Decision ID: 6890be02-d368-595c-bfe3-a17c3a963ad3
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Gemäss eigenen Angaben verliess der Beschwerdeführer seinen Heimat-
staat im Jahr 2017 oder 2018 und suchte am 10. Oktober 2021 in der
Schweiz um Asyl nach.
B.
Die Abklärungen des SEM ergaben, dass der Beschwerdeführer am 8. Ok-
tober 2021 in Slowenien ein Asylgesuch eingereicht hatte,
C.
Mit Verfügung vom 16. November 2021 gewährte die Vorinstanz dem Be-
schwerdeführer unter anderem das rechtliche Gehör zu einem allfälligen
Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Slo-
wenien, welches gemäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO) grundsätzlich für die Behandlung seines Asyl-
gesuchs zuständig sei.
In seiner Stellungnahme vom 22. November 2021 bestritt der Beschwer-
deführer die Zuständigkeit dieses Mitgliedstaates nicht. Jedoch machte er
geltend, nicht nach Slowenien zurückkehren zu wollen, da die Unterbrin-
gungsbedingungen und die medizinische Versorgung schlecht gewesen
seien. Ferner wurde um eine ärztliche Abklärung der bei ihm vorhandenen
Suizidgedanken ersucht.
D.
Am 24. November 2021 ersuchte das SEM die slowenischen Behörden um
Rückübernahme des Beschwerdeführers. Diesem Gesuch wurde am
3. Dezember 2021 entsprochen.
E.
Ein am 8. Dezember 2021 vorgesehener Arzttermin musste wegen fehlen-
der Verfügbarkeit eines Dolmetschers abgebrochen werden. Es wurde ein
neuer Termin für den 5. Januar 2022 vereinbart.
E-44/2022
Seite 3
F.
Mit Verfügung vom 20. Dezember 2021 (eröffnet am 27. Dezember 2021)
trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte die
Überstellung nach Slowenien. Gleichzeitig ordnete das SEM den Vollzug
der Wegweisung nach Slowenien an; es stellte zudem fest, einer allfälligen
Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung
zu, und gewährte dem Beschwerdeführer Einsicht in die Akten.
G.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 3. Januar 2022
beantragte der Beschwerdeführer, die Verfügung vom 20. Dezember 2021
sei vollumfänglich aufzuheben und auf sein Asylgesuch sei einzutreten.
Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der auf-
schiebenden Wirkung der Beschwerde, die superprovisorische Aussetzung
des Wegweisungsvollzugs sowie der unentgeltlichen Prozessführung und
den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Ferner seien die
Akten der Vorinstanz zu edieren und ihm eine Nachfrist zur Beschwerde-
ergänzung einzuräumen.
H.
Der Instruktionsrichter setzte mit Zwischenverfügung vom 5. Januar 2022
den Vollzug der Überstellung superprovisorisch aus. In der gleichen In-
struktionsverfügung wurde der Antrag auf Gewährung einer Nachfrist zur
Beschwerdeergänzung abgewiesen.
I.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 5. Ja-
nuar 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
E-44/2022
Seite 4
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachfolgend
aufgezeigt wird, handelt es sich vorliegend um eine offensichtlich unbe-
gründete Beschwerde, weshalb auf einen Schriftenwechsel zu verzichten
und der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a
Abs. 1 und 2 AsylG).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
E-44/2022
Seite 5
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demge-
genüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel
III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zustän-
digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An-
nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An-
tragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen,
die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung
im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union
(2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist
zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zu-
ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zustän-
dig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat
zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an-
deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO).
E-44/2022
Seite 6
4.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen,
einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell-
ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht).
5.
5.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der
"Eurodac"-Datenbank ergab, dass er am 8. Oktober 2021 in Slowenien ein
Asylgesuch eingereicht hatte. Das SEM ersuchte deshalb die sloweni-
schen Behörden am 24. November 2021 um Wiederaufnahme des Be-
schwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. Die
slowenischen Behörden stimmten dem Gesuch um Übernahme am 3. De-
zember 2021 zu.
Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Slowenien ein Asylgesuch einge-
reicht zu haben, und auch die grundsätzliche Zuständigkeit dieses Mitglied-
staates blieb unbestritten.
Die grundsätzliche Zuständigkeit Slowenien ist somit gegeben.
5.2 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli-
che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Asylsuchende in Slowenien würden systemische Schwach-
stellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdi-
genden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit
sich bringen würden.
5.2.1 Slowenien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
E-44/2022
Seite 7
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben.
5.2.2 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts liegen aktuell, auch
unter Würdigung der in der Beschwerde erwähnten kritischen Berichter-
stattungen bezüglich medizinischer Behandlung und Zugang zum Asylver-
fahren zu Slowenien, keine Gründe für die Annahme vor, das Asylverfahren
und die Aufnahmebedingungen für Antragstellende in Slowenien würden
systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3
Dublin-III-VO aufweisen (vgl. u.a. die Urteile des BVGer F-4527/2021 vom
1. November 2021 E. 4, F-3236/2021 vom 27. Oktober 2021 E. 5.2 und
E-3662/2021 vom 25. August 2021 E. 7.3.2, je m.w.H.).
5.2.3 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
5.3
5.3.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, die Aufnahmebedingungen für
Asylsuchende in Slowenien sowie der Zugang zu einem rechtsstaatlichen
Asylverfahren und die Gesundheitsversorgung für Asylsuchende in Slowe-
nien seien mangelhaft und ihm drohe im Falle einer Überstellung dorthin
eine massive Verschlechterung seiner gesundheitlichen Probleme sowie
eine Kettenabschiebung nach Kroatien beziehungsweise Bosnien-
Herzegowina. Sinngemäss verlangt er damit die Anwendung der Ermes-
sensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO respektive der – das Selbst-
eintrittsrecht im Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311),
gemäss welcher das SEM das Asylgesuch "aus humanitären Gründen"
auch dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer
Staat zuständig wäre.
5.3.2 Der Beschwerdeführer hat – schon angesichts der konkreten Wieder-
aufnahme-Zusicherung Sloweniens – kein konkretes und ernsthaftes
Risiko dargetan, die slowenischen Behörden würden sich weigern, ihn
wieder aufzunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter
Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind
auch keine stichhaltigen Gründe für die Annahme zu entnehmen,
Slowenien werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement
missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib,
sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG
E-44/2022
Seite 8
gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein sol-
ches Land gezwungen zu werden. Es ist nicht davon auszugehen, dass
der Beschwerdeführer als Dublin-Rückkehrer von allfälligen sogenannten
Push-Backs betroffen sein wird. Ausserdem hat er nicht dargetan, die ihn
bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in Slowenien seien der-
art schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten.
5.3.3 Der Beschwerdeführer hat auch keine konkreten Hinweise für die
Annahme dargetan, Slowenien würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Auf-
nahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten.
Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnte er sich im Üb-
rigen nötigenfalls an die slowenischen Behörden wenden und die ihm zu-
stehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl.
Art. 26 Aufnahmerichtlinie).
5.3.4 Im Rahmen der Erstbefragung wurde der Beschwerdeführer explizit
zu seiner Unterbringung in Slowenien befragt (vgl. Protokoll Erstbefragung
vom 26. Oktober 2021, A11, S. 9). Zudem erhielt er auch im Rahmen der
Gewährung des rechtlichen Gehörs mit Zwischenverfügung vom 16. No-
vember 2021 die Gelegenheit, allfällige Befürchtungen im Zusammenhang
mit einer Überstellung nach Slowenien vorzubringen. Unter diesen Um-
ständen bestand keine Veranlassung für die Vorinstanz, den Beschwerde-
führer näher zu seinen Erlebnissen in Slowenien und den Push-Backs zu
befragen. Die Rüge, die Vorinstanz habe den Sachverhalt diesbezüglich
ungenügend abgeklärt und damit das rechtliche Gehör sowie die Untersu-
chungspflicht verletzt, erweist sich als unbegründet.
5.3.5 Der Beschwerdeführer beruft sich im Weiteren darauf, sein Gesund-
heitszustand stehe einer Überstellung entgegen. Damit macht er geltend,
die Überstellung nach Slowenien setze ihn einer Gefahr für seine Gesund-
heit aus und verletze damit Art. 3 EMRK.
5.3.5.1 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitli-
chen Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen
Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die be-
troffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheits-
stadium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit
dem sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstüt-
zung erwarten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die dama-
lige Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]).
E-44/2022
Seite 9
Eine weitere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die
durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behand-
lung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer erns-
ten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesund-
heitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer
erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
5.3.5.2 Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Anlässlich der
Befragung vom 26. Oktober 2021 beantwortete er die Frage, wie es ihm
gesundheitlich ("phsysisch [sic] und psychisch") gehe, mit den folgenden
Worten: "Mit [sic] geht es gut, ganz gut" (vgl. Protokoll A11 S. 11). Die vom
Beschwerdeführer nachträglich geltend gemachten psychischen Probleme
sind offenkundig nicht von derartiger Schwere, dass sie eine Unzulässig-
keit im Sinne dieser restriktiven Rechtsprechung zu rechtfertigen vermöch-
ten oder aus humanitären Gründen von einer Überstellung abgesehen wer-
den müsste.
5.3.5.3 Es ist allgemein bekannt, dass Slowenien über eine ausreichende
medizinische Infrastruktur verfügt. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet,
den Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumin-
dest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von
Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu
machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit beson-
deren Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe
(einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psychologischen Betreuung)
zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). In Slowenien ist der Zu-
gang Asylsuchender zu dringend benötigter medizinischer Behandlung ge-
währleistet und insbesondere haben vulnerable Personen Anspruch auf
psychotherapeutische Betreuung (vgl. AIDA, Country Report: Slovenia
[2020 update], < https://asylumineurope.org/wp-content/uploads/2021/03/
AIDA-SI_2020update.pdf >, abgerufen am 6. Januar 2022, S. 65).
5.3.5.4 Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass beim Beschwerdeführer
eine behandlungsbedürftige Suizidalität respektive Traumatisierung vor-
liegt, dürfte in Slowenien somit eine adäquate medizinische Behandlung
verfügbar sein. Es liegen keine stichhaltigen Hinweise vor, wonach Slowe-
nien ihm den Zugang zu einer solchen verweigern würde (vgl. hierzu bei-
spielsweise die Urteile des BVGer E-5437/2021 vom 20. Dezember 2021
E. 5.4, F-5257/2021 vom 8. Dezember 2021 E. 6.4 oder F-4527/2021 vom
1. November 2021, E. 5.4).
E-44/2022
Seite 10
5.3.5.5 Überdies werden die schweizerischen Behörden, die mit dem Voll-
zug der angefochten Verfügung beauftragt sind, den medizinischen
Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten der Über-
stellung des Beschwerdeführers Rechnung tragen und die slowenischen
Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen medizini-
schen Umstände informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO).
5.3.5.6 Bei dieser Ausgangslage hat die Vorinstanz den medizinischen
Sachverhalt zu Recht als ausreichend erstellt erachtet, um die Zulässigkeit
und Verhältnismässigkeit der Wegweisung nach Slowenien zu beurteilen
sowie über die Anwendung der Souveränitätsklausel befinden zu können.
Mithin ist nicht zu beanstanden, dass das SEM vor Erlass der der ange-
fochtenen Verfügung den anstehenden psychiatrischen Termin nicht ab-
wartete (vgl. zur antizipierten Beweiswürdigung BVGE 2008/24 E. 7.2
S. 357). Die Rüge der Verletzung des rechtlichen Gehörs beziehungsweise
der ungenügenden Sachverhaltsfeststellung erweist sich auch in diesem
Punkt als nicht berechtigt.
5.4 Nach dem Gesagten konnte der Beschwerdeführer kein konkretes und
ernsthaftes Risiko dartun, wonach seine Überstellung nach Slowenien die
Verletzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte.
5.5
5.5.1 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitions-
beschränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Strei-
chung der Angemessenheitskontrolle des Bundesverwaltungsgerichts ge-
mäss aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den vor-
instanzlichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht
mehr auf Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung
nunmehr im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbe-
züglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen
Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl.
Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
5.5.2 Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu be-
anstanden; insbesondere sind den Akten entgegen der Auffassung des Be-
schwerdeführers keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein
Über- respektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Ge-
richt enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserun-
gen.
E-44/2022
Seite 11
5.5.3 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist
festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3).
5.6 Somit bleibt Slowenien der für die Behandlung der Asylgesuche des
Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO. Slowe-
nien ist verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 23, 24, 25 und 29
wiederaufzunehmen.
6.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder
Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Slowenien in
Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32
Bst. a AsylV 1).
7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes-
halb sich die Anträge auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung sowie
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses als gegenstandslos
erweisen.
8.
8.1 Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus
den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen
waren, weshalb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt
sind.
8.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
E-44/2022
Seite 12