Decision ID: 3a51b579-f78b-49e7-a7ed-2c8e7e1fe7ef
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Führerausweis der Kategorie B auf Probe seit dem 8. Juni 2011. Am
15. Juli 2012 beging er eine mittelschwere Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften, indem er ohne die Fahrerlaubnis für die Kategorie A1 ein
Kleinmotorrad lenkte. Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons
St. Gallen verfügte daraufhin am 30. August 2012 einen Führerausweisentzug von
einem Monat, der vom 29. September bis am 28. Oktober 2012 vollzogen wurde.
Zudem wurde die Probezeit des Führerausweises um ein Jahr verlängert. Am
9. August 2012 verursachte X wegen ungenügender Aufmerksamkeit eine
Auffahrkollision. Das Strassenverkehrsamt verfügte deshalb am 19. November 2012 im
Zusatz zur Verfügung vom 30. August 2012 einen Führerausweisentzug von einem
halben Monat; dieser wurde vom 18. Dezember 2012 bis am 1. Januar 2013 vollzogen.
B.- Am Donnerstag, 8. November 2012, um 7.07 Uhr, lenkte X sein Fahrzeug mit dem
amtlichen Kennzeichen SG 000 000 auf der Zürcher Strasse in St. Gallen in Richtung
Osten. Die Front- und Seitenscheiben des Fahrzeuges waren nur sehr dürftig vom Eis
gereinigt, weshalb X von einer Polizeipatrouille angehalten wurde. Dabei wurde
festgestellt, dass die Frontscheibe auf der ganzen Länge im unteren sowie im oberen
Scheibenbereich auf einer Breite von zirka 15 Zentimeter komplett vereist war. Die
übrige Windschutzscheibe war nur ungenügend gereinigt. Die Sicht des Lenkers wurde
durch das Anlaufen der Scheibeninnenseite zusätzlich erschwert. Sodann war das linke
Seitenfenster vollständig mit Eis behaftet. Die Sicht auf den Aussenspiegel war nicht
möglich. Die Scheibe auf der Beifahrerseite war zum Zeitpunkt der Anhaltung gänzlich
geöffnet. Auch diese Seitenscheibe war nicht gereinigt.
Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft St. Gallen vom 28. Januar 2013 wurde X wegen
des Vorfalls vom 8. November 2012 des Führens eines nicht betriebssicheren
Fahrzeuges gemäss Art. 93 Ziff. 2 Abs. 1 aSVG schuldig gesprochen und zu einer
Busse von Fr. 100.-- verurteilt. Der Strafbefehl erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.- Am 18. Januar 2013 verfügte das Strassenverkehrsamt die Annullierung des
Führerausweises auf Probe und entzog einem allfälligen Rekurs die aufschiebende
Wirkung. Am 1. Februar 2013 stellte X ein Wiedererwägungsgesuch.
D.- Gegen die Verfügung des Strassenverkehrsamts vom 18. Januar 2013 erhob X mit
Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 5. Februar 2013 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission. Er beantragte die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung und die Anweisung an die Vorinstanz, den Führerausweis unverzüglich
wieder auszuhändigen. Ferner sei das Rekursverfahren bis zum Entscheid der
Vorinstanz über das Wiedererwägungsgesuch zu sistieren. Sodann sei dem Rekurs die
aufschiebende Wirkung zu erteilen; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge
zulasten der Vorinstanz. Die Vorinstanz trat mit Entscheid vom 7. Februar 2013 nicht
auf das Wiedererwägungsgesuch ein. Sie verzichtete auf eine Stellungnahme im
Rekursverfahren. Auf die Ausführungen des Rekurrenten zur Begründung seiner
Anträge wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
E.- Mit Verfügung vom 8. März 2013 wies der Abteilungspräsident das Gesuch um
Erteilung der aufschiebenden Wirkung ab.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Die Verfügung der Vorinstanz vom 18. Januar 2013
wurde dem Rekurrenten am 22. Januar 2013 zugestellt. Dementsprechend ist der
Rekurs vom 5. Februar 2013 rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Strittig ist, ob die aktuelle Widerhandlung des Rekurrenten gegen die
Strassenverkehrsvorschriften gestützt auf Art. 15a Abs. 4 des
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG) zum Verfall des
Führerausweises auf Probe führt.
a) Der Rekurrent macht zur Hauptsache geltend, dass es sich bei der am 8. November
2012 begangenen Widerhandlung um ein Bagatelldelikt handle. So sei er im Strafbefehl
vom 28. Januar 2013 denn auch nur zu einer Busse von Fr. 100.-- verurteilt worden. Es
sei nur ein sehr leichtes Verschulden gegeben. Dementsprechend rechtfertige sich
keine Administrativmassnahme; die Annullierung des Führerausweises sei
unverhältnismässig.
Die Vorinstanz hielt in der Begründung der Verfügung vom 18. Januar 2013 fest, dass
Fahrzeuge gemäss Art. 29 SVG nur in betriebssicherem und vorschriftsgemässem
Zustand verkehren dürfen. Ein Motorfahrzeuglenker könne seinen Vortritts- und
Aufmerksamkeitspflichten nur nachkommen, wenn er einen Sichtwinkel von 180 Grad
frei habe. Das setze voraus, dass die Frontscheibe in dem von den Scheibenwischern
erfassten Bereich klar sei. Diesen Vorschriften sei X nicht nachgekommen. Durch sein
Fehlverhalten habe er schuldhaft Verkehrsregeln verletzt und dabei eine zumindest
geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen. Deshalb sei von einem
leichten Fall gemäss Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG auszugehen. Die Widerhandlung führe
mit den bereits vorhandenen Eintragungen im Massnahmenregister zu einem
zwingenden Entzug und damit einer Annullierung des Führerausweises auf Probe.
b) Der erstmals erworbene Führerausweis für Motorräder und Motorwagen wird
zunächst mit einer Probezeit von drei Jahren erteilt (vgl. Art. 15a Abs. 1 SVG). Wird
dem Inhaber der Ausweis auf Probe wegen einer Widerhandlung entzogen, so wird die
Probezeit um ein Jahr verlängert (Art. 15a Abs. 3 Satz 1 SVG). Der Führerausweis auf
Probe verfällt gemäss Art. 15a Abs. 4 SVG mit der zweiten Widerhandlung, die zum
Entzug des Ausweises führt. Die Bestimmung bezweckt, Neulenker, welche noch nicht
über die nötige Reife zum sicheren und verkehrsregelkonformen Führen eines
Personenwagens verfügen, vom Strassenverkehr einstweilen fernzuhalten. Nach dem
klaren Wortlaut der Bestimmung verfällt der Führerausweis auf Probe mit der zweiten
zu einem Entzug führenden Widerhandlung und damit unabhängig von deren Schwere.
Er verfällt deshalb auch dann, wenn es sich beim zweiten Fall um eine leichte
Widerhandlung im Sinn von Art. 16a SVG handelt, die unter Berücksichtigung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegebenen Umstände, insbesondere der Vorgeschichte des Lenkers, den Entzug des
Führerausweises nach sich ziehen würde (vgl. BGE 136 I 345, E. 6.1).
Gemäss Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG begeht eine leichte Widerhandlung, wer durch
Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft
und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft. Die leichte Widerhandlung zieht eine
Verwarnung oder den Entzug des Führerausweises nach sich (vgl. Art. 16a
Abs. 2 und 3 SVG). In besonders leichten Fällen wird gemäss Art. 16a Abs. 4 SVG auf
jegliche Massnahme verzichtet. Ein besonders leichter Fall liegt dann vor, wenn die
Verletzung von Verkehrsregeln eine besonders geringe Gefahr für die Sicherheit
anderer geschaffen hat und den fehlbaren Fahrzeuglenker dafür nur ein besonders
leichtes Verschulden trifft (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6A.52/2005 vom 2. Dezember
2005, E. 2.2.3; Weissenberger Philippe, Kommentar Strassenverkehrsgesetz, Zürich/St.
Gallen 2011, N 22 zu Art. 16a). Die Auslegung des besonders leichten Falls orientiert
sich an den Verkehrsregelverletzungen, die nach dem Ordnungsbussengesetz erledigt
werden und ebenfalls keine Administrativmassnahmen nach sich ziehen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 1C_406/2010 vom 29. November 2010 E. 4.2; VRKE IV-2010/120 vom
28. April 2011). Die gesetzliche Obergrenze für Ordnungsbussen liegt bei 300 Franken
(Art. 1 Abs. 2 des Ordnungsbussengesetzes, SR 741.03).
c) Die Rechtsvertreterin des Rekurrenten bringt vor, dass es sich nur um ein
Bagatelldelikt handle und nur ein sehr leichtes Verschulden vorliege. Sie legt jedoch
nicht im Detail dar, weshalb das Delikt so geringfügig gewesen sein soll und den
Rekurrenten nur ein derart geringes Verschulden treffen solle. Sie verweist auf den
Strafbefehl, der den Rekurrenten zu einer Busse von lediglich Fr. 100.-- verurteilte. Aus
dem Strafbefehl ist jedoch nicht ersichtlich, weshalb die Busse so tief ausfiel. Der
Rekurrent wurde jedenfalls des Führens eines nicht betriebssicheren Fahrzeuges
gemäss Art. 93 Ziff. 2 Abs. 1 aSVG schuldig gesprochen. Dass die Staatsanwaltschaft
die Schuld als nur sehr geringfügig einschätzte, geht aus dem Strafbefehl nicht hervor.
Die Akten der Vorinstanz zeigen im Gegenteil, dass der Rekurrent sein Motorfahrzeug
nur sehr ungenügend vom Eis befreit hatte. Die Frontscheibe war auf der ganzen Länge
im unteren sowie im oberen Scheibenbereich auf einer Breite von zirka 15 Zentimetern
komplett vereist. Die übrige Windschutzscheibe war nur sehr dürftig gereinigt. Zudem
war die Scheibeninnenseite angelaufen. Weder das linke noch das rechte Seitenfenster
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
waren vom Eis befreit. Die Sicht auf den linken Aussenspiegel war nicht möglich. Indem
der Rekurrent die Scheiben nicht ordnungsgemäss reinigte, verstiess er gegen
Verkehrsregeln (vgl. Art. 29 SVG i.V.m. Art. 57 Abs. 2 der Verkehrsregelnverordnung,
SR 741.11, abgekürzt: VRV, sowie i.V.m. Art. 71a Abs. 4 der Verordnung über die
technischen Anforderungen an Strassenfahrzeuge, SR 741.41, abgekürzt: VTS).
Saubere Scheiben, die freie Sicht gewähren, sind für das sichere Führen von
Motorfahrzeugen unabdingbar. Es ist die Pflicht eines jeden Automobilisten, vor jeder
Inbetriebnahme eines Fahrzeuges dafür zu sorgen, dass die Scheiben gereinigt und
das Fahrzeug betriebssicher ist. Weshalb das Verschulden des Rekurrenten, der gegen
diese Verkehrsregeln verstossen hat, als besonders leicht einzustufen wäre, ist nicht
ersichtlich. Besondere Umstände, die das Verschulden als nur sehr geringfügig
erscheinen lassen würden, wurden denn auch nicht geltend gemacht. Durch sein
Verhalten hat der Rekurrent andere Verkehrsteilnehmer gefährdet. Zieht man in
Betracht, dass die Sicht aus der Frontscheibe nur sehr eingeschränkt und die Sicht
nach links über den Seitenspiegel gar nicht möglich war, so lag auch nicht nur eine
besonders geringe Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer vor. Dementsprechend ist
kein besonders leichter Fall gemäss Art. 16a Abs. 4 SVG gegeben. Da der
Führerausweis dem Rekurrenten innert der vorangegangenen zwei Jahre bereits einmal
entzogen worden war, führt bereits eine leichte Widerhandlung erneut zu einem
Führerausweisentzug (Art. 16a Abs. 2 SVG); zumindest um eine solche handelt es sich
bei der Widerhandlung vom 8. November 2012. Mit der zweiten Widerhandlung, die
zum Entzug des Ausweises führt, verfällt der Führerausweis auf Probe (Art. 15a Abs. 4
SVG). Dementsprechend hat die Vorinstanz zu Recht die Annullierung des
Führerausweises auf Probe verfügt.
3.- Der Rekurs ist folglich abzuweisen. Ein neuer Lernfahrausweis kann frühestens ein
Jahr nach Begehung der Widerhandlung vom 8. November 2012 und nur aufgrund
eines verkehrspsychologischen Gutachtens erteilt werden, das die Eignung bejaht
(Art. 15a Abs. 5 SVG). Nach erneutem Bestehen der Führerprüfung wird dann ein neuer
Führerausweis auf Probe erteilt werden (Art. 15a Abs. 6 SVG).
4.- Mit der Annullierung des Führerausweises auf Probe soll sichergestellt werden,
dass der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rekurrent ohne Nachweis seiner Fahrfähigkeit zum Schutz der Sicherheit der übrigen
Verkehrsteilnehmer keine Motorfahrzeuge lenkt. Dieser Zweck wäre gefährdet, würde
ihm der Führerausweis während eines Beschwerdeverfahrens wiedererteilt. Einer
allfälligen Beschwerde ist deshalb die vom Gesetz vorgesehene aufschiebende
Wirkung zu entziehen (Art. 64 i.V.m. Art. 51 VRP).
5.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- (darin
eingeschlossen die Kosten für die Verfügung zur aufschiebenden Wirkung vom
8. März 2013) erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der geleistete Kostenvorschuss von
Fr. 1'200.-- ist zu verrechnen. Bei diesem Verfahrensausgang ist keine ausseramtliche
Entschädigung zuzusprechen (Art. 98 VRP).