Decision ID: d32c7ea6-0a57-5108-9ecd-0822d8c91821
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Die IV-Stelle sprach A._ mit einer Verfügung vom 10. September 2015 bei einem
Invaliditätsgrad von 42 Prozent für die Zeit ab dem 1. August 2014 eine Viertelsrente
von 300 Franken pro Monat sowie zwei Kinderrenten von je 120 Franken pro Monat
und mit Wirkung ab dem 1. Januar 2015 eine Invalidenrente von 301 Franken pro
Monat sowie zwei Kinderrenten von je 121 Franken pro Monat zu (IV-act. 115). Die für
den Zeitraum vom 1. August 2014 bis zum 31. August 2015 resultierende Nachzahlung
von 7’044 Franken verrechnete sie im Umfang von 2’343.75 Franken mit einer
Rückforderung der beruflichen Vorsorgeeinrichtung. Die Rentenberechnung basierte
auf einer Beitragsdauer von 20 Jahren und elf Monaten (Februar 1993 bis August
2014). Da die Versicherte für eine volle Rente 27 Beitragsjahre hätte aufweisen müssen,
kam nicht die Skala 44 (Vollrente), sondern die Skala 33 (Teilrente) zur Anwendung. Bei
der Ermittlung des massgebenden durchschnittlichen Jahreseinkommens wurden nicht
nur die zwischen Januar 2002 und Dezember 2013 abgerechneten beitragspflichtigen
Erwerbseinkommen, sondern auch, ausgehend vom Geburtsjahr des ersten Kindes der
Versicherten, 18 Erziehungsgutschriften berücksichtigt. Das ergab ein massgebendes
durchschnittliches Jahreseinkommen von 33’696 Franken (2014) bzw. 33’840 Franken
(2015). Diese massgebenden durchschnittlichen Jahreseinkommen entsprachen in der
Rentenskala 33 den verfügten Rentenbeträgen (AK-act. 55).
A.a.
Die Versicherte erhob am 14. Oktober 2015 eine Beschwerde, so dass diese
Rentenverfügung nicht in formelle Rechtskraft erwachsen und damit vollstreckbar
werden konnte. Trotzdem zahlte die IV-Stelle die Viertelsrente und die entsprechenden
Kinderrenten aus. Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen sprach der
A.b.
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Versicherten mit einem Entscheid vom 6. März 2018 (IV 2015/331; vgl. IV-act. 136)
rückwirkend ab dem 1. März 2013 eine halbe Rente der Invalidenversicherung zu.
Dagegen erhob die IV-Stelle eine Beschwerde. Auch das hinderte sie nicht daran, die
Viertelsrente und die entsprechenden Kinderrenten weiter auszuzahlen. Das
Bundesgericht hob den Entscheid IV 2015/331 des St. Galler Versicherungsgerichtes
mit einem Urteil vom 26. Juli 2018 auf; es wies die Sache zur Fortsetzung der
Sachverhaltsabklärung an die IV-Stelle zurück (9C_295/2018; vgl. IV-act. 146). Auch
während des anschliessenden Verwaltungsverfahrens zahlte die IV-Stelle die Renten
aus.
Die IV-Stelle hatte der Versicherten mit einer Verfügung vom 13. September 2017
rückwirkend für die Zeit vom 1. August 2016 bis zum 31. Juli 2017 eine dritte
Kinderrente von insgesamt 121 Franken zugesprochen, da sich das dritte Kind der
Versicherten in jenem Zeitraum in einer Ausbildung befunden hatte (IV-act. 130). Auch
diese dritte Kinderrente wurde der Versicherten ausbezahlt, obwohl noch gar nicht
feststehen konnte, ob die Versicherte einen Rentenanspruch hatte.
A.c.
Am 10. Dezember 2018 kündigte die IV-Stelle die Durchführung einer weiteren
Haushaltsabklärung an (IV-act. 164).
A.d.
Am 31. Januar 2019 erliess die IV-Stelle eine Verfügung (IV-act. 166), die sie
folgendermassen einleitete: „Ersetzt unsere Verfügung vom 10. September 2015“. Sie
setzte die Beträge der Viertelsrente und der entsprechenden drei Kinderrenten
rückwirkend ab August 2014 herab, das heisst die Verfügung vom 31. Januar 2019
ersetzte auch die Verfügung vom 13. September 2017, mit der die IV-Stelle der
Versicherten vorläufig eine dritte Kinderrente zugesprochen und sofort ausgerichtet
hatte. Zur Begründung führte sie an, sie habe bei der Bearbeitung der „provisorischen
Rentenberechnung“ festgestellt, dass die Versicherte nach ihrer Einreise in die Schweiz
im Jahr 1993 noch weiterhin in ihrem Herkunftsland erwerbstätig gewesen sei. Folglich
sei sie in jener Zeit der ausländischen und nicht der Schweizer Sozialversicherung
unterstellt gewesen. Die massgebende Beitragsdauer belaufe sich lediglich auf 14
Jahre und drei Monate, was zur Anwendung der Rentenskala 23 führe. Das
massgebende durchschnittliche Jahreseinkommen betrage 42’660 Franken. Insgesamt
könnten 6,5 Erziehungsgutschriften angerechnet werden. Der Betrag der Invalidenrente
A.e.
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B.
belaufe sich auf 233 Franken pro Monat für die Zeit ab dem 1. August 2014, auf 234
Franken pro Monat für die Zeit ab dem 1. Januar 2015 und auf 236 Franken pro Monat
für die Zeit ab dem 1. Januar 2019. Die Kinderrentenbeträge betrügen 90 Franken
respektive 94 Franken (ab August 2017). Für den Zeitraum vom 1. August 2014 bis zum
31. Januar 2019 habe die Invalidenversicherung also Rentenleistungen von insgesamt
6’191 Franken zu viel ausgerichtet, die zurückzufordern seien.
Am 11. Februar 2019 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie die
vorgesehene Haushaltsabklärung am 1. März 2019 durchführen werde (IV-act. 169).
A.f.
Am 6. März 2019 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 31. Januar 2019 erheben (act. G 1). Ihre
Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die
Rückweisung der Sache zur weiteren Abklärung an die IV-Stelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin), die „vollumfängliche Abweisung“ der Rückforderung und
eventualiter die Zusprache einer halben Rente, alles unter Kosten- und
Entschädigungsfolge zulasten der Beschwerdegegnerin. Zur Begründung führte sie
aus, die Beschwerdegegnerin habe nach der Rückweisung durch das Bundesgericht
weder eine Haushaltsabklärung durchgeführt noch ein neurologisches Gutachten
eingeholt. Zwischenzeitlich sei zwar eine Haushaltsabklärung erfolgt, allerdings erst
nach der Eröffnung der angefochtenen Verfügung. Diese beruhe also offensichtlich auf
einem ungenügend abgeklärten Sachverhalt. Sie müsse aufgehoben werden; die Sache
sei zur Fortsetzung der Sachverhaltsabklärung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Auch die Rückforderung werde bestritten, denn es liege keine
schuldhafte Verletzung der Meldepflicht vor, die eine Rückforderung rechtfertigen
würde. Die Beschwerdeführerin habe ihre Tätigkeit im Herkunftsland nämlich
wahrheitsgemäss deklariert.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 22. August 2019 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 10). Zur Begründung führte sie an, die Beschwerdeführerin beziehe
weiterhin eine Viertelsrente, obwohl die rentenzusprechende Verfügung vom 10.
September 2015 aufgehoben worden sei. Auch dieser „provisorische“ Rentenanspruch
müsse jedoch korrigierbar sein, weshalb die Beschwerdegegnerin nach dem
B.b.
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Erwägungen
1.
Entdecken eines Berechnungsfehlers zu Recht eine neue Verfügung erlassen habe, mit
der sie den Rentenbetrag korrigiert habe. Die Rückforderung der zu hohen
Rentenleistungen sei die natürliche Folge dieser Korrektur gewesen. Eine
Meldepflichtverletzung sei entgegen der Ansicht keine zwingende Voraussetzung für
die Zulässigkeit der Rückforderung. Der Beschwerdeantwort lag eine Stellungnahme
der Ausgleichskasse vom 8. August 2019 bei (act. G 10.1), in der darauf hingewiesen
worden war, dass die angefochtene Verfügung nur die Korrektur des Betrages der
„provisorischen“ Rente bezweckt habe. Leider habe man vergessen, auf das nach wie
vor hängige IV-Verfahren hinzuweisen. Mit der Korrektur habe man nicht bis zum
Abschluss des IV-Abklärungsverfahrens zuwarten können. Da die Korrektur nur den
„AHV-rechtlichen Teil“ der Rente betroffen habe, habe direkt ohne einen Vorbescheid
verfügt werden können.
Die Beschwerdeführerin liess am 3. Dezember 2019 an ihren Anträgen festhalten
(act. G 17). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 19).
B.c.
Der Wortlaut der angefochtenen Verfügung vom 31. Januar 2019 erweckt den
Eindruck, dass es sich dabei um eine das Verwaltungsverfahren zur Ermittlung des
Invaliditätsgrades abschliessende Rentenverfügung handle. Nun ist diese Verfügung
aber zu einem Zeitpunkt ergangen, in dem die Sachverhaltsabklärung noch im Gange
gewesen ist, denn die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin damals
angekündigt, dass sie demnächst die vom Bundesgericht angeordnete (zweite)
Haushaltsabklärung durchführen werde. Das zeigt, dass die Beschwerdegegnerin das
Verwaltungsverfahren damals nicht hat abschliessen wollen. Bei genauer Betrachtung
lässt sich auch der angefochtenen Verfügung selbst entnehmen, dass es sich dabei
nicht um eine verfahrensabschliessende, „definitive“ Rentenverfügung gehandelt hat:
Der sogenannte „Verfügungsteil 2“, der von der zuständigen IV-Stelle erstellt und dann
durch die von der zuständigen Ausgleichskasse vorgenommene
Rentenbetragsberechnung zu einer vollständigen Verfügung ergänzt wird, die dann von
der Ausgleichskasse im Namen der IV-Stelle eröffnet wird, hat exakt dem
„Verfügungsteil 2“ der Verfügung vom 10. September 2015 entsprochen, die gerichtlich
aufgehoben worden war. Nur die Berechnung der Rentenbeträge, also der „AHV-
rechtliche Teil“ der Verfügung ist modifiziert worden. Das zeigt, dass die Verfügung
1.1.
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vom 31. Januar 2019 nicht das Ergebnis der abschliessenden Klärung des
Invaliditätsgrades der Beschwerdeführerin gewesen ist, dass sie also das
Verwaltungsverfahren nicht abgeschlossen hat.
Die Beschwerdegegnerin hat direkt nach der Eröffnung der Verfügung vom 10.
September 2015 begonnen, die entsprechenden Rentenleistungen auszuzahlen.
Obwohl diese Verfügung angefochten und schliesslich aufgehoben worden ist, hat die
Beschwerdegegnerin die Rentenleistungen unverändert weiter ausbezahlt. Sie hat
sogar am 13. September 2017 eine dritte Kinderrente zugesprochen und auch diese
ausbezahlt. Die Auszahlung der Viertelsrente und der ersten beiden Kinderrenten hat
sich offensichtlich nicht auf die angefochtene und dann aufgehobene Rentenverfügung
vom 10. September 2015 stützen können. Sie muss sich aber auf eine bewusste
Anordnung des vorgezogenen Vollzugs gestützt haben. Diese Vollzugsanordnung ist
zwar nie formell verfügt worden, aber für die mit dem Sozialversicherungsrecht
vertraute Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin muss die Existenz dieser
stillschweigenden Vollzugsanordnung erkennbar geworden sein, als die
Beschwerdeführerin trotz der Beschwerdeerhebung weiterhin die Viertelsrente und die
beiden Kinderrenten erhalten hat, spätestens aber als diese Renten trotz der
Aufhebung der Rentenverfügung vom 10. September 2015 im bundesgerichtlichen
Rückweisungsentscheid vom 26. Juli 2018 weiter ausbezahlt worden sind. Die
Beschwerdeführerin hat diese stillschweigende Vollzugsanordnung nie beanstanden
lassen. Dasselbe gilt für die formell verfügte Ergänzung dieser Vollzugsanordnung