Decision ID: 152063dd-7f35-480b-ae37-79a808b64e33
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Simon Kehl, Poststrasse 22, Postfach 118,
9410 Heiden,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
IV-Leistungen
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 23. April 2008 zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 8).
Sie legte eine Bestätigung des Wirbelsäulenzentrums B._ vom 28. Februar 2008 bei,
laut dem sie seit 28. August 2007 zu 100% bzw. seit 19. Oktober 2007 zu 50%
arbeitsunfähig war (IV-act. 9). Die C._ AG berichtete der IV-Stelle am 8. Mai 2008 (IV-
act. 15), sie beschäftige die Versicherte als Textilarbeiterin mit einem
Beschäftigungsgrad von 100%. Der Monatslohn betrage aktuell Fr. 3470.-. Dr. med.
D._ gab Dr. med. E._vom RAD am 9. Mai 2008 anlässlich einer telephonischen
Besprechung an (IV-act. 19), die Versicherte leide an einem lumbovertebralen
Schmerzsyndrom bei St. n. Rhizotomie L3/4 links (25.02.08) und an Restbeschwerden
am Kniegelenk nach Arthroskopie nach Kniegelenkstrauma (Ende 08.07). Sie gebe
belastungsabhängige Rücken- und Knieschmerzen an. In einer leichten,
wechselbelastenden Tätigkeit ohne Heben und Tragen von Lasten über 10 kg, ohne
Zwangspositionen der Wirbelsäule, ohne gehäuftes Knien oder Kauern, ohne längere
Gehstrecken und ohne Steigen auf Leitern oder Gerüste betrage die zumutbare
Arbeitsleistung sieben Stunden. Die SUVA hatte sich bereits früher mit den Folgen des
Kniegelenkstraumas befasst. Am 9. Januar 2008 war eine Untersuchung durch den
Kreisarzt Dr. med. F._, Facharzt für Chirurgie, erfolgt. In entsprechenden Bericht
hatte Dr. F._ ausgeführt (IV-act. 26-15), am 23. August 2007 habe die Versicherte
beim Umkippen eines leeren Rollwagens eine plötzliche Schmerzhaftigkeit im linken
Knie verspürt. Bei einer Arthroskopie am 26. September 2007 sei eine Zerrung des
medialen Seitenbandes, aber keine Meniskusläsion festgestellt worden. Bei einer
Kontrolle am 18. Oktober 2007 sei eine deutliche Besserung der Symptomatik
festgestellt worden. Am 22. November 2007 sei eine deutliche Reduktion des
Kniegelenksergusses erkennbar gewesen. Allgemein hätten aber vermehrte
Polyarthralgien bestanden. Aktuell klage die Versicherte über Schmerzen im Bereich
des äusseren linken Kniegelenks, die in den Ober- und den Unterschenkel ausstrahlten.
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Die Schmerzen seien beim Gehen und in Ruhe vorhanden. Nach vier Stunden Arbeit
seien sie so stark, dass sie es nicht mehr aushalte. Der Kreisarzt hatte weiter
ausgeführt, bei der Untersuchung sei eine stabile Kniegelenksituation ohne Atrophie,
aber mit einer massivsten Druckdolenz über dem lateroventralen Femurkondylus
unmittelbar kaudal der Patella festzustellen gewesen. Das Zohlenzeichen sei massivst
positiv gewesen. Eine eigentliche Meniskussymptomatik sei aber nicht festzustellen
gewesen. Die MRI-Untersuchung und die Befunde der Arthroskopie hätten diese
Schmerzhaftigkeit nicht erklärt. Der Kreisarzt hatte abschliessend eine erneute MRI-
Untersuchung, allenfalls auch eine Rearthroskopie empfohlen. Prof. Dr. G._, Facharzt
FMH für Neurochirurgie, vom Wirbelsäulenzentrum B._ hatte Dr. D._ am 7. April
2008 berichtet (IV-act. 27-1), wegen eines kleinen linksforaminalen
Bandscheibenvorfalls L3/4 und L4/5 sei am 25. Februar 2008 eine funktionelle
Rhizotomie der Nervenwurzel L3/4 linksseitig durchgeführt worden. Aktuell habe die
Versicherte eine eindeutige Besserung angegeben. Sie könne jetzt mühelos das Bein
strecken und bewegen. Die Schmerzen im Bein seien aber nicht ganz verschwunden.
Auch im Rücken träten noch Schmerzen auf. Am 30. April 2008 hatte Prof. Dr. G._
berichtet (IV-act. 27-21), es gehe nun deutlich besser. Die Arbeitsfähigkeit betrage
weiterhin 50%.
A.b Prof. Dr. G._ berichtete der IV-Stelle am 4. Juni 2008 (IV-act. 38), er habe die
folgenden Diagnosen erhoben: Lumboischialgie links bei nachgewiesenem
linksforaminalen Diskusvorfall L3/4 und L4/5 mit Nervenwurzelirritation L3 und L4 links
sowie Kniegelenksbeschwerden links. Die Versicherte sei als Textilarbeiterin von Ende
August 2007 bis 31. Oktober 2007 zu 100% arbeitsunfähig gewesen. Seither bestehe
in dieser Erwerbstätigkeit eine Arbeitsunfähigkeit von 50%. Der Gesundheitszustand
sei stationär. Die Arbeitsfähigkeit könnte durch medizinische Massnahmen verbessert
werden. Die Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle hielt am 3. Juni 2008 fest (IV-
act. 41), bei der Arbeit sei die Versicherte viel in Bewegung, sie laufe hin und her, um
die Spulen auszuwechseln. Diese Spulen seien zwischen 0,5 kg und 3 kg schwer.
Gelegentlich müsse die Versicherte mit Gewichten bis 10 kg hantieren. Sie könne die
Tätigkeit immer wieder wechseln. Zwangshaltungen bildeten kein Problem. Die
Versicherte habe gemäss den eigenen Angaben am meisten Mühe, wenn sie am selben
Ort stehen müsse. Auch das Sitzen sei schlecht. Am besten gehe es, wenn sie sich
wechselnd bewegen könne. Sie wolle die Arbeit unbedingt weiterführen, obwohl sie nur
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noch zu 50% einsatzfähig sei. Die Eingliederungsverantwortliche stellte abschliessend
fest, dass es für die Versicherte extrem wichtig sei, ihren Arbeitsplatz behalten zu
können; sie sei damit gut eingegliedert. Dr. D._ berichtete am 15. April 2009, als
Hilfsarbeiterin in einer Textilfabrik sei die Versicherte zu 50% arbeitsfähig (IV-act. 48).
Dr. E._ vom RAD empfahl am 27. April 2009 eine rheumatologische und
psychiatrische Begutachtung (IV-act. 50).
A.c Dr. med. H._, Spezialarzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, führte in
seinem Gutachten vom 18. Juni 2009 (IV-act. 57) aus, der Versicherten sei per Ende
Juni 2009 gekündigt worden, weil es keine Aufträge für die Firma mehr gegeben habe.
Es sei unklar, weshalb die Schmerzen nicht verschwunden seien. Wie immer bei
somatisch nicht vollständig erklärbaren Schmerzen stelle sich die Frage nach einer
Symptomausweitung oder nach einer somatoformen Schmerzstörung. Die Versicherte
beschreibe ihre Schmerzen recht differenziert. Sie habe angegeben, dass sie an
gewissen Tagen fast beschwerdefrei sei. Es gebe Faktoren, die verschlimmernd
wirkten, aber auch solche, die gut täten. Dr. H._ hielt zusammenfassend fest, aus
psychiatrischer Sicht gebe es keine Symptomatik, die eine psychiatrische Diagnose
erlauben würde. Dr. med. I._, Spezialarzt FMH für Innere Medizin, speziell
Rheumaerkrankungen, berichtete in seinem Gutachten vom 8. Juli 2009 (IV-act. 58), die
Versicherte habe Knieschmerzen bds., rechtsbetont (richtig: linksbetont), in der
Intensität wechselnd, Schmerzgrad 5, nach Halbtagsarbeit verstärkt, sowie
Rückenschmerzen lumbal andauernd, zeitweise in das linke Bein bis zum Knie
ausstrahlend, Schweregrad 5, Tag und Nacht gleich stark, verstärkt bei längerem
Sitzen, Stehen oder Bücken angegeben. Sie habe weiter ausgeführt, sie wache nachts
schmerzbedingt zwei- bis dreimal auf. Sie könne nichts vom Boden aufheben. Sitzen
könne sie bis zu einer Stunde. Das Stehen sei schmerzhaft, aber nicht eingeschränkt.
Gehen könne sie problemlos. Dr. I._ gab die folgenden Diagnosen an: St. n.
Distorsionstrauma Knie links (aktuell leichte Pangonarthrose links mit degenerativer
Meniskusalteration ohne Rissbildung) und chronisches Lumbovertebralsyndrom (mit
Angabe zeitweiliger Ischialgie links bei kleiner medio-linksseitiger und links foraminaler
Diskushernie L3/4 und L4/5 mit möglicher leichtgradiger Nervenwurzelirritation L3,
allenfalls L4 links, geringgradige medio-linksseitige Diskusprotrusion L2/3 ohne neurale
Kompression, keine Instabilität). Er führte dazu aus, seine Abklärung habe keinen
neuralen Kompressionshinweis ergeben. Die Versicherte habe über eine leichte L5-
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oder S1-Hypaesthesie links geklagt, die mit dem radiologischen Befund nicht
vollumfänglich erklärbar sei. Die chronischen Knieschmerzen bds., linksbetont, seien
durch eine leichte Pangonarthrose erklärbar. Die Versicherte sei in einer leichten,
rückenschonenden Arbeit in Wechselhaltung mit einem sitzenden Arbeitsanteil von
50% zu 90% arbeitsfähig (Möglichkeit zu kurzen Pausen), wobei die Leistung um 10%
eingeschränkt sei. Die Arbeitsfähigkeit betrage also insgesamt 80%. Die Arbeit sollte
gemischt gehend, stehend und sitzend ausgeübt werden können, nicht vorwiegend
vornübergebeugt oder stark gebückt, mit einer Lasthebegrenze Boden/Tisch von
repetitiv 6 kg, einmalig 10 kg, Tisch/Brusthöhe repetitiv 3-4 kg, einmalig 6 kg. Die
Versicherte scheine die Schmerzen stärker zu empfinden, als sich objektiv belegen
lassen. Andererseits könne nicht gesagt werden, dass sie nicht zumindest zeitweise
auch Schmerzen im Rahmen einer adaptierten Arbeit habe.
A.d Mit einem Vorbescheid vom 31. Juli 2009 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit,
dass sie beabsichtige, das Rentenbegehren abzuweisen, weil der Invaliditätsgrad
lediglich 20% betrage (IV-act. 62). Am 22. September 2009 verfügte die IV-Stelle
entsprechend (IV-act. 63).
B.
B.a Die Versicherte liess am 27. Oktober 2009 Beschwerde erheben und beantragen,
die Verfügung sei aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei anzuweisen,
Eingliederungsmassnahmen durchzuführen und ihr eine halbe Rente, eventualiter eine
Viertelsrente zuzusprechen (act. G1). Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
machte zur Begründung sinngemäss geltend, aus ärztlicher Sicht bestehe für die
bisherige Tätigkeit übereinstimmend eine Arbeitsfähigkeit von 50%. Die
Beschwerdegegnerin habe die Beschwerdeführerin am bisherigen Arbeitsplatz mit
einem Pensum von 50% als gut eingegliedert betrachtet. Das Anforderungsprofil der
bisherigen Tätigkeit entspreche in etwa demjenigen einer leidensangepassten Tätigkeit.
Nur der Anteil der sitzend zu verrichtenden Arbeit sei in einer adaptierten Tätigkeit
etwas höher als in der bisherigen Tätigkeit. Das werde aber durch den Umstand
kompensiert, dass in der bisherigen Tätigkeit nur kleine Gewichte gehoben werden
müssten. Deshalb erscheine es als nicht nachvollziehbar und widersprüchlich, dass die
Arbeitsfähigkeit in einer Verweistätigkeit höher sein solle als in der bisherigen Tätigkeit.
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Auf das Gutachten könne daher nicht abgestellt werden. Vielmehr sei auch für eine
leidensangepasste Tätigkeit von einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 50% auszugehen.
Selbst wenn von einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 80% auszugehen wäre, würde ein
Invaliditätsgrad von 40% resultieren, denn es müssten ein "Teilzeitabzug" von 10%
und ein "Leidensabzug" von ebenfalls 10% erfolgen, was zusammen mit dem
Arbeitsunfähigkeitsgrad von 20% einen Invaliditätsgrad von 40% ergäbe. Nach dem
Grundsatz "Eingliederung vor Rente" wäre die Beschwerdegegnerin zudem verpflichtet
gewesen, vor der Rentenprüfung Eingliederungsmassnahmen durchzuführen. Das habe
sie offensichtlich vergessen. Die Beschwerdeführerin habe einen Anspruch auf
Arbeitsvermittlung, Einarbeitungstaggelder usw.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 17. Dezember 2009 die Abweisung der
Beschwerde (act. G4). Sie wies darauf hin, dass als Folge der Kündigung wieder ein
Anspruch auf eine Arbeitsvermittlung entstanden sei. Die Aussage der
Eingliederungsberaterin, dass die Beschwerdeführerin gut eingegliedert sei, habe nur
bedeutet, dass damals keine Eingliederungsmassnahmen nötig gewesen seien und
dass die Arbeitsvermittlung habe eingestellt werden können. Die Aussage habe sich
nicht auf den Arbeitsfähigkeitsgrad bezogen. Das Gutachten von Dr. I._ überzeuge,
so dass von einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 80% auszugehen sei. Bei einem
korrekten Einkommensvergleich resultiere ein Invaliditätsgrad von 24%.
B.c Die Beschwerdeführerin liess am 12. Februar 2010 sinngemäss einwenden (act.
G8), Dr. I._ sei zu Unrecht davon ausgegangen, dass die bisherige Tätigkeit
ausschliesslich stehend ausgeübt worden sei und dass dabei regelmässig Lasten von
bis zu 10 kg hätten gehoben werden müssen. Tatsächlich sei ein Teil der Arbeit sitzend
ausgeübt worden und die Gewichte hätten lediglich 0,5 bis 3 kg betragen. Deshalb sei
nicht nachvollziehbar, weshalb die Arbeitsfähigkeit für eine Verweistätigkeit deutlich
höher angesetzt worden sei. Da das Gutachten von Dr. I._ auf aktenwidrigen
Annahmen beruhe, könne nicht auf es abgestellt werden. Beantragt werde deshalb
eine klärende ärztliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit. Die reduzierte
Leistungsfähigkeit bei einem ganztägigen Pensum rechtfertige einen "Teilzeitabzug".
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 19. Februar 2010 auf eine Duplik (act.
G10).
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Erwägungen:
1.
1.1 Die Beschwerdeführerin ist nach einer kurzen Phase der vollständigen
Arbeitsunfähigkeit wieder zu 50% an ihrem Arbeitsplatz bei der C._ AG tätig
gewesen. Da sie diesen Arbeitsplatz hat behalten wollen, hat sie zunächst kein
Interesse an einer Arbeitsvermittlung mehr gehabt. Die Beschwerdegegnerin hat
deshalb die Arbeitsvermittlung abgeschlossen. Tatsächlich ist die Beschwerdeführerin
aber wieder arbeitslos geworden, da die Arbeitgeberin das Arbeitsverhältnis per 30.
Juni 2009 aus wirtschaftlichen Gründen aufgelöst hat. Die Beschwerdegegnerin hat
über den Abschluss der Arbeitsvermittlung nicht verfügt, sondern sie hat am 22.
Oktober 2008 gestützt auf Art. 51 Abs. 1 i.V.m. Art. 49 Abs. 1 ATSG nur eine Mitteilung
erlassen. In dieser Mitteilung ist die Beschwerdeführerin auf die Möglichkeit
hingewiesen worden, dass sie eine anfechtbare Verfügung verlangen könne. Die Akten
der Beschwerdegegnerin enthalten keinen Hinweis darauf, dass die
Beschwerdeführerin von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht hätte. Daraus folgt
notwendigerweise, dass die Beschwerdegegnerin am 22. September 2009 nicht über
einen allfälligen Anspruch der Beschwerdeführer auf Arbeitsvermittlung verfügt haben
kann. Soweit das Beschwerdebegehren also auch einen Anspruch auf eine
Arbeitsvermittlung beinhaltet, kann nicht auf es eingetreten werden. In der Zusicherung
der Beschwerdegegnerin, nach der Kündigung durch die C._ AG neu wieder
Arbeitsvermittlungsbemühungen erbringen zu wollen, kann demnach keine
Teilanerkennung der Beschwerde erblickt werden.
1.2 Der von der Beschwerdeführerin angerufene Grundsatz der Eingliederung vor
Rente (vgl. U. Kieser, ATSG-Kommentar, 2. A., Vorbemerkungen N. 47) ist nichts
anderes als die IV-spezifische Schadenminderungspflicht. Diese Pflicht ist zwar weder
im ATSG noch im IVG positivrechtlich geregelt, kommt aber trotzdem zur Anwendung,
wie sich insbesondere dem Art. 21 Abs. 4 ATSG entnehmen lässt, der die Existenz
einer IV-spezifischen Schadenminderungspflicht voraussetzt. Der IV-spezifische
Schaden kann im vorliegenden Fall nur in einem drohenden Rentenbedarf bzw. in
einem drohenden Invaliditätsgrad von 40% oder mehr (Art. 28 Abs. 2 IVG) bestehen.
Die Schadenminderungspflicht bzw. der Grundsatz der Eingliederung vor Rente
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bedeutet nichts anderes, als dass sich eine versicherte Person, die in ihrem
angestammten Beruf in einem (renten-) erheblichen Umfang arbeitsunfähig ist, jeder in
Frage kommenden, zumutbaren medizinischen und beruflichen Eingliederung
unterziehen muss, wenn zu erwarten ist, dass damit eine drohende rentenbegründende
Invalidität von 40% oder mehr verhindert werden kann. Die Eingliederungsmassnahme
besteht z.B. in einer Operation, mit der die Arbeitsfähigkeit im angestammten Beruf
voraussichtlich ganz oder teilweise wiederhergestellt werden kann, oder in einer
Umschulung in einen neuen Beruf, in dem die unverändert weiterbestehende
Gesundheitsbeeinträchtigung voraussichtlich keine Arbeitsunfähigkeit mehr bewirken
wird oder in dem die unverändert weiterbestehende Arbeitsunfähigkeit durch ein
höheres Lohnniveau kompensiert werden kann. Das erklärt, weshalb die
Arbeitsvermittlung nicht unter den Grundsatz der Eingliederung vor Rente fallen kann.
Die Arbeitsvermittlung ist nämlich nicht invaliditätsrelevant. Anders als die übrigen
Eingliederungsmassnahmen dient sie nicht der Verhinderung einer drohenden
rentenbegründenden Invalidität, sondern ausschliesslich der Überwindung der
Arbeitslosigkeit. Da der Invaliditätsgrad nicht davon abhängt, ob eine bestehende
Arbeitsfähigkeit tatsächlich an einer Arbeitsstelle verwertet wird oder nicht (Art. 16
ATSG), kann eine erfolgreiche Vermittlung eines Arbeitsplatzes keine Veränderung des
Invaliditätsgrades bewirken.
1.3 Zu prüfen bleibt, ob die Beschwerdegegnerin mit dem Erlass der angefochtenen
Abweisungsverfügung tatsächlich den Grundsatz der Eingliederung vor Rente verletzt
hat, wie die Beschwerdeführerin sinngemäss geltend macht. Dabei ist zunächst
festzuhalten, dass der Grundsatz der Eingliederung vor Rente nur die
Schadenminderungspflicht zum Ausdruck bringt, d.h. es muss der Eintritt eines
Schadens bzw. einer rentenbegründenden Invalidität drohen, damit der Grundsatz der
Eingliederung vor Rente anwendbar ist. Liegt der "vorläufige" Invaliditätsgrad also unter
40%, bevor eine medizinische oder eine berufliche Eingliederung erfolgt ist, so droht
kein Schaden und es besteht keine Schadenminderungspflicht; der Grundsatz der
Eingliederung vor Rente ist nicht anwendbar. Sollte sich die Auffassung der
Beschwerdegegnerin, dass der Invaliditätsgrad unter 40% liege, als richtig erweisen,
kann die angefochtene Verfügung also nicht in Verletzung des Grundsatzes der
Eingliederung vor Rente ergangen sein. In diesem Fall kann auf das Begehren der
Beschwerdeführerin, die Beschwerdegegnerin sei anzuweisen, andere
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Eingliederungsmassnahmen durchzuführen, nicht eingetreten werden, weil es sich
dabei nur um einen Eingliederungsanspruch handeln kann und weil sich die
Beschwerdegegnerin mit der angefochtenen Verfügung nicht zu einem allfälligen
Anspruch der Beschwerdeführerin auf Eingliederungsmassnahmen, sondern nur zur
Rentenberechtigung geäussert hat. Sollte sich allerdings ergeben, dass die im
Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung bestehende Situation eine
aktuelle behinderungsbedingte Erwerbseinbusse von 40% oder mehr entstehen liesse,
so müsste die angefochtene Verfügung vollumfänglich aufgehoben werden und die
Sache wäre zur Eingliederung und zur anschliessenden Prüfung der
Rentenberechtigung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
2.
Die Beschwerdeführerin ist vor dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung bzw. der
Arbeitsunfähigkeit zu 100% erwerbstätig gewesen. Es gibt keine Indizien dafür, dass
sich daran etwas geändert hätte, wenn sie nicht krank geworden wäre. Die
Invaliditätsbemessung hat deshalb mittels eines Einkommensvergleichs zu erfolgen
(Art. 28a Abs. 1 IVG). Gemäss Art. 16 ATSG ist das Einkommen, das die versicherte
Person nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in
Beziehung zu setzen zum Erwerbseinkommen, das die versicherte Person erzielen
könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
2.1 Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin macht sinngemäss geltend, die
Arbeit für die C._ AG sei vollumfänglich behinderungsadaptiert gewesen. Deshalb
müsse zur Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens auf die von Dr. F._, Prof.
Dr. G._ und Dr. D._ für diese Arbeit angegebene Arbeitsunfähigkeit von 50%
abgestellt werden. Die Eingliederungsberaterin hat eine Arbeitsplatzabklärung in der
Form eines Augenscheins in der C._ AG vorgenommen. Ihre Beschreibung des
Arbeitsplatzes weist auf eine körperlich beanspruchende Arbeit hin, selbst wenn dabei
keine Zwangshaltungen haben eingenommen werden müssen und auch keine
Kraftanstrengungen nötig gewesen sind. Gemäss den Angaben der
Eingliederungsberaterin ist die Beschwerdeführerin viel in Bewegung gewesen, sie ist
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meist hin und her gelaufen, um ständig mehrere Anlagen mit Spulen zu bestücken und
die vollen Spulen zu entfernen und zu verpacken. Das bedeutet, dass die Arbeit nicht
den behinderungsbedingt notwendigen hälftigen Anteil an sitzender Arbeit beinhaltet
hat und dass die Beschwerdeführerin kaum die Möglichkeit gehabt hat, bei Bedarf
kurze Pausen zu machen. Bei der zuletzt ausgeübten Tätigkeit für die C._ AG hat es
sich also nicht um eine adaptierte Erwerbstätigkeit gehandelt, weshalb die
Schlussfolgerung des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin, diese sei auch in einer
adaptierten Erwerbstätigkeit nur zu 50% arbeitsfähig, nicht stichhaltig ist.
2.2 Zu prüfen bleibt damit, ob der Arbeitsfähigkeitsgrad in einer
behinderungsadaptierten Tätigkeit 80% beträgt, wie die Beschwerdegegnerin
angenommen hat. Dr. H._ hat in seinem Gutachten vom 18. Juni 2009 ausgeführt,
dass keine psychiatrische Diagnose gestellt werden könne. Er hat aber gleichzeitig
darauf hingewiesen, dass unbewusste Faktoren am Werk sein könnten, die das
somatisch erklärbare Schmerzempfinden verstärkten. Mit seiner lege artis
vorgenommenen Exploration hat Dr. H._ mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit nachgewiesen, dass die Beschwerdeführerin aus der Sicht seines
Fachgebiets nicht in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt ist. Gleichzeitig hat er einen
Erklärungsansatz dafür geliefert, dass die objektiv nachweisbare, somatisch
begründete Arbeitsunfähigkeit in einer behinderungsadaptierten Erwerbstätigkeit
erheblich tiefer ist, als die Beschwerdeführerin selbst annimmt. Auch das Gutachten
von Dr. I._ ist lege artis erstellt worden. Die Diagnose einer leichten Pangonarthrose
links mit degenerativer Meniskusalteration ohne Rissbildung ist bei einer adaptierten
Tätigkeit, d.h. bei einem Anteil an sitzender Arbeit von 50%, bei einer zusätzlich nach
Bedarf stehend oder gehend auszuübenden Tätigkeit, bei einer Vermeidbarkeit
ungünstiger Stellungen und bei der Möglichkeit, bei Bedarf kurze Pausen einzulegen,
tatsächlich nicht geeignet, eine relevante Arbeitsunfähigkeit zu bewirken. Dasselbe gilt
weitgehend auch für die Diagnose eines leichten lumboischialgiformen
Schmerzsyndroms links ohne neuralen Kompressionshinweis mit einer leichten L5-
oder S1-Hypaesthesie, denn auch diese Beschwerden erreichen nur ansatzweise ein
arbeitsfähigkeitsrelevantes Ausmass, wenn ungünstige Körperpositionen vermieden
und die bereits im Zusammenhang mit den Kniebeschwerden genannten
Einschränkungen berücksichtigt werden können. Dem behinderungsbedingten
zusätzlichen Kurzpausenbedarf und der leicht reduzierten Leistungsfähigkeit ist nach
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den überzeugenden Angaben von Dr. I._ mit einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 80%
ausreichend Rechnung getragen. Die Beschwerdeführerin ist somit in einer adaptierten
Erwerbstätigkeit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zu (höchstens) 20%
arbeitsunfähig.
2.3 Die Beschwerdeführerin ist an ihrem Arbeitsplatz bei der C._ AG in einem
erheblichen Umfang unterdurchschnittlich entlöhnt worden. Sie ist zwar, wie die
Eingliederungsberaterin der Beschwerdegegnerin festgestellt hat, stolz auf ihre
Leistung an diesem Arbeitsplatz gewesen. Das bedeutet aber nicht, dass sie freiwillig
einen unterdurchschnittlichen Verdienst erzielt hätte, nur um dieser Arbeit nachgehen
zu können. Es ist zu vermuten, dass die Beschwerdeführerin den Arbeitsplatz bei der
C._ AG angetreten hat, weil sie auf ein Erwerbseinkommen angewiesen war und weil
der regionale Arbeitsmarkt keine besser entlöhnten offenen Arbeitsstellen aufwies.
Weiter ist zu vermuten, dass die Beschwerdeführerin in der Folge nicht mehr versucht
hat, eine besser entlöhnte Arbeitsstelle zu finden, weil der regionale Arbeitsmarkt
während der ganzen Zeit kaum eine offene Stelle aufgewiesen haben dürfte, an der die
Beschwerdeführerin einen - regional betrachtet weit überdurchschnittlichen - Lohn im
Betrag des schweizerischen Zentralwerts gemäss der Tabelle TA1 im Anhang zur
Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik hätte erzielen können.
Schliesslich ist zu vermuten, dass die Beschwerdeführerin ihr Arbeitsverhältnis mit der
C._ AG gekündigt hätte, wenn ihr eine Arbeitsstelle in irgendeiner Branche
angeboten worden wäre, an der sie einen Lohn in der Höhe dieses Zentralwerts hätte
erzielen können. Die (hypothetische) Validenkarriere der Beschwerdeführerin ist
deshalb nicht die weit unterdurchschnittlich entlöhnte Arbeit bei der C._ AG, sondern
eine Hilfsarbeit in irgendeiner Branche. Das Valideneinkommen bemisst sich somit
nach dem Zentralwert der Löhne der Hilfsarbeiterinnen aller Branchen. Dieser
Zentralwert hat sich gemäss der Lohnstrukturerhebung 2006, Anhang Tabelle TA1, auf
Fr. 4019.-, umgerechnet von 40 auf den schweizerischen Durchschnitt von 41,7
Wochenarbeitsstunden auf Fr. 4189.81 bzw. Fr. 50'278.- belaufen. Dieser Betrag bildet
nicht nur das Valideneinkommen, sondern auch das Ausgangseinkommen zur
Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens, denn behinderungsadaptierte
Tätigkeiten werden in praktisch allen Branchen ausgeführt. Bei einem Arbeitsfähigkeits-
bzw. Beschäftigungsgrad von 80% resultiert ein Jahreseinkommen von Fr. 40'222.-. Da
der Zentralwert auf den Löhnen gesunder Arbeitnehmer beruht, ist es notwendig,
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diesen "Fehler" zu korrigieren. Das geschieht praxisgemäss durch einen sogenannten
Tabellenlohnabzug. Dieser bemisst sich nach dem Ausmass der Konkurrenznachteile,
welche die Beschwerdeführerin gegenüber gesunden Konkurrentinnen für eine
adaptierte Hilfsarbeitsstelle hat. Diese Nachteile würde ein sich rein ökonomisch
verhaltender potentieller Arbeitgeber nämlich als zusätzliche Lohnnebenkosten der
Beschwerdeführerin qualifizieren, die durch einen entsprechenden Minderlohn zu
kompensieren wären, damit die Beschwerdeführerin gegenüber gesunden
Arbeitnehmerinnen "konkurrenzfähig" wäre. Zu den Konkurrenznachteilen gehören
etwa die - zumindest für einen potentiellen Arbeitgeber - reale Gefahr
überdurchschnittlicher Krankheitsabsenzen, die fehlende Flexibilität der
Beschwerdeführerin sowohl in zeitlicher Hinsicht (Überstunden) als auch in bezug auf
die Arbeitsplatzgestaltung (kein kurzfristiger Arbeitsplatzwechsel innerhalb des
Betriebs), ein Bedarf nach behinderungsbedingt notwendiger Rücksichtnahme seitens
der Arbeitskolleginnen und der vorgesetzten Personen im Arbeitsalltag usw. Das
Ausmass dieser Konkurrenznachteile liegt im durchschnittlichen Bereich, so dass
praxisgemäss ein zusätzlicher Abzug von 10% vorzunehmen ist. Damit beläuft sich das
zumutbare Invalideneinkommen auf Fr. 36'200.-. Eine behinderungsbedingte
Erwerbseinbusse von Fr. 14'078.- entspricht einem Invaliditätsgrad der
Beschwerdeführerin von 28%. Die Beschwerdegegnerin hat also im Ergebnis zu Recht
einen Rentenanspruch verneint.
3.
Dementsprechend ist die Beschwerde abzuweisen, soweit auf sie eingetreten werden
kann. Die vollumfänglich unterliegende Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf
eine Parteientschädigung, weshalb auch das entsprechende Begehren abzuweisen ist.
In IV-Sachen ist das Beschwerdeverfahren kostenpflichtig. Die Gerichtsgebühr richtet
sich nach dem Verfahrensaufwand (Art. 69 Abs. 1 IVG). Dieser liegt im
Normalbereich, so dass praxisgemäss eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.- als
angemessen erscheint. Diese Gerichtsgebühr ist durch den von der
Beschwerdeführerin geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe gedeckt.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP
bis
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