Decision ID: 733e2e96-bd80-4dfb-b7e6-65105a6fac1c
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 10./13. November 2008 (IV-act. 1) erstmals zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung an und beantragte Hilfsmittel (Hörgeräte), worauf
ihm eine binaurale Versorgung zugesprochen wurde (IV-act. 9). - Am 20. November/
2. Dezember 2013 (IV-act. 10) meldete er sich wegen seit Mai 2013 bestehender und
am 13. November 2013 operierter Bandscheibenvorfälle erneut an. Er sei eidg. dipl.
[Beruf-]meister und selbständigerwerbend. Am 20. Dezember 2013 (IV-act. 16) gab er
an, er führe seit 1985 eine eigene Unternehmung. Die Anmeldung sei auf Hinweis der
Unfallversicherung hin erfolgt. Er wolle seine Tätigkeit wieder aufnehmen.
A.a.
Die Unfallversicherung gab am 24. Dezember 2013 (IV-act. 18) bekannt, sie habe
Taggeld ausbezahlt bei einer vollen Arbeitsunfähigkeit des Versicherten vom 30. Mai
bis 11. Dezember 2013. - Der Schadenmeldung UVG (UV-act. 2-22) war zu entnehmen
gewesen, dass dieser am 16. Mai 2013 [...] auf lehmigem Boden plötzlich ausgerutscht
und auf Gesäss und Rücken gestürzt sei. - Dr. med. B._ hatte der Unfallversicherung
am 30. Juli 2013 (UV-act. 3-2 f.) bekannt gegeben, es sei beim Versicherten eine akute
Lumbalgie eingetreten und es bestünden immer wieder Ausstrahlungen in die rechte
Inguinalregion, das rechte Bein und die linke Glutaeal-OS-Region. Der Versicherte sei
seit 16. Mai 2013 zu 100 % arbeitsunfähig. - Die Klinik für Neurochirurgie am
Kantonsspital St. Gallen hatte am 4. Oktober 2013 (UV-act. 2-38) erklärt, es bestünden
ein lumbales Wurzelkompressions-Syndrom L2 und L5 rechts sowie
Bandscheibenvorfälle LWK1/2 und LWK4/5 rechts. Diese Befunde würden das
Beschwerdebild hinreichend erklären. Es werde zur Operation geraten. Im Bericht der
Klinik vom 20. November 2013 (UV-act. 2-32) war angegeben worden, der Versicherte
sei am 13. November 2013 operiert worden (Nukleotomie LWK1/2 und LWK4/5). Am
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
11. Dezember 2013 (UV-act. 2-27) gab die Klinik bekannt, der postoperative Verlauf sei
erfreulich gewesen. Der Versicherte habe nur noch geringe Beschwerden mit leichtem
Taubheitsgefühl am rechten Oberschenkel. Hinweise auf neue neurologische Befunde
hätten sich nicht ergeben. Der Versicherte werde im Dezember 2013 beruflich noch
pausieren und dann zwei Wochen in die Ferien gehen. Ab Mitte Januar 2014 sollte er
wieder belastbar und arbeitsfähig sein. Die neurochirurgische Behandlung sei
abgeschlossen.
Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen teilte dem
Versicherten am 8. Januar 2014 (IV-act. 20) mit, berufliche Eingliederungsmassnahmen
seien bei ihm als Selbständigerwerbendem nicht angezeigt.
A.c.
In der Folge reichte der Versicherte Buchhaltungsunterlagen (2008 bis 2012) ein
(IV-act. 26 ff.).
A.d.
Dr. B._ gab am 25. August 2014 (IV-act. 37) zur Auskunft, der Versicherte sei
wieder voll arbeitstätig. Der Arzt hatte dem Versicherten (erstmals am 20. Januar 2014)
ab 27. Januar 2014 eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % attestiert, und zwar insgesamt bis
4. Mai 2014 (vgl. UV-act. 4 und UV-act. 2-4). - Der Versicherte erklärte daraufhin am
8. September 2014 (IV-act. 39), er sei ab 4. Mai 2014 voll arbeitsfähig geschrieben
worden, habe aber am 7. Mai 2014 einen weiteren Unfall erlitten, bei dem er bei einem
Sturz auf Schulter und Ellbogen gefallen sei. Es werde eine Operation folgen. Am
17. November 2014 (IV-act. 42) teilte er mit, er sei am 15. September 2014 - eigentlich
erfolglos (Bänder irreparabel) - an der rechten Schulter operiert worden. Am 27. Januar
2015 werde er erneut von [...] Dr. med. C._, Klinik für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates am Kantonsspital St. Gallen, begutachtet.
A.e.
Dr. med. D._, (wohl) Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates am Kantonsspital St. Gallen, gab im IV-Arztbericht vom 23. April
2015 (IV-act. 49) bekannt, es liege ein Status nach Latissimus dorsi-Transfer rechts am
23.02.2015 vor bei irreparabler Rotatorenmanschettenruptur der langen Supraspinatus
und Infraspinatus mit ausgeprägtem Kraftverlust für die aktive Elevation und
Aussenrotation rechts, bei St. n. Schultertrauma 05/2014, St. n. Schulterarthroskopie,
Débridement rechts mit gescheitertem Versuch einer Rekonstruktion am 16.09.2014
A.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(auswärts) und bereits 2007 diagnostizierter irreparabler Supraspinatusruptur rechts.
Der Versicherte stehe seit 30. Oktober 2014 in Behandlung. Vom 23. Februar 2015 bis
vorläufig 7. Juni 2015 sei er voll arbeitsunfähig. - Am 27. August 2015 (IV-act. 52)
berichtete die Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates am Kantonsspital St. Gallen Dr. B._ von einem sechs Monate
postoperativ weiterhin sehr zufriedenstellenden Verlauf. Vom 25. August bis
25. November 2015 sei der Versicherte noch voll arbeitsunfähig. Ob er als
[Berufsmann] wieder zu 100 % werde tätig sein können, könne frühestens ein Jahr
nach der Operation festgelegt werden. - In einem Bericht vom 26. November 2015 (IV-
act. 55) wurde des Weiteren erklärt, ab Februar 2016 werde ein Arbeitsversuch mit
einem Pensum von 50 % durchgeführt werden. Bis dahin bestehe volle
Arbeitsunfähigkeit. - Am 14. März 2016 (IV-act. 60) teilte die Klinik mit, die
Wiederaufnahme der Arbeit zu 50 % sei recht gut gelungen; nur schwerere Arbeiten
hätten nicht durchgeführt werden können. Ein darüber hinausreichendes Pensum in der
angestammten, körperlich anstrengenden Tätigkeit sei nicht realistisch.
Der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) der Invalidenversicherung schlug am
22. April 2016 (IV-act. 61) eine Abklärung an Ort und Stelle vor, um das bisherige
Arbeitsprofil des Versicherten zu beschreiben und den prozentualen Anteil der
schulterbelastenden Tätigkeit festzulegen. Die von der Klinik für Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates am Kantonsspital St. Gallen
angenommene Arbeitsfähigkeit von 50 %, die nicht solle gesteigert werden können,
bedürfe der Plausibilisierung. In einer leichten bis fallweise mittelschweren Tätigkeit
ohne Über-Kopf-Arbeiten sei der Versicherte voll arbeitsfähig.
A.g.
Der Versicherte reichte am 20. Juni 2016 Jahresabschlüsse der Jahre 2013 und
2014 ein (IV-act. 68 ff.), später den Abschluss von 2015 (IV-act. 72).
A.h.
Am 28. Juni 2016 erfolgte die Abklärung an Ort und Stelle. Gemäss dem Bericht
(IV-act. 74) gab der Versicherte dabei an, die Beweglichkeit des Körpers sei (seit der
letzten Operation) deutlich besser geworden, doch das Kraftvermögen sei weiterhin
reduziert. Mühe bereite ihm vor allem das Heben von Gegenständen über Kopf. Es
bestünden immer wieder Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht und Schmerzen mit
teilweise gestörter Nachtruhe. Die Arbeitsleistung betrage zurzeit 30 bis 40 %. Trotz
A.i.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vollen Einsatzes des Mitarbeiters mit Überstunden hätten auch schon Aufträge
abgelehnt werden müssen. Nach dem ersten Unfall 2013 habe er (der Versicherte) auch
Aushilfsmitarbeiter angestellt. Für gewisse Aufträge seien auswärtige [Berufsleute]
engagiert worden. Der Verlust gemäss der Buchhaltung 2013 habe aus einem [...]
resultiert, der 2012 begonnen worden sei. Bei der Betriebsführung, Planung usw. (zu
10 % vorkommend) und bei den Fahrten zu den Kunden (5 % der Arbeit) sei er
gesundheitlich nicht beeinträchtigt, bei den [Berufs]-Arbeiten (einschliesslich [...]; mit
einem Anteil von 85 %) dagegen zu 65 %. Insgesamt ergab sich so ein Ausfall von
55 %. - Die Abklärungsperson errechnete anhand eines Einkommensvergleichs
(Valideneinkommen Fr. 101'136.-- auf der Grundlage des Gewinns 2011;
Invalideneinkommen nach Tabellen unter Berücksichtigung eines Leidensabzugs von
10 %: Fr. 58'655.--) einen Invaliditätsgrad von 42 %. Ein Anspruch auf die Viertelsrente
ergebe sich bei verspäteter Anmeldung ab Juni 2014.
Am 3. Oktober 2016 (IV-act. 77) teilte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des
Kantons St. Gallen dem Versicherten mit, es sei vorgesehen, ab Juni 2014 eine
Viertelsrente (bei einem Invaliditätsgrad von 41 %; Valideneinkommen Fr. 101'136.--,
Invalideneinkommen Fr. 59'808.--) zuzusprechen. - Der Versicherte liess mit Einwand
vom 28. Oktober 2016 (IV-act. 82) die Zusprache einer höheren Rente bzw. der ihm
gesetzlich zustehenden Versicherungsleistungen beantragen. Ergänzend beantragte
die (gemäss ihrer Kundgabe vom 28. November 2016) bestellte Rechtsvertreterin
(Substitutin von Rechtsanwalt lic. iur. Manfred Dähler, vgl. Eingabe vom 28. Dezember
2018, IV 2017/266 act. G14) am 10. Juni 2017 (IV-act. 96), es sei dem Versicherten ab
Juni 2014 eine ganze und ab Februar 2016 eine halbe Rente zuzusprechen. Bei ihrem
vorgesehenen Entscheid gehe die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle stillschweigend
- statt dies offenlegend - davon aus, dass dem Versicherten das Aufgeben seiner
selbständigerwerbenden Tätigkeit zumutbar sei. Damit werde sein Anspruch auf
rechtliches Gehör verletzt. Eine berufliche Umstellung könne nach der Rechtsprechung
(gemäss einem Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom
20. August 2013) nur verlangt werden, wenn sie nach den objektiven und subjektiven
Gegebenheiten zumutbar sei. Letzteres sei hier nicht der Fall. Deshalb könne beim
Invalideneinkommen nicht auf den Tabellenlohn für Hilfsarbeiter abgestellt werden. -
Am 6. Februar 2017 (IV-act. 98) wurde der Rechtsvertreterin des Versicherten eine
A.j.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Berechnung von dessen Invaliditätsgrad anhand der ausserordentlichen
Bemessungsmethode unterbreitet. Die Betriebsführung wurde mit einem Lohnniveau
von Fr. 114'116.-- und die [Berufs-]arbeiten sowie der Fahrdienst wurden je mit einem
solchen von Fr. 65'000.-- bewertet. Es ergab sich so ein Verdienstausfall von 46 %.
Von Juni 2014 bis Januar 2016 könne ausserdem eine ganze Rente ausgerichtet
werden. - Die Rechtsvertreterin des Versicherten hielt mit Mail vom 10. Februar 2017
(IV-act. 97) dafür, es gebe keinen Grund, bei der ausserordentlichen Methode vom
tatsächlichen Valideneinkommen des Versicherten (von Fr. 101'136.-- pro Jahr)
abzuweichen. Der Stundenansatz für die Arbeit bemesse sich nach der Ausbildung und
nicht nach der Art der ausgeführten Arbeit. In keinem Betrieb werde für die
Arbeitsstunde des Chefs mit Meisterausbildung - wie diejenige des Versicherten -
derselbe Ansatz verrechnet wie für einen angestellten Arbeiter mit nur wenig
Berufserfahrung. Leerfahrten dürften zudem nicht berücksichtigt werden, denn dass
der Versicherte beim Fahren gesundheitlich unbeeinträchtigt sei, nütze nichts, wenn er
an Ort die [Berufs-]arbeit nicht leisten könne. Es ergebe sich richtig ein Invaliditätsgrad
von mehr als 50 %. - Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle antwortete am
15. Februar 2017 (IV-act. 97), der Buchhaltungsabschluss 2012 bzw. die
Betriebszahlen könnten für einen Einkommensvergleich wegen des Einflusses des
privaten [...] und der langen Arbeitsunfähigkeit des Versicherten nicht als Massstab
herangezogen werden. Es seien die branchenüblichen Einkommen und die effektiven
Jahreseinkommen eines angestellten [Berufsmanns] heranzuziehen. Bei den
Fahrdiensten bestehe keine reduzierte Arbeitsfähigkeit. - In einer internen
Stellungnahme vom 15. Februar 2017 (IV-act. 100) wurde ergänzend festgehalten, es
sei zuzugestehen, dass dem Versicherten das Aufgeben des Betriebes objektiv
betrachtet vermutlich nicht mehr zumutbar sei, da er seit über 30 Jahren als
selbständiger [Beruf]meister tätig und inzwischen 59-jährig sei. - Mit einem neuen,
geänderten Vorbescheid vom 16. Februar 2017 (IV-act. 99) wurde für die Zeit vom
1. Juni 2014 bis 31. Januar 2016 eine ganze und danach eine Viertelsrente in Aussicht
gestellt.
Mit Verfügung vom 7. Juni 2017 (IV-act. 113 und 107) sprach die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen dem Versicherten
einstweilen für die Zukunft, ab 1. Juli 2017, eine Viertelsrente zu. Die Verfügung über
A.k.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
den zurückliegenden Zeitraum werde später zugestellt; es werde noch eine allfällige
Verrechnung der Nachzahlung geprüft. Im Beiblatt wurde festgehalten, ab 1. Juni 2014
bestehe Anspruch auf eine ganze Rente und ab 1. Februar 2016 ein solcher auf eine
Viertelsrente. Tabellarisch wurden die Angaben zur ausserordentlichen Bemessung
angegeben und im Einkommensvergleich wurden ein Valideneinkommen von
Fr. 69'911.-- und ein Invalideneinkommen von Fr. 37'411.-- verglichen (Ergebnis 46 %
Invaliditätsgrad). Zum Einwand wurde ausgeführt, es werde an den Angaben der
Abklärungsperson festgehalten, die eine Lohnbasis von Fr. 65'000.-- ermittelt habe. Ein
Abzug für Leerfahrten sei nicht angezeigt. - Am 10. Juli 2017 (IV-act. 114) versandte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle die Verfügung, mit welcher sie für die Zeit vom
1. Juni 2014 bis 31. Januar 2016 den Anspruch des Versicherten auf eine ganze und für
die Zeit von 1. Februar 2016 bis 30. Juni 2017 einen solchen auf eine Viertelsrente
(betraglich) festsetzte.
Gegen die Verfügung vom 7. Juni 2017 richtet sich die von der Substitutin von
Rechtsanwalt lic. iur. Manfred Dähler für den Betroffenen am 12. Juli 2017 erhobene
Beschwerde (IV 2017/266). Die Rechtsvertreterin beantragt, die angefochtene
Verfügung vom 7. Juni 2017 sei aufzuheben und dem Beschwerdeführer sei ab 1. Juni
2014 eine ganze Rente und ab 1. Februar 2016 eine halbe Rente zuzusprechen. Es sei
eine mündliche Hauptverhandlung durchzuführen. Die Beschwerdegegnerin habe den
Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt, indem sie sich in der Verfügung mit den
Einwänden nicht auseinandergesetzt und deren Ablehnung nicht begründet habe. Der
Lohn des Angestellten des Beschwerdeführers könne nicht als Basis für die
Berechnung seines eigenen Lohnes herangezogen werden. Der angegebene Betrag
von Fr. 65'000.-- sei zudem lediglich eine ungefähre Grösse, weil der Mitarbeiter (mit
sechs Jahren Berufserfahrung ohne Meisterprüfung) sehr unregelmässig arbeite und im
Tageslohn (von Fr. 244.20 zuzüglich 9.9 % Ferienentschädigung, 3.6 %
Feiertagsentschädigung und 13. Monatslohn) angestellt sei. Bei 21.7 Arbeitstagen pro
Monat ergebe sich so für ihn ein Jahresgehalt von rund Fr. 78'189.--. Der
Beschwerdeführer hingegen verfüge über eine Berufspraxis von mehr als 30 Jahren,
die Meisterprüfung und Erfahrung als Geschäftsleiter. Gemäss dem beigelegten
Lohnblatt zum Gesamtarbeitsvertrag [Berufs-]gewerbe verdienten ein angestellter
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 27. Oktober 2017 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde; eventualiter sei die Verfügung aufzuheben und dem
Beschwerdeführer der Rentenanspruch abzusprechen. Eine allfällige Gehörsverletzung
könne, da der angerufenen kantonalen Instanz volle Kognition zustehe,
rechtsprechungsgemäss geheilt werden. Das sei angesichts des
Beschleunigungsgebots zu tun. In einer adaptierten Tätigkeit sei der
Beschwerdeführer, was als unstreitig zu gelten habe, zu 100 % arbeitsfähig. Dass
berufliche Massnahmen nicht mehr angezeigt seien, sei ebenfalls nicht streitig. Es sei
sehr unwahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer seinen Betrieb aufgegeben hätte,
weshalb das hypothetische Valideneinkommen (einschliesslich Nebentätigkeiten)
ziffernmässig gut aufgrund des Individuellen Kontos (IK) geschätzt werden könne,
bestehe doch ein jahrzehntelanger Überblick. Das Valideneinkommen habe sich von
[Beruf-]meister mit eidgenössischem Diplom oder ein [Berufsmann] mit
eidgenössischem Fähigkeitsausweis mit geschäftsführender Funktion monatlich
zwischen Fr. 5'405.-- und Fr. 5'910.--. Es sei ein 13. Monatslohn geschuldet. Aufgrund
der langjährigen Erfahrung des Beschwerdeführers dürfe mindestens mit dem höheren
Betrag gerechnet werden, jährlich also mit Fr. 76'830.--. Der Fahrdienst falle in Relation
zu den [Berufs-]arbeiten an. Es seien nur die beruflich verwertbaren Leistungen zu
berücksichtigen, nicht allgemeine Fähigkeiten. Rechne man den Tageslohn des
Angestellten des Beschwerdeführers auf ein Pensum von 100 % auf und
berücksichtige beim Fahrdienst die reduzierte Leistung, so ergebe sich allein deswegen
schon ein Invaliditätsgrad von 50.67 %. Bei Berücksichtigung der zusätzlichen
Qualifikationen des Beschwerdeführers liege der Invaliditätsgrad bei 53 %. Gemäss der
angefochtenen Verfügung solle das Valideneinkommen im Übrigen rund ein Fünftel
geringer sein als das im ersten Vorbescheid genannte (von nämlich Fr. 101'136.--).
Dass also eine halbe Rente geschuldet sei, sei angesichts der ärztlich attestierten
Arbeitsunfähigkeit sachgerecht und entspreche auch der von der Beschwerdegegnerin
ermittelten Einschränkung von 55 % in der angestammten Tätigkeit.
Mit Beschwerde vom 11. August 2017 (IV 2017/286) beantragt die
Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers auch die Aufhebung der Verfügung vom
10. Juli 2017, - wiederum - die Zusprache einer ganzen Rente ab 1. Juni 2014 und
einer halben Rente ab 1. Februar 2016 und die Vereinigung der beiden Verfahren.
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1998 bis 2011 stabil verhalten. Nur im Jahr 2009 habe es eine kurze Baisse gegeben.
2012 sei der [...] erfolgt, 2013 habe der Beschwerdeführer die Rückenverletzung erlitten
und 2014 einen weiteren Sturz. Auch das Invalideneinkommen könne ohne weiteres
ziffernmässig ermittelt werden. Es sei auf die LSE-Tabellenlohnwerte als Hilfsarbeiter
abzustellen, da dem Beschwerdeführer inskünftig leichte bis mittelschwere Tätigkeiten
ohne Über-Kopf-Arbeiten zu 100 % zumutbar seien. Es verbleibe für die Anwendung
der ausserordentlichen Methode kein Raum mehr. Es stelle sich einzig noch die Frage,
ob es dem Beschwerdeführer zugemutet werden könne, die bisherige Tätigkeit
aufzugeben. Eine versicherte Person sei unter Umständen
invalidenversicherungsrechtlich so zu behandeln, als ob sie die Tätigkeit als
Selbständigerwerbende aufgäbe, d.h. sie müsse sich anrechnen lassen, was sie bei
Aufnahme einer leidensangepassten unselbständigen Erwerbstätigkeit zumutbarer
Weise verdienen könnte. Während das Bundesgericht eine Unzumutbarkeit eines
Berufswechsels erst ab einem Alter von 61 Jahren vorsehe, sei der Beschwerdeführer
erst 59-jährig. Er habe ausserdem keine sozialen Verpflichtungen mehr. Aufgrund der
bei der Berufstätigkeit bzw. als selbständigerwerbender Geschäftsführer erworbenen
handwerklichen Fähigkeiten könne er sich sehr gut in eine neue Hilfsarbeitertätigkeit
eingliedern. Auf die berufliche Stellung könne er sich nicht berufen. Die Diskrepanz
zwischen [Berufsmann] und Hilfsarbeiter sei nicht merklich. Auch bei langjähriger
Erwerbstätigkeit von älteren Landwirten mit ihrem Status habe das Bundesgericht
wiederholt ein Aufgeben des ganzen Betriebs als zumutbar bezeichnet. Dazu komme,
dass der Beschwerdeführer mit einer Hilfsarbeitertätigkeit ein höheres Einkommen
erzielen könnte als mit einer Weiterführung der Selbständigkeit. Dabei könnte er auch
vollumfänglich statt nur zu 45 % erwerbstätig sein. Das generierte ihm auch eine gute
Tagesstruktur. Zudem reduzierte sich das Risiko, dass sich durch die weitere
belastende Tätigkeit der Gesundheitszustand noch verschlechtere. Die Aufnahme einer
Hilfsarbeitertätigkeit sei somit durchaus zumutbar. Das durchschnittliche Einkommen
hierfür habe 2011 bei Fr. 61'910.-- gelegen. Auf eine Aufwertung könne angesichts der
gleichförmigen Entwicklung verzichtet werden. Bei dem Erfahrungshintergrund des
Beschwerdeführers im handwerklichen und administrativen Bereich sei nicht zu
erwarten, dass er ein unterdurchschnittliches Einkommen haben werde. Ein
Leidensabzug sei nicht erforderlich. Zwischen 2007 und 2011 habe der
Beschwerdeführer pro Jahr durchschnittlich Fr. 100'848.80 verdient. Der
Invaliditätsgrad betrage 39 %. Ein Rentenanspruch bestehe nicht. Werde die
Beschwerde nach Androhung einer reformatio in peius nicht zurückgezogen, sei dem
Beschwerdeführer der Anspruch abzusprechen.
D.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit Replik vom 17. Januar 2018 bringt die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers
vor, es erstaune, dass nach ergangener Verfügung einmal mehr die
Bemessungsmethode geändert werden solle. Die Arbeitsunfähigkeit des
Beschwerdeführers in einer adaptierten Tätigkeit sei nicht unstreitig, sondern es habe
bis anhin kein Anlass bestanden, dazu Stellung zu nehmen. Zur Zumutbarkeit eines
Berufswechsels könne nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts (Urteil
9C_253/2017) erst Stellung genommen werden, wenn feststehe, welche
Verweisungstätigkeiten noch in Frage kämen. Solche Abklärungen habe die
Beschwerdegegnerin nicht vorgenommen. Nachdem sie ursprünglich einen
Betätigungsvergleich und einen Einkommensvergleich vorgenommen gehabt habe,
habe sie sich für den für sie günstigeren Einkommensvergleich (42 % Invaliditätsgrad)
entschieden. Nach dem Einwand vom 10. Januar 2017 habe die Beschwerdegegnerin
festgehalten, das Aufgeben des Betriebs sei dem Beschwerdeführer nicht zuzumuten.
Sie habe dafürgehalten, retrospektiv müsse das Erstellen eines Einkommensvergleichs
als nicht zuverlässig beurteilt werden, weshalb sie eine ausserordentliche Bemessung
vorgenommen und damit eine Erwerbseinbusse von 46 % eruiert habe. Wenn die
Beschwerdegegnerin, nachdem sie die Methode schon im Vorverfahren geprüft habe,
nun im Beschwerdeverfahren wieder - ohne Einhaltung des ordentlichen Verfahrens mit
Vorbescheid und Gewährung des rechtlichen Gehörs - die Bemessungsmethode
ändere, sei das rechtsmissbräuchlich und den Gehörsanspruch verletzend. Die
Beschwerdegegnerin habe sich ausführlich mit der Wahl der Bemessungsmethode
auseinandergesetzt und sei bei ihrem Entscheid zu behaften. Auch bei der Frage der
Vergleichseinkommen sei sich die Beschwerdegegnerin offensichtlich unschlüssig.
Während sie im Vorbescheid auf das Einkommen des Teilzeitangestellten des
Beschwerdeführers abgestellt habe, vertrete sie nun die Auffassung, das
Valideneinkommen lasse sich aufgrund des IK ziffernmässig gut schätzen, und das,
obwohl sie bisher ausdrücklich die gegenteilige Auffassung vertreten habe. Das
wankelmütige Verhalten der Beschwerdegegnerin dürfe dem Beschwerdeführer nicht
zum Nachteil gereichen. Mit ihrer Bemerkung, die Diskrepanz (der beruflichen Stellung)
zwischen einem [Berufsmann] und einem Hilfsarbeiter sei nicht merklich, disqualifiziere
die Beschwerdegegnerin die nach erfolgreichen Ausbildungen ausgeübte
Berufstätigkeit des Beschwerdeführers, der jahrzehntelang und unter
verletzungsbedingt widrigen Umständen eigenständig für sein Auskommen gesorgt
und Arbeitsplätze geschaffen und erhalten habe. Während er die verbliebene
Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit mittels Zuzugs eines angestellten
[Berufsmanns] optimal einsetzen könne, wäre er bei einer Hilfsarbeitertätigkeit bei
verschiedenen Arbeiten eingeschränkt, da er insbesondere bei Über-Kopf-Arbeiten
beeinträchtigt sei. Im Abklärungsbericht sei festgestellt worden, dass bei einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Umstellung von den bisherigen relativ schweren, grobmotorischen Arbeiten auf
leichtere, feinmotorische Bereiche ein Leidensabzug von 10 % gerechtfertigt sei. Der
dem Beschwerdeführer verbleibende mögliche Tätigkeitsbereich sei ungenügend
abgeklärt worden. Ausserdem werde der zeitliche Horizont für eine Anstellung immer
kürzer. Ein potenzieller Arbeitgeber auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt würde beim
Beschwerdeführer mit seinen 60 Jahren jede Einarbeitung scheuen. Zusammen mit
anderen Gegebenheiten könne das Alter dazu führen, dass eine Resterwerbsfähigkeit
realistischerweise nicht mehr nachgefragt werde. Ein Branchenwechsel sei nicht
zumutbar. Bei gegenteiliger Auffassung müsste der maximale Leidensabzug gewährt
werden. Die zugestandene volle (bzw. ganze) Rente schliesslich sei begründungslos
gestrichen worden.
E.
Die Beschwerdegegnerin hat am 19. Februar 2018 auf die Erstattung einer Duplik
verzichtet.
F.
Mit Schreiben vom 4. Juli 2019 ist dem Beschwerdeführer gemäss Art. 61 lit. d ATSG
(vgl. BGE 137 V 314) Gelegenheit zu einem allfälligen Rückzug der Beschwerden
gegeben worden, weil die Möglichkeit einer gerichtlichen Rückweisung der Sache zur
Abklärung (mit entsprechender allfälliger Schlechterstellung seiner Rechtsposition)
bestehe. Sein Rechtsvertreter Rechtsanwalt lic. iur. Manfred Dähler hat mit Schreiben
vom 7. August 2019 darauf verzichtet (IV 2017/266 act. G 17 und IV 2017/286
act. G 16). - Ebenso verzichtet hat er am 23. September 2019 auf die Durchführung
einer mündlichen Verhandlung (IV 2017/266 act. G 20 und IV 2017/286 act. G 19).

Erwägungen
1.
Im Streit liegt die Verfügung vom 7. Juni 2017, mit welcher die Beschwerdegegnerin
dem Beschwerdeführer - wie aus dem Beiblatt hervorgeht - ab 1. Juni 2014 Anspruch
auf eine ganze Rente und ab 1. Februar 2016 Anspruch auf eine Viertelsrente
zugesprochen hat. Der Verfügung vom 10. Juli 2017 kommt im vorliegenden
Zusammenhang keine eigenständige Bedeutung zu. Die gegen die beiden Verfügungen
gerichteten zwei Beschwerdeverfahren (IV 2017/266 und IV 2017/286) sind am
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
15. August 2017 vereinigt worden (IV 2017/286 act. G 2). Angesichts der
Rentenzusprache ist davon auszugehen, dass die Beschwerdegegnerin
ausgeschlossen hat, dass der Invaliditätsgrad des Beschwerdeführers durch berufliche
Eingliederungsmassnahmen vermindert werden könnte; am 8. Januar 2014 hat sie
jedenfalls mitgeteilt, solche Vorkehren seien bei ihm als Selbständigerwerbendem nicht
angezeigt. Zum Streitgegenstand gehört auch die Frage, ob sie damit den Grundsatz
"Eingliederung vor Rente" beachtet habe. Der Beschwerdeführer seinerseits lässt
einzig höhere Rentenleistungen beantragen.
2.
Der Beschwerdeführer lässt zunächst eine Verletzung seines Anspruchs auf rechtliches
Gehör rügen. Die Beschwerdegegnerin habe sich in der angefochtenen Verfügung vom
7. Juni 2017 nicht (genügend) mit den erhobenen Einwänden auseinandergesetzt und
deren Ablehnung nicht begründet. Wie sich aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör
(Art. 29 Abs. 2 BV) und Art. 49 Abs. 3 ATSG ergibt, sind Verfügungen zu begründen.
Die Begründung eines Entscheids muss so abgefasst sein, dass die betroffene Person
diesen in voller Kenntnis der Sache an die höhere Instanz weiterziehen kann; in diesem
Sinn müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von denen sich die
Behörde hat leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt (vgl.
Bundesgerichtsentscheid vom 4. Mai 2009, 8C_541/2008; BGE 134 I 83 E. 4.1). Die
Beschwerdegegnerin hat in der Verfügung vom 7. Juni 2017 auf die Erhebungen der
Abklärungsperson verwiesen. Damit hat sie kundgetan, dass sie deren Beurteilung für
überzeugender hält als den Standpunkt des Beschwerdeführers. Sinngemäss hat sie
sich auf deren Sachkundigkeit berufen. Von einer die Aufhebung der Verfügung aus
formellem Grund rechtfertigenden Gehörsverletzung ist bei diesen Gegebenheiten nicht
auszugehen. - Der Beschwerdeführer bringt weiter vor, die Beschwerdegegnerin habe
im Beschwerdeverfahren - ohne Einhaltung des ordentlichen Verfahrens mit
Vorbescheid und Gewährung des rechtlichen Gehörs - die Bemessungsmethode
erneut geändert. Der Versicherungsträger kann nach Art. 53 Abs. 3 ATSG eine
Verfügung, gegen welche Beschwerde erhoben wurde, so lange wiedererwägen, bis er
gegenüber der Beschwerdebehörde Stellung nimmt. Umso mehr ist bis zur Erstattung
der Beschwerdeantwort eine Änderung der Begründung zulässig. Es muss zudem
damit, dass verschiedene Bemessungsmethoden zur Anwendung gelangen können,
gerechnet werden. Die Beschwerdegegnerin hat im Übrigen keine (den Anspruch
abweisende) Verfügung pendente lite erlassen, die wegen ihrer Verschlechterung im
Vergleich zur angefochtenen Verfügung im Übrigen lediglich als Antrag an den Richter
zu betrachten gewesen wäre. Eine Aufhebung der angefochtenen Verfügung vom
7. Juni 2017 aus formellem Grund ist nicht gerechtfertigt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 60 % besteht Anspruch auf eine Dreiviertelsrente, bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 50 % Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40 % Anspruch auf eine Viertelsrente. - Für die
Bemessung der Invalidität von erwerbstätigen Versicherten ist gemäss Art. 28a Abs. 1
IVG Art. 16 ATSG anwendbar.
3.1.
Nach Art. 16 ATSG wird für die Bestimmung des Invaliditätsgrades das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das
sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre.
3.2.
Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die
beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt
und einander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der
Invaliditätsgrad bestimmen lässt. Insoweit die fraglichen Erwerbseinkommen
ziffernmässig nicht genau ermittelt werden können, sind sie nach Massgabe der im
Einzelfall bekannten Umstände zu schätzen und die so gewonnenen Annäherungswerte
miteinander zu vergleichen (vgl. AHI 1998 S. 119, Bundesgerichtsurteil vom 10. April
2017, 9C_804/2016 E. 2.2).
3.3.
Angesichts der in Art. 25 Abs. 1 IVV vorgesehenen Gleichstellung der
invalidenversicherungsrechtlich massgebenden hypothetischen Vergleichseinkommen
mit den mutmasslichen AHV-rechtlich beitragspflichtigen Erwerbseinkommen kann das
Valideneinkommen von Selbständigerwerbenden nach der Rechtsprechung des
Bundesgerichts zumeist aufgrund der Einträge im Individuellen Konto (IK) bestimmt
werden. Weist das bis zum Eintritt der Invalidität erzielte Einkommen starke und
verhältnismässig kurzfristig in Erscheinung getretene Schwankungen auf, ist auf den
während einer längeren Zeitspanne erzielten Durchschnittsverdienst abzustellen (vgl.
Bundesgerichtsurteil vom 30. August 2018, 9C_229/2018 E. 2.1, m.H.).
3.4.
Lassen sich die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen nicht zuverlässig
ermitteln oder schätzen, so ist in Anlehnung an die spezifische Methode für
Nichterwerbstätige (Art. 28a Abs. 2 IVG; Art. 27 IVV) ein Betätigungsvergleich
anzustellen und der Invaliditätsgrad nach Massgabe der erwerblichen Auswirkungen
3.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
der verminderten Leistungsfähigkeit in der konkreten erwerblichen Situation zu
bestimmen. Zunächst ist anhand des Betätigungsvergleichs die leidensbedingte
Behinderung festzustellen; sodann ist diese im Hinblick auf ihre erwerbliche
Auswirkung besonders zu gewichten. Eine bestimmte Einschränkung im funktionellen
Leistungsvermögen eines Erwerbstätigen kann zwar, braucht aber nicht
notwendigerweise eine Erwerbseinbusse gleichen Umfangs zur Folge zu haben (vgl.
BGE 128 V 30 f. E. 1, Bundesgerichtsurteil vom 30. Oktober 2017, 9C_525/2017
E. 3.1.1; AHI 1998 S. 119; BGE 104 V 136 E. 2c).
Grundlage für eine Invaliditätsbemessung bilden zunächst die medizinischen
Erhebungen zum Gesundheitszustand und der Arbeitsfähigkeit einer versicherten
Person. - Eine diesbezügliche medizinische Begutachtung ist nicht erfolgt. Es liegen
einzig ärztliche Berichte der behandelnden Medizinalpersonen vor.
4.1.
So hatte, was die Zeit nach dem ersten Sturz auf Rücken und Gesäss vom Mai
2013 betrifft, Dr. B._ am 30. Juli 2013 (UV-act. 3-2 f.) erklärt, der Beschwerdeführer
sei seit 16. Mai 2013 und bis auf weiteres zu 100 % arbeitsunfähig. Die Klinik für
Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen hatte am 4. Oktober 2013 ein lumbales
Wurzelkompressions-Syndrom L2 und L5 rechts sowie Bandscheibenvorfälle LWK1/2
und LWK4/5 rechts festgestellt (eine rechtsseitig mediolaterale Diskushernie L1/2 mit
Kompression des Duralsacks, eine geringfügige posteromediane Diskushernie L4/5 mit
leichter zentraler muldenförmiger Impression des Duralsacks sowie eine mässig
voluminöse rechtsseitig paramediane Diskushernie L5/S1 mit schulterförmiger
Kompression des duralen Abgangs der rechtsseitigen S1-Wurzel waren allerdings
gemäss UV-act. 2-3 bereits am 26. April 2007 vorgefunden worden). Die Klinik für
Neurochirurgie hatte weiter angegeben, eine (vom Beschwerdeführer beklagte) Parese
im rechten Fuss habe sich nicht objektivieren lassen, ebenso wenig eine
Sensibilitätsstörung. Die Befunde aus der Kernspintomografie würden (aber) das
Beschwerdebild hinreichend erklären. Am 13. November 2013 wurde, wie für indiziert
gehalten, mikrochirurgisch eine Nukleotomie LWK1/2 und LWK4/5 rechts
vorgenommen, worauf ein erfreulicher Verlauf verzeichnet wurde. Nach Angaben der
Klinik für Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen vom 11. Dezember 2013 (UV-
act. 2-27) hatte der Beschwerdeführer damals nur noch geringe Beschwerden mit
leichtem Taubheitsgefühl am rechten Oberschenkel; Hinweise auf neue neurologische
Befunde hatten sich nicht gezeigt. Im Bericht wurde angegeben, der Beschwerdeführer
werde im Dezember 2013 beruflich noch pausieren und dann zwei Wochen in die
Ferien gehen. Ab Mitte Januar 2014 sollte er wieder belastbar und arbeitsfähig sein. -
4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Angesichts dieser Beschreibung des medizinischen Sachverhalts und des Umstands,
dass sich die weitere Arbeitsunfähigkeitsannahme bis Mitte Januar 2014 nicht
unwesentlich an den Einschätzungen des Beschwerdeführers selbst ausgerichtet zu
haben scheint, bestehen gewisse Zweifel an deren für die erforderliche Beweiskraft
ausreichenden Objektivierung, zumal es sich um die Beurteilung der behandelnden
Klinik handelte, die in erster Linie (nicht auf die Arbeitsfähigkeitsbeurteilung, sondern)
auf den therapeutischen Aspekt gerichtet ist (vgl. Bundesgerichtsentscheid vom 22.
April 2014, 9C_184/2014; obwohl sie anderseits den Vorteil einer längeren
Beobachtungszeit hat, vgl. Bundesgerichtsentscheid vom 21. Dezember 2005, 4P.
254/2005). - Die in der Folge dem Beschwerdeführer durch Dr. B._ für die Zeit vom
27. Januar bis 4. Mai 2014 attestierte Arbeitsunfähigkeit von weiterhin immerhin noch
50 % lässt sich zudem lediglich dem Unfallschein und einer Telefonnotiz entnehmen
und ist demnach bis anhin nicht durch eine Begründung erklärlich gemacht worden.
Die - wenn auch damals erst prognostische - Beurteilung der Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers durch die Klinik für Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen für
die Zeit ab Mitte Januar 2014 stellt aber immerhin einen Anhaltspunkt für einen
möglichen Wiedereintritt der (vollen) Arbeitsfähigkeit dar, sofern sich nicht eine weitere
Veränderung eingestellt haben sollte. Der Sachverhalt erscheint diesbezüglich
abklärungsbedürftig. - Noch kurz vor Ablauf einer möglichen Wartezeit Mitte Mai 2014,
nämlich am 5. Mai 2014, hat der Beschwerdeführer allerdings selbst nach der
Beurteilung von Dr. B._ wieder die volle Arbeitsfähigkeit erreicht.
Nach der Aktenlage geschah indessen am 7. Mai 2014 ein neues Unfallereignis in
Form eines weiteren Sturzes, diesmal auf Schulter und Ellbogen. Dr. B._ war davon,
seiner Berichterstattung vom 25. August 2014 nach zu schliessen, nichts bekannt
gewesen. Wie der Beschwerdeführer erklärte, war er in der Folge am 15. September
2014 im Spital E._ operiert worden (vgl. IV-act. 42-2, 43; gemäss IV-act. 49-2 und IV-
act. 52 tags darauf). So weit ersichtlich, liegt allerdings (noch) kein Arztbericht jenes
Spitals vor und ist nicht bekannt, ob der Beschwerdeführer wegen dieses Sturzes vor
dem Spitalaufenthalt allenfalls auch bereits anderweitig in ärztlicher Behandlung
gestanden hat. Eine ärztliche Bescheinigung über eine allfällige Arbeitsunfähigkeit des
Beschwerdeführers ab dem Unfalldatum vom 7. Mai 2014 liegt dementsprechend bis
anhin soweit ersichtlich nicht vor (auch noch keine solche ab dem Operationstag vom
15. oder 16. September 2014). Spätere Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, etwa eine
solche ab 23. Februar 2015 (Tag einer weiteren Operation), sind vorhanden (vgl. unten
E. 4.5). Nach Angaben des Beschwerdeführers war er allerdings bereits ab dem Tag
des Unfalls vom 7. Mai 2014 voll arbeitsunfähig (vgl. IV-act. 51-3 von Juli 2015, und IV-
act. 74-2). Wie die Folgen dieses Ereignisses allenfalls von der Unfallversicherung
4.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beurteilt wurden, ist ebenfalls nicht ersichtlich. Die Akten erweisen sich bezüglich
dieser Fragen als ergänzungsbedürftig; es sind die entsprechenden Berichte
einzuholen.
Dem IV-Arztbericht der Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates am Kantonsspital St. Gallen vom 23. April 2015 ist allerdings
unter rückblickendem Aspekt zu entnehmen, dass bei lang bekannter irreparabler
Supraspinatussehnen-Ruptur beim Beschwerdeführer bis zum Sturzereignis vom Mai
2014 eine kompensierte Schulterfunktion vorgelegen hat; danach seien Schmerzen und
ein Kraftverlust, vor allem für die Abduktion, aufgetreten, seit Januar 2015 zusätzlich
eine deutlich abgeschwächte aktive Aussenrotation bei noch knapp erhaltener aktiver
Abduktionsfähigkeit, aber auch dort deutlicher Schwäche (bei gescheitertem Versuch
einer Rekonstruktionsoperation am 16. September 2014).
4.4.
Am 23. Februar 2015 war der Beschwerdeführer daraufhin in der Klinik für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates am
Kantonsspital St. Gallen operiert worden; es war ein Latissimus dorsi-Transfer rechts
erfolgt (IV-act. 49-2). - Vor dem Eingriff war von Seiten der Klinik mit einer danach
regelmässig zu erwartenden postoperativen Phase voller Arbeitsunfähigkeit von sechs
Wochen gerechnet worden (vgl. IV-act. 47). - Bei einer Kontrolle vom 14. April 2015 -
somit rund sechs Wochen postoperativ - hatte gemäss dem Bericht der Klinik für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates am
Kantonsspital St. Gallen vom 23. April 2015 (IV-act. 49) allerdings noch keine
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers vorgelegen, weil die Belastbarkeit noch fehlte.
Frühestens in acht Wochen könne mit der Wiederaufnahme der angestammten,
körperlich belastenden beruflichen Tätigkeit gerechnet werden. Es wurde im Bericht
eine Arbeitsunfähigkeit bis vorläufig 7. Juni 2015 attestiert. - Rund vier Monate nach
diesem Bericht, am 27. August 2015, konnte die Klinik für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates am Kantonsspital St. Gallen - inzwischen
etwa sechs Monate nach der Operation - weiterhin von einem sehr zufriedenstellenden
Verlauf berichten. Der Beschwerdeführer habe lediglich bei Flexion im Ellbogen hin und
wieder ein Ziehen und Kribbeln im Bereich des Biceps rechtsseitig und ein Kraftdefizit
bei körperfernem Tragen von Lasten gehabt. Es wurde ihm aber weiter noch für die Zeit
vom 25. August bis 25. November 2015 eine volle Arbeitsunfähigkeit bescheinigt. Ob er
als [Berufsmann] wieder zu 100 % werde tätig sein können, könne frühestens ein Jahr
nach der Operation [demnach im Februar 2016] festgelegt werden. Auch rund neun
Monate nach der Operation, am 26. November 2015, konnte wiederum ein sehr
zufriedenstellender Verlauf zur Kenntnis genommen werden. Im Februar 2016 werde
4.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ein Arbeitsversuch mit einem Pensum von 50 % durchgeführt werden. Bis dahin wurde
immer noch eine volle Arbeitsunfähigkeit angegeben. - Am 14. März 2016 (IV-act. 60)
schliesslich teilte die Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates am Kantonsspital St. Gallen mit, der Beschwerdeführer habe nun
etwas mehr als ein Jahr nach dem Eingriff, im Februar 2016, die Arbeit wieder zu 50 %
aufgenommen. Für schwerere Arbeiten über Kopf sei noch eine leichte Einschränkung
im Bereich der rechten Schulter vorhanden, im Grossen und Ganzen sei die Kraft an
der rechten Schulter jedoch gut. Schmerzen bestünden nur bei repetitiven
Extrembewegungen gegen Widerstand. Der Beschwerdeführer spreche subjektiv von
einer Besserung der Funktion von vorher 30 % hin zu nun 70 %. Unter dem Titel des
Procederes wurde im Bericht festgehalten, die Wiederaufnahme der Arbeit zu 50 % sei
dem Beschwerdeführer recht gut gelungen; nur schwerere Arbeiten hätten nicht
durchgeführt werden können. Ein darüber hinausreichendes Pensum in der
angestammten, körperlich anstrengenden Tätigkeit sei nicht realistisch. - Im Bericht
dieser behandelnden Klinik zeigen sich Anhaltspunkte dafür, dass bei der
Arbeitsfähigkeitsschätzung nebst der Befundaufnahme auch die Rückmeldung des
Beschwerdeführers zu seiner Arbeitsfähigkeit in der als körperlich anstrengend
bezeichneten angestammten Tätigkeit besonders relevant war. - Der RAD befürwortete
nicht umsonst am 22. April 2016 unter anderem eine Plausibilisierung der genannten
Einschätzung (einer nicht mehr steigerungsfähigen Arbeitsfähigkeit von 50 %). Denn
insgesamt erscheint nach dem Dargelegten erklärungsbedürftig, dass trotz des stets
als sehr gut beschriebenen postoperativen Verlaufs und der beschriebenen, seit
langem nur noch geringfügigen Befunde (statt während der vor der Operation
erwarteten sechs Wochen) noch während eines Jahres von der behandelnden Klinik
volle Arbeitsunfähigkeit und danach (ab 1. Februar 2016) noch eine solche von 50 %
angenommen wurde. - Der RAD wies ausserdem darauf hin, dass der
Beschwerdeführer früher (ab 2007 bis Mai 2014) trotz vollständiger
Rotatorenmanschettenruptur voll gearbeitet habe. Es sei davon auszugehen, dass mit
dem erfolgreichen Latissimus dorsi-Transfer im Vergleich zu damals eine markante
Verbesserung der rechtsseitigen Schulterfunktion eingetreten sei (IV-act. 61-2). - Die
vom RAD zu Recht vorgesehene Abklärung (bzw. Plausibilisierung) der Arbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers ist nach der Aktenlage bis anhin nicht erfolgt und wird, da im
Übrigen noch zu keiner Zeit eine Begutachtung oder eine RAD-Untersuchung
stattgefunden hat, nachzuholen sein.
Der Beschwerdeführer selbst gab im Übrigen gemäss dem entsprechenden
Bericht bei der zum Zweck der IV-Bemessung vorgenommenen Abklärung an Ort und
Stelle vom Juni 2016 bekannt, seit der Operation vom 23. Februar 2015 sei die
4.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Körperbeweglichkeit deutlich besser geworden, doch die Kraft sei weiterhin reduziert,
vor allem beim Heben von Gegenständen über Kopf habe er Mühe. Ausserdem habe er
Gleichgewichtsstörungen (IV-act. 74-1). Aus diesen beiden Gründen übe er die
[Berufs-]arbeiten zeitlich etwa zu 30 bis 40 % aus. Qualitativ bestünden aber keine
Einschränkungen (IV-act. 74-7). - In den Bemerkungen vom 18. August 2016 erklärte er
dagegen, er könne bei weitem nicht mehr jede Arbeit erledigen, die sein Beruf mit sich
bringe. Zu grosse Anstrengung löse jedes Mal erhebliche bis fast unerträgliche
Schmerzen in Schulter und Nacken aus. Wegen seiner Einschränkungen ergäben sich
immer wieder Änderungen an der Arbeitsausführung. Beispielsweise erforderten eine
[...] oder eine zusätzliche [...] zusätzliche Anstrengungen. Gewisse Arbeiten, die ein
[Berufsmann] regelmässig selbständig ausführen müsse, könne er nicht oder nicht
mehr richtig ausführen, was den regelmässigen Einsatz von Dritten erfordere. Vor und
nach der Operation habe [...] C._ zudem festgehalten, der Eingriff werde nur der
besseren täglichen Bewegung dienen und nicht eine Wiedereingliederung in den sehr
strengen Arbeitsprozess und den Beruf des [Berufsmanns] zur Folge haben können
(vgl. IV-act. 74-9). - Massgebend wird die zu eruierende objektive medizinisch
zumutbare Arbeitsfähigkeit sein.
Über alle Phasen hinweg ist festzuhalten, dass die berichtenden Ärzte in ihren
Beurteilungen ferner voraussetzen, dass die angestammte Tätigkeit des
Beschwerdeführers eine körperlich anstrengende ist. Bei der Anfrage der IV-
Sachbearbeiterin an den RAD war bezüglich der beruflichen Situation des
Beschwerdeführers dargelegt worden, es gehe bei seiner Arbeit um [...]. Schwere
[Geräte] müssten immer mitgeführt werden und es müssten damit oft [...-]treppen
überwunden werden (IV-act. 61-1; vgl. GAV: [...], IV-act. 118-21). Ein ausreichend
detailliertes (objektives) Betätigungsprofil, mit etwa Festsetzung des prozentualen
Anteils der schulterbelastenden Tätigkeit, wie es der RAD zu Recht (durch die
Abklärung an Ort und Stelle) hatte erheben lassen wollen, wurde jedoch bis anhin nicht
aufgenommen. Das wird noch zu veranlassen sein.
4.7.
Im Hinblick auf die Frage, ob dem Beschwerdeführer
invalidenversicherungsrechtlich betrachtet allenfalls eine Betriebsaufgabe bzw. der
Antritt einer Anstellung als Unselbständigerwerbender zugemutet werden müsse (vgl.
unten E. 5.1 f.), ist des Weiteren auch eine Beurteilung der Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers in einer adaptierten Tätigkeit erforderlich, die von einem Arzt oder
einer Ärztin stammt, die den Beschwerdeführer selber untersucht haben. Diejenige des
RAD erscheint zwar plausibel, vermag beweismässig jedoch für sich allein (mangels
dieses Kriteriums; vgl. dazu Art. 49 Abs. 2 IVV) nicht zu genügen.
4.8.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
6.
Was die erwerbliche Seite betrifft, ist zunächst darauf hinzuweisen, dass für die
Invaliditätsbemessung nicht relevant ist, ob der Beschwerdeführer seinen Betrieb
tatsächlich weiterführt oder nicht. Die Invalidenversicherung veranlasst keine
tatsächliche Betriebsaufgabe. Indessen hat sie (bzw. im Beschwerdefall: das Gericht)
unter Umständen zu entscheiden, ob die Invaliditätsbemessung beim
Beschwerdeführer unter Annahme der Weiterführung seines Betriebs als
Selbständigerwerbender zu erfolgen hat, weil ihm ein Aufgeben dieser Tätigkeit (im
Rahmen der Schadenminderungspflicht) nicht zumutbar ist, oder ob das
Invalideneinkommen unter Annahme der Aufgabe des Betriebs anhand eines
Einkommens als Unselbständigerwerbender zu bestimmen ist. - Diese Frage der
Zumutbarkeit einer Aufnahme einer unselbständigen Erwerbstätigkeit stellt sich
(allerdings nur) dann, wenn vom entsprechenden Vorgehen eine bessere erwerbliche
Verwertung der Arbeitsfähigkeit (d.h. ein geringerer Invaliditätsgrad) zu erwarten ist
bzw. wäre.
5.1.
Für die Auslegung des unbestimmten Rechtsbegriffs der zumutbaren Tätigkeit im
Allgemeinen und bei der Aufgabe der selbständigen Erwerbstätigkeit im Besonderen
sind gegebenenfalls nach der Rechtsprechung die gesamten subjektiven
Gegebenheiten - insbesondere die verbleibende Leistungsfähigkeit (und die weiteren
persönlichen Verhältnisse wie etwa Alter und berufliche Stellung) - und objektiven
Umstände des Einzelfalles (namentlich der ausgeglichene Arbeitsmarkt und die noch zu
erwartende Aktivitätsdauer) zu berücksichtigen. Eine Betriebsaufgabe ist nur unter
strengen Voraussetzungen unzumutbar (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 30. Oktober
2017, 9C_525/2017 E. 3.1.2; vgl. Bundesgerichtsurteil vom 26. März 2019,
8C_732/2018).
5.2.
Wegen der zumindest nach der gegenwärtigen Aktenlage teilweise
anzunehmenden schwereren Arbeiten in der ausgeübten Berufstätigkeit als
[Berufsmann] (vgl. E. 4.6 f.) scheint denkbar, dass sich bei den noch zu tätigenden
medizinischen Abklärungen für diese Berufstätigkeit eine tiefere Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers ergeben könnte als für die verschiedensten, auch leichte Arbeiten
umfassenden Tätigkeiten, die in den durchschnittlichen Tabellenlöhnen berücksichtigt
sind. Sollte sich bei den medizinischen Abklärungen für die Zeit nach Ablauf der
postoperativen Phase voller Arbeitsunfähigkeit eine Arbeitsfähigkeit von - mindestens -
50 % für die eigentliche [Berufs-]arbeit ergeben, spräche selbst bei der IV-Bemessung
6.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
als Selbständigerwerbender nach der gegenwärtigen Aktenlage einiges gegen eine (ab
jenem Zeitpunkt noch verbleibende) Invalidität rentenbegründenden Ausmasses. Denn
diesbezüglich zu berücksichtigen wäre das Folgende.
Bei einer IV-Bemessung für den Beschwerdeführer als Betriebsinhaber wäre ein
Einkommensvergleich anhand der IK-Einträge nicht ausreichend aussagekräftig, weil
die Einkommen die erwerbliche Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers für sich
allein genommen nicht genügend abbilden. So waren schon in den Jahren 2009 und
2012 wie erwähnt (ohne Beeinflussung durch die gesundheitliche Lage des
Beschwerdeführers) tiefere Einkommen erzielt worden. Der Rückgang des Einkommens
im Jahr 2012, dem Jahr vor dem Eintritt der Arbeitsunfähigkeit, war vom
invaliditätsfremden Faktor des [...] geprägt. Für den Fall der Bemessung der Invalidität
des Beschwerdeführers als Selbständigerwerbender hat die Beschwerdegegnerin
demnach in der Verfügung vom 7. Juni 2017 zu Recht die ausserordentliche Methode
angewandt, bei welcher ein Betätigungsvergleich zu machen und dessen Ergebnis
hernach erwerblich zu gewichten ist.
6.2.
Für den Betätigungsvergleich könnte, nach bei gegenwärtiger Aktenlage
übereinstimmenden Annahmen der Parteien, von den drei Bereichen Betriebsführung
(usw.), [Berufs-]arbeit (u.a.) und Fahrdienst mit Anteilen von 10 %, 85 % und 5 %
ausgegangen werden. Danach vermag der Beschwerdeführer die Betriebsführung auch
nach Eintritt der gesundheitlichen Beeinträchtigung - subjektiv betrachtet - noch voll zu
leisten. Die eigentliche [Berufs-]arbeit übt der Beschwerdeführer nach seinen Angaben
noch zu durchschnittlich 35 % aus. - Dieses Mass von 35 % unterschreitet dasjenige
einer ihm - von den behandelnden Ärzten - für jene Zeit attestierten zumutbaren
Arbeitsfähigkeit von 50 %, weshalb bei der vorhandenen Aktenlage ein Anteil von 50 %
einzusetzen wäre. Eine Einschränkung besteht nach den gegenwärtig vorhandenen
Arbeitsunfähigkeitsattesten medizinisch gesehen lediglich bei schwerer Arbeit (vgl. IV-
act. 60-2; gemäss RAD einschliesslich Über-Kopf-Arbeit, mittelschwere Arbeit nur
fallweise möglich, IV-act. 61). Ob 65 % der [Berufs-]arbeit zur körperlich schweren Art
gehört, erscheint fraglich und wird wie erwähnt (vgl. E. 4.7) geklärt werden müssen. -
Beim Fahrdienst ist der Beschwerdeführer nach seinen Angaben (wiederum subjektiv,
vor Kenntnis des Ergebnisses der vorzunehmenden ergänzenden medizinischen
Abklärungen) durch den Gesundheitsschaden nicht eingeschränkt. Er hält jedoch dafür,
dieser Teil der Arbeit sei eng mit der [Berufs-]tätigkeit verknüpft und ohne diese
sinnlos. Diese Abhängigkeit trifft indessen in gewisser Weise auf alle Teile einer aus
verschiedenen Bereichen zusammengesetzten selbständigen Erwerbstätigkeit zu.
Selten werden einzelne Teile ohne weiteres aufgegeben werden können. Die
6.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.
Die gegenwärtige Aktenlage ist nach dem Dargelegten für eine Beurteilung
ungenügend. Zu klären sein werden zusammenfassend das Belastungsprofil des
Beschwerdeführers in der angestammten Tätigkeit als selbständigerwerbender
[Berufsmann] mit ihren einzelnen Betätigungen, die entsprechende jeweilige
Arbeitsfähigkeit in diesen Betätigungen in den verschiedenen zeitlichen Phasen und die
erwerblichen Gewichtungen des Betätigungsvergleichs sowie (falls sich bei einer
Invaliditätsbemessung als Selbständigerwerbender nicht ein rentenausschliessender
Invaliditätsgrad ergeben sollte) seine Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit.
8.
vorzunehmende (und von der Beschwerdegegnerin zu Recht vorgenommene)
Aufteilung dient aber dazu, die spezifische Leistungsfähigkeit in den einzelnen
Tätigkeiten je separat zu erheben. Danach werden die Ergebnisse - anteilsmässig -
zusammengerechnet (gleicher Modus wie bei der gemischten Methode).
Im Übrigen wäre darauf hinzuweisen, dass die allfälligen Möglichkeiten einer
Verlagerung der Tätigkeiten des Beschwerdeführers in seinem Betrieb zum Zweck der
Minderung der Auswirkungen seiner Invalidität auszunutzen sind, etwa insofern, als er
seinen (bzw. einen seiner) Mitarbeiter möglichst so einzusetzen hätte, dass lediglich
noch unvorhergesehene schwerere Tätigkeiten bei ihm anfallen.
6.4.
Als zu tief beanstandet wird ferner die erwerbliche Gewichtung des
Tätigkeitsbereichs der [Berufs-]arbeit mit Fr. 65'000.-- durch die Beschwerdegegnerin.
In dieser Hinsicht würde es wiederum gelten, die vorzunehmende Aufteilung der
einzelnen Tätigkeitsbereiche zu beachten. Die erwerblich besonders einträgliche
Funktion des Beschwerdeführers als Vorgesetzter und Betriebsinhaber schlägt sich
dabei nach der gegenwärtigen Aktenlage im Bereich der Betriebsführung nieder, worin
auch Planung, Organisation, Mitarbeiter-Führung, das Administrative und die
Kundenkontakte ("Telefonate") eingeschlossen sind (vgl. IV-act. 74-7). Es wird sich
nach den oben genannten Abklärungen zeigen, ob von relevanter Bedeutung sei, wenn
der Meisterausbildung und der langjährigen Berufserfahrung auch bei der
[Berufs-]arbeit eine höhere Bedeutung zugemessen werden könnte, wie der
Beschwerdeführer es beantragt, nämlich mit einem Lohnniveau (von Fr. 76'830.--
gemäss GAV oder gar) von Fr. 78'189.--.
6.5.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde insofern teilweise
gutzuheissen, als die angefochtenen Verfügungen vom 7. Juni 2017 (IV 2017/266) und
8.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte