Decision ID: ee4068c6-a31f-5897-b939-cf315ec58d5e
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) war seit 1. April 1991 als Entwicklungsingenieur
bei der B._ tätig und dadurch bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt
(Suva) gegen die Folgen von Unfällen versichert (Suva-act. I/2, Suva-act. II/1).
A.a.
Am 19. Dezember 2008 meldete die Arbeitgeberin der Suva einen Unfall des
Versicherten vom 31. Mai 2006. Dieser habe sich beim Einladen des Gepäcks in ein
Mietauto (Beinahesturz an Auto) einen Bandscheibenvorfall und einen Muskelriss am
rechten Oberarm zugezogen (Suva-act. I/2). Mit Verfügung vom 25. März 2009 lehnte
die Suva ihre Leistungspflicht mangels eines sicheren oder wahrscheinlichen
Kausalzusammenhangs zwischen den gemeldeten Rückenbeschwerden und dem
Unfallereignis vom 31. Mai 2006 ab (Suva-act. I/11). Aufgrund der Schilderung eines
Sturzes in der Einsprache vom 31. März 2009 (Suva-act. I/12) änderte sie mit
Einspracheentscheid vom 9. Juli 2009 in teilweiser Gutheissung der Einsprache die
Verfügung vom 25. März 2009 ab und anerkannte einen Anspruch auf die gesetzlichen
Versicherungsleistungen bis zum 31. Mai 2007 (Suva-act. I/20). Der
Einspracheentscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
A.b.
Am 12. August 2015 meldete die Arbeitgeberin der Suva einen Bagatellunfall des
Versicherten vom 27. Juli 2015 mit einer Stauchung der Wirbelsäule. Beim Einladen
eines Koffers in ein Taxi sei der Versicherte beinahe umgefallen und habe sich am
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rücken verletzt (Suva-act. II/1; vgl. auch Suva-act. II/30 und II/33). Mit Schreiben vom
14. August 2015 sprach die Suva dem Versicherten Leistungen für Heilbehandlungen
zu. Taggelder wurden mangels einer Arbeitsunfähigkeit keine ausgerichtet (Suva-act. II/
2).
Am 20. Mai 2016 liess der Versicherte die Arbeitgeberin der Suva einen Rückfall
zum Unfall vom 27. Juli 2015 melden (Suva-act. II/6). Nach der Durchführung
verschiedener Abklärungen (Suva-act. II/13, II/14, II/15, II/20, II/21, II/29, II/32) legte die
Suva den Schadenfall ihrer Kreisärztin med. pract. C._, Fachärztin für Chirurgie, zur
Beurteilung vor. Diese stellte am 23. August 2016 fest, das Trauma vom 27. Juli 2015
sei allenfalls geeignet gewesen, eine zeitlich limitierte Verschlimmerung hervorzurufen -
sprich die Beschwerden im Sommer 2015. Die aktuellen Beschwerden stünden jedoch
nicht im geforderten überwiegend wahrscheinlichen Kausalzusammenhang mit dem
Bagatelltrauma vom 27. Juli 2015 (Suva-act. II/34). Die Suva eröffnete dem
Versicherten darauf mit Verfügung vom 30. August 2016, dass kein sicherer oder
wahrscheinlicher Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall vom 27. Juli 2015 und
den als Rückfall gemeldeten Rückenbeschwerden bestehe und die Suva demzufolge
nicht leistungspflichtig sei (Suva-act. II/36). Nach einer im Rahmen des
Einspracheverfahrens (zur Einsprache vom 3. Oktober 2016 siehe Suva-act. II/41)
neuerlichen Beurteilung von med. pract. C._ vom 13. Oktober 2016 (Suva-act. II/46)
eröffnete die Suva dem Versicherten mit Verfügung vom 15. November 2016, dass sie
die Verfügung vom 30. August 2016 aufhebe und das Einspracheverfahren bezüglich
der Einsprache vom 3. Oktober 2016 als formlos abgeschlossen betrachte. Die
Leistungspflicht sei neu beurteilt worden. Gemäss Beurteilung von med. pract. C._
vom 13. Oktober 2016 sei ihre Zuständigkeit längstens für sechs Monate nach dem
Trauma anzunehmen bzw. der Zustand, wie er unmittelbar vor dem Unfall bestanden
habe, spätestens am 31. Januar 2016 wieder erreicht gewesen. Ein Anspruch auf
weitere Leistungen sei abzulehnen und die bisherigen Versicherungsleistungen
(Taggeld und Heilkosten) würden auf diesen Zeitpunkt eingestellt (Suva-act. II/49). Die
gegen die Verfügung vom 15. November 2016 erhobene Einsprache vom 13.
Dezember 2016 (Suva-act. II/55) wies die Suva mit Einspracheentscheid vom 9. März
2018 ab (Suva-act. II/61). Mit Eingabe vom 25. April 2018 erhob der Versicherte gegen
den Einspracheentscheid vom 9. März 2018 Beschwerde (Geschäftsnr. UV 2018/30)
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Die vom Versicherten gegen die Verfügung vom 28. Januar 2019 am 24. Februar 2019
mit dem sinngemässen Antrag, die Suva sei zu verpflichten, aufgrund der Unfälle vom
31. Mai 2006 und 27. Juli 2015 die gesetzlichen Versicherungsleistungen für die
Beschwerden ab dem 2. Mai 2016 zu erbringen und eventualiter sei ein ärztliches
Gutachten zu veranlassen (Suva-act. II/65). Am 1. Juli 2018 reichte der Versicherte als
Ergänzung zur Beschwerde vom 25. April 2018 ein undatiertes Foto der rechten
Schulter ein, welches einen verdickten Muskel und dessen auf den Unfall vom 31. Mai
2006 zurückzuführenden Abriss von der Schulter beweise (Suva-act. II/76).
Am 19. Dezember 2018 meldete die Arbeitgeberin des Versicherten einen Rückfall
(Rückfalldatum vom 17. November 2018) zum Unfall vom 31. Mai 2006 mit einer
100%igen Arbeitsunfähigkeit vom 26. November bis 2. Dezember 2018 an (Suva-act.
II/79). Auf dem Beiblatt zur Schadenmeldung UVG gab sie den Rückfall
irrtümlicherweise zum Unfall vom 27. Juli 2015 an (vgl. Bstb. A.d; Suva-act. II/79-2),
was der Versicherte mit Schreiben vom 14. Januar 2019 richtigstellte (Suva-act. II/79, I/
24, vgl. auch Suva-act. I/25). Er hielt ausserdem fest, dass vom Unfall von 2006 sowohl
die Schulter als auch die Bandscheibe betroffen gewesen seien. Das Ereignis sei heftig
genug gewesen, sowohl den Muskelabriss an der Schulter zu verursachen als auch
unter der drehenden Bewegung die Bandscheibe zu beeinträchtigen (Suva-act. I/24).
Mit Schreiben vom 21. Januar 2019 hielt der Versicherte fest, dass der "Rückfall vom
27. Juli 2015" ebenso auf den Unfall vom 31. Mai 2006 zurückgehe. Eine Revision sei
dann gültig, wenn ein neues Beweismittel eingereicht werde. Als neuer Beweis sei der
Muskel(ab)riss vom 31. Mai 2006 eingereicht worden. Er ersuche um eine
einsprachefähige Verfügung (Suva-act. I/26).
A.e.
Mit Verfügung vom 28. Januar 2019 lehnte die Suva eine "Revision" des
Einspracheentscheids vom 9. Juli 2009 bzw. das Revisionsgesuch vom 21. Januar
2019, mit welchem der Versicherte in Bezug auf das Ereignis vom 31. Mai 2006 einen
seinerzeit nicht berücksichtigten Muskelabriss geltend mache, mit der Begründung ab,
dass die Fotografie der rechten Schulter kein neues Beweismittel zum besagten
Muskelabriss darstelle, dessen Beibringung zuvor nicht möglich gewesen wäre (Suva-
act. I/28).
A.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erhobene (Suva-act. I/35) und am 31. März 2019 begründete Einsprache (Suva-act. I/
40) wies die Suva mit Einspracheentscheid vom 15. Juli 2019 ab (Suva-act. I/44).
C.
Gegen den Einspracheentscheid vom 15. Juli 2019 erhob der Versicherte
(nachfolgend: Beschwerdeführer) mit Eingabe vom 13. September 2019 Beschwerde
(Geschäftsnr. UV 2019/58) mit folgenden Rechtsbegehren: "Aufhebung des
Einspracheentscheids und dessen Sistierung"; "Unverzögerte Bearbeitung des
hängigen Falls UV 2018/30" und "Rechtsgültigkeit des Urteils zum Fall UV 2018/30
auch für den Fall" UV 2019/58 (act. G 1).
C.a.
Mit Schreiben vom 17. September 2019 entsprach das Versicherungsgericht dem
Gesuch um Sistierung des Verfahrens und teilte dem Beschwerdeführer mit, dass das
Verfahren UV 2019/58 pendent gehalten werde bis über das Verfahren UV 2018/30
betreffend Versicherungsleistungen rechtskräftig entschieden worden sei (act. G 2).
C.b.
Mit Entscheid vom 17. Oktober 2019 (UV 2018/30) wies das Versicherungsgericht
die Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 9. März 2018 (Suva-act. II/61;
vgl. Bstb. A.d) im Sinne der Erwägungen ab, soweit es darauf eintrat. Das
Versicherungsgericht hielt fest, dass der Unfall vom 31. Mai 2006 bzw. ein Rückfall
oder Spätfolgen betreffend diesen Unfall nicht Gegenstand der Verfügung vom 15.
November 2016 (Suva-act. II/49) bildeten. Ebenfalls nicht Gegenstand der
vorgenannten Verfügung habe eine Leistungspflicht der Suva im Zusammenhang mit
einer Schulterverletzung rechts des Versicherten gebildet. Diese werde von ihm selbst
als Folge des Unfalls vom 31. Mai 2006 betrachtet, der nicht Gegenstand der
Verfügung gebildet habe. Auf die vom Beschwerdeführer erstmals im
Beschwerdeverfahren sinngemäss gestellten Anträge, die Beschwerdegegnerin habe
über den 31. Januar 2016 hinaus, insbesondere ab Mai 2016, weitere
Versicherungsleistungen für den Unfall vom 31. Mai 2006 und für eine
Schulterverletzung rechts zu erbringen, könne demnach im vorliegenden
Beschwerdeverfahren nicht eingetreten werden (Suva-act. II/95, insbesondere
Erwägung 3).
C.c.
Das Versicherungsgericht hob darauf die am 17. September 2019 verfügte
Sistierung im Verfahren UV 2019/58 auf (act. G 3).
C.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Mit Beschwerdeantwort vom 30. Januar 2020 beantragte die Suva (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei,
und die Bestätigung des Einspracheentscheids vom 15. Juli 2019 (act. G 4).
C.e.
Mit Replik vom 18. April 2020 stellte der Beschwerdeführer folgende Anträge:
Anerkennung aller drei dokumentierten Unfälle und aller drei bisher erfolgten Rückfälle.
1. Es sei das Urteil des Versicherungsgerichts vom 17. Oktober 2019 (UV 2018/30)
aufzuheben und anzupassen. 2. Es seien dem Beschwerdeführer die ihm zustehenden
gesetzlichen Leistungen nach UVG auszurichten "respektive für als Unfallfolgen
zukünftigen Beschwerden anzuerkennen und deren Leistungen zuzusichern." 3. Es sei
die Vorinstanz anzuweisen, die Kosten- und Entschädigungsfolgen für das
erstinstanzliche Gerichtsverfahren neu zu verlegen, alles unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen (act. G 10).
C.f.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete mit Schreiben vom 2. Juli 2020 auf die
Einreichung einer umfassenden Duplik, verwies auf die einschlägigen Erwägungen des
angefochtenen Einspracheentscheids vom 15. Juli 2019 sowie die Ausführungen in der
Beschwerdeantwort vom 30. Januar 2020 und erneuerte ihren Antrag auf Abweisung
der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei. Auf die Anträge der Replik könne nicht
eingetreten werden, weil sie nicht den Anfechtungsgegenstand des vorliegenden
Prozesses (Einspracheentscheid vom 15. Juli 2019) betreffen würden, sondern das
rechtskräftige Urteil UV 2018/30 des Versicherungsgerichts vom 17. Oktober 2019 (act.
G 12).
C.g.
Hinsichtlich des Gegenstands im vorliegenden Beschwerdeverfahren UV 2019/58
ist zu beachten, dass grundsätzlich lediglich Rechtsverhältnisse zu überprüfen bzw. zu
beurteilen sind, zu denen die zuständige Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich in
Form eines Einspracheentscheids Stellung genommen hat. Insoweit bestimmt der
Gegenstand des Einspracheentscheids den Gegenstand des Beschwerdeverfahrens
(vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1). Die Beschwerdegegnerin befand im Einspracheentscheid
vom 13. Juli 2019 ausschliesslich über das Gesuch des Beschwerdeführers um
prozessuale Revision des Einspracheentscheids vom 9. Juli 2009 (Suva-act. I/44). Nur
1.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Zu prüfen ist nachfolgend, ob die Voraussetzungen für eine Korrektur bzw. eine
prozessuale Revision des rechtskräftigen Einspracheentscheids erfüllt sind.
dieses kann deshalb Gegenstand der gerichtlichen Überprüfung im vorliegenden
Beschwerdeverfahren bilden.
Der Beschwerdeführer beantragt in der Replik vom 18. April 2020 unter anderem,
es sei der Entscheid des Versicherungsgerichts vom 17. Oktober 2019 (UV 2018/30)
aufzuheben bzw. anzupassen (act. G 11). Auf den Antrag kann nicht eingetreten
werden, da die Korrektur dieses Gerichtsentscheids nicht Gegenstand des
Einspracheentscheids vom 13. Juli 2019 bildet. Im vorgenannten Gerichtsentscheid
wurde der Anspruch des Beschwerdeführers auf Versicherungsleistungen aus der
Unfallversicherung im Zusammenhang mit seinem Unfall vom 27. Juli 2015 (vgl. Bstb.
A.c) beurteilt und - soweit er mit der diesbezüglichen Beschwerde vom 25. April 2018
(Suva-act. II/65) Versicherungsleistungen im Zusammenhang mit seinem Unfall vom 31.
Mai 2006 (vgl. Bstb. A.b) und für eine Schulterverletzung rechts geltend machte - auf
die Beschwerde nicht eingetreten. Dieser Entscheid ist unangefochten in formelle
Rechtskraft erwachsen und kann nicht mehr mit einem ordentlichen Rechtsmittel
angefochten werden. Dem fraglichen Antrag kommt jedoch insofern bereits keine
entscheidende Bedeutung zu, als der Beschwerdeführer mit der vorliegenden
Beschwerde vom 13. September 2019 (act. G 1) offensichtlich keine Leistungen aus
dem Unfall vom 27. Juli 2015, sondern aus demjenigen vom 31. Mai 2006 geltend
machten möchte (vgl. dazu Bstb. A.e). In diesem Sinne kann auch auf die weiteren
Anträge des Beschwerdeführers zum Entscheid UV 2018/30 (act. G 1) nicht eingetreten
werden. Der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen, dass die für ein
Wiederaufnahmebegehren zu wahrende Dreimonatsfrist gemäss Art. 83 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRP; sGS 951.1) bereits verstrichen ist.
1.2.
Für den Unfall vom 31. Mai 2006 erfolgte am 19. Dezember 2008 eine
Schadenmeldung UVG durch die Arbeitgeberin des Beschwerdeführers (Suva-act. I/2).
Mit Verfügung vom 25. März 2009 lehnte die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht
mangels eines sicheren oder wahrscheinlichen Kausalzusammenhangs zwischen den
gemeldeten Beschwerden und dem Unfallereignis vom 31. Mai 2006 ab (Suva-act. I/
11). Aufgrund der Schilderung eines Sturzes in der Einsprache vom 31. März 2009
(Suva-act. I/12) änderte die Beschwerdegegnerin mit Einspracheentscheid vom 9. Juli
2009 in teilweiser Gutheissung der Einsprache die Verfügung vom 25. März 2009 ab,
indem sie gestützt auf die kreisärztliche Beurteilung vom 17. Februar 2009 einen
2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anspruch auf die gesetzlichen Versicherungsleistungen bis zum 31. Mai 2007
anerkannte (Suva-act. I/20). Der Einspracheentscheid erwuchs unangefochten in
Rechtskraft.
Am 1. Juli 2018 reichte der Beschwerdeführer als Ergänzung zur Beschwerde vom
25. April 2018 ein undatiertes Foto der rechten Schulter ein, welches einen verdickten
Muskel und dessen auf den Unfall vom 31. Mai 2006 zurückzuführenden Abriss von der
Schulter beweise (Suva-act. II/76). Am 21. Januar 2019 (Suva-act. I/26) schrieb er der
Beschwerdegegnerin, dass eine (prozessuale) Revision dann gültig sei, wenn ein neues
Beweismittel eingereicht werde. Dieser neue Beweis sei der Muskel(ab)riss vom 31.
Mai 2006, von dem ein Foto eingereicht worden sei. Er ersuche um eine
einsprachefähige Verfügung.
2.2.
Gemäss Art. 53 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) müssen formell rechtskräftige
Verfügungen und Einspracheentscheide in Revision gezogen werden, wenn die
versicherte Person oder der Versicherungsträger nach dem Erlass erhebliche neue
Tatsachen entdeckt oder Beweismittel auffindet, deren Beibringung zuvor nicht
möglich war (prozessuale Revision [vgl. BGE 115 V 313 E. 4aa]).
2.3.
Eine materiell-rechtliche Neubeurteilung der Frage eines Anspruchs auf
Unfallversicherungsleistungen für eine durch den Unfall vom 31. Mai 2006 erlittene
Schulterverletzung kann gestützt auf Art. 53 Abs. 1 ATSG nur dann erfolgen, wenn ein
Revisionsgrund, d.h. eine revisionsrechtlich erhebliche neue Tatsache oder ein neues
Beweismittel, vorliegt (BGE 115 V 313 E. 4a/aa). Anders würde die verfahrensrechtliche
Ordnung, wonach ein formell-rechtskräftiger Entscheid nur unter bestimmten
Voraussetzungen abgeändert werden kann bzw. darf, untergraben (vgl. dazu Ueli
Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Auflage, Zürich 2020, N 2 ff. zu Art. 53 ATSG). Die
prozessuale Revision betrifft die Ausgangslage, dass ein Entscheid von Anfang an auf
fehlerhaften tatsächlichen Grundlagen beruht (BGE 115 V 313 E. 4a/aa). Als neu gelten
Tatsachen, welche sich bis zum Zeitpunkt des Verfügungserlasses verwirklicht haben,
jedoch der um Revision ersuchenden Person trotz hinreichender Sorgfalt nicht bekannt
waren. Demgegenüber bilden neue Tatsachen, die erst nach diesem Zeitpunkt
eintraten, keinen Revisionsgrund. Nach dem Wortlaut von Art. 53 Abs. 1 ATSG müssen
die neuen Tatsachen ferner erheblich sein, d.h. sie müssen geeignet sein, die
tatbeständliche Grundlage der Verfügung dahingehend zu ändern, dass bei erneuter
Entscheidfällung ein anderer Entscheid resultiert. Neue Beweismittel müssen sich
ebenfalls auf vorbestehende Tatsachen beziehen. Sie haben entweder dem Beweis der
die Revision begründenden neuen Tatsachen oder dem Beweis von
2.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tatsachenbehauptungen zu dienen, die zwar im früheren Verfahren bekannt gewesen,
aber zum Nachteil der gesuchstellenden Person unbewiesen geblieben sind. Sollen
bereits vorgebrachte Tatsachen mit neuen Mitteln bewiesen werden, so hat der
Gesuchsteller darzutun, dass er die Beweismittel im früheren Verfahren nicht
beibringen konnte. Damit können - wie bei den neuen Tatsachen - nur diejenigen
Beweismittel angerufen werden, die trotz hinreichender Sorgfalt bisher nicht bekannt
waren bzw. nicht in das Verfahren eingebracht werden konnten. Eine Revision ist mithin
zum vornherein ausgeschlossen, wenn die vorgebrachten neuen Tatsachen und
Beweismittel bereits im Rahmen des vorangehenden Verfahrens oder auf dem Weg der
Beschwerde hätten geltend gemacht werden können (zum Ganzen BGE 108 V 171 f. E.
1, 110 V 141 E. 2 und 122 V 273 E. 4; Thomas Locher/Thomas Gächter, Grundriss des
Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. Bern 2014, N 58 f. zu § 70; Kieser, a.a.O., N 24 ff. zu
Art. 53 ATSG). Beim Beweismittel hat der Gesetzgeber bewusst das Kriterium der
Erheblichkeit nicht verwendet. Massgebendes Kriterium für die Anerkennung eines -
neu aufgefundenen - Beweismittels als Revisionsgrund bildet einzig die Frage, ob es
vor der Entscheidfällung beigebracht werden konnte. Diese besondere
Betrachtungsweise erklärt sich dadurch, dass angesichts der oft komplexen
sachverhaltlichen Fragen das Kriterium der Erheblichkeit eines Beweismittels
gelegentlich kaum zu klären ist, weshalb das Kriterium nicht im Rahmen der
Eintretensprüfung, sondern bei der materiellen Entscheidung Berücksichtigung finden
soll (Kieser, a.a.O., N 30 zu Art. 53). Neue Tatsachen oder Beweismittel sind innert 90
Tagen nach deren Entdeckung geltend zu machen; zudem gilt eine absolute
zehnjährige Frist, die mit der Eröffnung der formell rechtskräftigen Verfügung zu laufen
beginnt (Art. 67 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes [VwVG; SR 172.021] in
Verbindung mit Art. 55 Abs. 1 ATSG; Kieser, a.a.O., N 39 zu Art. 53; Urteile des
Bundesgerichts vom 31. Januar 2012, 9C_896/2011, E. 4.2, und vom 8. Dezember
2011, 8C_434/2011, E. 3 mit Hinweisen).
Im angefochtenen Einspracheentscheid vom 15. Juli 2019 (Suva-act. I/44) prüfte
die Beschwerdegegnerin, ob das vom Beschwerdeführer am 1. Juli 2018 eingereichte
Foto von seiner rechten Schulter (Suva-act. II/76) ein neues Beweismittel im Sinne von
Art. 53 Abs. 1 ATSG darstelle (Suva-act. I/44, Erwägung 2.a.).
2.5.
Die Beschwerdegegnerin wies zutreffend darauf hin, dass in der
Sachverhaltsbeschreibung zur Schadenmeldung UVG vom 19. Dezember 2008 (Suva-
act. I/2) ein Muskelabriss am rechten Oberarm aufgeführt gewesen sei und insofern
eine neue Tatsache, welche dem Beschwerdeführer vor Erlass des rechtskräftigen
2.5.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Im Sinne eines obiter dictum ist bezüglich der Schadenmeldung UVG vom 19.
Dezember 2018 (Suva-act. II/79), worin ein Rückfall im Sinne von Art. 11 der
Verordnung über die Unfallversicherung (UVV; SR 832.202) gemeldet wurde, darauf
hinzuweisen, dass der Argumentation der Beschwerdegegnerin in ihrem Schreiben
vom 16. Januar 2019 (Suva-act. I/25) - der Einspracheentscheid vom 9. Juli 2009
verbiete die Annahme eines rückfallweisen Kausalzusammenhangs zwischen dem
Unfall vom 31. Mai 2006 und den Beschwerden des Beschwerdeführers zum
Einspracheentscheids vom 9. Juli 2009 (Suva-act. I/20) trotz hinreichender Sorgfalt
nicht bekannt gewesen wäre, von vornherein ausser Betracht falle.
Ebenfalls richtig räumt die Beschwerdegegnerin allerdings ein, dass der vom
Beschwerdeführer geltend gemachte Schultermuskelabriss rechts in keinem
aktenkundigen medizinischen Bericht dokumentiert wurde. Vor diesem Hintergrund
könnte das am 1. Juli 2018 eingereichte Foto von der rechten Schulter (Suva-act. II/76)
als Beweismittel für eine Tatsachenbehauptung dienen, die zwar im früheren Verfahren
bekannt gewesen, aber zum Nachteil der gesuchstellenden Person unbewiesen
geblieben ist. Wie bereits erwähnt, ist das Beweisfoto undatiert. Datiert es in
Wirklichkeit aus der Zeit vor der seinerzeitigen Einsprache vom 31. März 2009 (Suva-
act. I/12), hätte es jedoch bereits mit ihr eingereicht werden können. Wäre es erst nach
Erlass des Einspracheentscheids vom 9. Juli 2009 entstanden, wäre wiederum die
gesetzliche 90-tägige Frist zur Einreichung des Revisionsgesuchs überschritten (vgl.
Erwägung 2.6). In beiden Fällen wäre damit eine prozessuale Revision des
Einspracheentscheids vom 15. Juli 2019 ausgeschlossen.
2.5.2.
Zusammenfassend ist mithin festzuhalten, dass aufgrund der obigen Erwägungen
keine Möglichkeit einer prozessualen Revision gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG besteht,
der Einspracheentscheid diesbezüglich zu bestätigen und die Beschwerde abzuweisen
ist.
2.6.
Der Vollständigkeit halber ist festzustellen, dass selbst bei Bejahung eines
Revisionsgrundes eine materiell-rechtliche Neubeurteilung (vgl. dazu Kieser, a.a.O., N
43 zu Art. 53 ATSG) im Sinne einer Bejahung eines beim Unfall vom 31. Mai 2006
erlittenen Schultermuskelrisses allein gestützt auf ein undatiertes Foto bei einer
Latenzzeit von rund zwölf Jahren (31. Mai 2006 bis 1. Juli 2018 [Suva-act. II/76]) ohne
eigentliche aktenkundige Brückensymtpome (ärztlichen Behandlungen, Diagnosen und
Befunde bezüglich der rechten Schulter sowie entsprechende Arbeitsunfähigkeiten)
nicht überzeugen würde.
2.7.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vornherein, da der Eintritt des Status quo sine mit genanntem Entscheid rechtkräftig
festgestellt worden sei - nicht gefolgt werden kann. Die Beendigung einer bloss
vorübergehenden unfallkausalen Verschlimmerung eines Vorzustandes schliesst einen
späteren unfallkausalen Rückfall nicht per se aus, zumindest nicht in dieser
Eindeutigkeit. Denn der Rückfall erfasst das Wiederaufflackern einer unfallbedingten
Schädigung (André Nabold in: Kommentar zum schweizerischen
Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die Unfallversicherung [UVG], Bern 2018,
N 89 zu Art. 6 UVG; BSK UVG-Irene Hofer, Basel 2019, N 117 zu Art. 6 UVG; Alexandra
Rumo-Jungo/André Pierre Holzer, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 4. Aufl. Zürich/
Basel/Genf 2012, S. 78), von deren Abheilung zuvor ausgegangen wurde. Die
Abheilung war denn auch massgebend für die leistungsaufhebende Annahme des
Status quo sine vel ante. Erweist sich die Abheilung später als nicht von Dauer und
wird ein Wiederaufflackern geltend gemacht, so ist dieses wiederum auf die
Unfallkausalität zu prüfen. Der Unfallversicherer hat selbst auf eine materiell
unbegründete Neuanmeldung bzw. Rückfallmeldung einzutreten und diese
abzuweisen, womit in einem solchen Fall der Argumentation, es sei über bestimmte
Beschwerden bereits in einem Grundfall rechtskräftig entschieden worden und eine
Neuanmeldung zum Leistungsbezug im Zusammenhang mit neuen Beschwerden
könne nur als Gesuch um prozessuale Revision aufgefasst werden, nicht gefolgt
werden kann. Die Beschwerdegegnerin übersieht dabei insbesondere, dass ein
leistungseinstellender oder -verweigernder Entscheid einzig den bis dahin
eingetretenen Sachverhalt erfasst und allfällige danach eingetretene
Sachverhaltsänderungen nicht berücksichtigt (vgl. Urteile des Versicherungsgerichts
des Kantons St. Gallen vom 2. Juni 2016, UV 2015/2, E. 3.4, und 16. Mai 2019, UV
2017/109, E. 5.2). Sie wird deshalb das mit der Rückfallmeldung verbundene
Leistungsgesuch zu prüfen und darüber eine anfechtbare Verfügung zu erlassen haben.
4.