Decision ID: d6e1e0f5-f382-551a-8d27-78b506f3eafa
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat seinen Angaben zu-
folge am 5. September 2015. Gemeinsam mit seinem Bruder B._
(N [...]) sei er mit einem Visum von Erbil über Zypern nach C._/Grie-
chenland geflogen, wo er sich in medizinische Behandlung begeben habe.
Am 18. Februar 2016 habe er zusammen mit seinem Bruder Griechenland
verlassen und sei in einem LKW durch ihm unbekannte Länder am 22.
Februar 2016 in die Schweiz eingereist. Am 22. Februar 2016 reichte er im
damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) in Altstätten ein Asyl-
gesuch ein.
B.
Am 14. März 2016 fand eine Befragung zur Person (BzP) und am 27. Juni
2016 die Anhörung zu den Asylgründen statt. Dabei machte er im Wesent-
lichen folgenden Sachverhalt geltend:
Er sei ethnischer Kurde und stamme aus der Stadt D._ in der Re-
gion E._ im Nordirak. Er habe dort mit seinen Eltern und drei Brü-
dern zusammengelebt. Er habe das Gymnasium abgeschlossen und da-
nach verschiedene Tätigkeiten ausgeführt. Von 2013 bis 2014 habe er ein
eigenes (...)geschäft gehabt und zeitweise habe er auch als (...) für ein
(...)team gearbeitet.
Im Jahr 2013 habe er begonnen, sich politisch zu betätigen und habe sich
in Jugendprojekten engagiert. Er habe bei der Organisation «Wiederbele-
bung der Jugend» mitgemacht. Er habe mitgeholfen, eine monatliche Zei-
tung zu publizieren, sowie Seminare organisiert, an denen er die Rolle ei-
nes Koordinators innegehabt habe. In einer zweiten Organisation namens
«Jugendorganisation zum Schutz von Kurdistan» habe er auch politische
Tätigkeiten ausgeführt und Kundgebungen organisiert. Er habe verschie-
dene Aktivitäten ausgeführt, beispielsweise Publikationen ausgedruckt und
im Jahr 2014 erstmals eine Kundgebung organisiert. Dabei habe er insbe-
sondere gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) protestiert,
manchmal aber auch gegen die herrschende Demokratische Partei Kurdis-
tans (DPK beziehungsweise KDP; kurdisch: Partiya Demokrata Kur-
distanê). Er habe teilweise bei den Behörden Bewilligungen für die Kund-
gebungen organisiert. Meistens habe er eine erhalten, einige Male jedoch
nicht. Sie hätten dann die Kundgebungen dennoch durchgeführt. Deswe-
gen sei er von den Asayish (kurdische Sicherheitskräfte) beziehungsweise
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der Patriotischen Union Kurdistans (PUK; kurdisch: Yekêtiy Nî timaniy Kur-
distan) zu Verhören vorgeladen worden. Man habe ihm gesagt, er solle mit
seinen Aktivitäten aufhören, ansonsten er Schaden nehmen würde. Das
erste Mal sei im Jahr 2013 gewesen. Er sei für etwa eine halbe Stunde
angehalten worden. Die anderen beiden Male seien im Jahr 2014 gewe-
sen. Daneben sei er auch von islamistischen Parteien bedrängt worden.
Einmal sei er von zwei Islamisten angehalten und schikaniert worden. Auch
telefonisch sei er mehrmals bedroht und beschimpft worden. Zudem sei er
einmal von maskierten Männern überfallen und in ein Auto gezwängt wor-
den. Man habe ihn einige Male mit einer Pistole auf den Nacken geschla-
gen, dann habe man ihn in einem Wald wieder freigelassen. Er wisse nicht,
wer die Männer gewesen seien, gehe jedoch von einem islamistischen Hin-
tergrund aus.
Vom (...) 2014 bis am (...) 2015 sei er in Syrien gewesen. Er sei aufgrund
des Massakers an der Bevölkerung in Shingal und weil die KDP die Stadt
dem IS überlassen habe, nach Syrien gereist. Er habe sich der Partei der
Demokratischen Union (PYD; kurdisch Partiya Yekîtiya Demokrat) bezie-
hungsweise den Volksverteidigungseinheiten (YPG; kurdisch Yekîneyên
Parastina Gel) angeschlossen. (Anmerkung des Gerichts: Am 3. August
2014 nahm der IS das Gebiet Shingal/Sindjar ein; militärische Kräfte na-
mentlich der PKK und der YPG kämpften gegen den IS und sicherten
Fluchtwege für die angegriffene Bevölkerung; Shingal/Sindjar konnte erst
im November 2015 vom IS befreit werden). Er habe zunächst bei der YPG
eine Ausbildung erhalten, welche aus einem 15-tägigen politischen Trai-
ning und einem 15-tägigen militärischen Training bestanden habe. Am (...)
2015 habe er bei dem Befreiungskampf von Shingal mitgeholfen. Bei ei-
nem Gefecht sei er von einer Mörsergranate des IS getroffen worden. Er
habe dabei einen Arm und (...) Finger verloren, sei am Bauch, Bein und
Gesäss verletzt worden und habe am ganzen Körper Bombensplitter ge-
habt. Man habe ihn sofort in ein Krankenhaus nach F._/Syrien ge-
bracht. Nach zwei Tagen sei er nach G._/Irak zur medizinischen
Behandlung gebracht worden.
Mit einem Visum sei er am 5. September 2015 von Erbil über Zypern nach
C._ geflogen, wo er sich in medizinische Behandlung begeben
habe. Mitglieder der Partei Goran oder der PUK hätten die Ausreise und
die Behandlung für ihn organisiert.
Er reichte eine Identitätskarte, einen irakischen Nationalitätenausweis,
eine Identitätskarte für Kämpfer der YPG, eine Bestätigung der YPG über
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seinen Einsatz und seine Verletzungen sowie medizinische Unterlagen des
Krankenhauses in F._ und G._ ein.
C.
Am 11. Juli 2016 reichte der Beschwerdeführer einen Arztbericht vom
4. Juli 2016 des Kantonsspitals H._ sowie Fotos, welche seine po-
litischen Tätigkeiten belegen sollen, und Fotos von Personen, welche
durch die KDP verwundet worden seien, ein.
D.
Am 16. Dezember 2016 orientierte der rubrizierte Rechtsvertreter unter
Beilegung einer Vollmacht die Vorinstanz über das Vertretungsverhältnis.
E.
Mit Eingabe vom 5. Januar 2017 wies der Rechtsvertreter darauf hin, dass
sich der Bruder des Beschwerdeführers ebenfalls in einem hängigen Asyl-
verfahren befinde und es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen
den Fällen gebe, weshalb sie bei der Beurteilung gegenseitig beigezogen
werden müssten. Ferner verwies er auf aktuelle Medienberichte über die
Konflikte der KDP und der PYD / YPG im Nordirak. Daneben reichte er eine
Visitenkarte des in der Schweiz behandelnden Arztes ein.
F.
Mit Eingabe vom 12. Mai 2017 reichte der Beschwerdeführer diverse Fotos
von Personen, welche angeblich durch die KDP ermordet worden seien,
ein.
G.
Am 18. Mai 2017 wurde ein weiterer Arztbericht des behandelnden Arztes
in der Schweiz, datierend vom 31. März 2017, eingereicht.
H.
Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) informierte das SEM mit Schrei-
ben vom 21. August 2017 über seine Abklärungsergebnisse betreffend den
Beschwerdeführer.
I.
Mit Schreiben vom 11. September 2017 forderte das SEM den Beschwer-
deführer auf, weitere Unterlagen, welche Aufschluss über die Identität und
den Reiseweg erlauben würden, einzureichen.
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J.
Mit Eingabe vom 20. Oktober 2017 reichte der Beschwerdeführer Fotos
seines Aufenthalts im Krankenhaus in C._ sowie Internetausdrucke
des Krankenhauses ein.
K.
Am 17. November 2017 teilte der Rechtsvertreter dem SEM mit, er gehe
davon aus, dass keine weiteren Bemühungen seinerseits bezüglich der
medizinischen Unterlagen des Krankenhauses in C._ vonnöten
seien. Zudem führte er aus, dass gemäss den Aussagen des Beschwerde-
führers und seines Bruders die Reisepässe in Griechenland im Kranken-
haus als Garantie für die Rückreise nach erfolgter Behandlung deponiert
worden seien. Da sie nicht in die Heimat zurückgekehrt seien, sei es ihnen
nicht möglich, die Reisepässe zu beschaffen.
L.
Das SEM erwiderte das Schreiben am 23. November 2017 und forderte
den Beschwerdeführer erneut auf, den Reisepass zu beschaffen oder all-
fällige, vergebliche Bemühungen zu benennen.
M.
Am 3. Januar 2018 ersuchte der Beschwerdeführer um eine Fristerstre-
ckung zur Beibringung der Reisepässe unter Beilegung einer Kopie eines
Briefes, welchen er am 4. Dezember 2017 dem Krankenhaus in C._
geschickt habe (vgl. SEM Akten des Bruders, N [...], A36).
N.
Am 4. Januar 2018 reichte der Beschwerdeführer einen «Track and Trace»
Auszug der schweizerischen Post sowie die Quittung der Briefaufgabe an
das Krankenhaus in C._ ein (vgl. SEM Akten des Bruders, N [...],
A37).
O.
Am 16. Januar 2018 reichte der Beschwerdeführer diverse medizinische
Unterlagen des Krankenhauses in C._ ein.
P.
Am 13. März 2018 ersuchte das SEM die griechischen Behörden um Infor-
mationen über den Verbleib des Reisepasses des Beschwerdeführers. Mit
Schreiben vom 23. Mai 2018 informierten die griechischen Behörden das
SEM, dass der Pass der irakischen Botschaft in Griechenland übergeben
worden sei.
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Q.
Mit Eingabe vom 26. November 2018 reichte der Beschwerdeführer seinen
Reisepass ein und wies auf die bereits lange Dauer seines Asylverfahrens
und seine schwierige Situation in der Schweiz hin.
R.
Am 20. Februar 2019 bestätigte das SEM den Erhalt des Reisepasses und
führte aus, dass man bemüht sei, das Asylgesuch baldmöglichst zu erledi-
gen.
S.
Am 9. April 2019 informierte der Rechtsvertreter das SEM, dass das Ver-
tretungsverhältnis beendet worden sei.
T.
Mit Verfügung vom 29. April 2019 (eröffnet am 1. Mai 2019) verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte dessen
Asylgesuch vom 22. Februar 2016 ab und ordnete die Wegweisung aus
der Schweiz sowie deren Vollzug an.
U.
Diese Verfügung focht der Beschwerdeführer durch seinen erneut manda-
tierten Rechtsvertreter mit Eingabe vom 29. Mai 2019 beim Bundesverwal-
tungsgericht an und beantragte, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuhe-
ben und die Sache zur vollständigen und richtigen Abklärung sowie Fest-
stellung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung an
diese zurückzuweisen. Eventualiter sei die Verfügung des SEM aufzuhe-
ben, seine Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und ihm Asyl zu gewäh-
ren. Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben und der Beschwerdeführer
als Flüchtling anzuerkennen. Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben
und der Beschwerdeführer aufgrund Unzulässigkeit des Wegweisungsvoll-
zugs vorläufig aufzunehmen. Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben
und der Beschwerdeführer in Folge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs vorläufig aufzunehmen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er die Einsicht in die vor-
instanzlichen Akten A5, A20, A28, A29 und A31 sowie in sämtliche einge-
reichten Beweismittel gemäss einem noch zu erstellenden Beweismittel-
umschlag. Eventualiter sei ihm das rechtliche Gehör zu den oben genann-
ten Akten und Beweismitteln, unter Ansetzung einer Frist zur Einreichung
einer Beschwerdeergänzung, zu gewähren. Ausserdem beantragte er die
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Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses.
Der Beschwerde wurden Fotos, welche Hausdurchsuchungen bei der Fa-
milie des Beschwerdeführers im September 2017 und März 2019 zeigen
sollen (Beilage 1 und 4), sowie entsprechende Screenshots eines Videos
davon (Beilage 5), Fotos des Bruders I._ bei einer Demonstration
(Beilage 2), Fotos einer Razzia beim Cousin des Beschwerdeführers im
Februar 2018 (Beilage 6), ein Dokument betreffend die Entlassung der
Mutter des Beschwerdeführers inklusive Übersetzung (Beilage 7),
Screenshots von Videos betreffend die Verhinderung eines Kongresses
des Azadi-Vereins und betreffend einen Fernsehbericht über politische Ver-
folgung im Nordirak (Beilage 8 und 9) und eine DVD mit den entsprechen-
den Videos (Beilage 10) beigelegt. Zudem wurde ein Ausdruck eines alten
Facebook-Profils des Beschwerdeführers inklusive deutscher Übersetzung
(Beilage 3) und ein Auszug einer auf Facebook gegenüber dem Bruder
B._ ausgesprochenen Drohung (Beilage 12) eingereicht.
V.
Am 5. Juni 2019 bestätigte die Instruktionsrichterin den Eingang der Be-
schwerde und hielt fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des
Verfahrens in der Schweiz abwarten.
W.
Ebenfalls am 5. Juni 2019 reichte der Beschwerdeführer eine Fürsorgebe-
stätigung nach.
X.
Mit Zwischenverfügung vom 7. Juni 2019 hiess die Instruktionsrichterin das
Gesuch um Akteneinsicht in die Akten A5, A20, A29 und A31 sowie in sämt-
liche Beweismittel und Identitätsdokumente gut und wies die Vorinstanz an,
dem Beschwerdeführer in geeigneter Weise die Einsicht in die genannten
Akten zu gewähren. Den Antrag um Einsicht in die Akte A28 wies sie ab.
Gleichzeitig wurde das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gutge-
heissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet.
Y.
Am 21. Juni 2019 gewährte das SEM ergänzende Akteneinsicht im Sinne
der Zwischenverfügung vom 7. Juni 2019.
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Z.
Mit Instruktionsverfügung vom 26. Juni 2019 wurde dem Beschwerdeführer
eine Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung angesetzt.
AA.
Mit Beschwerdeergänzung vom 22. Juli 2019 äusserte der Beschwerde-
führer sich zu den mit der ergänzenden Akteneinsicht erhaltenen Doku-
menten und reichte eine Kopie eines Schreibens der «Freedom Movement
of Kurdistan Society» inklusive Übersetzung ein.
BB.
Am 25. September 2019 wurde das Original des Schreibens nachgereicht.
CC.
Mit Eingabe vom 18. September 2020 führte der Beschwerdeführer aus,
dass sein Bruder B._ in der Schweiz bedroht und von einem Auto
verfolgt worden sei. Es habe sich um Männer türkischer Herkunft gehan-
delt. Am nächsten Tag habe der Bruder einen handschriftlichen Brief, mit
dem Inhalt «Kurde der nichts wurde, wurde Kurde. Liebe Grüsse aus der
Türkei» erhalten. Der Brief wurde in Kopie beigelegt. Auch seine Familie
im Irak erhalte beleidigende und bedrohende Anrufe, da sie der Arbeiter-
partei Kurdistans (PKK; kurdisch Partiya Karkerên Kurdistanê) angehören
würden. Daneben wies der Beschwerdeführer darauf hin, dass er unter
Kriegserinnerungen leide und sich alle zwei Monate in medizinischer Be-
handlung befinde.
DD.
Am 23. September 2020 stellte die Rechtsvertretung richtig, dass der Be-
schwerdeführer alle zwei Wochen in therapeutischer Behandlung sei und
nicht wie in der Eingabe zuvor fälschlicherweise angegeben alle zwei Mo-
nate.
EE.
Am 18. Februar 2021 reichte der Beschwerdeführer Bestätigungen seiner
in der Schweiz absolvierten Deutschkurse sowie medizinische Unterlagen
aus den Jahren 2016 bis 2018 ein. Schliesslich führte er aus, ein weiterer
Bruder habe aus dem Irak fliehen müssen.
FF.
Die Verfahrensakten des Bruders des Beschwerdeführers, B._
(N [...]), wurden im vorliegenden Beschwerdeverfahren beigezogen.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.5 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel
verzichtet.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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3.
3.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben, wel-
che vorab zu beurteilen sind, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassa-
tion der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. Der Beschwerdeführer
moniert, das SEM habe seinen Anspruch auf Akteneinsicht und mithin auf
rechtliches Gehör, die Begründungspflicht sowie die Pflicht zur vollständi-
gen und richtigen Abklärung des Sachverhalts verletzt.
3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3 BVGE
2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht
erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein-
lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi-
derlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Ver-
waltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl.,
2013, Rz. 1043).
3.3 In der Beschwerde wird zunächst gerügt, das SEM habe den Anspruch
auf Akteneinsicht und den Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt und es
sei ergänzende Akteneinsicht zu gewähren (Rechtsbegehren 1 bis 3, Be-
schwerde Art. 2 ff.).
Mit Instruktionsverfügung vom 7. Juni 2019 hielt die Instruktionsrichterin
fest, dass das SEM gewisse Aktenstücke nicht korrekt paginiert und zu Un-
recht die Akteneinsicht in gewisse Aktenstücke verweigert hatte. Sie wies
die Vorinstanz an, dem Beschwerdeführer in geeigneter Weise die Einsicht
in die Akten A5 (Dokument des SEM zur Zusammenarbeit mit den Straf-
verfolgungsbehörden und dem NDB), A20 (Stellungnahme des NDB), A29
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(Korrespondenz des SEM mit den griechischen Migrationsbehörden be-
züglich des in Griechenland hinterlegten Passes des Beschwerdeführers)
und A31(Auswertung einer Dokumentenprüfung [Pass des Beschwerde-
führers]) zu gewähren. Die Akteneinsicht in das Aktenstück A28 wurde hin-
gegen verweigert, da es sich um eine interne Akte zum weiteren Verfah-
rensablauf handelt und interne Akten, die von der verfügenden Behörde
ausschliesslich für den Eigengebrauch oder die interne Entscheidfindung
erstellt werden, keiner Akteneinsicht unterstehen. Insofern wurde die Vor-
gehensweise des SEM bestätigt. Mit Schreiben vom 21. Juni 2019 ge-
währte das SEM ergänzende Akteneinsicht im Sinne der Zwischenverfü-
gung vom 7. Juni 2019. Daraufhin wurde dem Beschwerdeführer eine Frist
zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung angesetzt.
Das SEM hat, auf Instruktion des Gerichts hin, nunmehr korrekt Aktenein-
sicht gewährt und zu Recht gestützt auf Art. 27 VwVG die Akten A5 und
A20 nicht vollständig offengelegt, sondern deren wesentlichen Inhalt ge-
mäss Art. 28 VwVG dem Beschwerdeführer zur Kenntnis gebracht. Der
Beschwerdeführer erhielt in der Folge Gelegenheit, sich zu den Akten zu
äussern. Die aus der unvollständigen Akteneinsicht entstandene Verlet-
zung des rechtlichen Gehörs kann somit als geheilt betrachtet werden (vgl.
BVGE 2015/10 E.7.1 m.w.H.). Eine Kassation der angefochtenen Verfü-
gung des SEM vom 29. April 2019 rechtfertigt sich wegen der mangelhaf-
ten Akteneinsicht – entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers – nicht.
Inwiefern die erfolgte Heilung auf Beschwerdeebene vorliegend relevant
für den Kostenentscheid ist, ist im Kostenpunkt zu beurteilen.
Die Rechtsbegehren, dem Beschwerdeführer sei ergänzende Aktenein-
sicht zu gewähren unter Ansetzung einer Frist zur Einreichung einer Be-
schwerdeergänzung (Rechtsbegehren Ziff. 1 bis 3), erweisen sich somit
mit Verweis auf die Instruktionsverfügungen des Gerichts vom 7. Juni 2019
und vom 26. Juni 2019 (siehe oben Sachverhalt Bst. X und Z) inzwischen
als gegenstandslos.
3.4 Der Beschwerdeführer sieht auch eine Verletzung des rechtlichen Ge-
hörs darin, dass das SEM die geltende Rechtsprechung betreffend den
Wegweisungsvollzug in den Nordirak nicht erwähnt habe (Beschwerde Art.
21). Hierzu ist festzustellen, dass sich das SEM korrekt auf das Referenz-
urteil E-3737/2015 vom 14. Dezember 2015 bezogen hat und auch aktuel-
lere Urteile des Gerichts zitiert hat. Es hat die Prüfung der Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs im Sinne des Referenzurteils vorgenommen,
auch wenn es dabei den Wortlaut von «begünstigenden Umständen» nicht
E-2625/2019
Seite 12
übernommen hat. Im Ergebnis wurden jedoch die im Referenzurteil festge-
legten Kriterien korrekt geprüft. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs ist
diesbezüglich nicht ersichtlich.
3.5 Der Beschwerdeführer rügt ferner, die Vorinstanz habe die Begrün-
dungspflicht und das rechtliche Gehör verletzt, indem sie seine gesund-
heitlichen Probleme nicht umfassend gewürdigt habe (Beschwerde Art.
20ff.). Das SEM hat sich bei der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
zu seinen medizinischen Vorbringen und den Behandlungen geäussert. Ob
die diesbezüglichen Erwägungen zutreffend sind, beschlägt nicht das
rechtliche Gehör oder die Begründungspflicht, sondern ist eine Frage der
rechtlichen Würdigung der Sache, welche die materielle Entscheidung be-
trifft. Dem Beschwerdeführer ist zwar beizustimmen, dass das SEM auf
den im Bericht des Hausarztes vom 31. März 2017 vorgebrachten Verdacht
von psychischen Problemen nicht eingegangen ist (Beschwerde Art. 102).
Es war zum Zeitpunkt des Asylentscheides – welcher über zwei Jahre spä-
ter eröffnet wurde – indes nicht aktenkundig, dass der Beschwerdeführer
diesbezüglich weitere Abklärungen vorgenommen beziehungsweise The-
rapien in Anspruch genommen hätte. Das SEM durfte somit davon ausge-
hen, dass keine weiteren diesbezüglichen Behandlungen vonnöten sind.
Insbesondere da der Beschwerdeführer rechtlich vertreten gewesen ist,
wäre zu erwarten gewesen, dass weitere Berichte eingereicht worden wä-
ren, hätte sich der Verdacht des Hausarztes bestätigt. Die Rüge erweist
sich somit als unbegründet.
3.6 Ferner rügt der Beschwerdeführer, dass das SEM die Abklärungspflicht
schwer verletzt habe, da es keine weitere Anhörung mehr durchgeführt
habe. Rund drei Jahre nach der letzten Anhörung vom 27. Juni 2016 (SEM
Akte A12) hätten sich weitere Abklärungen betreffend die aktuelle Situation
des Beschwerdeführers zwingend aufgedrängt (Beschwerde Art. 36-39).
Insbesondere hätte das SEM weitere Abklärungen in Bezug auf seinen Ge-
sundheitszustand vornehmen müssen (Beschwerde Art. 37). Hierzu ist
festzustellen, dass der Beschwerdeführer von Dezember 2016 (SEM Akte
A15) bis zum 9. April 2019 (SEM Akte A33) rechtlich vertreten war. Mit Ver-
weis auf die Mitwirkungspflicht gemäss Art. 8 AsylG wäre dem Beschwer-
deführer genügend Zeit zur Verfügung gestanden, mit Hilfe seines Rechts-
vertreters dem SEM wesentliche neue Sachverhaltselemente mitzuteilen,
was jedoch unterblieben ist. Die Rüge ist unbehelflich.
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3.7 Auch die Rüge des Beschwerdeführers, die Anhörung habe zu lange
gedauert, ist unbegründet (Beschwerde Art. 40-42.). Gemäss Anhörungs-
protokoll begann die Anhörung um 13:10 Uhr und um 17.30 Uhr wurde mit
der Rückübersetzung des Protokolls begonnen. Dazwischen erfolgten zwei
Pausen (SEM Akte A12). Es wurde zwar im Anhörungsprotokoll nicht ver-
merkt, wann die Rückübersetzung beendet wurde. Da zum Zeitpunkt des
Beginns der Rückübersetzung die Anhörung jedoch erst knapp über vier
Stunden gedauert hat, kann auch unter Berücksichtigung einer längeren
Dauer der Rückübersetzung nicht von einer zu langen Anhörung gespro-
chen werden. Dem Protokoll ist zudem nicht zu entnehmen, dass es dem
Beschwerdeführer schwer gefallen wäre, den Fragen oder der Rücküber-
setzung zu folgen. Auch die Hilfswerksvertretung hat nichts Entsprechen-
des notiert (SEM Akte A12, letzte Seite).
3.8 Die Rüge, das SEM habe die Abklärungspflicht verletzt, da es bei der
Erstbefragung vom 14. März 2016 lediglich eine Dublin-Befragung durch-
geführt habe, weshalb es nur ein vollständiges Protokoll über seine Asyl-
gründe gebe, erweist sich ebenfalls als unbegründet (Beschwerde Art. 43,
Art. 52). Das SEM hat eine nach dem damaligen Asylgesetz vorgesehene
Befragung zur Person durchgeführt (aArt. 26 Abs. 2 AsylG). Dabei wurde
der Beschwerdeführer auch summarisch zu seinen Asylgründen befragt
und es wurden mehrere Rückfragen dazu gestellt (SEM Akte A4, Ziff. 7.01
und 7.02). Inwiefern es sich dabei lediglich um eine Dublin-Befragung ge-
handelt haben soll, beziehungsweise weshalb das SEM keine Fragen zu
den Asylgründen hätte stellen sollen, erschliesst sich nicht (Beschwerde
Art. 52-55). Die Rüge geht fehl.
3.9 In Bezug auf die Rüge, das SEM habe die Beweismittel nicht korrekt in
den Akten erfasst, ist auf die Zwischenverfügung vom 7. Juni 2019 zu ver-
wiesen. Es sind zwar kleinere Mängel in Bezug auf die Führung des Be-
weismittelverzeichnisses festzustellen. Dabei handelt es sich indes nicht
um gravierende Mängel, welche es dem Beschwerdeführer beziehungs-
weise seinem Rechtsvertreter verunmöglicht hätten, einen Überblick über
sämtliche eingereichten Beweismittel zu erlangen. Insbesondere wurden
die Beweismittel in der Verfügung des SEM vom 29. April 2019 korrekt auf-
geführt (vgl. Abschnitt I Ziff. 3). Die Rüge ist somit ebenfalls unbegründet.
3.10 Des Weiteren sieht der Beschwerdeführer eine Verletzung der Abklä-
rungspflicht, indem das SEM die Beweismittel nicht konsequent habe über-
setzen lassen (SEM Akte A14, Beschwerde Art. 45). Um welche Beweis-
mittel es sich handle, wurde in der Beschwerde nicht weiter erläutert. In der
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Beschwerdeergänzung wurde hinzugefügt, es sei keine Übersetzung des
im vorinstanzlichen Verfahren eingereichten Beweismittels Nr. 6 ersichtlich.
Die Arztberichte aus Griechenland wurden zwar nicht übersetzt, sie sind
jedoch teilweise auf Englisch abgefasst, so dass zumindest aus den Be-
richten das Wesentliche abgeleitet werden kann (SEM Akte A14, Beweis-
mittel Nr. 11). Zudem liegen auch Arztberichte aus der Schweiz vor, wes-
halb die medizinischen Beeinträchtigungen hinlänglich bekannt sind. So-
dann war es auch nicht notwendig, die medizinischen Unterlagen aus
F._ übersetzen zu lassen, zumal es sich bei dem einen Dokument
offenbar um ein Blutbild handelt und das andere Dokument keinen fundier-
ten Arztbericht beinhaltet (SEM Akte A14, Beweismittel Nr. 4). Das Schrei-
ben der YPG, in welchem angeblich die Verletzungen des Beschwerdefüh-
rers bestätigt werden (SEM Akte A14, Beweismittel Nr. 6), ist ebenfalls nicht
geeignet, neue Erkenntnisse zu bringen, weshalb das SEM zu Recht das
Beweismittel nicht vollständig hat übersetzen lassen. Eine rudimentäre
Übersetzung wurde zudem in der Anhörung vorgenommen (SEM Akte A12,
F3). Die Rüge der mangelnden Übersetzung trifft somit nicht zu.
3.11 Auch sonst ist den Akten keine Verletzung der Abklärungspflicht oder
Begründungspflicht zu entnehmen. Der Beschwerdeführer führt diverse
Sätze des Anhörungsprotokolls mit dem Vorwurf auf, das SEM habe diese
Aussagen nicht gewürdigt (Beschwerde Art. 7-10, Art. 24ff.). Hierzu ist fest-
zuhalten, dass sich die verfügende Behörde nicht ausdrücklich mit jeder
tatbeständlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand auseinan-
dersetzen muss, sondern sich auf die wesentlichen Gesichtspunkte be-
schränken darf (vgl. BGE 126 I 97 E. 2b). Der Umstand, dass die Vor-
instanz nicht jedes einzelne Detail der Asylvorbringen in der Verfügung
festgehalten oder in der Begründung berücksichtigt hat, ist ebenso wenig
als Verletzung der Begründungspflicht zu werten wie die Tatsache, dass
die Vorinstanz nach einer gesamtheitlichen Würdigung der aktenkundigen
Parteivorbringen und der Beweismittel zu einem anderen Schluss als der
Beschwerdeführer gelangte.
3.12 Schliesslich ist auch die Rüge, das SEM sei im Wissen um die Stel-
lungnahme des NDB befangen gewesen, abzuweisen. Nach erfolgter er-
gänzender Akteneinsicht durch das SEM führte der Beschwerdeführer in
der Beschwerdeergänzung aus, dass gemäss dem NDB anscheinend
staatsschutzrelevante Bedenken bestünden und er ein Risikoprofil für die
Sicherheit der Schweiz aufweise. Es sei offensichtlich, dass das SEM diese
entscheidrelevante Information in der angefochtenen Verfügung hätte wür-
digen müssen. Die angefochtene Verfügung sei deshalb aufzuheben und
E-2625/2019
Seite 15
die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen (Be-
schwerdeergänzung Art.116f.). Das SEM hat sich bei der Prüfung des
Wegweisungsvollzugs an die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts gehalten. Bei der Entscheidfindung hat sich die Vorinstanz somit
nicht auf die Akte des NDB gestützt beziehungsweise sich von allfälligen
staatsschutzrelevanten Bedenken leiten lassen. Der Akte des NDB ist auch
nichts zu entnehmen, was für das Asylverfahren relevant sein könnte be-
ziehungsweise bezog sich der NDB in seiner Einschätzung ausschliesslich
auf Aussagen des Beschwerdeführers (SEM Akte A20). Es besteht somit
kein Anlass, die Verfügung des SEM aufzuheben.
3.13 Nach dem Gesagten ergibt sich, dass der einzige Mangel im vorlie-
genden Verfahren in einer nicht hinreichend gewährten Akteneinsicht be-
stand, dieser Mangel indes im Rahmen des Instruktionsverfahrens geheilt
worden ist. Die weiteren Rügen formeller Natur sind unbegründet und es
besteht weder Bedarf an weiteren Sachverhaltsabklärungen noch sonst ein
Anlass zur Rückweisung der Sache an die Vorinstanz.
4.
4.1 Die Vorinstanz begründete die ablehnende Verfügung im Wesentlichen
mit der fehlenden Asylrelevanz der Vorbringen. Die geltend gemachten
Drohungen und Festnahmen durch die PDK beziehungsweise die Asayish
und die PUK würden keine Asylrelevanz entfalten, da ausser verbalen Dro-
hungen, die sich nicht verschärft hätten, nichts weiter passiert sei. Der Be-
schwerdeführer habe keine physischen Übergriffe, sondern nur Befragun-
gen von weniger als einer Stunde erlitten. Nach seiner Kriegsverletzung
sei er zudem über ein halbes Jahr wieder im Nordirak gewesen, und es sei
ihm nichts zugestossen. Es fehle somit an der vom Asylgesetz geforderten
Intensität der Verfolgung. Die Besuche der PUK- und Goran-Parteimitglie-
der am Krankenbett sowie seine Bekanntheit als Kriegsheld liessen zudem
auf einen gewissen staatlichen Schutz schliessen. Im Weiteren fehle es
seinem Vorbringen auch an einem aktuellen Kausalzusammenhang zu sei-
ner finalen Ausreise aus dem Nordirak am 5. September 2015. Die letzte
Vorladung der Asayish sei im August 2014 erfolgt, mithin über ein Jahr vor
seiner Ausreise. Nach der Wiedereinreise in die Autonome Region Kurdis-
tan (ARK) im Februar 2015 sei über ein halbes Jahr vergangen, ohne dass
ihm noch etwas geschehen sei, bis er aus medizinischen Gründen das
Land verlassen habe. Somit fehle es seinen Vorbringen an der sachlichen
und zeitlichen Kausalität zu seiner Ausreise.
E-2625/2019
Seite 16
Auch die geltend gemachten Schwierigkeiten mit Islamisten seien nicht
asylrelevant. Die vorgebrachten Drohungen hätten sich im Jahr 2013 und
2014 ereignet. Nach der Wiedereinreise in den Nordirak im (...) 2015 bis
zu seiner Ausreise im September 2015 sei nichts mehr weiter vorgefallen.
Es fehle somit ebenfalls an einem Kausalzusammenhang zur Ausreise und
es mangle an der erforderlichen Intensität einer Verfolgung gemäss Art. 3
AsylG. Schliesslich seien die Behörden der ARK, in seinem Fall die Behör-
den der in seiner Heimatprovinz Sulaimaniya regierenden PUK sowie die
Peschmerga, für welche die ihm nahestehende Partei Goran verantwortlich
sei, gegenüber Bedrohungen durch Drittpersonen, einschliesslich Islamis-
ten und IS-Mitglieder schutzfähig und grundsätzlich schutzwillig. Seit der
Zerschlagung des Kalifats des IS im Irak sowie in Syrien sei der staatliche
Schutz in der ARK erst recht vorhanden und für ihn offensichtlich auch zu-
gänglich. Er habe in seiner Heimatprovinz Sulaimaniya auf die Unterstüt-
zung der dort herrschenden PUK sowie generell auf die Unterstützung der
Partei Goran und der Peschmerga zählen können, wie er bezüglich der
Behandlungszeit in G._ und betreffend die Visa für Griechenland
sowie die finanzielle Unterstützung für seine medizinische Behandlung in
Griechenland selber bestätigt habe.
In Bezug auf sein Vorbringen, er habe sich der YPG angeschlossen und
sei dabei in Kriegshandlungen schwer verletzt worden, sei festzuhalten,
dass es sich dabei nicht um eine gezielte Verfolgung seiner Person gehan-
delt habe, sondern um Ereignisse im Zuge von Kriegshandlungen. Zudem
habe er sich der YPG freiwillig angeschlossen. Somit seien seine diesbe-
züglichen Vorbringen asylrechtlich nicht relevant. Aus den Akten seien
auch keine Hinweise ersichtlich, wonach eine Furcht vor zukünftiger Ver-
folgung durch die KDP aufgrund seiner Tätigkeiten für die YPG begründet
sei. Dieser Eindruck werde dadurch bestärkt, dass er sich mehr als ein
halbes Jahr noch in der ARK aufgehalten habe, ohne dass sich eine Ver-
folgung abgezeichnet hätte. Eine bloss subjektive Furcht sei nicht ausrei-
chend.
Bei offensichtlich fehlender Asylrelevanz könne darauf verzichtet werden,
auf allfällige Unglaubhaftigkeitselemente näher einzugehen. Das SEM be-
halte sich aber eine spätere Geltendmachung vor.
Auch die eingereichten Beweismittel seien nicht geeignet, zu einer anderen
Einschätzung zu führen, da aus diesen keine zielgerichtete Verfolgung ab-
zuleiten sei. Die Asylakten seines in der Schweiz lebenden Bruders würden
E-2625/2019
Seite 17
ebenfalls keine Anhaltspunkte für die Annahme liefern, dass er in seiner
Heimat eine flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdung zu befürchten habe.
4.2 Der Beschwerdeführer moniert, dass er vor seiner Ausreise nach Sy-
rien die KDP massiv kritisiert habe. Nach seiner Rückkehr in den Irak habe
er aufgrund seiner Verletzungen einen PYD-Anhänger verkörpert, welche
das nordirakische Regime der KDP verfolge. Bei einer Rückkehr in den Irak
habe er somit mit einer asylrelevanten Verfolgung zu rechnen. Zudem hät-
ten die türkische und die kurdische Regierung eine Abmachung gegen die
Kurden in Westkurdistan (Syrien) getroffen. Diese Abmachung habe es
dem IS erlaubt, Mosul und Shingal einzunehmen. Die PKK habe in dieser
Zeit gegen den IS gekämpft und die KDP sei umso massiver gegen die
PKK vorgegangen. Ferner sei darauf hinzuweisen, dass es nicht dem Wil-
len des Beschwerdeführers entsprochen habe, aus Syrien nach Nordirak
zurückzukehren, weshalb ihm dies auch nicht zum Vorwurf gemacht wer-
den könne. Das SEM sei in seiner Verfügung zudem nicht darauf einge-
gangen, dass der Beschwerdeführer in zwei Organisationen sehr engagiert
gewesen sei und insbesondere auch politische Artikel veröffentlich habe.
Deswegen sei er mit dem Tod bedroht worden. Ausserdem habe er sich
auch nicht für Geld von seinen Ideen abbringen lassen. Er werde deswe-
gen als unbelehrbarer Kritiker und Oppositioneller wahrgenommen. Auf-
grund seiner Tätigkeit für die PKK drohe ihm bei einer Rückkehr eine asyl-
relevante Verfolgung. Er gelte als Regimegegner, den es auszuschalten
gelte.
Zu den Erwägungen des SEM, er sei nach seiner Rückkehr in den Nordirak
im (...) 2015 nicht mehr gefährdet gewesen, sei festzuhalten, dass er
schwer verletzt gewesen sei und sich kaum habe bewegen können. Auch
beim IS sei sein Bekanntheitsgrad nun derart gross, dass er nirgendwo im
Irak mehr sicher sei. Er werde weiterhin von islamistischen Gruppierungen
gesucht und die nordirakischen Behörden seien weder schutzwillig noch
schutzfähig. Ferner sei darauf hinzuweisen, dass es im September 2017
bei der Familie des Beschwerdeführers zu einer Hausdurchsuchung ge-
kommen sei. Ein Bruder sei von der PUK/KDP verhaftet worden, da er an
einer Demonstration teilgenommen habe, bei welcher ein Gebäude der
PUK in Brand gesetzt worden sei. Bei der Hausdurchsuchung seien Bilder
und Flaggen von Abdullah Öcalan und von Märtyrern entfernt worden.
Seine Mutter sei zudem geschlagen worden. Am 11. März 2019 sei es zu
einer weiteren Hausdurchsuchung gekommen. Dabei seien erneut der Bru-
der und der Vater festgenommen worden und man habe sie aufgefordert,
E-2625/2019
Seite 18
die PKK zu verlassen. Überdies sei nach dem Beschwerdeführer und sei-
nem Bruder gefragt worden. Hinzukommend sei die Mutter aufgrund des
politischen Profils ihrer Familie aus ihrer leitenden Funktion in einem (...)
entlassen worden. Dies zeige, dass die Familie als PKK-Anhänger bekannt
sei und deshalb im Visier der Behörden stehe. Ausserdem werde das Fa-
cebook-Profil des Beschwerdeführers immer wieder gelöscht. Offenbar
werde er von seinen politischen Gegnern blockiert und er werde von Is-
lamisten konkret bedroht, wie die eingereichten Facebook-Ausdrücke il-
lustrieren würden. Sollte er nicht als Flüchtling anerkannt werden, sei er
zumindest aufgrund der Facebook-Drohungen infolge subjektiver Nach-
fluchtgründe vorläufig als Flüchtling aufzunehmen.
4.3 Nach erfolgter ergänzender Akteneinsicht durch das SEM wurde in der
Beschwerdeergänzung in materieller Hinsicht ausgeführt, dass die Stel-
lungnahme des NDB eine Gefährdung des Beschwerdeführers durch die
irakischen Behörden aufzeige. Wenn der Beschwerdeführer bereits für die
Schweiz ein Sicherheitsrisiko darstelle, treffe dies umso mehr für die iraki-
schen Behörden zu und er werde von diesen (bei einer Rückkehr) gezielt
verfolgt und verhaftet. Ferner wies der Beschwerdeführer darauf hin, die
Beweismittel würden belegen, dass er über ein herausragendes politisches
Profil verfüge. Das SEM habe die umfangreichen Fotos und die übrigen
Beweismittel nicht gewürdigt. Weiter ergebe sich aus der ergänzend ge-
währten Einsicht in den irakischen Reisepass des Beschwerdeführers,
dass er wahre Angaben gemacht habe. Der Pass sei echt und sei mit ei-
nem Visum für Griechenland benutzt worden.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
E-2625/2019
Seite 19
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 In materieller Hinsicht ist die Einschätzung des SEM, dass der Be-
schwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, zu bestätigen. Das
SEM hat in seiner ablehnenden Verfügung ausführlich und mit treffender
Begründung ausgeführt, dass seine Vorbringen nicht geeignet sind, seine
Flüchtlingseigenschaft zu begründen.
6.2 Zunächst ist festzuhalten, dass das SEM zu Recht festgestellt hat, dass
sich aus den geltend gemachten (politischen) Tätigkeiten des Beschwer-
deführers vor seiner Ausreise nach Syrien keine flüchtlingsrechtlich rele-
vante Verfolgung der irakischen Behörden ableiten lässt.
6.2.1 Dem Beschwerdeführer ist zwar beizustimmen, dass sich das SEM
in der ablehnenden Verfügung nicht auf die beiden Jugendorganisationen,
für welche er tätig gewesen sei, bezogen hat. Das SEM hat jedoch seine
Aktivitäten für die beiden Organisationen aufgeführt und diese auch gewür-
digt. Aus den Akten geht insgesamt weder ein exponiertes politisches Profil
noch eine asylrechtlich relevante Verfolgung aufgrund seiner Tätigkeiten
für die beiden Organisationen hervor. Er gab an, dass es sich bei der Or-
ganisation «Wiederbelebung der Jugend» nicht um eine politische Organi-
sation gehandelt habe. Er sei beteiligt gewesen, eine monatliche Zeitung
zu publizieren und habe für diese Artikel geschrieben. Diese seien jedoch
nicht unter seinem Namen veröffentlicht worden (SEM Akte A12, F42ff.).
Daneben habe er geholfen, Seminare zu organisieren. Er sei als Koordina-
tor für die Regionen J._ und K._ tätig gewesen (a.a.O.,
F47). Daraus resultierende Probleme brachte er nicht vor. Daneben sei er
in einer weiteren Organisation namens «Jugendorganisation zum Schutz
von Kurdistan» tätig gewesen. Ab dem Jahr 2014 habe er für die Organi-
sation begonnen, Kundgebungen zu organisieren. Sie hätten vorwiegend
gegen den IS demonstriert, manchmal auch gegen die KDP. Er habe Be-
willigungen für die Kundgebungen bei dem Statthalteramt und den Asayish
eingeholt und diese meistens auch erhalten. Einige Male habe er die Be-
willigung nicht abgewartet, sondern die Kundgebungen ohne eine Bewilli-
gung durchgeführt (a.a.O., F38f.). Deswegen sei er einige Male von den
Asayish zum Verhör vorgeladen worden. Er sei im Jahr 2013 ein Mal und
im Jahr 2014 zwei Mal von den Sicherheitskräften vorgeladen und verhört
worden. Man habe ihm bei diesen Verhören gesagt, er solle mit seinen
E-2625/2019
Seite 20
politischen Aktivitäten aufhören, ansonsten er Schaden davontragen würde
(SEM Akte A12, F49, F55). Die Verhöre hätten nicht länger als eine Stunde
gedauert (a.a.O., F53). Im Jahr 2013 sei er von den Asayish beziehungs-
weise den Sicherheitsbehörden der PUK verhört worden. Gleichzeitig
seien etwa 15 oder 16 weitere Personen festgehalten und verhört worden.
Nach etwa einer halben Stunde habe er wieder gehen können. Bei den
anderen beiden Verhören der Asayish sei er alleine gewesen (a.a.O.,
F55f.) Die KDP habe hingegen keine Massnahmen gegen ihn ergriffen
(a.a.O., F61). Einige Male habe er auch Fahrzeuge der Sicherheitskräfte
beobachtet, welche ihm offenbar hätten Angst einjagen wollen (a.a.O.,
F51). Hinzukommend habe er auch telefonische Bedrohungen erhalten. Er
wisse jedoch nicht, ob diese Drohungen durch die Islamisten, durch Sicher-
heitskräfte oder allenfalls auch durch Privatpersonen erfolgt seien (a.a.O.,
F59). Weitere Probleme machte er nicht geltend. Er gab an, die Drohungen
hätten sich nicht verschärft (a.a.O., F57). Abgesehen von den drei Verhö-
ren habe er keine weiteren Probleme mit den staatlichen Behörden gehabt
(a.a.O., F63).
Die geltend gemachten drei Befragungen durch die PUK und Asayish sind
nicht als derart intensiv zu betrachten, als dass dem Beschwerdeführer ein
menschenwürdiges Leben in seiner Heimat nicht mehr möglich gewesen
wäre. Seinen Angaben zufolge haben sich die Massnahmen der Behörden
auch nicht intensiviert, obwohl er ihrer Forderung, die politischen Aktivitä-
ten einzustellen, nicht nachgekommen sei. Der Einwand in der Be-
schwerde, man habe ihm Geld angeboten, sollte er mit den Tätigkeiten
aufhören, ist ebenfalls nicht geeignet, eine Gefährdung aufzuzeigen (Be-
schwerde Art. 69ff.). Er gab hierzu nämlich an, dass er das Geld abgelehnt
habe. Dennoch haben sich die Massnahmen seitens der Sicherheitsbehör-
den nicht verschärft. Dass die Bedrohungen objektiv stetig zugenommen
hätten – wie in der Beschwerde behauptet (a.a.O., Art. 71) – ist aus den
Akten nicht ersichtlich. Zudem ergibt sich aus seinen Aussagen kein expo-
niertes politisches Profil. Seine Aktivitäten für die Organisation «Wiederbe-
lebung der Jugend» seien nicht politischer Natur gewesen und er habe
auch nicht unter seinem Namen Artikel veröffentlicht. Dass er aufgrund die-
ser Aktivitäten in Zukunft eine asylrelevante Verfolgung zu befürchten
hätte, erscheint äusserst unwahrscheinlich. Für die «Jugendorganisation
zum Schutz von Kurdistan» hat er bei den Sicherheitsbehörden Bewilligun-
gen für Kundgebungen eingeholt. Dadurch dürften diese über seine De-
monstrationsteilnahmen informiert gewesen sein. Bei den Demonstratio-
nen habe es sich jedoch meist um bewilligte Veranstaltungen gehandelt.
Ab und zu hätten sie auch unbewilligte Demonstrationen durchgeführt,
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Seite 21
weswegen er drei Mal verhört worden sei. Weitere Massnahmen wurden
nicht gegen ihn ergriffen. Die Demonstrationen hätten sich zudem haupt-
sächlich gegen den IS gerichtet, nur ab und zu auch gegen die KDP
(a.a.O., F39). Dass er öffentlich erhebliche Kritik an den herrschenden Par-
teien ausgeübt habe, geht aus den Akten insgesamt nicht hervor. Somit ist
auch nicht davon auszugehen, dass er aufgrund seiner Tätigkeiten für die
«Jugendorganisation zum Schutz von Kurdistan» in Zukunft erhebliche
Nachteile zu befürchten hätte. Hätten die Behörden ihn ernsthaft im Visier
gehabt, hätte man ihn wohl auch bei der Einholung der Bewilligungen auf
seine missliebigen Aktivitäten angesprochen. Zudem ist darauf hinzuwei-
sen, dass gemäss seinen Angaben die Verhöre erfolgt seien, da er einige
Male die Bewilligung für eine Kundgebung nicht abgewartet habe (SEM
Akte A12, F39). Für die Befragungen gab es somit einen legitimen Grund
und diese waren nicht (nur) politisch motiviert.
6.2.2 Zudem hat die Vorinstanz zu Recht ausgeführt, dass der Beschwer-
deführer nach seiner Rückkehr aus Syrien sich noch etwa weitere sechs
Monate in der ARK aufgehalten hat, ohne weitere Drohungen oder sonstige
Benachteiligungen erlitten zu haben. Im Gegenteil wurde der Beschwerde-
führer von Regierungsmitgliedern im Krankenhaus besucht. Dem in der
Beschwerde vorgebrachten Einwand, er sei schwer verletzt gewesen und
von den Behörden bereits totgesagt, weshalb dieses Argument untauglich
sei (Beschwerde Art. 72 und 74), kann nicht gefolgt werden. Er hat einer-
seits im Krankenhaus Besuch von Mitgliedern der Parteien PUK und Goran
erhalten. Andererseits haben die Behörden ihn unterstützt, die Ausreise zu
organisieren, um eine medizinische Behandlung im Ausland zu erhalten.
Gemäss seinen Angaben habe die Regierung sogar einen Teil der Kosten
seiner Reise und der medizinischen Behandlung übernommen (SEM Akte
A4, Ziff. 8.02). Die Ausführungen in der Beschwerde, wonach die KDP
massiv gegen PKK-Anhänger vorgehe (Beschwerde Art. 61), sind somit
nicht geeignet, eine gezielte Verfolgung des Beschwerdeführers aufzuzei-
gen. Wäre der Beschwerdeführer aufgrund seiner Tätigkeiten für die Ju-
gendorganisationen oder für die YPG gefährdet gewesen, hätte es ihm
kaum möglich sein dürfen, bis zu seiner Ausreise nach Europa sich unbe-
helligt in G._ im Krankenhaus und bei seinen Eltern aufzuhalten.
Ob er dabei aus freiem Willen von Syrien nach Irak für die medizinische
Behandlung zurückgekehrt ist (Beschwerde Art. 64ff.), spielt somit keine
Rolle. Es ist zwar durchaus davon auszugehen, dass die Behörden eine
Person, welche in einem Einsatz für die Kurden verwundet wurde, nicht
direkt nach der Rückkehr noch im Krankenhaus behelligen würden. Der
Beschwerdeführer verbachte jedoch noch einige Zeit bei seinen Eltern und
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Seite 22
wurde auch von der an seinem Wohnort vorherrschenden Partei PUK un-
terstützt. Es ist deswegen nicht davon auszugehen, dass diese ihn als
missliebige Person einschätzen. Durch die KDP hat er bis anhin keinerlei
Benachteiligungen erlitten. Auch wenn sich das Gericht der komplizierten
Beziehungen unter den Parteien im Nordirak bewusst ist, hat das SEM tref-
fend ausgeführt, dass die PUK dem Beschwerdeführer gegenüber wohlge-
sinnt gewesen ist. Auch wenn der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr
von der KDP in einem gewissen Ausmass kritisch beobachtet werden
sollte, kann er zumindest die Unterstützung der an seinem Wohnort primär
herrschenden Partei in Anspruch nehmen. Insgesamt ergibt sich somit we-
der eine Verfolgung durch die Behörden zum Zeitpunkt seiner Ausreise aus
dem Irak im September 2015 noch ist davon auszugehen, dass eine Furcht
vor einer ernsthaften Verfolgung durch die Behörden bei einer Rückkehr
an seinen Herkunftsort begründet ist. Das Gericht geht auch nicht davon
aus, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner Tätigkeit für die YPG in
Shingal/Sindjar im Jahr 2014 nun bei einer Rückkehr doch noch Behelli-
gungen durch die KDP ausgesetzt wäre. Insbesondere kann in diesem Zu-
sammenhang darauf hingewiesen werden, dass sich Masud Barzani von
der KDP im Jahr 2014 bei der PKK für den gemeinsamen Kampf gegen
den IS bedankt hat (vgl. Yılmaz, Arzu, Gegeneinander, miteinander: Die
KDP und die PKK in Sindschar, in: Seufert, Günter [Hg.], Stiftung Wissen-
schaft und Politik [SWP], Die Kurden im Irak und in Syrien nach dem Ende
der Territorialherrschaft des »Islamischen Staates«, Die Grenzen kurdi-
scher Politik, 07.2018, S. 53).
6.2.3 Die eingereichten Beweismittel vermögen an dieser Einschätzung
nichts zu ändern. Der Beschwerdeführer hat im erstinstanzlichen Verfahren
lediglich Fotos, welche ihn an den Seminaren und Veranstaltungen zeigen
würden, eingereicht (SEM Akte A14, Beweismittel Nr. 7). Weitere Informa-
tionen hierzu wurden ebenso wenig eingereicht wie konkrete Informationen
oder Dokumente über die Seminare und die Organisationen. Eine Gefähr-
dung des Beschwerdeführers lässt sich aus den Fotos nicht ableiten. Aus
dem eingereichten Schreiben der «Freedom Movement of Kurdistan
Society» geht hervor, dass der Beschwerdeführer und sein Bruder
B._ Mitglieder dieser Oppositionsbewegung seien. Bei einer Rück-
kehr in den Nordirak würden diese umgehend verhaftet werden. Zudem
stehe auch die Familie der Bewegung nahe und habe deswegen Benach-
teiligungen erlitten (Beschwerdeergänzung Art. 115; Übersetzung des Be-
weismittels). Hierzu ist einerseits festzuhalten, dass der Beschwerdeführer
im Laufe seines Verfahrens diese Bewegung nicht erwähnt und auch keine
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Seite 23
Tätigkeiten im Rahmen der Bewegung geltend gemachte hatte. Anderer-
seits gelangte das Gericht oben zur Einschätzung, dass der Beschwerde-
führer kein politisches Profil aufweist, welches zu einer Gefährdung führen
könnte. Das Schreiben vermag somit seine bisherigen Vorbringen nicht zu
stützen und auch keine drohende Verfolgung zu belegen. Das Dokument
ist als Gefälligkeitsschreiben einzustufen. Auch aus dem Entlassungs-
schreiben der Mutter, datiert auf den 9. Mai 2018, geht lediglich hervor,
dass die Mutter aus der Funktion der (...)vorsitzenden entlassen worden
sei (Beschwerdebeilage 7). Die Hintergründe der Entlassung werden nicht
beschrieben. Der Beschwerdeführer gab in der Beschwerde hierzu an,
seine Mutter sei von ihrer leitenden Funktion entlassen worden und sei jetzt
nur noch als (...) im (...) tätig, da sie an den Wahlen die PUK nicht unter-
stützt habe (Beschwerde Art.79, Übersetzung Beschwerdebeilage 7). Die
Entlassung steht somit in keinem Zusammenhang mit dem Beschwerde-
führer oder seinen politischen Tätigkeiten. Zudem geht aus dem Entlas-
sungsschreiben auch in Bezug auf die Mutter kein politisch motiviertes Vor-
gehen hervor. Ausserdem fällt auf, dass der Beschwerdeführer anlässlich
der Anhörung vom 27. Juni 2016 angab, dass seine Mutter als (...) Assis-
tentin in einem (...) arbeite, dass sie die (...)vorsitzende gewesen sei,
wurde nicht vorgebracht (SEM Akte A12, F26). Auch die mit der Be-
schwerde eingereichten Screenshots von Videos, welche belegen würden,
dass die PUK den Kongress der Jugendorganisation verhindert habe (Be-
schwerdebeilagen 8 und 9), sind nicht geeignet, eine Gefährdung des Be-
schwerdeführers zu belegen, da sie keinen direkten Bezug zu ihm aufwei-
sen. Dasselbe gilt für die im erstinstanzlichen Verfahren eingereichten Fo-
tos, welche durch die KDP verwundete Personen zeigen sollen.
6.2.4 In der Beschwerde wurde ferner vorgebracht, dass die Familie des
Beschwerdeführers im Visier der nordirakischen Behörden stehe. Im Sep-
tember 2017 sei es zu einer Hausdurchsuchung gekommen und der Bru-
der I._ sei verhaftet worden. Er habe an einer Demonstration teil-
genommen und sei während neun Tagen inhaftiert worden (Beschwerde
Art. 75). In der Folge sei er weitere Male von den Behörden mitgenommen
worden. Zur Stützung des Vorbringens wurden Fotos des Bruders
I._ an der Demonstration sowie Fotos, welche eine Hausdurchsu-
chung zeigen würden, eingereicht (Beschwerdebeilagen 1, 2, 4, 5, 6).
Hierzu ist zunächst festzustellen, dass nicht nachvollziehbar ist, weshalb
der Beschwerdeführer diese Vorbringen nicht bereits zuvor im erstinstanz-
lichen Verfahren dem SEM zur Kenntnis gebracht hat, zumal er rechtlich
vertreten gewesen ist. Des Weiteren sind die Fotos nicht geeignet, den be-
haupteten Sachverhalt zu belegen, da aus ihnen weder eine Verhaftung
E-2625/2019
Seite 24
noch eine Razzia deutlich hervorgehen. Weitere Dokumente, welche die
Verhaftung des Bruders stützen würden, wurden nicht eingereicht. Darüber
hinaus vermag die Verhaftung des Bruders I._ ohnehin keine Ge-
fährdung des Beschwerdeführers zu belegen. Die Verhaftung des Bruders
im Jahr 2017 stand in Zusammenhang mit einer Demonstrationsteilnahme,
bei der ein Haus in Brand gesetzt wurde (Beschwerde Art. 75). Ob die Ver-
haftung somit einen politischen Hintergrund hatte oder eher gemeinrechtli-
cher Natur war, lässt sich nicht feststellen. Dass dem Beschwerdeführer
deswegen ernsthafte Nachteile drohen könnten, ist indes anzuzweifeln, zu-
mal sich noch ein weiterer Bruder, L._, im Nordirak befindet und
dieser gemäss Aktenlage deswegen keine Benachteiligungen erlitten hat.
Auch die weiteren in der Beschwerde erstmals vorgebrachten Schwierig-
keiten der Familie blieben unbelegt. Die angebliche Hausdurchsuchung
und Verhaftung des Bruders I._ und des Vaters am 11. März 2019
wurde nicht näher erläutert und abgesehen von den eingereichten Fotos,
aus denen weder eine Verhaftung noch eine Razzia deutlich hervorgehen,
wurden keine Dokumente eingereicht. Dass dabei auch nach dem Be-
schwerdeführer und seinem Bruder B._ gefragt worden sei, stellt
lediglich eine Parteiaussage dar (Beschwerde Art. 77). Ausserdem ist da-
rauf hinzuweisen, dass der Vater gemäss seinen Angaben Angestellter
beim (...)ministerium sei (SEM Akte A12, F27). Hätten die Behörden tat-
sächlich den Vater aufgrund vermeintlicher Aktivitäten für die PKK im Visier,
hätte dies allenfalls auch berufliche Auswirkungen für ihn gehabt. Nach den
obigen Erwägungen, wonach der Beschwerdeführer keine asylrelevante
Verfolgung erlitten hat und ihm mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auch
künftig keine drohen wird, erscheint es äusserst unwahrscheinlich, dass
vier Jahre nach seiner Ausreise die Behörden nun erstmals nach ihm hät-
ten fragen sollen.
6.2.5 Zusammenfassend ergeben sich aus den Akten keine hinreichenden
Anhaltspunkte für eine asylrechtlich relevante Verfolgung durch die nord-
irakischen Behörden.
6.3 Sodann ist auf die vorgebrachten Schwierigkeiten mit islamistischen
Gruppierungen, insbesondere dem IS, einzugehen. Der Beschwerdeführer
machte geltend, dass im irakischen Kurdistan junge Leute ermutigt worden
seien, sich dem Jihad in Syrien anzuschliessen. Er habe in dieser Zeit ver-
schiedene Aktivitäten gegen diese Rekrutierungsversuche ins Leben geru-
fen. Deswegen sei er von Islamisten bedroht worden (SEM Akte A12, F35).
Er sei einmal von zwei Islamisten angehalten und schikaniert worden
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(a.a.O., F49). Er sei auch weitere Male von Islamisten beschimpft worden
(a.a.O., F65). Einmal habe er einen Telefonanruf erhalten, er wisse nicht,
ob es sich um Islamisten, die Behörden oder eine Privatperson gehandelt
habe und man habe ihm gesagt, er solle auf seine Person aufpassen
(a.a.O., F59f.). Ein weiteres Mal sei er von maskierten Männern überfallen
und in ein Auto gedrängt worden. Man habe ihn im Auto geschlagen und
dann in einem Wald abgesetzt. Er vermute, die Männer seien von der is-
lamistischen Partei gewesen (a.a.O., F67ff.).
Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass im Nordirak funktionierende
Schutzinfrastrukturen vorhanden sind. Der Beschwerdeführer hätte sich
somit bei Problemen mit Drittpersonen beziehungsweise islamistischen
Gruppierungen an die Behörden wenden können. Wie oben dargelegt, ist
keine asylrechtlich relevante Verfolgung durch die Behörden ersichtlich,
weshalb davon auszugehen ist, dass die Behörden gegenüber dem Be-
schwerdeführer schutzwillig gewesen wären. Hierzu hat das SEM zu Recht
ausgeführt, dass der Beschwerdeführer bezüglich der Organisation und Fi-
nanzierung seiner medizinischen Behandlung im Ausland auf die Unter-
stützung der Behörden, insbesondere der an seinem Heimatort vorherr-
schenden Partei PUK, hat zählen können. Dies spricht ebenfalls für die
Schutzwilligkeit der Behörden. Zudem kann zu den Bedrohungen durch is-
lamistische Personen auch festgestellt werden, dass diese nicht im zeitli-
chen Zusammenhang zur Ausreise stehen und die Bedrohungen und Be-
schimpfungen auch kein asylrelevantes Ausmass erreichten. Der Vorfall im
Wald ging zwar über einfache Bedrohungen hinaus, der Beschwerdeführer
vermutet jedoch lediglich, dass es sich dabei um Personen der islamisti-
schen Partei gehandelt hat; danach hatte er keine erheblichen Probleme
mehr. Insgesamt sind die vorgebrachten Probleme mit islamistischen Per-
sonen somit ebenfalls nicht geeignet, seine Flüchtlingseigenschaft zu be-
gründen.
6.4 Der Beschwerdeführer hat auf Beschwerdeebene Ausdrucke seines
Facebook-Profils eingereicht, welche belegen sollen, dass er von Islamis-
ten bedroht worden sei (Beschwerdebeilage 3). Aus den eingereichten
Auszügen geht im Wesentlichen eine Konversation mit einem Mullah her-
vor, welcher droht, alle PKK Anhänger zu töten. Wer konkret den Account
des Facebook-Profils des Mullahs inne hat, ist jedoch ebenso wenig er-
sichtlich wie eine konkrete Bedrohung des Beschwerdeführers bei einer
Rückkehr in den Nordirak. Subjektive Nachfluchtgründe ergeben sich ent-
gegen der Behauptung des Beschwerdeführers aus dieser virtuellen Kon-
versation jedenfalls nicht (Beschwerde Art. 88).
E-2625/2019
Seite 26
6.5 Der Beschwerdeführer hat des Weiteren geltend gemacht, er sei im
(...) 2014 nach Syrien gereist und habe sich der YPG angeschlossen. In
einem Gefecht in der Stadt Shingal sei er am (...) 2015 durch eine Bombe
schwer verletzt worden (SEM Akte A12, F72ff.). Er sei zunächst in
F._ notversorgt worden und nach ein paar Tagen nach G._
in ein Krankenhaus verlegt worden. Die Tragik dieses Bombenanschlags
soll nicht in Abrede gestellt werden. Es handelt sich dabei jedoch nicht um
eine Handlung, die gezielt den Beschwerdeführer hätte treffen sollen. Viel-
mehr wurde er im Rahmen der damaligen Situation von Kriegshandlungen
und allgemeiner Gewalt um das Gebiet Shingal Opfer eines Bombenan-
griffs durch den IS. Wie bereits unter E. 6.2 ausgeführt, ist auch nicht davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner Aktivitäten für
die YPG mit den nordirakischen Behörden Probleme erhalten werde. Nach
seiner Rückkehr aus Syrien hatte er keine Probleme mit den Behörden und
diese haben ihn gar unterstützt, eine medizinische Behandlung im Ausland
zu erhalten. Dass sich daraus Schwierigkeiten ergeben könnten, ist den
Akten somit nicht zu entnehmen.
6.6 Abschliessend kann festgehalten werden, dass sich auch aus den Ak-
ten des Bruders B._ keine Hinweise für eine Gefährdung des Be-
schwerdeführers ergeben. Das Gericht gelangt im Verfahren des Bruders
mit Urteil ebenfalls heutigen Datums zum Schluss, dass dieser ebenfalls
kein exponiertes politisches Profil aufweist und keiner asylrelevanten Ver-
folgung ausgesetzt war oder eine solche künftig zu befürchten hätte (vgl.
E-2626/2019).
6.7 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer somit nicht gelungen,
eine relevante Verfolgungsgefahr im Sinne von Art. 3 AsylG darzutun. Die
Vorinstanz hat demzufolge zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
E-2625/2019
Seite 27
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Das flüchtlingsrecht-
liche Refoulement-Verbot schützt nur Personen, welche die Flüchtlingsei-
genschaft erfüllen.
Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine flüchtlingsrechtlich
erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der
in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerde-
führers in den Irak ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG recht-
mässig.
8.2.2 Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten er-
geben sich Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in
den Irak dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK
E-2625/2019
Seite 28
oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Ge-
mäss Praxis des EGMR sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Dies ist ihm vorliegend nicht gelungen. Auch die all-
gemeine Menschenrechtssituation in der Herkunftsregion der Beschwer-
deführer lässt den Wegweisungsvollzug im heutigen Zeitpunkt nicht als un-
zulässig erscheinen.
8.2.3 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Die Sicherheitslage und Menschenrechtslage im Nordirak ist aner-
kanntermassen volatil. Zu Recht hält auch das SEM fest, allgemeine Aus-
sagen dazu verlören rasch ihre Gültigkeit. Dabei beschreibt es ausführlich
die Situation im kurdischen Nordirak und die entsprechende bundesver-
waltungsgerichtliche Rechtsprechung mit Verweis auf das jüngste Refe-
renzurteil. In seinem Referenzurteil E-3737/2015 vom 14. Dezember 2015
(E.7.4) bestätigte das Bundesverwaltungsgericht seine in BVGE 2008/5
publizierte Praxis zur Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in
die kurdischen Provinzen im Nordirak. Es hielt dabei Folgendes fest: In den
vier Provinzen des "Kurdistan Regional Government (KRG)" – das betref-
fende Gebiet wird seit Anfang 2015 durch die Provinzen Dohuk, Erbil, Su-
leimaniya sowie der von Letzterer abgespalteten Provinz Halabja gebildet
– sei nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83
Abs. 4 AIG auszugehen, und es lägen keine konkreten Anhaltspunkte da-
für vor, dass sich dies in absehbarer Zeit massgeblich ändern würde. Diese
Einschätzung hat nach wie vor Gültigkeit. Die auf Beschwerdeebene vor-
gebrachten Einwände in Bezug auf die unsichere Lage im Nordirak auf-
grund des Unabhängigkeitsreferendums, aber auch der Angriffe aus der
Türkei und dem Iran auf den Nordirak ändern an der vorstehenden Praxis
E-2625/2019
Seite 29
zum aktuellen Zeitpunkt nichts (vgl. etwa Urteile des Bundesverwaltungs-
gerichts D-5949/2019 vom 21. April 2021 E. 9.4.2; D-6846/2018 vom
8. Februar 2021 E. 10.3.2; E-6430/2016 vom 31. Januar 2018 E. 6.4
m.w.H.).
8.3.3 Die langjährige Praxis im Sinne von BVGE 2008/5 für aus dem KRG-
Gebiet stammende Kurdinnen und Kurden bleibt somit weiterhin anwend-
bar. Besonderes Gewicht ist angesichts der Belastung der behördlichen
Infrastrukturen durch im Irak intern Vertriebene («Internally Displaced Per-
sons» [IDPs]) dem Vorliegen begünstigender individueller Faktoren beizu-
messen (vgl. u.a. Urteile des BVGer D-2775/2020 vom 8. Juli 2020
E. 8.3.2; D-787/2020 vom 17. April 2020 E. 7.3; D-7151/2018 vom 25. Feb-
ruar 2020 E. 7.4.4, m.w.H.; E-2855/2018 vom 14. Januar 2019 E. 5.6.1;
D-1779/2016 vom 6. Dezember 2018 E. 7.3.2; BVGE 2008/5 E. 7.5). Die
Anordnung des Wegweisungsvollzugs setzt insbesondere voraus, dass die
betreffende Person ursprünglich aus der Region stammt oder längere Zeit
dort gelebt hat und dort über ein soziales Beziehungsnetz (Familie, Ver-
wandtschaft oder Bekanntenkreis) oder über Beziehungen zu den herr-
schenden Parteien verfügt. Andernfalls dürfte eine soziale und wirtschaftli-
che Integration in die kurdische Gesellschaft nicht gelingen, da der Erhalt
einer Arbeitsstelle oder von Wohnraum weitgehend von gesellschaftlichen
und politischen Beziehungen abhängt (vgl. BVGE 2008/5 E. 7.5; ausführ-
lich zudem Urteil des BVGer E-6430/2016 vom 31. Januar 2018 E. 6.4.1 ff.,
m.w.H.).
8.3.4 Das SEM führte zu den individuellen Umständen im Wesentlichen
aus, dass der Beschwerdeführer und sein Bruder B._ sich bei einer
Rückkehr gegenseitig unterstützen könnten. Sie würden über ein tragfähi-
ges Beziehungsnetz verfügen und die Eltern seien erwerbstätig. Der Be-
schwerdeführer habe einen Schulabschluss und habe danach Berufserfah-
rung als (...) gesammelt. Sein Bruder und er hätten zudem mit der Unter-
stützung der Familie die Reisekosten von C._ in die Schweiz von
4000 Euro pro Person bezahlen können. Er sei ein junger Mann und es sei
ihm aufgrund seiner Ausbildung zuzumuten, sich wieder um eine Arbeits-
stelle zu bemühen, bei welcher er, sofern angezeigt, keine seinen Körper
und insbesondere seine Armprothese belastende physische Arbeit leisten
müsse. Seine Familie könne ihn bei einer Reintegration unterstützen. Auch
seine Kriegsverletzungen würden der Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs nicht entgegenstehen. Es sei ihm mit Hilfe seiner Familie und der Un-
terstützung von der Partei Goran beziehungsweise PUK möglich gewesen,
sich in G._ und später in C._ behandeln zu lassen. In der
E-2625/2019
Seite 30
Schweiz habe er weitere medizinische Behandlung erhalten. Er habe die
notwendigen Operationen und Behandlungen erhalten und sei genesen.
Auch wenn der Verlust des (...) (...)arms und Teile (...) Finger der (...)
Hand ihn im Alltag einschränken würden, sei bei einer Rückkehr in seine
Heimat nicht davon auszugehen, dass er in eine existenzbedrohende Not-
lage geraten würde, insbesondere in Anbetracht des vorhandenen sozialen
und wirtschaftlich tragfähigen Beziehungsnetzes.
8.3.5 Der Beschwerdeführer wies in seiner Rechtsmitteleingabe darauf hin,
dass das SEM die zahlreichen Arztberichte, insbesondere auch seine psy-
chischen Erkrankungen ignoriert habe. Es sei entgegen den Schilderungen
des SEM zudem für ihn schwierig, aufgrund seiner Invalidität wieder eine
Arbeitsstelle aufzunehmen. Gemäss der geltenden Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts müssten für die Bejahung der Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs besonders begünstigende Umstände vorliegen.
Diese seien vorliegend offensichtlich nicht gegeben. Es stelle sich einzig
die Frage, ob im Fall einer gemeinsamen Ausschaffung mit dem Bruder
B._ die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs bejaht werden
könne. Aber auch beim Bruder B._ könne nicht von besonders be-
günstigenden Umständen ausgegangen werden. Er wäre nicht in der Lage,
im Nordirak auch für den Beschwerdeführer aufzukommen. Der Beschwer-
deführer wäre bei einer Rückkehr nicht in der Lage, Zugang zur erforderli-
chen medizinischen Behandlung zu erhalten und könne auch finanziell
nicht für sich aufkommen. Zudem sei er traumatisiert und bedürfe einer
psychotherapeutischen Behandlung. Es sei für ihn schwierig, die Erleb-
nisse in der Heimat zu verarbeiten. Im Falle einer Rückkehr in den Nordirak
würde er in eine existenzgefährdende Notlage geraten.
8.3.6 Der Beschwerdeführer stammt aus D._ in der Provinz Sulai-
maniya, Nordirak, wo er – abgesehen von seinem etwa (...)monatigen Auf-
enthalt in Syrien – sein ganzes bisheriges Leben verbracht hat. Er verfügt
über eine langjährige Schulbildung und hat das Gymnasium abgeschlos-
sen (SEM Akte A12, F15). Danach habe er als (...) gearbeitet. In der Her-
kunftsregion des Beschwerdeführers halten sich weiterhin diverse Ver-
wandte (Eltern, zwei Brüder und mehrere Tanten) auf, mit denen er in Kon-
takt steht (vgl. SEM Akte A12, F25; F30f.). Sein Vater ist (...)-Professor und
arbeitet als (...) beim (...)ministerium. Seine Mutter arbeitet in einem (...)
(a.a.O., F26f.). Ein Bruder hat sein Studium bereits abgeschlossen und der
andere Bruder studiert an einer (...)-Fachhochschule (a.a.O., F28ff.). Mit
Eingabe vom 18. Februar 2021 hat der Beschwerdeführer darauf hinge-
E-2625/2019
Seite 31
wiesen, dass ein Bruder Irak habe verlassen müssen. Weitere Informatio-
nen hierzu liegen nicht vor. Auch wenn einer seiner Brüder Irak verlassen
haben sollte, kann nach wie vor von einem bestehenden tragfähigen Be-
ziehungsnetz ausgegangen werden, welches ihm bei der sozialen und wirt-
schaftlichen Wiedereingliederung behilflich sein kann. Zudem wird auch
der Wegweisungsvollzug seines sich ebenfalls in der Schweiz befindenden
Bruders B._ vom Bundesverwaltungsgericht mit Urteil heutigen Da-
tums bestätigt (vgl. Urteil E-2626/2019). Das SEM hat hierzu treffend an-
gemerkt, dass die beiden Brüder gemeinsam zurückkehren und sich unter-
stützen können. Insgesamt verfügt der Beschwerdeführer somit über ein
tragfähiges Beziehungsnetz in seiner Heimat. Auch wenn er aufgrund sei-
ner körperlichen Beeinträchtigungen nicht mehr an seine bisherige Berufs-
erfahrung anknüpfen kann, kann angenommen werden, dass er über die
nötigen Voraussetzungen für den Aufbau einer neuen Existenz verfügt. Ins-
besondere aufgrund seines Beziehungsnetzes und seines Maturitätsab-
schlusses ist vom Vorliegen begünstigender individueller Faktoren auszu-
gehen.
8.3.7
8.3.7.1 Auch die medizinischen Beeinträchtigungen des Beschwerdefüh-
rers stehen der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nicht entgegen.
Auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus medizinischen Grün-
den ist nach Lehre und konstanter Praxis nur dann zu schliessen, wenn
eine notwendige medizinische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfü-
gung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden
Beeinträchtigung des Gesundheitszustands der betroffenen Person führen
würde. Dabei wird als wesentlich die allgemeine und dringende medizini-
sche Behandlung erachtet, welche zur Gewährleistung einer menschen-
würdigen Existenz absolut notwendig ist. Unzumutbarkeit liegt jedenfalls
dann noch nicht vor, wenn im Heimat- oder Herkunftsstaat eine nicht dem
schweizerischen Standard entsprechende medizinische Behandlung mög-
lich ist (vgl. etwa BVGE 2011/50 E. 8.3 und 2009/2 E. 9.3.1 je mit weiteren
Hinweisen).
8.3.7.2 Im vorinstanzlichen Verfahren reichte der Beschwerdeführer mit
Eingabe vom 18. Mai 2017 einen Arztbericht seines Hausarztes vom
31. März 2017 zu den Akten (A19). Des Weiteren befindet sich ein Aus-
trittsbericht des Kantonsspitals H._ vom 4. Juli 2016 in den vo-
rinstanzlichen Akten (A17). Daneben hat er diverse Arztberichte des Kran-
kenhauses in C._ sowie Unterlagen seiner Behandlung in
E-2625/2019
Seite 32
G._ und F._ zu den Akten gereicht. Im Beschwerdeverfah-
ren wies der Beschwerdeführer mit Eingaben vom 18. September 2020 und
23. September 2020 darauf hin, dass er unter Kriegserinnerungen leide
und alle zwei Wochen in therapeutischer Behandlung stehe. Mit Eingabe
vom 18. Februar 2021 wurden ergänzend vier Arztberichte des Kantonsspi-
tals H._, datierend vom 24. Mai 2016, 26. April 2016, 12. August
2016 und 10. April 2018, nachgereicht. Aktuellere Arztberichte wurden nicht
eingereicht. Somit darf angenommen werden, dass der Beschwerdeführer
über keine aktuelleren Arztberichte verfügt, oder er diese zumindest nicht
als wesentlich für das vorliegende Asylverfahren erachtet hat.
Aus den Arztberichten geht insgesamt hervor, dass der Beschwerdeführer
aufgrund der im Jahr 2015 erfolgten Bombenexplosion an multiplen Gra-
natsplitterverletzungen leidet. Er leidet an einer (...)verletzung und hat eine
(...)prothese, sein (...) (...)arm wurde teilamputiert und er hat eine Pro-
these erhalten. An der (...) Hand wurden (...) Finger teilamputiert. Vom 30.
Juni 2016 bis zum 10. Juli 2016 war er im Kantonsspital H._ hospi-
talisiert, insbesondere zur Behandlung einer (...). In der Folge musste er
zur regelmässigen Wundkontrolle und er erhielt beim Austritt Schmerzmit-
tel. Gemäss dem Bericht vom 12. August 2016 konnte die Behandlung ab-
geschlossen werden. Im Arztbericht vom 31. März 2017 empfiehlt der
Hausarzt in Bezug auf seine physischen Leiden eine Physiotherapie (me-
dizinische Trainingstherapie zum Aufbau der (...)muskulatur), regelmäs-
sige hausärztliche Verlaufskontrollen und eine bedarfsadaptierte fachor-
thopädische Mitbetreuung. Daneben äussert der Hausarzt den Verdacht
auf eine PTBS mit einer rezidivierenden mittelgradigen depressiven Epi-
sode. Der Arzt führt weiter aus, bei unbehandelter psychischer Störung mit
Aufarbeitung der posttraumatischen Kriegserlebnisse dürfte sich eine mög-
licherweise lebenslange Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit er-
geben. Bezüglich der psychischen Situation bei kontinuierlicher Psycho-
therapie lasse sich die Prognose seines Erachtens nur schwer abschätzen.
8.3.7.3 Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers
sind zweifelsfrei belastend und schränken ihn in seinem Alltag ein Stück
weit ein. Ohne diese relativieren zu wollen, sind sie jedoch im Sinne der
bundesverwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung nicht geeignet, um auf
eine existenzielle Gesundheitsgefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG
zu schliessen. Aus den Akten geht nicht hervor, dass der Beschwerdefüh-
rer derzeit auf weitere Operationen oder sonstige medizinische Behand-
lungen angewiesen wäre. Ob es ihm in der Zwischenzeit gelungen ist,
seine (...)muskulatur zu stärken oder ob er nach wie vor Physiotherapie
E-2625/2019
Seite 33
benötigt, ist nicht ersichtlich. Eine entsprechende Behandlung beziehungs-
weise die Übungen zur Stärkung der (...)muskulatur könnte er jedoch bei
Bedarf auch im Nordirak weiterführen. In Bezug auf seine psychischen Lei-
den ist zunächst festzustellen, dass sich abgesehen von dem Bericht des
Hausarztes vom 31. März 2017 keine diesbezüglichen Unterlagen in den
Akten befinden. Den Akten können somit keine aktuellen Informationen zu
seinem psychischen Gesundheitszustand entnommen werden. Im Rah-
men seiner Mitwirkungspflicht wäre er gehalten gewesen, entsprechende
Therapieberichte einzureichen. Da dies unterblieben ist und der Beschwer-
deführer sich in der letzten Eingabe ans Gericht, mit welcher er Arztberichte
eingereicht hat, nicht auf seine psychischen Beeinträchtigungen bezogen
hat, kann angenommen werden, dass diesbezüglich kein Behandlungsbe-
darf besteht. Selbst bei Annahme von psychischen Beeinträchtigungen des
Beschwerdeführers in einer gewissen Schwere kann mit Verweis auf die
geltende Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (siehe etwa Ur-
teile des Bundesverwaltungsgerichts D-233/2017 vom 9. März 2017
E. 10.8 m.w.H. und D-6464/2018 vom 26. Februar 2020 E. 10.2.5) festge-
halten werden, dass von einer adäquaten Behandelbarkeit einer solchen
Erkrankung im Nordirak auszugehen ist. Auch wenn gewisse Einbussen
des Betreuungsstandards im Vergleich mit der Schweiz nicht in Abrede zu
stellen sind, ist die medizinisch-psychiatrische Grundversorgung für die
Behandlung der geltend gemachten gesundheitlichen Probleme des Be-
schwerdeführers bei dessen Rückkehr in seinen Heimatstaat grundsätzlich
gewährleistet. Zudem ist auf die Möglichkeit spezifischer medizinischer
Rückkehrhilfe, die nicht nur in der Form der Mitgabe von Medikamenten,
sondern beispielsweise auch in der Übernahme von Kosten für notwendige
Therapien bestehen kann, hinzuweisen (Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG). Die
gesundheitlichen Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers lassen somit
insgesamt nicht auf eine medizinische Notlage schliessen.
8.3.8 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
E-2625/2019
Seite 34
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.6 Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass das SEM nach dem Gesagten
korrekt im Sinne der bundesverwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung den
Vollzug der Wegweisung verfügt hat. Es ergeben sich aus dem Verfahren
keine Anzeichen, dass es sich bei der Prüfung des Wegweisungsvollzugs
von den Abklärungsergebnissen des NDB hat leiten lassen, wie der Be-
schwerdeführer in seiner Beschwerdeergänzung vermutet hat (Beschwer-
deergänzung Art. 116). Die Einschätzung des NDB hatte somit keine ne-
gativen Konsequenzen für den Beschwerdeführer.
8.7 Schliesslich steht auch die Corona-Pandemie dem Wegweisungsvoll-
zug nicht entgegen. Bei der Corona-Pandemie handelt es sich, wenn über-
haupt, um ein bloss temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im Rah-
men der Vollzugsmodalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung
zu tragen ist, indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Hei-
matland angepasst wird. Die Unmöglichkeit eines Wegweisungsvollzugs
ist demgegenüber gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts erst
dann festzustellen, wenn sich sowohl eine freiwillige Ausreise als auch ein
zwangsweiser Vollzug klarerweise und aller Wahrscheinlichkeit nach für
die Dauer von mindestens einem Jahr als undurchführbar erweisen (vgl.
beispielsweise Urteil des BVGer E-7575/2016 vom 28. Juli 2017 E. 6.2
m.w.H.). Dies ist in Anbetracht der derzeitigen Entwicklung der Pandemie
nicht anzunehmen.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Zwischenverfügung vom
7. Juni 2019 wurde indessen das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung gutgeheissen und die Bedürftigkeit des Beschwerde-
führers ist gemäss den Akten weiterhin gegeben, weshalb keine Verfah-
E-2625/2019
Seite 35
renskosten aufzuerlegen sind. Auch wäre der festgestellte Verfahrensman-
gel bei der Festlegung allfälliger Kosten zu berücksichtigen gewesen (vgl.
BVGE 2008/47 E. 5.1).
11.
Praxisgemäss ist eine anteilsmässige Parteientschädigung zuzusprechen,
wenn, wie vorliegend, eine Verfahrensverletzung auf Beschwerdeebene
geheilt wird. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfakto-
ren (Art. 9-13 VGKE) ist die vom SEM auszurichtende Parteientschädigung
auf Fr. 150.- festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 36