Decision ID: a1b83249-5a56-4e2b-a29e-f689f99b0453
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog eine Ergänzungsleistung zu ihrer AHV-Rente. Da ihr Sohn im gleichen
Haushalt lebte (EL-act. 111–1), berücksichtigte die EL-Durchführungsstelle bei der
Anspruchsberechnung nur die Hälfte des Jahresmietzinses als anerkannte Ausgabe. In
den Berechnungsblättern zu den Revisionsverfügungen wies sie die EL-Bezügerin
jeweils darauf hin, dass die Hälfte des Mietzinses auf den Mitbewohner entfalle, so
dass nur der hälftige Mietzins als Ausgabe berücksichtigt werden könne (EL-act. 71–1,
67–1 und 64–1). Am 4. August 2014 gab die EL-Bezügerin im Rahmen einer
periodischen Überprüfung ihres EL-Anspruchs an, sie wohne mit ihrem Sohn
zusammen; ab Oktober 2014 werde sie eine neue Adresse haben (EL-act. 58–1 f.).
Gemäss dem neuen Mietvertrag belief sich der Mietzins der neuen Wohnung auf 1’915
Franken pro Monat. Die Sachbearbeitung der EL-Durchführungsstelle notierte am 14.
Januar 2015 (EL-act. 54), gemäss einer telephonischen Auskunft des Einwohneramtes
wohne die EL-Bezügerin allein. Dementsprechend ging die EL-Durchführungsstelle von
einem Mietzins von 22’740 Franken pro Jahr aus. Da das (bundesrechtliche)
Mietzinsmaximum für eine allleinstehende Person von 13’200 Franken und das
(kantonalrechtliche) Maximum von 4’400 Franken überschritten waren, berücksichtigte
die EL-Durchführungsstelle den gesetzlichen Maximalabzug von insgesamt 17’600
Franken. Die (bundesrechtliche) ordentliche Ergänzungsleistung belief sich ab Oktober
A.a.
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2014 auf monatlich 1’091 Franken, die (kantonalrechtliche) ausserordentliche
Ergänzungsleistung auf monatlich 367 Franken (EL-act. 53). Die ordentliche
Ergänzungsleistung stieg in der Folge – bei einem unveränderten Mietzinsabzug –
jeweils auf den 1. Januar des Folgejahres leicht an, während die ausserordentliche
Ergänzungsleistung unverändert blieb (EL-act. 51 und 49). Am 2. Mai 2016 zog die EL-
Bezügerin um (EL-act. 47). Der Mietzins der neuen Wohnung betrug 20’316 Franken
pro Jahr (EL-act. 45–4). Die EL-Durchführungsstelle ging weiterhin davon aus, dass die
EL-Bezügerin allein lebe. Der Mietzinsabzug betrug weiterhin 13’200 Franken
beziehungsweise 17’600 Franken. Die ordentliche und die ausserordentliche
Ergänzungsleistung blieben deshalb unverändert (EL-act. 44). Die ordentliche
Ergänzungsleistung stieg in den folgenden beiden Jahren leicht an; die
ausserordentliche Ergänzungsleistung blieb bei 367 Franken (EL-act. 40 und 38).
Die EL-Bezügerin gab im Rahmen einer weiteren periodischen Überprüfung am
21. Juli 2018 an, in ihrer Wohnung lebten zwei Personen (EL-act. 28–1). Die
Sachbearbeitung der EL-Durchführungsstelle notierte am 24. Juli 2018 (EL-act. 43–1),
gemäss einer telephonischen Auskunft der AHV-Zweigstelle wohne die EL-Bezügerin
mit ihrem Sohn zusammen. Dieser sei vom gleichen Ort zugezogen wie die EL-
Bezügerin. Die EL-Durchführungsstelle berechnete den EL-Anspruch rückwirkend ab
Oktober 2014 neu. Dabei veränderten sich nur die Höhe des Mietzinsabzuges und des
Vermögensertrages. Letzterer war so geringfügig, dass er keine Auswirkung auf die
Höhe des jeweiligen EL-Anspruchs hatte. Der angerechnete Mietzins unterschritt
jeweils das bundesrechtliche Mietzinsmaximum von 13’200 Franken. Damit hatte die
EL-Bezügerin seit dem 1. Oktober 2014 keinen Anspruch auf eine ausserordentliche
Ergänzungsleistung gehabt und ihr Anspruch auf eine ordentliche Ergänzungsleistung
war tiefer gewesen als der ihr jeweils ausbezahlte Betrag. Die Korrekturverfügung mit
Wirkung ab Oktober 2014 erging am 25. Juli 2018 (EL-act. 21). Die daraus
resultierende, gleichzeitig verfügte Rückforderung belief sich auf 26’647 Franken,
nämlich 9’765 Franken ordentliche Ergänzungsleistungen und 16’882 Franken
ausserordentliche Ergänzungsleistungen.
A.b.
Die EL-Bezügerin führte in einem an die EL-Durchführungsstelle gerichteten
Schreiben vom 11. August 2018 sinngemäss aus (EL-act. 20), sie wohne seit zwölf
Jahren mit ihrem Sohn zusammen. Beim Berechnungsblatt zur Ergänzungsleistung
A.c.
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habe sie keinen Fehler erkennen können. Sie habe stets auf eine korrekte und
fehlerfreie Berechnung vertraut. Es sei nie ihre Absicht gewesen, zu täuschen oder sich
zu bereichern. Sie könne die geforderte hohe Summe nicht zurückzahlen. Die EL-
Durchführungsstelle wies die EL-Bezügerin am 16. August 2018 darauf hin, dass sie
eine Einsprache erheben könne, wenn sie mit der Verfügung vom 25. Juli 2018 nicht
einverstanden sei. Ansonsten habe sie die Möglichkeit, ein Erlassgesuch zu stellen. In
diesem Fall müsste sie begründen, warum sie die zu viel ausgerichteten Leistungen in
gutem Glauben bezogen habe (EL-act. 19). Die EL-Bezügerin ersuchte am 22. August
2018 in einer mit „Mein Erlassgesuch vom 11. August 2018“ überschriebenen Eingabe
darum, den geforderten Betrag abzubuchen, da sie diese hohe Summe nicht bezahlen
könne. Sie habe keinen Fehler der Abrechnung der EL-Durchführungsstelle feststellen
können (EL-act. 18). Mit einer Verfügung vom 24. September 2018 wies die EL-
Durchführungsstelle das Erlassgesuch ab (EL-act. 16). Zur Begründung führte sie an,
die EL-Bezügerin habe ihren Mitbewohner weder per 1. Oktober 2014 noch beim
Umzug per 1. Mai 2016 gemeldet. Da die EL-Bezügerin auch nach dem Erhalt der
entsprechenden Verfügungen nicht mitgeteilt habe, dass sie einen Mitbewohner habe,
liege eine Melde- und Kontrollpflichtverletzung vor. Somit habe die EL-Bezügerin die zu
viel ausgerichteten Ergänzungsleistungen nicht gutgläubig empfangen. Damit erübrige
sich die Prüfung der grossen Härte.
Die EL-Bezügerin liess am 22. Oktober 2018 eine Einsprache gegen die
Abweisungsverfügung vom 24. September 2018 erheben (EL-act. 13). Sie liess geltend
machen, sie wohne seit vielen Jahren mit ihrem Sohn zusammen. Dieser sei ab August
2011 in der Anspruchsberechnung berücksichtigt worden. Sie sei stets der Auffassung
gewesen, dass die Anspruchsberechnungen mit den Tatsachen übereingestimmt
hätten. Deshalb habe sie nicht bemerkt, dass ihr Sohn ab Oktober 2014 aus der EL-
Berechnung gefallen sei. Mit gutem Glauben habe sie gedacht, dass wie stets alles in
Ordnung gewesen sei. Deshalb sei sie aus allen Wolken gefallen, als sie die grosse
Rückforderung erhalten habe. Aufgrund des guten Glaubens und der ausgewiesenen
materiellen Härte sei die Rückforderung zu erlassen und der Einsprache stattzugeben.
Die EL-Durchführungsstelle wies die Einsprache am 7. März 2019 ab (EL-act. 4). Sie
begründete dies insbesondere damit, dass in den Berechnungsblättern vor Oktober
2014 stets ein Mitbewohnerabzug vorgenommen worden sei. Ab Oktober 2014 sei in
A.d.
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B.
den Berechnungsblättern der volle Mietzins berücksichtigt worden. Die EL-Bezügerin
hätte kontrollieren müssen, ob der neue Mietzinsabzug korrekt übernommen worden
sei. Bereits bei einer kursorischen Prüfung hätte die EL-Bezügerin ohne weiteres
erkennen können, dass kein Mitbewohnerabzug vorgenommen worden sei. In Erfüllung
ihrer Kontroll- und Hinweispflicht hätte sie die EL-Durchführungsstelle auf diesen Fehler
hinweisen müssen. Der Umstand, dass ein entsprechender Hinweis unterblieben sei,
könne nur damit erklärt werden, dass die EL-Bezügerin die Berechnungsblätter nicht
einmal flüchtig überprüft habe oder dass sie den festgestellten Fehler in Verletzung
ihrer Hinweispflicht nicht gemeldet habe. So oder anders liege eine grobe
Nachlässigkeit vor, die eine Berufung auf den guten Glauben ausschliesse.
Die EL-Bezügerin (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) liess am 18. März 2019
Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 7. März 2019 erheben (act. G 1). Sie
liess zur Begründung ausführen, sie sei stets der Auffassung gewesen, dass die
Berechnungen mit den Tatsachen übereingestimmt hätten. Sie habe deshalb nicht
bemerkt, dass ihr Sohn ab Oktober 2014 aus der Berechnung gefallen sei, obwohl er
doch vorher so lange eingerechnet gewesen sei. Mit gutem Glauben habe sie gedacht,
dass wie stets vorher alles in Ordnung gewesen sei. Sie sei sich zwar bewusst, dass
sie eine Kontroll- und Meldepflicht habe. Aufgrund ihrer damaligen gesundheitlichen
und persönlichen Situation habe sie aber die Aufmerksamkeit nicht aufbringen können,
die nötig gewesen wäre, um den Fehler schnell zu entdecken. Zu ihrer eigenen
Gesundheit sei die Situation ihres Sohnes gekommen. Dieser zeige ein bipolares
Krankheitsbild. Er zeige typische Stimmungsschwankungen mit teilweise stark
depressiven Phasen, in denen er jeweils starke Suizidgedanken habe. Die komplexe
Situation nage sehr an ihren Kräften und bringe sie an ihre körperlichen und
psychischen Grenzen. Sie sei gewohnt, jeden Tag um den anderen zu nehmen. Vor
diesem Hintergrund sei es ihr damals nicht möglich gewesen, die Aufmerksamkeit
aufzubringen, die nötig gewesen wäre, um den Fehler rasch zu entdecken.
B.a.
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte
am 9. April 2019 die Abweisung der Beschwerde (act. G 4). Sie verwies zur

Begründung auf die Erwägungen im angefochtenen Einspracheentscheid.
B.b.
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Erwägungen
1.
Die Beschwerdeführerin hat sich am 11. August 2018 (EL-act. 20–1) und damit
weniger als dreissig Tage nach der Eröffnung der Korrektur- und
Rückforderungsverfügung vom 25. Juli 2018 (EL-act. 21) zu letzterer geäussert. Die
Ausführungen der Beschwerdeführerin haben zwar auf ein Erlassgesuch hingedeutet,
aber ein klares Begehren (Anfechtung der Korrektur- und Rückforderungsverfügung
oder Erlass der Rückforderung) ist nicht gestellt worden. Die Beschwerdegegnerin hat
deshalb am 16. August 2018 nochmals auf die beiden Möglichkeiten – das Erheben
einer Einsprache oder das Stellen eines Erlassgesuchs – hingewiesen (EL-act. 19). Die
Beschwerdeführerin hat sich dann entschlossen, (nur) ein Erlassgesuch zu stellen. Sie
hat ihr Schreiben vom 22. August 2018 (EL-act. 18) nämlich ausdrücklich als
Erlassgesuch bezeichnet und es auch entsprechend begründet. Damit ist die
Korrektur- und Rückforderungsverfügung unangefochten in formelle Rechtskraft
erwachsen. Der Gegenstand der Verfügung vom 24. September 2018 (EL-act. 16) und
damit auch des angefochtenen Einspracheentscheides ist also nur der Erlass der
Rückforderung gewesen. Dementsprechend besteht auch der Streitgegenstand im
gerichtlichen Verfahren einzig in der Beurteilung eines allfälligen Anspruchs der
Beschwerdeführerin auf einen Erlass der Rückforderung.
1.1.
Die Beschwerdegegnerin hat ordentliche und ausserordentliche
Ergänzungsleistungen zurückgefordert. Das Erlassgesuch der Beschwerdeführerin hat
sich auf beide Rückforderungen bezogen. Dementsprechend enthält der angefochtene
Einspracheentscheid formal betrachtet zwei Entscheide, nämlich einen sich auf
Bundesrecht stützenden Entscheid betreffend den Erlass der Rückforderung
ordentlicher Ergänzungsleistungen und einen sich auf kantonales Recht stützenden
Entscheid betreffend den Erlass der Rückforderung ausserordentlicher
Ergänzungsleistungen. Die Beschwerdeführerin hat also bei einer formal korrekten
Interpretation für den bundesrechtlichen Teil des Einspracheentscheides eine
Beschwerde gemäss Art. 56 ff. ATSG und für dessen kantonalrechtlichen Teil einen
Rekurs gemäss Art. 42 VRP/SG erhoben. Das bedeutet, dass zwei Urteile ergehen
müssen. Verfahrensökonomisch ist es sinnvoll, die beiden Verfahren in dem Sinn zu
vereinigen, dass beide Urteile in einem Entscheid zusammengefasst werden. Da auch
zwei Verfahrensrechte zur Anwendung gelangen, ergeben sich Unterschiede
namentlich in Bezug auf die Verfahrenskosten und die Rechtsmittel. Dem wird durch
1.2.
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2.
eine entsprechende Ausgestaltung des Entscheiddispositivs und der