Decision ID: 92f9b884-f6d7-5367-aee8-d38ce6fda1b2
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 17. September 2015 in der Schweiz
um Asyl nach. Am 20. Oktober 2015 fand die Befragung zur Person (BzP)
statt. Am 5. Januar 2018 folgte eine Anhörung des Beschwerdeführers ge-
mäss Art. 29 Abs. 1 AsylG (SR 142.31).
Der Beschwerdeführer begründete sein Asylgesuch im Wesentlichen da-
mit, er sei im Jahre 2013 für die Tamil National Alliance (TNA) politisch aktiv
gewesen, weshalb er von Leuten der EPDP (Eelam People's Democratic
Party) bedroht worden sei. Da sein Vater wegen dieser Tätigkeit Probleme
befürchtet habe, habe er ihn nach B._ geschickt. Nachdem seine
Mutter erkrankt sei, sei er im (...) 2014 nach Sri Lanka zurückgekehrt. An-
lässlich einer Kontrolle bei seiner Ankunft am Flughafen in Colombo sei
festgestellt worden, dass ein Mitglied der LTTE (Liberation Tigers of Tamil
Eelam) unter seiner Identität Sri Lanka habe verlassen wollen. Er sei
zwecks Abklärung dieser Umstände wegen Verdachts auf Gehilfenschaft
festgenommen und auf den Polizeiposten gebracht worden. Am nächsten
Tag habe das Gericht die Untersuchungshaft angeordnet, worauf er in ein
Gefängnis in Colombo überführt worden sei. Nach drei Wochen sei er zum
Gericht gebracht worden. Er sei daraufhin gegen Kaution aus dem Gefäng-
nis entlassen worden mit der Auflage, während dreier Monate jeden zwei-
ten Sonntag auf einem Polizeiposten in Colombo Unterschrift zu leisten. Er
sei insgesamt drei- oder viermal zwecks Unterschrift nach Colombo ge-
reist. Danach sei er nicht mehr hingegangen. Zudem seien im Jahr 2015
zweimal Leute der EPDP zu Hause erschienen und hätten – da er nicht
anwesend gewesen sei – seinem Vater erklärt, dass sein Leben in Gefahr
sei, respektive ihm gedroht, ihn zu schlagen, sollte er weiterhin Propa-
ganda für die TNA machen. Aus diesem Grund habe er sich im April 2015
dazu entschlossen, mit einem Schiff illegal auszureisen. Im Übrigen seien
weder er noch sonst ein Mitglied seiner Familie je LTTE-Mitglied gewesen.
Sein Vater und ein Onkel hätten der Bewegung Geld gegeben. Deswegen
sei sein Onkel einmal von der Armee geschlagen worden. Ansonsten habe
niemand aus der Familie Probleme deswegen gehabt. Es sei nach seiner
Ausreise lediglich seitens Jugendlicher und Angehöriger der TNA auf
freundschaftlicher Basis nach ihm gefragt worden.
A.b Mit Verfügung vom 9. Mai 2018 stellte das SEM fest, der Beschwerde-
führer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab
und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
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A.c Mit Urteil E-3567/2018 vom 1. April 2021 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht die Beschwerde gut, soweit darin die Aufhebung der ange-
fochtenen Verfügung beantragt wurde. Gleichzeitig erachtete es die gel-
tend gemachten Benachteiligungen im Zusammenhang mit der Tätigkeit
des Beschwerdeführers für die TNA in den Jahren 2012/2013 beziehungs-
weise 2014 als unglaubhaft (a.a.O. E. 7.1) und sprach den Untersuchungs-
massnahmen seitens der sri-lankischen Behörden im Nachgang an die An-
haltung des Beschwerdeführers im Dezember 2014 die asylrechtliche Re-
levanz ab (a.a.O. E. 7.2). Indes kam es zum Schluss, dass offen sei, ob
das gegen den Beschwerdeführer eingeleitete Gerichtsverfahren im Zeit-
punkt seiner Ausreise abgeschlossen respektive noch hängig sei. Je nach
Verfahrensausgang sei eine begründete Furcht vor erheblichen Nachteilen
nicht auszuschliessen. Da die Vorinstanz den Beschwerdeführer diesbe-
züglich nicht weiter befragt habe, wies es die Sache zur Neubeurteilung an
die Vorinstanz zurück und forderte sie auf, über die Schweizer Vertretung
in Sri Lanka konkrete Angaben zum Gerichtsverfahren einzuholen und ab-
zuklären, ob und allenfalls wie dieses abgeschlossen worden sei. Gestützt
darauf habe sie in ihrem neuen Entscheid aufzuzeigen, ob der Beschwer-
deführer im Falle einer Rückkehr in seinen Heimatstaat begründete Furcht
vor künftiger Verfolgung habe.
B.
Die Vorinstanz forderte den Beschwerdeführer mit Eingabe vom 6. Mai
2021 dazu auf, Dokumente zum geltend gemachten, im Jahre 2014 einge-
leiteten Gerichtsverfahren inklusive Verfahrensnummer, zum Verfahrens-
stand zum Zeitpunkt der definitiven Ausreise aus Sri Lanka, zum aktuellen
Verfahrensstand und – falls abgeschlossen – solche zum Ergebnis des
Verfahrens einzureichen (vgl. A55).
C.
Mit Eingabe vom 26. Mai 2021 ersuchte der Beschwerdeführer um Anset-
zung einer Frist zur Beibringung der eingeforderten Unterlagen bis zum
31. August 2021. Da das Verfahren längere Zeit zurückliege und er im Jahr
2015 ausgereist sei, sei er nicht mehr in deren Besitz. Er werde versuchen,
diese über seine Verwandten oder Drittpersonen erhältlich zu machen. In-
folge der aktuellen Pandemie sowie der damit verbundenen Ausgangsbe-
schränkungen in Sri Lanka sei es für Personen vor Ort zurzeit schwierig,
mit den Behörden in Kontakt zu treten (vgl. A56).
D.
Nach erfolgter Fristerstreckung teilte der Beschwerdeführer am 30. Juni
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2021 mit, die Umstände in Sri Lanka seien sehr kompliziert. Die Situation
habe ihm stark zugesetzt, weshalb er habe hospitalisiert werden müssen.
Er leide an einer depressiven Episode und an Verhaltensstörungen nach
Alkoholentzug. Er habe sich mehrere Schnittwunden am Arm zugefügt.
Eine antipsychotische Therapie sei mangels Wirkung abgebrochen wor-
den. Er leide an den traumatischen Folgen der Inhaftierung in seinem Hei-
matland. Suizidale Absichten hätten auch nach der Hospitalisierung nicht
ausgeschlossen werden können. Zudem wies er darauf hin, seine Ver-
wandten hätten sich wegen seiner Untersuchungshaft und polizeilichen
Bekanntheit aus Angst, sich selber in Gefahr zu bringen, geweigert, für ihn
Unterlagen einzufordern. Die Behörden hätten seinen Fall zudem vorüber-
gehend ad acta gelegt, solange er nicht nach Sri Lanka zurückkehre.
Gleichzeitig reichte er ein Schreiben seines Vaters vom 23. Juni 2021 (in
Kopie) samt englischer Übersetzung sowie ärztliche Unterlagen der
C._ (Zeugnis vom 20. April 2021 und ein Bericht vom 30. April
2021), zu den Akten. Im Bericht vom 30. April 2021 wurde festgestellt, der
Beschwerdeführer sei freiwillig zum qualifizier-ten Alkoholentzug in die Kli-
nik eingetreten. Im Verlaufe des Entzugs habe er suizidale Gedanken ge-
äussert und sich Schnittwunden zugefügt. Er habe eine neurologische Ab-
klärung in stationärem Setting abgelehnt. Er sei bei fehlender Selbst- und
Fremdgefährdung aus der Klinik entlassen worden (vgl. A58).
E.
Am 21. Juli 2021 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer das rechtliche
Gehör zum Informationsstand betreffend Gerichtsverfahren in Sri Lanka
und forderte ihn auf, alle vorhandenen Informationen, zumindest aber die
Verfahrensnummer eines etwaigen hängigen Gerichtsverfahrens in Sri
Lanka einzureichen oder eine stichhaltige Begründung dafür abzugeben,
warum in seinem Fall keine Verfahrensnummer bekannt sein sollte. An-
sonsten müsse davon ausgegangen werden, dass kein solches mehr hän-
gig sei.
F.
Mit Eingabe vom 4. August 2021 teilte der Beschwerdeführer mit, seine
Verwandten würden in ständiger Angst leben und nicht in den Fokus des
Staatsapparates geraten wollen. Im Falle eines Akteneinsichtsgesuchs
beim zuständigen Gericht in Sri Lanka würde die Wahrscheinlichkeit von
Repressalien gegen sie bestehen. Er kenne die Nummer des Verfahrens
nicht mehr und es seien keine schriftlichen Unterlagen mehr vorhanden. Er
sei damit seiner Mitwirkungspflicht nachgekommen.
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Seite 5
G.
Mit Verfügung vom 8. September 2021 stellte das SEM fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylge-
such ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete den Vollzug an. Es begründete seine Verfügung im Wesentlichen
damit, die Vorbringen des Beschwerdeführers würden weder den Anforde-
rungen an die Flüchtlingseigenschaft noch denjenigen an die Glaubhaf-
tigkeit standhalten.
H.
Mit Eingabe vom 7. Oktober 2021 erhob der Beschwerdeführer durch sei-
nen Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht gegen diese Verfü-
gung Beschwerde und beantragte deren Aufhebung und die Feststellung
der Flüchtlingseigenschaft sowie die Gewährung von Asyl, eventualiter die
Feststellung der Unzulässigkeit und/oder der Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs und die Gewährung der vorläufigen Aufnahme, subeventu-
aliter die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgelt-
lichen Rechtspflege unter Beiordnung des Unterzeichnenden als unent-
geltlichen Rechtsbeistand.
I.
Mit Verfügung vom 28. Oktober 2021 wurden die Gesuche um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung, um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und um Beiordnung eines unentgeltlichen Rechtsbei-
standes – unter Vorbehalt des Nachreichens einer Fürsorgebestätigung –
gutgeheissen und der unterzeichnende Rechtsvertreter als amtlicher
Rechtsbeistand eingesetzt. Die Vorinstanz wurde zur Einreichung einer
Vernehmlassung eingeladen.
J.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 10. November
2021 die Abweisung der Beschwerde. Diese wird dem Beschwerdeführer
mit dem vorliegenden Urteil zugestellt.
K.
Mit Eingabe vom 18. November 2021 reichte der Beschwerdeführer eine
Unterstützungsbestätigung vom 9. November 2021 und einen Leistungs-
entscheid vom 29. Oktober 2021 zu den Akten.
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Seite 6

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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Seite 7
3.
3.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben. Sie
sind vorab zu beurteilen, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine Kassa-
tion der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3 S. 17 f.; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht
erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein-
lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi-
derlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2 S. 70).
3.3 Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs führt grundsätzlich – das heisst
ungeachtet der materiellen Auswirkungen – zur Aufhebung des daraufhin
ergangenen Entscheides. Die Heilung einer Gehörsverletzung aus pro-
zessökonomischen Gründen auf Beschwerdeebene ist jedoch möglich, so-
fern das Versäumte nachgeholt wird, der Beschwerdeführer dazu Stellung
nehmen kann und der Beschwerdeinstanz im streitigen Fall die freie Über-
prüfungsbefugnis in Bezug auf Tatbestand und Rechtsanwendung zu-
kommt, sowie die festgestellte Verletzung nicht schwerwiegender Natur ist
und die fehlende Entscheidreife durch die Beschwerdeinstanz mit vertret-
barem Aufwand hergestellt werden kann.
Aus der Begründungspflicht als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs, ergibt
sich, dass die Abfassung der Begründung dem Betroffenen ermöglichen
soll, den Entscheid sachgerecht anzufechten, was nur der Fall ist, wenn
sich sowohl der Betroffene als auch die Rechtsmittelinstanz über die Trag-
weite des Entscheides ein Bild machen können. Die Begründungsdichte
richtet sich dabei nach dem Verfügungsgegenstand, den Verfahrensum-
ständen und den Interessen des Betroffenen, wobei bei schwerwiegenden
Eingriffen in die rechtlich geschützten Interessen des Betroffenen – und um
solche geht es bei Verfahren betreffend Asyl und Wegweisung – eine sorg-
fältige Begründung verlangt wird (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1; BVGE
2008/47 E. 3.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
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Seite 8
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechts-pflege des Bundes, 3. Aufl., 2013,
Rz. 1043).
3.4
3.4.1 Der Beschwerdeführer bringt zur Begründung seiner formellen Rü-
gen insbesondere vor, das SEM habe den Sachverhalt unvollständig und
unrichtig festgestellt sowie willkürlich gewürdigt. Zudem habe es das recht-
liche Gehör und die Begründungspflicht verletzt, weil es sinngemäss un-
terlassen habe, die nötigen Abklärungen durchzuführen und ohne weitere
Begründung der mangelnden eigenen Untersuchungsbemühungen die
Verletzung der Mitwirkungspflicht durch den Beschwerdeführer feststellte
(vgl. Rechtsmitteleingabe S. 6).
3.4.2 Das von der Vorinstanz gewählte Vorgehen zur Abklärung des Sach-
verhalts hinsichtlich allfälliger Gerichtsverfahren ist nicht zu beanstanden.
So hat sie vom Beschwerdeführer zu Recht nähere Angaben und Unterla-
gen zum Verfahrensstand des gegen ihn im Jahre 2014 eingeleiteten Ge-
richtsverfahrens im Zeitpunkt der definitiven Ausreise sowie zum aktuellen
Zeitpunkt, allenfalls zum Ergebnis dieses Verfahrens inklusive Verfahrens-
nummer, verlangt. Dabei durfte sie, da er im Besitze von Gerichtsakten ge-
wesen sein will (vgl. Eingabe vom 26. Mai 2021), davon ausgehen, dass er
zumindest rudimentäre Angaben zu diesem Verfahren hätte machen kön-
nen, selbst wenn diese Angelegenheit einige Zeit zurückliegt. Wie von der
Vorinstanz zudem zutreffend ausgeführt, soll sein Vater seinerzeit zusam-
men mit dem ihm im damaligen Gerichtsverfahren zur Seite gestellten An-
walt gegen eine Geldzahlung die Entlassung des Beschwerdeführers aus
der Untersuchungshaft sowie die Rückgabe dessen Reisepasses erwirkt
haben (vgl. A34 F80, F107, F124, F127). Überdies beantragte der Be-
schwerdeführer im ersten Beschwerdeverfahren die Ansetzung einer Frist,
um durch seinen Rechtsvertreter in Colombo Unterlagen beschaffen zu
können (vgl. A44, S. 1, 5, 14, 15). Es wäre ihm damit im vorliegenden Ver-
fahren offen gestanden, seinen Vater respektive seinen Anwalt (erneut) mit
entsprechenden Nachforschungen zu beauftragen. Insgesamt sind seitens
des Beschwerdeführers keinerlei Bemühungen ersichtlich, welche es der
Vorinstanz ermöglicht hätten, ihrerseits bei der Schweizer Vertretung in Co-
E-4443/2021
Seite 9
lombo Abklärungen zu einem Gerichtsverfahren in Sri Lanka in Auftrag ge-
ben zu können. Die durch die mangelnde Mitwirkung des Beschwerdefüh-
rers verhinderte Abklärungsmöglichkeit der Vorinstanz stellt damit keine
ungenügende Sachverhaltsfeststellung durch sie dar. Der Beschwerdefüh-
rer vermag mit dem Hinweis auf das Urteil E-2281/2021 vom 11. August
2021 – darin ging es um die Folgen der Verletzung der groben Verletzung
der Mitwirkungspflicht, welche keinen materiellen Entscheid zulassen
würde – nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Damit ist keine Verletzung
des rechtlichen Gehörs in diesem Zusammenhang ersichtlich.
3.4.3 Indes kann den Einwänden des Beschwerdeführers, wonach die
Vorinstanz in Bezug auf seinen gesundheitlichen Zustand das rechtliche
Gehör verletzt habe, beigepflichtet werden.
3.4.3.1 Im (vorangegangenen) erstinstanzlichen Verfahren reichte der
Beschwerdeführer einen ärztlichen Bericht der Klinik C._, vom
26. Januar 2018 ein (vgl. Akte A37). Die Vorinstanz legte diesen Bericht
ihrem Entscheid vom 9. Mai 2018 zugrunde. Im nachfolgenden (damali-
gen) Beschwerdeverfahren E-3567/2018 wurden ein weiterer ärztlicher Be-
richt derselben Klinik vom 20. August 2018 und ein Bericht des Psychoso-
zialen Dienstes (PSD) vom 15. Juli 2020 sowie eine ärztliche Entbindungs-
erklärung eingereicht. Die Vorinstanz hat in dem nun angefochtenen Ent-
scheid vom 8. September 2021 lediglich den ärztlichen Bericht der Klinik
C._, vom 26. Januar 2018 erwähnt, obwohl ihr die später einge-
reichten ärztlichen Berichte bekannt gewesen sein mussten. So hat sie die
im Beschwerdeverfahren E-3567/2018 eingereichten ärztliche Berichte
vom 20. August 2018 und vom 15. Juli 2020 am 26. August 2021 paginiert
und in ihrem Aktenverzeichnis als Akten A48 und A50 aufgeführt (diese feh-
len hingegen im Verfahrensdossier) sowie die im wieder aufgenommenen
vorinstanzlichen Verfahren beim SEM am 30. Juni 2021 eingereichten ärzt-
lichen Unterlagen der C._ (Zeugnis vom 20. April 2021 und ein Be-
richt vom 30. April 2021) ebenfalls am 26. August 2021 paginiert, als Akte
A58 gekennzeichnet und abgelegt. Diese ärztlichen Unterlagen sind im an-
gefochtenen Entscheid jedoch mit keinem Wort erwähnt und damit auch
nicht berücksichtigt worden. Überdies hat die Vorinstanz in ihrer Vernehm-
lassung vom 10. November 2021 – zu Unrecht – festgestellt, es würden
lediglich ein medizinischer Bericht vom 20. August 2018 und ein Kurzbe-
richt des PSD vom 15. Juli 2020 und damit keine weiteren medizinischen
Unterlagen seit dem 31. Januar 2018 vorliegen.
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Seite 10
3.4.3.2 Unter Berücksichtigung dieser Feststellungen gelangt das Bundes-
verwaltungsgericht damit zum Schluss, dass die Vorinstanz in Bezug auf
die gesundheitliche Situation des Beschwerdeführers den rechtserhebli-
chen Sachverhalt unvollständig festgestellt und damit sein rechtliches Ge-
hör verletzt hat.
4.
4.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist (vgl. PHILIPPE WEISSENBERGER, ASTRID HIRZEL, Praxiskommentar
Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, Art. 61 VwVG, N 16 S. 1264).
Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar
auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies
im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie
muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2015/10 E. 7.1).
Wie erwähnt führt eine Verletzung des rechtlichen Gehörs grundsätzlich
zur Aufhebung des Entscheides. Vorliegend stellt insbesondere das gänz-
liche Nichtberücksichtigen mehrerer ärztlicher Berichte einen schwerwie-
genden Mangel dar. Indem das SEM es sodann versäumt hat, die Begrün-
dung im Rahmen der Vernehmlassung zu ergänzen, bleibt eine Heilung auf
Beschwerdeebene zum Vornherein ausgeschlossen. Es ist im Übrigen
nicht am Bundesverwaltungsgericht, anstelle der Vorinstanz die notwendi-
gen Schlüsse in Bezug auf den Gesundheitszustand des Beschwerdefüh-
rers zu ziehen, zumal es nicht seine Aufgabe ist, offensichtliche Säumnisse
des SEM auf Beschwerdeebene zu beheben und damit die Vorinstanz
gleichsam von einer sorgfältigen Verfahrensführung zu entbinden, da dem
Beschwerdeführer durch ein solches Vorgehen eine Instanz verloren
ginge. Somit fällt eine Heilung der festgestellten Mängel in der angefoch-
tenen Verfügung nicht in Betracht (vgl. zum Ganzen BVGE 2009/53 E. 7.3).
4.2 Bei dieser Sachlage ist die angefochtene Verfügung aus formellen
Gründen aufzuheben und die Sache in Anwendung von Art. 61 Abs. 1
VwVG an die Vorinstanz zurückzuweisen. Diese ist anzuweisen, sich bei
der (erneuten) Prüfung mit den ärztlichem Berichten respektive den darin
erwähnten gesundheitlichen Beschwerden des Beschwerdeführers ausei-
nanderzusetzen und allenfalls weitere erforderliche Abklärungen vorzu-
nehmen.
E-4443/2021
Seite 11
5.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten insofern gutzuheissen, als damit
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung vom 8. September 2021 be-
antragt wird, und die Sache ist zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz
zurückzuweisen.
6.
6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
6.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 VGKE eine Entschädi-
gung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre-
chen. Seitens der Rechtsvertretung wurde keine Kostennote eingereicht.
Auf die Nachforderung einer solchen kann indes verzichtet werden, da der
Aufwand für den Rechtsvertreter zuverlässig abgeschätzt werden kann
(Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). In Anwendung der massgeblichen Bemes-
sungsfaktoren (vgl. Art. 8–11 VGKE) ist das die Parteientschädigung auf
Fr. 3'280.– (inkl. Auslagen) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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