Decision ID: c1af84a1-74b2-522d-9814-9070a3755b67
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden reisten am (...) Juni 2020 in die Schweiz ein
und suchten gleichentags um Asyl nach. Anlässlich der Personalienauf-
nahme (PA) vom 30. Juni 2020, des Dublin-Gespräches vom 7. Juli 2020
und den Anhörungen vom 28. August und 16. September 2020 machte die
Beschwerdeführerin im Wesentlichen Folgendes geltend:
Sie sei angolanische Staatsangehörige, habe mit ihren sechs Kindern in
C._ gewohnt, wobei sie (...) in die Schweiz mitgenommen habe.
Sie habe in Angola – bis auf ihre Kinder – keine nahen Angehörigen, da
ihre (...) in der Schweiz lebe. Den Lebensunterhalt habe sie als Strassen-
verkäuferin und später als Mitarbeiterin in einem (...) bestritten. Nach einer
gesetzlichen Änderung seien Strassenverkäufe verboten worden und es
sei zu Räumungsaktionen gekommen. Sie habe deshalb eine Demonstra-
tion organisiert, weshalb sie von der Polizei inhaftiert worden sei. In der
Folge habe sie 24 Stunden auf dem Posten verbringen müssen und sei
währenddessen missbraucht worden. Sie sei nach den anderen Teilneh-
merinnen und dem Organisator gefragt worden und habe ausgesagt, dass
sie die Demonstration allein organisiert habe. Schliesslich sei sie unter An-
drohung von Konsequenzen bei weiteren Vorfällen entlassen worden.
Nach der Entlassung habe sie weiterhin als Strassenverkäuferin gearbei-
tet, weshalb die Polizei erneut ihre «Verkaufswanne» beschlagnahmt
habe. Als sie versucht habe, diese zurückzuholen, habe ein Polizist auf sie
geschossen. Sie habe zwar entkommen können, an ihrer Stelle sei aber
eine andere Frau getroffen worden. Schliesslich habe sie eine Arbeit in ei-
nem (...) gefunden. Trotzdem sei es mehrmals zu behördlichen Behelligun-
gen gekommen. Die Polizei habe ihr Haus beobachtet, sie zuhause aufge-
sucht und sie und ihre Kinder befragt. Eines Tages, als sie von der Arbeit
nachhause gekommen sei, hätten ihre Nachbarn berichtet, dass man sie
gesucht und ihre Kinder bedroht habe. Dem Ältesten sei eine Waffe ins
Gesicht gehalten worden. Aufgrund dieses Vorfalls seien ihre Kinder ge-
flüchtet und seither verschwunden. Nur der (...), der bei der Tagesmutter
gewesen sei, sei noch bei ihr. Nach dem Ereignis habe der Vater des (...)
ihr zur Ausreise geraten und versprochen, er würde nach den anderen fünf
Kindern suchen. Während er sich um ein Visum gekümmert habe, habe sie
sich bei einem Freund von ihm in D._ versteckt. Schliesslich sei sie
nach E._ gefahren, um dort auf ihr Visum zu warten. Als dieses ein-
getroffen sei, sei sie mit (...) via F._ nach G._ gereist. Trotz
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des G._ Touristenvisums sei sie mit einer Frau (Anhörung) bezie-
hungsweise mit dem Schlepper (PA) nach H._ gefahren, wo sie ei-
nen Mann kennengelernt habe. Dieser habe ihr versprochen, sie zu heira-
ten und sich um sie und ihr Kind zu kümmern. Nach einiger Zeit habe er
sich jedoch anders entschieden, sei mit ihr in die Schweiz gefahren und
habe sie in I._ zurückgelassen. In der Schweiz habe sie schliesslich
zu ihrer (...) gefunden. Den Pass habe der Schlepper (PA) beziehungs-
weise der Mann in H._ (Anhörung) behalten.
Zur Untermauerung ihrer Vorbingen reichte sie die Geburtsurkunde ihres
in der Schweiz (...) (im Original), ihre Wählerkarte (im Original) sowie die
Kopie der Schweizer Identitätskarte (...) ein. Zudem legte sie eine Medika-
mentenliste und einen ambulanten Arztbericht J._ vom 10. Juli
2020 mit der Diagnose einer Eisenmangelanämie vor.
B.
Mit Schreiben vom 17. September 2020 informierte das SEM den Rechts-
vertreter über die Zuteilung der Beschwerdeführenden ins erweiterte Ver-
fahren. Am 9. Oktober 2020 wurden sie dem Kanton K._ zugewie-
sen.
C.
Mit Verfügung vom 13. November 2020 – eröffnet am 18. November 2020
– stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlings-
eigenschaft nicht, und lehnte deren Asylgesuche sowie die Anträge der
Rechtsvertretung der Beschwerdeführenden ab. Gleichzeitig ordnete es
ihre Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug an. Die editionspflich-
tigen Akten würden gemäss Aktenverzeichnis ausgehändigt.
D.
Mit Eingabe vom 18. Dezember 2020 haben die Beschwerdeführenden ge-
gen diese Verfügung Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht erho-
ben. Darin beantragen sie deren Aufhebung, die Gewährung von Asyl unter
Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft, eventualiter die Gewährung der
vorläufigen Aufnahme infolge Unzulässigkeit und/oder Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzuges, subeventualiter die Rückweisung der Sache an
die Vorinstanz zur Neubeurteilung. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei die
unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren inklusive Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses und Beiordnung des rubrizierten Rechts-
vertreters als amtlichen Rechtsbeistand. Schliesslich sei den Beschwerde-
führenden zu gewähren, den Entscheid in der Schweiz abzuwarten.
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Als Beweismittel reichten sie einen Kurzaustrittsbericht des L._
vom 23. November 2020, wobei als Einweisungsgrund starke vaginale Blu-
tungen angegeben wurden, sowie ein ärztliches Zeugnis vom 23. Novem-
ber 2020, welches die Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin vom
23. November 2020 bis 30. November 2020 bestätigt, ein. Zudem wurden
weitere Arztberichte, welche die gesundheitlichen Beschwerden belegen
sollten, in Aussicht gestellt.
E.
Mit Verfügung vom 21. Dezember 2020 bestätigte die Instruktionsrichterin
den Eingang der Beschwerde und stellte fest, die Beschwerdeführenden
dürften den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
(Art. 105 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.3 Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
wird mit dem vorliegenden verfahrensabschliessenden Direktentscheid in
der Sache hinfällig.
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1.4 Das Verfahren wird gestützt auf Art. 33a Abs. 2 VwVG in deutscher
Sprache geführt.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise
einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 In der Beschwerdeschrift wird moniert, das Protokoll der Anhörung
vom 16. September 2020 sei nicht zusammen mit dem vorinstanzlichen
Entscheid ausgehändigt worden. Dies stelle eine Verletzung des rechtli-
chen Gehörs dar.
4.1.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 m.w.H.). Teilgehalt des rechtlichen Gehörs ist der verfah-
rensrechtliche Anspruch auf Akteneinsicht (Art. 26 VwVG), welcher es den
Betroffenen in einem Verfahren ermöglichen soll, die Unterlagen einzuse-
hen, auf welche die Behörde ihren Entscheid stützt. Grundsätzlich hat eine
Partei ein Gesuch um Akteneinsicht zu stellen, damit überhaupt die Ein-
sichtnahme gewährt oder verweigert werden kann (BGE 132 V 387 E. 6.2).
4.1.2 Gemäss Verfügung vom 13. November 2020 wurden mit dem Ent-
scheid die editionspflichtigen Akten inklusive Aktenverzeichnis ausgehän-
digt. Ob in der Tat eines der Protokolle nicht ausgehändigt wurde, geht
nicht aus den Akten hervor. Alle Protokolle sind als «frei zur Edition» ge-
kennzeichnet. Jedenfalls wurde die Verfügung des SEM dem Rechtsver-
treter der Beschwerdeführenden am 18. November 2020 eröffnet. Der
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Seite 6
Rechtsvertreter konnte somit ab diesem Zeitpunkt das SEM auf sein Ver-
sehen hinweisen beziehungsweise um Einsicht in die betreffende Akte er-
suchen. Ein solches Gesuch lässt sich dem aktuellen Aktenverzeichnis in-
dessen nicht entnehmen. Der Rechtsvertreter macht auch nicht geltend,
dass er um Akteneinsicht ersucht hätte oder dass ihm diese verweigert
worden wäre. Die Beschwerdeschrift enthält ebenfalls kein entsprechen-
des Gesuch, wird doch darin lediglich beantragt, es sei eine Verletzung des
rechtlichen Gehörs festzustellen (S. 6 der Beschwerdeschrift) und das An-
hörungsprotokoll vom 16. September 2020 sei nicht zu berücksichtigen
(S. 7 der Beschwerdeschrift).
4.1.3 Angesichts dieser Rechts- und Sachlage ist keine Verletzung des Ak-
teneinsichtsrechts ersichtlich. Die entsprechenden Anträge sind damit ab-
zuweisen.
4.2 Die Beschwerdeführenden rügen weiter, die Vorinstanz habe nicht alle
nötigen Massnahmen ergriffen, um den vollständigen medizinischen Sach-
verhalt zu ermitteln, womit der Untersuchungsgrundsatz und wiederum das
rechtliche Gehör verletzt worden seien.
4.2.1 Im Verwaltungs- und namentlich im Asylverfahren gilt der Untersu-
chungsgrundsatz, das heisst die Behörde stellt den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG; vgl.
Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Für das erstinstanzliche Asylverfahren
bedeutet dies, dass das SEM zur richtigen und vollständigen Ermittlung
und zur Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts verpflichtet ist
und auch nach allen Elementen zu forschen hat, die zugunsten der asylsu-
chenden Person sprechen. Der Untersuchungsgrundsatz gilt nicht unein-
geschränkt, zumal er sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht des Asylsu-
chenden findet (Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG; vgl. CHRISTOPH AUER, in:
Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 Rz. 9; BVGE 2012/21
E. 5.1). Die entscheidende Behörde darf sich trotz des Untersuchungs-
grundsatzes in der Regel darauf beschränken, die Vorbringen einer asylsu-
chenden Person zu würdigen und die von ihr angebotenen Beweise abzu-
nehmen, ohne weitere Abklärungen vornehmen zu müssen. Nach Lehre
und Praxis besteht eine Notwendigkeit für über die Befragung hinausge-
hende Abklärungen insbesondere dann, wenn aufgrund der Vorbringen der
asylsuchenden Person und der von ihr eingereichten oder angebotenen
Beweismittel Zweifel und Unsicherheiten am Sachverhalt weiterbestehen,
die voraussichtlich mit Ermittlungen von Amtes wegen beseitigt werden
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Seite 7
können (vgl. BVGE 2009/50 E. 10.2.1 S. 734 m.H.a. Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1995
Nr. 23 E. 5a).
4.2.2 Die Beschwerdeführenden sind im Rahmen ihrer Mitwirkungspflicht
gehalten, medizinische Akten einzureichen, um ihre diesbezüglichen Vor-
bringen zu belegen. Im erstinstanzlichen Verfahren wurden sie mehrfach
zur Einreichung von Arztberichten aufgefordert (vgl. A35/15 F12 − F16,
A40/17 F7, A41/2). Bis auf den Arztbericht vom 10. Juli 2020, welcher von
der Vorinstanz berücksichtigt wurde, wurden jedoch beim SEM keine wei-
teren Unterlagen eingereicht. Den Vorbringen der Beschwerdeführenden
im erstinstanzlichen Verfahren sowie dem eingereichten Arztbericht sind
ferner keine stichhaltigen Hinweise auf das Vorliegen gesundheitlicher Be-
schwerden wegweisungsrechtlich relevanten Ausmasses zu entnehmen.
Bei dieser Ausgangslage ist nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz
nicht von einer lebensbedrohlichen Verschlechterung des Gesundheitszu-
standes der Beschwerdeführerin im Falle einer Rückkehr in ihr Heimatland
ausging und dass sie unter diesen Umständen auf weitere medizinische
Abklärungen verzichtete. Die Vorinstanz hat somit weder die Untersu-
chungspflicht noch das rechtliche Gehör verletzt, womit sich die entspre-
chenden Rügen als unbegründet erweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
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Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen von Asylvorbringen
in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis
(vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, 2013/11 E. 5.1 und 2010/57 E. 2.3, je m.w.H.).
5.3 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
5.4 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 FK, Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat
entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der
Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im
Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg,
Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret
gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter
Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren.
Der Vollzug ist schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der
Ausländer weder in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen
Drittstaat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2
AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
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Seite 9
6.
6.1 Im ablehnenden Asylentscheid führte das SEM aus, die angolanische
Regierung gehe seit 2012 systematisch gegen den Strassenhandel in
C._ vor. Es wäre zu erwarten gewesen, dass die Beschwerdefüh-
rerin als Strassenhändlerin explizitere Angaben zu den Umständen hätte
machen können. Des Weiteren seien ihre Aussagen zur Demonstration
trotz mehrfachen Nachfragens stereotyp ausgefallen. Ausserdem er-
scheine fragwürdig, dass die Polizei aufgrund der Demonstration nur sie
mitgenommen habe, zumal die Beschwerdeführerin gar nicht für die Ver-
antwortliche gehalten worden sei. Dass sie von den Behörden trotz Ge-
ständnis und ohne Strafe entlassen worden sei, nur um danach weiter ge-
sucht zu werden, sei nicht nachvollziehbar. Zudem sei erstaunlich, dass die
Behörden zum Zwecke der Überwachung immer erst gekommen sein sol-
len, als sie nicht anwesend gewesen sei. Betreffend die letzte Behelligung
vor der Ausreise habe sie widersprüchliche Angaben gemacht, da sie zu-
nächst behauptet habe, sie sei bei der Arbeit vom Chef nachhause ge-
schickt worden. Später habe sie erklärt, sie sei an dem Tag zuhause ge-
blieben. Zudem sei nicht nachvollziehbar, dass sie zu den Behelligungen
der Polizei trotz ihrer Abwesenheit wörtliche Wiedergaben der Gespräche
zwischen den Behörden und ihren Kindern habe machen können. Auch
ihre Angaben zu der Suche nach ihren verschwundenen Kindern seien we-
der konsistent gewesen noch hätten sie eine vertiefte Auseinandersetzung
mit der angeblichen Situation erkennen lassen. Schliesslich sei nicht nach-
vollziehbar, dass sie unmittelbar nach dem Verschwinden ihrer Kinder aus-
gereist sei, ohne sich zuvor mehr für eine Suche einzusetzen. Die Vorbrin-
gen zu der staatlichen Verfolgung seien insgesamt nicht glaubhaft. Es sei
somit nicht davon auszugehen, dass sie in ihrer Heimat je in asylbeachtli-
cher Weise bedroht gewesen sei oder künftig bedroht sein könnte, weshalb
sie die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle. Schliesslich stünden dem Weg-
weisungsvollzug keine Hindernisse entgegen.
6.2 Die Beschwerdeführenden bringen in der Beschwerdeschrift vor, ihre
Vorbringen seien ausreichend begründet, plausibel und kongruent ausge-
fallen. Die Aussagen der Beschwerdeführerin seien entgegen der Auffas-
sung der Vorinstanz präzise, detailliert und widerspruchsfrei. Zudem wür-
den die Vorbringen mit den verfügbaren Informationen über die menschen-
rechtliche Lage in Angola − insbesondere betreffend das Verbot des Wa-
renhandels – übereinstimmen. Ausserdem sei die Beschwerdeführerin per-
sönlich glaubwürdig, da sie ihrer Mitwirkungspflicht nachgekommen sei
und keine verfälschten Beweismittel eingereicht habe. In diesem Sinne sei
die Voraussetzung der überwiegenden Wahrscheinlichkeit ihrer Vorbringen
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gegeben. Schliesslich sei der Wegweisungsvollzug unzulässig, da sie eine
alleinstehende Mutter sei, welche keine Familie oder Freunde in Angola
habe, von denen sie finanzielle Unterstützung erwarten könne. Der Vater
des Kindes, von welchem sie getrennt sei, lebe seit (...) nicht mehr in
F._ (sic; vgl. Beschwerde S. 10; anderen Angaben gemäss lebt der
Vater des Kindes in Angola, vgl. Beschwerde S. 3, nämlich in C._,
vgl. A35/15 F84). Sie habe weder Berufserfahrung noch eine ausreichende
Ausbildung, weshalb sie gezwungen gewesen sei, für ein sehr geringes
Einkommen Waren auf der Strasse zu verkaufen. Darüber hinaus befinde
sie sich wegen schwerer psychischer und körperlicher Beschwerden in der
Schweiz in ärztlicher Behandlung. Namentlich leide sie an einer (...) und
(...). Der Unterbruch der medizinischen Behandlung würde daher schwere
Folgen mit sich bringen.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist nicht an die Begründung der Vo-
rinstanz gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG); es kann die Beschwerde auch
aus andern Überlegungen als jenen der Vorinstanz abweisen oder aus an-
deren Gründen als in der Beschwerdeschrift vorgebracht gutheissen (sog.
Motivsubstitution; vgl. MADELEINE CAMPRUBI in: Auer/Müller/Schindler
[Hrsg.], VwVG, Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsver-
fahren, 2. Aufl. 2019, N. 16 zu Art. 62 VwVG; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Ver-
waltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl.
2013, S. 398, Rz. 1136).
Angesichts der mehrheitlich vagen, oberflächlichen und teilweise wider-
sprüchlichen Aussagen der Beschwerdeführerin hegt das Gericht erhebli-
che Zweifel an der Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen. Die Frage der Glaub-
haftigkeit kann aber letztlich offengelassen werden, da den behaupteten
Ereignissen keine asylrechtliche Relevanz zukommt. Die Verhaftung und
die Auseinandersetzung mit der Polizei aufgrund der Räumung der «Ver-
kaufswanne» waren nicht kausal für die Ausreise der Beschwerdeführerin.
Die Verhaftung ereignete sich geraume Zeit vor der Ausreise der Be-
schwerdeführerin (vgl. A40/17 F 76 und 79, wonach sie noch «einige Mo-
nate oder einige Wochen» weiter als Strassenverkäuferin tätig war und in
der Folge eine Stelle in einem [...] annahm). Den geltend gemachten Be-
helligungen nach ihrer Entlassung aus der Haft – namentlich den Beobach-
tungen und Befragungen, der Durchsuchung ihres Hauses und der Bedro-
hung ihrer Kinder – ist zudem die für die Gewährung von Asyl gemäss Art.
3 Abs. 2 AsylG erforderliche Intensität abzusprechen. Zur Gefährdung des
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Seite 11
Lebens muss eine direkte und ernsthafte Todesgefahr vorliegen. Eine Ge-
fährdung des Leibes erreicht die geforderte Intensität dann, wenn dem Be-
troffenen ernsthafte Verletzungen (physischer oder psychischer Natur) zu-
gefügt worden sind. Mehrere Eingriffe im obengenannten Sinne, die nicht
intensiv genug sind, können zwar zu einem unerträglichen psychischen
Druck führen, der für die betroffene Person ein weiteres Verbleiben im Hei-
matland verunmöglicht. Dabei ist aber zu beachten, dass der von der asyl-
suchenden Person geltend gemachte psychische Druck objektiv gesehen
nachvollziehbar sein muss (vgl. Urteil des BVGer D-6214/2014 vom 2. Feb-
ruar 2017 E. 4.1.1). Ob die für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft
notwendige Intensität der Beeinträchtigungen erreicht oder das Mass der
Erträglichkeit eines psychischen Druckes überschritten ist, beurteilt sich
aufgrund der konkreten Umstände des Einzelfalls.
Im vorliegenden Fall beschränkten sich die geltend gemachten Behelligun-
gen vorwiegend auf Beobachtungen und Befragungen, wobei die Be-
schwerdeführerin trotz der Behelligungen weiterhin ihrem Alltag nachge-
gangen ist (vgl. A35/15 F74, A40/17 F79). Dies hinterlässt den Eindruck,
dass sie sich durch das Verhalten der Behörden nicht überaus bedroht ge-
fühlt hat. Der Vorfall, welcher für die Ausreise ausschlaggebend gewesen
sein soll (Durchsuchung ihres Hauses und Bedrohung ihrer Kinder, vgl.
A35/15 F74 und A40/17 F79 und F92), ist zwar durchaus einschneidender
Natur, erreicht aber objektiv nicht die erforderliche Intensität für eine asyl-
relevante Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG. Auch aus subjektiver Per-
spektive ist nicht nachvollziehbar, inwiefern dieser Vorfall – im Unterschied
zu den anderen Behelligungen – so gravierend gewesen sein soll, dass
sich die Beschwerdeführerin sofort zur Ausreise veranlasst sah, ohne vor-
her nach ihren Kindern zu suchen und herauszufinden, was mit diesen pas-
siert ist (vgl. A35/15 F74 und A40/17 F92-F94). Insgesamt sind die Vorbrin-
gen der Beschwerdeführerin nicht geeignet, eine bereits erfolgte oder mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft drohende asyl-
relevante Verfolgung durch die angolanischen Behörden darzutun.
7.2 Im Ergebnis hat die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Be-
schwerdeführenden zu Recht verneint und die Asylgesuche abgelehnt.
7.3 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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Seite 12
7.4 Die Vorinstanz hat im Weiteren den Wegweisungsvollzug zu Recht als
zulässig, zumutbar und möglich erkannt. Hierzu kann integral auf die pra-
xiskonformen Ausführungen des SEM in der angefochtenen Verfügung
(vgl. E. III) verwiesen werden.
Da es den Beschwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich er-
hebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der
in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der
Beschwerdeführenden in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt
von Art. 5 AsylG rechtmässig. Es bestehen sodann keine zureichenden An-
haltspunkte dafür, dass die Beschwerdeführenden für den Fall einer Aus-
schaffung nach Angola dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach
Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausge-
setzt wären, und auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Angola
lässt den Wegweisungsvollzug keineswegs als unzulässig erscheinen. Wie
die Vorinstanz zutreffend erkannt hat, wurde die Beschwerdeführerin be-
reits vor ihrer Ausreise vom Vater des jüngsten Kindes finanziell unterstützt.
Zudem konnte sie Arbeitserfahrungen sammeln, die ihr in Angola bei der
Suche nach Arbeit hilfreich sein können. Die in der Beschwerdeschrift vor-
gebrachte Behauptung, wonach der Vater des jüngsten Kindes nicht mehr
im Land sei und sie daher nicht unterstützen könne, bleibt unbelegt und
wirkt nachgeschoben. In diesem Sinne ist davon auszugehen, dass die Be-
schwerdeführerin und ihr Kind weiterhin finanzielle Unterstützung erhalten
werden.
Im Übrigen sind die Beschwerdeführenden gesund. Die Arztberichte vom
10. Juli 2020 und vom (...) betreffen körperliche Beschwerden, welche den
Berichten zufolge behandelt wurden. Im Rahmen der Anhörung sagte die
Beschwerdeführerin ausserdem aus, sie sei wegen (...) operiert worden
und leide an Bluthochdruck (vgl. A40/17 F6). Da hierzu in der Beschwer-
deschrift nichts Weiteres geltend gemacht wurde, ist davon auszugehen,
dass keine Verschlechterung des Gesundheitszustands der Beschwerde-
führerin eingetreten ist. Arztberichte, welche die in der Beschwerdeschrift
geltend gemachte (...) und die (...) der Beschwerdeführerin belegen sollen,
wurden nicht eingereicht.
Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
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Seite 13
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). Allfällige Einschränkungen des Flug-
verkehrs oder Einreisebeschränkungen des Heimatstaates im Zusammen-
hang mit der aktuellen Coronavirus-Pandemie sind im Übrigen temporärer
Art und bewirken keine Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
7.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Beschwerdeführenden
keine Verfolgungsgründe im Sinne von Art. 3 AsylG nachweisen oder
glaubhaft machen konnten. Zudem sind keine Wegweisungsvollzugshin-
dernisse ersichtlich, womit eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme aus-
ser Betracht fällt.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den
Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge-
samt Fr. 750.− festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Die Beschwerdeführenden beantragen die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorstehenden
Erwägungen ergibt sich, dass ihre Begehren als aussichtslos zu gelten ha-
ben. Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen nicht ge-
geben, weshalb dem Gesuch nicht stattzugeben ist. Aus demselben Grund
kann auch dem Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung nicht
stattgegeben werden.
(Dispositiv nächste Seite)
E-6393/2020
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