Decision ID: d5f67c15-25ef-4219-8c8c-48fd284148fb
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im November 1993 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 3). Im Anmeldeformular beantwortete sie die Frage
nach einer Erwerbstätigkeit im Ausland nicht, was die IV-Stelle dahingehend
interpretierte, die Versicherte habe nie im Ausland eine Erwerbstätigkeit ausgeübt. Die
IV-Stelle wies das Rentenbegehren mit einer Verfügung vom 27. April 1995 mit der
Begründung ab, der (anhand der sogenannten „gemischten“ Methode berechnete)
Invaliditätsgrad betrage weniger als 40 Prozent (IV-act. 29). Das Versicherungsgericht
des Kantons St. Gallen hiess den gegen diese Verfügung erhobenen Rekurs am 29.
April 1997 gut und stellte fest, dass die Versicherte für die Zeit ab dem 1. April 1993
einen Anspruch auf eine Viertelsrente habe (vgl. IV-act. 48). Mit einer Verfügung vom
16. Oktober 1997 sprach die IV-Stelle der Versicherten eine ordentliche Rente von 235
Franken ab dem 1. April 1993, von 243 Franken ab dem 1. Januar 1995 und von 249
Franken ab dem 1. Januar 1997 sowie drei Kinderrenten von je 94 Franken ab dem 1.
April 1993, von je 97 Franken ab dem 1. Januar 1995 und von je 100 Franken ab dem
1. Januar 1997 zu (IV-act. 59). Für die Berechnung der Rentenbeträge (vgl. AK-act. 66–
13 ff.) war die Ausgleichskasse von einer vollständigen Beitragsdauer ohne
Beitragslücken ausgegangen. Sie hatte zwar nur für die Jahre 1991 und 1992 ein
beitragspflichtiges Erwerbseinkommen der Versicherten angerechnet, aber da die
Versicherte bereits vor der Vollendung des 20. Altersjahres verheiratet gewesen war
und da ihr Ehemann jeweils ausreichend hohe Beiträge bezahlt hatte, hatte die
Ausgleichskasse die Beitragspflicht der Versicherten für die Jahre 1981–1990 als über
deren Ehemann erfüllt qualifiziert. Die Ausgleichskasse schloss daraus, dass die
Rentenskala 44 (für sogenannte „Vollrenten“) zur Anwendung kommen müsse. Für die
Berechnung des massgebenden durchschnittlichen Jahreseinkommens war die
Ausgleichskasse von einem beitragspflichtigen Erwerbseinkommen von insgesamt
14’690 + 10’670 = 25’360 Franken (1991 und 1992), einem Aufwertungsfaktor von 1.0
A.a.
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St.Galler Gerichte
und einem Karrierezuschlag von 20 Prozent ausgegangen. Das Resultat der
Berechnung hatte deutlich unter dem niedrigsten „Schwellenwert“ der Skala 44 (im
Jahr 1997: 11’940 Franken) gelegen, weshalb die Ausgleichskasse die Rentenbeträge
auf den jeweiligen Mindestbetrag einer Vollrente festgesetzt hatte.
Die Versicherte reichte im Februar 2005 ein ausgefülltes Anmeldeformular zum
Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung ein, in dem sie auf eine
Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes hinwies (IV-act. 79). Nach dem
Abschluss der Sachverhaltsermittlung erhöhte die IV-Stelle die laufende Viertelsrente
mit einer Verfügung vom 20. April 2006 rückwirkend per 1. März 2005 auf eine ganze
Rente (IV-act. 128). Die Ausgleichskasse hatte keine neue Berechnung der
Rentenbeträge vorgenommen (vgl. AK-act. 47), sondern lediglich die Beträge der
Viertelsrente und der Kinderrente (die Versicherte hatte damals bloss noch eine
Kinderrente bezogen) auf die entsprechenden Beträge einer ganzen Rente und einer
Kinderrente zu einer ganzen Rente erhöht.
A.b.
Im Oktober 2012 ging der IV-Stelle ein Vorbescheid der B._ischen
Invalidenversicherung vom 1. Oktober 2012 zu, mit dem diese der Versicherten
mitgeteilt hatte, dass sie die Zusprache einer ganzen Rente mit Wirkung ab dem 1.
August 2007 vorsehe (IV-act. 206). Im November 2012 erhielt die IV-Stelle eine Kopie
der Rentenverfügung der B._ischen Invalidenversicherung vom 14. November 2012
(IV-act. 219). Dieser liess sich entnehmen, dass die Versicherte in den zwölf für ihren
Jahrgang massgebenden Beitragsjahren während sieben Jahren und zwei Monaten
beitragspflichtig gegenüber der B._ischen Invalidenversicherung gewesen war und
dass das massgebende durchschnittliche Jahreseinkommen 84’912 Franken betragen
hatte. Die IV-Stelle reagierte nicht auf diese Verfügung. Im Mai 2015 beantragte die
Versicherte eine Vorausberechnung der Altersrente (AK-act. 24). Im Formular gab sie
unter anderem an, dass sie in den Jahren 1977–1984 in B._ gearbeitet habe; in
dieser Zeit habe sie ihren Wohnsitz aber weiterhin in der Schweiz gehabt. Die
Sachbearbeiterin der Ausgleichskasse forderte offenbar bei der B._ischen
Ausgleichskasse einen Auszug aus dem individuellen Beitragskonto der Versicherten
an. Im Juli 2015 ging der Ausgleichskasse der angeforderte IK-Auszug zu (AK-act. 22).
Diesem liess sich entnehmen, dass die Versicherte in den Jahren 1977–1984 in B._
beitragspflichtige Erwerbseinkommen von insgesamt 123’409 Franken erzielt hatte. Die
A.c.
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St.Galler Gerichte
Ausgleichskasse teilte der Versicherten in der Folge lediglich mit, mit welchen
Altersrentenbeträgen sie in der Zukunft rechnen könne; bezüglich der
Versicherungsunterstellung im Ausland unternahm sie nichts weiter (vgl. act. G 6.6.61
f.). Im Januar 2018 beantragte die Versicherte erneut eine Vorausberechnung der
Altersrente (AK-act. 18). Wieder wies sie auf ihre Erwerbstätigkeit in B._ („1978–
1986“) hin. Eine Sachbearbeiterin der Ausgleichskasse teilte der Versicherten am 2.
Februar 2018 mit (AK-act. 17), da sich die Rentenbeträge seit dem Jahr 2015 nicht
verändert hätten, sei keine neue (kostenpflichtige) Vorausberechnung vorgenommen
worden. Sie sende der Versicherten deshalb nochmals das Resultat der letzten
Rentenvorausberechnung zu.
Bereits im August 2014 hatte die IV-Stelle dem Ehemann der Versicherten für die
Zeit ab dem 1. März 2014 eine halbe Rente zugesprochen (act. G 6.5.59).
Infolgedessen hatte der Betrag der IV-Rente der Versicherten für die Zeit ab dem 1.
März 2014 neu berechnet werden müssen (vgl. act. G 6.5.60). Die Ausgleichskasse
hatte dafür bei der B._ischen Ausgleichskasse im Mai 2014 einen IK-Auszug der
Versicherten angefordert; dieser hatte beitragspflichtige Erwerbseinkommen der
Versicherten für die Jahre 1977–1984 ausgewiesen (act. G 6.6.109). Bei der
Neuberechnung der Rente hatte sie zwar die Beitragszeit in B._ (März 1977 bis April
1984) notiert, aber sie hatte erneut die Beitragspflicht der Versicherten in den Jahren
1981–1990 als über den Ehemann erfüllt qualifiziert (vgl. act. G 6.6.104–7). Folglich war
sie weiterhin von der lückenlosen Erfüllung der Beitragspflicht und der Anwendbarkeit
der Skala 44 ausgegangen (act. G 6.6.104–9). Da das
„Splitting“ (Einkommensaufteilung der Ehegatten) zu einer Erhöhung des
massgebenden durchschnittlichen Jahreseinkommens der Versicherten geführt hatte,
hatte sie ab März 2014 neu eine monatliche Rente von 1’947 Franken statt wie bisher
von 1’170 Franken erhalten (vgl. act. G 6.6.87).
A.d.
Im Juni 2018 meldete sich der Ehemann der Versicherten zum (um ein Jahr
vorgezogenen) Bezug einer Altersrente der AHV an (act. G 6.6.41 f.). Mit einer
Verfügung vom 18. Juli 2018 sprach die Ausgleichskasse dem Ehemann der
Versicherten per 1. September 2018 eine (die Invalidenrente ablösende) Altersrente der
AHV zu (act. G 6.6.34). Die Invalidenrente der Versicherten wurde per 1. September
2018 auf 1’788 Franken gekürzt (act. G 6.6.36). Im Januar 2019 ging der
A.e.
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B.
Ausgleichskasse eine Kopie eines Rentenbescheides der Deutschen
Rentenversicherung betreffend einen Altersrentenanspruch des Ehemannes der
Versicherten zu (act. G 6.6.15). Die Ausgleichskasse musste die Rentenberechnung
deshalb nochmals komplett überarbeiten. Dabei stellte sie fest (elektronische Notiz zu
act. G 6.6.15–1; AK-act. 12), dass sie die ausländischen Beitragszeiten der
Versicherten bisher versehentlich nicht berücksichtigt hatte. Bei der Neuberechnung
der Rente der Versicherten berücksichtigte sie nun lediglich noch eine Beitragsdauer
ab Mai 1984, da die Versicherte ja bis und mit April 1984 in B._ beitragspflichtig
gewesen war; zusammen mit den Beitragsmonaten im Jahr des Eintrittes des
Versicherungsfalles (1993) resultierte neu eine Beitragsdauer von neun Jahren (AK-act.
11–7). Da die lückenlose Erfüllung der Beitragspflicht eine Dauer von zwölf Jahren
vorausgesetzt hätte, konnte nicht länger die Skala 44 für Vollrenten berücksichtigt
werden. Anwendbar war nun die Skala 30 (vgl. AK-act. 11–9). Mit einer Verfügung vom
28. Oktober 2020 setzte die IV-Stelle den Betrag der Invalidenrente der Versicherten
rückwirkend neu fest (IV-act. 338). Sie hielt fest, die Versicherte könne in der Zeit bis
und mit April 1984 nicht über die Schweizer AHV versichert gewesen sein, da sie in
jener Zeit in B._ beitragspflichtig gewesen sei. Die rückwirkende Korrektur der
Rentenbeträge aufgrund der neuen Berechnungselemente sei nur für die Zeit bis
zurück in den November 2015 vorgenommen worden, da eine Rückforderung von
früheren unrechtmässig bezogenen Rentenleistungen ohnehin verwirkt wäre. Der
Betrag der aus der rückwirkenden Korrektur resultierenden Rückforderung für die Zeit
vom 1. November 2015 bis zum 31. August 2018 belaufe sich auf 18’972 Franken.
Am 30. November 2020 liess die Versicherte (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 28. Oktober 2020
sowie gegen eine weitere – sich nicht bei den dem Versicherungsgericht eingereichten
Akten der IV-Stelle befindliche, von der Beschwerdeführerin in Kopie eingereichte –
Verfügung vom 30. Oktober 2020 erheben (act. G 1), mit der die IV-Stelle (nachfolgend:
die Beschwerdegegnerin) für die Zeit vom 1. September 2018 bis zum 31. Oktober
2020 weitere Rentenleistungen von insgesamt 13’192 Franken zurückgefordert hatte
(act. G 1.3). Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin beantragte, dass die beiden
Verfügungen vom 28. Oktober 2020 und vom 30. Oktober 2020 als nichtig erklärt und
B.a.
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dass die Sache zur Durchführung eines formell korrekten Verfahrens an die
Beschwerdegegnerin zurückgewiesen werde; eventualiter beantragte er die Aufhebung
der angefochtenen Verfügungen; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen
zulasten der Beschwerdegegnerin. Zur Begründung führte er aus, die
Beschwerdegegnerin habe es versäumt, der Beschwerdeführerin vor dem Erlass der
angefochtenen Verfügungen das rechtliche Gehör zu gewähren. Die Sache müsse an
sie zurückgewiesen werden, damit sie ein formell korrektes Verfahren durchführe. Eine
„Heilung“ der Gehörsverletzung sei ausgeschlossen. In materieller Hinsicht erwiesen
sich die angefochtenen Verfügungen als rechtswidrig, weil die Rückforderungen
verwirkt seien. Die Beschwerdegegnerin hätte ihren Fehler nämlich bereits im Jahr
2006 (bei der Rentenerhöhung), im Jahr 2014 (bei der Zusprache einer Invalidenrente
an den Ehemann), im Jahr 2015 (im Zuge der Rentenvorausberechnung) oder im Jahr
2018 (im Zuge der zweiten Rentenvorausberechnung) bemerken müssen. Spätestens
im Rahmen der Frühpensionierung des Ehemannes per 1. September 2018 hätte sie
den Fehler bemerken müssen. Die einjährige, relative Verwirkungsfrist sei im Oktober
2020 folglich bereits verstrichen gewesen.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 12. März 2021 die teilweise Gutheissung
der Beschwerde (act. G 6). Sie führte an, nach der Auffassung des Bundesgerichtes
könne eine „nicht besonders schwerwiegende“ Verletzung des Anspruchs auf
rechtliches Gehör „geheilt“ werden. Selbst eine schwerwiegende Verletzung könne
„geheilt“ werden, wenn davon ausgegangen werden müsse, dass die Rückweisung der
Sache an die Vorinstanz zu einem „prozessualen Leerlauf“ führen würde. Die
Gehörsverletzung könne deshalb vorliegend „geheilt“ werden. Entgegen der Ansicht
der Beschwerdeführerin habe weder die Beschwerdegegnerin noch die
Ausgleichskasse bei der ursprünglichen Rentenzusprache im Jahr 1997 Kenntnis von
der Tätigkeit der Beschwerdeführerin in B._ gehabt. Bei der Rentenerhöhung im Jahr
2006 habe die Rente nicht komplett neu berechnet werden müssen, denn es habe sich
nur der Invaliditätsgrad geändert, was bedeute, dass der neue Rentenbetrag direkt aus
der massgebenden Rententabelle habe abgelesen werden können. Die
Erwerbstätigkeit der Beschwerdeführerin in B._ sei erst im Jahr 2014 bekannt
worden. Damals hätte die Rentenberechnung korrigiert werden müssen, was aber
versehentlich unterblieben sei. Dieser Fehler habe die Ausrichtung von
B.b.
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Erwägungen
1.
unrechtmässigen Rentenleistungen ausgelöst. Im Rahmen der provisorischen
Rentenvorausberechnung im Jahr 2015 sei die Ausgleichskasse davon ausgegangen,
dass die formell rechtskräftig zugesprochenen Rentenleistungen korrekt ermittelt
worden seien, weshalb sie nicht die ganze Berechnung nochmals neu überprüft habe.
Im Februar 2018 sei keine zweite Rentenvorausberechnung vorgenommen worden. Der
Fehler hätte folglich erst im Zuge der Berechnung der Altersrente des Ehemannes per
1. September 2018 am 18. Juli 2018 festgestellt werden müssen. Weil die
Rückforderungen erst im Oktober 2020 verfügt worden seien, seien sie tatsächlich
bereits verwirkt gewesen. Allerdings gelte dies nicht für die im Zeitraum von November
2019 bis und mit Oktober 2020 bezogenen Renten. Für diesen Zeitraum seien
unrechtmässig bezogene Rentenleistungen von insgesamt 6’096 Franken
zurückzufordern.
Die Beschwerdeführerin liess am 10. Mai 2021 an ihren Anträgen festhalten (act. G
8).
B.c.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 10).B.d.
Gemäss dem Art. 57a Abs. 1 IVG muss die IV-Stelle der versicherten Person den
vorgesehenen Endentscheid über ein Leistungsbegehren, den Entzug oder die Herab
setzung einer bisher gewährten Leistung sowie den vorgesehenen Entscheid über die
vorsorgliche Einstellung von Leistungen mittels eines Vorbescheides vorab mitteilen.
Der Art. 73 Abs. 1 IVV beschränkt diese Vorbescheidspflicht auf „Fragen“, die in den
Aufgabenbereich der IV-Stellen nach Art. 57 Abs. 1 lit. c–f IVG fallen, das heisst auf die
versicherungsmässigen Voraussetzungen, auf die Eingliederungsfähigkeit, auf
Eingliederungsmassnahmen und auf die Bemessung der Invalidität oder der
Hilflosigkeit. Das Bundesgericht hat diese Beschränkung der Vorbescheidspflicht als
gesetzmässig qualifiziert (BGE 134 V 97 E. 2 S. 101 ff.) und festgehalten, dass die
rückwirkende Herabsetzung einer Invalidenrente infolge einer Neuberechnung des
massgebenden durchschnittlichen Jahreseinkommens (oder einer anderen AHV-
rechtlichen Berechnungsgrundlage für den Rentenbetrag) verfügt werden könne, ohne
dass vorgängig ein „Vorbescheidsverfahren“ durchgeführt werden müsste; allerdings
müsse der versicherten Person das rechtliche Gehör gewährt werden (BGE 134 V 97
1.1.
bis
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Regeste). Dieser Auffassung des Bundesgerichtes folgend hätte die
Beschwerdegegnerin also der Beschwerdeführerin vor der Eröffnung der
angefochtenen Verfügungen das rechtliche Gehör im Sinne des Art. 42 ATSG
gewähren müssen, was sie aber nicht getan hat (weder in Bezug auf die am 28.
Oktober 2020 noch in Bezug auf die am 30. Oktober 2020 eröffnete Verfügung). Das
wird von der Beschwerdegegnerin auch nicht bestritten.
Die Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör (Art. 42 ATSG) ist (wie auch
eine Verletzung der Vorbescheidspflicht nach Art. 57a IVG) eine formelle
Rechtswidrigkeit, was bedeutet, dass das Verfahren, in dem die Verfügung zustande
gekommen ist, rechtswidrig abgelaufen ist. Dieser verfahrensrechtliche Mangel
widerspiegelt sich nicht im Inhalt der Verfügung selbst, weshalb er nicht durch eine
inhaltliche Korrektur der Verfügung behoben werden kann. Vielmehr muss die fehlerhaft
zustande gekommene Verfügung aufgehoben und die verfügende Behörde verpflichtet
werden, nochmals eine neue, dieses Mal aber in einem formal korrekten Verfahren
zustande gekommene Verfügung zu erlassen, das heisst der versicherten Person das
rechtliche Gehör zu gewähren und erst anschliessend – sich mit den etwaigen
Vorbringen der versicherten Person auseinandersetzend – zu verfügen. Entgegen der
von der Beschwerdegegnerin vertretenen Auffassung kann es sich bei einer solchen
Rückweisung zum Vorneherein nie um einen „Leerlauf“ handeln, wenn die verfügende
Behörde gewillt ist, ihre gesetzliche Aufgabe rechtmässig zu erfüllen, das heisst die
versicherte Person „ernsthaft“ anzuhören. Nur wenn davon ausgegangen werden
müsste, dass die verfügende Behörde befangen oder zum Vorneherein nicht gewillt sei,
sich mit den allfälligen Vorbringen der versicherten Person auseinanderzusetzen,
könnte von einem „formalistischen Leerlauf“ gesprochen werden. Obwohl die
Beschwerdegegnerin mit ihrer Behauptung, eine Aufhebung der angefochtenen
Verfügungen und eine Rückweisung zur Gewährung des rechtlichen Gehörs würde
vorliegend einem „formalistischen Leerlauf gleichkommen, kann nicht davon
ausgegangen werden, dass sie sich selbst für befangen oder für unfähig erachtet hat,
das rechtliche Gehör in einer rechtmässigen Weise zu gewähren. Wäre sie nämlich
befangen, hätte sie nicht eine teilweise Gutheissung, sondern vielmehr die Abweisung
der Beschwerde beantragt. Auch die übrigen Akten enthalten keinen Hinweis darauf,
dass die Beschwerdegegnerin befangen oder unfähig wäre, das rechtliche Gehör zu
gewähren, sodass eine Rückweisung zur Gewährung des rechtlichen Gehörs als ein
„formalistischer Leerlauf“ qualifiziert werden müsste.
1.2.
Nach der Ansicht des Bundesgerichtes kann eine Verfahrensrechtswidrigkeit unter
Umständen „geheilt“ werden, womit aber nicht die eigentliche „Heilung“ – die
1.3.
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2.
Im Sinne eines obiter dictum ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesgericht seine
langjährige konstante Praxis zur einjährigen, relativen Verwirkungsfrist in neueren
Entscheiden (vgl. etwa die Urteile 8C_642/2014 vom 23. März 2015 und 8C_640/2014
vom 19. Dezember 2014) geändert und sich neu auf den Standpunkt gestellt hat, die
einjährige, relative Verwirkungsfrist beginne erst mit dem Eintritt der formellen
Rechtskraft der (die Rückforderung zur Folge habenden) Korrekturverfügung zu laufen.
Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hat in seinem Entscheid IV 2014/559
vom 16. November 2016 (vgl. dort die E. 2.2) mit einer ausführlichen Begründung
aufgezeigt, weshalb es sich bei dieser neuen Praxis des Bundesgerichtes um die
Behebung – des Mangels, sondern vielmehr ein „Ignorieren“ desselben gemeint ist.
Begründet wird diese Ansicht mit der „zudienenden“ Funktion des Verfahrensrechtes,
das nur auf eine Durchsetzung des materiellen Rechtes abziele, und mit dem Interesse
der versicherten Person an einem raschen materiellen Abschluss eines Verfahrens,
wobei das Bundesgericht unter einem „Verfahren“ die ganze Abfolge von Verfahren
(Verwaltungs-, Einsprache-, kantonale Beschwerde- und bundesgerichtliche
Beschwerdeverfahren) von der Anmeldung zum Leistungsbezug bis zum formell
rechtskräftigen materiellen Entscheid über den Leistungsanspruch versteht. Die
versicherte Person soll also die Möglichkeit haben, einem raschen materiellen
Entscheid den Vorzug gegenüber einer formal in jeder Hinsicht korrekten Durchführung
des Verfahrens einzuräumen, das heisst auf die Behebung eines formellen Mangels zu
„verzichten“, um rascher an einen materiellen Entscheid zu kommen. An einer
Beschleunigung des Verfahrens kann nur die versicherte Person ein schützenswertes
Interesse haben, denn augenscheinlich kann es weder für die Verwaltung noch für das
Gericht eine Rolle spielen, wie lange ein Verfahren hängig ist. Eine „Heilung“ (ein
Ignorieren) einer Verfahrensrechtswidrigkeit kommt folglich nur in Frage, wenn die
versicherte Person dies ausdrücklich beantragt oder wenn wenigstens aus ihren
Eingaben eindeutig hervorgeht, dass sie eine rasche materielle Erledigung einem formal
in jeder Hinsicht korrekten Entscheid vorzieht. Die Beschwerdeführerin hat
ausdrücklich die Behebung der Verfahrensrechtswidrigkeit beantragt. Ihren materiellen
Beschwerdeantrag hat sie explizit als einen Eventualantrag bezeichnet. Damit steht
zweifellos fest, dass sie eine formal korrekte Durchführung des Verwaltungsverfahrens
einer raschen materiellen Entscheidung vorzieht, weshalb eine „Heilung“ der
Gehörsverletzung nicht in Frage kommt. Die angefochtenen Verfügungen sind folglich
aufzuheben und die Sache ist zur Gewährung des rechtlichen Gehörs nach Art. 42
ATSG und zur anschliessenden neuen Verfügung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
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zutreffende Interpretation des Art. 25 Abs. 2 ATSG handeln muss. Hätte sich das
Versicherungsgericht vorliegend materiell mit den angefochtenen Verfügungen
befassen müssen, hätte es deshalb die Frage nach einer allfälligen Verwirkung der
Rückforderung – in Abweichung vom von den Parteien vertretenen Standpunkt –
ausgehend vom Zeitpunkt des Eintrittes der formellen Rechtskraft der
Korrekturverfügung beantwortet (vgl. auch die Entscheide EL 2016/8 vom 26. Juni
2017, E. 5.2; EL 2016/21 vom 20. Dezember 2017, E. 6; EL 2016/28 vom 3. Januar
2018, E. 3.2; EL 2016/51 vom 7. Februar 2018, E. 3.2; UV 2016/13 vom 9. März 2018,
E. 6.1; EL 2017/34 vom 4. September 2018, E. 3.7; IV 2018/68 vom 26. Juni 2020, E.
2.4; EL 2018/54 vom 21. September 2020, E. 3.1).
3.
Die Rückweisung einer Sache gilt hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen
rechtsprechungsgemäss als ein vollständiges Obsiegen der beschwerdeführenden
Partei. Die angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600 Franken
festzusetzenden Gerichtskosten sind deshalb der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Der Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete Kostenvorschuss von 600 Franken
zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin eine
Parteientschädigung auszurichten. Die Versicherungsrichterinnen und
Versicherungsrichter haben in einer Plenarsitzung vom 21. Mai 2021 beschlossen, die
Ansätze für die Parteientschädigungen um 500 Franken zu erhöhen, sodass für einen
durchschnittlich aufwendigen IV-Rentenfall nun eine Parteientschädigung von 4’000
Franken ausgerichtet wird. Aus Praktikabilitätsgründen haben sich die
Versicherungsrichterinnen und Versicherungsrichter dafür entschieden, diese
Praxisänderung sofort auch auf alle am 21. Mai 2021 hängigen Fälle anzuwenden. Die
Beschwerdegegnerin erleidet dadurch einen Nachteil, denn sie muss vorliegend nur
deshalb eine um 500 Franken höhere Parteientschädigung ausrichten, weil dieses
Beschwerdeverfahren erst nach dem 21. Mai 2021 entschieden worden ist. Im
Interesse der Praktikabilität soll sie diesen Nachteil aber tragen müssen. Bei einer
durchschnittlichen Parteientschädigung von 3’500 Franken wäre die
Parteientschädigung vorliegend auf 2’500 Franken festzusetzen, weil sich der
Rechtsstreit nur um die Rentenberechnung und nicht um die Bemessung des
Invaliditätsgrades gedreht hat. Angesichts der Erhöhung der durchschnittlichen
Parteientschädigung auf 4’000 Franken hat die Beschwerdegegnerin der
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Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung von 3’000 Franken (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) auszurichten.