Decision ID: c0166b38-921b-5c8d-863a-e7aa04a29c11
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer stellte am (...) in der Schweiz ein Asylgesuch. Ein
Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der europäischen Fingerabdruck-Da-
tenbank (Eurodac) ergab, dass er am (...) in Italien um Asyl ersucht hatte.
Ein Abgleich mit dem zentralen Visa-Informationssystem (CS-VIS) ergab
sodann, dass ihm von Italien am Flughafen B._ am (...) ein für den
gleichen Tag gültiges Visum erteilt wurde. Am 11. November 2021 führte
das SEM mit ihm eine Befragung zu den Personalien durch.
B.
Am 23. November 2021 fand das persönliche Gespräch gemäss Art. 5 der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be-
stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO)
statt. Der Beschwerdeführer bestritt dabei die Feststellung der SEM-Befra-
gerin, dass er am 26. August 2021 in Italien um Asyl ersucht habe. Er ent-
gegnete, er habe in Italien nicht um Asyl ersucht beziehungsweise nichts
unterschrieben, das als Asylgesuch dienen könnte. Es seien nach seiner
Ankunft in Italien von ihm die Fingerabdrücke genommen worden. Er habe
keine Kenntnis über den Stand eines Verfahrens in Italien. Er sei täglich
von einer zuständigen Person informiert worden, dass er – wenn es so weit
sei – ins Asylverfahren genommen würde. Von Italien her sei er direkt in
die Schweiz weitergereist. Anderswo habe er nicht um Asyl ersucht und er
besitze von keinem europäischen Land eine Aufenthaltsbewilligung. So-
dann gewährte ihm das SEM das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zu-
ständigkeit Italiens für die Durchführung des Asylverfahrens und zu einer
entsprechenden Nichteintretensverfügung des SEM unter Anordnung sei-
ner Überstellung nach Italien. Der Beschwerdeführer bestritt dabei nicht,
über Italien in die Schweiz gereist zu sein, gab aber im Wesentlichen an,
nicht dorthin zurückkehren zu wollen. Unter den Reisenden in Italien hätten
sich auch Anhänger der Taliban befinden können. Als in Afghanistan tätiger
(Nennung Tätigkeit) habe er sich daher dort nicht wohlgefühlt. Zudem hät-
ten sich die zuständigen Personen in Italien nicht richtig um ihn gekümmert.
Er habe zu wenig Nahrung erhalten und die Unterkunft sei für ihn und seine
(Nennung Verwandte) sowie deren Kinder nicht adäquat gewesen. Seine
(Nennung Verwandte) habe sich daher entschieden, allein mit ihren Kin-
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dern illegal weiterzureisen. Sie würden sich psychisch nicht gut fühlen. Be-
züglich seines Gesundheitszustands gab er an, er habe den Eindruck, dass
er (Nennung Leiden) habe. So fühle er sich alleine besser und ziehe sich
daher in sein Zimmer zurück. Zudem leide er an (Nennung Leiden). Er
habe bereits die Pflege im Zentrum besucht und diese über seine psychi-
schen Probleme informiert. Bis jetzt sei nichts Weiteres geschehen.
C.
Das SEM ersuchte die italienischen Behörden am 23. November 2021 um
Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO. Dieses Ersuchen blieb unbeantwortet.
D.
Mit Eingabe vom 8. Dezember 2021 legte der Beschwerdeführer (Nennung
Beweismittel) ins Recht, welche seinen Angaben zufolge ihn und seine Fa-
milienangehörigen in Italien und ihren schlechten (...) Zustand abbilden.
E.
Mit Verfügung vom 8. Dezember 2021 – am Folgetag eröffnet – trat das
SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete dessen
Überstellung nach Italien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach
Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aus-
händigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
F.
Mit Eingabe vom 14. Dezember 2021 erhob der Beschwerdeführer gegen
die Verfügung des SEM vom 8. Dezember 2021 beim Bundesverwaltungs-
gericht Beschwerde. Er beantragt, es sei die angefochtene Verfügung auf-
zuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, ihre Pflicht zum Selbsteintritt
auszuüben, eventualiter sich gestützt auf Art. 29a Abs. 3 der Asylverord-
nung 1 über Verfahrensfragen vom 11. August 1999 (AsylV 1; SR 142.311)
für das vorliegende Asylverfahren als zuständig zu erklären, subeventuali-
ter sei die Sache wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs an die Vorin-
stanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragte er, die Voll-
zugsbehörden seien unverzüglich anzuweisen, bis zum Beschwerdeent-
scheid von einer Überstellung nach Italien abzusehen und der Beschwerde
sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen. Ferner sei ihm die unentgeltli-
che Prozessführung samt Befreiung von der Kostenvorschusspflicht zu ge-
währen und eine angemessene Parteientschädigung zuzusprechen.
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G.
Am 15. Dezember 2021 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovi-
sorischen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen die vorinstanzlichen Akten
dem Bundesverwaltungsgericht in elektronischer Form vor.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG [SR 142.31] und Art. 31 ff.
VGG). Die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen – Legitimation (Art. 48
Abs. 1 VwVG), Frist (Art. 108 Abs. 3 AsylG) und Form (Art. 52 VwVG) –
sind ebenfalls erfüllt. Somit ist auf die Beschwerde einzutreten.
2.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche. Gestützt auf Art. 111a
Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzich-
tet.
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
Soweit in der Rechtsmitteleingabe die Rückweisung der Sache an die Vor-
instanz wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs beantragt wird, ist fest-
zuhalten, dass der solchermassen pauschal vorgebrachte formelle Ein-
wand nicht weiter substanziiert wird. Da sich auch aus den Akten keine
entsprechenden Hinweise auf eine Verletzung des rechtlichen Gehörs er-
geben, ist festzustellen, dass die Vorinstanz die Verfahrensrechte des Be-
schwerdeführers nicht verletzt hat. Eine Kassation ist daher nicht ange-
zeigt. Der entsprechende Eventualantrag ist abzuweisen.
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Über-
stellung aus der Schweiz in den zuständigen Staat und ordnet den Vollzug
an (Art. 44 AsylG).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
5.3 Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge)
sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der
dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskri-
terien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden. Im Rahmen eines
Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demgegenüber
grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt
(vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
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5.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die
Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses so-
genannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert; das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus
humanitären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-
III-VO ein anderer Staat zuständig wäre.
5.5 Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, sich vor der Einreise in die
Schweiz in Italien aufgehalten zu haben. Nachdem die italienischen Behör-
den sich innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist nicht
zum Aufnahmegesuch des SEM geäussert haben, steht die Zuständigkeit
Italiens gemäss Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO grundsätzlich fest.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer macht in seiner Rechtsmitteleingabe unter Hin-
weis auf mehrere Berichte geltend, das SEM habe den Umständen, die er
bei einer Rückkehr nach Italien antreffen würde, nicht hinreichend Rech-
nung getragen. Es sei unter den momentanen Umständen nicht klar, ob er
in Italien überhaupt Zugang zu einem fairen Asylverfahren und zu einer
Unterbringung haben werde. Es mangle am Zugang zu verschiedenen un-
entbehrlichen staatlichen Leistungen, so im Bereich der Gesundheitsver-
sorgung und insbesondere auch in Bezug auf die Wohnsituation. Er und
sein Bruder C._ hätten Misshandlungen in Italien erfahren. Sie
seien in einem Haus mit anderen afghanischen Flüchtlingen untergebracht
gewesen. Sie hätten nicht jeden Tag zu Essen und keine medizinische Be-
handlung erhalten. Sein gesundheitlicher Zustand habe sich in Italien mar-
kant verschlechtert. Es seien weitere Abklärungen zu seinem Gesundheits-
zustand nötig und es sei ihm zu erlauben, in der Schweiz zu bleiben.
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung da-
von aus, dass das italienische Asylsystem – trotz punktueller Schwachstel-
len – keine systemischen Mängel im Sinn von Art. 3 Abs. 2 Satz 2 Dublin-
III-VO aufweist (vgl. Referenzurteil des BVGer E-962/2019 vom 17. De-
zember 2019 E. 6.3 und in letzter Zeit etwa die Urteile des BVGer
D-3818/2021 vom 3. September 2021 S. 4 oder F-3769/2021 vom 2. Sep-
tember 2021 E. 5.2). Für eine Änderung dieser Rechtsprechung besteht –
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auch unter Berücksichtigung der Ausführungen in der Rechtsmittelschrift
zur Lage der Asylsuchenden in Italien – keine Veranlassung.
6.3 Nachfolgend ist zu prüfen, ob die Schweiz – wie vom Beschwerdefüh-
rer gefordert – das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-
III-VO (konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 AsylV 1) ausüben muss respektive
soll.
6.3.1 Insofern der Beschwerdeführer den Zugang zu einem fairen Asylver-
fahren und zu einer adäquaten Unterbringung in Frage stellt, vermag er
kein konkretes und ernsthaftes Risiko darzutun, die italienischen Behörden
würden sich weigern, ihn wieder aufzunehmen und seinen Antrag auf in-
ternationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie
zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine Gründe für die Annahme zu
entnehmen, Italien werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoule-
ment missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein
Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1
AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein
solches Land gezwungen zu werden. Die italienischen Behörden haben
der Wiederaufnahme des Beschwerdeführers implizit zugestimmt. Ausser-
dem hat der Beschwerdeführer nicht dargetan, die ihn bei einer Rückfüh-
rung erwartenden Bedingungen in Italien seien derart schlecht, dass sie zu
einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder
Art. 3 FoK führen könnten.
6.3.2 Soweit er den Zugang zu medizinischer Gesundheitsversorgung the-
matisiert, ist Folgendes festzuhalten:
Das Bundesverwaltungsgericht hat das SEM schon vor einiger Zeit bei
schwer erkrankten Asylsuchenden, die sofort nach der Ankunft in Italien auf
lückenlose medizinische Versorgung angewiesen sind, verpflichtet,
individuelle Zusicherungen betreffend die Gewährleistung der nötigen me-
dizinischen Versorgung und Unterbringung bei den italienischen Behörden
einzuholen (vgl. Referenzurteile des BVGer E-962/2019 E. 7.4.3 sowie
D-2846/2020 vom 16. Juli 2020 E. 6.2 und statt vieler die Urteile des
BVGer F-444/2021 vom 8. Februar 2021 E. 6.1, E-208/2021 vom 22. Ja-
nuar 2021 S. 13 oder E-178/2021 vom 20. Januar 2021 E. 8.3). Der Be-
schwerdeführer gehört aber offensichtlich nicht dieser Personenkategorie
an: Gemäss den Ausführungen im persönlichen Gespräch nach Art. 5 Dub-
lin-III-VO führte er an, er habe den Eindruck, dass er (Nennung Leiden)
habe, zumal er sich alleine besser fühle und sich in sein Zimmer zurück-
ziehe. Ausserdem habe er (Nennung Leiden). Er habe bereits die Pflege
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im Zentrum besucht und diese über seine psychischen Probleme infor-
miert. Bis jetzt sei nichts Weiteres geschehen (vgl. SEM act. 1114800-16/2,
S. 2). Gemäss den am (...) getätigten Abklärungen des SEM beim Gesund-
heitspersonal im BAZ D._, wo der Beschwerdeführer ab seinem
Eintritt bis zum (Nennung Zeitpunkt) untergebracht war, ergab, dass er le-
diglich die Medizinische Erstkontrolle direkt nach Eintritt absolviert und sich
danach nicht erneut beim Gesundheitspersonal aufgrund von medizini-
schen Beschwerden gemeldet habe. Weitere Abklärungen beim Gesund-
heitspersonal im BAZ E._, wo der Beschwerdeführer seit dem
(Nennung Zeitpunkt) untergebracht ist, ergaben, dass er während seines
bisherigen Aufenthalts im BAZ E._ (ebenfalls) nie beim Gesund-
heitspersonal vorstellig geworden ist (vgl. SEM act. 1114800-19/1). Der Be-
schwerdeführer sah sich demnach offensichtlich nicht veranlasst, wegen
seines Gesundheitszustandes mit Blick auf weitere Abklärungen vorstellig
zu werden oder gar eine medizinische Behandlung in Anspruch nehmen zu
wollen.
Bei dieser Aktenlage war und ist der medizinische Sachverhalt hinreichend
erstellt, um die Durchführbarkeit einer Überstellung nach Italien beurteilen
zu können. Weitere medizinische Abklärungen sind nicht erforderlich und
der entsprechende Beweisantrag ist abzuweisen.
Die medizinischen Probleme des Beschwerdeführers sind offensichtlich
nicht von einer derartigen Schwere, dass eine Überstellung nach Italien
einen Verstoss gegen internationale Verpflichtungen der Schweiz bedeu-
ten würde. Namentlich ergibt sich aus den Akten kein Hinweis auf eine dro-
hende Verletzung von Art. 3 EMRK (vgl. hierzu BVGE 2011/9 E. 7 mit Hin-
weisen auf die damalige Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Men-
schenrechte [EGMR], Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. De-
zember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
Italien verfügt über eine ausreichende medizinische Infrastruktur. Der Zu-
gang für asylsuchende Personen zum italienischen Gesundheitssystem
über die Notversorgung hinaus ist derzeit grundsätzlich gewährleistet,
auch wenn es in der Praxis zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann
(vgl. Urteil des BVGer D-2846/2020 E. 6.2.1).
Sofern im Überstellungszeitpunkt erforderlich, werden die schweizerischen
Behörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt
sind, die italienischen Behörden in geeigneter Weise über allfällige spezifi-
sche medizinische Bedürfnisse und Umstände des Beschwerdeführers in-
formieren (Art. 31 f. Dublin-III-VO).
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6.3.3 Die allgemeinen Aufnahmebedingungen für (gestützt auf die Dublin-
III-VO zurückkehrende) Asylsuchende in Italien führen nach bisheriger Pra-
xis des Bundesverwaltungsgerichts nicht zur Ausübung des Selbsteintritts-
rechts in der Schweiz (vgl. etwa Urteil des BVGer F-1479/2021 vom 13. Ap-
ril 2021 2021 E. 7.2). Auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den dies-
bezüglichen allgemeinen Ausführungen im in der Beschwerde zitierten Be-
richt (...) kann an dieser Stelle verzichtet werden.
6.4 Nach dem Gesagten lag für das SEM kein Grund für die Anwendung
der Ermessensklausel von Art. 17 Dublin-III-VO oder von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 vor.
6.5
6.5.1 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitions-
beschränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Strei-
chung der Angemessenheitskontrolle des Bundesverwaltungsgerichts ge-
mäss aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den
vorinstanzlichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht
mehr auf Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung
nunmehr im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbe-
züglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen
Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl.
Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
6.5.2 Die angefochtene Verfügung ist auch unter diesem Blickwinkel nicht
zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen
Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des
Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem
Zusammenhang weiterer Äusserungen.
6.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass kein Grund für einen Selbst-
eintritt der Schweiz gemäss Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 in Verbindung mit
Art. 17 Dublin-III-VO vorliegt. Italien bleibt somit zuständiger Mitgliedstaat
gemäss Dublin-III-VO und ist verpflichtet, den Beschwerdeführer wieder-
aufzunehmen.
6.7 Allfällige Verzögerungen aufgrund der herrschenden Situation im Zu-
sammenhang mit der Coronavirus-Pandemie (COVID-19) stellen – ge-
mäss aktuellem Kenntnisstand – lediglich temporäre Vollzugshindernisse
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Seite 10
dar und vermögen am Ausgang des vorliegenden Verfahrens nichts zu än-
dern (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer D-139/2020 vom 19. Juni 2020
E. 9.6 m.w.H.).
7.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Italien in Anwen-
dung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1). Unter diesen Umständen sind allfällige Vollzugshindernisse ge-
mäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) nicht mehr zu prüfen, da das
Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nicht-
eintretensentscheids gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist (vgl.
BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
9.1 Der am 15. Dezember 2021 verfügte Vollzugsstopp fällt mit dem vorlie-
genden Urteil dahin.
9.2 Mit dem Entscheid in der Hauptsache sind die Gesuche um Erteilung
der aufschiebenden Wirkung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses gegenstandslos geworden.
10.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist abzu-
weisen, da die Beschwerde gemäss den vorstehenden Erwägungen als
aussichtslos zu bezeichnen war und es damit, unbesehen der finanziellen
Verhältnisse des Beschwerdeführers, an einer gesetzlichen Voraussetzung
gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG fehlt. Bei diesem Ausgang des Verfahrens
sind die Kosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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