Decision ID: cdb25436-c41e-41ee-8c94-7f900caf0420
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1965 geborene
X._
war seit
dem
1. Juli 1995 bei der
Y._
angestellt und dadurch bei der Suva obligatorisch gegen die Fol
gen von Unfällen versichert. Mit Unfallmeldung vom 1. März 2019 wurde der Suva
angezeigt,
dass
X._
am 4. September 2011
einen Zeckenbiss erlit
ten habe. Er leide seit Anfang 2012 an Schmerzen und einem Einschlafgefühl res
pektive an Gefühllosigkeit in den Füssen.
Nach diversen Abklärungen sei nun an
fangs des Jahres 2019 die Diagnose einer Neuroborreliose gestellt worden
(Urk. 6/1). Die Suva holte Berichte der behandelnden Ärzte ein (Urk. 6/4-5, 6/11-16
,
6/25-26)
und legte diese Dr. med. Z._
, Facharzt FMH für Neurologie, zur Beurteilung vor (Urk. 6/32). Mit Schreiben vom 29. März 2019 verneinte sie einen Anspruch auf Versicherungsleistungen mit der Begründung, dass kein
sicherer oder wahrscheinlicher Kausalzusammenhang zwischen dem Ereignis vo
m 4. September 2011 und den gemeldeten Beschwerden bestehe (Urk. 6/34). Am 11. April 2019 erliess sie eine entsprechende Verfügung (Urk. 6/43). Die dagegen erhobene Einsprache des Versicherten vom 17. April 2019 (Urk. 6/47) wies die Suva mit
Einspracheentscheid
vom 12. Juli 2019 ab (Urk. 2 [= 6/50]).
2.
Dagegen erhob
X._
mit Eingabe vom 30. Juli 2019 Beschwerde
beim hiesigen Sozialversicherungsgericht und beantragte sinngemäss, der
Ein
spr
a
cheentscheid
vom 12. Juli 2019 sei aufzuheben und die Suva sei zu ver
pflichten, die durch den Zeckenbiss vom 4. September 2011 entstandenen Be
handlungs
kosten zu übernehmen (Urk. 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 16. August 2019 schloss die Suva auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 5), was dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 19. August 2019 angezeigt wurde (Urk. 7).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2017 sind die am 25. September
2015 beziehungsweise am 9. November 2016 verabschiedeten geänderten Bestimmungen des Bundes
ge
setzes über die Unfallversicherung (UVG) und der Verordnung über die Unfall
versicherung (UVV) in Kraft getreten.
Gemäss den allgemeinen übergangsrechtlichen Regeln sind der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen, die in Geltung standen, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende und somit rechtserhebliche Sachverhalt ver
wirklicht hat (vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b, je mit Hinweisen). Dem
entsprechend sehen die Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. Septem
ber 2015 des UVG vor, dass Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem 1. Januar 2017 ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeit
punkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt werden (Absatz 1 der genannten Übergangsbestimmungen).
Der hier zu beurteilende Unfall hat sich am
4. September 2011
ereignet, weshalb die bis 31. Dezember 2016 gültig gewesenen Normen auf den vorliegenden Fall Anwendung finden und in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Ein Unfall ist gemäss Art. 4
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG)
die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende
Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper
, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesund
heit oder den Tod zur Folge hat.
1.3
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Inva
lidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhanden
sein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise beziehungsweise nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausal
zusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder un
mittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädi
gende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geis
tige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weg
gedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene ge
sundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1, 402 E. 4.3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die Ver
waltung beziehungsweise im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen der ihm obliegenden
Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines Leistungs
anspruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
1.4
Nach der Rechtsprechung erfüllt der Zeckenbiss sämtliche Merkmale des Unfall
begriffs gemäss Art. 4 ATSG, wobei massgebend ist, ob aufgrund der fachärzt
li
chen Stellungnahmen darauf geschlossen werden kann, dass im Zeitpunkt der vor
handenen Versicherungsdeckung überwiegend wahrscheinlich von einem Zeck
en
stich auszugehen ist, der die Gesundheitsschädigung bewirkt hat. Der er
folgte Kontakt mit dem Borreliose-Erreger kann mit serologischen Untersuchu
n
gen belegt werden; indessen genügen diese nicht für den Schluss auf eine daraus entstandene
Lyme
-Borreliose. Deren Diagnose - gleich welchen Stadiums - setzt ein entsprechendes klinisches Beschwerdebild (Müdigkeit, Malaise, Kopfschmer
zen, Schlafstörungen, Fieber, Arthralgien, Myalgien, Heiserkeit, Nausea, Erbrech
en, Konjunktivitis, Gewichtsverlust, Diarrhöe) und den Ausschluss von Differen
tial
diagnosen voraus, wobei je nach Krankheitsstadium ein pathologischer labor
chemischer Test die Wahrscheinlichkeit der Diagnose erhöhen kann. Ebenso hilf
reich können bei rückblickender Einschätzung der Verlauf und die Ergebnisse einer Therapie sein. Weitere Indizien sind denkbar (Urteil des Bundesgerichts 8C_831/2016 vom 7. März 2017 E. 2.2 mit Hinweisen).
1.5
Nach der Rechtsprechung kommt auch den Berichten und Gutachten versi
cherungsinterner Ärztinnen und Ärzte Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig er
scheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 125 V 351 E. 3b/
ee
). Das Anstellungsverhältnis einer versicherungsinternen Fachperson zum Versiche
rungs
träger alleine lässt nicht schon auf mangelnde Objektivität und Befan
genheit schliessen (BGE 137 V 210 E. 1.4, 135 V 465 E. 4.4). Soll ein Versiche
rungsfall jedoch ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versiche
rungs
i
nternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehm
en (BGE 142 V 58 E. 5.1, 139 V 225 E. 5.2, 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7).
2.
2.1
Im angefochtenen Entscheid wurde erwogen, in ei
nem Bericht von Dr. med. A._
, Facharzt FMH für Neurologie, vom 19. Februar 2019 werde dargelegt,
der Versicherte leide möglicherweise unter einer Neuroborreliose
. In
seinem Bericht vom 27. März 2019 führe
der Vertrauensarzt Dr. med.
Z._
, Facharzt FMH für Neurologie, überzeugend aus, dass die vom Versicherten be
klagten Beschwerden zwar möglicherweise, nicht aber überwiegend wahrschein
lich auf eine Borreliose zurückzuführen seien.
Damit mangle es am erforderlichen Kausalzusammenhang zwischen dem Ereignis vom 4. September 2011 und den Beschwerden des Versicherten, weshalb die Leistungspflicht zu verneinen sei (Urk. 2).
2.2
Demgegenüber bringt der Beschwerdeführer vor, Dr.
A._
habe die Diagnose einer Neuroborreliose gestellt. Aufgrund dessen sei er vierzehn Tage lang intra
venös mit
Rocephin
behandelt worden. Da die Neuroborreliose durch einen Zeckenstich hervorgerufen worden sei, sei die Beschwerdegegnerin leistungs
pflichtig (Urk. 1).
3.
3.1
Im Bericht des Dr.
A._
vom 14. Januar 2019 werden folgende Diagnosen ge
nannt (Urk. 6/4 S. 1-2):
-
Fühlstörungen an den Beinen bei
demyelinisierender
, sensomotori
scher
Polyneuropathie, DD infektiöser Genese, DD immunologisch bei Zellzahlerhöhung im Liquor in der Vorgeschichte
-
Chronisches
zervikospondylogenes
bis
zervikoradikuläres
Schmerz
syn
drom C3 links
-
Bikuspide
Aortenklappe
Die Anamnese und insbesondere der elektrophysiologische Befund würden sich mit einer Polyneuropathie vereinbaren lassen. In der Vorgeschichte sei die Zell
zahl im Liquor mit 26 Zellen/μl deutlich erhöht gewesen, es hätten pathologische Befunde für die
Borrelien
-Serologie erhoben werden können inkl. erhöhtem Antikörper-Index für
Borrelien
im Liquor. Es sei eine erneute Liquor-Punktion geplant, um die Ursache der
demyelinisierenden
Polyneuropathie abzuklären (Urk. 6/4 S. 3).
3.2
Im Bericht des Dr.
A._
vom 30. Januar 2019
werden
folgende Diagnosen auf
geführt (Urk. 6/5 S. 1-2):
-
Fühlstörungen an den Beinen bei
demyelinisierender
, sensomotorischer
Polyneruopathie
, DD im Rahmen einer Neuroborreliose
-
Chronisches
zervikospondylogenes
bis
zervikoradikuläres
Schmerz
syn
drom C3 links
-
Bikuspide
Aortenklappe
Die Laborwerte vom 23. Januar 2019 würden ein leicht erhöhtes HbA1c (5,9 %) zeigen. Die
Borrelien
-Serologie sei positiv für
lgG
und negativ für
lgM
(Urk. 6/5 S. 2).
Der Liquor-Status zeige eine normale Zellzahl bei etwas erhöhtem Gesamteiweiss. Die
Borrelienserologie
zeige eine
intrathekale
Produktion von
Borrelien-Ak
, so dass in Absprache mit der
Infektiologie
im Haus eine intravenöse Therapie mit
Rocephin
über vierzehn Tage erfolgen sollte. Die übrigen Laborparameter seien nicht wegweisend gewesen. Dem Patienten sei die Tatsache der Neuroborreliose kommuniziert worden
(Urk. 6/5 S. 2).
3.3
Im Bericht des Dr.
A._
vom 19. Februar 2019 wurden die gleichen Diagnosen wie
im Vorbericht
genannt (Urk. 6/27 S. 1-2).
Die Symptomatik an den Beinen sei von Jahr zu Jahr schlimmer geworden. Ein Kribbeln und ein Taubheitsgefühl stünden im Vordergrund, Schmerzen habe der Patient nur zwischendurch. Er habe das Gefühl, seine Füsse seien geschwollen. Der ganze
Vorfuss
sei betroffen, die Symptomatik habe sich im Verlauf räumlich ausgedehnt. Mit 20 Jahren sei er sicher antibiotisch behandelt worden, er habe jeden Tag Spritzen erhalten und danach kein Blut mehr spenden dürfen. Danach habe er sicherlich wiederholt Zeckenbisse gehabt (Urk. 6/27 S. 2).
Der Patient sei über die mögliche Borreliose im Stadium III (Neuroborreliose) aufgeklärt worden (Urk. 6/27 S. 2).
3.4
Am 27. März 2019 nahm Dr.
Z._
für das Versicherungsmedizin Kompetenz
zentrum Stellung zum Fall. E
r legte dar,
Polyneuropathien
kämen häufig vor, wobei es sehr viele mögliche Ursachen dafür gebe. Selbst bei einer eingehenden differenzialdiagnostischen Abklärung, welche vorliegend nicht stattgefunden habe, würden mindestens 40 % der Fälle ungeklärt bleiben. Nach Auffassung der medizinischen Fachgesellschaften würden
Polyneuropathien
in der Regel nur vergesellschaftet mit einer
Acrodermatitis
chronica
atrophicans
beobachtet. Eine solche liege beim Versicherten jedoch nicht vor. Im Übrigen werde die
Poly
neuropathie
von der Schweizer Gesellschaft für
Infektiologie
als Manifestation einer späten Neuroborreliose nicht anerkannt.
Beim Versicherten würden keine weiteren klinischen Symptome einer
Lyme
-Borreliose vorliegen, Hinweise auf eine Nervenwurzelentzündung oder eine andere Beteiligung des
Nevensystems
lägen nicht
vor. Auch würden die Ergebnisse der
Liquoruntersuchung
vom 23. Januar 2019 keine akut entzündlichen Veränderungen zeigen. Da Antikörper bei asymptomatisch gebliebenen Infektionen oder ausgeheilter Borreliose über Monate bis Jahre hinweg positiv bleiben würden, sei die Bestimmung eines
borrelien
-spezifischen-Antikörper-Indizes zur Therapieerfolgskontrolle nicht geeignet. Aus diesen Gründen sei die Polyneuropathie nur möglicherweise, aber nicht überwiegend wahrscheinlich auf einen Zeckenbiss zurückzuführen (Urk. 6/32 S. 5-6).
4.
Die Beschwerdegegnerin stützte ihren Entscheid auf die Einschätzung des
Dr.
Z._
. Dessen Beurteilung erweist sich als umfassend. Er setzte sich nicht nur eingehend mit den Vorakten sowie den
Beurteilungen des Dr.
A._
aus
ein
ander, sondern legte die medizinischen Zusammenhänge sowie seine Schlussfol
ge
rungen einleuchtend und überzeugend dar.
Der Beschwerdeführer macht geltend, gemäss Einschätzung des Dr.
A._
sei es eine Tatsache, dass er an einer Neuroborreliose leide, weshalb
die Beschwer
de
gegnerin leistungspflichtig sei (Urk. 1).
Zwar hielt Dr.
A._
in seinem Bericht vom
30. Januar 2019
fest, dem Patienten sei die Tatsache der Neuroborreliose kommuniziert worden (
Urk. 6/5 S. 2
).
Die Neuroborreliose wird in seinem Bericht indes lediglich als Differentialdiagnose genannt (Urk. 6/5 S. 1).
I
n
seinem Bericht vom 19. Februar 2019 sprach er von einer
mögliche
n
Borreliose im Stadium III
(Urk. 6/27)
. Die Kommunikation der Neuroborreliose als Tatsache steht somit in Widerspruch zu seinen Berichten, in welchen das Vorliegen einer Neuroborreliose
lediglich
als eine Möglichkeit
be
schrieben
wird. Damit steht die Einschätzung des Dr.
A._
derjenigen von Dr.
Z._
nicht entgegen. Beide Experten erachten es als möglich, dass die Be
schwerden des Beschwerdeführers auf einen Zeckenbiss zurückzuführen sind. Voraussetzung für eine Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin wäre indes, dass der Zeckenbiss überwiegend wahrscheinlich für die Beschwerden verantwortlich wäre. Weder die Berichte von Dr.
A._
noch derjenige des Dr.
Z._
lassen
jedoch
diesen Schluss zu.
Weitere Arztberichte liegen nicht in den Akten. Es ist daher nicht zu beanstanden, dass sich die Beschwerdegegnerin auf die über
zeu
gende Einschätzung des Dr.
Z._
stützte und eine Leistungspflicht mangels Vor
liegen einer Kausalität verneinte.
5.
Nach dem Gesagten
verneinte die Beschwerdegegnerin einen Kausalzu
sammen
hang zwischen den Beschwerden und dem Zeckenbiss zu Recht. Der
Einspra
cheentscheid
vom 12. Juli 2019 erweist sich als rechtens, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.