Decision ID: 7a421049-3a82-57ec-85f2-7f3c7bf572e9
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
I.
A.
A.a Der Beschwerdeführer 1 ist der Vater der Beschwerdeführer 2 und 3.
A.b Die Ehefrau des Beschwerdeführers 1 und drei weitere gemeinsame
Kinder sowie eine adoptierte Tochter stellten am 31. Juli, 20. August und
5. September 2019 in der Schweiz Asylgesuche, die unter der Verfahrens-
nummer N (...) registriert wurden. Die Gesuche wurden im Wesentlichen
mit einer Verfolgung des Beschwerdeführers 1 durch die Taliban begrün-
det.
A.c Mit Verfügung vom 6. Dezember 2019 wies das SEM diese Asylgesu-
che ab. Mit der gleichen Verfügung wurde die Wegweisung der Angehöri-
gen der Beschwerdeführer angeordnet, diese hingegen infolge Unzumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufgenommen.
A.d Der Asylentscheid vom 6. Dezember 2019 wurde nicht angefochten
und erwuchs nach Ablauf der Beschwerdefrist in Rechtskraft.
II.
B.
B.a Die Beschwerdeführer (1-3) stellten am 27. Juli 2020 Asylgesuche in
der Schweiz und wurden dem Bundesasylzentrum (BAZ) D._ zuge-
wiesen. Das SEM führte dort am 30. Juli 2020 eine Personalienaufnahme
mit den Beschwerdeführern 1 und 2 durch und hörte die beiden am 18. Au-
gust 2020 zu ihren Asylgründen an.
B.b Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer 1
im Wesentlichen geltend, er sei ein Paschtune und seine Familie stamme
aus der Provinz Baghlan. Nach der Schule habe er zunächst den Beruf des
(...) erlernt und sei später als (...) tätig gewesen.
Im Frühling 2016 habe er einem Unbekannten ein Auto verkauft. Es habe
sich herausgestellt, dass der Mann Direktor des Friedensrats der Provinz
E._ gewesen sei. Dieser habe ihm angeboten, für ihn zu arbeiten,
weil er (...) habe. Er habe dieses Angebot angenommen und dem Mann in
der Folge Informationen über die Taliban geliefert. Etwa einen Monat nach
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dieser Anstellung habe er die Bekanntschaft zweier Brüder gemacht, die
Verbindungen zu den Taliban gehabt hätten, und habe einen Kontakt zwi-
schen diesen und dem Direktor hergestellt. Wiederum einen Monat später
sei er von einem dieser Brüder mit einem mit ihm verschwägerten ehema-
ligen Kommandanten bekanntgemacht worden, und er habe später auch
einen Kontakt zwischen diesem und dem Direktor zustande gebracht. Im
Sommer 2016 habe er seine Tätigkeiten für den Friedensrat beendet.
Ungefähr ein Jahr später sei er von seinem Vater informiert worden, dass
die Taliban einen Brief für ihn in der Moschee hinterlassen hätten. Es habe
sich herausgestellt, dass dieses Schreiben ein auf seinen Namen ausge-
stellter Festnahmebefehl der Taliban gewesen sei. Er habe dies mit seiner
Unterstützung des Friedensprozesses in Verbindung gebracht und dem
Direktor des Friedensrats davon erzählt. Jener habe ihm geraten, nicht
nach Hause zurückzukehren und seine Angehörigen in Sicherheit zu brin-
gen. Kurze Zeit später habe er von einem früheren Arbeitskollegen, der
sich den Taliban angeschlossen gehabt habe, erfahren, dass diese ihn zu
töten beabsichtigen würden. Daraufhin habe sein Schwager die sofortige
Ausreise mit einem Schlepper organisiert.
Am (...) 2017 sei er mit seiner Familie und seinem Bruder über Kabul nach
Pakistan und danach in den Iran gegangen, wo sie elf Monate lang geblie-
ben seien. Bei der Weiterreise in die Türkei sei sein Bruder verhaftet und
später nach Afghanistan deportiert worden. Seine Kernfamilie sei dann
etwa ein halbes Jahr lang in der Türkei geblieben, bevor sie nach Grie-
chenland weitergereist seien, wo sie etwa eineinhalb Jahre lang gelebt hät-
ten. Seine Ehefrau habe im Juli 2019 mit vier Kindern in die Schweiz reisen
können. Er und die beiden anderen Söhne seien erst am 27. Juli 2020 im
Rahmen eines Dublin-IN-Verfahrens in die Schweiz gekommen.
B.c Der Beschwerdeführer 2 gab bei seiner Anhörung zu Protokoll, selber
keine Probleme in Afghanistan gehabt zu haben. Sie hätten aber wegen
der Probleme seines Vaters ausreisen müssen; er wisse aber nicht, worum
es dabei gegangen sei.
B.d Die Beschwerdeführer reichten keine Beweismittel zu den Akten. Ihre
Ehefrau / Mutter hatte jedoch dem SEM im Rahmen ihres Asylverfahrens
(neben Ausweisen und Identitätspapieren) eine Bescheinigung des Frie-
densrats und zwei Briefe der Taliban eingereicht.
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Seite 4
C.
Am 25. August 2020 wurden die Asylgesuche vom SEM ins erweiterte Ver-
fahren um- und die Beschwerdeführer dem Kanton F._ zugeteilt.
Die zugewiesene amtliche Rechtsvertretung legte daraufhin ihr Mandat
nieder.
D.
Am 7. September 2020 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer 1 das
rechtliche Gehör zu Widersprüchen und Ungereimtheiten zwischen seinen
Aussagen und denjenigen seiner Ehefrau und des Beschwerdeführers 2.
Mit Eingabe vom 16. September 2020 reichte eine neue Rechtsvertreterin
ihre Vollmacht zu den Akten und äusserte sich im Namen ihrer Mandanten
zu den Fragen respektive Feststellungen des SEM.
E.
Mit Verfügung vom 23. September 2020 – eröffnet am folgenden Tag –
stellte das SEM fest, dass die Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfüllen würden, lehnte ihre Asylgesuche ab und ordnete die
Wegweisung aus der Schweiz an. Hingegen verfügte es, dass der Vollzug
der Wegweisung wie bei ihren in der Schweiz lebenden Angehörigen we-
gen Unzumutbarkeit zugunsten vorläufiger Aufnahmen aufgeschoben
werde. Der negative Asylentscheid wurde vom SEM im Wesentlichen mit
der Unglaubhaftigkeit der Asylvorbringen begründet; abschliessend hielt
das SEM überdies fest, dass die geltend gemachte Furcht vor einer Verfol-
gung durch die Taliban zudem auch flüchtlingsrechtlich irrelevant wäre.
F.
Mit Eingabe seines neuen Rechtsvertreters vom 23. Oktober 2020 liessen
die Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen
den Asylentscheid des SEM einlegen. Sie beantragten, die Dispositivziffern
1–3 des Asylentscheids seien aufzuheben; dem Beschwerdeführer 1 sei
unter Feststellung der Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren; die Be-
schwerdeführer 2 und 3 seien in die Flüchtlingseigenschaft und das Asyl
ihres Vaters einzubeziehen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Verbeiständung
(unter Beiordnung ihres Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand)
sowie um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht.
G.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 27. Oktober 2020 den Ein-
gang der Beschwerde.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführer haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 2 AsylG, Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.3 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
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Seite 6
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM hielt zur Begründung seines Asylentscheids im Wesentlichen
fest, die Asylvorbringen würden Widersprüche aufweisen und seien teil-
weise unlogisch und lebensfremd. Es sei auch nicht nachvollziehbar, wes-
halb die angebliche Bedrohung durch die Taliban erst ein Jahr nach Been-
digung der Zusammenarbeit mit dem Friedensrat eingesetzt habe; der Be-
schwerdeführer 1 habe auf Vorhalt hin angegeben, es müsse ihn wohl je-
mand an die Taliban verraten haben, was unbehelflich erscheine, weil er
seine kurzen Tätigkeiten für den Friedensrat gegenüber Personen trans-
parent gemacht habe, die direkte Verbindungen zu den Taliban gehabt ha-
ben sollen. Abgesehen davon hätten diese, wenn sie ihn tatsächlich als
Verräter betrachtet hätten, es kaum dabei belassen, mehrere schriftliche
Warnungen und Drohungen auszusprechen, sondern ihn ohne Um-
schweife getötet.
Der ebenfalls angehörte Beschwerdeführer 2 sei trotz mehrfachen Nach-
fragens nicht gewillt gewesen, über die Vorfälle in Afghanistan zu spre-
chen, und habe bloss ausgesagt, nichts über die Probleme seines Vaters
zu wissen. Nachdem er bei der Ausreise aus Afghanistan etwa 14 Jahre alt
gewesen und heute 17-jährig sei, erscheine dieses angebliche Nichtwissen
schwer nachvollziehbar.
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Die von der Ehefrau des Beschwerdeführers 1 eingereichten Beweismittel
seien in Afghanistan leicht käuflich erwerbbar und könnten einfach ge-
fälscht werden, weshalb sie keine Beweiskraft besitzen würden. Abgese-
hen davon seien die angeblichen Schreiben der Taliban teilweise auch
nicht mit den Schilderungen des Beschwerdeführers vereinbar.
Ungeachtet der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen sei diesen zudem ein
flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv und eine hinreichende Verfolgungsin-
tensität abzusprechen; eine begründete Furcht, zukünftig Nachteile im
Sinne von Art. 3 AsylG zu erleiden, sei auch unter diesem Blickwinkel nicht
gegeben.
5.2 Die Beschwerdeführer bestritten in ihrem Rechtsmittel insbesondere
die Unglaubhaftigkeitsargumentation des SEM. Sie führten in diesem Zu-
sammenhang namentlich Folgendes aus:
5.2.1 Bei der Anhörung des Beschwerdeführers 1 vom 18. August 2020 sei
durch eine iranische Dolmetscherin auf Persisch übersetzt worden. Es sei
notorisch, dass das iranische Persisch sowohl im Wortschatz als auch in
der Aussprache stark vom afghanischen Persisch abweiche. Es sei des-
halb zu sprachlichen Missverständnissen gekommen. Zudem habe jene
Anhörung mehr als fünf Stunden gedauert, der Beschwerdeführer habe da-
mals unter dem Einfluss von Medikamenten gestanden und die zu be-
schreibenden Ereignisse hätten sich im Sommer 2017, mithin schon vor
längerer Zeit abgespielt. Er sei gerade bei der Rückübersetzung des Pro-
tokolls nicht mehr konzentriert gewesen und habe die vom SEM aufgelis-
teten kleineren Ungereimtheiten (teilweise zu Detailpunkten) nicht be-
merkt.
5.2.2 Entgegen der vom SEM vertretenen Auffassung sei es durchaus
plausibel, dass der Direktor des Friedensrates ihm schon nach einer ein-
maligen (...) Begegnung die Zusammenarbeit angeboten und er diese
auch angenommen habe.
5.2.3 Aus welchem Grund die Drohungen durch die Taliban erst ein Jahr
nach Beendigung seiner Zusammenarbeit mit dem Friedensrat begonnen
hätten, könne er sich auch nicht restlos erklären. Er gehe davon aus, dass
die Taliban erst kurz vor der ersten Drohung durch Dritte davon in Kenntnis
gesetzt worden seien, dass er ein Jahr zuvor zwischen der Regierung und
den Taliban vermittelt habe. Dass diese ihn nicht sofort getötet hätten,
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möge auch damit zusammenhängen, dass er sich zum Zeitpunkt des Ver-
rats nicht in seinem Dorf aufgehalten habe und dann aus Sicherheitsgrün-
den auch nicht mehr dorthin zurückgekehrt sei.
5.2.4 Die Wahl der Aufenthaltsorte unmittelbar vor der Ausreise
(G._) habe damit zu tun, dass in grösseren Ortschaften eine ge-
wisse Anonymität herrsche, weshalb die Gefahr, von den Taliban entdeckt
zu werden, dort nicht gleich gross wie im Heimatdorf gewesen sei.
5.2.5 Aus welchem Grund der Friedensrats-Direktor nach dem Gespräch
mit ihm überstürzt nach G._ abgereist sei, könne er sich auch nicht
erklären. Dieser Umstand könne indessen keine Zweifel an der Glaubhaf-
tigkeit seiner Vorbringen begründen.
5.2.6 Entgegen der vom SEM geäusserten Auffassung gebe es keine Un-
gereimtheiten zwischen den protokollierten Aussagen des Beschwerdefüh-
rers und den bereits von seiner Ehefrau zu den Akten gereichten Schreiben
der Taliban. Diese Ausführungen seien schon deshalb nicht nachvollzieh-
bar, weil es das SEM offenbar unterlassen habe, diese Dokumente der Ta-
liban vollständig zu übersetzen. Darüber hinaus scheine es auch bezüglich
des genauen Inhalts der beiden Schreiben anlässlich der Anhörung zu
Missverständnissen gekommen zu sein, die wiederum auf die erwähnten
Kommunikationsprobleme mit der Übersetzerin zurückzuführen seien.
Das Allerweltargument, die eingereichten Beweismittel seien käuflich er-
werblich und könnten einfach gefälscht werden, erscheine als willkürlich.
Die eingereichten Beweismittel würden die glaubhaften Angaben des Be-
schwerdeführers und seiner Ehefrau untermauern, weshalb den Dokumen-
ten die Beweiskraft nicht abgesprochen werden dürfe.
5.2.7 Mit Bezug auf die Zurückhaltung und Verschwiegenheit des Be-
schwerdeführers 2 sei festzuhalten, dass der Sohn B._ im Zeit-
punkt der Ausreise aus Afghanistan noch ein Kind gewesen sei. Dass sein
Vater ihn damals nicht im Detail über seine Probleme aufgeklärt habe, sei
normal. Im Übrigen dürfte B._ durch die dreijährige Flucht in die
Schweiz massiv traumatisiert sein. Auch deshalb sei es absolut nachvoll-
ziehbar, dass er nicht über die Probleme habe sprechen können oder wol-
len, zumal es notorisch sei, dass Traumata zu Erinnerungslücken führen
würden.
5.2.8 Soweit das SEM die Auffassung vertrete, die Ehefrau des Beschwer-
deführers habe die Probleme in der Heimat anders geschildert (die Taliban
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Seite 9
seien zu ihnen nach Hause gekommen und hätten Geld verlangt, was der
Beschwerdeführer bei seiner Anhörung nicht erwähnt habe), sei schon bei
der Gewährung des rechtlichen Gehörs dargelegt worden, dass hier gar
keine Ungereimtheiten bestehen würden. In diesem Zusammenhang sei
vielmehr festzuhalten, dass die Ehefrau in ihrer Anhörung vom 23. Sep-
tember 2019 den Sachverhalt hinsichtlich der Drohungen der Taliban ge-
genüber dem Ehemann gleich wie dieser geschildert habe, was als starkes
Glaubhaftigkeitsindiz zu werten sei.
6.
Das Bundesverwaltungsgericht hält nach Durchsicht der Akten Folgendes
fest:
6.1
6.1.1 Der Beschwerdeführer 1 wurde am 18. August 2020 in seiner Mutter-
sprache Dari angehört. Er gab an, die Dolmetscherin problemlos zu ver-
stehen (vgl. Protokoll A33 ad F1). Der Niederschrift dieses Gesprächs sind
keinerlei Hinweise auf sprachliche Missverständnisse zu entnehmen, wie
sie bei gestörter Kommunikation üblicherweise festzustellen sind. Nach der
Rückübersetzung bestätigte der Beschwerdeführer mit seiner Unterschrift
die Vollständigkeit und Richtigkeit seiner im Protokoll festgehaltenen Aus-
sagen (vgl. a.a.O. S. 15). Die Anhörung dauerte netto fünf Stunden und
wurde durch drei Pausen von 25, 15 und 60 Minuten Dauer unterbrochen,
was sachgerecht erscheint. Zu Beginn des Gesprächs gab der Beschwer-
deführer zwar an, dass er momentan Medikamente einnehme, weil es ihm
psychisch nicht so gut gehe; weder er noch die an der Befragung teilneh-
mende damalige Rechtsvertreterin machten jedoch geltend, dass er aus
gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage sei, an der Anhörung teilzu-
nehmen (vgl. a.a.O. ad F4 ff.). Dem Protokoll lassen sich auch in dieser
Hinsicht keine Auffälligkeiten entnehmen, und es darf davon ausgegangen
werden, dass auch, beispielsweise, eine eingeschränkte Konzentrations-
fähigkeit ihren Niederschlag im Gesprächsablauf gefunden hätten. Soweit
in der Beschwerde ausgeführt wurde, speziell bei der Rückübersetzung sei
der Beschwerdeführer unaufmerksam und unkonzentriert gewesen, han-
delt es sich um eine Behauptung, die angesichts der beiden detaillierten
Korrekturen, die er bei diesem Abschluss des Gesprächs protokollieren
liess (vgl. a.a.O. S. 15) nicht überzeugend erscheint. Das Protokoll der An-
hörung erweist sich nach dem Gesagten als uneingeschränkt verwendbar.
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6.1.2 Die Zeitdauer zwischen der Befragung und der damals zu schil-
dernde Ereignisse ist bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Vorbrin-
gen zu berücksichtigen. Sie ist im vorliegenden Verfahren indessen klarer-
weise nicht derart gross, dass sie die vielen vom SEM aufgelisteten
Unglaubhaftigkeitsmerkmale zu erklären vermöchte.
6.1.3 Nach dem Gesagten gelingt es dem Beschwerdeführer nicht, die vie-
len vom SEM erwähnten Unstimmigkeiten in den zentralen Punkten seines
Sachvortrags durch äussere Umstände plausibel zu erklären. Es kann un-
ter diesen Umständen vorab auf die Ausführungen der Vorinstanz verwie-
sen werden (vgl. angefochtenen Verfügung S. 5 ff.).
6.2 Auch das Gericht qualifiziert den Sachvortrag des Beschwerdefüh-
rers 1 in den zentralen Punkten als unlogisch, konstruiert und im afghani-
schen Kontext lebensfremd:
6.2.1 Der Einbezug in den Friedensprozess unmittelbar nach einer einma-
ligen (...) Transaktion (Autoverkauf) ist nicht nachvollziehbar.
In der Beschwerde wird ausgeführt, der Beschwerdeführer sei ausgewählt
worden, weil er der gleichen Ethnie wie der Direktor angehört habe, in sei-
nem Dorf eine bekannte Persönlichkeit gewesen sei und mit der lokalen
Bevölkerung viele Kontakte unterhalten habe (vgl. Beschwerde S. 5 f.). Der
Beschwerdeführer selber hat bei seiner Anhörung nichts Derartiges ange-
geben. Vielmehr gab er zu Protokoll, der Direktor habe ihm die Aufgabe
angeboten, weil er zufrieden mit seiner Kaufberatung gewesen sei und ihn
"sehr innovativ" gefunden habe (vgl. Protokoll A33 ad F33 [S. 5]).
6.2.2 Die angeblich um ein Jahr verzögerte Reaktion der Taliban gegen
den Beschwerdeführer ist deshalb unverständlich, weil diese gemäss sei-
nen Schilderungen zweifellos bereits im Jahr 2016 Kenntnis vom angebli-
chen Einsatz des Beschwerdeführers für den Friedensprozess gehabt hät-
ten: Mehrere Kinder der drei Personen, die er mit dem Direktor in Kontakt
gebracht habe, seien Angehörige der Taliban gewesen, und alle drei Män-
ner hätten mit den Taliban direkt zusammengearbeitet und insbesondere
für diese Steuern eingetrieben (vgl. Protokoll A33 ad F33 [S. 6], F34 [S. 7]
und F40).
6.2.3 Der Beschwerdeführer 1 gab als Motivation für die Zusammenarbeit
mit dem Friedensrat zunächst an, er sei stolz gewesen, vom Direktor gelobt
zu werden und habe sich darauf gefreut, mit diesem befreundet zu werden
(vgl. Protokoll A33 ad F33 [S. 6]). Auf Nachfrage hin ergänzte er, dass er
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Seite 11
auch gerne zur Verbesserung der Sicherheit und der Lebensumstände der
lokalen Bevölkerung beigetragen habe, und beendete seine Antwort mit
den Worten "Wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet, hätte ich diese
Aufgabe nicht übernommen. Ich bin dadurch unglücklich geworden" (vgl.
a.a.O. ad F37). Im Kontext des afghanischen Friedensprozesses und der
Haltung der Taliban zu diesem Thema, wirken solche Aussagen naiv und
unverständlich. Sie lassen sich im Übrigen auch nicht mit den anderen
Schilderungen des Beschwerdeführers vereinbaren, die das Bewusstsein
der Gefährlichkeit der Situation für die am Friedensrat Mitwirkenden erken-
nen lassen (vgl. etwa a.a.O. ad F34 [S. 7], F39 und F43 f.).
6.2.4 Der Beschwerdeführer 2 beschränkte die Begründung seines Asyl-
gesuchs auf die Feststellung, er habe selber keine Probleme gehabt, aber
dem Vater sei etwas zugestossen (vgl. Protokoll A35 ad F32). Auf die An-
schlussfrage, was denn konkret geschehen sei, antwortetet er mit diesem
Worten: "Ich habe keine Ahnung. Es wurde mir nichts gesagt. Ich weiss
nicht, warum wir ausgereist sind" (vgl. a.a.O. ad F33). Dass der älteste
Sohn des Beschwerdeführers 1 überhaupt keine Kenntnis von den Grün-
den für das Verlassen des Heimatstaates im Alter von ungefähr 14 Jahren
gehabt und auch auf seine Fragen hin nie irgendeine Antwort vom Vater
erhalten haben will (vgl. a.a.O. ad F35), ist auch aus Sicht des Gerichts
lebensfremd. Insofern in der Beschwerde – soweit ersichtlich erstmals –
eine massive Traumatisierung des Jugendlichen erwähnt wird, handelt es
sich um eine unsubstanziierte und in keiner Weise belegte Behauptung.
6.2.5 Schliesslich ist es auch aus Sicht des Gerichts schwer verständlich,
dass der Beschwerdeführer die von seiner Frau erwähnten Vorsprachen
der Taliban für Geldspenden bei der Familie mit keinem Wort erwähnt hat.
Die diesbezüglichen Erläuterungsversuche in der Beschwerde – er habe
dies nicht als erwähnenswert erachtet, weil es sich um alltägliche Situatio-
nen gehandelt habe, die für den Ausreiseentscheid nicht relevant gewesen
seien (vgl. Beschwerde S. 9 unter Hinweis auf die schriftliche Stellung-
nahme im Rahmen des rechtlichen Gehörs [A53]) – sind ebenfalls nicht
überzeugend.
6.3 Für die bei den Akten liegenden Beweismittel liegen entgegen der Mut-
massung des Beschwerdeführers (vgl. Beschwerde S. 7 f.) vollständige
Übersetzungen vor. Diese Dokumente weisen indessen verschiedene
Ungereimtheiten auf:
6.3.1 Die angeblich vom Friedensrat ausgestellte "Ehrenbescheinigung"
vom (...) Juli 2016 enthält die Formulierung "Sie haben ihren [sic] Leben in
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Todesgefahr gebracht, indem Sie bewaffnete Personen zu dem Friedens-
prozess eingeladen haben". Solches lässt sich nicht nur mit der vom Be-
schwerdeführer zunächst geschilderten Motivation für seine Unterstützung
kaum vereinbaren, sondern auch mit dem Umstand, dass die angebliche
Todesgefahr erst ein Jahr nach der Ausfertigung dieser Bescheinigung ein-
getreten sei.
6.3.2 Die angeblichen Schreiben der Taliban datieren vom (...) Juli 2017
und vom (...) August 2017.
In Ersterem, das im Original eingereicht wurde, wird der Beschwerdefüh-
rer 1 davon in Kenntnis gesetzt, dass das "Islamische Emirat Afghanistan"
Kenntnis ("vollständige Informationen") von seiner Unterstützung des Frie-
densprozesses habe und ihn auffordere, umgehend deswegen bei ihm vor-
zusprechen.
In dem (in Form einer schlechten Kopie eingereichten) Schreiben vom
(...) August 2017 werden die "verantwortlichen Mudschaheddin und Tali-
ban" informiert, dass der Beschwerdeführer 1 aufgefordert worden sei, die
Zusammenarbeit im "Distrikt Prozess" aufzugeben, was dieser nicht um-
gesetzt habe. Deshalb sei er zu verhaften. Falls er zu fliehen versuche,
solle man ihn "verderben" lassen.
Die in diesen Dokumenten enthaltenen Aussagen lassen sich mit den pro-
tokollierten Aussagen des Beschwerdeführers 1 schon in zeitlicher Hinsicht
nicht in Einklang bringen. Insbesondere hatte dieser angegeben, die Tali-
ban hätten das erste Schreiben an ihn im Monat Saratan 1396 (= Juni/Juli
2017) in der Moschee für seinen Vater deponiert, damit dieser es an ihn
weiterleite. Der Vater habe ihn daraufhin telefonisch mit den Worten ange-
sprochen "Mein Sohn, die Taliban haben deine Festnahme ausgestellt [...]"
(vgl. Protokoll A33 ad F34 [S. 7] und Protokollberichtigung auf S. 15); die
Festnahme wäre jedoch erst mit dem Mitte August 2017 – und damit ein
bis zwei Monate später – ausgestellten zweiten Dokument angeordnet wor-
den. Soweit in diesem angegeben wird, der Beschwerdeführer habe sich
geweigert, die Zusammenarbeit mit dem Friedensprozess aufzugeben, ist
auch dies mit der bereits ein Jahr zuvor erfolgten offiziellen Aufgabe der
Unterstützungstätigkeit nicht in Einklang zu bringen.
6.3.3 Das SEM hat diesen Beweismitteln, die in Afghanistan leicht erwor-
ben werde können, unter diesen Umständen zu Recht die Beweiskraft ab-
gesprochen.
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Seite 13
6.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorinstanz die Asylvor-
bringen der Beschwerdeführer zu Recht als unglaubhaft qualifiziert hat.
6.5 Flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung erfolgt immer wegen des
Seins, nicht wegen des Tuns (vgl. hierzu BVGE 2014/28 E. 8.4 m.w.H.).
Die Frage, ob die Taliban den gänzlich unpolitischen Beschwerdeführer 1
(vgl. Protokoll A33 ad F56) überhaupt aufgrund eines untrennbar mit seiner
Persönlichkeit verbundenen Merkmals bedroht hätten, kann offenbleiben.
6.6 Das SEM hat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdefüh-
rers 1 verneint und sein Asylgesuch abgelehnt. Bei dieser Ausgangslage
stellt sich die Frage eines Einbezugs der Kinder in die Flüchtlingseigen-
schaft und das Asyl ihres Vaters gemäss Art. 51 AsylG nicht.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Die Beschwerdeführer verfügen insbesondere weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange-
ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den ge-
setzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
8.2 Diese drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Weg-
weisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit) sind alternativer
Natur: Sobald eine von ihnen erfüllt ist, erweist sich der Vollzug der Weg-
weisung als undurchführbar und ist die weitere Anwesenheit in der Schweiz
gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln.
Gegen eine allfällige Aufhebung der vorläufigen Aufnahme stünde der ab-
und weggewiesenen asylsuchenden Person wiederum die Beschwerde an
das BVGer offen (vgl. Art. 105 AsylG i. V. m. Art. 44 AsylG), wobei in jenem
Verfahren sämtliche Vollzugshindernisse von Amtes wegen und nach
Massgabe der dannzumal herrschenden Verhältnisse neu zu beurteilen
wären (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 m.w.H.).
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8.3 Nachdem das SEM in seiner Verfügung vom 23. September 2020 die
vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführer in der Schweiz infolge Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs anordnet hat, erübrigen sich praxis-
gemäss Ausführungen zur Zulässigkeit und Möglichkeit des Vollzugs.
Soweit die Beschwerdeführer beantragen lassen, es sei die Unzulässigkeit
des Wegweisungsvollzugs festzustellen (vgl. Beschwerde S. 12), ist darauf
nicht einzutreten.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dessen Kosten von Fr. 750.– den
Beschwerdeführern aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG, Art. 1–3 des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Gesuche um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Verbeiständung sind
infolge Aussichtslosigkeit der Rechtsbegehren abzuweisen (Art. 65 Abs. 1
VwVG).
Der Antrag auf Befreiung von der Kostenvorschusspflicht wird mit dem Ent-
scheid in der Sache gegenstandslos.
(Dispositiv nächste Seite)
E-5241/2020
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