Decision ID: 3a908fc4-b904-4900-ab0a-9321b30a689a
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Am Donnerstag, 15. April 2010, um ca. 16.30 Uhr lenkte X einen Lastwagen
(Renault Midlum) mit einem Sachentransportanhänger (Meusburger X MPA-2) auf der
Autobahn A1 bei Deitingen/SO in Richtung Zürich. Die Sichtverhältnisse waren gut und
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die Fahrbahn trocken. Zwischen der Autobahnausfahrt Kriegstetten und Wangen an
der Aare überholte Y mit einem Personenwagen (Toyota Yaris) das Fahrzeug des X mit
einer Geschwindigkeit von ca. 80-90 km/h. Als Y die Mitte des Anhängers erreicht
hatte, betätigte der Lastwagenchauffeur den linken Richtungsblinker und schwenkte
nach links auf die Überholspur. Y bremste stark ab. Es gab keine seitliche Kollision. Am
16. April 2010 erhob Y wegen dieses Vorfalls Strafanzeige bei der Polizei.
Mit Urteil des Richteramtes Bucheggberg-Wasseramt vom 11. März 2011 wurde X
wegen einfacher Verkehrsregelverletzung zu einer Busse von Fr. 150.-- verurteilt. Das
Strafurteil wurde unangefochten rechtskräftig.
B.- Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt (im Folgenden: Strassenverkehrsamt)
eröffnete am 6. April 2011 ein Administrativmassnahmeverfahren und gab X
Gelegenheit zur Stellungnahme. Mit Eingabe vom 13. April 2011 beantragte der
Rechtsvertreter, den Beginn des in Aussicht gestellten einmonatigen
Führerausweisentzugs auf den 16. Juli 2011 anzusetzen. Mit Verfügung vom 18. April
2011 entzog das Strassenverkehrsamt X den Führerausweis wegen einer
mittelschweren Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer
eines Monats. Im Weiteren wurde mitgeteilt, dass dem Antrag des Rechtsvertreters
zum Vollzugsbeginn entsprochen werde.
C.- Gegen die Verfügung vom 18. April 2011 liess X am 3. Mai 2011 Rekurs erheben
mit dem Antrag auf Aussprechung einer Verwarnung. Zuvor hatte der Rechtsvertreter
dem Strassenverkehrsamt mit Schreiben vom 27. April 2011 mitgeteilt, dass der
Strafrichter von einer einfachen Verkehrsregelverletzung ausgegangen und die
Verfügung vom 18. April 2011, worin eine mittelschwere Widerhandlung vorgeworfen
werde, deshalb zu korrigieren sei. Das Strassenverkehrsamt erliess daraufhin am
5. Mai 2011 eine neue Verfügung. Es entzog den Führerausweis wiederum für einen
Monat und umschrieb – im Unterschied zur ersten Verfügung – den Sachverhalt und
ging auf die Bemerkungen des Rechtsvertreters im Schreiben vom 27. April 2011 ein.
Die Verfahrensbeteiligten erklärten sich in der Folge stillschweigend damit
einverstanden, das Rekursverfahren mit der Verfügung vom 5. Mai 2011 als
Anfechtungsobjekt fortzusetzen. Das Strassenverkehrsamt verzichtete am 16. Juni
2011 auf eine Vernehmlassung.
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Auf die Ausführungen des Rekurrenten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 3. Mai 2011 mit Ergänzung vom 10. Mai
2011 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht
die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Der Rekurrent wurde mit Urteil des Richteramts Bucheggberg-Wasseramt vom
11. März 2011 wegen einfacher Verkehrsregelverletzung gemäss Art. 90 Ziff. 1 des
Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG) schuldig gesprochen und zu
einer Busse von Fr. 150.-- verurteilt. Namentlich erachtete der Strafrichter als erwiesen,
dass er die Verkehrsregeln verletzte, wonach der Fahrzeugführer, der seine
Fahrrichtung ändern will, wie zum Abbiegen, Überholen, Einspuren und Wechseln des
Fahrstreifens, auf den Gegenverkehr und auf die ihm nachfolgenden Fahrzeuge
Rücksicht zu nehmen hat (Art. 34 Abs. 3 SVG). Nach Auffassung des Strafrichters
verstiess er auch gegen Art. 44 Abs. 1 SVG, wonach der Fahrzeugführer auf Strassen,
die für den Verkehr in gleicher Richtung in mehrere Fahrstreifen unterteilt sind, seinen
Streifen nur verlassen darf, wenn er dadurch den übrigen Verkehr nicht gefährdet (Art.
44 Abs. 1 SVG). Bezüglich Sachverhaltsdarstellung verweist der Rekurrent auf sein
Plädoyer anlässlich der Hauptverhandlung vor dem Strafrichter. Damals bestritt er die
Täterschaft. Es sei ausgeschlossen, dass die fragliche Behinderung beim Spurwechsel
von ihm ausgegangen sei.
Nach konstanter Rechtsprechung sind die Tatsachenfeststellungen der Strafbehörden
verbindlich, solange nicht klare Anhaltspunkte für deren Unrichtigkeit bestehen. Die
Verwaltungsbehörde hat insbesondere dann auf Tatsachen im Strafurteil abzustellen,
wenn dieses im ordentlichen Verfahren mit öffentlicher Verhandlung unter Anhörung
der Parteien und Einvernahme von Zeugen ergangen ist (BGE 124 II 103 E. 1c/aa). Es
liegt keine schriftliche Begründung des Strafurteils vor. Der Rekurrent verzichtete
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darauf (und damit auch auf das Einlegen eines Rechtsmittels), nachdem der Strafrichter
das Urteil mündlich eröffnet und begründet hatte. Da der Rekurrent im Strafverfahren
schuldig gesprochen wurde, ist davon auszugehen, dass der Strafrichter dem
Schuldspruch im Wesentlichen die Aussagen der Strafanzeigerin zugrunde legte. Sie
machte gegenüber der Polizei zum fraglichen Fahrmanöver detaillierte Angaben, hatte
sich das Kennzeichen des Anhängers gemerkt und belastete den Rekurrenten nicht
unnötig; insbesondere unterstellte sie ihm nicht, auf die Überholspur gewechselt zu
haben, obwohl er sie auf der Überholspur gesehen habe. Sie vermutete, dass er sie gar
nicht gesehen habe. Die Angaben der Strafanzeigerin wurden von ihrem damaligen
Beifahrer gegenüber der Polizei telefonisch bestätigt. Es besteht kein Anlass, im
Administrativmassnahmeverfahren von den Aussagen der Strafanzeigerin und damit
von den tatsächlichen Feststellungen im Strafverfahren abzuweichen und an der
Täterschaft des Rekurrenten zu zweifeln. Im Übrigen hat der Beschuldigte die
Verteidigungsrechte sowie allfällige Rechtsmittelmöglichkeiten bereits im Strafverfahren
wahrzunehmen, wenn er weiss oder annehmen muss, dass gegen ihn auch ein
Führerausweisentzugsverfahren durchgeführt werden wird (Urteil des Bundesgerichts
6A.86/2006 vom 28. März 2007, E. 2). Nebst einem sechsmonatigen
Führerausausweisentzug wegen einer schweren Widerhandlung (4. Mai bis
5. November 2007) verursachte der Rekurrent am 1. Oktober 2009 mit dem Lastwagen
einen Verkehrsunfall, was den Entzug des Führerausweises für einen Monat (19. April
bis 18. Mai 2010) wegen leichter Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften zur Folge hatte. Er konnte sich demnach nicht darauf
verlassen, dass der Vorfall vom 15. April 2010 keine Administrativmassnahme zur Folge
haben würde.
3.- Das Strassenverkehrsgesetz unterscheidet zwischen der leichten, mittelschweren
und schweren Widerhandlung (Art. 16a-c SVG). Eine leichte Widerhandlung nach Art.
16a Abs. 1 lit. a SVG begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und wen dabei nur ein leichtes Verschulden
trifft. Eine mittelschwere Widerhandlung gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG begeht, wer
durch Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft
oder in Kauf nimmt. Nach Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG begeht eine schwere
Widerhandlung, wer durch grobe Verletzung von Verkehrsregeln eine ernstliche Gefahr
für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt. Eine schwere Widerhandlung
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nach Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG setzt kumulativ eine qualifizierte objektive Gefährdung
und ein qualifiziertes Verschulden voraus (Urteil des Bundesgerichts 1C_282/2011 vom
27. September 2011, E. 3.1).
a) Wer auf der Autobahn überholt wird, darf nicht nach links einspuren, wenn er
dadurch einen Überholenden behindern oder gefährden würde (Art. 34 Abs. 3 und Art.
44 Abs. 1 SVG; vgl. Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen
Strassenverkehrsrechts, Band I, 2. Aufl., Bern 2002, N 757). Mit dem Wechseln des
Fahrstreifens von der Normal- auf die Überholspur hat der Rekurrent die Lenkerin des
ihn zur selben Zeit überholenden Kleinwagens angesichts der sehr unterschiedlichen
Betriebsgefahren der beteiligten Fahrzeuge wohl konkret an Leib und Leben gefährdet.
Jedenfalls hatte die Verkehrsregelverletzung aber eine erhöhte abstrakte Gefährdung
zur Folge, weil sie mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zu einer seitlichen Kollision zwischen
dem vom Rekurrenten gelenkten Lastenzug und dem Kleinwagen der Strafanzeigerin
hätte führen können. Immerhin musste Letztere gemäss eigenen Aussagen während
des Überholvorgangs stark abbremsen, um eine seitliche Kollision zu verhindern. Es ist
nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz unter den gegebenen Umständen zum
Schluss gekommen ist, der Rekurrent habe eine mittelschwere Widerhandlung im Sinn
von Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG begangen. Denn durch die Verkehrsregelverletzung schuf
er eine erhebliche Gefahr für die Sicherheit anderer, die nicht mehr als gering
bezeichnet werden kann. Die Annahme einer leichten Widerhandlung kommt damit
bereits aus diesem Grund nicht in Frage, und es kann offen bleiben, ob ihm am
Hervorrufen der Gefahr für die Sicherheit anderer nur ein leichtes oder ein schweres
Verschulden trifft.
b) Dass der Rekurrent im Strafverfahren wegen des Übertretungstatbestandes der
einfachen Verkehrsregelverletzung gemäss Art. 90 Ziff. 1 SVG schuldig gesprochen
wurde, schliesst die Annahme einer mittelschweren Widerhandlung im
Administrativverfahren nicht aus. Die einfache Verkehrsregelverletzung nach Art. 90
Ziff. 1 SVG umfasst administrativrechtlich die leichte und mittelschwere Widerhandlung
gemäss Art. 16a und 16b SVG. Das straf- und das administrativrechtliche
Sanktionensystem sind insoweit nicht deckungsgleich. Von der strafrechtlichen
Sanktion kann deshalb nicht immer und ohne weiteres auf die anzuordnende
Verwaltungsmassnahme geschlossen werden (Urteile des Bundesgerichts
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1C_259/2011 vom 27. September 2011, E. 3.4, und 1C_282/2011 vom 27. September
2011, E. 2.4). Der Einwand des Rekurrenten, wonach die Vorinstanz an das
rechtskräftige Strafurteil gebunden sei und eine Verurteilung wegen Art. 90 Ziff. 1 SVG
die Annahme einer leichten Widerhandlung gemäss Art. 16a SVG zur Folge habe,
stösst damit ins Leere.
4.- Nach einer mittelschweren Widerhandlung im Sinn von Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG
wird der Führerausweis für mindestens einen Monat entzogen, wenn der Ausweis in
den vorangegangenen zwei Jahren nicht wegen einer schweren oder mittelschweren
Widerhandlung entzogen war (Art. 16b Abs. 2 lit. a SVG). Wegen einer leichten
Widerhandlung war dem Rekurrenten der Führerausweis für einen Monat (19. April bis
18. Mai 2010) entzogen; entsprechend fällt der Rekurrent nicht unter die Kaskaden
gemäss Art. 16b Abs. 2 lit. b-d SVG. Bei dem vorinstanzlich angeordneten
Führerausweisentzugs von einem Monat handelt es sich um die Mindestentzugsdauer,
welche – ungeachtet allfälliger besonderer Umstände, einer beruflichen Angewiesenheit
oder eines untadeligen automobilistischen Leumunds, wobei Letzteres beim
Rekurrenten nicht zuträfe – nicht unterschritten werden darf (Art. 16 Abs. 3 SVG; BGE
132 II 234 E. 3.2). Bei der Mindestentzugsdauer gibt es keinen Spielraum (vgl. Urteil
des Bundesgerichts 1C_129/2010 vom 3. Juni 2010, E. 3.3).
5.- Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs abzuweisen ist. Dem
Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint
angemessen (Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.-- ist zu verrechnen.