Decision ID: a034b405-1209-5501-8af8-7b6cac04ded0
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
I.
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am (...) Dezember 2018 in der Schweiz
– zusammen mit seinen drei Kindern B._, C._ und
D._ – ein erstes Mal um Asyl nach. Im Rahmen der Identitätsabklä-
rungen und des Abgleichs der Personendaten des Beschwerdeführers
stellte das SEM fest, dass dieser im Jahr 2016 in Griechenland (mit seiner
Ehefrau und den drei Kindern) ein Asylgesuch gestellt hatte und der Fami-
lie dort am (...) Oktober 2018 ein Schutzstatus gewährt worden war.
A.b Am 14. Februar 2019 ersuchte das SEM die griechischen Behörden
gestützt auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Ver-
fahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Dritt-
staatsangehöriger (sog. Rückführungs-Richtlinie) und das Abkommen zwi-
schen dem Schweizerischen Bundesrat und der Regierung der Helleni-
schen Republik über die Rückübernahme von Personen mit irregulärem
Aufenthalt vom 28. August 2006 (SR 0.142.113.729) um Rückübernahme
des Beschwerdeführers und seiner Kinder. Am 21. Februar 2019 stimmten
die griechischen Behörden diesem Rückübernahmeersuchen zu.
A.c Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs trat das SEM mit Verfügung
vom 1. März 2019 in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine Wegweisung
aus der Schweiz und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Eintritt der
Rechtskraft dieser Verfügung zu verlassen, ansonsten er in Haft genom-
men und unter Zwang nach Griechenland zurückgeführt werden könne.
Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtkraft.
A.d Ab 3. März 2019 war der Aufenthalt des Beschwerdeführers und seine
Kinder den schweizerischen Behörden nicht mehr bekannt.
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II.
B.
Am 26. November 2019 stellte der Beschwerdeführer beim SEM ein schrift-
liches "Wiedererwägungsgesuch / 2. Asylgesuch". Er führte in dieser Ein-
gabe aus, er sei im März 2019 mit den Kindern nach Island gegangen (wo
er gemäss Akten ebenfalls um Asyl nachsuchte). Die isländischen Behör-
den hätten ihn jedoch nach Griechenland rückgeführt – während seine
Kinder in die Schweiz zu ihrer Mutter überführt worden seien (die gemäss
Akten zwischenzeitlich in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt hatte [Ver-
fahrensnummer N [...] respektive E-4268/2020]). Er könne nicht nach Grie-
chenland zurückkehren, weil die Lebensbedingungen dort katastrophal
seien und er von Verwandten seiner Ex-Frau behelligt worden sei.
C.
In der Folge beantragte das SEM den griechischen Behörden am 11. Feb-
ruar 2020 erneut die Rückübernahme des Beschwerdeführers (gestützt auf
die Rückführungs-Richtlinie und das bilaterale Rückübernahme-Abkom-
men). Am 17. Februar 2020 hiess Griechenland auch dieses Ersuchen gut.
D.
Im Rahmen der Gewährung des rechtlichen Gehörs zu einem erneuten
Nichteintretensentscheid mit Wegweisung nach Griechenland wies der Be-
schwerdeführer mit Eingabe vom 2. Juli 2020 darauf hin, dass das Bezirks-
gericht E._ am (...) Juni 2020 die Modalitäten seiner Trennung von
der Ehefrau in einem Eheschutzverfahren geregelt habe. Dabei seien die
Kinder zwar unter die alleinige elterliche Sorge und Obhut ihrer Mutter
gestellt worden. Ihm sei aber ein Besuchsrecht zugesprochen worden, das
er im Fall einer Rückführung nach Griechenland nicht mehr ausüben
könnte. Deshalb würde die vom SEM angekündigte Verfügung den Grund-
satz der Einheit der Familie und das in Art. 8 EMRK geschützte Recht auf
Familienleben verletzen. Ausserdem seien die schlimmen Zustände in
Griechenland dem SEM ja bekannt.
E.
Mit Verfügung vom 19. August 2020 – eröffnet am 21. August 2020 – trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auch auf das
zweite Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine er-
neute Wegweisung aus der Schweiz nach Griechenland und ordnete den
Vollzug dieser Wegweisung an. Der zuständige Aufenthaltskanton
(F._) wurde mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragt, und dem
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Beschwerdeführer wurden die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenver-
zeichnis ausgehändigt.
F.
Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 26. August 2020 erhob
der Beschwerdeführer Beschwerde gegen den zweiten Nichteintretensent-
scheid des SEM. Er beantragte inhaltlich die Aufhebung dieser Verfügung
im Wegweisungspunkt; das SEM sei anzuweisen, ihn infolge Undurchführ-
barkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufzunehmen;
eventuell sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen; subeventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, von den griechischen
Behörden individuelle Garantien für eine adäquate Wohnsituation einzuho-
len; subsubeventualiter sei die Vorinstanz "zur Einholung eines rechtsgül-
tigen Rückübernahmeersuchen[s] anzuweisen".
In prozessualer Hinsicht beantragte der Beschwerdeführer die koordinierte
Behandlung seines Verfahrens mit demjenigen seiner Ehefrau und Kinder,
die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (unter Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses) und die Einsetzung eines amtlichen
Rechtsbeistands.
Mit der Beschwerde wurde ein Kurzbericht des Hausarztes des Beschwer-
deführers vom 14. August 2020 zu den Akten gereicht.
G.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 28. August 2020 den Ein-
gang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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Seite 5
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung.
Er daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Die vorliegende Eingabe richtet sich ausschliesslich gegen den von der
Vorinstanz verfügten Vollzug der Wegweisung. Somit ist die Verfügung des
SEM vom 19. August 2020 im Asylpunkt (Dispositivziffer 1: Nichteintreten
auf das Folge-Asylgesuch) in Rechtskraft erwachsen. Auch die Anordnung
der Wegweisung als solche (Dispositivziffer 2) ist damit grundsätzlich nicht
mehr zu überprüfen (vgl. BVGE 2009/50 m.w.H.).
Gegenstand des Beschwerdeverfahrens bildet damit lediglich die Frage,
ob die Wegweisung zu vollziehen oder ob anstelle des Vollzugs eine vor-
läufige Aufnahme anzuordnen ist.
4.
4.1 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Ein sol-
ches Rechtsmittel liegt hier vor.
4.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet. Die Urteilsbegründung erfolgt summarisch
(Art. 111a Abs. 2 AsylG).
5.
5.1 Für die beantragte Koordination des vorliegenden Verfahrens mit dem-
jenigen der Angehörigen des Beschwerdeführers besteht keine Veranlas-
sung:
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Seite 6
5.2 Gemäss dem offenbar rechtskräftigen Urteil des Bezirksgerichts
E._ wurde der gemeinsame Haushalt bereits Ende 2018 aufgeho-
ben. Im Entscheid des Eheschutzrichters wurden die Kinder unter die allei-
nige elterliche Sorge und Obhut ihrer Mutter gestellt. Dem Beschwerdefüh-
rer wurde ein geringfügiges (begleitetes und beaufsichtigtes) Besuchsrecht
von maximal vier Stunden pro Monat eingeräumt; im Übrigen wurde es ihm
untersagt, sich der Kindesmutter "näher als 100 zu nähern sowie mit ihr
Kontakt aufzunehmen". Diese Anordnungen wurden offenbar im Zusam-
menhang mit Vorfällen und Strafanzeigen im Kontext häuslicher Gewalt
getroffen. Zu Beginn des Eheschutzverfahrens hatte der Zivilrichter dem
Beschwerdeführer mit einer superprovisorischen Massnahme untersagt,
seine Kinder ausserhalb der Schweizer Landesgrenze zu verbringen, und
die Kantonspolizei angewiesen, Vorkehrungen zur Verhinderung einer
internationalen Kindesentführung zu treffen; Hintergrund jener Anordnun-
gen war offenbar, dass der Beschwerdeführer gemäss Akten im Frühling
2019 seine Kinder ohne Einverständnis ihrer Mutter nach Island mitnahm,
von wo aus sie nach einem isländischen Gerichtsentscheid gestützt auf
das Haager Kindesentführungsabkommen in die Schweiz und in die Obhut
ihrer Mutter zurückgeführt wurden.
5.3 Unter diesen familiären Umständen kann sich der Beschwerdeführer
nicht auf die von ihm angerufenen Normen zum Schutz des Familienlebens
oder der Einheit der – faktisch vor längeren Zeit aufgelösten – Familie be-
rufen. Im Übrigen hat das SEM zu Recht darauf hingewiesen, dass es auch
auf die Asylgesuche der Kindesmutter und der gemeinsamen Kinder nicht
eingetreten ist und die Wegweisung dieser Personen nach Griechenland
angeordnet hat; jene Verfügung vom 19. August 2020 wurde fristgerecht
beim Bundesverwaltungsgericht angefochten; die beiden Verfahren
E-4268/2020 (Mutter) und E-4271/2020 (Kinder) sind derzeit hängig.
5.4 Der Verweis des SEM auf die Möglichkeiten, das Besuchsrecht und die
persönlichen Kontakte zwischen Vater und Kindern mit elektronischen
Kommunikationsmitteln aufrechtzuerhalten, ist unter den gegebenen Um-
ständen – namentlich auch angesichts des erheblich eingeschränkten Be-
suchsrechts – ebenfalls nicht zu beanstanden (vgl. zu diesem Themenkreis
etwa BGE 143 I 21 E. 5.3 oder 139 I 315 E. 2, je mit weiteren Hinweisen).
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6.
6.1 Soweit in der Beschwerde (eventualiter) die Rückweisung des Verfah-
rens an die Vorinstanz beantragt wird, ist Folgendes festzuhalten:
6.2 Wie den nachfolgenden Erwägungen zu entnehmen ist, erweist sich
der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers ohne Weiteres als
zumutbar, zulässig und möglich. Es besteht im vorliegenden Verfahren
keine Veranlassung, die Vorinstanz anzuweisen, von den griechischen Be-
hörden individuelle Garantien (betreffend adäquate Wohnsituation) einzu-
holen.
6.3 Der Eventualantrag betreffend das Einholen "eines rechtsgültigen
Rückübernahmeersuchen[s]" wird in der Beschwerde nicht näher begrün-
det. Nach Durchsicht der Akten ist festzuhalten, dass das SEM auch in sei-
ner zweiten Korrespondenz mit den griechischen Partnerbehörden korrekt
um Rückübernahme des Beschwerdeführers ersucht hat.
6.4 Den Akten sind auch sonst keine Gründe für eine Rückweisung des
Verfahrens an die Vorinstanz zu entnehmen. Dieses Begehren ist abzuwei-
sen.
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den ge-
setzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insbesondere Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkom-
mens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30], Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der
Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen
Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund
von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizini-
scher Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung fest-
gestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren.
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Der Vollzug ist schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der
Ausländer weder in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen
Drittstaat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2
AIG).
7.3 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt
gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweis-
standard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie
sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls
wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.4
7.4.1 Griechenland ist ein verfolgungssicherer Drittstaat im Sinn von
Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG (vgl. Beschluss des Bundesrates vom 14. De-
zember 2007).
7.4.2 Zugunsten solcher sicherer Drittstaaten besteht die gesetzliche Ver-
mutung, dass diese ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen, darunter im
Wesentlichen das Refoulement-Verbot und grundlegende menschenrecht-
liche Garantien, einhalten (vgl. FANNY MATTHEY, in: Cesla Amarelle / Minh
Son Nguyen, Code annoté de droit des migrations, Bern 2015, Art. 6a
AsylG N 12 S. 68). Art. 83 Abs. 5 AIG hält ferner die Vermutung fest, dass
eine Wegweisung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist.
7.4.3 Es obliegt der betroffenen Person, diese beiden Legalvermutungen
umzustossen. Dazu hat sie ernsthafte Anhaltspunkte dafür vorzubringen,
dass die Behörden des in Frage stehenden Staates im konkreten Fall das
Völkerrecht verletzen, ihr nicht den notwendigen Schutz gewähren oder sie
menschenunwürdigen Lebensumständen aussetzen würden respektive,
dass sie im in Frage stehenden Staat aufgrund von individuellen Umstän-
den sozialer, wirtschaftlicher oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle
Notlage geraten würde (vgl. statt vieler das Urteil des BVGer E-2617/2016
vom 28. März 2017 E. 4).
8.
8.1 In der Beschwerde wird zur Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs
im Wesentlichen geltend gemacht, das griechische Fürsorgesystem stehe
seit längerem auch für Personen mit Schutzstatus in der Kritik. Die diesbe-
zügliche Sicherheitsvermutung könne angesichts der sich rapide ver-
schlechternden Situation von Flüchtlingen in Griechenland und nicht zu-
letzt aufgrund der jüngsten Gesetzesänderung vom März 2020, der zuneh-
menden Spannungen an der türkisch-griechischen Grenze und der
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Corona-Pandemie nicht ohne weitere Abklärungen aufrechterhalten wer-
den. Insbesondere würden die pauschalen Hinweise auf den griechischen
Rechtsstaat, die Einhaltung völkerrechtlicher Verpflichtungen und auf die
Garantien der Qualifikationsrichtlinie nicht mehr genügen. Vielmehr wür-
den erhärtete Hinweise dafür vorliegen, dass Griechenland die Qualifikati-
onsrichtlinie nicht korrekt umsetze und seine völkerrechtlichen Verpflich-
tungen verletze. Er habe in Griechenland keinen Zugang zu Sozialleistun-
gen, zu Nahrungsmitteln und zu medizinischer Versorgung gehabt und auf
der Strasse leben müssen. Bei einer erneuten Rückkehr nach Griechen-
land würde er wieder in eine unzumutbare wirtschaftliche Not geraten, wel-
che ein menschenwürdiges Leben absolut verunmöglichen würde.
8.2
8.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht geht – in Kenntnis der vom Be-
schwerdeführer thematisierten aktuellen Verhältnisse – weiterhin davon
aus, dass in Griechenland Schutzberechtigte grundsätzlich Schutz vor
Rückschiebung im Sinn von Art. 5 Abs. 1 AsylG finden und dieses euro-
päische Land als Signatarstaat der EMRK, der FoK und der FK und des
Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) seinen ent-
sprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Zwar aner-
kennt das Gericht, dass die Lebensbedingungen in Griechenland schwierig
sind. Das griechische Fürsorgesystem steht in der Tat nicht nur für Asylsu-
chende, sondern auch für Personen mit Schutzstatus in der Kritik. Indes-
sen geht das Gericht entgegen der Auffassung in der Beschwerdeschrift
weiterhin nicht von einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinn von Art. 3 EMRK respektive einer existenziellen Notlage aus.
8.2.2 Personen mit Schutzstatus sind griechischen Bürgerinnen und Bür-
gern gleichgestellt in Bezug auf Fürsorge, Zugang zu Gerichten und den
öffentlichen Schulunterricht, respektive sind sie gleichgestellt mit anderen
Ausländern und Ausländerinnen, namentlich in Bezug auf Erwerbstätigkeit
oder Gewährung von Unterkunft (vgl. Art. 16–24 des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Unterstützungsleistungen und weitere Rechte können direkt bei den zu-
ständigen Behörden und, falls notwendig, auf dem Rechtsweg eingefordert
werden.
8.2.3 Nicht zuletzt können Schutzberechtigte sich auch auf die Garantien
in der Richtlinie 2011/95/EU berufen (Richtlinie des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 13. Dezember 2011 über Normen für die Aner-
kennung von Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen als Personen mit
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Anspruch auf internationalen Schutz, für einen einheitlichen Status für
Flüchtlinge oder für Personen mit Anrecht auf subsidiären Schutz und für
den Inhalt des zu gewährenden Schutzes; sog. Qualifikationsrichtlinie).
Auf diese muss sich Griechenland als EU-Mitgliedstaat behaften lassen.
Von Interesse dürften diesbezüglich insbesondere die Regeln betreffend
den Zugang von Personen mit Schutzstatus zu Beschäftigung (Art. 26),
zu Bildung (Art. 27), zu Sozialhilfeleistungen (Art. 29), zu Wohnraum
(Art. 32) und zu medizinischer Versorgung (Art. 30) sein.
8.2.4 Im Falle einer Verletzung der Garantien der EMRK steht gestützt auf
Art. 34 EMRK steht letztlich der Rechtsweg an den Europäischen Gerichts-
hof für Menschenrechte (EGMR) offen (vgl. statt vieler Urteil des Bundes-
veraltungsgerichts E-1657/2020 vom 26. Mai 2020, D-2160/2020 vom
6. Mai 2020 und D-1118/2020 vom 2. April 2020).
8.2.5 Griechenland wird sich seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen
auch vor dem Hintergrund des in der Beschwerde erwähnten, vom Minis-
terium für Einwanderung und Asyl verabschiedeten Änderungsantrags zum
Asylgesetz vom März 2020 nicht ohne Weiteres entziehen können.
8.3 Dem Beschwerdeführer wurde in Griechenland der subsidiäre Schutz-
status gewährt. Es besteht daher kein Anlass zur Annahme, es drohe ihm
eine Verletzung des in Art. 33 Abs. 1 der FK verankerten Grundsatzes der
Nichtrückschiebung. Sodann sind den Akten keine Anhaltspunkte dafür zu
entnehmen, dass dem Beschwerdeführer bei einer Rückführung nach
Griechenland mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine menschenrechts-
widrige Behandlung im Sinn von Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 FoK und Art. 3
EMRK droht.
8.4 Dies gilt auch für die – gemäss dem mit der Beschwerde eingereichten
Arztbericht geringfügigen – gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die in
der Beschwerdebegründung bei der Frage der Durchführbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs auch nicht weiter thematisiert werden.
8.5 Unabhängig davon führte das SEM zu Recht aus, der Beschwerdefüh-
rer könne sich bei Unterstützungsbedarf oder allfälligen Problemen mit
Drittpersonen an die griechischen Behörden wenden und die erforderliche
Hilfe nötigenfalls auf dem Rechtsweg einfordern.
8.6 Der Vollzug der Wegweisung nach Griechenland erweist sich somit ins-
gesamt als zulässig.
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9.
9.1 Der Beschwerdeführer vermag sodann die Vermutung nicht umzustos-
sen, dass eine Rückkehr nach Griechenland als zumutbar zu erachten ist.
In Griechenland als sicherem Drittstaat herrscht keine Situation von allge-
meiner Gewalt.
9.2 Griechenland ist an die Qualifikationsrichtlinie gebunden und es obliegt
dem Beschwerdeführer, ihm allfällig zustehende Ansprüche direkt bei den
griechischen Behörden einzufordern. Die – aufgrund der herrschenden
Wirtschaftslage – nicht einfachen Lebensbedingungen lassen nicht bereits
die Annahme zu, der Beschwerdeführer wäre bei einer Rückkehr nach
Griechenland einer existenziellen Notlage ausgesetzt.
9.3 Hinsichtlich seiner gesundheitlichen Probleme wird sich der Beschwer-
deführer nötigenfalls mit seinem subsidiären Schutzstatus, der ihm freien
Zugang zu entsprechender Versorgung erlaubt, an die zuständigen Institu-
tionen in Griechenland zu wenden haben.
9.4 Insgesamt erweist sich der Vollzug der Wegweisung somit auch als zu-
mutbar
10.
10.1 Schliesslich ist der Wegweisungsvollzug auch als möglich zu erach-
ten, zumal die griechischen Behörden einer Rückübernahme des Be-
schwerdeführers ausdrücklich zugestimmt haben.
10.2 Die aktuellen Massnahmen im Zusammenhang mit der Ausbreitung
des Coronavirus (Covid-19) stehen dem Wegweisungsvollzug ebenfalls
nicht entgegen. Bei diesen handelt es sich – wenn überhaupt – um tempo-
räre Vollzugshindernisse, welchen im Rahmen der Vollzugsmodalitäten
durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem etwa der
Zeitpunkt des Vollzugs der Situation in Griechenland angepasst wird (vgl.
Urteil des BVGer D-6295/2019 vom 17. August 2020 E. 10.5 m.w.H.).
11.
Nach den vorstehenden Erwägungen ist der von der Vorinstanz verfügte
Vollzug der Wegweisung zu bestätigen.
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12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 AsylG). Es erübrigt sich vorliegend, auf weitere Ausführun-
gen in der Beschwerde und die darin zitierten und eingereichten Berichte
näher einzugehen. Die Beschwerde ist abzuweisen.
13.
13.1 Der Antrag auf Kostenvorschusserlass erweist sich mit vorliegendem
Urteil als gegenstandslos.
13.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung – im Sinn
von Art. 65 Abs. 1 VwVG und Art. 102m Abs. 1 Bst. a AsylG – ist abzuwei-
sen, weil sich die Beschwerde entsprechend den vorstehenden Erwägun-
gen bereits bei Eingang des Begehrens, unbesehen der finanziellen Ver-
hältnisse des Beschwerdeführers, als aussichtlos erwiesen hat.
Demzufolge hat der Beschwerdeführer die Verfahrenskosten in der Höhe
von Fr. 750.– zu tragen (Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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