Decision ID: efe07386-5461-480c-8dd9-bd73b3867ef6
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführer suchten am 13. Mai 2022 in der Schweiz um Asyl
nach.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit EURODAC) ergab, dass sie am 10. August 2021 in Lettland und am
21. März 2022 in Deutschland jeweils registriert worden waren und Asylge-
suche gestellt hatten.
C.
Am 19. Mai 2022 bevollmächtigten die Beschwerdeführer die ihnen zuge-
wiesene Rechtsvertretung.
D.
A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer 1) wurde am 23. Mai 2022 im
Rahmen des persönlichen Gesprächs das rechtliche Gehör zur mutmass-
lichen Zuständigkeit Lettlands für ihre Asylgesuche und zu ihrem Gesund-
heitszustand gewährt. Das rechtliche Gehör in Bezug auf B._ (Be-
schwerdeführer 2) wurde angesichts seines jungen Alters seinem Vater im
Rahmen von dessen Gespräch gewährt.
Dabei machte dieser im Wesentlichen geltend, dass sie in Lettland ein
Asylgesuch eingereicht hätten, da sie andernfalls ins Gefängnis gesteckt
worden wären. Sie seien insgesamt sieben Monate in Lettland geblieben
und hätten schliesslich einen ablehnenden Entscheid erhalten. Dagegen
hätten sie zwar Beschwerde erhoben, den Ausgang des Verfahrens jedoch
nicht abgewartet, da sie gewusst hätten, keine Chance zu haben.
In Bezug auf den medizinischen Sachverhalt machte der Beschwerdefüh-
rer 1 geltend, er sei krank und benötige dringend medizinische Behand-
lung, wobei man ihn in Lettland gar nicht behandelt habe. Er habe sogar
vorgeschlagen, die Behandlung selbst zu bezahlen, was abgelehnt worden
sei mit dem Hinweis, er solle sich im Irak behandeln lassen. In den sieben
in Lettland verbrachten Monaten sei er drei Mal zur Notfallstation gegan-
gen, wo er nur Schmerzmittel erhalten habe und angewiesen worden sei,
wieder zu gehen, da er keinen Aufenthaltsstatus habe. Ein Spezialist in
Lettland habe ihm einen krummen Rücken diagnostiziert und die Behand-
lungsbedürftigkeit festgestellt. Der erforderlichen Magnetresonanztomo-
graphie (MRI) habe er sich in der Folge nicht unterzogen, da dies mehrere
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Monate in Anspruch genommen hätte und er befürchtete, in der Zwischen-
zeit ausgeschafft zu werden. Er leide an einer Infektion des Dünndarms,
der Bauchspeicheldrüse und der Wirbelsäule und wünsche, diesbezüglich
in der Schweiz behandelt zu werden. In Bezug auf das rechtliche Gehör
des Beschwerdeführers 2 gab er an, dieser sei ebenfalls krank.
E.
Die lettischen Behörden stimmten dem Wiederaufnahmegesuch des
Staatssekretariats für Migration (SEM) vom 24. Mai 2022 mit Schreiben
vom 1. Juni 2022 zu.
F.
Mit Verfügung vom 19. Juli 2022 (eröffnet am 21. Juli 2022) trat das SEM
auf die Asylgesuche der Beschwerdeführer nicht ein, ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz nach Lettland an und forderte sie auf, die Schweiz
spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Ferner
beauftragte das SEM den Kanton Thurgau mit dem Vollzug der Wegwei-
sung, verfügte die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte
fest, einer allfälligen Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu.
G.
Am 21. Juli 2022 legte die zugewiesene Rechtsvertretung das Vertretungs-
mandat nieder.
H.
Am 28. Juli 2022 erhoben die Beschwerdeführer beim SEM und somit bei
der unzuständigen Behörde gegen die Verfügung Beschwerde. Das Ge-
richt erlangte aufgrund eines Fehlers bei der zuständigkeitshalben elektro-
nischen Weiterleitung der Beschwerde am 4. August 2022 erst am 15. Au-
gust 2022 von deren Inhalt Kenntnis.
I.
Im Rahmen der Mandatsanzeige vom 12. August 2022 beantragte die
Rechtsvertreterin der Beschwerdeführer die Anordnung eines Vollzugs-
stopps, die Zustellung einer Kopie der bereits eingereichten Beschwerde
sowie die Ansetzung einer Frist zur Beschwerdeergänzung. Mit superpro-
visorischer Massnahme vom 12. August 2022 setzte der Instruktionsrichter
den Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen aus.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 17. August 2022 wurden die Beschwerdefüh-
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Seite 4
rer unter Beilage einer Kopie der bereits eingereichten Beschwerde aufge-
fordert, innert Frist eine Verbesserung der vollständig in Arabisch verfass-
ten Beschwerdeschrift im Sinne einer Übersetzung in eine Amtssprache
einzureichen.
K.
In der verbesserten und ergänzten Beschwerdeschrift vom 22. August
2022 beantragen die – durch ihre Rechtsvertreterin handelnden – Be-
schwerdeführer, die Verfügung der Vorinstanz sei vollumfänglich aufzuhe-
ben und es sei auf ihre Asylgesuche einzutreten, eventualiter sei die Sache
zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrecht-
licher Hinsicht beantragen sie, die vorinstanzlichen Akten seien zu editie-
ren, der Beschwerde sei aufschiebende Wirkung zu erteilen und die kan-
tonale Behörde entsprechend anzuweisen. Des Weiteren sei ihnen zufolge
Mittellosigkeit Kostenbefreiung zu gewähren und es sei auf die Erhebung
von Verfahrenskosten, insbesondere eines Kostenvorschusses, zu ver-
zichten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri-
gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG], und Form [Art. 52 VwVG]) sind offensichtlich erfüllt.
Auf die Beschwerde ist – unter Vorbehalt von E. 2.2 – einzutreten.
2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1,
2012/4 E. 2.2).
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Die Fragen der Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft sowie der Gewäh-
rung des Asyls bilden nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens. In-
soweit ist auf die Beschwerde nicht einzutreten (vgl. BVGE 2011/9 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten Richterin beziehungsweise ei-
nes zweiten Richters entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend
aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb das Urteil
nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Die Vorinstanz hat den Beschwerdeführern zusammen mit der angefoch-
tenen Verfügung die editionspflichtigen Akten ausgehändigt. In der Rechts-
mitteleingabe wird nicht ansatzweise begründet, in welche Aktenstücke
keine Einsicht gewährt worden sein soll. Die Ausführungen in der Be-
schwerde lassen vielmehr darauf schliessen, dass diese den Beschwerde-
führern beziehungsweise ihrer Rechtsvertretung vollständig vorliegen. Zu-
dem weist die vorliegende Beschwerdesache keinen aussergewöhnlichen
Umfang oder keine besondere Schwierigkeit auf; eine erneute Zustellung
der vorinstanzlichen Akten sowie die Gewährung einer Nachfrist zur Be-
schwerdeergänzung ist mithin auch nach Art. 53 VwVG nicht angezeigt. Im
Übrigen wird letztere in der umfangreichen Beschwerdeverbesserung vom
22. August 2022 auch nicht mehr beantragt. Die Gesuche um Akteneinsicht
und Beschwerdeergänzung sind deshalb abzuweisen.
5.
5.1 In der Beschwerde wird in formeller Hinsicht gerügt, die Vorinstanz
habe den Sachverhalt unzureichend abgeklärt und den Untersuchungs-
grundsatz sowie die Begründungspflicht verletzt. Diese Rügen sind vorab
zu beurteilen, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassation der vo-
rinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
5.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG).
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
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gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör,
welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei ein-
zuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur
Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/ 35 E. 6.4.1
mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behör-
den, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
5.3 Die Beschwerdeführer machen geltend, die Vorinstanz habe den Sach-
verhalt in Hinblick auf die für sie individuelle Gefahr in Lettland nicht abge-
klärt. Aufgrund der bekannten Missstände und der schweren Erkrankung
des Beschwerdeführers 1 sei eine nur unzureichende Prüfung erfolgt, die
eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes darstelle. Die Vorinstanz
habe es sodann gänzlich unterlassen, sich mit der aktuellen Situation in
Lettland im Allgemeinen, mit dem den Beschwerdeführern widerfahrenen
bzw. bevorstehenden Leid vor Ort sowie den medizinischen Problemen
auseinanderzusetzen und stattdessen bausteinartige, schematische For-
mulierungen verwendet, ohne auch nur am Rande auf ihre spezifische Si-
tuation einzugehen. Insbesondere habe sie auch die Prüfung der Frage
einer Kettenabschiebung von der Schweiz nach Lettland beziehungsweise
von Lettland in den Irak unterlassen, obwohl praxisgemäss in der Schweiz
eine Wegweisung in den Süd- und Zentralirak nicht zulässig sei. Ein pau-
schaler Verweis auf theoretisch bestehende völkerrechtliche Verpflichtun-
gen Lettlands reiche bei so klaren Hinweisen auf deren Verletzung nicht
aus. Damit sei auch der Anspruch auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 BV
verletzt.
Entgegen der Vorbringen der Beschwerdeführer hat die Vorinstanz in der
angefochtenen Verfügung nachvollziehbar dargelegt, weshalb sie eine
Überstellung nach Lettland als zuständigen Dublin-Mitgliedstaat als zuläs-
sig erachtet und ist in ihren diesbezüglichen Ausführungen namentlich
auch auf die medizinische Versorgung sowie die Einhaltung der völker-
rechtlichen Verpflichtungen durch Lettland eingegangen. Die Verfügung
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enthält auch – im angemessenen Rahmen der Begründung eines Nichtein-
tretensentscheids – eine Darstellung des Sachverhalts, die ausreicht um
nachzuvollziehen, weshalb die Vorinstanz zum Schluss kam, es lägen
keine Elemente vor, aufgrund derer sie auf das Gesuch hätte eintreten
müssen. Alleine der Umstand, dass die Beschwerdeführer eine andere Auf-
fassung, namentlich zur Situation von Asylsuchenden im lettischen Asyl-
system, vertreten, begründet noch keine Verletzung von verfahrensrechtli-
chen Vorschriften. Die Ausführungen der Beschwerdeführer tangieren da-
von abgesehen denn auch im Wesentlichen materielle und nicht formelle
Aspekte. Im Übrigen zeigt die Beschwerdeeingabe, dass eine sachge-
rechte Anfechtung der vorinstanzlichen Verfügung ohne weiteres möglich
war. Die Rüge der Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes und der Be-
gründungspflicht ist demgemäss unbegründet.
5.4 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als un-
begründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die angefochtene Verfü-
gung aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das
entsprechende Rechtsbegehren ist somit abzuweisen.
6.
6.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss der Verordnung
(EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatangehöri-
gen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Führt diese
Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung
des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mit-
gliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf
das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
6.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art.
8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mit-
gliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein
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Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wie-
deraufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
6.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
6.4 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1
vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser
Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen
auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat
zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshinder-
nisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
7.
Den Akten zufolge wurden die Beschwerdeführer am 10. August 2021 in
Lettland daktyloskopisch erfasst und ihre Asylgesuche registriert. Die zu-
ständigen lettischen Behörden stimmten dem Wiederaufnahmeersuchen
des SEM am 1. Juni 2022 zu (vgl. SEM-Akte [...]). Die Beschwerdeführer
bestreiten ihren vorgängigen Aufenthalt in Lettland nicht. Die grundsätzli-
che Zuständigkeit Lettlands ist damit gegeben. Es ist an dieser Stelle da-
rauf hinzuweisen, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden nicht das
Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen
(vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3).
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Seite 9
8.
Die Beschwerdeführer rügen in ihrer Rechtsmitteleingabe im Wesentli-
chen, nebst dem gesundheitlichen Zustand insbesondere des Beschwer-
deführers 1 habe der Kriegsausbruch in der Ukraine zu einer verschlech-
terten Situation für Asylsuchende in Lettland geführt; die Lebensbedingun-
gen von Asylsuchenden seien prekär. Die Sach- und Rechtslage für Asyl-
suchende in Lettland sei aber bereits vor dem Krieg in der Ukraine unge-
nügend gewesen. Aus diesem Grund sei eine Rückführung dorthin sowohl
unzulässig als auch individuell unzumutbar. Sowohl der Beschwerdefüh-
rer 1 aufgrund seiner medizinischen Probleme als auch der Beschwerde-
führer 2 aufgrund starker Traumatisierung und psychischer Belastung gäl-
ten als vulnerable Personen, wobei ihnen in Lettland die notwendige medi-
zinische Versorgung verwehrt würde. Weiter drohe den Beschwerdefüh-
rern in Lettland der Wegweisungsvollzug in den Irak, wo eine Inhaftierung
des Beschwerdeführers 1 aufgrund seiner politischen Aktivitäten wahr-
scheinlich und somit auch die Betreuung des Beschwerdeführers 2 nicht
gesichert sei.
9.
9.1 Lettland ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301). Es liegen keine Hinweise vor, dass Lettland seinen dies-
bezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen nicht nachkommen würde
(vgl. Urteil des BVGer D-5620/2021 vom 19. Januar 2022 E. 7.2.1). Es darf
auch davon ausgegangen werden, Lettland anerkenne und schütze die
Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen
Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsa-
men Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen
Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013
zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati-
onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben. Es bestehen
keine Gründe für die Annahme, das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Antragsteller in Lettland würden systemische Schwachstel-
len im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO aufweisen. Man-
gels anderweitiger, konkreter Hinweise ist daher davon auszugehen, dass
die Beschwerdeführer in Lettland ein faires Asyl- und Wegweisungsverfah-
ren unter Beachtung des Non-Refoulement-Gebots erwarten können und
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Seite 10
eine adäquate Unterstützung und Unterbringung erhalten werden. Die Aus-
führungen in der Rechtsmitteleingabe sind nicht geeignet, diese Einschät-
zung in Frage zu stellen.
9.2 Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO fällt demnach ausser
Betracht.
10.
10.1 Eine Anwendung der Ermessensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-
VO respektive der – das Selbsteintrittsrecht im Landesrecht konkretisieren-
den – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 ist im vorliegenden Fall
ebenfalls nicht angezeigt.
10.2 Es gilt die Vermutung, dass Lettland – als Dublin-Mitgliedstaat – bei
der Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens die einschlägi-
gen völkerrechtlichen Verpflichtungen respektiert. Die Beschwerdeführer
bringen nichts vor, was diese Vermutung widerlegen könnte. So haben sie
namentlich kein konkretes und ernsthaftes Risiko dargetan, wonach sich
die lettischen Behörden weigern würden, sie wiederaufzunehmen und ihre
Anträge auf Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu
prüfen. Den Akten sind ferner auch keine konkreten Gründe für die An-
nahme zu entnehmen, Lettland werde in ihrem Fall den Grundsatz des
Non-Refoulement missachten und sie zur Ausreise in ein Land zwingen, in
dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3
Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr laufen würden, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden. Ausserdem haben die
Beschwerdeführer nicht konkret dargetan, die bei einer Rückführung zu er-
wartenden Bedingungen in Lettland seien derart schlecht, dass sie zu einer
Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3
FoK führen könnten. Ebenso wenig bestehen fundierte Hinweise darauf,
dass Lettland ihnen dauerhaft die ihnen gemäss Aufnahmerichtlinie zu-
stehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten würde. So haben
die Beschwerdeführer denn auch nicht geltend gemacht, sie hätten sich in
Lettland in einer existenziellen Notlage befunden.
10.3 Bezüglich der medizinischen Probleme des Beschwerdeführers 1, die
im Wesentlichen bereits im Irak diagnostiziert worden sind (vgl. Bericht des
C._ Private Hospital in D._ vom 10. Juni 2021, SEM-Akte
[...]), namentlich Morbus Crohn, Ankylosierende Spondylitis, Cervicobra-
chialgie und Pankreatitis (vgl. Arztberichte vom 23. Mai 2022, 15. Juni 2022
und 16. Juni 2022 [SEM-Akten {...}, {...}, {...}] sowie die Radiologie- und
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Seite 11
Laborberichte vom 28. und 31. Mai 2022 [SEM-Akten {...}, {...}, {...}]),
macht der Beschwerdeführer 1 geltend, hierfür sei ihm in Lettland keine
adäquate medizinische Behandlung zugänglich. Es ist eingangs einerseits
darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer 1 selbst angab, er habe
in Lettland drei Mal die Notfallstation aufgesucht, wo ihm jeweils Schmerz-
mittel gegeben worden seien, und er sei von einem Spezialisten untersucht
worden, wobei er sich jedoch dem vorgesehenen MRI aufgrund seiner Aus-
reise nicht mehr unterzogen habe.
Andererseits ist darauf hinzuweisen, dass Lettland über eine ausreichende
medizinische Infrastruktur verfügt und verpflichtet ist, Antragstellern die er-
forderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung
und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schwe-
ren psychischen Störungen umfasst (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie),
zugänglich zu machen sowie Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen
die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe zu gewähren (Art. 19
Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Seit dem Jahr 2018 haben Asylsuchende in
Lettland denn auch Anspruch auf medizinische Grundversorgung, und es
steht ihnen in diesem Zusammenhang ein kostenloser Übersetzungsdienst
zur Verfügung (vgl. Migrant Integration Policy Index 2020, Latvia;
https://www.mipex.eu/latvia; zuletzt besucht am 2. Februar 2022). Es lie-
gen – entgegen der Vorbringen der Beschwerdeführer – keine Hinweise
vor, wonach das Land seinen Verpflichtungen im Rahmen der Dublin-III-
VO in medizinischer Hinsicht nicht nachkommen würde. Bei dieser Sach-
lage kann ausgeschlossen werden, dass eine Überstellung nach Lettland
eine tatsächliche Gefahr (real risk) einer Verletzung von Art. 3 EMRK mit
sich bringen würde (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die Recht-
sprechung des EGMR sowie Urteil des EGMR P. gegen Belgien vom
13. Dezember 2016 [Nr. 41738/10]).
Sofern im mit der Beschwerdeverbesserung eingereichten Arztbericht vom
10. August 2022 festgehalten wird, die aktuelle Medikation sei nach dem
Erachten des neuen Arztes nicht ausreichend und eine Optimierung der
Therapie in einem gastroenterologischen Zentrum angezeigt, wird darauf
hingewiesen, dass – sollte eine Optimierung der Therapie und/oder eine
Konsultation in einem spezialisierten Zentrum in Zukunft tatsächlich objek-
tiv erforderlich sein – nach dem Gesagten davon ausgegangen werden
kann, dass eine weitere Abklärung und Behandlung der Beschwerden des
Beschwerdeführers 1 auch in Lettland verfügbar ist. Soweit geltend ge-
macht wird, der Beschwerdeführer 2 sei ebenfalls krank beziehungsweise
stark traumatisiert und psychisch belastet, findet diese Behauptung keinen
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Seite 12
Halt in den vorliegenden Akten. Im Übrigen ist auf das oben Gesagte zu
verweisen. Bezüglich der Reisefähigkeit sowie der Durchführung der Über-
stellung (Art. 31 und Art. 32 Dublin-III-VO) kann im Übrigen ebenfalls auf
die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden.
10.4 Schliesslich ist nach dem Gesagten auch davon auszugehen, dass
die lettischen Behörden veränderten Umständen Rechnung tragen und –
nötigenfalls in Zusammenarbeit mit (inter-)nationalen Unterstützungsorga-
nisationen – eine adäquate Aufnahme gemäss Aufnahmerichtlinie gewähr-
leisten könnten. Die Ausführungen bezüglich der Situation von Lettland als
mögliches Ziel weiterer russischer Expansionsbestrebungen sowie einer
sehr hohen Zahl von ukrainischen Flüchtlingen sind rein spekulativer Natur
(vgl. Urteil des BVGer E-2273/2022 vom 1. Juni 2022 E. 4.2.2).
10.5 Auch die sieben mit der ersten Beschwerdeeingabe und die sechs mit
der Beschwerdeverbesserung eingereichten Fotos, auf denen mutmass-
lich der Beschwerdeführer sowie andere Personen in verschiedenen Um-
gebungen erkennbar sind, vermögen am Gesagten nichts zu ändern, zu-
mal die Fotos ohne jegliche Erläuterungen – abgesehen von der Bezeich-
nung «Fotos Lettland» in Bezug auf die der Beschwerdeverbesserung bei-
gelegten Fotos – eingereicht wurden.
10.6 Mithin liegen keine Umstände vor, die einen – nach Ermessen zu be-
urteilenden – Selbsteintritt aus humanitären Gründen im Rahmen der Sou-
veränitätsklausel (Art. 29a Abs. 3 AsylV1 i.V.m. Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-
VO) rechtfertigen würden. Um Wiederholungen zu vermeiden, ist auf die
zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz zu verweisen, die folgerichtig
einen Selbsteintritt ausgeschlossen hat und zu Recht auf das Asylgesuch
nicht eingetreten ist. Da die Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gülti-
gen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung sind, wurde die Überstel-
lung nach Lettland in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht an-
geordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1).
11.
Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
Damit ist der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung mit ent-
sprechender Anweisung an die kantonalen Vollzugsbehörden gegen-
standslos geworden.
Der am 12. August 2022 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit dem vorlie-
genden Urteil dahin.
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12.
12.1 Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorstehenden
Erwägungen ergibt sich, dass seine Begehren als aussichtslos zu gelten
haben. Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen nicht
gegeben, weshalb dem Gesuch nicht stattzugeben ist.
12.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE], SR 173.320.2)
den Beschwerdeführern aufzuerlegen. Mit vorliegendem Urteil ist der An-
trag auf Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos
geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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