Decision ID: 158b9d5d-537d-4b50-9a46-0965901a0e63
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) war als Z._ bei der B._ AG, Region D._,
Betriebsstelle E._, angestellt (vgl. act. G 3.1 f.) und dadurch bei der Pensionskasse
B._ berufsvorsorgerechtlich versichert (vgl. IV-act. 1-1 f. und act. G 7.1-1).
A.a.
Nach dem Erlass mehrerer Vorbescheide (vgl. act. G 7.1-3 ff.) sprach die IV-Stelle
des Kantons Thurgau (nachfolgend: IV-Stelle) dem Versicherten mit Verfügung vom 12.
Juli 2016 für die Zeit ab 1. August 2016 basierend auf einem Valideneinkommen von Fr.
88'553.75 und einem Invaliditätsgrad von 71 % eine ganze Invalidenrente zu (vgl. act.
G 7.1-10 und G 1.3). Mit Verfügung vom 16. August 2016 sprach sie ihm ausserdem
rückwirkend für die Zeit vom 1. Oktober 2013 bis 31. Juli 2016 eine ganze Rente zu
(vgl. act. G 7.1-9; zum entsprechenden Beschluss vgl. act. G 7.1-6).
A.b.
Mit Schreiben vom 19. Dezember 2016 orientierte die Pensionskasse B._ den
Versicherten darüber, dass sie ihm rückwirkend ab 1. Mai 2014 eine
berufsvorsorgerechtliche Rente auszahlen werde (vgl. act. G 7.1-14). Sie legte dem
Schreiben eine Überentschädigungsberechnung bei, die auf dem Valideneinkommen
von Fr. 103'182.65, wie es im letzten Vorbescheid der IV-Stelle vom 30. November
2015 festgelegt worden war (vgl. act. G 7.1-5), basierte (vgl. act. G 7.1-14).
A.c.
Mit Mitteilung vom 24. Juni 2020 informierte die IV-Stelle den Versicherten
darüber, dass im Rahmen einer Überprüfung des Invaliditätsgrades keine Änderung
festgestellt worden sei, sodass er weiterhin Anspruch auf die bisherige Invalidenrente
gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 71 % habe (act. G 7.1-18).
A.d.
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Im Rahmen einer periodischen Überprüfung des Rentenanspruchs (vgl. dazu act.
G 7.1-19 ff.) realisierte die Pensionskasse B._, dass in der Mitteilung vom 24. Juni
2020 von einem Invaliditätsgrad von 71 % (vgl. act. G 7.1-18) und nicht mehr wie im
Vorbescheid vom 30. November 2015 von einem solchen von 55 % (vgl. act. G 7.1-5)
ausgegangen worden war (vgl. act. G 11 S. 4). Aus diesem Grund bat sie die IV-Stelle
mit Schreiben vom 31. März 2021 um Zustellung des gesamten IV-Dossiers des
Versicherten (vgl. act. G 7.1-21).
A.e.
Mit Schreiben vom 25. Mai 2021 informierte die Pensionskasse B._ den
Versicherten darüber, dass sie aufgrund festgestellter Ungereimtheiten die IV-
Unterlagen eingefordert habe. Aus diesen Unterlagen gehe hervor, dass der im
Vorbescheid vom 30. November 2015 angenommene Invaliditätsgrad von 55 % auf
einem Einkommensvergleich zwischen einem jährlichen Valideneinkommen von Fr.
103'182.65 und einem jährlichen Invalideneinkommen von Fr. 46'347.65 basiere.
Gegen den Vorbescheid habe der Versicherte am 13. Januar 2016 einen Einwand
erhoben und darin das Invalideneinkommen bestritten. In der Folge habe die IV-Stelle
sowohl das Valideneinkommen als auch das Invalideneinkommen überprüft und neu
festgelegt. Das Valideneinkommen sei neu auf Fr. 88'553.75 und das
Invalideneinkommen auf Fr. 25'837.-- korrigiert worden, was zum neuen
Invaliditätsgrad von 71 % geführt habe. Leider sei sie als Pensionskasse weder von der
IV-Stelle noch vom Versicherten über die neuen Einkommenswerte informiert worden,
weshalb sie ihrer Überentschädigungsberechnung einen zu hohen Grenzwert (Fr.
103'182.65) als mutmasslich entgangenen Verdienst zu Grunde gelegt habe, sodass es
fälschlicherweise zu keiner Rentenkürzung infolge Überentschädigung gekommen sei.
Die Leistungen würden entsprechend dem Vorsorgereglement herabgesetzt, soweit sie
zusammen mit anderen anrechenbaren Einkünften 90 % des mutmasslich
entgangenen Verdienstes übersteigen würden. Nun sei die Kürzung infolge
Überentschädigung neu berechnet worden. Da durch die Gesamtsumme der
Rentenleistungen der Grenzwert der Überentschädigung überschritten worden sei,
müsse die Rente ab dem 1. Juni 2021 gekürzt und die zu viel bezogenen Leistungen ab
dem 1. Mai 2016 zurückgefordert werden. Insgesamt belaufe sich die Rückforderung
auf Fr. 57'942.30. Sodann bat die Pensionskasse B._ den Versicherten, ihr bis
A.f.
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B.
spätestens Ende Juni 2021 schriftlich mitzuteilen, wie er die Rückzahlung begleichen
wolle (act. G 7.1-22).
Mit Schreiben vom 15. Juni 2021 stellte sich der Versicherte, vertreten durch
Fürsprecher U. Kröpfli, Frauenfeld, auf den Standpunkt, dass die Korrektur von
Rentenleistungen der Pensionskasse für die Zukunft unstrittig zulässig sei. Die
Rückforderung bereits rechtskräftig zugesprochener Dauerleistungen sei jedoch an den
Rückkommenstitel der prozessualen Revision oder der Wiedererwägung geknüpft. Das
Vorliegen eines solchen sei nicht ersichtlich. Ausserdem sei eine allfällige
Rückforderung ohnehin weitestgehend verjährt (act. G 7.1-23). Am 25. Juni 2021 legte
die Pensionskasse B._ ihre Rechtsauffassung dar und hielt an der Rückforderung im
Betrag von Fr. 57'942.30 fest (act. G 7.1-24). Auch in der weiteren Korrespondenz
zwischen dem anwaltlich vertretenen Versicherten und der Pensionskasse B._
konnte keine Einigung bezüglich der im Raum stehenden Rückforderung erzielt werden
(vgl. act. G 7.1-25 ff.). Mit Schreiben vom 29. September 2021 hielt die Pensionskasse
B._ fest, dass ihr kein Rückzahlungsvorschlag unterbreitet worden sei, da die
Rückforderung zumindest im Umfang von Fr. 46'150.-- weiterhin bestritten werde.
Daher werde sie die Rückforderung im Betrag von Fr. 46'150.-- bis zur Tilgung mit den
laufenden Rentenzahlungen ab 1. Oktober 2021 verrechnen. Bis zur Tilgung der
Rückforderung werde sie keine Leistungen mehr zur Auszahlung bringen
(act. G 7.1-30).
A.g.
Mit Klage vom 19. Oktober 2021 beantragte der weiterhin durch Fürsprecher
Kröpfli vertretene Versicherte (nachfolgend: Kläger), die Pensionskasse B._
(nachfolgend: Beklagte) sei zu verpflichten, ihm seit dem 1. September 2021 eine
Invalidenrente entsprechend einem Invaliditätsgrad von 100 % zuzüglich 5 %
Verzugszinsen seit Klageeinreichung auszurichten. Ausserdem sei er angemessen zu
entschädigen zuzüglich Auslagen und Mehrwertsteuer (act. G 1).
B.a.
Am 22. Oktober 2021 bat das Versicherungsgericht den Kläger darzulegen,
woraus er die örtliche Zuständigkeit des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen
ableite (act. G 2). Dieser Aufforderung kam der Kläger am 25. Oktober 2021 nach (act.
G 3).
B.b.
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Erwägungen
1.
Am 27. Oktober 2021 orientierte das Versicherungsgericht die Parteien über den
Beizug der Akten der IV-Stelle und gab der Beklagten Gelegenheit, diese zur Einsicht
anzufordern (vgl. act. G 5; zu den beigezogenen Akten vgl. act. G 6).
B.c.
In ihrer Klageantwort vom 23. November 2021 beantragte die Beklagte, das
Begehren des Klägers um Ausrichtung einer Invalidenrente im Umfang von 100 % ab 1.
September 2021 zuzüglich 5 % Zins seit Klageeinreichung sei vollumfänglich
abzuweisen; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (act. G 7).
B.d.
Mit Schreiben vom 8. Dezember 2021 eröffnete das Versicherungsgericht dem
Kläger die Möglichkeit, Einsicht in die angeforderten IV-Akten zu nehmen (act. G 8).
B.e.
In seiner Replik vom 16. Dezember 2021 hielt der Kläger an den in der Klage
gestellten Rechtsbegehren fest (act. G 9).
B.f.
In ihrer Duplik vom 14. Januar 2022 hielt die Beklagte an den in der Klageantwort
gestellten Anträgen fest (act. G 11).
B.g.
Gemäss Art. 73 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die berufliche Alters-,
Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVG; SR 831.40) bezeichnet jeder Kanton als
letzte kantonale Instanz ein Gericht, das über die Streitigkeiten zwischen
Vorsorgeeinrichtungen, Arbeitgebern und Anspruchsberechtigten entscheidet. Im
Kanton St. Gallen ist nach Art. 65 Abs. 1 lit. e des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege (VRP; sGS 951.1) das Versicherungsgericht zuständig für
Streitigkeiten nach Art. 73 BVG.
1.1.
bis
Damit eine Streitigkeit in den Anwendungsbereich von Art. 73 BVG fällt, ist in
sachlicher Hinsicht erforderlich, dass die Streitigkeit die berufliche Vorsorge im engeren
oder weiteren Sinn beschlägt. Im Wesentlichen geht es um Streitigkeiten betreffend
Versicherungsleistungen, Eintritts- und Austrittsleistungen und Beiträge bzw. um
spezifische berufsvorsorgerechtliche Fragen (Hans-Ulrich Stauffer, Berufliche Vorsorge,
3. Auflage, 2019, Rz. 2324 f.). Da es im vorliegenden Verfahren um den Anspruch des
Klägers auf Rentenzahlungen der Beklagten geht, ist die sachliche Zuständigkeit des
Versicherungsgerichts gegeben.
1.2.
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2.
Vorliegend strittig und zu prüfen ist, ob die Beklagte die Rentenzahlungen an den
Kläger infolge Verrechnung mit der von ihr geltend gemachten Rückforderung in der
Höhe von Fr. 57'942.30 bzw. Fr. 46'150.-- (vgl. act. G 7.1-30) zu Recht bis zu deren
vollständiger Tilgung eingestellt hat. Ihre Rückforderung begründet die Beklagte mit zu
hohen Rentenzahlungen infolge einer falschen Überentschädigungsberechnung auf der
Basis eines zu hohen Valideneinkommens (vgl. act. G 7 und 11). Zwar anerkennt der
Kläger grundsätzlich, dass die Beklagte aufgrund einer falschen Annahme bezüglich
des Valideneinkommens tiefere Rentenleistungen als die bisher erbrachten zu
entrichten hat und ist mit der zukünftigen Anpassung der Rentenhöhe einverstanden.
Er bestreitet jedoch die von der Beklagten geltend gemachte Rückforderung (vgl. act.
G 1 und 9). Zunächst zu prüfen ist somit, ob die Beklagte, welche auf die von ihr
ursprünglich zugesicherte und ausgerichtete Rentenhöhe zurückgekommen ist, die zu
viel ausbezahlten Rentenleistungen vom Kläger zurückfordern kann.
3.
Gerichtsstand ist nach Art. 73 Abs. 3 BVG der schweizerische Sitz oder Wohnsitz
des Beklagten oder der Ort des Betriebes, bei dem die versicherte Person angestellt
worden ist. Da der Kläger bei der Betriebsstelle E._ der B._ AG angestellt gewesen
ist (vgl. act. G 3.1) und sein Dienstort in F._ im Kanton St. Gallen gelegen hat (vgl.
dazu act. G 3.2), ist die örtliche Zuständigkeit des angerufenen Versicherungsgerichts
vorliegend zu bejahen.
1.3.
Da auch sämtliche übrigen prozessualen Voraussetzungen erfüllt sind, ist auf die
Klage einzutreten.
1.4.
Der Kläger moniert zunächst, dass es im vorliegenden Fall an einem
Rückkommenstitel, mithin an den Voraussetzungen der Wiedererwägung oder der
prozessualen Revision, fehle, um auf die bereits rechtskräftig zugesprochenen
Rentenleistungen zurückzukommen (vgl. act. G 1 S. 9 f.). Die Beklagte wendet
diesbezüglich ein, dass sie als Vorsorgeeinrichtung über Leistungen ebenso wenig wie
über die Rückerstattung von zu Unrecht ausbezahlten Leistungen eine Verfügung im
Rechtssinne erlassen könne. Weder Art. 35a BVG noch die reglementarischen
Bestimmungen würden einen Rückkommenstitel verlangen, um den Anspruch auf die
Rückforderung zu Unrecht ausbezahlter Leistungen geltend zu machen (vgl. act. G 7 S.
7).
3.1.
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4.
Angesichts dessen, dass das Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) auf die berufliche Vorsorge grundsätzlich
nicht anwendbar ist (vgl. Art. 2 ATSG) und Vorsorgeeinrichtungen keine Verfügungen
erlassen können (BGE 142 V 23 E. 3.2.1 mit Hinweisen), kann – entgegen der Ansicht
des Klägers – kein Rückkommenstitel i.S.v. Art. 53 Abs. 2 und 3 ATSG verlangt werden
(vgl. auch Bettina Kahil-Wolff Hummer, N 15 zu Art. 35a BVG, in: Jacques-André
Schneider/Thomas Geiser/Thomas Gächter (Hrsg.), Kommentar zum schweizerischen
Sozialversicherungsrecht, BVG und FZG, 2. Aufl. 2019). Damit die Beklagte zu Unrecht
ausgerichtete Leistungen zurückfordern kann, ist somit kein Rückkommenstitel
erforderlich.
3.2.
Gemäss Art. 35a Abs. 1 BVG sind unrechtmässig bezogene Leistungen
zurückzuerstatten, wobei von der Rückforderung abgesehen werden kann, wenn der
Leistungsempfänger gutgläubig gewesen ist und die Rückforderung zu einer grossen
Härte führen würde. Art. 35a Abs. 2 BVG bestimmt, dass der Rückforderungsanspruch,
sofern er nicht aus einer strafbaren Handlung mit einer längeren Verjährungsfrist
hergeleitet wird, drei Jahre, nachdem die Vorsorgeeinrichtung davon Kenntnis erhalten
hat, spätestens aber fünf Jahre seit der Auszahlung der einzelnen Leistung erlischt. Die
bis zum 31. Dezember 2020 geltende Fassung des Art. 35a Abs. 2 BVG hatte anstelle
der dreijährigen Verwirkungsfrist eine einjährige Verjährungsfrist vorgesehen. In
Anlehnung an die bis zum 31. Dezember 2020 geltende Version von Art. 35a Abs. 2
BVG sieht auch Art. 95 Abs. 2 des Vorsorgereglements der Beklagten (Stand 1. Januar
2021) vor, dass der Rückforderungsanspruch mit Ablauf eines Jahres, nachdem die
Beklagte davon Kenntnis erhalten hat, spätestens aber nach Ablauf von fünf Jahren
seit der Auszahlung der Leistung verjährt.
4.1.
Vorliegend ist unbestritten, dass die Beklagte die Überentschädigungsberechnung
auf der Basis eines falschen Valideneinkommens vorgenommen und demzufolge zu
hohe Rentenleistungen ausgerichtet hat. Die Beklagte hat ihre Rückforderung erstmals
im Mai 2021 geltend gemacht (vgl. act. G 7.1-22). Die unbestrittenermassen zu viel
ausgerichteten Rentenleistungen hat sie nicht seit Mai 2014 zurückgefordert, sondern -
wohl aufgrund der absoluten fünfjährigen Verjährungs- bzw. Verwirkungsfrist - lediglich
ab Mai 2016. Dass die von der Beklagten geltend gemachte Rückforderung von der
absoluten Verjährungs- bzw. Verwirkungsfrist nicht tangiert ist, ist daher grundsätzlich
unbestritten, zumal die Beklagte ihre ersten Rentenleistungen erst im Dezember 2016
zur Auszahlung gebracht hat (vgl. act. G 7.1-14).
4.2.
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Zwischen den Parteien strittig ist die relative Verjährungs- bzw. Verwirkungsfrist.
Der Kläger ist der Auffassung, dass die Beklagte echtzeitlich mit der kompletten
Verfügung der IV-Stelle vom 12. Juli 2016 bedient worden sei und folglich auch bereits
im Juli 2016 Kenntnis vom richtigen Valideneinkommen gehabt habe, sodass sie die
Überentschädigungsberechnung von Anfang an korrekt hätte vornehmen können.
Durch eine Mitarbeiterin der Ausgleichskasse sei telefonisch bestätigt worden, dass
dem Verfügungsadressaten sowie den ersten vier auf der zweiten Verfügungsseite
aufgeführten Kopie-Empfängern die vollständige Verfügung, die aus der zweiseitigen
Verfügung an sich sowie der fünfseitigen Begründung bestehe, zugestellt worden sei.
Dies ergebe sich auch aus der Verfügung vom 12. Juli 2016, in welcher explizit
festgehalten worden sei, dass der zweite Teil der Verfügung insgesamt fünf Seiten
umfasse und Bestandteil der Verfügung sei (vgl. act. G 1 S. 6 f.). Die Beklagte macht
demgegenüber geltend, die Verfügung vom 12. Juli 2016 aus irgendeinem Grund nicht
erhalten zu haben. Erst nach der Zustellung der Verfügung vom 16. August 2016 habe
sie realisiert, dass bereits am 12. Juli 2016 eine erste Verfügung erlassen worden sei
und diese dann per Mail angefordert. Daraufhin sei sie von der Ausgleichskasse am 21.
September 2016 per Mail nur mit den ersten zwei Seiten der Verfügung vom 12. Juli
2016 bedient worden. Erst als im Rahmen der Rentenüberprüfung die gesamten IV-
Akten zugestellt worden seien, habe sie, die Beklagte, Kenntnis davon erhalten, dass
die IV-Stelle bei ihren Verfügungen vom 12. Juli 2016 und 16. August 2016 nicht mehr
von dem im Vorbescheid vom 30. November 2015 erwähnten Valideneinkommen von
Fr. 103'182.65, sondern von einem tieferen Validenlohn ausgegangen sei (vgl. act. G 7
S. 8 f.).
4.3.
Ob die Beklagte die Verfügung vom 12. Juli 2016 bereits im Zeitpunkt des Erlasses
und nicht erst später per Mail erhalten hatte, kann aufgrund der vorliegenden Aktenlage
nicht festgestellt werden. Aus dem Umstand, dass die Beklagte als Empfängerin in der
Verfügung aufgeführt ist (vgl. IV-act. 137-2), lässt sich nicht zweifelsfrei ableiten, dass
ihr die Verfügung tatsächlich zugestellt worden ist, und schon gar nicht, dass sie den in
der Verfügung erwähnten zweiten Verfügungsteil mit der fünfseitigen Begründung
erhalten hat, zumal dieser Teil selbst in den IV-Akten direkt im Anschluss an die
zweiseitige Verfügung vom 12. Juli 2016 fehlt (vgl. IV-act. 137; in den IV-Akten
enthalten ist die fünfseitige Begründung lediglich im Anschluss an die Mitteilung vom
24. Juni 2016; vgl. IV-act. 126 f.). Im Rahmen der antizipierten Beweiswürdigung ist
auch auf eine Befragung der vom Kläger als Zeuginnen benannten Mitarbeiterinnen der
Ausgleichskasse (vgl. act. G 1 S. 6 f.) zu verzichten, da davon keine
entscheidrelevanten Erkenntnisse zu erwarten sind. Die Mail der eidgenössischen
Ausgleichskasse vom 21. September 2016 (act. G 7.1-10) lässt erahnen, dass der
4.4.
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Beklagten die Verfügung vom 12. Juli 2016 in ihren Akten gefehlt hat, was aber nicht
heisst, dass sie diese tatsächlich nicht erhalten hatte. Mit der Mail vom 21. September
2016 ist die Beklagte aber lediglich mit den ersten zwei Seiten der Verfügung bedient
worden, denen keine Angaben zum Valideneinkommen zu entnehmen gewesen sind
(vgl. act. G 7.1-10 und G 11 S. 2 f.). Allerdings hätte die Beklagte, wie vom Kläger
geltend gemacht, möglicherweise erkennen können, dass ihr die Verfügung vom 12.
Juli 2016 per Mail nur unvollständig zugestellt worden ist, da auf den ersten zwei Seiten
der Verfügung vermerkt gewesen ist, dass diese aus zwei Teilen bestehe, wobei der
zweite Teil fünf Seiten umfasse (vgl. act. G 7.1-10). Hätte die Beklagte die
Unvollständigkeit der Verfügung bereits damals bemerkt und die vollständige
Verfügung verlangt, hätte sie schon im Jahr 2016 vom veränderten Valideneinkommen
erfahren können. Im Übrigen hätte die Beklagte bereits bei sorgfältiger Durchsicht der
Mitteilung der IV-Stelle vom 24. Juni 2016 (act. G 7.1-6) realisieren können, dass den
Verfügungen möglicherweise andere Vergleichseinkommen als dem Vorbescheid vom
30. November 2015 zu Grunde gelegt worden sind. Denn in der Mitteilung ist ein
Invaliditätsgrad von 71 % vermerkt gewesen (vgl. act. G 7.1-6), während im
Vorbescheid vom 30. November 2015 noch ein solcher von 55 % erwähnt worden war
(vgl. act. G 7.1-5). Der veränderte Invaliditätsgrad ist gemäss den Angaben der
Beklagten nämlich gerade der Grund für die spätere Einholung der IV-Akten gewesen
(vgl. act. G 11 S. 4). Die Beklagte hätte somit bei gehöriger Aufmerksamkeit allenfalls
bereits vor der Rentenfestsetzung und Rentenausrichtung vom Valideneinkommen des
Klägers, das den IV-Verfügungen vom 12. Juli und 16. August 2016 zu Grunde gelegen
hat, Kenntnis erlangen können. Der Rückforderungstatbestand hat sich damals aber
noch nicht direkt aus den Akten ergeben (vgl. dazu Urteil des Bundesgerichts vom
5. April 2022, 9C_32/2021, E. 5 f., mit zahlreichen Hinweisen).
Der Umstand, dass schon vor der Rentenfestsetzung gewisse Anhaltspunkte für
ein geändertes Valideneinkommen bestanden haben, würde nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung zu Art. 25 Abs. 2 Satz 1 ATSG, dessen Wortlaut
identisch ist mit Art. 35a Abs. 2 Satz 1 BVG, keine Rolle spielen, da bei einer
unrechtmässigen Leistungsausrichtung, die auf einen Fehler des Versicherungsträgers
zurückgeht, die relative Frist grundsätzlich nicht mit der Leistungsausrichtung zu laufen
beginnt. Als massgebend gilt derjenige Zeitpunkt, in welchem der Versicherungsträger
anlässlich einer Kontrolle den Fehler hätte entdecken können (Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, N 85 zu Art. 25 ATSG mit Hinweisen; BGE 124 V 383). Bei analoger
Anwendung der zu Art. 25 ATSG ergangenen Rechtsprechung wäre es vorliegend also
irrelevant, ob die Beklagte den Fehler bei der erstmaligen Rentenfestsetzung
verschuldet hat oder nicht, mithin ob sie genügende Hinweise auf das korrekte
4.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/12
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Valideneinkommen und somit auf den Fehler in ihrer Rentenberechnung gehabt hat.
Entscheidend für den Beginn der relativen Frist wäre, ab wann die Beklagte ihren
Fehler nach der erstmaligen Festsetzung hätte erkennen können bzw. müssen (vgl.
Urteil des Bundesgerichts vom 13. August 2018, 8C_90/2018, E. 4.5; Kieser, a.a.O., N
85 zu Art. 25 ATSG).
Das Bundesgericht hat in einem Leitentscheid festgestellt, dass es sich bei Art.
35a Abs. 2 Satz 1 BVG anders als bei Art. 25 Abs. 2 ATSG nicht um eine
Verwirkungsfrist, sondern um eine obligationenrechtliche Verjährungsfrist handle (BGE
142 V 22 E. 3). Folglich kann man sich fragen, ob zur Festlegung des Beginns des
Fristenlaufs nicht eher die zu Art. 67 Abs. 1 des Bundesgesetzes betreffend die
Ergänzung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (Fünfter Teil: Obligationenrecht [OR;
SR 220]) ergangene Praxis anstelle derjenigen zu Art. 25 ATSG heranzuziehen ist. Der
am 1. Januar 2021 in Kraft getretene Art. 35a Abs. 2 Satz 1 BVG stellt nun aber klar,
dass es sich auch bei der berufsvorsorgerechtlichen Rückerstattungsfrist um eine
Verwirkungsfrist und nicht um eine Verjährungsfrist handelt. Der Gesetzgeber hat damit
auf den bundesgerichtlichen Leitentscheid BGE 142 V 20 reagiert. Offenbar hat er
nämlich bereits mit dem in der 1. BVG-Revision eingeführten Art. 35a BVG eine
Regelung schaffen wollen, wie sie damals in der ersten Säule schon bestanden hatte.
Die vom Gesetzgeber hinsichtlich der Rückerstattungsfrist wohl bereits unter dem alten
Recht gewünschte Koordination zwischen der ersten und zweiten Säule ist durch den
am 1. Januar 2021 in Kraft getretenen Art. 35a Abs. 2 erster Satz BVG
wiederhergestellt worden (zum Ganzen vgl. Bundesamt für Sozialversicherungen,
Mitteilungen über die berufliche Vorsorge Nr. 154, S. 10 mit Hinweis auf die Botschaft
zur Änderung des ATSG, BBl 2018 S. 1607 ff., insbesondere S. 1650). Angesichts der
vom Gesetzgeber bereits unter altArt. 35a Abs. 2 BVG angestrebten Koordination
zwischen der ersten und zweiten Säule rechtfertigt sich vorliegend die analoge
Anwendung der zu Art. 25 Abs. 2 ATSG ergangenen Praxis (vgl. dazu im Übrigen auch
Urteil des Bundesgerichts vom 30. November 2013, 9C_399/2013, E. 3.1.1, mit
Hinweis auf Urteil des Bundesgerichts vom 15. Dezember 2010, 9C_611/2010, E. 3).
Für den Beginn des Fristenlaufs ist somit der Zeitpunkt massgebend, in dem die
Beklagte ihren Fehler nach der erstmaligen Festsetzung der Rente hätte erkennen
können bzw. müssen (vgl. oben E. 4.6).
4.6.
Nach der Rentenfestsetzung im Dezember 2016 (vgl. act. G 7.1-14) hat die
Beklagte erstmals am 7. August 2018 eine Neuberechnung des Rentenanspruchs des
Klägers vorgenommen (vgl. act. G 7.1-15). Angesichts dessen, dass dieser
Neuberechnung einzig der Wegfall zweier Kinderrenten zu Grunde gelegen hat, kann
4.7.
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5.