Decision ID: dc3f81ff-d044-4886-8684-771dabd3a4a4
Year: 2014
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. rer. publ. Michael B. Graf, GN Rechtsanwälte,
St. Leonhard-Strasse 20, Postfach 728, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 28. April 2009 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an. Als gesundheitliche
Beeinträchtigungen nannte sie insbesondere ein Schleudertrauma 2002, eine
Meningitis 2003 sowie eine atrophische Reflexdystrophie der rechten Hand als Folge
eines Hundebisses 2007. Die Versicherte gab an, ab 1994 eine eigene Pferdepraxis
betrieben zu haben. Ab dem Jahr 1998 habe sie wegen Problemen mit dem Becken/
Kreuzgelenk allmählich auf Kleintiere umgeschult. Seit dem 30. September 2002 seien
keine körperlichen Arbeiten mehr möglich. Sie sei 80%
arbeitsunfähig und könne im verbleibenden 20%-Pensum teilweise nur mit Unter
brüchen und Einschränkungen arbeiten (IV-act. 1, 2). Dr. med. B._, Facharzt FMH für
Physikalische Medizin und Rehabilitation sowie Rheumatologie, nannte im Bericht vom
15. Oktober 2009 die Diagnosen Status nach Hundebissverletzung der rechten Hand
mit sympathischer Reflexdystrophie sowie Status nach Schleudertrauma mit
chronischen Nackenschmerzen und ulnarer Irritation links. Dr. B._ hielt fest, bei der
Versicherten bestünden derart multiple Beschwerden, dass eine polydisziplinäre
Begutachtung zu erfolgen habe (IV-act. 25).
A.b In einer Stellungnahme vom 4. November 2009 hielt der IV-interne Regionale
Ärztliche Dienst (RAD) fest, es seien eine medizinische Begutachtung sowie eine
Tätigkeitserfassung notwendig (IV-act. 28). Gleichentags teilte die IV-Stelle der
Versicherten mit, dass zurzeit keine beruflichen Eingliederungsmassnahmen möglich
seien und eine Abklärung im Betrieb durchgeführt werde (IV-act. 30).
A.c Im Fragebogen zur Rentenabklärung betreffend Erwerbstätigkeit/Haushalt gab die
Versicherte am 30. Januar 2010 im Wesentlichen an, aus gesundheitlichen Gründen sei
sie im Rahmen von bis zu acht Stunden pro Woche erwerbstätig, je nach
Gesundheitszustand. Im Gesundheitsfall würde sie eine 80%ige Erwerbstätigkeit
ausüben (IV-act. 35).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.d Am 16. Februar 2010 erfolgte die Abklärung im Betrieb (IV-act. 39). Die zuständige
Abklärungsperson hielt in ihrem Bericht vom 29. März 2010 fest, die Versicherte mache
im Tätigkeitsvergleich eine Einschränkung von rund 75% geltend. Sie habe als
Tierärztin mit eigener Praxis ab 2003 keinen Franken Einkommen ausgewiesen. Rein
wirtschaftlich gesehen wäre sie heute, nach der üblichen Babypause, praktisch als
Vollerwerbstätige zu qualifizieren, da sie vom Ehemann lediglich Anspruch auf
Kinderrenten habe und deshalb finanziell auf sich allein gestellt sei (IV-act. 39-12 ff.).
A.e Im Juni 2010 wurde die Versicherte durch die Medizinische Abklärungsstelle
(MEDAS) Ostschweiz orthopädisch, psychiatrisch sowie neuropsychologisch
begutachtet. Im Gutachten vom 7. Juli 2010 nannten die Gutachter als Diagnosen ohne
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit u.a. eine Somatisierungsstörung, ein
zervikozephales und -brachiales Schmerzsyndrom bei Status nach Unfall im
September 2002, chronische Sakrum- und Symphysenschmerzen bei Status nach
anamnestisch Beckensprengung während der Geburt des Sohnes 19_ sowie
Osteochondrose und Spondylarthrose L3-5. Es wurde festgehalten, es bestehe
überwiegend wahrscheinlich eine Somatisierungsstörung, da die von der Versicherten
geäusserten Symptome nicht hätten objektiviert werden können. Der Ursprung hierfür
seien vor allem IV-fremde Faktoren (familiäre Situation, Beziehung zum Ehemann,
Teilleistungs- und Verhaltensstörung der Kinder, Probleme bei der Berufstätigkeit und
bei den ökonomischen Verhältnissen). Die "Foerster'schen Kriterien" seien nicht erfüllt,
weshalb kein Leiden bestehe, mit welchem eine längerdauernde Invalidität begründet
werden könne. Polydisziplinär bestehe somit weder in der Tätigkeit als Tierärztin in
einer Kleintierpraxis noch als Pferdeärztin eine signifikante Arbeitsunfähigkeit (IV-act.
44).
A.f Mit Vorbescheid vom 20. Juli 2010 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht mit der Begründung, es lägen keine
Diagnosen vor, welche die Arbeitsfähigkeit einschränkten (IV-act. 48). Dagegen liess
die Versicherte am 17. September 2010 Einwand erheben und beantragen, der
Vorbescheid sei aufzuheben, der medizinische Sachverhalt vollständig und fehlerfrei
festzustellen und ein auf diesen Feststellungen basierendes, neues Gutachten zu
erstellen (IV-act. 53).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.g Mit Schreiben vom 9. Oktober 2010 nahm Dr. med. C._, Facharzt FMH für
Psychiatrie und Psychotherapie zum psychiatrischen Teilgutachten der MEDAS
Stellung. Er führte aus, die Versicherte sei seit August 2010 regelmässig bei ihm in
Einzeltherapie. Es bestehe sehr wohl eine massive Leistungsverminderung von
mindestens 80%. Als Diagnosen nannte Dr. C._ ein chronisches larviertes
mittelgradig depressives Zustandsbild (ICD-10 F 33.11), eine Persönlichkeitsstörung
mit abhängigen und chaotischen Anteilen (ICD-10 F 60.7) sowie chronische Schmerzen
(ICD-10 F 45.0). Die von den Gutachtern diagnostizierte Somatisierungsstörung
vermöge nie ein derart gravierendes depressives Zustandsbild hervorzubringen; die
psychiatrische Diagnose sei viel gravierender (IV-act. 55).
A.h Im August 2011 erfolgte auf Veranlassung des RAD (vgl. die Stellungnahme vom
20. Oktober 2010, IV-act. 56) eine Verlaufsbegutachtung durch die MEDAS
Ostschweiz. Im entsprechenden Gutachten vom 21. November 2011 wurde
festgehalten, in psychiatrischer Hinsicht sei im Vergleich zum ersten Gutachten vom 7.
Juli 2010 zusätzlich die Diagnose einer mittelgradig depressiven Episode seit Herbst
2010 zu stellen. Die depressive Episode sei unabhängig von der Schmerzproblematik
anzusehen, was sich auch dadurch zeige, dass sie erst im Herbst 2010 und damit viel
später als die Schmerzproblematik aufgetreten sei. Damit bestehe eine primäre
depressive Episode und somit eine psychiatrische Komorbidität. Die Arbeitsfähigkeit
als Tierärztin sei im Durchschnitt durch die depressive Episode zu 50% eingeschränkt.
Somatischerseits hinzugekommen sei die Möglichkeit einer sich entwickelnden
Spondarthropathie als mögliche Miterklärung der chronischen symphysalen und
lumbalen Beschwerden, ferner die bildgebende Dokumentation einer Chondropathie
am linken Sprunggelenk sowie einer retropatellären Chondropathie rechts. Die
Arbeitsunfähigkeit sei wegen teilweise erschwerter und verlangsamter
Bewegungsabläufe auf 20% zu schätzen. Polydisziplinär sei die Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit auf insgesamt 50-60% zu schätzen, dies seit Herbst 2010 und unter
Integration der somatischen Probleme. Die Ausübung der ursprünglichen Tätigkeit als
Pferdeveterinärin sei nicht mehr möglich (IV-act. 64, insb. 64-13 ff., 64-24).
A.i Mit Schreiben vom 25. Januar 2012 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass
aufgrund der vorliegenden Unterlagen am bisherigen Entscheid festgehalten werde,
und räumte ihr Gelegenheit zur Stellungnahme ein (IV-act. 67). Am 28. Februar 2012
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
liess sich die Versicherte dahingehend vernehmen, dass gestützt auf das MEDAS-
Gutachten vom 21. November 2011 von einer selbständigen, vom Schmerzsyndrom
losgelösten psychischen Komorbidität aufgrund einer rezidivierenden Depression
auszugehen sei. Darüber hinaus sei sie auch aus somatischer Sicht in ihrer
Arbeitsfähigkeit erheblich eingeschränkt. Es hätte deshalb zwingend noch ein
orthopädisches Teilgutachten eingeholt werden müssen, wie dies im Rahmen der
ersten Begutachtung 2010 der Fall gewesen sei. Entsprechend werde um die
Einholung eines solchen Teilgutachtens bzw. um Ergänzung des MEDAS-Gutachtens
vom November 2011 ersucht. Eventualiter sei der IV-Grad aufgrund des
Abklärungsberichts für Selbständigerwerbende zu berechnen (IV-act. 72).
A.j Am 2. März 2012 verfügte die IV-Stelle gemäss Vorbescheid. Zum Einwand der
Versicherten führte sie an, die im MEDAS-Verlaufsgutachten vom November 2011
diagnostizierte mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10
F 32.11) gelte im Lichte der bundesgerichtlichen Rechtsprechung als
Begleiterscheinung der Somatisierungsstörung und nicht als selbständige, vom
Schmerzsyndrom losgelöste psychische Komorbidität, welche sich aufgrund ihres
Schweregrades unbestreitbar von der Schmerzstörung unterscheiden liesse. Die im
Verlaufsgutachten aus psychiatrischer Sicht anerkannte 50%ige Arbeitsunfähigkeit
halte im Lichte der für eine Unüberwindbarkeit der Schmerzsymptomatik
massgebenden rechtlichen Kriterien nicht stand. In antizipierter Beweiswürdigung sei
davon auszugehen, dass auch die Durchführung einer orthopädischen Untersuchung
im Rahmen der Verlaufsbegutachtung nichts an diesem Ergebnis geändert hätte (IV-
act. 74).
B.
B.a Gegen diese Verfügung liess die neu durch Rechtsanwalt Michael B. Graf,
St. Gallen, vertretene Beschwerdeführerin am 23. April 2012 Beschwerde erheben und
beantragen, die angefochtene Verfügung vom 2. März 2012 sei aufzuheben und es sei
ein polydisziplinäres Gerichtsgutachten einzuholen, welches die Disziplinen Neurologie,
Rheumatologie und Psychiatrie zu umfassen habe. Eventualiter sei der Versicherten ab
1. August 2010 eine ganze Invalidenrente samt zwei Kinderrenten auszurichten, alles
unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Zur Begründung wurde im Wesentlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angeführt, die vorliegende medizinische Begutachtung lasse keine abschliessende
Beurteilung der somatischen Einschränkungen zu, weshalb ein unabhängiges
Gutachten einzuholen sei. Hinsichtlich des Eventualantrags machte der Rechtsvertreter
der Beschwerdeführerin insbesondere geltend, bei der depressiven Episode handle es
sich um eine primäre Diagnose, welche als eine psychische Komorbidität zu verstehen
sei. Alleine aufgrund der psychischen Beschwerden, deren Überwindung nicht
zumutbar sei, bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 55%. Die dadurch bedingten
finanziellen Auswirkungen seien massiv und wie die Praxisstatistiken zeigten,
verblieben vom Bruttoertrag nur 40% als Unternehmensgewinn. Wenn nun der
Bruttoertrag entsprechend der Arbeitsunfähigkeit um 55% einbreche, reiche der
verbleibende Ertrag nicht mehr aus, um den Aufwand zu ersetzen, womit ein
Betriebsverlust resultiere. Entsprechend bestehe ein Anspruch auf eine ganze Rente
(act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 15. Juni 2012 beantragte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führte sie an, das MEDAS-Gutachten
vom 7. Juli 2010 weise keine Mängel auf und erfülle die von der Rechtsprechung
entwickelten Kriterien an eine beweiskräftige medizinische Entscheidungsgrundlage.
Gestützt auf dieses Gutachten sei von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin für die angestammte Tätigkeit als Tierärztin auszugehen. Auch
dem Verlaufsgutachten vom 21. November 2011 sei in Bezug auf die medizinischen
Tatsachen voller Beweiswert beizumessen. Jedoch bestehe kein Raum für die
Annahme einer mit dem psychischen Leiden begründeten (teilweisen) Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit. Es liege in psychischer Hinsicht keine Invalidität im Rechtssinne
vor und es sei von einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in
der angepassten Tätigkeit als selbständige Tierärztin in einer Kleintierpraxis
auszugehen (act. G 4).
B.c Mit Schreiben vom 17. September 2012 teilte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin dem Versicherungsgericht mit, diese lasse sich zurzeit weiter
medizinisch untersuchen (act. G 8). Daraufhin sistierte das Versicherungsgericht das
vorliegende Verfahren am 4. Oktober 2012 (act. G 11).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.d Mit Replik vom 3. Dezember 2012 hielt der Rechtsvertreter an seinen Anträgen
unverändert fest und reichte darüber hinaus weitere medizinische Unterlagen und
Untersuchungsberichte ein (act. G 12.1/6-24). Er bestätigte im Wesentlichen seinen in
der Beschwerde vorgebrachten Standpunkt und führte an, in den Gutachten seien
nicht alle Beschwerden und Befunde berücksichtigt und die Situation nicht schlüssig
gewürdigt worden. Die eingereichten Berichte zeigten deutlich auf, dass die MEDAS-
Gutachten der komplexen medizinischen Situation nicht gerecht würden (act. G 12,
insb. 12-3, 12-17).
B.e Am 13. Dezember 2012 hob das Versicherungsgericht die am 4. Oktober 2012
verfügte Sistierung des Verfahrens auf (act. G 13).
B.f Mit Duplik vom 21. Dezember 2012 hielt die Beschwerdegegnerin an ihren
Anträgen fest und verwies im Wesentlichen auf ihre Ausführungen in der
Beschwerdeantwort (act. G 15).
B.g Am 13. März 2013 reichte der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin eine
Honorarnote im Gesamtbetrag von Fr. 15'646.20 ein (act. G 18).

Erwägungen:
1.
Streitig und im vorliegenden Fall zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin das
Leistungsbegehren der Beschwerdeführerin zu Recht abgelehnt hat.
1.
1.1 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 ATSG). Erwerbsunfähigkeit
ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Anspruch auf
eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die
Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig gewesen sind; und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40%
invalid sind.
1.2 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens
zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 50% vor, so besteht
Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% auf
eine Viertelsrente.
2.
2.1 Mit Blick auf die erwerbliche Situation der Beschwerdeführerin ist vorab zu prüfen,
ob ihr gegebenenfalls die Aufgabe ihrer selbständigen Tätigkeit zugemutet werden
kann. Die Rechtsprechung leitet die Pflicht der versicherten Person zur beruflichen
Neueingliederung aus dem Gebot der Schadenminderung ab. Die versicherte Person
soll alles ihr Zumutbare unternehmen, um die erwerblichen Folgen ihres
Gesundheitsschadens bestmöglich zu mindern. Die Frage, ob und gegebenenfalls
welche berufliche Neueingliederung von einer versicherten Person im Rahmen ihrer
Pflicht zur Schadenminderung verlangt werden kann, beantwortet sich nach dem
Grundsatz der Zumutbarkeit, der als Teilgehalt im verfassungsmässigen Grundsatz der
Verhältnismässigkeit (Art. 5 Abs. 2 BV) enthalten ist (Thomas Locher, Grundriss des
Sozialversicherungsrechts, 3. Aufl., Bern 2003, § 4 Rz 26 ff.). Von der versicherten
Person kann daher nur eine berufliche Umstellung verlangt werden, die ihr unter
Berücksichtigung der gesamten objektiven und subjektiven Gegebenheiten des
Einzelfalles zumutbar ist, d.h. es darf sich nicht um realitätsfremde und in diesem Sinne
unmögliche oder unverhältnismässige Vorkehren handeln. Für die Beurteilung der
Zumutbarkeit eines Berufswechsels sind insbesondere das Alter der versicherten
Person, die Art und Dauer ihrer bisherigen Berufstätigkeit, deren selbständige oder
unselbständige Ausübung, die mit einer beruflichen Neueingliederung verbundene
Veränderung der sozialen Stellung der versicherten Person, ihre persönlichen und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
familiären Verhältnisse sowie die entsprechend grössere oder geringere Flexibilität
hinsichtlich ihres Wohn- und Arbeitsortes massgebend. Ins Gewicht fällt auch die Art
und Dauer der beanspruchten Versicherungsleistungen sowie deren Kosten. Denn die
Anforderungen an die Schadenminderungspflicht sind zulässigerweise dort strenger,
wo eine erhöhte Inanspruchnahme der Sozialversicherung in Frage steht, wie dies
beispielsweise bei Rentenleistungen an relativ junge Versicherte der Fall ist, denen in
einer neuen beruflichen Tätigkeit noch eine lange Aktivitätsperiode verbleibt (vgl. Urteil
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts] vom 23. Dezember 2004, I 316/04, E. 2.2, m.w.H.).
2.2 Die Beschwerdeführerin ist gemäss vorliegender Aktenlage seit ca. 1994 in ihrem
erlernten Beruf als Tierärztin selbständig erwerbstätig. Nachdem sie zuerst als
Pferdeveterinärin tätig gewesen war, schulte sie aus gesundheitlichen Gründen ab dem
Jahr 1998 auf Kleintiere um und betrieb seitdem in D._ eine Praxis für Kleintiere. Seit
einem Autounfall im September 2002, bei welchem sie ein Schleudertrauma erlitten
hatte, und einer im Jahr 2003 erlittenen Meningitis führte sie diese Tätigkeit in einem
Pensum von rund 20% aus (vgl. IV-act. 1, 2, 36). Im Abklärungsbericht für
Selbstständig-erwerbende vom 29. März 2010 wurde festgehalten, bei der
Beschwerdeführerin laufe „seit 12 Jahren nichts mehr in geordneten Bahnen“. Die
Beschwerdeführerin selbst bezeichnete ihre finanzielle Situation gegenüber der
zuständigen Abklärungsperson als katastrophal (IV-act. 39-12). Tatsächlich ist es
aufgrund der vorliegenden Unterlagen als ausgewiesen zu erachten, dass die
Tierarztpraxis ein Verlustgeschäft darstellt. So kann die Beschwerdeführerin als
Tierärztin mit eigener Praxis ab 2003 kein Einkommen ausweisen (vgl. diesbezüglich
die Steuerbelege, IV-act. 37, sowie IV-act. 39-6). Vom zeitlichen Verlauf her kann
hinsichtlich des Betriebs nicht mehr von einer Aufbau- bzw. Startphase, in welcher
naturgemäss mit Verlusten gerechnet werden muss, ausgegangen werden. Dass die
Beschwerdeführerin die Chancen für den Betrieb nach wie vor als gut einschätzt, da es
in näherer Umgebung keine Konkurrenz gebe (vgl. IV-act. 39-4), hilft vorliegend nicht,
da auch ohne konkurrierende Tierarztpraxis in den letzten Jahren kein Gewinn erzielt
werden konnte. Auch kann vorliegend nicht davon ausgegangen werden, dass die
Beschwerdeführerin mit der Expansion der Praxis ein gewisses Einkommen generieren
könnte, zumal sie dies mit der Neueröffnung der Praxis am Wohnort und
entsprechender flächenmässiger Vergrösserung der Räumlichkeiten im Jahr 2010
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bereits versucht hat (vgl. IV-act. 39-4, 8, 12, sowie die Raumpläne, IV-act. 39-10 f.). Die
Beschwerdeführerin selbst kann ihre Leistungsfähigkeit als Tierärztin aufgrund ihrer
multiplen Beschwerden nur noch in geringem Masse, im Umfang von 2-3 Stunden pro
Tag ausschöpfen (vgl. IV-act. 39-5, 7; gemäss Betätigungsvergleich besteht eine ca.
75%ige Einschränkung). Wie die vorliegenden Akten zeigen, kann sie diese
Leistungsdefizite jedoch entgegen ihren Vorstellungen nicht mit der Anstellung von
Personal, welches die zentralen Aufgaben in den Bereichen Chirurgie, Aussendienst
und Lehrlingsbetreuung für sie übernimmt, kompensieren; eine Gewinnerzielung blieb
auch mit dieser Umdisponierung aus. Entsprechend muss auch der Versuch der
Beschwerdeführerin, durch eine neue Arbeitsorganisation und -aufteilung die
nachteiligen Auswirkungen ihrer Gesundheitsbeschwerden zu beseitigen oder
zumindest herabzusetzen, als gescheitert bezeichnet werden. Damit ist im Sinne einer
Gesamtwürdigung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin nur in einer anderen Tätigkeit ein (höheres) Einkommen erzielen
könnte. Unter diesen Umständen ist die Aufgabe der selbständigen Tätigkeit als
zumutbar zu erachten. Zwar ist es durchaus verständlich, dass die Beschwerdeführerin
aufgrund der getätigten Investitionen und der Freude am Beruf an ihrer Tierarztpraxis
festhalten möchte. Dies kann indessen längerfristig nicht zulasten der
Invalidenversicherung geschehen.
3.
3.1 Da es der Beschwerdeführerin nach dem Gesagten zumutbar ist, ihre selbständige
Erwerbstätigkeit aufzugeben, ist folglich ein Berufswechsel notwendig, zumal es
aufgrund der vorliegenden Aktenlage als ausgewiesen zu erachten ist, dass die
Beschwerdeführerin weder ihren angestammten Beruf als Pferdeveterinärin, noch ihre
letzte Tätigkeit als Veterinärin für Kleintiere im Angestelltenverhältnis ausüben kann.
Ihre Leistungsfähigkeit reicht für diese beruflichen Tätigkeiten aufgrund ihrer multiplen
Beschwerden offensichtlich nicht aus. Entsprechend drängt sich die Frage nach der
Durchführung von Eingliederungsmassnahmen auf.
3.2 Nach Art. 8 Abs. 1 IVG haben Invalide oder von einer Invalidität bedrohte
Versicherte Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese notwendig und
geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern (lit. a) und die
Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind (lit. b).
Der Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen besteht unabhängig von der Ausübung
einer Erwerbstätigkeit vor Eintritt der Invalidität (Art. 8 Abs. 1bis IVG). Die
Eingliederungsmassnahmen bestehen unter anderem aus Massnahmen beruflicher Art,
welche Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung,
Arbeitsvermittlung und Kapitalhilfe umfassen (Art. 8 Abs. 3 lit. b IVG).
3.3 Neben der Frage nach einem allfälligen Eingliederungsanspruch der
Beschwerdeführerin, stellt sich auch jene nach der Eingliederungspflicht der
Beschwerdegegnerin (Grundsatz der "Eingliederung vor Rente"; vgl. Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 2. Auflage, Zürich 2009, Rz 22 zu Art. 16 sowie Rz 15 zu Art. 7). Nach
diesem Grundsatz soll keine Invalidenrente ausgerichtet werden, bevor nicht alles
Mögliche und Zumutbare versucht worden ist, um die behinderungsbedingte
Erwerbseinbusse zu beseitigen oder zumindest zu reduzieren. Die versicherte Person
hat die Pflicht, sich geeigneten und zumutbaren Eingliederungsmassnahmen zu
unterziehen, wenn ohne berufliche Massnahmen ein Rentenanspruch droht. Die
Verwaltung hat ihrerseits die Pflicht, vor dem Entscheid über die Rentenfrage von
Amtes wegen alle Eingliederungsmöglichkeiten zu prüfen und hierüber zu entscheiden.
Im vorliegenden Fall hatte die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin lediglich
mitgeteilt, dass zurzeit keine beruflichen Eingliederungsmassnahmen möglich seien
(vgl. die Mitteilung vom 4. November 2009, IV-act. 30). Es ist vorliegend nicht
ersichtlich, dass die Beschwerdegegnerin sämtliche zumutbaren
Eingliederungsmöglichkeiten vor der Rentenprüfung ausgeschöpft hätte. Sie hat somit
den Grundsatz Eingliederung vor Rente verletzt bzw. über den Rentenanspruch
verfrüht entschieden.
3.4 Die Beschwerdegegnerin wird umfassend zu prüfen haben, ob und gegebenenfalls
welche Eingliederungsmassnahmen angezeigt sind. Dabei scheinen angesichts der
überdurchschnittlich anspruchsvollen Berufsausbildung, welche die
Beschwerdeführerin absolviert hat, eine Berufsberatung (Art. 15 IVG) und eine
anschliessende Umschulung (Art. 17 IVG) als notwendig. Im Rahmen der
Eingliederungsprüfung wird die Beschwerdegegnerin insbesondere die subjektive
Eingliederungsfähigkeit der Beschwerdeführerin zu prüfen sowie sich mit der Frage
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auseinanderzusetzen haben, ob sich eine geeignete Umschulung entsprechend der
Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin finden lässt. In diesem Zusammenhang wird
auch eine erneute Prüfung der medizinischen Grundlagen und des
Arbeitsunfähigkeitsgrads im Zeitpunkt der Eingliederung vorzunehmen sein. Dabei ist
es in Bezug auf eine allfällige Umschulung aufgrund der vorliegenden Aktenlage als
ausgewiesen zu erachten, dass die Beschwerdeführerin eine nicht unwesentliche
Erwerbseinbusse (von etwa 20%, vgl. m.w.H. Ulrich Meyer, Die Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum IVG, 2. Aufl. Zürich 2010, S. 191) erleidet. So hatte sich die
Beschwerdeführerin vor Eintritt der Gesundheitsschäden offenkundig als selbständig
erwerbstätige Pferdeveterinärin eine Existenz aufgebaut und ein Einkommen erzielt (vgl.
z.B. die Veranlagungsberechnung 2001, IV-act. 37), wogegen sie nach der
gesundheitsbedingten Umschulung auf Kleintiere kein Einkommen mehr erzielen
konnte.
4.
4.1 Nach dem Gesagten ist die Verfügung vom 2. März 2012 aufzuheben. Die Sache
ist im Sinn der Erwägungen zur Abklärung der Ansprüche aus
Eingliederungsmassnahmen und neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als volles
Obsiegen (BGE 132 V 215 E. 6.2). Somit unterliegt die Beschwerdegegnerin
entsprechend. Sie hat deshalb die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen.
Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist der Beschwerdeführerin
zurückzuerstatten.
4.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art.
22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat am 13. März 2013 eine Honorarnote in der
Höhe von Fr. 15'646.20 eingereicht (act. G 18). Diese erscheint mit Blick auf
vergleichbare Fälle als zu hoch. Jedoch handelt es sich vorliegend im Vergleich mit
üblichen Beschwerdeverfahren im Invalidenversicherungsbereich um einen
überdurchschnittlich aufwändigen Fall, weshalb es sich rechtfertigt, von der Pauschale
von Fr. 3'500.-- für durchschnittliche Fälle abzuweichen und die Entschädigung für den
notwendigen Aufwand mit Blick auf die Komplexität, die Schwierigkeit und den Umfang
der Streitsache auf pauschal Fr. 6'000.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) festzulegen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht