Decision ID: 0f9c5643-8b57-492f-b201-83d01158e3c8
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_HG
Chamber: ZH_HG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: civil_law

betreffend Forderung
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Rechtsbegehren: (act. 1 S. 2)
"Die Beklagte sei unter dem ausdrücklichem Vorbehalt der Nachklage zu verpflichten, der Klägerin einen Betrag von CHF 136'496.95, nebst Zins von 5% seit dem 15. August 2012, zu bezahlen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Beklagten."
Sachverhalt und Verfahren
A. Sachverhaltsübersicht
a. Parteien und ihre Stellung
Bei der Klägerin handelt es sich um eine im Handelsregister als Kollektivgesell-
schaft eingetragene Anwaltskanzlei mit Sitz in Zürich.
Die Beklagte ist eine im Handelsregister als Aktiengesellschaft mit Sitz in Zürich
eingetragene Versicherungs- und Rückversicherungsgesellschaft, welche unter
anderem Berufshaftpflichtversicherungen für Rechtsanwälte anbietet.
b. Prozessgegenstand
Die Klägerin war bis ins Jahr 2008 bei der Beklagten berufshaftpflichtversichert.
Im Jahr 2009 liess Frau C._ (nachfolgend: C._) gerichtlich Schadener-
satzansprüche aus Auftragsrecht gegen die Klägerin geltend machen. Die Kläge-
rin fordert mit der vorliegenden Klage von der Beklagten die für jenen Prozess
(zur Abwehr der Klage) aufgewendeten Kosten (nach Abzug des Selbstbehalts
von CHF 100'000.–) in der Höhe von CHF 136'496.95.
B. Prozessverlauf
Die Klägerin liess am 15. August 2012 (Datum Poststempel) die vorliegende Kla-
ge einreichen (act. 1). Den von ihr mit Verfügung vom 16. August 2012 geforder-
ten Vorschuss für die Gerichtskosten leistete sie fristgemäss (act. 6). Die Kla-
geantwort vom 30. Oktober 2012 wurde innert angesetzter Frist eingereicht
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(act. 7/1-2; act. 10). Nach Durchführung der Vergleichsverhandlung vom
18. Dezember 2012, anlässlich welcher keine Einigung zustande kam, wurde mit
Verfügung vom 20. Dezember 2012 ein zweiter Schriftenwechsel angeordnet
(Prot. S. 6; act. 17). Nach mehrmaliger beantragter und stattgegebener Sistierung
des vorliegenden Prozesses (Prot. S. 7 ff.), erstatteten die Parteien – nach aufge-
hobener Sistierung – innert der ihnen jeweils angesetzten Frist die Replik vom
13. Januar 2014 bzw. die Duplik vom 17. März 2014 (act. 49; act. 53). In der Fol-
ge liess die Klägerin mit Eingabe vom 3. April 2014 eine Stellungnahme zur Dup-
lik einreichen (act. 57). Hierzu liess die Beklagte mit der Eingabe vom 5. Mai 2014
Stellung nehmen (act. 60). Letztere wurde mit Verfügung vom 6. Mai 2014 der
Klägerin zugestellt (act. 61). Beide Parteien haben ausdrücklich auf die Durchfüh-
rung einer mündlichen Hauptverhandlung verzichtet (act. 68; act. 69).
C. Wesentliche Prozesserklärungen der Parteien
Die Klägerin ist der Ansicht, dass es sich bei den im Prozess von C._ aufge-
wendeten Kosten (zur Abwehr der Klage) um einen Schadenfall handle, welcher
unter den Versicherungsschutz der Berufshaftpflichtversicherung der Beklagten
falle. Dabei erachtet die Klägerin beide (alternativen) Voraussetzungen gemäss
Ziffer 2.22 der Allgemeinen Vertragsbedingungen als erfüllt. Die Beklagte habe ihr
daher die Kosten in der Höhe von CHF 236'496.95, abzüglich des Selbstbehalts
von CHF 100'000.–, somit CHF 136'496.95 zu bezahlen (act. 1 S. 4 ff.; act. 49
S. 3 ff.).
Die Beklagte hingegen vertritt die Meinung, dass die von der Klägerin geltend
gemachten Kosten nicht zu übernehmen seien, da keine der beiden gemäss Ziffer
2.22 der Allgemeinen Vertragsbedingungen auslösenden Voraussetzungen erfüllt
sei (act. 10 S. 6 ff.; act. 53 S. 5 ff.).
D. Beweisvorbringen der Parteien
Sowohl die Klägerin als auch die Beklagte offerierten ihre Beweismittel form- und
fristgerecht, versehen mit je einem Beweismittelverzeichnis (act. 3/1-40;
act. 11/A1-8; act. 50/1-2; act. 54/1-2).
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Wie zu zeigen sein wird, ist ein Beweisverfahren nicht notwendig. Der Prozess
erweist sich als spruchreif.

Erwägungen
1. Formelles
1.1. Eintretensvoraussetzungen
Das Handelsgericht des Kantons Zürich ist für die vorliegende Klage sowohl ört-
lich als auch sachlich zuständig (Art. 10 Abs. 1 lit. b und Art. 6 Abs. 2 ZPO sowie
§ 44 lit. b GOG), was unbestritten ist (act. 1 S. 3 f.; act. 10 S. 5). Das Verfahren
wurde mittels Klage gehörig eingeleitet (Art. 220 ZPO); ein Schlichtungsverfahren
entfiel (Art. 198 lit. f ZPO). Vollmachten wurden beigebracht (act. 2; act. 9). Auch
hat die Klägerin den von ihr geforderten Kostenvorschuss fristgerecht geleistet
(Prot. S. 2; act. 6). Auf die Klage ist daher einzutreten (Art. 59 Abs. 1 ZPO).
1.2. Stellungnahmen der Parteien nach dem zweiten Schriftenwechsel
1.2.1. Die Klägerin liess zur erfolgten Duplik eine Stellungnahme datiert vom
3. April 2014 einreichen. Darin lässt sie auf angebliche neue Behauptungen in der
Duplik hinweisen und weitere Ausführungen machen (act. 57 S. 2 ff.). Die Beklag-
te liess daraufhin ebenfalls eine Stellungnahme datiert vom 5. Mai 2014 einrei-
chen, worin sie vorbringen lässt, dass es sich bei den von der Klägerin angespro-
chenen Themenbereichen um solche handle, die schon zuvor im Prozess Erwäh-
nung gefunden hätten; sie seien von der Beklagten in der Duplik lediglich (noch-
mals) einer rechtlichen Würdigung unterzogen worden. Da es sich damit nicht um
Noven handle, könne die Stellungnahme der Klägerin im Prozess keine Berück-
sichtigung finden (act. 60 S. 2).
1.2.2. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung hat jede Partei das
Recht, zu jeder Eingabe der Gegenpartei innert nützlicher Frist Stellung zu neh-
men (sog. Replikrecht). Das Replikrecht dient dabei einzig der Wahrung des
rechtlichen Gehörs. Wie Tatsachenbehauptungen und Beweisanträge in den Pro-
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zess einzuführen sind, wird dagegen von der Zivilprozessordnung abschliessend
geregelt. Demnach tritt, nachdem ein zweites Mal plädiert werden konnte, der so
genannte Aktenschluss ein. Aufgrund dessen können Noven, d.h. neue Behaup-
tungen und neue Beweisanträge, nur noch unter den einschränkenden Voraus-
setzungen von Art. 229 Abs. 1 ZPO vorgetragen werden.
Es kann vorliegend offenbleiben, ob es sich bei den angeblichen besonderen
Fachkenntnissen von Rechtsanwalt D._ um ein Novum handelt, da dieses
Vorbringen – wie zu zeigen sein wird – für die Beurteilung ohnehin keine Berück-
sichtigung findet. Bei den übrigen Äusserungen in der Stellungnahme vom 3. April
2014 handelt es sich dagegen nicht um Noven, sondern – wie die Beklagte zutref-
fend ausführte – lediglich um erneute Ausführungen zu bereits Vorgebrachtem.
Für die folgende Beurteilung finden die genannten Stellungnahmen daher keine
Berücksichtigung.
2. Materielles
2.1. Unbestrittene Ausgangslage
Die Parteien sind sich einig, dass zwischen ihnen in der Zeit vom 1. Juli 1999 bis
zum 30. November 2008 ein gültiger Berufshaftpflichtversicherungsvertrag be-
stand und die Allgemeinen Vertragsbedingungen (AVB, gültig ab 1. Januar 2001
[act. 3/23] bzw. gültig ab 1. Januar 2005 [act. 3/24]) Vertragsbestandteil geworden
sind (act. 1 S. 4 ff.; act. 10 S. 6 ff.; act. 49 S. 3 ff.; act. 53 S. 5 ff.).
2.2. Anspruchsgrundlage
Die Klägerin stützt ihre Forderung auf AVB Ziffer 2.22, gültig ab 1. Januar 2001
bzw. ab 1. Januar 2005. Ihrer Meinung nach handelt es sich bei den von ihr im
Prozess gegen C._ aufgewendeten Kosten (zur Abwehr der Klage) um ein
Schadenereignis, welches von der Beklagten zu decken sei (act. 1 S. 4 ff.; act. 49
S. 3 ff.).
Die einschlägigen Bestimmungen in den AVB Ziffer 2, Haftpflichtversicherung, un-
ter dem Titel "Zeitlicher Geltungsbereich", welche sowohl in der ab 1. Januar 2001
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als auch ab 1. Januar 2005 gültigen Fassung denselben Wortlaut haben (vgl.
act. 3/23 bzw. act. 3/24), lauten wie folgt:
" [...] 2 Haftpflichtversicherung [...] Zeitlicher Geltungsbereich
21 Die Versicherung ist gültig für Schäden, für welche während der Vertragsdauer Ansprüche gegen einen Versicherten erhoben werden.
22 Als Zeitpunkt, in welchem ein Anspruch aus einem Schadenereignis gegen einen Versicherten erhoben wird, gilt derjenige, in welchem
- ein Versicherter erstmals von einem Geschädigten mündlich oder schriftlich die Mitteilung erhält, dass ein unter diese Versicherung fallender  gestellt werde, oder
- ein Versicherter von Umständen Kenntnis erhält, nach welchen damit  werden muss, dass ein solcher Anspruch erhoben werde.
[...]"
Die Klägerin erachtet beide unter AVB Ziffer 2.22 aufgeführten (alternativen) Vo-
raussetzungen als erfüllt (act. 1 S. 17 ff.; act. 49 S. 7 ff.), was in der Folge zu prü-
fen ist.
2.3. AVB Ziffer 2.22, erster Einzug
2.3.1. Unbestrittener relevanter Sachverhalt
Es ist unbestritten, dass C._ ihre Ansprüche gegenüber Rechtsanwalt
D._, welcher per 31. August 2003 aus der klägerischen Kollektivgesellschaft
ausgetreten ist, ab Juni 2007 mehrfach mündlich und schliesslich schriftlich mit
Schreiben von Rechtsanwalt E._ vom 25. November 2008 erheben liess. Die
Beklagte hat in ihrer Klageantwort anfänglich zwar die mehrfachen mündlichen
Mitteilungen ab Juni 2007 an Rechtsanwalt D._ mit Nichtwissen bestritten,
diesen Sachverhalt in der Duplik jedoch selber ihren rechtlichen Ausführungen
zugrunde gelegt (act. 1 S. 4 ff.; act. 10 S. 6 ff.; act. 49 S. 3 ff.; act. 53 S. 5 ff.).
Aufgrund dessen gilt dieser Sachverhalt als anerkannt, wobei darauf hinzuweisen
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ist, dass die mehrfachen mündlichen Mitteilungen – wie zu zeigen sein wird – oh-
nehin auf das Ergebnis der Beurteilung keinen entscheidenden Einfluss haben.
2.3.2. Standpunkte der Parteien
Die Klägerin ist der Ansicht, dass die gegenüber Rechtsanwalt D._ ergange-
nen mündlichen Mitteilungen im Juni 2007 sowie die schriftliche Mitteilung vom
25. November 2008 trotz seines Austritts aus der klägerischen Kollektivgesell-
schaft per 31. August 2003 eine wirksame Anspruchserhebung gemäss AVB Zif-
fer 2.22, erster Einzug, darstellten. Als Begründung liess sie im Wesentlichen aus-
führen, dass aufgrund der AVB Ziffern 2.1 bis 2.6 die einzelnen Gesellschafter
ohnehin als Gesellschafter der Klägerin (als Personengesellschaft) in Rechten
und Pflichten der Klägerin als Versicherungsnehmerin gleichgestellt seien. Dabei
sei die Klägerin nicht nur Versicherungsnehmerin, sondern auch "Versicherte"
gewesen. Folglich sei daher auch der ihr in Rechten und Pflichten gleichgestellte
Rechtsanwalt D._ als solcher anzusehen. An dieser Eigenschaft habe auch
das Ausscheiden von Rechtsanwalt D._ aus der klägerischen Kollektivge-
sellschaft nichts geändert; jedenfalls nicht, soweit es um die Deckung eines Haft-
pflichtanspruchs gehe, der sich aus einer gesetzlichen Haftpflicht aus der Tätig-
keit des "Versicherten" für den versicherten schweizerischen und liechtensteini-
schen Betrieb ergebe (subsidiäre Haftung). Überdies enthalte AVB Ziffer 2.1, drit-
ter Absatz, keine zeitliche Einschränkung der Eigenschaft "Gesellschafter". Als
ehemaliger Gesellschafter habe Rechtsanwalt D._ daher immer noch mittel-
baren Versicherungsschutz genossen, womit er wertungsmässig und bezüglich
des in Frage stehenden Schadenfalls noch immer als Versicherter in der Berufs-
haftpflichtpolice der Beklagten zu betrachten sei. Ausserdem bedeute die Beibe-
haltung eines vor Versicherungsvertragsende ausscheidenden Gesellschafters
als "Versicherten" für den Versicherer auch keine Ausdehnung des Risikos, vor
dem er legitimerweise geschützt werden müsse. Würde die Eigenschaft als "Ver-
sicherter" mit dem Ausscheiden als Gesellschafter auch für jene Haftpflichtan-
sprüche entfallen, welche aus der Tätigkeit für den versicherten Betrieb entstan-
den sind, hätte dies absurde, ungewollte und unfaire Folgen. Er könnte dann
nämlich von einem ehemaligen Klienten mit der Behauptung, es habe ein Einzel-
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mandat und nicht ein Kanzleimandat vorgelegen, in Anspruch genommen werden.
In einem solchen Fall würde er dann aber, weil er nicht mehr Gesellschafter wäre
und damit auch nicht mehr als versicherte Person gelten könnte, ohne Deckung
dastehen. Er hätte dann nicht einmal mehr Anspruch auf die Deckung der Ab-
wehrkosten, selbst wenn vom ehemaligen Klienten richtigerweise nicht er persön-
lich, sondern die noch immer versicherte Kollektivgesellschaft in Anspruch zu
nehmen wäre. Diese formalistische Ansicht könne nicht dem nach Vertrauens-
prinzip ermittelten Sinn der relevanten Vertragsbestimmung entsprechen. Dabei
liess die Klägerin sowohl auf das von ihr in Auftrag gegebene Privat-Gutachten
von Prof. Dr. F._ (vgl. act. 3/39) als auch auf das Urteil des Oberlandesge-
richts München vom 8. Mai 2009 verweisen, worin die Klägerin unter Hinweis auf
den Sinn und Zweck des Claims-made-Prinzips ihre Auffassung bestätigt sieht,
dass es wertungsmässig nur von untergeordneter Bedeutung sei, wem gegenüber
die Anspruchserhebung erfolge und ob der Versicherer selbst davon Kenntnis er-
halte. Weiter liess die Klägerin ausführen, dass es im Übrigen der Praxis der Be-
rufshaftpflichtversicherer in der Schweiz bei sog. Kanzleipolicen, – d.h. wenn eine
Personengesellschaft Versicherungsnehmerin sei – entspreche, dass ausge-
schiedene Gesellschafter oder Mitarbeiter für die während der Zeit ihrer Gesell-
schaftszugehörigkeit bzw. Anstellung bei der ehemaligen Anwaltskanzlei verur-
sachten Schadenfälle weiterhin über die Police dieser Personengesellschaft ver-
sichert blieben, sofern die Versicherungspolice derselben weitergeführt und der
Anspruch während der Vertragsdauer der Kanzleipolice erhoben werde (act. 1
S. 17 ff.; act. 49 S. 12 ff.).
Die Beklagte ist demgegenüber der Auffassung, dass Rechtsanwalt D._
nach seinem Austritt aus der klägerischen Kollektivgesellschaft per 31. August
2003 nicht mehr zum Kreis der Versicherten gehört habe und folglich in der Mittei-
lung an Rechtsanwalt D._ auch keine wirksame Anspruchserhebung zu er-
blicken sei. Hierzu liess die Beklagte im Wesentlichen ausführen, dass die rechtli-
che Wirkung des Austritts von Rechtsanwalt D._ aus der klägerischen Kol-
lektivgesellschaft unmittelbar – d.h. am 1. September 2003 – eingetreten sei. Es
treffe nicht zu, dass Rechtsanwalt D._ trotz seines Ausscheidens aus der
Kollektivgesellschaft der Klägerin als ehemaliger Gesellschafter infolge seiner ge-
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setzlichen subsidiären Haftung für Ansprüche gegen die Klägerin mittelbaren Ver-
sicherungsschutz genossen habe. Auch werde bestritten, dass die von der Kläge-
rin aufgestellte Behauptung der bestehenden Praxis unter den Versicherern be-
stehe. Da die Vertretungsbefugnis und die Wissenszurechnung mit dem Austritt
von Rechtsanwalt D._ aus der klägerischen Kollektivgesellschaft geendet
habe, sei in der Mitteilung vom 25. November 2008 an Rechtsanwalt D._
auch keine den Versicherungsfall auslösende Anspruchserhebung erfolgt. Nach
Meinung der Beklagten sei diese Ansicht nicht formalistisch, sondern stehe im
Einklang mit dem Wesen des Anspruchserhebungsprinzips und des klaren Wort-
lauts von AVB Ziffer 2.22, erster Einzug. Zur Unterstützung ihrer Meinung liess die
Beklagte ihrerseits auf das von ihr in Auftrag gegebene Privat-Gutachten von
Prof. Dr. G._ (vgl. act. 3/40) verweisen (act. 10 S. 27 ff.; act. 53 S. 30 ff.).
2.3.3. Relevante Fragestellung
Entscheidende Frage ist vorliegend, ob durch die mündlichen Mitteilungen ab Juni
2007 sowie die schriftliche Mitteilung vom 25. November 2008 an Rechtsanwalt
D._ eine den Versicherungsfall auslösende Anspruchserhebung gemäss
AVB Ziffer 2.22, erster Einzug, erfolgt ist.
Der Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass sich Ausführungen hin-
sichtlich der unbestritten erfolgten Anspruchserhebung gegenüber der Klägerin
mit Schreiben von Rechtsanwalt E._ vom 9. Januar 2009 erübrigen. Denn
die Parteien sind sich darüber einig, dass gemäss den AVB eine den Versiche-
rungsfall auslösende Anspruchserhebung jeweils während laufender Versiche-
rungsdauer zu erfolgen hat, womit das genannte Schreiben an die Klägerin ohne-
hin als verspätet gilt (act. 1 S. 10 ff.; act. 10 S. 31; act. 49 S. 13; act. 53 S. 9).
2.3.4. Rechtliches und Subsumtion
2.3.4.1. Die Klägerin will die einschlägige AVB Ziffer 2.22, erster Einzug, nicht
nach ihrem Wortlaut, sondern umfassender, insbesondere nach Sinn und Zweck
der Bestimmung verstanden wissen. Aufgrund dessen ist die genannte Ziffer im
Folgenden einer Auslegung zu unterziehen.
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Der Inhalt eines Vertrags bestimmt sich in erster Linie durch subjektive Ausle-
gung, das heisst nach dem übereinstimmenden wirklichen Parteiwillen (Art. 18
Abs. 1 OR; Tatfrage). Nur wenn eine tatsächliche Willensübereinstimmung unbe-
wiesen bleibt, sind zur Ermittlung des mutmasslichen Parteiwillens die Erklärun-
gen der Parteien aufgrund des Vertrauensprinzips so auszulegen, wie sie nach ih-
rem Wortlaut und Zusammenhang sowie den gesamten Umständen verstanden
werden durften und mussten (Rechtsfrage). Der Vorrang der subjektiven vor der
objektivierten (normativen) Vertragsauslegung ergibt sich aus Art. 18 OR als Aus-
legungsregel. Bei der Auslegung bildet der Wortlaut das primäre Auslegungsmit-
tel. Bei der Auslegung nach dem Wortlaut kommt dem Sinngehalt des Wortes,
den ihm der allgemeine Sprachgebrauch zulegt, entscheidende Bedeutung zu.
Denn mangels anderer Anhaltspunkte ist anzunehmen, dass die Parteien ein von
ihnen verwendetes Wort gemäss dem allgemeinen Sprachgebrauch zur Zeit des
Vertragsabschlusses, somit im Sinne der damaligen Alltags- oder Umgangsspra-
che, verwendet haben (Urteil des Bundesgerichts 5C.87/2002 vom 24. Oktober
2002 E. 2.2 ff.). Im Rahmen der grammatikalischen Auslegung ist auch das sys-
tematische Element zu berücksichtigen. Ein einzelner Ausdruck ist im Zusam-
menhang, in dem er steht, als Teil eines Ganzen aufzufassen. Auch wenn der
Wortlaut für sich allein nicht als entscheidend anzusehen ist, kommt ihm doch im
Verhältnis zu den ergänzenden Mitteln der klare, entscheidende Vorrang zu: Im-
mer dann, wenn die übrigen Auslegungsmittel, insbesondere der Vertragszweck,
nicht sicher einen anderen Schluss erlauben, hat es beim Wortlaut sein Bewen-
den (Urteil des Bundesgerichts 5C.87/2002 vom 24. Oktober 2002 E. 2.2 ff.). Für
eine Auslegung sind im Weiteren die Umstände mit zu berücksichtigen, die den
Parteien bei Vertragsschluss bekannt oder erkennbar waren. Es ist somit der
Zeitpunkt des Vertragsabschlusses massgebend, weshalb bei der Auslegung
nach dem Vertrauensprinzip nachträgliches Parteiverhalten nicht von Bedeutung
ist. Später eintretende Umstände – wie das nachträgliche Verhalten der Parteien
– lassen dagegen erkennen, wie sie selbst den Vertrag seinerzeit gemeint bzw.
ihre Erklärungen tatsächlich verstanden hatten. Das ergibt den wirklichen, nicht
den hypothetischen Parteiwillen und ist deshalb eine tatsächliche Feststellung
(BGE 107 II 417 E. 6; BGE 129 III 675 E. 2.3).
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2.3.4.2. Da die Parteien über den Sinn und Zweck der besagten Bestimmung
keinen übereinstimmenden wirklichen Parteiwillen behaupten, und in der Regel
auch nicht zu beweisen vermöchten, ist diesbezüglich im Folgenden eine objekti-
vierte Vertragsauslegung (Rechtsfrage) vorzunehmen.
Auszugehen ist vom Wortlaut und der logischen Abfolge der einschlägigen Be-
stimmungen. Demnach ist gemäss AVB Ziffer 2.21 die Versicherung gültig für
Schäden, für welche während der Vertragsdauer Ansprüche gegen einen Versi-
cherten erhoben werden. Nach AVB Ziffer 2.22, erster Einzug, gilt als Zeitpunkt, in
welchem ein Anspruch aus einem Schadenereignis gegen einen Versicherten er-
hoben wird, derjenige, in welchem ein Versicherter erstmals von einem Geschä-
digten mündlich oder schriftlich die Mitteilung erhält, dass ein unter diese Versi-
cherung fallender Schadenersatzanspruch gestellt werde. Ist der Versicherungs-
nehmer eine Personengesellschaft (z.B. Kollektivgesellschaft) [...], sind ihm die
Gesellschafter [...] in Rechten und Pflichten gleichgestellt. Näheres zur Kollektiv-
gesellschaft, insbesondere ab wann und unter welchen Umständen jemand als
Gesellschafter gilt, lässt sich den AVB nicht entnehmen. Der Lehre und Recht-
sprechung folgend ist daher zur Schliessung einer Vertragslücke dispositives
Recht heranzuziehen (vgl. BGE 107 II 144 E. 3, 115 II 484 E. 4), womit die ge-
setzlichen Bestimmungen zur Kollektivgesellschaft (Art. 552 ff. OR) Anwendung
finden. Demgemäss endet mit dem Austritt des Kollektivgesellschafters aus der
Kollektivgesellschaft dessen Gesellschafter-Stellung (Art. 576 OR) und damit sei-
ne Geschäftsführungs- und Vertretungsbefugnisse (vgl. dazu HANDSCHIN/CHOU,
in: Kommentar zum Schweizerischen Zivilrecht, Obligationenrecht, 4. Teil, Zürich
2009, Art. 576 N 35).
Diesen Bestimmungen lässt sich entnehmen, dass ein ausgetretener Gesellschaf-
ter ab dem Zeitpunkt seines Austritts nicht mehr als Versicherter gilt. Im Weiteren
geht aus dem unmissverständlichen Wortlaut von AVB Ziffer 2.22, erster Einzug,
hervor, dass eine Anspruchserhebung gegenüber einem Versicherten erfolgen
muss. Dabei ist es – entgegen der Ansicht der Klägerin – nicht als formalistisch zu
bezeichnen, wenn man sich an diesen Wortlaut hält. Denn die Anspruchserhe-
bung gegenüber einem Versicherten lässt sich auch dem Sinn und Zweck der ge-
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nannten Bestimmungen entnehmen. So ist der Versicherte gemäss AVB Ziffer
1.24 gehalten, den Versicherer umgehend über eine Anspruchserhebung zu ori-
entieren, womit dem Versicherer eine vernünftige Kalkulation der zu erwartenden
Kosten ermöglicht wird. Dass AVB Ziffer 1.24 als "blosse" Obliegenheit ausgestal-
tet ist, ist nicht von Belang. Entscheidend ist nämlich, dass diese Bestimmung
keinen Sinn machen würde, käme es bei AVB Ziffer 2.22, erster Einzug, nicht da-
rauf an, dass der Versicherte von einer entsprechenden Anspruchserhebung auch
tatsächlich selber Kenntnis erhalten würde. Dieser Auffassung steht auch AVB
Ziffer 2.22, zweiter Einzug, keineswegs entgegen. Denn auch bei AVB Ziffer 2.22,
zweiter Einzug, hat der Versicherte den Versicherer umgehend über eine An-
spruchserhebung zu orientieren, weshalb es auch bei dieser Voraussetzung da-
rauf ankommt, dass der Versicherte überhaupt Kenntnis von einer Anspruchser-
hebung erhält. Die Kenntnisnahme des Versicherten ist deshalb bei beiden Vo-
raussetzungen nach AVB Ziffer 2.22 unabdingbar.
Auch mit ihren weiteren Vorbringen bezüglich der Abkehr vom klaren Wortlaut von
AVB Ziffer 2.22, erster Einzug, vermag die Klägerin nicht zu überzeugen. Dass
nämlich ein mittelbarer Versicherungsschutz über den Austritt eines Gesellschaf-
ters hinaus bestehen bleiben soll, lässt sich auch aus der gesetzlichen subsidiä-
ren Haftung eines Kollektivgesellschafters nicht herleiten. Zumal die Beklagte als
Zivilpartei – ohne entsprechende gesetzliche Grundlage – nicht über eine vertrag-
liche Vereinbarung hinaus verpflichtet werden kann. Dies gilt ebenfalls dann,
wenn – wie die Klägerin ausführen liess – die Beibehaltung eines vor Versiche-
rungsvertragsende ausscheidenden Gesellschafters als "Versicherten" keine
Ausdehnung des Risikos für die Beklagte darstellen mag. Ebenso der Einwand,
wonach AVB Ziffer 2.1, dritter Absatz, keine zeitliche Einschränkung der Eigen-
schaft "Gesellschafter" enthalte, ist unbehelflich, lässt sich – wie erwähnt – aus
den gesetzlichen Bestimmungen zur Kollektivgesellschaft doch die Dauer ohne
Weiteres ermitteln. Des weiteren ist die Klägerin mit ihrer blossen Behauptung
nicht zu hören, wonach es Praxis der Berufshaftpflichtversicherer sei, dass auch
nach Austritt eines Gesellschafters unter gewissen Umständen der Versiche-
rungsschutz weiterbestehen bleibe. Denn zum einen behauptet die Beklagte
nicht, dass es der Praxis der Beklagten entsprechen soll. Und zum anderen ver-
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möchte eine allfällige entsprechende Praxis anderer Berufshaftpflichtversicherer
bei der Beklagten ohnehin keine weitergehenden Pflichten zu bewirken. Schliess-
lich zielen auch die klägerischen Überlegungen hinsichtlich der Erwägungen zum
Claims-made-Prinzip im Urteil des Oberlandesgerichts München ins Leere. Dies
deshalb, weil im betreffenden Urteil – wie die Beklagte überzeugend ausführen
liess – ebenfalls auf die Ausgleichung allfälliger negativen Folgen des Claims-
made-Prinzips mittels entsprechender Vermögensschadenhaftpflichtprodukte hin-
gewiesen wurde, wofür in der Schweiz ebenso Möglichkeiten bestehen. Unter
diesen Umständen erweist sich damit die entsprechende Kritik der Klägerin be-
züglich des Claims-made-Prinzips denn auch als unbegründet. Aufgrund des
Ausgeführten hinsichtlich des Sinn und Zwecks, und da auch sonst keine anderen
Auslegungsmittel einen anderen Schluss erlauben, hat es damit beim Wortlaut
der genannten Bestimmungen sein Bewenden.
Damit endete mit dem Austritt von Rechtsanwalt D._ aus der klägerischen
Kollektivgesellschaft per 31. August 2003 seine Stellung als Kollektivgesellschaf-
ter, womit er auch aus dem Kreis der Versicherten ausschied. Die mündlichen
Mitteilungen ab Juni 2007 sowie die schriftliche Mitteilung vom 25. November
2008 an Rechtsanwalt D._ erfolgten daher nicht gegenüber einem Versicher-
ten, wie dies gemäss AVB Ziffer 2.22, erster Einzug, erforderlich gewesen wäre.
Da die Gesellschafter-Stellung demzufolge per 31. August 2003 endete und damit
auch seine Geschäftsführungs- und Vertretungsbefugnisse, vermag die klägeri-
sche Kollektivgesellschaft überdies auch aus der Kenntnisnahme der mündlichen
Mitteilungen ab Juni 2007 sowie der schriftlichen Mitteilung vom 25. November
2008 durch Rechtsanwalt D._ nichts zu ihren Gunsten abzuleiten.
2.3.5. Fazit
Aufgrund des Ausgeführten ist durch die mündlichen Mitteilungen ab Juni 2007
sowie die schriftliche Mitteilung vom 25. November 2008 an Rechtsanwalt
D._ keine den Versicherungsfall auslösende Anspruchserhebung gemäss
AVB Ziffer 2.22, erster Einzug, erfolgt. Die nach Ablauf der Versicherungsdauer
ergangene Mitteilung vom 9. Januar 2009 an die Klägerin erfolgte zu spät.
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2.4. AVB Ziffer 2.22, zweiter Einzug
2.4.1. Unbestrittener relevanter Sachverhalt
Die Parteien sind sich einig, dass der zwischen ihnen in der Zeit vom 1. Juli 1999
bis zum 30. November 2008 gültige Berufshaftpflichtversicherungsvertrag bis zum
Austritt von Rechtsanwalt D._ per 31. August 2003 auch für diesen Wirkung
entfaltete, und er in dieser Zeit (1. Juli 1999 bis zum 31. August 2003) damit zum
Kreis der Versicherten gehörte (act. 1 S. 20; act. 10 S. 22; act. 49 S. 21; act. 53
S. 15).
2.4.2. Parteivorbringen
Die Klägerin liess im Wesentlichen vorbringen, dass sich aus dem "Request of
Arbitration" vom 16. Mai 2002 ergebe, dass die im "Principal Agreement" fehlende
Saldoklausel eine zentrale Rolle in der Argumentation der Anwälte von C._
gespielt habe. Aufgrund dessen habe Rechtsanwalt D._ als Gesellschafter
der Klägerin bereits aufgrund der Schreiben des Rechtsanwalts von H._ vom
12., 17. und 19. Oktober 2001, spätestens aber nach dem Eingang der "Request
of Arbitration" im Mai 2002, damit rechnen müssen, dass C._ bei einem ne-
gativen Ausgang des Schiedsgerichtsverfahrens Schadenersatzansprüche gegen
den sie beim Abschluss des "Principal Agreement" beratenden bzw. vertretenden
Anwalt bzw. gegen die Klägerin als ihre Vertragspartnerin erheben und ihnen in
tatsächlicher wie rechtlicher Hinsicht vorwerfen könnte, sie sei durch die Formulie-
rungen im "Principal Agreement" und insbesondere wegen des Verzichts auf eine
Saldoklausel nicht vertragsgemäss und in dem von ihr angestrebten Masse ge-
schützt worden. Denn C._ sei es beim Abschluss des "Principal Agreement"
vom 20./23. September 1999 darum gegangen, mit H._ eine abschliessende
Lösung zu treffen. Dass die Schwelle, ab wann mit einer Inanspruchnahme zu
rechnen ist, nicht zu hoch anzusetzen sei, sieht die Klägerin auch mit der im Gut-
achten von Prof. Dr. F._ ausgeführten deutschen Lehre zur Entstehung se-
kundärer Hinweispflichten im deutschen Anwaltsrecht bestätigt. Zudem sieht die
Klägerin für ihre Auffassung im Urteil des Bundesgerichts vom 11. Januar 2012
(5C.237/2001), worin das Anspruchserhebungsprinzip zur Beurteilung stand, –
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angesichts der angeblichen Parallelen zum vorliegenden Fall – die geeignete
Stütze. Im Weiteren liess die Klägerin ausführen, dass es bei der Beurteilung
nicht darauf ankomme, ob Rechtsanwalt D._ tatsächlich damit gerechnet ha-
be, dass C._ als Klientin der Klägerin diesen Vorwurf erheben und daraus
Ersatzansprüche ableiten würde. Denn die Parteien seien übereinstimmend und
zu Recht davon ausgegangen, dass für die Beurteilung, ob in einem bestimmten
Zeitpunkt aufgrund der bekannten Umstände mit einer Anspruchserhebung ge-
rechnet werden müsse, ein objektiver Massstab einer vernünftigen und korrekten
Person mit den im betreffenden Beruf üblichen Fähigkeiten und Kenntnissen an-
gelegt werden müsse. Es könne daher für die Beurteilung der Wahrscheinlichkeit
einer Inanspruchnahme nicht auf das subjektive Empfinden des konkreten Versi-
cherten ankommen (act. 1 S. 21; act. 49 S. 21 ff.).
Die Beklagte dagegen liess im Wesentlichen ausführen, dass das blosse Be-
wusstsein einer möglichen Pflichtverletzung für eine wirksame Anspruchserhe-
bung nicht genüge. Der Versicherte müsse vielmehr auf irgendeine Weise von
aussen Hinweise erhalten, wonach eine Inanspruchnahme ernsthaft zu erwarten
sei. Solange eine derartige Kenntnis von Umständen nicht vorliege, liege kein de-
ckungsrelevanter Sachverhalt vor, womit der Versicherte auch keine Veranlas-
sung habe, einen Schadenfall anzumelden. Mit der Formulierung "damit gerech-
net werden muss, dass ein solcher Anspruch erhoben wird" sei AVB Ziffer 2.22,
zweiter Einzug, objektiviert worden. Danach sei zu fragen, ob ein vernünftiger und
korrekter Dritter in den Schuhen des Versicherten mit einer Anspruchserhebung
habe rechnen müssen. Es werde Gewissheit oder zumindest hohe Wahrschein-
lichkeit verlangt, dass mit einer Anspruchserhebung gerechnet werde. Denn für
die Formulierung sei bewusst "müssen" und nicht "können" gewählt worden. Die
Konsequenz sei, dass die Schwelle für "müssen" weit höher liege als für "kön-
nen". Weiter liess die Beklagte darauf hinweisen, dass die Frage, ob Rechtsan-
walt D._ in der damaligen Zeitphase mit einer (späteren) Inanspruchnahme
von C._ habe rechnen müssen, allein auf der Grundlage der damals bekann-
ten Umstände zu beantworten sei. Eine Post-hoc-Betrachtung verbiete sich. Da-
her dürften all diejenigen Erkenntnisse, die erst im Nachhinein haben gewonnen
werden können, bei der Beurteilung nicht berücksichtigt werden. Hinsichtlich den
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von der Klägerin vorgebrachten sekundären Hinweispflichten nach der deutschen
Lehre bestritt die Beklagte deren Anwendung im vorliegenden Fall. Und auch be-
züglich des von der Klägerin zitierten Bundesgerichtsentscheids vom 11. Januar
2012 (5C.237/2001) äusserte sich die Beklagte dahingehend, dass der darin zu
beurteilende Sachverhalt nicht mit dem vorliegenden Fall zu vergleichen sei
(act. 10 S. 9 ff.; act. 53 S. 7 ff.).
2.4.3. Relevante Fragestellung
Da sich die Klägerin auf die Schreiben vom 12., 17. und 19. Oktober 2001 sowie
die "Request of Arbitration" im Mai 2002 beschränkt, ist die entscheidende Frage,
ob Rechtsanwalt D._ aufgrund dieser Umstände damit rechnen musste, dass
C._ Schadenersatzansprüche gegen die Klägerin erheben würde.
2.4.4. Rechtliches und Subsumtion
2.4.4.1. Beide Parteien berufen sich für die Frage, ob Rechtsanwalt D._
mit einer Anspruchserhebung rechnen musste, auf die einschlägige AVB Ziffer
2.22, zweiter Einzug. Da hinsichtlich der Bedeutung und Tragweite dieser Be-
stimmung unterschiedliche Auffassungen bestehen, ist die genannte Ziffer im Fol-
genden einer Auslegung zu unterziehen. Hinsichtlich der theoretischen Ausfüh-
rungen zur Auslegung ist an dieser Stelle auf die vorstehende Erwägung 2.3.4.1.
zu verweisen.
2.4.4.2. Die Parteien sind sich einig, dass bei der Auslegung von AVB Ziffer
2.22, zweiter Einzug, von einer objektivierten Betrachtungsweise auszugehen ist.
Das heisst, dass für die Beurteilung, ob in einem bestimmten Zeitpunkt aufgrund
der bekannten Umstände mit einer Anspruchserhebung gerechnet werden muss,
ein objektiver Massstab einer vernünftigen Person mit der im betreffenden Beruf
üblichen Fähigkeiten und Kenntnissen angelegt werden muss (act. 49 S. 21;
act. 53 S. 22).
2.4.4.3. Entsprechend dem Wortlaut von AVB Ziffer 2.22, zweiter Einzug, gilt
als Zeitpunkt, in welchem ein Anspruch aus einem Schadenereignis gegen einen
Versicherten erhoben wird, derjenige, in welchem ein Versicherter von Umstän-
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den Kenntnis erhält, nach welchen damit gerechnet werden muss, dass ein sol-
cher Anspruch erhoben werde. Die Beklagte konnte überzeugend darlegen, dass
die Wortwahl "rechnen mit" klar darauf hindeutet, dass eine blosse Möglichkeit,
wonach unter Umständen Ansprüche erhoben werden könnten, für eine wirksame
Anspruchserhebung im Rahmen des Claims-made-Prinzips nicht zu genügen
vermöchte. Der Begriff "rechnen mit" wird sowohl nach dem allgemeinen Sprach-
verständnis als auch nach Duden nicht im Zusammenhang mit vagen Möglichkei-
ten gebraucht, sondern im Zusammenhang mit Umständen, die erwarten bzw.
vorhersehen lassen, dass etwas geschehen wird. "Rechnen mit" wird auch im
Sinne von "vertrauen auf" oder "sich darauf verlassen", dass etwas Erwartetes
eintritt, verwendet (vgl. Duden, Bedeutungswörterbuch, 4. Aufl., S. 750 f.). Augen-
fällig ist zudem, dass in der entsprechenden Ziffer "müssen" und nicht "können"
steht. Die Formulierung "rechnen muss" zeigt daher zusätzlich, dass die Schwelle
für eine wirksame Anspruchserhebung nicht zu tief anzusetzen ist; eine spekulativ
im Raum stehende theoretische Möglichkeit genügt nicht. Der Wortlaut deutet
somit darauf hin, dass derart konkrete Anhaltspunkte für eine Anspruchserhebung
vorliegen müssen, dass für einen vernünftigen Versicherten die zu erhebenden
Schadenersatzansprüche mit genügender Bestimmtheit absehbar sind; was etwa
dann der Fall sein dürfte, wenn gegenüber dem Versicherten um eine Verjäh-
rungsverzichtserklärung ersucht wird. Ab diesem Zeitpunkt erachtet es denn auch
ein vernünftiger Versicherter für notwendig, den Versicherer gemäss AVB Ziffer
1.24 über eine bevorstehende Anspruchserhebung zu informieren.
Die Obliegenheit gemäss AVB Ziffer 1.24, nämlich die unverzügliche Benachrich-
tigung des Versicherers nach Eintritt eines Schadenfalles, macht zudem deutlich,
dass es auch dem Sinn und Zweck von AVB Ziffer 2.22, zweiter Einzug, ent-
spricht, dass konkrete Anhaltspunkte für eine Anspruchserhebung bestehen müs-
sen. Wäre nämlich die blosse Möglichkeit einer Anspruchserhebung ausreichend,
würde dies für die Versicherten bedeuten, dass sie – wann immer die Möglichkeit
einer Anspruchserhebung im Raum stünde – stets den Versicherer unverzüglich
zu benachrichtigen hätten. Entsprechend wäre eine Benachrichtigung bereits
dann angezeigt, wenn noch keine konkreten Anhaltspunkte für eine Anspruchser-
hebung vorhanden wären. Dies würde aber bedeuten, dass beim Versicherer un-
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zählige Meldungen über mögliche Anspruchserhebungen eingingen, wovon es bei
einem Grossteil aber gar nie zu einer (tatsächlichen) Anspruchserhebung kom-
men würde. Es liegt auf der Hand, dass ein solches Vorgehen nicht im Interesse
des Versicherers an einer vernünftigen Kalkulation der zu erwartenden Kosten
sein kann. Es wäre aber auch nicht im Interesse der Versicherten, den Versiche-
rer nur schon bei der (geringsten) Möglichkeit, dass ein Anspruch aus einem
Schadenereignis erhoben werden könnte, benachrichtigen zu müssen.
Auch die systematische Auslegung ergibt, dass die blosse Möglichkeit einer An-
spruchserhebung dem Erfordernis von AVB Ziffer 2.22, zweiter Einzug, nicht ge-
nügt. Bei der Auslegung von AVB Ziffer 2.22, zweiter Einzug, ist nämlich AVB Zif-
fer 2.21 zu beachten, worin das Claims-made-Prinzip festgehalten wird. Demnach
ist die Versicherung für Schäden gültig, für welche während der Vertragsdauer
Ansprüche gegen einen Versicherten erhoben werden. Mit der Bestimmung von
AVB Ziffer 2.22, zweiter Einzug, wurde das in AVB Ziffer 2.21 festgehaltene
Claims-made-Prinzip modifiziert. Es handelt sich bei AVB Ziffer 2.22, zweiter Ein-
zug, also nicht um eine Ausnahme von AVB Ziffer 2.21, sondern um deren Kon-
kretisierung. Entsprechend ist AVB Ziffer 2.22, zweiter Einzug, so auszulegen,
dass es AVB Ziffer 2.21 nicht widerspricht. Somit muss auch bei AVB Ziffer 2.22,
zweiter Einzug, die tatsächliche Anspruchserhebung gegen einen Versicherten
während der Vertragsdauer im Vordergrund stehen, was dafür spricht, dass kon-
krete Anhaltspunkte für eine Anspruchserhebung vorliegen müssen.
Damit genügt die blosse Möglichkeit, dass je nach Ausgang eines anderen Pro-
zesses die unterliegende Partei ihre Ansprüche regressweise gegenüber dem
Versicherten erheben könnte, dem Erfordernis von AVB Ziffer 2.22, zweiter Ein-
zug, nicht. An dieser Auffassung vermag auch der von der Klägerin zitierte Bun-
desgerichtsentscheid (5C.237/2001) nichts zu ändern. Wie die Beklagte nämlich
überzeugend darlegte, ist im Urteil der Chambre civile de la Cour de justice, wo-
rauf sich der genannte Bundesgerichtsentscheid bezieht, der erforderliche Um-
stand, "nach welchem damit gerechnet werden muss, dass ein Schadenersatzan-
spruch erhoben werde", darin zu erblicken, dass die Nachmieter am 22. Mai 1993
und damit noch während der Versicherungsdauer (Beendigung des betreffenden
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Versicherungsvertrages am 9. Juni 1993) gegenüber dem Liegenschaftenverwal-
ter Mängel geltend gemacht haben. Da es sich dabei um erhebliche Mängel han-
delte, welche – anders als im vorliegenden Fall – nicht noch von unsicheren Um-
ständen abhängig waren, kann nicht von derselben Ausgangslage gesprochen
werden. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass mit dem genannten Bundesge-
richtsentscheid das betreffende Urteil der Vorinstanz aufgehoben wurde, weil die
entsprechenden AVB nicht als Vertragsbestandteil hätten erachtet werden dürfen.
Es versteht sich dabei von selbst, dass die Klägerin mit ihren rein spekulativen
Überlegungen, wie das Bundesgericht entschieden hätte, wenn die entsprechen-
den AVB Vertragsbestandteil geworden wären, nichts zu ihren Gunsten abzulei-
ten vermag. Schliesslich kann die Klägerin auch aus der deutschen Lehre zur
Entstehung sekundärer Hinweispflichten nichts zu ihren Gunsten ableiten, ist da-
bei – abgesehen davon, dass es sich um eine in Deutschland entwickelte Lehre
handelt – die Interessenlage im Vergleich zum hier zu beurteilenden Fall doch ei-
ne andere. Im hier zu beurteilenden Fall steht nämlich eine vernünftige Kalkulati-
on der zu erwartenden Kosten durch den Versicherer und nicht ein möglicher Inte-
ressenkonflikt eines Anwalts mit seinem Klienten im Vordergrund.
Da – wie gezeigt – die Auslegung von AVB Ziffer 2.22, zweiter Einzug, zu einem
eindeutigen Ergebnis führt, kommt die subsidiäre Unklarheitsregel, wonach die
Unklarheiten zulasten des Verfassers der AGB gehen, nicht zum Zuge.
In der relevanten Zeitspanne lagen für Rechtsanwalt D._ noch keine genü-
genden Anhaltspunkte dafür vor, dass eine Anspruchserhebung von C._ er-
wartet werden musste. Dies deshalb, weil sowohl in den Schreiben des Rechts-
anwalts von H._ vom 12., 17. und 19. Oktober 2001 als auch der "Request of
Arbitration" im Mai 2002 auf die fehlende Saldoklausel hingewiesen wurde,
C._ aber dennoch die Mandatsbeziehung zu Rechtsanwalt D._ nicht
auflöste, sondern ihn weiterhin mit der Wahrung ihrer Interessen als Parteivertre-
ter für das weitere Schiedsverfahren beschäftigte. Dabei war ein Regressverfah-
ren zum damaligen Zeitpunkt zwar nicht undenkbar, jedoch noch von mehreren
unsicheren Umständen abhängig. So war noch offen, ob C._ im betreffenden
Schiedsverfahren überhaupt unterliegen würde, und erst recht war noch völlig un-
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klar, ob sie denn überhaupt rechtliche Schritte gegen die Klägerin einleiten würde.
Im Lichte dieser Ausführungen musste daher zu jenem Zeitpunkt ein vernünftiger
Rechtsanwalt noch nicht mit einer Anspruchserhebung in der gemäss AVB Ziffer
2.22 erforderlichen Weise rechnen.
2.4.5. Fazit
Aufgrund dessen musste Rechtsanwalt D._ aus objektiver Sicht im damali-
gen Zeitpunkt gestützt auf die Schreiben vom 12., 17. und 19. Oktober 2001 bzw.
der "Request of Arbitration" im Mai 2002 nicht damit rechnen, dass C._
Schadenersatzansprüche gegen die Klägerin erheben würde. Damit ist keine den
Versicherungsfall auslösende Anspruchserhebung gemäss AVB Ziffer 2.22, zwei-
ter Einzug, erfolgt. Eine Minderheit des Gerichts vertritt eine gegenteilige Meinung
(act. 71).
Da es lediglich darauf ankommt, ob ein vernünftiger Rechtsanwalt als Versicherter
damals mit einer Inanspruchnahme hätte rechnen müssen, ist das von Seiten der
Klägerin offerierte Beweismittel der Zeugeneinvernahme von Rechtsanwalt
D._, welcher lediglich seine subjektive Einschätzung wiedergeben würde, für
die diesbezügliche Beurteilung kein geeignetes Beweismittel, weshalb ein ent-
sprechendes Beweisverfahren unterbleiben kann.
2.5. Ergebnis
Dies alles führt zur Abweisung der vorliegenden Klage.
Der Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass bei diesem Ergebnis die
von der Beklagten aufgeworfenen Frage, ob zwischen C._ und der Klägerin
bzw. Rechtsanwalt D._ ein Kanzlei- oder Einzelmandat bestand (vgl. act. 10
S. 29 f.; act. 53 S. 35 ff.), offen gelassen werden kann.
3. Kosten- und Entschädigungsfolgen
Der Streitwert beträgt CHF 136'496.95. Die Gerichtskosten sind in Anwendung
von Art. 96 ZPO i.V.m. § 4 Abs. 1 GebV OG auf CHF 13'000.– festzusetzen. Der
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Klägerin sind als unterliegende Partei die Gerichtskosten aufzuerlegen (Art. 106
Abs. 1 ZPO) und aus dem von der Klägerin geleisteten Kostenvorschuss zu de-
cken (Art. 111 Abs. 1 ZPO).
Ausserdem hat die Klägerin als unterliegende Partei der Beklagten eine Partei-
entschädigung in der Höhe von CHF 18'000.– zu bezahlen (Art. 106 Abs. 1,
Art. 105 Abs. 2 und Art. 96 ZPO i.V.m. §§ 4 Abs. 1 und 11 Abs. 1 und Abs. 2 An-
wGebV). Ist einer mehrwertsteuerpflichtigen Partei eine Parteientschädigung zu-
zusprechen, hat dies aufgrund der Möglichkeit des Vorsteuerabzugs ohne Be-
rücksichtigung der Mehrwertsteuer zu erfolgen (Vgl. Entscheid des Kassationsge-
richts des Kantons Zürich vom 19. Juli 2005, ZR 104 [2005] Nr. 76; SJZ 101
[2005] 531 ff.).
Das Handelsgericht erkennt:
1. Die Klage wird abgewiesen.
2. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf CHF 13'000.–.
3. Die Kosten werden der Klägerin auferlegt und aus dem von ihr geleisteten
Vorschuss gedeckt.
4. Die Klägerin wird verpflichtet, der Beklagten eine Parteientschädigung von
CHF 18'000.– zu bezahlen.
5. Schriftliche Mitteilung an die Parteien, unter Beilage der abweichenden Mei-
nung (act. 71), und an die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht.
6. Eine bundesrechtliche Beschwerde gegen diesen Entscheid ist innerhalb
von 30 Tagen von der Zustellung an beim Schweizerischen Bundesgericht,
1000 Lausanne 14, einzureichen. Zulässigkeit und Form einer solchen Be-
schwerde richten sich nach Art. 72 ff. (Beschwerde in Zivilsachen) oder
Art. 113 ff. (subsidiäre Verfassungsbeschwerde) in Verbindung mit Art. 42
und Art. 90 ff. des Bundesgesetzes über das Bundesgericht (BGG). Der
Streitwert beträgt CHF 136'496.95.
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