Decision ID: 49909d0d-a9bb-50b0-9974-c140eefeefbd
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein irakischer Staatsangehöriger kurdischer
Ethnie, verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge zusammen
mit seiner Ehefrau und den drei gemeinsamen Kindern Anfang September
2015 in Richtung Türkei. Von Istanbul aus reisten sie mit mithilfe eines
Schleppers auf dem Landweg weiter und erreichten am 13. Oktober 2015
die Schweiz. Gleichentags stellte die Familie im Empfangs- und Verfah-
renszentrum B._ ein Asylgesuch. Am 23. Oktober 2015 wurden der
Beschwerdeführer und seine Ehefrau im Rahmen einer Befragung zur Per-
son (BzP) zu ihren persönlichen Umständen, dem Reiseweg sowie sum-
marisch zu den Asylgründen befragt. Das SEM hörte beide Ehegatten am
11. Juli 2017 einlässlich zu ihren Asylgründen an.
A.b Am (...) brachte die Ehefrau des Beschwerdeführers in der Schweiz
den gemeinsamen Sohn C._ zur Welt.
B.
B.a Der Beschwerdeführer machte im Wesentlichen geltend, er habe vor
der Ausreise zusammen mit seiner Familie in einem eigenen Haus in
D._ gewohnt. Er habe die Schule während der 1. Klasse abgebro-
chen und keinen Beruf erlernt. Zuletzt sei er im (...) mit verschiedenen ei-
genen Maschinen tätig gewesen und habe insbesondere als (...) Fahrer
gearbeitet. Da sein Bruder bei den Peshmerga gewesen sei, hätten ihn
diese angefragt, ob er sie im Kampf gegen den sogenannten Islamischen
Staat (IS) bei der Erstellung von Schützengräben unterstützen könne. Er
habe sich damit einverstanden erklärt und sei an die Front gegangen, wo
er etwa sieben Tage für die Peshmerga gearbeitet habe. Als sie vom IS
angegriffen worden seien, habe eine Rakete seine Maschinen – darunter
auch den (...), welcher rund 50'000 Dollar gekostet habe – zerstört respek-
tive unbrauchbar gemacht. In der Folge habe er immer wieder telefonische
Drohungen von arabisch sprechenden Personen erhalten. Zudem habe
seine Familie zwei Drohbriefe in arabischer Sprache erhalten. Im ersten
Brief habe gestanden, dass er wegen seiner Unterstützung für die
Peshmerga getötet werde; den zweiten habe er sofort zerrissen. Er habe
seiner Ehefrau davon erzählt, welche grosse Angst bekommen und darauf
gedrängt habe, das Land zu verlassen. Als auch sein Bruder – der von den
Kriegsumständen in Kurdistan genug gehabt habe – gesagt habe, er wolle
nicht mehr im Irak bleiben, habe er sich mit der Ausreise einverstanden
erklärt.
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B.b Als Beweismittel wurden die irakische Identitätskarte des Beschwer-
deführers und eine Kopie seines irakischen Führerscheins zu den Akten
gereicht.
C.
Mit Verfügung vom 20. April 2018 – eröffnet am 23. April 2018 – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer und seine Familienangehörigen erfüllten
die Flüchtlingseigenschaft nicht. Es lehnte ihre Asylgesuche ab, wies sie
aus der Schweiz weg und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
D.
Der Beschwerdeführer trennte sich am 9. Mai 2018 von seiner Ehefrau. Er
wurde aus der gemeinsamen Wohnung ausgewiesen und die zuständige
Behörde erteilte ihm am 11. Mai 2018 ein Hausverbot. Nachdem die Ehe-
frau am 10. Mai 2018 einen Zusammenbruch erlitt, hielt sie sich vorüber-
gehend im Frauenhaus auf. Am 16. Mai 2018 musste sie hospitalisiert wer-
den, woraufhin die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB)
E._ mit Verfügung vom 23. Mai 2018 eine Fremdplatzierung der vier
Kinder anordnete.
E.
Der Beschwerdeführer und seine Ehefrau erhoben durch ihren Rechtsver-
treter mit Eingabe vom 17. Mai 2018 beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde gegen den Entscheid des SEM vom 20. April 2018. Sie bean-
tragten die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Gewährung
von Asyl, eventualiter die Aufhebung der Ziffern 3 bis 5 und die Anordnung
einer vorläufigen Aufnahme in der Schweiz wegen Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs. Subeventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung
an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht er-
suchten sie um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege, Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses und Beiordnung eines amtlichen
Rechtsbeistands in der Person des unterzeichnenden Rechtsvertreters.
Der Beschwerde lagen eine Vollmacht, die angefochtene Verfügung, eine
Fürsorgebestätigung sowie eine Kostennote bei.
F.
Mit Eingabe vom 28. Mai 2018 reichte der Rechtsvertreter den Entscheid
der KESB vom 23. Mai 2018 sowie einen vorläufigen Austrittsbericht der
(...) betreffend die Ehefrau vom 25. Mai 2018 zu den Akten.
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Seite 4
G.
Die Instruktionsrichterin stellte mit Verfügung vom 31. Mai 2018 fest, die
Beschwerdeführenden dürften den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten. Gleichzeitig hiess sie die Gesuche um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und ordnete den Beschwerdeführenden Rechtsanwalt
Donato Del Duca als amtlichen Rechtsbeistand bei. Zudem wurde die Vor-
instanz zur Vernehmlassung eingeladen.
H.
H.a Die KESB E._ hob ihren Entscheid betreffend die Fremdplat-
zierung der Kinder am 30. Mai 2018 auf und gab diese in die Obhut der
Kindsmutter zurück.
H.b Mit Verfügung vom 11. Juli 2018 hielt die KESB E._ die Be-
suchszeiten des Beschwerdeführers für seine Kinder fest und wies die
Kindsmutter an, zu ermöglichen, dass diese eingehalten werden können.
Zudem wurde für die vier Kinder eine Beistandschaft errichtet.
I.
I.a Das SEM zog am 13. August 2018 seine Verfügung vom 20. April 2018
in Bezug auf die Ehefrau und die vier Kinder teilweise in Wiedererwägung,
da der Vollzug der Wegweisung für diese unter Würdigung aller Umstände
im heutigen Zeitpunkt nicht zumutbar sei. Folglich wurden die Ziffern 4 und
5 der angefochtenen Verfügung – betreffend Ehefrau und Kinder – aufge-
hoben und eine vorläufige Aufnahme in der Schweiz angeordnet.
I.b Mit ebenfalls vom 13. August 2018 datierender Vernehmlassung hielt
das SEM in Bezug auf den Beschwerdeführer vollumfänglich an seiner Ver-
fügung vom 20. April 2018 fest. Dabei stellte es insbesondere fest, dass
der Vollzug der Wegweisung trotz der vorläufigen Aufnahme der Ehefrau
und der Kinder nicht gegen Art. 44 AsylG (SR 142.31) oder Art. 8 EMRK
verstosse.
J.
Die Instruktionsrichterin trennte mit Zwischenverfügungen vom 21. August
2018 das Verfahren betreffend die Ehefrau und die vier Kinder von jenem
des Beschwerdeführers und führte ersteres unter der neuen Verfahrens-
nummer D-4685/2018 weiter. Die Beschwerdeführenden wurden aufgefor-
dert, dem Gericht mitzuteilen, ob sie an ihrer Beschwerde festhalten oder
D-2925/2018
Seite 5
ob diese zurückgezogen werde. Für den Fall des Festhaltens an der Be-
schwerde wurde ihnen die Gelegenheit eingeräumt, eine Replik einzu-
reichen.
K.
Mit Eingabe vom 31. August 2018 setzte der Beschwerdeführer das Ge-
richt darüber in Kenntnis, dass er an seiner Beschwerde vom 17. Mai 2018
vollumfänglich festhalte. Zudem nahm er im Rahmen einer Replik zur Ver-
nehmlassung vom 13. August 2018 Stellung. Als Beilagen wurden die drei
Verfügungen der KESB E._ vom 23. und 30. Mai sowie 11. Juli
2018 und eine Kostennote zu den Akten gereicht.
L.
Das Bundesverwaltungsgericht schrieb das Verfahren D-4685/2018 mit
Entscheid vom 5. September 2018 ab, nachdem die Ehefrau und die Kin-
der ihre Beschwerde vom 17. Mai 2018 – soweit diese nicht gegenstands-
los geworden war – mit Eingabe vom 31. August 2018 zurückgezogen hat-
ten.
M.
Die Instruktionsrichterin liess dem SEM mit Verfügung vom 5. September
2018 die Replik des Beschwerdeführers zukommen. Das SEM teilte dem
Bundesverwaltungsgericht mit Schreiben vom 12. September 2018 mit, es
verzichte auf eine weitere Stellungnahme.
N.
Der Rechtsvertreter ersuchte mit Schreiben vom 19. November 2018 um
Mitteilung, wann mit einem Endentscheid zu rechnen sei. Die Instruktions-
richterin beantwortete dieses Schreiben am 27. November 2018.
O.
Mit Schreiben vom 7. August 2019 setzte der Beschwerdeführer das Ge-
richt darüber in Kenntnis, dass das gegen ihn eröffnete Strafverfahren
demnächst abgeschlossen und sehr wahrscheinlich mehrheitlich einge-
stellt werde. Er habe die ehelichen Differenzen mit seiner Ehefrau bereini-
gen können und es sei beabsichtigt, dass sie wieder zusammenziehen.
P.
Mit Eingabe vom 1. Oktober 2019 informierte der Beschwerdeführer über
den Abschluss des Strafverfahrens sowie das bevorstehende Zusammen-
ziehen mit seiner Ehefrau. Als Beilage wurde ein Schreiben der Staatsan-
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Seite 6
waltschaft F._ vom 26. September 2019 hinsichtlich des Abschlus-
ses der Strafuntersuchung sowie eine noch nicht unterzeichnete Vereinba-
rung betreffend Wiederaufnahme der ehelichen Gemeinschaft eingereicht.
Q.
In der Folge reichte der Beschwerdeführer mit Schreiben vom 13. Dezem-
ber 2019 ein von beiden Ehegatten unterzeichnetes und auf den 2. Oktober
2019 datiertes Exemplar der Vereinbarung betreffend Wiederaufnahme der
ehelichen Gemeinschaft ein. Gleichzeitig wurde ein Widerruf des Hausver-
bots für die eheliche Wohnung vom 11. Mai 2018 sowie eine Honorarnote
zu den Akten gegeben.
R.
Mit Eingabe vom 24. November 2020 liess der Beschwerdeführer dem Ge-
richt eine Teileinstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft vom 10. No-
vember 2020 zukommen. Gleichzeitig ersuchte er um Mitteilung, bis wann
mit einem Urteil zu rechnen sei. Diese Anfrage wurde von der Instruktions-
richterin mit Schreiben vom 1. Dezember 2020 beantwortet.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25.
September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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Seite 7
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur
Einreichung einer Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in ver-
schiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf
kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 sowie 2012/5
E. 2.2).
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung im Wesentlichen
aus, dass der Raketenangriff des IS, welcher die Maschinen des Be-
schwerdeführers getroffen habe, auf die allgemeine Kriegslage an der
Front zurückzuführen gewesen sei. Entsprechend lasse sich daraus keine
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Seite 8
gezielte Verfolgung ableiten und der Vorfall sei nicht asylrelevant. Die Aus-
führungen zu den Drohungen, welche der Beschwerdeführer aufgrund sei-
ner Unterstützung der Peshmerga erhalten habe, erwiesen sich als un-
glaubhaft. Bei der BzP habe der Beschwerdeführer ausdrücklich erwähnt,
dass er vom IS bedroht worden sei. Demgegenüber habe er an der Anhö-
rung ausgeführt, er wisse nicht, wer ihn telefonisch bedroht habe. Seine
diesbezüglichen Aussagen seien zudem sehr unsubstanziiert. So habe er
angegeben, er habe die telefonischen Drohungen nicht genau verstanden,
da die Personen arabisch gesprochen hätten. Er könne zwar ein bisschen
arabisch und wolle an der Tonlage erkannt haben, dass es sich um eine
Drohung gehandelt habe. Zu deren Inhalt habe er jedoch keine Angaben
machen können. Diese oberflächlichen Ausführungen vermittelten nicht
den Eindruck, dass er das Geschilderte selbst erlebt habe. Später habe er
erklärt, er habe zwei Drohanrufe erhalten und die Personen hätten zweimal
dasselbe gesagt, was nicht mit seiner Aussage vereinbar sei, dass er nichts
verstanden habe. Auch die Angaben zu den Drohbriefen seien wider-
sprüchlich und ausweichend. Insgesamt seien die Vorbringen im Zusam-
menhang mit den Drohungen als unglaubhaft anzusehen.
4.2 In der Beschwerdeschrift wurde geltend gemacht, der Beschwerdefüh-
rer habe bereits bei der Anhörung erklärt, dass er ein wenig arabisch könne
und somit in der Lage gewesen sei, den Inhalt der Drohanrufe zu verste-
hen. Er habe als (...) Fahrer das Militär bei der Aushebung von Schützen-
gräben unterstützt und sei deswegen ins Visier des IS geraten. Als er in
diesem Zusammenhang Drohanrufe erhalten habe, habe er aufgrund sei-
ner Arabischkenntnisse verstanden, dass er wegen der Aushebung von
Schützengräben bedroht worden sei. Als Konsequenz der Drohungen sei
ein gezielter Luftangriff auf seinen (...) erfolgt, welcher dabei vollkommen
zerstört worden sei. Nach seiner Rückkehr von der Front sei er weiterhin
bedroht worden. Sinngemäss sei der Inhalt der Drohungen jeweils gewe-
sen, dass er und seine Familie mit dem Tod zu rechnen hätten. Der IS habe
nicht nur seine Telefonnummer gekannt, sondern auch Kenntnis von seiner
Adresse und den Familienverhältnissen gehabt. Es sei offensichtlich, dass
die Verfolgung konkret gegen ihn beziehungsweise seine Familie gerichtet
gewesen sei. Der IS verfüge im ganzen Irak, auch in den kurdischen Nord-
provinzen, über "Mitarbeiter und Sympathisanten", weshalb eine reale Ge-
fahr bestanden habe. Der Staat sei nicht in der Lage, die Familie vor dieser
Bedrohung zu schützen. Eine gesamthafte Betrachtung ergebe, dass die
Ausführungen detailliert und differenziert seien. Kleinere, von der befragen-
den Person nicht weiterverfolgte Unstimmigkeiten seien für die Glaubhaft-
machung nicht relevant.
D-2925/2018
Seite 9
5.
5.1 In Übereinstimmung mit dem SEM kommt das Bundesverwaltungsge-
richt vorliegend zum Schluss, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelingt,
eine asylrelevante Bedrohung durch den IS glaubhaft zu machen. Zu Recht
wies die Vorinstanz darauf hin, dass seine Angaben zu den Drohungen, die
er erhalten habe, als vage, widersprüchlich und unsubstanziiert einzustu-
fen sind. So gab der Beschwerdeführer im freien Bericht an, er habe nach
seiner Rückkehr von der Front Drohanrufe von arabisch sprechenden Per-
sonen erhalten. Diese hätten oft davon gesprochen, sie würden ihn töten,
seine Familie verletzen und "das und dies machen" (vgl. A25, F28 S. 6).
Diese Aussage lässt darauf schliessen, dass er den Inhalt dieser Anrufe
verstanden hat. Als er jedoch gebeten wurde, genau zu beschreiben, was
am Telefon gesagt wurde, führte der Beschwerdeführer aus, es sei ara-
bisch gesprochen worden und er habe es nicht genau verstanden. Anhand
der Stimme und des Tones sei aber klar gewesen, dass eine Drohung aus-
gesprochen werde (vgl. A25, F43). Auf entsprechende Nachfrage erklärte
er, dass er ein bisschen arabisch könne und es daher nicht schwer gewe-
sen sei, zwischen einem normalen Gespräch und einer Bedrohung zu un-
terscheiden (vgl. A25, F44). Diese ausweichende Antwort erscheint nicht
überzeugend und stimmt auch nicht mit seinen Ausführungen im freien Be-
richt – ihm sei gedroht worden, er werde getötet und seine Familie werde
verletzt – überein. Ebenso vage fielen die Aussagen hinsichtlich der schrift-
lichen Drohungen aus. Er konnte keine Angaben zum Absender des Droh-
briefs machen (vgl. A25, F51) – obwohl er an der BzP noch klar ausgesagt
hatte, die Drohungen seien vom IS ausgegangen (vgl. A3, Ziff. 7.01) – und
seine Aussagen dazu, wie viele Drohbriefe er erhalten habe, wirken aus-
weichend und konstruiert (vgl. A25, F54 f. und F74 f.). Auch in zeitlicher
Hinsicht sind die Angaben des Beschwerdeführers nicht kohärent. So
sagte er bei der BzP aus, dass seine Maschinen etwa drei Monate vor der
Ausreise zerstört worden seien (vgl. A3, Ziff. 7.01). Bei der Anhörung gab
er an, er habe den Drohbrief etwa fünf bis sechs Tage nach seiner Unter-
stützungsleistung für die Peshmerga – mithin weniger als eine Woche nach
der Zerstörung der Maschinen – erhalten und sei dann innerhalb von un-
gefähr zehn bis zwölf Tagen ausgereist (vgl. A25, F59 und F66 f.). Inwiefern
sich die dahingehenden Aussagen des Beschwerdeführers als detailliert
und differenziert erweisen sollen, wird in der Beschwerdeschrift nicht dar-
gelegt und ist auch nicht ersichtlich. Eine Gesamtbetrachtung der Ausfüh-
rungen hinsichtlich der angeblichen Drohungen durch den IS respektive
durch unbekannte arabisch sprechende Personen ergibt, dass die Ele-
mente, die gegen die Glaubhaftigkeit sprechen, vorliegend überwiegen.
D-2925/2018
Seite 10
5.2 In der Beschwerdeschrift wird sodann geltend gemacht, dass der Be-
schwerdeführer bedroht worden und als Konsequenz davon ein Luftangriff
auf seine Maschinen erfolgt sei. Dies zeige, dass eine gezielte Verfolgung
durch den IS vorgelegen habe. Den Befragungsprotokollen lässt sich je-
doch nicht entnehmen, dass der Luftangriff gezielt gegen die Maschinen
des Beschwerdeführers gerichtet gewesen wäre. Vielmehr führte dieser
aus, eines Tages habe eine Bombe eingeschlagen, welche seine Maschi-
nen getroffen habe. Diese seien – wie an allen Fronten – in einiger Entfer-
nung platziert worden, weil solche grossen Geräte öfters Ziele des Feindes
gewesen seien (vgl. A25, F28 und F35). Zudem gab er an, dass er sowohl
den Drohbrief als auch die Anrufe erst nach der Rückkehr von der Front
erhalten habe (vgl. A25, F40 und F59). Dies würde gerade ausschliessen,
dass es sich beim Angriff auf die Maschinen um die Konsequenz respektive
Wahrmachung der Drohungen gehandelt hat. Die Einschätzung des SEM,
dass die Zerstörung der Maschinen des Beschwerdeführers im Zuge der
allgemeinen Kriegslage erfolgt ist und keine gezielte Verfolgung darstellt,
ist daher zu bestätigen.
5.3 Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass die Aussagen des Beschwer-
deführers grundsätzlich nicht auf eine ernsthafte Verfolgungssituation
schliessen lassen. So führte er aus, dass sich in erster Linie seine Frau
gefürchtet habe und sein Bruder ebenfalls habe ausreisen wollen. Er habe
gegenüber den beiden "keine Chance" gehabt und sich mit der Ausreise
einverstanden erklärt (vgl. A25, F28 S. 6). Auf die Frage, weshalb er im
kurdisch kontrollierten D._ Angst vor den Drohbriefen gehabt habe,
begann er von den Immobilienpreisen in Kurdistan zu sprechen (vgl. A25,
F56). Als die befragende Person erneut wissen wollte, vor wem genau er
sich gefürchtet habe, erklärte er, dass er nicht mehr nach Kurdistan zurück-
kehren könne, zumal sich seine Kinder an das Leben hier gewöhnt hätten
und zur Schule gingen (vgl. A25, F65). Diese ausweichenden Antworten
lassen erhebliche Zweifel am Bestehen einer realen Bedrohungslage auf-
kommen und es ist nicht nachvollziehbar, inwiefern der Beschwerdeführer
begründete Furcht vor einer Verfolgung gehabt haben soll.
5.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer
nicht gelingt, eine vor der Ausreise bestehende Verfolgungssituation, die
auf einem der in Art. 3 AsylG aufgezählten Motive basiert, nachzuweisen
oder zumindest glaubhaft zu machen. Das SEM hat daher zu Recht seine
Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
D-2925/2018
Seite 11
6.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet.
7.
7.1 In seiner Vernehmlassung vom 13. August 2018 hielt das SEM fest, der
Beschwerdeführer könne sich – nach der Anordnung einer vorläufigen Auf-
nahme betreffend die Ehefrau und die gemeinsamen Kinder – nicht auf den
Grundsatz der Einheit der Familie gemäss Art. 44 AsylG berufen. Den Ak-
ten sei vorliegend nicht zu entnehmen, dass eine stabile, enge und gelebte
Vater-Kind-Beziehung bestehe. Es sei auch nicht ersichtlich, dass sich der
Beschwerdeführer um eine solche bemühen würde, nachdem er die mit
der KESB vereinbarten Besuchstage nicht wahrgenommen habe. Zudem
bestünden Hinweise, dass der Beschwerdeführer gegenüber seiner Ehe-
frau und den Kindern Gewalt ausgeübt habe, weshalb die zuständige So-
zialbehörde ihn an einem anderen Ort einquartiert und ihm ein Hausverbot
für die Familienwohnung erteilt habe. Ferner verfügten die Angehörigen
des Beschwerdeführers lediglich über eine vorläufige Aufnahme und damit
nicht über ein gefestigtes Aufenthaltsrecht, weshalb eine Berufung auf
Art. 8 EMRK grundsätzlich nicht möglich sei.
7.2 Im Rahmen der Replik wurde dem entgegengehalten, dass es sich bei
Kindesschutzmassnahmen regelmässig um vorläufige Massnahmen
handle. Es werde stets das Ziel verfolgt, dass die Kinder wieder in die Ob-
hut der Eltern kommen oder ein abgebrochener Kontakt wieder aufgenom-
men werde. Die Vorinstanz nehme mit ihrem Vorgehen faktisch eine Tren-
nung der Familie vor. Durch die Wegweisung des Beschwerdeführers und
die vorläufige Aufnahme der übrigen Familienmitglieder werde in Kauf ge-
nommen, dass seine Kinder den Kontakt zu ihrem Vater verlieren und ohne
ihn aufwachsen würden. Dies erfolge zu einem Zeitpunkt, in welchem völlig
offen sei, wie sich die Situation weiter entwickeln werde. Gemäss dem Ent-
scheid der KESB vom 11. Juli 2018 stehe dem Beschwerdeführer ein Kon-
taktrecht zu. Zudem hätten die Ehegatten bislang weder ein Eheschutz-
noch ein Scheidungsverfahren eingeleitet und es könne nicht behauptet
werden, dass die Ehe gescheitert sei. Das vorliegende Verfahren zeige ge-
rade auf, wie schnell sich die Lage ändern könne, da die Kinder mit Verfü-
gung vom 23. Mai 2018 in einer Pflegefamilie platziert worden seien und
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Seite 12
dieser Entscheid bereits am 30. Mai 2018 wieder aufgehoben worden sei.
Es sei auch eine Beistandschaft für die Kinder errichtet worden, welche
unter anderem den Auftrag habe, den Kontakt zum Vater zu überwachen
und anzupassen. Dessen Wegweisung würde eine Annäherung aber ver-
unmöglichen und sei daher konventionswidrig, nicht zumutbar und führe zu
einer Ungleichbehandlung des Beschwerdeführers.
8.
8.1 Die Vorinstanz hat einerseits die Pflicht, für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (Art. 12 VwVG
i.V.m. Art. 6 AsylG) und hierzu alle für das Verfahren rechtlich relevanten
Umstände abzuklären sowie ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen.
Dabei hat sie alle sach- und entscheidwesentlichen Tatsachen und Ergeb-
nisse in den Akten festzuhalten (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1 m.w.H.). Ande-
rerseits fliesst aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV)
das Recht der Parteien auf vorgängige Äusserung und Anhörung. Dieses
sichert den Betroffenen Einfluss auf die Ermittlung des wesentlichen Sach-
verhalts und verpflichtet die Behörde, die Vorbringen der Parteien sorgfältig
und ernsthaft zu prüfen sowie in der Entscheidfindung zu berücksichtigen.
Unerlässliches Gegenstück dazu bildet die Pflicht der Parteien, an der
Feststellung des Sachverhalts mitzuwirken (Art. 8 AsylG).
8.2 Für den vorliegenden Fall ist festzuhalten, dass sich die Ehegatten im
Mai 2018 getrennt hatten, wobei der Beschwerdeführer aufgrund des Vor-
wurfs, er habe Gewalt gegen seine Ehefrau und die Kinder ausgeübt, ein
Hausverbot für die Familienwohnung erhielt (vgl. A52). Mit Entscheid vom
11. Juli 2018 errichtete die KESB E._ eine Beistandschaft für die
Kinder und hielt schriftlich die Zeiten fest, in welchen der Beschwerdeführer
sein Kontaktrecht wahrzunehmen habe (vgl. BVGer act. 13, Beilage 1). In
seiner Vernehmlassung vom 13. August 2018 – mithin gut einen Monat
später – zog das SEM aus dem Umstand, dass der Beschwerdeführer sein
Besuchsrecht nicht wahrnehme, den Schluss, er bemühe sich nicht um
eine Beziehung zu seinen Kindern. Folglich bestehe keine gelebte Vater-
Kind-Beziehung. Diesen Schlussfolgerungen des SEM ist allerdings entge-
genzuhalten, dass der Beschwerdeführer noch bis im Mai 2018 im gleichen
Haushalt mit seinen Kindern lebte. Zudem äusserte er gegenüber der
KESB zumindest mündlich klar den Wunsch, seine Kinder regelmässig zu
sehen (vgl. A50, Protokoll Anhörung vom 13. Juni 2018). Da gleichzeitig
der Vorwurf im Raum stand, der Vater sei gegenüber den Kindern gewalt-
tätig, kam jedoch ausschliesslich ein begleitetes Besuchsrecht in Frage.
Den Akten lässt sich weiter entnehmen, dass die Ehefrau gegenüber dem
D-2925/2018
Seite 13
Beschwerdeführer Drohungen ausgesprochen und ihn stark unter Druck
gesetzt habe, damit er zu ihr zurückkomme (vgl. A50, Protokoll Anhörung
vom 5. Juli 2018). Vor diesem Hintergrund habe sich der Beschwerdeführer
geweigert, die Kinder zu sehen, solange die Ehefrau in der Nähe sei.
Die Familienverhältnisse des Beschwerdeführers sind offensichtlich als un-
stabil zu betrachten und die kurz aufeinander folgenden KESB-Entscheide
vom Mai und Juli 2018 zeigen – wie in der Replik zu Recht angemerkt
wurde – eindeutig auf, dass die Situation raschen Veränderungen unter-
worfen war. Zwischen der Trennung der Eltern im Mai, der KESB-Anord-
nungen bezüglich Kontaktrecht im Juli sowie der Vernehmlassung des
SEM im August 2018 verging eine relativ kurze Zeit. Allein aus dem Um-
stand, dass das Besuchsrecht damals nicht wahrgenommen worden war,
lässt sich nicht schliessen, dass keine gelebte Vater-Kind-Beziehung mehr
bestand und folglich eine Berufung auf Art. 44 AsylG ausser Betracht fällt.
Obwohl dem SEM die Replik vom 31. August 2018 zugestellt worden war,
in welcher ausdrücklich auf die möglichen raschen Veränderungen der Fa-
miliensituation und den Umstand hingewiesen wurde, dass weder ein Ehe-
schutz- noch ein Scheidungsverfahren eingeleitet worden sei, sah sich die
Vorinstanz nicht veranlasst, sich dazu zu äussern (vgl. BVGer act. 13 und
15). Aus den zum damaligen Zeitpunkt vorliegenden Akten auf das Fehlen
einer gelebten Vater-Kind-Beziehung zu schliessen, erscheint demnach
nicht gerechtfertigt. Die zahlreichen KESB-Akten deuteten vielmehr darauf
hin, dass die Familie bereits seit längerer Zeit engmaschig betreut wurde
durch die Behörden und der fehlende Kontakt des Beschwerdeführers zu
seinen Kindern wohl nur von vorübergehender Natur war, zumal beide El-
ternteile den Wunsch äusserten, dass ein solcher weiterhin bestehe (vgl.
A50). Die Vorinstanz liess dies ausser Acht, indem sie bezüglich der Fami-
lienverhältnisse einzig auf eine Momentaufnahme im August 2018 ab-
stellte.
8.3
8.3.1 Zwischenzeitlich hat sich die Familiensituation des Beschwerdefüh-
rers denn auch massgeblich verändert, indem er wieder mit seiner Ehefrau
und den Kindern zusammengezogen ist (vgl. BVGer act. 21). Es stellt sich
folglich die Frage, ob er sich auf den Grundsatz der Einheit der Familie
berufen kann und einen Anspruch auf Einbezug in die vorläufige Aufnahme
seiner Familienangehörigen hat.
8.3.2 Aus der Teil-Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft
F._ vom 10. November 2020 geht hervor, dass massive Vorwürfe
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gegen den Beschwerdeführer im Raum standen, darunter Drohung, mehr-
fache Tätlichkeiten, eventuell mehrfache einfache Körperverletzung, Ver-
gewaltigung sowie Freiheitsberaubung, alle zum Nachteil seiner Ehefrau.
Das diesbezügliche Verfahren wurde jedoch eingestellt, da der Beschwer-
deführer die Vorwürfe bestritt, die Angaben der Ehefrau nicht immer ganz
kohärent waren und sie sich weigerte, weitere Aussagen zu machen. Die
Ehefrau erklärte im Verlauf des Verfahrens gegenüber den Strafverfol-
gungsbehörden, dass sie auf einen Strafantrag verzichte, ihr Ehemann aus
der Sache viel gelernt habe und sie nicht wolle, dass er bestraft werde.
Während der folgenden Befragungen bestätigte sie dies mehrmals. Die an-
fänglichen belastenden Aussagen der Ehefrau waren im Rahmen des po-
lizeilichen Ermittlungsverfahrens erfolgt, ohne Gewährung des Teilnahme-
rechts an den Beschwerdeführer. Vor diesem Hintergrund entschied die
Staatsanwaltschaft, das Verfahren in Bezug auf die erwähnten Tatbe-
stände einzustellen.
8.3.3 Der Teil-Einstellungsverfügung lässt sich weiter entnehmen, dass
auch gegen die Ehefrau ein Strafverfahren geführt wurde wegen Nötigung
zum Nachteil des Beschwerdeführers. Sie habe damit gedroht, dass sie
sich etwas antun werde, wenn er sie verlasse. Zudem wurden ihr mehrfa-
che Tätlichkeiten zum Nachteil der Kinder vorgeworfen, nachdem der Be-
schwerdeführer im Rahmen einer Einvernahme angegeben hatte, seine
Ehefrau schlage die Kinder. Später relativierte er diese Äusserungen und
erklärte, dass er lediglich gesagt habe, es könne sein, dass seine Ehefrau
die Kinder schlage. Nachdem die Ehefrau die Vorwürfe bestritt und die bei-
den älteren Kinder übereinstimmend ausgesagt hatten, sie seien von ihrer
Mutter nie geschlagen worden, stellte die Staatsanwaltschaft das Verfah-
ren in dieser Hinsicht ebenfalls ein.
8.3.4 Schliesslich geht aus der Verfügung vom 10. November 2020 hervor,
dass das Verfahren gegen den Beschwerdeführer wegen Tätlichkeit, even-
tuell einfacher Körperverletzung, zum Nachteil der Kinder weitergeführt
wird. Dasselbe gilt auch für das Verfahren gegen die Ehefrau wegen Nöti-
gung.
8.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass trotz der Wiederaufnahme
der ehelichen Gemeinschaft im Jahr 2019 nach wie vor ein Verfahren ge-
gen den Beschwerdeführer geführt wird und der Vorwurf der Gewaltanwen-
dung gegenüber den Kindern noch immer im Raum steht. Das Zusammen-
leben der Ehegatten lässt zwar auf eine Familiengemeinschaft schliessen,
das laufende Strafverfahren gegen den Vater – ebenso wie jenes gegen
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die Ehefrau wegen Nötigung – lassen die Familiensituation jedoch als fragil
und unsicher erscheinen. Aus den vorliegenden Akten geht nicht klar her-
vor, wie sich das Verhältnis des Beschwerdeführers zu seinen Kindern zum
aktuellen Zeitpunkt präsentiert und ob beispielsweise noch Kindesschutz-
massnahmen in Kraft sind. Zudem ist offen, welche Auswirkungen das der-
zeitige Zusammenleben der Familie auf die vorläufige Aufnahme der Ehe-
frau und der gemeinsamen Kinder hat, nachdem diese erst im Anschluss
an die Trennung der Ehegatten überhaupt angeordnet worden war. Insge-
samt erweist sich der Sachverhalt somit nicht als vollständig festgestellt,
zumal die aktuellen Familienverhältnisse im vorliegenden Fall von ent-
scheidender Bedeutung sind für die Beurteilung der Frage, ob allenfalls
auch für den Beschwerdeführer – insbesondere gestützt auf Art. 44 AsylG
– eine vorläufige Aufnahme anzuordnen ist. Dies lässt sich anhand der vor-
liegenden Akten nicht mit ausreichender Klarheit beurteilen.
8.5 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann zwar grund-
sätzlich auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden,
wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht er-
scheint; sie muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1).
8.6 Im vorliegenden Fall ist es angezeigt, die Sache zur Abklärung der ak-
tuellen Familienverhältnisse des Beschwerdeführers sowie zur Prüfung,
welche Auswirkungen diese auf den Wegweisungsvollzug respektive die
Anordnung einer vorläufigen Aufnahme haben, an das SEM zurückzuwei-
sen. Der Sachverhalt erweist sich in dieser Hinsicht nicht als vollständig
festgestellt und die Entscheidreife lässt sich auch nicht ohne Weiteres auf
Beschwerdeebene herstellen, weshalb die angefochtene Verfügung dies-
bezüglich zu kassieren ist.
9.
Die Beschwerde ist somit gutzuheissen, soweit damit die Aufhebung der
Dispositivziffern 4 und 5 beantragt wird. Die Sache ist in Anwendung von
Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG zur vollständigen und richtigen Sachverhalts-
ermittlung und Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an das SEM zu-
rückzuweisen. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen.
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10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die reduzierten Kosten
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da jedoch mit
Zwischenverfügung vom 31. Mai 2018 das Gesuch um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen
wurde, sind keine Kosten zu erheben.
10.2
10.2.1 Mit derselben Zwischenverfügung wurde dem Beschwerdeführer
der rubrizierte Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet.
Da beim vorliegenden Verfahrensausgang von einem hälftigen Obsiegen
des Beschwerdeführers auszugehen ist, ist ihm gestützt auf Art. 64 Abs. 1
VwVG eine hälftige Parteientschädigung für die ihm erwachsenen notwen-
digen und verhältnismässig hohen Kosten zusprechen (vgl. für die Grund-
sätze der Bemessung der Parteientschädigung Art. 7 ff. des Reglements
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]).
10.2.2 In der mit Eingabe vom 13. Dezember 2019 eingereichten Kosten-
note macht der Rechtsvertreter einen Aufwand von insgesamt Fr. 2'487.30
bei einem Stundenansatz von Fr. 220.– geltend. Die Berechnung dieses
Aufwands erweist sich jedoch als nicht nachvollziehbar, da das Total der
aufgewendeten Stunden (respektive Minuten) sowie der Auslagen nicht mit
den aufgelisteten Posten übereinstimmt. Zudem wäre die Kostennote be-
zogen auf die Aufwände bis zum 31. August 2018 zu halbieren, da sich
diese sowohl auf den Beschwerdeführer als auch auf dessen Ehefrau be-
ziehen (vgl. BVGer act. 13 sowie Abschreibungsentscheid D-4685/2018
vom 5. September 2018).
10.2.3 Aufgrund der Akten sowie gestützt auf die massgeblichen Bemes-
sungsfaktoren erachtet das Gericht einen Aufwand für die Rechtsvertre-
tung von Fr. 1'800.- (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) für
das gesamte vorliegende Verfahren als angemessen. Dabei ist die Hälfte
des Betrags dem Beschwerdeführer als Parteientschädigung zuzuspre-
chen. Folglich hat ihm die Vorinstanz eine Parteientschädigung in Höhe
von Fr. 900.– (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer) auszurichten, wäh-
rend dem Rechtsvertreter vom Bundesverwaltungsgericht eine amtliche
Entschädigung in Höhe von ebenfalls Fr. 900.– (inklusive Auslagen und
Mehrwertsteuerzuschlag) zuzusprechen ist.
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