Decision ID: ec43508c-bb90-4b53-9214-83bcffe41620
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
Die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten, handelnd durch Staatsanwalt B.,
erhob am 9. August 2021 Anklage gegen den Beschuldigten wegen ver-
suchter vorsätzlicher Tötung und Schändung.
2.
Das Bezirksgericht Muri sprach den Beschuldigten mit Urteil vom
3. November 2021 gemäss Anklage schuldig und verurteilte ihn unter
Widerruf der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten vom
26. März 2020 bedingt gewährten Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu einer
Freiheitsstrafe von 7 Jahren und einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen. Es
ordnete weiter vollzugsbegleitend eine ambulante psychotherapeutische
Behandlung an. Schliesslich verpflichtete sie den Beschuldigten in teil-
weiser Gutheissung der Zivilklage zur Bezahlung einer Genugtuung in der
Höhe von Fr. 25'000.00 nebst Zins zu 5 % seit dem 16. Mai 2020.
3.
3.1.
Mit Berufungserklärung vom 17. Mai 2022 beantragte der Beschuldigte, er
sei von den Vorwürfen der versuchten vorsätzlichen Tötung sowie der
Schändung von Schuld und Strafe freizusprechen. Damit einhergehend sei
vom Widerruf einer früher bedingt ausgesprochenen Strafe abzusehen und
die Zivilklage abzuweisen.
3.2.
Mit Anschlussberufungserklärung vom 7. Juni 2022 beantragte die Staats-
anwaltschaft Zofingen-Kulm, handelnd durch Staatsanwalt B., der Beschul-
digte sei zu einer Freiheitsstrafe von 12 statt 7 Jahren zu verurteilen.
3.3.
Mit Verfügung vom 8. Juni 2022 wurde den Parteien angezeigt, dass die
Anschlussberufungserklärung der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm vom
7. Juni 2022 als solche der Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten entgegen-
genommen werde.
3.4.
Mit Eingabe vom 30. Juni 2022 beantragte der Beschuldige, es sei auf die
Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm nicht einzu-
treten.
3.5.
Die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten, handelnd durch Staatsanwalt B.,
reichte am 8. Juli 2022 vorgängig zur Berufungsverhandlung eine schrift-
liche Anschlussberufungsbegründung ein.
- 3 -
Mit Stellungnahme vom 11. Juli 2022 beantragte sie die Abweisung des
Antrags auf Nichteintreten.
3.6.
Der Beschuldigte reichte am 22. Juli 2022 vorgängig zur Berufungs-
verhandlung eine schriftliche Berufungsbegründung ein.
3.7.
Mit vorgängiger Berufungsantwort vom 4. August 2022 beantragte die
Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten die Abweisung der Berufung.
3.8.
Der Beschuldigte beantragt mit vorgängiger Anschlussberufungsantwort
vom 25. August 2022 erneut die Gutheissung der Berufungsanträge und
damit sinngemäss die Abweisung der Anschlussberufung der Staats-
anwaltschaft.
3.9.
Mit Eingabe vom 6. September 2022 reichte die Staatsanwaltschaft Muri-
Bremgarten eine Ermächtigungsvollmacht der Oberstaatsanwaltschaft ein,
mit welcher Staatsanwalt B. ermächtigt wurde, das Verfahren gegen den
Beschuldigten für die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten vor Obergericht
zu vertreten.
3.10.
Die Berufungsverhandlung mit Einvernahme von C. als Auskunftsperson
sowie des Beschuldigten fand am 29. September 2022 statt.
Der Beschuldigte reichte anlässlich der Berufungsverhandlung diverse
Beweisanträge ein und änderte seine mit der Berufungserklärung gestellten
Anträge insofern ab, als dass er eine Genugtuung zugunsten von C. wegen
der versuchten vorsätzlichen Tötung in der Höhe von Fr. 20'000.00
anerkannte.
- 4 -

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
1.1.1.
Der Beschuldigte beantragte ein Nichteintreten auf die Anschlussberufung
der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm. Zur Begründung führte er im
Wesentlichen aus, dass die Zuständigkeitsordnung im Strafverfahren durch
die Art. 31 ff. StPO geregelt und somit auch die örtliche Zuständigkeit
definiert sei. Vor diesem Hintergrund erscheine § 3 Abs. 3 und § 4 Abs. 5
EG StPO hinsichtlich der Rechtsgrundlagen zumindest fragwürdig, wobei
letztere Norm der StPO-Bestimmung, wonach eine Änderung nur vor der
Anklageerhebung zulässig sei, widerspreche und damit bundesrechts-
widrig sei. Vorliegend habe die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten
Anklage erhoben. Durch den nachträglichen Wechsel der Staatsanwalt-
schaft sei in der Konsequenz die anschlussberufungserklärende Staats-
anwaltschaft Zofingen-Kulm örtlich nicht zuständig und somit zur
Anschlussberufung nicht befugt gewesen.
Die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten machte hierzu im Wesentlichen
geltend, der zuständige Staatsanwalt B. habe gestützt auf die Verfügung
der Oberstaatsanwaltschaft vom 12. Oktober 2021 (Zuweisung des Straf-
verfahrens an die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm zur Erledigung) immer
in guten Treuen und verfügungsgemäss gehandelt. Zudem sei es Staats-
anwalt B. in seiner Funktion als Staatsanwalt möglich, jederzeit für den
gesamten Kanton kantonale und bundesrechtliche Rechtsmittel zu
ergreifen. Dementsprechend sei der Antrag auf Nichteintreten abzuweisen.
1.1.2.
Gestützt auf Art. 14 Abs. 4 StPO steht es den Kantonen offen, mehrere
Staatsanwaltschaften einzusetzen und deren jeweiligen örtlichen wie
sachlichen Zuständigkeitsbereich zu bestimmen. Der Kanton Aargau hat
diese Legiferierungskompetenz im Einführungsgesetz zur Schweize-
rischen Strafprozessordnung (EG StPO, SAR 251.200) wahrgenommen.
Demnach führen gemäss § 3 Abs. 3 EG StPO die Bezirksstaatsanwalt-
schaften die Strafverfahren in ihren Bezirken. Ausgehend von der
Gesetzessystematik und dem Aufbau und Inhalt von § 3 EG StPO
(insbesondere dem Zusammenhang zwischen Abs. 2 und 3) kann die
Bestimmung nur so verstanden werden, dass es sich um eine allgemeine
Regelung der örtlichen Zuständigkeit handelt, wobei sich diese inhaltlich
auf die Regelung der Zuständigkeiten der Bezirksstaatsanwaltschaften
beschränkt. Der Hinweis auf eine abweichende Zuteilung an eine andere
Bezirksstaatsanwaltschaft durch die Oberstaatsanwaltschaft ist vor diesem
Hintergrund – wie bereits der Hinweis auf die Kantonale Staatsanwaltschaft
– als Vorbehalt und nicht als Einräumen einer Zuweisungskompetenz zu
- 5 -
verstehen. Daraus erhellt, dass allein gestützt auf § 3 Abs. 3 EG StPO
keine Verfahrenszuweisung durch die Oberstaatsanwaltschaft erfolgen
kann. Vielmehr normiert § 4 EG StPO die Kompetenzen der Oberstaats-
anwaltschaft. Gemäss Abs. 5 kann die Oberstaatsanwaltschaft Straf-
verfahren, die bei einer Staatsanwaltschaft hängig sind, einer anderen
Staatsanwaltschaft zuteilen. Da aber mit Eingang der Anklageschrift das
Verfahren beim Gericht rechtshängig wird (Art. 328 StPO), ist nach dem
unzweideutigen Wortlaut von § 4 Abs. 5 EG StPO die Kompetenz der
Oberstaatsanwaltschaft zur Neuzuteilung in zeitlicher Hinsicht ex lege
beschränkt. Mit anderen Worten steht es der Oberstaatsanwaltschaft nicht
zu, nachträglich zur Anklageerhebung über die örtliche Zuständigkeit der
Staatsanwaltschaft und somit über eine Verfahrenspartei im Gerichts-
verfahren zu verfügen. Dies steht auch im Einklang mit dem Wortlaut von
§ 3 Abs. 3 EG StPO, wonach die Oberstaatsanwaltschaft ein Verfahren
einer anderen Bezirksstaatsanwaltschaft zur Behandlung zuweisen kann.
Denn mit Behandlung eines Strafverfahrens kann nur die Untersuchung im
Rahmen des Vorverfahrens gemeint sein, da nur diese unter der Leitung
der Staatsanwaltschaft steht und demnach von ihr behandelt wird bzw. nur
dann das Verfahren bei ihr hängig ist. Sobald in einem Strafverfahren
Anklage erhoben wurde, wird das Verfahren nicht mehr von der Staats-
anwaltschaft behandelt, sondern begrenzt sich der Handlungsspielraum
der Staatsanwaltschaft auf die nicht von § 3 Abs. 3 und § 4 Abs. 5 EG StPO
erfasste Vertretung der Anklage vor Gericht.
Die Staatsanwaltschat Muri-Bremgarten erhob am 9. August 2021 Anklage
gegen den Beschuldigten vor dem Bezirksgericht Muri. Mit Verfügung vom
12. Oktober 2021 wies die Oberstaatsanwaltschaft das Verfahren gegen
den Beschuldigten der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm zu (vor-
instanzliche Akten [VA] act. 118). Die Neuzuteilung erfolgte somit nach
Anklageerhebung und fusste daher nicht auf einer gesetzlichen Grundlage.
Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm kann folglich im vorliegenden Straf-
verfahren nicht zur Anklagevertretung berechtigt sein, was den Parteien mit
verfahrensleitender Verfügung vom 8. Juni 2022 denn auch so angezeigt
wurde.
Des Weiteren kann die (unzuständige) Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm
auch nicht zur Ergreifung eines Rechtsmittels legitimiert sein. Vielmehr
steht dies einzig der zuständigen Staatsanwaltschaft oder gegebenenfalls
der Oberstaatsanwaltschaft zu (§ 40 EG StPO). Dass in § 40 Abs. 1
EG StPO von der zuständigen Staatsanwältin bzw. dem zuständigen
Staatsanwalt die Rede ist und dadurch die Rechtsmittellegitimation an eine
Person statt an eine Behörde bzw. an eine Staatsanwaltschaft gekoppelt
wird, ist wohl – was die Formulierung betrifft – als gesetzgeberisches
Versehen zu verstehen. Das Einführungsgesetz zur Schweizerischen
Strafprozessordnung des Kantons Aargau kennt im ganzen Gesetz
grundsätzlich keine an die Person geknüpften Zuständigkeiten. Es ergibt
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sich weder aus der Gesetzessystematik noch aus der zum Gesetz
gehörigen Botschaft, dass bei der Rechtsmittellegitimation eine
abweichende Regelung beabsichtigt war (vgl. Beilage 3 zur Botschaft
09.258 vom 2. September 2009, S. 17). Im Übrigen trägt § 40 EG StPO
auch den Titel Legitimation der Staatsanwaltschaft und nicht des Staats-
anwaltes bzw. der Staatsanwältin. Richtigerweise ist daher in § 40 Abs. 1
EG StPO von der zuständigen Staatsanwaltschaft auszugehen. Da die
Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm vorliegend nicht zuständig ist, kann sie
demnach auch nicht zur Berufungs- bzw. Anschlussberufungserklärung
berechtigt sein.
Dass vorliegend der mit diesem Verfahren betraute Staatsanwalt immer in
guten Treuen und verfügungsgemäss gehandelt hat, vermag am
dargelegten Ergebnis nichts zu ändern. Die gesetzliche Zuständigkeits-
ordnung wie auch die Bestimmungen über die Parteien in einem Straf-
verfahren sind zwingender Natur und vom Berufungsgericht als Prozess-
voraussetzungen von Amtes wegen zu prüfen (Art. 329 i.V.m. Art. 379
StPO).
1.1.3.
Nach dem Gesagten ist dem Antrag des Beschuldigten zu folgen und auf
die Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm vom 7. Juni
2022 nicht einzutreten.
Da es sich bei der Staatsanwaltschaft um eine spezialisierte Fachbehörde
handelt, kommt eine Wiederherstellung der gesetzlichen Frist zur
Anschlussberufung nicht infrage. Daran ändert auch nichts, dass die
Oberstaatsanwaltschaft Staatsanwalt B. am 6. September 2022 und somit
nach Ablauf der gesetzlichen Frist für die Anschlussberufungserklärung
dazu ermächtigt hat, für die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten zu
handeln.
1.2.
Die Berufung des Beschuldigten richtet sich gegen die Schuldsprüche und
damit einhergehend gegen die Strafzumessung und die Zivilforderung. Die
Anordnung einer ambulanten Behandlung nach Art. 63 StGB, die
Einziehung diverser Gegenstände sowie die Entschädigung der amtlichen
Verteidigung im erstinstanzlichen Verfahren sind unangefochten geblieben.
Eine Überprüfung dieser unbestrittenen Punkte findet nicht statt (Art. 404
Abs. 1 StPO).
2.
2.1.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten der versuchten vorsätzlichen Tötung
schuldig gesprochen. Sie ging im Wesentlichen davon aus, dass der
Beschuldigte seine Ehefrau C. am 16. Mai 2020 um ca. 03:15 Uhr –
- 7 -
nachdem diese ihm am Vorabend ihren definitiven Entschluss zur
häuslichen Trennung mitgeteilt hatte – während mindestens einer bis zwei
Minuten gewürgt habe, so dass sie das Bewusstsein verloren habe. C.
habe dabei ein «massivstes Stauungssyndrom» erlitten und sich in un-
mittelbarer Lebensgefahr befunden, wobei es nur dem Zufall zu verdanken
sei, dass sie überlebt habe.
Der Beschuldigte beantragt mit seiner Berufung einen Freispruch und
macht wie bereits vor der Vorinstanz im Wesentlichen geltend, er sei
aufgrund einer starken Alkoholintoxikation schuldunfähig gewesen. Das zur
Bestimmung der Blutalkoholkonzentration erstellte Gutachten des Instituts
für Rechtsmedizin des Spitals M. (nachfolgend: IRM) basiere auf der
falschen Annahme, das Trinkverhalten des Beschuldigten sei als normal zu
qualifizieren. Vielmehr sei aufgrund eines sog. «Diffusionssturzes» von
einem viel höheren Alkoholwert zum Tatzeitpunkt auszugehen.
2.2.
In tatsächlicher Hinsicht ist erstellt und unbestritten geblieben, dass der
Beschuldigte seine Ehefrau C. während mindestens einer bis zwei Minuten
gewürgt hat, so dass sie sich in unmittelbarer Lebensgefahr befand, wobei
es nur dem Zufall zu verdanken war, dass sie überlebte. Ebenfalls
unbestritten ist, dass der Beschuldigte den objektiven und subjektiven
Tatbestand der versuchten vorsätzlichen Tötung gemäss Art. 111 i.V.m.
Art. 22 Abs. 1 StGB erfüllt hat (vgl. vorinstanzliches Urteil E. 2; Berufungs-
begründung S. 2 f.).
Bestritten ist hingegen, wie stark alkoholisiert der Beschuldigte zum
Tatzeitpunkt war und damit einhergehend, ob er einsichts- und steuerungs-
fähig bzw. schuldfähig gehandelt hat.
2.3.
2.3.1.
Zieht das Gericht mangels eigener Fachkenntnis eine sachverständige
Person bei, ist es bei der Würdigung des Gutachtens grundsätzlich frei. Ob
das Gericht die in einem Gutachten enthaltenen Erörterungen für über-
zeugend hält oder nicht und ob es dementsprechend den Schluss-
folgerungen der Experten folgen will, ist mithin eine Frage der Beweis-
würdigung. Die Beweiswürdigung und die Beantwortung der sich stellenden
Rechtsfragen sind Aufgabe des Gerichts. Das Gericht ist somit nicht an den
Befund oder die Stellungnahme des Sachverständigen gebunden. Es hat
vielmehr zu prüfen, ob sich aufgrund der übrigen Beweismittel und der
Vorbringen der Parteien ernsthafte Einwände gegen die Schlüssigkeit der
gutachterlichen Darlegungen aufdrängen. Auch wenn das gerichtlich
eingeholte Gutachten grundsätzlich der freien Beweiswürdigung unterliegt,
darf das Gericht in Fachfragen nicht ohne triftige Gründe von ihm abrücken
und muss Abweichungen begründen (statt vieler: Urteil des Bundesgerichts
- 8 -
6B_567/2020 vom 6. Dezember 2021 E. 2.3.2, nicht publiziert in BGE
148 IV 57).
2.3.2.
Entgegen dem Beschuldigten erachtet das Obergericht gestützt auf das
Gutachten des IRM vom 10. Juni 2020 eine Blutalkoholkonzentration beim
Beschuldigten zum Tatzeitpunkt von maximal 1.59 ‰ als erstellt.
Dem Beschuldigten wurde in der Tatnacht um 06:46 Uhr Blut mit einer
Blutalkoholkonzentration von 0.63 ‰ (Vertrauensbereich 0.58 ‰ - 0.68 ‰)
entnommen. Ausgehend von einem Trinkende um 03:00 Uhr wurde mit
Gutachten des IRM vom 10. Juni 2020 zum Tatzeitpunkt (03:15 Uhr) eine
Blutalkoholkonzentration zwischen 0.75 ‰ und 1.57 ‰ errechnet (Unter-
suchungsakten [UA] act. 2053). Das auf Ersuchen des Beschuldigten von
der Vorinstanz in Auftrag gegebene Ergänzungsgutachten des IRM vom
30. September 2021 ermittelte basierend auf einem Trinkende um
02:00 Uhr eine Blutalkoholkonzentration zwischen 0.85 ‰ und 1.59 ‰ (VA
act. 88). In beiden Gutachten wurde strukturiert und nachvollziehbar die
Vorgehensweise dargelegt. Die Gutachten sind weiter vollständig,
schlüssig und plausibel. Zur Bestimmung des Minimalgehalts wurde von
einem stündlichen Abbauwert von 0.1 ‰ bei einer längst möglichen
Resorptionszeit von 120 Minuten, für den Maximalgehalt von stündlich
0.2 ‰ zuzüglich eines einmaligen Zuschlags von 0.2 ‰ bei einer
Resorptionszeit von 20 Minuten ausgegangen. Diese Vorgehensweise
entspricht den Vorgaben des Bundesamtes für Strassen zur Bestimmung
der Blutalkoholkonzentration (vgl. Ziff. 3.1 ff. des Anhangs 3 der Weisung
vom 2. August 2016 betreffend die Feststellung der Fahrunfähigkeit im
Strassenverkehr), der von der Schweizerischen Gesellschaft für Rechts-
medizin SGRM empfohlenen Vorgehensweise (vgl. VA act. 140, 143) und
schliesslich der vom Bundesgericht bestätigten Methode (vgl. BGE 129 IV
290 E. 2.6 = Pra 2004 Nr. 17 mit weiteren Hinweisen). Der Leiter des IRM
und Chefarzt Dr. med. D. führte darüber hinaus vor der Vorinstanz aus,
dass diese maximalen bzw. minimalen Parameter als sehr begünstigend
erachtet würden und der Blutalkoholabbau im Einzelfall wohl eher bei
1.5 ‰ pro Stunde liege. Ihm sei denn auch nicht bekannt, dass es einen
konkreten Anlass gebe, diese Parameter zu hinterfragen – schon gar nicht
aufgrund der konkreten Gegebenheiten im vorliegenden Fall (VA act. 140,
143). Zudem sei ihm der vom Beschuldigten vorgebrachte Begriff
«Diffusionssturz» nicht bekannt (VA act. 142). Der Begriff «Diffusionssturz»
hat denn bis anhin auch nicht Eingang in die Rechtsprechung gefunden.
Einzig in dem vom Beschuldigten vorgebrachten BGE 103 IV 110 E. 4.b
hielt das Bundesgericht fest, dass bei einem sog. «Schluss-Sturz-Trunk»
einer gewissen Alkoholmenge, die einem Wert von mehr als 0,3 ‰
entspreche, unter Vorbehalt ganz vereinzelter Extremsituationen wegen
der Überflutung des Gehirns mit Alkohol von einer generellen Verkehrs-
untauglichkeit auszugehen sei. Vorliegend kann der Beschuldigte daraus
- 9 -
aber nichts zu seinen Gunsten ableiten. Der zitierte Bundesgerichts-
entscheid befasste sich mit der Berechnung eines Blutalkoholminimal-
gehalts und nicht wie vorliegend mit der Berechnung eines Maximalgehalts,
bei welchem ohnehin noch einmalig pauschal 0.2 ‰ addiert werden.
Zudem bezieht sich dieses «Schluss-Sturz-Trunk»-Phänomen auf die
Fahrfähigkeit im Strassenverkehr, mitunter einer Tätigkeit mit körperlich
und geistig hoch komplexen Abläufen.
Schliesslich vermag auch die vom Beschuldigten zu den Akten gegebene
Dissertation «Vergleich der Blutalkoholkonzentration mit der Atemalkohol-
konzentration nach mässigem Alkoholkonsum» an diesem Umstand nichts
zu ändern. Diese untersuchte unter anderem die Blutalkoholkurve
zwischen dem Trink- und dem Resorptionsende. Die Doktorandin kommt
im Wesentlichen zum Ergebnis, dass die Blutalkoholkurve bei schnellem
bzw. gar sturzartigem Alkoholkonsum «bei insgesamt gleicher getrunkener
Alkoholmenge in der Resorptionsphase steiler zum Maximum [ansteigt].
[...] Hieran kann sich ein starker Abfall des Kurvenverlaufs (Diffusionssturz)
anschliessen.» «In der [darauffolgenden] Eliminationsphase [...] ist der
Kurvenverlauf nahezu linear, da die Elimination von Ethanol einer Kinetik
nullter Ordnung folge, d.h., dass die Abbaurate konzentrationsunabhängig
ist.» (VA act. 327). Der Beschuldigte verkennt, dass die Dissertation nichts
über die Höhe der Blutalkoholkurve in Relation zum Trinkverhalten aussagt,
sondern einzig darüber, dass die Blutalkoholkurve während der
Resorptionszeit abhängig vom Trinkverhalten steiler oder weniger steil
«zum Maximum» ansteigen bzw. sich wieder entsprechend senken kann.
Dieses Phänomen ist aber bereits hinlänglich bekannt. So wird bereits jetzt
für die Rückrechnung des Blutalkohols beim Maximalgehalt von einer 20-
minütigen Resorptionszeit und beim Minimalgehalt von einer 120-
minütigen Resorptionszeit ausgegangen, bevor dann die Kurve in eine
lineare Abbauphase (Eliminationsphase) von 0.1 ‰ bzw. 0.2 ‰ pro Stunde
übergeht. Mit der (sehr) kurzen Resorptionszeit von 20 Minuten wird
demnach das von der Doktorandin dargelegte Phänomen, dass die
Blutalkoholkurve bei sturzartigem Alkoholkonsum steiler zum Maximum
ansteige und sich wieder entsprechend schnell senke (Diffusionssturz),
bereits berücksichtigt.
Gestützt auf das Gesagte sieht das Obergericht mit der Vorinstanz keine
Veranlassung, an der Richtigkeit des Gutachtens des IRM zu zweifeln oder
davon abzuweichen. Vor diesem Hintergrund kann offen bleiben, ob der
Beschuldigte kurz vor dem Ereignis eine grosse Menge Alkohol sturzartig
getrunken hat und ob sein Körper schnell oder langsam Alkohol abbaut.
Denn beiden Umständen wurde in der gutachterlichen Berechnung des
maximalen Blutalkoholgehalts mit der (sehr) kurzen Resorptionszeit von 20
Minuten, dem stündlichen Abbauwert von 0.2 ‰ und der einmaligen
Addition von zusätzlichen 0.2 ‰ genügend Rechnung getragen.
Dementsprechend hatte der Beschuldigte zum Tatzeitpunkt bei einem
- 10 -
angenommenen Trinkende um 02:00 Uhr maximal einen Blutalkoholgehalt
von 1.59 ‰, bei einem Trinkende um 03:00 Uhr maximal 1.57 ‰, wobei die
minime Diskrepanz von 0.02 ‰ in Bezug auf das Vorliegen einer Schuld-
unfähigkeit nicht massgeblich ist.
Vor diesem Hintergrund ist in antizipierter Beweiswürdigung auch der
anlässlich der Berufungsverhandlung gestellte Beweisantrag des Beschul-
digten, es sei Dr. [...], Institut für Rechtsmedizin, Universität Bern, zu
beauftragen, diesbezüglich ein Gutachten zu erstellen, abzuweisen.
2.3.3.
Zu prüfen bleibt, ob beim Beschuldigten im Tatzeitpunkt eine Schuld-
unfähigkeit oder eine verminderte Schuldfähigkeit vorgelegen hat.
Nach Art. 19 Abs. 1 StGB ist der Täter nicht strafbar, wenn er zur Zeit der
Tat nicht fähig war, das Unrecht seiner Tat einzusehen oder gemäss dieser
Einsicht zu handeln. Gemäss Art. 19 Abs. 2 StGB mildert das Gericht die
Strafe, wenn der Täter zur Zeit der Tat nur teilweise fähig war, das Unrecht
seiner Tat einzusehen (Einsichtsfähigkeit) oder gemäss dieser Einsicht zu
handeln (Steuerungsfähigkeit).
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts fällt bei einer Blutalkohol-
konzentration von über 2 Gewichtspromille eine Verminderung der
Schuldfähigkeit in Betracht bzw. besteht in diesem Bereich eine Vermutung
für die Verminderung der Schuldfähigkeit, wobei diese im Einzelfall durch
Gegenindizien umgestossen werden kann (BGE 117 IV 292 E. 2d; BGE
122 IV 49 E. 1.b; Urteil des Bundesgerichts 6B_676/2016 vom 16. Februar
2017 E. 3.3). Stets sind Alkoholgewöhnung, Persönlichkeit und Tatsituation
in die Beurteilung einzubeziehen. Als grobe Faustregel kann lediglich
davon ausgegangen werden, dass bei einer Blutalkoholkonzentration von
unter 2 Promille in der Regel keine Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit
vorliegt, für den Bereich zwischen 2 und 3 Promille im Regelfall von einer
Verminderung der Schuldfähigkeit ausgegangen wird, während bei einer
solchen von 3 Promille und darüber meist Schuldunfähigkeit gegeben ist
(vgl. BGE 129 V 354 E. 3.3; Urteile des Bundesgerichts 6B_1363/2019 vom
19. November 2020 E. 1.7.2; 6B_1050/2020 vom 20. Mai 2021 E. 3.3; je
mit Hinweisen). Konkrete Feststellungen über die Alkoholisierung oder
Nüchternheit haben aber prinzipiell Vorrang gegenüber Blutalkoholwerten.
Ausschlaggebend für die Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit ist der
psychopathologische Zustand (der Rausch) und nicht dessen Ursache, die
Alkoholisierung, welche sich in der Blutalkoholkonzentration widerspiegelt.
Von einer aufgehobenen Steuerungsfähigkeit kann aus psychiatrischer
Sicht erst ausgegangen werden, wenn sich psychotische Störungen des
Realitätsbezugs feststellen lassen. Dies ist der Fall bei Störungen der
Orientierung mit Situations- und Personenverkennung sowie bei Zu-
ständen, die von Halluzinationen oder Wahnvorstellungen determiniert
- 11 -
sind, wie beispielsweise Fehlen der Ansprechbarkeit oder fehlende Reagi-
bilität auf Aussenreize (Urteile des Bundesgerichts 6B_725/2009 vom
26. November 2009 E. 2.2; 6S.17/2002 vom 7. Mai 2002 E. 1c.aa; je mit
Hinweisen).
Im vorliegenden Verfahren wurde Dr. med. E. mit der Erstellung eines
psychiatrischen Gutachtens beauftragt, das sich insbesondere mit dem
Vorliegen einer psychiatrischen Störung und einer möglichen Schuld-
unfähigkeit zu befassen hatte. Mit diesem Gutachten vom 25. Februar 2021
wurde beim Beschuldigten eine intermittierende explosive Störung (ICD-10
F63.8) diagnostiziert. Diese Störung habe zur Zeit der Tat zwar nicht seine
Einsichtsfähigkeit vermindert, aber seine Steuerungsfähigkeit leicht- bis
mittelgradig eingeschränkt. Zudem habe die Alkoholintoxikation (aus-
gehend von einer Blutalkoholkonzentration von maximal 1.57 ‰) zur leicht-
gradigen Verminderung der Steuerbarkeit geführt. Insgesamt sei deshalb
von einer leichtgradigen Verminderung der Schuldfähigkeit auszugehen
(UA act. 4062 f., 4066 ff.).
Entgegen dem Beschuldigten erachtet das Obergericht gestützt auf dieses
Gutachten eine vollständige Schuldunfähigkeit als nicht gegeben. Insofern
die Ausführungen des Beschuldigten zum psychiatrischen Gutachten auf
der (unzutreffenden) Annahme basieren, der Blutalkoholgehalt habe zum
Tatzeitpunkt deutlich über 1.57 ‰ betragen, ist auf diese nicht weiter
einzugehen. Dr. med. E. legte dem Gutachten eine zutreffende Blutalkohol-
berechnung zugrunde (vgl. dazu Erwägung hievor). Die übrigen Vorbringen
des Beschuldigten vermögen ebenfalls keine Zweifel an der Über-
zeugungskraft des psychiatrischen Gutachtens zu begründen. Das
Gutachten ist strukturiert und nachvollziehbar aufgebaut. Die gutach-
terlichen Schlussfolgerungen sind plausibel und schlüssig. Es berück-
sichtigt – mit Ausnahme der zeitlich später durchgeführten Einvernahme
des Zeugen F. – sämtliche Aussagen und übrigen Beweismittel. Der
Umstand, dass das Gutachten ohne die Aussagen von F. erstellt wurde,
hat aber entgegen dem Beschuldigten keinen Einfluss auf das gutach-
terliche Ergebnis. Denn F. wie auch die Zeugin G., deren Aussagen im Gut-
achten mitberücksichtigt werden konnten, hatten beide mit dem Beschul-
digten kurz vor dem Ereignis telefonisch Kontakt. Während sich das Ende
des Telefonats mit F. aufgrund der verwendeten Kommunikationssoftware
nicht mehr ermitteln lässt, kann das 9-minütige Telefonat mit G. aufgrund
der Mobiltelefonauswertung auf 02:33 Uhr zurückverfolgt werden (UA
act. 3260). Da der Beschuldigte bereits um ca. 03:00 Uhr zu Bett ging,
konnte der Kontakt zu F. nach dem Telefonat mit G. – wenn überhaupt –
nur noch kurz gewesen sein. Jedenfalls ist davon auszugehen, dass G. wie
auch F. den Beschuldigten im gleichen (Rausch-) Zustand erlebt haben.
Beide gaben an, der Beschuldigte habe auf sie alkoholisiert gewirkt, was
bei einer Blutalkoholkonzentration von maximal 1.59 ‰ auch ohne
Weiteres zu erwarten ist. Gemäss F. habe er den Beschuldigte noch nie so
- 12 -
alkoholisiert erlebt. Der Beschuldigte sei im Verlauf des Abends
zunehmend unverständlicher bzw. lallender geworden und er habe ihn teils
mehrfach ansprechen müssen, bis er reagiert habe. Er sei schliesslich auch
nicht mehr im Stand gewesen, einen Gutschein-Code für ein Spiel
einzugeben, den er ihm diktiert habe (UA act. 3151 ff.). Aber auch G. gab
zu Protokoll, dass der Beschuldigte am Telefon den Eindruck gemacht
habe, als ob er «einen über den Durst» getrunken hätte. Er habe gelallt und
«angedüdelt» gewirkt, habe aber noch klar mit ihr kommunizieren können
(UA act. 3078; 3081). Die glaubhaften Aussagen der beiden Zeugen
schliessen sich gegenseitig nicht aus. Beide haben den Beschuldigten nur
gehört und nicht gesehen. Sie konnten ihn also nur eingeschränkt wahr-
nehmen. Zudem führte G. ein kurzes, aber gezieltes und wechselseitiges
Gespräch mit dem Beschuldigten, anhand welchem sich schnell offenbart
haben muss, wie stark die kognitiven Fähigkeiten des Beschuldigten
alkoholbedingt eingeschränkt waren. Demgegenüber war F. zwar den
ganzen Abend mit dem Beschuldigten über «Teamspeak» verbunden, sie
haben aber nur bis 23:00 Uhr zusammen gespielt und danach kurz über
die Trennungssituation des Beschuldigten gesprochen, bis sie dann durch
H. unterbrochen wurden, da dieser sich ebenfalls in das Gespräch
einloggte. Daraufhin hat F. mit H. ein Spiel gespielt und der Beschuldigte
ist einer eigenen Beschäftigung nachgegangen (UA act. 3147 ff.), womit er
seine Aufmerksamkeit nicht mehr primär dem Gespräch mit den beiden
anderen widmete bzw. F. mit H. vor allem zusammen über das von ihnen
gespielte Spiel gesprochen hat. Vor diesem Hintergrund und unter Berück-
sichtigung des nicht unwesentlichen Blutalkoholgehalts von maximal
1.59 ‰ ist es nicht überraschend, dass der Beschuldigte nicht immer sofort
reagierte, als er angesprochen wurde. Dass er zudem nicht mehr im Stand
war, einen Gutscheincode für ein Spiel einzugeben, ist ebenfalls nicht
verwunderlich. Solche Codes bestehen aus vielen Ziffern und einer
Mischung aus Zahlen sowie Gross- und Kleinbuchstaben. Die Übermittlung
eines solchen Codes ist damit ohnehin bereits fehleranfällig, zumal ihm
dieser Code möglicherweise nur telefonisch diktiert wurde. Der Beschul-
digte sei sich zwar sicher, dass er den Code nur hätte kopieren und
einfügen müssen, er gibt aber auch zu, dass er sich eigentlich nicht mehr
daran erinnere, sondern es nur aus der Einvernahme mit F. wisse (Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 21; 28). Dieser aber gab lediglich zu Protokoll,
dass der Beschuldigte nicht mehr in der Lage war, einen Code einzulösen
(UA act. 3148; 3151; 3153). Gestützt auf die Aussagen von F. kann daher
insgesamt nicht von einem derartigen Rauschzustand ausgegangen
werden, dass eine vollständige Schuldunfähigkeit anzunehmen wäre.
Vielmehr unterscheiden sich diese diesbezüglich nicht wesentlich von den
Aussagen von G., weshalb davon auszugehen ist, dass der Gutachter auch
in Kenntnis der Aussagen von F. nicht zu einem anderen Ergebnis
gekommen wäre. Inwiefern sich die Tatsache, dass die zeitlich kurz vor
dem Gutachten getätigten Aussagen der Zeugen I. und J. (möglicherweis)
- 13 -
vom Gutachter nicht mitberücksichtigt wurden, zugunsten des Beschul-
digten auf das gutachterliche Ergebnis auswirken sollte, ist nicht ersichtlich.
Beide Zeugen hatten am fraglichen Abend keinen Kontakt mit dem
Beschuldigten (UA act. 3162; 3191). Dafür aber gab I. zu Protokoll, dass
seiner Auffassung nach der Beschuldigte «richtig viel» Alkohol vertrage und
dieser auf ihn wenige Wochen vor dem Vorfall nach einem gemeinsamen
Konsum von 1 1⁄2 Flaschen Whiskey zu dritt einen beinahe nüchternen
Eindruck gemacht habe (UA act. 3165 f.). Ein ähnliches Erlebnis berichtete
J., der den Beschuldigten nach einem gemeinsamen Konsum einer ganzen
Flasche Whiskey (7 dl) zu zweit im Jahr 2018 lediglich lallend, sonst aber
witzig und lachend erlebt habe (UA act. 3193). Schliesslich protokollierte
auch die Polizei im in der Tatnacht ausgefüllten FinZ-Set, der Beschuldigte
habe zwar nach Alkohol gerochen, sonst aber habe man kein auffälliges
Verhalten wie torkelnder oder schwankender Gang, verlangsamte oder
überschiessende Reaktion etc. beobachten können (UA act. 2122). Die
Annahme einer vollständigen Schuldunfähigkeit zufolge Alkoholintoxikation
ist damit unter Einbezug sämtlicher Beweismittel ausgeschlossen, zumal
gemäss oben zitierter Rechtsprechung des Bundesgerichts bei einer
Blutalkoholkonzentration von unter 2 ‰ in der Regel nicht einmal eine
Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit anzunehmen sei.
Nach dem Gesagten sieht das Obergericht mit der Vorinstanz keine
Veranlassung, an der Richtigkeit des psychiatrischen Gutachtens von
Dr. med. E. zu zweifeln oder davon abzuweichen. Demnach war der
Beschuldigte zum Tatzeitpunkt nicht schuldunfähig. Aufgrund der
intermittierenden explosiven Störung war seine Steuerungsfähigkeit jedoch
leicht- bis mittelgradig vermindert. Die Alkoholintoxikation führte darüber
hinaus ebenfalls zu einer leichtgradig verminderten Steuerungsfähigkeit.
Insgesamt ist deshalb mit der Vorinstanz gestützt auf das psychiatrische
Gutachten von einer leichtgradigen Verminderung der Schuldfähigkeit
auszugehen, was im Rahmen der Strafzumessung entsprechend zu
berücksichtigen sein wird (siehe dazu unten).
Vor diesem Hintergrund ist in antizipierter Beweiswürdigung auch der
anlässlich der Berufungsverhandlung gestellte Beweisantrag des Beschul-
digten, es sei Dr. med. E. zu beauftragten, ein ergänzendes Gutachten über
die Schuldfähigkeit zu erstellen, abzuweisen.
2.4.
Nach dem Gesagten erweist sich die Berufung des Beschuldigten in
diesem Punkt als unbegründet. Er hat sich der versuchten vorsätzlichen
Tötung gemäss Art. 111 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig gemacht.
- 14 -
3.
3.1.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten weiter der Schändung schuldig
gesprochen. Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, der Beschul-
digte sei – nachdem er C. bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt hatte – mit
seinem Finger in ihre Vagina eingedrungen.
Der Beschuldigte macht mit seiner Berufung im Wesentlichen geltend, es
sei zu keinen sexuellen Handlungen nach Eintritt der Bewusstlosigkeit von
C. gekommen. Die Vorinstanz verfalle mit ihrer Argumentation in Willkür,
wenn sie ausführe, es sei lebensfremd, dass C. das Eindringen mit den
Fingern des Beschuldigten vor dem Würgen verschlafen habe. Darin liege
nämlich gerade der Reiz dieser vom Ehepaar etablierten Sexualpraktik
(Somnophilie).
3.2.
Der Schändung gemäss Art. 191 StGB macht sich schuldig, wer eine zum
Widerstand unfähige Person in Kenntnis ihres Zustandes zum Beischlaf,
einer beischlafsähnlichen Handlung oder einer anderen sexuellen Hand-
lung missbraucht.
3.3.
In tatsächlicher Hinsicht ist erstellt und unbestritten, dass der Beschuldigte
mit seinen Fingern in die Vagina von C. eindrang und damit eine sexuelle
Handlung an ihr vollzog. Weiter ist erstellt und unbestritten geblieben, dass
der Beschuldigte C. solange würgte, bis sie das Bewusstsein für einige
Sekunden bis maximal ein bis zwei Minuten verlor und damit wider-
standsunfähig war.
Bestritten wird hingegen, zu welchem Zeitpunkt der Beschuldigte seine
Finger einführte und damit einhergehend, ob die sexuelle Handlung
missbräuchlich, das heisst ohne Einverständnis von C., vorgenommen
wurde.
3.4.
Das Obergericht geht mit der Vorinstanz davon aus, dass der Beschuldigte
– nachdem er C. bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt hatte – ihr die Pyjama-
hose herunterzog und mit seinen Fingern in ihre Vagina eindrang.
C. hat konstant, schlüssig und glaubhaft zu Protokoll gegeben, der
Beschuldigte sei in der Tatnacht ca. um 03:00 Uhr zu ihr ins Bett
gekommen und habe begonnen, sie am Gesäss zu streicheln. Da sie zu
diesem Zeitpunkt noch nicht tief geschlafen habe, sei sie aufgewacht. Sie
habe dem Beschuldigten gesagt, dass sie dies nicht möchte, da sie sonst
nicht schlafen könne. Daraufhin sei sie auf die Toilette gegangen und habe
- 15 -
etwas getrunken. Nach einiger Zeit sei sie dann wieder ins Bett zurück-
gekehrt. Der Beschuldigte habe sodann wieder begonnen, sie in sexueller
Absicht am Gesäss zu streicheln. Sie habe ihm daraufhin erneut zu
verstehen gegeben, dass sie dies nicht wolle, worauf er sie zu sich gezogen
und sodann gewürgt habe, bis sie das Bewusstsein verloren habe. Als sie
wieder zu sich gekommen sei, sei sie auf allen Vieren im Gang gewesen,
wobei ihre Pyjamahose nur noch am linken Bein gehangen habe (UA
act. 3004 f.; 3007; 3036; VA act. 149 ff.; Protokoll Berufungsverhandlung
S. 4 f.; 7 f.). Der Beschuldigte schilderte diesen Ablauf bis zu seinem
Blackout, das eingesetzt haben soll, nachdem C. von der Toilette zurück-
gekommen sei, mit Ausnahme vereinzelter Erinnerungslücken grund-
sätzlich gleich (UA act. 1024; 3228.08 f.; VA act. 175). Dabei fällt auf, dass
die von ihm geschilderten alkoholbedingten Erinnerungslücken vor dem
Blackout im Verlauf des Verfahrens immer umfassender wurden. Während
er anlässlich der Hafteröffnungseinvernahme vom 17. Mai 2020 noch
genau und detailreich schildern konnte, dass er ins Schlafzimmer
gegangen sei, er dort gemerkt habe, dass alles ein wenig drehe, er aber
dann trotzdem begonnen habe, C. zu streicheln und zu massieren, diese
ihm dann gesagt habe, so könne sie nicht schlafen und sie deshalb auf die
Toilette gegangen und dann wieder zurückgekommen sei, er wieder
begonnen habe, sie am Gesäss zu streicheln und erst dann das Blackout
eingesetzt habe (UA act. 1024), macht er an der Berufungsverhandlung
nun geltend, er könne sich (alkoholbedingt) an nichts mehr erinnern. Er
habe einzig noch vage in Erinnerung, dass C. das Zimmer verlassen und
gemeckert habe, sonst wisse er aber nichts mehr (Protokoll Berufungs-
verhandlung, S. 21 f.; 24). Da nicht ersichtlich ist, dass der Beschuldigte
seine kurz nach dem Vorfall getätigten Aussagen erfunden hätte – zumal
diese auch mit den Aussagen von C. übereinstimmen –, sind die vor
Berufungsgericht geltend gemachten umfassenden Erinnerungslücken als
Schutzbehauptung zu verstehen. Stellt man nun auf den Sachverhalt ab,
wie ihn der Beschuldigte anlässlich der Hafteröffnungseinvernahme
übereinstimmend mit C. schilderte, besteht gar kein Raum für die vom
Beschuldigten vor Obergericht vorgebrachte Version, es könne nicht aus-
geschlossen werden, dass er mit seinen Fingern in sie eingedrungen sei,
als sie noch geschlafen habe, sie habe es aber möglicherweise nicht
bemerkt. Denn selbst wenn dem so wäre – und dies erachtet das Ober-
gericht mit der Vorinstanz als lebensfremd –, hätte sie zumindest danach
festgestellt, dass der Beschuldigte ihr während dem Schlaf die Pyjamahose
heruntergezogen haben muss. Denn da sie lange Pyjamahosen trug und
das Unterhemd in die Hose reingesteckt hatte (UA act. 3010; Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 7; 15), wäre ein Eindringen ohne Herunter-
ziehen der Hose gar nicht möglich gewesen. Dies war aber nicht der Fall
(VA act. 151; Protokoll Berufungsverhandlung, S. 15) und wurde weder von
C. noch vom Beschuldigten in einer Einvernahme so geschildert. Vielmehr
schilderte C. von Beginn an konstant, dass das Streicheln mit Gewissheit
über der Pyjamahose gewesen sei (Protokoll Berufungsverhandlung,
- 16 -
S. 15) und sie erst nach dem Würgen keine Pyjamahose mehr angehabt
habe. Dies deckt sich auch mit den glaubhaften und von Beginn an
konstanten Aussagen ihres ältesten Sohnes K. Dieser habe sein Zimmer
nebenan gehabt und sei aufgrund der Schreie von C. aufgewacht. Als er
auf den Gang hinausgekommen sei, habe er seine Mutter im Gang
kriechend und unten vollkommen nackt angetroffen (UA act. 2110; 3023).
Damit schilderten C. wie auch K. dieses Detail mit der Pyjamahose bereits
zu einem Zeitpunkt, in welchem noch nicht der Vorwurf eines Delikts gegen
die sexuelle Integrität im Raum stand. Die Aussage des Beschuldigten
erweist sich daher als Schutzbehauptung.
Da im hinteren Scheidengewölbe von C. DNA-Spuren des Beschuldigten
sichergestellt werden konnten (Gutachten des IRM vom 16. Oktober, UA
act. 2079), der Beschuldigte vor dem Tatereignis während mindestens
einer Woche keinen sexuellen Kontakt mit C. mehr gehabt hat (UA
act. 3036; 3107) und im Berufungsverfahren grundsätzlich unbestritten
geblieben ist, dass die DNA-Spuren auf das Eindringen mit den Fingern
des Beschuldigten zurückzuführen sind, bestehen für das Obergericht nach
dem Gesagten insgesamt keine Zweifel, dass der Beschuldigte – nachdem
er C. bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt hatte – ihr zuerst die Hose hinunter-
gezogen und dann seine Finger in ihre Vagina eingeführt hat. Da
schliesslich am Penisschaft des Beschuldigten auch DNA-Spuren von C.
festgestellt werden konnten (UA act. 2078), ist davon auszugehen, dass
der Beschuldigte sich danach oder währenddessen mit der gleichen Hand
selbstbefriedigt hat. Demgegenüber ist auszuschliessen, dass der Beschul-
digte mit seinem Penis in die Vagina von C. eindrang. Denn es wurde weder
auf der Peniseichel des Beschuldigten weibliche DNA-Spuren sicher-
gestellt, noch konnten Spermien des Beschuldigten – von denen es sowohl
auf der Peniseichel wie auch am Penisschaft reichlich gehabt hat – am
hinteren Scheidegewölbe nachgewiesen werden (UA act. 2077 ff.).
Nach dem Gesagten ist in antizipierter Beweiswürdigung auch der
anlässlich der Berufungsverhandlung gestellte Beweisantrag des Beschul-
digten, es sei lic. phil. [...], Psychotherapeutin FSB, zu beauftragten, ein
Gutachten über «Somnophilie» sowie «Dormaphilie» zu erstellen,
abzuweisen, da dieses nicht geeignet wäre, etwas am oben dargelegten
Beweisergebnis zu ändern. Gleiches hat auch für den Beweisantrag zu
gelten, es sei Dr. med. [...], Klinik für Schlafmedizin, zu beauftragen, ein
Gutachten über die «Weckschwelle» zu erstellen.
Es ist im Übrigen dennoch darauf hinzuweisen, dass entgegen der
Auffassung des Beschuldigten (vgl. Protokoll Berufungsverhandlung,
S. 23) der Tatbestand der Schändung auch dann erfüllt wäre, wenn er die
sexuelle Handlung zum Zeitpunkt vorgenommen hätte, als C. noch am
Schlafen gewesen war. Denn auch das schlafende Opfer ist zum
Widerstand unfähig. Dass C. zu diesem Zeitpunkt einer solchen Handlung
- 17 -
niemals zugestimmt hätte (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 6) – wie es
offenbar früher in der langjährigen Beziehung zwischen ihr und dem
Beschuldigten teilweise der Fall gewesen war –, räumte der Beschuldigte
auch gewiss weit ein (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 23 f.) und hätte
ihm zumindest auch bewusst sein müssen, zumal sie ihm wenige Stunden
zuvor mitgeteilt hatte, sich nun auch häuslich trennen zu wollen und dass
sie bereits sämtliche Möglichkeiten ausgeschöpft hätten, die Beziehung zu
retten. Der Beschuldigte bezeichnete sich nach diesem Gespräch denn
auch auf Facebook bezeichnend als «Single auf Wohnungssuche»
(Protokoll Berufungsverhandlung, S. 4; 6; 15).
Die oben dargelegten äusseren Tatumstände decken sich schliesslich auch
mit den inneren Umständen des Beschuldigten. Nachdem der Beschuldigte
in der Tatnacht zu Bett kam, begann er C. in sexueller Absicht am Gesäss
zu streicheln. Es ist davon auszugehen, dass er zu diesem Zeitpunkt noch
nicht eine Schädigung bzw. Tötung von C. beabsichtigte, sondern sich trotz
oder gerade wegen der Trennungssituation letztmalige körperliche bzw.
sexuelle Zuneigung erhoffte. Erst als C. wiederholt seine Annäherungs-
versuche abwies, packte und würgte er sie bis zur Bewusstlosigkeit und
nahm dann an ihr ungestört seine beabsichtigten sexuellen Handlungen
vor, die er zuvor mit dem Streicheln am Gesäss andeutete. Das Würgen ist
vor diesem Hintergrund als komplett überschiessende Reaktion auf die
Zurückweisung von C. zu verstehen. Diese Reaktion lässt sich so auch mit
dem Ergebnis des Therapieverlaufsberichts vom 14. September 2022
erklären, welchem zu entnehmen ist, dass der Beschuldigte vor dem
Hintergrund der bevorstehenden Trennungssituation und dem damit
verbundenen drohenden Verlust seiner (einzigen) tiefen emotionalen
Bindung sowie der enthemmenden Wirkung des Alkohols wieder in ein aus
anderen psychosozialen Belastungssituationen gewohntes und in sein
Selbstbild integriertes Verhaltensmuster aggressiver, gewalttätiger Aus-
brüche verfiel, wobei das Ausmass der Aggressivität gegenüber dem
Auslöser in keinem Verhältnis steht (vgl. Therapieverlaufsbericht vom
14. September 2022, S. 2). Der Beschuldigte hat seine Absicht in diesem
Wutanfall denn auch kundgetan, indem er ihr gemäss den glaubhaften und
konstanten Aussagen von C. kurz vor dem Würgen sinngemäss gesagt
habe, es sei das letzte Mal, dass sie den «Arsch» hinhalten müsse, er
könne sie auch gleich erwürgen (UA act. 3004; 3007; 3035; Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 4). Schliesslich ist darüber hinaus nicht aus-
zuschliessen, dass die Regungslosigkeit von C. beim Beschuldigten nicht
gar einen zusätzlichen sexuellen Reiz ausgelöst haben könnte. So ist der
Mobiltelefonauswertung des Beschuldigten zu entnehmen, dass er in den
Tagen und Wochen vor der Tatnacht unzählige Pornographie mit
schlafenden oder bewusstlosen Frauen konsumiert hat (UA act. 3243 ff.).
- 18 -
3.5.
Nach dem Gesagten erweist sich die Berufung des Beschuldigten auch in
diesem Punkt als unbegründet. Er hat sich der Schändung gemäss Art. 191
StGB schuldig gemacht.
4.
4.1.
Der Beschuldigte hat sich der versuchten vorsätzlichen Tötung und der
Schändung schuldig gemacht, wofür er angemessen zu bestrafen ist.
4.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313; BGE
144 IV 217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4. ff.; je mit
Hinweisen). Darauf kann verwiesen werden.
4.3.
Für die versuchte vorsätzliche Tötung gemäss Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22
Abs. 1 StGB kommt als Sanktion nur eine Freiheitstrafe in Betracht, da
keine ausserordentlichen Gründe vorliegen, die ein Unterschreiten des
ordentlichen Strafrahmens oder gar einen Strafartenwechsel erlauben
würden (vgl. BGE 136 IV 55 E. 5.8). Für die Schändung wäre grundsätzlich
gemäss Art. 191 StGB auch eine Geldstrafe denkbar. Wie zu zeigen sein
wird, ist aber aufgrund der Schwere des Verschuldens auch für die
Schändung eine Freiheitsstrafe auszusprechen. Es liegen somit gleich-
artige Strafen im Sinne von Art. 49 Abs. 1 StGB vor und es ist eine Gesamt-
strafe zu bilden. Die Einsatzstrafe ist aufgrund des Strafrahmens für die
versuchte vorsätzliche Tötung als schwerste Straftat festzusetzen.
4.4.
4.4.1.
Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, wird gemäss Art. 111 StGB mit
Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft. Liegt ein blosser Versuch
vor, ist methodisch zunächst die schuldangemessene Strafe für das
vollendete Delikt festzulegen. Die derart ermittelte hypothetische Strafe ist
in der Folge unter Berücksichtigung des fakultativen Strafmilderungsgrunds
von Art. 22 Abs. 1 StGB zu reduzieren (vgl. Urteile des Bundesgerichts
6B_196/2021 vom 25. April 2021 E. 5.4.3; 6B_466/2013 vom 25. Juli 2013
E. 2.3.1).
Die Vernichtung menschlichen Lebens ist immer von einer extremen
Schwere. Sie ist der vorsätzlichen Tötung immanent und wird bereits im
Strafrahmen (Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren) berücksichtigt. Allein
der Umstand, dass der Beschuldigte das höchste Rechtsgut eines
Menschen, das Leben, verletzt hat, rechtfertigt somit nicht per se die
Ausfällung der Maximalstrafe. Die Rechtsgutverletzung als solche ist
- 19 -
unergiebig, wenn es um eine Tötung geht, da der Erfolgsunwert nicht
abgestuft werden kann. Die objektive Tatschwere bestimmt sich deshalb
vielmehr anhand des Tathergangs und der Tatumstände. Bei Totschlag
(Art. 113 StGB) und bei Mord (Art. 112 StGB) kennzeichnen subjektive
Elemente (eine entschuldbare heftige Gemütsbewegung oder eine grosse
seelische Belastung resp. eine besondere Skrupellosigkeit) den privi-
legierten resp. qualifizierten Tatbestand. Subjektive Merkmale wie Motive,
Beweggründe und Absichten des Täters sind implizit aber auch beim hier
einschlägigen Grundtatbestand des Art. 111 StGB massgeblich, wenn es
um die Festlegung des (objektiven) Schweregrades geht. Dieser bestimmt
sich mit anderen Worten anhand aller Tatkomponenten, welche einem
gesetzlichen Tatbestandsmerkmal zuzuordnen sind (Urteil des Bundes-
gerichts 6B_1038/2017 vom 31. Juli 2018 E. 2.6.1).
4.4.2.
Der Beschuldigte zog C. im gemeinsamen Ehebett in der Dunkelheit zu
sich, während sie einzuschlafen versuchte, und packte sie mit seiner Hand
an ihrem Hals. Er drückte so stark zu, dass sie weder schreien noch Luft
holen konnte. Der Beschuldigte attackierte damit seine Ehefrau in einem
Moment, in welchem sie ahnungs- und schutzlos dem Beschuldigten
ausgeliefert und damit besonders verletzlich und angreifbar gewesen war.
Aufgrund der körperlichen Überlegenheit und seiner Vorgehensweise gab
er ihr keine Chance, sich zu wehren. Durch das feste Zudrücken blieb ihr
nicht einmal mehr die Möglichkeit, zu sprechen und ihn so möglicherweise
wieder zur Vernunft zu bringen. Das Handeln des Beschuldigten weist eine
nicht unbedeutende Brutalität und Skrupellosigkeit auf. Auch ist das Töten
durch Würgen im Spektrum aller möglichen Tötungshandlungen zumindest
im mittelschweren Bereich anzusiedeln. Die Tatausführung geht damit –
hinsichtlich des vollendeten Delikts – deutlich über die blosse Erfüllung des
Tatbestandes hinaus, was sich erschwerend auf sein Verschulden
auswirkt.
Der Beschuldigte handelte weiter aus nichtigem und zugleich verwerf-
lichem Anlass. Hintergrund für sein Handeln war, dass ihm C. wenige
Stunden zuvor die definitive Trennung eröffnete. In der darauffolgenden
Nacht wollte der Beschuldigte dennoch ein letztes Mal Geschlechtsverkehr
mit ihr, was er ihr durch das Streicheln am Gesäss wiederholt signalisierte.
C. wies dies jedoch entschlossen zurück, was der Beschuldigte aber nicht
hinnehmen wollte. Er würgte sie als Reaktion auf die Zurückweisung bis
zur Bewusstlosigkeit, um sich dann an ihr zu vergehen. Diese Absicht
offenbarte er ihr auch kurz vor dem Würgen, indem er sagte, es werde das
letzte Mal sein, dass sie ihren «Arsch» hinhalten müsse. Er könne sie auch
gleich erwürgen. Sein Verhalten war damit rein egoistischer Natur und von
seinem sexuellen Trieb motiviert, wobei er seine sexuelle Befriedigung über
das Leben von C. stellte, was sein Handeln in ein besonders verwerfliches
- 20 -
Licht stellt. Damit wirken sich auch die Beweggründe des Beschuldigten
erschwerend auf sein Verschulden aus.
Bei uneingeschränkter Schuldfähigkeit wäre – hinsichtlich der vollendeten
Tat – insgesamt von einem mittelschweren bis schweren Tatverschulden
auszugehen. Wie oben dargelegt, ist gestützt auf das psychiatrische Gut-
achten vom 25. Februar 2021 aufgrund der intermittierenden explosiven
Störung des Beschuldigten sowie seiner Alkoholintoxikation zum Tat-
zeitpunkt von einer leichtgradigen Verminderung der Schuldfähigkeit
auszugehen. Damit vermindert sich das mittelschwere bis schwere Tat-
verschulden zu einem mittelschweren Tatverschulden (vgl. BGE 136 IV
55), wofür – hinsichtlich der vollendeten Tat – in Relation zum ordentlichen
Strafrahmen von 5 bis 20 Jahren eine hypothetische Freiheitsstrafe von 12
Jahren als angemessen erscheint.
Da es vorliegend bei einer versuchten vorsätzlichen Tötung geblieben ist,
ist die Strafe angemessen zu reduzieren (Art. 22 Abs. 1 StGB). Dabei hat
die Strafminderung umso geringer auszufallen, je näher der tatbestands-
mässige Erfolg und je schwerer die tatsächlichen Folgen der Tat waren
(BGE 127 IV 101 E. 2b; BGE 121 IV 49 E. 1b; vgl. auch Urteile des
Bundesgerichts 6B_587/2015 vom 6. April 2016 E. 1.3.3 und 6B_281/2014
E. 3.6). Der ordentliche Rahmen ist nur zu verlassen, wenn ausser-
gewöhnliche Umstände vorliegen und die angedrohte Strafe im konkreten
Fall als zu hart erscheint (vgl. BGE 136 IV 55 E. 5.8). Dem Gutachten des
IRM vom 22. Mai 2020 ist zu entnehmen, dass sich C. zum Ereigniszeit-
punkt in konkreter Lebensgefahr befunden habe. Die intensive Ausprägung
des Stauungssyndroms lasse weiter darauf schliessen, dass es nur dem
Zufall zu verdanken sei, dass sie den Würgevorgang überlebt habe (UA
act. 2030). C. gab denn auch glaubhaft und konstant zu Protokoll, dass sie
kurz vor der Bewusstlosigkeit mit ihrem Leben bereits abgeschlossen habe
und erst einige Sekunden nach dem Widererlangen des Bewusstseins
realisiert habe, dass sie doch noch am Leben sei (UA act. 3005; 3043; VA
act. 152; Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 11). Der Beschuldigte
würgte C. mitunter so lange, bis sie sich nicht mehr bewegte. Dass sie
dabei hätte sterben können, musste sich dem Beschuldigten geradezu
aufdrängen. Der Beschuldigte verhinderte damit den Erfolgseintritt der
vorsätzlichen Tötung nicht aktiv, sondern überliess diesen alleine dem
Zufall. Dennoch ist der Unterschied zwischen der vom Beschuldigten
beabsichtigten Tötung und dem tatsächlich ausgebliebenen Erfolg ausser-
ordentlich gross. Vom Ausbleiben des Taterfolgs profitiert auch der
Beschuldigte. Dies rechtfertigt, den Versuch im Umfang von 4 Jahren
strafmildernd zu berücksichtigen, so dass die Einsatzstrafe für die
versuchte vorsätzliche Tötung unter Berücksichtigung der leichtgradig
verminderten Schuldfähigkeit auf 8 Jahre festzusetzen ist. Eine noch
- 21 -
weitergehende Strafminderung oder gar eine Unterschreitung des ordent-
lichen Strafrahmens von 5 Jahren, ist jedoch nicht angezeigt (vgl. BGE 136
IV 55 E. 5.8).
4.5.
Diese Einsatzstrafe ist für die Schändung, die aufgrund der Schwere des
Verschuldens mit einer Freiheitsstrafe zu bestrafen ist, in Anwendung des
Asperationsprinzips gemäss Art. 49 Abs. 1 StGB angemessen zu erhöhen.
Ausgangspunkt für die Strafzumessung bildet die Verletzung oder
Gefährdung des betroffenen Rechtsguts (Art. 47 Abs. 2 StGB). Der Straf-
tatbestand der Schändung schützt die sexuelle Selbstbestimmung von Per-
sonen, die nicht in der Lage sind, sich gegen sexuelle Zumutungen zu weh-
ren (Urteil des Bundesgerichts 6B_518/2020 vom 15. September 2021
E. 1.3; BGE 133 IV 49 E. 7.2).
Beim Eindringen mit den Fingern in die Vagina handelt es sich im weiten
Spektrum möglicher sexueller Handlungen gegenüber einem zum Wider-
stand unfähigen Opfer um eine nicht mehr leichte Form der Schändung mit
einer erheblichen Eingriffsintensität. Entsprechend schwer wiegt die
Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung und Integrität und damit
einhergehend das Verschulden.
Der Tatbestand der Schändung setzt die Widerstandsunfähigkeit des
Opfers voraus. In Bezug auf die Art und Weise der Tatbegehung kann
daher der Umstand, dass C. zum Tatzeitpunkt widerstandsunfähig war,
nicht zusätzlich verschuldenserhöhend berücksichtigt werden. Dem-
gegenüber wirkt sich die Tatsache, dass der Beschuldigte nicht eine bereits
vorliegende Widerstandsunfähigkeit ausnutzte, sondern diese durch
eigenes Handeln gezielt herbeiführte, verschuldenserhöhend aus. Davon
abzugrenzen ist wiederum die Art und Weise der Herbeiführung der
Widerstandsunfähigkeit, denn das damit einhergehende Unrecht wurde
bereits durch die Bestrafung wegen versuchter vorsätzlicher Tötung
abgegolten.
Der Beschuldigte hat sich vor dem Hintergrund an seiner Ehefrau C.
vergangen, dass sie ihm am Vorabend ihren definitiven Entschluss zur
Trennung eröffnete und ihm – zumindest als er sie in sexueller Absicht am
Gesäss streichelte – deutlich zu verstehen gab, keinen sexuellen Kontakt
mehr zu wollen. Der Beschuldigte war mithin nicht bereit, ihre Entscheidung
zur Trennung und damit einhergehend zum Ende der sexuellen Beziehung
zu akzeptieren und setzte sich mit seinem Handeln explizit darüber hinweg,
was von einer besonderen Gleichgültigkeit gegenüber der sexuellen
Selbstbestimmung von C. zeugt und sich entsprechend verschuldens-
erhöhend auswirkt.
- 22 -
Bei uneingeschränkter Schuldfähigkeit wäre insgesamt in Relation zu den
in diesem Rahmen denkbaren Erscheinungsformen von Schändungen von
einem nicht mehr leichten bis mittelschweren Tatverschulden auszugehen.
Wie oben dargelegt, ist gestützt auf das psychiatrische Gutachten vom
25. Februar 2021 eine leichtgradige Verminderung der Schuldfähigkeit
anzunehmen. Damit vermindert sich das mittelschwere Tatverschulden zu
einem leichten bis mittelschweren Tatverschulden (vgl. BGE 136 IV 55),
wofür in Relation zum ordentlichen Strafrahmen von bis zu 10 Jahren
Freiheitsstrafe eine Einzelstrafe von 3 Jahren Freiheitsstrafe angemessen
erscheint.
Im Rahmen der Asperation ist zu berücksichtigen, dass die Schändung
zwar in einem engen zeitlichen wie sachlichen Zusammenhang zur
versuchten vorsätzlichen Tötung steht, was den Gesamtschuldbeitrag als
entsprechend geringer erscheinen lässt. Dennoch ist es aber keinesfalls
einerlei, ob es neben der versuchten vorsätzlichen Tötung auch noch zu
einem sexuellen Übergriff gekommen ist, zumal es sich vorliegend um die
Verletzung zweier voneinander unabhängiger und gewichtiger Rechtsgüter
handelt. Es rechtfertigt sich somit, die Einsatzstrafe von 8 Jahren Freiheits-
strafe aufgrund der Schändung angemessen um 1 1⁄2 Jahre Freiheitsstrafe
zu erhöhen. Nachdem nur auf die Berufung des Beschuldigten eingetreten
werden kann, gilt das Verschlechterungsverbot (Art. 391 Abs. 2 StPO).
Unter neutraler Berücksichtigung der Täterkomponente (vgl. nachfolgend)
bleibt es damit bei der vorinstanzlich ausgesprochenen Freiheitsstrafe von
7 Jahren.
4.6.
In Bezug auf die Täterkomponente ergibt sich Folgendes: Der Beschuldigte
wies im Tatzeitpunkt eine nicht einschlägige Vorstrafe auf. Er wurde mit
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten vom 26. März 2020
wegen Nichtabgabe von Ausweisen und/oder Kontrollschildern zu einer
bedingten Geldstrafe von 10 Tagessätzen à Fr. 110.00 und einer
Verbindungsbusse von Fr. 300.00 verurteilt. Der Beschuldigte hat aus
dieser Verurteilung nicht die notwendigen Lehren gezogen, was sich leicht
straferhöhend auswirkt (BGE 136 IV 1 E. 2.6.2). Es ist jedoch zu berück-
sichtigen, dass aus dem täterbezogenen Strafzumessungskriterium der
Vorstrafe nicht indirekt ein tatbezogenes Kriterium gemacht werden darf.
Mithin darf die Vorstrafe nicht wie ein eigenständiges Delikt gewürdigt
werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_510/2015 vom 25. August 2015
E. 1.4).
Der Beschuldigte hat sich in der Strafuntersuchung korrekt verhalten und
auch das Würgen nicht bestritten. Ein diesbezügliches bestreiten wäre
aufgrund der bei C. festgestellten Verletzungen aber auch zwecklos
gewesen. Im Übrigen hat er jedoch jegliche Verantwortung zurückgewiesen
und hat im Kerngeschehen ein Blackout geltend gemacht. Ein Geständnis,
- 23 -
welches die Strafuntersuchung in nennenswerter Weise vereinfacht hätte,
liegt damit nicht vor. Zudem ist ein Geständnis, in welchem ein Täter nur
zugibt, was ohnehin auf der Hand liegt, nicht strafmindernd zu berück-
sichtigen (Urteil des Bundesgerichts 6B_762/2011 vom 9. Februar 2012 E.
4.4). Weiter ist weder von Einsicht noch Reue auszugehen. Einsicht
bedeutet, dass eigenes Fehlverhalten erkannt und bereut wird. Wird, wie
vorliegend, das erstellte Fehlverhalten bestritten bzw. werden Erinnerungs-
lücken geltend gemacht, besteht kein Raum für eine wahre und nachhaltige
Einsicht. Insoweit er wiederholt beteuert hat, wie leid ihm alles tue, geht
dies nicht über eine blosse Tatfolgenreue hinaus, was sich neutral auswirkt.
Jedenfalls ist eine Strafminderung, wie dies bei einem von Anfang an
vollständig geständigen, nachhaltig einsichtigen und aufrichtig reuigen
Täter möglich ist, ausgeschlossen.
Aus den persönlichen und familiären Verhältnissen des heute 42 Jahre
alten Beschuldigten – noch verheiratet mit C., aber seit dem 16. Mai 2020
getrennt lebend; Vater zweier Kinder (13 und 11 Jahre), deren Obhut C.
zugeteilt wurde mit Verzicht auf Festsetzung eines Besuchsrechts
(vgl. Entscheid des Bezirksgerichts Muri vom 25. November 2021 im
Anhang zur Anschlussberufungsantwort); selbstständig erwerbend, aber
Einzelunternehmen «L.» seit November 2019 Konkurs (UA act. 1007) –
ergeben sich für die Strafzumessung keine relevanten Faktoren. Die
Rechtsprechung hat wiederholt betont, dass eine erhöhte Straf-
empfindlichkeit beim Vollzug einer Freiheitsstrafe als unmittelbar gesetz-
mässige Folge nur bei aussergewöhnlichen Umständen – die in casu nicht
vorliegen – zu bejahen ist (statt vieler: Urteil des Bundesgerichts
6B_1053/2018 vom 26. Februar 2019 E. 3.4).
Insgesamt wirkt sich die Täterkomponente neutral auf die Strafzumessung
aus.
4.7.
Der Beschuldigte hat die versuchte vorsätzliche Tötung sowie die
Schändung innerhalb der Probezeit von 2 Jahren begangen, die ihm mit
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten vom 31. März 2020
wegen Nichtabgabe von Ausweisen und/oder Kontrollschildern für den
bedingt gewährten Vollzug der Geldstrafe von 10 Tagessätzen angesetzt
worden war. Er hat sich somit nicht bewährt. Mit der Vorinstanz ist ihm bei
einer Gesamtwürdigung aller wesentlicher Umstände, auch unter Berück-
sichtigung, dass die neu ausgefällte Freiheitsstrafe unbedingt ausge-
sprochen wird, eine eigentliche Schlechtprognose zu stellen, zumal der
Entscheid über den Widerruf umso eher negativ ausfallen kann, je
schwerer die während der Probezeit begangenen Delikte wiegen (BGE 134
IV 140 E. 4.5).
- 24 -
Dem Beschuldigten ist aber auch deshalb eine Schlechtprognose zu
stellen, weil – was im Berufungsverfahren unangefochten geblieben ist –
eine vollzugsbegleitende ambulante Massnahme gemäss Art. 63 StGB
angeordnet wird und die Anordnung einer (ambulanten) Massnahme nach
ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichts zugleich eine ungünstige
Prognose bedeutet (statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 6B_986/2021
vom 19. Mai 2022 E. 1.3).
4.8.
Die ausgestandene Untersuchungshaft und der vorzeitige Strafvollzug von
insgesamt 867 Tagen sind dem Beschuldigten auf die ausgefällte Freiheits-
strafe anzurechnen (Art. 51 StGB i.V.m. Art. 110 Abs. 7 StGB; Art. 236
Abs. 4 StPO).
5.
Die Vorinstanz hat gestützt auf Art. 69 Abs. 1 und 2 StGB die Einziehung
und Vernichtung der beschlagnahmten Gegenstände und Alkoholika, des
Totenkopfglases, des Pfefferspray OC 5000 und des Teleskopschlag-
stocks angeordnet, was im Berufungsverfahren unangefochten geblieben
und somit nicht zu überprüfen ist (Art. 404 Abs. 1 StPO).
Die Vorinstanz und die Staatsanwaltschaft, welche die Einziehung
beantragt hat, sind jedoch – erneut – ausdrücklich darauf hinzuweisen,
dass eine Einziehung gemäss Art. 69 StGB nicht nur voraussetzt, dass ein
beschlagnahmter Gegenstand zur Begehung einer Straftat gedient hat,
bestimmt war oder durch eine Straftat hervorgebracht worden ist. Vielmehr
kommt nach dem klaren Wortlaut von Art. 69 StGB eine Einziehung nur
infrage, wenn ein solcher Gegenstand zusätzlich die Sicherheit von
Menschen, die Sittlichkeit oder die öffentliche Ordnung gefährdet.
Bei den diversen eingezogenen Gegenständen ist weder die eine noch die
andere Voraussetzung einer Einziehung gegeben. Es handelt sich
offensichtlich lediglich um Beweismittel. Mit der Rechtskraft des Strafurteils
fällt der Beschlagnahmegrund dahin, weshalb die beschlagnahmten
Beweismittel an sich den jeweiligen Berechtigten herauszugeben gewesen
wären.
Entgegen der Vorinstanz spielt keine Rolle, ob die Parteien der Einziehung
zugestimmt haben oder nicht. Die Voraussetzungen einer Einziehung sind
von Amtes wegen zu prüfen und unterstehen nicht der freien Disposition
der Parteien.
6.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten verpflichtet, der Privatklägerin C.
eine Genugtuung für die versuchte vorsätzliche Tötung und Schändung von
- 25 -
Fr. 25'000.00 nebst Zins zu 5 % seit dem 16. Mai 2020 zu zahlen. Darüber
hinaus hat sie die Zivilklage abgewiesen.
Der Beschuldigte anerkannte eine Genugtuung für die versuchte
vorsätzliche Tötung in der Höhe von Fr. 20'000.00 vorbehaltlos (Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 31). Für den Fall der ganzen oder teilweisen
Abweisung der Berufung im Strafpunkt bezüglich der Schändung machte
er keine Ausführungen zur von der Vorinstanz zugesprochenen Genug-
tuung. Darauf ist somit nicht weiter einzugehen bzw. es kann auf die
unbestritten gebliebenen Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden
(Art. 82 Abs. 4 StPO), zumal hinsichtlich der adhäsionsweise geltend
gemachten Zivilforderungen die Dispositionsmaxime gilt.
7.
7.1.
Die Parteien tragen die Kosten des Berufungsverfahrens nach Massgabe
ihres Obsiegens und Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO).
Die Berufung des Beschuldigten ist vollumfänglich abzuweisen. Auf die
Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft ist nicht einzutreten. Als
unterliegend gilt auch die Partei, auf deren Rechtsmittel nicht eingetreten
wird. Allerdings ist zu beachten, dass sich die Anschlussberufung der
Staatsanwaltschaft auf die Strafzumessung beschränkt hatte. Es recht-
fertigt sich somit, dem Beschuldigten die Verfahrenskosten von
Fr. 4'000.00 (§ 18 VKD) zu 3⁄4 mit Fr. 3'000.00 aufzuerlegen und im Übrigen
auf die Staatskasse zu nehmen.
7.2.
Der amtliche Verteidiger ist für das Berufungsverfahren gestützt auf die von
ihm eingereichte Kostennote – jedoch angepasst an die effektive (längere)
Dauer der Berufungsverhandlung inklusive geschätzte An- und Rückreise
sowie Nachbesprechung mit dem Klient – aus der Staatskasse mit
Fr. 9’430.45 zu entschädigen (Art. 135 Abs. 1 StPO i.V.m. § 9 Abs. 1 und
Abs. 3bis AnwT).
Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten zu 3⁄4 zurückzufordern, sobald
es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
8.
8.1.
Fällt die Rechtsmittelinstanz selber einen neuen Entscheid, so befindet sie
darin auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428
Abs. 3 StPO). Nachdem der Beschuldigte gemäss Anklage schuldig
gesprochen wird, ist die vorinstanzliche Kostenverlegung nach wie vor
korrekt (Art. 426 Abs. 1 StPO). Die erstinstanzlichen Verfahrenskosten sind
deshalb vollumfänglich dem Beschuldigten aufzuerlegen.
- 26 -
8.2.
Der Beschuldigte richtete sich mit seiner Berufung schliesslich – ohne
einen konkreten Antrag zu formulieren – gegen die von der Vorinstanz fest-
gesetzte Entschädigung der amtlichen Verteidigung und lässt anlässlich
der Berufungsverhandlung im Wesentlichen ausführen, die vorinstanz-
lichen Kürzungen seien nicht gerechtfertigt gewesen bzw. sei die
eingereichte Honorarnote nicht zu hoch ausgefallen. Diesen Ausführungen
ist zu entgegnen, dass auch wenn ein entsprechender Antrag gestellt
worden wäre, auf diesen aus den folgenden Gründen nicht einzutreten
gewesen wäre:
Der Entscheid über die Entschädigung des amtlichen Verteidigers des Be-
schuldigten bildet nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung Gegenstand
des erstinstanzlichen Urteils und kann von den Parteien mit Berufung
angefochten werden, wohingegen die amtliche Verteidigung sich gegen die
Höhe der Entschädigung mittels Beschwerde zur Wehr setzen muss
(Art. 135 Abs. 3 lit. a StPO). Erhebt einerseits die amtliche Verteidigung
Beschwerde und andererseits eine Partei Berufung gegen die Höhe der
Entschädigung, sind die Einwände der amtlichen Verteidigung aufgrund
der Subsidiarität der Beschwerde mit der Berufung zu behandeln (BGE 139
IV 199 E. 5.6).
Im vorliegenden Verfahren wurde keine Beschwerde durch die amtliche
Verteidigung erhoben, zumal diese innert 10 Tagen schriftlich und
begründet bei der Beschwerdeinstanz einzureichen gewesen wäre
(Art. 396 Abs. 1 StPO). Stattdessen wendete sich die amtliche Verteidigung
namens und im Auftrag des Beschuldigten mittels Berufung gegen den
Entschädigungsentscheid der Vorinstanz und machte geltend, dass die
Entschädigung zu tief ausgefallen sei. Da der Beschuldigte dem Ausgang
nach zur Rückleistung der Entschädigung des amtlichen Honorars
verpflichtet wird, würde die Gutheissung des Antrags, es sei eine höhere
Entschädigung festzusetzen, seinen eigenen Interessen zuwiderlaufen. Es
fehlt ihm damit – wie im Übrigen auch im Fall eines Freispruchs – an einer
für die Legitimation des Rechtsmittels notwendigen Beschwer. Auf den
Antrag wäre entsprechend mangels Beschwer nicht einzutreten.
Sofern die Auffassung vertreten werden würde, dass die amtliche
Verteidigung diesen Antrag in eigenem Namen gestellt hätte, könnte auf
diesen ebenfalls nicht eingetreten werden, da ihr im Berufungsverfahren
keine Parteistellung zukommt (Art. 104 Abs. 1 StPO).
Die der amtlichen Verteidigung für das erstinstanzliche Verfahren zu-
gesprochene Entschädigung von Fr. 45'677.95 ist nach dem Gesagten mit
- 27 -
Berufung unangefochten geblieben, weshalb darauf im Berufungsver-
fahren nicht mehr zurückgekommen werden kann (Urteil des Bundes-
gerichts 6B_1299/2018 vom 28. Januar 2019).
Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten zurückzufordern, sobald es
seine finanziellen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
8.3.
Die Vorinstanz hat der unentgeltlichen Rechtsbeiständin der Privatklägerin
für das erstinstanzliche Verfahren eine Entschädigung von Fr. 24'773.20
zugesprochen. Entgegen der Vorinstanz hat der Beschuldigte die Kosten
für die unentgeltliche Verbeiständung der Privatklägerschaft nur dann zu
tragen, wenn er sich in günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen befindet,
was vorliegend nicht der Fall ist (Art. 426 Abs. 4 StPO). Hat der Beschul-
digte die Kosten für die unentgeltliche Verbeiständung der Privatkläger-
schaft nicht zu tragen, ist er mangels Beschwer auch nicht zu deren
Anfechtung legitimiert. Auf die der unentgeltlichen Rechtsbeiständin der
Privatklägerin für das erstinstanzliche Verfahren zugesprochene Entschä-
digung ist deshalb nicht zurückzukommen.
9.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).
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