Decision ID: 34fc39f4-fcc2-44e9-8a54-51c8c5ef7df6
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_006
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Verwaltungsgericht entnimmt den Akten:
A.
1.
1.1.
Am 3. Juli 2018 reichte A. bei der Gemeinde X. ein Gesuch um ordentliche
Einbürgerung ein (act. 24 f.). Nachdem der Gemeinderat X. ihm am
29. November 2018 das Gemeindebürgerrecht zugesichert hatte, erteilte
das Staatssekretariat für Migration (SEM) am 25. Juni 2019 die eid-
genössische Einbürgerungsbewilligung.
1.2.
In der Folge hiess die Einbürgerungskommission des Grossen Rates (EBK)
am 19. August 2019 das Einbürgerungsgesuch gut. Von diesem Kommis-
sionentscheid nahm der Grosse Rat am 3. September 2019 Kenntnis (vgl.
act. 45). Gleichentags teilte das Departement Volkswirtschaft und Inneres
(DVI), Abteilung Register und Personenstand, A. mit, dass sein Ein-
bürgerungsgesuch vom Grossen Rat am 3. September 2019 gutgeheissen
worden sei (act. 27).
1.3.
Mit Telefonat vom 26. September 2019 wies die Staatsanwaltschaft Z.-Y.
das DVI, Abteilung Register und Personenbestand, darauf hin, dass gegen
A. ein Strafverfahren betreffend harter Pornografie und
Gewaltdarstellungen sowie Landesverweisung hängig sei (act. 36).
1.4.
Mit Korrespondenzbeschluss vom 30. September 2019 widerrief die EBK
den Einbürgerungsentscheid vom 3. September 2019 und sistierte das Ein-
bürgerungsverfahren bis zum rechtskräftigen Abschluss des Strafverfah-
rens (act. 39). Mit Schreiben vom 1. Oktober 2019, zugestellt am Folgetag,
teilte der Präsident der EBK A. den Widerruf der Aufnahme in das
aargauische Kantonsbürgerrecht gemäss Kommissionsentscheid vom
19. August 2019 und Genehmigung des Grossen Rates vom 3. September
2019 mit. Der Präsident führte aus, dass die Mitglieder der EBK mit Mail
vom 27. September 2019 darüber informiert worden seien, dass eine An-
frage der Staatsanwaltschaft Z.-Y. beim DVI, Abteilung Register und
Personenstand, ergeben habe, dass A. bereits während des
Einbürgerungsverfahrens in ein strafrechtliches Verfahren involviert
gewesen sei. Bei hängigen Verfahren sei eine Einbürgerung noch nicht
möglich, weshalb die Behandlung des Gesuchs bis zur Erledigung des
Strafverfahrens von Gesetzes wegen sistiert werde (act. 45 f.).
- 3 -
2.
Am 3. Oktober 2019 erhob die Staatsanwaltschaft Z.- Y. gegen A. Anklage
wegen mehrfacher Verbreitung harter Pornografie sowie wegen
mehrfacher Gewaltdarstellungen. Das Bezirksgericht Y. fällte am
6. Februar 2020 sein Urteil, erkannte A. für schuldig im Sinne der Anklage
und verurteilte ihn zu einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu
Fr. 100.00 sowie einer Busse von Fr. 1'500.00. Auf die Ausfällung einer
fünfjährigen Landesverweisung wurde verzichtet. Das Strafgericht ging im
Zusammenhang mit der Beurteilung der Landesverweisung davon aus, der
Widerruf des Einbürgerungsentscheides vom 1. Oktober 2019 sei
(zumindest) rechtswidrig gewesen und erscheine bei näherer
Betrachtungsweise sogar als nichtig. Gegen dieses Urteil erklärte die
Oberstaatsanwaltschaft fristgerecht Berufung (act. 50 ff.).
B.
1.
1.1.
Mit Eingabe vom 2. April 2020 wandte sich der nunmehr anwaltlich vertre-
tene A. an die EBK und liess folgende Anträge stellen (act. 70 f.):
1. Es sei festzustellen, dass die Verfügung der Einbürgerungskommission vom 1. Oktober 2019 nichtig ist.
2. Es sei festzustellen, dass der Einbürgerungsentscheid vom 1. September 2019 nach wie vor gilt.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen.
1.2.
Mit einer weiteren Eingabe vom 25. Mai 2020 ersuchte A. die EBK um den
Ausstand der Mitarbeitenden des DVI, insbesondere derjenigen der
Abteilung Register und Personenstand, im Zusammenhang mit der Beur-
teilung seines Feststellungsbegehrens (act. 80).
2.
2.1.
Mit Schreiben vom 8. Juni 2020 teilte der Präsident der EBK A. mit, dass
unter Berücksichtigung der Entwicklung des hängigen Strafverfahrens über
das weitere Vorgehen entschieden werde (act. 82).
2.2.
Mit Beschluss vom 16. Oktober 2020 entschied das Strafgericht des Ober-
gerichts, das Berufungsverfahren bis zur rechtskräftigen Erledigung des bei
der EBK hängigen Feststellungsverfahrens zu sistieren (act. 86 f.).
- 4 -
2.3.
Mit Schreiben vom 20. August 2021 teilte der Präsident der EBK A. mit, der
Leiter der Abteilung Register und Personenstand des DVI habe von sich
aus seine Befangenheit erklärt. Es sei deshalb entschieden worden, die
weitere Bearbeitung des hängigen Feststellungsverfahrens den Mitar-
beitenden des Generalsekretariats des DVI zu übertragen. Des Weiteren
setzte er A. darüber in Kenntnis, dass die EBK eine Abweisung des
Feststellungsbegehrens beabsichtige und räumte ihm Gelegenheit zur
Stellungnahme ein. Mit Eingabe vom 20. September 2021 machte A. von
seinem rechtlichen Gehör Gebrauch.
3.
Am 25. Oktober 2021 erliess die EBK schliesslich folgenden Entscheid:
1. Das Feststellungsbegehren von A. vom 2. April 2020 wird abgewiesen.
2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.
3. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet.
C.
1.
Mit Beschwerde vom 23. November 2021 gelangte A., nach wie vor
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Peter Fäs, an das Verwaltungsgericht
und liess folgende Anträge stellen:
1. Der Entscheid der Einbürgerungskommission (EBK) des Grossen Rats vom 25. Oktober 2021 sei aufzuheben.
2. Es sei festzustellen, dass die Verfügung der Einbürgerungskommission vom 1. Oktober 2019 nichtig ist.
3. Es sei festzustellen, dass der Einbürgerungsentscheid vom 1. September 2019 nach wie vor gilt.
4. Dem Beschwerdeführer sei für das vorinstanzliche Verfahren eine  im Umfang von Fr. 1'579.95 (inkl. Fr. 112.95 MWST.) zu entrichten.
5. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen.
- 5 -
2.
Mit Beschwerdeantwort vom 11. Januar 2022 äusserte sich die EBK zu den
Vorbringen des Beschwerdeführers und beantragte die kosten- und ent-
schädigungspflichtige Abweisung der Beschwerde.
3.
Mit Replik vom 26. Januar 2022 nahm der Beschwerdeführer zur Be-
schwerdeantwort der EBK Stellung und hielt dabei im Wesentlichen an
seinen Äusserungen in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde vom
23. November 2021 fest.
4.
Das Verwaltungsgericht hat den Fall am 17. Mai 2022 beraten und ent-
schieden.

Das Verwaltungsgericht zieht in Erwägung:
I.
1.
Gemäss § 54 Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege vom
4. Dezember 2007 (VRPG; SAR 271.200) ist gegen letztinstanzliche Ent-
scheide der Verwaltungsbehörden und, wenn vorgesehen, gegen Ent-
scheide der Spezialverwaltungsgerichte, die Verwaltungsgerichtsbe-
schwerde zulässig. Ein Ausschlussgrund nach § 54 Abs. 2 lit. a – h VRPG
liegt nicht vor. Gemäss § 30 Abs. 1 des Gesetzes über das Kantons- und
Gemeindebürgerrecht vom 12. März 2013 (KBüG; SAR 121.200) ist gegen
Entscheide des Grossen Rats oder dessen Kommission die Beschwerde
an das Verwaltungsgericht möglich. Das Verwaltungsgericht ist somit zur
Beurteilung der vorliegenden Beschwerde zuständig.
2.
Der Beschwerdeführer beantragt vor Verwaltungsgericht, es sei in Aufhe-
bung des vorinstanzlichen Entscheids festzustellen, dass die Verfügung
der EBK vom 1. Oktober 2019 nichtig sei und der Einbürgerungsentscheid
vom 1. September 2019 entsprechend nach wie vor gelte. Feststellungs-
begehren sind nur dann zulässig, wenn ein gleichwertiger rechtsgestalten-
der Entscheid ausgeschlossen ist (BGE 137 II 199, Erw. 6.5 mit Hinwei-
sen), und auch sie setzen ein entsprechendes schutzwürdiges rechtliches
oder tatsächliches Interesse voraus, das aktuell und praktisch ist (Urteil des
Bundesgerichts 1C_273/2012 vom 7. November 2012, Erw. 2.2.2). Es ist
evident, dass dem Beschwerdeführer ein Interesse an der Feststellung zu-
kommt, ob der Widerruf des erteilten Kantonsbürgerrechts nichtig ist oder
nicht. Dieses schutzwürdige Interesse kann auch nicht durch einen rechts-
gestaltenden Entscheid gewahrt werden. Sein Feststellungsbegehren ist
damit zulässig.
- 6 -
3.
Da auch die weiteren Sachurteilsvoraussetzungen zu keinen Bemerkungen
Anlass geben, ist auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
einzutreten.
II.
1.
1.1.
Die Vorinstanz räumt in ihren Erwägungen ein, dass der Entscheid betref-
fend Widerruf des Kantonsbürgerrechts vom 1. Oktober 2019 mit Fehlern
behaftet sei. Dem Beschwerdeführer hätte das rechtliche Gehör gewährt
werden müssen. Zudem hätte der Widerruf als Verfügung bzw. als Ent-
scheid bezeichnet und mit einer Rechtsmittelbelehrung versehen werden
müssen. Allerdings führen diese Eröffnungs- bzw. Verfahrensfehler nach
Ansicht der Vorinstanz nicht zur Nichtigkeit des Widerrufs. Der Beschwer-
deführer hätte die Rechtmässigkeit des Widerrufs im Rahmen des Rechts-
mittelverfahrens überprüfen lassen können. Diesbezüglich weist die
Vorinstanz darauf hin, dass der Beschwerdeführer ausweislich der Akten
bereits zu diesem Zeitpunkt anwaltlich vertreten gewesen sei. Der Rechts-
vertreter des Beschwerdeführers habe bereits am 17. September 2019
beim DVI um Akteneinsicht ersucht und sei somit bereits zu diesem Zeit-
punkt mandatiert gewesen. Der Beschwerdeführer führe in seiner Eingabe
vom 2. April 2020 zudem explizit aus, dass er im Oktober 2019 aus finan-
ziellen Gründen auf eine Anfechtung verzichtet habe. Aus dieser Aussage
ergebe sich deutlich, dass er trotz der mangelhaften Eröffnung des Wider-
rufs bereits damals von der Anfechtbarkeit des Widerrufs gewusst und aus-
drücklich darauf verzichtet habe. Der Einwand betreffend finanzielle
Gründe sei sodann nicht stichhaltig. Es wäre – so die Vorinstanz weiter –
dem bereits damals anwaltlich vertretenen Beschwerdeführer ohne weite-
res möglich gewesen, im Rechtsmittelverfahren sowohl hinsichtlich der
Verfahrenskosten des Beschwerdeverfahrens als auch hinsichtlich der an-
fallenden Anwaltskosten um die Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege zu ersuchen. Nachdem der Beschwerdeführer auf eine Beschwerde
gegen den Widerruf des Einbürgerungsentscheids vom 1. Oktober 2019
verzichtet habe, sei dieser Entscheid in Rechtskraft erwachsen. Aus den
vorgenannten Gründen könne der Auffassung des Beschwerdeführers,
wonach der Widerruf der Erteilung des Kantonsbürgerrechts nichtig sei,
nicht gefolgt werden.
Die Vorinstanz stellt sich damit auf den Standpunkt, der Widerrufsentscheid
sei nur anfechtbar und nicht nichtig gewesen. Die Erteilung des Kantons-
bürgerrechts an den Beschwerdeführer sei mit rechtskräftigem Entscheid
vom 1. Oktober 2019 rechtskräftig widerrufen worden, womit der Einbürge-
rungsentscheid keinen Bestand mehr habe. Der Beschwerdeführer sei auf-
- 7 -
grund des Widerrufs der Erteilung des Kantonsbürgerrechts nicht Schwei-
zer Bürger geworden. Vor diesem Hintergrund gelangt die Vorinstanz zum
Schluss, dass das Feststellungbegehren des Beschwerdeführers vollum-
fänglich abzuweisen sei.
1.2.
Der Beschwerdeführer lässt dagegen zusammengefasst vorbringen, dass
der Widerruf aus mehreren Gründen unbeachtlich bzw. nichtig oder ungül-
tig sei. Er stellt sich auf den Standpunkt, dass die Nichtigerklärung einer
Einbürgerung gemäss Art. 36 des Bundesgesetzes über das Schweizer
Bürgerrecht (BüG; SR 141.0) nur dann möglich sei, wenn eine Einbürge-
rung durch falsche Angaben oder die Verheimlichung erheblicher Tat-
sachen erschlichen worden sei. Stelle sich nachträglich heraus, dass die
Einbürgerungsvoraussetzungen entgegen der Auffassung der entschei-
denden Behörde gar nicht erfüllt gewesen seien, so sei die Anwendung
allgemeiner Verwaltungsrechtsregeln zum Widerruf behördlicher Verfügun-
gen ausgeschlossen. Das blosse Fehlen einer Einbürgerungsvoraus-
setzung genüge nicht für die Nichtigerklärung nach Art. 36 BüG. § 37
Abs. 2 VRPG halte sodann ausdrücklich fest, dass Spezialbestimmungen
den allgemeinen Widerrufsregelungen vorgingen. Demnach gehe die
Spezialbestimmung des BüG den allgemeinen Verwaltungsrechtsregeln
des VRPG vor. Dies habe die Vorinstanz klar nicht berücksichtigt. So gehe
sie ohne Weiteres davon aus, dass sie bis zum Eintritt der formellen
Rechtskraft einen Widerruf verfügen dürfe und entsprechend auf einen un-
angefochtenen Entscheid zurückkommen und diesen nach den allgemei-
nen Bestimmungen des anwendbaren Verwaltungsrechts widerrufen dürfe.
Die Vorinstanz würde damit einzig allgemeine Verwaltungsrechtsregeln
vorbringen, um den Widerruf zu begründen. Damit missachte sie Art. 36
BüG in grundsätzlicher Art und Weise. In diesem Zusammenhang moniert
der Beschwerdeführer weiter, die Vorinstanz habe die Voraussetzungen für
eine Nichtigerklärung einer Einbürgerung nach Art. 36 BüG nicht geprüft.
Insbesondere sei diesbezüglich auch nicht beachtet worden, dass der Be-
schwerdeführer das Strafverfahren korrekt und ohne Verzug gemeldet
habe. Nach Ansicht des Beschwerdeführers verstosse es gegen Treu und
Glauben und verletze entsprechend dessen Vertrauensschutz in die Aus-
führungen der mit der Einbürgerung befassten Behörden, wenn nach er-
folgter Einbürgerung auf eine Einbürgerungsvoraussetzung zurückgekom-
men werde, die im Zeitpunkt der Einbürgerung bekannt gewesen sei oder
hätte bekannt sein müssen. Das DVI sei nämlich bereits am 13. Mai 2019
direkt vom Beschwerdeführer telefonisch über das laufende Strafverfahren
orientiert worden. Die EBK habe sich das Wissen des DVI anrechnen zu
lassen. Der Einbürgerungsentscheid vom 3. September 2019 sei somit in
Kenntnis des laufenden Strafverfahrens ergangen, weshalb der Widerruf
treuwidrig sei. Der Widerruf stelle unter den gegebenen Voraussetzungen
einen schwerwiegenden Mangel dar, welcher das berechtigte Interesse des
Beschwerdeführers in die Einbürgerung verletze. Die Rechtssicherheit sei
- 8 -
gefährdet, wenn ein derart schwerwiegender Mangel durch die unzustän-
dige Instanz mit einem Widerruf, der nicht einmal mit einer Rechtsmittel-
belehrung versehen gewesen sei, geheilt werden sollte. Des Weiteren sei
der Widerruf unter Verletzung des rechtlichen Gehörs erfolgt. Abschlies-
send weist der Beschwerdeführer darauf hin, dass der Präsident des Straf-
gerichts Y. in seiner Entscheidung den Widerruf der Einbürgerung zu Recht
nicht berücksichtigt habe. Der Widerruf sei nichtig.
2.
2.1.
Das Schreiben der EBK vom 1. Oktober 2019 ist eine Verfügung. Das
Schreiben war zwar nicht als Verfügung gekennzeichnet, es bezweckte je-
doch unzweifelhaft und unbestrittenermassen den Widerruf des mit Schrei-
ben vom 3. September 2019 erteilten Kantonsbürgerrechts an den Be-
schwerdeführer. Der Verfügungscharakter ist insoweit unbestritten.
2.2.
Der Beschwerdeführer rügt diverse Mängel der Verfügung vom 1. Oktober
2019 und macht geltend, diese sei nichtig.
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung sind fehlerhafte Verwal-
tungsakte in der Regel nicht nichtig, sondern bloss anfechtbar, so dass sie
durch Nichtanfechtung in Rechtskraft erwachsen. Nichtigkeit der Verfügung
oder des Entscheids tritt nach ständiger bundesgerichtlicher Recht-
sprechung ein, wenn: (a) der ihnen anhaftende Mangel besonders schwer
ist, (b) er offensichtlich oder zumindest leicht erkennbar ist und (c) zudem
die Rechtssicherheit durch die Annahme der Nichtigkeit nicht ernsthaft ge-
fährdet wird. Als Nichtigkeitsgründe fallen vorab funktionelle und sachliche
Unzuständigkeit der entscheidenden Behörde sowie krasse Verfahrens-
fehler in Betracht. Inhaltliche Mängel einer Verfügung oder eines Ent-
scheids führen nur ausnahmsweise zur Nichtigkeit. Fehlt einer Verfügung
oder einem Entscheid zufolge Nichtigkeit jegliche Rechtsverbindlichkeit, so
ist das durch die Behörde, die mit der Sache befasst ist, jederzeit und von
Amtes wegen zu beachten (Urteil des Bundesgerichts 2C_587/2020 vom
6. Mai 2021, Erw. 3.2 mit Hinweisen).
2.3.
In Bezug auf die Frage der Nichtigkeit der Verfügung vom 1. Oktober 2019
ist vorliegend zu prüfen, ob sie an einem solchen schwerwiegenden und
offensichtlichen Mangel leidet.
2.3.1.
Wie die Vorinstanz selbst zugesteht, war das Widerrufsschreiben vom
1. Oktober 2019 nicht als Verfügung gekennzeichnet und enthielt auch
keine Rechtsmittelbelehrung. Allein diese Tatsache bewirkt jedoch nicht
- 9 -
schlechthin die Nichtigkeit der Verfügung. Das Fehlen einer Rechtsmittel-
belehrung stellt eine mangelhafte Eröffnung der Verfügung dar. Nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung gilt der Grundsatz, dass einer Partei
aus einer mangelhaft eröffneten Verfügung keine Nachteile erwachsen dür-
fen (vgl. BGE 129 II 125, Erw. 3.3). Daraus folgert das Bundesgericht, dass
dem mittels einer Rechtsmittelbelehrung beabsichtigten Rechtsschutz
auch dann Genüge getan ist, wenn eine Verfügung trotz fehlender Rechts-
mittelbelehrung ihren Zweck erreicht. Dies bedeutet mit anderen Worten,
dass im konkreten Einzelfall zu prüfen ist, ob die beschwerdeführende Par-
tei durch die fehlende Rechtsmittelbelehrung auch tatsachlich benachteiligt
ist. In diesem Sinne findet die Berufung auf Formmängel ihre Grenzen im
Grundsatz von Treu und Glauben (vgl. statt vieler Urteile des Bundes-
gerichts 1C_443/2014 vom 9. Januar 2015, Erw. 2.4). Da einem Adressa-
ten einer fehlerhaften Verfügung daraus kein Nachteil erwächst, dass die