Decision ID: 66310fa0-c8fa-4f54-9edd-3576f4c2da75
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Vergewaltigung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Uster vom 20. November
2014 (DG140009)
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Inhaltsübersicht
Anklage
Urteil der Vorinstanz 5
Berufungsanträge 7
I. Prozessuales 10
II. Sachverhalt 11 A. ALLGEMEINES 11
B. VORWÜRFE BETREFFEND DIE PRIVATKLÄGERIN 1 11
1. Anklagevorwurf 11 2. Standpunkt des Beschuldigten 13 3. Beweiswürdigung 14 3.1. Glaubwürdigkeit der involvierten Personen 14 3.2. Sachverhaltswürdigung 16 3.2.1. Täteridentifikation 16 3.2.2. Tatnachweis 22 4. Fazit 31 C. VORWÜRFE BETREFFEND DIE PRIVATKLÄGERIN 2 32
1. Anklagevorwurf 32 2. Standpunkt des Beschuldigten 33 3. Beweiswürdigung 33 3.1. Glaubwürdigkeit der involvierten Personen 33 3.2. Sachverhaltswürdigung 34 3.2.1. Täteridentifikation 34 3.2.2. Tatnachweis 38 4. Fazit 52 D. VORWÜRFE BETREFFEND DIE PRIVATKLÄGERIN 3 52
1. Anklagevorwurf 52 2. Standpunkt des Beschuldigten 53 3. Beweiswürdigung 53 3.1. Glaubwürdigkeit der involvierten Personen 53 3.2. Sachverhaltswürdigung 53 3.2.1. Täteridentifikation 53 3.2.2. Tatnachweis 56 4. Fazit 61
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III. Rechtliche Würdigung 62
1. Delikte zum Nachteil der Privatklägerin 1 62 2. Delikte zum Nachteil der Privatklägerin 2 63
IV. Strafzumessung 65
1. Strafzumessungsregeln 65 2. Strafrahmen 65 3. Einsatzstrafe und Straferhöhung aufgrund des Asperationsprinzips 65 4. Täterkomponenten 71 5. Auszufällende Strafe 72
V. Massnahmen 72
VI. Zivilansprüche 80
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen 81
Dispositiv 82
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 7. Juli 2014
(Urk. 19) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte D._ ist schuldig
a) betreffend die Privatklägerin 1 (A._)
- der versuchten qualifizierten Vergewaltigung im Sinne von Art. 190
Abs. 3 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB;
- der Drohung im Sinne von Art. 180 StGB;
- er Tätlichkeit im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB.
b) betreffend die Privatklägerin 2 (B._)
- der Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB;
- des Raubes im Sinne von Art. 140 Ziff. 1 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird hinsichtlich des Vorwurfes des Raubes betreffend die
Privatklägerin 3 (C._) freigesprochen.
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit 6 Jahren und 3 Monaten Freiheitsstrafe,
wovon bis und mit heute 707 Tage durch Haft und vorzeitigen Strafvollzug
erstanden sind, sowie mit einer Busse von Fr. 200.–.
4. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 2 Tagen.
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5. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber den Privatklägerin-
nen 1 und 2 aus den eingeklagten Ereignissen dem Grundsatze nach scha-
denersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges des Scha-
denersatzanspruches werden die Privatklägerinnen 1 und 2 auf den Weg
des Zivilprozesses verwiesen.
6. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 1 eine Genugtuung in
der Höhe von Fr. 15'000.–, zzgl. 5 % Zins seit 8. November 2012, zu bezah-
len.
7. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 2 eine Genugtuung in
der Höhe von Fr. 15'000.–, zzgl. 5 % Zins seit 19. Oktober 2012, zu bezah-
len.
8. Die Schadenersatz- und Genugtuungsforderung der Privatklägerin 3 wird
abgewiesen.
9. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 5'000.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 24'665.55 Auslagen Vorverfahren;
Fr. 18'352.47 Kosten amtliche Verteidigung (14.12.2012-02.06.2014);
Fr. 10'000.– Gebühr Strafuntersuchung (§ 4 Abs. 1 Bst. d GebV StrV).
10. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt.
11. Es wird vorgemerkt, dass der ehemalige amtliche Verteidiger des Beschul-
digten, Rechtsanwalt lic.iur. Y2._, für seine Bemühungen vom 14. De-
zember 2012 bis 2. Juni 2014 im Betrag von Fr. 18'352.47 (inkl. Barauslagen
und Mehrwertsteuer) bereits vollumfänglich entschädigt wurde.
Der Beschuldigte wird auf die Nachzahlungspflicht gemäss Art. 135 Abs. 4
StPO hingewiesen.
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12. Die unentgeltliche Rechtsbeiständin der Privatklägerin 1, Rechtsanwältin
X3._, wird für ihre Bemühungen mit Fr. 11'500.– (inkl. Barauslagen und
Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse entschädigt.
13. Die unentgeltliche Rechtsbeiständin der Privatklägerin 2, Rechtsanwältin
lic.iur. X1._, wird für ihre Bemühungen mit Fr. 15'000.– (inkl. Barausla-
gen und Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse entschädigt.
14. Die unentgeltliche Rechtsbeiständin der Privatklägerin 3, Rechtsanwältin
lic.iur. X2._, wird für ihre Bemühungen mit Fr. 11'200.– (inkl. Barausla-
gen und Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse entschädigt.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 74 S. 1 f.)
1. Die Berufungen der Staatsanwaltschaft und der Privatklägerinnen sei-
en vollumfänglich abzuweisen.
2. Hingegen sei die Berufung des Beschuldigten gutzuheissen. Dement-
sprechend seien Ziff. 1, 3, 4, 5, 6, 7 und 10 des angefochtenen Urteils
aufzuheben und der Beschuldigte sei auch von den Vorwürfen betref-
fend die Privatklägerin 1 und die Privatklägerin 2 vollkommen freizu-
sprechen.
3. Alles unter gesetzlichen Kosten- und Entschädigungsfolgen (insbeson-
dere Entschädigung und Genugtuung für den Beschuldigten infolge
Freispruchs).
4. Der Beschuldigte sei im Anschluss an das Berufungsurteil aus der Haft
zu entlassen.
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b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat:
(Urk. 70, S. 1 f.)
1. Es sei der vorinstanzliche Schuldspruch betreffend die Privatklägerin 1,
A._, (Dispositiv Ziff. 1.a) zu bestätigen.
2. Der Beschuldigte sei betreffend die Privatklägerin 2, B._, anklage-
gemäss der qualifizierten Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1
und 3 StGB schuldig zu sprechen. Im Übrigen sei betreffend die Privat-
klägerin 2 der vorinstanzliche Schuldspruch betreffend Raub zu bestä-
tigen.
3. Der Beschuldigte sei betreffend die Privatklägerin 3, C._, ankla-
gegemäss des Raubes im Sinne von Art. 140 Ziff. 3 Abs. 3 StGB
schuldig zu sprechen.
4. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 10 Jahren, unter An-
rechnung der erstandenen Haft sowie eiern Busse von Fr. 1'000.– zu
bestrafen.
5. Bei schuldhafter Nichtbezahlung der Busse sei eine Ersatzfreiheitsstra-
fe von 10 Tagen festzulegen.
6. Der Beschuldigte sei im Sinne von Art. 64 Abs. 1 zu verwahren.
7. Eventualiter sei eine vollzugsbegleitende Massnahme im Sinne von
Art. 59 StGB anzuordnen.
8. Es sei über die Zivilansprüche der Privatklägerinnen zu entscheiden.
9. Im Übrigen sei das vorinstanzliche Urteil zu bestätigen.
10. Unter Kostenfolgen für das zweitinstanzliche Verfahren zulasten des
Beschuldigten.
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c) Der Vertreterin der Privatklägerin 3:
(Urk. 71 S. 2)
1. Der Beschuldigte sei anklagegemäss schuldig zu sprechen. bzw. hin-
sichtlich Anklagevorwurf 1.4 des Raubes im Sinne von Art. 140 Ziff. 3
Abs. 3 StGB schuldig zu sprechen.
2. Der Beschuldigte sei dem Grundsatz nach zu verpflichten, der Privat-
klägerin C._ für den bereits erstandenen wie auch allfälligen zu-
künftigen Schaden, der im Zusammenhang mit dem eingeklagten Er-
eignis vom 9. November 2012 steht, Schadenersatz zu leisten.
3. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, der Privatklägerin C._ eine
Genugtuung von Fr. 10'000.–, zuzüglich Zins zu 5% seit dem 9. No-
vember 2012, zu zahlen.
4. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, der Privatklägerin C._ eine
angemessene Prozessentschädigung für das Berufungsverfahren ge-
mäss eingereichter Honorarnote (inkl. Barauslagen und 8% MwSt) für
die unentgeltliche Rechtsbeiständin zu bezahlen.
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Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Mit Urteil des Bezirksgerichts Uster vom 20. November 2014 wurde der
Beschuldigte betreffend die Privatklägerin 1 der versuchten qualifizierten Verge-
waltigung, der Drohung und der Tätlichkeit und betreffend die Privatklägerin 2 der
(einfachen) Vergewaltigung und des Raubes schuldig gesprochen. Vom Vorwurf
des Raubes betreffend die Privatklägerin 3 wurde er freigesprochen. Er wurde
bestraft mit 6 Jahren und 3 Monaten Freiheitsstrafe sowie einer Busse von
Fr. 200.–. Weiter wurde die grundsätzliche Schadenersatzpflicht des Beschuldig-
ten gegenüber den Privatklägerinnen 1 und 2 festgestellt und diesen je eine Ge-
nugtuung von Fr. 15'000.– (zuzüglich Zins) zugesprochen. Die Schadenersatz-
und Genugtuungsforderung der Privatklägerin 3 wurde abgewiesen.
2. Gegen dieses Urteil meldeten am 21. November, 24. November und
1. Dezember 2014 der Beschuldigte, die Staatsanwaltschaft sowie die Privatklä-
gerinnen 2 und 3 rechtzeitig Berufung an (Urk. HD 46, 47, 48 und 50). Die Privat-
klägerin 1 reichte kein Rechtsmittel ein. Anschlussberufungen blieben aus.
a) Die Privatklägerin 2 reichte in der Folge keine Berufungserklärung ein,
weshalb auf ihre Berufung nicht einzutreten ist.
b) Die Staatsanwaltschaft reichte am 8. Mai 2015 die Berufungserklärung
ein (Urk. 59) und stellte anlässlich der Berufungsverhandlung die vorgenannten
Anträge (vgl. Urk. 70). Sie verlangt einen Schuldspruch wegen qualifizierter Ver-
gewaltigung betreffend die Privatklägerin 2 und einen Schuldspruch wegen Raub
betreffend die Privatklägerin 3 sowie eine Bestrafung des Beschuldigten mit 10
Jahren Freiheitsstrafe und Fr. 1'000.– Busse. Weiter beantragt sie die Anordnung
der Verwahrung bzw. eventualiter einer stationären Massnahme. Schliesslich
stellte sie den Antrag, es sei über den Zivilpunkt der Privatklägerinnen zu ent-
scheiden (hinsichtlich dessen ihr die Rechtsmittellegitimation allerdings abgeht).
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Sie stellt sodann den Beweisantrag, der Gutachter PD Dr. med. E._ sei
vor Gericht zur Frage der anzuordnenden Massnahme zu befragen.
c) Die Berufungserklärung der Privatklägerin 3 erfolgte am 13. Mai 2015
(Urk. HD 60). Sie stellte anlässlich der Berufungsverhandlung die vorgenannten
Anträge (vgl. Urk. 71). Sie verlangt hinsichtlich des sie betreffenden Verfahrens
einen Schuldspruch wegen Raub, die grundsätzliche Feststellung der Schaden-
ersatzpflicht des Beschuldigten sowie die Zusprechung einer Genugtuung von
Fr. 10'000.– (zuzüglich Zins) und einer angemessenen Prozessentschädigung.
d) Der erbeten (vgl. Urk. HD 15/42) verteidigte Beschuldigte reichte seine
Berufungserklärung am 13. Mai 2015 ein (Urk. HD 61) und stellte anlässlich der
Berufungsverhandlung die vorgenannten Anträge (vgl. Urk. 74). Er verlangt im
Hauptantrag einen vollumfänglichen Freispruch und eventualiter eine Bestrafung
mit höchstens 4 Jahren Freiheitsstrafe.
3. Das vorinstanzliche Urteil ist demnach vollumfänglich angefochten.
II. Sachverhalt
A. Allgemeines
Hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Beweismittel sowie der allgemei-
nen Regeln der Beweiswürdigung kann auf die zutreffenden Ausführungen der
Vorinstanz verwiesen werden (Urk. HD 58 S. 6 ff. und S. 76-78).
B. Vorwürfe betreffend die Privatklägerin 1 (A._)
1. Anklagevorwurf
1.1. Versuchte qualifizierte Vergewaltigung (Anklageziffer 1.2.1. i.V.m. 1.1.)
Die Anklage – sich diesbezüglich auf die Aussagen der Privatklägerin 1
stützend – wirft dem Beschuldigten in tatsächlicher Hinsicht im Wesentlichen vor,
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dass er abends am 8. November 2012 auf dem Parkplatz der Sportanlage
F._ in ..., nach einer kurzen Zeit des einvernehmlichen geschützten Ge-
schlechtsverkehrs, sich das Kondom von seinem Geschlechtsteil weggerissen
und der Geschädigten zu verstehen gegeben habe, dass er ohne Kondom mit ihr
vaginalen Geschlechtsverkehr haben wolle. Diese habe ihm verbal zu verstehen
gegeben, dass sie damit nicht einverstanden sei, und habe ihm, als er nicht von
ihr habe ablassen wollen, mit ihren Beinen in den Bauch getreten. Der Beschul-
digte habe auch danach nicht von der immer noch unter ihm liegenden Geschä-
digten abgelassen, sondern ihr zwei Ohrfeigen gegeben und begonnen, sie mit
beiden Händen um den Hals so lange und stark zu würgen, bis sie unfreiwilligen
Urinabgang gehabt habe. Darauf habe er, immer noch auf ihr kniend, sie weiter
mit einer Hand gewürgt und mit der anderen Hand noch einige Male ins Gesicht
geohrfeigt sowie sich an seinem Geschlechtsteil stimuliert. Dann habe er ver-
sucht, mit seinem Geschlechtsteil vaginal in die nunmehr widerstandsunfähige
Geschädigte einzudringen, was ihm aber nicht auf Anhieb gelungen sei. Noch
bevor er in sie habe eindringen können, habe deren Mobiltelefon geläutet, worauf
er von ihr abgelassen habe.
Mit dem oben geschilderten Würgen und Knien auf der Brust der Privatklä-
gerin 1 habe er diese in eine unmittelbare Lebensgefahr gebracht, da die Gefahr
von Durchblutungsstörungen im Gehirn und einem Erstickungstod bestanden
habe (Urk. HD 19 S. 4 f.).
1.2. Tätlichkeiten (Anklageziffer 1.2.2.)
Nachdem der Beschuldigte von der Geschädigten abgelassen habe, habe
er dieser während der Rückfahrt nach Zürich noch einige Ohrfeigen ins Gesicht
versetzt (a.a.O. S. 5).
1.3. Drohung (Anklageziffer 1.2.3.)
Ca. 10 Tage nach dem oben geschilderten Vorfall habe der Beschuldigte
am ... die Geschädigte, welche dort nach wie vor ihre Dienste als Sexarbeiterin
angeboten habe, von seinem Auto aus gesehen. Dabei sei er sich – gut sichtbar
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für die Geschädigte – mit seinem Finger quer über den Hals gefahren und habe
damit einen Kehlenschnitt angedeutet, wodurch die Geschädigte panische Angst
bekommen habe, was er zumindest in Kauf genommen habe (a.a.O. S. 5).
2. Standpunkt des Beschuldigten
Der Beschuldigte bestritt die gegen ihn erhobenen Vorwürfe seit Anbeginn
des Strafverfahrens. Im Untersuchungsverfahren verzichtete er vorerst auf eine
(weitergehende) Stellungnahme zu den Aussagen der Privatklägerin (vgl. Urk.
HD 3/1 S. 5; HD 3/2 Blatt 2 = HD 4/5 S. 14), erklärte allerdings einmal von sich
aus (anlässlich der Konfrontationseinvernahme mit G._ vom 26. November
2013; Urk. HD 3/5 S. 9 f.) – auf die Frage des Staatsanwaltes, ob er am ... die
Dienste von Prostituierten im Beisein von G._ in Anspruch genommen habe
– dass er einmal mit der Privatklägerin 1 gegangen (bzw. mit ihr zum ... Altstet-
ten gefahren sei, während G._ unter der Brücke beim ... auf ihn gewartet
habe). Anlässlich der Befragung vor Vorinstanz machte er diesbezüglich nähere
Ausführungen: Er sei mit der Privatklägerin 1 am 20. August 2011 zusammen
gewesen. Danach habe er die Frau nie mehr gesehen. Am 8. November 2012
habe er nichts mit ihr zu tun gehabt. Als er mit der Privatklägerin 1 am 20. August
2011 zusammen gewesen sei, habe er ein Telefonat geführt und habe womög-
lich dabei zu laut gesprochen, so dass die Privatklägerin 1 möglicherweise Angst
bekommen haben könnte. Man sei gemeinsam im Auto gefahren, als er den An-
ruf erhalten habe. Es sei aber nichts passiert. Auch geschrien habe er nicht. An-
sonsten habe er keine Erklärung dafür, weshalb die Privatklägerin 1 Angst vor
ihm gehabt haben sollte. Wenn er jemanden schlagen würde, so würde diese
Person doch nicht mehr zu ihm ins Auto einsteigen. Er habe am 20. August 2011
mit der Privatklägerin 1 Geschlechtsverkehr mit Kondom für Fr. 50.– vereinbart.
Davor habe er die Privatklägerin 1 noch nie gesehen gehabt. Er habe dann nach
einigen Minuten einen Anruf erhalten. Er könne sich nicht mehr so genau erin-
nern, aber wahrscheinlich habe die Privatklägerin 1 ebenfalls einen Anruf erhal-
ten. Der Geschlechtsverkehr mit Kondom habe nur ca. zwei bis drei Minuten ge-
dauert, dann sei es zu Ende gewesen. Danach sei er mit der Privatklägerin 1 zu-
rück gefahren, wobei er ihr weder Schläge versetzt, noch über sie geflucht habe
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(Prot. I S. 10 f.). Auch anlässlich der Befragung im Rahmen der Berufungsver-
handlung gab er an, dass er mit der Privatklägerin 1 einmal im August 2011 Ge-
schlechtsverkehr gehabt habe, diese danach aber nie mehr gesehen habe (vgl.
Prot. II. S. 13 und 17).
Der Beschuldigte stellt demnach nicht in Abrede, einmal die Dienste der
Privatklägerin 1 in Anspruch genommen zu haben. Er macht indes geltend, dass
der Kontakt mit ihr über ein Jahr vor dem vorgeworfenen Vorfall (und an einem
anderen Ort) stattgefunden habe und damals nicht über einen kurzen, einver-
nehmlichen bzw. verabredungsgemässen Geschlechtsverkehr mit Kondom hin-
ausgegangen sei. Danach will er die Privatklägerin 1 nie mehr gesehen haben.
3. Beweiswürdigung
3.1. Glaubwürdigkeit der involvierten Personen
3.1.1. Glaubwürdigkeit des Beschuldigten
Die Vorinstanz hat mit ausführlicher und (weitestgehend) überzeugender
Begründung dargetan, weshalb die generelle Glaubwürdigkeit des Beschuldigten
als erheblich beeinträchtigt angesehen werden muss. Auf ihre sorgfältigen Erwä-
gungen kann vorab verwiesen werden (Urk. HD 58 S. 78-81; Art. 82 Abs. 4
StPO). Zusammenfassend, teilweise ergänzend – und in einem Punkt korrigie-
rend (vgl. gleich nachstehend) – ist das Folgende festzuhalten.
Entgegen den Ausführungen der Vorinstanz darf zur Beurteilung der
Glaubwürdigkeit nicht mitberücksichtigt werden, dass der Beschuldigte im Jahr
2001 bereits einmal wegen versuchter Vergewaltigung einer am ... arbeitenden
Strassenprostituierten verurteilt worden war, da diese Vorstrafe bereits gelöscht
ist (vgl. Art. 369 Abs. 7 StGB).
Gegen die Glaubwürdigkeit des Beschuldigten spricht aber, dass er im vor-
liegenden Verfahren repetitiv erklärte, er würde nicht einmal einer Ameise weh-
tun (Urk. HD 3/1 S. 5 und 6), bzw. er würde niemandem so etwas antun, er wür-
de nicht einmal einer Fliege wehtun (a.a.O. S. 7), bzw. er habe nie jemanden zu
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etwas gezwungen (a.a.O.), er sei nicht so ein Mensch (Urk. HD 3/3 S. 17), er sei
kein Mensch, der Gewalt anwende (a.a.O. S. 18), bzw. er könne keine fremde
Frau treffen (Prot. I S. 12). Solchen typischen Floskeln kommt schon per se keine
grosse Glaubhaftigkeit zu. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang sodann,
dass der Beschuldigte sein angeblich gewaltfreies Naturell mit der Aussage un-
terstreichen wollte, dass er auch gegenüber seiner Ehefrau in über 40 Ehejahren
nie gewalttätig geworden sei (Urk. HD 3/3 S. 18; Urk. HD 12/7 S. 29), was aber in
klarem Widerspruch steht zu den Aussagen der Ehefrau (wonach sie vor ca. 10
Jahren viel Streit gehabt hätten und es dabei auch zu Tätlichkeiten gekommen
sei; Urk. HD 5/8 S. 3) sowie den damit übereinstimmenden Aussagen der Söhne
des Beschuldigten (wonach Gewalttätigkeiten des Vaters gegenüber der Mutter
vor ca. 10 Jahren, in den letzten Jahren aber nicht mehr so vorgekommen seien
[H._ in Urk. HD 5/4 S. 4] bzw. schon länger her seien [I._ in Urk. HD
5/36 S. 3]).
Wie die Vorinstanz überzeugend darlegte, leidet die Glaubwürdigkeit des
Beschuldigten sodann an mehrfachen Widersprüchen in seinen allgemeinen,
nicht direkt auf das Beweisthema gerichteten Aussagen; namentlich hinsichtlich
der Häufigkeit und Zeitpunkte seiner Freieraktivitäten am .... Hinzu kommt drit-
tens die klar erkennbare Tendenz des Beschuldigten, auf kritische Fragen aus-
weichend bis teilweise gar zusammenhangslos zu antworten. Diese Auswei-
chungstendenz des Beschuldigten mag zwar bis zu einem gewissen Grade auf
seine einfache, wenig differenzierungs- und introspektionsfähige Persönlichkeits-
struktur zurückzuführen sein (so der Gutachter in Urk. HD 12/7 S. 36). Seine un-
klaren, verschwommenen oder ausweichenden Antworten sind aber darüber hin-
aus – soweit sie gerade bei kritischen Fragen im Zusammenhang mit den im
Raum stehenden Vorwürfen auftreten – doch auch ein anerkanntes aussagepsy-
chologisches Indiz für Falschaussagen.
3.1.2. Glaubwürdigkeit der Privatklägerin 1
Die Vorinstanz hat mit zutreffender Begründung dargetan, dass die generel-
le Glaubwürdigkeit der Privatklägerin 1 bejaht werden kann. Namentlich hat das
Bezirksgericht überzeugend hervorgehoben, dass der Umstand, dass die Privat-
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klägerin 1 nur zögernd und erst nach Anraten seitens der Frauenberatung
J._ und der Sittenpolizei Anzeige erstattete, aufgrund der erlittenen Trauma-
tisierung, der Angst vor Repressalien und der Unvertrautheit derselben mit dem
hiesigen Justizsystem nachvollziehbar erscheint und zudem ihr allfälliges (und
grundsätzlich legitimes) Interesse an einer finanziellen Entschädigung in den Hin-
tergrund treten lässt.
Ergänzend kann ausgeführt werden, dass entgegen den Ausführungen der
Verteidigung (Urk. HD 43 S. 9) die strafprozessuale Aussagewilligkeit einer
Strassenprostituierten keinen Einfluss auf ihre Arbeitsbewilligung hat (deren Vor-
aussetzungen in Art. 9 der städtischen Prostitutionsgewerbeverordnung geregelt
sind). Hinzu kommt, dass die Privatklägerin 1 als EU-Bürgerin ohnehin hier arbei-
ten darf. Die Art der Anzeigeerstattung spricht deshalb auch unter diesem Aspekt
nicht gegen ihre generelle Glaubwürdigkeit.
3.1.3. Zur Glaubwürdigkeit der Zeugen und des ehemals Mitbeschuldigten
Diesbezüglich kann vollumfänglich auf die erstinstanzlichen Ausführungen
verwiesen werden (Urk. HD 58 S. 81-83).
3.2. Sachverhaltswürdigung
3.2.1. Identifikation des Täters
3.2.1.1. Die Verteidigung macht geltend, dass es von Seiten der Privatklä-
gerin 1 zwar eine Täteridentifizierung gegeben habe, diese aber wegen gravie-
render Mängel bei der Lebendwahlkonfrontation wertlos sei. Unter Berufung auf
eine Literaturstelle (Bender/Nack, Tatsachenfeststellung vor Gericht, 2. Aufl., N
90) führt die Verteidigung aus, dass sich bei einer Wahlkonfrontation der Ver-
dächtige nicht wesentlich von den Vergleichspersonen unterscheiden dürfe. Ob-
jektiv sollten wenigstens Grösse, Gewicht, Körperbau, Alter, Frisur, Haarfarbe
und Barttracht ähnlich sein und die Vergleichsgruppe aus wenigstens acht Per-
sonen bestehen. Subjektiv sei zusätzlich zu beachten, das alle Vergleichsperso-
nen die gleichen Merkmale haben müssten, welche dem Opfer aufgefallen seien.
Vorliegend seien lediglich sechs Personen miteinander verglichen worden, wo-
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runter sich nur zwei Ausländer befunden hätten, bzw. mit dem Beschuldigten nur
ein weiterer Türke gewesen sei. Die Privatklägerin 1 sei zudem nie angehalten
worden, ein Signalement des Täters abzugeben, weshalb nicht sichergestellt sei,
dass die Vergleichspersonen die gleichen Merkmale gehabt hätten, welche die-
ser aufgefallen seien. Die Lebendwahlkonfrontation sei somit nicht lege artis er-
folgt, weshalb der Identifizierung durch die Privatklägerin 1 gar kein oder höchs-
tens ein geringer Beweiswert zukomme. Aus diesem Grund und mangels weite-
rer genügender Beweisen könne nicht mit rechtsgenügender Sicherheit davon
ausgegangen werden, dass der Beschuldigte überhaupt der Täter der eingeklag-
ten Tat sei (Urk. HD 43 S. 6 f.; vgl. auch Urk. 74 S. 12 f.).
3.2.1.2. Die Argumentation der Verteidigung vermag nicht zu überzeugen.
Die Vorinstanz hat treffend dargetan, dass (erstens) der Lebendwahlkonfrontati-
on ein gewichtiger Beweiswert zukommt (Urk. HD 58 S. 89) und dass (zweitens)
vor dem Hintergrund sämtlicher entsprechender Indizien keine vernünftigen
Zweifel an der Täterschaft des Beschuldigten zurückbleiben (a.a.O. S. 89-93).
Auf ihre Erwägungen kann vorab verwiesen werden (Urk. HD 58 S. 89). Zusam-
menfassend, präzisierend sowie ergänzend ist das Folgende auszuführen:
a) Lebendwahlkonfrontation
Wann und wie eine Identifizierungsgegenüberstellung erfolgen soll, steht im
Ermessen der Strafbehörde. Es existieren weder besondere Vorschriften noch
eine gefestigte Praxis zu dieser Thematik. Von der Rechtsprechung und Lehre
wurden lediglich einzelne Empfehlungen ausgearbeitet. Zunächst empfiehlt sich
im Interesse einer möglichst zuverlässigen Täteridentifikation, dem Opfer mehre-
re Personen zu zeigen (bzw. mehrere Vergleichsfotos vorzulegen). Ein vorge-
schriebenes Mindestmass heranzuziehender Vergleichspersonen (oder -fotos)
gibt es allerdings nicht. Gemäss der vom Verteidiger herangezogenen Literatur
sollen es wenigstens 8 Vergleichspersonen sein; nach anderen Literaturmeinun-
gen soll die identifizierende Person zwischen mindestens 6 und idealerweise 9
Personen wählen können (vgl. BSK StPO - Häring, Art. 146 Ziff. 11, Anm. 56).
Nach Lehre und Rechtsprechung vermag selbst die Präsentation bloss einer
Person oder die Vorlage bloss eines Fotos nicht von vornherein die Unverwert-
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barkeit des so abgenommenen Beweises zu bewirken; verlangt wird lediglich,
dass eine solche Konstellation im Rahmen der freien Beweiswürdigung zu be-
rücksichtigen und der so erfolgten Täteridentifikation allenfalls ein geringerer Be-
weiswert zuzuerkennen sei. Sodann erfordert die Auswahl der Vergleichsperso-
nen ein spezielles Augenmerk. Grundsätzlich ist auf die Täterbeschreibung des
Opfers abzustellen. Für den Fall, dass keine Täterbeschreibung vorliegt, müssen
die Vergleichspersonen dem Verdächtigen ähnlich sein. Die Vergleichspersonen
sollten dem (beschriebenen) Tatverdächtigen bezüglich Aussehen und Körper-
haltung ähnlich sein und sollten auch nicht durch äussere Merkmale (etwa Klei-
dung) von ihm stark unterschieden werden können (vgl. zum Ganzen: ZR
106/2007 S. 276, E. 5.2.b; Urteil 1P.104/2004 vom 10. Mai 2004 E. 4; BSK StPO
- Häring, Art. 146 N 11; Blättler, Zur Problematik der Täteridentifikation im Rah-
men einer Konfrontation aus der Sicht der polizeilichen Praxis, AJP 2000 1374;
Garbade, Mindestanforderungen bei Täteridentifikationen - Forum "Redlich aber
falsch" Bern, 20. Mai 2000, AJP 2000 1375). Das Gericht hat demnach eine freie
Beweiswürdigung der in Frage stehenden Wahlkonfrontation vorzunehmen. Da-
bei ist auf die konkreten Umstände des Einzelfalles abzustellen. In diesem Sinne
sind in einem ersten Schritt zunächst die während der Tat bestehenden Umstän-
de zu berücksichtigen, namentlich die Dauer der Beobachtung, die Erkennbarkeit
des Täters auf Grund der Licht- und Wetterverhältnisse, die Entfernung des
Standorts des Zeugen oder Opfers, der Blickwinkel, die Auffälligkeit des Täters,
sonstige Umstände der Beobachtung (gezielt oder zufällig), die Aufmerksamkeit
des Beobachters. Dadurch kann festgestellt werden, inwieweit die befragte Per-
son die Möglichkeit hatte, das Aussehen des Täters bewusst wahrzunehmen. In
einem nächsten Schritt ist zu erörtern, ob Anhaltspunkte für eine suggerierte
Aussage bestehen (vgl. Urteil SB140133 vom 20. November 2014 Ziff. 6.1.).
Gemäss den glaubhaften Aussagen der Privatklägerin 1 hatte diese mit
dem Täter zuerst am ... ein Gespräch über die zu erbringende sexuelle Dienst-
leistung und später am Tatort während einiger Zeit "normalen" Geschlechtsver-
kehr in dessen Fahrzeug, wozu sie (rücklings) auf dem Rücksitz gelegen sei und
der Täter am Anfang mit einem Knie am Boden und mit dem anderen Knie auf
der Rückbank gekniet habe und später sich mit seinem ganzen Gewicht auf sie
https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/00000000-0000-0000-0000-000000000000?source=document-link&SP=6|f1nhwq https://www.swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/6baccef6-d119-4a04-bbf5-180a42005329?citationId=28186b93-20f1-4a19-ab08-6eb04ebcc355&source=document-link&SP=6|f1nhwq
- 19 -
gelegt habe (Urk. HD 4/1 S. 6). Bereits vor diesem unbestrittenen Hintergrund
kann davon ausgegangen werden, dass die Privatklägerin 1 das Gesicht des Tä-
ters mehrfach aus kurzer Distanz und über längere Zeit sehen und somit relativ
gut wahrnehmen konnte. Die Privatklägerin 1 erwähnte denn auch anlässlich ih-
rer ersten formellen Befragung vom 6. Dezember 2012 – noch bevor der einge-
klagte eigentliche Vergewaltigungsversuch zur Sprache kam (nämlich nach Be-
antwortung der Frage, wo der Mann sein Fahrzeug parkiert habe) – spontan von
sich aus und ohne Konnex zu den zuvor gestellten Fragen, dass sie das Gesicht
des Mannes vor sich sehe und das nie im Leben vergessen werde (Urk. HD 4/1
S. 5). Auch der eingeklagte Vergewaltigungsversuch – welcher, wie noch zu zei-
gen sein wird, aufgrund der glaubhaften Aussagen der Privatklägerin erstellt
werden kann (Ziff. 3.2.) – lief in einer Art und Weise ab, bei der sich Täter und
Opfer frontal gegenüber befanden. Hinzu kommt, dass die Privatklägerin den Tä-
ter ca. 10 Tage nach dem eingeklagten Vergewaltigungsversuch ein weiteres Mal
am ... sah, wo er gemäss ihrer glaubhaften Aussage (vgl. Ziff. 3.2.2.2.c) aus sei-
nem Auto heraus eine Geste des Kehlendurchschneidens gemacht und ihr dabei
"ins Gesicht gelacht" habe (Urk. HD 4/1 S. 9). Dass die Privatklägerin 1 das Ge-
sicht des Täters bewusst wahrgenommen, dieses sich ihr geradezu eingeprägt
hatte, steht aufgrund all dieser nachweisbaren konkreten Umstände ausser Zwei-
fel. In diesem Zusammenhang kann auch noch auf die Aussage von K._, ei-
ner Sozialarbeiterin der J._ Frauenberatung hingewiesen werden, wonach
ihr die Privatklägerin 1 auch noch im Juli 2013 erzählt habe, dass sie das Gesicht
des Täters jeden Morgen vor sich habe und es einfach nicht vergessen könne
(Urk. HD 5/26 S. 5).
Die Lebendwahlkonfrontation fand am 11. März 2013 statt. Vorinstanz und
Staatsanwaltschaft ist beizupflichten, dass durchaus typengleiche Personen zur
Auswahl gestellt wurden (vgl. die entsprechende Aufnahme in Urk. HD 1/17). Die
Vergleichspersonen erwecken den Eindruck des ungefähr gleichen Alters wie der
Beschuldigte. Sie sind etwa gleich gross wie dieser und von ähnlicher untersetz-
ter Statur. Weiter entsprechen sie sich auch ungefähr in Frisur und Farbe des
(angegrauten) Kopfhaars sowie im Stil ihrer Kleidung. Fünf der vier Vergleichs-
personen weisen einen ähnlich leichten Bartbewuchs wie der Beschuldigte auf,
- 20 -
lediglich einer trägt einen Vollbart. Dass die Vergleichspersonen nicht die gleiche
Nationalität wie der Beschuldigte aufweisen, fällt nicht ins Gewicht, da rein op-
tisch, jedenfalls auf den ersten Blick, eine unterschiedliche Herkunft derselben
nicht auszumachen ist. Zusammengefasst kann festgehalten werden, dass Ver-
gleichspersonen von ausreichender Ähnlichkeit zum Beschuldigten aufgestellt
wurden und damit den vorstehend ausgeführten Empfehlungen zur Auswahl der
Vergleichspersonen bei Fehlen einer Täterbeschreibung durch das Opfer nach-
gekommen wurde. Dass die Privatklägerin 1 nicht angehalten worden war, vor-
gängig eine Täterbeschreibung abzugeben, ist mit der Vorinstanz als Versäumnis
der Untersuchungsbehörden zu bezeichnen (Urk. HD 58 S. 91), vermag aber die
Regelkonformität der durchgeführten Lebendwahlkonfrontation nicht in Frage zu
stellen. Auch dass lediglich sechs und nicht acht oder mehr Personen vorgesetzt
wurden, bewegt sich im Rahmen der von Lehre und Rechtsprechung entwickel-
ten Empfehlungen und führt nicht zu einer Minderung des Beweiswerts der Kon-
frontation. Gemäss Polizeirapport identifizierte die Privatklägerin 1 den Beschul-
digten nämlich klar und eindeutig, brach dabei gar in Tränen aus und war auf-
grund der 'Begegnung' (hinter der Spiegelwand) emotional aufgewühlt (Urk. HD
1/16 S. 2). Aufgrund dieser deutlichen, spontanen und authentischen Reaktion
der Privatklägerin 1 kann eine Suggestivwirkung des Arrangements der Lebend-
wahlkonfrontation bzw. der Anzahl und Auswahl der Vergleichspersonen mit Si-
cherheit ausgeschlossen werden. Das Verhalten der Privatklägerin 1 bei Kon-
frontation mit dem Beschuldigten spricht klar gegen eine willentliche oder irrtüm-
liche Falschbeschuldigung.
Im Fazit drängt sich deshalb allein schon aufgrund des Ergebnisses der
ordnungsgemäss durchgeführten Lebendwahlkonfrontation mit rechtsgenügen-
der Wahrscheinlichkeit auf, dass es sich beim Beschuldigten um den Täter han-
delt.
b) Weitere Indizien
Gestützt und abgerundet wird dieses Beweisergebnis durch zahlreiche wei-
tere nachgewiesene Umstände. Für die Täterschaft des Beschuldigten spricht
- 21 -
zusätzlich (wobei zur näheren Begründung auf die ausführlichen Erwägungen
der Vorinstanz verwiesen werden kann):
• dass er im entsprechenden Zeitraum einigermassen regelmässig als
Freier am ... verkehrte,
• dass er tatsächlich – wie von der Privatklägerin 1 zur Tatzeit (und von
weiteren Sexarbeiterinnen nach der Tat) beobachtet wurde – einen Opel
Corsa in der eher selten anzutreffenden Farbe ... fuhr,
• dass die Privatklägerin 1 den von ihr als Täter bezichtigten Beschuldigten
nach der eingeklagten Tat noch einige Male am ... sah (Urk. HD 4/5 S.
12) und sie dies zumindest einmal auch den Mitarbeiterinnen des
J._ Busses meldete (a.a.O. S. 7),
• dass in der Zeit nach dem Vorfall eine Freierwarnung erstellt und im
J._ Bus aufgehängt wurde, die mit dem Erscheinungsbild des Be-
schuldigten in Deckung zu bringen ist (und mit hoher Wahrscheinlichkeit
auf den Angaben der Privatklägerin 1 beruht),
• dass die Polizei eines Abends im November 2012 – auf einen Anruf der
Mitarbeiterinnen des J._-Busses hin, wonach sich der Tatverdächti-
ge mit dem auffälligen Opel Corsa laut der Mitteilung einiger Sexarbeite-
rinnen gerade unter der ...brücke befinden würde – diesen einer Kontrol-
le unterzog, und es sich dabei um den Beschuldigten handelte,
• dass die Privatklägerin 1 überdies den am ... zurückbleibenden Begleiter
des Täters beschreiben konnte und diese Beschreibung ziemlich exakt
auf G._ zutrifft,
• dass der Beschuldigte durch die Aussagen von G._ indirekt belastet
wird (der bestätigte, dass er den Beschuldigten mehrmals an den Stras-
senstrich am ... begleitete und u.a. ausführte, seiner Beobachtung nach
habe der Beschuldigte dort einen schlechten Ruf gehabt, da viele Frauen
sich von Anfang an geweigert hätten, mit ihm mitzugehen).
- 22 -
3.2.1.3. Zusammengefasst bestehen keine vernünftigen Zweifel mehr an
der Täterschaft des Beschuldigten.
3.2.2. Tatnachweis
3.2.2.1. Die Verteidigung führte vor Vorinstanz aus, dass wenn man von der
Täterschaft des Beschuldigten ausgehen würde, jedenfalls die eingeklagten
Sachverhalte nicht als rechtsgenügend erstellt erachtet werden könnten. Nach-
dem die Zeugenaussagen verschiedener Drittpersonen, namentlich der Sozialar-
beiterinnen der Frauenberatung J._ und des Polizisten L._, keine eige-
nen Beobachtungen zum Tatablauf liefern, sondern lediglich Angaben vom Hö-
rensagen machen könnten, basiere die Anklage einzig und allein auf den Aussa-
gen der angeblichen Geschädigten (hier der Privatklägerin 1). Deren Aussagen
seien inhaltlich nicht über alle Zweifel erhaben. Bei der Privatklägerin 1 falle auf,
dass sie nicht sofort zur Polizei gegangen, sondern ihre Belastungen erst viel spä-
ter zu Papier habe bringen lassen habe. Aus dem Polizeiprotokoll (Urk. HD 4/1/1
Frage 12) gehe hervor, dass sie sich am 20. November 2012 offenbar bereits
anonym mit den Polizisten der Milieuaufklärung unterhalten habe, weshalb die
erste formelle Befragung durch die Polizei schon von dieser früheren Befragung
mit dem Polizisten L._ geprägt sein dürfte. Die Privatklägerinnen (demnach
auch die Privatklägerin 1) hätten einfach stereotyp das wiedergegeben, was die
Polizei habe hören wollen. Lebensfremd sei weiter, dass die Privatklägerin 1 an-
geblich sogar einen Telefonanruf einer Kollegin habe entgegennehmen können,
obschon sie vom Beschuldigten dermassen brutal behandelt und festgehalten
worden sein wolle. Sodann steige, wer dermassen Gewalt erleide wie die Privat-
klägerin 1, nachher nicht auch noch ins Auto des Täters ein, um mit ihm von ...
wieder nach Zürich zu fahren. Entscheidend sei aber, dass sich die Belastungen
der Privatklägerin 1 nicht durch ärztliche Befunde hätten objektivieren lassen. Ins-
besondere sei die Privatklägerin 1 nach dem angeblichen Übergriff nicht zum Arzt
gegangen, sondern sei erst ca. 3 Wochen nach dem behaupteten Ereignis erst-
mals ärztlich untersucht worden. Dass sie erst so spät zum Arzt gegangen sei,
könne den Grund nur darin haben, dass es die von ihr behaupteten Verletzungen
nie gegeben habe (Urk. HD 43 S. 8 f.; Prot. I S. 21; Urk. 74 S. 11 f.).
- 23 -
3.2.2.2. Auch in diesem Punkt ist der Auffassung der Verteidigung nicht zu
folgen. Vielmehr überzeugt die Argumentation der Vorinstanz, wonach die einzel-
nen in der Anklage aufgeführten Vorgänge und Umstände als rechtsgenügend er-
stellt zu betrachten seien. Ihre Beweiswürdigung ist in allen Details gut nachvoll-
ziehbar und überzeugt im Einzelnen wie im Gesamten. Stichhaltige Gegenargu-
mente der Verteidigung blieben aus. Es kann deshalb vorab auf die zutreffenden
erstinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden (Urk. HD 58 S. 84-95). Im Fol-
genden ist das Wesentliche zusammenzufassen und soweit erforderlich auf Ein-
zelheiten einzugehen.
a) Allgemeines
Wie bereits vorstehend ausgeführt spricht der Umstand, dass die Privatklä-
gerin 1 – aufgrund ihrer subjektiv nachvollziehbar als schwach empfundenen Po-
sition als Strassenprostituierte – erst auf Zuraten der Sozialarbeiterinnen von
J._ und der Milieupolizei zu Aussagen bereit war, gerade für ihre Glaubwür-
digkeit und damit auch für die Glaubhaftigkeit ihrer Darstellung. Zutreffend ist,
dass die Privatklägerin 1 ein erstes Mal am 20. November 2012 dem Polizisten
L._ von der Milieuaufklärung anonym erzählte, was ihr passiert sei (vgl. Urk.
HD 4/1 S. 2 Frage 12; HD 5/34 S. 4). Haltlos ist aber der von der Verteidigung
daraus gezogene Schluss, dass diese darauf an der formellen polizeilichen Ein-
vernahme vom 6. Dezember 2012 einfach "stereotyp" das wiedergegeben habe,
"was die Polizei hören wollte" bzw. einfach "den Erwartungen der Polizei [...]
Folge geleistet" habe (Prot. I S. 21). Vielmehr zeigen die Aussagen von L._
– wonach die Frau anfänglich ein Gespräch kategorisch abgelehnt habe, dazu
erst nach Zusicherung der Vertraulichkeit bereit gewesen sei und nicht gewollt
habe, dass darüber ein Protokoll erstellt würde (Urk. HD 5/32 S. 4) – wie auch
der Umstand, dass danach noch einmal nahezu 3 Wochen verstrichen, bis sie
sich formell einvernehmen liess, deutlich, dass die Privatklägerin nur zurückhal-
tend und zögernd zur Aussage bereit war. Dies spricht eher für eigenständige
und glaubhafte Aussagen der Privatklägerin 1 als für das Gegenteil.
Für die Wahrhaftigkeit ihrer Darstellung spricht ein weiterer, sehr gewichti-
ger Umstand. Aus den Protokollen sämtlicher Befragungen ist ersichtlich, dass
- 24 -
die Privatklägerin 1 bei ihren Aussagen jeweils äusserst stark mit ihren Emotio-
nen zu kämpfen hatte:
• Bereits anlässlich der informellen Befragung vom 20. November 2012 hat-
te die Privatklägerin 1 während ihrer Erzählung – gemäss Amtsbericht des
Polizisten L._ vom 22. November 2012 (Urk. HD 1/2 S. 2) – "immer
wieder Mühe, die Fassung zu wahren und war ständig den Tränen nahe".
Eine "unerwartet starke Reaktion" habe sie auf die Frage nach Urinab-
gang während des Würgens gezeigt: "Die Frau brach in sich zusammen
und erlitt einen Weinkrampf, welcher die Erzählung längere Zeit unter-
brach. Die Frau bestätigte den Urinabgang und fügte an, dass sie dies aus
Schamgefühl nie jemandem erzählen wollte".
• Anlässlich der formellen polizeilichen Befragung vom 6. Dezember 2012
wurde die Privatklägerin 1 in ihrer Stimme mehrere Male zittrig und brach
verschiedentlich in Tränen aus (Urk. HD 4/1 S. 3, 4, 5, 8). Zweimal weinte
sie so heftig, dass die Befragung unterbrochen werden musste (a.a.O.
S. 6 und 7). In der Folge wünschte sie den Abbruch der Befragung, da sie
nicht mehr könne (a.a.O. S. 9). Diesem Wunsch kam die Polizei einige
Frage später nach, worauf sie sich müde und erschöpft zeigte (a.a.O.
S. 10).
• Auch noch an der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 11. März
2013 begann die Privatklägerin 1 zweimal an zu weinen (Urk. HD 4/5 S. 6,
8).
Ein solch eindrückliches nonverbales Verhalten kann nicht gespielt werden,
sondern deutet klar auf selbst Erlebtes hin. Die Privatklägerin 1 manifestiert mit
diesem von ihr nicht bewusst steuerbaren Verhalten deutlich, wie nachhaltig sie
durch den Vorfall traumatisiert worden war.
Die Traumatisierung der Privatklägerin 1 konnte im Übrigen nicht erst an-
lässlich der Einvernahmen durch die Untersuchungsbehörden, sondern auch
schon in der Zeit nach der Tat durch mehrere Sozialarbeiterinnen der Frauenbe-
- 25 -
ratung J._ beobachtet werden. M._ schilderte, dass sich die Privatklä-
gerin 1 "in einer Art Schockzustand" befunden habe (Urk. HD 5/17 S. 4). N._
gab an, dass der Privatklägerin 1 die Angst, dass sie sterben müsse, "immer
wieder hoch" gekommen sei und diese auf sie "einen stark traumatisierten Ein-
druck" gemacht habe (Urk. HD 5/23 S. 7, vgl. auch S. 4). K._ sagte aus,
dass es schwierig gewesen sei, die Privatklägerin 1 "bezüglich ihrer Probleme zu
beraten, weil sie vor allem am Anfang immer wieder repetitiv ihre Geschichte er-
zählte und ihre Ängste schilderte"; sie habe diese deshalb "auch nicht weiter
nach den Ereignissen gefragt, weil sonst ihr Trauma noch verschärft worden wä-
re" (Urk. HD 5/26 S. 4).
Hinzu kommt, dass die Traumatisierung der Privatklägerin 1 durch die Arzt-
berichte zweier verschiedener Mediziner bestätigt wird. Dr. med. O._, wel-
che die Privatklägerin 1 seit November/Dezember 2012 aus ihrer Sprechstunde
im J._ Bus kannte, bestätigte, dass diese noch am 1. März 2013 unter ei-
nem "ausgeprägten posttraumatischen Stress-Syndrom mit [mehreren, einzeln
aufgelisteten] seelischen und somatischen Beschwerden mit Krankheitswert" litt
(Urk. HD 37/1). In einem weiteren Arztbericht vom 12. Juni 2013 stellte sie der
Privatklägerin 1 noch immer die Diagnose einer "posttraumatische[n] Belas-
tungsstörung mit Flashbacks, Übererregbarkeit, Ängstlichkeit, Lichtempfindlich-
keit und erhöhtem Muskeltonus (Verspannung) nach Übergriff am 8.11.2012"
und führte (sinngemäss) aus, dass die Probleme der Privatklägerin noch immer
immens seien, auch wenn sich ihr Zustand in den letzten drei Monaten etwas
gebessert habe (Urk. HD 37/2). Ein dritter im Recht liegender Arztbericht, von
med. pract. P._, vom 11. August 2013 attestiert, dass die Privatklägerin 1
nach wie vor an einer schwerwiegenden psychischen Belastungsstörung
(ICD 10 F43.1) nach Gewaltanwendung leide (Urk. HD 37/3).
Diese ausgewiesenen psychischen Auffälligkeiten der Privatklägerin – wel-
che unabhängig voneinander durch mehrere Sozialarbeiterinnen, Fachärzte und
Strafbehörden beobachtet werden konnten, und dies sowohl kurz nach der Tat
als auch über einen längeren Zeitraum und insbesondere auch im Rahmen ihrer
- 26 -
Einvernahmen – sprechen deutlich für die Wahrheit ihrer Aussagen über das mit
dem Beschuldigten Erlebte.
b) Versuchte qualifizierte Vergewaltigung (Anklageziffer 1.2.1.)
Die Privatklägerin 1 machte – nimmt man die informelle Befragung hinzu,
wie sie im Amtsbericht des Polizisten L._ zusammengefasst wurde – drei-
mal Aussagen zum eingeklagten Vorfall. Dabei gab sie das Kerngeschehen in
den wesentlichen Punkten jeweils übereinstimmend wieder: Der Täter habe sie
am ... angesprochen und sie hätten dann Sex für Fr. 50.– mit Kondom vereinbart.
Als sie beim ... Auto des Täters angelangt seien, sei ein weiterer Mann auf dem
Beifahrersitz gesessen, der dann ausgestiegen sei. Darauf sei sie mit dem Täter
in einer Fahrt von ca. 30 Minuten zum Tatort gegangen (Urk. HD 1/2 S. 1; HD 4/1
S. 2 und 5, HD 4/5 S. 4 f.). Dort seien sie ausgestiegen, und der Täter sei auf die
Beifahrerseite gekommen und habe den Beifahrersitz nach vorne geklappt und
ihr gesagt, sie solle sich auf den Rücksitz des Autos begeben. Sie hätten sich,
ein jeder für sich, ausgezogen (Urk. HD 1/2 S. 1; HD 4/1 S. 2 f., HD 4/5 S. 6 und
8). Sie hätten dann vorerst eine kurze Zeit Geschlechtsverkehr mit Kondom voll-
zogen, welches von ihr hervorgeholt und dem Täter übers Glied gestreift worden
sei (Urk. HD 1/2 S. 1 f.; HD 4/1 S. 3, HD 4/5 S. 6 und 8). Plötzlich sei er von ihr
abgestiegen, habe das Kondom von seinem Glied gezerrt und ihr zu verstehen
gegeben, dass er ohne Gummi weitermachen wolle. Sie habe ihm zu verstehen
gegeben, dass sie ohne Gummi nicht wolle. Er habe dann unter Anwendung von
Gewalt versucht, ungeschützt in sie einzudringen. Er habe sie dazu in den Sitz
gedrückt und mit beiden Händen gewürgt. Darauf habe er seine rechte Hand ge-
löst und ihr mit dieser auf die linke und rechte Gesichtshälfte geschlagen, derweil
er sie mit der linken Hand weiter gewürgt habe. Auch habe er mit seiner (rechten)
Hand versucht, sich am Penis zu stimulieren. Es sei ihm aber nicht gelungen, in
sie einzudringen. Sie habe sich gewehrt und versucht, ihn wegzustossen (Urk.
HD 1/2 S. 2; HD 4/1 S. 3 f. und 6 ff., HD 4/5 S. 6 und 8 f.). Plötzlich habe ihr Tele-
fon geklingelt, worauf der Täter zwar "no Telefon" geschrien, aber von ihr abge-
lassen habe. Sie habe ihm gesagt "problem, Polizei", und ihm zu verstehen ge-
geben, dass das ihre Kollegin sei, und habe das Telefon abnehmen können. Die
- 27 -
Kollegin habe dann dem Täter durch das Telefon zu verstehen gegeben, dass
sie die Polizei benachrichtigen würde (Urk. HD 1/2 S. 2; HD 4/1 S. 4 und 9, HD
4/5 S. 6 und 9). In der Folge habe der Täter sich angezogen und darauf bestan-
den, sie wieder ans ... zu fahren. Sie habe erst gesagt, sie würde ein Taxi neh-
men, dann aber aus Angst eingewilligt (Urk. HD 1/2 S. 2; HD 4/1 S. 4, HD 4/5 S.
6 und 13).
Die Privatklägerin 1 blieb von Anfang bis Schluss bei ihren Anschuldigun-
gen und fügte im Verlaufe der Befragungen keine weiteren Vorwürfe hinzu. An-
dererseits schwächte sie ihre Vorwürfe auch nicht ab. Dies alles spricht für die
Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen. Auffallend ist weiter ihr differenziertes und zu-
rückhaltendes Aussageverhalten. Die Privatklägerin neigt nicht zu Übertreibun-
gen und belastet den Beschuldigten auch nicht unnötig. So gab sie beispielswei-
se an, dass der Beschuldigte anfangs versucht habe, sie zu küssen, dann aber
nicht weiter insistiert habe, als sie dies abgelehnt habe (Urk. HD 4/1 3; HD 4/5
S. 8). Auch gab sie etwa an, dass sie von den Ohrfeigen keine Verletzungen da-
vongetragen, sondern höchstens das Gefühl gehabt habe, dass ihre Wange ein
wenig geschwollen gewesen sei (Urk. HD 4/5 S. 11). Weiter deklarierte sie stets
offen, wenn sie sich an etwas nicht mehr erinnern zu vermochte (vgl. z.B. Urk.
HD 4/5 S. 8: "Das weiss ich wirklich nicht mehr" / "Ich weiss das wirklich nicht
mehr. Das Ganze war sehr hektisch"; Urk. HD 4/5 S. 10: "Ja er gab mir eine Ohr-
feige, ich weiss aber nicht mehr genau, was im Detail passierte" bzw. "ich weiss
das heute nicht mehr. Aber ich kann Ihnen sagen; das, was ich damals bei der
Polizei gesagt habe, ist alles richtig"; vgl. auch die Protokollnotiz in Urk. HD 4/1
S 5: "Die Geschädigte wirkt verzweifelt und versucht sich krampfhaft zu erinnern.
Weinend signalisiert sie, dass sie sich nicht erinnern kann"). Weiter sind die Aus-
sagen der Privatklägerin 1 konkret, detailliert und anschaulich. Die Vorinstanz hat
eine Reihe von Beispielen aufgezählt, auf welche verwiesen werden kann (Urk.
HD 58 S. 85 f.), Ergänzend kann etwa auf die von der Privatklägerin 1 wörtlich
wiedergegebenen Kommunikationsfetzen in einem charakteristischen gemischt-
sprachigen Kauderwelsch zwischen ihr und dem Beschuldigten hingewiesen
werden – "no Problem" / "Gummi gut" / "No Gummi" / "No ohne Gummi" / "Gut
ohne Gummi" / "idiota persona" / "No Telefon" / "Problem Polizei" – welche in
- 28 -
Anbetracht einer fehlenden gemeinsam beherrschten Sprache sehr authentisch
wirken. Die Privatklägerin erwähnte weiter auch Einzelheiten, welche nicht direkt
auf das Beweisthema gerichtet sind, so etwa, dass sie beim ... dort gestanden
sei, wo es "einen Luftschacht [gibt] der warme Luft rausbläst" (Urk. HD 4/1 S. 4),
oder auch, dass sie am Tatort "einen Drahtzaun und ein paar Bäume" gesehen
habe (Urk. HD 4/1 S. 2). Die wenigen Widersprüche, welche sich zwischen ihren
Aussagen vor der Polizei und denjenigen vor der Staatsanwaltschaft ausmachen
lassen (vgl. dazu die Vorinstanz, Urk. HD 58 S. 86 f.), betreffen durchwegs Ne-
bensächlichkeiten und führen deshalb letztlich zu bedeutungslosen Differenzen.
Zu berücksichtigen ist, dass ein Vergewaltigungsversuch ein äusserst dynami-
sches Geschehen darstellt, weshalb von einem Opfer retrospektiv nicht eine in
allen noch so nebensächlichen Details übereinstimmende Schilderung erwartet
werden kann. Vielmehr ist es so, dass einzelne kleinere Ungenauigkeiten und
Abweichungen im Verlaufe mehrerer Befragungen gerade als Realkennzeichen
zu werten sind, währenddessen erst eine völlige Widerspruchlosigkeit ein Hin-
weis auf ein einstudiertes Lügenkonstrukt hinweisen könnte. Alles in allem wirkt
die Darstellung der Privatklägerin 1 aufgrund sämtlicher vorstehend aufgeführter
Umstände alles andere als stereotyp und einstudiert, weshalb nicht daran ge-
zweifelt werden kann, dass hier persönlich Erlebtes wiedergegeben wird.
Dass die Privatklägerin 1 den Tatzeitpunkt nicht genau benennen konnte,
bzw. diesbezüglich Angaben machte, welche zu Gunsten des Beschuldigten –
nachdem ein allfälliger Protokollierungs- oder Übersetzungsfehler höchstens
vermutet, nicht aber nachgewiesen werden kann – im Ergebnis als widersprüch-
lich bezeichnet werden müssen, vermag ihre im Übrigen höchst glaubhafte Dar-
stellung nicht zu trüben. Mit der Vorinstanz (Urk. HD 58 S. 87 f.) mögen die va-
gen Ausführungen der Privatklägerin 1 betreffend die Tatzeit zum Einen mit ihrer
ausgewiesenen starken Traumatisierung und zum Andern auch mit dem bekann-
termassen vielfach tristen bzw. eintönigen und strukturlosen Tages- und Wo-
chenablauf einer Strassenprostituierten erklärt werden. Ergänzend kann ausge-
führt werden, dass die Privatklägerin 1 bei ihren Versuchen, den Tatzeitpunkt zu
rekonstruieren, offen und konstant deklarierte, nicht mehr genau sagen zu kön-
nen, an welchem Tag der Überfall passiert sei (und sich nicht etwa in haltlose
- 29 -
und durchschaubare Widersprüche verrannte), was insofern für ihre Glaubwür-
digkeit bzw. die Glaubhaftigkeit ihrer Gesamtdarstellung spricht.
Entgegen der Auffassung der Verteidigung kommt sodann insbesondere
auch dem Detail, dass der Beschuldigte aufgrund des überraschenden Klingelns
des Telefons von der Privatklägerin abgelassen und mit derer Kollegin über das
Telefon gesprochen habe, grosse Glaubhaftigkeit zu. Gerade die relative Aus-
sergewöhnlichkeit dieses Umstandes spricht dagegen, dass die Privatklägerin 1
ihn frei erfunden haben könnte. Die Privatklägerin erklärte zudem nachvollzieh-
bar, dass sie und ihre Kollegin auf diese Art, bei ungewöhnlich langem Wegblei-
ben einer von ihnen, aufeinander aufpassen würden (vgl. Urk. HD 1/2 S. 2 und
HD 4/5 S. 6). Sodann schilderte sie höchst anschaulich, wie sie in ihrer Todes-
angst beim Vernehmen des klingelnden Handys realisiert habe, dass sie jetzt et-
was machen müsse, um hier lebend wegzukommen, und es ihr schliesslich ge-
lungen sei, das Handy zu finden (Urk. HD 4/1 S. 44). Sie wisse nicht mehr, ob sie
das Handy aus der Jackentasche, welche über den Vordersitz gehangen habe,
oder aus der Handtasche genommen habe; sie habe es jedenfalls von dort her-
ausgenommen (Urk. HD 4/5 S. 13). Weiter erscheint auch nicht lebensfremd,
sondern gut vorstellbar, dass der Beschuldigte durch das unerwartete Klingeln
des Telefons aufgeschreckt und aus seinem Konzept gerissen wurde.
Auch dass die Privatklägerin 1 nach dem Vergewaltigungsversuch wieder in
den Beifahrersitz des Autos des Beschuldigten stieg, um mit ihm von ... nach Zü-
rich zurück zu fahren, erscheint entgegen der pauschalen Behauptung der Ver-
teidigung nicht lebensfremd. Den anschaulichen und nachvollziehbaren Aussa-
gen der Privatklägerin ist sinngemäss zu entnehmen, dass der Beschuldigte (der
auf der Beifahrerseite gewartet habe, bis sie eingestiegen sei) darauf bestanden
habe, und sie eingewilligt (bzw. ihren zuvor geäusserten Plan, mit dem Taxi zu-
rückzufahren, aufgegeben) habe, weil sie Angst gehabt habe, den mittlerweile
ruhiger gewordenen Beschuldigten durch eine weiteres Nein zu provozieren (vgl.
Urk. HD 4/1 S. 4 und HD 4/5 S. 13).
Den Ausführungen der Verteidigung, dass sich die Belastungen der Privat-
klägerin 1 nicht durch ärztliche Befunde objektivieren, kann sodann nur teilweise
- 30 -
gefolgt werden. Zutreffend ist lediglich, dass die Privatklägerin sich unmittelbar
nach der Tat nicht ärztlich untersuchen liess, und deshalb die körperlichen Fol-
gen des Würgens und Schlagen durch den Beschuldigten nicht medizinisch do-
kumentiert sind. Dies ist damit nachvollziehbar zu erklären, dass sich die Privat-
klägerin 1 vorerst aus Angst vor Vergeltung durch den Beschuldigten und man-
gels Vertrauen in die ihr unbekannte hiesige Justiz, aber auch aus Scham, vor
einer Anzeige und einer medizinischen Untersuchung fürchtete. Die im Recht lie-
genden Arztberichte (Urk. HD 37/1-3, auch HD 10/5) bezeugen aber jedenfalls
die psychischen Folgen des gegen sie verübten Übergriffs bzw. namentlich die
posttraumatische Belastungsstörung. Sodann wird im Aktengutachten des Insti-
tuts für Rechtsmedizin der Universität Zürich (IRM) vom 15. Juli 2014 ausgeführt,
dass aus dem vorliegenden Akteninhalt zwar keine objektiven Verletzungsbefun-
de nachvollzogen werden könnten. Folge man aber den subjektiven Aussagen
der Betroffenen, einer Zeugin, sowie der behandelnden Ärztin und der Physiothe-
rapeutin, könnten die beschriebenen Symptome und nicht mehr objektivierbaren
Befunde ("Würgemale", Schmerzen, psychische Symptome etc.) aus rechtsme-
dizinischer Sicht ohne Weiteres mit einem Würgevorgang, wie er von der Privat-
klägerin 1 beschrieben werde, in Einklang gebracht werden. Die Aussage, dass
sich drei Wochen nach dem Ereignis keine von Aussen sichtbaren Verletzungen
der Halshaut mehr gefunden hätten, stehe nicht im Widerspruch zu den Angaben
zur Vorfallszeit, da sich Hautein- und -unterblutungen nach einer derart langen
Zeitspanne bereits wieder vollständig abgebaut haben können (Urk. HD 10/13A
S. 7). Damit vermögen die in den Akten liegenden medizinischen Unterlagen die
Darstellung der Privatklägerin 1 zumindest teilweise zu untermauern und wider-
sprechen dieser im Übrigen in keiner Weise.
Den glaubhaften Aussagen der Privatklägerin 1 vermögen die pauschalen
und ausweichenden Aussagen des Beschuldigten nichts entgegen zu setzen.
Der Sachverhalt gemäss Ziff. 1.2.1. der Anklageschrift ist somit aufgrund der
vorhandenen Beweismittel erstellt.
Einzig das mit Anklage behauptete Knien des Beschuldigten auf der Brust
der Privatklägerin 1 – in diesem Punkt sind die (impliziten) vorinstanzlichen Er-
- 31 -
wägungen zu präzisieren bzw. korrigieren – kann nicht erstellt werden. Die Pri-
vatklägerin 1 gab lediglich glaubhaft an, dass der Beschuldigte (während des
Würgens) auf ihr gekniet habe (Urk. 4/1 S. 8), führte hiezu aber nichts näheres
aus.
Ungeachtet des Wegfall dieses Details bleibt erstellt, dass diese sich in
unmittelbarer Lebensgefahr befand. Laut dem Aktengutachten des IRM vom
15. Juli 2014 können die von der Privatklägerin 1 geschilderten Symptome, ins-
besondere der unwillkürliche Urinabgang, als Zeichen einer kreislaufrelevanten
Halskompression mit hieraus resultierender Durchblutungsstörung des Gehirns
interpretiert werden. Folge man also diesen subjektiven Angaben, so sei eine
unmittelbare Lebensgefahr durch den geltend gemachten Angriff gegen den Hals
zu bejahen (Urk. HD 10/13A S. 8). Gemäss diesem Aktengutachten hätte ein
Knien des Beschuldigten im Brustbereich der Privatklägerin 1 lediglich einen wei-
teren (selbständigen) lebensbedrohlichen Vorgang dargestellt.
b) Tätlichkeiten (Anklageziffer 1.2.2.)
Auch dieser Teilsachverhalt ist aufgrund der glaubhaften Aussagen der Pri-
vatklägerin 1 erstellt – mit der Präzisierung, dass es zwei Ohrfeigen waren – wo-
bei zur Begründung auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen
werden kann (Urk. HD 58 S. 93 f.).
c) Drohung (Anklageziffer 1.2.3.)
Auch hinsichtlich dieses Sachverhalts kann auf die glaubhafte Darstellung
der Privatklägerin 1 abgestellt und zur Begründung wiederum auf die überzeu-
genden erstinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden (Urk. HD 58 S. 94 f.).
4. Fazit
Die dem Beschuldigten vorgeworfenen Sachverhalte im Zusammenhang
mit der Privatklägerin 1 sind demnach im Wesentlichen erstellt.
- 32 -
C. Vorwürfe betreffend die Privatklägerin 2 (B._)
1. Anklagevorwurf
1.1. Qualifizierte Vergewaltigung (Anklageziffer 1.3.1.)
Die Anklage – sich diesbezüglich auf die Aussagen der Privatklägerin 2
stützend – wirft dem Beschuldigten in tatsächlicher Hinsicht im Wesentlichen vor,
dass er in der Nacht vom 18./19. November 2012 vorerst entgegen der Abma-
chung von der Privatklägerin 2 verlangt habe, dass sie ohne Kondom mit ihm
verkehre, worauf diese ihn ersatzweise oral stimuliert habe. Als darauf die auf
dem Beifahrersitz sitzende Privatklägerin dabei gewesen sei, ihre Hosen auszu-
ziehen, habe er plötzlich die Lehne des Beifahrersitzes nach hinten gelehnt und
sich auf die Privatklägerin 2 gelegt. Dabei habe er mit seinem Unterarm willent-
lich auf ihren Hals gedrückt, wodurch diese keine Luft mehr bekommen habe und
widerstandsunfähig geworden sei. Hierauf habe er an der widerstandsunfähigen
Privatklägerin 2 gegen deren Willen ungeschützten Geschlechtsverkehr bis zum
Samenerguss vollzogen, wobei er mit seinem ganzen Gewicht auf ihr gelegen sei
und ihr weiterhin den Hals zugedrückt habe bis zum unfreiwilligen Urinabgang
bei derselben.
Mit dem oben geschilderten Würgen am Hals und Drücken auf den Brust-
korb der Privatklägerin 2 habe er diese in eine unmittelbare Lebensgefahr ge-
bracht, da die Gefahr von Durchblutungsstörungen im Gehirn und einem Ersti-
ckungstod bestanden habe (Urk. HD 19 S. 6).
1.2. Raub (Anklageziffer 1.3.2.)
Nach dieser Vergewaltigung habe der Beschuldigte, nachdem er den Bei-
fahrersitz wieder nach oben gerichtet habe, der Privatklägerin 2 mit seinem
Handrücken erneut den Hals zugedrückt und von ihr den bereits bezahlten Dir-
nenlohn von Fr. 100.– zurückverlangt, bis diese das Geld aus ihrer Handtasche
genommen und er es an sich genommen habe (Urk. HD 19 S. 7).
- 33 -
2. Standpunkt des Beschuldigten
Der Beschuldigte bestreitet den vorgeworfenen Sachverhalt. Anlässlich der
staatsanwaltschaftlichen Einvernahme der Privatklägerin 2 vom 11. Juni 2013 er-
klärte der Beschuldigte, diese würde sich irren, bzw. ihn mit einer anderen Per-
son verwechseln, er sei nicht so ein Mensch. Auf Vorhalt, ein Irrtum in der Per-
son erscheine wenig plausibel, nachdem er von ihr klar als Täter identifiziert wor-
den sei, meinte er sinngemäss, diese habe ihn nur deshalb wiedererkannt, weil
ein Bild von seinem Auto aufgehängt gewesen sei. Weiter meinte er (u.a.) sinn-
gemäss, dass wenn ihre Geschichte zutreffend wäre, sie doch Fingerabdrücke in
seinem Auto hätte hinterlassen müssen (Urk. ND 1/3/4 S. 17 = Urk. HD 3/3 Blatt
2). Auch vor Vorinstanz gab er an, er kenne die Privatklägerin 2 nicht und habe
sie nie getroffen. Er könne nicht eine fremde Frau treffen. Gefragt, ob er eine Er-
klärung dafür habe, wieso er von ihr ohne Grund belastet werden sollte, antwor-
tete er (u.a.), woher er das wissen solle, er sei seit 20 Jahren nie in ... gewesen.
Er würde alles akzeptieren, wenn jemand ein Bild zeigen könnte, worauf ersicht-
lich wäre, dass er mit seinem Auto in ... gewesen sei (Prot. I S. 12 f.). Entspre-
chende Aussagen machte er auch vor dem Berufungsgericht (vgl. Prot. II S. 18
f.)
3. Beweiswürdigung
3.1. Glaubwürdigkeit der involvierten Personen
3.1.1. Glaubwürdigkeit der Privatklägerin 2
Die generelle Glaubwürdigkeit der Privatklägerin 2 ist zu bejahen, wobei zur
Begründung auf die vorstehenden Erwägungen zur Privatklägerin 1 verwiesen
werden kann (Ziff. B.3.1.2.), welche hier analog gelten. Namentlich gilt auch hier,
dass das Zögern bzw. sich zur-Anzeige-Durchringen Müssen der Privatklägerin 2
mit ihrem schwachen sozialen Status erklärt werden kann und vor diesem Hinter-
grund gerade für deren Glaubwürdigkeit spricht. Ihre Antwort anlässlich der poli-
zeilichen Einvernahme vom 11. Dezember 2012 auf die Frage, wieso sie sich erst
jetzt zu einer Anzeige entschlossen habe, demonstriert dies anschaulich: Als sie
- 34 -
ihren Kolleginnen vom Vorfall erzählt habe, hätten diese zu ihr gesagt "Ja du bist
eine Nutte und bei dieser Arbeit musst Du mit solchen Sachen rechnen" (Urk. ND
1/3/1 S. 12).
3.1.1. Glaubwürdigkeit des Beschuldigten sowie der weiteren Personen
Diesbezüglich kann auf die vorstehenden Erwägungen verwiesen werden
(Ziff. B.3.1.1. und 3.1.3.).
3.2. Sachverhaltswürdigung
3.2.1. Identifikation des Täters
3.2.1.1. Die Verteidigung bringt auch hier die bereits dargelegten Einwände
gegen das Setting der Lebendwahlkonfrontation vor. Darüber hinaus führt sie
aus, dass die Privatklägerin 2 den Beschuldigten nicht einwandfrei habe identifi-
zieren können, da sie die Männer mit Nummer 2 und 5, also gerade nicht allein
den Beschuldigten, als den eventuellen Täter bezeichnet habe. Ihre spätere Aus-
sage anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme, wonach sie den Be-
schuldigten als Täter bezeichnet habe (Urk. ND 1/3/4 S. 16), könne die fehlende
Identifizierung nicht mehr gut machen. Allein schon der Umstand, dass der Be-
schuldigte hinter einer Trennscheibe habe sitzen müssen, habe ihr doch sugge-
riert, dass es der Täter sein müsse (Urk. HD 37 S. 5; Urk. 74 S. 15).
3.2.1.2. Der Standpunkt der Verteidigung kann nicht geteilt werden. Die
Vorinstanz hat überzeugend dargetan, dass trotz nicht eindeutiger Identifizierung
anlässlich der Lebendwahlkonfrontation, in Anbetracht sämtlicher dafür spre-
chender Indizien an der Täterschaft des Beschuldigten nicht gezweifelt werden
kann. Auf ihre Ausführungen kann vorab verwiesen werden (Urk. HD 58
S. 100 f.), unter Anfügung des Folgenden.
a) Lebendwahlkonfrontation
Die Lebendwahlkonfrontation fand am 11. März 2013 statt. Der Privatkläge-
rin 2 wurden die gleichen Personen vorgesetzt wie der Privatklägerin 1 (vgl. Urk.
ND 1/1/15 und HD 1/16). Dass das Setting dieser Lebendwahlkonfrontation und
- 35 -
die Auswahl der Vergleichspersonen nicht zu beanstanden ist, wurde bereits
ausgeführt (vorstehend Ziff. B.3.2.1.1.a). Die Privatklägerin 2 gab an, dass es
sich bei der Person mit der Nummer 2 [dem Beschuldigten] oder der Person mit
der Nummer 5 [der Vergleichsperson Q._] um den Täter handeln könne. Auf
Nachfrage gab sie an, dass es eher der Mann mit der Nummer 5 gewesen sei
(Urk. ND 1/3/2 S. 1 f.; ND 1/1/5). Dass sich die Privatklägerin 2 im Unterschied
zur Privatklägerin 1 bei der Identifizierung des Täters nicht sicher war, ist kein
Hinweis auf eine Falschaussage, sondern lässt sich plausibel damit erklären,
dass sie den Täter offenbar weniger gut beobachten konnte. Die Privatklägerin 2
deklarierte ihre Unsicherheit offen und fügte nachvollziehbar hinzu, dass es so
sei, dass sie den Täter damals nur seitlich und sitzend gesehen habe. Sie habe
ab und zu einen Blick auf ihn geworfen. Es sei immer dunkel gewesen, der Täter
habe das Innenlicht des Autos nie angeschaltet. Es seien der Bauch und der
Blick, weshalb sie glaube, dass es der Mann mit der Nummer 2 oder der mit der
Nummer 5 gewesen sein müsse. Sie habe in ihrem Kopf vor sich, wie sein Ge-
ruch gewesen sei – er habe gestunken – und dann sehe sie auch noch sein ver-
zerrtes Gesicht vor sich (Urk. ND 1/3/2 S. 2). Bereits anlässlich ihrer ersten Be-
fragungen im Dezember 2012 gab sich die Privatklägerin 2 im Hinblick auf eine
Identifizierung des Täters weniger sicher als die Privatklägerin 1. Während Letz-
tere, wie ausgeführt, spontan von sich gab, dass sie das Gesicht des Täters vor
sich sehe und das nie vergessen werde, gab die Privatklägerin 2 damals (auf
entsprechende Frage) vorsichtig an, sie glaube ja, sie würde den Täter wiederer-
kennen (Urk. ND 1/3/1 S. 10 f.). Vor dem Hintergrund dieser nachvollziehbaren
und authentisch wirkenden Aussagen erscheint verständlich, dass das Resultat
der Lebendwahlkonfrontation nicht eindeutig ausfiel. Immerhin aber tippte sie
auch auf den Beschuldigten. Der Lebendwahlkonfrontation kommt damit sehr
wohl ein gewisser Beweiswert zu, auch wenn er nicht das Gewicht erreicht wie
im Falle der Privatklägerin 1 und deshalb für sich alleine zur Erstellung der Täter-
schaft nicht ausreicht.
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b) Weitere Indizien
Zur rechtsgenügenden Gewissheit wird die Täterschaft des Beschuldigten
indes im Verbund der Lebendwahlkonfrontation mit allen übrigen ihn belastenden
Indizien:
• Hinsichtlich der allgemeinen Indizien, welche für eine Täterschaft des Be-
schuldigten sprechen, kann an auf die Ausführungen im Zusammenhang
mit dem Übergriff auf die Privatklägerin 1 verwiesen werden (vorstehend
Ziff. B.3.2.1.1.b.).
Spezifisch auf den Übergriff der Privatklägerin 2 bezogen spricht zusätzlich
für die Täterschaft des Beschuldigten (wobei zur vollständigen Begründung auf
die Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden kann, Urk. HD 58 S. 100 f.):
• dass der von der Privatklägerin 2 bezeichnete Tatort nur wenige Meter
neben dem von der Privatklägerin 1 bezeichneten entfernt liegt (vgl. Urk.
ND 1/1/18 S. 2 und HD 1/15 S. 2),
• dass auch die Privatklägerin 2 ausführte, der Täter habe ein kleines ... Au-
to gefahren, und überdies in sehr anschaulichen, klar selbst Erlebtes be-
zeugenden Worten auch die Marke desselben benennen konnte (vgl. Urk.
ND 1/3/1 S. 2: "Ca. um 23.30 Uhr hielt ein ... Opel. Ich konnte merken,
dass es ein Opel war, weil das Opel-Zeichen an seinem Schlüsselbund
hing", vgl. auch a.a.O. S. 11: "Es ist ein ... Auto nicht ganz .... Ich denke,
dass es ein Opel war, denn an seinem Schlüsselanhänger hing ein Opel-
Zeichen. Das weiss ich mit Bestimmtheit".),
• dass es im Fall der Privatklägerin 2 wie in demjenigen der Privatklägerin 1
darum ging, entgegen der ursprünglichen Abmachung plötzlich und über-
raschend ungeschützten Geschlechtsverkehr zu erzwingen,
• dass die Privatklägerin 2 im Rahmen ihrer Einvernahmen vom 11. De-
zember 2012 und vom 11. Juni 2013 jeweils präzise und treffende Täter-
beschreibungen zu Protokoll gab (Urk. ND 1/3/1 S. 10, ND 1/3/4 S. 12 f.),
- 37 -
wobei namentlich der ersteren (welche vor der Lebendwahlkonfrontation
vom 11. März 2013 erfolgte) eine grosse Aussagekraft zukommt,
• dass die Privatklägerin 2 in beiden Einvernahmen beschrieb, wie der Täter
auf seine Finger gezeigt und erklärt habe, eine Frau und zwei Kinder zu
haben (ND 1/3/1 S. 10, ND 1/3/4 S. 8), eine Schilderung, die aufgrund ih-
rer Farbigkeit nicht erfunden sein kann, und auf den Beschuldigten zutrifft.
Ergänzend zu den Ausführungen der Vorinstanz ist auf einen weiteren
charakteristischen Umstand hinzuweisen, welcher deutlich dafür spricht, dass es
sich in beiden Fällen um den gleichen Täter, und damit den Beschuldigten, han-
delte:
• Sowohl die Privatklägerin 1 als auch die Privatklägerin 2 gaben an, dass
sie mit dem Täter aufgrund von Verständigungsschwierigkeiten nur rudi-
mentär hätten kommunizieren können. Beide erwähnten insbesondere
mehrfach, dass dieser sehr oft ein blosses "no problem" oder auch ein
verdoppeltes "no problem, no problem" als Antwort oder Bemerkung von
sich gegeben habe (so die Privatklägerin 1 in Urk. HD 4/1 S. 2 und 5, Urk.
HD 4/5 S. 5 und 6; die Privatklägerin 2 in Urk. ND 1/3/1 S. 5, 6 und 10; ND
1/3/4 S. 7, 8 und 10). Dabei sticht beispielsweise hervor, dass der Täter in
beiden Fällen die jeweilige (sinngemässe) Frage der Privatklägerinnen,
wann die (ungewöhnlich lange) Fahrt (zum Tatort) ende, mit "no problem"
beantwortete (Privatklägerin 1 in Urk. HD 4/1 S. 2 Frage 13 / Privatkläge-
rin 2 in Urk. ND 1/3/1 S. 6 Frage 20). Auch fällt auf, dass er nach beiden
sexuellen Übergriffen die Situation jeweils mit der Bemerkung "No prob-
lem" zu bagatellisieren versuchte (vgl. Urk. HD 4/1 S. 4 betr. Privatkläge-
rin 1: "Ich sagte, dass ich mit dem Taxi zurückfahren werde. Er sagte,
dass er mich zurückbringen würde und es würde keine Probleme geben."
und Urk. 1/3/1 S. 5 betr. Privatklägerin 2: "Er setzte sich wieder normal auf
den Fahrersitz. Er war so frech und tätschelte meine Wange und sagte:
«No problem, no problem»").
- 38 -
3.2.1.3. In Betrachtung aller relevanter Umstände kann nicht daran gezwei-
felt werden, dass es sich bei dem von der Privatklägerin 2 bezeichneten Täter
um den Beschuldigten handelt.
3.2.2. Tatnachweis
3.2.2.1. Auch betreffend die Privatklägerin 2 machte die Verteidigung vor
Vorinstanz geltend, dass deren Aussagen inhaltlich nicht über alle Zweifel erha-
ben seien. Diesbezüglich habe die Staatsanwaltschaft schon das falsche Datum
eingeklagt, wobei nicht von einem Verschreiber derselben auszugehen sei, wes-
halb die diesbezügliche Annahme der Vorinstanz willkürlich sei (Prot. I S. 31;
Urk. 74 S. 14). In Frage käme nicht die Nacht von 18./19. November 2012, son-
dern wohl diejenige vom 18./19. Oktober 2012. Weiter habe auch die Privatkläge-
rin 2 nicht unmittelbar nach dem angeblichen Vorfall, sondern erst viel später,
nämlich am 11. Dezember 2012 ausgesagt. Auch sie habe ja zuerst noch mit
dem Polizisten L._ gesprochen. Sie habe demnach ausreichend Zeit ge-
habt, zu überlegen, wie sie ihre Belastungen vorbringen wolle. Dem Arzt im Spi-
tal ... habe sie gemäss Spitalbericht vom 23. Oktober 2012 den Vorfall anders
geschildert als später in der Untersuchung, nämlich, dass sie beim Geschlechts-
verkehr mit der rechten Brustkorbseite gegen das Steuerrad geschlagen habe.
Damit könnten die Rippenprellungen durchaus erklärt werden. Gemäss dem
Gutachten des IRM vom 15. Juli 2014 könne hingegen das Vorliegen von Rip-
penbrüchen nicht nachvollzogen werden, zumal Rippenbrüche im Bericht des
Spitals ... explizit verneint würden. Ebenfalls sei unklar, ob überhaupt eine post-
traumatische Belastungsstörung vorgelegen habe und (noch) vorliege. Auch im
Falle der Privatklägerin 2 falle auf, dass deren Behauptungen durch nichts Objek-
tives, insbesondere nicht durch Arztberichte erhärtet würden. Aufgrund dieses
Fehlens von klaren objektiven Hinweisen sei zu schliessen, dass die Angaben
dieser wie der anderen Privatklägerinnen in der behaupteten Form nicht zutreffen
könnten, sondern mindestens überzeichnet und übertrieben seien (Urk. HD 43 S.
9 f.; Prot. I S. 21; Urk. 74 S. 14). Es sei nicht auszuschliessen, dass die Privat-
klägerin 2 nicht schon früher als Prostituierte gearbeitet und aus anderen Grün-
den traumatisiert sei (Prot. I S. 30, vgl. auch Prot. II S. 25).
- 39 -
3.2.2.2. Die Argumentation der Verteidigung vermag wiederum nicht zu
überzeugen. Vielmehr kann auch hier in allen wesentlichen Punkten der Vor-
instanz gefolgt werden, auf welche vorab verwiesen werden kann (Urk. HD 58
S. 95-103). In Zusammenfassung und Ergänzung derselben kann das Folgende
ausgeführt werden.
a) Allgemeines
Hinsichtlich des Tatzeitpunkts ist entgegen der Anklage nicht vom
18./19. November, sondern vom 18./19. Oktober 2012 auszugehen (vgl. dazu
nachstehende lit. b). Die polizeiliche Befragung der Privatklägerin 2 fand am
11. Dezember 2012 statt (Urk. ND 1/3/1). Vor dieser ersten formellen Einver-
nahme führte auch die Privatklägerin 2 ein Gespräch mit den Polizeibeamten der
Milieuaufklärung (vgl. a.a.O. S. 1). Gemäss Aussage des Polizisten L._
dauerte dieses Gespräch nur kurz (vgl. Urk. HD 5/34 S. 5). Die Privatklägerin 2
deponierte demnach erst rund 2 Monate nach dem Vorgefallenen formelle Aus-
sagen. Dass dieser Umstand deren Glaubwürdigkeit nicht beeinträchtigt, wurde
bereits dargetan. Die verzögerte Aussagebereitschaft spricht auch nicht gegen
die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen, denn diese sind, wie im Folgenden zu zeigen
ist, detailreich, anschaulich und konstant, ohne dass Lügensignale zu erkennen
sind.
Für die Wahrheit ihrer Darstellung spricht vorerst schon, dass die Privatklä-
gerin bei der Aussage vor der Polizei zeitweise sehr stark mit ihren Emotionen zu
kämpfen hatte. So begann sie bereits kurz nach Beginn der Befragung zu zittern
und zu weinen, sodass diese unterbrochen werden musste (Urk. ND 1/3/1 S. 2).
Als sie später den eigentlichen Übergriff zu schildern anfing, kamen ihr wiederum
mehrmals die Tränen, und sie musste mehrmals (leer) schlucken und konnte
kaum sprechen (a.a.O. S. 4). Im weiteren Verlaufe der polizeilichen Befragung
wie auch anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme schien sie sich
dann gefasst zu haben (jedenfalls finden sich keine Protokollnotizen mehr hin-
sichtlich ihres Gemütszustandes). Die spontanen Gefühlsausbrüche der Privat-
klägerin 2, welche nicht gespielt sein können, weisen klar auf selbst Erlebtes hin
und zeigen deutlich (auch wenn sie hinsichtlich ihrer Stärke und Andauerns nicht
- 40 -
das Ausmass der Emotionen der Privatklägerin 1 annehmen), dass das Vorgefal-
lene in ihrer Erinnerung anlässlich der Befragung durch die Polizei noch stark
präsent war.
Dass die Privatklägerin 2 durch das Erlebte eine starke Traumatisierung er-
fuhr, geht sodann aus mehreren Zeugenaussagen hervor. R._, die Sozialar-
beiterin im J._-Bus, welche die Bezugsperson für die Privatklägern 2 war,
gab an, dass diese am 22. Oktober 2012 in den Bus gekommen sei und dabei
sehr stark traumatisiert gewirkt habe. Sie sei irgendwie nicht wiederzuerkennen
gewesen, habe versteinert und apathisch gewirkt. Sie habe Mühe mit dem Atmen
gehabt. Die mit ihr (R._) arbeitende Mitarbeiterin, eine Krankenschwester,
habe sofort erkannt, dass die Privatklägerin 2 allenfalls schwerer verletzt sein
könnte. Sie hätten dann trotz anfänglicher Ablehnung der Privatklägerin 2 darauf
beharrt, dass diese sich in ärztliche Behandlung begebe, und sie ins Spital ... ge-
bracht. Ihr (R._) sei auch aufgefallen, dass die Privatklägerin 2 beim Rau-
chen kaum die Zigarette habe halten können, weil sie stark gezittert habe. Sie
habe zwei Mal versucht, soweit das sprachlich gegangen sei, von der Privatklä-
gerin 2 zu erfahren, was passiert sei. Doch diese habe nicht darüber sprechen
können, und beim zweiten Mal seien ihr Tränen über das Gesicht gelaufen (Urk.
HD 5/20 S. 4 f.). Am nächsten Tag, dem 23. Oktober 2012, habe sie die Privat-
klägerin 2 dann noch einmal gesehen; diese habe wieder angefangen zu weinen
und sei sehr blass gewesen. Ihr (R._) sei einfach klar gewesen, dass was
Schlimmes passiert sei. Ihr subjektiver Eindruck sei gewesen, dass die Privatklä-
gerin 2 versucht habe, den Vorfall zu verdrängen (a.a.O. S. 5). Die Sozialarbeite-
rin K._ sagte aus, sie wisse einfach noch, dass die Privatklägerin 2 massive
Schlafstörungen und Angstzustände gehabt habe, und sie habe diese deswegen
auch beraten. Der Vorfall habe massive Auswirkungen auf die Privatklägerin 2
und ihr Privatleben gehabt. Offenbar habe diese deswegen auch Probleme mit
ihrem Freund gehabt (Urk. 5/26 S. 5).
Im Arztbericht von med. pract. P._ vom 13. November 2014 wird der
Privatklägerin 2 eine posttraumatische Belastungsstörung, verursacht durch den
gewaltsamen Übergriff des Beschuldigten, attestiert (Urk. HD 39/3). Auch wenn
- 41 -
diesem Bericht – aufgrund des Umstandes, dass sich die Privatklägerin 2 erst
seit dem 21. August 2014 in der psychotherapeutischen Behandlung der Ärztin
P._ befand – bezogen auf den Tatzeitraum kein allzu grosser Beweiswert
zugemessen werden kann, vermag er doch die glaubhaften Schilderungen der
vorstehend erwähnten Zeuginnen zusätzlich zu untermauern. Weiter bestätigt
auch der Bericht der Frauenberatung sexuelle Gewalt – wo die Privatklägerin 2
seit dem 13. Dezember 2012 Beratungstermine wahrnahm – eine immense psy-
chische Belastung durch den Vorfall und das Zeigen von spezifischen Sympto-
men bei einer posttraumatischen Belastungsstörung (Urk. HD 39/2).
Diese ausgewiesenen psychischen Auffälligkeiten der Privatklägerin 2, wel-
che unabhängig voneinander kurz nach der Tat von zwei Sozialarbeiterinnen und
später auch im Rahmen der Erstbefragung von den Polizeibehörden beobachtet
werden konnte, sprechen deutlich für den Wahrheitsgehalt ihrer Belastungen ge-
gen den Beschuldigten.
Die Mutmassung der Verteidigung, dass die Privatklägerin 2 bereits auf-
grund früherer Tätigkeit als Prostituierte traumatisiert worden sein könnte, findet
in den Akten keine Stütze. Vielmehr spricht etwa die in den Untersuchungsakten
liegende "tagebuchähnliche Auflistung" der Privatklägerin 2 (Urk. ND 1/1/9; deut-
sche Übersetzung in ND 1/1/10) dagegen. Die Privatklägerin 2 beschreibt darin
ihre Ankunft in Zürich am 23. September 2012, die Einholung der Prostitutions-
bewilligung am 25. und 26. September 2012 und führt aus, dass in der Nacht
vom 27. September 2012 die Frauen, die im Bus arbeiteten, ihr alles erklärt hät-
ten, worauf sie achten solle etc.; sie sozusagen aufgeklärt hätten. In der Folge
listete die Privatklägerin für jeden Tag penibel ihre Einnahmen und Ausgaben auf
und hielt fest, was im Saldo übrigblieb. Diese detaillierte Auflistung ihrer finanziel-
len Situation und Sparbemühungen wirkt sehr authentisch, weshalb davon aus-
gegangen werden kann, dass diese tagebuchähnlichen Notizen jeweils am oder
zeitnah zum angegebenen Tagesdatum erstellt worden sind. An einzelnen Tagen
sind sodann verschiedene lebensnah wirkende Bemerkungen hinzugefügt, aus
denen zu schliessen ist, dass die Privatklägerin 1 zum ersten Mal in Zürich war
und sich hier grundsätzlich wohl fühlte. So notierte sie beispielsweise nach der
- 42 -
Abrechnung vom 29. September 2012, dass sie heute einen Flohmarkt entdeckt
und sehr gute Sachen (für Fr. 100.–) gekauft habe. Unter dem 30. September
2012 notierte sie, dass sie heute eine Kirche entdeckt habe, und es ein wunder-
volles Gefühl gewesen sei, spazieren zu gehen und in der Kirche zu verweilen,
und dass sie in Zukunft öfters hierher kommen werde. Weiter hielt sie jeweils mit
sichtlichem Stolz fest, wenn sie tausend Franken zusammengespart hatte; so
erstmals unter dem 1. Oktober 2012: "Oh mein lieber Gott, ich habe meine ersten
ersparten Tausender. Ich denke, dass ich meine Schulden bezahlen können
werde", und wieder am 10. Oktober 2012: "Danke lieber Gott. ich habe den zwei-
ten ersparten Tausender jetzt auch". Die jüngste Auflistung ihrer Einnahmen und
Ausgaben datiert vom 17. Oktober 2012. Darunter schrieb sie – offensichtlich am
Sonntag, dem 21. Oktober 2012 – einen letzten Eintrag: "Seit zwei Tagen kann
ich nicht arbeiten am Donnerstag hat mich ein orbitales Trauma getroffen heute
ist schon Sonntag ich leide schrecklich ich kann nicht rausgehen arbeiten was
wird so nur aus mir ?" (bzw. der letzte Satzteil alternativ gemäss der Übersetze-
rin: "... was soll ich jetzt nur machen ?". Dieses aufgrund seiner Originalität als
authentisch einzustufende Tagebuch steht im Einklang mit den Beobachtungen,
welche die Sozialarbeiterinnen der J._ Frauenberatung gemacht hatten, und
spricht deutlich dafür, dass es erst der Übergriff des Beschuldigten war, der zu
ihrer Traumatisierung geführt hatte.
Für die Aussagen der Privatklägerin 2 spricht weiter, dass diese nur wenige
Tage nach dem Vorfall, am 23. Oktober 2012, das Spital ... aufsuchte und dort
Rippenprellungen festgestellt wurden (Urk. ND 1/5/1; vgl. auch ND 1/5/6). Diese
Verletzungen können gemäss dem Gutachten des IRM vom 15. April 2014, so
wie von der Privatklägerin 2 den Strafbehörden berichtet werde, durch Druck mit
den Ellenbogen (des Täters) auf den Brustkorb entstanden sein (Urk. HD 10/13A
S. 8). Dass die Privatklägerin 2 damals den Spitalärzten gegenüber verharmlo-
send angab, sie habe sich beim Geschlechtsverkehr im Auto am Lenkrad ges-
tossen, erklärt sich damit, dass diese zu jenem Zeitpunkt über das tatsächliche
Vorgefallene aufgrund ihrer Traumatisierung sowie aus Scham und Angst noch
nicht reden konnte, und steht deshalb nicht im Widerspruch zu ihrer Darstellung
vor den Strafbehörden. Wie bereits dargelegt vermochte sich die Privatklägerin 2
- 43 -
zu Beginn selbst nicht gegenüber den ihr vertrauten Sozialarbeiterinnen der
J._-Frauenbetreuung zu öffnen. Auch dass die Privatklägerin 2 durchge-
hend von Rippenbrüchen sprach, vermag die Glaubhaftigkeit ihrer (übrigen) Aus-
sagen nicht in Zweifel zu ziehen. Allein anhand des subjektiven Schmerzempfin-
dens mögen Rippenbrüche von Rippenprellungen durch einen Laien nicht zu un-
terscheiden sein. Aus den Akten ist sodann ersichtlich, dass es nicht etwa die
Privatklägerin 2 selber, sondern die am Abend des 22. Oktober 2012 zusammen
mit R._ im J._-Bus anwesende Krankenschwester war, welche als ers-
te aussprach, dass eine Rippe gebrochen sein könnte, (und aus diesem Grund
zusammen mit der Sozialarbeiterin R._ auf einem Spitalbesuch beharrte;
Urk. HD 5/20 S. 5). Dass im Spital dann lediglich Prellungen diagnostiziert wur-
den, mag die Privatklägerin 2 allein schon aus sprachlichen Gründen nicht mit-
bekommen haben. Hinzu kommt, dass selbst der damals behandelnde leitende
Arzt des Spitals ..., Dr. med. S._, im Nachhinein einräumte, es sei nicht de-
finitiv zu sagen sei, ob es sich bei den erlittenen Verletzungen der Patientin ledig-
lich um eine Prellung der Rippen oder um eine Rippenfraktur gehandelt habe. In
der durchgeführten Röntgenkontrolle habe kein Rippenbruch dargestellt werden
können, allerdings seien diese Brüche auch schlecht sichtbar im Röntgen. Eine
therapeutische Konsequenz entstehe daraus aber nicht, da die Behandlung für
Prellung und Bruch dieselbe sei (vgl. dessen Schreiben vom 9. Januar 2013 an
die Staatsanwaltschaft, Urk. ND 1/5/6 S. 2). Dass die Ärzte des Spital ... sich
nicht veranlasst sahen, den Befund genauer abzuklären, mag auf die verharmlo-
sende Erklärung der Privatklägerin 2 zurückzuführen sein. Zusammenfassend
kann aus den dargestellten Gründen davon ausgegangen werden, dass die Pri-
vatklägerin 2 mit ihren Angaben betreffend Rippenbrüche den Beschuldigten
nicht etwa übermässig belasten wollte, sondern (höchstens) unwillentlich falsch
aussagte. Im Fazit ist festzuhalten, dass die von objektiver ärztlicher Seite fest-
gestellten körperlichen Verletzungen der Privatklägerin 2 ein weiteres, sehr deut-
liches Indiz für die Glaubhaftigkeit ihrer vor den Strafbehörden deponierten Dar-
stellung ist.
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b) Vorwurf der qualifizierten Vergewaltigung
aa) Die Vorinstanz hat zutreffend festgehalten, dass aufgrund der Angaben
der Privatklägerin 2 zum Tatdatum das in der Anklageschrift festgehaltene Datum
vom 18./19. November 2012 als offensichtlicher Verschreiber der Staatsanwalt-
schaft qualifiziert und auf den 18./19. Oktober 2012 korrigiert werden muss. Da-
ran ändert auch nichts, dass der vor Vorinstanz anwesenden Staatsanwalt den
Verschreiber nicht direkt bestätigen konnte (sondern lediglich angab, dass es
sich bei den Daten in der Anklage um ungefähre Angaben handle und er eine all-
fällig notwendige Abänderung des Datums dem Gericht überlasse; Prot. I S. 29),
hatte dieser zu jenem Zeitpunkt doch offensichtlich die einschlägigen Aussagen
der Privatklägerin 2 nicht mehr vor Augen. Diese führte in der Untersuchung de-
zidiert aus, dass die Tat am Abend des 18. Oktobers 2012, einem Donnerstag,
passiert sei. Sie wisse das ganz genau, weil die Leute vom J._-Bus an je-
nem Abend nicht im Bus, sondern in einem Gebäude gewesen seien, wo sie ei-
nen Vortrag über Selbstverteidigung gehalten hätten, welchem Sie und ihre Kol-
leginnen zugehört hätten. Danach hätten sie Präservative geholt und seien zu ih-
rem Standplatz unter der Brücke, dort wo normalerweise der Bus stehe, zurück-
gegangen (Urk. ND 1/3/1 S. 1 f.; bestätigt in Urk. ND 1/3/4 S. 4: "Es war ein
Donnerstag. Der J._ Bus war nicht dort, es gab aber den Profi-Treff. Von
dort aus gingen wir unter die Brücke"). Mit dieser farbigen Schilderung eines
nicht alltäglichen Arbeitsanfangs (Anhören eines Vortrags der Frauenberatung)
hat die Privatklägerin 2 nachvollziehbar dargetan, weshalb ihr das genaue Tatda-
tum in der Erinnerung haften blieb. Dieser Befund steht auch nicht im Wider-
spruch zu der bei der Privatklägerin 1 vorgenommenen Beweiswürdigung. Dass
Letztere sich im Unterschied zur Privatklägerin 2 nicht mehr an die genaue Tat-
zeit zu erinnern vermochte, mag gerade daran gelegen haben, dass jenem
Übergriff kein aussergewöhnliches Ereignis vorausging.
Die hier vorgenommene Korrektur der Tatzeit führt nicht zu einer Verletzung
des Anklageprinzips. Der Beschuldigte und sein Verteidiger waren an der staats-
anwaltschaftlichen Einvernahme der Privatklägerin 2 anwesend; sie wussten
demnach, dass der vorgeworfene Übergriff gemäss klarer Aussage derselben am
- 45 -
18./19. Oktober 2012 stattgefunden haben soll und die Anklage diesbezüglich
somit einen Schreibfehler enthält.
bb) In Bezug auf den Tatablauf betreffend die Vergewaltigung gab die Pri-
vatklägerin 2 anlässlich der polizeilichen Befragung detailliert und anschaulich
an, dass der Mann nach Ankunft am Tatort und Übergabe der vereinbarten
Fr. 100.– plötzlich Sex ohne Gummi verlangt habe und dass es deshalb zu einem
Streit gekommen sei, weil sie Nein gesagt habe. Er habe dann gemeint, dass sie
mindestens das "Blasen" ohne Gummi machen solle. In der Hoffnung, dass er
sich dadurch beruhige, habe sie dann dazu eingewilligt. Danach, als sie glaublich
gemeinsam ihre Hose abgezogen hätten, sei der Mann "ganz plötzlich, fast akro-
batischerweise" auf ihr gelegen. Es sei dann alles sehr schnell passiert. Er habe
ihr rechtes Bein ganz fest hochgehoben und sei fest und brutal ungeschützt in
sie eingedrungen. Dabei habe er seinen Ellenbogen in ihre rechte Seite unter-
halb der Brust in den Rippenbereich gedrückt. Sie habe fast keine Luft mehr be-
kommen. Sie wisse nicht mehr, was sie am meisten geschmerzt habe: der Vagi-
nalbereich, der Brustkorb oder die rechte Seite. Nachdem er seine Befriedigung
gehabt habe, habe er noch einige Zeit auf ihr gelegen, danach habe er sich wie-
der abgedreht und sich auf den Fahrersitz gesetzt (Urk. HD 1/3/1 S. 4 f.). Die Pri-
vatklägerin 2 führte vor der Polizei nie aus, dass sie (bereits) während der Ver-
gewaltigung gewürgt worden sei und Urinabgang gehabt habe; entsprechende
Angaben machte sie erst im Zusammenhang mit dem auf die Vergewaltigung
folgenden Raub (vgl. hiezu die Erwägungen der Vorinstanz in Urk. HD 58 S. 98
ff. sowie nachstehende lit. c). Sie gab lediglich an, dass sie während der Verge-
waltigung fast keine Luft bekommen habe, führte dies aber sinngemäss darauf
zurück, dass der Mann mit seinem Ellenbogen in die Seite drückte und mit sei-
nem ganzen Gewicht auf ihr lag.
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme bestätigte die Privat-
klägerin 2 im Wesentlichen mit neuen Worten den vor der Polizei geschilderten
Ablauf der Vergewaltigung: Nachdem sie am Tatort das vereinbarte Geld in ihre
Tasche gesteckt und das Präservativ hervorgenommen habe, habe er gemeint,
er brauche keinen Gummi. Sie habe gemeint doch und es habe einen diesbezüg-
- 46 -
lichen Wortwechsel gegeben. Die ihr vorgehaltene Aussage vor der Polizei, wo-
nach der Mann während dieser Diskussion sehr laut geworden sei (etc.), bestä-
tigte sie und führte aus, dass sie deswegen auch das mit dem Blasen gemacht
habe. Als sie danach angefangen habe, die Hose auszuziehen, sei etwas sehr
seltsames geschehen. Der Mann habe einen Satz auf ihre Seite gemacht und
seinen Ellenbogen in sie gedrückt (Urk. HD 1/3/4 S. 8 f.; die Privatklägerin 2 prä-
zisierte später, er habe seinen Ellenbogen in ihre Körperseite – dabei zeigte sie
in ihren Rippenbereich – hineingedrückt; a.a.O. S. 11). Er habe dann ein Bein
von ihr genommen und es hoch gedrückt. Auch habe er ihr mit seinem Arm in
den Halsbereich gedrückt. Sie wisse nicht mehr, ob sie keine Luft mehr bekom-
men habe, weil er ihr den Arm in den Hals gedrückt habe oder wegen seinem
Gewicht. Danach sei der ungeschützte Geschlechtsverkehr passiert. Als es zu
Ende gewesen sei, sei er aus dem Auto gestiegen und sei dann zurück ins Auto
gekommen (Urk. HD 1/3/4 S. 9 f.). Auch vor der Staatsanwaltschaft sprach die
Privatklägerin 2 somit spontan nicht davon, dass der Mann sie bereits während
der Vergewaltigung gewürgt habe. Im Unterschied zu den Aussagen vor der Po-
lizei gab sie allerdings zusätzlich an, dass der Mann mit dem Arm gegen den
Hals gedrückt habe. Hinsichtlich dieses neu vorgebrachten Details schien sie
sich aber nicht sicher zu sein, gab sie doch auch an, sie wisse nicht mehr, ob sie
keine Luft mehr bekommen habe, weil er ihr den Arm in den Hals gedrückt habe
oder wegen seinem Gewicht. Zu berücksichtigen ist auch, dass die Privatkläge-
rin 2 vor der Staatsanwaltschaft offen deklarierte, dass sie sich damals vor der
Polizei besser habe erinnern könne, bzw. ihr das Ganze damals noch präsenter
gewesen sei (a.a.O. S. 6), was der gerichtsnotorischen Verblassungstendenz
des menschlichen Erinnerungsvermögens entspricht und deshalb für ein glaub-
haftes Aussageverhalten spricht. Dem spontan geschilderten Drücken mit dem
Arm (nicht der Hand!) gegen den Hals kann vor diesem Hintergrund keine we-
sentliche Bedeutung zu gemessen werden. Überdies erscheint vorstellbar, dass
das geschilderte Drücken des Beschuldigten mit Ellenbogen und Unterarm auf
den Brustkorb auch Druck gegen den Halsbereich ausübte.
Erst gegen Schluss der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme – im Zu-
sammenhang mit mehreren Nachfragen des Staatsanwaltes – machte die Privat-
- 47 -
klägerin 2 plötzlich Aussagen, wonach sie schon während der Vergewaltigung
mit der Hand gewürgt worden sei. Erstmals gab sie auf die Frage, ob es richtig
sei, dass sie in der polizeilichen Befragung Seite 4 Vorhalt 17 ausgeführt habe,
sie habe immer wieder die Hand des Mannes weggeschoben, an: ja, es sei ihr
aber nicht gelungen. Sie habe nicht gewollt, dass der Mann sie so würge (a.a.O.
S. 11). Die Staatsanwaltschaft stellte diesen Vorhalt im Kontext der Vergewalti-
gung (nämlich nach der Frage, ob sie sich gegen diese gewehrt habe). Dies
muss als suggestiv bezeichnet werden, denn die Privatklägerin 2 machte die
Aussage vor der Polizei in einem ganz anderen Kontext: Sie bezog sich damals
darauf, dass der Täter – nach dem Oralverkehr und vor der Vergewaltigung – ihr
die Kleider vom Unterkörper mit Gewalt habe wegreissen wollen, worauf sie ihm
immer wieder gesagt habe er solle warten und seine Hand von ihm weggescho-
ben habe (vgl. Urk. ND 1/3/1 S. 4 Vorhalt 16 und 17). Diese aus dem ursprüngli-
chen Zusammenhang gerissene Frage der Staatsanwaltschaft mag der Privat-
klägerin suggeriert haben, dass sie damals ausgesagt habe, dass sie sich wäh-
rend der Vergewaltigung immer wieder gegen die Hand des Beschuldigten habe
wehren müssen, und mag – vor dem Hintergrund, dass sie sich im Zeitpunkt der
staatsanwaltschaftlichen Einvernahme erklärtermassen nicht mehr so gut an das
Geschehen zu erinnern vermochte – die (von ihre Erstaussagen nicht gedeckte)
Vorstellung hervorgerufen haben, dass der Beschuldigte sie bereits damals
schon mit der Hand gewürgt habe. Im Anschluss an diese Aussage hielt die
Staatsanwaltschaft der Privatklägerin 2 weiter vor, dass sie vor der Polizei auch
"etwas von Urinabgang" erwähnt habe, was von der Privatklägerin 2 in ihrer Ant-
wort als zutreffend bestätigt wurde (Urk. ND 1/3/4 S. 11). Auch hier wurde der
Kontext der damaligen Aussage der Privatklägerin 2 unterschlagen, was als
problematisch angesehen werden muss, mag diese doch aufgrund des vorher
(neu) erschaffenen Zusammenhangs des sich Wehrens während der Vergewalti-
gung, den Eindruck gehabt haben, sie habe auch den Urinabgang damals in die-
sem Zusammenhang geäussert. Erst mit der nächsten Frage – "Zu welchem
Zeitpunkt? Als er auf ihnen lag und mit ihnen Geschlechtsverkehr hatte oder als
er sie danach in den Hals drückte?" – kehrte der Staatsanwalt zu einer offenen
Fragestellung zurück. Die Privatklägerin 2 antwortete differenziert und deklarierte
- 48 -
offen ihr fehlendes Erinnerungsvermögen: "Das weiss ich nicht mehr. Ich be-
merkte einfach im Nachhinein, dass meine Hose nass war. Beim ersten Würgen
hatte ich das Gefühl, dass mir der Kopf platzt und die Augen aus dem Kopf
springen. Ich glaube der Urinabgang geschah bei dieser Gelegenheit." Dieser
Antwort ist zu entnehmen, dass sich die Privatklägerin 2 lediglich noch an die
nassen Hosen nach Beendigung des gesamten Vorfalls zu erinnern vermochte.
Zu welchem Zeitpunkt der Urinabgang stattgefunden hat, war ausserhalb ihrer
Erinnerung, und wurde von ihr lediglich zu rekonstruieren bzw. rationell zu erklä-
ren versucht. Dabei mag sie aber von dem durch den vom Staatsanwalt neu her-
vorgerufenen Kontext beeinflusst worden sein. Die Antwort der Privatklägerin 2
ergibt jedenfalls insoweit keinen rechten Sinn, als dass ein Nässen der Hosen
während des Geschlechtsverkehrs schwer vorstellbar ist, gehen aus ihren übri-
gen (spontanen) Aussagen doch hervor, dass sie vor dem Geschlechtsverkehr
ihre Hose bereits ausgezogen hatte (Urk. ND 1/3/1 S. 4) bzw. zumindest mit ei-
nem Bein bereits aus ihrer Hose gestiegen war (Urk. ND 1/3/4 S. 9), und dass sie
sich nach dem Geschlechtsverkehr wieder anzog (Urk. ND 1/3/1 S. 5).
Die nächste (und abschliessende) Nachfrage stellte die Staatsanwaltschaft
dann bereits wieder mit dem Fokus eingeengt auf die Situation der Wehrens
während der Vergewaltigung ("Das war vor dem eigentlichen Geschlechtsver-
kehr?"), ohne dass nachgefragt und geklärt wurde, was genau unter einem "ers-
ten Würgen" verstanden werden soll. Dies erscheint wiederum problematisch,
sprach doch die Privatklägerin 2 kurz vor diesem Fragenkomplex immerhin auch
von zwei Phasen des Würgens während des Raubs (vgl. a.a.O. S. 10: "Er drück-
te dann mit seinem Handrücken völlig meinen Hals zu, von vorne. [...]. Als er
nach der Tasche griff, drückte er noch mehr auf meinen Hals."). Die Antwort der
Privatklägerin 2 auf die – mehr als Feststellung, denn als Frage formulierte – letz-
te Frage der Staatsanwaltschaft ("Das war vor dem eigentlichen Geschlechtsver-
kehr?") fiel wiederum vorsichtig aus – "Ich glaube das war, als er auf mir lag. Da
war er bereits in mir drinnen. Da ist das wahrscheinlich passiert" – und dokumen-
tiert einmal mehr kein direktes Erinnern, sondern blosses Vermuten der Privat-
klägerin 2. Problematisch ist schliesslich, dass die Staatsanwaltschaft die Privat-
klägerin 2 nie damit konfrontiert hat, dass ihre (vorsichtigen) Aussagen betreffend
- 49 -
eines Würgens und Urinabgangs während des Geschlechtsverkehrs in Wider-
spruch stehen zu den Aussagen vor der Polizei (wonach beides erst anlässlich
des Raubes erfolgt sei).
Zusammengefasst muss festgehalten werden, dass die auf Nachfragen der
Staatsanwaltshaft entstandenen Aussagen der Privatklägerin 2 betreffend eines
ersten Würgens während des Geschlechtsverkehrs in Widerspruch zu ihren
früheren Aussagen stehen. Dieser Widerspruch vermag indes die Glaubhaftigkeit
ihrer übrigen, spontanen, detaillierten und authentisch wirkenden Darstellung
nicht in Zweifel zu ziehen. Die späte Belastung des Beschuldigten, er habe sie
auch schon während der Vergewaltigung gewürgt, kann nicht als ein Übertrei-
bungsmerkmal qualifiziert werden, nachdem wie dargelegt, zum Einen eine Sug-
gestivwirkung der Fragestellung durch die Staatsanwaltschaft nicht ausgeschlos-
sen werden kann, und zum Andern die Privatklägerin 2 offen deklarierte, dass sie
sich diesbezüglich nicht mehr genau zu erinnern vermochte.
cc) Mit der Vorinstanz kann demnach im Fazit festgehalten werden, dass
aufgrund der glaubhaften und konstanten Aussagen der Privatklägerin 2 erstellt
ist, dass der Beschuldigte unter Anwendung von Gewalt gegen ihren erkennba-
ren Willen ungeschützt vaginal in sie eingedrungen und den Geschlechtsverkehr
bis zum Samenerguss vollzogen hat. Nicht rechtsgenügend nachgewiesen kann,
dass während dieses erzwungenen Geschlechtsverkehrs der Beschuldigte auf
den Hals der Privatklägerin 2 einwirkte und diese einen unfreiwilligen Urinabgang
hatte. Der Sachverhalt gemäss Anklageziffer 1.3.1. ist damit nur teilweise erstellt.
c) Vorwurf des Raubs
Die Privatklägerin 2 sagte vor der Polizei aus, dass sie nach der Vergewal-
tigung gedacht habe, es sei vorbei, und beide sich wieder angezogen hätten.
Plötzlich habe sich der Täter erneut zu ihr gedreht. Mit einer Hand habe er sie
wieder auf dem Brustbereich nach hinten gedrückt, mit der anderen Hand habe
er von vorne ihren Hals umfasst und sie von vorne gewürgt. Er habe dies auf ei-
ne sehr seltsame Art und Weise getan; er habe überall stark zugedrückt, aber mit
dem Finger auf der rechten Seite noch viel mehr. Es sei immer noch ganz klar in
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ihrem Kopf wie der Mann immer wieder geschrien habe "Gehe zurück, gehe zu-
rück". Obwohl sie die Bedeutung dieser Worte zu diesem Zeitpunkt nicht ver-
standen habe, habe sie immer wieder gesagt "ok, ok, ok, ok!" Mit dem Würgen
habe er (dann) aufgehört, aber mit der anderen Hand noch immer auf den Brust-
korb gedrückt. Mit der freigewordenen Hand habe er ein Zeichen gemacht, dass
für sie ähnlich wie 'zu sich herwinken' ausgesehen habe. Sie habe nicht gewusst,
was er damit gemeint habe. Dann habe er ihre Tasche genommen, die vor ihr auf
dem Boden gelegen sei, und auf sie geworfen. Da habe sie kapiert, dass er sein
Geld zurück wollte. Als er den Reissverschluss ganz grob hin und her gerissen
habe, habe sie die Tasche aufgemacht und ihm das Geld gegeben. Es sei ihr
erstes Geschäft gewesen und sie habe nicht mehr Geld dabei gehabt. Sie habe
solche Angst vor dem Mann gehabt, dass sie ihm alles gegeben hätte, was sie
gehabt hätte. Danach habe er sich wieder normal auf den Fahrersitz gesetzt. Er
sei so frech gewesen, dass er ihre Wange gestreichelt und gesagt habe "No
Problem, no Problem" (Urk. ND 1/3/1 S. 5). Auf eine Nachfrage der befragenden
Polizistin, ob sie während des Würgens Urinabgang gehabt habe, antwortete sie,
sie schäme es sich zu sagen – aber – ja es sei so gewesen (a.a.O. S. 7).
Diese spontane Schilderung ist derart detailliert und lebensnah, dass sie
nicht erfunden sein kann. Namentlich wirkt authentisch, wie sie erst die Worte
des Täters lediglich dem Laut nach ("gehe zurück!") nicht aber im Sinn (offen-
sichtlich: Geld zurück!) verstanden habe und darauf auch noch seine Handges-
ten nicht begriffen habe, sondern erst nach Vorhalt ihrer Handtasche kapiert ha-
be, dass er das Geld zurück haben wolle. Auch dass er erst (mit einer Hand) am
Reissverschluss herum gerissen habe (und damit die Tasche offensichtlich nicht
aufbrachte) und sie selber danach die Tasche aufgemacht und ihm das Geld ge-
geben habe, deutet aufgrund der Originalität und Komplexität dieser Vorgänge
klar auf selbst Erlebtes hin.
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme sagte die Privatkläge-
rin 2 aus, dass sie nach der Vergewaltigung gedacht habe, es sei jetzt vorbei.
Darauf habe der Mann mit seinem Handrücken völlig ihren Hals zu gedrückt, von
vorne. Er habe dann etwas sehr laut in der Art von 'zurück' oder 'Zürich gehen'
- 51 -
gesagt. Sie habe erst verstanden, was er gewollt habe, als er nach ihrer Tasche
gegriffen habe. Er habe versucht, den Reissverschluss der Tasche zu öffnen. Sie
habe ihm dann gesagt 'okay, okay'; sie habe gewusst, was er wollte. Als er nach
der Tasche gegriffen habe, habe er noch mehr auf ihren Hals gedrückt. Ihr sei
klar gewesen, dass er sein Geld zurück haben wolle und sie habe ihm dieses
dann gegeben. Er habe dann wieder "no problem, no problem" gemeint (Urk. ND
1/3/4 S. 10). Die Privatklägerin 2 bestätigt damit (wiederum spontan), ihre vor der
Polizei deponierte Darstellung in den wesentlichen Punkten. Zwar kam es zu ge-
wissen Abweichungen, namentlich betreffend die Art des Würgens (mit der Hand
samt Fingern/mit dem Handrücken) und betreffend des Einsatzes der anderen
Hand des Täters während der Behändigung der Tasche (stärkeres Drücken auf
den Brustkorb/ stärkeres Zudrücken des Halses). Diese sind aber noch nicht
derart widersprüchlich, dass sie als Lügensignale zu werten wären. Dass sich
solche für das Kerngeschehen nicht zentrale Ungereimtheiten eingeschlichen
haben, lässt sich vielmehr damit erklären, dass bei einem dynamischen Gesche-
hen sie dem geschilderten eine völlig deckungsgleiche Schilderung von vornhe-
rein nicht erwartet werden kann, und dass sich die Privatklägerin 2 vor der
Staatsanwaltschaft, wie sie offen deklariert hatte, an das Vorgefallene nicht mehr
so gut zu erinnern vermochte wie noch vor der Polizei.
Eine weitere Diskrepanz zwischen den zwei in der Untersuchung deponier-
ten Schilderungen besteht in der Frage des Zeitpunkts des unfreiwilligen Urinab-
gangs. Wie die Vorinstanz ausführlich dargetan hat (Urk. 58 S. 102 m.V.a. S. 98
f.), sprechen die überzeugenden Aussagen der Privatklägerin 2 vor der Polizei
(grundsätzlich) dafür, dass dieser im Rahmen des Würgens zwecks Rückerlan-
gung des Geldes stattfand, derweil wie ausgeführt ihre vorsichtigen Aussagen,
wonach der Urinabgang bereits während des Geschlechtsverkehrs ausgelöst
worden sein könnte, auf eine mögliche Suggestivwirkung der Fragen der Staats-
anwaltschaft und (damit zusammenhängende) eventuelle Erinnerungsfehler der
Privatklägerin 2 zurückzuführen sein mögen. Dass der Beschuldigte der Privat-
klägerin 2 anlässlich des Raubs massiv den Hals zugedrückt (und diese damit
gewürgt) hatte, kann aufgrund von deren authentischen Schilderung nicht be-
zweifelt werden. Zu Gunsten des Beschuldigten muss allerdings offen gelassen
- 52 -
werden, ob der von ihr glaubhaft geschilderte Urinabgang (bereits) aufgrund die-
ses Würgens erfolgte. Da sich die Privatklägerin 2 mit Sicherheit lediglich noch
an die nassen Hosen nach Beendigung des gesamten Vorfalls zu erinnern ver-
mochte, kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Urinabgang auch erst
nach Abschluss des Raubs erfolgt sein könnte. Hinzu kommt, dass ein Urinab-
gang im Rahmen des Raubs nicht eingeklagt wurde.
Mit den Aussagen der Privatklägerin 2 ist eine Rückerlangung des Dirnen-
lohns unter massiver Gewalteinwirkung gegen deren Hals (zumindest mit dem
Handrücken) und Drücken in den Sitz glaubhaft dargetan und damit der gesamte
Sachverhalt gemäss Anklageziffer 1.3.2. rechtsgenügend erstellt.
3.2.2.3. Die Aussagen des Beschuldigten vermögen der glaubhaften Dar-
stellung der Privatklägerin 2 nichts entgegenzustellen.
4. Fazit
Damit sind die dem Beschuldigten vorgeworfenen Sachverhalte im Zusam-
menhang mit der Privatklägerin 2 (mit den dargelegten Einschränkungen) nach-
gewiesen.
D. Vorwürfe betreffend die Privatklägerin 3 (C._)
1. Anklagevorwurf
Die Anklage – sich diesbezüglich auf die Aussagen der Privatklägerin 3
stützend – wirft dem Beschuldigten in tatsächlicher Hinsicht im Wesentlichen vor,
dass er ca. am 9. November 2012 mit der Privatklägerin 3 zum Parkplatz der
Sportanlage F._ gefahren sei und dort, nachdem sich diese ihres Oberteils
entledigt habe, plötzlich und unerwartet mit seiner rechten Hand auf deren Brust-
korb gedrückt und diese mit seiner linken Hand gewürgt habe. Die Privatklägerin
3 habe dadurch beinahe das Bewusstsein verloren bzw. beinahe unfreiwilligen
Urinabgang gehabt. Während dieses Würgens und Festhaltens habe er von der
Privatklägerin 3 den am ... übergebenen Dirnenlohn von Fr. 50.– zurückverlangt,
- 53 -
worauf diese das Geld aus ihrer Manteltasche herausgeholt und der Beschuldig-
te es an sich genommen habe, um es für sich zu behalten (Urk. HD 19 S. 7 f.).
2. Standpunkt des Beschuldigten
Der Beschuldigte bestritt den vorgeworfenen Sachverhalt. Im Anschluss an
die staatsanwaltschaftliche Einvernahme der Privatklägerin 3 vom 25. Juni 2013
erklärte er in seiner Stellungnahme, dass er die Frau nicht kenne. Diese habe ihn
nicht vom Sehen her erkannt, sondern ihn nur aufgrund von Erzählungen identifi-
ziert (Urk. ND 2/3/4 S. 12 = Urk. HD 3/4 Blatt 2). Auch vor Vorinstanz gab er an,
er habe diese Frau weder gesehen noch mit ihr gesprochen (Prot. I S. 14). Dabei
blieb er auch vor Berufungsgericht (vgl. Prot. II S. 19).
3. Beweiswürdigung
3.1. Glaubwürdigkeit der involvierten Personen
3.1.1. Glaubwürdigkeit der Privatklägerin 3
Die generelle Glaubwürdigkeit der Privatklägerin 3 ist zu bejahen, wobei zur
Begründung auf die vorstehenden Erwägungen zur Privatklägerin 1 verwiesen
werden kann (Ziff. B.3.1.2.).
3.1.2. Glaubwürdigkeit des Beschuldigten sowie der weiteren Personen
Diesbezüglich kann auf die vorstehenden Erwägungen verwiesen werden
(Ziff. B.3.1.1. und 3.1.3.).
3.2. Sachverhaltswürdigung
3.2.1. Identifikation des Täters
3.2.1.1. Anlässlich der Lebendwahlkonfrontation vom 25. Juni 2013 wurden
der Privatklägerin 3 ebenfalls insgesamt sechs (und grösstenteils die gleichen)
Personen vorgesetzt wie den Privatklägerinnen 1 und 2 am 11. März 2013 (vgl.
Urk. ND 2/1/6 und Urk. HD 1/17). Alle Vergleichspersonen sind typengleich wie
der Beschuldigte, weshalb auch diese Lebendwahlkonfrontation nicht bemängelt
- 54 -
werden kann. Die Privatklägerin 3 vermochte den Beschuldigten nicht zu identifi-
zieren, sondern tippte (ausschliesslich) auf die Vergleichsperson 3 (Q._) als
möglichen Täter (Urk. ND 2/1/6 S. 1). Ihrer Begründung, sie habe die Vergleichs-
person 3 deshalb als Täter bezeichnet, da bei dieser wie beim Beschuldigten ei-
ne Schulter runterhänge (Urk. ND 2/3/4 S. 12), kommt – wie schon die Vo-
rinstanz zutreffend bemerkte (Urk. HD 58 S. 105) – angesichts des Umstands,
dass sie den Täter ausschliesslich im Auto sitzend wahrgenommen haben dürfte,
wenig Überzeugungskraft zu. Die Privatklägerin 3 gab schon am 10. Dezember
2012 vor der Polizei an, dass beim Täter eine Schulter tiefer als die andere
Schulter gewesen sei bzw.: "Wenn man ihn ganz genau beobachtet, ist seine
rechte Schulter ganz minim tiefer als die Linke" (Urk. ND 2/3/1 S. 6). Einem sol-
chen Detail kommt zwar, aufgrund seiner Aussergewöhnlichkeit, im ersten Mo-
ment ein gewisser Anschein von Authentizität zu. Bei längerer Überlegung ist
aber schlecht nachvollziehbar, wie die Privatklägerin 3 – an einem erst das Auto
lenkenden und danach sie angreifenden, sich demnach kaum je in ruhender Po-
sition befindlichen Mann – ein solch feines Detail beobachtet haben will. Hinzu
kommt, dass ausgehend von einer derart akribischen Beobachtung des Täters
auch eine bessere Trefferquote bei der Lebendwahlkonfrontation zu erwarten
gewesen wäre (beispielsweise, dass die Privatklägerin 3, ähnlich wie die Privat-
klägerin 2, den Beschuldigten zumindest ebenfalls als möglichen Täter bezeich-
net hätte). Keine Plausibilisierung findet diese Erklärung der Privatklägerin 3 so-
dann auch insoweit, als jedenfalls auf dem in den Akten liegenden Foto der Le-
bendwahlkonfrontation weder beim Beschuldigten noch bei der Vergleichsperson
Q._ asymmetrische Schulterkonturen auszumachen sind (vgl. Urk. ND 2/1/6
S. 2). Auch in einem weiteren Punkt (wie wiederum bereits die Vorinstanz aus-
führte) sprechen die Aussagen der Privatklägerin 3 zur Person des Täters gegen
eine Identifikation mit dem Beschuldigten: Diese gab vor Polizei und Staatsan-
waltschaft an, dass der Täter eine Brille getragen habe (Urk. ND 2/3/1 S. 5; ND
2/3/4 S. 5), was angesichts der vorliegenden Beweismittel – namentlich aufgrund
des Umstandes, dass entsprechendes von den Privatklägerinnen 1 und 2 nicht
geschildert wurde – auf den Beschuldigten nicht zutreffen dürfte.
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Belastet wird der Beschuldigte allerdings durch die Aussagen der Privatklä-
gerin 3, dass ihr Peiniger der gleiche gewesen sei, wie derjenige von "A._"
(der Privatklägerin1), bzw. derjenige, den die Polizei wenig später, anlässlich sei-
nes erneuten Auftauchens beim ... angehalten und kontrolliert habe, und dass
dieser zur Tatzeit sowie kurz danach einen ... und später einen ... Opel gefahren
habe (Urk. ND 2/3/1 S. 4 und 6 f.). Diese Indizien alleine erlauben allerdings keine
rechtsgenügende Täteridentifikation des Beschuldigten, betreffen sie doch Infor-
mationen, die die Privatklägerin 2 nicht zwingend selbst erlebt haben muss, son-
dern auch von den anderen am ... arbeitenden Frauen aufgeschnappt haben oder
anlässlich der Polizeikontrolle des Beschuldigten selber mitbeobachtet haben
könnte. Die Privatklägerin 2 machte denn beispielsweise auch nicht geltend, dass
sie das ... Auto des Beschuldigten (später) selber gesehen habe, was darauf hin-
deutet, dass sie allein aufgrund des Hörensagens davon wusste.
In diesem Zusammenhang ist auch darauf hinzuweisen, dass die Privatklä-
gerin 3 bereits im Zeitpunkt der polizeilichen Befragung vom Übergriff auf die Pri-
vatklägerin 1 wusste. Im Rahmen dieser Befragung machte sie gar geltend, dass
ihre Kollegin "A._" an jenem Abend des Übergriffs (auf die Privatklägerin 3)
auch am ... gestanden sei und gesehen habe, wie sie (die Privatklägerin 3) in das
... Auto des Täters eingestiegen sei (Urk. ND 2/3/1 S. 4). Auf die Anschlussfrage
der einvernehmenden Polizistin, ob "A._" sie nicht vor dem Mann gewarnt
habe, gab sie an, diese habe ihr etwas hinterher gerufen; sie habe aber nicht ge-
wusst, dass "A._" damit sie gemeint habe, da sehr viele Frauen dort gestan-
den hätten und es sehr lärmig gewesen sei (Urk. ND 2/3/1 S. 4 f.). Diese Schilde-
rung der Privatklägerin 3 erscheint kaum glaubhaft, da die Privatklägerin 1 selber
– welche durchwegs detailreiche Aussagen machte – nie etwas Entsprechendes
erwähnte. Diese gab wohl an, dass der Beschuldigte nach dem sie betreffenden
Vorfall weitere Male mit seinem ... Auto am ... aufgetaucht sei (vgl. Urk. HD 4/1 S.
9 und HD 4/5 S. 7 und 12), führte dabei aber nie aus, dass sie eine Kollegin in
das Auto habe einsteigen sehen, welche sie noch habe warnen wollen.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass (entgegen den Ausführungen der
Staatsanwaltschaft, Urk. 70 S. 7 und der Vertreterin der Privatklägerin 3, Urk. 71
- 56 -
S. 7) erhebliche Zweifel bestehen, dass es sich bei dem von der Privatklägerin 3
bezeichneten Täter um den Beschuldigten handelt.
3.2.2. Tatnachweis
Auch die eingeklagte Tat kann nicht rechtsgenügend erstellt werden. Die
Vorinstanz hat überzeugend dargetan, dass die Aussagen der Privatklägerin 3
hinsichtlich des Tathergangs als wenig schlüssig und widersprüchlich bezeichnet
werden müssen. Auf ihre Erwägungen kann vorab verwiesen werden (Urk. 58
S. 103-105). Ergänzend ist das Folgende festzuhalten.
a) Im Rahmen ihrer Befragung vor der Polizei erläuterte sie den Übergriff
so, dass der Mann (nachdem man am ... den Preis verhandelt habe) nach länge-
rer Fahrt (am Tatort) angehalten und die Scheinwerfer ausgeschaltet habe. Die
Autotüre habe er nicht abgeschlossen, vielleicht habe er dies vergessen gehabt.
Der Mann sei auf dem Fahrer- und sie auf dem Beifahrersitz gesessen. Sie habe
ein Kondom und ein Taschentuch aus der kleinen Handtasche geholt. Dann habe
der Mann das Licht des Autos gelöscht und sie aufgefordert, ihr Oberteil auszu-
ziehen. Nachdem sie dies getan habe, habe der Mann sein Geld zurückverlangt,
welches er ihr beim Losfahren am ... gegeben habe. Zuerst habe er sich ganz
normal verhalten, doch nachdem sie ihm das Geld zurückgegeben habe, habe er
von einer Sekunde auf die andere ein verzerrtes Gesicht und "Augen, wie Psy-
chopathen sie hätten", bekommen. Die Adern an den Schläfen seien plötzlich
stark hervorgestanden. Dann habe er plötzlich mit der rechten Hand auf ihren
Brustkorb geschlagen und sie stark nach hinten in den Autositz gedrückt. Mit der
linken Hand habe er von vorne ihren Hals gefasst, sie gewürgt und mit voller Kraft
zugedrückt. Mit der rechten Hand habe er gleichzeitig und nach wie vor sehr stark
auf ihren Brustkorb gedrückt. Sie habe das Gefühl gehabt, zu ersticken, nicht
mehr atmen können und es habe sich angefühlt, wie wenn sie unter Wasser wäre
und der Druck in ihr ansteigen würde. Sie habe ein "jetzt oder nie"-Gefühl gehabt
und gedacht, dass jetzt ihr Ende gekommen sei, dass er sie jetzt töten würde. Sie
habe nie das Gefühl gehabt, dass der Mann sie am Leben lassen würde, sie habe
Todesangst und eine totale Panikattacke gehabt. Als der Mann sie dann kurz los-
gelassen und sich von ihr abgewandt habe, habe sie sofort die Autotür geöffnet
- 57 -
und sei durch den Park davon in Richtung der Lichter gerannt (Urk. ND 2/3/1 S. 2
f.) Auf die Frage, weshalb der Mann aufgehört habe, zu würgen, antwortete sie,
dass sie das nicht wisse. Sie wisse nicht, weshalb der Mann sich abgedreht habe.
Eine Sekunde nachdem er sich abgedreht habe, sei sie schon aus dem Auto
rausgesprungen und geflohen (a.a.O. S. 4).
Die Aussagen der Privatklägerin weisen zwar in mancher Hinsicht – nament-
lich hinsichtlich ihres inneren Gefühlslebens – eine gewisse Detailliertheit auf.
Auch an anderen, hier nicht zitierten Stellen – beispielsweise ihre (allerdings nicht
überprüfbare) Beschreibung bezüglich des Inneren des Autos (a.a.O. S. 6) – wir-
ken die Schilderungen durchaus authentisch. Auffällig ist aber, dass die Darstel-
lung der Privatklägerin 3 anlässlich dieser Erstbefragung, obwohl der behauptete
Vorfall nur wenige Wochen zurücklag, gerade hinsichtlich des äusseren Kernge-
schehens eher detailarm bleibt, und der angegebene Ablauf der Tat nur schwer
einen nachvollziehbaren Sinn ergibt. Nicht recht erklärlich ist schon, weshalb der
Täter, eben erst am Tatort angekommen, ohne Angaben von Gründen (und sich
doch noch normal verhaltend), das Geld zurückfordern sollte. Nicht einsehbar er-
scheint weiter insbesondere, aus welchem Motiv und zu welchem Zweck er –
nachdem er das Geld (offenbar problemlos) zurückerhalten hatte – plötzlich ag-
gressiv werden und die Privatklägerin 3 offenbar wortlos zu würgen beginnen soll-
te. Das geschilderte Verhalten des Täters lässt auch keinen Bezug auf eine sexu-
elle Handlung erkennen. Die Privatklägerin 3 hat nicht geltend gemacht, dass die-
ser kostenlosen oder ungeschützten Geschlechtsverkehr einfordern gewollt (oder
sonst etwas von ihr verlangt habe), und es ist auch nicht ersichtlich wie ein sol-
cher in der geschilderten Situation – die Privatklägerin war lediglich oben und der
offenbar Täter überhaupt noch nicht entkleidet – überhaupt hätte stattfinden kön-
nen. Selbst wenn ein derart unerklärliches, nicht logisch erscheinendes Verhalten
eines Freiers zwar theoretisch durchaus vorstellbar ist – etwa im Fall eines Tä-
ters, dem es vorwiegend um die Anwendung von Gewalt geht – passt dieses je-
denfalls nicht zum Tatmuster des Beschuldigten, wie es aus den authentischen
und voneinander unabhängigen Darstellungen der Privatklägerinnen 1 und 2 er-
kannt werden kann. Gemäss den nachgewiesenen Fällen würgte der Beschuldig-
te jeweils deshalb seine Opfer und wendete weitere Gewalt an, weil er verabre-
- 58 -
dungswidrig ungeschützten Geschlechtsverkehr erzwingen und teilweise den be-
zahlten Dirnenlohn danach wieder an sich reissen wollte; auch kommunizierte er
seine Absichten entsprechend. Ein vergleichbares, nachvollziehbares Täterver-
halten fehlt in der detailarmen Schilderung der Privatklägerin 3. Entsprechendes
gilt auch hinsichtlich der Frage, weshalb der Täter das Würgen bzw. die Gewalt-
anwendung wieder abbrach. Während die Privatklägerinnen hierfür jeweils spon-
tan und mit lebensnahen Worten nachvollziehbare Gründe schildern konnten –
unerwartetes Klingen des Telefons, Samenerguss des Täters, Rückgabe des Dir-
nenlohns – machte die Privatklägerin 3 zu diesem Punkt von sich aus keine Aus-
führungen. Auch auf Nachfrage vermochte sie keine Erklärung, Beobachtung oder
Vermutung für das abrupte Ablassen des Beschuldigten abzugeben und blieb
diesbezüglich eher wortkarg, was – auch unter der Berücksichtigung der Panik ei-
nes Opfers in einer entsprechenden Situation und ihrer geschilderten schnellen
Flucht aus dem Auto – nicht recht einzuleuchten vermag.
Vor der Staatsanwalt schilderte die Privatklägerin 3 den Vorfall von sich aus
(zusammengefasst) wie folgt: Nach Ankunft am Tatort habe ihr der Mann gesagt,
sie solle ihr Oberteil ausziehen. Nach dieser Aufforderung habe er plötzlich einen
"Gesichtsausdruck wie in einem Horrorfilm" sowie einen roten Kopf bekommen.
Mit der rechten Hand habe er auf ihren Brustkorb gedrückt und mit der linken ha-
be er ihr auf den Hals gedrückt. Sie wisse nicht, warum er dies getan habe. Je-
denfalls habe er sich plötzlich auf die andere Seite gedreht. In dem Moment sei
sie aus dem Wagen gesprungen. Die Lichter des Autos seien angegangen. Er
habe noch zwei- oder dreimal etwas geschrien, was sie aber nicht verstanden ha-
be. Dann sei er davon gefahren (Urk. ND 2/3/4 S. 7). Weitere Angaben machte
sie auf entsprechende Nachfragen und Vorhalte der Staatsanwaltschaft (a.a.O.
S. 7 ff.). Dabei sagte sie u.a. aus, dass der Mann keinerlei Anstalten gemacht ha-
be, sich auszuziehen. Weiter bestätigte sie, dass der Mann das Geld von ihr zu-
rück verlangt habe. In diesem Zusammenhang führte sie nun aber in Abweichung
zu ihren vor der Polizei deponierten Aussagen aus, er habe sie gebeten, ihr Ober-
teil auszuziehen und habe dann angefangen, sie zu würgen. Während dem Wür-
gen habe er gemeint, er wolle sein Geld zurück. Sie habe ihm das Geld zurück-
gegeben, da sie ja fast gestorben sei (a.a.O. S. 8).
- 59 -
Erst vor der Staatsanwaltschaft brachte die Privatklägerin 3 demnach das
Würgen des Beschuldigten damit in Zusammenhang, dass er das Geld habe zu-
rückhaben wollen. Diese neuen Aussagen stellen keinesfalls Präzisierungen oder
Ergänzungen ihrer Erstaussagen dar. Sie können auch nicht als nebensächliche
Ungereimtheiten gewertet werden, deren Entstehung mit dem dynamischen Tat-
geschehen oder nachlassendem Erinnerungsvermögen erklärt werden könnte.
Vielmehr betreffen sie direkt das Kerngeschehen und verändern die abgegebene
Darstellung in einem diesbezüglich wesentlichen Punkt. Während der Täter ge-
mäss ihren Aussagen vor der Polizei scheinbar grundlos und ohne erkennbaren
Zweck gewalttätig geworden sein soll, diente die nämliche Gewaltanwendung
gemäss ihren Aussagen vor der Staatsanwaltshaft zur Erzwingung der Rückgabe
des Dirnenlohns. Die spätere Version scheint damit zwar den Tatablauf etwas
nachvollziehbarer darzutun als die erste. Dies spricht aber nicht zu Gunsten der
Privatklägerin 3, müssen doch nach aussagepsychologischen Erkenntnissen ge-
rade umgekehrt die Erstaussagen unmittelbar nach einem Geschehen plausibel
und stimmig sein, damit die Glaubhaftigkeit von Aussagen bejaht werden kann.
Weiter fällt etwa auf, dass die Privatklägerin 3 sowohl vor der Polizei als
auch vor der Staatsanwaltschaft lediglich ein blasses Bild der charakterlichen Er-
scheinung ihres Täters zu zeichnen vermochte, beschrieb sie ihn doch relativ ste-
reotyp als einen, der "Augen, wie Psychopathen sie hätten" bzw. einen "Gesichts-
ausdruck wie in einem Horrorfilm" gehabt habe. Dies im Unterschied zu den Pri-
vatklägerinnen 1 und 2, welche mittels nicht alltäglich erscheinenden Details (et-
wa betreffend seine Sprechweise in charakteristischen Zwei-Wort-Sätzen) ein
äusserst authentisch wirkendes Charakterbild ihres Täters abzugeben vermoch-
ten. Auch unter diesem Aspekt kommt der Darstellung der Privatklägerin keine
Überzeugungskraft zu.
b) Der eingeklagte Sachverhalt kann auch durch die übrigen im Recht lie-
genden Beweismittel nicht erstellt werden.
In diesem Zusammenhang ist namentlich zu erwähnen, dass auch sämtliche
einvernommenen Mitarbeiterinnen der J._-Frauenberatung wenig Konkretes
- 60 -
zu einem Übergriff auf die Privatklägerin 3 und deren Verhalten nach demselben
zu berichten wussten:
• M._ gab an, von einem Übergriff habe sie gehört, allerdings nicht
durch die Privatklägerin 3 selbst, da sei sie sich ganz sicher. Sie wisse nur
von einer Teamsitzung her, dass diese vom selben Mann (wie die Privat-
klägerin 1) Gewalt erlebt habe; weitere Details kenne sie nicht. M._
sagte weiter aus, dass sie die Privatklägerin 3 einmal zur Opferhilfe bzw.
psychologischen Betreuung begleitet habe; dort habe sie erzählt, dass sie
immer noch wegen dieses Vorfalls leide, sie könne nicht schlafen, das Bild
des Mannes verschwinde nicht aus ihrem Kopf (Urk. HD 5/17 S. 5 f.).
• R._ erklärte, dass sie die Privatklägerin 3 aus ihrer Tätigkeit im
J._-Bus her kenne. Diese habe ihr nie von einem gewalttätigen Über-
griff durch einen Freier erzählt. Allerdings habe die Privatklägerin 3 nicht
sie (die Zeugin) als Bezugsperson gehabt. Auch über Drittpersonen wisse
sie nichts von einem Übergriff. Es könne sein, dass sie an einer Teamsit-
zung etwas darüber gehört habe, sie könne sich aber nicht mehr daran er-
innern (Urk. HD 5/20 S. 4).
• N._ führte aus, soweit sie sich erinnern könne, habe ihr zuerst die Pri-
vatklägerin 3 von einem Gewaltübergriff eines Freiers erzählt und ihr – so
glaube sie – sogar noch den Ort an der ...strasse gezeigt, wo es passiert
sein soll (Urk. HD 5/23 S. 4). Was genau ihr die Privatklägerin 3 erzählt
habe, wisse sie heute nicht mehr, nur noch, dass sie von Gewalt durch ei-
nen Freier erzählt habe. An äusserliche Verletzungen könne sie sich nicht
erinnern. Dass sie ihr den Tatort am ... gezeigt habe, habe sie irgendwie
noch im Hinterkopf, beschwören könne sie dies jedoch nicht. Darauf ange-
sprochen, dass der Tatort gemäss Aussagen der Privatklägerin 3 in ... ge-
wesen sei, erklärte die Zeugin abermals, sie sei sich wirklich nicht mehr si-
cher, da sie auch sehr viele solcher Geschichten hören würden (HD 5/23
S. 6).
- 61 -
• K._ gab an, sie kenne die Privatklägerin 3 ausschliesslich von ihrer
beruflichen Tätigkeit am .... Über einen Gewaltübergriff auf die Privatkläge-
rin 3 wisse sie nicht viel, man habe darüber auch nie gesprochen (HD 5/26
S. 6).
Bei all diesen Aussagen fällt insbesondere auf, dass keine der Sozialarbeite-
rinnen vom ... – selbst diejenigen nicht, welche mit der Privatklägerin 3 direkt über
den Vorfall gesprochen hatten – Beobachtungen hinsichtlich allfälliger psychi-
scher oder physischer Auffälligkeiten derselben gemacht hatten. Dieser Befund
kontrastiert stark zu demjenigen hinsichtlich der Privatklägerinnen 1 und 2, deren
traumatisiertes Verhalten und körperliche Leiden damals gleich mehreren dieser
Zeuginnen aufgefallen war.
Im Übrigen macht die Privatklägerin 3 zwar eine posttraumatische Belas-
tungsstörung geltend (Urk. 41 S. 6). Diesbezüglich liegen aber – dies wiederum
im Unterschied zur Situation der übrigen zwei Privatklägerinnen – weder tatzeit-
nahe Arztzeugnisse in den Akten, noch hat die Privatklägerin 3 anlässlich der
vorinstanzlichen Hauptverhandlung oder der Berufungsverhandlung entsprechen-
de medizinische Unterlagen eingereicht.
4. Fazit
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Aussagen der Privatklägerin
weder hinsichtlich des Tatablaufs noch bezüglich der Täteridentifikation zu über-
zeugen vermögen. Ob die Privatklägerin 3 – welche schon vor Deponierung ihrer
Aussagen von den Übergriffen auf die Privatklägerin 1 und auf die Privatklägerin
2, welche zudem ihre Mutter ist, wusste (Urk. ND 2/3/1 S. 7) – bewusst falsch
aussagte bzw. sich im Zusammenhang mit diesen Taten als Trittbrettfahrerin zu
betätigen versuchte, kann offen bleiben. Auch wenn die Darstellung der Privatklä-
gerin 3 in einzelnen Aspekten den Tatsachen entsprechen sollten – ja selbst
wenn diese eine persönliche Begegnung mit dem Beschuldigten gehabt haben
sollte – kann jedenfalls der eingeklagte Sachverhalt aufgrund der dargelegten Wi-
dersprüche und Unstimmigkeiten in ihren Aussagen und anhand der übrigen vor-
handenen Beweismittel nicht rechtsgenügend erstellt werden.
- 62 -
Am Ergebnis dieser Beweiswürdigung würde im Übrigen auch nichts ändern,
wenn im Sinne der von der Staatsanwaltschaft anlässlich der Berufungsverhand-
lung vorgebrachten Anklageergänzung (Urk. 70 S. 6) von einem, von der Privat-
klägerin 3 möglicherweise gemeinten Tatort in unmittelbarer Nähe zur Sportanla-
ge ... (und damit zu den nachgewiesenen Tatorten betreffend die übrigen zwei
Privatklägerinnen) auszugehen wäre.
Es bleiben erhebliche Zweifel übrig, dass der Beschuldigte die ihm mit An-
klage vom 7. Juli 2014 zur Last gelegte Tat gegenüber der Privatklägerin 3 be-
gangen hat, weshalb er in Nachachtung des Grundsatzes "in dubio pro reo" dies-
bezüglich freizusprechen ist.
III. Rechtliche Würdigung
1. Delikte zum Nachteil der Privatklägerin 1
1.1. Die Vorinstanz würdigte das Verhalten des Beschuldigten in die-
sem Falle als
• versuchte qualifizierte Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 und
Abs. 3 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB (Anklageziffer 1.2.1.),
• (einfache) Tätlichkeit im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB (Anklagezif-
fer 1.2.2.) sowie
• Drohung im Sinne von Art. 180 StGB (Anklageziffer 1.2.3.).
1.2. Diese rechtliche Würdigung überzeugt in allen wesentlichen
Punkten, weshalb an dieser Stelle ohne Weiterungen vollumfänglich auf die
ausführlichen und sorgfältigen erstinstanzlichen Erwägungen verwiesen
werden kann (Urk. 58 S. 106-110; Art. 82 Abs. 3 StPO). Insbesondere hat
die Vorinstanz einlässlich und überzeugend dargetan, dass aufgrund des
während der versuchten Vergewaltigung ausgeführten massiven Würgens
der Privatklägerin 1 bis zu deren unfreiwilligen Urinabgang – welches diese
- 63 -
in unmittelbare Lebensgefahr brachte und bei ihr Todesangst und eine star-
ke Traumatisierung verursachte – die Grausamkeit im Sinne des qualifizier-
ten Tatbestandes von Art. 190 Abs. 3 StGB bejaht werden muss. Weiter ist
sie zutreffend von einem (unvollendeten) Versuch ausgegangen. Dabei hat
sie überzeugend ausgeführt, dass das Nicht-zu-Ende-Führen der Tat nicht
auf einen eigenen Antrieb des Beschuldigten zurückzuführen, sondern da-
mit zu erklären ist, dass der Telefonanruf und die Erwähnung der Polizei
durch die Privatklägerin 1 und die Anruferin diesen derart aus dem Konzept
brachte, dass er sich nicht weiter in der Lage fühlte, die Vergewaltigung zu
vollenden.
Der Beschuldigte bzw. sein Verteidiger vermochte dieser schlagenden Ar-
gumentation nichts Überzeugendes entgegenzuhalten.
1.3. Der vorinstanzliche Schuldspruch ist deshalb heute zu bestätigen.
2. Delikte zum Nachteil der Privatklägerin 2
2.1. Diesfalls würdigte die Vorinstanz das Verhalten des Beschuldig-
ten als
• vollendete Vergewaltigung im Sinne des Grundtatbestandes von Art. 190
Abs. 1 StGB (Anklageziffer 1.3.1.) sowie
• Raub im Sinne von Art. 140 Ziff. 1 Abs. 1 StGB (Anklageziffer 1.3.2.).
2.2. Auch dieser rechtlichen Würdigung ist zu folgen, weshalb vorab
auf die erstinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden kann (Urk. 58
S. 111 f.).
2.2.1. Die Anwendbarkeit des qualifizierten Tatbestandes im Sinne
von Art. 190 Abs. 3 StGB wurde von der Vorinstanz zu Recht verneint,
nachdem für das Stadium der Vergewaltigung eine Gewalteinwirkung des
Beschuldigten gegen den Hals der Privatklägerin 2, ein spontaner Urinab-
gang derselben sowie das Vorliegen einer konkreten Lebensgefahr nicht
erstellt werden konnte. Die dem Beschuldigten ausschliesslich nachweisba-
- 64 -
re Gewaltanwendung während der Vergewaltigungsvorgangs – nämlich das
sich Legen auf die Privatklägerin 2 mit seinem ganzen Gewicht und das
Drücken auf deren Brustkorb – geht zwar in quantitativer Hinsicht, d.h. in
seiner Intensität – die Privatklägerin 2 erlitt Rippenprellungen und hatte zu-
mindest subjektiv das Gefühl, nicht mehr atmen zu können – nicht aber in
qualitativer Hinsicht über das Mass von Gewalt hinaus dessen, welches
zum Vollzug einer Vergewaltigung nötig ist (und ist insofern deshalb ledig-
lich, aber immerhin im Rahmen der Strafzumessung von Bedeutung).
Nach der Lehre muss die grausame Behandlung des Opfers nicht di-
rekt mit der Tat als solcher im Zusammenhang stehen; sie kann auch vor
oder nach der Verübung des eigentlichen Delikts erfolgen (vgl. BSK StGB -
Maier, Art. 189 N 69 m.w.H.). Unter diesem Aspekt kann im vorliegenden
Fall nicht übersehen werden, dass das an die Vergewaltigung unmittelbar
anschliessende gewaltsame Zurücknehmen des Dirnenlohns eine weitere
Erniedrigung und psychische Verletzung der Privatklägerin 3 darstellt, wel-
che zu den mit der Vergewaltigung direkt verbundenen psychischen und
physischen Qualen bzw. der damit einhergehenden Verletzung ihrer sexuel-
len Freiheit hinzukommt, (und auch im Rahmen des Raubs über eine Ver-
letzung ihrer Vermögensrechte und persönlichen Freiheit hinausgeht). Mit
diesem Verhalten verletzte der Beschuldigte (welcher vor der Vergewalti-
gung mit dem von ihr offerierten Oralverkehr ohne Kondom eine sexuelle
Dienstleistung in Anspruch genommen hatte) die Privatklägerin 3 in ihrem
Selbstbestimmungsrecht als sich prostituierende Person. Diese zusätzliche
Demütigung der Privatklägerin 3 in ihrem Selbstwertgefühl als Strassen-
prostituierte erreicht indes noch nicht die Schwelle der Grausamkeit im Sin-
ne von Art. 190 Abs. 3 StGB (und ist deshalb lediglich im Rahmen der
Strafzumessung zu berücksichtigen).
2.2.2. Von einem qualifizierten Raub im Sinne von Art. 140 Ziff. 4
StGB kann nicht ausgegangen werden, nachdem, wie bereits ausgeführt,
dieser Tatbestand ist nicht eingeklagt ist und sich ein Urinabgang aufgrund
des Würgens – und damit auch eine Lebensgefahr der Privatklägerin 2 –
- 65 -
nicht nachweisen lässt. Die massive Gewaltanwendung des Beschuldigten
im Rahmen des Raubs von Art. 140 Ziff. 1 Abs. 1 StGB ist allerdings bei der
Strafzumessung von Bedeutung.
2.3. Der vorinstanzliche Schuldspruch ist deshalb heute auch in diesem
Fall zu bestätigen.
IV. Strafzumessung
1. Strafzumessungsregeln
Betreffend die vom Gesetz und vom Bundesgericht aufgestellten und
hier zur Anwendung gelangenden Regeln und Grundsätze zur Strafzumes-
sung kann auf die zutreffenden erstinstanzlichen Ausführungen verwiesen
werden (Urk. HD 58 S. 113-115).
2. Strafrahmen
2.1. Die Vorinstanz hat richtig festgehalten, dass Strafmilderungs-
gründe nicht ersichtlich sind und namentlich der spezielle Strafmilderungs-
grund nach Art. 19 Abs. 2 StGB keine Anwendung findet, nachdem das
Gutachten eine verminderte Schuldfähigkeit klar und überzeugend verneint
hat (Urk. HD 12/7 S. 47).
2.2. Weiter hat sie zutreffend erörtert, dass vorliegend die (versuchte)
qualifizierte Vergewaltigung der Privatklägerin 1 die schwerste Tat darstellt
und damit den Ausgangspunkt für die Gesamtstrafenbildung nach Art. 49
Abs. 1 StGB darstellt. Somit ist von einem Strafrahmen von 3 bis 20 Jahren
Freiheitsstrafe auszugehen (Art. 190 Abs. 3 i.V.m. Art. 40 StGB), welcher
nach oben trotz Deliktsmehrheit nicht erweitert werden kann (Art. 49 i.V.m.
Art. 40 StPO) und auch nach unten nicht zu unterschreiten ist, trotz Vorlie-
gen des Strafmilderungsgrundes des Versuchs (Art. 22 i.V.m. 48a StGB),
welcher allerdings strafmindernd zu berücksichtigen ist.
3. Einsatzstrafe und Straferhöhung aufgrund des Asperationsprinzips
- 66 -
3.1. Versuchte qualifizierte Vergewaltigung der Privatklägerin 1
3.1.1. Der Beschuldigte gab (nach einer kurzen Zeit des einvernehm-
lichen geschützten Geschlechtsverkehrs) der Privatklägerin 1 plötzlich zu
verstehen, dass er nun ohne Kondom mit ihr Geschlechtsverkehr haben
wolle. Obwohl diese ihm zu verstehen gab, dass sie damit nicht einverstan-
den war und sich gegen ihn wehrte, liess er nicht von der ihm klar körperlich
unterlegenen Privatklägerin 1 ab, sondern gab dieser zwei Ohrfeigen und
begann sie mit beiden Händen um den Hals so stark und lange zu würgen,
bis sie unfreiwilligen Urinabgang hatte. Immer noch auf ihr kniend, würgte
er sie weiter mit einer Hand und ohrfeigte er sie mit der anderen Hand noch
einige Male ins Gesicht. Darauf versuchte er mit seinem Geschlechtsteil
vaginal in die Privatklägerin 1 einzudringen, was ihm aber nicht gelang, da
sich die Privatklägerin 1 wehrte und sodann auch ihr Mobiltelefon zu läuten
begann, worauf er von ihr abliess. Mit dem geschilderten Würgen am Hals
brachte er die Privatklägerin 1 in eine unmittelbare Lebensgefahr, da die
Gefahr von Durchblutungsstörungen im Gehirn und einem Erstickungstod
befand.
Die Vorinstanz hielt bei der Würdigung der objektiven Tatschwere fest,
dass die vom Beschuldigten angewandte Gewalt – in Anbetracht sämtlicher
möglicher Gewaltanwendungen, die unter den Qualifikationstatbestand von
Art. 190 Abs. 3 StGB subsumiert werden könnten – noch in den unteren
Regionen der Skala einzuordnen sei. Dem Beschuldigten sei es in erster
Linie darum gegangen, den Widerstand der Privatklägerin 1 zu brechen, um
so den ungeschützten Geschlechtsverkehr zu erzwingen. Eine sadistische
Handlungsweise könne dem Beschuldigten nicht vorgeworfen werden. Zu
berücksichtigen sei weiter, dass die sexuelle Integrität des Opfers nicht in
schwerer Weise verletzt gewesen sei, da es beim Versuch geblieben sei.
Erschwerend wirke sich aus, dass der Beschuldigte sich mit der Privatklä-
gerin 1 bewusst eine Strassenprostituierte, und damit ein ohnehin schon
sozial schwaches Opfer, welches sich nur schwerlich wehren könne, aus-
gesucht habe. Weiter sei zu berücksichtigen, dass die Tatfolgen für die Pri-
- 67 -
vatklägerin 1 relativ gravierend gewesen seien, sei diese doch durch den
Übergriff strak traumatisiert worden und habe unter einem ausgeprägten
posttraumatischen Stress-Syndrom gelitten, welches seelische und somati-
sche Beschwerden mit Krankheitswert mit sich gebracht hätten. Der Argu-
mentation der Vorinstanz bis hierhin kann zugestimmt werden, und diese
kann für die vorliegende Strafzumessung übernommen werden. Ausser
Acht gelassen hat die Vorinstanz indes – und dies ist hier zu korrigieren –
dass die Gewaltanwendung des Beschuldigten in ihrem konkreten Ausmass
derart massiv war, dass die Privatklägerin 1 dadurch in eine unmittelbare
Lebensgefahr gebracht wurde. Dieser Umstand ist – auch im Rahmen des
qualifizierten Vergewaltigungstatbestandes – verschuldenserschwerend zu
berücksichtigen. Das Doppelverwertungsverbot ist damit nicht verletzt, da
auch schon ein massives Würgen ohne Nachweis einer unmittelbaren Le-
bensgefahr als grausam im Sinne von Art. 190 Abs. 3 StGB zu qualifizieren
wäre. In Anbetracht aller relevanten Umstände ist die objektive Tatschwere
im Rahmen des Qualifikationstatbestandes der Vergewaltigung als doch
schon nicht mehr leicht einzustufen.
3.1.2. Bezüglich der subjektiven Tatschwere berücksichtigte die Vor-
instanz, dass der Beschuldigte aus reiner Triebbefriedigung mit dem einzi-
gen Ziel, den Geschlechtsverkehr ohne Kondom zu erzwingen handelte.
Sodann berücksichtigte sie, dass der Beschuldigte gemäss Gutachter in
voller Schuldfähigkeit handelte und ohne Weiteres in der Lage gewesen
wäre, die Verletzung der körperlichen und sexuellen Integrität der Privatklä-
gerin 1 zu vermeiden, zumal diese bereits gewesen wäre, gegen Bezahlung
geschützten Geschlechtsverkehr mit ihm zu vollziehen. Diese Überlegun-
gen der Vorinstanz überzeugen ohne Weiteres. Die Vorinstanz geht dem-
nach implizit – was hier zu verdeutlichen ist – zu Recht von einem direkten
Vorsatz der qualifizierten Vergewaltigung aus. Ergänzend anzufügen ist,
dass der Beschuldigte, wenn er auch sicher nicht wollte, dass die Beschul-
digte aufgrund der von ihm angewendeten Gewalt ersticken oder Durchblu-
tungsstörungen im Gehirn bekommen könnte, ihm jedenfalls das Hervorru-
fen einer entsprechenden Gefahr gleichgültig war, er eine unmittelbare Le-
- 68 -
bensgefahr demnach zumindest in Kauf nahm. Die Vorinstanz berücksich-
tigte andererseits auch zutreffend zu Gunsten des Beschuldigten, dass das
Gutachten dem Beschuldigten eine unterdurchschnittliche Intelligenzaus-
stattung attestiert (vgl. Urk. 12/7 S. 47, wo betont wird, dass diese keines-
falls so stark ausgeprägt sei, dass ihm ein Wissen um grundlegende gesell-
schaftliche Normen fehlen würde).
3.1.3. Insgesamt vermag das subjektive Verschulden die objektive
Tatschwere nicht merklich zu relativieren, weshalb unter Berücksichtigung
sämtlicher relevanter Kriterien das Tatverschulden als nicht mehr leicht ein-
zustufen ist. Diese gegenüber der vorinstanzlichen leicht verschärfte Ver-
schuldenseinschätzung ruft nach einer Einsatzstrafe im Bereich des Über-
gangs vom unteren zum mittleren Drittel des Strafrahmens. Bei vollendeter
qualifizierter Vergewaltigung könnte eine hypothetische Einsatzstrafe von
6 1/2 Jahren als angemessen betrachtet werden.
Vorliegend blieb es beim (unvollendeten) Versuch. Allerdings brach
der Beschuldigte die Tat nicht aus eigenem Antrieb ab, sondern allein des-
halb, weil er durch den unerwarteten Telefonanruf aus dem Konzept ge-
bracht wurde und mit der Alarmierung der Polizei rechnen musste. Ande-
rerseits ist auch zu berücksichtigen, dass er die Tat nach dem Telefonanruf
immerhin nicht wieder aufnahm. Insgesamt rechtfertigt es sich, die hypothe-
tische Einsatzstrafe aufgrund des Versuchs auf 5 Jahre zu mildern.
3.2. (Vollendete) Vergewaltigung der Privatklägerin 2
3.2.1. Hinsichtlich der objektiven Tatschwere hat die Vorinstanz zutref-
fend festgestellt, dass sich zu Lasten des Beschuldigten auswirkt, dass es
vorliegend nicht beim Versuch blieb, sondern der Beschuldigte den unge-
schützten Geschlechtsverkehr bis zum Samenerguss durchsetzen konnte
und damit die sexuelle Integrität der Privatklägerin 2 massiver verletzt wurde
als im Falle der Privatklägerin 1. Dass im Gegenzug die Gewaltanwendung
hier geringer war, der Beschuldigte sein Opfer insbesondere nicht würgte
und bei ihm keinen unfreiwilligen Urinabgang verursachte, führt – entgegen
- 69 -
der diesbezüglich leicht missverständlichen Formulierung der Vorinstanz –
nicht zu einer (separaten) Verschuldensminderung, da dieser Umstand
schon darin berücksichtigt ist, dass sich der Beschuldigte lediglich der einfa-
chen, nicht der qualifizierten Vergewaltigung zu verantworten hat. Vielmehr
ist verschuldenserschwerend zu berücksichtigen (was die Vorinstanz im
Rahmen der Tatfolgen auch getan hat), dass der Beschuldigte – indem er
dermassen massiv gegen deren Brustkorb drückte, dass diese Rippenverlet-
zungen davontrug – in quantitativer Hinsicht doch recht massiv Gewalt an-
wendete. Hinzu kommt, wie die Vorinstanz richtig erkannte, dass der Über-
griff des Beschuldigten auch bei der Privatklägerin 2 zu einer starken Trau-
matisierung und posttraumatischen Belastungsstörung führte. In subjektiver
Hinsicht ist (wie implizit schon die Vorinstanz) von einem direktvorsätzlichem
Handeln des Beschuldigten auszugehen.
3.2.2. Trotz den (sich im Ergebnis nur geringfügig auswirkenden) Kor-
rekturen an der erstinstanzlichen Verschuldensbewertung kann ihrem Fazit,
dass insgesamt von einem (gerade noch) leichten Tatverschulden auszu-
gehen ist, gefolgt werden. Überzeugend ist auch ihr Fazit, dass im Rahmen
der Beurteilung als Einzeltat eine Freiheitsstrafe von rund drei Jahren an-
gezeigt wäre, und in Anwendung des Asperationsprinzips nach Art. 49 Abs.
1 StGB eine Erhöhung der Einsatzstrafe um 1 1/2 Jahre angemessen er-
scheint.
3.3. Raub gegenüber der Privatklägerin 2
3.3.1. Diesbezüglich führte die Vorinstanz zutreffend aus, in objektiver
wie subjektiver Hinsicht sei zu berücksichtigen, dass es als verwerflich be-
zeichnet müsse, dass der Beschuldigte der Privatklägerin 2 nach der erfolg-
ten Vergewaltigung auch noch gewaltsam den zuvor bezahlten Dirnenlohn
wieder abnahm. Grundsätzlich richtig erkannte sie auch, dass die Gewalt-
anwendung, welche mit dem Handrücken auf den Hals erfolgte, verschul-
denserhöhend berücksichtigt werden muss. Entgegen ihren Ausführungen
kann die Intensität dieser Gewaltanwendung indes nicht bloss als übermäs-
sig bezeichnet werden. Aufgrund der klaren Aussagen der Privatklägerin 2
- 70 -
vor der Polizei muss davon ausgegangen werden, dass der Beschuldigte
erhebliche Gewalt angewendet bzw. sie massiv gewürgt hat. Unter diesem
Aspekt bewegt sich die Tat des Beschuldigten (auch wenn ein Urinabgang
aufgrund des Würgens nicht nachgewiesen werden konnte) durchaus im
Grenzbereich zum qualifizierten Raub im Sinne von Art. 190 Ziff. 4 StGB. In
ihren weiteren Erwägungen, dass ein sadistisches Verhalten des Beschul-
digten nicht erkennbar ist und zudem der Deliktsbetrag von Fr. 100.– als
geringfügig bezeichnet werden kann, kann der Vorinstanz wieder gefolgt
werden. Ergänzend ist allerdings anzumerken, dass der objektiven Gering-
fügigkeit des Deliktsbetrags vorliegend nur ein kleines Gewicht zukommt,
da diesem für die (in prekären Verhältnissen lebende) Privatklägerin 2 nicht
bloss in finanzieller Hinsicht, sondern auch aus persönlichen Gründen (im
Rahmen ihres Selbstwertgefühls als sich prostituierende Person) eine gros-
se Bedeutung zugekommen sein dürfte. Auch für den Beschuldigten dürfte
es bei seinem Raub weniger um den Geldwert des Dirnenlohns als darum
gegangen sein, die Privatklägerin 2 zusätzlich zu demütigen.
3.3.2. Die Vorinstanz ging im Fazit von einem noch leichten Tatver-
schulden aus und sprach sich für eine Erhöhung der Einsatzstrafe um wei-
tere 9 Monate aus. Diese Einschätzung erscheint – nach der vorstehend
dargelegten Korrektur betreffend das Ausmass der Gewaltanwendung – zu
milde. Vielmehr ist das Tatverschulden des Beschuldigten insgesamt als
nicht mehr leicht zu bezeichnen. Im Rahmen der Beurteilung als Einzeltat
wäre eine Freiheitsstrafe von rund 4 Jahren angezeigt. In Anwendung des
Asperationsprinzips erscheint eine weitere Erhöhung der Einsatzstrafe um
2 Jahre angemessen.
3.4. Drohung gegenüber der Privatklägerin 1
Die Vorinstanz würdigte die Drohung im Fazit als "kleinen Neben-
schauplatz", und hielt deshalb dafür, dass eine nochmalige Erhöhung der
Einsatzstrafe als nicht angemessen und nicht notwendig erscheine, um
dem Verschulden des Beschuldigten ausreichend Rechnung zu tragen.
Dieser Einschätzung kann (grundsätzlich) gefolgt werden, wobei verdeutli-
- 71 -
chend auszuführen ist, dass die Drohung nicht etwa überhaupt nicht, son-
dern marginal straferhöhend zu berücksichtigen ist (Urk. HD 58 S. 118).
3.5. Tätlichkeit gegenüber der Privatklägerin 1
Die Vorinstanz sanktionierte die zwei Ohrfeigen, die der Beschuldigte
der Privatklägerin 1 nach dem Übergriff und anlässlich der Rückfahrt an den
... verpasste, mit einer Busse von Fr. 200.–, was angemessen erscheint
und zu übernehmen ist.
4. Täterkomponenten
Hinsichtlich des Vorlebens und der persönlichen Verhältnisse des Be-
schuldigten – hinsichtlich welcher sich bis heute nichts verändert hat – kann
vorab auf die Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. HD 58
S. 118 f.). Diese hat namentlich zutreffend hervorgehoben, dass die bereits
aus dem Strafregister entfernte Vorstrafe aus dem Jahre 2001 im Rahmen
der Strafzumessung nicht berücksichtigt werden darf. Nicht gefolgt werden
kann der Vorinstanz indes darin, dass beim Beschuldigten aufgrund seines
Alters und seiner Familie (Kinder und Enkel) eine erhöhte Strafempfindlich-
keit anzunehmen sei. Die Verbüssung einer Strafe ist für jeden in ein famili-
äres Umfeld eingebetteten Beschuldigten mit einer gewissen Härte verbun-
den; als unmittelbare gesetzmässige Folge jeder Sanktion darf diese Kon-
sequenz deshalb nur bei Vorliegen aussergewöhnlicher Umstände – wie sie
hier nicht ersichtlich sind – zu einer spürbaren Strafminderung führen. Von
einem hohen Alter kann bei dem etwas über 60 Jahre alten Beschuldigten
sodann noch nicht gesprochen werden (vgl. BSK Strafrecht I - Wiprächti-
ger/Keller, Art. 47 N 154 und 155). Im Rahmen der Würdigung der Täter-
persönlichkeit ist dem Beschuldigten indes aufgrund seiner einfachen Per-
sönlichkeitsstruktur, welche gutachterlich ausgewiesen ist (vgl. Urk. HD
12/7 S. 45 f.) und sich auch heute anlässlich der persönlichen Befragung im
Rahmen der Berufungsverhandlung zeigte, eine Strafreduktion von rund 6
Monaten zuzubilligen.
- 72 -
5. Auszufällende Strafe
Der Beschuldigte ist demnach mit einer Freiheitsstrafe von 8 Jahren
sowie mit einer Busse von Fr. 200.– zu bestrafen.
Der Freiheitsentzug des Beschuldigten beläuft sich bis und mit heute
auf 1065 Tage (Untersuchungshaft sowie vorzeitiger Strafvollzug) welche
ihm nach Art. 51 StGB an die Freiheitsstrafe anzurechnen sind.
V. Massnahmen
1. Standpunkt der Parteien
1.1. Die Staatsanwaltschaft stellte bereits vor Vorinstanz und auch wieder
vor Berufungsgericht den Antrag, es sei die Verwahrung des Beschuldigten im
Sinne von Art. 64 Abs. 1 StGB anzuordnen. Zur Begründung führte sie aus, der
Gutachter gehe davon aus, dass trotz des fortgeschrittenen Lebensalters des Be-
schuldigten mit hoher Wahrscheinlichkeit mit weiteren sexuellen Übergriffen zu
Lasten von Prostituierten zu rechnen sei. Dieser Gefahr könne vorliegend (nach
Auffassung der Staatsanwaltschaft), auch bei Ausfällung einer langjährigen Frei-
heitsstrafe, nur dadurch begegnet werden, dass der Beschuldigte nicht einfach
nach Absitzen von zwei Dritteln der Strafe entlassen werde. Vielmehr könne und
dürfe er erst wieder in Freiheit sein, wenn klar und sicher sei, dass er sich bewäh-
re und nicht mehr Frauen vergewaltige oder dies zu tun versuche. Dies werde
zum Zeitpunkt der frühest möglichen Entlassung aus dem Strafvollzug noch ein-
mal eingehend mittels einer neuen Begutachtung zu prüfen sein, was einzig mit
dem harten Instrument der Verwahrung gesichert sei. Wenn vom Beschuldigten
keine Gefahr mehr ausgehen sollte, dann könne er auch nach den die Verwah-
rung betreffenden Gesetzesbestimmungen und entsprechender Abklärung be-
dingt entlassen werden (Urk. HD 19 S. 9, Prot. I S. 27, Urk. HD 35 S. 12 f.; Urk.
70 S. 9 ff.). Die von der Vorinstanz und teilweise auch vom Gutachter angeführten
- 73 -
Gründe, weshalb auf eine Verwahrung zu verzichten sei, hätten bei der Art von
Delikten wie den vorliegenden in den Hintergrund zu treten (Urk. 70 S. 10).
Eventualiter verlangt die Staatsanwaltschaft eine "vollzugsbegleitenden
Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB" (Urk. 70 S. 2).
1.2. Der Verteidiger des Beschuldigten lehnt die Verwahrung im Falle eines
Schuldspruch als unverhältnismässig ab. Gemäss dem Gutachten habe der Be-
schuldigte zur Zeit der Taten nicht an einer psychischen Störung gelitten. Eine
Verwahrung könne zwar auch gegenüber einem psychisch unauffälligen Täter
ausgesprochen werden. Es müsse indes eine hohe Wahrscheinlich weiterer
schwerwiegender Taten zu konstatieren sein. Da die Verwahrung zu den
schwersten Eingriffen in die Persönlichkeitsrechte eines Täters überhaupt zähle
und vom Gesetz als ultima ratio vorgesehen sei, seien hohe Anforderungen da-
ran zu stellen. Im vorliegenden Fall erkenne der Gutachter zwar eine hohe Wahr-
scheinlichkeit weiterer sexueller Übergriffe zulasten von Prostituierten. Die Ver-
wahrung sei aber Gewalt- und Sexualstraftätern vorbehalten, deren Gefährlich-
keitspotential derart hoch sei, dass es nicht mehr verantwortet werden könne, sie
in die Gesellschaft zu entlassen. Gerade so etwas behaupte der Gutachter vor-
liegend aber nicht. Im Gegenteil weise er darauf hin, dass ein sorgfältiges Moni-
toring durchaus geeignet sei, die kriminalprognostischen Bedenken langfristig zu
reduzieren. Gemäss Gutachten könne auch davon ausgegangen werden, dass
der Beschuldigte nach Verbüssung einer Haftstrafe nicht mehr mit einem hohen
Antriebsvermögen ausgestattet sei. Der Gutachter erachte es also als wahr-
scheinlich, dass der Beschuldigte aufgrund der Sanktionierung seines Verhaltens
in der Form einer Freiheitsstrafe sein Verhalten anpasse, was auch der unprob-
lematische Verlauf der Probezeit aus den Vorverfahren bewiesen habe. Hinzu
komme, dass der Gutachter auch den Entzug des Führerausweises und das
Verbot, ein Fahrzeug zu besitzen, als (ausreichende) Möglichkeit sehe, dem Be-
schuldigten die Umsetzung von Übergriffen gegen Prostituierte deutlich zu er-
schweren und damit die Legalprognose zu verbessern. Zusammenfassend sei
die vom Beschuldigten ausgehende Gefährlichkeit nicht derart hoch, dass eine
- 74 -
Verwahrung im Sinne einer ultima ratio verhältnismässig wäre, weshalb davon
abzusehen sei (Urk. HD 43 S. 12; Urk. 74 S. 7 ff.).
2. Entscheid
2.1. Voraussetzungen der Verwahrung
2.1.1. Qualifizierte Anlasstat
Die Verwahrung nach Art. 64 StGB setzt an erster Stelle voraus, dass der
Täter eine der in Abs. 1 dieser Bestimmung aufgezählten Taten (Mord, vorsätzli-
che Tötung, schwere Körperverletzung, Vergewaltigung, Raub, Geiselnahme,
Brandstiftung, Gefährdung des Lebens) oder eine andere mit einer Höchststrafe
von fünf oder mehr Jahren bedrohte Tat begangen hat, und dass er durch diese
die physische, psychische oder sexuelle Integrität einer anderen Person schwer
beeinträchtigt hat oder beeinträchtigen wollte. Die schwere Beeinträchtigung beur-
teilt sich nach objektivem Massstab (vgl. Urteil 6B_970/2013 vom 24. Juni 2014,
E. 8.1; BGE 139 IV 57; BSK StGB - Heer, Art. 64 N 19 und 22).
Vorliegend hat sich der Beschuldigte u.a. der mehrfachen (teilweise ver-
suchter und qualifizierter) Vergewaltigung und des Raubs schuldig gemacht. Da-
mit liegen gleich mehrere Anlasstaten im Sinne von Art. 64 Abs. 1 StGB vor, was
unbestritten ist. Nicht in Abrede gestellt werden kann weiter, dass er mit diesen
Taten zumindest die psychische Integrität der Privatklägerinnen 1 und 2 objektiv
schwer beeinträchtigt hat. Wie dargelegt, geht aus verschiedenen Augenzeugen-
berichten glaubhaft hervor, dass die zwei Privatklägerinnen in der Zeit nach den
Übergriffen einen stark traumatisierten Eindruck machten. Mehrere Arztberichte
bescheinigen ihnen beiden sodann eine lang anhaltende posttraumatische Belas-
tungsstörung mit seelischen und somatischen Beschwerden mit Krankheitswert.
Diese Kriterien der Verwahrung sind damit erfüllt.
2.1.2. Besonderer Zustand des Täters
2.1.2.1. Nach Art. 64 Abs. 1 StGB lassen sich zwei Varianten denken: Ei-
nerseits (lit. a) kann eine Bewertung der Persönlichkeitsmerkmale, der Tatum-
- 75 -
stände und der gesamten Lebensumstände die Annahme einer Gefährlichkeit des
betroffenen Täters rechtfertigen. Andererseits (lit. b) ist es denkbar, an einer
schweren psychischen Störung, wie sie bei therapeutischen Massnahmen nach
Art. 59 StGB vorliegen, anzuknüpfen. Mit dem Begriff der Persönlichkeitsmerkma-
le wird zum Ausdruck gebracht, dass es hier um psychische Auffälligkeiten geht.
Diese haben aber nicht alle Kriterien einer Diagnose im Sinne eines Klassifikati-
onssystems zu erfüllen. Damit der Begriff der Persönlichkeitsmerkmale nicht jegli-
che Kontur verliert, muss der entsprechende Zustand des Betroffenen mit Bezug
auf die Wiederholungsgefahr ähnlich signifikant sein, wie dies bei der eigentlichen
psychischen Störung der Fall ist. Dem Hinweis auf die Tatumstände und die ge-
samten Lebensumstände kommt hier keine eigenständige Bedeutung zu; diese
Faktoren bedürfen im Rahmen einer lege artis durchgeführten Risikokalkulation –
dazu nachstehend (Ziff. 2.1.3.) – ohnehin einer gründlichen Abklärung. Was die
Tatumstände anbetrifft, müssen diese wie alle Faktoren einer Risikokalkulation
rechtsgenüglich nachgewiesen sein (BSK StGB - Heer, Art. 64 N 31 und 39 f.).
2.1.2.2. Laut dem Gutachten vom 20. Dezember 2013 ergeben sich weder
aufgrund der neurologischen Testergebnisse noch aus der Biographie des Be-
schuldigten Anhaltspunkte auf eine psychische Störung (Urk. HD 12/7 S. 39 und
44). Der Beschuldigte sei zwar mit einer unterdurchschnittlichen Intelligenz mit ei-
nem IQ von 73 ausgestattet und seine psychosoziale Leistungsfähigkeit dadurch
eingeschränkt. Dies jedoch keinesfalls in einer Weise, die mit den Auswirkungen
einer psychischen Störung im engeren Sinne vergleichbar wäre (a.a.O. S. 45).
Darüber hinaus lasse sich aus der Vorgeschichte und den von den Privatklägerin-
nen gemachten Angaben auch keine Störung der Sexualpräferenz ableiten. Ins-
besondere ergäben sich keine tragfähigen Hinweise auf eine sadistische Proble-
matik (a.a.O. S. 46). Da das Gutachten das Vorliegen einer psychischen Störung
beim Beschuldigten verneint, und es keine Gründe gibt, an dieser Feststellung zu
zweifeln, sind die Voraussetzungen von Art. 64 Abs. 1 lit. b StGB nicht gegeben.
Im Gutachten wird weiter ausgeführt, dass bei Nachweis der dem Beschul-
digten vorgeworfenen Delikte (und in Anbetracht der Vorstrafe von 2001) von ei-
ner nach einem bestimmten Schema ablaufenden Deliktsserie ausgegangen wer-
- 76 -
den müsse. Eine solche lasse sich wiederum ohne eine überdauernde Bereit-
schaft, sexuelle Übergriffe zu begehen, nicht schlüssig herleiten. Im Falle einer
Verurteilung lasse sich deshalb eine überdauernde Bereitschaft des Beschuldig-
ten darstellen, im Prostituiertenmilieu aggressive Handlungsimpulse zu sexualisie-
ren und gewalttätig bzw. sexuell übergriffig vorzugehen. In diesem Fall sei von ei-
nem deliktrelevanten Dominanzstreben des Beschuldigten auszugehen, das er an
schwächeren Frauen aus dem Milieu des Strassenstrichs auslebe. Als ein rele-
vanter deliktsbegünstigender Faktor wäre die leichte Verfügbarkeit der Opfer an-
zusehen. Insofern ergebe sich eine Delinquenzhypothese, die für den Fall einer
Verurteilung eine zeitlich überdauernde Täterbereitschaft und daher auch weitere
ähnliche Delikte erwarten lasse (a.a.O. S. 47 f.). Diese Überlegungen des Gutach-
ters sind nachvollziehbar. Allerdings konnten dem Beschuldigten heute lediglich
zwei der drei vorgeworfenen Delikte nachgewiesen werden und darf die gelöschte
Vorstrafe aus dem Jahr 2001 für die gerichtliche Legalprognose (anders als für
die medizinische Realprognose des Gutachters) nicht berücksichtigt werden. Die
vom Gutachter erstellte Delinquenzhypothese hat im Grundsatz dennoch Be-
stand, wenn auch in abgeschwächter Form (vgl. dazu nachstehend Ziff.
2.1.3.2.b.). Mit dem deliktrelevanten Dominanzstreben des Beschuldigten bzw.
dessen Bereitschaft, im Prostituiertenmilieu aggressive Handlungsimpulse zu se-
xualisieren und gewalttätig bzw. sexuell übergriffig vorzugehen, umschreibt der
Gutachter Persönlichkeitsmerkmale bzw. psychische Auffälligkeiten (unterhalb der
Schwelle einer psychischen Störung) und bejaht deren Signifikanz in Bezug auf
die Wiederholungsgefahr weiterer Straftaten derselben Art wie die Anlassdelikte.
Damit kann das Kriterium des für eine Verwahrung erforderlichen besonderen Zu-
stands des Täters in der Variante von Art. 64 Abs. 1 lit. a StGB bejaht werden.
2.1.3. Qualifizierte Gefährlichkeit
2.1.3.1. Im Unterschied zu allen anderen Massnahmen nach Art. 59 ff.
StGB ist bei der Verwahrung eine qualifizierte Gefährlichkeit erforderlich, was der
Gesetzgeber damit ausdrückt, dass die ernsthafte Erwartung weiterer Delinquenz
bestehen muss. Es muss demzufolge eine hohe Wahrscheinlichkeit neuer Anlass-
taten zu konstatieren sein (BSK StGB - Heer, Art. 64 N 37). Praktisch wird das
- 77 -
Gericht ein solches Risiko nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung zu beja-
hen haben, wenn es sich kaum vorstellen kann, dass der Täter nicht neue gleich-
artige Taten begeht (vgl. Urteil 6B_970/2013 vom 24. Juni 2014, E. 8.3; BGE 137
IV 59 E. 6.3).
Mit Blick auf den Grundsatz der Verhältnismässigkeit sind ausserordentlich
hohe Anforderungen an die Annahme einer Ernsthaftigkeit der Rückfallgefahr zu
stellen. Bei der Risikobeurteilung ist grundsätzlich eine Gesamtwürdigung von Tat
und Täter vorzunehmen. Hinsichtlich der forensischen Methoden der Risikobeur-
teilung wird heute von der Fachliteratur die Kombination einer klinischen Persön-
lichkeitsanalyse anhand einer eingehenden Exploration zur Lebensgeschichte ei-
nerseits und einer Risikobeschreibung anhand der standardisierten Prognosein-
strumente andererseits als sachgerecht erachtet. Als unabdingbar gilt weiter die
Notwendigkeit einer abschliessenden Gesamtwürdigung der erhobenen Risikofak-
toren und deren Abgleichung mit verschiedenen Zukunftsszenarien (vgl. BSK
StGB - Heer/ Habermeyer, Art. 64 N 51, 67 und 71).
2.1.3.2. a) Zur Frage der Rückfallgefahr des Beschuldigten wird im Gutach-
ten ausgeführt, dass trotz dessen fortgeschrittenen Lebensalters und dessen
niedrigen bzw. allenfalls moderaten Werten in standardisierten Prognoseinstru-
menten im Fall einer Verurteilung wegen der wiederholten (4 Delikte in 12 Jahren)
und schematisch ablaufenden Tatbegehung mit hoher Wahrscheinlichkeit mit wei-
teren sexuellen Übergriffen zu Lasten von Prostituierten zu rechnen sei. Bei der
Opferauswahl scheine insbesondere eine Rolle zu spielen, dass die Strassen-
prostituierten einerseits leicht verfügbar, andererseits aber auch in ihren Fähigkei-
ten eingeschränkt seien, den Anliegen des Beschuldigten Widerstand entgegen-
zusetzen. Die Gefahr der Verübung ähnlicher Straftaten bestehe dabei im Um-
stand, dass beim Beschuldigten von einer stabilen Verhaltensbereitschaft ausge-
gangen werden müsse, bei der Ärgeraffekte sexualisiert und zu Lasten schwäche-
rer Personen sexuell ausagiert würden, wofür Dominanzbestrebungen, eventuell
aber auch patriarchalische Einstellungen des Beschuldigten relevant seien (HD
12/7 S. 51). Der Gutachter bejaht somit grundsätzlich eine hohe Rückfallwahr-
scheinlichkeit bezüglich ähnlicher Delikte.
- 78 -
b) Hier ist aber einschränkend das Folgende festzuhalten. Der Gutachter
geht – in Anbetracht von vier Delikten innert 12 Jahren bzw. insbesondere auch
der Vorstrafe aus dem Jahr 2001 – von einer nach einem bestimmten Schema
ablaufenden Deliktsserie aus. Diese Vorstrafe aus dem Jahr 2001 ist aber inzwi-
schen aus dem Strafregister entfernt worden.
Eine entfernte Vorstrafe darf gemäss Art. 369 Abs. 7 StGB dem Betroffenen
nicht mehr entgegengehalten werden. Aus diesem gesetzgeberischen Willen
muss – wie das Bundesgericht ausdrücklich festgehalten hat – gefolgert werden,
dass entfernte Urteile (durch die Strafbehörden) weder bei der Strafzumessung
noch bei der Prognosebildung zu Lasten des Betroffenen verwendet werden dür-
fen. Diese Verwertungseinschränkung ist gerechtfertigt, da die Vortaten aufgrund
der grosszügig bemessenen Entfernungsfristen (vgl. Art. 369 Abs. 1 StGB) mitun-
ter Jahrzehnte zurückliegen (BGE 137 IV 89, E. 2.4., Bundesgerichtsurteil
6B_274/2010, E. 1.3). Das Bundesgericht hat weiter erwogen, dass die medizini-
schen Gutachter, im Gegensatz zu den Strafbehörden, aktenkundige Hinweise
auf entfernte Strafen berücksichtigen dürfen. Es ist insofern zwischen medizini-
scher Realprognose und gerichtlicher Legalprognose zu unterscheiden. Um eine
Umgehung des gerichtlichen Verwertungsverbotes zu verhindern, muss in der
Begutachtung jedoch offengelegt werden, inwiefern die frühere mit der neu zu be-
urteilenden Delinquenz im Zusammenhang steht und wie stark sich diese weit zu-
rückliegenden Taten noch auf das gutachterliche Realprognoseurteil auswirkt. So
kann auch für die gerichtliche Beurteilung gewährleistet werden, dass allfällige
Schlechtprognosen nur im Umfang der noch eingetragenen Verurteilungen be-
rücksichtigt werden (BGE 137 IV 89, E. 2.5.; Urteil 6B_274/2010 E. 1.5).
Bezogen auf den vorliegend zu beurteilenden Fall bedeutet dies, dass im
Rahmen der hier vorzunehmenden gerichtlichen Legalprognose nicht mehr von
einer Deliktsserie ausgegangen werden kann: Die Vorstrafe aus dem Jahr 2001
darf nicht mehr berücksichtigt werden. Hinzu kommt, dass der Beschuldigte be-
züglich des Übergriffs auf die Privatklägerin 3 freizusprechen ist. Damit sind für
das Gericht (im Unterschied zum Gutachter) lediglich noch zwei Delikte zur Prog-
nosestellung heranzuziehen. Vor dem Hintergrund dieser zwei zu berücksichti-
- 79 -
genden Delikten (innerhalb eines eng begrenzten Zeitraums) relativiert sich nicht
nur die Rückfallprognose, sondern auch schon deren Fundament, gründete der
Gutachter doch, wie bereits ausgeführt, die beim Beschuldigten diagnostizierten
Persönlichkeitsmerkmale oder psychischen Auffälligkeiten einer zeitlich überdau-
ernden Bereitschaft der Sexualisierung aggressiver Handlungsimpulse im Prosti-
tuiertenmilieu auf der Ausgangshypothese einer eigentlichen Deliktserie.
Hinzu kommt, dass der Gutachter seinerseits die von ihm (bis hierhin vor-
wiegend in retrospektiver Beurteilung) erstellte medizinische Realprognose in ei-
ner anschliessenden, auf die Zukunft gerichteten Betrachtung erheblich relativiert.
So führt er (u.a.) aus, dass obwohl das fortgeschrittene Lebensalter des Beschul-
digten im individuellen Fall nicht als kriminoprotektiv anzusehen sei, davon aus-
gegangen werden könne, dass der Beschuldigte nach einer Haftstrafe nicht mit
einem hohen Antriebsvermögen ausgestattet an die Umsetzung fortbestehender
Deliktbereitschaften gehe. (HD 12/7 S. 53). In einer Gesamtbetrachtung sieht der
Gutachter demnach ein eher moderates zukünftiges Rückfallrisiko des Beschul-
digten.
Den Ausführungen des Gutachters lässt sich entnehmen – obwohl er nicht
klar auf die Frage einer allfälligen Verwahrung angesprochen wurde (vgl. den
Gutachtensauftrag in Urk. 10/8) – dass er selber eine Verwahrung nicht anneh-
men würde. Auf eine erneute Befragung des Gutachters, wie sie von der Staats-
anwaltschaft beantragt wurde, kann deshalb verzichtet werden. Mit den differen-
zierten und überzeugenden gutachterlichen Ausführungen ist dargetan, dass nicht
erst eine Verwahrung den Beschuldigten vor weiteren Übergriffen abhalten kann,
sondern auch schon mildere Mittel diese Wirkung haben können. Wie bereits die
Vorinstanz ausführte, kommt dabei ein besonderes Gewicht dem Umstand zu,
dass der Beschuldigte – welcher bei seiner ersten Verurteilung im Jahre 2001 mit
einer bedingten Freiheitsstrafe davonkam und sich auch nicht längere Zeit in Un-
tersuchungshaft befand – nun erstmals eine Freiheitsstrafe zu verbüssen hat, die
zudem als lange und einschneidend bezeichnet werden kann (und heute noch er-
höht wurde). Der heute auszusprechende lange, mehrjährige Freiheitsentzug
dürfte den Beschuldigten stark beeindrucken. Hinzu kommt, dass der Beschuldig-
- 80 -
te gemäss dem Gutachter in der Lage ist und auch schon Bereitschaft gezeigt
hat, allfällige Hilfs- und Kontrollmassnahmen nach der Entlassung aus dem Straf-
vollzug zu akzeptieren und sich auf diese einzustellen.
3. Fazit
3.1. Zusammengefasst erscheint aufgrund sämtlicher Umstände, welche
für die gerichtliche Legalprognose zu berücksichtigen sind, die Gefahr weiterer
Straftaten durch den Beschuldigten nicht derart hoch, als dass sie eine so starke
Freiheitsbeschränkung, wie sie mit einer Verwahrung verbunden wäre, rechtferti-
gen könnte. Insofern erweist sich die von der Staatsanwaltschaft beantragte
Verwahrung des Beschuldigten als unverhältnismässig und es ist von dieser
Massnahme abzusehen.
3.2. In Bezug auf den Eventualantrag der Staatsanwaltschaft ist anzumer-
ken, dass das Gesetz eine "vollzugsbegleitende" stationäre Massnahme nicht
kennt (vgl. Art. 57 Abs. 2 StGB) und ohnehin mangels Vorliegen einer psychi-
schen Störung beim Beschuldigten eine Massnahme nach Art. 59 StGB nicht in
Frage kommt.
VI. Zivilansprüche
1. Die Vorinstanz hat die Zivilansprüche der Privatklägerinnen 1-2 überzeu-
gend behandelt. Der Beschuldigte bzw. sein Verteidiger vermochten deren Argu-
mentation nichts Wesentliches entgegenzusetzen. Zur Vermeidung unnötiger
Wiederholungen kann deshalb vollumfänglich – mit der nachfolgenden einzelnen,
unwesentlichen Korrektur (lit. a) – auf die erstinstanzlichen Erwägungen verwie-
sen werden (Urk. HD 58 S. 126-134).
a) Im Unterschied zur Vorinstanz (Urk. HD 58 S. 131 f.) erachtet das Beru-
fungsgericht die tagebuchähnlichen Aufzeichnungen der Privatklägerin 2 mit der
Aufstellung der Ein- und Ausgaben über einen Zeitraum von rund drei Wochen
(Urk. ND 1/1/9; deutsche Übersetzung in ND1/1/10) als glaubhaft (vgl. vorstehend
Ziff. B. 3.2.2.2.a.). Dies ändert aber nichts daran, dass der von ihr vor Vorinstanz
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geltend gemachte Erwerbsausfall von Fr. 16'197.60 allein mit diesen Aufzeich-
nungen nicht belegt werden kann. Im Übrigen darf der vorinstanzliche Entscheid
betreffend den Schadenersatzanspruch der Privatklägerin 2 heute nur schon auf-
grund des Verschlechterungsverbots nicht zum Nachteil des Beschuldigten abge-
ändert werden.
Demzufolge ist festzustellen, dass der Beschuldigte gegenüber den Privat-
klägerinnen 1 und 2 aus den eingeklagten Ereignissen dem Grundsatze nach
schadenersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges des Scha-
denersatzanspruches sind die Privatklägerinnen 1 und 2 auf den Weg des Zivil-
prozesses zu verweisen.
b) Der Beschuldigte ist sodann zu verpflichteten, der Privatklägerin 1 eine
Genugtuung in der Höhe von Fr. 15'000.– zuzüglich 5 % Zins seit 8. November
2012 und der Privatklägerin 2 eine Genugtuung in der Höhe von Fr. 15'000.– zu-
züglich 5 % Zins seit 19. Oktober 2012 zu bezahlen.
2. Da der Beschuldigte vom Vorwurf des Raubes gegenüber der Privatklä-
gerin 3 freizusprechen ist, sind deren Schadenersatz- und Genugtuungsbegehren
abzuweisen.
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist das erstinstanzliche Kosten- und
Entschädigungsdispositiv zu bestätigen (Dispositivziffern 9-14).
2. Im Berufungsverfahren unterliegt der erbeten verteidigte Beschuldigte im
Schuld- sowie im Zivilpunkt betreffend die Privatklägerinnen 1 und 2. Er obsiegt
im Schuld- und Zivilpunkt betreffend die Privatklägerin 3. Im Strafpunkt unterlie-
gen der Beschuldigte und die Staatsanwaltschaft gleichermassen. Letztere unter-
liegt zudem im Massnahmenpunkt.
Infolgedessen rechtfertigt es sich, die Kosten des Berufungsverfahrens, mit
Ausnahme derjenigen der unentgeltlichen Vertretungen der Privatklägerschaft, zu
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zwei Dritteln dem Beschuldigten aufzuerlegen und im Übrigen auf die Staatskasse
zu nehmen.
Die Kosten der unentgeltlichen Vertretungen der Privatklägerschaften (vgl.
deren Honorarnoten; Urk. 68 [betr. Privatklägerin 2], Urk. 69 [betr. Privatklägerin
1] und Urk. 73 [betr. Privatklägerin 4; zuzüglich 1 Stunde Aufwand für die Beru-
fungsverhandlung) sind auf die Gerichtskassen zu nehmen.