Decision ID: 5298b638-c3ab-48b2-9cdb-7d6f8b30c761
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Dezember 2002 wegen einer seit seiner Flucht aus B._
bestehenden psychischen und physischen Erkrankung zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung (IV) an (IV-act. 1). Er gab an, er habe in B._ als Grenzpolizist
gearbeitet. Fachärzte der sozialpsychiatrischen Beratungsstelle C._ berichteten am
16. Dezember 2002 (IV-act. 8), der Versicherte leide an einer paranoiden Schizophrenie
bei einem Beobachtungszeitraum von weniger als einem Jahr (ICD-10 F20.09). Sie
attestierten eine vollständige Arbeitsunfähigkeit seit dem 8. Juni 2002. Am 25. August
2003 gaben dieselben Fachärzte an (IV-act. 15), der Gesundheitszustand des
Versicherten sei stationär. Es bestehe weiterhin eine Plus-Symptomatik mit
Verfolgungswahn und optischen Halluzinationen sowie Grundsymptomen einer
Schizophrenie. Mit einer Verfügung vom 4. Dezember 2003 sprach die IV-Stelle dem
Versicherten ab dem 1. Juni 2003 eine ganze Invalidenrente zu (IV-act. 19, 24).
B.
Am 7. Dezember 2007 gab der Versicherte im Revisionsfragebogen an (IV-act. 43), sein
Gesundheitszustand sei gleich geblieben. Fachärzte des Psychiatrischen Zentrums
C._ berichteten am 20. März 2008 (IV-act. 46), der Gesundheitszustand des
Versicherten sei stationär. Der Versicherte sei bis Januar 2006 regelmässig zu
stützenden Gesprächen erschienen. Im Februar 2008 habe er sich erneut gemeldet und
eine Zustandsverschlechterung beklagt. Sie hätten das Zustandsbild als erneute
psychotische Exazerbation der bekannten Grunderkrankung einer paranoiden
Schizophrenie bei einer vermutlich unregelmässigen Medikamenteneinnahme bewertet.
Sie attestierten eine vollständige Arbeitsunfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit. Die
IV-Stelle teilte dem Versicherten am 27. März 2008 mit (IV-act. 48), er habe unverändert
Anspruch auf eine ganze Invalidenrente.
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C.
Im September/Oktober 2010 bat die IV-Stelle den Versicherten, den
Revisionsfragebogen auszufüllen (IV-act. 57). Der Versicherte gab am 3. November
2010 einen unveränderten Gesundheitszustand an (IV-act. 58). Der Hausarzt Dr. med.
D._ teilte am 15. November 2010 mit (IV-act. 61), er habe den Versicherten im
November 2009 wegen Schmerzen im Bereich des Hinterkopfs nach Schröpfen in
E._ gesehen. Die Diagnose einer paranoiden Schizophrenie sei ihm nicht bekannt.
Fachärzte des Psychiatrischen Zentrums C._ berichteten am 10. Januar 2011 (IV-
act. 65), der Gesundheitszustand sei stationär. Sie gaben die Diagnose einer
paranoiden Schizophrenie (ICD-10 F20.0) an und hielten fest, im Verlauf seien keine
relevanten Veränderungen festzustellen. Die vorletzte Konsultation sei am 22. Februar
2010 und die letzte sei am 7. Januar 2011 gewesen. Die IV-Stelle teilte dem
Versicherten am 20. Januar 2011 mit, dass er weiterhin einen Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente habe (IV-act. 68).
D.
Das Einwohneramt der Stadt F._ sandte der IV-Stelle am 4. August 2017
folgende Unterlagen (IV-act. 75): Eine Bescheinigung einer b._-schen Polizeistelle
vom 1. November 2015 (IV-act. 75-5), laut der der Versicherte angegeben hatte,
entführt worden zu sein, sowie ein Schreiben vom 10. November 2011 (englische
Übersetzung eines auf G._isch verfassten Schreibens, IV-act. 76), woraus
hervorging, dass eine Person namens H._ gegenüber der Schweizerischen Botschaft
in I._ angegeben hatte, mit dem Versicherten verheiratet zu sein und mit diesem von
März 2011 bis Oktober 2011 in F._ zusammengelebt zu haben. Der Versicherte habe
vorgegeben, psychisch krank zu sein, dabei habe er seine Medikamente jeweils in den
Abfall geworfen.
D.a.
Am 23. Oktober 2017 fand in den Räumen der IV-Stelle ein Gespräch mit dem
Versicherten statt. Der Versicherte gab an (IV-act. 77), sich in den Jahren 2015 und
2016 mehrmals während mehrerer Wochen im Ausland aufgehalten zu haben. Im Jahr
2016 sei er dreimal zur Anfertigung einer Zahnprothese nach J._ gereist. Im Jahr
2015 habe er in B._ seine Familie besucht; die Ex-Frau und die Kinder lebten in
B._. Ein Mitarbeiter der IV-Stelle notierte am 25. Oktober 2017 (IV-act. 79), eine
Auswertung des Reisepasses des Versicherten bestätige dessen Angaben. Am
D.b.
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15. November 2017 gab der Versicherte im Revisionsfragebogen an (IV-act. 84), sein
Gesundheitszustand habe sich seit der Scheidung vor acht Jahren verschlechtert. Am
24. November 2017 notierte ein Mitarbeiter der IV-Stelle (IV-act. 85), die IV-Stelle habe
beim Migrationsamt des Kantons St. Gallen Akteneinsicht erhalten. Gemäss einem
Rapport des Migrationsamts vom 14. Oktober 2011 (IV-act. 85-3) hatte H._ erklärt,
der Versicherte halte sich seit rund vier Monaten in K._ auf. Er schleuse Personen
illegal in die Schweiz ein. Der Versicherte lüge, wenn er sage, dass er psychische
Probleme habe und krank sei.
Mit einem Schreiben vom 24. Januar 2018 lud die IV-Stelle den Versicherten zu
einem Standortgespräch am 9. Februar 2018 ein, um eine geplante Begutachtung
sowie allgemeine Fragen zur laufenden Rentenrevision zu besprechen (IV-act. 93). Der
Versicherte erschien am 26. Januar 2018 am Schalter und erklärte, dass er am
28. Januar 2018 für zwei Wochen nach E._ verreisen werde. Eine Sachbearbeiterin
notierte (IV-act. 96), die IV-Stelle werde dem Versicherten (nach dem 14. Februar 2018)
einen neuen Termin schicken. Dr. med. L._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin,
berichtete am 17. Februar 2018 (IV-act. 100), er habe den Versicherten von 1995 bis
2000 als Hausarzt betreut. Seit dem Jahr 2011 stehe dieser erneut bei ihm in
Behandlung. Der Versicherte leide an einem Vitamin B-12-Mangel und an einer
arteriellen Hypertonie. Psychiatrisch werde er vom Psychiatriezentrum F._ betreut.
Dr. L._ reichte einen Bericht der Psychiatrischen Klinik M._ vom 20. April 1998
betreffend eine Hospitalisation des Versicherten vom 23. bis 26. März 1998 ein (IV-
act. 100-7). Darin war die Diagnose einer akuten vorübergehenden vorwiegend
wahnhaften psychotischen Störung (ICD-10 F23.3) angegeben worden.
D.c.
Am 26. Februar 2018 lud die IV-Stelle den Versicherten zu einem
Standortgespräch am 7. März 2018 ein (IV-act. 103). Da der Versicherte unentschuldigt
nicht erschien, teilte ihm die IV-Stelle am 9. März 2018 mit (IV-act. 106), sie
beabsichtige, die IV-Rente für zwei Monate einzustellen. Der Versicherte nahm dazu
nicht Stellung. Mit einer Verfügung vom 23. März 2018 stellte die IV-Stelle die
Rentenzahlungen für zwei Monate ein (IV-act. 109). Diese Verfügung erwuchs
unangefochten in Rechtskraft. Am 28. März 2018 lud die IV-Stelle den Versicherten zu
einem Standortgespräch am 17. April 2018 ein (IV-act. 110). Der Versicherte blieb auch
diesem Termin unentschuldigt fern. Am 2. Mai 2018 rief ein Kollege des Versicherten
D.d.
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bei der IV-Stelle an und informierte diese (IV-act. 111), dass sich der Versicherte in
N._ aufhalte, krank sei und in ca. zehn Tagen in die Schweiz zurückreisen werde. Am
9. Mai 2018 forderte die IV-Stelle den Versicherten zur Teilnahme an einem
Standortgespräch am 22. Mai 2018 auf (IV-act. 112). Sie machte ihn auf Art. 28 und 43
Abs. 3 ATSG aufmerksam und wies ihn ausdrücklich darauf hin, dass sie die
Rentenleistungen gestützt auf Art. 43 Abs. 3 ATSG einstellen werde, falls er dem
Gespräch vom 22. Mai 2018 unentschuldigt fernbleiben sollte. Der Versicherte erschien
nicht zum Gespräch. Mit einem Vorbescheid vom 22. Mai 2018 stellte die IV-Stelle dem
Versicherten die Renteneinstellung in Aussicht (IV-act. 113). Der Versicherte erhob
dagegen keinen Einwand. Mit einer Verfügung vom 26. Juni 2018 ordnete die IV-Stelle
die Einstellung der laufenden Rente auf das Ende des auf die Zustellung der Verfügung
folgenden Monats, also per 31. Juli 2018, an (IV-act. 114).
Am 13. Juli 2018 meldete sich der Versicherte am Empfang der SVA. Er gab an
(IV-act. 116), dass er sich seit dem 28. Januar 2018 in E._ aufgehalten habe. Dort
habe er am 15. Februar 2018 einen Autounfall erlitten. Er verwies auf ein beigebrachtes
ärztliches Attest vom 22. Februar 2018 (IV-act. 117). Am 17. Juli 2018 fand ein
Gespräch in der SVA statt. Der Versicherte gab im Wesentlichen zu Protokoll (IV-
act. 119), dass er ca. am 19. Februar 2018 in E._ einen Autounfall erlitten habe. Am
22. Februar 2018 sei er zu einem Arzt gegangen. Anfangs Juni 2018 habe er sich
besser gefühlt. Ein Kollege habe für ihn einen Rückflug am 6. Juni 2018 gebucht. Am
Zoll sei er aufgehalten worden, da sein Visum abgelaufen gewesen sei. Am 11. Juli
2018 sei er schliesslich zurückgeflogen. Der Versicherte gab zwei Dokumente ab (IV-
act. 119-12, 119-13). Die Dolmetscherin übersetzte die Dokumente und notierte die
wichtigsten Angaben auf den angefertigten Kopien. Demnach war der Versicherte am
5. Juli 2018 von einem E._schen Gericht wegen unerlaubten Aufenthalts zu einer
Busse verurteilt worden.
D.e.
Der Versicherte liess am 27. August 2018 eine Beschwerde gegen die Verfügung
vom 26. Juni 2018 erheben (IV-act. 137). Parallel zu diesem Beschwerdeverfahren
tätigte die IV-Stelle weitere Abklärungen. Am 29. August 2018 fand ein weiteres
Gespräch mit dem Versicherten statt (IV-act. 142). Dem Versicherten wurde einleitend
mitgeteilt, dass eine medizinische Begutachtung geplant sei. Der Versicherte gab im
Wesentlichen zu Protokoll, dass er seit 2004 in E._, K._, B._ und in J._
D.f.
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gewesen sei. Im Jahr 2011 habe er sich während eineinhalb oder zwei Monaten in
K._ und E._ aufgehalten. 2015 sei er in B._ entführt worden. Im Jahr 2016 sei er
wegen Zahnbehandlungen nach J._ gereist. H._ sei nicht die Mutter seiner Kinder;
er sei mit ihr verheiratet, "aber nicht mit Papieren". Deren Aussage gegenüber dem
Migrationsamt sei "alles Lüge". Im Anschluss an das Gespräch war der Versicherte
zwecks Entnahme einer Haarprobe in ein Labor geschickt worden. Bei der Analyse der
Barthaare wurde für den Zeitraum von Ende April 2018 bis Mitte August 2018
Olanzapin in tiefer Konzentration nachgewiesen (IV-act. 152). Eine zahnärztliche
Untersuchung vom 11. September 2018 ergab (IV-act. 151), dass sich der
Beschwerdeführer seit Juni 2015 einer umfangreichen Zahnsanierung unterzogen
hatte.
Dr. med. O._ vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) notierte am 20. November
2018 (IV-act. 163), die in den Akten des Migrationsamts beschriebenen Aktivitäten, die
zeitlich kurz nach der Erstellung des Berichtes des Psychiatrischen Zentrums F._
vom 10. Januar 2011 stattgefunden hätten, seien mit der beschriebenen
psychiatrischen Symptomatik nicht vereinbar. Auch die längeren Aufenthalte im
Ausland seien mit der erwähnten Wahnsymptomatik nicht kompatibel. In Anbetracht
der ärztlich attestierten paranoiden Symptomatik sei erstaunlich, dass der Versicherte
im Jahr 2015 nach B._ gereist sei. Eine Entführung hätte bei der beschriebenen
Symptomatik ohne einen stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik zu einer
nicht beherrschbaren Exazerbation der psychotischen Problematik geführt. Eine
entsprechende Behandlung sei jedoch weder dokumentiert noch berichtet. Weder das
an den Gesprächen präsentierte Verhalten noch die berichteten Aktivitäten passten zu
den geltend gemachten Einschränkungen bei der Diagnose einer paranoiden
Schizophrenie. Eine psychiatrische Begutachtung sei indiziert.
D.g.
Fachärzte der Psychiatrie P._ berichteten am 6. Mai 2019 (IV-act. 180), der
Versicherte sei seit Oktober 2018 erneut in Behandlung. Sie gaben die Diagnose einer
paranoiden Schizophrenie (ICD-10 F20.0) an. Dr. L._ teilte am 15. August 2019 mit
(IV-act. 190), beim Versicherten bestehe eine arterielle Hypertonie. Im Übrigen verwies
er auf die Behandlung des Versicherten durch die Psychiatrie P._.
D.h.
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Am 22. Oktober 2020 hiess das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen die
Beschwerde gegen die am 26. Juni 2018 verfügte Renteneinstellung gut (IV 2018/271,
IV-act. 203).
D.i.
Dr. med. Q._, Institut R._, erstattete am 3. Dezember 2020 ein psychiatrisches
Gutachten (IV-act. 205). Er hatte den Versicherten am 9. Januar 2020 und am 1. Juli
2020 untersucht. In Ergänzung zu den IV-Akten hatte er bei der Psychiatrie P._ die
Krankengeschichte mit den Einträgen ab dem 20. März 2008 eingeholt (IV-
act. 205-19 ff.). Der Gutachter gab keine Diagnose mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit an. Als Diagnose ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte er
eine anamnestisch beschriebene akute polymorphe psychotische Störung ohne
Symptome einer Schizophrenie (ICD-10 F23.0), im Verlauf vollumfänglich remittiert (seit
ca. 2011, IV-act. 205-47). Er attestierte eine vollständige Arbeitsfähigkeit in einer dem
Alter und Ausbildungsniveau des Versicherten entsprechenden Tätigkeit spätestens
seit 2011. Der Gutachter hielt fest (IV-act. 205-35 ff.), die Rentenzusprache sei gestützt
auf eine sehr rudimentäre medizinische Befundlage erfolgt. Die im Verlaufsbericht vom
20. März 2008 angegebene psychotische Exazerbation sei wegen der unklaren
Symptomatik aus gutachterlicher Sicht nicht nachvollziehbar. Nicht berücksichtigt
worden sei, dass der Versicherte angegeben habe (vgl. den Eintrag in der
Krankengeschichte vom 20. März 2008), dass es ihm etwas besser gehe. Am
12. September 2008 sei in der Krankengeschichte eine Remission der vermuteten
paranoid-psychotischen Symptomatik beschrieben worden. Im späteren Verlauf sei
dies aber nicht berücksichtigt worden. Am 30. November 2009 sei festgehalten
worden, der Versicherte fühle sich gut und habe keine Ängste. Im Affekt sei er ruhig,
ausgeglichen, schwingungsfähig und mit reduzierter Amplitude beschrieben worden.
Formale oder inhaltliche Denkstörungen und Wahrnehmungsstörungen seien nicht
beschrieben worden. Zumindest zu diesem Zeitpunkt hätte von einer vollständigen
Remission der psychotischen Störung ausgegangen werden müssen. Auch in den
weiteren Verlaufskontrollen sei der Versicherte als affektiv schwingungsfähig und
ausgeglichen beschrieben worden ohne eine Symptomatologie, welche für eine
psychotische Erkrankung gesprochen hätte. Ab Februar 2010 hätten keine
Therapiegespräche mehr stattgefunden. Im Verlaufsbericht des Psychiatrischen
Zentrums F._ vom 10. Januar 2011 sei wieder ein Zustand beschrieben worden ohne
D.j.
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den vorher, seit 2008 erwähnten Verlauf und die Remission der Symptomatologie zu
berücksichtigen. In diesem Bericht sei festgehalten worden, dass es zu keinen
relevanten Veränderungen gekommen sei. Stimmen hören und Halluzinationen seien
weiterhin angegeben worden. Es sei der Eindruck entstanden, dass lediglich ein
negatives Leistungsbild beschrieben worden sei, ohne das positive Leistungsbild zu
berücksichtigen. Im Eintrag in der Krankengeschichte vom 7. Januar 2011 seien
gewisse Krankheitssymptome erwähnt, aber nicht nachvollziehbar begründet und auch
nicht kritisch hinterfragt worden. Nicht berücksichtigt worden sei, dass der Versicherte
über ein Jahr keine psychotischen Symptome mehr angegeben habe und während
einem Jahr nicht mehr zur Therapie gegangen sei. Nicht diskutiert worden sei, ob die
beschriebenen Krankheitssymptome vorübergehend festzustellen oder anhaltend über
einen gewissen Zeitraum auszumachen gewesen seien. Diese Berichterstattung sei
defizitär. Widersprüchlich sei auch, dass keine dringende Therapiebedürftigkeit
festgestellt worden sei. Am 9. Mai 2011 sei beschrieben worden, dass sich der
Versicherte deutlich besser fühle. Erst nach ca. sieben Jahren, am 24. Oktober 2018,
sei der Versicherte im Psychiatrischen Zentrum F._ erneut ärztlich untersucht
worden. Auffallend sei, dass der frühere stabile Krankheitsverlauf wiederum nicht
berücksichtigt worden sei. Der Bericht vom 25. April 2019 (unterzeichnet am 6. Mai
2019) sei leider ebenfalls defizitär; es könne nicht genauer beurteilt werden, ob die
Aussagen des Versicherten damals kritisch überprüft worden seien. Die Beurteilung sei
ausserdem auf der Basis der subjektiven Angaben und nicht der objektivierbaren
Befunde erfolgt. Auffällig sei, dass der Versicherte in den Jahren 2011 bis 2015
verschiedene Aktivitäten und Auslandreisen gemacht habe. 2015 sei er angeblich in
B._ entführt worden. Weder anlässlich der Begutachtung noch in früheren ärztlichen
Behandlungen habe er sich darüber beklagt. Diese Entführung hätte eine
Traumatisierung und eine paranoide Verarbeitung zur Folge haben müssen. Im Rahmen
der aktuellen Untersuchungen habe sich ein unauffälliger Befundstatus gezeigt. Eine
anhaltende psychiatrische Erkrankung könne nicht diagnostiziert werden, weder eine
affektive Störung noch eine psychotische Erkrankung. Eine hirnorganische
Funktionsstörung liege ebenfalls nicht vor. Hinweise für eine Persönlichkeitsstörung
bestünden nicht. Auch seien keine Hinweise bzw. psychopathologischen Symptome
ausgemacht worden, die auf die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung
hindeuten würden. Retrospektiv könne bis 2008 eine gewisse paranoide Verarbeitung
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/24
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unter belastenden Lebensumständen nicht ausgeschlossen werden, wobei hier eher
von einer akuten polymorphen psychotischen Störung ohne Symptome einer
Schizophrenie (ICD-10 F23.0) auszugehen sei. Diese Diagnose begründe die Annahme
einer anhaltenden vollständigen Arbeitsunfähigkeit nicht. Spätestens seit 2011 sei
gemäss den vorliegenden medizinischen Daten nicht mehr nachvollziehbar dargelegt
worden, dass der Versicherte an einer relevanten psychiatrischen Krankheit leiden
würde, welche die Annahme einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit begründen würde.
Aktuell sei der Versicherte als vollständig arbeitsfähig zu beurteilen; mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit sei eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit spätestens seit 2011
nicht mehr ausgewiesen. Zur damaligen Krankschreibung sei es nicht aufgrund von
erheblichen Bemühungen oder Simulationsversuchen des Versicherten gekommen,
sondern eher aufgrund der unzureichenden medizinischen Abklärungen und der
defizitären Berichterstattung nach nicht ausreichend fundierten medizinischen
Untersuchungen ohne Berücksichtigung des gesamten Krankheitsverlaufs. Im Rahmen
der aktuellen Untersuchung seien zwei Haarproben entnommen worden. Die erste
Haarprobe habe Hinweise für den Zeitraum ca. Ende Juni 2019 bis Ende Dezember
2019 gegeben. Citalopram sei in einer sehr niedrigen Konzentration ausgemacht
worden, sodass eine regelmässige Einnahme der Citalopram-Medikation
auszuschliessen sei. Die zweite Haarprobe habe für den Zeitraum ca. Mitte Dezember
2019 bis Mitte Juni 2020 ein total anderes Befundbild ergeben. Die Konzentration von
Citalopram habe im oberen 10%-Bereich gelegen. Demzufolge scheine der Versicherte
nach der Untersuchung im Januar 2020 angefangen zu haben, die Escitalopram-
Medikation regelmässig einzunehmen. Festgehalten werden könne, dass der
Versicherte mit und ohne Medikamente keine relevante objektivierbare
Zustandsveränderung gezeigt habe. Der Versicherte habe aktuell durchaus gute
Ressourcen gezeigt. Er sei als anpassungsfähig zu beurteilen. Einschränkungen der
kognitiven Funktionen seien nicht festgestellt worden. Krankheitsbedingte relevante
Einschränkungen des Ressourcenniveaus seien nicht zu bestätigen. Im Rahmen der
Begutachtung sei nicht der Eindruck entstanden, dass der Versicherte simuliere oder
darum bemüht sei, das Bild einer psychisch kranken Person darzustellen. Eine
aggravierende Darstellung der subjektiven Beschwerden könne retrospektiv nicht
ausgeschlossen werden.
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Die RAD-Ärztin Dr. O._ notierte am 14. Dezember 2020 (IV-act. 211), auf das
Gutachten könne vollumfänglich abgestellt werden. Der Gesundheitszustand des
Versicherten habe sich spätestens ab 2011 verbessert (Remission der 1998
diagnostizierten und wahrscheinlich bis 2008 immer wieder auftretenden akuten
polymorphen psychotischen Störung mit paranoider Verarbeitung bei belastenden
Lebensumständen). Zum heutigen Zeitpunkt und retrospektiv seit 2011 bestehe keine
psychiatrische Erkrankung mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit mehr. Der Gutachter
habe auf erhebliche Mängel in den Darstellungen und Beurteilungen des
Krankheitsbildes in den Berichten vom 20. März 2008, vom 10. Januar 2011 und vom
25. April 2018 (recte: 2019) hingewiesen. Die relevante Verbesserung des
Gesundheitszustandes sei in den Arztberichten von 2011 und 2018 (recte: 2019) nicht
berücksichtigt worden.
D.k.
Mit einem Vorbescheid vom 7. Januar 2021 stellte die IV-Stelle dem Versicherten
die Aufhebung der Mitteilung vom 20. Januar 2011, die rückwirkende Einstellung der
Invalidenrente per 30. April 2011 und die Rückforderung der zu Unrecht bezogenen
Leistungen in Aussicht (IV-act. 213). Zur Begründung gab sie an, im Gutachten sei
überzeugend begründet worden, dass die in den Berichten vom 16. Dezember 2002
und vom 25. August 2003 gestellte Diagnose einer paranoiden Schizophrenie nicht
korrekt hergeleitet worden sei. Damals wären weitere Abklärungen unabdingbar
gewesen. Diese Verletzung der Abklärungspflicht rechtfertige eine Wiedererwägung.
Dabei sei aber praxisgemäss keine Korrektur ex tunc vorzunehmen. Weiter gehe aus
dem Gutachten hervor, dass spätestens 2011 eine deutliche Verbesserung des
Gesundheitszustands eingetreten sei. Die Berichte vom 20. März 2008 und vom
10. Januar 2011 seien defizitär und stünden im Widerspruch zur Krankengeschichte.
Aus der Krankengeschichte ergebe sich, dass die Psychiaterin den Versicherten am
7. Januar 2011 erstmals gesehen habe. Gemäss dem Gutachter habe die Psychiaterin
im Bericht vom 10. Januar 2011 den Verlauf und die Remission der Symptomatologie
nicht berücksichtigt. In der Krankengeschichte habe die Psychiaterin zwar gewisse
Krankheitssymptome erwähnt, diese aber weder nachvollziehbar begründet noch
kritisch hinterfragt. Durch den Beizug der Krankengeschichte sei der Fall in ein völlig
neues Licht gerückt worden. Hätte die IV-Stelle um die Diskrepanzen gewusst, hätte
sie das Verfahren am 20. Januar 2011 nicht abgeschlossen, sondern eine
D.l.
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Begutachtung veranlasst. Das Revisionsverfahren sei deshalb gestützt auf Art. 53
Abs. 1 ATSG i.V.m. Art. 66 Abs. 1 VwVG wieder aufzunehmen. Einerseits hätten neue
Tatsachen und Beweismittel vorgelegen. Andererseits erscheine der Bericht vom
10. Januar 2011 als derart mangelhaft, dass zumindest ein Verstoss gegen Art. 318
StGB, allenfalls sogar gegen Art. 146 StGB, anzunehmen sei. In Bezug auf das Handeln
des Versicherten sei festzuhalten, dass weder seine Angaben auf dem
Revisionsfragebogen noch seine Schilderungen gegenüber der Psychiaterin im
Quervergleich mit den Eintragungen in der Krankengeschichte nachvollziehbar seien.
Es sei überwiegend wahrscheinlich, dass er sowohl im Fragebogen als auch beim
Abklärungsgespräch am 7. Januar 2011 unzutreffende Angaben gemacht und
insbesondere die Verbesserung verschwiegen habe. Da bereits zum damaligen
Zeitpunkt kein invalidisierender Gesundheitsschaden mehr vorgelegen habe, sei die
Invalidenrente gestützt auf Art. 88a Abs. 2 (recte: Abs. 1) und Art. 88 Abs. 2 lit. b IVV
per Ende April 2011 einzustellen. Der Versicherte liess am 4. Februar 2021 dagegen
einen Einwand erheben (IV-act. 216). Seine Rechtsvertreterin machte im Wesentlichen
geltend, ein prozessrechtlicher Revisionsgrund liege nicht vor. Eine
wiedererwägungsweise Rentenaufhebung ex tunc sei nur bei einer Verletzung der
Meldepflicht zulässig. Nicht ersichtlich sei, inwiefern der Versicherte eine
gesundheitliche Verbesserung verschwiegen haben solle. Am 13. April 2021 liess der
Versicherte durch seinen neuen Rechtsvertreter einen Einwand erheben (IV-act. 224).
bis
Am 22. April 2021 erliess die IV-Stelle eine Verfügung, deren Dispositiv lautete:
"Die Mitteilung vom 20. Januar 2011 wird aufgehoben. Die IV-Rente wird rückwirkend
per 30. April 2011 eingestellt. Die zu Unrecht bezogenen Leistungen sind
zurückzuerstatten" (IV-act. 231). Die Rückforderung von Leistungen der
Invalidenversicherung bildete nicht Verfügungsgegenstand (vgl. die
Rückforderungsverfügungen vom 31. Mai 2021,
IV-act. 236, 237). Zum Einwand hielt sie fest, der Beizug der Krankengeschichte habe
den Gutachter erkennen lassen, dass sich die "im Rahmen der im Oktober 2010
eingeholten Berichte" nur sehr schlecht mit der Krankengeschichte vereinbaren liessen.
Letztere lasse auf eine zwischenzeitlich eingetretene wesentliche Verbesserung
schliessen, die vom Versicherten verschwiegen worden sei. Die damals eingetretene
Verbesserung sei eine neue wesentliche Tatsache, die erst durch den Beizug der
D.m.
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E.
Krankengeschichte – mithin ein neues Beweismittel – erkennbar geworden sei. Eine auf
Art. 53 Abs. 1 ATSG gestützte Revision der Mitteilung vom 20. Januar 2011 sei damit
gerechtfertigt. Sofern die Auffassung vertreten werde, eine prozessuale Revision sei
nicht zulässig, müsste dieselbe rückwirkende Korrektur mit der substituierenden
Begründung der Wiedererwägung vorgenommen werden. Am Entscheid werde
festgehalten.
Der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer) liess am 28. Mai 2021 eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 22. April 2021 erheben (act. G 1). Sein
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die
Weiterausrichtung einer ganzen Rente. Von einer Rückforderung der bezogenen
Leistungen sei abzusehen. Ausserdem beantragte er die unentgeltliche Prozessführung
und Rechtsverbeiständung. Zur Begründung machte er im Wesentlichen geltend, die
IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) gehe zu Unrecht davon aus, dass sich
der Gesundheitszustand seit dem 4. Dezember 2003 verbessert habe. Der Gutachter
habe nämlich ausgeführt, die Rentenzusprache sei auf der Basis von ungenügenden
medizinischen Abklärungen erfolgt. Gemäss dem Gutachter habe nie eine relevante
Einschränkung der funktionellen Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers vorgelegen.
Die Beschwerdegegnerin erachte die Krankengeschichte der Psychiatrie P._ als
neues Beweismittel, aus dem sich erhebliche neue Tatsachen ergeben würden. Dies
sei jedoch nicht zutreffend. Die Beschwerdegegnerin gehe davon aus, dass es im
Verlauf des Jahres 2008 zu einer Remission der Beschwerden gekommen sei. Dazu sei
festzuhalten, dass sich diese nicht auf die zur Zeit der Rentenzusprache bestehenden
Beschwerden, sondern auf eine mögliche Verschlechterung des Gesundheitszustands
im Februar 2008 bezogen habe. Der Gutachter habe jedoch das Vorliegen einer
Verschlechterung verneint und ausgeführt, dass eine Exazerbation der psychischen
Erkrankung zu keinem Zeitpunkt beschrieben worden sei. Da keine Verschlechterung
ausgewiesen sei, könne auch eine in Bezug auf diese Verschlechterung bezogene
Verbesserung des Gesundheitszustands keine erhebliche neue Tatsache darstellen.
Aufgrund des Eintrags in der Krankengeschichte vom 30. November 2009 hätte
gemäss dem Gutachter zumindest zu diesem Zeitpunkt von einer vollständigen
Remission der psychotischen Störung ausgegangen werden müssen. Angesichts des
E.a.
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Eintrags vom 2. November 2009 sei dies jedoch nicht haltbar, denn darin sei
festgehalten worden, der Beschwerdeführer schlafe schlecht, grüble, sei oft traurig und
höre Stimmen, denen er antworte. Die im Verlaufsbericht vom 10. Januar 2011
angegebenen Befunde deckten sich mit jenen gemäss dem Eintrag in der
Krankengeschichte vom 7. Januar 2011. Auch der Eintrag vom 2. November 2009
decke sich mit den Aussagen im Verlaufsbericht vom 10. Januar 2011. Lediglich der
Eintrag vom 30. November 2009 weiche davon ab. Dieser Eintrag könne jedoch nicht
als neues Beweismittel, das eine erhebliche neue Tatsache beweise, angesehen
werden. Eine neue erhebliche Tatsache lasse sich gar nicht erst ausmachen. Die
Tatsachen, die den Gutachter zu seiner Einschätzung geführt hätten, seien bekannt
gewesen; lediglich seine Beurteilung in Bezug auf das Vorhandensein einer dauerhaften
Leistungseinschränkung weiche von jener der behandelnden Ärzte ab. Die
Beschwerdegegnerin habe festgehalten, dass im Falle der Unzulässigkeit einer
prozessualen Revision eine Wiedererwägung vorgenommen werden müsste. Auch
wenn mit dem Gutachter davon ausgegangen würde, dass im Bericht vom 10. Januar
2011 keine fundierte Beurteilung anhand der klinischen und objektivierbaren Befunde
erfolgt sei, erscheine die Schlussfolgerung, dass der Gesundheitszustand stationär
gewesen sei und sich die Diagnose nicht geändert habe, nicht als zweifellos unrichtig.
Auch eine Einstellung der Rente gestützt auf Art. 17 Abs. 1 ATSG falle ausser Betracht.
In Bezug auf die subjektiven Angaben habe sich keine Veränderung des
Gesundheitszustands ergeben (vgl. Bericht vom 16. Dezember 2002 und die Angaben
im Gutachten). Entsprechend habe der Gutachter die Frage nach einer Veränderung
des Gesundheitszustands beantwortet: Auch die in den Jahren 2002 und 2008
festgestellten Symptome bedeuteten keinen anhaltenden Gesundheitsschaden, der die
Annahme einer Arbeitsunfähigkeit begründen würde (IV-act. 205-50). Eine wesentliche
Veränderung des Gesundheitszustands liege also nicht vor.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 14. Juli 2021 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 6). Zur Begründung brachte sie im Wesentlichen vor, die
gutachterliche Einschätzung, dass seit 2011 keine anhaltend relevante psychotische
Symptomatik mehr bestanden habe, weshalb spätestens seit 2011 eine vollständige
Arbeitsfähigkeit auch in der angestammten Tätigkeit bestanden habe, sei
nachvollziehbar und plausibel. Der Bericht vom 10. Januar 2011 sei grob mangelhaft
E.b.
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gewesen und habe den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers in unzutreffender
Weise beschrieben. Die Beschwerdegegnerin sei deshalb gehalten gewesen, gestützt
auf Art. 53 Abs. 1 ATSG das Revisionsverfahren wiederaufzunehmen und den
Leistungsanspruch per Anfang 2011 neu zu beurteilen. Im Gutachten seien wesentlich
neue Tatsachen zur Darstellung gekommen, die auf Beweismitteln beruht hätten, die
der Beschwerdegegnerin nicht bekannt gewesen seien. Die Beschwerdegegnerin gehe
auch vom Revisionsgrund der deliktischen Erwirkung im Sinne von Art. 66 Abs. 1
VwVG aus. Einerseits imponiere, dass der Beschwerdeführer beim Gespräch am
7. Januar 2011 deutlich ausgeprägtere Störungszeichen beschrieben habe als bei den
früheren und späteren Konsultationen. Dies könne nur so verstanden werden, dass er
im Bewusstsein um die Bedeutung des Gesprächs für den künftigen Rentenanspruch
gezielt überbetont habe. Darin sei zumindest ein Verstoss gegen Art. 87 AHVG zu
sehen. In Bezug auf die Berichterstattung der Fachärztin dürfte neben Art. 87 AHVG
auch der Tatbestand von Art. 318 StGB erfüllt sein. Im Sinne einer Eventualbegründung
sei der Rentenanspruch im Rahmen einer Wiedererwägung zu korrigieren. Dabei sei
ausnahmsweise eine rückwirkende Korrektur angezeigt. Einerseits habe der
Beschwerdeführer die Verbesserung des Gesundheitszustands pflichtwidrig nicht
gemeldet und auch nicht im Rahmen des Revisionsverfahrens bekannt gegeben.
Vielmehr habe er mit seinen überwiegend wahrscheinlich unzutreffenden Angaben
gegen Art. 87 AHVG verstossen. Damit seien die Voraussetzungen für eine
rückwirkende Renteneinstellung erfüllt.
Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen gewährte am 3. August 2021 die
unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung) für das Beschwerdeverfahren (act. G 7).
E.c.
Der Beschwerdeführer liess am 5. November 2021 in einer Replik an den
gestellten Anträgen festhalten (act. G 13). Sein Rechtsvertreter machte geltend, die
Behauptung der Beschwerdegegnerin, dass der Beschwerdeführer anlässlich des
Gesprächs am 7. Januar 2011 gezielt überbetont habe, sei haltlos und widerspreche
den Ausführungen des Gutachters (IV-act. 205-46). Eine meldepflichtige Verbesserung
des Gesundheitszustands sei nicht erstellt. Die Beschwerdegegnerin habe sich nicht
damit auseinandergesetzt, ob der im Jahr 2011 getroffene Entscheid, die Rente weiter
auszurichten, zweifellos unrichtig gewesen sei.
E.d.
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Erwägungen
1.
Die Beschwerdegegnerin hat mit der angefochtenen Verfügung vom 22. April 2021 die
seit 1. Juni 2003 ausgerichtete ganze Invalidenrente rückwirkend per 30. April 2011
eingestellt. Sie hat die Mitteilung vom 20. Januar 2011, laut der der Beschwerdeführer
weiterhin Anspruch auf die bisherige Invalidenrente habe, mittels einer prozessualen
Revision (Art. 53 Abs. 1 ATSG) aufgehoben und durch die angefochtene Verfügung
ersetzt. Die Verfügungsbegründung enthält den Hinweis, dass auch eine
Wiedererwägung (Art. 53 Abs. 2 ATSG) zulässig wäre, aber bei diesem Hinweis handelt
es sich offenkundig nicht um die eigentliche, sondern nur um eine mögliche
Alternativbegründung und damit um ein obiter dictum. Die angefochtene Verfügung ist
ganz klar eine prozessuale Revisionsverfügung. Strittig und im Folgenden zu prüfen ist
somit die Rechtmässigkeit der rückwirkenden Renteneinstellung gestützt auf Art. 53
Abs. 1 ATSG i.V.m. Art. 17 Abs. 1 ATSG und Art. 88 Abs. 2 lit. b IVV.
2.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 15).E.e.
bis
Formell rechtskräftige Verfügungen und Einspracheentscheide müssen in Revision
gezogen werden, wenn die versicherte Person oder der Versicherungsträger nach
deren Erlass erhebliche neue Tatsachen entdeckt oder Beweismittel auffindet, deren
Beibringung zuvor nicht möglich war (Art. 53 Abs. 1 ATSG). Nach der Rechtsprechung
können auch in einem formlosen Verfahren ergangene, rechtsbeständig gewordene
Entscheide mittels einer prozessualen Revision korrigiert werden (BGE 143 V 106 E. 2.1
mit Hinweisen).
2.1.
Die Mitteilung vom 20. Januar 2011 ist im formlosen Verfahren ergangen (Art. 51
ATSG i.V.m. Art. 58 IVG und Art. 74 lit. f IVV). Bei dieser Mitteilung hat es sich um
einen Entscheid der Beschwerdegegnerin gehandelt, kein Rentenrevisionsverfahren
(Revision nach Art. 17 Abs. 1 ATSG) zu eröffnen. Die Beschwerdegegnerin hat nämlich
nur minimale Sachverhaltsabklärungen getätigt, indem sie anhand des
Revisionsfragebogens (IV-act. 58) sowie des Einholens von Verlaufsberichten beim
damaligen Hausarzt Dr. D._ (IV-act. 61) und den behandelnden Psychiatern (IV-
act. 65) geprüft hat, ob Anhaltspunkte für eine relevante Sachverhaltsveränderung
bestanden haben. Sie hat also nicht vertieft abgeklärt, ob sich der für die Bemessung
des Invaliditätsgrades relevante Sachverhalt verändert hat. Diese Abklärungen sind mit
2.2. ter
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denjenigen in einem Vorverfahren bei einem Revisionsgesuch der versicherten Person,
in welchem die versicherte Person glaubhaft zu machen hat, dass sich der für den
Anspruch auf eine Invalidenrente relevante Sachverhalt verändert hat (Art. 87 Abs. 2
IVV), vergleichbar. Ein solches Vorverfahren wird mit einem Entscheid zur Eröffnung
respektive Nichteröffnung eines Rentenrevisionsverfahrens abgeschlossen (Eintreten
respektive Nichteintreten auf das Revisionsgesuch). Mitteilungen wie diejenige vom
20. Januar 2011 stellen deshalb einen Entscheid dar, kein Rentenrevisionsverfahren zu
eröffnen (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 15. Februar
2017, IV 2014/256 E. 1.1). Da die Mitteilung vom 20. Januar 2011 im Zeitpunkt des
Erlasses der Verfügung vom 22. April 2021 schon lange rechtsbeständig gewesen ist,
hat sie mittels einer prozessualen Revision korrigiert werden können.
Im Folgenden ist zu prüfen, ob die prozessuale Revision der Mitteilung vom
20. Januar 2011 rechtmässig gewesen ist. Nach der Rechtsprechung ist eine
prozessuale Revision nach Art. 53 Abs. 1 ATSG nur innerhalb der Fristen gemäss
Art. 67 VwVG zulässig, das heisst es gilt eine relative Frist von 90 Tagen ab
Entdeckung des Revisionsgrundes und eine absolute Frist von zehn Jahren ab
Eröffnung des Entscheides (Art. 67 Abs. 1 VwVG; BGE 143 V 106 E. 2.1; 140 V 517
E. 3.3, je mit Hinweisen). Die absolute Frist gilt nicht, wenn der zu revidierende
Entscheid durch ein Verbrechen oder ein Vergehen beeinflusst worden ist (Art. 67
Abs. 2 i.V.m. Art. 66 Abs. 1 VwVG). Der Vorbescheid ist am 7. Januar 2021 und die
angefochtene Verfügung ist am 22. April 2021 erlassen worden. In Bezug auf die
absolute Frist stellt sich also die Frage, ob zur Fristwahrung der Erlass des
Vorbescheids oder der Verfügung massgebend ist. Nach der Praxis zu Art. 25 Abs. 2
ATSG betreffend die Verwirkung des Anspruchs auf Rückerstattung unrechtmässig
bezogener Leistungen ist in der Invalidenversicherung der Erlass des Vorbescheids
fristwahrend (BGE 133 V 584 E. 4.3.1; 119 V 434 E. 3c; Urteil des Bundesgerichts vom
22. Januar 2019, 8C_843/2018 E. 4.2). Die prozessuale Revision ist (neben der
Wiedererwägung nach Art. 53 Abs. 2 ATSG und der rückwirkenden Revision nach Art.
17 Abs. 1 ATSG i.V.m. Art. 88 Abs. 2 lit. b IVV, die beide keine Fristen im Sinne von
Art. 67 VwVG vorsehen) ein Instrument für eine rückwirkende Korrektur eines
Leistungsanspruchs, deren Folge eine Rückforderung (oder eine Nachzahlung) ist. Ist
für die Fristwahrung bei der Rückforderung der Erlass des Vorbescheids massgebend,
muss dieser auch bei der prozessualen Revision fristwahrend sein, denn ab diesem
Zeitpunkt hat die versicherte Person Kenntnis von der Absicht der IV-Stelle, eine
Leistung rückwirkend herabzusetzen oder einzustellen und unrechtmässig bezogene
Leistungen zurückzufordern. Die absolute Frist von zehn Jahren ist mit dem Erlass des
Vorbescheids am 7. Januar 2021 somit gewahrt gewesen. Die Beschwerdegegnerin hat
2.3.
bis
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die prozessuale Revision mit neuen Erkenntnissen aus dem psychiatrischen Gutachten
vom 3. Dezember 2020, dass sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers
spätestens ab 2011 verbessert habe, begründet. Dieses Gutachten ist am 8. Dezember
2020 bei der Beschwerdegegnerin eingegangen. Die relative Frist von 90 Tagen, die ab
der sicheren Kenntnis des Revisionsgrunds zu laufen begonnen hat (BGE 143 V 108
E. 2.4), ist mit dem Erlass des Vorbescheids ebenfalls gewahrt gewesen.
Eine neue Tatsache im Sinne von Art. 53 Abs. 1 ATSG liegt vor, wenn sie sich im
Zeitpunkt des Erlasses der formell rechtskräftigen Verfügung respektive der Mitteilung
bereits ereignet hat, aber der Partei, die sich auf den Revisionsgrund beruft, damals
trotz hinreichender Sorgfalt nicht bekannt gewesen ist. Erheblich ist eine neue
Tatsache, wenn sie geeignet ist, die tatbestandliche Grundlage der Verfügung
respektive der Mitteilung zu verändern und bei zutreffender rechtlicher Würdigung zu
einer anderen Entscheidung zu führen. Neue Beweismittel haben entweder dem
Beweis der die Revision begründenden neuen erheblichen Tatsachen oder dem Beweis
von Tatsachen zu dienen, die zwar im früheren Verfahren bekannt gewesen, aber zum
Nachteil des Gesuchstellers unbewiesen geblieben sind (BGE 144 V 249 E. 5.2; 143 V
107 E. 2.3).
2.4.
Für die Prüfung, ob eine erhebliche neue Tatsache oder ein neues Beweismittel die
prozessuale Revision der Mitteilung vom 20. Januar 2011 erfordert hat, ist das
psychiatrische Gutachten vom 3. Dezember 2020 auf seinen Beweiswert zu prüfen.
2.5.
Der psychiatrische Gutachter ist von der Beschwerdegegnerin beauftragt worden
zu untersuchen, ob sich der Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers seit der rentenzusprechenden Verfügung vom 4. Dezember 2003
verändert hat. Er hat dazu die Vorakten umfassend zur Kenntnis genommen und diese
ausführlich gewürdigt. Anlässlich von zwei Untersuchungen am 9. Januar 2020 und
1. Juli 2020 hat er den Beschwerdeführer persönlich untersucht, seine subjektiven
Klagen aufgenommen und die objektiven Befunde im Gutachten wiedergegeben.
Gestützt darauf hat er die Diagnose einer anamnestisch beschriebenen polymorphen
psychotischen Störung ohne Symptome einer Schizophrenie (ICD-10 F23.0), im Verlauf
vollumfänglich remittiert (seit ca. 2011), gestellt und seine Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit für den Zeitpunkt der Begutachtung sowie retrospektiv abgegeben. Er
hat nachvollziehbar erklärt, dass die Rentenzusprache im Jahr 2003 gestützt auf eine
sehr rudimentäre medizinische Befundlage erfolgt sei. Die damals gestellte Diagnose
einer paranoiden Schizophrenie (ICD-10 F20.0) hat er nicht bestätigen können; er hat
dargelegt, dass eher – wie bereits im Bericht der Psychiatrischen Klinik M._ vom
2.5.1.
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20. April 1998 festgehalten worden war – von einer akuten polymorphen psychotischen
Störung ohne Symptome einer Schizophrenie (ICD-10 F23.0) auszugehen sei. Weil er
die Beurteilung des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers durch die
behandelnden Psychiater im Verlaufsbericht vom 20. März 2008 nicht hat
nachvollziehen können, hat er die Krankengeschichte der Psychiatrie P._ mit den
Einträgen ab dem 20. März 2008 eingeholt. Im Rahmen der Würdigung der
Krankengeschichte und der Verlaufsberichte vom 20. März 2008, 10. Januar 2011 und
6. Mai 2019 ist er überzeugend zum Schluss gelangt, dass spätestens ab dem Jahr
2011 nicht mehr nachvollziehbar dargelegt worden sei, dass der Beschwerdeführer an
einer relevanten psychiatrischen Krankheit gelitten habe, welche eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit begründen würde. Insbesondere hat er darauf hingewiesen, dass in
den Einträgen in der Krankengeschichte vom 12. September 2008 und 30. November
2009 eine Remission der psychotischen Störung beschrieben worden sei. Bei der
Berichterstattung am 10. Januar 2011 sei der Eindruck entstanden, dass lediglich ein
negatives Leistungsbild beschrieben worden sei, ohne das positive Leistungsbild zu
berücksichtigen. Am 9. Mai 2011 sei erneut über eine Verbesserung der Symptome
berichtet worden. Ab Mai 2011 bis Oktober 2018 habe sich der Beschwerdeführer nicht
in einer psychiatrischen Behandlung befunden respektive es seien keine
psychiatrischen Berichte vorhanden. Das Resultat der Haaranalyse vom 29. November
2018 habe für den Zeitraum von ca. Ende April 2018 bis Mitte August 2018 ergeben,
dass der Beschwerdeführer die Olanzapin-Medikation kaum regelmässig
eingenommen habe. Daraus und aus dem Umstand, dass der Beschwerdeführer ab
2011 mehrere Auslandreisen unternommen hatte, hat er auf einen stabilen
Krankheitsverlauf und auf einen im Vergleich zum Zeitpunkt der Rentenzusprache
verbesserten Gesundheitszustand geschlossen. Die Kritik des psychiatrischen
Gutachters an den Verlaufsberichten ist ausführlich begründet und nachvollziehbar.
Dessen Beurteilung, dass die früher bestandene psychiatrische Symptomatik
spätestens ab 2011 vollumfänglich remittiert gewesen sei, überzeugt. Bei einer
sorgfältigen Interpretation ist davon auszugehen, dass der psychiatrische Gutachter
hierbei als exakten Zeitpunkt den Beginn des Jahres 2011, also Januar 2011, gemeint
haben muss. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat verschiedene Einwände
gegen das Gutachten vorgebracht. Er hat geltend gemacht, der Gesundheitszustand
des Beschwerdeführers habe sich seit der Rentenzusprache nicht verbessert, denn
gemäss dem psychiatrischen Gutachter habe gar nie eine relevante Einschränkung der
funktionellen Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers vorgelegen. Die von der
Beschwerdegegnerin angenommene Remission der Beschwerden im Verlauf des
Jahres 2008 habe sich auf eine mögliche Verschlechterung des Gesundheitszustands
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im Februar 2008 und nicht auf die zur Zeit der Rentenzusprache bestehenden
Beschwerden bezogen. Angesichts des Eintrags in der Krankengeschichte vom
2. November 2009 sei die Auffassung, dass am 30. November 2009 von einer
vollständigen Remission der psychotischen Störung hätte ausgegangen werden
müssen, nicht haltbar. Zu diesen Einwänden ist Folgendes festzuhalten: Entgegen der
Auffassung des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers hat der psychiatrische
Gutachter nicht angegeben, dass nie eine relevante Einschränkung der funktionellen
Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers vorgelegen habe. Er hat vielmehr
festgehalten, die Diagnose einer akuten polymorphen psychotischen Störung ohne
Symptome einer Schizophrenie begründe keine anhaltende Arbeitsunfähigkeit (IV-
act. 205-50). Wie lange der Beschwerdeführer vor 2011 vollständig arbeitsunfähig
gewesen ist, hat er jedoch offengelassen. Betreffend die Remission der Beschwerden
im Verlauf des Jahres 2008 hat der psychiatrische Gutachter erklärt, im Eintrag in der
Krankengeschichte vom 12. September 2008 sei eine Remission der vermuteten
paranoid-psychotischen Symptomatik beschrieben worden. Ob sich diese Beurteilung
auf eine mögliche Verschlechterung des Gesundheitszustands im Februar 2008
bezogen hat, ist irrelevant, denn er hat explizit eine anhaltende Krankheitssymptomatik
verneint (IV-act. 205-38 f.). Der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers hat sich
also im Vergleich zum Zeitpunkt der Rentenzusprache verbessert gehabt. Die
behandelnde Psychiaterin hat am 30. November 2009 in der Krankengeschichte
festgehalten, dass keine Hinweise auf Ängste, auf formale oder inhaltliche Denk- oder
Wahrnehmungsstörungen bestanden hätten (IV-act. 209-15). Der Einwand, die
Beurteilung des psychiatrischen Gutachters, dass am 30. November 2009 von einer
vollständigen Remission der psychotischen Störung hätte ausgegangen werden
müssen, sei nicht haltbar, ist damit nicht stichhaltig. Der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers hat im Weiteren vorgebracht, die Einträge in der
Krankengeschichte vom 2. November 2009 und vom 7. Januar 2011 deckten sich mit
den Aussagen im Verlaufsbericht vom 10. Januar 2011. Lediglich der Eintrag vom
30. November 2009 weiche davon ab. Die Tatsachen, die den Gutachter zu seiner
Einschätzung geführt hätten, seien bekannt gewesen; lediglich seine Beurteilung in
Bezug auf das Vorhandensein einer dauerhaften Leistungseinschränkung weiche von
jener der behandelnden Ärzte ab. Soweit er damit hat geltend machen wollen, das
Gutachten überzeuge nicht, ist festzuhalten, dass der psychiatrische Gutachter seine
von den behandelnden Psychiatern abweichende Beurteilung ausführlich und
überzeugend begründet hat (vgl. oben). In diesem Zusammenhang ist auch der
Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen, dass behandelnde Ärzte im Hinblick auf ihre
auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen mitunter eher zu Gunsten ihrer
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Patienten auszusagen pflegen (BGE 125 V 353 E. 3b.cc; Urteil des Bundesgerichts vom
8. Januar 2020, 8C_653/2019 E. 4.2 mit Hinweisen). Die Einwände des
Rechtsvertreters des Beschwerdeführers wecken somit keine Zweifel am Beweiswert
des Gutachtens. Das Gutachten erfüllt damit die Anforderungen an ein beweiskräftiges
Administrativgutachten (vgl. BGE 135 V 470 E. 4.4; 125 V 352 E. 3a). Damit ist mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegt, dass sich der
Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers spätestens ab
Januar 2011 verbessert und keine Einschränkung des funktionellen
Leistungsvermögens mehr bestanden hat (vgl. auch die RAD-Stellungnahme vom
14. Dezember 2020, IV-act. 211).
Zu prüfen bleibt der Beweiswert des Gutachtens in Bezug auf die Beurteilung
des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers im
Zeitpunkt der Begutachtung. Die entsprechenden Ausführungen des psychiatrischen
Gutachters sind ebenfalls überzeugend. Er hat nachvollziehbar aufgezeigt, dass er
keine objektiven psychiatrischen Befunde hat erheben können; er hat deshalb auch
keine psychiatrische Diagnose gestellt. Zu den Standardindikatoren (vgl. BGE 141 V
281; 143 V 409 und 143 V 418) hat er sich ebenfalls geäussert, namentlich zur
Konsistenz und zu den Ressourcen. Insbesondere hat er ein simulierendes oder
täuschendes Verhalten des Beschwerdeführers verneint.
2.5.2.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit im Begutachtungszeitpunkt und retrospektiv
spätestens seit Januar 2011 an keiner die Arbeitsfähigkeit einschränkenden
gesundheitlichen Einschränkung gelitten hat. Dies stellt eine erhebliche neue Tatsache
dar, die eine prozessuale Revision der Mitteilung vom 20. Januar 2011 erfordert hat.
2.5.3.
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3.
Die prozessuale Revision der Mitteilung vom 20. Januar 2011 hat zur Folge gehabt,
dass der Entscheid, kein Rentenrevisionsverfahren (Revision nach Art. 17 Abs. 1 ATSG)
zu eröffnen, aufgehoben und durch den Entscheid, ein Rentenrevisionsverfahren zu
eröffnen, ersetzt worden ist. Die Beschwerdegegnerin hat also dieses
Rentenrevisionsverfahren nachträglich durchführen und mit dem Erlass der
angefochtenen Verfügung abschliessen müssen. Im Folgenden ist zu prüfen, ob die
rückwirkende Renteneinstellung gestützt auf Art. 17 Abs. 1 ATSG i.V.m. Art. 88
Abs. 2 lit. b IVV rechtmässig gewesen ist.
bis
Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente
von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht,
herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Die Herabsetzung oder
Aufhebung der Rente erfolgt frühestens vom ersten Tag des zweiten der Zustellung der
Verfügung folgenden Monats an (Art. 88 Abs. 2 lit. a IVV) oder rückwirkend ab Eintritt
der für den Anspruch erheblichen Änderung, wenn der Bezüger die Leistung zu
Unrecht erwirkt hat oder der ihm nach Art. 77 zumutbaren Meldepflicht nicht
nachgekommen ist, unabhängig davon, ob die Verletzung der Meldepflicht oder die
unrechtmässige Erwirkung ein Grund für die Weiterausrichtung der Leistung war
(Art. 88 Abs. 2 lit. b IVV).
3.1.
bis
bis
Wie ausgeführt steht mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
fest, dass sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers nach der
rentenzusprechenden Verfügung vom 4. Dezember 2003 spätestens seit Januar 2011
verbessert hat und dass der Beschwerdeführer seither in einer seinem Alter und
Ausbildungsniveau entsprechenden Tätigkeit vollständig arbeitsfähig gewesen ist
(E. 2.5). Somit hat ein Revisionsgrund (Art. 17 Abs. 1 ATSG) bestanden und es ist der
Einkommensvergleich (Art. 16 ATSG) vorzunehmen. Der Beschwerdeführer verfügt
über keine in der Schweiz anerkannte Berufsausbildung und er ist seit seiner Einreise in
die Schweiz nur sehr kurz erwerbstätig gewesen (vgl. IK-Auszug, IV-act. 5). Seine
Validenkarriere kann deshalb nur in einer durchschnittlich entlöhnten
Hilfsarbeitertätigkeit bestehen. Mangels eines anerkannten Berufsabschlusses besteht
die Invalidenkarriere ebenfalls in einer Tätigkeit als durchschnittlich entlöhnter
Hilfsarbeiter. Da sowohl die Validen- als auch die Invalidenkarriere in einer
durchschnittlich entlöhnten Hilfsarbeitertätigkeit bestehen, kann der Betrag der
Vergleichseinkommen mathematisch keine Rolle spielen; der Invaliditätsgrad ist
anhand eines sogenannten Prozentvergleichs zu berechnen. Er entspricht also dem
3.2.
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Arbeitsunfähigkeitsgrad, allenfalls korrigiert um einen zusätzlichen Abzug. Der
Arbeitsfähigkeitsgrad beträgt mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit 100%. Da der Beschwerdeführer bei einer vollständigen
Arbeitsfähigkeit in sämtlichen Erwerbstätigkeiten nicht mit Lohnnachteilen zu rechnen
hat, ist kein zusätzlicher Abzug vorzunehmen. Der Invaliditätsgrad beträgt damit 0%.
Gemäss Art. 88 Abs. 2 lit. b IVV setzt eine rückwirkende Renteneinstellung eine
zu Unrecht erwirkte Leistung oder eine Meldepflichtverletzung voraus. Laut Art. 77 IVV
hat die anspruchsberechtigte Person jede für den Leistungsanspruch wesentliche
Änderung, namentlich eine solche des Gesundheitszustandes, der Arbeits- oder
Erwerbsfähigkeit [...] sowie der persönlichen und gegebenenfalls der wirtschaftlichen
Verhältnisse des Versicherten unverzüglich der IV-Stelle anzuzeigen (vgl. auch Art. 31
Abs. 1 ATSG). Für den Tatbestand der Meldepflichtverletzung ist ein schuldhaftes
Fehlverhalten erforderlich, wobei nach ständiger Rechtsprechung bereits eine leichte
Fahrlässigkeit genügt (BGE 118 V 218 E. 2a; Urteil des Bundesgerichts vom 30. Mai
2022, 9C_371/2021 E. 2.2.2 mit Hinweisen). Ein schuldhaftes Fehlverhalten setzt
voraus, dass die anspruchsberechtigte Person urteilsfähig gewesen ist (vgl. Art. 19
Abs. 3 ZGB). Im Weiteren muss sie gewusst haben bzw. hätte sie bei Anwendung der
gebotenen Aufmerksamkeit erkennen müssen, dass eine Meldepflicht besteht, dass
eine Sachverhaltsveränderung eingetreten ist und dass diese Auswirkungen auf den
Leistungsanspruch haben könnte (vgl. Ueli Kieser, Kommentar ATSG, 4. Aufl. 2020,
Art. 31 N 14 ff., anderer Ansicht offenbar in Bezug auf das letzte Kriterium; Kurt Pärli/
Alain Borer, Basler Kommentar ATSG, 1. Aufl. 2020, Art. 31 N 10 ff.). Anhaltspunkte
dafür, dass der Beschwerdeführer urteilsunfähig gewesen wäre, bestehen nicht. Die
Beschwerdegegnerin hat den Beschwerdeführer in der rentenzusprechenden
Verfügung und in den Mitteilungen, dass er unverändert einen Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente habe, auf seine Meldepflicht hingewiesen. Eine Veränderung des
Gesundheitszustands ist darin explizit als meldepflichtige Sachverhaltsveränderung
genannt worden (IV-act. 19, 48, 68). Der Beschwerdeführer hat also Kenntnis von der
Pflicht gehabt, der Beschwerdegegnerin eine Verbesserung des Gesundheitszustands
zu melden. Anlässlich der Konsultation bei der behandelnden Psychiaterin am
12. September 2008 hat er angegeben, es gehe ihm gesundheitlich recht gut, deutlich
besser als im Frühling. Er könne sich konzentrieren und denken, sei guter Stimmung
und könne gut schlafen. Am 22. Dezember 2008 hat er mitgeteilt, es sei ihm in den
letzten drei Monaten stabil gut gegangen, nur einmal habe er Angst vor einer
polizeilichen Verfolgung gehabt. Den Termin am 13. März 2009 hat er unentschuldigt
nicht wahrgenommen. Am 17. August 2009 und 2. November 2009 hat er eine
Zustandsverschlechterung beklagt. Am 30. November 2009 hat er demgegenüber
3.3. bis
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4.
angegeben, er fühle sich gut, habe keine Ängste. Auch am 22. Februar 2010 hat er
angegeben, es gehe ihm soweit gut. Anschliessend haben bis zum 7. Januar 2011, als
die Beschwerdegegnerin einen Verlaufsbericht angefordert hat, keine Konsultationen
mehr stattgefunden (vgl. die Einträge in der Krankengeschichte der Psychiatrie P._,
IV-act. 209-14 ff.). Seine Angabe im Revisionsfragebogen vom 3. November 2010, dass
sein Gesundheitszustand unverändert (schlecht) sei, erscheint in Anbetracht der
Verlaufseinträge in der Krankengeschichte als nicht plausibel. Anlässlich der
Konsultation am 7. Januar 2011 hat er wiederum eine Zustandsverschlechterung
beklagt. Bereits am 9. Mai 2011, also nach dem Erhalt der Mitteilung vom 20. Januar
2011, dass er unverändert einen Anspruch auf eine ganze Invalidenrente habe, hat er
jedoch angegeben, sich deutlich besser zu fühlen. Anschliessend haben bis zum
Herbst 2018, als die Beschwerdegegnerin erneut Abklärungen durchgeführt hat, keine
psychiatrischen Konsultationen mehr stattgefunden. In Anbetracht dieses Verlaufs ist
davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer am 7. Januar 2011 seinen
Gesundheitszustand (bewusst oder unbewusst) schlechter dargestellt hat, als er
tatsächlich gewesen ist (vgl. auch die Angabe des psychiatrischen Gutachters, dass
eine aggravierende Darstellung der subjektiven Beschwerden retrospektiv nicht
ausgeschlossen werden könne). Bei der Anwendung der gebotenen Aufmerksamkeit
hätte der Beschwerdeführer also spätestens im Januar 2011 erkennen müssen, dass
sich sein Gesundheitszustand im Vergleich zum Zeitpunkt der Rentenzusprache
massgeblich verbessert hat und dass diese Verbesserung eine Auswirkung auf den
Leistungsanspruch haben könnte. Selbst wenn diese Verbesserung lediglich eine
Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit von mindestens 31% zur Folge gehabt hätte, hätte
nämlich eine Herabsetzung der Rente resultiert (vgl. Art. 28 Abs. 2 IVG). Der
Beschwerdeführer hat damit seine Meldepflicht in zumindest leicht fahrlässiger Weise
verletzt. Die rückwirkende Renteneinstellung per 30. April 2011 ist damit in
Nachachtung von Art. 88a Abs. 1 i.V.m. Art. 88 Abs. 2 lit. b IVV (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 30. Mai 2022, 9C_371/2021, E. 4.4, mit Hinweisen) rechtmässig
gewesen. Demnach ist die Beschwerde abzuweisen.
bis
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem
Ausgang des Verfahrens entsprechend ist sie vollumfänglich dem Beschwerdeführer
4.1.
bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 24/24
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