Decision ID: 088c1053-e001-566c-af98-b7c1d76130ed
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ wurde im Dezember 2015 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung angemeldet (IV-act. 10). Die Psychotherapeutin lic. phil. dipl.
Psych. FH B._ berichtete am 9. Dezember 2015 (IV-act. 8), die Mutter der
Versicherten leide an einer Persönlichkeitsstörung; im Sommer 2014 sei es zu einer
psychischen Dekompensation gekommen; sie habe hospitalisiert werden müssen. Der
Kindsvater sei unbekannt. Im August 2014 seien die Versicherte und ihre Schwester bei
der Tante platziert worden. Dadurch sei es zu einem Schulortwechsel gekommen. Da
die Versicherte die dritte Klasse habe repetieren müssen, habe sie im Herbst 2014
erneut die Klasse wechseln müssen. Die neue Lebenssituation, der Schul- und der
anschliessende nochmalige Klassenwechsel und der Wechsel des Freundeskreises
hätten sie stark verunsichert, was sich zunächst auch negativ auf die schulischen
Leistungen ausgewirkt habe. Trotz der Wiederholung des Schulstoffes habe die
Versicherte enorme Startschwierigkeiten gehabt. Dank der durch die häufig erlebten
dramatischen Situationen mit der Mutter angelernten Flexibilität habe sie sich dann
aber recht gut auf die neuen Lebensumstände einlassen können. Auch schulisch habe
sie sich auffangen können. Sie fühle sich unter der Obhut der Pflegeeltern beschützt
und entlastet, leide aber unter einer grossen inneren Ambivalenz ihrer Mutter
gegenüber und unter dem fehlenden Vater. Sie sei emotional sehr bedürftig und
bemühe sich stark um Anerkennung und Zuwendung. Angesichts der bevorstehenden
Pubertät sei eine Weiterführung der im Januar 2015 (vgl. IV-act. 14) begonnenen
Psychotherapie sehr wichtig. Im Februar 2016 gab die Kinder- und Jugendpsychiaterin
Dr. med. C._ an (IV-act. 13), die Versicherte leide an einer Anpassungsstörung mit
einer massiven Beeinträchtigung der Schulleistungen, einer Selbstwertstörung und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einer zeitweiligen depressiven Symptomatik. Bei einer Weiterführung der
Psychotherapie sei die Prognose bezüglich des Schulerfolgs, einer späteren
erstmaligen beruflichen Ausbildung und der Integration in den ersten Arbeitsmarkt
günstig. Ohne eine weitere Therapie sei die Gefahr einer massiven Verschlechterung
gross, da die bislang erzielten Fortschritte noch nicht gefestigt seien. Eine solche
Verschlechterung würde den schulischen Erfolg und damit auch die spätere berufliche
Eingliederung massiv gefährden.
A.b Am 30. Mai 2016 notierte Dr. med. D._ vom IV-internen regionalen ärztlichen
Dienst (RAD), eine Anpassungsstörung stelle keinen versicherungsmedizinischen
Gesundheitsschaden dar, der eine Leistungspflicht der Invalidenversicherung auslösen
könne (IV-act. 17). Mit einem Vorbescheid vom 31. Mai 2016 teilte die IV-Stelle der
Beiständin der Versicherten mit (IV-act. 19), dass sie die Abweisung des
Leistungsbegehrens betreffend die Vergütung der Kosten für eine Psychotherapie
vorsehe. Zur Begründung führte sie an, die Anpassungsstörung stelle keine
Gesundheitsbeeinträchtigung dar. Dabei verwies sie auf die Rz. 645.1 des
Kreisschreibens über die medizinischen Eingliederungsmassnahmen der
Invalidenversicherung (KSME), laut der es sich bei Psychopathien und Neurosen
(Verhaltensstörungen) nicht um stabilisierte Zustände handle, die medizinische
Massnahmen der Invalidenversicherung rechtfertigen würden. Dagegen liess die nun
anwaltlich vertretene Versicherte am 30. Juni 2016 einwenden (IV-act. 25), gestützt auf
die Angaben der behandelnden Psychiaterin stehe fest, dass die Versicherte an einer
psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung leide. Die gegenteilige, nicht begründete
Auffassung der RAD-Ärztin überzeuge nicht. Die Voraussetzungen für die Vergütung
der Kosten für eine Psychotherapie gestützt auf den Art. 12 IVG seien erfüllt. Nachdem
die RAD-Ärztin Dr. D._ am 20. September 2016 notiert hatte, die Eingabe vom 30.
Juni 2016 enthalte keine neuen medizinischen Angaben (IV-act. 26), wies die IV-Stelle
das auf die Vergütung der Kosten der Psychotherapie abzielende Leistungsbegehren
mit einer Verfügung vom 28. September 2016 ab (IV-act. 27).
B.
B.a Dagegen liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) am 1.
November 2016 eine Beschwerde erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Aufhebung der Verfügung vom 28. September 2016, die Vergütung der Kosten der
Psychotherapie durch die Invalidenversicherung und eventualiter die Rückweisung der
Sache an die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zur weiteren Abklärung.
Zur Begründung führte er an, die Beschwerdegegnerin habe sich nicht mit der Eingabe
vom 30. Juni 2016 auseinandergesetzt, was als eine Verletzung des Anspruchs der
Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör zu qualifizieren sei. Offenbar gehe sie
weiterhin davon aus, dass die Anpassungsstörung keine relevante
Gesundheitsbeeinträchtigung darstelle. Diese Auffassung überzeuge nicht und sei von
der Beschwerdegegnerin auch gar nicht begründet worden. Der Beschwerde lag eine
Stellungnahme von Dr. C._ vom 17. Oktober 2016 bei (act. G 1.6). Diese hatte
ausgeführt, sie verstehe die Abweisung des Leistungsbegehrens nicht. Die
Anpassungsstörung könne mit einer Psychotherapie günstig beeinflusst werden. Ohne
eine Psychotherapie sei der Eingliederungserfolg gefährdet, da die belastende
Situation ja weiterhin andauere. Die behandelnde Psychologin hatte am 21. Oktober
2016 festgehalten (act. G 1.7), die Abweisung des Leistungsbegehrens sei nicht
nachvollziehbar. Eine Begründung sei nicht ersichtlich. Die Beschwerdeführerin sei
über Jahre hinweg wiederholter Gewalt, einer emotionaler Vernachlässigung und einer
ständigen Unsicherheit durch die psychische Krankheit der Mutter ausgesetzt
gewesen, was eine gesunde Entwicklung verunmöglicht habe. Das habe sich auf die
schulischen Leistungen ausgewirkt: Trotz einer normalen Intelligenz sei die
Beschwerdeführerin nicht in der Lage gewesen, hinreichende schulische Leistungen zu
erzielen. Bei einer Weiterführung der therapeutischen Unterstützung sei die Prognose
für eine spätere berufliche Eingliederung günstig.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 16. Februar 2017 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 6). Zur Begründung verwies sie im Wesentlichen auf eine
Stellungnahme der RAD-Ärztin Dr. D._ vom 20. Januar 2017 (IV-act. 37). Diese hatte
ausgeführt, Dr. C._ habe keine psychopathologischen Befunde erwähnt, sondern nur
die schwierigen psychosozialen Umstände thematisiert. Auch die behandelnde
Psychologin habe keine Symptome angeführt. Eine therapeutische Vorkehr, deren
Wirkung sich in der Unterdrückung von Symptomen erschöpfe, stelle keine
medizinische Massnahme im Sinne des Art. 12 IVG dar. Eine günstige Beeinflussung
der Krankheitsdynamik genüge alleine nicht, wenn nicht eine kausal auf die
therapeutische Massnahme zurückzuführende Heilung erwartet werden könne. Deshalb
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
könnten die Voraussetzungen des Art. 12 IVG nicht erfüllt sein, obwohl die
Psychotherapie aus medizinischer Sicht indiziert sei.
B.c Die Beschwerdeführerin liess am 24. April 2017 an ihren Anträgen festhalten (act.
G 10). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 14).

Erwägungen
1.
Die Beschwerdeführerin hat eine Verletzung ihres Anspruchs auf rechtliches Gehör (Art.
42 ATSG) geltend gemacht, wobei sich ihren Ausführungen aber entnehmen lässt, dass
sie damit eigentlich eine Verletzung der Begründungspflicht (Art. 49 Abs. 3 ATSG)
gemeint hat. Tatsächlich hat es die Beschwerdegegnerin versäumt, sich mit den in der
Eingabe vom 30. Juni 2016 enthaltenen Einwänden der Beschwerdeführerin
auseinanderzusetzen. Sie hat jene Eingabe lediglich der RAD-Ärztin vorgelegt. Diese
hat nur festhalten können, dass die Eingabe keine neuen medizinischen Tatsachen
enthalte. Mit den juristischen Einwänden hat sich die Beschwerdegegnerin gar nicht
befasst. Damit hat sie das „Vorbescheidsverfahren“ im Ergebnis auf eine reine Formalie
reduziert, was sich nicht mit dem Sinn und Zweck des Art. 57a IVG vereinbaren lässt
und folglich als rechtswidrig qualifiziert werden muss. Diese verfahrensrechtliche
Rechtswidrigkeit könnte nur durch die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und
die Rückweisung der Sache an die Beschwerdegegnerin zur (eingehenden) Befassung
mit der Eingabe vom 30. Juni 2016 und zur anschliessenden neuen Verfügung behoben
werden. Nun hat die Beschwerdeführerin aber keinen entsprechenden
Beschwerdeantrag gestellt. Ihre Anträge und die Begründung dieser Anträge können
gesamthaft nur so verstanden werden, dass die Beschwerdeführerin eine rasche
Behandlung ihres Leistungsbegehrens der Korrektur der Verfahrensrechtswidrigkeit
vorzieht. Rechtsprechungsgemäss kann in einer solchen Situation die
Verfahrensrechtswidrigkeit im Interesse einer Verfahrensbeschleunigung ignoriert
werden. Das wird in aller Regel missverständlich als „Heilung“ bezeichnet, obwohl der
Mangel ja gerade nicht geheilt wird, sondern bestehen bleibt. Jedenfalls rechtfertigt es
sich vorliegend nicht, die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur
Behebung der Verfahrensrechtswidrigkeit an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
2.1 Eine invalide oder von einer Invalidität bedrohte versicherte Person hat gemäss
dem Art. 8 Abs. 1 IVG einen Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese
notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit zu erhalten oder zu verbessern, und
soweit die Voraussetzungen für den Anspruch auf eine spezifische
Eingliederungsmassnahme erfüllt sind. Zu den Eingliederungsmassnahmen zählen
gemäss dem Art. 8 Abs. 3 lit. a IVG auch die medizinischen Massnahmen. Laut dem
Art. 12 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person bis zum vollendeten 20. Altersjahr einen
Anspruch auf medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an
sich, sondern unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben gerichtet und
geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor
einer wesentlichen Beeinträchtigung zu bewahren.
2.2 Die Beschwerdeführerin leidet gemäss den überzeugenden Angaben der
behandelnden Psychiaterin Dr. C._ an einer Anpassungsstörung, das heisst an einer
psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung. Diese findet ihren Grund zwar in einer
belastenden sozialen Situation, aber das ändert nichts daran, dass es sich dabei
(mittlerweile) um eine eigenständige, krankheitswertige Störung der psychischen
Gesundheit der Beschwerdeführerin handelt. Mit anderen Worten kann nicht behauptet
werden, mit einer Entlastung hinsichtlich der sozialen Umstände fielen die Symptome
der Beschwerdeführerin dahin. Gegen eine solche, offenbar von der RAD-Ärztin Dr.
D._ (ohne jede Begründung) vertretene Auffassung spricht auch der Verlauf, denn
obwohl die Beschwerdeführerin fremdplatziert werden konnte und obwohl sie davon
offenbar wesentlich profitiert hat, hat sie weiterhin an der psychischen
Gesundheitsbeeinträchtigung gelitten. Die behandelnde Psychologin und die
behandelnde Psychiaterin haben mit einer überzeugenden Begründung aufgezeigt,
dass sich die Anpassungsstörung negativ auf die schulischen Leistungen der normal
intelligenten Beschwerdeführerin ausgewirkt hat. Die Anpassungsstörung ist also
geeignet gewesen, die (spätere) Erwerbsfähigkeit der Beschwerdeführerin zu gefährden
respektive die (spätere) berufliche Ausbildung und Eingliederung zu erschweren oder
allenfalls gar zu verunmöglichen. Durch die Anpassungsstörung ist die
Beschwerdeführerin folglich von einer Invalidität bedroht gewesen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3 Die RAD-Ärztin Dr. D._ hat die Notwendigkeit einer Psychotherapie aus
medizinischer Sicht bejaht. Sie hat aber nicht nur diese medizinische Einschätzung
abgegeben, sondern zusätzlich versucht, eine juristische Würdigung des Sachverhaltes
vorzunehmen. Sie hat nämlich geltend gemacht, die Psychotherapie bezwecke nur eine
Unterdrückung der Symptome der Anpassungsstörung und diene nicht deren Heilung,
weshalb die Invalidenversicherung keine Leistungspflicht für die Therapiekosten treffen
könne. Damit hat sie nicht nur ihre fachliche Kompetenz überschritten, sondern sie hat
auch verkannt, dass die Psychotherapie im damaligen Zeitpunkt bereits eine
wesentliche Besserung des psychischen Gesundheitszustandes der
Beschwerdeführerin bewirkt gehabt hatte. Vor diesem Hintergrund kann offensichtlich
nicht die Rede von einer blossen Symptomunterdrückung sein. Auch der
Eingliederungserfolg der auf eine Förderung der schulischen Leistungen mittels einer
Besserung des psychischen Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin
abzielenden Psychotherapie lässt sich nicht leugnen. Bereits vor dem Erlass der
angefochtenen Verfügung hatten diesbezüglich nämlich schon wesentliche Fortschritte
erzielt werden können, was zeigt, dass die Psychotherapie geeignet war und ist, die
(spätere) Erwerbsfähigkeit der Beschwerdeführerin günstig zu beeinflussen. Gestützt
auf die überzeugenden Ausführungen der behandelnden Psychologin und der
behandelnden Psychiaterin steht zudem mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass ein Abbruch der Psychotherapie im
Zeitpunkt der Eröffnung der angefochtenen Verfügung den bereits erzielten Erfolg
gefährdet hätte. Gesamthaft sind die Voraussetzungen für die Vergütung der Kosten
der Psychotherapie durch die Invalidenversicherung folglich erfüllt. Die angefochtene
Verfügung erweist sich damit als rechtswidrig, weshalb sie aufzuheben und durch die
Feststellung zu ersetzen ist, dass die Beschwerdeführerin einen Anspruch auf eine
Psychotherapie hat. Damit ist das Verwaltungsverfahren allerdings noch nicht
abgeschlossen, denn das auf einen rechtsgestaltenden Entscheid abzielende Begehren
um die Vergütung der Kosten einer Psychotherapie kann nur mit einer
rechtsgestaltenden Verfügung abschliessend behandelt werden. Die Sache ist deshalb
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Diese wird die Auswahl der sogenannten
Durchführungsstellen und die Vergütungspflicht in Bezug auf die durchgeführten
psychotherapeutischen Behandlungen prüfen und anschliessend neu verfügen.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Gerichtskosten von 600 Franken sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Der Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete Kostenvorschuss von
600 Franken zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin
eine Parteientschädigung auszurichten. Angesichts des sehr geringen Aktenumfangs
ist von einem deutlich unterdurchschnittlichen Aufwand für das Aktenstudium und
folglich auch von einem insgesamt deutlich unterdurchschnittlichen erforderlichen
Vertretungsaufwand auszugehen. Die Parteientschädigung wird deshalb auf 1'500
Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt.