Decision ID: 1b9afb9b-484a-45d5-87ec-e40d812efe85
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1961, meldete sich am 1
9.
Januar 2018 (Eingangsdatum) unter Hinweis auf eine
p
osttraumatische Belastungsstörung
(nachfolgend: PTBS)
bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
zum
B
ezug
von Leistungen der
Invalidenversicherung an (
Urk.
8/1)
.
Die
IV-Stelle
tätigte medizi
nische und erwerbliche Abklärungen
(
Urk.
8/9, 8/11, 8/13, 8/15, 8/22)
und hielt mit Mitteilung vom
7.
September 2018 fest, dass keine Eingliederungs
mass
nahmen möglich seien (
Urk.
8/19). Nach durchgeführtem Vorbesc
heid
verfahren (
Urk.
8/24, 8/25)
verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 2
8.
März 2019 einen Rentenanspruch (
Urk.
2).
2.
Dagegen liess der Versicherte a
m 1
0.
Mai 2019 Beschwerde erheben
(
Urk.
1)
und beantragen, die Verfügung sei aufzuheben und es
seien i
h
m
invaliden
versiche
rungsrechtliche Leistungen zuzusprechen.
Es sei hierfür ein medizi
nisches Gut
achten durch das Gericht zu veranlassen. Eventualiter sei die Sache zur Begut
achtung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht
ersuchte der Beschwerdeführer um Gewährung
der unentgeltlichen Prozess
führung und
Rechtsverbeiständung
durch
Rechtsanwältin Stephanie C.
Elms
(
Urk.
1 S. 2).
In der Beschwerdeantwort vom
1
7.
Juni 2019
schloss die IV-Stelle auf Ab
weisung der Beschwerde (
Urk.
7), was dem Beschwerdeführer mit Verfü
gung vom 1
9.
Juni 2019 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
9).
Auf
die Vorbringen
der Parteien
und die Akten
wird - soweit erforderlich - im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts
[ATSG]
). Sie kann Folge von Geburts
gebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
[IVG]
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgegliche
nen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer
Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein
trächtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V
396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V
215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das für somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare psychosomatische Leiden entwickelte strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indika
toren, die es
-
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungs
faktoren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) anderer
seits
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzu
schätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesge
richts 9C_590/2017 vom 1
5.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrund
lage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchs
frei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
1.
4
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die
Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht, GSVGer). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der
Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwierige Ermessensentscheide zu
treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrele
vante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin stellte sich in der angefochtenen Verfügung vom 2
8.
März 2019 auf den Standpunkt, dass keine wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit für die bisher ausgeübte Tätigkeit als ungelernter
Magaziner
oder Maschinist vorliege
und daher kein Anspruch auf eine Invalidenrente bestehe
(
Urk.
2). In der Beschwerdeantwort vom 1
7.
Juni 2019
(
Urk.
7)
führte die Beschwerdegegnerin weiter aus, eine
PTBS
sei
nicht ausgewiesen (
Urk.
7 S. 1)
und der Beschwerdeführer
sei
trotz seiner Persönlichkeit in der Lage gewesen, einer regelmässigen Berufstätigkeit nachzugehen. Auch wenn
tatsächlich
von einer Persönlichkeitsstörung auszugehen
wäre
, liege ohnehin keine Arbeitsunfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit vor, da den Arztberichten lediglich zu entnehmen sei, dass die Ausübung einer Tätigkeit ohne
Interaktion mit anderen Personen geprüft werden solle. Da auf dem hypothetisch ausgeglichenen Arbeitsmarkt noch ein genügend breites Spektrum an Tätigkeiten ohne interpersonellen Kontakt
bestehe
, wirke sich dies nicht invalidisierend aus
(
Urk.
7
S. 2
).
2.2
Der Beschwerdeführer brachte in der Beschwerde vom 1
0.
Mai 2019
(
Urk.
1)
im Wesentlichen vor, die Leistungsverweigerung
sei
in Verletzung des Unter
suchungsgrundsatzes ergangen. Der RAD-
Aktenb
ericht, welcher sich nicht mit den Beurteilungen der behandelnden Ärzte decke, bilde keine beweiskräftige Grundlage zur Beurteilung des Leistungsanspruches und
es
könne
daher
erst nach einer umfassenden psychiatrischen Begutachtung definitiv über den Rentenan
spruch entschieden werden (
Urk.
1 S. 7 f.).
2.3
Strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht einen invalidi
sierenden Gesundheitsschaden verneint hat.
3.
3.1
Der Hausarzt des Beschwerdeführers,
Dr.
med.
Y._
, hielt im Bericht vom 2
3.
März 2018 fest, dass durch ihn keine Arbeitsunfähigkeit attestiert worden und ihm keine Prognose der Arbeitsfähigkeit möglich sei (
Urk.
8/11/2 f.). Betreffend Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit wies
Dr.
Y._
darauf hin, diese
sei
en
bei der Psychiatrie im Universitätsspital
Z._
zu erfragen (
Urk.
8/11/3).
3.2
Mit Bericht vom 1
6.
Mai 2018 hielt PD
Dr.
med.
A._
, Facharzt FMH für Kardiologie und Innere Medizin, fest, beim B
eschwerdeführer
trete
,
wenn er sich
beim Gehen
beeilen m
üsse
,
seit einem Jahr
eine Tachypnoe mit ausgeprägter Hyperventilation auf. Dieselben Beschwerden
seien
auch bei dicker Luft im Zug auf
ge
treten, wobei er aus Panik beinahe die Notbremse gezogen habe. In diesem Zusammenhang
herrsche
auch eine ausgeprägte Geräuschempfindlichkeit (
Urk.
8/15/1).
Das
EKG
sei jedoch
normal
ausgefallen
.
Dr.
A._
ging daher davon aus, dass d
ie Anamnese auf eine Angstkrankheit mit Panikattacken und Hyperventilation
hindeute
, möglicherweise
auf
eine
PTBS
(
Urk.
8/15/2).
3.
3
Dr.
med. B._
und
Dr.
med. C._
der Klinik für
Konsiliarpsychiatrie
des
Z._
stellten
im
Bericht vom 1
9.
Juni 2018
folgende Diagnosen
(
Urk.
8/13/6)
:
-
Kombinierte Persönlichkeitsstörungen mit paranoiden und emotional-in
stabilen (impulsiver Typ) Zügen (ICD-10: F.61)
-
Posttraumat
ische Belastungsstörung (ICD-10:
F43.1) nach Angriff durch einen Vorgesetzten mit einem Messer in Jordanien (2015)
Anamnestisch
wurde ausgeführt,
der Beschwerdeführer
sei
nach Abschluss der Schule in die Schweiz gekommen und
habe
eine Sprachschule belegt. Danach habe er in verschiedenen Bereichen als Angestellter gearbeitet, wobei es mehrfach zu Auseinandersetzungen mit Arbeitskollegen und Vorgesetzten gekommen sei, welche zum Teil auch körperlich
ausgefallen
seien. Nach diesen Auseinander
setzungen habe er jeweils die Anstellung gekündigt. Im Jahr 2004 sei er zurück nach Jordanien gereist
,
um be
i seinem kranken Vater zu sein.
2013 habe er begonnen als selbstständiger Fahrer für die UNO zu arbeiten. Er sei anschliessend als Übersetzer und
dann
als
Betreuungs- und Aufsichtsperson der UNO in einem Flüchtlingscamp
in Jordanien
tätig gewesen. Weil er mit der Führung des Camps und der Gesinnung der UNO nicht einverstanden gewesen sei,
habe es
Konfli
kte mit seinem Vorgesetzten gegeben
. Bei einer Auseinandersetzung habe er seinen Vorgesetzten unter Druck gesetzt und auf den Tisch geschlagen, woraufhin dieser den Beschwerdeführer zu Boden gestossen und mit einem Messer bedroht habe.
Der Beschwerdeführer
habe befürchtet
,
sterben zu müssen. Nach diesem Vorfall
habe er das Camp verlassen und sei deutlich verändert gewesen.
Ein
Psychiater in Jordanien habe 2015 eine
PTBS
festgestellt. Er sei dann mit seiner Frau und den Kindern zurück in die Schweiz gereist, wo er begonnen habe, häufiger Alko
hol zu trinken. Wegen des erhöhten Alkoholkonsums habe er sich im Ambulato
rium für
Konsiliarpsychiatrie
des
Z._
vorgestellt
(
Urk.
8/13/3)
.
Dort
stehe
er seit März 2017 in Behandlung (
Urk.
8/13/2).
Seit der Rückkehr in die Schweiz lebe der Beschwerdeführer von Sozialhilfe, da er ein Arbeitsumfeld mit anderen Menschen nicht ertragen könne. Er nehme Dinge häufig als Angriff wahr
und fühle sich, wenn er unter Druck stehe,
von der UNO v
erfolgt und mit dem Tod bedroht
. Zeitweise weite sich seine Angst vor der UNO zu einem wahnhaft anmutenden System aus.
Er leide weiterhin unter wiederkehrenden Erinnerungen an die
S
ituation mit seinem
Vorgesetzten, welche insbesondere bei Konflikten mit der Aussenwelt in Erscheinung
träten
. Es komme dann zu bedrängenden Erinnerungen und der Entstehung von Bildern vor seinem inneren Auge.
Er denke häufig an die UNO zurück und vermute eine geheime, feindliche Einflussnahme
durch diese
. Er entwickle gewaltvolle Rachephantasien gegen die UNO, die sich aber auch gegen andere Parteien oder Personen richten könnten. Der Beschwerdeführer bemühe sich stark, seine Gefühle gegenüber der UNO und der Gesellschaft allgemein zu kontrollieren und nicht verbal aggressiv zu werden und nutze hierfür Meditationstechniken oder beruhigende Medika
mente (
Urk.
8/13/4).
Dr.
B._
und
Dr.
C._
erläuterten
d
i
e
traumaspezifischen
psychopathologischen Befund
e
des Beschwerdeführers
nach Kriterien aufgeteilt
.
So sei das Kriterium eines traumatischen Erlebnisses mit der handgreiflichen Auseinandersetzung und Bedrohung mit einem Messer durch seinen Vorgesetzten im Flüchtlingslager erfüllt.
Es würden intrusive Erinnerungen bei psychischer Belastung bestehen, womit auch ein Wiedererleben des Traumas
bestehe
. Auch eine Vermeidung finde durch das
M
eiden von Konflikten und einen generellen sozialen Rückzug statt.
Ein weiteres Kriterium sei das Vorhandensein von negativen Veränderungen der Kognition und der Stimmung. Beim Beschwerdeführer zeige sich in dieser Hin
sicht eine deutliche Einengung des Denkens,
ein
teils inhaltlich und paranoid verzerrtes Denken, erhöhtes Misstrauen und die Angst vor Beeinflussung und Erniedrigung.
Das Kriterium
«
Arousal
und Reagibilität
»
sei ebenfalls erfüllt, da er in Phasen der Kränkung beziehungsweise erwarteter Erniedrigung unter erhöhter Anspannung stehe und deutliche Gereiztheit und
Aggressivität
auftrete. Da die Symptomatik kurz nach dem Vorfall im Jahr 2015 aufgetreten sei, sei auch das
zeitliche Kriterium erfüllt. Letztlich liege eine deutliche Beeinträchtigung sämtli
cher Lebensbereiche des Beschwerdeführers vor, womit auch das letzte Kriterium «Leiden/Beeinträchtigung»
erfüllt
sei (
Urk.
8/13/5)
.
Erfüllt seien zudem
die Cut-off-Werte einer paranoiden und emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung im SKID II-Interview (
Urk.
8/13/5).
Bezüglich der
Arbeitsfähigkeit
in der bisherigen Tätigkeit konnten
Dr.
B._
und
Dr.
C._
keine
abschliessende
Einschätzung geben. Auch betreffend eine
mögli
che
angepasste Tätigkeit führten sie aus, dass ihnen eine abschliessende Ein
schätzung nicht möglich sei und empfahlen eine Potential- und Belastungs
abklärung. Die zwischenmenschlichen Schwierigkeiten des Beschwerdeführers bei einer vermuteten Zurückweisung
und
bei Kritik oder Ablehnung würden eine deutliche Limitation für die Eingliederung ins Berufsleben darstellen. Auch hin
sichtlich der Haushaltsführung und Kinderbetreuung sei der Beschwerdeführer überfordert, da er Schwierigkeiten habe, seine eigenen Emotionen zu kontrolli
e
ren. Er schaffe es daher nicht,
zuverlässig für die Kinder da zu sein (
Urk.
8/13/8).
3.
4
Mit
Verlaufsbericht
vom 1
0.
Oktober 2018 bestätigte
Dr.
B._
die obengenannten Diagnosen und fügte zu beiden den Vermerk «deutliches Ausmass» hinzu (
Urk.
8/22/1).
Dr.
B._
führte aus, dass der Beschwerdeführer nicht arbeitsfähig sei
(
Urk.
8/22/1)
,
wobei auch in einer angepassten Tätigkeit keine Arbeitsfähigkeit bestehe. Die Prognose der Arbeitsfähigkeit sei von der möglichen Arbeitsumge
bung abhängig. Aufg
rund der ausgeprägten interpers
onellen Einschränkungen des Beschwerdeführers sei lediglich die Ausübung einer Tätigkeit ohne Interak
tion mit anderen Personen denkbar, wobei zuverlässige und
reizarme
Strukturen sowie ein geringes
Mass an Konzentrationserforderni
s notwendig
seien (
Urk.
8/22/3). Der Beschwerdeführer sei zudem nicht ausreichend
belastbar,
um an einer Wiedereingliederungsmassnahme teilzunehmen.
Dr.
B._
schlug
erneut
vor, diese Einschätzung könne von der Beschwerdegegnerin im Rahmen einer Potenzial- und Belastungserprobung objektiviert werden (
Urk.
8/22/4).
3.
5
Med. pract.
D._
, Fachärztin für orthopädische Chirurgie und Traumato
logie,
Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD),
nahm am 1
8.
Dezember 2018
zu den Akten
Stellung und führte aus, der handgreifliche Konflikt des Beschwerdeführers mit seinem Vorgesetzten
sei
aus Sicht des RAD nicht geeignet, ein traumatisches Erlebnis im Sinne des ICD-10 zu belegen. Auch die übrigen im Bericht des
Z._
genannten Kriterien seien nicht klar nachvollziehbar. Der Diagnose
einer
PTBS
könne daher nicht gefolgt werden.
Bezüglich der Persönlichkeitsstörung führte
med. pract.
D._
aus, dass
zwar
in den Akten
berichtet werde, diese
sei seit der Jugend vorhanden
. Da der Beschwerdeführer bis zu seiner Ausreise nach Jordanien im Jahr 2004 in der Lage gewesen sei, einer regelmässigen Berufstätigkeit nachzugehen und eine lang
anhaltende Partnerschaft zu führen, könnten
jedoch
keine erheblichen Aus
wirkungen auf die Arbeitsfähigkeit angenommen werden. So würden auch die behandelnden Ärzte ausdrücklich erläutern, die
von ihnen attestierten 100%ige
Arbeitsunfähigkeit
beziehe sich
nur auf bestimmte Belastungen. Die Krank
schreib
ung
betreffe
nämlich nur Berufe mit zwischenmenschlichem Kontakt beziehungsweise der Zusammenarbeit mit anderen Personen sowie Arbeiten, die
vermehrte Anforderungen an die
Konzentration und Adaptationsfähigkeit stellen würden. Aus
Sicht
des RAD ergäbe sich daraus
somit
keine wesentliche Ein
schränkung der Arbeitsfähigkeit für die früher ausgeübte Tätigkeit als
Magaziner
oder Maschinist (
Urk.
8/23/4).
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin verneinte einen Leistungsanspruch gestützt auf die RAD-Stellungnahme vom 1
8.
Dezember 2018 (vgl.
Urk.
7).
Hierzu ist vorweg Fol
gendes festzuhalten:
Die regionalen ärztlichen Dienste
(RAD)
stehen den IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung. Sie setzen die für die Invalidenversicherung nach
Art.
6 ATSG massgebende funktio
nelle Leistungsfähigkeit der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Sie sind in ihrem medizinischen Sachentscheid im Einzelfall unabhängig (
Art.
59
Abs.
2
bis
IVG). Sie können bei Bedarf selber ärztliche Untersuchungen von Versicherten durchführen
und
halten die Untersuchungsergebnisse schriftlich fest (
Art.
49
Abs.
2
der Verordnung
über die Invalidenversicherung [IVV]
). RAD-Berichten nach
Art.
49
Abs.
2 IVV kommt Beweiswert zu, sofern sie den von der Rechtsprechung umschriebenen Anforde
rungen an ein ärztliches Gutachten genügen (BGE 137 V 210
E. 1.2.1). Selbst eine Aktenbeurteilung ohne eigene Untersuchung kann beweiskräftig sein, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztliche Befassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt. Dies gilt grundsätzlich auch in Bezug auf Berichte und Stellungnahmen der RAD (Urteil
des Bundesgerichts
9C_196
/2014 vom 1
8.
Juni 2014 E. 5.1.1
).
4.2
4.2.1
Eine
PTBS
entsteht als eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophen
artigen Ausmaßes (kurz oder lan
ganhaltend), die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Hierzu gehören eine dur
ch Naturereignisse oder von Men
sc
hen verursachte Katastrophe, eine Kampfhandlung, ein schwerer Unfall oder Zeuge des gewaltsamen Todes anderer oder selbst Opfer von Folte
rung, Terrorismus, Vergewaltigung oder anderen Verbrechen zu sein. Prämorbide
Persönlichkeitsfaktoren wie be
stimmte Persönlichkeitszüge (z. B. zwanghafte oder asthenische) oder neurotische Erkrankungen in der Vor
geschichte können die Schwelle für die Entwicklung dieses Syndroms senken und seinen Verlauf verstärken, aber die letztgenannten Faktoren sind weder nötig noch ausreichend, um das Auftreten der Störung zu erklären.
Diese Störung soll nur dann diagnostiziert werden, wenn sie innerhalb
von 6
Monaten nach einem traumati
sierenden Ereignis von außergewöhnlicher Schwere aufgetreten ist. Zusätzlich zu dem Trauma muss eine wiederholte unaus
weichliche Erinnerung oder Wiederinszenierung des Ereignisses in Gedächtnis, Tagträumen oder Träume
n auftreten. Ein deutlicher emo
tionaler Rückzug, Gefühlsabstumpfung, Vermeidung von Reizen, die eine Wiedererinneru
ng an das Trauma hervor
rufen könnten, sind häufig zu beobachten, aber für
die Diagnose nicht wesentlich
(
Dilling
/
Mombour
/Schmidt,
Internationale
Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V [F], Klinisc
h-diagnostische Leitlinien, 1
0.
überarbe
itete Auflage, Bern 2015, S. 207 f.
; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_671/2012 vom 1
5.
November 2012 E. 4.3
).
4.
2
.2
Beim Beschwerdeführer
wurde die PTBS
gemäss
Beurteilung
der behandelnden Ärzte
durch
eine Auseinandersetzung mit seinem Vorgesetzten
ausgelöst
,
bei der
der Beschwerdeführer durch
diesen
zu Boden gestossen und
mit einem Messer bedroht
worden sei
.
Ob
es sich
rechtfertigt
,
diese
s
Ereignis
als ein solches, welches das definitionsgemässe Kriterium der aussergewöhnlichen Bedrohung
(E. 4.
1.1
)
erfüllt, einzustufen, lässt sich aufgrund der knappen anamnestischen Angaben des Beschwerdeführers im Bericht von
Dr.
B._
und
Dr.
C._
vom 1
9.
Juni 2018 (
E. 3.3)
nicht abschliessend beurteilen. So sind
den
Ausführungen keine konkre
tisierenden Angaben zur Bedrohungssituation ausser dem Messereinsatz zu ent
nehmen (zum Beispiel zur Dauer der Bedrohung, Position des Messers,
zu
all
fälligen begleitenden verbalen Drohungen)
; solch begleitende Umstände
wurden von den psychiatrischen Fachärzten auch nicht weiter referiert respektive erfragt
, was eine abschliessende Beurteilung der Schwere des Ereignisses
nicht
zulässt
.
Die
von den behandelnden Ärzten
weiter
erhobenen Befunde
sind zwar
mit den obengenannten Diagnosekriterien für eine
PTBS
vereinbar
, doch beruhen diese mehrheitlich auf den Ausführungen des Beschwerdeführers
. So haben sich
beispielsweise
beim Beschwerdeführer gemäss
eigenen Angaben
bereits kurze Zeit nach der Auseinandersetzung entsprechende Symptome gezeigt, worauf er
noch
im Libanon einen Psychiater
aufgesucht habe
(
E. 3.3
), womit die Latenzzeit von sechs Monaten
erfüllt wäre
.
Entsprechende
echtzeitliche
Berichte sind jedoch nicht in den Akten zu finden.
Die Diagnose einer PTBS kann
damit
aufgrund der Aktenlage
weder als erstellt betrachte
t
noch
ausgeschlossen werden.
4.
3
Was die Diagnose
eine
r
kombinierte
n
Persönlichkeitsstörung mit paranoiden und emotional-instabilen Zügen
(vgl. E. 3.3)
anbelangt,
wurde
im Bericht vom 1
9.
Juni 2018 angegeben, dass die Cut-Off-Werte des SKID-II-Interviews erreicht worden seien. Der entsprechende Fragebogen beziehungsweise eine
überprüfbare
Auswertung desselben wurde dem Bericht jedoch nicht beigelegt
,
was der Nach
vollziehbarkeit der Diagnose entgegensteht. In Bezug auf das in den diagnosti
schen Leitlinien verlangte Kriterium deutlicher Einschränkungen der beruflichen und sozialen Leistungsfähigkeit und dasjenige des Beginns der Störung in der Kindheit oder Jugend (ICD-10, a.a.O. S. 276 f.) zeigt
der
IK-Auszug des Beschwer
deführers
zwar
eine unbeständige Arbeits
biographie
mit
vermehrte
n
Stellen
wechsel
n
, wobei der Beschwerdeführer zwischen 1997 und 2003 sechs Mal Arbeitslosenentschädigung bezog (
Urk.
8/3).
Auch weist die Anamnese im Bericht von
Dr.
B._
und
Dr.
C._
,
wonach
d
er
Beschwerdeführer
mehrmals eine Stelle gekündigt habe, nachdem es zu Auseinandersetzungen mit Mitarbeiter
n
und Vor
gesetzen gekommen sei (
Urk.
8/13/3)
,
auf soziale Probleme hin
.
Jedoch ist eben
falls augenfällig, dass der Beschwerdeführer eine hohe Zielstrebigkeit und Moti
vation in seinem Leben zeigte. So konnte er mehrfach in die Schweiz migrieren, bemühte sich erfolgreich um die schweizerische Staatsangehörigkeit und durch
lebte gemäss eigenen Angaben einen raschen beruflichen Aufstieg vom Chauffeur zur Betreuungs- und Aufsichtsperson i
n einem
Flüchtlingslager.
Dass
allfällige Einschränkungen
bereits
seit der Jugend bestehen, konnten
sodann
selbst die behandelnden Ärzte nur vermuten (
Urk.
8/13/5).
Diese Widersprüche blieben von
Dr.
B._
und
Dr.
C._
ungeklärt.
Das Vorliegen
einer Persönlichkeitsstörung
wie auch
deren Auswirkungen auf die
Leistungsfähigkeit
des Beschwerdeführers können
daher
aufgrund der Akten
ebenfalls
nicht abschliessend beurteilt werden.
4.
4
Im Zusammenhang mit der
Beurteilung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit
machten
Dr.
B._
und
Dr.
C._
noch im Bericht vom 1
9.
Juni 2018 denn auch
nur sehr vage Ausführungen.
So konnten sie
überhaupt keine Aussage zur
Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit
machen
und hielten fest, dass ihnen eine abschliessende Einschätzung der Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit nicht möglich sei (
E. 3.3
).
Dass sich
Dr.
B._
in ihrem Bericht vom 1
0.
Oktober 2018 bei gleichlautendem Befund sodann für eine gänzliche Arbeits
unfähigkeit auch in angepasster Tätigkeit aussprach, vermag nicht zu über
zeugen.
4.
5
Damit aber lassen die im Recht liegenden medizinischen Akten weder einen abschliessenden Schluss auf die massgeblichen gesundheitlichen Störungen noch auf die damit einhergehenden leistungseinschränkenden Befunde zu. Entspre
chend sind die Voraussetzungen für eine beweiskräftige RAD-Aktenbeurteilung (E. 4.1) zum vornherein nicht gegeben und es kann offenbleiben, ob derselben auch aus andern Gründen (fehlende psychiatrische Fachkenntnisse der RAD
Ärztin, vgl.
Urk.
1 S. 7 f.) die Beweiseignung abzusprechen wäre.
5.
Die
angefochtene Verfügung vom
2
8.
März 2019
(
Urk.
2)
ist
nach dem Gesagten
aufzu
heben
und
die Sache zu weiteren Abklärungen
in Form eines psychiatri
schen Gutachtes
und zum erneuten Entscheid über den Leistungsanspruch des Beschwerdeführers an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Im Rahmen dieser Abklärungen
wird gegebenenfalls
ein strukturiertes Beweisverfahren nach Massgabe von BGE 141 V 281 durchzuführen sein. In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
6.
6.1
Da es vorliegend um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungs
leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG). Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2). Die Kosten des Verfahrens sind auf
Fr.
800.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
6.2
Nach
§
34
Abs.
1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (GSVGer) hat die obsiegende beschwerdeführende Partei Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streit
sache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen. Ausgangsgemäss hat der vertretene Beschwerdeführer demnach Anspruch auf eine Prozessentschädigung (
§
34
Abs.
3 GSVGer).
Unter Berücksichtigung dieser Kriterien erscheint ermessensweise eine Prozess-entschädigung in der Höhe von
Fr.
2'000.-- (inklusive Barauslagen und Mehr
wertsteuer) als angemessen.
6.3
Bei diesem Ausgang des Verfahrens
erweist sich
das Gesuch des Beschwerde
führers um Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung und der unentgeltli
chen Rechtsvertretung (vgl.
Urk.
1 S. 2
und S.
8 f.,
Urk.
4-5
) als gegenstandslos.