Decision ID: efdbef93-b14b-4a21-8438-7dae52691b11
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 7. Abteilung, vom 10. Juli 2018 (DG180076)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 12. März
2018 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 33).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 133 S. 43 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB sowie
− des Verstosses gegen das Waffengesetz im Sinne von Art. 33 Abs. 1
lit. a WG.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 5 Jahren Freiheitsstrafe (wovon bis und mit heute
309 Tage durch Haft erstanden sind) sowie mit einer Geldstrafe von 30 Tages-
sätzen zu Fr. 30.00.
3. Freiheitsstrafe und Geldstrafe werden vollzogen.
4. Der bedingte Vollzug bezüglich der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des
Kantons Solothurn vom 1. Mai 2017 ausgefällten Geldstrafe von 120 Tagessätzen
zu je Fr. 80.00 wird widerrufen.
5. Der mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 27. Februar
2018 beschlagnahmte Schlagstock mit integrierter Taschenlampe (Asservat-Nr.
WA01115) wird eingezogen und der Lagerbehörde zur gutscheinenden Verwendung
bzw. Vernichtung überlassen.
6. Die übrigen sichergestellten Gegenstände werden den Berechtigten auf erstes Ver-
langen herausgegeben. Erfolgt innert 60 Tagen nach Eintritt der Rechtskraft kein
entsprechendes Herausgabebegehren, werden die Gegenstände durch die Lager-
behörde vernichtet.
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7. Das Spurenmaterial wird der Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen.
8. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger Fr. 8'000.00 zuzüglich 5 % Zins
ab dem 13. August 2017 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das
Genugtuungsbegehren abgewiesen.
9. Rechtsanwalt lic. iur. X._ wird für seine Bemühungen als amtlicher Verteidiger
mit pauschal Fr. 28'000.00 (inkl. MwSt und Barauslagen) entschädigt.
10. Rechtsanwalt lic. iur. Y._ wird für seine Bemühungen als unentgeltlicher
Rechtsbeistand des Privatklägers B._ mit pauschal Fr. 13'700.00 (inkl. MwSt
und Barauslagen) entschädigt.
11. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 5'500.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 10'000.00 Gebühr Vorverfahren
Fr. 2'868.20 Auslagen (Gutachten)
Fr. 234.75 Auslagen (Gutachten)
Fr. 450.00 Auslagen Polizei
Fr. 104.70 Entschädigung Zeuge
Fr. 28'000.00 amtliche Verteidigung
Fr. 13'700.00 unentgeltliche Vertretung Privatkläger
12. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen die-
jenigen der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung der
Privatklägerschaft, werden dem Beschuldigten auferlegt.
13. Die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung der Pri-
vatklägerschaft werden unter Vorbehalt der Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4
StPO und Art. 138 Abs. 1 StPO auf die Gerichtskasse genommen.
14. (Mitteilung)
15. (Rechtsmittel)"
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Berufungsanträge:
a) Der Staatsanwaltschaft (Urk. 153):
1. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 9 Jahren und mit einer
Geldstrafe von 200 Tagesätzen zu Fr. 30.00 zu bestrafen.
2. Die Geldstrafe sei zu vollziehen.
3. Es sei das Urteil des Bezirksgerichtes Zürich vom 10. Juli 2018 bezüglich
des Schuldpunktes und der Nebenfolgen des Urteils und den Kostenfolgen
zu bestätigen.
b) Der Verteidigung des Beschuldigten (Urk. 154):
1. Der vorinstanzliche Schuldspruch betreffend der versuchten vorsätzlichen
Tötung im Sinne von StGB 111 i.V.m. StGB 22 I sei aufzuheben. Stattdessen
sei der Beschuldigte des versuchten Totschlags im Sinne von StGB 113
i.V.m. StGB 22 I schuldig zu sprechen;
2. Der Beschuldigte sei des Verstosses gegen das Waffengesetz im Sinne von
WG 33 I von Schuld und Strafe frei zu sprechen;
3. Der Beschuldigte sei mit einer bedingten Freiheitsstrafe von nicht mehr als
20 Monaten, unter Anrechnung der bereits erstandenen Haftdauer, zu be-
strafen. Die Probezeit sei auf zwei Jahre festzusetzen. Im Übrigen sei auf
den Widerruf des Strafbefehls vom 1. Mai 2017 für eine bedingte Geldstrafe
von 120 Tagessätzen zu CHF 80.–, entspricht CHF 9'600, zu verzichten.
Stattdessen sei die Probezeit von zwei Jahren um ein Jahr zu verlängern;
Eventualiter sei im Falle eines Schuldspruches wegen versuchter vorsätz-
licher Tötung im Sinne von Art. 111 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB sowie des
Verstosses gegen das Waffengesetz im Sinne von Art. 33 Abs. 1 WG die
vorinstanzliche Strafe von 5 Jahren Freiheitsstrafe (unter Anrechnung der
bereits erstandenen Haft) zu bestätigen.
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4. Die Verfahrenskosten sowie die Kosten der amtlichen Strafverteidigung seien
ausgangsgemäss zu veranlagen.

Erwägungen:
I. Ausgangslage, Verfahrensgang und Umfang der Berufung
1. Ausgangslage
1.1. Im Anschluss an eine tätliche Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen,
welche sich am 13. August 2017 im Club C._ in Zürich und anschliessend ab
00.40 Uhr vor dieser Örtlichkeit zutrug, stellte sich heraus, dass einer der Kontra-
henten, nämlich der heutige Privatkläger, B._, u.a. durch einen Messerstich in
die Brust verletzt worden war.
1.2. Der Beschuldigte konnte damals vor Ort nicht mehr angetroffen werden,
doch ergaben sich aus den folgenden Befragungen anderer Personen und weite-
ren polizeilichen Ermittlungen Hinweise auf seine Beteiligung an dieser Auseinan-
dersetzung und seine Täterschaft. Am 5. September 2017 wurde er schliesslich
verhaftet.
2. Verfahrensgang
2.1. Nach ausführlicher Untersuchung des Vorfalls erhob die Staatsanwalt-
schaft IV des Kantons Zürich (fortan Anklagebehörde) am 12. März 2018 gegen
den Beschuldigten Anklage am Bezirksgericht Zürich (Urk. 33).
2.2. Die Hauptverhandlung vor Vorinstanz, anlässlich welcher nebst dem Be-
schuldigten auf dessen Ersuchen hin auch der Privatkläger befragt wurde, fand
am 10. Juli 2018 statt (Prot. I S. 9 ff.). Gleichentags wurde das nun angefochtene,
oben im Wortlaut wiedergegebene Urteil gefällt und den Parteien im Dispositiv ab-
gegeben (Urk. 133). Dieses besteht im Wesentlichen aus der Verurteilung des Be-
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schuldigten zu einer fünfjährigen Freiheitsstrafe und einer Geldstrafe von
30 Tagessätzen wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und wegen Verstosses
gegen das Waffengesetz.
2.3. Gegen dieses Urteil meldete die Anklagebehörde mit Schreiben vom
12. Juli 2018 Berufung an (Urk. 113). Auf entsprechendes Gesuch hin wurde dem
Beschuldigten am 9. August 2018 der vorzeitige Strafantritt bewilligt (Urk. 123).
2.4. Ihr begründetes Urteil versandte die Vorinstanz am 26. Oktober 2018 und
die Parteien nahmen es am 29. Oktober 2018 in Empfang (vgl. Urk. 123/1-3). Die
Berufungserklärung der Anklagebehörde datiert vom 12. November 2018 und er-
folgte somit innert der dafür vorgesehenen Frist (Urk. 135). Darin erklärte die An-
klagebehörde, ihre Berufung auf die Bemessung der Strafe zu beschränken, wo-
bei sie eine Freiheitsstrafe von 9 Jahren und eine Geldstrafe von 200 Tagessätzen
zu Fr. 30.00 beantrage.
2.5. Innert der ihr hierfür angesetzten Frist (Urk. 138) erhob die amtliche Vertei-
digung des Beschuldigten am 29. November 2018 Anschlussberufung (Urk. 140).
Sie beantragt im Wesentlichen, der Beschuldigte sei (nur) wegen versuchten Tot-
schlags zu verurteilen und mit einer bedingten Freiheitsstrafe von nicht mehr als
20 Monaten zu bestrafen. Der Privatkläger erklärte mit Eingabe vom 11. Dezem-
ber 2018 auf die Stellung eigener Anträge zu verzichten (Urk. 142).
2.6. Am 13. Juni 2019 wurde auf den heutigen 19. August 2019 zur Berufungs-
verhandlung vorgeladen (Urk. 146). Diese fand wie vorgesehen in Anwesenheit
des Beschuldigten und seines Verteidigers, lic. iur. X._, sowie der Staatsan-
wältin lic. iur. B. Groth statt (Prot. II S. 4 ff.).
3. Umfang der Berufung und der Anschlussberufung
Mit der oben wiedergegebenen Berufungs- bzw. Anschlussberufungserklärung
nicht angefochten und damit in Rechtskraft erwachsen sind die Dispositiv-Ziffern
5, 6, 7, 8, 9, 10 und 11 des vorinstanzlichen Urteils, was vorweg festzustellen ist.
Im Berufungsverfahren zur Disposition stehen somit die Dispositiv-Ziffern 1, 2, 3, 4
sowie 12 und 13.
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II. Sachverhalt und rechtliche Würdigung
1. Vorwurf I: Versuchte vorsätzliche Tötung
1.1. Die Vorinstanz kam aufgrund der gewürdigten Beweismittel zusammen-
gefasst zu folgenden Schlüssen (Urk. 133 S. 7 ff., S. 13 f., S. 20): Zwischen der
Gruppe des Beschuldigten und derjenigen des Privatklägers sei es zunächst im
und anschliessend vor dem Club C._ zu einer chaotischen Auseinanderset-
zung gekommen, an welcher sich der Beschuldigte aktiv und freiwillig beteiligt ha-
be. In deren Verlauf habe der Beschuldigte ein von ihm mitgeführtes Klappmesser
(Klingenlänge ca. 5 bis 6 cm, Grifflänge ca. 9 bis 10 cm) gezückt. Nachdem er von
der Auskunftsperson D._ geschlagen worden und zu Boden gefallen sei, und
währenddem er am Aufstehen gewesen sei, habe er den Privatkläger mit diesem
Messer ungezielt in die Brust gestochen und ihn ferner damit am Oberarm verletzt.
1.2. In Bezug auf die vom Privatkläger B._ erlittenen Körperverletzungen
ist der angeklagte Sachverhalt – wie die Vorinstanz zu Recht festhält – insbeson-
dere aufgrund der entsprechenden ärztlichen Berichte bzw. des Gutachtens sowie
aufgrund der von den Verletzungen des Privatklägers angefertigten Fotos (Urk.
10/3-10) erstellt. Die Schnittlänge von ca. 5 cm und die Stichtiefe von ca. 7 cm der
Verletzung an der Brust ergeben sich aus den Fotos der noch offenen Schnitt- und
Stichwunde und der Tatsache, dass sowohl die Brustkorb-Muskulatur als auch
Lungengewebe des Privatklägers in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Fer-
ner erlitt der Privatkläger – was ebenfalls aus der Fotodokumentation ersichtlich ist
– eine 1 cm lange Schnittwunde an der Innenseite des linken Oberarms.
1.3. Diese Verletzungen wurden dem Privatkläger vom Beschuldigten zugefügt,
was grundsätzlich anerkannt ist. Die entsprechenden Aussagen wurden im ange-
fochtenen Entscheid zusammengestellt (Urk. 133 S. 7 ff.). Was den konkreten
Tathergang anbelangt, kann gestützt auf Art. 82 Abs. 4 StPO mit den nachfolgen-
den Ergänzungen ebenfalls auf die vorinstanzlichen Erwägungen zur Sach-
verhaltserstellung verwiesen werden (Urk. 133 S. 7-9).
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1.4. Der Vorinstanz ist ohne Weiteres darin beizupflichten, dass der Beschuldig-
te mit seinem Vorgehen den Tatbestand des vollendeten Versuchs einer vor-
sätzlichen Tötung nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv, nämlich eventual-
vorsätzlich, erfüllt. Der Beschuldigte nimmt jedoch eine Privilegierung für sich in
Anspruch, verlangt er doch mit seiner Anschlussberufung, er sei eben nicht
der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung
mit Art. 22 Abs. 1 StGB, sondern des versuchten Totschlags im Sinne von
Art. 113 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen. Bereits
vor Vorinstanz betonte er, sich zum Tatzeitpunkt in einer absoluten Ausnahme-
situation befunden zu haben, zumal er mehrfach brutal von sowohl zahlenmässig
als auch körperlich überlegenen Kontrahenten, vor allem von D._, mit harten
Schlägen gegen den Kopf traktiert worden sei. Von den Kopftreffern benommen,
habe er um sein Leben gefürchtet und sei von unkontrollierbaren Gefühlen wie
Angst, Verzweiflung und Panik überwältigt worden. Er sei von seinem Überlebens-
instinkt sowie vom Gedanken, sich die Angreifer vom Leib zu halten und unbe-
schadet aus der Situation zu entkommen, getrieben gewesen (Urk. 104 S. 2 S. 12;
Prot. I S. 28 ff.).
1.5. Die Vorinstanz setzte sich ausführlich und zutreffend mit der Frage ausei-
nander, unter welchen Voraussetzungen die Anwendung des privilegierten Tatbe-
standes des Totschlags in Frage kommt (Urk. 133 S. 24 ff.). Auf ihre Ausführun-
gen kann auch hier verwiesen werden, weshalb die nachfolgenden Bemerkungen
lediglich als Rekapitulation zu verstehen sind: Der privilegierte Tatbestand des
Totschlages im Sinne von Art. 113 StGB gelangt zur Anwendung, wenn der Täter
in einer nach den Umständen entschuldbaren Gemütsbewegung oder unter gros-
ser seelischer Belastung gehandelt hat. Nachdem eine grosse, sich in der Regel
zunehmend aufbauende seelische Belastung hier nicht zur Diskussion steht, ist zu
sagen, dass Art. 113 StGB namentlich Täter eines Tötungsdelikts privilegiert, die
sich in einer akuten Konfliktsituation befinden und sich in einer einfühlbaren, hefti-
gen Gemütsbewegung wie beispielsweise Jähzorn, Wut, Eifersucht, Verzweiflung
oder Angst dazu hinreissen lassen, einen anderen Menschen zu töten.
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Entscheidend für die Anwendung des Art. 113 StGB ist jedenfalls, dass die darin
vorausgesetzte heftige Gemütsbewegung entschuldbar sein muss. Entschuldbar-
keit setzt nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung voraus, dass die heftige
Gemütsbewegung (und nicht etwa die Tat) bei objektiver Betrachtung der sie aus-
lösenden Umständen gerechtfertigt und die Tötung dadurch bei ethischer Beurtei-
lung in einem milderen Licht erscheint. Es muss angenommen werden können,
auch eine andere, anständig gesinnte Person wäre in der betreffenden Situation
leicht in einen solchen Affekt geraten. Hat der Täter die Konfliktsituation, welche
die Gemütsbewegung auslöste, jedoch selber verschuldet oder doch vorwiegend
durch eigenes Verhalten schuldhaft herbeigeführt, so ist der Affekt nicht ent-
schuldbar (BSK Strafrecht I- Schwarzenegger, 4. A., 2019, N 3 ff. zu Art. 113
StGB; BGE 119 IV 202 E. 2a und b; BGE 118 IV 233 E. 2).
1.6. Der Beschuldigte macht sinngemäss und dies mit einer gewissen Berechti-
gung geltend, während der Auseinandersetzung mit der anderen Gruppe unter
Druck geraten zu sein. Einerseits ist auf einer Videoaufzeichnung von Über-
wachungskameras zu sehen (Urk. 13/5, z.B. Aufzeichnung Streetparade_Vorfall 2)
und wird dem Beschuldigten auch in der Anklageschrift attestiert, dass er, kurz
nachdem der Streit vor dem Club seine Fortsetzung gefunden hatte, auf der ge-
genüberliegenden Strassenseite im Gerangel zu Boden fiel, aber wieder aufstand,
worauf er von jemandem getreten wurde (Urk. 13/5 Aufzeichnung Street-
parade_Vorfall 2, Aussen 1, 12:43:41 - 12:43:50; Urk. 5/12 S. 1; Urk. 33 S. 2). In
der Folge (ab 12:43:54 Uhr) ist auf der Videoaufzeichnung zu sehen, dass der Be-
schuldigte nach links davonläuft, wobei er vom Privatkläger mit auf die Seite aus-
gebreiteten Armen in gleichem Tempo seitlich "begleitet" wird, bis beide einander
gegenüber stehen bleiben. Gemäss der ebenfalls beteiligten Auskunftsperson
E._ sei der Privatkläger B._ mit ca. 190 cm "sehr gross" und mache
deshalb "Eindruck" (Urk. 8/4 S. 2). Tatsächlich ist der Privatkläger nach eigenen
Angaben 189 cm gross und wog im Zeitpunkt des Vorfalls 90 bis 95 kg (Prot. I S.
20). Damit fand sich der ungefähr 177 cm grosse und damals ca. 74 kg schwere
Beschuldigte (Prot. I S. 26; Urk. 152 S. 11) einem doch deutlich grösseren und
körperlich augenscheinlich überlegenen Widersacher gegenüber. Schliesslich zei-
gen die vorhandenen Videoaufzeichnungen, was sowohl der Zeuge F._ als
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auch die beteiligte Auskunftsperson D._ berichten: Der Beschuldigte wurde in
der fraglichen Sequenz des Vorfalls – und zwar gemäss vorinstanzlicher Sach-
verhaltserstellung unmittelbar vor dem Messerstich – durchaus heftig von der
Auskunftsperson D._ attackiert. So näherte sich D._, vom Beschuldigten
unbemerkt, mit Anlauf bzw. rennend von der Seite, versetzte ihm einen heftigen
Stoss – bzw. gemäss Aussagen von D._ selbst – einen Schlag mit der linken
Hand gegen den Kopf. D._ fügte an, noch überlegt zu haben, den Beschul-
digten mit rechts zu schlagen, aber Angst gehabt zu haben, dass er so dessen
Kopf kaputt machen würde, weshalb er ihn mit links, also seiner schwächeren
Hand geschlagen habe (Urk. 8/7 S. 9, S. 12 f.; vgl. auch Urk. 13/5 Aufzeichnung
Streetparade_Vorfall 2, Aussen 1, ca. 12:44:00 bzw. Urk. 13/10 S. 8). Auch der
Zeuge F._ beschrieb nicht nur einen Stoss, sondern einen von D._ mit
Anlauf von der Seite her ausgeführten, heftigen Schlag mit der Faust in das Ge-
sicht des unvorbereiteten Beschuldigten, der diesen zu Boden gehen liess (Urk.
9/1 S. 1; Urk. 9/5 S. 3, S. 5, S. 7). Aufgrund dieser Aussagen und derjenigen des
Beschuldigten (Prot. I S. 28) ist somit davon auszugehen, dass dieser einen star-
ken Schlag gegen seinen Kopf versetzt bekam. Dadurch wurde er – wie die Video-
aufzeichnung zeigt (12:44.02) – ein bis zwei Meter weiter seitlich zu Boden ge-
schleudert. Weiter ist auf der Videoaufzeichnung zu sehen, dass der Beschuldigte
nach diesem Sturz sofort aufsteht, dann aber aus unklarem Grund gleich wieder
rückwärts zu Fall kommt. Der Beschuldigte war in der Folge aber derart schnell
und sicher wieder auf den Beinen und verschwunden, dass – entgegen der Argu-
mentation des Beschuldigten und der Verteidigung (Prot. I S. 28; Urk. 104 S. 4,
S. 5; Urk. 152 S. S. 7 und 11) – eine relevante Benommenheit als Folge erlittener Schläge auszuschliessen ist.
1.7. Nicht übersehen werden darf sodann, dass der Beschuldigte – wenn auch
nach langem Leugnen – einräumte, das von ihm für die Tat verwendete Messer
vor langem gekauft und (anscheinend von zu Hause) nach Zürich mitgenommen
zu haben (Urk. 5/7 S. 2; Urk. 5/10 S. 3). Dies tat er im Wissen, dass er und seine
Kollegen beabsichtigten, an die Streetparade und anschliessend in den Ausgang
zu gehen. Er führte das Messer die ganze Zeit über in seiner rechten Hosentasche
mit sich und zeigte es unterwegs einem Kollegen mit den Worten, es zum Selbst-
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schutz zu brauchen (Urk. 5/7 S. 2 f.; Urk. 5/10 S. 3). Damit war dem Beschuldigten
von allem Anfang an klar, dass er in dieser Nacht, sollte er in eine eskalierende
Situation geraten, bewaffnet sein würde.
1.8. Weiter fällt ins Gewicht, dass der Beschuldigte sich, als die Auseinander-
setzung im Club begann und anschliessend vor dem Club neu entfacht wurde,
nicht etwa heraushielt, geschweige denn entfernte. Entgegen seiner Auffassung
(Prot. I S. 27) ist auch in keiner der Aufnahmen zu sehen und war auch in keiner
Einvernahme zu hören, dass er wahrnehmbar schlichtend eingriff. Die Video-
aufzeichnung legt das Gegenteil nahe: Der Beschuldigte stürzte sich mindestens
zweimal direkt ins Getümmel und beteiligte sich aktiv an den gegenseitigen Ge-
walttätigkeiten (Urk. 13/5 Streetparade_Vorfall, 12:40:02-12:40:32 sowie Street-
parade_Vorfall 2, Aussen 1, 12:43:41). Ob er dies zunächst allenfalls tat, um ei-
nem Kollegen aus seiner Gruppe, G._ – den er erst an diesem Abend kennen
gelernt hatte und der die Auseinandersetzung nota bene vor den Augen des Be-
schuldigten erst angezettelt hatte (Urk. 5/4 S. 3 f.; Urk. 6/2 S. 5 f., Urk. 8/1 S. 2;
Urk. 8/4 S.2; Urk. 8/6 S. 3; Urk. 13/5 Streetparade_Vorfall) – "zu helfen", tut hier
nichts zur Sache, da sich solche Umstände per se nicht zu Gunsten des Beschul-
digten auszuwirken vermögen. Davon, dass er sich in irgendeinem Zeitpunkt mit
Entschlossenheit von der Szenerie entfernt hätte, kann jedenfalls keine Rede sein.
Just seine aktive Teilnahme an der Auseinandersetzung führte dazu, dass der Be-
schuldigte in der Folge in jene behauptete Bedrängnis und Panik geriet, die
Grundlage zur Anwendung der Privilegierung im Sinne von Art. 113 StGB bilden
soll.
1.9. Obwohl der Beschuldigte im weiteren Verlauf sah und zu spüren bekam,
wie unübersichtlich und unkontrolliert die Situation eskalierte, fasste er den ver-
hängnisvollen Entscheid, sich "zu seiner Verteidigung" des von ihm in der Hosen-
tasche mitgeführten Messers zu bedienen. Anlässlich der Berufungsverhandlung
vermochte sich der Beschuldigte nicht mehr daran zu erinnern, wann er das
Messer hervornahm. Er wisse nur noch, dass er dem Privatkläger gegenüber ge-
standen und ihn mit dem Messer auf Abstand zu halten versucht habe. Seiner
Erinnerung nach habe er das Messer wegen des Privatklägers aufgemacht, also,
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nachdem er ihm gegenüber gestanden habe (Urk. 153 S. 6 ff.). Dazu ist zu sagen,
dass der Beschuldigte das Messer nicht erst hervorgeholt und aufgeklappt haben
konnte, nachdem er von D._ niedergeschlagen worden, wieder aufgestanden
und erneut rückwärts hingefallen war (Urk. 13/5 Aufzeichnung Street-
parade_Vorfall 2, Aussen 1, ab 12:44.02). Das Tempo, mit welchem sich das Ge-
schehen in dieser Sequenz abspielte, erlaubte das Behändigen und Öffnen des
später zwar nie gefundenen, aber vom Beschuldigten als beidhändig aufklappbar
beschriebenen Messers gar nicht. Demnach musste er es schon vorher gezückt
haben. Sowohl gewisse seiner eigenen Aussagen (Prot. I S. 43) als auch Ausfüh-
rungen des Zeugen F._ (Urk. 9/1 S. 1; Urk. 9/5 S. 3 S. 7, S. 8 f.) lassen da-
rauf schliessen, dass der Beschuldigte dies getan hatte, nachdem er kurz vor der
gerade geschilderten Szene im Gerangel zu Boden gefallen war und bevor er von
D._ geschlagen wurde – zu einem Zeitpunkt also, als er dem Privatkläger
noch gar nicht gegenüber stand. Trotz der gegen ihn zuvor im Gerangel ausge-
führten Tätlichkeiten ist der Entscheid des Beschuldigten, sein Messer zu ziehen,
nicht ansatzweise nachfühlbar. Er befand sich weder in übermässiger Bedrängnis
und schon gar nicht in einer ausweglosen Position, vermochte er nach seinem
Sturz doch sofort wieder aufzustehen und zur Seite zu laufen. Davon, dass sich
eine solche Situation durch das Ziehen eines Messers klären würde, konnte der
Beschuldigte unmöglich ausgehen. Dies musste ihm bereits klar gewesen sei, als
er es zu Hause einpackte und dann schliesslich umso mehr, als sich eine derart
unübersichtliche Schlägerei mit diversen Beteiligten entwickelte. So darf als all-
gemein bekannt vorausgesetzt werden, dass ein solches "Aufrüsten" mit Waffen
keineswegs der Beruhigung dient, sondern regelmässig geeignet ist, die Stim-
mung (weiter) aufzuheizen und zudem eine Gefahr für Leib und Leben darstellt.
Insofern leistete der Beschuldigte einen weiteren Beitrag, die Konfliktsituation, die
ihn schliesslich überforderte, zu schüren. Die Provokation und das Gefährdungs-
potential für Leib und Leben, das in der damals gegebenen chaotischen Situation
von einer solchen Stichwaffe ausging, lagen für den Beschuldigten klar auf der
Hand.
1.10. Zu berücksichtigen ist ferner, dass der Beschuldigte das Messer zwar zum
Selbstschutz mitgenommen und gemäss seiner Darstellung tatsächlich versucht
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haben will, damit eine Drohung für die Angreifer darzustellen und diese so fernzu-
halten (Urk. 5/7 S. 3; 5/10 S. 4 f., S. 9 f.; Urk. 153 S. 7 f.). Er erklärte dazu, gehört
zu haben, dass (generell) viele Leute grundlos spitalreif geschlagen und auch ab-
gestochen würden. An diesem Tag habe die Streetparade stattgefunden, wo man
alle möglichen Leute sehe. Deshalb habe er sich gedacht, er nehme das Messer
zum Selbstschutz mit (Urk. 5/10 S. 5, S. 10; Urk. 5/12 S. 4; Urk. 153 S. 8 f.). Trotz
dieser angeblichen expliziten Absicht des Beschuldigten, sich in erster Linie die
abschreckende Wirkung der Waffe zu Nutze zu machen, bekam erstaunlicher-
weise kaum einer der Anwesenden etwas von deren Vorhandensein mit, womit sie
diesen Zweck ohnehin nicht erfüllen konnte. Nur wenige der unbeteiligten Per-
sonen – von den befragten war es nur der Zeuge F._ – nahmen das Messer
überhaupt wahr (Urk. 9/1 S. 1; Urk. 9/5 S. 3). Die Vorinstanz siedelte den vom Be-
schuldigten ausgeführten Messerstich mit überzeugender Begründung unmittelbar
nach seinem, durch die Auskunftsperson D._ verursachten, Sturz auf den
Boden an (Urk. 133 S. 8 f.). Weder der in dieser Sequenz in der Nähe stehende
und in Richtung des Beschuldigten blickende Privatkläger noch D._ erkann-
ten in diesem Augenblick ein Messer in der Hand des Beschuldigten (Urk. 8/7 S.
4; Urk. 8/8 S. 14); der Privatkläger sah lediglich etwas Glänzendes in dessen
Hand (Urk. 7/2 S. 38; Urk. 7/8 S. 11). Nicht zuletzt der Beschuldigte selbst sagte
dazu, er könne nicht genau sagen, wie "die Angreifer" auf das Messer reagiert hät-
ten. Er wisse nicht einmal, ob sie es überhaupt gesehen hätten (Urk. 5/10 S. 4 f.;
Urk. 153 S. 8). Kommt hinzu, dass auch der eigentliche Messerstich selbst für
Aussenstehende unbemerkt blieb. Selbst die Aussagen des direkt betroffenen Pri-
vatklägers blieben notgedrungen sehr vage. Er nahm den Messerstich zwar als
Schlag gegen seine Brust wahr, ohne zuverlässig sagen zu können, wann dieser
passierte; einen Stich mit einem Messer sah er jedoch nicht kommen. (Urk. 7/8
S. 7, S. 9 f., S. 11 f., S. 16 ff.; Prot. I S. 17). Keine der weiteren befragten Per-
sonen konnte einen Messerstich bestätigen; selbst der Zeuge F._, der einzi-
ge der Befragten, der das Messer effektiv gesehen hatte, war dazu ausserstande
(Urk. 9/1 S. 1; Urk. 9/5 S. 3). Vor dem Hintergrund dieser Aussagen ist auszu-
schliessen, dass der Beschuldigte abschreckend, d.h. sichtbar mit dem Messer
vor seinen Kontrahenten herumfuchtelte und zunächst damit drohte, um sich diese
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vom Leib zu halten, wie er es mitunter beschrieb (Urk. 5/10 S. 4, S. 5 f.; Urk. 5/12
S. 2, S. 3). Der Stich erfolgte vielmehr, sobald das Messer einsatzbereit gemacht
worden war und sich nach dem Sturz des Beschuldigten die Gelegenheit dazu
ergab. Er traf auch nicht die Person, welche den Beschuldigten unmittelbar zuvor
niedergeschlagen hatte, nämlich D._, sondern den überraschten Privatkläger.
Dass der Privatkläger ihm zuvor wegen besonderen Gewaltanwendungen aufge-
fallen wäre und aus einem solchen Grund Zielscheibe dieser Attacke wurde, be-
schrieb der Beschuldigte nie. Daher ist nicht ansatzweise nachvollziehbar, warum
sich diese Aktion ausgerechnet gegen den Privatkläger richtete. Das gesamte
Verhalten des Beschuldigten, insbesondere die Art, wie er mit dem Messer um-
ging, spricht für eine Aggression und Frustration geschuldete Einbusse seiner
Fähigkeit zur Selbstbeherrschung, welche ihren Ursprung wohlgemerkt in seinem
eigenen Agieren hatte. Keinesfalls ist von einer angstgetriebenen Panikreaktion
auszugehen (Urk. 153 S. 7 und S. 12 f.; Urk. 154 S. 4).
1.11. Schliesslich spricht das Bild der vom Privatkläger erlittenen Wunde am
Thorax, bei welcher es sich um einen 7 cm tiefen, im Körper leicht von oben nach
unten in die Körpermitte verlaufenden Stich handelt (Urk. 10/10), gegen eine Ver-
letzung, die durch eine in Panik zufällig bzw. unbewusst ausgeführte Bewegung
(Prot. I S. 29, S. 32) oder durch ein Fuchteln zugefügt wurde. Vielmehr wurde das
Messer gegen bzw. in den Körper des Privatklägers gestossen. Was die Länge
der Klinge des verwendeten Messers anbelangt, schwanken die Angaben des
Beschuldigten zwischen 5 cm und 6.5 cm. Aufgrund dieser Angaben und der fest-
gestellten Stichtiefe von 7 cm ist zu folgern, dass das Messer zumindest bis zum
Schaft in den Körper des Privatklägers eindrang bzw. sogar noch etwas weiter
hineingedrückt wurde.
1.12. Zusammenfassend kann dem Beschuldigten, der
- sich bereits mit einem Messer bewaffnet in den Ausgang begab,
- sodann aktiv an einer gewalttätigen und chaotischen Massen-
schlägerei junger Männer teilnahm und
- 15 -
- sich zu keinem Zeitpunkt entschieden davon distanzierte, sondern
- sogar – ohne in eine besondere Bedrängnis geraten zu sein –,
seine Stichwaffe zog und
- damit überraschend einem der Kontrahenten die beschriebene
tiefe Stichverletzung im vorderen oberen Bereich des Thorax zu-
fügte,
nicht zugebilligt werden, die Gemütsbewegung, in welche er während der
Schlägerei (allenfalls) geraten war, sei im Sinne von Art. 113 StGB entschuldbar.
Ganz massgebend gegen die Privilegierung spricht, dass der Beschuldigte selbst
an der Schlägerei teilnahm, bis er angeblich glaubte, die Situation mit einem
Messer klären zu müssen. Angesichts der geschilderten Situation erscheint bereits
die heftige Gemütsbewegung nicht gerechtfertigt. Dass ein durchschnittlich den-
kender, fühlender und handelnder Mensch in der gleichen Lage in einen solchen
Affekt geraten wäre, ist zudem vehement zu verneinen. Der Versuch, in einer
solchen Situation einen anderen Menschen zu töten – und zwar einigermassen
wahllos ein Mitglied "der anderen Gruppe" – erscheint bei ethischer Beurteilung
mitnichten in einem milderen Licht. Aus diesen Gründen kommt, wie die Vor-
instanz zutreffend schliesst, eine Privilegierung der versuchten Tötung als ver-
suchter Totschlag nicht in Frage (Urk. 133 S. 25).
1.13. Die Verurteilung des Beschuldigten wegen versuchter vorsätzlicher Tötung
im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB durch die Vor-
instanz erfolgte demnach zu Recht.
2. Vorwurf II: Vergehen gegen das Waffengesetz
2.1. Dass der Beschuldigte am 29. August 2017 einen Gegenstand in seinem
Personenwagen mitführte, der in der Anklageschrift als Schlagstock bezeichnet
wird, ist objektiv klar und wurde auch anerkannt. Die Vorinstanz sah darin in Über-
einstimmung mit der Anklagebehörde einen Verstoss gegen das Waffengesetz,
wobei sie ihm einen vermeidbaren Verbotsirrtum zubilligte (Urk. 133 S. 27 ff.).
- 16 -
2.2. Wer Waffen nicht gewerbsmässig in das schweizerische Staatsgebiet ver-
bringen oder eine Waffe an öffentlich zugänglichen Orten tragen oder sie transpor-
tieren will, benötigt eine Bewilligung (Art. 25 Abs. 1 und Art. 27 Abs. 1 WG). Mit
Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe wird bestraft, wer vorsätzlich oh-
ne eine solche Berechtigung Waffen trägt oder in das schweizerische Staatsgebiet
verbringt (Art. 33 Abs. 1 lit. a WG). Handelt der Täter fahrlässig, so ist die Strafe
gemäss Abs. 2 derselben Bestimmung Busse. In leichten Fällen kann von einer
Bestrafung ganz abgesehen werden. Als Waffen im Sinne von Art. 4 Abs. 1 WG
gelten unter anderem Geräte, die dazu bestimmt sind, Menschen zu verletzten,
namentlich Schlagringe, Schlagruten, Schlagstöcke, Wurfsterne und Schleudern
(lit. d).
2.3. Ein Schlagstock stellt demnach eine Waffe im Sinne des Waffengesetzes
dar, deren Tragen oder Transportieren eine Bewilligung erfordert, über welche der
Beschuldigte nicht verfügte. Was die Qualifizierung des von ihm mitgeführten
Gegenstandes als Waffe im Sinne des Waffengesetzes anbelangt, erklärte der
Beschuldigte gemäss dem Polizeirapport zunächst, er denke nicht, dass es sich
dabei um einen Schlagstock handle. Es handle sich eigentlich um eine Taschen-
lampe, die er mitführe, falls am Fahrzeug einmal etwas defekt sei. Diese Taschen-
lampe könne man legal im Internet erwerben; er habe sie an einer Tankstelle als
Geschenk erhalten (Urk. D/2/1 S. 1 f.). In der Untersuchung erklärte er dann, die-
ser Gegenstand sehe zwar aus wie ein Schlagstock, sei aber keiner; es gebe eine
Lampe drinnen. Er habe ihn mehr aus Spass in einer Tankstelle in Deutschland für
EUR 10 gekauft, ohne zu wissen, dass er nicht legal sei. Für ihn sei ein Schlag-
stock etwas anderes, nämlich so etwas wie ein Teleskopstock. Ausserdem habe
er gar nicht gewusst, dass er diesen Gegenstand noch im Auto habe (Urk. 5/10
S. 10 f.). Anschliessend anerkannte er aber den Schlussvorhalt der Anklage-
behörde mit der Bemerkung, nicht gewusst zu haben, dass dies in der Schweiz
illegal sei (Urk. 5/10 S. 15). Anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung er-
klärte der Beschuldigte es sei richtig, dass es "im Nachhinein ein Schlagstock"
gewesen sei. Er habe aber die ganze Zeit nicht im Sinn gehabt, dass es ein
Schlagstock sei. Für ihn sei es eine Taschenlampe gewesen, welche man für den
Fall eines Unfalles im Auto habe und womit man die Scheiben einschlagen könne.
- 17 -
Es sei eine Glühbirne vorhanden gewesen. Er habe nicht im Kopf gehabt, den
Gegenstand zu benützen, um eine Person zu verletzen. Er habe ihn einfach an
der Tankstelle in Deutschland kaufen können, weshalb er gedacht habe, dass das
legal sei. Abschliessend erklärte der Beschuldigte, auf entsprechende Frage,
"im Nachhinein" anzuerkennen, gegen das Waffengesetz gehandelt zu haben
(Prot. I S. 36). Anlässlich der Berufungsverhandlung erklärte der Beschuldigte ent-
sprechend befragt, dass er den Schlagstock gerade nach der mit Strafbefehl vom
1. Mai 2017 abgeurteilten SVG-Verfehlung erstanden und im dazumal geführten
Audi S5 deponiert habe (Urk. 153 S. 14).
Der Verteidiger des Beschuldigten führte vor erster Instanz aus, beim fraglichen
Gegenstand handle es sich um nichts anderes als um eine Stabtaschenlampe. Es
sei lächerlich, dass eine solche frei verkäufliche Stabtaschenlampe, die in Not-
situationen auch zum Einschlagen der Autoscheibe verwendet werden könne, nun
als gefährlicher Gegenstand im Sinne des Waffengesetzes taxiert werde (Urk. 104
S. 9). Auch anlässlich der Berufungsverhandlung stellte die Verteidigung in Ab-
rede, dass der Beschuldigte den Schlagstock tatsächlich als solchen erkannt ha-
be. Daran ändere auch die Feststellung des Beschuldigten nichts, dass der Ge-
genstand wie ein Schlagstock aussehe, zumal dies auch auf alle in einem Bau-
markt frei verkäuflichen Stabtaschenlampen zutreffe. Selbst wenn man aber davon
ausgehe, dass der Beschuldigte den Schlagstock als solchen erkannt habe, habe
er diesen in einer offiziellen deutschen Verkaufsstelle erworben und deshalb da-
von ausgehen dürfen, dass er sich rechtmässig verhalte. Der Schlagstock sei mit
einem frei verkäuflichen Pfefferspray oder einem Sackmesser vergleichbar, für
welche nach dem Waffengesetz keine Bewilligung erforderlich sei. Im Übrigen sei
auch bei entsprechender Recherche nichts über die vermeintliche Illegalität dieses
Schlagstockes zu finden, weder im Internet noch in der Broschüre des fedpol
"Schweizerisches Waffenrecht." Somit hätte der Beschuldigte einen Rechtsirrtum
selbst bei Einholung entsprechender Auskünfte nicht vermeiden können, weshalb
er freizusprechen sei (Urk. 154 S. 6 ff.).
2.4. Während der Beschuldigte in erster Linie sein fehlendes Wissen bezüglich
Illegalität dieses Gegenstands herausstreicht, bestreitet die Verteidigung ferner,
- 18 -
dass der Gegenstand überhaupt vom Waffengesetz erfasst sei. Dies ist jedoch
klar der Fall. So ist es keineswegs so, dass sich die Funktion des fraglichen Ge-
genstandes auf diejenige einer Taschenlampe beschränkt, die im Notfall auch zum
Zertrümmern einer Autoscheibe eingesetzt werden kann. Auch ist er optisch deut-
lich von frei verkäuflichen Stabtaschenlampen zu unterscheiden, zumal er augen-
scheinliche Merkmale einer Schlagwaffe aufweist, namentlich die gezackte Front-
partie mit kronenartigem Abschluss, welcher wohl auch den Einsatz als Stichwaffe
möglich macht, und der Handschutz. Es handelt es sich beim fraglichen Gegen-
stand explizit und für jeden – insbesondere den Beschuldigten – ersichtlich, um
eine Kombination von Schlagstock und Lampe (vgl. dazu auch Urk. D2/4). Die
Vorinstanz verweist zu Recht auf die zum Teil widersprüchlichen und ausweichen-
den Aussagen des Beschuldigten zum Erwerb des Schlagstockes und zu seinen
Vorstellungen betreffend dessen Funktion, insbesondere aber auf die Zugabe des
Beschuldigten, der Gegenstand sehe aus wie ein Schlagstock (Urk. 5/10 S. 10).
Darauf ist er zu behaften. Da der Gegenstand eingestandenermassen aussieht
wie ein Schlagstock und zum Einschlagen von Autoscheiben verwendet werden
kann, stellt er (auch und namentlich auch für den Beschuldigten) einen Schlag-
stock dar, weshalb er einerseits ohne Weiteres als Waffe im Sinne des Waffen-
gesetzes zu qualifizieren ist. Da der Schlagstock aufgrund seines Aussehens wie
gesagt auch für den Beschuldigten als solcher erkennbar war und er ihn selber
– wie anlässlich der Berufungsverhandlung bekannt wurde, wenige Monate vor
der Verhaftung – in seinem Auto deponiert hatte, ist er überführt, gewusst und
gewollt zu haben, künftig einen solchen im Auto mitzuführen. Insofern ist der
Sachverhalt der Anklageschrift zweifellos erstellt.
2.5. Nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesgerichts gehört zum Vor-
satz gemäss Art. 12 Abs. 2 StGB nur das auf die objektiven Merkmale des Delikt-
statbestandes bezogene Wissen und Wollen, nicht aber auch das Bewusstsein
der Rechtswidrigkeit oder gar dasjenige der Strafbarkeit (BGE 107 IV 205 E. 3 mit
Hinweisen). Wer sein Verhalten irrtümlich für rechtmässig hält, erliegt allenfalls
einem Irrtum über die Rechtswidrigkeit (Art. 21 StGB), welcher den Vorsatz des
Täters nicht berührt (Urteil des Bundesgerichts 6B_64/2014 vom 26. Juni 2014
E. 3; 6B_1031/2010 vom 1. Juni 2011 E. 2.4.1).
- 19 -
2.6. Die Vorinstanz ging mangels anderweitiger Hinweise davon aus, dass der
Beschuldigte nicht um die Strafbarkeit des Mitführens des Schlagstockes gewusst
habe und dass sich ein Bewusstsein des Beschuldigten um die Widerrechtlichkeit
seines Verhaltens nicht erstellen lasse, weshalb im Rahmen der rechtlichen
Würdigung ausgehend von einem Rechtsirrtum zu prüfen sei, ob das Fehlen des
Unrechtbewusstseins vermeidbar gewesen wäre (Urk. 133 S. 29, S. 31 f.).
2.7. Gemäss Art. 21 StGB ("Irrtum über die Rechtswidrigkeit", Verbotsirrtum)
handelt nicht schuldhaft, wer bei Begehung der Tat nicht weiss und nicht wissen
kann, dass er sich rechtswidrig verhält (Satz 1). War der Irrtum vermeidbar, so
mildert das Gericht die Strafe nach freiem Ermessen (Satz 2). Einem Verbots-
irrtum erliegt der Täter, der zwar alle Tatumstände kennt und somit weiss, was er
tut, aber nicht weiss, dass sein Tun rechtswidrig ist (BGE 129 IV 238 E. 3.1
S. 241). Ein Verbotsirrtum ist indes ausgeschlossen, wenn der Täter aufgrund
seiner laienhaften Einschätzung weiss, dass sein Verhalten der Rechtsordnung
widerspricht, wenn er also in diesem Sinne das unbestimmte Empfinden hat,
etwas Unrechtes zu tun (BGE 104 IV 217 E. 2 S. 218 f.; BSK Strafrecht I- NIGGLI/
MAEDER, 4. Auflage, 2018, N 13 und 15 zu Art. 21 StGB). Um den Rechtsirrtum für
sich in Anspruch nehmen zu können, muss der Täter mit anderen Worten stets
davon ausgegangen sein, überhaupt nichts Unrechtes zu tun. Sobald aber auch
nur ein unbestimmtes Empfinden besteht, man könnte bei seinem Handeln gegen
das verstossen, was recht ist, liegt ein beachtlicher Rechtsirrtum ausser Betracht
(DONATSCH/ TAG, Strafrecht I, 9. Auflage, Zürich 2013, S. 290; BGE 72 IV 150,
155).
2.8. Der Beschuldigte erklärte in der staatsanwaltschaftlichen Befragung auf die
Frage, ob ihm bewusst sei, dass ein Schlagstock unter das Waffengesetz falle,
zunächst, für ihn sei ein Schlagstock etwas wie ein Teleskopstock und auch lang
(Urk. 5/10 S. 11). Kurz zuvor erörterte er wie gesagt aber, dass der in seinem
Fahrzeug gefundene Gegenstand wie ein Schlagstock aussehe, aber keiner sei
(Urk. 5/10 S. 10). Nachdem der Beschuldigte über den bei ihm vorgefundenen
(kürzeren) Gegenstand sagte, dieser sehe aus wie ein Schlagstock, kann ihm
nicht geglaubt werden, dass er nur einen (längeren) Teleskopstock den unter das
- 20 -
Waffengesetz fallenden Schlagstöcken zuordnet. Nachdem er – wie er in der glei-
chen Befragung ausdrücklich zugestand (Urk. 5/10 S. 11) – um die Illegalität von
Teleskop(schlag)stöcken (und auch Butterflymesser) wusste, muss zudem sein
Einwand, nicht gewusst zu haben, dass der fragliche, wie ein Schlagstock aus-
sehende und in Deutschland gekaufte Gegenstand in der Schweiz illegal sei bzw.
unter das Waffengesetz falle, als Schutzbehauptung taxiert werden. Aufgrund
seines Wissens um die Illegalität von Teleskop(schlag)stöcken und damit um eine
entsprechende gesetzliche Regelung sowie aufgrund der zugegebenen Tatsache,
dass das hier fragliche Objekt auch gemäss Beschuldigtem wie ein Schlagstock
aussieht, muss auf ein durchaus vorhandenes, wenn auch unbestimmtes, grund-
sätzliches Unrechtsbewusstsein des Beschuldigten geschlossen werden. Ein be-
achtlicher Rechtsirrtum kann dem Beschuldigten somit entgegen den Über-
legungen der Vorinstanz nicht zugebilligt werden.
2.9. Der Beschuldigte ist demzufolge eines Vergehens gegen das Waffengesetz
im Sinne von Art. 33 Abs. 1 lit. a WG schuldig zu sprechen.
III. Sanktion
1. Ausgangslage
1.1. Die Vorinstanz sprach eine Freiheitsstrafe von 5 Jahren für die versuchte
Tötung sowie eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu Fr. 30.00 für den Verstoss
gegen das Waffengesetz aus, wobei beide Strafen zu vollziehen seien.
1.2. Die Anklagebehörde beantragt mit ihrer Berufung eine unbedingte Frei-
heitsstrafe von 9 Jahren (Urk. 135; Urk. 153 S. 1)
1.3. Der Beschuldigte lässt anschlussberufungsweise beantragen, er sei mit
einer bedingten Freiheitsstrafe von nicht mehr als 20 Monaten zu bestrafen
(Urk. 140; Urk. 154 S. 1). Für den Fall eines Schuldspruches wegen versuchter
vorsätzlicher Tötung sowie des Verstosses gegen das Waffengesetz, beantragte
der Beschuldigte anlässlich der Berufungsverhandlung eventualiter die Bestäti-
- 21 -
gung der von der Vorinstanz festgelegten Strafe von fünf Jahren Freiheitsstrafe
(154 S. 11).
1.4. Die Straftaten des Beschuldigten ereigneten sich 2017. Am 1. Januar 2018
sind revidierte Bestimmungen des allgemeinen Teils des Strafgesetzbuches, das
neue Sanktionenrecht, in Kraft getreten. Gemäss Art. 2 StGB wird ein Straftäter
grundsätzlich nach demjenigen Recht beurteilt, das bei Begehung der Tat in Kraft
war. Jedoch ist eine zwischen der Tatbegehung und der gerichtlichen Beurteilung
in Kraft getretene Revision zu berücksichtigen, wenn das neue Recht das mildere
ist. Unter Beurteilung ist die Fällung eines Sachurteils zu verstehen, selbst wenn
es sich nicht um das erste handelt, weil es beispielsweise im Berufungsverfahren
ergeht (TRECHSEL/VEST, Praxiskommentar StGB, 3. Aufl. 2018, Art. 2 N 7). Im
Folgenden ist diesen Grundsätzen Rechnung zu tragen.
2. Strafzumessung
2.1. Vorbemerkung
2.1.1. Die Vorinstanz hat zutreffend festgestellt, dass das Gesetz für eine (voll-
endete) vorsätzliche Tötung im Sinne von Art. 111 StGB eine Bestrafung mit Frei-
heitsstrafe nicht unter 5 Jahren, d.h. von 5 bis 20 Jahren vorsieht (Art. 111 StGB;
Art. 40 Abs. 2 StGB). Die versuchte Tatbegehung vermag angesichts der konkre-
ten Umstände, auf welche noch einzugehen sein wird, die Unterschreitung dieses
Strafrahmens nicht zu rechtfertigen. Sie wird im Rahmen der Strafzumessung
aber strafmindernd zu berücksichtigen sein. Weitere Gründe für ein Über- oder
Unterschreiten des ordentlichen Strafrahmens liegen nicht vor (BGE 136 IV 55
E. 58). Der Strafrahmen für den Verstoss gegen das Waffengesetz erstreckt sich
von einer Geldstrafe bis zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren (Art. 33 Abs. 1
lit. a WG).
2.1.2. Ein Täter, welcher durch eine oder mehrere Handlungen die Voraussetzun-
gen für mehrere gleichartige Strafen erfüllt, ist grundsätzlich zur Strafe der
schwersten Straftat zu verurteilen, welche angemessen zu erhöhen ist, wobei das
Höchstmass der angedrohten Strafe nicht um mehr als die Hälfte erhöht und das
- 22 -
gesetzliche Höchstmass der Strafart nicht überschritten werden darf (Art. 49
Abs. 1 StGB). Wenn ein deutlich schwereres Delikt zusammen mit einer weiteren,
leichter wiegenden Nebentat zu sanktionieren ist, ist allerdings zunächst für jeden
Normverstoss einzeln eine (hypothetische) Strafe zu ermitteln (vgl. dazu Urteile
des Bundesgerichtes 6B_499/2013 vom 22. Oktober 2013 E. 1.8; 6B_1011/2014
vom 16. März 2015 E. 4.4; 6B_610/2017 E. 2.2.1). Mit Blick auf die Frage, ob eine
Gesamtstrafe gebildet werden darf, welche auch die Strafe für solche Taten ein-
schliesst, ist zu berücksichtigen, dass die Gleichartigkeit der abstrakten Strafan-
drohung nicht ausschlaggebend ist. Von mehreren gleichartigen Strafen kann erst
dann die Rede sein, wenn im konkreten Fall für jeden einzelnen Normenverstoss
gleichartige Strafen auszufällen sind. Resultieren aus der Ermittlung der Einzel-
strafen dagegen ungleichartige Strafen, ist die Bildung einer Gesamtstrafe nicht
zulässig (vgl. BGE 138 IV 120 E. 5; BGE 137 IV 57). Wie es sich vorliegend damit
verhält, wird sich nach der konkreten Bewertung des Verschuldens und der Beur-
teilung, welche Strafart für die beiden vorliegend gegenständlichen Delikte ange-
messen ist, zeigen. Die Vorinstanz ist gemäss diesen Überlegungen vorgegangen.
2.1.3. Im Übrigen hat die Vorinstanz die relevanten Strafzumessungsregeln in
ihrem Entscheid aufgeführt und ebenso zutreffend festgehalten, dass zwischen
Tat- und Täterkomponente zu unterscheiden ist (vgl. Urk. 133 S. 32 ff.).
2.2. Objektives und subjektives Tatverschulden
2.2.1. Versuchte vorsätzliche Tötung
2.2.1.1. Zu bewerten ist zunächst das Ergebnis der Tat des Beschuldigten aus rein
objektiver Perspektive: Ein im Rahmen einer unübersichtlichen, gewalttätigen
Auseinandersetzung in den Thorax eines Menschen, konkret in der Gegend des
Herzens ausgeführter, 7 cm tiefer Messerstich stellt eine sehr gravierende Ver-
letzung dar. Wie die Vorinstanz zutreffend festhält, ist sie grundsätzlich geeignet,
Lebensgefahr herbeizuführen (Urk. 133 S. 33 f.). Bedenklich ist, dass die Auswir-
kungen eines solchen Stiches im dynamischen Kampfgeschehen nicht kontrollier-
bar sind. Ebenso wenig darf ausser acht gelassen werden, dass die Messer-
attacke gegen den unbewaffneten Privatkläger unbemerkt und überraschend
- 23 -
ausgeführt wurde, zumal dieser das Messer in der Hand des Beschuldigten nicht
wahrgenommen hatte. Dies verhinderte ein Ausweichen oder eine nennenswerte
Verteidigung. Die gravierende Verletzung des Privatklägers musste notfallmässig
operativ unter Vollnarkose versorgt werden und schränkte diesen, obwohl er ledig-
lich eine knapp dreiwöchige Arbeitsunfähigkeit und keine bleibenden physischen
Schäden zu verzeichnen hatte (Urk. 133 S. 34), monatelang in seinem Alltag ein
(Urk. 7/8 S. 15). Er erlebte den Vorfall – was nachzuvollziehen ist – als trauma-
tisch (Urk. 7/8 S. 7, S. 10, S. 13, S. 14, S. 16). Objektiv fällt handkehrum ins Ge-
wicht, dass der Beschuldigte gemäss erstelltem Sachverhalt nicht gezielt zustach
und sich der Privatkläger – indes lediglich aufgrund der sofort eingeleiteten medi-
zinischen Betreuung – zu keinem Zeitpunkt konkret in Lebensgefahr befand. In
Würdigung all dieser Umstände ging die Vorinstanz in Anbetracht der im Rahmen
einer (vollendeten) vorsätzlichen Tötung denkbaren Konstellationen zu Recht von
einem nicht mehr leichten objektiven Verschulden aus.
2.2.1.2. In subjektiver Hinsicht war es bereits äusserst fragwürdig, eine Stichwaffe
in den nächtlichen Ausgang mitzunehmen, dort in eine durch den eigenen Kumpel
angezettelte Auseinandersetzung einzusteigen sowie erst recht, angesichts des
sich abzeichnenden eigenen Unterliegens eine Stichwaffe zu ziehen und über-
raschend zum Einsatz zu bringen. Die Einstichstelle im Bereich der linken Brust
manifestiert – obwohl ihm nicht unterstellt werden kann, gezielt Richtung Herz ge-
stochen zu haben – den damaligen Willen des Beschuldigten, dem Privatkläger
eine gravierende Verletzung beizubringen, was auch eintrat. Insofern kann ihm
eine beträchtliche kriminelle Energie nicht abgesprochen werden. Andererseits
berücksichtigte die Vorinstanz zu Recht, dass es letztlich ungeplant und spontan
aus der Situation heraus zu dieser Tat kam und der Beschuldigte erst zustach,
nachdem er selber – und dies teilweise heftig – geschlagen worden war (Urk. 133
S. 34). Auch dem Umstand, dass der angetrunkene Privatkläger sich ebenso wie
der Beschuldigte überaus aktiv an der Auseinandersetzung beteiligte, mehrfach
zuschlug und sich trotz entsprechender Gelegenheiten nicht von der Szenerie ent-
fernte, ist angemessen Rechnung zu tragen (Urk. 133 S. 34). Wie die Vorinstanz
zu Recht festhielt, entsprach eine Tötung des Privatklägers nicht dem Handlungs-
ziel des Beschuldigten, doch nahm er durch seine Messerattacke und die dadurch
- 24 -
verursachte Verletzung in Kauf, diesen in Lebensgefahr zu bringen. Mit Bezug auf
allfällige Todesfolgen handelte der Beschuldigte somit nicht mit direktem Vorsatz,
sondern lediglich eventualvorsätzlich, was verschuldensmindernd zu berücksich-
tigen ist. Dennoch fügte der Beschuldigte dem Privatkläger die effektiv erlittenen
Verletzungen mit direktem Vorsatz zu. Insgesamt vermag die subjektive Tat-
schwere die objektive nicht zu relativieren. Es bleibt daher bei einem nicht mehr
leichten Tatverschulden.
2.2.1.3. Aufgrund der gesamten, nicht mehr leichten Tatschwere erscheint die
vorinstanzlich erfolgte Festsetzung der hypothetischen Einsatzstrafe auf 7 Jahre
Freiheitsstrafe – also deutlich im untersten Drittel des Strafrahmens – zu wohl-
wollend. Diese hat sich wenigstens an der Grenze zwischen unterem und mittle-
rem Drittel des Strafrahmens, d.h. bei 10 bis 11 Jahren zu bewegen.
2.2.1.4. Der blosse Versuch einer Straftat ist als verschuldensunabhängige Tat-
komponente unter Berücksichtigung der Nähe des im Tatbestand vorausgesetzten
Erfolges – hier also der Tötung – bzw. des tatsächlich eingetretenen Erfolges
strafmindernd zu würdigen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_281/2014 vom
11. November 2014 E. 3.6). Zu beachten ist zudem, dass durch die versuchte Tat
ein zweites Rechtsgut beeinträchtigt werden kann, das ebenfalls strafrechtlich
geschützt ist, dies allerdings im Schuldpunkt aufgrund unechter Konkurrenz der
Tatbestände unberücksichtigt bleibt. Das ist z.B. der Fall, wenn das Opfer, wie
hier geschehen, durch einen Tötungsversuch verletzt wird (MATHYS, Leitfaden
Strafzmessung, N 218 f.). Der Privatkläger trug zwar erstaunlicherweise verhält-
nismässig glimpfliche Verletzungen und glücklicherweise keine bleibenden Schä-
den davon. Dies ist aber vor allem dem Umstand geschuldet, dass seine Kollegen
ihn sofort in Richtung Spital fuhren und ihn unterwegs einer zufällig heranfahren-
den Ambulanz übergeben konnten. Eine gewisse Nähe zum tatbestandsmässigen
Erfolg war insofern gegeben, als gemäss dem Gutachten aus rechtsmedizinischer
Sicht Stichverletzungen am Rumpf zu lebensbedrohlichen Verletzungen (Blutun-
gen in die Brusthöhle, Luftbrust, Verletzung lebenswichtiger Organe etc.) führen
können (Urk. 10/9 S. 8). Wie die Vorinstanz zutreffend festhielt, ist es dem blossen
Zufall zu verdanken, dass der Privatkläger in der damaligen chaotischen Aus-
- 25 -
einandersetzung nicht noch schwerere Schädigungen durch das Messer des Be-
schuldigten erlitt. Unter diesen Umständen vermag die Tatsache, dass es beim
Versuch blieb, zwar eine gewisse, aber keine allzu hohe Strafminderung zu recht-
fertigen (BGE 121 IV 49 E. 1b). Angemessen erscheint eine Reduktion auf 8 Jahre
Freiheitsstrafe.
2.2.1.5. Auf eine verminderte Schuldfähigkeit durch Alkohol oder Betäubungsmittel
ist angesichts der Angaben des Beschuldigten, er habe Stunden vor der Tat an
der Street Parade einen Mojito und dann im C._ maximal zwei Jack Daniels
mit Cola und keine anderen Substanzen konsumiert (Urk. 5/2 S. 3; Urk. 5/4 S. 12),
nicht zu schliessen.
2.2.1.6. Was die persönlichen Verhältnisse anbelangt kann grundsätzlich auf die
Zusammenfassung der Lebensgeschichte des Beschuldigten im angefochtenen
Urteil verwiesen werden (Urk. 133 S. 34 f.). Anlässlich der Berufungsverhandlung
bestätigte der Beschuldigte im Wesentlichen die bereits in der Untersuchung und
vor Vorinstanz gemachten Ausführungen zu seinem persönlichen und insbesonde-
re beruflichen Werdegang. Geplant sei, nach dem Strafvollzug an die zuvor aus-
geübte Arbeitsstelle bei H._ als Pharmatechnologe anzuknüpfen und auf die-
sem Bereich eine Ausbildung zu absolvieren. Gemäss Aussage eines Kollegen
sei sein früherer Chef nach wie vor bereit, ihm die entsprechende Möglichkeit zu
geben. Im Strafvollzug habe er zu Beginn in der Schreinerei, dann schliesslich als
Hausarbeiter gearbeitet. Eine Ausbildung in der Schreinerei sei andiskutiert wor-
den, allerdings mit Blick auf einen möglichen offenen Vollzug zeitlich nicht in Frage
gekommen. Hingegen habe er im Strafvollzug während dreier Monate eine soziale
Kompetenztherapie absolviert und dort gelernt, wie man im Alltag mit Konfliktsitua-
tionen umgehen könne. Privat sei die bereits im Tatzeitpunkt bestandene Bezie-
hung weiterhin intakt. Er habe regelmässigen Kontakt mit seiner Partnerin und sie
werde auf ihn warten (Urk. 152 S. 2 ff.).
Die Vorinstanz hat zutreffend festgestellt, dass der Lebensgeschichte des Be-
schuldigten keine strafzumessungsrelevante Faktoren zu entnehmen seien
(Urk. 133 S. 43 f.). In einem gewissen Mass berücksichtigt werden darf jedoch,
dass der Beschuldigte im Tatzeitpunkt noch keine 22 Jahre alt war. Seine damals
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offenbar noch ausgeprägte Unreife dürfte wesentlich dazu beigetragen haben,
dass er überhaupt ein Messer mit sich führte und sich dazu hinreissen liess, damit
auf einen Menschen einzustechen.
2.2.1.7. Beizupflichten ist der Vorinstanz auch darin, dass die nicht einschlägige
Vorstrafe des Beschuldigten, ein Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons
Solothurn vom 1. Mai 2017 wegen grober Verkehrsregelverletzung zufolge Ge-
schwindigkeitsüberschreitung, welcher zu einer Bestrafung mit einer bedingten
Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu Fr. 80.00 bei einer Probezeit von 2 Jahren
führte, leicht straferhöhend zu berücksichtigen ist. Höchst bedenklich ist dabei,
dass der Beschuldigte nur rund dreieinhalb Monate nach dieser Verurteilung bzw.
rund zweieinhalb Monate nach Rückzug seiner dagegen erhobenen Einsprache
und im Wissen um die laufende Probezeit den Tötungsversuch beging.
2.2.1.8. Was das Verhalten des Beschuldigten während des vorliegenden Straf-
verfahrens anbelangt, ist in Relativierung der vorinstanzlichen Erwägungen fest-
zuhalten, dass ihm weder eine auffallend gute Kooperation noch umfassendste
Geständnisbereitschaft attestiert werden kann. Dass er sich nicht selber stellte
sowie nach seiner Festnahme lange Zeit tatsachenwidrig behauptete, die Tatwaffe
nicht mitgebracht, sondern am Tatort auf dem Boden liegend gefunden zu haben,
damit auf dem Boden liegend von mehreren Personen bedrängt und in Lebens-
gefahr nur herumgefuchtelt und den Privatkläger dabei zufällig getroffen zu haben,
machte aufwendige Auswertungen der Videoaufzeichnungen sowie die Durchfüh-
rung zahlreicher Befragungen notwendig, was die Untersuchung verkomplizierte.
Dies kann zwar nicht zu Lasten des Beschuldigten gewertet werden, legt jedoch
auch keine Strafminderung nahe. Immerhin ist dem Beschuldigten – wie die Vor-
instanz zu recht ausführt – zu Gute zu halten, dass er schon früh einräumte, für
die Stichverletzung des Privatklägers verantwortlich zu sein. In der erstinstanz-
lichen Hauptverhandlung erklärte er schliesslich, es sei eine grosse Dummheit
gewesen, ein Messer mitzunehmen; was passiert sei, tue ihm von Herzen leid und
beschäftige ihn bis heute (Prot. I S. 31, S. 35). Das bestätigte er auch anlässlich
der Berufungsverhandlung (Prot. II S. 7). Es ist davon auszugehen, dass der Be-
schuldigte selbst nicht recht begreifen kann und daher verdrängen will, was er
- 27 -
eigentlich getan hat, was sein Verhalten in der Untersuchung ein Stück weit er-
klärt. Trotz der mitunter gezeigten Verharmlosungstendenz des Beschuldigten
kann ihm heute nicht abgesprochen werden, aufrichtige Reue über seine Tat zu
empfinden und einzusehen, dass sie falsch und inakzeptabel war. Insgesamt
rechtfertigen diese Aspekte trotz der erwähnten Vorbehalte eine merkliche Straf-
reduktion.
2.2.1.9. Im Ergebnis richtig befand die Vorinstanz daher, die unter der Täter-
komponente zu berücksichtigenden Strafminderungsgründe würden die Straf-
erhöhungsgründe auf- und sogar etwas überwiegen. Insofern erscheint für die
versuchte vorsätzliche Tötung eine Freiheitsstrafe von 7 Jahren angemessen.
2.2.2. Verstoss gegen das Waffengesetz
2.2.2.1. Mit Bezug auf die Bewertung des objektiven Verschuldens ist relevant,
dass der Beschuldigte gemäss der Anklageschrift am 29. August 2017 in seinem
Fahrzeug auf der ...-strasse in ... [Ort]/BL einen Schlagstock transportierte. Wie
die Vorinstanz zutreffend festhält, zählt ein Schlagstock zu den harmloseren der
vom Waffengesetz erfassten Waffen. Verglichen mit anderen Schlagstöcken ist
der beim Beschuldigten vorgefundene zudem abermals als eher harmlose Varian-
te einzustufen. Ferner war der vorgeworfene Tatzeitraum kurz. Die objektive Tat-
schwere ist vor diesem Hintergrund als sehr leicht bis leicht zu qualifizieren.
2.2.2.2. Was das subjektive Verschulden angeht, schilderte der Beschuldigte nie
eine konkrete, gegen ihn gerichtete Gefährdungssituation, weshalb kein Anlass für
das Mitführen eines Schlagstockes ersichtlich ist. Richtig ist, dass – so die Vor-
instanz – keinerlei Hinweise für einen bereits erfolgten Einsatz des Schlagstocks
bestehen. Hinter die gemäss Vorinstanz nicht erstellbare Absicht des Beschuldig-
ten, den Schlagstock künftig einzusetzen, sind allerdings Fragezeichen zu setzen,
nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass der Beschuldigte eine andere, wenige
Tage vorher von ihm mitgeführte Waffe, nämlich ein Messer, für den Tötungs-
versuch gegen den Privatkläger tatsächlich zum Einsatz brachte. Im Endeffekt
trägt dieser Aspekt jedoch nichts Weiteres zur Strafzumessung bei, weshalb sich
weitere Ausführungen hierzu erübrigen. Zu Ungunsten des Beschuldigten wirkt
- 28 -
sich allerdings der Umstand aus, dass der Beschuldigte nur wenige Tage nach-
dem er den Privatkläger mit einem Messer verletzt hatte mit dieser Waffe unter-
wegs war. Insgesamt bleibt es vor dem Hintergrund dieser Umstände zwar bei
einem sehr leichten bis leichten Verschulden. Unter Berücksichtigung der subjekti-
ven Tatschwere erscheint aber eine im Vergleich zum angefochtenen Entscheid
höhere, indes nach wie vor am unteren Rand des Strafrahmens anzusiedelnde
Strafe von 60 Tagen oder Tagessätzen angemessen.
2.2.2.3. Wie vorne dargelegt, entfällt ein Rechtsirrtum und damit auch eine des-
wegen zu gewährende Strafreduktion. Sodann ergibt sich auch hier aus den im
angefochtenen Entscheid geschilderten persönlichen Verhältnissen des Beschul-
digten bis auf seine Unreife nichts für die Strafzumessung Relevantes.
2.2.2.4. Die bereits erwähnte Vorstrafe des Beschuldigten und die erneute Ver-
fehlung während deren Probezeit führt auch hier zu einer leichten Straferhöhung.
2.2.2.5. Der Beschuldigte gab in der Strafuntersuchung einerseits zwar zu, den
Schlagstock gekauft und im Auto deponiert zu haben, konnte andererseits aber
nie akzeptieren, sich dadurch strafbar gemacht zu haben. Vor diesem Hintergrund
ist nicht von einem besonders positiven Nachtatverhalten auszugehen, das eine
Strafminderung rechtfertigen würde.
2.2.2.6. Insgesamt erscheint die Festsetzung der Strafe auf 70 Tage oder Tages-
sätze angemessen.
2.2.2.7. Mit Bezug auf die Strafart ist der Vorinstanz beizupflichten, dass es sich
angesichts dieser Strafhöhe sowie aufgrund des Primats der Geldstrafe und da
keine Hinweise bestehen, dass eine Geldstrafe in dieser Grössenordnung nicht
vollzogen werden könnte (Urk. 133 S. 37), aufdrängt, eine Geldstrafe auszufällen.
Dass sich mit einer Freiheitsstrafe und einer Geldstrafe ungleichartige Strafen als
angemessen erweisen, schliesst die Bildung einer Gesamtstrafe aus.
2.2.2.8. Nicht zu beanstanden ist die im angefochtenen Urteil angesichts knapper
finanzieller Verhältnisse des Beschuldigten erfolgte Festsetzung des Tagessatzes
auf Fr. 30.00, zumal sich dieser bereits seit knapp zwei Jahren in Haft befindet,
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dort in nächster Zukunft bleiben wird und kein nennenswertes Einkommen erzielen
kann und mangels Vorhandenseins auch nicht auf vor der Verhaftung gebildetes
Vermögen zurückgreifen kann (vgl. Urk. 133 S. 37).
2.2.2.9. Der Beschuldigte ist demnach mit einer Freiheitsstrafe von 7 Jahren sowie
mit einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen zu Fr. 30.00 zu bestrafen.
IV. Vollzug
1. Freiheitsstrafe
Wie im angefochtenen Urteil richtig festgehalten, steht bei einer Freiheitsstrafe von
über 3 Jahren ein bedingter Vollzug von Vornherein nicht zur Diskussion, weshalb
die hier auszusprechende Freiheitsstrafe von 7 Jahren zu vollziehen ist (vgl.
Urk. 133 S. 38).
2. Geldstrafe
2.1. Von einem Aufschub der Geldstrafe zur Bewährung sah die Vorinstanz mit
der Begründung, dass der Beschuldigte innert der ersten vier Monate der ihm mit
Strafbefehl vom 1. Mai 2017 angesetzten Probezeit zweimal straffällig worden sei,
indem er am 13. August 2017 den Privatkläger mit dem Messer verletzte und am
29. August 2017 ohne Berechtigung mit einem Schlagstock unterwegs gewesen
sei, ab (Urk. 133 S. 38). Der Beschuldigte stellte hierzu keinen expliziten
Eventualantrag.
2.2. Gemäss Art. 42 Abs. 1 StGB schiebt das Gericht den Vollzug einer Geld-
strafe in der Regel auf, wenn eine unbedingte Strafe nicht notwendig erscheint,
um den Täter von der Begehung weiterer Verbrechen oder Vergehen abzuhalten.
In subjektiver Hinsicht ist für die Gewährung des bedingten Strafvollzuges das
Fehlen einer ungünstigen Prognose vorausgesetzt (BGE 134 IV 97 E. 7.3). Der
Strafaufschub ist deshalb die Regel, von der grundsätzlich nur bei ungünstiger
Prognose abgewichen werden darf. Ihm kommt im breiten Mittelfeld der Unge-
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wissheit der Vorrang zu (BGE 135 IV 180 E. 2.1.; BGE 134 IV 97 E.7.3; Urteil des
Bundesgerichts 6B_118/2017 vom 14. Juli 2017 E. 3.2.2; je mit Hinweisen).
2.3. Der Beschuldigte verfügt zwar über eine Vorstrafe, aber über keine, die im
Sinne von Art. 42 Abs. 2 StGB dazu führen würde, dass besonders günstige Um-
stände vorliegen müssten, um ihm einen Strafaufschub gewähren zu können. Zu-
dem stehen weder der Tötungsversuch noch der Verstoss gegen das Waffenge-
setz mit seiner früheren Verurteilung in Zusammenhang. Diese ist vielmehr nicht
einschlägig. Kommt hinzu, dass der Beschuldigte heute zu einer mehrjährigen
vollziehbaren Freiheitsstrafe verurteilt wird. Trotz berechtigter Vorbehalte der Vor-
instanz wegen der zweimaligen Deliktsbegehung während laufender Probezeit ist
zu erwarten, dass die Erfahrungen, die der Beschuldigte im vorliegenden Straf-
verfahren sowie im Strafvollzug machen musste und weiterhin machen wird, einen
so bleibenden und prägenden Eindruck auf ihn hinterlassen werden, dass er sich
in Zukunft bewähren wird. So bekräftigte er auch anlässlich der Berufungs-
verhandlung, dass er während der Haft genug aus seinen Fehlern gelernt habe
(Urk. 152 S. 13).
2.4. Dem Beschuldigten ist daher der bedingte Vollzug der Geldstrafe zu ge-
währen. Angesichts der erwähnten Vorbehalte ist die Probezeit indes nicht auf das
gesetzliche Minimum von zwei Jahren anzusetzen, sondern auf vier Jahre (vgl.
Art. 44 Abs. 1 StGB).
V. Widerruf
1. Die Vorinstanz entschied, die bedingte Vorstrafe vom 1. Mai 2017 zu wider-
rufen, weil dem Beschuldigten angesichts der beiden in den ersten vier Monaten
dieser Probezeit begangenen Delikte keine gute Prognose gestellt werden könne
(Urk. 133 S. 39). Der Beschuldigte beantragt, von einem Widerruf abzusehen und
stattdessen die Probezeit zu verlängern (Urk. 140 S. 2; Urk. 154 S. 1).
2. Begeht der Verurteilte während einer angeordneten Probezeit erneut ein
Verbrechen oder Vergehen und ist deshalb zu erwarten, dass er weitere Straftaten
verüben wird, so widerruft das Gericht die bedingte Strafe oder den bedingten Teil
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der Strafe. Ist nicht davon auszugehen, dass der Verurteilte weitere Straftaten be-
gehen wird, so verzichtet das Gericht auf einen Widerruf. Es kann den Verurteilten
stattdessen verwarnen oder die Probezeit um höchstens die Hälfte der im Urteil
festgesetzten Dauer verlängern. Für die Dauer der verlängerten Probezeit kann
das Gericht Bewährungshilfe anordnen und Weisungen erteilen (Art. 46 Abs. 1
und 2 StGB).
3. Die Begehung eines Verbrechens oder Vergehens während der Probezeit
stellt den klassischen Grund für einen Widerruf dar, wobei ein solcher dennoch
nicht zwingend ist. Ein Widerruf soll nach Art. 46 Abs. 1 StGB nur erfolgen, wenn
wegen der Begehung neuer Delikte zu erwarten ist, dass der Täter weitere
Straftaten verüben wird. Mithin ist die Prognose seines künftigen Legalverhaltens
erneut zu stellen, wobei ein erheblicher Ermessenspielraum besteht. Verlangt
wird wie bei der Frage eines Strafaufschubs nach Art. 42 StGB das Fehlen einer
ungünstigen Prognose (BSK Strafrecht I- SCHNEIDER/GARRÉ, 4. A., Basel 2018,
N 41 f. zu Art. 46). Mit anderen Worten ist eine bedingte Strafe (nur) zu widerru-
fen, wenn von einer negativen Einschätzung der künftigen Bewährungsaussichten
des Verurteilten auszugehen ist, das heisst, wenn aufgrund der erneuten Straf-
fälligkeit und einer Gesamtwürdigung aller wesentlichen Umstände eine negative
Prognose zu stellen ist.
4. Im Rahmen der Gesamtwürdigung hat nebst der Persönlichkeit und des
Hintergrunds des Verurteilten einzufliessen, ob die neue Strafe bedingt oder un-
bedingt ausgesprochen wird. So kann vom Widerruf des bedingten Vollzugs für
die frühere Strafe abgesehen werden, wenn die neue Strafe zu vollziehen ist (BSK
Strafrecht I- SCHNEIDER/GARRÉ, a.a.O., N 43 zu Art. 46 StGB).
5. Wie bereits in den Erwägungen zum Vollzug der Geldstrafe für den vom
Beschuldigten begangenen Verstoss gegen das Waffengesetz erörtert, bestehen
angesichts seiner zweimaligen Straffälligkeit während laufender Probezeit durch-
aus Vorbehalte mit Bezug auf die Frage, ob er sich in Zukunft an das Gesetz hal-
ten wird. Soweit ersichtlich, geriet der Beschuldigte indes vor dem Vorfall, der zur
Vorstrafe führte, nie mit dem Gesetz in Konflikt. In den zwei Jahren, die seit den
vorliegend zu beurteilenden Taten vergangen sind, dürfte der Beschuldigte zudem
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merklich gereift sein. Nicht zuletzt ist angesichts der Freiheitsstrafe, die er bereits
verbüsst und weiterhin verbüssen müssen wird und die ihre abschreckende Wir-
kung bestimmt nicht verfehlen wird, anzunehmen, dass er verstanden hat, sich
keinen weiteren Gesetzesverstoss mehr leisten zu können. Auf einen Widerruf der
Vorstrafe ist daher zu verzichten.
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Erstinstanzliches Verfahren
Das vorliegende Urteil ändert nichts an der Angemessenheit der im angefochte-
nen Entscheid getroffenen Kosten- und Entschädigungsregelung, weshalb es
dabei sein Bewenden hat.
2. Berufungsverfahren
2.1. Die Gebühr für das Berufungsverfahren ist praxisgemäss auf Fr. 3'000.00
festzusetzen.
2.2. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Die Anklagebehörde
erreicht mit ihrer Berufung insofern einen Teilerfolg, als es zu einer Erhöhung der
Strafe, wenn auch nicht im verlangten Umfang, kommt. Der Beschuldigte wiede-
rum unterliegt mit seinen anschlussberufungsweise gestellten Anträgen zum
Schuldpunkt und zur Strafzumessung, obsiegt jedoch in der Frage des Vollzugs
der Geldstrafe sowie des Widerrufs der Vorstrafe. Angesichts dieses Verhältnisses
von Obsiegen und Unterliegen und des unterschiedlichen Gewichts der gestellten
Anträge, ist es gerechtfertigt, dem Beschuldigten die Kosten des Berufungs-
verfahrens zu drei Vierteln aufzuerlegen und im Übrigen auf die Gerichtskasse zu
nehmen. Damit sind die Kosten der amtlichen Verteidigung des Beschuldigten
und der unentgeltlichen Rechtsvertretung der Privatklägerschaft zu einem Viertel
definitiv und zu drei Vierteln einstweilen unter Vorbehalt der Nachzahlungspflicht
nach Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO auf die Gerichtskasse zu nehmen.
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2.3. Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten, Rechtsanwalt lic. iur. X._,
reichte mit Eingabe vom 15. August 2019 seine Honorarnote mit der Auflistung
seiner Aufwendungen und Auslagen im Berufungsverfahren ein (Urk. 156). Sie
sind ausgewiesen und erweisen sich als angemessen. Dementsprechend ist
Rechtsanwalt lic. iur. X._ mit Fr. 5'900.00 aus der Gerichtskasse zu entschä-
digen.