Decision ID: 8309f44a-67b4-4146-a178-6b1244e20b9e
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 2009, leidet seit Geburt an einer
kongenitalen Hemiparese rechts mit motorisch leichter funktioneller Einschränkung unklarer Ätiologie
(
Geburtsgebrechen Ziffer 390;
Urk. 7/
5
Ziff.
1.1 und 1.3
) und unter
zieht sich aus diesem Grund
ärztlich verordneten physiotherapeutischen Be
handlungen (Urk. 7/5 Ziff. 1.6 und 2.7). Die entsprechenden Kosten für die Zeit vom 22. Januar 2014 bis 31. Januar 2016
übernahm
die Sozialversicherungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, mit Verfügung vom 10. September 2014 (Urk. 7/14
, Anmeldung vom 28. Februar 2014, Urk. 7/2)
.
Am 14. November 2014 ersuchte die Firma
Z._
bei der IV-Stelle
um Kostengutsprache für eine Unterschenkel-Orthese im Um
fang von insgesamt Fr. 2‘696.35
(Urk. 7/18). Die IV-Stelle holte in der Folge
ei
nen aktuellen
medizinische
n
Bericht (Urk. 7/22) sowie eine Stellungnahme der Hilfsmittelberatung für Behinderte (SAHB
, Urk. 7/23
) ein. Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 7/25) erteilte die IV-Stelle Kostengutsprache in der Höhe von Fr. 2‘447.50 an die Unterschenkel-Orthese gemäss Kostenvoranschlag vom 14. November 2014 (Urk. 7/28 = Urk. 2).
2.
Gegen die Verfügung vom 18. Februar 2015 (Urk. 2) erhob die Mutter des Versi
cherten am 17. März 2015 Beschwerde und beantragte die Übernahme auch der Kosten für das kleine Deckelteil (Urk. 1).
Mit Beschwerdeantwort vom
12. Mai 2015 beantragte die IV-Stelle, es sei auf die Beschwerde nicht einzutreten, nachdem die vorliegend strittige Tarifposition zu Lasten der Orthopädiefirma gehe und nicht der versicherten Person anzulasten sei (Urk. 6 S. 1). Mit Verfü
gung vom 8. Juni 2015 trat die zuständige Einzelrichterin auf die Beschwerde ein und setzte der IV-Stelle Frist
an, um sich in materieller Hinsicht zu den Vorbringen des Beschwerdeführers zu äussern (Urk. 8). Die Eingabe der IV-Stelle vom 18. Juni 2015 (Urk. 9) wurde dem Versicherten am 22. Juni 2015 zu
gestellt (Urk. 10). Mit Verfügung vom 2. Juli 2015 wurde die
Z._
zum Prozess beigeladen (Urk. 11), welche am 31. Juli 2015 ihre Stellungnahme einreichte (Urk. 13). Mit Schreiben vom 20
. August 2015 verzichtete die Beschwerdegegnerin auf das Einreichen einer Stellungnahme (Urk. 17), was den übrigen Parteien am 11. September 2015 mitgeteilt wurde (Urk. 18). Der Beschwerdeführer liess sich innert Frist nicht vernehmen.
Die Einzelrichterin

zieht in Erwägung:
1.
Gegenstand des Verfahrens ist die Kostengutsprache für ein kleines Deckelteil für eine Unterschenkel-Orthese, wofür dem Kostenvoranschlag vom 14. November 2014 ein Betrag von insgesamt Fr. 248.85 zu entnehmen ist (Urk. 7/18).
Da der Streitwert Fr. 20’000.-- somit nicht übersteigt, fällt die Beur
teilung der
Beschwerde
in die einzelrichterliche Zuständigkeit (§ 11 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht).
2.
Gemäss Art. 21
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (
IVG
)
hat die versicherte Person im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste An
spruch auf jene Hilfsmittel, deren sie für die Ausübung der Erwerbstätigkeit oder der Tätigkeit im Aufgabenbereich, zur Erhaltung oder Verbesserung der Erwerbsfähigkeit, für die Schulung, die Aus- und Weiterbildung oder zum Zwe
cke der funktionellen Angewöhnung bedarf (Abs. 1). Versicherte, die infolge ihrer Invalidität für die Fortbewegung, für die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbstsorge kostspieliger Geräte bedürfen, haben im Rah
men einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste ohne Rücksicht auf die Er
werbsfähigkeit Anspruch auf solche Hilfsmittel (Abs. 2). Die Versicherung gibt die Hilfsmittel zu Eigentum oder leihweise in einfacher und zweckmässiger Ausführung ab. Ersetzt ein Hilfsmittel Gegenstände, die der Versicherte auch ohne Invalidität anschaffen müsste, so hat er sich an den Kosten zu beteiligen (Abs. 3). Der Bundesrat kann vorsehen, dass der Versicherte ein leihweise abge
gebenes Hilfsmittel nach Wegfall der Anspruchsvoraussetzungen weiter ver
wenden darf (Abs. 4).
Die Befugnis zur Aufstellung der Hilfsmittelliste und zum Erlass ergänzender Vorschriften im Sinne von Art. 21
Abs.
4 IVG hat der Bundesrat in Art. 14
der Verordnung über die Invalidenversicherung
(
IVV
)
an das Eidgenössische De
partement des Innern übertragen, welches die Verordnung über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (HVI) mit anhangsweise aufge
führter Hilfsmittelliste erlassen hat. Laut Art. 2 HVI besteht im Rahmen der im Anhang aufgeführten Liste Anspruch auf Hilfsmittel, soweit diese für die Fort
bewegung, die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbst
sorge notwendig sind (
Abs.
1). Anspruch auf die in dieser Liste mit * bezeich
neten Hilfsmittel besteht nur, soweit diese für die Ausübung einer Erwerbstätig
keit oder die Tätigkeit im Aufgabenbereich, für die Schulung, die Ausbildung, die funktionelle Angewöhnung oder für die in der zutreffenden Ziffer des An
hangs ausdrücklich genannte Tätigkeit notwendig sind (
Abs.
2; BGE 122 V 212 E. 2a).
3
.
3
.1
Die Beschwerdegegnerin lehnte in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) eine Kostenübernahme für die Position
«...»
(kleiner Deckelteil) ab mit der Be
gründung, diese sei nicht notwendig. Der Fuss könne auch mit normaler Ver
schlusstechnik fixiert werden (S. 1).
In ihrer Stellungnahme vom 18. Juni 2015 verwies die Beschwerdegegnerin sodann auf Art. 2 Abs. 3 HVI sowie die Beurteilung durch die SAHB, gemäss welcher das kleine Deckelteil nicht notwendig sei (Urk. 9).
3
.2
Demgegenüber berief sich die Mutter des Versicherten auf die Ausführungen des Kinderarztes
Dr.
med.
A._
, gemäss welchen der Beschwerdeführer nicht an einer schlaffen
Lähmung
sondern an einer spastischen Lähmung leide und demnach das kleine Deckelteil zwingend notwendig sei (Urk. 1, Urk. 3).
3
.3
Strittig und zu prüfen ist demnach, ob das kleine Deckelteil als Ergänzung der Unterschenkel-Orthese
zwingend notwendig ist und
als einfach und zweckmäs
sig gelten kann.
4
.
4.
1
Mit Mail vom 30. Oktober 2013 überwies der Kinderarzt
Dr.
med. B._
, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, den Beschwerdeführer an
Dr.
med.
A._
, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, speziell Neuropä
diatrie. Dabei wies er auf den Zehenspitzengang rechtsbetont mit Inversion des rechten Fusses hin und führte aus, im Untersuch zeige sich ein deutlicher Hy
pertonus, der rechte Fuss könne nur mit Mühe flektiert werden. Die Sehnenre
flexe seien lebhaft, einen
Babinski
habe er nicht ausgelöst (Urk. 7/8).
4
.
2
Der Kinder
neurologe
Dr.
A._
diagnostizierte in seinem Bericht vom 24. April 2014 eine kongenitale Hemiparese rechts mit motorisch leichter funktioneller Einschränkung unklarer Ätiologie (Urk. 7/5 Ziff. 1.1). Der Zustand sei besse
rungsfähig (Ziff. 1.4), der Versicherte benötige jedoch Physiotherapie sowie propriozeptive Schuheinbauten (Ziff. 1.6-7). Motorische Auffälligkeiten bestün
den seit Geburt
, insbesondere habe der Zehenspitzengang rechtsbetont auch nach Beginn des freien Gehens bis zur ersten Kontrolle am 8. Januar 2014 per
sistiert (Ziff. 2.3). Es
sei längerfristig mit einer leichten motorisch-funktionellen Einschränkung zu rechnen (Ziff. 2.5).
4.
3
Am 18. August 2014 führte Dr.
A._
ergänzend aus, die vorliegende
zerebrale
Läh
mung sei tatsächlich angeboren (Urk. 7/17 Ziff. 1.1). Es bestehe eine
Spasti
zität
im rechten oberen Sprunggelenk mit vermindertem Bewegungsumfang so
wie gesteigerten Reflexen gegenüber links. Dies sei in geringerer Form auch an den oberen Extremitäten rechts zu beobachten (Ziff. 2.1). Die leichte kongeni
tale Hemiparese rechts wirke sich aufgrund des nur leichten Zehenspitzengan
ges und der nur leicht verminderten Kraft im Bereich der unteren Extremität nur auf die Geschwindigkeit des Gehens im Alltag aus (Ziff. 3.1). Bisher habe sich keine Einschränkung der intellektuellen Funktion ergeben, dies werde auch für später nicht erwartet (Ziff. 3.2). Der Versicherte habe zur
Kontrakturenpro
phylaxe
und Verbesserung des Bewegungsumfangs im rechten oberen Sprung
gelenk Ende des Jahres 2013 mit Physiotherapie einmal pro Woche begonnen (Ziff. 4).
4.
4
Nach einer Verlaufskontrolle am 13. August 2014 nannte Dr.
A._
am 2
6.
August 2014 folgende Diagnosen (Urk. 7/22 S. 1):
-
leichte, kongenitale Hemiparese rechts mit motorisch leichter funktionel
ler Einschränkung unklarer Ätiologie bei normalem kranialen MRI am 6. Februar 2014
-
rezidivierende Kopfschmerzen primärer Genese, Differentialdiagnostisch Migräne ohne Aura bei möglicher familiärer Prädisposition mütterli
cherseits
Seit der letzten Kontrolle gebe es gute Fortschritte in allen Entwicklungsberei
chen, insbesondere bestünden auch motorisch eine bessere Motivation und ein verbessertes Gehen bei jedoch persistierendem Zehenspitzengang mit leichter Fussinnenrotation rechts. Funktionell sei der Beschwerdeführer im Alltag prak
tisch nicht eingeschränkt
. E
r erhalte unverändert einmal wöchentlich Physio
therapie (S. 1).
4.
5
Bei der Ablehnung der Kostenübernahme stützte sich die Beschwerdegegnerin auf die Stellungnahme der SAHB. Diese führte am 12. Dezember 2014 aus, ge
mäss der ärztlichen Versorgung liege beim Versicherten eine Hemiparese vor, was bedeute, dass er an einer schlaffen Lähmung leide. Das kleine Deckelteil sei ihres Erachtens nicht notwendig, der gelähmte Fuss könne mit normaler Ver
schlusstechnik in der Orthese genügend fixiert werden. Die Orthesen würden immer in Kombination mit geschlossenen Schuhen getragen, weshalb es keine zusätzliche Fixierung in der Orthese benötige (Urk. 7/23).
4.
6
Mit Schreiben vom 16. März 2015 wies Dr.
A._
darauf hin, dass beim Beschwerde
führer eine spastische Lähmung rechts vorliege und nicht eine schlaffe Lähmung. Aus diesem Grund sei das kleine Deckelteil für die Unter
schenkel-Orthese zwingend (Urk. 3).
5.
5.1
Unbestritten ist, dass der Beschwerdeführer aufgrund der kongenitalen Hemi
parese rechts eine Unterschenkel-Orthese benötigt. Strittig und vorliegend zu beurteilen ist einzig, ob das kleine Deckelteil
im Betrag von Fr. 248.85 zwin
gend erforderlich ist und als einfach und zweckmässig gelten kann.
Bei ihrer Beurteilung stützte sich die Beschwerdegegnerin auf die Stellung
nahme der SAHB. Dabei fällt auf, dass der zuständige Orthopädietechniker von einer Hemiparese im Sinne einer schlaffen Lähmung ausging (E. 4.5). Aus den übrigen medizinischen Berichten geht jedoch zweifelsfrei hervor, dass beim Versicherten eine spastische Lähmung vorliegt, wie dies Dr.
A._
am 16. März 2015 denn auch ausdrücklich festgehalten hat (E. 4.6). Bereits im Überwei
sungsmail vom 30. Oktober 2013 erwähnte Dr.
B._
einen deutlichen Hy
pertonus, weshalb der rechte Fuss nur mit Mühe reflektiert werden könne (E. 4.1). Auch in seinem Bericht vom 18. August 2014 wies Dr.
A._
auf die beste
hende
Spastizität
im rechten oberen Sprunggelenk hin (E. 4.3). Insgesamt be
steht
damit
kein Zweifel daran, dass die SAHB in ihrer Stellungnahme von ei
nem unzutreffenden medizinischen Sachverhalt ausgegangen ist.
5.2
Aus der Stellungnahme der
Z._
vom 31. Juli 2015 ergibt sich, dass das vorliegend strittige kleine Deckelteil eine Fassung über den Rist mit einem verstärkten Polster beinhaltet und mit der Verbindung zur Orthese eine Korrekturstellung des Fusses
gewährleistet, die ein einfacher Klettverschluss, eventuell auch mit Polster, nicht hält (Urk. 13 S. 2). Diese zu
sätzliche Halterung erscheint beim Beschwerdeführer, bei welchem eine spasti
sche Lähmung und damit eine erhöhte Muskelspannung
vorliegen
, ohne Wei
teres sinnvoll und notwendig. Dies wurde denn auch vom Kinderneurologen Dr.
A._
(E. 4.6) sowie dem zuständigen Orthopädietechniker der
Z._
, welcher den Beschwerdeführer vor der Erstellung des Kostenvoranschlages ebenfalls untersucht hat, so beurteilt. Hinweise dafür, dass es eine einfachere und zweckmässigere Ausführung gäbe, liegen keine vor.
5.3
Zusammenfassend ist gestützt auf die übereinstimmenden und nachvollziehba
ren Berichte von Dr.
A._
sowie der beigeladenen Herstellerfirma
Z._
davon auszugehen, dass das kleine Deckelteil ein not
wendiger
und dabei einfacher
und zweckmässiger Bestandteil der Unterschen
kel-Orthese für den Beschwerdeführer bildet, welcher an einer spastischen Läh
mung leidet.
D
ie Kosten für das kleine Deckelteil (Position
«...»
)
in der Höhe von Fr. 248.85 gemäss Kostenvoranschlag der
Z._
vom 14. November 2014 (Urk. 7/28)
sind daher von der Beschwerdegegnerin zu tragen
. Dies führt zur Gutheissung der Beschwerde.
6.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 600.-- anzusetzen. Entsprechend dem Aus
gang des Verfahrens sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.