Decision ID: ed712d5d-b495-4082-aed4-1a3e17474dad
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Christine Kessi, c/o procap, Froburgstrasse 4,
Postfach, 4601 Olten,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 6. Mai 2008 zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1).
Dabei gab sie u.a. an, sie habe keinen Beruf erlernt. Gemäss den Arbeitgeberberichten
(IV-act. 12, 15) war die Versicherte vom 1. Mai bis 31. Dezember 2007 als Küchenhilfe
in einem Restaurant und vom 1. bis 27. Januar 2008 in der gleichen Funktion im
Imbissstand ihres Ehemanns tätig gewesen. Laut einer Telephonnotiz vom 30. Mai
2008 gab Dr. B._ von der psychiatrischen Klinik C._ an (IV-act. 16), die Versicherte
leide an einer mittelgradigen depressiven Episode mit somatischem Syndrom vor dem
Hintergrund einer familiären Belastungssituation. Die Arbeitsfähigkeit betrage 50%. Dr.
med. D._ berichtete der IV-Stelle am 23. Juni 2008 (IV-act. 20-1 ff.), die Versicherte
leide an einer rezidivierend depressiven Störung mit somatischem Syndrom, an einer
Anpassungsstörung (familiäre Probleme, schützende Aufnahme im Frauenhaus) und an
Fibromyalgie. Sie sei seit dem 22. Januar 2008 zu 100% arbeitsunfähig. Die
medizinischen Massnahmen beschränkten sich auf das Aufrechterhalten eines
minimalen "Vegetationslevels". Dr. D._ legte zwei Austrittsberichte der
psychiatrischen Klinik C._ bei. Im Bericht vom 2. April 2008 war ausgeführt worden
(IV-act. 20-5 ff.), die Versicherte leide an einer rezidivierend depressiven Störung,
gegenwärtig mittelgradige Episode, mit somatischem Syndrom. Sie sei vom 22. Januar
bis 1. April 2008 hospitalisiert gewesen. Der Beginn der depressiven Symptomatik sei
ca. auf das Jahr 2004 festzulegen. Damals habe es zunehmend Probleme in der Ehe
gegeben. Die Versicherte habe unter aggressiven Impulsdurchbrüchen mit verbaler und
tätlicher Gewalt seitens ihres Ehemanns gelitten. Aktuell leide sie auch an diffusen
Ganzkörperschmerzen, die aufgrund der nichtpathologischen Befunde mit grosser
Wahrscheinlichkeit auf einen psychischen Zusammenhang hinwiesen. Nach den
Wochenendaufenthalten zuhause sei die Versicherte immer in einem deutlich
schlechteren Zustand zurückgekehrt. Sie habe dann über massive
Ganzkörperschmerzen berichtet. Im Austrittsbericht vom 25. April 2008 (IV-act. 20-9 ff.)
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betreffend den stationären Aufenthalt vom 7. bis 25. April 2008 war dieselbe Diagnose
wie im früheren Bericht gestellt worden. Weiter war angegeben worden, die Versicherte
sei sehr besorgt und ängstlich wegen des Sorgerechts für ihre Tochter. Dies äussere
sich in Schlafstörungen, einer gedrückten Stimmungslage und in einer verstärkten
Schmerzsymptomatik. Dr. med. E._, Oberarzt, und Dr. med. F._, Assistenzärztin
des Ambulatoriums für Sozialpsychiatrie, berichteten am 4. Juli 2008 (IV-act. 22), die
Diagnose laute: Rezidivierend depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode,
mit somatischem Syndrom und Fibromyalgie. Die Versicherte leide zur Zeit sehr unter
ihrer generalisierten Schmerzproblematik. Die Schmerzen seien dauernd vorhanden
und quälend. Die Versicherte sei sehr niedergeschlagen, sie fühle sich müde und sei
kaum in der Lage, den Haushalt zu besorgen. Zudem zeige sie einen mittelschwer bis
schwer ausgeprägten sozialen Rückzug. Die Depression sei grundsätzlich behandelbar.
Es sei möglich zu lernen, mit den Schmerzen umzugehen. Das könne aber lange
dauern und sei stark von den Lebensumständen abhängig. Die Versicherte fühle sich
zu 100% arbeitsunfähig. Objektiv bestehe aber nur eine Arbeitsunfähigkeit von 50%.
A.b Die IV-Stelle beauftragte die MEDAS Ostschweiz mit einer polydisziplinären
Abklärung (IV-act. 37). Die Sachverständigen der MEDAS Ostschweiz führten in ihrem
Gutachten vom 24. April 2009 aus (IV-act. 43), die Versicherte habe mit
siebzehneinhalb Jahren geheiratet. Der Ehemann habe sich bald als gewalttätig
gezeigt. Seit vier bis fünf Jahren lebe sie vorwiegend von ihm getrennt. Vor etwa zwei
Jahren habe sie nochmals mit ihm zusammen gewohnt, aber er habe bald wieder
angefangen, sie zu schlagen. Sie sei dann für etwa sieben Wochen in das Frauenhaus
geflüchtet. Die neunjährige Tochter habe Lernprobleme und besuche eine
sozialpädagogische Sonderschule. Die Versicherte habe weiter angegeben, sie leide
seit Jahren an Schmerzen in allen Knochen bzw. im ganzen Körper, vom Kopf bis zu
den Zehen. Sie fühle sich stets müde und energielos, habe täglich Kopfschmerzen und
in den Händen oft brennende Schmerzen. Der psychiatrische Sachverständige gab an,
er habe festgestellt, dass keine anhaltende somatoforme Schmerzstörung vorliege,
denn die Versicherte habe zuwenig konsistente Angaben gemacht. Im psychiatrischen
Gespräch habe die Versicherte die psychosozialen Belastungen mehr in den
Vordergrund gestellt als ihre Leiden. Durch eine systematische Befragung mittels
Formularen und durch die Beobachtung habe die depressive Störung eingeengt und
auf ein mittelschweres Mass geschätzt werden können. Aus dem unter Anrechnung
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von relativ starken somatischen Symptomen als mittelschwer zu qualifizierenden
depressiven Syndrom könne eine Arbeitsunfähigkeit von 50% abgeleitet werden. Dass
die Versicherte sich nicht in der Lage fühle, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, habe
versicherungsfremde Anteile sowie einen sekundären Krankheitsgewinn. Die
Arbeitsunfähigkeit von 50% bestehe spätestens seit dem Eintritt in die psychiatrische
Klinik am 22. Januar 2008. Die Versicherte habe eine adäquate sozialpsychiatrische
Unterstützung und nehme die verschriebenen Antidepressiva offenbar richtig ein. Die
Diagnosen unter Einbezug aller beteiligten Sachverständigen lauteten: Rezidivierend
depressive Störung, gegenwärtig mittelschwere Episode mit somatischem Syndrom
(bei Migrationsproblematik, Scheidung, Kind mit Lernstörung, Arbeitslosigkeit),
diffuses, praktisch generalisiertes chronisches Schmerzsyndrom mit vielen vegetativen
Begleiterscheinungen, Femoropatellärsyndrom bds. (St. n. Arthroskopie rechtes Knie)
und beginnende mediale Gonarthrose bds. (gemäss Röntgen vom 3. März 2009). In der
Gesamtbeurteilung wurde zu den somatischen Diagnosen ausgeführt, die Versicherte
habe über Ganzkörperschmerzen einhergehend mit vielen vegetativen Begleit
beschwerden geklagt. Sie habe eine generalisierte Druckempfindlichkeit und eine
verminderte Oberflächensensibilität in den linken Extremitäten angegeben. Es seien
viele Zeichen für ein nichtorganisches Krankheitsverhalten festzustellen gewesen
(diffuse Symptombeschreibung, weitgehende Erfolglosigkeit der bisherigen
Behandlungen, angesichts der objektiven Befunde nicht plausibles Ausmass der
angegebenen Behinderung, stark eingeschränkte Selbsteinschätzung der körperlichen
Fähigkeiten). Die polydisziplinäre Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit entsprach der
vom psychiatrischen Sachverständigen vorgegebenen: 50% spätestens seit dem 22.
Januar 2008. Den Sachverständigen der MEDAS Ostschweiz hatte u.a. ein Gutachten
von Dr. med. G._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 28. November 2008
vorgelegen (Fremdakten). Dr. G._ hatte angegeben, im Rahmen der verheerenden
Ehesituation sei es bei der Versicherten sehr glaubhaft vor vier Jahren zur Entwicklung
einer Anpassungsproblematik und aufgrund der unbewussten emotionalen Konflikte zu
einer Somatisierungsstörung gekommen. Die erhobenen psychopathologischen
Merkmale ergänzt mit den anamnestischen Angaben erfüllten gegenwärtig die Kriterien
einer leichten depressiven Episode sowie einer undifferenzierten
Somatisierungsstörung. Die Versicherte sei zu 50% arbeitsunfähig. Die Ursache dafür
seien die reduzierte psychische Belastbarkeit, die rasche Ermüdbarkeit, die
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Gedankeneinengung, die leichten Antriebsstörungen und die allgemeine
Dekonditionierung.
A.c Am 12. Januar 2010 erfolgte eine Haushaltabklärung. Dabei wurde festgestellt,
dass aufgrund der persönlichen Situation und der geringen Verdienstmöglichkeiten von
einem hypothetischen Vollerwerb auszugehen sei. Deshalb nahm die IV-Stelle in der
Folge zur Ermittlung des Invaliditätsgrads der Versicherten einen reinen
Einkommensvergleich vor. Sie stellte sowohl für das Validen- als auch für das
Invalideneinkommen auf den schweizerischen Durchschnittslohn der Hilfsarbeiterinnen
ab. Bei der Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens ging sie davon aus, dass
aufgrund der höchstrichterlichen Rechtsprechung von einer vollständigen
Überwindbarkeit der angegebenen Arbeitsunfähigkeit von 50% auszugehen sei. Damit
ergab der Einkommensvergleich keine Invalidität (IV-act. 56). Die Versicherte liess am
18. August 2010 einwenden (IV-act. 62), eine depressive Episode sei nicht dasselbe
wie eine depressive Störung. Bei letzterer fehle die zeitliche Beschränkung. Damit sei
die Möglichkeit der Überwindung wesentlich eingeschränkt. Unter diesen Umständen
sei von der im MEDAS-Gutachten ermittelten Arbeitsunfähigkeit von 50% auszugehen.
Mit einer Verfügung vom 9. September 2010 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren ab
(IV-act. 63).
B.
B.a Die Versicherte liess am 12. Oktober 2010 Beschwerde erheben und sinngemäss
die Zusprache einer halben Invalidenrente ab 1. Januar 2009 beantragen (act. G 1). Zur
Begründung wurde insbesondere geltend gemacht, die von der Beschwerdegegnerin
angeführte Rechtsprechung betreffe depressive Episoden, die durch eine zumutbare
Willensanstrengung überwindbar sein sollten. Auf die vorliegend gestellte Diagnose
einer rezidivierend depressiven Störung sei diese Rechtsprechung nicht anwendbar.
Eine solche Störung sei sehr wohl geeignet, eine Invalidität zu bewirken. Bei einer
Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit von 50% und unter Berücksichtigung
eines zusätzlichen Abzugs ergebe sich ein Invaliditätsgrad von wenigstens 50%.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 17. Dezember 2010 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Sie führte aus, bei der bei der Beschwerdeführerin
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diagnostizierten mittelgradigen depressiven Störung handle es sich nur um eine
reaktive Begleiterscheinung zur Schmerzstörung. Das ergebe sich daraus, dass das
MEDAS-Gutachten die depressive Störung zusammen mit dem somatischen Syndrom
nenne. Eine solche Depression stelle zum Vornherein keine Komorbidität dar, weil kein
von depressiven Verstimmungszuständen klar unterscheidbarer, verselbständigter und
pathologischer Gesundheitsschaden vorliege. Deshalb spiele es auch keine Rolle, ob
die Depression als Episode oder als Störung eingestuft werde. Den ätiologisch-
pathogenetisch unerklärlichen syndromalen Leidenszuständen komme mangels
Objektivierbarkeit keine invalidisierende Wirkung zu. Da auch keine anderen Faktoren
gegeben seien, die eine zumutbare Willensanstrengung verhindern könnten, sei von
einer vollen Arbeitsfähigkeit auszugehen. Damit könne der Einkommensvergleich keine
Invalidität ergeben.
B.c Die Beschwerdeführerin liess am 18. Januar 2011 einwenden (act. G 8), im
MEDAS-Gutachten werde dargelegt, dass es sich bei der depressiven Störung nicht
um eine reaktive Begleiterscheinung zur Schmerzstörung, sondern um einen von
depressiven Verstimmungszuständen und depressiven Episoden klar
unterscheidbaren, verselbständigten und pathologischen Gesundheitszustand handle.
Die Einschätzung der Schwere der depressiven Störung sei unter ausdrücklicher
Ausklammerung der versicherungsfremden Faktoren erfolgt. Der RAD, dem die
bundesgerichtliche Rechtsprechung sicherlich bekannt sei, habe die Erfüllung der
Foerster'schen Kriterien nicht geprüft. Er sei also auch davon ausgegangen, dass es
sich bei der depressiven Störung um einen verselbständigten pathologischen
Gesundheitszustand und nicht um eine somatoforme Schmerzstörung handle.
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 25. Januar 2011 auf eine Duplik (act. G
11).

Erwägungen:
1.
Anspruch auf eine Invalidenrente hat, wer zu mindestens 40% invalid ist (Art. 28 Abs. 1
lit. c und Abs. 2 IVG). Da die Beschwerdeführerin im hypothetischen "Gesundheitsfall"
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vollerwerbstätig wäre, ist die Invalidität anhand eines reinen Einkommensvergleichs zu
ermitteln. Gemäss Art. 16 ATSG ist zur Bemessung des Invaliditätsgrads das
Einkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der Invalidität und nach der
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung zu setzen zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen).
1.1 Das ausschlaggebende Element der Bemessung des zumutbaren
Invalideneinkommens - und damit indirekt des Invaliditätsgrads - ist in aller Regel der
Grad der verbliebenen Arbeitsfähigkeit. Die Beschwerdeführerin hat keinen Beruf
erlernt, so dass sie als Hilfsarbeiterin einzustufen ist. Es ist ihr deshalb ohne weiteres
zumutbar, im Ausmass ihrer verbliebenen Arbeitsfähigkeit einer Hilfsarbeit
nachzugehen. Es muss sich um eine der Behinderung optimal gerecht werdende
Hilfsarbeit handeln, damit die verbleibende Arbeitsfähigkeit - der allgemeinen
Schadenminderungspflicht (vgl. U. Kieser, ATSG-Kommentar, 2. A., Vorbemerkungen
N. 48) Rechnung tragend - bestmöglich verwertet werden kann. Wenn in Art. 6 Satz 1
ATSG von der durch eine Gesundheitsbeeinträchtigung bewirkten Einschränkung bei
der Fähigkeit, im bisherigen Beruf zumutbare Arbeit zu leisten, die Rede ist, so kann
damit im Zusammenhang mit der Bemessung des zumutbaren Invalideneinkommens
der Beschwerdeführerin also nur die Arbeitsunfähigkeit in einer
behinderungsadaptierten Hilfsarbeit gemeint sein. Diese Arbeitsunfähigkeit muss eine
objektive sein. Die Erfahrung zeigt, dass die Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung in ihrer
Gesundheit beeinträchtigter Personen oft von der objektiven Arbeitsunfähigkeit
abweicht. In solchen Fällen ist die Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung in aller Regel zu
pessimistisch, d.h. die Person hält sich für in einem geringeren Grad arbeitsfähig, als
sie es objektiv ist. Die Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung kann durch eine zumutbare
Willensanstrengung (Arbeiten trotz Schmerzen/Beschwerden) i.d.R. in dem Ausmass
überwunden werden, in dem sie über der objektiv bestehenden Arbeitsunfähigkeit liegt.
Daraus folgt, dass jede Einschätzung der objektiven Arbeitsfähigkeit durch eine
medizinische Fachperson auch die Frage nach der zumutbaren Willensanstrengung
beantworten muss (wobei die Antwort - beispielsweise bei einer im Koma liegenden
Person - auch ganz offensichtlich sein kann). Bei den meisten
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Gesundheitsbeeinträchtigungen geschieht dies stillschweigend. Besondere Bedeutung
hat die zumutbare Willensanstrengung zur Überwindung der
Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung bei Personen, die an einer somatoformen
Schmerzstörung oder einer vergleichbaren Erkrankung leiden. Nach der von der
Beschwerdegegnerin in ihrer Beschwerdeantwort zitierten höchstrichterlichen
Rechtsprechung sind nämlich somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare
pathogenetisch bzw. ätiologisch unklare syndromale Zustände nur dann geeignet, eine
objektive Arbeitsunfähigkeit zu bewirken, wenn die Willensanstrengung zur
(vollständigen) Überwindung der Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung durch bestimmte
Faktoren be- oder gar verhindert wird. Einer dieser Faktoren ist das Bestehen einer
psychischen Komorbidität von erheblicher Schwere, Dauer und Ausprägung. Das
bedeutet, dass eine somatoforme Schmerzstörung bzw. ein vergleichbarer
pathogenetisch oder ätiologisch unklarer syndromaler Zustand grundsätzlich durch
eine zumutbare Willensanstrengung überwunden werden kann. Das gilt nach der in der
Beschwerdeantwort zitierten höchstrichterlichen Rechtsprechung selbst dann, wenn
die psychische Komorbidität in einer mittelgradigen Depression besteht. Begründet
wird diese Auffassung damit, dass es sich bei einer solchen Depression um eine
reaktive Begleiterscheinung handle, da sie kein von depressiven
Verstimmungszuständen klar unterscheidbarer verselbständigter und pathologischer
Gesundheitsschaden sei. Offenbar wird also von einem unlösbaren medizinischen
Beweisproblem ausgegangen, das immer dann entsteht, wenn eine Depression ihre
Ursache in einer somatoformen Schmerzstörung oder einem vergleichbaren Zustand
hat. Das Beweisproblem scheint darin zu bestehen, dass die Schwere der neben der
somatoformen Schmerzstörung bzw. neben einer vergleichbaren Symptomatik als
Komorbidität auftretenden Depression - und damit deren Einfluss auf die Zumutbarkeit
einer Willensanstrengung zur Überwindung der Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung - nicht
objektiv erhoben werden kann. Ein solches Beweisproblem kann aber dann nicht
bestehen, wenn die Depression die Grunderkrankung - und nicht die Komorbidität - ist
und wenn sie die medizinische Ursache für das zusätzlich auftretende
Schmerzsyndrom ist. In diesen Fällen ist die Schwere der Depression
ausschlaggebend für die objektive Arbeitsunfähigkeit, denn deren Auswirkung auf die
Psyche erschwert oder verunmöglicht eine Willensanstrengung. Dass daneben - als
Komorbidität der Depression - auch noch ein Schmerzsyndrom aufgetreten ist, scheint
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die Willensanstrengung zumindest im vorliegenden Fall nicht zusätzlich zu behindern.
Besteht die Hauptkrankheit in einer Depression, fehlt das oben festgestellte
Beweisproblem, weil der entscheidende Einfluss auf die Möglichkeit einer
Willensanstrengung zur Überwindung der Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung von der
Depression (unter Berücksichtigung des Schweregrads) ausgeht. Im vorliegenden Fall
stimmen die mit der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin befassten
medizinischen Fachpersonen sowohl in Bezug auf den Schweregrad der Depression
als in Bezug auf die Höhe der daraus resultierenden Arbeitsunfähigkeit überein. Die
sich für zu 100% arbeitsunfähig haltende Beschwerdeführerin wird als mittelgradig
depressiv eingeschätzt und es wird davon ausgegangen, dass sie die
Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung durch eine zumutbare Willensanstrengung zu 50% zu
überwinden vermöchte. Nur Dr. D._ teilt die Auffassung der Beschwerdeführerin und
geht von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Arten von Hilfsarbeiten
aus. Bei der Würdigung dieser Aussage ist der Erfahrungstatsache Rechnung zu
tragen, dass Hausärzte dazu neigen, die Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung ihrer
Patienten als objektiv zu betrachten. Das trifft auch auf Dr. D._ zu, so dass seine
Arbeitsfähigkeitsschätzung die Überzeugungskraft der Schätzung insbesondere der
Sachverständigen der MEDAS nicht zu erschüttern vermag. Da kein Anwendungsfall
der von der Beschwerdegegnerin zitierten höchstrichterlichen Rechtsprechung vorliegt,
muss die Anwendung der Foerster'schen Kriterien unterbleiben. Es steht mit dem
erforderlichen Beweismass der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass die
Beschwerdeführerin in einer behinderungsadaptierten Hilfsarbeit zu 50% arbeitsfähig
ist.
1.2 Die Beschwerdeführerin hat sich am 6. Mai 2008 zum Leistungsbezug
angemeldet. Im Gutachten der MEDAS ist zum Beginn der Arbeitsunfähigkeit von 50%
angegeben worden, das depressive Syndrom sei seit anfangs Februar 2004
dokumentiert; es dürfte im Durchschnitt um ein mittelschweres Ausmass geschwankt
haben; als Beginn der 50%igen Arbeitsunfähigkeit könne die Hospitalisation in der
psychiatrischen Klinik (22. Januar 2008) als spätester Zeitpunkt angenommen werden.
Grundsätzlich wäre zu erwarten, dass eine psychische Krankheit, die schon jahrelang
besteht und schliesslich eine Hospitalisation in einer psychiatrischen Klinik nötig
macht, schon einige Zeit vor dem Klinikeintritt eine Schwere erreicht hat, die eine
Arbeitsunfähigkeit von wenigstens 20% bewirkt und damit den Lauf des Wartejahres
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ausgelöst hat. Das war aber nicht der Fall. Die erste Arbeitgeberin hat nämlich
angegeben, die Beschwerdeführerin sei am 31. Dezember 2007 gesund ausgetreten,
der Hausarzt hat ebenfalls erst ab 22. Januar 2008 eine Arbeitsunfähigkeit angegeben
und die Beschwerdeführerin selbst ist auch davon ausgegangen, dass das Wartejahr
erst am 22. Januar 2008 zu laufen begonnen habe. Damit können weitere
Nachforschungen zum Beginn einer den Lauf des Wartejahrs auslösenden
Arbeitsunfähigkeit unterbleiben. Es ist ein Rentenanspruch ab 1. Januar 2009 zu
prüfen. Da die Beschwerdeführerin sich mehr als sechs Monate vor dem Rentenbeginn
angemeldet hat, kann die Frage offen bleiben, ob die geltende Regelung (Art. 29 Abs.
1) oder die frühere Regelung (aArt. 29 Abs. 1 lit. b und aArt. 48 IVG) anwendbar ist. Der
Einkommensvergleich hat anhand des Lohnniveaus 2009 zu erfolgen. Das Validen- und
das Invalideneinkommen sind anhand ein und desselben Durchschnittseinkommens zu
ermitteln. Dieses Durchschnittseinkommen beläuft sich gemäss den Angaben im
Anhang 2 zu der von der Informationsstelle AHV/IV herausgegebenen Textausgabe
2012 des IVG auf Fr. 52'457.--. Bei einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 50% resultiert ein
Einkommen von Fr. 26'228.--. Aufgrund ihrer Krankheit und ihrer Teilarbeitsfähigkeit
hätte die Beschwerdeführerin an einem Arbeitsplatz indirekte Nachteile in Kauf zu
nehmen, die bei gesunden Hilfsarbeiterinnen nicht vorhanden sind und die deshalb -
als indirekte Lohnkosten - einen zusätzlichen Abzug vom Tabellenlohn rechtfertigen. Zu
diesen Nachteilen gehören die aus der Sicht eines potentiellen Arbeitgebers
bestehende Gefahr überdurchschnittlicher Krankheitsabsenzen, die fehlende Flexibilität
in quantitativer (keine Überstunden) und qualitativer (kein Wechsel an einen nicht
adaptierten Arbeitsplatz) Art, ein von einem potentiellen Arbeitgeber erwarteter Bedarf
nach besonderer Rücksichtnahme usw. Diese Nachteile rechtfertigen praxisgemäss
einen zusätzlichen Abzug vom Tabellenlohn von 10%. Das zumutbare
Invalideneinkommen beträgt somit Fr. 23'605.--. Die Erwerbseinbusse von Fr. 28'852.--
entspricht einem Invaliditätsgrad von 55%. Die Beschwerdeführerin hat somit ab
Januar 2009 einen Anspruch auf eine halbe Invalidenrente. Der Grundsatz
"Eingliederung vor Rente" (vgl. U. Kieser, a.a.O., Vorbemerkungen N. 47) ist dadurch
nicht verletzt, denn bei der Beschwerdeführerin käme zum Vornherein nur eine
sogenannt höherwertige Ausbildung, also eine erstmalige qualifizierte Berufsausbildung
in Frage. Eine solche Ausbildung wäre zwar geeignet, durch die Anhebung des
Lohnniveaus trotz eines weiterbestehenden Arbeitsunfähigkeitsgrades von 50% das
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Invalideneinkommen ansteigen zu lassen, wodurch der Invaliditätsgrad sinken würde.
Die Beschwerdeführerin verfügt aber mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht über
die nötigen Ressourcen (intellektuell, schulisch, depressionsbedingt nicht
leistungsfähig), um eine solche Umschulung erfolgreich zu absolvieren.
2.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist der Beschwerdeführerin rückwirkend ab Januar
2009 eine halbe Invalidenrente zuzusprechen. Die Sache ist zur Ermittlung des
Rentenbetrags und zur Ausrichtung der Rentenleistungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. In Bezug auf die Verfahrenskosten ist von einem vollumfänglichen
Obsiegen der Beschwerdeführerin auszugehen. Diese hat deshalb gegenüber der
Beschwerdegegnerin einen Anspruch auf eine Parteientschädigung, die praxisgemäss
auf Fr. 3'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist. Die unter
liegende Beschwerdegegnerin hat eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP