Decision ID: f7d73b12-5c72-474b-a936-e283d8bef68f
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Mit Verfügung vom 14. September 2020 sprach die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
X._
jeweils
befristet vom 1. August 2013 bis 30. Juni 2015, vom 1. November 2016 bis 30. September 201
8 und vom 1. März
bis 31. Juli 2019 eine ganze Invalidenrente zu (Urk. 2, Urk.
8/145-159
).
2.
Dagegen erhob
X._
mit Eingabe vom 13. Oktober 2020 Beschwerde und beantragte, ihr sei rückwirkend ab 1. August 2013
eine unbefristete ganze Invalidenrente zuzusprechen (Ziff. 1 des Rechtsbegehrens) und es sei die Sache zur Durchführung eines
Einwandverfahrens
an die Beschwerdegegnerin zurück
zuweisen (Ziff. 2 des Rechtsbegehrens; Urk. 1 S. 2).
Die Beschwerdegegnerin stellte in der Beschwerdeantwort vom 17. November 2020 den Antrag auf Abweisung der Beschwerde. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Durchführung eines zweiten Schriftenwechsels (Urk. 7).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach Art. 49 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozial
versicherungsrechts (ASTG) hat der Versicherungsträger über Leistungen, Forde
rungen und Anordnungen, die erheblich sind oder mit denen die betroffene Person nicht einverstanden ist, schriftlich Verfügungen zu erlassen. Gegen Verfü
gungen - ausgenommen gegen prozess- und verfahrensleitende - kann innerhalb von 30 Tagen bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben werden (Art. 52 Abs. 1 ATSG).
1.2
In Abweichung von Art. 52 Abs. 1 ATSG teilt die IV-Stelle der versicherten Per
son den vorgesehenen Endentscheid über ein Leistungsbegehren oder den Entzug oder die Herabsetzung einer bisher gewährten Leistung mittels Vorbescheid mit. Die versicherte Person hat Anspruch auf rechtliches Gehör im Sinne von Art. 42 ATSG (Art. 57a Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG]). Sie kann innerhalb einer Frist von 30 Tagen Einwände gegen den Vorbescheid vorbringen (Art. 73
ter
Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV]).
2.
2.1
Die Beschwerdeführerin rügt in erster Linie eine Verletzung des rechtlichen Gehörs, da das
Einwandverfahren
übersprungen worden sei. Den Vorbes
cheid vom 22. April 2020 habe sie
nicht erhalten. Na
ch Erhalt der Verfügung vom 14.
September 2020 habe sie die Beschwerdegegnerin gebeten, die Verfügung zurückzunehmen zur korrekten Durchführung des
Einwandverfahrens
, wozu diese aber nicht bereit gewesen sei (Urk. 1).
2.2
Die Beschwerdegegnerin hielt in der Beschwerdeantwort vom 17. November 2020 fest, dass nicht
bewiesen werden könne, ob der Vorbescheid zugestellt worden sei oder nicht. Eine allfällige Verletzung des rechtlichen Gehörs könne
ausnahms
weise als geheilt gelten
, wenn die betroffene Person die Möglichkeit erhalte, sich vor einer Beschwerdeinstanz zu äussern, welche bezüglich des Sachverhalts und der Rechtslage über die gleiche Kognition
verfüge
wie die Vorinstanz. Die
s sei in Bezug auf das angerufene Sozialversicherungsgericht der Fall, weshalb beantragt werde, dass der Beschwerdeführerin eine weitere Gelegenheit zur Stellungnahme gewährt werde und so eine allfällige Gehörsverlet
zung geheilt werden könne (Urk.
6).
3.
3.1
Der Vorbescheid vom
22. April 2020 war an die Beschwerdeführerin adressiert. Eine Kopie hätte an die Suva gehen sollen. (Urk. 8/134). Diese erhielt den Vorbe
scheid nach eigenen Angaben indessen
nicht (Urk. 3/5
). Davon abgesehen, dass die Beschwerdegegnerin den Beweis für eine rec
htsgültige Zustellung des mit A
Post versendeten Vorbescheids nicht zu erbringen vermag, ist vor diesem Hinter
grund davon auszugehen, dass das
Vorbescheidverfahren
nicht korrekt durchge
führt worden war.
3.2
Nach der Rechtsprechu
ng kann die Verletzung der Anhö
rungspflicht schon dann schwerwiegend sein,
wenn ein nach Erlass des Vorbe
scheids ergangenes Begehren um Aktenedition oder eine Stellungnahme zum Vorbescheid unberücksichtigt geblieben ist,
indem auf die vorgebrachten Ein
wendungen nicht eingegangen wurde (BGE
124 V 180 E. 2). Umso schwerwie
gender ist es, wenn - wie im vor
liegenden Fall
- überhaupt kein
korrektes
Vorbescheidver
fahren
durchgeführt und ohne Gewährung des rechtlichen Gehörs eine Verfü
gung erlassen wird (vgl. Urteil
des
damaligen
Eidg
. Versicherungsgerichts
I 584/01 vom 24. Juli 2002 E.
2 und
Urteil des Bundesgerichts
9C_356/2011 vom 3. Febru
ar 2012 E. 3.4, jeweils mit Hin
weisen).
Es ist nur sehr zurückhaltend anzunehmen, dass bei Unterlassung des
Vorbe
scheidverfahrens
eine Heilung der Gehörsverletzung im Beschwerdeverfahren möglich ist (BGE 134 V 97 E. 2.9.2
)
. Es kann nur in speziell gelagerten Aus
nahmefällen auf das
Vorbescheid
verfahren
verzichtet werden (vgl. BGE 134 V 97 E. 2.8.2
und 2.9.1
mit Hinweisen).
Dies ist etwa der Fall, wenn die
die Rück
weisung zur
(
erneuten
)
Durchführung des
Vorbescheidverfahrens
bloss
einem for
malistisc
hen Leerlauf gleichkäme
(
vgl. Bundesgerichtsurteil 9C_769/2019 vom 30. März 2020 E. 2.3)
3.3
Vorliegend stehen n
eben der zwingend vorgeschriebenen Anhörungspflicht
auch die Entlastung der Verwaltungsrechtspflegeorgane sowie die
Kostenlosigkeit des
Vorbescheid
verfahrens
- im Gegensatz zur Kostenpflicht im Gerichtsverfahren - einem Verzicht auf dasselbe entgegen.
Insbesondere
aber
bedeutet eine Rück
weisung keinen formalistischen Leerlauf.
Die Beschwerdeführer
in erlitt verschie
dene Unfälle. In diesem Zusammenhang erbrachte die Suva Leistungen. Die Beschwerdegegnerin geht in der Verfügung vom 14. September 2020 von reinen (somatischen) Unfallfolgen aus
. Zu allfällig psychisch bedingten (unfallfremden) Einschränkungen macht sie keine Ausführungen
(Urk. 2,
vgl. auch
Urk. 8/130/14). Dabei stützt sie sich auf die Einschätzung ihres RAD-Arztes Dr. med.
Y._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie (Urk. 8/130/13). Dieser erwähnt in seiner
(internen)
Stellungnahme
vom 21. November 2019
eine seit 20
02
bestehende Depression, die jedoch keinen Niederschlag in Arbeitsunfähig
keitszeugnissen finde (Urk. 8/130/13). Le
tzteres
trifft so nicht zu. Zumindest in den Berichten von PD Dr. med.
Z._
,
Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie FMH
,
vom 15. Juli 2016 und von Dr.
med.
A._
, Fach
arzt FMH für Allgemeinmedizin,
vom 21. Juli 2016 (Eingangsdatum) wird
nebst somatischen Diagnosen
auf eine depressive Störung hingewiesen
und auch des
wegen eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit attestiert (Urk. 8/79/1-5, 8/80/11-3). Die Beschwerdeführerin behauptet denn auch in der vorliegenden Beschwerde eine über die Unfallfolgen hinausgehende Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus psychischen Gründen
(Urk. 1)
. Im R
ahmen des nachzuholenden
Vorbescheid
verfahren
s
wird sich die Beschwerdegegnerin (auch) dazu zu äussern haben.
3.4
D
ie angefochtene Verfügung
ist demnach in Gutheissung der Beschwerde aufzu
he
ben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist, damit diese ein
Vorbescheidverfahren
durchführe und hernach über
den Rentenanspruch
neu verfüge.
4.
4.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren k
ostenpflichtig. Die Gerichts
kos
ten sind nach dem Verfahrensaufwand und una
bhängig vom Streitwert fest
zule
gen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr.
4
00.-- a
nzusetzen. Entsprechend dem Aus
gang des Verfahrens sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
4.2
Nach § 34 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikos
ten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemes
sen (§ 34 Abs. 3
GSVGer
).
Unter Berücksichtigung der massgebenden Kriterien ist die Prozessentschädigung auf Fr. 1'000.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.