Decision ID: 2f53816b-5d8b-4ee0-abc8-dc8946c234ba
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
Der 1954 geborene
X._
war bei der
Y._
in
Z._
als Hauswart und bei der
A._
in
B._
als
Zeitungsverträger
an
gestellt und in diesen Eigenschaften bei der Zürich Versicherungsgesellschaft AG
(Zürich)
obligatorisch un
f
allversichert.
Mit Unfallmeldung vom 29. April 2011 brachte er der Zürich zur Kenntnis, dass er beim Reinigen des Treppen
hauses über das Staubsaugerkabel gestolpert und auf die rechte Schulter gefal
len sei (
Urk.
8
/
Z
M
1).
Der Versicherte war fortan zu 100
%
arbeitsunfähig, wes
halb die Zürich Taggelder ausrichtet
e und für die Heilbehandlung aufkam
.
Die Schulter wurde
am 2
2.
Juli 2011
operativ saniert
(
Urk.
8/ZM12).
Ab dem
3. Januar 201
2
war der Versicherte noch zu 50
%
arbeitsunfähig (
Urk.
8/ZM24).
Die Physiotherapie wurde im März 2012 abgeschlossen.
Am 6. Juni 2012 beauftragte die Zürich
Dr.
med.
C._
,
Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie
des Bewegungsapparates,
den Versicherten zu
begutachten.
Gestützt auf das Gutachten von
Dr.
C._
vom 26. Juni 2012 (
Urk.
8/ZM32)
stellte die Zürich
dem Versicherten
mit Verfügung vom 19. Juli 2012 in Aus
sicht, sie werde die Taggeldleistungen per 30. Juni 2012
und die Leistungen für Heilbehandlungen
nach der Abschlusskontrolle in der
D._
im Juli 2012
einstellen
(
Urk.
8/Z76). Die dagegen von der Krankenkasse
Sanitas
, Winterthur, erhobene Einsprache
wies die Zürich mit
Einspracheentscheid
vom 30. Oktober 2012 ab (
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob
X._
, vertreten durch Rechtsanwalt Daniel Bohren, mit Eingabe vom 30. November 2012 Beschwerde und beantragte die Feststel
lung eines verfrühten Fallabschlusses und die Rückweisung der Sache an die Zürich zur weiteren Abklärung und neuen
Entscheidfällung
(
Urk.
1).
Mit Beschwerdeantwort vom 11. Januar 2013 beantragte die Zürich die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
7). Mit Eingabe vom 1. Februar 2013 erstattete der Be
schwerdeführer Replik und
hielt an seinem Antrag fest
(
Urk.
10). Die
Beschwer
degegnerin
hielt mit Duplik vom 8. März 2013 an i
hrem Standpunkt fest (
Urk.
13).
Auf die Begründungen der Rechtsschriften wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Die Parteien sind sich einig, dass die Beschwerdegegnerin bis zum Zeitpunkt des Fallabschlusses leistungspflichtig ist. Strittig ist, ob der Fallabschluss per
30. Juni 2012 bzw. per 27. Juli 2012
nach der Abschlussuntersuchung in der
D._
erfolgen durfte oder ob er verfrüht war
.
2.
2.1
Nach Art. 10
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG)
hat die versicherte Person Anspruch auf die zweckmässige Behandlung ihrer Un
fallfolgen. Ist sie infolge des Unfalles voll oder teilweise arbeitsunfähig, so steht ihr gemäss Art. 16
Abs.
1 UVG ein Taggeld
zu
.
2.2
Bis zu welchem Zeitpunkt Heilbehandlung und Taggeld durch den Unfall
-
versiche
rer
zu gewähren sind, kann dem ersten Kapitel
des UVG, das die Pflege
-
leistungen und Kostenvergütungen regelt,
nicht entnommen werden. Dieser Zeitpunkt ergibt sich indessen aus
Art. 19 UVG
des zweiten Kapitels über Beginn und Ende der Invalidenrente, die, sofern die Voraussetzungen für deren Ausrichtung erfüllt sind, den vorübergehenden Leistungen folgt. Danach ent
steht der Rentenanspruch, wenn von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes de
r
v
ersicherten
Person
mehr erwartet werden kann und allfällige
Eingliederungsmassnahmen
der Inva
lidenversicherung abgeschlossen sind (
Abs.
1 erster Satz). Mit dem
Rentenbe
ginn
fallen die Heilbehandlung und die Taggeldleistungen dahin (
Abs.
1 zweiter Satz; vgl. auch Art. 16
Abs.
2 zweiter Satz UVG, wo dies für den
Taggeldan
spruch
nochmals statuiert wird). Nach konstanter Rechtsprechung
heisst
dies, der Versicherer hat - sofern allfällige
Eingliederungsmassnahmen
der Invali
denversicherung abgeschlossen sind - die Heilbehandlung (und das Taggeld) nur solange zu gewähren, als von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung noch eine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes erwartet werden kann. Trifft dies nicht mehr zu, ist der Fall unter Einstellung der vorübergehenden Leistun
gen mit gleichzeitiger Prüfung des Anspruchs auf eine Invalidenrente und auf eine Integritätsentschädigung
abzuschliessen
(BGE 134 V 109 E. 4.1 mit Hin
weisen).
2.3
Was unter einer namhaften Besserung des Gesundheitszustandes de
r
v
ersicher
ten
Person
zu verstehen ist, umschreibt das Gesetz nicht näher. Mit Blick darauf, dass die soziale Unfallversicherung ihrer Konzeption nach auf die erwerbstätigen Personen ausgerichtet ist, wird sich dies namentlich nach
Mass
gabe
der zu erwartenden Steigerung oder Wiederherstellung der Arbeitsfähig
keit, soweit unfallbedingt beeinträchtigt, bestimmen. Dabei verdeutlicht die Verwendung des Begriffes "namhaft" durch den Gesetzgeber, dass die durch weitere Heilbehandlung zu erwartende Besserung ins Gewicht fallen muss. Unbedeutende Verbesserungen genügen nicht (
BGE 134 V 109 E. 4.3 mit Hin
weisen
).
3.
3.1
Die Beschwerdegegnerin stützt
e
sich im angefochtenen Entscheid auf das Gutach
ten von
Dr.
C._
vom 26. Juni 201
2.
Dieser
erhob als unfallkausale Diagnosen eine
Rotatorenmanschettenruptur
(
Supraspinatus
und
Subscapularis
), eine laterale
Pulley
-Läsion und eine mediale Luxation der langen
Bicepssehne
rechts. Der Verlauf sei protrahiert, letztlich aber erfreulich. Bei der Befragung seien lediglich noch belastungsabhängige Restbeschwerden angegeben worden mit Klagen über diverse andere, unfallfremde Probleme. Der
Medikamentenbe
darf
sei minimal. Er
kam
zum Schluss, dass das Operationsergebnis gut sei und Kraft und Beweglichkeit der r
echten Schulter nur noch
bei repetitiven
Über
kopfbewegungen
rechts
leicht eingeschränkt sei
en
. Rein unfallbedingt attestiere er ab 1. Juli 2012 eine volle Arbeitsfähigkeit.
Ein
Therapiebedarf bestehe
nach Abschluss der
Physiotherapie
im März
nicht mehr
. Die definitive
Abschlusskon
trolle
in der behandelnden Klinik erfolge im Juli 2012
(
Urk.
8/ZM32).
3.2
D
em Bericht der
D._
vom 27. Juli 2012 lässt sich entnehmen, dass sich noch leichte Restbeschwerden und ein
endgradiges
Kraftdefizit bei klini
schem Verdacht au
f leichte
Capsulitis
zeigten. Diesbezüglich verordnete
Dr.
med.
E._
sofort intensive Physiotherapie mit intensivem
Heimpro
gramm
. Eine Verlaufskontrolle mit Sonografie sei in ca. 2 Monaten vorzuneh
men. Sollte zu diesem Zeitpunkt nicht eine Besserung absehbar sein, müsse vo
raussichtlich erneut eine Bildgebung zur Bilanzierung gemacht werden. Je nach Befund
könne dann gegebenenfalls auch über eine Infiltration diskutiert wer
den. Bis dahin sei die Arbeitsunfähigkeit von 50
%
beizubehalten
(
Urk.
8/ZM33)
.
4.
4.1
Das Gutachten
von
Dr.
C._
beruht zwar auf allseitigen Untersuchungen und berücksichtigt auch die Klagen des Beschwerdeführers. Er hat seine Anga
ben
auch
in Kenntnis der Anamnese ge
macht
. Indes hat er sich nicht
genügend
mit
ihr
auseinandergesetzt. Er hat die vollständige Anamnese, die Befunde und die bereits aktenkundigen Diagnosen festgehalten und div
erse v
orbestehende Leiden aufgezählt. Auf der letzten Seite des Gutachtens
finden sich die Schlussfolgerungen. Diese sind kurz gefasst und setzen sich nicht
genügend
mit der Aktenlage auseinander.
So war der Beschwerdeführer bis zum
2.
Januar 2012 zu 100
%
arbeitsunfähig. Die Arbeitsunfähigkeit setzten die behandelnden Orthopäden
Dres
. med.
F._
und
G._
von der
D._
am 19. Dezember 2011
per 3. Januar 2012 auf 50
%
herab, weil der Beschwerdeführer eine
n Arbeitsversuch starten wollte.
D
ie beiden Ärzte waren der Meinung, dass noch
Bewegungseinschrän
kungen
bestünden und Schmerzen beim Gewichtstraining oberhalb der Hori
zonta
len aufträten. Die Physiotherapie sei auf 14täglich
e Behandlungen
redu
ziert worden, weil der Beschwerdeführer in der Zwischenzeit bezüglich
Heim
übungen
instruiert worden
sei
.
Di
e Situation könne mit Heim- und Kraftübun
gen weiterhin noch deutlich verbessert werden
. Über dem
Sulcus
bicipitalis
wurde eine noch bestehende
Druckdolenz
festgestellt
(
Urk.
8/ZM24).
Der behandelnde
Dr.
med.
H._
,
Facharzt für Allgemeinmedizin,
hielt am
30. April 2012 fest, dass der Beschwerdeführer
weiterhin
zu
50
%
arbeitsunfähig bleiben werde. Der Beschwerdeführer gehe sowohl in die Schulter- als auch in die Rheumasprechstunde.
Wann mit einer
Wiederauf
-
nahme
der Arbeit zu rech
nen sei, könne noch nicht gesagt werden.
Dr.
H._
beantwortete die Frage der Beschwerdegegnerin, ob andere Faktoren
,
wie die Folgen früherer Krankheiten und Unfälle die Wiederaufnahme der Arbeit beeinträchtigen würden, mit „ja“ und
zählte
die Diagnosen Polyarthrose in
der
linke
n
Hüfte,
in
beiden Knien,
im linken
OSG und Fuss, eine
Sterno
-
claviculargelenksarthrose
links mehr als rechts und ein
cervicospondylogenes
Schmerzsyndrom
auf
(
Urk.
8/ZM29).
Vor diesem Hintergrund lässt sich nicht sagen, dass die Arbeitsfähigkeit n
ur wegen
krankheitsbedingter
und
unfallfremde
r
Faktoren nicht wieder erreicht werden konnte, wie das
Dr.
C._
behauptet
e
. Vielmehr ist anhand der nach wie vor
b
ehandlungsbedürftigen
Schulter und der Hauptdiagnose „
Status
nach
Rotatorenmanschettenruptur
links“ (richtig: rechts) die Angabe von
Dr.
H._
überwiegend wahrscheinlich so zu verstehen, dass
auch weiterhin
unfallbe
dingte
Hindernisse bestanden.
Die Schlussfolgerung von
Dr.
C._
,
Dr.
H._
habe
die Arbeitsfähig
keit ausschliesslich wegen unfallfremde
r
Faktoren
mit
nicht
mehr als
50
%
angegeben
, ist nicht überzeugend.
Zudem ist seine Ansicht
, die Arbeitsfähigkeit könne
nur aus
krankheitsbeding
ten
Gründen nicht auf 100
%
gesteigert werden, auch deshalb nicht
nachvoll
ziehbar
, weil der Beschwerdeführer rechtsdominant ist und Überkopfarbeiten im Zeitpunkt der Begutachtung
noch nicht uneingeschränkt möglich waren
. Berücksichtigt man
,
dass der
Beschwerdeführer als Hauswart
tätig war
, er
scheint die Ansicht des behandelnden Arztes logischer, dass auch wegen der Schulterprobleme noch keine volle Wiederaufnahme seiner
Hauswarttätigkeit möglich war.
Viele Reinigun
gsarbeiten und div
erse
Handwerkstätigkeiten wie
Leuchtmittel
wechseln
sind
mit Überkopfarbeiten
verbunden
.
S
eine Annahme, die Schulter sei nicht mehr behandlungsbedürftig,
stimmt
nicht mit der Anamnese überein.
Im
Dezember 2011
wurde ein Wechsel
von der betreuten Physiotherapie zum Heimtraining
eingeleitet
(
Urk.
8/ZM24)
und
Dr.
H._
ging
noch Ende April 2012 davon aus, dass der Beschwerdeführer ab und zu Physiotherapie brauche (
Urk.
8/ZM29).
Die Annahme, ab März habe keine Behandlung mehr stattgefunden
, erweist sich als aktenwidrig.
Damit
sind
die daraus gezogenen Schlussfolgerungen nicht
überzeugend
.
Damit entspricht das Gutachten
von
Dr.
C._
nicht den bundesgerichtlichen Kriterien für beweiskräftige ärztliche
Entscheidgrundl
age
n
(
vgl.
BGE 13
4 V 231 E
. 5.1)
, weshalb nicht darauf abgestellt werden kann.
4
.2
Die Schlussfolgerungen von
Dr.
C._
erfolgten unter der Prämisse, dass die definitive Abschlusskontrolle im Juli 2012 erfolge, was sich als falsch heraus
stellte. So
war gemäss Bericht der
D._
vom 27. Juli 2012
ab sofort wieder Physiotherapie notwendig
, es wurde (mindestens) eine
Verlaufskontrolle
mit Bildgebung vorgesehen und
für
die Verbesserbarkeit des Zustandes bestan
d
en erhebliche Anhaltspunkte
.
Dieser Bericht stammt von behandelnden Fach
ärzten, die der Meinung waren, dass die Behandlung eben gerade noch nicht abgeschlossen
sei
und dass auch die
unfallbedingte
Arb
eits
un
fähigke
it nicht 0
%
, sondern 50
%
betrage
. Daraus ist ersichtlich, dass es sich bei der Kontrolle am 27. Juli 2012 eben nicht um eine Abschluss-, sondern um eine
Verlaufs
kontrolle
handelte
.
Die Beschwerdegegnerin hätte
diesen Bericht in
ihre Würdi
gung der Sachlage miteinbeziehen müssen, was sie
nicht getan hat.
Der
Sach
verhalt erweist sich damit
als ungenügend abgeklärt.
Die Beschwerdegegnerin hätte allein gestützt auf das Gutachten
C._
nicht ents
cheiden dürfen.
5
.
5
.1
Indes ist auch anhand des Berichts der
D._
vom 27. Juli 2012 nicht klar, ob die hier massgebliche Voraussetzun
g erfüllt ist, d.h. ob
von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung noch eine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes erwartet werden kan
n oder nicht.
5
.2
Anhand der
Empfehlung zur
sofortigen Wiederaufnahme der externen Physiothe
rapie und der nach wie vor attestierten 50%igen Arbeitsunfähigkeit aufgrund der Restbeschwerden in der rechten Schulter ist an sich keine andere Schlu
ssfolgerung möglich, als dass
Dr.
E._
von einer namhaften Verbesser
barkeit ausging. Konkret äusserte er sich dazu nicht.
Auch sagte er nichts Genaues zur
zu
erwartenden Steigerung oder Wiederherstellung der Arbeitsfä
higkeit. Allerdings stellte er fest, dass noch eine Arbeitsunfähigkeit besteh
e, dass diese
massgeblich durch die Schulterproblematik beeinträchtigt
sei
und dass er sich Besserung mittels engmaschigerer externer Physiotherapie verspr
e
che
. Damit ist erstellt, dass noch eine Behandlungsbedürftigkeit gegeben war
,
und die behandelnden Ärzte zumindest die Möglichkeit einer Steigerung der
Arbeitsfähigkeit
in Betracht zogen. Ob damit eine namhafte Besserung des Zu
standes und eine namhafte Steigerung der Arbeitsfähigkeit möglich
waren
oder nicht, lässt sich aber nicht sagen. Auch die weiteren bei den Akten liegenden Arztberichte vermögen diese Frage nicht zu klären.
5.3
Nach dem Ge
s
agten
ist die Sache
in Aufhebung des angefochtenen Entscheids
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie den Sachverhalt abkläre und alsdann erneut entscheide.
Dies führt zur Gutheissung der Beschwerde
6.
Nach
§
34
Abs.
1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) hat die obsiegende
beschwerdeführende
Person Anspruch auf Ersatz der
Partei
kosten
. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (
§
34
Abs.
3
GSVGer
).
In Berücksichtigung dieser Kriterien ist die
Parteientschädigung
auf Fr. 2‘500.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) festzusetzen.