Decision ID: 7c482b97-1cfb-5ed8-a6be-0164e94f4483
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
B._,
Rekurrentin,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Regula Schmid, Engelgasse 2, 9004 St. Gallen,
gegen
Gemeinde H._,
Vorinstanz,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Markus Joos, Marktplatz 4, Postfach 646,
9004 St. Gallen,
betreffend
Bevorschussung von Unterhaltsbeiträgen
Sachverhalt:
A.
A.a Mit Urteil des Bezirksgerichts Z._ vom März 1996 wurde die Ehe von B._ und
A._ geschieden. Im Rahmen des Scheidungsurteils wurde u.a. die Vereinbarung
betreffend Kindesunterhalt genehmigt, wonach A._ an den Unterhalt der Kinder
C._, D._, E._, F._, und G._ ab 1. Januar 1996 bis zum jeweiligen Eintritt ins
volle Erwerbsleben monatlich je Fr. 700.-- (einschliesslich allfälliger Kinderzulagen) zu
bezahlen habe. Die Unterhaltsbeiträge wurden indexiert (act. G 3.2).
A.b Mit Verfügung vom 13. September 2001 bevorschusste das Sozial- und
Vormundschaftsamt der Gemeinde H._ B._ die Unterhaltsbeiträge für die fünf
Kinder ab 1. September 2001 mit je Fr. 730.-- pro Kind (act. G 3.3).
A.c Mit Entscheid vom 17. Januar 2006 änderte das Kantonsgericht St. Gallen das
Scheidungsurteil in Genehmigung einer Vereinbarung von B._ und A._
dahingehend ab, dass dieser vom 1. Mai 2005 bis 30. November 2007 für jedes Kind
Fr. 550.-- an den Unterhalt zahle, soweit dieses noch bei der Mutter wohne und in
Ausbildung stehe. Ab 1. Dezember 2007 (Abschluss einer IV-Umschulung von A._)
werde von einem mutmasslichen Nettoeinkommen von Fr. 5'700.-- und einer vollen
Anstellung von A._ ausgegangen. Erziele A._ Fr. 5'700.-- oder ein höheres
Nettoeinkommen, bezahle er ab Dezember 2007 Fr. 600.-- für jedes Kind, das bei der
Mutter wohne, solange sich alle fünf Kinder noch in Ausbildung befänden; Fr. 700.-- für
jedes Kind, sobald wenigstens ein Kind wirtschaftlich selbstständig sei. Erziele A._
ein tieferes Nettoeinkommen als Fr. 5'700.-- (inkl. Anteil allfälliger 13. Monatslohn),
behalte er für seinen eigenen Grundbedarf Fr. 2'700.--. Sein den Betrag von Fr.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2'700.-- übersteigendes Nettoeinkommen werde auf die sich noch in Ausbildung
befindenden Kinder bis zum Höchstbetrag von Fr. 700.-- für jedes Kind gleichmässig
aufgeteilt. A._ bezahle für die bei der Mutter wohnenden Kinder, die noch in
Ausbildung stünden, diese Unterhaltsbeiträge monatlich im Voraus. Erziele A._ ein
Nettoeinkommen von weniger als Fr. 5'700.--, so lege er B._ die Unterlagen über
sein Einkommen vor und orientiere sie jährlich über die Entwicklung seines
Einkommens, solange der Unterhaltsbeitrag von Fr. 700.-- pro Kind in Ausbildung noch
nicht erreicht werde (act. G 3.4-3 f.). Dieses Abänderungsverfahren war am 1. Juli 2002
beim Bezirksgericht Y._ eingeleitet worden. Im Rahmen des Berufungsverfahrens vor
Kantonsgericht hatten B._ und A._ am 7. bzw. 10. Dezember 2004 eine
Teilvereinbarung betreffend den Kindesunterhalt abgeschlossen, wonach der Vater Fr.
100.-- im Monat für jedes Kind vom 1. März 2002 bis 30. November 2002, Fr. 590.--
vom 1. Dezember 2002 bis 31. Mai 2003, Fr. 260.-- vom 1. Juni 2003 bis 30. Juni 2004
sowie ab 1. Juli 2004 und während der weiteren Dauer der IV-Umschulung Fr. 550.--
bezahle (act. G 3.4-2 f.).
A.d Mit Schreiben vom 10. Februar 2006 setzte das Sozial- und Vormundschaftsamt
B._ davon in Kenntnis, dass ihr infolge des Entscheids vom 17. Januar 2006 ab 1.
März 2006 Fr. 550.-- pro Kind bevorschusst würden. Betreffend die (aufgrund der
rückwirkenden Reduktion der Unterhaltsbeiträge) seit 1. Mai 2005 zu viel
bevorschussten Unterhaltsbeiträge schlug das Amt eine gemeinsame Besprechung vor
(act. G 3.5). In der Folge sah es von einer Rückforderung ab (vgl. act. G 3.6 f.). Per 30.
Juni 2006 zog der älteste Sohn C._ nach X._, womit die Bevorschussung durch
das Sozial- und Vormundschaftsamt der Gemeinde H._ für ihn endete (act. G 3.7).
A.e Mit E-Mail vom 25. Oktober 2007 forderte das Sozial- und Vormundschaftsamt
A._ auf, ihm seine Einkommensverhältnisse bekannt zu geben, damit es wisse, wie
viel Alimente es B._ bevorschussen müsse (act. G 3.8). A._ teilte dem Amt am 29.
Oktober 2007 mit, er habe nur eine Teilzeitanstellung gefunden und wisse noch nicht,
wie viel sein monatliches Einkommen ab Dezember 2007 betragen werde (act. G 3.9).
A.f Mit Schreiben vom 30. Oktober 2007 teilte das Sozial- und Vormundschaftsamt
B._ mit, ab Dezember 2007 werde es aufgrund des Entscheids vom 17. Januar 2006
eine Änderung in Bezug auf die Unterhaltsbeiträge geben. Es (das Amt) habe jedoch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ein kleines Problem mit dieser Änderung, da A._ nicht das Einkommen erziele, wovon
im Entscheid ausgegangen werde. Es bat B._ um ein persönliches Gespräch, um ihr
die Situation ab Dezember 2007 zu erläutern (act. G 3.10). In der Folge richtete es
B._ keine Bevorschussung mehr aus (vgl. act. G 3, Ziff. 4 Sachverhalt).
A.g Am 18. März 2008 leitete B._, vertreten durch Rechtsanwältin Regula Schmid,
Klage auf Abänderung des Urteils des Kantonsgerichts vom 17. Januar 2006 ein und
beantragte, A._ sei zu verpflichten, an den Unterhalt der in ihrer Obhut stehenden
Kinder monatlich und vorauszahlbar einen Unterhaltsbeitrag von Fr. 700.-- pro Kind zu
bezahlen. Im Sinn einer vorsorglichen Massnahme sei A._ zu verpflichten, diese
Unterhaltsbeiträge ab Dezember 2007 bis zu einem rechtskräftigen Gerichtsurteil sofort
zu bezahlen. Dem Sozial- und Vormundschaftsamt liess sie eine Kopie dieser Eingabe
zukommen (act. G 3.11). Mit Schreiben vom 3. April 2008 ersuchte die Vertreterin von
B._ das Sozial- und Vormundschaftsamt, ab Dezember 2007 die Unterhaltsbeiträge
für vier Kinder im Betrag von je Fr. 700.-- pro Kind zu bevorschussen (act. G 3.12). Am
8. April 2008 teilte das Amt der Vertreterin von B._ mit, es könne keine rückwirkende
Bevorschussung ab Dezember 2007 vornehmen, bevor nicht etwas durch das Gericht
verfügt worden sei. Es könnte ja sein, dass das Gericht kein rückwirkendes Urteil
erlasse. Dieses Risiko könne es nicht eingehen. Die Alimentenbevorschussung werde
erst bei Erhalt eines rechtskräftigen Gerichtsurteils fortgesetzt (act. G 3.13).
A.h Mit Entscheid vom 23. September 2008 setzte das Kreisgericht Y._ in
Genehmigung einer Vereinbarung von B._ und A._ die Kinderunterhaltsbeiträge
neu fest. Danach hatte A._ an den Unterhalt von F._ und G._ mit Wirkung ab 1.
Dezember 2007 und bis zum Abschluss der ordentlichen Erstausbildung monatlich im
Voraus einen Betrag von Fr. 600.-- zu bezahlen. An den Unterhalt von E._ hatte er
mit Wirkung ab 1. Dezember 2007 bis 31. Juli 2008 einen Betrag von Fr. 200.-- pro
Monat zu bezahlen; dieselbe Regelung sollte auch als vorsorgliche Massnahme gelten
(act. G 3.17-6 und 3.17-8).
B.
Mit Verfügung vom 15. Oktober 2008 bevorschusste das Sozial- und
Vormundschaftsamt B._ ab 1. September 2008 die durch Gerichtsurteil vom 23.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
September 2008 festgelegten Unterhaltsbeiträge für F._ und G._ in Höhe von je Fr.
600.-- pro Monat. Zudem bevorschusste es die Alimente rückwirkend für drei Monate.
Eine rückwirkende Bevorschussung seit Dezember 2007 sei nicht möglich; das Gesetz
sehe eine solche nur für drei Monate ab Fälligkeitsdatum vor. Sollten die
Rekursinstanzen jedoch zum Schluss kommen, eine rückwirkende Bevorschussung sei
in diesem Fall angezeigt, werde es (das Amt) einen Verrechnungsanspruch geltend
machen (act. G 3.18). Hiergegen erhob die Vertreterin von B._ am 30. Oktober 2008
beim Gemeinderat H._ Rekurs und beantragte, es seien ab 1. Dezember 2007 für
F._ und G._ je Fr. 600.-- pro Monat und für E._ bis 31. Juli 2008 Fr. 200.-- pro
Monat zu bevorschussen (act. G 3.19). Mit Beschluss vom 24. Februar 2009 wies die
Gemeinde H._ den Rekurs ab (act. G 3.22); der Versand an die Vertreterin von B._
erfolgte am 2. März 2009 (vgl. act. G 1.1).
C.
C.a Mit Eingabe vom 17. März 2009 erhebt die Vertreterin von B._ beim
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen Rekurs und beantragt, der Beschluss vom
2. März 2009 (bzw. 24. Februar 2009) sei aufzuheben. Die Verfügung vom 15. Oktober
2008 sei aufzuheben. Die Vorinstanz sei zu verpflichten, der Rekurrentin ab 1.
Dezember 2007 folgende Unterhaltsbeiträge zu bevorschussen: F._, Fr. 600.-- pro
Monat, G._ Fr. 600.-- pro Monat, E._ Fr. 200.-- pro Monat bis 31. Juli 2008. Zudem
beantragt sie die unentgeltliche Prozessführung. Zur Begründung bringt sie im
Wesentlichen vor, die Auffassung der Vorinstanz, wonach eine rückwirkende
Bevorschussung nur für drei Monate ab Fälligkeitsdatum möglich sei, sei unzutreffend.
Das Gesetz sehe vor, dass Unterhaltsbeiträge bevorschusst würden, die in den letzten
drei Monaten vor der Anmeldung des Anspruchs fällig geworden seien. Entgegen der
Auffassung der Vorinstanz wäre eine Bevorschussung gestützt auf das
Kantonsgerichtsurteil vom 17. Januar 2006 auch über November 2007 hinaus möglich
gewesen. Es sei nie ein formeller Beschluss erfolgt, wonach die
Alimentenbevorschussung eingestellt werde. Die Voraussetzungen für eine
Bevorschussung hätten auf Seiten der Rekurrentin weiterhin bestanden; das Sozial-
und Vormundschaftsamt habe nur eine gerichtliche betragsmässige Festlegung der
genauen Höhe der Bevorschussung gewollt, anstatt sie nach der gerichtlichen Formel
(gemäss Urteil vom 17. Januar 2006) zu berechnen, was durchaus möglich gewesen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wäre. Aufgrund der klar ablehnenden Haltung des Sozial- und Vormundschaftsamts
habe die Rekurrentin diesbezüglich darauf verzichtet, die Weiterführung der
Alimentenbevorschussung auf dem Rechtsmittelweg durchzusetzen und habe die
Unterhaltsbeiträge stattdessen erneut gerichtlich fixieren lassen. Keinesfalls könne
behauptet werden, die Rekurrentin habe ihren Anspruch auf Alimentenbevorschussung
nicht angemeldet. Aufgrund der jahrelangen Bevorschussung sei dieses Kriterium
längst erfüllt gewesen. Spätestens mit der Klageeinleitung am 18. März 2008 habe die
Rekurrentin auf jeden Fall die Kriterien der Anmeldung für eine rückwirkende
Alimentenbevorschussung auf drei Monate, also per Dezember 2007, erfüllt. Es könne
nicht sein, dass die Rechtskraft des Abänderungsurteils für den Zeitpunkt des Beginns
der Bevorschussung massgebend sein soll. Der vom Sozial- und Vormundschaftsamt
im Eventualstandpunkt geltende gemachte Verrechnungsanspruch sei verjährt (act. G
1).
C.b Mit Rekursantwort vom 8. Mai 2009 beantragt die Vorinstanz, vertreten durch
Rechtsanwalt Markus Joos, die Abweisung des Rekurses. Zur Begründung führt der
Vertreter im Wesentlichen an, gemäss Gesetz würden elterliche Unterhaltsbeiträge
bevorschusst, wenn diese in einem vollstreckbaren Urteil oder in einem
Unterhaltsvertrag nach Art. 287 ZGB festgesetzt seien und trotz angemessener
Inkassoversuche nicht rechtzeitig eingingen. Bevorschusst würden Unterhaltsbeiträge,
die zu Beginn des Monates fällig werden, in dem die Anmeldung des Anspruchs erfolge
oder die in den letzten drei Monaten vor Anmeldung des Anspruchs fällig geworden
seien. Kein Anspruch auf Vorschüsse bestehe, wenn (u.a.) die erforderlichen Auskünfte
vorenthalten würden. Vollstreckbar im Sinn des Gesetzes bedeute in diesem Fall
einerseits, dass das Gerichtsurteil, das die Unterhaltsbeiträge festsetze, formell
rechtskräftig sei. Es bedeute andererseits aber auch, dass das Urteil materiell so
bestimmt sei, dass es ohne Weiteres vollstreckt und der darin festgesetzte
Unterhaltsbeitrag in Betreibung gesetzt werden könne. Letztere Voraussetzung erfülle
der Entscheid des Kantonsgerichts vom 17. Januar 2006 bzw. die damit genehmigte
Parteivereinbarung jedoch offensichtlich nicht. Infolge dessen sei das
Kantonsgerichtsurteil nicht vollstreckbar im Sinn des Gesetzes, so dass entgegen der
Auffassung der Rekurrentin die Bevorschussung nicht zulässig gewesen sei. Die
Rekurrentin habe darauf verzichtet, bezüglich der Einstellung der Bevorschussung per
30. November 2007 eine anfechtbare Verfügung zu verlangen. Erst nach Vorliegen des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erneuten Abänderungsurteils des Kreisgerichts Y._ vom 23. September 2008 habe
sie wieder die Bevorschussung der in diesem Entscheid neu festgesetzten
Unterhaltsbeiträge verlangt. Damit sei eine neue Anmeldung im Sinn des Gesetzes
erfolgt. In der Folge habe das Sozial- und Vormundschaftsamt die laufenden
Unterhaltsbeiträge sowie diejenigen, die in den letzten drei Monaten vor Anmeldung
des Anspruchs fällig geworden seien, bevorschusst. Sollte das angerufenen
Versicherungsgericht wider Erwarten grundsätzlich von einem Anspruch ab 1.
Dezember 2007 ausgehen, erhebe die Vorinstanz bzw. das Sozial- und
Vormundschaftsamt eventualiter die Einrede der Verrechnung mit früher zu viel
bevorschussten Unterhaltsbeiträgen (Fr. 17'100.--); der entsprechende
Rückerstattungsanspruch sei nicht verjährt (act. G 3).
C.c Am 13. Mai 2009 wird der Rekurrentin die unentgeltliche Prozessführung bewilligt
(act. G 4).
C.d Mit Replik vom 11. Juni 2009 hält die Rekurrentin an ihren Anträgen fest (act. G 7).
C.e Mit Duplik vom 18. August 2009 hält die Vorinstanz an ihrem Antrag fest (act. G 9).

Erwägungen:
1.
1.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 des Gesetzes über Inkassohilfe und Vorschüsse für
Unterhaltsbeiträge (GIVU; sGS 911.51) hat ein Kind für die Dauer der Unterhaltspflicht
der Eltern, längstens bis zum vollendeten 25. Altersjahr, Anspruch auf Vorschüsse für
elterliche Unterhaltsbeiträge, wenn diese in einem vollstreckbaren Urteil oder in einem
Unterhaltsvertrag nach Art. 287 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches festgesetzt
sind (lit. a) und trotz angemessener Inkassoversuche nicht rechtzeitig eingehen (lit. b).
Nach Art. 2 Abs. 2 GIVU werden Unterhaltsbeiträge bevorschusst, die ab Beginn des
Monats fällig werden, in dem die Anmeldung des Anspruchs erfolgt, und die in den
letzten drei Monaten vor Anmeldung des Anspruchs fällig geworden sind.
1.2 Unrechtmässig bezogene Vorschüsse sind gemäss Art. 10 Abs. 1 der
Vollzugsverordnung zum Gesetz über Inkassohilfe und Vorschüsse für
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Unterhaltsbeiträge (VV zum GIVU; sGS 911.511) zurückzuerstatten oder werden mit
laufenden Vorschüssen verrechnet, insbesondere wenn Vorschüsse durch unrichtige
oder unvollständige Angaben erwirkt wurden (lit. a) oder infolge nachträglicher
Veränderung der persönlichen oder finanziellen Verhältnisse zu hohe Vorschüsse
ausgerichtet wurden (lit. b).
2.
2.1 Vorliegend umstritten und zu prüfen ist die (rückwirkende) Bevorschussung für die
Monate Dezember 2007 bis und mit Mai 2008. Im Rekursverfahren unbestritten blieb
demgegenüber, dass die Rekurrentin ab Juni 2008 Anspruch auf Bevorschussung hat
(vgl. act. G 3 S. 6 und G 3.18).
2.2 Die Vorinstanz stellt sich in diesem Zusammenhang im vorliegenden
Rekursverfahren auf den Standpunkt, die Rekurrentin habe nach der Einstellung der
Bevorschussung per 30. November 2007 erst durch Vorlage des Entscheids des
Kreisgerichts Y._ vom 23. September 2008 wieder einen Anspruch auf
Bevorschussung angemeldet; eine rückwirkende Bevorschussung sei damit für die drei
Monate vor September 2008 (also Juni, Juli und August) möglich. Die Rekurrentin geht
demgegenüber davon aus, dass keine neuerliche Anmeldung nötig gewesen sei, da der
Anspruch stets angemeldet, die Bevorschussung jedoch solange eingestellt gewesen
sei, bis die exakte Höhe der Unterhaltsbeiträge bekannt gewesen sei; entsprechend
seien die Unterhaltsbeiträge nahtlos, also ab 1. Dezember 2007, weiter zu
bevorschussen.
2.3 Aus den Akten geht hervor und ist im Übrigen unbestritten, dass das Sozial- und
Vormundschaftsamt der Gemeinde H._ der Rekurrentin vom 1. September 2001 (vgl.
act. G 3.3) bis 30. November 2007 Unterhaltsbeiträge bevorschusst hat. Per 1.
Dezember 2007 ergab sich gestützt auf das Kantonsgerichtsurteil vom 17. Januar 2006
eine Änderung in Bezug auf die Höhe der der Rekurrentin für ihre Kinder zustehenden
Unterhaltsbeiträge (act. G 3.4). Da die Höhe der Unterhaltsbeiträge ab jenem Zeitpunkt
mit dem konkreten Erwerbseinkommen des Vaters verknüpft war, sah sich das Sozial-
und Vormundschaftsamt nicht mehr in der Lage, der Rekurrentin eine Bevorschussung
auszurichten. Mit Schreiben vom 30. Oktober 2007 gelangte es an die Rekurrentin und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
schlug vor, die Situation ab Dezember 2007 in einem persönlichen Gespräch zu klären
(act. G 3.10). Darüber, was in diesem Gespräch besprochen bzw. vereinbart wurde,
finden sich in den Akten keine Angaben. Es ist jedoch unbestritten, dass das Amt die
Bevorschussung ab 1. Dezember 2007 eingestellt hat und dass der Grund hierfür die
Unklarheit bezüglich der Höhe der zu bevorschussenden Unterhaltsbeiträge war. Eine
förmliche Einstellung wurde jedoch nicht verfügt.
Aus dem Verhalten des Sozial- und Vormundschaftsamts lässt sich schliessen, dass
dieses den Anspruch der Rekurrentin auf Bevorschussung der Unterhaltsbeiträge im
fraglichen Zeitpunkt grundsätzlich für gegeben hielt. Es richtete ab Dezember 2007 nur
deshalb keine Bevorschussung mehr aus, weil die Unterhaltsbeiträge betraglich nicht
fixiert waren und es damit Gefahr lief, allenfalls zu hohe Bevorschussungen
auszurichten. Daraus lässt sich schliessen, dass es die Bevorschussung ohne weiteres
wieder aufnehmen bzw. weiterführen würde, sobald die Höhe der Unterhaltsbeiträge
feststehen würde. Darauf deutet auch das Schreiben des Amts an die Vertreterin der
Rekurrentin vom 8. April 2008 hin. Darin führte dieses aus: "Sie [die Vertreterin der
Rekurrentin] haben von uns verlangt, dass wir die Unterhaltsbeiträge für die vier Kinder
rückwirkend ab Dezember 2007 bevorschussen. Wir können dies aber nicht machen,
bevor nichts durch das Gericht verfügt worden ist. Dieses Risiko können wir nicht
eingehen. Es könnte ja sein, dass das Gericht kein rückwirkendes Urteil macht und wir
hätten dann keinen Schuldner für das bereits bevorschusste Geld. Die
Alimentenbevorschussung wird also erst wieder bei Erhalt eines rechtskräftigen
Gerichtsurteils fortgesetzt" (act. G 3.13). Unter diesen Umständen durfte die
Rekurrentin davon ausgehen, dass es für eine weitere Bevorschussung keiner neuen
Anmeldung, sondern lediglich der Bekanntgabe der (rechtsgenüglich) fixierten
Unterhaltsbeiträge bedurfte. Ebenso durfte sie davon ausgehen, dass ab Bekanntsein
der Höhe der zu bevorschussenden Unterhaltsbeiträge eine nahtlose (rückwirkende)
Bevorschussung ausgerichtet werden würde, sprach das Sozial- und
Vormundschaftsamt doch von "fortsetzen". Hätte das Sozial- und Vormundschaftsamt
die Bevorschussung per 1. Dezember 2007 tatsächlich dem Grundsatz nach einstellen
und eine (sich abzeichnende) künftige Bevorschussung von einer neuen Anmeldung
abhängig machen wollen, hätte es dies der Rekurrentin in einer anfechtbaren
Verfügung eröffnen müssen. Unter den gegebenen Umständen eine Neuanmeldung
des (an sich unbestrittenen) Anspruchs auf Bevorschussung zu verlangen, käme
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
überspitztem Formalismus gleich. Die Rekurrentin hat alles unternommen, was von ihr
erwartet werden durfte, um ihren Anspruch auf Bevorschussung zu wahren; eine
Neuanmeldung ihres Anspruchs auf Bevorschussung gehörte nicht dazu.
2.4 Somit steht fest, dass die Rekurrentin ihren Anspruch auf Bevorschussung nicht
erneut anmelden musste. Entsprechend blieb ihr Anspruch im fraglichen Zeitraum stets
angemeldet. Gestützt auf Art. 2 Abs. 2 GIVU steht ihr demnach eine rückwirkende und
nahtlose Bevorschussung ab 1. Dezember 2007 zu.
3.
3.1 Für den Fall der - nach dem Gesagten zu bejahenden - rückwirkenden
Bevorschussung macht die Vorinstanz bzw. das Sozial- und Vormundschaftsamt im
vorliegenden Rekursverfahren die Verrechnung mit für den Zeitraum von Januar 2005
bis Februar 2006 zu viel bevorschussten Unterhaltsbeiträgen in Höhe von insgesamt Fr.
17'100.-- geltend. Die Rekurrentin hält diesen Rückforderungsanspruch für verjährt.
3.2 Am 10. Februar 2006 teilte das Sozial- und Vormundschaftsamt der Rekurrentin
mit, mit Entscheid vom 17. Januar 2006 seien die Alimente für ihre Kinder neu
festgelegt worden. Rückwirkend ab 1. Mai 2005 seien pro Kind und Monat Fr. 550.--
geschuldet. Dies ergebe gesamthaft Fr. 2'750.-- pro Monat. Dieser Betrag werde ihr
künftig überwiesen. Bekanntlich habe es (das Amt) während dieser Zeit die
ursprünglichen Unterhaltsbeiträge von Fr. 3'770.-- pro Monat, ab 1. Januar 2006 Fr.
3'805.-- pro Monat, bevorschusst. Somit ergebe sich für die Zeit vom 1. Mai 2005 "bis
zum heutigen Datum" ein Überschuss von Fr. 10'270.--. Diesen Betrag müsse sie (die
Rekurrentin) zurückerstatten (act. G 3.5). Mit Schreiben vom 27. Februar 2006
anerkannte die Vertreterin der Rekurrentin die vom Sozial- und Vormundschaftsamt
geltend gemachte Rückforderung grundsätzlich, ersuchte jedoch angesichts der
finanziellen Verhältnisse der Rekurrentin um einen Erlass der Rückforderung (act. G
3.6).
Das Sozial- und Vormundschaftsamt hat die Rückforderung gegenüber der Rekurrentin
mit Schreiben vom 10. Februar 2006 geltend gemacht, als es Kenntnis vom
Kantonsgerichtsurteil vom 17. Januar 2006 erlangt hatte. Die Rekurrentin hat den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rückforderungsanspruch in der Folge denn auch anerkannt. Da das Gesetz vorliegend
keine formellen Anforderungen an die Geltendmachung einer Rückforderung stellt und
das Sozialamt den Anspruch gegenüber der Rekurrentin innerhalb eines Monats ab
Bekanntwerden desselben angemeldet hat, ist die Rückforderung im Umfang von Fr.
10'270.-- nicht verjährt, zumal die Forderung von der Rekurrentin ausdrücklich
anerkannt wurde. Allerdings hat die Rekurrentin förmlich um Erlass dieser Forderung
ersucht. Über dieses Erlassgesuch wurde bislang jedoch nicht entschieden.
Entsprechend ist es immer noch beim Sozial- und Vormundschaftsamt hängig. Da das
Erlassgesuch nach wie vor hängig ist, ist auch die Rückforderung gewissermassen in
einem "Schwebezustand". Die Sache ist daher an das Sozial- und Vormundschaftsamt
zurückzuweisen, damit es über das Erlassgesuch entscheidet. Heisst es das
Erlassgesuch gut, fällt die Rückforderung dahin, womit keine Verrechnungsmöglichkeit
mehr besteht. Lehnt es das Erlassgesuch hingegen ab, steht einer Verrechnung dem
Grundsatz nach nichts im Weg (vgl. Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons St.
Gallen vom 17. Juli 2007, ABV 2007/1).
4.
Zusammengefasst ist der Antrag der Rekurrentin auf rückwirkende Bevorschussung ab
1. Dezember 2007 gutzuheissen. Damit ist jedoch noch nicht gesagt, dass die
rückwirkend zu bevorschussenden Unterhaltsbeiträge der Rekurrentin tatsächlich
auszuzahlen sind. Das Sozial- und Vormundschaftsamt H._ wird vorab über das
Erlassgesuch betreffend die Rückforderung mit zu viel bevorschussten
Unterhaltsbeiträgen in Höhe von Fr. 10'270.-- zu befinden und eine entsprechende
Verfügung zu erlassen haben. Nach Rechtskraft des Erlassentscheids wird das Amt in
einer neuerlichen Verfügung die rückwirkend zu bevorschussenden Unterhaltsbeiträge
betraglich festlegen und - je nach Ergebnis des Erlassverfahrens - allenfalls die
Verrechnung mit der Rückforderung prüfen müssen. Sofern und soweit danach noch
ein Anspruch der Rekurrentin auf rückwirkende Bevorschussung besteht, wird ihr der
entsprechende Betrag schliesslich nachzuzahlen sein.
5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist der Rekurs teilweise gutzuheissen, der
angefochtene Beschluss vom 24. Februar/2. März 2009 ist aufzuheben, und die Sache
ist zu weiteren Abklärungen und zu anschliessender neuer Verfügung im Sinn der
Erwägungen an das Sozial- und Vormundschaftsamt H._ zurückzuweisen.
5.2 Es werden keine Gerichtskosten erhoben (Art. 95 Abs. 3 VRP/SG; sGS 951.1).
5.3 Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als volles Obsiegen (BGE
132 V 235 E. 6.2). Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat die Rekurrentin Anspruch
auf Ersatz der Parteikosten, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach
der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen
werden (Art. 98 ff. VRP/SG). Der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand
erscheint eine Parteientschädigung von Fr. 2'500.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) angemessen. Die bereits bewilligte unentgeltliche Prozessführung wird
damit gegenstandslos.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht