Decision ID: b4170976-4221-5d94-9d08-421e394eb4bd
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 02.04.2012 Art. 3 Abs. 3 lit. a BVV 3; Art. 2 Abs. 1 WEFV. Vorbezug von Altersleistungen für Erwerb und Erstellung von Wohneigentum zum Eigenbedarf. Begriff des Wohneigentums. Wohnungen sind Räume, die für die dauernde Unterkunft von Personen geeignet und bestimmt sind. Dabei gelten Eigentumswohnungen und Eigenheime als Wohnungen. Für die Renovation eines Garagenvorplatzes darf kein Vorbezug gewährt werden, da dieses Objekt nicht die Anforderungen des Wohnbegriffs erfüllt (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 2. April 2012, BV 2011/13)Vizepräsident Joachim Huber, Versicherungsrichterin Karin Huber Studerus, Versicherungsrichter Martin Rutishauser; Gerichtsschreiber Philipp GeertsenEntscheid vom 2. April 2012in SachenA._,Kläger,vertreten durch Advokat Markus Schmid, Rechtsanwälte Schmid Hofer, Lange Gasse 90, 4052 Basel,gegenB._ Vorsorgestiftung,Beklagte,vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Martin Hubatka, Seestrasse 6, 8027 Zürich,betreffendForderung (Vorbezug zur Wohneigentumsförderung)Sachverhalt:
A.
A.a A._ hat mit der B._ Vorsorgestiftung (nachfolgend: Vorsorgestiftung) eine
Vorsorgevereinbarung im Rahmen der gebundenen Säule 3a geschlossen und verfügt
bei ihr über ein entsprechendes Konto. Das Vorsorgekonto wies per 31. Dezember
2010 einen Saldo zugunsten des Vorsorgenehmers von Fr. 61'742.10 auf. Mit
Schreiben vom 20. Mai 2011 ersuchte dieser um die Saldierung des Vorsorgekontos
zugunsten eines Vorbezugs der Mittel zur Renovation des selbst bewohnten
Wohneigentums. Die voraussichtlichen Gesamtkosten des Renovationsvorhabens
beliefen sich auf Fr. 89'971.95 (vgl. zu diesen von der Vorsorgestiftung unbestritten
gebliebenen Ausführungen act. G 1, S. 3).
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A.b Da die Vorsorgestiftung für denjenigen Teil der Renovationskosten keinen
Vorbezug gewährte, die den Garagenvorplatz der Liegenschaft betrafen, fand
diesbezüglich in der Folge ein Briefwechsel zwischen den Parteien statt (vgl. act.
G 1.5 ff.). Schliesslich teilte die Vorsorgestiftung dem Vorsorgenehmer am 27. Oktober
2011 mit, dass für die Kosten der Renovation des Garagenvorplatzes im Betrag von
Fr. 21'313.40 keine Mittel aus dem Vorsorgekonto bezogen werden könnten. Es gelte
der Grundsatz, dass der Erwerb, die Erstellung oder die Renovation einer Liegenschaft
mit Hilfe eines Vorbezugs vor allem dem Wohnen der versicherten Person dienen
müsse (act. G 1.10).
B.
B.a Am 6. Dezember 2011 erhob der Vorsorgenehmer Klage gegen die
Vorsorgestiftung mit den Anträgen, die Beklagte sei zu verpflichten, ihm einen
Vorbezug von Fr. 23'927.55 zur Wohneigentumsförderung aus Mitteln der Säule 3a zu
gewähren. Eventualiter sei die Beklagte zu verpflichten, ihm einen Vorbezug von
Fr. 21'000.-- zur Wohneigentumsförderung aus Mitteln der Säule 3a zu gewähren. Der
Kläger stellt sich im Wesentlichen auf den Standpunkt, dass trotz der entsprechenden
BSV-Mitteilung bei geplanten Vorbezügen zur Wohneigentumsförderung die jeweilige
konkrete Situation zu berücksichtigen sei. Vorliegend gehe es um eine Renovation des
Hausvorplatzes, insbesondere da dieser beschädigt gewesen sei. Zudem hätten sich
auch im Bereich der direkt an der Hausfassade liegenden Lichtschächte Senkungen
eingestellt, die eine Sanierung des Platzes erforderlich gemacht hätten. Es handle sich
damit um eigentliche Erhaltungsarbeiten zugunsten des selbstbewohnten
Wohneigentums. Das Wohneigentum in Form eines Einfamilienhauses umfasse nicht
nur die Wohnräume im Inneren des Hauses, sondern müsse sich genauso auf die
Aussenfassade sowie die Hausvorplätze beziehen, da diese unmittelbar mit dem
Einfamilienhaus verbunden seien und sich entsprechende Schädigungen auch auf das
Wohnen im Haus sowie letztlich den Wert der gesamten Liegenschaft auswirken
würden. Ferner lege die Verordnung über die Erstellungskosten bei Wohnbauvorhaben
eine Grenze der Erstellungskosten für Garagen- und Einstellhallenplätze von
Fr. 21'000.-- fest. Daraus werde ersichtlich, dass die Bundesgesetzgebung Garagen
und dergleichen nicht grundsätzlich als nicht förderungswürdig erachte und die Kosten
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der Renovation im vorliegenden Fall im Rahmen der gesetzgeberischen Grenzen lägen
(act. G 1).
B.b Die Beklagte beantragt in der Klageantwort vom 23. Januar 2012 die
vollumfängliche Abweisung der Klage. Sie bringt vor, dass der Garagenvorplatz keine
Wohnung im Sinn des Wohnbau- und Eigentumsförderungsgesetzes sei. Denn dieser
sei nicht für die dauernde Unterkunft von Personen geeignet und bestimmt. Ein
Vorbezug sei daher unzulässig. Ebenso wenig überzeuge der Verweis des Klägers auf
die Verordnung über die Erstellungskosten bei Wohnbauvorhaben. Aus der Tatsache,
dass darin die Rede von Garagenplätzen sei, könne nicht abgeleitet werden, es
könnten entgegen der Lehre und Rechtsprechung dennoch mit Mitteln der 2. Säule
oder Säule 3a für sich allein Garagen oder Einstellplätze gekauft oder renoviert werden.
Im Übrigen habe der Kläger wohl bereits die gesamten Renovationskosten beglichen.
Da ein Vorbezug jedoch nicht direkt dem Kläger ausbezahlt werden dürfe, wäre die
Auszahlung auch aus diesem Grund unzulässig (act. G 3).
B.c Der Kläger hält in der Replik vom 8. Februar 2012 an den gestellten Begehren
unverändert fest. Ergänzend bringt er vor, dass die Beklagte aus dem Umstand, dass
die Renovationskosten bereits beglichen worden seien, nichts zu ihren Gunsten
ableiten könne. Vielmehr müsse das Verhalten der Beklagten als rechtsmissbräuchlich
eingestuft werden (act. G 5).
B.d Die Beklagte verzichtete auf eine Duplik (act. G 7).

Erwägungen:
1.
Vorliegend umstritten und zu prüfen ist die Frage, ob der Kläger hinsichtlich der
Renovationskosten für den Vorplatz einen Anspruch auf Vorbezug von Mitteln aus der
gebundenen Vorsorge (Säule 3a) hat.
2.
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Gemäss Art. 3 Abs. 3 lit. a der Verordnung über die steuerliche Abzugsberechtigung für
Beiträge an anerkannte Vorsorgeformen (BVV 3, SR 831.461.3) kann die Altersleistung
für Erwerb und Erstellung von Wohneigentum zum Eigenbedarf vorbezogen werden.
Die Begriffe Wohneigentum und Eigenbedarf richten sich nach den Art. 2 bis 4 der
Verordnung über die Wohneigentumsförderung mit Mitteln der beruflichen Vorsorge
(WEFV; SR 831.411). Art. 2 Abs. 1 WEFV bestimmt als zulässige Objekte des
Wohneigentums die Wohnung und das Einfamilienhaus. Als Eigenbedarf gilt die
Nutzung durch die versicherte Person an ihrem Wohnsitz oder an ihrem gewöhnlichen
Aufenthaltsort. Zur Konkretisierung der Begriffe Wohnung und Wohneigentum, die in
der genannten Bestimmung der WEFV verwendet werden, ist gemäss herrschender
Lehre und Verwaltungspraxis auf die Legaldefinition des Wohnbau- und
Eigentumsförderungsgesetzes (WEG; SR 843) abzustellen (Hans-Ulrich Stauffer,
Berufliche Vorsorge, Zürich 2005, Rz 964; Ders., Berner Kommentar zum BVG und
FZG, Bern 2010, Rz 29; ferner Basile Cardinaux, Das Personenfreizügigkeitsabkommen
und die schweizerische berufliche Vorsorge, Zürich 2008, Rz 352; Mitteilungen über die
berufliche Vorsorge Nr. 55, Rz 329; vgl. auch BBl 1992 VI 265). Nach Art. 2 Abs. 1 WEG
sind Wohnungen Räume, die für die dauernde Unterkunft von Personen geeignet und
bestimmt sind. Dabei gelten Eigentumswohnungen und Eigenheime als Wohnungen
(Art. 2 Abs. 2 WEG). Damit geht einher, dass die Materialien als Gegenstand der
Vorbezugsmöglichkeit namentlich bezüglich Investitionen das "Wohnobjekt" nannten
(Botschaft über die Wohneigentumsförderung mit den Mitteln der beruflichen Vorsorge,
BBl 1992 VI 237, S. 265; vgl. ferner S. 247 und 266).
2.1 Gemäss der Fotografie des fraglichen Vorplatzes (act. G 1.4) sowie der
Offertbezeichnung "Verlegen von Verbundsteinen Garageneinfahrt/
Raseneinfassung" (act. G 1.3) ist mit dem Kläger (act. G 1.8, S. 1) und der Beklagten
(act. G 3) von einem Garagenvorplatz auszugehen. Ein Garagenvorplatz dient
wesensgemäss der Durchfahrt und dem Abstellen von Motorfahrzeugen. Er steht nicht
im Zusammenhang mit der Nutzung von Wohnräumlichkeiten und ist hierfür auch nicht
eine Voraussetzung. Das Ausmass und die konkrete Beschaffenheit des fraglichen
Vorplatzes weisen ferner darauf hin, dass er - dem Sprachgebrauch eines
Garagenvorplatzes folgend - zu (ungedeckten) Parkmöglichkeiten sowie zur
Vereinfachung von Wendemanövern bestimmt ist. Im Übrigen fehlt es ihm an der für
den Vorbezug zu beachtenden Räumlichkeit. Unter diesen Umständen besteht kein
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Anspruch auf einen Vorbezug von Mitteln aus der gebundenen Vorsorge. Daran ändert
nichts, dass mit der baulichen Vorkehr allenfalls der Wert der Liegenschaft erhöht
wurde. Denn die Renovation des Vorplatzes erhöhte nicht den Wert des Wohnobjekts
bzw. der Wohngebäulichkeit, sondern von der Gebäudeumgebung. Dies verkennt der
Kläger, wenn er die Renovation der Hausfassade mit der Renovation eines Vorplatzes
vergleicht, die lediglich einer Terrainveränderung entspricht. Im Übrigen bildet die
Hausfassade im Gegensatz zum fraglichen Vorplatz notwendiger Bestandteil des
Wohngebäudes.
2.2 Vorliegend kann offen gelassen werden, ob - wie der Kläger vorbringt (act. G 1,
S. 5) - bei der Auslegung des Begriffs des Wohnraums im Sinn der WEFV auf die
Verordnung über die Erstellungskosten bei Wohnbauvorhaben (SR 843.143.1)
abzustellen ist, worin Erstellungskostengrenzen für Garagen- und Einstellhallenplätze
festgelegt werden (Art. 2 Abs. 2 der Verordnung). Denn aus dieser Bestimmung ergibt
sich einerseits, dass lediglich für die Erstellung von Gebäuden bzw. Räumlichkeiten
Kostenübernahmen erfolgen. Nicht erfasst sind ungedeckte Parkplätze oder Vorplätze,
wobei mit Blick auf die abschliessende Aufzählung von einem qualifizierten Schweigen
des Verordnungsgebers auszugehen ist. Andererseits spricht die Begrenzung der
Erstellungskosten auf den Betrag von Fr. 21'000.-- dafür, dass lediglich die eigentliche
Räumlichkeit und nicht eine umfassende Einstellmöglichkeit samt Vorplatz mitfinanziert
werden soll. Der Kläger vermag deshalb mit seinem Vorbringen nichts zu seinen
Gunsten abzuleiten.
2.3 Der Kläger rügt weiter, dass die Verweigerung des Vorbezugs eine unzulässige
Ungleichbehandlung darstelle (act. G 1, S. 7). Er benennt indessen nicht konkret Fälle,
in denen bei gleicher Ausgangslage ein Vorbezug zugelassen worden wäre. Im Übrigen
ist nicht ersichtlich und es wird vom Kläger auch nicht dargetan, dass die Voraus
setzungen für eine sogenannte Gleichbehandlung im Unrecht (BGE 136 I 78 E. 5.6)
erfüllt wären. Damit erübrigen sich Weiterungen hierzu.
2.4 Gegen die Verweigerung des Vorbezugs durch die Beklagte wendet der Kläger
schliesslich ein, es sei nicht einzusehen, dass derjenige Vorsorgenehmer ungleich
besser gestellt würde, der die Kosten der Renovation vorderhand auf dem Weg der
Erhöhung eines Hypothekardarlehens bestreiten würde, um alsdann die Hypothekarlast
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mit Vorsorgemitteln wieder zu reduzieren (act. G 1, S. 7). Ein Vorgehen, wonach aus
der Säule 3a bezogene Mittel zur Amortisation einer Hypothek eingesetzt werden, die
Hypothek aber später im gleichen Umfang aufgestockt wird und die dadurch
freigesetzten Mittel vorsorgerechtlich zweckwidrig verwendet werden, ist nicht
gesetzeskonform und wird steuerrechtlich nicht anerkannt bzw. es findet eine
ordentliche Besteuerung der Vorbezugsmittel statt (vgl. Urteil des Verwaltungsgerichts
des Kantons St. Gallen vom 18. Oktober 2011, B 2011/57; vgl. ferner Urteil des
Bundesgerichts vom 7. Juni 2011, 2C_156/2010, wonach Kapitalleistungen nicht der
Vorsorge dienen, wenn ein Barauszahlungsgrund von Anfang an nicht gegeben war
oder wenn die Barauszahlung nicht zweckentsprechend verwendet wird). Nichts
anderes kann für den vorliegend zu beurteilenden - umgekehrten - Sachverhalt
(Erhöhung Hypothek mit anschliessender Amortisation via Vorbezug) gelten, da die
Mittel des Vorbezugs für einen vorsorgerechtlich unzulässigen Zweck (Renovation
Garagenvorplatz) verwendet würden. Im Licht dieser Umstände kann somit keine Rede
davon sein, dass Personen, die nach dem vom Kläger geltend gemachten Vorgehen
handelten (Finanzierung Renovation Garagenvorplatz mittels Erhöhung Hypothek mit
anschliessender Amortisation über Vorbezug), besser als er gestellt wären. Abgesehen
von der offenkundigen Gesetzesumgehung ist ergänzend zu bemerken, dass mit der
klägerischen Argumentation jeglicher zweckwidrigen Verwendung von Vorsorgemitteln
Tür und Tor geöffnet würde.
2.5 Nach dem Gesagten steht fest, dass der Garagenvorplatz kein Raum ist. Er ist
ferner für die dauernde Unterkunft von Personen weder geeignet noch bestimmt. Es
handelt sich damit nicht um Wohnraum, für dessen Renovation ein Vorbezug zulässig
wäre. Die Rechtswohltat des Vorbezugs von Mitteln aus der gebundenen Vorsorge will
nicht sämtliche Kosten im Zusammenhang mit baulichen Massnahmen auf
Liegenschaften mitfinanzieren. Sie beschränkt sich auf den eigentlichen Wohnzweck
und erwartet von den Vorsorgenehmern, dass sie nicht dem Wohnzweck dienende
Bauvorhaben aus anderweitigen Quellen finanzieren. Bei diesem Ergebnis kann die
Frage offen gelassen werden, ob die bereits vorgenommene Begleichung der
Renovationskosten durch den Kläger einer Auszahlung des geforderten
Vorsorgeguthabens entgegen stehen würde.
3.
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3.1 Nach dem Gesagten ist die Klage vollumfänglich abzuweisen.
3.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 73 Abs. 1 lit. b und Abs. 2 des
Bundesgesetzes über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge
[BVG; SR 831.40]).
3.3 Ausgangsgemäss hat der Kläger keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.
Die obsiegende Beklagte beantragt ebenfalls die Ausrichtung einer
Parteientschädigung (act. G 3). Als Vorsorgeeinrichtung hat sie praxisgemäss keinen
diesbezüglichen Anspruch, soweit - wie vorliegend - die Prozessführung der
Gegenpartei nicht als mutwillig oder leichtsinnig zu bezeichnen ist (BGE 112 V 356, 126
V 143 und 128 V 323). Ihr Antrag auf Ausrichtung einer Parteientschädigung ist deshalb
abzuweisen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP