Decision ID: 0a16097a-3f93-56f7-bcc9-ff1b0a0ecbab
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die damals bereits volljährige Beschwerdeführerin sei im April 2013 mit ih-
rer Mutter B._ und drei Geschwistern aus Syrien ausgereist und zu
ihrem Bruder C._, der schon früher das Land verlassen habe, nach
Mardin (Türkei) gezogen. Ihr Vater D._ hat gemäss seinen Aussa-
gen den letzten Wohnort der Familie E._ (Gouvernement al-Ha-
saka) im (...) 2015 verlassen. Nachdem der Vater am 12. November 2015
in die Schweiz eingereist war und dort ein Asylgesuch eingereicht hatte,
reiste die Beschwerdeführerin mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern mit-
tels eines humanitären Visums, ausgestellt am 13. Mai 2016 durch die
schweizerische Auslandsvertretung in Istanbul, am 27. Juni 2016 ebenfalls
in die Schweiz ein. Nur C._ verblieb in der Türkei. Am 30. Juni 2016
suchten sie bei den hiesigen Behörden um Asyl nach. Mit Verfügung vom
14. Juli 2016 wurden alle dem Kanton (...), dem Aufenthaltskanton von
D._, zugewiesen.
B.
Für die Beschwerdeführerin sowie für ihren bei der Gesuchseinrichung
(...)-jährigen Bruder F._ (N [...], E-4779/2018) wurden von den El-
tern (N [...], E- 4781/2018) getrennte Verfahren durchgeführt.
C.
Die Beschwerdeführerin – eine syrische Staatsagangehörige arabischer
Ethnie – wurde am 12. Juli 2016 summarisch zu ihrer Person befragt (BzP).
Am 8. Mai 2018 wurde sie eingehend zu ihren Asylgründen angehört. Da-
bei gab sie an, sie habe ein Jahr (...) an der Universität in G._ stu-
diert; in [der Türkei] habe sie für ein weiteres Jahr (...) studieren und das
Studienjahr im Juni 2016 abschliessen können (A5 S. 4; A13 F31 ff.).
Ihr Asylgesuch begründete sie dahingehend, dass sie für die wöchentli-
chen Demonstrationen in E._ Plakate vorbereitet und im Jahr 2012
mehrere Male an den Kundgebungen teilgenommen habe (A13 F42, 45,
47 ff. und 88 ff.). In dieser Zeit sei sie stets mit einem Bus zur Universität
in G._ gefahren und dabei an Checkpoints oft kontrolliert worden.
Weil viele Frauen in ihrer Heimatregion öfters entführt worden seien und
sie nicht gewusst habe, ob ihr Name (aufgrund ihrer Teilnahme an den
Kundgebungen) bekannt gewesen sei, sei sie seit 2013 nicht mehr an die
Universität gefahren (A5 S. 6 f.; A13 F42, 44, 46 und 78 ff.). Die Tochter
eines Freundes ihres Vaters, die auch an den Kundgebungen teilgenom-
men habe, sei in dieser Zeit beispielsweise festgenommen worden (A13
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Seite 3
F44, 72 und 96 ff.). Nach ihrer Ausreise habe es an ihrer Universität sogar
eine Explosion gegeben (A5 S. 6).
Ausserdem seien ihr Onkel, der für die gleiche Friedensbewegung wie ihr
Vater tätig gewesen sei, sowie ihr Bruder C._ von den Behörden
verhaftet worden (A5 S. 6; A13 F42 f. und 84 ff.). Auch seien diese auf der
Suche nach ihrem Vater gewesen (A5 S. 6), welcher damals von einer Per-
son gewarnt worden sei (A13 F42 und 86).
Die Beschwerdeführerin sei jedoch nie verhaftet worden und habe – trotz
der Kontrollen in den Bussen – konkret nie persönliche Probleme mit den
Behörden gehabt (A5 S. 7; A13 F78 und 82).
D.
Mit Verfügung vom 23. Juli 2018 stellte die Vorinstanz fest, die Beschwer-
deführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab
und wies sie aus der Schweiz weg. Da der Vollzug der Wegweisung nicht
zumutbar sei, sei sie vorläufig aufzunehmen. Auf Details dieses Entschei-
des wird – soweit entscheidwesentlich – in den nachfolgenden Erwägun-
gen eingegangen.
E.
Mit Eingabe vom 21. August 2018 erhob die Beschwerdeführerin durch ih-
ren Rechtsvertreter Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und be-
antragte dabei, die Sache sei nach Aufhebung der Verfügung zur neuen
Abklärung und Feststellung des asylrelevanten Sachverhalts sowie zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter seien die
Ziffern 1 bis 3 des Verfügungsdispositivs aufzuheben und die Beschwerde-
führerin sei als Flüchtling unter Asylgewährung anzuerkennen. Subeventu-
aliter sei sie als Flüchtling wegen Unzulässigkeit des Wegweisungsvoll-
zugs vorläufig aufzunehmen. Auf Details dieser Rechtsmitteleingabe wird
– soweit entscheidrelevant – in den nachfolgenden Erwägungen eingegan-
gen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei das vorliegende Verfahren mit denje-
nigen ihrer Eltern (E-4781/2018) und ihres Bruders (E-4779/2018) zu ver-
einigen. Ausserdem sei die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen,
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten sowie der
Rechtsvertreter als unentgeltlicher Rechtsbeistand zu bestellen. Der
Rechtsmitteleingabe lag eine Fürsorgebestätigung vom 6. August 2018
bei.
E-4766/2018
Seite 4
F.
Am 22. August 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein-
gang der Beschwerde.
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 3. September 2018 verfügte das Bundes-
verwaltungsgericht, dass das Verfahren der Beschwerdeführerin mit den-
jenigen der erwähnten Familienmitglieder koordiniert behandelt werde.
Ferner hiess es das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und ord-
nete der Beschwerdeführerin den Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbei-
stand bei.
H.
Im Rahmen ihrer Vernehmlassung hielt die Vorinstanz am 19. September
2018 fest, dass die Beschwerde keine neuen erheblichen Tatsachen oder
Beweismittel enthalte, welche eine Änderung ihres Standpunktes rechtfer-
tigen könnten. Diese Stellungnahme wurde tags darauf der Beschwerde-
führerin zur Kenntnisnahme zugestellt.
I.
Mit Eingabe vom 26. September 2018 hielt die Beschwerdeführerin fest,
indem die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung mit keinem Wort Stellung
zur geltend gemachten Verletzung des rechtlichen Gehörs genommen
habe, habe sie den Untersuchungsgrundsatz ein weiteres Mal verletzt,
weshalb die Verfügung aufzuheben sei. Der Eingabe lag eine aktuelle Kos-
tennote des Rechtsvertreters mit gleichem Datum bei.
J.
Im vorinstanzlichen Dossier befinden sich Kopien der syrischen Identitäts-
karte der Beschwerdeführerin (A13 F6 ff.), von universitären Unterlagen
und eines Zivilregisterauszuges sowie ihr syrischer Reisepass im Original
(ausgestellt am [...] 2011 in [...].
E-4766/2018
Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
1.5 Das vorliegende Beschwerdeverfahren wird, wie mit Verfügung vom
3. September 2018 angeordnet, mit denjenigen der Eltern (E-4781/2018)
und des Bruders (E-4779/2018) koordiniert behandelt. Die Entscheide er-
gehen gleichzeitig und es wird in allen Verfahren dasselbe Spruchgremium
eingesetzt.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
E-4766/2018
Seite 6
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin rügte eine Verletzung des Anspruchs auf
rechtliches Gehör und der Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung
des rechtserheblichen Sachverhalts. Diese Rügen sind vorab zu beurtei-
len, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassation der vorinstanzlichen
Verfügung zu bewirken.
3.1.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3 und BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
3.1.2 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a-e aufge-
listeten Beweismittel. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersu-
chungspflicht bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG).
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
3.2 Die Hilfswerkvertretung beantragte anlässlich der Anhörung, aufgrund
des Vorliegens einer möglichen geschlechtsspezifischen Verfolgung sei die
Beschwerdeführerin erneut anzuhören, um den Sachverhalt vollständig ab-
klären zu können.
Das SEM hielt diesbezüglich in seiner Verfügung fest, dass sich bei der
BzP keine Hinweise auf eine solche Verfolgung ergeben hätten, weshalb
die Anhörung nicht in einem Frauenteam stattgefunden habe. Bei der An-
hörung habe die Beschwerdeführerin diese Annahme, dass sie keine ge-
schlechtsspezifischen Asylgründe habe, bestätigt. Folglich sei keine ergän-
zende Anhörung notwendig gewesen.
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Seite 7
Die Beschwerdeführerin rügte in ihrer Beschwerdeschrift, dass sie – in An-
betracht der Tatsache, dass die syrische Gesellschaft äusserst patriarcha-
lisch ausgerichtet sei – auf indirekte Weise sehr wohl frauenspezifische
Asylgründe geltend gemacht habe. Der Dolmetscher bei der BzP sei je-
doch ein Mann gewesen, weshalb die Beschwerdeführerin nicht habe frei
erzählen können. Mit der Erwähnung von Entführungen von Frauen im sy-
rischen Kontext habe sie indes an der BzP auf eine frauenspezifische Ver-
folgung hingedeutet. Dennoch sei sie bei der Anhörung von einem reinen
Männerteam befragt worden. Da sie teilweise geweint habe und keine ein-
deutige Antwort auf die Frage, ob es ihr schwerfalle zu erzählen, gegeben
habe, habe der Sachverhalt nicht vollständig abgeklärt werden können. Die
Vorinstanz sei folglich verpflichtet gewesen, eine erneute Anhörung durch-
zuführen (Art. 17 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 6 der Asylverordnung 1 vom
11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311]).
3.2.1 Gemäss Art. 17 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 6 AsylV 1 wird die asylsu-
chende Person von einer Person gleichen Geschlechts befragt, wenn kon-
krete Hinweise auf geschlechtsspezifische Verfolgung vorliegen. Ge-
schlechtsspezifisch ist die Verfolgung dann, wenn sie in der Form sexueller
Gewalt stattfindet oder die sexuelle Identität des Opfers treffen soll. Das
Geschlecht soll nach Möglichkeit auch bei der Auswahl der Personen, die
als Dolmetscher eingesetzt werden und das Protokoll führen, berücksich-
tigt werden. Art. 6 AsylV 1 – der bei Frauen und Männern gleichermassen
Anwendung findet – ist eine Ausgestaltung des rechtlichen Gehörs, mithin
eine Schutzvorschrift, deren Zweck es ist, dass asylsuchende Personen
ihre Vorbringen angemessen vortragen und erlittene Übergriffe möglichst
frei und unbeeinträchtigt von Schamgefühlen schildern können. Gleichzei-
tig dient sie dazu, die Richtigkeit der Sachverhaltsabklärung zu gewährleis-
ten. Da diese Schutzvorschrift nicht bloss ein Recht der asylsuchenden
Person beinhaltet, eine solche Befragung zu verlangen, sondern die Be-
hörden dazu verpflichtet, in der vorgesehenen Weise vorzugehen, sobald
entsprechende Hinweise vorliegen, ist sie von Amtes wegen anzuwenden.
Ein Verzicht der betroffenen asylsuchenden Person auf die Befragung
durch eine Person gleichen Geschlechts könnte nur dann angenommen
werden, wenn er ausdrücklich erklärt wird (vgl. zum Ganzen BVGE
2015/42 E. 5 m.H.a. EMARK 2003 Nr. 2 E. 5a ff.).
3.2.2 Die Beschwerdeführerin brachte anlässlich der BzP zwar vor, dass
damals viele Frauen entführt worden seien, weshalb ihr Vater sie nicht
mehr (mit dem Bus) zur Universität habe gehen lassen (A5 S. 6). Damit
wurde jedoch kein erlittener ernsthafter Nachteil im Sinne von Art. 3 AsylG,
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Seite 8
sondern eine subjektive Befürchtung dargelegt, welche indes objektiv nicht
begründet wurde. Indem die Beschwerdeführerin ihre Vorlesungen in
G._ nicht mehr besuchte, konnte sie die mögliche Gefahr einer Ent-
führung vermeiden. Weil sich bei der BzP folglich keine Anknüpfungs-
punkte für das Vorliegen einer geschlechtsspezifischen Verfolgung erge-
ben haben, sah sich das SEM bezüglich der Anhörung zu Recht nicht an
die Vorgaben von Art. 6 AsylV 1 gebunden. Als die Beschwerdeführerin an
der Anhörung schliesslich auf ihr Recht auf eine ergänzende Anhörung in
einem reinen Frauenteam (Art. 6 AsylV 1) hingewiesen wurde, erwiderte
sie, sie habe «keine solche Dinge» zu erzählen (A13 F102) und bestätigte
auf Nachfrage hin, dass sie sich an der Anhörung wohlfühle (A13 F103).
Folglich ist der Umstand, dass das SEM keine ergänzende Anhörung
durchgeführt hat, nicht zu bemängeln.
Die Beschwerdeführerin wurde an zwei Stellen gefragt, ob sie gesundheit-
liche Probleme habe, was sie verneinte (A13 F13 und 99). Nach der zwei-
ten Frage fing sie indes an zu weinen. Sodann wurde sie gefragt, ob es
Dinge gebe, die ihr schwerfallen würden zu erzählen; daraufhin erklärte
sie, dass sie immer eine Müdigkeit befalle, wenn sie sich an diese Sachen
erinnere (A13 F100 f.). Es ist offensichtlich, dass die Erinnerung an Erleb-
nisse eines schlimmen Bürgerkrieges mit quälenden und emotionalen Ge-
fühlen verbunden ist. Damit ist indes nicht gesagt, dass die Beschwerde-
führerin vorliegend nicht alle ihre Vorbringen respektive den Sachverhalt
nicht vollständig habe wiedergeben können. Die Rüge ist demzufolge als
unbegründet zu betrachten, zumal aus Sicht des Gerichts nach Prüfung
der Akten kein Anlass zur Annahme besteht, der Sachverhalt sei nur un-
vollständig festgehalten worden.
3.3 Ferner wird gerügt, das SEM habe die geltend gemachte behördliche
Suche nach dem Vater völlig ausser Acht gelassen, obwohl es hinsichtlich
einer möglichen Reflexverfolgung die geltend gemachte Suche wortwört-
lich erwähnt habe; dies anscheinend, weil es die diesbezüglichen Ausfüh-
rungen des Vaters als unglaubhaft beurteilt habe. Damit – wie in der Be-
schwerde der Eltern ausgeführt wurde – habe das SEM den Anspruch der
Eltern auf rechtliches Gehör in mehrfacher Hinsicht verletzt.
Dass das SEM die behördliche Suche nach dem Vater nicht erwähnt habe,
trifft nicht zu; vielmehr wird das Vorbringen im Sachverhalt (vgl. Verfügung
Ziff. I.2) ausdrücklich aufgeführt. Auch in den Verfügungserwägungen, wo
eine allfällige Reflexverfolgung geprüft wird, wird erwähnt, dass der Vater
der Beschwerdeführerin gewarnt worden sei (vgl. Verfügung Ziff. II.2).
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Seite 9
Auch damit nimmt das SEM auf das Vorbringen, der Vater sei gesucht wor-
den, implizit Bezug und legt in seiner Begründung hinlänglich umfassend
dar, weshalb es eine Reflexverfolgung verneint (vgl. Verfügung Ziff. II.2).
Durch die Erwähnung der Warnung ihres Vaters hat es sich demnach im-
plizit auch mit der Suche nach ihm auseinandergesetzt. Weil die Verfügung
genügend begründet wurde, konnte diese denn auch von der Beschwer-
deführerin sachgerecht angefochten werden. Die Begründungspflicht als
wesentlicher Bestandteil des rechtlichen Gehörs im Sinne von Art. 29
Abs. 2 BV wurde damit vom SEM nicht verletzt.
3.4 Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass sich die Rügen als
unbegründet erwiesen haben. Das Begehren um Kassation und Rückwei-
sung des Verfahrens an das SEM ist daher abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Eine Reflexverfolgung liegt vor, wenn sich Verfolgungsmassnahmen –
abgesehen von der primär betroffenen Person – auch auf Familienange-
hörige und Verwandte erstrecken. Dies kann flüchtlingsrechtlich im Sinne
von Art. 3 AsylG relevant sein, allerdings hängen die Wahrscheinlichkeit
einer Reflexverfolgung und deren Intensität stark von den konkreten Um-
ständen des Einzelfalls ab. Die erlittene Verfolgung beziehungsweise die
begründete Furcht vor zukünftiger (Reflex-)Verfolgung muss ferner sach-
lich und zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunfts-
staat und grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktu-
ell sein.
4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Seite 10
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Beschwerdeführerin, so das SEM, habe an Demonstrationen teil-
genommen und die Verbreitung von Plakaten geltend gemacht. Unabhän-
gig von der Glaubhaftigkeit dieser Aussagen sei diesbezüglich festzuhal-
ten, dass ihr deswegen nie etwas Konkretes zugestossen sei. Zwar sei sie
oft an Kontrollposten kontrolliert worden, habe aber dadurch keine Nach-
teile erfahren. Es sei folglich nicht davon auszugehen, dass sie von den
syrischen Behörden wegen der geltend gemachten Teilnahme an Kundge-
bungen und der Hilfe für Flüchtlinge als regimefeindlich identifiziert worden
wäre.
Bezüglich des Vorbringens, dass ihr Onkel und ihr Bruder C._ –
dieser mehrere Male – verhaftet worden seien und ihr Vater vor einer Ge-
fahr gewarnt worden sei, hielt das SEM fest, dass ihr in dieser Hinsicht,
trotz der geltend gemachten Demonstrationsteilnahmen, nichts zugestos-
sen sei, was gegen eine objektiv nachvollziehbare Verfolgungsgefahr ge-
gen sie persönlich spreche. Insgesamt würden keine ausreichenden Hin-
weise vorliegen, gemäss welchen sie in Syrien in absehbarer Zukunft mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit von Reflexverfolgungsmassnahmen ernst-
haften Ausmasses betroffen werden könnte, weshalb dieses Vorbringen
nicht asylrelevant sei.
Ferner habe die Beschwerdeführerin geltend gemacht, die Fahrt von
E._ nach G._ sei immer gefährlicher geworden; sie sei oft
von syrischen Behörden oder bewaffneten Gruppen kontrolliert worden. An
der Universität habe es schliesslich auch eine Explosion gegeben. Hierzu
gelte es festzuhalten, dass das SEM die Gefahren und Befürchtungen im
Zusammenhang mit der momentan prekären Sicherheitslage in Syrien kei-
neswegs verkenne. Den vorgebrachten Ereignissen liege indes keine ge-
zielt gegen die Beschwerdeführerin gerichtete Massnahme aus asylrele-
vanten Motiven zu Grunde (Art. 3 AsylG).
Zusammenfassend würden die Vorbringen den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten. Die Asylak-
ten ihrer Eltern (N [...]), ihres Bruders (N [...]) sowie ihres Onkels (N [...])
vermöchten nichts an dieser Einschätzung zu ändern.
E-4766/2018
Seite 11
5.2 In der Beschwerdeschrift wurde bezüglich der Reflexverfolgung dage-
gengehalten, dass die Vorinstanz das Vorbringen des Vaters zu Unrecht
als unglaubhaft beurteilt habe. Die Beschwerdeführerin habe eine begrün-
dete Furcht, vom syrischen Regime oder einer nahestehenden Miliz ver-
folgt zu werden, da die tatsächlich oder vermeintlich oppositionelle Ansicht
einer Person im syrischen Kontext laut Menschenrechtsberichten auch den
Personen im Umfeld der oppositionellen Person zugeschrieben werden
könne. Verlaufe die Fahndung nach einem (vermeintlichen) Regierungskri-
tiker erfolglos, würden die Sicherheitsbehörden dazu übergehen, Familien-
angehörige dieser Person zu verfolgen.
Hinzu komme vorliegend, dass die Beschwerdeführerin selber an De-
monstrationen teilgenommen habe; auch wenn ihr deswegen nichts zuge-
stossen sei. Von keiner Person könne erwartet werden, im Verfolgerstaat
zu bleiben, bis sie inhaftiert werde.
Ferner bestehe für die Beschwerdeführerin auch wegen den exilpolitischen
Tätigkeiten ihres Vaters eine sehr hohe Gefahr, im Falle einer Rückkehr
nach Syrien vom dortigen Regime verhaftet und gefoltert zu werden.
6.
6.1 Die Beschwerdeführerin erfüllt die Kriterien für die Anerkennung der
Flüchtlingseigenschaft und das Asyl gemäss dem schweizerischen Asyl-
recht nicht.
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Urteil bezüglich der El-
tern die Inhaftierung des Vaters im Jahr 2012 angezweifelt (vgl. Urteil des
BVGer E-4781/2018 E. 6.2.1). Ausserdem hat es die Vorbringen, der Vater
sei im März 2013 durch die Miliz von (...) als Teil der «(...)» gesucht res-
pektive vom Stammesführer (...) vor einer Gefahr gewarnt worden, als un-
glaubhaft respektive zu unkonkret qualifiziert, um eine mögliche Furcht vor
einer Verfolgung begründen zu können (vgl. a.a.O. E. 6.2.2 f.). Überdies
konnte das Vorbringen, der Name des Vaters stehe auf einer behördlichen
Suchliste, nicht durch die eingebrachten Beweismittel bestätigt werden
(vgl. a.a.O. E. 6.2.4).
Bezüglich der Teilnahme des Vaters an Kundgebungen im Jahr 2013 geht
das Bundesverwaltungsgericht nicht davon aus, dass dieser deswegen mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft seitens der sy-
rischen Behörden verfolgt werden würde (vgl. a.a.O. E. 6.3.2). Die Gefahr,
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Seite 12
dass den Vater ein ähnliches Schicksal wie anderen Teilnehmer der Frie-
densbewegung drohen würde, erkannte das Gericht als unbegründet (vgl.
a.a.O. E. 6.3.3). Die exilpolitischen Tätigkeiten des Vaters in der Türkei in
den Jahren 2013 bis 2015 wurden als nicht relevantes exilpolitisches En-
gagement qualifiziert (vgl. a.a.O. E. 6.7). Letztlich hat das Gericht auch
eine Reflexverfolgung des Vaters aufgrund der Festnahmen von
C._ und [H._, Onkel] verneint (vgl. a.a.O. E. 6.4).
6.3 Weil die Vorbringen des Vaters, also der primär betroffenen Person,
sich als unglaubhaft respektive unbegründet erwiesen haben, ist nicht da-
von auszugehen, dass sich die Beschwerdeführerin deswegen im Ausrei-
sezeitpunkt in einer Gefahrenlage befunden habe. Auch ist in den Akten
nicht erkennbar, dass sie aufgrund der politischen Aktivitäten ihres Vaters,
ihres Bruders C._ oder ihres Onkels verfolgt worden wäre. Ferner
sind keine objektiven Umstände erkennbar, aufgrund welcher die Be-
schwerdeführerin in nachvollziehbarer Weise befürchten müsste, eine Re-
flexverfolgung werde sich (bei einer hypothetischen Rückkehr nach Syrien)
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirkli-
chen. Demzufolge liegt im vorliegenden Fall keine Reflexverfolgung vor.
6.4 Das SEM hat mit zutreffender Begründung festgestellt, dass ihre Teil-
nahme an Kundgebungen keine negativen Konsequenzen nach sich gezo-
gen hat. Eine alleinige Teilnahme an Protestumzügen gegen das syrische
Regime reicht nicht für die Flüchtlingsanerkennung aus (vgl. hierzu das
Referenzurteil des BVGer D-5779/2013 vom 25. Februar 2015 E. 5.3 und
5.7.2), zumal sie scheinbar anlässlich dieser Aktivitäten nicht identifiziert
worden ist, weil sie, als sie jeweils im Bus zwischen E._ und
G._ kontrolliert worden sei, den Behörden nicht aufgefallen sei.
6.5 Hinsichtlich des Vorbringens, viele Frauen seien in dieser Zeit entführt
worden, ist – wie das SEM richtigerweise erkannt hat – keine zielgerichtete
Verfolgungsmassnahme erkennbar. Folglich ist dieser Aspekt nicht als
asylrelevant zu qualifizieren.
6.6 Zusammengefasst ist festzuhalten, dass das SEM zu Recht die Flücht-
lingseigenschaft der Beschwerdeführerin verneinte und ihr Asylgesuch ab-
lehnte.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
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Seite 13
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4 und 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.3 Das SEM hat in seiner Verfügung vom 23. Juli 2018 angesichts der
Lage in Syrien die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festgestellt
und die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin angeordnet. Praxis-
gemäss stellen sich in diesem Zusammenhang keine weiteren Fragen
mehr, weil die Wegweisungsvollzugshindernisse alternativer Natur sind
und bei Vorliegen eines dieser Hindernisse der Vollzug als nicht durchführ-
bar gilt (vgl. BVGE 2011/7 E. 8 m.w.H.).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indes wurde mit Instruktions-
verfügung vom 3. September 2018 das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung gutgeheissen und der Rechtsvertreter als amtli-
cher Reichtsbeistand bestellt.
Weil weiterhin von der Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin auszugehen
ist, sind ihr dementsprechend kein Verfahrenskosten aufzuerlegen.
Die vom Rechtsvertreter am 26. September 2018 eingereichte Kostennote,
die immer noch aktuell ist, weist (bei einem Stundenansatz von Fr. 220.–)
einen Gesamtaufwand von Fr. 1’758.– (inkl. Auslagen von Fr. 68.–) aus.
Der in der Kostennote ausgewiesene zeitliche Vertretungsaufwand von ins-
gesamt 7,75 Stunden zur Ausarbeitung der elf Seiten umfassenden Be-
schwerdeschrift und der 1,5 Seiten umfassenden Eingabe vom 26. Sep-
tember 2018 erscheint nicht vollumfänglich angemessen respektive not-
wendig im Sinne von Art. 64 Abs. 1 VwVG, zumal Züge der Rechtsschriften
in gleicher Form auch im Beschwerdeverfahren des Bruders (E-
4779/2018) vorgelegt wurden, was den vorliegend zu entschädigenden
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zeitlichen Aufwand verringert. Unter Berücksichtigung der massgebenden
Bemessungsfaktoren (Art. 9-13 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]) und der Entschädigungspraxis in Vergleichsfällen
ist der zeitliche Aufwand für das vorliegende Beschwerdeverfahren auf fünf
Stunden und das amtliche Honorar auf insgesamt Fr. 1'258.– (inkl. Ausla-
gen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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