Decision ID: 56e6edc7-33c8-5fc1-8090-35a407552e41
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog gestützt auf eine Verfügung der IV-Stelle vom 20. Juni 2002/6.
Februar 2003 mit Wirkung ab dem 1. Oktober 2001 eine ganze Rente und drei
Kinderrenten der Invalidenversicherung für seine Kinder B._ (Jahrgang 19_), C._
(Jahrgang 19_) und D._ (Jahrgang 19_). Im _ 2002 wurde der Versicherte zum
vierten Mal Vater (AK-act. 7–38), weshalb er ab Dezember 2002 eine weitere
Kinderrente erhielt (vgl. AK-act. 7–37). Die Ehefrau des Versicherten bezog gestützt auf
eine Verfügung der IV-Stelle vom 20. Juni 2002 ebenfalls eine ganze Rente samt
Kinderrenten (AK-act. 10–9 ff.), weshalb die Kinderrenten plafoniert wurden (vgl. AK-
act. 9–18 ff.).
A.a.
Das älteste Kind des Versicherten, B._, schloss eine schulische Ausbildung im
Sommer 20_ ab. Im August 2012 gab der Versicherte telefonisch an (AK-act. 27), dass
B._ die Prüfungen erst im September 2012 abschliessen werde. Danach werde sie
ein Studium beginnen. Im Oktober 2012 bestätigte die E._, dass sich B._ für ein
dreijähriges Mathematikstudium ab dem Studienjahr 2012/2013 angemeldet habe (AK-
act. 30). Mit einer Mitteilung vom 5. November 2012 informierte die Ausgleichskasse
den Versicherten über die Weiterausrichtung der Kinderrente für B._ zu seiner
Invalidenrente über den 30. September 2012 hinaus (AK-act. 31).
A.b.
Mit einem Schreiben vom 1. Mai 2015 teilte die Ausgleichskasse dem Versicherten
mit (AK-act. 98), dass die Kinderrente für B._ am 30. Juni 2015 aufgehoben werde.
Sollte B._ das Studium noch nicht abgeschlossen haben, müsse der Versicherte
Belege für die Weiterführung des Studiums von B._ einreichen. Sollte der Versicherte
die Weiterführung des Studiums belegen können, werde die Kinderrente per 1. Juli
2015 weiter ausgerichtet werden. Offenbar sistierte die Ausgleichskasse die
A.c.
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Auszahlung der Kinderrente für B._ für die Zeit nach dem 30. Juni 2015. Der
Versicherte reichte in der Folge verschiedene Unterlagen ein, die nach der Ansicht der
Ausgleichskasse aber nicht geeignet waren, die Weiterführung des Studiums mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen. Mit
einem Vorbescheid vom 27. März 2017 teilte die Ausgleichskasse dem Versicherten mit
(AK-act. 211), sie habe in der Vergangenheit bereits die Vermutung gehegt, dass B._
in Tat und Wahrheit gar nicht studiere. Die Bestätigung der E._ vom 10. Oktober
2016 (AK-act. 196) habe gezeigt, dass B._ seit dem angeblichen Beginn des
Studiums im Jahr 2012 keine einzige Prüfung absolviert habe, was die bereits
bestehenden Zweifel am Studium verstärkt habe. Noch unwahrscheinlicher sei es, dass
B._ im Jahr 2015 erneut mit dem Studium begonnen haben solle, wie der Versicherte
behauptet habe. Deshalb seien über den 30. Juni 2015 hinaus auch keine
Kinderrentenleistungen für B._ mehr ausgerichtet worden. Abgesehen von der
Immatrikulation an der E._ existiere kein einziger Beweis dafür, dass B._ überhaupt
je einen Kurs an der Universität besucht habe. Auf die Frage nach dem genauen
Zeitpunkt des angeblichen Studienabbruchs habe der Versicherte widersprüchliche
Angaben gemacht: Juni 2016, November 2016, Dezember 2016 und Januar 2017.
Angesichts der zahlreichen Widersprüchlichkeiten müsse mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass
B._ ab Oktober 2015 respektive ab Juli 2012 nicht studiert habe. Die Kinderrente für
B._ werde deshalb rückwirkend per 1. Juli 2012 aufgehoben. Dagegen wandte der
Versicherte am 11. April 2017 ein (AK-act. 214), die Behauptung der Ausgleichskasse,
dass B._ nie studiert habe, sei unhaltbar. B._ habe vier Jahre lang alle
vorgesehenen Kurse an der E._ besucht. Sie habe im ersten Jahr fünf, im zweiten
Jahr zwei und im dritten Jahr ebenfalls zwei Prüfungen abgelegt, aber leider keine
dieser Prüfungen bestanden. Am 28. September 2017 erliess die IV-Stelle eine von der
Ausgleichskasse vorbereitete Verfügung, mit der sie die Kinderrente für B._ zur
Invalidenrente des Versicherten rückwirkend per 1. Juli 2012 aufhob (AK-act. 237).
Diese Verfügung erwuchs unangefochten in formelle Rechtskraft.
Bereits am 30. Juni 2017 hatte die Ausgleichskasse dem Versicherten mit einem
zweiten Vorbescheid mitgeteilt, dass sie die in der Zeit zwischen dem 1. Juli 2012 und
dem 30. Juni 2015 zur Invalidenrente des Versicherten ausgerichtete Kinderrente für
A.d.
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B.
B._ im Gesamtbetrag von 25’038 Franken zurückfordern werde (AK-act. 219). Am 3.
August 2017 hatte der Versicherte beim Bundesverwaltungsgericht eine Beschwerde
gegen diesen Vorbescheid vom 30. Juni 2017 erhoben. Mit einem Entscheid vom 1.
September 2017 war das Bundesverwaltungsgericht mangels Zuständigkeit nicht auf
die Beschwerde eingetreten (AK-act. 230). Es hatte aber darauf hingewiesen, dass
fraglich sei, ob die Ausgleichskasse in dieser Sache überhaupt zuständig sei. Am 4.
Oktober 2017 erliess die IV-Stelle einen weiteren Vorbescheid, mit dem nun sie (erneut)
die Kinderrente für B._ zur Invalidenrente des Versicherten ab dem 1. Juli 2012 im
Gesamtbetrag von 25’038 Franken beim Versicherten zurückforderte (AK-act. 238). Sie
wies darauf hin, dass nicht die gewöhnliche Verwirkungsfrist von fünf Jahren, sondern
vielmehr die strafrechtliche Verwirkungsfrist von sieben Jahren massgebend sei, weil
der Tatbestand des Art. 148a StGB erfüllt sei. Am 31. Januar 2018 verfügte die IV-
Stelle die Rückforderung der Kinderrente für B._ zur Invalidenrente des Versicherten
im Gesamtbetrag von 25’038 Franken für die Zeit vom 1. Juli 2012 bis zum 30. Juni
2015 (AK-act. 258).
Die IV-Stelle hatte die Hauptrente des Versicherten und damit auch alle
Kinderrenten bereits am 12. Februar 2013 verfügungsweise aufgehoben, was letztlich
vom Bundesgericht in einem Urteil vom 22. September 2015 als rechtmässig
qualifiziert worden war. Die Ausgleichskasse hatte davon allerdings keine Kenntnis
erhalten, weshalb sie die Rentenleistungen über den 31. März 2013 hinaus weiter
ausgerichtet hatte. Erst im Juni 2017 hatte sie realisiert, dass sie ab dem 1. April 2013
gar keine Rentenleistungen mehr hätte ausbezahlen dürfen. Die IV-Stelle hatte in der
Folge die nach dem 31. März 2013 ausbezahlten Rentenleistungen zurückgefordert.
Der Versicherte hatte dagegen eine Beschwerde beim Versicherungsgericht erheben
lassen (Beschwerdeverfahren IV 2018/137).
A.e.
Am 7. Februar 2018 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 31. Januar 2018 betreffend die
Rückforderung der Kinderrente für B._ erheben (act. G 1). Sein Rechtsvertreter
beantragte die Aufhebung der Verfügung, „soweit sie die Rentenzahlungen vor dem 6.
Februar 2017 betrifft“. Zur Begründung führte er an, die Rückforderung sei für
B.a.
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sämtliche Leistungen verwirkt, die mehr als zwölf Monate vor der Eröffnung der
angefochtenen Verfügung ausgerichtet worden seien.
Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 13. April 2018
die Abweisung der Beschwerde (act. G 7). Zur Begründung führte sie aus (act. G 7.1),
die Ausgleichskasse sei vor Juni 2017 von keiner Seite in Kenntnis über die bereits im
Jahr 2013 verfügte Rentenaufhebung gesetzt worden. Die hier strittige Rückforderung
betreffe aber ohnehin teilweise einen Zeitraum vor der Rentenaufhebung. Der Hinweis
auf Fehler der Invalidenversicherungsorgane ziele vollständig ins Leere. Eine Verfügung
betreffend eine „analoge Kinderrentenrückforderung“ gegenüber der Mutter von B._
sei unangefochten in formelle Rechtskraft erwachsen. Die Mutter habe allerdings
anschliessend um einen Erlass der Rückforderung ersucht. Dieses Begehren sei mit
einer Verfügung abgewiesen worden, gegen die in der Folge eine Beschwerde an das
Bundesverwaltungsgericht erhoben worden sei. Die Verfahrensnummer laute
C-1550/2018.
B.b.
Am 25. April 2018 liess der Beschwerdeführer an seiner Beschwerde gegen die
Verfügung vom 31. Januar 2018 festhalten (act. G 10). Sein Rechtsvertreter machte
geltend, die Kinderrente für B._ sei offenbar nicht dem Beschwerdeführer, sondern
seiner Ehefrau ausbezahlt worden, weshalb sie nicht von ihm zurückgefordert werden
könne. Am 5. November 2018 reichte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers dem
Versicherungsgericht eine Duplik der Ausgleichskasse vom 11. Mai 2018 ein, die dem
Versicherungsgericht davor nicht zugegangen war (act. G 25.1.3). Darin hatte diese
geltend gemacht, der Beschwerdeführer vermenge zwei Sachverhalte, die völlig
voneinander unabhängig seien. Sowohl der Beschwerdeführer als auch seine Ehefrau
hätten je eigene Kinderrenten zu ihren Invalidenrenten bezogen. Vom
Beschwerdeführer werde lediglich zurückgefordert, was dieser selbst ausbezahlt
erhalten habe.
B.c.
Am 1. Februar 2019 liess der Beschwerdeführer die separate Entschädigung der
Mehrwertsteuer zum geltend gemachten Honorar beantragen (act. G 33).
B.d.
Die Ausgleichskasse teilte dem Versicherungsgericht am 8. Mai 2019 mit, dass
das Bundesverwaltungsgericht die Beschwerde der Mutter von B._ gegen die ihr
B.e.
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Erlassgesuch abweisende Verfügung (Verfahren C-1550/2018) abgewiesen habe (act.
G 34).
Am 21. Mai 2019 liess der Beschwerdeführer geltend machen (act. G 36), entgegen
der vom Bundesverwaltungsgericht in dessen Entscheid vom 29. April 2019
vertretenen Ansicht hätten weder der Beschwerdeführer noch dessen Ehefrau eine
Meldepflicht verletzt. Sie hätten die in regelmässigen Abständen einverlangten
Studienbestätigungen jeweils pflichtgemäss eingereicht. Der Hinweis des
Bundesverwaltungsgerichtes, B._ habe das Studium nicht mit der genügenden
„Hartnäckigkeit“ verfolgt, habe mit der Frage der Gutgläubigkeit nichts zu tun; sie
betreffe eine materielle Leistungsvoraussetzung. Der Entscheid des
Bundesverwaltungsgerichtes sei noch nicht rechtskräftig. Die Beschwerdegegnerin
verzichtete auf eine Stellungnahme zu dieser Eingabe (act. G 38).
B.f.
Am 20. Juni 2019 liess der Beschwerdeführer nochmals Stellung nehmen (act. G
43). Sein Rechtsvertreter hielt fest, der Entscheid des Bundesverwaltungsgerichtes
vom 29. April 2019 sei unangefochten in formelle Rechtskraft erwachsen. Man hätte
den Rückforderungsanspruch an sich ohnehin nicht mehr in Frage stellen können, da
es ja nur noch um den Erlass der Rückforderung gegenüber der Ehefrau des
Beschwerdeführers gegangen sei. Die Tochter B._ habe sich im hier fraglichen
Zeitraum in den Jahren 2012–2015 in Ausbildung befunden, weshalb die Kinderrente zu
Recht ausgerichtet worden sei. Das Bestehen von Prüfungen sei keine
Leistungsvoraussetzung. B._ sei auch nie abgemahnt worden, die Prüfungen zu
bestehen. Der Rückforderungsanspruch für Leistungen vor dem 6. Februar 2017 sei
ohnehin verwirkt.
B.g.
Mit einem Schreiben vom 29. Juli 2019 teilte das Versicherungsgericht den
Parteien mit (act. G 45), dass es die Sistierung des Beschwerdeverfahrens vorsehe. Zur
Begründung führte es aus, dass zwei alternative Ursachen für die Unrechtmässigkeit
des Rentenbezuges zur Diskussion stünden, nämlich die Frage, ob sich B._ ab Juli
2012 überhaupt in Ausbildung befunden habe, und der Umstand, dass die Hauptrente
des Beschwerdeführers und damit auch alle Kinderrenten per 31. März 2013
aufgehoben worden seien, wovon die Ausgleichskasse aber erst Mitte 2017 Kenntnis
erhalten habe. Im parallelen Beschwerdeverfahren IV 2018/137 betreffend die
B.h.
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Erwägungen
1.
Die Beschwerdegegnerin hat die Kinderrente für B._ mit einer Verfügung vom 28.
September 2017 rückwirkend per 1. Juli 2012 aufgehoben. Diese Korrekturverfügung
ist unangefochten in formelle Rechtskraft erwachsen, weshalb nun – für die Parteien,
aber auch für das Versicherungsgericht – verbindlich feststeht, dass der
Beschwerdeführer ab dem 1. Juli 2012 keinen Anspruch mehr auf eine Kinderrente für
B._ gehabt hat. Mit der angefochtenen Verfügung vom 31. Januar 2018 hat die
Beschwerdegegnerin die in der Zeit vom 1. Juli 2012 bis zum 30. Juni 2015
ausgerichtete Kinderrente für B._ zurückgefordert. In diesem Beschwerdeverfahren
ist folglich lediglich noch die Rechtmässigkeit dieser Rückforderung zu prüfen, wobei
vor allem die Frage nach der Verwirkung der Rückforderung im Fokus steht. Allerdings
ist zu berücksichtigen, dass die Rückforderung der Hauptrente und sämtlicher
Kinderrenten – notwendigerweise auch jener für B._ – für die Zeit ab dem 1. April
2013 gemäss dem formell rechtskräftigen und verbindlichen Urteil des
Bundesgerichtes 9C_625/2019 vom 18. Mai 2020 (aus einem anderen Grund) verwirkt
ist. Den Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens bildet folglich lediglich die Frage
Rückforderung der Hauptrente und der Kinderrenten für die drei jüngeren Kinder (ab
dem 1. April 2013) sei ebenfalls zu prüfen, ob die Rückforderung verwirkt sei, aber dort
stehe nur eine Ursache zur Diskussion, nämlich die unterbliebene Zahlungseinstellung.
Diesbezüglich sei in beiden Beschwerdeverfahren dieselbe Rechtsanwendungsfrage zu
beantworten, was es nach der Auffassung des Versicherungsgerichtes rechtfertige, das
vorliegende Beschwerdeverfahren bis zum rechtskräftigen Abschluss des
Beschwerdeverfahrens IV 2018/137 zu sistieren. Der Beschwerdeführer erklärte sich
damit einverstanden (act. G 46). Die Beschwerdegegnerin nahm keine Stellung. Am 11.
September 2019 wurde das Beschwerdeverfahren sistiert (act. G 47).
Am 5. Juni 2020 hob das Versicherungsgericht die Verfahrenssistierung wieder auf
(act. G 48), nachdem das Bundesgericht mit einem Urteil vom 18. Mai 2020
(9C_625/2019, zur amtlichen Publikation vorgesehen) entschieden hatte, dass die
Rückforderung in Bezug auf die vor Februar 2017 ausgerichteten Rentenleistungen
verwirkt sei, weil die IV-Stelle der rentenzahlenden Ausgleichskasse die
rentenaufhebende Verfügung und auch den Beschwerdeentscheid des
Versicherungsgerichtes betreffend jene Verfügung nicht zugestellt habe.
B.i.
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nach der Rechtmässigkeit der Rückforderung der im Zeitraum vom 1. Juli 2012 bis zum
31. März 2013 ausgerichteten Kinderrente für B._.
2.
Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten (Art. 25 Abs. 1 Satz 1
ATSG). Die Verfügung vom 28. September 2017, mit der die Kinderrente für B._
rückwirkend per 1. Juli 2012 aufgehoben worden ist, ist unangefochten in formelle
Rechtskraft erwachsen und damit verbindlich geworden. Folglich handelt es sich bei
der in der Zeit zwischen dem 1. Juli 2012 und dem 30. Juni 2015 bezogenen
Kinderrente für B._ um eine unrechtmässig bezogene Leistung im Sinne des Art. 25
Abs. 1 Satz 1 ATSG), die zurückzuerstatten ist. Zu prüfen bleibt aber, ob diese
Rückforderung allenfalls teilweise oder vollständig verwirkt ist, denn laut dem Art. 25
Abs. 2 ATSG erlischt ein Rückforderungsanspruch mit dem Ablauf eines Jahres,
nachdem der Versicherungsträger davon Kenntnis erhalten hat, spätestens aber mit
dem Ablauf von fünf Jahren nach der Entrichtung der einzelnen Leistung, wobei
allerdings eine längere (absolute) Verwirkungsfrist massgebend ist, wenn der
Rückerstattungsanspruch aus einer strafbaren Handlung hergeleitet wird und wenn das
Strafrecht diesbezüglich eine längere Verwirkungsfrist vorsieht.
2.1.
Als fristwahrend gilt gemäss der bundesgerichtlichen Auffassung im Bereich der
Invalidenversicherung der Vorbescheid (vgl. BGE 119 V 431). Zur Begründung dieser
Ansicht hat das Bundesgericht im erwähnten Leitentscheid angeführt, dass im
Invalidenversicherungsverfahren bereits nach der Eröffnung des Vorbescheides
Einwände geltend gemacht werden könnten, die das Verfahren verlängerten, die in
einem Verwaltungsverfahren ohne eine Vorbescheidspflicht aber erst nach dem Erlass
der verfahrensabschliessenden Verfügung, nämlich im Beschwerdeverfahren,
vorgebracht werden könnten. Wenn nun die Verwaltung durch das geltende Recht zum
Erlass eines Vorbescheides verpflichtet werde, müsse diesem – fristenrechtlich
gesehen – die gleiche Wirkung zugemessen werden wie der Verfügung selber. Im
Anwendungsbereich des KUVG gelte gemäss einem in RKUV 1990 Nr. 835
veröffentlichen Bundesgerichtsurteil im Übrigen auch bereits ein formloser
Kassenentscheid als fristwahrend (vgl. BGE 119 V 431 E. 3c S. 434). In jenem Urteil
war einem formlosen Kassenentscheid allerdings vom Bundesgericht
Verfügungscharakter zuerkannt worden; das Bundesgericht hatte diesen mit anderen
Worten als eine fehlerhaft eröffnete Verfügung qualifiziert. Aus dem im BGE 119 V 473
enthaltenen Verweis auf jenes Urteil lässt sich deshalb nichts für die Frage ableiten,
weshalb im Bereich der Invalidenversicherung bereits der Vorbescheid als fristwahrend
zu qualifizieren sein sollte. Den soeben wiedergegebenen Ausführungen des
2.2.
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Bundesgerichtes im BGE 119 V 473 lässt sich aber immerhin entnehmen, dass das
Bundesgericht offenbar davon ausgeht, dass die vom Vorbescheid bezweckte
Gewährung des rechtlichen Gehörs nicht zu einer für den Fristenlauf wesentlichen
Verfahrensverzögerung führen dürfe. Das kann nur so verstanden werden, dass das
Bundesgericht in jedem Fall bereits die erste Ankündigung einer IV-Stelle, dass sie
Leistungen zurückfordern werde, als fristwahrend qualifiziert, denn nur so können
durch die Gewährung des rechtlichen Gehörs verursachte „Verzögerungen“ vermieden
werden.
Ein erster „Rückforderungs-Vorbescheid“ ist am 30. Juni 2017 und folglich noch
innerhalb der fünfjährigen Verwirkungsfrist bezüglich der Kinderrente für den Monat Juli
2012 ergangen. Allerdings ist dieser Vorbescheid von der Schweizerischen
Ausgleichskasse eröffnet worden, die dafür – formal betrachtet – nicht zuständig
gewesen ist. Bei einem Vorbescheid kann es sich zwar bei genauer Betrachtung um
nichts anderes als um ein Informationsschreiben handeln, das der Wahrung des
rechtlichen Gehörs dienen soll und das folglich keine rechtsgestaltende Wirkung
entfalten und deshalb weder anfechtbar noch nichtig sein kann. Aber trotzdem stellt
sich die Frage, ob ein von einer formal unzuständigen Behörde eröffneter Vorbescheid
eine ausreichende Kenntnis über die vorgesehene Erledigung vermitteln kann (vgl. dazu
auch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes C-4361/2017 vom 1. September
2017, E. 5; AK-act. 230). Nach der oben, in der E. 2.2 dargestellten
bundesgerichtlichen Auffassung darf jedoch – unabhängig von formalen Fragen – nur
jener Zeitpunkt massgebend sein, in dem erstmals eine Rückforderung angekündigt
worden ist. Einwände gegen eine solche Ankündigung dürfen sich nach der Auffassung
des Bundesgerichtes nicht auf den Fristenlauf auswirken. Konsequenterweise muss
das auch für Einwände betreffend die funktionale Zuständigkeit der Behörde gelten, die
den Vorbescheid eröffnet hat. Deshalb kann es keine Rolle spielen, dass der erste
Vorbescheid am 30. Juni 2017 von der Schweizerischen Ausgleichskasse statt von der
Beschwerdegegnerin eröffnet worden ist, denn er hat den Beschwerdeführer in
Kenntnis über die vorgesehene Rückforderung gesetzt und er hat dem
Beschwerdeführer die Möglichkeit eingeräumt, Einwände gegen diese Rückforderung
zu erheben. Folglich kommt der von der Beschwerdegegnerin aufgeworfenen Frage
nach der Anwendbarkeit der längeren, strafrechtlichen absoluten Verwirkungsfrist keine
Bedeutung zu, weil die absolute Fünfjahresfrist des Art. 25 Abs. 2 ATSG mit dem
Vorbescheid vom 30. Juni 2017 gewahrt worden ist.
2.3.
Gemäss zwei aktuelleren Urteilen des Bundesgerichtes beginnt die relative,
einjährige Verwirkungsfrist erst mit der sicheren Kenntnis des Versicherungsträgers
2.4.
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vom Rückforderungsanspruch und folglich erst mit dem Eintritt der formellen
Rechtskraft der (die Rückforderung zur Folge habenden) Korrekturverfügung zu laufen
(Urteile des Bundesgerichtes 8C_642/ 2014 vom 23. März 2015 und 8C_640/2014 vom
19. Dezember 2014). Diese neue Praxis ist überzeugender als die alte, „herkömmliche“
Praxis. Der Versicherungsträger hat nämlich erst dann eine sichere Kenntnis von der
Rückforderung, wenn die diese auslösende Korrekturverfügung verbindlich geworden
ist. Bis zu diesem Zeitpunkt muss er nur mit der Möglichkeit einer Rückforderung
rechnen. Der Wortlaut des Art. 25 Abs. 2 ATSG, wonach die relative, einjährige
Verwirkungsfrist zu laufen beginnt, sobald der Versicherungsträger „davon“ Kenntnis
erhalten hat, steht dieser Interpretation nicht entgegen, denn er ist zweideutig. Das
Pronominaladverb „davon“ kann sich nämlich entweder auf die Rückforderung oder auf
den Korrekturbedarf der formell rechtskräftigen Leistungsverfügung beziehen. Den
Materialien lässt sich zu dieser Frage nichts entnehmen. Der Art. 25 Abs. 2 ATSG
entspricht hinsichtlich der relativen Verwirkungsfrist einer früheren Bestimmung im
AHVG, die ihrerseits wohl als Verordnungsbestimmung (sodass allfällige Materialien
nicht zugänglich sind) konzipiert gewesen, bei den parlamentarischen Diskussionen
dann aber diskussionslos ins Gesetz übernommen worden war. In systematischer
Hinsicht ist darauf hinzuweisen, dass es sich bei der rückwirkenden Korrektur einer
materiell falschen, aber formell rechtskräftig zugesprochenen Leistung (rückwirkende
Revision, Wiedererwägung oder sog. prozessuale Revision) und bei der Rückforderung
um zwei getrennte Rechtsverhältnisse handelt. Die rückwirkende Korrektur hat zwar
eine Rückforderung zur Folge, weil sie den materiell-rechtlich nicht geschuldeten
Leistungen nachträglich die Verfügungsgrundlage entzieht und diese dadurch im Sinne
des Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG zu unrechtmässig bezogenen Leistungen macht. In der
Praxis wird allerdings oft nicht beachtet, dass derartige Korrekturverfügungen auch
verhindern, dass die materiell-rechtlich nicht vorgesehenen Leistungen weiter
ausgerichtet werden müssen. Folglich kann nicht die Auffassung vertreten werden,
Korrekturverfügungen seien einzig dazu da, die Voraussetzungen für eine
Rückforderung zu schaffen, weshalb sie nur die verfahrensrechtliche Voraussetzung
der Rückforderung und damit Teil der Rückforderungsverfügung seien. Die
Korrekturverfügung ist – wie die Rückforderungsverfügung – eine „vollwertige“
Verfügung. Korrekterweise hat der Versicherungsträger also stets zuerst eine
(rückwirkende) Korrekturverfügung und später beziehungsweise darauf basierend eine
Rückforderungsverfügung zu erlassen. Ergeht die Rückforderungsverfügung allerdings,
bevor die Korrekturverfügung formell rechtskräftig geworden ist, betreibt der
Versicherungsträger eine vom Bundesgericht zu Recht verpönte Rechtsanwendung
„auf Vorrat“, denn bei einer Aufhebung der Korrekturverfügung wird der
Rückforderungsverfügung die Grundlage entzogen, sodass diese ebenfalls
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3.
rechtswidrig wird. Der frühestmögliche Zeitpunkt, in dem eine
Rückforderungsverfügung erlassen werden kann, ist also der Tag, an dem die der
Rückforderung zugrunde liegende Korrekturverfügung formell rechtskräftig geworden
ist. Selbstverständlich kann die relative, einjährige Verwirkungsfrist ebenfalls frühestens
an diesem Tag zu laufen beginnen. Andernfalls könnte sie nämlich verstreichen, bevor
der Versicherungsträger sie durch eine Rückforderungsverfügung wahren könnte, was
offensichtlich nicht der Sinn des Art. 25 Abs. 2 Satz 1 ATSG sein kann. Da der
Versicherungsträger an dem Tag, an dem die Korrekturverfügung formell rechtskräftig
wird, definitiv Kenntnis von allen Einzelheiten des Rückforderungsanspruchs hat, sind
in diesem Zeitpunkt auch die Voraussetzungen des Art. 25 Abs. 2 ATSG für die
Auslösung der einjährigen Verwirkungsfrist erfüllt: Der Versicherungsträger hat Kenntnis
vom Rückforderungsanspruch (vgl. zum Ganzen auch das Urteil IV 2014/559 des St.
Galler Versicherungsgerichtes vom 16. November 2016, E. 2.2). Vorliegend ist die
Korrekturverfügung am 28. September 2017 ergangen, weshalb die relative einjährige
Verwirkungsfrist nach der aktuellen Auffassung des Bundesgerichts offensichtlich noch
nicht abgelaufen gewesen ist, als die Schweizerische Ausgleichskasse mit ihrem
Vorbescheid vom 30. Juni 2017 die Rückforderung der Kinderrente für B._
angekündigt hat.
Zusammenfassend sind also sowohl die absolute, fünfjährige als auch die relative,
einjährige Verwirkungsfrist gewahrt worden, weshalb sich die Rückforderung der
Kinderrente für B._ für den Zeitraum vom 1. Juli 2012 bis zum 31. März 2013 als
rechtmässig erweist. Der Gesamtbetrag der Rückforderung beläuft sich auf 6 × 690 + 3
× 696 = 6’228 Franken. Der Umstand, dass die Rückforderung der Kinderrente für
B._ für den Zeitraum vom 1. April 2013 bis zum 30. Juni 2015 gemäss dem
Bundesgerichtsurteil 9C_625/2019 vom 18. Mai 2020 aus einem anderen Grund
zufolge Verwirkung untergegangen ist, zwingt zwar zu einer Korrektur des Dispositivs
der angefochtenen Verfügung. Aber darin ist keine (teilweise) Gutheissung der
Beschwerde zu erblicken, denn würde die Rückforderung sämtlicher Rentenleistungen,
die der Beschwerdeführer nach dem 31. März 2013 bezogen hat, nicht aufgrund des
erst nach der Eröffnung der hier zu beurteilenden Rückforderungsverfügung
ergangenen Urteils des Bundesgerichts vom 18. Mai 2020 als verwirkt gelten, erwiese
sich auch die Rückforderung der Kinderrente für B._ für den Zeitraum vom 1. April
2013 bis zum 30. Juni 2015 als rechtmässig. Hinsichtlich der Kosten- und
Entschädigungsfolgen für dieses Beschwerdeverfahren ist deshalb von einem
Unterliegen des Beschwerdeführers auszugehen.
3.1.
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