Decision ID: d14a72b3-2932-5e89-866a-bebf45b5cb88
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 27. Juli 2005 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sie gab an, sie leide seit einem am 8. Dezember
2001 erlittenen Unfall an Rücken-, Hüft- und Beinschmerzen, die sich seit einem
zweiten, im April 2005 erlittenen Unfall massiv verstärkt hätten. Im Januar 2004 habe
sie eine berufliche Weiterbildung begonnen, um in eine körperlich leichtere Tätigkeit
wechseln zu können. Allerdings hätten sich Probleme mit der Finanzierung der Schule
ergeben. Zudem erlaube der aktuelle Gesundheitszustand die Wiederaufnahme einer
Erwerbstätigkeit nicht. Am 11. August 2005 berichtete Dr. med. C._ (IV-act. 12–1 ff.),
die Beschwerdeführerin leide an einem chronifizierten posttraumatischen
Lumbovertebralsyndrom bei Discushernie C5/6 mit radiculärer Symptomatik C6,
bestehend seit Dezember 2001. Ihr könne seit längerer Zeit nicht mehr zugemutet
werden, ihre Tätigkeit als Pflegerin wieder aufzunehmen. Für leidensadaptierte
Tätigkeiten sei von einer Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent auszugehen. Er legte unter
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anderem einen vorläufigen Austrittsbericht der Klinik Valens vom 13. Juli 2005 bei (IV-
act. 12–5 f.), in welchem eine hälftige Arbeitsfähigkeit für die als schwer qualifizierte
Tätigkeit als Pflegerin mit einer Belastungsreduktion auf 12,5 Kilogramm und eine
vollständige Arbeitsfähigkeit für leichte, wechselbelastende Tätigkeiten mit einer
Gewichtslimite von zehn Kilogramm attestiert worden waren. Am 12. August 2005
berichtete der Rheumatologe Dr. med. D._ (IV-act. 13–5 ff.), er habe nebst dem
chronischen therapierefraktären lumbospondylogenen Schmerzsyndrom links und der
Sakroiliakalgelenksdysfunktion links eine depressive Episode (Differenzialdiagnose
Anpassungsstörung) diagnostiziert. Seines Erachtens sollten der Beschwerdeführerin
trotzdem körperlich leichte, wechselbelastende Tätigkeiten unter Vermeidung von
Heben und Tragen von Lasten über 10–12,5 Kilogramm und unter Vermeidung von
ausgesprochenen Wirbelsäulenzwangshaltungen in einem zeitlich uneingeschränkten
Rahmen zugemutet werden können. Mit einer Verfügung vom 17. Januar 2006 wies die
Beschwerdegegnerin das Leistungsbegehren der Beschwerdeführerin ab (IV-act. 31).
Sie führte aus, der Beschwerdeführerin könne die bisherige Tätigkeit als Pflegerin noch
zu 50 Prozent zugemutet werden. Leidensadaptierte Tätigkeiten seien ihr
vollumfänglich zumutbar. Damit bestehe kein Anspruch auf eine Umschulung;
berufliche Massnahmen seien unter diesen Umständen nicht notwendig.
A.b Am 18. Juni 2007 meldete sich die Beschwerdeführerin erneut zum
Leistungsbezug an (IV-act. 32). Sie gab an, dass sie sich auf Wunsch der
Unfallversicherung nochmals anmelde, weil es ihr seit März 2007 nicht mehr möglich
sei, einer Arbeit nachzugehen. Im Haushalt sei sie auf die Unterstützung Dritter
angewiesen. Ihr Gesundheitszustand verschlechtere sich zusehends. Am 9. Juli 2007
berichtete Dr. med. E._ (IV-act. 43), dass die Beschwerdeführerin zu mehr als 80
Prozent arbeitsunfähig sei. Sie sei bereits im Zeitpunkt der Übernahme der Behandlung
durch ihn im Januar 2007 in diesem Umfang arbeitsunfähig gewesen. Er führe
monatlich hausärztlich-stützende Gespräche mit ihr. Ein wesentlicher Medikamenten-
Abusus habe gestoppt werden können. Die Universitätsklinik Balgrist teilte am 18. April
2008 bezugnehmend auf eine ambulante Untersuchung vom 15. Oktober 2007 mit (IV-
act. 55), die Beschwerdeführerin leide an einem ausgeweiteten Schmerzsyndrom; sie
habe einen sehr kranken Eindruck gemacht und während des Anamnesegesprächs und
der körperlichen Untersuchung permanent am ganzen Körper gezittert. Eine konklusive
Beurteilung sei bei stärksten Schmerzen nicht möglich gewesen. Die Untersuchung sei
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deshalb abgebrochen worden. Im Auftrag der Beschwerdegegnerin erstattete die
medizinische Abklärungsstelle (MEDAS) Ostschweiz am 23. Januar 2009 ein
polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 69). Die Sachverständigen hielten fest, dass die
Beschwerdeführerin aus psychiatrischer Sicht zu 70 Prozent arbeitsunfähig sei. Die
Symptomatik dürfte sich retrospektiv in den letzten Jahren langsam entwickelt haben.
Eine exakte Beurteilung der Entwicklung sei nachträglich kaum möglich. Die
psychische Symptomatik sei aber spätestens bei der Begutachtung durch die Klinik
Balgrist im aktuellen Ausmass vorhanden gewesen, weshalb die Arbeitsunfähigkeit von
70 Prozent spätestens seit April 2008 attestiert werden könne. Die Sachverständigen
der MEDAS Ostschweiz erstellten im Auftrag der Unfallversicherung am 24. September
2009 ein weiteres Gutachten (IV-act. 94). Darin führten sie aus, dass sich der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin zwischenzeitlich leicht verbessert habe.
Sie erwähnten einen Bericht des Psychologen lic. phil. F._ vom 24. Juni 2007, in dem
eine reaktiv-depressive Entwicklung mit multiplen psychosozialen
Belastungssituationen vor dem Hintergrund somatisch und psychisch
traumatisierender Ereignisse erwähnt worden war. Mit einer Verfügung vom
16. Dezember 2010 sprach die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin ab Juli
2007 eine halbe und ab April 2008 eine ganze Rente zu (IV-act. 125).
A.c Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hiess die von der Beschwerde
führerin dagegen erhobene Beschwerde mit einem Entscheid vom 19. Dezember 2013
(IV 2011/43) insofern gut, als es bereits mit Wirkung ab dem 1. Juni 2006 eine ganze
Rente zusprach. Es hielt fest, dass hinsichtlich des Beginns der psychisch bedingten
Arbeitsunfähigkeit nicht auf das Gutachten der MEDAS Ostschweiz vom 23. Januar
2009 abgestellt werden könne, weil der psychiatrische Consiliarius übersehen habe,
dass die Ärzte der Universitätsklinik Balgrist bereits bezugnehmend auf eine
Untersuchung zwischen September und Dezember 2006 über ein Zittern am ganzen
Körper berichtet hätten, das ex post als Ausdruck der vom psychiatrischen
Sachverständigen der MEDAS Ostschweiz diagnostizierten psychischen
Gesundheitsbeeinträchtigung qualifiziert werden müsse. Zudem habe Dr. D._ schon
im Jahr 2005 eine depressive Störung erwähnt. Dr. E._ habe im Mai 2007 über eine
leichte Besserung der depressiven Symptomatik berichtet, weshalb bereits vor diesem
Zeitpunkt eine erhebliche psychische Gesundheitsbeeinträchtigung habe vorhanden
sein müssen. Der Psychologe Herr F._ habe in seinem Bericht vom 24. Juli 2007 eine
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bereits im Zeitpunkt der ersten Behandlung im September 2006 vorhandene,
erhebliche psychiatrische Problematik beschrieben. Überwiegend wahrscheinlich sei
die Beschwerdeführerin folglich schon im September 2006 aus psychischen Gründen
weitgehend arbeitsunfähig gewesen. Da Herr F._ auf Nachfrage des Gerichtes eine
seit dem Unfall vom April 2005 bestehende, unverändert hohe Arbeitsunfähigkeit
attestiert habe und keine Akten vorlägen, die dagegen sprächen, sei von einer
Arbeitsunfähigkeit von 70 Prozent ab April 2005 auszugehen. Angesichts der erst im
Juni 2007 erfolgten Anmeldung sei der Rentenbeginn allerdings auf Juni 2006
festzulegen.
A.d Das Bundesgericht hiess eine von der Pensionskasse B._ dagegen erhobene
Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten mit einem Urteil vom 6. Oktober
2014 (9C_139/2014) insofern gut, als es die Sache zur Durchführung weiterer
Abklärungen an das St. Galler Versicherungsgericht zurückwies. Es führte aus, der
nachträgliche Bericht von Herrn F._ vermöge nicht zu überzeugen, weshalb das
Versicherungsgericht nicht darauf hätte abstellen dürfen. Da der Internist
Dr. med. G._ bereits im Mai 2006 eine grosse motorische Unruhe und eine dauernde
Bewegung der Versicherten beschrieben habe, stelle sich allerdings die Frage, ob die
Beschwerdeführerin nicht bereits im Mai 2006 psychisch erheblich beeinträchtigt
gewesen sei. Die vorhandene Aktenlage erlaube die Beantwortung dieser Frage nicht,
weshalb das Versicherungsgericht eine ergänzende Stellungnahme der MEDAS
Ostschweiz einholen und anschliessend neu über den Rentenanspruch werde
entscheiden müssen.
B.
B.a Am 22. Oktober 2014 ersuchte das Versicherungsgericht die MEDAS Ostschweiz
(act. G 2), ergänzend zur Frage Stellung zu nehmen, wann die psychisch bedingte
Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin überwiegend wahrscheinlich eingetreten
sei. Für die Beantwortung dieser Frage hätten die Sachverständigen zu
berücksichtigen, dass die im Gutachten enthaltene Angabe – „spätestens seit April
2008“ – als nicht überzeugend qualifiziert worden sei. Die Beschwerdeführerin liess am
18. November 2014 Rechnungskopien einreichen, die den Einsatz von Antidepressiva
ab August 2005 belegten, und darauf hinweisen, dass ihr Hausarzt sie bereits im
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Spätsommer 2006 (Woche 33) an einen Psychiater überwiesen hatte. Ihr
Rechtsvertreter ersuchte die Sachverständigen der MEDAS Ostschweiz, die
ergänzende Frage, ob sich aus dem zeitlichen Zusammenhang mit der Überweisung an
den Psychiater durch den behandelnden Arzt respektive aus der Medikamentenabgabe
etwas bezüglich des Beginns der psychischen Probleme ableiten lasse. Am
20. November 2014 liess die Beschwerdeführerin eine Stellungnahme des
behandelnden Psychiaters gleichen Datums einreichen (act. G 5 und G 5.1).
B.b Am 18. Februar 2015 antwortete der psychiatrische Sachverständige der MEDAS
Ostschweiz (act. G 8), soweit er es beurteilen könne, seien im Jahr 2005 die ersten
psychischen Symptome aufgetreten. Aufgrund des Berichtes von Herrn F._ vom
24. Juli 2007 gehe er davon aus, dass zu Beginn der Behandlung im September 2006
überwiegend wahrscheinlich bereits eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens 70 Prozent
vorgelegen habe. Vorher habe ein schwankender Verlauf mit zunehmender depressiver
Symptomatik bestanden. Die Beschwerdeführerin liess am 16. März 2015 Stellung zu
dieser Antwort nehmen (act. G 10). Ihr Rechtsvertreter führte aus, der Sachverständige
der MEDAS Ostschweiz habe dargelegt, dass ein kontinuierlicher Wechsel von der
somatischen zur psychischen Problematik stattgefunden habe. In Übereinstimmung mit
dem behandelnden Psychiater Dr. med. H._ habe er rückblickend auch eine
weitgehende Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin aus psychischen Gründen
bereits im Herbst 2006 bestätigt. Vor diesem Hintergrund sei zu erwarten, dass der
Entscheid des Versicherungsgerichtes gleich wie jener vom 19. Dezember 2013
ausfallen werde. Die Vorsorgeeinrichtung hielt am 16. März 2015 fest (act. G 11), dass
in den Akten eine volle Arbeitsfähigkeit in angepassten Tätigkeiten ab dem 15. Juli
2005 ausgewiesen sei, weshalb die IV-Stelle das Leistungsgesuch am 17. Januar 2006
ja auch abgewiesen habe. Gemäss dem Urteil des Bundesgerichtes sei eine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 70 Prozent ab September 2006 ausgewiesen.
Der psychiatrische Sachverständige habe nun dargelegt, dass er rückblickend die
Arbeitsfähigkeit für die Zeit vor September 2006 nicht quantitativ festlegen könne. Er
habe also keine Arbeitsunfähigkeit ab Mai 2006 oder gar ab dem Jahr 2005 bestätigt.
Die Beurteilung von Herrn F._ sei vom Bundesgericht als nicht glaubwürdig
qualifiziert worden. Damit sei erst ab September 2006 eine Arbeitsunfähigkeit
ausgewiesen, weshalb das Wartejahr erst dann zu laufen begonnen habe.
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B.c Auf entsprechende Rückfragen des Versicherungsgerichtes (act. G 13 f.) erteilten
die Kliniken Valens am 15. Mai 2015 (act. G 15) und die Praxisgemeinschaft für
Psychiatrie und Psychotherapie Dr. H._ und F._ am 26. Mai 2015 (act. G 17)
Auskunft zum psychischen Zustand der Beschwerdeführerin in den Jahren 2005 und
2006. Die Kliniken Valens gaben an, dass die Beschwerdeführerin während des
stationären Aufenthaltes vom 14. Juni bis zum 14. Juli 2005 psychisch nicht auffällig
gewesen sei, weshalb sich der psychiatrische Dienst nicht näher mit ihr befasst habe.
Die stationäre Behandlung sei bei einem Fehlen psychischer Beschwerden rein auf die
körperlichen Symptome und Diagnosen zentriert gewesen. Dr. H._ und Herr F._
führten aus, sie hätten die Therapie im September 2006 aufgenommen. Die
Beschwerdeführerin sei aber bereits lange davor psychisch beeinträchtigt gewesen.
Nach dem ersten Unfallereignis im Jahr 2001 habe sie versucht, das Leiden forciert zu
kompensieren. Aus psychiatrischer Sicht habe sie eine depressive Symptomatik in
Form einer larvierten Depression entwickelt. Infolge des zweiten Unfallereignisses im
April 2005 sei es zu einer definitiven Verschlechterung gekommen. Das
Schmerzsyndrom habe sich ausgeweitet und chronifiziert. Die ungeeignete
Lösungsstrategie der Beschwerdeführerin habe versagt. Diese habe darauf schwer
depressiv reagiert. Erst im Jahr 2006 sei erkannt worden, dass eine psychische
Gesundheitsbeeinträchtigung mit im Spiel sei. Die Unfallversicherung habe deshalb
damals erstmals eine regelmässige psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung
empfohlen. Retrospektiv sei von einer Arbeitsunfähigkeit von 30–40 Prozent ab dem
ersten Unfallereignis im Jahr 2001, von einer solchen von 50–60 Prozent in den Jahren
2003 und 2004 und von einer solchen von 80–90 Prozent ab dem zweiten
Unfallereignis auszugehen. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin ersuchte das
Versicherungsgericht am 28. Mai 2015, den Kliniken Valens Zusatzfragen zu stellen
(act. G 19). Das Versicherungsgericht wies diesen Antrag am 4. Juni 2015 ab (act. G
20).

Erwägungen:
1. Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich
zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen,
erhalten oder verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen sind und nach dem
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Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid sind, haben einen Anspruch auf
eine Rente der Invalidenversicherung (Art. 28 Abs. 1 IVG). Für die Bemessung der
Invalidität einer erwerbstätigen versicherten Person wird das Erwerbseinkommen, das
die versicherte Person nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
zum Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG).
2.
2.1 Gestützt auf das überzeugende Gutachten der MEDAS Ostschweiz ist mit dem er
forderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt, dass die
Beschwerdeführerin an einer schweren psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung
leidet, die ihre Leistungsfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten um 70 Prozent
beeinträchtigt. Der psychiatrische Sachverständige der MEDAS Ostschweiz hat
plausibel aufgezeigt, dass in den Jahren zwischen dem Unfallereignis im Jahr 2001 und
der Untersuchung durch die MEDAS Ostschweiz im Jahr 2009 ein fliessender
Übergang von anfänglich mehrheitlich somatischen zu letztlich fast ausschliesslich
psychischen Beschwerden stattgefunden hatte. Da die Beschwerdeführerin in diesem
Zeitraum überwiegend somatisch behandelt worden war und der psychiatrische
Sachverständige der MEDAS Ostschweiz damals offenbar noch keine Kenntnis von der
von der Unfallversicherung initiierten Behandlung durch den Psychologen F._ hatte,
ist es ihm nicht möglich gewesen, den Beginn der Arbeitsunfähigkeit aus psychischen
Gründen genau festzulegen. Im Gutachten selbst hat er auf einen Bericht der
Universitätsklinik Balgrist abgestellt, der im April 2008 verfasst worden war, sich aber
auf eine Untersuchung im Herbst 2007 bezogen hatte. Retrospektiv hat er die von den
Fachärzten der Universitätsklinik Balgrist geschilderten Eindrücke der
Beschwerdeführerin als Beleg für die von ihm diagnostizierte psychische
Gesundheitsbeeinträchtigung angesehen. Irrtümlicherweise hat er aber auf das Datum
des Berichtes und nicht auf das Datum der Untersuchung abgestellt. Zudem ist später
im Rahmen einer zweiten Begutachtung für die Unfallversicherung ein Bericht des seit
September 2006 behandelnden Psychologen F._ aufgetaucht, der ab
Behandlungsbeginn eine weitgehend vollständige Arbeitsunfähigkeit aus psychischen
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Gründen attestiert hatte. Wie im Entscheid IV 2011/43 des Versicherungsgerichtes vom
19. Dezember 2013 ausführlich dargelegt worden ist, ist vor diesem Hintergrund mit
dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit bewiesen, dass
die Beschwerdeführerin spätestens ab September 2006 aus psychiatrischen Gründen
zu 70 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist. Das Bundesgericht hat dieses Ergebnis in
seinem Urteil 9C_139/2014 vom 6. Oktober 2014 bestätigt. Auf eine Nachfrage des
Versicherungsgerichtes hat auch der psychiatrische Sachverständige der MEDAS
bekräftigt, dass die Beschwerdeführerin spätestens ab September 2006 aus
psychiatrischen Gründen zu 70 Prozent arbeitsunfähig gewesen sei. Allerdings
sprechen die vom psychiatrischen Sachverständigen beschriebene kontinuierliche
Steigerung der psychischen Problematik im Anschluss an den im Jahr 2001 erlittenen
Unfall sowie weitere Indizien dafür, dass die Beschwerdeführerin bereits vor September
2006 aus psychiatrischen Gründen in einem relevanten Ausmass in ihrer
Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt gewesen sein könnte. Es ist davon auszugehen, dass
der Hausarzt Symptome einer erheblichen psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung
festgestellt hatte, als er beschloss, die Beschwerdeführerin an einen Psychiater oder
Psychotherapeuten zu überweisen. Das spricht dafür, dass die Beschwerdeführerin
bereits vor der ersten Behandlung durch den Psychologen F._ im September 2006 in
einem erheblichen Ausmass psychisch krank war. Das Bundesgericht hat in seinem
Urteil auf einen Bericht von Dr. G._ hingewiesen, der bereits im Mai 2006 eine
motorische Unruhe festgestellt hatte. Dr. D._ hatte bereits Mitte des Jahres 2005
über eine psychische Problematik berichtet. Die Kliniken Valens haben allerdings das
Vorliegen einer psychischen Auffälligkeit während der Dauer der einmonatigen
stationären Behandlung im Sommer 2005 verneint. Die Behandlung bei Dr. H._
beziehungsweise beim Psychologen F._ ist erst im September 2006 aufgenommen
worden. Letzterer hat zwar – wiederholt – für einen relativ weit zurückliegenden
Zeitraum eine erhebliche psychiatrisch bedingte Arbeitsunfähigkeit attestiert. Da sein
Bericht bezüglich des vor der ersten Behandlung liegenden Zeitraums vom
Bundesgericht aber als unglaubwürdig qualifiziert worden ist, legen die anderen, oben
erwähnten Indizien zwar nahe, dass die Beschwerdeführerin vor September 2006 (und
nach Juli 2005) aus psychiatrischen Gründen erheblich in ihrer Arbeitsunfähigkeit
beeinträchtigt gewesen ist. Sie reichen aber nicht aus, um einen bestimmten
Arbeitsunfähigkeitsgrad mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
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Wahrscheinlichkeit zu belegen. Da keine Beweismassnahmen mehr zur Verfügung
stehen, von denen neue Erkenntnisse hinsichtlich des Grades der Arbeitsunfähigkeit für
diesen mittlerweile fast zehn Jahre in der Vergangenheit liegenden Zeitraum erwartet
werden könnten, liegt diesbezüglich eine Beweislosigkeit vor. Folglich gelangt die
allgemeine Beweislastverteilungsregel zur Anwendung, laut der diejenige Partei, die aus
dem Vorhandensein bestimmter Tatsachen Rechte für sich ableiten will, den Nachteil
einer allfälligen Beweislosigkeit zu tragen hat. Das bedeutet, dass die
Beschwerdeführerin, die aus dem Vorliegen einer psychisch bedingten und eine
rentenbegründende Invalidität verursachenden Arbeitsunfähigkeit in der Zeit vor
September 2007 (nach Ablauf des so genannten Wartejahres) einen Rentenanspruch
für sich ableiten will, die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen hat. Somit ist erst ab
September 2006 von einer psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeit (70%) auszugehen.
2.2 Die Beschwerdeführerin hat eine Ausbildung zur Zahnarztgehilfin absolviert, ist
aber als Hilfsarbeiterin erwerbstätig gewesen. Sie hat zwar einen Pflegekurs des
Schweizer Roten Kreuzes absolviert, eine Weiterbildung zur gerontologischen Fachfrau
aber abgebrochen, ist also weiterhin als Hilfsarbeiterin im Pflegebereich erwerbstätig
geblieben. Nach dem Unfall im Heim hat sie für eine gewisse Zeit wieder im erlernten
Beruf als Zahnarztgehilfin gearbeitet, die Stelle beschwerdebedingt aber wieder
aufgeben müssen. Diese Tätigkeit kann ihr allerdings nicht längerfristig zugemutet
werden, weil die reduzierte Konzentrationsfähigkeit eine Assistenz bei medizinischen
Behandlungen erschwert beziehungsweise verunmöglicht. Da die Beschwerdeführerin
eine Berufsfrau gewesen ist, kann ihr die Verrichtung von Hilfsarbeiten bis zur
altersbedingten Pensionierung nicht zugemutet werden. Folglich entspräche die
Invalidenkarriere an sich dem erlernten Beruf der Zahnarztgehilfin, den die
Beschwerdeführerin aber nicht mehr ausüben kann. Der Grundsatz „Eingliederung vor
Rente“ erforderte in dieser Situation grundsätzlich die Durchführung beruflicher
Eingliederungsmassnahmen, namentlich eine Umschulung in einen neuen Beruf, denn
ansonsten müsste bei der hohen Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin im Beruf
als Zahnarztgehilfin ohne Weiteres eine ganze Rente zugesprochen werden.
Offenkundig ist die Beschwerdeführerin aber nicht umschulungs-respektive
eingliederungsfähig, weshalb keine Eingliederungsmassnahmen zur Verfügung stehen,
mittels derer der Beschwerdeführerin die Erzielung eines rentenausschliessenden oder
auch nur eines rentenmindernden Erwerbseinkommens ermöglicht werden könnte.
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Folglich besteht ein Anspruch auf eine ganze Rente der Invalidenversicherung. Selbst
wenn die Verrichtung von leidensadaptierten Hilfsarbeiten als zumutbar angesehen
würde, bestünde ein Anspruch auf eine ganze Rente. Der Ausgangswert des
zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens entspräche dann nämlich dem
mittleren Lohn einer Hilfsarbeiterin gemäss den Ergebnissen der vom Bundesamt für
Statistik regelmässig durchgeführten Lohnstrukturerhebung, während das
Valideneinkommen dem Lohn, den eine gelernte Zahnarztgehilfin erzielen kann,
entspräche. Gemäss der Lohnstrukturerhebung 2006 (TA1) hat der standardisierte
mittlere Monatslohn einer Hilfsarbeiterin im Jahr 2006 4’019 Franken betragen. Der
Lohn einer ausgebildeten Arbeitnehmerin im Gesundheitswesen hat 5’475 Franken
betragen. Unter Berücksichtigung der betriebsüblichen wöchentlichen Arbeitszeit von
41,7 Stunden entspricht dies einem Jahreslohn von 50’278 resp. 68’492 Franken.
Angesichts der (erst) ab dem 1. September 2006 mit dem erforderlichen Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegten Arbeitsunfähigkeitsgrad von 70
Prozent resultierte bei diesen Vergleichseinkommen ein Invaliditätsgrad von 77,98 bzw.
78 Prozent, der ebenfalls zum Bezug einer ganzen Rente berechtigen würde.
2.3 Da die Entstehung des Rentenanspruchs gemäss dem Art. 28 Abs. 1 IVG nicht
bloss eine Invalidität in einem rentenbegründenden Ausmass, sondern auch die
Erfüllung des so genannten Wartejahres voraussetzt, muss für den Beginn des
Rentenanspruchs der Zeitpunkt ermittelt werden, in dem eine rentenbegründende
Invalidität vorgelegen hat und dem mindestens ein Jahr vorausgegangen ist, in dem
eine Arbeitsunfähigkeit von durchschnittlich mindestens 40 Prozent bestanden hatte.
Die Erfüllung des Wartejahres muss also immer retrospektiv geprüft werden (vgl.
Tobias Bolt, Erfüllung des Wartejahres bei Veränderungen des Gesundheitszustandes,
in: JaSo 2012, S. 123 ff., insb. S. 135). Diese Voraussetzung ist vorliegend im
September 2006 noch nicht erfüllt gewesen, denn der Beschwerdeführerin sind bereits
kurz nach dem Unfall vom 2. April 2005 leidensadaptierte Tätigkeiten sowie der erlernte
Beruf der Zahnarztgehilfin aus somatischer Sicht wieder vollumfänglich zumutbar
gewesen, weshalb angesichts der nicht bewiesenen Arbeitsunfähigkeit aus
psychiatrischen Gründen vor September 2006 keine Arbeitsunfähigkeit im Sinne des
Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG belegt ist. Eine das Wartejahr auslösende Arbeitsunfähigkeit ist
erst ab September 2006 bewiesen, weshalb der Beginn des Rentenanspruchs
entsprechend in die Zukunft „verschoben“ werden muss. Mit anderen Worten hat die
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Beschwerdeführerin erst im September 2007 die Voraussetzung des Vorliegens einer
rentenbegründenden Invalidität und die Voraussetzung des Nachweises einer während
eines Jahres bestanden habenden Arbeitsunfähigkeit von durchschnittlich mindestens
40 Prozent erfüllt. Wie in der E. 2.2 des Entscheides IV 2011/43 vom 19. Dezember
2013 ausgeführt worden ist, hat die „verspätete“ Anmeldung im Juni 2007 bloss den
Untergang eines allfälligen Rentenanspruchs vor Juni 2006 zur Folge haben können,
womit der Zeitpunkt der Anmeldung die Zusprache einer ganzen Rente ab dem
1. September 2007 nicht ausschliesst.
3. Die angefochtene Verfügung, mit der der Beschwerdeführerin eine halbe Rente
ab Juli 2007 und eine ganze Rente ab April 2008 zugesprochen worden ist, ist folglich
aufzuheben und durch die Zusprache einer ganzen Rente ab dem 1. September 2007
zu ersetzen. Damit obsiegt die Beschwerdeführerin, die die Zusprache einer ganzen
Rente ab dem 1. August 2006 beantragt hat, bloss teilweise. Dem entsprechenden
„Überklagen“ ist bei der Kosten- und Entschädigungsregelung aber keine Rechnung zu
tragen, weil die Beschwerdeführerin mit ihrem Hauptanliegen, der Korrektur der
rechtswidrigen Verfügung, vollumfänglich durchgedrungen ist, und weil sie mit ihrem
„Überklagen“ keinen nennenswerten Mehraufwand verursacht hat. Folglich hat die
Beschwerdegegnerin die auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten sowie die
Kosten der weiteren Abklärungen von 878,10 Franken (MEDAS Ostschweiz: 728,10
Franken; Kliniken Valens: 150 Franken) zu bezahlen und der Beschwerdeführerin eine
Parteientschädigung auszurichten, die angesichts des leicht überdurchschnittlichen
Vertretungsaufwandes mit einem zweiten kantonalen Beschwerdeverfahren auf 5’000
Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.