Decision ID: 6d597992-bf9c-56fb-9d7b-bccdf264c72d
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1972, arbeitete seit 2003
als
Isoleur
bei
der
Y._
AG (
Urk.
15/10,
Urk.
15/11). Wegen einer seit April 2008 bestehenden chronischen Lungenerkrankung meldete er sich am
1. April
2014
(Eingangsda
tum)
bei der Invaliden
versicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
15/4). Die Sozial
versicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holte diverse medizi
nische Berichte ein (Urk. 15/6,
Urk.
15/9, 15/13-15,
Urk.
15/50-53) und führte Massnahmen zur Arbeitsintegration durch (
Urk.
15/22-23,
Urk. 15/31, Urk.
15/35-49). Nach Durchführung des
Vorbescheidverfahrens
(
Urk.
15/59
ff.
) verneinte sie mit Verfügung vom 18. November 2015 einen Rentenanspruch von
X._
, da er in einer behinderungsangepassten Tätigkeit noch zu 70
%
arbeitsfähig sei und somit ein rentenausschliessendes Erwerb
seinkommen erzielen könne (Urk.
2).
2.
Gegen diese Verfügung erhob
X._
durch Rechtsanwalt
Dr.
Markus Krapf am
1.
Dezember 2015 Beschwerde mit folgenden Anträgen (
Urk.
1 S. 2):
„1.
Die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 1
8.
November 2015 sei aufzuhe
ben, und es sei dem Beschwerdeführer mit Wirkung ab dem
1.
April 2015 eine ganze Rente auszurichten.
2.
Eventualiter sei die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese weitere
Abklärungen
in medizinischer Hinsicht vornehme und hernach über den Rentenanspruch des Beschwerdeführers neu entscheide.
3.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zzgl.
MWSt.
) zu Lasten der Beschwerdegegnerin.
4.
Dem Beschwerdeführer sei die unentgeltliche Prozessführung und
Verbeistän
dung
zu gewähren und ihm in der Person des Unterzeichnenden ein unentgeltlicher Rechtsbeistand beizugeben.“
Die Beschwerdegegnerin stellte mit Beschwerdeantwort vom 2
5.
Januar 2016 den Antrag, es sei im Sinne einer teilweisen Gutheissung der Beschwerde die Sache zur Vornahme weiterer Abklärungen an sie zurückzuweisen (
Urk.
13), was dem Beschwerdeführer am
1.
Februar 2016 mitgeteilt wurde (
Urk.
16).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [
ATSG
]
).
Sie kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [
IVG
]
).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beein
trächtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur
sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommen
den ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesund
heitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertels
rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
benenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeits
unfähig ist (BGE 125 V 256 E.
4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person no
ch zugemutet werden kön
nen (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E.
4b/cc).
2.
2.1
Gemäss der Stellungnahme von
Dr.
med.
Z._
, Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie, vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) der Beschwerdegegnerin vom 2
7.
Januar 2016 (
Urk.
14) ergibt sich beim Be
schwer
deführer aus dem Arztbericht der Klinik für Neurologie des
Spital
s
A._
vom 15. September 2015 (
Urk.
3/2)
in Zusammenschau
der Befunde aktuell kein Hinweis auf eine
Neurosarkoidose
, eine
Poly
neuro
pathie
oder Myositis im Rahmen der bekannten
Sarkoidose
.
Im Arztbericht
des
Psychiatrie
zentrums
C._
vom 1
9.
Mai 2015
(
Urk.
15/53) werde eine reaktive rezidi
vierende depressive Störung gegenwärtig mittelgradige Episode mit eine
r
Arbeitsunfähigkeit von 30
%
angegeben. Im Arztbericht der Klinik für Rheu
matologie des
Spital
s
A._
vom 11. Dezember 2015 (
Urk.
7) werde neben der pulmonalen Beteiligung und der Gelenkbeteiligung
auch der Ver
dacht auf eine
Sarkoid
Myopathie
, Differentialdiagnose
Steroidmyopathie
, erwähnt und eine interdisziplinäre Beurteilung empfohlen.
Auch wenn schon umfangreiche Untersuchungsberichte vorlägen, werde deshalb nun eine MEDAS-Begutacht
ung
mit den Fachbereichen Innere Medizin, Rheumatologie, Pneumologie und Psychiatrie empfohlen, um die Arbeitsfähigkeit in einer ange
passten Tätigkeit und das mögliche Belastungsprofil zusammenfassend zu beurteilen.
2.2
Die Beschwerdegegnerin hat gestützt auf diese Stellungnahme von
Dr.
Z._
zu Recht beantragt, dass die Sache zur Vornahme weiterer Abklärungen an sie zurückzuweisen sei. Tatsächlich wird dem Beschwerdeführer im Bericht von
Dr.
med. B._
, Facharzt Pneumologie und Innere
Medizin, Leitender Arzt Medizin i
m Spital
C._
, im Arztbericht vom 1
3.
April 2015 (Urk. 15/50/4-5) eine anhaltende verminderte Leistungsfähigkeit von 100
%
attestiert, wobei aber keine Einschätzung in einer behinderungsangepassten Tätigkeit vorge
nommen wird. Im Bericht vom 1
4.
Juli 2015 (
Urk.
15/64) hält
Dr.
B._
hierzu fest, aus
pneumologischer
Sicht halte er auch eine Einschränkung für mittel
schwere und leichte Arbeiten als gerechtfertigt, wobei aber andere D
iagnosen im Vordergrund stünden. Sicherlich sei dies
eine
muskuloskelettale
Einschrän
kung und es sei auch eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert wor
den.
In der Summe aller Krankheiten scheine eine weitere Arbeitsfähigkeit wahrscheinlich nicht gegeben.
2.3
Sodann stellt d
ie Psychiaterin
Dr.
med.
D._
vom
Psychiatrie
zentrum
C._
im Arztb
ericht vom 1
9.
Mai 2015 (
Urk.
15/53) die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwär
tig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1) bei schwerer systemischer
Sarkoidose
mit pulmonalem Befall (Erstdiagnose 2008). Die schwere somatische Erkrankung sei primär ausschlaggebend für die
Arbeits
un
fähigkeit des vorwiegend körper
lich tätigen
Beschwerdeführers
. Aus psychischer Sicht bestehe eine 30%ige Arbeitsunfähigkeit. Die mittelgradige depressive Störung sei eine Reaktion auf die somatische Erkrankung.
2.4
Schliesslich hielten d
ie Ärzte der Klinik für Rheumatologie des
Spital
s
A._
im Bericht vom 1
1.
Dezember 2015 (
Urk.
7) fest, für den Beschwer
deführer und seine Familie stehe die Ablehnung der
Leistungen durch die Beschwerde
gegnerin im Vordergrund. Diese sei erfolgt aufgrund einer vor eini
gen Jahren durch den ehemaligen Hausarzt attestierten Arbeitsfähigkeit von 70
%
für leichte Tätigkeiten, wogegen sowohl der
Pneumologe
Dr.
B._
als auch sie - die Klinik für Rheumatologie - eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
attes
tierten. Neben medizinischen Ursachen für eine Arbeitsunfähigkeit be
stünden sicher auch psychiatrische Komponenten mit Antriebslosigkeit, Zu
kunftsängs
ten, Insuffizienzgefühl wegen Versagen bei der Versorgung der Familie usw., welche ebenfalls berücksichtigt werden sollten. Es sei daher dringend eine inter
disziplinäre Beurteilung und eventuell eine Evaluation der arbeitsbezogenen Belastbarkeit im Rahmen eines Gutachtens zur Festlegung der aktuellen Arbeitsfähigkeit vorzunehmen. Die Beschwerdegegnerin berück
sichtige offen
sichtlich die aktuellen Berichte aus unklaren Gründen nicht.
2.5
Es ist damit festzuhalten, da
ss über die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers
in einer behinderungsangepassten Tätigkeit keine genügenden Angaben vor
handen sind.
Es scheint ausserdem auch notwendig, dass eine polydisziplinäre Einschätzung der Arbeitsfähigkeit vorgenommen wird, zumal die somatischen und die psychischen Beeinträchtigungen sich beim Beschwerdeführer offen
sichtlich wechselseitig beeinflussen.
Die Beschwerdegegnerin wird demnach weitere medizi
nische Abklärungen darüber vorzunehmen haben, wie sich der
Gesundheits
schaden
de
s
Beschwerdeführer
s
auf die Arbeitsfähigkeit insbeson
dere in einer
behin
derungsangepassten
Tätigkeit sowie daraus folgend auf die Erwerbsfähig
keit auswirkt. Hernach ist über den Leistungsanspruch de
s
Beschwerdeführer
s neu zu befinden.
2
.
6
Die Beschwerde ist demnach in dem Sinne gutzuheissen, dass
die angefochtene Verfügung vom
1
8.
November 2015 aufzuheben
und die Sache an die Sozial
versicherungsanstalt des Kan
tons Zürich, IV-Stelle, zurückzuwei
sen
ist
, damit diese, nach
Abklärung
en
im Sinne der Erwägungen, über den
Leistung
san
spruch
des Beschwerdeführers
neu verfüge.
3.
3.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem
Verfahrens
aufwand
und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG
) und ermessensweise auf Fr. 500.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
3.2
Ausgangsgemäss steht dem Beschwerdeführer eine Prozessentschädigung zu, die gemäss Art. 61
lit
. g ATSG in Verbindung mit § 34 des Gesetzes über das
Sozi
alversicherungsgericht
ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeu
tung der Streitsache, nach der Schwierigkeit des Prozesses, dem Zeitaufwand und den Barauslagen zu bemessen und unter Berücksichtigung dieser Grund
sätze auf Fr.
2
‘
0
00.-- (inkl. Mehrwertsteuer und Barauslagen) festzusetzen ist.
3.3
Das Gesuch des Beschwerdeführers um Gewährung der unentgeltlichen
Prozess
führung
und der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung
erweist sich bei diesem Ausgang des Verfahrens als gegenstandslos.