Decision ID: db9fd842-b233-4290-85e2-2831ee882dc4
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
stellte am 1
4.
Dezember 2016 bei der Direktion der Justiz des Kantons Zürich, Kantonale Opferhilfestelle, ein Gesuch um finanzielle Leis
tungen (Opferhilfegesuch,
Urk.
9/1). Als Geschädigte gab er sich,
Z._
und ihre Tochter
Y._
an (
Urk.
9/1 S.
1 f.
Ziff.
1). Sinngemäss führte er aus, die Gesellschaft
A._
, würde ihnen die Wohnungsschlüssel einer Wohnung in Locarno nicht herausgeben, trotz eines Gerichtsurteils vom
5.
Oktober 2016 (
Urk.
9/1 S. 5
Ziff.
5 oben). Er beantragte die Übernahme der Kosten für einen Aufenthalt in einem
Bed
+ Breakfast in Höhe von
Fr.
625.-- pro Woche als Soforthilfe, solange bis
ihnen die Wohnungsschlüssel ausgehändigt worden seien (
Urk.
9/1 S. 5
Ziff.
6).
Mit Verfügung vom 2
0.
Dezember 2016 (
Urk.
9/5 =
Urk.
2) wies die Kanto
nale Opferhilfestelle das Gesuch ab.
2.
Die Geschädigten erhoben am 2
1.
Dezember 2016 Beschwerde gegen die Ver
fügung vom 2
0.
Dezember 2016 (
Urk.
2) und ersuchten um Gewährung der beantragten Soforthilfe (
Urk.
1 unten). Mit Eingabe vom 2
6.
Dezember 2016 beantragten sie die Bestellung eines Rechtsanwaltes als unentgeltlichen Rechts
vertreter und vorsorgliche Massnahmen (
Urk.
4 S. 1). Am
6.
Januar 2017
reichten sie beim hiesigen Gericht eine weitere Eingabe (
Urk.
6) ein.
Die Kantonale Opferhilfestelle beantragte am 1
6.
Januar 2017 (
Urk.
8) die Abweisung der Beschwerde und verzichtete im Übrigen auf eine Stellung
nahme, was den Beschwerdeführenden am 2
4.
Januar 2017 zur Kenntnis ge
bracht wurde (
Urk.
11).
Der Einzelrichter

zieht in Erwägung:
1.
Da der Streitwert
Fr.
20’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der
BeschwerdeKlage
in die einzelrichterliche Zuständigkeit (
§
11
Abs.
1 des Ge
set
zes über das Sozialversicherungsgericht).
2.
2.1
Hilfe nach dem Bundesgesetz über die Opferhilfe (OHG) erhält jede Person, die durch eine Straftat in ihrer körperlichen, sexuellen oder psychischen In
te
grität unmittelbar beeinträchtigt worden ist (Opfer), und zwar unabhängig davon, ob die Täterschaft ermittelt worden ist, ob sie vorsätzlich oder fahr
lässig gehandelt oder ob sie sich schuldhaft verhalten hat (
Art.
1
Abs.
1 und 3
OHG). Im revidierten Opferhilfegesetz wurde der bisherige gesetzliche Be
griff des Opfers unverändert übernommen (BGE 134 II 33 E. 5.5 mit Hinwei
sen). Der Gesetzgeber hat indes darauf verzichtet, einzelne Straftatbestände zu bezeichnen, die eine Opferstellung bewirken.
2.2
Die Beratungsstellen leisten dem Opfer und seinen Angehörigen sofort Hilfe für die dringendsten Bedürfnisse, die als Folge der Straftat entstehen (Sofort
hilfe,
Art.
13
Abs.
1 OHG).
2.3
Das Opfer und seine Angehörigen haben Anspruch auf eine Entschädigung für den erlittenen Schaden infolge Beeinträchtigung oder Tod des Opfers (
Art.
19
Abs.
1 OHG).
Nach
Art.
21 OHG gewährt die zuständige kantonale Behörde einen Vor
schuss auf eine Entschädigung, wenn die anspruchsberechtigte Person sofor
tige finanzielle Hilfe benötigt (
lit
. a); und die Folgen der Straftat kurzfristig nicht mit hinreichender Sicherheit festzustellen sind (
lit
. b).
2.4
Nach der Rechtsprechung sind die Anforderungen an den Nachweis einer die Opferstellung begründenden Straftat je nach dem Zeitpunkt sowie nach Art und Umfang der beanspruchten Hilfe unterschiedlich hoch. Während die Zusprechung einer Genugtuung oder einer Entschädigung den Nachweis der Opferstellung und damit auch einer tatbestandsmässigen und rechtswidrigen Straftat voraussetzt, genügt es für die Wahrnehmung der Rechte des Opfers im Strafverfahren, dass eine die Opferstellung begründende Straftat ernsthaft in Betracht fällt. Gleiches gilt für die Soforthilfen. Damit diese ihren Zweck erfüllen können, müssen sie rasch gewährt werden, bevor endgültig feststeht,
ob ein tatbestandsmässiges und rechtswidriges Verhalten des Täters zu beja
hen ist oder nicht. Dagegen kann die Gewährung von Langzeithilfe unter Umständen von den ersten Ergebnissen des Ermittlungsverfahrens abhängig gemacht werden (BGE 125 II 265 E. 2c/
aa
mit Hinweisen).
3.
3.1
Der Beschwerdegegner stellte in der angefochtenen Verfügung darauf ab, aufgrund der eingereichten Akten könne nicht davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführenden Opfer im Sinne des Opferhilfegesetzes gewor
den seien. Aus einer Kopie eines Entscheides des
Pretore
della
Giurisdizione
di Locarno-
Città
vom
5.
Oktober 2016 gehe nicht im Detail hervor, worum es beim behaupteten Sachverhalt überhaupt gehe. Es handle sich lediglich um einen Auszug eines Entscheides, wonach die
A._
, einen Schlüssel an den Beschwerdeführer 1 zu senden habe. Es müsse davon ausgegangen werden, dass es sich um einen zivilrechtlichen Rechtsstreit handle, der auch auf diesem Weg zu erledigen sei. Der Beschwerdeführer 1 habe - sofern er im Recht sei - die Möglichkeit, Massnahmen auf dem
Zivil
weg
zu ergreifen, die ihm den Zugang zur Wohnung ermöglichten. So könne er insbesondere Vollstreckungsmassnahmen bis hin zur Ersatzvornahme im Sinne von
Art.
343
Abs.
1
lit
. e der Eidgenössischen Zivilprozessordnung (ZPO) verlangen und könne sich mit Hilfe eines Schlüsseldienstes Zugang zur Wohnung verschaffen.
Es sei nicht ersichtlich, inwiefern vorliegend die Tatbestandselemente einer Nötigung im Sinne von
Art.
181 des Strafgesetzbuches (StGB) erfüllt sein sollten (
Urk.
2 S. 2
Ziff.
2).
3.2
Die Beschwerdeführenden brachten vor, sie seien die Berechtigten für die Wohnung. Es stehe nicht in Frage, dass der Vermieter die Schlüssel habe und sie deswegen nicht in ihre Wohnung könnten. Dabei handle es sich um eine Verletzung von
Art.
181 StGB und damit um eine Straftat (
Urk.
1).
Mit ergänzender Eingabe vom 2
6.
Dezember 2016 führten die Beschwerde
führenden aus, sie hätten bei der Polizei in Locarno eine Strafanzeige gegen die Vermieterin eingereicht (
Urk.
4 S. 1 oben). Sie benötigten Soforthilfe für die Bezahlung der Ferienwohnung (
Bed
+ Breakfast). Die Sache sei kompli
ziert, weshalb sie auch einen Anwalt benötigten (S. 1 Mitte). Neben Nötigung handle es sich auch um Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung und seien die
Art.
122 und
Art.
125 StGB erfüllt (S. 2).
3.3
Strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdeführenden einen Anspruch auf
Übernahme der Kosten für den Aufenthalt der Familie in einer Ferienwoh
nu
ng (
Bed
+ Breakfast) in
B._
haben.
4.
4.1
Es ist in erster Linie Sache der Strafbehörden, das Vorliegen einer Straftat abzuklären (Urteil des Bundesgerichts 1A.110/2003 vom 2
8.
Oktober 2003, E.
3.2). Eine Straftat im Sinne des OHG liegt grundsätzlich vor, wenn der objektive Straftatbestand erfüllt und kein Rechtfertigungsgrund gegeben ist (BGE 125 II 265 E. 2a/
bb
, 123 II 241 E. 3c, 122 II 215 E. 3b).
4.2
Art.
181
Abs.
1 StGB sieht vor: „Wer jemanden durch Gewalt oder Andro
hu
ng ernstlicher Nachteile oder durch andere Beschränkung seiner Hand
lungs
frei
heit nötigt, etwas zu tun, zu unterlassen oder zu dulden, wird mit Freiheits
strafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.“
4.3
Die Beschwerdeführenden
reichten
dem Gericht einen Entscheid des Kantons Tessin vom
5.
Oktober
2016 (
Urk.
9/1/1 =
Urk.
3) ein. Es fehlen jedoch mehrere Seiten des Urteils.
Die Beschwerdeführenden reichten zudem ärztliche Atteste von
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 1
8.
Februar
und vom 2
5.
April 2016 (
Urk.
5/4-5) ein.
Dr.
C._
bestätigte darin, dass de
r Beschwerdeführer 1 durch die Krankheit seiner Ehefrau und seiner Toch
ter belastet sei und seine Ehefrau an einer chronischen Krankheit leide.
Wie bereits der Beschwerdegegner festgestellt hat, muss gemäss dem Ent
scheid des Kantons Tessin vom
5.
Oktober 2016 von einer Zivilstreitigkeit betreffend Zustellung von Wohnungsschlüsseln zwischen den Beschwerde
führenden und der
A._
, ausgegangen werden. Dass der Gesellschaft ein strafbares Verhalten vorzuwerfen wäre, lässt sich dem Entscheid des Kantons Tessin und den weiteren Akten aber nicht entnehmen. Auch lässt sich nicht abschätzen, ob und falls ja, weshalb den
Beschwerde
führerenden
die Wohnungsschlüssel und damit der Zugang zu ihrer Woh
nung in Locarno vorenthalten werden, wie sie behaupteten. Bei dieser Aus
gangslage ist nicht ersichtlich, inwiefern die
A._
den Straftat
bestand der Nötigung nach
Art.
181 StGB erfüllt haben sollte. Ebenso wenig bestehen Anhaltspunkte, dass die Gesellschaft
Art.
122 StGB (vorsätzliche schwere Körperverletzung),
Art.
125 StGB (fahrlässige Köperverletzung) oder
Art.
186 (Hausfriedensbruch) erfüllt haben könnte (
Urk.
4 S. 2). Auch unter
Berücksichtigung der beschränkten Prüfungspflicht bei beantragter Sofort
hilfe (E.
2.4 hiervor) kann nicht auf ein mögliches strafbares Verhalten ge
schlossen werden.
Aus den Eingaben der Beschwerdeführerenden ergibt sich, dass sich diese in einer schwierigen Situation befinden. Der Beschwerdegegner hat die Be
schwerdeführenden im angefochtenen Entscheid jedoch bereits darauf hin
gewiesen, dass die Möglichkeit bestünde, mit Hilfe eines Schlüsseldienstes in die Wohnung zu gelangen oder Vollstreckungsmassnahmen bis zur
Ersatz
vornahme
im Sinne von
Art.
343
Abs.
1
lit
. e ZPO zu verlangen. Ein Anspruch nach Opferhilfegesetz scheidet mangels Opfereigenschaft der Beschwerdeführerenden jedenfalls aus.
4.4
Da kein strafbares Verhalten der
A._
ersichtlich ist, fehlt es zusammenfassend an der Opfereigenschaft der Beschwerdeführerenden. Ein Anspruch auf Übernahme der Kosten einer Ferienwohnung als Soforthilfe sowie auf vorsorgliche Massnahmen besteht daher nicht.
Die angefochtene Verfügung vom 2
0.
Dezember 2016 erweist sich nach dem Gesagten als rechtens. Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.
5.
5.1
Die Beschwerdeführerenden beantragten am 2
6.
Dezember 2016 die Bestel
lung eines unentgeltlichen Rechtsvertreters (
Urk.
4 S. 1 oben).
Nach Gesetz und Praxis sind in der Regel die Voraus
setzungen für die Be
willigung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsvertretung erfüllt, wenn der Prozess nicht aussichtslos, die Partei bedürftig und die anwaltliche
Verbeistän
dung
notwendig oder doch geboten ist (BGE 103 V 46, 100 V 61, 98 V 115).
5.2
Vorliegend fehlt es an der Voraussetzung der fehlenden Aussichtslosigkeit der Beschwerde, nachdem nach Lage der Akten kein strafbares Verhalten der
A._
ersichtlich ist. Das Gesuch um Bestellung eines unentgelt
lichen Rechtsvertreters ist daher infolge Aussichtslosigkeit abzuweisen.