Decision ID: f5c5f6f5-5c40-5468-96fe-404be848aa13
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin reiste am 10. September 2018 mit ihrer Toch-
ter D._ in die Schweiz ein und suchte gleichentags um Asyl nach.
A.b Der Beschwerdeführer und die Tochter C._ kamen am 2. April
2019 in der Schweiz an und reichten am gleichen Tag ein Asylgesuch ein.
A.c Im Wesentlichen führten die Beschwerdeführenden aus, sie seien af-
ghanische Staatsangehörige, tadschikischer Ethnie und stammten aus
E._. Ihre Tochter C._ hätte zwangsverheiratet werden sol-
len. Ihre Familien hätten sie einem Neffen versprochen und bereits ein Ver-
lobungsritual durchgeführt. Sie selbst seien ebenfalls als Minderjährige mit-
einander verheiratet worden. Deshalb hätten sie ihrer Tochter dieses
Schicksal ersparen wollen. Versuche, ihre Familien von der geplanten
Hochzeit abzubringen, seien fehlgeschlagen. Vor dem (...) im Jahr 2018
seien sie ausgereist. Da sie ihre Tochter der drohenden Zwangsheirat ent-
zogen hätten, hätten sie bei einer Rückkehr Angst um diese sowie vor Ra-
chehandlungen ihrer Familienangehörigen.
B.
Mit Verfügung vom 2. Juli 2019 stellte die Vorinstanz fest, die Beschwerde-
führenden und ihre Töchter erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte die Asylgesuche ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz,
schob den Vollzug der Wegweisung wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten
einer vorläufigen Aufnahme auf und händigte ihnen die editionspflichtigen
Akten gemäss Aktenverzeichnis aus.
C.
Mit Eingabe vom 31. Juli 2019 (Datum Poststempel: 5. August 2019) reich-
ten die Beschwerdeführenden gegen diesen Entscheid Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht ein. Sie beantragen, es sei die Verfügung vom
2. Juli 2019 in den Dispositivziffern 1 bis 3 aufzuheben, die Flüchtlingsei-
genschaft anzuerkennen und ihnen Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die
Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es sei ihnen
die unentgeltliche Rechtspflege zu bewilligen. Es sei daher die Rechtsver-
treterin als amtliche Rechtsbeiständin zu bestellen und es sei auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
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D.
Mit Eingabe vom 7. August 2019 reichten die Beschwerdeführenden als
Beweismittel einen medizinischen Bericht von pract. med. F._ vom
30. Juli 2019 sowie einen Bericht des Schweizerischen Flüchtlingshilfs-
werks (SFH) betreffend eine Schnellrecherche zu Blutrache und Blutfehde
in Afghanistan vom 7. Juni 2017 ein.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 15. August 2019 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, ver-
zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, hiess das Gesuch um
amtliche Rechtsverbeiständung gut, setzte die rubrizierte Rechtsvertreterin
als amtliche Rechtsbeiständin der Beschwerdeführenden ein und lud die
Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein.
F.
In der Vernehmlassung vom 29. August 2019 schloss die Vorinstanz auf
Abweisung der Beschwerde. Das Gericht stellte den Beschwerdeführen-
den die Vernehmlassung am 3. September 2019 zur Kenntnisnahme zu.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS 2016
3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für die Asylgesuche der Beschwerde-
führerin und der Tochter D._ gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1
der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September
2015).
2.
2.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
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Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
2.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG beziehungsweise Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48
Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
3.
3.1 Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bilden die Flüchtlingseigen-
schaft, der Asylpunkt sowie die verfügte Wegweisung. Der Wegweisungs-
vollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz die Beschwerde-
führenden und ihre Töchter in der Schweiz vorläufig aufgenommen hat.
3.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
4.
Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör.
Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, andererseits
stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines
Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen eingreift.
Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich vor Erlass ei-
nes solchen Entscheides zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise bei-
zubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträ-
gen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise entwe-
der mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern,
wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch
auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse,
die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren
Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3;
BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.w.H.).
Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin-
gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung
angemessen zu berücksichtigen. Das gilt für alle form- und fristgerechten
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Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkreten Streit-
frage geeignet und erforderlich erscheinen. Die Begründung muss so ab-
gefasst sein, dass der Betroffene den Entscheid gegebenenfalls sachge-
recht anfechten kann. Sie muss kurz die wesentlichen Überlegungen nen-
nen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sie ihren
Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen
Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vor-
bringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
5.
5.1 Die Beschwerdeführenden rügen eine Verletzung des rechtlichen Ge-
hörs. Zur Begründung führen sie aus, die Vorinstanz habe die Bedrohungs-
situation der Tochter C._ nicht gewürdigt. Zwangsheirat stelle pra-
xisgemäss einen anerkannten geschlechtsspezifischen Asylgrund dar.
In der angefochtenen Verfügung hat die Vorinstanz zwar ausgeführt, die
von den Beschwerdeführenden geschilderte Situation gäbe keinen Anlass
zur Annahme, sie hätten aufgrund der Verweigerung der arrangierten Hei-
rat von C._ in absehbarer Zukunft mit einer asylrelevanten Verfol-
gung durch die Familienangehörigen zu rechnen gehabt, zumal noch kein
genauer Termin für die Verlobung sowie die Hochzeit bestanden habe. Al-
lerdings hat es die Vorinstanz unterlassen, auf eine mögliche flüchtlings-
rechtlich relevante Gefährdung von C._ einzugehen. Die geplante
Hochzeit an sich hat die Vorinstanz nicht bestritten. Wie die Beschwerde-
führenden angaben, führten die Familienangehörigen bereits eine Zeremo-
nie durch, um die künftige Hochzeit zu besiegeln (vgl. SEM-Akte A20/14
F40, F76 f. und A14/14 F71). Nebst der geltend gemachten Gefährdung
der Beschwerdeführenden hätte die Vorinstanz auch prüfen müssen, ob
C._ aufgrund ihres Entziehens vor der geplanten Heirat respektive
bei einer allfällig drohenden Zwangsheirat bei einer (hypothetischen) Rück-
kehr nach Afghanistan einer flüchtlingsrechtlich relevanten Gefährdung
ausgesetzt wäre. Die Vorinstanz hat somit nicht alle rechtserheblichen
Sachverhaltselemente gewürdigt und dadurch das rechtliche Gehör ver-
letzt.
6.
6.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
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stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist (WEISSENBERGER/HIRZEL, in: Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016,
Art. 61 N 16 S. 1264). Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife
kann grundsätzlich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz selbst herge-
stellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen
angebracht erscheint; sie muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.3.4
S. 676).
6.2 Vorliegend liegt der Mangel in einer Verletzung des rechtlichen Gehörs
und es rechtfertigt sich eine Kassation der angefochtenen Verfügung. Wie
vorstehend festgestellt, ist die Vorinstanz in der Begründung der angefoch-
tenen Verfügung nicht auf eine mögliche asylrelevante Gefährdung von
C._ im Zusammenhang mit der Zwangsheirat eingegangen. Eine
entsprechende Prüfung ist aber erforderlich (siehe vorstehend E. 5.1).
Durch die Kassation der angefochtenen Verfügung bleibt der Instanzenzug
erhalten, was umso wichtiger ist, als das Bundesverwaltungsgericht letzt-
instanzlich entscheidet. Wenn das Bundesverwaltungsgericht die erforder-
liche Prüfung selbst vornehmen würde, hätten die Beschwerdeführenden
keine Anfechtungsmöglichkeit mehr. Angesichts der Rückweisung der Sa-
che ist auf die übrigen Vorbringen in der Rechtsmitteleingabe nicht einzu-
gehen.
6.3 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit die
Rückweisung der Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz beantragt
wird. Die Verfügung vom 2. Juli 2019 ist betreffend die Ziffern 1 bis 3 auf-
zuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Die Rechtsvertreterin reichte eine Honorarnote ein. Darin weist sie einen
Aufwand von acht Stunden basierend auf einem Stundenansatz von
Fr. 200.– sowie Auslagen im Betrag von Fr. 80.– (Porti, Tel.-/Faxgebühren
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Fr. 30.–, Dolmetscher Fr. 50.–) aus. Der zeitlich ausgewiesene Aufwand
erscheint allerdings zu hoch. Die Vorinstanz begründete die Ablehnung der
Asylgesuche damit, dass die Vorbringen den Anforderungen an die Flücht-
lingseigenschaft nicht genügten, eine abschliessende Glaubhaftigkeitsprü-
fung nahm sie nicht vor. Insofern sind die Ausführungen in der Rechtsmit-
teleingabe zum Glaubhaftmachen nicht zu entschädigen und der geltend
gemachte zeitliche Aufwand auf sieben Stunden zu kürzen. Den Beschwer-
deführenden ist demnach eine Parteientschädigung von insgesamt
Fr. 1'480.– (inkl. Auslagen und ohne Mehrwertsteuerzuschlag) zuzuspre-
chen, welche von der Vorinstanz auszurichten ist.
7.3 Die mit Zwischenverfügung vom 15. August 2019 gewährte unentgelt-
liche Prozessführung und amtliche Rechtsverbeiständung sind mit vorlie-
gendem Urteil gegenstandslos geworden.
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