das anhängige Verfahren die Zustimmung zur
Prozessführung erteilt wurde (act. G 3).
B.b.
Mit Beschwerdeantwort vom 10. November 2020 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung macht sie
B.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
geltend, dass die Stellungnahme des RAD-Arztes vom 12. Mai 2020 schlüssig und
überzeugend sei. Es spreche viel mehr dafür als dagegen, dass der Beschwerdeführer
im Juli 2016 mit einer Invalidität von mindestens 50 % in die Schweiz eingereist sei und
somit die versicherungsmässigen Voraussetzungen nicht erfülle. Da aussagekräftige
medizinische Berichte aus B._ nicht mehr erhältlich gemacht werden könnten und
der Beschwerdeführer im Mai 2019 einen Hirnschaden erlitten habe, könne die Frage
nach seinem Gesundheitszustand vor der Einreise in die Schweiz nicht mehr mittels
eines Gutachtens oder auf anderem Weg abschliessend beantwortet werden (act. G
5).
Am 18. November 2020 bewilligt die verfahrensleitende Richterin die
unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten; act. G 6). Der
Beschwerdeführer verzichtet auf die Einreichung einer Replik.
B.d.
Mit der angefochtenen Verfügung vom 17. August 2020 hat die
Beschwerdegegnerin einen Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Invalidenrente
verneint, da die versicherungsmässigen Voraussetzungen nicht erfüllt seien.
1.1.
Nach Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) haben schweizerische Staatsangehörige – unter Vorbehalt von Art. 39 IVG –
Anspruch auf Leistungen gemäss den nachstehenden Bestimmungen. Der Anspruch
auf eine ordentliche Rente setzt gemäss Art. 36 Abs. 1 IVG voraus, dass bei Eintritt der
Invalidität während mindestens drei Jahren Beiträge geleistet worden sind. Für die
Berechnung der ordentlichen Renten sind die Bestimmungen des Bundesgesetzes
über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10) sinngemäss
anwendbar; der Bundesrat kann ergänzende Vorschriften erlassen (Art. 36 Abs. 2 IVG).
Falls die Mindestbeitragsdauer mit schweizerischen Versicherungszeiten nicht erfüllt
ist, müssen bei Schweizern und Angehörigen von EU/EFTA-Staaten Beitragszeiten
mitberücksichtigt werden, die in einem EU/EFTA-Staat zurückgelegt wurden (vgl. Art. 6
der Verordnung [EG] Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
29. April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit [SR
0.831.109.268.1]). Ist die Mindestbeitragsdauer zwar unter Anrechnung von
Versicherungszeiten in der EU/EFTA erfüllt, beträgt die Beitragszeit in der Schweiz
1.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
weniger als ein Jahr, so besteht kein Anspruch auf eine ordentliche Invalidenrente
(Urteil des Bundesgerichts vom 23. Juli 2020, 8C_237/2020, E. 5.1; Meyer/Reichmuth,
Bundesgesetz über die Invalidenversicherung IVG, 3. Aufl. 2014, Art. 36 IVG N 4; siehe
auch Leitfaden zu den versicherungsmässigen Voraussetzungen für die Leistungen der
Invalidenversicherung des Bundesamt für Sozialversicherungen, Ziff. 2.2.2).
Die Invalidität gilt als eingetreten, sobald sie die für die Begründung des Anspruchs
auf die jeweilige Leistung erforderliche Art und Schwere erreicht hat (Art. 4 Abs.2 IVG).
Dieser Zeitpunkt ist objektiv aufgrund des Gesundheitszustandes festzustellen,
zufällige externe Faktoren sind unerheblich (BGE 112 V 275 E. 1b). Er beurteilt sich
auch nicht nach dem Zeitpunkt, in dem eine Anmeldung eingereicht oder von dem an
eine Leistung gefordert wird und stimmt nicht notwendigerweise mit dem Zeitpunkt
überein, in welchem der Versicherte erstmals Kenntnis davon bekommt, dass der
Gesundheitsschaden Anspruch auf Versicherungsleistungen geben kann (BGE 118 V
82 E. 3a mit Hinweisen; AHI-Praxis, 4/2002, S. 147 E. 3a). Im Falle einer Rente gilt die
Invalidität in dem Zeitpunkt als eingetreten, in dem der Anspruch nach Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG;
SR 830.1) und Art. 4 Abs. 2 i.V.m. Art. 28 ff. IVG entsteht, das heisst frühestens, wenn
die versicherte Person während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen und nach
Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % bleibend oder für längere Zeit
erwerbsunfähig (Art. 7 und 8 ATSG) ist (BGE 137 V 417 E. 2.2.1; Urteil des
Bundesgerichts vom 23. Juli 2020, 8C_237/2020, E. 6.1). Nach ständiger
Rechtsprechung begründet eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes
grundsätzlich keinen neuen Versicherungsfall (Urteil des Bundesgerichts vom 30. Mai
2017, 8C_93/2017, E. 4.2). Bei materieller Verschiedenheit der Invaliditätsursachen
entsteht indessen ein neuer Versicherungsfall mit der Folge, dass die einer ersten
Ablehnungsverfügung zugrundeliegende fehlende Versicherteneigenschaft das neue
Leistungsgesuch nicht präjudiziert (Urteile des Bundesgerichts vom 16. August 2021,
8C_388/2021, E. 4.2, und vom 30. Mai 2017, 8C_93/2017, E. 4.2 mit Hinweisen).
1.3.
Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach hat das Gericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Feststellung
des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Diese Untersuchungspflicht dauert so
lange, bis über die für die Beurteilung des streitigen Anspruchs erforderlichen
Tatsachen hinreichende Klarheit besteht (Urteile des Bundesgerichts vom 7. Oktober
2020, 9C_382/2020, E. 2.2, und vom 28. April 2017, 8C_794/2016, E. 4.1). Die
Verwaltung als verfügende Instanz und – im Beschwerdefall – das Gericht dürfen eine
1.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt
sind. Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz
nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts
genügt den Beweisanforderungen nicht. Der Richter oder die Richterin haben vielmehr
jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die sie von allen möglichen
Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigen (BGE 138 V 218 E. 6 mit
weiteren Hinweisen, BGE 126 V 353 E. 5b).
Der Untersuchungsgrundsatz schliesst die Beweislast im Sinne der
Beweisführungslast begriffsnotwendig aus, da es Sache des
Sozialversicherungsgerichts (oder der verfügenden Verwaltungsstelle) ist, für die
Zusammentragung des Beweismaterials besorgt zu sein. Im
Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien in der Regel eine Beweislast nur
insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei
ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte.
Diese Beweisregel greift allerdings erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im
Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes aufgrund einer Beweiswürdigung einen
Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der
Wirklichkeit zu entsprechen (vgl. zum Ganzen BGE 144 V 427 E. 3.2, BGE 138 V 218
E. 6). Demgemäss hat die Partei, die einen Anspruch geltend macht, die
rechtsbegründenden Tatsachen zu beweisen, während die Beweislast für die
rechtsaufhebenden bzw. rechtsvernichtenden oder rechtshindernden Tatsachen bei
der Partei liegt, die den Untergang des Anspruchs behauptet oder dessen Entstehung
oder Durchsetzbarkeit bestreitet (BGE 130 III 321 E. 3.1). Die Beweislast, dass der
leistungsspezifische Invaliditätsfall erst nach dreijähriger Beitragszahlung eingetreten
ist, obliegt der beschwerdeführenden Partei (Urteile des Bundesgerichts vom 8. August
2014, 8C_167/2014, E. 5, und vom 14. September 2005, I 51/05, E. 3 mit Hinweis).
1.5.
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (IV-act. 113) davon
aus, beim Beschwerdeführer habe bereits bei Einreise in die Schweiz mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit eine volle (oder höhergradige) Erwerbsunfähigkeit
bestanden, welche wahrscheinlich eine ganze Rente begründet hätte. Da dieser bereits
mit einem Gesundheitsschaden in die Schweiz eingereist sei, seien die
versicherungsmässigen Voraussetzungen für einen Rentenanspruch nicht erfüllt. Trotz
der eingetretenen Verschlechterung des somatischen Gesundheitszustandes sei
deshalb ein Rentenanspruch zu verneinen. Der RAD habe in seiner Stellungnahme vom
2.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
12. Mai 2020 festgehalten, dass der Beschwerdeführer mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit im Jahr 2016 mit einem eine volle oder höhergradige
Erwerbsunfähigkeit begründenden Gesundheitsschaden eingereist sei. Damit sei mit
dem üblichen Beweisgrad erstellt, dass die versicherungsmässigen Voraussetzungen
nicht erfüllt seien. Genauer könne der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers bei
Einreise nicht mehr abgeklärt werden. Da dieser aus dem angeblich unbewiesenen
Sachverhalt Rechte ableiten wolle, trage er die Folgen der Beweislosigkeit.
Zunächst ist zu prüfen, ob und wann die Invalidität mit den in der Anmeldung
geltend gemachten Einschränkungen aufgrund der psychiatrischen Diagnosen (vgl. IV-
act. 1 und 3) eingetreten ist. Vorab ist festzuhalten, dass es generell und namentlich bei
psychischen Störungen schwierig ist, rückwirkend und überdies für einen weit
zurückliegenden Zeitraum die Arbeitsfähigkeit zuverlässig zu beurteilen (Urteil des
Bundesgerichts vom 8. August 2014, 8C_167/2014, E. 6.2 mit Hinweis).
2.2.
Die Beschwerdegegnerin hat unter Verweis auf die wenigen medizinischen Unter
lagen festgestellt, dass beim Beschwerdeführer ein schweres, in der Jugend
beginnendes seelisches Störungsbild bestehe. Der RAD-Arzt wertete dies als
kombinierte Persönlichkeitsstörung bei vermeidendem Einzelgängertum vor dem
Hintergrund langjähriger traumatischer Kindheitserfahrungen (Broken-Home-Situation,
langjährige Heimplatzierung, forensische Auffälligkeiten, Drogenkonsum).
Entsprechend den eigenen Angaben im Lebenslauf habe der Beschwerdeführer keine
ökonomisch stabile Kontinuität in seiner Erwerbsbiographie entwickeln können.
Gestützt auf diese Ausgangslage könne mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
ausgegangen werden, dass bereits bei Einreise in die Schweiz eine volle oder
höhergradige Erwerbsunfähigkeit bestanden habe (IV-act. 82). Der Beschwerdeführer
stellt sich demgegenüber auf den Standpunkt, dass keine medizinischen Akten
bestünden, welche vor der Einreise in die Schweiz im Juli 2016 eine Krankheit belegen
würden, die einen Anspruch auf eine Invalidenrente begründen würde (act. G 1, Rz. 10).
Im Einwand vom 29. Juni 2020 machte er zusätzlich geltend, dass höchstens und
vermutlich von einer Teilinvalidität ausgegangen werden könne (IV-act. 97).
2.3.
Im Arztbericht von Dr. E._ vom 18. August 2018 fehlen jegliche Angaben zu
Auswirkungen der psychischen Gesundheitsschäden auf die Arbeitsfähigkeit. Er
berichtet von einer zurückgezogenen, teils isolierten Lebensweise vor dem Hintergrund
eines sozialen Vermeidungsverhaltens sowie einem frühen Vermeidungs- und
Fluchtverhalten des Beschwerdeführers. Nur selten verlasse dieser die Wohnung. Er
beschäftige sich obsessiv, zwanghaft und pausenlos mit dem täglichen Onlinehandel
an der Börse und vernachlässige seine Gesundheit und den Haushalt, wofür er keine
2.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zeit habe. Seine in B._ wohnhafte Partnerin fülle die Lebensmittelvorräte auf. Dem
Bericht lässt sich weiter entnehmen, dass der Beschwerdeführer bei Dr. med. K._ in
psychiatrischer Behandlung gewesen war. Er habe Angst vor Menschenmengen, der
Öffentlichkeit und davor, arglistig beobachtet zu werden (IV-act. 3). Eine (vollständige)
Arbeitsunfähigkeit wurde gemäss der Aktenlage erstmals am 10. März 2017
rückwirkend ab dem 15. Januar 2017 durch Dr. E._ ärztlich attestiert. Das
Arztzeugnis war dabei an das Sozialamt St. Gallen adressiert (IV-act. 2-2). Gemäss
Anmeldung zum Bezug von IV-Leistungen war der Beschwerdeführer zudem erst seit
dem 1. Januar 2017 bei Dr. E._ in ärztlicher Behandlung. Weiter handelt es sich beim
fraglichen Bericht nicht um einen formalisierten Arztbericht, der auch erhobene
Befunde enthält, die Stellung entsprechender Diagnosen nachvollziehbar darlegt und
begründete Schätzungen der Arbeitsfähigkeit für angestammte sowie adaptierte
Tätigkeiten enthält.
Auch die Erwerbsbiographie sowie die Erfüllung der Beitragszeiten lassen keine
überwiegend wahrscheinlichen Schlüsse auf die mutmassliche Arbeits- oder Erwerbs
unfähigkeit des Beschwerdeführers im Zeitpunkt der Einreise in die Schweiz zu. Dieser
ist seit 19_ offenbar keiner langfristigen Arbeitstätigkeit mehr nachgegangen (vgl. den
vom Beschwerdeführer verfassten Lebenslauf, IV-act. 21). Die (fiktive) Bescheinigung
des Versicherungsverlaufs in B._ zeigt auf, dass er zwischen 19_ und 19_ jeweils
während zwölf Monaten einer beitragspflichtigen Tätigkeit nachgegangen war. Für das
Jahr 19_ betrug die Beitragszeit bzw. beitragspflichtige Tätigkeit acht Monate und für
das Jahr 19_ zwei Monate. Danach sind rentenrelevante Versicherungszeiten erst
wieder im Jahr 20_ mit zwei Monaten und im Jahr 20_ mit vier Monaten vermerkt (IV-
act. 67). Nach eigenen Angaben habe der Beschwerdeführer nach der langjährigen
Anstellung bei der L._ gelegentlich als Allrounder in Gelegenheitsjobs gearbeitet, um
ein wenig Geld zu verdienen. Zwischen 20_ und 20_ habe er als Selbstversorger auf
dem Grundstück eines Freundes gelebt. Diese Lebensweise sei ein Befreiungsschlag
für ihn gewesen, da er nun endlich ein selbstbestimmtes Leben habe führen können.
Den Angaben des Beschwerdeführers lässt sich weiter entnehmen, dass bei ihm seit
seiner Kindheit ein gewisser Flucht- und Freiheitsdrang sowie das Bedürfnis, aus der
jeweiligen Situation auszubrechen, bestanden habe (IV-act. 21). Vor seiner Einreise in
die Schweiz war der Beschwerdeführer nach der Aktenlage folglich während rund 20
Jahren (seit dem 1. Januar 19_) nur sporadisch einer Erwerbstätigkeit nachgegangen.
Jedoch kann trotz des Fehlens einer eigentlichen Erwerbstätigkeit nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass er in seiner
Arbeitsfähigkeit massgeblich eingeschränkt gewesen wäre. Immerhin war er offenbar
imstande, sich selbst zu versorgen und konnte auch Gelegenheitsarbeiten ausführen,
2.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
um ein wenig Geld zu verdienen. Zudem scheint er durchaus über Ressourcen im
Bereich des Internets sowie des Börsenhandels verfügt zu haben und er führte
immerhin auch eine tragfähige (Fern-)Beziehung zu seiner Freundin. Es kann mithin gar
nicht festgestellt werden, ob vor der Einreise bereits eine rentenbegründende Invalidität
und mithin ein Versicherungsfall eingetreten war und ebenso wenig ob dies allenfalls
mit Beginn der Behandlung bei Dr. E._ oder ein Jahr später der Fall gewesen ist.
Nachdem keine weiteren Untersuchungen und Abklärungen mehr durchgeführt
werden können, um diese Fragen zu klären, bleibt der Eintritt einer Invalidität aus
psychischen Gründen nicht nur hinsichtlich des Zeitpunktes sondern auch dessen
Existenz beweislos. Daraus folgt, dass weder die Beschwerdegegnerin mit dem
Beweismass der überwiegenden Wahrscheinlichkeit dartun kann, dass der
Beschwerdeführer bei Einreise bereits in rentenbegründendem Ausmass invalid war
und in diesem Zeitpunkt die versicherungsmässigen Voraussetzungen ohne weiteres
nicht erfüllen konnte, noch dass der Beschwerdeführer dartun kann, dass irgendwann
vor Eintritt der Verschlechterung des Gesundheitszustandes im Mai 2019 bereits ein
rentenbegründender (geringerer) Invaliditätsgrad vorhanden sowie auch die
versicherungsmässigen Voraussetzungen erfüllt waren.
2.6.
Die medizinische Aktenlage ist jedoch ab dem Zeitpunkt der Verschlechterung des
Gesundheitszustandes ausreichend. Aktenmässig belegt und beidseitig unbestritten
ist, dass der Beschwerdeführer nach Einschätzung des RAD vom 20. März 2020 ab
Mai 2019 infolge des Herzinfarkts mit Reanimation und des anschliessend
eingetretenen hypoxischen Hirnschadens vollständig arbeitsunfähig war und eine
Arbeitsfähigkeit für den ersten Arbeitsmarkt für die Zukunft auch nicht wahrscheinlich
ist (IV-act. 72-2).
3.1.
Während die Beschwerdegegnerin davon ausgeht, dass aufgrund des
Nichterfüllens der versicherungsmässigen Voraussetzungen beim Eintritt der Invalidität
aus psychischen Gründen bereits bei der Einreise in die Schweiz auch die
Verschlechterung des Gesundheitszustandes nicht versichert sei, macht der
Beschwerdeführer sinngemäss geltend, er sei bei der Einreise nicht bereits in
höhergradigem Ausmass invalid gewesen, weswegen die Verschlechterung des
Gesundheitszustandes versichert sein müsse bzw. die Zusprache einer Rente möglich
sein müsse.
3.2.
Dem Bericht des Kantonsspitals St. Gallen vom 1. Juli 2019 ist zu entnehmen,
dass der Beschwerdeführer am 7. Mai 2019 infolge eines Myokardinfarkts bei einer
3.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
koronaren Zweigefässerkrankung ausserhalb des Spitals und am 9. Mai 2019 infolge
Kammerflimmerns im Spital habe reanimiert werden müssen. Es bestehe aktuell ein
hypoxischer Hirnschaden, langsam erholend. Der Beschwerdeführer werde zur
stationären Neurorehabilitation in die Rehaklinik I._ verlegt (IV-act. 43). Aus dem
definitiven Austrittsbericht der Rehaklinik I._ vom 10. Februar 2020 geht hervor, dass
der Beschwerdeführer unter anderem an einem hirnorganischen Psychosyndrom bei
Status nach hypoxischem Hirnschaden bei out of hospital-Reanimation am 7. Mai 2019
leide. Klinisch-explorativ und neuropsychodiagnostisch zeige sich das Bild einer
schwersten kognitiven Störung mit Beeinträchtigungen in allen testbaren Bereichen.
Die schwere Kommunikationsstörung habe jedoch zu einer deutlich verringerten
Testbarkeit geführt. Nach dem stationären Aufenthalt trete er ins Wohnheim X._ über.
Es sei davon auszugehen, dass er bei intensiver Betreuung gut zurechtkommen werde.
Bei Austritt sei er in den basalen Aktivitäten des täglichen Lebens auf eine Hilfsperson
angewiesen, als Hauptproblem bestehe vor allem eine eingeschränkte Mobilisation und
Kognition (IV-act. 70-69).
Der RAD-Arzt Dr. F._ hielt in der Stellungnahme vom 20. März 2020 fest, dass
der Beschwerdeführer im Zusammenhang mit einer Erkrankung der Herzkranzgefässe
im Mai 2019 ein Kammerflimmern erlitten habe. Als unmittelbare Folge des
sechsminütigen Kreislaufstillstandes sei es zu einem hypoxischen Hirnschaden und
diversen Folgekomplikationen gekommen. Er habe einen schweren Hirnschaden
erlitten und sei vollstationär pflegebedürftig. Der Gesundheitszustand sei als stabil
anzusehen, im Verlauf des kommenden Jahres sei keine Arbeitsfähigkeit für den ersten
Arbeitsmarkt absehbar und auch für die spätere Zeit unwahrscheinlich. Spätestens ab
Mai 2019 sei der Beginn der Arbeitsunfähigkeit mit Sicherheit belegt (IV-act. 73).
3.4.
Ohne dass dies näher ausgeführt werden muss, steht fest, dass die
gesundheitliche Verschlechterung auf einer von den ursprünglich geltend gemachten
psychischen Beeinträchtigungen komplett verschiedenen und zudem rein somatischen
Ursache herrührt. Es liegt mithin eine andere Invaliditätsursache vor. Wie bereits in E.
1.3 vorstehend erläutert, hat rechtsprechungsgemäss das Entstehen eines neuen
Versicherungsfalles aufgrund einer materiellen Verschiedenheit der Invaliditätsursachen
zur Folge, dass die der ersten Ablehnungsverfügung zugrundeliegende fehlende
Versicherteneigenschaft das neue Leistungsgesuch nicht präjudiziert (vgl. Urteile des
Bundesgerichts vom 30. Mai 2017, 8C_93/2017, E. 4.2, und vom 2. Mai 2015,
9C_592/2015, E. 3.2 mit Hinweis). Dies muss erst recht gelten, wenn der
Versicherungsträger noch gar nicht rechtskräftig verfügt hat bzw. wie vorliegend
dargetan, gar keine genaueren Schlussfolgerungen zum früheren Eintritt einer allfälligen
3.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Invalidität sowie der entsprechenden Erfüllung der versicherungsmässigen
Voraussetzungen mehr getroffen werden können. Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung kann ein neuer Versicherungsfall aufgrund einer neu hinzugetretenen
gesundheitlichen Beeinträchtigung zudem auch dann eintreten, wenn der erste
Gesundheitsschaden noch vorhanden ist und zu einer Arbeitsunfähigkeit führt (Urteil
des Bundesgerichts vom 9. Mai 2016, 9C_697/2015, E. 5 mit Hinweis).
Bei der im Mai 2019 eingetretenen Gesundheitsstörung und der damit einher
gehenden Invalidität handelt es sich um einen neuen, unabhängigen Versicherungsfall,
da zu der ursprünglich geltend gemachten psychischen Beeinträchtigung (vgl. E. 2.3
und 2.4 vorstehend) eine davon völlig verschiedene Gesundheitsstörung hinzugetreten
ist. Ob im Zeitpunkt der Einreise in die Schweiz bereits eine volle respektive eine
Teilerwerbsunfähigkeit aufgrund des psychischen Gesundheitsschadens vorgelegen
hatte, bzw. ob diesbezüglich ein beweisloser Zustand existiert, ist demzufolge für die
Beurteilung des Leistungsanspruchs betreffend die neu hinzugetretene gesundheitliche
Beeinträchtigung von untergeordneter Bedeutung. Nichts Anderes ergäbe sich, wenn
die Anmeldung des Beschwerdeführers zum Leistungsbezug erst nach erlittenem
Herzstillstand sowie damit einhergehenden gesundheitlichen Einschränkungen erfolgt
wäre. Es ist überdies nicht einzusehen, weswegen dem Beschwerdeführer eine
gewissermassen verfrühte Anmeldung zum Leistungsbezug zum Nachteil gereichen
sollte. Es erweist sich als notwendig, für diesen Versicherungsfall eine nähere Prüfung
des Leistungsanspruchs des Beschwerdeführers und das Erfüllen der
versicherungsmässigen Voraussetzungen vorzunehmen.
3.6.
Die Anmeldung des Beschwerdeführers ist bei der Beschwerdegegnerin am
16. August 2018 eingegangen (IV-act. 1). Der früheste Beginn eines allfälligen Renten
anspruchs im Sinne von Art. 29 Abs. 1 und 3 IVG fällt somit auf den 1. Februar 2019.
Nach der unbestrittenen RAD-Einschätzung vom 20. März 2020 (IV-act. 73) ist die
Arbeitsunfähigkeit ab Mai 2019 infolge des Herzinfarktes mit anschliessender
Reanimation mit Sicherheit belegt. Die rentenspezifische Invalidität (vgl. Art. 28 Abs. 1
IVG) ist somit im Mai 2020, nämlich ein Jahr nach dem Beginn der Arbeitsunfähigkeit,
eingetreten. Dies entspricht dem massgeblichen Zeitpunkt des Eintritts des
Versicherungsfalles. Da der Beschwerdeführer in diesem Zeitpunkt unter
Berücksichtigung der seit August 2016 in der Schweiz geleisteten Beiträge als
Nichterwerbstätiger (IV-act. 59) die Mindestbeitragszeit von drei Jahren wohl erfüllt hat,
erscheinen in Bezug auf diesen Gesundheitsschaden die versicherungsmässigen
Voraussetzungen erfüllt. Aktenkundig ist die Erfüllung der Beitragszeit in der Schweiz
3.7.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.