Decision ID: 338ecf15-85f0-5e8a-bc3c-eeb12a6ff1ce
Year: 2007
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X.Y. lenkte am Dienstag, 7. November 2006, um 9.35 Uhr den Personenwagen
"Peugeot 206 1.6" auf der Autobahn A 1 von A. in Richtung B. In einer leichten
Rechtskurve nach A. überholte sie mit einer Geschwindigkeit von 120-130 km/h einen
Lastwagen. Rund 100 Meter nachdem sie an diesem Lastwagen vorbeigefahren war,
geriet sie mit den linken Rädern auf den Mittelstreifen. Sie lenkte das Fahrzeug in der
Folge abrupt zunächst nach rechts und anschliessend nach links. Der Wagen drehte
sich um ca. 200 Grad nach rechts und prallte mit dem rechten Heck gegen die
Mittelleitschranke, wurde nach links (gemäss Polizeirapport, recte: rechts) abgewiesen
und kam auf dem Pannenstreifen zum Stillstand. An der Mittelleitschranke wurden vier
Elemente und drei Pfosten beschädigt. Am Fahrzeug entstand erheblicher
Sachschaden. X.Y. blieb unverletzt.
B.- Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen, Abteilung
Personenzulassung, entzog X.Y. mit Verfügung vom 20. Dezember 2006 den
Führerausweis wegen mangelnder Aufmerksamkeit und Verursachens eines
Selbstunfalls gestützt auf Art. 31 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG für
die Dauer von zwei Monaten.
C.- Gegen diese Verfügung erhob X.Y. mit Eingabe vom 2. Januar 2007 (Poststempel:
-3.-1.07) Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, die Dauer des
Führerausweisentzugs auf einen Monat herabzusetzen. - Auf die Vorbringen zur
Begründung des Antrags wird, soweit notwendig, in den Erwägungen eingegangen.
Die Vorinstanz verzichtete mit Vermerk vom 15. Februar 2007 auf eine
Vernehmlassung. Die Verwaltungsrekurskommission zog zur Entscheidfindung die
Bussenverfügung des Untersuchungsamts C. vom 7. Februar 2007 bei, mit welcher
X.Y. wegen Verursachens eines Selbstunfalls zufolge mangelnder Vorsicht und
Aufmerksamkeit in Anwendung von Art. 31 Abs. 1 und Art. 90 Ziff. 1 SVG mit Fr. 400.--
gebüsst worden war.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 3. Januar 2007 (Poststempel) ist
rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die
gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. e, 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das
Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 ausgeschlossen ist,
der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das
Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG)
und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht,
wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG).
Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln
eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit.
a SVG). Ist die Verletzung der Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die
Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG).
3.- Im Rekurs ist angesichts der rechtskräftigen Bussenverfügung vom 7. Februar 2007
zu Recht unbestritten, dass die Rekurrentin am 7. November 2006 um 9.35 Uhr auf der
Überholspur der Autobahn A 1 in A. in Fahrtrichtung B. zufolge ungenügender
Aufmerksamkeit die Herrschaft über den Personenwagen "Peugeot 206 1.6", amtliches
Kennzeichen SG 129196, verloren und einen Selbstunfall verursacht und dadurch Art.
31 Abs. 1 SVG, wonach der Führer das Fahrzeug ständig so beherrschen muss, dass
er seinen Vorsichtspflichten nachkommen kann, in Verbindung mit Art. 3 Abs. 1 der
Verkehrsregelnverordnung (SR 741.11, abgekürzt: VRV), wonach der Fahrzeugführer
seine Aufmerksamkeit der Strasse und dem Verkehr zuwenden muss, schuldhaft
verletzt hat.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.- Sodann wird im Rekurs nicht bestritten, dass die Vorinstanz die
Verkehrsregelverletzung zu Recht als eine mittelschwere Widerhandlung im Sinn von
Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG behandelt hat. Die vorinstanzliche Qualifikation erweist sich
bereits deshalb als zutreffend, weil ein Motorfahrzeug, das von seinem Lenker nicht
mehr beherrscht wird, naturgemäss eine erhebliche Gefahr darstellt (vgl. GVP 1983 Nr.
92). Dies gilt insbesondere für Personenwagen auf Autobahnen, wo mit relativ hohen
Geschwindigkeiten gefahren wird. Dass keine weiteren Verkehrsteilnehmer durch das
Unfallgeschehen konkret betroffen wurden, ist glücklichen Umständen zu verdanken.
Da die von der Rekurrentin verursachte Gefährdung nicht mehr gering als bezeichnet
werden kann, fällt die Annahme einer leichten Widerhandlung und damit der Verzicht
auf einen Entzug des Führerausweises in Anwendung von Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG
nicht in Betracht.
5.- Es bleibt die Dauer des Führerausweisentzugs zu bemessen.
a) Bei der Festsetzung der Dauer des Lernfahr- oder Führerausweisentzugs sind
gemäss Art. 16 Abs. 3 SVG die Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen,
namentlich die Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als
Motorfahrzeugführer sowie die berufliche Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen.
Die Mindestentzugsdauer darf jedoch nicht unterschritten werden. Gemäss Art. 16b
Abs. 2 lit. a SVG wird der Lernfahr- oder Führerausweis nach einer mittelschweren
Widerhandlung mindestes für einen Monat entzogen.
b) Die Vorinstanz ist von der gesetzlich vorgeschriebenen minimalen Entzugsdauer von
einem Monat abgewichen und hat der Rekurrentin den Führerausweis für die Dauer von
zwei Monaten entzogen. Zur Begründung hat sie ausgeführt, "der Sachverhalt im
gesamten betrachtet" rechtfertige eine Erhöhung der Entzugsdauer. Die Rekurrentin
macht geltend, sie besitze den Führerausweis seit fast zehn Jahren und habe nie
gegen die Strassengesetze verstossen. Deshalb erscheine ihr die Dauer von zwei
Monaten zuviel.
c) Die Vorinstanz hat die Erhöhung der Entzugsdauer gegenüber der gesetzlichen
Mindestdauer ungenügend begründet. Eine konkrete Aussage zu den
Bemessungskriterien kann der Verfügung lediglich hinsichtlich der Gefährdung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entnommen werden. Sie wird als "nicht mehr als gering" eingestuft. Diese Qualifikation
stand im Zusammenhang mit dem Ausschluss der leichten Widerhandlung im Sinn von
Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG und führte dazu, dass "unabhängig vom Grad des
Verschuldens" eine mittelschwere Widerhandlung angenommen werden durfte. Im
Übrigen werden lediglich die im Gesetz genannten Bemessungskriterien
wiedergegeben, ohne dass sie auf den konkreten Fall und die Situation der Rekurrentin
angewendet würden. Insbesondere wird weder der ungetrübte Leumund festgehalten
und gewürdigt noch ausgeführt, inwieweit die Rekurrentin, welche den Fragebogen zur
beruflichen Angewiesenheit ausgefüllt und eingereicht hatte, als sanktionsempfindlich
beurteilt wurde. Welche Aspekte schliesslich zur Erhöhung gegenüber der
Mindestdauer geführt haben, ist mit dem Hinweis auf den "Sachverhalt im gesamten
betrachtet" nicht nachvollziehbar.
d) aa) Die von der Rekurrentin verursachte Gefährdung wiegt angesichts der
innegehabten Geschwindigkeit und der Tageszeit, in welcher auf dem fraglichen
Streckenabschnitt mit beträchtlichem Verkehrsaufkommen zu rechnen ist, zumindest
als mittelschwer (vgl. dazu auch oben E. 4).
Einer momentanen Unaufmerksamkeit können zahlreiche verschiedene Ursachen
zugrunde liegen, die verschuldensmässig unterschiedlich schwer wiegen. Die
Bandbreite reicht von einer unwillkürlichen bloss gedanklichen Abwesenheit bis hin zu
Ablenkungen durch andere als durch das Fahren bedingte bewusste Handlungen, wie
das Telefonieren oder die Manipulation am Autoradio, und zum Einnicken am Steuer
zufolge Übermüdung. Die Rekurrentin konnte sich in der polizeilichen Befragung im
Anschluss an den Unfall nicht erklären, weshalb ihr Fahrzeug auf den Mittelstreifen
geriet. Wahrscheinlich sei sie irgendwie in Gedanken gewesen. Hinweise auf eine
Übermüdung sind dem Polizeirapport nicht zu entnehmen. Die Rekurrentin gab an,
dass sie in der vorangegangenen Nacht ungefähr acht Stunden schlief. Das
Aussageverhalten der Rekurrentin kann insgesamt als offen bezeichnet werden, da sie
unumwunden eingestand, aufgrund einer "dummen Angewohnheit" auf der Autobahn
eigentlich immer 130 km/h zu fahren. Gegen ein Einnicken am Steuer spricht
insbesondere auch, dass die Rekurrentin das Geräusch der auf dem Gras der
Mittelleitanlage fahrenden Räder nach ihrer Schilderung wahrnahm, noch bevor sie den
rechten Richtungsblinker für das Wiedereinbiegen auf die Normalspur nach dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abschluss des Überholmanövers getätigt hatte. Ihre Wahrnehmung erscheint damit als
lückenlos. Die objektiven Umstände und die Schilderungen der Rekurrentin deuten
daraufhin, dass ihre Konzentration aufgrund einer gedanklichen Abwesenheit für einen
Moment nicht ausreichte, um in der leichten Rechtskurve das Einbiegemanöver
vorzubereiten und gleichzeitig die Spur zu halten. Dieses Verschulden erscheint
mittelschwer.
Die Rekurrentin erwarb den Führerausweis der Kategorie B 1997. In der
Eidgenössischen Administrativmassnahmen-Kontrolle ist sie nicht verzeichnet. Ihr
automobilistischer Leumund ist daher ungetrübt, was bei der Festsetzung der
Massnahmedauer zu ihren Gunsten zu berücksichtigen ist (BGE 122 II 21 E. 1b).
Die Rekurrentin ist im Einkauf der H. AG, B. , welche gemäss Eintrag im
Handelsregister die Fabrikation von und den Handel mit Papierwaren bezweckt,
erwerbstätig. Nach den Angaben im vorinstanzlichen Verfahren benötigt sie für
Lieferantenbesuche in Deutschland und die Teilnahme an Messen in Zürich den
Führerausweis der Kategorie B, wobei die Fahrten während der Entzugsdauer von einer
Drittperson übernommen werden können. Die Rekurrentin kann ihre Arbeitszeiten
zudem so gestalten, dass sie den Arbeitsweg von 25 km mit öffentlichen
Verkehrsmitteln zurücklegen kann. Dementsprechend liegt keine
Sanktionsempfindlichkeit vor, die zu einer Reduktion der Entzugsdauer führen müsste.
e) Zusammenfassend ergibt sich, dass einer allfälligen mit dem Ausmass von
Gefährdung und Verschulden begründeten Erhöhung der Entzugsdauer eine
Herabsetzung zufolge des ungetrübten automobilistischen Leumundes der Rekurrentin
gegenüber stehen würde. Unter Berücksichtigung der dargelegten
Bemessungskriterien erweist sich ein Entzug des Führerausweises für die gesetzlich
vorgeschriebene Mindestdauer von einem Monat deshalb als angemessen und
verhältnismässig.
6.- Dementsprechend ist der Rekurs gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung der
Vorinstanz vom 20. Dezember 2006 ist mit Ausnahme des Kostenspruches aufzuheben
und der Führerausweis ist der Rekurrentin für die Dauer eines Monats zu entziehen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Staat zu
tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'000.-- ist angemessen (vgl.
Ziff. 362 Gerichtskostentarif, sGS 941.12). Die Finanzverwaltung ist anzuweisen, der
Rekurrentin den geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 1'000.-- zurückzuerstatten.