Decision ID: 80eec0d1-2fb0-502c-8c3f-f41944ac792d
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
B._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Advokat lic. iur. Martin Boltshauser, c/o procap, Froburgstrasse 4,
Postfach, 4601 Olten,
gegen
Helsana Unfall AG, Postfach, 8081 Zürich Helsana,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Versicherungsleistungen
Sachverhalt:
A.
A.a Die 1975 geborene B._ war mit einem Pensum von 100% bei der A._ als
Lehrerin angestellt und dadurch bei der Helsana Versicherungen AG (nachfolgend
Helsana) gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen versichert, als sie
während ihrer Ferien am 1. Januar 2003 beim Skifahren stürzte (act. G 3.2.1). Sie blieb
in voller Fahrt mit einem Ski im tieferen Schnee neben dem Pistenrand hängen und
stürzte deswegen auf Rücken und Hinterkopf. Danach war sie kurz benommen, aber
nicht bewusstlos. Nach dem Sturz traten sofort pulsierende Schmerzen im Hinterkopf
sowie eine Nackenverspannung auf (act. G 3.1.3, 3.1.11, 3.1.26). Als die Beschwerden
am folgenden Tag zunahmen, liess sich die Versicherte im Spital Unterengadin in
Schuls untersuchen. Im Arztzeugnis an die Helsana vom 23. Januar 2003 wurde eine
HWS (Halswirbelsäulen)-Distorsion diagnostiziert. Als Befunde wurden eine deutliche
Druckdolenz sowie ein Muskelhartspann im Bereich des Musculus trapezius beidseits
erhoben. Die im Spital durchgeführte Röntgenuntersuchung der HWS zeigte keine
Hinweise auf ossäre Läsionen. Eine Arbeitsunfähigkeit wurde nicht attestiert (act. G
3.1.1). Nach den Ferien, d.h. am 6. Januar 2003, nahm die Versicherte ihre Arbeit
wieder auf, musste diese jedoch wegen starker Kopfschmerzen nach einer Woche
wieder aufgeben (act. G 3.2.8). Eine auf Zuweisung des Hausarztes der Versicherten,
med. pract. C._, Arzt Allgemeinmedizin, in der Radiologie Stephanshorn am 18.
Januar 2003 durchgeführte zerviko-vertebrale Kernspintomographie ergab eine
altersentsprechend normale Darstellung von HWS und Nackenweichteilen ohne
fassbare ossäre bzw. discoligamentäre Läsionen (act. G 3.1.2). Am 6. sowie 28.
Februar 2003 konsultierte die Versicherte Dr. D._, Wirbelsäulenchirurgie, der die
Diagnose eines Zustands nach HWS-Distorsion und Commotio cerebri stellte. Als
Therapie empfahl er eine manual-medizinische Behandlung bei Dr. med. E._,
Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, (act. G 3.1.3). Im Zwischenbericht vom 28. April
2003 befand med. pract. C._ die Versicherte ab 1. Januar 2003 bis auf weiteres
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gänzlich arbeitsunfähig (act. G 3.1.4). Am 8. Mai 2003 fand im Medizinischen
Radiologischen Zentrum, St. Gallen, eine weitere Untersuchung statt, die eine leicht
eingeschränkte Beweglichkeit im mittleren unteren HWS-Abschnitt bei normalen
ossären Gelenkverhältnissen zeigte (act. G 3.1.5). Am 14. Mai 2003 gab die Versicherte
gegenüber dem Schadensinspektor der Helsana an, dass sie die von med. pract. C._
verordnete Physiotherapie wegen Erfolglosigkeit abgebrochen habe. Nach einer
Neuraltherapie mit chiropraktischen Massnahmen (vgl. dazu act. 3.1.6, 3.1.8, 3.1.9)
seien die Schmerzen seit Ende der Frühlingsferien nicht mehr so konstant wie früher,
jedoch immer noch permanent vorhanden und in ihrer Intensität von der jeweiligen
Tätigkeit abhängig (act. G 3.2.8). Die Versicherte führte ausserdem die von Dr. D._
empfohlene manual-medizinische bzw. manuelle und myofasciale Behandlung bei Dr.
E._ durch (act. G 3.1.10). Am 13. Juni 2003 wurde sie im Auftrag der Helsana von Dr.
med. F._, FMH Chirurgie, begutachtet. Dieser diagnostizierte am 17. Juni 2003 einen
Restzustand nach direktem HWS-Abknicktrauma am 1. Januar 2003, ein zerviko-
vertebrales Syndrom sowie ein psychisches Überlastungssyndrom. Nach eigener
Angabe der Versicherten gebe es noch deutliche Verhärtungen im Nacken und
Spannungen im Hals, vor allem bei Flexion. Sie sei immer noch lärmempfindlich und
habe Mühe, sich zu konzentrieren. Auch bestehe immer noch ein dauernder Druck im
Kopf, der bei Belastung, Lärm und Wetterwechsel zunehme. Wegen der Lärm- und
Lichtempfindlichkeit habe sie Dr. med. G._, Spezialärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, aufgesucht. Dr. F._ schloss, dass die von der Versicherten
angegebenen Beschwerden auf den Unfall zurückzuführen seien. Ohne Unfall am 1.
Januar 2003 hätte sie die Beschwerden zum heutigen Zeitpunkt nicht, womit diese in
einem natürlichen Kausalzusammenhang zum angeschuldigten Ereignis stünden.
Unfallfremde Faktoren lägen keine vor. Prognostisch liege der Fall gut. Es sei jedoch
noch eindeutig zu früh, um die Frage nach dem Status quo ante beantworten zu
können. Der Endzustand sei noch nicht erreicht. Die manual-medizinischen
Behandlungen bei Dr. E._, die physiotherapeutischen Massnahmen sowie die
psychiatrische Behandlung zur weiteren Stabilisierung seien weiterzuführen bzw. noch
notwendig. Eine Arbeitsfähigkeit sei nicht gegeben. Bei Weiterführung der Therapien
könne mit einer Aufnahme der Tätigkeit als Lehrerin nach den Sommerferien mit einem
Teilpensum von 30 - 50% und einer schrittweisen Erhöhung bis Mitte Oktober
gerechnet werden (act. G 3.1.11). Mit Zwischenbericht vom 10. August 2003 befand Dr.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
E._ die Versicherte ab 11. August 2003 zu 50% arbeitsfähig (act. G 3.1.14). Am 30.
August 2003 nahm Dr. G._ zu einem Fragenkatalog der Helsana Stellung: Die
Versicherte leide an einer depressiven Störung als Reaktion auf das Unfallereignis mit
lang dauernden Schmerzen und Immobilisierung. Zuerst sei der Unfall als schweres
somatisches Geschehen eingetreten. Als sich das Leiden hingezogen habe und eine
Arbeitsaufnahme nicht absehbar gewesen sei, habe sich eine depressive Symptomatik
entwickelt. Durch die psychische Störung sei die Versicherte in ihrer Arbeitsfähigkeit
nicht eingeschränkt (act. G 3.1.15). Mit Zwischenberichten vom 14. September sowie
18. Oktober 2003 bestätigte Dr. E._ die von ihm ab 11. August 2003 attestierte 50%-
ige Arbeitsfähigkeit (act. G 3.1.16 und 3.1.17). Am 13. November 2003 teilte er der
Helsana mit, dass die Arbeitsfähigkeit von 50% eine grosse Errungenschaft sei. Die
Versicherte komme mit diesem Pensum an ihre Grenzen und habe nicht mehr viel
Energie für ihr Privatleben. Ab dem nächsten Semester hoffe er auf eine volle
Arbeitsfähigkeit. Eine andere Tätigkeit sei nicht zumutbar (act. G 3.1.18). Mit Schreiben
vom 6. April 2004 teilte Dr. G._ mit, dass sie die Versicherte letztmals am 12.
September 2003 gesehen habe. Kurz danach habe diese dann mit den Antidepressiva
aufgehört und keine Notwendigkeit für eine psychiatrische Behandlung mehr gesehen.
Zur Zeit sei die Therapie beendet bzw. unterbrochen (act. G 3.1.22). Mit Schreiben vom
20. August 2004 hielt Dr. E._ fest, die Versicherte sei weiterhin 50% arbeitsunfähig.
Sie habe gezügelt, woraufhin sich ein mühsames Rezidiv gebildet habe, das er jetzt
"auszubügeln" helfe (act. G 3.1.24).
A.b Am 15. April 2005 erstatteten die Fachärzte der Klinik Valens ein neurologisches
Gutachten unter Einbezug eines neuropsychologischen Untersuchungsberichts vom
13. April 2005 (act. G 3.1.26). Die Versicherte klage über tägliche Schmerzen zwischen
den Schultern und am Kopf. Die Ärzte diagnostizierten einen Status nach HWS-
Distorsion und Contusio capitis, möglicherweise auch Commotio cerebri, bei Skiunfall
am 1. Januar 2003 mit chronifiziertem cervicothoracalem Schmerzsyndrom, z. T. mit
Ausstrahlung nach craniocervical, eine deutliche psychogene Überlagerung, evtl. im
Rahmen einer posttraumatischen Verarbeitungsstörung, und eine kleine Diskushernie
HWK 4/5, die leicht in das Neuroframen rechts hineinrage, ohne sensomotorische
Ausfälle. Die aktuellen Beschwerden stünden in einem Kausalzusammenhang zum
Unfall. Vor dem Unfall seien keine Beschwerden, insbesondere keine Kopf- und
Rückenbeschwerden bekannt. Die seit dem Unfall geklagten Beschwerden könnten im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zusammenhang einer HWS-Distorsion und Contusio capitis resp. Commotio cerebri
mit anschliessender posttraumatischer Verarbeitungsstörung gesehen werden. Die
kleine Diskushernie spiele eine untergeordnete Rolle. Unfallfremde Faktoren lägen
keine vor. Unwahrscheinlich sei, dass die Diskushernie HWK 4/5 rechts für sich allein
ohne Unfall zu der geschilderten Symptomatik geführt hätte, und dass die beim Unfall
anfallenden Kräfte an deren Genese ursächlich beteiligt gewesen seien. Da die
Schmerzen als symmetrisch angegeben würden, sei auch nicht von einem
verstärkenden Effekt der Hernie auf die aktuellen Beschwerden auszugehen. Derzeit sei
der Status quo ante nicht erreicht. Aus neurologischer und neuropsychologischer Sicht
bestehe keine Arbeitsunfähigkeit. Hingegen bestehe aufgrund der unfallbedingten
Einschränkungen mit verringerter Belastbarkeit und Störungen der Aufmerksamkeit und
Flexibilität sowie der Schmerzsymptomatik derzeit eine maximal 50%-ige
Arbeitsfähigkeit als Lehrerin von Kleinklassen. Der Endzustand sei nicht erreicht. Es
könne aber auch nach zwei Jahren Krankheitsgeschichte mit chronischen Schmerzen
bei dieser jungen und motivierten Patientin grundsätzlich von einer möglichen
Besserung bis zur Beschwerdefreiheit ausgegangen werden. Eine Besserung sei unter
multimodaler Therapie mit Physiotherapie, Psychotherapie und medikamentöser
Schmerzmodulation zu erwarten.
A.c Ab März 2005 begab sich die Versicherte zu Dr. phil. H._, Psychotherapie und
Psychotraumatologische Beratung, in psychotherapeutische Behandlung (act. G.
3.1.27). In seinem Bericht vom 7. Oktober 2005 diagnostizierte Dr. H._ eine
Anpassungsstörung (ICD-10 F43.2 mit Ausprägungen F43.23) sowie eine
posttraumatische Belastungsstörung (F43.1). Die Ursachen des psychischen
Krankheitsbilds seien unfallbedingt, zum Teil schmerzbedingt, wobei auch die
Schmerzen vom Unfall kämen. Vor dem Unfall sei die Versicherte eine tüchtige,
optimistische, gesellige und unkomplizierte Frau gewesen. Die Arbeitsfähigkeit sei stark
eingeschränkt und betrage maximal 20%. Jegliche Tätigkeit müsse gegen
Schwächegefühl und Schmerz ertrotzt werden (act. G 3.1.28). Im Sommer 2005
begann die Versicherte mit einer Weiterbildung, die es ihr ermöglichen sollte, nach
Abschluss einzelne Kinder oder sehr kleine Gruppen zu unterrichten. Sie erhoffte sich
davon, das Arbeitspensum aufgrund tieferer Belastung erhöhen zu können. Für die Zeit
der Ausbildung, die einen Tag (20%) in Anspruch nahm, wurde ihr Arbeitspensum beim
bisherigen Arbeitgeber auf 30% reduziert (act. G 3.2.46).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.d Am 26. September und 7. November 2006 wurde die Versicherte an der
Schulthess Klinik Zürich neuropsychiatrisch und neurologisch begutachtet. Im
Gutachten vom 1. November 2007 diagnostizierte der neurologische Experte einen
Status nach direkter Schädelverletzung (Schädelprellung) und indirekter HWS-
Verletzung, eine cervicocephale myofasziale Symptomatik bei Status nach
Weichteilverletzung der HWS und möglicher Hirnerschütterung sowie
Spannungskopfschmerzen. Die initial von der Versicherten präsentierten Beschwerden
(vgl. dazu act. G 3.1.34) seien überwiegend wahrscheinlich auf das Unfallereignis vom
1. Januar 2003 zurückzuführen. Aufgrund einer unglücklichen Verkettung der initial
somatisch erklärbaren und nachfolgend psychischen Beschwerden gehe die
Problematik wahrscheinlich auf den Unfall zurück. Über einen nicht näher zu
bestimmenden Zeitraum (höchstens ein Jahr) seien die Beschwerden mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit in einem kausalen Zusammenhang mit dem
Unfallereignis zu sehen. Danach lasse sich eine überwiegende Wahrscheinlichkeit nicht
mehr problemlos postulieren. Erwiesene vorbestehende unfallfremde Faktoren seien
nicht vorhanden, dennoch liessen sich die gegenwärtigen Symptome durch den Unfall
nicht restlos erklären. Im Besonderen sei unklar, warum die psychische Problematik
anhalte, obschon keine relevanten somatischen Befunde mehr nachweisbar seien.
Betreffend der HWS, die am ehesten eine Verletzung im Bereich der Weichteile erlitten
habe, sei somatisch ein Endzustand spätestens dann erreicht worden, als anlässlich
der Begutachtung in Valens keine relevanten somatischen Befunde mehr dokumentiert
worden seien. In der Folge dürfte die Verarbeitungsproblematik von Bedeutung sein. Es
werde noch eine Akupunkturbehandlung und die Fortführung der von Dr. E._
applizierten manuellen Therapie empfohlen. Die Versicherte sei in ihrer Tätigkeit als
Lehrerin aufgrund der psychischen Beschwerden maximal 20% bzw. maximal 15-25%
eingeschränkt. Gemäss dem neuropsychiatrischen Experten liegen eine gemischte
affektive Störung im Sinn einer Anpassungsstörung mit gemischten Emotionen sowie
eine phobische Bereitschaft (allenfalls vorbestehend und unbekannt) vor. Das
psychische Beschwerdebild habe sich wahrscheinlich 4-5 Monate nach dem Unfall
entwickelt. Seither liege trotz einer gewissen Stabilisierung ein chronischer Verlauf vor.
Aufgrund der Angaben der Psychotherapeutin habe keine pathologische Verarbeitung
des Unfallereignisses bestanden. Später habe am ehesten eine Frustration eingesetzt,
welche zu einer affektiven Problematik geführt habe. Eine besondere
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Persönlichkeitsstruktur liege nicht vor. Am ehesten handle es sich bei der Versicherten
um eine gewissenhafte, als "workaholic" zu bezeichnende Person, womit von
"positiven" Persönlichkeitseigenschaften ausgegangen werden dürfe, welche die
Grundlage für die postulierte Frustration darstellen dürften. Neben dem Unfall
bestünden keine anderen belastenden Faktoren, welche die Störung unterhalten
würden. Zur Behandlung der psychischen Beeinträchtigung sei am ehesten eine
kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlung mit medikamentöser Unterstützung zur
Stabilisierung angezeigt. Die Arbeitsfähigkeit liege momentan bei 75%. Zu Beginn sei
keine Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Probleme postuliert worden. Im späteren
Verlauf seien jedoch offensichtlich die psychischen Probleme in den Vordergrund
getreten. Aufgrund der aktuellen Befunde könnten die unfallbedingten Faktoren
(mutmassliche Verletzung der Weichteile der HWS) nicht mehr für den psychischen
Zustand verantwortlich gemacht werden (act. G 3.1.33).
A.e Mit Verfügung vom 6. März 2007 stellte die Helsana ihre Leistungen (Taggeld,
Heilungskosten) per 31. März 2007 ein (act. G 3.2.44). Laut Gutachten der Schulthess
Klinik sei der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall vom 1. Januar
2003 und den geklagten Beschwerden nicht mehr mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit nachgewiesen. Der somatische Endzustand sei im Zeitpunkt der
Begutachtung in der Klinik Valens im März 2005 erreicht worden. Aus somatischer
Sicht lägen keine Einschränkungen mehr vor und es bestehe diesbezüglich volle
Arbeitsfähigkeit. Hinsichtlich der psychischen Beschwerden müsse - selbst wenn der
natürliche Kausalzusammenhang hergestellt werden könnte - der adäquate
Kausalzusammenhang verneint werden.
B.
Die gegen diese Verfügung erhobene Einsprache der Versicherten, vertreten durch
Procap, Schweizerischer Invaliden-Verband, Olten (act. G 3.2.91), wies die Helsana mit
Entscheid vom 8. Mai 2008 ab (act. G 3.2.106).
C.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.a Gegen diesen Einspracheentscheid liess die Versicherte mit Eingabe vom 12. Juni
2008 Beschwerde erheben und beantragen, der Einspracheentscheid und die
Verfügung vom 6. März 2007 seien aufzuheben und es seien ihr die gesetzlichen
Leistungen nach UVG auszurichten, unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Zur
Begründung wird ausgeführt, die Beschwerdegegnerin stelle einzig auf das Gutachten
der Schulthess Klinik ab, obwohl dieses hinsichtlich der konkreten
Behandlungsmöglichkeiten unklar sei. Zum einen werde geschrieben, der somatische
Endzustand sei erreicht. Gleichzeitig werde aber auf Therapiemöglichkeiten (Kräftigung
der Muskulatur zur inneren Stabilisierung der HWS und Akupunktur) hingewiesen.
Aufgrund der Äusserungen der Schulthess Klinik ergebe sich eindeutig, dass noch eine
weitere Heilbehandlung betreffend somatischer Einschränkungen notwendig sei.
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 24. Juli 2008 beantragt die Helsana Abweisung der
Beschwerde (act. G 3). An der Zuverlässigkeit des Gutachtens der Schulthess Klinik sei
nicht zu zweifeln. Die Frage der Kausalität werde darin schlüssig und nachvollziehbar
beurteilt. Die Gutachter hätten keine Behandlung genannt, die eine wesentliche
Verbesserung des Gesundheitszustands bringen könne.
C.c Mit Schreiben vom 5. September 2008 verzichtete die Beschwerdeführerin auf die
Einreichung einer Replik.

Erwägungen:
1.
1.1 Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss Bundesgesetz über die
Unfallversicherung (UVG, SR 832.20) setzt zunächst voraus, dass zwischen dem
Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod) ein
natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ob zwischen einem schädigenden Ereignis
und einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist
eine Tatfrage, worüber die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen
der diesen Instanzen obliegenden Beweiswürdigung nach dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
zu befinden haben. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt dabei für die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Begründung eines Leistungsanspruchs nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1, 119 V 338 E. 1,
118 V 289 E. 1b, je mit Hinweisen). Weiter ist das Vorhandensein des adäquaten
Kausalzusammenhangs zu prüfen. Nach der Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als
adäquate Ursache eines Erfolgs zu gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der
Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von
der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolgs also durch das
Ereignis allgemein als begünstigt erscheint (BGE 129 V 181 E. 3.2, 125 V 461 E. 5a mit
Hinweisen). Während es Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist, den natürlichen
Kausalzusammenhang zu beurteilen, obliegt es dem Gericht, die Frage nach dem
adäquaten Kausalzusammenhang zu beantworten (BGE 123 III 110, E. 3a).
1.2 Im Bereich klar ausgewiesener organischer Unfallfolgen im Sinn von
nachweisbaren strukturellen Veränderungen (organisches Substrat konnte mit Bild
gebenden Untersuchungsmethoden [Röntgen, Computertomogramm, EEG]
nachgewiesen werden) spielt die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der sich aus
dem natürlichen Kausalzusammenhang ergebenden Haftung des Unfallversicherers
praktisch keine Rolle. Sie ist bei ausgewiesener natürlicher Kausalität ohne Weiteres zu
bejahen (BGE 127 V 103 E. 5b/bb, 123 V 102 E. 3b, 118 V 291 E. 3a, 117 V 365 E. 5d/
bb mit Hinweisen). Sind dagegen die Unfallfolgen organisch nicht (hinreichend) fassbar,
bewirkt die Bejahung der natürlichen Kausalität nicht automatisch auch die Bejahung
der adäquaten Kausalität, können doch gerade klinische Befunde erfahrungsgemäss
auch psychisch ausgelöst werden. In diesen Fällen ist eine eigenständige
Adäquanzbeurteilung durchzuführen, bei welcher wie folgt zu differenzieren ist: Es ist
zunächst abzuklären, ob die versicherte Person beim Unfall ein Schleudertrauma
erlitten hat. Ist dies nicht der Fall, gelangt die Rechtsprechung gemäss BGE 115 V 140
E. 6c/aa zur Anwendung. Ergeben die Abklärungen dagegen, dass die versicherte
Person eine Schleudertraumaverletzung erlitten hat, muss geprüft werden, ob die zum
typischen Bild einer solchen Verletzung gehörenden Beeinträchtigungen zwar teilweise
vorliegen, im Vergleich zur psychischen Problematik aber ganz in den Hintergrund
treten. Trifft dies zu, sind für die Adäquanzbeurteilung ebenfalls die in BGE 115 V 140
E. 6c/aa für Unfälle mit psychischen Unfallfolgen aufgestellten Grundsätze
massgebend (BGE 123 V 99 E. 2a), andernfalls erfolgt die Beurteilung der Adäquanz
gemäss den in BGE 117 V 366 E. 6a und 382 E 4b festgelegten bzw. den mit BGE 134
V 109 modifizierten Kriterien (BGE 127 V 103 E. 5b/bb). Die Anwendung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsprechung zum adäquaten Kausalzusammenhang bei Schleudertraumen der
HWS setzt voraus, dass die psychischen Beschwerden aus dem Unfall hervorgehen
und zusammen mit den organischen Beschwerden, die ebenfalls auf das Unfallereignis
zurückzuführen sind, ein komplexes Gesamtbild ergeben (RKUV 2000 Nr. U 397 S. 328
E. 3b). Zu ergänzen bleibt, dass die zu den Verletzungen nach klassischem
Schleudertrauma entwickelte Rechtsprechung zum natürlichen und adäquaten
Kausalzusammenhang (BGE 119 V 335, 117 V 359) auch auf analoge Verletzungen wie
Distorsionen der HWS sowie Schädel-Hirntraumata anwendbar ist, wenn und soweit
sich dessen Folgen mit jenen eines Schleudertraumas vergleichen lassen (vgl. Urteil
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts] vom 17. August 2004 i/S O. G. [U 243/03];
RKUV 2000 Nr. U 395 S. 317, E. 3; BGE 117 V 369 E. 3c).
2.
Aus den Akten geht hervor, dass die von der Beschwerdeführerin geklagten
Beschwerden nicht mit klar ausgewiesenen organischen Befunden im Sinn
nachweisbarer unfallkausaler struktureller Veränderungen erklärbar sind. Die
echtzeitlichen bildgebenden radiologischen Untersuchungen im Spital Unterengadin
(act. G 3.1.1), in der Radiologie Stephanshorn (act. G 3.1.2) und im Medizinischen
Radiologischen Zentrum (act. G 3.1.5) haben keine Hinweise für das Vorliegen ossärer
bzw. discoligamentärer Läsionen gezeigt. Die Fachärzte der Klinik Valens
diagnostizierten zwar in ihrem Gutachten vom 15. April 2005 eine kleine Diskushernie
HWK 4/5, deren Ursache jedoch nicht im Unfall vom 1. Januar 2003 gesehen wurde
(act. G 3.1.26, Ziff. 5.2). Klinisch erhobene Druckdolenzen, Muskelhartspann sowie
Bewegungseinschränkungen im Bereich der HWS stellen praxisgemäss kein klar
fassbares organisches Substrat dar (vgl. Urteile des EVG vom 3. August 2005 [U 9/05]
i/S M., E. 4 und vom 23. November 2004 [U 109/04] i/S B., E. 2.2).
3.
3.1 Nach den Ergebnissen der medizinischen Forschung ist bekannt, dass bei
Schleudertraumaverletzungen und äquivalenten Verletzungen auch ohne nachweisbare
pathologische bzw. organische Befunde noch Jahre nach dem Unfall funktionelle
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ausfälle verschiedener Art auftreten können. Der Umstand, dass die für ein
Schleudertrauma, eine Distorsion der HWS oder ein Schädel-Hirntrauma typischen
Beschwerden nicht mit entsprechenden Untersuchungsmethoden (Röntgen,
Computertomogramm, EEG) objektivierbar sind, rechtfertigt für sich allein nicht, sie in
Abrede zu stellen (BGE 117 V 359 E. 5d/aa). Ist ein Schleudertrauma oder eine dem
Schleudertrauma äquivalente Verletzung diagnostiziert und liegt ein für diese
Verletzung typisches Beschwerdebild mit einer Häufung von Beschwerden wie diffusen
Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit,
rasche Ermüdbarkeit und Visusstörungen, Reizbarkeit, Affektlabilität, Depressionen,
Wesensveränderungen usw. vor, so ist der natürliche Kausalzusammenhang zwischen
dem Unfall und den Beschwerden resp. der dadurch eingetretenen Arbeits- und
Erwerbsfähigkeit in der Regel anzunehmen (BGE 117 V 359 E. 4b; vgl. auch 117 V 369
E. 3e). Nach der aktuellen Rechtsprechung des Bundesgerichts (Urteile vom 30. Januar
2007 [U 215/05] i/S T. und vom 15. März 2007 [U 258/06] i/S G.) muss bei einer HWS-
Verletzung das typische Beschwerdebild mit einer Häufung von Beschwerden
innerhalb von 24 bis höchstens 72 Stunden nach dem Unfall nicht in seiner
umfassenden Ausprägung auftreten. Vielmehr genügt es, wenn sich in diesem Zeitraum
Beschwerden in der Halsregion oder an der HWS - bei einem Schädel-Hirntrauma in
Form von Kopfschmerzen - manifestieren. Die anderen im Rahmen eines
Schleudertraumas oder einer äquivalenten Verletzung typischerweise auftretenden
Beschwerden müssen sich jedoch immerhin in einem Zeitraum manifestieren, der es
erlaubt, vom Vorhandensein eines natürlichen Kausalzusammenhangs auszugehen.
3.2 Die Beschwerdeführerin hat bereits am Tag nach dem Unfall wegen starker
Kopfschmerzen und Nackenverspannungen das Spital Unterengadin aufgesucht, wo
eine HWS-Distorsion diagnostiziert wurde (act. G 3.1.1, 3.1.3). Im weiteren Verlauf
traten ohne grössere Latenzzeit auch andere zum typischen bunten Beschwerdebild
einer HWS-Distorsion gehörende Beeinträchtigungen, wie Konzentrationsprobleme,
leichte Erschöpfbarkeit und Lärmintoleranz hinzu (act. G 3.1.4). Im Rahmen der
ärztlichen Untersuchungen wurde die Diagnose eines Status nach HWS-
Distorsionstrauma übereinstimmend bestätigt (vgl. u.a. act. G 3.1.3, G 3.1.4, 3.1.13,
3.1.26). Verschiedentlich wird in den medizinischen Akten auch ein Status nach
Commotio cerebri diagnostiziert (act. G 3.1.3, 3.1.26, 3.1.33). Angesichts der
Schilderung der Beschwerdeführerin, dass sie mit dem Kopf aufgeschlagen sei, sowie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den unmittelbar nach dem Unfall aufgetretenen starken Kopfschmerzen, erscheint es
durchaus möglich, dass sie zusätzlich eine Hirnerschütterung bzw. ein leichtes
Schädel-Hirntrauma erlitten hat. Die Frage, ob sie ein solches und/oder eine Distorsion
der HWS erlitten hat, braucht jedoch nicht abschliessend geklärt zu werden. Aufgrund
der von den Ärzten insgesamt gestellten Diagnosen ist mit dem im
Sozialversicherungsrecht allgemein massgebenden Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit (Th. Locher, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 3. Aufl. Bern
2003, S. 451 f.) davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin anlässlich des Unfalls
vom 1. Januar 2003 eine Verletzung im HWS- und/oder Schädelhirn-Bereich
durchgemacht hat. Die dafür typischen, bei der Beschwerdeführerin nach dem Unfall
gehäuft aufgetretenen Beschwerden sind mithin in einer ersten Phase überwiegend
wahrscheinlich als natürlich-kausale Unfallfolge einer schleudertraumaähnlichen
Verletzung zu betrachten. Entsprechend hat die Beschwerdegegnerin zunächst auch
einen Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin anerkannt. Per 31. März 2007 stellte
sie dann ihre Leistungen ein. Bis zu diesem Zeitpunkt waren seit dem Unfall vier Jahre
vergangen und es stellt sich die Frage, ob anhand der vorliegenden medizinischen
Akten mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit eine unfallkausale
gesundheitliche Beeinträchtigung per Einstellungsdatum zu verneinen ist bzw. die
geklagten Beschwerden keiner fassbaren unfallkausalen gesundheitlichen
Beeinträchtigung mehr zugeschrieben werden können (vgl. BGE 119 V 341 E. 2b/bb).
4.
4.1 Die Leistungspflicht des Unfallversicherers entfällt erst, wenn das Dahinfallen
jeder kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens
mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen ist. Weil es
sich dabei um eine leistungsaufhebende Tatsache handelt, liegt die Beweislast nicht
bei der versicherten Person, sondern beim Unfallversicherer (Urteil des EVG vom 15.
Oktober 2003 [U 154/03] i/S P., RKUV 2000 Nr. U 363 S. 45). Als Grundlage für die
Beurteilung der natürlichen Kausalität bei den hier diskutierten Verletzungen mit länger
andauernden Beschwerden bis hin zur Chronifizierung ist eine eingehende
medizinische Abklärung im Sinn eines polydisziplinären/interdisziplinären Gutachtens
verlangt. Ein solches Gutachten hat bestimmten Voraussetzungen zu genügen. Nebst
den allgemein gültigen Anforderungen an beweiskräftige medizinische Berichte und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gutachten (vgl. BGE 125 V 351 E. 3) ist erforderlich, dass die Begutachtung durch mit
diesen Verletzungen besonders vertraute Spezialärzte erfolgt. Im Vordergrund stehen
dabei Untersuchungen neurologisch/orthopädischer und psychiatrischer sowie
gegebenenfalls auch neuropsychologischer Fachrichtung. Inhaltlich sind überzeugende
Aussagen dazu verlangt, ob die beklagten Beschwerden überhaupt glaubhaft sind, und
bejahendenfalls, ob für diese Beschwerden trotz Fehlens objektiv ausgewiesener
organischer Unfallfolgen ein beim Unfall erlittenes Schleudertrauma oder eine dem
Schleudertrauma äquivalente Verletzung überwiegend wahrscheinlich zumindest eine
Teilursache darstellt (vgl. BGE 123 V 43 E. 2b mit Hinweis). Aufgrund der
Besonderheiten der Schleudertrauma-Praxis soll das Gutachten auch darüber Auskunft
geben, ob eine bestehende psychische Problematik als Teil des für solche
Verletzungen typischen, einer Differenzierung kaum zugänglichen somatisch-
psychischen Beschwerdebildes zu betrachten ist, oder aber ein von diesem zu
trennendes, eigenständiges psychisches Leiden darstellt. Nur wenn in der Expertise
überzeugend dargetan wird, dass die psychische Störung nicht Symptom der
Verletzung ist, kann dafür eine andere Ursache gesehen werden. Der Hinweis auf
ungünstige soziale und soziokulturelle Verhältnisse der versicherten Person und
dergleichen genügt nicht (BGE 134 V 124 ff. E. 9.3 ff.).
4.2 Die Beschwerdeführerin wurde zur Beurteilung der Frage nach
weiterbestehenden natürlich-kausalen Unfallfolgen polydisziplinär, d.h. neurologisch
und neuropsychologisch, erstmals im Februar/März 2005 in der Klinik Valens
untersucht (act. G 3.1.26). Gestützt auf das Gutachten vom 15. April 2005 (act. G
3.1.26) erachtete die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht als weiterhin gegeben.
Im September/November 2006 folgte eine polydisziplinäre bzw. neurologische sowie
neuropsychiatrische Untersuchung in der Schulthess Klinik. Dieses Gutachten vom 9.
Januar 2007 (act. G 3.1.33) gab der Beschwerdegegnerin Anlass zur
Leistungseinstellung per 31. März 2007. Wie nachfolgend zu zeigen ist, wird jedoch mit
dem Gutachten der Schulthess Klinik nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen, dass per 31. März 2007 keine
natürlich-kausalen Folgen der HWS-Distorsion und/oder des leichten Schädel-
Hirntraumas vom 1. Januar 2003 mehr vorlagen.
4.3
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.3.1 Laut dem neurologischen Gutachter der Schulthess Klinik sind die von der
Beschwerdeführerin initial präsentierten Beschwerden über einen nicht näher zu
bestimmenden Zeitraum, höchstens aber ein Jahr, überwiegend wahrscheinlich in
einem kausalen Zusammenhang mit dem Unfall zu sehen. Danach lasse sich eine
überwiegende Wahrscheinlichkeit nicht mehr problemlos postulieren. - Für eine
Leistungseinstellung zufolge Wegfalls des natürlichen Kausalzusammenhangs genügt
diese gutachterliche Beurteilung nicht. Der Wegfall des Kausalzusammenhangs muss
mitüberwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sein. Die nicht näher begründete
Aussage, eine solche Wahrscheinlichkeit lasse sich nicht mehr problemlos postulieren,
vermag diesen Nachweis nicht zu erbringen. Wenig überzeugend erscheint auch der
vom Gutachter angeführte Zeitrahmen von höchstens einem Jahr. Das Gutachten der
Klinik Valens, worin ein überwiegend wahrscheinlicher Kausalzusammenhang zwischen
den geklagten Beschwerden und dem Unfall vom 1. Januar 2003 noch bejaht wurde,
wurde am 15. April 2005 und damit mehr als zwei Jahre nach dem Unfallereignis
erstellt. Die Formulierung des Gutachters der Schulthess Klinik - "über einen nicht
näher zu bestimmenden Zeitraum" - lässt im Übrigen erkennen, dass er selber
hinsichtlich des Zeitpunkts des Wegfalls der Unfallkausalität offensichtlich unsicher
war. In der zusammenfassenden Beurteilung des Gutachtens wird schliesslich
festgehalten, dass von somatischer Seite her von einem überwiegend wahrscheinlichen
unfallkausalen Zusammenhang zwischen den von der Beschwerdeführerin
präsentierten Beschwerden und dem Sturz vom 1. Januar 2003 auszugehen sei;
nachdem beinahe vier Jahre nach dem Unfall aber keinerlei reaktive Veränderungen,
weder radiologisch noch im CT bzw. MRI festgestellt werden konnten, seien die Folgen
der indirekten HWS-Verletzung als leicht einzustufen und die Beschwerden im
Langzeitverlauf nicht als unfallbedingt zu erwarten. Diese Beurteilung scheint mit Blick
auf die eingangs erwähnte Aussage des neurologischen Gutachters widersprüchlich.
Zunächst werden darin die Unfallkausalität sowie Folgen einer HWS-Verletzung
grundsätzlich bejaht - auch wenn die Folgen als leicht eingestuft werden. Nachfolgend
wird dann aber der Wegfall der Unfallkausalität beinahe vier Jahre nach dem Unfall
nicht eindeutig bejaht, sondern im Langzeitverlauf lediglich erwartet. Hinsichtlich
Heilungsdauer der Unfallfolgen erscheint das Gutachten damit wenig schlüssig. Auch
die für den Wegfall der Unfallkausalität angeführte Begründung fehlender reaktiver bzw.
radiologischer Veränderungen erscheint wenig überzeugend, liegt doch die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schwierigkeit bei der Beurteilung von Schleudertrauma-Fällen für den Mediziner gerade
darin, dass diese mit bildgebenden Verfahren häufig nicht zu erfassen sind (vgl. dazu E.
Ziff. 3.1).
4.3.2 Bereits im Gutachten vom 15. April 2005 konnten die Gutachter der Klinik
Valens keine klaren pathologischen bzw. organischen Befunde nachweisen. Dennoch
erachteten sie den natürlichen Kausalzusammenhang aufgrund des komplexen
Beschwerdebilds als mit überwiegender Wahrscheinlichkeit gegeben. Da dieses
Ergebnis von den Gutachtern der Schulthess Klinik nicht kritisiert wurde, stellt sich die
Frage, inwieweit andere Ursachen die Unfallfolgen seit der Begutachtung an der Klinik
Valens überlagern. Die Gutachter der Schulthess Klinik führen einzig die Entwicklung
einer Verarbeitungsstörung an. Der Verdacht auf eine deutliche psychogene
Überlagerung, evtl. im Rahmen einer posttraumatischen Verarbeitungsstörung, wurde
jedoch bereits im Zeitpunkt der Begutachtung der Klinik Valens erhoben, womit daraus
keine Klärung hinsichtlich des Wegfalls der natürlichen Kausalität resultiert.
Degenerative Einflüsse, beispielsweise durch die Diskushernie, wurden sodann im
Gutachten der Klinik Valens verneint und auch von den Gutachtern der Schulthess
Klinik nicht in Erwägung gezogen.
4.3.3 Auch die Beurteilung des psychiatrischen Gutachters der Schulthess Klinik,
die unfallbedingten Faktoren (mutmassliche Verletzung der Weichteile der HWS)
könnten aufgrund der aktuellen Befunde nicht mehr für den psychischen Zustand der
Beschwerdeführerin verantwortlich gemacht werden, bringt keine Klarheit hinsichtlich
der hier zu beurteilenden Kausalitätsfrage. Derselbe Gutachter beschreibt die
Beschwerdeführerin als eine Person mit Dissimulationstendenz, womöglich vor dem
Hintergrund des Wunsches, belastbarer zu sein, als sie es tatsächlich sei. Sie scheine
den momentanen Zustand, insbesondere in Bezug auf die frühere Leistungsfähigkeit,
stets mit demjenigen vor dem Unfall zu vergleichen und sei dadurch frustriert, weil sie
glaube, dass sie das prätraumatische Leistungsniveau nicht mehr erreichen könne. Mit
dieser Charakterbeschreibung macht der Gutachter deutlich, dass der Zustand der
Beschwerdeführerin offensichtlich nicht demjenigen vor dem Unfall entspricht und sie
schwer unter der eingeschränkten Belastbarkeit leidet. Es stellt sich demnach die
Frage, womit die Belastungsintoleranz zu begründen ist, wenn nicht mit den Folgen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Unfalls – eine Frage, die im Gutachten der Schulthess Klinik nicht hinreichend
beantwortet wird.
4.3.4 Ebenfalls fraglich erscheint im Zusammenhang mit dem vom
neuropsychiatrischen Gutachter beschriebenen Charakter, ob die Beschwerdeführerin
tatsächlich in der Lage wäre, 75% zu arbeiten. Im Zeitpunkt der Begutachtung
arbeitete sie in einem Pensum von 30% und absolvierte daneben eine Weiterbildung,
die 20% in Anspruch nahm. Die Beschwerdeführerin gibt an, sie komme mit diesem
Pensum an ihr Limit und sei damit schon fast überfordert, was von den behandelnden
Therapeuten bestätigt wird. Diese Einschätzung steht im Widerspruch zur
Einschätzung des neurologischen Gutachters, sie könne ein Arbeitspensum von 75%
erfüllen – ein Widerspruch, der schwer nachvollziehbar ist, wird davon ausgegangen,
dass sich die Beschwerdeführerin eher überfordert sieht und belastbarer sein möchte,
als sie es tatsächlich ist.
5.
5.1 Die Leistungspflicht des Unfallversicherers setzt kumulativ voraus, dass zwischen
dem Unfall und der eingetretenen Gesundheitsbeeinträchtigung die natürliche sowie
die adäquate Kausalität gegeben sein muss. Unter diesem Aspekt wendet die
Beschwerdegegnerin im Weiteren ein, dass sie unabhängig vom Fortbestehen des
natürlichen Kausalzusammenhangs berechtigt sei, die Leistungen einzustellen, da die
aktuellen Beschwerden nicht mehr in einem adäquaten Kausalzusammenhang zum
Unfall stünden.
5.2 Die Adäquanzprüfung hat nach Abschluss des normalen, unfallbedingt
erforderlichen Heilungsprozesses zu erfolgen, und nicht solange von einer Fortsetzung
der ärztlichen Behandlung noch immer eine namhafte Besserung erwartet werden kann
(= Fallabschluss gemäss Art. 19 Abs. 1 UVG; Urteil des EVG vom 11. Februar 2004 i/S
K. [U 246/03]; BGE 134 V 112 ff.). Damit stellt sich die Frage, ob die
Beschwerdegegnerin den vorliegenden Schadenfall aufgrund noch möglicher
Therapieformen nicht zu früh abgeschlossen hat und die Adäquanzprüfung noch gar
nicht hätte erfolgen dürfen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.3 Anlässlich der Begutachtung in Valens schlugen die Gutachter eine intensive
multimodale Therapie aus Physiotherapie, Psychotherapie und medikamentöser
Schmerzmodulation vor (act. G 3.1.26). Sie äusserten zudem die Ansicht, dass eine
initiale Rekonditionierung durch eine intensive stationäre Rehabilitationsbehandlung
wahrscheinlich einfacher und schneller erreicht würde. Eine Wiedererlangung der vollen
Arbeitsfähigkeit sei durchaus realistisch. Nach der Begutachtung wurden
Physiotherapie und Psychotherapie aufgenommen, eine stationäre
Rehabilitationsbehandlung wurde – obwohl von der Beschwerdegegnerin und der
Beschwerdeführerin eigentlich gewollt (act. G 3.2.43 und 3.2.44) – nicht durchgeführt.
Die Manualtherapie bei Dr. E._ wurde fortgesetzt. Im Bericht vom 17. Juli 2006 gab
dieser an, trotz Psychotherapie und Physiotherapie habe sich keine wesentliche
Verbesserung eingestellt, obwohl der Patientin die Psychotherapie für die
Schmerzverarbeitung sehr gut tue (act. G 3.1.30). Sie benötige alle paar Wochen eine
manuelle myofasziale Behandlung, damit es ihr nicht noch schlechter gehe und sie sei
nach wie vor 50% arbeitsunfähig. Dr. H._ schrieb in seinem Arztbericht vom 10.
November 2006, es seien Therapieerfolge erzielt worden. Die depressiven Episoden
seien kürzer. Die Patientin könne sich besser auf ihre Einschränkungen einstellen und
es sei eine weitere Besserung der depressiven Problematik zu erwarten (act. G 3.1.31).
Im Gutachten der Schulthess Klinik heisst es, aus somatischer Sicht seien die
therapeutischen Möglichkeiten recht limitiert und es werde eine innere Stabilisierung
der HWS durch Kräftigung der Muskulatur empfohlen, worauf die manualmedizinische
Behandlung von Dr. E._ abziele (act. G 3.1.33, S. 20). Ferner sei ein Versuch mit
gezielter Schmerztherapie mittels Akupunktur durchzuführen. Aus psychiatrischer Sicht
werden keine klaren Aussagen gemacht. Ob Aussicht auf eine teilweise oder
vollständige Heilung bestehe, sei von vielen Faktoren abhängig und eine Prognose sei
kaum möglich, eine Besserung sollte aber möglich sein. In welchem Zeitraum eine
Besserung zu erwarten sei, könne nicht beurteilt werden. Vom psychiatrischen
Gutachter wird schliesslich eine kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlung mit
medikamentöser Unterstützung vorgeschlagen (act. G 3.1.33, S. 26).
5.4 Insgesamt kann bei dieser Aktenlage nicht abschliessend beurteilt werden, ob die
Voraussetzungen für einen Fallabschluss im Zeitpunkt der Leistungseinstellung
gegeben waren. Zwar haben die Therapien nicht jene Besserung gebracht, die sich die
Ärzte davon erhofft hatten. Zwischen dem behandelnden Psychiater und dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychiatrischen Gutachter der Schulthess Klinik besteht jedoch Einigkeit darüber, dass
mit gezielter psychiatrischer Behandlung eine positive Entwicklung zu erwarten oder
mindestens möglich wäre. Auch aus somatischer Sicht scheinen noch
Behandlungsmöglichkeiten denkbar. So wurde der von den Gutachtern der Klinik
Valens vorgeschlagene Rehabilitationsaufenthalt nie durchgeführt, und sahen die
Gutachter der Schulthess Klinik noch Therapieformen, die eine Steigerung der
Arbeitsfähigkeit bringen sollten. Aus den Akten geht im Übrigen hervor, dass auch die
Beschwerdegegnerin ursprünglich von einer längeren Leistungspflicht ausging und
damit rechnete, dass die Zusatzausbildung, die es der Beschwerdeführerin erlauben
sollte, einzelne Schüler oder ganz kleine Gruppen zu unterrichten, eine Steigerung der
Arbeitsfähigkeit bringen werde. Entsprechend hielt die zuständige Sachbearbeiterin der
Beschwerdegegnerin in einer Aktennotiz vom 13. Juni 2005 fest, dass man ihres
Erachtens der Beschwerdeführerin bei der Ausbildung durch Ausrichtung der
Taggelder für eine Arbeitsunfähigkeit von 50% auch bei Senkung des Pensums auf
30% entgegenkommen sollte, da nach der Ausbildung die Chance bestehe, dass das
Pensum gesteigert werden könne (act. G 3.2.44). - Die ungenügende Beweislage hat
zur Folge, dass die Beschwerdegegnerin im Zeitpunkt der Leistungseinstellung noch
keine rechtsgenügliche Adäquanzprüfung vornehmen durfte. Dies umso mehr, als auch
keine zuverlässige medizinische Beurteilungsgrundlage für die Frage des Wegfalls der
Unfallkausalität per 31. März 2007 vorliegt. Der Grund für die Leistungseinstellung ist
nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
nachgewiesen, weshalb die Beschwerdegegnerin ihre Leistungen zu Unrecht per 31.
März 2007 eingestellt hat.
6.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung des
Einspracheentscheids vom 8. Mai 2008 gutzuheissen und die Beschwerdegegnerin zu
verpflichten, der Beschwerdeführerin auch über den 31. März 2007 hinaus die
gesetzlichen Leistungen für die Folgen des Unfalls vom 1. Januar 2003 zu erbringen.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Hingegen hat die
Beschwerdeführerin bei diesem Verfahrensausgang Anspruch auf eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Parteientschädigung (Art. 61 lit. g ATSG). Diese ist wie in gleichartigen Fällen auf
pauschal Fr. 4'000.- (einschliesslich Mehrwertsteuer und Barauslagen) festzusetzen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG