Decision ID: e3a96582-cab7-4423-9828-65c7b75e55ec
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. A._, geb. 1951, mazedonischer Staatsangehöriger, reiste 1983 (Vorakten
Migrationsamt A._, Dossier A, S. 14) – nach eigenen Angaben bereits 1973 – in die
Schweiz ein. Seit 1978 ist er mit seiner Landsfrau B._, geb. 1954, verheiratet (Dossier
A, S. 21). Sie sind die Eltern von C._ (geb. 1978) und D._ (geb. 1980), die seit 1989 in
der Schweiz leben. Die Ehefrau, welche nach einer Ausreise nach Mazedonien wegen
der Schizophrenie ihres Ehemannes zunächst in ihrer Heimat blieb, reiste im Dezember
2003 erneut in die Schweiz ein (Dossier B, S. 6). Alle Familienmitglieder sind in der
Schweiz niederlassungsberechtigt. A._ bezieht eine IV-Rente.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Seit dem Jahr 2000 – nämlich am 25. September 2000 (Dossier A, S. 4 f.), am 18. März
2002 (Dossier A, S. 10 f.) und anfangs März 2003 (Dossier A, S. 8 f. und 12 f.) – sind
mehrere polizeiliche Interventionen im häuslichen Bereich aktenkundig. Aus ihnen
ergibt sich, dass A._ – damals im gleichen Haus wie die Familie seines Sohnes C._
lebend, in deren Wohnung er sich überwiegend aufhielt – seiner Schwiegertochter E._,
die er als krank bezeichnete, verbot, das Haus zu verlassen, und die Läden verschloss,
damit sie nicht nach draussen sehen konnte, und Nachbarn wegen seiner Ansicht nach
falschen Parkierens mit dem Tod bedrohte. Sein Sohn gab an, sich von ihm
unterdrückt zu fühlen. A._ stand in ambulanter psychiatrischer Behandlung, hielt sich
jedoch nicht an die ärztlich verschriebene Medikamentendosierung (Dossier A, S. 19
und 61). Ab Februar 2008 wohnten sämtliche Familienmitglieder im gleichen – eigenen
– Mehrfamilienhaus in X._ (Dossier A, S. 49).
B. Am 26. Mai 2014 stach A._ zuhause mehrfach mit einem Rüstmesser mit einer
sieben Zentimeter langen Klinge auf seine Ehefrau ein. Dabei fügte er ihr zwei – zwei
und drei Zentimeter tiefe – Stichwunden am linken lateralen Rücken, eine Stichwunde
am linken Oberarm und weitere, überwiegend oberflächliche, teils kratzerartige
Hautabtragungen zu (Dossier A, S. 154 f.). Gemäss dem in der Strafuntersuchung
eingeholten psychiatrischen Gutachten vom 30. Juni 2014 (Dossier A, S. 184 ff.) liegt
bei A._ mit grosser Wahrscheinlichkeit eine chronische psychotische Störung,
wahrscheinlich eine schizophrene Störung mit chronischem Verfolgungs- und
Beeinträchtigungserleben im Rahmen eines systematisierten Wahnes vor. Seine
Einsichtsfähigkeit in das Unrecht seines Handelns und in der Folge auch die
Steuerungsfähigkeit waren im Zeitpunkt der Tat mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit aufgehoben. Der Gutachter ging sodann bei fehlender Behandlung
von einem sehr grossen Risiko der Begehung erneuter Straftaten gegen Leib und
Leben der Ehefrau aus. Er empfahl die Anordnung einer stationären therapeutischen
Massnahme mit Vollzug in einer forensisch-psychiatrischen Einrichtung oder einer
allgemeinpsychiatrischen Klinik mit einer gesicherten Station. Am 30. Oktober 2014
stellte das Kreisgericht Wil fest, A._ habe zwar den Tatbestand der versuchten
vorsätzlichen Tötung objektiv und subjektiv erfüllt, sei aber wegen Schuldunfähigkeit
nicht strafbar. Es ordnete eine stationäre Massnahme an, die ab November 2014 in der
Psychiatrischen Klinik Z._ vollzogen wurde (Dossier A, S. 154 und 150 f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C. Mit Verfügung vom 24. August 2015 widerrief das Migrationsamt die
Niederlassungsbewilligung von A._ und ordnete an, dass er die Schweiz nach seiner
Entlassung aus der stationären Massnahme zu verlassen habe (act. 10.1). Am 1. April
2016 wurde A._ ins Spezialwohnheim Y._ in Z._ überwiesen (act. 10.14). Seinen
gegen den Widerruf der Niederlassungsbewilligung erhobenen Rekurs wies das
Sicherheits- und Justizdepartement am 26. September 2016 ab.
D. A._ (Beschwerdeführer) erhob gegen den am 27. September 2016 versandten
Rekursentscheid des Sicherheits- und Justizdepartements (Vorinstanz) durch seine
Rechtsvertreterin mit Eingabe vom 12. Oktober 2016 und Ergänzung vom
15. November 2016 beim Verwaltungsgericht Beschwerde mit den Anträgen, unter
Kosten- und Entschädigungsfolge, eventualiter unter Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege und -verbeiständung, sei der angefochtene Entscheid – allenfalls nach
Befragung der Leiterin Forensik der Psychiatrischen Klinik Z._ zur Störungseinsicht
des Beschwerdeführers und Einholung eines psychologischen Gutachtens zur
Rückfallgefahr – aufzuheben und auf den Widerruf der Niederlassungsbewilligung zu
verzichten.
Mit Vernehmlassung vom 22. November 2016 beantragte die Vorinstanz, die
Beschwerde sei hinsichtlich des Kostenspruchs des angefochtenen Entscheides
gutzuheissen – der Antrag um unentgeltliche Prozessführung sei unberücksichtigt
geblieben – und die Rechtsvertreterin für das Rekursverfahren ausseramtlich mit
CHF 1'600 zuzüglich CHF 64 Barauslagen und CHF 128 Mehrwertsteuer zu

entschädigen. In der Hauptsache beantragte sie unter Verweis auf die Erwägungen im
angefochtenen Entscheid die Abweisung der Beschwerde.
Der Leiter des Amtes für Justizvollzug lehnte am 23. Juni 2017 die Entlassung des
Beschwerdeführers aus der therapeutischen stationären Massnahme ab und ordnete
deren weiteren Vollzug im Spezialwohnheim Y._ an (act. 14). Am 3. April 2018 kam es
– weil sich die Wahndynamik auch auf eine Person ausserhalb des bislang als
gefährdet betrachteten Personenkreises (Frauen der Familie) ausgedehnt hatte – zu
einer Rückverlegung in die Psychiatrische Klinik Z._ zur Krisenintervention (act. 16).
Am 31. Mai 2018 kehrte A._ ins Spezialwohnheim Y._ zurück (act. 19). Im Rahmen
der jährlichen Überprüfung lehnte das Amt für Justizvollzug am 25. Juni 2018 die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bedingte Entlassung aus der Massnahme, die weiterhin im Spezialwohnheim Y._ zu
vollziehen ist, wiederum ab. Für die weitere Vollzugsplanung sei der Ausgang des
migrationsrechtlichen Verfahrens von Bedeutung, jedoch werde – mit Blick auf die
Höchstdauer der Massnahme – bei gutem Vollzugsverlauf die bedingte Entlassung im
Verlauf des Jahres 2019 angestrebt (act. 21). Auf Nachfrage des Gerichtes vom 5. Juli
2018 hin konkretisierte die Vorinstanz am 30. Juli 2018 die Bedeutung des
ausländerrechtlichen Entscheides für die weitere Vollzugsplanung und für eine künftige
Überprüfung des Niederlassungsrechts des Beschwerdeführers (act. 34). Auf die
Möglichkeit, innert angesetzter und bis 7. September 2018 erstreckter Frist Stellung zu
nehmen, verzichtete die Vertreterin des Beschwerdeführers stillschweigend
(act. 24-26).
Auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid und die Ausführungen der
Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge sowie die Akten wird, soweit
wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, VRP). Der
Beschwerdeführer, dessen Rekurs gegen den Widerruf seiner
Niederlassungsbewilligung mit dem angefochtenen Entscheid abgewiesen wurde, ist
zur Ergreifung des Rechtsmittels berechtigt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1
VRP). Die Beschwerde gegen den am 27. September 2016 versandten Entscheid
wurde mit Eingabe vom 12. Oktober 2016 rechtzeitig erhoben und erfüllt zusammen
mit der Ergänzung vom 15. November 2016 formal und inhaltlich die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 und 2 VRP).
Auf die Beschwerde ist somit einzutreten. Dies gilt auch für die nachträglichen Anträge,
zumal einerseits mit der Aufhebung des angefochtenen Entscheides in der
Beschwerdeerhebung vom 27. September 2016 auch die Aufhebung des
Kostenspruches beantragt worden war und anderseits mit der Befragung der Leiterin
Forensik der Kantonalen Psychiatrischen Klinik ein mit der Ergänzung der Beschwerde
zusammenhängender Beweisantrag gestellt wird.
2.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1. Die Niederlassungsbewilligung kann widerrufen werden, wenn der Ausländer in
schwerwiegender Weise gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der Schweiz
oder im Ausland verstossen hat oder diese gefährdet oder die innere oder die äussere
Sicherheit gefährdet (Art. 63 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 63 Abs. 1 Ingress und lit. b
des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer, Ausländergesetz, SR
142.20, AuG). Wie von der Vorinstanz zutreffend festgestellt wurde, liegt ein
schwerwiegender Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung zumeist dann
vor, wenn die ausländische Person durch ihre Handlungen besonders hochwertige
Rechtsgüter, namentlich die körperliche, psychische oder sexuelle Integrität eines
Menschen verletzt oder gefährdet hat (BGE 137 II 297 E. 3.3). Der Widerrufsgrund setzt
– wie jener von Art. 62 Abs. 1 Ingress und lit. c AuG, bei dem von einem erheblichen
oder wiederholten Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung die Rede ist
– kein strafrechtlich vorwerfbares Verhalten voraus (vgl. BGer 2C_74/2011 vom 1. Juli
2011 E. 2.4; Entscheid Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abt. Verfassungs- und
Verwaltungsrecht, vom 9. November 2016 E. 4.3.2, www.baselland.ch/politik-und-
behorden/gerichte/rechtsprechung/kantonsgericht).
Die Verletzungen, welche der Beschwerdeführer seiner Ehefrau am 26. Mai 2014 mit
einem Rüstmesser mit einer sieben Zentimeter langen Klinge zufügte, waren potentiell
lebensbedrohlich. Unmittelbar nach der Tat äusserte er gegenüber der Polizei, er sei
nicht zufrieden, dass er seine Frau nicht umgebracht habe, würde er sie wiedersehen,
würde er sie umbringen (Dossier A, S. 91 und 97). Das Kreisgericht Wil ist in seinem
Urteil vom 30. Oktober 2014 deshalb davon ausgegangen, der Beschwerdeführer habe
den Straftatbestand der versuchten vorsätzlichen Tötung in objektiver wie auch in
subjektiver Hinsicht erfüllt. Der Beschwerdeführer hat damit besonders hochwertige
Rechtsgüter – nämlich die physische Integrität seiner Ehefrau – in schwerwiegender
Weise beeinträchtigt. Es liegt eine schwerwiegende Verletzung der öffentlichen
Sicherheit und Ordnung vor. Hinzu kommt, dass der Beschwerdeführer – wie sich den
Rapporten und Befragungen zu den polizeilichen Interventionen im häuslichen Bereich
und zum Ereignis vom 26. Mai 2014 entnehmen lässt – auch die psychische Integrität
seiner Schwiegertochter in schwerwiegender Weise beeinträchtigt hat und sich selbst
sein Sohn von ihm unterdrückt fühlte. Mittlerweile bestehen auch Anhaltspunkte dafür,
dass sich die Aggressivität des Beschwerdeführers auch gegen Drittpersonen
ausserhalb der Familie richten kann (vgl. act. 21).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dass das Strafgericht wegen der gutachterlich festgestellten psychischen Störung des
Beschwerdeführers – strafrechtlich – von einer vollständig aufgehobenen
Schuldfähigkeit im Sinn von Art. 19 Abs.1 des Schweizerischen Strafgesetzbuches (SR
311.0, StGB) ausging und die Tat deshalb nicht strafbar war, vermag – wie dargelegt –
nichts daran zu ändern, dass – ausländerrechtlich – der Widerrufsgrund gemäss Art. 63
Abs. 1 Ingress und lit. b AuG erfüllt ist.
2.2. Der Beschwerdeführer kann hinsichtlich des Widerrufsgrundes auch daraus, dass
er sich zurzeit in einer stationären Massnahme im Sinn von Art. 59 StGB befindet und
die Niederlassungsbewilligung deshalb gemäss Art. 70 Abs. 1 der Verordnung über
Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (SR 142.201, VZAE) bis zu seiner
Entlassung gültig bleibt, nichts zu seinen Gunsten ableiten. Zum einen stellt – jedenfalls
seit 1. Oktober 2016 (offengelassen für die Zeit vor dem 1. Oktober 2016 in BGer
2C_401/2017 vom 26. März 2018 E. 4.3) – die Anordnung einer stationären Massnahme
nach Art. 59 StGB einen eigenständigen Grund für den Widerruf der
Niederlassungsbewilligung gestützt auf Art. 63 Abs. 1 Ingress und lit. a in Verbindung
mit Art. 62 Abs. 1 Ingress und lit. b Satzteil 2 AuG dar. Zum andern ist gemäss Art. 70
Abs. 2 VZAE das Anwesenheitsverhältnis spätestens auf den Zeitpunkt der bedingten
oder unbedingten Entlassung aus dem Straf- oder dem Massnahmenvollzug neu zu
regeln. Jedenfalls soll vor der Entlassung verfügt werden, damit der Ausländer sein
Leben in Freiheit vorbereiten kann. Es sollte auf eine vernünftige zeitliche Distanz
zwischen der Verfügung und der Entlassung geachtet werden, wobei die Zeitspanne
zwischen der Regelung des künftigen Aufenthalts und der Entlassung aus dem Vollzug
die voraussichtliche Dauer eines Rechtsmittelverfahrens nicht übertreffen sollte (vgl.
BGE 137 II 233 E. 5.2.3 zum früheren Art. 14 Abs. 8 ANAV mit Hinweisen; BGer
2C_733/2012 vom 24. Januar 2013 E. 5; 2C_751/2017 vom 21. Dezember 2017 E. 3.5
mit Hinweisen). Nachdem der mit der stationären Behandlung verbundene
Freiheitsentzug gemäss Art. 59 Abs. 4 Satz 1 StGB in der Regel höchstens fünf Jahre
beträgt und die Vollzugsbehörde eine bedingte Entlassung aus der seit November 2014
vollzogenen stationären Massnahme im Verlauf des Jahres 2019 anstrebt (vgl. act. 21),
kann dieser Richtwert insbesondere unter Berücksichtigung der Möglichkeit einer
bundesgerichtlichen Überprüfung des verwaltungsgerichtlichen Entscheides unter
Gewährung der aufschiebenden Wirkung als eingehalten gelten.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1. Der Widerruf einer Niederlassungsbewilligung muss stets verhältnismässig sein,
was aus Art. 5 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft
(SR 101, BV) hervorgeht und im Anwendungsbereich des Ausländergesetzes in Art. 96
Abs. 1 AuG konkretisiert wird. Greift ein Widerruf der Niederlassungsbewilligung in das
von Art. 13 Abs. 1 BV und Art. 8 Ziff. 1 der Europäischen Konvention zum Schutze der
Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR 0.101, EMRK) geschützte Privat- und
Familienleben ein, ergibt sich das Erfordernis einer Verhältnismässigkeitsprüfung
zudem aus Art. 36 Abs. 3 BV und Art. 8 Ziff. 2 EMRK.
Zur Verhältnismässigkeit führt die Vorinstanz aus, dass aufgrund der anhaltend
bestehenden chronischen wahnhaften Störung bei fehlender Krankheitseinsicht beim
Beschwerdeführer nach wie vor von einer erheblichen Rückfallgefahr in Bezug auf
hochwertige Rechtsgüter auszugehen sei. Eine deliktsorientierte Therapie im engeren
Sinn sei aufgrund des fehlenden Verständnisses für die Krankheit nicht durchführbar
(Entscheid Vorinstanz E. 5b/aa). Zudem habe bereits in der Vergangenheit eine
Unzuverlässigkeit in Bezug auf die Medikamenteneinnahme bestanden und könne –
aufgrund der fehlenden Einsicht – auch zukünftig wieder vorkommen (Entscheid
Vorinstanz E. 5b/dd). Gefährdet seien insbesondere die Ehefrau des
Beschwerdeführers und auch generell die anderen weiblichen Familienangehörigen
(Entscheid Vorinstanz E. 5b/ee). Damit stelle er ein Risiko für seine Ehefrau und die
anderen Frauen der Familie dar, die durch die Nähe des Beschwerdeführers ständig in
einer gewissen Angst leben würden. Der Beschwerdeführer sei spätestens 1983 in die
Schweiz eingereist, wobei dieser – teilweise plausibel – darlege, bereits 1973 eingereist
zu sein. Es sei auf jeden Fall von einer sehr langen Anwesenheit des
Beschwerdeführers auszugehen. Kindheit und Jugendzeit habe er jedoch in seiner
Heimat verbracht und die heimatliche Sprache und die dortigen Sitten und Gebräuche
seien ihm vertraut. Sowohl sprachlich als auch sozial könne – bereits vor der
Massnahme – von keiner weitgehenden Integration gesprochen werden (Entscheid
Vorinstanz E. 5c). Zuletzt führt die Vorinstanz an, dass auch in Mazedonien
psychiatrische Erkrankungen jeder Art behandelt werden könnten und entsprechende
stationäre und ambulante Betreuungsmöglichkeiten bestünden (Entscheid Vorinstanz
E. 5d). Mit einer Wegweisung des Beschwerdeführers verbessere sich somit die
Situation der Frauen der Familie und vor allem der Ehefrau. Dies gelte auch in Bezug
auf die Sicherheit, da durch entsprechende Instruktion der dortigen Klinikleitung oder
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ärztlichen Betreuung erreicht werden könne, dass der Familie und insbesondere der
Ehefrau ein allfälliges Verschwinden beziehungsweise das Verpassen eines Termins
umgehend gemeldet werde (Entscheid Vorinstanz E. 5e). Zusammenfassend würde
somit das öffentliche Interesse am Widerruf der Niederlassungsbewilligung sein
privates Interesse am Verbleib in der Schweiz überwiegen.
Der Beschwerdeführer bringt dagegen vor, dass der Widerruf der
Niederlassungsbewilligung nicht verhältnismässig sei. Ausgangspunkt und Massstab
für die migrationsrechtliche Interessenabwägung sei die Schwere des Verschuldens.
Dabei sei zu berücksichtigen, dass den Beschwerdeführer an der fraglichen Tat
aufgrund der vollständig aufgehobenen Schuldfähigkeit kein Verschulden treffe
(Beschwerdebegründung Rz. 1 f.). Die fehlende Krankheits- und Therapieeinsicht
könne dem Beschwerdeführer nicht angelastet werden, da diese gerade mit seiner
schweren psychischen Krankheit zusammenhänge. Es bestehe bei ihm eine
Zuverlässigkeit in Bezug auf die Medikamenteneinnahme und ein äusserst
kooperatives Verhalten im Rahmen der stationären Massnahme. Es könne daher nicht
von einer Rückfallgefahr beziehungsweise von einer Gefahr für die Frauen in der
Familie ausgegangen werden. Es sei vielmehr so, dass die weiblichen
Familienangehörigen grosse Angst um ihre Sicherheit hätten, wenn der
Beschwerdeführer in seine Heimat zurückmüsste, da eine permanente Überwachung in
Mazedonien nicht gewährleistet werden könne (Beschwerdebegründung Rz. 5-8 und
11). Die Vorinstanz verkenne in Bezug auf Art. 8 EMRK die enge Beziehung zu seinen
volljährigen Söhnen, von denen er aufgrund seiner Krankheit abhängig sei und die ihn
auf eindrückliche Weise unterstützten (Beschwerdebegründung Rz. 3). Der
Beschwerdeführer befinde sich den grössten Teil seines Lebens (das heisst seit 1973)
dauerhaft in der Schweiz, weshalb bei ihm ein gesteigertes privates Interesse am
Verbleib in der Schweiz bestehe. Zudem sei er sprachlich, sozial und beruflich (bis zum
Ausbruch seiner Krankheit) integriert (Beschwerdebegründung Rz. 10 und 14).
3.2. Der Grundsatz der Verhältnismässigkeit fordert, dass die Verwaltungsmassnahmen
zur Verwirklichung des im öffentlichen Interesse liegenden Ziels geeignet und
notwendig sind. Ausserdem muss der angestrebte Zweck in einem vernünftigen
Verhältnis zu den Belastungen stehen, die den Privaten auferlegt werden. Diese
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Interessenabwägung ergibt sich im Bereich des Ausländerrechts explizit aus Art. 96
Abs. 1 AuG.
Bei der Interessenabwägung, welche gemäss Art. 96 Abs. 1 AuG erfolgen muss, sollen
die wesentlichen Umstände des Einzelfalls berücksichtigt werden. Da die Ehefrau,
welche offenbar nach wie vor zum Beschwerdeführer steht, und die beiden Söhne mit
deren Familien, zu denen er nach seinen Angaben eine sehr enge Beziehung pflege
und in einem Abhängigkeitsverhältnis stehe in der Schweiz, ist zudem zu prüfen, ob der
konventionsrechtliche Anspruch auf Achtung des Privat- und Familienlebens nach
Art. 8 Ziff. 1 EMRK zum Tragen kommt. Die Beziehung zwischen Eltern und
erwachsenen Kindern wird vom Anwendungsbereich von Art. 8 Ziff. 1 EMRK erfasst,
wenn ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis besteht, welches über die normalen
affektiven Bindungen hinausgeht (BGE 137 I 154 E. 3.4.2; BGer 2C_408/2013 vom
15. November 2013 E. 4.4). Aus der Begründung zur Verlängerung der stationären
Massnahme vom 25. Juni 2018 ist zu schliessen, dass vorab die Ehefrau des
Beschwerdeführers, aber auch die Schwiegertöchter bei Entlassung des
Beschwerdeführers aus der Massnahme angesichts der naheliegenden Möglichkeit,
dass er sich – als Familienoberhaupt – auch gegen die Absichten seiner Söhne einer
wirksamen medikamentösen Behandlung und ärztlichen Betreuung entziehen würde,
einer erheblichen Gefährdung ausgesetzt. Insbesondere kann nicht davon
ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer, dem die Einsicht in die Krankheit
und die Behandlungsbedürftigkeit fehlt, in absehbarer Zeit zusammen mit seiner
Ehefrau in einem gemeinsamen Haushalt und in der Nähe der Familien seiner Söhne
leben kann.
Zur Beurteilung der Frage, ob der Widerruf der Niederlassungsbewilligung
verhältnismässig ist, sind namentlich die Schwere des Delikts und das Verschulden des
Betroffenen, der seit der Tat vergangene Zeitraum, das Verhalten des Ausländers
während diesem, der Grad seiner Integration beziehungsweise die Dauer der
bisherigen Anwesenheit sowie die ihm und seiner Familie drohenden Nachteile zu
berücksichtigen (BGE 139 I 31 E. 2.3.1, 135 II 377 E. 4.3). Die
Niederlassungsbewilligung eines Ausländers, der sich schon seit langer Zeit hier
aufhält, soll zwar nur mit besonderer Zurückhaltung widerrufen werden, doch ist dies
bei wiederholter beziehungsweise schwerer Straffälligkeit selbst dann nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausgeschlossen, wenn er hier geboren ist und sein ganzes bisheriges Leben im Land
verbracht hat. Bei schweren Straftaten, Rückfall und wiederholter Delinquenz besteht –
überwiegende private oder familiäre Bindungen vorbehalten – auch in diesen Fällen ein
öffentliches Interesse daran, zur Aufrechterhaltung der Ordnung beziehungsweise
Verhütung von (weiteren) Straftaten die Anwesenheit des Ausländers zu beenden (BGE
139 I 31 E. 2.3.1). Dabei muss bei schweren Straftaten zum Schutz der Öffentlichkeit
ausländerrechtlich selbst ein geringes Restrisiko weiterer Beeinträchtigungen der
dadurch gefährdeten Rechtsgüter (Gesundheit, Leib und Leben usw.) nicht in Kauf
genommen werden (BGE 139 I 31 E. 2.3.2).
3.3.
3.3.1. Auch wenn es vorliegend aufgrund der vollständig aufgehobenen Schuldfähigkeit
zu keiner strafrechtlichen Verurteilung gekommen ist, ist die vom Beschwerdeführer
begangene Rechtsgutsverletzung für die Interessenabwägung von erheblicher
Bedeutung. Massgeblich bei der Interessenabwägung ist daher nicht nur die Frage des
strafrechtlichen Verschuldens, sondern auch die Schwere des Delikts. Gemäss
Strafurteil des Kreisgerichts Wil hat der Beschwerdeführer seine Ehefrau zuhause mit
einem Rüstmesser von hinten angegriffen, mehrmals zugestochen und sie dabei
potentiell lebensgefährlich verletzt. Nach seinen Angaben bei der Staatsanwaltschaft
bestand sein Tatplan darin, seine Ehefrau zu erstechen, da er in seiner wahnhaften
Vorstellung davon überzeugt war, sie wolle ihn betrügen und erniedrigen (Dossier A,
S. 154 ff.). Zumal der Widerrufsgrund gemäss Art. 63 Abs. 1 Ingress und lit. b AuG
ausdrücklich auch dann gegeben sein soll, wenn der Straftäter aufgrund seiner
Schuldunfähigkeit nicht bestraft wird (vgl. Botschaft zur Änderung des
Strafgesetzbuchs und des Militärstrafgesetzes [Umsetzung von Art. 121 Abs. 3-6 BV
über die Ausschaffung krimineller Ausländerinnen und Ausländer] vom 26. Juni 2013,
in: BBl 2013 S. 5975 ff., S. 6045), kann der Umstand, dass der Beschwerdeführer die
Tat krankheitsbedingt beging, an der ausländerrechtlichen Bedeutung der Tat auch bei
der Interessenabwägung nichts Grundsätzliches ändern. Die so begangene
Rechtsgutverletzung begründet daher ein gewichtiges öffentliches Interesse an der
Ausreise des Beschwerdeführers aus der Schweiz.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.3.2. Bei der Gewichtung des öffentlichen Interesses ist auch die Rückfallgefahr zu
berücksichtigen. Sie erscheint beim Beschwerdeführer insbesondere nach einer
Entlassung aus der stationären Massnahme in der Schweiz als hoch. Deshalb ist nicht
auszuschliessen, dass das Amt für Justizvollzug, welches bei der Prüfung einer
Verlängerung der Massnahme die Gefährlichkeit des Beschwerdeführers eigenständig
beurteilen wird, den mit der Massnahme verbundenen Freiheitsentzug und damit den
schweren Eingriff in die Grundrechte des Beschwerdeführers eher aufheben kann,
wenn er sich nicht mehr in der Schweiz, sondern in seiner Heimat aufhalten wird.
Während sich an der – im Gutachten vom Sommer 2014 festgestellten –
grundsätzlichen Behandelbarkeit der psychotischen Erkrankung nichts geändert haben
dürfte, erscheint die dem Beschwerdeführer damals attestierte Möglichkeit einer
legalprognostisch wirksamen Besserung angesichts der fortdauernden Uneinsichtigkeit
insbesondere was die dauerhafte nicht überwachte Einnahme von Medikamenten
anbelangt, zunehmend als unwahrscheinlich. Der Bericht der Psychiatrischen Klinik
Z._ vom 10. November 2015 bestätigt, dass die chronisch wahnhaften Gedanken (in
Bezug auf seine Ehefrau und die Frauen in der Familie) dauernd bestehen und der
Beschwerdeführer über keine Störungseinsicht verfügt. Eine deliktorientierte
Behandlung war daher nicht möglich (act. 10.9). Zwar bestand hinsichtlich der
Medikamenteneinnahme im November 2015 eine passive Compliance, und der
Beschwerdeführer hat sich – bis im November 2015 – während des Aufenthalts
jederzeit an die Auflagen gehalten und sich stets kooperativ gezeigt. Noch in der
Anhörung vom 2. Juni 2017 hat der Beschwerdeführer jedoch seine Ehefrau als
"schlechte Frau" bezeichnet und den Wunsch geäussert, keine Medikamente nehmen
zu müssen (act. 12).
Nach dem Verlaufsbericht der Psychiatrie V._ vom 10. April 2018 hält eine gesicherte
neuroleptische Medikation den Beschwerdeführer zwar grundsätzlich auf einem
stabilen Funktionsniveau. Allerdings zeigte er gegenüber einer männlichen
Bezugsperson, welche mit ihm in seiner Muttersprache kommunizierte, Drohgebärden,
weil er sich von ihm beobachtet und geplagt fühlte. Die Kontakte mit ihm verarbeitete
er selbst im geschützten und betreuten Rahmen des Spezialwohnheims und trotz
Medikamentenabgabe zunehmend wahnhaft. Schliesslich versuchte er, ihn zu
schlagen. Die Wahndynamik bezog sich damit auch auf eine Person ausserhalb des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bislang als gefährdet betrachteten Personenkreises (Frauen der Familie). Vor dem
Hintergrund der schizophrenen Grunderkrankung mit wahnhaft paranoider
Dekompensation wurde er deshalb für eine stationäre Krisenintervention in die
Psychiatrische Klinik Z._ verlegt. Zumal die Massnahme seit der Rückverlegung am
31. Mai 2018 wieder im Spezialwohnheim Y._ vollzogen wird (act. 19) und der
Beschwerdeführer sich seither wieder korrekt, absprachefähig und zuverlässig
verhalten hat, kann davon ausgegangen werden, dass – allenfalls – mit einer
Optimierung der Medikation das zuvor vorhandene Gleichgewicht auf niedrig stabilem
Niveau wieder erreicht werden konnte. Allerdings verfügt der Beschwerdeführer nach
wie vor weder über Krankheitseinsicht noch über Einsicht in seine
Behandlungsbedürftigkeit und die Notwendigkeit der Medikation auf Dauer. In der
Folge fehlt auch die Fähigkeit zur deliktsorientierten Bearbeitung. Ohne eine stationäre
Unterbringung mit fachlicher Betreuung besteht die Gefahr, dass Frühwarnzeichen für
neue psychotische Entwicklungen nicht erkannt würden und nicht adäquat darauf
reagiert würde. Da sich diese Beurteilung auch auf die Verfügung des Amts für
Justizvollzug vom 25. Juni 2018 (act. 21) stützen kann, die ihrerseits auf einen
Verlaufsbericht der Psychiatrie V._ vom 10. April 2018 und eine persönliche Anhörung
des Beschwerdeführers und seines Betreuungsumfeldes vom 14. Juni 2018 abstellt,
erübrigt sich eine zusätzliche Befragung der Leiterin Forensik der Psychiatrischen Klinik
Z._ zur Störungseinsicht des Beschwerdeführers.
Die entsprechend der Empfehlung des Gutachters mittlerweile während mehrerer Jahre
durchgeführte psychiatrische und soziotherapeutische Pflege in einer
allgemeinpsychiatrischen Klinik mit einer kontinuierlichen und wirksamen
antipsychotischen Medikation (Dossier A, S. 217 f.) hat nicht zu einer wirksamen
Besserung geführt, die auch ausserhalb der therapeutischen Massnahme auf ein
vergleichbar geringes Rückfallrisiko schliessen lassen dürfte. Selbst die Behandlung
und Betreuung im Spezialwohnheim Y._ (Dossier A, S. 154; act. 10.14) bedarf – wie
die Krise anfangs April 2018 gezeigt hat – einer engmaschigen Begleitung des
Beschwerdeführers. Im Fall eines unerwarteten Entweichens wäre sofort die
Kantonspolizei zu informieren (act. 19). Ohne den unterstützenden und kontrollierenden
Rahmen der stationären Massnahme besteht unverändert eine hohe Rückfallgefahr
(act. 21). Bei fehlender wirksamer Behandlung muss deshalb nach wie vor von einem
sehr hohen Risiko der Begehung erneuter einschlägiger Straftaten gegen Leib und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Leben insbesondere der Ehefrau ausgegangen werden (Dossier A, S. 216). Die
Aggressivität, sei sie physischer oder psychischer Natur, richtet sich aber auch – wie
die Vorgeschichte zeigt – gegen die Schwiegertöchter und – wie die während des
Beschwerdeverfahrens eingetretene Krise manifestiert – selbst gegen Dritte, jedenfalls
soweit sie mit seiner Betreuung betraut sind (vgl. act. 21).
3.3.3. Dass der familiäre Rahmen an Stelle der stationären Unterbringung und
Betreuung die Rückfallgefahr auf einem vergleichbar tiefen Niveau zu halten vermag,
erscheint zweifelhaft (act. 10.9). Die Leiterin Forensik der Psychiatrischen Klinik Z._
äusserte sich anlässlich der Anhörung des Beschwerdeführers am 29. Mai 2017 zwar
anerkennend über den ausgeprägten Familienzusammenhalt mit täglichen Besuchen
von männlichen, sehr verlässlichen Familienangehörigen (act. 12). Angesichts dieser
unbestrittenen Tatsachen erübrigt sich in antizipierter Beweiswürdigung (vgl. BGE 138
III 374 E. 4.3.2, K. Plüss, in: A. Griffel [Hrsg.], Kommentar VRG, 3. Aufl. 2014, N 18 ff. zu
§ 7 VRG-ZH) deren vom Beschwerdeführer in der Beschwerdeergänzung beantragte
erneute Befragung.
Bei einer Entlassung aus der stationären Massnahme ist allerdings davon auszugehen,
dass der Beschwerdeführer in täglichem und wesentlich engerem Kontakt mit seiner
Familie – und damit auch mit den vorab gefährdeten Personen – stünde. Die
Bedeutung der patriarchalisch strukturierten Familie nähme für den Beschwerdeführer
noch weiter zu und es bestünde damit die naheliegende Gefahr, dass sich die
wahnhafte, auf seine Ehefrau und die Schwiegertöchter gerichtete Dynamik seiner
Erkrankung wieder verstärkt. Die Vorgeschichte zeigt, dass seine Söhne – soweit der
Beschwerdeführer nicht in einer stationären Massnahme behandelt wird – nur einen
beschränkten Einfluss auf sein Verhalten haben, sondern vielmehr er ihnen gegenüber
dominant auftritt und sie sich von ihm unterdrückt fühlen. In dieser Situation stünde
auch die zuverlässige tägliche Einnahme der Medikamente in der erforderlichen Dosis
und die zuverlässige Fortführung der ambulanten Therapie – zumal der
Beschwerdeführer in den betreuenden Medizinalpersonen Komplizen seiner Ehefrau
erkennt – auf dem Spiel (vgl. Dossier A, S. 187). Dadurch aber steigt auch die Gefahr
eines Rückfalls erheblich.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.3.4. Die privaten Interessen des Beschwerdeführers am weiteren Verbleib in der
Schweiz erscheinen zwar ebenfalls von einigem Gewicht. Insbesondere sind die
Anwesenheit in der Schweiz seit mindestens 35 Jahren und die wirtschaftliche
Integration des Beschwerdeführers – nach offenbar langjähriger Erwerbstätigkeit heute
aufgrund einer IV-Rente – von Bedeutung. Eine soziale Integration des
Beschwerdeführers über den Kreis seiner Familie hinaus ist nicht ersichtlich, was
indessen wohl – auch – auf seine Erkrankung zurückzuführen ist. Entsprechend ist
auch die sprachliche Integration, zumal er soweit ersichtlich stets unter Beizug eines
Dolmetschers befragt wurde, nicht sehr ausgeprägt. Der Hinweis der Leiterin Forensik
der Psychiatrischen Klinik Z._, der Beschwerdeführer erledige im Spezialwohnheim
Y._ kleinere Ämtli und Haushaltsarbeiten (act. 12), deutet immerhin auf Ansätze einer
kulturellen Integration hin, welche allerdings bei einer Rückkehr in seinen engsten
Familienkreis wohl wieder in Frage gestellt wären. Zu berücksichtigen ist – mit Blick auf
die Ansprüche aus Art. 8 EMRK – auch der Umstand, dass die Ehefrau und die beiden
Söhne mit ihren Familien in der Schweiz niederlassungsberechtigt sind und offenbar
auch seine Brüder in der Schweiz leben. Allerdings darf in diese Rechte eingegriffen
werden, soweit – wie vorliegend – der Eingriff gesetzlich vorgesehen und in einer
demokratischen Gesellschaft insbesondere für die öffentliche Sicherheit, zur Verhütung
von Straftaten oder zum Schutz der Rechte und Freiheiten anderer notwendig ist.
Die räumliche Distanz insbesondere zu den Familienangehörigen, gegen die sich die
Wahnvorstellungen des Beschwerdeführers vorab richten, würde sich mit einer
Rückkehr des Beschwerdeführers in sein Heimatland vergrössern und die Gefahr einer
Rückfalltat damit grundsätzlich verringern, zumal durch Instruktionen ein allfälliges
Verschwinden oder das Verpassen eines Arzttermins umgehend gemeldet werden
könnte. Der Beschwerdeführer hielt sich in den letzten beiden Jahren vor der Tat vom
26. Mai 2014 zeitweilig in seiner Heimat in Mazedonien auf und musste zweimal von
seinen Söhnen dort abgeholt werden (vgl. Dossier A, S. 189). Daraus kann geschlossen
werden, dass der Aufenthaltsort des Beschwerdeführers in Mazedonien bekannt war,
er mit der heimatlichen Sprache und Kultur nach wie vor vertraut ist und nicht
vollständig auf sich allein gestellt war. Ebenso kann davon ausgegangen werden, dass
die Familie den Kontakt mit dem Beschwerdeführer während der Zeit seines
Aufenthalts in Mazedonien aufrechterhalten konnte.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wie von der Vorinstanz zutreffend ausgeführt, bestehen für den Beschwerdeführer
auch im Heimatland stationäre und ambulante Möglichkeiten zur Behandlung seiner
psychischen Krankheit (zum Stand der medizinischen und insbesondere
psychiatrischen Versorgung in Mazedonien BVGer E-3161/2014 vom 21. Juni 2017
E. 6.5.2, D-5796/2017 vom 23. Februar 2018 E. 7.3.3 mit Hinweisen).
3.4. Zusammenfassend erscheinen die öffentlichen Interessen an der Wegweisung
gewichtiger als die privaten Interessen des Beschwerdeführers und seiner Familie an
seinem weiteren Verbleib in der Schweiz. Der vom Beschwerdegegner verfügte und
von der Vorinstanz bestätigte Widerruf der Niederlassungsbewilligung des
Beschwerdeführers erweist sich damit als recht- und verhältnismässig. Die
Beschwerde ist deshalb in der Hauptsache abzuweisen. Jedoch ist dem
übereinstimmenden Antrag von Beschwerdeführer und Vorinstanz entsprechend der
Kostenspruch (Ziffern 2 und 3) des angefochtenen Entscheides vom 26. September
2016 aufzuheben und dem Beschwerdeführer für das Rekursverfahren vor der
Vorinstanz die unentgeltliche Rechtspflege und -verbeiständung durch die
Rechtsvertreterin zu gewähren.
4. Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des Beschwerde-
und des Rekursverfahrens vom Beschwerdeführer zu tragen. Für das
Beschwerdeverfahren erscheint eine Entscheidgebühr von CHF 2'000 angemessen
(Art. 7 Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Die von der Vorinstanz für
das Rekursverfahren festgesetzte Gebühr von CHF 1'000 liegt im Rahmen des ihr bei
deren Festlegung zustehenden Ermessensspielraums (Nr. 10.01 des Gebührentarifs für
die Kantons- und Gemeindeverwaltung, sGS 821.5). Sie gehen zufolge Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege – der Beschwerdeführer erscheint bedürftig und das
Rechtsbegehren nicht als aussichtslos – zulasten des Staats. Auf die Erhebung ist zu
verzichten (Art. 95 Abs. 3 VRP).
Dem Beschwerdeführer ist die unentgeltliche Rechtsverbeiständung zu gewähren und
Rechtsanwältin Corina P. Omlin-Schmid, Wil, zu seiner Rechtsbeiständin zu bestellen.
Sie ist für das Rekurs- und das Beschwerdeverfahren je mit CHF 1'600 – 80 Prozent
einer vollen Entschädigung (vgl. Art. 31 Abs. 3 des Anwaltsgesetzes, sGS 963.70) von
CHF 2'000 – zuzüglich CHF 80 Barauslagen (vier Prozent von CHF 2'000) und – die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anwaltlichen Leistungen wurden im Wesentlichen vor dem 1. Januar 2018 erbracht –
acht Prozent Mehrwertsteuer zu entschädigen (vgl. Art. 19, Art. 22 Abs. 1 Ingress und
lit. a und b, Art. 28 Abs. 1 und Art. 29 der Honorarordnung für Rechtsanwälte und
Rechtsagenten, sGS 963.75, HonO; Ziff. 2.1 der MWST-Info 19 zur
Steuersatzänderung per 1. Januar 2018, www.estv. admin.ch).