Decision ID: 2a9bbd93-0447-5a74-a59e-c18c816e8096
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: der Versicherte) meldete sich im November 2006 unter
Hinweis auf einen Arbeitsunfall, bei dem er sich an zwei Fingern der rechten Hand
verletzt habe, erstmals bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallens (nachfolgend: IV-
Stelle) zum Leistungsbezug an (IV-act. 1). Nachdem die IV-Stelle beim ärztlichen
Begutachtungsinstitut (ABI) ein polydisziplinäres Gutachten eingeholt hatte, welches
dem Versicherten in leidensangepassten Tätigkeiten eine 100%ige Arbeitsfähigkeit
bescheinigt hatte (IV-act. 33), wies sie das Rentenbegehren des Versicherten mit einer
Verfügung vom 10. Januar 2009 bei einem Invaliditätsgrad von 0 % ab (IV-act. 54). Eine
gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde wies das Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen am 3. Februar 2011 ab (IV-act. 76).
A.a.
Am 4. Juni 2012 meldete sich der Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-
act. 77). Am 30. Oktober 2013 erstattete die Zentrum für interdisziplinäre medizinische
Begutachtungen (ZIMB) AG ein polydisziplinäres Verlaufsgutachten. Die
Sachverständigen hielten darin folgende Diagnosen fest: eine mittelgradige depressive
Episode ohne somatisches Syndrom und ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit, ein
chronisches Schmerzsyndrom der rechten oberen Extremität, eine funktionelle sensible
Störung am linken Bein, eine Reizdarmsymptomatik mit einem imperativen Stuhlgang,
eine Nephrolithiasis beidseits, eine chronisch-venöse Insuffizienz Stadium I linksbetont,
eine Adipositas sowie eine essentielle arterielle Hypertonie. Sie kamen zum Schluss,
dass aus internistischer und neurologischer Sicht keine Einschränkung der
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit bestehe. Aus psychiatrischer Sicht sei von einer 40%igen
Arbeitsunfähigkeit seit Ende des Jahres 2012 auszugehen. Die bisherige Therapie sollte
fortgeführt werden, doch empfehle sich eine regelmässige Kontrolle des
Medikamentenspiegels, da die vom Versicherten angeblich eingenommenen
Medikamente bei der im Rahmen der Begutachtung durchgeführten Untersuchung
nicht nachweisbar gewesen seien. Bei einer konsequent durchgeführten Therapie
könne innerhalb von zwölf Monaten mit der Stabilisierung des Gesundheitszustandes
und dem Erreichen einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit gerechnet werden (IV-
act. 124). Nach der Durchführung eines Vorbescheidverfahrens (vgl. IV-act. 128 und
133 f.) verfügte die IV-Stelle am 26. März 2014 die Abweisung des Rentenbegehrens.
Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, dass gemäss der medizinischen
Abklärung in der ZIMB AG sowohl in der angestammten Tätigkeit als auch in einer
angepassten Tätigkeit eine 60%ige Arbeitsfähigkeit vorliege. Die Einschränkung
bestehe aufgrund der eingeschränkten Leistungsfähigkeit durch die verminderte
emotionale Belastbarkeit sowie die schnelle Erschöpfbarkeit bei einem
Schmerzerleben, insuffizienten Gedanken sowie einem verminderten Antrieb aufgrund
der depressiven Symptomatik. Nach der Auffassung des Bundesgerichts handle es
sich bei einer mittelgradigen depressiven Episode definitionsgemäss um ein
vorübergehendes Leiden, da solche Episoden im Mittel etwa sechs Monate, selten
länger als ein Jahr andauerten. Bei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden
sei von der grundsätzlichen Fähigkeit zu einer Willensanstrengung auszugehen, die
eine vollumfängliche Überwindung der subjektiven Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung
erlaube. Demnach sei entgegen der medizinischen Einschätzung keine Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit anzunehmen (IV-act. 135). Eine gegen diese Verfügung erhobene
Beschwerde wurde vom Versicherungsgericht am 24. August 2017 abgewiesen (IV-
act. 146; vgl. diesen Entscheid auch für eine detailliertere Beschreibung des
Sachverhalts bis zu diesem Zeitpunkt). Zur Begründung führte das
Versicherungsgericht im Wesentlichen aus, es sei objektiv unmöglich, jene
Arbeitsfähigkeit zu ermitteln, über die der Beschwerdeführer bei einer Befolgung der
therapeutischen Anweisungen verfügt hätte. Die vom Beschwerdeführer angeblich
regelmässig eingenommenen Medikamente hätten nämlich in den
Laboruntersuchungen der ZIMB AG nicht nachgewiesen werden können, was Zweifel
an der Compliance des Beschwerdeführers wecke. Gestützt auf das Gutachten der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ZIMB AG stehe zwar mit überwiegender Wahrscheinlichkeit fest, dass der
Beschwerdeführer im Begutachtungszeitpunkt zu 40 % arbeitsunfähig gewesen sei,
nicht aber ob diese Arbeitsunfähigkeit auch bestanden hätte, wenn der
Beschwerdeführer sich an die therapeutischen Anweisungen gehalten hätte. Die
Sachverständigen der ZIMB AG hätten nämlich ausgeführt, dass von der damals
bereits laufenden Therapie die Wiedererlangung einer uneingeschränkten
Arbeitsfähigkeit für leidensadaptierte Tätigkeit zu erwarten sei, sofern der
Beschwerdeführer compliant mitwirke. Die Folgen der Beweislosigkeit habe der
Beschwerdeführer zu tragen (IV-act. 147).
Am 17. Januar 2019 meldete sich der Versicherte erneut bei der IV-Stelle zum
Leistungsbezug an (IV-act. 149). Er machte eine erhebliche Verschlechterung der
Depression geltend (IV-act. 149 S. 6). Zur Glaubhaftmachung dieser Verschlechterung
reichte er einen Bericht von Dr. med. B._, Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie
FMH, vom 18. September 2018 ein. Darin hatte Dr. B._ unter anderem angegeben,
der Versicherte könne aufgrund seiner gastrointestinalen Beschwerden und aufgrund
der immer wieder präsenten Durchfälle keine anderen Medikamente als Saroten zu sich
nehmen. Dieses Medikament nehme er regelmässig in einer kleinen Dosierung von
25-50 mg (aktuell 50 mg, in schlimmeren Phasen auch 75 mg) ein. Dr. B._ hatte die
vom Rechtsvertreter gestellte Frage, ob der Versicherte die Medikamente regelmässig
einnehme, ausdrücklich bejaht. Weiter hatte sie ausgeführt, dass bei einer Einnahme
von Saroten 25 mg Amitriptilin, allerdings unter dem therapeutischen Bereich,
nachgewiesen sei. Deswegen sei eine Erhöhung auf 50 mg vorgenommen worden (IV-
act. 154).
A.c.
Mit einem Vorbescheid stellte die IV-Stelle dem Versicherten in Aussicht, dass sie
auf das Leistungsbegehren um berufliche Massnahmen und Rentenleistungen nicht
eintreten werde. Er habe nämlich nicht glaubhaft dargelegt, dass sich die tatsächlichen
Verhältnisse seit der letzten Verfügung wesentlich verändert hätten (IV-act. 169). Gegen
diesen Vorbescheid liess der Versicherte einwenden, die IV-Stelle sei auf die
Neuanmeldung bereits eingetreten, indem sie einen Arztbericht eingeholt habe. Weiter
hielt er fest, eine Verschlechterung seines Gesundheitszustandes sei mit den
eingereichten Arztberichten glaubhaft gemacht. Schliesslich sei der rechtserhebliche
Sachverhalt im Vergleich zu dem im Urteil des Versicherungsgerichts festgehaltenen
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.

Erwägungen
1.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet einzig die Frage, ob die
Beschwerdegegnerin mit der angefochtenen Verfügung vom 13. Juni 2019 zu Recht
nicht auf die Anmeldung des Beschwerdeführers vom 17. Januar 2019 eingetreten ist.
2.
auch als verändert zu betrachten, weil aktuell mit Sicherheit davon auszugehen sei,
dass er die therapeutischen Anweisungen befolge (IV-act. 170). Mit einer Verfügung
vom 13. Juni 2019 trat die IV-Stelle mit einer im Wesentlichen gleichen Begründung wie
im Vorbescheid nicht auf das Leistungsbegehren des Versicherten ein (IV-act. 172).
Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer)
am 14. August 2019 Beschwerde. Er stellte den Antrag, die Verfügung der IV-Stelle
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) vom 13. Juni 2019 sei aufzuheben und die
Beschwerdegegnerin sei anzuweisen, sein Leistungsbegehren betreffend berufliche
Massnahmen und Rentenleistungen vom 17. Januar 2019 materiell zu beurteilen bzw.
auf das Leistungsbegehren einzutreten (act. G 1).
B.a.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 6. Dezember 2019 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (act. G 6).
B.b.
In seiner Replik vom 31. März 2020 hielt der Beschwerdeführer an den in der
Beschwerde gestellten Anträgen fest, wobei er ergänzend den Antrag auf Kosten- und
Entschädigungsfolge stellte (act. G 12).
B.c.
Am 9. April 2020 hielt die Beschwerdegegnerin an dem in der Beschwerdeantwort
gestellten Antrag fest. Sie verzichtete auf eine ausführliche Duplik (act. G 14).
B.d.
Eine Neuanmeldung nach einer vorangegangenen rechtskräftigen
Leistungsverweigerung wird nur materiell geprüft, wenn die versicherte Person
glaubhaft macht, dass sich die tatsächlichen Verhältnisse seit der letzten
rechtskräftigen Entscheidung in einem für den Rentenanspruch erheblichen Mass
2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Gemäss dem Art. 87 Abs. 3 IVV darf nur dann auf eine Neuanmeldung eingetreten
werden, wenn glaubhaft gemacht wird, "dass sich der Grad der Invalidität [...] in einer
für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat". Der Wortlaut dieser Bestimmung
zeigt, dass der Verordnungsgeber angenommen hat, jede frühere Abweisung eines
Rentengesuches habe auf einem Invaliditätsgrad von weniger als 40 % beruht. Der
Verordnungsgeber hat also vorausgesetzt, dass der massgebende Sachverhalt immer
mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit festgestanden habe. Im
hier zu beurteilenden Fall trifft das nicht zu. Die Ablehnung des ersten
Rentenbegehrens des Beschwerdeführers ist im Urteil vom 24. August 2017 damit
begründet worden, dass in Bezug auf ein wesentliches Element des massgebenden
Sachverhalts, die Arbeitsfähigkeit, eine materielle Beweislosigkeit bestanden habe. Der
damalige Invaliditätsgrad des Beschwerdeführers hatte also objektiv nicht ermittelt
werden können. Damit fehlt es bei der Anwendung des Art. 87 Abs. 3 IVV auf die
Neuanmeldung des Beschwerdeführers am zwingend erforderlichen
Referenzsachverhalt, an dem der aktuelle Sachverhalt darauf geprüft werden könnte,
ob er sich in einer für den Rentenanspruch erheblichen Weise geändert habe. Würde
man den Wortlaut des Art. 87 Abs. 3 IVV ernst nehmen, wäre es dem
Beschwerdeführer unmöglich, sich je wieder wirksam anzumelden; denn die Frage, ob
ein nicht bekannter Sachverhalt sich verändert habe, lässt sich logischerweise nie
beantworten. An einer derartigen Einschränkung des Grundsatzes, dass die
verändert haben (Art. 87 Abs. 3 i.V.m. Abs. 2 der Verordnung über die
Invalidenversicherung, IVV, SR 831.201). Gelingt ihr dies nicht, tritt die IV-Stelle nicht
auf die Neuanmeldung ein. Ist eine anspruchserhebliche Sachverhaltsveränderung
glaubhaft gemacht, muss die IV-Stelle auf die Neuanmeldung eintreten und diese
anschliessend in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht umfassend prüfen (Urteil des
Bundesgerichts vom 14. Mai 2019, 9C_24/2019, E. 2.2 mit Hinweisen).
Der Wortlaut von Art. 87 Abs. 3 IVV bezieht sich auf Renten,
Hilflosenentschädigungen und Assistenzbeiträge, während er sich nicht auf berufliche
Massnahmen erstreckt. Insofern ist fraglich, ob die von Art. 87 Abs. 3 IVV aufgestellte
Eintretenshürde auch hinsichtlich des Leistungsbegehrens um berufliche Massnahmen
gilt oder ob die Beschwerdegegnerin den Anspruch auf berufliche Massnahmen auf
eine Wiederanmeldung hin voraussetzungslos zu prüfen hat. Diese Frage kann
vorliegend allerdings unbeantwortet bleiben, da es dem Beschwerdeführer, wie die
nachfolgende Erwägung zeigt, gelungen ist, eine anspruchsrelevante Veränderung
glaubhaft zu machen.
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sozialversicherungsträger auf jede (formgerechte) Anmeldung zum Leistungsbezug
einzutreten haben (Art. 29 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]), kann die Invalidenversicherung
offensichtlich kein Interesse haben, da der ihre Existenz rechtfertigende Zweck ja darin
besteht, all jenen Versicherten eine Invalidenrente auszurichten, die rentenbegründend
invalid sind. Dementsprechend besteht das Ziel des Art. 87 Abs. 3 IVV ausschliesslich
darin, aus verfahrensökonomischen Gründen repetitive Neuanmeldungen, bei denen
offenkundig keine anspruchserhebliche Sachverhaltsveränderung vorliegt, mit einem
möglichst geringen Verwaltungsaufwand durch einen Nichteintretensentscheid
erledigen zu können. Der Wortlaut des Art. 87 Abs. 3 IVV schiesst deshalb über dieses
Ziel hinaus; denn er würde Fälle wie den hier zu beurteilenden – zweckwidrig – vom
Zugang zu einer allfälligen Invalidenrente ausschliessen. Der Art. 87 Abs. 3 IVV muss
deshalb lückenfüllend durch eine alternative Regelung ergänzt werden. Diese lautet: Ist
ein Rentengesuch wegen materieller Beweislosigkeit abgewiesen worden, so wird die
neue Anmeldung nur geprüft, wenn glaubhaft gemacht wird, dass der
anspruchsrelevante Sachverhalt nun objektiv nachweisbar ist.
4.
Mit der Neuanmeldung hat der Beschwerdeführer einen Bericht von Dr. B._ ein
reichen lassen, laut dem er die Medikamente nun regelmässig einnehme; ein anderes
Medikament als Saroten komme nicht in Frage, weil der Beschwerdeführer an gastro
intestinalen Beschwerden und Durchfällen leide (vgl. IV-act. 154 S. 2). Da die
mangelnde Compliance des Beschwerdeführers hinsichtlich der medikamentösen
psychiatrischen Behandlung zu einer objektiven Beweislosigkeit hinsichtlich der
Arbeitsfähigkeit und damit im Ergebnis auch hinsichtlich des Invaliditätsgrades geführt
hatte, ist mit diesen Ausführungen von Dr. B._ glaubhaft gemacht, dass der für die
Arbeitsfähigkeitsschätzung und damit für die Bemessung des Invaliditätsgrades
massgebende Sachverhalt nun mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit ermittelt werden kann. Damit ist die Voraussetzung für das Eintreten
auf die Neuanmeldung erfüllt gewesen.
5.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdegegnerin zu Unrecht
nicht auf die Neuanmeldung vom 17. Januar 2019 eingetreten ist. Deshalb ist die
angefochtene Verfügung vom 13. Juni 2019 aufzuheben und durch den
verfahrensleitentenden Entscheid zu ersetzen, auf die Neuanmeldung vom 17. Januar
5.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte