Decision ID: 5136e2d7-0c2c-4a13-9012-25933aa89766
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
versuchte schwere Körperverletzung etc.
Privatkläger
1. B._,
2. C._,
3. D._,
1 vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Y1._
2 vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Y2._
3 vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Y3._
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 8. Abteilung,
- 2 -
vom 19. Juni 2015 (DG150007)
- 3 -
Anklage:
(Urk. 32)
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 14. Januar
2015 (Urk. 32) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
(Urk. 152)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
- der mehrfachen versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122
Abs. 1 und 2 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB und Art. 16 Abs. 1
StGB;
- der mehrfachen versuchten einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123
Ziff. 1 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB;
- des vorsätzlichen Fahrens in fahrunfähigem Zustand im Sinne von Art. 91
Abs. 2 lit. a SVG in Verbindung mit Art. 31 Abs. 2 SVG, Art. 2 Abs. 1 VRV und
Art. 1 Abs. 2 der Verordnung der Bundesversammlung über Blut-
alkoholgrenzwerte im Strassenverkehr;
- des Missbrauchs von Ausweisen und Schildern im Sinne von Art. 97
Abs. 1 lit. a SVG;
- der mehrfachen einfachen Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von
Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 96 VRV und Art. 27 Abs. 1 und 3
VRV;
- der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB;
- der Beschimpfung im Sinne von Art. 177 Abs. 1 StGB.
2. Vom Vorwurf der Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB sowie der mehrfachen Be-
schimpfung im Sinne von Art. 177 Abs. 1 StGB gemäss Anklageziffer III./3. wird der
Beschuldigte A._ freigesprochen.
- 4 -
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit 24 Monaten Freiheitsstrafe (wovon bis und mit
heute 307 Tage durch Haft erstanden sind), mit einer Geldstrafe von
120 Tagessätzen à Fr. 20.– sowie mit einer Busse von Fr. 300.–.
4. Der Vollzug der Freiheitsstrafe und der Geldstrafe wird aufgeschoben und die
Probezeit auf 3 Jahre festgesetzt. Die Busse ist zu bezahlen.
Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle eine
Ersatzfreiheitsstrafe von 3 Tagen.
5. Dem Beschuldigten wird die Weisung erteilt, für die Dauer der Probezeit vollständig
auf den Konsum von Alkohol zu verzichten und sich regelmässigen ärztlichen Kon-
trollen (Haaranalysen) durch das IRM zu unterziehen.
6. Dem Beschuldigten wird die Weisung erteilt, sich für die Dauer der Probezeit einer
psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung mit regelmässig stattfindenden
Therapiesitzungen zu unterziehen.
7. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ Schadenersatz von
Fr. 1'783.85 zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird dessen Schadenersatzbegehren
abgewiesen.
8. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ Fr. 2'000.– als Genug-
tuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird dessen Genugtuungsbegehren
abgewiesen.
9. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger C._ Schadenersatz von
Fr. 1'037.15 zu bezahlen. Im Mehrbetrag von Fr. 518.60 wird dessen
Schadenersatzbegehren abgewiesen.
10. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger
C._ aus dem eingeklagten Ereignis für zukünftigen Schaden dem Grundsatze
nach schadenersatzpflichtig ist.
11. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger C._ Fr. 1'400.– zuzüglich
5% Zins ab 6. Februar 2014 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird
dessen Genugtuungsbegehren abgewiesen.
12. Das Genugtuungsbegehren der Privatklägerin D._ wird abgewiesen.
- 5 -
13. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf
Fr. 6'000.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 5'000.00 Gebühr Vorverfahren;
Fr. 21'902.60 Auslagen Untersuchung;
Fr. 499.00 Gutachten/Expertisen etc.;
Fr. 987.80 diverse Kosten;
Fr. 24'875.20 amtliche Verteidigung durch RA X2._;
Fr. 2'407.55 unentgeltliche Vertretung durch RAin Y4._;
Fr. 2'753.20 unentgeltliche Vertretung durch RA Y1._;
Fr. 4'302.40 unentgeltliche Vertretung durch RAin Y2._;
Fr. 5'653.65 unentgeltliche Vertretung durch RAin Y3._.
Allfällige weitere Kosten bleiben vorbehalten.
Wird auf eine schriftliche Begründung des Urteils verzichtet, so reduziert sich die
Gerichtsgebühr um einen Drittel.
14. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen
diejenigen der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung der
Privatklägerschaft, werden dem Beschuldigten zu 9/10 auferlegt und zu 1/10 auf die
Gerichtskasse genommen. Die Kosten der unentgeltlichen Vertretung der Privat-
klägerschaft werden definitiv auf die Gerichtskasse genommen. Die Kosten der
amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse genommen; vorbehalten
bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO im Umfang von 9/10.
Über die Höhe der Kosten der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft
wird mit separatem Beschluss entschieden.
15. (Mitteilungen)
16. (Rechtsmittel)"
- 6 -
Berufungsanträge:
a) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 177 S. 1)
1. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 5 Jahren, mit einer Geld-
strafe von 120 Tagessätzen zu Fr. 20.-- und mit einer Busse von Fr. 300.--
zu bestrafen.
2. Es sei der bedingte Vollzug der Geldstrafe unter Ansetzung einer Probezeit
von 3 Jahren zu gewähren.
3. Im Übrigen sei das Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 19. Juni 2015 zu
bestätigen.
b) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 178 S. 1)
1. Das Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 19. Juni 2015 sei zu bestätigen.
2. Eventualiter sei die Strafe zugunsten einer ambulanten Massnahme aufzu-
schieben.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Staates.

Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Der Verlauf des Verfahrens bis zum vorinstanzlichen Urteil ergibt sich aus
dem Entscheid vom 19. Juni 2015 (Urk. 152 S. 6 ff.).
2. Mit dem vorstehend aufgeführten Urteil sprach die Vorinstanz den Be-
schuldigen der mehrfachen versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von
Art. 122 Abs. 1 und 2 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB und Art. 16
Abs. 1 StGB, der mehrfachen versuchten einfachen Körperverletzung im Sinne
- 7 -
von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB, des vor-
sätzlichen Fahrens in fahrunfähigem Zustand im Sinne von Art. 91 Abs. 2 lit. a
SVG in Verbindung mit Art. 31 Abs. 2 SVG, Art. 2 Abs. 1 VRV und Art. 1 Abs. 2
der Verordnung der Bundesversammlung über Blutalkoholgrenzwerte im Stras-
senverkehr, des Missbrauchs von Ausweisen und Schildern im Sinne von Art. 97
Abs. 1 lit. a SVG, der mehrfachen einfachen Verletzung der Verkehrsregeln im
Sinne von Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 96 VRV und Art. 27 Abs. 1
und 3 VRV, der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB sowie der Beschimp-
fung im Sinne von Art. 177 Abs. 1 StGB schuldig. Hinsichtlich der Nötigung im
Sinne von Art. 181 StGB (ND2, Anklage-Ziffer 2) sowie der mehrfachen Be-
schimpfung (ND2, Anklage-Ziffer 3) im Sinne von Art. 177 Abs. 1 StGB wurde der
Beschuldigte freigesprochen. Die Vorinstanz bestrafte den Beschuldigten mit
24 Monaten Freiheitsstrafe, wovon bis und mit damaligem Urteilsdatum 307 Tage
als durch Haft erstanden galten, sowie mit einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen
à Fr. 20.– und einer Busse von Fr. 300.–. Der Vollzug der Freiheitsstrafe und der
Geldstrafe wurde aufgeschoben, unter Ansetzung einer Probezeit von 3 Jahren.
Für den Fall der Nichtbezahlung der Busse wurde eine Ersatzfreiheitsstrafe von
3 Tagen festgelegt. Für die Dauer der Probezeit wurde dem Beschuldigten die
Weisung erteilt, vollständig auf den Konsum von Alkohol zu verzichten und sich
regelmässigen ärztlichen Kontrollen (Haaranalysen) durch das IRM sowie sich ei-
ner psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung mit regelmässig statt-
findenden Therapiesitzungen zu unterziehen. Weiter wurden die Schadenersatz-
und Genugtuungsforderungen der Privatklägerschaft sowie die Kosten- und Ent-
schädigungsfolgen geregelt, mit dem Bemerken, dass über die Entschädigung der
Vertretung der Privatklägerschaft mit separatem Beschluss entschieden werde
(Urk. 126), was unter dem 5. August 2015 erfolgte (Urk. 136-138), wobei sich die-
se Auslagen dennoch im begründeten Urteil finden (Urk. 152 S. 97).
Unter dem Datum des angefochtenen Urteils (19. Juni 2015) verlängerte die
Vorinstanz mit separatem Beschluss auch die Ersatzmassnahmen (Urk. 127). Mit
Verfügung vom 2. Juli 2015 ordnete die erstinstanzliche Verfahrensleitung eine
Haaranalyse an (Urk. 130).
- 8 -
Nachdem der Beschuldigte, der nach einer amtlichen Verteidigung eine
Wahlverteidigung hatte (Urk. 39), im Nachgang zur Hauptverhandlung um Bestel-
lung einer amtlichen Verteidigung ersuchte (Urk. 134), wurde er mit Präsidialver-
fügung der vorinstanzlichen Verfahrensleitung vom 4. August 2015 aufgefordert,
seine finanzielle Situation zu begründen und zu belegen (Urk. 135). Mit Verfügung
vom 14. August 2015 wurde Rechtsanwalt lic. iur. X1._ mit Wirkung ab
3. August 2015 zum amtlichen Verteidiger des Beschuldigten ernannt (Urk. 145).
3. Gegen das am 19. Juni 2015 mündlich eröffnete Urteil (Prot. I S. 24) mel-
dete die Staatsanwaltschaft mit Schreiben vom 25. Juni 2015 Berufung an
(Urk. 129). Das begründete Urteil (Urk. 149) wurde der Staatsanwaltschaft
(Urk. 150/1), der Verteidigung (Urk. 150/2), den Vertreterinnen des Privatklägers 2
und der Privatklägerin 3 (Urk. 150/4-5) je am 17. November 2015 und dem Vertre-
ter des Privatklägers 1 am 19. November 2015 zugestellt (Urk. 150/3).
4. Mit Eingabe vom 1. Dezember 2015 reichte die Staatsanwaltschaft die
Berufungserklärung ein (Urk. 153). Mit Präsidialverfügung vom 5. Januar 2016
wurde dem Beschuldigten und der Privatklägerschaft je eine Kopie der Beru-
fungserklärung der Staatsanwaltschaft zugestellt und ihnen Frist angesetzt, um
gegebenenfalls Anschlussberufung zu erheben oder Nichteintreten auf die Beru-
fung zu beantragen (Urk. 157). Die Vertreterin des Privatklägers 2 teilte unter dem
13. Januar 2016 mit, auf Anschlussberufung zu verzichten, ebenso auf einen An-
trag auf Nichteintreten auf die Berufung (Urk. 159). Mit Schreiben vom 2. Februar
2016 liess der Privatkläger 1 mitteilen, dass er nicht mehr vertreten werde und im
Übrigen auf eine Stellungnahme zur Verfügung vom 5. Januar 2016 verzichte
(Urk. 161). Die Verteidigung liess sich nicht vernehmen.
5. Unter dem 14. März 2016 wurde zur Berufungsverhandlung auf den
12. Mai 2016 vorgeladen (Urk. 163).
6. Am 4. Mai 2016 wurde ein aktueller Strafregisterauszug über den
Beschuldigten eingeholt (Urk. 170).
- 9 -
7. Zur Berufungsverhandlung vom 12. Mai 2016 erschienen der Be-
schuldigte, sein amtlicher Verteidiger RA lic. iur. X1._, die Staatsanwältin lic.
iur. E._, und die Vertreterin der Privatklägerin D._, RAin lic. iur.
Y3._ (Prot. II S. 3).
8. Zu Beginn der Verhandlung waren keine Vorfragen zu klären
(Prot. II S. 4).
II. Prozessuales
1. Umfang der Berufung
1.1. Die Berufung hat im Umfang der Anfechtung aufschiebende Wirkung
(Art. 402 StPO). Die nicht von der Berufung erfassten Punkte erwachsen in
Rechtskraft (Schmid, StPO Praxiskommentar, Zürich/St. Gallen 2013, 2. Auflage,
Art. 402 N 1; Art. 437 StPO).
1.2.1. Das vorinstanzliche Urteil vom 19. Juni 2015 wurde lediglich von der
Staatsanwaltschaft angefochten (Urk. 129). Gemäss Berufungserklärung vom
1. Dezember 2015 (Urk. 153) beschränkt sich die Berufung explizit auf die Be-
messung der Strafe und den Vollzug bzw. den bedingten Vollzug der Strafe (mit
Hinweis auf die Dispositiv-Ziffern 3 und 4) und die Weisungen (mit Hinweis auf die
Dispositiv-Ziffern 5 und 6). Im Rahmen einer kurzen Begründung hielt die Staats-
anwaltschaft im Zusammenhang mit der Strafzumessung unter dem Titel der sub-
jektiven Tatschwere bei der versuchten schweren Körperverletzung dafür, dass
die Vorinstanz zu Unrecht das Vorliegen einer Notwehrsituation angenommen
habe, was nebst weiteren Gründen zu einer höheren Strafe führen müsse
(Urk. 153 S. 2).
1.2.2. Gemäss Art. 385 Abs. 1 StPO hat die Person oder die Behörde, die
das Rechtsmittel ergreift, u.a. genau anzugeben, welche Punkte des Entscheides
sie anficht (lit. a), welche Gründe einen anderen Entscheid nahe legen (lit. b) und
welche Beweismittel sie anruft (lit. c). Verlangt wird damit die Angabe, wie anstelle
des angefochtenen vorinstanzlichen Dispositivpunkts zu entscheiden sei und aus
- 10 -
welchen Gründen. Antrag und Begründung sind jeweils auseinanderzuhalten,
doch können insbesondere in Laieneingaben Anträge erst aus der Begründung
hervorgehen (vgl. Ziegler/Keller in: Basler Kommentar zur Schweizerischen Straf-
prozessordnung, 2. Aufl., Basel 2014, Art. 385 StPO N1 b).
1.2.3. Die Berufungserklärung nimmt nicht Bezug auf Dispositiv-Ziffer 1,
welche u.a. betreffend das HD einen Schuldspruch im Sinne der mehrfachen ver-
suchten schweren Körperverletzung gemäss Art. 122 Abs. 1 und 2 StGB in Ver-
bindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB und (explizit) Art. 16 Abs. 1 StGB beinhaltet. In-
dem in der Kurzbegründung im Zusammenhang mit dem Vorwurf gemäss HD die
bestrittene Notwehrsituation thematisiert wird (Urk. 153 S 2), ist die Berufungser-
klärung mit einem gewissen Widerspruch behaftet. Dieser ist aber nicht derart
gross, dass sich eine Rückweisung zur Verbesserung im Sinne von Art. 385
Abs. 2 StPO aufgedrängt hätte. Dies gilt umso mehr, als es sich nicht um eine
Laieneingabe handelt. Da es der Staatsanwaltschaft frei gestanden wäre, auch
Dispositiv-Ziffer 1 anzufechten, was sie nicht getan hat, ist – auch zugunsten des
Beschuldigten – davon auszugehen, dass mit dem Rechtsmittel lediglich die
Themen Strafe, Vollzug und Weisungen gemäss Dispositiv-Ziffern 3-6 einer neu-
en Beurteilung zugeführt werden sollen. Mit diesem Vorgehen erklärte sich die
Staatsanwältin anlässlich der Berufungsverhandlung einverstanden (Prot. II S. 5).
1.3. Damit hat das vorinstanzliche Urteil vom 19. Juni 2015 weder im Sach-
verhalt noch in der rechtlichen Würdigung als angefochten zu gelten, weshalb
heute von den diesbezüglichen Feststellungen der Vorinstanz auszugehen ist.
2. Zwangsmassnahmen/Ersatzmassnahmen
2.1. Der Beschuldigte wurde am 17. April 2014 verhaftet (Urk. 22/8) und so-
dann mit Verfügung des Zwangsmassnahmengerichts des Bezirksgerichts Zürich
vom 19. April 2014 in Untersuchungshaft versetzt (Urk. 22/13). Ein vom Beschul-
digten am 12. Juni 2014 gestelltes Haftentlassungsgesuch (Urk. 22/17) wurde
vom genannten Zwangsmassnahmengericht am 20. Juni 2014 abgewiesen
(Urk. 22/22). Mit Beschluss vom 10. Juli 2014 wies das Obergericht,
III. Strafkammer, die dagegen erhobene Beschwerde des Beschuldigten
- 11 -
(Urk. 22/25) ab (Urk. 22/30). Die Untersuchungshaft wurde am 15. Juli 2014
(Urk. 22/34), am 17. Oktober 2014 (Urk. 22/37) und am 19. Dezember 2014 unter
gleichzeitiger Abweisung eines weiteren Haftentlassungsgesuchs (Urk. 22/43-44)
verlängert (letztmals bis 17. April 2015; Urk. 22/43-44).
2.2. Mit der Anklageschrift vom 14. Januar 2015 wurde beim Zwangsmass-
nahmengericht die Anordnung von Sicherheitshaft beantragt (Urk. 32 S. 8), wel-
chem Antrag mit Verfügung vom 28. Januar 2015 entsprochen wurde, wobei die-
se bis 28. Juni 2015 bewilligt wurde (Urk. 37). Die hiergegen erhobene Be-
schwerde wurde vom Obergericht, III. Strafkammer, mit Beschluss vom
17. Februar 2015 gutgeheissen, unter gleichzeitiger Entlassung des Beschuldig-
ten aus der Sicherheitshaft und Anordnung von Ersatzmassnahmen. So wurde
dem Beschuldigten die Auflage erteilt, für die Dauer des Verfahrens vollständig
auf den Konsum von Alkohol zu verzichten und sich regelmässigen ärztlichen
Kontrollen zu unterziehen, sowie sich einer psychiatrisch-psychotherapeutischen
Behandlung mit regelmässig stattfindenden Therapiesitzungen zu unterziehen
(Urk. 62). Die Überwachung und Koordination dieser Ersatzmassnahme wurde
mit dem berichtigenden Beschluss vom 20. Februar 2015 der Verfahrensleitung
übertragen (Urk. 63). Mit Verfügung vom 5. März 2015 ordnete die erstinstanzli-
che Verfahrensleitung eine Haaranalyse beim Beschuldigten an (Urk. 67).
2.3. Unter dem Urteilsdatum beschloss die Vorinstanz auch eine Verlänge-
rung der Ersatzmassnahmen im Sinne von Alkoholabstinenz und regelmässigen
ärztlichen Kontrollen, und zwar bis zum rechtkräftigen Abschluss des Verfahrens
(Urk. 127). Mit der Durchführung der Alkoholabstinenzkontrolle wurde nach wie
vor das Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich beauftragt, mit dem Hin-
weis, dass die Überwachung und Koordination dieser Ersatzmassnahme durch
die Verfahrensleitung erfolge. Ebenfalls verlängert bis zum rechtskräftigen Ab-
schluss des Verfahrens wurde die Ersatzmassnahme in Form einer Auflage für
den Beschuldigten, sich einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung
mit regelmässig stattfindenden Therapiesitzungen zu unterziehen, mit dem Hin-
weis auf die Folgen eines Verstosses gegen diese Auflagen (Urk.127, ohne Pro-
- 12 -
tokolleintrag). Mit Verfügung vom 2. Juli 2015 ordnete die erstinstanzliche Verfah-
rensleitung letztmals eine Haaranalyse an (Urk. 130).
2.4. Die bis zum rechtskräftigen Abschluss des Verfahrens angeordneten
Ersatzmassnahmen entsprechen inhaltlich den angefochtenen Weisungen im
Urteil vom 19. Juni 2015 (Dispositiv-Ziff. 5 und 6). Im Rahmen des Berufungs-
verfahrens erfolgten diesbezüglich keine Weiterungen.
3. Amtliche Verteidigung
3.1. Mit Präsidialverfügung vom 30. Januar 2015 widerrief die erstinstanz-
liche Verfahrensleitung die am 24. April 2014 angeordnete amtliche Verteidigung
durch Rechtsanwalt lic. iur. X2._, nachdem sich der Beschuldigte für eine
Wahlverteidigung durch Rechtsanwalt lic. iur. X1._ entschieden hatte
(Urk. 39).
3.2. Nachdem der Beschuldigte im Nachgang zur Hauptverhandlung um Be-
stellung einer amtlichen Verteidigung ersucht hatte (Urk. 134), wurde er mit Präsi-
dialverfügung vom 4. August 2015 aufgefordert, seine finanzielle Situation zu be-
gründen und zu belegen (Urk. 135). Mit Verfügung vom 14. August 2015 ernannte
die vorinstanzliche Verfahrensleitung Rechtsanwalt lic. iur. X1._ mit Wirkung
ab 3. August 2015 neu zum amtlichen Verteidiger des Beschuldigten (Urk. 145).
III. Sanktion
A. Vorbemerkungen
1. Massgeblicher Sachverhalt für die Strafzumessung
1.1. Mit Bezug auf den von der Staatsanwaltschaft zur Anklage gebrachten
Vorfall vom 6. Februar 2014 gemäss HD, welchen sie als mehrfache versuchte
schwere Körperverletzung qualifizierte (Urk. 32 S. 2-3), gelangte die Vorinstanz
bei der Beurteilung des Sachverhalts und dementsprechend der rechtlichen Wür-
digung zu einer zugunsten des Beschuldigten milderen Würdigung als die Staats-
anwaltschaft. Aufgrund der Angaben des Zeugen F._ anlässlich von dessen
- 13 -
polizeilichen Einvernahme könne in dubio pro reo lediglich von zwei Schlägen
ausgegangen werden. Sodann sei der in der Anklage umschriebene Sachverhalt
in objektiver Hinsicht insofern zu präzisieren, als dass es nach der Intervention
durch F._ zu einem eigentlichen Unterbruch im Tatgeschehen gekommen
sei, während dessen sich der Beschuldigte vom Tatort entfernt und sich zwi-
schenzeitlich mit F._ unterhalten habe, es mithin zu einer kurzfristigen Beru-
higung gekommen sei, als die beiden Privatkläger den Beschuldigten nunmehr
von sich aus, einer nach dem anderen, anzugreifen und diesen – wenn auch er-
folglos – zu schlagen versucht hätten, wobei – auch gemäss der Anklageschrift –
davon auszugehen sei, dass der Privatkläger 2 bereits am Boden gelegen sei, als
der Privatkläger 1 schliesslich auf den Beschuldigten losgegangen sei. Schliess-
lich könne nicht von einer wechselseitigen tätlichen Auseinandersetzung zwi-
schen dem Beschuldigten einerseits und den Privatklägern 1 und 2 andererseits
ausgegangen werden. Vielmehr stehe aufgrund der vorliegenden Beweislage
ausser Frage, dass es allein der Beschuldigte gewesen sei, welcher effektiv zu-
geschlagen habe, was dieser denn an der Hauptverhandlung auch nicht mehr be-
stritten habe (Urk. 152 S. 22 f.). Den Anklagesachverhalt gemäss HD erachtete
die Vorinstanz angesichts des Verletzungsbildes sowie der Aussagen des Zeugen
F._ auch in subjektiver Hinsicht als vollumfänglich erstellt (Urk. 152 S. 25).
1.2. Im Ergebnis erachtete die Vorinstanz den Anklagesachverhalt gemäss
ND1 (betreffend Fahren in fahrunfähigem Zustand, Missbrauch von Ausweis und
Schildern, Verletzung von Verkehrsregeln) als rechtsgenügend erstellt (Urk. 152
S. 26), ebenso den Sachverhalt gemäss ND2 betreffend Drohung und Beschimp-
fung (Anklage-Ziff. III./1-2). Der Freispruch betraf weitere Beschimpfungen sowie
die eingeklagte Nötigung gemäss ND2, Anklage-Ziff. 2 und Ziff. 3 (Urk. 152
S. 46).
1.3. Für die nachfolgende Strafzumessung ist daher von diesem Sachverhalt
auszugehen.
- 14 -
2. Massgebliche rechtliche Würdigung
2.1. Die Staatsanwaltschaft hatte den tätlichen Übergriff auf die Privat-
kläger 1 und 2 durch den Beschuldigten am 6. Februar 2014 als mehrfache ver-
suchte schwere Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1 und 2 StGB in
Verbindung mit Art. 22 StGB gewürdigt (Urk. 32 S. 2, 7), ohne zwischen den ein-
zelnen Phasen des Tatgeschehens zu unterscheiden, wie dies nunmehr die Vor-
instanz tat. Da sie von einem Unterbruch in der Auseinandersetzung ausging bzw.
aus ihrer Sicht zwei abgeschlossene Handlungskomplexe zu beurteilen waren,
würdigte sie die beiden Tatphasen einzeln. Dabei kam sie zum Schluss, dass sich
der Beschuldigte in der ersten Phase der mehrfachen versuchten einfachen Kör-
perverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB und in der zweiten Phase der mehrfachen versuchten schweren
Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1 und 2 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB und Art. 16 Abs. 1 StGB schuldig gemacht habe (Urk. 152
S. 50 und 55).
2.2. Bei der Strafzumessung ist von dieser unbestritten gebliebenen recht-
lichen Würdigung auszugehen.
B. Allgemeines zur Strafzumessung
1. Die Vorinstanz hat die allgemeinen Regeln der Strafzumessung ausführ-
lich und korrekt dargestellt (Urk. 152 S. 61). Darauf ist vorab zur Vermeidung von
Wiederholungen zu verweisen (Art. 82 Abs. 4 StPO), ebenso auf die jüngere
Bundesgerichtspraxis zu diesem Thema (BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff; BGE 135
IV 130 E. 5.3.1; BGE 134 IV 82; BGE 134 IV 97; BGE 132 IV 102 E. 8.1, je mit
Hinweisen). Die nachfolgenden Ausführungen sind als Ergänzung zu verstehen.
2.1. Hat der Täter durch eine oder mehrere Handlungen die Voraussetzun-
gen für mehrere gleichartige Strafen erfüllt, so verurteilt ihn das Gericht zu der
Strafe der schwersten Straftat und erhöht sie angemessen. Es darf jedoch das
Höchstmass der angedrohten Strafe nicht um mehr als die Hälfte erhöhen. Dabei
- 15 -
ist es an das gesetzliche Höchstmass der Strafart gebunden (Art. 49 Abs. 1
StGB).
2.2. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist bei der Bildung einer
Gesamtstrafe nach Art. 49 Abs. 1 StGB vorab der Strafrahmen für die schwerste
Straftat zu bestimmen und alsdann die Einsatzstrafe für die schwerste Tat inner-
halb dieses Strafrahmens festzusetzen. Schliesslich ist die Einsatzstrafe unter
Einbezug der anderen Straftaten in Anwendung des Asperationsprinzips ange-
messen zu erhöhen. Das Gericht hat mithin in einem ersten Schritt gedanklich die
Einsatzstrafe des schwersten Delikts festzulegen, indem es alle diesbezüglichen
straferhöhenden und strafmindernden Umstände einbezieht. In einem zweiten
Schritt hat es die Strafe zu erhöhen, um die weiteren Delikte zu sanktionieren.
Auch dort muss es den jeweiligen Umständen Rechnung tragen
(BGE 6B_865/2009 vom 25. März 2010 E. 1.2.2). Als schwerste Tat gilt jene, die
gemäss abstrakter Strafdrohung des Gesetzes mit der höchsten Strafe bedroht ist
(BGE 6B_885/2010 vom 7. März 2011 E. 4.4.1).
2.3. Zu beachten ist, dass das Asperationsprinzip nur bei gleichartigen
Strafen zum Zuge kommt. Treffen ungleichartige Strafen zusammen, wie etwa
Freiheitsstrafe und Geldstrafe oder Geldstrafe und Busse, so müssen sie neben-
einander verhängt werden (Trechsel/Affolter-Eijsten, in Trechsel/Pieth [Hrsg.],
StGB PK, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2013, Art. 49 N 7; BGE 137 IV 57 E. 4.3.1).
C. Konkrete Strafzumessung
1. Strafandrohungen
Die eingeklagten einfachen und schweren Körperverletzungen sehen als
Sanktion ebenso wie die Drohung sowie die Widerhandlungen gegen das Stras-
senverkehrsgesetz im Sinne von Art. 91 Abs. 2 lit. a SVG und Art. 97 Abs. 1 lit. a
SVG eine Geld- oder Freiheitsstrafe vor, die Beschimpfung lediglich eine Geld-
strafe. Für die Übertretungen nach SVG, nämlich die mehrfache einfache Ver-
letzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung mit
- 16 -
Art. 96 VRV und Art. 27 Abs. 1 und 3 VRV, kann nur auf eine Busse erkannt
werden.
2. Wahl der Sanktionsart
2.1. Die Vorinstanz hat bei der Wahl der Sanktionsart zu Recht darauf hin-
gewiesen, dass dabei als wichtigste Kriterien die Zweckmässigkeit einer be-
stimmten Sanktion, ihre Auswirkungen auf den Täter und sein soziales Umfeld
sowie ihre präventive Effizienz zu berücksichtigen sind (Urk. 152 S. 61). Sie er-
kannte für die Körperverletzungen auf eine Freiheitsstrafe und erachtete in Bezug
auf die Drohung sowie die Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz
im Sinne von Art. 91 Abs. 2 lit. a SVG und Art. 97 Abs. 1 lit. a SVG, nachdem der
Beschuldigte keinerlei Vorstrafen aufweise und sich angesichts der Schwere die-
ser Delikte auch unter Präventionsgesichtspunkten noch keine Freiheitsstrafe
aufdränge, die Bestrafung mit einer Geldstrafe als ausreichend. Demgemäss bil-
dete sie eine Gesamtstrafe in Form einer Freiheitsstrafe und Gesamtstrafe als
Geldstrafe, neben welchen sie noch eine Busse ausfällte (Urk. 152 S. 61 ff.).
2.2. Ruft man sich in Erinnerung, dass als Regelsanktion das geltende
Recht vor allem für den Bereich der leichteren Kriminalität die Geldstrafe und die
gemeinnützige Arbeit, für den Bereich der mittleren Kriminalität die Geldstrafe und
die Freiheitsstrafe vorsieht und Freiheitsstrafen nur verhängt werden sollen, wenn
der Staat keine anderen Mittel hat, die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten
(BGE 134 IV 82), so scheint es sich vorliegend gerade eben um einen Fall zu
handeln, der mindestens der mittleren Kriminalität zuzuordnen ist. Vorerst ist oh-
nehin zu prüfen, in welchem Bereich die Sanktion anzusiedeln ist. Liegt die an-
gemessene Strafe bei einer Freiheitsstrafe im Bereich über 1 Jahr, kommt eine
Geldstrafe ohnehin nicht in Betracht.
Selbst die Vorinstanz hielt dafür, dass es sich aus Präventionsüberlegungen
rechtfertige, sowohl für die mehrfache (versuchte) schwere als auch für die mehr-
fache (versuchte) einfache Körperverletzung eine Freiheitsstrafe auszufällen, zu-
mal der Beschuldigte eine Tendenz zu massiver Gewalt an den Tag gelegt und
ihm das psychiatrische Gutachten vom 18. November 2014 für Delikte dieser Art
- 17 -
eine mittelgradige – bzw. bei Fortsetzung des missbräuchlichen Alkoholkonsums
– eine hohe Rückfallgefahr attestiert habe (Urk. 152 S. 62). Weiter zeigte der Be-
schuldigte mit seinem Verhalten gemäss ND1 nicht nur, dass er sich leichthin
über geltende Regeln des Strassenverkehrsgesetzes hinwegsetzte, sondern auch
die Gefährdung anderer Menschen in Kauf nahm (ND1). Schliesslich brachte er
mit der Drohung gegenüber der Privatklägerin 3 eine grosse Respektlosigkeit ge-
genüber der psychischen Integrität seiner Ex-Freundin zum Ausdruck (ND3). Im
Sinne der öffentlichen Sicherheit erscheint es daher auch nach dem Prinzip der
Verhältnismässigkeit angezeigt, bei den alternativ zur Verfügung stehenden Sank-
tionen der Geld- und Freiheitsstrafen vorliegend auf eine Freiheitsstrafe zu erken-
nen. Zur Diskussion steht die Geldstrafe damit nur noch für die Beschimpfung.
Ohnehin separat zu büssen ist die SVG-Übertretung.
3. Strafrahmen
3.1. Vorliegend ist der Tatbestand der schweren Körperverletzung mit einer
Strafdrohung von Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren oder Geldstrafe nicht unter
180 Tagessätzen das schwerste vom Beschuldigten begangene Delikt
(vgl. Art. 122 StGB).
3.2. Als Strafschärfungsgründe kommen in Frage die Tatmehrheit sowie die
mehrfache Tatbegehung, als Strafmilderungsgründe der Versuch sowie der Not-
wehrexzess im Sinne von Art. 16 Abs. 1 StGB. Gemäss psychiatrischem Gutach-
ten vom 18. November 2014 war der Beschuldigte – trotz seiner Alkoholisierung
bei gegebener Alkoholtoleranz – fähig zur Einsicht in das Unrecht seiner ihm vor-
geworfenen Taten und hatte die jeweils zu beurteilende Alkoholwirkung und die
am 6. Februar 2014 vorliegende Anpassungsstörung aus psychiatrischer Sicht
keinen forensisch relevanten Einfluss auf die Steuerungsfähigkeit des Beschuldig-
ten (Urk. 23/12 S. 49 ff., S. 57), so dass eine verminderte Schuldfähigkeit, ent-
gegen der Ansicht der Verteidigung (Urk. 178 S. 6), verneint werden muss und
der jeweils vorgängige Alkoholkonsum höchstens beim Verschulden thematisiert
werden kann.
- 18 -
3.3. Da vorliegend keine besonderen Umstände ersichtlich sind, welche ei-
ne Über- oder Unterschreitung des ordentlichen Strafrahmens bedingen würden,
sind die Tatmehrheit sowie die mehrfache Tatbegehung straferhöhend, der Ver-
such sowie der Notwehrexzess, der mangels Anfechtung des Schuldpunktes ge-
mäss Dispositiv-Ziffer 1 als grundsätzlich anerkannt zu gelten hat, innerhalb des
Strafrahmens strafmindernd zu berücksichtigen.
4. Tatkomponente betreffend mehrfache (versuchte) schwere Körper-
verletzung
4.1. Die Vorinstanz hat die verübten Körperverletzungen in Deliktsgruppen
aufgeteilt und zunächst das Verschulden hinsichtlich der mehrfachen (versuchten)
schweren Körperverletzung bestimmt. Sie erachtete das objektive Tatverschulden
als noch leicht, in subjektiver Hinsicht als leicht. Unter Berücksichtigung der Not-
wehrsituation bzw. des -exzesses kam sie zum Schluss, das Gesamtverschulden
als leicht bis noch leicht zu beurteilen, was sie zu einer hypothetischen Einsatz-
strafe von 24 Monaten führte (Urk. 152 S. 66).
4.2. Da es sich bei den Vorwürfen gemäss HD zwar um einen zweiteiligen
Vorwurf handelt, bei dem die versuchte schwere Körperverletzung – nach der
mehrfachen versuchten einfachen Körperverletzung – als gravierendstes Delikt in
die zweite Phase fällt, es sich aber doch um ein dynamisches und zusammen-
hängendes Geschehen handelt, fliessen hier im Sinne des Verständnisses des
Ablaufs auch Elemente ein, die unter dem Titel der einfachen Körperverletzungen
von Bedeutung sind, aber bereits hier aufgeführt werden. Sodann liegt zwar eine
Tatmehrheit vor, indem der Beschuldigte das gleiche Delikt gegen zwei Personen
verübt hat. Da diese aber fast zeitlich in einem dynamischen und sehr kurzen Ge-
schehen verübt wurden, rechtfertigt es sich, hier eine Gesamtbetrachtung vor-
zunehmen und der Tatmehrheit im Rahmen der objektiven Tatschwere Rechnung
zu tragen.
4.3. Betreffend die objektive Tatschwere wies die Vorinstanz darauf hin,
dass der Beschuldigte in besagter Nacht unter Anwendung exzessiver Gewalt
gegen gleich zwei Personen vorgegangen ist, indem er den Privatklägern 1 und 2
- 19 -
je mindestens zwei Mal mit enormer Wucht mit den Fäusten ins Gesicht geschla-
gen hat, sodass diese bewusstlos zu Boden sanken (Urk. 152 S. 65). Damit hat
der Beschuldigte das kostbarste Rechtsgut, nämlich Leib und Leben, angegriffen.
Der Beschuldigte hat ein grosses Mass an Gewaltbereitschaft und Brutalität an
den Tag gelegt. Der Privatkläger 1 erlitt dabei ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma
mit einer Rissquetschwunde am linken Hinterkopf, in der Region des linken
Weisheitszahns einen vertikalen Frakturriss mit einer leichten Dislokation des auf-
steigenden Astes des Unterkiefers nach dorsal hin, in der Region des linken
Eckzahns eine Fraktur des Unterkiefers vor dem Eckzahn, durchgehend mit einer
Abscherung zungenseitig vom linken Eckzahn bis zum ersten linken Schneide-
zahn, eine Verschiebung des Eckzahns zur Lippe hin sowie einen verbreiteten
Zahn-Knochensaum. Der Privatkläger 2 hatte ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma
mit einer Rissquetschwunde an der linken Augenbraue sowie einem Bruch der
Seitenwand der linken Stirnbeinhöhle zu beklagen (Urk. 32 S. 3). Zwar waren die-
se Verletzungen weder effektiv lebensgefährlich (vgl. hierzu unten Ziff. 4.5.), noch
führten sie zu einem bleibenden physischen Nachteil, sie bedingten aber eine sta-
tionäre Überwachung von 24 Stunden, zwei operative Eingriffe beim Privat-
kläger 1 und verursachten eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit des Privatklägers 1
von ca. drei Wochen (Urk. 6/1 S. 5; Urk. 6/2 S. 7) sowie des Privatklägers 2 von
ca. zehn Tagen (Urk. 7/2 S. 5 f.; Urk. 10/5-8; Urk. 11/6-7). Der Privatkläger 1 litt
zudem während längerer Zeit unter Schmerzen (Urk. 6/1 S. 4; Urk. 6/2 S. 7).
Dass die Verletzungen nicht schwerer ausfielen, ist nicht dem Verhalten des
Beschuldigten, sondern reinem Zufall zuzuschreiben. Erschwerend kommt hinzu,
dass der Beschuldigte Erfahrungen im Kickboxen hatte, er sich dort erlernter
Techniken bediente, allerdings ohne Handschuhe, was selbst nach Kenntnis des
Beschuldigten die Verletzungsgefahr erhöht (Urk. 5/1 S. 3). Mit Bezug auf die In-
tensität der Faustschläge sagte der Beschuldigte selber aus, dass diese auf einer
Skala von 1 bis 10, auf welcher 1 für die kleinstmögliche und 10 für die grösst-
mögliche Intensität stünden, er seine Schläge in der ersten Phase des Gesche-
hensablaufs mit einer 5 bis 6, jene in der zweiten Phase mit einer 7 gegenüber
dem Privatkläger 2 bzw. 8 bis 9 gegenüber dem Privatkläger 1 bewerten würde
(Urk. 5/1 S. 3 f.; vgl. auch Urk. 120 S. 7 f.). Zwar ging dem zweiten Teil eine ge-
- 20 -
wisse Provokation der Privatkläger voraus, da diese aber bereits vom Beschuldig-
ten geschlagen worden waren, sie ihm körperlich unterlegen und zudem betrun-
ken waren, erweist sich diese Steigerung der Gewalt als besonders verwerflich.
Dass er von den Privatklägern abliess, als diese bewusstlos am Boden lagen,
vermag den Übergriff nicht zu relativieren. Wenn die Vorinstanz das objektive
Tatverschulden vor diesem Hintergrund als noch leicht einstuft, so kann ihr in An-
betracht der kriminellen Energie und Gewalt, die der Beschuldigte da gegenüber
zwei Personen an den Tag gelegt hat, nicht gefolgt werden. Vielmehr erweist sich
die objektive Tatschwere als keineswegs leicht, was es rechtfertigt, die Strafe im
mittleren Drittel des ordentlichen Strafrahmens (bis 10 Jahre Freiheitsstrafe) an-
zusetzen. Für die objektive Tatschwere für eines der gleich gelagerten Delikte,
erweist sich, mit der Staatsanwaltschaft (vgl. Urk. 177 S. 3), eine Freiheitsstrafe
von 3 Jahren bzw. 36 Monaten als angemessen, wobei für das zweite Opfer eine
Straferhöhung von 12 Monaten auf 48 Monate zu erfolgen hat.
4.4. Mit Bezug auf die subjektive Tatschwere ist zu berücksichtigen, dass
der Beschuldigte zwar direktvorsätzlich zugeschlagen hat, aber die schwere Kör-
perverletzung nicht direktvorsätzlich angestrebt hat. Zudem waren die Taten nicht
von langer Hand geplant. Zwar hat der Beschuldigte die tätliche Auseinanderset-
zung in der ersten Phase mitverursacht, für die zweite Phase fällt zugunsten des
Beschuldigten aber ins Gewicht, dass die Privatkläger nach dem kurzen Unter-
bruch auf den Beschuldigten einen verbalen Disput initiierten und sie auf ihn los-
zugehen versuchten. Allerdings wies die Vorinstanz auch zu Recht darauf hin,
dass der Beschuldigte die Grenzen der Notwehr in nicht unerheblicher Art und
Weise überschritten hatte. Der körperlich überlegene und trainierte Beschuldigte
hätte durchaus Handlungsalternativen gegenüber den zwei betrunkenen Privat-
klägern gehabt, stattdessen schlug er sie in brutaler und völlig übertriebener Wei-
se mit zwei sehr starken Schlägen zur Bewusstlosigkeit. Diese Reaktion muss als
unverhältnismässig bezeichnet werden. Dass der Beschuldigte in diesem Moment
angetrunken war mit einer Blutalkoholkonzentration im Tatzeitpunkt zwischen
1.44‰ und 1.98‰ (Urk. 12/8), kann bei gutachterlich festgestellter unein-
geschränkter Schuldfähigkeit (Urk. 23/12 S. 57) bei gegebener Alkoholtoleranz
zufolge mittelgradigen Alkoholmissbrauchs (Urk. 23/12 S. 45, 49 f., 57), entgegen
- 21 -
der Ansicht der Verteidigung (Urk. 178 S. 6), kaum verschuldensmindernd ins
Gewicht fallen. Insgesamt erscheint deshalb auch hier die vorinstanzliche Ge-
wichtung der subjektiven Tatschwere mit "leicht" als zu milde. Es ist vielmehr von
einem nicht leichten Verschulden auszugehen, was das objektive Tatverschulden
nicht massgeblich zu relativieren vermag. Gerechtfertigt ist insgesamt eine Re-
duktion auf 42 Monate für das mutmasslich vollendete Delikt.
4.5. Die hypothetische Einsatzstrafe ist wegen den (wiederum mehrfachen)
versuchten Tatbegehungen zu mindern. Vorliegend ist bezüglich der mehrfachen
schweren Körperverletzung von einem vollendeten Versuch auszugehen. Richtig
ist, dass eine unmittelbare Lebensgefahr oder die Gefahr allfälliger bleibender
Schäden weder beim Privatkläger 1 noch beim Privatkläger 2 in irgendeinem
Zeitpunkt bestand (Urk. 10/5; Urk. 11/6). Auch führten die Verletzungen zu keiner-
lei bleibenden körperlichen bzw. gesundheitlichen Schäden. Dies war aber nicht
dem Verhalten des Beschuldigten, sondern dem Zufall zu verdanken, hätte ein
anderer Verlauf bei den wuchtigen Faustschlägen ins Gesicht doch auch lebens-
gefährlichen Verletzungen oder bleibende Schäden nach sich ziehen können. An-
gesichts dieser Umstände ist die hypothetische Einsatzstrafe aufgrund der ver-
suchten Tatbegehungen im Rahmen der schweren Körperverletzungen um
6 Monate auf 36 Monate zu reduzieren.
5. Tatkomponenten der weiteren Delikte
5.1. Mit Bezug auf die mehrfachen versuchten einfachen Körperverletzun-
gen, welche den eben beschriebenen Übergriffen des Beschuldigten vorangingen,
erachtete die Vorinstanz das objektive und subjektive Tatverschulden als leicht.
Sie erhöhte die hypothetische Einsatzstrafe (von 20 Monaten) um 4 Monate
(Urk. 152 S. 68 f.).
Diesbezüglich kann den Ausführungen der Vorinstanz mit Ausnahme der
verschuldensmindernd berücksichtigten erheblichen Alkoholisierung des Beschul-
digten gefolgt werden (Urk. 152 S. 69). In objektiver Hinsicht wies sie zu Recht
darauf hin, dass der Beschuldigte bereits zu Beginn eine erhebliche Gewalt-
bereitschaft und Aggression zeigte, dies um so mehr, als er gegen zwei Personen
- 22 -
vorging, die überdies betrunken waren. Abgelassen hat er von den Privatklägern
nicht von sich aus, sondern weil der nachmalige Zeuge F._ intervenierte. Un-
ter Verweis auf obige Ausführungen kann nicht von einer verminderten Schuldfä-
higkeit zufolge Alkohols ausgegangen werden. Dass der Beschuldigte betrunken
war, kann sich gestützt auf die Einschätzungen des Gutachters daher kaum aus-
wirken.
In subjektiver Hinsicht erwähnte die Vorinstanz zu Recht die Wut des Be-
schuldigten und seinen übertriebenen Beschützerinstinkt und den Umstand, dass
den Schlägen verbale Provokationen der Privatkläger vorausgingen (Urk. 152
S. 69). Isoliert betrachtet wäre für diese Handlungen eine Strafe von 12 Monaten
angemessen. Da es auch hier beim Versuch blieb, wäre diese auf 8 Monate zu
reduzieren. Im Rahmen der vorzunehmenden Asperation ist sie mit 5 Monaten zu
veranschlagen, was zu einer Erhöhung der Einsatzstrafe auf insgesamt
41 Monate führt.
5.2. Betreffend die Drohung kann den Erwägungen der Vorinstanz bei-
gepflichtet werden (Urk. 152 S. 70). Hierfür legte sie – im Rahmen einer neuen
Gesamtstrafe und dabei für das schwerste Delikt, inklusive Täterkomponenten,–
eine Geldstrafe von insgesamt 60 Tagessätzen fest.
Der Beschuldigte hat gegenüber der Privatklägerin 3 eine nicht unerhebliche
Drohung ausgesprochen, indem er ihr mehrfach in Aussicht stellte, intime Foto-
grafien von ihr zu veröffentlichen, was zu einem massiven Eingriff in deren Intim-
sphäre, aber auch zu Schaden betreffend Reputation oder zu sozialer Ächtung
hätte führen können. Damit beging er gegenüber seiner Ex-Freundin einen erheb-
lichen Vertrauensmissbrauch. Richtig ist hingegen auch, dass innerhalb der Palet-
te möglicher Drohungen weitaus schwerwiegendere Drohungen denkbar sind.
Insgesamt ist das objektive Verschulden des Beschuldigten daher als noch leicht
zu gewichten.
Was das subjektive Tatverschulden betrifft, wies die Vorinstanz ebenfalls auf
die letztlich niederen Motive des Beschuldigten hin, auch wenn zu seinen Guns-
ten zu berücksichtigen ist, dass er sich damals in einer schwierigen emotionalen
- 23 -
Situation zufolge Beziehungsabbruchs befand. Dem Gesamtverschulden des Be-
schuldigten angemessen wäre eine Freiheitsstrafe (isoliert betrachtet eine Geld-
strafe) von 4 Monaten. Die hypothetische Einsatzstrafe ist im Rahmen der Aspe-
ration um zwei Monate anzuheben auf 43 Monate.
5.3. Wenn die Vorinstanz nach Würdigung der objektiven Komponenten der
Vergehen gegen das SVG – nämlich das Lenken eines Motorrads mit einem Blut-
alkoholgehalt von mindestens 1.59‰ (ND1 5; ND1 6 S. 4) –, selbst wenn man be-
rücksichtigt, dass der Beschuldigte nur einen nicht übermässig stark motorisierten
Roller fuhr, zu einer Wertung der Tatschwere als nicht mehr leicht kommt
(Urk. 152 S. 72; Art. 82 Abs. 4 StPO), kann dem zugestimmt werden. Zu berück-
sichtigen ist nämlich, dass er im Stadtzentrum von Zürich von der Langstrasse her
via Limmatplatz über die Kornhausbrücke stadtauswärts fuhr, bei Dunkelheit um
02.45 Uhr, bis er von der Polizei angehalten wurde, das Ganze bloss im Lern-
fahrstadium, das Mitführen einer Begleitperson, welche nicht selber über den ent-
sprechenden Führerausweis verfügte und welche er somit ebenfalls einer beacht-
lichen Gefahr aussetzte, und schliesslich das Verwendung eines Kontrollschildes,
welches nicht für sein Fahrzeug bestimmt war. Weitere Bemerkungen dazu er-
übrigen sich.
Gleiches gilt für die Gewichtung der subjektiven Tatschwere (Urk. 152
S. 73). Für die beiden SVG-Delikte erscheint es im Rahmen der Asperation an-
gemessen, die Einsatzstrafe um 2 Monate zu erhöhen auf 45 Monate Freiheits-
strafe.
6. Täterkomponenten
6.1. Zum Vorleben und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten
kann auf die Ausführungen im angefochtenen Entscheid verwiesen werden, wo
die Täterkomponenten für jedes Delikt bzw. jede Deliktsgruppe abgehandelt wur-
den (Urk. 152 S. 67 f., 69, 71, 73.). Weitere Informationen zu seinen finanziellen
Verhältnissen lieferte der Beschuldigte im Zusammenhang mit dem Gesuch um
Bestellung einer amtlichen Verteidigung (Urk. 143/1-6).
- 24 -
Anlässlich der heutigen Berufungsverhandlung hat sich an Neuem ergeben,
dass der Beschuldigte nicht mehr im Geschäft seines Vaters tätig ist, da sein
Vater das Büro auflösen musste (Urk. 176 S. 9). Nach wie vor arbeitet der Be-
schuldigte während rund 10-12 Stunden in der Woche im familieneigenen
G._ und erhält dafür Fr. 1'200.-- pro Monat (Urk. 176 S. 10). Zudem hat er
eine 40-50 % Stelle bei H._ und verdient pro Monat ca. Fr. 1'200.-- bis
Fr. 1'300.--. Schliesslich arbeitet er noch als Security, wo er rund Fr. 1'400.-- im
Monat verdient. In diesem Bereich hat er auch einen Kurs absolviert (Urk. 176 S.
14 f.). Die ... Schule, bei welcher er während sechs Monaten Kurse für Wirt-
schafts- und Handelsdiplom besucht hat, hat er nach einem Semester aufgehört,
da das Geld nicht gereicht habe. Sein Ziel ist es aber, die Schule im Jahr 2017
weiter zu machen, dann wäre er nach dem Abschluss Kaufmann (Urk. 176 S. 10).
Der Beschuldigte wohnt in I._ mit seiner Freundin zusammen, wobei ihre
Mutter auch noch bei ihnen wohnt (Urk. 176 S. 10). Zudem besucht er wöchent-
lich eine Gesprächstherapie bei med. pract. J._ (Urk. 176 S. 7). Der Be-
schuldigte hat keine Schulden und Vermögen von rund Fr. 8'000.-- bis Fr. 9'000.--
(Urk. 176 S. 11).
Der Beschuldigte ist auch heute nicht vorbestraft (Urk. 170), wobei sich die
Vorstrafenlosigkeit neutral auszuwirken hat.
Aus der Biographie und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten
ergeben sich keine Anhaltspunkte, die für die Strafzumessung von wesentlicher
Bedeutung wären.
Leicht straferhöhend wirkt sich aus, dass der Beschuldigte während laufen-
der Untersuchung weiter delinquierte.
Zugunsten des Beschuldigten ist zu berücksichtigen, dass er sich jedenfalls
mit Bezug auf die Körperverletzungen in objektiver Hinsicht an der Hauptverhand-
lung vor Vorinstanz geständig und auch in einem gewissen Sinne reuig zeigte
(Urk. 120 S. 5 ff.) und er auch die SVG-Widerhandlungen von Anfang an aner-
kannt hat. Allerdings ist zu beachten, dass der Beschuldigte aufgrund der erdrü-
ckenden Beweislage betreffend den Hauptvorwurf – u.a. mit dem Zeugen
- 25 -
F._ – nicht viel anderes übrig bliebt, als den äusseren Sachverhalt zu aner-
kennen.
Insgesamt überwiegen die strafmindernden Komponenten in leichtem Grad.
6.2. Die aufgrund der Tatkomponente festgelegte hypothetische Einsatz-
strafe von 45 Monaten ist daher in Berücksichtigung der Täterkomponenten auf
42 Monate zu reduzieren.
7. Fazit für die Freiheitsstrafe
7.1. Der Beschuldigte ist daher mit einer Freiheitsstrafe von 42 Monaten zu
sanktionieren.
7.2. Der Anrechnung von 307 Tagen Haft steht nichts entgegen
(Art. 51 StGB).
8. Sanktion für die Beschimpfung
8.1. Die Vorinstanz verzichtete im Rahmen der Festlegung der zweiten Ge-
samtstrafe auf eine Erhöhung der ermittelten Geldstrafe für die Beschimpfung
(Urk. 152 S. 73).
8.2. Diesbezüglich wird dem Beschuldigten vorgeworfen, am Sonntag,
13. April 2014, um ca. 03:00 Uhr, im Rahmen einer verbalen Auseinandersetzung
vor dem ... Club an der ...strasse ... in ... Zürich, die Privatklägerin u.a. als „Nut-
te“ bezeichnet zu haben (Urk. 32 S. 6).
8.3. In objektiver Hinsicht handelt es sich um eine herabmindernde, beleidi-
gende Anrede, die der Beschuldigte der Privatklägerin 3 einmal gesagt hat. In
subjektiver Hinsicht kann auf das oben Gesagte zur Drohung gesagt werden, in-
dem diese – wenn auch primitive – Wortwahl im Zusammenhang mit der Tren-
nung zu sehen ist, in der der Beschuldigte emotional belastet war. Bei einem in
objektiver und subjektiver Hinsicht sehr leichten Verschulden erweist sich eine
Geldstrafe von 10 Tagessätzen als angemessen.
- 26 -
8.4. Für die Bestimmung der Tagessatzhöhe ist auf das angefochtene Urteil
sowie die obigen Ausführungen zur Täterkomponente (IIIC./6.) zu verweisen (Urk.
152 S. 74; Art. 82 Abs. 4 StPO). Diesen Ausführungen beigepflichtet werden, zu-
mal die Höhe des Tagessatzes von Fr. 20.-- auch von der Staatsanwaltschaft
nicht beanstandet wurde (Urk. 153 S. 2).
9. Fazit
Gemäss obigen Erwägungen ist der Beschuldigte zu bestrafen mit
42 Monaten Freiheitsstrafe (wovon 307 Tage durch Untersuchungshaft erstanden
sind) sowie mit einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu Fr. 20.--.
IV. Vollzug
Nachdem eine Freiheitsstrafe von mehr als zwei bzw. drei Jahren aus-
zufällen ist, ist der vollständig bzw. teilweise bedingte Vollzug der Freiheitsstrafe
im Sinne von Art. 42 Abs. 1 StGB bzw. Art. 43 Abs. 1 StGB nicht möglich. Die
Gewährung des bedingten Strafvollzugs setzt zudem voraus, dass eine ungün-
stige Legalprognose ausgeschlossen werden kann (BGE 134 IV 1 E. 5.6; BGE
134 IV 60 E. 7.4). Wie noch zu zeigen sein wird, weist der Beschuldigte gemäss
Gutachtensergebnis eine Massnahmebedürftigkeit auf. Eine Massnahmebedürf-
tigkeit schliesst aber gemäss herrschender Praxis eine günstige Legalprognose
per se aus (Entscheide des Bundesgerichts 6B_342/2010 E. 3.5.2. mit Verweisen;
6B_71/2012 E. 6). Entgegen der Ansicht der Vorinstanz (Urk. 152 S. 75) kann
dem Beschuldigten demnach der bedingte Vollzug nicht gewährt werden, auch
nicht für die Geldstrafe.
V. Massnahme
1.1. In ihrem Gutachten vom 18. November 2014 empfehlen die Gutachter,
Prof. Dr. med. K._ und Dr. med. L._, in erster Linie die Anordnung einer
stationären Massnahme nach Art. 61 StGB (Urk. 23/12 S. 55 f., 59, 60). Alternativ
halten sie eine ambulante Massnahme im Sinne von Art. 63 StGB für sinnvoll,
- 27 -
aber aus forensisch-psychiatrischer Sicht weniger optimal (Urk. HD 23/12 S. 56,
59, 61). Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der amtliche Verteidiger bzw. der
Beschuldigte lehnten die Anordnung einer Massnahme im Sinne von Art. 61 StGB
ab (vgl. Urk. 152 S. 78, Urk. 120 S. 16; Urk. 121 S. 17; Urk. 125 S. 18 f.), wobei
die Staatsanwaltschaft anlässlich der Berufungsverhandlung ausführte, dass sie
bezüglich Massnahme grundsätzlich gleicher Auffassung sei wie das überzeu-
gende Gutachten. Sie gehe demnach davon aus, dass eine solche Massnahme
für die Persönlichkeitsentwicklung des Beschuldigten sehr gut wäre. Da der Be-
schuldigte aber eine Massnahme dezidiert abgelehnt habe, habe sie es nicht als
sinnvoll erachtet, eine solche Massnahme zu beantragen (Prot. II S. 7). Die Vo-
rinstanz sah von einer Massnahme gemäss Art. 61 oder 63 StGB ab (Urk. 152 S.
77 ff.).
1.2. Eine Massnahme ist anzuordnen, wenn die Strafe allein nicht geeignet
ist, der Gefahr weiterer Straftaten des Täters zu begegnen und ein Behandlungs-
bedürfnis des Täters besteht oder die öffentliche Sicherheit eine Behandlung
erfordert, und die Voraussetzungen der Artikel 59–61 StGB, Art. 63 StGB oder
Art. 64 StGB erfüllt sind (Art. 56 Abs. 1 StGB). Gemäss Absatz 2 setzt die An-
ordnung einer Massnahme voraus, dass der mit ihr verbundene Eingriff in die
Persönlichkeitsrechte des Täters im Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit und
Schwere weiterer Straftaten nicht unverhältnismässig ist.
1.3. War der Täter zur Zeit der Tat noch nicht 25 Jahre alt und ist er in seiner
Persönlichkeitsentwicklung erheblich gestört, so kann ihn das Gericht in eine Ein-
richtung für junge Erwachsene einweisen, wenn der Täter ein Verbrechen oder
Vergehen (sog. Anlasstat) begangen hat, das mit der Störung seiner Persönlich-
keitsentwicklung im Zusammenhang steht und zu erwarten ist, dadurch lasse sich
der Gefahr weiterer mit der Störung in Zusammenhang stehender Taten begeg-
nen (Art. 61 Abs. 1 StGB). Somit wird vorausgesetzt, dass der Täter einer thera-
peutischen oder pädagogischen Einwirkung zugänglich erscheint und seine Ent-
wicklung sich noch wesentlich beeinflussen lässt. Zweck dieser Bestimmung ist
es, dem Täter mit therapeutischen Mitteln die Fähigkeit zu vermitteln, selbstver-
antwortlich und straffrei zu leben (vgl. Art. 61 Abs. 3 StGB). Als zentrale Voraus-
- 28 -
setzung dieser Vorschrift muss Aussicht darauf bestehen, die Entwicklung des
Täters durch den betreffenden Vollzug beeinflussen zu können, was seine Thera-
pierbarkeit bedingt (vgl. BGE 125 IV 237 E. 6b mit Hinweisen). Sind die Voraus-
setzungen von Art. 61 StGB erfüllt, muss das Gericht eine Massnahme für junge
Erwachsene anordnen. Es besteht kein Ermessensspielraum (BSK-StGB I, Heer,
3. Aufl., Basel 2013, N 11 zu Art. 61).
1.4. Der Entscheid des Gerichts muss sich gemäss Art. 56 Abs. 3 StGB in
jedem Fall auf ein sachverständiges Gutachten abstützen, das sich über die Not-
wendigkeit und Erfolgsaussichten einer Behandlung, die Art und die Wahrschein-
lichkeit zukünftig zu erwartender Straftaten sowie über die konkreten Vollzugs-
möglichkeiten zu äussern hat. Es muss aufzeigen, ob die Straftat mit dem beson-
deren körperlichen oder geistigen Zustand des Betroffenen in Zusammenhang
steht (psychische Störung, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, gestörte Persön-
lichkeitsentwicklung). Der Experte hat ferner eine Kriminal- oder Gefährlichkeits-
prognose zu erstellen (Art. 56 Abs. 3 lit. b StGB), d.h. das allgemeine (Verübung
einer beliebigen Straftat) und spezifische (bezogen auf eine spezifische Delikts-
gruppe) Rückfallrisiko des Täters zu ermitteln (Schwarzenegger/Hug/Jositsch,
Strafrecht II, 8. Aufl. 2007, S. 156 ff.). Ausgehend davon hat der Experte die Not-
wendigkeit und die Erfolgsaussichten einer Behandlung darzulegen sowie die
konkreten Möglichkeiten ihres Vollzugs abzuklären (Art. 56 Abs. 3 lit. a und
lit. c StGB).
1.5. Das Gericht würdigt ein Gutachten grundsätzlich frei. Von den Feststel-
lungen einer sachverständigen Person darf nach konstanter Praxis des Bundes-
gerichts indessen nur dann abgewichen werden, wenn wirklich gewichtige zu-
verlässig begründete Tatsachen oder Indizien deren Überzeugungskraft ernstlich
erschüttern. Dabei bedarf es einer einlässlichen Begründung (Bundesgerichts-
entscheid 6B_440/2014 vom 14.10.2014, E. 2.4; BSK-StGB I, Heer, a.a.O., N 74
zu Art. 56, mit Hinweisen). Allerdings sind dem Gutachter bloss Sach-, und keine
Rechtsfragen zu unterbreiten. Die Beantwortung letzterer obliegt zwingend dem
Gericht (BGE 130 I 337 E. 5.4.1).
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F125-IV-237%3Ade&number_of_ranks=0#page237
- 29 -
2.1. Zunächst ist festzuhalten, dass der Beschuldigte die Taten im Januar
bis April 2014 begangen hat und somit zum Tatzeitpunkt 19 Jahre alt war
(vgl. auch Urk. 23/12 S. 60). Demnach kommt die Anordnung einer Massnahme
für junge Erwachsene nach Art. 61 Abs. 1 StGB grundsätzlich in Frage.
2.2. Dass der Beschuldigte in seiner Persönlichkeitsentwicklung erheblich
gestört ist, wie von Art. 61 Abs. 1 StGB vorausgesetzt, steht zudem fest. So diag-
nostizierten die Gutachter beim Beschuldigten eine erheblich gestörte Persönlich-
keitsentwicklung in Form einer Persönlichkeitsakzentuierung mit emotional insta-
bilen Persönlichkeitsmerkmalen sowie einen schädlichen Gebrauch von Alkohol.
Der Beschuldigte zeige deliktsrelevante Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung
auf. Seit dem Schulabschluss, insbesondere seit Anfang 2013, zeige er eine un-
günstige Entwicklung, so dass von einer erheblichen Störung der Persönlichkeits-
entwicklung gesprochen werden müsse (Urk. 23/12 S. 62 f.). Das Gutachten
spricht von Impulsivität, Probleme der Selbstwahrnehmung, Probleme mit der Int-
rospektion, Neigung zur Externalisierung und gewaltfördernde Einstellung
(Urk. 23/12 S. 60). Weder die Staatsanwaltschaft noch die Verteidigung stellen
das Vorliegen einer erheblich gestörten Persönlichkeitsentwicklung in Abrede. So
hat die Verteidigung des Beschuldigten den Eventualantrag einer ambulanten
Massnahme gestellt (Urk. 178 S. 1 und 8), welche eine schwere psychische
Störung voraussetzt (vgl. Art. 63 Abs. 1 StGB).
2.3. Unbestritten ist weiter, dass der Beschuldigte, wie in Art. 61 StGB vor-
ausgesetzt ein Verbrechen oder Vergehen begangen hat, das mit der Störung
seiner Persönlichkeitsentwicklung in Zusammenhang steht. So hielten die Gut-
achter Prof. Dr. med. K._ und Dr. med. L._ fest, dass ein direkter Zu-
sammenhang zwischen den defizitären Persönlichkeitseigenschaften (Impulsivi-
tät, Probleme der Selbstwahrnehmung, Probleme mit der Introspektion, Neigung
zur Externalisierung, gewaltfördernde Einstellung) und den vorgeworfenen Delik-
ten bestehe (Urk. 23/12 S. 55, 60).
2.4.1. Die Vorinstanz stellte zwar zutreffend fest, dass sämtliche Voraus-
setzungen von Art. 61 Abs. 1 StGB erfüllt seien, angesichts der fehlenden
Massnahmewilligkeit des Beschuldigten sei aber der erfolgreiche Verlauf einer
- 30 -
Massnahme nach Art. 61 StGB zweifelhaft (Urk. 152 S. 77). Auch die Staats-
anwaltschaft, die grundsätzlich, wie bereits ausgeführt, davon ausgeht, dass eine
Massnahme im Sinne von Art. 61 StGB für die Persönlichkeitsentwicklung des
Beschuldigten ideal wäre, hat es aufgrund der ablehnenden Haltung des Be-
schuldigten nicht als sinnvoll erachtet, eine solche zu beantragen (vgl. Urk. 121
S. 17 und Prot. II S. 7).
2.4.2. Für die Geeignetheit der Massnahme, welche sich in ihrer voraus-
sichtlich präventiven Wirkung zeigt, verlangt die bundesgerichtliche Rechtspre-
chung, dass der Betroffene ein Mindestmass an Kooperationsbereitschaft bzw.
ein Minimum an Willen, sich einer Therapie zu unterziehen, zeigt und diese nicht
von vornherein kategorisch ablehnt (Bundesgerichtsentscheide 6B_373/2010 vom
13.07.2010, E. 5.5; 6B_347/2007 vom 29. November 2007, E. 4.2; BGE 123 IV
113 E. 4.c). An die Therapiewilligkeit dürfen im Zeitpunkt des richterlichen Ent-
scheids allerdings keine allzu hohen Anforderungen gestellt werden. Eine nicht
von Anfang an klar vorhandene Motivation spricht nicht gegen eine Massnahme.
Es genügt, wenn der Betroffene wenigstens motivierbar ist (Bundesgerichtsent-
scheid 6B_784/2010 vom 2. Dezember 2010, E. 2.2.3). Die fehlende Motivation
und mangelnde Einsicht gehört bei schweren Störungen regelmässig zum Krank-
heitsbild. Ein erstes Therapieziel wird daher regelmässig darin bestehen, Einsicht
und Therapiewilligkeit zu schaffen, was gerade im Rahmen stationärer Behand-
lungen auch Aussicht auf Erfolg hat (BSK-StGB I, Heer, a.a.O., N 78 zu Art. 59;
Bundesgerichtsentscheid 6B_373/2010 vom 13.07.2010, mit Hinweisen).
Der Beschuldigte lehnte eine Massnahme nicht mit letzter Absolutheit ab; so er-
klärte der Beschuldigte anlässlich der Berufungsverhandlung zunächst zwar, dass
er eine solche Massnahme nicht das richtige für ihn fände, da er eine Lehre ma-
chen müsste, die nicht seinen Fähigkeiten entsprechen würde und er einen nor-
malen Alltag wolle (Urk. 176 S. 12). Auf die Frage aber, ob er lieber die Freiheits-
strafe in einem Gefängnis verbüssen oder eine Massnahme für junge Erwachse-
ne absolvieren würde, erklärte er, dass er sich für die Massnahme entscheiden
würde (Urk. 176 S. 12). Auch das Gutachten hielt diesbezüglich fest, dass der
Beschuldigte auf den Vorschlag einer Massnahme nach Art. 61 StGB ablehnend
- 31 -
reagiert habe, doch sei ihm nicht ausreichend bewusst gewesen, worum es sich
dabei gehandelt habe. Ein ursprünglicher Mangel an Motivation und Kooperati-
onsbereitschaft sei bei vielen Straftätern nicht untypisch und die Herstellung der
Motivation stelle bereits ein erstes wichtiges Vollzugsziel dar (Urk. 23/12 S. 55 f.).
Nachdem an den Therapiewillen in Zeitpunkt des Entscheids keine allzu hohen
Anforderungen zu stellen sind und vorliegend doch von einer Motivierbarkeit des
Beschuldigten ausgegangen werden kann, wird ein erstes Therapieziel sein müs-
sen, Einsicht und Therapiewilligkeit zu schaffen.
2.5. Was die Massnahmefähigkeit betrifft, so hält das Gutachten explizit fest,
dass für den Beschuldigten, der die Ausbildung zum Strassenbauer abgebrochen
habe, die Massnahme eine gute Chance darstelle würde, einen Beruf zu erlernen
und die Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung durch eine sozialpädagogisch-
therapeutische Herangehensweise nachzuholen. Die beschriebenen defizitären
Persönlichkeitseigenschaften seien beim Beschuldigten noch nicht so verfestigt
und eingeschliffen, dass keine Veränderung mehr möglich wäre. Er zeige eine
durchschnittliche Intelligenzausstattung, so dass diese einer Erziehbarkeit nicht
im Wege stehe. Aufgrund des jungen Alters, seiner affektiven Zugänglichkeit und
der zwar erheblichen, aber zeitlich noch nicht so langen Störung der Persönlich-
keitsentwicklung, werde von einer guten Beeinflussbarkeit im Rahmen der Mass-
nahme und damit von einer realistischen Aussicht auf Erfolg ausgegangen
(Urk. 23/12 S. 55 f.). Es ist damit von der grundsätzlichen Massnahmefähigkeit
des Beschuldigten auszugehen.
2.6. Indem die Vorinstanz von der Anordnung einer Massnahme für junge
Erwachsene absah, wich sie von den tatsächlichen Feststellungen im Gutachten
ab. Soweit sie ihren ablehnenden Massnahmeentscheid unter anderem damit be-
gründet, dass dem Gutachten nicht eindeutig zu entnehmen sei, dass eine Strafe
allein nicht ausreiche, um das Rückfallrisiko zu minimieren bzw. eine Massnahme
im Sinne von Art. 61 StGB mithin erforderlich sei, um die Legalprognose des Be-
schuldigten zu verbessern, so kann dem nicht zugestimmt werden. Das Gutach-
ten hält diesbezüglich fest, dass aus gutachterlicher Sicht die Massnahme nach
Art. 61 StGB am ehesten geeignet sei, die Gefahr weiterer Straftaten zu reduzie-
- 32 -
ren. Alternativ komme auch eine Behandlung nach Art. 63 StGB in Frage, bei
gleichzeitigem Strafvollzug. Demnach erachten die Gutachter nur eine Mass-
nahme als geeignet, der Gefahr weiterer mit der Störung der Persönlichkeit des
Beschuldigten in Zusammenhang stehender Taten zu begegnen (Art. 59 Abs. 1
i.V.m. Art. 61 Abs. 1 StGB).
3.1. Ein staatlicher Eingriff darf in sachlicher, räumlicher, zeitlicher und per-
soneller Hinsicht nicht einschneidender sein, als notwendig (BGE 126 I 112
E. 5b). Gerade bei sichernden Massnahmen erlangt der Verhältnismässigkeits-
grundsatz eine zentrale Bedeutung, da ein überwiegendes öffentliches Interesse
an einer Verhinderung von Rückfällen auch einen möglicherweise schuldüber-
schreitenden Freiheitsentzug legitimieren kann. Die Voraussetzung der Eignung
wird in Art. 56 Abs. 1 StGB und den Bestimmungen über die einzelnen Mass-
nahmen konkretisiert. Das Kriterium der Erforderlichkeit erscheint in der Regelung
über das Verhältnis der Massnahme zur Freiheitsstrafe (Ergänzungsbedürftigkeit
der Strafe, Art. 56 Abs. 1 lit. a StGB). In Art. 56 Abs. 2 und Art. 56a Abs. 1 StGB
wird die Verhältnismässigkeit i.e.S. festgehalten: Auch eine geeignete und erfor-
derliche Massnahme kann unverhältnismässig sein, wenn der mit ihr verbundene
Eingriff im Vergleich zur Bedeutung des angestrebten Ziels unangemessen
schwer wiegt. Auf der einen Seite sind damit das Behandlungsbedürfnis des Tä-
ters sowie die Wahrscheinlichkeit und Schwere weiterer Straftaten zu bewerten,
auf der anderen Seite ist der Eingriff in die Freiheit abzuwägen (Schwarzenegger/
Hug/Jositsch, a.a.O., S. 153 f.). Mit Blick auf den Grundsatz der Verhältnismäs-
sigkeit muss die Befürchtung nicht unerheblicher künftiger Straftaten im Raum
stehen, d.h. es muss mit Schädigungen von einer gewissen Tragweite gerechnet
werden bzw. mit strafbaren Handlungen, die den Rechtsfrieden ernsthaft zu stö-
ren geeignet sind (Bundesgerichtsentscheide 6S.69/2006 vom 29. Mai 2006,
E. 3.1 sowie 6B_590/2010 vom 18. Oktober 2010, E. 7.3.2). Den Gefahren, die
von einem Täter zu befürchten sind, muss bei einer Interessenabwägung grös-
sere Bedeutung zukommen als der Schwere des mit einer Massnahme verbun-
denen Eingriffs (Bundesgerichtsentscheide 6B_137/2013 vom 7.11.2013,
E. 3.3.1.; und 6B_596/2011 vom 19. Januar 2012, E. 3.2.3 mit Hinweisen;
vgl. BGE 118 IV 213 E. 2c/bb und cc).
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F118-IV-213%3Ade&number_of_ranks=0#page213
- 33 -
3.2. Eine Behandlung des Beschuldigten ist aufgrund der seitens der Gut-
achter als mittelhoch eingeschätzten Rückfallgefahr indiziert. Gemäss Gutachten
besteht sogar ein hohes Risiko weiterer Gewalthandlungen (insbesondere im
Bereich der häuslichen Gewalt), wenn der Beschuldigte seinen missbräuchlichen
Alkoholkonsum fortsetze (Urk. 23/12 S. 58). Da gemäss Gutachter die Gefahr
neuerlicher Straftaten durch eine (sozialpädagogisch-)therapeutische Massnahme
reduziert werden kann, kann dieser Rückfallgefahr nur mit einer stationären Mas-
snahme, namentlich einer solchen für junge Erwachsene, entgegengewirkt wer-
den. Ziel ist es, dass beim Beschuldigten die Defizite in der Persönlichkeitsent-
wicklung aufgearbeitet werden können. An der Verhinderung von Gewaltdelikten
besteht sodann ein erhebliches öffentliches Interesse. Die beispielsweise vom
Beschuldigten begangene versuchte schwere Körperverletzung ist unzweifelhaft
geeignet, den Rechtsfrieden ernsthaft zu stören. Dies rechtfertigt den mit der An-
ordnung einer Massnahme verbundenen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des
Beschuldigten. Die Anordnung einer Massnahme für junge Erwachsene erweist
sich damit als verhältnismässig.
4. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Voraussetzungen für die Anord-
nung einer Massnahme für junge Erwachsene i.S.v. Art. 61 Abs. 1 StGB gestützt
auf die gutachterlichen Erkenntnisse gegeben sind, weshalb eine solche Mass-
nahme anzuordnen ist. Die Massnahme ist kumulativ zur grundsätzlich zu voll-
ziehenden Freiheitstrafe auszusprechen, welche allerdings zugunsten der Mass-
nahme aufzuschieben ist (Art. 57 Abs. 1 und 2 StGB).
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Die erstinstanzlichen Kosten- und Entschädigungsfolgen wurden nicht
angefochten.
2.1. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Mass-
gabe ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Die Staatsan-
waltschaft dringt mit ihren Anträgen in etwa zu 3/4 durch.
- 34 -
2.2. Die Verteidigung des Beschuldigten beantragt, es seien die Kosten dem
Staat aufzuerlegen bzw. sofort abzuschreiben (Urk. 178 S. 1). Für ein sofortiges
und definitives Abschreiben der Kosten besteht aber vorliegend kein Anlass. Den
Verhältnissen des Betroffenen kann erst im Zeitpunkt des Kostenbezugs Rech-
nung getragen werden (z.B. durch Ratenzahlung). Zu bedenken ist in diesem Zu-
sammenhang nämlich, dass die definitive Abschreibung von Gerichtskosten eine
weitreichende Wirkung aufweist und einem Erlass gleichkommt. Sie können daher
selbst dann nicht mehr geltend gemacht werden, wenn der Schuldner in der
Folgezeit in günstige finanzielle Verhältnisse kommt. Diese Art der Abschreibung
sollte daher nur in ausgesprochenen Ausnahmefällen gewährt werden (vgl. zum
alten Recht ZR 103 Nr. 46).
2.3. Der Beschuldigte wird für einige Zeit eine Massnahme für junge Er-
wachsene absolvieren müssen. Es ist daher von der vorübergehenden Mittel-
losigkeit des Beschuldigten auszugehen. Der Beschuldigte ist aber erst 22 Jahre
alt. Ein Ziel der Massnahme für junge Erwachsene wird sein, dass der Beschul-
digte eine Lehre absolvieren kann. Bei erfolgreicher Absolvierung einer Lehre ist
zu erwarten, dass der Beschuldigte durch eigenen Arbeitserwerb in günstige(re)
finanzielle Verhältnisse kommen wird. Ebenso ist nicht ausgeschlossen, dass der
Beschuldigte auf eine andere Art, beispielsweise aus ehe- oder erbrechtlichen
Ansprüchen, zu Vermögen kommen könnte. Es kann daher nicht gesagt werden,
es sei ausgeschlossen, dass er in absehbarer Zeit in eine günstigere wirtschaftli-
che Situation kommen wird. Den Beschuldigten im jetzigen Zeitpunkt von der
– ganzen oder teilweisen – Tragung der Verfahrenskosten definitiv zu entbinden,
wäre daher nicht gerechtfertigt.
2.4. Die Kosten des Berufungsverfahrens, ausgenommen diejenigen der
amtlichen Verteidigung, sind zu 1/4 auf die Gerichtskasse zu nehmen und zu 3/4
dem Beschuldigten aufzuerlegen. Die Kosten der amtlichen Verteidigung in der
Höhe von Fr. 4'700.-- (vgl. Urk. 171) und der unentgeltlichen Vertretung der
Privatklägerin D._ in der Höhe von Fr. 900.-- (vgl. Urk. 168) sind zu 1/4 defi-
nitiv und zu 3/4 einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die Rückzahlungs-
pflicht des Beschuldigten im Umfang von je 3/4 der Kosten bleibt vorbehalten.
- 35 -