Decision ID: 3a402ed8-2129-4f61-85dc-fec0e779751d
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 24. Dezember 2021 suchte der minderjährige Beschwerdeführer – ein
afghanischer Staatsangehöriger paschtunischer Ethnie – in der Schweiz
um Asyl nach und wurde dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region Nord-
westschweiz zugewiesen.
B.
Am 4. Februar 2022 befragte das SEM den Beschwerdeführer im Rahmen
einer Erstbefragung für unbegleitete Minderjährige (EB UMA) und am
29. März 2022 fand die Anhörung statt.
C.
Zur Begründung seines Asylgesuches machte der – nach eigenen Anga-
ben aus dem Dorf Qazi (Distrikt Baghlan-e-Markazi, Provinz Baghlan)
stammende – Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, als er ungefähr
sechs Jahre alt gewesen sei, sei sein Vater von den Taliban festgehalten,
geschlagen und gezwungen worden, seine Tätigkeit als Fahrer für «die
Ausländer» aufzugeben. Er habe dieser Aufforderung Folge geleistet und
fortan nur noch Privatpersonen transportiert. Als der Beschwerdeführer
sechzehn Jahre alt gewesen sei, hätten die Taliban ihn in einem Brief von
seiner Familie herausverlangt. Aus Furcht vor der angekündigten Zwangs-
rekrutierung seien er und sein jüngerer Bruder M. mit dem Vater nach Ka-
bul gefahren, von wo aus er zunächst über Pakistan in den Iran gereist sei
und dabei seinen Bruder aus den Augen verloren habe. Danach habe die
Mutter von seinem Vater nichts mehr gehört. Der Beschwerdeführer sei
weiter über die Türkei, Griechenland, Bulgarien, Serbien, Rumänien, Un-
garn, Österreich, Deutschland und Frankreich in die Schweiz gelangt.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer eine Kopie
einer an ihn gerichteten Aufforderung, sich innert drei Tagen den «Islami-
schen Emiraten Afghanistan» in Baghlan anzuschliessen, ein.
D.
Das rechtsmedizinische Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin der Uni-
versität Basel vom 15. Februar 2022 über die forensische Lebensalters-
schätzung ergab eine mögliche Minderjährigkeit mit einem Mindestalter
von 16.1 Jahren.
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E.
Der Entscheidentwurf vom 5. April 2022 wurde der Rechtsvertretung zur
Stellungnahme zugestellt, welche am 6. April 2022 erfolgte.
F.
Mit gleichentags eröffnetem Entscheid vom 7. April 2022 wies das SEM
das Asylgesuch des Beschwerdeführers vom 24. Dezember 2021 ab und
ordnete dessen Wegweisung aus der Schweiz an, erachtete indessen den
Vollzug der Wegweisung als nicht zumutbar und nahm den Beschwerde-
führer vorläufig auf.
G.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 9. Mai 2022 erhob der Beschwer-
deführer gegen diesen Entscheid Beschwerde. Er beantragte die Aufhe-
bung der Ziffern 1-3 der angefochtenen Verfügung, die Anerkennung der
Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung. Eventualiter sei die ange-
fochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde die
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf das
Erheben eines Kostenvorschusses beantragt.
H.
Am 10. Mai 2022 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang
der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
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1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Auf einen Schriftenwechsel wurde verzichtet (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM erachtete den geltend gemachten Zwangsrekrutierungsver-
such der Taliban als nicht flüchtlingsrechtlich relevant (fehlende Gezieltheit
der Verfolgung).
Es führte aus, dass das von ihm dargelegte Vorgehen der Taliban nicht das
Ziel verfolgt habe, ihn aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten
sozialen Gruppe zu treffen beziehungsweise ihn deswegen zu verfolgen.
Vielmehr habe er in jenem Zeitpunkt die von den Taliban gewünschten Ei-
genschaften – männlich und in einem bestimmten Alter – erfüllt, weshalb
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er für ihre Zwecke geeignet schien. Den Akten seien keine Hinweise auf
zusätzliche Risikofaktoren zu entnehmen, wonach die Taliban ihn nicht als
«normalen» Jugendlichen, sondern als Feind und Verräter betrachten oder
ihm eine oppositionelle Gesinnung unterstellen würden. Auch lasse sich
aus den gemäss seinen Angaben über zehn Jahre zurückliegenden Über-
griffen der Taliban auf seinen Vater kein flüchtlingsrechtlich relevantes Ver-
folgungsmotiv ihm gegenüber ableiten.
Infolge der Lageveränderung (Machtübernahme der Taliban Mitte August
2021) befinde sich Afghanistan in einer Übergangsphase. Es sei zwar noch
nicht vollständig absehbar, wie die Taliban mit spezifischen Personengrup-
pen in der afghanischen Bevölkerung umgehen würden. Dokumentiert
seien namentlich Übergriffe auf bisherige Gegner der Taliban wie Angehö-
rige der Sicherheitskräfte, Mitarbeiter ausländischer Streitkräfte und inter-
nationaler Organisationen, Journalisten und Aktivisten, jedoch nicht Über-
griffe auf vormalige Rekrutierungsverweigerer. Es bestehe kein begründe-
ter Anlass zur Annahme, dass sich die Lageveränderung risikoschärfend
auf die persönliche Situation des Beschwerdeführers auswirkte und er zum
Zeitpunkt des Entscheids bei einer (hypothetischen) Rückkehr nach Afgha-
nistan mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit sowie in absehbarer Zukunft
flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsmassnahmen als Folge der
einstigen Rekrutierungsverweigerung ausgesetzt wäre.
Infolge der fehlenden flüchtlingsrechtlichen Relevanz seiner Asylvorbrin-
gen erübrige sich zwar eine vertiefte Prüfung der Glaubhaftigkeit dieser
Vorbringen, die Aussagen würden aber auch unter Berücksichtigung sei-
nes Alters nicht die Qualität aufweisen, welche bei tatsächlich Erlebtem zu
erwarten sei. Mangels formaler Kriterien und fehlender Beschaffungsmög-
lichkeit von Vergleichsmaterial (vor Ort) lasse auch das undatierte, angeb-
lich von den «Islamischen Emiraten Afghanistan» verfasste Schreiben
keine schlüssige Überprüfung zu und vermöge die geltend gemachten
Nachteile nicht glaubhaft zu machen.
Zum von der Rechtsvertretung in der Stellungnahme vom 6. April 2022 zum
Entscheidentwurf vorgebrachten Einwand, es liege bei der Rekrutierung
durch die Taliban ein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv im Sinne des Ur-
teils E-5072/2018 des Bundesverwaltungsgerichtes vor, weil diese an das
Alter, Geschlecht und Wohnort anknüpfe, welche als unabänderliche Ei-
genschaften die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe be-
gründen würden, wobei sich die Gezieltheit aus der Aufforderung der Her-
ausgabe des Beschwerdeführers ergebe und die Minderjährigkeit einen
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ernsthaften Nachteil betreffe, stellte die Vorinstanz fest, dass es sich beim
zitierten BVGer-Urteil E-5072/2018 weder um ein Grundsatz- noch ein Re-
ferenzurteil handle und darin die Illegitimität der Einberufung von Minder-
jährigen zu militärischen Handlungen durch lokale quasi-staatliche Macht-
haber als flüchtlingsrechtlich bedeutsam erachtet werde. Bei den Taliban
habe es sich jedoch im Zeitpunkt der geltend gemachten Zwangsrekrutie-
rung um eine nicht-staatliche Gruppierung gehandelt, weshalb sich der vor-
liegende Fall allein schon in dieser Hinsicht von demjenigen im zitierten
Urteil unterscheide und kein Analogieschluss gezogen werden könne. Da-
her erübrige sich eine vertiefte Glaubhaftigkeitsprüfung.
5.2 In der Beschwerde wurde daran festgehalten, ein Verfolgungsmotiv sei
im Sinne des BVGer-Urteils D-5072/2018 vom 17. Dezember 2020 zu be-
jahen, da dem Beschwerdeführer wegen äusserer oder innerer Merkmale
(im wehrfähigen Alter, männlich, Herkunft aus der Provinz Baghlan), die
untrennbar mit seiner Person oder seiner Persönlichkeit verbunden seien,
eine Verfolgung gedroht habe. Die versuchte Zwangsrekrutierung knüpfe
an diese nicht abänderbaren Merkmale des Beschwerdeführers an, wes-
halb die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe im Sinne von
Art. 3 AsylG erfüllt sei. Da die Situation des Beschwerdeführers mit derje-
nigen im BVGer-Urteil E-5072/2018 (E. 5.7) vergleichbar sei, könne er fol-
gendes zu seinen Gunsten daraus ableiten: Bei den darin erwähnten loka-
len Milizen wie auch bei den Taliban habe es sich um nichtstaatliche Orga-
nisationen gehandelt. Die Taliban hätten die Region, in welcher der Be-
schwerdeführer gelebt habe, bereits vor der Machtübernahme kontrolliert.
Im Fall des zitierten Urteils wie auch vorliegend sei von den Vätern der
Beschwerdeführer verlangt worden, ihre Söhne in den Kampf zu schicken
beziehungsweise «die Waffe zu nehmen».
Im Weiteren habe der Vater des Beschwerdeführers vor ungefähr zehn
Jahren als Fahrer für «die Ausländer» Lebensmittel zu Militärbasen gefah-
ren und sei deshalb von den Taliban entführt, gefoltert und wieder frei ge-
lassen worden, nachdem jener sich bereit erklärt habe, nicht mehr für die
Ausländer zu arbeiten. Auch ohne Beweis sei daher die naheliegendste
Erklärung für den Grund des Verschwindens des Vaters seit der Ausreise
seines Sohnes die Erinnerung der Taliban an die damalige Tätigkeit des
Vaters, auch wenn – wie von der Vorinstanz festgehalten – im Schreiben
der Taliban davon nichts erwähnt worden sei. Seit der Machtübernahme
der Taliban seien insbesondere Armee- und deren Familienangehörige ei-
nem noch höheren Risiko der Verfolgung ausgesetzt als zuvor. Zudem
würde als Loyalitätsbeweis des Beschwerdeführers von ihm erwartet, dass
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er den Taliban beitrete, um das Leben seines Vaters zu retten. Überdies
bestehe keine innerstaatliche Fluchtalternative. Damit sei mit der Zwangs-
rekrutierung eine Intensität erreicht, welche die Flüchtlingseigenschaft be-
gründe.
6.
Zunächst ist der nicht weiter begründete Eventualantrag auf Aufhebung der
Verfügung und Rückweisung der Sache zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zu behandeln. Die Vorinstanz hat den rechtserheblichen Sach-
verhalt vollständig und richtig festgestellt. Sie hat sich in der angefochtenen
Verfügung vertieft und ausgewogen mit den einzelnen Elementen der Vor-
bringen auseinandergesetzt. Aus der detaillierten Begründung wird ersicht-
lich, aus welchen Gründen das SEM die zentralen Vorbringen des Be-
schwerdeführers als flüchtlingsrechtlich nicht relevant erachtet hat. Die
Geltendmachung formeller Rügen erweist sich vorliegend als offensichtlich
unbegründet.
7.
7.1 In materieller Hinsicht hat das SEM in der angefochtenen Verfügung
die geltend gemachten Vorbringen des Beschwerdeführers (wie nachfol-
gend aufgezeigt) zu Recht und mit zutreffender Begründung als flüchtlings-
rechtlich nicht relevant erachtet.
7.2 Der Beschwerdeführer begründet seine Vorbringen im Wesentlichen
damit, ihm habe als Minderjährigem vor der Machtübernahme der Taliban
eine Zwangsrekrutierung mittels schriftlicher Aufforderung (Brief) gedroht.
Dazu sei es nicht gekommen, weil er vorher von seinem Vater nach Kabul
gebracht worden und ausgereist sei. Sein Vater, der vor über zehn Jahren
seine Arbeitstätigkeit auf Druck der Taliban verändert habe (vom Lebens-
mittelfahrer für «Ausländer» zum Fahrer für einheimische Privatpersonen)
sei seither verschwunden. Damit macht er sinngemäss auch eine Re-
flexverfolgung geltend.
7.3 Zum Nachweis der vorgebrachten drohendenden Zwangsrekrutierung
reichte der Beschwerdeführer ein Schreiben der Taliban ein, welches sich
jedoch – wie sich nachfolgend zeigt – für den Nachweis einer flüchtlings-
rechtlich relevanten Verfolgung als unbehelflich erweist, wobei der Be-
schwerdeführer sich mit dem Einwand in der Beschwerde, es nicht selbst
verfasst zu haben, nichts zu seinen Gunsten ableiten kann. Die Zwangs-
rekrutierung vor seiner Ausreise erscheint im zeitlichen und länderspezifi-
schen Kontext grundsätzlich plausibel. So war der Einfluss der Taliban in
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seiner Heimatprovinz Baghlan als einer der am meisten von diesen kon-
trollierten Regionen im Nordosten Afghanistans sehr hoch (vgl. euaa,
Baghlan,<https://euaa.europa.eu/country-guidance-afghanistan-2020/
Baghlan >, abgerufen am 15. August 2022). Die Taliban traten mit Zwangs-
rekrutierungsversuchen Minderjähriger bereits in früheren Jahren in Er-
scheinung, was auch mit den Aussagen des Beschwerdeführers in der An-
hörung übereinstimmt, wonach die Regierung zwar tagsüber seine Gegend
kontrolliert habe, jedoch nachts die Taliban dort gewesen seien; die Taliban
hätten die Oberhand gehabt (A25/10, F80 f.). Verschiedene Berichte wei-
sen zudem darauf hin, dass die Taliban vorwiegend junge Paschtunen aus
ländlichen Gebieten zu rekrutieren versuchten. Diesbezüglich ist allerdings
umstritten, ob sie dabei stets Gewalt anwandten beziehungsweise anwen-
den oder sich auf die Rekrutierung von Freiwilligen fokussieren (vgl. UK
Home Office, Afghanistan: Unaccompanied children, April 2021, S. 45 ff., <
https://www.ecoi.net/en/file/ local/2050110/ Afghanistan-unaccompanied-
+children-CPIN-v2.0%28Archived%29.pdf > m.w.H., abgerufen am 15. Au-
gust 2022).
7.4 Die Frage, ob dem minderjährigen Beschwerdeführer im Zeitpunkt der
Ausreise von Seiten der Taliban tatsächlich ernsthafte Nachteile aufgrund
eines asylrechtlich relevanten Motivs drohten, kann mit Verweis auf die
nachfolgenden Erwägungen mangels Aktualität offenbleiben. Im Übrigen
ist festzuhalten, dass das vom Beschwerdeführer referenzierte Urteil
E-5072/2018 weder ein Grundsatz- noch ein Koordinationsurteil darstellt
und in diesem Zusammenhang auf weitere Urteile zu verweisen ist, in de-
nen nicht von einem diskriminierenden Ansatz im Zusammenhang mit
Zwangsrekrutierungen ausgegangen wurde (vgl. statt vieler Urteile BVGer
E-2456/2018 vom 26. Juni 2020 m.w.H., D-1257/2020 vom 16. März 2020
E. 5.5.2, D-7291/2017 vom 2. April 2019 E. 5.2).
7.5 Es ist im heutigen Zeitpunkt festzustellen, dass die Taliban nach der
zwischenzeitlich erfolgten Machtübernahme wohl nicht mehr auf Zwangs-
rekrutierungen angewiesen sind. So beinhalten aktuelle Berichte zur Lage
in Afghanistan keine Hinweise auf systematische Zwangsrekrutierungen,
sie deuten vielmehr darauf hin, dass die Taliban eher Mitglieder der ehe-
maligen Sicherheitskräfte zu rekrutieren versuchen (vgl. UK Home Office,
Afghanistan: Fear of the Taliban, April 2022, Ziff. 6.11, <
https://www.ecoi.net/en/file/local/2068081/AFG_CPIN_Fear_of_the_Tali-
ban.pdf >, abgerufen am 11. August 2022; vgl. UN Security Council, Thir-
teenth report of the Analytical Support and Sanctions Monitoring Team sub-
https://euaa.europa.eu/country-guidance-afghanistan-2020/%20Baghlan https://euaa.europa.eu/country-guidance-afghanistan-2020/%20Baghlan https://www.ecoi.net/en/file/%20local/2050110/%20Afghanistan-unaccompanied-+children-CPIN-v2.0%28Archived%29.pdf https://www.ecoi.net/en/file/%20local/2050110/%20Afghanistan-unaccompanied-+children-CPIN-v2.0%28Archived%29.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/2068081/AFG_CPIN_Fear_of_the_Taliban.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/2068081/AFG_CPIN_Fear_of_the_Taliban.pdf
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mitted pursuant to resolution 2611 concerning the Taliban and other asso-
ciated individuals and entities constituting a threat to the peace stability and
security of Afghanistan, Ziff. 35, <https://www.ecoi.net/en/file/lo-
cal/2073803/N2233377.pdf >, abgerufen am 11. August 2022). Zwar ist die
aktuelle Informationslage in Bezug auf die Rekrutierungsstrategie schlecht
und es ist davon auszugehen, dass nicht alle Vorfälle von Menschenrechts-
verletzungen gemeldet werden. Dennoch ist gemäss den zur Verfügung
stehenden Informationen nicht mehr von systematischen Zwangsrekrutie-
rungen auszugehen, wie sie vor der Machtübernahme der Taliban offenbar
in einigen Regionen – auch am Herkunftsort des Beschwerdeführers – vor-
kamen. Von einer hohen Wahrscheinlichkeit einer möglichen zukünftigen
Rekrutierung des derzeit immer noch minderjährigen Beschwerdeführers
ist daher nicht auszugehen (vgl. Urteil D-3480/2021 des Bundesverwal-
tungsgerichts vom 10. August 2022, E.5).
7.6 Nach Durchsicht der Akten liegen alsdann keine Hinweise dafür vor,
dass der Beschwerdeführer dadurch, dass er sich der Aufforderung zur
Einziehung durch Ausreise entzogen hat, aktuell im Fokus der Taliban
stünde und deshalb bestraft werden könnte. Es ist zunächst darauf hinzu-
weisen, dass der Beschwerdeführer kein besonderes Risikoprofil aufweist.
Seinen Aussagen kann nicht entnommen werden, dass er in den Augen
der Taliban als religiöser oder politischer Oppositioneller gegolten hätte. Er
ist weder politisch aktiv gewesen noch hat er sich anderweitig aufgrund
seiner Familie, persönlicher Merkmale oder Aktivitäten gegenüber den Ta-
liban besonders exponiert. Vielmehr erklärte er, er habe nie persönlich
Probleme mit den Taliban gehabt (vgl. A25/10, F79). Zudem machte er
nicht explizit geltend, dass seine in Afghanistan verbliebene Familie seinet-
wegen ernsthaft behelligt worden wäre; er bringt einzig – und dies jedoch
unbelegt – vor, sein Vater sei verschwunden, seit er die Söhne nach Kabul
gefahren habe. Er macht alsdann auch nicht geltend, nach der Ausreise
von den Taliban gesucht worden zu sein, was ebenfalls gegen das Vorlie-
gen einer andauernden, erheblichen und gezielten Verfolgung spricht. Er
steht gemäss seinen Angaben regelmässig in telefonischem Kontakt mit
seiner Mutter und berichtete hauptsächlich von ihren wirtschaftlichen und
finanziellen Problemen und den Sorgen um den ebenfalls ausgereisten
Bruder wie auch vom fehlenden Kontakt zum Vater (vgl. A25/2; A25/6).
Dementsprechend drohen ihm bei einer allfälligen Rückkehr keine geziel-
ten Nachteile, die über die allgemeine Gefährdungslage hinausgingen.
https://www.ecoi.net/en/file/local/2073803/N2233377.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/2073803/N2233377.pdf
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Seite 10
7.7
7.7.1 Gemäss langjähriger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts lassen
sich bezüglich der vorgebrachten Reflexverfolgung bei der Beurteilung der
Sicherheitslage in Afghanistan Gruppen von Personen definieren, die auf-
grund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt
sind. Dazu gehören unter anderem Personen, die der früheren afghani-
schen Regierung oder der internationalen Gemeinschaft nahestehen oder
als Unterstützer derselben wahrgenommen werden, sowie westlich orien-
tierte oder der afghanischen Gesellschaftsordnung aus anderen Gründen
nicht entsprechende Personen (vgl. dazu aktuell das Urteil des BVGer
D-2161/2021 vom 12. Januar 2022 E. 7.2 ff.; sowie die früheren Urteile des
BVGer E-2802/2014 vom 15. Januar 2015 E. 5.3.3, D-3394/2014 vom
26. Oktober 2015 E. 4.6, E-3520/2014 vom 3. November 2015 E. 7.3 und
E-2285/2018 vom 14. Mai 2020 E. 6.2).
7.7.2 Eine familiäre Zugehörigkeit zu einer Person, welche einem erhöhten
Verfolgungsrisiko ausgesetzt ist, kann zu einer Reflexverfolgung führen
(vgl. Urteile des BVGer E-3520/2014 E. 7.3, D-2161/2021 vom 12. Januar
2022 E. 7.4).
Um eine objektiv begründete Furcht vor einer Reflexverfolgung im Sinne
von Art. 3 AsylG zu bejahen, muss glaubhaft gemacht werden, dass be-
gründeter Anlass zur Annahme besteht, die Verfolgung werde sich mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es
müssen konkrete Indizien und tatsächliche Anhaltspunkte dargelegt wer-
den, die die Furcht vor einer konkret drohenden Verfolgung nachvollzieh-
bar erscheinen lassen. Eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung ist
mithin zu bejahen, wenn eine Person aufgrund konkreter Indizien mit guten
Gründen, das heisst objektiv nachvollziehbar, befürchten muss, dass ihr
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit Verfolgung droht, und ihr deshalb ein
weiterer Verbleib im Heimatstaat nicht zugemutet werden kann (vgl. Ent-
scheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 1994 Nr. 5; Urteil des BVGer E-4140/2014 vom 13. Oktober 2014
E. 5.4).
7.7.3 Auch wenn im Sinne vorstehender E. 7.7.2 eine familiäre Zugehörig-
keit zu einer Person mit erhöhtem Verfolgungsrisiko zu einer Reflexverfol-
gung führen kann (vgl. auch Urteil D-1728/2022 des Bundesverwaltungs-
gerichtes vom 10. Mai 2022, E.7.4, mit weiteren Hinweisen), sprechen al-
lerdings vorliegend die individuellen Umstände des Einzelfalls gegen die
Gefahr einer solchen. Es ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass sich aus
http://links.weblaw.ch/EMARK-1994/5
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Seite 11
den über zehn Jahre zurückliegenden Übergriffen der Taliban auf seinen
Vater kein flüchtlingsrechtlich relevantes aktuelles Verfolgungsmotiv für
den Beschwerdeführer ableiten lässt. Der Vater leistete zudem der Auffor-
derung der Taliban, nicht mehr als Fahrer für «die Ausländer» tätig zu sein,
vor über zehn Jahren Folge und es wurde nicht geltend gemacht, dass der
Beschwerdeführer oder Familienangehörige seither in irgendeiner Form
behelligt worden seien (A25/11, F88 und F94 f.). Es mangelt damit an dar-
gelegten Gründen, weshalb der minderjährige Angehörige von den Taliban
nach so vielen Jahren wegen eines längst vergangenen Einzelvorfalles
(den Vater betreffend) verfolgt werden sollte. Entgegen der Behauptung
des Beschwerdeführers ist eine Reflexverfolgung in casu nicht nachvoll-
ziehbar. Wenn sich die Taliban an den Vater erinnern würden, wäre es na-
heliegender anzunehmen, dass bei tatsächlicher Gefahr einer Reflexver-
folgung entsprechende Übergriffe schon längst vor der Ausreise des Be-
schwerdeführers erfolgt wären. Aus dem vom Beschwerdeführer genann-
ten (seit der Ausreise der Söhne) blossen, fehlenden Kontakt der Mutter
zum Vater, lässt sich jedenfalls weder eine Reflexverfolgung noch ein ge-
nereller beziehungsweise direkter Zusammenhang ableiten.
7.8 Insgesamt ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer keine konkret
drohende Verfolgung nach Art. 3 AsylG darlegen konnte. Auch wenn er
nach Auffassung des Gerichts seine Vorbringen ziemlich vage und unsub-
stantiiert darlegte, kann die Frage der Glaubhaftigkeit seiner Angaben auf-
grund vorstehender Erwägungen beziehungsweise bei dieser Ausgangs-
lage offen gelassen werden. Das SEM hat die Flüchtlingseigenschaft des
Beschwerdeführers demnach zu Recht verneint und sein Asylgesuch fol-
gerichtig abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht ein-
tritt. Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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Seite 12
8.3 Nachdem das SEM den Beschwerdeführer mit der angefochtenen Ver-
fügung wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz
vorläufig aufgenommen hat, stellt sich die Frage nach dem Vorliegen der
weiteren Voraussetzungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegwei-
sung – Unzulässigkeit und Unmöglichkeit – im vorliegenden Fall nicht, da
diese Vollzugshindernisse alternativer Natur sind; ist eines erfüllt, gilt der
Vollzug der Wegweisung als undurchführbar (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und auch sonst nicht zu
beanstanden ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem unterliegenden
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Auf deren Erhe-
bung ist jedoch aufgrund der offensichtlichen Mittellosigkeit des Beschwer-
deführers und des Umstandes, dass sich seine Beschwerde als nicht zum
vornherein aussichtslos erweist, antragsgemäss zu verzichten (Art. 65
Abs. 1 VwVG). Die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung um-
fasst den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das ent-
sprechende Gesuch ist allerdings mit dem vorliegenden Direktentscheid
ohnehin gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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