Decision ID: e7df668e-3302-4b69-90f6-7a018c9d4af0
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte schwere Körperverletzung (Rückweisung der strafrechtlichen Abteilung des Schweiz. Bundesgerichts)
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 3. Abteilung, vom 19. September 2016 (DG160175)
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Urteil der I. Strafkammer des Obergerichts des Kantons Zürich vom 6. Juli 2017 (SB170043)
Urteil der strafrechtlichen Abteilung des Schweiz. Bundesgerichts vom 15. März 2018 (6B_908/2017)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 3. Juni 2016
(Urk. 23) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 114 S. 30 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne
von Art. 122 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 12 Monaten Freiheitsstrafe, wovon 108 Tage
durch Untersuchungs- und Sicherheitshaft erstanden sind.
3. Die Freiheitsstrafe wird vollzogen.
4. Es wird eine ambulante Behandlung des Beschuldigten im Sinne von Art. 63 StGB
(ADHS-Therapie sowie deliktorientierte und suchtspezifische Therapie) angeordnet.
5. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird zum Zweck der ambulanten Behandlung
aufgeschoben.
6. Sämtliches gesichertes und beim Forensischen Institut Zürich gelagertes Spuren-
material sowie die erstellten Beweisfotografien werden der Lagerbehörde nach Ein-
tritt der Rechtskraft zur Vernichtung überlassen.
7. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger A._
aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist.
Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadenersatzanspruches wird der
Privatkläger auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
8. Das Genugtuungsbegehren des Privatklägers A._ wird abgewiesen.
9. Das erstinstanzliche Kosten- und Entschädigungsdispositiv (Ziff. 10-13) wird be-
stätigt.
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10. Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 3'000.-- ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 8'100.-- amtliche Verteidigung
Fr. 400.-- unentgeltliche Verbeiständung
Fr. 250.-- Kosten Therapiebericht C._
Fr. 169.-- Laborkosten.
11. Die Kosten des Berufungsverfahrens, mit Ausnahme der Kosten der amtlichen
Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft, werden
dem Beschuldigten zur Hälfte auferlegt und zur Hälfte auf die Gerichtskasse ge-
nommen. Die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen
Vertretung der Privatklägerschaft werden einstweilen auf die Gerichtskasse ge-
nommen. Die Rückzahlungspflicht des Beschuldigten für die die Hälfte dieser
Kosten bleibt gemäss Art. 135 Abs. 4 und Art. 138 Abs. 1 StPO vorbehalten.
12. (Mitteilung)
13. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge: (Prot. II S. 7 f.)
a) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 131 S. 1; Urk. 168 S. 1)
1. Der Beschuldigte B._ sei der versuchten schweren Körperverletzung im
Sinne von Art. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu
sprechen.
2. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten unbedingt zu
bestrafen.
3. Die erstandene Haft sei auf die ausgesprochene Freiheitsstrafe anzurech-
nen.
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4. Es sei eine ambulante Behandlung des Beschuldigten im Sinne von Art. 63
StGB (ADHS-Therapie sowie deliktorientierte und suchtspezifische Thera-
pie) anzuordnen.
5. Die ausgesprochene Freiheitsstrafe sei zugunsten der ambulanten Behand-
lung aufzuschieben.
6. Im Übrigen sei das Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 3. Abteilung, vom
19. September 2016 [DG160175] zu bestätigen (Dispositiv-Ziffer 3 ff.).
7. Die Anträge des Beschuldigten/II. Berufungsklägers seien abzuweisen.
b) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 135 S. 1 f. sinngemäss; Prot. II S. 13)
1. Das erstinstanzliche Urteil sei aufzuheben.
2. Der Beschuldigte sei vollumfänglich freizusprechen.
3. Dem Beschuldigten sei eine Genugtuung von Fr. 25'000.– und Schadener-
satz von Fr. 30'000.– zuzusprechen.
4. Ausgangsgemäss sei auf Zivilforderungen nicht einzutreten.
5. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zahlbar an den Rechtsver-
treter, zuzüglich Mehrwertsteuer) für das erst- und zweitinstanzliche Ver-
fahren zu Lasten der Staatskasse.
c) Der Privatklägerschaft A._:
(Urk. 139 S. 1; Urk. 160)
1. Der Beschuldigte sei anklagegemäss schuldig zu sprechen und das erst-
instanzliche Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 3. Abteilung, vom
19. September 2016 (Geschäfts-Nr. DG160175) sei zu bestätigen.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zuzüglich MWSt. zu Lasten des
Beschuldigten, eventualiter des Staates.
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Erwägungen:
1. Prozessgeschichte
1.1. Mit vorstehend wiedergegebenem Urteil vom 6. Juli 2017 wurde der Be-
schuldigte in Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils der versuchten schweren
Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB schuldig gesprochen und mit einer unbedingten Freiheitsstrafe von
12 Monaten bestraft, woran 108 durch Haft erstandene Tage angerechnet wur-
den. Es wurde eine ambulante Behandlung des Beschuldigten im Sinne von
Art. 63 StGB (ADHS-Therapie sowie deliktorientierte und suchtspezifische Thera-
pie) angeordnet und der Vollzug der Freiheitsstrafe zum Zweck dieser Behand-
lung aufgeschoben. Schliesslich wurde festgestellt, dass der Beschuldigte gegen-
über dem Privatkläger A._ aus dem angeklagten Ereignis dem Grundsatze
nach schadenersatzpflichtig ist. Das Genugtuungsbegehren des Privatklägers
wurde abgewiesen (Urk. 114 S. 30 ff.).
1.2. In Gutheissung einer vom Beschuldigten gegen dieses Urteil erhobenen
Beschwerde hob das Bundesgericht am 15. März 2018 das obergerichtliche Urteil
auf und wies die Sache zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurück
(Urk. 126; Urteil 6B_908/2017). Das Bundesgericht bemängelte zur Hauptsache,
dass die Kammer im aufgehobenen Urteil im Rahmen der rechtlichen Würdigung
von einem anderen Sachverhalt ausgegangen sei als demjenigen, den sie als er-
stellt erachtet habe.
1.3. Nach Wiedereingang der Akten beim Obergericht wurde im Einverständnis
mit den Parteien (Urk. 128) für die Fortsetzung des Berufungsverfahrens zunächst
das schriftliche Verfahren angeordnet und mit Verfügung vom 8. Mai 2018 der
Staatsanwaltschaft Frist angesetzt, ihre Berufungsanträge zu stellen und zu be-
gründen sowie letztmals allfällige Beweisanträge zu stellen (Urk. 129). Am 4. Juni
2018 stellte die Staatsanwaltschaft die obgenannten Anträge (Urk. 131 S. 1). Mit
Präsidialverfügung vom 7. Juni 2018 wurde dem Beschuldigten Frist zur Begrün-
dung der eigenen Berufung und Beantwortung der Berufung der Staatsanwalt-
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schaft angesetzt (Urk. 133). Hierauf liess der Beschuldigte am 12. Juni 2018 die
ebenfalls vorstehend angeführten Anträge stellen. Im Weiteren widerrief die Ver-
teidigung das Einverständnis zum schriftlichen Verfahren für den Fall, dass die
Kammer "ernsthaft ein anderes Ergebnis [als einen Freispruch]" in Erwägung zie-
hen sollte. Diesfalls seien neben dem Privatkläger auch noch vier Zeugen gericht-
lich zu befragen (Urk. 135 S. 2). Mit Verfügung vom 14. Juni 2018 wurde diese
Rechtsschrift der Staatsanwaltschaft und dem Privatkläger zur Stellungnahme
zugestellt (Urk. 137). Der Privatkläger liess daraufhin am 5. Juli 2018 beantragen,
es sei der Beschuldigte anklagegemäss und in Bestätigung des vorinstanzlichen
Urteils schuldig zu sprechen. Weitere Beweisabnahmen hätten nicht zu erfolgen,
und entsprechend sei auch ein Rückwechsel zum mündlichen Verfahren nicht in-
diziert (Urk. 139). Die Staatsanwaltschaft beantragte gleichentags die Abweisung
der Berufung des Beschuldigten und von dessen Beweisanträgen. Hingegen
wandte sich die Staatsanwaltschaft nicht gegen die Durchführung einer münd-
lichen Berufungsverhandlung (Urk. 141).
1.4. Am 17. Juli 2018 ordnete die Verfahrensleitung die mündliche Fortsetzung
des Berufungsverfahrens an und wies die Beweisanträge des Beschuldigten ab
(Urk. 143).
1.5. Schliesslich fand am 4. April 2019 die Berufungsverhandlung statt. Es er-
schienen der zuständige Staatsanwalt sowie der Beschuldigte in Begleitung sei-
nes amtlichen Verteidigers (Prot. II S. 7). Das Urteil erging im Anschluss an die
Berufungsverhandlung (Prot. II S. 15 ff.).
2. Prozessuales
2.1. Durch die Aufhebung des angefochtenen Urteils und Rückweisung der Sa-
che an die Kammer wird das Verfahren in den Stand versetzt, in welchem es sich
vor der Fällung des damaligen Urteils befunden hat. Damit ist heute nochmals
umfassend über alles zu entscheiden, was bereits Gegenstand des ersten Beru-
fungsverfahrens SB170043 war. Allerdings darf dabei inhaltlich nur auf jene Punk-
te zurückgekommen werden, die zur Aufhebung des ersten Urteils geführt haben:
Die neue Entscheidung der kantonalen Instanz ist nach einer Rückweisung vom
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Bundesgericht auf diejenige Thematik beschränkt, die sich aus den bundes-
gerichtlichen Erwägungen als Gegenstand der neuen Beurteilung ergibt (BGE 123
IV 1 E. 1; BGE 143 IV 214 E. 5.2.1 S. 220 mit Hinweisen). Dabei kann sich die
neue Entscheidung in den Grenzen des Verbots der reformatio in peius aber auch
auf Punkte beziehen, die vor Bundesgericht nicht angefochten waren, sofern dies
der Sachzusammenhang erfordert (BGE 123 IV 1 E. 1 S. 3; Urteile des Bundes-
gerichts 6B_278/2017 vom 12. Februar 2018 E. 1.3 und 6B_1031/2016 vom
23. März 2017 E. 4.1; je mit Hinweisen).
2.2. Entsprechend ist zunächst – wie im aufgehobenen Urteil (Urk. 114 S. 7) –
festzuhalten, dass das Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 3. Abteilung, vom
19. September 2016 vollumfänglich angefochten und in keinem Punkt in Rechts-
kraft erwachsen ist (vgl. Prot. II S. 9).
2.3. Unverändert zu verweisen ist auch auf die Erwägungen im aufgehobenen
Urteil, was die Rügen der Verteidigung zum Anklageprinzip betrifft. Das Anklage-
prinzip ist nicht verletzt (Urk. 114 S. 8).
2.4. Und Gleiches gilt schliesslich betreffend die – ein weiteres Mal unverändert
gestellten – Beweisanträge der Verteidigung auf Befragung von D._,
E._, F._ und G._ (Prot. II S. 10 f.). Schon mehrfach wurde darge-
legt, dass für eine erneute Einvernahme der genannten Personen im Berufungs-
verfahren kein Anlass besteht (vgl. Präsidialverfügung vom 27. März 2017,
Urk. 98; aufgehobenes Urteil SB170043, Urk. 114 S. 9; Präsidialverfügung vom
17. Juli 2018, Urk. 143 S. 3). Daran hat sich nichts geändert.
3. Sachverhalt
3.1. Die Kammer hat im aufgehobenen Urteil zum Sachverhalt ausführliche Er-
wägungen angestellt und ist nach Würdigung der Beweismittel zu folgendem
Schluss gelangt (Urk. 114 S. 9-16):
"Zusammenfassend lässt sich somit sagen, dass gestützt auf die vorhan-
denen Beweismittel der folgende Sachverhalt gemäss Eventualanklage als
erstellt bezeichnet werden kann: Der Beschuldigte und der Privatkläger be-
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suchten in der Tatnacht die H._ Bar in Zürich. Die beiden trafen im Ver-
laufe der Nacht aufeinander. Schliesslich kam es zur Eskalation, als sie sich
einige Meter voneinander entfernt an der Bar des besagten Lokals befan-
den. Der Beschuldigte sagte zum Privatkläger eher provokativ-unterstellend
als fragend etwas im Sinne von "bist du schwul", worauf der Privatkläger
zum Beschuldigten hinging und ihn zur Rede stellte. Dabei trat er nahe an
den Beschuldigten heran, rempelte ihn an bzw. machte eine Stossbewegung
mit seinem Kopf gegen den Beschuldigten, wobei er ihn am Oberkörper im
Hals- oder Brustbereich traf. Beim Anrempeln trat der Privatkläger dem Be-
schuldigten zudem gegen das rechte Schienbein. In der Folge führte der
Beschuldigte willentlich mit der Hand, in welcher er eine Bierflasche hielt, ei-
nen wuchtigen Stoss gegen das Gesicht des Privatklägers. Der Privatkläger
erlitt dadurch an der Stirn links, nahe der Nase durch die linke Augenbraue,
zum Augenoberlid ausgerichtet, eine ca. 4 cm lange, in Körperlängsachse
verlaufende Rissquetschwunde mit vereinzelten, bis max. 0.5 cm langen,
glattrandigen, oberflächlichen Ausläufern."
Zwischenzeitlich haben sich in sachverhaltlicher Hinsicht keine Weiterungen er-
geben. Richtig ist es deshalb, wenn die Verteidigung geltend macht, dass von
diesem Sachverhalt, welchen auch das Bundesgericht seinem Urteil zugrunde ge-
legt hat (Urk. 126 E. B), auch heute auszugehen sei (Prot. II S. 13 f.). Daran än-
dert insbesondere nichts, wenn der Privatkläger weiterhin bestreiten lässt, den
Beschuldigten mit dem Kopf gestossen oder gegen das Schienbein getreten zu
haben (Urk. 139 S. 2). Damit wiederholt er den von ihm in diesem Verfahren
schon immer eingenommen Standpunkt, mit welchem er nicht durchzudringen
vermag (Urk. 114 S. 12 ff.).
4. Rechtliche Würdigung
4.1. Zu den tatbeständlichen Voraussetzungen einer (versuchten) schweren
Körperverletzung kann zunächst auf die Erwägungen im aufgehobenen (Urk. 114
S. 17 ff.) und im bundesgerichtlichen Urteil (Urk. 126 E. 1.3) verwiesen werden.
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4.2. Betreffend das aufgehobene Urteil kritisierte das Bundesgericht, dass die
Kammer sachverhaltlich im Rahmen der Beweiswürdigung einen Stoss des Be-
schuldigten mit der Hand, in welcher er eine Bierflasche gehalten habe, als erstellt
erachtet habe. Den rechtlichen Erwägungen lege das Obergericht dann aber ein
Zuschlagen mit einer Glasflasche zugrunde und begründe damit die Inkaufnahme
einer schweren Körperverletzung. Einen Schlag habe das Obergericht jedoch gar
nicht festgestellt, und das Risiko, dass die Flasche zerbrechen könnte, sei klarer-
weise geringer, wenn die Flasche während eines Stosses von der Hand umgeben
sei. Warum bei einem blossen Stoss mit einer Flasche in der Hand eine schwere
Körperverletzung derart wahrscheinlich gewesen sei, dass vernünftigerweise nur
von einer Inkaufnahme einer solchen durch den Beschuldigten ausgegangen
werden könne, gehe aus dem Entscheid nicht hervor. Hinzu komme, dass die
Kammer zwar einen wuchtigen bzw. heftigen Stoss annehme. Das sei indessen
relativ; eine Veranschaulichung des Stosses fehle weitgehend. So habe das
Obergericht insbesondere nicht etwa festgestellt, dass der Privatkläger aufgrund
des Stosses hingefallen sei oder sonstwie das Gleichgewicht verloren habe; auch
sei die Flasche in der Hand des Beschuldigten nicht zerbrochen.
Vom Wissen um die blosse Möglichkeit einer schweren Körperverletzung – so das
Bundesgericht weiter – dürfe nicht auf deren Inkaufnahme geschlossen werden.
Vielmehr müssten bei einem bloss möglichen Erfolgseintritt weitere belastende
Umstände hinzukommen. Solche zeige die Kammer nicht auf. Vielmehr wäre in
diesem Zusammenhang zugunsten des Beschuldigten zu berücksichtigen, dass
er den Stoss als Reaktion auf den körperlichen Angriff durch den Privatkläger
ausgeführt und danach von diesem abgelassen habe (Urk. 126 E. 1.4).
4.3. Zwar ist es mit der Staatsanwaltschaft effektiv so, dass im aufgehobenen
Urteil nur ein einziges Mal von einem "Schlag" gesprochen wird (Urk. 131 S. 2;
Urk. 168 S. 2 f.). Die massgebliche Erwägung lautet: "Wer jemandem eine Glas-
flasche mit einer Intensität ins Gesicht schlägt, dass daraus eine grössere Wunde
resultiert, nimmt auch in Kauf, dass die Flasche zerbricht und eine bleibende Ent-
stellung des Gesichts oder das Unbrauchbarmachen eines wichtigen Organs zur
Folge haben kann. Somit nahm der Beschuldigte ohne Zweifel lebensgefährliche
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bzw. schwere Verletzungen beim Privatkläger durch seine Handlungen in Kauf
und handelte damit eventualvorsätzlich" (Urk. 114 S. 19). Nachdem in den gan-
zen restlichen Erwägungen durchwegs von "Stoss", "Einwirkung" o.ä. die Rede
ist, trifft aber – mit dem Bundesgericht – jedenfalls im Wortsinn schon zu, dass
dem letztlichen Schluss der rechtlichen Würdigung etwas anderes ("Schlag") zu-
grunde liegt, als im Rahmen der Beweiswürdigung erstellt wurde ("Stoss", "Ein-
wirkung" etc.).
Aber auch ausgehend vom erstellten "wuchtigen Stoss" ist das Bundesgericht
– entgegen der heute von der Staatsanwaltschaft vertretenen Ansicht (Urk. 168
S. 3) – der Auffassung, dass nicht auf die Inkaufnahme einer schweren Körper-
verletzung geschlossen werden darf. Vom Bundesgericht angesprochene weitere
belastende Umstände, die dafür erforderlich wären (z.B. Sturz des Privatklägers,
Zerbrechen der Flasche), liegen nicht vor.
4.4. Ausser Diskussion steht nun allerdings, dass der Beschuldigte den Tat-
bestand der vorsätzlichen einfachen Körperverletzung erfüllt hat (so auch der Ver-
teidiger: Urk. 135 S. 2). Nachdem der Beschuldigte dem Privatkläger den Stoss
mit der Hand versetzt hat, in welcher er eine Glasflasche hielt, ist mit der Staats-
anwaltschaft (Urk. 168 S. 4) zu prüfen, ob der Grundtatbestand gemäss Art. 123
Ziff. 1 StGB oder der qualifizierte Tatbestand gemäss Art. 123 Ziff. 2 Abs. 1 StGB
zur Anwendung kommt:
4.4.1. Wer vorsätzlich einen Menschen in anderer als schwerer Weise an Körper
oder Gesundheit schädigt, wird, auf Antrag, mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren
oder Geldstrafe bestraft (Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB). Die Strafe ist Freiheits-
strafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe, und der Täter wird von Amtes wegen
verfolgt, wenn er Gift, eine Waffe oder einen gefährlichen Gegenstand gebraucht
(Art. 123 Ziff. 2 Abs. 1 StGB).
Ob ein Gegenstand gefährlich im Sinne von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 1 StGB ist, hängt
von der konkreten Art seiner Verwendung ab. Ein Gegenstand ist gefährlich,
wenn er so verwendet wird, dass die Gefahr einer schweren Körperverletzung
gemäss Art. 122 StGB besteht (BGE 111 IV 123 E. 4; 101 IV 285; Urteile
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6B_161/2016 vom 12. Oktober 2016 E. 1.4.2; 6S.65/2002 vom 26. April 2002
E. 3.2 mit Beispielen; siehe auch Urteil 6B_590/2014 vom 12. März 2015 E. 1.3
mit Hinweisen auf die Lehre). Ein in diesem Sinne gefährlicher Gegenstand lag
nach der Rechtsprechung etwa vor bei einem gezielt aus einer Entfernung von
ca. vier Metern gegen den Kopf eines Menschen geschleuderten Bierglas
(BGE 101 IV 285). Die neuere Rechtsprechung bejahte sodann eine qualifizierte
einfache Körperverletzung beim Wurf eines rund 10 cm grossen Cocktailglases
gegen den Kopf einer Person, wodurch diese am Kopf unter den Haaren eine
oberflächliche Verletzung erlitt. Dabei war zu berücksichtigen gewesen, dass das
Glas im Gesicht des Opfers, in unmittelbarer Nähe der Augen, hätte zerbrechen
können (Urteil 6B_590/2014 vom 12. März 2015 E. 1.3). Ebenfalls eine einfache
Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand lag vor bei einem Schlag
mit einer Glasflasche gegen den Kopf eines höher stehenden Widersachers,
wodurch dieser Zahnverletzungen erlitt. In diesem Entscheid hielt das Bundes-
gericht in grundsätzlicher Weise fest, dass gemäss seiner Rechtsprechung die
Verwendung von leichteren und schwereren Gläsern – und folglich auch von
Glasflaschen – als Wurf- oder Schlaginstrument gegen den Kopf bzw. das Ge-
sicht einer Person als gefährliche Gegenstände im Sinne von Art. 123 Ziff. 2
Abs. 1 StGB zu qualifizieren seien (Urteil 6B_181/2017 vom 30. Juni 2017 E. 2.3.
und 2.4).
4.4.2. Vor diesem Hintergrund ist auch das Handeln des vorliegend Beschuldigten
als einfache Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand zu qualifizie-
ren: Wer einem anderen mit einer Hand, in welcher er eine Bierflasche hält, einen
wuchtigen Stoss gegen das Gesicht versetzt, sodass nahe der Nase eine 4 cm
lange, in Körperlängsachse verlaufende Rissquetschwunde durch die linke
Augenbraue entsteht, ruft fraglos die Gefahr einer schweren Körperverletzung
hervor. Zwar ist – wie bereits abgehandelt – nicht von einer Inkaufnahme einer
solchen auszugehen (was zu einem Schuldspruch wegen versuchter schwerer
Körperverletzung führen müsste). Aber gerade ein Stoss, wie ihn der Beschuldig-
te dem Privatkläger offensichtlich sehr nahe an dessen Auge versetzt hat, birgt
die Gefahr, dass dasselbe in Mitleidenschaft gezogen werden könnte – sei dies,
weil die Flasche zerspringt oder etwa auch weil der Treffer mit einer harten Kante
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(etwa Rand/Boden) erfolgt. Dabei war diese Gefahr direkte Folge des Umstands,
dass der Beschuldigte mit der Glasflasche einen gefährlichen Gegenstand einge-
setzt hat.
4.4.3. Entsprechend hat der Beschuldigte den Tatbestand der einfachen Körper-
verletzung mit einem gefährlichen Gegenstand im Sinne von Art. 123 Ziff. 2
Abs. 1 StGB erfüllt.
4.5. Der Beschuldigte macht indessen weiterhin geltend, er habe in rechtferti-
gender oder wenigstens entschuldbarer Notwehr gehandelt.
4.5.1. Im aufgehobenen Urteil hatte die Kammer eine Notwehrsituation bejaht,
aber einen Notwehrexzess im Sinne von Art. 16 Abs. 1 StGB angenommen
(Urk. 114 S. 20 f.). Weil die Unverhältnismässigkeit der Notwehr und die fehlende
Entschuldbarkeit des Notwehrexzesses aber insbesondere damit begründet wor-
den war, der Beschuldigte habe in Kauf genommen, dem Privatkläger mit seiner
Abwehrhandlung eine schwere Körperverletzung zuzufügen, hob das Bundes-
gericht das Urteil auch in diesem Punkt auf (Urk. 126 S. 9).
4.5.2. Wird jemand ohne Recht angegriffen, ist der Angegriffene berechtigt, den
Angriff in einer den Umständen angemessenen Weise abzuwehren (Art. 15 StGB,
rechtfertigende Notwehr). Überschreitet der Abwehrende die Grenzen der Not-
wehr nach Art. 15 StGB, so mildert das Gericht die Strafe (Art. 16 Abs. 1 StGB,
Notwehrexzess). Überschreitet der die Grenzen der Notwehr in entschuldbarer
Aufregung oder Bestürzung über den Angriff, so handelt er nicht schuldhaft
(Art. 16 Abs. 2 StGB, entschuldbare Notwehr).
Die Abwehr in einer Notwehrsituation muss nach der Gesamtheit der Umstände
als verhältnismässig erscheinen. Eine Rolle spielen vor allem die Schwere des
Angriffs, die durch den Angriff und die Abwehr bedrohten Rechtsgüter, die Art des
Abwehrmittels und dessen tatsächliche Verwendung. Die Angemessenheit der
Abwehr ist aufgrund jener Situation zu beurteilen, in der sich der rechtswidrig An-
gegriffene im Zeitpunkt seiner Tat befand. Es dürfen nicht nachträglich allzu sub-
tile Überlegungen darüber angestellt werden, ob der Angegriffene sich nicht allen-
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falls auch mit anderen, weniger einschneidenden Massnahmen hätte begnügen
können und sollen (BGE 136 IV 49 E. 3.2).
Der Angegriffene kann sich indessen nicht auf Notwehr berufen, wenn er die Not-
wehrsituation provoziert, mithin den Angriff absichtlich herbeigeführt hat, um den
Angreifer gleichsam unter dem Deckmantel der Notwehr zu verletzen oder gar zu
töten (sogenannte Absichtsprovokation). Hat der Angegriffene die Notwehrlage
zwar nicht absichtlich herbeigeführt, aber durch sein Verhalten mitverschuldet be-
ziehungsweise mitverursacht, so hängt es von der Bewertung dieses Verhaltens
ab, welche Folgen sich daraus für das Notwehrrecht ergeben. Je nach den Um-
ständen kann das Notwehrrecht des Angegriffenen uneingeschränkt bestehen
bleiben oder aber eingeschränkt sein. Ist es eingeschränkt, so ist die noch zuläs-
sige Abwehr im Vergleich zur sonst zulässigen begrenzt und kann eine bestimmte
Abwehrhandlung, die bei uneingeschränktem Notwehrrecht noch angemessen
wäre, unzulässig und damit als Notwehrexzess zu qualifizieren sein. Das Not-
wehrrecht ist eingeschränkt, wenn der Verteidigungshandlung das eigene Unrecht
des Angegriffenen noch unmittelbar anhaftet. Die Anforderungen an die Ver-
meidung von Verletzungen des Angreifers sind umso höher, je schwerer die
rechtswidrige und vorwerfbare Herbeiführung der Notwehrlage wiegt (Urteile
6B_910/2016 vom 22. Juni 2017 E. 3.1; 6B_251/2013 vom 24. Oktober 2013
E. 1.2; je mit Hinweisen).
Ein Notwehrexzess ist gemäss Art. 16 Abs. 2 StGB entschuldbar, wenn die Auf-
regung oder die Bestürzung des Täters allein oder zumindest vorwiegend auf den
rechtswidrigen Angriff zurückzuführen ist. Überdies müssen Art und Umstände
des Angriffs derart sein, dass sie die Aufregung oder die Bestürzung entschuldbar
erscheinen lassen. Nicht jede geringfügige Erregung oder Bestürzung führt zu
Straflosigkeit. Erforderlich ist, dass es dem Täter aufgrund der Aufregung oder
Bestürzung über den Angriff nicht möglich war, besonnen und verantwortlich zu
reagieren (vgl. zum Einsatz von Schusswaffen: Urteil 6S.734/1999 vom 10. April
2001 E. 4b mit Hinweisen). Insoweit besteht trotz der absoluten Formulierung ein
gewisses Ermessen (Urteil 6B_810/2011 vom 30. August 2012 E. 5.3.2 mit Hin-
weisen).
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4.5.3. Auch heute wieder glaubt der Verteidiger aus dem bundesgerichtlichen Ur-
teil vom 15. März 2018 ableiten zu können, dass wenn der Beschuldigte lediglich
eine vorsätzliche einfache Körperverletzung begangen habe, seine Abwehrhand-
lung aufgrund der Notwehrsituation rechtskonform gewesen sei (Urk. 135 S. 2;
Prot. II S. 14). Das Bundesgericht sagt das jedoch nicht. Es hat – wie gesehen –
das Urteil in diesem Punkt aufgehoben, weil auch die Beurteilung der Notwehr-
frage auf der unzutreffenden Annahme einer versuchten schweren Körperverlet-
zung basierte. Über die Rechtmässigkeit oder Entschuldbarkeit der Handlung des
Beschuldigten, wenn diese als einfache Körperverletzung zu qualifizieren ist, äus-
serte sich das Bundesgericht nicht (Urk. 126 S. 8/9).
4.5.4. Zunächst ist unter Verweis auf das aufgehobene Urteil zu wiederholen,
dass sich der Beschuldigte in einer Notwehrsituation befand: Der Privatkläger
versuchte den Beschuldigten mit dem Kopf zu stossen, traf ihn dabei im Hals-
oder Brustbereich, und trat ihn gegen das Schienbein. Der Beschuldigte war des-
halb grundsätzlich zur Abwehr berechtigt. Auch wenn sich der Privatkläger so-
dann ganz offensichtlich über die provokativ-unterstellende Bemerkung des Be-
schuldigten "bist du schwul" geärgert hat, kann diesem keine absichtliche Provo-
kation unterstellt werden, sodass er sich grundsätzlich uneingeschränkt auf sein
Notwehrrecht berufen kann (Urk. 114 S. 16/20).
4.5.5. Es stellt sich damit die Frage, ob die Abwehrhandlung des Beschuldigten
verhältnismässig war oder nicht. Das ist zu verneinen:
Zunächst fällt zulasten des Beschuldigten ins Gewicht, dass ihm der Privatkläger
körperlich klar unterlegen war. Während der Beschuldigte bei einer Grösse von
180 cm 82 kg wog (Urk. 107 S. 10), misst der Privatkläger 166 cm und hatte ein
Gewicht von 62 kg (Urk. 107 S. 10; Urk. 10/4 S. 2). Der Privatkläger war sodann
mit einem Blutalkoholgehalt von über 1.5 ‰ deutlich betrunken (Urk. 10/4 S. 2;
Urk. 11/3 S. 2) und griff den Beschuldigten mit blossen Händen an. Zwar hat der
Beschuldigte den Angriff nicht direkt provoziert, aber durch seine völlig unnötige
provokative Frage zur Eskalation beigetragen. Er war sich dessen auch durchaus
bewusst, sagte er doch bereits in der Hafteinvernahme, der Privatkläger sei nach
dieser Frage aufgestanden und er – der Beschuldigte – habe gemerkt, "dass et-
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was nicht gut war". Entsprechend habe er versucht, den Privatkläger zu be-
schwichtigen ("sorry, es war nicht so gemeint", Urk. 3/1 S. 3) und versuchte auch
E._, den Privatkläger zu beruhigen (Urk. 6/3 S. 2 ff.). Der Beschuldigte wuss-
te demnach, dass mit seinem Zutun eine brenzlige Situation entstanden war und
eskalieren könnte. In dem Sinne musste er auch auf einen möglichen Angriff des
Privatklägers gefasst sein.
Als anfänglicher Provokateur war der Beschuldigte damit verpflichtet, von seiner
Seite aus das Seinige dazu beizutragen, dass keine übermässige Eskalation er-
folgt. Mit der Flasche hatte er jedoch einen gefährlichen Gegenstand in der Hand,
der angesichts des deutlich kleineren, leichteren, unbewaffneten und betrunkenen
Privatklägers geeignet war, die Auseinandersetzung auf eine klar höhere Gewalt-
stufe zu heben – mit den damit verbundenen Risiken allfällig schwererer Ver-
letzungen. Der Beschuldigte wäre deshalb verpflichtet gewesen, die Flasche
wegzustellen. Er hätte das auch gekonnt und Zeit dafür gehabt. Entgegen der
Verteidigung (Urk. 109 S. 3 ff.) erfolgte der Angriff des Privatklägers unter den
vorstehend dargestellten Vorzeichen nämlich keineswegs völlig überraschend.
Hinzu kommt, dass es jedenfalls unter dem Gesichtspunkt der Verhältnismässig-
keit keinesfalls nötig gewesen wäre, den Privatkläger mit der Flasche in der Hand
gegen den Kopf zu stossen, sondern ein Stoss gegen die Brust des viel kleineren
Privatklägers hätte genügt. Dies musste der Beschuldigte anlässlich der Haupt-
verhandlung vom 19. September 2016 denn auch selber einräumen (Urk. 49
S. 11).
Der Beschuldigte hat damit die Grenzen der zulässigen Notwehr nach Art. 15
StGB überschritten.
4.5.6. Zwar sagte der Beschuldigte anfänglich aus, er sei durch den Privatkläger
in "Panik und Todesangst" versetzt worden (Urk. 3/1 S. 3). Das erscheint ange-
sichts der Ausgangslage indessen als masslos übertrieben. Zumeist erklärte der
Beschuldigte später denn auch, er habe "instinktiv" zugeschlagen, wobei er die
Flasche einfach gerade in der Hand gehalten habe (vgl. z.B. Urk. 3/1 S. 3/4;
Urk. 49 S. 11; Urk. 107 S. 11). So wie aber der Beschuldigte über den Privat-
kläger sagt, dieser habe "genug Zeit [gehabt], um sich zu überlegen, ob er rüber
- 17 -
kommen will" (Urk. 49 S. 7), muss auch für ihn selbst gelten, dass er im Hinblick
auf die mögliche Konfrontation gewisse Überlegungen anstellen konnte. Eine Si-
tuation, in welcher er lediglich noch instinktiv oder reflexartig hätte handeln kön-
nen, lag damit nicht vor. Es kann deshalb nicht davon ausgegangen werden, dass
es dem Beschuldigten aufgrund von Aufregung oder Bestürzung über den Angriff
nicht möglich gewesen wäre, besonnen und verantwortlich zu reagieren. Insbe-
sondere nachdem er mit seiner provokativen Frage selbst zum Beginn der Eska-
lation beigetragen hat, kann er sich nicht darauf berufen, über den gleichsam "mit
Ankündigung" erfolgten Angriff des Privatklägers in entscheidendem Masse auf-
geregt oder bestürzt gewesen zu sein. Eine Berufung des Beschuldigten auf
Art. 16 Abs. 2 StGB fällt damit ausser Betracht.
4.5.7. Entsprechend muss sich der Beschuldigte einen Notwehrexzess im Sinne
von Art. 16 Abs. 1 StGB vorwerfen lassen.
4.6. Der Beschuldigte ist deshalb der einfachen Körperverletzung mit einem ge-
fährlichen Gegenstand im Sinne von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 1 StGB schuldig zu
sprechen.
5. Strafzumessung
5.1. Im Gegensatz zum ersten, aufgehobenen Urteil ist nun nicht mehr Art. 122
StGB massgeblich, sondern Art. 123 StGB. Es ist deshalb eine Strafe von bis zu
drei Jahren Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe auszusprechen. Gründe, welche
im Sinne der entsprechenden bundesgerichtlichen Rechtsprechung eine Erweite-
rung des Strafrahmens erforderten, liegen nicht vor. Der Strafmilderungsgrund
gemäss Art. 16 Abs. 1 StGB ist innerhalb des ordentlichen Strafrahmens straf-
mindernd zu berücksichtigen. Im Übrigen kann auf das verwiesen werden, was
bereits die Vorinstanz zu den Grundlagen der Strafzumessung erwogen hat
(Urk. 64 S. 35 f.).
5.2. Am 1. Januar 2018 ist das geänderte Sanktionenrecht des Schweizeri-
schen Strafgesetzbuches in Kraft getreten (AS 2016 1249). Der Beschuldigte
beging die heute zu beurteilende Tat am 20. August 2015 und mithin vor Inkraft-
- 18 -
treten des neuen Sanktionenrechts. Nach neuem Recht wird grundsätzlich nur
beurteilt, wer nach dessen Inkrafttreten ein Delikt begangen hat (Art. 2 Abs. 1
StGB). Hat jedoch der Täter ein Verbrechen oder Vergehen vor Inkrafttreten die-
ses Gesetzes begangen und erfolgt die Beurteilung erst nachher, so ist das neue
Gesetz anzuwenden, wenn es für den Täter milder ist (lex mitior, Art. 2 Abs. 2
StGB). Die Frage nach der lex mitior ist nach Lehre und Rechtsprechung nicht
abstrakt, sondern aufgrund der konkreten Methode zu beantworten. Es ist sowohl
das alte als auch das neue Recht anzuwenden und durch Vergleich der Ergebnis-
se zu prüfen, welches Recht für den Täter das günstigere ist (statt vieler: Urteil
des Bundesgerichts 6B_102/2011 vom 14. Februar 2012, E. 1.3.1; PK StGB-
Trechsel/Vest 2018, Art. 2 N 11).
5.3. Konkrete Strafzumessung:
5.3.1. In objektiver Hinsicht liegt die vom Privatkläger erlittene Rissquetschwunde
durch die linke Augenbraue (s. dazu Urk. 2/2 S. 8) auf einer Skala aller im Rah-
men von Art. 123 StGB denkbaren Verletzungen (vgl. dazu etwa Kasuistik in PK
StGB-Trechsel/Geth 2018, Art. 123 N 13) grundsätzlich noch im unteren Bereich.
Leicht erschwerend fällt allerdings ins Gewicht, dass sich die Wunde (und spätere
Narbe) gut sichtbar im Gesicht befindet und der Stoss mit der Flasche den Privat-
kläger nur gerade wenige Zentimeter neben dem linken Auge getroffen hat. Es
blieb aber bei diesem einen Stoss. Der Beschuldigte setzte nicht etwa nach, son-
dern entfernte sich.
5.3.2. Subjektiv handelte der Beschuldigte direktvorsätzlich. Wer jemandem mit
einer Bierflasche so ins Gesicht stösst, wie dies der Beschuldigte getan hat, will
seinen Widersacher (mindestens leicht) verletzen. Ein solcher Stoss zeugt von ei-
ner erheblichen Geringschätzung der körperlichen Unversehrtheit des Gegen-
übers. Zwar konnte der Beschuldigte vom Angriff des Privatklägers nicht völlig
überrascht sein (s. dazu die vorstehenden Erwägungen zur Notwehrfrage), weil er
denselben durch seine provozierende Bemerkung mitkonstelliert hat und sich der
Privatkläger auch noch einige Meter zum Beschuldigten hinbewegen musste (vgl.
dazu Urk. 49 S. 7). Es ist ihm aber zuzugestehen, dass sich das ganze Gesche-
hen innert sehr kurzer Zeit abgespielt und eine unheilvolle Dynamik angenommen
- 19 -
hat. Wie bereits im aufgehobenen Urteil (Urk. 114 S. 23) ist dem Beschuldigten
sodann als Folge der gutachterlich festgestellten leichten Verminderung der Steu-
erungsfähigkeit (aufgrund ADHS und einer mittelgradigen Alkoholintoxikation
zur Tatzeit) eine leichtgradige Verminderung der Schuldfähigkeit zuzubilligen
(Urk. 14/14 S. 62 f.). Die subjektive Seite vermag das objektive Verschulden
demnach etwas zu relativieren.
5.3.3. Das Mass der Verschuldensreduktion für einen Notwehrexzess hängt da-
von ab, wie stark das Notwehrrecht überschritten wird. Wesentlich ist demnach, in
welcher Weise und in welchem Ausmass der Täter die Grenzen der Notwehr
überschreitet (Mathys, Leitfaden Strafzumessung, N 147). Vorliegend wurde der
Beschuldigte vom Privatkläger gegen das Schienbein getreten, mit dem Kopf ge-
gen den Hals gestossen und angerempelt, wobei die Gewalteinwirkung durch den
erheblich betrunkenen, körperlich unterlegenen Privatkläger gesamthaft noch als
moderat bezeichnet werden muss. Ausserdem war es der Beschuldigte, der durch
seine provozierende Frage an den Privatkläger seinen Teil zur Eskalation
der Situation beigetragen hatte. Das vom Beschuldigten gewählte Abwehrver-
halten – Einsatz einer Bierflasche gegen das Gesicht des Privatklägers – über-
schreitet die Grenzen zur rechtmässigen Notwehr indessen nicht sehr stark. Es
resultierte beim Privatkläger lediglich eine einfache Körperverletzung relativ ge-
ringer Schwere. Zudem hatte der Beschuldigte die Bierflasche bereits in der
Hand, als der Angriff durch den Privatkläger erfolgte; insbesondere ergriff er die
Flasche nicht etwa zielgerichtet zum Zwecke des Einsatzes als "Waffe" zur Ab-
wehr. Allerdings hätte die Handlungsalternative, die der Beschuldigte zur Wah-
rung der Grenzen der zulässigen Notwehr hätte ergreifen müssen – nämlich das
Wegstellen der Flasche oder ein Stoss gegen die Brust anstatt des Kopfes
(s. vorstehende Erw. 4.5.5) – überaus nahegelegen. Wie gesehen, hatte er auch
einige Augenblicke Zeit, sich das zu überlegen. Schliesslich war der Beschuldigte
nicht allein mit dem Privatkläger im Lokal. Eine Barmitarbeiterin, E._, beweg-
te sich denn auch bereits auf die Kontrahenten zu, um zu schlichten (Urk. 6/3
S. 3). Insgesamt ist aufgrund des die zulässige Notwehr in einem nicht sehr gra-
vierenden Masse überschreitenden Exzesses eine erhebliche Verschuldensre-
duktion angezeigt.
- 20 -
5.3.4. Die Einsatzstrafe für die gesamte Tatschwere der einfachen Körperver-
letzung ist damit auf 60 Strafeinheiten festzusetzen.
5.4. Hinsichtlich der Täterkomponenten kann zunächst auf die vorinstanzlichen
Erwägungen verwiesen werden (Urk. 64 S. 37). Anlässlich der heutigen Beru-
fungsverhandlung machte der Beschuldigte von seinem Aussageverweigerungs-
recht Gebrauch. Aus der zu den Akten gereichten polizeilichen Einvernahme des
Beschuldigten vom 11. Dezember 2018 (Urk. 164) ergibt sich neu, dass der Be-
schuldigte seit drei Jahren keiner Arbeit mehr nachgeht und seit zwei Jahren vom
Sozialamt unterstützt wird. Die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten wir-
ken sich strafzumessungsneutral aus.
Mit der Staatsanwaltschaft (Urk. 168 S. 5) deutlich straferhöhend wirkt sich die
einschlägige Vorstrafe aus: Am 11. Mai 2010 wurde der Beschuldigte durch die
Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat wegen mehrfacher einfacher Körperverletzung
zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu Fr. 100.– verurteilt, wobei der Vollzug
von 45 Tagessätzen bei einer Probezeit von 4 Jahren bedingt aufgeschoben wur-
de und 45 Tagessätze zu bezahlen waren. Dem Strafbefehl ist zu entnehmen,
dass der Beschuldigte am 28. November 2009 um ca. 23.00 Uhr anlässlich einer
zunächst verbalen Auseinandersetzung einem Kontrahenten zweimal den rechten
Ellbogen ins Gesicht schlug, wodurch dieser Schmerzen im Kiefergelenk sowie
einen vorübergehenden Tinnitus erlitt. Einem weiteren Geschädigten drückte der
Beschuldigte wenige Minuten später eine brennende Halogen-Ständerlampe
zweimal ins Gesicht und schlug diesen anschliessend mit der Lampe und mehr-
mals mit den Fäusten gegen den Kopf, wodurch sich der Geschädigte Ver-
brennungen im Gesicht, eine Rissquetschwunde am Hinterkopf, eine Gehirner-
schütterung sowie eine Nasenbeinfraktur zuzog. Es fällt auf, dass die heutige Tat
eine sehr deutliche Ähnlichkeit mit diesen Vortaten aufweist.
In der ersten Berufungsverhandlung vom 6. Juli 2017 hatte der Beschuldigte auf
entsprechende Frage des Präsidenten ausgesagt, es laufe derzeit gegen ihn ein
weiteres Verfahren "wegen Hehlerei betreffend einem Rennvelo". Er habe aber
Einsprache gegen den Strafbefehl erhoben (Urk. 107 S. 6). Dem aktuellen Aus-
zug aus dem Strafregister vom 13. März 2019 (Urk. 148) sowie den bei der
- 21 -
Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland beigezogenen Unterlagen (Urk. 149 und
150) ist zu entnehmen, dass der Beschuldigte mit Strafbefehl vom 19. Juni 2017
wegen Hehlerei zu einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen zu Fr. 80.– verurteilt
worden ist. Zwar hatte der Beschuldigte dagegen – wie von ihm ausgesagt – zu-
nächst Einsprache erhoben, diese dann aber am 10. Oktober 2017 wieder zu-
rückgezogen. Entsprechend ist der Strafbefehl mit dem Datum seiner Ausfällung
in Rechtskraft erwachsen (Art. 437 Abs. 2 StPO). Nachdem der Beschuldigte die
vorliegend zu beurteilende Tat im August 2015 begangen hat, liegt mit dem ge-
nannten Strafbefehl keine Vorstrafe vor. Vielmehr ist ein Fall retrospektiver Kon-
kurrenz im Sinne von Art. 49 Abs. 2 StGB gegeben. Darauf wird später einzuge-
hen sein.
Der Beschuldigte flüchtete zunächst vom Tatort und stellte sich erst, nachdem er
zur Verhaftung ausgeschrieben worden war (Urk. 18/1-3). Daraufhin zeigte er sich
von Beginn weg teilweise geständig, wobei ihm aber die belastenden Zeugenaus-
sagen bekannt waren. Der Beschuldigte rechtfertigte sein Verhalten zwar bis zu-
letzt als angemessene Notwehrhandlung und liess entsprechend Einsicht und
Reue vermissen. Aufgrund des Geständnisses ist aber dennoch eine leichte Re-
duktion der Strafe angezeigt.
5.5. Insgesamt wirken sich die Täterkomponenten straferhöhend aus; das posi-
tive Nachtatverhalten vermag die deutlich straferhöhende Wirkung der einschlägi-
gen Vorstrafe nicht aufzuwiegen. Es erscheint damit eine Strafe von 75 Strafein-
heiten als angemessen.
5.6. Sowohl nach altem als auch nach neuem, seit 1. Januar 2018 geltenden
Recht liegt eine solche Strafe im Bereich, in welchem grundsätzlich der Geldstrafe
der Vorzug zu geben ist. Während nun aber nach altem Recht nur dann auf eine
(vollziehbare) Freiheitsstrafe von weniger als sechs Monaten erkannt werden
konnte, wenn zu erwarten war, dass eine Geldstrafe oder gemeinnützige Arbeit
nicht vollzogen werden kann, ist heute möglich, anstelle einer Geldstrafe auf eine
Freiheitsstrafe zu erkennen, wenn eine solche geboten erscheint, um den Täter
von der Begehung weiterer Verbrechen oder Vergehen abzuhalten, oder wenn ei-
ne Geldstrafe voraussichtlich nicht vollzogen werden kann (Art. 41 Abs. 1 aStGB
- 22 -
und StGB). Heute kann also unter erheblich leichteren Voraussetzungen eine kur-
ze Freiheitsstrafe ausgesprochen werden als früher. Entsprechend ist das neue
Recht für den Beschuldigten nicht milder (Art. 2 Abs. 2 StGB) und ist das zur Tat-
zeit in Kraft stehende Recht anzuwenden.
Zwar ist gegen den Beschuldigten – wie noch zu zeigen sein wird – eine unbe-
dingte Strafe auszusprechen. Nach der diesbezüglich strengen Rechtsprechung
des Bundesgerichts kann aber nicht davon gesprochen werden, dass eine Geld-
strafe nicht vollziehbar wäre (Art. 41 Abs. 1 aStGB). Die wirtschaftlichen Ver-
hältnisse des Täters sind allein kein Kriterium für die Wahl der Strafart (BSK StGB
I-Dolge, Art. 34 N 25), und der Vollzug einer Geldstrafe ist nicht schon deshalb
unmöglich, weil sie in der Zwangsvollstreckung voraussichtlich nicht erhältlich
gemacht werden könnte (BGE 134 IV 60 E. 6.5.1). Die Geldstrafe steht auch für
Mittellose zur Verfügung (BGE 134 IV 60 E. 5.4). Den persönlichen und wirt-
schaftlichen Verhältnissen des Täters ist vorab bei der Bemessung der Geldstrafe
Rechnung zu tragen (Art. 34 Abs. 2 StGB).
Der Umstand, dass der Beschuldigte gemäss eigenen Angaben seit zwei Jahren
vom Sozialamt unterstützt wird (vgl. Urk. 164 S. 2), spricht demnach nicht gegen
die Ausfällung einer Geldstrafe. Auch sonst liegen keine in der Person des Be-
schuldigten liegende Gründe vor, die eine Geldstrafe ausser Betracht fallen las-
sen würden (z.B. offensichtlich fehlende Zahlungsbereitschaft). Der Beschuldigte
ist damit – für die heute zu beurteilende Tat (s. mehr dazu sogleich) – mit einer
Geldstrafe von 75 Tagessätzen zu bestrafen.
Die Höhe des Tagessatzes bestimmt sich nach den persönlichen und finanziellen
Verhältnissen des Täters im Zeitpunkt des Urteils, namentlich nach Einkommen
und Vermögen, Lebensaufwand, allfälligen Familienunterstützungspflichten sowie
nach dem Existenzminimum (Art. 34 Abs. 2 StGB). Angesichts der aktuellen fi-
nanziellen Verhältnisse des Beschuldigten ist der Tagessatz auf Fr. 30.– zu be-
messen.
- 23 -
5.7. Wie gesehen, ist der Beschuldigte während des vorliegend laufenden Ver-
fahrens mit Strafbefehl vom 19. Juni 2017 wegen Hehlerei zu einer Geldstrafe von
70 Tagessätzen zu Fr. 80.– verurteilt worden (Urk. 149 und 150).
Gemäss Art. 49 Abs. 2 StGB bestimmt das Gericht, wenn es eine Tat zu beurtei-
len hat, die der Täter beging, bevor er wegen einer anderen Tat verurteilt wurde,
die Zusatzstrafe in der Weise, dass der Täter nicht schwerer bestraft wird, als
wenn die strafbaren Handlungen gleichzeitig beurteilt worden wären. Somit soll
das Asperationsprinzip gemäss Art. 49 Abs. 1 StGB auch bei retrospektiver Kon-
kurrenz gewährleistet werden. Der Täter soll durch die getrennte Beurteilung von
Straftaten, über die zeitlich zusammen hätte befunden werden können, nicht be-
nachteiligt und soweit als möglich auch nicht besser gestellt werden. Die Zusatz-
strafe gleicht dementsprechend die Differenz zwischen der ersten Einsatz- oder
Grundstrafe und der hypothetischen Gesamtstrafe aus, die nach Auffassung des
Richters bei Kenntnis der später beurteilten Straftat ausgefällt worden wäre. Eine
Zusatzstrafe kann aber nur dann ausgefällt werden, wenn eine zur Grundstrafe
gleichartige Strafe gegeben ist (BGE 137 IV 57).
Nachdem der Beschuldigte auch heute zu einer Geldstrafe zu verurteilen ist, lie-
gen gleichartige Strafen vor und ist eine Zusatzstrafe zum Strafbefehl vom
19. Juni 2017 auszufällen. Wäre heute neben der einfachen Körperverletzung
vom 20. August 2015 auch noch die vom Beschuldigten Ende Januar 2016 be-
gangene Hehlerei zu beurteilen gewesen, wäre zunächst für die Körperverletzung
eine Einsatzstrafe festzulegen und diese danach in Anwendung des Asperations-
prinzips wegen der Hehlerei angemessen zu erhöhen gewesen. Ausgehend von
den für die Körperverletzung angemessenen 75 Tagessätzen Geldstrafe fällt nun
hinsichtlich der Hehlerei im Sinne der Erwägungen im Strafbefehl ins Gewicht,
dass der Beschuldigte nur gut anderthalb Jahre nach Ablauf der Probezeit ge-
mäss dem früheren Strafbefehl vom 11. Mai 2010 I._ für Fr. 900.– ein Renn-
fahrrad abgekauft hat, das kurz vorher von diesem gestohlen worden war und ei-
nen tatsächlichen Wert von Fr. 4'282.– aufwies (Urk. 149 S. 3). Angesichts der
grossen, offensichtlichen Differenz zwischen Kaufpreis und effektivem Wert zeug-
te das Vorgehen des Beschuldigten von einer erkennbaren Gleichgültigkeit ge-
- 24 -
genüber fremdem Eigentum und rechtlichen Normierungen, nicht zuletzt auch vor
dem Hintergrund, dass er damals bereits in einer Strafuntersuchung (der vorlie-
genden) stand. Gleichwohl kann noch von einem geringen Verschulden ausge-
gangen werden, welches angesichts des Strafrahmens von Art. 160 Ziff. 1 StGB
für sich alleine mit den von der Staatsanwaltschaft dafür ausgesprochenen
70 Tagessätzen Geldstrafe angemessen abgebildet ist (Urk. 149 S. 1). In Anwen-
dung des Asperationsprinzips wäre damit für die einfache Körperverletzung vom
20. August 2015 und die Hehlerei von Ende Januar 2016 eine Gesamt-Geldstrafe
von 130 Tagessätzen ausgesprochen worden. Davon werden die gemäss Straf-
befehl vom 19. Juni 2017 ausgesprochenen 70 Tagessätze abgezogen, verblei-
ben damit noch 60 Tagessätze Geldstrafe, welche vorliegend als Zusatzstrafe
auszusprechen sind.
5.8. Der Beschuldigte ist deshalb mit einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu
Fr. 30.– zu bestrafen, als Zusatzstrafe zur mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft
Winterthur/Unterland vom 19. Juni 2017 ausgefällten Geldstrafe. Die Strafe ist in-
dessen durch die vom Beschuldigten erlittene Untersuchungshaft von 108 Tagen
(Urk. 18/3; Urk. 18/32) bereits vollständig abgegolten.
6. Vollzug
6.1. Auch wenn die gegen den Beschuldigten ausgesprochene Strafe bereits
abgegolten ist, muss die Frage des Vollzugs beurteilt und im Dispositiv beantwor-
tet werden (vgl. BGE 81 IV 209; Urteil des Bundesgerichts 6S.384/2003 vom
19. Dezember 2003).
6.2. Im aufgehobenen Urteil hatte die Kammer dazu Folgendes ausgeführt
(Urk. 114 S. 26):
In subjektiver Hinsicht kann dem Beschuldigten jedoch keine gute Prognose ge-
stellt werden, dies in erster Linie gestützt auf das psychiatrische Gutachten.
Beim Beschuldigten wurde eine einfachen Aktivitäts- und Aufmerksam-
keitsstörung, ihm ein Abhängigkeitssyndrom von Alkohol diagnostiziert sowie
das deliktsrelevante Persönlichkeitsmerkmal des Aggressionsfokus festgestellt
(Urk. 14/14 S. 62). Es bestehe eine deutliche Rückfallgefahr für Gewaltdelikte,
- 25 -
die sich inzwischen aufgrund der eingehaltenen Alkoholabstinenz und des guten
Einstiegs in die deliktorientierte Behandlung bei Dr. med. C._ auf ein lang-
fristig moderates bis deutliches Niveau habe senken lassen (Urk. 14/14 S. 57 ff.
und S. 63). Gemäss aktuellem Bericht von Dr. med. C._ werde das Rück-
fallrisiko den leichten Therapiefortschritten entsprechend mittlerweile als mode-
rat eingeschätzt, wobei die Fortführung der Behandlung zu empfehlen sei (Urk.
105 S. 2). Der psychiatrische Gutachter empfiehlt eine therapeutische Mass-
nahme im Sinne von Art. 63 StGB. Aufgrund dieser im Gutachten fachärztlich at-
testierten Massnahmebedürftigkeit ist dem Beschuldigten mit Blick auf Art. 42
StGB eine ungünstige Legalprognose zu stellen (BGE 135 IV 180 E. 2.3; Urteil
des Bundesgerichts 6B_342/2010 vom 9. Juli 2010 E. 3.5.2; Urteil des Bundes-
gerichts 6B_71/2012 vom 21. Juni 2012 E. 6).
6.3. Das gilt auch heute noch und ist zu übernehmen. Wie sogleich zu zeigen
sein wird, ist der Beschuldigte nach wie vor massnahmebedürftig. Die Geldstrafe
ist deshalb zu vollziehen.
7. Massnahme
7.1. Betreffend die Voraussetzungen zur Anordnung einer Massnahme kann
auf die diesbezüglichen Erwägungen im vorinstanzlichen Urteil verwiesen werden
(Urk. 64 S. 40 f.).
7.2. Im Zusammenhang mit der Massnahmebedürftigkeit des Beschuldigten ist
zu erwähnen, dass med. pract. J._ dem Beschuldigten im Tatzeitpunkt eine
einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung, ein Abhängigkeitssyndrom von
Alkohol sowie das deliktsrelevante Persönlichkeitsmerkmal des Agressionsfokus
diagnostizierte (Urk. 14/14 S. 62). Wie sich aus dem Therapiebericht von Dr. med.
C._ vom 19. März 2019 ergibt, wurde die Behandlung des Beschuldigten per
6. März 2018 formal eingestellt. Eine letzte Konsultation sei am 11. Januar 2018
erfolgt. Der Beschuldigte sei öfters unentschuldigt nicht zu den vereinbarten The-
rapieterminen erschienen und habe im Nachhinein mehrere Tage nicht erreicht
werden können. Im Februar/März 2018 habe der Beschuldigte überhaupt nicht
mehr auf eine Kontaktnahme reagiert, worauf die Behandlung abgebrochen wor-
den sei. Zum Behandlungsverlauf führte Dr. med. C._ aus, der Beschuldigte
- 26 -
habe trotz intensiver therapeutischer Bemühungen die angeordnete Alkoholabsti-
nenz nicht über einen längeren Zeitraum einhalten können. Noch im Januar 2018
sei der Beschuldigte am Schwanken gewesen, ob er kontrolliert Alkohol trinken
oder diesbezüglich eines Tages eine Totalabstinenz erreichen wolle. Die Behand-
lung der beim Beschuldigten bekannten Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-
Störung (ADHS) sei bei Dr. K._ erfolgt. Über deren Verlauf könne Dr. med.
C._ keine Angaben machen. Zur Legalprognose führte Dr. med. C._
aus, dass er das Rückfallrisiko im Juni 2017 als moderat eingeschätzt habe. In
der Zeit von Juli 2017 bis Januar 2018 habe keine weitere Risikosenkung erzielt
werden können. Abschliessend erachtete er eine Behandlung des Beschuldigten
als wünschenswert, da eine anhaltende Alkoholabstinenz, welche sich rückfallrisi-
kosenkend betreffend Gewaltdelikte auswirken würde, nicht habe erreicht werden
können (Urk. 157 S. 1 f.).
Der Beschuldigte machte anlässlich der zweiten Berufungsverhandlung von sei-
nem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch, weshalb er nicht zu seinen persön-
lichen Verhältnissen befragt werden konnte (Urk. 167). Zur Erhellung beitragen
kann jedoch die von der Staatsanwaltschaft zu den Akten gereichte polizeiliche
Einvernahme des Beschuldigten vom 11. Dezember 2018 (Urk. 164). Aus dieser
ergibt sich, dass der Beschuldigte – wie bereits oben erwähnt – seit drei Jahren
nicht mehr im Arbeitsprozess ist und seit zwei Jahren durch das Sozialamt unter-
stützt wird (Urk. 164 S. 2 F/A 4). Sodann räumte der Beschuldigte ein, dass er ein
Alkoholproblem habe und bei dem in Frage stehenden Vorfall, weswegen das
Strafverfahren gegen ihn eröffnet wurde, "ebenfalls zu viel getrunken gehabt" ha-
be. In der jüngeren Vergangenheit vor dem Vorfall habe er täglich Alkohol konsu-
miert gehabt (Urk. 164 S. 2 F/A 5). Wie sich weiter ergibt, nimmt der Beschuldigte
immer noch täglich Medikamente gegen seine ADHS ein (Urk. 164 S. 2 F/A 6). Zu
seinem konkreten Alkoholkonsum vor dem Vorfall befragt, gab der Beschuldigte
zu Protokoll, er habe am 16:00 Uhr zu trinken begonnen. Er habe dann
ca. 8 Stangen Bier und zwei Shots Wodka getrunken (Urk. 164 S. 2 F/A 10). Dass
der Beschuldigte sich nach diesem Konsum nicht stark angetrunken gefühlt hat
(vgl. Urk. 164 S. 2 F/A 11), lässt darauf schliessen, dass der Beschuldigte an
den Alkohol gewöhnt ist. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschul-
- 27 -
digte – wie er ja selber einräumt – nach wie vor ein Alkoholproblem hat und auch
noch auf medikamentöse Behandlung seiner ADHS angewiesen ist. Eine Mass-
nahmebedürftigkeit des Beschuldigten liegt auch heute noch vor, was von der
Verteidigung auch nicht explizit in Abrede gestellt wird (vgl. Prot. II S. 15).
7.3. Die Massnahmefähigkeit des Beschuldigten ist ebenfalls zu bejahen. Ge-
mäss dem Gutachten von med. pract. J._ könne mittels einer erfolgreichen
Behandlung die Gefahr von neuerlichen Straftaten deutlich gesenkt werden
(Urk. 14/14 S. 64 f.). Wie sich aus dem Therapiebericht von Dr. med. C._
vom 26. Juni 2017 ergibt, konnte durch die damals laufende Behandlung des Be-
schuldigten das Rückfallrisiko von moderat bis deutlich auf moderat gesenkt wer-
den. Für die Wirksamkeit einer Behandlung spricht auch, dass es gemäss Anga-
ben des Beschuldigten während der damals laufenden Behandlung nicht zu Ge-
waltdelikten gekommen ist (Urk. 105 S. 2).
7.4. Zwar versäumte der Beschuldigte immer wieder Termine, weswegen die
Behandlung letztlich im März 2018 auch formal eingestellt wurde. Allerdings stellt
sich der Beschuldigte nicht prinzipiell gegen eine Behandlung. Vielmehr argumen-
tierte die Verteidigung anlässlich der zweiten Berufungsverhandlung, es bleibe
aufgrund des von ihr verlangten Freispruchs "kein Raum für eine Massnahme
oder Strafen" (Prot. II S. 15). Weiter kann mit Fug angenommen werden, dass der
Beschuldigte es als "Weckruf" erleben dürfte, dass es im Zusammenhang mit
dem Konsum von Alkohol offenbar erneut zu einem Zwischenfall gekommen ist,
welcher die Eröffnung einer Strafuntersuchung nach sich gezogen hat. Zudem
empfindet der Beschuldigte seinen Alkoholkonsum ebenfalls als problematisch
(vgl. Urk. 164 S. 2 F/A 5), was auf eine gewisse Einsicht schliessen lässt. In die-
ser Situation ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte gewillt ist, diese Prob-
lematik im Rahmen einer Behandlung in Angriff zu nehmen. Schliesslich ist darauf
hinzuweisen, dass der Beschuldigte weiterhin und offenbar freiwillig regelmässig
Medikamente gegen das ADHS einnimmt. Die Massnahmewilligkeit des Beschul-
digten kann deshalb bejaht werden.
- 28 -
7.5. Nach dem Gesagten ist somit eine ambulante Behandlung im Sinne von
Art. 63 StGB (ADHS-Therapie sowie deliktorientierte und suchtspezifische Thera-
pie) anzuordnen.
7.6. Die Massnahme kann ohne Weiteres neben der Geldstrafe angeordnet
werden. Gemäss Art. 63 Abs. 2 StGB ist der Aufschub des Vollzuges nur bei
Freiheitsstrafen möglich, weshalb der Vollzug der Geldstrafe nicht zugunsten der
Massnahme aufzuschieben ist.
8. Spurenmaterial / Beweisfotografien
Mit der Vorinstanz sind sämtliches gesichertes und beim Forensischen Institut
Zürich gelagertes Spurenmaterial sowie die erstellten Beweisfotografien der La-
gerbehörde nach Eintritt der Rechtskraft zur Vernichtung zu überlassen (Urk. 64
S. 43).
9. Zivilansprüche
9.1. Die Vorinstanz hat festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Pri-
vatkläger A._ aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach scha-
denersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadener-
satzanspruches wurde der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozesses verwie-
sen. Das Genugtuungsbegehren des Privatklägers wies die Vorinstanz ab
(Urk. 64 S. 44 f.).
9.2. Ungeachtet dessen, dass nun vorliegend gegenüber dem ersten Urteil ein
geänderter, milderer Schuldspruch erfolgt, bleibt es dabei, dass der Beschuldigte
als Folge seines widerrechtlichen Verhaltens dem Privatkläger gegenüber grund-
sätzlich zu Schadenersatz verpflichtet ist (Art. 41 Abs. 1 OR). Es ist deshalb auf
die vorinstanzlichen Erwägungen zu verweisen und festzustellen, dass der Be-
schuldigte gegenüber dem Privatkläger aus dem angeklagten Ereignis dem
Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Um-
fanges des Schadenersatzanspruches ist der Privatkläger auf den Weg des Zivil-
prozesses zu verweisen.
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9.3. Das Genugtuungsbegehren des Privatklägers ist im Berufungsverfahren
bereits aus prozessualen Gründen abzuweisen (Art. 391 Abs. 2 StPO), weshalb
darauf nicht mehr weiter einzugehen ist.
10. Genugtuung, Schadenersatz
10.1. Gemäss Art. 431 Abs. 2 StPO ist einem Beschuldigten im Falle von Unter-
suchungs- und Sicherheitshaft dann eine Genugtuung auszurichten, wenn die zu-
lässige Haftdauer überschritten ist und der übermässige Freiheitsentzug nicht an
die wegen anderen Straftaten ausgesprochenen Sanktionen angerechnet wer-
den kann. Der Beschuldigte verbrachte vom 1. September 2015 bis zum
17. Dezember 2015 108 Tage in Untersuchungshaft (Urk. 18/3 und 18/31). Mit
dem vorliegenden Urteil wird der Beschuldigte mit einer Geldstrafe von
60 Tagessätzen bestraft. Somit hat er 48 Tage Haft zu Unrecht verbüsst. Daraus
entsteht dem Beschuldigten ein Genugtuungsanspruch.
Die Festlegung der Höhe der Genugtuung beruht auf richterlichem Ermessen.
Das Bundesgericht geht davon aus, dass im Falle einer ungerechtfertigten Haft
von kurzer Dauer grundsätzlich ein Betrag von Fr. 200.– pro Tag eine angemes-
sene Entschädigung darstellt, sofern nicht besondere Umstände gegeben sind,
welche die Zahlung eines tieferen oder höheren Betrages rechtfertigen könnten
(BGE 139 IV 243, n.p. E. 3). Solche Umstände liegen nicht vor. Zunächst ist da-
rauf hinzuweisen, dass der Beschuldigte nicht freigesprochen worden ist, sondern
der Genugtuungsanspruch deshalb besteht, weil gegenüber der Anklage (und
dem erstinstanzlichen sowie dem aufgehobenen ersten Urteil der Kammer) ein
milderer Schuldspruch erfolgt und eine tiefere Strafe ausgesprochen wird. Die Ar-
gumentation der Verteidigung (Urk. 48) zielt deshalb weitgehend ins Leere. Nicht
die Haftanordnung als Solche war ungerechtfertigt. Ungerechtfertigt war "ledig-
lich" deren Dauer. Hinzu kommt, dass die Haftanordnungen bzw. -verlängerungen
schwergewichtig jeweils wegen Fortsetzungs- bzw. Ausführungsgefahr erfolgten
(Urk. 18/14 S. 6), was unter anderem im auf Beschwerde des Beschuldigten hin
ergangenen Beschluss der III. Strafkammer des Obergerichts vom 2. Oktober
2015 auch ausführlich begründet wurde. Insbesondere erging hier der Hinweis
darauf, dass die Staatsanwaltschaft ein forensisch-psychiatrisches Gutachten
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über den Beschuldigten einzuholen haben werde (Urk. 18/19/5 S. 11 ff., 16), und
auch das Bundesgericht bestätigte in der Folge, es sei nicht bundesrechtswidrig,
jedenfalls bis zum Vorliegen eines fachärztlichen Gutachtens über die Gefährlich-
keit des Beschuldigten von Wiederholungsgefahr auszugehen (Urk. 18/19/12
S. 5). Nach Eingang einer Vorabstellungnahme von med. pract. J._ vom
7. Dezember 2015 wurde der Beschuldigte dann auch unter Auflagen (Therapie
ADHS, deliktorientierte Behandlung, Alkoholabstinenz) aus der Untersuchungs-
haft entlassen (Urk. 18/33).
Auch wenn die Verteidigung geltend macht, der Beschuldigte habe als Folge der
Haft seinen Arbeitsplatz verloren, der sehr gut bezahlt gewesen wäre (Urk. 48,
letzte Seite), dringt sie damit nicht durch: Dem vom Beschuldigten anlässlich sei-
ner Hafteinvernahme vom 1. September 2015 eingereichten Arbeitsvertrag ist zu
entnehmen, dass das Arbeitsverhältnis am 15. September 2015 begonnen hätte
(Urk. 3/2/2). Zu diesem Datum und noch bis Ende Oktober 2015 (Ablauf der 60
Tage, die dem Beschuldigten auf die heute ausgesprochene Strafe angerechnet
werden) befand sich der Beschuldigte jedoch noch gerechtfertigt in Haft. Es fehlt
mithin am Nachweis, dass der Verlust der Arbeitsstelle als Folge der Überhaft
eingetreten ist. Die erforderliche Kausalität ist nicht gegeben.
Dem Beschuldigten ist somit für die zu Unrecht erlittene Haft eine Genugtuung
von Fr. 9'600.– (48 Tage à Fr. 200.–) aus der Gerichtskasse zuzusprechen.
10.2. Soweit der Beschuldigte sodann einen Verdienstausfall als Schadenersatz
fordern lässt (Urk. 48, zweitletzte Seite), ist auf das soeben Ausgeführte zu ver-
weisen: Dass der Beschuldigte am 15. September 2015 seine Arbeitsstelle nicht
antreten konnte, lag an seiner im damaligen Zeitpunkt gerechtfertigten Inhaftie-
rung und nicht an der später eingetretenen Überhaft. Entsprechend ist das Scha-
denersatzbegehren des Beschuldigten abzuweisen.
11. Kosten- und Entschädigungsfolgen
11.1. Die Vorinstanz hat die Kosten der Untersuchung und des erstinstanzlichen
Gerichtsverfahrens, ausgenommen diejenigen der amtlichen Verteidigung und der
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unentgeltlichen Rechtsverbeiständung des Privatklägers, zu zwei Dritteln dem
Beschuldigten auferlegt und im Übrigen auf die Gerichtskasse genommen. Die
Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung
wurden der Gerichtskasse überbunden; vorbehalten blieb eine Nachforderung
gegenüber dem Beschuldigten im Umfang von jeweils zwei Dritteln (Urk. 64 S. 48,
Dispositivziffern 10 bis 13).
Nachdem es bei einer Verurteilung des Beschuldigten bleibt, ist die vor-
instanzliche Kostenregelung zu bestätigen, zumal bereits die Vorinstanz berück-
sichtigt hat, dass nicht der gesamte zur Anklage gebrachte Sachverhalt erstellt
werden konnte (Urk. 64 S. 26 und 45; Schlag auf den Hinterkopf).
11.2. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO).
11.2.1. Unter Verweis auf die nach wie vor gültigen Erwägungen im aufgehobe-
nen Urteil sind die Kosten für das erste Berufungsverfahren gleich wie damals
festzusetzen (Urk. 114 S. 29; Dispositivziffer 10).
11.2.2. Die Staatsanwaltschaft wollte im Wesentlichen eine Bestätigung des vor-
instanzlichen Urteils im Strafpunkt sowie eine deutlich höhere Freiheitsstrafe er-
reichen (Urk. 131 S. 1; Urk. 168 S. 1). Der Beschuldigte liess einen vollumfäng-
lichen Freispruch beantragen (Urk. 135 S. 1; Prot. II S. 13). Beim nun vorliegen-
den Ausgang des Verfahrens – milderer Schuldspruch und tiefere Strafe – recht-
fertigt es sich daher, die Kosten des ersten Berufungsverfahrens zu einem Drittel
dem Beschuldigten aufzuerlegen und zu zwei Dritteln auf die Gerichtskasse zu
nehmen. Die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertre-
tung des Privatklägers sind im Umfang von zwei Dritteln definitiv und im Umfang
von einem Drittel einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen, wobei gegenüber
dem Beschuldigten eine Nachforderung in der Höhe eines Drittels dieser Kosten
vorbehalten bleibt (Art. 135 Abs. 4, Art. 138 Abs. 1 und Art. 426 Abs. 4 StPO).
11.3. Die Verteidigung reichte am 2. April 2019 ihre Honorarnote ein und machte
für das zweite Berufungsverfahren einen Aufwand in der Höhe von Fr. 2'903.20
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geltend (Urk. 154 und 155). Der unentgeltliche Rechtsvertreter machte mit seiner
Honorarnote vom 28. März 2019 für das zweite Berufungsverfahren einen Auf-
wand in der Höhe von Fr. 1'146.25 geltend (Urk. 159). Unter Berücksichtigung der
effektiven Dauer der zweiten Berufungsverhandlung ist die Verteidigung mit
Fr. 2'550.– und der unentgeltliche Rechtsvertreter mit Fr. 1'150.– zu entschä-
digen.
11.4. Die Kosten des aktuellen, zweiten Berufungsverfahrens hat der Beschul-
digte nicht zu vertreten, weshalb sie vollumfänglich (einschliesslich der Kosten der
amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung des Privatklägers) auf
die Gerichtskasse zu nehmen sind.