Decision ID: 5fe4b832-334e-5049-a7f6-96e484e332b5
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer reiste am 10. August 2021 illegal in die Schweiz
ein und suchte am 11. August 2021 um Asyl nach. Ein Abgleich seiner Fin-
gerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab, dass er am 7. Juli 2021 in
B._, Italien, aufgrund illegaler Einreise registriert worden war.
A.b Am 19. August 2021 fand die Personalienaufnahme (PA) des Be-
schwerdeführers statt und am 1. September 2021 erfolgte das persönliche
Gespräch gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO).
Der Beschwerdeführer machte dabei im Wesentlichen geltend, er habe sei-
nen Heimatstaat vor zwei Monaten verlassen und sei mit dem Boot, von
der Türkei herkommend, vor zwei Wochen in Italien angekommen. Dort sei
er von der Polizei festgenommen und ihm seien die Fingerabdrücke abge-
nommen worden. Ein Asylgesuch habe er in Italien nicht eingereicht. Er sei
danach direkt in die Schweiz gereist und am 11. August 2021 im Bundes-
asylzentrum (BAZ) C._ angekommen.
A.c Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer im Rahmen des Dublin-
Gesprächs das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensent-
scheid und der Möglichkeit der Überstellung nach Italien. Der Beschwer-
deführer machte diesbezüglich geltend, dass seine Verwandten (eine Cou-
sine und ein Cousin) in der Schweiz leben würden. Es sei von Anfang an
sein Ziel gewesen, zu seinen Verwandten in die Schweiz zu kommen. Er
sei noch nie im Ausland gewesen und würde auch nicht alleine im Ausland
leben wollen. Sodann wisse er nicht, wie es sich ausserhalb von Afghanis-
tan lebe. Ein Leben in Italien würde ihm sehr schwer fallen, weil er dort
niemanden kenne. Seine Verwandten sowie Leute aus seinem Dorf seien
alle in der Schweiz. Auf gesundheitliche Probleme angesprochen, führte er
aus, dass es ihm gut gehe. Er habe keine Krankheiten und psychisch gehe
es ihm momentan gut. Auf Nachfrage seines Rechtsvertreters hin erklärte
er, dass es ihm vor kurzem nicht so gut gegangen sei, weil sein Bruder in
Afghanistan verletzt worden sei. Er würde sich Sorgen machen und daher
gehe es ihm manchmal gut und manchmal weniger gut.
E-4930/2021
Seite 3
B.
Am 3. September 2021 richtete das SEM gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-
III-VO ein Ersuchen um Übernahme des Beschwerdeführers an die italie-
nischen Behörden. Die italienischen Behörden nahmen innert der festge-
legten Frist zum Übernahmeersuchen keine Stellung.
C.
Mit Verfügung vom 8. November 2021 (eröffnet am 9. November 2021) trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte dessen
Überstellung nach Italien, welches gemäss Dublin-III-VO für die Behand-
lung seines Asylgesuche zuständig sei, und forderte ihn auf, die Schweiz
am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig ver-
fügte es die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, ei-
ner allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschie-
bende Wirkung zu.
D.
Mit Schreiben vom 9. November 2021 teilte die damalige Rechtsvertretung
die Beendigung des Mandats mit dem Beschwerdeführer mit.
E.
Mit Eingabe vom 9. November 2021 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, die angefochtene
Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, ihre Pflicht
zum Selbsteintritt auszuüben und sich für zuständig zu erklären, eventua-
liter sei die Vorinstanz anzuweisen, sich gestützt auf Art. 29a Abs. 3 AsylV1
für vorliegendes Asylverfahren zuständig zu erklären, subeventualiter sei
die Sache wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der
aufschiebenden Wirkung sowie der unentgeltlichen Prozessführung inklu-
sive Verzicht auf die Kostenvorschusserhebung.
F.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
12. November 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
E-4930/2021
Seite 4

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
E-4930/2021
Seite 5
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
Der Beschwerdeführer rügte in seiner Beschwerdeschrift eine unvollstän-
dige Abklärung seiner gesundheitlichen Situation. Er impliziert damit eine
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und macht
somit eine Verletzung von Art. 12 VwVG geltend. Diese formelle Rüge ist
vorgängig zu behandeln, da sie allenfalls geeignet wäre, eine Kassation
der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
4.1 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und ak-
tenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird, etwa weil die Rechtserheb-
lichkeit einer Tatsache zu Unrecht verneint wird und folglich nicht alle ent-
scheidwesentlichen Gesichtspunkte des Sachverhalts geprüft werden,
oder weil Beweise falsch gewürdigt wurden. Unvollständig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn nicht alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sa-
chumstände berücksichtigt wurden. Gemäss Art. 8 AsylG hat die asylsu-
chende Person demgegenüber die Pflicht, an der Feststellung des Sach-
verhaltes mitzuwirken (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.2).
4.2 Der Beschwerdeführer monierte in seiner Beschwerdeschrift, dass das
SEM zu Unrecht davon ausgegangen sei, sein Gesundheitszustand sei
stabil. Er leide an grossen psychischen Ängsten, welche ihm den Schlaf
rauben würden. Das SEM habe bisher keine gesundheitlichen Abklärungen
getätigt, weshalb er mittlerweile selbst entsprechende ärztliche Abklärun-
gen vorgenommen habe. Dabei seien ihm eine (...) Diagnose gestellt so-
wie (...) diagnostiziert worden, welche weiterer Abklärungen bedürfen wür-
den.
4.3 Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Durchsicht der Akten zum
Schluss, dass die Vorinstanz die gesundheitliche Situation des Beschwer-
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Seite 6
deführers im vorinstanzlichen Verfahren gestützt auf dessen Aussagen so-
wie dessen Verhalten vollständig abgeklärt hat (vgl. Verfügung des SEM
vom 8. November 2021, Ziff. II).
Der Beschwerdeführer gab anlässlich des persönlichen Gesprächs ge-
mäss Art. 5 Dublin-III-VO nach seinem Gesundheitszustand gefragt zu
Protokoll, dass es ihm gut gehe und er keine Krankheiten habe. Auch psy-
chisch gehe es ihm momentan gut (SEM-Akte 1105560-14/2). Zudem ist
festzuhalten, dass der Beschwerdeführer – trotz seiner Mitwirkungspflicht
gemäss Art. 8 AsylG – unentschuldigt nicht zur vom SEM angeordneten
medizinischen Untersuchung erschienen war (SEM-Akte 1105560-13/1).
Bei dieser Ausgangslage ist nicht ersichtlich, weshalb die Vorinstanz wei-
tere Abklärungen zum Gesundheitszustand des Beschwerdeführers hätte
vornehmen sollen. Die Vorinstanz durfte – insbesondere aufgrund des
Nichterscheinens des Beschwerdeführers zur medizinischen Untersu-
chung – davon ausgehen, dass der medizinische Sachverhalt vollständig
erstellt war.
4.4 Nach dem Gesagten erweist sich die formelle Rüge des Beschwerde-
führers als nicht stichhaltig, womit die Aufhebung der vorinstanzlichen Ver-
fügung und Rückweisung der Sache ans SEM deswegen ausser Betracht
fällt.
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
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Seite 7
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demge-
genüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel
III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
Kann kein Mitgliedstaat gemäss den aufgeführten Kriterien bestimmt wer-
den, ist derjenige Staat zuständig, in welchem das erste Asylgesuch ge-
stellt wurde (Art. 3 Abs. 2 Satz 1 Dublin-III-VO).
Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zustän-
digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An-
nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An-
tragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen,
die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung
im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union
(2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist
zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zu-
ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zustän-
dig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat
zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
5.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag ge-
stellt hat, nach Massgabe der Artikel 21, 22 und 29 aufzunehmen (Art. 18
Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO). Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden
kein Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen
(vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3).
5.4 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der Euro-
dac-Datenbank ergab, dass dieser am 7. Juli 2021 in Italien aufgegriffen
wurde (SEM-Akte 1105560-10/1). Das SEM ersuchte deshalb die italieni-
schen Behörden am 3. September 2021 um Übernahme des Beschwerde-
führers gestützt auf Art. 13 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 28 und Art. 21
Abs. 2 Dublin-III-VO (SEM-Akte 105560-17/7). Die italienischen Behörden
liessen das Aufnahmegesuch gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-II-VO vom
3. September 2021 innert der in Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen
http://links.weblaw.ch/BVGE-2010/45
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Seite 8
Frist unbeantwortet, womit sie die Zuständigkeit implizit anerkannten
(Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO). Die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens ist
somit gegeben und wird als solche in der Beschwerde auch nicht bestritten.
Insbesondere ergibt sich keine Zuständigkeit der Schweiz im Hinblick auf
Art. 9 oder 10 Dublin-III-VO daraus, dass Verwandte des Beschwerdefüh-
rers in der Schweiz leben (vgl. hierzu unten E. 7).
6.
6.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli-
che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Asylsuchende in Italien würden systemische Schwachstellen
aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden
Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich
bringen würden. Das Bundesverwaltungsgericht hat in einem Referenzur-
teil zu Italien nach eingehender Analyse festgehalten, dass das italienische
Asylsystem auch weiterhin zwar Schwachstellen, nicht aber systemische
Mängel aufweist (vgl. Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019
E. 6.3). Am 20. Dezember 2020 ist das Umwandlungsgesetz Nr. 173/2020
zum Gesetzesdekret Nr. 130/2020 vom 21. Oktober 2020 in Kraft getreten.
Das Gesetzesdekret Nr. 130/2020 sieht eine umfassende Reform des Auf-
nahmesystems für Asylsuchende in Italien vor, indem zentrale Bestimmun-
gen des sog. Salvini-Dekrets geändert wurden und ein engverflochtenes
Aufnahme- und Integrationssystem implementiert wurde. Das neue Auf-
nahmesystem ist vergleichbar mit jenem, das vor Erlass des Salvini-
Dekrets bestanden hat. Nach dem Anmeldeverfahren werden die Asylsu-
chenden in das Aufnahme- und Integrationssystem SAI (Sistema di accog-
lienza e integrazione) überführt, welches nunmehr wieder allen Asylsu-
chenden, also auch den im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Italien
überstellten Personen, offensteht. Schutzbedürftige Personen, die einer
besonderen Form der Unterstützung bedürfen, geniessen bei der Überstel-
lung von einem Erstaufnahmezentrum in das SAI Priorität (zum Ganzen
vgl. Referenzurteil des BVGer F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021
E. 10.5).
6.2 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne
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Seite 9
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben. Diese Vermutung, wonach Italien seinen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nachkomme, kann durch konkrete und erhebliche Vorbringen
im Einzelfall erschüttert werden (vgl. das Referenzurteil E-962/2019 vom
17. Dezember 2019 E. 5; vgl. BVGE 2011/9 E. 6; 2010/45 E. 7.5 m.w.H.).
6.3 Vorliegend beruft sich der Beschwerdeführer implizit darauf, dass es
sich bei ihm aufgrund seiner psychischen Ängste, welche ihm den Schlaf
rauben würden, sowie der (angeblichen) (...) Diagnose und der (angeb-
lich) diagnostizierten (...) um eine besonders vulnerable Person handle,
weshalb eine Überstellung nach Italien unzulässig sei. Medizinische Akten,
welche seine Vorbringen stützen würden, legte er beschwerdeweise keine
ins Recht. Aufgrund seiner Ausführung, er habe mittlerweile selbst medizi-
nische Abklärungen vornehmen lassen, hätte es ihm sodann ohne weiteres
möglich sein müssen, entsprechende Abklärungsberichte einzureichen,
was er jedoch unterlassen hat. Das Bundesverwaltungsgericht erachtet die
Vorbringen des Beschwerdeführers deshalb als nachgeschoben und unbe-
legt. Dementsprechend kann es sich beim Beschwerdeführer von vornhe-
rein nicht um eine besonders vulnerable Person im Sinne der Rechtspre-
chung handeln (vgl. das Referenzurteil D-2846/2020 vom 16. Juli 2020
E. 6.2.1).
Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass Italien grundsätzlich über eine
ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt (vgl. statt vieler: Urteile
des BVGer E-6298/2019 vom 5. Dezember 2019 S. 12 und F-4617/2019
vom 14. Oktober 2019 E. 5.3). Es darf davon ausgegangen werden, dass
dieser Dublin-Mitgliedstaat die sich aus der Aufnahmerichtlinie ergebenden
Rechte anerkennt und schützt. Es liegen keine Hinweise vor, wonach Ita-
lien dem Beschwerdeführer eine allfällige adäquate medizinische Behand-
lung für seine auf Beschwerdestufe geltend gemachten (...) sowie die (...)
verweigern würde. Der Zugang für asylsuchende Personen zum italieni-
schen Gesundheitssystem über die Notversorgung hinaus ist derzeit
grundsätzlich gewährleistet, auch wenn es in der Praxis zu zeitlichen Ver-
zögerungen kommen kann (vgl. Urteil E-962/2019 E. 6.2.7). Der Be-
schwerdeführer kann sich nötigenfalls an die italienischen Behörden wen-
den und die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg
http://links.weblaw.ch/BVGer-E-6298/2019 http://links.weblaw.ch/BVGer-E-962/2019
E-4930/2021
Seite 10
einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). In antizipierter Beweiswürdi-
gung erübrigt es sich nach dem Gesagten, Frist anzusetzen zur Nachrei-
chung von ärztlichen Berichten.
6.4 Im Übrigen hat der Beschwerdeführer kein konkretes und ernsthaftes
Risiko dargetan, die italienischen Behörden würden sich weigern, ihn auf-
zunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung
der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch
keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Italien werde in seinem Fall
den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in
ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus
einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr
laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden.
Nach eigenen Angaben hatte der Beschwerdeführer noch gar keinen Kon-
takt mit den italienischen Asylbehörden und hat auf die Stellung eines Asyl-
antrags verzichtet.
6.5 Unter diesen Umständen sind nach einzelfallgerechter Prüfung keine
völkerrechtlichen Hindernisse ersichtlich, welche eine Überstellung des
Beschwerdeführers nach Italien als unzulässig erscheinen lassen.
7.
Bezüglich des Vorbringens des Beschwerdeführers, in der Schweiz würden
ein ihm nahestehender Cousin sowie eine ihm nahestehende Cousine le-
ben, vermag dieser nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Cousins und
Cousinen gelten nicht als Familienangehörige im Sinne von Art. 2 Bst. g
Dublin-III-VO. Sodann macht der Beschwerdeführer kein besonderes Ab-
hängigkeitsverhältnis zwischen sich und seinen Verwandten geltend. Ein
solches lässt sich den Akten denn auch nicht entnehmen. Der generelle
Hinweis, er kenne in Italien niemanden und sei auf sich allein gestellt, ver-
mag denn auch kein solches Abhängigkeitsverhältnis zu begründen.
8.
8.1
Soweit der Beschwerdeführer sinngemäss das Vorliegen von "humanitären
Gründen" geltend macht, ist Folgendes festzuhalten:
8.2 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitions-
E-4930/2021
Seite 11
beschränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Strei-
chung der Angemessenheitskontrolle des Bundesverwaltungsgerichts ge-
mäss aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den
vorinstanzlichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht
mehr auf Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung
nunmehr im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbe-
züglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen
Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl.
Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
8.3 Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu be-
anstanden; insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermes-
sensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens
zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang
weiterer Äusserungen.
8.4 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist
festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3).
9.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Italien in Anwen-
dung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
10.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
11.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
E-4930/2021
Seite 12
Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes-
halb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als ge-
genstandslos erweist.
12.
Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den
vorstehenden Erwägungen ergibt – aussichtlos waren, weshalb die Vor-
aussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind. Das Gesuch um
Befreiung von der Kostenvorschusspflicht wird mit dem vorliegenden Ent-
scheid in der Sache gegenstandslos.
13.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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