Decision ID: 082c31de-e806-526a-95e8-2a8eaff28297
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._ (nachfolgend Beschwerdeführer) und B._ (nachfolgend
Beschwerdeführerin), iranische Staatsangehörige kurdischer Ethnie aus
C._, gelangten eigenen Angaben zufolge am 2. November 2015 in
die Schweiz und suchten gleichentags um Asyl nach. Am 13. November
2015 wurden sie im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) D._
im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) zu ihren persönlichen Um-
ständen, dem Reiseweg sowie summarisch zu ihren Gesuchsgründen be-
fragt. Die einlässliche Anhörung zu den Asylgründen erfolgte am 23. Ja-
nuar 2017.
B.
B.a Der Beschwerdeführer machte geltend, er sei konfessionslos und habe
die Schule bis zur (...) Klasse besucht. Sein Vater habe sich im Irak politisch
betätigt und sei nach seiner Rückkehr von den Behörden mehrmals fest-
genommen und befragt worden. Er habe sich das Leben genommen, als
sein Sohn (Beschwerdeführer) (...) Jahre alt gewesen sei. Dieser habe zu-
nächst als (...) und (...) gearbeitet. Danach habe er auf eigene Rechnung
während fünf bis sechs Jahren zuerst (...) und dann die letzten zwei bis drei
Jahre als (...) gearbeitet. Während sechs bis sieben Monaten habe er in
seinem Laden auch regime- und islamkritische Inhalte von einem USB-
Stick, den er jeweils vom befreundete E._ erhalten habe, auf CDs
kopiert. Es habe sich um Übersetzungen des Korans, einige Artikel gegen
die islamische Religion und die Rechtsauskunft von Mullahs zu aktuellen
Geschehnissen gehandelt. Die CDs habe er seinem Kollegen F._
weitergegeben, welcher sie als (...) an seine Kundschaft verteilt habe. Als
er sich (...) 2015 mit seiner Ehefrau in G._ aufgehalten habe, sei er
vormittags von E._ angerufen worden. Dieser habe ihm mitgeteilt,
dass F._ von den iranischen Behörden festgenommen worden sei.
Damals habe er etwa zum vierten Mal kritische Inhalte auf CDs kopiert.
Nach dem Telefonat habe er befürchtet, dass F._ unter Folter sei-
nen Namen verraten könnte. Um Mitternacht habe er seine Familienange-
hörigen angerufen und erfahren, dass die Polizei sein Haus durchsucht,
Beweismittel mitgenommen und seinen älteren Bruder H._ festge-
nommen habe. Die Polizei sei mit H._ in seinen Laden gegangen.
Dort habe sie insbesondere seinen Computer, einen USB-Stick, circa (...)
CDs und den Roman "(...)" von (...) beschlagnahmt. Zwei Stunden später
habe der Beschwerdeführer seinen Onkel in I._ angerufen. Nach
dem Telefonat sei er mit seiner Ehefrau dorthin gefahren. Ein Tag später
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sei H._ durch Hinterlegen einer Bürgschaft entlassen worden. Der
Onkel habe dem Beschwerdeführer zur Flucht geraten und seine Ausreise
organisiert. Er habe die iranisch-türkische Grenze illegal überquert und sich
nach K._ begeben. Nach drei bis vier Tagen sei er von einem Last-
wagen mitgenommen und an einen ihm unbekannten Ort gefahren worden.
Von dort sei er nach einem (...)stündigen Fussmarsch zum EVZ D._
gelangt.
In Bern, Biel und Genf habe er als Kameramann, Helfer oder im Ordnungs-
dienst an kurdischen Kundgebungen für Menschenrechte und gegen Ter-
rorismus im Iran teilgenommen. Zudem sei er in der Schweiz Mitglied der
L._ geworden. Über Facebook habe er regime- und islamkritische
Videos und Texte von Drittpersonen weiterverbreitet.
B.b Die Beschwerdeführerin brachte vor, sie sei islamischen Glaubens und
habe beabsichtigt, nach dem (...) Schuljahr (...) zu studieren. Im Jahr (...)
habe sie geheiratet. Bevor sie sich für das Studium habe einschreiben kön-
nen, hätten die Probleme ihres Ehemannes begonnen. Ihr sei bekannt ge-
wesen, dass dieser eine islam- und regierungskritische Meinung propagiert
habe. Sie hätten sich zusammen Kinder gewünscht. Deshalb seien sie für
medizinische Abklärungen nach G._ gegangen. Im Hotel habe ihr
Ehemann einen Anruf erhalten. Daraufhin habe er ihr mitgeteilt, dass sie
das Hotel verlassen müssten, weil ein Freund von ihm von der iranischen
Regierung verhaftet worden sei. Ihr Ehemann habe mit diesem Freund ver-
botene Dinge gegen die Regierung gemacht. Ihr Ehemann habe auch mit
seiner Familie telefoniert und erfahren, dass die Polizei bei ihnen zuhause
und in seinem Laden gewesen sei, wo sie Objekte beschlagnahmt hätte.
Auch der ältere Bruder des Ehemannes sei verhaftet worden. Sie hätten
den Grossonkel beziehungsweise Onkel des Ehemannes kontaktiert und
seien nach I._ gegangen. Er habe ihnen empfohlen, wegen den
Problemen des Ehemannes aus dem Iran auszureisen, und (...) die Aus-
reise organisiert. Circa im Oktober 2015 hätten sie von I._ (...) die
iranisch-türkische Grenze überquert. Daraufhin seien sie mit einem (...)
nach K._ gefahren und schliesslich mit einem Lastwagen am 2. No-
vember 2015 in die Schweiz gelangt.
B.c Als Beweismittel reichten die Beschwerdeführenden ihre iranischen
Identitätsausweise (Shenasname) im Original zu den Akten. Der Be-
schwerdeführer legte zudem (...) Fotografien von kurdischen Veranstaltun-
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gen in Biel, Bern und Genf ins Recht. Des Weiteren reichten sie ihre irani-
schen Fahrausweise im Original (Beschwerdeführerin) beziehungsweise in
Kopie (Beschwerdeführer) ein.
C.
Mit Verfügung vom 14. Juni 2018 – eröffnet am 15. Juni 2018 – stellte das
SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte ihre Asylgesuche ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete deren Vollzug an.
D.
Mit Eingabe vom 16. Juli 2018 erhoben die Beschwerdeführenden – han-
delnd durch ihren Rechtsvertreter – beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde gegen diesen Entscheid und beantragten die Aufhebung der an-
gefochtenen Verfügung sowie die Rückweisung der Sache an das SEM zur
vollständigen und richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserhebli-
chen Sachverhalts und zur Neubeurteilung. Eventualiter sei die Flücht-
lingseigenschaft der Beschwerdeführenden festzustellen und es sei ihnen
Asyl zu gewähren, eventualiter seien sie als Flüchtlinge anzuerkennen und
vorläufig aufzunehmen sowie eventualiter sei die Unzulässigkeit respektive
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und sie seien
deshalb vorläufig aufzunehmen. Sodann ersuchten sie um Einsicht in die
Akten (...) und (...), eventualiter um Gewährung des rechtlichen Gehörs be-
treffend diese Akten und sämtliche Beweismittel sowie anschliessend um
Ansetzung einer angemessenen Frist zur Einreichung einer Beschwerde-
ergänzung. Weiter beantragten sie, auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses zu verzichten und sie von der Bezahlung der Verfahrenskosten
zu befreien.
Der Beschwerde lagen – nebst dem angefochtenen Asylentscheid und ei-
ner Sozialhilfebestätigung – zahlreiche Unterlagen betreffend die exilpoliti-
schen Aktivitäten des Beschwerdeführers (Ausdrucke von Einträgen und
Screenshots betreffend sein Facebook-Profil, USB-Stick betreffend Rede
des Beschwerdeführers an einer Demonstration vom (...) 2018 in Bern, Fo-
tografien, Kopie des L._-Ausweises) sowie je eine Bestätigung der
psychiatrischen Dienste der (...) betreffend den Beschwerdeführer und die
Beschwerdeführerin bei.
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Seite 5
E.
Am 18. Juli 2018 bestätigte das Gericht den Eingang der Beschwerde.
F.
Der damals zuständige Instruktionsrichter teilte den Beschwerdeführenden
mit Zwischenverfügung vom 14. August 2018 mit, sie dürften den Ausgang
des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig hiess er das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gut und verzichtete auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses. Die Anträge auf Akteneinsicht,
Gewährung des rechtlichen Gehörs sowie auf Fristansetzung zur Be-
schwerdeergänzung betreffend die Akten (...) und (...) wurden gutgeheis-
sen, die Anträge im Übrigen abgewiesen, ein Doppel der Beschwerde-
schrift zusammen mit den vorinstanzlichen Akten ans SEM gesandt, die
Vorinstanz aufgefordert, den Beschwerdeführenden im Sinne der Erwä-
gungen Einsicht in die besagten Akten zu gewähren, den entsprechenden
Vollzugsnachweis zu erbringen und die Vorakten anschliessend an das
Bundesverwaltungsgericht zu retournieren. Schliesslich wurde den Be-
schwerdeführenden Gelegenheit gegeben, innert sieben Tagen ab Gewäh-
rung der Akteneinsicht eine ergänzende Beschwerdebegründung einzu-
reichen.
G.
Mit Schreiben vom 17. August 2018 gewährte das SEM den Beschwerde-
führenden Akteneinsicht.
H.
Mit Eingabe vom 28. August 2018 nahmen die Beschwerdeführenden Stel-
lung.
I.
Mit Instruktionsverfügung vom 4. September 2018 wurde die Vorinstanz zu
einer Vernehmlassung eingeladen.
J.
Am 17. September 2018 reichte das SEM eine Vernehmlassung ein.
K.
Die Beschwerdeführenden liessen dem Gericht mit Eingabe vom 4. Okto-
ber 2018 eine Replik zukommen, unter Beilage weiterer Unterlagen zu den
exilpolitischen Tätigkeiten des Beschwerdeführers (insbesondere USB-
Stick mit zahlreichen Fotografien und Videos, alles überwiegend betreffend
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eine Demonstration vom (...) 2018 in Bern, diesbezügliche Ausdrucke von
Fotografien, Videos und Facebook-Profil) und zur Lage im Iran.
L.
Am 1. November 2018 wurde das vorliegende Beschwerdeverfahren aus
organisatorischen Gründen zur Behandlung auf Richter Jürg Marcel Tie-
fenthal übertragen.
M.
Mit Eingabe vom 1. Februar 2019 reichten die Beschwerdeführenden eine
Kopie eines Bestätigungsschreibens der L._ (Auslandbüro
M._) vom 25. Januar 2019, einen Ausdruck eines auf N._
erschienen Internetartikels mit namentlicher Erwähnung des Beschwerde-
führers als politischer Aktivist, einen Ausdruck des Facebook-Profils sowie
weitere Unterlagen betreffend iranische Aktivisten und Regimegegner in
Europa zu den Akten.
N.
Mit Eingabe vom 7. Februar 2019 reichten die Beschwerdeführenden eine
Übersetzung des erwähnten Internetartikels von N._ ein.
O.
Mit Eingabe vom 14. Februar 2019 legten die Beschwerdeführenden einen
weiteren Ausdruck des Facebook-Profils des Beschwerdeführers, eine
DVD-R und Screenshots betreffend eine Demonstration vom (...) 2019 in
Bern sowie je einen Ausdruck des Facebook-Profils und eines darauf ver-
linkten regimekritischen Internetartikels ins Recht.
P.
Mit Eingabe vom 21. Oktober 2019 reichten die Beschwerdeführenden di-
verse Unterlagen betreffend Ausdruck des Facebook-Profils inklusive Fo-
tografien von Demonstrationen in der Schweiz ein.
Q.
Mit Eingabe vom 12. Dezember 2019 reichten die Beschwerdeführenden
einen weiteren Ausdruck des Facebook-Profils sowie Unterlagen betref-
fend Proteste im Iran ein.
http://www.kdpmedia.org/ http://www.kdpmedia.org/
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Seite 7

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie-
gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 In der Beschwerde wurden verschiedene formelle Rügen erhoben, wel-
che vorab zu prüfen sind, da sie unter Umständen geeignet sein könnten,
eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. Die Beschwer-
deführenden rügten eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör
sowie eine unvollständige und unrichtige Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts.
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Seite 8
3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, anderer-
seits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass
eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen ein-
greift. Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich vor Er-
lass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern, Beweise beizubrin-
gen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen ge-
hört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise entweder mit-
zuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn die-
ses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch auf rechtli-
ches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 m.H.).
Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin-
gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung
angemessen zu berücksichtigen. Das gilt für alle form- und fristgerechten
Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkreten Streit-
frage geeignet und erforderlich erscheinen. Die Begründung muss so ab-
gefasst sein, dass der Betroffene den Entscheid gegebenenfalls sachge-
recht anfechten kann. Sie muss kurz die wesentlichen Überlegungen nen-
nen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sie ihren
Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen
Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vor-
bringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
3.3 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufge-
listeten Beweismittel. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an
der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 13 VwVG). Dazu gehört un-
ter anderem, die Identität offenzulegen und vorhandene Identitätspapiere
abzugeben, an der Feststellung des Sachverhaltes mitzuwirken und in der
Anhörung die Asylgründe darzulegen sowie allfällige Beweismittel vollstän-
dig zu bezeichnen und unverzüglich einzureichen (vgl. Art. 8 AsylG).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
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Seite 9
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., Zü-
rich/Basel/Genf 2013, Rz. 1043).
3.4
3.4.1 Die Beschwerdeführenden machten eine schwerwiegende Verlet-
zung ihres Anspruchs auf rechtliches Gehör geltend, indem ihnen das SEM
die Einsicht in die Akten (...) und (...) verweigert habe. In der Zwischenver-
fügung vom 14. August wurde das SEM angewiesen, den Beschwerdefüh-
renden diese Aktenstücke in geeigneter Weise offenzulegen, verbunden
mit der Möglichkeit der Beschwerdeergänzung. Die Vorinstanz kam dieser
Aufforderung mit Schreiben vom 17. August 2018 nach, indem sie die ge-
heim zu haltenden Stellen von (...) abdeckte, während sie den Beschwer-
deführenden den wesentlichen Inhalt von (...) schriftlich zur Kenntnis
brachte. Entgegen den Ausführungen in der Stellungnahme der Beschwer-
deführenden ist die Vorgehensweise betreffend (...) nicht zu beanstanden.
Zudem wurde ihr Anspruch auf rechtliches Gehör durch die anfänglich ver-
weigerte Einsicht in die beiden Aktenstücke nicht schwerwiegend verletzt.
Nachdem ihnen Gelegenheit zur Beschwerdeergänzung nach gewährter
Einsicht gegeben wurde, ist die Verletzung des Anspruchs auf rechtliches
Gehör aufgrund der verweigerten Einsicht in die Aktenstücke (...) und (...)
als auf Beschwerdeebene geheilt zu betrachten.
3.4.2 Das SEM habe ihren Anspruch auf rechtliches Gehör auch dadurch
verletzt, dass es mit keinem Wort erwähnt und gewürdigt habe, dass die
Familie des Beschwerdeführers dessentwegen unter Kontrolle gewesen
sei und Probleme gehabt habe, wobei auf act. (...) und (...) verwiesen wird.
Dieser (in der Replik vom 4. Oktober 2018 sinngemäss wiederholte) Vor-
wurf geht fehl. Zutreffend führte das SEM dazu in seiner Vernehmlassung
aus, die Probleme der Familie seien im Wesentlichen im Sachverhalt der
angefochtenen Verfügung erwähnt worden. Des Weiteren könne dem Be-
schwerdeführer aufgrund von unsubstanziierten und oberflächlichen Anga-
ben zu seinen Kernvorbringen nicht geglaubt werden, dass er vor seiner
Ausreise aufgrund von regimekritischen Aktivitäten von den iranischen Be-
hörden verfolgt worden sei (vgl. nachstehend E. 6.4). Deshalb erübrige es
sich, näher auf die daraus resultierenden Probleme seiner Familie einzu-
gehen, da diesen geltend gemachten Verfolgungsmassnahmen damit die
Grundlage entzogen sei.
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Seite 10
3.4.3 Eine weitere schwerwiegende Verletzung des Anspruchs auf rechtli-
ches Gehör habe das SEM dadurch begangen, dass es die eingereichten
Beweismittel, insbesondere betreffend politische Anlässe und Demonstra-
tionen in der Schweiz, praktisch nicht gewürdigt habe, wobei es den Be-
schwerdeführer hätte auffordern müssen, die persischen Kommentare auf
der Rückseite der Fotografien auf Deutsch zu übersetzen. Auch dieser Vor-
wurf ist unbegründet. Zunächst ist auf die Vernehmlassung des SEM zu
verweisen. Darin führte die Vorinstanz zutreffend aus, im Anhörungsproto-
koll seien unter Frage (...) alle wesentlichen Informationen festgehalten,
um die eingereichten Fotografien zu kontextualisieren. Dabei gab der Be-
schwerdeführer das Datum und die Orte der Veranstaltungen an. Die Fo-
tografien können den einzelnen Anlässen ohne Weiteres zugeordnet wer-
den, da sie auf der Rückseite auch mit dem Datum versehen sind (vgl. act.
[...]). Zudem wurde er anlässlich der Anhörung aufgefordert, sich zu seiner
Aufgabe oder Rolle bei den Veranstaltungen zu äussern (vgl. a.a.O. [...]).
Somit erweist sich auch diese Rüge der Verletzung der Abklärungspflicht
als unbegründet.
3.5 Sodann wurde gerügt, das SEM habe in Verletzung seiner Abklärungs-
pflicht den rechtserheblichen Sachverhalt unvollständig und unrichtig fest-
gestellt.
3.5.1 Die Beschwerdeführenden brachten vor, die Vorinstanz habe die Ab-
klärungspflicht dadurch verletzt, dass sie seit der Einreichung der Asylge-
suche am 2. November 2015 mehr als 14 Monate bis zur Durchführung der
Anhörung Anfang 2017 ungenutzt habe verstreichen lassen, umso mehr,
als das SEM die Unglaubhaftigkeit der Vorbringen in erster Linie mit an-
geblich nicht detaillierten Aussagen begründe. Praxisgemäss stellt die zeit-
liche Differenz von gut einem Jahr zwischen der Asylgesuchstellung und
der Anhörung aber keine Verletzung der Abklärungspflicht dar, zumal nicht
ersichtlich ist, welche Rechtsnachteile den Beschwerdeführenden daraus
entstanden sein sollen (vgl. statt vieler Urteile des BVGer
E-5914/2017 vom 24. April 2018 E. 6.4, D-6926/2017 vom 30. April 2018
E. 3.2.1 und E-5342/2017 vom 9. Mai 2018 E. 4.4). Zudem wurde die man-
gelnde Glaubhaftigkeit in der angefochtenen Verfügung primär mit den ins-
gesamt nicht substanziierten Schilderungen des Beschwerdeführers zu
den Kernvorbringen begründet. Entsprechend ist dies nicht als Verletzung
der Abklärungspflicht zu werten.
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Seite 11
3.5.2 Sodann wurde in der Beschwerdeschrift vorgebracht, eine Verletzung
der Abklärungspflicht sei auch darin zu erkennen, dass dem Beschwerde-
führer anlässlich der Anhörung trotz seines Hinweises in Frage (...) ein Toi-
lettengang verweigert worden sei, was umso schwerer wiege, als er ge-
zwungen worden sei, vorher noch (...) Fragen zu beantworten, was sich
negativ auf sein Aussageverhalten ausgewirkt habe. Dazu führte das SEM
in seiner Vernehmlassung zutreffend aus, die Befragerin habe dem Ersu-
chen des Beschwerdeführers umgehend entsprochen (vgl. act. [...]: "Ja
klar, kein Problem."). Leider sei anhand des Protokolls nicht ersichtlich, ob
es danach – die nachfolgende Frage sei lediglich auf einer neuen Zeile
gestellt worden – tatsächlich zu einem kurzen Unterbruch gekommen und
der Beschwerdeführer zur Toilette gegangen sei. Dem Protokoll lasse sich
aber nicht entnehmen, dass der Beschwerdeführer gezwungen worden sei,
in der Anhörung zu warten, und dies sein Aussageverhalten beeinflusst
hätte. Zwar wurde, wie in der Replik vom 4. Oktober 2018 zutreffend ein-
gewandt, keine Pause protokolliert. Aufgrund der Aktenlage ist aber entge-
gen den Ausführungen in der Replik nicht davon auszugehen, dass die An-
hörung trotz des Bedürfnisses des Beschwerdeführers ohne entspre-
chende Pause weitergeführt wurde, und zwar umso weniger, als von der
anwesenden Hilfswerkvertretung keine Verweigerung einer Toilettenpause
beobachtet und vermerkt wurde (vgl. a.a.O. [...]). Die diesbezüglich ge-
rügte Verletzung der Abklärungspflicht ist somit zu verneinen.
3.5.3 Schliesslich machten die Beschwerdeführenden geltend, das SEM
habe den Sachverhalt betreffend die eigentlichen fluchtauslösenden Ereig-
nisse nicht richtig und vollständig abgeklärt. So habe es dem Beschwerde-
führer bei der Frage (...) keine detaillierten Nachfragen gestellt. Dieser Vor-
wurf ist haltlos. Der Beschwerdeführer beantwortete die Frage nach dem
Ausreisegrund damit, dass bei ihm CDs mit verbotenen Inhalten gefunden
worden seien, weswegen er zum Tod verurteilt werden könnte (vgl. a.a.O.
[...]). In der Anschlussfrage wurde er aufgefordert, alles zu erzählen, wie
es zu diesem Fund gekommen sei. Da diese Frage von ihm ausführlich
beantwortet wurde, erübrigten sich Nachfragen (vgl. a.a.O. [...]). Somit hat
die Vorinstanz die Abklärungspflicht nicht verletzt.
3.6 Zusammenfassend erweisen sich die formellen Rügen der Beschwer-
deführenden als unbegründet beziehungsweise als geheilt und es besteht
keine Veranlassung, die Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurückzu-
weisen. Der entsprechende Antrag ist daher abzuweisen.
D-4139/2018
Seite 12
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m. Verw.)
4.4 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – insbesondere durch politische Exil-
aktivitäten – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht
subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend. Begrün-
deter Anlass zur Furcht vor künftiger Verfolgung besteht dann, wenn der
Heimat- oder Herkunftsstaat mit erheblicher Wahrscheinlichkeit von den
Aktivitäten im Ausland erfahren hat und die Person deshalb bei einer Rück-
kehr in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt würde (vgl. BVGE
2009/29 E. 5.1). Dabei muss hinreichend Anlass zur Annahme bestehen,
die Verfolgung werde sich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in ab-
sehbarer Zukunft verwirklichen – eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger
Verfolgung genügt nicht (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2).
4.5 Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die we-
gen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und die weder
Ausdruck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat
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Seite 13
bestehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind. Vorbehalten bleibt das
Abkommen vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30; vgl. Art. 3 Abs. 4 AsylG).
5.
Die Vorinstanz gelangte in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen der Beschwerdeführenden hielten weder den Anforderungen
an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die
Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG stand. Ferner könne der Be-
schwerdeführer auch im Zusammenhang mit den geltend gemachten exil-
politischen Tätigkeiten nicht als Flüchtling anerkannt werden.
Die Schilderungen des Beschwerdeführers zu seinen Kernvorbringen
seien insgesamt nicht substanziiert ausgefallen, da ihnen nur unzu-
reichend Realkennzeichen zu entnehmen seien. So seien seine Angaben
zu den Umständen des Erhalts und des Inhalts der islamkritischen Doku-
mente oberflächlich und vage. Hätte er tatsächlich solche erhalten, so
müsse davon ausgegangen werden, dass er sich genauer darüber infor-
miert hätte, woher sie stammten. Zudem sei er nicht in der Lage gewesen,
konkrete Angaben bezüglich des Inhalts dieser Dokumente zu machen.
Hätte er tatsächlich dazu beigetragen, islamkritische Dokumente zu ver-
breiten, sei anzunehmen, dass er sich genauer mit dem Inhalt dieser Un-
terlagen auseinandergesetzt hätte und seine diesbezüglichen Überlegun-
gen ausführlich darlegen und mit dem zu erwartenden Konkretisierungs-
grad vortragen könnte. Ferner seien seine Angaben bezüglich seines poli-
tischen Engagements knapp und allgemein. Hätte er sich tatsächlich poli-
tisch engagiert, so müsste auch hierbei erwartet werden, dass er spontan
und ausführlich über sein konkretes persönliches Engagement erzählen
könnte.
Die Beschwerdeführerin sei ebenfalls nicht in der Lage gewesen, ausführ-
lich über die konkreten Probleme ihres Ehemannes im Iran Auskunft zu
geben. Hätte sie den Iran tatsächlich aufgrund dieser Probleme verlassen,
wäre davon auszugehen, dass sie sich genauer über dessen Aktivitäten
informiert hätte.
Zusammenfassend könne den Beschwerdeführenden aufgrund ihrer va-
gen, oberflächlichen und unsubstanziierten Angaben zu ihren Kernvorbrin-
gen nicht geglaubt werden, dass sich der Beschwerdeführer regimekritisch
engagiert habe und deswegen von den iranischen Behörden verfolgt wor-
den sei. Es müsse davon ausgegangen werden, dass es sich bei seinem
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Seite 14
Kernvorbringen um einen konstruierten Sachverhalt handle und er aus an-
deren Umständen aus dem Iran ausgereist sei. Folglich halte dieses Vor-
bringen den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG
nicht stand.
Sodann sei trotz der Tragik des Verlustes des Vaters des Beschwerdefüh-
rers festzuhalten, dass dieser erklärt habe, aufgrund der Aktivitäten seines
Vaters keine Probleme mit den iranischen Behörden gehabt zu haben. Na-
mentlich habe er nach dem Tod des Vaters noch circa neun bis zehn Jahre
ohne diesbezügliche Behelligungen im Iran gelebt. Folglich stünden die
Probleme des Vaters in keinem zeitlichen und sachlichen Zusammenhang
mit der Ausreise des Beschwerdeführers. Somit entfalteten sie nach Art. 3
AsylG keine Asylrelevanz. Diesbezüglich sei auch bei einer Rückkehr in
den Iran eine begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung zu verneinen.
Die vom Beschwerdeführer geltend gemachten exilpolitischen Aktivitäten,
insbesondere auch die Mitgliedschaft in der L._, vermöchten keine
Furcht vor flüchtlingsrelevanter Verfolgung bei einer Rückkehr in den Iran
zu begründen. Den Akten seien keine konkreten Hinweise darauf zu ent-
nehmen, dass er sich in qualifizierter Weise exilpolitisch betätigt hätte. Hin-
sichtlich der Beleidigungen und Drohungen durch seine Familienangehö-
rige und Unbekannte seit seinem Aufenthalt in der Schweiz stehe er ge-
mäss seinen Angaben trotz der familiären Unstimmigkeiten durch seine
Freunde im Iran mit seinen Familienangehörigen in Kontakt. Bezüglich der
Drohungen habe er zu Protokoll gegeben, dass er keine Feinde habe, son-
dern lediglich seine Einstellung mit anderen teilen möchte. Seinen Anga-
ben seien keine konkreten Hinweise zu entnehmen, wonach er aufgrund
seiner Aktivitäten auf Facebook durch seine Familie oder Unbekannte im
Iran eine konkrete Gefahr an Leib und Leben zu befürchten hätte. Somit
sei davon auszugehen, dass er nicht über ein politisches Profil verfüge,
das ihn bei einer Rückkehr in den Iran flüchtlingsrelevanten Gefährdung
aussetzen würde.
Den Vollzug der Wegweisung erachtete das SEM als zulässig, zumutbar
und möglich, insbesondere da die Beschwerdeführenden im Iran über ein
tragfähiges Beziehungsnetz verfügten, der Beschwerdeführer nach dem
Grundschulabschluss ein eigenes Geschäft geführt habe und die Be-
schwerdeführerin über einen Abiturabschluss verfüge.
D-4139/2018
Seite 15
6.
6.1 Nachfolgend ist zunächst zu prüfen, ob die Beschwerdeführenden auf-
grund der geltend gemachten Vorfluchtgründe die Flüchtlingseigenschaft
erfüllen (vgl. Art. 3 und 7 AsylG).
6.2 Diesbezüglich wurde in der Beschwerdeschrift in materieller Hinsicht
ausgeführt, die Vorbringen der Beschwerdeführenden seien glaubhaft und
asylrelevant. Auf die Entgegnungen im Einzelnen zur Argumentation der
Vorinstanz wird in den nachfolgenden Erwägungen 6.3–6.6 eingegangen.
6.3 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt in Übereinstimmung mit der
Vorinstanz zum Schluss, dass die Vorbringen der Beschwerdeführenden
hinsichtlich der geltend gemachten Vorverfolgung den Anforderungen an
die Glaubhaftigkeit nicht zu genügen vermögen.
6.4 Zur Vermeidung von Wiederholungen kann vorab auf die zutreffenden
Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. Die Ent-
gegnungen in der Beschwerde sind nicht geeignet, die Aussagen der Be-
schwerdeführenden glaubhafter erscheinen zu lassen. Diese bestritten ins-
besondere die mangelnde Substanziierung ihrer Vorbringen und wandten
unter Zitierung von Protokollstellen ein, ihre Schilderungen seien durch-
wegs detailliert und ausführlich ausgefallen. Der Beschwerdeführer habe
sehr wohl glaubhaft Aussagen betreffend seine Politisierung gemacht. Er
habe das herrschende System der Theokratie abgelehnt und bekämpft.
Somit sei auch glaubhaft, dass er die CDs kopiert habe, aber nicht die Zeit
(und vielleicht auch nicht den Intellekt) gehabt habe, sämtliche Inhalte zu
lesen. Offensichtlich habe die Gruppe arbeitsteilig gehandelt. Er habe auch
erwähnt, dass er diese Inhalte von seinem Kollegen E._ erhalten
habe, dessen Einstellungen er teile. Nach den Umständen des Erhalts der
Dokumente sei er gar nicht gefragt worden. Es sei in erster Linie um die
Weitergabe der Informationen gegangen. Es sei offensichtlich, dass
E._ die Quelle betreffend die Inhalte nicht habe preisgeben wollen
oder dürfen. Zusammenfassend habe sich der Beschwerdeführer derart
ausführlich für die Herkunft der Dokumente interessiert, wie es ihm habe
zugemutet werden können. Von ihm habe nicht erwartet werden können
oder müssen, diesbezüglich weiter nachzuforschen. Sodann sei es gerade
bei Dokumenten mit kritischem Inhalt sinnvoller, diesbezüglich nicht weiter
nachzufragen und sich und andere Personen in Gefahr zu bringen. Aus-
serdem hätte hartnäckiges Nachfragen den Beschwerdeführer bei den an-
deren Personen als verdächtig erscheinen lassen können.
D-4139/2018
Seite 16
Dem ist Folgendes entgegenzuhalten: Der Beschwerdeführer gab zu Pro-
tokoll, bevor ihn E._ ersucht habe, die Dateien vom USB-Stick auf
CDs zu kopieren, habe er seine regime- und islamkritische Meinung ledig-
lich im Familien- und Freundeskreis sowie gegenüber Kunden in seinem
Laden geäussert (vgl. act. [...]). Aber bezüglich der Inhalte der CDs ging er
davon aus, dass ein einziger Beweis ausreichen würde, um ihn zum Tode
zu verurteilen (vgl. act. [...]). Ihm war somit bewusst, dass er sich mit der
Vervielfältigung der kritischen Inhalte auf CDs und deren Weitergabe an
F._ zur Verteilung in Lebensgefahr begab. Demgegenüber war die
Äusserung seiner kritischen Ansichten in ihm vertrauten privaten Kreisen
für ihn kaum mit einem Risiko verbunden. Unter diesen Umständen wäre,
auch wenn ihm die USB-Sticks von E._ übergeben worden wären,
der seine kritischen Einstellungen teile (vgl. a.a.O. [...]), von ihm zum einen
zu erwarten gewesen, dass er sich genau über die Herkunft der USB-Sticks
informiert und sich nicht mit der Antwort von E._ ("Warte mal ab."),
den er einmal danach gefragt habe, begnügt hätte (vgl. a.a.O. [...]). Dem
weiteren Einwand, E._ habe seine Quelle nicht preisgeben wollen
oder dürfen, der Beschwerdeführer hätte sich durch hartnäckiges Nachfra-
gen verdächtig machen und sich und andere Personen in Gefahr bringen
können, kann in analoger Argumentation entgegengehalten werden, dass
E._ den Inhalt der USB-Sticks im Alleingang auf die CDs hätte ko-
pieren und diese zur Verteilung weitergeben oder die CDs nach der Erstel-
lung zur Weiterleitung an sich nehmen können, ohne dem Beschwerdefüh-
rer die für die Verteilung zuständige Person ([F._]) zu nennen. Mit
einem solchen Vorgehen hätte das Risiko signifikant vermindert werden
können. Unter den erwähnten Umständen wäre sodann zu erwarten gewe-
sen, dass sich der Beschwerdeführer umso genauer mit den von ihm zu
kopierenden Inhalten auseinandergesetzt hätte, und sich nicht nur mit dem
Lesen von deren Titel begnügt hätte, umso mehr, als ihm die Herkunft des
Materials nicht bekannt gewesen sei (vgl. a.a.O. [...]). Sein Einwand, er sei
ohnehin regimekritisch gewesen und aus beruflichen Gründen habe ihm
die Zeit gefehlt, sich näher um die Inhalte zu kümmern, vermag nicht zu
überzeugen (vgl. a.a.O. [...]). Nach dem Gesagten ist mit der
Vorinstanz davon auszugehen, dass es sich bei dem vom Beschwerdefüh-
rer geltend gemachten Kopieren von regime- und islamkritischen Inhalten
von ihm durch E._ ausgehändigte USB-Sticks auf CDs und deren
Weitergabe an den (...) F._ zur Verteilung, der in diesem Zusam-
menhang inhaftiert worden sei, um einen konstruierten Sachverhalt han-
delt. Mithin vermag auch die von Beschwerdeführenden daraus abgeleitete
Verfolgung den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht standzuhalten.
D-4139/2018
Seite 17
6.5 Auch andere Gründe, die auf eine asylrelevante Verfolgungsgefahr hin-
deuten könnten, liegen nicht vor. Diesbezüglich wurde in der Rechtsmitte-
leingabe eingewandt, die Vorinstanz verkenne in ihrer Argumentation, dass
der Beschwerdeführer aus einer politisch einschlägig bekannten Familie
stamme, wobei insbesondere das politische Profil seines Vaters zu einer
entscheid- und asylrelevanten Vorverfolgung im Sinne einer Reflexverfol-
gung der Familie geführt habe.
Dieser Einwand ist nicht stichhaltig. Zur Vermeidung von Wiederholungen
ist vorab auf die zutreffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung
zu verweisen. Der Beschwerdeführer gab diesbezüglich zu Protokoll, seine
regime- und islamfeindliche Einstellung habe mit dem Tod seines Vaters
begonnen, an dem die Regierung schuld sei, weil sie seinen Vater mit ihren
Behelligungen in den Suizid getrieben habe. Die Regierung sei dafür ver-
antwortlich, dass er ohne seinen Vater, auf den er angewiesen gewesen
sei, habe aufwachsen müssen und unter den damit verbundenen negati-
ven Folgen zu leiden gehabt habe (vgl. a.a.O. [...]). Der Beschwerdeführer
brachte aber mit keinem Wort vor, er oder andere Familienangehörige
seien bis zu seiner Ausreise im Zusammenhang mit dem politischen Profil
des Vaters einer (Reflex-)verfolgung ausgesetzt gewesen. Ferner machte
er auch keinerlei Verfolgung wegen der von ihm geäusserten regime- und
islamkritischen Meinung geltend.
6.6 Zusammenfassend ergibt sich aus den vorstehenden Erwägungen,
dass das SEM bezüglich der geltend gemachten Vorverfolgung zu Recht
die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden verneint und deren
Asylgesuche abgelehnt hat.
7.
7.1 Der Beschwerdeführer machte ferner exilpolitische Aktivitäten in der
Schweiz geltend.
7.1.1 Ausser seinen bereits anlässlich der Anhörung geschilderten Tätig-
keiten (vgl. a.a.O. [...]) wurde in der Beschwerdeschrift unter Verweis auf
entsprechende Beweismittel vorgebracht, er habe wegen der Verlinkung
eines Videobeitrags (Rede auf Englisch) auf seinem Facebook-Profil Hass-
kommentare erhalten und sei bedroht worden. Er sei mindestens seit Ende
2016 regimekritisch in den sozialen Medien aktiv. Auch eine gepostete Fo-
tografie, die ihn und weitere Personen beim Zertreten eines Bildes des ira-
nischen Revolutionsführers Khamenei und des iranischen Präsidenten Ro-
hani zeige, habe ihm einen Hasskommentar eingebracht. Aus den weiteren
D-4139/2018
Seite 18
diesbezüglichen Beweismitteln (gepostetes Video einer Rede des Be-
schwerdeführers anlässlich einer Demonstration vom [...] 2018 in Bern,
Kopie Mitglied-Ausweis L._, Fotografien des Beschwerdeführers an
einer Sitzung vom [...] 2017 und an einer anderen vom [...] 2018 in
O._, anlässlich einer Demonstration vom 11. Mai 2018 in Bern, an-
lässlich einer Sitzung vom [...] 2018 mit Herrn P._, diverse Face-
book-Posts) gehe hervor, dass er über ein herausragendes politisches Pro-
fil verfüge. Er führe seine im Iran ausgeübten politischen Aktivitäten in der
Schweiz weiter und kritisiere das iranische Regime fundamental. Weiter
gehe aus seinem Facebook-Profil hervor, dass er sich auch in den sozialen
Medien sehr exponiere, indem er unmittelbare und fundamentale Kritik am
iranischen Regime und den religiösen Instanzen des Iran mit dem Islam
insgesamt äussere. Diesbezüglich sei (erneut) festzuhalten, dass es das
SEM unterlassen habe, die meisten eingereichten Beweismittel betreffend
die politischen Aktivitäten in der Schweiz zu würdigen, wodurch es den An-
spruch auf rechtliches Gehör schwerwiegend verletzt habe (vgl. E. 3.4.3).
Somit stehe fest, dass er auch von in der Schweiz im Internet agierenden
Spitzeln und Geheimdienstlern identifiziert worden sei und deshalb zusam-
men mit der Beschwerdeführerin im Fall der Rückkehr in den Iran gezielt
asylrelevant verfolgt würde. Zudem würden mit der Verbreitung von sozia-
len Medien politische Aktivisten ebenso als Gefahr betrachtet und verfolgt
wie herausragende Parteimitglieder. Überdies habe sich die Situation im
Iran seit Beginn der dortigen Proteste Ende 2017 im Jahr 2018 zugespitzt,
wobei offensichtlich sei, dass gerade Personen wie der Beschwerdeführer
für die Anstachelung der Demonstrationen und Unruhen im Iran verant-
wortlich gemacht würden.
7.1.2 Dazu nahm das SEM in seiner Vernehmlassung vom 17. September
2018 wie folgt Stellung. Der Beschwerdeschrift sei zu entnehmen, dass es
sich bei der Rede des Beschwerdeführers um eine Kritik an der iranischen
Regierung und bei den diversen Screenshots von dessen Facebook-Profil
um irankritische Inhalte und Hasskommentare gegen ihn seitens Dritter
handeln müsse. Bezüglich weiterer Screenshots und des Videos auf dem
USB-Stick handle es sich um eine Rede des Beschwerdeführers an einer
Demonstration gegen die iranische-Mullah-Regierung, den Islam und ge-
gen die Todesstrafe gefangener Politiker am (...) 2018 (, in Bern. In welcher
Funktion er an der von der "(...)" organisierten Veranstaltung teilgenommen
habe, lasse sich der Beschwerdeschrift nicht entnehmen. Es liege in sei-
nem Interesse, ergänzende Informationen nachzureichen. Aus den Akten
und Beweismitteln, wie den Aufnahmen und Bildern, könne nicht geschlos-
sen werden, dass er sich an Kundgebungen und auf Internetplattformen
D-4139/2018
Seite 19
wie Facebook in der Öffentlichkeit in dem Masse exponiert habe, als dass
er eine ernsthafte Gefahr für das politische System des Iran darstelle. Dem
Anhörungsprotokoll sei zudem zu entnehmen, dass er lediglich ein norma-
les Mitglied der L._ sei und an Versammlungen und Kundgebungen
teilnehme. Somit könne auch nicht davon ausgegangen werden, dass er
eine in der Öffentlichkeit herausragende Position innerhalb der Partei be-
kleide. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts sei aber davon
auszugehen, dass sich die iranischen Geheimdienste auf die Erfassung
von Personen konzentrierten, die über die massetypischen und niedrigpro-
filierten Erscheinungsformen exilpolitischer Proteste hinaus Funktionen
ausgeübt und/oder Aktivitäten vorgenommen hätten, welche die jeweilige
Person aus der Masse der mit dem Regime Unzufriedenen herausstechen
und als ernsthafte und gefährliche Regimegegner erscheinen liessen (vgl.
Urteil des BVGer D-830/2016 vom 20. Juli 2016 E. 4.2). Anhand der aktu-
ellen Aktenlage vermöchten die vom Beschwerdeführer eingereichten Be-
weismittel die Einschätzung des SEM, er weise ein niederschwelliges poli-
tisches Profil auf, somit nicht umzustossen, wobei diesbezüglich auf die
Begründung in der angefochtenen Verfügung verwiesen wurde.
Hinsichtlich der geltend gemachten Hasskommentare auf Facebook seien
deren Verfasser anhand der Beschwerdeschrift nicht ersichtlich. Eine be-
gründete Furcht vor Verfolgungsmassnahmen im Falle einer Rückkehr in
den Iran liesse sich daraus nicht ableiten. Dazu verwies das SEM auch auf
die entsprechenden Erwägungen in seinem Asylentscheid. Zudem könne
dem Anhörungsprotokoll und den Screenshots entnommen werden, dass
der Beschwerdeführer nicht mit vollständigem Namen auf Facebook regis-
triert sei und es daher ohnehin fraglich sei, wie er von den iranischen Be-
hörden identifiziert würde, sollten diese sich tatsächlich für ihn interessie-
ren.
7.1.3 In der Replik vom 4. Oktober 2018 brachte der Beschwerdeführer un-
ter Bezugnahme auf die gleichzeitig eingereichten Beweismittel vor, er
habe erfahren, dass sein Bruder H._ am 15. September 2018 in
C._ von (...) Angehörigen in Zivil aufgesucht und zur Sepah mitge-
nommen worden sei. Dort sei H._ ein Video des Beschwerdefüh-
rers an der Demonstration vom (...) 2018 in Bern gezeigt worden, auf dem
dieser beim (...) zu sehen gewesen sei. Dabei sei H._ mitgeteilt
worden, dass es für ihn sehr gefährlich sei, wenn sein Bruder so weiterma-
che. Mit anderen Worten versuche die Sepah Druck auf H._ auszu-
üben und ihm zu zeigen, dass man alles über den Beschwerdeführer
wisse. Die Festnahme von H._ habe rund (...) Stunden gedauert.
D-4139/2018
Seite 20
Bei seiner "Entlassung" sei ihm mitgeteilt worden, er müsse weiterhin zur
Verfügung stehen, falls die Behörden weitere Fragen hätten. Bezüglich sei-
nes unter dem Namen (...) geführten Facebook-Profils merkte der Be-
schwerdeführer an, dass er im Iran als A._ erkennbar sei, zumal es
sich bei (...) um die Abkürzung des Namens (...) handle. Aus dem einge-
reichten Video gehe hervor, dass sowohl er als auch die anderen Demonst-
rierenden vehement und fast aggressiv demonstriert hätten. Es sei beinahe
zur Konfrontation mit der Polizei gekommen, welche die Demonstrations-
teilnehmenden vor der Iranischen Vertretung in Bern abgeschirmt habe.
Der Beschwerdeführer und die übrigen Demonstrierenden hätten beobach-
ten können, wie Angehörige der Iranischen Vertretung die Demonstrations-
teilnehmenden aus dem Gebäude heraus gefilmt hätten. Es sei offensicht-
lich, dass aufgrund der Intensität und Vehemenz dieser Demonstration und
des Interesses der iranischen Behörden die Demonstrierenden identifiziert
worden seien. Die Demonstration sei insbesondere vor dem Hintergrund
eines iranischen Raketenangriffs von Anfang September 2018 auf das
"Hauptquartier" der L._ in der nordirakischen Stadt Q._ er-
folgt, wobei mehr als (...) Menschen getötet und zahlreiche verletzt worden
seien. Der Beschwerdeführer habe ausführlich und glaubhaft geschildert,
dass er nach der Teilnahme an Demonstrationen – insbesondere nach der
Übertragung der Demonstration auf dem Sender (...) – Anrufe erhalten
habe, wobei er gefragt worden sei, warum er mit so einer Partei an einer
Kundgebung teilgenommen habe. Somit habe er einen unmittelbaren Zu-
sammenhang zwischen den Demonstrationen und seiner Identifizierung
und den Anrufen geltend gemacht. Offensichtlich führe sein Profil dazu,
dass er sowohl im realen Leben als auch in den sozialen Medien identifi-
ziert und deshalb verfolgt werde. Somit stehe fest, dass er im Fall einer
Rückkehr in den Iran gezielt asylrelevant verfolgt würde. Im Übrigen wurde
in der Replik die bereits in der Beschwerde geübte Kritik an der Praxis der
Schweizer Asylbehörden bezüglich exilpolitischer Aktivitäten sinngemäss
wiederholt.
7.1.4 In der Eingabe vom 1. Februar 2019 wurde vorgebracht, aus dem
gleichzeitig in Kopie eingereichten Bestätigungsschreiben des Vorsitzen-
den der L._ in M._ gehe hervor, dass der Beschwerdeführer
politisch sehr aktiv und insbesondere aktives Parteimitglied sei. Im Übrigen
belegten die ebenfalls eingereichten Internetartikel die intensive und ge-
zielte Verfolgung von Regimegegnern des Iran im Ausland.
D-4139/2018
Seite 21
7.1.5 Aus der mit Eingabe vom 7. Februar 2019 eingereichten deutschen
Übersetzung eines Internetartikels von N._ (vgl. E. 7.1.4) gehe her-
vor, dass der namentlich erwähnte Beschwerdeführer im Fall einer Aus-
schaffung in den Iran konkret an Leib und Leben gefährdet wäre.
7.1.6 In den Eingaben vom 14. Februar 2019 und 21. Oktober 2019 wurde
um Berücksichtigung der gleichzeitig eingereichten Unterlagen betreffend
eine Demonstration vom (...) 2019 in Bern ersucht.
7.1.7 In der Eingabe vom 12. Dezember 2019 wurde unter Bezugnahme
auf den gleichzeitig eingereichten Ausdruck des Facebook-Profils des Be-
schwerdeführers ausgeführt, dieser kritisiere die iranische Regierung und
insbesondere auch den Islam massiv und unterstütze die Proteste im Iran.
Zudem wurde auf diverse Internetartikel betreffend die jüngsten Unruhen
im Iran verwiesen.
7.2 Es ist bekannt, dass die iranischen Behörden die politischen Aktivitäten
ihrer Staatsbürger auch im Ausland überwachen und erfassen (vgl. dazu
beispielsweise die Urteile des BVGer E-5292/2014 und E-5296/2014 vom
25. Februar 2016 E. 7.4 m.w.H.). Es bleibt jedoch im Einzelfall zu prüfen,
ob die konkret geltend gemachten exilpolitischen Aktivitäten bei einer all-
fälligen Rückkehr in den Iran mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ernst-
hafte Nachteile im asylrechtlichen Sinn nach sich ziehen. Diesbezüglich ist
auf die in Erwägung 7.1.2 dargelegte Praxis des Bundesverwaltungsge-
richts zu verweisen, welche weiterhin Bestand hat (vgl. auch
BVGE 2009/28 E. 7.4.3). Die diesbezüglich von den Beschwerdeführen-
den geübte Kritik vermag daran nichts zu ändern.
7.3 Hinsichtlich der vom Beschwerdeführer anlässlich seiner Anhörung
vorgebrachten und der in der Beschwerdeschrift geltend gemachten exil-
politischen Aktivitäten ist auf die zutreffenden Ausführungen in der Ver-
nehmlassung des SEM zu verweisen (vgl. E. 7.1.2). Die Ausführungen in
der Replik sind, soweit sie nicht die dortigen Vorbringen bezüglich der De-
monstration vom (...) 2018 in Bern betreffen, nicht geeignet, an dieser Ein-
schätzung etwas zu ändern. Dasselbe gilt betreffend die in den Eingaben
vom 1. Februar 2019, 7. Februar 2019, 14. Dezember 2019, 21. Oktober
2019 und 12. Dezember 2019 vorgebrachten weiteren exilpolitischen Akti-
vitäten und der diesbezüglich eingereichten Beweismittel (vgl. E. 7.1.4–
7.1.7). Auch wenn nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann, dass die
Sicherheitsdienste von diesen exilpolitischen Tätigkeiten des Beschwerde-
http://www.kdpmedia.org/
D-4139/2018
Seite 22
führers Notiz genommen haben, ist aufgrund des Ausgeführten nicht anzu-
nehmen, dass er in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise in den Fokus der
heimatlichen Behörden geraten wäre.
7.4 Bezüglich der in der Replik im Zusammenhang mit der Demonstration
vom (...) 2018 in Bern dargelegten Vorbringen ist Folgendes festzuhalten:
Aus dem eingereichten Bildmaterial ist insbesondere ersichtlich, dass der
Beschwerdeführer versuchte, mit (...), bevor ein anwesender Polizist ein-
schritt, wobei (...). Aus dem Bildmaterial geht weiter hervor, dass es sich
nicht um eine Massenveranstaltung handelte, sondern um einen Protest-
anlass mit einer überschaubaren Teilnehmerzahl, welcher in Sichtdistanz
der Iranischen Vertretung in Bern auf der gegenüberliegenden Strassen-
seite abgehalten wurde. Die Stimmung war aufgeheizt, wobei die anwe-
sende Polizei die Protestierenden gelegentlich daran hinderte, in Richtung
Iranische Vertretung vorzurücken. Vor diesem Hintergrund hat sich der Be-
schwerdeführer in einer Weise exponiert, die über eine massentypische
exilpolitische Betätigung hinausgeht. Sodann ist nicht auszuschliessen,
dass die Veranstaltung von der Iranischen Vertretung aus gefilmt wurde.
Des Weiteren kann aufgrund der Aktenlage nicht ausgeschlossen werden,
dass der Beschwerdeführer dabei durch die iranischen Behörden identifi-
ziert wurde, insbesondere nachdem er entsprechendes Bildmaterial auf
seinem nur mit leicht veränderten Namen geführten Facebook-Profil ge-
postet hatte, auf dem er bereits zuvor regimekritisch mehrfach in Erschei-
nung getreten war. Unter diesen Umständen kann nicht als unglaubhaft
erachtet werden, dass sein Bruder H._ in diesem Zusammenhang
(...) Tage später im Iran kurzzeitig festgenommen wurde. Zumindest ist letz-
teres Vorbringen nicht als nachgeschoben zu betrachten, zumal es zeitnah,
nämlich innerhalb der den Beschwerdeführenden gewährten Frist zur Ein-
reichung einer Replik geäussert wurde.
7.5 Nach dem Gesagten ist aufgrund der besonderen Umstände des vor-
liegenden Falles festzuhalten, dass der Beschwerdeführer durch sein Ver-
halten nach der Ausreise aus dem Iran grundsätzlich die Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG erfüllt (vgl. Art. 54 AsylG). Er
betätigte sich während mehr als drei Jahren sowohl bei Veranstaltungen
als auch in den sozialen Medien exilpolitisch. Diese Proteste sind zwar
überwiegend als massetypische und niedrigprofilierte Aktivitäten zu quali-
fizieren. Sie dürften den iranischen Behörden allenfalls bekannt geworden
sein, aber kaum dazu geführt haben, dass er von ihnen als ernsthafter und
gefährlicher Regimegegner wahrgenommen oder identifiziert worden wäre.
D-4139/2018
Seite 23
Anders verhält es sich aufgrund der besonderen Umstände im Zusammen-
hang mit der Protestveranstaltung vom (...) 2018 in der Nähe der Irani-
schen Vertretung in Bern (vgl. E. 7.4). Eine Gesamtwürdigung seiner dies-
bezüglichen Vorbringen ergibt, dass er dabei von den iranischen Behörden
identifiziert worden sein dürfte und eine erhebliche Wahrscheinlichkeit da-
für besteht, dass er im Falle einer Rückkehr in den Iran als überzeugter
und militanter Gegner des Regimes erachtet und aus diesem Grund ver-
haftet würde. Angesichts des notorisch menschenrechtswidrigen und will-
kürlichen Vorgehens der iranischen Behörden gegen Angehörige oppositi-
oneller kurdischer Parteien ist daher objektiv nachvollziehbar, dass er be-
fürchtet, er könnte im Falle einer Rückkehr in den Iran einer Behandlung
ausgesetzt werden, die einer asylrelevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3
AsylG gleichkäme. Sein glaubhaft gemachtes exilpolitisches Engagement
in der Schweiz ist vorliegend als Ausdruck respektive Fortsetzung einer
bereits im Heimatland bestandenen regimekritischen Haltung zu qualifizie-
ren. So wurde von der Vorinstanz nicht in Abrede gestellt, dass seine re-
gime- und islamkritische Einstellung mit dem Suizid seines Vaters ein-
setzte, der auf der Behelligung durch die iranischen Behörden wegen sei-
ner politischen Tätigkeiten nach seiner Rückkehr aus dem Irak gründete.
Daran vermag nichts zu ändern, dass der Beschwerdeführer seine Einstel-
lung nicht uneingeschränkt öffentlich äusserte, sondern in Kreisen, die ihm
mehr oder weniger bekannt waren ([...]). Mithin ist die Ausschlussklausel
von Art. 3 Abs. 4 AsylG vorliegend nicht anwendbar.
7.6 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer durch
sein Verhalten nach der Ausreise aus dem Iran grundsätzlich die Flücht-
lingseigenschaft im Sinne von Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG erfüllt (vgl. Art. 54
AsylG). Aufgrund der Aktenlage ist sein exilpolitisches Engagement in der
Schweiz als Ausdruck respektive Fortsetzung einer bereits im Heimatland
bestandenen regimekritischen Haltung zu qualifizieren. Die Ausschluss-
klausel von Art. 3 Abs. 4 AsylG ist vorliegend aus diesem Grund nicht an-
wendbar.
7.7 Dem Beschwerdeführer ist es insgesamt gelungen, subjektive Nach-
fluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG glaubhaft zu machen. Er ist daher
als Flüchtling anzuerkennen. Hingegen schliesst Art. 54 AsylG die Gewäh-
rung von Asyl aus (vgl. dazu bereits vorstehend E. 4.4).
7.8 In Bezug auf die Beschwerdeführerin ist demgegenüber das Vorliegen
eigenständiger subjektiver Nachfluchtgründe zu verneinen. Namentlich
wurden von ihr keinerlei exilpolitische Aktivitäten geltend gemacht.
D-4139/2018
Seite 24
7.9 Jedoch ist, nachdem der Beschwerdeführer als Flüchtling anzuerken-
nen ist, gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG auch seine Ehefrau in die Flücht-
lingseigenschaft einzubeziehen.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.3 Allerdings ist im Sinne einer Ersatzmassnahme das Anwesenheitsver-
hältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Auf-
nahme von Ausländerinnen und Ausländern zu regeln, wenn der Vollzug
der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich ist (vgl.
Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Die Wegweisungsvollzugs-
hindernisse (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit; vgl. Art. 83
Abs. 2–4 AIG) sind alternativer Natur: Ist eines von ihnen erfüllt, ist der
Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu erachten und die weitere
Anwesenheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläu-
fige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4). Für den vorliegenden
Fall ergibt sich aus den vorstehenden Erwägungen, dass der Beschwerde-
führer eine begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung im Sinne von Art.
3 AsylG glaubhaft machen konnte. Der Vollzug der Wegweisung in den Iran
erweist sich daher wegen drohender Verletzung des flüchtlingsrechtlichen
Gebots des Non-Refoulements (Art. 5 AsylG; Art. 33 Abs. 1 FK) als unzu-
lässig im Sinne von Art. 83 Abs. 3 AIG.
9.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen, soweit damit die Ge-
währung von Asyl beantragt wurde. Hingegen ist die Beschwerde insoweit
gutzuheissen, als damit die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft der Be-
schwerdeführenden und die Anordnung der vorläufigen Aufnahme als
Flüchtlinge beantragt wurden (vgl. Ziff. 6 der Rechtsbegehren). Die weite-
ren Eventualanträge sind damit gegenstandslos geworden, weshalb darauf
respektive auf deren Begründung nicht mehr näher einzugehen ist. Die
D-4139/2018
Seite 25
vorinstanzliche Verfügung vom 14. Juni 2018 ist demnach aufzuheben, so-
weit damit die Flüchtlingseigenschaft verneint und der Vollzug der Wegwei-
sung angeordnet wurde (Ziffern 1, 4 und 5 des Dispositivs der angefochte-
nen Verfügung), und das SEM ist anzuweisen, die Beschwerdeführenden
als Flüchtlinge in der Schweiz vorläufig aufzunehmen.
10.
10.1 Bei der vorliegenden Konstellation ist praxisgemäss von einem Ob-
siegen der Beschwerdeführenden zu zwei Dritteln auszugehen. Nachdem
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Zwi-
schenverfügung vom 14. August 2018 gutgeheissen wurde und keine Ver-
änderung der finanziellen Verhältnisse der Beschwerdeführenden einge-
treten ist, sind diesen keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
10.2 Im Umfang des Obsiegens von zwei Dritteln ist den Beschwerdefüh-
renden in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG eine Parteientschädigung
für die ihnen erwachsenen notwendigen Vertretungskosten zuzusprechen
(Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
10.3 Der Rechtsvertreter hat keine Honorarnote eingereicht. Auf die Nach-
forderung einer solchen kann indes verzichtet werden, da der Aufwand für
das vorliegend Beschwerdeverfahren zuverlässig abgeschätzt werden
kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Dabei ist vorliegend dem Umstand
Rechnung zu tragen, dass zum Zeitpunkt der Einreichung der Beschwerde
die überwiegende Mehrheit der zahlreichen Argumente hinsichtlich der for-
mellen Rügen, der Vorverfolgung und der subjektiven Nachfluchtründe ins
Leere zielten. Vor diesem Hintergrund führten erst im weiteren Verlauf des
Beschwerdeverfahrens eingereichte Beweismittel und damit verbundene
Vorbringen schliesslich zur vorläufigen Aufnahme der Beschwerdeführen-
den als Flüchtlinge. Nach dem Gesagten ist in Anwendung der vorgenann-
ten Bestimmung und unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemes-
sungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) die Vorinstanz anzuweisen, den Be-
schwerdeführenden eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 1'000.
(inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
D-4139/2018
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