Decision ID: 0e8a713a-2120-4717-ab12-55170b115172
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Verfügung vom 25. Juni 2015 gewährte das SEM dem Beschwerdefüh-
rer als Flüchtling in der Schweiz Asyl.
B.
Mit Eingabe vom 26. Januar 2022 stellte der Beschwerdeführer beim SEM
ein Gesuch um Familiennachzug zugunsten von B._, seiner unehe-
lichen Tochter.
Als Beweismittel reichte er den Taufschein seiner Tochter, einen Ausweis
der Mutter seiner Tochter sowie eine Vormundschaftserklärung zu seinen
Gunsten, datierend vom 1. August 2019, zu den Akten.
C.
Am 2. Mai 2022 forderte das SEM den Beschwerdeführer auf, verschie-
dene Fragen betreffend seine Tochter zu beantworten.
D.
Mit Eingabe vom 17. Mai 2022 nahm der Beschwerdeführer zu den ihm
gestellten Fragen Stellung.
E.
Mit Verfügung vom 13. Juni 2022 (eröffnet am 14. Juni 2022) lehnte das
SEM das Gesuch um Familiennachzug ab und verweigerte B._ die
Bewilligung der Einreise in die Schweiz.
F.
Mit Eingabe vom 13. Juli 2022 erhob der Beschwerdeführer, handelnd auch
für seine Tochter, durch seine Rechtsvertreterin Beschwerde beim Bundes-
verwaltungsgericht und beantragte, es sei seiner Tochter die Einreise
zwecks Familienzusammenführung zu bewilligen und sie sei in seine
Flüchtlingseigenschaft miteinzubeziehen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und die
Beiordnung seiner Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin. Zu-
dem beantragte er die Edition der vorinstanzlichen Akten und seines Ver-
weisdossiers, die Einsicht in diese Akten und die Ansetzung einer Nachfrist
nach Erhalt der Akten zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung.
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Als Beweismittel reichte er ein Schreiben des Regionalen Sozialdienstes
C._ vom 30. Dezember 2021 betreffend Beendigung der wirtschaft-
lichen Sozialhilfe, einen Arbeitsvertrag und einen Mietvertrag zu den Akten.
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 29. Juli 2022 forderte die Instruktionsrichte-
rin das SEM auf, dem Beschwerdeführer Einsicht in die Akten N (...) zu
gewähren und anschliessend einen Zustellnachweis zu erbringen. Gleich-
zeitig wies sie das Gesuch um Ansetzung einer Nachfrist zur Einreichung
einer Beschwerdeergänzung ab.
H.
Am 5. August 2022 traf der Zustellnachweis beim Bundesverwaltungsge-
richt ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
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3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Zunächst ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer den Familien-
nachzug für seine Tochter beantragte, welche zum Zeitpunkt des Gesuchs
knapp 17 Jahre alt war. Der Beschwerdeführer reichte mit dem Gesuch die
Kopie eine Vormundschaftserklärung datierend vom 1. August 2019 zu den
Akten, in dem die Mutter seiner unehelichen Tochter zu seinen Gunsten
auf das Sorgerecht verzichtet. Nach Praxis des Bundesverwaltungsge-
richts sind sich im Ausland aufhaltende minderjährige Beschwerdefüh-
rende nur dann zwingend persönlich zu befragen, sofern persönlichkeits-
rechtliche Interessen betroffen wären, die sich nicht mit den Interessen der
Eltern beziehungsweise des einen Elternteils decken würden. Das Gericht
geht davon aus, dass sich die Interessen vorliegend decken – selbst wenn
der Verzicht auf das Sorgerecht von Seiten der Kindsmutter nur in Kopie
vorliegt. Der Beschwerdeführer gab im Gesuch an, seine Tochter wolle zu
ihm in die Schweiz nachziehen, dieser Wille manifestiere sich auch durch
ihre Ausreise nach Uganda im Jahr 2021. Demnach ist die Vertretung
durch die Eltern zureichend, und auf eine persönliche Anhörung der Toch-
ter konnte, weil deren Standpunkt in den schriftlichen Eingaben genügend
zum Ausdruck kam, verzichtet werden (vgl. zum Ganzen BVGE 2012/31
E. 5.1-5.3). Das SEM hatte den Beschwerdeführer mit Schreiben vom
2. Mai 2022 aufgefordert, die aufgelisteten Fragen zu beantworten. Diese
Fragestellungen decken sämtliche für die Beurteilung des Familiennach-
zugsgesuchs des Beschwerdeführers notwendigen Aspekte ab, und das
Interesse der Tochter an einem Zusammenleben mit ihrem Vater in der
Schweiz konnte in Vertretung durch ihn hinreichend in das Verfahren ein-
gebracht werden. Damit kann der Sachverhalt mit dem Antwortschreiben
des Beschwerdeführers vom 17. Mai 2022 als hinreichend erstellt gelten.
4.2 Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden Ehegatten von Flüchtlingen und
ihre minderjährigen Kinder als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl,
http://links.weblaw.ch/BVGE-2012/31
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wenn keine besonderen Umstände dagegensprechen (Familienasyl). Wur-
den die anspruchsberechtigten Personen durch die Flucht getrennt und be-
finden sie sich im Ausland, ist ihre Einreise auf Gesuch hin zu bewilligen
(Art. 51 Abs. 4 AsylG).
4.3 Zentrale Bedingung für die Erteilung einer Einreisebewilligung zum
Zwecke der Familienzusammenführung im Sinne von Art. 51 Abs. 4 AsylG
ist, dass bereits vor der Flucht aus dem Verfolgerstaat eine Familienge-
meinschaft zwischen der gesuchstellenden und der anspruchsberechtigten
Person bestanden hat und diese Familienbeziehung auch nach der Flucht
im Rahmen des Möglichen aufrechterhalten wird und vom Willen der Wie-
dervereinigung der Familie getragen ist. Gemäss ständiger Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts dient eine Einreisebewilligung
zwecks Familienasyls nicht der Wiederaufnahme von zuvor beendeten Be-
ziehungen (vgl. BVGE 2017 VI/4 E. 3.1 m.w.H.; BVGE 2012/32, E. 5.2 und
5.4). In Eltern-Kind-Beziehungen ist dieses Kriterium der beendeten Bezie-
hung jedoch nur modifiziert anwendbar, zumal solche Beziehungen auch
durch räumliche Distanz nicht ohne weiteres enden. Massgeblich muss da-
her sein, ob vor der Flucht ein räumliches Zusammenleben bestand und
ob dieses freiwillig aufgegeben worden ist; nur bei freiwilliger Aufgabe des
Familienverbunds können besondere Umstände im Sinne von
Art. 51Abs. 1 AsylG vorliegen (vgl. Urteil des BVGer E-5649/2016 vom
9. November 2016 E. 3.4 und 3.5).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer begründete sein Gesuch um Familiennachzug
damit, dass er bis im Jahr 2009 eine Beziehung mit einer Frau geführt
habe, aus welcher eine Tochter hervorgegangen sei. Die Mutter seiner
Tochter habe damals an einem Ort mit Namen D._ gelebt, sei aber
für die Arbeit regelmässig nach Asmara gekommen. Während dieser Auf-
enthalte habe sich die Tochter jeweils bei ihm und seinen Eltern aufgehal-
ten. Nach der Trennung von der Mutter seiner Tochter im Jahr 2009 habe
die Tochter während ungefähr sechs Monaten bei ihrer Mutter und Gross-
mutter gelebt, danach sei sie für ein Jahr zu ihm und seinen Eltern gezo-
gen. Im Alter von ungefähr sechs Jahren sei sie wieder zu ihrer Mutter zu-
rückgekehrt. Er habe aber den Kontakt zu seiner Tochter stets aufrecht-
erhalten. In den Ferien habe er seine Tochter besucht oder diese sei mit
ihrer Mutter nach Asmara zu Besuch gekommen. Von 2018 bis 2021 habe
seine Tochter bei seiner Schwester in Asmara gelebt, da ihre Mutter inzwi-
schen vier weitere Kinder bekommen und die Grossmutter gesundheitlich
http://links.weblaw.ch/BVGE-2012/32 http://links.weblaw.ch/BVGer-E-5649/2016
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angeschlagen sei. Er habe sie zuletzt im Jahr 2012 gesehen, bevor er wie-
der in den Militärdienst habe einrücken müssen. Er habe seine Tochter
auch finanziell stets unterstützt. Nach seiner Flucht aus Eritrea habe er un-
gefähr drei Monate nach seiner Ausreise telefonisch Kontakt mit seiner
Tochter aufgenommen und diesen bis heute aufrechterhalten. Seine Toch-
ter habe er damals nicht mitnehmen können, da die Flucht für sie zu ge-
fährlich gewesen wäre und sie zudem bei ihrer Mutter und Grossmutter gut
aufgehoben gewesen sei. Im Jahr 2021 sei seine Tochter ebenfalls aus
Eritrea ausgereist und halte sich momentan unbegleitet in Uganda auf.
5.2 Das SEM lehnte Gesuch mit der Begründung ab, der Beschwerdefüh-
rer habe im Zeitpunkt seiner Ausreise aus Eritrea nicht mit seiner Tochter
zusammengelebt, womit keine Familiengemeinschaft bestanden habe. Die
Voraussetzungen für eine Familienzusammenführung seien deshalb nicht
erfüllt. Ausserdem seien seit seiner Anerkennung als Flüchtling im Jahr
2015 über sechs Jahre vergangen, bis er das Gesuch um Familienzusam-
menführung gestellt habe. Dabei sei nicht überprüfbar, ob er – wie vorge-
bracht – von einem Hilfswerk falsch beraten worden sei und deshalb so
lange gewartet habe. Er hätte sich diesbezüglich direkt an das SEM wen-
den und mitteilen können, dass er beabsichtige, ein Gesuch um Familien-
nachzug für seine Tochter zu stellen. Er habe diesen Wunsch jedoch selbst
dann nicht geäussert, als er für seine Ehefrau und seinen Sohn ein solches
Gesuch gestellt habe. Des Weiteren sei davon auszugehen, dass er den
Kontakt zu seiner Tochter zumindest vorübergehend abgebrochen habe,
zumal er in der Anhörung zu seinen Asylgründen ausgesagt habe, er habe
mangels Telefonnummer oder Adresse keinen Kontakt mehr zu seiner
Tochter.
Dieser Einschätzung stehe auch die eingereichte Einwilligungserklärung
betreffend Vormundschaft der Mutter seiner Tochter nicht entgegen. In sei-
nem Schreiben von 17. Mai 2022 habe er angegeben, dass das Schreiben
bereits im Jahr 2018 ausgestellt worden sei; das Schreiben datiere aber
vom 1. August 2019. Zudem handle es sich um ein kopiertes Dokument
ohne Stempel und Unterschriften, womit sein Beweiswert aufgrund der Fäl-
schungsmöglichkeiten als gering einzustufen sei.
5.3 In der Beschwerde brachte der Beschwerdeführer vor, dass es ihm auf-
grund seiner Stationierung im Militär gar nicht möglich gewesen wäre, die
Obhut über seine Tochter alleine wahrzunehmen; er und die Kindsmutter
hätten sich die elterliche Obhut geteilt, selbst wenn er gewollt hätte, hätte
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er nicht mehr Zeit mit seiner Tochter verbringen können. Dass er im Zeit-
punkt seiner Flucht nicht mit seiner Tochter zusammengelebt habe, sei so-
mit kein freiwilliger Entscheid gewesen, sondern den von ihm nicht beein-
flussbaren Umständen geschuldet. Es sei daher trotz räumlicher Trennung
von einer vorbestandenen Familiengemeinschaft auszugehen. Die Bezie-
hung zu seiner Tochter habe auch nach seiner Ausreise fortbestanden, da
Eltern-Kind-Beziehungen gemäss der bundesverwaltungsgerichtlichen
Rechtsprechung auch nach längerer räumlichen Trennung nicht ohne wei-
teres abbrächen. Er hätte bereits zu einem früheren Zeitpunkt um Famili-
enzusammenführung ersuchen können; allerdings wäre es seiner Tochter
aber auch mit einer Bewilligung des SEM nicht möglich gewesen, Eritrea
zu verlassen. Deshalb habe er mit der Gesuchstellung warten müssen, bis
seine Tochter aus Eritrea ausgereist sei.
6.
6.1 Zunächst ist zu klären, ob das gesetzliche Erfordernis der Trennung
der vorbestehenden Familieneinheit durch die Flucht glaubhaft gemacht
ist. Das Erfordernis wurde durch die Rechtsprechung dahingehend konkre-
tisiert, dass die Trennung unfreiwillig erfolgt sein muss (vgl. BVGE
2012/32 E. 5.4.2). An der in der Beschwerdeschrift unter Hinweis auf das
Urteil des BVGer E-5649/2016 vom 9. November 2016 angeführten Aus-
sage, auf Eltern-Kind-Beziehungen sei das Kriterium der beendeten Bezie-
hung nur modifiziert anwendbar, zumal solche Beziehungen auch durch
räumliche Distanz nicht ohne weiteres endeten, kann durchaus festgehal-
ten werden. In Würdigung der gesamten Umstände des Einzelfalles ge-
langt das Gericht aber vorliegend zum selben Schluss wie die Vorinstanz,
nämlich dass die Familieneinheit zwischen dem Beschwerdeführer und
seiner Tochter freiwillig beendet worden ist.
6.1.1 Der Beschwerdeführer hat gemäss seinen Angaben zum Zeitpunkt
seiner Flucht mit der Tochter nicht in einem gemeinsamen Haushalt ge-
lebt. Aus den Akten geht hervor, dass er und die Mutter seiner Tochter sich
im Jahr 2009, als das Kind vier Jahre alt gewesen war, trennten, weil die
Mutter einen anderen Mann kennenlernte, mit dem sie dann im Jahr 2011
zusammengekommen ist (B5 Ziffn. 1 und 2). Die Tochter lebte lediglich
sechs Monate nach der Trennung im Jahr 2009 während eines Jahres bei
ihm und seinen Eltern in Asmara, um danach im Alter von sechs Jahren
wieder zu ihrer Mutter zu ziehen (A5 Ziff. 3). Danach ist die Tochter beim
Beschwerdeführer stets nur zu Besuch gewesen (B5 Ziff. 1). In den Jahren
2010 bis 2012, bis zum Zeitpunkt als der Beschwerdeführer Eritrea ver-
liess, lebte seine Tochter nicht bei ihm, er habe aber Kontakt gehalten. Der
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Beschwerdeführer reichte jedoch weder mit seinem Gesuch noch auf Be-
schwerdestufe entsprechende Dokumente ein, welche diese Besuche zu
dokumentieren vermögen (beispielsweise Fotos). Später, so brachte er vor,
habe sie bei seiner Schwester in Asmara gelebt, weil die Mutter sich um
ihre weiteren Kinder habe kümmern müssen und die Grossmutter mütterli-
cherseits gesundheitlich angeschlagen gewesen sei (B5 Ziff. 8). Zum Zeit-
punkt der Flucht des Beschwerdeführers bestand keine Hausgemeinschaft
mit der Tochter, was der Beschwerdeführer mit seiner Stationierung im Mi-
litär entschuldigt und vorbringt, er hätte gar gar keine andere Wahl gehabt.
Der Umstand, dass die Tochter von Ende 2018 bis 2021 bei seiner Schwes-
ter in Asmara gelebt haben soll, könnte als Indiz zu deuten sein, dass er
tatsächlich – zumindest mittelbar – Verantwortung für das Kind übernom-
men hat.
6.1.2 Ob in Eritrea je eine Familiengemeinschaft zwischen dem Beschwer-
deführer und seiner Tochter bestanden habe beziehungsweise das Führen
einer solchen aufgrund äusserer Umstände wie der militärischen Stationie-
rung des Beschwerdeführers nicht möglich gewesen sei, und demnach
eine Trennung durch die Flucht stattfand, kann jedoch offenbleiben, weil
das Gericht davon ausgeht, dass im vorliegenden Fall besondere Gründe
im Sinne des Art. 51 Abs. 1 AsylG bestehen, welche gegen die Familien-
vereinigung sprechen. Der Beschwerdeführer macht in seiner Stellung-
nahme vom 17. Mai 2022 zwar geltend, er habe drei Monate nach seiner
Ausreise aus Eritrea mit seiner Tochter Kontakt aufgenommen und würde
seither regelmässig mit ihr Telefonieren (B5 Ziff. 11). In seiner eigenen An-
hörung im Asylverfahren hatte er hingegen angegeben, weder Telefonnum-
mer noch Adresse seiner Tochter zu kennen und von der Ausreise bis jetzt
(das heisst, bis zur Anhörung am 21. April 2015) keinen Kontakt zu seiner
Tochter mehr gehabt zu haben (A20 F18). Seine diesbezüglichen Angaben
in der Stellungnahme sind demnach als nachgeschoben und nicht glaub-
haft gemacht zu erachten.
Auch das auf Beschwerdeebene vorgebrachte Argument, die Beziehung
zu seiner Tochter habe auch nach seiner Ausreise fortbestanden, da Eltern-
Kind-Beziehungen gemäss der bundesverwaltungsgerichtlichen Recht-
sprechung auch nach längerer räumlichen Trennung nicht ohne weiteres
abbrächen, ist vorliegend unbehilflich. Das in diesem Zusammenhang an-
geführte Urteil des Bundesverwaltungsgericht E-5649/2016 betrifft eine
gänzlich andere Situation – die Erwägung 3.4, auf welche sich der Be-
schwerdeführer in seiner Beschwerde beruft, bezieht sich auf ein Argument
des SEM, wonach die Eltern-Kind-Beziehung nur aufgrund des Verbleibs
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des Kindes im Heimatstaat mit gleichzeitiger Ausreise der Eltern abgebro-
chen sei. Vorliegend ist jedoch ausschlaggebend, dass – nebst dem Um-
stand, dass die Tochter bereits vor der Ausreise des Beschwerdeführers
nicht bei ihm gelebt hatte, der Kontakt mit ihr nach seiner Ausreise während
mehrerer Jahre abgebrochen war.
Somit ist die Annahme der Vorinstanz zu stützen, dass die allenfalls in ei-
nem früheren Zeitpunkt gelebte Familienbeziehung zwischenzeitlich auf-
gegeben worden ist und das Gesuch um Familienzusammenführung offen-
bar dazu dienen soll, diese wiederaufzunehmen. Da die Familienzusam-
menführung aber diesen Zweck nicht erfüllt (vgl. oben E. 4.2), besteht vor-
liegend kein Anspruch.
6.2 Darüber hinaus ist der Vorinstanz beizupflichten, wenn sie dem Be-
schwerdeführer vorhält, auch die lange Dauer von der Asylgewährung am
25. Juni 2015 bis zur Stellung des Gesuchs um Familiennachzug am
26. Januar 2022 spreche mit über sechs Jahren gegen den erkennbaren
Willen der Wiedervereinigung der Familie.
Zunächst hat der Beschwerdeführer am 2. Oktober 2015, also wenige Mo-
nate nach seiner Asylgewährung, zwar ein Gesuch um Familiennachzug
für seine Ehefrau, mit der er seit dem Jahr 2010 verheiratet ist, und den
gemeinsamen Sohn gestellt (Z4), in jenem Verfahren aber mit keinem Wort
erwähnt, dass er zu gegebener Zeit ebenfalls seine Tochter aus einer
früheren Beziehung nachziehen möchte. Es wäre aber zu erwarten gewe-
sen, dass er sich beim SEM zumindest nach den Möglichkeiten eines (wei-
teren) Familiennachzugs erkundigt und so seinen diesbezüglichen Willen
kundgetan hätte, wenn er dies bereits in jenem Zeitpunkt beabsichtigt
hätte. Sofern er geltend macht, er habe bewusst damit gewartet, weil seine
Tochter Eritrea selbst mit einer Einreisebewilligung für die Schweiz nicht
hätte verlassen können, ist darauf hinzuweisen, dass spätestens während
der mehrmonatigen Grenzöffnung zwischen Äthiopien und Eritrea in den
Jahren 2018/2019 eine legale Ausreise der Tochter aus Eritrea möglich ge-
wesen wäre. Dass ihm ein Hilfswerk geraten habe, mit der Einreichung des
Gesuchs bis zur Ausreise seiner Tochter aus Eritrea zuzuwarten, vermag
an der Einschätzung des Gerichts, sein Wille zur Familienzusammenfüh-
rung sei nicht bereits nach seiner Ausreise, sondern erst vor kurzer Zeit
entstanden, nichts zu ändern. Das Gericht geht deshalb davon aus, dass
der Beschwerdeführer lange gar keine Familienzusammenführung ange-
strebt hat, weil er seine Tochter bis im Jahr 2018 bei deren Mutter und ab
dem Jahr 2018 bei seiner Schwester in guter Obhut gewusst hat.
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6.3 Schliesslich vermögen auch die eingereichten Beweismittel nichts an
dieser Einschätzung zu ändern. Diesbezüglich ist auf die Erwägungen des
SEM in der angefochtenen Verfügung zu verweisen (vgl. oben E. 5.2).
6.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Voraussetzungen von
Art. 51 Abs. 1 und 4 AsylG nicht erfüllt sind, weshalb das SEM das Gesuch
um Bewilligung der Einreise von B._ in die Schweiz und um Fami-
lienzusammenführung mit ihrem Vater, dem Beschwerdeführer, zu Recht
abgelehnt hat.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
8.
8.1 Der Beschwerdeführer beantragte die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG einhergehend mit dem Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie die amtliche Ver-
beiständung gemäss Art. 65 Abs. 2 (vgl. Art. 102m Abs. 2 AsylG). Aufgrund
der vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass seine Begehren aussichts-
los waren. Damit ist eine der beiden kumulativ zu erfüllenden Vorausset-
zungen (Bedürftigkeit und Nicht-Aussichtslosigkeit) nicht gegeben, wes-
halb das Gesuch abzuweisen und auf die Bedürftigkeit nicht näher einzu-
gehen ist. Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses wird mit dem heutigen Urteil gegenstandslos.
8.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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