Decision ID: 0e01c1c3-142f-560b-9358-e9fdbed9ada9
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X (geb. 0000) ist als Rechtsanwalt selbständig erwerbstätig. Er ist zudem
Alleinaktionär und Mitglied des Verwaltungsrats der am 0. XXXX 0000 ins
Handelsregister eingetragenen A S.A. mit Sitz in B (nachfolgend A). Diese Gesellschaft
bezweckt im Wesentlichen das Fahrzeuggeschäft, (...).
B.- X wurde am 14. März 2017 für die Kantons- und Gemeindesteuern 2013 mit einem
satzbestimmenden steuerbaren Einkommen von Fr. 000'000.– und einem
satzbestimmenden steuerbaren Vermögen von Fr. 0'000'000.– und für die direkte
Bundessteuer 2013 mit einem steuerbaren Einkommen von Fr. 000'000.– veranlagt.
Dabei rechnete die Steuerbehörde dem Total der Einkünfte eine im Jahr 2013 bei der A
eingegangene Zahlung der E Holding AG (nachfolgend E), in der Höhe von
Fr. 300'000.– als Einkommen aus selbständiger Erwerbstätigkeit (Honorarertrag aus
anwaltlicher Tätigkeit) sowie Ertrag aus Eigennutzung von Immobilien von Fr. 727.–
hinzu. Wegen des dadurch erhöhten Nettoeinkommens wurde der deklarierte Abzug für
Krankheits- und Unfallkosten in der Höhe von Fr. 3'943.– nicht zugelassen. Hinsichtlich
des Vermögens legte die Veranlagungsbehörde den in der Steuererklärung mit
Fr. 1'000.– angegebenen Steuerwert der A-Aktie auf Fr. 4'400.– fest, was eine
Erhöhung des steuerbaren Vermögens um Fr. 340'000.– zur Folge hatte. Die dagegen
erhobenen Einsprachen wurden mit Entscheid des Kantonalen Steueramts vom 24. Mai
2018 hinsichtlich der Kantons- und Gemeindesteuern 2013 teilweise gutgeheissen.
Dieses erwog, da der Honorarertrag von Fr. 300'000.– dem Einzelunternehmen des
Einsprechers zuzurechnen sei und nicht der A, betrage der Steuerwert der A-Aktie
nicht Fr. 4'400.–, sondern nur noch Fr. 1.–. X wurde für die Kantons- und
Gemeindesteuern 2013 mit einem satzbestimmenden steuerbaren Einkommen von
Fr. 000'000.– und einem satzbestimmenden steuerbaren Vermögen von Fr. 000'000.–
(Fr. '0'000'000.– abzüglich Fr. 440'000.–) veranlagt. Die Einsprache gegen die
Veranlagung der direkten Bundessteuer 2013 wurde demgegenüber, ebenfalls mit
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entscheid vom 24. Mai 2018, abgewiesen und das steuerbare Einkommen von
Fr. 000'000.– bestätigt. Die Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen
(VRK) hiess die dagegen erhobenen Rechtsmittel mit Entscheiden vom 20. Juni 2019
teilweise gut. Sie erwog, der Sachverhalt sei nicht hinreichend geklärt, namentlich sei
unklar, auf welchem Weg die Fr. 300'000.– X zugeflossen sein sollen. Die
Angelegenheit wurde zur Klärung des Sachverhalts im Sinne der Erwägungen und zu
neuen Entscheiden an die Vorinstanz zurückgewiesen (VRKE I/1-2018/133, 134).
C.- Mit Schreiben vom 18. September 2019 setzte das Kantonale Steueramt das
Einspracheverfahren fort und forderte X auf, verschiedene Kontoauszüge einzureichen.
Nach mehrmaligem Schriftenwechsel gingen diese am 12. und 13. November 2019 bei
der Veranlagungsbehörde ein. Mit Entscheiden vom 5. Februar 2020 hiess das
Kantonale Steueramt die Einsprache insofern teilweise gut, als es – wie bereits in den
Einspracheentscheiden vom 24. Mai 2018 – die A-Aktien mit einem reduzierten
Steuerwert von Fr. 1.– berücksichtigte. An den Aufrechnungen von Fr. 300'000.–
(Einkünfte aus selbständiger Erwerbstätigkeit), Fr. 727.– (Ertrag aus Eigennutzung von
Immobilien) und Fr. 3'943.– (Krankheitskostenabzug) hielt es jedoch, ohne weiter
darauf einzugehen, fest und veranlagte X für die Kantons- und Gemeindesteuern 2013
mit einem satzbestimmenden steuerbaren Einkommen von Fr. 000'000.– und einem
satzbestimmenden steuerbaren Vermögen von Fr. 000'000.– und für die direkte
Bundessteuer mit einem steuerbaren Einkommen von Fr. 000'000.–.
D.- Mit Eingabe vom 9. März 2020 erhob X Rekurs und Beschwerde bei der VRK und
beantragte Folgendes:
"1. Die beiden Einsprache-Entscheide in Sachen Kantons- und Gemeindesteuer 2013
sowie Direkte Bundessteuer 2013, nebst den aufgeführten Anhängen, seien
aufzuheben, soweit im Rahmen der Einspracheverfügung nicht bereits aufgehoben;
2. Ev., die Hinzurechnung eines Steuersubstrats, die A SA betreffend, zur
selbständigen Tätigkeit des Rekurrenten/Bf, sei aufzuheben;
3. Subev.: Die Hinzurechnung eines Steuersubstrats, welches bereits für die
Veranlagung einer Drittperson (juristische Person) verwendet wurde, sei als unzulässig
zu erklären;
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4. Die Auswirkung der erwähnten Hinzurechnung, auf die Veranlagungen, bezüglich
der hier zur Rede stehenden Steuergläubiger, sowie die Aktienbewertung bezüglich A
SA seien entsprechend zu korrigieren, ev., die Sache sei im entsprechenden Sinne an
die VI zurückzuweisen; ferner sei der Abzug für Krankheits- und Unfallkosten zu
gewähren;
5. Der vorliegenden Beschwerde sei gegebenenfalls aufschiebende Wirkung zu
verleihen;
6. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge."
Der damalige Verfahrensleiter teilte dem Steuerpflichtigen am 10. März 2020 mit, die
Veranlagungsberechnungen seien nicht anfechtbar. Gegen die
Veranlagungsverfügungen, Schlussrechnungen und Verzugszinsrechnungen könne
Einsprache erhoben werden. Es seien ihm offenbar Veranlagungsverfügungen und eine
Schlussrechnung für die Kantons- und Gemeindesteuern 2013 mit unterschiedlichem
Inhalt zugestellt worden, was auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar sei. Darauf sei
aber nicht weiter einzugehen, da mit der Anfechtung der Einspracheentscheide die
Schlussrechnungen als aufgehoben gälten und nach dem Entscheid über die
Veranlagung neue zugestellt würden.
Das Kantonale Steueramt beantragte mit Stellungnahme vom 30. April 2020 die
Abweisung des Rekurses und der Beschwerde. Dazu liess sich X am 3. Juli 2020
vernehmen. Die Eidgenössische Steuerverwaltung verzichtete auf eine Vernehmlassung
zur Beschwerde.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge wird,
soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Angefochten sind die Einspracheentscheide hinsichtlich der Kantons- und
Gemeindesteuern 2013 und der direkten Bundessteuer 2013. Hierbei handelt es sich
um verschiedene Steuern, welche verschiedenen Gemeinwesen zufliessen und welche
Gegenstand getrennter Veranlagungen und Verfahren sind. Dies bedeutet, dass zwei
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entscheide zu fällen sind, die in einem einzigen Dokument enthalten sein können – der
eine für die Kantons- und Gemeindesteuern und der andere für die direkte
Bundessteuer – mit getrennten Begründungen, wobei Verweisungen zulässig sind, und
eigenen Rechtssprüchen (Dispositiven) oder zumindest einem Rechtsspruch, der die
beiden Steuern ausdrücklich auseinanderhält (BGE 130 II 509 E. 8.3 = Pra 94 [2005]
Nr. 114). Dementsprechend werden der Rekurs und die Beschwerde in einem einzigen
Dokument behandelt und die Steuern im gemeinsamen Rechtsspruch
auseinandergehalten. Spätere höchstrichterliche Differenzierungen bezüglich Form und
Inhalt von Entscheiden (BGE 135 II 260 E. 1.3.1 und 142 II 293 E. 1.2) haben an der
Zulässigkeit dieser Vorgehensweise nichts geändert.
2.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rechtsmittelerhebung ist gegeben. Rekurs
und Beschwerde sind rechtzeitig eingereicht worden. Sie erfüllen in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 194 Abs. 1 des St. Galler
Steuergesetzes, sGS 811.1, abgekürzt: StG; Art. 140 des Bundesgesetzes über die
direkte Bundessteuer, SR 642.11, abgekürzt: DBG; Art. 7 Abs. 1 der Verordnung zum
Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer, sGS 815.1; Art. 41 lit. h Ziff. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs und die Beschwerde ist einzutreten.
3.- Umstritten ist, ob die Vorinstanz dem Einkommen aus selbständiger Tätigkeit zu
Recht Fr. 300'000.– hinzurechnete.
a) Die Vorinstanz machte im Wesentlichen geltend, die A habe im Jahr 2013 eine
Vergütung der E in der Höhe von Fr. 300'000.– verbucht. Gemäss einer Erklärung
dieser Gesellschaft – die gemäss Handelsregisterauszug unter anderem den Erwerb
und die Veräusserung von Beteiligungen an Unternehmen irgendwelcher Art bezwecke
– sei diese Zahlung für Projektbearbeitungen, Beratungen und Interventionen geleistet
worden. Entsprechende Rechnungen oder Abrechnungen habe der Pflichtige jedoch
trotz Aufforderung nicht eingereicht. Es sei deshalb davon auszugehen, dass es sich
bei den erbrachten Dienstleistungen um anwaltliche Tätigkeiten gehandelt habe, zumal
die A in den letzten Jahren inaktiv gewesen sei und nie angefangene Arbeiten verbucht
habe. Bis heute habe der Steuerpflichtige den Nachweis nicht erbracht, dass die A
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
tatsächlich für die E tätig geworden sei. Der streitige Honorarertrag sei am 5.
September 2013 auf ein im Jahr 2013 eröffnetes und wieder saldiertes Konto bei der
Migros Bank vergütet worden. Am 13. und 23. September 2013 seien sodann zwei
Barbezüge von je Fr. 10'000.– getätigt und am 26. September 2013 ein Übertrag
(Liberierung Z Verwaltung AG) verbucht worden. Schliesslich sei das Konto am
4. Dezember 2013 aufgelöst und der Saldo von Fr. 179'941.– an den Steuerpflichtigen
überwiesen worden.
Letzterer hält dem zusammengefasst entgegen, die "Honorarerträge" der A seien nicht
ihm zugeflossen. Vielmehr habe er bei der A ein Guthaben gehabt, welches
buchhalterisch belegt gewesen sei. Dieses habe er nun seinem eigenen Vermögen
zugeführt. Der Geldfluss sei kein Honorar, sondern vielmehr die Folge seiner
Zusammenarbeit mit der A. Dies gehe im Übrigen auch aus dem Beleg der Migrosbank
vom 5. September 2013 hervor, wo die E den Buchungstext "A-Aktienerwerb"
verwendet habe. Dies könne nur die A betroffen haben, da er für sich selbst nie eine
Aktiengesellschaft gegründet habe. Es frage sich deshalb, wie der Fiskus auf den
Begriff „Entgelt“, das ihm zustehe, gekommen sei. Bei der A sei es darum gegangen,
sich auf dem Automobil- und Fortbewegungsmarkt eine Position zu schaffen. Um in
diesem Markt Fuss zu fassen, bedürfe es eines automobilistischen Hintergrunds. Es sei
darum gegangen zu sondieren, welche Gesellschaften in Schwierigkeiten bzw. zu
verkaufen gewesen seien, so die Unternehmen D oder C Cars. Diese hätten besucht
werden müssen. Im Erfolgsfall hätte man die Geschäfte nicht im Rahmen eines kleinen
Anwaltsbüros abwickeln wollen. Dass die Dinge nicht bis zum Abschluss gediehen
seien, sei im Wesentlichen auf die gesundheitlichen Probleme der
Firmenverantwortlichen zurückzuführen gewesen. Dieser Sachverhalt sei durch die E
bestätigt worden. Diese Gesellschaft wolle mit einschlägigen Unternehmen aus der
Branche kooperieren und nicht mit einem Rechtsanwalt. Er habe bei der E nie
Honorare geltend gemacht und sei von ihr auch nicht bezahlt worden. Deren Vergütung
dürfe daher nicht als ihm zugeflossenes Honorar qualifiziert werden. Die
jahrzehntelange Zusammenarbeit der beiden Firmen (A und E) sei selbstverständlich
nicht laufend buchhalterisch "aufgearbeitet" worden, da dies mit unverhältnismässig
hohem Aufwand verbunden gewesen wäre. Da er die Bestätigungen der E vom
1. Dezember 2015 und die entsprechenden Bankbelege eingereicht habe, sei er nun
nicht mehr beweisbelastet. Es sei eine Unverschämtheit sondergleichen, diese
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bestätigung zu hinterfragen. Die Vorinstanz habe sich in diesem Verfahren nicht um die
Belange der A zu kümmern, da diese ebenfalls der Steuerpflicht unterliege und
entsprechende Fragen beantworten könne. Der Verantwortliche der E sei nicht
einvernommen worden. Dessen Aussage werde jedoch als Beweismittel nach wie vor
offeriert, wobei diese das Veranlagungsverfahren der A betreffe.
b) Der Einkommenssteuer unterliegen alle Einkünfte aus einem Handels-, Industrie-,
Gewerbe-, Land- und Forstwirtschaftsbetrieb, aus einem freien Beruf sowie aus jeder
anderen selbständigen Erwerbstätigkeit (Art. 31 Abs. 1 StG, Art. 18 Abs. 1 DBG). Das
Reineinkommen der selbständig- bzw. freierwerbenden steuerpflichtigen Person ist
sogenannter Vermögensstandsgewinn. Es entspricht der Differenz zwischen dem
Eigenkapital am Ende des vorangegangenen und demjenigen am Ende des
abgeschlossenen Geschäftsjahres. Zu berücksichtigen sind zudem die nicht
abzugsfähigen Verminderungen des Geschäftsvermögens und die im laufenden
Geschäftsjahr vorgenommenen Privateinlagen (vgl. Richner/Frei/Kaufmann/Meuter,
Handkommentar zum DBG, 3. Aufl. 2016, Art. 18 N 70 ff.). Für die Beweislastverteilung
gilt die Grundregel, dass die Veranlagungsbehörde die steuerbegründenden oder -
erhöhenden Tatsachen zu beweisen hat, die steuerpflichtige Person dagegen jene
Tatsachen, welche die Steuerschuld mildern oder aufheben (Richner/Frei/Kaufmann/
Meuter, a.a.O., Art. 123 N 77).
Die subjektive Zuordnung von Einkommen und Vermögen natürlicher Personen ist ein
ungeschriebenes Element des Steuertatbestandes. Sie bildet ebenso Voraussetzung
wie Schranke einer allgemeinen, auf Generalklauseln (Art. 16 Abs. 1 DBG bzw. Art. 7
Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Harmonisierung der direkten Steuern der Kantone
und Gemeinden [SR 642.14, abgekürzt: StHG]) beruhenden Besteuerung des
Reinvermögenszugangs (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 2C_95/2013, 2C_96/2013
vom 21. August 2013 E. 2.1). Gemäss dem in Art. 16 DBG und Art. 29 Abs. 1 StG zum
Ausdruck gebrachten Konzept der Reinvermögenszugangstheorie unterliegen aufgrund
der Generalklausel von Art. 16 Abs. 1 DBG bzw. Art. 29 Abs. 1 StG und des nicht
abschliessenden Positivkatalogs (Art. 17 ff. DBG, Art. 30 ff. StG) alle wiederkehrenden
und einmaligen Einkünfte der direkten Bundessteuer und den Kantons- und
Gemeindesteuern. Vorbehalten bleiben die Kapitalgewinne aus der Veräusserung von
Privatvermögen (Art. 16 Abs. 3 DBG, Art. 29 Abs. 3 StG) und die im Negativkatalog von
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Art. 24 DBG und Art. 37 StG abschliessend aufgezählten Fälle (vgl. BGE 139 II 363
E. 2.1). Allgemein gilt, dass die subjektive Zuordnung im Steuerrecht mit der
zivilrechtlichen Sichtweise übereinstimmt, es sei denn, das Gesetz sehe eine
eigenständige steuerrechtliche Zurechnungsregel vor oder verfolge eine wirtschaftliche
Betrachtungsweise (BGer 2C_95/2013, a.a.O., E. 2.1). Letztere bildet aber auch im
Steuerrecht keine eigenständige Auslegungsregel. Sie ist vielmehr eine Folge dessen,
dass gewisse steuerrechtliche Rechtssätze auf einer wirtschaftlichen Begrifflichkeit
beruhen oder aber die an sich zivilrechtlichen Begriffe einen wirtschaftlichen Inhalt
tragen, und greift nur, aber immerhin, wenn der Normsinn das Abstellen auf den
wirtschaftlichen Gehalt des Sachverhalts erfordert. Soweit eine wirtschaftliche
Betrachtungsweise zugrunde zu legen ist, kommt diese einerseits bei der Würdigung
des rechtserheblichen Sachverhalts, anderseits bei der Auslegung der massgebenden
Rechtssätze zur Anwendung (vgl. BGer 2C_342/2016, 2C_343/2016 vom 23. Dezember
2016 E. 3.2.1 und 3.2.2; Blumenstein/Locher, System des schweizerischen
Steuerrechts, 7. Aufl. 2016, S. 35 ff.).
Ein Durchgriff von einer Aktiengesellschaft oder GmbH auf ihren beherrschenden
Anteilsinhaber kann nur (sehr) zurückhaltend angenommen werden. Im Privat- wie auch
im Steuerrecht gilt grundsätzlich das Trennungsprinzip, wonach im Interesse des
Vertrauensschutzes und der Rechtssicherheit an sich von der vollständigen rechtlichen
und tatsächlichen Trennung zwischen der Gesellschaft und ihren Gesellschaftern
auszugehen ist. So soll einer Einzelperson erlaubt werden, sich der Rechtsform der
Aktiengesellschaft oder der GmbH zu bedienen, um eine Haftungsbeschränkung zu
erreichen. Auf diese Weise wird auch dem Kleinunternehmer ermöglicht, seine private
und seine wirtschaftliche Tätigkeit zu trennen. Nur unter ganz bestimmten
Voraussetzungen darf die Trennung zwischen Gesellschaft und Gesellschaftern (im
Sinne eines "Durchgriffs" durch Erstere zu den Letzteren hin) aufgegeben werden. Das
gilt insbesondere bei rechtsmissbräuchlicher Verwendung der juristischen
Selbständigkeit der Gesellschaft, wird aber in der Praxis nur selten zugelassen (BGer
2C_396/2011 vom 26. April 2012 E. 4.2.1 mit Verweis auf BGE 136 I 65 E. 5.4).
c) aa) Vom streitigen Sachverhalt sind zwei verschiedene Steuersubjekte betroffen: der
Steuerpflichtige einerseits und die A anderseits. Die VRK hat bereits im Entscheid vom
20. Juni 2019 (VRKE IV-2018/133, 134) festgehalten, dass die Steuerveranlagung der A
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht Gegenstand des Verfahrens sei und Vorbringen zu dieser Gesellschaft nicht
umfassend überprüft werden könnten, zumal die Steuerunterlagen nur auszugweise
vorlägen. Es war damals namentlich unklar, ob die umstrittene Zahlung in den Büchern
der A erfasst wurde oder direkt dem Steuerpflichtigen zufloss. Mittlerweile ist erstellt,
dass die Vergütung in den Büchern der A verbucht wurde. Über die Art der
Geschäftsbeziehung zwischen der A und der E besteht jedoch nach wie vor Unklarheit,
da die entsprechenden (Steuer-)Unterlagen nicht vorliegen. Insbesondere lässt sich
nicht feststellen, welche Aktivitäten die A – allenfalls in Zusammenarbeit mit der E
zwecks Erwerbs einer Beteiligung – entwickelte, um im "Fortbewegungsmarkt" Fuss zu
fassen. Weiter ist anhand der Akten nicht nachvollziehbar, wie das in den Büchern der
A geführte Darlehen des Pflichtigen verwendet wurde. Aus der Steuererklärung 2013
der A ist einzig ersichtlich, dass in den Jahren 2007 bis 2012 jeweils Verluste deklariert
wurden – im Jahr 2011 waren es Fr. 114'063.– (act.6/3/22) –, was auf eine
geschäftliche Tätigkeit schliessen lässt. Darauf ist indes nicht weiter einzugehen, da
diese steuerlich relevanten Sachverhalte nicht in diesem Verfahren zu prüfen sind,
sondern im Veranlagungsverfahren der A, zumal die Vorinstanz kein
rechtsmissbräuchliches Handeln geltend machte oder nachwies. Somit besteht kein
Rechtfertigungsgrund für ein Durchbrechen des Trennungs- oder Sphärenprinzips
(vgl. BGer 5A_330/2012 vom 17. Juli 2012 E. 3.1 und 3.2 zum Rechtsmissbrauch,
insbesondere zum Erfordernis einer Massierung unterschiedlicher und
ausserordentlicher Verhaltensweisen im Sinn eigentlicher Machenschaften). Selbst
wenn ein solcher vorläge und der Steuerpflichtige und die A als wirtschaftliche Einheit
zu betrachten wären, würde dies bedeuten, dass vorerst der Gewinn der A nach der
allgemeinen handels- und steuerrechtlichen Ordnung korrekt zu ermitteln und dieser
anschliessend dem Steuerpflichtigen zuzuordnen wäre. Die A würde in diesem Fall
nicht als unabhängiges Steuersubjekt anerkannt (vgl. BGE 142 II 69 E. 5.1.4 = Pra 8
(2016) Nr. 60 S. 574 ff.; BK-Nobel, Das Aktienrecht: Systematische Darstellung, Bern
2017, § 15 N 8; zur Problematik des Durchgriffs von der Crone/Monsch, Durchgriff und
wirtschaftliche Einheit, in Schweizerische Zeitschrift für Wirtschafts- und
Finanzmarktrecht [SZW] 5/2013, S. 445 ff.).
bb) Gemäss der Jahresrechnung des Einzelunternehmens des Steuerpflichtigen betrug
der in die Steuererklärung 2013 (Ziff. 2.1) übertragene Jahresgewinn
(Vermögensstandsgewinn) per 31. Dezember 2013 Fr. 14'824.84. Der Ertrag wurde mit
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fr. 83'329.75 ausgewiesen, wovon Fr. 56'938.65 Honorare aus anwaltlicher Tätigkeit
(Vorjahr: Fr. 112'415.90). Die flüssigen Mittel (Kasse und Postcheckkonto) betrugen
Fr. 14'682.71 (Vorjahr: Fr. 32'371.33). Sodann wurde im Wertschriftenverzeichnis ein
Darlehen an die A in der Höhe von Fr. 85'471.– aufgeführt; es betrug per 31. Dezember
2012 noch Fr. 374'502.– (act. 6/3/22), was einer Amortisation in der Höhe von
Fr. 289'031.– während des Steuerjahres 2013 entspricht. Die 100 Inhaberaktien der A
wurden zum Nennwert von Fr. 100'000.– deklariert. Schliesslich führte der Pflichtige im
Wertschriftenverzeichnis (neu) auch ein Darlehen an die Z Verwaltung AG mit
damaligem Sitz in Zürich von Fr. 100'000.– auf. Weiter ist in tatsächlicher Hinsicht
unbestritten, dass die E der A am 5. September 2013 Fr. 300'000.– auf das
Kontokorrentkonto Nr. 547.551.90 bei der Migros Bank AG überwies, und zwar mit
dem Vermerk "A AG-Aktienanteile" (act. 6/3/39). Dieses Konto wurde, soweit aus den
Akten ersichtlich, im Jahr 2013 eröffnet und wieder saldiert. Jedenfalls wurden in den
Jahresabschlüssen 2012 und 2013 keine Bankkonten bilanziert, ebenso keine Post-
und Bargeldkonten (act. 6/3/22). Den grössten Teil dieses Geldes leitete die A im
selben Jahr an den Steuerpflichtigen weiter. So tätigte dieser am 13. und
23. September 2013 jeweils Barbezüge von je Fr. 10'000.– und liess am 26. September
2013 Fr. 100'000.– (unter Belastung einer Gebühr von Fr. 10.–) an die
Z Verwaltung AG überweisen. Gemäss Deklaration in der Steuererklärung des
Pflichtigen handelte es sich bei letzterem Betrag um ein Darlehen (act. 6/3/2). Der
Saldo des Kontokorrentkontos Nr. 547.551.90 bei der Migros Bank AG in der Höhe von
Fr. 179'941.40 wurde am 4. Dezember 2013 auf dem bei der Raiffeisenbank
Rorschacherberg-Thal geführten Liegenschaftskonto CH00 0000 0000 0000 0000 0
(Mehrfamilienhaus A) des Pflichtigen gutgeschrieben. Insgesamt flossen diesem somit
Fr. 299'941.40 zu (Fr. 299'951.40 abzüglich Fr. 10.– Bankgebühr).
cc) Der streitige wirtschaftliche Vorgang war somit zweigeteilt: er umfasste einerseits
eine Zahlung an die A und andererseits deren fast nahezu vollumfängliche
Weiterleitung an den Steuerpflichtigen. Der erste Teil dieser Transaktion bedarf keiner
besonderen privatrechtlichen Ausgestaltung; eine formlose Vergütung ist zulässig.
Steuersystematisch knüpft dieser Sachverhalt beim steuerbaren Reingewinn an, da der
Betrag in der Buchhaltung der A als Ertrag verbucht wurde (Kto.-Nr. 6001: Erlös aus
Arbeiten). Auch der zweite Teil des Geschäftsvorfalls erscheint aus privatrechtlicher
Sicht nachvollziehbar. Gemäss Steuerpflichtigem sei damit ein der A gewährtes
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Darlehen teilweise zurückbezahlt worden. Die Vorinstanz vertritt dagegen den
Standpunkt, die zivilrechtliche Ausgestaltung des Vorgangs (Darlehensrückzahlung)
werde dem wirtschaftlichen Sachverhalt nicht gerecht. Mit der Zahlung sei nämlich
nicht das Darlehen amortisiert, sondern eine anwaltliche Tätigkeit honoriert worden.
Wie es sich damit verhält, ist nachfolgend zu prüfen.
d) Die Darlehensschuld der A gegenüber dem Rekurrenten und Beschwerdeführer ist
unbestritten; sie wurde sowohl in den Büchern der A als auch in der Steuererklärung
des Pflichtigen per 31. Dezember 2013 mit Fr. 85'471.– deklariert und von der
Vorinstanz entsprechend diesen Angaben veranlagt. Letztere anerkannte das Darlehen,
soweit ersichtlich, auch in früheren Steuererklärungen. So betrug es per Ende 2012
noch Fr. 374'502.– und wurde demnach im Jahr 2013 um Fr. 289'031.– reduziert. Für
die Amortisation des Darlehens konnten einzig die dem Steuerpflichtigen im Jahr 2013
von der A zugeflossenen Fr. 299'941.40 verwendet werden, da dieser keine weiteren
Bezüge bei der A tätigte. Damit fällt eine Qualifizierung der finanziellen Zuflüsse als
Einkommen aus selbständiger Tätigkeit nur in dem die Amortisation übersteigenden
Betrag von Fr. 10'910.40 in Betracht. Dies spricht im Übrigen dafür, dass der streitige
Betrag tatsächlich der A vergütet wurde. Andernfalls wäre diese Gesellschaft gar nicht
in der Lage gewesen, die Darlehensschuld in diesem Umfang zu reduzieren. Gegen
eine Qualifizierung als Anwaltshonorar spricht auch, dass der Rekurrent und
Beschwerdeführer in den Jahresrechnungen 2012 und 2013 Honorarerträge von
Fr. 000'000.00 und Fr. 00'000.00 auswies. Ein Honorar von Fr. 300'000.– entspricht bei
einem mittleren Stundenansatz von Fr. 250.– (vgl. Art. 24 Abs. 1 der Honorarordnung,
sGS 963.75) einem Mandat von mehreren hundert Stunden und damit rund dem
doppelten der beiden Jahreserträge. Es ist nicht ersichtlich, inwiefern der
Steuerpflichtige in derart grossem Umfang für die E hätte anwaltlich tätig sein sollen,
zumal die (juristische) Tätigkeit im Investmentgeschäft in der Regel ein hohes Mass an
Spezialwissen erfordert. Insbesondere legte die Vorinstanz nicht dar, dass der
Steuerpflichtige auf diesem Gebiet ein Spezialist sei, was eine anwaltliche Tätigkeit in
diesem Bereich eher nahegelegt hätte (vgl. BGer 2C_95/2013, 2C_96/2013 vom
21. August 2013 E. 2).
e) Zusammenfassend ist somit nicht erstellt, dass der Steuerpflichtige im Jahr 2013
zusätzliche Honorarerträge in der Höhe von Fr. 300'000.– vereinnahmte. Hingegen
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ergibt sich, dass er in dieser Steuerperiode Fr. 10'910.40 von der A bezog; dieser
Betrag ist dem steuerbaren Einkommen zuzurechnen. Dies führt dazu, dass auch der
geltend gemachte Abzug für Krankheits-, Unfall- und Invaliditätskosten in der Höhe von
Fr. 3'943.– und der Steuerwert der A-Aktien neu zu berechnen sind. Die Vorinstanz hat
sich dazu nicht substanziert geäussert, weshalb das Gericht nicht darüber entscheiden
kann, ohne den Rechtsmittelweg des Steuerpflichtigen zu verkürzen. Die
Einspracheentscheide vom 5. Februar 2020 sind daher aufzuheben und die
Angelegenheit ist zur Prüfung eines allfälligen Abzugs für Krankheits-, Unfall- und
Invaliditätskosten sowie des Steuerwerts der A-Aktien und neuer Veranlagung (unter
Berücksichtigung von Einkünften aus selbständiger Erwerbstätigkeit in der Höhe von
Fr. 25'735.– [Fr. 14'825.– + Fr. 10'910.–]) und neuer Ausscheidung an die Vorinstanz
zurückzuweisen.
4.- Der Ausgang des Verfahrens entspricht einer teilweisen Gutheissung, wobei der
Rekurrent und Beschwerdeführer weitgehend obsiegt. Die amtlichen Kosten sind daher
dem Staat aufzuerlegen. Entscheidgebühren von je Fr. 800.– für das Rekurs- und das
Beschwerdeverfahren, insgesamt Fr. 1'600.–, erscheinen als angemessen (vgl. Art. 144
Abs. 5 DBG und Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Die
Kostenvorschüsse von insgesamt Fr. 1'600.– sind dem Rekurrenten und
Beschwerdeführer zurückzuerstatten.
Der Rekurrent hat die Anträge unter Entschädigungsfolge gestellt. Er hat Anspruch auf
eine ausseramtliche Entschädigung (Art. 98 VRP). Eine Kostennote wurde nicht
eingereicht. Unter Berücksichtigung sämtlicher Umstände, insbesondere des
Aufwandes für die Rekurs- und Beschwerdeeingabe, erscheint eine
Umtriebsentschädigung von insgesamt Fr. 600.–, je Fr. 300.– für das Rekurs- und
Beschwerdeverfahren, als angemessen. Entschädigungspflichtig ist der Staat
(Kantonales Steueramt).