Decision ID: 6268d1c2-a67b-5885-bc79-5d66d224863e
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezieht seit dem 1. April 2000 aufgrund ihres psychischen Gesundheitszustands
eine ganze Rente der Invalidenversicherung (IV-act. 11, 24, 45, 55, 86). Im Spätsommer
2005 (Posteingang: 27. September 2005) meldete sie sich erstmals zum Bezug einer
Hilflosenentschädigung bei der Invalidenversicherung an (IV-act. 25). Sie gab an, sie
benötige Hilfe und Anleitung bei der Finanzverwaltung sowie zur Besprechung der
Beziehungsproblematik und der krankheitsbedingten Störungen. Zudem benötige sie
konstante Kontakte zur Verhinderung einer Isolation. Die Versicherte wohnte zu diesem
Zeitpunkt in einem begleiteten Wohnen. Am 23. März 2006 teilte eine Mitarbeiterin der
betreuenden Institution mit (IV-act. 37), die Kontakte mit der Versicherten seien
unregelmässig, sodass die Anforderung der zwei Stunden Begleitung pro Woche nicht
erfüllt seien. Mit einer Verfügung vom 28. März 2006 wies die IV-Stelle das Begehren
um eine Hilflosenentschädigung ab (IV-act. 38). Diese Verfügung erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Am 14. Februar 2019 meldete sich die Versicherte erneut zum Bezug einer
Hilflosenentschädigung an (IV-act. 95). Sie gab an, sie leide an einer langjährigen
chronifizierten psychischen Erkrankung und stehe wegen einer paranoiden
Schizophrenie sowie psychischen und Verhaltensstörungen bei der Klinik B._ und bei
C._, Pflegefachfrau Psychiatrie, in psychiatrischer Behandlung. Sie benötige Hilfe in
der alltäglichen Lebensverrichtung Fortbewegung/Pflege gesellschaftlicher Kontakte
(Begleitung einmal wöchentlich, vorbesprechen und motivieren für soziale Kontakte),
medizinisch-pflegerische Hilfe (einmal wöchentlich Medidossett richten durch C._)
sowie lebenspraktische Begleitung (zur Ermöglichung des selbstständigen Wohnens:
Einmal wöchentlich 90 Minuten für Gespräche: Beratung und Unterstützung; für
Erledigungen und Kontakte ausserhalb der Wohnung: Begleitung und Vertretung durch
den Beistand in sämtlichen administrativen, rechtlichen und finanziellen Belangen; zur
Verhinderung einer Isolation: Wöchentliche Begleitung durch C._, Tagesstruktur,
Tageszentrum D._). Die Versicherte füllte das Formular mit Hilfe von C._ und dem
Beistand E._ aus. E._ hatte eine Vertretungsbeistandschaft mit einer Einkommens-
und Vermögensverwaltung gemäss Art. 394 Abs. 1 i.V.m. Art. 395 Abs. 1 des
Zivilgesetzbuches (SR 210) inne mit den Aufgaben, (1.) die Versicherte in Bezug auf das
persönliche und gesundheitliche Wohl sowie eine geeignete Wohn-, Betreuungs- und
Arbeitssituation zu unterstützen und soweit nötig zu vertreten, (2.) sie beim Erledigen
der administrativen Angelegenheiten sowie im Rechtsverkehr zu vertreten,
insbesondere im Verkehr mit Behörden, Ämtern, Banken, Post,
(Sozial-)Versicherungen, sonstigen Institutionen und Privatpersonen, sowie (3.) sie beim
Erledigen der finanziellen Angelegenheiten zu vertreten, insbesondere ihr Einkommen
und Vermögen sorgfältig zu verwalten (IV-act. 88).
B.a.
Die IV-Stelle bat die Klinik B._ um das Ausfüllen eines Arztberichts. Diese reichte
einen Austrittsbericht vom 11. Januar 2019 betreffend einen stationären Aufenthalt der
Versicherten vom 20. Dezember 2018 bis zum 3. Januar 2019 ein (IV-act. 99, Datum
Posteingang unbekannt). Die Fachärzte hatten darin folgende Diagnosen angegeben:
Paranoide Schizophrenie (ICD-10 F20.0), psychische und Verhaltensstörungen durch
multiplen Substanzgebrauch und Konsum anderer psychotroper Substanzen:
Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F19.2), sonstige chronische Virushepatitis (nach
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abgeschlossener Therapie). Sie führten aus, die Versicherte habe sich beim Eintritt
hoffnungslos und verzweifelt gezeigt. Sie (die Versicherte) habe berichtet, dass sie sich
alleine fühle, obwohl sie zweimal pro Woche in die Tagesklinik gehe. Sie höre die
Stimme ihrer Mutter und fühle sich von dieser verfolgt. Sie habe auch Suizidgedanken
geäussert; von suizidalen Handlungsabsichten habe sie sich distanziert. Die
psychotische Symptomatik habe sich im Verlauf rasch zurückgebildet und die
Stimmungslage habe sich stabilisiert. Die Versicherte werde nach dem Austritt aus der
Klinik weiterhin zweimal wöchentlich die psychiatrische Tagesklinik in D._ besuchen.
Am 8. Juli 2019 füllte die Versicherte den Fragebogen HE – Lebenspraktische
Begleitung aus (IV-act. 104; die erste Seite mit Fragen zur Wohnform, zur
Wohnungsgrösse, zu beteiligten Personen im Haushalt und zur Aufgabenteilung im
Haushalt fehlt). Die Versicherte gab an, sie benötige Hilfe bei der Tagesstrukturierung
(ein- bis zweimal wöchentlich Besprechung der anstehenden Termine mit C._; bei
Bedarf werde sie von ihr per SMS daran erinnert; die benötigte Zeit betrage zwei
Stunden pro Woche) und bei der Bewältigung der Alltagssituationen (Besprechung von
Fragen zur Ernährung und des Gewichts; ein- bis zweimal wöchentlich, wenn sie C._
treffe; die benötigte Zeit betrage zwei Stunden pro Woche). Den Haushalt erledige sie
mehr oder weniger selbstständig; sie führe diesbezüglich motivierende Gespräche mit
C._. Die Wäsche erledige sie selbstständig. Sie bestimme auch selbstständig, was
sie esse; zweimal wöchentlich esse sie mittags im Tageszentrum D._. Für Einkäufe
benötige sie keine Unterstützung. Für Behördengänge und zu Arztbesuchen werde sie
von C._ begleitet zwecks Termineinhaltung sowie zum Verständnis und zur
Unterstützung; die benötigte Zeit betrage einmal monatlich eineinhalb Stunden. Sie
lebe isoliert, ziehe sich zurück und pflege wenig Kontakt zu Mitmenschen; sie habe
ausschliesslich Kontakte im Tageszentrum. C._ sei seit ca. 2016 ihre engste
Bezugsperson. Sie träfen sich ein- bis zweimal pro Woche für jeweils ein bis zwei
Stunden je nach Bedarf. Das Formular habe sie mit ihr zusammen ausgefüllt. Die
Versicherte unterzeichnete das Formular.
B.c.
Am 16. Juli 2019 berichtete Dr. med. F._ von den Psychiatrischen Diensten
G._ (IV-act. 105), er behandle die Versicherte seit dem Jahr 2015. Er gab folgende
Diagnosen an: Paranoide Schizophrenie (ICD-10 F20.0, aktuell kompensiert),
psychische und Verhaltensstörungen durch multiplen Substanzgebrauch und Konsum
B.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anderer psychotroper Substanzen (ICD-10 F19.2, aktuell abstinent), sonstige
chronische Virushepatitis (nach abgeschlossener Therapie). Er führte aus, bei der
Versicherten handle es sich um eine chronisch kranke Patientin mit längeren
stationären Aufenthalten und mangelnder Compliance. Aktuell seit circa sechs
Monaten sei die Versicherte kompensiert; sie werde durch C._ intensiv begleitet.
Zweimal pro Woche sei sie zudem in der Tagesklinik in D._ präsent. In den letzten
Sitzungen habe sie sich als eher kompensierte, krankheitseinsichtige und motivierte
Patientin gezeigt. Durch eine intensive Überwachung (Spitex, Tagesklinik) habe sie eine
klare Tagesstruktur. Alkohol und Drogen konsumiere sie nicht mehr. Durch ihre
Vorgeschichte sei sie sehr erschöpft, müde und manchmal perspektiv- und
motivationslos. Sie höre sporadisch Stimmen, gehe aber gut damit um. Aktuell habe sie
Mühe mit dem Aufstehen und sie leide an Schlafstörungen. Sie berichte oft über eine
kognitive Verlangsamung, eine Vergesslichkeit und Konzentrationsstörungen. Daraus
resultierten eine Unzufriedenheit, eine innerliche Unruhe und eine Anspannung. Die
Frage, ob die Angaben über die Hilflosigkeit mit seinen Festlegungen übereinstimmten,
beantwortete er mit "Ja".
Am 19. Juli 2019 wurde von einer Sachbearbeiterin der IV-Stelle in einem
Feststellungsblatt festgehalten (IV-act. 110), die Versicherte benötige lediglich im
Bereich der alltäglichen Lebensverrichtung der Fortbewegung/Pflege gesellschaftlicher
Kontakte eine Dritthilfe. Die Notwendigkeit einer dauernden persönlichen Überwachung
oder einer ständigen und besonders aufwändigen Pflege sei nicht ausgewiesen. Als
lebenspraktische Begleitung könne nur diejenige Hilfe angerechnet werden, deren
Erheblichkeit zu einem Heimeintritt führen würde (Rz 8040 des Kreisschreibens über
Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung, KSIH, Stand 1. Januar 2018)
und die nicht in einem angemessenen Rahmen organisiert werden könne. Bei der
Versicherten bestehe punktuell eine Unterstützung bei der Tages- und
Wochenstrukturierung sowie der Begleitung zu Arztbesuchen. Zudem seien
Motivationsarbeiten notwendig, damit gesellschaftliche Kontakte wahrgenommen
würden. Bei den Haushaltsarbeiten sei sie selbstständig. Auch könne sie Einkäufe
selbstständig erledigen und sich Mahlzeiten ohne Dritthilfe zubereiten. Somit resultiere
kein Bedarf nach einer lebenspraktischen Begleitung, der so erheblich wäre, dass ein
Heimeintritt begründet werden könnte. Dr. med. H._ vom Regionalen Ärztlichen
B.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dienst (RAD) notierte am 9. August 2019 (IV-act. 109), die Ausführungen im
Feststellungsblatt seien aus versicherungsmedizinischer Sicht nachvollziehbar.
Mit einem Vorbescheid vom 12. August 2019 teilte die IV-Stelle der Versicherten
mit (IV-act. 111), sie sehe vor, das Begehren um eine Hilflosenentschädigung
abzuweisen. Zur Begründung gab sie die Ausführungen im Feststellungsblatt wieder.
Die Versicherte liess am 16. September 2019 vorsorglich einen Einwand erheben (IV-
act. 117). Am 4. Oktober 2019 reichte ihr Rechtsvertreter einen begründeten Einwand
ein (IV-act. 118). Er beantragte die Zusprache einer Entschädigung für eine leichte
Hilflosigkeit ab dem 1. November 2019. Eventualiter seien ergänzende Abklärungen
vorzunehmen und anschliessend sei neu über den Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung zu entscheiden. Zur Begründung führte er im Wesentlichen an,
gemäss einer Auskunft von C._ besuche die Versicherte an zwei Halbtagen pro
Woche die Tagesklinik, was der Verhinderung der Isolation und der Pflege sozialer
Kontakte diene. Die Versicherte habe sonst gar keine Kontakte. Sie nehme ausserdem
praktisch jeden Tag dort das Mittagessen ein. Hinzu komme die Betreuung durch
C._. Er verwies auf die Angaben im Fragebogen HE – Lebenspraktische Begleitung
(IV-act. 104) und im Austrittsbericht der Klinik B._ vom 11. Januar 2019 (IV-act. 99).
Ohne diese regelmässige und erhebliche Hilfe könnte die Versicherte nicht in der
eigenen Wohnung leben. Ein Bedarf nach einer lebenspraktischen Begleitung sei damit
ausgewiesen. Er reichte folgende Unterlagen ein: Eine von der Klinik B._ am
3. September 2019 erstellte Übersicht über die stationären Aufenthalte der
Versicherten (die Versicherte war von Oktober 2015 bis Januar 2019 insgesamt elfmal
stationär hospitalisiert gewesen, IV-act. 118-21), einen Austrittsbericht der Klinik B._
vom 8. November 2018 (IV-act. 118-22) sowie einen Bericht der Klinik B._ vom
14. März 2017 (IV-act. 118-28). In letzterem hatten die Fachärzte mitgeteilt, die
Versicherte habe beim Eintritt angegeben, sie habe die Tagesklinik vor einer Woche
zuletzt besucht und sich sozial komplett isoliert. Am 18. Oktober 2019 reichte der
Rechtsvertreter eine ärztliche Verordnung der ambulanten sozialpsychiatrischen
Betreuung / Begleitung zu Hause vom 1. Juli 2019 bis zum 31. Dezember 2019,
ausgestellt von Dr. F._, ein (IV-act. 119). Er machte geltend, gemäss dieser
Verordnung betrage der Aufwand an Dritthilfe allein durch C._ 2.75 Stunden pro
Woche.
B.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
Mit einer Verfügung vom 25. Oktober 2019 wies die IV-Stelle, entsprechend dem
Vorbescheid, das Begehren um eine Hilflosenentschädigung ab (IV-act. 121). Zu den
Einwänden führte sie an, gemäss ihren Angaben benötige die Versicherte ein- bis
zweimal wöchentlich eine Besprechung mit einer Betreuungsperson für die
anstehenden Termine sowie die Unterstützung des Beistands in finanziellen
Angelegenheiten. Für die restlichen Haushaltstätigkeiten (Einkaufen,
Mahlzeitenzubereitung, Wäsche etc.) bestehe kein Bedarf nach Dritthilfe. Diese
Angaben deckten sich mit den eingeholten medizinischen Unterlagen des
psychiatrischen Dienstes G._, wonach die Versicherte seit dem stationären
Aufenthalt Ende 2018 bzw. Anfang 2019 kompensiert, krankheitseinsichtig und
motiviert sei. Die verschiedenen längeren stationären Aufenthalte seien wegen einer
zeitweisen Verschlechterung des Gesundheitszustands erforderlich gewesen. Der
Bedarf nach einer lebenspraktischen Begleitung sei daher nicht derart erheblich, dass
ohne die Dritthilfe ein Heimeintritt unvermeidbar wäre. Die Betreuung durch C._ und
in der Tagesklinik stellten medizinisch-pflegerische Behandlungsmassnahmen dar.
Diese seien Leistungen der Krankenkasse und fänden höchstens unter Art. 37 Abs. 3
lit. c der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV, SR 831.201) Beachtung
(aufwendige Pflege), wobei nach der geltenden Gerichtspraxis pflegerische
Massnahmen von weniger als durchschnittlich zwei Stunden pro Tag keine Leistungen
der Hilflosenentschädigung begründen könnten. Am Vorbescheid sei daher
festzuhalten.
B.g.
Die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin) liess am 29. November 2019
eine Beschwerde erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der
Verfügung vom 25. Oktober 2019 und die Zusprache einer Entschädigung für eine
leichte Hilflosigkeit ab dem 1. November 2019. Eventualiter sei die Sache zur
Vornahme ergänzender Abklärungen und zur anschliessenden Neuverfügung an die
Verwaltung zurückzuweisen. Zudem beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege und -verbeiständung. Ergänzend zu den Einwänden im
Vorbescheidverfahren machte er im Wesentlichen geltend, die Beschwerdeführerin
beziehe seit dem Jahr 2000 eine ganze Invalidenrente. Mit dieser Rentenzusprache sei
die Voraussetzung für eine Hilflosigkeit lediglich wegen des Bedarfs nach einer
C.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dauernden lebenspraktischen Begleitung grundsätzlich erfüllt. Spätestens seit dem
Austritt aus der Klinik B._ am 2. August 2016 sei es der Beschwerdeführerin nicht
mehr möglich gewesen, ohne eine dauernde lebenspraktische Begleitung selbstständig
zu wohnen. Der Rechtsvertreter gab im Austrittsbericht der Klinik B._ vom
13. September 2016 gemachte Angaben wieder. Gestützt darauf machte er geltend,
die Beschwerdeführerin benötige Hilfe bei der Tagesstrukturierung, bei der
Bewältigung von Alltagssituationen und zur Erledigung des Haushalts. Ausserdem
habe sich die Isolation und die damit verbundene Verschlechterung des
Gesundheitszustands bereits vor der aktuellen Anmeldung zum Bezug einer
Hilflosenentschädigung manifestiert. Im Weiteren führte er aus, die stationäre
psychiatrische Behandlung vom 20. Dezember 2018 bis zum 3. Januar 2019 sei die
elfte stationäre Behandlung seit dem Austritt vom 2. August 2016 gewesen. Dem
Bericht der psychiatrischen Dienste G._ vom 16. Juli 2019 sei zu entnehmen, dass
die Beschwerdeführerin durch C._ vor Ort begleitet werde und zweimal pro Woche in
der Tagesklinik in D._ präsent sei. In den letzten Sitzungen habe sich eine eher
kompensierte, krankheitseinsichtige und motivierte Patientin gezeigt. Sie habe durch
eine intensive Überwachung (Spitex, Tagesklinik) eine klare Tagesstruktur. Aus diesen
Angaben gehe hervor, dass durch die als intensiv bezeichnete Dritthilfe seitens C._
und der Tagesklinik eine gewisse Stabilisierung der Beschwerdeführerin in der eigenen
Wohnung habe erreicht werden können. Angesichts des Verlaufs sei aber überwiegend
wahrscheinlich, dass sie ohne diese insgesamt mehr als zwei Stunden pro Woche
umfassende Dritthilfe nicht in ihrer Wohnung leben könnte. Die Hilfe umfasse die
Tagesstrukturierung, die Bewältigung von Alltagssituationen und auch die
Überwachung/Kontrolle der Haushaltserledigung, soweit letzteres die
Beschwerdeführerin vor dem Abgleiten in chaotische Zustände, wie sie in der
Vergangenheit aktenkundig wiederholt eingetreten seien, bewahre. Im Austrittsbericht
der Klinik B._ vom 13. September 2016 hatten die Fachärzte angegeben (IV-act. 85),
die Beschwerdeführerin habe sich im Stationsalltag vollkommen hilflos gezeigt. Drei
Versuche, sie in einer psychiatrischen Wohneinrichtung unterzubringen, hätten sich als
unmöglich erwiesen, obwohl sie sich damit einverstanden gezeigt habe. Nach
mehreren Monaten der stationären Behandlung sei sie mit einer sorgfältig installierten
ambulanten Nachbehandlung und pflegerischer Unterstützung vor Ort in eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mietwohnung entlassen worden. Beim Austritt sei sie kaum in der Lage gewesen, ihren
Alltag selbstständig sinnvoll zu gestalten; sie neige zum Chaos.
Die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am 23. Januar 2020
die Abweisung der Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie im Wesentlichen
an, unbestritten sei, dass die Beschwerdeführerin nicht in mindestens zwei alltäglichen
Lebensverrichtung eine Dritthilfe benötige. In Bezug auf den Anspruch auf eine
lebenspraktische Begleitung hielt sie fest, die Beschwerdeführerin sei nicht auf eine
Begleitung zur Ermöglichung des selbstständigen Wohnens angewiesen (vgl. Art. 38
Abs. 1 lit. a IVV). Die Hilfe bei der Tagesstrukturierung enthalte beispielsweise die
Aufforderung aufzustehen, Hilfe beim Festlegen und Einhalten von fixen Mahlzeiten,
einen Tag- und Nachtrhythmus zu beachten, einer Aktivität nachzugehen etc. (vgl. Rz
8050 KSIH). Darauf sei die Beschwerdeführerin nicht angewiesen. Ebenfalls bedürfe sie
keiner regelmässigen Begleitung bei ausserhäuslichen Verrichtungen (vgl. Art. 38
Abs. 1 lit. b IVV). Die Begleitung durch C._ für Behördengänge und Arztbesuche sei
einmal monatlich für circa eineinhalb Stunden nötig. Die nach Rz 8053 KSIH
geforderten durchschnittlichen zwei Stunden pro Woche, um als regelmässig i.S.v.
Art. 38 Abs. 3 IVV zu gelten, würden damit nicht erreicht. Eine ernsthafte Gefährdung
zur dauernden Isolation von der Aussenwelt (vgl. Art. 38 Abs. 1 lit. c IVV) sei ebenfalls
zu verneinen. Die Beschwerdeführerin besuche zweimal wöchentlich die Tagesklinik in
D._. Gemäss Rz 8052.2 KSIH sei eine Gefährdung zur Isolation zur Aussenwelt damit
ausgeschlossen. Die von C._ erbrachten Leistungen stellten gemäss der ärztlichen
Verordnung (vgl. IV-act. 119) reine Pflegeleistungen i.S.v. Art. 7 Abs. 2 lit. a und b der
Krankenpflege-Leistungsverordnung dar. Diese seien nicht als lebenspraktische
Begleitung zu qualifizieren. Unterstützung im Bereich der Alltagsverrichtungen
(Grundpflege) und der lebenspraktischen Begleitung fielen unter Art. 7 Abs. 2 lit. c KLV,
insbesondere unter dessen Ziffer 2. Solche Leistungen würden aber nicht erbracht.
C.b.
Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen bewilligte am 24. Januar 2020
das Gesuch um die unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten
und Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung) für das
Beschwerdeverfahren (act. G 6).
C.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Die Beschwerdeführerin liess in der Replik vom 24. Februar 2020 im Wesentlichen
ergänzend geltend machen (act. G 8), die Beschwerdegegnerin sei in Bezug auf die
lebenspraktische Begleitung zur Ermöglichung des selbstständigen Wohnens nicht
ansatzweise auf die konkreten Umstände eingegangen. Die pauschale Verneinung der
Hilflosigkeit sei somit unbegründet. Auch in Bezug auf die Begleitung für
ausserhäusliche Verrichtungen und Kontakte habe sich die Beschwerdegegnerin nicht
mit den tatsächlichen Gegebenheiten auseinandergesetzt. Betreffend die
lebenspraktische Begleitung zur Verhinderung einer Isolation übersehe die
Beschwerdegegnerin, dass die Tagesstruktur eine notwendige flankierende
Massnahme sei, durch die es der Beschwerdeführerin überhaupt erst möglich gewesen
sei, aus der Klinik auszutreten. Auch gehe es nicht an, dass die Beschwerdegegnerin
die Tagesstruktur in der Tagesklinik einerseits nicht als Strukturierungsmassnahme
gelten lasse und sie andererseits als Ausschlussgrund einer drohenden Isolation ins
Feld führe. Aus den medizinischen Akten und den Angaben in der Anmeldung und im
Fragebogen gehe nicht hervor, dass es sich bei den Leistungen von C._ um reine
Pflegeleistungen handle. Faktisch handle es sich mindestens zu einem erheblichen Teil
um Leistungen i.S.v. Art. 7 Abs. 2 lit. c KLV. Ähnlich wie bei der Frage der
Tagesstruktur müsse auch hier moniert werden, dass die Beschwerdegegnerin die
Leistungen von C._ bei der Hilflosigkeit nicht berücksichtigen wolle, aber die
Hilflosigkeit, die beim Wegfall dieser Leistungen manifest wäre, nicht in Rechnung
stelle.
C.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 6. März 2020 auf eine Duplik (act. G 10).C.e.
Die Beschwerdeführerin hat sich im Spätsommer 2005 erstmals zum Bezug einer
Hilflosenentschädigung angemeldet. Die Beschwerdegegnerin hat das Begehren mit
einer Verfügung vom 28. März 2006 abgewiesen (IV-act. 38). Diese Verfügung ist
unangefochten in Rechtskraft erwachsen. Am 14. Februar 2019 hat sich die
Beschwerdeführerin erneut zum Bezug einer Hilflosenentschädigung angemeldet (IV-
act. 95). Dabei kann es sich also nur um eine Neuanmeldung gehandelt haben.
1.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Die Beschwerdegegnerin hat mit der angefochtenen Verfügung vom 25. Oktober 2019
einen Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung verneint. Strittig ist somit, ob die
Beschwerdeführerin einen Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung hat.
3.
Gemäss Art. 87 Abs. 2 und 3 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV,
SR 831.201) wird eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn darin glaubhaft gemacht
wird, dass sich der Grad der Hilflosigkeit in einer für den Anspruch erheblichen Weise
geändert hat. Die Beschwerdegegnerin hat nach dem Eingang der Neuanmeldung bei
der Klinik B._ und bei Dr. F._ je einen Bericht eingeholt. Gemäss dem
Austrittsbericht der Klinik B._ vom 11. Januar 2019 (IV-act. 99) besucht die
Beschwerdeführerin zweimal pro Woche die psychiatrische Tagesklinik in D._.
Dr. F._ hat am 16. Juli 2019 ebenfalls angegeben (IV-act. 105), die
Beschwerdeführerin sei zweimal pro Woche in der Tagesklinik in D._ präsent. Sie
werde zudem durch C._, Pflegefachfrau Psychiatrie, vor Ort intensiv begleitet. Sie
habe dadurch eine klare Tagesstruktur. In der Anmeldung, welche die
Beschwerdeführerin zusammen mit C._ und dem Beistand E._ ausgefüllt hat, hat
die Beschwerdeführerin in Bezug auf einen Bedarf nach einer lebenspraktischen
Begleitung angegeben, sie erhalte seit Oktober 2016 einmal pro Woche im Rahmen
eines 90 minütigen Gesprächs Beratung und Unterstützung. Im Jahr 2006 hatte die
Beschwerdegegnerin den Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung abgewiesen,
nachdem eine Mitarbeiterin der die Beschwerdeführerin betreuenden Institution
mitgeteilt hatte, die Kontakte mit der Beschwerdeführerin seien unregelmässig, sodass
die Anforderung von zwei Stunden Begleitung pro Woche nicht erfüllt sei. Im Vergleich
dazu ist es glaubhaft, dass sich der Bedarf nach einer lebenspraktischen Begleitung im
Zeitpunkt der Anmeldung vom 14. Februar 2019 erheblich erhöht hat. Die
Beschwerdegegnerin ist somit zu Recht auf die Neuanmeldung eingetreten.
1.2.
Versicherte mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz, die hilflos
sind, haben Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung (Art. 42 Abs. 1 Satz 1 des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG, SR 831.20). Als hilflos gilt, wer
wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit für alltägliche Lebensverrichtungen
dauernd der Hilfe Dritter oder der persönlichen Überwachung bedarf (Art. 9 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG,
SR 830.1). Es ist zu unterscheiden zwischen schwerer, mittelschwerer und leichter
Hilflosigkeit (Art. 42 Abs. 2 IVG).
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Zunächst ist zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin in mindestens zwei alltäglichen
Lebensverrichtungen regelmässig und in erheblicher Weise auf eine Dritthilfe
angewiesen ist oder ob sie einer dauernden persönlichen Überwachung bedarf. In der
Anmeldung vom 14. Februar 2019 (IV-act. 95) hat die Beschwerdeführerin in Bezug auf
die sechs alltäglichen Lebensverrichtungen angegeben, sie benötige lediglich im
Bereich der Fortbewegung/Pflege gesellschaftlicher Kontakte eine Dritthilfe. Einer
persönlichen Überwachung bedürfe sie nicht. Anhaltspunkte dafür, dass die
Beschwerdeführerin in einer der anderen fünf alltäglichen Lebensverrichtung auf eine
Dritthilfe angewiesen wäre oder dass sie einer persönlichen Überwachung bedürfte,
bestehen nicht. Damit ist unstrittig, dass die Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf
eine Hilflosenentschädigung wegen einer leichten Hilflosigkeit i.S.v. Art. 37 Abs. 3 lit. a
oder b IVV hat. Ebenso ist unstrittig, dass sie keiner durch ein Gebrechen bedingten
ständigen und besonders aufwendigen Pflege bedarf (Art. 37 Abs. 3 lit. c IVV) oder
wegen einer schweren Sinnesschädigung oder wegen eines schweren körperlichen
Gebrechens nur dank regelmässiger und erheblicher Dienstleistungen Dritter
gesellschaftliche Kontakte pflegen kann (Art. 37 Abs. 3 lit. d IVV). Ersteres setzt einen
täglichen Pflegeaufwand von wenigstens zwei Stunden voraus (vgl. Rz 8058 KSIH),
wofür vorliegend keine Anhaltspunkte bestehen. An einer schweren Sinnesschädigung
oder an einem schweren körperlichen Gebrechen leidet die Beschwerdeführerin
offensichtlich nicht.
Eine leichte Hilflosigkeit liegt vor, wenn die versicherte Person trotz der Abgabe
von Hilfsmitteln in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in
erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist (Art. 37 Abs. 3 lit. a IVV), einer
dauernden persönlichen Überwachung bedarf (Art. 37 Abs. 3 lit. b IVV), einer durch das
Gebrechen bedingten ständigen und besonders aufwendigen Pflege bedarf (Art. 37
Abs. 3 lit. c IVV) oder wegen einer schweren Sinnesschädigung oder wegen eines
schweren körperlichen Gebrechens nur dank regelmässiger und erheblicher
Dienstleistungen Dritter gesellschaftliche Kontakte pflegen kann (Art. 37 Abs. 3 lit. d
IVV). Die massgebenden alltäglichen Lebensverrichtungen betreffen sechs Bereiche:
Ankleiden/Auskleiden, Aufstehen/Absitzen/Abliegen, Essen, Körperpflege, Verrichten
der Notdurft und Fortbewegung (Rz 8010 KSIH). Der Bedarf nach Hilfeleistungen muss
regelmässig und in erheblicher Weise bestehen (Art. 37 IVV).
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Als hilflos gilt auch eine Person, die zu Hause lebt und die wegen einer
Beeinträchtigung der Gesundheit dauernd auf eine lebenspraktische Begleitung
angewiesen ist. Ist nur die psychische Gesundheit beeinträchtigt, so muss für die
Annahme einer Hilflosigkeit mindestens ein Anspruch auf eine Viertelsrente gegeben
sein. Ist eine (volljährige) Person lediglich dauernd auf lebenspraktische Begleitung
angewiesen, so liegt immer eine leichte Hilflosigkeit vor (Art. 42 Abs. 3 IVG, Art. 37 Abs.
3 lit. e IVV).
5.1.
Ein Bedarf nach einer lebenspraktischen Begleitung liegt vor, wenn eine volljährige
versicherte Person ausserhalb eines Heimes lebt und infolge Beeinträchtigung der
Gesundheit ohne Begleitung einer Drittperson nicht selbstständig wohnen kann (Art. 38
Abs. 1 lit. a IVV), für Verrichtungen und Kontakte ausserhalb der Wohnung auf
Begleitung einer Drittperson angewiesen ist (Art. 38 Abs. 1 lit. b IVV) oder ernsthaft
gefährdet ist, sich dauernd von der Aussenwelt zu isolieren (Art. 38 Abs. 1 lit. c IVV). Ist
lediglich die psychische Gesundheit beeinträchtigt, so muss für die Annahme einer
Hilflosigkeit gleichzeitig ein Anspruch auf eine Viertelsrente bestehen (Art. 38 Abs. 2
IVV). Zu berücksichtigen ist nur die lebenspraktische Begleitung, die regelmässig und
im Zusammenhang mit einer der Situationen nach Abs. 1 erforderlich ist. Nicht darunter
fallen insbesondere Vertretungs- und Verwaltungstätigkeiten im Rahmen von
Massnahmen des Erwachsenenschutzes nach den Artikeln 390-398 ZGB (Art. 38
Abs. 3 IVV). Regelmässig ist eine lebenspraktische Begleitung, wenn sie über drei
Monate hinweg durchschnittlich während mindestens zwei Stunden pro Woche
benötigt wird (BGE 133 V 462, E. 6.2; Rz 8053 KSIH).
5.2.
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts ist im Rahmen der
lebenspraktischen Begleitung im Sinne von Art. 38 Abs. 1 lit. a IVV neben der indirekten
auch die direkte Dritthilfe zu berücksichtigen. Wenn eine Begleitperson also die
notwendigerweise anfallenden Tätigkeiten (Tagesstrukturierung, Bewältigung von
Alltagssituationen, Haushaltsführung; vgl. Rz 8050 KSIH) selbst ausführt, weil die
versicherte Person dazu gesundheitsbedingt nicht in der Lage ist, ist auch dieser
Aufwand als Teil der lebenspraktischen Begleitung zu qualifizieren (BGE 133 V 466,
E. 10).
5.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
Zu prüfen ist, ob bei der Beschwerdeführerin ein Bedarf nach einer lebenspraktischen
Begleitung besteht.
Die Beschwerdeführerin bezieht wegen einer Beeinträchtigung der psychischen
Gesundheit seit dem 1. April 2000 eine ganze Invalidenrente (IV-act. 11, 24, 45, 55, 86).
Die Voraussetzung gemäss Art. 42 Abs. 3 Satz 2 IVG i.V.m. Art. 38 Abs. 2 IVV ist damit
erfüllt. Die Hilfe, die die Beschwerdeführerin von ihrem Beistand E._ im Rahmen der
Vertretungsbeistandschaft erhält, bildet gemäss Art. 38 Abs. 3 IVV nicht Gegenstand
einer lebenspraktischen Begleitung. Diese Hilfe fällt bei der Prüfung der
Voraussetzungen gemäss Art. 38 Abs. 1 IVV also ausser Betracht.
6.1.
Die Beschwerdeführerin lebt allein in einer Mietwohnung (IV-act. 85, 118-22). Sie
wird durch die Pflegefachfrau C._ vor Ort betreut. Zudem besucht sie zweimal pro
Woche die Tagesklinik in D._ (IV-act. 99, 105). Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin hat geltend gemacht, der Besuch der Tagesklinik diene der
Verhinderung der Isolation und der Pflege sozialer Kontakte. Die Beschwerdeführerin
habe sonst keine Kontakte. Die Beschwerdeführerin hat selber angegeben, ihre engste
Bezugsperson sei C._ (IV-act. 104). Die Beschwerdegegnerin hat sich in der
angefochtenen Verfügung zum Bedarf nach einer lebenspraktischen Begleitung wegen
einer ernsthaften Gefahr, sich dauernd von der Aussenwelt zu isolieren (Art. 38 Abs. 1
lit. c IVV), nur insoweit geäussert, als sie ausgeführt hat, beim Besuch der Tagesklinik
und der Betreuung durch C._ handle es sich um medizinisch-pflegerische
Behandlungsmassnahmen. Medizinisch-pflegerische Behandlungsmassnahmen seien
Leistungen der Krankenkasse und fänden höchstens unter Art. 37 Abs. 3 lit. c IVV
Beachtung (aufwendige Pflege). In der Beschwerdeantwort hat die
Beschwerdegegnerin festgehalten, eine Gefährdung zur Isolation von der Aussenwelt
sei gemäss Rz 8052.2 KSIH bei einem Besuch einer Tagesklinik ausgeschlossen. Im
Folgenden ist zu prüfen, was vom Anspruch auf eine lebenspraktische Begleitung i.S.v.
Art. 38 Abs. 1 lit. c IVV abgedeckt ist und ob die entsprechenden Voraussetzungen
vorliegend erfüllt sind.
6.2.
Gemäss Art. 38 Abs. 1 lit. c IVV besteht ein Bedarf nach einer lebenspraktischen
Begleitung, wenn eine volljährige versicherte Person ausserhalb eines Heimes lebt und
infolge einer Beeinträchtigung ihrer Gesundheit ernsthaft gefährdet ist, sich dauernd
von der Aussenwelt zu isolieren. Nach dem klaren Wortlaut dieser Bestimmung ist also
die ernsthafte Gefahr, dass sich eine versicherte Person infolge einer
Gesundheitsbeeinträchtigung dauernd von der Aussenwelt isoliert, massgebend. Die
6.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rein hypothetische Gefahr einer Isolation von der Aussenwelt genügt nicht; vielmehr
muss sich die Isolation bei der versicherten Person bereits manifestiert haben (Urteil
des Bundesgerichts vom 28. April 2008, 9C_543/2007, E. 5.2; Rz 8052 KSIH).
Manifestieren bedeutet sicht- oder erkennbar werden. Demnach muss eine Isolation
nicht bereits eingetreten sein, aber es müssen objektive Anzeichen dafür bestehen,
dass die ernsthafte Gefahr einer dauernden Isolation von der Aussenwelt besteht. Das
von Art. 38 Abs. 1 lit. c IVV versicherte Gut ist die Fähigkeit, selbstständig leben zu
können und ausreichende soziale Kontakte zu pflegen, also ein selbständiges Leben zu
führen, ohne sich dauernd von der Aussenwelt zu isolieren. Damit verbunden ist das
Ziel, dass sich dank der im Rahmen einer lebenspraktischen Begleitung geleisteten
Hilfe der Gesundheitszustand der versicherten Person nicht verschlechtert (vgl.
Rz 8052 KSIH). Der anspruchsbegründende versicherte Schaden besteht in der
ernsthaften Gefahr, dass sich eine versicherte Person dauernd von der Aussenwelt
isolieren könnte. Die versicherte Leistung besteht in der Hilflosenentschädigung, die die
versicherte Person benötigt, um die ernsthafte Gefahr einer dauernden Isolation von
der Aussenwelt abzuwenden, indem sie die Hilfe leistende Person entschädigt. Im
Zentrum steht also die Abwendung der ernsthaften Gefahr einer dauernden Isolation
von der Aussenwelt; diese stellt das versicherte Schadenereignis dar. Das Bundesamt
für Sozialversicherung verkennt diesen Umstand, wenn es in Rz 8052.2 KSIH festhält,
beim Besuch einer Tagesstruktur bestehe nie die Gefahr einer dauernden Isolation.
Massgebend ist jedoch vielmehr, ob sich eine versicherte Person infolge einer
gesundheitlichen Beeinträchtigung dauernd von der Aussenwelt isolieren würde, wenn
sie keine Tagesstruktur besuchen würde, da bereits die ernsthafte Gefahr einer
dauernden Isolation versichert ist. Verwaltungsweisungen richten sich an die
Durchführungsstellen und sind für das Sozialversicherungsgericht nicht verbindlich.
Dieses soll sie bei seiner Entscheidung aber berücksichtigen, sofern sie eine dem
Einzelfall angepasste und gerecht werdende Auslegung der anwendbaren gesetzlichen
Bestimmungen zulassen und eine überzeugende Konkretisierung der rechtlichen
Vorgaben darstellen (BGE 144 V 367, E. 6.2.8; 133 V 455, E. 2.2.3). Das Bundesgericht
hat festgehalten, die in Rz 8050-8052 KSIH vorgenommene Konkretisierung der
Anwendungsfälle der lebenspraktischen Begleitung erweise sich grundsätzlich als
sachlich gerechtfertigt und damit als gesetzes- und verordnungskonform (BGE 133 V
449, E. 9; Urteil des Bundesgerichts vom 28. April 2008, E. 5 m.w.H.). Rz 8052.2 KSIH
ist aber erst in die ab 1. Januar 2014 geltende Version des KSIH aufgenommen
worden. Seither hatte das Bundesgericht keine Gelegenheit mehr, sich zur Gesetzes-
und Verordnungskonformität der Ausführungen in Rz 8052 ff. KSIH betreffend die
Begleitung zur Vermeidung dauernder Isolation zu äussern. Nach dem oben Gesagten
stellt die Aussage in Rz 8052.2 KSIH in Bezug auf den Besuch einer Tagesstruktur
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
keine überzeugende Konkretisierung der rechtlichen Vorgaben dar, sondern ist
gesetzes- und verordnungswidrig. Damit liegt ein triftiger Grund vor, von dieser
Verwaltungsweisung abzuweichen.
Der Bedarf nach einer lebenspraktischen Begleitung wegen einer ernsthaften
Gefahr, sich dauernd von der Aussenwelt zu isolieren, kann somit nicht mit der
Begründung, dass die Beschwerdeführerin zweimal pro Woche die Tagesklinik in D._
besuche, verneint werden. Massgebend ist vielmehr, ob sich die Beschwerdeführerin
dauernd von der Aussenwelt isolieren würde, wenn sie die Tagesklinik nicht besuchen
würde. Ebenfalls relevant ist die Begleitung durch C._. Den Akten lassen sich
allerdings keine Angaben entnehmen, welche mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit belegen würden, dass die Beschwerdeführerin ohne den Besuch
der Tagesklinik und ohne die Begleitung durch C._ tatsächlich ernsthaft gefährdet
wäre, sich dauernd von der Aussenwelt zu isolieren. Im Bericht der Klinik B._ vom
14. März 2017 (IV-act. 118-28) ist zwar festgehalten worden, die Versicherte habe beim
Eintritt angegeben, sie habe die Tagesklinik vor einer Woche zuletzt besucht und sich
sozial komplett isoliert. Diese Information dürfte aber weitgehend auf den Angaben der
Beschwerdeführerin beruhen. Sie ist deshalb nicht geeignet, die ernsthafte Gefährdung
einer dauernden Isolation von der Aussenwelt mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu belegen. Auch die Angabe im Fragebogen (IV-act. 104), wonach
die Beschwerdeführerin ausschliesslich in der Tagesklinik Kontakte pflege, beruht auf
den Selbstangaben der Beschwerdeführerin. Die Beschwerdeführerin hat zwar
angegeben, den Fragebogen zusammen mit C._ ausgefüllt zu haben. C._ hat
diesen aber nicht unterzeichnet, weshalb nicht erstellt ist, dass sie die darin
enthaltenen Angaben bestätigt hat. Im Bericht der Klinik B._ vom 13. September
2016 (IV-act. 85) ist schliesslich angegeben worden, die Beschwerdeführerin neige zu
einem chaotischen Verhalten im Alltag. Dies allein genügt jedoch nicht, um die
ernsthafte Gefahr einer dauernden Isolation von der Aussenwelt zu belegen.
Diesbezüglich ist der medizinische Sachverhalt also noch nicht ausreichend abgeklärt
worden. Die Angelegenheit ist deshalb an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Es
ist ihr überlassen, auf welche Weise sie diese Abklärungen vornimmt. Idealerweise wird
sie hierfür eine psychiatrische Fachperson beiziehen.
6.4.
Ein Bedarf nach einer lebenspraktischen Begleitung liegt auch vor, wenn eine
volljährige versicherte Person ausserhalb eines Heimes lebt und infolge einer
Beeinträchtigung der Gesundheit für Verrichtungen und Kontakte ausserhalb der
Wohnung auf Begleitung einer Drittperson angewiesen ist (Art. 38 Abs. 1 lit. b IVV). Die
Beschwerdeführerin hat dazu im Fragebogen angegeben (IV-act. 104), sie werde bei
6.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Behördengängen und zu Arztbesuchen zwecks Termineinhaltung sowie zum
Verständnis und zur Unterstützung von C._ begleitet. Der Zeitaufwand betrage
einmal monatlich eineinhalb Stunden. Weitere Anhaltspunkte dafür, dass die
Beschwerdeführerin einer Begleitung bedürfte, um ihre Wohnung für bestimmte
notwendige Verrichtungen und Kontakte zu verlassen (dazu zählen etwa Einkaufen,
Freizeitaktivitäten, Coiffeurbesuche, Kontakte mit Amtsstellen oder Medizinalpersonen,
vgl. Rz 8051 KSIH), bestehen nicht. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat in
der Replik zu dieser Form der lebenspraktischen Begleitung auf Ausführungen in der
Beschwerde verwiesen. Letztere beziehen sich jedoch auf eine lebenspraktische
Begleitung zur Ermöglichung des selbstständigen Wohnens. Mit der Angabe der
Beschwerdeführerin allein, dass sie die Begleitung von C._ für Behördengänge und
Arztbesuche benötige, ist nicht objektiv erstellt, dass sie ohne diese Begleitung nicht in
der Lage wäre, die Wohnung zu diesen Zwecken zu verlassen. Auch die Angabe im
Bericht der Klinik B._ vom 13. September 2016 (IV-act. 85), dass die
Beschwerdeführerin im Alltag zu einem chaotischen Verhalten neige, ist zu pauschal
und daher nicht geeignet, einen Hilfebedarf mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen. Der Sachverhalt ist also auch in diesem
Punkt unzureichend abgeklärt worden. Die Angelegenheit ist deshalb für weitere
Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Zu prüfen bleibt, ob die Beschwerdeführerin ohne eine Begleitung einer Drittperson
nicht selbstständig wohnen könnte (vgl. Art. 38 Abs. 1 lit. a IVV). Eine lebenspraktische
Begleitung zur Ermöglichung des selbstständigen Wohnens ist notwendig, wenn die
versicherte Person auf Hilfe bei der Tagesstrukturierung, bei der Bewältigung von
Alltagssituationen (z.B. Fragen zu Gesundheit, Ernährung und Hygiene, einfache
administrative Tätigkeiten etc.) oder im Haushalt angewiesen ist (Rz 8050 KSIH). Die
Beschwerdeführerin hat im Fragebogen angegeben (IV-act. 104), sie besorge den
Haushalt mehr oder weniger selbstständig. Sie führe dazu motivierende Gespräche mit
C._. Diese helfe ihr bei der Tagesstrukturierung, indem sie mit ihr ein- bis zweimal
wöchentlich die anstehenden Termine bespreche und bei Bedarf von ihr per SMS
daran erinnert werde. Zudem bespreche sie mit ihr auch Fragen zu Ernährung und
Gewicht. Die Beschwerdegegnerin hat dagegen im Wesentlichen vorgebracht, bei den
durch C._ erbrachten Leistungen handle es sich um reine Pflegeleistungen gemäss
Art. 7 Abs. 2 lit. a und b KLV, welche nicht als lebenspraktische Begleitung zu
qualifizieren seien. Sie hat sich dabei auf die ärztliche Verordnung der Leistungen vom
1. Juli 2019 bis zum 31. Dezember 2019 (vgl. IV-act. 119) berufen. Im Weiteren hat sie
ausgeführt, die lebenspraktische Begleitung falle unter die Massnahmen der
Grundpflege gemäss Art. 7 Abs. 2 lit. c KLV; solche Leistungen würden gemäss der
6.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.
ärztlichen Verordnung jedoch nicht erbracht. Anhand der Akten ist nicht objektiv
erstellt, welche Leistungen C._ in welchem Umfang tatsächlich erbringt. Auf die
ärztliche Verordnung (und die kaum lesbare Klientenabrechnung, IV-act. 128-3) alleine
ist nicht abzustellen, da die Möglichkeit besteht, dass C._ weitere Leistungen oder
auch Leistungen in einem geringeren Umfang als verordnet erbringt. Der medizinische
Sachverhalt ist somit auch in dieser Hinsicht unzureichend abgeklärt worden. Die
Angelegenheit ist deshalb an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Es ist ihr
überlassen, auf welche Weise sie den Sachverhalt weiter abklärt. Eine Möglichkeit
wäre, C._ aufzufordern, die erbrachten Leistungen während drei Monaten nach
Zweck und Dauer exakt aufzulisten.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der medizinische Sachverhalt in Bezug
auf alle drei Formen der lebenspraktischen Begleitung nicht ausreichend abgeklärt
worden ist. Demnach ist die Angelegenheit zu weiteren medizinischen Abklärungen im
Sinne der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Da ein Anspruch
auf eine Hilflosenentschädigung grundsätzlich nach dem Ablauf des Wartejahres
entsteht und damit nicht vom Zeitpunkt der Anmeldung abhängig ist (vgl. BGE 144 V
363 ff. E. 6.2, 137 V 351; Rz 8092 und 8095 ff. KSIH), ist im Zuge der weiteren
Abklärungen insbesondere relevant, ab welchem Zeitpunkt ein allfälliger Bedarf nach
einer lebenspraktischen Begleitung bestanden hat. Die Frage, ob dieser so erheblich
ist, dass ohne eine lebenspraktische Begleitung eine Verwahrlosung und/oder eine
Heimeinweisung die Folge wäre (vgl. Rz 8040 KSIH), kann erst nach der Vornahme
weiterer Abklärungen beurteilt werden. Sollte sich aufgrund der weiteren Abklärungen
ergeben, dass ein Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung besteht, wird die
Beschwerdegegnerin auch zu prüfen haben, ob und gegebenenfalls wie der Anspruch
auf eine Hilflosenentschädigung mit einem allfälligen Anspruch auf eine Vergütung
derselben Leistungen durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung zu
koordinieren ist.
6.7.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erweist
sich als angemessen. Praxisgemäss ist die Rückweisung an die Verwaltung zur
weiteren Abklärung als volles Obsiegen des Beschwerdeführers zu werten (vgl. BGE
132 V 235, E. 6.1). Dementsprechend ist die Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
vollumfänglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
7.1.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte