Decision ID: d65e2368-7631-4569-831a-8f7cc79d1cfd
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besass den Führerausweis der Kategorie B seit dem 9. Juni 1995. Mit Verfügung
vom 9. Dezember 2015 entzog ihm das Strassenverkehrsamt den Führerausweis
vorsorglich, nachdem er am 29. November 2015 ein Motorfahrzeug in angetrunkenem
Zustand (mindestens 1,75 und höchstens 2,25 Gewichtspromille) gelenkt hatte. Mit
Strafbefehl des Untersuchungsamts A vom 16. Dezember 2015 wurde er des Fahrens
in nicht fahrfähigem Zustand (qualifizierte Alkoholkonzentration) schuldig gesprochen
und mit einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je Fr. 80.– und einer Busse
von Fr. 1'200.– bestraft. Am 4. Januar 2016 ordnete das Strassenverkehrsamt eine
verkehrsmedizinische Untersuchung beim Institut für Rechtsmedizin am Kantonsspital
St. Gallen (IRM) an. Die Untersuchung fand am 8. Februar 2016 statt. Die forensisch-
toxikologische Haaranalyse auf das Trinkalkoholstoffwechselprodukt Ethylglucuronid
(EtG) ergab eine EtG-Konzentration von über 100 pg/mg im kopfhautnahen und 80 pg/
mg im kopfhautfernen Segment. Im Gutachten vom 30. März 2016 wurde die
Fahreignung aufgrund eines verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauchs verneint. Mit
Verfügung vom 18. April 2016 entzog das Strassenverkehrsamt X den Führerausweis
auf unbestimmte Zeit. Als Bedingung für die Aufhebung des Führerausweisentzugs
wurden eine kontrollierte und fachlich betreute Alkoholabstinenz von mindestens sechs
Monaten und eine positiv verlaufene verkehrsmedizinische Kontrolluntersuchung
vorgeschrieben.
B.- Am 10. November 2016 liess sich X erneut am IRM verkehrsmedizinisch
untersuchen, wobei die Haarprobe weder im kopfhautnahen noch im kopfhautfernen
Segment EtG aufwies. Im Kurzgutachten vom 19. Dezember 2016 befürwortete das
IRM die Fahreignung unter Auflagen. Mit Verfügung vom 2. Februar 2017 hob das
Strassenverkehrsamt den Führerausweisentzug vom 18. April 2016 auf und verband
den Führerausweis mit Auflagen (vollständige, kontrollierte Alkoholabstinenz,
Auflagenkontrolle alle sechs Monate am IRM, Gültigkeit der Auflagen auf unbestimmte
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Zeit). Nachdem die Verlaufskontrollen vom Mai und November 2017 unauffällig
verlaufen waren, teilte das Strassenverkehrsamt X mit Schreiben vom 28. November
2017 mit, dass die Alkoholabstinenz gelockert werde und er ein "soziales Alkohol-
Trinkverhalten" (gelegentlicher und nicht übermässiger Alkoholkonsum), mit weiteren
Haaranalysen einzuhalten habe, und dass die restlichen Auflagen gemäss Verfügung
vom 2. Februar 2017 nach wie vor Gültigkeit hätten. Mit Verfügung vom 24. Juli 2018
erteilte das Strassenverkehrsamt X eine Verwarnung wegen Missachtens der Auflagen,
nachdem er am 17. Dezember 2017 ein Motorfahrzeug mit einer Alkoholisierung von
0,32 Gewichtspromille gelenkt hatte. Gleichzeitig wurde ihm mitgeteilt, dass eine
Aufhebung der Auflagen erst nach einer positiv verlaufenen verkehrspsychologischen
Untersuchung erfolgen könne.
C.- Am 8. April 2019 liess sich X am Verkehrspsychologischen Diagnostik Zentrum
(VDZ) in Winterthur untersuchen. Im Gutachten vom 4. Mai 2019 wurde festgehalten,
dass aus verkehrspsychologischer Sicht keine charakterliche Problematik vorliege,
welche dazu führe, dass er sich in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht an das
Strassenverkehrsgesetz halten werde, vorausgesetzt, die derzeitigen Auflagen würden
erst nach insgesamt zwei Jahren aufgehoben und zwei weitere verkehrsmedizinische
Untersuchungen unauffällig verlaufen.
D.- Die Verlaufskontrollen im Mai und November 2018 verliefen unauffällig. Bei der
Verlaufskontrolle vom 6. Juni 2019 ergab die forensisch-toxikologische Haaranalyse
eine EtG-Konzentration von 46 pg/mg. Das IRM hielt im Bericht vom 9. Juli 2019 fest,
dass X im Zeitraum von rund einem halben Jahr vor der Untersuchung einen
übermässigen Alkoholkonsum betrieben habe. Bei sozialem bzw. risikoarmem
Trinkverhalten dürfe die EtG-Konzentration nicht über 30 pg/mg liegen. Das Resultat
sei mit dem geforderten Alkoholtrinkverhalten gemäss Auflagen nicht vereinbar. Die
Gefahr eines erneuten Fahrens in angetrunkenem Zustand sei als erheblich erhöht
einzustufen. Die Fahreignung müsse deshalb verneint werden. Mit Verfügung vom
10. Juli 2019 entzog ihm das Strassenverkehrsamt den Führerausweis vorsorglich und
mit Verfügung vom 7. August 2019 auf unbestimmte Zeit. Als Bedingung für die
Aufhebung des Führerausweisentzugs wurden eine kontrollierte und fachlich betreute
Alkoholabstinenz von mindestens sechs Monaten sowie eine positiv verlaufene
verkehrsmedizinische und -psychologische Untersuchung vorgeschrieben.
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E.- Gegen die Verfügung des Strassenverkehrsamts vom 7. August 2019 erhob X mit
Eingabe seines Rechtsvertreters vom 22. August 2019 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK) mit dem Antrag, die
angefochtene Verfügung sei vollumfänglich aufzuheben und es sei ihm der
Führerausweis wiederzuerteilen unter der Auflage, dass es ihm verboten sei, für zwölf
Monate unter Alkoholeinfluss zu fahren, eventualiter sei die angefochtene Verfügung
vollumfänglich aufzuheben und es sei ihm der Führerausweis wiederzuerteilen unter der
Verhängung einer Abstinenzauflage für die Dauer von sechs Monaten, unter Kosten-
und Entschädigungsfolge zuzüglich Mehrwertsteuer. Das Strassenverkehrsamt
verzichtete am 18. September 2019 auf eine Vernehmlassung.

Auf die Ausführungen des Rekurrenten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sach-entscheid zuständig. Die Befugnis zur Rechtsmittelerhebung ist gegeben. Der
Rekurs vom 22. August 2019 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller
und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekursverfahren ist streitig, ob der Rekurrent gegen die Auflage des "sozialen
Alkohol-Trinkverhaltens" verstossen und die Vorinstanz zu Recht einen
Führerausweisentzug auf unbestimmte Zeit verfügt hat.
a) Am 28. November 2017 lockerte die Vorinstanz die Auflagen gemäss Verfügung vom
2. Februar 2017, indem sie die Alkoholabstinenz aufhob und die Einhaltung eines
"sozialen Alkohol-Trinkverhaltens" anordnete (act. 10/86). Nachdem bei der
Verlaufskontrolle vom 6. Juni 2019 die forensisch-toxikologische Haaranalyse eine EtG-
Konzentration von 46 pg/mg ergeben hatte, entzog sie dem Rekurrenten in der
angefochtenen Verfügung vom 7. August 2019 den Führerausweis wegen
Nichteinhaltens der Auflagen auf unbestimmte Zeit. Sie hält fest, dass dem
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Rekurrenten klar mitgeteilt worden sei, was unter einem sozialen Trinkverhalten zu
verstehen sei, nämlich nur gelegentlicher und nicht übermässiger Alkoholkonsum. Das
Ergebnis der Haaranalyse weise mit 46 pg/mg einen sehr hohen Wert auf, der auf einen
übermässigen Alkoholkonsum hindeute. Es sei davon auszugehen, dass der Rekurrent
in das alte Verhaltensmuster zurückgefallen sei und ein grosses Risiko für die
Verkehrssicherheit darstelle.
Der Rekurrent macht geltend, dass die Auflage des "sozialen Trinkverhaltens" nicht
substantiiert und unbestimmt sei. Für einen aus B stammenden Plattenleger mit kaum
vorhandenen Deutschkenntnissen sei die Auflage in keiner Art und Weise inhaltlich im
Sinne der Auslegung der Vorinstanz erkennbar gewesen. Dieser unbestimmte
Rechtsbegriff könne nicht zu einem Sicherungsentzug führen.
b) Gemäss Art. 17 Abs. 3 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
kann der auf unbestimmte Zeit entzogene Lernfahr- oder Führerausweis bedingt und
unter Auflagen wiedererteilt werden, wenn eine allfällige gesetzliche oder verfügte
Sperrfrist abgelaufen ist und die betroffene Person die Behebung des Mangels
nachweist, der die Fahreignung ausgeschlossen hat. Die an die Wiedererteilung des
Führerausweises regelmässig geknüpften Auflagen sind Nebenbestimmungen, die
dazu dienen, Unsicherheiten beim Nachweis Rechnung zu tragen, dass der jeweilige
Fahreignungsmangel tatsächlich behoben und die Fahreignung der betroffenen Person
stabil ist (BGE 125 II 289 E. 2b; Urteil des Bundesgerichts [BGer] 6A.61/2005 vom
12. Januar 2006 E. 2.1; Ph. Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015,
Art. 17 SVG N 14). Die Auflagen müssen dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit
genügen, das heisst geeignet und zwecks Überwachung der Fahreignung notwendig
sowie für den Betroffenen zumutbar sein; zudem müssen sie erfüllt und kontrolliert
werden können (BSK SVG-Rütsche/Weber, Basel 2014, Art. 17 N 29). Wird der
Führerausweis nach einem Sicherungsentzug unter Auflagen wiedererteilt, führt die
Verletzung der Auflagen ohne weitere Zwischenschritte zwingend zum erneuten
Führerausweisentzug (vgl. Art. 17 Abs. 5 SVG). Der Anlass dafür kann entweder darin
bestehen, dass der Betreffende sich den ärztlichen Kontrollen in verschuldeter Weise
nicht stellt oder die ärztliche Untersuchung ergibt, dass die Auflage nicht eingehalten
wurde (Weissenberger, a.a.O., Art. 17 SVG N 27).
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c) Die Vorinstanz ordnete gestützt auf den Bericht zur Verlaufskontrolle vom
27. November 2017 ein "soziales Alkoholtrinkverhalten" an. Dies bedeute einen nur
gelegentlichen und nicht übermässigen Alkoholkonsum (act. 10/85 und 10/86).
Konkrete Verhaltenspflichten, beispielsweise wie viel Alkohol der Rekurrent täglich bei
einem "sozialen Alkohol-Trinkverhalten" konsumieren darf, wurden nicht festgelegt.
Dies würde jedoch in die Auflagenverfügung gehören, unabhängig davon, ob diese
Frage allenfalls bei der Begutachtung oder der Suchtberatung besprochen wurde. Was
unter "sozialem Alkohol-Trinkverhalten" zu verstehen ist, ist demnach unklar. Dem
Rekurrenten wurde im Schreiben vom 28. November 2017 auch nicht erklärt, wann von
einem gelegentlichen und nicht übermässigen Alkoholkonsum auszugehen ist. Erst in
der angefochtenen Verfügung hielt die Vorinstanz fest, dass darunter ab und zu ein
"Feierabend-Bier" oder zwischendurch ein Glas Wein zum Essen zu verstehen sei. Ein
Merkblatt wurde – wie der Rekurrent festhält – nicht abgegeben. Die Auflage ist folglich
für den Rekurrenten zu unbestimmt und deshalb nicht erfüllbar, und für die Vorinstanz
ist sie nicht kontrollierbar (vgl. BSK-Rütsche, Basel 2014, Art. 16 N 25). Entsprechend
hätte die Vorinstanz sie in dieser Art nicht anordnen dürfen (vgl. Entscheid der
Verwaltungsrekurskommission IV-2017/160 vom 31. Mai 2018 E. 3b, im Internet
abrufbar unter: www.sg.ch/recht/gerichte und dort unter Rechtsprechung). Dem
Rekurrenten kann demzufolge nicht vorgeworfen werden, er habe gegen die Auflage
des "sozialen Alkohol-Trinkverhaltens" verstossen. Damit erfolgte der
Sicherungsentzug gestützt auf Art. 17 Abs. 5 SVG zu Unrecht und die angefochtene
Verfügung vom 7. August 2019 ist aufzuheben.
3.- Der Rekurrent beantragt, es sei ihm der Führerausweis wiederzuerteilen mit der
Auflage einer zwölfmonatigen Alkoholfahrabstinenz, eventualiter mit der Auflage einer
sechsmonatigen Alkoholtotalabstinenz.
a) Eine Grundvoraussetzung für die Erteilung des Führerausweises ist die Fahreignung.
Dieser Begriff umschreibt die körperlichen und geistigen Voraussetzungen, um ein
Fahrzeug im Strassenverkehr sicher lenken zu können. Die Fahreignung muss
grundsätzlich dauernd vorliegen (BGE 133 II 384 E. 3.1). Unter anderem verfügt über
Fahreignung, wer frei von einer Sucht ist, die das sichere Führen von Motorfahrzeugen
beeinträchtigt (Art. 14 Abs. 2 lit. c SVG). Wird nachträglich festgestellt, dass die
gesetzlichen Anforderungen zur Erteilung nicht oder nicht mehr bestehen, ist der
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Führerausweis zu entziehen (Art. 16 Abs. 1 SVG). Gemäss Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG
wird der Führerausweis einer Person auf unbestimmte Zeit entzogen, wenn sie an einer
Sucht leidet, welche die Fahreignung ausschliesst. Der Suchtbegriff des Verkehrsrechts
stimmt mit jenem der Medizin nicht überein. Das verkehrsrechtliche Verständnis der
Sucht erlaubt, auch bloss suchtgefährdete Personen, bei denen aber jedenfalls ein die
Verkehrssicherheit beeinträchtigender regelmässiger Alkohol- oder Drogenmissbrauch
vorliegt, vom Führen eines Motorfahrzeugs fernzuhalten. Gegenüber dem
medizinischen ist beim verkehrsrechtlichen Suchtbegriff der Bezug zum
Strassenverkehr von entscheidender Bedeutung. Eine Sucht oder Suchtgefährdung ist
strassenverkehrsrechtlich dann relevant, wenn sie so beschaffen ist, dass die Gefahr
besteht, dass sich die betroffene Person in nicht fahrfähigem Zustand ans Lenkrad
setzen wird. Das Bundesgericht bejaht das Vorliegen einer Alkoholsucht, wenn die
betroffene Person regelmässig so viel Alkohol konsumiert, dass ihre Fahrfähigkeit
vermindert wird und sie diese Neigung zum übermässigen Alkoholgenuss durch den
eigenen Willen nicht zu überwinden oder zu kontrollieren vermag. Auf eine fehlende
Fahreignung darf geschlossen werden, wenn die Person nicht mehr in der Lage ist,
Alkoholkonsum und Strassenverkehr ausreichend zu trennen, oder wenn die nahe
liegende Gefahr besteht, dass sie im akuten Rauschzustand am motorisierten
Strassenverkehr teilnimmt (BGE 127 II 122 E. 3; Weissenberger, a.a.O., Art. 16d SVG
N 28).
b) Bei der Verlaufskontrolle vom 6. Juni 2019 ergab die forensisch-toxikologische
Haaranalyse beim Rekurrenten eine EtG-Konzentration von 46 pg/mg.
aa) Anders als bei der Laboranalytik anhand der aus dem Blut ermittelten Parameter
CDT, GGT, GOT, GPT und MCV (vgl. BGE 129 II 82 E. 6.2.1), womit Alkoholkonsum
nicht direkt nachgewiesen werden kann, handelt es sich bei der forensisch-
toxikologischen Haaranalyse auf EtG um eine direkte, beweiskräftige Analysemethode,
deren Resultate objektive Rückschlüsse zum Alkoholkonsum eines Probanden
während einer bestimmten Zeit erlauben (vgl. zum Ganzen Schweizerische Gesellschaft
für Rechtsmedizin, Arbeitsgruppe Haaranalytik, Bestimmung von Ethylglucuronid [EtG]
in Haarproben, Version 2014, Ziff. 3.1). Die bundesgerichtliche Rechtsprechung
anerkennt die Haaranalyse als geeignetes Mittel zum Nachweis sowohl eines
übermässigen Alkoholkonsums als auch der Einhaltung einer Abstinenzverpflichtung.
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Die Haaranalyse gibt direkten Aufschluss über den Alkoholkonsum. Nach dem
Alkoholkonsum wird das Abbauprodukt EtG im Haar eingelagert und erlaubt über ein
grösseres Zeitfenster (als bei einer Blutuntersuchung) Aussagen über den erfolgten
Konsum. Weil EtG ein Abbauprodukt von Alkohol ist, korreliert die festgestellte EtG-
Konzentration mit der aufgenommenen Menge an Trinkalkohol. Aufgrund des
Kopfhaar-Längenwachstums von rund einem Zentimeter pro Monat lassen sich
Aussagen über den Alkoholkonsum während der entsprechenden Zeit vor der
Haarentnahme machen (vgl. BGer 1C_491/2017 vom 9. Mai 2018 E. 3.2, 1C_615/2014
vom 11. Mai 2015 E. 2.3.1; BGE 140 II 334 E. 3 mit Hinweisen).
bb) Eine Konzentration von 30 pg/mg EtG deutet auf einen massiven täglichen
Alkoholkonsum von über 60 Gramm Ethanol hin (vgl. Schweizerische Gesellschaft für
Rechtsmedizin, Arbeitsgruppe Haaranalytik, Bestimmung von Ethylglucuronid [EtG] in
Haarproben, Version 2014, Ziff. 6.1 und 6.2; Consensus of the Society of Hair Testing
on Hair Testing for Chronic Excessive Alcohol Consumption 2009, in: Toxichem
Krimtech 76/2009 S. 252, www.gtfch.org). Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung lässt ein Wert von 45 pg/mg EtG auf einen regelmässigen und
übermässigen Alkoholkonsum schliessen (vgl. BGer 1C_150/2010 vom 25. November
2010 E. 5.3). Aufgrund des bei der Verlaufskontrolle vom 6. Juni 2019 festgestellten
Wertes von 46 pg/mg EtG ist beim Rekurrenten somit von einem übermässigen
Alkoholkonsum im untersuchten Zeitraum (ca. Januar bis Juni 2019) auszugehen
(act. 10/134). Damit bestehen Zweifel an der Fahreignung. Es ist fraglich, ob ein
Alkoholmissbrauch vorliegt und der Rekurrent mehr als jede andere Person der Gefahr
ausgesetzt ist, sich in einem Zustand ans Steuer eines Fahrzeugs zu setzen, der das
sichere Führen nicht mehr gewährleistet. Liefern die konkreten Umstände Hinweise
darauf, dass die betroffene Person von einer die Fahrfähigkeit beeinträchtigenden
Substanz abhängig sein könnte, drängt sich ein verkehrsmedizinisches Gutachten auf
(vgl. Art. 15d Abs. 1 SVG; BGer 1C_282/2007 vom 13. Februar 2008 E. 2.3). Vor dem
Erlass eines Führerausweisentzugs gestützt auf Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG sind nämlich
in jedem Fall und von Amtes wegen die persönlichen Verhältnisse und insbesondere
die Trinkgewohnheiten des Betroffenen genau abzuklären, da ein solcher
Sicherungsentzug stark in den Persönlichkeitsbereich eingreift (BGE 129 II 82 E. 2.2).
Die Angelegenheit ist deshalb an die Vorinstanz zur Anordnung einer
verkehrsmedizinischen Untersuchung zurückzuweisen. Fällt die verkehrsmedizinische
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Untersuchung für den Rekurrenten positiv aus, kann ihm der Führerausweis mit der
Auflage einer Alkoholabstinenz für die Dauer von sechs Monaten wiedererteilt werden
(vgl. Eventualantrag des Rekurrenten). Über eine allfällige Anordnung eines
vorsorglichen Führerausweisentzugs während der Dauer der Fahreignungsabklärung
muss die Vorinstanz entscheiden.
cc) Dem Antrag des Rekurrenten auf Wiedererteilung des Führerausweises unter
Auflagen kann nicht entsprochen werden. Im Interesse der Verkehrssicherheit ist zuerst
seine Fahreignung abzuklären. Insbesondere drängt sich eine Fahreignungsabklärung
auch deshalb auf, weil unklar ist, wie das Trinkverhalten des Rekurrenten in den
vergangenen Monaten während des Führerausweisentzugs war. Vom Trinkverhalten
des Rekurrenten und dem Ergebnis der Untersuchung wird abhängen, welche Auflagen
bei einer allfälligen Wiedererteilung des Führerausweises nötig sind.
Das positiv lautende verkehrspsychologische Gutachten vom 4. Mai 2019 ändert an
diesem Ergebnis nichts. Es vermag die Zweifel, die aufgrund des EtG-Werts von 46 pg/
mg an der Fahreignung des Rekurrenten bestehen, nicht umzustossen. Insbesondere
hatte die verkehrspsychologische Gutachterin keine Kenntnis vom übermässigen
Alkoholkonsum. Ebenso verhält es sich mit den vom Rekurrenten eingereichten
Arztzeugnissen, da die aus dem Blut ermittelten Werte einen Alkoholkonsum nicht wie
die Haaranalyse direkt nachweisen können. Der Rekurrent bringt zudem keine Gründe
vor, welche die Glaubwürdigkeit der Haaranalyse ernsthaft erschüttern würden. Er legt
nicht ausreichend dar, weshalb er das Ergebnis bestreitet und inwiefern in seinem Fall
eine "Manipulation gegen oben" stattgefunden haben soll. Hinweise, dass die
Haarprobe verwechselt wurde, liegen keine vor. Dass der Rekurrent nicht anlässlich
einer Verkehrskontrolle unter dem Einfluss von Alkohol erwischt wurde, ist unerheblich.
Anlass für die Abklärung der Fahreignung können grundsätzlich alle Hinweise auf eine
Einschränkung der körperlichen oder geistigen Leistungsfähigkeit geben, und zwar
unabhängig davon, ob sie einen Bezug zum Strassenverkehr aufweisen oder nicht. Die
Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung setzt nicht zwingend voraus,
dass der Fahrzeugführer tatsächlich unter dem Einfluss von Alkohol gefahren ist (vgl.
BGer 1C_111/2015 vom 21. Mai 2015 E. 4.6, 1C_328/2013 vom 18. September 2013
E. 3.2, 1C_445/2012 vom 26. April 2013 E. 3.2). Schliesslich ist das Argument des
Rekurrenten, wonach er Alkoholkonsum und Teilnahme am motorisierten
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Strassenverkehr bestens trennen könne, nicht nachvollziehbar, nachdem er erst noch
am 17. Dezember 2017 ein Motorfahrzeug mit 0,32 Gewichtspromille gelenkt hatte,
obwohl er ein Fahrzeug nur in alkoholfreiem Zustand lenken durfte.
4.- Zusammenfassend ergibt sich, dass die Verfügung der Vorinstanz vom 7. August
2019 (Führerausweisentzug auf unbestimmte Zeit) aufzuheben und die Angelegenheit
zur Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung an die Vorinstanz
zurückzuweisen ist. Dies entspricht einer vollständigen Gutheissung des Rekurses (vgl.
PK VRP/SG-Linder, Zürich/St. Gallen, Art. 98 N 17). Damit erübrigt sich die Prüfung
einer allfälligen Verletzung des rechtlichen Gehörs durch die Vorinstanz.
5.- a) Bei diesem Verfahrensausgang sind die amtlichen Kosten dem Staat
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'500.– erscheint
angemessen
(Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von
Fr. 1'200.– ist dem Rekurrenten zurückzuerstatten.
b) Der Rekurrent hat bei diesem Verfahrensausgang Anspruch auf volle Entschädigung
der ausseramtlichen Kosten (Art. 98 und 98 VRP), soweit diese aufgrund der Sach-
oder Rechtslage als notwendig und angemessen erscheinen (Art. 98 Abs. 2 VRP). Im
Rekursverfahren war der Beizug eines Rechtsbeistands geboten. Der Rechtsvertreter
reichte eine Kostennote ein, worin er ein Honorar von pauschal Fr. 1'800.– (zuzüglich
Barauslagen von Fr. 72.– und Mehrwertsteuer von Fr. 144.15) geltend macht (act. 13).
Im Verfahren vor der Verwaltungsrekurskommission wird das Honorar als Pauschale
ausgerichtet; der Rahmen liegt zwischen Fr. 1'500.– und Fr. 15'000.– (Art. 22 Abs. 1
lit. b der Honorarordnung, sGS 963.75, abgekürzt: HonO). Innerhalb dieses Rahmens
wird das Grundhonorar nach den besonderen Umständen, namentlich nach Art und
Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeit des Falls und den wirtschaftlichen
Verhältnissen der Beteiligten, bemessen (Art. 19 HonO). Umstritten war die Frage, ob
die Anordnung eines Führerausweisentzugs auf unbestimmte Zeit zulässig war.
Angesichts des durchschnittlichen Aktenumfangs und des eingeschränkten
Prozessthemas erscheint das geltend gemachte Honorar von Fr. 1'800.– als
angemessen. Hinzuzuzählen sind die Barauslagen von Fr. 72.– (4% von Fr. 1'800.–)
und die Mehrwertsteuer von Fr. 144.15 (7,7% von Fr. 1'872.–; Art. 22 Abs. 1 lit. b,
bis
bis ter
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Art. 28 Abs. 1 und Art. 29 HonO). Die ausseramtliche Entschädigung beträgt damit
insgesamt Fr. 2'016.15; kostenpflichtig ist der Staat (Vorinstanz).
Entscheid auf dem Zirkulationsweg (Art. 58 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 3
VRP und Art. 8 Abs. 1 lit. b des Reglements über den Geschäftsgang der
Verwaltungsrekurskommission, sGS 941.223):
1. Der Rekurs wird gutgeheissen und die Verfügung des Strassenverkehrsamts vom
7. August 2019 (Anordnung eines Führerausweisentzugs auf unbestimmte Zeit)
aufgehoben.
2. Die Angelegenheit wird zur Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung
im Sinn der Erwägungen an die Vorinstanz zurückgewiesen.
3. Der Staat trägt die amtlichen Kosten von Fr. 1'500.–. Der Kostenvorschuss von
Fr. 1'500.– wird dem Rekurrenten zurückerstattet.
4. Der Staat (Strassenverkehrsamt) hat den Rekurrenten mit Fr. 2'016.15 ausseramtlich
zu entschädigen.
bis
bis
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Verwaltungsrekurskommission, 27.03.2020 Art. 17 Abs. 3 und 5 SVG (SR 741.01). Der Rekurrent hatte nach einem Sicherungsentzug und einer Lockerung der ursprünglichen Auflagen noch ein "soziales Alkohol-Trinkverhalten" einzuhalten. In der dritten Verlaufskontrolle ergab die Auswertung der Haaranalyse für das Alkoholabbauprodukt Ethylglucuronid (EtG) einen Wert von 46 pg/mg. Gestützt darauf wurde der Führerausweis wegen Nichteinhaltens der Auflagen auf unbestimmte Zeit entzogen. Dieser Sicherungsentzug war aufzuheben, weil dem Rekurrenten in der entsprechenden Verfügung keine klaren Verhaltensanweisungen zum sozialen Alkohol-Trinkverhalten gemacht wurden. Rückweisung der Angelegenheit ans Strassenverkehrsamt zur Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung. Vom Trinkverhalten des Rekurrenten in den vergangenen Monaten und dem Ergebnis der Untersuchung wird abhängen, welche Auflagen bei einer allfälligen Wiedererteilung des Führerausweises nötig sind (Verwaltungsrekurskommission, Abteilung IV, 27. März 2020, IV-2019/138).
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2021-08-06T02:44:46+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen