Decision ID: 45ba9552-21c8-5ac3-bb83-483fc580d921
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess eigenen Angaben zufolge seinen Hei-
matsaat Sri Lanka im November 2018. Er sei mit einem auf einen anderen
Namen lautenden Reisepass nach Kuala Lumpur, Malaysia geflogen, wo
er sich einige Monate aufgehalten habe, bevor er am 23. September 2019
in die Schweiz reiste und gleichentags um Asyl nachsuchte. Er wurde dem
Bundesasylzentrum (BAZ) Altstätten zugewiesen.
B.
Am 30. September 2019 fand eine Personalienaufnahme und am 4. Okto-
ber 2019 das Dublin-Gespräch statt.
C.
Am 12. November 2019 reichte der Beschwerdeführer seine Identitätskarte
im Original zu den Akten.
D.
Am 14. November 2019 wurde der Beschwerdeführer gemäss Art. 26 Abs.
3 AsylG und am 2. Dezember 2019 gemäss Art. 29 AsylG – in Anwesenheit
der ihm zugewiesenen Rechtsvertretung – zu seinen Asylgründen ange-
hört. Dabei machte er im Wesentlichen folgenden Sachverhalt geltend:
Von Geburt bis zum Jahr 2017 habe er mit seinen Eltern und Geschwistern
im Dorf B._ in der Nordprovinz gelebt. Er habe die Schule bis zur
11. Klasse besucht und nach seinem O-Level Abschluss als Maler, Maurer
und Hilfsarbeiter gearbeitet. Zuletzt habe er während drei Monaten im
Vanni-Gebiet gearbeitet. Danach sei er mangels Arbeitsaufträgen keiner
Arbeit mehr nachgegangen.
Im Jahr 2009 sei er in Sri Lanka für eine Hilfsorganisation tätig gewesen.
Im Vanni-Gebiet habe er Informationen über vermisste Personen gesam-
melt. Er habe Familien besucht und nach vermissten Personen gefragt. Die
Informationen habe er einem Studenten weitergegeben, welcher für eine
Universität einen Bericht habe schreiben wollen. Er habe auch einige Male
an Demonstrationen teilgenommen. Im Jahr 2013 habe er im Rahmen ei-
ner Wahlkampagne ausserdem während etwa vier Monaten für die Tamil
National Alliance (TNA) Flugblätter verteilt.
Im Jahr 2009 sei er erstmals für einige Tage inhaftiert worden, wobei man
ihm den Grund der Festnahme nicht genannt habe. Das zweite Mal sei er
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im Jahr 2013 auf dem Sportplatz festgenommen worden. Er sei zum Cri-
minal Investigation Department (CID) in C._ gebracht worden und
man habe von ihm wissen wollen, ob er Informationen gesammelt habe.
Nach einer Woche beziehungsweise nach drei Wochen sei er entlassen
worden. Im Jahr 2014 sei es – einige Tage nach einer Demonstrationsteil-
nahme – zu einer dritten Festnahme gekommen. Man habe ihn gefragt, ob
er an der Demonstration teilgenommen und Verbindungen zu Mitgliedern
der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) habe. Nach einigen Tagen sei
er freigelassen worden. Zuletzt sei er im Jahr 2017 – ebenfalls nach einer
Demonstrationsteilnahme – festgenommen worden. Er sei gemeinsam mit
einem Freund namens [Name] (nachfolgend: T.) inhaftiert gewesen, wel-
cher später ermordet worden sei. Nach dessen Ermordung seien Demonst-
rationen organisiert worden, an welchen der Beschwerdeführer teilgenom-
men habe. In der Folge habe das CID im Oktober 2017 erstmals bei seinen
Eltern nach ihm gesucht. Seither habe er sich bei Verwandten im Vanni-
Gebiet aufgehalten. Im April 2018 sei sein Elternhaus erneut von CID-An-
gehörigen durchsucht worden. Er vermute, der Grund seien seine De-
monstrationsteilnahmen gewesen. Im Juli 2018 sei ein weiterer Freund na-
mens [Name] (nachfolgend: S.), welcher gemeinsam mit ihm an einer De-
monstration teilgenommen habe, ermordet worden. Aufgrund dessen habe
er Angst gehabt, in Sri Lanka zu bleiben und habe sich für die Ausreise
entschieden. Nach seiner Ausreise im November 2018 sei sein Vater ein-
mal vom CID nach seinem Verbleib gefragt worden. Der Vater habe gesagt,
er befinde sich an seinem Arbeitsplatz und sie hätten keinen Kontakt mehr.
Der Beschwerdeführer reichte Zeitungsartikel über die Tötung seiner
Freunde S. und T. ein. Des Weiteren legte er einen Zeitungsartikel über
einen ermordeten Sozialarbeiter, den er zwar nicht persönlich kenne, der
aber ebenfalls mit ihm an einer Demonstration teilgenommen habe, zu den
Akten.
E.
Am 9. Dezember 2019 unterbreitete das SEM der Rechtsvertretung einen
Entwurf des ablehnenden Asylentscheides zur Stellungnahme.
F.
Mit Schreiben vom 10. Dezember 2019 führte die Rechtsvertretung aus,
dass die 24-stündige Frist zur Stellungnahme zum Entscheidentwurf vor-
liegend unzureichend sei, um zu den umfangreichen Glaubhaftigkeitserwä-
gungen im Entscheidentwurf umfassend Stellung nehmen zu können. Der
Beschwerdeführer sei insgesamt während acht Stunden angehört worden
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und in dem Entwurf der ablehnenden Verfügung des SEM seien fünf Seiten
Erwägungen zur Glaubhaftigkeit der Vorbringen aufgeführt. Der Fall ge-
höre eindeutig nicht ins beschleunigte Verfahren, sondern hätte im erwei-
terten Verfahren behandelt werden müssen, da dem Beschwerdeführer er-
hebliche Nachteile durch die verkürzten Fristen entstehen würden. Die
Rechtsvertretung könne in der knappen Frist die insgesamt fast 40-seitigen
Anhörungsprotokolle nicht konsultieren und mit der Verfügung des SEM
abgleichen. Ausserdem habe es sich bei der ersten Befragung nicht wie
vom SEM deklariert um eine Erstbefragung gemäss Art. 26 Abs. 3 AsylG
gehandelt, da es keine summarische Befragung gewesen sei und diese
auch nicht in der dafür vorgesehenen 21-tägigen Frist stattgefunden habe.
Die beschleunigte Behandlung von Fällen, die einer derart ausführlichen
Begründung bedürften, sei nicht zulässig.
G.
Mit Verfügung vom 11. Dezember 2019 (gleichentags eröffnet) stellte die
Vorinstanz fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfülle, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung und
deren Vollzug an.
Das SEM begründete die ablehnende Verfügung im Wesentlichen mit der
Unglaubhaftigkeit der Vorbringen. Zunächst führte es aus, der Beschwer-
deführer habe sich widersprüchlich zu seinen Identitätspapieren geäussert.
Er habe in der ersten Befragung angegeben, er habe die Identitätskarte
dem Vater in Colombo überreicht. Später habe er ausgesagt, er habe ihm
diese im Vanni-Gebiet, bevor er nach Colombo gereist sei, übergeben.
Auch zum Aufenthaltsort des Passes habe er unterschiedliche Angaben
gemacht. Einmal habe er ausgesagt, dieser befinde sich in seinem Eltern-
haus. Im nächsten Satz habe er gesagt, der Pass sei nicht mehr zu Hause.
Auch zu den angeblichen Inhaftierungen habe er widersprüchliche Anga-
ben gemacht. Er habe in der Erstbefragung und in der Anhörung unter-
schiedliche Zeitangaben, wie lange er jeweils inhaftiert gewesen sei, ge-
nannt. Hinzukommend seien die Schilderungen seiner vier Inhaftierungen
äusserst oberflächlich und repetitiv ausgefallen. Er sei wiederholt aufgefor-
dert worden, möglichst detailliert von der Festnahme, dem Alltag in seiner
Zelle oder den Verhören zu erzählen. Seine Schilderungen seien jedoch
äusserst dürftig ausgefallen und seine Antworten hätten etwa gelautet:
«Das ist alles, ich musste eine Woche lang in der Zelle bleiben», «Nein,
das ist alles», «Ich blieb einfach dort. Ich konnte nichts machen». Die An-
gaben hätten nicht den Eindruck hinterlassen, dass er das Geschilderte
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selbst erlebt habe. In seinen Aussagen würden die typischen Realkennzei-
chen fehlen, was darauf hinweise, dass er sich auf einen konstruierten
Sachverhalt und nicht auf tatsächlich Erlebtes stütze.
In Bezug auf die geltend gemachten Demonstrationsteilnahmen habe der
Beschwerdeführer angegeben, er sei lediglich mitgelaufen, habe keine be-
sonderen Aufgaben übernommen und keine wichtige Rolle gespielt. Wes-
halb er glaube, dass er dennoch an einer Demonstration identifiziert wor-
den sei, habe er nicht erklären können. Die Schilderungen der Demonstra-
tionsteilnahmen seien ebenfalls substanzlos ausgefallen und es sei unklar
geblieben, wie oft er an Demonstrationen teilgenommen habe. Er habe sich
diesbezüglich innerhalb der Anhörung widersprochen. Er habe zuerst ge-
sagt, er habe einmal im Jahr 2012 und zwei Mal im Jahr 2017 an Demonst-
rationen teilgenommen, und auf Nachfrage bestätigt, insgesamt seien es
drei Demonstrationsteilnahmen gewesen. Später habe er hinzugefügt, er
habe auch im Jahr 2014 an einer Demonstration teilgenommen. Auf Vorhalt
habe er gesagt, er habe zuvor vergessen, diese ebenfalls zu erwähnen.
Auch habe er keine substantiierten Angaben zu dem Studenten machen
können, für welchen er Informationen gesammelt habe.
Ferner habe der Beschwerdeführer ausgeführt, er habe Sri Lanka verlas-
sen, da er befürchtet habe, wie seine Freunde T. und S. getötet zu werden.
Sein Bezug zu dem getöteten Freund S. sei indes vage geblieben. Er habe
ihn an einer Demonstration getroffen, ansonsten habe er jedoch keine Be-
ziehung zu ihm gehabt. Zu seinem Freund T. habe er ausführlicher berich-
tet. Er habe ebenfalls für die Hilfsorganisation gearbeitet und er habe ihn
an Demonstrationen getroffen. Es sei jedoch merkwürdig, dass er an der
Erstbefragung diverse Angaben zu T. und diverse Bezugspunkte zwischen
ihnen vorgebracht habe, jedoch erst an der Anhörung erwähnt habe, dass
sie auch gemeinsam inhaftiert gewesen seien. Es sei auch seltsam, dass
er T. nach der Haftentlassung nicht mehr getroffen habe. Es wäre zu er-
warten gewesen, dass sie sich über die gemeinsame Haftzeit im Nachgang
ausgetauscht hätten. Die Schilderungen seines Besuches beim Leichnam
von T. seien ebenfalls oberflächlich und nichts aussagend geblieben. Merk-
würdig sei überdies, dass er nicht habe angeben können, wer – gemäss
dem eingereichten Zeitungsartikel – T. getötet habe. Die Furcht, dasselbe
Schicksal erleiden zu müssen wie sein Freund T. scheine vor diesem Hin-
tergrund konstruiert.
Zu der angeblichen Suche des CID nach dem Beschwerdeführer stellte
das SEM fest, dass es unverständlich sei, dass er vom CID nicht regulär
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zu einem Gespräch vorgeladen worden sei, beispielsweise mittels schrift-
licher Vorladung. Auch seien seine Ausführungen, weshalb er zu seinen
Inhaftierungen nie etwas Schriftliches erhalten habe und er nie angeklagt
oder verurteilt worden sei, unverständlich. Er habe ferner nicht konkret an-
geben können, weshalb der CID nach ihm gesucht habe. Er habe nur an-
gegeben, er vermute, er sei aufgrund seiner Demonstrationsteilnahme ge-
sucht worden.
Hinsichtlich seiner mehrmonatigen Propagandatätigkeit im Vorfeld der
Wahlen zum Provincial Council im Jahr 2013 falle auf, dass sein Wissen
zu den Wahlen und zur Partei, für welche er Flugblätter verteilt habe, äus-
serst bescheiden gewesen seien. Er habe nicht angeben können, welche
Parteien oder Organisationen zur Allianz der TNA gehört hätten. Er habe
auch nicht gewusst, wie die Wahlen ausgegangen seien. Zudem seien
seine Aussagen über die Wahlzettel und Plakate, die er verteilt habe, nicht
nachvollziehbar. Er habe gesagt, es seien darauf keine Namen oder Bilder
von Kandidaten abgebildet gewesen, sondern man habe Symbole ankreu-
zen können. Das Symbol «Haus» habe die TNA symbolisiert, was jedoch
gemäss öffentlich zugänglichen Quellen nicht korrekt sei. Bei den weiteren
von ihm angegebenen Symbolen habe er nicht gewusst, wofür diese ste-
hen würden. Dies sei für eine Person, welche angebe, politisch aktiv ge-
wesen zu sein, erstaunlich.
In einer Gesamtwürdigung komme das SEM zum Schluss, dass er sich auf
eine konstruierte Asylbegründung abstütze. Da die Vorfluchtgründe un-
glaubhaft seien, bleibe zu prüfen, ob er im Falle der Rückkehr nach Sri
Lanka begründete Furcht vor künftigen Verfolgungsmassnahmen habe.
Diese Prüfung sei anhand von Risikofaktoren vorzunehmen. Rückkehrer,
die illegal ausgereist seien, würden zwar bei ihrer Rückkehr nach Sri Lanka
am Flughafen und regelmässig auch am Herkunftsort befragt. Diese Kon-
trollmassnahmen würden jedoch kein asylrelevantes Ausmass annehmen.
Allfällige, im Zeitpunkt der Ausreise bestandene Risikofaktoren hätten kein
Verfolgungsinteresse der sri-lankischen Behörden auszulösen vermocht.
Aufgrund der Aktenlage sei nicht ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka nunmehr in den Fokus der Behörden geraten und asylrele-
vant verfolgt werden sollte.
Zur Stellungnahme zum Entscheidentwurf hielt das SEM fest, es gebe kei-
nen gesetzlichen Anspruch auf die Behandlung eines Falles im erweiterten
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Verfahren. Massgebend sei einzig, ob der Sachverhalt innerhalb der ge-
setzlich vorgesehenen Frist im beschleunigten Verfahren vollumfänglich
ermittelt werden könne.
In Bezug auf die Wegweisung hielt das SEM fest, dass der Europäische
Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) mehrfach festgestellt habe, dass
nicht generell davon auszugehen sei, dass rückkehrenden Tamilinnen und
Tamilen eine unmenschliche Behandlung drohen würde. Vielmehr müsse
im Einzelfall eine Risikoeinschätzung vorgenommen werden. Weder aus
den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten würden sich
Anhaltspunkte ergeben, dass ihm bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe
oder Behandlung drohe. Die Rückkehr erweise sich somit als zulässig. Der
Beschwerdeführer stamme aus der Nordprovinz, wo er bis zum Jahr 2017
gelebt habe. Beim Vorliegen von individuellen Zumutbarkeitskriterien
könne ein Vollzug der Wegweisung in die Nordprovinz bejaht werden. Er
verfüge über eine vergleichsweise gute Ausbildung und über vielfältige Be-
rufserfahrung. Er sei zudem gesund und habe ein familiäres Beziehungs-
netz. Der Vollzug der Wegweisung erweise sich somit als zumutbar. Dieser
sei auch technisch möglich und praktisch durchführbar.
H.
Am 11. Dezember 2019 reichte der Beschwerdeführer seine Familienkarte
sowie einen Geburtsregisterauszug zu den Akten.
I.
Die Verfügung vom 11. Dezember 2019 liess der Beschwerdeführer durch
seine Rechtsvertretung mit Eingabe vom 20. Dezember 2019 (Poststem-
pel) beim Bundesverwaltungsgericht anfechten. Er beantragte, die Verfü-
gung des SEM sei aufzuheben und zur vollständigen Sachverhaltsabklä-
rung sowie zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es sei
festzustellen, dass die Vorgehensweise der Vorinstanz nicht rechtskonform
gewesen sei und Verfahrensgarantien verletzt worden seien. Eventualiter
sei ihm eine Nachfrist von 23 Tagen anzusetzen, um die Möglichkeit zu
haben, sich umfassend zu den Erwägungen der Vorinstanz zu äussern. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um die unentgeltliche Rechtspflege
inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer eine Wohnsitzbestätigung
vom 12. Dezember 2019, verfasst vom Grama Officer auf Antrag des Va-
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ters des Beschwerdeführers, sowie einen Artikel der Neuen Zürcher Zei-
tung (NZZ) vom 6. Dezember 2019 und eine Stellungnahme der Schwei-
zerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 5. Dezember 2019 zur aktuellen Lage
in und Rückführungen nach Sri Lanka ein.
J.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 23.
Dezember 2019 in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 1 AsylG).
K.
Mit Instruktionsverfügung vom 23. Dezember 2019 bestätigte die Instrukti-
onsrichterin den Eingang der Beschwerde und verfügte, der Beschwerde-
führer könne den Abschluss des Verfahrens einstweilen in der Schweiz ab-
warten.
L.
Am 9. Januar 2020 gewährte die Instruktionsrichterin die unentgeltliche
Prozessführung, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und lud die Vorinstanz ein, sich zur Beschwerde vernehmen zu lassen.
M.
Mit Vernehmlassung vom 16. Januar 2020 führte die Vorinstanz aus, dass
die Beschwerde nichts an ihrem Standpunkt zu ändern vermöge, und hielt
an ihren Erwägungen vollumfänglich fest.
Das SEM wiederholte, es gebe keinen gesetzlichen Anspruch auf die Be-
handlung eines Falles im erweiterten Verfahren. Im vorliegenden Fall seien
keine zeitaufwändigen Abklärungen nötig gewesen und der Sachverhalt
habe in den beiden Befragungen vollständig ermittelt werden können, wes-
halb es für eine Zuteilung ins erweiterte Verfahren keinen Anlass gegeben
habe.
In Bezug auf die in der Beschwerde vorgebrachte Kritik, das SEM habe
sich nicht zur aktuellen Lage in Sri Lanka geäussert, führte das SEM aus,
dass der Beschwerdeführer keine Verbindungen zur LTTE geltend ge-
macht habe. Das SEM habe bei der Beurteilung der Zumutbarkeit des Voll-
zugs der Wegweisung in die Nordprovinz gemäss dem Referenzurteil des
Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 die individuel-
len Risikofaktoren des Beschwerdeführers geprüft und sei zum Schluss
gekommen, dass es gemäss der Aktenlage keine Hinweise gebe, dass er
bei einer Rückkehr in den Fokus der Behörden geraten und verfolgt werden
sollte. Die Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 könne an dieser
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Einschätzung nichts ändern. Er habe keinen persönlichen Bezug zu die-
sem Ereignis respektive dessen Folgen geltend gemacht. Der pauschale
Hinweis auf eine politische Entwicklung reiche nicht aus. Es gebe zum jet-
zigen Zeitpunkt keinen Anlass zur Annahme, dass ganze Volksgruppen un-
ter dem neuen Präsidenten einer kollektiven Verfolgungsgefahr ausgesetzt
seien. Tamilische Medien hätten bislang über keine grossen Veränderun-
gen der Situation im tamilisch geprägten Norden und Osten des Landes
berichtet.
N.
Mit Replik vom 29. Januar 2020 hielt der Beschwerdeführer an seinen
Rechtsbegehren fest und beantragte die Gutheissung der Beschwerde.
O.
Am 7. Februar 2020 teilte das SEM dem Gericht mit, dass der Beschwer-
deführer in den Kanton F._ austrete und sich nicht mehr im BAZ
aufhalte.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
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daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Vorab sind die in der Beschwerde geltend gemachten formellen Rügen zu
beurteilen, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassation der vorinstanz-
lichen Verfügung zu bewirken.
3.1 In der Beschwerde wird gerügt, die Verfahrensgarantien des Be-
schwerdeführers seien verletzt worden. Es handle sich vorliegend um kei-
nen einfachen Fall, welcher im beschleunigten Verfahren hätte behandelt
werden können. Der Beschwerdeführer sei rund sieben Stunden angehört
worden und der Umfang der Verfügung zeige die Komplexität des Verfah-
rens. Die Rechtsvertretung habe in den kurzen Fristen weder eine ange-
messene Stellungnahme zum Entscheidentwurf noch eine wirksame Be-
schwerde, welche sich umfassend zur Glaubhaftigkeit der Vorbringen des
Beschwerdeführer hätte äussern können, einreichen können. Die Argu-
mentation des SEM könne in dieser Hinsicht nicht geteilt werden, es gelte
nicht nur die Untersuchungsmaxime, sondern es müssten auch die Verfah-
rensgarantien eingehalten werden, wie beispielsweise das Recht auf eine
wirksame Beschwerde nach Art. 13 EMRK. Die vorliegend verkürzte Be-
schwerdefrist stelle einen erheblichen Nachteil für den Beschwerdeführer
dar, welcher durch das Gericht durch Ansetzung einer Nachfrist zur Einrei-
chung einer materiell begründeten Beschwerde auszugleichen sei.
Bei der Beschwerdefrist im beschleunigten Verfahren handelt es sich tat-
sächlich um eine kurze Frist, welche eine Besonderheit des Asylverfahrens
gegenüber dem Verwaltungsverfahren darstellt. Die kurze Frist rechtfertigt
sich dadurch, dass den Asylsuchenden von Beginn an eine Rechtsvertre-
tung zugewiesen wird, welche sie während des gesamten Verfahrens, in-
klusive dem Beschwerdeverfahren, rechtlich vertritt. Die Rechtsvertretung
ist somit bei Beginn des Fristenlaufs der Beschwerdefrist bereits über den
Fall im Bilde. Ausserdem wird der Rechtsvertretung vor Entscheideröff-
nung ein Entscheidentwurf zur Stellungnahme unterbreitet, was vorliegend
korrekt gehandhabt wurde. Die Frist zur Einreichung einer Stellungnahme
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ist zwar ebenfalls sehr kurz bemessen. Dem Beschwerdeführer bezie-
hungsweise seiner Rechtsvertretung wäre indes offen gestanden, ein Fris-
terstreckungsgesuch zur Einreichung einer Stellungnahme beim SEM ein-
zureichen, was gemäss den vorinstanzlichen Akten vorliegend nicht erfolgt
ist. Das Bundesverwaltungsgericht verkennt nicht, dass es für die Rechts-
vertretung im Einzelfall aufgrund hoher Arbeitsbelastung und diverser Ter-
mine schwierig zu bewerkstelligen sein kann, die kurzen Fristen einzuhal-
ten. Andererseits handelt es sich bei diesen Aspekten (hohe Anhörungska-
denzen, grosse Arbeitsbelastung; vgl. Beschwerde S. 4) um Fragen der
internen Organisation des Leistungserbringers für die Rechtsvertretung im
BAZ. In Bezug auf die Beschwerdefrist ist sodann zu berücksichtigen, dass
sich die Rechtsvertretung schon vor Eröffnung der Verfügung beziehungs-
weise vor Beginn der Beschwerdefrist auf eine mögliche zu erhebende Be-
schwerde vorbereiten kann, da sie vorab aufgrund des zugestellten Ent-
scheidentwurfs mit der wesentlichen Begründung der Verfügung des SEM
vertraut ist.
Dem Beschwerdeführer ist zwar insofern beizustimmen, dass die beiden
Anhörungen insgesamt eher lange gedauert haben und die Erwägungen
der Vorinstanz zur Flüchtlingseigenschaft verhältnismässig umfassend
ausgefallen sind. Ebenfalls zutreffend weist der Beschwerdeführer darauf
hin, dass es sich bei der Erstanhörung vom 14. November 2019 nicht um
eine lediglich summarische Befragung im Sinne von Art. 26 Abs. 3 AsylG,
sondern um eine eigentliche ausführliche Anhörung gehandelt habe (vgl.
Beschwerde S. 4), was in der Tat nicht der gesetzlichen Konzeption der
Vorbereitungsphase gemäss Art. 26 AsylG entspricht. Dies alleine kann je-
doch nicht für die Komplexität eines Verfahrens sprechen. Vorliegend wur-
den verschiedene Vorbringen geltend gemacht, welche auf ihre Glaubhaf-
tigkeit geprüft wurden, weshalb sowohl die Befragungen als auch die Ver-
fügung umfangreich ausgefallen sind. In materieller Hinsicht handelt es
sich indes nicht um komplexe Rechts- beziehungsweise Sachfragen und
es waren keine weiteren Abklärungen notwendig. Vor diesem Hintergrund
kann darauf hingewiesen werden, dass grundsätzlich kein gesetzlicher An-
spruch auf die Behandlung eines Asylgesuchs im beschleunigten oder er-
weiterten Verfahren besteht beziehungsweise dass Asylsuchende gestützt
auf Art. 26d AsylG für sich keinen Anspruch auf Zuweisung des Asylge-
suchs ins erweiterte Verfahren geltend machen können (vgl. Urteil des
BVGer D-4089/2019 vom 30. August 2019, E.4.4). Zwar hat das SEM die
gesetzlich vorgesehene Behandlungsfrist für ein beschleunigtes Verfahren
(gemäss Art. 26c und Art. 37 Abs. 2 AsylG) vorliegend klarerweise nicht
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Seite 12
eingehalten; das Verfahren dauerte seit Gesuchseinreichung bis zum Er-
lass der erstinstanzlichen Verfügung anstatt der gesetzlich vorgesehenen
maximal 21 Tage für die Vorbereitungsphase (Art. 26 Abs. 1 AsylG) und
anschliessend 8 Arbeitstage für den Entscheid im beschleunigten Verfah-
ren (Art. 27 Abs. 2 AsylG) insgesamt 79 Tage. Allerdings hat das SEM nach
Durchführung der Anhörung gemäss Art. 29 AsylG zu Recht festgestellt,
dass keine weiteren Abklärungen erforderlich waren.
Die Rüge, die Verfahrensgarantien des Beschwerdeführers seien aufgrund
der Behandlung des Asylgesuchs im beschleunigten Verfahren verletzt
worden, geht nach dem Gesagten fehl.
3.2 In der Beschwerde wird ferner moniert, das SEM habe den Sachverhalt
nicht vollständig erstellt, da es sich in seiner Verfügung nicht zur aktuellen
Lage in Sri Lanka geäussert habe. Mit der Wahl von Gotabaya Rajapaksa
zum neuen Präsidenten habe sich die Lage für ethnische Minderheiten ver-
schlechtert und insbesondere die tamilische Minderheit befürchte, dass
wieder gegen Personen mit angeblichen Verbindungen zur LTTE vorge-
gangen werde. Eine aktuelle Lagebeurteilung wäre vorliegend erforderlich
gewesen.
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013,
Rz. 1043).
Der Beschwerdeführer hat auf Beschwerdestufe zu Recht gerügt, dass die
Vorinstanz sich in der ablehnenden Verfügung nicht zu den jüngsten politi-
schen Entwicklungen in Sri Lanka und zu den diplomatischen Spannungen
zwischen der Schweiz und Sri Lanka geäussert hat. Sinngemäss macht er
damit geltend, die Verfügung des SEM sei unzulänglich begründet. Im Rah-
men des Schriftenwechsels hat die Vorinstanz sich indes mit der aktuellen
Lage auseinandergesetzt und begründet, weshalb diese nichts an ihrer
Einschätzung hinsichtlich des Wegweisungsvollzugs zu ändern vermöge.
Der Verfahrensmangel wurde somit auf Vernehmlassungsstufe geheilt. Der
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Beschwerdeführer erhielt Gelegenheit, im Rahmen der Replik zur Ein-
schätzung des SEM Stellung zu nehmen. Aus dem ursprünglichen Verfah-
rensmangel ist ihm somit kein Rechtsnachteil erwachsen. Ob die Einschät-
zung des SEM vom Bundesverwaltungsgerichts geteilt wird, ist eine mate-
rielle Frage der rechtlichen Würdigung der Sache, welche in den materiel-
len Erwägungen zu prüfen sein wird.
3.3 In der Rechtsmitteleingabe wird ferner das Rechtsbegehren gestellt, es
sei eine Nachfrist von mindestens 23 Tagen anzusetzen, um dem Be-
schwerdeführer die Möglichkeit zu geben, sich umfassend zu den Erwä-
gungen der Vorinstanz zu äussern.
Wie bereits unter E.3.1 festgehalten, handelt es sich bei den Beschwerde-
fristen im beschleunigten Verfahren tatsächlich um kurze Fristen, welche
sich jedoch rechtfertigen lassen. Dabei handelt es sich um gesetzliche Fris-
ten, welche nicht erstreckt werden können (vgl. Art. 22 Abs. 1 VwVG) und
welche somit das Bundesverwaltungsgericht nicht durch eine Ansetzung
einer Nachfrist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung aushöhlen
kann. Dies würde dem Sinn und Zweck des beschleunigten Verfahrens ent-
gegenwirken, weshalb grundsätzlich keine Nachfrist mit dem Argument, die
Beschwerdefrist sei zu kurz gewesen, verlangt werden kann. Vorliegend
wurde ein Schriftenwechsel durchgeführt. Im Rahmen des Replikrechts
hatte der Beschwerdeführer Zeit, innert sieben Arbeitstagen ab Erhalt der
Zwischenverfügung Stellung zu nehmen. Am 29. Januar 2020 reichte der
Beschwerdeführer eine Replik ein, in welcher er sich jedoch nicht zu den
materiellen Erwägungen des SEM in Bezug auf seine Flüchtlingseigen-
schaft äusserte, sondern erneut festhielt, die kurze Beschwerdefrist habe
es ihm verunmöglicht, die Glaubhaftigkeitserwägungen im Rahmen des
beschleunigten Verfahrens ausreichend zu würdigen. Angesichts des Um-
stands, dass die Beschwerdeschrift vom 20. Dezember 2019 datiert und
der Beschwerdeführer eine Frist zur Einreichung einer Replik bis zum 31.
Januar 2020 hatte, ist nicht nachvollziehbar, inwiefern er in diesem Zeit-
raum keine Möglichkeit gehabt hätte, zu den Glaubhaftigkeitserwägungen
des SEM Stellung zu nehmen. Das Rechtsbegehren betreffend Fristerstre-
ckung ist abzuweisen.
3.4 Insgesamt besteht keine Veranlassung, die Sache aus formellen Grün-
den aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen.
4.
In der Rechtsmitteleingabe vom 20. Dezember 2019 wurde kein explizites
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Rechtsbegehren, um Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und Gewäh-
rung von Asyl gestellt. Aus der Beschwerdebegründung geht indes sinnge-
mäss hervor, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft er-
fülle, weshalb nachfolgend zu prüfen ist, ob das SEM die Flüchtlingseigen-
schaft des Beschwerdeführers zu Recht verneint und sein Asylgesuch zu
Recht abgewiesen hat.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG)
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Die Flüchtlingseigenschaft ist glaubhaft
gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit für gegeben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Glaubhaftma-
chung bedeutet im Gegensatz zum strikten Beweis ein reduziertes Beweis-
mass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den
Vorbringen. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das
Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend
für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Demgegenüber reicht
es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen
zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche
und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdar-
stellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob
die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len (BVGE 2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen,
die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüch-
lich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf ge-
fälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3
AsylG).
E-6774/2019
Seite 15
Die Glaubhaftigkeit von Aussagen asylsuchender Personen kann im Rah-
men eines inhaltsorientierten Ansatzes aufgrund sogenannter Realkenn-
zeichen beurteilt werden. Die Realkennzeichen ermöglichen eine Differen-
zierung zwischen erlebnisbasierten und erfundenen respektive verfälsch-
ten Aussagen. Je mehr Realkennzeichen eine Aussage enthält, desto grös-
ser ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Aussage auf eigenem Erleben be-
ruht. Dabei sind immer die Fähigkeiten der aussagenden Person und die
Komplexität des vorgebrachten Geschehens zu berücksichtigen. Zu den
Realkennzeichen gehören insbesondere die logische Konsistenz, die un-
geordnete, aber inhaltlich letztlich stimmige Darstellung, der quantitative
Detailreichtum, raum-zeitliche Verknüpfungen, die Wiedergabe von Ge-
sprächen, ausgefallene Einzelheiten, spontane Verbesserungen der eige-
nen Aussagen, das Eingeständnis von Erinnerungslücken sowie die Schil-
derung von Interaktionen, Komplikationen, Nebensächlichkeiten, unver-
standenen Handlungselementen und eigenen psychischen Vorgängen
(vgl. Urteil des BVGer E-1832/2017 vom 3. Dezember 2019, E.3.3 mit Ver-
weis auf: ANGELIKA BIRCK, Traumatisierte Flüchtlinge, Wie glaubhaft sind
ihre Aussagen?, Heidelberg 2002, S. 82 ff. und S. 139 ff.; REVITAL
LUDEWIG/DAPHNA TAVOR/SONJA BAUMER, Wie können aussagepsychologi-
sche Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten helfen?, in:
AJP 11/2011, S. 1423 ff.; vgl. auch BGE 129 I 49 E. 5 sowie BVGE 2015/3
E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1 und 2012/5 E. 2.2, jeweils m.w.H.).
6.
Im Folgenden ist unter Beachtung dieser Grundsätze zu prüfen, ob die Vor-
bringen des Beschwerdeführers als glaubhaft befunden werden können.
6.1 Vorab ist festzuhalten, dass die von der Vorinstanz vorgehaltenen Wi-
dersprüche in Bezug auf die Identitätspapiere des Beschwerdeführers
nicht derart erheblich sind, als dass diese bereits die Glaubwürdigkeit des
Beschwerdeführers in Zweifel ziehen würden. Der Beschwerdeführer hat
sowohl seine Identitätskarte als auch eine Familienkarte zu den Akten ge-
reicht, weshalb nicht davon auszugehen ist, dass er mit seinen Aussagen
über seine Reisepapiere seine Identität habe verschleiern wollen.
6.2 Die Vorinstanz kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
dass die Vorbringen des Beschwerdeführers nicht glaubhaft seien. Im Er-
gebnis ist dieser Auffassung zu folgen. Der Beschwerdeführer konnte kein
Verfolgungsinteresse der sri-lankischen Behörden glaubhaft machen.
E-6774/2019
Seite 16
6.2.1 Der Beschwerdeführer hat zum einen geltend gemacht, er habe im
Jahr 2009 für einen Studenten Informationen über vermisste Personen ge-
sammelt. Das SEM hat zu Recht festgestellt, dass seine Aussagen über
diese Tätigkeit substanzlos geblieben sind. Seine Ausführungen zu seinem
Vorgehen beim Sammeln von Informationen (vgl. SEM Akte 1051934-
22/21 [nachfolgend A22], F144-F152), wie auch zu dem Studenten und zur
Organisation, an welche der Student die Informationen weitergegeben
habe, blieben äusserst oberflächlich (vgl. Akte A22, F153-F160) und lassen
nicht den Eindruck entstehen, seine Aussagen würden auf persönlich Er-
lebtem basieren. Zum anderen habe der Beschwerdeführer an Demonst-
rationen teilgenommen. Aber auch seine Ausführungen zu den Demonst-
rationsteilnahmen blieben gesamthaft unsubstantiiert und er hat unter-
schiedliche Angaben gemacht, wie oft er insgesamt an Demonstrationen
teilgenommen habe (vgl. Akte A22, F28ff, F106-F111, F163f, F170). Vor
dem Hintergrund, dass er gemäss seinen Aussagen in der Folge einer De-
monstrationsteilnahme im Jahr 2014 verhaftet worden sei, ist nicht nach-
vollziehbar, weshalb er eben diese Teilnahme zuvor nicht erwähnt hat (vgl.
Akte A22, F35f, F161ff). Das SEM hat ausserdem zu Recht ausgeführt,
dass die Angaben des Beschwerdeführers, er sei an den Demonstrationen
fotografiert und identifiziert worden, nicht überzeugen (vgl. Akte A22,
F49ff).
Der Beschwerdeführer hat daneben angegeben, er sei in Sri Lanka auf-
grund der Demonstrationsteilnahmen und des Sammelns von Informatio-
nen vier Mal inhaftiert worden. Nachdem wie oben dargelegt, angezweifelt
wird, dass der Beschwerdeführer die von ihm vorgebrachten Tätigkeiten
ausgeübt habe, entbehren die Inhaftierungen einer Grundlage. Überdies
sind auch die Aussagen des Beschwerdeführers zu den Inhaftierungen
nicht überzeugend. Die Vorinstanz hat in der ablehnenden Verfügung tref-
fend dargelegt, inwiefern die geltend gemachten Inhaftierungen wider-
sprüchlich und unsubstantiiert seien. Das SEM hat zu Recht ausgeführt,
dass die Aussagen des Beschwerdeführers äusserst oberflächlich und
ohne deutliche Realkennzeichen ausgefallen sind. Beispielsweise blieben
seine Aussagen über seine Inhaftierung im Jahr 2017 über zahlreiche Fra-
gen hinweg einsilbig und äusserst oberflächlich (vgl. Akte A22, F40-F71)
und erwecken nicht den Eindruck, er schildere tatsächlich Erlebtes. Sowohl
die Beschreibung seiner Inhaftierung als auch seiner Zelle und seines Ta-
gesablaufs waren äusserst knapp und erlebnisgeprägte Merkmale fehlen
vollständig. Auch auf Nachfrage blieb ein Mindestmass an Detailreichtum
aus (vgl. Akte A22, F42ff, F61, F63ff). Die Ausführungen zu den weiteren
Inhaftierungen weisen ebenfalls keine Realkennzeichen auf (vgl. Akte A22,
E-6774/2019
Seite 17
F133-F142, F171-F173). Im Übrigen kann auf die ausführlichen und zutref-
fenden Erwägungen des SEM verwiesen werden (vgl. Sachverhalt Bst. G;
Verfügung des SEM vom 11. Dezember 2019, E.II.1.b).
6.3 Der Beschwerdeführer hat ferner vorgebracht, er habe im Jahr 2013
während etwa vier Monaten bei Wahlkampagnen für die TNA mitgeholfen.
Die Vorinstanz hat diesbezüglich treffend dargelegt, dass das Wissen des
Beschwerdeführers über die TNA gering gewesen ist. Der Beschwerdefüh-
rer konnte weder angeben, wie die Wahlen ausgegangen seien, noch
wusste er, welche Parteien der TNA angehört hätten (vgl. SEM Akte
1051934-20/20 [nachfolgend Akte A20] F105f, F109ff). Des Weiteren
wusste er auch nicht, für welche Kandidaten er Flugblätter verteilt habe und
welche Parteien der TNA Kandidaten gestellt hätten (vgl. Akte A20, F155ff).
Ferner konnte er nicht angeben, woher seine Freunde die Plakate und
Flugblätter erhalten hätten und ob es ein Parteilokal gegeben habe (vgl.
Akte A20, F174ff). Es ist nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer
bei einer Wahlkampagne mitgeholfen und so wenig darüber gewusst habe.
Im Übrigen ist festzuhalten, dass auch bei unterstellter Glaubhaftigkeit der
Tätigkeit für die TNA im Jahr 2013 nicht davon auszugehen ist, dass diese
negative Konsequenzen für den Beschwerdeführer mit sich gezogen hätte
beziehungsweise dass er aufgrund seiner Tätigkeit für die TNA in den Fo-
kus der Behörden gelangt wäre. Er sei weder ein Mitglied einer Partei noch
sonst auf eine Weise politisch aktiv gewesen und habe seit 2013 keine
weiteren Tätigkeiten für die TNA mehr unternommen (vgl. Akte A20, F99-
F101). Hinzukommend gab er an, er sei von den Behörden nie auf seine
Wahltätigkeiten angesprochen worden (vgl. Akte A22, F167).
6.4 Nachdem die Vorbringen des Beschwerdeführers in Bezug auf die
Wahltätigkeiten, das Sammeln von Informationen und die Inhaftierungen
nicht glaubhaft geworden sind, ist nicht davon auszugehen, dass der CID
ein Interesse am Beschwerdeführer gehabt hätte. Ausserdem fielen auch
seine Aussagen zur behördlichen Suche nach ihm bei seinen Eltern vage
aus. Er hat zwar an den beiden Befragungen übereinstimmend ausgesagt,
dass der CID im April 2018 bei seinen Eltern nach ihm gesucht habe (vgl.
Akte A20, F64, F71; Akte A22, F117). In der zweiten Befragung brachte er
indes noch einen zweiten Besuch der CID bei seinen Eltern im Oktober
2017 vor (vgl. Akte A22, F117), welchen er in der ersten Befragung nicht
erwähnt hatte. Er konnte ausserdem nichts Weiteres über die Besuche der
CID bei seinen Eltern erzählen, sondern gab lediglich an, er wisse nicht,
weshalb diese ihn aufgesucht hätten und er habe auch nichts Schriftliches
erhalten (vgl. Akte A22, F119ff). Sein Vater habe nicht viel darüber erzählt
E-6774/2019
Seite 18
und er habe dem Vater keine Fragen gestellt (vgl. Akte A22, F114f). Es
erscheint wenig plausibel, dass der Beschwerdeführer nicht mehr über
diese Besuche von seinem Vater hätte erfahren wollen, obschon diese der
Grund für seinen Wegzug aus seinem Elternhaus gewesen seien. Auch
nach seiner Ausreise habe der CID sich einmal bei seinen Eltern nach ihm
erkundigt. Seine Aussage, der Vater habe dem CID gesagt, der Beschwer-
deführer befinde sich an seinem Arbeitsplatz und er habe keinen Kontakt
zu ihm (vgl. Akte A22, F213f), ist ebenfalls nicht plausibel. Hätte der CID
tatsächlich ein Interesse an ihm gehabt, hätte er wohl vom Vater Genaue-
res über den Verbleib des Beschwerdeführers und seine aktuelle Adresse
beziehungsweise zumindest die Adresse seines Arbeitsplatzes wissen wol-
len.
6.5 Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer ange-
geben hat, dass seine Familienangehörigen keine Benachteiligungen erlit-
ten hätten (vgl. A20, F55). Bei seiner Tante, bei welcher er vor seiner Aus-
reise gewohnt habe, sei nie nach ihm gefragt worden (vgl. Akte A22, F215).
Hätten die sri-lankischen Behörden tatsächlich ein Interesse an dem Be-
schwerdeführer, wäre zu erwarten, dass die behördliche Suche intensiver
ausgefallen wäre. Insgesamt sind sowohl seine politischen Tätigkeiten als
auch die Inhaftierungen und die behördliche Suche nach ihm äusserst un-
substantiiert ausgefallen und können nicht geglaubt werden.
6.6 Das SEM hielt im Weiteren unter Verweis auf die bundesverwaltungs-
gerichtliche Rechtsprechung in der ablehnenden Verfügung treffend fest,
dass dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka keine
flüchtlingsrelevante Gefahr drohe. Im Zusammenhang mit der Rückkehr
nach Sri Lanka hielt das Bundesverwaltungsgericht im Referenzurteil
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 fest, bestimmte Risikofaktoren (Eintrag in
die „Stop-List“, Verbindung zu den LTTE und exilpolitische Aktivitäten)
seien als stark risikobegründend zu qualifizieren, da sie bei einer Rückkehr
ins Heimatland bereits für sich alleine genommen zur Bejahung einer be-
gründeten Furcht führen könnten. Demgegenüber würden das Fehlen or-
dentlicher Identitätsdokumente, eine zwangsweise respektive durch die In-
ternationale Organisation für Migration (IOM) begleitete Rückführung so-
wie gut sichtbare Narben schwach risikobegründende Faktoren darstellen.
Dies bedeute, dass diese in der Regel für sich alleine genommen keine
relevante Furcht vor ernsthaften Nachteilen zu begründen vermöchten.
Jegliche glaubhaft gemachten Risikofaktoren seien in einer Gesamtschau
und in ihrer Wechselwirkung sowie unter Berücksichtigung der konkreten
Umstände in einer Einzelfallprüfung zu berücksichtigen, mit dem Ziel, zu
E-6774/2019
Seite 19
erwägen, ob mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine flüchtlingsrechtlich
relevante Verfolgung bejaht werden müsse (vgl. a.a.O. E. 8.5.5).
Im vorliegenden Fall sind keine ausreichenden risikobegründenden Fakto-
ren im Sinne der zitierten Rechtsprechung ersichtlich. Die Ausreise mit ei-
nem gefälschten Pass und die tamilische Ethnie des Beschwerdeführers
vermögen kein flüchtlingsrechtliches Risikoprofil im beschriebenen Sinne
zu begründen. Weitere risikobegründende Faktoren sind nicht ersichtlich.
Auch die jüngsten Ereignisse in Sri Lanka vermögen an dieser Einschät-
zung nichts zu ändern. Am 16. November 2019 wurde Gotabaya Rajapa-
ksa zum neuen Präsidenten Sri Lankas gewählt (vgl. Neue Zürcher Zeitung
[NZZ], In Sri Lanka kehrt der Rajapaksa-Clan an die Macht zurück,
17.11.2019; https://www.theguardian.com/world/2019/nov/17/sri-lanka-
presidential-candidate-rajapaksa-premadas-count-continues, abgerufen
am 05.03.2020). Gotabaya Rajapaksa war unter seinem älteren Bruder,
dem ehemaligen Präsidenten Mahinda Rajapaksa, der von 2005 bis 2015
an der Macht war, Verteidigungssekretär. Er wurde angeklagt, zahlreiche
Verbrechen gegen Journalistinnen und Journalisten sowie Aktivisten be-
gangen zu haben. Zudem wird er von Beobachtern für Menschenrechts-
verletzungen und Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht; er bestreitet
die Anschuldigungen (vgl. Human Rights Watch: World Report 2020 – Sri
Lanka, 14.01.2020). Kurz nach der Wahl ernannte der neue Präsident sei-
nen Bruder Mahinda zum Premierminister und band einen weiteren Bruder,
Chamal Rajapaksa, in die Regierung ein; die drei Brüder Gotabaya, Ma-
hinda und Chamal Rajapaksa kontrollieren im neuen Regierungskabinett
zusammen zahlreiche Regierungsabteilungen oder -institutionen (vgl.
https://www.aninews.in/news/world/asia/sri-lanka-35-including-presidents-
brother-chamal-rajapksa-sworn-in-as-ministers-of-state20191127174753/,
abgerufen am 04.03.2020). Beobachter und ethnische / religiöse Minder-
heiten befürchten insbesondere mehr Repression und die vermehrte Über-
wachung von Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, Journalistinnen
und Journalisten, Oppositionellen und regierungskritischen Personen (vgl.
Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH]: Regierungswechsel weckt Ängste
bei Minderheiten, 21.11.2019). Anfang März 2020 löste Gotabaya Rajapa-
ksa das Parlament vorzeitig auf und kündigte Neuwahlen an (vgl. NZZ, Sri
Lankas Präsident löst das Parlament auf, 03.03.2020).
Das Bundesverwaltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka
bewusst. Es beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt
diese bei seiner Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand
E-6774/2019
Seite 20
durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage auszu-
gehen, der Personen mit einem bestimmten Risikoprofil ausgesetzt sind
beziehungsweise bereits vorher ausgesetzt waren (vgl. Referenzurteil des
Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016, HRW, Sri
Lanka: Families of "Disappeared" Threatened, 16.02.2020). Dennoch gibt
es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem
Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer
Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im Ein-
zelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Personen
zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 respektive deren Fol-
gen besteht. Für den Beschwerdeführer ist das nach dem Gesagten zu
verneinen.
An der Lageeinschätzung des Referenzurteils E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 ist weiterhin festzuhalten. Aus den Akten ist auch unter Berücksichti-
gung der aktuellen Lage in Sri Lanka keine auf die Person des Beschwer-
deführers bezogene konkrete Gefährdung erkennbar.
6.7 Vor diesem Hintergrund ist auch seine geäusserte Befürchtung, er
werde bei einer Rückkehr nach Sri Lanka wie seine Freunde umgebracht
(vgl. Akte A22, F206f), objektiv nicht begründet. Seine Befürchtung begrün-
dete er im Übrigen mit seiner Demonstrationsteilnahme und dem Sammeln
von Informationen, welche gemäss den obigen Erwägungen anzuzweifeln
sind und auch keine glaubhaften negativen Konsequenzen mit sich gezo-
gen haben. Die vom Beschwerdeführer eingereichten Zeitungsartikel zu
den Tötungen seiner Freunde vermögen an der Einschätzung, dass er kein
Profil aufweist, welches für die Behörden von Interesse sein könnte, nichts
zu ändern. Aus den eingereichten Zeitungsartikeln lassen sich keine Hin-
weise entnehmen, wonach es eine Verbindung zwischen dem Beschwer-
deführer und den Ermordungen der in den Artikeln genannten Personen
gäbe. Um Wiederholungen zu vermeiden, kann auf die diesbezüglichen
Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (vgl. Sachverhalt Bst. G;
Verfügung des SEM vom 11. Dezember 2019, E.II.1.d).
6.8 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht, was
geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat sein Asylgesuch zu Recht abge-
lehnt.
E-6774/2019
Seite 21
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
E-6774/2019
Seite 22
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des
Beschwerdeführers noch der übrigen Akten Anhaltspunkte dafür, dass er
für den Fall einer Ausschaffung nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder FoK verbotenen Strafe oder
Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des EGMR sowie jener
des UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine kon-
krete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im
Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen
würden (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008,
Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.).
In der Beschwerde wurde unter Beilage von zwei Artikeln darauf hingewie-
sen, dass seit der Wahl von Gotabaya Rajapaksa zum neuen sri-lanki-
schen Präsidenten die tamilische Minderheit befürchte, dass wieder gegen
Personen mit angeblicher Verbindung zur LTTE vorgegangen werde; das
SEM hätte eine aktuelle Lagebeurteilung vornehmen müssen. In der Ver-
nehmlassung führte die Vorinstanz aus, dass die Wahl von Gotabaya Raja-
paksa zum Präsidenten Sri Lankas nichts an den vorinstanzlichen Erwä-
gungen zu ändern vermöge. Unter Verweis auf diverse Quellen hielt die
Vorinstanz zwar fest, dass es seit der Wahl erste Anzeichen der Zunahme
von Überwachungsaktivitäten gebe und Befürchtungen von mehr Repres-
sion und Überwachung von Menschenrechtsaktivisten, Journalisten, Op-
positionellen, regierungskritischen Personen und Minderheiten bestünden.
Es gebe derzeit jedoch keinen konkreten Anlass zur Annahme, dass ganze
Volksgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt seien. Tamili-
sche Medien hätten sodann nicht von namhaften Veränderungen der Situ-
ation im tamilisch geprägten Norden und Osten des Landes berichtet. Vo-
raussetzung für die Annahme einer Verfolgungsgefahr aufgrund der Präsi-
dentschaftswahl sei ein persönlicher Bezug eines Gesuchstellers bezie-
hungsweise Beschwerdeführers zu diesem Ereignis respektive dessen
Folgen. Pauschal auf eine politische Entwicklung hinzuweisen, reiche nicht
aus.
E-6774/2019
Seite 23
Wie bereits unter E.3.2 festgestellt, wäre die Vorinstanz gehalten gewesen,
in ihrer Verfügung die aktuelle Lage in Sri Lanka zu berücksichtigen. In ihrer
Vernehmlassung hat sie nun nachträglich eine Lageeinschätzung vorge-
nommen, welche im Ergebnis im vorliegenden Fall bestätigt werden kann.
Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts lassen weder
die Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie noch die allgemeine Menschen-
rechtssituation in Sri Lanka den Wegweisungsvollzug als unzulässig er-
scheinen (vgl. Referenzurteil E-1866/2015 E. 2.2 f.). An dieser Einschät-
zung ist auch unter Berücksichtigung der jüngsten politischen Entwicklun-
gen in Sri Lanka (vgl. oben E.6.6) festzuhalten. Auch im Hinblick auf die
diplomatischen Unstimmigkeiten zwischen der sri-lankischen und der
schweizerischen Regierung (nach der Entführung einer Angestellten der
schweizerischen Botschaft in Sri Lanka am 25. November 2019) besteht
kein konkreter Grund zur Annahme, die allgemeinen politischen Entwick-
lungen in Sri Lanka könnten sich zum heutigen Zeitpunkt auf den Be-
schwerdeführer auswirken (vgl. Entscheid D-1466/2020 vom 23. März
2020 E.7.2.2). Der EGMR hat zudem wiederholt festgestellt, dass nicht ge-
nerell davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe in Sri Lanka
eine unmenschliche Behandlung. Eine Risikoeinschätzung müsse im Ein-
zelfall vorgenommen werden (vgl. Urteil des EGMR R.J. gegen Frankreich
vom 19. September 2013, Nr. 10466/11; Rechtsprechung zuletzt bestätigt
in J.G. gegen Polen vom 11. Juli 2017, Nr. 44114/14). Aus den Akten erge-
ben sich keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
Massnahmen zu befürchten hätte, die über einen so genannten „Back-
ground Check“ (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im In- und
Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich gefährdet wäre.
Der Vollzug der Wegweisung ist somit zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Nach einer eingehen-
E-6774/2019
Seite 24
den Analyse der sicherheitspolitischen Lage in Sri Lanka ist das Bundes-
verwaltungsgericht zum Schluss gekommen, dass der Wegweisungsvoll-
zug in die Nordprovinz (mit Ausnahme des „Vanni-Gebiets“) zumutbar ist,
wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere
Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes so-
wie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) be-
jaht werden kann (vgl. Referenzurteil E- 1866/2015 E. 13.2). In einem wei-
teren als Referenzurteil publizierten Entscheid vom 16. Oktober 2017 er-
achtet das Bundesverwaltungsgericht auch den Wegweisungsvollzug ins
„Vanni-Gebiet“ als zumutbar (vgl. Urteil D-3619/2016 vom 16. Oktober
2017 E. 9.5). An dieser Einschätzung vermögen auch die aktuellen Ereig-
nisse in Sri Lanka nichts zu ändern.
8.3.3 Auch aus individueller Sicht erweist sich der Vollzug der Wegweisung
des Beschwerdeführers nach Sri Lanka als zumutbar. Gemäss seinen Aus-
sagen, welche durch das auf Beschwerdeebene eingereichte Schreiben
seines Vaters bestätigt werden, hat er von seiner Geburt bis zu seiner Aus-
reise im Dorf B._ im Distrikt G._ in der Nordprovinz gelebt.
Seine Eltern und zwei Geschwister befinden sich nach wie vor in seinem
Heimatdorf. Seine Familie gehöre seinen Angaben gemäss der Mittel-
schicht an (vgl. Akte A20, F49). Auch weitere Geschwister sowie Tanten
und Onkel befinden sich in Sri Lanka. Der Beschwerdeführer kann somit
auf ein tragfähiges Beziehungsnetz, welches ihn bei der Rückkehr unter-
stützen kann, zurückgreifen. Er kann überdies Arbeitserfahrung als Maler,
Maurer und Hilfsarbeiter vorweisen und es ist ihm zuzumuten, in Sri Lanka
wieder eine entsprechende Arbeit aufzunehmen. Der Beschwerdeführer ist
zudem erst im November 2018 ausgereist und es kann davon ausgegan-
gen werden, dass ihm eine wirtschaftliche und soziale Wiedereingliede-
rung – nötigenfalls mit Hilfe seiner Familie – gelingen wird.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
E-6774/2019
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9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Zwischenver-
fügung vom 9. Januar 2020 wurde indes das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege gutgeheissen. Dem Beschwerdeführer sind
deshalb trotz Unterliegens keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
E-6774/2019
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