Decision ID: 38b64ad3-c198-5806-9566-40b5193d32be
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog seit Jahren Ergänzungsleistungen zu einer ganzen Rente der
Invalidenversicherung (vgl. EL-act. I/129 und I/112). Im Februar 2015 erkundigte sich
der EL-Bezüger bei der EL-Durchführungsstelle telefonisch unter anderem nach einem
allfälligen Anspruch auf die Vergütung der Kosten eines Generalabonnements der SBB
(EL-act. I/52). Die EL-Durchführungsstelle teilte ihm mit, dass nur die Kosten für die
Fahrten zum behandelnden Arzt oder – als Gewinnungskosten – Fahrten zur
Arbeitsstelle vergütet werden könnten. Private Fahrten würden nicht vergütet (EL-act. I/
53). In der Folge vergütete die EL-Durchführungsstelle dem EL-Bezüger regelmässig
die Kosten für Fahrten zu Ärzten und Therapien. Für das Jahr 2017 belief sich der
Gesamtbetrag der Transportkostenvergütungen auf 1’589.20 Franken (= 545.20 + 522
+ 522 Franken; vgl. EL-act. III/27, III/22 und III/13).
A.a.
Am 17. Januar 2018 ersuchte der behandelnde Psychiater Dr. med. B._ die
AHV-Zweigstelle unter Hinweis auf die häufigen Therapien und die damit verbundenen
hohen Fahrtkosten um eine ausnahmsweise Vergütung der Kosten eines
Generalabonnements für den EL-Bezüger (EL-act. III/18–3). Die AHV-Zweigstelle leitete
dieses Gesuch am 22. Januar 2018 an die EL-Durchführungsstelle weiter (EL-act. III/
18–1 f.). In ihrem Begleitschreiben hielt sie fest, die Transportkosten beliefen sich auf
etwa 1’700 Franken pro Jahr. Obwohl das Generalabonnement für einen IV-Rentner
teurer sei (2’480 Franken pro Jahr), bitte sie um eine wohlwollende Prüfung des
Gesuchs, denn dies würde den administrativen Aufwand deutlich reduzieren. Die EL-
Durchführungsstelle teilte der Beiständin des EL-Bezügers am 28. Februar 2018 mit,
dass die Kosten für ein Generalabonnement nicht vergütet werden könnten, weil die
effektiven Transportkosten deutlich tiefer seien (EL-act. III/14). Der EL-Bezüger
verlangte daraufhin die Eröffnung einer anfechtbaren Verfügung betreffend sein
Begehren um die Vergütung der Kosten eines Generalabonnements (EL-act. III/12).
A.b.
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B.
Diesem Gesuch kam die EL-Durchführungsstelle nach, indem sie am 14. März 2018
eine Verfügung erliess, mit der sie das Begehren um die Vergütung der Kosten eines
Generalabonnements abwies (EL-act. III/11). Eine dagegen gerichtete Einsprache (EL-
act. III/6) wies sie mit einem Entscheid vom 23. Mai 2018 ab (EL-act. III/2).
Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen wies eine gegen den
Einspracheentscheid vom 23. Mai 2018 gerichtete Beschwerde mit einem Urteil vom
18. Mai 2020 (EL 2018/31) mit der Begründung ab, die gesetzliche Regelung sehe nur
die Vergütung von ausgewiesenen Transportkosten vor, was die pauschale Abgeltung
der erwarteten Transportkosten im Voraus durch die Vergütung eines
Generalabonnements ausschliesse. Selbst wenn sich die ausgewiesenen
Transportkosten also auf über 2’480 Franken belaufen hätten, hätte die EL-
Durchführungsstelle dem EL-Bezüger kein Generalabonnement abgeben dürfen. Die
ausgewiesenen Transportkosten seien aber ohnehin deutlich tiefer gewesen. Das
Bundesgericht trat auf eine Beschwerde gegen dieses Urteil nicht ein (Urteil des
Bundesgerichtes 9C_486/2020 vom 19. August 2020).
A.c.
Bereits in einer Eingabe an das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen vom
22. März 2019 hatte der EL-Bezüger erwähnt, dass die EL-Durchführungsstelle
„schliesslich eingelenkt“ und der zuständigen Sachbearbeiterin der AHV-Zweigstelle
telefonisch „das Generalabonnement angeboten“ habe (vgl. EL-act. IV/8). Auch in einer
Eingabe an das Bundesgericht vom 8. Juli 2020 hatte er auf das „mündliche
Eingeständnis“, aber auch darauf hingewiesen, dass er „dieser Versuchung
widerstanden“ und stattdessen „den rechtlichen Weg gewählt“ habe (vgl. EL-act. V/21–
3). Am 28. September 2020 wandte sich der EL-Bezüger an die EL-Durchführungsstelle
(EL-act. V/15). Er verlangte innert Wochenfrist eine „schriftliche Erklärung (Verfügung)
zur mündlichen Zusage“. Am 6. Oktober 2020 wies die EL-Durchführungsstelle den EL-
Bezüger darauf hin, dass sie an das Urteil EL 2018/31 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 18. Mai 2020 gebunden sei, weshalb die Vergütung der
Kosten eines Generalabonnements nicht in Frage komme (EL-act. V/11).
A.d.
Am 8. März 2021 beantragte der EL-Bezüger bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen, dass diese die EL-
B.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/7
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Erwägungen
1.
Laut dem Art. 56 Abs. 2 ATSG kann eine Rechtsverweigerungsbeschwerde erhoben
werden, wenn der Versicherungsträger entgegen dem Begehren der versicherten
Person keine Verfügung erlässt. Der Sinn und Zweck der
Rechtsverweigerungsbeschwerde besteht also offenkundig darin, die versicherte
Person in die Lage zu versetzen, ein Handeln oder ein „Nicht-Handeln“ des
Versicherungsträgers auch ohne einen Anfechtungsgegenstand beschwerdeweise
beim zuständigen Versicherungsgericht anzufechten. Das entsprechende
Beschwerdeverfahren zielt darauf ab, den Versicherungsträger anzuhalten, der
versicherten Person möglichst rasch einen solchen Anfechtungsgegenstand zu
verschaffen, den diese dann mit einer „ordentlichen“ Beschwerde im Sinne des Art. 56
Abs. 1 ATSG anfechten kann.
Durchführungsstelle anweise, die mündliche Zusicherung mit einer schriftlichen
Verfügung zu bestätigen (EL-act. V/2). Die Verwaltungsrekurskommission leitete die
von ihr als sinngemässe Rechtsverweigerungsbeschwerde interpretierte Eingabe am 9.
März 2021 an das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen weiter (act. G 1). Das
Versicherungsgericht nahm die Eingabe als Rechtsverweigerungsbeschwerde
entgegen und forderte die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin) auf, eine Beschwerdeantwort einzureichen (act. G 2).
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 26. April 2021 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung führte sie an, sie habe nicht erneut über die
Vergütung der Kosten eines Generalabonnements verfügen können, weil das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen bereits rechtskräftig über diese Frage
entschieden habe. Von einer Rechtsverweigerung könne deshalb nicht die Rede sein.
B.b.
Der EL-Bezüger (nachfolgend: der Beschwerdeführer) nahm keine Stellung zur
Beschwerdeantwort (vgl. act. G 4 f.).
B.c.
Am 6. August 2021 teilte die Beschwerdegegnerin mit (act. G 6), der
Beschwerdeführer befinde sich aktuell in einer stationären Behandlung. Per 21. Juli
2021 sei eine Vertretungsbeistandschaft errichtet worden.
B.d.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/7
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2.
Das Versicherungsgericht hat sich bereits im Verfahren EL 2018/31 mit der Frage
befasst, ob der Beschwerdeführer einen Anspruch auf die Vergütung der Kosten eines
Generalabonnements haben könne. Die Beschwerdegegnerin hat sich auf den
Standpunkt gestellt, diese Tatsache habe es ihr verunmöglicht, sich erneut mit dieser
Frage zu befassen. Diese Auffassung müsste ohne Weiteres als unzutreffend verworfen
werden, wenn es um eine „gewöhnliche“ Vergütung von Transportkosten ginge. Eine
solche Vergütung ist nämlich eine Sachleistung (Art. 14 ATSG), das heisst sie deckt die
Kosten einer einmalig benötigten Dienstleistung ab, also beispielsweise die Fahrt zum
behandelnden Facharzt an einem bestimmten Tag. Ist die Vergütung der Kosten einer
solchen ganz bestimmten Sachleistung einmal verweigert worden, kann diese Frage
nicht erneut zum Gegenstand eines weiteren Verwaltungsverfahrens gemacht werden,
denn die formell rechtskräftige, verbindliche Verweigerung der Kostenvergütung steht
dem entgegen. Die Vergütung der Kosten für eine nächste Fahrt betrifft allerdings einen
anderen Gegenstand, weshalb sie frei geprüft werden kann, ohne dass die verbindliche
Verweigerung der Kostenvergütung für die frühere Fahrt dem entgegen stünde. Das
Beschwerdeverfahren EL 2018/31 hat sich allerdings nicht um die Frage nach dem
Anspruch auf eine „gewöhnliche“ Kostenvergütung gedreht, denn der
Beschwerdeführer hat die Vergütung der Kosten eines Generalabonnements auf
unbestimmte Zeit beantragt. Wie das Versicherungsgericht im Urteil EL 2018/31 vom
18. Mai 2020 festgehalten hat, deckt die Vergütung der Kosten für ein
Generalabonnement nicht tatsächlich angefallene Fahrtkosten, sondern erwartete
Fahrtkosten ab. Der Beschwerdeführer hat also bei genauer Betrachtung nicht eine
typische, spezifische Sachleistung, sondern vielmehr eine Dauerleistung beantragt,
also eine (Sach-) Leistung, die nicht für die Vergangenheit, sondern für die Zukunft
zugesprochen wird und die deshalb nicht auf einem mit dem erforderlichen Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit ermittelten Sachverhalt in der Vergangenheit,
sondern auf einer mit der ausreichenden Plausibilität gestellten Sachverhaltsprognose
beruht. Die Abweisung dieses Begehrens um eine Dauerleistung für die Zukunft hat
eine andere Wirkung als die Abweisung eines Begehrens um eine Kostenvergütung für
eine spezifische Sachleistung, die in der Vergangenheit einmalig benötigt worden ist,
denn die Abweisung eines Begehrens um eine Dauerleistung betrifft nicht nur den
gerade aktuellen Sachverhalt, sondern auch die Zukunft. Das lässt sich am Beispiel der
Abweisung eines Rentenbegehrens veranschaulichen: Eine IV-Stelle wird ein
Rentenbegehren abweisen, wenn die Sachverhaltswürdigung ergeben hat, dass weder
aktuell noch in absehbarer Zukunft ein Rentenanspruch besteht. Ergibt die
Sachverhaltswürdigung hingegen, dass aktuell noch kein Rentenanspruch besteht
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/7
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(etwa, weil das sogenannte Wartejahr nach Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG noch nicht erfüllt
ist), dass aber in zwei Monaten die Voraussetzungen für die Zusprache einer Rente
erfüllt sein werden, wird die IV-Stelle das Rentenbegehren nicht abweisen, sondern
zuwarten und in jenem Zeitpunkt, in dem alle Voraussetzungen für eine
Rentenzusprache erfüllt sein werden, eine Rente zusprechen. Der Umstand, dass es
sich bei einer IV-Rente um eine Dauerleistung handelt, die in aller Regel für eine
unbestimmte Zeit zugesprochen wird, zwingt die IV-Stelle dazu, bei der Prüfung des
Rentenanspruchs in jedem Fall eine Prognose für die Zukunft abzugeben. Ohne eine
solche Prognose kann weder eine Rentenzusprache noch die Abweisung eines
Rentenbegehrens rechtmässig sein. Das Begehren des Beschwerdeführers, auf
unbestimmte Zeit mit einem (immer wieder zu erneuernden respektive zu
verlängernden) Generalabonnement ausgestattet zu werden, hat – wie ein
Rentenbegehren – auf eine Dauerleistung für unbestimmte Zeit abgezielt, weshalb die
Abweisung dieses Begehrens notwendigerweise eine Prognose für die Zukunft
beinhaltet hat, nämlich die Prognose, dass die Voraussetzungen für die Versorgung mit
einem Generalabonnement auch künftig nicht erfüllt sein werden. Daraus folgt
allerdings nicht, wie die Beschwerdegegnerin irrtümlich angenommen hat, dass die
Frage, ob der Beschwerdeführer einen Anspruch auf eine Versorgung mit einem
Generalabonnement habe, nie mehr zum Gegenstand eines Verwaltungsverfahrens
gemacht werden könnte. Auch in diesem Punkt erweist sich der Vergleich mit einer
typischen Dauerleistung für unbestimmte Zeit – einer Rente der Invalidenversicherung –
als hilfreich: Eine IV-Stelle, die ein Rentenbegehren eines Versicherten abgewiesen hat,
muss auf eine sogenannte Neuanmeldung in jedem Fall mit einer Verfügung reagieren,
nämlich entweder mit einer Nichteintretensverfügung, weil die Voraussetzungen des
Art. 87 Abs. 3 IVV nicht erfüllt sind, oder mit einer materiellen Verfügung nach einer
eingehenden Sachverhaltsabklärung und Sachverhaltswürdigung, wenn glaubhaft
gemacht worden ist, dass sich der für den allfälligen Rentenanspruch massgebende
Sachverhalt wesentlich verändert hat. Entscheidend für die Eintretensfrage ist dabei,
ob ein veränderter Sachverhalt vorliegt, der sich nicht mit dem bereits im früheren
Verfahren gewürdigten Sachverhalt deckt. Ist das nicht der Fall, muss trotzdem verfügt
werden, denn der Versicherte muss die Möglichkeit haben, den entsprechenden
Nichteintretensentscheid des Versicherungsträgers einer gerichtlichen Überprüfung
zuzuführen. Nichts anderes kann in Bezug auf das vom Beschwerdeführer erneuerte
Gesuch um eine Versorgung mit einem Generalabonnement gelten: Die
Beschwerdegegnerin hätte ihren Entscheid, sich nicht materiell mit diesem zweiten
Begehren zu befassen, in eine Nichteintretensverfügung kleiden müssen, die der
Beschwerdeführer dann hätte anfechten können. Mit ihrer Weigerung, eine Verfügung
zu erlassen, hat es die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer verwehrt, sich
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gegen ihren Nichteintretensentscheid mittels Einsprache und Beschwerde zu wehren.
Darin ist eine Rechtsverweigerung im Sinne des Art. 56 Abs. 2 ATSG zu erblicken. Die
Beschwerdegegnerin ist deshalb anzuhalten, mittels einer Nichteintretens- oder mittels
einer materiellen Verfügung über das zweite Begehren des Beschwerdeführers um eine
Versorgung mit einem Generalabonnement zu entscheiden. Bei der Prüfung des
Begehrens wird sich die Beschwerdegegnerin auch mit der Angabe des
Beschwerdeführers zu befassen haben, eine Sachbearbeiterin der AHV-Zweigstelle
habe eine telefonische Zusage erhalten, wonach der Beschwerdeführer mit einem
Generalabonnement versorgt werde.
3.
Gemäss dem Art. 61 lit. f ATSG sind keine Gerichtskosten zu erheben.