Decision ID: 64b88a28-3ef0-591c-bbb9-d589c6ec962f
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 28. Juli 2016 richtete die spanische Steuerbehörde, die Agencia Tribu-
taria (AT; nachfolgend auch: ersuchende Behörde), gestützt auf Art. 25bis
des Abkommens vom 26. April 1966 zwischen der Schweizerischen Eidge-
nossenschaft und Spanien zur Vermeidung der Doppelbesteuerung auf
dem Gebiete der Steuern vom Einkommen und vom Vermögen
(SR 0.672.933.21; nachfolgend: DBA CH-ES) ein Amtshilfeersuchen an die
Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV; nachfolgend auch: Vorinstanz).
Als vom Ersuchen betroffene Personen nannte die AT ihr namentlich nicht
bekannte, mutmasslich in Spanien steuerpflichtige Personen, die anhand
einer dem Ersuchen beigelegten Liste mit Kundennummern und weiteren
Angaben identifizierbar seien. Dabei äusserte die AT den Verdacht, bezüg-
lich der in der Liste enthaltenen Konten seien innerstaatliche Meldepflich-
ten verletzt worden. Als Informationsinhaberin in der Schweiz wurde die
B._ AG ([...] nachfolgend: B._) genannt. Die Informationen
würden für die korrekte Einkommens-, Vermögens- und Körperschaftsbe-
steuerung der betroffenen Personen in den Jahren 2012 bis 2015 benötigt.
Weiter erwähnte die ersuchende Behörde, dass nach spanischem Steuer-
recht eine Verjährungsfrist von vier Jahren gelte.
B.
Die ESTV trat auf das Ersuchen ein und forderte die B._ mit Editi-
onsverfügung vom 16. September 2016 auf, ihr die ersuchten Kontoinfor-
mationen herauszugeben. Dieser Aufforderung kam die B._ nach.
Die letzte Teillieferung erfolgte im Dezember 2017.
C.
Nachdem die B._ das Schreiben der ESTV betreffend Information
über das Amtshilfeersuchen an A._ als vom Amtshilfeersuchen be-
troffenen Kunden weitergeleitet hatte, liess dieser gegenüber der ESTV mit
Schreiben vom 14. Dezember 2016 seine anwaltliche Vertretung anzeigen
und Akteneinsicht beantragen.
D.
Mit Schreiben vom 21. Dezember 2016 setzte die ESTV A._ dar-
über in Kenntnis, dass die Bearbeitung des Ersuchens längere Zeit in An-
spruch nehmen werde und sie sich nach abgeschlossener Informationsbe-
schaffung betreffend Akteneinsicht melden werde. Weiter teilte sie mit,
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dass in der Zwischenzeit keine Übermittlung der Informationen an die spa-
nische Behörde erfolge.
E.
Am 18. September 2017 gewährte die ESTV A._ Akteneinsicht.
Gleichzeitig stellte sie für den Fall, dass sie die ersuchten Informationen an
die zuständige spanische Behörde übermitteln sollte, in Aussicht, ihm
vorab eine Frist zur Einreichung einer Stellungnahme anzusetzen.
F.
Mit Urteil vom 26. Juli 2019 erkannte das Bundesgericht in einem Amtshil-
feverfahren betreffend ein französisches Ersuchen, welches auf Daten der-
selben Quelle basierte, dass Amtshilfe zu leisten sei (Urteil des BGer
2C_653/2018 vom 26. Juli 2019 [teilweise publiziert in: BGE 146 II 150]).
Die schriftliche Urteilsbegründung wurde im Dezember 2019 veröffentlicht.
G.
Mit Schreiben vom 16. Januar 2020 informierte die ESTV die ersuchende
Behörde über die neusten Entwicklungen in der Rechtsprechung. Weiter
äusserte sie ihre Ansicht, wonach die gemäss spanischem Recht geltende
Verjährungsfrist von vier Jahren in Anwendung von Ziff. IV Absatz 6 des
Protokolls zum DBA CH-ES (welches integrierender Bestandteil des DBA
CH-ES bildet; ebenfalls unter SR 0.672.933.21) mit Einreichung des Amts-
hilfeersuchens unterbrochen worden sei. Im Lauf der nachfolgenden Kor-
respondenz stellte die ersuchende Behörde klar, dass die vierjährige Ver-
jährungsfrist durch die Einreichung des Ersuchens nicht unterbrochen wor-
den sei. Folglich seien allfällige Steuerforderungen betreffend die Steuer-
jahre 2012 bis 2014 bereits verjährt und drohten betreffend das Jahr 2015
im Juni 2020 ebenfalls zu verjähren. Die ersuchende Behörde bat daher,
von einer Information der betroffenen Personen betreffend Amtshilfeleis-
tung zum Steuerjahr 2015 abzusehen. Mit E-Mail vom 5. März 2020 teilte
die ESTV der AT mit, dass sie die Voraussetzungen für eine Übermittlung
der ersuchten Informationen für das Jahr 2015 ohne vorgängige Informa-
tion der betroffenen Personen als gegeben erachte.
H.
Mit einer auf den 23. April 2020 datierten Schlussverfügung ordnete die
ESTV in Anwendung von Art. 21a des Steueramtshilfegesetzes vom
28. September 2012 (StAhiG, SR 651.1) die Amtshilfeleistung betreffend
A._ für den Zeitraum vom 1. Januar 2015 bis zum 31. Dezember
2015 an. Die entsprechende Informationsübermittlung an die spanische
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Behörde erfolgte gleichentags auf elektronischem Weg. Die Schlussverfü-
gung vom 23. April 2020 wurde A._ mit Begleitschreiben vom
28. Oktober 2020 eröffnet.
Die ESTV begründete die sofortige Datenübermittlung in Anwendung von
Art. 21a StAhiG und die damit einhergehende Beschränkung der Verfah-
rensrechte in der Schlussverfügung damit, dass es sich bei der drohenden
Verjährung nach dem Willen des Gesetzgebers, der sich vom internationa-
len Standard habe leiten lassen, um einen Anwendungsfall von Art. 21a
StAhiG handle und die ersuchende Behörde vorliegend die Dringlichkeit
wegen drohender Verjährung glaubhaft gemacht habe. In Anbetracht der
geltenden Fristen (Übermittlung der erforderlichen Informationen bis spä-
testens Mitte Mai 2020) und der Anzahl der betroffenen Fälle könne die
Einhaltung der Verfahrensregeln bezüglich der Rechte des Steuerpflichti-
gen nicht gewährleistet werden. Die Tatsache, dass die betroffene Person
bereits über das Amtshilfeersuchen informiert wurde, schliesse die Anwen-
dung von Artikel 21a StAhiG nicht aus. Die Norm berücksichtige zwar ex-
plizit nur die Situation zum Zeitpunkt der Einreichung eines Amtshilfeersu-
chens. Eine teleologische Auslegung führe jedoch zum Schluss, dass die
Anwendung von Artikel 21a StAhiG nicht vom Stand des Amtshilfeverfah-
rens abhängen könne. Zudem stelle es einen verhältnismässigeren Eingriff
in die Rechte der betroffenen Personen dar, wenn ihnen noch ein Mindest-
mass an Informationen garantiert werde, wo dies möglich sei.
I.
Dagegen liess A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer) mit Eingabe
vom 30. November 2020 Beschwerde ans Bundesverwaltungsgericht er-
heben und beantragen, es sei die Rechtswidrigkeit der Schlussverfügung
der ESTV vom 23. April 2020 festzustellen; alles unter Kosten- und Ent-
schädigungsfolge zulasten der ESTV.
Der Beschwerdeführer beanstandet vorab eine rechtswidrige Anwendung
von Art. 21a StAhiG. Die vierjährige Verjährungsfrist sei bereits im Amtshil-
feersuchen kommuniziert worden. Die ESTV habe es verpasst, die Frage
der Verjährung rechtzeitig anzugehen. Deshalb habe sie sich notgedrun-
gen auf den einzigen Ausnahmeartikel stützen müssen, der die Informa-
tionsübermittlung noch vor Eintritt der Verjährung erlaubt habe. Vor diesem
Hintergrund entbehre das Argument der Dringlichkeit jeder vernünftigen
Grundlage. Zudem verstosse das Vorgehen der ESTV gegen Treu und
Glauben. Sie habe dem Beschwerdeführer nämlich ausdrücklich zugesi-
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chert, dass (zwischenzeitlich) keine Informationsübermittlung an die spani-
sche Behörde erfolge und sie ihm vor einer allfälligen Informationsübermitt-
lung Frist zur Stellungnahme ansetzen werde. Mit Bezug auf das Amtshil-
feersuchen bringt der Beschwerdeführer vor, dass das DBA CH-ES man-
gels Ansässigkeit in Spanien auf ihn nicht anwendbar sei und das vorlie-
gende Listenersuchen eine unzulässige «fishing expedition» darstelle.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 13. August 2021 verzichtete das Bundesver-
waltungsgericht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
K.
Mit Eingabe vom 10. September 2021 verzichtet die Vorinstanz auf eine
Vernehmlassung.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Dem vorliegenden Verfahren liegt ein Amtshilfeersuchen der spani-
schen Steuerbehörde vom 28. Juli 2016 gestützt auf Art. 25bis DBA CH-ES
zugrunde. Die Durchführung der mit diesem Abkommen vereinbarten
Bestimmungen richtet sich nach dem StAhiG (Art. 1 Abs. 1 Bst. a und
Art. 24 StAhiG im Umkehrschluss).
1.2 Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Beurteilung von Beschwerden
gegen Schlussverfügungen der ESTV betreffend die internationale Amts-
hilfe in Steuersachen zuständig (vgl. Art. 19 Abs. 5 StAhiG i.V.m. Art. 31 ff.
VGG). Das Verfahren vor diesem Gericht richtet sich nach dem VwVG, so-
weit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG). Der Beschwerde-
führer hat am vorinstanzlichen Verfahren teilgenommen und ist als Adres-
sat der angefochtenen Schlussverfügung und als Person, die vom Amtshil-
feersuchen betroffen ist, zur Beschwerdeführung legitimiert (vgl. Art. 48
Abs. 1 VwVG, Art. 19 Abs. 2 StAhiG).
Mit dem Erlass der hier angefochtenen Schlussverfügung gestützt auf
Art. 21a StAhiG hat die ESTV die darin angeordnete Amtshilfeleistung glei-
chentags und damit noch vor Eröffnung der Schlussverfügung an den Be-
schwerdeführer vollstreckt. Wird gegen eine solche Schlussverfügung Be-
schwerde erhoben, so kann gemäss Art. 21a Abs. 2 StAhiG lediglich – wie
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dies der Beschwerdeführer getan hat – die Feststellung der Rechtswidrig-
keit verlangt werden. Auf die frist- und formgerecht (vgl. Art. 50 Abs. 1 und
Art. 52 Abs. 1 VwVG) eingereichte Beschwerde ist ohne Einschränkung
einzutreten.
1.3 Das Bundesverwaltungsgericht überprüft den angefochtenen Ent-
scheid grundsätzlich in vollem Umfang. Der Beschwerdeführer kann mit
der Beschwerde neben der Verletzung von Bundesrecht auch die unrich-
tige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes
sowie die Unangemessenheit rügen (vgl. Art. 49 Bst. a bis c VwVG).
2.
Im vorliegenden Verfahren stellt sich vorab die Rechtsfrage, ob eine Amts-
hilfeleistung gestützt auf Art. 21a StAhiG, d.h. in Anwendung des Verfah-
rens mit nachträglicher Information der beschwerdeberechtigten Personen,
auch zulässig ist, wenn die betroffene Person zuvor bereits von der
Vorinstanz über das Amtshilfeersuchen in Kenntnis gesetzt worden ist. Das
Bundesverwaltungsgericht hat diese Frage unlängst in einem gleich gela-
gerten Verfahren, das ebenfalls auf dem hier streitbetroffenen Listenersu-
chen Spaniens basierte, beantwortet, wobei es Art. 21a StAhiG einer aus-
führlichen Gesetzesauslegung unterzogen hat (s. Urteil des BVGer
A-5424/2020 vom 24. Juni 2021 E. 2.1 ff. [zur Publikation vorgesehen]).
Die nachfolgenden Ausführungen beschränken sich daher auf eine Wie-
dergabe des Wortlauts von Art. 21a StAhiG und eine Zusammenfassung
der gleichermassen für den vorliegenden Fall relevanten Erwägungen.
2.1 Art. 21a StAhiG trägt den Randtitel «Verfahren mit nachträglicher Infor-
mation der beschwerdeberechtigten Personen» und hat folgenden Wort-
laut:
«Die ESTV informiert die beschwerdeberechtigten Personen ausnahms-
weise erst nach der Übermittlung der Informationen mittels Verfügung über
ein Ersuchen, wenn die ersuchende Behörde glaubhaft macht, dass der
Zweck der Amtshilfe und der Erfolg ihrer Untersuchung durch die vorgän-
gige Information vereitelt würden».
2.2 Das Bundesverwaltungsgericht erwog im Rahmen der grammatikali-
schen Auslegung, Art. 21a StAhiG statuiere ausdrücklich, dass es sich um
eine Ausnahmeregelung handle. Aus dem Sinnzusammenhang der Norm
bzw. der zeitlogischen Abfolge von Tatbestand und Rechtsfolge erhelle,
dass mit der tatbestandsmässigen «vorgängigen Information» nur die auch
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in der Rechtsfolge erwähnte «Information über das Ersuchen» gemeint
sein könne: Sei bereits über das Ersuchen informiert worden, könne eine
entsprechende Information über das Ersuchen nämlich nicht mehr unter-
lassen werden. Folglich sei Art. 21a StAhiG nach seinem klaren Wortlaut
nicht auf Konstellationen anwendbar, in denen die beschwerdeberechtigte
Person bereits über das Ersuchen informiert worden sei (zum Ganzen aus-
führlich: Urteil des BVGer A-5424/2020 E. 2.2.1 f. mit Hinweis).
Aufgrund dieses klaren Wortlauts prüfte das Gericht in einem nächsten
Schritt lediglich noch, ob sich aus den weiteren Auslegungselementen trif-
tige Gründe für ein Abweichen vom Wortlaut ergeben.
2.3 Im Rahmen der systematischen Auslegung zeigte das Gericht auf,
dass Art. 21a StAhiG ursprünglich unter einem eigenen Abschnitt «Verfah-
ren mit nachträglicher Information der beschwerdeberechtigten Personen»
gestanden habe und erst im Rahmen einer späteren Gesetzesrevision in
den 3. Abschnitt «Verfahren» verschoben worden sei. Dafür, dass der Ge-
setzgeber mit diesem Eingriff in die ursprüngliche Gliederung zugleich eine
inhaltliche Änderung habe herbeiführen wollen, bestünden keine Anhalts-
punkte. Der Randtitel «Verfahren mit nachträglicher Information der be-
schwerdeberechtigten Personen» weise einen klaren Bezug auf das im
vorhergehenden Abschnitt geregelte Verfahren der Informationsbeschaf-
fung (vgl. Art. 8 bis 15 StAhiG) auf, welches Voraussetzung für die Verfah-
rensabschlussvarianten des vereinfachten (Art. 16 StAhiG) oder ordentli-
chen Verfahrens bilde (Art. 17 StAhiG). Letztlich spreche damit auch die
Gesetzessystematik dafür, dass Art. 21a StAhiG nicht bloss eine neben
dem ordentlichen bzw. vereinfachten Verfahren bestehende Verfahrensab-
schlussvariante darstelle, sondern auch eine mit Ausnahmecharakter aus-
gestaltete Sonderregelung hinsichtlich der Information über das Ersuchen
(vgl. Art. 14 StAhiG) und zwar in dem Sinn, dass sie einen Informationsauf-
schub betreffend das Ersuchen vorsehe. Die systematische Auslegung
stütze damit die grammatikalische Interpretation (ausführlich: Urteil des
BVGer A-5424/2020 E. 2.3.1 f. mit Hinweisen).
2.4 Auch aus der Entstehungsgeschichte von Art. 21a StAhiG ergaben sich
gemäss Gericht keine triftigen Gründe für eine Auslegung gegen den Wort-
laut. Diese zeige, dass der Gesetzgeber – obwohl im Kommentar der
OECD allgemein von einer Regelung zur Einschränkung von Verfahrens-
rechten («rights and safeguards») die Rede sei – einzig die beispielhaft
aufgeführte Ausnahme von der vorgängigen Information («prior notifica-
tion») in das schweizerische Recht übernommen habe, und zwar in einer
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etwas verschärften Version. Die Auffassung der Vorinstanz, wonach mit
Art. 21a StAhiG eine Rechtsgrundlage für eine generelle Einschränkung
von Verfahrensrechten der beschwerdeberechtigten Person eingeführt
werden sollte und nicht «nur» von der vorgängigen Information finde damit
im Lichte der historischen Auslegung keine Stütze (ausführlich: Urteil des
BVGer A-5424/2020 E. 2.4.1 ff. mit Hinweisen).
2.5 Mit Blick auf den Sinn und Zweck der Norm erwog das Gericht unter
Bezugnahme auf entsprechende Einwände der Vorinstanz, dass zwar zur
Gewährleistung eines wirksamen Informationsaustauschs ein Verzicht auf
die Information über das Ersuchen nicht in sämtlichen Konstellationen der
Dringlichkeit notwendig erscheine. Dies gelte namentlich im Gegensatz zu
jenen Konstellationen, in denen aufgrund einer Kollusionsgefahr die Kennt-
nis über das Amtshilfeverfahren an sich problematisch sei. Allerdings ge-
nüge es für eine Auslegung gegen den Wortlaut nicht, dass theoretisch
auch eine Umsetzung des internationalen Standards denkbar gewesen
wäre, die den Anwendungsfall der Dringlichkeit losgelöst vom «Verzicht auf
die vorgängige Information» und den anderen Anwendungsfällen der Ver-
eitelung des Untersuchungserfolgs bzw. Amtshilfezwecks regle. Es bedürfe
konkreter und gewichtiger Anhaltspunkte dafür, dass Art. 21a StAhiG ein
vom Wortlaut abweichender Sinn und Zweck zukomme. Solche Anhalts-
punkte seien nicht ersichtlich. Eine Auslegung gegen den Wortlaut dahin-
gehend, dass Art. 21a StAhiG auch auf Fälle Anwendung finde, bei denen
eine Information über das Amtshilfeverfahren bereits stattgefunden habe,
würde letztlich zu einer Ausweitung des Anwendungsbereichs von Art. 21a
StAhiG führen, was dem Ausnahmecharakter der Norm zuwiderlaufe (aus-
führlich: Urteil des BVGer A-5424/2020 E. 2.5.2 mit Hinweisen).
Das Gericht stimmte der Vorinstanz zwar insoweit zu, als – quantitativ be-
trachtet – ein Totalverzicht auf Verfahrensrechte schwerer wiege als ein
Teilverzicht und unter dem Gesichtspunkt der Verhältnismässigkeit un-
günstiger erscheine. Dennoch vermöge eine solche «e maiore minus»-Ar-
gumentation ein Abweichen vom Wortlaut nicht zu rechtfertigen. Aufgrund
des klaren Wortlauts von Art. 21a StAhiG würden die bereits informierten
beschwerdeberechtigten Personen derzeit mit Recht darauf vertrauen,
dass sie ihre Verfahrensrechte bis zum Abschluss des Amtshilfeverfahrens
wahrnehmen könnten. Dieses Vertrauen in den üblichen Verfahrensgang
würde im Falle einer Interpretation von Art. 21a StAhiG gegen den Wortlaut
empfindlich gestört. Beschwerdeberechtigte Personen wären fortan in die
Lage versetzt, dass sie jederzeit mit einer sofortigen Übermittlung ihrer Da-
ten rechnen müssten, was eine erhebliche Rechtsunsicherheit zur Folge
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habe. Der Umstand, dass ein solcher Eingriff in die Verfahrensgarantien
letztlich allein vom Gutdünken der Vorinstanz abhängen würde, sei zudem
mit dem Sinn und Zweck von Art. 21a StAhiG, wonach die Einhaltung des
internationalen Standards mit dem hiesigen Rechtsstaat möglichst «ver-
träglich» sein soll, unvereinbar (Urteil des BVGer A-5424/2020 E. 2.5.3).
2.6 Zusammenfassend hielt das Gericht fest, dass keine triftigen Gründe
ersichtlich seien, die eine vom Wortlaut abweichende Auslegung erlauben.
Der Anwendungsbereich von Art. 21a StAhiG sei damit auf Konstellationen
beschränkt, in denen noch keine Information der beschwerdeberechtigten
Personen über das Ersuchen bzw. das Amtshilfeverfahren erfolgt sei (Urteil
des BVGer A-5424/2020 E. 2.6).
3.
3.1 An diesen Erwägungen ist für den vorliegenden Fall vollumfänglich
festzuhalten. Dies bedeutet, dass die Vorinstanz am 23. April 2020 zu Un-
recht eine Schlussverfügung gestützt auf Art. 21a StAhiG erlassen hat und
dass die erfolgte Übermittlung von Informationen betreffend das Steuerjahr
2015 rechtswidrig erfolgt ist. Ohne diese rechtswidrige Datenlieferung wä-
ren allfällige Steuerforderungen der spanischen Behörden betreffend das
Steuerjahr 2015 zwischenzeitlich verjährt und es hätte mangels voraus-
sichtlicher Erheblichkeit der Informationen wohl keine Amtshilfe mehr ge-
leistet werden dürfen (vgl. Urteil des BGer 2C_833/2016 vom 20. Februar
2019 E. 5.3.2 und E. 6.2).
Mangels Relevanz für den Ausgang des vorliegenden Verfahrens erübrigt
es sich, auf die weiteren Vorbringen der Verfahrensbeteiligten in Bezug auf
die Anwendbarkeit von Art. 21a StAhiG einzugehen. Aus demselben Grund
kann bei diesem Ergebnis auch offenbleiben, ob das streitbetroffene Amts-
hilfeersuchen zulässig und die weiteren Voraussetzungen für die Amtshil-
feleistung erfüllt waren. Diese Frage würde sich nur stellen, wenn Art. 21a
StAhiG zu Recht angewandt worden wäre.
3.2 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen und es ist die
Rechtswidrigkeit der angefochtenen Schlussverfügung vom 23. April 2020
festzustellen.
4.
Abschliessend bleibt über die Kosten- und Entschädigungsfolgen zu befin-
den.
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4.1 Aufgrund seines Obsiegens hat der Beschwerdeführer keine Verfah-
renskosten zu tragen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Der Vorinstanz sind ebenfalls
keine Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
4.2 Obsiegende, anwaltlich vertretene Beschwerdeführer haben gemäss
Art. 64 Abs. 1 und 2 VwVG i.V.m. Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) grundsätzlich Anspruch auf eine Par-
teientschädigung zulasten der Vorinstanz. Das Anwaltshonorar wird nach
dem notwendigen Zeitaufwand bemessen (Art. 10 Abs. 1 VGKE). Der ent-
schädigungspflichtige Stundenansatz für Anwälte und Anwältinnen beträgt
mindestens Fr. 200.-- und höchstens Fr. 400.-- (Art. 10 Abs. 2 VGKE). Er
kann bei Streitigkeiten mit Vermögensinteresse angemessen erhöht wer-
den (Art. 10 Abs. 3 VGKE). Das Gericht setzt die Parteientschädigung auf
Grund der Kostennote fest, sofern eine solche eingereicht wurde (Art. 14
Abs. 2 VGKE).
Der Beschwerdeführer liess eine detaillierte Kostennote in der Höhe von
Fr. [...] einreichen. Der ausgewiesene Zeitaufwand für die anwaltliche Ver-
tretung erscheint angemessen. An sich wäre der im Zusammenhang mit
einem Teil der Arbeitsstunden geltend gemachte Stundenansatz von
Fr. [...] bzw. [...] zu kürzen. Aufgrund der Besonderheiten des vorliegenden
Falles, die eine Schadloshaltung des Beschwerdeführers als angebracht
erscheinen lassen, und weil der Grossteil der Stunden zu einem unter dem
Maximalbetrag liegenden Stundenansatz abgerechnet wurde, erscheint es
vorliegend jedoch gerechtfertigt, von einer Herabsetzung der Kostennote
abzusehen. Die Vorinstanz ist daher zu verpflichten, dem Beschwerdefüh-
rer eine Parteientschädigung in der beantragten Höhe auszurichten.
5.
Dieser Entscheid auf dem Gebiet der internationalen Amtshilfe in Steuer-
sachen gemäss Art. 83 Bst. h des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni
2005 (BGG, SR 173.110) kann innerhalb von zehn Tagen nur dann mit Be-
schwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht
weitergezogen werden, wenn sich nach Auffassung des Bundesgerichts
eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung stellt oder wenn es sich
aus anderen Gründen um einen besonders bedeutenden Fall im Sinne von
Art. 84 Abs. 2 BGG handelt (Art. 84a BGG und Art. 100 Abs. 2 Bst. b BGG).
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