Decision ID: 874dc2e3-3add-5d2a-b8a5-9f2fd4e1b7aa
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
A._, geb. 1985, kosovarische Staatsangehörige, reiste am 13. August 2013 im
Rahmen des Familiennachzugs zu ihrem Ehemann B._ in die Schweiz ein. Das
Migrationsamt des Kantons St. Gallen erteilte ihr eine Aufenthaltsbewilligung zum
Verbleib bei ihrem Ehemann, gültig bis 12. August 2014. Im März 2014 trennten sich
die Ehegatten. Mit Strafbefehl vom 7. April 2014 wurde der Ehemann wegen Tätlichkeit
gegen seine Ehefrau zu einer Busse verurteilt. Das Strafverfahren wegen einfacher
Körperverletzung, weiterer Tätlichkeiten, Freiheitsberaubung, mehrfacher sexueller
Nötigung und Vergewaltigung wurde am 20. Januar 2016 eingestellt.
B.
Nach Gewährung des rechtlichen Gehöres verlängerte das Migrationsamt des Kantons
St. Gallen die vom Ehemann abgeleitete Aufenthaltsbewilligung mit Verfügung vom
10. Juni 2016 nicht und wies A._ aus der Schweiz weg (Ausreisefrist 60 Tage nach
Rechtskraft der Verfügung). Sowohl der dagegen erhobene Rekurs an das Sicherheits-
und Justizdepartement (Entscheid vom 6. Dezember 2018) als auch die gegen den
Rekursentscheid erhobene Beschwerde an das Verwaltungsgericht (Verfahren
B 2019/7; Entscheid vom 8. Juli 2019) und die wiederum dagegen erhobene
Beschwerde an das Bundesgericht (Entscheid vom 14. September 2020) wurden
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abgewiesen. Die beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angehobene
Beschwerde ist derzeit hängig.
C.
Mit Schreiben vom 30. März 2021 (Eingang beim Migrationsamt am 6. April 2021)
reichte A._ unter Vorlage eines unbefristeten Arbeitsvertrags ein Gesuch um Erteilung
einer Aufenthaltsbewilligung ein. Das Migrationsamt behandelte diesen Antrag in der
Folge als Wiedererwägungsgesuch und trat darauf mit Verfügung vom 7. April 2021
nicht ein. Der dagegen erhobene Rekurs wurde vom Sicherheits- und
Justizdepartement mit Entscheid vom 2. August 2021 abgewiesen (act. 2).
D.
Gegen diesen Entscheid erhob A._ mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 27. August
2021 (act. 1) Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons St. Gallen mit den
Anträgen, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und ihr sei eine
Aufenthaltsbewilligung Typ B zu erteilen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge. In
der Vernehmlassung vom 23. September 2021 beantragte die Vorinstanz unter Verweis
auf den angefochtenen Entscheid die Abweisung der Beschwerde (act. 7). Auf die
Vorbringen der Beschwerdeführerin wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Als Adressatin des
angefochtenen Entscheids ist die im Rekursverfahren unterlegene Beschwerdeführerin
zur Ergreifung der Beschwerde berechtigt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1
VRP). Die Beschwerde gegen den am 2. August 2021 versandten Rekursentscheid
wurde mit Eingabe vom 27. August 2021 unter Berücksichtigung des Stillstands der
Beschwerdefrist während der Gerichtsferien (15. Juli bis 15. August) rechtzeitig
erhoben (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 VRP und Art. 30 Abs. 1 VRP sowie
Art. 145 Abs. 1 lit. c und Art. 142 Abs. 3 der Schweizerischen Zivilprozessordnung, SR
272, ZPO) und erfüllt formal wie inhaltlich die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in
Verbindung mit Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist deshalb einzutreten.
2.
bis
Gemäss Art. 27 VRP sind Wiedererwägungsgesuche zulässig, begründen aber keinen
2.1.
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Anspruch auf eine Stellungnahme der Behörde in der Sache und hemmen den
Fristenlauf nicht. Es handelt sich dabei um einen formlosen Rechtsbehelf, durch den
Betroffene Behörden ersuchen, die Änderung einer Verfügung zu prüfen, auf die
Verfügung zurückzukommen, diese abzuändern oder aufzuheben und in anderer
Würdigung der Sach- oder Rechtslage eine für sie günstigere Anordnung zu treffen. Ein
Anspruch auf materielle Wiedererwägung besteht ausnahmsweise dann, wenn sich die
Verhältnisse (Sach- und Rechtslage) seit dem Erlass der ursprünglichen Verfügung
erheblich geändert haben, beziehungsweise wenn wichtige Tatsachen oder Beweise
geltend gemacht werden, die zur Zeit der ersten Entscheidung nicht bekannt waren
oder nicht geltend gemacht werden konnten (T. Tschumi, in: Rizvi/Schindler/Cavelti
[Hrsg.], Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege, Praxiskommentar, Zürich/St. Gallen
2020, N 1 f. zu Art. 27 VRP); Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton
St. Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz. 575 mit Hinweisen).
Die Ablehnung einer ausländerrechtlichen Bewilligung entspricht einer Verfügung mit
Dauerwirkung. Gemäss Rechtsprechung bedeutet dies, dass auf eine ablehnende
Verfügung nicht ohne weiteres zurückgekommen werden kann. Ein genereller Anspruch
auf Wiedererwägung nach Art. 27 VRP besteht nicht. Dagegen ist ein Anspruch auf
Wiedererwägung beziehungsweise auf Erlass einer neuen materiellen Verfügung
gegeben, wenn sich die Sach- und Rechtslage gegenüber derjenigen im Zeitpunkt des
Erlasses der formell rechtskräftigen Verfügung wesentlich geändert hat. In Bezug auf
ein ausländerrechtliches Bewilligungsverfahren bedeutet dies, dass auf erneute
Gesuche oder Anträge in der Regel nicht eingetreten werden muss, sofern ein
identisches Gesuch formell rechtskräftig abgewiesen worden ist. In solchen Fällen
besteht kein Anlass, vom ersten Entscheid abzuweichen, sondern es kann auf diesen
verwiesen werden. Die ursprüngliche Verfügung ist indessen auf ein gleiches Gesuch
hin in Wiedererwägung zu ziehen, wenn sich seit dem Erlass der früheren Verfügung
eine anspruchsbegründende neue Sach- oder Rechtslage ergeben hat (vgl. VerwGE
B 2014/249 vom 28. April 2015 E. 2 mit Hinweis auf GVP 2007 Nr. 67, gerichte.sg.ch).
Die Beschwerdeführerin macht im Wesentlichen geltend, sie habe Ende März 2021
einen völlig neuen und unabhängigen Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung
gestellt, der mit dem vorgängigen Antrag auf Familienzusammenführung nichts zu tun
gehabt habe. Sie habe keinen Antrag auf Überprüfung der früheren Entscheide gestellt.
Ihr Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung B erfülle alle gesetzlichen
Voraussetzungen. Der angefochtene Entscheid nenne keine Gründe für die
Verweigerung derselben. Das Migrationsamt habe ohne jegliche Rechtsgrundlage von
2.2.
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sich aus festgestellt, dass es sich um einen Antrag auf erneute Prüfung der früheren
Verfahren handle, was unzulässig sei.
Nach der Trennung von ihrem Ehemann wurde die Aufenthaltsbewilligung der
Beschwerdeführerin nicht verlängert. Sämtliche damit befassten Behörden und
Gerichte verweigerten die Anerkennung eines nachehelichen Härtefalls im Sinn von Art.
50 Abs. 1 lit. b und Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer
und über die Integration (SR 142.20, AIG), als letzte Instanz das Bundesgericht mit
Entscheid vom 14. September 2020, womit die Wegweisung rechtskräftig wurde. Die
hängige Beschwerde am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ändert daran
nichts. Am 30. März 2021 unterzeichnete die Beschwerdeführerin ein Gesuch für die
Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung B (Migrationsakten [MA] 565). Die
arbeitsmarktlichen Angaben der Arbeitgeberin datieren vom 7. April 2021 (MA 566). Ihr
Rechtsvertreter reichte den Antrag ohne nähere Ausführungen beim Migrationsamt ein.
Das Gesuch stützt sich auf das Arbeitsverhältnis der Beschwerdeführerin als
"Zimmermädchen / Etagengouvernanten und Stv. Teamleiterin sowie
Reinigungsmitarbeiterin Kategorie Unterhalt" (vgl. Arbeitsvertrag, MA 523 ff.). Dieser
Tätigkeit geht die Beschwerdeführerin unverändert seit Juni 2014 nach. Bereits am
2. Juni 2014 stellte sie gestützt darauf ein Gesuch um Verlängerung der
Aufenthaltsbewilligung (MA 37 f.). In der Verfügung vom 10. Juni 2016 betreffend
Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung führte das Migrationsamt aus, aus dem
Umstand, dass die Beschwerdeführerin in der Schweiz beruflich integriert sei und eine
vollzeitliche Tätigkeit ausübe, lasse sich kein Anspruch auf einen weiteren Verbleib in
der Schweiz ableiten (MA 257). Im dazugehörigen Rekursentscheid vom 6. Dezember
2018 ging die Vorinstanz ebenfalls auf die Erwerbstätigkeit der Beschwerdeführerin ein.
Sie erwog, es gelte zu beachten, dass von jeder ausländischen Person erwartet werde,
dass sie sich um Integration bemühe und sich klaglos verhalte, insbesondere einer
Erwerbstätigkeit nachgehe und keine Sozialhilfe beziehe sowie keine Schulden mache.
Als Reinigungskraft übe die Beschwerdeführerin keine besonders qualifizierte
Erwerbstätigkeit aus, die aus wirtschaftlicher oder arbeitsmarktlicher Sicht eine
Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung geböte (MA 335).
Im vorgängigen Verfahren betreffend Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung war
somit stets bekannt, dass die Beschwerdeführerin in der Schweiz einer
Erwerbstätigkeit nachging. Auch wenn das Hauptaugenmerk auf dem nachehelichen
Härtefall lag, wurde rechtlich abgehandelt, dass die Arbeitstätigkeit der
Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf eine Aufenthaltsbewilligung begründet.
2.3.
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3.
Das Begehren um prozeduralen Aufenthalt während der Dauer des Verfahrens ist
aufgrund des nun ergehenden Entscheids in der Hauptsache infolge
Gegenstandslosigkeit abzuschreiben.
4.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von CHF 1'000 erscheint angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der geleistete Kostenvorschuss von
CHF 2'000 ist zu verrechnen und im Restbetrag von CHF 1'000 zurückzuerstatten.
Ausseramtliche Kosten sind dementsprechend nicht zu entschädigen (Art. 98 Abs. 1
und 98 VRP).