Decision ID: 9017a162-84d5-5607-959d-921be830b274
Year: 2016
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_002
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Übersicht
a) Am 31. Oktober 2015 spielten die beiden Handballvereine BSG Vorderland 2 und HC
Goldach-Rorschach 2 im Rahmen ihrer Hallenmeisterschaft der Liga M3-1 in der Halle
Wies in Heiden gegeneinander. In der 22. Spielminute, nach einem Torerfolg des HC
Goldach-Rorschach 2, führte der Heimclub einen Gegenstoss aus. A_ gelangte in
Ballbesitz und zog als linker Rückraumspieler in Richtung gegnerische Siebenmeterlinie.
Der Verteidiger B_ stellte sich ihm frontal entgegen und stoppte ihn bzw. den Angriff,
indem er mit beiden Händen gegen den Oberkörper von A_ griff. Durch die Wucht des
Zusammenpralls fiel A_ rückwärts zu Boden. Dabei erlitt er einen Schlüsselbeinbruch,
der einen operativen Eingriff nötig machte. Der Schiedsrichter taxierte die Aktion von
B_ als sogenanntes Foul, also als Spielregelverletzung und ahndete dieses mit einer
gelben Karte, was einer Verwarnung gleichkommt (act. B 8/1, B 8/3, S. 3 f., act. B 8/7).
b) A_ reichte am 2. November 2015 beim Regionalpolizeiposten Heiden Anzeige ein
gegen B_ wegen Körperverletzung (act. B 8/2). Dabei machte er geltend (act. B 8/3, S.
3), er habe einen Gegenstoss ausgeführt. Der Gegenspieler sei in der Verteidigung
gestanden und habe ihn geschlagen. Er wisse nicht mehr genau, wie er ihn geschlagen
habe. Der Arzt habe gemeint, dass ein Knochen nicht so schnell breche, das müsse
schon ein rechter „Chlapf“ gewesen sein. Der betreffende Gegenspieler habe vorher
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bereits mehrere Male als Kreisspieler seinen ausgestreckten Arm mit dem eigenen Arm
eingeklemmt und ihn rumgerissen. ... Er sei selbst auch Schiedsrichter und aus dieser
Sichtweise sei dies eine klare Tätlichkeit, welche mit einer roten Karte bestraft werde (act.
B 8/3, S. 4).
c) Das Verfahren U 16 115 wurde mit Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 16. Februar
2016 (act. B 2) unter Anwendung von Art. 310 Abs. 1 lit. a StPO nicht anhand genommen
(Ziff. 1). Es erfolgte keine Kostenauflage (Ziff. 2).
Der Begründung der angefochtenen Nichtanhandnahmeverfügung kann entnommen
werden, dass der Spieler B_ seinen Gegner A_ unstreitig hart angegangen habe,
was als sogenanntes Foul vom Schiedsrichter abgepfiffen und bestraft worden sei. Der
Regelverstoss selbst sei jedoch nicht als gravierend eingestuft worden. B_ habe den
angreifenden Gegner in dessen Vorwärtsbewegung gestoppt, was zu einem harten
Aufprall und der Verletzung geführt habe. Nach Angaben des Sportarztes Dr. D_ könne
ein Schlüsselbeinbruch auch ohne aussergewöhnlich hohe Gewalteinwirkung erfolgen
und sei gerade in köperbetonten Sportarten wie Handball keine Seltenheit. Die
Ermittlungen der Polizei würden zwar belegen, dass die Ursache für den
Schlüsselbeinbruch von A_ im Foulspiel von B_ liege. Aber eine absichtliche und
grobe Regelverletzung könne nicht erkannt werden, weshalb kein Verfahren eröffnet
werde.
B. Prozessgeschichte
a) Gegen diese Nichtanhandnahmeverfügung liess A_ durch seinen Rechtsvertreter mit
Eingabe vom 24. Februar 2016 Beschwerde beim Obergericht einreichen und die
eingangs erwähnten Anträge stellen (act. B 1).
b) Mit Verfügung vom 26. Februar 2016 wurde A_ verpflichtet, innert 10 Tagen einen
Kostenvorschuss von CHF 500.00 zu leisten (act. B 4). Dieser ging am 3. März 2016 bei
der Gerichtskasse ein (act. B 5).
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c) Am 15. März 2016 wurde der Staatsanwaltschaft und B_ je eine Kopie der
Beschwerdeschrift zugestellt und ihnen Gelegenheit zur Einreichung einer schriftlichen
Stellungnahme eingeräumt (act. B 6).
d) Mit Eingabe vom 22. März 2016 zeigte RA BB_ dem Obergericht an, dass er B_ im
Beschwerdeverfahren vertrete und er ersuchte um Überlassung der Akten sowie um
Fristerstreckung für die schriftliche Stellungnahme (act. B 9), welche in der Folge gewährt
wurde (act. B 11).
e) Die Stellungnahme des Beschwerdegegners datiert vom 8. April 2016 (act. B 13). Die
Staatsanwaltschaft liess sich nicht vernehmen.
f) Am 11. April 2016 wurde dem Beschwerdeführer und der Staatsanwaltschaft je eine
Kopie der Beschwerdeantwort zugestellt, die Erledigung der Beschwerde an einer der
nächsten Sitzungen der 2. Abteilung zur Kenntnis gebracht und den Parteivertretern
Gelegenheit gegeben, ihre Kostennoten einzureichen (act. B 14). Diese gingen am
19. bzw. 21. April 2016 beim Obergericht ein (act. B 16 bis B 18).
Auf die Ausführungen in den vorstehend aufgeführten Eingaben kann verwiesen werden;
soweit für die Beurteilung der Beschwerde erforderlich, ist darauf im Rahmen der
nachfolgenden Erwägungen einzugehen.
C. Beschluss des Obergerichts
Das Obergericht führte seine Beratung am 13. September 2016 durch und eröffnete
seinen Beschluss anschliessend im Dispositiv.
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Erwägungen
1. Formelles
1.1 Bezüglich der im Kanton Appenzell Ausserrhoden ab 1. Januar 2011 für die
Strafrechtspflege zuständigen Behörden nach StPO ist auf Art. 26 des Justizgesetzes
vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) hinzuweisen. Nach Art. 26 JG ist das
Obergericht Berufungs- und Beschwerdeinstanz in der allgemeinen Strafrechtspflege.
1.2 Gegen Verfügungen und Verfahrenshandlungen der Staatsanwaltschaft ist die
Beschwerde gegeben (Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO). Eine Nichtanhandnahmeverfügung der
Staatsanwaltschaft stellt eine solche Verfahrenshandlung dar (Art. 393 Abs. 1 lit. a in
Verbindung mit Art. 310 und Art. 322 Abs. 2 StPO)1. Ausschlussgründe gemäss Art. 394
StPO liegen keine vor.
1.3 Die Beschwerde gegen schriftlich oder mündlich eröffnete Entscheide ist innert 10 Tagen
schriftlich und begründet bei der Beschwerdeinstanz einzureichen (Art. 396 Abs. 1 StPO).
Vorliegend hat der Beschwerdeführer die Nichtanhandnahmeverfügung der
Staatsanwaltschaft am 17. Februar 2016 erhalten (act. B 1, S. 2). Mit der Erhebung der
Beschwerde am 24. Februar 2016 (act. B 1) wurde die Beschwerdefrist von Art. 396 Abs.
1 StPO gewahrt.
Auch der Kostenvorschuss wurde rechtzeitig geleistet.
1.4 Legitimiert zur Anfechtung einer Nichtanhandnahmeverfügung ist jede Partei, die ein
rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung des Entscheids hat (Art.
382 in Verbindung mit Art. 310 Abs. 2 und 322 Abs. 2 StPO). Parteien sind die
beschuldigte Person, die Privatklägerschaft sowie im Haupt- bzw. Rechtsmittelverfahren
die Staatsanwaltschaft (Art. 104 Abs. 1 StPO). In der Strafuntersuchung Nr. U 16 115 der
1 ANDREAS KELLER, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen
Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 16 zu Art. 393; PATRICK GUIDON, Basler Kommentar, StPO, 2. Aufl. 2014, N. 10 zu Art. 393 StPO.
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Staatsanwaltschaft ist A_ Privatkläger und hat damit Parteistellung (act. B 8/2)2.
Dadurch dass die Staatsanwaltschaft gegen B_ kein Strafverfahren anhand genommen
hat (act. B 2), ist A_ in seinen rechtlich geschützten Interessen tangiert und folglich zur
Beschwerdeerhebung legitimiert.
1.5 Mit der Beschwerde können
a. Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung und Missbrauch des
Ermessens, Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung; b. die unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts; c. Unangemessenheit
gerügt werden (Art. 393 Abs. 2 StPO).
Der Beschwerdeführer liess bezüglich der Nichtanhandnahmeverfügung diverse
Rechtsfehler rügen, zum Beispiel, dass die Polizei nicht befugt sei, Sachverständige zu
befragen (act. B 1, S. 4) und dass gemäss Art. 310 Abs. 1 lit. a StPO die fraglichen
Tatbestände oder Prozessvoraussetzungen eindeutig nicht erfüllt sein müssten. Gemäss
den Auskunftspersonen, auf welche der Polizeirapport vom 22. Januar 2016 verweise,
ergebe sich aus dem zu beurteilenden Sachverhalt jedoch klar eine vorsätzliche oder
eventualvorsätzliche Körperverletzung.
1.6 Neue Tatsachenbehauptungen und Beweise sind zulässig, wenn die beschwerdeführende
Partei sie nicht schon bei der Vorinstanz hätte vorbringen können3. Die Beschwerde wird
in einem schriftlichen Verfahren behandelt. Heisst das Obergericht die Beschwerde gut,
so fällt es einen neuen Entscheid oder hebt den angefochtenen Entscheid auf und weist
ihn zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurück. Bei Gutheissung einer Beschwerde
gegen eine Einstellungsverfügung kann das Obergericht der Staatsanwaltschaft für den
weiteren Gang des Verfahrens Weisungen erteilen (Art. 397 Abs. 1 - 3 StPO). Aufgrund
der Natur der Sache ist immer nur kassatorisch zu entscheiden, wenn die Beschwerde
gegen einen Entscheid auf Nichtanhandnahme, Einstellung oder Sistierung des
2 NIKLAUS SCHMID, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommentar, 2. Aufl. 2013. N. 5 zu
Art. 382; VIKTOR LIEBER, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 14 ff. zu Art. 382 StPO.
3 PATRICK GUIDON, a.a.O., N. 16 zu Art. 393 StPO; vgl. auch ANDREAS KELLER, a.a.O., N. 15 zu Art. 396 StPO.
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Verfahrens gutgeheissen wird4. Gegen Entscheide der kantonalen Beschwerdeinstanzen
ist die Strafrechtsbeschwerde ans Bundesgericht zulässig5.
Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.
2. Materielles
2.1 Der Beschwerdeführer macht im Wesentlichen geltend (act. B 1, S. 3), die
Staatsanwaltschaft sei aufgrund des polizeilichen Vorabklärungsverfahrens zum Schluss
gelangt, dass B_ gegenüber A_ zwar ein Foul begangen habe, eine absichtliche und
grobe Regelverletzung aber nicht erkannt werden könne, weswegen kein Verfahren
eröffnet werde. Die Staatsanwaltschaft sehe den Tatbestand der Körperverletzung nicht
als erfüllt. Sie verkenne aber, dass gemäss Art. 310 Abs. 1 lit. a StPO die fraglichen
Straftatbestände oder Prozessvoraussetzungen eindeutig nicht erfüllt sein müssten.
Gemäss den Auskunftspersonen, auf welche der Polizeirapport vom 22. Januar 2016
verweise, gehe klar hervor, dass im zu beurteilenden Sachverhalt eine vorsätzliche oder
eventualvorsätzliche Körperverletzung liege. Verschiedene Personen hätten Aussagen in
diese Richtung getätigt. Sodann habe die Kantonspolizei St. Gallen bei B_ im Jahre
2004 ein Körperverletzungsdelikt verzeichnet. Andere Personen seien von der Polizei
überhaupt nicht befragt worden (act. B 1, S. 4). Zur Befragung von Sachverständigen sei
die Polizei nicht zuständig und die Aussage des Sportarztes, Dr. med. D_, beziehe sich
lediglich auf das generelle Verletzungsrisiko des Handballsports. Der eigentliche,
behandelnde Arzt, Dr. med. E_, sei indessen nicht befragt worden. Vor diesem
Hintergrund sei dargetan, dass ein genügender Tatverdacht für die Eröffnung einer
Untersuchung wegen Körperverletzung vorliege.
2.2 Dem liess der Beschwerdegegner entgegen halten, es werde bestritten, dass er
vorsätzlich mit beiden Fäusten in den Brustbereich des Beschwerdeführers geschlagen
habe. Er habe den Beschwerdeführer nicht geschlagen, sondern habe lediglich
Verteidigungsarbeit geleistet. Diese sei mit der offenen Handfläche und nicht mit den
Fäusten erfolgt, was sein Trainer, F_, bestätigt habe (act. 13, S. 2 f.). Er habe zwar ein
Foul, d.h. eine Spielregelverletzung, begangen, welche mit einer gelben Karte geahndet
4 ANDREAS KELLER, a.a.O., N. 7 zu Art. 397 StPO. 5 NIKLAUS SCHMID, a.a.O., N. 8 zu Art. 322 StPO; GRÄDEL/HEINIGER, Basler Kommentar, StPO, 2.
Aufl. 2014, N. 7 zu Art. 322 StPO.
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worden sei. Nicht jede Regelwidrigkeit, welche eine Sportverletzung zur Folge habe, führe
jedoch zu strafrechtlichen Konsequenzen. Namentlich dann nicht, wenn der Sportler die
gebotene Sorgfalt beachtet habe, also nicht grobfahrlässig oder absichtlich und im
Rahmen des erlaubten Risikos gehandelt habe. Zudem bleibe die Tat grundsätzlich
straflos, wenn keine Missachtung der Spielregeln gegeben sei. Bei dieser Konstellation
liege in der Regel der Rechtfertigungsgrund der Einwilligung des Verletzten vor. Die
Staatsanwaltschaft habe zu Recht festgehalten, dass es sich bei Handball um eine
Mannschaftssportart handle, bei der Körperkontakt grundsätzlich erlaubt sei. Beim Kampf
Mann gegen Mann komme es zwangsläufig zu Rangeleien und Rempeleien und es
bestehe das Risiko, dass ein Spieler einen anderen verletze. Vorliegend hätte der
Schiedsrichter nicht nur die gelbe Karte gezogen, sondern hätte den Beschwerdegegner
sofort hinausgestellt (2-Minuten-Strafe) oder disqualifiziert (rote Karte), wenn es
tatsächlich zu einer schweren Regelverletzung gekommen wäre. Dass der
Beschwerdegegner bei seiner Verteidigungsarbeit die gebotene Sorgfalt eingehalten und
im Rahmen des erlaubten Risikos gehandelt habe, zeige sich auch mit Blick auf die
Aussagen des Trainers von B_ sowie diejenigen von Dr. med. D_ (act. 13, S. 3 f.).
Demgegenüber seien die Aussagen der Auskunftspersonen G_, H_, I_ und J_
nicht dazu geeignet, eine vorsätzliche oder eventualvorsätzliche Körperverletzung zu
belegen. Niemand habe mit Sicherheit sagen können, dass der Angriff mit den Fäusten
stattgefunden habe. Komme hinzu, dass es sich - mit Ausnahme von G_ - um
Mitspieler des Beschwerdeführers handle. Schliesslich habe der Beschwerdeführer sich
bezüglich der Frage, wie der Beschwerdegegner ihn geschlagen haben solle,
widersprüchlich geäussert (act. 13, S. 5). Insgesamt stehe somit fest, dass der
Beschwerdegegner die sportartkennzeichnenden Grenzen eines Eingriffs in die
körperliche Integrität des Beschwerdeführers nicht überschritten und das Fairnessgebot
eingehalten habe. Eine absichtliche oder grobfahrlässige Schadenszufügung sei folglich
nicht dargetan. Schliesslich fehle es auch an der Rechtswidrigkeit der Aktion, da davon
ausgegangen werden könne, dass ein Sportler, welcher an einem Wettkampf teilnehme,
mindestens konkludent in mögliche schädigende Handlungen einwillige, die bei der
Ausführung der betreffenden Sportart natur- und erfahrungsgemäss auch bei Einhaltung
der Spielregeln verursacht werden können (act. 13, S. 6).
2.3 Aus der angefochtenen Verfügung vom 16. Februar 2016 (act. B 2) geht hervor, dass das
auf Strafanzeige hin eröffnete Verfahren gestützt auf Art. 310 Abs. 1 lit. a StPO nicht
anhand genommen wurde. Nichtanhandnahme gemäss Art. 310 Abs. 1 lit. a StPO ist
demzufolge am Platz, wenn Straftatbestände eindeutig nicht erfüllt sind, also in
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sachverhaltsmässig und rechtlich klaren Fällen6. Die Situation muss sich für den
Staatsanwalt demnach so präsentieren, dass gar nie ein Verdacht hätte angenommen
werden dürfen oder der Anfangsverdacht vollständig entkräftet worden ist7. Hingegen darf
bei blossen Zweifeln, ob ein Straftatbestand vorliegt oder ob der Nachweis strafbaren
Verhaltens gelingen wird, keine Nichtanhandnahme erfolgen8. Wenn eine eingehende
rechtliche Würdigung notwendig ist (etwa bei einer Sorgfaltspflichtverletzung), besteht
kein Raum für eine Nichtanhandnahmeverfügung9. Eine Nichtanhandnahmeverfügung
kommt nur infrage, wenn keine Untersuchungshandlungen vorgenommen werden10.
2.4 Gemäss dem Beschwerdeführer liegt ein genügender Tatverdacht für die Eröffnung einer
Untersuchung wegen Körperverletzung (Art. 122 ff. StGB) vor.
Anhaltspunkte für eine schwere Körperverletzung, welche in Art. 122 StGB geregelt wird,
sind nicht ersichtlich und schwere bleibende Schäden oder lebensgefährliche
Verletzungen werden auch nicht behauptet. Demzufolge fallen insbesondere die einfache
oder fahrlässige Körperverletzung in Betracht.
Nach Art. 123 Ziff. 1 StGB wird auf Antrag mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder
Geldstrafe bestraft, wer vorsätzlich einen Menschen in anderer Weise an Körper oder
Gesundheit schädigt. In leichten Fällen kann der Richter die Strafe mildern (Art. 48a
StGB). Auch wer fahrlässig einen Menschen am Körper oder an der Gesundheit schädigt,
wird auf Antrag, mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft (Art. 125
Abs. 1 StGB).
Für Sportverletzungen gibt es kein Sonderrecht. Nicht wenige Sportarten, so auch
Handball, bergen, weil der Kampf „Mann gegen Mann“ geht, das Risiko in sich, dass ein
Spieler einen anderen körperlich verletzt. Solcher Art zugefügte Verletzungen können im
Allgemeinen weder zivil- noch strafrechtliche Folgen haben; auch dann nicht, wenn sie
objektiv den Tatbestand der einfachen oder gar schweren Körperverletzung erfüllen. Der
Spieler resp. Teilnehmer hat dieses Risiko selbst, freiwillig und bewusst auf sich
genommen. Man spricht von „Handeln auf eigene Gefahr“ oder von der „acceptaticon du
6 BGE 137 IV 285 ff. E. 2.3. 7 LANDSHUT/BOSSHARD, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen
Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 4 zu Art. 310 StPO. 8 LANDSHUT/BOSSHARD, a.a.O., N. 5 zu Art. 310; BGE 137 IV 285 E. 2.3. 9 BGE 137 IV 285 E. 2.5. 10 LANDSHUT/BOSSHARD, a.a.O., N. 1 zu Art. 310 StPO; ESTHER OMLIN, Basler Kommentar, StPO, 2.
Aufl. 2014, N. 8 zu Art. 310 StPO.
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risque“11. Immerhin setzen die Sport- resp. Spielregeln die Richtlinien und gleichzeitig die
Grenzen. Die Spielregeln bezwecken nicht nur einen geordneten Spielverlauf überhaupt
erst zu ermöglichen, sie sind wenigstens zum Teil auch darauf ausgerichtet, gegenseitige
Verletzungen zu vermeiden. Sie auferlegen damit dem Spieler die Sorgfaltspflicht, sich
nach eben diesen Spielregeln und nach dem allgemeinen Grund „neminem laedere“ zu
verhalten, also fair zu spielen12. Die stillschweigende Einwilligung in das Risiko ist damit
ebenso stillschweigend durch die Voraussetzung begrenzt, dass auch die Mitspieler diese
Regeln einhalten. In die strafrechtliche Beurteilung von Foulspielen bei
Mannschaftssportarten sind auch die geltenden Spielregeln miteinzubeziehen. Wo ein
Spieler diese Spielregeln verletzt, d.h. ein „Foul“ begeht, und dadurch
(Kausalzusammenhang) einen Mitspieler verletzt, steht der zivil- und strafrechtlichen
Verfolgung nichts im Wege. Immerhin genügt nicht jede Regelverletzung. Im Kampf
kommt es zwangsläufig zu Rangeleien und Rempeleien mit kleineren oder grösseren
Regelverstössen. Damit eine gerichtliche Verfolgung möglich ist, ist vorab gefordert, dass
eine Regel verletzt wurde, die auch und gerade auf den Schutz der Spieler abzielt. Zudem
ist absichtliche oder grobe Regelverletzung erforderlich. Ob und wie der Schiedsrichter
ein solches Foul geahndet hat, ob allenfalls andere sport- resp. vereinsrechtliche
Sanktionen folgten, spielt grundsätzlich keine Rolle, denn derartige Sanktionen
bezwecken nicht den Schutz der öffentlichen Ordnung; sie beziehen sich rein auf das
sportliche Disziplinarrecht. Immerhin kann die Tatsache, dass der Schiedsrichter den
entsprechenden Spieler verwarnt (gelbe Karte) oder gar ausgeschlossen (rote Karte) hat,
auch für die straf- oder zivilrechtliche Beurteilung wegleitend sein. Die Grenze zwischen
strafbaren und straflosen Körperverletzungen ist schwer zu ziehen. Im konkreten Fall ist
stets zu prüfen, ob die zugefügte Körperverletzung noch als sportartspezifisches Risiko
bezeichnet werden kann, oder ob sie darüber hinausgeht. Bei absichtlichem
Regelverstoss, aber fehlendem resp. nicht nachweisbarem Verletzungsvorsatz liegt
Fahrlässigkeit vor13.
2.5 Die Staatsanwaltschaft hat die Voraussetzungen für die strafrechtliche Ahndung von
Verletzungen, welche aus der Teilnahme an einem Spiel einer körperbetonten
Mannschaftssportart herrühren, korrekt aufgezeigt (act. B 2, S. 1). Allein der Umstand,
dass im Vorfeld der Nichtanhandnahmeverfügung relativ umfangreiche
Untersuchungshandlungen durchgeführt wurden (act. B 8), spricht jedoch gegen die
11 ROTH/BERKEMEIER, in: Basler Kommentar, Strafrecht II, 3. Aufl. 2013, N. 22 vor Art. 122 StGB. 12 ROTH/BERKEMEIER, a.a.O., N. 23 vor Art. 122 StGB mit weiteren Hinweisen. 13 ROTH/BERKEMEIER, a.a.O., mit weiteren Hinweisen.
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gewählte Art der Erledigung14. Zudem hat die Staatsanwaltschaft nach Auffassung des
Obergerichts einen Sachverhalt rechtlich gewürdigt, der in tatsächlicher Hinsicht alles
andere als klar ist. Dafür lassen sich verschiedene Beispiele anführen:
- In der Nichtanhandnahmeverfügung der Staatsanwaltschaft wird die Aussage des
Sportarztes Dr. med. D_ zitiert, wonach ein Schlüsselbeinbruch auch ohne
aussergewöhnlich hohe Gewalteinwirkung brechen könne und gerade in einer
körperbetonten Sportart, wie Handball, keine Seltenheit sei. Einmal davon
abgesehen, dass die Polizei im vorliegenden Kontext nicht befugt war, eine
sachverständige Person beizuziehen (Art. 182 StPO)15, erfolgte die Aussage offenbar
pauschal, d.h. ohne Kenntnis der näheren Umstände (etwas anderes ergibt sich auf
jeden Fall nicht aus den Akten) und ihre Aussagekraft ist dementsprechend
eingeschränkt.
- Der Beschwerdeführer erwähnte weitere Personen, die das Foul nach seiner
Wahrnehmung ebenfalls gesehen haben (nämlich sein Mitspieler K_ sowie die
Trainer L_ und M_; act. B 8/3, S. 4 und act. B 1, S. 4). Diese wurden vom
rapportierenden Polizeibeamten nicht befragt (act. B 8/1). Hier drängt sich eine
Einvernahme umso mehr auf, als (bisher) nicht erstellt werden konnte (vgl. die im
Polizeirapport wiedergegebenen Aussagen, act. B 8/1, S. 3 f.), ob A_ sich bei der
Verteidigungsaktion von B_ bereits in der Luft befand (d.h. zum Sprung angesetzt
hatte) oder noch Bodenhaftung hatte. Dieser Umstand hat mit Blick auf die
Spielregeln jedoch grosse Bedeutung (vgl. act. B 8/5). Dasselbe gilt mit Bezug auf die
Frage, ob B_ mit den offenen Handflächen oder den Fäusten verteidigt hat.
- In der mündlichen Befragung sagten der Schiedsrichter N_ und der Zeitnehmer
G_ aus, B_ sei nicht auf den Ball, sondern auf den Körper von A_ gegangen
(act. B 8/1, S. 3). In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass die Tatsache, ob
und wie der Schiedsrichter ein Foul geahndet hat, grundsätzlich keine Rolle spielt, da
derartige Sanktionen nicht den Schutz der öffentlichen Ordnung bezwecken, sondern
sich rein auf das sportliche Disziplinarrecht beziehen16. Immerhin kann die Tatsache,
dass der Schiedsrichter den entsprechenden Spieler verwarnt (gelbe Karte) oder gar
ausgeschlossen hat (rote Karte), auch für die straf- oder zivilrechtliche Beurteilung
wegleitend sein und darf selbstredend nicht ausgeblendet werden.
14 LANDSHUT/BOSSHARD, a.a.O., N. 1 zu Art. 310 StPO; ESTHER OMLIN, a.a.O., N. 8 zu Art. 310 StPO. 15 NIKLAUS SCHMID, a.a.O., N. 6 zu Art. 182 StPO. 16 Pra. 72 (1983) Nr. 216 E. 3 = BGE 109 IV 102 E. 3; ROTH/BERKEMEIER, a.a.O., N. 23 vor Art. 122
StGB.
Seite 12
- Nicht geprüft wurde bisher offenbar, ob es nicht Film-, Video- oder
Handyaufzeichnungen des Spiels gibt, welche unter Umständen weitere Aufschlüsse
über die genauen Umstände des Fouls geben könnten.
2.6 In Würdigung der oben erwähnten Punkte erweist sich die Kritik des Beschwerdeführers
an der Nichtanhandnahmeverfügung somit als begründet und die angefochtene
Verfügung ist aufzuheben und die Sache zur weiteren Beurteilung an die
Staatsanwaltschaft zurückzuweisen.
3. Kosten
3.1 Verfahrenskosten
Art. 428 StPO regelt die Kostentragungspflicht im Beschwerdeverfahren. Gemäss dessen
Abs. 1 tragen die Parteien die Kosten des Rechtsmittelverfahrens nach Massgabe ihres
Obsiegens oder Unterliegens. Abweichend davon sieht Absatz 4 bei Aufhebung eines
Entscheids durch die Rechtsmittelinstanz und Rückweisung zu neuer Entscheidung an die
Vorinstanz vor, dass der Kanton die Kosten des Rechtsmittelverfahrens und, nach
Ermessen der Rechtsmittelinstanz, jene der Vorinstanz trägt. Dies gilt auch dann, wenn
sich die beschuldigte Person der Gutheissung widersetzt hat, also als unterliegend zu
betrachten ist17. Was die vorinstanzlichen Kosten angeht, ist in casu über deren
Verlegung nicht zu befinden; diese können, weil sie korrekt waren und damit Basis des
neuen Entscheids bilden, bei der Prozedur belassen werden. Über diese Kosten ist also
im neuen Entscheid von der Instanz, an welche die Streitsache zurückgewiesen wird, zu
entscheiden18.
Vorliegend wurde die Beschwerde gutgeheissen und die Sache zur weiteren Beurteilung
an die Vorinstanz zurückgewiesen. In Anwendung von Art. 428 Abs. 1 und 4 StPO
erscheint es als angemessen, die Kosten des Beschwerdeverfahrens, bestehend aus
einer Gebühr von CHF 300.00 (vgl. Art. 29 Abs. 1 lit. a Gebührenordnung, bGS 233.3) auf
17 YVONA GRIESSER, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen
Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 15 zu Art. 428 StPO; PATRICK GUIDON, Die Beschwerde gemäss Schweizerischer Strafprozessordnung, Diss. Zürich/St. Gallen 2011, Rz. 574.
18 NIKLAUS SCHMID, a.a.O., N. 15 zu Art. 428 StPO; THOMAS DOMEISEN, Basler Kommentar, StPO, 2. Aufl. 2014, N. 25 zu Art. 428 StPO.
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die Staatskasse zu nehmen. Der vom Beschwerdeführer geleistete Kostenvorschuss von
CHF 500.00 ist ihm zurückzuerstatten.
3.2 Entschädigungen
3.2.1 Art. 436 StPO regelt die Entschädigung und Genugtuung im Rechtsmittelverfahren. Abs. 3
dieser Bestimmung lautet wie folgt: „Hebt die Rechtsmittelinstanz einen Entscheid nach
Art. 409 auf, so haben die Parteien Anspruch auf eine angemessene Entschädigung für
ihre Aufwendungen im Rechtsmittelverfahren und im aufgehobenen Teil des
erstinstanzlichen Verfahrens“. Die Bestimmung verweist auf eine Aufhebung im
Berufungsverfahren nach Art. 409 StPO; sie ist aber auch im Beschwerdeverfahren
anwendbar, wenn nach Art. 397 Abs. 2 StPO eine Rückweisung erfolgt. Die
Entschädigung wird hier von der Rechtsmittelinstanz zugesprochen, ebenfalls bezüglich
des aufgehobenen Teils des erstinstanzlichen Verfahrens19. Es stellt sich die Frage, von
wem die Parteien infolge Aufhebung der Einstellungsverfügung eine Entschädigung
zugute haben. Bei einer Rückweisung nach einem Beschwerdeverfahren kann davon
ausgegangen werden, dass das erstinstanzliche Verfahren an solchen Mängeln leidet,
dass das Urteil aufgehoben und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück gesandt
werden muss. Die Vorinstanz hat also fehlerhaft gehandelt, wofür nur der Staat die
Verantwortung trägt und entsprechend entschädigungspflichtig wird20. Anspruch auf eine
Entschädigung haben alle Parteien, selbst die unterliegende21. Es bleibt schliesslich
darauf hinzuweisen, dass die Staatsanwaltschaft bzw. der von ihr vertretene Kanton
generell, d.h. auch bei Obsiegen, keinen Anspruch auf Entschädigung hat22.
Zunächst ist die Entschädigung für A_ festzusetzen, wobei allfällige vorinstanzliche
Bemühungen mit der gleichen Begründung wie die vorinstanzlichen Verfahrenskosten
(vgl. E. 3.1) bei der Hauptsache belassen werden.
RA AA_ hat für das Beschwerdeverfahren eine Kostennote über CHF 864.00 (3.33 h à
CHF 240.00 und CHF 64.00 Mehrwertsteuer) eingereicht (act. B 16). Der geltend
19 NIKLAUS SCHMID, a.a.O., N. 4 f. zu Art. 436; WEHRENBERG/FRANK, Basler Kommentar, StPO, 2. Aufl.
2014, N. 14 zu Art. 436 StPO; PATRICK GUIDON, Die Beschwerde gemäss Schweizerischer Strafprozessordnung, Diss. Zürich/St. Gallen 2011, Rz. 580.
20 WEHRENBERG/FRANK, a.a.O., N. 14 zu Art. 436; PATRICK GUIDON, Die Beschwerde gemäss Schweizerischer Strafprozessordnung, Diss. Zürich/St. Gallen 2011, Rz. 580.
21 WEHRENBERG/FRANK, a.a.O., N. 16 zu Art. 436; PATRICK GUIDON, Die Beschwerde gemäss Schweizerischer Strafprozessordnung, Diss. Zürich/St. Gallen 2011, Rz. 580.
22 PATRICK GUIDON, Die Beschwerde gemäss Schweizerischer Strafprozessordnung, Diss. Zürich/St. Gallen 2011, Rz. 581; NIKLAUS SCHMID, a.a.O., N. 2 zu Art. 423 StPO.
Seite 14
gemachte Stundenaufwand erscheint als angemessen. Hingegen kann pro Stunde
lediglich ein Ansatz von CHF 200.00 vergütet werden (Art. 18 und 19 Abs. 1 Anwaltstarif,
bGS 145.53). Dies ergibt eine Entschädigung von CHF 788.40 (inkl. Barauslagen und
MWSt).
Die Kostennote von RA B_ beläuft sich auf CHF 2‘152.05 und umfasst 9.58 Stunden à
CHF 200.00, 4 % Barauslagen und 8 % Mehrwertsteuer (act. B 18). Dass der Aufwand
des Rechtsvertreters des Beschwerdegegners etwas höher ausfällt als derjenige des
Rechtsvertreters des Beschwerdeführers ist nachvollziehbar, musste der Erstere sich
doch zusätzlich mit den Argumenten des Letzteren auseinandersetzen. Indessen
erscheinen die geltend gemachten 9.58 Stunden als (zu) hoch. Der Aufwand für die
Rechtsschrift vom 8. April 2016 sollte mit 6 Stunden angemessen berücksichtigt sein.
Demzufolge ist dem Beschwerdegegner eine Entschädigung in Höhe von insgesamt CHF
1‘348.00 (6 h à CHF 200.00 + CHF 48.00 Barauslagen + CHF 100.00 Mehrwertsteuer)
zuzusprechen.
3.2.2 Der Beschwerdegegner verlangt zusätzlich eine Entschädigung nach Art. 429 Abs. 1 lit. b
StPO (act. B 17). Begründet wird die Forderung mit einer Lohneinbusse von CHF 500.00
(inkl. Reisekosten Staad-Heiden), welche durch die polizeiliche Einvernahme vom
18. Januar 2016 entstanden sein soll.
Wird die beschuldigte Person ganz oder teilweise freigesprochen oder wird das Verfahren
gegen sie eingestellt, so hat sie Anspruch auf Entschädigung der wirtschaftlichen
Einbussen, die ihr aus ihrer notwendigen Beteiligung am Strafverfahren entstanden sind
(Art. 429 Abs. 1 lit. b StPO). Wenn die Aufwendungen der beschuldigten Person
geringfügig sind, kann die Strafbehörde die Entschädigung oder Genugtuung herabsetzen
oder verweigern (Art. 430 Abs. 1 lit. c StPO). Eine Entschädigung für den persönlichen
Zeitaufwand (Aktenstudium, Verfassen von Eingaben, Teilnahme an Verhandlungen etc.)
von nicht anwaltlich vertretenen Personen (Beschuldigte und Privatkläger) ist in der StPO
ebenso wenig explizit vorgesehen wie bei anwaltlich vertretenen Personen, die trotz
anwaltlicher Verteidigung in der Regel eigene Zeit für ihre Verteidigung aufwenden
müssen (Gespräche mit Verteidiger etc.)23. Nach Niklaus Schmid sind private
Zeitaufwendungen und Zeitausfälle der beschuldigten Person daher nicht oder nur im
Rahmen von Art. 429 Abs. 1 lit. b StPO zu entschädigen, wenn ein Lohn- oder
Verdienstausfall im Sinne dieser Bestimmung belegt ist24. Als geringfügige Aufwendung
23 Urteil des Bundesgerichts 6B_251/2015 vom 24. August 2015 E. 2.3.1 = Pra. 2015 Nr. 97, E. 2.3.1. 24 NIKLAUS SCHMID, a.a.O., N. 8 zu Art. 429 StPO; Urteil des Bundesgerichts 6B_251/2015 vom 24.
August 2015 E. 2.3.1 = Pra. 2015 Nr. 97, E. 2.3.1.
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wird beispielsweise angesehen, wenn ein Beschuldigter ein oder zwei Mal zu
Verhandlungen zu erscheinen hat25.
Dass er durch die notwendige Beteiligung am vorliegenden Verfahren einen Lohn- oder
Erwerbsausfall erlitten hat, hat der Beschuldigte nicht belegt. Die Einvernahme vor der
Polizei dauerte lediglich 28 Minuten (act. B 8/4). Auch wenn man noch je 30 Minuten für
den Hin- und Rückweg (Fahrtweg von rund 15 Minuten plus Zeitreserve) dazu rechnet,
bleibt die zeitliche Belastung des Beschwerdegegners klar unter 2 Stunden. Damit kann
offensichtlich nicht von einem hohen Arbeitsaufwand gesprochen werden, der den
Rahmen dessen überschreitet, was der Einzelne üblicher- und zumutbarerweise nebenbei
zur Besorgung der persönlichen Angelegenheit auf sich zu nehmen hat. Zu
berücksichtigen ist sodann, dass der zeitliche Aufwand im Verfahren vor der
Staatsanwaltschaft und nicht im Rechtsmittelverfahren anfiel. Die
Entschädigungsforderung des Beschuldigten gestützt auf Art. 429 Abs. 1 lit. b StPO ist
daher abzuweisen.
25 NIKLAUS SCHMID, a.a.O., N. 6 zu Art. 430 StPO; Botschaft, 1330; YVONA GRIESSER, a.a.O., N. 14 zu
Art. 430 StPO; a.M. WEHRENBERG/FRANK, a.a.O., N. 18 f. zu Art. 430 StPO.
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