Decision ID: 62ec7820-7d25-4205-970e-e20edbb44b5a
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im März 2018 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sie gab an, sie habe in ihrem Herkunftsland eine
Ausbildung zur B._ absolviert. Seit dem Jahr 2015 leide sie an Nerven
zusammenbrüchen. Die Arbeitgeberin berichtete im Mai 2018 (IV-act. 11), die
Versicherte arbeite seit Juni 2002 für sie als C._. Seit Juli 2011 betrage das Pensum
60 Prozent. Der Psychiater Dr. med. D._ teilte der IV-Stelle im November 2018 mit
(IV-act. 25), die Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven Störung mit einer
gegenwärtig schweren Episode und psychotischen Symptomen (Differentialdiagnose:
Schizo-affektive Störung) bei verschiedenen psychosozialen Belastungsfaktoren,
namentlich einer chronischen Krankheit des Sohnes, einem Status nach dem Suizid
eines Bruders und mehreren psychisch kranken Geschwistern. Sie habe die
Arbeitsbelastung immer weniger ertragen. Im Februar 2018 habe sie bei der bisherigen
Arbeitgeberin einen Arbeitsversuch mit einem Pensum von 20 Prozent in einem
geschützten Rahmen beginnen können. Dieser Versuch sei aber gescheitert; sie habe
zweimal bei der Arbeit dekompensiert. Mit einer Mitteilung vom 30. November 2018
wies die IV-Stelle das Begehren um berufliche Eingliederungsmassnahmen mit der
Begründung ab, aufgrund des aktuellen Gesundheitszustandes der Versicherten seien
derzeit keine beruflichen Massnahmen möglich (IV-act. 29).
A.a.
Im August 2019 berichtete Dr. D._ über einen stationären Verlauf bei einer eher
negativen Prognose (IV-act. 42). Die Versicherte füllte im August 2019 einen
Fragebogen „zur Rentenabklärung betreffend Erwerbstätigkeit/Haushalt“ aus (IV-act.
45). Sie gab an, sie wäre ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung in einem Pensum von
60 Prozent erwerbstätig. Sie werde demnächst nochmals einen Versuch in einem
A.b.
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Pensum von 20 Prozent wagen. Ihr Ehemann beziehe eine Rente von 2’878 Franken;
sie erhalte eine Arbeitslosenentschädigung von 2’700 Franken. Die Wohnungsmiete
betrage 1’650 Franken; die Krankenkassenprämien beliefen sich auf 1’510 Franken. Es
bestünden Kreditschulden von 3’000 Franken. Die beiden Kinder (Jahrgang 200_ und
200_; vgl. IV-act. 2) lebten zusammen mit den Ehegatten in der Wohnung. Den
Fragebogen habe sie mit der Hilfe einer Freundin ausgefüllt. Im Auftrag der IV-Stelle
erstattete die Medexperts AG am 1. Oktober 2020 ein bidisziplinäres – orthopädisches
und psychiatrisches – Gutachten (IV-act. 62). Der orthopädische Sachverständige hielt
fest, der objektive klinische Befund sei weitestgehend unauffällig gewesen.
Diagnostisch liege nur ein leicht ausgeprägtes myofasciales Schmerzsyndrom, vor
allem im Bereich der Halswirbelsäule vor. Die Versicherte sollte deshalb keine
schweren Lasten heben oder tragen und auch keine repetitiven Bewegungen der
Wirbelsäule beziehungsweise des Kopfes ausführen. Die angestammte Tätigkeit sei als
nicht ideal leidensadaptiert zu qualifizieren. Für diese Tätigkeit sei ein
Arbeitsunfähigkeitsgrad von 20 Prozent zu attestieren. Körperlich leichte bis
gelegentlich mittelschwere, wechselbelastende Tätigkeiten ohne Heben und Tragen
von Lasten über 10kg, ohne Zwangspositionen der Wirbelsäule, ohne
Überkopftätigkeiten und ohne Rotations- oder Inklinationsbewegungen des
Achsenskeletts seien uneingeschränkt zumutbar. Für die Haushalttätigkeiten sei eine
generelle Einschränkung von zehn bis maximal 15 Prozent zu attestieren. Der
psychiatrische Sachverständige führte aus, die Versicherte habe die Fragen
weitestgehend selbst und auf Deutsch beantworten wollen. Dabei habe sich gezeigt,
dass sie zwar über Grundkenntnisse der deutschen Sprache verfüge, teilweise die
Fragen aber nicht ganz korrekt verstanden und entsprechend doch die Hilfe der
Dolmetscherin benötigt habe. Während der ganzen Untersuchung habe die Versicherte
psychomotorisch unruhig gewirkt. Sie habe aber kein dysfunktionales Schmerz- oder
Schonverhalten gezeigt. Die Untersuchung sei nicht durch Auffassungs- oder
Konzentrationsstörungen beeinträchtigt gewesen. Das Sprechtempo und der Wortfluss
hätten insgesamt etwas beschleunigt und aufgeregt gewirkt. Eine wesentliche
Ermüdung habe nicht festgestellt werden können. Im inhaltlichen Denken hätten sich
ausgeprägte Befürchtungen und Ängste in Bezug auf alltägliche Ereignisse gezeigt, die
zum Teil auch von der Versicherten selbst als unsinnig anerkannt worden seien. Diese
generalisierten Befürchtungen seien von körperlichen Beschwerden wie Zittern,
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Anspannung, Herzrasen, Bauchschmerzen und Atemnot begleitet und hätten ein
angstbedingtes Vermeidungsverhalten zur Folge. Während der Untersuchung hätten
diese vegetativen Symptome allerdings nicht beobachtet werden können. In der
Grundstimmung habe die Versicherte insgesamt belastet, unsicher und gedrückt
gewirkt. Die negativen und unsicheren Affekte seien im Untersuchungsgespräch
spürbar gewesen. Die Schwingungsfähigkeit sei eingeschränkt gewesen. Der Antrieb
sei vermindert gewesen. Diagnostisch lägen eine generalisierte Angststörung und eine
mittelgradige depressive Episode ohne psychotische Symptome vor. Die Kriterien für
die Diagnose einer Wahnstörung seien nicht erfüllt, da die Versicherte die Ursachen
ihrer Ängste als unsinnig erkenne und folglich nicht an einer Realitätsverkennung leide.
Auch die Kriterien für die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung seien nicht erfüllt. Die
Laboranalyse habe die Einnahme der vom behandelnden Psychiater verordneten
Psychopharmaka bestätigt. Die Versicherte habe von der bisherigen Behandlung
allerdings kaum profitieren können. Grundsätzlich sei eine Intensivierung der
Behandlung klar zu empfehlen. Jedoch lägen Umstände vor, die den Erfolg einer
stationären Behandlung erschweren würden (z.B. niedriges Bildungsniveau,
Sprachbarriere). Allenfalls könnte die Versicherte von einem Medikamentenwechsel
profitieren. Die Prognose sei insgesamt schwierig abzuschätzen, dürfte aber eher
ungünstig sein. Retrospektiv sei ab November 2018 von einer Arbeitsunfähigkeit von 50
Prozent in der angestammten Tätigkeit als Reinigungskraft auszugehen. Für eine ideal
leidensadaptierte Tätigkeit sei ein Arbeitsfähigkeitsgrad von mindestens 60 Prozent zu
attestieren. Diese Arbeitsfähigkeitsschätzung gelte auch für die Tätigkeit im eigenen
Haushalt. Nach der Konsensbesprechung attestierten die Sachverständigen für die Zeit
ab November 2018 einen Arbeitsfähigkeitsgrad von 60 Prozent für ideal
leidensadaptierte Tätigkeiten sowie für die Tätigkeit im eigenen Haushalt. Der
Psychiater Dr. med. E._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD)
qualifizierte das bidisziplinäre Gutachten als überzeugend (IV-act. 64).
Ein Sachbearbeiter der IV-Stelle notierte im November 2020 (IV-act. 68 f.), aus
gehend vom zuletzt erzielten Erwerbseinkommen von 54’807 Franken als Validen
einkommen und 60 Prozent des statistischen Zentralwertes der Hilfsarbeiterinnenlöhne
(54’576 Franken × 60% = 32’746 Franken) resultiere im Erwerbsbereich ein
Invaliditätsgrad von 40,25 Prozent. Da die Versicherte im fiktiven „Gesundheitsfall“ zu
A.c.
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B.
60 Prozent erwerbstätig wäre, betrage der Teilinvaliditätsgrad für den Erwerbsbereich
24 Prozent (= 60% × 40%). Der Gesamtaufwand für die Haushaltsbesorgung belaufe
sich auf höchstens 372 Minuten pro Tag. Die Einschränkung von maximal 40 Prozent
entspreche folglich einer Einschränkung von höchstens 149 Minuten pro Tag. Nach
dem Abzug der „Schadenminderungs- und Mitwirkungspflicht der Angehörigen“ von 90
Minuten pro Tag verbleibe noch eine Einschränkung von 59 Minuten pro Tag respektive
von 16 Prozent. Für den Aufgabenbereich Haushalt resultiere damit ein
Teilinvaliditätsgrad von sechs Prozent (= 40% × 16%). Der Gesamtinvaliditätsgrad
belaufe sich auf 24 + 6 = 30 Prozent, weshalb das Rentenbegehren abzuweisen sei. Mit
einem Vorbescheid vom 17. November 2020 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit,
dass sie die Abweisung des Rentenbegehrens mangels eines rentenbegründenden
Invaliditätsgrades vorsehe (IV-act. 70). Dagegen liess die nun anwaltlich vertretene
Versicherte am 8. Februar 2021 einwenden (IV-act. 78), da die beiden Kinder
mittlerweile selbständig seien, wäre sie im fiktiven „Gesundheitsfall“ zu 90 Prozent
erwerbstätig. Bei der Berechnung des Invaliditätsgrades müsse ein „Leidens- und
Teilzeitabzug“ von 20 Prozent berücksichtigt werden. Mit einer Verfügung vom 11.
Februar 2021 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren ab (IV-act. 79). Bezugnehmend
auf die Einwände der Versicherten hielt sie fest, die Aufteilung zwischen Erwerbs- und
Aufgabenbereich habe sich an der Aussage der Versicherten orientiert und sei folglich
korrekt. Ein Teilzeitabzug sei nicht zu berücksichtigen, da Hilfsarbeiterinnen in einem
Teilpensum statistisch proportional mehr verdienten als Hilfsarbeiterinnen in einem
Vollpensum. Berücksichtige man einen „Leidensabzug“ von zehn Prozent, resultiere ein
nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad von 34 Prozent.
Am 17. März 2021 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 11. Februar 2021 erheben (act. G 1). Ihre
Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die
Zusprache einer Rente bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 Prozent. Zur
Begründung führte sie aus, die beiden Kinder seien mittlerweile erwerbstätig. Damit sei
offensichtlich, dass sie weniger Betreuung benötigten. Aufgrund der angespannten
finanziellen Lage der Familie hätte die Beschwerdeführerin ihr Pensum weiter
ausgebaut, wenn sie gesund geblieben wäre. Bei einer vollzeitigen Erwerbstätigkeit im
B.a.
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Erwägungen
1.
Da dieses Beschwerdeverfahren die Überprüfung der angefochtenen Verfügung auf
deren Rechtmässigkeit bezweckt, muss sein Gegenstand jenem des vorangegangenen
Verwaltungsverfahrens entsprechen. Dieses hat sich nach der Abweisung des
Begehrens um berufliche Massnahmen am 30. November 2018 auf die Frage nach
einem Rentenanspruch der Beschwerdeführerin für die Zeit ab dem 1. September 2018
(vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG) beschränkt. In diesem Beschwerdeverfahren ist folglich zu
prüfen, ob die Beschwerdeführerin ab dem 1. September 2018 einen Anspruch auf eine
Rente der Invalidenversicherung hat.
2.
Gemäss dem Art. 28 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit
nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder
verbessern kann, die während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch
fiktiven „Gesundheitsfall“ resultiere ein Invaliditätsgrad von 40 Prozent. Angesichts der
gesundheitsbedingten Einschränkungen, der fehlenden Ausbildung, der geringen
Sprachkenntnisse und des Alters müsse ein zusätzlicher Abzug von 20 Prozent
berücksichtigt werden.
Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 21. Mai 2021
die Abweisung der Beschwerde (act. G 7). Zur Begründung führte sie an, die
Beschwerdeführerin habe im entsprechenden Fragebogen angegeben, dass sie ohne
die Gesundheitsbeeinträchtigung zu 60 Prozent erwerbstätig wäre. Da sie den
Fragebogen mit der Hilfe einer Freundin ausgefüllt habe, sei davon auszugehen, dass
sie die entsprechende Frage verstanden habe. Diese „Aussage der ersten Stunde“
habe einen höheren Beweiswert als die späteren Angaben. Ein Abzug vom
Tabellenlohn sei nicht gerechtfertigt.
B.b.
Am 18. Juni 2021 wurde der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege
bewilligt (act. G 10).
B.c.
Die Beschwerdeführerin liess am 10. September 2021 an ihren Anträgen festhalten
(act. G 14). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 16).
B.d.
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durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem
Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, einen Anspruch auf eine
Rente der Invalidenversicherung. Für die Bemessung der Invalidität wird in der Regel
nach Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen,
das die versicherte Person nach dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung und
nach der Durchführung der zumutbaren Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei einer
ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu jenem
Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben wäre.
In Abweichung von dieser generellen Regel wird die Invalidität gemäss dem Art. 28a
Abs. 2 IVG bei nicht erwerbstätigen Versicherten, die im Aufgabenbereich tätig sind
und denen die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit nicht zugemutet werden kann, anhand
eines sogenannten Betätigungsvergleichs ermittelt. Bei einer versicherten Person, die
nur zum Teil erwerbstätig ist, wird der Invaliditätsgrad laut dem Art. 28a Abs. 3 IVG für
diesen Teil mittels eines Einkommensvergleichs im Sinne des Art. 16 ATSG berechnet.
Ist die versicherte Person daneben im Aufgabenbereich tätig gewesen, wird der
Invaliditätsgrad für jenen Teil nach Art. 28a Abs. 2 IVG berechnet. Die beiden
Ergebnisse sind nach dem Anteil des Erwerbs- und Aufgabenbereichs zu gewichten
und zu addieren (sog. gemischte Methode; vgl. auch Art. 27 IVV).
3.
bis
Massgebend für die Beantwortung der Frage, ob eine versicherte Person als voll,
teil- oder nicht erwerbstätig zu qualifizieren ist, ist gemäss der bundesgerichtlichen
Auffassung (vgl. etwa BGE 144 I 28 E. 2.3 S. 30 f. mit Hinweisen), wie sich die
versicherte Person unter Berücksichtigung sämtlicher Umstände des konkreten
Einzelfalls hypothetisch verhalten würde, wenn sie gesund wäre. Die
Beschwerdegegnerin misst allerdings regelmässig der Angabe der versicherten Person
bezüglich ihres Pensums im fiktiven „Gesundheitsfall“ ein besonders hohes Gewicht
zu. Das widerspricht nicht nur dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung, der es
verbietet, verschiedenen Beweismitteln in Abhängigkeit von deren Herkunft einen
unterschiedlichen Beweiswert zuzuerkennen und die Beweismittel damit
gewissermassen in verschiedene „Klassen“ einzuteilen, sondern es ist auch nicht
einzusehen, weshalb gerade die Angabe der versicherten Person das Beweismittel mit
dem höchsten Beweiswert sein soll, da doch die Beschwerdegegnerin diesem
Beweismittel in allen anderen Fragen (gesundheitliche Probleme und Beschwerden,
Arbeitsfähigkeit etc.) kaum einen Beweiswert beimisst. Es ist nicht nachvollziehbar,
dass der Beweiswert der Angaben der versicherten Person in Bezug auf eine einzige
3.1.
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Frage absolut und in Bezug auf alle anderen Fragen zu ignorieren sein soll. Zudem
zeigt die Erfahrung, dass die Versicherten oft nicht in der Lage sind, die Frage nach
dem Pensum im fiktiven „Gesundheitsfall“ richtig zu verstehen und das zur
Beantwortung dieser Frage, wenn sie denn verstanden worden ist, erforderliche hohe
Abstraktionsvermögen aufzubringen. Das zeigt der vorliegende Fall beispielhaft: Der
psychiatrische Sachverständige hat ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die
Beschwerdeführerin versucht habe, seine Fragen selbst auf Deutsch zu beantworten,
ohne die Hilfe der anwesenden Dolmetscherin in Anspruch zu nehmen, dass ihr das
aber nur teilweise gelungen sei. Wiederholt habe sie Fragen nicht richtig verstanden,
sodass dann doch die Dolmetscherin habe beigezogen werden müssen. Das beweist,
dass die Beschwerdeführerin mit wesentlichen sprachlichen
Verständigungsschwierigkeiten zu kämpfen hatte. Der Behauptung der
Beschwerdegegnerin, die Beschwerdeführerin habe die Frage nach dem Pensum im
fiktiven „Gesundheitsfall“ in ihrer ganzen Tiefe und Tragweite richtig erfasst und
verstanden, fehlt deshalb jede Überzeugungskraft. Daran ändert der Umstand nichts,
dass eine Freundin, die ihrem Namen nach aus dem selben Herkunftsland wie die
Beschwerdeführerin stammt, dieser beim Ausfüllen des Fragebogens geholfen hat. Die
Beschwerdegegnerin hat zudem nicht versucht abzuklären, ob diese Freundin in der
Lage gewesen ist, die Frage richtig zu verstehen und sie für die Beschwerdeführerin zu
„übersetzen“. Die Antwort der Beschwerdeführerin zeigt, dass sie das notwendige
Abstraktionsvermögen nicht hat aufbringen können. Sie hat sich nämlich lediglich in die
Zeit vor der Exazerbation der psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung
zurückversetzt, in der sie ihre bisherige Tätigkeit mit einem Pensum von 60 Prozent
noch hatte uneingeschränkt ausüben können. Sie hat also genau genommen nicht die
Frage beantwortet, in welchem Pensum sie erwerbstätig gewesen wäre, wenn sie
gesund wäre, sondern sie hat vielmehr die Frage beantwortet, in welchem Pensum sie
erwerbstätig gewesen ist, bevor sie arbeitsunfähig geworden ist. Die Angabe der
Beschwerdeführerin im Fragebogen hat folglich für die Beantwortung der Frage, in
welchem Pensum sie im fiktiven „Gesundheitsfall“ erwerbstätig gewesen wäre, keinen
Beweiswert. Der fehlende Beweiswert kann nicht durch die Regel, wonach die
„Aussage der ersten Stunde“ immer besonders überzeugend sei, kompensiert werden,
denn diese Regel bietet nur eine Lösung für den Fall an, dass eine versicherte Person
zwei grundsätzlich gleichermassen überzeugende, aber inhaltlich differierende
Angaben gemacht hat („Patt-Situation“). Hier liegen aber zwei inhaltlich differierende
Angaben der Beschwerdeführerin vor, von denen eine aus den soeben dargelegten
Gründen überhaupt nicht überzeugend ist. Zudem hat es sich bei der nicht
überzeugenden, zeitlich ersten Angabe der Beschwerdeführerin zum Pensum im
fiktiven „Gesundheitsfall“ gar nicht um eine „Aussage der ersten Stunde“ im Sinne der
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bundesgerichtlichen Auffassung gehandelt, da sie ja nicht in „der ersten Stunde“,
sondern erst lange nach dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung gemacht
worden ist, als die Beschwerdeführerin sich schon längst auf eine „strategisch-taktisch
kluge“ Vorgehensweise bezüglich der zu erwartenden Fragen der Beschwerdegegnerin
hätte vorbereiten können. Bei einer gesetzeskonformen freien Beweiswürdigung kann
nicht massgebend sein, welches die zeitlich erste Antwort auf eine Frage gewesen ist,
sondern nur, welche Antwort die höchste Überzeugungskraft aufweist. Hier weist keine
Angabe der Beschwerdeführerin einen ausreichenden Beweiswert auf, denn die zeitlich
erste Antwort hat sich auf eine falsch verstandene Frage bezogen und die späteren
Antworten auf dieselbe Frage könnten wesentlich von versicherungsrechtlichen
Überlegungen geprägt gewesen sein. Die Frage nach dem Pensum der
Beschwerdeführerin im fiktiven „Gesundheitsfall“ muss also anhand der gesamten
Umstände des konkreten Einzelfalls beantwortet werden.
Die Beschwerdeführerin hat ihre letzte Arbeitsstelle weniger als zwei Jahre nach
der Geburt des ersten Kindes angetreten und sie ist auch nach der Geburt des zweiten
Kindes weiterhin erwerbstätig gewesen. Ihr Ehemann ist seit Jahren berentet und
erzielt nur tiefe Renteneinnahmen sowie Ergänzungsleistungen von insgesamt weniger
als 3’000 Franken pro Monat, weshalb mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht, dass die Familie aus finanziellen Gründen
auf ein möglichst hohes Erwerbseinkommen der Beschwerdeführerin angewiesen und
dass diese deshalb gezwungen gewesen ist, trotz ihren Betreuungspflichten gegenüber
den beiden Kleinkindern einer ausserhäuslichen Erwerbstätigkeit nachzugehen. Wäre
sie gesund geblieben, hätte die EL-Durchführungsstelle ein hypothetisches
Erwerbseinkommen der Ehefrau entsprechend einem Vollpensum angerechnet, sodass
die Beschwerdeführerin gezwungen gewesen wäre, einer vollzeitigen Erwerbstätigkeit
nachzugehen. Beim Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung im Jahr 2015 ist das
jüngere Kind erst 1_ Jahre alt gewesen. Im Zeitpunkt der Eröffnung der angefochtenen
Verfügung am 11. Februar 2021 ist es über 1_ Jahre alt gewesen. Im Sommer 2020
hatte es eine Berufslehre angetreten. Das bedeutet, dass der Betreuungsaufwand im
hier massgebenden Zeitraum zwischen dem frühestmöglichen Rentenbeginn und der
Eröffnung der angefochtenen Verfügung wesentlich tiefer als noch am letzten effektiven
Arbeitstag der Beschwerdeführerin mehr als fünf Jahre früher gewesen ist. Im fiktiven
„Gesundheitsfall“ hätte die familiäre Situation also einer Erhöhung des Arbeitspensums
auf ein Vollpensum nicht entgegen gestanden. Eine Sachbearbeiterin der
Beschwerdegegnerin hat im März 2021 notiert (IV-act. 82), die Arbeitgeberin der
Beschwerdeführerin stelle erfahrungsgemäss keine Reinigungskräfte in einem Pensum
von mehr als 80 Prozent an. Diese Behauptung ist ungeachtet ihres Wahrheitsgehaltes
3.2.
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4.
irrelevant, denn für die Bemessung des Invaliditätsgrades sind nicht die Verhältnisse
auf dem tatsächlichen, sondern vielmehr jene auf dem allgemeinen und ausgeglichenen
Arbeitsmarkt massgebend, der sich unter anderem durch ein so hohes Angebot an
geeigneten Vollzeitstellen auszeichnet, dass jede versicherte Person, die eine Stelle
sucht, auch eine findet. Die Beschwerdeführerin hätte auf dem allgemeinen und
ausgeglichenen Arbeitsmarkt also (fiktiv) problemlos die Arbeitsstelle wechseln und für
einen anderen Arbeitgeber in einer adaptierten Tätigkeit in einem Vollzeitpensum tätig
sein können. Auch das Argument, wenn die Beschwerdeführerin (ihren eigenen
Angaben zufolge) täglich drei Stunden für die Nahrungszubereitung verwende, habe sie
keine Kapazität für eine vollzeitliche ausserhäusliche Erwerbstätigkeit, überzeugt nicht,
denn nichts spricht dagegen, dass die Beschwerdeführerin den Aufwand für die
Nahrungszubereitung reduziert hätte, wenn sie das Pensum ihrer ausserhäuslichen
Erwerbstätigkeit im fiktiven „Gesundheitsfall“ erhöht hätte. Zwar erweist sich das dritte
Argument der Sachbearbeiterin, die Erwerbstätigkeit der Kinder trage zu einer
Entspannung der finanziellen Lage bei, grundsätzlich zu, zumindest solange sich die
Kinder nicht entschliessen, aus der elterlichen Wohnung auszuziehen. Aber es wäre
sehr ungewöhnlich, wenn die fiktiv „gesunde“ Beschwerdeführerin weiterhin nur
teilweise ausserhäuslich erwerbstätig geblieben, auf entsprechende Mehreinnahmen
verzichtet und ihre Kinder angehalten hätte, den finanziellen Mangel durch deren
eigene Einnahmen zu ersetzen. Vielmehr hätte die Beschwerdeführerin ihr Pensum –
wie bereits in der Vergangenheit – weiter gesteigert. Gar nichts spricht gegen die
wirtschaftlich höchst sinnvolle und notwendige Erhöhung auf ein Vollpensum im fiktiven
„Gesundheitsfall“. Der Invaliditätsgrad ist deshalb anhand eines reinen
Einkommensvergleichs im Sinne des Art. 16 ATSG zu berechnen.
Die Beschwerdeführerin ist vor dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung als
Hilfsarbeiterin tätig gewesen, da sie über keinen in der Schweiz anerkannten Berufs
abschluss verfügt hat. An ihrer letzten Arbeitsstelle hat sie einen über dem statistischen
Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne liegenden Lohn erzielt. Den Grund dafür hat
nicht eine überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit, sondern eine
invalidenversicherungsrechtlich irrelevante Zufälligkeit gebildet, nämlich der Umstand,
dass die Beschwerdeführerin im öffentlichen Sektor tätig gewesen ist. Dieser Umstand
muss bei der Invaliditätsbemessung ausgeblendet werden. Würde man bei der
Festsetzung des Valideneinkommens auf den Lohn im öffentlichen Sektor und bei der
Festsetzung des Invalideneinkommens auf jenem im privaten Sektor abstellen, würde
man Äpfel mit Birnen vergleichen. Entweder müssen beide Vergleichseinkommen unter
4.1.
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Berücksichtigung der Verdienstaussichten im privaten und öffentlichen Sektor oder
aber beide Vergleichseinkommen ausgehend von den Verdienstaussichten im privaten
Sektor ermittelt werden. Das Bundesgericht vertritt die Auffassung, dass der öffentliche
Sektor ausgeblendet werden müsse. Die Validenkarriere der Beschwerdeführerin muss
deshalb jene einer Hilfsarbeiterin sein und das Valideneinkommen muss dem
statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne im privaten Sektor entsprechen.
Die Sachverständigen der Medexperts AG haben nach einer umfassenden
Untersuchung der Beschwerdeführerin und eingehenden Aktenwürdigung anhand der
von ihnen erhobenen objektiven klinischen Befunde überzeugend begründet eine
Arbeitsunfähigkeit von 40 Prozent für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten attestiert. Auf
dem allgemeinen und ausgeglichenen Arbeitsmarkt hätte die Beschwerdeführerin eine
ideal leidensadaptierte und durchschnittlich entlöhnte Hilfsarbeit gefunden. Der
Ausgangswert des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens entspricht
folglich dem statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne und damit dem
Valideneinkommen, weshalb der Betrag bei der Berechnung des Invaliditätsgrades
mathematisch keine Rolle spielen kann. Der Invaliditätsgrad ist also anhand eines
sogenannten Prozentvergleichs zu berechnen, das heisst er entspricht dem
Arbeitsunfähigkeitsgrad, korrigiert um einen allfälligen dem sogenannten
Tabellenlohnabzug analogen Abzug. Ein solcher Abzug wird berücksichtigt, wenn
davon ausgegangen werden muss, dass die versicherte Person ihre Arbeitsfähigkeit
nicht mit demselben ökonomischen Erfolg verwerten kann wie eine gesunde, im selben
Pensum tätige Person. Das ist der Fall, wenn anzunehmen ist, dass ein strikt
ökonomisch-betriebswirtschaftlich denkender, also keinen Soziallohn ausrichtender
Arbeitgeber der versicherten Person keinen durchschnittlichen, sondern nur einen
unterdurchschnittlichen Lohn ausbezahlen wird, um seinen aus der Anstellung der
versicherten Person resultierenden „Arbeitsmehrwert“ – die Differenz zwischen dem
ökonomischen Wert der Arbeitsleistung für den Arbeitgeber und den direkten und
indirekten Lohn- und Lohnnebenkosten – auf einen durchschnittlichen Betrag zu
erhöhen. Kann eine versicherte Person nur einen unterdurchschnittlichen
ökonomischen Mehrwert generieren oder sind die indirekten Lohnkosten oder die
Lohnnebenkosten überdurchschnittlich hoch, resultiert für den Arbeitgeber nämlich nur
ein unterdurchschnittlicher „Arbeitsmehrwert“. Ein strikt betriebswirtschaftlich
operierender Arbeitgeber wird das nicht hinnehmen, sondern diese „Einbusse“ auf den
Arbeitnehmer überwälzen, indem er diesem nur einen unterdurchschnittlichen Lohn
bezahlt, sodass für den Arbeitgeber ein durchschnittlicher „Arbeitsmehrwert“ resultiert.
Ein Arbeitgeber müsste bei der Anstellung der Beschwerdeführerin mit
depressionsbedingt überdurchschnittlich starken Schwankungen der Arbeitsleistung
rechnen und das Risiko von überdurchschnittlich vielen krankheitsbedingten Absenzen
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einkalkulieren. Zudem würde er die Beschwerdeführerin nicht so flexibel wie eine
gesunde Hilfsarbeiterin einsetzen können, da die Beschwerdeführerin weder in der
Lage wäre, sich rasch genug auf eine neue Tätigkeit einzustellen, noch fähig wäre,
auch nur vorübergehend Überstunden respektive mehr als das maximal zumutbare
Arbeitspensum von 60 Prozent zu leisten. Diesen Risiken und Einschränkungen ist mit
einem dem Tabellenlohnabzug analogen Abzug von maximal 15 Prozent Rechnung zu
tragen. Der Invaliditätsgrad beträgt also maximal 49 Prozent (= 100% – 85% × 60%).
Folglich hat die Beschwerdeführerin einen Anspruch auf eine Viertelsrente.
Selbst wenn der Invaliditätsgrad anhand der gemischten Methode zu berechnen
wäre, hätte die Beschwerdeführerin einen Anspruch auf eine Viertelsrente. Sie ist
gemäss dem überzeugenden Gutachten der Medexperts AG nämlich auch im
Aufgabenbereich Haushalt zu 40 Prozent eingeschränkt. Augenscheinlich müsste bei
einer Einschränkung von 40 Prozent im Erwerbsbereich und einer Einschränkung von
40 Prozent im Aufgabenbereich jeder anhand der gemischten Methode berechnete
Invaliditätsgrad von weniger als 40 Prozent als gesetzwidrig und diskriminierend
respektive verfassungswidrig qualifiziert werden. Nur die Berücksichtigung der
angeblichen „Schadenminderungspflicht“ durch den Beizug von Familienangehörigen
könnte nämlich einen Invaliditätsgrad von weniger als 40 Prozent bei einer im Erwerbs-
und Aufgabenbereich gleichermassen zu 40 Prozent arbeitsunfähigen versicherten
Person ergeben. Das IVG und das ATSG kennen aber keine solche
„Schadenminderungspflicht“ in der Form des fiktiven (sozialadäquaten) Beizugs von
Familienangehörigen. Nur die versicherte Person selbst trifft eine
Schadenminderungspflicht, denn der Invaliditätsgrad ist die Messgrösse für die
verbliebene Leistungsfähigkeit der versicherten Person und nicht für die
Leistungspflicht einer zufällig zusammengewürfelten Wohngemeinschaft. Wäre die
Leistungspflicht der Wohngemeinschaft massgebend, könnte eine der in dieser
Wohngemeinschaft lebende Person selbst dann nicht invalid sein, wenn sie im Koma
liegen würde, wenn so viele Personen in der zufällig zusammengewürfelten
Wohngemeinschaft leben würden, dass alle Aufgaben der versicherten Person auf
diese verteilt werden könnten. Die Berücksichtigung einer „Schadenminderungspflicht“
durch den Beizug von Familienangehörigen ist also gesetzwidrig, da ihr jede
gesetzliche Grundlage fehlt und sie dem Sinn und Zweck sowie der Systematik des
IVG diametral zuwiderläuft. Sie ist zudem diskriminierend und damit verfassungswidrig,
weil sie praktisch nur Frauen daran hindert, die ihnen von Gesetzes wegen zustehende
Invalidenrente zu erhalten. Mit seiner Rechtsprechung zur angeblichen
„Schadenminderungspflicht“ durch den Beizug von Familienangehörigen diskriminiert
das Bundesgericht also behinderte Frauen. Selbst wenn eine
4.2.
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5.
Dieser Verfahrensausgang gilt hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen als
ein vollständiges Obsiegen der Beschwerdeführerin. Die angesichts des
durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden
„Schadenminderungspflicht“ durch den Beizug der Familienangehörigen existieren
würde, könnte diese Pflicht im vorliegenden Fall nicht abschliessend gewürdigt
werden. Die Beschwerdegegnerin hat es nämlich versäumt abzuklären, ob die
Familienangehörigen überhaupt in der Lage wären, die Aufgaben der
Beschwerdeführerin in einem relevanten Ausmass zu übernehmen. Daran bestehen
wesentliche Zweifel, denn der Ehemann ist vollinvalid und die Kinder sind
vollerwerbstätig; das jüngere Kind hat zudem Hausaufgaben zu machen und auf
Prüfungen zu lernen, wenn es seine Berufsausbildung erfolgreich abschliessen will.
Einer Berücksichtigung einer „Schadenminderungspflicht“ durch den Beizug von
Familienangehörigen müssten entsprechende Abklärungen vorangehen. Die
Beschwerdegegnerin müsste zumindest den Ehemann medizinisch begutachten lassen
und mittels geeigneter Beweismassnahmen ermitteln, in welchem Umfang die beiden
Kinder fähig wären, neben ihren alltäglichen Pflichten im Haushalt der
Beschwerdeführerin mitzuhelfen (vgl. dazu auch SVR 2021 IV Nr. 13). Nach der
allgemeinen Lebenserfahrung dürften die Familienangehörigen kaum in der Lage sein,
in einem relevanten Ausmass im Haushalt der Beschwerdeführerin mitzuarbeiten,
weshalb im Aufgabenbereich Haushalt wohl eine Einschränkung von 40 Prozent und im
Erwerbsbereich eine solche von maximal 49 Prozent berücksichtigt werden müsste,
womit sich in Abhängigkeit von der Gewichtung der beiden Bereiche ein zwischen 40
und maximal 49 Prozent liegender Invaliditätsgrad und damit ebenfalls ein Anspruch
auf eine Viertelsrente der Invalidenversicherung ergäbe.
Gemäss den überzeugenden Ausführungen der Sachverständigen der Medexperts
AG ist die Beschwerdeführerin spätestens ab November 2018 zu 40 Prozent arbeits
unfähig für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten und in der Zeit davor zu mehr als 20
Prozent arbeitsunfähig für die angestammte Tätigkeit gewesen. Da sie sich im März
2018 zum Leistungsbezug angemeldet hat, kann der Rentenanspruch nicht vor dem 1.
September 2018 entstanden sein. Den letzten Arbeitstag hat sie im Februar 2017
absolviert, weshalb das sogenannte Wartejahr nach Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG am 1.
September 2018 überwiegend wahrscheinlich bereits erfüllt gewesen ist. Die
Beschwerdeführerin hat also mit Wirkung ab dem 1. September 2018 einen Anspruch
auf eine Viertelsrente der Invalidenversicherung. Die Sache ist zur Festsetzung der
Rentenbeträge an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/14
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Gerichtskosten sind deshalb der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Die
Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung
auszurichten. Der Aktenumfang ist im Vergleich zu einem durchschnittlichen IV-
Rentenfall als gering zu bezeichnen, weshalb der Aufwand für das Aktenstudium als
deutlich unterdurchschnittlich zu qualifizieren ist. Die Parteientschädigung ist deshalb
auf 3’000 Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.