Decision ID: 7f0060ec-68a1-49d5-904c-bfde6cb30836
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1978 geborene X._, Mutter zweier Töchter (geboren 2003 und 2006) und ohne abgeschlossene Berufsausbildung, arbeitete zuletzt aushilfsweise vom 1. Januar bis 30. September 2015 bei der A._ als
Buffet-/Office-Mitarbeiterin (Urk. 8/17) Am 26. Mai 2016 (Eingangsdatum) mel
dete sich X._ unter Hinweis auf Depressionen sowie Rückenschmerzen bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungs
bezug an (Urk. 8/2, Urk. 8/14). Zur Klärung der erwerblichen und medizinischen Verhältnisse zog die IV-Stelle einen Auszug aus dem individuellen Konto
(IK-Auszug, Urk. 8/9) bei und holte Berichte bei den behandelnden Ärzten (Urk. 8/15, Urk. 8/22) sowie der letzten Arbeitgeberin (Urk. 8/17) ein. Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (Vorbescheid vom 30. Dezember 2016 [Urk. 8/25], vor
sorglicher Einwand vom 5. Januar 2017 [Urk. 8/27], begründeter Einwand vom 9. Februar 2017 [Urk. 8/29]) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 6. März 2017 einen Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin (Urk. 8/32 = Urk. 2).
2.
Gegen diese Verfügung erhob die Versicherte mit Eingabe vom 6. April 2017 Beschwerde (Urk. 1) und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei ihr eine ganze IV-Rente zuzusprechen, eventuell seien der Beschwer
deführerin berufliche Wiedereingliederungsmassnahmen zuzusprechen, subeven
tuell sei die Sache zur Vornahme von ergänzenden Abklärungen an die Beschwer
degegnerin zurückzuweisen und diese anzuweisen, betreffend den aktuellen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin ein polydisziplinäres Gutachten anzuordnen. In prozessualer Hinsicht ersuchte die Beschwerdeführerin um Bewil
ligung der unentgeltlichen Prozessführung (Urk. 1 S. 2). Mit Beschwerdeantwort vom 18. Mai 2017 beantragte die Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde (Urk. 7, unter Beilage ihrer Akten (Urk. 8/1-36), was der Beschwer
deführerin mit Verfügung vom 15. Juni 2017 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 9).
3.
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen
.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
1.1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts
[
ATSG
]
).
Sie kann Folge von Geburts
gebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG]
).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgegliche
nen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein
trächtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.1.2
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken.
Rechtsprechungsgemäss ist bei psychi
schen Beeinträchtigungen zu prüfen,
ob ein psychischer Gesundheitsschaden mit Krankheitswert besteht, welcher
die versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkommen zu erzielen (
vgl.
BGE
139 V 547
E. 5
,
131 V 49
E. 1.2
,
130 V 352
E. 2.2.1
; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_125/2015 vom 18. November 2015 E. 5.4).
Die Annahme
eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt
eine psychiatrische,
lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (
vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2,
141 V 281 E. 2.1
, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6
). Eine fachärztlich
einwandfrei
festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausge
wiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die
nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende
Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arb
eitsleistung zu erbringen (BGE 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7,
139 V 547 E. 5.2
, 127 V 294 E. 4c, je mit Hinweisen; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG
).
1.1.3
Neuropsychologische Defizite sind aus invalidenversicherungsrechtlicher Sicht nur relevant, wenn sie nachvollziehbar und überzeugend durch ein medizinisch-diagnostisch fassbares Leiden mit Krankheitswert erklärbar sind, das mit Blick auf Schweregrad, Dauer und Intensität zugleich als eine die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigende Krankheit im gesetzlichen Sinn gelten kann (Urteil des Bun
desgerichtes 9C_231/2016 vom 1. Juni 2016 E. 2.2.2 mit Hinweis). Sind kognitive Defizite gesundheitlich bedingt, besagt dies allein noch nicht, dass auch das Leis
tungsvermögen im erwerblichen Bereich in invali
denversicherungsrechtlich rele
vantem Ausmass beeinträchtigt ist. Viel
mehr stellt sich zusätzlich die Frage, inwiefern sich die kognitiven Defizite konkret auf die zumutbarerweise mögliche Leistungserbringung auswirken (Urteil des Bundesgerichts 8C_741/2013 vom 16. März 2015 E. 3.2.1).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
benenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeits
unfähig ist (BGE 125 V 256 E.
4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, wel
che Arbeitsleistungen der versicherten Person no
ch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E.
4b/cc).
1.4
Die regionalen ärztlichen Dienste (RAD) stehen den IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung. Sie setzen die für die Invalidenversicherung nach Art. 6 ATSG massgebende funkti
onelle Leistungsfähigkeit der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Sie sind in ihrem medizinischen Sachentscheid im Einzelfall unabhängig (Art. 59 Abs. 2
bis
IVG). Nach Art. 49
der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV)
beurteilen die RAD die medi
zinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs. Die geeigneten Prüfmetho
den können sie im Rahmen ihrer medizinischen Fachkompetenz und der allge
meinen fachlichen Weisungen des Bundesamtes frei wählen (Abs. 1). Die RAD können Versicherte bei Bedarf selber ärztlich untersuchen. Sie halten die Unter
suchungsergebnisse schriftlich fest (Abs. 2; Urteil des Bundesgerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweis auf BGE 135 V 254 E. 3.5).
Die Funktion interner RAD-Berichte besteht darin, aus medizinischer Sicht – gewissermassen als Hilfestellung für die medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche in der Folge über den Leistungsanspruch zu entscheiden haben – den medizinischen Sachverhalt zusammenzufassen und zu würdigen, wozu namentlich auch gehört, bei widersprüchlichen medizinischen Akten eine Wer
tung vorzunehmen und zu beurteilen, ob auf die eine oder die andere Ansicht abzustellen oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzunehmen sei. Sie wür
digen die vorhandenen Befunde aus medizinischer Sicht (Urteil des Bundesge
richts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweisen).
RAD-Berichten nach Art. 49 Abs. 2 IVV kommt Beweiswert zu, sofern sie den von der Rechtsprechung umschriebenen Anforderungen an ein ärztliches Gut
achten genügen (
BGE 137 V 210
E. 1.2.1). Selbst eine Aktenbeurteilung ohne eigene Untersuchung kann beweiskräftig sein, sofern ein lückenloser Befund vor
liegt und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztliche Befassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt. Dies gilt grund
sätzlich auch in Bezug auf Berichte und Stellungnahmen der RAD (Urteil 9C_196/2014 vom 18. Juni 2014 E. 5.1.1 mit Hinweisen). Nach der Rechtspre
chung ist es dem Sozialversicherungsgericht nicht verwehrt, einzig oder im Wesentlichen gestützt auf die (versicherungsinterne) Beurteilung des RAD zu ent
scheiden. In solchen Fällen sind an die Beweiswürdigung jedoch strenge Anfor
derungen in dem Sinne zu stellen, dass bei auch nur geringen Zweifeln an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der ärztlichen Feststellungen ergänzende Abklärungen vorzunehmen sind (
BGE 135 V 465
E. 4.4;
122 V 157
E. 1d; Urteil des Bundesgerichts 9C_28/2015 vom 8. Juni 2015 E. 3.3; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 9C_335/2015 vom 1. September 2015 E. 3).
1.5
Im Rahmen der freien Beweiswürdigung darf sich die Verwaltung - und im Streit
fall das Gericht - weder über die (den beweisrechtlichen Anforderungen genü
genden) medizinischen Tatsachenfeststellungen hinwegsetzen noch sich die ärzt
lichen Einschätzungen und Schlussfo
lgerungen zur (Rest-)
Arbeitsfähigkeit unbe
sehen ihrer konkreten sozialversicherungsrechtlichen Relevanz und Tragweite zu eigen machen. Die rechtsanwendenden Behörden haben diesfalls mit besonderer Sorgfalt zu prüfen, ob die ärztliche Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit auch invaliditätsfremde Gesichtspunkte (insbesondere psychosoziale und soziokultu
relle Belastungsfaktoren) mitberücksichtigt, die vom invaliditätsrechtlichen Standpunkt aus unbeachtlich sind (vgl.
BGE 140 V 193
;
130 V 352
E. 2.2.5). Wo psychosoziale Einflüsse das Bild prägen, ist bei der Annahme einer rentenbegrün
denden Invalidität Zurückhaltung geboten (
BGE 127 V 294
E. 5a; vgl. Urteil des Bundesgerichtes 9C_146/2015 vom 19. Januar 2016).
1.6
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht, GSVGer).
Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der ent
scheidrelevante Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
Be
i
ungenügenden Abklärungen
durch den Versicherungsträger holt
die Be
schwerdeinstanz im Regelfall ein Gerichtsgutachten ein
, wenn sie einen (im Ver
waltungsverfahren anderweitig erhobenen) medizinischen Sachverhalt über
haupt für gutachtlich abklärungsbedürftig hält oder wenn eine Administrativ
expertise in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig ist. Die betref
fende Beweis
erhebung erfolgt alsdann vor der
–
anschliessend
reformatorisch entscheidenden
–
Beschwerdeinstanz selber statt über eine Rückweisung an die Verwaltung. E
ine Rückweisung an den Versicherungsträger
bleibt hingegen möglich, wenn sie allein in der notwendigen Erhebung einer bisher vollständig ungeklärten
Frage begründet
ist.
Ausserdem
bleibt es dem kantonalen Gericht (unter dem Aspekt der Verfahrensgarantien) unbenommen, eine Sache zurück
zuweisen, wenn lediglich eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachtlichen Ausführungen erforderlich ist (B
GE
137 V 210
E.
4.4.1.
4 mit Hin
weisen; Urteil des Bundesge
richts
8C_815/2012 vom 21.
Oktober 2013 E.
3.4
,
publi
ziert in SVR 1/2014 UV Nr. 2 S.
3)
.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erwog im angefochtenen Entscheid, die Beschwerdefüh
rerin leide nicht an einem invalidisierenden Gesundheitsschaden, es beständen Inkonsistenzen, die genannten Symptome und der Krankheitsverlauf widersprä
chen den gestellten Diagnosen. Ein Gutachten sei nicht angezeigt (Urk. 2).
2.2
Die Beschwerdeführerin brachte dagegen in ihrer Beschwerde vor, laut dem neu
ropsychologischen/neurologischen Bericht von Dr. B._, FMH Neurologie, liege eine deutliche Minderfunktion der links betont bifronto-limbi
schen sowie bifrontalen Hirnareale vor, weswegen von einer deutlichen kogniti
ven Einschränkung und von keiner auf dem ersten Arbeitsmarkt vermittelbaren Tätigkeit auszugehen sei. Dies habe die Beschwerdegegnerin unberücksichtigt gelassen. Hinsichtlich der behaupteten Inkonsistenzen hätte zu deren Ausmer
zung zumindest ein polydisziplinäres Gutachten in Auftrag gegeben werden müs
sen (Urk. 1).
3.
3.1
Dr. C._, FMH Allgemeine Innere Medizin, berichtete am 29. August 2016 zu Händen der Beschwerdegegnerin (Urk. 8/15/6), die Beschwer
deführerin sei seit Jahren wegen einer rezidivierenden mittelgradigen depressiven Störung und auch wegen einer Angststörung in seiner Behandlung. Er habe die Beschwerdeführerin nun in eine ambulante Psychotherapie zur D._ geschickt. Eine stationäre Behandlung habe bisher nicht stattgefunden. Die letzte Konsultation habe am 17. Juni 2016 wegen einer Muskelzerrung statt
gefunden. Bei Besserung des psychischen Zustandes wäre die Beschwerdeführerin für jegliche Arbeiten zu 100 % arbeitsfähig (Urk. 8/15/6).
3.2
Dem Bericht von Dr. B._ vom 8. September 2016 zu Händen der behandeln
den Psychologin (Urk. 8/22/15-17) ist zu entnehmen, zu den aktuellen Beschwer
den habe die Beschwerdeführerin angegeben, sich sehr
schlecht konzentrieren zu können und ein schlechtes Gedächtnis zu haben. Depressivität sei verneint wor
den (
Urk.
8/22/15).
Dem Bericht ist sodann zu entnehmen, die aktuelle verhaltensneurologisch-neu
ropsychologische Untersuchung zeige bei dieser allseits präzise orientierten, deut
lich nervösen, im Gespräch mitteilsamen, weitschweifigen, unstrukturierten und impulsiven sowie etwas affektlabilen und nur vermindert belastbaren Linkshän
derin mit leicht unterdurchschnittlichem Leistungsniveau im Vordergrund ste
hende leichte bis mehrheitlich deutliche Einschränkungen in attentionalen Funk
tionen. Insbesondere zeigten sich Einschränkungen in den Bereichen Konzentra
tionsleistung, fokussierte und geteilte Aufmerksamkeit, phasische Alertness mit einer daran assoziiert und deutlich eingeschränkten Fehlerkontrolle, Wiederho
lungen und Regelbrüchen sowie auch auf Verhaltensebene beobachtbaren Auf
merksamkeitsschwankungen. Diese
würden
die we
iteren kognitiven Einbussen mitbedingen
und
diese
akzentuieren. Es fänden sich eine schwere verbal-betonte Lernstörung bei ansonsten unauffälliger Gedächtnisleistung, mittelgradige Ein
bussen in exekutiven Funktionen (Ideenproduktion, Strukturierungs- und Pla
nungsfähigkeit, Impulskontrolle), auf sprachlicher Ebene schwer eingeschränkte Lese- und Rechtschreibefähigkeiten und eine Rechenstörung sowie leichte kon
struktiv-planerische Schwierigkeiten. Die kognitiven Befunde sowie die Befunde auf Verhaltensebene würden auf deutliche Minderfunktionen links betont bifronto-limbischer sowie bifrontaler Hirnareale hinweisen. Unter Berücksichti
gung der anamnestischen Angaben seien diese im Rahmen einer frühkindlichen zerebralen Entwicklungsstörung mit Legasthenie, einer Rechenschwäche, deutli
chen Aufmerksamkeitsdefiziten (Differentialdiagnose ADHS), einer entsprechend assoziierten Lernstörung sowie verminderten kognitiven Kompensationsmecha
nismen und einer Begünstigung für die Entwicklung affektiver Erkrankungen zu interpretieren. Aufgrund der mehrheitlich deutlichen kognitiven Einschränkun
gen und der verminderten Belastbarkeit sowie unter Berücksichtigung der psy
chiatrischen Komponente sei aktuell von keiner auf dem ersten Arbeitsmarkt ver
mittelbaren Arbeitsfähigkeit auszugehen. Auch aus psychologischen Gründen sei jedoch eine leichte und repetitive
,
vor allem körperliche Tätigkeit ohne sprachli
che Komponente (Lesen, Schreiben, Rechnen) in einem wohlwollenden, störarmen und den Einschränkungen der Beschwerdeführerin angepassten Arbeitsumfeld (kein Zeitdruck, Begleitung beim Erlernen neuer Inhalte, vor allem repetitives Lernen kurzer Einheiten) empfehlenswert (
Urk.
8/22/17).
3.3
Dr. E._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, hielt im Bericht vom 24. Oktober 2016 (Eingangsdatum) zu Händen der Beschwerdegegnerin (Urk. 8/22/1-6) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit fest (Urk. 8/22/1):
-
rezid
ivierende depressive Störung, gegenwärtig
schwere Episode mit psy
chotischen Symptomen, bestehend seit Kindheit
(
ICD
-1
O F33.3
)
-
Agoraphobie mit Panikstörung, bestehend seit 2007
(
ICD-10 F40.01
)
-
somatoforme autonome Funktionsstörung, Urogenitalsystem: psychogene Steigerung der Miktionshäufigkeit, bestehend seit mind. 2008
/200
9
(
ICD-10 F45.34
)
-
at
ypische familiäre Situation (alleinerziehende Mutter zweier Töchter 2003,
2006, geschieden, lediglich minimale Unterstützung durch den Vater der Kinder
[
ICD-10 Z60.1
]
-
Aus
g
ebranntsein
(
ICD-10 Z73.0
)
Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit hielt Dr. E._ folgende fest:
-
Probleme mit Bezug auf negative Kindheitser
l
ebnisse
(
ICD-10 Z61
)
-
Verlust einer nahen Bezugsperson in der Kindheit
(ICD-10
Z61.0
)
-
Herauslösen aus dem Elternhaus in der Kindheit
(ICD-10
Z 61.1
)
-
Veränderung der Struktur der Familienbeziehungen in der Kindheit
(ICD-10
Z61.2
)
-
Ereignisse, die den Verlust des Selbstwertgefühls in der Kindheit zur Folge hatten
(ICD-10
Z61.3
)
-
Probleme mit Bezug auf körperliche Misshandlung eines Kindes
(ICD-10
Z61.6
)
-
institutionel
l
er Aufenthalt und Erziehung
(ICD-10
Z62.2
)
-
ungenügende familiäre Unterstützung
(ICD-10
Z63.2
)
Zur Arbeitsfähigkeit ist dem Bericht zu entnehmen, seit Behandlungsbeginn am 2
8.
April 2016 sei die Beschwerdeführerin zu 100
%
arbeitsunfähig. Körperlich sei sie durch starke Erschöpfung, Tagesmüdigkeit und wegen einer „Stressblase", die zu häufigen Toilettengängen führe, sowie wegen der Rückenschmerzen ein
geschränkt. Aus psychischer Sicht l
ägen
eine hohe Vergesslichkeit, einge
schränkte Konzentrations- und Merkfähigkeit, Affektlabilität und eine Vermin
derung von Antrieb und Energie vor. Kognitiv gesehen bestünden leichte bis mit
telschwere Einschränkungen. Insgesamt sei die Beschwerdeführerin deutlich
ein
geschränkt
, so dass derzeit keine
Arbeitsfähigkeit bestehe (Urk.
8/22/4).
3.4
Der für den Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) tätige F._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, hielt mit Stellungnahme vom 7. Dezember 2016 (Urk. 8/24/4) fest, die vorliegenden aktenanamnestischen Dokumente mit dokumentierten Angaben der Kundin seien inhaltlich geprägt von Inkonsistenzen. Erhobene psychopathologische Befunde widersprächen den gestellten Diagnosen und eigenanamnestischen Angaben. Die im Arztzeugnis vom Oktober 2015 gestellte Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung gegenwärtig schwerer Ausprägung mit begleitenden psychotischen Symptomen bestehend seit der Kindheit, mache die bestätigte Ausübung der Aufgaben als alleinerziehende Mutter ohne fremde Hilfe überwiegend wahrscheinlich unmög
lich. Das Ausmass an Inkonsistenzen und offenen Widersprüchen bezüglich medizinisch-psychiatrischer Angaben der Beschwerdeführerin, psychopathologi
scher Befunde und gestellter Diagnosen liessen die genannten psychosozialen Belastungsfaktoren (mangelnde Unterstützung durch die Familie, schwierige finanzielle Situation, alleinerziehende Mutter zweier Töchter) überwiegend wahr
scheinlich ursächlich für die aktuelle Problematik sein. Ein Gesundheitsschaden, der dauerhaft die Arbeitsfähigkeit einschränken könne, liege mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht vor (Urk. 8/24/4).
4.
4.1
Nach Art. 43 Abs. 1 ATSG prüft die IV-Stelle die Begehren, nimmt die notwendi
gen Abklärungen von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte ein (Satz 1). Das Gesetz weist dem Durchführungsorgan die Aufgabe zu, den rechtserheblichen Sachverhalt so abzuklären, dass gestützt darauf die Verfügung über die in Frage stehende Leistung ergehen kann (Art. 49 ATSG). Die IV-Stelle hat folglich den anspruchsrelevanten (medizinischen und erwerblichen) Sachver
halt mit der erforderlichen Sorgfalt zu untersuchen (vgl. Urteil des Bundesgerich
tes 9C_366/2016 vom 11. August 2016 E. 5.3).
4.2
Die Beschwerdegegnerin stützt ihre Auffassung, wonach
zufolge festgestell-
ter Inkonsistenzen und Widersprüche auf die Ursächlichkeit psychosozialer
und soziokultureller Faktoren für die aktuelle Problematik geschlossen wer-
den könne und somit überwiegend wahrscheinlich nicht von einem invalidisierenden
Gesundheitsschaden aus
zugehen sei
, auf die Stellungnahme von RAD-
Ar
zt
F._
vom
7. Dezember 2016
(vgl. E. 3.
4
).
Hierbei handelt es sich um eine reine Aktenbeurteilung; eine eigene Untersu
chung hat RAD-Arzt
F._
nicht vorgenommen. Wie eingangs dargelegt, kann eine reine Aktenbeurteilung beweiskräftig sein, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen um die fachärztliche Beurteilung eines feststehenden medizinischen Sachverhaltes geht. Diese Voraussetzungen sind
vorliegend mindestens in Bezug auf den neurologischen respektive neuropsycho
logischen Aspekt des Gesundheitszustands nicht gegeben. Der für den RAD tätige F._ nimmt in seiner Stellungnahme denn auch gar nicht Bezug auf die von Dr. B._ dargelegten kognitiven Einbussen der Beschwerdeführe
rin. Im Feststellungsblatt vom 6. März 2017 notierte die Kundenberaterin mit Blick auf den neurologischen Gesundheitszustand lediglich, sie habe bezüglich des Berichts von Dr. B._ mit dem RAD Rücksprache genommen, die genannte Arbeitsunfähigkeit sei jedoch für den ersten Arbeitsmarkt nicht gerecht
fertigt (Urk. 8/30/2).
4.3
Wie die Beschwerdeführerin zu Recht bemerkte, sind aus den Fachgebieten Psy
chiatrie und Neurologie/Neuropsychologie vorliegend – nebst der Stellungnahme des RAD (E. 3.4) – einzig die folgenden zwei fachärztlichen Berichte aktenkundig: Dr. E._ hielt neben einer Agoraphobie mit Panikstörung und einer somatofor
men autonomen Funktionsstörung eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode, fest, dies bei Vorliegen mehrerer Z-Diagnosen res
pektive psychosozialer und soziokultureller Faktoren (vgl. E. 3.3). Von neurolo
gischer Seite her liegt der Bericht von Dr. B._ vom 8. September 2016 (vgl. E. 3.2) auf, welchem zu entnehmen ist, dass aktuell aufgrund deutlicher kogniti
ver Einschränkungen keine auf dem ersten Arbeitsmarkt vermittelbare Arbeitsfä
higkeit bestehe.
Die von Dr.
B._
in ihrem Bericht vom 8. September 2016 erhobenen kogni
tiven Befunde sowie die Befunde auf Verhaltensebene, welche auf eine deutliche Minderfunktion links betont bifronto-limbischer sowie bifrontaler Hirnareale hinweisen würden, sind laut der zitierten Rechtsprechung invalidenversiche
rungsrechtlich nur (aber immerhin) dann relevant, wenn sie durch ein medizi
nisch-diagnostisch fassbares Leiden mit Krankheitswert erklärbar sind, das mit Blick auf Schweregrad, Dauer und Intensität zugleich als eine die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigende Krankheit im gesetzlichen Sinn gelten kann (vgl. E.
1.1.3
). Ob bei der Beschwerdeführerin ein solches Leiden besteht, kann aufgrund der vorlie
genden medizinischen Akten weder abschliessend bejaht noch verneint werden
, zumal bislang weder die Beschwerdegegnerin noch der RAD zum neurologischen beziehungsweise neuropsychologischen Gesundheitszustand der Beschwerdefüh
rerin in genügendem Masse Stellung bezogen hat. Es wurde nicht schlüssig begründet, aus welchen Gründen auch in neurologischer Hinsicht keine invalidi
sierende Einschränkung bestehe.
Wird wie hier einzig gestützt auf eine versicherungsinterne Beurteilung entschie
den, sind rechtsprechungsgemäss strenge Anforderungen zu stellen. Diesfalls sind bei auch nur geringen Zweifeln an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der Fest
stellungen versicherungsinterner Ärztinnen und Ärzte ergänzende Abklärungen vorzunehmen.
Solche Zweifel liegen in casu nicht nur aufgrund der Nichtberück
sichtigung der neurologischen Befunde und Einschränkungen vor, sondern auch deswegen, weil ein invalidisierender Gesundheitsschaden in psychiatrischer Hin
sicht einzig mit der Fähigkeit der Beschwerdeführerin, trotz ihrer psychischen Beeinträchtigung, als alleinerziehende Mutter zwei Kinder aufzuziehen begründet wird. Inkonsistenzen können zwar – im Lichte der neusten Rechtsprechung zu den psychischen Leiden
(BGE 143 V 409 und 418)
– als gewichtiges Indiz dafür dienen, dass ein invalidisierendes Leiden überwiegend wahrscheinlich nicht vor
liegt. Ob und inwiefern die Beschwerdeführerin in psychiatrischer Hinsicht in invalidenversicherungsrechtlich massgebender Weise eingeschränkt ist, lässt sich jedoch (noch) nicht abschliessend beantworten.
4.4
Nach dem Gesagten ist e
ine Aufhebung der angefochtenen Verfügung sowie Rückweisung an die Beschwerdegegnerin zur Vornahme von ergänzenden Abklärungen
für eine zuverlässige Anspruchsprüfung
angesichts der unvollstän
digen Abklärung des entscheidrelevanten Sachverhaltes
unabdingbar
(vgl. E.
1.6
).
Die angefochtene Verfügung ist daher aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen,
damit diese selber abklärt oder gutachter
lich abklären lässt, ob bei
der
Beschwerdeführer
in
ein invalidenversicherungs
rechtlich relevanter psychischer
und/oder neurologischer
Gesundheitsschaden vorliegt, und hernach über den
Leistungsanspruch de
r
Beschwerdeführer
in
(berufliche Massnahmen und Rente) neu verfüge.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
5.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von
IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG), und auf Fr. 600.-- anzusetzen sowie ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.