Decision ID: 930d3479-7355-5243-af2e-23bcbd288417
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer – ein Staatsangehöriger Sri Lankas tamilischer
Ethnie – reichte am 12. Juni 2019 in der Schweiz ein Asylgesuch ein und
wurde dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region Zürich zugewiesen. Er
wurde am 18. Juni 2019 (Aktenstück des SEM [A]9) summarisch zu seiner
Person, anlässlich der Erstbefragung vom 17. Juli 2019 und am 9. August
2019 vertieft zu seinen Asylgründen angehört (A15, A18). Er reichte je eine
Kopie seines Personalausweises und seines Geburtsscheins zu den Ak-
ten.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte er im Wesentlichen folgendes
geltend:
Er stamme aus B._ Distrikt Jaffna, und habe dort mit seiner Familie
gelebt. Nach Abbruch der Schule in der achten Klasse habe er mit seiner
Familie in der (...) gearbeitet. Er sei im Jahr 2006 im Vanni-Gebiet zu einer
Hochzeit gereist. Eine Rückkehr nach Hause sei nicht mehr möglich gewe-
sen. Deshalb sei er bei seinen Verwandten geblieben und habe als (...) mit
seinem Onkel gearbeitet. In der Folge habe er sich den Liberation Tigers
of Tamil Eelam (LTTE) angeschlossen und ein Training für Jugendliche ab-
solviert. Mit Erlangen der Volljährigkeit habe er eine Uniform und eine
Waffe erhalten und sei an der Waffe ausgebildet worden. Im Krieg habe er
im Wesentlichen an kleinen Kämpfen teilgenommen und für die erfahrenen
Kämpfer Waffen geliefert, beim grossen Angriff (der Regierungstruppen)
vom 18. Mai 2009 habe er an Kampfhandlungen teilgenommen. Nach der
Niederlage habe er sich ergeben, aber zugeben müssen, LTTE-Mitglied
gewesen zu sein. Er sei ins Lager nach C._ gebracht worden, wo
er im Frühling 2013 entlassen und zu seiner Familie zurückgeschickt wor-
den sei. In C._ sei er rehabilitiert worden und habe während fünf
Monaten eine (...)ausbildung absolviert. Zuhause habe er wieder als (...)
gearbeitet. Ein paar Tage nach seiner Rückkehr sei er von Beamten des
Criminal Investigation Departement (nachfolgend: CID) besucht worden. In
der Folge sei er wöchentlich etwa zweimal besucht respektive kontrolliert
worden. Wegen der wiederholten Kontrollen sei er im Jahr 2014 nach [Aus-
land] zu seinem Bruder gereist und habe dort gearbeitet. Nach der Wahl
von Präsident Sirisena im Jahr 2015 sei er Anfang 2016 zurückgekommen,
obwohl er zuhause zwischenzeitlich immer wieder gesucht worden sei.
Drei Tage nach seiner Rückkehr sei er wiederum vom CID aufgesucht wor-
den, ihm sei der Pass abgenommen und es sei ihm untersagt worden, das
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Land und den Aufenthaltsort zu verlassen. In der Folge habe er wiederholt
unterschriftlich seine Anwesenheit bestätigen müssen. Wegen der häufi-
gen Besuche des CID sei er zur Familie seines Bruders – der weiterhin in
[Ausland] geweilt habe – nach D._ gereist und habe dort wiederum
als (...) gearbeitet, bis eines Tages Beamte ihn auch dort gesucht hätten.
Er habe eine Verfolgung auch deswegen befürchtet, weil vor etlicher Zeit
ein Bekannter von ihm, der ebenfalls bei den LTTE und in der Rehabilitation
gewesen sei, verschwunden sei. Um familiäre Probleme zu vermeiden und
die Familie nicht zu gefährden, habe er bis zu seiner Ausreise in einer Kir-
che und bei einem Freund übernachtet. Er sei am 5. Oktober 2018 mit ei-
nem gefälschten Pass mit seinem Foto versehen über den Iran in die Tür-
kei gereist, wo er seine Papiere und Beweismittel verloren habe respektive
ihm seine Tasche mit allem Inhalt weggenommen worden sei, weil die
Agentur die Reisekosten der Schlepperorganisation nicht bezahlt habe.
Von der Türkei aus sei er über Italien in die Schweiz gelangt.
A.b Zum abweisenden Entwurf des Asylentscheids vom 16. August 2019
(A19) liess der Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertreterin (...) am
19. August 2019 Stellung nehmen und reichte eine «Suchanfrage Haftbe-
stätigung» ans Schweizerische Rote Kreuz vom 16. August 2019, inkl. aus-
gefülltes Formular und Beilagen, zu den Akten (A20).
A.c In der Folge wurde der Beschwerdeführer am 20. August 2019 dem
erweiterten Verfahren zugewiesen und dem Kanton (...) zugeteilt (A21 f.).
A.d Am 21. August 2019 legte die von Amtes wegen zugewiesene Rechts-
vertreterin ihr Mandat nieder (A24).
B.
Mit Verfügung vom 28. Oktober 2019 – eröffnet am 30. Oktober 2019 –
führte das SEM aus, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus
der Schweiz an (Dispositivziffern [Ziff.] 1-3). Es setzte ihm Frist bis zum
12. Dezember 2019, um die Schweiz zu verlassen (Ziff. 4), und beauftragte
den Kanton (...) mit dem Vollzug der Wegweisung (Ziff. 5). Weiter entzog
es einer allfälligen Beschwerde gegen diese Verfügung die aufschiebende
Wirkung (Ziff. 6) und führte aus, dem Beschwerdeführer würden die editi-
onspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis ausgehändigt (Ziff. 7;
A26 f.).
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Am 1. November 2019 erging nochmals eine gleichlautende Verfügung an
den Beschwerdeführer (A28).
C.
C.a Mit Eingabe vom 22. November 2019 erhob der Beschwerdeführer –
nunmehr vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer – Beschwerde beim Bun-
desverwaltungsgericht und beantragte, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und zwecks neuer Begründung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Eventualiter sei Asyl zu gewähren oder jedenfalls die Flüchtlings-
eigenschaft festzustellen. Subeventualiter sei die Unzulässigkeit des Voll-
zugs der Wegweisung festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuord-
nen. Im Weiteren ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung, um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um
Bestellung seines Rechtsvertreters als unentgeltlichen Rechtsbeistand, al-
les unter Kosten und Entschädigungsfolge zu Lasten der Vorinstanz. Er
reichte weiter eine Bestätigung Sozialhilfe vom 12. November 2019, eine
Bestätigung des Schweizerischen Roten Kreuzes betreffend Authentifizie-
rung Haftbestätigung vom 2. Oktober 2019 sowie einen Auszug des «Fo-
kus Sri Lanka, Lage ehemaliger Mitglieder der Liberation Tigers of Tamil
Eelam vom 15. März 2019 des SEM zu den Akten (Beschwerdeakten
[B-act. 1]).
C.b Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
25. November 2019 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 2 AsylG).
C.c Mit Zwischenverfügung vom 25. November 2019 ordnete die Instrukti-
onsrichterin als superprovisorische Massnahme einen Vollzugsstopp an
und setzte den Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen aus
(B-act. 2).
C.d Mit Zwischenverfügung vom 28. November 2019 führte die Instrukti-
onsrichterin aus, dass sie die Verfügung vom 28. Oktober 2019 als mass-
geblich betrachte, bestätigte die Aussetzung des Vollzugs für die Dauer
des Verfahrens und hob die Dispositivziffer 6 der Verfügung vom 28. Okto-
ber 2019 (Entzug der aufschiebenden Wirkung) mangels Begründung
durch die Vorinstanz auf, hiess die Gesuche um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung und um amtliche Rechtsverbeiständung gut und
ordnete dem Beschwerdeführer lic. iur. Dominik Löhrer als amtlichen
Rechtsbeistand bei. Weiter lud sie die Vorinstanz zur Einreichung einer
Vernehmlassung ein (B-act. 3).
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D.
In der Vernehmlassung vom 4. Dezember 2019 hielt die Vorinstanz im We-
sentlichen an ihren Erwägungen in der Verfügung hinsichtlich der festge-
stellten Unglaubhaftigkeitselemente fest, zumal der Beschwerdeführer das
nunmehr eingereichte Dokument des Internationalen Komitees vom roten
Kreuz (IKRK) nicht fristgerecht eingereicht habe. Sie ergänzte, beim Ent-
zug der aufschiebenden Wirkung im angefochtenen Asylentscheid habe es
sich um ein Versehen gehandelt, weshalb die Dispositivziffer 6 zu Recht
vom Gericht aufgehoben worden sei. Im Weiteren bestätigte sie, dass die
Verfügung vom 28. Oktober 2019 die massgebliche sei (B-act. 4).
E.
Innert der angesetzten Replikfrist bis zum 20. Dezember 2019 liess sich
der Beschwerdeführer nicht mehr vernehmen.
F.
Mit «Ergänzung der Beschwerde» vom 31. Dezember 2019 (eingereicht
vorab per Telefax) wies der Beschwerdeführer auf die Veränderung der po-
litischen Situation in Sri Lanka und eine neue Einschätzung der schweize-
rischen Flüchtlingshilfe (nachfolgend: SFH) hin, wonach diese eine neue
Lageanalyse durch das SEM, eine Anpassung der Asylpraxis und den so-
fortigen Stopp von Rückführungen nach Sri Lanka fordere. Er reichte weiter
eine Bestätigung betreffend seinen Aufenthalt im Camp C._ von
(...), vom 24. Dezember 2019, sowie eine Bestätigung von (...), vom 20.
Dezember 2019 ein, wonach der Beschwerdeführer nach einer Hochzeit
im Vanni-Gebiet nicht mehr habe zurückkehren können und im Minder-
heitskonflikt, in welchem er sich den Kämpfern angeschlossen habe, ge-
dient habe (B-act. 6 f.).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
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ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer beanstandet, der Anspruch auf rechtliches Ge-
hör sei verletzt worden, weil die Vorinstanz in der Verfügung vom 28. Ok-
tober 2019 den Entscheidentwurf vom 16. August 2019 und die Argumente
in der Stellungnahme dazu vom 19. August 2019 nicht erwähnt habe. Die
wichtigen Argumente der Stellungnahme seien unberücksichtigt geblieben.
Damit sei die Begründungspflicht sowie die Pflicht der Vorinstanz zur voll-
ständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts ver-
letzt worden.
3.2 Diese formellen Rügen sind vorab zu beurteilen, da sie sich allenfalls
dazu eignen, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken
(vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren
und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff.
m.w.H.).
3.2.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
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Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Ab-
fassung der Begründung soll es der betroffenen Person ermöglichen, den
Entscheid sachgerecht anzufechten, was nur der Fall ist, wenn sich sowohl
die betroffene Person als auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite
des Entscheides ein Bild machen können; diesem Gedanken trägt die be-
hördliche Begründungspflicht Rechnung. Die Begründungsdichte als sol-
che richtet sich dabei nach dem Verfügungsgegenstand, den Verfahrens-
umständen und den Interessen der betroffenen Person, wobei bei schwer-
wiegenden Eingriffen in die rechtlich geschützten Interessen des Betroffe-
nen eine sorgfältige Begründung verlangt wird (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1
und statt vieler: Urteil D-3159/2015 vom 29. August 2016 E. 3.1).
3.2.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG).
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 1043; statt vieler: Urteil E-1542/2020
vom 26. Mai 2020 E. 4.1).
3.3
3.3.1 Soweit der Beschwerdeführer ausführen lässt, die abweisende Ver-
fügung entspreche im Wesentlichen dem Entwurf vom 16. August 2019,
welcher nicht erwähnt werde, ist ihm entgegenzuhalten, dass die Vor-
instanz für die Verfügung vom 28. Oktober 2019 zwar tatsächlich wesentli-
che Teile des Entwurfs übernommen hat, sich indes explizit zum Verfah-
renswechsel vom beschleunigten ins erweiterte Verfahren äusserte und
auch ausführte, dass der Beschwerdeführer die in Aussicht gestellte Be-
scheinigung des IKRK nicht innerhalb der in Aussicht gestellten Frist von
zwei Monaten eingereicht habe.
3.3.2 Soweit der Beschwerdeführer beanstandet, das SEM sei nicht auf die
Argumentation in der Stellungnahme vom 19. August 2019 eingegangen,
sind diese Argumente im Rahmen der materiellen Prüfung zu beurteilen
(E. 6 ff.). Dies gilt im Wesentlichen hinsichtlich der Argumentation, worin er
einen Bezug zu den LTTE als Kämpfer geltend macht, und ausführt, das
SEM sei nicht auf diesen Risikofaktor gemäss Urteil des Bundesverwal-
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tungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 9.1 ff. eingegangen. Da-
rauf ist nachfolgend im Rahmen der Prüfung von allfällig vorliegenden Ri-
sikofaktoren einzugehen (hiernach E. 7.4).
3.3.3 Insgesamt erweist sich die Rüge der Verletzung des rechtlichen Ge-
hörs nicht als genügend begründet. Das entsprechende Rückweisungsbe-
gehren ist abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 Satz 1 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.3 Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die we-
gen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Aus-
druck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat be-
stehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei die Einhaltung des
Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 4 AsylG).
Nach Art. 54 AsylG (subjektive Nachfluchtgründe) wird Flüchtlingen kein
Asyl gewährt, wenn sie erst durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder
Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise Flüchtlinge
im Sinne von Art. 3 AsylG wurden. Personen mit subjektiven Nachflucht-
gründen erhalten zwar kein Asyl, werden jedoch als Flüchtlinge vorläufig
aufgenommen. Massgebend ist dabei einzig, ob die heimatlichen Behör-
den das Verhalten des Asylsuchenden als staatsfeindlich einstufen und
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dieser deswegen bei einer Rückkehr in den Heimatstaat eine Verfolgung
im Sinne von Art. 3 AsylG befürchten muss. Es bleiben damit die Anforde-
rungen an den Nachweis einer begründeten Furcht massgeblich (Art. 3 und
7 AsylG; vgl. zum Ganzen auch BVGE 2009/29 E. 5.1 und 2009/28 E. 7.1).
5.
5.1 Gemäss der Beurteilung des SEM halten die Vorbringen des Be-
schwerdeführers den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7
AsylG nicht stand.
5.1.1 Hinsichtlich des geltend gemachten Aufenthalts im Rehabilitations-
programm führt das SEM aus, nach gefestigtem Wissen hätten die soge-
nannten Rehabilitierungsprogramme in der Regel ein Jahr gedauert, wobei
diese um wenige Monate hätten verlängert werden können. Auch wenn es
nach Kriegsende Wochen oder vielleicht Monate gedauert habe, bis Schu-
len und andere Institutionen zu Rehabilitationszentren mit entsprechenden
Programmen umfunktioniert worden seien, seien die Angaben, vier Jahre
rehabilitiert worden zu sein, anzuzweifeln. Weiter passe nicht zu den An-
gaben des Beschwerdeführers, während der vier Jahre ausschliesslich ge-
putzt und eine (...)ausbildung gemacht zu haben, zumal das Ziel der Re-
habilitationshaft gemäss offiziellen Angaben gewesen sei, sicherzustellen,
dass ehemals LTTE-nahe Personen «de-radikalisiert» und für die Integra-
tion in die Gesellschaft als Zivilpersonen vorbereitet würden. Hierzu seien
Umerziehungsprogramme durchgeführt worden, von welchen der Be-
schwerdeführer keine Kenntnis haben wolle (A18, F49 f.). Der Beschwer-
deführer habe auch ein Abschlussritual bei der Entlassung aus der Reha-
bilitation verneint und angegeben, seine Bestätigungspapiere zu einem
früheren Zeitpunkt gleich nach Abschluss seiner (...)ausbildung erhalten
zu haben. Gemäss seinen Angaben habe er von Soldaten eine vom IKRK
ausgestellte Bestätigung für die LTTE-Mitgliedschaft ausgehändigt erhal-
ten (A18 F58, F61 f., F80). Das in englischer Sprache abgefasste Zertifikat
habe er nicht verstanden und kenne deshalb seinen Inhalt nicht (A18 F72).
Gemäss Erkenntnissen des SEM werde eine Entlassungszeremonie abge-
halten, wobei bei dieser Gelegenheit verschiedene Bestätigungen oder Do-
kumente wie etwa ein «Certificate of Rehabilitation» oder eine «Confirma-
tion of Rehabilitation and Reintegration» abgegeben würden. Diese beiden
Dokumente habe er nicht erwähnt, was von einer Person zu erwarten sei,
die ein solches Programm durchlaufen habe. Die Angaben betreffend die
Zertifikate und die anderen Dokumente im Zusammenhang mit der Entlas-
sung aus der Rehabilitation seien demnach tatsachenwidrig.
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/29 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/28
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Seite 10
Das SEM führt weiter aus, auch die Schilderungen des Beschwerdeführers
zum Tagesablauf und zum Geschehen während der Rehabilitation über-
zeugten nicht, sie seien einsilbig und oberflächlich (A15 F61 ff.). Es sei
nicht möglich, sich ein einigermassen klares Bild zum Alltag im Lager ma-
chen. Es erstaune auch, dass er den Namen und die Umgebung der (...),
in welcher er vier Jahre lang interniert gewesen sein wolle, nicht kenne
respektive nicht beschreiben könne (A18 F40 f.). Die Angaben seien des-
halb tatsachenwidrig, unsubstantiiert und erlebnisfern. Es könne daher
nicht geglaubt werden, dass er ein Rehabilitationsprogramm durchlaufen
habe. Im Übrigen sei er anlässlich der vertieften Befragung zu seinen Asyl-
gründen aufgefordert worden, mit Hilfe seiner Rechtsvertretung eine Haft-
bestätigung des IKRK einzuholen. Nach Ablauf der in Aussicht gestellten
Frist von zwei Monaten sei beim SEM keine Nachricht eingegangen. Es
werde deshalb von einem Desinteresse an seiner Mitwirkungspflicht aus-
gegangen, was die Unglaubhaftigkeit der angeblichen Inhaftierung unter-
streiche.
5.1.2 Das SEM verneint ausserdem die Glaubhaftigkeit hinsichtlich der gel-
tend gemachten Überwachung durch das CID. Nach Erkenntnissen des
SEM nach seinem «Fokus Sri Lanka, Lage ehemaliger Mitglieder der Libe-
ration Tigers of Tamil Eelam vom 15. März 2019» habe es gegenüber re-
habilitierten Personen in der Regel keine Beschränkungen der Bewe-
gungs- und Reisefreiheit gegeben. Die Erklärung des Beschwerdeführers,
wonach sämtlichen ehemaligen LTTE-Mitgliedern Reisebeschränkungen
auferlegt würden, damit diese von der Regierung unter Kontrolle gehalten
würden, vermöge die erwähnten Erkenntnisse nicht umzustossen. Seine
Schilderungen der angeblichen Kontrollmassnahmen durch das CID nach
der Entlassung aus der Rehabilitation respektive nach seiner Rückkehr aus
[Ausland] würden sehr allgemein und ungenau ausfallen. So gebe er auf
die Frage nach dem Ablauf der Beobachtungen und Kontrollen nach seiner
Rückreise aus [Ausland] nur oberflächliche und ungenaue Antworten (A15
F147 ff.). Wenn er sie selber erlebt hätte, könnte er zeitlich detaillierte An-
gaben mit erlebnisgeprägten Schilderungen zu Protokoll geben. Beispiels-
weise seien gemäss seinen Angaben die Kontrollen nach seinem [Aus-
land]aufenthalt intensiver geworden, ohne dass er dies substantiiere (A18
F116 ff.).
5.1.3 Zusammenfassend führt das SEM aus, insgesamt gelinge es dem
Beschwerdeführer nicht, die geltend gemachte Furcht vor Verfolgung durch
die heimatlichen Behörden glaubhaft zu machen. Da es weder die Rehabi-
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Seite 11
litation noch die Kontrollmassnahmen des CID als genügend glaubhaft er-
achtete, verzichtete es darauf, auf weitere aus seiner Sicht vorhandene
Unglaubhaftigkeitselemente in den Schilderungen zur angegebenen Mit-
gliedschaft zu den LTTE einzugehen.
5.2 Der Beschwerdeführer lässt beschwerdeweise zur Frage der Glaubhaf-
tigkeit der absolvierten Rehabilitation ausführen, die Argumentation der
Vorinstanz, wonach die Rehabilitation ein Jahr, allenfalls mit Verlängerung
von weiteren drei Monaten dauere, halte selbst gemäss den vorhandenen
Informationen des SEM nicht stand; der Beschwerdeführer reicht diesbe-
zügliche Auszüge des SEM-Fokus Sri Lanka vom 15. März 2019 ein (vgl.
oben Bst. C.a). Es sei durchaus möglich, dass er während vier Jahren re-
habilitiert worden sei, und sich selbst heute noch Personen in Rehabilita-
tion befinden würden. Gestützt auf das Update zu Sri Lanka vom 1. De-
zember 2010 S. 12 f. der SFH könnten auch die Angaben in Bezug auf
seine Beschäftigung stimmen. Er weist weiter auf verschiedene Realkenn-
zeichen in seinen Aussagen hin und führt aus, diese würden keine wesent-
lichen inhaltlichen Widersprüche enthalten. Zur Flüchtlingseigenschaft
lässt er ausführen, da er geltend mache, für die LTTE am Krieg teilgenom-
men zu haben und in der Folge vier Jahre rehabilitiert worden zu sein,
werde er als Rückkehrer in Sri Lanka als Verdächtiger erachtet werden.
Ihm sei deshalb Asyl zu gewähren oder mindestens die Flüchtlingseigen-
schaft festzustellen. Mit der Beschwerde reicht er die eingeholte
«Authentifizierung der IKRK Haftbestätigung, Referenznummer
CHE-(...)» vom 2. Oktober 2019 ein. Darin informiert das Schweizerische
Rote Kreuz SRK den Beschwerdeführer darüber, dass das IKRK in Co-
lombo keine Haftbestätigung ausstellen könne. In ihren Datenbanken sei
keine Registration seines Namens oder ein Hinweis über einen Besuch ge-
funden worden. Dies heisse aber nicht, dass er in dieser Zeit nicht in Haft
gewesen sei (B-act. 1 Beil. 3).
5.3 In ihrer Vernehmlassung vom 4. Dezember 2019 führt die Vorinstanz
zur eingereichten Bestätigung des IKRK aus, der Beschwerdeführer sei
erst nach mehrmaligem Insistieren des Befragers anlässlich der Anhörung
vom 9. August 2019 bereit gewesen, sich um eine entsprechende Bestäti-
gung zu bemühen. Der von seiner damaligen Rechtsvertreterin angeregten
Einreichefrist sei Rechnung getragen worden mit dem Transfer ins erwei-
terte Verfahren. Es erstaune, dass der Beschwerdeführer es in der Folge
unterlassen habe, das SEM über den weiteren Stand seiner Abklärungen
zu informieren. Das Versäumnis laste schwer und untermauere die Un-
glaubhaftigkeit seiner Vorbringen. Weiter sei nicht möglich, die angeblichen
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Seite 12
Markennummern, welche der Beschwerdeführer als Kämpfer der LTTE ge-
tragen haben wolle, zu würdigen, da er keine solchen zu den Akten gege-
ben habe. Was die Angaben in Sachen Haft/Rehabilitation betreffe, seien
diese gestützt auf die Erkenntnisse des SEM klar faktenwidrig. Es ergebe
sich kein klares Bild eines Internierungs- respektive Rehabilitationslagers
in Sachen Grösse, Erscheinung, Atmosphäre etc., was von einer Person,
die dort vier Jahre verbracht haben wolle, zu erwarten gewesen wäre
(B-act. 4).
5.4 In seiner Eingabe vom 31. Dezember 2019 lässt der Beschwerdeführer
auf die seit den Wahlen im November 2019 veränderte politische Situation
in Sri Lanka hinweisen, wonach die Rajapaksa-Familie die relevantesten
Ämter im sri-lankischen Staat besetze und unter der neuen Regierung Min-
derheiten in Zukunft wieder stärker unter Druck geraten würden sowie ge-
gen tamilische Personen wegen angeblicher Verbindungen zu den LTTE
vorgegangen werde. Er weist dabei auf eine Einschätzung der SFH vom
5. Dezember 2019 hin, welche eine neue Lageanalyse durch das SEM,
eine Anpassung der Asylpraxis und den sofortigen Stopp von Rückführun-
gen nach Sri Lanka fordere (B-act. 6 f.).
6.
6.1 Vorab zu prüfen sind die geltend gemachten Vorfluchtgründe. Die
Frage, ob der Beschwerdeführer seine Vorbringen glaubhaft machen und
das Bestehen einer begründeten Furcht vor Verfolgung durch die sri-lanki-
schen Behörden im Zeitpunkt seiner Ausreise im Oktober 2018 aufzeigen
konnte, ist mit der Vorinstanz zu verneinen.
6.1.1 Hinsichtlich der Angaben des Beschwerdeführers, wonach er ab Mai
2009 nach Beendigungen der Kampfhandlungen bis im Frühling 2013 in
einem Lager in C._ verbracht habe und dort rehabilitiert worden sei,
ergibt sich mit der Vorinstanz, dass sich seine Angaben jedenfalls hinsicht-
lich der Rehabilitierung als unsubstantiiert und teilweise tatsachenwidrig
erweisen, was nicht dafür spricht, dass er dies selbst erlebt hätte. Seine
Angaben beschränken sich darauf, er habe im Rehabilitationszentrum in
C._, das eine (...) gewesen sei, aus verschieden Berufsausbil-
dungskursen den Kurs als (...) ausgewählt. Es habe Kurse und praktische
Teile gegeben. Der Kurs habe fünf Monate gedauert. Das Zertifikat habe er
im Jahr 2013 vor der Entlassung bekommen (A15 F56). In der Anhörung
vom 9. August 2019 führte er aus, es sei kurz nach der Ankunft im Camp
mit der Ausbildung begonnen worden, zirka nach einem Jahr (A18 F52).
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Das IKRK habe gesagt, man solle ihnen solche Arbeit beibringen, die Ar-
mee habe das ermöglicht. Sie seien vier bis fünf Monate unterrichtet wor-
den. Ausser dieses Unterrichts hätten sie danach keine solchen Arbeiten
erhalten und seien mit Tätigkeiten wie Toilettenreinigen und Rasenmähen
beschäftigt worden (A18 F52-55). Darüber hinaus verneinte er, jeglichen
Schulunterricht oder Ähnliches über die politische Situation oder die Inte-
ressen des Staates erhalten zu haben. Er gab dahingehend einzig an, sie
hätten gesagt, es gebe keine Bewegung mehr (A18 F49 f.).
6.1.2 Gemäss den Quellen hinsichtlich der Rehabilitierung in Sri Lanka
ergibt sich, dass das sri-lankische Rehabilitierungsprogramm durch sri-lan-
kische Behörden ohne Beteiligung der UNO oder des IKRK durchgeführt
wurde (SEM: Fokus Sri Lanka, vom 15. März 2019, a.a.O., S. 9f., sowie
auch: SEM, Fokus Sri Lanka, Lagebild vom 5. Juli 2016, Version vom
18. August 2016, Ziff. 6.3 S. 42, https://www.sem.admin.ch/-
sem/de/home/internationales/herkunftslaender.html > Fokus Sri Lanka: La-
gebild [05.07.2016, pdf], abgerufen am 10.02.2021, und australisches De-
partment of Foreign Affairs and Trade [DFAT], DFAT Country Information
Report Sri Lanka, 04.11.2019, https://www.dfat.gov.au/sites/default/fi-
les/country-information-report-sri-lanka.pdf, abgerufen am 21.01.2021),
worüber der Beschwerdeführer Bescheid wissen müsste, hätte er eine Re-
habilitierung absolviert. Seine wiederholten Aussagen, die Rehabilitation
sei durch das IKRK veranlasst respektive durchgeführt worden, erweisen
sich damit als tatsachenwidrig. Auch ist es in sich widersprüchlich, dass er
zwar am Anfang seiner Inhaftierung eine Rehabilitierung absolviert haben,
danach aber etwa weitere zwei Jahre inhaftiert gewesen sein will, ohne
Ausübung der erlernten Tätigkeit. Auch erscheint es gemäss der Konzipie-
rung der Rehabilitationsmassnahmen in Sri Lanka (vgl. Fokus Sri Lanka,
Lagebild vom 5. Juli 2016) als faktenwidrig, dass er, der bei Beginn der
Internierung im Jahr 2009 mit (...) Jahren knapp erwachsen war und an-
gibt, als Kämpfer der LTTE mit Hilfs- und Versorgungstätigkeiten in den
letzten Tagen des Kriegs eingesetzt worden zu sein (A18 F18, F27-32),
keinerlei Schulunterricht oder Kurse als Vorbereitung eines späteren zivilen
Lebens wie Sprachunterricht, Weiterbildung, verbunden mit einer «De-Ra-
dikalisierung» (A18 F49 f.), absolviert haben will. Zudem erweisen sich
auch die Angaben hinsichtlich der etwa fünfmonatigen Ausbildung als (...)
als sehr allgemein und ohne Substanz (A15 F56). Dass der Beschwerde-
führer im Rahmen seiner Stellungnahme vom 19. August 2019 ergänzen
liess, an spezielle Kurse oder Vorträge zur «De-Radikalisierung» vermöge
er sich nicht zu erinnern, es sei seither bereits viel Zeit vergangen; es habe
sicherlich gewisse Vorträge darüber gegeben (A20 S. 1), erscheint als
file:///C:/Users/U80775438/Downloads/LKA-lagebild-2016-d%20(1).pdf file:///C:/Users/U80775438/Downloads/LKA-lagebild-2016-d%20(1).pdf
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nachgeschoben und nicht glaubhaft.
Der Beschwerdeführer konnte zudem – entgegen seinen wiederholten An-
gaben hinsichtlich der Rolle des IKRK im Camp in C._ (A18 F50,
F52, F58-61) – auch mit der beschwerdeweise eingereichten Bestätigung
des IKRK vom 2. Oktober 2019 nicht belegen, dass er während seiner an-
geblichen Rehabilitation Kontakt mit dem IKRK gehabt hätte, zumal das
IKRK keine Registrierung seiner Haft bestätigen und er sich auch nicht an
konkrete Besuche des IKRK erinnern konnte (A18 F63 f.). Daran ändert
nichts, dass das IKRK eine Inhaftierung des Beschwerdeführers nicht aus-
schliesst (vgl. B-act. 1 Beil. 3).
6.1.3 Der Beschwerdeführer führte weiter aus, nach Abschluss der Reha-
bilitierung respektive bei seiner Entlassung sei ihm ein Zertifikat des IKRK
durch die Soldaten ausgehändigt worden, welches die Rehabilitierung be-
lege (A18 F58-62). Er habe diesem in Englisch verfassten Dokument wenig
Beachtung geschenkt und es zuhause weggelegt. Weil der Pfarrer der
Kirchgemeinde ihm geraten habe, dieses Dokument in der Schweiz vorzu-
legen, um Asyl zu beantragen, habe er es bei seiner Ausreise in die
Schweiz mitgenommen. Leider sei es in der Türkei verloren gegangen be-
ziehungsweise zusammen mit den anderen Dokumenten und Wertsachen
weggenommen worden. Kopien oder ein Foto davon habe er nicht (A18
F72-74).
Wie das SEM zu Recht ausführt, wäre ein entsprechendes Rehabilitie-
rungszertifikat nicht vom IKRK, sondern durch den Commissioner General
of Rehabilitation ausgestellt worden und würde einen Titel wie «Certificate
of Rehabilitation» (vgl. UK Home Office, Report of a Home Office Fact-
Finding Mission; Sri Lanka: treatment of Tamils and people who have a real
or perceived association with the former Liberation Tigers of Tamil Eelam
[LTTE], 03.2017, abgerufen auf https://www.ecoi.net/en/file/lo-
cal/1397747/1226_1491310687_sri-lanka-ffm-report-11-23-july-2016.pdf,
abgerufen am 25.01.2021) oder «Release Certificate» (vgl. Landinfo,
Sri Lanka: Human rights and security issues concerning the Tamil popula-
tion in Colombo and the Northern Province, 07.12.2012, https://www.land-
info.no/asset/2321/1/2321_1.pdf, abgerufen am 20.01.2021) tragen. Es ist
nicht nachzuvollziehen, weshalb der Beschwerdeführer einem entspre-
chenden Dokument so wenig Beachtung schenkte (vgl. A18 F72) respek-
tive so wenig Sorge dazu trug, zumal der Pfarrer seiner Kirchgemeinde ihn
auf die Wichtigkeit dieses Dokuments für einen Asylanspruch in Schweiz
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Seite 15
hingewiesen habe (A15 F105, F186; A18 F73 f., F121). Dass er davon we-
der eine Kopie zuhause hinterlassen noch eine Kopie vorab mit den Kopien
des Geburtsscheins und des Personalausweises in die Schweiz geschickt
habe (vgl. A15 F187 ff., F195), spricht nicht dafür, dass er je über ein ent-
sprechendes Dokument verfügt hat.
6.1.4 Insgesamt erweist sich demnach die Angabe des Beschwerdefüh-
rers, er sei rehabilitiert worden, nicht als glaubhaft. Daran ändert auch die
nachgereichte, wenig aussagekräftige Bestätigung von (...), vom
24. Dezember 2019, wonach der Beschwerdeführer im Rehabi-
litationstraining im C._ Camp gewesen sei (vgl.
B-act. 6/7 Beil. 2), nichts; dieses Schreiben ist als Gefälligkeitsbestätigung
einzuschätzen. Soweit die Vorinstanz darüber hinaus ausführte, die Mit-
gliedschaft des Beschwerdeführers bei den LTTE sei nicht glaubhaft dar-
gelegt worden (vgl. A26 S. 5 und B-act. 4 S. 2), ist auf E. 7.4 ff. hiernach
zu verweisen. Die Vorinstanz wird bei der Begründung ihrer diesbezügli-
chen Schlussfolgerung die genannte Bestätigung von (...), sowie die Be-
stätigung von (...), vom 20. Dezember 2019 (B-act. 6/7 Beil. 3), wonach
der Beschwerdeführer an LTTE-Aktivitäten teilgenommen habe, zu berück-
sichtigen haben.
6.2
6.2.1 Soweit das SEM ausführt, die Beschreibungen des Beschwerdefüh-
rers hinsichtlich der geltend gemachten polizeilichen Überwachungsmass-
nahmen durch das CID seien nicht glaubhaft, ist der Vorinstanz ebenfalls
zuzustimmen. In der Erstbefragung führte er aus, nach seiner Rückkehr
aus [Ausland] habe er nach ein paar Tagen wieder Probleme gehabt. Er
habe wieder Unterschriften leisten müssen, es habe Kontrollen gegeben,
sein Reisepass sei beschlagnahmt worden. Nach seiner Rückkehr sei er
beobachtet und kontrolliert worden. Sie seien auf ihren Motorrädern gefah-
ren und hätten das Haus beobachtet. Einige Male seien sie hereingekom-
men und hätten Fragen gestellt. Sie hätten gesagt, dass er immer zuhause
bleiben solle. Sie seien zweimal in der Woche nach Hause gekommen und
er habe unterschreiben müssen. Er sei einige Male vorgeladen worden für
Befragungen, er sei aber nur ein paar Mal dorthin gegangen. Ein paar Male
habe er gesagt, dass er arbeiten müsse. Er habe es vermieden, dorthin zu
gehen, weil er Angst gehabt habe, alleine hinzugehen, weil viele Personen,
die dorthin gegangen seien, nicht zurückgekommen seien. Als er zuhause
gewesen sei, seien sie zweimal pro Woche gekommen. Dann seien sie
mindestens einmal pro Woche nach Hause gekommen, um zu kontrollie-
ren, ob er zuhause sei. Er sei dreimal pro Woche (...) gegangen über Nacht
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Seite 16
und erst am nächsten Tag zurückgekommen. Meistens seien zwei Perso-
nen etwa fünf Monate lang gekommen. Vorgeladen worden sei er zum
Camp der Eelam People's Democratic Party (EPDP). Die EPDP arbeite
eng zusammen mit dem CID. Sie seien sehr gefährlich. Als sie den Reise-
pass beschlagnahmt hätten, sei er mit Pistolen bedroht worden, sie hätten
gedroht, falls er erneut versuche, auszureisen, würden sie ihn umbringen.
Als sie auch bei der Schwägerin aufgetaucht seien und ihn gesucht hätten,
habe sie Angst bekommen und habe ihn von ihrem Haus wegschicken wol-
len (A15 F146-164). In der Anhörung vom 9. August 2019 hielt er daran
fest, dass die Kontrollen nach zwei oder drei Tagen nach seiner Rückkehr
aus [Ausland] wieder begonnen hätten und die Kontrollierenden sehr wü-
tend gewesen seien, dass er nach [Ausland] gegangen sei, ohne sie über
seine Reise zu informieren. Sie hätten immer mit Pistolen gedroht und er
habe wieder Unterschriften leisten müssen. Sie hätten immer wieder ge-
sagt, er dürfe nirgendwo hingehen. Sie seien immer wieder mit dem Mo-
torrad am Haus vorbeigefahren und hätten das Haus beobachtet. Er habe
aus Angst nicht versucht, seinen Pass zurückzuerhalten (A18 F113 ff.).
6.2.2 Wie die Vorinstanz zu Recht ausführt, erweisen sich diese Angaben
als wenig substantiiert und vage hinsichtlich der Kadenz und der ersichtli-
chen Folgen bei Nichtbefolgung der Anordnungen. Eine Verschärfung der
Massnahmen nach der Rückkehr aus [Ausland] ist nicht ersichtlich und es
bestand offenbar ein Spielraum, auch nicht auf Vorladungen zu reagieren
respektive einfach nicht hinzugehen, ohne dass sich daraus (schwerwie-
gende) Folgen ergeben hätten. Dazu kommt, dass die beschriebenen Kon-
troll- und Überwachungsmassnahmen auch nicht die Intensität einer asyl-
relevanten Verfolgung aufweisen würden.
6.2.3 Es ergeben sich auch keine fassbaren Angaben zum angeblichen
Verschwinden eines Freundes des Beschwerdeführers, der ebenfalls in der
Rehabilitation gewesen sei und ähnliche Probleme wie der Beschwerde-
führer gehabt habe, und dessen Verschwinden mit ein Grund gewesen sei,
dass der Beschwerdeführer sich zur Ausreise aus Sri Lanka entschlossen
habe (vgl. A15 F45 f., 118 i.V.m. 111 ff., 146, 175). Gemäss den Angaben
in der Erstanhörung soll dieser Freund verschwunden sein, bevor der Be-
schwerdeführer nach [Ausland] gegangen sei, mithin im Jahr 2013 oder
2014 (vgl. A15 F45 f., 111-118). Demgegenüber war in der zweiten Anhö-
rung vom Verschwinden eines "Jungen" die Rede, das sich ereignet haben
soll, nachdem der Beschwerdeführer aus [Ausland] zurückgekommen sei
(vgl. A18 F116, 121 f., 123 f.); ob bei diesen Aussagen die selbe Person
gemeint sein soll, wird allerdings nicht klar.
E-6198/2019
Seite 17
6.3 Der Beschwerdeführer macht ergänzend geltend, Realkennzeichen in
seinen Aussagen zu Marken mit der Nummer (...) zu seiner Bezeichnung
als LTTE-Soldat seien in der Beurteilung der Vorinstanz nicht berücksichtigt
worden. Wie die Vorinstanz zu Recht in der Vernehmlassung ausführt (vgl.
B-act. 4), wurden – jedenfalls im Asylverfahren in der Schweiz – keine ent-
sprechenden Marken zu den Akten gegeben. Entsprechend kann der Be-
schwerdeführer daraus auch nichts zu seinen Gunsten ableiten.
6.4 Zusammenfassend kann dem Beschwerdeführer nicht geglaubt wer-
den, dass er nach seiner angegebenen Entlassung aus dem Internierungs-
lager im Frühling 2013 sowie nach seiner Rückkehr aus [Ausland] An-
fang/Mitte 2016 bis zur Ausreise am 5. Oktober 2018 in einem asylrechtlich
massgebenden Mass polizeilich verfolgt wurde. Zudem erweist sich die Be-
schreibung der Rehabilitation von Mai 2009 bis Frühling 2013 als zu wenig
konkret, zu ungenau und teilweise als tatsachenwidrig, weshalb der Be-
schwerdeführer auch nicht glaubhaft machen konnte, ein Rehabilitations-
programm absolviert zu haben. Ein Bestehen einer begründeten Furcht vor
Verfolgung durch die sri-lankischen Behörden im Zeitpunkt seiner Ausreise
im Oktober 2018 ist demnach nicht glaubhaft gemacht worden.
7.
7.1 Weiter ist zu prüfen, ob dem Beschwerdeführer – wie er geltend macht
– im heutigen Zeitpunkt bei einer Rückkehr nach Sri Lanka aufgrund seiner
behaupteten LTTE-Vergangenheit sowie wegen der aktuellen politischen
Entwicklungen ernsthafte Nachteile (im Sinne von Nachfluchtgründen) dro-
hen würden.
7.2 Die zu prüfenden Risikofaktoren hat das Bundesverwaltungsgericht im
Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 skizziert. Sie haben weiter-
hin Gültigkeit. Nach wie vor besteht seitens der sri-lankischen Behörden
gegenüber Personen tamilischer Ethnie, die aus dem Ausland, insbeson-
dere aus der Schweiz, zurückkehren, eine erhöhte Wachsamkeit. Indessen
kann nicht generell angenommen werden, jeder aus Europa oder der
Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende sei alleine aufgrund sei-
nes Auslandaufenthaltes der ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung
und Folter ausgesetzt (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 8.3). Im Kern geht die
Rechtsprechung davon aus, dass jene Rückkehrer eine begründete Furcht
vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen seitens
der sri-lankischen Behörden Bestrebungen zugeschrieben werden, den
nach wie vor als Bedrohung wahrgenommenen tamilischen Separatismus
wiederaufleben zu lassen respektive den sri-lankischen Einheitsstaat zu
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Seite 18
gefährden. Die in diesem Zusammenhang geltend und glaubhaft gemach-
ten Risikofaktoren sind in einer Gesamtschau, inklusive ihrer allfälligen
Wechselwirkung und unter Berücksichtigung der konkreten Umstände, in
einer Einzelfallprüfung dahingehend zu prüfen, ob sie mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit für eine drohende flüchtlingsrelevante Verfolgung spre-
chen (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 8.5.5). Als stark risikobegründende Fakto-
ren, welche bereits für sich allein genommen zur Bejahung einer begrün-
deten Furcht vor asylrelevanter Verfolgung bei der Rückkehr nach Sri
Lanka führen können, hat die Rechtsprechung dabei namentlich einen Ein-
trag in die sogenannte «Stop-List» (d.h. das Vorhandensein eines Eintrags
mit Hinweis auf ein Strafurteil, eine gerichtliche Anordnung oder einen Haft-
befehl im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbin-
dung zu den LTTE; vgl. Urteil E-1866/2015 E. 8.2, 8.4.1, 8.4.3 und 8.5.2),
Verbindung zu den LTTE (vgl. a.a.O. E. 8.4.1 und 8.5.3) und die regimekri-
tische Betätigung im Ausland (vgl. a.a.O. E. 8.4.2 und 8.5.4) identifiziert.
Demgegenüber stellen schwach risikobegründende Faktoren (namentlich)
dar: Das Fehlen ordentlicher Identitätsdokumente bei der Einreise in Sri
Lanka, eine zwangsweise respektive durch die IOM begleitete Rückfüh-
rung oder Narben (vgl. a.a.O. E. 8.4.4, 8.4.5 und 8.5.5). Der Dauer eines
Aufenthaltes im Ausland kommt keine direkte Risikorelevanz zu (vgl. a.a.O.
E. 8.4.6, 9.2.4). Diese Risikofaktoren verstehen sich nicht als abschlies-
send (a.a.O. E. 9.1). Soweit sich solche Risikofaktoren mit solchen decken,
welche bereits vor der Ausreise zu flüchtlingsrelevanter Verfolgung hätten
führen können, schliesst die Tatsache, dass sich dies damals nicht reali-
siert hatte, nicht aus, dass die betroffene Person bei einer Rückkehr be-
gründete Furcht vor Verhaftung und Folter hat (vgl. a.a.O. E. 8.5.6; zum
Ganzen statt vieler: Urteil E-4917/2020 vom 1. Dezember 2020 E. 5.2.1).
7.3 Die Vorinstanz führte in der angefochtenen Verfügung bei der Prüfung
der Vorfluchtgründe aus, es könne angesichts der Unklarheiten und Unge-
reimtheiten in den Aussagen des Beschwerdeführers zur Rehabilitation
und den Kontrollmassnahmen des CID darauf verzichtet werden, auf wei-
tere Unglaubhaftigkeitselemente in den Schilderungen – etwa zur Mitglied-
schaft bei den LTTE – einzugehen (Ziff. 1 Bst. b in fine S. 5). Bei der Prü-
fung der Risikofaktoren für eine allfällige zukünftige begründete Furcht vor
Verfolgung (Ziff. 2) fuhr sie fort, die LTTE-Mitgliedschaft sei nicht glaubhaft.
Im Hinblick auf die Prüfung der Risikofaktoren gemäss E-1866/2015 E. 8,
9.1 führte das SEM aus, Rückkehrer, die illegal ausgereist seien, über
keine gültigen Identitätsdokumente verfügten, im Ausland ein Asylverfah-
ren durchlaufen hätten oder behördlich gesucht würden, würden am Flug-
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hafen zu ihrem Hintergrund befragt. Diese Befragung allein und das allfäl-
lige Eröffnen eines Strafverfahrens wegen illegaler Ausreise stelle keine
asylrelevante Verfolgungsmassnahme dar. Regelmässig würden Rückkeh-
rer auch am Herkunftsort zwecks Registrierung, Erfassung der Identität,
bis hin zur Überwachung der Aktivitäten der Person befragt. Auch diese
Kontrollmassnahmen am Herkunftsort nähmen grundsätzlich kein asylre-
levantes Ausmass an.
Das SEM fährt fort, der Beschwerdeführer habe nicht glaubhaft gemacht,
vor seiner Ausreise asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt
gewesen zu sein. Vielmehr sei er bis im Oktober 2018 in Sri Lanka wohn-
haft gewesen, habe also nach Kriegsende noch neuneinhalb Jahre in sei-
nem Heimatstaat gelebt. Allfällige, im Zeitpunkt seiner Ausreise beste-
hende Risikofaktoren hätten folglich kein Verfolgungsinteresse seitens der
sri-lankischen Behörden auszulösen vermocht. Es sei aufgrund der Akten-
lage nicht ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka nun-
mehr in den Fokus der Behörden geraten und in asylrelevanter Weise ver-
folgt werden sollte.
7.4 Zur genannten Begründung der Vorinstanz ist festzuhalten, dass das
SEM zwar davon ausgeht, der Beschwerdeführer habe (auch) seine ange-
gebene LTTE-Mitgliedschaft nicht glaubhaft gemacht. Es hat aber nicht an-
satzweise begründet, weshalb die Verbindung zu den LTTE unglaubhaft
sein soll. Damit hat das SEM einen der relevanten Risikofaktoren, um eine
Furcht vor zukünftiger Verfolgung einzuschätzen, nicht geprüft und nicht
begründet, weshalb dieser Risikofaktor nicht bestehe. Das allfällige Vorlie-
gen einer LTTE-Mitgliedschaft (oder dessen Vermutung durch die sri-lanki-
schen Behörden) stellt indes – wie oben dargelegt – einen stark risikobe-
gründenden Faktor dar, der im Rahmen der Prüfung der Risikofaktoren be-
achtlich ist. Dazu kämen vorliegend noch schwach risikobegründende Fak-
toren, weil der Beschwerdeführer nur über eine Kopie seiner Identitätskarte
verfügt und allenfalls zwangsweise zurückgeführt würde. Aufgrund der Be-
deutung der Schweiz für die Diaspora und die LTTE könnte damit eine
Rückkehr von hier eine erhöhte Aufmerksamkeit der Behörden und
schwerwiegende Folgen mit sich bringen (vgl. Urteil E-4917/2020, a.a.O.,
E. 3.2).
7.5 Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist formeller Natur. Eine Verletzung
des rechtlichen Gehörs führt deshalb grundsätzlich, das heisst ungeachtet
der materiellen Auswirkungen, zur Aufhebung des daraufhin ergangenen
Entscheides (vgl. BVGE 2012/24 E. 3.4; 2009/53 E. 7.3; 2008/47 E. 3.3.4;
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2008/14 E. 4.1; 2007/30 E. 8.2; 2007/27 E. 10.1). Die Heilung von Gehörs-
verletzungen aus prozessökonomischen Gründen ist auf Beschwerde-
ebene nur möglich, sofern das Versäumte nachgeholt wird, die Beschwer-
deführenden dazu Stellung nehmen können, die festgestellte Verletzung
nicht schwerwiegender Natur ist, die fehlende Entscheidreife durch die Be-
schwerdeinstanz mit vertretbarem Aufwand hergestellt werden kann und
der Beschwerdeinstanz im streitigen Fall die freie Überprüfungsbefugnis
zukommt (vgl. BVGE 2014/22 E. 5.3 m.w.H.; BVGE 2013/23 E. 6.1.3;
2009/54 E. 2.5).
7.6 Die Vorinstanz hat es im Rahmen ihrer Risikoprüfung unterlassen,
diese im Sinne des Referenzurteils des Bundesverwaltungsgerichts
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 9.1 vollständig durchzuführen. Die un-
genügende Prüfung fusst darin, dass sie weder in der angefochtenen Ver-
fügung noch in der Vernehmlassung begründet, weshalb der geltend ge-
machte Risikofaktor LTTE-Mitgliedschaft nicht glaubhaft sei. In der Folge
wurde die Risikoprüfung nicht in der erforderlichen Tiefe vorgenommen.
Der Mangel wurde auch nicht nachträglich in der Vernehmlassung – wozu
der Beschwerdeführer hätte Stellung nehmen können – behoben. Eine
Heilung des Mangels steht unter diesen Umständen ausser Frage, zumal
ein direkter Entscheid darüber im vorliegenden Verfahren dem Beschwer-
deführer eine Instanz nehmen würde.
7.7 Die Sache ist deshalb zur Begründung der Verfügung in diesem Punkt
sowie zur anschliessenden Prüfung der Risikofaktoren im Sinne der Erwä-
gungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. Dabei werden die vom Be-
schwerdeführer am 31. Dezember 2019 eingereichten Bestätigungen
einerseits von (...), vom 24. Dezember 2019, wonach der Beschwerdefüh-
rer sich einem Rehabilitationstraining im C._ Camp unterzogen
habe und es keine Sicherheit für LTTE-Kader in Sri Lanka gebe, sowie die
Bestätigung von (...), vom 20. Dezember 2019, wonach der Beschwerde-
führer ins Vanni-Gebiet für eine Hochzeit gefahren sei, nicht mehr habe
zurückkehren können, sich in der Folge der Miliz der Minderheit ange-
schlossen und ihr bei ihren Aktivitäten gedient habe (vgl.
B-act. 7 Beil. 2 und 3), in ihre Prüfung einzubeziehen sein.
8.
Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer keine Vorfluchtgründe
glaubhaft gemacht. Betreffend die Nachfluchtgründe ist die angefochtene
Verfügung jedoch aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen: Ob
das SEM die Flüchtlingseigenschaft zu Recht verneint hat, kann (noch)
E-6198/2019
Seite 21
nicht beurteilt werden. Erwägungen zu den Nachfluchtgründen sind des-
halb im aktuellen Gerichtsverfahren nicht möglich. Hingegen ist die Asyl-
verweigerung durch das SEM zu bestätigen, da keine glaubhaften Vor-
fluchtgründe vorliegen und die subjektiven Nachfluchtgründe – selbst wenn
sie sich bestätigen sollten – nicht zur Asylgewährung führen können (vgl.
Art. 54 AsylG). Das SEM hat somit das Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
9.
9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
9.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.3 Da jedoch über die Flüchtlingseigenschaft noch nicht entschieden wer-
den kann, sind auch die Vollzugshindernisse noch nicht geklärt.
10.
Die Beschwerde ist demnach abzuweisen, soweit damit die Gewährung
des Asyls und die Aufhebung der Wegweisung beantragt wird. Bezüglich
den Fragen einer allfälligen Flüchtlingseigenschaft und des Vollzugs der
Wegweisung ist die Beschwerde gutzuheissen, die Ziffern 1, 4, 5 und 7 der
angefochtenen Verfügung sind aufzuheben und die Sache ist zur Vervoll-
ständigung der Begründung und zur Neubeurteilung im Sinne der Erwä-
gungen an die Vorinstanz zurückzuweisen.
11.
11.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung
sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen. Der
Beschwerdeführer ist bezüglich der Fragen des Asyls und der Wegweisung
unterlegen. Bezüglich der Frage der Flüchtlingseigenschaft und des Weg-
weisungsvollzugs obsiegt er hingegen, zumal eine Kassation einem Obsie-
gen entspricht. Praxisgemäss bedeutet dies ein hälftiges Obsiegen, wes-
halb die Verfahrenskosten grundsätzlich zur Hälfte dem Beschwerdeführer
aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) wären.
E-6198/2019
Seite 22
Nachdem das Bundesverwaltungsgericht mit Zwischenverfügung vom
28. November 2019 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege gutgeheissen hat und die Bedürftigkeit auch heute weiterhin
besteht, sind dem teilweise unterliegenden Beschwerdeführer jedoch keine
Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
11.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 ff. des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) haben obsiegende Parteien An-
spruch auf eine Parteientschädigung. Der ganz oder teilweise obsiegenden
Partei ist daher von Amtes wegen oder auf Antrag hin eine Entschädigung
für die ihr erwachsenen notwendigen Kosten zu sprechen.
Angesichts des Obsiegens zur Hälfte (betreffend der Fragen einer allfälli-
gen Flüchtlingseigenschaft und des Wegweisungsvollzugs) ist die Vor-
instanz anzuweisen, dem Beschwerdeführer eine hälftige Parteientschädi-
gung auszurichten (Art. 64 Abs. 1 und 2 VwVG; Art. 7 Abs. 1 und 2 VGKE).
Eine Kostennote wurde nicht eingereicht, weshalb die notwendigen Partei-
kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE).
Unter Berücksichtigung des gebotenen und aktenkundigen Aufwands und
der Schwierigkeit des vorliegend zu beurteilenden Verfahrens (vgl. Art. 8 ff.
VGKE) ist die (hälftige) Parteientschädigung auf Fr. 450.– (inkl. Auslagen)
festzusetzen.
11.3 In der genannten Zwischenverfügung vom 28. November 2019 wurde
Herr lic. iur. Dominik Löhrer als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet. Ihm
ist gestützt auf die Akten im Umfang seines hälftigen Unterliegens ein amt-
liches Honorar von Fr. 450.– (inklusive Auslagen) aus der Gerichtskasse
auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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