Decision ID: 5e591d4b-4325-52bd-b08d-03a3ecbc660d
Year: 2015
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_002
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Der am XX.XX.1951 geborene A_ arbeitete seit dem 1. Februar 2011 als Maler bei der
D_ GmbH und war dadurch bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA)
obligatorisch gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen versichert.1 Am 29.
Februar 2012 fiel er beim Malen des Treppenhauses die Treppe hinunter und verletzte sich
an der rechten Schulter.2
B. Die SUVA sprach A_ mit Schreiben vom 24. April 2012 für die Folgen des Berufsunfalles
Taggelder zu und übernahm die Kosten der Heilbehandlung.3 Am 30. November 2012
erklärte die SUVA, sie richte vorläufig keine Leistungen mehr aus.4
C. Mit Verfügung vom 2. Mai 2014 teilte die SUVA A_ mit, dass sie aufgrund der
Unklarheiten betreffend Versicherungsdeckung ihre Anerkennung vom 24. April 2012 im
Sinne der prozessualen Revision aufhebe. Für Folgen eines nicht versicherten Unfalles
könne kein Leistungsanspruch entstehen, weshalb sie keine Versicherungsleistungen er-
1 Act. 9.1/68-397/412; act. 9.1/68-399/412; act. 9.1/68-402/412; act. 9.1/73; act. 9.1/81-1/33 und
act. 2.1 2 Act. 9.1/1; act. 9.1/2-1/4 und act. 9.1/2-2/4 3 Act. 9.1/5 und act. 9.1/6 4 Act. 9.1/45
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bringen könne. Die bereits erbrachten Versicherungsleistungen in Höhe von total
Fr. 26‘496.-- fordere sie daher zurück.5 Dagegen liess A_ Einsprache erheben.6 Mit
Einspracheentscheid vom 1. Oktober 2014 wies die SUVA die Einsprache ab.7
D. A_ liess mit Eingabe vom 3. November 2014 Beschwerde gegen den Einsprache-
entscheid erheben.8 Die SUVA beantragte in der Beschwerdeantwort vom 18. Februar
2015 die Abweisung der Beschwerde.9 Mit Verfügung vom 27. Februar 2015 wurde A_
für das vorliegende Verfahren die unentgeltliche Rechtspflege und die unentgeltliche
Verbeiständung gewährt.10 Am 4. März 2015 verzichtete A_ auf eine mündliche
Hauptverhandlung.11 Die Replik von A_ ging am 29. April 2015 ein.12 Am 13. Mai 2015
reichte die SUVA die Duplik ein.13
E. Auf die Vorbringen der Parteien in den Rechtsschriften sowie die Ausführungen in den
medizinischen Akten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Erwägungen
1. Gemäss Art. 57 ATSG14 i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b JG15 beurteilt das Obergericht als kanto-
nales Versicherungsgericht Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherungen. Die
örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 58 Abs. 1 ATSG).
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der
Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind.16
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
5 Act. 9.1/83-1ff/4 6 Act. 9.1/85-1/3; act. 9.1/87-1/3 und act. 9.1/90-1ff/19 7 Act. 9.1/95-1ff/8 8 Act. 1 9 Act. 7 10 Act. 14, Verfahren Nr. ERV 14 69 11 Act. 10 und act. 15 12 Act. 15 13 Act. 18 14 Bundesgesetz vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG,
SR 830.1) 15 Justizgesetz vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) 16 Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. März 1981 über die Unfallversicherung (UVG, SR 832.20)
i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und Art. 61 lit. b ATSG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59 des Gesetzes vom 9. September 2002 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG, bGS 143.1)
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2. Der Beschwerdeführer verzichtete im Lauf des Verfahrens auf eine mündliche Verhand-
lung. An den Beweisanträgen, der Befragung der Zeugen E_ und F_, hielt er aber
fest.17
2.1
Nach Art. 43 Abs. 1 ATSG prüft der Versicherungsträger die Begehren, nimmt die notwen-
digen Abklärungen von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte ein. Es liegt
im Ermessen des Versicherungsträgers, darüber zu befinden, mit welchen Mitteln die
Sachverhaltsabklärung von Amtes wegen zu erfolgen hat. Im Rahmen der Verfahrens-
leitung kommt ihm ein grosser Ermessensspielraum bezüglich Notwendigkeit, Umfang und
Zweckmässigkeit von medizinischen Erhebungen zu. Was zu beweisen ist, ergibt sich aus
der jeweiligen Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den Untersuchungsgrundsatz ist der
Sachverhalt soweit zu ermitteln, dass über den Leistungsanspruch zumindest mit dem Be-
weisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit entschieden werden kann.18
Der Untersuchungsgrundsatz weist enge Bezüge zum – auf Verwaltungs- und Gerichts-
stufe geltenden – Grundsatz der freien Beweiswürdigung auf. Führen die im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes von Amtes wegen vorzunehmenden Abklärungen den Ver-
sicherungsträger oder das Gericht bei umfassender, sorgfältiger, objektiver und inhaltsbe-
zogener Beweiswürdigung zur Überzeugung, ein bestimmter Sachverhalt sei als überwie-
gend wahrscheinlich zu betrachten und es könnten weitere Beweismassnahmen an diesem
feststehenden Ergebnis nichts mehr ändern, so liegt im Verzicht auf die Abnahme weiterer
Beweise keine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör (antizipierte Beweiswürdi-
gung). Bleiben jedoch erhebliche Zweifel an Vollständigkeit und/oder Richtigkeit der bisher
getroffenen Tatsachenfeststellung bestehen, ist weiter zu ermitteln, soweit von zusätzlichen
Abklärungsmassnahmen noch neue wesentliche Erkenntnisse zu erwarten sind.19
2.2
Wie sich aus den nachfolgenden Erwägungen zeigt, zeigt sich aus den Akten, dass in
administrativer Hinsicht die Firma D_ GmbH gewisse Schwächen aufwies, welche zu
Auffälligkeiten oder Widersprüchen führten. Dass die beantragten Zeugen – der Sohn des
Beschwerdeführers als Geschäftsführer der GmbH sowie die Tochter des Beschwer-
deführers als einzige Gesellschafterin der GmbH – weitere entscheidrelevante Informa-
tionen zu dem bereits aus den Akten vorhandenen Sachverhalt beizutragen vermögen, ist
17 Act. 1, act. 10 und act. 15 18 Urteil des Bundesgerichts 8C_755/2011 vom 19. Dezember 2011 E. 4.2 19 Urteil des Bundesgerichts 8C_616/2013 vom 28. Januar 2014 E. 2.1 mit Hinweisen
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aufgrund der gesamten Umstände nicht zu erwarten. Daher ist auf die beantragten
Zeugeneinvernahmen zu verzichten.
3. 3.1
Nach Art. 1a Abs. 1 UVG sind die in der Schweiz beschäftigten Arbeitnehmer obligatorisch
nach den Bestimmungen des UVG versichert. Als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
gelten Personen, die in unselbständiger Stellung Arbeit leisten und dafür massgebenden
Lohn nach dem jeweiligen Einzelgesetz beziehen (Art. 10 ATSG). Gemäss Art. 1 UVV20 gilt
als Arbeitnehmer nach Art. 1a Abs. 1 UVG, wer eine unselbständige Erwerbstätigkeit im
Sinne der AHV-Bundesgesetzgebung ausübt.
Nach konstanter Rechtsprechung gilt als unselbständig erwerbstätig, wer von einem Arbeit-
geber in betriebswirtschaftlicher bzw. arbeitsorganisatorischer Hinsicht unabhängig ist und
kein Unternehmerrisiko zu tragen hat.21 Familienmitglieder sind dann obligatorisch gegen
Unfall versichert, wenn sie einen Barlohn beziehen und der AHV-rechtlichen Beitragspflicht
unterstehen.22
Als Arbeitnehmer gemäss UVG wird bezeichnet, wer um des Erwerbes oder der Ausbildung
willen für einen Arbeitgeber, mehr oder weniger untergeordnet, dauernd oder vorüber-
gehend tätig ist, ohne hiebei ein eigenes wirtschaftliches Risiko tragen zu müssen. Die Ar-
beitnehmereigenschaft ist jeweils unter Würdigung der gesamten Umstände des Einzelfal-
les zu beurteilen. Liegt weder ein Arbeitsvertrag noch ein öffentlich-rechtliches Anstellungs-
verhältnis vor, ist unter Würdigung der wirtschaftlichen Umstände in ihrer Gesamtheit zu
beurteilen, ob die Arbeitnehmereigenschaft gegeben ist.23
Die versicherungsmässige Voraussetzung der Arbeitnehmerschaft respektive Ausübung
einer unselbständigen Erwerbstätigkeit stellt eine anspruchsbegründende Tatsache dar, für
welche die Beweislast beim Beschwerdeführer als Leistungsansprecher liegt.24
3.2
Der Beschwerdeführer macht im Wesentlichen geltend, es treffe zu, dass nicht alle Doku-
mente – Arbeitsvertrag und Lohnabrechnungen – übereinstimmen. Aufgrund eines Daten-
verlustes bei der D_ GmbH seien gewisse Dokumente nicht mehr vorhanden gewesen
20 Verordnung vom 20. Dezember 1982 über die Unfallversicherung (UVV, SR 832.202) 21 RUMO-JUNGO/HOLZER, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht,
Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 4. Aufl. 2012, Art. 1a S. 10 22 RUMO-JUNGO/HOLZER, a.a.O., Art. 1a S. 14 23 Urteil des Bundesgerichts 8C_254/2015 vom 4. August 2015 E. 3 mit Hinweisen 24 Urteil des Bundesgerichts 8C_547/2012 vom 16. Oktober 2012 E. 4.2.3; Urteil des Bundesgerichts
8C_254/2015 vom 4. August 2015 E. 4.1
Seite 6
und hätten nachträglich eigens für die SUVA nochmals erstellt werden müssen. Ver-
schiedene vermeintliche Auffälligkeiten seien auch dadurch zu erklären, dass bei einem
Familienhandwerksbetrieb die operative Tätigkeit im Vordergrund stehe und nicht die Büro-
kratie. Es sei verwunderlich, dass die SUVA bei der Überprüfung des Arbeitsverhältnisses
den Lohnzahlungen, welche per Bankanweisung erfolgt seien, nicht nachgegangen sei. Er
habe seine Arbeitsleistungen sowie sämtliche Lohnzahlungen über den gesamten Zeitraum
des Arbeitsverhältnisses nachgewiesen und sei damit seiner Substantiierungs- und Mitwir-
kungspflicht mehr als nachgekommen. Dass die erste Lohnzahlung von ihm gleichentags
wieder abgehoben worden sei, erkläre sich durch die verspätete Auszahlung der ersten
Löhne durch die D_ GmbH und die dadurch entstandene Notwendigkeit, die bis dahin
aufgelaufenen Rechnungen sofort zu begleichen. Die in der Anfangsphase vorhandene
mangelnde Liquidität seiner Arbeitgeberin werde durch seine Aussagen im Gutachten des
Ärztlichen Begutachtungsinstituts GmbH (ABI), Basel, bestätigt. Die D_ GmbH habe ihm
Fr. 20‘969.90 und damit sieben Monatslöhne à Fr. 2‘995.70 überwiesen. Die angebliche
telefonische Mitteilung vom 2. Mai 2012 an die SUVA, wonach die D_ GmbH seit 1.
Januar 2012 kein Personal mehr beschäftige, müsse er mit Nichtwissen bestreiten. An der
Authentizität dieses Dokuments beständen Zweifel. Zudem seien im ersten Quartal 2012 –
und zwar auch noch für den Zeitpunkt seines Unfalles – Löhne bezahlt worden. Bestritten
werde auch die Behauptung, wonach E_ der SUVA am 17. Januar 2013 mitgeteilt habe,
der Betrieb werde liquidiert. Dass er seine Restarbeitsfähigkeit als Maler zu verwerten
versuche, liege auf der Hand. Die D_ GmbH sei im Sommer 2012 vor allem mit Arbeiten
eingedeckt gewesen, für die er nicht habe eingesetzt werden können. Jedoch habe sie in
Aussicht gestellt, ihn zu gegebener Zeit beim Schleifen und Streichen von Zimmertüren
wieder leicht beschäftigen zu können. Die provisorische Lohnsummenerhöhung an die
Ausgleichskasse werde regelmässig erst nach Ablauf des Kalenderjahres bereinigt. Er
nehme zur Kenntnis, dass die SUVA ihren ursprünglichen Entscheid revisionsweise
aufheben möchte. Die SUVA habe das Versicherungsverhältnis bzw. die Versicherungs-
deckung von Anfang an klären können. Es handle sich nicht um Beweismittel, deren
Beibringung vorher nicht möglich gewesen sei. Eine Revision sei deshalb selbst dann
unzulässig, wenn die Sachdarstellung der SUVA richtig wäre. Eine Rückforderung sei auch
im Rahmen einer Wiedererwägung nicht möglich, weil der Deckungsentscheid sicher nicht
offensichtlich unrichtig gewesen sei.
Die SUVA bringt im Wesentlichen vor, es beständen im Zusammenhang mit dem behaupte-
ten Arbeitsverhältnis des Beschwerdeführers bei der D_ GmbH zahlreiche Widersprüche.
Das ABI-Gutachten vom 20. Mai 2010 habe den Beschwerdeführer als Maler für vollständig
arbeitsunfähig erklärt. Der Beschwerdeführer habe hingegen am 7. März 2014 angegeben,
bei seiner Tätigkeit bei der D_ GmbH sämtliche Malerarbeiten inklusive Überkopfarbeiten
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ausgeführt zu haben. Für seine 50%-Anstellung als Maler habe er gemäss Arbeitsvertrag,
für den es verschiedene Varianten in Bezug auf die wöchentliche Arbeitszeit sowie den
Lohn gebe, Fr. 3‘500.-- verdient, was bei einem vollen Pensum ein Einkommen von
Fr. 7’000.-- ergebe. F_, Geschäftsführer der D_ GmbH, habe am 2. Mai 2012 mitge-
teilt, dass der Betrieb seit dem 1. Januar 2012 kein Personal mehr beschäftige. Zweifel an
der Authentizität dieses Dokuments bestünden keine. Zudem gehe daraus hervor, dass die
bereits bezahlten provisorischen Prämien mit den offenen Prämien aus 2011 verrechnet
und der Rest ausbezahlt werden solle. Daraus folge, dass im 2012 eben keine Löhne
ausbezahlt worden seien, auch wenn gegenüber der Ausgleichskasse später noch Löhne
für Januar und Februar 2012 deklariert worden seien. Am Unfalltag, dem 29. Februar 2012,
soll dann aber der Beschwerdeführer bei der D_ GmbH angestellt gewesen sein. Der
Beschwerdeführer und F_ hätten am 3. August 2012, am 3. Oktober 2012 bzw. am
24. Oktober 2012 ausgeführt, der Betrieb könne derzeit keine leichten Tätigkeiten für den
Beschwerdeführer anbieten. Gemäss Bericht über die Arbeitgeber-Kontrolle der Aus-
gleichskasse Appenzell Innerrhoden vom 27. August 2013 seien bei der D_ GmbH ab
März 2012 keine Löhne mehr verbucht worden. Der Geschäftsbetrieb sei somit bereits
Ende Februar eingestellt worden und das Unfallereignis vom 29. Februar 2012 auf den
letzten Tag der Geschäftstätigkeit gefallen. Dem Beschwerdeführer sei aber am 19. April
2012 noch eine Lohnzahlung für den März 2012 überwiesen worden. Sodann sei in der
Steuererklärung 2012 kein Erwerbseinkommen deklariert worden. Die Lohnabrechnungen
seien in zwei verschiedenen Varianten eingereicht worden und die nachgereichten
Stundenrapporte seien nicht authentisch. Aufgrund dieser Widersprüche und unter
Berücksichtigung der familiären Beziehungen zwischen dem Beschwerdeführer sowie den
Exponenten seiner behaupteten Arbeitgeberin erscheine das Vorliegen eines Arbeitsver-
hältnisses unglaubwürdig und sei nicht mit dem notwendigen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen. Weder das Abrechnen von Sozial-
versicherungsbeiträgen noch die Überweisung von Lohnzahlungen auf ein Bankkonto des
Beschwerdeführers begründe unter Berücksichtigung des familiären Beziehungsgeflechts
für sich ein Arbeitsverhältnis. Durch den Bezug von grossen Barbezügen würden die
Finanzflüsse zusätzlich in Frage gestellt. Auch die undatierten Arbeitsbestätigungen sowie
die Stundenrapporte seien kein Beleg für ein Arbeitsverhältnis. Zumal gemäss den Stun-
denrapporten der Beschwerdeführer zuerst für fast vier Monate und dann im Januar und
Februar 2012 erneut ausschliesslich für F_ und E_ bzw. in seinem Wohnhaus
gearbeitet habe. Die Ausgangslage, wonach der Beschwerdeführer im Februar 2012 als
Angestellter der „Familien-GmbH“ Arbeiten am Haus der Familie ausgeführt habe, sei
offenkundig für sozialversicherungsrechtliche Zwecke konstruiert worden. Gelegentliche
Arbeiten mit unterschiedlicher Abrechnung und Entlöhnung begründe kein Arbeitsverhält-
nis. Die Anerkennung der Versicherungsdeckung sei zu Recht rückwirkend aufgehoben
Seite 8
worden, nachdem neue erhebliche Tatsachen entdeckt worden seien. Die neuen erhebli-
chen Tatsachen seien nachträglich aufgrund zusätzlicher Abklärungen entdeckt worden,
nachdem ein entsprechender Verdacht geschöpft worden sei.
3.3
Beide Parteien stimmen insofern überein, als sie zugeben bzw. darauf hinweisen, dass es
im vorliegenden Fall gewisse Auffälligkeiten bzw. Widersprüche und Ungereimtheiten gibt.
Es gilt daher eine Beweiswürdigung vorzunehmen bzw. es ist zu prüfen, ob der Beschwer-
deführer mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nach-
zuweisen vermag, dass er auch noch im Zeitpunkt des Unfalls am 29. Februar 2012 als Ar-
beitnehmer bei der D_ GmbH tätig gewesen war.
Gegen das Vorliegen eines Arbeitsverhältnisses sprechen zum einen die zwei in den Akten
liegenden Varianten des Arbeitsvertrages des Beschwerdeführers. Beide Varianten da-
tieren vom 20. Januar 2011, benennen aber weder den Arbeitgeber noch weisen sie des-
sen Unterschrift auf und weichen in Bezug auf die wöchentliche Arbeitszeit – 20 bzw. 41
Stunden – erheblich voneinander ab.25 Zudem stimmt der dort angegebene Bruttolohn von
Fr. 3‘500.-- nicht mit der E-Mail-Mitteilung der D_ GmbH an die IV-Stelle Appenzell
Innerrhoden vom 16. Februar 2011 überein, wonach der Beschwerdeführer für ein 50%-
Pensum Fr. 2‘450.-- verdiene.26 Ohnehin erscheint der auf ein 100%-Pensum hochge-
rechnete Monatslohn von Fr. 7‘000.-- für einen Maler als sehr hoch. Zumal der Be-
schwerdeführer entgegen seinen eigenen Angaben einen solchen Lohn als Maler früher nie
erzielt hat.27 Der Arbeitsvertrag bzw. diese Arbeitsverträge, die beiden Varianten der
Lohnabrechnungen und die Stundenrapporte, welche – wie der Beschwerdeführer ein-
räumte – nachträglich erstellt worden sind,28 eignen sich somit nicht als Beweis für die
Arbeitnehmereigenschaft des Beschwerdeführers. Zum anderen spricht auch der Umstand,
dass der Beschwerdeführer in der Steuererklärung 2012 – im Unterschied zur Steuerer-
klärung 2011 – keine Einkünfte aus unselbständiger Erwerbstätigkeit angegeben hat, eher
gegen das Vorliegen eines Arbeitsverhältnisses.29 Andererseits beweist es aber doch nicht,
dass es kein Arbeitsverhältnis gab, deklarierte der Beschwerdeführer doch in der Steuerer-
klärung 2012 – zwar für einen offensichtlich nicht zutreffenden Zeitraum vom 1. Januar bis
30. September 2012 – Einkünfte aus SUVA-Taggeldern.30 Ein weiteres Indiz gegen ein Ar-
beitsverhältnis ist schliesslich die angebliche telefonische Mitteilung von Herrn F_ vom
2. Mai 2012 an die SUVA, wonach die D_ GmbH seit dem 1. Januar 2012 kein Personal
25 Act. 9.1/73-3/3 und act. 9.1/81-1/33 26 Act. 9.1/68-397/412 und Act. 9.1/68-402/412 27 Act. 9.1/40; act. 9.1/42; act. 9.1/68-15/412 und act. 9.1/68-73/412 28 Act. 9.1/52-3 bis 15/15; act. 9.1/81-2 bis 13/33; act. 9.1/81-15 bis 30/33; act. 1/S. 3 und act. 15/S. 4 29 Act. 9.1/51-1 bis 13/16 30 Act. 9.1/51-11/16; Act. 9.1/5; act. 9.1/6 und 9.1/45
Seite 9
mehr beschäftige. In Zukunft könne es aber durchaus wieder vorkommen. Somit sei die
Firma zu belassen und er erhalte jeweils Ende Jahr das Lohnerklärungsformular. Die
bereits bezahlten provisorischen Prämien seien mit den noch offenen Prämien aus der
definitiven Rechnung 2011 zu verrechnen und der Rest auszubezahlen.31 Dieses
angebliche Telefonat von F_, Geschäftsführer der D_ GmbH und Sohn des
Beschwerdeführers, wird seitens des Beschwerdeführers bestritten.32 Aus den Akten ergibt
sich kein Hinweis darauf, ob dieses Telefonat tatsächlich stattgefunden hat bzw. ob das
Telefonat inhaltlich korrekt wiedergegeben wurde. Daher ist dieses Indiz zumindest kritisch
zu würdigen.
Die D_ GmbH reichte der SUVA am 24. April 2011 rückwirkend auf den 1. Februar 2011
eine UVG-Anmeldung ein. Als Arbeitnehmer wurden F_, E_ – Schwiegersohn des
Beschwerdeführers – sowie der Beschwerdeführer genannt.33 Dieser Umstand spricht für
das Vorliegen eines Arbeitsverhältnisses, da nicht ersichtlich ist, welche Vorteile die D_
GmbH bzw. der Beschwerdeführer aus einer Falschanmeldung bei der SUVA zögen. Auch
der IV-Stelle Appenzell Innerrhoden wurde per Mail vom 16. Februar 2011 gemeldet, dass
der Beschwerdeführer per sofort bei der D_ GmbH angestellt sei.34 Obwohl der
Beschwerdeführer ab 1. Mai 1998 eine ganze Invalidenrente bezog, arbeitete er in den
darauf folgenden Jahren gelegentlich.35 Die Aufnahme der Tätigkeit bei der D_ GmbH
begründete er mit der Herabsetzung seiner Invalidenrente.36 Die Reduktion auf eine halbe
Invalidenrente erfolgte per 1. Mai 2011,37 weshalb die Arbeitsaufnahme in zeitlicher
Hinsicht nachvollziehbar ist. Ebenso ist erklärbar, dass er sich eine Tätigkeit im bisherigen
Berufsfeld suchte. Auch dieses Indiz spricht daher für das Vorliegen eines
Arbeitsverhältnisses, weil nicht ersichtlich ist, weshalb der Arbeitgeber der IV-Stelle ein
nicht existierendes Arbeitsverhältnis melden sollte, da eine solche Meldung weder dem
Arbeitnehmer noch dem Arbeitgeber irgendwelche Vorteile bringt. Weiter erfolgte eine
Anmeldung des Beschwerdeführers bei der Ausgleichskasse Appenzell Innerrhoden sowie
ebenfalls eine Anmeldung bei der BVG-Sammelstiftung Swiss Life.38 Von letzterer liegt
auch eine Austrittsmeldung vom 7. Mai 2012 vor, wonach der Beschwerdeführer per
31. März 2012 sein Arbeitsverhältnis mit der D_ GmbH beendet habe.39 Gemäss Bericht
über die Arbeitgeberkontrolle der Ausgleichskasse Appenzell Innerrhoden vom 27. August
31 Act. 9.1/77 32 Act. 15/S. 2 33 Act. 2.1/S. 2 34 Act. 9.1/68-397ff/412 35 Act. 9.1/68-342/412; act. Act. 9.1/68-352/412; act. 9.1/68-268/412; act. 9.1/68-313/412 und
act. 9.1/68-322/412 36 Act. 9.1/40 und act. 9.1/76-3/6 37 Act. 9.1/68-401ff/412 38 Act. 9.1/68-411/412 und act. 9.1/73-2/3 39 Act. 9.1/81-32/33
Seite 10
2013 wurden für die D_ GmbH im Jahr 2011 sowie bis Ende Februar 2012 – und somit
bis zum Unfalltag am 29. Februar 2012 –Löhne verbucht.40 Im Geres, der kantonalen
Datenplattform für das Einwohnerregister, ist der Beschwerdeführer als Maler und
Angestellter der D_ GmbH vermerkt. Gemäss Geres zog er am 1. März 2011 von
Appenzell nach Herisau und es erscheint nachvollziehbar, dass er gegenüber der
Einwohnerkontrolle bei seiner Anmeldung seine aktuelle Tätigkeit angab.41 Sodann liegen
mehrere Bestätigungen von Hauseigentümern vor, welche mit ihrer Unterschrift kundtun,
dass der Beschwerdeführer an ihrem Haus Malerarbeiten ausgeführt habe. Es handelt sich
hierbei um offensichtlich vorgefertigte Bestätigungen, die alle nicht datiert sind und in
Bezug auf die ausgeführten Arbeiten alle das Jahr 2011 betreffen. Andererseits wurde nicht
geltend gemacht, dass diese Bestätigungen falsch seien.42 Ein gewichtiges Indiz für das
Vorliegen eines Arbeitsverhältnisses sind schliesslich die vom Beschwerdeführer
eingereichten verschiedenen Kontoauszüge der Appenzeller Kantonalbank vom August
2011 bis Dezember 2011 sowie einen nicht vollständigen Postenauszug vom 1. Januar
2011 bis 31. Dezember 2012. Aus diesen ergibt sich, dass die D_ GmbH dem
Beschwerdeführer von Februar 2011 bis März 2012 Lohnzahlungen ausrichtete.43 Es ist
nicht ersichtlich und wurde auch nicht geltend gemacht, dass diese Bankbelege falsch
seien. Dem Beschwerdeführer wurde somit zum Unfallzeitpunkt am 29. Februar 2012 noch
Lohn ausbezahlt und er unterstand damals noch der AHV-rechtlichen Beitragspflicht.44
3.4
Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer mit dem erforderlichen Beweisgrad der über-
wiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen, dass er im Zeitpunkt des Unfalls vom 29.
Februar 2012 als Arbeitnehmer bei der D_ GmbH angestellt gewesen war. Massgebend
ist insbesondere, dass er für seine Tätigkeit ab August 2011 bis März 2012 von der D_
GmbH monatliche und nachgewiesene Lohnzahlungen jeweils per Ende Monat erhielt.
Zudem war er bei der BVG-Sammelstiftung Swiss Life sowie bei der SUVA angemeldet und
die Ausgleichskasse Appenzell Innerrhoden registrierte auch am Unfalltag noch Löhne.
Die Beschwerde ist somit gutzuheissen und der Einspracheentscheid vom 1. Oktober 2014
aufzuheben.
4. Der Vollständigkeit halber ist anzufügen, dass selbst wenn kein Arbeitsverhältnis vorläge,
eine Revision im vorliegenden Fall unzulässig wäre.
40 Act. 9.1/72 41 Act. 9.1/51-14f/16 42 Act. 9.1/90-3 bis 8/19 43 Act. 9.1/90-9 bis 17/19 44 Vgl. E. 3.1
Seite 11
Denn gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG müssen formell rechtskräftige Verfügungen und Ein-
spracheentscheide in Revision gezogen werden, wenn der Versicherungsträger nach deren
Erlass erhebliche neue Tatsachen entdeckt oder Beweismittel auffindet, deren Beibringung
zuvor nicht möglich war. Die Revision ist aber dann ausgeschlossen, wenn die Beibringung
des Beweismittels zuvor möglich war. Damit kann nur dasjenige Beweismittel angerufen
werden, das trotz hinreichender Sorgfalt bisher nicht bekannt war bzw. nicht in das Ver-
fahren eingebracht werden konnte. Das Revisionsverfahren dient nicht dazu, eine Unterlas-
sung nachzuholen, welche auf eine vermeidbare Nachlässigkeit zurückzuführen ist.45
Die SUVA hätte im vorliegenden Fall schon viel früher die heute vorliegenden Beweismittel
– insbesondere die Bankunterlagen betreffend Lohnzahlungen – einfordern und erst dann
über ihre grundsätzliche Leistungspflicht entscheiden können. Sie hat aber den Unfall am
24. April 2011 ohne weitere Abklärungen anerkannt und sich erst später entschieden, Ab-
klärungen zu tätigen.
5. 5.1
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG i.V.m. Art. 1 Abs. 1 UVG).
5.2
Gemäss Art. 1 Abs. 1 UVG i.V.m. Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschwerde
führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Versicherungs-
gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streit-
sache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen.
Vorliegend obsiegt der Beschwerdeführer, weshalb ihm eine Parteientschädigung zuzu-
sprechen ist. Die SUVA hat dem Beschwerdeführer demnach eine Parteientschädigung von
Fr. 2‘526.10 (inklusive Barausauslagen und Mehrwertsteuer) zu entrichten.46
45 UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, N. 32 zu Art. 53 ATSG mit Hinweisen 46 Act. 21.2
Seite 12