Decision ID: 59819b20-97e3-5258-ab60-fd954daf2774
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. X.Y. (geboren 1963) besitzt den Führerausweis der Kategorie B seit Oktober
1986 (act. 8/12). Am Montag, 18. Februar 2013, fiel sie auf, als sie mittags ihren
Personenwagen mit niedriger Geschwindigkeit und in Schlangenlinie von A. in Richtung
B. lenkte und im S.-Tunnel, den sie ohne Licht befuhr, den rechten Randstein streifte.
Als sie am Rotlicht der Kreuzung R.-/U.-strasse anhalten musste, versuchte ein
Fahrzeuglenker, der ihr gefolgt war, vergeblich, sie davon zu überzeugen, ihr Fahrzeug
auf die Seite zu stellen und nicht mehr weiterzufahren. Die von ihm alarmierte Polizei
konnte X.Y. schliesslich in B. auf der K.-strasse um 13.15 Uhr anhalten und
kontrollieren (act. 8/14 Seiten 20 ff.). Wegen Alkoholmundgeruchs durchgeführte
Atemlufttests verliefen belastend, und der Führerausweis wurde ihr auf der Stelle
abgenommen. Die Analyse der ihr um 13.55 Uhr entnommenen Blutprobe ergab einen
Mittelwert von 2,76 Gewichtspromillen (act. 8/14 Seiten 3 ff.).
Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt entzog X.Y. den Führerausweis am 3. April
2013 vorsorglich (act. 8/14 Seiten 62 f.) und ordnete am 11. April 2013 eine
spezialärztliche Untersuchung an (act. 8/14 Seiten 52 f.). Im verkehrsmedizinischen
Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin am Kantonsspital St. Gallen vom 5. August
2013 wurde ein episodenhaft überhöhter Alkoholkonsum mit besonderer
Alkoholtoleranz, mithin zumindest eine Alkoholgefährdung festgestellt und die
Fahreignung von X.Y. nur unter der Auflage der Einhaltung einer Alkoholfahrabstinenz
(Lenken von Motorfahrzeugen nur mit 0,00 Gewichtspromillen) mit Verlaufskontrollen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Alkoholkonsums durch Haaranalysen in sechs und zwölf Monaten, deren Resultate
nicht für einen übermässigen Alkoholkonsum sprechen dürfen, bejaht (act. 8/14 Seiten
43 ff.). Am 13. August 2013 verfügte das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt die
Auflagen der Alkoholfahrabstinenz und der halbjährlichen Haaranalysen auf
unbestimmte Zeit (act. 8/14 Seite 36). Der Führerausweis wurde X.Y. am 5. September
2013 wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand mit einer qualifizierten
Blutalkoholkonzentration für die Dauer von sieben Monaten entzogen
(Warnungsentzug; act. 8/14 Seiten 33 ff.).
B. Die Analyse der Haarprobe vom 13. Februar 2014 ergab einen
Ethylglucuronid-Wert von 42 pg/mg. Der Verkehrsmediziner ging von einem
übermässigen Alkoholkonsum aus und bejahte am 3. März 2014 die Fahreignung von
X.Y. nur bei Einhaltung einer fachtherapeutisch begleiteten und halbjährlich mit
Haaranalysen kontrollierten Alkoholabstinenz (act. 8/13 S. 11 ff.). Das
Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt verfügte die entsprechenden Auflagen am 18.
März 2014 auf unbestimmte Zeit und hielt fest, eine Aufhebung der Abstinenzkontrolle
werde frühestens in zwei Jahren geprüft (act. 8/13 Seiten 1 ff.). In der Haarprobe vom
Juli 2014 wurde kein Ethylglucuronid mehr nachgewiesen, jedoch hatte X.Y. keine
Fachtherapie bei einer Suchtfachstelle aufgenommen. Vielmehr wurde sie am 27.
Oktober 2014 wegen Fahrradfahrens in angetrunkenem fahrunfähigem Zustand,
begangen am 7. Februar 2014, bestraft. Die Verwaltungsrekurskommission wies den
gegen die Verfügung des Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamtes vom 18. März 2014
erhobenen Rekurs am 27. November 2014 ab.
C. X.Y. (Beschwerdeführerin) erhob gegen den am 28. November 2014
versandten Entscheid der Verwaltungsrekurskommission (Vorinstanz) mit Eingabe vom
12. Dezember 2014 Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem sinngemässen
Antrag, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und von der Auflage der
fachtherapeutisch begleiteten und mittels halbjährlicher Haaranalysen kontrollierten
Alkoholabstinenz abzusehen. Die Vorinstanz beantragte am 12. Januar 2015 die
Abweisung der Beschwerde. Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt
(Beschwerdegegner) verzichtete stillschweigend auf eine Vernehmlassung. Auf die
Ausführungen der Vorinstanz im angefochtenen Entscheid und der Beschwerdeführerin
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zur Begründung ihres Antrages sowie die Akten wird, soweit wesentlich, in den
Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59
Abs. 1 Satz 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Die
Beschwerdeführerin ist Adressatin des angefochtenen Entscheides, mit welchem ihr
Rekurs gegen die Auflage einer kontrollierten und fachtherapeutisch begleiteten
Alkoholabstinenz während mindestens zweier Jahre abgewiesen worden ist, und damit
zur Ergreifung des Rechtsmittels befugt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP).
Sollte sich die Beschwerde auch gegen die Auflage einer Alkoholfahrabstinenz richten,
kann auf sie angesichts der Rechtskraft der Verfügung vom 13. August 2013 nicht
eingetreten werden. Im Übrigen sind die Eintretensvoraussetzungen erfüllt: Die
Beschwerde wurde mit Eingabe vom 12. Dezember 2014 rechtzeitig erhoben und erfüllt
in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in
Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist unter
dem erwähnten Vorbehalt einzutreten.
2. Die Beschwerdeführerin beanstandet einzelne Elemente der vorinstanzlichen
Darstellung des Sachverhalts als fehlerhaft. Die Rügen erweisen sich indessen als
unbegründet: Die Feststellung, dass die Beschwerdeführerin "im Tunnel ... den
Randstein streifte", stützt sich nicht nur auf die Aussage des Fahrzeuglenkers, der ihr
folgte, sondern auch auf ihre eigenen Angaben in der polizeilichen Befragung vom 23.
Februar 2013, die sie im Übrigen unterschriftlich bestätigte (act. 8/14 Seite 16, Frage 9;
Ziffer 1). Insoweit die Beschwerdeführerin davon ausgeht, die Blutprobe sei ihr auf dem
Polizeiposten entnommen worden, täuscht sie ihre Erinnerung; das Protokoll der
Blutentnahme ist mit dem Stempel des Spitals Q. (Notfallstation, Ambulatorium)
versehen und von der Pflegefachfrau, welche dort die Entnahme durchführte,
unterzeichnet (act. 8/14 Seiten 5 und 7; Ziffer 2). Soweit die Vorinstanz festhielt, aus
der am 18. Februar 2013 festgestellten hohen Blutalkoholkonzentration lasse sich eine
besondere Alkoholgewöhnung ableiten, die nur durch ein chronisch
normabweichendes Trinkverhalten erworben sein könne, gab sie die Beurteilung des
begutachtenden Verkehrsmediziners wieder. Weder im vorinstanzlichen Sachverhalt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
noch im Gutachten vom 5. August 2013 wird die Beschwerdeführerin "als arbeitslose
Säuferin, die von Sozialhilfe lebt" dargestellt. Vielmehr kam der Verkehrsmediziner –
indem er ihr die Fahreignung nicht generell absprach – zum Schluss, sie sei weder im
medizinischen Sinn alkoholabhängig noch nicht in der Lage, Alkoholkonsum und
Autofahren zu trennen (Ziffer 3). Die Feststellung der Alkoholgefährdung ist keine
aktenwidrige Unterstellung, sondern ergibt sich aus der Einschätzung des Gutachters,
die sich ihrerseits in nachvollziehbarer Weise auf die Umstände des Ereignisses vom
18. Februar 2013 und die Ergebnisse der verkehrsmedizinischen Untersuchungen
stützen kann (Ziffer 4). Die Auflage einer Alkoholtotalabstinenz anstelle der
Alkoholfahrabstinenz wird auch von der Vorinstanz nicht damit begründet, die
Beschwerdeführerin habe sich an die bisherige Auflage nicht gehalten (Ziffer 9),
sondern damit, das Ergebnis der Haaranalyse vom Juli 2014 weise auf einen
übermässigen Alkoholkonsum hin. Allerdings ist auch nicht zu beanstanden, wenn die
Vorinstanz berücksichtigte, dass die Beschwerdeführerin wegen Fahrradfahrens in
alkoholisiertem Zustand bestraft wurde (Ziffer 5). Dass die Vorinstanz den Inhalt der
Schreiben der Beschwerdeführerin vom 20. und 22. März 2014 nicht zur Kenntnis
genommen hätte, macht auch die Beschwerdeführerin nicht geltend (Ziffer 6).
Die Beschwerdeführerin bringt sodann vor, der Ethylglucuronid-Wert von 42 pg/mg in
der Haarprobe vom Februar 2014 könne nicht auf einen übermässigen Alkoholkonsum
während Monaten zurückgeführt werden. Sie habe vor der Haaranalyse wenig Alkohol,
vielleicht am Wochenende in Gesellschaft oder bei einem anderen Anlass ein Glas
Wein in ganz normalem Rahmen getrunken; das Ganze unterliege einem
Verfahrensfehler (Ziffer 8). Jedoch habe sie Baldriantropfen mit 66 Volumenprozenten
Alkohol nicht tröpfchenweise eingenommen, sondern ein bis zwei Esslöffel vor dem
Schlafengehen oder auch wenn sie nachts immer wieder wegen Albträumen
aufgewacht sei. Die Einnahme sei ihr empfohlen worden (Ziffer 12). Dass ihre vom
Hausarzt ermittelten Leberwerte im Blut unauffällig seien, belege, dass sie nicht
alkoholabhängig sei (Ziffer 16). Im Unterschied zu den Markern im Blut, die lediglich
indirekte Indikatoren eines Alkoholkonsums sind, gibt die Haaranalyse darüber direkten
Aufschluss. Nach dem Alkoholkonsum wird das Abbauprodukt Ethylglucuronid (EtG) im
Haar eingelagert und erlaubt über ein grösseres Zeitfenster als bei der
Blutuntersuchung Aussagen über den erfolgten Konsum. Die festgestellte EtG-
Konzentration korreliert mit der aufgenommenen Menge an Trinkalkohol. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bundesgerichtliche Rechtsprechung anerkennt die Haaranalyse als geeignetes Mittel
sowohl zum Nachweis eines übermässigen Alkoholkonsums als auch der Einhaltung
einer Abstinenzverpflichtung (vgl. BGE 140 II 334 E. 3 mit Hinweisen). Aufgrund des
Kopfhaar-Längenwachstums von etwa einem Zentimeter pro Monat lassen sich
Aussagen über den Alkoholkonsum während der entsprechenden Zeit vor der
Haarentnahme machen (vgl. BGer 6A.8/2007 vom 1. Mai 2007 E. 2.3). Nach dem
aktuellen Stand der Forschung liegt der Grenzwert zum "High Risk Drinking" bei einem
durchschnittlichen Konsum von 60 Gramm Alkohol pro Tag; von einem solchen
übermässigen Alkoholkonsum ist bei einem nachgewiesenen EtG-Gehalt von 30 pg/mg
oder mehr auszugehen (vgl. Schweizerische Gesellschaft für Rechtsmedizin,
Arbeitsgruppe Haaranalytik, Bestimmung von EtG in Haarproben, Version 2014, zur
Publikation freigegeben am 1. September 2014, Ziffern 6.1 und 6.2; www.sgrm.ch,
Verkehrsmedizin/Dokumente zur Haaranalytik). Der in der Haarprobe vom Februar 2014
festgestellte Wert von 42 pg/mg bezog sich auf die drei haarwurzelnahen Zentimeter
und lässt damit auf einen risikoreichen, starken bis chronisch-exzessiven
Alkoholkonsum der Beschwerdeführerin in den drei der Haarentnahme im Februar 2014
vorausgehenden Monaten schliessen (vgl. BGer 1C_243/2010 vom 10. Dezember 2010
E. 2.7). Inwieweit dieses am Institut für Rechtsmedizin des Kantonsspitals St. Gallen
ermittelte Messergebnis auf einem "Verfahrensfehler" beruhen soll, ist aus den Akten
nicht ersichtlich und wird von der Beschwerdeführerin auch nicht weiter substantiiert.
In welcher Form die Beschwerdeführerin Alkohol konsumierte, ist für die Feststellung
der Tatsache eines risikoreichen, zumindest starken Alkoholkonsums nicht von
Bedeutung. Ob der gemessene EtG-Wert allein oder im Wesentlichen auf den Konsum
von Baldriantropfen zurückgeführt werden kann, vermag deshalb an der Feststellung
eines übermässigen Alkoholkonsums nichts zu ändern. In der Regel werden
Baldriantropfen zur Behandlung von Schlafstörungen in einer Dosierung eingenommen,
die für sich allein keinen EtG-Wert ergeben, wie er bei der Beschwerdeführerin
festgestellt wurde. Ein Konsum von täglich 60 Gramm Alkohol setzt bei einem
Alkoholgehalt von 66 Volumenprozenten die Einnahme von Baldriantropfen in der
Grössenordnung von rund einem Deziliter täglich voraus. Ein solcher Konsum ist zwar
nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Dass solche und ähnliche Naturheilmittel auf
Alkoholbasis beruhen und einen extrem hohen Alkoholgehalt aufweisen, kann jedoch
als allgemein bekannt vorausgesetzt werden und konnte auch der Beschwerdeführerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einer im Gesundheitswesen tätigen Spitex-Mitarbeiterin (act. 8/14 S. 15 und S. 19
sowie act. 1 Ziff. 16), bei einem Konsum in der geltend gemachten Grössenordnung
nicht verborgen bleiben. Dies gilt umso mehr, als im Info-Blatt "Abstinenznachweis"
des Beschwerdegegners, auf welches in der Verfügung vom 18. März 2014 verwiesen
wurde, vor dem möglichen Alkoholgehalt flüssiger Medikamente ausdrücklich gewarnt
wird (vgl. www.stva.sg.ch, Strassenverkehr/Formulare und Merkblätter,
Administrativmassnahmen).
3. Die Beschwerdeführerin wendet sich gegen die Auflage einer
Alkoholtotalabstinenz (dazu nachfolgend Erwägung 3.1), die mittels halbjährlicher
Haaranalysen überwacht (dazu nachfolgend Erwägung 3.2) und fachtherapeutisch
durch eine Suchtberatungsstelle begleitet (dazu nachfolgend Erwägung 3.3) und
zumindest während zweier Jahre eingehalten werden soll (dazu nachfolgend Erwägung
3.4).
3.1. Auch wenn das Gesetz die früher in Art. 10 Abs. 3 Satz 2 des
Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, SVG) vorgesehene Möglichkeit nicht mehr
ausdrücklich erwähnt, können Führerausweise aus besonderen Gründen befristet,
beschränkt oder mit Auflagen verbunden werden (vgl. AS 1959 S. 679 ff., S. 682;
Botschaft zur Änderung des Strassenverkehrsgesetzes vom 31. März 1999, in: BBl
1999 S. 4462 ff., S. 4482). Dies ist nicht nur bei der Ausweiserteilung, sondern auch in
einem späteren Zeitpunkt möglich, um Schwächen hinsichtlich der Fahrtauglichkeit zu
kompensieren. Solche Auflagen zur Fahrberechtigung sind somit im Rahmen der
Verhältnismässigkeit stets zulässig, wenn sie der Verkehrssicherheit dienen und mit
dem Wesen der Fahrerlaubnis im Einklang stehen. Erforderlich ist, dass sich die
Fahreignung nur mit dieser Massnahme aufrechterhalten lässt. Zudem müssen die
Auflagen erfüll- und kontrollierbar sein. Dass ein Fahrzeuglenker zum
Alkoholmissbrauch neigt, stellt einen besonderen Grund dar, der Auflagen rechtfertigt.
Die Fahreignung solcher Lenker bedarf der besonderen Kontrolle. Daran vermag der
Umstand nichts zu ändern, dass der Betroffene grundsätzlich über die Eignung verfügt,
ein Fahrzeug zu lenken, weil keine Alkoholsucht im medizinischen Sinn besteht (vgl.
BGE 131 II 248 E. 6). Die angeordnete Massnahme muss stets auf die konkreten
Umstände angepasst und verhältnismässig sein (vgl. BGer 6A.77/2004 vom 1. März
2005 E. 2).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wie dargestellt ist aus einem EtG-Gehalt im Haar von 42 pg/mg auf einen
problematischen, starken bis chronisch-exzessiven Alkoholkonsum im Sinn eines "High
Risk Drinking" zu schliessen (vgl. oben Erwägung 2). Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung stellt ein solcher Alkoholkonsum ein schwerwiegendes Indiz für einen
verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauch mit Suchtgefährdung im Sinn von Art. 16d Abs.
1 Ingress und lit. b SVG dar (vgl. BGer 1C_243/2010 vom 10. Dezember 2010 E. 2.7;
1C_150/2010 vom 25. November 2010 E. 5.2). Hinzu kommt, dass die
Beschwerdeführerin in angetrunkenem Zustand ein Fahrrad fuhr. Dieses Verhalten
deutet darauf hin, dass sie sich der Beeinträchtigungen und des Unfallrisikos, die aus
einer Alkoholisierung resultieren, trotz der einschlägigen Erfahrungen zu wenig bewusst
ist. Der in der im Juli 2013 entnommenen Haarprobe ermittelte EtG-Wert von 25 pg/mg
lag zwar unterhalb der Grenze eines risikoreichen Alkoholkonsums, deutet aber doch
auf einen regelmässigen, erheblichen Alkoholkonsum hin und kann auch für einen
episodenhaften überhöhten Alkoholkonsum mit besonderer Alkoholtoleranz
(Alkoholgefährdung) sprechen (act. 8/14 Seiten 46 f.). Der Tod ihrer Schwester hat die
Beschwerdeführerin seelisch schwer belastet. Aus ihrer Schilderung der Ereignisse im
Zusammenhang mit der Trunkenheitsfahrt vom 18. Februar 2013 wird deutlich, dass
der Alkoholkonsum ein Mittel der Erleichterung war. In gleicher Weise wirkte wohl auch
die von der Beschwerdeführerin geltend gemachte übermässige Einnahme von
Baldriantropfen auf Alkoholbasis. Die Beschwerdeführerin macht zwar geltend,
mittlerweile gehe es ihr wieder gut. Aus der Weiterführung der Gesprächstherapie und
den Schlafstörungen, die sie mittlerweile mit ärztlich verschriebenen Schlafmitteln
behandelt, wird aber auch deutlich, dass ihr psychischer Zustand einen Rückfall in
einen übermässigen Alkoholkonsum mit der entsprechenden Suchtgefährdung nicht
als unwahrscheinlich erscheinen lässt. Deshalb haben Vorinstanz und
Beschwerdegegner – in Übereinstimmung mit der Einschätzung des
Verkehrsmediziners in der Beurteilung vom 3. März 2014 – zu Recht besondere Gründe
angenommen, welche die Auflage einer Alkoholtotalabstinenz zum Führerausweis der
Beschwerdeführerin rechtfertigen.
3.2. Die Haaranalytik stellt nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung das
Mittel der Wahl zur Kontrolle einer Alkoholabstinenz dar (vgl. oben Erwägung 2). Die
halbjährliche Entnahme und Analyse von Haarproben entspricht der gängigen Praxis
und erbringt einen zuverlässigen und direkten Nachweis, dass eine Person während
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eines bestimmten Zeitraumes vor der Entnahme der Haarprobe Alkohol getrunken hat
(BGer 6A.8/2007 vom 1. Mai 2007 E. 3.2; BGer 1C_342/2009 vom 23. März 2010 E.
3.3). Dass die Kosten einer halbjährlichen Haaranalyse zur Unverhältnismässigkeit der
Auflagen führen, wird von der Beschwerdeführerin nicht weiter begründet (Ziffer 10). Im
Übrigen hat das Bundesgericht die mit der Abstinenzkontrolle durch Haaranalysen
verbundenen Kosten nicht als unverhältnismässig und verfassungsrechtlich zu
beanstanden beurteilt (vgl. BGer 1C_342/2009 vom 23. März 2010 E. 3.1). Die
biologischen Alkohol(missbrauchs)marker, welche die Beschwerdeführerin bei ihrem
Hausarzt ermitteln liess, sind angesichts ihres höchstens indirekten Zusammenhangs
mit dem Alkoholkonsum zur Überwachung des Alkoholkonsums und insbesondere
einer Alkoholabstinenz nicht geeignet. Im Übrigen fällt auf, dass sie das Carbohydrate
Deficient Transferrin (CDT) nicht ermitteln liess (zur Bedeutung dieses Wertes vgl. BGE
129 II 82 E. 6.2.1). Dementsprechend erweist sich die Überwachung der
Alkoholabstinenz mittels halbjährlicher Haaranalysen als verhältnismässig.
3.3. Die Vorinstanz hat die Verhältnismässigkeit einer suchttherapeutischen
Begleitung der Alkoholabstinenz damit begründet, eine solche gehe regelmässig mit
der Auflage der Totalabstinenz einher und erscheine geeignet, eine Aufarbeitung der
Alkoholproblematik sowie eine nachhaltige Änderung des Konsumverhaltens zu
bewirken. Die Beschwerdeführerin habe zwar in einer psychologischen Beratung
gelernt, den Verlust ihrer Schwester zu überwinden, mache aber nicht geltend, sie habe
dabei auch die Alkoholproblematik besprochen. Aufgrund der zum Zeitpunkt des
Erlasses der Verfügung bestehenden Alkoholproblematik, des langfristigen
Verarbeitungsprozesses und der hohen Rückfallgefahr sei nicht ersichtlich, weshalb
von der Auflage abzusehen sei. Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Anordnung
einer Suchtberatung sei unpassend. Sie habe psychologische Hilfe in Anspruch
genommen, um den Tod ihrer Schwester und besten Freundin, die nur habe sterben
müssen, weil ihrem Arzt die Ferien wichtiger gewesen seien als die Transplantation des
von ihr zu spendenden Knochenmarks, zu verkraften. Sie besuche die
Gesprächstherapie weiterhin. Alkohol sei nie das Thema gewesen. Auf die Ausdrücke
"Alkoholproblematik" und "Rückfallgefahr" könne sie nicht eingehen, weil das
überhaupt nicht das Thema sei. Am fraglichen Wochenende habe sie die Nachricht
vom Tod ihrer Schwester aus der Bahn geworfen (Ziffer 11).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zum Nachweis, dass eine Alkoholabhängigkeit im medizinischen Sinn beziehungsweise
ein verkehrsrelevanter Alkoholmissbrauch dauerhaft erfolgreich überwunden wurde,
bedarf es nach der Wiedererteilung des Führerausweises in der Regel einer weiteren
vier bis fünf Jahre dauernden Kontrolle der Einhaltung einer vollständigen
Alkoholabstinenz und der therapeutischen Begleitung während mindestens zweier
Jahre. Die betroffene Person hat dazu regelmässig – mindestens monatlich – eine
Beratungs- oder Therapiestelle (Suchtberatung, Psychologe, Psychiater, Hausarzt
usw.) für Beratungsgespräche aufzusuchen (vgl. BGer 6A.61/2005 vom 12. Januar
2006 E. 2.1).
Nach der Einschätzung des Verkehrsmediziners ist die Beschwerdeführerin weder im
medizinischen Sinn alkoholabhängig noch liegt ein verkehrsrelevanter
Alkoholmissbrauch vor, welche deren Fahreignung von vornherein ausschliessen
würde. Der Führerausweis war der Beschwerdeführerin denn auch nicht wegen einer
Alkoholsucht gestützt auf Art. 16d Abs. 1 Ingress und lit. b SVG auf unbestimmte Zeit
entzogen worden. Die angeordnete Alkoholabstinenz dient deshalb nicht der
Überwindung, sondern der Vermeidung einer Alkoholsucht bei festgestelltem
risikoreichem Alkoholkonsum, den die Beschwerdeführerin aktenkundig zweimal nicht
von der Teilnahme in fahrunfähigem Zustand am Strassenverkehr trennen konnte,
zumal das Führen eines motorlosen Fahrzeuges gemäss Art. 91 Abs. 1 Ingress und lit.
c SVG dann mit Busse bestraft wird, wenn der Lenker sich in einem fahrunfähigen
Zustand befindet. Unter diesen Umständen scheint es ausreichend, wenn die
Beschwerdeführerin die Bedeutung des Alkoholkonsums als Mittel der
Selbstbehandlung und der damit verbundenen Suchtgefahr in der von ihr ohnehin
fortgeführten Gesprächstherapie thematisiert und gegenüber der die Einhaltung der
Auflage überwachenden Behörde entsprechend belegt. Soweit sie dazu nicht bereit ist,
erweist sich die Betreuung durch eine auf Suchtfragen spezialisierte Fachstelle
indessen als verhältnismässig.
3.4. Der Nachweis der dauerhaften, erfolgreichen Überwindung einer
Alkoholabhängigkeit beziehungsweise eines verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauchs
setzt voraus, dass die nach der Wiedererteilung des Führerausweises während in der
Regel vier bis fünf Jahren weiter einzuhaltende kontrollierte Alkoholabstinenz während
mindestens zweier Jahre therapeutisch mit regelmässigen, mindestens monatlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beratungsgesprächen begleitet wird (vgl. BGer 6A.61/2005 vom 12. Januar 2006 E.
2.1). Davon ausgehend, dass die Wiedererteilung des auf unbestimmte Zeit wegen
einer Alkoholsucht gestützt auf Art. 16d Abs. 1 Ingress und lit. b SVG entzogenen
Führerausweises eine kontrollierte und therapeutisch begleitete Alkoholabstinenz
während mindestens eines Jahres voraussetzt (BGE 129 II 82 E. 2.2), resultiert eine
mindestens dreijährige therapeutische Begleitung.
Die der Beschwerdeführerin als Auflage zum Führerausweis auferlegte
Alkoholabstinenz steht – wie dargelegt – nicht im Zusammenhang mit der
Überwindung, sondern mit der Vermeidung einer mangelnden Fahreignung. Deshalb
erscheint eine vorläufige Beschränkung der Abstinenz und der damit verbundenen
therapeutischen Begleitung auf zwei Jahre auch in zeitlicher Hinsicht als
verhältnismässig.
4. Zusammenfassend erweist sich die vom Beschwerdegegner mit der
Verfügung vom 18. März 2014 angeordnete, mittels halbjährlicher Haaranalysen
kontrollierte und fachtherapeutisch begleitete Alkoholabstinenz während mindestens
zweier Jahre als verhältnismässig. Die Beschwerde gegen den diese Verfügung
bestätigenden Rekursentscheid der Vorinstanz vom 12. Dezember 2014 ist deshalb
abzuweisen.
5. (...).