Decision ID: e033a55e-d4bc-437a-9d7f-c49cfd0c0591
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reichte am 30. August 2022 ein Asylgesuch in der
Schweiz ein. Ein Abgleich mit dem zentralen Visa-Informationssystem (CS-
VIS) ergab, dass Deutschland dem Beschwerdeführer am (...) 2022 ein
Visum mit Gültigkeit vom (...) 2022 bis zum (...) 2022 ausgestellt hatte (vgl.
Akten der Vorinstanz [SEM act.] 5 f.).
B.
Am 5. September 2022 ersuchte das SEM die deutschen Behörden um
Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 12 Abs. 2 oder 3 der Ver-
ordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim-
mung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats-
angehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags
auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO); die-
ses Ersuchen hiessen die deutschen Behörden am 6. September 2022 gut
(vgl. SEM act. 8–10).
C.
Im Rahmen des Dublin-Gespräches vom 13. September 2022 gewährte
das SEM dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit
Deutschlands für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens
sowie zum medizinischen Sachverhalt. Dabei gab er an, in Togo aufgrund
seiner politischen Aktivitäten verfolgt zu werden und deshalb ausgereist zu
sein. Über Deutschland wisse er nichts. Gesundheitlich gehe es ihm, ab-
gesehen von Problemen mit dem rechten Auge und gelegentlichen Atem-
und Rückenbeschwerden, nicht schlecht (vgl. SEM act. 13).
D.
Mit Verfügung vom 13. September 2022 – eröffnet am 16. September 2022
– trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein und ordnete die Weg-
weisung aus der Schweiz nach Deutschland sowie den Vollzug an.
E.
Mit Eingabe vom 21. September 2022 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, die Verfügung des
SEM sei aufzuheben und auf sein Asylgesuch sei einzutreten. In prozessu-
aler Hinsicht ersuchte er um Erteilung der aufschiebenden Wirkung, um
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unentgeltliche Rechtspflege sowie um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses.
F.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
22. September 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3
AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33
Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und
so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver-
fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durch-
führung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu
behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, ein Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf ein Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Staates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines so-
genannten Aufnahmeverfahrens («take charge») sind die in Kapitel III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten
Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeit-
punkt, in dem die betreffende Person erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.3 Gemäss Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO ist im Normalfall derjenige Mit-
gliedstaat für die Prüfung des Antrags auf internationalen Schutz zustän-
dig, welcher der antragstellenden Person ein Visum erteilt hat, das seit we-
niger als sechs Monaten abgelaufen ist.
5.
5.1 Gemäss einem Abgleich mit dem CS-VIS wurde dem Beschwerdefüh-
rer durch Deutschland ein vom (...) 2022 bis am (...) 2022 gültiges Visum
ausgestellt (vgl. SEM act. 5–7). Die deutschen Behörden hiessen das Auf-
nahmeersuchen vom 5. September 2022 am 6. September 2022 gestützt
auf Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-Verordnung gut (vgl. SEM act. 10). Die grund-
sätzliche Zuständigkeit Deutschlands ist somit gegeben. Daran ändert
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auch der Umstand nichts, dass sich das SEM in der angefochtenen Verfü-
gung nicht ebenfalls auf Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-Verordnung (gültiges Vi-
sum), sondern auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-Verordnung (Visum seit weniger
als sechs Monaten abgelaufen) stützt, weil das Visum des Beschwerdefüh-
rers zwischen der Anfrage der Schweiz und der Zustimmung durch die
deutschen Behörden abgelaufen ist.
5.2 Nachfolgend ist demnach im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu
prüfen, ob es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren
und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Deutschland würden
systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmensch-
lichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-
Grundrechtecharta mit sich bringen würden und ob nach Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-VO das Selbsteintrittsrecht auszuüben ist.
6.
6.1 Deutschland ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben.
6.2 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
7.
7.1 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintritts-
recht). Dieses Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a
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Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311)
konkretisiert. Erweist sich die Überstellung einer asylsuchenden Person in
einen Dublin-Mitgliedstaat als unzulässig im Sinne der EMRK oder einer
anderen die Schweiz bindenden, völkerrechtlichen Bestimmung, muss die
Vorinstanz die Souveränitätsklausel anwenden und das Asylgesuch in der
Schweiz behandeln (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1; 2010/45 E. 7.2).
7.2 Wie erwähnt, bestehen keine Hinweise darauf, dass Deutschland sei-
nen völkerrechtlichen Verpflichtungen aus der EMRK, der FoK und der FK
sowie dem Zusatzprotokoll der FK nicht nachkommt. Dem Beschwerdefüh-
rer steht es nach erfolgter Überstellung nach Deutschland offen, dort um
Asyl nachzusuchen und damit Zugang zu den asylrechtlichen Aufnah-
mestrukturen zu erhalten. In Bezug auf die im Rahmen des Dublin-Ge-
sprächs geltend gemachte Verfolgung im Heimatland aufgrund politischer
Aktivitäten des Beschwerdeführers, bestehen keine Anhaltspunkte, dass
die deutschen Behörden nicht willens oder in der Lage wären, dem Be-
schwerdeführer den allenfalls nötigen Schutz zukommen zu lassen. Anzu-
merken gilt es an dieser Stelle, dass die Dublin-III-VO dem Schutzsuchen-
den kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszu-
wählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3).
7.3 Was den medizinischen Sachverhalt angeht, so kann eine zwangs-
weise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur
ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Ein
solcher würde voraussetzen, dass eine bereits schwer kranke Person
durch die Abschiebung mit dem realen Risiko konfrontiert würde, einer
ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesund-
heitszustandes ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer
erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Eine solche Situation liegt in casu nicht
vor. Der Beschwerdeführer hat – soweit aus den Akten ersichtlich – keine
gravierenden gesundheitlichen Beschwerden. Der Beschwerdeführer be-
richtete über Augenschmerzen und gelegentliche Atem- und Rückenprob-
leme. Es liegen demnach keine gesundheitlichen Beschwerden oder drin-
gende Behandlungen vor, die einer Überstellung nach Deutschland entge-
genstehen würden. Deutschland verfügt über eine sehr gute medizinische
Infrastruktur und die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, Asylsuchenden die
erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung
und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schwe-
ren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1
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Aufnahmerichtlinie). Es liegen keine Hinweise vor, dass Deutschland dem
Beschwerdeführer eine adäquate medizinische Behandlung verweigern
würde.
8.
Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der
Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspielraum
(vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter diesem
Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine Hin-
weise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unter-
schreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb
in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
9.
Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Ermes-
sensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Somit bleibt Deutschland der für die
Behandlung des Asylgesuches des Beschwerdeführers zuständige Mit-
gliedstaat gemäss Dublin-III-VO.
10.
Das SEM ist demnach in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG zu
Recht auf das Asylgesuch der Beschwerdeführenden nicht eingetreten und
durfte die Wegweisung aus der Schweiz nach Deutschland in Anwendung
von Art. 44 AsylG anordnen.
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
Mit dem Abschluss des Beschwerdeverfahrens wird das Gesuch um Ertei-
lung der aufschiebenden Wirkung sowie um Verzicht auf Erhebung eines
Kostenvorschusses gegenstandslos.
13.
Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege ist abzuweisen. Das Begehren ist – wie sich aus den
vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen, wes-
halb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind. Die
Verfahrenskosten sind daher dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63
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Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750. – festzusetzen (Art. 1–3 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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