Decision ID: 13d1b21b-7fa3-5661-9dfc-61f74b717695
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Christian Thöny, Bahnhofstrasse 8, 7000 Chur,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 1. Juni 1991 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 6). Sie gab an, sie arbeite als Heilmasseurin. Am
28. Januar 1990 habe sie einen Verkehrsunfall mit einem Schleudertrauma der Hals
wirbelsäule erlitten. Ende August 1991 nahm sie eine Umschulung zur Heilpraktikerin in
Angriff (IV-act. 20). Per 31. Juli 1993 wurde das Arbeitsverhältnis mit dem B._
aufgrund der andauernd hohen Arbeitsunfähigkeit der Versicherten aufgelöst (IV-
act. 23–3). Die Umschulung zur Naturheilpraktikerin wurde am 4. November 1993
rückwirkend bewilligt (IV-act. 34 und 42). Der Chefarzt der neurologischen Abteilung
der Klinik C._, Prof. Dr. med. D._, berichtete der Unfallversicherung (Winterthur
Versicherungen, heute: AXA Versicherungen AG) in einem Gutachten vom
29. Dezember 1998 (IV-act. 81), der Verlauf des Gesundheitszustandes der
Versicherten seit dem Unfall sei wechselnd gewesen. Die persistierenden Schmerzen
im Bereich der oberen Halswirbelsäule, die zeitweisen Kopfschmerzen und die
rechtsseitigen Armschmerzen hätten unter Belastung jeweils stark zugenommen. Die
aktuelle somatische Schmerzsymptomatik, die rechtsseitige Brachialgie mit sensiblem
Reizsyndrom C6 und das neuropsychologische Syndrom mit Konzentrations- und
Gedächtnisstörungen seien typisch für die Folgen einer indirekten Traumatisierung der
Halswirbelsäule, auch wenn keine neurologischen Ausfälle objektiviert werden könnten.
Die Röntgenaufnahmen liessen einen Verdacht auf eine Instabilität im Segment C2/3
entstehen. Diese Instabilität könne durchaus die Ursache der persistierenden
Beschwerden sein. Es bestehe keine Aggravationstendenz. Am 2. Februar 1999 gab
Dr. D._ ergänzend an, die Arbeitsunfähigkeit der Versicherten als Naturheilpraktikerin
betrage 30 Prozent (IV-act. 80). Mit einer Mitteilung vom 14. Oktober 1999 schrieb die
IV-Stelle das Gesuch der Versicherten vom 1. Juni 1999 zufolge Rückzugs als
gegenstandslos ab (IV-act. 84).
A.b Am 7. Juli 2004 meldete sich die Versicherte erneut zum Bezug von Leistungen
der Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sie beantragte unter Verweis auf ein für die
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Unfallversicherung erstelltes Gutachten die Ausrichtung einer Invalidenrente. Das
Gutachten der medizinischen Abklärungsstelle (MEDAS) Zentralschweiz vom 28. Mai
2004 (Fremdakten) stützte sich auf rheumatologische, neurologische,
neuropsychologische und psychiatrische Abklärungen. Der rheumatologische
Sachverständige hatte für die neue Arbeit als Heilpraktikerin eine Arbeitsunfähigkeit
von 50 Prozent attestiert und ausgeführt, dass die Arbeitsfähigkeit in anderen
Tätigkeiten wohl nicht wesentlich höher angesetzt werden könnte. Nach Möglichkeit
sollte die Versicherte monotone Haltungen, Arbeiten mit grossem Kraftaufwand der
Hände, Arbeiten mit vornüber geneigtem Oberkörper, Heben und Tragen von Lasten
über fünf Kilogramm sowie Arbeiten oberhalb der Schulterebene vermeiden. Der
neurologische Sachverständige hatte eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit attestiert.
Der neuropsychologische Sachverständige hatte angegeben, er habe keine
neuropsychologischen Defizite objektivieren können. Der psychiatrische
Sachverständige hatte festgehalten, dass die Arbeitsfähigkeit aufgrund des
anhaltenden Schmerzsyndroms mit somatoformer Komponente eingeschränkt sei.
Interdisziplinär wurde die Versicherte als insgesamt zu 50 Prozent arbeitsunfähig
qualifiziert. Die IV-Stelle teilte der Versicherten am 30. Dezember 2004 mit, dass sie
den Invaliditätsgrad der Unfallversicherung übernehmen und deshalb deren Entscheid
abwarten werde (IV-act. 109). In der Folge erkundigte sich die IV-Stelle von Zeit zu Zeit
nach dem Verfahrensstand bei der Unfallversicherung. Diese nahm Abklärungen im
Hinblick auf den von der Versicherten ausgeübten Schiesssport vor, da sie sich davon
offenbar Rückschlüsse auf die Arbeitsfähigkeit erhoffte. Mit einer Verfügung vom
21. Februar 2008 (Fremdakten) wies die Unfallversicherung das Rentengesuch der
Versicherten ab. Sie begründete diesen Entscheid sinngemäss damit, dass angesichts
der Fähigkeit der Versicherten, intensiv dem Schiesssport nachzugehen, keine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestehen könne. Es sei davon auszugehen, dass
die Ärzte der MEDAS Zentralschweiz getäuscht worden seien. Die Versicherte liess der
IV-Stelle am 8. Januar 2009 mitteilen (IV-act. 126), dass sie den Entscheid des
Unfallversicherers angefochten habe. Inzwischen sei eine Verschlechterung des
Gesundheitszustandes eingetreten. Die Leistungseinbusse betrage 70–80 Prozent. Am
23. November 2009 wies der Unfallversicherer die Einsprache der Versicherten ab
(Fremdakten).
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A.c Am 21. Dezember 2009 empfahl Dr. med. E._ vom IV-internen regionalen
ärztlichen Dienst (RAD) eine Vergleichsbegutachtung (IV-act. 129). Die IV-Stelle
beauftragte die MEDAS Zentralschweiz mit dieser Begutachtung (IV-act. 133). Am
28. Januar 2010 erfolgte eine Abklärung in der Wohnung der Versicherten. Der
entsprechende Bericht vom 30. April 2010 (IV-act. 156) enthielt folgenden Passus:
„Gemäss den Angaben von A._ wäre ihr Wunschziel fünf Kunden pro Tag; dies
würde einer Tätigkeit von etwa fünf Stunden entsprechen, was wiederum einem
Beschäftigungsgrad von circa 60 Prozent gleichkommen würde. Die restlichen 40
Prozent würden für den Haushalt und die Freizeit verwendet. Dieses Wunschprogramm
sei ihr jedoch in ihrem heutigen Gesundheitszustand nicht möglich zu erfüllen.
Allerhöchstens zwei Patienten pro Tag, dies je nach gesundheitlichem Befinden“ (IV-
act. 156–4). Die Abklärungsperson gab weiter an, die Erwerbsfähigkeit könne weder
durch eine Anpassung des Betriebs noch durch die Anschaffung von Hilfsmitteln
wesentlich verbessert werden. Bevor ein Wechsel in ein Angestelltenverhältnis
diskutiert werden könne, müsse Klarheit über die medizinisch zumutbare
Arbeitsfähigkeit bestehen. Abschliessend äusserte die Abklärungsperson die
Vermutung, dass die Arbeitsfähigkeit der Versicherten in einer adaptierten Tätigkeit
wesentlich höher wäre. Die Versicherte hatte sich am 28. Januar 2010 gegen das ihrer
Auffassung nach von der Abklärungsperson gezeigte Verhalten – Verachtung,
Misstrauen, ständige Provokationen – verwahrt (IV-act. 146).
A.d Im Gutachten der MEDAS Zentralschweiz vom 21. Juni 2010 (IV-act. 157) wurde
ausgeführt, bei der ersten Begutachtung im Jahr 2004 habe die Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit schwergewichtig auf der Beurteilung des Rheumatologen basiert.
Dieser habe damals eine Restarbeitsfähigkeit von 50 Prozent angegeben. Der
Neurologe und die Neuropsychologin hätten keine Arbeitsunfähigkeit attestiert; der
Psychiater habe die Einschränkung nicht quantifiziert. Bei der aktuellen Untersuchung
habe die Versicherte angegeben, sie habe nie eine Leistung von 50 Prozent erreicht;
die Leistung habe maximal 25 Prozent betragen. Sie brauche nämlich eine, wenn nicht
zwei Stunden Pause zwischen den Patienten. Diese Angaben hätten in einem krassen
Gegensatz zum Alltagsverhalten der Versicherten gestanden. Diese habe berichtet,
dass sie oft durch „Blockaden“ arbeitsunfähig sei, aber bei der Untersuchung sei sie in
Holzschuhen und mit Rucksack sowie mit einem auffällig sthenischen Gehabe
erschienen. Sie habe mitgeteilt, dass sie Bergwanderungen mache und dass sie mit
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dem Hund möglichst zügig spaziere. Obwohl sie gemäss ihren Angaben die Arme und
Hände oft kaum einsetzen könne, sei sie andererseits in der Lage, Woche für Woche an
Schiesswettbewerben teilzunehmen. Sie habe eine Menge von Aussagen gemacht, die
nahe am nicht mehr Erfüllbaren/Paranormalen erschienen seien. Hier hätten sich
Elemente einer schweren Persönlichkeitsstörung gezeigt, die der Psychiater denn auch
bestätigt habe. Der Rheumatologe hatte ausgeführt, schon bei der ersten Abklärung im
Jahr 2004 habe er festgehalten, dass es keine sicheren Hinweise für eine relevante
Instabilität der Halswirbelsäule gebe, dass die funktionsradiologischen Befunde gut zu
einer konstitutionellen Hyperlaxität passten und dass keine Indikation für eine operative
Spondylodese bestehe. Inzwischen sei ein Carpaltunnelsyndrom rechts operiert
worden. Wenn er die damaligen Befunde mit der aktuellen Untersuchung vergleiche, so
seien die myofascialen Befunde nun deutlich weniger ausgeprägt. Es finde sich ein
mehrheitlich myotendinotisches Cervicalsyndrom mit einem latenten thoracic outlet
syndrome rechts. Die ausgesprochen geringe berufliche Belastbarkeit könne mit den
objektivierbaren Befunden am Bewegungsapparat nur zu einem kleinen Teil erklärt
werden. Streng auf die objektivierbaren strukturellen Veränderungen beschränkt könne
keine dauerhafte Arbeitsunfähigkeit attestiert werden. Relevante strukturelle Läsionen
hätten schon im Jahr 2004 nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit belegt werden
können. Die Rechtsprechung habe die Anforderungen an den Beweis inzwischen
verschärft. Die Neurologin berichtete, im Vergleich zu früheren neurologischen
Beurteilungen könnten keine eindeutige cervico-radiculäre sensible Symptomatik und
kein eindeutiges cervico-brachiales Syndrom nachgewiesen werden. Aus
neurologischer Sicht bestehe keine Arbeitsunfähigkeit. Der psychiatrische
Sachverständige hielt in seinem Teilgutachten fest, eine Aggravation oder eine
Simulation könnten ausgeschlossen werden. Die Kriterien einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung seien nicht erfüllt, da kein anhaltender quälender
Schmerz objektiviert werden könne. Das Schmerzsyndrom sei auch nicht durch eine
major depression oder durch eine floride posttraumatische Belastungsstörung zu
erklären. Das gelte auch für eine zönästhetische Schizophrenie, obwohl sich einige
typische Merkmale wie Leistungsknick, Belastungsinsuffizienz, zunehmend deutlicher
werdende affektive Wandlung, Persönlichkeitsänderung, psychästhetische
Minussymptomatik und Veränderung im emotionalen Wesen, in der
Beziehungsfähigkeit und im Kontaktverhalten nachweisen liessen. Klinisch fänden sich
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bei der Versicherten dissoziative Zeichen wie parathyme Affektlage, mechanistische
und monotone Stimme und ausgeprägte Parfümierung. Differenzialdiagnostisch sei
deshalb eine dissoziative Störung in Betracht zu ziehen. Es müsse davon ausgegangen
werden, dass in den letzten Jahren eine Persönlichkeitsänderung eingesetzt habe.
Diese könne phänomenologisch mit einer dissoziativen Störung umschrieben werden.
Die Persönlichkeitsänderung sei chronifiziert. Sie habe Krankheitswert. Die Angaben
der Versicherten seien glaubwürdig. Die Versicherte sei in ihrer Beziehungs- und
Bezugsfähigkeit der Umwelt gegenüber eingeschränkt, was Auswirkungen auf ihre
Tätigkeit haben dürfte. Auch die Angaben zur teilweise grotesken Durchstrukturierung
des Tagesablaufs seien glaubhaft. Mit der jetzigen Tätigkeit sei die Versicherte bis an
die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit gefordert. Die Arbeitsunfähigkeit betrage
50 Prozent, da die Versicherte auf Erholungspausen angewiesen sei, um den
emotionalen Distress zu reduzieren. Interdisziplinär wurde diese
Arbeitsfähigkeitsschätzung übernommen. Die RAD-Ärzte Dr. E._ und Dr. med. F._
betrachteten dieses Verlaufsgutachten als umfassend, konsistent und in sich
widerspruchsfrei (IV-act. 158).
A.e Mit einem Vorbescheid vom 5. Juli 2010 kündigte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Rentengesuchs an (IV-act. 161). Sie begründete den vorgesehenen
Entscheid damit, dass die Versicherte ihre Arbeit noch zu 40 Prozent, die
administrativen Tätigkeiten noch zu zehn Prozent und die Reinigungsarbeiten/Wäsche
noch zu zehn Prozent ausüben könne. Das ergebe das Wunschprogramm von 60
Prozent, sodass im Erwerb keine Einschränkung bestehe. Im Haushalt bestehe
ebenfalls keine relevante Einschränkung, weshalb keine Invalidität vorliege. Am
16. September 2010 verfügte die IV-Stelle entsprechend diesem Vorbescheid (IV-
act. 163). Eine von der Versicherten am 6. Oktober 2010 gegen diese Verfügung
erhobene Beschwerde wurde vom Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen mit
einem Entscheid vom 20. November 2012 (IV 2010/390; vgl. IV-act. 190) teilweise
gutgeheissen. Das Versicherungsgericht hielt fest, der Passus im
Haushaltabklärungsbericht, gestützt auf den die IV-Stelle ein Erwerbspensum von 60
Prozent angenommen habe, sei unklar. Damit sei ein hypothetisches Erwerbspensum
von 60 Prozent noch nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit belegt. Von einer Rückfrage an die Versicherte könne in
antizipierender Beweiswürdigung keine zuverlässige Angabe erwartet werden. Die
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Indizien sprächen insgesamt für ein Vollpensum, weshalb der Invaliditätsgrad anhand
eines Einkommensvergleichs ermittelt werden müsse. Die Validenkarriere bestehe in
der Tätigkeit als medizinische Masseurin und Bademeisterin, welche die Versicherte
vor dem Unfall ausgeübt habe, denn die Versicherte habe die Umschulung zur
Heilpraktikerin erst infolge des Unfalls in Angriff genommen. Es lägen keine
Anhaltspunkte dafür vor, dass sich die Versicherte auch ohne den Unfall zur
Heilpraktikerin hätte umschulen lassen. Das zumutbarerweise erzielbare
Invalideneinkommen entspreche dem erzielbaren Reinertrag aus der selbständigen
Tätigkeit als Naturheilpraktikerin. Für die Ermittlung des Invalideneinkommens sei die
Arbeitsfähigkeit entscheidend. Die rheumatologischen Teilgutachten aus den Jahren
2004 und 2010 seien allerdings nicht überzeugend, denn der rheumatologische
Sachverständige habe die Aussagekraft seines Teilgutachtens aus dem Jahr 2004 in
seinem Teilgutachten aus dem Jahr 2010 erheblich relativiert. Nach der Begutachtung
im Jahr 2010 sei die Versicherte an der Halswirbelsäule operiert worden. In der Folge
seien die Nackenschmerzen vollständig verschwunden. Dies widerlege die Aussage
des rheumatologischen Sachverständigen, dass die von der Beschwerdeführerin
geklagten Beschwerden für die Arbeitsfähigkeit nicht relevant seien. Der psychiatrische
Sachverständige habe seinen Schlussfolgerungen die Aussage des rheumatologischen
Sachverständigen, die subjektiv empfundenen Schmerzen würden sich nur teilweise
durch die objektiven Befunde erklären lassen, zugrunde gelegt. Sollte eine weitere
rheumatologische Begutachtung ergeben, dass die Schmerzen objektivierbar seien,
müsse deshalb auch aus psychiatrischer Sicht eine Neubeurteilung vorgenommen
werden. Ohne eine erneute rheumatologische und allenfalls psychiatrische
Begutachtung könne das zumutbarerweise erzielbare Invalideneinkommen also nicht
ermittelt werden. Das Versicherungsgericht wies die Sache deshalb an die IV-Stelle zur
Durchführung der weiteren Abklärungen und zur Prüfung von
Eingliederungsmassnahmen zurück. Das Bundesgericht trat auf eine von der IV-Stelle
erhobene Beschwerde gegen den Entscheid des Versicherungsgerichtes des Kantons
St. Gallen nicht ein (Urteil des Bundesgerichtes 9C_971/2012 vom 13. Februar 2013;
vgl. IV-act. 194).
A.f Am 5. September 2013 beauftragte die IV-Stelle die MEDAS Ostschweiz mit einer
polydisziplinären Begutachtung der Versicherten (IV-act. 215). Das Gutachten wurde
am 4. Dezember 2013 fertiggestellt (IV-act. 218). Der psychiatrische Sachverständige
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führte aus, dass die von ihm erhobenen Befunde mit der diagnostischen Einschätzung
des damaligen psychiatrischen Sachverständigen im Rahmen der zweiten
Begutachtung durch die MEDAS Zentralschweiz im Jahr 2010 übereinstimmten, die
Diagnosen anhand des aktuellen ICD-10 aber etwas anders codiert worden seien. In
der aktuellen Untersuchung sei eine leichte bis mittelschwere depressive Symptomatik
festgestellt worden. Weiterhin bestünden dissoziative Zustände. Zudem hätten
verschiedene klinische Merkmale einer andauernden Persönlichkeitsänderung
festgestellt werden können. Die psychischen Auffälligkeiten seien als chronifizierte
psychische Einschränkungen anzusehen. Der Versicherten könne aber zugemutet
werden, ihre Beschwerden zumindest teilweise zu überwinden und teilweise im
Arbeitsprozess zu verbleiben. Die Arbeitsfähigkeit liege bei etwa 50 Prozent. Die
entsprechende Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent bestehe spätestens seit der ersten
Begutachtung durch die MEDAS Zentralschweiz im Jahr 2004. Der orthopädische
Sachverständige hielt fest, dass sich eine Discushernie L5/S1 mit Einengung der
Wurzel S1 rechts, ein Status nach Bandscheibenoperation und interspinöser
Stabilisierung L4/5 und L5/S1, eine Spondylodese C4–6, ein panvertebrales
Schmerzsyndrom und ein Status nach Carpaltunnelspaltung rechts auf die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin auswirkten. Infolge der verminderten
Belastbarkeit der Wirbelsäule nach drei operativen Eingriffen könne der Versicherten
die Tätigkeit als medizinische Masseurin nur eingeschränkt zugemutet werden. Ein
Einsatz mit langen Pausen, wie es die Versicherte handhabe, sei zumutbar. Die
Leistung dürfte sich auf etwa 50 Prozent belaufen. Diese Einschätzung sei ab März
2009, das heisst nach der abgeschlossenen Rehabilitation von der
Carpaltunnelspaltung, gültig. Die späteren Wirbelsäuleneingriffe hätten bezüglich der
Belastbarkeit wenig verändert. In einer adaptierten Tätigkeit sei der Versicherten eine
volle Arbeitsleistung zumutbar. Als angepasst sei eine Tätigkeit anzusehen, die
teilweise sitzend/stehend/gehend, vorzugsweise an einem höhenverstellbaren
Arbeitstisch, erfolge. Es sollte kein wiederholtes Lastenheben über zehn Kilogramm
nötig sein und die Tätigkeit könne nicht länger als eine halbe Stunde in Inklination von
Kopf und Oberkörper erfolgen. In der interdisziplinären Besprechung gelangten die
Sachverständigen zum Schluss, dass die Versicherte spätestens seit der ersten
Begutachtung durch die MEDAS Zentralschweiz im Jahr 2004 in ihrer Tätigkeit als
Naturheilpraktikerin sowie in adaptierten Tätigkeiten zu 50 Prozent arbeitsunfähig sei.
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Die RAD-Ärztin Dr. F._ notierte am 14. Januar 2014, dass auf das Gutachten
abgestellt werden könne, da es ausführlich, umfassend, konsistent und
widerspruchsfrei sei (IV-act. 219). Ein Mitarbeiter des Rechtsdienstes hielt am
21. Februar 2014 fest, dass eine Persönlichkeitsänderung zwar eine psychische
Krankheit sei, die einen invalidisierenden Gesundheitsschaden bewirken könne, dass
vorliegend die Persönlichkeitsänderung aber Ausfluss eines syndromalen Leidens und
aus diesem Grund das Vorliegen eines zum Bezug einer Rente berechtigenden
Gesundheitsschadens zu verneinen sei (IV-act. 226).
A.g Mit einem Vorbescheid vom 25. Februar 2014 teilte die IV-Stelle der Versicherten
mit, dass sie vorsehe, das Rentengesuch abzuweisen (IV-act. 229). Die Versicherte
liess am 19. März 2014 einwenden (IV-act. 233), dass sich die Sachverständigen der
MEDAS Ostschweiz eingehend mit der Zumutbarkeit der Leistung von Arbeit trotz
Beschwerden auseinander gesetzt hätten und es nicht angehe, diese Beurteilung
einfach beiseite zu setzen. Das Bundesgericht habe zudem bislang noch nie eine
andauernde Persönlichkeitsänderung als syndromales Beschwerdebild
(„PÄUSBONOG“) qualifiziert. Auch das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
habe vorliegend klar festgehalten, dass es der Versicherten nicht zugemutet werden
könne, die Folgen der Persönlichkeitsänderung und der dissoziativen Störung einfach
willensmässig zu unterdrücken und wieder normal zu funktionieren. Die andauernde
Persönlichkeitsänderung sowie die vom psychiatrischen Sachverständigen der MEDAS
Ostschweiz festgestellte depressive Symptomatik stellten eine psychiatrisch
ausgewiesene Komorbidität zur dissoziativen Bewegungsstörung dar. Die Versicherte
leide auch an chronischen körperlichen Begleiterkrankungen und einem mehrjährigen
Krankheitsverlauf bei unveränderter oder progredienter Symptomatik ohne
längerfristige Remission. Sie habe sich sozial stark zurückgezogen. Der psychiatrische
Sachverständige habe auch einen so genannten primären Krankheitsgewinn
festgestellt. Damit erweise sich der von der IV-Stelle ermittelte Invaliditätsgrad von 16
Prozent als falsch, auch wenn die Versicherte für den Hinweis, dass sie dank ihrer
Behinderung ökonomisch ja wesentlich besser gestellt sei denn als Gesunde, wohl
dankbar zu sein habe. Für die Ermittlung des Invalideneinkommens dürfte die
Einholung eines betriebswirtschaftlichen Gutachtens unabdingbar sein. Ansonsten
müsste auf die massgebenden statistischen Werte abgestellt werden. Am 1. April 2014
verfügte die IV-Stelle gemäss ihrem Vorbescheid (IV-act. 235). Sie führte aus, dass
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ungeachtet der Vorbringen der Versicherten von einer uneingeschränkten
Arbeitsfähigkeit für leidensadaptierte Tätigkeiten auszugehen sei. Die
Vergleichseinkommen seien parallelisiert worden, was am Ergebnis allerdings nichts
ändere. Die Versicherte sei nicht invalid.
B.
B.a Am 6. Mai 2014 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 1. April 2014 erheben (act. G 1). Ihr
Rechtsvertreter beantragte die Zusprache mindestens einer halben Rente der
Invalidenversicherung ab dem 1. Mai 2005. Zur Begründung führte er aus, die
Sachverständigen der MEDAS Ostschweiz seien wie bereits die Sachverständigen der
MEDAS Zentralschweiz in deren Gutachten aus den Jahren 2004 und 2010 zum
Schluss gelangt, dass die Beschwerdeführerin auch in adaptierten Tätigkeiten lediglich
noch zu 50 Prozent arbeitsfähig sei. Die IV-Stelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin) habe versucht, mit juristischen Kniffen von dieser
Arbeitsfähigkeitsschätzung abzuweichen. Sie habe darauf hingewiesen, dass keine
Hirnschädigung und keine schwere psychische Erkrankung vorliege, weshalb die
Sachverständigen eine falsche Diagnose gestellt hätten. Die Sachverständigen hätten
aber eine nicht näher bezeichnete Persönlichkeitsänderung diagnostiziert, was mit
Blick auf den ICD-10 korrekt sei. Das von der Beschwerdegegnerin erwähnte Urteil des
Bundesgerichtes 8C_167/2012 erweise sich als nicht einschlägig. Die
Beschwerdegegnerin habe sich über die Gutachten und den Entscheid des
Versicherungsgerichtes hinweggesetzt. Schliesslich sei sie auch zu Unrecht davon
ausgegangen, dass die Beschwerdeführerin heute als Naturheilpraktikerin tätig sein
könne. Die Beschwerdeführerin erfülle die dafür notwendigen beruflichen
Qualifikationen nämlich nicht.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 13. Juni 2014 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie aus, vorliegend müsse die
bundesgerichtliche Rechtsprechung zu den syndromalen Leiden zur Anwendung
gelangen, weil die psychischen Beschwerden der Beschwerdeführerin allesamt auf ihre
Schmerzen zurückzuführen seien. Juristisch gesehen könne die Willensanstrengung zur
Überwindung der Beschwerden nicht aufgeteilt werden. Entweder sei sie zumutbar
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oder nicht zumutbar. Insofern überzeuge das Gutachten der MEDAS Ostschweiz, in
dem eine teilweise Überwindbarkeit festgehalten worden sei, nicht. Die
Beschwerdeführerin sei im Übrigen in der Lage gewesen, während Jahren sehr aktiven
Nebenbeschäftigungen und Sportaktivitäten nachzugehen. Ausserdem nehme sie
keine psychiatrische Therapie in Anspruch, was darauf hindeute, dass sie sich
aufgrund der psychischen Beschwerden nicht als sonderlich beeinträchtigt erlebe.
B.c Die Beschwerdeführerin liess am 24. Juni 2014 an ihrem Antrag festhalten
(act. G 6). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 8).

Erwägungen:
1. Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich
zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen,
erhalten oder verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen sind und nach dem
Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid sind, haben einen Anspruch auf
eine Rente der Invalidenversicherung (Art. 28 Abs. 1 IVG). Für die Bemessung der
Invalidität eines erwerbstätigen Versicherten wird das Erwerbseinkommen, das dieser
nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihm zumutbare
Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zum
Erwerbseinkommen gesetzt, das er erzielen könnte, wenn er nicht invalid geworden
wäre (Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG).
2.
2.1 Die Beschwerdeführerin ist im Laufe des mittlerweile über zehn Jahre dauernden
Verfahrens betreffend einen allfälligen Rentenanspruch gegenüber der Invalidenver
sicherung dreimal polydisziplinär begutachtet worden. Die MEDAS Zentralschweiz hat
im Jahr 2004 ein Gutachten für die Unfallversicherung und im Jahr 2010 ein zweites
Gutachten für die Beschwerdegegnerin erstellt. Da der rheumatologische
Sachverständige im zweiten Gutachten seine Beurteilung im ersten Gutachten
erheblich relativiert hat, haben in der Folge Zweifel an der Zuverlässigkeit des
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Gutachtens aus dem Jahr 2004 bestanden. Weil er zudem keine erheblichen
Beeinträchtigungen mehr festgestellt hat, die Beschwerdeführerin später aber an der
Halswirbelsäule hat operiert werden müssen, haben auch Zweifel an der
Zuverlässigkeit des Gutachtens aus dem Jahr 2010 bestanden. Diese Zweifel haben
nicht nur das rheumatologische Teilgutachten betroffen, denn der psychiatrische
Sachverständige hatte seine Beurteilung wesentlich auf die Feststellung des
rheumatologischen Sachverständigen, die subjektiv empfundenen Beschwerden
liessen sich nicht hinreichend durch die objektiv erhobenen Befunde erklären, gestützt.
Aus diesem Grund hat ein drittes polydisziplinäres Gutachten eingeholt werden
müssen, das von der MEDAS Ostschweiz für die Beschwerdegegnerin erstellt worden
ist. Die Sachverständigen der MEDAS Ostschweiz haben die Beschwerdeführerin
internistisch, psychiatrisch und orthopädisch untersucht. Der orthopädische
Sachverständige hat die vorhandenen bildgebenden Befunde beigezogen, womit sich
die Beurteilung auf die Ergebnisse der eigenen klinischen Untersuchungen, die
bildgebenden Befunde und die gesamte vorhandene Aktenlage gestützt hat. Die
Sachverständigen haben sich eingehend mit dem Verlauf gemäss den früheren
medizinischen Berichten auseinander gesetzt und Stellung zu den unterschiedlichen
Beurteilungen sowie auch zur Selbsteinschätzung der Beschwerdeführerin genommen.
Rückblickend haben sie ein in sich stimmiges Bild der Entwicklung der Beschwerden
seit dem Jahr 2004 gezeichnet. Die Schilderungen der Sachverständigen sowie die
Schlussfolgerungen, die sie aufgrund des Datenmaterials (Akten,
Untersuchungsergebnisse, bildgebende Befunde, Schilderungen der
Beschwerdeführerin) gezogen haben, entsprechen weitestgehend jenen der
Sachverständigen der MEDAS Zentralschweiz aus dem Jahr 2010. Entgegen des
Verdachtes des Versicherungsgerichtes hat sich zwischenzeitlich ergeben, dass weder
der Operation an der Halswirbelsäule noch den zwei weiteren Operationen an der
Wirbelsäule hinsichtlich der quantitativen Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin eine
relevante Bedeutung zukommt, denn die Schmerzen der Beschwerdeführerin haben
sich aufgrund der Eingriffe nicht weiter objektivieren lassen und die Operationen haben
die Belastbarkeit der Beschwerdeführerin nicht wesentlich verbessert. Im zeitlichen
Verlauf hat der orthopädische Sachverständige dem Carpaltunnelsyndrom und der
Carpaltunnelspaltung eine wesentliche Bedeutung zugemessen, denn die
Carpaltunnelspaltung hat die Belastbarkeit der rechten Hand vermindert.
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2.2 Der Vergleich zwischen dem orthopädischen Teilgutachten und den beiden
rheumatologischen Teilgutachten der MEDAS Zentralschweiz aus den Jahren 2004 und
2010 zeigt, dass sich der Befund jeweils als weitestgehend gleich dargestellt hat. Wie
der rheumatologische Sachverständige der MEDAS Zentralschweiz im Jahr 2010 selbst
eingeräumt hat, hatte er im Jahr 2004 bei einer weitgehend ähnlichen Befundlage eine
andere, dem damaligen Zeitgeist beziehungsweise der damaligen Praxis
entsprechende Beurteilung abgegeben. Die von ihm angesprochene Entwicklung der
Praxis lässt sich anhand der einschlägigen Bundesgerichtsurteile leicht nachvollziehen.
Hatte das Bundesgericht im BGE 117 V 359 aus dem Jahr 1991 noch festgehalten,
dass bei einem typischen Beschwerdebild nach einem Schleudertrauma der
Halswirbelsäule der natürliche Kausalzusammenhang zu vermuten sei und bei der
Prüfung des adäquaten Kausalzusammenhangs keine Unterscheidung zwischen den
psychischen und somatischen Beschwerden vorgenommen werden dürfe (anders als
bei der so genannten „Psycho-Praxis“ gemäss dem BGE 115 V 133), hat es den
Kriterienkatalog für die Prüfung des adäquaten Kausalzusammenhang im BGE 134 V
109 aus dem Jahr 2008 deutlich verschärft und im BGE 136 V 279 aus dem Jahr 2010
die invalidisierende Wirkung eines Schleudertraumas regelhaft verneint. Folglich hat die
vom rheumatologischen Sachverständigen im Jahr 2004 abgegebene Beurteilung der
damaligen Sachlage, der damaligen medizinischen Erkenntnis und dem damaligen
Rechtsverständnis entsprochen. Im Jahr 2010 hat diese Beurteilung aber zumindest
angesichts des geänderten Rechtsverständnisses nicht mehr zu überzeugen vermocht,
ohne dass daraus folgen würde, dass im Jahr 2004 ein fehlerhafter Befund erhoben
worden wäre. Der rheumatologische Sachverständige hat bereits in seinem ersten
Gutachten darauf hingewiesen, dass sich kaum Befunde objektivieren liessen. Insofern
besteht also einerseits eine Übereinstimmung zwischen dem orthopädischen
Teilgutachten der MEDAS Ostschweiz und den beiden rheumatologischen
Teilgutachten der MEDAS Zentralschweiz und lässt sich andererseits die von den
späteren Beurteilungen abweichende Beurteilung im Jahr 2004 erklären. Die
zwischenzeitlich erfolgten Operationen an der Wirbelsäule sind im Gutachten der
MEDAS Ostschweiz berücksichtigt worden und wecken – retrospektiv – eine Zweifel an
der Zuverlässigkeit des rheumatologischen Teilgutachtens der MEDAS Zentralschweiz
aus dem Jahr 2010.
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2.3 Der Vergleich zwischen den drei psychiatrischen Teilgutachten zeigt eindrücklich
und plausibel, wie die Beschwerdeführerin ursprünglich durch den Unfall „aus der Bahn
geworfen“ worden ist und in der Folge eine Persönlichkeitsänderung durchlaufen hat.
Im Jahr 2004 hat sie noch als weitgehend psychisch unauffällig imponiert. Der
psychiatrische Sachverständige hat damals festgehalten, dass sie zwar während des
Abklärungsgesprächs teilweise unruhig und angespannt gewirkt, sich im Übrigen aber
freundlich und kooperativ verhalten habe und hinsichtlich des Bewusstseins, der
Orientierung und des formalen Denkens unauffällig erschienen sei. Affektiv habe sie
etwas unsicher, manchmal konfus, dysphorisch, gereizt, innerlich unruhig, gelegentlich
auch affektlabil und affektinkontinent gewirkt. Beurteilend hat der psychiatrische
Sachverständige ausgeführt, dass die Beschwerdeführerin im Gespräch viele
Formulierungen gebraucht habe, welche darauf hingedeutet hätten, dass ihre innere
Stabilität und die klare Vorstellung davon, wer sie sei, ernstlich ins Rutschen geraten
seien, was zu einer tiefgreifenden Verunsicherung und Verängstigung geführt habe.
Eindrücklich sei die Umstellung von einer überwiegend aussenweltorientierten in eine
überwiegend innenweltorientierte Wahrnehmung und Lebensweise. Die problematische
frühe Kindheitsentwicklung mit einer Vernachlässigung durch die eigenen, leiblichen
Eltern und einer Adoption sei als Risikofaktor für die Entwicklung eines anhaltenden
Schmerzsyndroms zu qualifizieren. Diese vom psychiatrischen Sachverständigen
beschriebene, damals beginnende Problematik ist im Jahr 2010 bereits erheblich
fortgeschritten gewesen. Alle an der Begutachtung beteiligten Sachverständigen der
MEDAS Zentralschweiz haben nämlich beschrieben, dass die Beschwerdeführerin sich
höchst auffällig verhalten habe. Der psychiatrische Sachverständige hat festgehalten,
dass die Beschwerdeführerin affektiv wenig spürbar gewesen sei. Ihre Ausführungen
seien synthym gewesen. Das Denken sei sehr umständlich gewesen. Sie habe den
Blick oft in die Ferne gerichtet. Ihre Stimme sei mechanistisch und monoton gewesen.
Die Affektlage sei teilweise parathym oder manieriert gewesen. Unter Berücksichtigung
der früheren Berichte hat der psychiatrische Sachverständige aufgrund der von ihm
erhobenen Befunde eine Persönlichkeitsänderung diagnostiziert, deren Beginn er auf
einige Jahre vor der eigenen Untersuchung festgelegt hat. Der Persönlichkeitsstörung
hat er Krankheitswert zugemessen. Phänomenologisch hat er sie als dissoziative
Störung umschrieben. Den Zustand hat er als chronifiziert bezeichnet, woraus er
gefolgert hat, dass selbst mittels einer integriert psychiatrisch-psychotherapeutischen
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Behandlung das Zustandsbild nicht so beeinflusst werden könne, dass mit einer
Zunahme der Restarbeitsfähigkeit zu rechnen sei. Bei den Sachverständigen der
MEDAS Ostschweiz hat die Beschwerdeführerin im Jahr 2013 denselben Eindruck
hinterlassen. Der psychiatrische Sachverständige hat sich hinsichtlich der Diagnose,
der Befunde und der Arbeitsfähigkeitsschätzung dem psychiatrischen
Sachverständigen der MEDAS Zentralschweiz angeschlossen. Aufgrund einer
zwischenzeitlichen Revision des ICD-10 hat er die Diagnose leicht anders codiert, was
allerdings nicht als anderslautende Beurteilung qualifiziert werden kann. Damit steht
zusammenfassend fest, dass die Beschwerdeführerin spätestens seit der
Begutachtung durch die MEDAS Zentralschweiz Ende Januar/Anfang Februar 2004 an
nicht objektivierbaren Schmerzen, an einer verminderten Belastbarkeit der Wirbelsäule
und an einer sich damals in Entwicklung befunden habenden und spätestens im Jahr
2010 weitgehend abgeschlossenen tiefgreifenden Persönlichkeitsänderung, verbunden
mit einer dissoziativen Störung, leidet. Angesichts der diesbezüglich klaren Aktenlage
haben weder die Beschwerdeführerin noch die Beschwerdegegnerin die
Zuverlässigkeit der Beurteilung der Sachverständigen der MEDAS Ostschweiz in Frage
gestellt.
2.4 Die Beschwerdegegnerin behauptet, dass die Persönlichkeitsänderung, die der
psychiatrische Sachverständige der MEDAS Ostschweiz (und jener der MEDAS
Zentralschweiz) beschrieben und diagnostiziert habe, nicht invalidisierend sei, das
heisst wohl die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin nicht erheblich und
längerdauernd beeinträchtige. Begründet hat sie dies mit dem Umstand, dass ein so
genanntes „pathogenetisch-ätiologisch unklares Beschwerdebild ohne nachweisbare
organische Genese“, nämlich die nach dem Unfall persistierenden Folgen des
Schleudertraumas der Halswirbelsäule, die Persönlichkeitsänderung ins Rollen
gebracht habe und dass die Persönlichkeitsänderung folglich bloss eine Folge eines
solchen „syndromalen Leidens“ sei. Weil ein „syndromales Leiden“
rechtsprechungsgemäss keine Invalidität zur Folge haben könne, könne auch ein
Leiden, das sich aus einem „syndromalen Leiden“ heraus entwickelt habe, keine
Invalidität zur Folge haben. Eine Ausnahme von diesem Grundsatz würde nur vorliegen,
wenn die „Überwindbarkeit“ des Leidens ausnahmsweise anhand der so genannten
Foerster’schen Kriterien verneint werden müsse. Die „Überwindbarkeit“ könne nur
bejaht oder verneint werden. Eine teilweise „Überwindbarkeit“ gebe es nicht, weshalb
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die Einschätzung des psychiatrischen Sachverständigen, der Beschwerdeführerin
könne trotz ihrer Beschwerden die Verrichtung einer Erwerbstätigkeit in einem Pensum
von 50 Prozent – und damit bloss die „halbe Überwindbarkeit“ der Beschwerden –
zugemutet werden, juristisch nicht überzeuge. Diese Auffassung hält einer kritischen
Würdigung nicht stand. Sie krankt nämlich bereits daran, dass der Unfall
beziehungsweise das in dessen Folge aufgetretene „syndromale Leiden“ nicht die
einzige Ursache der mittlerweile chronifizierten Persönlichkeitsänderung gewesen ist.
Vielmehr lässt sich insbesondere dem psychiatrischen Teilgutachten der MEDAS
Zentralschweiz aus dem Jahr 2004 entnehmen, dass die Vernachlässigung der
Beschwerdeführerin im frühen Kindesalter infolge der Überforderung der leiblichen
Eltern mit anschliessender Adoption und einer darüber hinaus gehenden
problematischen Beziehung zwischen der Beschwerdeführerin und deren leiblichen
Eltern eine erhebliche Vulnerabilität verursacht haben. Der Unfall und dessen Folgen
haben die Beschwerdeführerin zwar für eine Zeit aus der Bahn geworfen. Retrospektiv
betrachtet dürfte es sich dabei aber nur um einen Auslöser – um den berüchtigten
Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt – gehandelt haben, der das im frühen
Kindesalter erlittene Trauma reaktiviert hat. Dieses Trauma und die damit verbundene
elementare Verunsicherung bezüglich der eigenen Persönlichkeit hat die unheilvolle
Entwicklung in den Jahren 2004–2010 verursacht; der Unfall ist lediglich ein „Trigger“
gewesen, wie die psychiatrischen Sachverständigen überzeugend dargelegt haben
(vgl. IV-act. 157–61 f. und Fremdakten). Eine derart tiefgehende
Persönlichkeitsänderung, wie sie die Beschwerdeführerin durchlaufen hat, kann mit
den Schmerzen infolge des Unfalls allein nicht erklärt werden. Die Qualifikation der
Persönlichkeitsänderung als blosse Folge des Schmerzsyndroms widerspräche der
medizinischen Empirie, wie die psychiatrischen Sachverständigen der MEDAS
Zentralschweiz und der MEDAS Ostschweiz nachvollziehbar und überzeugend
aufgezeigt haben. Die Auffassung, die Persönlichkeitsstörung in der jetzigen
Ausprägung sei kein eigenständiges Krankheitsbild, liefe den Beurteilungen der
psychiatrischen Sachverständigen diametral zuwider. Soweit ersichtlich hat auch das
Bundesgericht eine Persönlichkeitsänderung noch nie als „syndromales Leiden“
qualifiziert. Insbesondere lässt sich dem von der Beschwerdegegnerin angeführten
Urteil 8C_167/2012 vom 15. Juni 2012 nichts dergleichen entnehmen, denn in dessen
E. 5.2 heisst es, der psychiatrische Sachverständige habe festgehalten, dass die
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leichte Persönlichkeitsänderung und das chronische Schmerzsyndrom keine
Arbeitsunfähigkeit bewirkten. Das Bundesgericht hat zwar in der E. 6.1 festgehalten,
dass die Diagnose der „Persönlichkeitsänderung bei chronischem Schmerzsyndrom
(...) für sich allein keinen invalidisierenden Gesundheitsschaden im Rechtssinne“
darstelle, doch hat es sich dabei auf den konkreten Fall mit einer leichten
Persönlichkeitsänderung infolge eines chronischen Schmerzsyndroms bezogen. Die
Persönlichkeitsänderung hat in jenem Fall nur die Qualität einer Nebenfolge des
Schmerzsyndroms gehabt, weshalb der psychiatrische Sachverständige auch keine
daraus resultierende Arbeitsunfähigkeit attestiert hatte. Hier liegt aber im Gegensatz
dazu eine eigenständige, wesentliche (und nicht bloss leichte) Persönlichkeitsänderung
vor, die nicht bloss eine Nebenerscheinung eines chronischen Schmerzsyndroms
darstellt. Es handelt sich dabei um ein eigenständiges Leiden. Dementsprechend
haben die psychiatrischen Sachverständigen nicht eine Persönlichkeitsänderung bei
chronischem Schmerz (ICD-10 F 62.80), sondern eine anderweitige
Persönlichkeitsänderung (ICD-10 F 62.90) diagnostiziert. Es besteht kein Grund zur
Annahme, das Bundesgericht würde auch eine eigenständige Persönlichkeitsänderung
als „syndromales Leiden“ qualifizieren. Medizinisch liesse sich dies nämlich nicht
begründen. Hier liegt also kein „syndromales Leiden“ vor. Die Frage der
„Überwindbarkeit“ ist folglich nicht anhand der Foerster’schen Kriterien zu
beantworten. Die Beschwerdegegnerin hat bezüglich der Frage, inwiefern der
Beschwerdeführerin die Verrichtung von Arbeit trotz ihrer
Gesundheitsbeeinträchtigungen zugemutet werden kann, verkannt, dass sich die
„Überwindbarkeit“ nicht ausschliesslich auf eine vollständige Arbeitsleistung in einer
adaptierten Tätigkeit beziehen muss. Natürlich kann einer versicherten Person eine
gewisse Leistung entweder zugemutet werden oder nicht. Eine Hürde oder ein
Hindernis kann nicht teilweise überwunden werden. Daran gibt es nichts zu rütteln. Die
entscheidende Frage ist aber, welche Leistung der versicherten Person entweder
zugemutet werden kann oder nicht beziehungsweise wie hoch eine Hürde ist, die
entweder überwunden werden kann oder nicht. Gemäss den überzeugenden
Ausführungen der psychiatrischen Sachverständigen kann es der Beschwerdeführerin
zugemutet werden, trotz ihrer Gesundheitsbeeinträchtigungen eine halbe
Arbeitsleistung zu erbringen. Die „Überwindbarkeit“ ist also in Bezug auf die Hälfte
eines gewöhnlichen Arbeitspensums – integral – zu bejahen.
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2.5 Würde man sich nun allerdings auf den Standpunkt stellen, die „Überwindbarkeit“
der dissoziativen Störung müsse anhand der Foerster’schen Kriterien geprüft werden,
ergäbe sich kein anderes Resultat, wie nachfolgend aufgezeigt werden wird.
Diesbezüglich ist allerdings darauf hinzuweisen, dass es nicht einleuchtet, weshalb die
„Überwindbarkeit“ beim Vorliegen einer Persönlichkeitsänderung „normal“, beim
Vorliegen einer Persönlichkeitsänderung plus einer dissoziativen Störung aber nach
den (strengeren) Foerster’schen Kriterien geprüft werden sollte. Damit würde bei einer
Person, die an einer Beeinträchtigung weniger leidet, ein milderer
Zumutbarkeitsmassstab angelegt. Jedenfalls stellt die von den psychiatrischen
Sachverständigen beschriebene tiefgreifende Persönlichkeitsänderung eine psychische
Komorbidität von erheblicher Ausprägung, Schwere und Dauer dar, denn es handelt
sich dabei um ein eigenständiges und chronifiziertes, mittlerweile seit Jahren in der
aktuellen Schwere bestehendes Leiden, das die Beschwerdeführerin in ihrer
Leistungsfähigkeit und in ihrer Fähigkeit, trotz der dissoziativen Störung Arbeit zu
verrichten, erheblich beeinträchtigt. Die psychiatrischen Sachverständigen haben
überzeugend dargelegt, dass die Persönlichkeitsänderung eine schwere Belastung für
die Beschwerdeführerin darstellt und diese zwingt, immer wieder Pausen einzulegen,
um den emotionalen Distress zu verarbeiten. Die persönlichen Ressourcen der
Beschwerdeführerin sind infolge der Persönlichkeitsänderung also erheblich
vermindert. Die Beschwerdeführerin leidet weiter an einer chronischen körperlichen
Begleiterkrankung, denn ihre Wirbelsäule ist objektivierbar geschwächt und
geschädigt, weshalb sie sich auch bereits mittlerweile drei Operationen hat unterziehen
müssen. Diese objektivierbaren Beeinträchtigungen vermögen zwar das Ausmass der
von der Beschwerdeführerin geklagten Schmerzen nicht zu erklären, belegen aber
immerhin einen Teil der chronisch vorhandenen Schmerzen, die die
Beschwerdeführerin seit Jahren „zermürben“. Bezüglich eines so genannten primären
Krankheitsgewinns im Sinne einer Flucht in die Krankheit lässt sich dem
psychiatrischen Teilgutachten der MEDAS Ostschweiz keine klare Stellungnahme
entnehmen. Auch das psychiatrische Teilgutachten der MEDAS Zentralschweiz aus
dem Jahr 2010 enthält keine entsprechenden Ausführungen. Die gesamte Entwicklung
in den vergangenen Jahren spricht aufgrund der Ausführungen der psychiatrischen
Sachverständigen eher für als gegen eine an sich missglückte, psychisch aber
entlastende Konfliktbewältigung als. Verneint werden müssen dagegen ein
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ausgeprägter sozialer Rückzug und das Vorliegen von unbefriedigenden
Behandlungsergebnissen, da die Behandlungsergebnisse adäquat ausgefallen sind
und die Beschwerdeführerin am sozialen Leben nach wie vor teilweise teilnimmt, auch
wenn im Vergleich zum Zustand vor dem Unfall sicherlich ein deutlicher Rückzug
stattgefunden hat. Bei dieser Sachlage müssten die Foerster’schen Kriterien, so sie
denn überhaupt relevant wären, als erfüllt qualifiziert werden, weshalb die
„Überwindbarkeit“, das heisst die Zumutbarkeit der Verrichtung von Arbeit in einer
adaptierten Tätigkeit mit einer vollen Leistung, zu verneinen wäre.
2.6 Die Beschwerdeführerin hat in den Jahren 1981–1983 eine Ausbildung zur medi
zinischen Masseurin absolviert und anschliessend bis nach dem Unfall im Jahr 1990,
nämlich bis ins Jahr 1991, als medizinische Masseurin gearbeitet (vgl. IV-act. 6). Im
Jahr 1991 hat sie eine Ausbildung zur Heilpraktikerin begonnen, die sie selbst als
„Umschulung“ bezeichnet hat (IV-act. 6–5). Den Akten lässt sich klar entnehmen, dass
die Beschwerdeführerin diese Ausbildung aus gesundheitlichen Gründen angestrebt
hat (vgl. z.B. IV-act. 10 und 11). Auch die IV-Kommission hat diese Ausbildung als
invaliditätsbedingte Umschulung qualifiziert (IV-act. 27), weshalb sie der
Beschwerdeführerin mit einer Verfügung vom 4. November 1993 entsprechende
Leistungen zugesprochen hat (IV-act. 34). Die Beschwerdeführerin hat allerdings die
kantonale Heilpraktikerprüfung nicht bestanden und deshalb weiterhin als medizinische
Masseurin mit Fachausweis gearbeitet (vgl. IV-act. 218–31). Folglich arbeitet sie wieder
im erlernten Beruf, doch hat sie ihr Aufgabengebiet so verlagert, dass sie dabei mehr
leidensadaptierte Tätigkeiten verrichten kann. Da keinerlei Hinweise darauf vorliegen,
dass die Beschwerdeführerin ohne den Unfall die Ausbildung zur Heilpraktikerin
begonnen hätte, ist der erlernte Beruf der medizinischen Masseurin, den sie nach dem
Abschluss der Ausbildung während fast zehn Jahren – bis zum Unfall und noch etwa
ein Jahr länger – ausgeübt hat, als Validenkarriere zu qualifizieren. Mit anderen Worten
ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin ohne Gesundheitsbeeinträchtigung weiterhin als medizinische
Masseurin erwerbstätig gewesen wäre. Aus medizinischer Sicht kann ihr die
Weiterführung dieser Tätigkeit trotz der Gesundheitsbeeinträchtigungen zugemutet
werden. Effektiv übt die Beschwerdeführerin diesen Beruf ja auch weiterhin aus.
Alternativ ist ihr die Verwertung ihrer Restarbeitsfähigkeit in einer anderen Tätigkeit in
der freien Wirtschaft aus medizinischer Sicht ebenfalls zumutbar. Als adaptierte
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Tätigkeiten sind laut den Sachverständigen der MEDAS Ostschweiz (vgl. IV-act. 218–
37) Tätigkeiten zu qualifizieren, die keine speziell erhöhten Anforderungen an die
Stress- und Frustrationstoleranz, an die emotionale Belastbarkeit, an die
Konzentrationsfähigkeit oder an die sozialen Kompetenzen stellen. Mangels einer
zweiten Ausbildung fallen allerdings aus beruflicher Sicht nur die Weiterausübung der
erlernten Tätigkeit oder die Verrichtung von Hilfsarbeiten in Betracht. Da gelernte und
erfahrene Arbeitnehmerinnen im Gesundheitswesen (deutlich) mehr als ungelernte
Arbeitnehmerinnen im Allgemeinen, das heisst über alle Branchen hinweg, verdienen
(vgl. etwa LSE 2012, TA1: 6’283 Franken versus 4’646 Franken [Kompetenzniveau 2]
bzw. 4’112 Franken [Kompetenzniveau 1]), ist die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer
allgemeinen Schadenminderungspflicht gehalten, nicht als Hilfsarbeiterin, sondern
weiterhin im erlernten Beruf tätig zu sein. Dabei kann nicht auf den tatsächlichen
Nettoerfolg der selbständigen Tätigkeit abgestellt werden, weil die Beschwerdeführerin
das medizinisch-theoretisch zumutbare Mass bislang noch nie ausgeschöpft hat und
weil der Nettoerfolg durch invaliditätsfremde Faktoren (wie etwa die Konjunkturlage)
verfälscht sein kann. Das zumutbarerweise erzielbare Invalideneinkommen ist folglich
abstrakt zu berechnen. Dessen Ausgangswert entspricht damit dem
Valideneinkommen, weil sich die beiden Vergleichskarrieren entsprechen. Das
bedeutet, dass die Höhe der Vergleichseinkommen mathematisch keine Rolle spielen
kann und der Invaliditätsgrad damit dem Arbeitsunfähigkeitsgrad, korrigiert um einen
allfälligen Abzug (BGE 126 V 75), entspricht. Angesichts der selbständigen
Erwerbstätigkeit ist kein Grund für einen solchen Abzug ersichtlich, womit der
Invaliditätsgrad dem Arbeitsunfähigkeitsgrad entspricht, also 50 Prozent beträgt.
Folglich hat die Beschwerdeführerin einen Anspruch auf eine halbe Rente der
Invalidenversicherung. Von Eingliederungsmassnahmen kann keine rentensenkende
oder gar rentenausschliessende Wirkung erwartet werden, denn erstens ist die
Beschwerdeführerin in sämtlichen Tätigkeiten zu 50 Prozent arbeitsunfähig und
zweitens erscheint eine höherwertige Umschulung als aussichtslos, weil die
Beschwerdeführer damit intellektuell überfordert und durch ihre Krankheit an einem
erfolgreichen Abschluss gehindert sein dürfte. Die Zusprache der halben Rente verletzt
den Grundsatz „Eingliederung vor Rente“ also nicht.
2.7 Die Sachverständigen der MEDAS Ostschweiz haben festgehalten, dass ihre
Arbeitsfähigkeitsschätzung spätestens ab dem Zeitpunkt der ersten Begutachtung
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durch die MEDAS Zentralschweiz im Januar 2004 gültig sei, was angesichts der
medizinischen Berichte überzeugt. Wie im Entscheid IV 2010/390 festgehalten worden
ist, hat der Rentenanspruch angesichts der Anmeldung im Juli 2004 frühestens am
1. Juli 2003 entstehen können. Folglich ist zu klären, wie hoch der Invaliditätsgrad in
der zweiten Jahreshälfte 2003 gewesen ist und ob die Beschwerdeführerin im Juli 2003
bereits das so genannte Wartejahr erfüllt gehabt hatte. Weder das Gutachten der
MEDAS Ostschweiz noch die beiden Gutachten der MEDAS Zentralschweiz enthalten
allerdings eine explizite Arbeitsfähigkeitsschätzung bezüglich des Zeitraums vor der
ersten Begutachtung im Januar 2004. Der Neurologe Dr. D._, der die
Beschwerdeführerin im Dezember 1998 im Auftrag der Unfallversicherung begutachtet
hatte, hatte allerdings bereits damals eine Arbeitsunfähigkeit von 30 Prozent attestiert.
Die Sachverständigen der MEDAS Zentralschweiz haben in ihrem ersten Gutachten
festgehalten, dass sich der Zustand in den vergangenen 14 Jahren seit dem Unfall
chronifiziert habe. Ihr Gutachten hat keine Hinweise auf eine Verbesserung des
Gesundheitszustandes in den Jahren 1998–2004 und auch keine Hinweise auf eine
relevante Verschlechterung im zweiten Halbjahr 2003 enthalten, weshalb mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen ist, dass die Beschwerdeführerin
im Juli 2003 bereits zu 50 Prozent invalid gewesen ist und in diesem Zeitpunkt das
Wartejahr bereits erfüllt gehabt hat. Folglich ist ihr die halbe Rente mit Wirkung ab dem
1. Juli 2003 zuzusprechen.
3. Diesem Ausgang des Verfahrens entsprechend sind die Gerichtskosten von
600 Franken der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der Beschwerdeführerin wird der
von ihr geleistete Kostenvorschuss von ebenfalls 600 Franken zurückerstattet. Die
Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung
auszurichten, die praxisgemäss auf 3’500 Franken (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) festgelegt wird.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP