Decision ID: 95c29373-d28d-5cb0-acfc-7a94a6323a0f
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Roland Hochreutener, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich nach Anmeldung zur Früherfassung am 29. Dezember 2010
zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung (IV) bei der IV-Stelle des Kantons
St. Gallen an (IV-act. 1, 5). Der Hausarzt des Versicherten, Dr. med. B._, Facharzt
FMH für Allgemeine Innere Medizin, gab im Gespräch mit dem IV-internen Regionalen
Ärztlichen Dienst (RAD) am 6. Januar 2010 (richtig: 2011) an, beim Versicherten
bestehe ein essentieller Tremor (PD 1999). Feinmotorische Tätigkeiten seien dem
Versicherten nicht mehr möglich; insbesondere könne er die zahnärztliche Tätigkeit
nicht mehr ausüben (vgl. das Gesprächsprotokoll vom 7. Januar 2011, unterschrieben
am 8. Januar 2011, IV-act. 17-1 f.). Dr. med. C._, Fachärztin FMH für Neurologie,
hatte im Bericht vom 15. April 2010 festgehalten, es sei offenbar zwischenzeitlich zu
einer Verschlechterung des essentiellen Tremors mit Beeinträchtigung der Arbeit
gekommen. Auf ein Parkinsonsyndrom ergäben sich klinisch weiterhin keine Hinweise
(IV-act. 17-7 f.). Im Bericht vom 4. Mai 2010 hatte Dr. med. D._, Facharzt FMH für
Kardiologie sowie Allgemeine Innere Medizin, ausgeführt, das Koronar-CT bestätige die
bekannte rechtsventrikuläre arrhythmogene Kardiomyopathie, wobei auch
linksventrikuläre Anteile betroffen seien (IV-act. 17-6).
A.b Am 20. Januar 2011 wurde der Versicherte von RAD-Arzt Dr. med. E._, Facharzt
für Herzchirurgie, untersucht. Im Bericht vom 25. Januar 2011 führte dieser aus,
aufgrund des essentiellen Tremors bestehe seit dem 27. September 2010 eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit in der Tätigkeit als Zahnarzt. Im Rahmen einer medizinisch
beratenden, gutachterlichen Tätigkeit bestehe eine volle Arbeitsfähigkeit. Ob diese auf
dem freien Arbeitsmarkt unter Berücksichtigung des Alters des Versicherten und der
angebotenen Stellen verwertbar sei, sei allerdings fraglich (IV-act. 28).
A.c Am 7. April 2011 fand zwischen der von der IV-Stelle mit der Eingliederung des
Versicherten beauftragten F._ GmbH und dem Versicherten ein Assessmentgespräch
statt. Im entsprechenden Bericht vom 13. April 2011 wurde festgehalten, der
Versicherte stehe einer beruflichen Neuorientierung sehr offen gegenüber.
Erschwerende Faktoren seien das Alter sowie der Umstand, dass sich die berufliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Laufbahn des Versicherten auf einen sehr spezialisierten Tätigkeitsbereich beschränkt
habe (IV-act. 35). Am 6. Mai 2011 unterzeichnete der Versicherte einen zusammen mit
der zuständigen Eingliederungsberaterin der IV-Stelle vorbereiteten Eingliederungsplan
(IV-act. 39). Mit Schreiben vom 26. Mai 2011 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit,
er habe Anspruch auf Arbeitsvermittlung durch F._ GmbH im Betrag von Fr.
18'000.-- sowie durch die IV-interne Eingliederungsberatung (IV-act. 44, 45).
A.d Von April 2011 bis März 2012 erfolgten die Arbeitsvermittlungsbemühungen durch
die F._ GmbH (vgl. das entsprechende Verlaufsprotokoll, IV-act. 55-4 ff.). Diese
waren nicht erfolgreich. Im Schlussbericht vom 7. März 2012 führte F._ von der F._
GmbH aus, die Stellensuche habe sich trotz intensiven Abklärungen äusserst schwierig
gestaltet. Im Januar 2012 habe sich bei der G._ AG die Möglichkeit eines
Arbeitseinsatzes im Bereich Beratung/Verkauf geboten. Der Versicherte habe jedoch
nicht gewünscht, einer Verkaufstätigkeit nachzugehen (IV-act. 55-3). Die zuständige
Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle führte im Schlussbericht der beruflichen
Eingliederung aus, eine 100%-Stelle als Gutachter oder Berufsschullehrer sei dem
Versicherten aus Sicht der Eingliederungsberatung zumutbar. Der Versicherte habe
bisher keine Festanstellung erhalten und suche weiterhin selbst nach einer Arbeitsstelle
(IV-act. 57). Mit Schreiben vom 2. April 2012 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit,
weitere berufliche Massnahmen seien nicht angezeigt (IV-act. 59).
A.e Mit Vorbescheid vom 24. Mai 2012 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
Ablehnung des Leistungsbegehrens bei einem nicht rentenbegründenden IV-Grad von
34% in Aussicht (IV-act. 68). Dagegen erhob der Rechtsvertreter des Versicherten am
22. Juni 2012 Einwand und beantragte die Zusprache einer ganzen Rente ab dem 1.
September 2011 sowie eventualiter die Vornahme weiterer Abklärungen. Es stehe fest,
dass mit Blick auf die gesundheitlichen Einschränkungen des Versicherten lediglich
noch eine Tätigkeit als Lehrer oder Gutachter in Betracht fallen könne. Eine
Lehrertätigkeit würde allerdings eine entsprechende Umschulung voraussetzen, welche
mit Blick auf das Alter des Versicherten nicht mehr zumutbar sei. Hinsichtlich der
Gutachtertätigkeit sei festzuhalten, dass der Versicherte bis anhin trotz professioneller
Unterstützung keinerlei Angebote erhalten habe. Es bestehe deshalb zweifelsohne
keine realistische Einsatzmöglichkeit mehr (IV-act. 71).
A.f Mit Verfügung vom 9. Juli 2012 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren gemäss
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Vorbescheid ab. Zum Einwand des Rechtsvertreters nahm sie dahingehend Stellung,
dass das Alter des Versicherten bei der Invaliditätsbemessung nicht berücksichtigt
werden könne (IV-act. 72).
B.
B.a Dagegen erhob der Rechtsvertreter am 5. September 2012 Beschwerde mit dem
Antrag, die Verfügung vom 9. Juli 2012 sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen
aufzuheben und es sei dem Beschwerdeführer eine ganze IV-Rente ab 1. September
2011 zu gewähren. Da die fehlende Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit klar erstellt
sei, liege ein eindeutiger Sachverhalt vor. Es werde entsprechend beantragt, die
vorliegende Streitsache einzelrichterlich zu beurteilen. Eventualiter werde eine
mündliche Verhandlung beantragt. Der Rechtsvertreter bestätigte im Wesentlichen
seinen im Einwand vom 22. Juni 2012 vorgebrachten Standpunkt. Im Sinne eines
Eventualantrages beantragte der Rechtsvertreter die Rückweisung der Streitsache an
die Beschwerdegegnerin zur Durchführung weiterer Abklärungen und zum Erlass einer
neuen Verfügung (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 5. Oktober 2012 beantragte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung wurde angeführt, es sei unbestritten,
dass eine Umschulung unverhältnismässig wäre. Auch das Alter des
Beschwerdeführers erschwere unbestrittenermassen die Verwertbarkeit seiner
Restarbeitsfähigkeit. Allerdings sei es von wesentlicher Bedeutung, dass der
Beschwerdeführer in seiner Arbeitsfähigkeit einzig qualitativ, jedoch nicht quantitativ
eingeschränkt sei und sich somit für eine Vollzeitstelle bewerben könne. Der
ausgeglichene Arbeitsmarkt halte für ihn zumutbare Stellen wie beratende bzw.
gutachterliche Tätigkeiten für Sozialversicherungen, andere öffentliche Institutionen
oder für die Pharmaindustrie bereit. Schliesslich sei nicht ersichtlich, weshalb noch
weitere Abklärungen durchgeführt werden sollten (act. G 4).
B.c Mit Replik vom 4. Dezember 2012 hielt der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers an seinen Anträgen fest und reichte zudem weitere ärztliche
Berichte von Dr. D._ vom 12. und 13. Dezember 2011 ein, gemäss welchen sich im
Vergleich zu früheren Untersuchungen eine deutlich geringere Leistungsfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gezeigt hat (act. G 9.1, 9.2). Er machte geltend, die koronare Herzkrankheit habe sich in
der Zeit von April/Mai 2010 bis Ende 2011 wesentlich verschlimmert und beeinträchtige
die Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers auch in quantitativer Hinsicht.
Schliesslich habe sich auch der Tremor zwischenzeitlich verschlimmert (act. G 9).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf die Einreichung einer Duplik (act. G 11).
B.e Mit Schreiben vom 14. November 2013 forderte das Versicherungsgericht die
Beschwerdegegnerin auf, Unterlagen zu den von der F._ GmbH im Rahmen ihrer
Arbeitsvermittlung durchgeführten Abklärungen erhältlich zu machen (act. G 16). Am
2. Dezember 2013 leitete die Beschwerdegegnerin dem Versicherungsgericht einen
internen E-Mail-Verkehr weiter, gemäss welchem die F._ GmbH über keinerlei
Unterlagen mehr verfüge, da sie sämtliche Akten der Versicherten nach einem Jahr
vernichte (vgl. act. G 19).
B.f Anlässlich der mündlichen Verhandlung vom 3. Dezember 2013 hielt der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers an seinen Anträgen fest und reichte
ergänzende Akten ein (act. G 20). Auf die Darlegungen des Beschwerdeführers wird –
soweit erforderlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. Die
Beschwerdegegnerin hatte mit Schreiben vom 12. November 2013 auf eine Teilnahme
an der mündlichen Verhandlung verzichtet (act. G 17).

Erwägungen:
1.
Zwischen den Parteien ist der Rentenanspruch des Beschwerdeführers umstritten.
1.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Sie kann Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Erwerbsunfähigkeit ist der durch
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Der Grad der für einen allfälligen Rentenanspruch
massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16 ATSG durch einen
Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die versicherte Person
nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der notwendigen und
zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen
könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Einkommen,
das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen).
1.2 Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 50% vor, so
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40% auf eine Viertelsrente.
1.3 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung gestellt haben. Nach dem
Grundsatz der freien Beweiswürdigung haben Versicherungsträger und
Sozialversicherungsgerichte die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche
Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des
Beweiswerts eines ärztlichen Gutachtens ist entscheidend, ob es für die Beantwortung
der gestellten Fragen umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die
geklagten Beschwerden berücksichtigt und sich mit diesen sowie dem Verhalten der
untersuchten Person auseinandersetzt, was vor allem bei psychischen
Fehlentwicklungen nötig ist, in Kenntnis der und gegebenenfalls in Auseinandersetzung
mit den Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, ob es in der Darlegung der
medizinischen Zustände und Zusammenhänge einleuchtet und ob die
Schlussfolgerungen des medizinischen Experten in einer Weise begründet sind, dass
die rechtsanwendende Person sie prüfend nachvollziehen kann (vgl. BGE 125 V 351 E.
3a, 122 V 157 E. 1c, je mit Hinweisen).
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 In medizinischer Hinsicht ist gemäss der vorliegenden Aktenlage erstellt, dass dem
Beschwerdeführer aufgrund des essentiellen Tremors die angestammte Tätigkeit als
Zahnarzt sowie feinmotorische Tätigkeiten im Allgemeinen nicht mehr zumutbar sind. In
adaptierten Tätigkeiten (insbesondere beratende oder gutachterliche Tätigkeiten) wird
dem Beschwerdeführer eine 100%ige Arbeitsfähigkeit attestiert (IV-act. 17-1 f., 28).
Zwischen den Parteien ist insbesondere streitig, ob der Beschwerdeführer in der Lage
ist, die attestierte Restarbeitsfähigkeit auf dem zu unterstellenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt zu verwerten. Aufgrund des Umstandes, dass die Unterlagen über die von
der F._ GmbH durchgeführten Abklärungen und Tests nicht mehr erhältlich zu
machen sind (act. G 19; vgl. vorstehend B.e), hat die Klärung der Frage, ob und
inwieweit der Beschwerdeführer seine Restarbeitsfähigkeit verwerten kann, aufgrund
der vorliegenden Akten zu erfolgen.
2.2 Während die Beschwerdegegnerin davon ausgeht, dass der ausgeglichene
Arbeitsmarkt für den Beschwerdeführer Stellen als Berater oder Gutachter für
Sozialversicherungen oder in der Pharmaindustrie bereit halte (act. G 4), stellt sich der
Beschwerdeführer auf den Standpunkt, es bestehe keine realistische
Einsatzmöglichkeit mehr (act. G 1).
2.2.1 Im Zusammenhang mit der Beurteilung der Zumutbarkeit der
Einkommenserzielung ist festzuhalten, dass sich Art und Mass dessen, was einem
Versicherten an Erwerbstätigkeit noch zugemutet werden kann, nach seinen
besonderen persönlichen Verhältnissen einerseits und nach den allgemein
herrschenden Anschauungen anderseits richten. Für die Zumutbarkeitsbeurteilung ist
letztlich insofern eine objektive Betrachtungsweise massgebend, als es nicht auf eine
bloss subjektiv ablehnende Bewertung der in Frage stehenden Erwerbstätigkeit durch
den Versicherten ankommt (BGE 109 V 25 E. 3c mit Hinweisen, vgl. auch Ulrich Meyer,
Die Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG, 2. Aufl. Zürich 2010, S. 294, mit
Hinweis).
2.2.2 Hinsichtlich der von der Beschwerdegegnerin als adaptierte Tätigkeit
vorgeschlagenen Gutachter- oder Beratungstätigkeit im medizinischen Bereich gilt es
zu beachten, dass der Beschwerdeführer lediglich im Bereich der Zahnmedizin als
Gutachter oder Berater arbeiten könnte. In diesem Bereich dürfte keine Nachfrage
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nach vollzeitlich oder in grossem Teilpensum tätigen Gutachtern bzw. Beratern
bestehen; dies insbesondere, weil zahnmedizinische Gutachten in der Praxis wohl fast
ausschliesslich von praktizierenden Zahnärzten verfasst werden. Dass der
Beschwerdeführer als nicht mehr praktizierender Zahnarzt eine entsprechende Stelle
findet, ist vorliegend als nicht realistisch zu erachten – entsprechende
Vermittlungsbemühungen durch die F._ GmbH blieben denn auch erfolglos (vgl. IV-
act. 55-4 ff). Mit dem höchstens erreichbaren kleinen Pensum in dieser Tätigkeit liesse
sich kein nennenswertes Invalideneinkommen erzielen. Hinzu kommt, dass gemäss der
nachvollziehbaren Darstellung des Beschwerdeführers an der mündlichen Verhandlung
vom 3. Dezember 2013 eine Gutachter- bzw. Beratertätigkeit gelegentlich auch eigene
Untersuchungen erfordert und ihm solche durch den Tremor kaum mehr möglich sind.
Vor diesem Hintergrund ist es dem Beschwerdeführer nicht möglich, seine
Restarbeitsfähigkeit als Gutachter oder Berater zu verwerten.
2.2.3 Im Zusammenhang mit einer möglichen Tätigkeit als (Berufsschul-)Lehrer ist
festzuhalten, dass der Beschwerdeführer, wie geltend gemacht, nicht über die
vorausgesetzten Diplome, wie beispielsweise das höhere Lehramt oder eine
Ausbildung als Berufsfachschullehrperson, verfügt. Eine solche Ausbildung wird aber
offensichtlich regelmässig verlangt, wie die Bewerbungsabsagen verdeutlichen (act. G
20-9.1, 9.2, 9.5, 9.6). Da eine Umschulung aufgrund des Alters des Beschwerdeführers
(Jahrgang 1950) unbestrittenermassen nicht verhältnismässig wäre, ist eine Verwertung
der Restarbeitsfähigkeit als Lehrer vorliegend zu verneinen. Auch hier erscheint im
Übrigen der Erhalt einer Stelle mit grossem Pensum (vgl. Erwägung 2.2.2) ohnehin
wenig realistisch.
2.2.4 In Bezug auf eine mögliche Tätigkeit als Verkäufer oder Aussendienstmitarbeiter
legte der Beschwerdeführer an der mündlichen Verhandlung glaubwürdig dar, dass
sich, entgegen den Ausführungen im Schlussbericht der F._ GmbH vom 7. März
2012 (IV-act. 55-2), nicht die konkrete Möglichkeit eines Arbeitseinsatzes im Bereich
Beratung/Verkauf bei der G._ AG geboten habe. Er habe gegenüber F._ Bedenken
geäussert, ob er sich für eine solche Tätigkeit eigne. Daraufhin sei die Möglichkeit eines
Einsatzes bei der G._ AG nicht weiter verfolgt worden. Zwischen ihm und der
Unternehmung habe keinerlei Kontakt stattgefunden. Wie darüber hinaus aus den
eingereichten Bewerbungsunterlagen hervorgeht, fehlt dem Beschwerdeführer an der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
für eine Tätigkeit im Aussendienst erforderlichen Erfahrung (vgl. auch das eingereichte
Stelleninserat, act. G 20-9) und darüber hinaus nach dem Eindruck des Gerichts an der
mündlichen Verhandlung vom 3. Dezember 2013 auch die nötige Eignung. Die Frage,
ob der Beschwerdeführer seine Restarbeitsfähigkeit im Rahmen einer Verkaufstätigkeit
verwerten könnte, kann jedoch insofern offen gelassen werden, als davon
ausgegangen werden muss, dass der Beschwerdeführer mit einer solchen Tätigkeit
kein über dem Hilfsarbeiterlohn liegendes Erwerbseinkommen zu erzielen vermöchte
(vgl. dazu nachstehende Erwägung 3.2).
2.3 Es stellt sich somit schliesslich die Frage, ob dem Beschwerdeführer adaptierte
Hilfsarbeiten zumutbar sind. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass
insbesondere bei Versicherten, die vor Eintritt der Invalidität in gehobener Stellung tätig
oder die während vieler Jahre selbständigerwerbend waren, im Einzelfall höhere
Anforderungen an die Zumutbarkeit der Aufnahme einer Hilfsarbeitertätigkeit zu stellen
sind. Vorliegend war der Beschwerdeführer während über 24 Jahren (vgl. IV-act. 12-3)
als selbständiger Zahnarzt tätig und verfügt entsprechend über eine akademische
Ausbildung. Unter Berücksichtigung seines Ausbildungsstandes und des Umstands,
dass er jahrelang spezialisiert tätig gewesen ist, ist fraglich, ob dem bei
Verfügungserlass über 60 Jahre alt gewesenen Beschwerdeführer überhaupt zumutbar
ist, in diesem Alter erstmals als Hilfsarbeiter tätig zu sein. Bejaht man dies, erscheint
jedenfalls zumindest nicht jegliche Hilfsarbeit als zumutbar. Zumutbar erscheinen
lediglich angepasste Tätigkeiten im Dienstleistungssektor; dies insbesondere vor dem
Hintergrund, dass der Beschwerdeführer als Zahnarzt in diesem Sektor tätig war und
von ihm nicht verlangt werden kann, in den Produktionssektor zu wechseln. Darüber
hinaus übt er zurzeit wiederum eine Tätigkeit im Dienstleistungssektor aus (vgl. den
entsprechenden Anstellungsvertrag als Schulbuschauffeur im ca. 40%-Pensum, act. G
20-10) und gab anlässlich der mündlichen Verhandlung vom 3. Dezember 2013 an, er
könne sich auch andere angepasste Tätigkeiten in diesem Bereich vorstellen.
3.
3.1 Ausgehend von einer 100%-igen Restarbeitsfähigkeit in einer leidensangepassten
Tätigkeit verbleibt die Bestimmung des Invaliditätsgrades.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Die Beschwerdegegnerin zog in der angefochtenen Verfügung vom 9. Juli 2012 für
das Valideneinkommen das durchschnittliche Einkommen des Beschwerdeführers der
Jahre 1997 bis 2001 heran (IV-act. 72, vgl. auch IV-act. 65), was grundsätzlich nicht zu
beanstanden ist. Allerdings ist das von der Beschwerdegegnerin zugrunde gelegte
Valideneinkommen von Fr. 146'067.-- unter Einbezug der jährlichen
Nominallohnbereinigung im Betrag nicht nachvollziehbar. So ergibt sich unter
Berücksichtigung der Einkommen der Jahre 1997 bis 2001 ein an die jeweilige
Nominallohnerhöhung (1997: Index Männer 1818, 1998: Index 1832, 1999: Index 1835,
2000: Index 1856, 2001: Index 1902; vgl. Bundesamt für Statistik BFS,
Lohnentwicklung 2012, Tabelle T39) bis 2001 angepasstes Einkommen von Fr.
132'838.80 ([Fr. 143'643.90 [1997] + Fr. 141'265.-- [1998] + Fr. 139'410.90 [1999] + Fr.
135'374.-- [2000] + Fr. 104'500.-- [2001]] / 5). Angepasst an die
Nominallohnentwicklung bis 2012 – dem Jahr des Erlasses der angefochtenen
Verfügung – beläuft sich das Valideneinkommen auf Fr. 152'813.50 (2001: Index 1902,
2012: Index 2188).
3.3 Bei der Bestimmung des Invalideneinkommens stellte die Beschwerdegegnerin in
der angefochtenen Verfügung auf den Tabellenlohn der Schweizerischen
Lohnstrukturerhebung (LSE) im Bereich Gesundheits- und Sozialwesen, Stufe 2, im
Betrag von Fr. 96'146.-- ab (vgl. IV-act. 72). Angesichts dessen, dass dem
Beschwerdeführer nur noch Hilfsarbeitertätigkeiten im Dienstleistungssektor zumutbar
sind (vgl. Erwägung 2.3), ist bei der Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens
vom LSE-Tabellenlohn im Sektor III Dienstleistungen, Anforderungsniveau 4,
auszugehen und für 2012 eine entsprechende Nominallohnanpassung vorzunehmen.
Im Jahr 2010 betrug der standardisierte, das heisst auf ein Wochenpensum von 40
Stunden umgerechnete, Monatslohn für Männer im Sektor Dienstleistungen Fr. 4'536.--
(LSE 2010, Tabelle TA1). Angesichts der im Jahr 2010 betriebsüblichen wöchentlichen
Arbeitszeit von 41,7 Stunden (BFS, Betriebsübliche Wochenarbeitszeit) entspricht dies
einem Jahreslohn von Fr. 56'745.35 (Fr. 4'536.-- / 40 × 41,7 × 12). Damit ergibt sich für
2012 ein an die Nominallohnentwicklung (2010: Index 2151, 2012: Index 2188)
angepasstes Invalideneinkommen von Fr. 57'721.45.
3.4
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.4.1 Nach der Rechtsprechung können die statistischen Löhne um bis zu 25%
gekürzt werden, um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass versicherte Personen mit
einer gesundheitlichen Beeinträchtigung in der Regel nicht das durchschnittliche
Lohnniveau erreichen (RKUV 1999 Nr. U242 S. 412 E. 4b/bb) bzw. ihre
Restarbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem
erwerblichem Erfolg zu verwerten in der Lage sind. Dabei handelt es sich um einen
allgemeinen behinderungsbedingten Abzug (BGE 126 V 78 E. 5a/bb). Nach der
Rechtsprechung hängt die Frage, ob und in welchem Ausmass Tabellenlöhne
herabzusetzen sind, von sämtlichen persönlichen und beruflichen Umständen – auch
von invaliditätsfremden Faktoren – des konkreten Einzelfalles ab (namentlich
leidensbedingte Einschränkung, Alter, Dienstjahre, Nationalität/Aufenthaltskategorie
und Beschäftigungsgrad), welche nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu
schätzen sind, wobei der maximal zulässige Abzug auf 25% festzusetzen ist. Eine
schematische Vornahme des Tabellenlohnabzugs ist unzulässig (BGE 126 V 79 E. 5b
und 129 V 481 E. 4.2.3 mit Hinweisen).
3.4.2 Vorliegend fällt diesbezüglich insbesondere das fortgeschrittene Alter des
Beschwerdeführers in Betracht. Der Beschwerdeführer war bei Verfügungserlass über
60 Jahre alt und wird sich bei der Verwertung seiner Restarbeitsfähigkeit mit
zahlreichen lohnwirksamen Nachteilen konfrontiert sehen (z.B. hohe Lohnnebenkosten
für die Arbeitgeber sowie kürzere Aktivitätsdauer des Beschwerdeführers). In der Regel
wird er als älterer Arbeitnehmer eine deutliche Lohneinbusse in Kauf zu nehmen haben.
Zudem ist er durch das augenfällige Zittern der Hände, die dadurch bestehende
Einschränkung im Schreiben und bei feinmotorischen Tätigkeiten generell für viele
Tätigkeiten nicht vollumfänglich einsetzbar, was seitens des Arbeitgebers erhöhtes
Verständnis, mehr Rücksichtnahme und Flexibilität erfordert. Vor diesem Hintergrund
sowie unter Berücksichtigung des bei der mündlichen Verhandlung vom 3. Dezember
2013 gewonnenen Gesamteindrucks des Beschwerdeführers erscheint ein
Tabellenlohnabzug von 25% vorliegend als angemessen. Das zumutbare
Invalideneinkommen ist demnach auf Fr. 43'291.10 zu reduzieren (Fr. 57'721.45 x
0.75).
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.1 Bei einem Valideneinkommen von Fr. 152'813.50 und einem Invalideneinkommen
von Fr. 43'291.10 resultieren eine Erwerbseinbusse von Fr. 109'522.40 (Fr. 152'813.50
- Fr. 43'291.10) und ein rentenbegründender Invaliditätsgrad von 71.67% ([Fr.
109'522.40 / Fr. 152'813.50] x 100). Der Beschwerdeführer hat damit Anspruch auf eine
ganze Rente.
4.2 Da der Beschwerdeführer die selbständige Tätigkeit als Zahnarzt aufgrund der
gesundheitlichen Einschränkungen Ende September 2010 aufgeben musste (vgl. IV-
act. 5-6) und sich aus den Akten darüber hinaus keine Anhaltspunkte ergeben, weshalb
von dem vom RAD festgesetzten Beginn der 100%igen Arbeitsunfähigkeit in der
angestammten Zahnarzttätigkeit (27. September 2010, vgl. IV-act. 28) abzuweichen
wäre, ist der Rentenbeginn – nach Ablauf des Wartejahres (Art. 28 Abs. 1 IVG) – auf
den 1. September 2011 festzusetzen.
4.3 Da im Sinne der vorstehenden Erwägungen selbst bei einer 100%igen
Arbeitsfähigkeit eine ganze Rente resultiert, kann offen bleiben, ob es, wie vom
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers in der Replik vom 4. Dezember 2012 (act. G 9)
und an der mündlichen Verhandlung vom 3. Dezember 2013 geltend gemacht wurde,
hinsichtlich des Herzleidens des Beschwerdeführers (rechtsventrikulären
arrhythmogenen Kardiomyopathie, vgl. IV-act. 17-6) zu einer Verschlechterung
gekommen ist, aufgrund welcher die attestierte 100%ige Arbeitsfähigkeit in
leidensangepassten Tätigkeiten in Frage gestellt werden müsste. Das nach Aussage
des Beschwerdeführers an der mündlichen Verhandlung ca. im März 2014 erwartete
Ergebnis der bereits veranlassten Abklärungen im Herzzentrum des Universitätsspitals
Zürich ist daher für das vorliegende Verfahren von vornherein nicht relevant.
5.
5.1 In Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung vom 9. Juli 2012
aufzuheben und dem Beschwerdeführer mit Wirkung ab 1. September 2011 eine ganze
Rente zuzusprechen.
5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 1'000.--
erscheint für das Beschwerdeverfahren einschliesslich mündlicher Verhandlung als
angemessen. Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend sind sie vollumfänglich der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der vom Beschwerdeführer geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihm zurückzuerstatten.
5.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Diese ist vom Gericht ermessensweise festzusetzen, wobei
insbesondere der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand Rechnung zu tragen
ist (Art. 61 lit. g ATSG). Der Bedeutung und dem Aufwand der Streitsache angemessen
erscheint unter Berücksichtigung der Teilnahme an der mündlichen Verhandlung eine
Parteientschädigung von pauschal Fr. 4'250.-- (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer).