Decision ID: 4bb6318d-8614-5f68-b0ee-bf7cb8e6de7f
Year: 2016
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführerin ist Eigentümerin der Liegenschaften F._strasse
Nrn. I._ und K._ auf der Parzelle Muri bei Bern Grundbuchblatt
Nr. E._. Die Parzelle befindet sich in der Wohnzone W2. Nachdem die Gemeinde
davon Kenntnis erhielt, dass mehrere Räumlichkeiten der Liegenschaft F._strasse
Nr. K._ von der H._ Schule als Schulräume genutzt wurden, machte sie
die Beschwerdeführerin auf die aus ihrer Sicht fehlende Zonenkonformität dieser Nutzung
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in der Wohnzone aufmerksam. Am 16. Juli 2012 reichte die Beschwerdeführerin ein
nachträgliches Baugesuch ein für die Umnutzung der Gewerberäume in der Liegenschaft
F._strasse Nr. K._ in Büro- und Lagerräume. Dagegen erhob die
Beschwerdegegnerin als Eigentümerin der Nachbarparzelle Muri Grundbuchblatt
Nr. G._ Einsprache. Mit Bau- und Wiederherstellungsentscheid vom 3. Februar
2014 erteilte die Gemeinde dem Bauvorhaben die Baubewilligung. Für die Nutzung als
Schule erteilte sie den Bauabschlag und ordnete unter Androhung der Ersatzvornahme die
Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands bis zum 31. Juli 2014 an.1 Gemäss
eigenen Angaben leistete die Beschwerdeführerin dieser Anordnung Folge.
Im Erdgeschoss der Liegenschaft F._strasse Nr. K._ hat die
Beschwerdeführerin daraufhin die J._ eingemietet, welche einen Fitnessraum
betreibt und zu festgelegten Zeiten (v.a. frühmorgens und abends) sogenannte "Boot
Camps" (geführte Trainings) anbietet. Gegen diese Nutzung erstattete die
Beschwerdegegnerin am 25. Oktober 2015 bei der Gemeinde eine baupolizeiliche
Anzeige, in der sie die Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands forderte.2 Mit
Verfügung vom 1. Februar 2016 forderte die Gemeinde die Beschwerdeführerin auf,
entweder ein Baugesuch für die Nutzung als Fitnessraum einzureichen oder das
Mietverhältnis mit der Betreiberin des Fitnessraums zu künden.3 Mit Schreiben vom
23. Februar 2016 bestritt die Beschwerdeführerin die Notwendigkeit eines Baugesuchs.4
2. Am 21. März 2016 reichte die Beschwerdegegnerin bei der Bau-, Verkehrs- und
Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) eine Beschwerde wegen Rechtsverweigerung
bzw. Rechtsverzögerung ein. Auf diese ist die BVE mit Entscheid vom 2. Juni 2016 nicht
eingetreten, soweit darin die Vollstreckung der baupolizeilichen Verfügungen beantragt
wurde. Im Übrigen schrieb sie das Beschwerdeverfahren als erledigt vom
Geschäftsverzeichnis ab.
1 Vgl. Beschwerdebeilage 6 2 Vgl. Beschwerdebeilage 7 3 Vgl. Beschwerdebeilage 8 4 Vgl. Beschwerdebeilage 9
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3. Mit Wiederherstellungsverfügung vom 7. April 2016 verpflichtete die Gemeinde die
Beschwerdeführerin zur Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands. Der
Fitnessbetrieb sei bis spätestens 31. August 2016 aufzugeben. Gleichzeitig wurde auf die
Möglichkeit eines nachträglichen Baugesuchs hingewiesen und für den Fall der
Nichtbefolgung die Ersatzvornahme angedroht.
Gegen die Wiederherstellungsverfügung vom 7. April 2016 reichte die Beschwerdeführerin
am 9. Mai 2016 Beschwerde bei der BVE ein. Sie beantragt die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung. Gleichzeitig reichte sie bei der Gemeinde vorsorglich ein
nachträgliches Baubewilligungsgesuch ein. Die Gemeinde hat das
Baubewilligungsverfahren bis zur Rechtskraft der angefochtenen
Wiederherstellungsverfügung sistiert.
4. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet5, edierte die
Vorakten und führte den Schriftenwechsel durch. Es gab der Anzeigerin Gelegenheit, sich
am Beschwerdeverfahren zu beteiligen. In ihrer Beschwerdeantwort vom 30. Mai 2016
beantragt diese die kostenfällige Abweisung der Beschwerde. Die Gemeinde schliesst in
ihrer Stellungnahme vom 7. Juni 2016 ebenfalls auf Abweisung der Beschwerde. Auf die
Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Gemäss Art. 49 Abs. 1 BauG6 können baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 45 bis
48 BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE angefochten werden.
Die BVE ist somit für die Beurteilung der form- und fristgerecht eingereichten Beschwerde
5 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 6 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
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zuständig. Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin durch die angefochtene Verfügung
beschwert und daher grundsätzlich zur Beschwerde legitimiert.
b) Auf eine Beschwerde ist jedoch nur einzutreten, wenn der oder die
Beschwerdeführende ein schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung oder Änderung der
Verfügung oder des Entscheids hat und dieses Interesse bis zur Fällung des Entscheids
anhält.7
Die Beschwerdeführerin hat innert der Rechtsmittelfrist bei der Gemeinde auch ein
nachträgliches Baugesuch eingereicht. Laut Art. 46 Abs. 2 Bst. b BauG wird die
Wiederherstellungsverfügung „aufgeschoben“, wenn ein nachträgliches Baugesuch
eingereicht wird. In der Praxis wird diese Regelung so verstanden, dass die
Wiederherstellungsverfügung dahinfällt und ein allfälliges Beschwerdeverfahren
demzufolge gegenstandslos wird. Im vorliegenden Fall hat aber die Beschwerdeführerin
das Baugesuch nur vorsorglich eingereicht, für den Fall, dass sie mit ihrem
Hauptstandpunkt, den sie im Beschwerdeverfahren vorbringt – nämlich, dass die Nutzung
als Fitnessraum baubewilligungsfrei sei – nicht durchdringt. Dieses Vorgehen der
Beschwerdeführerin ist zulässig. Im vorliegenden Verfahren ist somit einzig zu prüfen, ob
die Nutzung als Fitnessraum baubewilligungspflichtig ist. Ist dies der Fall, so wird die
Gemeinde Muri über das nachträgliche Baugesuch zu entscheiden haben, und die
Wiederherstellungsverfügung fällt – vorläufig – dahin. Die Gemeinde wird dann in ihrem
Bauentscheid, falls die fragliche Nutzung nicht bewilligt werden kann, erneut über die
Frage der Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands zu verfügen haben. Ist die
Nutzung nicht baubewilligungspflichtig, so ist die Wiederherstellungsverfügung
aufzuheben, sofern keine Störung der öffentlichen Ordnung (Art. 1b Abs. 3 BauG) vorliegt.
Ein Entscheid über das nachträgliche Baubewilligungsgesuch erübrigt sich.
2. Besitzstandsgarantie
a) Die Beschwerdeführerin weist darauf hin, dass im fraglichen Gebäude ursprünglich
ein Schreinereibetrieb untergebracht gewesen sei. Im Vergleich zu diesem zeitige der
Fitnessraum geringere Auswirkungen auf die Umwelt.
7 Art. 65 Abs. 1 Bst. c Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21); Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 65 N. 25
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b) Nach Art. 3 Abs. 1 BauG werden Bauten und Anlagen, die aufgrund bisherigen
Rechts bewilligt wurden oder bewilligungsfrei waren, durch neue Vorschriften und Pläne in
ihrem Bestand nicht berührt (Besitzstandsgarantie). Die Besitzstandsgarantie gemäss
Art. 3 BauG erstreckt sich auf die Fortsetzung der bisherigen Nutzung der Baute oder
Anlage im bisherigen Umfang, wenn sie durch eine Rechtsänderung widerrechtlich
geworden ist. Dies gilt allerdings nur, wenn diese Nutzung tatsächlich und ohne grösseren
Unterbruch ausgeübt wurde. Art. 3 BauG vermittelt jedoch keinen Anspruch auf
Zweckänderung. Eine Zweckänderung liegt vor, wenn eine Baute oder Anlage mit oder
ohne bauliche Massnahmen ganz oder teilweise einer neuen Nutzung zugeführt wird.8
Massgebend ist, ob die Nutzungsänderung bau- oder umweltrechtlich relevant ist.9 Die
Nutzungsänderung von einer zonenwidrig gewordenen zu einer anderen zonenwidrigen
Nutzung wird von der Besitzstandsgarantie nicht umfasst, ebenso wenig eine
Intensivierung der bisherigen, zonenwidrig gewordenen Nutzung, wenn sie zu zusätzlichen
Immissionen führt.10
c) Der Betrieb der Schreinerei in den Räumlichkeiten der Liegenschaft
F._strasse Nr. K._ in Muri bei Bern wurde bereits vor Jahren
aufgegeben.11 In der Zwischenzeit wurden die Räumlichkeiten anders genutzt,
insbesondere als Büro und zeitweise als Schule.12 Heute wird der Fitnessraum darin
betrieben. Diese Nutzungsarten variieren hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Umwelt.
Eine Nutzung als Schule und auch eine Nutzung als Fitnessraum führen gegenüber einer
Schreinerei zu einem erhöhten Publikumsverkehr, bei dem eine Mehrzahl von Personen
auf Unterrichts- bzw. Trainingsbeginn hin bei der Liegenschaft eintrifft und diese
gleichzeitig, nach Abschluss des Unterrichts bzw. Trainings, wieder verlässt. Dies führt zu
einer erhöhten Belastung der Erschliessung und allenfalls erhöhten Lärmimmissionen
durch Zu- und Wegfahrten. Zudem hält sich bei diesen Nutzungsarten eine Mehrzahl von
Personen gleichzeitig in den Räumlichkeiten auf, so dass sich brandschutzrechtliche
8 Christophe Cueni, Die Besitzstandsgarantie für baurechtswidrig gewordene Bauten und Anlagen in der Bauzone, in KPG-Bulletin 2007, S. 132; Konrad Willi, Die Besitzstandsgarantie für vorschriftswidrige Bauten und Anlagen innerhalb der Bauzonen, Diss. Zürich 2003, S. 109. 9 Vgl. Art. 6 Abs. 1 Bst. c Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) e contrario 10 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 3 N. 2 f. 11 Die Schreinerei wurde bis ca. 2004 betrieben, vgl. pag. 136 Vorakten ug2015/03 12 Nach Angaben der Beschwerdeführerin im Baugesuch vom 16. Juli 2012 wurden die fraglichen Räumlichkeiten ca. ab 2010 durch die H._ Schule genutzt, davor als Büro; vgl. pag. 118 Vorakten ug2015/03
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Fragen (namentlich betreffend Fluchtwege) stellen können. Die Gemeinde qualifizierte die
Nutzung als Schule in ihrem Bau- und Wiederherstellungsentscheid vom 3. Februar 2014
als bewilligungspflichtige Zweckänderung. Wie nachfolgend zu zeigen sein wird, handelt es
sich auch beim Betrieb des Fitnessraums um eine bewilligungspflichtige Zweckänderung.
Die Umnutzung der ehemaligen Schreinerei zur Schule und zum Betrieb eines
Fitnessraums ist demnach durch die Besitzstandsgarantie nicht abgedeckt.
d) Die Nutzung als Schule war nicht bewilligt, so daraus keine Ansprüche auf
Besitzstand erhoben werden könnten. Dies wird jedoch auch nicht geltend gemacht.
3. Baubewilligungspflicht
a) Die Beschwerdeführerin bestreitet die Bewilligungspflicht der Nutzung als
Fitnessraum. Diese sei zonenkonform und werde von der erteilten Bewilligung umfasst, es
liege keine Zweckänderung vor.
b) Baubewilligungspflichtig sind nach Art. 1a Abs. 1 BauG alle künstlich geschaffenen
und auf Dauer angelegten Bauten, Anlagen und Einrichtungen, die in fester Beziehung
zum Erdboden stehen und geeignet sind, die Nutzungsordnung zu beeinflussen. Unter die
Baubewilligungspflicht fallen nach Art. 1a Abs. 2 BauG auch Zweckänderungen von
Bauten, Anlagen und Einrichtungen. Art. 1b Abs. 1 BauG nimmt u.a. geringfügige
Bauvorhaben von der Bewilligungspflicht aus. Keiner Baubewilligung bedarf nach Art. 6
Abs. 1 Bst. c BewD das Umnutzen (ohne bauliche Massnahmen) von Bauten und Anlagen,
wenn keine bau- oder umweltrechtlich relevanten Tatbestände betroffen sind. Dies setzt
zunächst voraus, dass der neue Verwendungszweck der in der fraglichen Zone
zugelassenen Nutzung entspricht. Die Zonenkonformität allein entbindet jedoch noch nicht
von der Baubewilligungspflicht. Kumulativ dazu ist erforderlich, dass sich die Änderung
hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Umwelt, Erschliessung (auch Parkplätze), Planung
usw. als höchstens geringfügig, d.h. nicht relevant erweist.13 Umgekehrt formuliert liegt eine
baubewilligungspflichtige Zweckänderung immer dann vor, wenn die Nutzungsänderung
Anlass dazu gibt, baurechtliche Fragen zu prüfen.
13 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 1a N 24
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Gewerbliche Nutzungsarten sind sehr heterogen und können stark unterschiedliche
Auswirkungen zeitigen. Entsprechend darf nicht generell davon ausgegangen werden,
dass eine Bewilligung für eine gewerbliche Nutzung auch andere gewerbliche
Nutzungsarten umfasst. Vielmehr muss die Relevanz der Auswirkungen jeweils konkret
geprüft werden. Selbst das Ändern des Betriebskonzepts einer bestehenden Nutzung kann
zur Bewilligungspflicht führen, wenn es zu baurechtlich relevanten zusätzlichen
Auswirkungen auf die Umwelt oder die Erschliessung führt. Als bewilligungspflichtig
eingestuft wurden beispielsweise die Umnutzung einer Bar in ein Cabaret mit Striptease
oder die Umnutzung einer Schreinerei in einen Gastgewerbebetrieb.14
c) Die Liegenschaft der Beschwerdeführerin befindet sich in der Wohnzone W2. Diese
ist nach Art. 39 Abs. 1 GBR15 der Wohnnutzung vorbehalten. Nach Art. 39 Abs. 2 GBR sind
andere Nutzungen im Umfang der Bestimmungen gemäss Art. 90 BauV16 zugelassen,
wobei sie höchstens ein Drittel der realisierten Bruttogeschossflächen beanspruchen
dürfen. Art. 90 Abs. 1 BauV besagt, dass in Wohnzonen und in der Nachbarschaft von
Spitälern, Heimen, Schulen und dergleichen stille Gewerbe bewilligt werden dürfen, sofern
sie sich baulich gut einordnen und weder durch ihren Betrieb (Einwirkungen durch Lärm,
Rauch, Staub, Geruch, Abgase, Licht, Erschütterungen und dgl.) noch durch den
verursachten Verkehr störend wirken können. Ein stilles Gewerbe darf demnach weder
durch seinen Betrieb noch durch den verursachten Verkehr störende Immissionen zeitigen.
Relevant ist insbesondere auch der von einem Gewerbe verursachte Publikumsverkehr.
Die Störwirkung hängt dabei nicht nur von der Gesamtzahl der verursachten
Verkehrsbewegungen ab, sondern auch eine Häufung von Verkehrsbewegungen zu
bestimmten Zeiten kann störend wirken.
d) Die Gemeinde hat in ihrem Bau- und Wiederherstellungsentscheid vom 3. Februar
2014 die Nutzung der Räumlichkeiten als Büro- und Lagerräume bewilligt. Dafür hat sie
auch eine Ausnahmebewilligung von der Beschränkung auf ein Drittel der realisierten
Bruttogeschossflächen gemäss Art. 39 Abs. 2 GBR erteilt. Die Liegenschaft darf demnach
ganz für Büro- und Lagerzwecke genutzt werden. Entgegen den Behauptungen der
Beschwerdeführerin hat jedoch die Gemeinde nicht allgemein die Nutzung für
Dienstleistungsbetriebe bewilligt; dies war im Baugesuch vom 16. Juli 2012 auch nicht
14 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 1a N 24 und 26 15 Baureglement 1994 der Gemeinde Muri bei Bern 16 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1)
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beantragt worden. Mit dem Entscheid vom 3. Februar 2014 wurde weder die Nutzung als
Fitnessraum konkret bewilligt noch eine Nutzungsart für zulässig erklärt, welche den
Betrieb eines Fitnessraums umfasst. Der Betrieb eines Fitnessraums fällt weder unter den
Begriff der Büronutzung noch entspricht er einer Verwendung als Lagerräumlichkeiten.
e) Es liegt demnach eine bewilligungspflichtige Zweckänderung vor, sofern mit der
Nutzung als Fitnessraum im Vergleich zu einer Nutzung als Büro und Lager neue
Auswirkungen entstehen, die bau- und umweltrechtlich relevant sind. Ein Fitnessbetrieb
kann typischerweise Emissionen in Form von Lärm (Abspielen von Musik, Instruktionen
über Mikrophon) oder Erschütterungen (durch Verwendung von Gewichten oder schweren
Gegenständen zu Trainingszwecken) verursachen. Inwiefern dies vorliegend der Fall ist, ist
umstritten, braucht hier aber auch nicht abschliessend geklärt zu werden. Wesentlich ist,
dass Anlass besteht, das Ausmass einer allfälligen Störwirkung im Rahmen eines
Bewilligungsverfahrens zu klären. Zusätzlich verursacht der Betrieb des Fitnessraums
Verkehrsbewegungen beim Zu- und Weggang der Besucher. Diese treten mindestens
teilweise gehäuft auf, da geführte Trainings zu bestimmten Zeiten angeboten werden. Nach
Angaben der Beschwerdeführerin stehen drei Parkplätze für Besucher des Fitnessraums
zur Verfügung.17 Soweit die geführten Trainings von mehr als drei Personen gleichzeitig
besucht werden, könnte es zu Störungen aufgrund von Parkplatzsuchverkehr kommen. Je
nach Zahl und Art (motorisiert oder nicht) der Verkehrsbewegungen kann der Rahmen des
zulässigen stillen Gewerbes damit gesprengt sein. Gemäss den Angaben auf der
Internetseite der J._ finden Trainings werktags von 06.00 bis 07.00 Uhr sowie von
19.00 bis 20.00 Uhr statt. Gemäss dem Lärmschutzreglement der Gemeinde18 sind
Lärmemissionen und Erschütterungen, die geeignet sind, das Wohlbefinden, die
Leistungsfähigkeit oder die Gesundheit des Menschen zu beeinträchtigen, u.a. von 19.30
Uhr abends bis 07.00 Uhr morgens verboten. Die Beurteilung der Zonenkonformität setzt
daher voraus, dass die vom Fitnessbetrieb verursachten Emissionen und ihre Intensität im
Rahmen eines formellen Verfahrens näher abgeklärt werden.
f) Weiter hält sich zu den Trainings- bzw. Öffnungszeiten eine Mehrzahl von Personen
in dem Raum auf. Es drängen sich daher auch brandschutzrechtliche Abklärungen auf.
Nach der Brandschutznorm 1-15.de der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen
haben die Nutzungsart und die Personenbelegung insbesondere Auswirkungen auf die
17 Beschwerde, S. 9 18 Art. 4 i.V.m. Art. 2 Lärmschutzreglement der Einwohnergemeinde Muri bei Bern vom 14. Dezember 1981
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Anlage von Fluchtwegen.19 Im Hinblick auf den Brandschutz ist demnach unter anderem
das Ausmass des Publikumsverkehrs massgebend. Entsprechend sieht auch die BSIG-
Weisung Nr. 7/725.1/1.1 der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion und der BVE vom
15. Januar 2013 zum Thema der baubewilligungsfreien Bauten und Anlagen nach Art. 1b
BauG vor, dass einen Baubewilligungspflicht immer gegeben ist, wenn eine Änderung im
Inneren eines Gebäudes die Brandsicherheit betrifft, und Letzteres ist immer anzunehmen
bei der Umnutzung von Gewerbe- und Industrieräumen (Ziff. 1 Bst. g der Weisung).
g) Die Auswirkungen auf Umwelt, Erschliessung etc. können demnach nicht als
baurechtlich irrelevant eingestuft werden. Die Nutzung als Fitnessraum erweist sich damit
als bewilligungspflichtig.20
h) Auf Vorbringen der Beschwerdeführerin, die sich mit der Bewilligungsfähigkeit des
Fitnessbetriebs befassen, ist nicht einzutreten. Dies gilt namentlich auch für den Hinweis,
dass sich andernorts in der Gemeinde ein Fitness- und Massagestudio in der Wohnzone
W2 befinde. Ob der Betrieb des Fitnessraums bewilligungsfähig ist, insbesondere ob er
den anwendbaren Zonenvorschriften entspricht, bildet nicht Gegenstand des vorliegenden
Beschwerdeverfahrens, sondern ist im Rahmen des Baubewilligungsverfahrens zu prüfen.
4. Ergebnis und Kosten
a) Nach dem Gesagten ist die Gemeinde im angefochtenen Entscheid zutreffend von
der Bewilligungspflicht ausgegangen. Die dagegen erhobenen Rügen erweisen sich als
unbegründet; die Beschwerde ist abzuweisen und die angefochtene Verfügung ist zu
bestätigen. Die Gemeinde hat der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 46 Abs. 1 und 2
BauG Frist gesetzt zur Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes unter Androhung
der Ersatzvornahme, weil die Umnutzung ohne entsprechende Bewilligung erfolgt ist.
Gleichzeitig gab sie der Beschwerdeführerin Gelegenheit zur Einreichung eines
nachträglichen Baugesuches. Die Beschwerdeführerin hat vorsorglich für den Fall, dass die
angefochtene Verfügung im vorliegenden Beschwerdeverfahren bestätigt wird, ein
nachträgliches Baugesuch eingereicht. Die Gemeinde wird nun über dieses zu entscheiden
19 Art. 36 Abs. 1 der Brandschutznorm 1-15.de der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen vom 1. Januar 2015, http://www.praever.ch/de/bs/vs/norm/Seiten/1-15_web.pdf 20 BVR 2004 S. 508 ff. E. 4.4.5 S. 517
RA Nr. 120/2016/26 10
haben. Die Wiederherstellungsverfügung fällt im Sinne von Art. 46 Abs. 2 Bst. b BauG
dahin. Daher erübrigt es sich zu überprüfen, ob die Voraussetzungen einer
Wiederherstellungsanordnung erfüllt sind. Falls die fragliche Nutzung nicht bewilligt werden
kann, wird die Gemeinde in ihrem Bauentscheid erneut über die Frage der
Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands zu verfügen haben.
b) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin. Sie hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 1'000.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1
GebV21).
c) Die Beschwerdeführerin hat zudem der Beschwerdegegnerin die Parteikosten zu
ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Der Parteianwalt der Beschwerdegegnerin macht
Parteikosten im Umfang von Fr. 1'998.– (Honorar Fr. 1'825.–, Auslagen Fr. 25.–,
Mehrwertsteuer Fr. 148.–) geltend. Dies gibt zu keinen Bemerkungen Anlass. Die
Beschwerdeführerin hat somit der Beschwerdegegnerin die Parteikosten von Fr. 1'998.– zu
ersetzen.