Decision ID: 257125e1-79a0-5de7-9689-286e683ea252
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat seinen Angaben zu-
folge Mitte Juni 2012 und reiste über Nepal, wo er sich nach seiner Flucht
während ungefähr einem Jahr aufgehalten haben will, und ihm unbekannte
Länder am 12. Juni 2013 in die Schweiz ein. Gleichentags stellte er im
damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) B._ ein Asyl-
gesuch. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 20. Juni 2013 trug
der Beschwerdeführer im Wesentlichen Folgendes vor:
Er sei chinesischer Staatsangehöriger tibetischer Ethnie aus C._,
Bezirk D._, Präfektur E._, Tibet, wo er von seinem neunten
Lebensjahr an bis zu seiner Flucht zusammen mit seiner verwitweten Mut-
ter und seinem jüngsten Bruder gelebt und in der Landwirtschaft gearbeitet
sowie Teppiche gewoben habe. Bis zu seinem neunten Lebensjahr habe
er in F._, ebenfalls im Gebiet E._, gelebt. Die Schule habe
er nie besucht. Anlässlich der Selbstverbrennungen zweier Tibeter in
Lhasa Ende Mai 2012 habe er zusammen mit einem Freund Anfang Juni
2012 an einer Demonstration von ungefähr zwanzig Personen in
C._ teilgenommen. Dabei hätten er und sein Freund Fotografien
der beiden Opfer und Plakate getragen, auf denen gestanden sei, dass die
Selbstverbrenner vom gleichen Volk wie sie seien und die Tibeter im Leid
und im Glück zusammenhielten. Kurze Zeit darauf habe seine Mutter er-
fahren, dass bei einer der Militäranlagen in C._ Bilder dieser De-
monstration aufgehängt worden seien, auf denen er – der Beschwerdefüh-
rer – abgebildet sei. In der Folge habe er sich für fünf bis sechs Nächte bei
einem Nachbarn versteckt. Drei Tage nach der Demonstration sei sein
Freund von den chinesischen Behörden gefasst worden und habe diesen
seinen Namen verraten. Daraufhin sei er von den chinesischen Behörden
zwei oder drei Mal bei sich zu Hause gesucht worden, weshalb seine Mut-
ter schliesslich entschieden habe, dass er aus Tibet ausreisen müsse. Vor
der Demonstration Anfang Juni 2012 habe er des Öfteren an kleineren
Kundgebungen teilgenommen, habe deswegen aber nie Probleme gehabt.
B.
Gestützt auf ein (gut 50-minütiges) Telefongespräch, das mit dem Be-
schwerdeführer am 15. August 2013 geführt worden war, erstellte eine
sachverständige Person im Auftrag der Fachstelle «Lingua» der Vorinstanz
am 24. Juli 2014 ein schriftliches Gutachten betreffend die landeskundlich-
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kulturellen Kenntnisse und die linguistischen Fähigkeiten des Beschwerde-
führers (sogenannte «Lingua-Analyse»). Aus diesem Gutachten geht her-
vor, dass der Beschwerdeführer nach Einschätzung der sachverständigen
Person eindeutig nicht – wie von ihm behauptet – in C._, Bezirk
D._, Präfektur E._, Tibet, sondern vielmehr in einer exiltibe-
tischen Gemeinschaft ausserhalb der Volksrepublik China sozialisiert
wurde.
Mit Schreiben vom 3. Juli 2015 legte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer
die Ergebnisse der Lingua-Analyse sowie den Werdegang und die Qualifi-
kation der mit der Analyse betrauten Fachperson offen und gewährte ihm
dazu das rechtliche Gehör, von welchem der Beschwerdeführer mit Ein-
gabe vom 8. Juli 2015 Gebrauch machte.
C.
Mit Verfügung vom 28. Juli 2015 lehnte das SEM das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers ab und ordnete seine Wegweisung aus der Schweiz so-
wie den Vollzug an, wobei sie den Vollzug in die Volksrepublik China aus-
schloss.
Zur Begründung führte die Vorinstanz im Wesentlichen aus, dem Be-
schwerdeführer sei es nicht gelungen, seine Hauptsozialisierung in der
Volksrepublik China und damit seine Asylgründe glaubhaft zu machen.
Vielmehr sei namentlich aufgrund des Resultats der Lingua-Analyse davon
auszugehen, dass er vor seiner Ankunft in der Schweiz in der exiltibeti-
schen Diaspora gelebt habe und die Asylbehörden über seine tatsächliche
Herkunft täusche, zumal er auch keine Identitätspapiere vorgelegt habe.
Damit sei auch seinen Asylvorbringen, welche sich vollumfänglich auf eine
Verfolgungssituation in der Volksrepublik China abstützten, jegliche Grund-
lage entzogen; seine Vorbringen seien im Übrigen in verschiedenen Punk-
ten widersprüchlich und nicht plausibel.
Nachdem der Beschwerdeführer die Asylbehörden über den Ort seiner So-
zialisation und damit über seine Identität getäuscht habe, könne gestützt
auf Art. 36 Abs. 1 Bst. a AsylG (SR 142.31) auf eine eingehende Anhörung
zu den Asylgründen verzichtet werden.
Praxisgemäss sei von einer unbekannten Staatsangehörigkeit des Be-
schwerdeführers auszugehen. Angesichts der vorliegenden Mitwirkungs-
pflichtverletzung seitens des Beschwerdeführers sei es nicht Aufgabe der
Vorinstanz, zu prüfen, ob im tatsächlichen Heimatstaat flüchtlings- oder
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wegweisungsbeachtliche Gründe bestünden. Folglich sei der Wegwei-
sungsvollzug zulässig, zumutbar und möglich, solange der Vollzug in die
Volksrepublik China ausgeschlossen sei.
D.
Eine gegen diese Verfügung gerichtete Beschwerde hiess das Bundesver-
waltungsgericht mit Urteil E-5177/2015 vom 12. Mai 2016 gut.
Das Gericht hielt fest, auf eine Anhörung zu den Asylgründen könne ge-
stützt auf Art. 36 Abs. 1 Bst. a AsylG verzichtet werden, wenn die asylsu-
chende Person über ihre Identität täusche und dies aufgrund der erken-
nungsdienstlichen Behandlung oder anderer Beweismittel feststehe; der
Begriff der Identität – über die getäuscht wird – werde in Art. 1a Bst. a der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) definiert.
Die dortige Aufzählung der Begriffsmerkmale der Identität sei abschlies-
send und umfasse namentlich weder den Herkunftsort noch den Ort der
Sozialisation; eine Lingua-Analyse andererseits gebe Auskunft über den
Ort der Sozialisation, nicht aber über den Geburtsort oder die Staatsange-
hörigkeit. Nachdem ein grosser Teil der Tibeter in der Diaspora auch wei-
terhin die chinesische Staatsangehörigkeit besässen, stehe eine Täu-
schung über die Staatsangehörigkeit und damit über die Identität nicht fest,
selbst wenn über den Ort der Sozialisation getäuscht worden sei. Das SEM
habe daher zu Unrecht auf eine Anhörung gemäss Art. 29 AsylG verzichtet
und damit den Untersuchungsgrundsatz und das rechtliche Gehör verletzt.
Das Gericht hob die Verfügung vom 28. Juli 2015 auf und wies die Sache
zur Fortsetzung des vorinstanzlichen Verfahrens, namentlich zur Durchfüh-
rung einer Anhörung und zum neuen Entscheid an das SEM zurück.
Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens hatte der Beschwerdeführer zwei
Beweismittel zu den Akten gereicht. Es handelt sich um eine Bestätigung
des «The Tibet Bureau» in Genf vom 6. August 2015, wonach er Tibeter
und Mitglied der tibetischen Gemeinschaft in der Schweiz sei, sowie um
eine Bestätigung des (...)-Vereins in Nepal vom 18. August 2015, wonach
er aus der Ortschaft C._ stamme und der Neffe des inzwischen ver-
storbenen Hauptvorsitzenden des Vereins (...) sei, bei dem er ein Jahr lang
gewohnt habe.
E.
Am 26. September 2016 hörte das SEM den Beschwerdeführer zu seinen
Asylgründen an.
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Seite 5
Er führte erneut aus, er sei im Alter von ungefähr neun Jahren, nach dem
Tod seines Vaters, zusammen mit der Mutter und seinen Geschwistern von
F._, E._, zur Grossmutter und zum Onkel G._ und
dessen Familie in C._ (D._ / E._) umgezogen; dort
habe er bis zur Ausreise aus der Heimat im Juni 2012 gelebt. Nach seiner
Teilnahme an der Kundgebung nach zwei Selbstverbrennungen – wobei er
damals die Plakate beziehungsweise Spruchbänder beschriftet habe – sei
er behördlich gesucht worden und habe deshalb flüchten müssen. Er habe
illegal nach Nepal gelangen können und habe in der Folge ein Jahr lang
bei seinem Onkel H._ in Kathmandu gelebt, bevor er mit dessen
Hilfe weitergereist und in die Schweiz gelangt sei. H._ sei in der
Zwischenzeit verstorben.
Anlässlich der Anhörung reichte der Beschwerdeführer Briefe seiner Cou-
sine und seiner Mutter samt einem Zustellcouvert aus Nepal sowie Foto-
grafien von Verwandten zu den Akten.
F.
Mit Verfügung vom 26. November 2019, eröffnet am 28. November 2019,
lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers wiederum ab und
ordnete seine Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvoll-
zug an; ein Vollzug in die Volksrepublik China wurde explizit ausgeschlos-
sen.
Auf die Begründung wird in den Erwägungen Bezug genommen.
G.
Mit Beschwerde vom 23. Dezember 2019 beantragte der Beschwerdefüh-
rer, die Verfügung des SEM sei aufzuheben und die Sache sei neu zu be-
urteilen. Es sei seine Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und ihm Asyl
zu gewähren; eventualiter sei das Vorliegen subjektiver Nachfluchtgründe
festzuzustellen und er sei als Flüchtling vorläufig aufzunehmen; subeven-
tualiter sei die Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit des Wegweisungsvoll-
zugs festzustellen und eine vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfah-
rensrechtlicher Hinsicht sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu
verzichten und die unentgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG zu gewähren.
Auf die Begründung der Beschwerde wird in den Erwägungen Bezug ge-
nommen.
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Mit der Beschwerdeeingabe reichte der Beschwerdeführer neben Famili-
enfotos einen Brief seiner Schwester und eine Spendenbestätigung eines
tibetischen Klosters zu den Akten.
H.
Mit Verfügung vom 27. Dezember 2019 hielt die Instruktionsrichterin fest,
der Beschwerdeführer könne den Entscheid in der Schweiz abwarten.
I.
Das Gericht liess die beiden eingereichten Beweismittel von Amtes wegen
übersetzen.
Mit Instruktionsverfügung vom 21. Januar 2020 hiess die Instruktionsrich-
terin das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut, verzichtete auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses, stellte dem Beschwerdeführer Kopien
der Übersetzungen der Beweismittel zu und räumte ihm Gelegenheit zur
Stellungnahme ein. Der Beschwerdeführer verzichtete darauf, diese wahr-
zunehmen.
J.
Mit Vernehmlassung vom 20. Februar 2020 schloss das SEM auf Abwei-
sung der Beschwerde und hielt namentlich fest, die im Beschwerdeverfah-
ren eingereichten Beweismittel hätten in einem beliebigen Kontext entstan-
den sein können und vermöchten insbesondere nicht zu belegen, dass der
Beschwerdeführer seine Hauptsozialisierung in China erlebt habe; die
stichhaltigen Argumente und Schlussfolgerungen des Lingua-Gutachtens
könnten mit diesen Unterlagen nicht widerlegt werden.
K.
Mit Replik vom 6. März 2020 hielt der Beschwerdeführer an seinen Vor-
bringen fest und reichte ein weiteres Beweismittel ein; es handelt sich um
ein undatiertes Schreiben der Tibetan TOEPA Welfare Association in Dha-
ramsala/Indien, in welchem bestätigt wird, der Beschwerdeführer stamme
ursprünglich aus Tibet und verstehe fliessend den I._- und den
D._-Dialekt.
L.
Mit einer weiteren Eingabe vom 9. März 2020 wurde kommentarlos ein
weiteres Beweismittel – ein Schreiben vom 24. August 2015 (sic) der TO-
PEA Welfare Association Switzerland, J._, eingereicht; darin bestä-
tigen die Präsidentin und der Vizepräsident der Association, dass sie so-
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wohl das Schreiben des Tibet Office Genf (vgl. hierzu oben Bst. D; Anmer-
kung des Gerichts) als auch das «beiliegende Dokument der Toepa Associ-
ation aus Nepal ([...])» (ein solches Dokument lag der Eingabe nicht bei;
vgl. wohl oben Bst. D, Anmerkung des Gerichts) als authentisch und als
unmissverständliche Bestätigung für die Herkunft des Beschwerdeführers
aus D._ K._ erachten würden.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel, so auch vorliegend, endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz gelangte in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
der Beschwerdeführer habe seine angebliche Sozialisation in D._
nicht glaubhaft machen können; gemäss den Schlussfolgerungen der
sachverständigen Person im Lingua-Gutachten habe die Sozialisation des
Beschwerdeführers eindeutig in einer exiltibetischen Gemeinschaft aus-
serhalb der Volksrepublik China und eindeutig nicht in D._ /
E._ stattgefunden. Der Beschwerdeführer habe den vorgehaltenen
Ergebnissen des Gutachtens keine überzeugenden Argumente entgegen-
setzen können, auch die eingereichten Beweismittel vermöchten eine So-
zialisierung in Tibet / China nicht zu belegen. Seine Asylgründe habe er
ferner angesichts von Widersprüchen und unplausiblen Darstellungen
nicht glaubhaft dargelegt. Er habe seine Flüchtlingseigenschaft nicht
glaubhaft gemacht; es seien auch keine Nachfluchtgründe zu bejahen, da
vielmehr mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen sei,
dass er vor seiner Einreise in die Schweiz in der tibetischen Diaspora ge-
lebt habe. Das Asylgesuch sei abzuweisen; der Wegweisungsvollzug sei
als zulässig, zumutbar und möglich zu erachten, nachdem die Verletzung
der Mitwirkungspflicht durch den Beschwerdeführer der behördlichen Un-
tersuchungspflicht ihre vernünftigen Grenzen setze. Ein Wegweisungsvoll-
zug in die Volksrepublik China bleibe allerdings ausgeschlossen.
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Seite 9
4.2 Der Beschwerdeführer bestreitet im Beschwerdeverfahren die Erkennt-
nisse des Lingua-Gutachtens. Er habe im Rahmen des Lingua-Gesprächs
ausreichendes geografisches Wissen ebenso wie genügende länderspezi-
fisch-kulturelle Kenntnisse darlegen können. Auch über die Landwirtschaft
habe er genügend Auskunft geben können und beispielsweise korrekt ge-
schildert, wie Gerste angepflanzt werde; dass er die Handelspreise der
landwirtschaftlichen Produkte nicht habe nennen können, liege daran, dass
sein Onkel und dessen ältester Sohn sich um den Handel gekümmert hät-
ten.
Der Beschwerdeführer führte in der Beschwerde weitere ergänzende An-
gaben an (etwa zur Herkunft der Namen der Ortschaften D._ und
L._, bei welchen Schilderungen er im Lingua-Gespräch unterbro-
chen worden sei, oder zu tibetischen Speisen). Bezüglich seinen Dialekt
weist er darauf hin, dass er sich nach der Flucht ein Jahr lang in Nepal
aufgehalten habe und inzwischen schon seit mehreren Jahren in der
Schweiz lebe, was sich in seiner Sprache niedergeschlagen habe; ferner
habe er im Interview nicht seinen Dialekt, sondern Hochtibetisch gespro-
chen.
Ferner nimmt er Stellung zu den vom SEM angesprochenen Unglaubhaf-
tigkeitselementen in seinen Asylschilderungen und hält fest, seine Aussa-
gen seien vielmehr glaubhaft, und es sei ihm Asyl zu gewähren. Jedenfalls
stamme er aus Tibet / China und besitze die chinesische Staatsangehörig-
keit; wegen seiner Ausreise aus China und seinem seitherigen Aufenthalt
in der Schweiz müsste er heute im Heimatland Verfolgung im Sinne von
subjektiven Nachfluchtgründen befürchten.
5.
Nach Durchsicht der Akten bestätigt das Gericht die Erwägungen der Vor-
instanz. Im Einzelnen ist Folgendes festzuhalten:
5.1 Vorab ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer keine Identitätspa-
piere eingereicht hat. Seinen Angaben gemäss habe er eine Identitätskarte
besessen, die zu Hause sei (vgl. A6 S. 5); ferner müsste auch ein Famili-
enbüchlein vorhanden sein. Der Beschwerdeführer machte geltend, es sei
ihm nicht möglich, Identitätspapiere einzureichen, da er keine Möglichkeit
habe, mit seiner Mutter Kontakt aufzunehmen (vgl. A29 F77). Dies über-
zeugt indessen nicht, hat der Beschwerdeführer doch im Lauf des Verfah-
rens vielmehr einen Brief sowohl seiner Mutter wie auch seiner Cousine
und seiner Schwester eingereicht.
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5.2 Das SEM hält in seiner Verfügung fest, dass gemäss dem Lingua-Gut-
achten das Wissen des Beschwerdeführers im Bereich der landeskundlich-
kulturellen Kenntnisse als nicht hinreichend bezeichnet werden muss. Er
habe zwar gute Kenntnisse im geografischen Bereich gezeigt, dennoch
seien auch hier einige Angaben, zum Beispiel die falsche Lokalisierung von
L._ und M._, für eine angeblich aus der Gegend stam-
mende Person abwegig; ebenso falle die falsche administrative Einord-
nung des eigenen Wohnorts auf. Der Beschwerdeführer kenne keine chi-
nesischen Gerichte und keine Telekommunikationsfirmen. Obwohl er jah-
relang in der Landwirtschaft gearbeitet haben wolle, könne er keine Anga-
ben zu den Handelspreisen landwirtschaftlicher Produkte machen; seine
Erklärung, er sei im Betrieb des Onkels Tagelöhner gewesen, erkläre die-
ses mangelnde Wissen nicht zureichend.
Diese Erwägungen und die entsprechenden Darstellungen im Lingua-Gut-
achten überzeugen. Soweit in der Beschwerde weitere geografische Ein-
zelheiten aufgeführt werden (vgl. Beschwerde S. 4 f.), handelt es sich um
nachträgliche Präzisierungen, diese vermögen die Herkunft des Beschwer-
deführers nicht zu belegen. Der Beschwerdeführer macht geltend, soweit
ihm Fehler vorgeworfen würden, habe die Interviewpartnerin dies falsch
verstanden; ferner sei er im Lingua-Gespräch unterbrochen worden, als er
die historischen Hintergründe der Namen zweier Ortschaften habe darle-
gen wollen (vgl. Beschwerde S. 5). Auch dieser Einwand ist unbehelflich;
die jetzt skizzierten Namenshintergründe hatten im Lingua-Gutachten kei-
nerlei Relevanz. Was die mangelnden Kenntnisse des Beschwerdeführers
über das Schulwesen betrifft, erachtet es das Gericht insbesondere als be-
deutsam, dass der Beschwerdeführer zwar seinen Angaben gemäss selber
die Schule nicht besucht habe, dass aber seine Geschwister in D._
zur Schule gegangen seien; es durften daher durchaus gewisse Kennt-
nisse vorausgesetzt werden.
Ferner wiederholt der Beschwerdeführer, dass er über Handelspreise der
landwirtschaftlichen Produkte nichts wisse, da der Onkel den Handel be-
sorgt habe (vgl. Beschwerde S. 7); diese Erklärung hat das SEM, unter
Hinweis auf die traditionell enge Zusammenarbeit in familiären Landwirt-
schaftsverbänden in Tibet, zu Recht als nicht überzeugend gewertet. Es
geht aus den Aussagen des Beschwerdeführers denn auch nicht hervor,
dass sein Onkel ihn wie einen Taglöhner behandelt hätte; vielmehr habe
dieser ihn wie einen Sohn behandelt und ihm beispielsweise das Lesen
und Schreiben beigebracht (vgl. A 29 F17, 19, 20).
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5.3 Zur Sprechweise des Beschwerdeführers hielt das SEM fest, diese
weise gemäss dem Lingua-Gutachten keinerlei Hinweise weder für den Di-
alekt des Kreises D._ noch des ganzen Gebiets E._ auf und
entspreche auch nicht dem Dialekt des Kreises F._. Vielmehr ent-
spreche der Dialekt des Beschwerdeführers einer Variante der exiltibeti-
schen
Koine; er verwende Ausdrücke, die zwar in der exiltibetischen Gemein-
schaft, nicht aber in Tibet gebräuchlich seien. Seine Chinesisch-Kennt-
nisse seien ausserdem zu gering im Vergleich zu den Kenntnissen, über
die eine in D._ / E._ sozialisierte und dort ansässig gewe-
sene Person verfügen dürfte; den Einwand des Beschwerdeführers, er
habe im Lingua-Interview Hochtibetisch gesprochen, weist das SEM als
unbehelflich zurück.
Auch diesen Erwägungen der Vorinstanz schliesst sich das Gericht an. In
der Beschwerde weist der Beschwerdeführer darauf hin, dass er sich nun
schon seit Jahren im Exil befinde und seither mit Tibetern aus vielen unter-
schiedlichen Regionen Kontakt gehabt habe, was sich auch auf seine
Sprache ausgewirkt habe; er habe es sich in seinen Jahren im Exil ange-
wöhnt, den Lhasa-Dialekt zu sprechen (vgl. Beschwerde S. 6). Diese Er-
klärung überzeugt nicht; das Lingua-Gespräch wurde im August 2013 ge-
führt und die Tatsache, dass der Beschwerdeführer seinen eigenen Anga-
ben gemäss zuvor ein Jahr lang in Nepal gelebt habe, bevor er in die
Schweiz gekommen sei, wurde im Gutachten explizit berücksichtigt; die
sachverständige Person legt im Gutachten nachvollziehbar dar, dass der
Aufenthalt in Nepal gewisse fremde Einflüsse erklären könnte; dass sich
aber innert nur eines Jahres die Sprache des Beschwerdeführers derart
stark einem exiltibetischen Idiom angeglichen und dieses den heimatlichen
Dialekt verdrängt hätte, überzeugt nicht.
Angesichts der Biografie des Beschwerdeführers, der zwar die ersten neun
Lebensjahre in F._ gelebt, seit dem neunten Lebensjahr aber in
D._ gelebt habe, im Familienverband einer aus D._ stam-
menden Familie, wäre zu erwarten gewesen, dass seine Sprache vorwie-
gend dem Dialekt von D._ hätte entsprechen sollen. Demgegen-
über zeigte die Sprechweise des Beschwerdeführers zahlreiche und auf-
fällige Gemeinsamkeiten mit der exiltibetischen Koine beziehungsweise
mit dem Lhasa-Dialekt (welcher der exiltibetischen Koine zugrunde liegt).
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5.4 Auch das Gericht erachtet das Lingua-Gutachten als überzeugend. Ge-
mäss dem Werdegang der sachverständigen Person, der dem Beschwer-
deführer offengelegt wurde, ist deren Qualifikation nicht zu beanstanden.
Die vorliegend zu beurteilende Analyse ist schlüssig, nachvollziehbar und
ausgewogen begründet. Was die Sprechweise des Beschwerdeführers be-
trifft, legte die sachverständige Person ausführlich und mit konkreten Bei-
spielen von vom Beschwerdeführer im Interviewgespräch verwendeten Be-
griffen dar, dass seine Sprechweise nicht oder kaum vom E._-Dia-
lekt und überwiegend durch den Dialekt von Lhasa respektive durch die
exiltibetische Koine geprägt ist. Die sachverständige Person gelangte zu
der klaren Schlussfolgerung, dass die Sozialisierung des Beschwerdefüh-
rers eindeutig nicht in D._ / E._, sondern eindeutig in einer
exiltibetischen Gemeinschaft ausserhalb der Volksrepublik China stattge-
funden habe. Das Gericht schliesst sich den Einschätzungen des SEM an,
dass der Beschwerdeführer nicht glaubhaft gemacht hat, er habe bis zur
Ausreise im Juni 2012 – bevor er noch ein Jahr in Nepal verbracht habe,
um dann in die Schweiz zukommen – in D._ / E._ gelebt.
5.5 Das SEM hat zu Recht auch die entsprechend vorgelegten Beweisun-
terlagen zum Beleg einer angeblich in D._ / E._ erfolgten
Sozialisierung als insgesamt nicht überzeugend gewürdigt; diesbezüglich
schliesst sich das Gericht den vorinstanzlichen Erwägungen ebenfalls an.
Auch die zusätzlich im Verlauf des Beschwerdeverfahrens eingereichten
Beweisunterlagen vermögen einen angeblichen Wohnsitz des Beschwer-
deführers in China bis zum Jahr 2012 nicht zu belegen.
Was die Bestätigung des «The Tibet Bureau» in Genf vom 6. August 2015
betrifft, die im abgeschlossenen Beschwerdeverfahren E-5177/2015 ein-
gereicht wurde, geht aus dieser lediglich hervor, dass der Beschwerdefüh-
rer Tibeter und Mitglied der tibetischen Gemeinschaft in der Schweiz sei;
Rückschlüsse auf seine Herkunft aus China ergeben sich daraus nicht. Aus
den eingereichten diversen Familienfotos gehen ferner keine Hinweise da-
rauf hervor, wo die Aufnahmen gemacht wurden; der Beschwerdeführer ist
gemäss eigenen Angaben auf den Aufnahmen im Übrigen gar nicht abge-
bildet (vgl. A29 F22 ff.).
Sodann lassen einige Beweisunterlagen Rückschlüsse auf eine Beziehung
des Beschwerdeführers zu Nepal zu: Er reichte eine Bestätigung eines in
Kathmandu ansässigen Vereins ([...]-Verein) vom 18. August 2015 ein, wo-
nach er aus der Ortschaft N._ C._ stamme und der Neffe
des Hauptvorsitzenden des Vereins, H._, sei. Dieser sei inzwischen
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Seite 13
verstorben; der Beschwerdeführer habe bei diesem Onkel ein Jahr lang
gewohnt. Von diesem Onkel und seinem Aufenthalt in Kathmandu war im
Asylverfahren die Rede (vgl. A6 S. 5, 6; A29 F6 ff., 64); das Vereinsschrei-
ben vermag aber nicht zu belegen, dass der Beschwerdeführer bis ins Jahr
2012 in China gelebt habe. Der Beschwerdeführer sprach in der Anhörung
vom Tod seines Onkels (vgl. A29 F9); dass der Onkel in Kathmandu ver-
storben sei, soll auch aus dem Brief der Mutter des Beschwerdeführers
hervorgehen (vgl. A29 F6 f.). Dieser Brief und der Brief der in Nepal leben-
den Cousine (vgl. A29 F4) wurde dem Beschwerdeführer in einem Zustell-
couvert aus Nepal zugestellt (vgl. SEM-Akten A 31 Beweismittel 2, 3 und
4).
Im Beschwerdeverfahren reichte der Beschwerdeführer ferner einen Brief
seiner Schwester ein, dem zu entnehmen ist, man mache sich um ihn Sor-
gen und bitte darum, dass er Unterstützung finde, da er keine Verwandten
oder Freunde in seiner Nähe habe (vgl. Beilage 2 zur Beschwerde, BVGer
act 1; Übersetzung BVGer act 3). Ebenfalls im Beschwerdeverfahren
wurde die Bestätigung einer im Namen des Beschwerdeführers erfolgten
Spende an ein Kloster eingereicht (vgl. Beilage 3 zur Beschwerde, BVGer
act 1; Übersetzung BVGer act 3); diese datiert allerdings aus dem Jahr
2019 und entfaltet somit zur Frage, bis wann der Beschwerdeführer in
China gelebt habe, keine Beweiskraft.
Schliesslich wurde mit der Replik vom 6. März 2020 (BVGer act 8) ein
Schreiben in Kopie mit Bezug zur tibetischen Diaspora nicht in Nepal, son-
dern in Indien eingereicht (Schreiben der Tibetan TOEPA Welfare Associa-
tion Dharamsala Indien; undatiert und ohne Unterschrift). Der Verfasser
bestätigt die Herkunft des Beschwerdeführers und dessen angebliche
Sprachkenntnisse, ohne dass nachvollziehbar wäre, woher diese Informa-
tionen stammen, nachdem der Beschwerdeführer bis anhin nie irgendwel-
che Kontakte zur tibetischen Diaspora in Dharamsala geltend gemacht hat.
Das Schreiben ist als Gefälligkeitsaussage ohne Beweiswert zu werten.
Kein Beweiswert betreffend die Frage, wo der Beschwerdeführer bis ins
Jahr 2012 gelebt habe, kommt schliesslich einem kommentarlos einge-
reichten weiteren Schreiben der TOPEA Welfare Association Switzerland,
J._, zu (angeblich datierend vom 24. August 2015; dem Gericht ein-
gereicht am 9. März 2020, vgl. BVGer act 9). Dieses Schreiben nimmt Be-
zug auf die Bestätigung des Tibet Office Genf sowie auf die Bestätigung
von (...) in Nepal und drückt die Überzeugung aus, es handle sich dabei
um authentische Schreiben.
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Seite 14
6.
Das Gericht erachtet auch die Erwägungen des SEM als zutreffend, dass
der Beschwerdeführer seine angeblich in China erlebten Asylgründe nicht
glaubhaft gemacht hat. Auch diesbezüglich werden in der Beschwerde
keine überzeugenden Erklärungen der Ungereimtheiten vorgetragen.
6.1 Der Beschwerdeführer machte ein einzelnes, leicht überschaubares
Geschehen geltend, das ihn zur Ausreise veranlasst habe. Er habe an-
fangs Juni 2012 an einer Kundgebung in C._ teilgenommen, bei der
ungefähr 20 Demonstranten durch ein Protestplakat und durch Flugblatt-
verteilen auf die zuvor stattgefundene Selbstverbrennung von zwei Perso-
nen in Lhasa aufmerksam gemacht hätten. Die Kundgebung sei heimlich
fotografiert worden; sein Freund sei verhaftet worden und habe den Namen
des Beschwerdeführers – der angeblich das Protestplakat geschrieben
habe – preisgegeben. Deshalb sei er nachher zu Hause gesucht worden;
er habe sich bei einem Nachbarn versteckt, um wenige Tage später aus-
zureisen.
6.2 Das SEM wies zutreffend auf Widersprüche in den Darstellungen hin.
So soll etwa die Kundgebung einerseits abends, kurz vor der Dämmerung
(vgl. A6 F 7.02), andererseits mittags, ab circa ein Uhr für zwei bis drei
Stunden (vgl. A 29 F41, 52) stattgefunden haben. Widersprüchlich schil-
derte der Beschwerdeführer auch den Namen des Freundes, der ihn an-
geblich verraten habe; ungereimt waren ferner seine Angaben, wie die Po-
lizei ihn angeblich zu Hause gesucht habe.
Dass in der tibetischen Sprache der selbe Ausdruck angeblich sowohl für
«abends» als auch für «nachmittags» stehe (vgl. Beschwerde S. 7), er-
scheint zweifelhaft; dass es angeblich nicht zutreffe, dass der Beschwer-
deführer, die Person, die ihn verraten habe, widersprüchlich bezeichnet
habe (vgl. Beschwerde S. 7), ist aktenwidrig (vgl. vielmehr die Aussagen,
es habe sich um seinen Freund O._ gehandelt, vgl. A6 F 7.02, S.
8, beziehungsweise um seinen Freund P._, vgl. A29 F 51, 75, und
die Aussage in der BzP beruhe darauf, dass er da erst seit wenigen Tagen
in der Schweiz gewesen sei und aus Nervosität «einfach das gesagt
[habe], was [er] gedacht habe»; vgl. A29 F75).
Ferner hielt das SEM es für unplausibel, dass der Beschwerdeführer sich
angeblich für einige Tage bei einem Nachbarn versteckt habe, und dieser
ausgerechnet eine Person gewesen sei, die früher in Beamtendiensten der
chinesischen Behörden gestanden habe. Gerade dieser Nachbar wäre für
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behördliche Ermittlungen im Dorf als eine der ersten Anlaufstellen in Frage
gekommen. Der Beschwerdeführer habe seine Motivation nicht nachvoll-
ziehbar aufzeigen können; seine Aussagen seien lapidar geblieben und
hätten sich auf pauschale und stereotype Gründe für eine angebliche
Kundgebungsteilnahme beschränkt; angesichts des hohen Risikos und der
möglichen Sanktionen bei einer derartigen Aktion, was allen Tibetern in
China bekannt sei, könnten diese Aussagen nicht überzeugen.
Diese Erwägungen sind zu bestätigen. Soweit in der Beschwerde erneut
lediglich erklärt wird, Motivation für die Demonstrationsteilnahme sei die
starke Emotion gewesen, die durch die Selbstverbrennungen ausgelöst
worden sei (vgl. Beschwerde S. 7), und der Beschwerdeführer habe sei-
nem seit Jahren aufgestauten Ärger und der Machtlosigkeit Luft verschaf-
fen wollen (vgl. Beschwerde S. 8), erhalten diese Angaben dadurch nicht
mehr Substanz. Vielmehr zeigen seine Aussagen in der Anhörung eine Na-
ivität, die für einen – damals – (...)Jährigen, der sich seinen Angaben ge-
mäss seit langem mit der Lektüre der tibetischen Geschichte beschäftigt
habe (vgl. A29 F46), nicht glaubhaft sind. So soll der Beschwerdeführer
gedacht haben, das Parolenschreiben könne ja nicht so schlimm sein (vgl.
A29 F35); sie seien ja so viele gewesen, dass er darauf vertraut habe, man
werde das nicht herausfinden, zumal er ja nicht der Anführer gewesen sei;
er habe gedacht, das Problem werde sich innert weniger Tage von selber
lösen (vgl. A29 F51).
7.
7.1 Nach dem Gesagten ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer vor seiner Ankunft in der Schweiz
nicht in der Volksrepublik China, sondern in der exil-tibetischen Diaspora
gelebt hat. Namhafte exil-tibetische Gemeinschaften gibt es – nebst der
Schweiz und Nordamerika – lediglich in Indien und Nepal. Es ist somit im
Sinne einer Vermutung anzunehmen, dass der Beschwerdeführer in Indien
oder Nepal aufgewachsen ist, respektive dort gelebt hat. Folglich wäre
grundsätzlich zu prüfen, ob er über die chinesische Staatsangehörigkeit
verfügt, was eine Prüfung der Drittstaatenregelung im Sinne von Art. 31a
Abs. 1 AsylG mit sich bringen würde, oder ob er die indische oder nepale-
sische Staatsangehörigkeit erworben hat, was zur Folge hätte, dass das
Vorliegen einer asylrelevanten Gefährdung hinsichtlich eines dieser Staa-
ten zu prüfen wäre. Das Gericht ist indes wie das SEM der Auffassung,
dass der Beschwerdeführer seine Mitwirkungspflicht in nicht entschuldba-
rer Weise verletzt hat und dadurch den Behörden nähere Abklärungen –
die Abklärungspflicht der Asylbehörden findet, wie bereits festgehalten, ihre
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Grenze bei der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person – sowie eine
Rückschaffung in seinen tatsächlichen Heimatstaat verunmöglicht. Der Be-
schwerdeführer hat die Folgen dieses Verhaltens zu tragen (vgl. BVGE
2014/12 E. 5.10).
7.2 Zusammenfassend ist demnach festzuhalten, dass zwar davon auszu-
gehen ist, dass der Beschwerdeführer tibetischer Ethnie ist. Jedoch ent-
behren seine geltend gemachten Vorbringen hinsichtlich des Ortes seiner
hauptsächlichen Sozialisation und seine Asylvorbringen insgesamt der
Glaubhaftigkeit. Folglich ist es ihm nicht gelungen, für den Zeitpunkt seiner
Ausreise eine asylrechtlich relevante Verfolgung, die er in seiner Heimat
vor seiner Ausreise erlitten hat oder in begründeter Weise zukünftig be-
fürchten müsste, aufzuzeigen oder glaubhaft zu machen. Der Beschwer-
deführer vermag weder die Flüchtlingseigenschaft im Zeitpunkt seiner Aus-
reise noch subjektive Nachfluchtgründe nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen. Das SEM hat somit zu Recht seine Flüchtlingseigen-
schaft verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
8.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das Staatssekretariat in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an, wenn es das Asylge-
such ablehnt oder darauf nicht eintritt. Der Beschwerdeführer verfügt we-
der über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen
Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu
Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E 4.4; 2009/50 E. 9,
je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
9.2 Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit eines Wegweisungsvoll-
zugs sind zwar von Amtes wegen zu prüfen, die Untersuchungspflicht fin-
det aber, wie bereits vorstehend ausgeführt, ihre Grenzen an der Mitwir-
kungspflicht des Beschwerdeführers. Es ist nicht Sache der Behörden, bei
fehlenden Hinweisen nach etwaigen Wegweisungsvollzugshindernissen in
hypothetischen Herkunftsländern zu forschen. Der Beschwerdeführer hat
die Folgen seiner fehlenden Mitwirkung insofern zu tragen, als seitens der
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Asylbehörden der Schluss gezogen werden muss, es spreche nichts ge-
gen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort, da er keine konkre-
ten, glaubhaften Hinweise geliefert hat, die gegen eine entsprechende
Rückkehr sprechen würden.
9.3 In Übereinstimmung mit der Dispositivziffer 5 der angefochtenen Ver-
fügung ist im Übrigen darauf hinzuweisen, dass für alle Exil-Tibeterinnen
und -Tibeter ein Vollzug der Wegweisung nach China im Sinne von Art. 45
Abs. 1 Bst. d AsylG ausgeschlossen wird, da ihnen dort gegebenenfalls
Verfolgung im flüchtlingsrechtlichen Sinn beziehungsweise eine men-
schenunwürdige Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK droht (BVGE
2014/12 E. 5.11).
9.4 Es obliegt dem Beschwerdeführer, sich die für eine Rückkehr allenfalls
benötigten Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüg-
lich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist demnach abzuwei-
sen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch mit
Instruktionsverfügung vom 21. Januar 2020 das Gesuch um unentgeltliche
Prozessführung gutgeheissen worden ist und der Beschwerdeführer ge-
mäss Aktenlage auch heute weiterhin bedürftig ist, sind keine Verfahrens-
kosten zu erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
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