Decision ID: d4c0ce51-c4b7-48dd-a45b-6eae16f49b49
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1970,
verfügt über keine Berufsaus
bildung (
Urk.
6/2/5)
und arbeitete zuletzt ab
Juli
2011
als Reinigungsan
ge
stellte (
Urk.
6/13/1)
. Am 1
4.
Mai
2017
meldete
sie sich
wegen
eines Herzinfarkts, Augen
problemen, Diabetes, Bluthochdruck und Gelenkschmerzen bei der
Sozial
versicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
zum Leistungsbezug an (
Urk.
6/2/6).
Diese
klärte den erwerblichen Sachverhalt ab
(
Urk.
6/
11
,
6/13-14
und 6/17
)
und liess die Hausärztin
der Versicherten
einen Formularbericht aus
füllen, dem diese
drei
Berichte
von verschiedenen Klin
i
ken
des Stadtspitals
Y._
beilegte
(
Urk.
6/10).
Gestützt auf eine Stellungnahme des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD)
vom 26.
September 2017 (
Urk.
6/19
/2-3) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 2
9.
November 2017
einen Anspruch der Versicher
ten auf berufliche Massnahmen
und
eine Invalidenrente (
Urk.
6/22).
Am 1
4.
April 2019 meldete sich die Versicherte erneut zum Leistungsbezug bei der IV-Stelle an (
Urk.
6/37). Ihrem Gesuch legte sie diverse
Bericht
e
der Augen
klinik des Stadtspitals
Y._
(
Urk.
6/35) so
wie berufliche Unterlagen (Urk.
6/36) bei.
Wie mit
Vorbescheid vom 2
4.
April 2019
in Aussicht gestellt (Urk. 6/39), trat die IV-Stelle mit Verfügung vom
7.
Juni 2019 nicht auf das neue Leistungsbe
gehren der Versicherten ein
(
Urk.
2=
6/
40).
2.
Gegen den Nichteintretensentscheid erhob d
ie
Versicherte mit Eingabe vom 4. Juli 2019 Beschwerde
(
Urk.
1) mit dem sinngemässen Antrag, es sei auf ihr Leistungsbegehren einzutreten (
Urk.
1). Ihrer Eingabe legte sie neue Bericht
e
des Stadtspitals
Y._
sowie der Hausärztin bei (
Urk.
3/1-3). Die IV-Stelle schloss in der Beschwerdeantwort vom 1
6.
August 2019 auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
5). Die Beschwerdeantwort wurde der
Beschwerdeführerin
mit Verfügung vom 20.
August 2019 zur Kenntnisnahme zugestellt (
Urk.
7).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert, so wird nach Art. 87 Abs. 3
der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV)
eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die Voraussetzungen gemäss Abs. 2 dieser Bestimmung erfüllt sind. Danach ist im Revisionsgesuch glaubhaft zu machen, dass sich der Grad der Invalidität der versicherten Person in einer für den An
spruch erheblichen Weise geändert hat.
Damit
soll verhindert werden, dass sich die Verwaltung nach vorangegangener rechtskräftiger Leistungsverweigerung immer wieder mit gleichlautenden und nicht näher begründeten, das heisst keine Veränderung des Sachverhalts darlegenden Gesuchen befassen muss (BGE 109 V 108 E. 2a, 262 E. 3).
1.2
Zur Frage des Bedeutungsgehalts des
Art.
87
Abs.
2 und 3 IVV hat das Bundes
gericht in BGE 130 V 64 E. 5.2.5 festgehalten, dass die versicherte Person mit
der
Neuanmeldung die massgebliche Tatsachenänderung glaubhaft machen muss, ihr mithin ausnahmsweise eine Beweisführungslast zukommt.
Mit dem Beweismass des Glaubhaftmachens sind
dabei
herabgesetzte Anforderungen an den Beweis verbunden: Die Tatsachenänderung muss nicht nach dem im Sozialversiche
rungsrecht sonst üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 353 E. 5b) erstellt sein. Es genügt, dass für das Vorhandensein des geltend gemachten rechtserheblichen Sachumstandes wenigstens gewisse An
haltspunkte bestehen, auch wenn durchaus noch mit der Möglichkeit zu rechnen ist, bei eingehender Abklärung werde sich die behauptete Änderung nicht erstel
len lassen. Erheblich ist eine Sachverhaltsänderung, wenn angenommen werden kann, der
Anspruch auf eine (höhere) Invalidenrente sei begründet, falls sich die geltend gemachten Umstände als richtig erweisen sollten (Urteil des Bundesge
richts 8C_844/2012 vom
5.
Juni 2013 E. 2.3; vgl. auch BGE 130 V 64 E. 5.2, 130 V 71 E. 2.2).
1.3
Gesetz und Verordnung regeln nicht, unter welchen Voraussetzungen im Falle einer vorangegangenen Verweigerung von Eingliederungsleistungen ein neues Gesuch entgegenzunehmen und zu prüfen ist. In BGE 105 V 173 hat das Bundes
gericht entschieden, Eingliederungsleistungen gleich wie Renten und Hilflo
senentschädigungen zu behandeln und demzufolge Art. 17
des
Bundesgesetz
es
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG)
sowie die dazu
gehörigen Verordnungsbestimmungen
analog anzuwenden
. Es rechtfertigt sich, die
se
Rechtsprechung
auch
auf Art. 87 Abs. 3 IVV
auszudehnen
. Aufgrund der dortigen Verweisung auf Art. 87 Abs. 2 IVV ist daher, wenn eine Eingliederungs
leistung verweigert wurde, eine neue Anmeldung nur zu prüfen, wenn die versi
cherte Person glaubhaft macht, dass sich die tatsächlichen Verhältnisse in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert haben (BGE 109 V 119 E. 3a, vgl. auch 125 V 410 E. 2b; AHI 2000 S. 233 E. 1b).
2.
Die Besch
werdegegnerin erwog, in den im Verwaltungsverfahren eingereichten Unterlagen lasse sich keine wesentliche Veränderung bezüglich der medizini
schen oder beruflichen Situation feststellen (
Urk.
2). Die erst im gerichtlichen Verfahren eingereichten Arztberichte seien unbeachtlich (
Urk.
5). Die Beschwer
deführerin hielt indessen dafür, ihr gesundhe
itlicher
Zustand habe sich seit dem letzten Jahr verschlechtert
, was durch die eingereichten medizinischen Unterla
gen glaubhaft gemacht sei
(
Urk.
1).
3.
3.1
Die zeitliche Vergleichsbasis für die Frage, ob eine
neuanmeldungsrechtlich
rele
van
te
Veränderung des Sachverhalts glaubhaft ist, bildet der Zeitpunkt der letzten umfassenden materiellen Prüfung.
Der Vergleichszeitraum erstreckt sich grund
sätzlich bis zur Prüfung und Beurteilung des Gesuchs, d.h. bis zum Erlass der Verfügung betreffend die Neuanmeldung. Für die beschwerdeweise Überprü
fung einer
Nichteintretensverfügung
ist somit der Sachverhalt, wie er sich der Verwal
tung bot, resp
ektive
die Aktenlage bei Erlass dieser Verfügung massge
blich (BGE 130 V 64 E. 5.2.5; Urteil
e
des Bundesgerichts
9C_
683/2013 vom
2.
April 2014
E.
3.3
und 8C_244/2016 vom 2
1.
Juni 2016 E. 2.1
).
3.2
Die Verneinung eines invalidenversicherungsrechtlichen Leistungsanspruchs mit Verfügung vom 2
9.
November 2017 (
Urk.
6/22) erfolgte gestützt auf die Stellung
nahme
des RAD-Arztes
Dr.
med.
Z._
, Facharzt für Innere Medizin, vom 2
6.
September
2017
(
Urk.
6/19/2-3)
.
Er
würdigte
einen
Bericht der Hausärztin
Dr.
med.
A._
, Fachärztin für Allgemeinmedizin,
datiert
vom
1
8.
Juli
2017
(Urk. 6/10/1-5),
sowie je einen
ophthalmologischen, kardiologischen und endo
krinologischen Bericht des
Stadtspitals
Y._
,
datiert vom 3
1.
Januar
2017
be
ziehungsweise 3
1.
März 2017
(
Urk.
6/10/6-11)
.
Dr.
Z._
fasste zusammen, diagnostiziert werde ein Diabetes mellitus II, Erst
diagnose im Jahr 2003, mit Spätschäden in Form einer Retinopathie beidseits
(Laserkoagulation, Anti VEGF-Injektion)
, einer Niereninsuffizienz und Hyperto
nie, wobei aufgrund einer Sehbehinderung eine volle A
rbeitsunfähigkeit bestehen soll
e
.
Ferner werde die Diagnose hypertensive Herzkrankheit gestellt und anam
nestisch ein
lumbospondylogenes
Schmerzsyndrom links und ein V
itamin D
Mangel erhoben.
Daraus schlussfolgerte
Dr.
Z._
,
es bestehe seit jeher eine volle Arbeitsfähigkeit in der bisherigen wie auch einer angepassten Tätigkeit. Als solche definierte er körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten. Es sollten keine Gewichte über 10 kg mehr gehoben werden. Zudem bestehe eine Einschrän
kung der Sehfähigkeit, weshalb keine Tätigkeiten
bei
Dunkelheit oder Bildschirm
arbeiten möglich seien. Langfristig werde sich der Zustand am ehesten nicht än
dern (vgl.
Urk.
6/19/3).
3.
3
Der
Neuanmeldung vom 1
4.
April 2019
legte
die Beschwerdeführerin
berufliche Unterlagen aus den Jahren 2011 und 2013 bei
(
Urk.
6/36/1-4)
, welche von vorn
herein kein taugliches Mittel darstellen, um eine Veränderung der tatsächlichen Verhältnisse seit dem 2
9.
November 2017
glaubhaft zu machen
.
Zum medizinischen Sachverhalt reicht
e
sie a
usschliesslich Berichte der Augen
klinik des Stadtspitals
Y._
ein
(
Urk.
6/35)
.
Diesen ist zu entnehmen
, dass bei
ihr
– wie
in der Stellungnahme des RAD
erwähnt -
im Sommer und Herbst 2017 an beiden Augen
mehrmals
Injektionen und eine Laserkoagulation durchgeführt wurden
(
Urk.
6/35/1)
.
Am 2
7.
November 2017
erfolgte
sodann
eine
kombinierte Operation am linken Auge im Sinne einer Pars
plana
Vitrektomie
(Absaugen des Glaskörpers)
und
einer
Kataraktoperation
(Implantation
einer
künstlichen Linse
),
die
eine kurze Hospitalis
ierung
erforderte (
Urk.
6/35/6 f.,
6/35/8
)
. Ambulant
wurde
am 2
0.
Dezember 2017 eine Kataraktoperation am rechten Auge
vorge
nommen
(
Urk.
6/35/4).
E
benfalls als ambulanter Eingriff erfolgten
am 31.
Januar 2018 die Silikonöl-Entfernung und das Durchtrennen der proliferativen
Vitreo
retinopathie-Membran
am linken Auge (
Urk.
6/35/1).
Es wurde von der Be
schwerdeführerin nicht dargetan
und ist auch sonst nicht ersichtlich
, inwiefern sich ihr Sehvermögen
im Rahmen dieser
Opera
tionen, welche unmittelbar vor respektive nach Erlass der Verfügung vom 29. November 201
7
durchgeführt wur
den,
verschlechtert haben soll.
3.4
Es ist
in erster Linie
Sache der versicherten Person, substanzielle Anhaltspunkte für eine allfällige neue Prüfung des Leistungsanspruchs darzulegen (vgl. auch bezüglich Nachfristansetzung zur Einreichung ergänzender, in der Neuanmel
dung lediglich in Aussicht gestellter Beweismittel BGE 130 V 64 E. 5.2.5). Wenn die der Neuanmeldung beigelegten ärztlichen Berichte so wenig substan
t
iiert sind, dass sich eine neue Prüfung nur aufgrund weiterer Erkenntnisse allenfalls rechtfertigen würde, ist die IV-Stelle unter Umständen zur Nachforderung weite
rer Angaben gehalten. Dies ist nur, aber immerhin dann der Fall, wenn den - für sich allein genommen nicht Glaubhaftigkeit begründenden - Arztberichten kon
krete Hinweise entnommen werden können, wonach möglicherweise eine mit weiteren Erhebungen erstellbare rechtserhebliche Änderung vorliegt (
Urteil des Bundesgerichts 8C_244/2016 vom 2
1.
Juni 2016 E.
2.
3 mit weitern Hinweisen).
3.5
Nach dem vorstehend Ausgeführten
fehlen
solche Indizien in den neuen Berich
ten der Augenklinik
. Es wurde insbesondere auch schon im August 2017 mit der Aufgleisung der Operationen beider Augen begonnen (vgl.
Urk.
6/35/12), was ge
gen eine rapide Verschlechterung unmittelbar vor deren Durchführung spricht. Zudem verliefen die Operationen sowei
t bekannt
komplikationslos.
Es kommt hinzu, dass
die
Beschwerdeführerin
i
n der Neuanmeldung kein anderes (ver
schlechtertes
oder
neues)
Leiden
oder
eine andere
spezialärztliche Behand
lung
/Abklärung
erwähnte
(vgl.
Urk.
6/37/6-7).
Es ist deshalb nicht zu bean
standen, dass die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin im Verwal
tungs
ver
fahren keine
Frist zur Einreichung
weiterer
Beweismittel
ansetzte unter der Androhung, andernfalls auf
Nichteintreten zu erkennen
.
3.6
Infolgedessen können di
e
erst
im Gerichtsverfahren
zusammen mit
einem ärztli
chen Zeugnis von
Dr.
A._
(
Urk.
3/2)
nachgereichten Berichte des Stadtspitals
Y._
(
Urk.
3/1 und 3/3)
zumindest im vorliegenden Prozess
nicht berücksich
tigt
werden.
Es ist denn auch nicht einsichtig, weshalb es
der Beschwerdeführerin
nicht bereits bei der Anmeldung oder spätestens nach Erhalt des Vorbescheids möglich gewesen
sein soll
,
wenigstens
die vom
8.
April 2019 datierte «Zusam
menfassung der Krankengeschichte» (
Urk.
3/3) einzureichen.
4.
Zusammenfassend ist durc
h die rechtzeitig
, bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung
eingereichten
ärztlichen
Berichte zum Augenleiden
keine
Verände
rung
des Gesundheitszustandes seit Erlass der Verfügung vom
29. November 2017
glaubhaft gemacht
, die anspruchsrelevant sein könnte
. Es ist daher nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin auf die Neuanmeldung de
r
Beschwer
deführer
in
vom
14. April 2019
nicht eingetreten ist. Die Beschwerde ist folglich abzuweisen.
Indes ist die vo
n der Beschwerdeführerin
durch Einreichen
neue
r
medizinische
r
Unterlagen
(
Urk.
3/1-3)
mit der Beschwerde
mitgeteilte Verschlechterung weiterer Leiden (
etwa
hyperglykäme
Entgleisung,
Progredienz atheromatöser Veränderun
gen, Polyneuropathie
)
von der Beschwerdegegnerin im Rahmen einer neuen Neu
anmeldung zu prüfen. Hierfür ist die Sache nach Eintritt der Rechtskraft dieses Entscheids an
diese
zu überweisen.
5.
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrens
aufwand unabhängig vom Streitwert
im Rahmen von
Fr.
200.– bis Fr.
1‘000.– festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG). Sie sind vorliegend auf
Fr.
4
00.– anzusetzen und de
r
unterliegenden Be
schwerdeführer
in
aufzuerlegen.