Decision ID: 01db25b9-58a4-4ae9-8517-95a69e341494
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_006
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Der Einzelrichter entnimmt den Akten:
A.
Der Gesuchsgegner reiste eigenen Angaben zufolge am 25. November
2013 mit seiner Partnerin illegal in die Schweiz ein und stellte gleichentags
in Chiasso ein Asylgesuch (Akten des Amts für Migration und Integration
[MI-act.] 8 f.). Aus der Beziehung gingen drei Kinder hervor
(geb. 5. Dezember 2014, 6. Dezember 2017 und 28. Dezember 2018),
welche alle in der Schweiz zur Welt kamen (MI-act. 127, 634).
Mit Verfügung vom 15. Januar 2014 wies das Bundesamt für Migration
(BFM; heute Staatssekretariat für Migration [SEM]) den Gesuchsgegner
und seine Partnerin dem Kanton Aargau zu (MI-act. 35).
Mit Verfügung vom 15. Mai 2014 lehnte das BFM das Asylgesuch des
Gesuchsgegners und seiner Partnerin ab, wies sie aus der Schweiz weg,
ordnete an, sie hätten die Schweiz bis zum 10. Juli 2014 zu verlassen und
beauftragte den Kanton Aargau mit dem Vollzug der Wegweisung (MI-
act. 77 ff.). Auf die dagegen erhobene Beschwerde trat das
Bundesverwaltungsgericht mit Urteil vom 16. Juli 2014 nicht ein (MI-
act. 104 ff.).
Mit Schreiben vom 13. August 2014 setzte das BFM dem Gesuchsgegner
und seiner Partnerin eine neue Ausreisefrist bis zum 12. September 2014
an und wies sie auf ihre Mitwirkungspflichten bei der Beschaffung von
Reisepapieren hin (MI-act. 108 ff.). Am 25. August 2014 ersuchte das Amt
für Migration und Integration Kanton Aargau (MIKA) das BFM um
Vollzugsunterstützung bei der Identifizierung des Gesuchsgegners und
seiner Partnerin und der Beschaffung von Ersatzreisepapieren (Ml-
act. 114 f.).
Nachdem der Gesuchsgegner und seine Partnerin am 8. September 2014
um Verlängerung der Ausreisefrist ersucht hatten, verlängerte das BFM mit
Schreiben vom 19. September 2014 die Ausreisefrist bis zum
12. Dezember 2014 (MI-act. 116 ff.)
Im Zeitraum vom 30. Januar 2015 bis 29. Juli 2015 verfügten sowohl der
Kanton Solothurn als auch der Kanton Basel-Landschaft die Ausgrenzung
des Gesuchsgegners aus den jeweiligen Kantonen (MI-act. 132 ff., 160 f.).
Am 21. August 2015 erfolgte die Eingrenzung des Gesuchsgegners auf das
Gebiet des Kantons Aargau (MI-act. 165 ff.).
Mit Schreiben vom 6. März 2017 teilte das SEM dem MIKA mit, dass der
Gesuchsgegner und seine Partnerin durch die tunesischen Behörden als
tunesische Staatsangehörige identifiziert worden seien (MI-act. 294 ff.).
- 3 -
Das MIKA meldete den Gesuchsgegner am 31. Januar 2019 für einen Flug
nach Tunis an, der auf den 16. Februar 2019 bestätigt wurde (MI-
act. 388 ff.).
Mit Schreiben vom 1. Februar 2019 lud das MIKA den Gesuchsgegner auf
den 12. Februar 2019 zur Amtsstelle vor (MI-act. 416). Dieser Vorladung
leistete der Gesuchsgegner keine Folge und galt ab dem 13. Februar 2019
als unbekannten Aufenthalts (MI-act. 419, 543). In der Folge musste sein
Flug nach Tunis annulliert werden (MI-act. 428 ff.).
Mit Verfügung vom 4. Februar 2019 ordnete das SEM gegen den
Gesuchsgegner ein ab dem 16. Februar 2019 bis zum 15. Februar 2024
gültiges Einreiseverbot für das Gebiet der Schweiz und Liechtensteins an,
welches dem Gesuchsgegner anlässlich einer Zollkontrolle in Chiasso am
18. April 2019 durch die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV; heute
Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit [BAZG]) eröffnet wurde (MI-
act. 524 ff.). Gleichentags verfügte die EZV unter Anordnung der sofortigen
Vollstreckbarkeit die Wegweisung des Gesuchsgegners aus der Schweiz
(MI-act. 531 ff.) und liess den Gesuchsgegner nach Italien ausreisen
(Akten des Verwaltungsgerichts im Verfahren WPR.2022.4 [WPR.2022.4-
act.] 40, 3).
Ab dem 6. Mai 2019 befand sich der Gesuchsgegner im
Untersuchungsgefängnis Olten in Untersuchungshaft und wurde später in
den vorzeitigen Strafvollzug versetzt (MI-act. 544, 562).
Nachdem der Gesuchsgegner gegen das Urteil des Richteramts Olten-
Gösgen vom 23. November 2021 ein Rechtsmittel ergriffen hatte, entliess
ihn das Obergericht des Kantons Solothurn am 26. November 2021 aus
dem vorzeitigen Strafvollzug. Hierauf wurde er zur Verbüssung der mit
Urteil des Kantonsgerichts Basel-Landschaft vom 12. März 2018
ausgefällten Strafe gleichentags in die Justizvollzugsanstalt Thorberg im
Kanton Bern versetzt (MI-act. 578). Am 12. Januar 2022 wurde er aus dem
Strafvollzug entlassen (MI-act. 582).
Am 12. Januar 2022 verfügte das MIKA eine Wegweisungsverfügung
gegen den Gesuchsgegner (MI-act. 598). Gleichentags ordnete das MIKA
gestützt auf Art. 76 AIG eine Ausschaffungshaft für die Dauer von drei
Monaten an, welche durch den Einzelrichter des Verwaltungsgerichts mit
Urteil vom 13. Januar 2022 bis zum 11. April 2022, 12.00 Uhr, bestätigt
wurde (WPR.2022.4; MI-act. 637).
Am 20. Januar 2022 meldete das MIKA den Gesuchsgegner für einen Flug
nach Tunis an, der auf den 9. März 2022 bestätigt wurde (MI-act. 635 f.,
652.).
- 4 -
Mit Schreiben vom 26. Januar 2022 ersuchte das SEM die tunesische
Botschaft um Verlängerung des Ersatzreisedokuments des Gesuchs-
gegners (MI-act. 654 ff.). In der Folge teilte das SEM dem MIKA am 8. März
2022 mit, dass der Flug des Gesuchsgegners nach Tunis annulliert werden
müsse, da die tunesische Botschaft nicht bereit sei, für den Gesuchsgegner
ein Ersatzreisedokument auszustellen (MI-act. 680). Gleichentags
informierte das SEM das MIKA, dass bei Unterzeichnung einer
Freiwilligkeitserklärung durch den Gesuchsgegner ein
Ersatzreisedokument bei den tunesischen Behörden problemlos beschafft
werden könne (MI-act. 681).
Vom 12. Januar 2022 bis 11. März 2022 befand sich der Gesuchsgegner
in Ausschaffungshaft (Entscheid des Verwaltungsgerichts WPR.2022.4
vom 13. Januar 2022; MI-act. 637 ff.; vgl. MI-act. 694). Am 11. März 2022
ordnete das MIKA gegen den Gesuchsgegner eine Durchsetzungshaft für
die Dauer eines Monats an, welche durch den Einzelrichter des
Verwaltungsgerichts mit Urteil vom 14. März 2022 bis zum 10. April 2022
bestätigt wurde (WPR.2022.17; MI-act. 699 ff.).
Am 29. März 2022 verfügte das MIKA die Verlängerung der am 11. März
2022 angeordneten Durchsetzungshaft um weitere zwei Monate bis zum
10. Juni 2022. Diese Haftverlängerung wurde durch den Einzelrichter des
Verwaltungsgerichts mit Urteil vom 4. April 2022 bis zum 10. Juni 2022
bestätigt (WPR.2022.23; MI-act. 727 ff.).
Am 30. Mai 2022 wurde der Gesuchsgegner aufgrund einer Verurteilung
zu einer 30-tägigen unbedingten Freiheitsstrafe zum Strafvollzug in das
Gefängnis Arlesheim verlegt, weshalb das MIKA vorgängig am 25. Mai
2022 die Entlassung aus der Durchsetzungshaft verfügt hatte (MI-act. 747,
749 ff.).
Der Gesuchsgegner wurde am 29. Juni 2022 aus dem Strafvollzug
entlassen und unmittelbar daran anschliessend migrationsrechtlich
festgenommen (MI-act. 751).
B.
Am 29. Juni 2022 gewährte das MIKA dem Gesuchsgegner das rechtliche
Gehör betreffend erneuter Anordnung der Durchsetzungshaft (MI-
act. 756 ff.). Im Anschluss an die Befragung wurde dem Gesuchsgegner
die Anordnung der Durchsetzungshaft wie folgt eröffnet (act. 1):
1. A. wird gestützt auf Art. 78 AIG im Ausschaffungszentrum Aarau oder im Zentrum für Ausländerrechtliche Administrativhaft (ZAA), Zürich-Flughafen in Durchsetzungshaft genommen.
- 5 -
2. Die Durchsetzungshaft begann am 29.06.2022, 07.30 Uhr. Sie wird vorerst für die Dauer eines Monats angeordnet.
C.
Anlässlich der heutigen Verhandlung vor dem Einzelrichter des
Verwaltungsgerichts wurden der Gesuchsteller und der Gesuchsgegner
befragt.
D.
Der Gesuchsteller beantragte die Bestätigung der Haftanordnung
(Protokoll S. 3, act. 33).
Der Gesuchsgegner liess folgende Anträge stellen (Protokoll S. 3, act. 33):
1. Der Antrag auf Anordnung der Durchsetzungshaft sei abzuweisen. Herr A. sei per sofort aus der Haft zu entlassen.
2. Herrn A. sei als amtlicher Rechtsbeistand der Sprechende zu bestellen bzw. sei der Sprechende in dieser Funktion zu bestätigen.
3. Die Verfahrens- und Vollzugskosten seien auf die Staatskasse zu nehmen.
4. Dem amtlichen Rechtsvertreter sei eine angemessene Entschädigung zuzusprechen.

Der Einzelrichter zieht in Erwägung:
I.
1.
Das angerufene Gericht überprüft die Rechtmässigkeit und
Angemessenheit einer durch das MIKA angeordneten Durchsetzungshaft
aufgrund einer mündlichen Verhandlung spätestens nach 96 Stunden
(Art. 78 Abs. 4 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und
Ausländer und über die Integration vom 16. Dezember 2005 [Ausländer-
und Integrationsgesetz, AIG; SR 142.20], § 6 des Einführungsgesetzes
zum Ausländerrecht vom 25. November 2008 [EGAR; SAR 122.600]).
Befindet sich der Betroffene in Freiheit oder im Strafvollzug, beginnt die
Haftüberprüfungsfrist mit der ausländerrechtlich motivierten Anhaltung (vgl.
BGE 127 II 174, Erw. 2.b/aa) oder der Entlassung aus dem Strafvollzug.
Wird die Durchsetzungshaft während laufender Ausschaffungshaft
angeordnet, beginnt die Haftüberprüfungsfrist mit Anordnung der
Durchsetzungshaft, wobei die richterliche Haftüberprüfung zudem in der
- 6 -
Regel vor Ablauf der bereits bewilligten Ausschaffungshaft zu erfolgen hat
(BGE 128 II 241, Erw. 3.5).
2.
Im vorliegenden Fall wurde der Gesuchsgegner am 29. Juni 2022,
07.30 Uhr, aus dem Strafvollzug entlassen und dem MIKA zugeführt. Die
mündliche Verhandlung begann am 30. Juni 2022, 16.30 Uhr; das Urteil
wurde um 16.45 Uhr eröffnet. Die richterliche Haftüberprüfung erfolgte
somit innerhalb der Frist von 96 Stunden.
II.
1.
Hat eine Person ihre Pflicht zur Ausreise aus der Schweiz innerhalb der ihr
angesetzten Frist nicht erfüllt und kann die rechtskräftige Weg- oder
Ausweisung aufgrund ihres persönlichen Verhaltens nicht vollzogen
werden, so kann sie, um der Ausreisepflicht Nachachtung zu verschaffen,
in Durchsetzungshaft genommen werden, sofern die Anordnung der
Ausschaffungshaft nicht zulässig ist und eine andere mildere Massnahme
nicht zum Ziel führt (Art. 78 Abs. 1 AIG).
Zuständige kantonale Behörde im Sinne von Art. 78 Abs. 3 AIG ist gemäss
§ 13 Abs. 1 EGAR das MIKA. Im vorliegenden Fall wurde die
Haftanordnung durch das MIKA und damit durch die zuständige Behörde
erlassen (act. 1 ff.).
2.
2.1.
Das MIKA begründet seine Haftanordnung damit, dass der Gesuchsgegner
nach wie vor keine Kooperationsbereitschaft hinsichtlich des Vollzugs der
Wegweisung und insbesondere der hierfür vorerst notwendigen
Papierbeschaffung zeige, indem er sich standhaft weigere, die
Freiwilligkeitserklärung zu unterzeichnen. Mit der Anordnung der
Durchsetzungshaft solle er weiterhin angehalten werden, bei der
Beschaffung der notwendigen Papiere sowie der anschliessenden
Ausreise zu kooperieren. Der Haftzweck ist damit erstellt.
2.2.
Zu prüfen ist weiter, ob ein rechtskräftiger Weg- oder
Ausweisungsentscheid vorliegt.
Wie bereits mit Urteil betreffend Anordnung der Durchsetzungshaft vom
14. März 2022 festgestellt wurde, liegt mit der Verfügung des MIKA vom
12. Januar 2022 (MI-act. 598 ff., vgl. MI-act. 688) ein rechtskräftiger
Wegweisungsentscheid gegen den Gesuchsgegner vor (Entscheid des
Verwaltungsgerichts WPR.2022.17 vom 14. März 2022, Erw. II/2.2; MI-
act. 704 f.).
- 7 -
2.3.
Die Anordnung einer Durchsetzungshaft ist nur dann zulässig, wenn dem
Betroffenen eine Ausreisefrist angesetzt wurde und er innerhalb dieser Frist
nicht ausgereist ist.
Mit Verfügung vom 12. Januar 2022 ordnete das MIKA an, der
Gesuchsgegner habe die Schweiz unverzüglich zu verlassen (MI-
act. 598 ff.). Er verblieb jedoch weiterhin in der Schweiz und liess damit die
Ausreisefrist unbenutzt verstreichen.
2.4.
Weiter wird vorausgesetzt, dass die Weg- oder Ausweisung auf Grund des
persönlichen Verhaltens des Betroffenen nicht vollzogen werden kann.
Wie bereits im Urteil betreffend erstmaliger Anordnung der
Durchsetzungshaft vom 14. März 2022 festgestellt wurde, war der
Gesuchsgegner bis anhin nicht bereit, freiwillig in sein Heimatland
zurückzukehren (Entscheid des Verwaltungsgerichts WPR.2022.17 vom
14. März 2022, Erw. II/2.4.). Der Gesuchsgegner lehnte es bisher standhaft
ab, eine Freiwilligkeitserklärung betreffend seine Rückkehr nach Tunesien
zu unterzeichnen, was die tunesischen Behörden zur Bedingung für die
Ausstellung eines Ersatzreisepapiers gemacht hatten. Die konsequente
Weigerung des Gesuchsgegners, sich bei der Papierbeschaffung
kooperativ zu zeigen, führte dazu, dass die Durchsetzungshaft gemäss
Urteil vom 14. März mit Entscheid vom 4. April 2022 verlängert werden
musste. Dass sich an dieser Haltung des Gesuchsgegners bis zum
aktuellen Zeitpunkt nichts geändert hat, hat er auch anlässlich der
Gewährung des rechtlichen Gehörs durch das MIKA (MI-act. 756) sowie an
der heutigen Verhandlung (Protokoll S. 3, act. 33) erneut bestätigt.
Unter diesen Umständen ist offensichtlich, dass die Weg- bzw. Ausweisung
aufgrund des persönlichen Verhaltens des Betroffenen nicht vollzogen
werden kann. Dementsprechend ist diese Voraussetzung ebenfalls erfüllt.
2.5.
Eine Durchsetzungshaft ist nur dann zu bestätigen, wenn die Anordnung
bzw. Verlängerung einer Ausschaffungshaft unzulässig ist und eine mildere
Massnahme nicht zum Ziel führt.
Die Anordnung bzw. Verlängerung einer Ausschaffungshaft würde
voraussetzen, dass der Gesuchsgegner in absehbarer Zeit auch gegen
seinen Willen ausgeschafft werden könnte (Art. 80 Abs. 6 lit. a AIG, BGE
130 II 56). Dies ist vorliegend nicht der Fall. Wie soeben dargelegt (siehe
vorne Erw. 2.4) sind die tunesischen Behörden ohne Vorliegen einer
Freiwilligkeitserklärung nicht bereit, ein Ersatzreisedokument für den
- 8 -
Gesuchsgegner auszustellen. Es ist daher nicht ersichtlich, wie der
Gesuchsgegner gegen seinen Willen ausgeschafft werden könnte. Die
Anordnung einer Ausschaffungshaft wäre daher im vorliegenden Fall
unzulässig.
Inwiefern der Gesuchsgegner durch eine andere, mildere Massnahme
dazu bewogen werden könnte, bei der Ausreise zu kooperieren, ist nicht
ersichtlich.
2.6.
Nach dem Gesagten sind die Voraussetzungen für die Anordnung einer
Durchsetzungshaft erfüllt.
3.
Bezüglich der Haftbedingungen liegen keine Beanstandungen vor
(Protokoll S. 3, act. 33).
4.
Es liegen auch keine Anzeichen dafür vor, dass das MIKA dem
Beschleunigungsgebot nicht ausreichend Beachtung geschenkt hätte.
5.
5.1.
Gemäss Art. 79 Abs. 1 AIG darf die ausländerrechtliche Inhaftierung im
Sinne von Art. 75 - 78 AIG zusammen die maximale Haftdauer von
sechs Monaten nicht überschreiten. Eine darüber hinausgehende
Haftverlängerung auf höchstens 18 Monate, bzw. für Minderjährige
zwischen 15 und 18 Jahren auf höchstens zwölf Monate, ist nur zulässig,
wenn entweder die betroffene Person nicht mit den zuständigen Behörden
kooperiert oder sich die Übermittlung der für die Ausreise erforderlichen
Unterlagen durch einen Staat, der kein Schengen-Staat ist, verzögert
(Art. 79 Abs. 2 AIG).
5.2.
Im vorliegenden Fall befand sich der Gesuchsgegner bis zum Antritt des
einmonatigen Strafvollzuges am 30. Mai 2022 bereits seit knapp 5 Monaten
in ausländerrechtlicher Haft im Sinne von Art. 75 - 78 AIG
(Ausschaffungshaft 12. Januar 2022 – 11. März 2022; Durchsetzungshaft
11. März 2022 – 30. Mai 2022)).
Die sechsmonatige Frist wird damit am 11. Juli 2022 enden und die Haft
kann längstens bis zum 9. August 2023 verlängert werden.
5.3.
Das MIKA ordnete die Durchsetzungshaft für einen Monat, d.h. bis zum
28. Juli 2022, 12.00 Uhr, an.
- 9 -
Mit der angeordneten Durchsetzungshaft von einem Monat wird die Dauer
von sechs Monaten überschritten, womit die Voraussetzungen von Art. 79
Abs. 2 AIG erfüllt sein müssen.
Der Gesuchsgegner weigerte sich bisher standhaft, die
Freiwilligkeitserklärung betreffend seine Rückkehr nach Tunesien zu
unterzeichnen, was die tunesischen Behörden zur Bedingung für die
Ausstellung eines Ersatzreisepapiers gemacht hatten. Der Gesuchsgegner
verweigert somit die Kooperation mit den zuständigen Behörden. Damit
sind die Voraussetzungen von Art. 79 Abs. 2 lit. a AIG erfüllt.
Nachdem die maximal zulässige Haftdauer nicht überschritten wird sowie
der Vollzug der Rückführung massgeblich vom Verhalten des
Gesuchsgegners abhängig ist und es diesbezüglich zu Verzögerungen
kommen kann, ist die Haftanordnung nicht zu beanstanden. Es steht dem
Gesuchsgegner jederzeit frei, seine Kooperationsbereitschaft anzuzeigen
und die Haft durch die Ausreise zu beenden (Art. 78 Abs. 6 lit. b AIG). Im
Übrigen ist festzuhalten, dass das MIKA bisher stets bemüht war,
Ausschaffungen so rasch wie möglich zu vollziehen. Sollte das MIKA
entgegen seiner bisherigen Gewohnheit das Beschleunigungsgebot
verletzen, besteht die Möglichkeit, ein Haftentlassungsgesuch zu stellen.
6.
Abschliessend stellt sich die Frage, ob die Haftanordnung deshalb nicht zu
bestätigen sei, weil sie im konkreten Fall gegen das Prinzip der
Verhältnismässigkeit verstossen würde. Bezüglich der familiären
Verhältnisse ergeben sich keine Anhaltspunkte, welche gegen eine
Haftanordnung sprechen würden. Der Gesuchsgegner macht auch nicht
geltend, er sei nicht hafterstehungsfähig. Insgesamt sind keinerlei Gründe
ersichtlich, welche die angeordnete Haft als unverhältnismässig erscheinen
liessen.
Soweit der Rechtsvertreter des Gesuchsgegners erneut eine angeblich
fehlende Vollzugsperspektive vorbringt, kann ihm weiterhin nicht gefolgt
werden. Auch wenn die Chance, dass der Gesuchsgegner sein Verhalten
ändern wird, als minimal bezeichnet werden muss, wird sich zeigen
müssen, ob er mit der Anordnung der Durchsetzungshaft effektiv nicht zur
Einsicht gebracht werden kann, bei der Papierbeschaffung zu kooperieren
und eine Freiwilligkeitserklärung zu unterzeichnen. Eine Entlassung aus
der Durchsetzungshaft vor Ablauf der maximal zulässigen Haftdauer von
18 Monaten mit der Begründung, ein Betroffener verweigere standhaft die
für den Vollzug der Wegweisung notwendige Mitwirkung, steht nicht zur
Diskussion. Dies umso weniger, als die Anordnung einer Durch-
setzungshaft ein unkooperatives Verhalten des Betroffenen voraussetzt
und der Gesetzgeber festgelegt hat, wie lange auf einen Betroffenen mittels
- 10 -
Inhaftierung Druck ausgeübt werden darf, damit dieser sein Verhalten
ändert. Hinzu kommt, dass es gerichtsnotorisch ist, dass die Weigerung zur
Kooperation mit zunehmender Haftdauer kleiner wird und es in früheren
Fällen gelang, Betroffene sogar kurz vor Ablauf der maximal zulässigen
Haftdauer zu einer Verhaltensänderung zu bewegen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 2C_630/2015 vom 7. August 2015, Erw. 2.2).
Zum Vorbringen des Gesuchsgegners, er sei aus der Durchsetzungshaft
zu entlassen, da er in einem Strafverfahren dringend Entlastungsbeweise
sammeln und dem Obergericht einreichen müsse (Protokoll S. 3, act. 33),
ist Folgendes anzumerken: Der Gesuchsgegner befindet sich mit Blick auf
sein Anliegen in der gleichen Situation, wie wenn er in Untersuchungshaft
wäre. Gleich wie dort wird er nicht umhin kommen, allfällige
Entlastungsbeweise anderweitig zu beschaffen. Jedenfalls kann keine
Rede davon sein, eine verfügte Administrativhaft sei unzulässig oder
unverhältnismässig, weil ein Betroffener Entlastungsbeweise in einem
gegen ihn hängigen Strafverfahren beschaffen müsse.
Insgesamt sind keinerlei Gründe ersichtlich, welche die angeordnete Haft
als unverhältnismässig erscheinen liessen.
III.
1.
Gemäss § 28 Abs. 1 EGAR ist das Verfahren betreffend Haftüberprüfung
unentgeltlich. Demgemäss werden keine Kosten erhoben.
2.
Der mit Urteil vom 13. Januar 2022 bestätigte amtliche Rechtsvertreter
bleibt im Amt und kann seine Kostennote im Rahmen des Verfahrens
WPR.2022.4 einreichen.
IV.
1.
Der Gesuchsgegner wird darauf hingewiesen, dass ein
Haftentlassungsgesuch frühestens einen Monat nach Haftüberprüfung
gestellt werden kann (Art. 80 Abs. 5 AIG) und beim MIKA einzureichen ist
(§ 15 Abs. 1 EGAR).
2.
Soll die Haft gegebenenfalls verlängert werden (Art. 78 Abs. 2 und 3 AIG),
hat das MIKA den Gesuchsgegnern vorgängig das rechtliche Gehör –
insbesondere betreffend seiner Ausreisebereitschaft – zu gewähren.
Gleichzeitig ist ihm die Frage zu unterbreiten, ob er die Durchführung einer
mündlichen Verhandlung im Sinne von Art. 78 Abs. 4 AIG wünscht und ob
er in diesem Fall eine Präsenzverhandlung verlangt oder mit einer Skype-
Verhandlung einverstanden ist (Urteil des Bundesgerichts 2C_846/2021
- 11 -
vom 19. November 2021. Eine allfällige Haftverlängerung ist dem
Verwaltungsgericht spätestens acht Arbeitstage vor Ablauf der bewilligten
Haft einzureichen.
3.
Der vorliegende Entscheid wurde den Parteien zusammen mit einer kurzen
Begründung anlässlich der heutigen Verhandlung mündlich eröffnet. Das
Dispositiv wurde den Parteien ausgehändigt.