Decision ID: 97bab37b-f5b5-4d3e-ac9e-1cd188debd0a
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1983, bezog in einer vom
1.
Februar 2018 bis 3
1.
Januar 2020 laufenden Rahmenfrist
für den Leistungsbezug
Taggelder
der Arbeitslosenversicherung
(vgl.
Urk.
7/1)
. Am 1
0.
März 2019 brachte sie ihr zwei
tes Kind zur Welt (
Urk.
7/5 Beilage 2). In der laufenden Rahmenfrist für den Leis
tungsbezug rechnete die
zuständige Arbeitslosenkasse, die
Unia
Arbeitslosen
kasse (nachfolgend:
Unia
), letztmals für die Kontrollperiode November 2019
19 Taggelder ab
(
Urk.
7/2)
. Per 2
9.
November 2019
wurde die Versicherte ausgesteu
ert
(
Urk.
7/1 S. 1 oben)
. Mit Schreiben an die Versicherte vom
6.
Dezember 2019
(
Urk.
7/3)
bestätigte des Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV)
Y._
die Abmeldung der Versicherten von der Arbeitsvermittlung mit dem Vermerk «Verzicht auf Arbeitslosenentschädigung p
er 1
8.
Dezember 2019»
.
Am 1
4.
April 2020 meldete sich die Versicherte beim RAV
Z._
erneut zur Arbeitsvermittlung an (
Urk.
7/4) und stellte
am 1
7.
April 2020 einen Antrag auf Ausrichtung von Arbeitslosenentschädigung ab
1
4.
April 2020
(
Urk.
7/7)
. Mit Verfügung vom 2
7.
April 2020
(
Urk.
7/16)
verneinte die
Unia
einen Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung ab 1
4.
April 2020 (
Urk.
7/16). Die von der Versicherten dagegen am 2
5.
Mai
2020 erhobene Einsprache (
Urk.
7/17
) wies die
Unia
mit
Einspracheentscheid
vom
3.
Juni 2020 (
Urk.
7/19 =
Urk.
2)
ab
.
2.
Die Versicherte erhob am
1.
Juli 2020 Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid
vom
3.
Juni 2020 (
Urk.
2) und beantragte, dieser sei aufzuheben, es sei die Rah
menfrist bis 3
1.
Januar 2022 zu verlängern und es seien ab 1
4.
April 2020 die maximalen Taggelde
r von 120 Tagen gemäss der COVID
-19-Verordnung auszu
bezahlen. Die
Unia
beantragte mit Beschwerdeantwort vom 1
1.
August 2020 die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6). Dies wurde der Beschwerdeführerin am 1
8.
August 2020 zur Kenntnis gebracht (
Urk.
9).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach
Art.
9
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die
obligatorische
Arbeitslosenversi
cherung und die Insolvenzentschädigung (
AVIG
)
gelten - soweit das Gesetz nichts
anderes
vorsieht - für den Leistungsbezug
und für die Beitragszeit zweijährige
Rahmenfristen. Die Rahmenfrist für den Leistungsbezug beginnt mit dem ersten Tag, für den sämtliche Anspruchsvoraussetzungen erfüllt sind (
Art.
9
Abs.
2 AVIG), und die Rahmenfrist für die Beitragszeit beginnt zwei Jahre vor diesem Tag (
Art.
9
Abs.
3 AVIG).
Eine der gesetzlichen Voraussetzungen für den Anspruch auf Arbeitslosenent
schädigung besteht darin, dass die versicherte Person die Beitragszeit erfüllt hat (Art. 8 Abs. 1
lit
. e AVIG). Die Beitragszeit hat erfüllt, wer innerhalb der dafür vorgesehenen Rahmenfrist für die Beitragszeit (Art. 9 Abs. 3 AVIG) während min
destens zwölf Monaten eine beitragspflichtige Beschäftigung ausgeübt hat (Art. 13 Abs. 1 AVIG). Die Rahmenfrist für die Beitragszeit beginnt zwei Jahre vor dem Tag, an welchem die versicherte Person sämtliche Anspruchsvorausset
zungen erfüllt (Art. 9 Abs. 3 in Verbindung mit Abs. 2 AVIG).
1.2
Die Rahmenfrist für den Leistungsbezug von Versicherten, die sich der Erziehung ihrer Kinder gewidmet haben, wird gemäss
Art.
9b
Abs.
1 AVIG um zwei Jahre verlängert, sofern zu Beginn der einem Kind unter zehn Jahren gewidmeten Erziehung eine Rahmenfrist für den Leistungsbezug läuft (
lit
. a) und im Zeitpunkt der Wiederanmeldung die Anspruchsvoraussetzung der genügenden Beitragszeit nicht erfüllt ist (
lit
. b). Dabei findet
Art.
9b
Abs.
1 AVIG einzig auf Personen Anwendung, welche infolge der Erziehung von Kindern vorübergehend aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind beziehungsweise deswegen darauf verzichtet haben, sich weiterhin dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen (BGE 139
V
482 E. 7.3).
Die Rahmenfrist für die Beitragszeit von Versicherten, die sich der Erziehung ihrer Kinder gewidmet haben, beträgt vier Jahre, sofern zu Beginn der einem Kind unter zehn Jahren gewidmeten Erziehung keine Rahmenfrist für den Leistungs
bezug lief (
Art.
9b
Abs.
2 AVIG).
Die Taggelder dürfen insgesamt die Höchstzahl nach Artikel 27 nicht übersteigen
(
Art.
9b
Abs.
5 AVIG)
.
1.3
Gemäss
Art.
27
Abs.
1 AVIG bestimmt sich die
Höchstzahl der Taggelder
inner
halb der Rahmenfrist für den Leistungsbezug (
Art.
9
Abs.
2 AVIG) nach dem Alter der versicherten Person sowie nach der Beitragszeit (
Art.
9
Abs.
3 AVIG).
Nach
Art.
27
Abs.
2 AVIG hat
die versicherte Person Anspruch auf:
a.
höchstens 260 Taggelder, wenn sie eine Beitragszeit von
insgesamt
12
Monaten nachweisen kann;
b.
höchstens 400 Taggelder, wenn sie eine Beitragszeit von insgesamt
18
Monaten nachweisen kann;
c.
höchstens 520 Taggelder, wenn sie eine Beitragszeit von mindestens
22
Monaten nachweisen kann und:
1.
das 5
5.
Altersjahr zurückgelegt hat, oder
2.
eine Invalidenrente bezieht, die einem Invaliditätsgrad von mindestens
40 Prozent entspricht.
1.4
Der Bundesrat
erliess
am 2
0.
März 2020
gestützt auf
Art.
185
Abs.
3 der Bundes
verfassung (BV) die Verordnung über
Massnahmen
im Bereich der Arbeitslosen
versicherung im Zusammenhang mit dem
Coronavirus
(
COVID
-19;
COVID
-19-Verordnung Arbeitslosenversicherung
,
SR 837.033
).
Die Verordnung trat
rück
wirkend
auf den 1
7.
Mär
z 2020 in Kraft (
Art.
9 COVID
-19-Verordnung Arbeits
losenversicherung). Mit der Änderung vom
2
5.
März
2020 wurde unter anderem
Art.
8a
der
COVID-19-Verordnung Arbeitslosenversicherung eingefügt. Dieser besagt, dass a
lle anspruchsberechtigten Personen
gemäss
AVIG
zusätzlich höchs
tens
120 Taggelder
erhalten. Der aktuelle Höchstanspruch wird
dadurch nicht belastet
(
Abs.
1)
.
Die Rahmenfrist für den Leistungsbezug wird bei
Bedarf um zwei Jahre verlängert (
Abs.
2).
Gemäss der vom Staatssekretariat für Wirtschaft (
Seco
) herausgegebenen Wei
sung Nr. 10 vom 2
2.
Juli 2020 (Weisung 2020/10: Aktualisierung «Sonderrege
lungen aufgrund der Pandemie»
; nachfolgend: Weisung 2020/10
), welche die Weisung 2020/08 vom
1.
Juni 2020 und die Präzisierungen vom 1
1.
Juni 2020 ersetzt
e
und
für die gesamte Dauer der COVID-19-Verordnung Arbeitslosenver
sicherung (
rückwirkend seit dem
1.
März
2020
bis zum 3
1.
August 2020
) galt
, soll mit zusätzlichen Taggeldern und verlängerten Rahmenfristen für den Leis
tungsbezug verhindert werden, dass versicherte Personen während der wirt
schaftlich schwierigen Lage in der Corona-Krise die ihnen zustehenden Taggelder abbauen, obwohl die Stellen
suche sehr stark erschwert ist (
Ziff.
1.2 erster Absatz der Weisung 2020/10).
1.5
Gemäss
Ziff.
1.2
Abs.
2
der Weisung 2020/10
erhält
j
ede versicherte Person, die am
1.
März 2020 ihren Taggeldanspruch noch nicht ausgeschöpft hatte, für den Zeitraum vom
1.
März 2020 bis zum 3
1.
August 2020 maximal 120
zusätzliche Taggelder
. Die
normalen Taggelder
werden
während dieser Zeit erst beansprucht, wenn die 120 zusätzlichen Taggelder aufgebraucht sind.
I
n
Ziff.
1.2
Abs.
3
der Weisung 2020/10 wird festgehalten,
dass die Rahmenfrist für den Leistungsbezug für alle Personen, die am
1.
März 2020 bereits eine Rahmenfrist für den Leis
tungsbezug haben und ab dem
1.
März 2020 noch anspruchsberechtigt sind, um sechs Monate verlängert wird. Im unter Ziff.
1.2
der Weisung 2020/10
aufgeführ
ten
dritten
Fallbeispiel
wird
veranschaulicht, dass eine Person, welche vor dem
1.
März 2020 ausgesteuert wurde, deren Rahmenfrist für den Leistungsbezug
aber noch bis am 3
1.
März 2020
dauert
e
, keine zusätzlichen Taggelder beziehen kann, weil sie am
1.
März 2020 bereits nicht mehr anspruchsberechtigt war.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin
verneinte die Anspruchsberechtigung der Beschwerde
führerin in der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2) mit der Begründung, die Beschwerdeführerin habe per 1
4.
April 2020 weder die Mindestbeitragszeit erfüllt, noch sei sie von der Erfüllung der Beitragspflicht befreit gewesen (S. 1
Ziff.
V, S. 3
Ziff.
8). Da sie bereits per 2
7.
November 2019 und damit geraume Zeit vor Inkrafttreten der COVID-19-Verordnung
Arbeitslosenversicherung
die Höchst
zahl der Taggelder aufgebraucht habe, gelte sie ab dem
1.
März
2020
als nicht mehr anspruchsberechtigt, weshalb kein Anspruch
auf den Bezug der zusätzli
chen 120 Taggelder gemäss der COVID-19-Verordnung bestehe. Daran ändere nichts, dass sie sich von der Arbeitsvermittlung abgemeldet und sich der Erzie
hung ihrer Kinder gewidmet habe. Massgebend sei, dass sie bereits ab dem 2
8.
November 2019 nicht mehr anspruchsberechtigt gewesen sei, auch wenn noch eine Rahmenfrist für den Leistungsbezug gelaufen sei
(S. 2 f.
Ziff.
6-7)
.
2.2
Die Beschwerdeführerin machte demgegenüber geltend (
Urk.
1), im Zeitpunkt der Wiederanmeldung am 1
4.
April 2020 habe sie die Voraussetzungen gemäss
Art.
9b AVIG erfüllt und habe dementsprechend die Rahmenfrist (für den Leis
tungsbezug) um zwei Jahre – bis 3
1.
Januar 2022 – verlängert werden können. Damit sei sie per 1
4.
April 2020 anspruchsberechtigt
gewesen und habe daher Anspruch auf zusätzlich höchstens 120 Taggelder gemäss
Art.
8a
Abs.
1 COVID-19-Verordnung Arbeitslosenversicherung (S. 1). Es sei nicht entscheidend, ob am
1.
März
2020
eine Anspruchsberechtigung vorliege oder nicht, sondern am oder nach dem
1.
März 202
0.
Per 1
4.
April 2020 bestehe mit der Wiederanmeldung eine Anspruchsberechtigung.
Es sei unerheblich, dass die «v
or-COVID-Taggelder» im November 2019 aufgebraucht gewesen seien (S. 2 oben). Soweit eine Verlän
gerung der Rahmenfrist unter Verweis auf
Art.
9b
Abs.
5 AVIG abgelehnt worden sei, werde verkannt, dass die COVID-19-Verordnung die Höchstzahl der Taggel
der gemäss
Art.
27 AVIG um 120 Taggelder erhöhe. Es handle sich entsprechend um eine temporäre Erhöhung der Höchstzahlen gemäss
Art.
27 AVIG (S. 2 Mitte).
2.3
Strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdeführerin ab 1
4.
April 2020 Anspruch auf (höchstens) 120 Taggelder gemäss
Art.
8a COVID-19-Verordnung Arbeitslo
senversicherung hat.
3
.
3
.1
Der Anspruch auf die Taggelder gemäss
Art.
8a COVID-19-Verordnung setzte voraus, dass die Beschwerdeführerin am
1.
März
2020
beziehungsweise am 1
4.
April 2020
anspruchsberechtigt gemäss AVIG
war
(vgl. vorstehend E. 1.4)
, mithin die Anspruchsvoraussetzungen gemäss
Art.
8
Abs.
1 AVIG erfüllte.
3
.2
Nach Lage der Akten
hatte die Beschwerdeführerin in der vom
1.
Februar 2018 bis 3
1.
Januar 2020
laufenden Rahmenfrist für den Leistungsbezug
einen Tag
geldhöchstanspruch
(vgl. vorstehend E. 1.3)
von 400 Taggeldern, welcher mit Bezug der im November 2019 ausbezahlten Taggelder ausgeschöpft
war, was die Aussteuerung zur Folge hatte
(vgl.
Urk.
7/1
-2
). Die Beschwerdeführerin
scheint
dies nicht
zu bestreiten
,
sprach doch auch sie davon, dass die «vor-COVID-Taggelder» im November 2019 aufgebraucht gewesen seien (vgl. vorstehend E. 2.2).
3
.3
Nachdem die letzte Rahmenfrist für den Leistungsbezug am 3
1.
Januar 2020 endete – wobei die Beschwerdeführerin wie dargelegt bereits im November 2019 den Taggeldhöchstanspruch ausgeschöpft hatte – befand sich die Beschwerdefüh
rerin i
m Zeitpunkt der Wiederanmeldung am 1
4.
April 2020
nicht mehr in einer laufenden Rahmenfrist für den Leistungsbezug. Die Beschwerdeführerin
mach
t
e geltend, im Zeitpunkt der Wiederanmeldung die Voraussetzungen für eine Ver
längerung der Rahmenfrist gemäss
Art.
9b
Abs.
1 AVIG erfüllt zu haben
.
In die
sem Zusammenhang verkennt
sie jedoch
, dass sie während der laufenden Rah
menfrist für den Leistungsbezug per 1
8.
Dezember 2019 zwar wohl bei der Arbeitslosenversicherung abgemeldet wurde (zur Voraussetzung der Abmeldung vgl. BGE 139 V 482), dies jedoch, nachdem sie
im November 2019
alle ihr zustehenden Taggelder bezogen
hatte
. Damit liegt kein vom Sinn und Zweck des
Art.
9b
Abs.
1 AVIG erfasster Tatbestand vor. Denn die
dort vorgesehene
Verlän
gerung der Rahmenfrist für den Leistungsbezug soll den durch die Erziehung unterbrochenen Taggeldbezug im Rahmen des verbleibenden Bezugsrechts ermöglichen. Eine Erhöhung des Taggeldanspruchs ist damit nicht verbunden (vgl. AVIG-Praxis ALE
des
Seco
,
Rz
B68 f.
;
vgl. auch
Art.
9b
Abs.
5 AVIG
).
Per 1
4.
April 2020 hat die Beschwerdeführerin nach der unbestritten gebliebenen Feststellung der Beschwerdegegnerin (vgl.
Urk.
7/16 S. 1
Ziff.
II,
Urk.
2 S. 3 Ziff.
8) weder die Mindestbeitragszeit erfüllt noch war sie von der Erfüllung der Beitragszeit befreit. Nachdem die Beschwerdeführerin zu Beginn der ihrem am 1
0.
März 2019 geborenen Kind gewidmeten Erziehung in einer laufenden Rah
menfrist für den Leistungsbezug stand, ist
insbesondere auch
Art.
9b
Abs.
2 AVIG
nicht anwendbar
, welcher eine vierjährige Rahmenf
r
ist fü
r die Beitragszeit vor
sieht
. Damit ist mit der Beschwerdegegnerin (
Urk.
6 S. 3 oben)
festzuhalten
, dass die Beschwerd
eführerin die Anspruchsvorausse
t
z
ungen für die Eröffnung einer
neu
e
n Rahmenfr
i
st für den Leistungsb
ezug
(
Art.
8 in Verbindung mit
Art.
9b
Abs.
1 und
Abs.
2 AVIG)
ab 1
4.
April 2020 nicht zu e
rfüllen vermochte. War sie damit nicht anspruchsberechtigt gemäss AVIG, hat die Beschwerdegegnerin fol
gerichtig (auch) den Anspruch auf 120 zusätzliche Taggelder nach
Art.
8a COVID-19-Verordnung Arbeitslosenversicherung verneint.
3
.
4
Nach dem G
esagten erweist sich der angefochtene Entscheid als rechtens. Die dagegen erhobene Beschwerde ist abzuweisen.