Decision ID: f942c442-5281-4706-befb-2cc61250aa26
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 1. Mai 2022 im Bundesasylzentrum
(BAZ) B._ um Asyl nach. Dabei gab er an, er sei am (...) geboren
und damit noch minderjährig.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank Eurodac
ergab, dass er bereits am 21. Oktober 2021 in Bulgarien und am 17. No-
vember 2021 in Österreich ein Asylgesuch gestellt hatte.
C.
C.a Am 17. Mai 2022 wurde mit dem Beschwerdeführer in Anwesenheit
seiner zugewiesenen Rechtsvertretung eine Erstbefragung für unbeglei-
tete Minderjährige (EB UMA) durchgeführt.
C.b Aufgrund von Zweifeln an der geltend gemachten Minderjährigkeit be-
auftragte das SEM das Institut für Rechtsmedizin (IRM) der Universität
B._ mit einer forensischen Lebensaltersschätzung. In seinem Gut-
achten vom 25. Mai 2022 kam das IRM zum Schluss, dass der Beschwer-
deführer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das 18. Lebens-
jahr vollendet und die Volljährigkeit erreicht habe.
D.
D.a Mit Schreiben vom 1. Juni 2022 gewährte das SEM dem Beschwerde-
führer das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Anpassung seines Geburts-
datums im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) auf den (...).
Gleichzeitig wurde er aufgefordert, allfällige Gründe zu nennen, die gegen
eine Zuständigkeit Bulgariens oder Österreichs für die Durchführung sei-
nes Asylverfahrens sowie gegen eine Wegweisung in einen dieser Staaten
sprechen würden.
D.b Der Beschwerdeführer reichte mit Schreiben vom 8. Juni 2022 eine
Stellungnahme ein. Zudem gab er als weitere Beweismittel verschiedene
Fotoaufnahmen zu den Akten, welche seinen Impfausweis, Spuren von
Verletzungen an seinen Unterarmen, die Unterbringungssituation in Bulga-
rien sowie dort erlittene Verletzungen zeigten.
E.
E.a Das SEM ersuchte die bulgarischen Behörden mit Schreiben vom
29. Juni 2022 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU)
D-4840/2022
Seite 3
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen
oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) um Übernahme
des Beschwerdeführers. Gleichentags wurde ein Übernahmeersuchen ge-
stützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO an die österreichischen Behör-
den gerichtet.
E.b Mit Schreiben vom 5. Juli 2022 teilten die österreichischen Behörden
dem SEM mit, dass der Beschwerdeführer im Rahmen eines Dublin-Ver-
fahrens am 17. Februar 2022 nach Bulgarien überstellt worden sei. Aus
diesem Grund erachte sich Österreich als nicht zuständig und lehnte das
Übernahmeersuchen ab.
E.c Die bulgarischen Behörden hiessen das Gesuch um Übernahme des
Beschwerdeführers mit Schreiben vom 12. Juli 2022 gut.
F.
F.a Mit Schreiben vom 23. August 2022 wies die Rechtsvertretung darauf
hin, dass der Beschwerdeführer nun bereits seit zwei Monaten als volljäh-
rige Person behandelt werde, ohne dass eine entsprechende Verfügung
erlassen worden sei und er dagegen hätte vorgehen können. Sodann wur-
den medizinische Unterlagen zu den Akten gereicht und es wurde bean-
tragt, weitergehende Abklärungen hinsichtlich des psychischen Gesund-
heitszustands des Beschwerdeführers vorzunehmen.
F.b Mit Eingabe vom 5. September 2022 liess der Beschwerdeführer zwei
Fotografien einreichen, welche in Bulgarien erlittene Schlagspuren sowie
einen Hundebiss, der ebenfalls dort erfolgt sei, zeigten.
G.
G.a Das SEM verfügte am 16. September 2022 die Zuweisung des Be-
schwerdeführers in den Kanton C._.
G.b Mit Schreiben vom 20. September 2022 wies der Rechtsvertreter er-
neut darauf hin, dass noch immer keine Verfügung betreffend Anpassung
des Alters im ZEMIS ergangen sei. Dies habe zur Folge, dass der Be-
schwerdeführer in den kantonalen Strukturen als Erwachsener behandelt
werde, was dem Kindeswohl zuwiderlaufe. Es werde um unverzüglichen
Erlass einer entsprechenden Verfügung gebeten. Weiter wurde darauf hin-
D-4840/2022
Seite 4
gewiesen, dass es dem Beschwerdeführer psychisch nicht gut gehe, ins-
besondere aufgrund seiner Erlebnisse in Bulgarien, und er sich in psycho-
logischer Behandlung befinde. Der Eingabe lag ein Kurzbericht der (...)
vom 5. September 2022 bei.
H.
Mit Verfügung vom 4. Oktober 2022 – eröffnet am 17. Oktober 2022 – trat
das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein (Dispositiv-
ziffer 1), ordnete dessen Wegweisung nach Bulgarien an (Dispositivziffer
3) und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerde-
frist zu verlassen (Dispositivziffer 4). Zudem stellte es fest, dass als Ge-
burtsdatum im ZEMIS der (...) mit Bestreitungsvermerk erfasst werde (Dis-
positivziffer 2). Ferner beauftragte das SEM den zuständigen Kanton mit
dem Vollzug der Wegweisung, verfügte die Aushändigung der editions-
pflichtigen Akten und hielt fest, eine allfällige Beschwerde habe keine auf-
schiebende Wirkung (Dispositivziffern 5-7).
I.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe vom 24. Oktober 2022 beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen Entscheid. Darin bean-
tragte er, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und auf sein Asyl-
gesuch sei einzutreten. Eventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen
Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Weiter sei im Sinne einer vorsorglichen Massnahme der vorliegen-
den Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugs-
behörde unverzüglich anzuweisen, von einer Überstellung nach Bulgarien
abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die Erteilung der auf-
schiebenden Wirkung entschieden habe. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
wurde um unentgeltliche Prozessführung sowie Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses ersucht.
J.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
25. Oktober 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
D-4840/2022
Seite 5
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das
AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. An die-
ser Stelle ist festzuhalten, dass die angefochtene Verfügung zwar vom
4. Oktober 2022 datiert, in der Begründung indessen auf Abklärungen vom
5. respektive 11. Oktober 2022 Bezug genommen wird. Es ist daher davon
auszugehen, dass die Verfügung korrekterweise frühestens am 11. Okto-
ber 2022 hätte erlassen werden können. Nachdem diese gemäss Emp-
fangsbestätigung am 17. Oktober 2022 eröffnet wurde und sich die Be-
schwerde als fristgerecht erweist (vgl. Art. 108 Abs. 3 AsylG), ist dem Be-
schwerdeführer aus der fehlerhaften Datierung kein Nachteil entstanden.
Er hat sodann am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch
die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdi-
ges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Folglich ist
er zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 48
Abs. 1). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
In den Rechtsbegehren der Beschwerde vom 24. Oktober 2022 wird zwar
die (vollständige) Aufhebung der angefochtenen Verfügung beantragt. Die
Begründung hält jedoch ausdrücklich fest, dass vorerst auf die Geltendma-
chung der Minderjährigkeit verzichtet und eine ZEMIS-Beschwerde vorbe-
halten werde. Es ist daher davon auszugehen, dass die Dispositivziffer 2
der Verfügung vom 4. Oktober 2022 (vorerst) nicht angefochten wurde. Die
Anpassung des Geburtsdatums im ZEMIS auf den (...) bildet somit nicht
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens.
3.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb sie
im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zwei-
ten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
D-4840/2022
Seite 6
4.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demge-
genüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel
III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
5.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
D-4840/2022
Seite 7
5.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen,
einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell-
ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht). Dieses so-
genannte Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung
1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser
Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen
auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat
zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshinder-
nisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
5.5 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der Euro-
dac-Datenbank ergab, dass dieser am 21. Oktober 2021 in Bulgarien ein
Asylgesuch gestellt hatte. Die bulgarischen Behörden stimmten dem Rück-
übernahmeersuchen des SEM mit Schreiben vom 12. Juli 2022 ausdrück-
lich zu. Die Zuständigkeit Bulgariens ist somit grundsätzlich gegeben, was
vom Beschwerdeführer nicht bestritten wird.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer bringt in seiner Beschwerdeeingabe im Wesent-
lichen vor, er habe bereits bei der EB UMA berichtet, dass er in Bulgarien
geschlagen worden sei und immer noch unter Schmerzen leide. Die bulga-
rische Polizei habe Hunde auf ihn losgelassen und ihn 24 Stunden in einem
dunklen Zimmer eingesperrt. Zudem hätten sie seine Taskara zerrissen
und weggeworfen. Weiter habe er dargelegt, dass er sich in Österreich an
den Unterarmen selbst verletzt habe, als ihn die dortigen Beamten unter
Zwang nach Bulgarien hätten abschieben wollen. Nach der Ausschaffung
habe er dort in einer desolaten Unterkunft wohnen müssen und die Polizei
habe Flüchtlinge mit einem Ast geschlagen. Zeitweise habe er in Bulgarien
auch auf der Strasse gelebt. Angesichts dieser nicht aushaltbaren Zu-
stände habe er Bulgarien wiederum verlassen. In Anbetracht der Bericht-
erstattung zum Asylsystem in Bulgarien erwiesen sich die Ausführungen
des SEM, dass dieses keine systemischen Mängel aufweise und er dort
keinen gravierenden Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt wäre, als
unrichtig. Ein neuer Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH)
vom 13. September 2022 halte fest, dass generell von Überstellungen nach
Bulgarien abzusehen sei, weil wesentliche Mängel im Asylsystem vorlä-
gen. Bereits früher habe die Europäische Kommission Bulgarien zur Ein-
haltung der EU-Asylvorschriften auffordern müssen und verschiedene Be-
D-4840/2022
Seite 8
richte wiesen darauf hin, dass in der Praxis weiterhin Mängel im Asylver-
fahren bestünden. Die von ihm wiederholt geschilderte Gewalt, die er in
Bulgarien erlitten habe, stelle eine Verletzung von Art. 3 EMRK dar. In der
angefochtenen Verfügung ignoriere die Vorinstanz mit Textbausteinen die
dort vorkommenden Pushbacks, die Gewalt gegenüber Flüchtlingen, die
fehlenden Unterkünfte sowie den fehlenden Zugang zu einem funktionie-
renden Asylsystem. Hinzu komme die Überlastung des bulgarischen Asyl-
und Aufnahmesystems aufgrund des Ukrainekrieges. Es sei zu erwarten,
dass er dort weiterhin menschenunwürdige Zustände sowie kein faires
Asylverfahren zu erwarten habe. Sodann leide er an verschiedenen kör-
perlichen und psychischen Beschwerden, weshalb er sich wiederholt in
ärztliche Behandlung habe begeben müssen. Er nehme auch nach wie vor
Medikamente. Die Vorinstanz gehe offenbar von einem verbesserten psy-
chischen Gesundheitszustand aus und verkenne damit, dass es ihm psy-
chisch weiterhin nicht gut gehe. Seit der Kantonszuweisung habe er denn
auch mehrmals einen Arzt sowie einen Psychiater aufsuchen müssen, wo-
bei letzterer von schwerwiegenden psychischen Problemen spreche und
eine Weiterführung der Therapie als dringend indiziert erachte.
6.2 Bulgarien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dass dieser Staat die
Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen
Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsa-
men Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen
Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013
zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati-
onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt
und schützt.
6.3
6.3.1. Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesent-
liche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Auf-
nahmebedingungen für Asylsuchende in Bulgarien systemische Schwach-
stellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdi-
genden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit
sich bringen würden.
D-4840/2022
Seite 9
6.3.2. Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Referenzurteil
F-7195/2018 vom 11. Februar 2020 ausführlich mit dem bulgarischen Asyl-
system und der Situation asylsuchender Personen in Bulgarien auseinan-
dergesetzt. Es hat festgehalten, dass das dortige Asylverfahren sowie die
Aufnahmebedingungen zwar gewisse Mängel aufweisen würden, diese
aber nicht systemischer Natur seien, weshalb von Überstellungen nach
Bulgarien grundsätzlich nicht abzusehen sei. Korrekte Asylverfahren seien
in Bulgarien nicht systembedingt unmöglich. Die tiefe Anerkennungsquote
gegenüber Staatsangehörigen gewisser Länder rechtfertige es nicht, keine
Überstellungen mehr vorzunehmen. Betroffene Personen könnten gegen
einen negativen Asylentscheid ein wirksames Rechtsmittel einlegen. Zu-
dem seien die Bedingungen in den Aufnahme- und Haftzentren zwar pre-
kär, könnten jedoch nicht als unmenschlich oder entwürdigend qualifiziert
werden (Referenzurteil F-7195/2018 E. 6.6.1 und 6.6.7). An dieser Praxis
hat das Bundesverwaltungsgericht auch unter Berücksichtigung der Belas-
tung des Asylsystems durch ukrainische Kriegsflüchtlinge festgehalten
(vgl. etwa Urteil des BVGer E-4193/2022 vom 28. September 2022 E. 5.3
m.H.).
6.3.3. Der Beschwerdeführer verweist insbesondere auf einen Bericht der
SFH vom 13. September 2022 (Polizeigewalt in Bulgarien und Kroatien:
Konsequenzen für Dublin-Überstellungen). Darin wird unter anderem fest-
gehalten, dass angesichts der Dichte der Belege über Polizeigewalt in Bul-
garien von einer systematischen Gewaltanwendung ausgegangen werden
müsse, welche vom Staat zumindest geduldet werde. Die Regelvermu-
tung, dass sich Bulgarien, an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen halte,
könne daher nach Auffassung der SFH nicht aufrecht erhalten werden,
weshalb sich eine Überstellung dorthin grundsätzlich als unzulässig und
unzumutbar erweise. Trotz dieser Einschätzung geht das Bundesverwal-
tungsgericht nach wie vor davon aus, dass das Asylsystem Bulgariens
keine systemischen Mängel aufweist und im Einzelfall zu prüfen ist, ob es
Gründe gibt, die einer Überstellung entgegenstehen könnten. Im Übrigen
bringt der Beschwerdeführer nichts vor, das Anlass zur Änderung der
Rechtsprechung geben könnte. Eine Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO ist daher nicht gerechtfertigt.
6.4 Der Beschwerdeführer macht weiter geltend, er sei in Bulgarien mehr-
mals geschlagen und einmal für 24 Stunden in einem dunklen Zimmer fest-
gehalten worden. Zudem hätten die Polizisten Hunde auf ihn losgelassen
und die Unterbringungssituation sei unzumutbar gewesen. Einerseits ist
festzuhalten, dass die Schilderungen des Beschwerdeführers in diesem
D-4840/2022
Seite 10
Zusammenhang relativ oberflächlich blieben (vgl. SEM-Akte [...]13/15
F69 f. und F73; ebenso SEM-Akte [...]25/16. Daran ändert auch die vorge-
legte Fotodokumentation nichts, zumal diese keine Rückschlüsse auf den
Zeitpunkt der Aufnahmen oder die Ursache der erlittenen Verletzungen zu-
lässt und teils auch nicht nachvollzogen werden kann, ob auf den Fotos
überhaupt der Beschwerdeführer zu sehen ist. Selbst bei Wahrunterstel-
lung der Vorkommnisse ist indessen nicht davon auszugehen, der Be-
schwerdeführer sei aufgrund einzelner Zwischenfälle in Bulgarien per se
der Gefahr von gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt. Bei erlebter Gewalt
kann er sich an die dort zuständigen Justizbehörden wenden, was er bisher
offensichtlich nicht getan hat. Auch wenn es – wie der erwähnte Bericht der
SFH darlegt – subjektiv schwierig ist, sich an die Behörden jenes Staates
zu wenden, dessen Beamte die geltend gemachten Misshandlungen ver-
ursacht haben, so ist dies nicht als grundsätzlich unzumutbar zu erachten.
Ebenso ist es dem Beschwerdeführer zuzumuten, sich im Falle von unhalt-
baren Zuständen bei der Unterbringung an die bulgarischen Behörden zu
wenden und die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie zustehenden Rechte ein-
zufordern.
6.5
6.5.1. Schliesslich bringt der Beschwerdeführer vor, sein Gesundheitszu-
stand stehe einer Überstellung nach Bulgarien entgegen. Aus den Akten
geht hervor, dass er während seines Aufenthalts im BAZ namentlich auf-
grund von (...) zur medizinischen Abklärung überwiesen wurde. Dem Be-
richt der (...) vom 16. August 2022 lässt sich entnehmen, dass ein Verdacht
auf eine (...) bestehe, wobei keine akute Selbstgefährdung vorliege. Als
sinnvolle Ablenkung wurde Sport empfohlen sowie bei Bedarf die Abgabe
von (...). Als chronische körperliche Beschwerden wurden (...) aufgeführt,
welche von früher erlittenen Prügeln stammten (vgl. SEM-Akten [...]34/2
und -35/2). Einem späteren Bericht der (...) vom 6. September 2022 zu-
folge habe der Beschwerdeführer zusätzlich von (...) und einem gelegent-
lich auftretenden starken Stechen in Höhe der (...) berichtet. Als Medika-
mente wurden ihm (...) (in Reserve) und (...) verschrieben (vgl. SEM-Akte
[...]43/4). Nach dem Austritt in den Kanton habe er zweimal die Pflege im
Durchgangszentrum (DZ) kontaktiert, wobei der behandelnde Arzt die Me-
dikamente (...) verschrieben habe. Einer Aktennotiz der Vorinstanz zum
Gesundheitszustand vom 11. Oktober 2022 lässt sich ferner entnehmen,
dass die Fachspezialistin des SEM mit der Pflege des DZ Rücksprache
gehalten hat. Letztere habe angegeben, es gehe dem Beschwerdeführer
physisch sehr gut, er treibe viel Sport und sei munter. Er habe lediglich
D-4840/2022
Seite 11
einen Psychiater verlangt, aber keine chronischen Schmerzen mehr er-
wähnt; der behandelnde Arzt sehe keine Notwendigkeit für ein (...) oder
eine (...) (vgl. SEM-Akte [...]48/1).
6.5.2. Das SEM erachtete den medizinischen Sachverhalt vor diesem Hin-
tergrund als ausreichend erstellt, zumal es dem Beschwerdeführer phy-
sisch sehr gut gehe und sich der psychische Zustand verbessert habe. Es
könne daher ausgeschlossen werden, dass er bei einer Rückkehr nach
Bulgarien in eine medizinische Notlage gerate und sich sein Gesundheits-
zustand drastisch verschlechtern würde. Überdies verfüge Bulgarien über
eine ausreichende medizinische Infrastruktur und sei verpflichtet, ihm er-
forderliche Behandlungen zu gewähren. In der Beschwerdeeingabe wird
dagegen auf einen Arztbericht von Dr. med. D._ vom 20. Oktober
2022 verwiesen, wonach sich der Beschwerdeführer seit dem 11. Oktober
2022 bei ihm in psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung befinde.
Darin wird ausgeführt, traumatische Ereignisse in der Vergangenheit sowie
auf der Flucht hätten zu schwerwiegenden psychischen Problemen ([...])
geführt und eine Weiterführung der Therapie sei dringend indiziert (vgl. Be-
schwerdebeilage 3).
6.5.3. Entgegen der auf Beschwerdeebne vertretenen Auffassung liegt hin-
sichtlich des Gesundheitszustands keine unvollständige Abklärung des
Sachverhalts vor. Vielmehr beruft sich der Beschwerdeführer auf einen
Arztbericht vom 20. Oktober 2022, welcher erst nach dem Erlass der an-
gefochtenen Verfügung entstanden ist. Die darin enthaltenen psychischen
Beschwerden waren bereits vorher aktenkundig. Zudem ersuchte das SEM
unmittelbar vor seinem Entscheid am 11. Oktober 2022 die Pflege des DZ
um Auskunft über den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers, womit
es seiner Abklärungspflicht in ausreichendem Masse nachgekommen ist.
Die geltend gemachten physischen Beeinträchtigungen des Beschwerde-
führers – welche er offenbar gegenüber dem medizinischen Personal des
DZ nicht mehr erwähnte – scheinen sich verbessert zu haben. Selbst wenn
es erneut zu entsprechenden Beschwerden kommen sollte, erscheinen
diese nicht derart gravierend, als dass sie gegebenenfalls nicht auch in
Bulgarien behandelt werden könnten. Sodann ist festzuhalten, dass eine
zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen
nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen
kann. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene Person sich
in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und bereits
in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem sicheren Tod rech-
nen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwarten könnte (vgl.
D-4840/2022
Seite 12
BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des Europäi-
schen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine weitere vom
EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Ab-
schiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Ziel-
staat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen
und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands
ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen
Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR
Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10,
§§ 180–193 m.w.H.). Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben.
Trotz der weiterhin bestehenden psychischen Probleme und der zwischen-
zeitlich offenbar diagnostizierten (...) kann nicht angenommen werden,
dass die Überstellung nach Bulgarien zu einer ernsthaften Gefährdung des
Gesundheitszustands im Sinne der massgeblichen Rechtsprechung führen
würde. Die gesundheitlichen Probleme sind nicht von einer derartigen
Schwere, dass aus humanitären Gründen von einer Überstellung abgese-
hen werden müsste. Im Übrigen wies das SEM zu Recht darauf hin, dass
Bulgarien gestützt auf Art. 19 Abs. 1 der Aufnahmerichtlinie verpflichtet ist,
Asylsuchenden die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest
die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krank-
heiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu ma-
chen. Antragstellenden mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderliche
medizinische oder sonstige Hilfe, einschliesslich psychologischer Betreu-
ung, zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es gibt keine Hin-
weise dafür, dass Bulgarien dem Beschwerdeführer allenfalls erforderliche
medizinische Behandlungen verweigern würde.
Ein zwingender Selbsteintritt im Sinne von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ist
bei dieser Ausgangslage nicht angezeigt.
6.6 Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass dem SEM bei der Anwendung
von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 Ermessen zukommt (BVGE 2015/9 E. 7 f.) und
den Akten keine Hinweise auf eine rechtswidrige Ermessensausübung
durch die Vorinstanz zu entnehmen sind (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG).
6.7 Im Ergebnis ist festzuhalten, dass die Vorinstanz zu Recht in Anwen-
dung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwer-
deführers nicht eingetreten ist und die Wegweisung angeordnet hat.
6.8 Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung
des Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist,
D-4840/2022
Seite 13
sind allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR
142.20) unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18
E. 5.2 m.w.H.).
7.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene
Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden
ist (Art. 106 AsylG und Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist daher abzuwei-
sen.
8.
Mit dem vorliegenden Entscheid sind die Anträge betreffend die Gewäh-
rung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde beziehungsweise auf
entsprechende superprovisorische Massnahmen gegenstandslos gewor-
den. Dasselbe gilt für den Antrag auf Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses.
9.
9.1 Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG). Aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt sich, dass seine Begehren als zum Vornherein aussichtslos zu
erachten waren. Die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG sind damit
nicht erfüllt, weshalb das Gesuch abzuweisen ist.
9.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE;
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
D-4840/2022
Seite 14