Decision ID: 5fa50142-1d9d-5595-a66a-aa252fd0bc85
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Im September 2001 meldete sich A._ zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act.
1). Mit einer Verfügung vom 20. Juni 2002/6. Februar 2003 sprach die IV-Stelle dem
Versicherten eine ganze Rente mit Wirkung ab dem 1. Oktober 2001 zu (IV-act. 18 f.).
Nach einer revisionsweisen Überprüfung des Rentenanspruchs teilte die IV-Stelle dem
Versicherten am 20. Juni 2003 mit, dass er weiterhin einen Anspruch auf eine ganze IV-
Rente habe (IV-act. 28). Die drei folgenden Überprüfungen des Rentenanspruchs im
Sommer 2006, im Herbst 2009 und im Sommer 2010 wurden ebenfalls mit der
Mitteilung abgeschlossen, dass ein unveränderter Anspruch auf eine ganze IV-Rente
bestehe (IV-act. 43, 52 und 61). Am 14. Oktober 2010 forderte die IV-Stelle den
Versicherten auf, für die weiteren Abklärungen im Rahmen der Rentenrevision Fragen
zur medizinischen Behandlung und zur Ausübung allfälliger Tätigkeiten zu beantworten
(IV-act. 64). Der Versicherte gab im November 2010 an, dass er nur in hausärztlicher
Behandlung bei Dr. B._ sei und dass er keiner entgeltlichen oder unentgeltlichen
Tätigkeit nachgehe (IV-act. 66). Infolge anonymer Hinweise im Januar und Juli 2011 (IV-
act. 67 und 78) tätigte die IV-Stelle weitere Abklärungen (IV-act. 73, 79 und 80). Im
Rahmen einer Observation konnten die Ermittler keine Hinweise auf eine
Erwerbstätigkeit, sportliche Betätigungen oder dergleichen finden. Am 19. Juli 2012
erstattete das medizinische Zentrum Römerhof (MZR) im Auftrag der IV-Stelle ein
polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 113). Die Sachverständigen berichteten, dass der
Versicherte anamnestisch – mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit – an chronifizierten
Missempfindungen im Bereich der thoracalen Wirbelsäule und interscapulär sowie –
ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit – an einem mässiggradig ausgeprägten Hallux
A.a.
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valgus beidseits und an einem Status nach einer schweren depressiven Episode, die im
November 2001 diagnostiziert worden sei, leide. Dem Versicherten könnten sämtliche
körperlich leichten bis mittelschweren, wechselbelastenden Tätigkeiten ohne
repetitives Heben von Gewichten über 15 bis 20 kg und ohne monoton vornüber
gebückte Arbeitspositionen uneingeschränkt zugemutet werden. Aufgrund der Akten
sei davon auszugehen, dass der Versicherte zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters im
November 2001 schwer depressiv und voll arbeitsunfähig gewesen sei, sich sein
Zustand aber spätestens zu Beginn des Jahres 2003 wieder stark gebessert habe und
er in der Folge wieder nahezu vollständig arbeitsfähig gewesen sei. Berufliche
Massnahmen seien aufgrund der langen Abwesenheit vom Arbeitsmarkt sowie
aufgrund des beschriebenen Belastungsprofils indiziert, jedoch in Anbetracht der
Gesamtsituation nicht erfolgsversprechend. Am 12. Februar 2013 verfügte die IV-Stelle
die Einstellung der Rente (IV-act. 122). Das Versicherungsgericht des Kantons
St.Gallen wies eine gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde am 5. Mai 2015 ab
(IV 2013/128; IV-act. 144). Dieses Urteil wurde vom Bundesgericht am 22. September
2016 (9C_453/2015) bestätigt (IV-act. 147).
Am 1. September 2017 meldete sich der Versicherte erneut zum Bezug von IV-
Leistungen an (IV-act. 163). Die IV-Stelle trat mit einer Verfügung vom 24. November
2017 nicht auf das Leistungsbegehren ein (IV-act. 209). Diese Verfügung erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
A.b.
Am 11. April 2019 liess der Versicherte der IV-Stelle erneut eine "Anmeldung für
Erwachsene: Berufliche Integration/Rente" zukommen (IV-act. 276 und 282). Er reichte
Arztberichte von Dr. med. C._ vom 4. Oktober 2017 (IV-act. 277), von Dr. med. D._,
Facharzt für Oto-Rhino-Laryngologie, Allergologie und klinische Immunologie FMH,
vom 25. Oktober 2017 (IV-act. 278; auszugsweise), der Klinik E._ vom 22. Januar
2018 (IV-act. 279; auszugsweise), von Dr. F._, Chiropraktiker, vom 23. Februar 2018
(IV-act. 280) und 6. Juli 2018 (IV-act. 285), der Psychiatrie G._ vom 12. März 2018
(IV-act. 281), von Dr. med. C._ vom 18. April 2018 (IV-act. 284), von Dr. med. H._,
Facharzt für Oto-Rhino-Laryngologie FMH, vom 1. Juni 2018 (IV-act. 283) und 28.
September 2018 (IV-act. 286) ein. Am 11. Juni 2019 liess der Versicherte die
Austrittsberichte der Psychiatrie G._ vom 12. März 2018 (IV-act. 294; vgl. auch IV-
act. 281) sowie vom 1. Mai 2019 (IV-act. 293) einreichen.
A.c.
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B.
Mit einem Vorbescheid vom 13. August 2019 kündigte die IV-Stelle dem
Versicherten an, dass sie vorsehe, auf sein Leistungsbegehren nicht einzutreten (IV-act.
304). Am 11./13 September 2019 liess der Versicherte einwenden (IV-act. 311 und
313), auf die in Aussicht gestellte Verfügung sei zu verzichten und ihm seien berufliche
Massnahmen zu gewähren. Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (mit
Verweis auf das Urteil des Bundesgerichtes vom 16. April 2019, BGer 8C_91/2019)
bestehe ein Anspruch auf berufliche Massnahmen, ohne dass veränderte Verhältnisse
vorliegen würden. Er sei bereit, an solchen Massnahmen mitzuwirken. Mit einer
Verfügung vom 21. Oktober 2019 trat die IV-Stelle nicht auf die Neuanmeldung vom 11.
April 2019 ein (IV-act. 315). Sie führte aus, dass die eingereichten medizinischen
Berichte keine relevante Verschlechterung des Gesundheitszustandes bestätigten. Die
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit werde nach wie vor auf 100% geschätzt.
Aus versicherungsmedizinischer Sicht bestehe keine Einschränkung bei der
Stellensuche. Sie sei nicht in jedem Fall verpflichtet, auf einen Antrag für berufliche
Massnahmen einzutreten, auch wenn sich der Gesundheitszustand nicht verändert
habe. Der angeführte Bundesgerichtsentscheid führe zu keinem Erkenntnisgewinn,
denn ihm liege ein völlig anderer Sachverhalt zugrunde. Zudem habe das
Bundesgericht sich nur mit den Eintretensvoraussetzungen und nicht mit der
materiellen Rechtsfrage befasst.
A.d.
Am 24. Oktober 2019 liess der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer)
Beschwerde gegen die Nichteintretensverfügung vom 21. Oktober 2019 erheben (act.
G 1). Sein Rechtsvertreter stellte den Antrag, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und auf das Begehren um die Gewährung beruflicher Massnahmen sei
einzutreten. Für den Fall des Unterliegens sei dem Beschwerdeführer die unentgeltliche
Rechtspflege und Rechtsverbeiständung zu gewähren.
B.a.
Am 6. Januar 2020 beantragte die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin)
dem Gericht, nicht auf die Beschwerde einzutreten (act. G 4), da die Begründung der
Beschwerde vom 24. Oktober 2019 nur einen einzigen Satz umfasse. Sie setze sich
nicht mit der angefochtenen Verfügung auseinander, sondern verweise global auf die
bundesgerichtliche Rechtsprechung. Damit gebe der Beschwerdeführer einzig zu
B.b.
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Erwägungen
1.
Der Beschwerdeführer hat in seiner Beschwerdeschrift (S. 4, Note 11) ausführen
lassen, dass die Beschwerdegegnerin entgegen der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung der Ansicht sei, ein Anspruch auf berufliche Massnahme bestehe nur
dann, wenn ein veränderter Gesundheitszustand vorliege. Damit hat der
Beschwerdeführer (im Umkehrschluss) geltend gemacht, dass es bei einer
Neuanmeldung für berufliche Massnahmen keiner Glaubhaftmachung eines
veränderten Gesundheitszustandes bedürfe und damit Art. 87 Abs. 3 IVV bei einer
Neuanmeldung für beruflichen Massnahmen keine Anwendung finde. Aus dem vom
Beschwerdeführer Ausgeführten wird klar, weshalb er der Meinung ist, dass die
erlassene Nichteintretensverfügung bezüglich den beruflichen Massnahmen zu Unrecht
ergangen sei. Folglich hat der Beschwerdeführer die Beschwerde zwar knapp, jedoch
mittels Verweis auf die seiner Auffassung nach anwendbare bundesgerichtliche
Rechtsprechung ausreichend begründet und entgegen der Ansicht der
Beschwerdegegnerin die Begründungspflicht im Sinne von Art. 61 lit. b ATSG nicht
verletzt. Auf die Beschwerde 24. Oktober 2019 ist daher einzutreten.
verstehen, dass er mit der Verfügung nicht einverstanden sei. Die Beschwerde genüge
damit den minimalen Anforderungen an die Begründungspflicht nicht.
Das Versicherungsgericht des Kantons St.Gallen bewilligte dem Beschwerdeführer
am 10. Januar 2020 die unentgeltliche Rechtspflege (act. G 5).
B.c.
In seiner Replik vom 14. Januar 2020 liess der Beschwerdeführer an seinem
Beschwerdeantrag festhalten (act. G 7). Er begründete dies im Wesentlichen damit,
dass im Falle einer Neuanmeldung berufliche Massnahmen unabhängig davon zu
prüfen seien, ob veränderte Verhältnisse vorlägen oder nicht. Er verwies dazu auf ein
Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 18. Dezember 2018 (IV
2018/77).
B.d.
In ihrer Duplik vom 29. Januar 2020 stellte die Beschwerdegegnerin neu den
Antrag, die Beschwerde sei abzuweisen, soweit auf sie einzutreten sei. Sie führte aus,
dass das Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons St.Gallen vom 18. Dezember
2018 (IV 2018/77) ihrer Praxis und jener des Bundesgerichts widerspreche.
B.e.
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2.
Mit einer Verfügung vom 20. Juni 2002/6. Februar 2003 hatte die IV-Stelle dem
Versicherten eine ganze Rente mit Wirkung ab dem 1. Oktober 2001 zugesprochen (IV-
act. 18 f.). Der Rentenanspruch setzt den Abschluss der medizinischen und der
beruflichen Eingliederung voraus. Das deckt sich mit der im Art. 7 ATSG enthaltenen
Definition der Erwerbsunfähigkeit, die laut jener Bestimmung erst vorliegen kann, wenn
die Eingliederungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Auch der Art. 16 ATSG, der die
Berechnung des Invaliditätsgrades beschlägt, setzt den Abschluss der medizinischen
und beruflichen Eingliederung voraus. In der Praxis verwendet man als Schlagwort für
den Umstand, dass die Eingliederung abgeschlossen sein muss, bevor ein
Rentenanspruch entstehen kann, den Merksatz „Eingliederung vor Rente“. Der
Gedanke dahinter gilt als ein allgemeiner Grundsatz des Sozialversicherungsrechts (vgl.
etwa UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, Vorbemerkungen N 81 ff., mit
Hinweisen). Der Umstand, dass die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer ab 1.
Oktober 2001 ausgehend von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit in jeder Art von
Erwerbstätigkeit eine ganze Rente zugesprochen hatte, belegt, dass eine berufliche
Eingliederung geprüft, aber als ausgeschlossen betrachtet worden war. So war dem
Abschlussbericht des Fachmitarbeiters der Eingliederung vom Februar 2002 zu
entnehmen gewesen, dass die Vermittlung einer Arbeitsstelle aufgrund der vollen
Arbeitsunfähigkeit als unmöglich betrachtet worden war. Damit hatte die Verfügung
vom 20. Juni 2002/6. Februar 2003 neben der Gutheissung eines Rentenanspruchs
implizit auch die Verneinung beruflicher Massnahmen enthalten. Somit handelt es sich
bei der Anmeldung vom April 2019 nicht nur in Bezug auf eine Invalidenrente, sondern
auch in Bezug auf berufliche Eingliederungsmassnahmen um eine Neuanmeldung.
2.1.
Mit der Neuanmeldung vom April 2019 (IV-act. 276) hat der Beschwerdeführer
sowohl eine Rente als auch die berufliche Eingliederung beantragt. Aus der
Begründung der angefochtenen Nichteintretensverfügung vom 21. Oktober 2019 geht
hervor, dass diese Verfügung sowohl den Entscheid, nicht auf das Rentenbegehren
einzutreten, als auch den Entscheid, nicht auf das Begehren um berufliche
Massnahmen einzutreten, beinhaltet hat. In seiner Beschwerde vom 24. Oktober 2019
hat der Beschwerdeführer dann aber nur den Antrag gestellt, auf das Begehren um die
Gewährung von beruflichen Massnahmen sei einzutreten. Damit hat er keine
Beschwerde gegen das von der Beschwerdegegnerin verfügte Nichteintreten auf das
Rentenbegehren erhoben. Dementsprechend ist die Verfügung bezüglich des
Nichteintretens auf die Neuanmeldung zum Bezug einer Invalidenrente in formelle
Rechtskraft erwachsen. Das vorliegende Beschwerdeverfahren hat sich daher auf die
2.2.
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3.
Der Art. 29 ATSG sieht ein jederzeitiges Anmelderecht und damit notwendigerweise
auch einen Anspruch auf das Eintreten auf jede Anmeldung bzw. auf eine materielle
Behandlung jeder Anmeldung vor. Bei diesem Recht auf eine materielle Behandlung
jeder Anmeldung handelt es sich um einen elementaren Grundsatz des
Sozialversicherungsleistungsrechtes, denn es stellt einen wichtigen Baustein für die
Durchsetzung des Prinzips dar, dass jede versicherte Person jene gesetzlich
vorgesehenen Sozialversicherungsleistungen erhalten soll, die sie benötigt. Da im Art.
29 ATSG nicht zwischen einer erstmaligen Anmeldung und einer sogenannten Neu-
oder Wiederanmeldung (also einer erneuten Anmeldung nach einer formell
rechtskräftigen Abweisung eines früheren Gesuchs) unterschieden wird und da sich
eine solche Unterscheidung auch nicht mit dem Sinn und Zweck des Anmelderechtes
vereinbaren liesse, muss der uneingeschränkte Anspruch auf ein Eintreten auf ein
Leistungsbegehren auch für Neuanmeldungen gelten. Dieser Anspruch wird vom Art.
87 Abs. 3 IVV für bestimmte Leistungen der Invalidenversicherung eingeschränkt,
nämlich für die Rente, für die Hilflosenentschädigung und für den Assistenzbeitrag. Die
ratio legis des Art. 87 Abs. 3 IVV besteht darin, die IV-Stellen vor jenem Aufwand zu
schützen, mit dem diese konfrontiert wären, wenn Versicherte repetitiv Anmeldungen
zum Leistungsbezug einreichen könnten, die von den IV-Stellen jedes Mal wieder
umfassend materiell geprüft werden müssten. Der Art. 87 Abs. 3 IVV dient also allein
der Verfahrensökonomie, bei der es sich anerkanntermassen um kein besonders
schützenswertes öffentliches Interesse handelt. Das ist umso problematischer, als die
Anwendung des Art. 87 Abs. 3 IVV eine Durchbrechung des – elementar wichtigen –
jederzeitigen Anspruchs auf eine materielle Prüfung einer Anmeldung zur Folge hat.
Dennoch kann der Art. 87 Abs. 3 IVV wohl gerade noch als gesetzmässig qualifiziert
werden, denn die Sachverhaltsabklärung bezüglich der in dieser
Verordnungsbestimmung genannten Leistungen – Rente, Hilflosenentschädigung und
Assistenzbeitrag – erweist sich in aller Regel als äusserst aufwendig, weshalb
diesbezüglich ein gewisser „Schutzbedarf“ der Verwaltung vor repetitiven
Neuanmeldungen anerkannt werden kann. Auch wenn sich der Art. 87 Abs. 3 IVV nicht
auf eine explizite gesetzliche Grundlage stützen kann, die eine Einschränkung des im
Art. 29 ATSG verankerten uneingeschränkten Anspruchs auf ein Eintreten auf ein
Leistungsbegehren erlauben würde, trägt er also doch offenkundig einem wesentlichen
praktischen Interesse Rechnung, ohne dafür die gesetzliche Regelung im Art. 29 ATSG
in einem unverhältnismässig hohen Mass einzuschränken. Er ist also vom
Beantwortung der Frage zu beschränken, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht nicht
auf das Begehren um berufliche Massnahmen eingetreten ist.
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Vollzugsverordnungsauftrag im Art. 86 Abs. 2 Satz 1 IVG abgedeckt. Die Anwendung
des Art. 87 Abs. 3 IVV führt auch nicht zu einer rechtsungleichen Behandlung der
Versicherten, denn die Eintretenshürde stützt sich auf einen sachlichen Grund, nämlich
auf die Vermeidung eines unnötigen Verfahrensaufwandes bei repetitiven
Neuanmeldungen. Über andere Leistungsansprüche als die Rente, die
Hilflosenentschädigung und den Assistenzbeitrag kann dagegen in aller Regel mit
einem erheblichen geringeren Abklärungsaufwand entschieden werden. Eine
Ausweitung des Anwendungsbereichs des (sich nicht auf eine explizite gesetzliche
Grundlage stützenden und einen elementaren Grundsatz des
Sozialversicherungsleistungsrechts aus rein verfahrensökonomischen Überlegungen
unterlaufenden) Art. 87 Abs. 3 IVV auf von dessen Wortlaut nicht erfasste Leistungen
der Invalidenversicherung ist nicht zulässig, weil damit die Gefahr einer eigentlichen
Untergrabung des im Art. 29 ATSG verankerten Grundsatzes des uneingeschränkten
Anspruchs auf ein Eintreten auf ein Leistungsbegehren verbunden wäre. Eine
Anwendung des Art. 87 Abs. 3 IVV auf von diesem nicht erwähnte Leistungen könnte
nämlich nur in Betracht kommen, wenn deren Prüfung eine ebenso aufwendige
Sachverhaltsabklärung wie die Prüfung eines Rentenbegehrens, eines Begehrens um
eine Hilflosenentschädigung oder eines Begehrens um einen Assistenzbeitrag erfordern
würde. Das würde jedoch voraussetzen, dass der Verordnungsgeber es versehentlich
versäumt hätte, diese weiteren Leistungen zu erwähnen. Für die Annahme einer
entsprechenden ausfüllungsbedürftigen Verordnungslücke fehlt aber jeder Hinweis.
Selbst als der Verordnungsgeber den Wortlaut des Art. 87 Abs. 3 im Zuge der
Einführung des Assistenzbeitrages hat ergänzen müssen, hat er ganz offensichtlich
bewusst nur den Assistenzbeitrag als dritte Leistung angeführt, in Bezug auf die eine
Neuanmeldung die sogenannte „Eintretenshürde“ meistern muss. Er hat weder weitere
Leistungen genannt noch den Art. 87 Abs. 3 IVV auf alle Leistungen der
Invalidenversicherung ausgedehnt. Dabei kann es sich augenscheinlich nicht um ein
Versehen gehandelt haben. Deshalb muss die im Art. 87 Abs. 3 IVV enthaltene
Aufzählung als vollständig und damit abschliessend qualifiziert werden. An der früheren
Praxis des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen, mit der die im Art. 87 Abs. 3
IVV enthaltene Aufzählung (vermeintlich) lückenfüllend auf sämtliche Leistungen der
Invalidenversicherung ausgedehnt worden war (vgl. etwa das Urteil IV 2015/229 des
St. Galler Versicherungsgerichtes vom 7. Juli 2016), kann folglich nicht länger
festgehalten werden. Auf Neuanmeldungen betreffend berufliche Massnahmen kann
der Art. 87 Abs. 3 IVV also offensichtlich nicht angewendet werden. Die Prüfung einer
entsprechenden Neuanmeldung erfordert nämlich in aller Regel keinen
Sachverhaltsabklärungsaufwand, der jenem bei einer Neuanmeldung für eine Rente,
eine Hilflosenentschädigung oder einen Assistenzbeitrag vergleichbar wäre. Folglich
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rechtfertigt es sich nicht, die IV-Stellen – in Abweichung vom Wortlaut und vom Sinn
und Zweck des Art. 29 ATSG – vor jenem Aufwand zu schützen, der für die Prüfung
eines (erneuten) Begehrens um berufliche Massnahmen notwendig ist. Bei einer
Neuanmeldung für berufliche Massnahmen muss also nicht erst glaubhaft gemacht
werden, dass sich der anspruchsbegründende Sachverhalt seit der letzten
Leistungsverweigerung wesentlich verändert hat. Auf jede Neuanmeldung ist
einzutreten, das heisst das in der Neuanmeldung enthaltene Leistungsgesuch ist
materiell zu prüfen. Die Beschwerdegegnerin hätte folglich auf das Begehren vom April
2019 eintreten müssen, auch wenn keine Veränderung des massgebenden
Sachverhaltes nach der letzten Leistungsverweigerung glaubhaft gemacht worden
wäre (vgl. zum Ganzen auch den rechtskräftigen Entscheid IV 2018/77 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 18. Dezember 2018, E. 3). Somit ist die
Nichteintretensverfügung vom 21. Oktober 2019 aufzuheben und durch den
verfahrensleitenden Entscheid zu ersetzen, dass auf das Begehren um berufliche
Massnahmen einzutreten und das Leistungsbegehren materiell zu prüfen sei. Die
Beschwerdegegnerin wird den massgebenden Sachverhalt umfassend abklären und
dann über einen Anspruch des Beschwerdeführers auf berufliche
Eingliederungsmassnahmen verfügen.
4.
Der Beschwerdeführer obsiegt damit vollumfänglich. Die Gerichtskosten von Fr. 600.--
sind folglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Die Beschwerdegegnerin hat dem
Beschwerdeführer eine Parteientschädigung auszurichten. Da in diesem
Gerichtsverfahren nur wenig neue Akten angefallen sind und da sich, anders als
insbesondere in einem Streit um einen Rentenanspruch, nur eine einzige Rechtsfrage
gestellt hat, ist von einem deutlich unterdurchschnittlichen Vertretungsaufwand
auszugehen. Die Parteientschädigung wird deshalb auf Fr. 2'000.-- (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt.