Decision ID: 0ccaccb1-9f05-4eba-99a2-b37d1f202f2d
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
grobe Verletzung der Verkehrsregeln und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 1. Abteilung -
Einzelgericht, vom 10. November 2016
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Anklage:
Der als Anklageschrift dienende Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat
vom 20. Juli 2016 (Urk. 27) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz (Urk. 45 S. 24 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der vorsätzlichen groben Verletzung der Verkehrsre-
geln im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 27 Tagessätzen zu Fr. 80.–,
wovon 27 Tagessätze durch Haft erstanden sind.
3. Auf den Widerruf der mit Urteil der Staatsanwaltschaft Höfe/Einsiedeln vom 20. Juni
2014 bedingt ausgesprochene Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu Fr. 100.– wird
verzichtet, hingegen wird die Probezeit von 2 Jahren um 1 Jahr verlängert.
4. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 1'200.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 1'600.– Gebühr Anklagebehörde
Fr. 572.40 Auslagen Untersuchung
Fr. 10'800.– amtliche Verteidigung Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
5. Rechtsanwalt lic. iur. X._ wird für seine Aufwendungen als amtlicher Vertei-
diger des Beschuldigten mit Fr. 10'800.– (inkl. Barauslagen und 8 % MwSt.) aus der
Gerichtskasse entschädigt.
6. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt.
7. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden unter Vorbehalt einer Nach-
forderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO auf die Gerichtskasse genommen.
8. (Mitteilungen)
9. (Rechtsmittel)"
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Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 58 S. 1)
1. Es sei unter Aufhebung des vorinstanzlichen Urteils der Beschuldigte vom
Vorwurf der vorsätzlichen groben Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne
von Art. 90 Abs. 2 SVG von Schuld und Strafe freizusprechen;
2. Dem Beschuldigten sei eine Entschädigung in der Höhe von CHF 10'000.–
zuzüglich 5% Verzugszins seit 24. Februar 2016 zuzusprechen.
3. Die Verfahrenskosten inkl. derjenigen der amtlichen Verteidigung seien auf

Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. Zum Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann zwecks Ver-
meidung von unnötigen Wiederholungen auf die zutreffenden Erwägungen der
Vorinstanz im angefochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 45 S. 3 f.; Art. 82
Abs. 4 StPO).
1.2. Mit Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 1. Abteilung - Einzelgericht, vom
10. November 2016 wurde der Beschuldigte A._ im Sinne des eingangs wie-
dergegebenen Urteilsdispositivs schuldig gesprochen und bestraft. Gegen dieses
Urteil liess er innert Frist mit Schreiben vom 14. November 2016 Berufung anmel-
den (Urk. 41). Das begründete Urteil wurde dem Verteidiger des Beschuldigten in
der Folge am 10. März 2017 zugestellt (Urk. 43/2), woraufhin die Verteidigung mit
Eingabe vom 29. März 2017 fristgerecht die Berufungserklärung beim hiesigen
Gericht einreichte (Urk. 47).
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1.3. Mit Präsidialverfügung vom 30. März 2017 wurde der Anklagebehörde Frist
angesetzt, um Anschlussberufung zu erheben oder begründet ein Nichteintreten
auf die Berufung zu beantragen. Gleichzeitig wurde dem Beschuldigten Frist zur
Einreichung des Datenerfassungsblattes angesetzt (Urk. 49). Während der Be-
schuldigte das Datenerfassungsblatt am 24. April 2017 dem Gericht einreichte
(Urk. 52), liess sich die Anklagebehörde innert Frist nicht vernehmen.
1.4. Am 2. Oktober 2017 fand die Berufungsverhandlung statt, zu welcher der
Beschuldigte in Begleitung seines amtlichen Verteidigers Rechtsanwalt lic. iur.
X._ erschienen ist (Prot. II S. 4).
2. Umfang der Berufung
In ihrer Berufungserklärung vom 29. März 2017 erklärte die Verteidigung des Be-
schuldigten, das vorinstanzliche Urteil vollumfänglich anzufechten (Urk. 47 S. 2).
Anlässlich der Berufungsverhandlung vom 2. Oktober 2017 erklärte sie auf ent-
sprechende Frage, die Kostenfestsetzung durch die Vorinstanz zu akzeptieren
(Prot. II S. 5). Dementsprechend ist Dispositiv Ziff. 4 des vorinstanzlichen Urteils
(Kostenfestsetzung) nicht angefochten und damit in Rechtskraft erwachsen, was
vorab mittels Beschluss festzustellen ist (Art. 404 Abs. 1 StPO).
2.1. Im übrigen Umfang steht das vorinstanzliche Urteil zwecks Überprüfung
zur Disposition.
3. Fehlendes Schlusswort
3.1. Die Verteidigung rügt im Berufungsverfahren, dem Beschuldigten sei vor
Vorinstanz das Schlusswort nicht gewährt worden (Urk. 58 S. 3).
3.2. Nach Erstattung der Parteivorträge hat der Beschuldigte das Recht auf das
letzte Wort (Art. 347 Abs. 1 StPO). Anschliessend erklärt die Verfahrensleitung
die Parteiverhandlung für geschlossen (Art. 347 Abs. 2 StPO) und schreitet her-
nach zur Urteilsberatung (Art. 348 StPO).
3.3. Dem vorinstanzlichen Verfahrensprotokoll lässt sich nicht entnehmen, ob
und wann die Parteiverhandlung für geschlossen erklärt wurde. Eben so wenig ist
https://swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/44b6d0e8-812c-44f6-b715-7d30bd96938d?source=document-link&SP=4|mji0ni https://swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/44b6d0e8-812c-44f6-b715-7d30bd96938d?source=document-link&SP=4|mji0ni https://swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/13a1ccb0-6fa6-4eac-872e-f1b096e441cb?source=document-link&SP=4|mji0ni
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aus dem Protokoll ersichtlich, dass dem Beschuldigten die Möglichkeit eingeräumt
wurde, ein Schlusswort zu erstatten respektive ob er darauf verzichtet hat (Prot. I
S. 13). Mithin ist die Rüge der Verteidigung berechtigt. Eine Rückweisung an die
Vorinstanz wird von der Verteidigung allerdings nicht beantragt und würde über-
dies auch ausser Betracht fallen, weil der Mangel nicht derart wesentlich ist, dass
er im Berufungsverfahren nicht geheilt werden könnte (Art. 409 Abs. 1 StPO).
II. Anklagevorwurf
1. Anklagevorwurf gemäss Strafbefehl vom 20. Juli 2016
Dem Beschuldigten wird in dem als Anklageschrift dienenden Strafbefehl vom
20. Juli 2016 zusammengefasst vorgeworfen, er habe am 24. Januar zwischen
00.45 und 00.50 Uhr seinen hellgrauen Personenwagen Mercedes Benz E350
(ZH ...) auf der Autobahn A1 [recte A3] von Zürich in Richtung Wädenswil ge-
lenkt. Kurz nachdem der Mitbeschuldigte B._, welcher mit einem dunkel-
grauen Personenwagen Audi A5 (ZH ...) unterwegs gewesen sei, C._ in sei-
nem PW Audi A1 (SZ ...) überholt und unmittelbar vor diesem auf der Normalspur
eingespurt habe, sei der Beschuldigte auf der Überholspur angefahren gekom-
men. Als er sich neben dem Audi A5 von B._ befunden habe, habe er wäh-
rend des Überholmanövers so abgebremst, dass er mit diesem eine Mauer gebil-
det habe. Beide seien einige Sekunden lang genau gleich schnell und mit einer
Geschwindigkeit von deutlich unter 100 km/h gefahren, wodurch die Gefahr eines
schweren Unfalls bestanden habe, da andere Verkehrsteilnehmer nicht mit einer
langsam fahrenden "Mauer" hätten rechnen müssen (Urk. 27 S. 3).
2. Vorbringen der Verteidigung
Die Verteidigung rügte bereits vor Vorinstanz, im ersten Abschnitt des Strafbe-
fehls sei B._ fälschlicherweise als "..." bezeichnet worden (Urk. 34 S. 2). Im
Berufungsverfahren brachte die Verteidigung sodann vor, die Vorinstanz habe in
der Begründung des angefochtenen Urteils auch Aussagen der Beteiligten ohne
Bezug zum Anklagesachverhalt berücksichtigt. Zu Beginn der Ermittlungen gegen
den Beschuldigten sei wegen Gefährdung des Lebens, qualifizierter grober Ver-
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letzung der Verkehrsregeln durch Schikanestopp, ungenügendem Abstand beim
Hintereinanderherfahren und beim Überholen ermittelt worden, wobei schlussend-
lich der grösste Teil der Vorwürfe von der Anklägerin fallen gelassen worden sei-
en. Übrig geblieben sei ein Strafbefehl betreffend eine kleine vermutungsweise
überschaubare Frequenz dieser nächtlichen Fahrt, wobei diesem Strafbefehl nicht
entnommen werden könne, welche Verkehrsregel der Beschuldigte in grober
Weise verletzt haben soll (Urk. 58 S. 2 f.). Entgegen der Vorinstanz lasse sich den
Akten nicht entnehmen, dass der Beschuldigte brüsk gebremst haben soll. Aus-
serdem halte sich die Vorinstanz mit dieser Annahme nicht an den Wortlaut der
Anklage (Urk. 58 S. 6 ff.).
3. Anklagegrundsatz
3.1. Nach dem Anklagegrundsatz (Art. 9 Abs. 1 StPO) bestimmt die Anklage-
schrift den Gegenstand des Gerichtsverfahrens und dient der Information der be-
schuldigten Person. Das Bundesgericht hat in seinem Entscheid BGE143 IV 63
E. 2.2 den Anklagegrundsatz wie folgt umschrieben:
Nach dem Anklagegrundsatz bestimmt die Anklageschrift den Gegenstand des
Gerichtsverfahrens (Umgrenzungsfunktion; Art. 9 und Art. 325 StPO; Art. 29
Abs. 2 und Art. 32 Abs. 2 BV; Art. 6 Ziff. 1 und Ziff. 3 lit. a und b EMRK). Das Ge-
richt ist an den in der Anklage wiedergegebenen Sachverhalt gebunden (Immuta-
bilitätsprinzip), nicht aber an dessen rechtliche Würdigung durch die Anklage-
behörde (vgl. Art. 350 StPO). Die Anklage hat die der beschuldigten Person zur
Last gelegten Delikte in ihrem Sachverhalt so präzise zu umschreiben, dass die
Vorwürfe in objektiver und subjektiver Hinsicht genügend konkretisiert sind. Das
Akkusationsprinzip bezweckt zugleich den Schutz der Verteidigungsrechte der
beschuldigten Person und dient dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Informa-
tionsfunktion; BGE 141 IV 132 E. 3.4.1; 140 IV 188 E. 1.3; 133 IV 235 E. 6.2 f.;
126 I 19 E. 2a; je mit Hinweisen). Die beschuldigte Person muss unter dem Ge-
sichtspunkt der Informationsfunktion aus der Anklage ersehen können, wessen
sie angeklagt ist. Das bedingt eine zureichende Umschreibung der Tat. Entschei-
dend ist, dass der Betroffene genau weiss, welcher konkreter Handlungen er be-
schuldigt und wie sein Verhalten rechtlich qualifiziert wird, damit er sich in seiner
https://swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/92e77335-1a98-4d60-a219-1ef7aadcc6b6?source=document-link&SP=3|mji0ni
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Verteidigung richtig vorbereiten kann. Er darf nicht Gefahr laufen, erst an der Ge-
richtsverhandlung mit neuen Anschuldigungen konfrontiert zu werden
(vgl. BGE 103 Ia 6 E. 1b; Urteile 6B_492/2015 vom 2. Dezember 2015 E. 2.2,
nicht publ. in: BGE 141 IV 437; 6B_1073/2014 vom 7. Mai 2015 E. 1.2;
6B_344/2011 vom 16. September 2011 E. 3; je mit Hinweisen).
3.2. Vorliegend gilt der Strafbefehl vom 20. Juli 2016 (Urk. 27) als Anklage-
schrift, da die Staatsanwaltschaft nach einer Einsprache am Strafbefehl festge-
halten hat (Art. 356 Abs. 1 StPO; Urk. 30). Gemäss der Rechtsprechung des
Bundesgerichts muss die Sachverhaltsumschreibung im Strafbefehl aufgrund der
Doppelfunktion des Strafbefehls den an eine Anklageschrift gestellten Ansprü-
chen vollumfänglich genügen. Dementsprechend bedarf es einer konzisen, aber
dennoch genauen Beschreibung des dem Beschuldigten vorgeworfenen Sach-
verhalts (BGE 140 IV 188 E. 1.4 und 1.5).
3.3. Zunächst ist die Rüge der Verteidigung, im ersten Abschnitt des Strafbe-
fehls sei B._ fälschlicherweise als "..." bezeichnet worden, zutreffend
(Urk. 34 S. 2). Überdies ist unter dem Deliktsort zwar die A3 aufgeführt, im ersten
Sachverhaltsabschnitt ist jedoch fälschlicherweise von der Autobahn A1 die Rede
(Urk. 27 S. 3). Diese Ungenauigkeiten stellen jedoch noch keine Verletzung des
Anklagegrundsatzes dar, zumal aus den Vorbringen des Beschuldigten hervor-
geht, dass er wusste, was ihm vorgeworfen wird.
3.4. Sodann wird dem Beschuldigten im Strafbefehl vorgeworfen, er habe durch
eine grobe Verletzung der Verkehrsregeln eine ernstliche Gefahr für die Sicher-
heit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ohne zu umschreiben, wel-
che wichtige Verkehrsregel der Beschuldigte im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG
verletzt haben soll. Eine solche Bestimmung findet sich weder beim Erkenntnis
noch unter dem Titel "Tatbestand und Begründung", obwohl die Anklageschrift die
nach Auffassung der Staatsanwaltschaft erfüllten Straftatbestände unter Angabe
der anwendbaren Gesetzesbestimmungen zu bezeichnen hätte (Art. 325 Abs. 1
lit. g StPO). Überdies wurde die Anklage vor Vorinstanz auch nicht begründet
(Prot. I S. 5). Zwar ist die Bezeichnung der anwendbaren Gesetzesbestimmungen
mit Blick auf das Anklageprinzip nur von relativer Bedeutung, weil das Gericht
https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/5dd672ad-bbfa-4132-86f9-4bb97ca78823?citationId=b0c53add-e2a1-42df-a9a2-6e0d19bb87eb&source=document-link&SP=3|mji0ni https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/7985dd37-7a0f-4edf-83cd-5fdfba7d6439?citationId=17405c35-e826-490f-8b7e-b23ccf9d554f&source=document-link&SP=3|mji0ni https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/1b291acc-b1ed-430b-b43e-01c135c26e33?citationId=ad61fb16-ba3e-4c76-8bc8-23cf710ba582&source=document-link&SP=3|mji0ni https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/efd23259-55be-492b-a797-2b1828b9d862?citationId=7816b972-7c37-4239-a41d-2ca7d0b3c63e&source=document-link&SP=3|mji0ni https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/61746c5d-5a39-4829-b608-123d2b458dcc?citationId=ab445a20-433a-41fb-912a-75e727deef42&source=document-link&SP=3|mji0ni
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nicht an diese rechtliche Qualifikation gebunden ist (Schmid, StPO Praxis-
kommentar, Zürich/St. Gallen 2009, Art. 325 N 12). Da es sich bei Art. 90 SVG
aber um eine Blankettstrafnorm handelt, bedarf die Bestimmung der Ergänzung
durch konkrete Verkehrsvorschriften, die verletzt worden sind. Eine Verurteilung
allein gestützt auf Art. 90 SVG ohne Nennung der Verletzung einer konkreten
Verkehrsvorschrift ist daher ausgeschlossen (BGE 100 IV 73; Ph. Weissenberger,
Kommentar Strassenverkehrsgesetz und Ordnungsbussengesetz mit Änderungen
nach Via Secura, Zürich/St. Gallen 2015, Art. 90 N 2; H. Giger, SVG Kommentar
Strassenverkehrsgesetz mit weiteren Erlassen, 8. Aufl., Zürich 2014, Art. 90 N 1).
Dass aufgrund des Strafbefehls nicht klar ist, welche Verletzung der Verkehrs-
regeln dem Beschuldigten genau vorgeworfen wird, zeigt sich auch darin, dass
die Vorinstanz schlussendlich Art. 12 Abs. 2 VRV als verletzt erachtete (Urk. 27
S. 3), was zuvor nie ein Thema war und wozu sich dementsprechend auch die
Verteidigung nicht geäussert hatte (vgl. Urk. 34).
3.5. Des Weiteren ist im Strafbefehl vom 20. Juli 2016 aber auch das vor-
geworfene Tatverhalten sowie die drohende Gefahr eines schweren Unfalls unzu-
reichend umschrieben. Dem Beschuldigten wird wie erwähnt vorgeworfen, so ab-
gebremst zu haben, dass er mit dem Mitbeschuldigten B._ eine Mauer gebil-
det habe, weil beide "einige Sekunden lang" genau gleich schnell gefahren seien.
Dass sich hinter dem Beschuldigten weitere Fahrzeuge befanden, welche durch
das Abbremsen und die gebildete Mauer gefährdet wurden, ist im Strafbefehl
nicht erwähnt. Geht man aber – wie auch die Vorinstanz – davon aus, dass die
Anklagebehörde dem Beschuldigten eigentlich eine Verletzung von Art. 12 Abs. 2
VRV vorwerfen wollte, wäre dieser Umstand wesentlich. Nach Art. 12 Abs. 2 VRV
ist brüskes Bremsen nur gestattet, wenn kein Fahrzeug folgt und im Notfall.  BGE 117 IV 504 bremst brüsk im Sinne dieser Bestimmung, wer – wenn
ein anderes Fahrzeug folgt – auf Autobahnen sein Fahrzeug durch Bremsen
mehr als nur unwesentlich verzögert, wobei brüskes Bremsen nur dann eine Ver-
letzung von Art. 12 Abs. 2 VRV darstelle, wenn durch dieses Verhalten andere
Verkehrsteilnehmer gefährdet werden. Allgemein unzulässig ist hingegen das
brüske bzw. "grundlos scharfe Bremsen aus Böswilligkeit" (E. 1 und E. 2, mit
Hinweis auf BGE 99 IV 100 ff.). Dem Strafbefehl lässt sich weder entnehmen,
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dass dem Beschuldigten ein anderes Fahrzeug folgte, noch dass er grundlos aus
Böswilligkeit scharf abbremste. Selbst wenn sich die fehlenden Informationen
teilweise aus den Akten ergeben würden, hilft das vorliegend nicht weiter, weil
aus dem Strafbefehl selbst ersichtlich sein muss, welcher konkrete Lebensvor-
gang zur Beurteilung steht. Es genügt nicht, dass sich der Sachverhalt aus den
Akten ergibt (BGE 140 IV 188 E. 1.6). Folglich verletzt der vorliegende Strafbefehl
den Anklagegrundsatz in verschiedener Hinsicht.
3.6. Bei einer Verletzung des Anklagegrundsatzes ist die Anklage in der Regel
zurückzuweisen (Art. 379 i.V.m. Art. 329 Abs. 2 StPO; Niggli/Heimgartner, in
Niggli/Heer/Wiprächtiger [Hrsg.], Basler Kommentar, Schweizerische Straf-
prozessordnung, 2. Aufl., Basel 2014, [nachfolgend zitiert BSK StPO-Verfasser],
Art. 9 N 62). Auf eine Rückweisung ist vorliegend jedoch zu verzichten, weil selbst
bei einer Verbesserung der Anklageschrift höchstwahrscheinlich ein Freispruch zu
ergehen hätte:
3.6.1. Wie zuvor dargelegt, setzt eine Verletzung von Art. 12 Abs. 2 VRV voraus,
dass ein anderes Fahrzeug folgt bzw. grundlos aus Böswilligkeit scharf gebremst
wird (BGE 117 IV 504 E. 1 und E. 2). Gemäss Aussagen der Auskunftsperson
C._ hatte es zum Tatzeitpunkt wenig Verkehr (Urk. 2 S. 4). Auch die Zeugin
D._ führte auf die Frage, ob es zu diesem Zeitpunkt noch andere Verkehrs-
teilnehmer auf der Autobahn in diesem Bereich Richtung Chur gehabt habe, aus,
es sei ein weiteres Fahrzeug – ein Golf oder so ähnlich – auf der Autobahn gewe-
sen, mit welchen der Beschuldigte und der Mitbeschuldigte das selbe gemacht
hätten (Urk. 3 S. 5 f.). Es ist deshalb fraglich, ob sich selbst bei einer Verbesse-
rung der Anklageschrift die drohende Gefahr eines schweren Unfalls durch das
Abbremsen des Beschuldigten bzw. die Mauerbildung von wenigen Sekunden bei
der geschilderten Verkehrslage rechtsgenügend erstellen lassen würde.
3.6.2. Sodann hat die Vorinstanz zutreffend festgehalten, dass sich die gefahre-
nen Geschwindigkeiten allein gestützt auf die Aussagen der Beteiligten nicht er-
stellen lassen (Urk. 45 S. 18), woran auch eine Verbesserung der Anklageschrift
nichts ändern würde. Hingegen ging die Vorinstanz dann davon aus, dass der
Beschuldigte sein Fahrzeug mehr als nur unwesentlich verzögert und damit brüsk
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gebremst habe (Urk. 45 S. 18). Die Verteidigung rügt zutreffend, dass sich
die Vorinstanz diesbezüglich bei der Feststellung des Sachverhaltes nicht an den
Wortlaut der Anklage gehalten hat. Im Strafbefehl vom 20. Juli 2016 wird dem Be-
schuldigten nämlich "lediglich" vorgeworfen, so abgebremst zu haben, dass der
PW Mercedes Benz mit dem Audi A5 eine Mauer gebildet habe, weil beide einige
Sekunden lang genau gleich schnell mit einer Geschwindigkeit von deutlich unter
100 km/h gefahren seien (Urk. 27 S. 3). Wie oder über welche Dauer dieser
Bremsvorgang stattgefunden haben soll, lässt sich dem Strafbefehl nicht ent-
nehmen. Mithin wird dem Beschuldigten im Strafbefehl weder explizit ein brüskes
Bremsen noch eine Verletzung von Art. 12 Abs. 2 VRV vorgeworfen, weshalb der
von der Vorinstanz als erstellt erachtete Sachverhalt nicht von der Anklage erfasst
ist. Selbst bei einer Verbesserung der Anklageschrift in diesem Sinne würde sich
aber die Frage stellen, ob sich der Sachverhalt rechtsgenügend erstellen lässt. So
werfen die Auskunftsperson C._ und die Zeugin D._ zwar dem Mit-
beschuldigten B._ ein starkes Abbremsen vor (Urk. 2 S. 2), betreffend den
Beschuldigten beschreiben sie aber jeweils nur, er habe so abgebremst, dass er
mit B._ auf der gleichen Höhe gefahren sei bzw. er sei auf die Höhe des Au-
dis gefahren, habe diesen aber nicht überholt (Urk. 2 S. 2 u. S. 3; Urk. 3 S. 2 u.
S. 4; Urk. 11/5 S. 3; Urk. 11/3 S. 7). Von einem brüsken Abbremsen des Beschul-
digten ist folglich nie die Rede.
3.6.3. Somit bleibt einzig noch der Vorwurf der Mauerbildung übrig. Diesbezüglich
stellt sich aber mit der Verteidigung die Frage, worin der Unterschied zu einem
langsamen Überholmanöver liegt und folglich auch, inwiefern dadurch eine grosse
Unfallgefahr für andere Verkehrsteilnehmer bestand, wenn die Mauerbildung le-
diglich "einige Sekunden" dauerte.
4. Fazit
Zusammenfassend verletzt der Strafbefehl vom 20. Juli 2016 den Anklage-
grundsatz im Sinne von Art. 9 Abs. 1 StPO. Des Weiteren lässt sich aus dem
Strafbefehl aber ohnehin keine Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von
Art. 90 Abs. 2 SVG ableiten, weil nicht ersichtlich ist, inwiefern der Beschuldigte
durch das ihm vorgeworfene Verhalten die Verkehrssicherheit ernstlich gefährdet
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haben soll. Dementsprechend ist der Beschuldigte vollumfänglich freizusprechen
ist.
III. Widerruf / Verlängerung der Probezeit
Nachdem der Beschuldigte im vorliegenden Verfahren vollumfänglich freizu-
sprechen ist, fällt auch ein Widerruf der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft der
Staatsanwaltschaft Höfe/Einsiedeln vom 20. Juni 2014 bedingt ausgesprochenen
Geldstrafe oder eine Verlängerung der Probezeit ausser Betracht (Art. 46 StGB e
contrario).
IV.Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Kosten
Der Beschuldigte obsiegt im vorliegenden Verfahren vollumfänglich. Damit sind
sämtliche Kosten der Untersuchung wie auch des erstinstanzlichen Verfahrens,
einschliesslich der Kosten der amtlichen Verteidigung, auf die Gerichtskasse zu
nehmen (Art. 426 Abs. 1 und Art. 428 Abs. 1 StPO). Die Gerichtsgebühr für das
Berufungsverfahren hat schliesslich ausser Ansatz zu fallen.
2. Entschädigung für die amtliche Verteidigung
Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten, Rechtsanwalt lic. iur. X._, reich-
te mit Eingabe vom 2. Oktober 20017 seine Honorarnote für seine Aufwendungen
im Berufungsverfahren ein (Urk. 59). Die geltend gemachten Aufwendungen sind
ausgewiesen und erweisen sich als angemessen. Zusätzlich ist dem Verteidiger
der Aufwand für die Berufungsverhandlung von einer Stunde (zzgl. MWSt.; Prot. II
S. 4 ff.) zu entschädigen. Mithin ist der amtliche Verteidiger, Rechtsanwalt lic. iur.
X._, mit Fr. 3'300.– (inkl. MWSt.) aus der Gerichtskasse zu entschädigen.
3. Entschädigung und Genugtuung für den Beschuldigten
3.1. Der Beschuldigte beantragte vor Vorinstanz sowie in seiner Berufungser-
klärung eine Entschädigung in der Höhe von Fr. 9'700.– zuzüglich 5 % Zins seit
24. Februar 2016 (Prot. I S. 4; Urk. 47 S. 2). Anlässlich der Berufungsverhandlung
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beantragte er neu eine Entschädigung von Fr. 10'000.– zuzüglich Verzugszins zu
5% seit 24. Februar 2016 (Urk. 58 S. 1). Die Verteidigung führt diesbezüglich aus,
im Vordergrund stehe eine Entschädigung für die unrechtmässig erlittene Unter-
suchungshaft von 27 Tagen. Es liege ein einschneidender Eingriff in die persön-
liche Freiheit vor, die Polizei- und Untersuchungshaft habe den Beschuldigten in
besonderer Weise getroffen, der Beschuldigte sei an seinem Arbeitsplatz aufge-
sucht und im gegenüberliegenden Wohngebäude verhaftet worden und schluss-
endlich habe die Polizei ihn vor anderen Mitarbeitern und Vorgesetzten abgeführt.
In Anlehnung an die bundesgerichtliche Rechtsprechung sei ein Tagesansatz von
Fr. 200.– angemessen, was einer Genugtuungssumme von Fr. 5'400.– entspre-
che. Überdies habe der Beschuldigte im Rahmen der Strafuntersuchung bei der
Polizei und Staatsanwaltschaft erscheinen, Durchsuchungen erdulden müssen
und auch Kosten aus Arbeitsausfall und Auslagen im Zusammenhang mit An-
waltskosten und Gerichtsverhandlungen gehabt, weshalb er mit Fr. 4'600.– zu
entschädigen sei (Urk. 34 S. 7; Urk. 58 S. 8 f.).
3.2. Gemäss Art. 436 Abs. 1 StPO richten sich Ansprüche auf Entschädigung
und Genugtuung im Rechtsmittelverfahren nach Art. 429 bis 434 StPO. Wird die
beschuldigte Person ganz oder teilweise freigesprochen oder wird das Verfahren
gegen sie eingestellt, so hat sie gemäss Art. 429 Abs. 1 StPO Anspruch auf Ent-
schädigung ihrer Aufwendungen für die angemessene Ausübung ihrer Ver-
fahrensrechte (lit. a) und der wirtschaftlichen Einbussen, die ihr aus ihrer notwen-
digen Beteiligung am Strafverfahren entstanden sind (lit. b) sowie Genugtuung für
besonders schwere Verletzungen ihrer persönlichen Verhältnisse, insbesondere
bei Freiheitsentzug (lit. c).
3.3. Entschädigung
3.3.1. Im Vordergrund steht bei Art. 429 StPO der Schadensausgleich im haft-
pflichtrechtlichen Sinn (Niklaus Schmid, Schweizerische Strafprozessordnung,
Praxiskommentar, 2. Aufl. 2013, Art. 429 N 6.). Art. 429 Abs. 1 lit. a und b StPO
regelt den Umgang mit den Aufwendungen und Schäden, welche den Parteien
aufgrund des Strafverfahrens erwachsen sind. Die Bestimmung bildet die als
Kausalhaftung ausgestaltete gesetzliche Grundlage für den Anspruch auf Scha-
https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/0108cd21-b3ed-4ef4-96f6-121f1ef3f5e3?source=document-link&SP=14|l5dm43 https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/3d173a11-e683-4d4a-b6f2-9e45eb5a6c14?source=document-link&SP=14|l5dm43 https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/3d173a11-e683-4d4a-b6f2-9e45eb5a6c14?source=document-link&SP=14|l5dm43 https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/3d173a11-e683-4d4a-b6f2-9e45eb5a6c14?source=document-link&SP=17|l5dm43 https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/3d173a11-e683-4d4a-b6f2-9e45eb5a6c14?source=document-link&SP=17|l5dm43
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denersatz. Der Staat muss den gesamten Schaden wieder gutmachen, der mit
dem Strafverfahren in einem Kausalzusammenhang im Sinne des Haftpflicht-
rechtes steht (Botschaft vom 21. Dezember 2005 zur Vereinheitlichung des Straf-
prozessrechts, BBl 2006 1329 Ziff. 2.10.3.1). Es handelt sich dabei um eine kau-
sale Haftung des Bundes oder des Kantons zugunsten der beschuldigten Person,
die sich einem Strafverfahren unterziehen muss, ohne dass sie schuldig erklärt
wird (Niklaus Oberholzer, Grundzüge des Strafprozessrechts, 3. Aufl. 2012,
N. 1737). Zu ersetzen ist der materielle Schaden, wobei vom obligationenrecht-
lichen Schadensbegriff auszugehen ist, d.h. es ist die Differenz zwischen dem
Stand des Vermögens ohne das schädigende Ereignis und dem jetzigen Ver-
mögensstand zu ermitteln (Urteil des Bundesgerichts 6B_251/2015 vom
24. August 2015 E. 2.2.2.; Urteil 6B_1026/2013 vom 10. Juni 2014 E. 3.1; Yvona
Griesser, in: Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, Donatsch/
Hansjakob/ Lieber [Hrsg.], 2. Aufl. 2014, Art. 429 StPO N 2).
3.3.2. Neben der Entschädigung für die angemessene Ausübung der Ver-
fahrensrechte hat die beschuldigte Person, welche freigesprochen wird, Anspruch
auf eine Entschädigung der wirtschaftlichen Einbussen, welche ihr aus ihrer not-
wendigen Beteiligung am Strafverfahren entstanden sind (Art. 429 Abs. 1 lit. b
StPO). Vorausgesetzt ist, dass diese Einbussen kausal auf die notwendige aktive
oder passive Beteiligung am Strafverfahren zurückzuführen sind. Im Vordergrund
stehen dabei Lohn- und Verdienstausfälle, die infolge des Strafverfahrens, insbe-
sondere als Folge von Haft, entstanden sind. Zu vergüten sind zudem weitere
vermögenswerte Einbussen, wie Reisekosten, die Kosten eines Stellenverlusts
oder von gesundheitlichen Schäden, die auf das Strafverfahren zurückzuführen
sind. Private Aufwendungen und Zeitausfälle, z.B. für Aktenstudium, werden je-
doch üblicherweise nicht entschädigt (Schmid, Praxiskommentar StPO, a.a.O.,
Art. 429 N 8). Dem in Strafverfahren verwickelten Bürger ist es zudem zuzumu-
ten, geringfügige Aufwendungen selbst zu tragen. Eine Person muss das Risiko
einer gegen sie geführten materiell ungerechtfertigten Strafverfolgung bis zu ei-
nem gewissen Grade auf sich nehmen. Daher ist nicht für jeden geringfügigen
Nachteil eine Entschädigung zu leisten. Die Entschädigungspflicht setzt vielmehr
eine gewisse objektive Schwere der Untersuchungshandlung und einen dadurch
https://www.swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/456ad31c-2585-4d36-9e51-edbabdf690f2?citationId=f134b439-50fb-46af-9b7c-fda16c264be9&source=document-link&SP=17|l5dm43 https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/3d173a11-e683-4d4a-b6f2-9e45eb5a6c14?source=document-link&SP=17|l5dm43 https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/3d173a11-e683-4d4a-b6f2-9e45eb5a6c14?source=document-link&SP=14|l5dm43 https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/3d173a11-e683-4d4a-b6f2-9e45eb5a6c14?source=document-link&SP=14|l5dm43 https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/3d173a11-e683-4d4a-b6f2-9e45eb5a6c14?source=document-link&SP=14|l5dm43
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bedingten erheblichen Nachteil voraus (Urteil des Bundesgerichts 6B_808/2011
vom 24. Mai 2012, E. 3.2 mit Hinweisen). Geringfügige Nachteile wie etwa die
Pflicht, ein oder zwei Mal bei einer Gerichtsverhandlung erscheinen zu müssen,
geben zu keiner Entschädigung Anlass. Dies gilt beispielsweise auch für Per-
sonen, welche durch eine Anhaltung in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt
werden (Botschaft zur Vereinheitlichung des Strafprozessrechts vom
21. Dezember 2005, BBl 2006 1085, S. 1330; Schmid, Praxiskommentar StPO,
a.a.O., Art. 430 N 6).
3.3.3. Gemäss Art. 429 Abs. 2 StPO prüft die Strafbehörde die Ansprüche nach
Art. 429 Abs. 1 StPO von Amtes wegen. Die Beweislast für den eingetretenen
Schaden liegt jedoch beim Ansprecher (Urteil des Bundesgerichts 6B_251/2015
vom 24. August 2015 E.2.2.2. mit weiteren Hinweisen; Urteil 6B_1026/2013
vom 10. Juni 2014 E. 3.1).
3.3.4. Der Beschuldigte war ab dem 1. Februar 2016 und somit drei Tage nach
seiner Verhaftung durch Rechtsanwalt lic. iur. X._ amtlich verteidigt
(Urk. 20/2). Gemäss den Einvernahmeprotokolle 28. Januar 2016 (Urk. 7) und
und 29. Januar 2016 (Urk. 11/1) war er zuvor ohne Verteidigung. Nachdem auf-
grund des Freispruchs des Beschuldigten sämtliche Gerichtskosten, einschliess-
lich der Kosten der amtlichen Verteidigung, auf die Gerichtskasse zu nehmen sind
(vgl. vorstehend Ziff. IV.1.), sind dem Beschuldigten keine Aufwendungen für die
angemessene Ausübung der Verfahrensrechte entstanden, welche zu entschädi-
gen wären.
3.3.5. Demgegenüber war der Beschuldigte aufgrund der Untersuchungshaft ge-
zwungen, bei seinem Arbeitgeber unbezahlten Urlaub zu beziehen. Diese wirt-
schaftliche Einbusse ist kausal auf das vorliegende Strafverfahren zurückzuführen
und folglich zu entschädigen. Gemäss der Bestätigung des Arbeitgebers des Be-
schuldigten vom 30. September 2016 hat der Beschuldigte vom 1. bis 23. Februar
2016 unbezahlten Urlaub bezogen. Weil der Februarlohn bereits ausbezahlt wor-
den war, wurde der unbezahlte Urlaub vom Februar im März 2016 verrechnet
(Urk. 36). Die entsprechende Lohnabrechnung liegt allerdings nicht bei den Akten,
dafür die Lohnabrechnung für den Januar 2016, wonach der Beschuldigte einen
https://www.swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/e4732f83-204a-49a6-87ea-ce4b38ded97a?citationId=5880c0f6-af5c-41ed-b73d-61e92beb8edd&source=document-link&SP=14|l5dm43 https://www.swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/e4732f83-204a-49a6-87ea-ce4b38ded97a?citationId=5880c0f6-af5c-41ed-b73d-61e92beb8edd&source=document-link&SP=14|l5dm43 https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/a8ae413f-0b56-4e74-a7a3-d1ded8f866d3?source=document-link&SP=14|l5dm43 https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/3d173a11-e683-4d4a-b6f2-9e45eb5a6c14?source=document-link&SP=17|l5dm43 https://www.swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/456ad31c-2585-4d36-9e51-edbabdf690f2?citationId=8c35b82f-47ed-4534-94d7-3cff0d9f7592&source=document-link&SP=17|l5dm43 https://www.swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/456ad31c-2585-4d36-9e51-edbabdf690f2?citationId=8c35b82f-47ed-4534-94d7-3cff0d9f7592&source=document-link&SP=17|l5dm43
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Bruttolohn von Fr. 4'540.00 bzw. einen Nettolohn von Fr. 4'149.20 erhalten hat
(Urk. 37). Gemäss der Zeitübersicht musste der Beschuldigte wegen der Untersu-
chungshaft 17 Arbeitstage bzw. 139:33 Stunden unbezahlten Urlaub beziehen.
Wie vorstehend erwähnt, liegt die Beweislast für den eingetretenen Schaden beim
Beschuldigten. Weil er die massgebende Lohnabrechnung vom März 2016 nicht
eingereicht hat, bleibt nichts anderes übrig, als den Schaden zu schätzen. Aus-
gehend von einem Monat mit 30 Tagen ergibt sich für die 23 Tage unbezahlten
Urlaub ein Lohnanspruch von Fr. 3'181.05 netto bzw. Fr. 3'480.65 brutto. Der Be-
schuldigte macht zwar weitere Auslagen geltend, ohne diese jedoch zu beziffern.
In Bezug auf die geltend gemachten Auslagen, weil er bei der Polizei und Staats-
anwaltschaft habe erscheinen müssen, ist zu berücksichtigen, dass der Beschul-
digte am 28. Januar 2016 um 12.15 Uhr verhaftet wurde (Urk. 22/1). Mithin fan-
den sämtliche Einvernahmen durch die Kantonspolizei oder Staatsanwaltschaft
während seiner Untersuchungshaft statt, weshalb ihm im Zusammenhang mit die-
sen Einvernahmen keine Kosten für die Anreise etc. entstanden sind. Weil gering-
fügige Nachteile wie etwa die Pflicht, ein oder zwei Mal bei einer Gerichtsver-
handlung erscheinen zu müssen, zu keiner Entschädigung Anlass geben und der
Beschuldigte überdies auch nicht geltend macht, in welchem Umfang ihm dadurch
wirtschaftliche Einbussen entstanden sein sollten, sind keine Auslagen im Zu-
sammenhang mit den Einvernahmen oder Gerichtsverhandlungen zu ersetzen.
Schliesslich macht der Beschuldigte auch nicht geltend, welche Auslagen er auf-
grund der Beschlagnahme seines Mercedes Benz oder seines Mobiltelefons ge-
habt hätte. Zusammengefasst rechtfertigt es sich somit, die Entschädigung für
den Beschuldigten auf Fr. 3'500.– festzusetzen. Diese ist zudem nach der Recht-
sprechung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte nach den jeweils
geltenden landesüblichen Ansätzen zu verzinsen (BGE 124 II 480 E. 4). Im Mehr-
betrag ist das Schadenersatzbegehren abzuweisen.
3.4. Genugtuung
3.4.1. Wird die beschuldigte Person freigesprochen, so hat sie gemäss Art. 429
Abs. 1 lit. c StPO Anspruch auf Genugtuung für besonders schwere Verletzungen
ihrer persönlichen Verhältnisse, insbesondere bei Freiheitsentzug. Wie sich be-
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reits aus dem Wortlaut dieser Bestimmung ergibt, ist eine Genugtuung nur bei
ausgeprägten Formen der Persönlichkeitsverletzungen geschuldet. Hauptbeispiel
einer solchen Verletzung ist der im Gesetz ausdrücklich erwähnte Freiheits-
entzug. Neben der ungerechtfertigten Haft können auch die publik gewordene
Hausdurchsuchung, eine sehr lange Verfahrensdauer oder eine breite Darlegung
in den Medien die notwendige Intensität der Verletzung erreichen (BSK StPO-
Wehrenberg/Frank, Art. 429 N 27). Demgegenüber genügt die mit jedem Strafver-
fahren in grösserem oder kleinerem Ausmass verbundene psychische Belastung,
Demütigung und Blossstellung gegen aussen in der Regel nicht für die Zuspre-
chung einer Genugtuung (Schmid, Handbuch StPO, a.a.O., N 1816). In anderen
Fällen als dem des ungerechtfertigten Freiheitsentzugs hat die betroffene Person
die Schwere der Verletzung glaubhaft zu machen (BSK StPO-Wehrenberg/Frank,
Art. 429 N 27c).
3.4.2. Zur Bestimmung der Höhe der Genugtuung sind die Dauer und Umstände
der Persönlichkeitsverletzung massgebend. Zu berücksichtigen sind auch die
Schwere des vorgeworfenen Delikts sowie die Auswirkungen auf die persönliche
Situation der beschuldigten Person und die Belastung durch das Verfahren
(BSK StPO-Wehrenberg/Frank, Art. 429 N 28). Im Falle einer ungerechtfertigten
Inhaftierung erachtet das Bundesgericht grundsätzlich eine Genugtuung von
Fr. 200.– pro Tag als angemessen, sofern nicht aussergewöhnliche Umstände
vorliegen, die eine höhere oder geringere Entschädigung rechtfertigen. In einem
zweiten Schritt sind ebendiese Besonderheiten des Einzelfalls zu würdigen, wozu
unter anderem die Schwere des Tatverdachts gehört, dem eine Person ausge-
setzt war (Urteil des Bundesgerichts 6B_506/2015 vom 6. August 2015 E. 1.3.1.).
Die Festsetzung der Genugtuung ist eine Frage des richterlichen Ermessens im
konkreten Einzelfall (Urteil des Bundesgerichts 6B_53/2013 vom 8. Juli 2013
E. 3.2. mit Hinweisen).
3.4.3. Der Beschuldigte wurde vorliegend am 28. Januar 2016 verhaftet und am
23. Februar 2016 wieder entlassen (Urk. 27 S. 1). Er befand sich mithin während
27 Tagen in Untersuchungshaft. In Anbetracht der eher kurzen Dauer der Unter-
suchungshaft erscheint die in Anlehnung an die bundesgerichtliche Recht-
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sprechung beantragte Entschädigung von Fr. 200.– pro Tag angemessen, was
eine Genugtuung von Fr. 5'400.– ergibt. Inwiefern der Beschuldigte durch die
Verhaftung oder Durchsuchungen besonders schwer in seiner Persönlichkeit ver-
letzt wurde, führt dieser hingegen nicht aus, weshalb sich keine Erhöhung der
Genugtuung rechtfertigt. Mithin ist dem Beschuldigten eine Genugtuung von
Fr. 5'400.– zuzüglich Zins von 5 % seit 24. Februar 2016 aus der Gerichtskasse
zuzusprechen.