Decision ID: 0165c23c-06ef-5f1c-b468-0fe74d3b6a87
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführer stellten am 14. Dezember 2015 ein Asylgesuch in
der Schweiz. Anlässlich der Befragungen zur Person vom 21. Dezember
2015 sowie den Anhörungen vom 13. und 14. März 2018 führten die Be-
schwerdeführer im Wesentlichen aus, sie seien pakistanische Staatsange-
hörige der Ethnie der Hazara schiitischen Glaubens. Sie seien in
F._ geboren und aufgewachsen. Ihre Familien würden ursprünglich
aus Afghanistan stammen.
A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer) brachte vor, er habe die
Schule bis zur 12. Klasse besucht. Danach habe er zwei Jahre lang ein
Kleidergeschäft geführt. Seine Familie sei in Pakistan bekannt, da der
Cousin seines Vaters und sein Schwager G._ (Ehemann seiner
Schwester H._, beide N [...]) Minister gewesen seien. Zudem sei
sein Schwager Vorsitzender der I._, welche die Hazara in allen Be-
langen unterstütze. Sein Bruder J._ (N [...]) sei ein Koransänger
der Hazara. Er habe als Videoeditor die Videos seines Bruders bearbeitet,
weshalb sie mit seinem Namen und seiner Telefonnummer versehen und
im Kabelfernsehen von F._ ausgestrahlt worden seien. Im Jahr
2011 sei er in einem Drohbrief von der extremistischen sunnitischen Grup-
pierung K._ aufgefordert worden, sein Geschäft zu schliessen. Als
er bei der Polizei Anzeige habe erstatten wollen, sei er ausgelacht worden.
Zwei bis drei Tage später habe er im Geschäft einen Drohanruf bekommen.
Sein Schwager und sein Bruder hätten ebenfalls Drohbriefe und Drohan-
rufe erhalten. Einige Tage später habe er sein Geschäft geschlossen und
in einer anderen Gegend ein Fotostudio eröffnet. Ungefähr am 10. oder
13. August 2011 habe er einen zweiten Drohanruf erhalten. Am 20. August
2011 habe er seinen Pass verlängern lassen wollen. Auf dem Weg zum
Passbüro sei ein Anschlag auf dieses verübt worden, wobei eine Person
getötet worden sei und zwei Personen verletzt worden seien. Im Jahr 2014
habe er mit seiner Frau und den beiden Kindern einen Ausflug nach
L._ unternommen. Dort seien sie von einem Auto verfolgt worden.
In den folgenden Tagen hätten sie und auch sein Bruder erneut Drohanrufe
erhalten. Zudem habe es in der Nähe ihres Hauses einen Anschlag gege-
ben, weshalb sie ungefähr im Mai 2014 nach M._ zu seiner
Schwester gezogen seien. Sein Schwager, der sich ebenfalls in
M._ aufgehalten habe, habe dort für die Beschwerdeführer pakis-
tanische Pässe sowie Visa für Malaysia besorgt. Ungefähr im September
2014 seien sie gemeinsam mit der Familie seines Bruders aus Pakistan
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ausgereist und hätten sich ungefähr ein Jahr in N._, Malaysia, auf-
gehalten. Dort hätten sie zusammen mit den Familien seines Bruders und
seiner Schwester in einem Haus gewohnt. Am (...) hätten sie sich dort beim
United Nations High Commissioner of Refugees (UNHCR) registrieren las-
sen. In derselben Nacht seien sie im Haus von unbekannten Männern an-
gegriffen worden. Am 5. Juni 2015 hätten sich zwei unbekannte Personen
in F._ im Laden des Onkels seines Vaters nach ihm und seinem
Bruder erkundigt. Am 7. Juni 2015 seien der Onkel seines Vaters und des-
sen Sohn umgebracht worden. Später im Jahr 2015 seien sie in die Türkei
gereist, von wo aus sie zwei Tage danach von den türkischen Behörden
nach Malaysia zurückgeschickt worden seien, weil ihre Visa nicht korrekt
gewesen seien. In Malaysia seien sie zwei Tage später nach M._
geschickt worden. Dort hätten sie sich im Haus eines Freundes aufgehal-
ten, ohne dieses zu verlassen. Am 20. November 2015 hätten sie Visa für
die Türkei erhalten und seien aus Pakistan ausgereist.
B._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) bestätigte in der Anhörung
die Angaben ihres Ehemannes.
Die Beschwerdeführer reichten Geburtsurkunden zweier Söhne, ihre Hei-
ratsurkunde inklusive Übersetzung, eine pakistanische Identitätskarte des
Beschwerdeführers, eine pakistanische Identitätskarte der Beschwerde-
führerin, einen Polizeibericht vom (...) aus Malaysia, zwei Drohbriefe, drei
Zeitungsartikel, ein Visum des Beschwerdeführers für Malaysia (alle in Ko-
pie), verschiedene Ausdrucke von Internetseiten, fünf Fotos im Original,
eine abgelaufene pakistanische Identitätskarte des Beschwerdeführers im
Original sowie zwei Ausdrucke von Artikeln auf (...) vom 20. August 2011
und vom 5. Oktober 2016 ein.
B.
Mit Verfügung vom 16. November 2018 (eröffnet am 16. November 2018)
stellte die Vorinstanz fest, die Beschwerdeführer würden die Flüchtlingsei-
genschaft nicht erfüllen, lehnte ihre Asylgesuche ab und verfügte die Weg-
weisung aus der Schweiz. Den Wegweisungsvollzug schob sie wegen Un-
zumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
C.
Mit Eingabe vom 19. Dezember 2018 erhoben die Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragen, die angefochtene
Verfügung sei in den Dispositivziffern 1–3 aufzuheben. Die Flüchtlingsei-
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genschaft der Beschwerdeführer sei festzustellen. Es sei ihnen Asyl zu ge-
währen. Eventualiter sei die Unzulässigkeit – neben der Unzumutbarkeit –
des Wegweisungsvollzugs festzustellen. Die unentgeltliche Prozessfüh-
rung sei zu bewilligen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei
zu verzichten. Es sei ihnen in der Person des Unterzeichnenden ein unent-
geltlicher Rechtsbeistand zu bestellen.
Die Beschwerdeführer reichten einen Drohbrief in Kopie inklusive Überset-
zung und eine Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung ein.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 20. Dezember 2018 hiess der Instruktionsrich-
ter die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und amtliche Rechts-
verbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses und gab der Vorinstanz Gelegenheit zur Einreichung einer Vernehm-
lassung.
E.
Am 7. Januar 2019 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein.
F.
Mit Replik vom 28. Januar 2019 nahmen die Beschwerdeführer Stellung
zur Vernehmlassung. Der Replik war eine Honorarnote beigelegt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998
(AS 2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfah-
ren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG; SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom-
men worden.
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2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerdeführer
sind als Verfügungsadressaten zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist, unter
Vorbehalt der nachfolgenden Erwägung, einzutreten (aArt. 108 Abs. 1
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (ein-
schliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die un-
richtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). Nach Lehre und Rechtsprechung
erfüllt eine asylsuchende Person die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von
Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat, be-
ziehungsweise solche mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehba-
rer Zukunft befürchten muss, sofern ihr die Nachteile gezielt und aufgrund
bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG aufgezählter Verfolgungsmotive zuge-
fügt worden sind, respektive zugefügt zu werden drohen. Die erlittene Ver-
folgung muss zudem sachlich und zeitlich kausal für die Ausreise aus dem
Heimat- oder Herkunftsstaat und grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asy-
lentscheides noch aktuell sein.
4.2 Befürchtungen, künftig staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausge-
setzt zu werden, sind nur dann asylrelevant, wenn begründeter Anlass zur
Annahme besteht, eine Verfolgung werde sich mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine bloss ent-
fernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen konkrete
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Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus einem der
vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung als wahr-
scheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch und nach-
vollziehbar erscheinen lassen. Ob eine begründete Furcht vor künftiger
Verfolgung vorliegt, ist aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu
beurteilen. Es müssen hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Be-
drohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in der gleichen Lage
Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen
würden. Die objektive Betrachtungsweise ist durch das vom Betroffenen
bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fäl-
len zu ergänzen (vgl. EMRK 1994 Nr. 24 E. 8.b; vgl. auch BVGE 2010/57
E. 2.5). Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war,
hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. die
vom Bundesverwaltungsgericht fortgeführte Rechtsprechung der [damali-
gen] Schweizerischen Asylrekurskommission [ARK] in EMARK 2004/1
E. 6a; BVGE 2008/4 E. 5.2; BVGE 2011/50 E. 3.1.1; BVGE 2011/51 E. 6,
je m.w.H.).
4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründete ihren Entscheid damit, die Drohbriefe der
K._ sowie die Drohanrufe seien mehrheitlich im Jahr 2011 erfolgt.
Nach der geforderten Schliessung des Kleidergeschäfts habe er keine Dro-
hungen mehr erhalten. Im Jahr 2014 habe es zwar nochmals einen Dro-
hanruf gegeben, er habe Pakistan aber vor allem aufgrund der zahlreichen
Anschläge gegen die Hazaras verlassen. Dass sein Schwager in Pakistan
Minister und Vorsitzender einer Hazara-Organisation gewesen und sein
Bruder als religiöser Sänger aufgetreten sei, sei kein Hinweis für eine ge-
zielt gegen sie gerichtete Verfolgung aufgrund einer politischen oder
religiösen Tätigkeit. Eine Reflexverfolgung sei somit auszuschliessen. In
Pakistan herrsche ein hohes Mass an religiös motivierter Gewalt. Eine Kol-
lektivverfolgung der ethnischen Hazara schiitischer Religionszugehörigkeit
könne jedoch nicht bejaht werden. Zudem seien die Beschwerdeführer nie
politisch oder religiös aktiv gewesen. Die Vorbringen, sie seien in Malaysia
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von unbekannten Männern angegriffen worden, würden sich auf einen
Drittstaat beziehen. Eine asylrelevante Verfolgungssituation könne allein in
Bezug auf ihren Heimatstaat, vorliegend Pakistan, bestehen. Insgesamt
würden somit keine Anhaltspunkte bestehen, dass ihnen wegen diesen
Drohungen zum heutigen Zeitpunkt Verfolgungsmassnahmen aus einem
der in Art. 3 AsylG genannten Gründen drohen könnten. Sie würden dem-
zufolge die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, weshalb ihre Asylgesuche
abzulehnen seien.
5.2 Die Beschwerdeführer machen geltend, es bestehe ein zeitlicher Zu-
sammenhang zwischen den vorliegenden Drohungen und ihrer Ausreise
aus Pakistan. Es sei nicht zutreffend, dass die Mehrheit der Drohanrufe im
Jahr 2011 stattgefunden hätten. Die Drohbriefe der K._ und die
Drohanrufe im Jahr 2011 seien explizit gegen sie gerichtet gewesen. Nach
Erhalt der Drohbriefe habe er versucht, bei der Polizei Anzeige zu erstat-
ten. Er sei von den zuständigen Beamten ausgelacht und es sei ihm zu
verstehen gegeben worden, dass er vom pakistanischen Staat keinen
Schutz vor Angriffen radikaler Gruppierungen erwarten könne. Weil er den
Forderungen der Schliessung seines Geschäfts nachgekommen sei, sei er
für kurze Zeit in Ruhe gelassen worden. Aufgrund seines Schwagers und
des Cousins seines Vaters, welche beide Minister gewesen seien, der schi-
itischen Musikvideos seines Bruders und seiner eigenen Tätigkeit als Vi-
deo-Editor der religiösen Musikvideos seines Bruders, seien sie abermals
ins Visier radikaler Gruppierungen geraten. Die im Jahr 2014 erfolgten ge-
zielten Verfolgungsvorfälle, namentlich die Verfolgungssituation in
L._ sowie die wiederkehrenden Drohanrufe, hätten ihnen gezeigt,
dass sie noch immer bedroht seien. Die Bekanntheit ihrer Familie sei mit
ein Grund für ihre Furcht vor gezielten Anschlägen durch sunnitische Ext-
remisten gegen sie. Sein Schwager, seine Schwester sowie sein Bruder
hätten in der Schweiz Asyl erhalten. Eine Reflexverfolgung der Beschwer-
deführer sei somit zu bejahen. Weiter sei von einer Kollektivverfolgung der
Minderheit der Hazara in Pakistan und insbesondere in F._ auszu-
gehen, weshalb die Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft gemäss
Art. 3 AsylG erfüllen würden und ihnen Asyl zu gewähren sei.
5.3 Die Vorinstanz führt in ihrer Vernehmlassung aus, sie bestreite nicht,
dass der Beschwerdeführer aus einer politisch aktiven Familie stamme und
in Pakistan als Hazara Nachteilen ausgesetzt gewesen sei. Die Vorbringen
des Beschwerdeführers, die zu seiner Ausreise geführt hätten, würden sich
jedoch vorwiegend auf die Drohanrufe und eine Verfolgung durch unbe-
kannte Personen mit dem Auto in der Nähe von F._ beziehen. Den
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Schilderungen der Beschwerdeführer seien keine Anhaltspunkte zu ent-
nehmen, sie hätten diese Beeinträchtigungen aufgrund der politisch akti-
ven Verwandten erlitten. Zum Zeitpunkt ihrer Ausreise seien ihre Verwand-
ten bereits mehrere Jahre politisch aktiv gewesen, ohne dass diese Aktivi-
täten für die Beschwerdeführer konkrete Nachteile nach sich gezogen hät-
ten. Es bestehe somit keine objektiv begründete Furcht vor einer zukünfti-
gen Verfolgung aufgrund der Aktivitäten ihrer Verwandten. Auch aus den
Asylakten der Verwandten, die im Rahmen des Asylentscheids des Be-
schwerdeführers konsultiert worden seien, würden keine solchen Hinweise
hervorgehen.
5.4 In ihrer Replik machen die Beschwerdeführer zusätzlich geltend, der
Beschwerdeführer sei Mitglied der I._ gewesen und habe verschie-
dene organisatorische Aufgaben erfüllt. Im Dossier seines Schwagers wür-
den sich zahlreiche Belege befinden, wonach Mitglieder der Organisation
nach der Flucht des Schwagers gesucht und umgebracht worden seien.
Dies habe mit der Tätigkeit für die Organisation und der Suche nach sei-
nem Schwager zu tun gehabt. Dem Anwalt seines Schwagers seien Fra-
gen nach dessen Aufenthaltsort gestellt worden, was beim Beschwerde-
führer Angst ausgelöst habe. Die Probleme hätten bereits im Jahr 2004
begonnen, als das Haus seines Schwagers Ziel von Granatenangriffen ge-
worden sei und er sich dort aufgehalten habe. Dies seien Anzeichen, dass
die Beschwerdeführer nicht nur aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Ethnie der
Hazara, sondern auch aufgrund der Verwandtschaft zu den hier in der
Schweiz als Flüchtlinge anerkannten Familienmitgliedern im Fokus extre-
mistischer sunnitischer Gruppierungen stehen würden.
6.
6.1 Die Beschwerdeführer haben mittels ihrer detaillierten, widerspruchs-
losen übereinstimmenden Aussagen und zahlreicher Beweismittel glaub-
haft dargelegt, dass sie der Ethnie der Hazara angehören, schiitischen
Glaubens sind, Drohbriefe sowie Drohanrufe der K._ erhielten, in
L._ von einem Auto verfolgt wurden, ein Anschlag auf das Passbüro
verübt wurde, ihre Verwandtschaft politisch und religiös aktiv war und sie
in Malaysia überfallen wurden. Die Vorinstanz hat weder die Glaubhaf-
tigkeit ihrer Aussagen noch die Echtheit der eingereichten Beweismittel in
Frage gestellt. Die Beschwerdeführer wohnten in Pakistan mit der Familie
des Bruders des Beschwerdeführers in einem Haushalt. Er besass in ei-
nem von den Hazara bewohnten Stadtteil in F._ ein Kleiderge-
schäft. Im Jahr 2011 erhielten er, sein Bruder und sein Schwager Droh-
briefe mit der Aufforderung, ihre Geschäfte zu schliessen. Als Beleg reichte
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er Kopien von zwei Drohbriefen ein, die an seinen Bruder gerichtet waren,
sowie einen weiteren Drohbrief, der damals kursierte. Selber erhielt er an-
dere Drohbriefe, welche indes den gleichen Inhalt hatten und ebenfalls mit
dem Logo der K._ versehen waren. Ein Freund las ihm den Brief
vor, da er in Urdu geschrieben war und er die Sprache nicht beherrschte.
Zwei bis drei Tage später erhielt er einen Drohanruf. Ihm wurde mitgeteilt,
er solle sein Geschäft verlassen, sonst werde er getötet. Die Beschwerde-
führerin wurde zu Hause drei Mal angerufen. Der Inhalt lautete wie folgt:
"Wir töten Eure Männer. Euch Frauen nehmen wir mit. Eure Söhne werden
wir bei uns aufziehen und zu euren Feinden machen, damit sie später eure
eigenen Hazaras töten". Der Beschwerdeführer schloss daraufhin aus
Angst um ihr Leben sein Kleidergeschäft und eröffnete in einer sicheren
Gegend von F._ ein Fotostudio. Anschliessend erhielt er einen
zweiten Drohanruf, anlässlich welchem zunächst sein Name erwähnt
wurde und ihm mit den Worten "Wir haben dir gesagt, verschwinde hier.
Wir lassen die Hazaras nicht in Ruhe. Wir werden das zu eurem Grab ma-
chen" gedroht wurde. Ab diesem Zeitpunkt war er sehr vorsichtig, wenn er
zur Arbeit ging. Sie lebten in Pakistan "wie eingesperrt" und "wie Gefan-
gene". Freunde von ihm, welche auch Geschäfte in der gleichen Gegend
hatten, erhielten ebenso Drohanrufe und wurden einige Tage später ange-
griffen. Als er sich ungefähr eineinhalb Wochen später, am 20. August
2011, auf dem Weg zum Passbüro befand, um seinen Pass zu verlängern,
kam es beim zuständigen Passbüro zu einem Anschlag. Als Beleg für den
Anschlag reichten sie einen Bericht von (...) mit dem Titel "(...)" ein. Die
Tätigkeit seines Bruders als religiöser Sänger und die Ausstrahlung der
Musikvideos im pakistanischen Fernsehen sind in Pakistan in Bezug auf
extremistische Gruppierungen als heikel einzustufen. Der Beschwerdefüh-
rer war als Videoeditor für seinen Bruder tätig. In dieser Funktion wurden
sein Name und seine Telefonnummer in den Videos aufgeführt und durch
die Ausstrahlung der Videos im Fernsehen der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht. Dadurch und weil seine Telefonnummer auf dem Schild von sei-
nem Fotostudio stand, konnten diejenigen, welche ihn bedrohten, an seine
Kontaktdaten gelangen. Sein Bruder war häufig mit zwei Freunden unter-
wegs. Eines Tages, als sein Bruder glücklicherweise verhindert war, wur-
den die beiden Freunde umgebracht. Der Cousin väterlicherseits des Be-
schwerdeführers wurde ebenfalls getötet. Um ihrer beengten Situation zu
entfliehen, wagten sie im Jahr 2014 ausnahmsweise einen Ausflug nach
L._ und wurden von drei Männern, von welchen einer einen Bart
hatte, in einem Toyota Pick-up verfolgt. Als die Beschwerdeführerin als
letzte wieder in ihr Auto einstieg, fuhr der Beschwerdeführer, um den Ver-
folgern zu entkommen, mit hoher Geschwindigkeit los. Daraufhin erhielten
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sie weitere Drohanrufe mit Äusserungen wie etwa: "Wir töten Eure Männer.
Euch Frauen nehmen wir mit. Eure Söhne werden wir bei uns aufziehen
und zu euren Feinden machen, damit sie später eure eigenen Hazaras tö-
ten". Entgegen der Einschätzung der Vorinstanz verliessen sie Pakistan
nicht aufgrund zahlreicher Anschläge gegen die Hazaras. Es ist davon aus-
zugehen, dass sie aufgrund des Vorfalls in L._ in Verbindung mit
den darauffolgenden Drohanrufen berechtigterweise Angst um ihr Leben
hatten und sich deshalb zu diesem Zeitpunkt zur Ausreise aus Pakistan
entschieden. Ungefähr im September 2014 reisten die Beschwerdeführer
zusammen mit dem Bruder des Beschwerdeführers und dessen Familie
aufgrund der zahlreichen Drohungen aus Pakistan aus und hielten sich in
Malaysia auf. In Malaysia wurden sie in der Nacht vom (...) noch einmal
angegriffen und belegten dies mit einer Kopie eines Polizeiberichts. Am
5. Juni 2015 fragten zwei Personen im Teeladen des Onkels seines Vaters
in Pakistan nach dem Beschwerdeführer und seinem Bruder. Am 7. Juni
2015 wurde der Onkel seines Vaters sowie dessen Sohn getötet. Hierzu
reichten sie zwei Fotos ein, auf welchen der Onkel seines Vaters abgebildet
ist. Sie berichteten ferner von ihrer Weiterreise später im Jahr 2015, bei
welcher sie infolge nicht korrekter Visa nach M._ zurückgeschickt
und bei der Einreise in Pakistan festgenommen wurden. Nach der Bezah-
lung von einer Bestechungssumme in der Höhe von (...) USD wurden sie
freigelassen. In M._ konnten sie sich bis zur Ausreise nur deshalb
unbehelligt aufhalten, weil sie sich bei einem Freund versteckt hielten, der
ihnen Visa für die Türkei besorgte.
Der Bruder und der Schwager des Beschwerdeführers erhielten in der
Schweiz aufgrund ihrer politischen respektive religiösen Betätigung Asyl.
Seiner Schwester wurde wegen der politischen Tätigkeiten ihres Eheman-
nes Asyl gewährt. Alle drei Verwandten machten in ihren Asylverfahren
übereinstimmende und widerspruchslose Angaben zu den Aussagen der
Beschwerdeführer. So schilderten sie den Erhalt von Drohbriefen und
Drohanrufen, den Überfall im Haus in Malaysia sowie den Vorfall mit der
Tötung des Cousins ihres Vaters und dessen Sohnes. Als Beleg reichten
sie je einen Drohbrief in Kopie ein, welche sich beide auch in den Akten
der Beschwerdeführer befanden. Zudem reichten sie den Polizeirapport
von Malaysia vom (...) ein. In den gemeinsamen Asylakten der Schwester
und des Schwagers des Beschwerdeführers befand sich das Original des
Rapports. Darüber hinaus berichtete der Bruder des Beschwerdeführers
gleichermassen, er und seine Familie hätten in F._ mit den Be-
schwerdeführern zusammen gewohnt, er sei als religiöser Sänger in Pa-
kistan tätig gewesen, zwei seiner Freunde seien getötet worden, ungefähr
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im Oktober 2014 seien sie zusammen mit den Beschwerdeführern aus Pa-
kistan ausgereist und hätten sich daraufhin gemeinsam in Malaysia aufge-
halten. Der Schwager der Beschwerdeführer berichtete zudem von seiner
Mitgliedschaft bei der I._. Die glaubhaften Aussagen der Beschwer-
deführer werden somit durch übereinstimmende Aussagen ihrer nächsten
Verwandten zusätzlich gestützt.
Bei der K._ handelt es sich um eine extremistische sunnitische
Gruppierung, die sich zu zahlreichen Anschlägen auf Hazaras bekannt hat
(<https://www.ecoi.net/de/dokument/1205225.html> abgerufen am 19. No-
vember 2020; Urteil des BVGer vom 11. Februar 2015 E. 5.2). Es erfolgten
zahlreiche gezielte Drohbriefe durch die K._ und Drohanrufe gegen
die Beschwerdeführer und ihre nächsten Verwandten sowie Tötungen na-
her Verwandter bis kurz vor ihrer Ausreise aus Pakistan. Zusammen mit
den Vorkommnissen, welche ihre Verwandtschaft betreffen, ist damit zu
rechnen, dass sie wieder ins Visier extremistischer Gruppierungen geraten,
zumal auch nach ihrer Ausreise aus Pakistan weitere Verwandte getötet
wurden. Den Grund dafür bilden die politischen Aktivitäten ihrer Verwand-
ten und die religiöse Tätigkeit seines Bruders. Zudem ging er in seiner
Funktion als Videoeditor der religiösen Musikvideos seines Bruders und
der damit zusammenhängenden Veröffentlichung seiner Kontaktdaten in
den Videos in Pakistan einer unerwünschten Betätigung nach. Beim Vorfall
in L._ im Jahr 2014 und den anschliessenden Drohanrufen handelt
es sich um gezielte Drohungen gegen die Beschwerdeführer, weshalb sie
ungefähr im September 2014 aus Pakistan ausreisten. Der sachliche und
kausale Zusammenhang zwischen den Geschehnissen im Jahr 2014 und
der Ausreise ist daher gegeben. Die Beschwerdeführer persönlich hatten
zwar noch keine ernsthaften Nachteile erlitten, mussten solche aber be-
gründet befürchten. Eine begründete Furcht ist insbesondere auch auf-
grund der Erlebnisse ihrer Angehörigen zu bejahen. Angesichts der gesam-
ten Umstände besteht sowohl in objektiver als auch in subjektiver Hinsicht
konkreter Anlass zur Annahme, dass sich bei der Rückkehr der Beschwer-
deführer nach Pakistan eine Verfolgung nach Art. 3 AsylG mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklichen würde.
6.2 Es bleibt zu prüfen, ob Pakistan schutzwillig- und schutzfähig ist. Über-
griffe aus flüchtlingsrechtlich relevanten Motiven durch Dritte oder Befürch-
tungen, künftig solchen ausgesetzt zu sein, sind nur dann asylrelevant,
wenn der Staat seiner Schutzpflicht nicht nachkommt oder nicht in der Lage
ist, Schutz zu gewähren. Generell ist Schutz gewährleistet, wenn der Staat
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geeignete Massnahmen trifft, um die Verfolgung zu verhindern, beispiels-
weise durch wirksame Polizei- und Justizorgane zur Ermittlung, Strafver-
folgung und Ahndung von Verfolgungshandlungen, und wenn die be-
troffene Person Zugang zu diesem Schutz hat. Es ist dabei nicht eine fak-
tische Garantie für langfristigen individuellen Schutz der von nichtstaatli-
cher Verfolgung bedrohten Person zu verlangen, weil es keinem Staat ge-
lingen kann, die absolute Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger jeder-
zeit und überall zu garantieren. Erforderlich ist aber, dass eine funktionie-
rende und effiziente Schutzinfrastruktur zur Verfügung steht, wobei in ers-
ter Linie an polizeiliche Aufgaben wahrnehmende Organe sowie an ein
Rechts- und Justizsystem zu denken ist, mithin eine effektive Strafverfol-
gung ermöglicht wird. Die Inanspruchnahme dieses Schutzsystems muss
der betroffenen Person objektiv zugänglich und individuell zumutbar sein,
was jeweils im Rahmen einer Einzelfallprüfung unter Berücksichtigung des
länderspezifischen Kontexts zu beurteilen ist (Urteil des BVGer
E-5782/2017 vom 6. November 2018 E. 8.1.1).
Das Bundesverwaltungsgericht hat sich in BVGE 2014/32 ausführlich zur
Lage der Hazara in Pakistan, insbesondere in der Provinz O._ und
in der Stadt F._ geäussert. Dabei führte es aus, als Schiiten gehör-
ten die Hazara in Pakistan zu den von religiöser Gewalt seitens sunniti-
scher Extremisten besonders betroffenen Minderheiten. Der pakistanische
Staat vermöge nicht oder nur unzulänglich vor der Gewalt extremistischer
Gruppen zu schützen (vgl. a.a.O. E. 6.9). Diese Lageeinschätzung ist nach
wie vor aktuell und das Bundesverwaltungsgericht stützt sich weiterhin da-
rauf ab (vgl. Urteil des BVGer E-3518/2020 vom 22. Oktober 2020
E. 5.2 f.). Bei der K._ handelt es sich um eine extremistische Grup-
pierung, weshalb der Staat Pakistan gegenüber den Beschwerdeführern
nicht schutzfähig ist.
6.3 Zusammenfassend erfüllen die Beschwerdeführer die Flüchtlingsei-
genschaft im Sinne von Art. 3 AsylG. Gründe für den Ausschluss aus der
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 53 AsylG sind nicht ersichtlich. Die Be-
schwerde ist daher gutzuheissen. Die Verfügung vom 16. November 2018
ist aufzuheben. Die Vorinstanz ist anzuweisen, den Beschwerdeführern
Asyl in der Schweiz zu gewähren.
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7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Den vertretenen Beschwerdeführern ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der
Rechtsvertreter reichte am 28. Januar 2018 eine Honorarnote in der Höhe
von Fr. 2'807.85 (inkl. Auslagen) ein. Der veranschlagte Stundensatz von
Fr. 300.– bewegt sich in dem gemäss Art. 10 Abs. 2 VGKE vorgesehenen
Rahmen. Die Vorinstanz ist somit anzuweisen, den Beschwerdeführern
eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2'807.85 auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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