Decision ID: 3118f852-50d8-5eef-80da-14014e6ecde5
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die aus Eritrea stammende A._ (geb. 1987; nachfolgend:
Beschwerdeführerin) reiste 2014 in die Schweiz ein, wo sie um Asyl
ersuchte. Im April 2015 stellte das Staatssekretariat für Migration
(nachfolgend: SEM) fest, sie erfülle die Flüchtlingseigenschaft, lehnte ihr
Asylgesuch ab und ordnete wegen Unzulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzugs ihre vorläufige Aufnahme an.
B.
Im Dezember 2019 ersuchte die Beschwerdeführerin um Familiennachzug
für ihre im Januar 2010 und September 2011 geborenen Kinder. Diese
sollen kurze Zeit später Eritrea verlassen haben und seither in einem
Flüchtlingslager in Äthiopien leben.
C.
Nach der Gewährung des rechtlichen Gehörs wies das SEM mit Verfügung
vom 23. Januar 2020 das Gesuch um Familiennachzug ab. Es stellte im
Wesentlichen fest, dass die Beschwerdeführerin immer noch auf
Sozialhilfe angewiesen sei und aufgrund ihrer willentlichen
Familientrennung nicht mit einer raschen Zusammenführung habe rechnen
können. Somit sei die Abweisung sowohl gestützt auf Art. 85 Abs. 7 AIG
(SR 142.20) als auch unter dem Blickwinkel von Art. 8 EMRK
verhältnismässig (s. E. 4 unten).
D.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 21. Februar 2020 beantragte die
Beschwerdeführerin die Aufhebung dieser Verfügung. Sie machte
hauptsächlich geltend, dass sie ein Praktikum absolviere, sich auf Stellen
bewerbe und die Situation ihrer Kinder sich verschlechtert habe. Sie
befürchte, dass deren Bezugsperson nach Eritrea zu ihrem eigenen Kind
zurückkehre und somit ihre Kinder im Alter von 8 und 10 Jahren auf sich
alleine gestellt wären. Dazu reichte sie zwei Bestätigungen betreffend der
Teilnahme an einem Deutschkurs (A2) sowie zwei Abweisungsschreiben
auf Bewerbungen ein.
E.
Mit Vernehmlassung vom 9. April 2020 hielt das SEM an seinen
Erwägungen fest.
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F.
Mit verspäteter Replik vom 18. August 2020 betonte die Beschwer-
deführerin, dass sie seit Dezember 2019 zu 100% an einem
Integrationsprogramm teilnehme, die Arbeit aber bisher noch nicht bezahlt
sei. Sie unterstrich ihre stetigen Bemühungen, sich auf dem hiesigen
Arbeitsmarkt zu integrieren – namentlich mit dem Erlernen der deutschen
Sprache, was ihr aufgrund ihrer spärlichen schulischen Erfahrung in Eritrea
besonders schwerfalle. Sie warf unter anderem dem SEM vor, das Wohl
ihrer Kinder – die auch noch von einem Unbekannten bedroht würden –
bei der Interessenabwägung ausser Acht gelassen zu haben. Dazu reichte
sie eine Kopie der UNHCR-Registrierung ihrer Kinder ein. Zudem ersuchte
sie um unentgeltliche Rechtspflege.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 26. August 2020 trat das Bundesverwal-
tungsgericht auf das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege nicht ein, mit
der Begründung, die Beschwerdeführerin habe den Kostenvorschuss
bereits bezahlt.
H.
Mit Schreiben vom 25. August 2020 reichte die Beschwerdeführerin einen
Lebenslauf ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht unter
Vorbehalt der in Art. 32 VGG genannten Ausnahmen Beschwerden gegen
Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer der in Art. 33 VGG
aufgeführten Behörden erlassen wurden. Darunter fallen u.a. Verfügungen
des SEM betreffend Familienzusammenführung im Sinn von Art. 85 Abs. 7
AIG. Eine Ausnahme nach Art. 32 VGG liegt nicht vor. Die Beschwerde ans
Bundesgericht ist grundsätzlich ausgeschlossen (vgl. Art. 83 Bst. c Ziff. 1-
3 BGG, BGE 139 I 330 E. 1).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt
(vgl. Art. 37 VGG).
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1.3 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde
legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des
Ermessens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhaltes sowie – falls nicht eine kantonale
Behörde als Beschwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit
gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das
Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an
die Begründung der Begehren nicht gebunden und kann die Beschwerde
auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder
abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt
seines Entscheides (vgl. BVGE 2014/1 E. 2).
3.
Gemäss Art. 85 Abs. 7 AIG können Ehegatten und ledige Kinder unter 18
Jahren von in der Schweiz vorläufig aufgenommenen Personen und
vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen frühestens drei Jahre nach
Anordnung der vorläufigen Aufnahme nachgezogen und in diese
eingeschlossen werden. Voraussetzung dafür ist, dass sie
zusammenwohnen (Bst. a), dass eine bedarfsgerechte Wohnung
vorhanden ist (Bst. b), dass die Familie nicht auf Sozialhilfe angewiesen ist
(Bst. c), sie sich in der am Wohnort gesprochenen Landessprache
verständigen können (Bst. d) und die nachziehende Person keine
jährlichen Ergänzungsleistungen nach dem Bundesgesetz über
Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung vom 6. Oktober 2006 (ELG, SR 831.10) bezieht oder
wegen des Familiennachzugs beziehen könnte (Bst. e). Diese Bestimmung
wird in materieller Hinsicht in Art. 74 der Verordnung über Zulassung,
Aufenthalt und Erwerbstätigkeit vom 24. Oktober 2007 (VZAE, SR
142.201) konkretisiert. Gemäss dessen Abs. 3 ist ein
Familiennachzugsgesuch innerhalb von fünf Jahren zu stellen, sobald die
zeitlichen Voraussetzungen gemäss Art. 85 Abs. 7 AIG erfüllt sind. Der
besonderen Situation vorläufig aufgenommener Flüchtlinge ist beim
Entscheid über das Familiennachzugsgesuch Rechnung zu tragen (Art. 74
Abs. 5 VZAE). Der nachziehende Elternteil muss aus familienrechtlichen
Gründen über das Sorge- beziehungsweise Obhutsrecht über das
nachzuziehende minderjährige Kind verfügen (BGE 137 I 284 E. 2.3.1
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Seite 5
m.H.; Urteil des BVGer E-638/2013 vom 16. Juli 2013 S. 8). Ist der
nachziehende Gesuchsteller nicht alleiniger Inhaber der elterlichen Sorge,
ist seitens der mitinhabenden Person eine Einwilligungserklärung
einzuholen, die belegt, dass letztere mit dem Nachzug einverstanden ist.
Die Bewilligung im Falle des Vorliegens der Voraussetzungen für einen
Familiennachzug liegt mithin im pflichtgemäss auszuübenden Ermessen
der Behörden (vgl. Art. 96 AIG; vgl. Urteil des BVGer F-2435/2019 vom 11.
August 2020 E. 4.3). Ein Anspruch auf Erteilung besteht wie bereits
ausgeführt grundsätzlich nicht (vgl. BGE 139 I 330 E. 2 m.w.H.).
4.
4.1 Die Vorinstanz führte in der angefochtenen Verfügung aus, vertiefte
Abklärungen zum tatsächlichen Familienverhältnis zwischen Mutter und
Kinder – so wie vom Kanton vorgeschlagen – seien vorliegend nicht
notwendig. Denn das Erfordernis der Sozialhilfeunabhängigkeit sei nicht
erfüllt. Wohl scheine die Beschwerdeführerin bemüht, sich in der Schweiz
beruflich zu integrieren, bislang habe sie auf dem hiesigen Arbeitsmarkt
jedoch nicht Fuss zu fassen vermocht und sie beziehe nach wie vor
vollumfänglich Sozialhilfe. Der Nachzug der Kinder würde zudem zu einer
Erhöhung der Sozialhilfebeiträge führen, umso mehr als sie bis jetzt nur in
einer 1.5-Zimmer Wohnung lebe. Aufgrund der Akten könne nicht
angenommen werden, dass die Beschwerdeführerin in naher Zukunft ein
genügendes Einkommen für den Unterhalt dreier Personen erzielen werde.
Auch unter dem Blickwinkel von Art. 8 EMRK könne der Familiennachzug
nicht bewilligt werden. Aufgrund ihrer ausländerrechtlichen Situation
müsse die Beschwerdeführerin sich jederzeit bewusst gewesen sein, dass
sie ihr Familienleben nicht innert kürzester Zeit in der Schweiz würde leben
können. Zudem laufe die Frist zur Familienzusammenführung erst 2023
ab; es sei der Beschwerdeführerin daher möglich und zumutbar, sich in
dieser noch relativ langen Zeit durch das Sammeln von Berufserfahrung
von der Sozialhilfe zu lösen und zu gegebenem Zeitpunkt ein neues
Gesuch einzureichen. Aussergewöhnliche Umstände, die zu einem
überwiegenden privaten Interesse führen würden, seien keine ersichtlich.
4.2 Die Beschwerdeführerin erklärte in ihrer Rechtsmitteleingabe, die
Situation ihrer Kinder habe sich verschlechtert. Sie befürchte, dass die
Person, welche sich momentan um die acht- und zehnjährigen Kinder in
Äthiopien kümmere, bald nach Eritrea zu ihrem eigenen Kind zurückkehre.
Nun bange sie um das Leben und die Gesundheit ihrer Kinder, die in
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Äthiopien keine Familie hätten. Sie selbst arbeite als Praktikantin und
bewerbe sich auf offene Stellen. Sie werde sich fortan bemühen, eine
schriftliche Bestätigung ihrer Bewerbungen zu erhalten. Zudem werde sie
sich eine grössere Wohnung suchen, sobald der Nachzug ihrer Kinder
sicher sei.
In ihrer verspäteten Replik vom 18. August 2020 argumentierte die
Beschwerdeführerin, dass es nicht gerechtfertigt sei, ihr besuchtes
Arbeitsintegrationsprogramm und ihre Stellenbewerbungen ausser Acht zu
lassen. Zudem sei es ihr schwergefallen, der deutschen Sprache
genügend mächtig zu werden, um sich überhaupt in den Arbeitsmarkt
integrieren zu können. Dies sei nun wegen der Corona-Pandemie
nochmals erschwert. Ferner habe das SEM das Wohl ihrer Kinder nicht
berücksichtigt. Sie befürchte immer noch, dass die Bekannte plötzlich die
Kinder, die seit Januar 2020 nicht mehr zur Schule gingen und mit denen
sie fast täglich Kontakt habe, verlasse. Auch würden ihre Kinder immer
wieder telefonisch von einem unbekannten Mann bedroht, der sich an
ihnen rächen wolle. Somit lägen aussergewöhnliche Umstände vor, die zu
einem überwiegenden privaten Interesse führten.
5.
5.1 Vorliegend kann die Frage, ob die Beschwerdeführerin tatsächlich die
Kindsmutter ist, aufgrund der nachfolgenden Erwägungen offengelassen
werden (s. dazu namentlich SEM act. 1/38 S. 36). Es ist unbestritten, dass
die zeitlichen Voraussetzungen von Art. 85 Abs. 7 AIG und Art. 74 Abs. 3
VZAE für den Familiennachzug erfüllt sind. Die Beschwerdeführerin
beabsichtigt sodann, mit ihren Kindern zusammenzuwohnen (Art. 85
Abs. 7 Bst. a AIG). Betreffend das Kriterium der bedarfsgerechten
Wohnung (Art. 85 Abs. 7 Bst. b AIG) verkennt die Beschwerdeführerin,
dass die Vorinstanz zu Recht von weiteren Abklärungen abgesehen hat,
da dieses Kriterium für den Ausgang des Verfahrens nicht
ausschlaggebend war. Aufgrund der nachfolgenden Erwägungen kann
dieser Punkt auch vor Bundesverwaltungsgericht offengelassen werden
(s. dazu Urteil des BVGer F-7021/2017 vom 24. Oktober 2019 E. 7.2). Auch
die Frage der elterlichen Sorge und einer allfällig nötigen Zustimmung des
Kindsvaters – der zurzeit in Israel im Gefängnis sei – kann offengelassen
werden. Zu prüfen bleibt demnach nur, wie es sich mit dem Erfordernis der
Sozialhilfeunabhängigkeit verhält (Art. 85 Abs. 7 Bst. c AIG).
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Seite 7
5.2 Sozialhilfeunabhängigkeit wird in der Praxis grundsätzlich dann
angenommen, wenn die Eigenmittel das Niveau erreichen, ab dem gemäss
Richtlinie der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) kein
Sozialhilfeanspruch resultiert. Bei der Beurteilung der
Sozialhilfeabhängigkeit nach Art. 85 Abs. 7 AIG sind die statusspezifischen
Umstände von Flüchtlingen und ihre bisherigen Bemühungen sich zu
integrieren mit zu berücksichtigen (vgl. Art. 74 Abs. 5 VZAE). Im Hinblick
auf das öffentliche Interesse kann es sich rechtfertigen, den Nachzug eines
Familienangehörigen eines (vorläufig aufgenommenen) Flüchtlings zu
verweigern, wenn damit die Gefahr einer fortgesetzten und erheblichen
Fürsorgeabhängigkeit einhergeht. Dabei ist von den aktuellen
Verhältnissen des hier anwesenheitsberechtigten Familienangehörigen
sowie den wahrscheinlichen finanziellen Entwicklungen unter
Berücksichtigung der finanziellen Möglichkeiten aller Familienmitglieder
auf längere Sicht auszugehen. Unternimmt der Flüchtling alles ihm
Zumutbare, um auf dem Arbeitsmarkt so weit Fuss zu fassen, dass er
seinen eigenen Unterhalt und denjenigen seiner Familie möglichst
autonom bestreiten kann, so muss dies genügen, um das Familienleben in
der Schweiz zuzulassen, selbst wenn er bisher auf dem Arbeitsmarkt nur
teilweise Fuss gefasst hat. Gelingt es ihm nicht, innerhalb der für den
Familiennachzug geltenden Fristen eine Situation zu schaffen, die es ihm
erlaubt, die entsprechende Voraussetzung von Art. 85 Abs. 7 Bst. c AIG zu
erfüllen und hat er diesen Umstand nicht zu verantworten, so muss dies
genügen, sofern sich der Fehlbetrag in vertretbarer Höhe hält und in
absehbarer Zeit vermutlich ausgeglichen werden kann (vgl. BVGE 2017
VII/4 E. 5.2 m.H.).
5.3 Die Beschwerdeführerin gelangte 2014 als Asylsuchende in die
Schweiz. Sie besuchte zwischen 2015 und 2018 Deutschkurse (A2) und
nimmt seit Dezember 2019 an einem unentgeltlichen Arbeitsin-
tegrationsprogramm teil. Seit 2015 wird sie vollumfänglich von der
Sozialhilfe unterstützt; Ende 2019 mit einem Betrag von fast CHF 140'000
(BVGer act. 8 S.3 und SEM act. 1/38 S. 36). Aufgrund der Aktenlage wird
sich daran mit überwiegender Wahrscheinlichkeit in nächster Zeit nichts
ändern. Entgegen ihrem mehrmaligen Versprechen, Bestätigungen ihrer
Stellensuche einzureichen, blieben solche den Akten fern (s. nur, aber
immerhin, BVGer act. 1 Anhänge 1 und 2). Auch hat die
Beschwerdeführerin jüngst nicht ein Arbeitszeugnis, sondern einen
Lebenslauf eingereicht (BVGer act.10). Dies ändert jedoch nichts am
Endergebnis. Dass die Beschwerdeführerin lobenswerterweise bemüht
scheint, sich sprachlich und beruflich zu integrieren, wird zwar nicht in
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Abrede gestellt. Dennoch bestehen zurzeit keine realistischen Aussichten,
dass sie ihre finanzielle Lage verbessern kann. Im Gegenteil würde sich
die Situation bei einem Nachzug zweier Kinder noch zuspitzen. Die blosse
Hoffnung auf ein rein hypothetisches Einkommen genügt bei der
vorliegenden Beurteilung jedenfalls nicht. Damit ist im Falle eines
Familiennachzugs von einer fortgesetzten und erheblichen Sozial-
hilfeabhängigkeit auszugehen (vgl. BGE 139 I 330 E. 3.2 und 4.1 m.H.).
Schliesslich gilt es auch zu berücksichtigen, dass die Frist zum
Familiennachzug erst 2023 abläuft, was, wie das SEM schon festgehalten
hat, der Beschwerdeführerin Zeit gibt, dem Arbeitsmarkt beizutreten, dies
umso mehr, als sie die deutsche Sprache besser beherrscht und bereits
eine erste (unentgeltliche) Arbeitserfahrung gemacht hat. Aus dem
Umstand, dass die Arbeitsmarktintegration womöglich durch die Corona-
Pandemie erschwert wird, wie es die Beschwerdeführerin moniert (BVGer
act. 8 S. 2), vermag diese im heutigen Zeitpunkt nichts zu ihren Gunsten
abzuleiten. Einerseits ändert dies nichts daran, dass ihre berufliche
Integration schon vor der Pandemie ungenügend war und andererseits
handelt es sich aus heutigem Blickwinkel um eine bloss temporäre Lage,
die eine Arbeitsmarktintegration bis 2023 nicht verunmöglichen sollte.
5.4 Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass eine der kumulativ zu
erfüllenden Voraussetzungen von Art. 85 Abs. 7 AIG, in casu die
Sozialhilfeunabhängigkeit, nicht erfüllt ist.
6.
Zu prüfen bleibt, ob sich die Einhaltung des fraglichen Nachzugskriteriums
mit dem Anspruch auf Schutz des Familienlebens gemäss Art. 8 EMRK
vereinbaren lässt.
6.1 Art. 8 Ziff. 1 EMRK garantiert den Schutz des Familienlebens, welches
in erster Linie die Kernfamilie, das heisst die Gemeinschaft der Ehegatten
mit ihren minderjährigen Kindern, umfasst. Die Garantie kann verletzt sein,
wenn einer ausländischen Person, deren Familienangehörige in der
Schweiz weilen, die Anwesenheit untersagt und damit das Familienleben
vereitelt wird. Das in Art. 8 EMRK geschützte Recht ist berührt, wenn eine
nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre Beziehung einer gefestigt
anwesenheitsberechtigten Person beeinträchtigt wird, ohne dass es dieser
möglich beziehungsweise zumutbar wäre, ihr Familienleben andernorts zu
pflegen (BGE 144 I 1 E. 6.1).
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Seite 9
6.2
6.2.1 Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung können sich auch
Personen auf Art. 8 EMRK berufen, die kein gefestigtes Aufenthaltsrecht
haben, deren Anwesenheit in der Schweiz jedoch faktisch als Realität
hingenommen wird beziehungsweise aus objektiven Gründen
hingenommen werden muss (vgl. Urteil des BGer 2C_360/2016 vom
31. Januar 2017 E. 5.2 m.H.; BVGE 2017 VII/4 E. 6.2 m.H.). Bei
anerkannten Flüchtlingen, denen die vorläufige Aufnahme gewährt wurde,
ist in der Regel von einem faktischen Aufenthaltsrecht auszugehen (vgl.
BVGE 2017 VII/4 E. 6.3 m.H.).
6.2.2 Aufgrund ihrer Anerkennung als vorläufig aufgenommener Flüchtling
sowie angesichts der Tatsache, dass mit einer Aufhebung dieses Status in
absehbarer Zukunft nicht zu rechnen ist, kann im Falle der Beschwer-
deführerin ein faktisches Aufenthaltsrecht angenommen werden.
6.3 Die EMRK verschafft keinen absoluten Anspruch auf Einreise und
Aufenthalt. Ebenso wenig verschafft sie ein Recht darauf, den für das
Familienleben am geeignetsten erscheinenden Ort zu wählen, oder auf die
Erteilung eines bestimmten Aufenthaltstitels. Vielmehr erweist sich eine
aufenthaltsbeendende oder aufenthaltsverweigernde, im Schutz- und
Anwendungsbereich von Art. 8 EMRK liegende Massnahme als zulässig,
wenn sie gesetzlich vorgesehen ist, einem legitimen Zweck im Sinn von
Art. 8 Ziff. 2 EMRK entspricht und zu dessen Realisierung in einer
demokratischen Gesellschaft „notwendig“ erscheint (vgl. BGE 143 I 21 E.
5.1 m.H.).
In Fällen, die sowohl das Familienleben als auch die Immigration betreffen,
hängt der Umfang der Pflicht, ausländische Familienmitglieder auf dem
Staatsgebiet zu dulden oder ihren Aufenthalt zu ermöglichen, jeweils von
den Umständen des Einzelfalls ab. Es wird eine Gesamtbetrachtung
verlangt, bei welcher der Grad der konkreten Beeinträchtigung des
Familienlebens, der Umstand, ob und wieweit dieses in zumutbarer Weise
im Heimatstaat oder allenfalls in einem Drittstaat gelebt werden kann.
Weiter fallen die Natur der Bindungen zum und im Aufenthaltsstaat ins
Gewicht. Von wesentlicher Bedeutung ist zudem, ob Gründe der
Migrationsregulierung (z.B. illegaler Aufenthalt), andere Motive zum Schutz
der öffentlichen Ordnung (z.B. Kriminalität) oder solche des
wirtschaftlichen Wohlergehens des Landes (z.B. Sozialhilfeabhängigkeit)
der Bewilligung entgegenstehen. Die gesetzliche Grundlage für die
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Seite 10
Verweigerung des Familiennachzugs aufgrund der Sozialhilfeabhängigkeit
findet sich in Art. 85 Abs. 7 AIG. Dieses Kriterium wird, wie eben erwähnt,
als legitimer Zweck im Sinne von Art. 8 Ziff. 2 EMRK angesehen und kann
deshalb unter dem Blickwinkel des wirtschaftlichen Wohlergehens eines
Staates dem Familiennachzug entgegenstehen (BGE 139 I 330 E. 3.2
m.H.).
Von besonderem Gewicht erscheint schliesslich, ob die betroffenen
Personen aufgrund ihres migrationsrechtlichen Status vernünftigerweise
davon ausgehen durften, ihr Familienleben künftig im Konventionsstaat
pflegen zu können. Ist dies nicht der Fall, bedarf es besonderer
beziehungsweise aussergewöhnlicher Umstände, damit Art. 8 EMRK den
einzelnen Staat verpflichten kann, die Anwesenheit von Familienan-
gehörigen zu dulden.
Soweit Kinder betroffen sind, ist dem Kindeswohl im Sinne einer
Leitmaxime eine gewichtige Bedeutung zuzumessen, wobei wiederum die
einzelfallspezifischen Umstände, namentlich das Alter, die Situation im
Heimatstaat und die Abhängigkeit von den Eltern, massgeblich sind (vgl.
Art. 3 Abs. 1 und Art. 8 Abs. 1 der UNO-Kinderrechtskonvention vom 20.
November 1989 [KRK, SR 0.107]). Der Umstand allein, dass das Kind in
einem Staat eine bessere Ausgangslage hat, reicht selbstredend nicht (vgl.
BGE 139 I 330 E. 2.2 f.; die in BVGE 2017 VII/4 nicht publizierte E. 7.1 des
Urteils F-2043/2015 vom 26. Juli 2017, insb. zur Rechtsprechung des
Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR); Urteil des BGer
2C_1062/2018 vom 27. Mai 2019 E. 2.4 unter Bezugnahme auf das
EGMR-Urteil El Ghatet gegen Schweiz vom 8. November 2016 [Nr.
56971/10]).
6.4 Wie in E. 5.3 dargelegt, ist nach einer allfälligen Einreise der zwei
Kinder der Beschwerdeführerin mit einer nochmaligen Erhöhung der
Sozialhilfebezüge zu rechnen, welche aller Voraussicht nach auf
unbestimmte Zeit andauern wird. Hieraus ergibt sich ein erhebliches
öffentliches Interesse an der Verweigerung des beantragten Familien-
nachzugs.
6.5 Dem öffentlichen Interesse ist das private Interesse der
Beschwerdeführerin, die familiäre Beziehung zu ihren Kindern in der
Schweiz leben zu können, gegenüberzustellen.
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Seite 11
6.5.1 Es ist zunächst davon auszugehen, dass es den Betroffenen nicht
ohne Weiteres möglich wäre, die familiären Beziehungen im Ausland zu
leben. Aufgrund der Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin kommt
das Herkunftsland Eritrea nicht in Frage (vgl. etwa Urteil des BVGer
F-5088/2016 vom 13. Juni 2019 E. 7.6.1). Aber auch in Äthiopien ist ein
Familienleben nicht von vornherein ohne Weiteres zumutbar (siehe dazu
wiederum BVGE 2017 VII/4 E. 6.6). Allerdings gibt es in Äthiopien eine
grosse Diaspora von Personen aus Eritrea, die grundsätzlich als
Flüchtlinge anerkannt werden. Aus medizinischen, humanitären oder
Sicherheitsgründen kann den Flüchtlingen ein Leben ausserhalb eines
Camps erlaubt sein und sie werden vom UNHCR unterstützt; insbesondere
können eritreische Flüchtlinge in Addis Abeba leben, sofern sie für ihre
Lebenskosten aufkommen können (s. UNHCR, Ethiopia Factsheet, August
2015, < https://www.unhcr.org/protection/operations/524d82ce9/ethiopia-
fact-sheet.html >, zuletzt abgerufen im Januar 2021).
6.5.2 Die Beschwerdeführerin erklärt ihre Flucht dadurch, dass ihr
Ehemann von der Armee desertiert sei und Eritrea verlassen habe, womit
sie selber ihre Rechte verloren habe, wie zum Beispiel den Anspruch auf
Essenskarten oder Anbau ihres Landes (N act. A5/12 S. 8 und act. A21/17
S. 4ff.). Zudem habe ihr das Militär gedroht, sie solange einzusperren, bis
ihr Mann ausfindig gemacht werden könne. So begab sie sich auf die
Flucht, hinterliess ihre damals erst zweieinhalb- und vierjährigen Kinder bei
ihrer Schwester und ihrem Bruder, mit dem Plan, sie später wieder zu sich
zu nehmen. Dieser ging aber nicht auf, weil sie kein Asyl in der Schweiz
erhielt, der Bruder wegen des drohenden Militärdienstes ebenfalls flüchtete
und die Schwester 2017 auswanderte (s. N act. A29/13 S. 5). Das SEM
erachtete die Gründe ihrer Flucht als nicht glaubhaft (N act. A23/8 S. 4).
Vor diesem Hintergrund scheint fraglich, ob tatsächlich eine hinreichende
affektive Beziehung zwischen Mutter und Kindern besteht, hat jene doch
willentlich ihre Kleinkinder verlassen beziehungsweise diese für längere
Zeit in der Obhut ihrer Geschwister zurückgelassen, mit dem Ziel, in der
Schweiz, wo Familienangehörige weilten, ein Asylgesuch zu stellen
(dazu auch BVGer act. 8 S. 2).
Wie dem auch sei, relativiert zumindest der Umstand, dass die
Beschwerdeführerin ihr Heimatland im März 2014 illegal verliess, die
privaten Interessen an einem Familiennachzug. Denn erst durch diese
illegale Ausreise, die angesichts des rechtskräftig abgewiesenen
Asylgesuchs als freiwillig erfolgt gilt, schuf sie subjektive Nachfluchtgründe
(N act. A23/8 S. 4). Mit der Entscheidung zur Ausreise nahm sie
https://www.unhcr.org/protection/operations/524d82ce9/ethiopia-fact-sheet.html https://www.unhcr.org/protection/operations/524d82ce9/ethiopia-fact-sheet.html
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Seite 12
unweigerlich eine langfristige Trennung von der Familie in Kauf (s. auch
EGMR-Urteil Konstatinov v. The Netherlands vom 26. April 2007
[Nr. 16351/03] § 48). Insbesondere bei Vorliegen subjektiver
Nachfluchtgründe verstösst es nicht gegen Art. 8 EMRK, eine Einreise von
gewissen Bedingungen abhängig zu machen (vgl. Urteil des BVGer F-
7893/2016 vom 16. Juli 2018 E. 7.4 m.H.). Anzumerken bleibt an dieser
Stelle, dass die Beschwerdeführerin mit der Anordnung der vorläufigen
Aufnahme ausdrücklich darüber informiert wurde, ab wann und unter
welchen Voraussetzungen einem allfälligen Familiennachzug stattgegeben
würde. Auch von daher erweist sich die Einhaltung des Erfordernisses der
Sozialhilfeunabhängigkeit nicht als unverhältnismässig (vgl. GRABEN-
WARTER/PABEL, Europäische Menschenrechtskonvention, 6. Aufl. 2016,
§ 22 N. 76 m.w.H.).
6.5.3 Eigenen Angaben zufolge sind die Kinder in einem Flüchtlingslager
in Äthiopien unter der Obhut einer Bekannten; eine Nachbarin solle sie, da
sie ständig die Mutter verlangt hätten, nach Äthiopien gebracht haben
(SEM act. 6/2 S. 1). Diese Bekannte könne – so befürchtet nun die
Beschwerdeführerin – jederzeit die Kinder verlassen und wieder zurück zu
ihrem eigenen minderjährigen Kind nach Eritrea reisen (BVGer act. 1 und
8). In den Akten finden sich dazu jedoch keine Anhaltspunkte. Auch scheint
es wenig glaubhaft, dass eine Mutter ihr Kind längere Zeit in ihrer Heimat
zurücklässt, um Nachbarskinder (wohl illegal) aus dem Land zu bringen.
An dieser Stelle bleibt anzumerken, dass die Kinder beim UNHCR in
Äthiopien angemeldet sind. Infolgedessen ist davon auszugehen, dass sie
nicht völlig auf sich alleine gestellt wären (BVGer act. 8 S. 3). Mit Blick auf
die heutige Verbreitung moderner Kommunikationsmittel gibt es zudem
Möglichkeiten, die persönliche Situation mildernde Kontakte zu pflegen,
was eine allfällige Beeinträchtigung des Familienlebens relativiert (vgl.
Urteil des BVGer F-2860/2018 vom 5. Dezember 2019 E. 7.5). Im
vorliegend zu beurteilenden Einzelfall überwiegt im Rahmen einer
Gesamtwürdigung das öffentliche Interesse an einer restriktiven
Einwanderungspolitik und der Verweigerung des Familiennachzugs. Aus
Art. 8 EMRK vermag die Beschwerdeführerin mithin nichts zu ihren
Gunsten abzuleiten.
6.6 Soweit auf Beschwerdeebene – wiewohl in sehr allgemeiner Weise –
auch eine Gefährdung der sich im Ausland befindenden Kinder geltend
gemacht wird, sind solche Gründe nicht im Rahmen dieses
Rechtsmittelverfahrens einer Würdigung zu unterziehen (vgl. Urteil des
BVGer F-244/2019 vom 16. November 2020 E. 7.7 m.w.H.). Ferner ist zu
F-1041/2020
Seite 13
beachten, dass die Beschwerdeführerin im Dezember 2019 vom SEM eine
Einschätzung der Erfolgsaussichten auf Gewährung eines humanitären
Visums für ihre Kinder verlangt hat; die Vorinstanz verwies sie an die
schweizerische Vertretung (N act. A29/13 S. 1). Sowohl den Akten wie dem
digitalen Informationssystem ORBIS ist kein solches Gesuch zu
entnehmen; fürchtet die Beschwerdeführerin tatsächlich um die Sicherheit
ihrer Kinder, bestünde also immer noch die Möglichkeit, ein humanitäres
Visum zu beantragen.
6.7 Aufgrund obiger Erwägungen erweist sich die Verweigerung des
Familiennachzugs unter Berücksichtigung von Art. 8 EMRK und der KRK
als rechtmässig.
7.
Die vorinstanzliche Verfügung ist demnach zu Recht ergangen. Es gelingt
der Beschwerdeführerin nicht darzutun, inwiefern sie Bundesrecht verletzt,
den rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig oder unvollständig feststellt
oder unangemessen ist (Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist folglich
abzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Der Vollstän-
digkeit halber, sei an dieser Stelle noch angemerkt, dass die Voraus-
setzungen für die Gewährung der vollumfänglichen unentgeltlichen
Rechtspflege wegen Aussichtslosigkeit der Rechtsbegehren im Zeitpunkt
des Gesuchs im August 2020 nicht gegeben waren (vgl. Bst. F und G
oben).
(Dispositiv nächste Seite)
F-1041/2020
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