Decision ID: ee135997-e5dd-5956-a276-c58330ff28ec
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am (...) Juli 2020 in der Schweiz um Asyl
nach. Am 15. Juli 2020 fand die sogenannte Personalienaufnahme statt.
Mit Vollmacht gleichen Datums beauftragte er die Mitarbeitenden des
HEKS Rechtsschutzes im Bundesasylzentrum B._ mit der Wahrung
seiner Rechte im Asylverfahren.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer bereits in Griechenland
ein Asylgesuch eingereicht hatte und ihm dort am 6. März 2020 Schutz ge-
währt worden war. Ausserdem ergab sich, dass der Beschwerdeführer am
(...) Februar 2019 in C._ nach illegaler Einreise daktyloskopisch er-
fasst und am (...) 2019 in D._ als Asylbewerber registriert worden
war.
C.
Anlässlich des persönlichen Dublin-Gesprächs und des rechtlichen Gehörs
zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und zur Möglichkeit der Rück-
führung nach Griechenland machte der Beschwerdeführer in Anwesenheit
seines Rechtsvertreters im Wesentlichen geltend, er habe nie eine Tazkira
oder einen Reisepass besessen. Im Alter von zwölf Jahren sei er aus Af-
ghanistan in den Iran gegangen, wo er sich etwa fünf Jahre lang aufgehal-
ten habe, bevor er in die Türkei und, nach einem Jahr, weiter nach Grie-
chenland gelangt sei. Während etwa zehn bis elf Monaten habe er sich im
Camp "E._" (das zum Camp D._ gehöre) aufgehalten. Er
habe in Griechenland keinen Schutzstatus erhalten. Von einem griechi-
schen Beamten sei ihm im Beisein eines Dolmetschers in einem Raum
mitgeteilt worden, dass sein Asylgesuch abgelehnt worden sei; eine Be-
gründung habe er nicht bekommen. Es sei ihm ein rotes Dokument über-
geben und geraten worden, sich einen Anwalt zu nehmen. Weitere Infor-
mationen über ihm zustehende Rechte habe es keine gegeben. Er habe
dann erfolglos versucht, einen Anwalt zu engagieren. Etwa neun oder zehn
Tage nach dem negativen Entscheid sei er versteckt unter einem Lastwa-
gen auf einem Schiff illegal von Lesbos nach Athen gelangt, wo er etwa
einen Monat verblieben sei. In der Folge sei er über Albanien, Montenegro,
Bosnien, Kroatien, Slowenien und Italien in die Schweiz eingereist.
Im Camp in Griechenland habe es ständig Streitigkeiten gegeben; gebro-
chene Beine und Hände seien die Folge gewesen. Jede Nacht seien Zelte
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verbrannt worden und man habe nicht schlafen können. In den Zelten sei
es im Sommer sehr heiss, im Winter sehr kalt geworden. Er habe eine mo-
natliche Unterstützung von 90 Euro bekommen und mit Geld, das er im
Iran und in der Türkei verdient gehabt habe, den Lebensunterhalt bestrit-
ten. Er habe keine Kenntnis von privaten Hilfsorganisationen gehabt und
sich entsprechend dort keine Hilfe holen können. Staatliche Anlaufstellen
zur Unterstützung bei der Arbeits- oder Wohnungssuche seien ihm nicht
bekannt gewesen; ohnehin wäre von dieser Seite keine Hilfe zu erwarten
gewesen.
Unabhängig vom Bestehen eines Schutzstatus wolle er nicht nach Grie-
chenland zurückkehren. Es sei dort wie eine Hölle, wie ein Guantanamo
gewesen. Er habe bereits elf Monate in dieser Hölle gelebt und deswegen
Depressionen bekommen. Der konsultierte Arzt habe ihm lediglich geraten,
Wasser zu trinken; eine richtige medizinische Versorgung habe es nicht
gegeben. Er habe immer die Schweiz als Ziel vor Augen gehabt, hier seien
die Menschen freundlich.
Wegen seiner Depressionen sei er etwas vergesslich geworden. Ansons-
ten habe er keine Symptome und der Arzt in der Schweiz habe ihm gesagt,
seine Depression sei keine ernsthafte medizinische Sache.
Der Beschwerdeführer reichte im erstinstanzlichen Verfahren keine Identi-
tätspapiere zu den Akten.
D.
D.a Am 27. Juli 2020 ersuchte die Vorinstanz die griechischen Behörden
gestützt auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Ver-
fahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Dritt-
staatsangehöriger (sog. Rückführungs-Richtlinie) und das Abkommen zwi-
schen dem Schweizerischen Bundesrat und der Regierung der Helleni-
schen Republik über die Rückübernahme von Personen mit irregulärem
Aufenthalt vom 28. August 2006 (SR 0.142.113.729) um Rückübernahme
des Beschwerdeführers.
D.b Am 30. Juli 2020 stimmten die griechischen Behörden dem Rück-
übernahmeersuchen des SEM zu und bestätigten in ihrem Schreiben
gleichzeitig, dem Beschwerdeführer sei am 6. März 2020 der subsidiäre
Schutzstatus gewährt worden. Dieser Entscheid sei ihm indessen noch
nicht bekannt gegeben worden. Der Beschwerdeführer habe weder die
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entsprechende Aufenthaltsbewilligung noch den speziellen Reiseausweis
für Flüchtlinge beantragt.
E.
E.a Die Vorinstanz unterbreitete der Rechtsvertretung des Beschwerdefüh-
rers am 12. August 2020 einen ablehnenden Entscheidentwurf zur Stel-
lungnahme.
E.b Mit Eingabe vom 12. August 2020 teilte die Rechtsvertretung dem
SEM mit, vorweg werde gerügt, dass dem Beschwerdeführer das Zustim-
mungsschreiben der griechischen Behörden nicht mit dem Entscheident-
wurf zur Verfügung gestellt worden sei. Der Beschwerdeführer beharre da-
rauf, von den griechischen Behörden einen negativen Asylentscheid erhal-
ten zu haben und es sei nicht nachvollziehbar, weshalb dieselben Behör-
den nun behaupten würden, der Entscheid über den subsidiären Schutz-
status sei dem Beschwerdeführer nicht bekanntgegeben worden. Dieses
Vorgehen werfe in jedem Fall ein schlechtes Licht auf die Abläufe im grie-
chischen Asylverfahren. Zudem müsse er sich gerade nicht vorwerfen las-
sen, sich nicht um den Erhalt von Informationen bemüht zu haben, welche
Unterstützungsmöglichkeiten ihm im Einzelnen seitens der griechischen
Behörden und privater Hilfsorganisationen offengestanden wären. Die
Kommunikation dieser Informationen sei Sache der griechischen Behör-
den.
Das SEM verkenne die tatsächliche Situation von Flüchtlingen in Griechen-
land, namentlich auf Lesbos. Tausende Menschen würden nicht einmal mi-
nimale Unterstützung vom Staat oder von privaten Hilfsorganisationen er-
halten. Die beschriebene Lebenssituation habe sich seit der Ausreise des
Beschwerdeführers aus Griechenland noch verschlechtert. Im März 2020
habe das Ministerium für Einwanderung und Asyl einen Änderungsantrag
zum Asylgesetz verabschiedet. Dieser lege den Ausstieg aus den Aufnah-
meprogrammen und die Einstellung der Sach- und Geldleistungen für die-
jenigen fest, die internationalen oder subsidiären Schutz erhalten hätten.
Damit würden die Leistungen 30 Tage nach Eingang eines solchen positi-
ven Asylentscheids ausgesetzt; davon ausgenommen seien nur die unbe-
gleiteten Minderjährigen. Damit werde anerkannten Flüchtlingen die Mög-
lichkeit entzogen, ihr Recht auf Wohnung, Sach- und Geldleistungen ge-
richtlich geltend zu machen. Eine Schutzinfrastruktur sei damit nicht gege-
ben. Das SEM werde aufgefordert, dazu im Asylentscheid konkret Stellung
zu nehmen.
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Seite 5
F.
Mit Verfügung vom 14. August 2020 – eröffnet am 17. August 2020 – trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine Wegweisung aus
der Schweiz und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Eintritt der
Rechtskraft dieser Verfügung zu verlassen, ansonsten er in Haft genom-
men und unter Zwang nach Griechenland zurückgeführt werden könne.
Der zuständige Kanton wurde mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragt,
und dem Beschwerdeführer wurden die editionspflichtigen Akten gemäss
Aktenverzeichnis ausgehändigt.
G.
Mit Eingabe vom 20. August 2020 erhob der Beschwerdeführer durch sei-
nen Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er be-
antragt, die Verfügung des SEM vom 14. August 2020 sei aufzuheben und
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die vorinstanzliche Ver-
fügung im Wegweisungspunkt aufzuheben und die Unzulässigkeit oder die
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen.
In prozessualer Hinsicht liess der Beschwerdeführer die Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung sowie den Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses beantragen.
H.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 25. August 2020 den Ein-
gang der Beschwerde.
I.
Die erstinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
25. August 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
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Seite 6
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung.
Er daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die
Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 31a Abs.1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Be-
schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz
zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2
m.w.H.).
3.2 Bezüglich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs
hat die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb das
Bundesverwaltungsgericht diese Punkte uneingeschränkt prüft.
4.
4.1 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Ein sol-
ches Rechtsmittel liegt hier vor.
4.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet. Die Urteilsbegründung erfolgt summarisch
(Art. 111a Abs. 2 AsylG).
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Seite 7
5.
5.1 Soweit der Beschwerdeführer eine Verletzung des rechtlichen Gehörs
durch unvollständige Akteneinsicht geltend macht, weil ihm keine Einsicht
in das "Antwortschreiben Griechenlands" gewährt worden sei, ist nach
Durchsicht der Vorakten Folgendes festzustellen:
5.1.1 Bei den Aktenstücken A17/2 und A20/1 handelt es sich um die Rück-
übernahmeanfrage des SEM an Griechenland vom 27. Juli 2020 und die
entsprechende Zustimmung der griechischen Behörden vom 30. Juli 2020.
Das SEM hat beide Dokumente kopiert und diese Duplikate, mit Anonymi-
sierungen (Abdeckungen) versehen, als Aktenstücke A18/2 und A21/1 ins
Aktenverzeichnis aufgenommen. Im Gegensatz zu den Originalen wurden
die anonymisierten Duplikate mit dem Paginierungsvermerk "F = Akten frei
zur Edition" versehen. Das Aktenverzeichnis weist in der Spalte "Einsicht
RV" bei A18/2 und A21/1 je den Eintrag "Ja" auf. Mit der angefochtenen
Verfügung wurden dem Beschwerdeführer die "editionspflichtigen Akten
gemäss Aktenverzeichnis" (vgl. Dispositivziffer 5) sowie eine Kopie dieses
Aktenverzeichnisses ausgehändigt (vgl. Beilagenverzeichnis auf S. 11 der
Verfügung). Diese Aktenlage lässt somit auf eine Aushändigung auch des
anonymisierten Antwortschreibens aus Griechenland (A21/1) schliessen.
5.1.2 Zwar sind administrative Versehen des SEM nie gänzlich aus-
zuschliessen, auch wenn die Zusammenstellung der (elektronischen)
Akten für die Einsichtsgewährung in den Bundesasylzentren aus Effizienz-
gründen hauptsächlich automatisiert erfolgen dürfte. Indes fällt in casu
erstens die fehlende Substanziiertheit der Rüge der Verletzung des Ein-
sichtsrecht auf. Diese beschränkt sich auf folgende Formulierung: "[...] das
entsprechende Aktenstück fehlt jedoch" (vgl. Beschwerde S. 4). Bei einem
derart ungewöhnlichen Vorfall wären aus Sicht des Gerichts jedoch Erläu-
terungen der Sachverhaltsdarstellung zu erwarten, welche die vielen sich
nach dem zitierten Halbsatz aufdrängenden Fragen beantwortet hätten.
Zweitens erscheint es kaum plausibel, dass eine zugewiesene amtliche
Rechtsvertretung nach Entdecken eines solchen groben administrativen
Fehlers nicht umgehend beim SEM protestieren und die Nachlieferung ei-
nes so wichtigen Aktenstücks verlangen würde (beziehungsweise gegebe-
nenfalls aller Akten, falls gar keine Akten ausgehändigt worden wären).
Ein solches Vorgehen erwähnt der Rechtsbeistand nicht, und auch aus den
elektronisch geführten Akten ergeben sich keine diesbezüglichen Bemü-
hungen.
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Seite 8
5.1.3 Zumal administrative Versehen – beispielsweise bei der Zuordnung
und Ablage von Dokumenten – auch bei amtlichen Rechtsbeiständen nicht
gänzlich auszuschliessen sind, hält das Gericht bei der oben geschilderten
Aktenlage fest, dass sich keine konkreten Anhaltspunkte für die (bloss un-
substanziiert behauptete) Verletzung des Akteneinsichtsrechts des Be-
schwerdeführers ergeben. Der Antrag auf Rückweisung der Sache an das
SEM aus formalen Gründen ist somit abzuweisen.
6.
Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch nicht einge-
treten, wenn die asylsuchende Person in einen nach Art. 6a Abs. 2 Bst. b
AsylG als sicher bezeichneten Drittstaat zurückkehren kann, in welchem
sie sich vorher aufgehalten hat.
6.1 Den Akten ist zufolge ist dem Beschwerdeführer am 6. März 2020 der
subsidiäre Schutzstatus in Griechenland gewährt worden. Griechenland ist
ein verfolgungssicherer Drittstaat im Sinn von Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG
(vgl. Beschluss des Bundesrates vom 14. Dezember 2007) und die grie-
chischen Behörden haben am 30. Juli 2020 der Rückübernahme des Be-
schwerdeführers zugestimmt.
6.2 Das vom Beschwerdeführer nicht weiter begründete Verneinen eines
Aufenthaltstitels in Griechenland (vgl. Beschwerde S. 5) vermag das Ge-
richt nicht zu überzeugen. Den Akten ist zu entnehmen, dass er über einen
Schutzstatus in diesem Land verfügt. Zudem hat der Beschwerdeführer
nicht behauptet, es würde ihm in Griechenland die Rückschiebung in sei-
nen Heimatstaat unter Verletzung des Refoulement-Verbots drohen. Wei-
tere Einwände bezüglich Griechenlands als verfolgungssicheren Staat sind
der Beschwerde nicht zu entnehmen.
6.3 Das SEM ist damit zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten.
7.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz und ordnet den Vollzug an, wenn es das Asylgesuch ablehnt
oder darauf nicht eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Auch kein anderer Grund
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Seite 9
nach Art. 32 Abs. 1 der Asylverordnung 1 über Verfahrensfragen (AsylV1;
SR 142.311) ist ersichtlich. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht an-
geordnet.
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den ge-
setzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insbesondere Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkom-
mens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30], Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der
Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen
Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund
von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizini-
scher Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung fest-
gestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren.
Der Vollzug ist schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der
Ausländer weder in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen
Drittstaat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2
AIG).
8.3 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt
gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweis-
standard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie
sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls
wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.4
8.4.1 Gemäss Art. 6a AsylG besteht zugunsten sicherer Drittstaaten (vgl.
hierzu E. 6.1) die Vermutung, dass diese ihre völkerrechtlichen Verpflich-
tungen, darunter im Wesentlichen das Refoulement-Verbot und grund-
legende menschenrechtliche Garantien, einhalten (vgl. FANNY MATTHEY,
https://jurispub.admin.ch/publiws/pub/cache.jsf#_Ref469486439
E-4211/2020
Seite 10
in: Cesla Amarelle / Minh Son Nguyen, Code annoté de droit des migra-
tions, Bern 2015, Art. 6a AsylG N 12 S. 68). Art. 83 Abs. 5 AIG hält ferner
die Vermutung fest, dass eine Wegweisung in einen EU- oder EFTA-Staat
in der Regel zumutbar ist.
8.4.2 Es obliegt der betroffenen Person, diese beiden Legalvermutungen
umzustossen. Dazu hat sie ernsthafte Anhaltspunkte dafür vorzubringen,
dass die Behörden des in Frage stehenden Staates im konkreten Fall das
Völkerrecht verletzen, ihr nicht den notwendigen Schutz gewähren oder sie
menschenunwürdigen Lebensumständen aussetzen würden respektive,
dass sie im in Frage stehenden Staat aufgrund von individuellen Umstän-
den sozialer, wirtschaftlicher oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle
Notlage geraten würde (vgl. statt vieler das Urteil des BVGer E-2617/2016
vom 28. März 2017 E. 4).
9.
9.1 In der Beschwerde wird zur Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs
massgeblich geltend gemacht, das griechische Fürsorgesystem stehe seit
längerem auch für Personen mit Schutzstatus in der Kritik. Die diesbezüg-
liche Sicherheitsvermutung könne angesichts der sich rapide verschlech-
ternden Situation von Flüchtlingen in Griechenland und nicht zuletzt auf-
grund der jüngsten Gesetzesänderung vom März 2020 nicht ohne weitere
Abklärungen aufrechterhalten werden. Insbesondere genügten die pau-
schalen Hinweise auf den griechischen Rechtsstaat, die Einhaltung völ-
kerrechtlicher Verpflichtungen und auf die Garantien der Qualifikations-
richtlinie nicht mehr. Aufgrund der neuen Gesetzeslage und der Tatsache,
dass der Beschwerdeführer in Griechenland auch mit internationalem
Schutzstatus weder für ESTIA noch HELIOS berechtigt sein werde, werde
er auch keinen Zugang zu Unterbringung, Sozialleistungen und medizini-
scher Versorgung erhalten, mithin würden ihm unmenschliche respektive
erniedrigende Lebensbedingungen im Sinn von Art. 3 EMRK drohen.
9.2
9.2.1 Grundsätzlich geht das Gericht davon aus, dass in Griechenland
Schutzberechtigte Schutz vor Rückschiebung im Sinn von Art. 5 Abs. 1
AsylG finden sowie dass Griechenland als Signatarstaat der EMRK, der
FoK und der FK und des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) seinen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen
grundsätzlich nachkommt. Zwar anerkennt das Gericht, dass die Lebens-
bedingungen in Griechenland schwierig sind. Das griechische Fürsorge-
E-4211/2020
Seite 11
system steht in der Tat nicht nur für Asylsuchende, sondern auch für Per-
sonen mit Schutzstatus in der Kritik. Indessen geht das Gericht entgegen
der Auffassung in der Beschwerdeschrift weiterhin nicht von einer un-
menschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinn von Art. 3 EMRK
respektive einer existenziellen Notlage aus.
9.2.2 Personen mit Schutzstatus sind griechischen Bürgerinnen und Bür-
gern gleichgestellt in Bezug auf Fürsorge, Zugang zu Gerichten und den
öffentlichen Schulunterricht, respektive sind sie gleichgestellt mit anderen
Ausländern und Ausländerinnen, namentlich in Bezug auf Erwerbstätigkeit
oder Gewährung von Unterkunft (vgl. Art. 16–24 des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Unterstützungsleistungen und weitere Rechte können direkt bei den zu-
ständigen Behörden und, falls notwendig, auf dem Rechtsweg eingefordert
werden.
9.2.3 Nicht zuletzt können Schutzberechtigte sich auch auf die Garantien
in der Richtlinie 2011/95/EU berufen (Richtlinie des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 13. Dezember 2011 über Normen für die Aner-
kennung von Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen als Personen mit
Anspruch auf internationalen Schutz, für einen einheitlichen Status für
Flüchtlinge oder für Personen mit Anrecht auf subsidiären Schutz und für
den Inhalt des zu gewährenden Schutzes; sog. Qualifikationsrichtlinie).
Auf diese muss sich Griechenland als EU-Mitgliedstaat behaften lassen.
Von Interesse dürften diesbezüglich insbesondere die Regeln betreffend
den Zugang von Personen mit Schutzstatus zu Beschäftigung (Art. 26),
zu Bildung (Art. 27), zu Sozialhilfeleistungen (Art. 29), zu Wohnraum
(Art. 32) und zu medizinischer Versorgung (Art. 30) sein.
9.2.4 Im Falle einer Verletzung der Garantien der EMRK steht gestützt auf
Art. 34 EMRK steht letztlich der Rechtsweg an den Europäischen Gerichts-
hof für Menschenrechte (EGMR) offen (vgl. statt vieler Urteil des Bundes-
veraltungsgerichts E-1657/2020 vom 26. Mai 2020, D-2160/2020 vom
6. Mai 2020 und D-1118/2020 vom 2. April 2020).
9.2.5 Griechenland wird sich seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen
auch vor dem Hintergrund des in der Beschwerde aufgeführten, vom Mi-
nisterium für Einwanderung und Asyl verabschiedeten Änderungsantrags
zum Asylgesetz vom März 2020 nicht ohne Weiteres entziehen können.
E-4211/2020
Seite 12
9.3 Dem Beschwerdeführer wurde in Griechenland der subsidiäre Schutz-
status gewährt. Es besteht daher kein Anlass zur Annahme, es drohe ihm
eine Verletzung des in Art. 33 Abs. 1 der FK verankerten Grundsatzes der
Nichtrückschiebung. Sodann sind den Akten keine Anhaltspunkte dafür zu
entnehmen, dass dem Beschwerdeführer für den Fall der Ausschaffung mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine menschenrechtswidrige Behandlung
im Sinne von Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 FoK und Art. 3 EMRK droht.
9.4 Dabei ist festzustellen, dass es keinen Grund zur Annahme gibt, der
Beschwerdeführer müsse sich bei einer Rückkehr nach Griechenland wie-
derum im Flüchtlingscamp "E._" auf der Insel F._ aufhalten.
Inwiefern er ausserhalb dieses Lagers in der Vergangenheit in Griechen-
land von Problemen betroffen gewesen wäre, die unter dem Aspekt der
Zulässigkeit relevant sein könnten, ist nicht ersichtlich. Dies gilt auch für
seine – gemäss Akten geringfügigen – gesundheitlichen Beeinträchtigun-
gen, die in der Beschwerde bei der Frage der Durchführbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs ja auch nicht weiter thematisiert werden.
9.5 Unabhängig davon führte das SEM zu Recht aus, der Beschwerdefüh-
rer könne sich bei Unterstützungsbedarf oder allfälligen Problemen mit
Drittpersonen an die griechischen Behörden wenden und die erforderliche
Hilfe nötigenfalls auf dem Rechtsweg einfordern.
9.6 Der Vollzug der Wegweisung nach Griechenland erweist sich somit ins-
gesamt als zulässig.
10.
10.1 Der Beschwerdeführer vermag sodann die Vermutung nicht umzu-
stossen, dass eine Rückkehr nach Griechenland als zumutbar zu erachten
ist. In Griechenland als sicherem Drittstaat herrscht keine Situation von all-
gemeiner Gewalt.
10.2 Griechenland ist an die Qualifikationsrichtlinie gebunden und es ob-
liegt dem Beschwerdeführer, ihm allfällig zustehende Ansprüche direkt bei
den griechischen Behörden einzufordern. Die – aufgrund der herrschenden
Wirtschaftslage – nicht einfachen Lebensbedingungen lassen nicht bereits
die Annahme zu, der Beschwerdeführer wäre bei einer Rückkehr nach
Griechenland einer existenziellen Notlage ausgesetzt.
E-4211/2020
Seite 13
10.3 Hinsichtlich seiner gesundheitlichen Probleme wird sich der Be-
schwerdeführer nötigenfalls mit seinem subsidiären Schutzstatus, der ihm
freien Zugang zu entsprechender Versorgung erlaubt, an die zuständigen
Institutionen in Griechenland zu wenden haben.
10.4 Insgesamt erweist sich der Vollzug der Wegweisung somit auch als
zumutbar
11.
Schliesslich ist der Wegweisungsvollzug auch als möglich zu erachten, zu-
mal die griechischen Behörden einer Rückübernahme des Beschwerde-
führers ausdrücklich zugestimmt haben.
12.
Nach den vorstehenden Erwägungen ist auch der von der Vorinstanz ver-
fügte Vollzug der Wegweisung zu bestätigen.
13.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 AsylG). Es erübrigt sich vorliegend, auf weitere Ausführun-
gen in der Beschwerde und die darin zitierten und eingereichten Berichte
näher einzugehen. Die Beschwerde ist abzuweisen.
14.
14.1 Der Antrag auf Kostenvorschusserlass erweist sich mit vorliegendem
Urteil als gegenstandslos.
14.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG ist
abzuweisen, weil sich die Beschwerde entsprechend den vorstehenden Er-
wägungen bereits bei Eingang des Begehrens, unbesehen der finanziellen
Verhältnisse des Beschwerdeführers, als aussichtlos erwiesen hat.
Demzufolge hat der Beschwerdeführer die Verfahrenskosten in der Höhe
von Fr. 750.– zu tragen (Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
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